— eee 82 — ͤͤ Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. .2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nööchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 3 Dar.— Pf. ur 3 1—„ 3— Ir— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— — — Geſammelte Schriften von Heinrich Koenig. König Jeröme's Carneval. Zweiter Theil. Inhalt des zweiten Theiles. Yrittes Zuch. Erſtes Capitel. Eine verſchobene partie fine........ Zweites Capitel. Ein Frauenorden................ Drittes Capitel. Allerlei Anknüpfungen............ Viertes Capitel. Umſtimmungen.................. Fünftes Capitel. Bei Johannes von Müller!.......— Sechstes Capitel. Ein Speiſezettel............. Siebentes Capitel. Eine Intrigue................ Achtes Capitel. Sehnen und Suchen.............. Neuntes Capitel. Das Zimmer eines Miniſters..... Zehntes Capitel. Vorbereitungen................. Elftes Capitel. Zweierlei Wahrnehmungen.......... Viertes Buch. Erſtes Capitel. Revue und Reichstag.............. Zweites Capitel. Assister au grand Couvert...... Drittes Capitel. Bedenkliche Abſichten............. Viertes Capitel. Einblick in die Finanzen.......... Fünftes Capitel. Zehn Gebote der Frauenliebe...... Sechstes Capitel. Würtz in der Falle.............. Siebentes Capitel. Hermann docirt............... Achtes Capitel. Adelens Hochzeit Neuntes Capitel. Ein Stiftler und ein Bachelor.... Zehntes Capitel. Unverſtandene Liebe Elftes Capitel. Neue Bekanntſchaften Zwölftes Capitel. Ein vertraulicher Abſchied Dreizehntes Capitel. Reiſeausſichten Vierzehntes Capitel. Betrachtungen und Beſuche.. 326 Funfzehntes Capitel. Eine Miniſterialaudienz Sechzehntes Capitel. Verrathene Neigung Siebzehntes Capitel. Audienz beim König und bei Babet. 378 Achtzehntes Capitel. Der Abſchiedsabend....... 386 Drittes Zuch. Koenig, Jeroͤme's Carneval. II. 1 ———— Erſtes Capitel. Eine verſchobene partie fine. Der Abend beim Großjägermeiſter, Grafen von Harden⸗ berg, gehörte zu den kleinern Feſten, womit man ſich in den oberſten Kreiſen der Geſellſchaft um den König nach deſſen Rückkunft beeiferte. Die Königin hatte die Einladung abgelehnt, und Jeröme kam von ſeinem Be⸗ ſuche bei der Großhofmeiſterin etwas verſpätet und von der Unterhaltung mit derſelben ſo zerſtreut an, daß er anfangs einen Mann überſah, der dies für Ungnade nahm und ſich heimlich kränkte.. Graf Boochls, der ſich im Stillen um die noch unbe⸗ ſetzte Stelle eines Oberceremonienmeiſters bemühte, hatte ſich ſchon Sorge genug darum gemacht, daß ſeine Ge⸗ mahlin von ihrem Beſuche bei den Verwandten in Mün⸗ ſter noch immer nicht zurückkommen wollte. Sie hatte zu gleicher Zeit, als Jeröme ſeine Umreiſe angetreten, Caſſel verlaſſen und nicht über die Dauer der Abweſen⸗ heit des Königs ausbleiben wollen. Nun kam ihr Stroh⸗ 1* 4 witwer in gelinde Verzweiflung darüber, daß ſie ihn ge⸗ rade jetzt im Stiche ließ, wo ihm Alles daran lag, mit Ergebenheit gegen den König nicht hinter den Familien zurückzubleiben, die mit Aufmerkſamkeiten gegen die Ma⸗ jeſtäten einander überboten. Er hatte ſchon hin und her überlegt, was er als Garcon für das Vergnügen ſeines königlichen Herrn thun könnte. Gerade als ſolcher hätte er ſich jetzt um ſo lieber hervorgethan, als er ſich ſeit der Abweſenheit ſeiner Gemahlin vom Könige kälter behandelt glaubte. Eine Angſt überfiel ihn, wenn er bedachte, die Geſellſchaft könnte auf den Gedanken kommen, daß die ihm bisher beneidete Gunſt Jeröme's mehr auf den üppi⸗ gen Schultern ſeiner Gemahlin, als auf ſeinem hofmänni⸗ ſchen Anſehen und auf ſeinen perſönlichen Verdienſten im Staatsrathe ruhe. Der Graf war bei mittler Größe ein ſtattlicher, etwas corpulenter Mann, vornehm von Ausſehen, ein wenig umſtändlich im Gebahren, nicht ohne den Ausdruck von ſtolzer Feſtigkeit in ſeinen Zügen und Mienen. Dennoch beſaß er gerade am wenigſten entſchiedenen Charakter, und war vielmehr ſchwach und nachgiebig, oft gegen ſeine Ueberzeugung, gefällig nicht ſelten im Widerſpruche mit Dem, was er ſonſt als ſeine Grundſätze bekannte. Uebri⸗ gens erſchien er überall rechtlich und wohlwollend, wo er auf eigenen Füßen ſtand, und hatte ſelbſt fromme An⸗ wandelungen, wenn er im Widerſpruche mit ſeinen beſſern Empfindungen handeln mußte. So ſchien er wie vorbe⸗ ſtimmt zum Ceremonienmeiſter eines Hofes, der nach außen gern die höhere Würde vertreten ſah, an der es innerlich gar oft fehlte. „ 9 Nach dieſem Hardenberg'ſchen Abende fiel der Graf, vielleicht durch die empfundene Kränkung ſcharfſinniger, auf einen— wie er glaubte— glücklichen Gedanken. Jeröme liebte nämlich, unter andern Nachtſtücken von Luſtbarkeit, auch die in der Muſik ſogenannten Nocturnen. Zwei Hörner zu einer Harfe war ſeine Favoritmuſik— die Harfe von Cäcilie Gallo oder von Madame Taglioni ge⸗ ſpielt. Blangini, der Muſikmeiſter der Köͤnigin, über⸗ haupt ein recht guter Componiſt, beſaß ein beſonders glückliches Talent für ſolche Notturno's, die ſich durch Anmuth und Lieblichkeit auszeichneten. An ihn wendete ſich Graf Boochls, und war ſo glücklich, einige neue Sachen der Art zugeſagt zu erhalten, da Blangini mit italieni⸗ ſcher Schlauheit jede Gelegenheit benutzte, ſich durch Män⸗ ner von Einfluß empor zu bringen. Ein muſikaliſcher Abend im engen Cirkel ſollte aber nur zum Vorwand und Deckmantel einer Beluſtigung die⸗ nen, die dem Grafen eigentlich zuwider war, die aber der König von Paris her liebte und auch in Caſſel ſchon einige mal begünſtigt hatte. Man nannte es eine partie line, ſo wenig fein es auch dabei zuging. Der König hatte ſchon mehre mal ſeinen Spaß an der Aengſtlichkeit gehabt, womit der Graf ſich bei dem freien Benehmen gegen die Damen, das bei Hofe im ver⸗ trauteſten Kreiſe herrſchte, beſonders aber gegen ſolche feine Partien geberdete. Er war daher einigermaßen über⸗ raſcht, als derſelbe bei ſeiner Einladung zu einem klei⸗ nen muſikaliſchen Abende lächelnd anfragte, ob es Seiner Majeſtät nicht unangenehm ſein würde, hinter ein paar neuen Notturno's her ein— vertrauliches Ballet mit⸗ 6 anzuſehen. Der Köͤnig, der ſeine Abſicht verſtand, rief heiter aus: Ha, mein lieber Graf, das gefällt mir von Ihnen! Nicht wahr, man empfindet doch anders, wenn Einem die liebenswürdige Frau zu lange ausbleibt? Das hat unſere reizende Franziska nun davon! Angenommen, lie⸗ ber Graf! Verabreden Sie die Sache mit Marinville— der verſteht's. Ich bin aber recht begierig, wie Sie als Wirth den Ceremonienmeiſter machen werden, wo— das Coſtüm wegfällt! Ha, ha! Die Rückſprache des Grafen mit dem Baron Couſin von Marinville betraf beſonders auch die Auswahl der einzuladenden Gäſte. Es konnten begreiflicherweiſe nur Männer des geeigneten Vertrauens ſein,— nicht gerade von hohem Rang, aber von Tact und Manier bei an— ziehender Perſönlichkeit, mit denen der König unbefangen im menſchlichen Unterfutter ſeiner purpurnen Würde ver⸗ kehren mochte. Die Gunſt dieſes Vertrauens wechſelte wol auch nach den Umſtänden und Gelegenheiten, weniger vielleicht unter den Franzoſen, den alten Bekanntſchaften Jeröme's aus ſeiner vorweſtfäliſchen Zeit, als unter den Deutſchen, die nur mit Auswahl zu den feinen Partien gezogen wurden. Die Seele dieſer Ergötzlichkeiten war immerhin und blieb Marinville, der Cabinetsſecretär, Garderobemeiſter und Liebesmerkur Jeröme's, den die zuwachſenden Heim⸗ lichkeiten des Königs, die er bewahrte, im Vertrauen ſei⸗ ner Stellung nur immer mehr befeſtigen konnten. Er war ein junger, hübſcher Mann von feinem Wuchs und geiſtreichem Ausdruck eines ſchmalen, ziemlich regelmäßigen — 1 Geſichts. Die leichte Anmuth der Manieren und der Leicht⸗ ſinn des Herzens, in den lebhaften Geſichtszügen ausge⸗ prägt, machten Glück in der Atmoſphäre des luſtigen Hofes. Zwiſchen ihm und Jeröme herrſchte unter vier Augen ein vertrauter Ton, die Etiquette hörte auf; Marinville beſaß aber Tact genug, ſich auf Koſten dieſer Vertraulichkeit nichts herauszunehmen, und Jeröme nahm vielleicht Nie⸗ manden in der Welt weniger übel, als dieſem Mitwiſſer und Mitgenoſſen aller Heimlichkeiten des Herzens. Nächſt ihm war General Rewbel, Jeroͤme's Adjutant, beſonders begünſtigt,— ein noch junger Mann, für die Weichlichkeit des Hoflebens, für die Bereitwilligkeit des Vorzimmers geſchaffen, und mit dem Treiben hinter den Couliſſen des Theaters vertrauter, als mit dem Leben unter den Zelten eines Feldlagers. Er war ein Sohn des bekannten Directorialmitglieds und an eine Schweſter der geſchiedenen Frau Jeröme's verheirathet. Die Hofkapelle und die Kammerdienerſchaft ſtanden unter ſeiner Aufſicht. Perſönlich und durch ſeine Stellung gehörte der Palaſtpräfect Boucheporn zu den Vertrauten. Honore Boucheporn, ein Vetter des Hofmarſchalls, Baron von Boucheporn, war der Sohn eines ehemaligen Intendan⸗ ten von Corſica, ein Mann von feinen Manieren, und mit der einzigen Tochter eines franzöſiſchen Präfecten ver⸗ heirathet, einem ſchlanken Frauchen von 17 Jahren, das mit ſeinem kindlichen Geſichtchen wie eine Lilie blühte. Der Major Roſſi, ein entfernter Anverwandter der Napoleon'ſchen Familie, und der Gardecapitän Carregha fehlten ſelten an ſolchen Abenden; Letzterer ein Bruder der ſchönen Hofdame Bianca Lafleche. 8 Unter den Deutſchen war General von Lepel, ein ſchöner und ariſtokratiſch gehaltener Militär, dem Könige ſehr angenehm, was man auch von der Geſpenſterrolle erzählen mochte, die er früher am würtemberger Hof gegen den ſtrengen König, der an keine Geſpenſter glaubte, mit ritterlichem Liebesmuth beſtanden hatte. Der Oberſt von Hammerſtein, nach der ſoldatiſchen Zierde einer ſcharfen Geſichtsſchramme Le balafré zube⸗ nannt, verbarg unter anmuthigem Leichtſinn ein ernſtes, kühnes Herz für die deutſche Sache, und der Kammer⸗ herr Graf Löwen⸗Weinſtein, der für die Krone der Je⸗ röme'ſchen Zechgeſellſchaften galt, zog ſich in jenen über⸗ müthigen Stunden am liebſten auf das Amt der Flaſchen und Boplen zurück. Sobald die Geſchäftigkeit aufhörte, mit welcher Graf Boochls ſeinen Abend vorbereitete, überfiel ihn, beim Läu⸗ ten zur Frühmeſſe jenes Tages, eine angſtvolle Unruhe. Er beklagte die unſelige Stellung, in die man zwiſchen dem Hof und dem Himmel gerathen könnte. Er that einige fromme Gelübde zur Sühne der Leichtfertigkeit, die er nicht mehr verhindern konnte, ja er verwünſchte die Gunſt, nach der er ſich erſt mit ſoviel Ergebenheit ge⸗ bückt hatte. Doch ehe er nur ahnen konnte, daß er mit ſeinen Verwünſchungen ſo glücklich, wie mit ſeinen frühern Wünſchen ſein ſollte, ließ der König abſagen. Wie ath⸗ mete, ja wie jubelte der Graf auf! Noch nie hatte er mit ſolcher Zufriedenheit ein Vorhaben abbeſtellt, wie jetzt die Harfe mit den beiden Hörnern und die ſechs Tänze⸗ rinnen vom Theater. Zwar ſchrieb Marinville in ſeinem Briefchen aus dem Cabinet:„Ce qui est differé n'est pas 9 perdu“; aber auch über dies drohende„Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben“ kam der glückliche Graf ſchnell hinaus, als noch an demſelben Morgen ein Brief ſeiner Gemahlin einlief, der ihre nahe Rückkehr ankündigte. Zweites Capitel. Ein Frauenorden⸗ Was den ſonſt ſo vergnügungsſüchtigen Jeröme von dem beſtellten Notturno abgehalten, war ein plötzliches Unwohlſein geweſen. Die ebenſo verdrießlichen als unver⸗ meidlichen Vorberathungen und Geſchäfte für den Reichs⸗ tag, die ermüdenden Feſte und einige zu raſch wiederholten Nachtſchwärmereien hatten ihn erſchöpft. Er ließ ſeinem Frühbade einige Gläſer kölniſchen Waſſers mehr als ge⸗ wöhnlich zuſetzen, was ihn ſo angriff, daß er für ohn⸗ mächtig aus der Wanne gehoben wurde. Doch ging es bald vorüber. Als endlich auf die häufigen Gewitterregen heitere, warme Junitage folgten, fiel der König, vielleicht aus Ueberſättigung von ſchwärmeriſchen Luſtbarkeiten, auf den ſentimentalen Gedanken, einen derſelben ganz ländlich, ganz idylliſch zu genießen. Die dringendſten Staatsſachen waren erledigt, und er ſchien, wenn auch ſonſt nicht ſehr vertraut mit Horaz, doch zufällig von einer ähnlichen Empfindung bewegt, wie jene war, aus welcher dieſer 10 alte Poet die Anfangsverſe der ſchönen Ode geſungen hatte: Beatus ille qui procul negotiis Ut prisca gens mortalium paterna rura bobus exercet suis. Glückſelig Jener, der von Geſchäften frei, So wie's die Väter hergebracht, Das Feld mit ſeinen ruhigen Ochſen pflügt. Der König hatte das ländliche Schlößchen Schönfeld neu einrichten, und den kleinen Park, der es umgab, ver⸗ ſchönern laſſen. Es ſollte nun durch den Beſuch der Kö— nigin eingeweiht werden, und Jeröme hatte ſich eine artige Ueberraſchung für ſie ausgedacht. Ein ländliches Mahl war vorbereitet, und ſollte im Freien, bei verſteckter Muſik, eingenommen werden. Eine kleine, ausgewählte Gaſtge⸗ ſellſchaft war dazu geladen. Auch die Gräfin Antonie, die ſich jetzt erſt wieder zum Dienſte der Königin angemeldet hatte, kam von der Stadt aus dahin. Vor dem Frankfurter Thor, um den Wein⸗ berg wendend, fiel ihr Blick nach den kahlen Kuppen des Habichtwaldes, die, von durchſonntem Dufte mit weichem Blau umſponnen, ſich vor der Abwärtsfahrenden zu er⸗ heben ſchienen. In ihrer verzögerten Einſamkeit und durch das Erlebniß jenes verhängnißvollen Abends war ſie von ungewohnter Weichmüthigkeit bewegt, und hätte lieber im⸗ mer weiter in den ſeligen Abend hineinfahren mögen, als daß ſie nun wieder dieſen leichtſinnigen, lachenden Hofkreis betreten mußte. Aber ſchon lenkte ihr Wagen von der Landſtraße rechts ab in eine Seitenallee, die ſanft bergauf nach dem trau⸗ 15 f 11 lich hinter hohen Bäumen und blühendem Buſchwerk ver⸗ ſteckten Landſitze führte. Sie ließ halten und ſtieg aus, um lieber, da es noch Zeit war, ihrer Stimmung nach⸗ hangend, den gewundenen Fußweg links hinauf einzuſchla⸗ gen. Von dem Bedienten aus der Ferne begleitet, wan⸗ delte ſie an der waldigen Einfaſſung hin und befand ſich unvermerkt im Bereich des kleinen Parks. Ein Waſſerſpiegel ſchimmert hervor, und von einem leichten, waldigen Hügel überblickt man den traulichſten kleinen See, den ein Fremder hier nicht vermuthet hätte. Dichte Baumgruppen allerbunteſten Grüns faſſen ihn ge⸗ heimnißvoll ein, und über ſeinen länglichen Spiegel hin gleitet der Blick nach einem dicht und hoch bewachſenen Eiländchen. Man glaubt ſich plötzlich in einen engen Ge⸗ birgsſchoos verſetzt, und da man rings um das ſchillernde Waſſer nur Baumgruppen in die Lüfte ſteigend und in der Flut abgeſpiegelt erblickt, ſo macht dieſer Miniaturſee durch ſo einfache Umgebung und durch die Empfindung einer tiefen Einſamkeit einen ſein körperliches Maß weit überſteigenden Eindruck. Dieſer Betrachtung nachzugeben ließ die Gräfin ſich auf dem aus Holzſtäben zuſammengefügten Kanapee nie⸗ der, das auf dem kleinen Hügel, über alten Baumwurzeln, von dichten Stämmen eingefaßt und gehalten daſtand— eine Einſiedelei, nicht für Jeröme'ſche Franzoſen, wol aber für eine von Leid bewegte deutſche Seele, die an dem von den Abfällen der Bäume etwas getrübten, die Wipfel und einen ſchmalen Himmel abſpiegelnden Waſſer ein Ab⸗ bild ihrer Stimmung, von Erinnerungen ihres Lebens, von Ahnungen der Unendlichkeit durchzittert, vor ſich hatte. In dieſer Stimmung befand ſich die Gräfin. Sie hatte Leidiges erfahren, was ihr leichter Sinn verſchuldet, aber ihr tieferes Herz noch nicht verwunden hatte. Wie die meiſten Hof⸗ und Weltleute von Aeußerlichkeiten einge⸗ nommen, und wenig gewohnt, ſich über Widerſprüche und Misbehagen ihres Innern Rechenſchaft zu geben, überließ ſie ſich diesmal— vielleicht in Folge ihrer letzten Ein⸗ ſamkeit— der Einkehr in ihr ſuchendes Gemüth. Sie überblickte die leiſen Windungen ihrer neckiſchen Laune, die ſich zu einem Verhängniß verſchlungen hatten, das ſich— wer wußte, in welche Folgen— noch ausfaſern konnte. Wie gedemüthigt fühlte ſie ſich jetzt! Dennoch war ſie weniger zerknirſcht als beängſtigt. Es beruhigte ſte nicht ganz, daß ihr Spiel mit den deutſchen Lectionen ohne äußern Verdruß für ſie ſelbſt abgelaufen war; eine nagende Bekümmerniß blieb zurück, daß es vielleicht mit der raſchen Verlobung, die Adele eingegangen, doch nicht für immer abgethan ſei. Und hatte ſie nicht ſelbſt, in der Eingebung des angſtvollen Augenblicks, dem unglücklichen Mädchen den erſten Anſtoß dazu gegeben? In dieſer immer wiederkehrenden Beſchämung hatte ſie ſich auch zu befangen gefühlt, das Paar, als es zu Beſuch angefah⸗ ren, bei ſich zu ſehen. Der Gedanke an Hermann traf vollends die leidmüthigſte Stelle ihres Herzens. An dem edeln jungen Mann hatte ſie ſich— ſie wußte ſelbſt nicht wie ſchwer— verſündigt; denn ſie wußte ja auch nicht, in welchem Gemüthszuſtand er jetzt lebte. Er ſtand ihr nur lebhaft aus dem Augenblicke vor der Seele, in wel— chem er bei des Königs Anfahrt ins Ankleidezimmer ver⸗ ſchwunden war. Es kam ihr vor, als ob ſein verſcheuch— 13 ter Geſang, jenes:„Nur wer die Sehnſucht kennt, weiß was ich leide“, womit er ſelbſt entflohen war, ſich in ihre eigene Bruſt geflüchtet hätte. Was ſie aus Adelens ver⸗ worrenem Zuſtand vermuthete, hatte ſie zuerſt tief empört. Sie glaubte, ihre Entrüſtung gelte der unverantwortlichen Verletzung ihrer Wohnung, und ſie hatte in wunderlicher Anwandelung am erſten Abende ſich in jenem Gemach nicht entkleiden können, bis ſie endlich erkannte, daß ihr eigener leichtfertiger Sinn, was auch geſchehen ſein mochte, ver— ſchuldet habe. Von dieſem Moment an war ſie geneigt geweſen, ihre Vorausſetzung zu bezweifeln und Adelens Benehmen auf das wechſellaunige Weſen derſelben zu ſchie⸗ ben. Wie oft hatte ſie ſeitdem den jungen Mann her⸗ beigewünſcht, ſich mit ihm über Eines oder das Andere, was ſie für ihn thun könnte, zu beſprechen! Sie fühlte ſich ihm verſchuldet; es verlangte ſie, durch irgend eine Leiſtung ſich mit ihm und mit ſich ſelbſt auszugleichen. Aber die cyanenfarbene Vaſe hatte ihre Anziehungskraft für ihn verloren, und zu weitern Schritten konnte ſie ſich nicht entſchließen; ſie mußte bei dem lebhaft gefaßten Vor⸗ ſatze ſtehen bleiben, dritte, einflußreiche Perſonen für den intereſſanten jungen Mann in Theilnahme zu ſetzen. Mit dieſem Gedanken wurde es gleich auch wieder hel⸗ ler in ihrem Gemüthe. Sie erwachte zur Betrachtung ihrer Umgebung. Die Luft, die aus den bewegten Wipfeln der Bäume auf ſie niederfächelte, erquickte ihre Bruſt; ſie hörte aus dem Dickicht der kleinen Inſel ein paar Finken im Wechſel wie um die Wette ſchlagen, und von der verſteck⸗ ten Höhe des Schlößchens klangen die zur Harmonie ſich verſuchenden Inſtrumente. ———-—— T——— 1 — Die Gräfin erhob ſich und nahm den Fußſteig, der vom kleinen See ſich an dem Höhenzuge ſanft empor⸗ windet, dem entlang ſchattige Baumreihen und über gra⸗ ſige Böſchungen abſinkende Pfade laufen, da und dort mit Ruhebänken beſetzt. Mit tiefern Athemzügen erreichte ſte, unter den Bäumen hervortretend, den freien Platz vor dem kleinen Schloſſe. Dies ſtellt ſich höchſt einfach dar: früher Privat⸗ beſitz einer adeligen Familie, von der es Jeröme erworben hatte. Zwei gleichförmige Landhäuſer ſind wie zwei Pa⸗ villons durch einen Zwiſchenbau verbunden, der in etwas größerm Stil einen ſchwebenden Salon trägt und hier⸗ unter die Anfahrtshalle bildet. Seitwärts halten ſich, hinter Bäumen verſteckt, die Oekonomiegebäude mit Stal⸗ lung und Wagenſchuppen; wie ſich denn auch die Gemüſe⸗ und Obſtgärten durch eine Hecke vom kleinen Park ſcheiden und den ſüdlichen Abhang der Höhe ſuchen. Buſchwerk mit traulichen Verſteckſttzen umgeben den freien, mit Blu⸗ menſcherben und Gewächskübeln geſchmückten Platz. Und wie man aus dieſer Abgeſchloſſenheit hinaus an die offenen Raſenplätze mit auslaufenden Sandwegen tritt, findet man ſich auf dieſer Hochebene von einer doppelt reizenden Fernſicht, hier aufwärts, dort nach der Tiefe, überraſcht. Links erhebt ſich nämlich das Auge nach dem Zuge des Habichtwaldes mit dem grauen, erhabenen Schloß unter dem Hercules; rechts hinab, jenſeit der waldigen Au des Fuldathales, erſtreckt ſich die anmuthige Landſchaft nach dem ſanften Zuge der Söhre und dem nördlichen Laufe des Reinhardswaldes hin. Caſſel ſelbſt, ſo nahe es iſt, verſteckt ſich hinter der baum- und gartenreichen Erhöhung des ſogenannten Weinberges. 4 1⁵ Hier unter dieſen Ausblicken ſaß und wandelte die kleine Geſellſchaft der Geladenen, des königlichen Paares gewärtig, dem man nach dem nahen Dorfe Wehlheiden an der Chauſſée zur Napoleonshöhe entgegenſah. Eben ſtieg auch, den Fahrweg von der Stadt herauf⸗ kommend, der Graf Boochls mit ſeiner Gemahlin aus dem Wagen und begrüßten die Oberhofmeiſterin. Die Gräfin Franziska war eine nicht weniger impo⸗ nirende als reizende Frau, die in ihrem Lebensſommer noch alle Reize der Jugend beſaß,— ein vielſagendes Auge, ſchöngelocktes Haar, dunkel bei glänzend weißer Haut, An⸗ ſtand in der Bewegung, Anmuth im Reden. Und bei der Fülle, die ſie bieten konnte, fehlte ihr nicht das Bedürf⸗ niß der Hingebung, ſodaß ſie auch jüngern Männern ge⸗ fährlich werden mochte. Sie trat heut ungemein heiter auf und ſchien ſich in den intereſſanten Umſtänden zu ge⸗ fallen, die freilich jetzt noch mehr nach einer ſpannenden Vermuthung als nach einer unverkennbaren Hoffnung ausſahen. Ich bin erſt geſtern Mittag zurückgekommen, ſagte ſie zur Oberhofmeiſterin, und habe gleich auf meine Anmel— dung bei der Königin die gnädige Einladung hierher er⸗ halten. Beide traten hinaus und empfingen die Begrüßung der Nächſten. Die entfernter Wandelnden eilten aber ſchon herbei, und wieſen unter Verneigungen und flüch⸗ tiger Begrüßung nach der Chauſſée hinüber, wo man aus dem aufwogenden Staube den Wagen des Königs erkennen wollte. Alles zog ſich nach dem innern Platze zurück, ſich zum Empfang des koͤniglichen Paares aufzu⸗ 46 ſtellen. Nicht lange, ſo fuhren beide Majeſtäten an, ſtie⸗ gen aus, und der⸗Empfang der Anweſenden begann mit den beiden Gräfinnen, der krank⸗ und der verreiſtge⸗ weſenen. Die Königin erſchien zur allgemeinen Ueberraſchung zum erſten mal in dem neuen Frauenorden, den der Kö⸗ nig geſtiftet und in den koſtbaren, in Paris gefertigten Inſignien eben von dort erhalten hatte. Zwei überkreuzte Schwerter, mit Diamanten beſetzt, bildeten die Grund⸗ form des Schmuckes. Der Orden war ausſchließend für Damen beſtimmt, die der König nach eigenem Wohlge⸗ fallen auszeichnen wollte. Die erſte Verleihung aber hatte die Königin für ihre Großhofmeiſterin gewunſcht, und Jeröme, indem er ſich gegen ſeine Gemahlin galant er⸗ wies, folgte dabei doch ſeiner eigenen Neigung, die eben der Gräfin, ganz im Sinn ſeiner Stiftung, zugewendet war. Er überreichte der Königin die Kapſel, worin der Schmuck in veilchenblauem Sammet lag, und Katharina befeſtigte ihn ſelbſt an der Bruſt der Gräfin, die ſich dazu tief und anmuthig neigte. Nur der Gräfin Boochls konnte man dabei eine em⸗ pfindliche Miene anſehen. Jeröme, dem es nicht entging, näherte ſich ihr nach der Ceremonie des Empfangs, und die Anweſenden wendeten ſich ſogleich mehr der Koͤnigin zu. Denn es war am Hofe eingeführt, daß die Um— ſtehenden, ſobald der König mit einer Dame anknüpfte, ſich aus dem Bereich des Hörens zurückzogen. So fand eine flüchtige, aber ſehr vertrauliche Wechſelrede zwi⸗ ſchen Beiden ſtatt, von der ſchlauen Gräfin mit Mie⸗ nen und Geberden der Ehrerbietung begleitet, die mehr — 17 für die Anweſenden galten, als daß ſie zum Inhalt des leiſen Geſprächs gepaßt hätten. Es waren zärtliche Vor⸗ würfe Jeröme's über der Gräfin langes Ausbleiben, wor⸗ auf dieſe erwiderte, daß es ſie unausſprechlich glücklich mache, wenn ſeine Gunſt und Freundſchaft dieſe Unter⸗ brechung überdauert habe. Es galt mir aber nicht blos um ſolche Probe, Sire, ſagte ſie, ſondern ich war auch dieſe Reiſe meinen Ver⸗ wandten und— meiner Hoffnung ſchuldig. Ha! Es iſt alſo an Dem, was man ſich zuflüſtert, meine liebe Franziska? Es iſt, Sire,—— Jeröme! Ein junger Graf,— hoffentlich? Sire, können Sie zweifeln, daß es— ein Prinz ſei? Ha, mein Gott, Franziska?—— Aber, ich darf nicht vergeſſen, wo wir ſind. Ich muß Ihnen aber mor⸗ gen—— Ecoutez! Fahren Sie morgen Nachmittag heraus, Sie kennen ja unſere Stunde,— ich muß Ih⸗ nen ſagen, wie glücklich Sie mich machen. Ich habe auch einen kleinen Schmuck erhalten, den Sie zum Andenken an dieſe Stunde tragen ſollen. Empfangen Sie ihn mor⸗ gen! Ich erwarte Sie, Franziska! Sie finden mich allein. Sie verneigte ſich mit einem zuſagenden Niederſchlag ihrer langen Augenwimpern. Jeröme eilte nun zu ſeiner Gemahlin, ihr die neue Einrichtung des Schlößchens zu zeigen. Die Oberhofmei⸗ ſterin blieb zurück, und nahm ihren Freund Bülow bei Seite. Indem Beide ins Freie hinauswandelten, wo man den weiteſten Umblick hatte, ſagte ſie: Es iſcht und bleibt doch ein anmuthiger Aufenthalt! Koenig, Jeröme's Carneval. II. 2 8 18 Ich habe drunten am kleinen See geſeſſen und geträumt, und ich kann Ihnen nicht ſagen, lieber Freund, wie wohl mir geworden. Ja, erwiderte er, man wird nicht leicht wieder jene tiefe Einſamkeit des kleinen Sees mit der hohen und doch nicht weniger ſtillen Fernſicht von hier oben ſo dicht bei⸗ ſammenfinden— drunten zur Einkehr, hier zum Aus⸗ blick für eine beſchauliche Seele. Mein Familiengut Eſ⸗ ſenrode bei Braunſchweig iſt mir ſchon manchmal eine hei⸗ lende Zuflucht geweſen, und wenn ich mich je in eine Ver⸗ bannung finden müßte, moͤchte es dort ſein. Doch erin⸗ nere ich mich keines Platzes aus irgend einer Gegend, der mich in ſeiner wirklichen Lage und Einrichtung ſo lebhaft mit dem Wunſche nach einem ländlichen Beſitz angeſpro⸗ chen hätte, wie dieſes allerliebſte Schloͤßchen mit ſeinem kleinen Park. Doch Einrichtung will ich gerade nicht ſagen, wenigſtens wie das Innere jetzt iſt. Viele wer⸗ den es anſtaunen: mir iſt es zuwider durch die Ueppig⸗ keit des Geſchmacks. Es iſt das Schlößchen eines ara⸗ biſchen Emir mit Divan, Teppichen, Gemälden, Blumen⸗ vaſen und Geſtellen, Spiegeln und Vorhängen. Dieſe — muß ich wol ſagen— wohllüſtige Einrichtung hat Hintergedanken oder Vorbeſtimmungen, die wenig mit den ſeligen Empfindungen der Naturlage in Harmonie ſtehen. Hier wäre mir es ein Aufenthalt für Dichter und Denker, eine Zuflucht mehr für einen Staatsmann, als für einen König. Welche Stille unter dieſen Baumgruppen, um zu erfinden und des Erfundenen froh zu werden! Welche Anregung, etwas zu erforſchen, und das Erforſchte einer theilnehmenden Seele auszuſprechen! Und von der Geſell⸗ — ——— — ſchaft, die ſich in ſo leicht erreichbarer Ferne hält, von der Reſidenz, die ſo nahe gelegen, ſich doch für hier ver⸗ ſteckt, hätte man nur den reinſten Duft ihrer Freuden für die Stunden, da man die Menſchen ſelbſt nicht brau⸗ chen könnte. Brauchen! Da haben Sie Recht, mein Freund! rief die Gräfin aus. Das iſcht ja die geſellſchaftliche Wider⸗ wärtigkeit, daß man ſo oft Derjenigen nicht los wird, die man nicht brauchen kann, und Jener nicht habhaft wer⸗ den kann, nach denen man ſich ſehnt. Sie bringen mich zugleich auf ein gutes Apropos. Ich hätte— ein An⸗ liegen, lieber Baron, an die Freundſchaft oder an die Excellenz. Vielleicht finden wir nach der Tafel ein Vier⸗ telſtündchen dafür. Es gilt einen jungen Mann, den Sie vielleicht doch brauchen könnten,— einen Deutſchen, ver⸗ ſteht ſich,— einen Preußen ſogar. Es iſcht eine inter⸗ eſſante Geſchichte; wenn ich in meiner ſentimentalen Stim⸗ mung bleibe, erzähle ich Ihnen etwas davon. Bülow verneigte ſich, und ſagte mit einem ſchalkhaf⸗ ten Blick auf den neuen Frauenorden: Wenn dieſe gekreuzten Schwerter Herzensgeheimniſſe durchlaſſen, meine Gnädigſte—! Nun, Herzensgeheimniſſe gerade nicht, entgegnete ſie. Aber mit der Decoration da haben Sie Recht: es iſcht ein wunderliches Sinnbild für Frauen! Zwei gekreuzte Schwerter! Von dem Orden wurde ſchon früher geflü⸗ ſtert, aber—! Sie ſchwieg mit bedenklichen Kopfſchütteln, und Bülow ſcherzte: Ich kann mir das Zeichen nur auf den Kampf 2* 20 der Liebe deuten,— als Verſoöhnung, Friedensſtiftung,— Uebereinkunft! Man hat des étoffes oroisées, geköperte Stoffe! Auch die Liebe iſt ja oft ein ſolcher Stoff. Für Sie, meine verehrte Freundin, iſt der Orden, von der Königin verliehen, eine Auszeichnung; für die Hof⸗ damen— wird er eine Verlockung werden. Der König verleiht ihn— für Damenverdienſte. Es gilt einen Frauenorden der— Hieronymitinnen. Sie wiſſen ja, die katholiſche Welt hat einen Männerorden der Hie⸗ ronymiten, der ſogenannten Einſiedler des heiligen Hiero⸗ nymus; dieſe tragen ein ſchwarzes Scapulier auf weißem Kloſtergewand. Schwarz auf Weiß iſt auch in der Liebe die beſte Verſicherung! Dies neueingerichtete Schlößchen gibt vielleicht die Einſiedelei für unſere Nonnen von den gekreuzten Schwertern. Wie? Ich bin begierig, wer Priorin werden wird! Sie ſind ein Schalk! verſetzte die Gräfin, und lenkte nach dem Schlößchen zurück. Wiſſen Sie ſchon, daß wir auch einen neuen Männer⸗ orden haben werden? bemerkte Bülow. Ja, einen Orden der weſtfäliſchen Krone. Er wird ebenfalls in Paris ge⸗ fertigt werden, nachdem ihn der Kaiſer geſehen hat. Eben kam das koͤnigliche Paar wieder zurück aus dem Schlößchen, von Herren und Damen geleitet. Die Königin ſprach ſich ſehr befriedigt über die neue Einrichtung aus, während Jeröme dem Hofmarſchall einen Wink zur Tafel gab, und der Chevalier d'honneur ſich der Koͤnigin nahte, ſie zu führen. Die Tafel war unter einem Laubgange gedeckt. Als —— 21 die Königin ſich niederließ, hob aus dem etwas entfernten Gebüſche ein Adagio der Kapelle an, von Blangini dirigirt, und Katharina lächelte freundliche Anerkennung ihrem ga⸗ lanten Gemahl zu. Drittes Capitel. Allerlei Anknüpfungen. Als am andern Nachmittage die Gräfin Boochls von Schönfeld zurückkam, wohin ſie in leichtem geſchmackvollen Hauskleide ohne Bedienung gefahren war, brachte ſie einen koſtbaren Schmuck von Diamanten mit, den ihr Gemahl, nicht ohne unruhiges Staunen— auf wenigſtens zwoͤlf⸗ bis funfzehntauſend Francs ſchätzte. Der Graf konnte einen Ausruf empfindlichen Befremdens nicht unterdrücken, wußte ſich aber ſchnell zu faſſen, als ihm die Dame ein: Nun, Herr Graf? zuherrſchte. Mit einer abbittenden Verneigung, und ſeine Worte wählend und wägend, ſagte er: Erlaube mir nur, Franziska, daß ich mich dieſe Pracht ein wenig Wunder nehmen laſſe. Es iſt doch— mis⸗ verſtehe mich aber nicht, meine Theure!— ich meine nur, in allem Wechſelverkehr der Menſchen iſt doch ein gewiſſes, ſoll ich ſagen— ausgleichendes, abmeſſendes Verhältniß. Wenn du Latein verſtändeſt,— wir Juriſten haben ſo⸗ genannte kleine Verträge: do ut facias, ich gebe, da⸗ 22 mit du thueſt, oder facio ut des, ich thue, damit du gebeſt, und ſo weiter—. Nun? Ich verſtehe Sie nicht, Herr Graf! fiel die Dame, mit dem Schmuck beſchäftigt, ein. Ich meine nur,— an funfzehntauſend Francs,— es iſt kein Spaß, und— nun ja— wofüre frage ich. Ich glaube, Franziska— Was glauben Sie? herrſchte ſie ihn an. Nur ver⸗ ſchonen Sie mich, wenn ich bitten darf, mit allen unwür⸗ digen Artikeln Ihres Glaubens! Ei nun,— nun ja, ich kann mir freilich ſchon den⸗ ken, Franziska, lenkte er ein,— weißt du,— ich glaube, es iſt manchmal doch recht vortheilhaft, eine Weile ab⸗ weſend zu ſein. Da haſt du's getroffen, lieber Leo! fiel ſie beifällig ein, und dieſer Löwenname für einen Mann, der nichts weniger als zu brüllen gewagt hätte, nahm ſich in die⸗ ſem Augenblicke ungemein poſſirlich aus. Abweſend, ja! fuhr die Gräfin fort. Es iſt unter Umſtänden eine Klugheit, abweſend zu ſein,— ſelbſt auch geiſtesabweſend; bleibt aber auch unter Umſtänden ein ge⸗ wagtes Spiel: wenn man nicht vergeſſen wird, wird man recherchirt. Ich hab's gewagt! Kühn, wie Ulrich von Hutten! lächelte Boochls mit ver⸗ biſſener Empfindlichkeit,— jacta est alea! Laß mich mit deinem Latein! fuhr ſie fort. Und dann mußt du noch bedenken, Leo, der Schmuck iſt ſozuſagen ein Arreſt, ein Beſchlag auf die Gevatterſchaft. Der König hatte mich, wie ich dir ſagte, zu ſprechen ge⸗ wünſcht. Sein gnädiges Anliegen war— Nun, du — —— —— —.,.— 23 erräthſt nun ſchon, was er ſich von uns ausbittet, es möchte ein Sohn oder eine Tochter ſein; und— du wirſt wol gegen den Namen Jeröme oder Jeröma in deinem Stamm⸗ baum nichts zu erinnern haben. Ah! Das iſt'was Anderes! rief der Graf mit iro⸗ niſchem Aerger aus. Nun, nun, ich ſehe, wir ſtehen ſehr gut, Franziska, ſehr ausgezeichnet: wir gewähren als eine Gunſt, was Andere ſich als eine Gnade erbitten! Wir nehmen Pränumeration darauf! Ha! Sehr geiſtreich bemerkt! ſpottete die Gräfin, in⸗ dem ſie etwas haſtig den ausgebreiteten Schmuck wieder zuſammenlegte. Sie ſind wieder einmal ſehr witzig, un⸗ gemein! Ich ſehe wohl, es iſt auch für den Witz gut, wenn er länger abweſend war: er frappirt mehr. Aber — er kommt zur rechten Zeit, ſehr apropos! Ich will Ihnen ſagen, wozu Sie ihn brauchen koͤnnen. Wir müſ⸗ ſen ohne Verzug eine Fete geben. Der Koͤnig erwartet es, und wir haben noch andere Rückſichten, z. B. Morio mit ſeiner Verlobten, und Fürſtenſtein, der ſich nun bald mit der ungeſalzenen Mademoiſelle Salha erklären wird. Ich dachte dich zu überraſchen, Franziska, entgegnete er; aber mir will das weniger gelingen. Ich hatte näm⸗ lich ſchon vor deiner Ankunft Alles zu einem exquiſiten Abende vorbereitet, womit ich— deine Rückkehr feiern wollte. Wir können es morgen, übermorgen loslaſſen, wie du willſt, wie dir's angenehm iſt. Guter Mann, lächelte ſie ihn mit ſo bezaubernder Freundlichkeit an, daß er die dargebotene Hand nicht un⸗ geküßt laſſen, ja nicht widerſtehen konnte, ſich an ihre üppige Bruſt zu werfen und ſie zärtlich zu umarmen. Ha! rief er dabei mit wiederholtem Einathmen durch die Naſe,— das iſt ein feiner Wohlgeruch in deinen Kleidern! Hm! Deliciös! Hat man ſo'was in dem frommen Münſter, Fränzchen? Vielleicht Magdalenen⸗ Narde? Für morgen geht's nun nicht, ſagte ſie ausweichend. Aber du wirſt am beſten wiſſen, wie bald deine liebens⸗ würdige Aufmerkſamkeit ausgeführt werden kann. Ich überlaſſe dir das Arrangement und die Einladungen. Darin übertriffſt du alle Ceremonienmeiſter der Welt. Jetzt geh', ich muß mich ankleiden und noch zur Königin ins Theater. Apropos! Ich vergaß dem Kutſcher den guten Wagen zu beſtellen. Sei ſo gut, lieber Leo—! Er verneigte ſich mit den empfindlich höflichen Worten: Der gute Leo wird den guten Wagen beſtellen. Ueber⸗- haupt— wie gut iſt es, meine Gnädige, wenn,— ich ſage, wenn Alles gut iſt!—— Es war nicht das erſte mal, daß der zu Haus wie bei Hofe gleich beeiferte Mann die feſtliche Gelegenheit be⸗ ſorgte, wo ſeine Gemahlin jene Zuthätigkeit des Königs empfing, mit der ſie, um Neid oder Argwohn der Ge⸗ fellſchaft unbekümmert, ſich gern brüſtete. Diesmal über⸗ traf aber der gefällige Gemahl ſich ſelbſt durch den Glanz des Feſtes. Er hatte ſogar der Ungunſt ſeiner ſchmal ge⸗ bauten Wohnung, die ihm eine ausgedehnte Zimmerreihe verſagte, durch täuſchende Kunſt einen Vortheil abgewon⸗ nen, und durch geſchickte Veranſtaltung auch die Haus⸗ flur mit in den ausgeſchmückten Rahmen des Feſtes ge⸗ zogen. Sie war nämlich mit Teppichen belegt, und mit —— 14— —— 25 blühenden Staudengewächſen, mit Myrten⸗ und Orangen⸗ bäumen ſo geſchmackvoll beſetzt, daß man durch einen Garten einzugehen glaubte, der ſich überdies durch ein Transparent täuſchend erweiterte. Durch das Wunder von Farben und Licht war den Augen der Gäſte eine Allee zu einem entfernten Tempel vorgezaubert, der freilich als Mittelpunkt der Perſpective nur den Blicken, nicht den Füßen der Beſchauer erreichbar blieb. Die Treppe in einen emporgewundenen Laubgang, einen ſogenannten Ber⸗ ceau verwandelt, führte nach einem Saale und einem Sälchen, beide prachtvoll ausgeſchmückt und mit doppelter Muſik— dort zum Tanz, hier zur Ausfüllung der Ruhe⸗ pauſen beſetzt. Ein Vorzimmer war zum Büffet mit aus⸗ geſuchten Erfriſchungen eingerichtet, und im obern Stock⸗ werk ſtanden zum Souper kleine Tiſche gedeckt. Der König und die Königin, von der Muſik begrüßt, nahmen ihre erhöhten Sitze ein, empfingen Aufwartungen und eröffneten die Polonaiſe,— Jeröme mit der Dame des Hauſes, Katharina mit dem dazu aufgeforderten Gra⸗ fen Boochls. Die Gräfin hatte den neuen Schmuck auf decolletirter Bruſt ausgelegt, den räthſelnden Blicken trotzend, und ſtolz zu des Königs ſehr gemeſſener Unterhaltung umherblickend. Jeröme beſaß den Tact, auch ohne Rück⸗ ſicht auf ſeine Gemahlin, den äußern Anſtand zu wahren. So hielt er ſich auch gegen die Gräfin mit vieler Würde. Doch war ſein Gang wie immer etwas ſchwankend und gebückt neben der hochmüthigen Gräfin, und dieſe Er⸗ ſcheinung wiederholte ſich in dem äußerſt devoten, unruhig aufmerkſamen Benehmen des Grafen neben der majeſtätiſch getragenen Königin. 26 Kaum war die Polonaiſe geendigt, ſo hob im kleinen Nebenſaal die Harmoniemuſik an, ſanft und entfernt ge⸗ nug, um Unterhaltung dem müßigen Ohre zu gewähren, ohne die mündliche Unterhaltung zu ſtören. Es waren für dieſe Pauſen des Tanzes franzöſiſche und italieniſche Muſtkſtücke gewählt, und wurden unter Blangini's Lei⸗ tung von den deutſchen Muſikern der Kapelle mit Wider⸗ willen geſpielt, waren aber bei Hofe der deutſchen Muſik vorgezogen. Man rühmte dem Könige zu Gehör den italieniſchen Meiſter ſo gefliſſentlich, daß einige Freunde der deutſchen Partei eine Abſicht darin vermutheten. Es war ihnen ſchon früher nicht unbemerkt geblieben, daß man Blangini auf Koſten Reichardt's beim König in Gunſt und Geltung zu ſetzen und zu befördern ſuchte. Hinter einem benachbarten Spielzimmer lag ein ſtilles Gemach, zu verliebter oder vertrauter Unterhaltung mit Polſterſitzen und gepaarten Seſſeln zwiſchen blühenden Stauden eingerichtet. Hier war, von der durch alle Zim⸗ mer geführten Polonaiſe her, die Gräfin Antonie an Bü⸗ low's Hand zurückgeblieben, als ſie einen ihrer weißſeide⸗ nen Schuhe zu befeſtigen, austreten mußte. Der Tanz war verrauſcht, und Beide, ganz allein im Zimmer zurück⸗ geblieben, ſetzten in leiſer Unterhaltung ihr deutſches Ge⸗ ſpräch fort. Wie geſagt, meine Gnädige, ein ſo kräftiger und geiſt⸗ reicher junger Mann, wie ihn mir auch ſchon meine Frau geſchildert, überſteht leicht ein kleines Liebesunglück. Er wird die ſo ſchnell verwandelte Zuneigung einer Creolin für Das nehmen, was ſie war. Ihre Gunſt wird ihm ein gutes Selbſtgefühl für die Geſellſchaft geben, und ihre —— ——— & 27 Treuloſigkeit, wenn er mit jugendlicher Sentimentalität eine Laune ſo ſchwer bezeichnen will, fällt weit hinaus— ins Klima der Antillen, und lenkt ihn vielleicht deſto ſehn⸗ ſüchtiger nach einem deutſchen Herzen. Denken wir blos an ſein Fortkommen! Er ſcheint etwas Schwärmer, und eine Beſchäftigung mit Ziffern und Zahlen in meinen Bu⸗ reaux könnte ihm heilſam werden. Aber ich müßte mich umſtändlich mit ihm beſprechen, ihn ſelbſt in die Arbeit einſchießen, und daran bin ich jetzt durch meine bevor⸗ ſtehende Reiſe nach Paris gehindert, vor der ſich ein Berg von Arbeiten erhoben hat. Es muß damit bis zu mei⸗ ner Rückkunft anſtehen. Was? Sie gehen nach Paris? Das iſcht mir ja was Funkelneues! ſagte die Gräfin. Es hat ſich auch ſehr ſchnell gemacht, meine verehrte Freundin, erwiderte er. Aber der Kaiſer dringt immer heftiger auf Abzahlung der rückſtändigen Contribution und auf die Organiſation unſers Heeres, das er auf 10,000 Mann Infanterie, 2000 Mann Cavalerie und 500 Mann Artillerie beſtimmt hat. Was außerdem der Hof und was der junge hungerige Staat conſumirt, brauche ich Th⸗ nen nicht zu ſagen: Sie leben ja an dieſem Hofe. Zu alledem kommt aber noch, das wir mit weſtfäliſchem Gelde ein franzöſiches Armeecorps von 12,500 Mann, das die Gar⸗ niſon von Magdeburg bildet, kleiden und löhnen müſſen. Ebenſo ungeduldig iſt der Kaiſer über die Verzögerung mit den vollen 6000 Mann, die wir nach Spanien ſchicken ſollen. Napoleon bedenkt nicht, oder will nichts davon wiſſen, daß er uns die beſten Domänen zu Belohnungen für ſeine Generale entzogen hat, und daß, ſo lange unſer * 28 Weſtfalen die Verbindungslinie mit den beſetzten preu⸗ ßiſchen Feſtungen, dem Militärdepot in Danzig und dem Großherzogthum Warſchau bleibt, die unaufhörlichen Durch⸗ märſche mit Einquartirung, Vorſpann u. ſ. w. die Hülfs⸗ quellen unſers Landes vollends erſchöpfen. Da nun un⸗ ſere Unterhandlungen, durch Zwiſchenbehörden erſchwert, zu keinem Ziele führen: ſo gehe ich nun ſelber nach Paris, um den Kaiſer zu Milderung der Anſprüche oder wenig⸗ ſtens zur Geduld wegen Abtragung derſelben zu vermö⸗ gen, bis wir mit dem nahen Reichstage neue Mittel durch neue Steuern oder durch ein Anlehen beſchaffen köͤnnen. O Sie geplagter Finanzminiſchter, Sie! rief die Gräfin. Wiſſen S' was? Ich höre jetzt ſoviel von Metall⸗ und OQuellenfühlern reden: Sie ſollten ſo'ne Wünſchelruthe haben. Aber, bleiben S' lang aus? So kurz wie möͤglich, eben des bevorſtehenden Reichs⸗ tages wegen, antwortete der Miniſter. Sollte nun aber Ihr liebenswürdiger Protegé, ſtatt zur Adminiſtration überzugehen, lieber der deutſchen Wiſſenſchaft treubleiben wollen, ſo ginge meine Meinung dahin— Aber bei Gott! da kommt ja meine Meinung eben leibhaftig daher! Iſt das nicht ſo drollig, wie der Mann da ſelbſt? Nehmen wir's für eine gute Vorbedeutung! He, Herr Staatsrath! Kommen Sie doch ein wenig hierher! Dieſer Zuruf galt dem Staatsrathe Johannes von Müller, der denn auch gleich mit ſehr lebhaften Vernei⸗ gungen herbeikam. Bülow räumte ihn den Platz neben der Gräfin, und nahm für ſich ſelbſt einen nächſten Stuhl. Sie kommen wie gerufen, ſagte er. Haben Sie keine —— —-— V 2 . 29 Profeſſur auf einer unſerer fünf Univerſitäten für einen vortrefflichen und— hübſchen jungen Gelehrten, einen wiſſenſchaftlichen Alkibiades? Fünf, ſagen Sie? Nun ja, Exreellenz, ſo lange ich ihnen das Leben friſten kann, antwortete Müller, ſollen mir auch die fünf bleiben. Stehen Sie mir bei gegen die feindſeligen Abſichten, die man gegen einige derſelben hat, — vVous Phomme par excellence! Sie Geldwirth und Conſervator Weſtfalens,— qui fait feu et flamme dans la, partie financière! Auf Ehre, Baron, es wäre gro⸗ ßes Unrecht, das kleine Helmſtädt, das mit dreißig um⸗ liegenden Dörfern aus dem Helm der Minerva gefüttert wird, durch Zerſtörung ſeiner altbraunſchweigiſchen Univer⸗ ſität verhungern zu laſſen. Und Rinteln hat einen eige⸗ nen, kleinen, aber zu den Gehalten und Freitiſchen hin⸗ reichenden Stiftungsfonds. Was? Soll denn Alles und Alles in das Danaidenfaß des— tresor public geworfen werden? Jedenfalls braucht Göttingen friſche Kräfte, verſetzte Bülow. Ja! rief Müller warm. Der König war herrlich in Göttingen! Die Univerſität wird bleiben. Einen beſſern Regenten können wir jetzt nicht bekommen. Mehr und mehr gewöhnt auch er ſich an die Nation, wenn er nur immer mit— Miniſtern umgeben iſt, die der innern Ver⸗ hältniſſe kundig ſind. Es iſt aber und bleibt eine leidige Sache, daß Alles durch Präfecte, Unterpräfecte und Maires gehen ſoll. Die ernſte Bildung ſteht dabei auf dem Spiel und ich kämpfe dawider, was ich vermag. Doch wir ver⸗ geſſen unſers Alkibiades! Nun? 30 Bülow theilte ihm das Allgemeinſte über Hermann mit, wobei er ſich auf die Empfehlungen der Gräfin be⸗ rief. Müller fragte nach dem Namen und der Herkunft des Candidaten. Teutleben aus Halle, antwortete Bülow. Ein ſon⸗ derbarer Name,— man ſollte glauben geſucht, affeetirt für unſere franzöſiſch melirte Zeit, nicht wahr? Verzeihung! fiel Müller ein. Es iſt ein alter litera⸗ riſcher Name. Ein Mitſtifter der ſogenannten fruchtbrin⸗ genden Geſellſchaft oder des Palmenordens zu Weimar im Jahre 1617 war ein Kaspar von Teutleben, der Mehl— reiche zubenannt. Alſo ein Mann für Ihre Mühle, lieber Staatsrath! lachte Bülow. Aber Gräfin,— was der Müller für ein Gedächtniß hat! Stupend! Mich freut's nur, lieber Staatsrath! ſagte ſie, daß Sie von Ihrer ſchweren Krankheit ſich ſo charmant erholt ha⸗ ben, um ſogar die luſchtigen Abende zu beſuchen, wo man Sie ſonſcht nie zu ſehen bekam. Unterthänigſt verbunden, gnädige Durchlaucht! verneigte er ſich. Nur ausnahmsweiſe bin ich heut hier: Seine Majeſtät haben mich hierher befohlen,— wahrſcheinlich um einige Touren in einer Francaiſe anzugeben, ha ha! Mon Dieu, wo geh' ich ſonſt auch hin! Wöchentlich haben wir wenigſtens zwei mal Staatsrath; ein paar mal geh' ich zu Hof; einmal etwa zu einer Partie Schach bei meinem lieben Simeon; ſonſt lebe ich wie ein Einſiedler. Aber es geht mir nun wieder gut! Danke der gnädigen Theil⸗ nahme! Alle meine Uebel kemmen von moraliſchen Ur⸗ ſachen: von Aerger und Gram, wenn die Sachen ſchief —— 31 angefangen werden, oder nicht gehen, oder barbariſche Vor⸗ urtheile das Gute bekämpfen. In dieſem Augenblicke kam Graf Boochls mit ſuchenden Blicken herein. Er ſuchte Müller'n, der zum Köͤnig ge⸗ rufen wurde und ſich mit den Worten empfahl: Schicken Sie mir Ihren Alkibiades! Ich will ſehen, in welche Facultät er paßt. Bin ſehr verlangend, ob er gar ein Abkömmling Kaspar's von Teutleben iſt. Auch die Gräfin hatte ſich erhoben, und Bülow geleitete ſie nach dem Saale. Sie begegneten den Baron Reinhard. So ſpät, Excellenz? fragte die Oberhofmeiſterin. In der That, Durchlaucht, es muß ſpäter ſein, als ich dachte, verſetzte er; es iſt Alles ſo bewegt. Ich fragte eben die Generalin Salha, was das für ein Aufruhr ſei. Ei, antwortete ſie mir mit etwas— ſcharfem Lächeln, ein vornehmer Verbrecher iſt am Pranger. Wie, Madame? frage ich, und ſie wirft einen Blick nach der Gräfin Boochls, der ich mich eben als angekommener Gaſt präſentirt hatte. Wirklich ſtand die reizende Frau da, mit tändelnder Hand an ihrem koſtbaren Diamantenſchmucke ſpielend, der auf die Bruſt herabhing, und mit einem Lächeln, das allen Frauenneid der Welt herausfoderte. Der Schmuck iſt, glaub' ich, neu, der Anweſenheit eines Königs werth und— ich begriff die Situation.— Ei, Madame, ſagte ich der Generalin, wenn der Schmuck der Verbrecher iſt, ſo iſt er ja bereits auch gehenkt. Die Gräfin entfernte ſich lächelnd, und trat auf Morio zu, der ſich ihr mit ſeiner Braut näherte. Reinhard und Bülow gingen in den Saal, und kamen zufällig in die Nähe des Königs, der ſich mit dem Staatsrathe Müller zurückgezogen hatte. Er winkte ſie herbei. Wir reden eben von den um ſich greifenden Bewegun⸗ gen in Spanien und von etwa für Deutſchland zu beſor⸗ genden Unruhen, ſagte er. Für ſolchen Fall wünſcht mein kaiſerlicher Bruder zu wiſſen, welche Maßregeln dagegen von Weſtfalen aus zu treffen ſein möchten. Sire, antwortete Müller, alle Völker Europas ſind in einer Gährung begriffen: eine Weltumgeſtaltung bereitet ſich vor, unaufhaltſam. Welche von den europäiſchen Natio⸗ nen ſich zuerſt im Sinn und für das Bedürfniß der Zukunft conſtituirt, die wird über die andern herrſchen. Das allein ſcheint mir zu helfen, aber auch als Univerſalmittel zu helfen gegen alle Revolutionen; dieſe ſind nur Sym⸗ ptome, nicht die Krankheit. Gut! verſetzte Jeroͤme, halb zerſtreut, entwickeln Sie dieſe Idee in einem Berichte mit Rückſicht auf die auf⸗ rühreriſchen Schriften, die ſich in Deutſchland mit jedem Tage vermehren und Gefahr drohen, indem ſie Abhülfe einer vorgeblichen oder übertrieben geſchilderten Noth ver⸗ ſprechen. Bei den Deutſchen, Sire, iſt ein weiter Weg von der Feder bis zum Dolche, entgegnete Müller. Ein Deutſcher kann lange ſchreiben, bis er geleſen wird; er wird lange geleſen, ehe er Eindruck macht und die Gemüther ergreift, und von da bis zu einer That können Generationen ver⸗ gehen. 3 Ein Adagio im Nebenſaal war beendigt und Graf Boochls brachte dem Meiſter Blangini herbei, ihn dem Koͤnig —— 33 vorzuſtellen. Jeröme ſagt ihm einige freundliche Worte über die Wahl und Ausführung der Abendmuſtkſtücke. Die Gönner des Maeſtro hatten ihm dieſe Auszeichnung bereitet, wie ihn denn die franzöſiſche Partei auf alle Weiſe zu heben ſuchte. Er war ſeit kurzem zum Hof⸗ concertmeiſter ernannt worden, und die erſten Familien ſuchten ihn, den Muſiklehrer der Königin, für den Untex⸗ richt ihrer Töchter zu gewinnen. Der Maeſtro galt, und verdiente Geld. Blangini war nicht ohne Talent und Verdienſte; wer aber beides am lebhafteſten anerkannte, war er ſelbſt,— ein kleiner, ſchwarzer, etwas welker Italiener in den Vier⸗ zigen, lebhaft in ſeinem Benehmen und von liebenswür⸗ digen Manieren. Nur ſeine Abholden fanden ihn ſchnei⸗ dermäßig ausſehend. Vielleicht nur, weil ihm Farbe und Schnitt der Dienſtkleidung nicht gut zu Geſicht ſtand, und er ſich darin etwas geckenhaft benahm. Das Orcheſter⸗ perſonal hatte Braun mit Goldſtickerei zur Uniform, und Blangini, eitel wie er war, gefiel ſich gar ſehr in ſeinem habit français, geſtickten Rock, Weſte und Beinkleid. Die Auszeichnung, worin er eben vor dem Könige ſtand, entzückte ihn, und er nahm ſchon bei Jeroͤme's Lob den Anlauf, ſich über ſeine Compoſitionen auszubreiten, als ihn Graf Boochls am Kleide zupfte, und Jeroͤme ihn mit einer Handbewegung entließ. Eine Francaiſe wurde angeſpielt, und Adele, die Braut, gab dem herbeieilenden General Rewbel die Hand. Dieſe Gelegenheit ergriff Morio, die Gräfin Antonie um ein paar Augenblicke bei Seite zu bitten. Man konnte ihm anmerken, daß er bereits wiederholt das Büffet be⸗ 3 Koenig, Jeröome's Carneval. II. 34 ſucht hatte; er war aufgeregt, aber in heiterer Stim⸗ mung. Ich habe Ihnen noch meinen Dank abzuſtatten, Grä⸗ fin, ſagte er. Sie haben ein Wunder an meiner Adele gethan. Sie verſtand ihn, und es läßt ſich denken, wie un⸗ ruhig ſie ward. Offen geſprochen, wie ein Mann von Ehre, fuhr der Kriegsminiſter fort. Im Augenblicke, wo ich das Un⸗ beſonnenſte vornehmen wollte, erfuhr ich mein Glück. Nur der König war mir zuvorgekommen, ſonſt wäre ich in die deutſche Lection jenes Abends hineingeſtürmt, hätte den Sprachmeiſter, die Schülerin, die— nun ich weiß nicht, was ich Alles gethan hätte. So gehe ich zu Le Camus; wir warten und wüthen nach Allem, was ich wußte oder was ich glaubte, und können uns nicht ent⸗ ſchließen, zu Hardenberg zu gehen, wo wir eingeladen waren. Unſere Ungeduld nimmt immer zu,— ſieh, da kommt Adele ſtürmiſch in das Zimmer, erſchüttert bei meinem Anblick bricht ſie in Thränen aus, und ehe wir zu Vorwürfen kommen können, liegt ſie in meinen Ar⸗ men: Vergib, ich bin dein! Nur dieſe Worte kann ſie vorbringen. Ich bin wie vom Himmel gefallen, ich ver⸗ gebe ihr all' ihr unliebenswürdiges Betragen gegen mich und bin der glücklichſte General einer ganzen Armee von Glücklichen— General en chef, wenn Sie wollen. Aber zu meiner Beſchämung fühle ich auch, daß ich das Ihnen zu verdanken habe. Wie Sie das bewirkt, weiß ich nicht, Madame; wie es durch die deutſche Grammatik geſchehen, bleibt mir ein Räthſel. Adele ruft nur immer Ihren Namen in einem Ton, der uns eine Scene ver⸗ muthen läßt. Nicht wahr? So wiſſen Sie alſo von den deutſchen Lectionen? fragte Sie zerſtreut, überlegend. An demſelben Tage, vor Tiſche beim König hatte es mir Bercagny, aber auf boshafte Weiſe mitgetheilt. Bercagny? rief ſie erſtaunt, ja betroffen aus. Nun, Sie wiſſen ja, die Spitzbuben haben ihre Schnüffelhunde allerwärts. Sie werden auch nicht lauter zuverläſſige Domeſtiken haben. Die Gräfin erſchrak und ward nachdenklich darüber, wer von ihren Leuten im Dienſte der Polizei ſtehen könnte, bis Morio wiederholt der deutſchen Lectionen er⸗ wähnte. Sie ſuchte ſich zu faſſen und nahm eine heitere Miene an. Lernen Sie aus meinem Verfahren Adelen kennen und behandeln, General! ſagte ſie. Sie waren viel zu heftig gegen den deutſchen Unterricht,— Adele trotzte,— der Widerſpruch führte ſie zum Unterricht, der Unterricht zur Erkenntniß. Sie war ein Kind— O Sie glauben nicht, wie Sie ſich verwandelt hat! fiel Morio ein. Ernſt, gehalten, voll⸗ Würde, voll Stolz, und doch gegen mich nachgiebig, zuvorkommend! Ich hätte eine ſo raſche Umwandelung nicht für möglich gehalten. Das freut mich! erwiderte die Gräfin aufathmend. Das ſind weibliche Tugenden, die ſelbſt um den höchſten Preis erkauft nicht zu theuer ſind! Sie wollte ſich mit dieſem Ausſpruch ihrer Selbſt⸗ beruhigung zurückziehen; doch der General hielt ſie noch feſt, indem er, nach Worten ſuchend, leiſer fortfuhr: * 9 ſſſſſſſ“ —y Noch ein Räthſel, Gräfin, beunruhigt mich etwas. Adele hat eine Art von Widerwillen gegen den Monſieur — Dings, den jungen Sprachmeiſter, gefaßt. Denn gehabt kann ſie dergleichen nicht haben,— ſolchen Ab⸗ ſcheu, nicht vorher. Wie mag das kommen? Adele ſteht mir nicht Rede darüber. Und der Menſch hat die Kühnheit gehabt, ſich in Fürſtenſtein’'s Hoͤtel bei Adelen anmelden zu laſſen, als ſie allein zu Hauſe war,— einige Tage nach jenem Abende. Sie hat ihn natürlich abweiſen laſſen. Mir hat es der Bediente geſteckt. Der junge Mann hat einen Augenblick angeſtanden, ein Billet abgeben zu laſſen, hat's aber doch zurückbehalten, und iſt fortgeſtürmt. Hat er etwa noch Bezahlung zu fodern, oder— hat er ſich beigehen laſſen, ſich— zu verlie⸗ ben? Der Teufel ſoll ihn holen, wenn er ſich eine Un⸗ ziemlichkeit—! Die Gräfin war erſchrocken. Sie wußte nicht gleich, was ſie dem barſchen Mann ſagen könnte, und zog ſich mit ihm mehr nach dem entlegenſten Zimmer zurück. Endlich nahm ſie in leiſem, aber leichtem Tone das Wort: Haßt ihn, ſagen Sie? Ich halte es nicht für Haß oder perſönliche Abneigung, General. So launenvolle Mädchen, wie Adele war, ſpringen in ihren lebhaften Empfindungen gern in Extreme über, und kommen nur nach und nach zum liebenswürdigen Maß. Sie über⸗ treiben jede Regung ihres Herzens. Als Adelens Nei⸗ gung auf die deutſche Sprache fiel, war ſte Ihnen wol auch nicht ſo abgeneigt, als ſie es Ihnen wegen Ihres Widerſpruchs zeigte. Ich dachte mir wol, ſie würde durch „— 37 einen Verſuch geheilt werden. Ich ließ ſie unter meiner Aufſicht ſich mit der Sprache beſchäftigen. Sie war nun befriedigt, und faßte deſto leichter eine Abneigung gegen die Sprache, die ihr zu ſchwer fiel, und dieſe Laune mag ſich nun auf den Lehrer geworfen haben. Sie möchte ſich überreden, er ſei ſchuld, daß ſie nur wenig gelernt und begriffen hat. So wollen wir es uns erklären. Aber ſprechen Sie ihr nie davon,— beſchämen Sie das reiz⸗ bare Herz nicht, und ſie wird ſich zurechtfinden! Be⸗ zahlung hat der junge Mann nicht zu fodern; er hat für mich gehandelt, ich bin ſeine Schuldnerin und auf dem Weg, etwas für ihn zu thun. Wahrſcheinlich hat er Adelen nur gratuliren wollen und— vielleicht ein Ge⸗ dicht für ſte in der Taſche gehabt. Das iſt recht deutſch, lieber General! Die deutſche Jugend hat ein poetiſches Frieſel zu überſtehen! Sie begleitete die letzten Worte mit einem erzwunge⸗ nen Lachen, zu dem ſich aber ein unfreiwilliges Erröthen einſtellte. Sie entzog ſich dem General, und eilte nach dem Saale zurück, wo ſie in der dunſtigen Luft und Luſt des Abends ſchwer aufathmete. Sie ſah ſich nach einem einſamen Plätzchen um; aber Ahnungen und Sorge folg⸗ ten ihr auch dorthin. Der Gedanke, daß mit Adelens Verlobung vielleicht nicht abgethan ſei, was ſie aus Un⸗ bedachtſamkeit mitverſchuldet habe, kehrte lebhaft zurück. Der Verdruß über den Verrath der deutſchen Lectionen und daß einer ihrer Dienſtboten in Verbindung mit der geheimen Polizei ſtehe, kam dazu. Und ſollte ſie ſich nicht auch über Adelens Widerwillen gegen Hermann äng⸗ ſtigen und um ihrer ſelbſt willen Sorge machen? — — Nach einer Weile ſtand ſie auf, die unbedachtſame Braut aufzuſuchen, ſie zu warnen, und ihr zur Beruhi⸗ gung des argwöhniſchen Morio eine gelegentliche Freund⸗* lichkeit gegen den jungen Doctor anzuempfehlen. V Doch, abgeſehen auch vom Gelingen,— wie demü— thigend waren nicht ſolche Ausflüchte und Schritte für eine ſo hohe Frau! Wie erniedrigt durch eigenen Leichtſinn fühlte ſich nicht ein ſo fürſtliches Herz! Viertes Capitel. Umſtimmungen. 4 Ueber der prunkvollen Herrlichkeit des Feſtes mit ſei⸗ nen flammenden Kronleuchtern und Wandſpiegeln, unter denen ſoviel Augen von Luſt und Liebe, von Neid und Eiferſucht loderten; über dem betäubenden Dufte der blü⸗ henden Geſträuche und welkenden Blumengewinde, mit dem ſich der heiße Athem lauter, leiſer und loſer Reden miſchte; über dem Gewinn und Verluſt der Spieltiſche und der Sofageheimniſſe; über der rauſchenden Muſik der Tänze und den zuſammenklingenden Gläſern des Souper; über dem ſtrahlenden Hauſe und der gaffenden Menge auf dem Platze ſtand eine laue, ruhige Juninacht, und zog ihre Gewitterwolken zuſammen. Niemand fand Vorbedeutung .—— 39 in dieſem Zuſammentreffen und dachte an ein nächtlich grollendes Deutſchland, in deſſen Mitte ein luſtiges Reich von Fremdlingen ſchwelgte.— Der gräflichen Wohnung gegenüber, zwiſchen ihr und der Martinikirche, lag eine Hauptwacht, und die Soldaten ſaßen im Freien, um bei des Königs Abfahrt unter's Gewehr zu treten. Der Trinkkeller darneben ward heut nicht von Beſuchenden leer, die ſich auch ihren Antheil einer fröhlichen Nacht nicht nehmen ließen. Auch in der obern Stadt, um die alte Burg, war die Sommernacht noch nicht entſchlummert. Unter den Arcaden wandelten verliebte Paare; aus der Reſtauration des Franzoſen Lelong, in einer der Arcadenhallen, ließ der monotone Geſang einiger franzöſiſchen Zecher ſich ver⸗ nehmen, und auf einer der nachbarlichen Altane ward auch noch Familienfroͤhlichkeit laut. Doch Klang und Sang, wie nachbarlich ſie auch durch das offene Fenſter in Hermann's Zimmer drangen, wurden von ihm kaum vernommen. Er war ſpäter als gewöhnlich vom muſi⸗ kaliſchen Abende bei Reichardt nach Hauſe gekommen, und überließ ſich, im Abſchimmer des verblaſſenden Abend⸗ himmels auf dem Kanapee ausgeſtreckt und die erquicken⸗ den Luftſtöße einathmend, ſeinen etwas wehmüthigen Em⸗ pfindungen. Bei Reichardt war das junge Ehepaar auf deſſen Beſuch eingeladen geweſen; Hermann hatte mit Lina ge⸗ ſungen, und erholte ſich jetzt von dem Zwange, den er ſich angethan, heiterer zu erſcheinen, als er es ſeither in tiefſter Seele geweſen. Wieviel Luſt und Leid, die Nie⸗ mand ahnen ſollte, war nicht in den letzten Wochen durch — ————— — 40 ſeine Bruſt gezogen! Er hatte mit Vorwürfen und Vor⸗ ſätzen gekämpft, war abwechſelnd übermüthig und klein⸗ müthig geweſen, wie ſich ja durch wunderſame Fügung Glück und Verluſt, Liebesgunſt und Haß in eine und dieſelbe flüchtige Stunde für ihn zuſammengedrängt hat⸗ ten. Dieſer Haß Adelens, aus leidenſchaftlicher Hingebung plötzlich hervorgebrochen, ihr raſcher Uebergang zur Ver⸗ lobung mit einem nicht geliebten Manne, erſchien dem lebensunerfahrenen Freunde als ein Abgrund des menſch⸗ lichen Herzens, über dem er bald räthſelte, bald ſchwin⸗ delte. Doch ein ſo friſches und geſundes Naturell kam früher über ſolche Zweifel und innern Kämpfe hinaus. Nur eine zartere Sehnſucht nach einer höhern Liebe und beglückendern Vereinigung blieb in ſeiner Bruſt zurück, auch als ein neuer, edler Lebensmuth mit ſchwungvollern Vorſätzen erwachte. Dieſe Empfindungen liehen ſeinem Geſang, wenn er jetzt dazu aufgefodert wurde, einen wei⸗ chern Schmelz zu dem vollern Klang, den ſein Organ ſelbſt körperlich gewonnen hatte. Die Freundinnen freu⸗ ten ſich dieſer neuen Erſcheinung in ſeinem ganzen We⸗ ſen, ohne den Grund zu ahnen oder die Wehmuth wahrzunehmen, die ihn doch hinterher noch zuweilen in der Einſamkeit ſeines Zimmers heimſuchte. Auch jetzt hatte ſie ihn wieder erreicht, wie er träumend der Däm⸗ merung genoß, Alles überhörend, und ſelbſt einer Mit⸗ theilung vergeſſend, die ihm durch Luiſen geworden war. Da weckte ihn aus der Nachbarſchaft eine volle Nacht⸗ muſik mit der damals ſehr beliebten ſogenannten Polo⸗ naiſe von Oginski,— der am berühmteſten gewordenen von den gleichartigen Compoſitionen des viel umhergewor⸗ — — 41 fenen ehemaligen Großſchatzmeiſters von Lithauen. Man erzählte ſich, die Polonaiſe ſei von einem Manne, oder vielleicht nur in den Empfindungen eines Mannes com⸗ ponirt worden, der eben bereit geweſen ſei, ſich eine ge⸗ ladene Piſtole an die Stirne zu ſetzen, plötzlich aber einen neuen Lebensmuth gefaßt habe. Für Hermann war dies Muſikſtück eine Schickung, eine Sympathie der Welt mit der Stimmung dieſer einſamen Stunde. Er hatte ſich erhoben, und war ans Fenſter getreten. Sein Herz löſte ſich auf in dieſen ſchmerzlich ſtockenden, hinſchmachtenden Paſſagen des Trio, bis es mit dem Aufſchwung, den der zweite Theil des Trio in Dur nimmt, ſich mit ahnungs⸗ vollem Muth erhob. Es war wie aus ſeiner Seele ge⸗ ſprochen, als am Schluß der Polonaiſe von dem Altan, unter welchem die Muſik ſpielte, eine ſchöne männliche Stimme„Da capo“ rief. Beim abermaligen Durchſpielen wirkten dieſelben Tongänge ſchon ermuthigender, und wie durch eine wunderſame Gedankenverbindung fiel ihm beim Wiedereintritt der Durtonart im Trio der alte, liebe, ver⸗ geſſene Vers wieder ein: Bis ſcheue Liebe kühner wird, und nichts Als Unſchuld ſieht in reiner Liebe Thun. Vom nachbarlichen Altan erfolgte lebhafter Beifall; Lachen und Gläſerklang wurden jetzt lauter. Die Familie war um bunte Windlichter verſammelt; ein häusliches Feſt ſchien für heute beſchloſſen, oder mit ſo heitern Vi⸗ gilien auf morgen eingeleitet zu werden. Nicht lange, ſo trat ein Bedienter vor, und befeſtigte einen Korb mit eingelegten Flaſchen und Gläſern an zwei Stricken. Die 42² luſtige Spende wurde für die Muſiker hinabgelaſſen, und von dieſen, während der Korb niederſchwebte, mit einem Tuſch begrüßt, wie es den Regimentsfahnen geſchieht, wenn ſie aus dem Hauſe des Oberſten zwiſchen die prä⸗ ſentirten Gewehre treten. Während deſſen ſtieg ein Wetter hinter den Söhre⸗ bergen auf; rechts und links zuckten abwechſelnd die blitzen⸗ den Wolken, als ob Süd und Nord ſich ein ſchweres Unternehmen zublinzten. Noch ſchwieg der Donner; eine dumpfe Stille brütete, und nur wetterflüchtige Luftſtöße athmeten die Würze von Wald und Wieſen aus. Indeß währte der Familienverkehr heiter fort, und die Muſtk, von hinreichenden Flaſchen gefeſſelt, ſpielte noch manches fröhliche und bewegliche Stück, bis die erſten Tropfen eines milden Regens fielen, der nun auch bald, wie ein Streifzug des am Gebirg entlang hinrollenden Wetter⸗ heeres, über die Stadt hereinrauſchte. Dieſe nächtlichen Bilder und Empfindungen hatten den Zuſchauer am Fenſter wahrhaft erquickt, als er ſich end⸗ lich mit dem abziehenden Wetter zur Ruhe begab. Sie ſpielten noch in ſeinen Träumen fort, und vollendeten ge⸗ wiſſermaßen die Verwandelung ſeines Innern, ſodaß er mit friſchem Lebensmuth und mit lebhaften Vorſätzen zu neuer Thätigkeit erwachte. Nun fiel ihm auch Luiſens Mittheilung ein. Die Baronin Bülow hatte ihr nämlich in einem Billet, worin ſie ſich wegen ihres Ausbleibens vom muſtkaliſchen Abend entſchuldigte, in Betreff des jungen Freundes bemerkt, daß ihr Mann für denſelben ſehr intereſſirt worden ſei, ehe er aber ſelbſt etwas für ihn thun könne, ihm rathe, falls er ein gelehrtes Amt 8 43 ſuche, ſich vor allem beim Staatsrathe von Müller vor⸗ zuſtellen, mit dem er ſeinethalben ſprechen werde. Der Freund empfand lebhaft ſoviel Theilnahme hoch⸗ geſtellter Perſonen für ihn, ja er fühlte ſich einigermaßen beſchämt, ohne eigene Bemühung und während er ſich ſelbſt in einer thörichten Neigung vergeſſen hatte, ſoviel Gunſt und Föderung zu finden. Nun wollte er aber auch deſto entſchiedenere Schritte thun, und gleich dieſen Morgen noch ſeine Aufwartung beim Staatsrathe von Müller machen. Ob Herr von Bülow inzwiſchen ſchon mit dem berühmten Hiſtoriker geſprochen habe, ließ er hingeſtellt ſein. Wenn nicht, ſo wollte er verſuchen, was er bei dem einflußreichen Manne für ſich ſelbſt vermöchte. Ein wunderbarer Stolz regte ſich in ſeinem Herzen. Der ſchmerzliche Verluſt, den er innerlich erfahren, wie die beſten Vorſätze, die er für ſeine Zukunft faßte, hatten für ihn etwas Erhebendes und gaben ihm ein lebhafte⸗ res Bewußtſein, worin er nun auch Dasjenige, was er eben noch für eine Thorheit erklärt hatte, als unſchätz⸗ baren Lebensgewinnſt anzuſehen geſtimmt war, beſonders nachdem Adele durch ihre Verlobung alle Zweifel und Sorgen, oder vielmehr alle Verbindlichkeiten ſeines Her⸗ zens gelöſt, und in leichtfertiger Laune die Schuld des leidenſchaftlichen Augenblicks einigermaßen von ihm hin⸗ weggenommen hatte. Eine Beſorgniß, daß aus dieſer Schuld, aus ſolchem Leichtſinn ſich ein Lebensverhängniß für Eins oder das Andere von ihnen entwickeln könnte, lag ſeinem unerfahrenen Herzen fern. Er hatte Grund⸗ ſätze von Haus mitgebracht, aber noch keine Vorausblicke für das Leben gewonnen. Statt einer bangen Ahnung 44 ſtieg ihm vielmehr eine lächelnde Erinnerung auf. Jene Aeußerung Luiſens fiel ihm ein:„Sie haben mehr Glück als Recht gehabt.“ Und— war das nicht auch wieder der Fall ſogar bei jener leidenſchaftlichen Verwickelung ge⸗ weſen, wo— wie ſie ihm ebenfalls vorausgeſagt— der Zufall ihm auch einmal einen Poſſen geſpielt hatte? Hermann bejahte ſich mit ſchalkhaftem Lächeln die eigene Frage, und er hätte bei einiger Beſinnung ſelber nicht in Abrede ſtellen können, daß er am Ende aus allen dieſen Betrachtungen ein lebhaftes Vertrauen zu ſich ſelbſt und für ſeine Zukunft ſchöpfte. Fünftes Capitel. Bei Johannes von Müller. Während Hermann in Erwartung der ſchicklichen Stunde zur Anmeldung beim Staatsrathe von Müller angekleidet am Schreibtiſche ſaß, ward er von einem Be⸗ ſuche des Barons Rehfeld überraſcht. Beide waren ſich ſeit einiger Zeit nicht begegnet, indem der junge Freund in der Stimmung der letzten Wochen zurückgezogener ge⸗ lebt, und ſich am wenigſten zu dieſem räthſelhaften Mann gezogen gefühlt hatte. Rehfeld, nachdem er ſich darüber ſehr artig beklagt hatte, ſchüttete einen Sack voll Stadt⸗ 45 neuigkeiten aus,— wenig für Hermann Intereſſantes, bis auf eine Nachricht, die aber auch deſto tiefer bei ihm einſchlug, daß nämlich die Verbindung des Generals Mo⸗ rio mit der Schweſter des Grafen Fürſtenſtein allernäch⸗ ſtens vollzogen werde, und der König bei dieſem Anlaß ſeinen Günſtling ein großes Feſt geben werde. Man zerbricht ſich in gewiſſen Kreiſen die Köpfe darüber, ſetzte der Baron hinzu, was in aller Welt die charmante Creolin ſo plöͤtzlich für einen Mann umgeſtimmt haben möge, dem ſie bis dahin ſo abweiſend begegnet ſei. Man ſpricht, wie das zu gehen pflegt, von einer unglücklichen Liebe zu einem hübſchen Burſchen ohne Herkunft,— ver⸗ muthlich einem Deutſchen; denn an franzöſiſchen Vaga⸗ bunden nimmt ja unſere gute Geſellſchaft keinen Anſtoß. Am Ende läuft wol Alles auf ein neidiſches oder bos⸗ haftes Gerede gegen den etwas brutalen Bräutigam hin⸗ aus. Er ſoll aber ſehr eiferſüchtig ſein, und freilich ſind die Creolinnen in der Regel ſehr leichtfertig und leiden⸗ ſchaftlich. Hermann gab keinen Laut von ſich, und war froh, daß der Baron zu luſtigern Geſchichtchen überging, ohne durch etwas Weiteres zu verrathen, daß man in der Ge⸗ ſellſchaft dem wahren Verhältniß auf der Spur ſei. Doch hatte er ſich kaum etwas beruhigt, als Rehfeld noch ein unglückliches Apropos vorbrachte.— Man ſchreibt mir geſtern, ſagte er, daß der preußiſche Kriegsrath von Cölln auf Zuſtimmung des Miniſters von Stein verhaftet und voor Gericht geſtellt worden ſei, weil er durch ſeine„Ver⸗ trauten Briefe“ zur Zeit allgemeinen Leidens die Regie⸗ rung verunglimpft, Unmuth verbreitet und Nachrichten über das öffentliche Einkommen zur Kenntniß der Fran⸗ zoſen gebracht hat. Es hätte des heftigen Tadels, womit der Baron dieſe Mittheilung begleitete, nicht bedurft, um den jungen Freund zu ſeiner heimlichen Pein an die Berichte zu er⸗ innern, die durch ſeine Unbedachtſamkeit zu einem ähn⸗ lichen Verrath hätten ausſchlagen können. Wie viel lei⸗ dige Erinnerungen lagen ſchon auf ſeinem kurzen caſſeler Wege hinter ihm! Als der Baron hörte, daß der ſorgfältige Anzug des jungen Freundes einer Aufwartung beim Staatsrathe Müller gelte, rief er aus: Sie werden eine Angſtſeele kennen lernen! Ein emi⸗ nenter, reichbegabter, weitblickender Geiſt— kleinmüthig und ohne Ballaſt in der Bruſt, um auf dem ſtürmiſchen Ocean einer Revolutionszeit, auf den ihn ſein Verhäng⸗ niß wie ſein Ehrgeiz getrieben, mit männlicher Würde zu fahren. So umfaſſend ſein Geiſt, ſo eng iſt ſein Muth. Erbauen Sie ſich an Dem, was er ſpricht. Von ihm gilt, was man von den Pfaffen ſagt:„Haltet euch an ihre Worte!“ Sie werden einen ſinnreichen Verſtand, ein ſchöͤ⸗ nes Wohlwollen, ein unermeßliches Wiſſen an ihm zu bewundern haben. Eine große Umwandelung iſt in Ber⸗ lin mit ihm vorgegangen; kennen Sie den eigenthüm⸗ lichen Fall? Ich habe von einer Unterredung gehört, die er mit Napoleon nach deſſen ſiegreichem Einzug gehabt hat, ant— wortete Hermann. Mich intereſſirte aber die Sache da⸗ mals, wo ich noch nach dem abſoluten Ich ſchnappte, nicht ſo lebhaft wie jetzt, wo ich an den merkwür⸗ digen Mann gewieſen bin. Was war es denn eigent⸗ lich? Ich erzähle es Ihnen unterwegs, erwiderte Rehfeld. Kommen Sie, es iſt die rechte Zeit; ich begleite Sie. Als Beide durch das dämmerige Haus auf die Gaſſe gekommen waren, fuhr der Baron fort: Nicht oft haben bei irgend einem bedeutenden Men⸗ ſchen kindiſche Angſt und unmännliche Eitelkeit ſich in einem ſtillen Ereigniß ſo merkwürdig verknüpft, wie bei dieſem Manne, um plötllich eine ſo unrühmliche Sinnesänderung zu bewirken. Müller, wie Sie wiſſen, lebte nach der politiſchen Rolle, die er im Cabinet des Kurfürſten von Mainz und nachher in der wiener Staatskanzlei geſpielt hatte, als Akademiker und brandenburger Hiſtoriograph in Berlin, und hatte, um im beſten Sinn auf den deut⸗ ſchen Nationalgeiſt zu wirken, Hammer's„Poſaune des heiligen Kriegs“ mit einer Vorrede herausgegeben— Sprüche und Reden Mohammed's zur Entflammung ſei⸗ ner kriegeriſchen Araber. Die glühende orientaliſche Be⸗ redtſamkeit ſollte die Herzen des Abendlandes begeiſtern und zu Thaten entflammen. Nicht wahr— der Ge⸗ danke war vortrefflich? Als aber Napoleon nach der je⸗ naer Schlacht in Berlin einrückte, zitterte Müller vor Verantwortung, fürchtete fortgeſchleppt, vielleicht wie Palm erſchoſſen zu werden. Wirklich wurde er auch vor den Kaiſer gefodert. Ich kann mir denken, mit welcher Angſt er dahin ging, obſchon es damit bei der allerhöchſten Inſtanz offenbar auf kein peinliches Verhör abgeſehen ſein konnte. Napoleon hatte vielmehr eine Auszeichnung im Sinn, gleichviel, ob für den berühmten deutſchen Ge⸗ ſchichtſchreiber oder nur an dieſem für ſich ſelbſt. Hier fand nun die berühmte Unterredung ſtatt, von der Sie gehört haben, und in der es unſerm Müller gelang, durch ſeine großartigen und umfaſſenden Anſichten über Geſchichts⸗ und Völkerentwickelung den Kaiſer für ſich einzunehmen, ſodaß er mit lebhafter Zuſtimmung und Gunſt entlaſſen wurde. Seitdem ſchwärmt Müller für Napoleon, und verdiente in der That mit der kaiſerlichen Gnade gezüchtigt zu werden, wie ihm denn auch ge⸗ ſchah. Als er nämlich eben aus dem unglücklichen Preu⸗ ßen ſich in die literariſche Einſamkeit von Tübingen retten wollte, ward er nach Paris befohlen und von Napoleon zum Miniſter⸗Staatsſecretär für das neue Königreich Weſtfalen— eigentlich zu ſagen gepreßt, denn es ging gegen ſeinen innigſten Wunſch und Willen. Aber er wehrte ſich vergebens, und mußte erleben, was er geahnt haben mochte— wie unpaſſend und wie unglücklich er ſich auf dieſem höchſten Staatspoſten befinden werde. Er erkrankte ſchwer und— aber hier ſind wir an ſeiner Wohnung. Gute Verrichtung, junger Candidat! In früherer Zeit hätte ich Ihnen eine Warnung mitgegeben; aber er iſt jetzt ein kranker Mann! Welche Warnung? fragte Hermann. Ja, welche! rief der Baron, und eilte, den Hut ſchwenkend, mit Lachen um die nächſte Ecke. Wirklich traf Hermann, als er auf ſein Anmelden durch einen ältlichen Diener vorgelaſſen wurde, den Arzt im Zimmer. Es war derſelbe kleine Doector, den er ſchon 8 ———— 5. 8— 8 49 aus der Familie Reichardt her kannte, wo derſelbe Luiſen in ihren Krampfleiden behandelte. Staatsrath Müller kam ihm mit wohlwollender Freundlichkeit entgegen, deu⸗ tete nach einem Stuhl, und bat ihn, ſich einen Augen⸗ blick zu gedulden. Während er hierauf vom Arzte ſein Recept und die. nöthige Diätvorſchrift empfing, verglich Hermann beide Geſtalten in ihrem auffallenden Abſtich. Müller, in Mitte der Funfzig, nicht groß, aber ziemlich dick, blaß und etwas aufgedunſen bei leidendem Ausſehen, bewegte ſich unbeholfen; die wenig ſagenden Augen, ſtark vorliegend, blinzten entzündet, und der gutmüthig lächelnde Mund ſpielte mit kindiſchen Zügen. Er ſprach ſchwerfällig im Schweizerdialekt, und liebte franzöſiſche Worte und Flos⸗ keln einzuſtreuen. Der Arzt Harniſch dagegen, auch ein kleiner Mann, ein angehender Dreißiger, war ungemein lebhaft, von männlicher Geſichtsbildung, kräftiger Geſichtsfarbe, feuri⸗ gem Blick und ſtarkem dunkeln Haar. Er ſprach gut und lebhaft beide Sprachen, ſprudelte von Witz und tref⸗ fenden Repliken, wobei er viel Weltmanier mit etwas gezierter Artigkeit und ein einnehmendes Weſen an den Tag legte. Er trat ſtets als ein Mann von gutem Be⸗ wußtſein hervor, der ſich ebenſo prompt und promovirt fühlte, den Herzensbedürfniſſen der Frauen, wie den kör⸗ perlichen Leiden der Männer zu Hülfe zu kommen. Als der Arzt jetzt nach ſeinem Hut griff, kam Müller zu Hermann heran und ſprach: Ich darf Ihnen ſagen, daß Sie mir ſchon beſtens empfohlen ſind,— dreifach empfohlen: von Sr. Excellenz Koenig, Jeröme's Carneval. II. 4 dem Herrn Miniſter von Bülow, von der durchlauchtigen Oberhofmeiſterin und— was mir vor allem gilt, hier mein geſchätzter Hippokrates kennt Sie auch. Von der Gräfin kam unſerm Freund eine ſolche Nach⸗ richt überraſchend. Er hatte in ſeinem Schuldbewußtſein ſich dieſes Wohlwollens ſo wenig vermuthet, daß er ſeit⸗ her nichts ſo ſehr vermieden hatte, als den alten Gang unter ihren Fenſtern vorüber. Der Arzt, dem die Ver⸗ wirrung des jungen Mannes nicht entging, ſagte mit verbindlichem Ton, aber ſehr ſchalkhaftem Blicke: Und, Herr Staatsrath, erſcheint der Herr Doctor nicht auch des Vertrauens der Staatsmänner wie der liebenswürdigen Frauen werth? Gewiß! lachte Müller. Er hat beſonders auch die Ausſtaffirung zum Diplomaten; aber es freut mich, daß er bei der Standarte der Wiſſenſchaft bleiben will. Ich ſelbſt, zwiſchen Archiven und Cabineten hin⸗ und her⸗ geworfen, habe doch vielfach den Ausſpruch meines alten Gönners, des Generalprocurators von Tronchin in Genf, wenigſtens an mir beſtätigt gefunden. Ich würde nur, weiſſagte er mir einſt, im Felde der Wiſſenſchaft glücklich und ehrlich arbeiten. Was? Auch ehrlich, und nur darin? rief mit ver⸗ ſtecktem Blick gegen Hermann der Arzt. Dann erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, was außerdem noch die deut⸗ ſche Welt Ehrenhaftes von Ihnen erwartet, da Sie jetzt doch eigentlich im Staatsgeſchäft arbeiten. Ich habe es Ihnen ſchon öfter angedeutet, aber Wiederholung ſcha⸗ det nichts. Ja, Herr Staatsrath, Sie, der bisher durch die Schrift die tiefſten und edelſten Herzen für das 54 Vaterland gewonnen, müſſen durch lebendiges Wort, durch gegenwärtigen Geiſt wirken. Auf Ihrem weſtfäliſchen Staatspoſten, weiß ich wohl, können Sie in keine„Kriegs⸗ poſaune“ ſtoßen; aber die Ohren der Fürſten und Mini⸗ ſter, die Herzen der deutſchen Jugend ſtehen Ihnen offen. Ich ſage das abſichtlich in Gegenwart dieſes jungen Freun⸗ des, der Ihnen zu huldigen und zu vertrauen kommt. Ja, ich ſage es zu ſeiner eigenen Erbauung, da er jetzt in die Geſchäfte treten will. Auch iſt er in Reichardt's Verbindungen eingeweiht, und wir dürfen offen vor ihm reden. Sie wiſſen, was ſich in Preußen, im ganzen deutſchen Norden vorbereitet; fühlen Sie, von welchem Gewicht Sie, Johannes Müller aus Schaffhauſen, auf dieſem Rütli der beſten deutſchen Männer wären. Sie ſind eingeweiht in die politiſchen Zuſtände des weſtlichen Deutſchlands, Oeſtreichs, Preußens, haben die ausge⸗ breitetſten Bekanntſchaften mit Staatsmännern und Ge⸗ lehrten, ſtehen als Menſch und Schriftſteller in hohem Anſehen; Sie ſollten der Mittelpunkt eines Bundes deut⸗ ſcher Vaterlandsfreunde ſein, ſollten bedenken, daß es jetzt weniger an der Zeit iſt— Geſchichte zu ſchreiben, als Geſchichte zu machen. Der echte Geſchichtſchreiber, der in die nächtlichen Tiefen der Vergangenheit geblickt hat, iſt der berufene Prophet der Zukunft; er hat ein entſiegeltes Auge; er kennt die Maße für das Handeln; er verſteht ſich auf den Compaß im Sturm und Aufruhr der gro⸗ ßen nationalen Unternehmungen. Sie verſtehen mich,— und Sie wiſſen, um was es gilt, und Sie haben auch ein Herz dafür, Ihrer Nation Tröſter und Erwecker zu ſein, das weiß ich; es fehlt nur Das:„Ich hab's gewagt!“ 4* 52 Der Arzt hatte dies Alles halb laut, aber ſo warm geſprochen, daß von dem gedämpften Eifer ſein mann⸗ haftes Geſicht glühroth geworden war. Müller, inner⸗ lich bewegt, aber beunruhigt, blickte bald den Doctor, bald den jungen Freund an, und erwiderte mit Empfindung: Sie mahnen mich, braver Medicus, an die großen Seher alter Zeit, die es an den Zeichen erkannten, wann Gott etwas Neues machen wollte. Ich denke an Jere⸗ mias. Die Augen hat ſich der große Prophet ausge⸗ weint; aber er ſah, daß Aſien und auch ſein Volk dem babyloniſchen König übergeben war, und er rieth— ſich darein zu ſchicken. Darüber vergaß er ſeines Volks und ſeines Grundgefühls nicht. Nun ich? Ich bin kein Jeremias, ob meine Augen gleich einen ähnlichen Schmerz verrathen; aber— Sie verſtehen mich, Sie und Sie! Und indem er Beiden die Hände reichte, fuhr er fort: Auch jetzt ſind durch die Wunder des Jahres 1806 die Nationen wie im Netze des Vogelſtellers gefangen, von Cadix bis Danzig, von Raguſa bis Hamburg, und bald iſt Alles— Empire français; ob auf 70 Jahre, wie in Babylon, oder auf 700, wie im römiſchen Reiche, wer kann es wiſſen. Napoleon iſt ein Werkzeug Gottes, Neues, nie Dageweſenes in die Weltgeſchichte einzufüh⸗ ren. Sehen Sie, das hab' ich erkannt in jener Unter⸗ haltung mit dem erſtaunlichen Manne, die ich in Berlin hatte, mit ihm, der— wie Baggeſen ſagt— nicht will, ſondern gewollt wird. Dieſe Erkenntniß liegt ſeitdem ſchwer auf meiner Bruſt. Was hat mich ſo krank gemacht, daß ich dem Tode nahe war? Sie wiſſen's, Doctor! Und wenn auch wieder geſund— was bin ich — 53 hier? Ein Fremdling in dieſem ſündigen Babylon! Das wiſſen Sie, lieber Harniſch! Und ich habe nur noch den einen Wunſch des Heimwehs: O qui me gelidis in vallibus Haemi Sistat et ingenti ramorum protegat umbra: (Ach, wer mich in die kühlen Thäler des Hämus Brächte, dorthin, wo mächtige Bäume ſchatten und ſchützen!) Er hatte ſich in Thränen geſprochen, und eilte, ein friſches Schnupftuch zu holen, ins Nebenzimmer. Der⸗ weil flüſterte der Arzt dem jungen Freunde zu: Ma foi, il serait bien intéressant, s'il m'était pas de la manchette! Als Müller gefaßter zurückkam, fuhr der Arzt fort: Sie bedenken nur Eins nicht, beſter Staatsrath! Wir ſind keine nach Babylon verſchleppte Gefangene; wir ſitzen auf eigenem Grund und Boden, und werden uns ermannen, die Eindringlinge, die Fremden, hinauszu⸗ werfen. Dieſe Selbſthülfe wird freilich nicht von unſern Fürſten ausgehen, vielmehr wird die Nation endlich er⸗ kennen, daß wir gerade ihnen die fremden Eroberer zu verdanken haben, daß ſie ihren Völkern ſelbſt fremd ge⸗ worden ſind, und daß ſie verdienen, mit den Fremden in den Kauf gegeben zu werden. Geſetzmäßige Regenten ſind allerdings heilig, flüſterte Müller; daß aber die Unterdrücker gar nichts zu fürchten haben ſollen, iſt weder nöthig, noch gut. Mit der zweiten Hälfte Ihres Ausſpruchs einverſtan⸗ den! lachte Harniſch, und empfahl ſich mit zierlicher Ver⸗ neigung gegen Müller und Hermann. Müller, des beendigten politiſchen Geſprächs unver⸗ 54 kennbar froh, nöthigte nun mit ſeiner wohlwollendſten Freundlichkeit den jungen Mann zum Sitzen. Er ſelbſt nahm vertraulich neben ihm Platz, und aus den vorlie— genden Augen und lächelnden Lippen ſprach ein ſichtbares Wohlgefallen an der angenehmen Perſönlichkeit des Can⸗ didaten. Geben Sie mir einen kurzen Lebensabriß! ſagte er; ganz kurz, ſchriftlich können Sie's dann ausführlicher thun. Hermann ſprach gewöhnlich leicht und lebhaft, doch einfach und natürlich im Ausdruck. Jetzt im Erzählen nahm er einen etwas höhern Schwung. Er fühlte ſich durch die Gegenwart eines ſo berühmten Mannes geſtei⸗ gert und dabei doch um ſo freier, als die wenig impo⸗ nirende Perſönlichkeit des Bewunderten ſein jugendliches Selbſtgefühl nicht gerade einſchüchterte. Müller ſelbſt be⸗ rief ihn dieſer gewandten und freimüthigen Art ſich aus⸗ zudrücken, und verſprach ihm von ſolcher in Deutſchland ſeltenen Gabe einen glänzenden Erfolg auf dem Katheder. . Sie gefallen mir ſehr, lieber Doctor, ſagte er, wo⸗ bei er ihm traulich auf das Knie klopfte. Sie haben Etwas, was ſchnell Vertrauen erregt, Zuneigung erweckt. Ich habe mich immer für junge Leute intereſſirt in dem Maße, als mich das Frauenzimmer kalt und gleichgültig ließ, ſodaß mir auch nie der Gedanke kam, mich zu ver⸗ ehelichen. Ich war ein kränklicher, ſchwächlicher, unbe⸗ holfener Junge, und habe mich ſpäter oft über mich ſelbſt verwundert, wie gerade in meiner ſchwungloſen Körper⸗ hülle ſich der kräftige, antike Sinn entwickeln konnte, der ſich im göttlichen Platon ausſpricht, wenn er die Neigung — „ für das andere Geſchlecht, die Liebe zu den Frauen, für niedrig und unedel erklärt. Auch ich habe, nach des Sokrates Vorbild, mehr auf begabte Jünglinge zu wir⸗ ken geſucht. In Platon's„Gaſtmahl“ iſt der ſchöne Ge⸗ danke ausgeſprochen, daß aus der ſinnlichen Blüte zwei⸗ geſchlechtiger Jugend die ſterbliche Menſchheit durch wech⸗ ſelnde Generationen ihre Fortdauer gewinne, daß aber die Weisheit eines gereiften Mannes die Seele vorzüglicher Jünglinge befruchte, ſodaß durch die Vereinigung von Schönheit und Wahrheit das Unſterbliche erzeugt werde. In dieſem Sinne, ſehen Sie, wünſche ich auch Ihnen nützlich zu werden.—— Ja, ja, ich ziehe mich gern, wie Sie ſehen, in Platon's akademiſche Schatten zurück aus dem tollen Carneval unſers caſſeler Lebens.—— Doch, ich muß mich über Ihr perſoͤnliches Anliegen er⸗ klären. So wiſſen Sie denn, ich kämpfe noch immer für Erhaltung unſerer fünf Univerſitäten, auch für Rin⸗ teln und Helmſtädt. Die Franzoſen beſitzen unſern wiſſen⸗ ſchaftlichen Sinn nicht, haben kein Gewiſſen für die par⸗ ticulären Vermächtniſſe der Abgeſtorbenen; alle ſpeciellen Fonds ſollen zuſammenfließen,— tresor public werden. Nein, da verlöre ja Alles ſeine Natur und Kenntlichkeit und würde auseinandergeriſſen, bis kein Stein auf dem andern und kein Thaler in der Kaſſe bliebe für Gehalte und Freitiſche. Sehen Sie, auf dieſem Kampffelde ſtehe ich. Bis zum Herbſt wird es ſich entſcheiden, was bleibt und wie's organiſirt wird. Wenn aber auch einige der hohen Schulen eingeſchmolzen würden, brauchen wir doch immer junge Kräfte, und ich werde Ihnen eine gute Stelle ſchaffen können. Bis dahin rathe ich Ihnen zu keiner Hofmeiſterſtelle. Sie haben's gerade nicht noͤthig, und gewinnen eine koſtbare Zeit und Sammlung des Geiſtes. Unternehmen Sie lieber eine wiſſenſchaftliche 11 Arbeit. Wiſſen Sie was? Ueberſetzen und bearbeiten Sie Platon's„Gaſtmahl“! Kein Werk der Alten verbindet ſo herrlich Poeſie mit Philoſophie. Und bedenken Sie, welche Bedeutung ein ſolches Büchlein gerade in Weſt⸗* falen, in Caſſel, überhaupt in der Gegenwart hätte. b Beim Gaſtmahle eines gekrönten Dichters, beim kreiſenden Pokal wird über das Weſen der Liebe verhandelt, alle Seiten oder Richtungen dieſer die Welt ſchaffenden, er⸗ haltenden, beſeligenden Gotteskraft werden in anmuthig ernſten und humoriſtiſchen Reden entwickelt. Welch' ein Heiligthum, das ſich da inmitten der Leichtfertigkeiten und Orgien, der Verirrungen und Verwirrungen unſers eaſſe⸗ ler Liebelebens aufthäte! Aus dem Blütenkelche, aus„ der üppigen, betäubenden Blätterfülle des Genußlebens wüchſe eine heilſame Frucht der Weisheit, ein Same der Beſinnung, eine koſtbare Nieswurz. Wahrlich, Herr Staatsrath, ein großer, ein ſchöner Gedanke! rief Hermann, und jener fuhr fort: Nicht wahr? Und ich beſitze eine ſchöne Literatur über dieſen und andere Platoniſche Dialoge. Die ſchicke ich Ihnen gleich zu, und wir beſprechen uns darüber. Sie müſſen mich öfter beſuchen! Ich bin gerührt von Ihrem Wohlwollen! ſagte Her⸗ V mann. Wie dürfte ich aber wagen, Ihre koſtbare Zeit— Wohl bedarf ich der Zeit, erklärte Müller, aber auch mehr als je der Erholung. Bin ich doch ſogar in Abend⸗ geſellſchaften gegangen, die mich mehr erſchopfen als er⸗ quicken. Und Beſuche, die ich täglich von Leuten erhalte, die in Noth, in Schulden und betrübten Herzens ſind, kann ich nicht für Ergötzungen nehmen. Auch nothigt mich meine geſchwächte Geſundheit, Abends 8 Uhr Ab⸗ ſchnitt im Arbeiten zu machen. Kommen Sie nur! Und wiſſen Sie was? Statt der Hofmeiſterei ſuchen Sie lie⸗ ber in unſern höhern Familien Unterricht, Vorleſung oder ſo was zu geben; das läßt Ihnen freie Hand und bildet für die Welt, gibt Ihnen Stellung und öffnet Ihnen einen hohen Weg für Einfluß auf die Geiſter und Herzen. Ich werde Ihnen Empfehlungen geben. O wir haben doch vorzügliche Männer hier, auch unter den Fran⸗ zoſen! Sie ſehen, ich kann's nicht laſſen, Andere leiten zu wollen, obſchon ich an mir ſelbſt erfahren, wie Alles, was wir leben, ein unbegreifliches, unwiderſtehliches Spiel des Schickſals iſt. Bin ich doch ganz wider Willen hier⸗ her in dieſe weſtfäliſche Fremde gekommen! Ich dachte, in der Einſamkeit von Tübingen ein fünf bis ſechs Jähr⸗ chen der ſtillen Ausarbeitung meiner Werke zu leben. Die öffentlichen Begebenheiten hatten mich ſo angegriffen, ich fühlte mein zunehmendes Alter und wollte mit Aus⸗ führung meiner Plane eilen. Wie ſehnte ich mich in die gewünſchte Ruhe! Vergebens! Ich mußte hierher kom⸗ men, wo ich durch das Miniſterium des Staatsſecreta⸗ riats bald in eine ungewöhnliche Abſpannung und in Nervenzufälle verfiel, die mich vermochten abzudanken. Aber der wohlwollende König, ſtatt mich zu entlaſſen, ſuchte ſonſt zu helfen. Ich blieb als Staatsrath und Generaldirector des öffentlichen Unterrichts. Aber auch ——— V 1 e dabei bin ich noch entſetzlich überladen, ſodaß ich erſt ſeit kurzem Abends um 8 Uhr ein wenig zum Studiren oder zu geſelliger Erholung komme. Als der redſelige Mann hier eine Pauſe machte, er⸗ hob ſich Hermann, zu gehen, indem er ſeinen Dank für die wohlwollenden Abſichten und ſeine Verehrung gegen Müller in wenigen, aber warmen Worten ausdrückte. Müller, der ihn unter lebhaftem Nicken zur Thüre be⸗ gleitete, ſagte noch: Ja, ſehen Sie, junger geſunder Mann, ſo lebt man und— ſo kommt man herunter! Sie Glücklicher! O wär' ich noch einmal ſo jung und ſo bei Kraft! Ach, Sie haben noch Ihre ſchöne Zukunft vor ſich! Gott ſegne ſie Ihnen! Laſſen Sie mich Ihnen noch als Gaſtgeſchenk die in meinem wechſelvollen Leben gewonnene Ueberzeu⸗ gung zur Lebensregel mitgeben:„Für ſich der höchſten Leitung zu folgen, für die Welt wohlthätig zu wirken, darin liegt das Geheimniß unſers Glücks und der Kern aller Moral!“ Sechstes Capitel. Ein Speiſezettel. Hermann kam wunderbar bewegt nach Hauſe. Lina trat ihm mit der Mutter aus der Küche entgegen, be⸗ grüßte ihn in der Dämmerung des Vorplatzes mit dar⸗ gebotener Hand, und fragte, ob es ihm recht ſei, ein Stündchen mit ihr zu leſen. Es war ihm angenehm, auf andere Gedanken zu kommen, und ſie lud ihn durch die offene Stube der Mutter nach dem Altan. Die junge Frau konnte ſich noch nicht gewöhnen, den Tag über allein zu Hauſe zu bleiben. Ihr Ludwig kam nur ausnahmsweiſe dann und wann einmal auf Augen⸗ blicke nach ſeiner etwas entlegenen Wohnung; denn er hielt gern als Bureauchef die Arbeitsſtunden ein, und dieſe dauerten von Morgens 9 bis Nachmittags 5 Uhr, wo dann das Geſchäft geſchloſſen ward, die franzöͤſiſche Tiſchſtunde eintrat und der übrige Tag Jedem zu freier Verfügung blieb. Thätig von Naturell, und von ihrer einfachen Häuslichkeit noch nicht vollauf beſchäftigt, nahm daher Lina gern die Mutter, die ſich ja ebenfalls einſam und verlaſſen fühlte, zum Vorwand, ſich einen Ausgang zu ihr zu machen. Auf dem Altan, wo ihr Buch auf einem Tiſchchen lag, bemerkte ſie des Freundes aufgeregte Stimmung, und jetzt fiel ihr auch ſein ſorgfältiger Anzug auf. Was 60 ſie ſich auch dabei denken mochte, ſie ſah ihn betroffen an, und erſt, als er ſagte, daß er vom Staatsrathe von Müller komme, rief ſte vergnügt aus: Und der hat dir wol wenig Hoffnung gemacht, nicht wahr? Ei, verſetzte er, du ſagſt das, als ob es etwas An⸗ genehmes wäre? Aber nein, es iſt nicht um mich, es iſt um ihn, daß ich ſo erregt bin. Es iſt ein Mann, liebe Lina, der Einen erheben und doch zugleich jammern kann. So unanſehnlich von Geſtalt und ſo herrlichen Geiſtes, ſo ſtolze Gedanken bei ängſtlichem, unterwürfigem Beneh⸗ men, ſo— ich mochte ſagen— faſt widerwärtig durch ſeine Manieren und Annäherung, und doch durch Wohl⸗ wollen und edle Empfindungen ſo anziehend und einneh⸗ mend.—— Sieh' da, im Augenblicke fällt mir ein Vergleich ein! Er iſt ein Tagfalter— im Uebergang aus ſeinem verlarvten, verpuppten Zuſtande begriffen. Der Mund deutet noch auf die gefräßige Raupe; der kurze, ſchwammige Körper erſcheint als die wulſtige Puppe, aus welcher der Geiſt ſeine Fühler des Ewigen ſtreckt. Die Flügel ſchimmern chryſalidiſch hervor, mit denen er die Geſchichtswelt durchflattert, und die Blätter, die er erſt als Forſcher zernagte, nun er ſich auf ihnen niederläßt, mit Goldſtaube färbt. Er erklärte ſich für hergeſtellt von einem bedenklichen Leiden; aber ich halte ihn noch für ſehr krank, wenigſtens an einem Schweizerheimweh der Seele. O ich verſtehe ihn: er iſt auch ein Fremdling an dieſem luſtigen, weſtfäliſchen Hofe, wie ſo Mancher. Auch? fragte ſie betrübt. Fühlſt du dich denn ſo fremd bei uns? . 1 61 Bei euch nicht, Lina! antwortete er, und nicht, wenn ich von hier oder von droben hinaus in die herrliche Natur blicke; wohl aber, wenn ich an meine Zukunft denke und an die Atmoſphäre der Geſellſchaft, durch die meine Pfade führen. Nach Dem, was ich in jüngſter Zeit erfahren, oder— ich muß eigentlich ſagen empfun⸗ den habe, iſt es auch mein innigſtes Verlangen, mich in die Heimat eurer Freundſchaft und auf den Verkehr mit der treuen, unanfechtbaren Natur abzuſchließen. In die⸗ ſer Zurückgezogenheit liegt zugleich auch der ſtille Weg in meine Zukunft, den mir Müller angedeutet hat. Und ich darf davon wiſſen, Hermann? fragte ſie. Es iſt eine gelehrte Arbeit, mit der ich mich für ein Katheder vorbereiten ſoll. Bis zum Herbſte hofft er eine Stelle für mich zu haben,— vielleicht in Göttingen. Das freut mich, ſagte Lina,— wenn auch nur für dich! Wir koͤnnen dich dann verlieren, und wenn du dich jetzt in deine Arbeit vertiefſt, haben wir dich eigentlich bis dahin auch nicht, und du vergiſſeſt ganz die Ge⸗ ſellſchaft. Das doch nicht, liebe Lina! Müller hat mir viel— mehr ſelbſt, ſo wenig geſellig er lebt, die Arbeit aus dem Geſichtspunkt der Geſellſchaft, namentlich der caſſeler an⸗ empfohlen. Sie dreht ſich nämlich— denke dir!— um die große Frage: Was iſt die Liebe. Eines der ſchön⸗ ſten und edelſten Werke, die aus dem Alterthum auf uns überkommen ſind: das ſogenannte„Gaſtmahl“ von Platon! Aber das mußt du mir erklären! rief Lina freudig aus. Den Gaſtwirth Platon kenn' ich ſchon ein wenig, Ludwig hat einmal von ihm geſprochen; er war ein grie⸗ chiſcher Weltweiſer oder Philoſoph, nicht wahr? Ja, Lina, einer der herrlichſten Geiſter unſers Ge⸗ ſchlechts, der zwiſchen drei⸗ und vierhundert Jahren vor Chriſtus lebte und in Athen lehrte. Und ſein— Gaſtmahl? Aber— erſt lege den ehren⸗ feſten Beſuchfrack ab und mache dir's bequem. Wenn ich dir Audienz gebe, mußt du häuslich ausſehen. Sie rief der Magd, des Herrn Doctors Hausrock herunter zu holen, und fuhr dann fort: Das gibt eine prächtige Mahlzeit. Aber ich höre die Mutter ſchon mit den Zwölfuhrtellern klappern. Mutter! rief ſie durch das nach der Küche offene Zimmer, decke für Drei! Ich eſſe mit; wir haben ein koſtbares Gaſtmahl zu erwarten. Oho! lautete die Antwort. Spitzt euch nur auf keine Tractamente! Ihr bekommt eine gute Suppe und Ham⸗ melbraten, freilich mit jungen Rübchen und Zuckererbſen, und— ſoll ich euch vielleicht noch einen Eierkuchen dazu machen mit Schnittlauch oder mit etwas eingemachtem Obſt? Beide lachten herzlich über das unſchuldige Misver⸗ ſtändniß der freundlichen Mutter, worauf dann Lina, ihr mitgebrachtes Buch bei Seite ſchiebend, ſich als Zuhörerin bequem ſetzte, und Hermann ſich, im Hausrock etwas leichter als vom Katheder, hören ließ: In ſeinen Schriften, liebe Lina, geht Platon ſtets darauf aus, zu zeigen, wie ein wahrhaft gebildeter Menſch mit der Beſonnenheit höherer Erkenntniß und Einſicht auch Begeiſterung für das Schöne verbinden müſſe. Er 63 kleidet daher auch gleich ſelbſt ſeine tiefſinnige Weisheit in ein dichteriſches Gewand, und zwar in die Form von Geſprächen, die ſozuſagen eine geſellige, entwickelnde At⸗ moſphäre ſeiner großen Ideen bilden. Dieſe Verbindung von Kunſt und Erkenntniß iſt ihm vielleicht am vollkom⸗ menſten in dem koſtbaren Dialog:„Das Gaſtmahl“ betitelt, gelungen. Wir finden uns nämlich durch eine einleitende Erzählung in die Wohnung Agathon's verſetzt, — eines reichen, jungen und ſchönen Poeten. Er hat, ungefähr im Jahre 417 vor Chriſtus, in einem öffent⸗ lichen Wettkampfe für die beſte Tragödie— wie ſolche poetiſchen Wettkämpfe damals in Griechenland üblich wa⸗ ren— den erſten Preis errungen, und bewirthet nun bei ſtiller Nachfeier ſeines Siegs einen kleinen Kreis lie⸗ ber Freunde. Das erſte, rauſchende Feſt war nämlich Tags vorher begangen worden, und eine mildere Fröh⸗ lichkeit ruht auf der vertraulichen Nachfeier. Das ſonſt übliche Wetttrinken iſt heut aufgehoben; die Flötenſpiele⸗ rin, die Tänzerin und der Spaßmacher, die bei einem lauten Feſte nicht fehlen durften, ſind aus dem Saal verwieſen, und ſtatt ihrer bringen, auf den Vorſchlag eines ärztlichen Mitgaſtes, die Zecher des Nachtiſches, in der Reihenfolge von der Linken zur Rechten des Gelags, ihre Lobreden auf Eros, den Gott der Liebe. Dieſe Reden ſteigern ſich in der innern Bedeutung und nach der verſchiedenen Auffaſſung der Liebe, bis am Schluſſe Sokrates, Platon's Lehrer, alle Einſeitigkeiten und Gegen⸗ ſätze der Betrachtung in einer glänzenden Rede zuſammen⸗ faßt. In dieſer Rede zeigt er uns die Liebe als Ver⸗ mittlerin des Göttlichen und Menſchlichen, als die Aus⸗ — „—u 64 ſpenderin alles Unſterblichen in dem vergänglichen Leben, und weiſt dabei nach, daß nur durch Beherrſchung des bloßen Sinnenlebens ſowie des einſeitigen ſelbſtſüchtigen Verſtandes das wahre Glück des Daſeins zu erlangen iſt. Doch der Abend ſchließt nicht mit ſo erhabenem Ernſt. Der Nachtſchwärmer Alkibiades, der ausgelaſſene Liebling der athenienſiſchen Geſellſchaft, dringt unter den luſtigen Tönen der Flötenſpielerin mit Zechgenoſſen in den Kreis. Halb berauſcht, aber von dem weiſen Arzte an die geiſtige Weihe des Abends gemahnt, hält auch er eine Lobrede auf Sokrates, als den von der höhern Liebe Beglückten. Die Trinkſchale kreiſt jetzt lebhaft, die Froͤhlichkeit wird laut und lauter, bis einer um den andern der luſtigen Zecher erliegt oder entſchlüpft, und ſelbſt die beiden Poe⸗ ten des Kreiſes in den Schlaf ſinken. Nur Sokrates bleibt bis zum anbrechenden Morgen wach, und geht friſch und beſonnen an ſeinen Tag, um zu zeigen, wie der ſelbſtbewußte, ſittliche Menſch, auch wenn ihn die Gelegenheit einmal zum Uebermuth und Uebermaß hin⸗ reißt, ſich doch ſchnell wieder zur ſittlichen Ordnung und Harmonie zurechtfindet. Wie reizend iſt das! rief Lina, und gibt uns einen Einblick in das Leben jenes gebildeten Volks. Nun aber die Reden, die gehalten worden? Auf dieſe kommen wir gelegentlich meiner Arbeit. Ich muß mich erſt ſelbſt wieder mit den vertheilten An⸗ ſichten über das große Lebensthema der Liebe bekannt⸗ machen. Mein Zweck erfodert eine doppelte Ueberſetzung, nicht blos in unſere Sprache, ſondern auch in unſere Anſchauungsweiſe. Aber ich ſehe nun recht ein, welchen Achtes Capitel. Sehnen und Suchen. Während dies Strauchſchützenpaar ihren Bogen ſpannte, um aus dem Verſteck einen Gegner zu erlegen, fügte es ſich, daß unſer junger Freund in den Umkreis des Bedrohten geführt werden ſollte. Hermann war eine Woche lang in ſeine Arbeit ver⸗ tieft geweſen. Das Verſtändniß wie die Verdeutſchung des Platoniſchen„Gaſtmahls“ hatten ihn eingenommen und beſchäftigt. Er war aber nicht gemüthsfrei, gewiſſer⸗ maßen nicht unparteiiſch genug, um ſich bei der beſtimm⸗ ten Arbeit zu halten, ſondern von Erinnerungen und Nachklängen ſeiner leidenſchaftlichen Stimmung noch ſo bewegt, daß er unvermerkt immer wieder aus dem Ueber⸗ ſetzen ins Ueberlegen, aus dem Nachbilden ins Nachden⸗ ken gerieth. Die verſchiedenen Anſichten der Platoniſchen Freunde in ihren Reden zum Preis des Gottes der Liebe verlockten ihn zum eigenen tiefern Philoſophiren über das Weſen dieſer weltbewegenden Gotteskraft. Er war ge⸗ wiſſermaßen in den ſinnlichen Stoff der Liebe verwickelt worden, aus dem er ſich zu befreien ſuchte, und kam vor allem von dem Irrthume zurück, als ob auf ähnliche Weiſe, wie die Perle nur durch Erbrechung der Muſchel gewonnen wird, auch die Liebe in der Hingebung, die ein reizendes Weib gewähren kann, verſchloſſen ruhe und Koenig, Jeröme's Carneval. II. 6 ——————————— ———.——— ————— ͤͤ 82 von der Leidenſchaft erobert ſein wolle. Ueber den Un⸗ terſchied von Liebe und Leidenſchaft mußte er ſich zuerſt ins Klare ſetzen. Zweierlei kam ihm dabei zu ſtatten. Hermann's ſittliche Bildung war aus einer glücklichen Häuslichkeit und aus einer guten Schule einfacher, klarer Grundſätze hervorgegangen, und ruhte zugleich auf einem geſunden, unverwöhnten und gerade nicht unbändigen Na⸗ turell. Sodann aber war die erſte Erfahrung, die ſein verlocktes, jugendlich-bethörtes Herz in leidenſchaftlicher Neigung gemacht hatte, unbefriedigend und beſchämend genug ausgefallen. So wurde ſein Nachdenken durch nichts getrübt, und die Klarheit der gewonnenen Einſicht war ſtark genug, ſeinem fernern Thun und Laſſen eine bewußte, befeſtigte Richtung zu geben. Mit der Schwär⸗ merei, die ihm einmal eingefleiſcht war, faßte er gleichſam als Wehr und Waffe die ſchwungvollſten Vorſätze für ſeine Zukunft, und legte ſelbſt einen gewiſſen ſittlichen Stolz gleichſam als Panzerhemd auf ſeinen bedrohten Lebensweg an. Dergeſtalt war ihm eine gelehrte Arbeit, die ihn zu⸗ erſt vom geſelligen Verkehr zurückzog, in eine ausübende Richtung umgeſchlagen, die ihm allmälig wieder den Um⸗ gang mit Menſchen lieb machte, wie ja ebenfalls ein Bewaffneter, ſich zu verſuchen und zu bewähren, hinaus⸗ getrieben wird. In dem Maße, als er ſich dem ſinn⸗ lichen Triebe, der verlockenden Leidenſchaft gewachſen fühlte, gab er einem ſehnſüchtigen Verlangen nach Glück und Liebe nach. Die gelehrte Arbeit, die erſt durch ſich ſelbſt 8 ihm eine volle Befriedigung verſprochen hatte, erſchien ihm jetzt mehr nur als Mittel und Weg zu einer feſten Stel⸗ — 0◻—-ʒ—— 84 — lung im Leben und zu Anſprüchen an die Liebe. Er empfand jetzt lebhafter das Oede vereinſamter Liebe zur Wiſſenſchaft. Er wollte keine Monologe, ſondern einen Dialog der Liebe; er verlangte auch ſein Gaſtmahl des Lebens angerichtet zu finden. Wie reizend malte er ſich den Einklang zweier Seelen aus, die Innigkeit zweier Her⸗ zen, das trauliche Glück um ein luſtiges Herdfeuer! Aber freilich— die Stelle mußte vor allem gefunden ſein, auf der ein häuslicher Herd ſtehen konnte, mit einem ſchützenden Dache darüber, mit einer behaglichen Wohn⸗ ſtube daran, einem heimlichen Arbeitszimmer gegen Mor⸗ gen, weil Morgenſtunde Gold im Munde hat, mit einem rein durchlüfteten Schlafgemach, und daran muß eine Kin⸗ derſtube ſtoßen, und an der Wohnſtube ein Sälchen für kleine gute Geſellſchaft, die in einem Vorſtübchen Mäntel und Hüte ablegen kann. Ach, es muß doch eine geräu⸗ mige Stelle ſein, die er nöthig hat; denn die liebe Frau wird auch eine Vorrathskammer, einen Verſchlag für das Geräth, eine Waſchküche, ein Hühnerſtällchen brauchen, und die einverſtandenen Herzen erwarten auch beſuchende Freunde, und werden freundliche Manſarden nicht entbehren können. Dieſe Stimmung, dies Sehnen und Suchen machte den jungen Freund mittheilſam, und da die Fragen ſeiner augenblicklichen Beſchäftigung ſo innig mit den innern Er⸗ lebniſſen des Herzens zuſammenhingen, ſo floſſen ſie leicht in einander über; das eigene Forſchen ward ſich klarer durch die überſetzten Reden des alten Philoſophen, und Dem, was Hermann den Freundinnen von ſeiner Arbeit mittheilte, war gar Manches beigemiſcht, was er nicht aus 6* 1 — ͦ——— dem Platon, ſondern aus dem träumenden Herzen über⸗ ſetzte. Lina, die eine Freundin, nahm viel zu lebhaftes In⸗ tereſſe an allem, was Hermann anging, um Luiſen nicht mit hineinzuziehen, mit der ſie jetzt in friſchem lebhaften Verkehr ſtand. Die junge Frau war durch Hermann in einer geiſti⸗ gen Entwickelung begriffen, worin ihrem glücklichen Na— turell innere und äußere Lebensverhältniſſe zu Hülfe kamen. Eine frühe Heirath half ihr noch vor vollendeter Ausbil⸗ dung zu jener Freiheit des Gemüths, die eine Verheira⸗ 1 thete vor der Unvermählten dadurch voraus hat, daß ſie einen höhern Standpunkt in der Geſellſchaft und durch die Fülle der Liebe einen weitern Horizont für das menſch⸗ liche Daſein gewinnt. Es kommt noch hinzu, daß ſelbſt die Converſation ſich für ſie durch Gegenſtände erweitert, 3 die dem Ohr der Jungfrau entzogen bleiben. Mit dieſer Freiheit der Betrachtung verknüpfte ſich bei Lina durch ihre guten Vermögensverhältniſſe eine freiere Bewegung im Alltagsleben. Ihr kleines Haus brachte keine über⸗ ladenen Verrichtungen mit ſich, zumal ſie von guten Dienſtboten unterſtützt und nicht ängſtlich war, bei außer⸗ ordentlichen Vorkommniſſen des geſellſchaftlichen Verkehrs Aushülfe zu nehmen. Dabei legte ſie weniger, als viele Frauen, Werth auf künſtliche Leiſtungen der Nadel, des Häkels oder der Strickſtoͤcke. Andere damit zu beſchäfti⸗ gen, die davon leben müſſen, ſchien ihr anſtändiger für Alle, die nicht gerade auf beengende Sparſamkeit ange⸗. wieſen ſind, und edler für Jene, die Geiſt und Herz auf edlere Beſchäftigungen wenden moͤgen. So gewann 8⁵ fie Zeit, jene Seite ihres ſchön begabten Weſens auszu⸗ bilden, die im älterlichen Hauſe unbeachtet geblieben war. Sie las indeß nur das Beſte, was Geiſt und Herz erheben und durch eigenes Nachdenken bereichern konnte. An Begabung dazu fehlte es ihr nicht. Lina beſaß von Natur ein leiſes Empfindungsvermögen für das Schöͤne und Wahre und den feinen errathenden Sinn für geheim⸗ nißvolle oder tiefe Gedanken. Phantaſie und Verſtand kamen unter dem Einfluſſe eines beſonnenen Gatten und unterrichteten Freundes bald in jenes ſeltene Gleichgewicht, das ihre Thätigkeiten auseinanderhält und auf die rich⸗ tigen Gegenſtände vertheilt. Lina that nie phantaſtiſch mit dem Alltagsleben, aber auch nie hausbacken in Din⸗ gen einer höhern Anſchauung. Und ſo gehoben oder ge⸗ ſteigert ihre Gedanken und Empfindungen zuweilen ſein mochten, fanden ſie immer doch einen einfachen, natürlichen Ausdruck. Anfänglich ging es ihr wie vielen begabten Frauen, die mit ihrer verſchönernden Einbildungskraft jene Erſcheinungen und Begegniſſe des Lebens zu überkleiden lieben, über die ſich reizbare oder verzärtelte Gemüther gern täuſchen mögen, oder die ſie in Abrede ſtellen, wenn ſie es nicht etwa ſchicklicher finden, ſich vor ihnen zu ent⸗ ſetzen. Auch Lina meinte, man müſſe das Leben idealiſi⸗ ren. Sie ließ ſich aber nach und nach beſcheiden, daß der richtige Idealismus nicht darin beſtehe, daß man die wirk⸗ lichen Dinge der Welt umträume oder über ihre Erſchei⸗ nung erhöhe, ſondern darin, daß man ſie in der Noth⸗ wendigkeit ihrer Beſchränkung und Verkümmerung begreife, und den lebendigen Punkt erkenne, in welchem ſie, ihrer Idee entſprechend, dem geſammten Daſein angehoͤren, wie 86 ſie eben ſind. Sie hatte ſich eine Aeußerung des Kapell⸗ meiſters Reichard gemerkt, der gelegentlich einmal ſagte: Es kommt wol vor, daß auch in gleichgültigen Dingen phantaſievolle Frauen gern hohe und bedeutende Bezie⸗ hungen erblicken und ſich entzücken. Daran mögen denn auch junge Leute ihr Wohlgefallen haben. In höhern Jahren aber thut einem Manne nichts wohler, als mit Frauen zu verkehren, die das Leben auch in ſeinen dun⸗ keln Untiefen kennen, kennen und verſtehen, und mit denen man ſich dann— da edle Frauen die Welt doch immer wieder anders als die Männer anſehen— darüber verſtändigen kann, wo denn der letzte Funke von Wahr⸗ heit auch in den größten Thorheiten und Verirrungen der Menſchen liege, und wie das Göttliche in den Dingen und in den Bildungen des Lebens auch in den tiefſten Ausartungen am Ende doch wieder zu ſeinem Recht und Sieg gelangen werde. An den muſtkaliſchen Abenden bei Reichardt fand Her⸗ mann gewöhnlich beide Freundinnen ein Stündchen vor⸗ her auf Luiſens Zimmer. Lina pflegte nämlich ihrem Manne vorauszukommen, weil Ludwig nach ſeinem Fünf⸗ uhrtiſche der Ruhe bedurfte. Sein Dienſteifer war bei überladenem Bureau ſtärker als ſeine etwas nervöſe Con⸗ ſtitution. Lina und Luiſe wurden bald nach der erſten Bekanntſchaft vertraut noch durch manches Andere, als ihr gemeinſamer Geſang war, in welchem Lina's Sopran und Luiſens Alt prächtig zuſammenklangen. Beide intereſſtr⸗ ten ſich nämlich für den Freund, der ihre Bekanntſchaft vermittelt hatte. Aber in dieſem Intereſſe klangen ihre Herzen nicht immer ſo wohlthuend zuſammen, wie ihre Stimmen am Streicher'ſchen Flügel. Ein Misverſtändniß oder eine falſche Vorausſetzung ſtörte einige mal ihre Herz⸗ lichkeit. Lina begriff, wieviel Anziehendes Luiſe für Män⸗ ner hatte, ſetzte ſich aber immer feſter in dem Zweifel, ob Hermann durch eine Verbindung mir ihr glücklich wer⸗ den könnte. Sie misverſtand eben Luiſens Theilnahme an dem Freunde oder doch deſſen bewundernde Begeiſte— rung für dieſelbe. Und Luiſe hinwieder nahm die un⸗ befangene Zuneigung der jungen Freundin für Hermann viel zu ſchwer. Sie ſah darin wenigſtens ein gedanken⸗ loſes Sichgehenlaſſen auf die Gefahr einer Herzensver⸗ irrung hin. Für den jungen Freund fürchtete ſie von der ſchmeichelhaften Vertraulichkeit einer ſo ſchönen Frau, wenn keine Verlockung, doch eine Verweichlichung, wäh⸗ rend ſie damit umging, ihn für die ernſten Angelegenhei⸗ ten des Vaterlandes einzunehmen. Bei ſolcher Abſicht blieb ſie nicht frei von jener Eiferſucht des Herzens, die auch ohne eigentliche Liebe einen bevorzugten Freund gern ausſchließend erfüllen und lenken möchte. Daß ſich dabei nach und nach auch eine zärtliche Neigung einſchleichen könnte, ſchien ſie unter dem wehmüthigen Andenken an den ſeligen Geiſt ihres theuern Eſchen nicht zu fürchten, wenn ſie ſich überhaupt Rechenſchaft darüber gab. Denn die klarſten Menſchen behalten gern eine dunkle Stelle im eigenen Herzen. Luiſe hatte mit ihren reizbaren, ſelbſt von der täglichen Atmoſphäre abhängigen Nerven zu kämpfen. Sie unterlag leicht trüben, ja verdrießlichen Stimmungen, wobei ſie durch Nachgiebigkeit des auf ſie ſtolzen Vaters und der rückſichtsvollen Stiefmutter etwas Herriſches an- 88 genommen hatte. Gegen Lina kam noch ihre Ueberlegen⸗ heit des Alters und unglücklicher Erlebniſſe dazu. Denn die Schläge des Schickſals ſind oft Ritterſchläge, die auch ein edles Herz ſtolz machen, indem ſie es adeln. Heut unter Gewitterluft konnte ſie, als Lina froͤhlich bei ihr eintrat, eines ſtillen Verdruſſes kaum mächtig wer⸗ den, ſodaß die unbefangene junge Frau etwas betreten ward. Luiſe beſann ſich indeß, und brachte gleichſam als ſtillſchweigende Entſchuldigung ein Schreiben ihres berliner Freundes Schleiermacher zur Sprache. Der edle, hochgeſinnte Menſch, ſagte ſie mit Stolz, hat wieder eine herrliche Predigt gehalten. Der unanſehnliche, etwas verwachſene Mann, wenn er hoch über den Ba⸗ vonneten des entſetzlichen Marſchalls Davouſt auf der Kan⸗ zel ſteht, wird durch Muth und Trotz groß und mächtig, und reißt mit ſeinem gewaltigen Wort für König und Vater⸗ land die volle Kirche hin. Nur die nähern Freunde ſetzt er in Angſt und Sorge. Freilich— lächelte ſie— wenn auch unſer Hermann keine Berichte mehr über die gottgeſandten Männer des Vaterlandes erſtattet, ſo wird es doch an Polizeiſpionen von Profeſſion oder auch Con⸗ feſſton in der Charitekirche ſchwerlich fehlen. Schleier⸗ macher ſelbſt ſcheint ganz heiter dabei. Unbekümmert um die Beſorgniß der Freunde, wie um ſich ſelbſt, ſchreibt er mir da. Nur die eine Stelle ſcheint ſich auf die War⸗ nungen ſeiner treuen Anhänger zu beziehen. Sie nahm den Brief von ihrem Schreibtiſche und las: „Wer einen höhern Geſichtspunkt für ſich ſelbſt ge⸗ funden hat, als ſein äußeres Daſein, kann auf ein⸗ zelne Momente die Welt aus ſich entfernen. So wer⸗ — —õ—— 1 —— . 3 ——— 89 den Diejenigen, die ſich ſelbſt noch nicht gefunden ha⸗ ben, nur auf einzelne Momente wie durch einen Zau⸗ ber in die Welt hineingerückt, ob ſie ſich etwa finden möchten.“ Ich glaube den Gedanken zu verſtehen, ſagte Lina, und er iſt tiefſinnig und ſo wahr als ſchön geſagt. O das iſt mir lieb, daß Sie das finden, liebe Lina! rief Luiſe, indem ſite ihre Hand ergriff. Wiſſen Sie, woran ich dabei gedacht habe? An unſern Freund Her— mann. Helfen Sie mir ihn auch in die Welt hinein⸗ rücken, damit er ſich endlich finde. Ich weiß, wir lieben ihn ja; doch gerade darum koͤnnen wir ihm eben nichts Lieberes erweiſen, als daß wir ihm zum vollen Werth ſeines Selbſt verhelfen. Sie wiſſen ja— nur durch die Welt kommen wir zu uns ſelbſt.. Und wie meinen Sie das? fragte Lina. Wie helfen wir dem Freunde? Er muß ſich den öffentlichen Angelegenheiten widmen, rief Luiſe mit Begeiſterung: der großen Aufgabe der Zeit— unſere Schmach, unſere Erniedrigung zu brechen, was es auch koſte, und wenn ſelbſt das Leben! Lina war einige Augenblicke betroffen, dann verſetzte ſie etwas ängſtlich geſpannt: Ich weiß es, was Schiller ſagt: Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht—; aber, liebe Luiſe, wie man durch das Leben zu ſich ſelbſt kommt, ſo gibt es in demſelben auch Richtungen und Wege, auf denen man ſich ſelbſt verliert. Und allerdings halte ich es für noch ſchlimmer, am Leben zu bleiben und ſein wah⸗ res Selbſt zu verlieren. O ja, oder Die zu verlieren, Die zu entbehren, die 11 —— —— 3—— ——— 1 —— — man liebt, und mithin für ſein beſſeres Selbſt hält! fiel Luiſe mit anzüglicher Leidenſchaftlichkeit ein, ſuchte ſich aber raſch zu faſſen und zu verbergen, indem ſie etwas gelinder fortfuhr: So verliert man auch oft liebe Freunde dadurch, daß dieſe ſich im Leben finden. Mir geht's ebenſo mit Schleier⸗ macher. Er ſchreibt mir noch—. Sie las eine andere Stelle des Briefes: „Freundſchaft iſt partielle Ehe, und Liebe iſt Freund⸗ ſchaft nach allen Richtungen, univerſelle Freundſchaft. Das Bewußtſein der nothwendigen Grenzen iſt das Un— entbehrlichſte und das Seltenſte in der Freundſchaft.“ Sie ſetzte dann mit wiedererwachendem Eifer hinzu: Wie ich nämlich von anderer Seite höre, geht mein alter Freund damit um, ſich zu verheirathen. Nun ja! Er will's mit der univerſellen Freundſchaft verſuchen! Dann wird er auch bald genug die Kriegsfahne einziehen, und— zwei Kopfkiſſen daraus machen! Indem ſie dabei aufſtand und den heftig zuſammen⸗ gefalteten Brief beiſeite legte, ſprach ſie weiter: Da hat er mir auch noch ein Blatt beigefügt, das mich wenig angeht. Ich will's Ihnen mitgeben. Es ge⸗ gehört, wie er mir ſchreibt, zu einem„Katechismus der Vernunft für edle Frauen“, Schreiben Sie es ſich ab. Es ſind neue Zehn Gebote der Liebe. Nicht jetzt leſen, Liebe! Stecken Sie's ein und bringen mir's nächſtens wieder mit. Es kann als Amulet, als Talisman in Caſſel dienen, wo es keiner ſchöͤnen Frau an Anfech⸗ tung fehlt. Lina empfand das Scharfe, das Anzügliche aus Lui⸗ 94 fens Ton und Blick, aber es regte nur ihr liebevolles Herz zu weicherm Wohlwollen an. Sie haben mir gelegentlich einmal von Ihrer erſten Freundſchaft mit Schleiermacher erzählen wollen, theure Luiſe, ſagte ſie. Sie könnten es jetzt thun, wo ſie den Freund zu verlieren glauben. Mir ſcheint aber, Sie ge⸗ winnen nur noch eine Freundin dazu, wenn er ſich ver⸗ heirathet. Denn nach der Bekanntſchaft mit Ihnen kann er nur die würdigſte Verbindung treffen. Und ſehen Sie, dies Glück haben dann Sie geſtiftet. Es lag eine ſolche Herzlichkeit in dieſem Wohlklang der Stimme und rührte zugleich an die Erinnerung ſchöner Tage der Vergangenheit, daß Luiſe den Thränen wehren mußte, und erſt nach einer Weile und einer gleichſam ab⸗ bittenden Umarmung der liebenswürdigen Frau, in ihrem 6 leiſeſten Ton verſetzte: Ach, das iſt eine ſehr einfache Geſchichte, lieb Frau⸗ chen! Sie iſt mit wenigen Worten erzählt. Schleiermacher kam als ſchon berühmter Kanzelredner und Schriftſteller an die Univerſität Halle. Er ward bald unſer Haus⸗ freund auf dem nachbarlichen Giebichenſtein, und man hat ihm ſpäter nachgeſagt, er ſei in unſerm Hauſe verwöhnt worden. Ach, könnte ich Sie auch, theure Lina, einen Augenbick dorthin zaubern, an jene traulichen Ufer der Saale, in mein Jugendparadies Giebichenſtein, in das an⸗ muthige Haus, den reizenden Garten, in jene Anlagen und Pflanzungen meines Vaters! Steffens und Schleier⸗ 6 macher, uns die liebſten unter ſo vielen vortrefflichen Män⸗ nern, die bei uns aus⸗ und eingingen, wurden unſere täglichen, unſere vertrauteſten Hausfreunde. Beide ſo ab⸗ ſtechend in ihrer äußern Erſcheinung. Steffens, der junge Norweger, heiter, jugendlich⸗hübſch, ſprudelnd in geiſt⸗ voller Rede, genial und liebenswürdig, gewann meine Schweſter, ſeine jetzige Frau. Schleiermacher, unanſehn⸗ lich, etwas verwachſen, zurückhaltend im Benehmen, Ge⸗ müth und Begeiſterung wie verleugnend, erſchien neben Jenem ganz zu verſchwinden. Dennoch, wer einmal einen Blick in ſein reiches Innere gethan, das zuweilen doch ſich in einem gemüthvollen Wort öffnete, der mußte ihm huldigen. Durch ſeinen klaren, leuchtenden Verſtand wußte er beſonders die Frauen in die geheimnißvolle Tiefe ſeines Innern zu ziehen, ſodaß wir Alle mit Andacht an ihm hingen, und uns ſelbſt ſeine Ironie, ſeine Scherze, als den Schmuck der Dörnchen an der Roſe ſeines Geiſtes, ge⸗ fallen ließen. Er wendete ſich ſehr bald mit beſonderm Vertrauen mir zu. Bei all' ſeinem kalten Verſtande hatte er das Bedürfniß ſich anzuſchmiegen, und hielt dies ſelbſt für ein Talent, das man ausbilden müſſe. Er wollte geliebt ſein, und war es nicht. Niemand konnte der Liebe bedürftiger ſein und durch ſeine Erſcheinung ſo wenig Liebe einflößen, als er. Und gerade dadurch bil⸗ dete ſich unſere Freundſchaft ſo ganz eigenthümlich aus. Es war in den erſten Jahren nach dem entſetzlichen Er⸗ eigniß, das meinen unvergeßlichen Eſchen in der Eisſpalte des Büet— Sie ſchauerte zuſammen und verſtummte. Lina faßte theilnehmend ihre Hand, zog ſie an ihre Bruſt und küßte ſie auf die Stirn, als ob ſie die leidvolle Erinnerung hin⸗ weghauchen oder beſänftigen wollte. Nach einer Weile fuhr Luiſe fort: ——ꝙũꝙ ——— 93 Es war, genau beſehen, ein wunderbarer Irrthum, der uns mit der Miene einer ungewöhnlichen Freundſchaft anlächelte. Schleiermacher ſuchte ſich ein Herz zu gewin⸗ nen, und meines mochte dem Ungeliebten durch den tiefen Schmerz, den es erfahren, bewährt und zugleich zugäng— licher erſcheinen; ich ſelbſt, weniger der Liebe als der Er⸗ hebung bedürftig, ſchloß mich an ihn, der ſo wenig zur Liebe verlockte, mit deſto lebhafterm Vertrauen an, als an einen Prieſter des Unglücks, einen Biſchof für die höhern Lebensweihen. So tauſchten wir gegen einander das Koſtbarſte aus, was unſer Innerſtes bewegte, und als es ſich aus der großen Aufregung unſerer Seele be⸗ ruhigte und verklärte, war es eben— eine reine, edle Freundſchaft, nur eine partielle Ehe, wie er im Briefe die Freundſchaft nannte. Gebe ihm der Himmel das volle Glück einer univerſellen Freundſchaft, die er eben zu ſchließen denkt! Wiee alt iſt er denn jetzt? fragte Lina. Den 25. November wird er vierzig Jahre alt! ant— wortete Luiſe, und erhob ſich mit der Erinnerung, daß es Zeit ſei, hinüber zu gehen. Im Salon fanden ſie die gewöhnliche Geſellſchaft ſchon großentheils beiſammen. Auch Hermann, der ſich heute für die Vorſtunde bei Luiſen verſpätet hatte, trat kurz hinter ihnen in das Geſellſchaftszimmer. Die Baronin von Bülow winkte den Grüßenden näher zu ſich heran, um ihn einem neben ihr ſtehenden neuen Gaſte des Abends 94 vorzuſtellen, den ſie ſelbſt mit des Kapellmeiſters Vor⸗ wiſſen mitgebracht hatte. Herr Provencal, Generalſecretär im Finanzminiſterium! nannte ſie ihn in franzöſiſcher Anrede. Ich wollte die Herren mit einander bekannt machen, ſagte ſie. Sie wer⸗ den manche Berührungspunkte aus der Wiſſenſchaft und dem Leben an einander finden, und Herr Provencal kann Sie demnächſt mit meinem Manne, den wir erwarten, bekannt machen. Der Miniſter will Ihnen wohl. Hermann antwortete mit einigen dankenden und ver⸗ bindlichen Worten, und zog ſich dann mit dem neuen Gaſte nach einem entferntern Sitze zurück. Provencçal war ein Dreißiger, von intereſſantem Aeu⸗ ßern, nicht groß, aber ſchlank gebaut, blaß, mit dunkler Geſichtsfarbe und tiefen Augen, die mehr einnehmend und ſehnſüchtig, als bedeutend und klar ausblickten. Er hatte das Gepräge ſeiner Herkunft aus der franzoͤſiſchen Schweiz ſowie ſeines vormaligen Berufs als Prediger einer refor⸗ mirten Gemeinde. Im Uebrigen gab er ſich gegen Her⸗ mann als einen zartſinnigen, für die geſellſchaftliche Un⸗ terhaltung feingebildeten Mann, nicht eben von glänzendem Geiſt, aber wohl unterrichtet, ohne gerade tief in ſeiner theologiſchen Wiſſenſchaft zu ſein, und für das Staats⸗ geſchäft nicht durch die Schule, ſondern durch das Bureau zugebildet. Nach allem, was ich durch Frau von Bülow von Ihnen wußte, ſagte er, hatte ich ſchon früher ein lebhaftes Verlangen, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Nun erfülle ich aber zugleich einen Wunſch des Herrn Miniſters ſelbſt, der ſich ſehr für Sie intereſſirt. Er wünſcht Ihnen als 95 preußiſchem Landsmanne nützlich zu werden, und glaubt,. wenn Sie nicht ausſchließend nach dem Katheder ſtrebten, gerade jetzt etwas für Sie thun zu können, wo die Fi⸗ nanzverwaltung in ihrer Ausbildung und Ausbreitung begriffen ſei. Dieſer Vorſchlag zu einem andern als dem gelehrten Berufe, für den er ſich beſtimmt hatte, überraſchte den jungen Freund. Aber es lag viel Anſprechendes für ihn darin, und der Gedanke blieb immer verlockend für ihn, auch wenn er einiges Mistrauen in ſeine Befähigung ſetzen mußte. Das ſchmeichelhafte Vertrauen eines hoch⸗ geſtellten Mannes erſchien ihm als günſtige Antwort auf die Frage um ſeine Zukunft, mit welcher ſeine jüngſte Sehnſucht ſich wieder lebhafter beſchäftigte. Eine be⸗ ſtimmte und feſte Stellung im Leben war ihm noch wün⸗ ſchenswerther, man durfte ſagen— preſſanter geworden, ſeit ein neues Verlangen nach Glück und Liebe ſein träu⸗ mendes Herz beunruhigte. Es iſt mir höchſt ſchmeichelhaft, was Sie mir da mit⸗ theilen, Herr Provencal, verſetzte er. Ich fürchte nur, Se. Excellenz ſetzen Kenntniſſe und Einſichten bei mir voraus, die ich nicht beſttze. Denn wenn ich mich auch bei meiner Vorbereitung zu einem höhern Lehramte den Staatswiſſenſchaften nicht ganz fremd gehalten habe, ſo geſchah dies doch nur zur Unterſtützung meiner Geſchichts⸗ ſtudien, aber nicht in Abſicht auf irgend eine Stelle der Staatsverwaltung. Ihr Bedenken könnte mich beſchämen, erwiderte Pro⸗ vengal. Denn ich bin aus einem ſchon angetretenen, der Finanzverwaltung noch weit fremdern Berufskreiſe, näm⸗ lich von der Kanzel, in die Bureaux getreten. Wiſſen Sie, daß ich Prediger der franzoͤſtſchen Gemeinde in Mag⸗ deburg war. Dort ſtand Herr von Bülow als Präſident der Kriegs⸗ und Domänenkammer, und ich war gut auf⸗ genommen im Hauſe. Durch den ausgebrochenen Krieg ward ſeine amtliche Thätigkeit in die Wirbel des öffent⸗ lichen Lebens gezogen, beſonders als die Franzoſen nach dem jenaer Verhängniß Mageburg beſetzten. Der edle Mann ſah ſich nun mit ſeinem echtpreußiſchen Herzen zwiſchen die Anfoderungen des Siegers und die Bedräng⸗ niſſe ſeines unglücklichen Königs gezwängt. Ich hatte mich ſchon früher gern mit dem ausgezeichneten Geſchäfts⸗ manne über Gegenſtände des materiellen Volkslebens und über die Frage unterhalten, wie der öffentliche Wohlſtand und der Staatsbedarf gegen einander abzuwägen ſeien. Jetzt konnte ich nun auch meinem Gönner im Drang der Geſchäfte kleine Aushülfe leiſten. Ein Beſitzergreifungs⸗ protokoll wurde ſehr genau verlangt; es gab Abſchriften zu machen, Rechnungen aufzuſtellen und beſonders auch franzöſiſche Berichte und Schreiben an die fremden Be⸗ hörden zu entwerfen. Dabei bedurfte der gewiſſenhafte Mann im Widerſpruche ſeiner alten und ſeiner neuen Pflichten zuweilen eines berathenden Freundes, den er an dem Prediger zu finden glaubte. Hier machte ich denn die Erfahrung, daß ein Vertrauen, dem man für zweifelhaftes Handeln Entſchiedenheit gibt, zur Vergeltung Deſſen in uns ſelbſt eine ſtärkere Zuverſicht in die eigenen unge⸗ prüften Kräfte zurückläßt. Als ſpäter die Provinz zum neuen Königreich geſchlagen und Herr von Bülow nach Caſſel berufen wurde, fühlte ich mich ſehr verlaſſen, ja — 97 wahrhaft unglücklich, bis er in dieſem Frühjahre aus dem Staatsrath an die Spitze der Finanzverwaltung trat und mich dann zu ſich berief. Seitdem gehöre ich noch inniger dieſer liebenswürdigen Familie an; denn ich wohne ſelbſt im Geſchäftspalais. Beſuchen Sie mich dort, oder vielmehr— machen Sie an meiner Hand der Frau von Bülow Ihre Aufwartung. Die liebenswürdige Frau hat ſich ſchon gewundert, daß Sie von den muſtkaliſchen Aben⸗ den und ſogar von jenem Abende, da Sie dieſelbe nach ihrer Wohnung begleitet, keinen Anlaß zum Beſuch ge⸗ nommen haben. Hermann, etwas beſchämt von dem wohlwollenden Vorwurf, entſchuldigte ſich mit ſeiner Beſcheidenheit und fragte nach der ſchicklichen Stunde. Für Frau von Bülow iſt es die gewöhnliche Beſuchs⸗ zeit, antwortete Provengal; wegen meiner brauchen Sie keine Rückſicht auf die Bureauſtunden zu nehmen. Sie brauchen gar nicht zu wiſſen, daß, um einen Employe zu ſprechen, die Zeit zwiſchen 12 bis 1 Uhr vorgeſchrie⸗ ben iſt.—— Die Muſik ſollte eben angehen, als der verſpätete Ludwig eintrat. Jetzt erſt fiel es Lina ein, daß ſie ihn im voraus hatte entſchuldigen wollen. Er ſelbſt bat mit einigen Worten um Verzeihung, und ſie rief: Mein lieber Mann nimmt gleich mehr Nachſicht in Anſpruch, weil er ſelbſt mehr geworden iſt. Er iſt heut vom Bureauchef zum Diviſionschef geſtiegen, und hat des⸗ halb noch ſpät ins Miniſterium gemußt. Alles kam nun mit Glückwünſchen herbei, und Rei⸗ Koenig, Jeroͤme's Carneval, II. 7 ——————— ——,——— ÿ——— ———— 98 chardt, indem er ihm die Hand drückte, rief in ſeiner Laune aus: Der Himmel weiß, was ihr Alles für Chefs habt! Sagen Sie uns auch gleich, Herr„Diviſtonär“, welch' ein Unterſchied zwiſchen einem Bureauchef und einem Di⸗ viſionschef iſt? Vielleicht, wie zwiſchen einem Diviſions⸗ general und einem Brigadegeneral? Worauf Ludwig lächelnd verſetzte: Diviſion bezeichnet eine höhere, umfaſſendere Geſchäfts⸗ abtheilung. Das Miniſterium des Innern hat deren zwei, und jede derſelben hat zwei Bureaux. Ein beſonderes Bureau der Comptabilität geht von beiden Diviſionen aus. Natürlich haben Sie nun auch andere Arbeiten? fragte Reichardt. Andere und angenehmere, erwiderte er. Ich ſtand bisher dem zweiten Bureau erſter Diviſion vor, das mit dem Gemeindeweſen— dem Budget, der Schuldenliqui⸗ dation, der Vormundſchaft über die Gemeinden— und mit den Gefängniſſen, den öffentlichen Gebäuden und An⸗ ſtalten zu thun hatte. Jetzt ſtehe ich der Diviſton vor, deren Geſchäftskreis den öffentlichen Unterricht, die Künſte und Wiſſenſchaften, das Kirchen- und Medicinalweſen um⸗ faßt, und bin zugleich Chef des erſten Bureau derſelben. Eine Stellung über den Diviſionen und Bureaux für die mehr formellen, leitenden, überwachenden, mit den andern Behörden verkehrenden Arbeiten nimmt dann der General⸗ ſecretär ein. Darüber geriethen die Männer auf den beſten Weg, ſich über die Vorzüge der franzöſiſchen oder der preußi⸗ ſchen Verwaltung zu verbreiten, vielleicht zu entzweien, ——— 99 als Luiſe mit ſtarkem Flügelanſchlag die Muſtk wieder an die Reihe brachte. Sie präludirte ein von der Baronin Reinhard erbetenes Lied von Luiſens eigener Compoſition. Und kaum hatte ſte die erſten Accorde angeſchlagen, als der ſo leicht exaltirte Kapellmeiſter rief: Vivat Spanien! Und Luiſe ſang mit ihrer vollen Stimme und eigenthüm⸗ lichen Declamation das Lied von Brentano:„In Sevilla, in Sevilla!“ Neuntes Capitel. Das Zimmer eines Miniſters. Seit dieſem muſikaliſchen Abende war Hermann ein wenig aus der Harmonie mit ſeiner Arbeit gekommen. Das Platon'ſche„Gaſtmahl“ hatte zwar nichts von ſeinem Reize für ihn ſelbſt verloren, aber die Beſtimmung deſſel⸗ ben in der Ueberſetzung war zweifelhafter geworden. Ob die Arbeit in ſtreng gelehrter Ausrüſtung zu ſeiner Be⸗ werbung um eine Profeſſur, oder ob ſie in freier Haltung dem gebildeten Publicum zu anziehender Belehrung über das Weſen der Liebe und des Schönen dienen ſollte, hing davon ab, ob er ſelbſt ſtatt eines Lehramtes ſich lieber um eine Stelle in der Staatsverwaltung bemühen ſollte. Die Wahl indeß zwiſchen beiden dahingeſtellt, mußte er jedenfalls Herrn Provencal beſuchen und der Frau von 7* ——.——— —OOO——— 40⁰⁰ Bülow ſeine Aufwartung machen, zumal er ſich noch am Schluſſe jenes Abends Ihre Erlaubniß dazu erbeten hatte. Provencal empfing ihn mit jener eigenthümlichen Ar⸗ tigkeit, die ſeinem geſellſchaftlichen Benehmen nicht nur eine ſchweizeriſche Färbung, ſondern auch jetzt noch einen geiſtlichen oder paſtoralen Strich gab. Er führte ſeinen Beſuch ins Zimmer des Miniſters. Dies heitere und ge⸗ räumige Gemach ſtand, wenngleich außer unmittelbarer Berührung, doch im Zuſammenhange mit den Bureaux, und war ebenſo behaglich zum Arbeiten, als geſchmackvoll zum Empfang auch ganz vornehmer Perſonen eingerichtet. Die Seitenthür zu einem Cabinet und zu den Schreibſtuben des Hinterbaues trennte den breiten Arbeitstiſch von Ma⸗ hagoni links nach dem Fenſter hin von einem entſprechen⸗ den Bücherſchranke rechts an der Seite des Eingangs. Gegenüber, in der Vertiefung einer Wandniſche, ſtand ein zweiſitziges Sofa— was man heut eine Cauſeuſe nen⸗ nen würde—, bequem für einen nachdenkenden wie für einen ausruhenden Staatsmann. Ueber dem Schreibtiſche hing ein Bruſtbild des Königs Jeröme in einem Gold⸗ rahmen, mit einem leichten Vorhang verſehen. Einige gute Landſchaften ſchmückten die Wände mit Bildern von Waldeinſamkeit, mit Fernſichten auf Seen und Burgen, auf Hügel und Wieſen. So war der ſorgenvolle Auf⸗ enthalt eines belaſteten Geſchäftsmannes zur aufathmen⸗ den Erquickung in die Beſchaulichkeit des Stilllebens der Natur gefaßt. Der Miniſter ſchließt ſich mit ſeinem häuslichen Leben faſt ganz auf dies Zimmer ab, bemerkte Provengal. Er hat es ſich für ſeine amtliche wie für ſeine private Exi⸗ — —— — 4⁰1 ſtenz eingerichtet, und ſich gewöhnt, in keiner von beiden durch Erinnerung an die andere, thätig oder genießend, geſtört zu werden. So enthalten auch auf beiden Seiten des Schreibtiſches die verſchließbaren Schubkaſten rechts die geheimen Dienſtpapiere, links ſeine vertraute Privatcorre⸗ ſpondenz. Die Mittelthür geht durch ein Cabinet nach den Schreibſtuben, jene verſteckte Tapetenthür nach den Wohnzimmern der Baronin, die ſchon weiß, wann ſie ſelbſt hereinſchlüpfen und ſich ihren Mann aus dem Mi— niſter herausſchälen darf. Ein in ſich ſelbſt beruhigtes Lächeln begleitete dieſe Erwähnung der Dame des Hauſes. Provencçal konnte nicht Worte genug finden, die vielfache Liebenswürdigkeit der Baronin zu preiſen. Er ſchien für ihre Vorzüge wahrhaft zu ſchwärmen, wobei ein flüchtiges Erröthen des blaſſen, dunkeln Geſichts einen heimlichen Antheil des Herzens verrieth,— einen Drang der Empfindungen, der nicht ohne innern Kampf und Widerſpruch bleiben mochte. Wenigſtens lag etwas Jähes, ein gewaltſames Losreißen, eine Flucht der Gedanken in der Art, wie er, eben noch ſo erregt, plötzlich abbrach und den jungen Freund auffoderte, die Bureaux mit ihm zu beſehen. Im Vorzimmer trug er einem Diener auf, ſie bei der gnä⸗ digen Frau anzumelden. Wir haben eine ähnliche Geſchäftseintheilung wie die Ihnen letzthin von Herrn Heiſter erklärte, ſagte er im Durchwandeln der Zimmer. Doch ſind bei uns drei Diviſionen: für directe und indirecte Abgaben und für das Rechnungsweſen über die Fonds des Miniſteriums. Aber verſchiedene, zu untergeordneter Verwaltung abge⸗ 1⁰² zweigte Geſchäfte hängen unter beſondern Directionen vom Miniſterium ab, wie das Adminiſtrationsdetail der ge⸗ nannten Abgaben, das Poſtweſen, die Verwaltung der Forſte und Gewäſſer, der Domänen, der Minen, der Brücken und Straßen, der Schuldenliquidation und der ſogenannten Economats, das heißt, der Adminiſtration der geiſtlichen Güter und Gefälle in den katholiſchen Landestheilen. Ehe noch Provencal ſeinen Beſuch von dem unter⸗ nommenen und von dem erklärten Geſchäftsgang zurückbrachte, öffnete ſich die Tapetenthür, und die Ba⸗ ronin von Bülow kam herein. Ihr Eintreten ſah bei⸗ nahe wie eine Zuflucht aus, obgleich ihr nur der Arzt Harniſch folgte,— allerdings ſehr aufgeregt in ſeinen Blicken und Bewegungen. —Nund? rief die Baronin, ſich lebhaft umſchauend, wo ſind denn die Herren? Aha! Hier ſteht ein Hut! V Sie haben nur das Zimmer verlaſſen, und werden gleich wiederkommen. Der gute Provencal wird wol den jun⸗ gen Mann vorläufig ein wenig in die Geſchäfte blicken laſſen. Für die ihm ſelbſt noch der rechte Blick fehlt, glaub' ich, lachte der Arzt. Sie ſind doch ein unabläſſiger Spötter, Doctor! ver⸗ ſetzte ſie, indem ſie ihm auszuweichen ſuchte. Die Baronin war von ſo ausgeſprochen freundlichem hatte. Dieſem angeborenen Liebreize, der Schüchternen Muth einflößte, fehlte es dagegen leicht am Ausdruck der Gemüthe, daß es ſich ſelbſt in ihren Zügen ausgeprägt ☛ 1⁰³ Strenge, wenn es galt, etwas ihr nicht Genehmes ent⸗ ſchieden zurückzuweiſen. Ein Lächeln begleitete ſelbſt ihre Abwehr oder Misbilligung, und ließ leicht einen Zweifel darüber, wie ernſt es damit gemeint ſei. Dies war auch jetzt bei der Artigkeit des Arztes der Fall. Harniſch war ein Mann, der lieber ohne Patienten, als ohne zarte Herzensbeziehungen hätte leben mögen. Er geftel ſich darin, hauptſächlich ein Damenarzt zu ſein. Und da er die vielfältigen Uebel dieſes Geſchlechts aus dem liebe— bedürftigen Herzen herleitete, ſo ſchien er, ſo lange es ſeine Jahre zulaſſen würden, das Studium dieſer Leidens⸗ quelle und ſeine Bemühung für Abhülfe nicht aufgeben zu wollen. Aber, bitte, ſetzen Sie ſich doch! ſagte die Baronin. Nach Ihnen,— zu Ihnen, wenn Sie mich ſo glück— lich machen wollen! erwiderte er, indem er die Bewegung machte, ſie zum Sofa zu führen. Oh! Verzeihung! lächelte ſie. Ich bin hier zu Hauſe und kenne das Plätzchen ſchon, wo ich bei meinem Manne zu ſttzen pflege. Laſſen Sie ſich nieder, und ich will Sie dann unter die Augen Ihres Königs ſtellen, damit Sie mehr Ernſt annehmen. Sie zog die Schnur unter dem Bild über dem Schreib⸗ tiſche, ſodaß der leichte Vorhang ſich nach beiden Seiten auseinanderfaltete. Ah! rief der Arzt mit ironiſchen Verneigungen gegen das Bild,— Eurer Majeſtät erſterbe in tiefſter Ein⸗ ſchüchterung—! Unter dieſe Aufſicht ſtellen Sie mich, liebenswürdige Freundin? Wiſſen Sie denn nicht, daß dieſer Jeröme ein Lockvogel der Liebe iſt? Ein Flügel⸗ 1⁰⁴ mann der Liebe, der mit ſeinen draſtiſchen Bewegungen allen Liebhabern im Königreich Weſtfalen den Tact und die Handgriffe vormacht? Ich denke nicht, mein geſchätzter Doctor, daß Sie in Reihe und Glied für ſolche Manoeuvres ſtehen, ſagte ſie. Ja, ja, Sie und ich haben ſchon unſere anderwei⸗ tigen Uebungen zu machen. Ich bin z. B. ſehr froh, daß ich Sie habe, wenn mir die Geſundheit der Meinigen Sorge macht; für mich behalte ich dann die Sorge übrig, liebenswürdig zu ſein für meinen Mann, der für ſein Theil wieder ſoviel weſtfäliſche Finanzſorgen hat. Sehen Sie da! rief der Arzt lachend. Daß Ihnen Ihre Liebenswürdigkeit Sorge macht, iſt ſchon krankhaft, und Sie fallen damit unter meine Behandlung. Ich ver⸗ ordne Ihnen ein heilſames Vertrauen, indem ich Ihren Liebreiz anerkenne, bewundere, über mein Herz walten laſſe. O machen Sie einen Verſuch mit dieſem Herzen, das insgeheim unter derſelben Macht leidet, die Ihnen Zweifel läßt, insgeheim geneſen möchte durch dieſelbe Lie⸗ benswürdigkeit, die Ihnen Sorge macht! Wie gut Sie ſind, Doctor! verſetzte ſie mit ſchalk⸗ haftem Ernſt, der um ihre Backengrübchen ſpielte. Ihr Mittel wird gewiß auch wirken, wenn Sie es für mei⸗ nen Geſchmack einrichten; wenn Sie mich nämlich über⸗ zeugen, daß meine Liebenswürdigkeit ſtark genug iſt, Ihre Bewunderung in Reſpect zu erhalten. O Sie ſind eine himmliſche Frau! rief er aus, mit der Bewegung, ſie zu umarmen. Sie hielt ihm aber den Arm entgegen, indem ſie, zuruͤcktretend, mit allem Ernſt, den ſie in Ton und Blick legen konnte, ſprach: — ————. 105⁵ Doctor Harniſch, ſeien Sie nicht unklug! Verzeihung! erwiderte er, ihren Arm faſſend, um die Hand zu küſſen. Laſſen Sie das! fuhr ſie freundlicher fort. Ein Arzt ſollte nie einer Frau die Hand aus Artigkeit küſſen, weil er unter allen Umſtänden das Recht hat, ihren Puls zu fühlen. Eine Kranke iſt oft genug dem Recht und der Pflicht des Arztes ſo preisgegeben, daß er ſich gegen die Geſunde nicht hoch genug in Achtung und Vertrauen er⸗ halten kann. Gehen Sie lieber, mein Freund, und ziehen Sie das Bild wieder zu! Sie ſind doch ein Republika⸗ ner und haben keine Ehrfurcht vor der Monarchie. Seine Empfindlichkeit zu verbergen, erwiderte der Arzt mit bitterm Lächeln: Laſſen wir's noch einen Augenblick, gnädige Frau! Wir haben es noch gar keiner Betrachtung gewürdigt, und man ſieht es nicht immer ſo unverhüllt. Das Vorhängchen iſt ein allerliebſter Gedanke. Vermuth⸗ lich von Ihnen. Die Frauen verſtehen ſich vortreff⸗ lich auf Vorhängchen. Das Mäntelchen gibt nämlich den Schein, als ſollte das Bild geſchont werden— vor den Mücken, die es beſchpleißen und das Ge⸗ mälde verderben, indem ſie dem Gemalten freiwillig ihre Huldigung darbringen; die eigentliche Abſicht mit dem Schleier iſt aber, die dargeſtellte Perſon den Blicken zu entziehen, ſo lange ihre officielle Gegenwart überflüfſig iſt. Nicht wahr? Aber ſehr mit Unrecht, ſehr! Hängt der ehemalige Tuchhändler aus Baltimore nicht ebenſo anſtändig über dem Schreibtiſch eines Miniſters, als jeder Andere aus einem alten Fürſtenhauſe? Jeröme hat ſich 4⁰⁶ nicht vermeſſen, als er die Elle gegen ein Scepter ver⸗ tauſchte. Bei Gott! Die deutſchen Völker bekommen derbe Lectionen über Das, was Majeſtät iſt, Hoheit, angeſtamm⸗ ter Landesvater und dergleichen in tiefſter Ehrfurcht er⸗ ſterbende Begriffe! Ja, wahrlich erſterbende! Lieber Freund, lächelte die Baronin, Ihre Scherze ſind mehr bitter als wahr. Jeröme iſt nie Tuchhändler geweſen. Patterſon in Baltimore war Kaufmann, der Schiffe zur See hatte, und Jeröme gewann deſſen Tochter Eliſabeth mit dem Degen des Offiziers an der Seite— als Seeheld!— Aber ſtill! Da kommen unſere erwar— teten Herren! Mein Gott, gnädige Frau, ſind Sie unwohl? rief Provencal ängſtlich, mit einem etwas unfreundlichen Seiten⸗ blicke nach dem Arzte. Nicht ich, Herr Provencal, ſondern das Kind war die Nacht etwas unbaß, antwortete ſie, wobei ſich ihr etwas blaß gewordenes Geſicht belebte. Seien Sie mir willkommen, Herr Doctor Teutleben! Ich empfange Sie hier, um Ihnen den Weg zu meinem Manne zu zeigen. Ich hoffe, Sie werden ſich ihm recht bald bekannt ma⸗ chen! Bitte, nehmen die Herren Platz! Der Arzt fragte, ob Se. Excellenz bald zurückkehren würden. Ich erwarte ihn täglich, lieber Doctor! antwortete ſie. Der Reichstag rückt heran, und ein Haufen von Briefen wartet auf ihn. Sie haben wol auch Nachrichten aus Berlin, gnä— dige Frau? fragte Harniſch weiter, und ſie verſetzte: Von Haus recht gute, ſonſt aber geht Alles ſehr 1⁰7 betrübend. Das Erfreulichſte, ſchreibt mir eine liebe Freun⸗ din, ſei der Geiſtesmuth vortrefflicher Männer, die das allgemeine Vertrauen beleben, die Hoffnung auf die Zu⸗ kunft aufrechthalten. Sie nennt Fichte und Schleier⸗ macher. Aber auch Krieger und Staatsmänner ſollen im Bunde ſein, hoffentlich zu den Thaten berufen, die durch die muthigen Worte vorbereitet werden. Und dieſe Thaten werden dann weiter greifen, als jene Worte, die nur im Bereiche des Katheders und der Kanzel wirken können, ſagte Harniſch. Sie werden die deutſche Welt vorbereitet finden. O es iſt merkwürdig, wie doch alle deutſchen Hoffnungen ſich an die preußiſchen knüpfen; wie gerade von dieſem gedemüthigten, gedrück⸗ ten, erſchöpften Preußen das Heil und die Herſtellung der deutſchen Zukunft erwartet wird. Denn in dieſem kaum noch geretteten Rumpfe der Monarchie lebt doch noch eine Geiſteskraft und Kriegsfähigkeit, wie in keinem andern deutſchen, wenn auch von Napoleon noch ſo be— günſtigten Staate. Dies Preußen kann mit Schiller's Wallenſtein ſagen: Hier ſteh' ich, ein entlaubter Baum, doch innen Im Marke lebt die ſchaffende Gewalt. Ja, fiel Provencal mit ſeinem etwas ſchweren deut⸗ ſchen Accent ein, es gibt Einen Punkt, worin ganz Deutſchland, glaub' ich, preußiſch iſt: wer an der Donau, am Rhein, an der Weſer und Elbe von dem Gedanken und der Geſinnung belebt iſt, gegen die Fremdherrſchaft aufzuſtehen und ſich dem Werke der Befreiung zu weihen, der iſt eben preußiſch. 41⁰8 Die ſchwärmeriſchen Blicke Provencal's, auf die Ba⸗ ronin gerichtet, als ob die begeiſterten Worte ihr zu Ge⸗ fallen geſprochen wären, ſetzten die freundliche Frau in einige Verlegenheit. Mit lächelnder Zurechtweiſung ent⸗ gegnete ſie: Ich muß Ihnen doch ein wenig Vorſicht anempfehlen, Herr Provencal. Hier freilich, unter gleichgeſinnten Freun⸗ den, können Sie ſo reden. Aber, vergeſſen Sie ſich ja nicht einmal unter Unbekannten. Sie ſtehen im Geſchäft meinem Manne ſo nahe, daß Sie in den Augen ſeiner lauernden Widerſacher gar leicht den Verdacht ähnlicher Denkart— oder, richtiger geſagt, den Urſprung der ihrigen— auf ihn wälzen können. Bülow iſt Preuße genug, um— Sie ſchwieg. Provencal erröthete verlegen. Hermann fiel ein: Auch andere Völker ſind ſchon, wie uns die Geſchichte lehrt, ſo ſchwer heimgeſucht worden. Wenn ſie dann aus der Erkenntniß Lehren zogen, ſo diente es ihnen zur Er⸗ hebung; überließen ſie ſich ihrem Unglück, ſo gingen ſte unter. Bei dieſen Worten ſprang der Arzt auf und faßte Hermann an beiden Händen, indem er ausrief: Das war ein Wort! Dabei halte ich Sie feſt,— heißt das: Laſſen Sie es ſich ſelbſt geſagt ſein! Wir Deutſchen haben außerordentlich viel und tiefe Einſicht, ſo tief, daß wir gewöhnlich darin ſtecken bleiben und es uns gar nicht einfallen laſſen, ſie in Anwendung zu bringen. Aber Sie— werden dabei an Preußen denken! 1⁰9 Hermann, betroffen von der Empfindung, in ſeinen eigenen, hiſtoriſch geſtellten Worten wie gefangen zu ſein, verſetzte: Unter Erhebung verſtehe ich nicht gerade Aufſtand, Empörung; ich habe vielmehr eine ſittliche Aufrichtung im Sinn. Nur eine Wiedergeburt Aller führt nach verſchul⸗ deter Erniedrigung zur Herſtellung und macht einer neuen Glorie würdig. Würdig, ja! entgegnete Harniſch. Aber— wo ſoll dann die Glorie herkommen, und die Würde zu ihrem Recht? Nein, lieber Mann, gehen Sie nur mit Ihren Gedanken bis ans Ziel, und da werden Sie am häus⸗ lichen Pfoſten nichts Anderes finden, als einen Torniſter, eine gefüllte Patrontaſche nebſt Ober⸗ und Untergewehr. Wiedergeburt muß allerdings vorausgehen, verſetzte Provengal, und fuhr nach des Arztes Zwiſchenruf: Kampf iſt Wiedergeburt, Erhebung ſind die Geburtswehen! ru⸗ hig fort: Denn Preußen war ſehr geſunken. Es rächte ſich in 1806 furchtbar, daß man die alten, zu eng gewordenen Verwaltungsformen beibehalten hatte, ohne den alten Geiſt der Sparſamkeit, der Sorgfalt und Uneigen⸗ nützigkeit. Der große Fritz, der Alles dictirte, ſetzte der Arzt hinzu, hatte eine Verfaſſung verſäumt, mit der ſich die Beamtenſchaft auf der Höhe hätte erhalten koönnen, auf die er den Staat gehoben hatte. Er wußte doch, daß ſein Nachfolger ein Mann war, der nicht, wie er, die⸗ tiren, ſondern nur— dickthun konnte. Als daher die ſchwere Zeit kam, fand ſie die Behörden ſchwerfällig, 44⁰ rathlos, unbrauchbar, ohne Selbſtgefühl, ohne Energie, ohne— was man eben bürgerlichen Muth nen⸗ nen kann. Noch Eines nicht zu vergeſſen, bemerkte Frau von Bülow. Der große König hat noch durch ein Zweites die preußiſche Zukunft untergraben. Die leichten Ehe⸗ ſcheidungen, die er begünſtigte, begründeten eine tiefe De⸗ moraliſation. Mit der Familie feſtigt oder lockert ſich der Staat. Er ſelbſt hielt die Geſellſchaft durch ſeine ſtrenge Etiquette wenigſtens noch äußerlich zuſammen; unter ſeinem Nachfolger löſte ſich auch dieſe, und die Entſittlichung nahm überhand. Ja wohl! verſetzte beifällig Provencal,— ſo ſehr überhand, daß der wackere Miniſter Stein die Stimmung des Landes mit der Bezeichnung„Frechheit und Verwil⸗ derung“ brandmarkt. Von den vornehmen Frauen in Berlin läßt ſich gar nicht reden! äußerte die Baronin. Und ihrer Selbſtent⸗ ehrung im Hauſe entſprach dann die Entehrung der Offi⸗ ziere im Felde. Nun ja, lachte der Arzt. Beide hatten ja auch in andern Stücken— Moitie gemacht. Lachend und mit tiefen Verneigungen empfahl er ſich. Die Baronin rief ihm nach: Auf Wiederſehen, lieber Doctor! Sie vergeſſen wol unſern kleinen Patienten nicht! 111 Zehntes Capitel. Vorbereitungen. Hermann brachte von dieſem Beſuche ſehr lebhafte und nur befriedigende Eindrücke zurück. Provencal, in⸗ dem er ihm einen Ueberblick in die vielverzweigte Ver⸗ waltung des Miniſters verſchaffte, hatte ſich doch blos als praktiſch angelernter und eingeübter Arbeiter verrathen, dem mit einer ſtaatswiſſenſchaftlichen Vorbildung auch die den Arbeitsſtoff belebenden, die Geſchäftsbewegung verknü⸗ pfenden Ideen abgingen. Mit dieſen, wenn auch nur im Allgemeinen erworbenen Vorkenntniſſen hoffte der junge Freund ſich im Labyrinth der Geſchäfte leicht zurechtzu⸗ finden, das Ineinandergreifen der Arbeiten bald zu über⸗ ſehen und der Formen Herr zu werden, die für die Aus⸗ fertigungen in den Bureaux vielfach in bloßen Formeln beſtehen. Zu dieſer Befriedigung in der Hauptſache kam nun die ihm ſchon vom Staatsrathe Müller her bekannte Frei⸗ müthigkeit des Arztes, durch die er ſich nur geehrt fühlen durfte, und die beſondere Freundlichkeit der Baronin ge⸗ gen ihn. Er ahnte nicht, daß hinter dieſem vertraulichen Lächeln, das zuweilen auf ihm geruht hatte, ſich eine kleine Schalkheit der Phantaſie verſteckte, indem ihn die liebenswürdige Frau auf ſeine geheime und räthſelhafte Geſchichte mit Adelen betrachtete, wovon ſie durch ihren Mann wußte. 412² So förderte ihn jenes wunderſame Erlebniß doch auf verſchiedene Weiſe. Es wucherte wie eine Art Wegwart auf ſeinem Lebenspfade, ohne daß er darauf achtete. Und die Gunſt, die es ihm brachte, ließ ſich auch ohne Be⸗ ſchämung hinnehmen, da ſie ſich nicht als die Folge ſei— ner Verirrung zu erkennen gab. Hermann ward kaum inne, wie ſehr ihn jenes Erlebniß ſelbſt äußerlich zum Manne gemacht hatte. Aus der erſten leidigen und leid⸗ vollen Niedergeſchlagenheit war ſchnell ein pralleres, üppi⸗ geres Selbſtgefühl erwachſen, das ſich in Hermann's feu⸗ rigerm Auge, im vollern Klang der Stimme, und ſelbſt in ſeiner Haltung und in ſeinem Auftreten kundgab. Und indem nun das für Weltleute ſo piquante Geheimniß durch die Aengſtlichkeit der Großhofmeiſterin unter ein paar vertraute Freunde kam, erweckte es dem jungen Manne hier eine ſchalkhafte Aufmerkſamkeit, dort eine zu⸗ vorkommende Theilnahme, was Alles das neue Selbſtge⸗ fühl beſtärkte, ohne es zu beſchämen. Alles dies nahm den jungen Freund, ſo oft er mit ſich zu Rathe ging, für Provencal's Vorſchlag ein, der dahin ging, es in den Bureaux des Miniſters wenigſtens zu verſuchen. Er fürchtete nicht, es mit dem ihm ſo wohlwollenden Staatsrathe Müller zu verderben, wenn er von dem Lehrberufe ablenkte; doch nahm er ſich vor, ihn um Rath zu fragen und ſich wo möglich beide Rich⸗ tungen offen zu halten. Ehe er aber zu einem deshalbi⸗ gen Beſuche kam, fand er ſich durch den Zuſpruch ſei⸗ ner ältern Freunde in ſeinem neuen Vorhaben beſtärkt. Reichardt vor allen ermunterte ihn, indem er ihm eine befriedigendere Bethätigung ſeiner ſchönen Naturgaben in 65 fruchtbaren Gedanken Müller gehabt hat. Die Zeit, in welche das Platoniſche Gaſtmahl verlegt iſt— als im Drange gehäufter Unfälle das Sittenverderbniß in Athen um ſich griff—, hat viel Aehnliches mit unſern Tagen. Auch damals ward gerade von den Edeln der Nation das Leben fortgelebt wie eine Pflicht oder wie eine Unver⸗ meidlichkeit. Man ſpann ſeine Tage hin ohne Freude, ohne Ausſicht auf ein ſchoͤnes, heiteres Leben; ohne Hoff⸗ nung, ſeine Träume, ſeine Sehnſucht und Wünſche erfüllt zu ſehen. Unter dieſer letzten Betrachtung hatte das ſo lebhaft intereſſirte Freundespaar endlich dem Klappern mit Löffeln und Tellern Gehör geſchenkt und ſich zur Suppe geſetzt, an deren Erkalten die gute Mutter wiederholt gemahnt hatte. Sie fuhren mit ihrer Unterhaltung über den Ge⸗ genſtand fort, bis es Lina nach Hauſe trieb, um auch für ihren Ludwig einige Schüſſeln zu bereiten, die er gern aß. Unterwegs gingen ihr hundert Gedanken durch den Kopf. Sie verglich ſolche Ideen, wie ſte eben von Her⸗ mann vernommen hatte, mit den Nachrichten, die ihr Ludwig dann und wann, ihres frühern Widerwillens ungeachtet, über Liebesverhältniſſe und Leichtfertigkeiten bei Hof hinterbrachte. So anziehend ihr dabei Hermann's ideale Anſchauungen— ſo abſtoßend Ludwig's Blicke ins wirkliche Leben erſchienen, ſo wenig beſorgte ſie doch, oder kam ihr überhaupt nur der Gedanke, daß ſie etwas von der einen oder der andern Empfindung auf Hermann oder auf ihren Ludwig übertragen könnte. Und doch gerieth Koenig, Jeröͤme's Carneval. II. 5 66 unter dem ruhigen Abwarten des Herdfeuers und der kochenden Töpfe ihr Herz unvermuthet von Hermann's Unterhaltung auf ſeine Perſon. Eine innere Umwande⸗ lung ſchien mit dem Freunde vorgegangen zu ſein. Daß es eine Herzensneigung ſei, bezweifelte ſie. Es hätte ihm, der ſich ſonſt ſo fröhlich, unruhig und hinausſtrebend ge⸗ zeigt hatte, doch ähnlicher geſehen, dieſer Neigung nach⸗ zujagen, als ſich auf eine gelehrte Arbeit zurückzuziehen. An eine unglückliche Liebe dachte ſie nicht, entweder weil ſie ihn auf einem Beſtreben, wie ſie es vorausſetzte, nooch nicht beobachtet hatte, oder vielleicht auch, weil ſie ſelbſt zu lebhaft fühlte, daß man den Freund nicht leicht ungeliebt laſſen koͤnnte. Sie kam zuletzt wieder auf jene Aeußerung zurück, die er über Müller'n gethan hatte— er verſtehe ihn: der arme Mann gehöre auch zu Denen, die ſich fremd in dieſem Caſſel fühlten. Dies Leid, das auch das ſeinige ſchien, ging ihr nahe; ſie ſetzte ſich vor, es wenigſtens nicht an ſich fehlen zu laſſen, daß es dem brüderlichen Freunde wohl in ihrem Kreiſe werde. Ludwig, dem ſie über Tiſche von Hermann's Stim⸗ mung und Beſuch bei Müller erzählte, war der Meinung, der Freund bedürfe mehr einer praktiſchen Thätigkeit. Ein Ueberſchuß von Kräften ſtört die Zufriedenheit eines Mannes oft viel eher, als eine Unzulänglichkeit der⸗ ſelben, ſagte er. Dieſe noͤthigt doch zu einem Beſtreben, zu einer Anſtrengung, während der Ueberſchuß meiſtens zum Ueberdruß führt. Glaube mir, Linchen, unſer Her⸗ mann iſt nicht mit Caſſel, ſondern wahrſcheinlich mit ſich ſelbſt unzufrieden, und irrt ſich, wenn er's umgekehrt meint, nur in der Selbſtbeurtheilung. 67 Die Stimmung Hermann's, die ihn zur wehmüthigen Einſamkeit ſeines Zimmers zog, rührte freilich von einer Urſache her, von der das junge Ehepaar keine Ahnung hatte. Doch war es nicht mehr die urſprüngliche, mit innern Vorwürfen verbundene Trauer über die verhäng⸗ nißvolle Stunde, die ihn im Boudoir der Gräfin Antonie überraſcht hatte. Er beklagte einen Verluſt nicht mehr, der ein ihm eben geſchenktes Glück in demſelben Moment, und ehe es ein Gewinn des Herzens geworden, raſch ver— ſchlungen hatte. Daß aber eine ſolche Hingebung, wie er ſie erfahren, ſogleich zu einem Nichts werden konnte, hatte ihm doch hinter all' den luſtigen Geſchichten der Reſidenz, die ihm bis jetzt unglaublich geweſen, einen tiefen Blick ins Leben geöffnet, der in einer für das Ideelle im Leben ſo vertieften Seele einen dauernden Eindruck zurücklaſſen mußte. Siebentes Capitel. Eine Intrigue. Schon am andern Morgen erhielt Hermann vom Staatsrathe Müller die ihm verſprochenen Bücher über⸗ bracht. Es war manches ihm ſchon Bekannte darunter; denn in Halle war damals neben Homer beſonders auch Platon— jener durch den berühmten Profeſſor Wolf, — 1* 68 dieſer durch Schleiermacher ſehr in Schwung gekommen. Die Arbeiten von Heindorf, einem Schüler Wolf's und Freunde Schleiermacher's, befanden ſich neben der Wolf'⸗ ſchen Ausgabe des„Gaſtmahls“ und den beiden Bänden der Schleiermacher'ſchen Ueberſetzung unter den überſchick⸗ ten Sachen. Hermann durchblätterte Alles, und in ſeiner gehobe⸗ nen Stimmung ſchien es ihm der Ballaſt zu ſein, mit dem er ſeiner Zukunft entgegenſegle. Die Unruhe, die ihn früher ſo oft hinausgetrieben, war jetzt in eine ei⸗ genthümliche einſiedleriſche Sentimentalität umgeſchlagen. Er fühlte ſich unausſprechlich glücklich darin, ohne leiden⸗ ſchaftliches Beſtreben auch ſeinerſeits einem heitern Tag⸗ werk obzuliegen, wie er es von ſeinem Fenſter aus durch das hingeſtreckte Fuldathal im Schwung erblickte. Dort wurden eben die Wieſen gemäht, und er beobachtete die einzelnen Vorgänge— wie die Mahd den ſonnigen Tag über ausgebreitet lag und vor Nacht aufgehäufelt wurde; wie im Morgenſchimmer die einſiedleriſchen Haufen um⸗ duftet ſtanden, und im Abendroth die geſchäftigen Rechen in langen Reihen geſchwungen wurden, bis die große Ga⸗ bel einen Haufen um den andern über den Leiterwagen hob und zu einem Sarg ſchichtete. Während aber der Freund ſich in trotzender Zufrie⸗ denheit von der luſtigen Welt zurückzog, dachte er nicht daran, daß dieſelbe Welt nichtsdeſtoweniger ihre Abſich⸗ ten fortſpänne, und daß über die Wege, die er eben offen ließ, ſich einzelne Fäden hinziehen könnten, aus denen für ihn ſelbſt, wenn er denn wieder einmal hinausſtürmte, — 69 ein Fangnetz oder glücklichenfalls auch eine Hangematte geworden wäre. Hermann ahnte nicht, wie ſehr der Finanzminiſter von Bülow durch Alles, was ihm die Oberhofmeiſterin vertraut hatte, für ihn eingenommen war. Das freund⸗ liche Urtheil ſeiner Gemahlin über den jungen Mann, ſo günſtig es vorausgegangen war, hatte doch bei weitem des Piquanten entbehrt, was die Liebesgeſchichte mit Adelen einknüpfte— ein reizendes Geheimniß, das heitere Staats⸗ männer oft mehr als wirkliches Verdienſt für Perſonen einnimmt. Bei Hermann kam aber noch dazu, daß er ein Preuße war, und ausgezeichnet begabt für die Abſich⸗ ten ſchien, für welche Bülow ſchon damals anfing, mit Vorliebe gute Preußen in die Stellen ſeiner Adminiſtra⸗ tion zu ziehen. Aber dieſe Abſichten blieben doch auch der franzöſiſchen Partei nicht unbemerkt oder wenigſtens nicht unvermuthet. Bercagny, der Führer und Schürer dieſer Partei, ließ die Thätigkeit des Miniſters nicht aus den Augen. Er er⸗ kannte gar wohl, daß dieſer Bülow die ihm entgegen⸗ ſtrebende Seele der deutſchen Partei war, und daß er durch des Königs Gunſt und durch ſeine Stellung an der Spitze der ſo eingreifenden und verzweigten Finanzadminiſtration Macht genug beſaß, die franzöſiſchen Beſtrebungen nieder⸗ zuhalten. Sein Ziel war daher gefaßt; es galt ihm Alles, einen ſo einflußreichen Miniſter zu ſtürzen oder geſchickt zu entfernen, und einen tüchtigen Mann von ſeinem An⸗ hang an die Stelle zu bringen. Dazu ſollte die weite Entfernung Bülow's nicht unbenutzt bleiben. Der Mini⸗ ſter hatte Paris noch nicht erreicht, als Bercagny wieder⸗ 70 holte Beſprechungen mit dem Staatsrathe Malchus ge⸗ habt und ihn für das Portefeuille der Finanzen auf Gerathewohl gewonnen hatte: ſoweit ſich Malchus äußer⸗ lich gewinnen ließ, da ihm alle Parteien als ſolche gleich— gültig, aber auch jede recht war, die ſeinem Intereſſe die⸗ nen mochte. Malchus war ein Mann von 538 Jahren und erin⸗ nerte, wenn nicht ſchon durch ſeinen Namen, doch durch den Schnitt ſeines Geſichts an jüdiſche Vorfahren, die vielleicht bis zu jenem Malchus hinaufreichten, der im Garten Gethſemane eines ſeiner Ohren an das allzuraſche Schwert des Petrus verloren hatte. Dieſer Vorausſetzung ſeiner Abſtammung widerſprach wenigſtens die ungemeine Geſchmeidigkeit ſeines Charakters nicht. Durch dieſe glück⸗ liche Fügſamkeit hatte er ſeinen Weg gemacht. In Manheim geboren, Sohn eines Burgvogts im Dienſte des Herzogs von Zweibrücken, hatte er als Pri⸗ vatſecretär des mainzer Miniſters, Grafen von Weſtfalen, ſeine Laufbahn angetreten, war durch dieſen Gönner Se⸗ cretär des Capitels zu Hildesheim, wo des Grafen Güter lagen, und nach der Säculariſation Kriegs⸗ und Domä⸗ nenrath in Halberſtadt geworden. Hier hatte er ſich bei der preußiſchen Regierung mit Notizen über die Capita⸗ lien des Fürſtbiſchofs, ſeines Wohlthäters, und über die Beſitzungen des Capitels beeifert. Mit Halberſtadt war er dann an das neue Königreich Weſtfalen gekommen, er, der bei einem Grafen von Weſtfalen begonnen hatte. Umfaſſende Sachkenntniſſe, große Geſchäftsgewandtheit und Arbeitſamkeit ließen ſich ihm nicht abſprechen— Gaben und Vorzüge, mit welchen dennoch, um ſie geltender zu 71 machen, ſein ungemeſſener Ehrgeiz auch die Wege der Verſchlagenheit, der niedern Schmeichelei und der feilen Höflingſchaft nicht verſchmähte. Malchus, ſeit ihm das Portefeuille des Miniſters vor⸗ ſchwebte, hatte eine vornehme Nachläſſigkeit, ein lächerlich läppiſches Weſen angenommen. Er pflegte, auf einer Otto⸗ mane ausgeſtreckt, eine türkiſche Pfeife im Mund, kopf⸗ nickend, einſtlbig und mit herablaſſender Handbewegung Aufwartende zu empfangen. So lag er auch heute da, fütterte ſein zahmes Reh mit Zuckerſtückchen und plauderte mit ſeiner neben ihm hockenden Frau von ſeiner künftigen Excellenz, als Bercagny gemeldet wurde. Die Frau im Negligee huſchte fort, und nahm das Reh mit; Malchus ſelbſt raffte ſich auf und ſtellte mit einem lauten: Sehr angenehm! die Pfeife beiſeit. Bercagny trat ein, und blieb, ein Papier mit trium⸗ phirender Miene emporhaltend, ſtehen. Wie? Was? rief Malchus in ſeinem etwas harten Franzöſiſch. Darf ich ahnen—? Sie hätten ſchon— 2 Wirklich, unſer Spaß ſchon ausgeführt? Nicht möglich! O bitte! Laſſen Sie mich nicht zappeln! Sie haben's errathen, lieber Malchus! verſetzte der Polizeichef ſehr aufgeräumt und vertraulich. Aber ſetzen wir uns! Und Sie— nein Sie müſſen fortrauchen! Er reichte ihm die Pfeife, ehe es der zuſpringende Malchus hindern konnte, und dieſer rief unter Bücklingen: O Sie ſind zu gütig! Darf ich?—— Sie müſſen, Freund! Unſere poetiſche Huldigung gegen Herrn von Bülow muß ihr Rauchopfer haben. Wohl! Ich ſpende den Rauch! lachte Malchus, und 4 7² während er ſeine Pfeife wieder in Zug brachte, entfaltete Bercagny ſein Papier, und las mit ſchmunzelnden Lippen: Midas avait des mains qui changeoient tout en or. Que Monsieur de Bulow n'en a-t-il des pareilles? Pour l'état brisé ce serait un tresor. Mais hélas! de Midas il n'a que les oreilles. Aber charmant! Göttlich! rief Malchus. Ich ſage Ihnen— Und ſo flugs fertig? Aus dem Aermel ge⸗ ſchüttelt? O ich errathe! ſetzte er mit einem ſchalk⸗ haften Fingerkuß gegen Berceagny hinzu: der junge Poet, den Sie mir genannt, hat gute Inſpirationen ge⸗ habt! Wie? Hab' ichs getroffen? Nun, nunl ſchmunzelte Bercragny)y. Man hat ſeiner Zeit auch Muße für poetiſche Phantaſien gehabt. Er dachte dabei an ſein Kloſterleben, ſetzte aber raſch, als ob Malchus dieſe Erinnerung ahnen könnte, hinzu: Aber dieſer Monſieur Bernard iſt auch ein Mann von Talent, und beim Theater an raſches Produciren gewöhnt. Sehr ſchade, daß ſeine écarts, ſeine Ausſchweifungen, im Wege ſind, ihn z. B. in der Adminiſtration anzuſtellen! Sie leſen wol ſeine ausgezeichneten Theaterkritiken? So? Sind die von ihm? fragte Malchus, als ob er ſie wirklich kenne. Aber hier iſt auch gleich die Ueberſetzung der Verſe, fuhr Bercagny fort. Alle Welt muß den Spaß leſen, beſonders auch das Volk. Wir laſſen es in beiden Spra⸗ chen drucken und verbreiten. Das müſſen Sie nun ſel⸗ ber leſen, Malchus! Soweit reicht meine franzoͤſiſche Zunge nicht. Malchus nahm das Papier mit der Frage: ——————y— 73 Und wer hat—2 Ich weiß es in der That nicht! lachte Bercagny. Bernard ſagt es nicht; aber er hat deutſche Freunde, und die Deutſchen, wiſſen Sie ja, ſind gefällige Leute! Malchus that nicht, als ſei er ſelbſt damit gemeint, ſondern räusperte ſich und las: Was Midas einſt ergriff, ward Gold in ſeiner Hand. Iſt Herr von Bülow nicht mit gleicher Kraft geboren? Das wäre doch ein Glück für das erſchöpfte Land. Doch leider nein! Er hat von Midas nur die Ohren. Meiſterlich! betheuerte Malchus. Ich ſage Ihnen, die Ueberſetzung gibt alle Nuancen des Originals wieder. Das wird Spectakel machen! Wenn nur der Ausdruck„P'état brisé“—„das erſchöpfte Land“, keinen Verdruß abſetzt? Bei wem? lachte Bercagny. Bei der nachforſchenden Polizei? Ha, ha! Ich gebe Ihnen mein Wort,— die Spitzbuben, meine Mouchards, ſollen mir den Poeten nicht ausſchnüffeln. Eigentlich, mein Freund, iſt mit dem ganzen— nun, nennen wir's Pasqulll, nichts geſagt; es iſt blos zum Lachen. Aber lächerlich geworden zu ſein, iſt ſchon genug, einen Miniſter ins Wanken zu bringen. Lächerlichkeit iſt eine Breſche in ſeinen feſten Credit; ſeine Perſon tritt in zweifelhaftes Licht, ſein Talent, ſeine Ver⸗ dienſte gerathen in Frage, und das öffentliche Vertrauen wird unruhig. Dazu dient der Wiſch da. Ich täuſche mich nicht über die politiſche wie poetiſche Geringfügigkeit des Spaßes. Aber eine Wirkung verſpreche ich mir da⸗ von: Bülow betritt eine ganz andere Atmoſphäre, wenn er von Paris zurückkommt, und zwar, woran ich nicht zweifle, ohne Erfolg für ſeine Sendung. 74 Dies wäre denn freilich ein Endurtheil über ihn ſelbſt, eine Beſtätigung der von uns hervorgerufenen Zweifel! bemerkte Malchus. Seine Majeſtät müßten allerdings vor⸗ her bearbeitet werden, und dazu würde gewiß Ihr Ge⸗ danke prächtig dienen, wenn man nämlich dem Könige den Argwohn erregte, daß Bülow die Finanzquellen des Landes verheimliche, um ſich unentbehrlich zu machen. Mein Gedanke iſt das nicht, lieber Malchus, verſetzte Bercagny. Ich kenne den König: auf nichts iſt er ſo eiferſüchtig, als auf ſeine perſoͤnliche Geltung beim Volke. Er kann einen Liebhaber bei ſeiner augenblicklichen Favo⸗ ritin überraſchen, und es nachſehen; er mistraut dem Ge⸗ neral Lepel nicht, was man auch von einer frühern Ge⸗ ſpenſtergeſchichte in Stuttgart erzählt. Aber einen Mann, von dem er glaubte, daß das Volk mehr nach ſolchem als nach dem König verlange— den würde er ecraſſtren, vertilgen. Gut! Angenommen! Aber, daß Bülow die Finanzquellen verheimliche, wird Seine Majeſtät wenig anfechten, ſo lange dieſe Quellen nur fließen. Wir wiſſen ja, wenn das Vergnügen flott iſt, fragen Koͤnige nicht darnach, woher das Waſſer kommt. Sie freuen ſich, wie die Menge, wenn droben auf Napoleonshöhe die Waſſer ſpringen; Niemand denkt daran, wie mühſam in den hin⸗ tern Reſervoirs die einzelnen Tropfen geſammelt werden. Der König hat für die Geſchäfte viel Verſtand, aber keine Leidenſchaft. Es hat dem Intendanten der Cioilliſte, dem Schatzmeiſter des Königs, nie an Kaſſe gefehlt, und ſo iſt Bülow noch immer— Thomme par excellence, le phénix de la Westfalie. Aber was bei der jetzigen Stim⸗ mung des Königs am ſicherſten anſchlüge— wiſſen Sie es? 75 Nun? Das wäre? forſchte Malchus. Wenn wir ihm glauben machen könnten, fuhr Ber⸗ eagny fort, daß Bülow mit Preußen in geheimer Ver⸗ bindung ſtehe, daß er mit Preußen correſpondire, den dortigen Gegnern Napoleon's in die Hände arbeite. Bülow hat zuviel Vertrauen bei Sr. Majeſtät, erin⸗ nerte Malchus; und ein Argwohn, der in bloßer Luft ſchwebt— Das glaub' ich eben nicht! unterbrach ihn der Polizei⸗ chef. Ich glaube wirklich, er hat Bezüge mit den poli⸗ tiſchen Projecten in Preußen. Er erhält und verſendet Briefe durch Boten. Wenn ich nur einmal ſeine Hand⸗ repoſitur durchſuchen laſſen dürfte. Er hat nämlich im linken Schränkchen ſeines Arbeitstiſches einen Verſchluß für ſeine Privatcorreſpondenz. Ich weiß auch, daß der Schlüſſel nicht ängſtlich verwahrt wird, da keiner ſeiner Bureauarbeiter das Zimmer ungerufen betritt, mit Aus⸗ nahme ſeines Generalſecretärs. Aber Provencal iſt ſein Vertrauter, und hangt an ſeinem Chef wie ein unbrauch⸗ bares Stückchen Eiſen am Magnet, der es hält und trägt. Provencal, wiſſen Sie, iſt kein Geſchäftsmann, und war vorher Prediger der franzöſiſchen Gemeinde in Magde⸗ burg— ebenfalls ein Miteinverſtandener der preußiſchen Complote, wenngleich von Geburt ein Franzoſe oder Schweizer, glaub' ich. Mein Gott! rief Malchus, dann ſchlagen Sie doch dem König eine überraſchende Durchſuchung der Bülow'⸗ ſchen Papiere vor! Gerade jetzt! Bercagny ſchüttelte mit bedenklicher Miene den Kopf, indem er ſagte: —— — —————— * —— — 76 In Bülow's Abweſenheit? Das wird der König un⸗ anſtändig finden, und doch wäre es das Sicherſte. Wenn er nur wenigſtens genehmigte, daß ich die Repoſitur ins⸗ geheim durchſuchen ließ von einem Agenten, der deutſch leſen kann, und einen Bedienten gewoͤnne, der ihn heim— lich zuließe. Und— brauchten Sie dazu des Königs Genehmigung? Gewiß! Bedenken Sie doch! Wenn ſich nun wirk⸗ lich etwas fände, was ich dem Koͤnig vorlegen müßte, um eben unſern Zweck zu erreichen,— wie dürft' ich denn verrathen, daß ich auf meine eigene Fauſt— Ich verſtehe ſchon! ſagte Malchus. Und doch müßte man ihm vorlegen können, was auch nur den kleinſten Argwohn begründete, oder dazu gedeutet werden könnte. Indeß— verſuchen könnte man es doch wenigſtens bei Sr. Majeſtät! Nach einiger Ueberlegung rief Bercagny entſchloſſen: Sie haben Recht! Ich will es auch. Da mir Jeroͤme aber bei meinen Aeußerungen gegen Bülow gern vorhält, daß ich als deſſen Gegner rede, ſo will ich meinen Ver⸗ ſuch erſt vorbereiten laſſen. Aber— durch wen? Durch Duchambon. Den Poſſenreißer? wendete Malchus ein. Hm! Der König wird's für einen neuen Witz des cyniſchen Ludwig⸗ Ritters nehmen, und darüber lachen. Nein! Er wird dieſen Duchambon einmal in einer grotesken Wuth ſehen, rief Bercagny. So nämlich be⸗ gegnete er mir vor Ihrem Hauſe. Er kam von der Ge⸗ neralkaſſe, wo er Gelder hatte faſſen wollen. Der Director 77 hatte ihn abgewieſen— es fehle eben an Vorrath, er er⸗ warte Einſendungen aus den Provinzen. Duchambon wollte aber die Hofkapelle und die Kammerſänger für den Monat bezahlen, war wol auch ein wenig aufgehetzt von der De⸗ moiſelle Gallo, in die er verſchoſſen iſt, und pochte dar— auf, die Virtuoſen könnten nicht warten, die Virtuoſen müßten ihr Geld haben. Und als ihm der Director hier⸗ auf ſehr phlegmatiſch geantwortet hatte: Schon gut! Aber ich muß Jene, die weinen, vor Denen auszahlen, die ſingen,— ſo war Duchambon in vollem Grimm und wollte geradewegs zum König. Ich erklärte ihm, daß er vor Nachmittag doch nicht vorkommen könnte, und bat ihn, daß er mich vorher beſuchen möchte. Da will ich ihn denn dahin bringen, daß er bei ſeiner Beſchwerde über den Director ein Verdachtswörtchen gegen den Miniſter der Gelder fallen laſſe. Er mag ſich dabei auf General Eblé berufen, der dem König als Muſter von einem Eh⸗ renmanne gilt und es ihm beſtätigen kann, daß Bülow in Magdeburg hinter dem franzöſiſchen Generalintendanten her alle Gelder und Werthſachen nach Preußen geſchafft hat. Bis ich dann zum König komme, iſt er vorbereitet, fängt vielleicht ſelbſt davon an, und ich erlange die Er⸗ mächtigung zur heimlichen Durchſuchung der Bülow'ſchen Correſpondenz. Vortrefflich! rief Malchus vergnügt. Und— hören Sie! Sie ſagten mir ja vorgeſtern, unſer Geſandter in Berlin, Baron von Linden, werde von dort erwartet? Ja wol! erwiderte Bercagny. Sie ſehen eben daraus, wie ungeduldig der König iſt, die genaueſte Kenntniß von der Stellung und Haltung Preußens und von den dorti⸗ — — — ¹ —õü — —— 78 gen Bewegungen zu haben. Ich wüßte Niemanden, der eifriger und umſtändlicher berichtete, als der Geſandte; dennoch iſt der König noch nicht zufrieden damit, und hofft mündlich noch mehr und Beſtimmteres von ihm zu vernehmen. Kennen Sie den Baron? Ich habe ihn als Domherrn gekannt, antwortete Mal⸗ chus; eine leichte, ſchmale Figur— im Vertrauen— Spieler, der verflucht wenig gelernt hat, und nun doch das enorme Einkommen bezieht. Ja, er hat allein 40,000 Franecs zu geheimen Aus⸗ gaben! bemerkte Bercagny; worauf Malchus mit etwas ärgerlichem Eifer einfiel: Außer ſeinem Gehalt von 170,000 Franes! Iſt das nicht—? Nun, nun,— neiden wir es ihm nicht! lächelte Bercagny; denn er verdient es ſauer! Er iſt nicht blos unſer allgefälliger Geſandter, ſondern der Kaiſer com⸗ mandirt ihn auch nicht wenig; nicht zu rechnen, was ihm der Marſchall Davouſt und der Graf d'Aubignosk zu⸗ muthen! Aber— was wollten Sie mit ihm? Wie wär's, wenn wir ihm einiges Mistrauen gegen Bülow in die Taſche prakticirten, was er dann mit an⸗ dern guten Nachrichten vor dem König auspackte? Hat er vielleicht ſchon etwas von den Bezügen des Miniſters, die Sie vermuthen, ſelbſt ausgeſpürt: deſto beſſer; weiß er noch nichts, oder wäre gar nichts daran, und er mit⸗ hin überraſcht von Dem, was wir ihm zuſtecken, ſo wird er ſich deſto mehr beeilen, es anzubringen, und wird es gewiß übertreiben, weil es ihn ſelbſt überraſcht hat und weil er ſich ſchämt, es noch nicht bemerkt zu haben. .— — 79 Bercagny ſogar ſchien von dieſem Vorſchlag befremdet. Er betrachtete Malchus ein paar Augenblicke lächelnd von oben herab, und ſagte, indem er ſich zu gehen erhob: Ma foi, Herr Staatsrath— Sie kennen J hre Leute! Und da Sie den Baron Linden von früher her verehren, ſo werden Sie Ihr vortreffliches Manoeuvre am beſten ſelbſt mit ihm anordnen. Es iſt ja auch in Ihrem eige⸗ nen Intereſſe. Ich vermittle, ſobald er eintrifft, eine Zu⸗ ſammenkunft mit Ihnen. Bis dahin— au plaisir de Vous revoir! Indem ihn Malchus nach der Thür begleitete, ſetzte Bercagny— vielleicht um ſeine Bitterkeit ein wenig zu ſänftigen— freundlich hinzu: Apropos! Haben Sie ſchon, für den Fall Sie ins Miniſterium berufen würden, einige erquickliche Finanz⸗ operationen in Petto? Sie müſſen Bülow überflügeln, und— man könnte ja den Linden auch ſchon etwas da⸗ von dem König vorplaudern laſſen! Die gewöhnlichen Operationen wird Bülow verſuchen, erwiderte Malchus; aber in unſerer nahen Bedrängniß gilt es um ungewöhnliche, zu denen er ſich ſchwerlich entſchließen wird. Eine Anleihe wird nicht lange mehr zu umgehen ſein. Ob aber der junge Staat Credit ge⸗ nug hat, Geld zu bekommen, wenigſtens unter annehm⸗ baren Bedingungen—? Ich würde zu einem gezwun⸗ genen Anlehen greifen. Was? rief Bercagny. Wozu auch wir gezogen wür⸗ den— wir Alle? Kein Geſetz ohne Ausnahmen, ohne billige Ausnah⸗ men! verſetzte Malchus. Staatsdiener haben nur ihr Aus⸗ kommen, aber nichts auszuleihen. Eine wirkſame Opera⸗ tion wäre ſodann auch der Verkauf von Grund und Boden. Eine dritte muß ich aber gleich ſelbſt als Reſerveoperation bezeichnen— ich meine, eine Reduction der Staatsſchuld durch Streichen. Kurzweg, lieber Malchus? fragte mit verwundertem Lächeln der Abgehende. So, was man Streichen nennt mit einem Federzug? Ha, ha! Lachen Sie nicht! rief Malchus, wir ſprechen noch darüber; ich werd' es Ihnen begreiflich machen. Der große Sully hatte ſchon die Idee einer durchgreifenden Reduction der Rente, wiſſen Sie! Die Idee, ja! erwiderte Bercagny. Soviel ich aber weiß, konnte er ſie nicht durchſetzen; es gab Speectakel in Paris. Caſſel iſt kein Paris! rief Malchus, und die Zeit iſt eine andere. Ja, ja, es liegt etwas Großes darin, ſagte Bercagny. Abtragen, eine Schuld abtragen— es iſt ein Wort der Arbeit, der Dienſtbarkeit, es iſt ſervil; aber— ab⸗ werfen, vernichten! Ah! Das will was ſagen und iſt die Parole des Tags. A la bonne heure! Ha, ha! —— — 413 einem Wirkungskreiſe verſprach, der ihn hinter den Bü⸗ chern und Doctrinen her mit den Menſchen aller Stände und mit dem Leben und Streben des bewegten Tages in Verkehr ſetze. Und wenn Sie auch keinen Antheil an den Kämpfen nehmen wollen, die uns zunächſt bevorſtehen, ſagte er, ſo braucht doch die kommende Zeit, die neu zu erringende Freiheit, ſolcher Kräfte, wie Ihnen verliehen ſind, zur Herſtellung Deutſchlands. Und unter Herſtel⸗ lung verſtehe ich eigentlich Umgeſtaltung. Denn daß das Alte nichts mehr taugte, hat ſich an Menſchen und An⸗ ſtalten grauſenhaft genug enthüllt. Die Waffen dieſes Napoleon hätten uns nicht ſo im Sturm unterjocht, wäre nicht im voraus durch die verwitterten obern Schichten der Geſellſchaft in unſer Volksleben zermürbend jene fran⸗ zöſiſche Cultur eingedrungen, die Geiſt und Herz verödend, die Sinne mit blendendem, gehaltloſem Schimmer täuſchte. Da war ein Schmachten, Sehnen, Greifen nach einem Haltungspunkt immer allgemeiner geworden, und ließ ſich mit Romantik und Speculation auf bedrucktem Lumpen⸗ papier nicht mehr befriedigen. Vielmehr verrieth dieſer ungeſtüme philoſophiſche Puls einen fieberhaften geiſtigen Zuſtand— das Bedürfniß eines thätigen, thatenvollen Ausdrucks für die Weltanſchauung einer neuen Zeit. Nun brauchen wir Männer, die dies Fieber überſtanden haben, und noch jung genug ſind, einer neuen Zeit zu dienen und zu helfen. Wenn ich bedenke, wieviel Frohgeſchaffenes, Schönverbundenes auf dem guten alten Boden Deutſch⸗ lands jetzt zerfällt, getrennt liegt, zerſtört wird: dann frage ich, was wird die kommende Zeit uns und unſern Kindern für Erſatz gewähren müſſen für ſo Vieles, was Koenig, Jeröme's Carneval. II. 8 114 nur aus deutſchem guten Sinn hervorgehen, nur von be⸗ ſonnenen treuen Händen in Sicherheit und Freiheit gepflegt werden konnte? Auch Luiſe billigte Hermann's Vorhaben; ſie ſäuies aber über ihren Geſichtspunkt. Sie hoffte nämlich, e werde, wenn er einmal den öffentlichen Augglegenheiten zugekehrt ſei, auch von der öffentlichen Bewegung leichter mitergriffen werden, zumal ſie den Miniſter von Bülow den preußiſchen Beſtrebungen insgeheim zugethan glaubte. Lina allein dachte anders, ſelbſt ihrem Ludwig ent⸗ gegen, der ſich über Hermann freute, indem er ausrief: Jetzt kommſt du auf den rechten Weg, mein Freund! Deine hypochondriſche Stimmung iſt auch ſchon ganz aus deinen Augen gewichen, ſeitdem du dich nach wirkſamer Thätigkeit auch nur umſiehſt. Brauchſt du anfänglich Rath, Auskunft, Anweiſung, Bücher über Staats⸗ und Volkswirthſchaft— da bin ich mit ſo viel oder wenig, als ich vermag! Wir haben einen Gegenſtand mehr für unſere Unterhaltung. Dieſe Aufmunterung verdroß Lina im Stillen. Sie bedachte augenblicklich nur, was ſie ſelbſt an Unterhaltung mit Hermann verlieren würde, ja mehr noch an Halt und Förderung für ihre höhere Bildung. Aber ſie ſchwieg, und als Hermann mit fragendem Blick ihr leuchtendes Auge ſuchte, verſetzte ſie nur: Ich will's erleben, wie dir der Tauſch zuſagt, daß du den heitern Verkehr mit Dichtern und Denkern verläſſeſt, um im Joch einer franzöſiſchen Geſchäftsordnung den Staub der Acten und den Verdruß der Arbeiten zu ſchlucken. Du weißt ja voraus, was Ludmwig hat. „* 115 Ludwig lächelte zu dieſer Erinnerung, wie er bisher auch die neue, etwas ſchwärmeriſch⸗betriebene Richtung ſeiner Frau belächelt hatte, ſo ſehr er ſich dabei doch an ihrem ſchönen Streben und Gewinn heimlich erfreuen konnte. Denn er war von Haus und Verſtand aus mehr eitel als eiferſüchtig in der Liebe. Lina ſelbſt war bei ihrer Erinnerung an Ludwig eher etwas erſchrocken. Sie fand einen Vorwurf für ihn darin, indem ſie ſich zugleich erinnerte, wie ermüdet, verſtimmt und für ſo manches theilnahmlos er oft genug nach Hauſe kam. Und indem ſie voraus zu ſehen glaubte, daß auch Hermann gar bald nur von nichts als den Armſeligkeiten der Schreibſtube, den Intriguen der Hofparteien und den Frivolitäten der hohen Geſellſchaft zu erzählen haben würde, kam es ihr vor, als ob von nun an ſeine und ihre Rich⸗ tung auseinander liefen, ſodaß der theuere Freund ihr ganz verloren gehen könnte. Dieſer Betrachtung hing ſie nach, als Ludwig und Hermann zu einem Spaziergang fort waren. Da ſtellte ſich auch gleich wieder der heimliche Vorwurf ein, mit dem ſie ſich ſeit den letzten Tagen beunruhigte. Luiſens Be⸗ nehmen gegen ſie hatte nämlich nachgewirkt. Durch das mitgebrachte Blatt von Schleiermacher war ihr die Mei⸗ nung der Freundin erſt recht klar geworden. Offenbar wurde ihre Zuneigung für Hermann von Luiſen misver⸗ ſtanden, und mit jenem Blatte über die Zehn Gebote der Liebe für eine verheirathete Frau ſollte ihr eine Zurecht⸗ weiſung gegeben werden. Lina hatte das Empfindliche, was in dieſem Argwohn für ſie lag, nicht ohne Kränkung überwunden. Sie hatte 8* 416 jedoch nach und nach ſich durch den Inhalt jener Zehn Gebote ſelbſt über ihre Geſinnung für Hermann klar ge⸗ macht, und beruhigte ſich über die Abſichten des ihr ſo theuern Freundes gegen ſie durch deſſen zartes und unbe⸗ fangenes Benehmen, durch die edeln Anſichten, die er bei jedem Anlaß über Liebe und Ehe ausſprach, ſowie durch das herzliche Vertrauen ihres Mannes gegen ſie und ge⸗ gen Hermann, ſelbſt bei den traulichen Stunden, die der Freund mit ihr allein hatte. Durch alles dieſes kam Lina in wiederholter Betrach⸗ tung auf den Gedanken, ſich gegen Luiſen eine Genug⸗ thuung, eine Vergeltung zu nehmen. Rechtfertigung wollte ſie es gar nicht genannt haben. Sie überlegte ſich in dieſer Abſicht einen kleinen vertraulichen Abend, wozu ſie Hermann einladen und ihn zu einem Vortrag über Liebe und Ehe veranlaſſen wollte. Bei dieſer Gelegenheit dachte ſie dann Schleiermacher's Blatt der beſchämten Luiſe mit einem ſtillen Triumphe zurückzugeben. Inzwiſchen wurde die Stadt mit jedem Tage belebter. Die Vorkehrungen zum nahen erſten Reichstage brachten mancherlei Geſchäfte und Unruhe mit ſich. Schon trafen auch einzelne Landesabgeordnete vor der Zeit ein. Der eine wünſchte ſich über die Lage der Dinge zu orientiren, der andere ſich über ſeine Beſtimmung genauer zu unter⸗ richten; dieſe wollten ſich bei Hof und bei den Miniſtern vorſtellen, jene ſich bei den Männern von Einfluß in Ver⸗ trauen ſetzen; einige beabſichtigten ihre kleinen Privatanlie⸗ — 117 — gen voraus anzuknüpfen, manchen lag auch nur daran, ſich beim Zudrange ſo vieler Menſchen einer bequemern Wohnung und Einrichtung zu verſichern, und noch andere hatten alte Bekanntſchaften in und um Caſſel, mit denen ſie erſt ein paar ungeſtörte Tage zuzubringen dachten. Den Maire der Reſidenz, Baron von Canſtein, ſah man den Tag über geſchäftig, den Hut in der linken, das Schnupftuch in der rechten Hand, hin- und herlaufen. Der ehemalige Kammerherr des Kurfürſten war ein ängſt⸗ licher Pedant, der ſehr an Aeußerlichkeiten hing und mit Nebenſachen wichtig that. Die alten heſſiſchen Landtage, die einſt den Landgrafen ſo heiß gemacht hatten, waren hinter der zunehmenden Regierungsgewalt der Fürſten in Vergeſſenheit gerathen, und was nun bevorſtand, war ſogar ein Reichstag nach ganz neuem Muſter und von den ehrenwertheſten Abge⸗ ordneten beſchickt. Denn die ſtebzig Grundbeſitzer, die den Grundſtock der Verſammlung bildeten, waren größtentheils von gutem und altem Adel, die Funfzehn aus dem Ge⸗ werb⸗ und Handelsſtande kamen hauptſächlich aus den gro⸗ ßen, capitalreichen Geſchäften, und die Wahl der funfzehn gelehrten und um das Land verdienten Männer, die das Hundert der Reichstagsverſammlung voll machten, war ſo ziemlich auf höhere Staatsdiener, auf Penſionäre und ei⸗ nige Profeſſoren gefallen. Der Maire hielt es daher für anſtändig, ſolche Deputirte ihrem Werth und ihrer Würde gemäß in Privatwohnungen unterzubringen, und nahm die angemeldeten Quartiere bei adeligen Familien in Per⸗ ſon, in bürgerlichen Häuſern durch ſeine drei Adjuncten, Gundlach, Keßler und Reuſch, in Augenſchein, um bei der 118 Vertheilung dieſer Ehrenwohnungen die Wünſche der Be⸗ ſitzer und die Bedürfniſſe der Einzuweiſenden berückſichti⸗ gen zu können. Aber auch die Gaſthöfe, obgleich durch dieſe Maßregel des Maire in ihrem Vortheil verkürzt, ließen es nicht an neuen Einrichtungen fehlen, wobei ſie auf jene Abgeord⸗ neten rechneten, die ſich in Privatwohnungen genirt fühlen möchten, und den Zudrang der Fremden in Anſchlag brach⸗ ten, die ſie einander abzujagen ſuchten. Schon früher hat⸗ ten ſie die alten Schilder, die der neuen Regierung an⸗ ſtößig waren, freiwillig oder auf Polizeibefehl abgenommen. Ein vorſichtiger Gaſt konnte nun kein Bedenken finden, den„Heſſiſchen Hof“ zu beſuchen, der ſich, den Ereigniſſen gemäß, in ein Hôtel de Westfalie erweitert hatte, oder durfte im„Kurfürſten“ einkehren, der jetzt Hôtel rouge hieß. Aber nun dehnte der Beſitzer des„Hofs von Eng⸗ 8 land“ die Continentalſperre auch auf ſeine Firma aus, und ſchrieb Hôtel de Paris über ſeine Einfahrt. Die pariſer Schneider, die in Caſſel ihre prahleriſchen Schilder ausgehängt hatten, eröffneten jetzt Kleiderma⸗ gazine, worin es Legendre, tailleur bréveté de Sa Majesté le Roi de Westfalie, Allen zuvorthat. Die Her⸗ ren Pajol und Martel kündigten Reichsſtandsuniformen an— Mantel, Kleid, Hoſe, Weſte und Kopfbedeckung für 777 Francs. Mehre Lieferanten eiferten in den Tages⸗ blättern gegen einander, indem jeder allein im Beſitze der genehmigten Muſter zu den Stickereien der Uniformen zu ſein behauptete. Auch kündigte ſich ſchon ein Portrait⸗. maler an, der wahrſcheinlich auf die ausgezeichneten Köpfe 8 ſo vieler Reichstagsabgeordneten ſpeculirte— Mr. Augu- 119 stin, peintre en miniature, neveu et élève du célèbre Augustin, peintre de l'Empereur. Unter den Fremden, die nach und nach eintrafen, zo⸗ gen ſich auch einzelne Damen, nach ihrem Ausſehen und Namen von Stand, herbei, entweder von Neubegierde auf die pomphaften Aufzüge und glänzenden Feſte gelockt, oder vielleicht auch von ihrem menſchenfreundlichen Herzen ge⸗ trieben, um ſo manchem von Frau und Kindern, von Haus und Hof getrennten reichen Abgeordneten nach heißen, dem Wohl des Landes geweihten Tagen ſtille, erheiternde Abende zu bereiten. Eine geſchiedene Frau von Steinbach erregte ſehr bald viel Aufmerkſamkeit. Man behauptete, ſie werde ſich zu einer zweiten Verbindung nur nach ganz genauer Prüfung einer größern Anzahl von Männern entſchließen können. Noch mehr gab eine junge, üppig gebaute Dame von ſich zu reden, die in der Martinigaſſe beim Juden Jol⸗ berg Quartier genommen hatte, und ſich als„ſchwediſche Gräfin“ in der Geſellſchaft einführte. Für das Theater erſchienen zwei Demoiſelles Pietſch, erſte Ballettänzerinnen aus Hamburg, mit allen Reizen ausgeſtattet, die einen empfänglichen, auch feingebildeten Mann für nähere Bekanntſchaft anziehen und feſſeln konnten. Kurz, eine Herrlichkeit ſtand bevor, die Alles in Er⸗ wartung ſetzte, und Jung und Alt aus den Fugen des gewohnten Lebens zu drücken drohte. Elftes Capitel. Zweierlei Wahrnehmungen. Unter ſolcher Unruhe und Geſchäftigkeit war man in die letzte Juniwoche gekommen. Peter und Paul, der hohe katholiſche Feiertag, wurde vom Hof begangen, und die reformirte Stadt war durch anderes Intereſſe feſtlich mitgeſtimmt. Auf Napoleonshöhe fand große Tafel ſtatt, zu der auch verſchiedene Deputirte, die Grafen Schulen⸗ burg⸗Angern und Schulenburg⸗Altenhauſen, Baron von Brenken und von Arnſtedt, Präſident von Strombeck, Fabrikant Lutterroth aus Mühlhauſen, Graf Stolberg⸗ Wernigerode, Kanonicus Dammers aus Paderborn, Kanz⸗ ler Niemeyer aus Halle, Profeſſor Wachler aus Marburg und Andere geladen waren. Bei ſolchem Anlaß wurden auch die Waſſer angelaſſen, und Hermann, ſeit dem erſten Beſuche mit Baron Rehfeld nicht wieder hinaufgekommen, nahm ſehr gern eine Fahrt dahin an, die ihm Provencal bei ſeinem Gegenbeſuche anbot. Mein Miniſter iſt nach ſeiner Rückkehr ſo mit aufge⸗ laufenen und vorbereitenden Arbeiten überladen, ſagte der Generalſecretär, daß er ſich von der königlichen Tafel ent⸗ ſchuldigt hat. Ich habe nun den Auftrag, einen alten Freund des Hauſes in unſerer Equipage nach Napoleons⸗ höhe zu bringen. Es iſt Herr Nathuſius, Fabrikant aus Magdeburg, der als Abgeordneter aus dem Elbedeparte⸗ ment auch zur Tafel geht. Es iſt mir ſehr lieb, daß 424 Sie mitfahren und den vortrefflichen Mann kennen ler⸗ nen, aber auch— um mich ſelbſt nicht zu vergeſſen—, daß ich in Ihrer angenehmen Geſellſchaft zurückkehren kann. Sie ſind ſehr freundlich, erwiderte Hermann. Unter den Umſtänden werde ich aber wol dem Herrn Miniſter meine Aufwartung nicht machen können? Ich habe ſchon mit ihm geſprochen, ſagte Provencal; er erwartet Sie nach der Eröffnung des Reichstags. Zu dieſer Feierlichkeit ſoll ich Ihnen aber eine Einlaßkarte vom Präſidenten der Stände verſchaffen. Es wird Sie gewiß leb⸗ haft intereſſiren, die bedeutſame Feierlichkeit mitanzuſehen. Nathuſius war kein junger Mann mehr; doch merkte man ihm bei ſo gutem Ausſehen und lebhaftem Geiſte, als er hatte, ſeine vorgerückten Jahre weniger an. Ein ſchlanker Wuchs ohne die gewöhnliche Wohlbeleibtheit des höhern Mannesalters, heiteres Benehmen bei ſehr ein⸗ fachen, verbindlichen Manieren und ein ſorgfältiger, ge⸗ ſchmackvoller Anzug liehen ihm ein jüngeres Anſehen, als das eines Vierzigers. Er gab ſich unterwegs auch gegen Hermann leicht und heiter, wie ein längſt Be⸗ kannter. Seine Geſpräche verriethen den Mann von Verſtand, von Einſicht und Wohlwollen, der in der Welt zu Hauſe iſt, und das Leben mit Ueberblick und ins Große zu behandeln weiß. Er erzählte von den herz⸗ lichen Stunden, die er bei Bülows und ſie bei ihm ge⸗ habt, als der Baron noch Präſident in Magdeburg ge⸗ weſen. Plötzlich aber kam er, und nicht ohne innere Bewegung, auf die Familie zu reden, bei der er Quar⸗ tier gefunden hatte. Ich bin da allerliebſt aufgenommen, ſagte er, und konnte gleich bei einem häuslichen Feſt ſo recht in das Familienherz hineinblicken. Sie feierten auf eine recht an⸗ 82 muthige Weiſe den Namenstag der Mutter Philippine, der auf vorigen Montag fiel. Ich merkte wohl, daß es mit dieſer in einem nichtkatholiſchen Hauſe ungewöhnlichen Feier blos einen heitern Scherz der ſieben charmanten Töchter galt. Ahal! rief Hermann vergnügt, alſo bei Appellations⸗ rath Engelhard! So? Sie kennen alſo ſchon— haben wahrſcheinlich Verbindung mit der lieben Familie? fragte Nathuſius mit einer für den weltgewandten Mann ſehr bedeutſamen Spannung. Man hiüätte nicht ſagen können, ob er ſich eines theilnehmenden Hausfreundes freue, oder einen ſtö⸗ renden fürchte. Verbindung gerade nicht, antwortete der Freund. Meine perſönliche Bekanntſchaft beſchränkt ſich darauf, daß ich bei Gelegenheit eines Polterabends mit Thereſen, Nummer Zwei von den Sieben, getanzt und ſpäter einen Beſuch bei der Mutter gemacht habe. Aber ich weiß, daß es eine vortreffliche Mutter von Töchtern iſt, die— möcht' ich ſagen— echte Perlen unter den falſchen Bril⸗ lanten unſerer ſogenannten guten Geſeellſchaft ſind. Nathuſius, indem er den Freund mit forſchendem, aber freundlichem Blick anſah, erwiderte: Ich glaube, lieber Herr Doctor, Sie haben das rechte“ Wort geſprochen. Ein warmes Herz für das Haus und die Familie, ein ſchlichter, geſunder Verſtand im Verkehr mit dem Leben, und ein ſtiller Sinn für das Höhere in der Welt, was ich gerade als die Grundlage der weib⸗ 123 lichen Bildung ſchätze, hat eben nichts Funkelndes, Blen⸗ dendes, nichts von dem ſcharfen Schliff, der die Flammen des Kronleuchters und die Frivolitäten der Geſellſchaft zurückblitzt. Es ſind vielmehr jene Tugenden, die unter den ſchreienden Farben der Converſation, wie die reinen Perlen unter überladenem Putze, ein wenig erblaſſen. Nun, wir wollen hoffen, daß es davon noch recht viel in Deutſchland gibt; aber ſo echt deutſch, geſund und fröhlich, anſpruchslos und fleißig, einfach in Bedürfniſſen und dabei ſo lebensfroh ohne Neid oder Kummer inmit⸗ ten einer üppigen Reſidenz, wie dieſe allerliebſten Mädchen ſind, iſt mir doch lange nichts aufgeſtoßen. Ich habe ſie ſo unvermerkt beobachtet, ihr Thun und Laſſen, und be⸗ haupte, kein ſolider Mann greift hier fehl, der ſich aus den Sieben eine Gefährtin ſucht. Jede iſt des ſchönſten Glückes werth. Ganz gewiß, meinte Hermann. Aber hiermit— ich meine, mit dem Freien um ſolche Töchter— bezeichnen Sie den Punkt, wo jene Vorzüge gewiſſermaßen auf den Markt des Begehrs kämen. Da hat aber ſelbſt das Gold, wie Sie wiſſen, einen wechſelnden Preis, je nachdem es geſucht wird. Jene ſiebenfältigen Tugenden ſtehen aber bei uns dermal unter pari; denn unſere jungen Männer ſuchen nach andern Artikeln und Mitgiften. Sie wollen zu einer hohen Stelle gelangen, ein koſtbares Haus machen, Wagen und Pferde halten und was noch alles weiter, und darnach werben ſie. Sie betrachten die Frau nicht als die Krone, ſondern als die Wurzel ihres Glücks; ſie wollen überhaupt nicht beglücken, ſondern genießen. Hierauf verſetzte mit ſchlauem Lächeln der Fabrikant: Ein junger Mann, der ſo ſpricht, ſo tadelt, macht wol auch eine Ausnahme von dem herrſchenden Geſchmack. Ich wäre begierig zu wiſſen, welche von den Sieben Sie ſich erwählen würden? Ich bin noch nicht im Stand, an eine Wahl zu den⸗ ken, antwortete Hermann. Und ſolchen Sieben gegenüber nenne ich es ein Glück; die Wahl könnte leicht eine Qual werden, wie man zu ſagen pflegt. Nathuſtus ſchmunzelte ein Weilchen in ſein nachträu— mendes Innere hinein, bis er endlich ſeufzend ſagte: Ja, ja, wer noch in den glücklichen Jahren wäre, wo die Wahl dem Wählenden und nicht der Gewählten zur Qual wird! Aber, nehmen Sie ſich in Acht, mein lieber Doctor! Man iſt in ſeinen jungen Jahren ſo lange wählig, bis man zuletzt froh iſt, wenn man nur genom⸗ men wird. Für uns Männer, die wir oft die rechte Zeit verſäumen, iſt es eine ſchadenfrohe Strafe der Natur, daß wir niemals für unſern Geſchmack an der Jugend, ſon⸗ dern nur für den Geſchmack der weiblichen Jugend an uns zu alt werden. Ich ſtand auch einmal in den Jah⸗ ren, wo mein Wohlgefallen an den eben aufbrechenden Roſen in der Ordnung war. Aber freilich, in damaliger Zeit konnte Mancher vor lauter Erwerben nicht zum Werben kommen; während man heute, wie Sie mir ſagen, mit Werben anfängt, um dadurch leichter zu er⸗ werben. Ihnen fehlt noch, wie Sie ſich ausdrücken— die Wurzel, um eine Krone zu haben; hüten Sie ſich, wenn Sie einmal angewurzelt ſind, daß Sie nicht zu viel in die Blätter treiben, und ſetzen Sie bei Zeiten eine hübſche Krone an. 2 . * 6 4 2⁵ All' dieſe Aeußerungen und die Mienen, mit denen ſie gethan wurden, brachten Hermann auf die Vermuthung, daß Nathuſius ein alter Junggeſell ſein möchte, den beim Anblicke von ſieben ſo friſchen Kindern noch einmal ver⸗ ſpätete und darum verzagte Heirathsgedanken anwandelten. Zu dieſer Vermuthung ſchien es zu ſtimmen, daß derſelbe mit nicht ganz gelungener Gleichgültigkeit fragte, ob denn wirklich noch keine der ſieben Töchter verlobt oder umwor⸗ ben ſei, und daß er auf Hermann's Nein ein zufriedenes Lächeln zeigte. Ernſtlich zu fragen ſchien unſerm jungen Freunde gerade hinter ſolcher an ſich haltenden Bedächtig⸗ keit des ältern Mannes her zu unbeſcheiden, und für eine ſcherzhafte Anſpielung ſah ihm derſelbe zu achtunggebietend aus. Nur als Nathuſius mit leiſe taſtender Verzagt⸗ heit die Bemerkung machte: die ſieben Engel(die Silbe „hard“ am Namen ließ er mit lächelndem Witze weg) ſeien freilich für einen geſetzten Bewerber noch gar zu jung— verſetzte Hermann mit bezüglichem Nachdruck: Ei, zum Theil doch ſchon in die Mitte der Zwanzig vorgerückt! Und Sie müſſen bedenken, wie gediegen in ihrer Denkungsart die liebenswürdigen Schweſtern ſind und den innern Werth eines ausgezeichneten Mannes zu ſchätzen wiſſen. Der Sinn eines Mädchens gleicht ja gar leicht einigen Unterſchied des Alters aus. Dieſe Antwort, die der allgemeinen Bemerkung des Fabrikherrn eine perſönliche Beziehung zu geben ſchien, befremdete ihn einen Augenblick. Als er aber Hermann's unbefangene Miene ſah, lächelte er etwas verlegen, drückte ihm die Hand und ſagte: Sie haben wieder Recht, herzenskundiger Doctor. Und 126 was der Sinn eines jüngern Frauenzimmers unausge⸗ glichen läßt, übernimmt die Liebe des Mannes, der viel⸗ leicht auch vom Glücke begünſtigt genug iſt, um die äußern Lagen des Lebens auszugleichen und ſo mancher beſcheidenen Mädchentugend einen weiten Kreis liebreichen Schaffens zu bereiten. Auf der Höhe angelangt, bemerkten die Ausſteigenden ſchon ziemlich viel Männer und Frauen, die unter den Bäumen der Esplanade wandelnd die Stunde der könig⸗ lichen Tafel und des Empfangs abwarteten— Uniformen, geſtickte Dienſtkleider, Roben mit Schleppen. Indem unſere Ankömmlinge ſich nach einem Bekannten umſahen, an den ſich Nathuſius zum Gang nach dem Schloß anſchließen mochte, fiel ihnen manche intereſſante Perſönlichkeit in die Augen. In einem kleinen Kreiſe von Männern ſtand der Fürſtbiſchof von Corvey, der zur Eröffnung des Reichs⸗ tags gekommen war und dieſen Morgen die Peter- und Paulsmeſſe celebrirt hatte, in der Haltung und im An- zuge ſeiner hohen hierarchiſchen Würde. Er unterhielt ſich eben lebhaft mit einem Manne in Generalsuniform, der im Geſichtsausdrucke auffallend an den durch gute Kupfer⸗ ſtiche bekannten Alten Fritz von Preußen erinnerte. Es iſt der Graf Schulenburg⸗Kehnert, der jetzige Staatsrath im außerordentlichen Dienſt, ſagte Provencal. Ja, ja, wir kennen den Vogel ſchon! flüſterte an ſich haltend der Fabrikherr. Jener Miniſter⸗General aus den unglücklichſten Tagen Preußens, der hinter dem abreiſen⸗ den König her die viel verhöhnte Mahnung:„Ruhe iſt die erſte Bürgerpflicht“ den empörten Berlinern, und v 127 das preußiſche Pulver und Blei den einziehenden Fran⸗ zoſen zurückließ. Dieſer liebenswürdige Geſell hatte ſchon für die zweite Theilung Polens und für den Feldzug nach Frankreich geſtimmt, und ſtellt nun hier am weſtfäliſchen Hofe das lebendige Kerbholz der unglücklichſten Momente Preußens vor. In den üppigen Tagen vor dem jenaer Verhängniß unterhielt er den guten König gern mit Lie⸗ beshändeln aus der Stadt, und hatte als Chef der ge⸗ heimen Polizei, wenn er nach Hofe ging, hundert Schwaͤnke in der Taſche, den Agreablen zu machen. Nachmals gab er ſich, mit jüdiſchen Banquiers verbunden, beim niedern Cours der Banco⸗ und Seehandlungs⸗Obligationen mit Ankäufen derſelben ab, und machte gelegentlich auch gute Geſchäfte in Korn. An Menſchenfreundlichkeit fehlte es ihm aber gerade nicht; wenigſtens hatte er kriechende Ju⸗ den und gefällige Frauenzimmer ſehr gern. Aber— tauſend Blitz! wer iſt dieſe ſchöne Dame, die uns da entgegenwandelt? Ah, das iſt die ſchöne Bianca Lafleche! flüſterte Pro⸗ vencal; die Frau des Generalintendanten des Königs, eine geborene Carregha aus Genua. Wahrhaftig, eine wahre venetianiſche Schönheit! er⸗ widerte Nathuſius. Seh' doch ein Menſch dieſe antike Ge⸗ ſtalt, dieſen griechiſchen Kopf mit blendend weißem Teint! Eine Bekanntſchaft Jeroͤme's aus Genua! flüſterte ihm Provencal zu. Aus Genua? fragte Nathuſius. Wann war denn der König in Genua? Erinnern Sie ſich nicht, fuhr Jener fort, als Jeröme ſich in Mailand zur Scheidung von Eliſabeth Patterſon —— 128 verſtanden hatte, wurde er vom Kaiſer nach Genua ge⸗ ſchickt, um eine Expedition nach Algier zur Befreiung der dort gefangenen Genueſen auszuführen. Er brachte wirk⸗ lich ein dritthalbhundert derſelben zurück. In dem Volks⸗ jubel, der ihn damals emportrug, machte er die Bekannt⸗ ſchaft der ſchönen Frau des Banquiers Lafleche, und wurde von dieſer bezaubernden Coquette gefeſſelt. Als er König wurde, kam ſie mit ihrem ganzen Anhang hierher, mit zwei Schwägern und einem Bruder. Er ſchwieg, denn eben begegneten ſie ihr wieder in heiterer Unterhaltung mit einem Franzoſen, deſſen ſchmäch⸗ tiger Wuchs und ſcharfgeprägtes, geiſtreiches Geſicht von dunkler Färbung einen Mann von leidenſchaftlicher Seele verriethen. Man ſah es ſeinen altfranzöſiſchen Manieren an, wie ſehr er es ſich angelegen ſein ließ, die ſchöne Frau liebenswürdig zu unterhalten.— Chevalier Pichon, nannte ihn Provencal, den Hauptſprecher im Staatsrathe. Herr von Bülow achtet ihn ſehr hoch, ſagte er, als einen Mann von Ideen und Kenntniſſen, dem ein zuvorkom⸗ mendes Gedächtniß und ein feuriger Ausdruck der Rede zu Gebote ſtehen ſollen. Die Parteien bewerben ſich um ihn; aber er iſt ſtolz und zurückhaltend. Eben war Banquier Jacobſon aus Braunſchweig ange⸗ fahren, ein guter Bekannter und alter Geſchäftsfreund von Nathuſius. Sie begrüßten ſich, und die beiden jün⸗ gern Freunde begleiteten ſie dem Schloſſe zu, wohin ſich die Verſammelten in Bewegung ſetzten. Dort beſtieg eben die Königin, aus dem Park kommend, die hohe Treppe, begleitet von ihrem erſten Kammerherrn, Baron von 1²⁹ Schele, und von ihrer Vorleſerin, Madame Mallet de la Rochette, deren Mann Capitän und Untergouverneur der Pagen war. Als Hermann und Provencal ſich von den beiden Männern verabſchiedet hatten, ſchlugen ſie den Weg ein, den die Konigin eben gekommen war. Hier begegneten ſie, zu nicht geringem Schreck für Hermann, der Ober⸗ hofmeiſterin, die in neckender Unterhaltung mit zwei Pa⸗ gen der Monarchin langſam folgte. Sie blieb mit er⸗ wartender Miene gegen Hermann ſtehen, und entließ die Pagen mit ihren dicken Blumenſträußen. Auch Provengal wandelte mit ehrerbietiger Verneigung weiter, und ſie drückte nun lächelnd ihre Zufriedenheit aus, den Herrn Doctor noch am Leben zu finden. Aber, ſetzte ſie hinzu, daß Sie mich ſo lang Ihre Schuldnerin für die Lectionen bleiben laſſen, iſcht nicht artig von Ihnen. Ueberwältigt von der Erinnerung rief Hermann: Ew. Durchlaucht ſind ſo gnädig—! Sie ſehen viel⸗ mehr einen Tiefverſchuldeten vor ſich. Doch erſchrocken vor einem Bekenntniß, das ſich aus ſeiner Bruſt drängen wollte, verſtummte er, in ſeiner grenzenloſen Verlegenheit ſich tief verneigend. Mit dem Blicke nach der Geſellſchaft, die eben die Treppe des Schloſſes emporſtieg, ließ ſie ihn abſichtlich mit entblößtem Haupte ſtehen, indem ſie in der Haltung weiter zu gehen raſch ſagte: Es iſcht jetzt nicht der Augenblick— ich hab' Ihnen noch Manches zu ſagen. Sie melden ſich einmal, wenn ich wieder in der Stadt wohne. Beſinnen Sie ſich auch, Koenig, Jeröme’s Carneval. II. 9 —— —— 413⁰ was ich für Sie thun kann, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Adieu! Nein, noch Eins! General Morio weiß jetzt von den deutſchen Stunden. Das Geheimniß iſcht auf⸗ geplatzt. Erſchrecken Sie nicht! Der Polizeipräfect hatte ihm einen Wink gegeben. Haben Sie bei Ihrem Aus⸗ und Eingehen nichts von Kundſchaftern der Polizei wahr⸗ genommen?. Nein, Durchlaucht!— Freilich kenne ich ſie auch nicht; doch iſt mir im Palais nie ein Unbekannter aufgeſtoßen. Ich bin recht in Verlegenheit, wer etwa von meinen Leuten treulos iſcht. Aber wiſſen muß ich's. Meiner Franzöſin trau' ich am wenigſten; ſie ſchminkt ſich. Und Morio, muß ich Ihnen noch ſagen, möoͤfcht' Ihnen eine Artigkeit erweiſen. Er hat Sie einmal verletzt, und fühlt ſich jetzt ſo glücklich durch Adelen. Weichen Sie ihm nicht aus, wenn er Ihnen entgegenkommt. Lehnen Sie keine Freundlichkeit ab, um— nun ja, um Adelens willen! Adieu! In den Worten„um Adelens willen“, wie ſolche von der Gräfin betont worden, lag für Hermann etwas ahnungsvoll Unbegreifliches, was ihn nachdenklich machte. Er konnte ſich kaum an Provencal's Seite ſeiner Zer⸗ ſtreuung entſchlagen. Erſt an der Wirthstafel, bei einer Flaſche Burgunder, und als die Muſik der Garde ſich vom Schloſſe her vernehmen ließ, erheiterte ſich der Freund, und bei der Erinnerung an das vertrauliche Lächeln ſei⸗ ner Gönnerin ward ihm zu Muth, als ſei nunmehr der letzte Schatten aus jener verhängnißvollen Stunde, der noch zuweilen ſeine Bruſt verdüſtert hatte, durch dieſe 3 heitere Güte hinweggebannt. 131 In ſolcher guten Stimmung vom Tiſch aufſtehend, ſagte er ſcherzend: Da wir ſo koſtbar geſpeiſt haben, Freund Provencal, ſo müſſen wir's am Kaffee wieder erſparen. Hier koſtet die Portion einen halben Thaler. Ich denke, wir fahren hinab zu Herrn Keilholz in der Allee. Ich war noch nie dort, und höre— Allons! erwiderte Provengal. Ein glücklicher Ge⸗ danke! Dort findet man oft eine ganz intereſſante Herrn⸗ geſellſchaft und jedenfalls eine gute und billige Taſſe Kaffee. Sie trafen wenigſtens einen ungewöhnlich zahlreichen Beſuch, indem zu den einheimiſchen Kunden ſich auch fremde Gäſte eingeſunden hatten. Zwiſchen ſolche auswärtige Be⸗ ſucher hatte ſich der Agent Würtz in bürgerlichem modi⸗ ſchen Anzug eingedrängt. Er mochte ſich von der unbe⸗ dachten Unterhaltung der Fremden ein gutes Geſchäft ver⸗ ſprechen, oder auch von ſeinem Chef dahin beordert ſein. Indeß ſpielte er den heitern Gaſt, und ließ ſich eine gute Collation mit einer Flaſche Rothwein behagen. Dazwi⸗ ſchen ſprach und erzählte er viel, und wenn er dabei im Allgemeinen eine prahlende, barſche Art und Weiſe hatte, und das Unglaubliche mit einem:„Auf Ehre!“ oder:„Parole d'honneur“ begleitete, ſo bewies er doch gegen Einzelne auch wieder eine kriechende, ſchmeichelnde Gefälligkeit, und that nicht ſparſam mit der Verſicherung, daß er ein ehrlicher Mann ſei. Mit Fremden knüpfte er vertraulich an, er⸗ zählte ihnen Hofgeſchichten und ließ ſich tadelnd über die öffentlichen Zuſtände und über die„Männer am Ruder“ 9* 43² aus— wie er ſie bezeichnete, ohne daß er ſie bei Na⸗ men nannte. Indeß war nicht leicht Jemand ſo unvorſichtig, in die Falle zu gehen, oder die Umherſitzenden winkten dem Arg⸗ loſen ſogleich eine Warnung zu. Nur Einer, der De⸗ putirte Meilhaus aus dem Harzdepartement, unachtſam dieſer Winke, ließ ſich mit ihm auf Erwiderungen und Fragen ein. Da rief ihm ein junger Militärarzt von der Linie zu: Geben Sie Acht, Herr Meilhaus, und vertrauen Sie dem Herrn Agenten Würtz nicht mehr an, als er den weiten Weg bis zur Polizei tragen kann! Er hat ſchon ſeine Laſt an einer guten Collation, die er zu ſich ge⸗ nommen. Man muß einem„ehrlichen Manne“ nicht zu viel zumuthen. Was iſt das? rief Würtz, ſich erhebend. Was wollen Sie damit ſagen, Herr Klinkerfuß? Ich will nicht hoffen, daß Sie mich verdächtigen wollen. Sonſt, Herr Chirur- sien aide-Major—! Sie kennen mich! Gewiß kenne ich Sie! Eben darum—]. lachte Jener. Und ich kenne Ihren Oberſten Ruelle! drohte Würtz. Ich habe ſchon Manchem gezeigt, was ich vermag. Und Ihren Strafantheil davon in die Taſche geſteckt! lachte der Andere noch lauter. Weiß es, o ja wohl! Aber an mir iſt nicht viel zu verdienen. Sprechen Sie gegen die Dienſtordnung— puncto der Strafantheile? fragte Würtz mit Nachdruck. Tadeln Sie die Beſtimmungen des Geſetzes in Strafſachen? Ich verbitte mir dieſe Auslegung! entgegnete der Mi⸗ litärarzt. Im Gegentheil, ich freue mich immer neuer 133 guter Geſetze und Einrichtungen, z. B. auch der zwei Inſtitutionen, die Caſſel aus Frankreich erhalten hat, und die viel Menſchen ernähren; ich meine die geheime Po⸗ lizei und die patentirten Frauensperſonen. Die Umherſitzenden erſchraken bei dieſem Spott eines vom Wein angeregten jungen Menſchen. Einer und der Andere ſchlichen ſich davon. Zum Erſtaunen der Zurück⸗ bleibenden aber erwiderte Würtz mit beifälligem Nicken: Vernünftig, ſehr vernünftig! Sonſt hatte man für den Ueberſchuß brauchbarer Menſchen die Klöſter für Mönche und Nonnen. Da herrſchte fromme Eintracht. Bei unſern zwei Anſtalten iſt nur der Unterſchied, daß man bei dem einen Inſtitut vom Haſſe, bei dem andern von der Liebe lebt. Ja, ich darf ſagen, man hat Feinde in meiner fa⸗ talen Stellung. Und was für Feinde? Thöͤrichte Men⸗ ſchen, die doch nur ihre eigenen Feinde ſind, indem ſie polizeiwidrig handeln. Bravo! rief der Andere. Nur ſollte man ſie nicht verführen, nicht auslocken, ihnen die Worte nicht ver- drehen. Was verſtehen Sie unter Auslocken? fiel Würtz ein. Ein vernünftiger Mann, wie Sie—! Wiſſen Sie nicht, daß in jedem Menſchen eine angeborene Geſetzwidrigkeit, eine politiſche Erbſünde, ſteckt, die heraus muß, wenn er ein geſunder Staatsbürger werden will? Und wenn dieſe Feindſeligkeit durch innerliche Verſchlimmerung, oder auch zur unrechten Zeit ausbricht— in welch' Unheil kann da Einer gerathen! Nennen Sie es nicht auslocken, wenn ein bürgerfreundlicher Beamter Das, was einen ſonſt vielleicht ganz rechtſchaffenen Menſchen dann und wann —= 43⁴ einmal unter der Haut juckt,— wenn er es ihm heraus⸗ kitzelt, herausſtreichelt! Denn— verkennen Sie mich nicht, meine Herren!— an mir hat man bei ſolchen Vorkom⸗ menheiten doch immer einen Mann, der ab⸗ und zuzu⸗ geben weiß. Verſtehen Sie? An verſchiedenen Tiſchen wurde gelacht, und Würtz rief gebieteriſch: Was ſoll das Lachen? Gilt etwa mir das Lachen? Soll das Lachen mir gelten? Nehmen Sie das nicht übel! wendete der Militärarzt ein. Wir lachen in Ihrem Intereſſe. Sie treten ſich ſel⸗ ber zu nahe: Sie geben ſich für ein Zugpflaſter aus, für eine häßliche Salbe oder dergleichen, und wir haben Sie Ihrem Namen nach für eine Würze der Geſellſchaft gehalten, für guten Senf, für moutarde de Paris. Ver⸗ ſtehen Sie mich ja nicht unrecht! Ich ſage moularde, nicht mouchard! Aber jetzt brach ein Tuttigelächter aus. Würtz erhob ſich, riß das Schnupftuch aus der Taſche, wiſchte ſich die Stirne und machte heftige Geberden der Entrüſtung. Dann ſchenkte er ſich den Reſt ſeines Weines ein, und ſprach, das Glas in der Hand und zuweilen nippend, mit affee⸗ tirtem hohen Ton: Ich ſehe wohl, ich bin hier in einer unſociablen So⸗ cietät, in einer unwürdig— ich ſage, unzuſagenden Ge⸗ ſellſchaft. Herr Wirth! Herr Keilholz! Der Wirth, der ſich abſichtlich zurückgehalten, kam auf dies Anrufen geſchäftig herbei. Haben Sie befohlen, Herr Würtz? fragte er ſehr un⸗ terwürfig, wobei er aber hinter ſeinem eigenen Rücken Schnippchen ſchlug, und ſeinen Gäſten ſchalkhaft zublinzte, als ob er den gefürchteten Menſchen zum Beſten hätte. Herr Keilholz war ein gewandter Schauſpieler geweſen für mehr als eine Rolle. Ich wollte Ihnen nur rathen, Herr Keilholz, ſagte Würtz mit grimmigem Geſicht, daß Sie mehr auf eine Geſellſchaft, auf eine Kundſchaft halten, die in einem ſo von der Stadt entfernten öffentlichen Local— Was ich ſagen wollte— es kann nämlich von Polizeiwegen nicht geduldet werden, daß man an Wirthstiſchen Anekdoten vom Hof erzählt, ſich über Verfaſſung und öffentliche Zu⸗ ſtände ausläßt, und die Staatsanſtalten in ihren Vertre⸗ tern verhöhnt. Bei den letzten Worten ſchlug er mit ſeinem zuſammen⸗ geballten Sacktuche auf ſeine Bruſt, worauf er fortfuhr: Schreiben Sie ſich das hinter die Ohren, Herr Keil⸗ holz! Ich werde nachſehen, wann Ihr Patent abläuft! Ich kenne ſie Alle, die gelacht haben! Dabei drohte er forteilend nach verſchiedenen Tiſchen, und ſchwenkte das Taſchentuch wie eine Peitſche heftig in der Luft. Seht, jetzt gibt er ab und zul! lachte ihm der Chi- rurgien aide- Major nach; er fand aber wenig Mit⸗ lachende: die Drohung des Commiſſars, daß er Alle kenne, ängſtigte wenigſtens Einige. Hermann hatte mit Provencal während dieſer Scene ziemlich entfernt geſeſſen. Im Augenblick, als Würtz an ihnen vorüberkeuchte, hatte er das ſeltſamſte innere Er⸗ lebniß, ſozuſagen eine Erleuchtung durch die Naſe, eine Offenbarung, ebenſo lächerlich, als ſie ernſte Folgen haben 136 konnte. Auch der Geruch vermittelt nicht ſelten Erinne⸗ rungen und Ideenverbindungen in unſerer Seele, und ſo war dem jungen Freund an dem ſcharfen Wohlgeruche, den der Vorübereilende um ſich verbreitete, jene Situation lebhaft eingefallen, als er, aus dem Zimmer der Gräfin Antonie kommend, auf dem Corridor von Mademoiſelle Angelique, der geſchminkten Zofe, angeredet wurde. Es war noch dieſelbe ſtark duftende Eſſenz von damals. Er erinnerte ſich ſelbſt noch, daß er auch die Zofe mit dem Wohlgeruche geneckt, und daß ſich etwas hinter der Thür geregt hatte. Kein Zweifel, daß es dieſer Würtz geweſen. Dies beſtätigte den vorhin ausgeſprochenen Argwohn der Gräfin, der vielleicht in dunkler Seelenregung bei Her⸗ mann’'s Wahrnehmung mitgewirkt hatte. Was war aber nun zu thun? Hermann mußte je⸗ denfalls ſeine Vermuthung der Gräfin mittheilen. Dar⸗ über blieb er keinen Augenblick zweifelhaft. Seine Wahr⸗ nehmung, der Grund zu ſeiner Vermuthung, rührte ja aus ihrer eigenen Wohnung her; die edle Dame erſchien ihm wie verrathen und verkauft durch ihre Zofe, gegen die ſie ſelbſt ſchon Argwohn gefaßt hatte. Und welchen Verdruß, welche Widerwärtigkeiten konnte dieſe Perſon noch durch ihre wahrſcheinlich fortdauernde Verbindung mit der geheimen Polizei über das hochgeſtellte und mit dem Hofe ſo innig verbundene Haus bringen! Der Freund würde ſich in dieſe Betrachtung noch tie⸗ fer verloren haben, wenn ihn Provencal nicht auf den Wirth aufmerkſam gemacht hätte, der ſich hinter dem fortgeeilten Würtz her ſehr pathetiſch vernehmen ließ, in⸗ dem er ſich wieder einmal wie auf der Bühne fühlte. 137 Ein vollſtändiger, ein vollendeter Schurke das! deela⸗ mirte er. Haben Sie gehört, mit welcher Drohung ge⸗ gen mich er fort⸗ und dort hinausſtürzte?— die Luft verpeſtend mit ſeinem Waſſer, das freilich ein anderes Waſſer iſt, als welches der kranke Fallſtaff ſeinem Arzte zur Beſichtigung ſchickte. Das Waſſer an ſich, ſagte der Shakſpeare'ſche Doctor, iſt ein gutes Waſſer; aber die Perſon, von der es herrührt, iſt mit ſchweren Uebeln behaftet. Und ich ſage— iſt mit allen Schurkereien be⸗ haftet! Ich fürchte ſeine Drohung nicht. Nein, meine Herren, haben Sie keine Sorge um mich! Mit ſolcher Drohung wollte er nur die genoſſene feine Collation und den edeln, echten Chambertin bezahlen. So treibt's der Elende, ſage ich Ihnen; er läßt ſich in allen Gaſthäuſern köſtlich bewirthen, ohne je zu zahlen, und löſcht ſozu⸗ ſagen mit Drohungen die Kreide aus, die ſchuldloſe, ihm ſchuldenloſe! Unverſchämt, auslockend, denuncirend, Straf⸗ antheile ziehend, ſpielt er den ehrlichen Deutſchen, wo er ungekannt iſt, und verwünſcht, wo man ihn kennt, den Polizeidienſt, der ihn um die Liebe und das Vertrauen ſeiner Mitmenſchen bringe. O der Heuchler und Hippo⸗ gryph! Er knüpft mit den weiblichen Dienſtboten an, um durch ſie die Herrſchaften zu belauſchen und in die Geheimniſſe der Familien einzudringen. Und der Him⸗ mel weiß, welchen Schlangenzauber der widerliche Menſch auch manchmal auf ſonſt ſehr ordentliche Dienſtboten aus⸗ übt! Kennen Sie ſeinen jüngſten Streich? Sie wiſſen, Sie kennen den Bureauchef im Kriegsminiſterium, der jüngſt entlaſſen worden? Nun hören Sie, wie's zuge⸗ —— 138 gangen! Würtz kundſchaftet beim Hausmädchen aus, daß der beſagte Bureauchef ſeiner Frau ein koſtbares Geburts⸗ tagsgeſchenk gemacht hat, von Geldern beſtritten, mit denen er ſich von einigen reichen Bauern, um ihren Söh⸗ nen bei der Conſcription durchzuhelfen, hat beſtechen laſſen. Würtz denuncirt, der Bureauchef wird entlaſſen, und ſieht ſich nun mit ſieben Kindern dem Elend zur Beute hinge⸗ worfen. Da ruf' ich mit Karl Moor:„Weg, weg von mir! Iſt dein Name nicht Menſch? Hat dich das Weib nicht geboren? Aus meinen Augen, du mit dem Men⸗ ſchengeſicht!“—— Eine augenblickliche Stille folgte auf dieſen Erguß. Einige Spötter applaudirten, und der Militärarzt ver⸗ ſetzte: Nun ja, es iſt ein verächtliches Benehmen; aber man muß auch in ſolchen Stücken— ab- und zugeben, wie der Monſieur Würtz. Beſtechungen von Seite der Reichen zum Schaden der Vermögenloſen wollen wir nicht in Schutz nehmen. Aber allerdings bleibt ein Blutegel ein widerliches Gewürm, wenn man ihn auch heilſam ap⸗ plicirt. Als hierauf unſere beiden Freunde den Garten ver⸗ ließen und nach der Stadt wandelten, ſagte Provencal mit einer eigenen Befangenheit: Sie ſind mir ſo nachdenklich vorgekommen, mein Freund, und ich habe Sie dazwiſchen ſo träumeriſch lächeln ſehen— beides aber erſt ſeitdem Sie die Gräfin geſprochen. Verzeihen Sie! Ich will durchaus nicht in 139 Ihr Geheimniß eindringen, nein! Aber es machte mich vorhin glücklich, zu denken, daß uns eine geheime Sym⸗ pathie der Seele verbinden könnte. Nicht wahr, es gibt Geheimniſſe des Herzens, die ein unausſprechliches Glück in dem Verſtändniß einer ähnlich bewegten Seele finden. So will ich Ihnen denn voraus bekennen, daß auch ich eine edle Dame liebe, freilich noch unausgeſprochen und— ich fürchte unverſtanden in meiner ſtummen Hingebung. Verzeihung, daß ich Sie unterbreche! fiel Hermann ein. Ich weiß Ihr Vertrauen zu ſchätzen, mein geehrter Freund, und ich würde es zu verdienen wiſſen; allein vorher muß ich Ihnen ſagen, daß durchaus kein Verhält⸗ niß der Art, wie Sie vermuthen, zwiſchen mir und jener hohen Dame beſteht, die mich vorhin angeſprochen hat. Es hat blos eine geſchäftliche Beziehung betroffen, die noch nicht ganz erledigt iſt. Meine Zerſtreuung und mein träumendes Lächeln hangt allerdings damit zuſammen. Es galt nämlich um eine Entdeckung, die ich auch uner⸗ wartet und auf die drolligſte Weiſe gemacht habe— vor⸗ hin nämlich durch den vermeintlichen Wohlgeruch dieſes Würtz, der ſelber moraliſch in ſo übelm Geruche ſteht. Man ſollte glauben, er wolle den einen mit dem andern verbeſſern oder decken. Ich bin durch jenen ſtarken Par⸗ füm hinter ein Geheimniß gekommen, an welchem jener mir ſehr verehrten Gönnerin viel gelegen iſt— ein wich⸗ tiges Geheimniß durch die Naſe! Aber allerdings ſind Polizeigeheimniſſe von der Art, daß man ſie nur durch den Geruch entdecken kann. Wahrhaftig, man muß zum Trüffelhund werden wider ſolche Schnüffelhunde! Sie 440 verſtehen mich nicht, mein Freund; ſobald ich aber über⸗ legt habe, was mir nun zu thun bleibt, werde ich Ihnen das Nähere mittheilen; denn ich werde vielleicht Ihres Rathes bedürfen. So wandelten Beide Arm in Arm, aber eine lange Strecke nachdenklich und ſchweigſam, der Stadt zu. — ₰ ☛ — — ‿ ₰ — — Erſtes Capitel. Revue und NReichstag. Der Hof hatte auf einige Tage die hohe Sommerreſidenz verlaſſen, und den Palaſt in der Stadt, das alte Schloß der ehemaligen Landgrafen, bezogen. Von hieraus er⸗ öffnete Jeröme den Monat Juli mit einer großen Revue über die Garden: die Garde du Corps, die Chevaux- legers-Garde, die Garde der Grenadiere zu Fuß und die Gardejäger. Das erſte Chevauxlegers⸗ und das dritte Linieninfanterie⸗Regiment wurden mit dazu gezogen. Der König zu Pferd erwartete die Königin auf dem weiten, eirunden Raſenplatze vor dem Orangerieſchloſſe des Au⸗ parks. Sie kam mit prachtvollem Geſpann von Iſabellen zu Wagen, in Begleitung ihrer Palaſtdamen, und nun ging die große Feierlichkeit vor ſich, indem Katharina in Perſon, unter dem Zudrange des Volks um das Bow⸗ linggreen, die Binden an die Fahnen und Standarten knüpfte, die der König an die verſchiedenen Truppen ver⸗ theilte. Bei jeder Uebergabe erinnerte er an die Ehre 444 der beſondern Waffengattung, ſowie an die Wichtigkeit der Feier, in kurzen franzöſiſchen Anreden, die der beglei⸗ tende Adjutant, Oberſt Prinz Salm⸗Salm, auf der Stelle deutſch nachſprach. Leichtere Zwiſchenreden kamen bei Beſichtigung der ein⸗ zelnen Truppen vor, und die Antworten der obern Offi⸗ ziere, die den König begleiteten, fielen oft, beſonders nach altheſſiſchen Begriffen, freimüthig genug aus, namentlich von Seiten der Franzoſen. So beim Anblicke der vier Kanonen, die in den Zwiſchenräumen der Bataillone der Garde aufgeführt ſtanden und die Morio hatte gießen laſſen, rief Jeröme etwas barſch aus: Voilà de vos canons qui sont bien rouillés, General! Worauf Morio raſch und kurz erwiderte: Sire, ce ne sont pas des voitures de la Cour. Nach der Revue gab der König in einem Saale des Orangerieſchloſſes ein Gaſtmahl für zweihundert Gedecke. Er ſelbſt nahm in einem beſondern Zimmer das Früh⸗ ſtück ein. Die ausgeſprochene Zufriedenheit des Königs mit der Haltung und Uebung der Truppen ſteigerte noch den friſchen Muth und die laute Fröhlichkeit der Gäſte, die ſchon durch eine vorausgegangene Gunſt heiter geſtimmt waren. Denn Jeröme hatte durch eine frühere Ordre ei⸗ nem jeden Infanterieoffizier 300, und jedem Cavalerie⸗ offizier 500 Francs zur Erleichterung ihrer Equipirung bewilligt. Auf dies militäriſche Vorſpiel folgte am nächſten Tage, Sonnabend den 2. Juli, die Prachtfeier der Eröffnung des erſten Reichstags. Schon in der Frühe war die Stadt, um die alte Burg und nach dem Authore hin, in Bewegung. —— 8 ——jd Mit dem Schlage 6 Uhr nahm der Hauptmann der Garde, General du Coudras, Beſitz vom Orangerieſchloß in der Au. Von hier aus gab er ſeine Befehle an die Garden. Dieſe und die Linienregimenter bildeten eine Hecke vom Reſidenzſchloß über den Friedrichsplatz durch das Author hinab an den Orangeriebau. Dies großartige Gebäude, aus drei hohen Luſthäu⸗ ſern und zwei Flügeln beſtehend, bot zwei große Säle, von denen der eine für die heutige Feier prachtvoll ein⸗ gerichtet war. Auf erhöhtem Boden, auf einer Eſtrade, ſtand der Thronſitz für den König zwiſchen den etwas abgerück⸗ ten Miniſterbänken rechts und links. Eine Tribüne war für die Königin und ihr Gefolge, eine zweite für das diplomatiſche Corps und andere ausgezeichnete Perſonen errichtee. Von der Eſtrade ab war ein Vorplatz, ein Parquet, gelaſſen, bis zu den beiderſeitigen Bänken hin, die, blau überzogen für den Staatsrath und die De⸗ putirten, und roth beſchlagen für die mit Einlaßbilleten begünſtigten Zuſchauer beſtimmt waren. Gegen 11 Uhr fanden ſich die Mitglieder der Stände in ihrem Coſtüm ein. Dies beſtand in einem blauen, mit orangegelber Seide geſtickten Kleide und einer weiß⸗ ſeidenen Schärpe, worüber ein blauſeidener, weißgefütter⸗ ter, reichgeſtickter Mantel hing, und in der Kopfbedeckung einer ſchwarzſammetnen, mit Straußfedern verzierten Toque à la Henri IV. Die Staatsräthe, ebenfalls in großem Coſtüm ſam⸗ metner Mäntel mit Schärpen und von Straußfedern um⸗ Koenig, Jeroͤme's Carneval. II. 10 146 wehten Toquen nahmen die beiden Bänke vor den Ab⸗ geordneten ein. Noch früher hatten ſich die rothen Bänke mit Zuſchauern gefüllt, unter denen ſich auch Hermann mit Provencal zeitig eingefunden. Für die Zuſchauer war es unterhaltend genug, die einzelnen Ständemitglieder nach und nach ankommen zu ſehen, und zu beobachten, wie ſich die einzelnen in das ungewohnte Coſtüm und in ihr neues Selbſtgefühl zu ſchicken ſuchten. Dies Selbſtgefühl war durch die neue Etiquette nicht wenig herausgefodert. Den Abgeordneten war nämlich das Vorrecht zugeſtanden, ſich vor dem Kö⸗ nige zu ſetzen und zu bedecken; die Flügelthüre der Schloß⸗ ſäle öffneten ſich vor dem Präſidenten und vor den Ab⸗ geordneten, und wo ſie in ihrer Galla erſchienen, auch wenn ſie von den Bauernhöfen der Diemel und der Werra gekommen waren, präſentirten die Wachen das Gewehr und verneigten ſich ehrerbietig die Lakaien. Aber das aufgeſteifte Bewußtſein fand ſich doch nicht ſogleich in das ſpaniſche Coſtüm. Die Toque mit Straußfedern ſtand doch manchem ehrlichen deutſchen Geſicht auch gar zu poſ⸗ ſirlich, und nur wenige Schultern trugen den geſtickten Mantel mit Anſtand. Manche, wenn ſie unter den ge⸗ ſpannten Blicken der Zuſchauer nach ihren Bänken gin⸗ gen, ſchnitten pathetiſche Geſichter und ſtolperten; Andere lächelten verſchämt und ſchlugen die Augen nieder, oder ſpielten mit den Quaſten der Schärpe. Nicht Wenige zerrten mit beiden Händen den Mantel von einer zur an⸗ dern Schulter, oder zogen ihn zu einem kurzen Sack eng um den Leib zuſammen. Erſt in der Sicherheit ihrer Sitze gewannen ſie einen freien Umblick und beſannen ſich auf den Ausdruck einer hohen Weisheit oder eines ſtolzen Berufs. Auch die Ehrentribüne hatte ſich vor 11 Uhr mit Herren und Damen in großem Putze gefüllt; denn mit dem Stundenſchlag ward Niemand mehr eingelaſſen. End⸗ lich hörte man auch den Wagen der Koͤnigin anfahren. Doch erſchien ſie noch nicht im Saale, ſondern ward von dem Präſidenten mit vier Abgeordneten nach ihrem Em⸗ pfang an der Thüre in ein anſtoßendes Gemach geleitet, um die Ankunft des Königs abzuwarten. Mit dem Schlage 14 verkündeten einundzwanzig Ka⸗ nonenſchüſſe die Abfahrt Jeröme's aus dem Schloſſe. Die im Saale Verſammelten geriethen in Erwartung und Unruhe. Manchen war es nun leid, daß ſie für die Gunſt ihrer Eintrittskarte den Vortheil opfern mußten, draußen den prunkvollen Aufzug mitanzuſehen. Eine Cavalerieabtheilung eröffnete den Zug, an deſſen Spitze der Gouverneur von Caſſel, der junge Bri⸗ gadegeneral Rewbel, mit ſeinen Adjutanten ritt. Vier Staatswagen folgten mit dem Ceremonienmeiſter und ſeinen Gehülfen, mit den paarweiſe fahrenden Mi⸗ niſtern, mit dem Obermarſchall des Palaſtes, Herrn Mey⸗ ronet, und einem köͤniglichen Adjutanten als Stellvertre⸗ ter des Oberſtallmeiſters. Der Wagen des Königs mit Prachtgeſpann war vom Hauptmanne der Garden, den Adjutanten und Stall⸗ meiſtern des Monarchen umritten, und hinter demſelben folgte der alte Bongars, als Legionschef der Gendar⸗ merie, ebenfalls zu Pferd. 10* Der Wagen mit dem Oberkammerherrn und dem erſten Almoſenier nebſt mehren Wagen der Hofbeamten machten den Schluß des Zuges. Am Eingang in den Bau empfing den König der Präſident der Stände, Graf Schulenburg⸗Wolfsburg, an der Spitze einer Deputation von acht Ständemitgliedern. Jetzt eröffnete ſich für die Inſaſſen des Saales das poli⸗ tiſche Schauſpiel. Die Königin beſteigt mit ihren Damen die rechte Tri⸗ büne im Augenblick, als die Empfangsdeputation, von den beiden ſtändiſchen Huiſſiers angeführt, den Saal betritt. Hinter den Huiſſiers des Königs folgen die Pagen, die Ceremonienmeiſter, die koniglichen Adjutanten, die Mini⸗ ſter, der Obermarſchall und der Viceoberſtallmeiſter. Die einundzwanzig Kanonenſchüſſe wiederholen ſich aus der Ferne, und der König, von den Großbeamten des kö⸗ niglichen Hauſes begleitet, erſcheint in einem feſtlichen Ge⸗ wand von weißer Seide mit einem Mantel von Purpur; der Federhut iſt mit Diamanten beſetzt, die weißſeidenen Schuhe haben weiße Schleifen und roſenrothe Abſätze. Bei ſeinem Eintritt erhebt ſich die ganze Verſamm⸗ lung. Er ſchreitet über das Parquet und die Eſtrade nach ſeinem Seſſel, und nun gruppirt ſich in feierlicher Entfaltung das zahlreiche Perſonal um den Thronſttz. Die beiden Huiſſiers des Königs ſtellen ſich an die beiden Ecken der Eſtrade; die Pagen bilden Hecke für das Gefolge. Das Ceremonienperſonal tritt zu beiden Seiten auf die erſte Stufe der Erhöhung. Ueber dieſe hinweg ſchreiten die Miniſter nach ihren Bänken. Der Gardecapitän tritt hinter den Thronſeſſel, und neben ihn 2 o ͤ—— 449 rechts und links der Obermarſchall und der Oberſtall⸗ meiſter. Der Gouverneur mit den Adjutanten, der Al⸗ moſenier und der Gendarmeriechef vertheilen ſich hinter den Bänken der Miniſter. Vor denſelben ſteht der Stuhl für den Oberkammerherrn. Wie der König ſich niedergelaſſen hat, ſetzen ſich die Mitglieder der Stände und des Staatsraths und bedecken ſich. Dem Throne gegenüber, auf einem erhöhten und von den ſtändiſchen Huiſſiers umſtandenen Stuhle ſitzt der Präſident. Die Pagen laſſen ſich jetzt auf den Stu⸗ fen der Eſtrade nieder, ſodaß in der Mitte ein Durch⸗ gang bleibt. Zuerſt tritt der Oberkammerherr, als Oberceremonien⸗ meiſter handelnd, auf, der Graf T.⸗W. Zum erſten mal erblickt Hermann den Gemahl ſeiner Gönnerin, einen ſchönen Mann von ariſtokratiſchem Strich, mehr leicht und fein von Anſtand, als feierlich und umſtändlich in der Art und Weiſe, wie er ſich gegen den König bewegt, um deſſen Befehle zu empfangen, und wie er dann dieſe Be⸗ fehle dem Miniſter des Innern und der Juſtiz über⸗ liefert. Der Miniſter Simeon erhebt ſich, tritt vor den König, und bittet mit lauter Stimme um die Erlaubniß, Sr. Majeſtät die Abgeordneten vorzuſtellen. Dem bedächtigen Herrn, einem würdigen, wohlgeſinn⸗ ten Manne des Rechts, begegnete in dem ſpaniſchen Hof⸗ coſtüm ein kleines Misgeſchick, nicht zwar in ſeinen guten Abbé⸗Beinen und Waden, aber an ſeinem noch altfran⸗ zöſiſch zugeſtutzten und gepuderten Haare. Er trug es nämlich noch in einen langen dünnen Zopf gewickelt, 15⁰ den er im ſpaniſchen Coſtüm, als einen Ausländer und Ungläubigen, hinter den geſtickten Kragen des Kleides einzuſtecken pflegte. So lange der würdevolle Mann den Kopf ſteif hielt, hatte es gut gethan. Indem er ſich nun aber mit altfranzöſiſcher Feierlichkeit tief verneigte, und den Kopf rechts und links wendete, entſchlüpfte der Ge⸗ fangene, und fuhr, etwas gekrümmt, mit dem verwirrten Haarbüſchel auf dem Mantel hin und her. Es ſah aus, als ob der an ſeinem hergebrachten Recht Gekränkte gegen den Juſtizminiſter ſelbſt an die Oeffentlichkeit appellire. Das ganze Gewicht des feierlichen Augenblicks war nöthig, einen Ausbruch des Lachens ſo vieler Zuſchauer zu unter— drücken und es unter verbiſſenen Mienen zurückzuhalten. Inzwiſchen hatte der Oberkammerherr durch einen Ceremonienmeiſter ein Mitglied der Stände auffodern laſſen, ſämmtliche Deputirte vorzurufen. Man hatte den Gerichtspräſidenten von Strombeck aus Einbeck dazu er⸗ leſen. Dieſer trat jetzt in die Mitte des Parquets zwiſchen dem Thron und den Sitzen hervor, und rief die Abge⸗ ordneten departementsweiſe und in alphabetiſcher Ordnung auf. Die Gerufenen ſchritten entblößten Hauptes vor die Stufen der Eſtrade, wo ſie, vom Miniſter dem Könige noch einmal genannt, den Eid in franzöſiſcher und deut⸗ ſcher Sprache ableiſteten. Nach dieſem durch eine hundertmalige Wiederholung etwas ermüdenden Vorgang entbloͤßte die Verſammlung auf den blauen Bänken ihre Häupter, und der König ſprach ſeine Rede. Dieſe, den erſehnten Tag begrüßend und dem Mini⸗ ſter des Innern eine Darſtellung über die Lage des Reichs 15⁵¹1 vorbehaltend, hob ſofort zwei Hauptgegenſtände eines ge⸗ meinſamen Beſtrebens hervor. Zuerſt die Vereinbarung der ſo abweichenden Geſetze aus den verſchiedenen Be⸗ ſtandtheilen des Reichs.— Das Fehlerhafte und Ver⸗ wickelte ſoll aufhören, hieß es; was in einem Lande gut war, ſoll allgemein werden, und ſich aus den franzoſi⸗ ſchen Einrichtungen durch Dasjenige ergänzen, was ein Theil von Europa aus dem Code Napoleon anzunehmen eilt und was mit der Verfaſſung von Weſtfalen die meiſte Verwandtſchaft hat. Das Zweite betraf eine Verſchmelzung der Schulden der einzelnen Provinzen zu einer gemeinſamen, öffentlichen— einer„Nationalſchuld“. Die bisher getrennten Landeseinwohner ſollten eine Na⸗ tion von Gemeingeiſt und gemeinſchaftlichem Intereſſe bil⸗ den,— ſtark durch ſolche Einheit, durch ihren Credit und ihre Finanzen, ſtark auch in den Waffen durch jene Eigenſchaften, die den Vorvätern längſt zum Ruhm und zur Auszeichnung gereicht haben. An der Unterſtützung dieſer Abſichten zum Wohl des Allen am Herzen liegen⸗ den Reichs wolle der König die Ergebenheit der Abge⸗ ordneten ſeines Volks erkennen. Und ſo ſchloß die Rede mit den Worten: Nous y travaillerons de concert: Moi en Roi et pèére, vous en Sujets fideles et affectionnés. Ein hundertſtimmiges„Es lebe der König, es lebe die Königin!“ erſcholl, als Jeröme geendigt hatte und ſich erhob. Der Zug bildete ſich wieder in der Anordnung, wie er gekommen war, und ſobald er ſich in Bewegung ſetzte, verließ die Königin mit ihren Damen die Tri⸗ 4⁵² büne. Draußen fielen wieder einundzwanzig Kanonen⸗ ſchüſſe. Hinter dem Zuge her leerte ſich der Saal. Um Stö⸗ rung und Verwirrung zu vermeiden, mußten die Abge⸗ ordneten, die Staatsräthe und wer ſonſt zu Wagen zu⸗ rückkehrte, den Umweg nördlich an der Fulda hin neh⸗ men und den Weg durch das hohe Author für den königlichen Zug frei laſſen. Im Gedränge verlor Hermann den Generalſecretär Provencal, und ſtieß auf den Baron Rehfeld, der Tags vorher, von einer geheimen Reiſe nach Berlin zurückgekehrt, ſich noch eine Einlaßkarte verſchafft hatte. Beide nahmen den kürzern Weg über die zum Author emporführende gewundene Treppe, um von oben den Prachtzug mitan⸗ zuſehen, der ſich langſam die Windungen der Höhe her⸗ aufbewegte. Der Zudrang und Jubel des Volks um das Thor und auf dem Friedrichsplatze war groß. Die Menge flutete beſonders neben dem Wagen des Königs her, und verlief ſich erſt, als das Gepränge unter dem nachhallen⸗ den Donner des Geſchützes zwiſchen den Wällen der alten Burg verſchwunden war. Zweites Capitel. Assister au grand Couvert. Beim Kapellmeiſter Reichardt wurden einige der Ab⸗ geordneten aus dem Saaledepartement, alte Bekannte von Salle her, zum Mittagstiſche erwartet. Auch Hermann und der Baron Rehfeld waren eingeladen. Sie erſchienen den Deputirten voraus, da dieſe auf ihrem Umwege zur Stadt wahrſcheinlich auch erſt noch mitgefahrene Collegen in der untern Stadt abzuſetzen hatten. Der junge Freund kam von dem feierlichen Vorgang noch mächtig ergriffen. Wie er nach ſeiner Geiſtesſtim⸗ mung und durch ſeine ſpeculativen Studien dazu neigte, die Erſcheinungen des Lebens in ihrer höhern Bedeutung zu erfaſſen, ſo ſprach er ſich auch über den eingeleiteten Verkehr zwiſchen einem Monarchen und ſeinem Volke in gehobener Anſchauung aus. Gerade dadurch, wie er meinte, verzichte der Monarch darauf, ein Alleinherrſcher zu ſein, und das Geſetz, das den älteſten Völkern als Gebot der Gottheit und vielen Nationen als der Eigen⸗ wille eines Deſpoten gegeben worden ſei, erſcheine nun als der allgemeine Wille des Vaterlandes, aus dem Munde des Königs verkündigt und von ſeinem Arme beſchützt. Dabei mußte Hermann an ſich ſelbſt inne wer⸗ den, daß jener mächtige Eindruck noch andere Wirkung zurückgelaſſen hatte. Wenn er nämlich mit ſeinem Vor⸗ 1⁵4 haben, ſich dem praktiſchen Dienſte zu widmen, noch zu⸗ weilen ſchwankend geworden war, ſo ſtand ſein Entſchluß nun feſt. Die Feierlichkeit, der er beigewohnt, warf eine Verklärung auf das ſonſt ſo unerquickliche Feld der Tag⸗ löhnerei des öffentlichen Dienſtes; die hohe Bedeutung des freien Staates durchſchimmerte auch die Widerwärtig⸗ keiten der Schreibſtube, gleichwie die Abendſonne verklä⸗ rend in den Staub eines bewegten Zimmers fällt. Reichardt war nicht geſtimmt, dieſe Anſichten ſeines jungen Gaſtes beifällig aufzunehmen. Er lächelte von den hohen Sitzen eines engliſchen Parlaments herab auf dieſe blauſeidenen Mäntelchen und Straußfeder⸗Toquen des weſtfäliſchen Reichstags. Doch war er als Wirth und vor ſeiner Weinluſtigkeit zu artig, um in ſeiner ge⸗ wöhnlich etwas barſchen Weiſe zu widerſprechen. Er brach den Gegenſtand mit der Bemerkung ab: Folgen Sie nur erſt ein wenig der Entwickelung der Dinge. An den Verhandlungen des Reichstags kühlt ſich vielleicht die Begeiſterung, die Ihnen die Eröff⸗ nung deſſelben angefacht hat. Sie werden bald genug inne werden, daß unſere Reichsſtände ſo ſtaatsklug geſtellt ſind, daß ſie der Allgewalt Napoleon's durch ihre Zu⸗ ſtimmung einen guten, vaterländiſchen Schein verleihen, aber nichts an derſelben verändern und beſſern können. Ich meine des Kaiſers Napoleon; denn unſer Jeroͤme iſt doch nur für jenen großen Acteur Dasjenige, was die Alten die persona des Schauſpielers nannten, die Maske, durch welche die hohen Befehle hindurchtönen. In Einem aber wollen wir uns die Loſung dieſes Tages gefallen laſſen, und uns mit dem jungen Freunde 4⁵⁵⁵ freuen, verſetzte Rehfeld. Der König will nämlich die Bevölkerung der verſchiedenartigen Länderbrocken ſeines Reichs zu einer Geſammtheit mit Gemeingeiſt verſchmel⸗ zen. Sehr gut! Deutſchland kann nicht auf einmal ein großes einheitliches Reich werden, ſondern nur in der Weiſe, wie ich als Knabe auf meinem Teller Suppe die ſchwimmenden kleinen, vereinzelten Fettaugen mit der Löffelſpitze nach und nach in größere zuſammenzog, bis endlich alle in einer umfaſſenden Fettſcheibe verſchmolzen waren. Recht gut, wenn dieſe norddeutſchen Länderſtücke feſt zuſammengeballt werden; unſere Erhebung macht dann einen fertigen Gewinn. Dieſe Napoleons bilden aus den einzelnen Stäben der deutſchen Stämme— Fasces mit dem Richtbeil für den großen Tag ihrer Schuld. Fasces — zu deutſch Stockbündel, Strafbündel. Dies Weſtfalen gibt dann gleich für unſer Preußen ein fertiges Einſatz⸗ ſtück ſeines erweiterten Reichs. Heißt das, fiel Reichardt ein, wenn der König Ver⸗ ſtand und Muth genug hat, ein deutſcher Koönig zu ſein: wenn er ſein engbrüſtiges, hausväterliches Gewiſſen in dem großen nationalen Bewußtſein aufgeben kann. Wer Deutſchland befreit, nimmt Deutſchland; wer ſein Land in der Noth verläßt, verwirkt ſein Land.—— Luiſe lächelte heut nur zu dieſer ins Weite greifenden Unterhaltung. Sie war wieder einmal in der Stimmung innerlichen Gleichgewichts, das ihr gar oft fehlte. Was ſie auch an Hermann's Schwärmerei zu tadeln hatte, in ihrem tiefſten Gemüthe war ſie dennoch idealiſtiſch wie er, nur daß ſie mit ihrem Idealismus an andern Gegen⸗ ſtänden hing. Ueber den warmen, grünen Thälern dieſes 4⁵⁶ Gemüths hatte ſich aber ihr verhängnißvolles Erlebniß wie ein Gletſcher aufgeſchichtet, der dann und wann die Temperatur ihres Herzens ſtörte. Sie war dann unzu⸗ frieden, daß Hermann eben nicht ihren politiſchen Idea⸗ lismus theilte, und konnte eine Art von Eiferſucht em⸗ pfinden gegen Jeden, der— wie Ling— ſich am ſitt⸗ lichen oder poetiſchen Idealismus des jungen Freundes entzückte. Inzwiſchen waren zwei von den eingeladenen Depu⸗ tirten angefahren, und ließen ſich im Vorzimmer von der Mutter Reichardt in ihrem Coſtüm beſehen. Sie hatten den Anzug nicht gewechſelt, weil ſie um 5 Uhr wieder nach Hof mußten, dem Feſtmahle der Majeſtäten anzu⸗ wohnen. Es war Baron Branconi, als Gutsbeſitzer ge⸗ wählt, und Kanzler Niemeyer, als Repräſentant wiſſen⸗ ſchaftlichen Verdienſtes abgeordnet. Der dritte Gaſt, Guts⸗ beſitzer Keferſtein, ließ abſagen und wollte ſich noch ſelbſt entſchuldigen. Hermann begrüßte beſonders den Kanzler, der ihm Briefe von Haus mitgebracht und mündlich noch Manches zu ſagen hatte. Ueber Tiſche brachte Reichardt das Geſpräch auf Spa⸗ nien, indem er es als intereſſanten Zufall oder wunder⸗ ſame Fügung bezeichnete, daß mit der Feier des weſt⸗ fäliſchen Reichstags die Nachricht in den Journalen über die Eröffnung der ſpaniſchen Junta zuſammenfiel, die der Kaiſer Napoleon nach Bayonne berufen hatte. König Karl war nänlich veranlaßt worden, mit Zuſtimmung ſeiner Infanten die Krone von Spanien an Joſeph Na⸗ poleon abzutreten. Der neue König hatte an ſein Volk — 1⁵⁷ eine Proclamation erlaſſen, und die Junta beſchloß, dem⸗ ſelben in Geſammtheit die Huldigung der Treue darzu⸗ bringen, der Nation die großen Vortheile des neuen Re⸗ giments auseinander zu ſetzen, und ſie zur Ruhe und zum geſetzlichen Gehorſam zu ermahnen. Unſer Kapellmeiſter, wenn er erſt einmal in ſeine tolle Laune kam, pflegte wenig Rückſicht auf die Den⸗ kungsart und Ueberzeugung ſeiner Zuhörer zu nehmen. Auch heut bedachte er ſeine halliſchen Gäſte nicht. Nun war Niemeyer von Haus aus kein ängſtlicher Mann; allein er ſaß im Reichstagsornat und im Gefühl ſeiner Repräſentation bei Tiſche unter jüngern und ihm zum Theil unbekannten Mitgenoſſen. Ueberdies war er im laufenden Jahre Kanzler der Univerſität geworden, und hatte noch im allzu lebhaftem Andenken, welch' ein Unheil vor anderthalb Jahren durch die Unbeſonnenheit einiger Studenten über die hohe Schule und die ganze Stadt gebracht worden war. Es läßt ſich daher denken, wie unbehaglich, ja verletzt er ſich durch Reichardt's Schwa⸗ droniren fühlte. Dies beſonders, als der Schwätzer die Politik des neuen Königs Joſeph mit der von Jeröme verglich, die Beide den Beiſtand der hohen Geiſtlichkeit zur Unterſtützung ihrer Regierung aufgeboten hatten. Unſer vortrefflicher Miniſter Simeon, ſagte er, begleitete damals das königliche Schreiben an die Biſchöfe mit einem erbaulichen Erlaß, worin er auch des ſchweren Regierungs⸗ werks gedenkt. Die Fürſten, hieß es darin, hätten im Mittelpunkte der Größe und des Glücks, womit ſie um⸗ geben ſchienen, die ſchwere Stellung, ſich Tag und Nacht mit Unterdrückung der Laſterhaften, mit Unterſtützung der 1⁵⁸ Rechtſchaffenen und mit Erhaltung der geſellſchaftlichen Ordnung beſchäftigen zu müſſen.— Denkt euch nur den armen Jeroͤme, rief er lachend aus. Tag und Nacht mit Unterdrückung der Laſterhaften beſchäftigt zu ſein! Keine Ruh' bei Tag und Nacht, Nichts, was ihm Vergnügen macht! Iſt's ein Wunder, wenn er oft genug des Morgens er⸗ ſchöpft und unfähig iſt, dem Staatsrath vorzuſitzen? Und das nennt man— parties fines? Rehfeld, der des Kanzlers ſchweigſame Unruhe be⸗ merkte, lenkte mit den Worten ab: Der gute Simeon hat mich heut recht erſchreckt. Wenn uns nur der Himmel nicht ohne des Miniſters Abſicht und— jedenfalls hinterm Rücken deſſelben, ein ſchlim⸗ mes Vorzeichen gegeben hat! Man ſah ihn mit Befremden an, und er ſprach weiter: Wir haben doch Alle geſehen, wie mitten unter der Feierlichkeit, durch die ſich das neue Königthum recht zu beſtätigen ſucht, dem Miniſter der Juſtiz und des Innern plötzlich ein Zopf auf den Mantel ſeiner Würde ſprang und luſtig hin⸗- und herhüpfte. Der Zopf iſt aber in Caſſel das Wahrzeichen der kurfürſtlichen Regierung. Wie, wenn es nun ein Vorzeichen wäre, daß plötzlich in unſere weſtfäliſche Herrlichkeit der alte Zopf hereinſpränge und den luſtigen Liebeshof hinwegfegte? Man lachte, und der Kanzler, um die Unterhaltung ins Lehrſame hinüber zu ſpielen, ſagte mit Hinweis auf das Zeitungsblatt, worin er für ſich geleſen hatte: 1⁵9 Es iſt doch merkwürdig, wie die Franzoſen und ihre Freunde Phraſen lieben! Unter uns geſagt! So drückt ſich in ihrem Erlaß die Junta, um anzudeuten, daß Spa⸗ nien und Frankreich künftig unter Joſeph Napoleon nur ein gleiches Intereſſe hätten, mit dem übertriebenen Wort aus: Qu'il n'y ait pas des Pyrenées! Es ſoll keine Pyrenäen mehr geben! Das heiß' ich doch mit einem Wort— Berge verſetzen! Sie haben Recht, Herr Kanzler! rief Reichardt mit ſteigender Weinlaune. Und um den ängſtlichen Mann, deſſen ablenkende Abſicht er merkte, zu durchkreuzen, ſetzte er hinzu: Wann werden aber wir einmal rufen können: Es gibt keinen Harz, keinen Thüringerwald, kein Fichtelgebirg mehr, die uns hindern köoͤnnten, die Unterdrücker Deutſch⸗ lands über die Vogeſen zu vertreiben. Bei dieſen lauten Worten ſtand Niemeyer erſchrocken auf, unruhig umherblickend, indem er zu Branconi ſagte: Wir vergeſſen über die angenehme Unterhaltung ganz, Herr Baron, daß Präſident Ritzenberger uns erwartet. Wir ſollen ihn nämlich nach Hof abholen. Sie entſchul⸗ digen, Herr Kapellmeiſter! Und irre ich nicht, ſo habe ich auch ſchon unſern zeitig beſtellten Wagen anfahren hören. Er trat ans offene Fenſter und erblickte den Wagen wirklich an der Thüre wartend. Laſſen ſich aber die lieben Andern ja nicht ſtören, fuhr er fort. Wir nehmen keinen Abſchied, ſondern ſteh⸗ len uns hinaus. Um 5 Uhr präcis findet le grand 416⁰ Couvert der Majeſtäten ſtatt, dem wir zuzuſehen die Gnade haben. Man bedauerte ihren unvermeidlichen Aufbruch und ließ ſie ohne Complimente abziehen. Als ſie das Vor⸗ zimmer verlaſſen hatten, ſchalt Frau Reichardt ihren Mann aus, daß er ſeine Gäſte nicht mehr berückſichtige und mit ſeiner kecken Zunge die Aengſtlichen ängſtige. Aber du wirſt auch nicht ruhen, bis dir das loſe Maul ge— ſtopft wird, ſagte ſie. Gib nur Acht, Fritzchen, gib nur Acht! Und ſie ſetzen den Kapellmeiſter nicht in Noten, das kannſt du mir glauben! Sophia, geliebte Weisheit, du haſt Recht! lachte Rei⸗ chardt. Ich hätte ihnen, oder wenigſtens dieſem Nie⸗ meyer,— dieſem nunquam Major, die Angſt nicht ein⸗ jagen ſollen, die ihm am Ende zu Rhabarber wird, juſt wenn er dem grand couvert anwohnt. Hiermit war einigermaßen das Stichwort für den nächſten Auftritt gegeben, indem der Deputirte Keferſtein im Coſtüm eintrat, ſich flüchtig zu entſchuldigen, da ſein Wagen unten warte. Ich fand nach meiner Annahme Ihrer gütigen Einladung dieſe Karte da, ſagte er, worin ich zum großen Repas Ihrer Majeſtäten geladen bin. Solche Gnade darf man doch nicht ablehnen, wiſſen Sie; aber um der Prachtmahlzeit Ehre anzu⸗ thun, durft ich auch vorher nicht ſchon geſpeiſt haben, zumal ſo üppig, wie's hier bei Ihnen vorgefallen zu ſein ſcheint. Ohol lachte Reichardt. Da misverſtehen Sie aber die Ein⸗ ladung gründlich. Sie ſind begnadigt, dem Eſſen zuzuſehen. Keferſtein hob die Karte hervor, auf die er ſo ſtolz war, und ſagte mit belehrendem Lächeln: —Q—C—ꝭ—C—C—OO—OQ—:—CQC—Q—Q—Q—Q—QO—.—— 161 Zuſehen heißt nach meinem Dictionnaireé regar- der, étre spectateur. Hier aber, lieber alter ſinund, heißt es ausdrücklich assister au repas de Leurs Majestés. 4 Nun ja! verſetzte Reichardt, und assister heißt da⸗ beiſtehen.. Bitt' um Verzeihung! entgegnete der Andere. Es heißt beizuſtehen. Sagt man nicht: Que le bon Dieu vous assiste! Gott ſteh' Ihnen bei.. Gut! wendete Reichardt etwas ungeduldig ein. Sie wollen alſo den Majeſtäten beiſtehen: Wollen Sie dem Könige den Löffel führen? Den Braten auf ſeinem Teller zerſchneiden? Oder der Königin die Serviette unter's Kinn binden? Oder— was? Auf keinen Fall heißt assister miteſſen! Nun, nun, lächelte Keferſtein, ſo handgreiflich müſſen Sie es freilich nicht nehmen! Sie müſſen ſich nur ein wenig in die kühne Artigkeit des franzöſiſchen Ausdrucks oder vielmehr in den kühnen Ausdruck franzöſiſcher Artig⸗ keit hineinfühlen, mein lieber Kapellmeiſter. Es iſt wun⸗ derbar, was die Franzoſen für eine Zartſinnigkeit und Feinfühligkeit beſitzen, von der wir noch viel lernen dürfen. Ich will Sie durchaus nicht belehren, bewahre! Aber hö⸗ ren Sie meine Explication! Der Köͤnig nimmt alſo ein hohes Feſtmahl zur Feier der Eröffnung des Reichstags ein. Wie er nun bei dieſer Eröffnung den Beiſtand, die Aſſiſtenz der Landesrepräſentanten für die Geſetzgebung, die Schuldentilgung u. ſ. w. aufgeboten, ſo fodert er jetzt, heißt das bildlich, den Beiſtand beim Mahl. Diejenigen, die ihm ſchaffen helfen, ſollen ihm auch verzehren helfen; 11 Koenig, Jeröme's Carneval. II. 46² ſie ſollen ihm beiſtehen, ein ſo reiches Mahl, wie es ihm die fünf Millionen Francs Cicoilliſte, die er bezieht, ge⸗ ſtatten, zu bewältigen. Sehen Sie, das iſt der feine, ſehr feine Sinn dieſes— assister au repas. Fein und ſinnbildlich! Während dieſer Auseinanderſetzung hatte Rehfeld im Rücken des Sprechenden dem Kapellmeiſter zugewinkt, den Narren gewähren zu laſſen. Reichardt konnte aber in ſei⸗ ner aufgeregten Weiſe nur ſoweit eingehen, daß er ſagte: Ihr Scharfſinn iſt zum Erſtaunen! Dennoch, damit Sie ſehen, daß ich mit meiner Art von Feinfühligkeit nicht ganz auf den Kopf gefallen bin, ſo ſoll Ihnen meine Frau noch von den Reſten unſers undiplomatiſchen Mahls Ihre Portion warm halten. Verſprechen Sie mir daher, da Sie doch ſo eilen, als ob Sie hungrig wären, daß Sie, wenn's mit dem assister doch wirklich beim Zuſehen bleiben ſollte, alsbald hierherkommen und ſich ſättigen wollen. Wir fahren dann von hier aus in die Oper. Alſo— Hand darauf! Mit einer Art von unüberzeugtem Lächeln ſchlug Ke⸗ ferſtein ein. Es iſt Freitheater? fragte er. Ja, und ich dirigire in Perſon den„Don Juan“, ver⸗ ſetzte Reichardt. Iſt es nicht auch eine wunderbare Fein⸗ fühligkeit, daß Jeröme ſeinen Ständen zur hohen Feier den„Don Juan“ aufführen läßt? Und Ihre Majeſtäten aſſiſtiren dabei in der großen Loge. Man hatte des fortgeeilten und belachten Keferſtein kaum vergeſſen, als ein neuer Kanonendonner wieder an die Tafel im Schloß erinnerte. Mehre zweifelten, ob der ——— 163 beſchämte Gaſt zurückkommen werde, als nach kurzer Friſt ſein Wagen wirklich am Hauſe anfuhr und Keferſtein mit verlegenem Lächeln eintrat. Man empfing ihn mit verabredetem Ernſt, und er ſagte: Sie hatten doch Recht! Das assister bei einem könig⸗ lichen Couvert werde ich mein Lebtag nicht vergeſſen. Ich bringe einen wahren Wolfshunger mit, und nehme Ihr Warmgehaltenes oder Kaltgewordenes mit Vergnügen an, Frau Reichardt. Man lachte herzlich, und Keferſtein lachte mit, ge⸗ ſpannt auf die Schüſſeln, die ihm nun raſch angerichtet wurden, und die er ſich mit Heißhunger ſchmecken ließ. Aber, wie war's denn eigentlich, und was ging denn vor? fragte Hermann mit ernſtlicher Neubegierde. Es war ja ſo kurz abgethan. Erzählen Sie doch! Nur erſt einen Löffel Suppe gönnt einem ausgehun⸗ gerten Deputirten, einem abgemagerten Aſſiſtenten! Laßt ihn nur erſt zu Kräften kommen! flehte Keferſtein, und nachdem er gehörig angebiſſen hatte, fuhr er ſprechend und eſſend zugleich fort: Prachtvoll Alles angeordnet. Auf Ehre! Alles, was wahr iſt! Die Tafel goldglänzend, mit koſtbarem Ver⸗ meil beſetzt— heißt das mit vergoldetem Silber. Ihro Majeſtäten ſaßen auf zwei prachtvollen, thronähnlichen Seſſeln erhöht, unter einem Baldachin, ganz allein. Gewiß! unterbrach ihn Reichardt. Kein Unterthan kann an der königlichen Tafel ſpeiſen. Wir haben große Etiquette angenommen! So ſind auch im Schloß die Zimmer in Rangordnung geſetzt, wieweit ſie von dem Einen betreten, von Andern nicht betreten werden dürfen. 164 Unſere Feierlichkeiten werden nach Zeichnungen aus Paris angeordnet. Keferſtein erzählte dann weiter: Der Biſchof, als Großalmoſenier mit den Attributen ſeiner Würde, auf dem über dem Rücken hangenden Man⸗ tel den Stern des preußiſchen Rothen Adlerordens, ſprach vor und nach Tiſche das Gebet aus einem goldbeſchlage⸗ nen Buche. Die Großbeamten des Reichs und die Hof⸗ ämter bedienten das hohe Paar in den Abſtufungen ihrer Würde und ihres Ranges, einer dem andern zureichend, was die Pagen ab⸗ und zutrugen. Dabei arbeiteten die deutſchen Grafen und Barone mit pedantiſcher Würde, genau, mit der feierlichen Miene:„Seht ihr, wir an den alten Höfen geſchult, wir verſtehen's!“ Wogegen die Fran⸗ zoſen, ich glaube jenen zum Poſſen, leicht und lächelnd, mit anmuthiger Nachläſſigkeit zu Werke gingen. Dabei donnerte fortwährend das Geſchütz. Wir Abgeordneten, die Miniſter und die Hofbeamten umgaben in anſtändiger Entfernung die Tafel— wir Reichsſtände mit dem Vor⸗ recht zu ſitzen, die Toquen auf dem Kopf. N Alſo das heißt im Franzöſiſchen Assister au- grand Couvert! ſagte mit ironiſcher Selbſtbelehrung Baron Rehfeld. Nun ja, ich habe gute Gelegenheit gehabt, mich in der Sprache zu verbeſſern! lachte Keferſtein. Uebrigens ſo, wie da gegeſſen wurde, hätte ich's gar nicht einmal mithaben mögen. Es war nur ſo zum Schein, theatra⸗ liſch. Ei was! Nicht einmal theatraliſch! Die Komödian⸗ ten auf der Bühne eſſen rechtſchaffener, reeller, wahrhaf⸗ tiger, ſage ich Ihnen! Jeroͤme und die Königin leckten nur ſo von den Schüſſeln, nippten nur von den Weinen. In zwanzig Minuten war das ganze große Repas vor⸗ über, Alles vorbei, nur mein Hunger nicht. Im Gegentheil! Die Geſichter der Umſtehenden, der begnadigten Aſſi⸗ ſtenten möͤcht' ich geſehen haben, bemerkte Luiſe. Hat nicht Mancher in Gedanken mitgekaut? Nicht Manchem der Mund gewäſſert? Wenigſtens erkennt man bei ſolcher Gelegenheit die wahren Anbeter des Thrones, fiel Reichardt ein. Sie haben eine ganz aparte Art, das Maul aufzuſperren, ſo⸗ daß es Hunger und Staunen zugleich ausdrückt. Auch gehen bei unſern Leutchen hier am Hofe beide gar oft Hand in Hand. Keferſtein brach in Lachen aus, als er eben an einem Stückchen Mandelbrezel kaute. Er verſchluckte ſich, oder bekam's— wie man zu ſagen pflegt— in die unrechte Gurgel. Ein heftiger, krampfiger Huſten von der gereiz⸗ ten Luftröhre trat ein; das Athmen ward pfeifend, das Geſicht röthete ſich. Man ſprang ihm bei, klopfte ihn in den Rücken, reichte ihm einen Schluck Waſſer, und der⸗ gleichen. Als die Noth ſich endlich gab, und Keferſtein nur noch räuspernd zu ſich kam, ſagte Reichardt: Sehen Sie, auch das kann man ein assister au repas nennen, was Ihnen eben geleiſtet worden iſt. Worauf Keferſtein erſt ſchluckend und dann lachend verſetzte: buch bereichern. Vielleicht gelingt mir's, in die pariſer Akademie zu kommen. Was aber dieſe Aſſiſtenz belu Verſchlucken betrifft, ſo iſt doch jenes assister bei Hoß Auch! Ja wohl. Ich werde das franzöſiſche Woörter⸗ 466 viel ungefährlicher: man bekommt da nichts in die un⸗ rechte und nichts in die rechte Gurgel. Als es nun Zeit war, nach dem Theater zu gehen, bezeigte Keferſtein wenig Luſt, die Oper zu ſehen. Es wird mir zuviel für Einen Tag, ſagte er. Erſt die er⸗ müdende Feierlichkeit im Orangerieſchloß am Vormittag, ſodann die erſchöpfende Aſſiſtenz beim Königsmahle, jetzt die angreifende Oper und nachher noch das Feuerwerk und die Illumination des Schloſſes— nein, das hält ein Keferſtein aus dem gottſeligen Halle nicht aus! Aber gerade dieſe Oper, Freund— erinnerte Reichardt. Ja, gerade dies Prachtſtück, zu dem man einer uner⸗ ſchöpften Sammlung bedarf, verſetzte Keferſtein. Ich kenne die Oper; ich habe Gelegenheit gehabt, die Milder aus Wien darin zu hören. . Was? Sie haben die Milder gehört? rief Reichardt begeiſtert aus. Das iſt ein Wort! Ich kenne ſie aus Gluck's„Iphigenia“. Es iſt ausgemacht die ſchönſte, vollſte, reinſte Stimme, die ich in meinem Leben in Italien, Deutſchland, Frankreich und England je gehört habe. Auch ihre Geſtalt und ihr Spiel iſt edel und groß. In der Declamation und im Vortrag des Recitativs hat ſie vielleicht nicht den Geiſt und das Feuer unſerer braven Schick in Berlin. Aber im Ganzen iſt mir die Milder durch ihre Stimme, ihre heroiſche Geſtalt und Action unendlich lieber. Nun ja, ſo was bietet Ihnen unſere deutſche Oper in Caſſel nicht; aber das Stück ſelbſt hat heut ſeine hohe, ſymboliſche Bedeutung beſonders in den Augen der Landſtände, und Sie ſollten wirklich— aſſiſtiren! —— 467 Sie haben ſchon vorhin eine Aeußerung gethan— wie meinen Sie es denn damit? Auf dieſe Frage Keferſtein's verſetzte der Kapellmeiſter mit einer gewiſſen Feierlichkeit: Ich meine es nicht in dem Sinn, nach welchem die Intendanz für das heutige Feſt gerade dieſe Oper gewählt hat. Mir gilt auch eine gewiſſe hohe Perſon für keinen Don Juan. Mit ſolchem olivenfarbenen, mark⸗ und mus⸗ kelloſen Ausſehen kann man nicht ſagen: Ich bin ein Mann, ſodaß es alle Frauenherzen ahnungs⸗ oder er⸗ innerungsvoll durchſchauert. Den Bezauberer unſerer Hof⸗ damen, den Beſieger der Schwertdamen meine ich nicht. Aber wir haben doch einen Don Juan, der keine Kreiſe reiner und heiliger Liebe achtet, weder jungfräuliche Ehre, noch kindliche Liebe, keine eheliche Treue und keine bräut⸗ liche Neigung. Dieſer unperſönliche Don Juan iſt der Geiſt des ſieghaften franzöſiſchen Uebermuths, der ſeinen lebendigen Rächer herausfodert, wie der perſönliche Don Juan in der herrlichen Oper von dem verletzten, verhöhn⸗ ten Geiſt der Familie, der aus dem Grabe ſteigt, für ſeine an aller ſittlichen Liebe begangenen Frevel dem Ge⸗ richt der Ewigkeit überantwortet wird. Drum kommen Sie, Freund, begleiten Sie uns ins Theater! Hören Sie wieder einmal dieſe bezaubernden und dieſe erſchüt⸗ ternden Melodien, dieſe Stimmen der innigſten, zärtlich⸗ ſten, klagendſten, ſeligſten Liebe, und dieſe Poſaunenrufe, die hinter den zerſtörenden Siegen genußſüchtigen Leicht⸗ ſinns und verwegenen, Frevels die Wiederherſtellung der Herrſchaft des Sittlichen verkünden. Genießen Sie mit uns dieſe ewig junge Tondichtung, dies Spiel des Lebens 1 und der Weltgeſchichte! Es ſchließt ja auch mit Feuer⸗ werk, wenn Sie vielleicht etwas von den Kindereien der Raketen und Feuerräder auf dem Schloßplatze einbüßen ſollten. Nehmen Sie es als ein Vorſpiel unſerer Zu⸗ kunft, und träumen Sie bei dieſem Knattern und Knallen der Nacht von den ſiegreichen Feuerſchlünden, die unſer misachtetes Deutſchland wieder herſtellen! Drittes Capitel. Bedenkliche Abſichten. Während dieſer öffentlichen Feſte, und ſchon unter den Vorkehrungen zu denſelben, ſchien das kleine, gegen den Miniſter von Bülow gerichtete Pasquill vergeſſen zu ſein; es war aber nur gegen die anfängliche Abſicht zurückge⸗ halten worden. Während es nämlich insgeheim gedruckt wurde, liefen über Bülow's Ankunft in Paris Nachxich⸗ ten ein. Der Miniſter war von Napoleon ungemein huld⸗ reich aufgenommen und ausgezeichnet worden, was zuerſt den König Jeröme ſehr zufrieden ſtellte, ſodaß er ſich mit Stolz auf ſeinen Finanzminiſter äußerte. Dies ſchien nun ſeinen Gegnern die empfängliche Stimmung nicht, in der ihre Verſe die beabſichtigte Wirkung auf den König thun könnten. Bercagny und Malchus legten daher ihren tückiſchen Pfeil auf einen günſtigern Augenblick beiſeite. * 469 Sie wollten das Ergebniß der Sendung abwarten, dem ſie gerade wegen jener guten Aufnahme des Abgeordne⸗ ten weniger Glück weiſſagten. Bercagny kannte ein wenig die Art und Weiſe des Kaiſers, der zuweilen gern einen Boten auszeichnete, dem er unzufriedene Briefe mitgeben wollte. Ueberdies wußte er aus den Mittheilungen des jüngſt durch Caſſel gekommenen Hauptſpions der franzöſi⸗ ſchen Armee, Namens Schulmeiſter, von der augenblick⸗ lichen Verſtimmung des Kaiſers gegen ſeinen Bruder in Weſtfalen. Und wie erwartet, ſo zeigte es ſich auch nach Bülow's Rückkunft: Napoleon hatte von ſeinen Foderungen gar nichts nachgelaſſen und nur eine ganz kurze Zahlungs⸗ friſt bewilligt. Jetzt fiel Bülow's gute Aufnahme in ein anderes Licht; ſie hob die Perſon des Finanzminiſters her⸗ vor, und ſetzte den König von Weſtfalen, um deſſentwillen auch gar nichts geſchehen war, deſto mehr in den Schatten. Wenigſtens nahm es Jeröme ſo auf, und zeigte ſich em— pfindlich, gewiſſermaßen eiferſüchtig auf ſeinen Miniſter. Dieſen Verdruß ſuchten die Gegner Bülow's zu ihrem Spiele zu benutzen. Als dritter Mann erwünſcht, war denn auch unmittelbar vor Eröffnung des Reichstags Baron von Linden aus Berlin eingetroffen. Dieſer bevollmächtigte Miniſter Jeröme's am preußi⸗ ſchen Hofe brachte ſchon einen übertriebenen Begriff von Bülow's Anhänglichkeit an Preußen und an ſeinen vor⸗ maligen König mit. Er wußte von den anſehnlichen Fonds, die der damalige Präſident der Kriegs⸗ und Domänen⸗ kammer in Magdeburg beim Einrücken der Franzoſen nach der Schlacht bei Jena ſeinem unglücklichen König gerettet, 170 und wie er ſtets mit der Miene der Bereitwilligkeit die Foderungen der franzöſiſchen Befehlshaber hingehalten und verkürzt hatte. Ein Mann wie Linden, der ſich jedem franzöſiſchen Gewalthaber dienſtbeeifert erwies, und ſich zu politiſchen Verfolgungen hergab, die ſelbſt der franzöſiſche Geſandte in Berlin, Graf von Saint⸗Marſan, unter ſeiner Wuͤrde hielt, ließ ſich von Bercagny leicht überzeugen, daß man in Caſſel einer geheimen Correſpondenz des Miniſters mit den preußiſchen Verſchworenen auf der Spur ſei. Er nahm bereitwillig eine Einſicht auf, die ihm ſelbſt, wie er meinte, nicht hätte fehlen dürfen. Der König war ſehr geſpannt auf außerordentliche Enthüllungen ſeines Geſandten über neuere Vorgänge in Berlin, über die Verbindungen, Plane und Mittel Preu⸗ ßens zur Schöpfung einer Kriegsmacht, über die geheimen Geſellſchaften zur Bearbeitung des Volks, über die Hal⸗ tung des Kronprinzen von Heſſen in Berlin u. ſ. w. Er hatte deshalb eine Conferenz noch auf den Abend nach der Oper befohlen, und Linden verließ im voraus das Theater und eilte nach dem Schloß. Es war eine leichte, ſchmale Geſtalt, dieſer Linden, mit ſchwarzen, ſpähenden Augen und einer ſpürend be⸗ wegten Naſe. Dieſe Gewohnheit des Schnüffelns hatte er, wahrſcheinlich unbewußt, von ſeinem Reh, von den Sei⸗ denhaſen und Eichhörnchen, auf die er ſeine Menſchenliebe richtete, angenommen, und bedachte ſelber nicht, wie be⸗ zeichnend dieſe Angewöhnung für die Art und Weiſe ge⸗ worden war, mit der er ſein Kundſchafteramt ausübte. Dabei hatte er mehr von den Manieren eines Kammer⸗ 171 herrn, als eines Domherrn, die er beide in ſich vereinigte, und mochte wol nur darum ſich mit den Wiſſenſchaften ſo wenig befaßt haben, um mehr Zeit und Intereſſe für po⸗ litiſche Betriebſamkeit und polizeiliche Beeiferung übrig zu behalten. Zu ihm ſammelten ſich nach und nach die we⸗ nigen Vertrauteſten des Cabinets, den König erwartend, der aus Rückſicht für den feſtlichen Tag mit der Königin in dem überfüllten Hauſe bis zum Schluſſe der Oper aushielt. Als Jeröme endlich kam, ſchien er ſehr unzufrieden mit der Ausführung des Stücks. Er ſprach ſogar von der Aufhebung des deutſchen Theaters überhaupt. Da die Oper verhältnißmäßig gut und ſelbſt zur Zufrieden⸗ heit des Kapellmeiſters gegangen war, ſo blieb es räth⸗ ſelhaft, ob der König in der großen Mittelloge, die er bei feſtlichen Gelegenheiten mit der Koͤnigin einnahm, ſich weniger behaglich als in der kleinen vom Theater aus zugänglichen Proſceniumsloge befunden, oder ob ihn das tragiſche Ende Don Juan's oder was ſonſt ver⸗ ſtimmt hatte. Auch ſprach er ſich darüber nicht aus, ſon⸗ dern zog alsbald die Gegenſtände der Verhandlung herbei. Es war die wunderlichſte Conferenz, die heut unter den Kanonenſchlägen, die das große Feuerwerk begleiteten, unter dem Aufrauſchen der Raketen, unter dem Ziſchen der Feuerräder, unter dem Knattern der Leuchtkugeln und dem Toſen der nachjauchzenden Volksmenge abgehalten wurde. Den König intereſſirte vor allem, was ſeinem gehei⸗ men Traume von einer Vergrößerung Weſtfalens durch neues Unglück in Preußen Nahrung gab. Baron Linden, ohne Ahnung davon, ließ ſich mit vieler Anerkennung 417² über das patriotiſche Beſtreben in Berlin aus, dem ver⸗ kleinerten Reiche eine neue innere Kraft zu geben durch Wehrhaftmachung des ganzen Volks und durch Verede⸗ lung des Kriegsdienſtes mittels allgemeiner Dienſtpflicht, tüchtiger Ausbildung raſch beweglicher Maſſen und wiſſen⸗ ſchaftlich⸗ſittlicher Hebung der Offtziere. Jeröme ſprach ſich wegwerfend dagegen aus. Sein Ton und die nächtliche Unruhe von außen, wozu noch ſtarke Weine und piquante Erfriſchungen gereicht wurden, erregten die Gemüther. Es wurde flüchtig und abſprin⸗ gend verhandelt, kühner als ſonſt geſprochen, leidenſchaft⸗ licher aufgenommen. Die Berathung ging mehr und mehr in die Stimmung eines Gelags über, und zog ſich, be⸗ ſonders als Linden auf die geheimen Verbindungen in Preußen kam, bis tief in die Nacht. Am andern, dem Sonntagsmorgen, fand große Auf⸗ wartung im Schloſſe ſtatt. Eine zahlreiche Militärbeför⸗ derung veranlaßte Präſentationen, und verſchiedene Hofchar⸗ gen wurden zum Eide vorgeſtellt— der Oberſt d'Albignac als Großſtallmeiſter, der Graf von Meerveldt als Kam⸗ merherr, der Graf von Löwen⸗Weinſtein nebſt Herrn von Villemereuil als Ehrenſtallmeiſter, und Herr von Zur⸗ weſten als Marſchall des Logis. Im Gedränge des Vorzimmers zog Bercagny den Staatsrath Malchus, der zu einer angeſagten Staats⸗ rathsſitzung erſchien, in eine entfernte Fenſterniſche und flüſterte ihm zu: Es iſt gethan, lieber Malchus! Der König hat mich ermächtigt, Bülow's Papiere insgeheim zu unterſuchen. 173³ Linden hatte es prächtig eingefädelt. Nachdem er einen genauen Begriff von der neuen preußiſchen Militärein⸗ richtung gegeben, durch welche das ganze Volk wehrhaft gemacht wird, geſtand er, über die geheimen politiſchen Verbindungen zu einem Volksaufſtande noch keine ſo be⸗ ſtimmten Thatſachen in Händen zu haben, ließ aber die Aeußerung fallen, daß man durch Bülow's Privatcorre⸗ ſpondenz ganz gewiß hinter dies Geheimniß kommen könnte. Ich mit meiner polizeilichen Perſon konnte dabei ſtillſchwei⸗ gend im lächelnden Hinterhalte bleiben, bis mich der Koͤnig fragend anblickte. Jetzt durfte ich auch meine Andeutun⸗ gen in die Wage werfen, indem ich mich zugleich gegen eine amtliche Unterſuchung erklärte, ſolange nicht ein heim⸗ licher Einblick in die Papiere die Bürgſchaft eines erkleck⸗ lichen Fundes feſtgeſtellt habe. Der König brach ab, gab keinen Beſcheid von ſich, ſchrieb aber unvermerkt mit ſei⸗ ner Bleifeder eine Ermächtigung zu geheimer Viſitation, und ſtellte ſie mir unter vier Augen zu. Er hat darin einen ungemein feinen Tact der Klugheit. Nun liegt's in meiner Hand, und mein Chamäleon Würtz iſt auch bereits umſtändlich inſtruirt. Ca ira! Das Wann und Wie der Ausführung, da Bülow jetzt anweſend in ſeinem Hauſe iſt, ſind Fragen, die Ihr Genie, mein Freund, zu meiner Bewunderung löſen wird! erwiderte Malchus mit einer huldigenden Geberde. Aber, nicht wahr, nun werden auch die köſtlichen Verſe losgelaſſen? Nächſte Nacht, während des Hofballs, braucht Midas ſeine vergoldenden Hände an den Straßenecken, und ſeine Ohren dienen ihm dabei zum Schutze des Geheimniſſes! flüſterte Bercagny lächelnd. 174 Malchus machte mit verſtohlenen Händen die Bewe⸗ gung des Applaudirens, und Beide zogen ſich wieder unter die zahlreichen Anweſenden zurück. 5 Dieſen Gegnern Bülow's ging es indeß mit ihrem Pasquill, wie manchen Aeltern mit einem misrathenen Sohne, von dem ſie ſich in ihrer Eitelkeit den Erfolg eines Genies erwarten, indeß er von aller Welt unbe⸗ achtet bleibt, wenn er nicht gar misachtet wird. Einen ganz ähnlichen Eindruck gaben die deutſchen und franzöſi⸗ ſchen Verſe in der Stadt, als man ſie in der Frühe des Montags an den Straßenecken oder in ausgeſtreuten Exem⸗ plaren las. Die geringen Leute, die nie von Midas ge⸗ hört hatten, verſtanden die Spitze des Vergleichs gar nicht; die Gebildetern fanden den Witz geſucht und jene Spitze ſtumpf, und die Einſichtigen durchblickten vollends die bos⸗ hafte Abſicht einer Partei, die ſich hier ſo ohnmächtig in ihren Waffen verrieth. Mit der Miene betrübter Amtspflicht überlieferte Ber⸗ cagny bei ſeinem Frührapport dem König ein Exemplar, das ſich mit den Spuren des Kleiſters am Rücken für abgeriſſen ausgab. Zu ſeiner Verwunderung fand er die heitere Aufnahme nicht, die er ſich verſprochen hatte. Jeröme war unglücklicherweiſe ſehr verdrießlich geſtimmt—. ermüdet von den anſtrengenden Feſtlichkeiten, unbefriedigt von den Mittheilungen ſeines preußiſchen Geſandten und was ihm vielleicht noch in ſeinen verwickelten Herzens⸗ angelegenheiten Aergerliches zugeſtoßen war. Weit entfernt, daß er über die Reime auch nur gelacht hätte, ließ er ſich über die Dummheit, wie er es nannte, ſehr ungehalten 4175⁵ aus, und befahl ſtrenge Unterſuchung nach den Thätern. Seine natürliche Gutmüthigkeit regte ſich zu Gunſten des Herrn von Bülow, ſodaß er ſich mit lebhafter Aner⸗ kennung über die Verdienſte ſeines Miniſters aus⸗ ſprach. Bercagny, in Beſorgniß, den König moͤchte ſchon die genehmigte Unterſuchung der Bülow'ſchen Correſpondenz gereuen, verſetzte mit der Miene wichtiger Vorſicht: Ich werde nun doch die befohlene Durchſuchung der geheimen Correſpondenz Bülow's beeilen müſſen. Sire! Ohne Zweifel wird der Geſandte Sr. Majeſtät des Kaiſers in ſeinem Bericht dieſer fatalen Verſe Erwäh⸗ nung thun, und es iſt daher gut, wenn wir etwas in die Hände bekommen, was wir dem Unwillen des Kai⸗ ſers entgegenhalten können. Wir wiſſen nun, wie ſehr Napoleon den Miniſter begünſtigt. Ja, Bercagny, wenn ſich auch nur eure Voraus⸗ ſetzung beſtätigt! Sonſt werden wir dem klugen Bülow wegen dieſer verſtficirten Ehrenrührigkeit eine förmliche Satisfaction vor den Ständen ſchuldig. Uebereilen Ew. Majeſtät ja keinen ſolchen Beweis von Gunſt! wendete der Polizeichef ein; damit nicht meine Entdeckungen in Widerſpruch mit ſolchem Wohlwollen kommen. Im Gegentheil, Bercagny! rief der König. Dieſe Rückſicht ſoll mich nicht abhalten! Die Schuld Bülow's, die ſich etwa entdeckt, fällt um ſo mehr auf, wenn ſie voraus meine Gunſt und Gewogenheit zur Folie hat. Gehen Sie daher zu ihm, jetzt gleich, und ſagen Sie ihm, wie ungehalten ich über dieſe feige Nichtswürdigkeit 476 bin, und was ich Ihnen wegen Verfolgung der Thäter befohlen habe. Ehe ſich Bercagny noch dieſes für ihn ſo beſchämen⸗ den Befehls faſſen konnte, wurde der Miniſter Simeon gemeldet und angenommen. Der würdige Mann über⸗ brachte ebenfalls einen Abdruck der hverſe. Er rhhe Wärme gegen die Kränkung ſo verdienſt⸗ v dhht im Lenblicke, nihm die ſchiwierigſten eine naägezechee ion Für denſelben an. Was in chehen ſoll, haben Se. Majkſtäf ſchon befohlen! fiel Bercagny ein. Ich wollte mir nur noch die Anfrage erlauben,. E ob nicht die befohlene Erklärung am geeignetſten Irch den Mund Sr. Excellenz des Juſtizminiſters an Bülow gelangen dürfte. Der Chef der Polizei, der das Vergehen ver⸗ folgt, erſcheint dann weniger voreingenommen und par⸗ teilich. Darin haben Sie Recht, Bercagny! erklärte Jeröme. Gehen alſo Sie, lieber Simeon, und ſagen Sie dem Baron Bülow, wie lebhaft ich dieſe Albernheit böswilli⸗ ger Gegner misbillige, nachdem ich ſie mit Unwillen ge⸗ leſen habe. Legen Sie die Sache nach Ihrer Einſicht bei, wenn er ſich etwa gekränkt fühlen ſollte. Er darf jetzt ſein Portefeuille nicht abgeben. Wir brauchen ſeine gold⸗ ſchaffenden Hände, und wenn wir den unglücklichen Poe⸗ ten entdecken, ſoll er mit des Midas Ohren an den Pranger geſtellt werden, damit Jedermann wiſſe, wo eigentlich der Eſel ſteckt. — So viel Bitteres, als Bercagny zu hören bekam, war für ihn ſehr empfindlich, auch wenn es ihn unbeabſichtigt traf. Nachdem ihm aber in ſeiner Verblendung durch die Aeußerungen des Königs ein Licht über die Albernheit der Verſe aufgegangen war, entſtand ihm auch noch der Zweifel, ob man ihn nicht etwa der Urheberſchaft an den⸗ ſelben beargwohnen werde. Um daher den König zu zerſtreuen und ſeinem eigenen Selbſtgefühl wieder aufzu⸗ helfen, ging er nach Simeon's Entfernung raſch zu Ge⸗ genſtänden ſeines Vortrags über, die Jeröme's ſinnliches Intereſſe erregen konnten. Er berichtete über die Dame, die ſich Lirnic ais eine ſchwediſche Gräfin in Caſſel ein⸗ geführt hatte. 3 Ich habe ihr die Aufenthaltserlaubniß perſönlich über⸗ bracht, Sire, ſagte er, um Eurer Majeſtät genau be⸗ richten zu können. Ich fand ſie geſchmackvoll eingerichtet, und wenn ſie aus der Ferne angenehm auffällt, ſo ge⸗ winnt ſie in der Nähe durch jugendlichen Reiz und an⸗ ziehende Lebhaftigkeit. Doch halte ich ſie für eine ungräf⸗ liche Abenteuererin. Sie fragte nach der Etiquette des Hofs, in der Abſicht, ſich vorſtellen zu laſſen. Ich verlangte, und ſie verſprach, über ihre Herkunft mir briefliche Mit⸗ theilung zu machen. Ich habe ſie um Beſchleunigung ge⸗ beten. Je weniger Zeit ſie hat, Erlebtes und Erdichtetes für unſern Bedarf zu miſchen, deſto leichter werden wir aus der Mintur ſelbſt die Beſtandtheile des Wahrhaften herausſchmecken. Die Sache ſchien Jeroͤme zu intriguiren. Er fragte nach dieſem und jenem Umſtande, und trug endlich Ber⸗ eagny auf, ein zufälliges Begegniß mit der Gräfin zu Koenig, Jeroͤme's Carneval. II. 12 178 veranſtalten, indem er ſie etwa veranlaſſe, das Schlößchen Schönfeld zu einer beſtimmten Stunde zu beſehen, in welcher der König ſpazieren reitend eintreffen und die Dame überraſchen wollte. Eine angenehme Nachricht für Jeröme war es auch, daß Pigault⸗Lebrun endlich angekommen ſei. Der König hatte dieſen beliebten Romanſchriftſteller zu ſeinem Vor⸗ leſer und Bibliothekar aus Paris berufen laſſen. Hier war er nun im Hötel de Weſtphalie eingekehrt, hatte ſich bei Bercagny angemeldet, und erwartete des Königs Befehle. Es iſt mir lieb, ſagte Jeröme. Er kann mir die Zeitungen und Bülletins vorleſen. Bücher haben wir noch nicht angeſchafft. Pigault mag Vorſchläge machen. Aber einſtweilen erzählt er vortrefflich und wird mir viel aus Paris erzählen können. Heut beziehen wir wieder das Sommerſchloß. Bringen Sie ihn morgen früh mit dahin. Ich laſſe ihm droben zwei Zimmer im linken Pavillon einrichten, die er gleich mit Sack und Pack be⸗ ziehen kann. Sie wurden vom Cabinetsſecretär unterbrochen, der einige dringende Ausfertigungen zur Unterzeichnung des Königs in Händen hielt. Marinville ſchien ſo willkom⸗ men, daß Bercagny den Augenblick benutzte, ſeine Vor⸗ träge zu ſchließen. Sobald er fort war, machte es ſich Polſterbette bequem, indem er, die Nägel der linken Hand benagend, verdrießlich ausrief: Sie kommen mir doch nicht auch mit der dummen Midasgeſchichte, Marinville? Ich hoffe, Sie bringen mir der König— ganz wieder blos Jeröme— auf ſeinem 14 . 179 zas Angenehmeres vor! Ich bin recht ärgerlich! Es geht mir Alles conträr, Marinville. Unter dieſem Alfanz von Feſtlichkeiten haben wir uns faſt gar nicht geſprochen. Wiſſen Sie, daß mir Cecile ſchon zu ſchaffen macht? Sie will ſich nicht länger mit den kleinen Abenden ihrer Tante Simeon begnügen. Sie verlangt in die Geſellſchaft; ſie will das Leben mitmachen. Und die alte Excellenz, der gute Simeon, beſtärkt ſte in ihrem Eigenſinn, wie mir ſcheint. Nun freilich, Sire! lachte Marinville. Was weiß auch der gute Stiefonkel von ſeinem bezaubernden Lieb⸗ ling! Er hält ſie für ein liebes, ungewöhnliches Kind, das in aller Unſchuld ſich nur ein wenig aufs Theater verirrt hatte, aber in der Zurückgezogenheit ſeiner Fami⸗ lie ſchon wieder klug geworden iſt. Und die Heberti kann ja Alles ſcheinen, was ſie will. Bei Gott, Sire, es gibt keine drolligere Geſchichte in der Welt, als daß einem Oberprieſter der Themis von ſeiner eigenen klugen Frau die Binde ſeiner Göttin über die Augen gelegt wird, und während er die Wage des Rechts emporhält, ſein König ſich in den Armen ſeines Schützlings wiegt! Freveln Sie nicht, Marinville! lächelte Jeroͤme. Be⸗ denken Sie, wenn er dieſer Täuſchung inne würde! Und Cecile wär' am Ende toll genug, ſelbſt ihm die Binde von den Augen zu nehmen. Wir müſſen ſie zufrieden ſtellen. Sie hat mir durch ihre Unvorſichtigkeit ſchon Ver⸗ druß genug gemacht. Erinnern Sie ſich noch, Marinoille, als ſie mir nach Fontainebleau zu den Feſten meiner Ver⸗ mählung gefolgt war? Der Kaiſer war außer ſich. Mein Gott, wenn er erführe, daß ſie nun auch wieder hier iſt! 12* Ihr Name darf durchaus nicht laut werden. Es wird ihm ja von hier Alles berichtet. Hätte nur Cecile gleich einen andern Namen ange⸗ nommen! rief Marinville. Wo denken Sie hin! lachte Jeröme. Zu ihrem On⸗ kel Simeon mit einem falſchen Namen und Paß? Pardon! Ich vergaß! entſchuldigte ſich Marinville. Ja, dem Miniſter wäre darüber ohne Zweifel der juri⸗ ſtiſche Zopf in der Wickel aufgegangen, ha, ha! Sagen Sie, Marinville, wenn wir nur einen jungen Mann wüßten, dem wir ſie verheiratheten und mit deſſen Namen ſie in der Geſellſchaft erſcheinen koͤnnte? Bei dem hieſigen Ueberfluß kann ich ihrer entbehren. Aber wenn ich ſie fortſchicke, ſpielt ſie uns einen Poſſen. Auch iſt ſie in ihrer Art einzig, ſehr einnehmend, und man mag ſie immer gern hier haben. Ecoutez! Ich habe mir ein Sansſouci, eine Einſiedelei, in Wabern ausge⸗ dacht. Beſonders wenn die Hühnerjagd aufgeht. Dort ſetzten wir die Heberti hin, wenigſtens vorerſt. Ich würde ihren Mann zum Schloßpräfecten machen, oder ſo was? Und wenn Sie von der Jagd kämen, ſchickten Sie ihn mit den Hühnern nach Caſſel,— envoyé extra- ordinaire in Hühnerangelegenheiten? Gaillard! lachte Jeröme. Später, wenn ſich die So⸗ cietät an die junge Frau gewöhnt hätte, ließen wir ſie nach Caſſel kommen. Oder überließen ſie ganz ihrem häuslichen Glück, und ſähen uns nach etwas Neuem um, Sire! Eh bien! rief Jeröme vergnügt. Sie haben Recht, Marinville,— etwas Friſches! Mein Herz ſehnt ſich recht nach einer neuen Liebe. Ueberhaupt, wir wollen ein⸗ mal ausrangiren. Was, Marinville? Wohl, Sire! Remonte im Land wird uns die guten Familien attachiren. Allons, Marinville! Und wiſſen Sie— die Babet möcht' ich auch beiſeite legen, ſo reizend ſie noch iſt. Sie hat doch für meinen Geſchmack etwas zuviel— Apropos! Pigault⸗Lebrun iſt angekommen. Er ſoll uns erzählen, Marinville! Und, hören Sie! der alte Burſche kann die Babet zu ſich nehmen, und ſie mag mit ihm im Flügel unſers Sommerſchloſſes wohnen. Sehr gut, Sire! Man erinnert ſich doch manchmal gern der Vergangenheit,— dann hat man ſie in der Nähe, lächelte Marinville, und Jeroͤme fuhr fort: Alſo etwas Neues! Es iſt ja auch ein Sommer zum Verſchmachten. Wiſſen Sie vielleicht ſchon etwas? Ecoutez! Man ſpricht ja ſoviel von der außerordentlichen Schön⸗ heit einer Madame— chose! Frau des Diviſionschefs im Miniſterium des Innern—? Madame Heiſter? erinnerte Marinville. Ganz recht, Marinville,— Madame Heiſter. Ken⸗ nen Sie— 2 Ich habe ſie einmal flüchtig geſehen, als das junge Paar Beſuch bei Simeon machte, flüchtig, auf der Treppe begegnet. Sehr ſchön! Nun ja, ſiel Jeröͤme ein. Alles iſt entzückt von ihr, ſogar Frauen, die ſelbſt Anſpruch machen. Sie wäre unſtreitig die ſchonſte Frau in Caſſel, ſagt man. Was? die ſchoͤnſte Frau in der Reſidenz, und der König kennt ſie nicht! Marinville? —— Es iſt das hoͤchſte Unrecht, Sire! lachte Marinville. Es verſchlägt gegen alle geheimen Artikel der königlichen Prärogative. Keine ſchöne Frau ſollte in unſerer Reſi⸗ denz exiſtiren dürfen, anders als— de par le Roi! Ich habe mich auch ſchon erkundigt. Madame iſt die Tochter eines vormaligen Burggrafen in Wabern. In Wabern? rief Jeroͤme. Iſt das nicht ganz omi⸗ nös für meinen Plan? Jugenderinnerungen! Kindliche Spiele! Es ſcheint in der That, Sire! Nur weiß ich nicht, ob Herr Heiſter, der bisher im Departement des Innern geſtanden, ſich für Angelegenheiten des Aeußern qualifi— eiren wird— für Miſſionen in Hühnerangelegenheiten. Das junge Paar hat nur die ſchicklichſten Beſuche gemacht, und hält ſich von der Geſellſchaft ſehr zurück, lebt noch zu ſehr für einander. Man hat keine Gelegenheit, der ſchönen Frau zu huldigen, ihr einen höhern Ehrgeiz ein⸗ zuflößen. Sehen Sie zu, Marinville, was ſich thun läßt, ver⸗ ſetzte Jeröme. Ich fürchte, die Gräfin Franziska wird mich ennuyiren. Sie fällt doch zu ſtark ins Gewicht, beſonders mit ihrer wachſenden Hoffnung. Wir wollen Sie zur Dame d'Atours der Königin machen. Und mit der Oberhofmeiſterin komme ich zu gar keinem Verſtänd⸗ niß. Sie gibt mir nur immer hohe Geſichtspunkte kö⸗ niglichen Handelns. Sie weiſt alle Geſchenke ab, hat aber immer Foderungen für Andere. Und wenn ich von meiner Liebe rede, ſpricht ſie mir vom Glück des Volks. Das heißt, ſie vergißt die Wünſche Jeröͤme's über die Angelegenheiten des Königs, erwiderte Marinville —— 0 E mit Ernſt. Immerhin, Sire! Laſſen Sie das nicht fal⸗ len! Eine fürſtliche Dame, die für den Ruhm eines jungen Königs ſchwärmt,— ah! Und in ihrer Stellung zumal! Wiſſen Sie, die unterhält einen gewiſſen Idea⸗ lismus der Königin für ihren Gemahl. Das gibt An⸗ ſehen im idealiſtiſchen Deutſchland, und iſt nicht zu ver⸗ achten neben den Realitäten, an denen es Ihnen ja nicht fehlt. Da wäre z. B. die Generalin Du Coudras: Teu⸗ fel, es iſt doch ein reizendes Weib! Daß Sie mich daran erinnern, Marinville, rief Je⸗ röme, ſich erhebend. Sie ſtand mir vorgeſtern beim gro⸗ ßen Couvert gegenüber. Sie hat ſich wunderbar ver⸗ ſchönert. Das leichtfertige Leben ſchlägt ihr zum Erſtaunen gut an. Oder iſt es vielleicht ihrem Manne gelungen, ſie von dem wilden Verkehr abzubringen? Der gute General! erwiderte Marinville. Er liebt ſeine Frau leidenſchaftlich und kann ihr ausgelaſſenes Weſen nicht bändigen. Sie haben ja den ſtrengen Aus⸗ ſpruch des alten Bongars gehört: Alles Verdorbene bei Hof gibt ſich Rendezvous bei den Levers der Du Cou⸗ dras, ſagte er. Der Köͤnig, indem er ſich zur Unterzeichnung der von dem Cabinetsſecretär vorgelegten Reinſchriften niederſetzte, erwiderte nach einigem Nachdenken: Hören Sie, Marinville! Gehen Sie zu ihr, in mei⸗ nem Auftrage. Sagen ſie ihr, wenn Sie die alte Le⸗ bensweiſe abändern und ihren würdigen Mann, meinen Gardeoberſten, mehr berückſichtigen wollte, ſo würde ich mich für ſie intereſſiren; ſie ſollte Ehrendame der Köni⸗ gin werden, und ich würde ihr ſelbſt, einen Abend .„* den ſie dazu beſtimmte, meinen Damenorden über⸗ bringen. Ich zweifle nicht, Sire, ſie wird darauf eingehen, verſetzte der Schalk, ſei es auch nur, um ihren braven Mann zu berückſichtigen. Das wäre doch etwas zwiſchen den Verdrießlichkeiten des Reichstags! ſagte Jeröme, indem er unterzeichnete. Da kommen nun auch die zwei Millionen zur Sprache, die ich meiner Mutter ſchuldig bin, und die der Hofagent Jacobſon vorgeſchoſſen hat. Bülow kraut ſich hinter den Ohren; ſie können aber nicht länger unbezahlt bleiben, und auf meine Civilliſte kann ich eine ſo große Summe nicht übernehmen. Fatale Wolken ſo herrlicher Sommer⸗ tage! Doch, Marinville, wir wollen nicht ganz um die ſüßen Nächte des Juli kommen. Sorgen Sie uns für anmuthige Abende der Erholung, wo wir recht ver⸗ traulich luſtig ſein können. Luſtig, Luſtig, Marinville! Es iſt ja ſonſt zum Teufel holen— König von Weſt⸗ falen zu ſein! — ¾——-———y — Viertes Capitel. Einblick in die Finanzen. So lebhaft ſich der König ſchon von den bloßen Re⸗ präſentationen des Reichstags nach einigen Stunden der Luſt oder der Beluſtigung ſehnte, ſo froh war auch ſein Finanzminiſter, als er die ſchwierigſten Vorarbeiten für den Reichstag hinter ſich hatte. Die verſchiedenen Com⸗ 1 miſſionen für die Finanzen, für die Civil- und für die Criminalgeſetzgebung waren durch Wahlen der erſten Reichstagsſitzung gebildet; der Koͤnig, nach Napoleons⸗ 4 höhe zurückgekehrt, hatte hier auf dem Thron, von den Großbeamten der Krone und den Miniſtern umſtanden, 5 die Botſchaft des Reichstags mit der feierlichen Adreſſe empfangen, und die wichtigſten Geſetze gingen nun aus dem Staatsrathe zur Berathung der Stände. Jetzt ſah der aufathmende Miniſter gern einen vertrauten Freund bei ſich, und nahm Aufwartungen an,— beides in ſeinem beidlebigen heitern Gemach. Auch Hermann, auf einen Wink Provencal's, ließ ſich eines Morgens anmelden, als eben Nathuſius da war, mit dem ſich Herr von Bülow in Erinnerungen an die magdeburger Stunden herzlicher Freundſchaft erging. Er ward um ſo freundlicher angenommen, als auch Nathu⸗ ſius ſich über den jungen Freund gleich ſehr günſtig äußerte. Bülow, durch die einfache, wohlwollende und ——— 186 vertrauensvolle Behandlung ſeiner Untergebenen bei Allen beliebt, wußte denn auch den jungen Mann bald ganz behaglich zu ſetzen. Ich höre mit Vergnügen, ſagte er, daß Sie es mit unſern Geſchäften verſuchen wollen. Es ſollte mich freuen, wenn dieſe Arbeiten Sie nach und nach ſo anzögen, daß die bisher betriebenen Wiſſenſchaften Ihnen deſto mehr zur Erholung und Erhebung dienten, ſtatt daß Sie ſelbſt im Frohndienſte derſelben zu arbeiten dachten. Wir wol⸗ 5 len unſere Uebereinkunft gleich einfach abmachen. Mein Generalſecretär Provencal iſt des Deutſchen im ſchriftlichen Ausdrucke nicht ſo ganz mächtig. Ich will aber unſere Sprache im Geſchäft mächtig haben. Um jedoch neben dem Franzöſiſchen, das von oben begünſtigt wird, nicht nur mit Ehren zu beſtehen, ſondern ſich auch gegen die fremde zu behaupten, muß unſere Actenſprache ſich ver⸗ jüngen, den Schlendrian und die ſteife Schwerfälligkeit ablegen, und ſich leicht, kurz und klar bewegen lernen. Auch braucht Provençal bei den zunehmenden Arbeiten meiner Bureaux in andern Stücken Hülfe. Zu dieſem und jenem ſind Sie mir erwünſcht,— dort durch Ihre Sprachgewandtheit, hier durch Ihr gutes Vernehmen mit Provengal, dem ich Sie jetzt unbedenklich vorerſt als Surnumerär an die Seite geben kann. Ich ſelbſt behalte mir vor, Ihnen für die einzelnen Geſchäfte mündlich An⸗ leitung und Geſichtspunkte zu geben, und wenn Sie ſich dazwiſchen durch Studien und Nachſchlagen guter Schrif⸗ ten üͤber Volks⸗ und Staatswirthſchaft in die Grund⸗ ſätze und Principien unſers Schaffens mehr und mehr einweihen, ſo werden Sie ſich unvermerkt au kait der ——————— — 5————nöͤ——Y—x—x—xxxxxx 2 L 5——— 8 ——— —— 187 Geſchäfte ſehen. Sie werden den ganzen Betrieb wie ein Uhrwerk unter Glas durchblicken. Ich vertraue Ihren Gaben, und da ich auch Ihrer Geſinnung vertraue, ſo legen Sie mir blos Handgelübde darauf ab, daß Sie ſtets nach meinen Anweiſungen und nach Ihrem beſten Gewiſſen handeln wollen. Nicht wahr? 8. Er reichte ſeine Rechte hin, in die Hermann mit Rührung und zugleich mit heiterſtem Muth die ſeinige legte. Bülow öffnete die Thür neben ſeinem Schreibtiſche und ſagte: 2 Sehen Sie, hier iſt ein freies Cabinet mit einem Pult und einem Seſſel. Hier ſollen Sie vor der Hand 4 arbeiten. Sie haben mich hier nahe, wenn ich anweſend, und mein Zimmer hat Sie zur Aufſicht nahe, wenn ich auswärts bin. Aus dieſem Vorbereitungsdienſte lerne ich 8 Sie ſelbſt genauer kennen, um Sie dann dem Köͤnig zu einer beſondern Stelle vorzuſchlagen. Bis dahin müſſen Sie ſich freilich ſtatt feſten Gehalts mit Gratificationen begnügen, die ich Ihnen theils anweiſen, theils auswirken kann. Nicht wahr? Ich weiß nicht, ob ein Lehrling Lohn annehmen darf, Excellenz? ſagte Hermann mit lächelnder Ablehnung. Sie thun ſich zu nahe, wenn Sie ſich nach Dem, was Sie vermögen und was ich Ihnen zumuthen werde, einen Lehrling nennen wollen, erwiderte Bülow, und ward von Nathuſius unterbrochen, der mit Freundlich⸗ keit ſagte: Wenn ich ein Wort d'rein reden darf, ſo weiſen Sie ja kein Geld von ſich, mein lieber Doctor. Ein junger 188 Mann ſoll nie anſpruchlos in die Welt treten, die ſelbſt Anſprüche genug an ihn macht. Ueberdies, mein Freund, während Sie ſich mit Weltweisheit beſchäftigt haben, hat ſich die Weisheit der Welt umgewandelt.„Wer jetzt praktiſch auf die Welt einwirken will“, ſchrieb mir jüngſt ein Freund,„muß ſtreben, zu vielſeitigem Beſitz zu ge⸗ langen; denn alle höhern Formeln haben ſich jetzt in geprägte Zahlzeichen umgeſetzt, mit denen allein ſich noch einige Zauberei treiben läßt. Die Schlechtigkeit und die Gemeinheit ſtreben immer deutlicher ſich in den Allein⸗ beſitz aller Güter zu theilen, und man kann ihnen nicht wirkſamer entgegentreten, als daß man ihnen von ihrem Raub entreißt ſoviel als möglich. Geld iſt jetzt das erſte Werkzeug des Deſpotismus, und dieſes Werkzeugs muß ſich Der bemächtigen, der eine Gegenwirkung üben will.“ Sehr wahr in der Sache und mit Geiſt ausgeſpro⸗ chen, mein lieber Nathuſius! ſagte Bülow. Und das führt uns auf unſer abgebrochenes Capitel zurück. Bei dieſen Worten machte Hermann die Bewegung, ſich zu empfehlen, um nicht zu ſtören. Doch der Mini⸗— ſter hieß ihn bleiben. Ein Blick in die Geſchäfte muß auch Sie jetzt in⸗ tereſſiren, obgleich wir als Freunde davon ſprechen. In dieſem Zimmer miſchen ſich Geſchäft und Unterhaltung, und dieſe Wände, dieſe Decke verſchließen beides herme— tiſch gegen draußen. Er ſprach die letztern Worte mit Blick und Nach⸗ druck, daß es als warnender Wink nicht zu verkennen war, und fuhr dann gegen den äͤltern Freund fort: ga, lieber Nathuſius, mit der Excellenz ward mir * 189 eine ſchwere Laſt auf die Schultern gelegt. Denken Sie ſich auf der einen Seite eine Ländermaſſe, bisher regiert von verſchiedenen Fürſten, nach verſchiedenen Geſetzen, Verfaſſungen, Gewohnheiten, eine Ländermaſſe, die un⸗ ter feindlicher Unterjochung die großten Opfer gebracht hat, und nun dem franzöſiſchen Reiche zugleich befreun⸗ det und tributär bleiben ſoll; auf der andern Seite ein König, aus dem Privatſtande auf den Thron gehoben, der für nichts Sinn hat, als für den Glanz der Krone, für Verſchwendung und ſinnlichen Genuß, und um ihn eine Menge Abenteuerer, die abwechſelnden Einfluß auf ihn üben, mit ihm zu ſchwelgen und durch ihn ſich zu bereichern.—— Ich rede nicht als Finanzminiſter, ſon⸗ dern als guter Preuße zu guten Preußen! Er reichte beiden Zuhörern die Hände hin; beide drückten ſie herzlich und Nathuſius nahm das Wort: Und nun ein Staat, verehrter Freund, von noch nicht zwei Millionen Einwohnern, die, vom Kriege heim⸗ geſucht, noch fortwährend Truppendurchzüge zu tragen haben, deſſen Grundbeſitzer und Gemeinden mehr oder weniger verſchuldet ſind, der eine Staatsſchuld über hun⸗ dert Millionen Francs hat, deſſen Gewerbthätigkeit ge⸗ hemmt iſt, wo Fabriken nur unter Aufopferungen von Seite der Regierung beſtehen; ein Land, deſſen Geld⸗ quellen auf Getreide⸗ und Wollausfuhr wie auf den Durchgangshandel beruhen: auf Erwerbszweigen, die der Seekrieg völlig vernichtet hat— das iſt die Bühne für die Action eines Finanzminiſters in Weſtfalen! Nun ja, lächelte Bülow, machen Sie nur, daß alle Ihre Collegen das ſo klar einſehen! Herr Malchus wird als Redner des Gouvernements den Ständen in nächſter Sitzung bei der Geſetzvorlage über die öffentliche Schuld die Nothwendigkeit einer Anleihe von zwanzig Millionen Franes darthun. Die Herren Abgeordneten werden zuerſt die Köpfe ſchütteln, dann aber dieſe Köpfe doch in die Höhe ſtrecken müſſen, um Ja zu ſagen. Gut! Aber wo wollen Sie denn die Hand hin⸗ ſtrecken, um zu borgen— heißt das, geborgt zu be⸗ kommen? fragte Nathuſius. Weſtfalen als Staat iſt noch zu jung, und hat gleich zu luſtig angefangen, um Cre⸗ dit zu haben. Credit iſt das bei nachhaltigen Finanz⸗ quellen durch fortgeſetzte pünktliche Erfüllung der Ver⸗ bindlichkeiten ſchwer zu erlangende Vertrauen der Welt. Sie, lieber Bülow, ſind der Mann, dem Staat Credit zu ſchaffen, das heißt— nach und nach! Und doch hab' ich Hoffnung, mein Freund, erwiderte der Miniſter; ja, ich habe Zuſagen aus Holland. Dort, wiſſen Sie, liegen große Summen müßig wegen Hemmung des Handels. Ein bedeutendes Handelshaus verſpricht mir ſogar ein leichtes Geſchäft, und unſer Ge— ſandte in den Niederlanden, Baron Münchhauſen, ſtimmt dieſen Zuſagen bei. Münchhauſen? lächelte Nathuſius. O Sie denken an jenen fabelhaften Münchhauſen, der ſich, als er im Sumpf ſteckte, am eigenen Zopf her⸗ auszog, nicht wahr? verſetzte Bülow. Nein, dieſe Pa⸗ role zu einem Geldgeſchäft ſoll uns nicht gelten; wir brauchen eine beſſere Firma. Fauſt, der Kammerdiener des Miniſters, meldete einen Polizeicommiſſar. Zu Hermann's Ueberraſchung trat der 4194 ihm jetzt ſo verdächtige Würtz herein und übergab ein leichtes Actenheft mit einem verſchloſſenen Schreiben. Während der Miniſter beides durchlief, kam Nathuſius in leiſem Geſpräche mit Hermann auf die ſieben liebens⸗ würdigen Haustöchter. Der junge Freund hörte ihm aber nur ſehr zerſtreut zu. Er dachte an das Anliegen der Gräfin Antonie, das ihm drückend und doch zweifel⸗ haft auf dem Herzen lag. Und da er dabei fortwährend nach dieſem Würtz blicken mußte, fiel ihm die Unruhe auf, mit welcher dieſer Menſch das Zimmer durch— ſpähte und ſich dabei ſo vergaß, daß er zuſammen⸗ ſchrak, als ihn der Miniſter, freilich ziemlich lebhaft, an⸗ redete: Empfehlen Sie mich dem Herrn von Bercagny, und ich ließ freundlich danken für die Mühe, die er ſich gäbe, den Pasquillanten zu entdecken. In meinen Bureaur ſtäke er aber nicht; von meinen Untergebenen beneide Niemand meine Stellung. Mich beruhige, daß der Ver⸗ ſifer unentdeckbar ſei, ſodaß ich wol nicht in die Ver⸗ legenheit käme, mich für ihn zu ſchämen. Sagen Sie dem Herrn Generaldirector, er möge gelaſſen thun, nur ſoviel als Sr. Majeſtät genüge; mir ſei ſchon ge⸗ nug geſchehen. Und hier nehmen Sie die Acten wie⸗ der mit! Sobald Würtz hinaus war, ſprach Bülow weiter: Will mir der— Menſch vorſpiegeln, der Thäter dürfte vielleicht unter meinen Leuten ſtecken. Als ob ich die Partei nicht kennte, die— Aber, reden mir nicht mehr von der Albernheit. Wäre es Ihnen jetzt gefällig, lie⸗ ber Nathuſius, hinüber zu meiner Frau zu gehen? Ich 192 will inzwiſchen unſern hoffnungsvollen Finanzmann in die Bureaux einführen und ihn meinen Leuten vor⸗ ſtellen. Kommen Sie, lieber Herr Doctor! i Fünftes Capitel. Zehn Gebote der Frauenliebe. 6. ——* A* So war nun Hermann in einen thätigen Lebenskreis eingeführt, und durch eine ſo bedeutſame und bezügliche Unterhaltung zweier Männer von hoher Einſicht in die Geſchäfte des Staats und des bürgerlichen Lebens gleich⸗ 1 ſam eingeweiht worden.+ Gegen Abend deſſelben Tages ſaß Lina einſam auf ihrem Zimmer. Das äußerſte Fenſter nach der Fulda⸗ brücke ſtand offen; ein lebhafter, aber lauer Wind ſtieß in die Vorhänge, und wenn ſie hinausſah, wozu eine un⸗ beſtimmte Sehnſucht ſte öfter antrieb, ſo erblickte ſie nach Nordweſt hinziehend ein bedrohliches Gewölk, hellgraue Schichten in Dunkelgrau, glänzend weiße Maſſen, die, bräunlich durchſetzt oder umkantet, tief herabhingen. Ein ſchauerliches Licht fiel auf das graue Caſtell, an dem die Fulda trüb und in Wirbeln hinfloß. Lina athmete eine müde, weiche Stimmung, die ſie der Gewitterluft beimaß, die aber vielleicht noch mehr aus einem unruhi⸗„ gen, ſuchenden Herzen kam. Luiſe Reichardt hatte ihr abſagen laſſen, weil ſie— wahrſcheinlich auch durch Ein⸗ 493 fluß des Gewitters— an ihren kleinen Krämpfen litt. Es that der einſamen Frau leid, daß ſie abermal um die kleine Vergeltung kam, die ſie ſich für die ungerechten. Warnungen der Freundin ausgedacht hatte. Und doch— der Unruhe, mit der ſie Hermann zu dieſem Vorhaben, auch nachdem es aufgegeben war, noch immer erwartete, lag etwas zu Grunde, was Luiſens Warnungen hätte rechtfertigen können, wenn es ſich die liebenswürdige Frau nur klar gemacht hätte. Das Blatt von Schleiermacher's Hand, mit den Zehn Geboten aus dem Katechismus der Vernunft für edle Frauen beſchrieben, lag noch auf dem Arbeitstiſche. Sie hatte es, nach genommener Abſchrift, der Freundin heute zurückgeben wollen; indem ſie es aber nun wieder zuſam⸗ menfaltete, um es aufzuheben, durchlief ſie es noch ein⸗ mal, da manches Dunkle darin ſie heimlich und unbe⸗ greiflich ängſtigte. Sie las: Erſtens:„Du ſollſt keinen Geliebten haben neben dem Manne; aber du ſollſt Freundin ſein können, ohne in das Colorit der Liebe zu ſpielen und zu eoquettiren und anzubeten.“ Sie dachte an Hermann, fühlte ſich als Freundin be⸗ ſtätigt und lächelte zu der Warnung vor dem Anbeten. Zweitens:„Du ſollſt dir kein Ideal machen weder eines Engels im Himmel, noch eines Helden aus einem Roman; ſondern du ſollſt einen Mann lieben, wie er iſt. Denn ſieh', die Natur, deine Herrin, iſt eine ſtrenge Gott⸗ heit, welche die Schwärmereien der Mädchen heimſucht an den Frauen bis ins dritte und vierte Zeitalter ihrer Ge⸗ fühle.“ Koenig, Jerome’s Carneval. II. 13 494 Sie warf einen Blick nach Ludwig's Bild, das über dem Sopha hing, und nickte ihm lächelnd zu, als ob ſie ſagen wollte: Kein Ideal, Ludwig, juſt wie du biſt! Drittens:„Du ſollſt an den Heiligthümern der Liebe auch nicht das Kleinſte misbrauchen; denn Die wird ihr zartes Gefühl verlieren, die ihre Gunſt entweiht, und ſich hingibt für Geſchenke und Gaben oder auch nur, um in Ruhe und Frieden Mutter zu werden.“ Ueber dies Gebot ging die Leſerin raſch hinaus, das eine misbilligend, über das andere flüchtig erröthend. Viertens:„Merke auf den Sabbath deines Herzens, daß du ihn feierſt; und wenn ſie dich halten, ſo mache dich frei, oder geh' zu Grund'.“ Der Sabbath des Herzens blieb der nachträumenden Lina etwas räthſelhaft. War damals mein Herzensſab⸗ bath, als mir Ludwig wie der hohe Prieſter der Liebe erſchien? fragte ſie ſich. Aber ein Sabbath wiederholt ſich— in den wechſelnden Lebenswochen. Sie dachte an die ſchönen und erhebenden Stunden, die Hermann ihr durch ſeine Vorleſungen und Unterhaltung gewähre; doch kam es ihr vor, als ob noch etwas Tieferes darunter zu verſtehen ſei, etwas, worüber man eben zu Grunde gehen könnte. Fünftens:„Ehre die Eigenthümlichkeiten und die Willkür deiner Kinder, auf daß es ihnen wohlgehe und ſie kräftig leben auf Erden.“ Sie athmete heiter auf, indem ſie an Ludwig's Wunſch dachte, mit Kindern geſegnet zu werden. Dann las ſie weiter. Sechstens:„Du ſollſt nicht abſichtlich lebendig machen.“ 195 Dieſe dunkeln Worte waren ihr ſchon früher unver⸗ ſtändlich, aber ängſtlich geweſen. Jetzt, wo ſie Ludwig's Wunſch ebenſo lebhaft empfunden hatte, erſchrak ſie hef⸗ tig, und las mit Herzklopfen raſch weiter. Siebentens:„Du ſollſt keine Ehe ſchließen, die ge⸗ brochen werden müßte.“ Sie begriff nicht, wer eine ſolche Ehe ſchließen könnte, von der er das voraus wüßte. Achtens:„Du ſollſt nicht geliebt ſein wollen, wo du nicht liebſt.“ Lina lachte. An unſerm Hofe müßte es eigentlich heißen: Du ſollſt nicht lieben wollen, wo du nicht liebſt, dachte ſie. Neuntens:„Du ſollſt nicht falſch Zeugniß ablegen für die Männer; du ſollſt ihre Barbarei nicht beſchöni⸗ gen mit Worten und Werken.“ Lina ging über dies Gebot hinaus, indem ſie ſich glücklich pries, einem Lebenskreiſe anzugehören, wo ſie nie zu ſolcher Zeugenſchaft gezogen würde. Das Beſchöͤni⸗ gen wird weniger vorkommen, dachte ſie, als das gerechte Beſchuldigen. Davor behüte der Himmel jede brave Frau! Zehntens:„Laß dich gelüſten nach der Männer Bildung, Kunſt, Weisheit und Ehre!“ Laß dich gelüſten, iſt ſchon gut, meinte ſie; wie denn aber das Gelüſt befriedigen, wenn die Männer in ihren Geſchäften aufgehen? Den Mann ſoll man lieben, wie er iſt; der Freund aber muß deſto mehr ſo ſein, wie man ihn braucht. Ihm gehört der Sabbath des Her⸗ zens, und er hat einzuweihen in Das, wornach man ja eben gelüſten darf. 13* 496 Aus der Stille ihres Nachträumens weckte ſie von draußen der erſte ferne Donner, und hinter demſelben her an der nahen Stubenthür ein bekanntes Klopfen, worauf Hermann eintrat. In der Art und Weiſe, wie Beide jetzt mit einander verkehrten, fehlte etwas von der frühern unumwundenen Vertraulichkeit. Eine gewiſſe äußere Zurückhaltung ging von Beiden aus— von Lina mehr bewußt und beabſich⸗ tigt, ſeitdem ſie durch Luiſens Bemerkungen zweifelhaft über ihre Empfindung für den Freund geworden war; von Hermann mehr unbedacht, durch den höhern, faſt etwas tragiſchen Ernſt, den ſein Herz ſeit dem Begeg⸗ niß mit Adelen im Allgemeinen gegen das andere Ge⸗ ſchlecht angenommen hatte. Aber wo ſich jetzt die Hände zurückhielten, ſuchten ſich die Blicke auf, und das Wohl⸗ wollen Beider für einander ſchien die äußere Ungezwun⸗ genheit nur aufgegeben zu haben, um ſich innerlich zu vertiefen. Hermann war ſehr heiter und aufgeregt eingetreten. Er ſetzte ſich Lina gegenüber in die Fenſterniſche, und er⸗ zählte von ſeinem erſten Geſchäftstage mit lebhafter Zu⸗ friedenheit. Er rühmte die ungemeine Klarheit und Leich⸗ tigkeit des Miniſters, wenn es galt, irgend eine Arbeit in ihren Geſichtspunkten anzudeuten und in ihrem Ma⸗ terial anzuordnen. Nach ſeinen Fingerzeigen, ſagte er, nach ſeinen Hinweiſen auf die ihm genau bekannten Acten und mit Zuratheziehung ſeiner guten Bücherſammlung denke ich in kurzer Zeit ein ſelbſtändiger Arbeiter zu wer⸗ den, der Befriedigung gibt und Beföorderung verdient. Lina ſah ihn eine Weile ſtillſchweigend an. Eine leiſe — 197 Empfindlichkeit verlor ſich in Weichmüthigkeit, aus der ſie ſich raſch zu der lächelnden Frage zuſammennahm: Iſt Bülow noch klarer als Platon? Und was er dir anrichtet— findeſt du es noch ſchmackhafter als das „Gaſtmahl“? Was mir der Miniſter anrichtet, liebe Lina, antwor⸗ tete er mit einer gewiſſen Feierlichkeit, iſt Arbeit, und durch Arbeit wird jedes Gaſtmahl erſt recht ſchmackhaft, erholend, erhebend. Das„Gaſtmahl“ Platon's drohte mir zur Arbeit zu werden und mich dadurch zu verſtimmen. Meinſt du nicht, daß es eine beſſere Tagesordnung für einen jüngern Mann ſei, durch Arbeit für das Leben den Genuß des Höhern in Viſſenſchaft oder Kunſt zu ver⸗ dienen, wenn man nicht etwa der Mann iſt, dies Höhere zu ſchaffen? Wenn dir's nur nicht geht, lieber Freund, wie man⸗ chen Arbeitern, die durch Anſtrengung und Ermüdung ſich um den Appetit bringen, und erſchöpft das Gaſt⸗ mahl ſtehen laſſen, oder ſtumpf es ungenießbar finden! O nein, Lina! rief er aus. Ich halte es mit den Rüſtigen, die ſich durch Arbeit einen rechten Appetit holen. Nur nicht, daß ich Alles allein aufzehre. Und ſiehſt du— ich habe davon für dich mitgebracht! Er zog eine feine Handſchrift aus der Bruſttaſche, und Lina, in die Hände klatſchend, rief mit ihrem beliebten Ausdruck: Ah, du biſt ein prächtiger Menſch! Verzeih'! Ich war eben ein wenig eigennützig. Ich dachte, du ließeſt mich nun hungern, und ich habe doch geleſen, eine ehr⸗ liche Frau dürfe ſich gelüſten laſſen nach der Männer 198 Bildung, Weisheit und Poeſie. Aber— was iſt das? Eine der Gaſtmahlsreden? Sie war lebhaft aufgeſprungen, erſchrocken, als einige dicke Schloßen hart an das Fenſter ſchlugen oder auf dem Sims emporſprangen. Und nun praſſelte das Ha⸗ gelwetter aus der ſchweren Wolke nieder. Es donnerte und blitzte dazwiſchen. Als ſie das Fenſter öffnen wollte, das durch den Hagel bedroht war, folgte ein Regenguß. Die Hagelwolke zog mit Sturmwind mehr nordoſtwärts, und trug auch die elektriſchen Schläge mit ſich fort. Das Wetter ließ nach, der Regen ſäuſelte ruhig nieder, und ein erquickender Duft durchdrang das Gemach. Beide rückten das Tiſchchen etwas tiefer ins Zimmer, Lina griff wieder nach ihrer Nähterei, und Hermann nahm mit ſei⸗ ner Handſchrift ſpielend das Wort: Ich hatte mich recht darauf gefreut, Lina, dir die köſtliche Rede des Dichters Ariſtophanes vorzuleſen, die er hielt, als an ihn unter den Gäſten Agathon's die Reihe der Lobreden auf die Liebe kam. Die Rede ſtand mir erſt nur im Allgemeinen vor. Bei näherm Betracht aber läßt ſich das kleine Meiſterſtück doch einer deutſchen Frau nicht gut vorleſen. Denn der Tiefſinn des genialen Dichters iſt mit ſoviel Muthwillen durchrankt, die hohe Wahrheit mit ſoviel bedenklich ſpielenden Scherz umgau⸗ kelt, der klare umfaſſende Verſtand mit ſo ausgelaſſenem Witz verſetzt, daß es neben der Bewunderung, die es den Männern abnöthigt, doch zartfühlenden Frauen unſerer modernen Bildung, wenigſtens aus dem Mund eines Freundes, eine ängſtliche Verlegenheit um die andere auf⸗ dringt. Der Grundgedanke iſt der, daß die Menſchen 189——6—— N 5 199 urſprünglich anders als jetzt beſchaffen, und zwar durch Vereinigung beider Geſchlechter in Einer Perſon, als Kin⸗ der der Sonne und der Erde, vollkommener— gewaltig an Körperkraft und hochſtrebend von Sinnesart geweſen ſeien, ſodaß ſie zuletzt die Götter auf ihren hohen Sitzen bedroht hätten. Da habe Jupiter, um ſich ihrer doch gerade nicht durch Vertilgung zu erwehren, das Mittel ergriffen, ſie in zwei Hälften zu ſpalten—„wie man“, ſagt der Poet,„Arlesbeeren, um ſie einzumachen, zer⸗ ſchneide“. Die Art, wie Jupiter die neuen Geſtalten zugerichtet, iſt poſſirlich erzählt. Seitdem nun, ſagt der Dichter, ſei jene unausſprechliche Sehnſucht entſtanden, mit der die Hälften jede nach der ihr fehlenden ſucht, und beide ſich umſchlingen, um wieder zuſammenzuwachſen; ſeitdem ſei die gegenſeitige Liebe den Menſchen angeboren und beſtrebt, aus Zweien Eins zu machen und den voll⸗ kommenen Menſchen wieder herzuſtellen. Lina hatte, mit etwas angeglühten Wangen auf ihre Nähterei niederblickend, ſchweigſam zugehört, wobei ſie mit haſtiger Nadel, in kurzen Stichen, den unſchuldigen Zwirn durch das feine Leinen zog. Erſt als der Freund zur Betrachtung überging, ruhte die geſchäftige Rechte neben dem angeſchraubten Nähekiſſen und die Linke auf der ſchö⸗ nen Bruſt, als ob ſie die Empfindungen behüten müßte, die da aufwogen könnten. Ja, Lina, ſagte Hermann, ſo keck und ausgelaſſen die Arabesken ſind, mit denen der Poet ſein Gedanken⸗ bild umrankt, ſo ernſt und tiefſinnig iſt ſeine überſinn⸗ liche Anſchauung ſelbſt. Der Einzelne iſt alſo nie, was er nach der Idee der Menſchheit ſein ſollte, und ſo ent⸗ 200 ſteht in dem edlern Menſchen, der ſich mit dem ſinnlichen Entzücken, ſeine gefundene Hälfte zu umfangen, nicht be⸗ friedigen kann, ein heißes Verlangen nach Wiederherſtel⸗ lung einer urſprünglichen Vollkommenheit, die nun freilich nicht mehr durch Verbindung zweier verwandten Weſen in Einer Perſon, ſondern eben durch die Liebe erreicht wird. Dieſe ſoll das Getrennte herſtellen und die zuſammenge⸗ hörigen Perſonen in einem Bunde vereinigen, was aber menſchenwürdig nur unter Anerkennung des Göttlichen ge⸗ ſchieht, das, um ſich geltend zu machen, jene Spaltung bewirkte. So wird auch die tägliche Erſcheinung bedeut⸗ ſam, daß man ſich beſonders zu ſchönen Menſchen hinge⸗ zogen fühlt; es ſpricht ſich darin die Sehnſucht nach dem verlorenen Idealen aus. Wie herrlich! rief Lina, die zarten weißen Hände über der Bruſt faltend, aus der ein tiefer Seufzer ſich hinter ihrer Bewunderung verbarg. Man kann ſich ordentlich freuen, daß ſchon ein ſo frühes und heiteres Volk ſo wunderbare und ſchöne Anſchauungen gehabt hat. Und in welch' ſchönem Ausdruck der Sprache, Lina, und mit welchem Verſtande der Anordnung! verſetzte Her⸗ mann. So iſt eine Betrachtung über das Krankhafte in der Menſchheit, dem Arzt unter den Gäſten Agathon's in den Mund gelegt, ein ahnungsvoller Gedanke! Die Hei⸗ lung der Schäden der Menſchheit, meint er nämlich, könne nur von einer übermenſchlichen Macht ausgehen, von einer göttlichen Liebe, und die echt menſchliche Tugend wurzle eben in dieſer der armen Menſchheit hülfreichen Liebe. Eben ließen ſich Stimmen und Tritte auf der Treppe hören. Lina reichte raſch dem Freunde die Hand, ihm — 201 mehr mit einem ſeelenvollen Blick als mit Worten zu danken. Aber Eines vergiß nicht, ſagte ſie. Du mußt dich mit dem Staatsrathe Müller verſtändigen, der dich zu der ſchönen Arbeit angeregt hat, und Anderes von dir erwartet, als du jetzt unternimmſt. Du mußt dich mit ihm erklären, ich möchte ſagen gegen ihn rechtfertigen. Er nickte ihr ſeine Zuſtimmung zu, und ſie ſagte: Wen Ludwig nur mitbringt? Ach, ich kenne ſchon die Stimme! Ludwig war nämlich einer Einladung Schmerfeld's nach einem etwas verſteckt gelegenen Privatgarten gefolgt. Unter der lebhaften Bewegung, die mit dem Reichstag in die Reſidenz gekommen war, trugen die Anhänger des Kurfürſten weniger Bedenken, ſich vorſichtig zu verſam⸗ meln und zu berathen. Auch von auswärts mochten ſich Vertraute eingefunden haben. Wenigſtens brachte Ludwig den Oberſtlieutenant Emmerich mit nach Hauſe, indem er beim Eintritt ins Zimmer ſagte: Hier bring' ich dir einen lieben Gaſt auf die Nacht mit, Lina! Sie empfing den ihr nicht gerade ſehr angenehmen Mann mit der Heiterkeit der jüngſten glücklichen Stunde. Sie bot ihm die Hand, indem ſie ſagte: Willkommen, Herr Oberſtlieutenant! So lange noch kein Preis auf Ihrem rebelliſchen Kopfe ſteht, kann ich Ihnen ohne Gefahr ein weiches Kopfkiſſen in unſerm Gaſtzimmer anbieten. Unberufen drei mal! lachte Emmerich, indem er ihre Hand ſchüttelte. Frei bin ich wol immer gern geweſen, ſchöne Lady, aber vogelfrei möcht' ich gerade nicht ſein. Habe mich nie gern mit Federn abgegeben. 202 Dann faßte er in ſeiner ungeſtümen Weiſe Hermann am Kopf, mit dem Ausrufe: Glückskerl, ich muß dich küſſen, als ob du mein Fleiſch und Blut wärſt!— Damn, lieber Heiſter! Einen luſtigen Abend wollen wir haben. Das Donnerwetter iſt glücklich vorüber mit ſeinen Hagelkartätſchen, wie ein gutes Vor⸗ zeichen, hinter dem wir, unſerm Schockſchwerenothswetter voraus, einſtweilen wie bei einem Siegesfeſte ſitzen. Der alte Abenteuerer nimmt Platz zwiſchen Glück und Klugheit, der Schönheit gegenüber. Vor allem, Mann der Klug⸗ heit— Wein herbei! Ich habe mich leck geſchwatzt vor dieſen dickohrigen Geſellen. Auch haben wir allerlei aus⸗ zubringen— Pereat den Franzoſen, Vivat dem Kurfür⸗ ſten! Und— haben wir nicht unſern Glücksjungen da in unſern Bund einzuweihen? Nicht ſo laut, lieber Oberſtlieutenant! warnte Ludwig. Sie ſehen, ich bin hier Wirth, und ſchenke zuerſt Klug— heit ein. Und ſchrecken Sie mir den Freund nicht ab, wenn Sie ihn gewinnen wollen! Hermann iſt ein guter Stiliſt und auf ſolche Bombenworte nicht gefaßt. Wir wollen ihn klar und aufrichtig mit unſerm Heſſenbunde bekannt machen. Er weiß davon und mag ſich prüfen. Aber beſtürmen wollen wir ihn nicht. Er iſt treu von Haus aus, und hat von Polizei wegen gelernt, vorſichtig zu ſein. Dies für den Fall, daß er nichts mit uns zu thun haben will. Aber er wird's überlegen, und iſt nicht ohne Edelmuth bei der Schmach, die auf unſerm von Fremden unterjochten Vaterlande ruht. Hermann, nach einigem Beſinnen, erwiderte: Ich danke Euch, daß Ihr ſo gutes Vertrauen zu mir — habt! Ich bin ſo oft und gern um Euch, und es hat mich ſchon manchmal gedrückt, daß Ihr Euch in meiner Gegen⸗ wart gerade in Dem Zwang auflegen mußtet, worin Euer Herz am liebſten überfließt. Laßt mich alſo Eure Abſichten kennen lernen, Eure Mittel und Wege prüfen. Offen geſtanden, kann ich mich für Euern Kurfürſten ge⸗ rade nicht ſehr— exaltiren, oder wie ich's nennen ſoll. Ich meine nicht ſeine Perſon, ſondern ſeine Fürſtenan⸗ ſprüche. Ein Anderes aber iſt Deutſchland, oder wenig⸗ ſtens Preußen. Eine hohe Anſicht Fichte's iſt in meiner Seele lebendig geworden— die Auffoderung, thätig, wirk⸗ ſam, ſich aufopfernd für das Vaterland zu ſein, das nicht entweiht werden darf durch verderbende Einmiſchung ei⸗ nes fremden, in das eigenthümliche ewige Weſen unſers Volks nicht gehörigen Einfluſſes. Wer nur ſein unſicht⸗ bares Leben betrachtet, ſagt der edle Fichte, der mag ſein Vaterland im Himmel ſuchen. Aber für unſer ſicht⸗ bares Leben bedürfen wir eines ſichtbaren Vaterlandes, das in der Fortdauer des Volks ſeine ſinnliche Ewigkeit findet, und in welchem ſich für dies beſondere Volk alle Offenbarungen des Göttlichen auf beſondere Weiſe mitthei⸗ len und geſtalten. Wem ein ſolches Vaterland überliefert worden iſt, und in weſſen Gemüth ſich Himmel und Erde, Unſichtbares und Sichtbares durchdringen, und ſo erſt ei⸗ nen wahren und gediegenen Himmel erſchaffen, der kämpft bis auf den letzten Blutstropfen, um den theuern Beſitz ungeſchmälert zu überliefern an die Folgezeit. Herrliche, tiefe Anſchauung! rief Ludwig. Wo ſagt das Fichte, lieber Hermann? In den Reden an die deutſche Nation, die er vorigen — 204 Winter in Berlin unter den Augen oder vielmehr unter den Ohren der Franzoſen offen und muthig gehalten hat. Ja, es muß ein hoher, prächtiger Mann ſein, Cuer Fichte! ſagte Lina. Nun ja, die verſteht's auch! wendet Emmerich ein. Redensarten und kein Ende!„Hoher Mann, tiefe Ge⸗ danken“— Damn! Das ſind keine Büchſenkugeln, das iſt Vogeldunſt für Weiberherzen. Für mich iſt es zu tief! Auf Ehre, es iſt für mich tiefer als irgend ein gezogener Büchſenlauf aus Birmingham! Aber— ich treffe da⸗ mit, ſo wahr ich Emmerich heiße!— in Fichten und Fran⸗ zoſen, wo's Ziel ſteckt. Auf Ehre! Man lachte, und Ludwig, indem er einſchenkte und die Gläſer umherreichte, rief: Beiddes iſt gut, lieber Alter— unſer Fichte und Eure Flinte! Sechstes Capitel. Würtz in der Falle. Es kam Verſchiedenes zuſammen, was Hermann zu einem ebenſo vergnügten als eifrigen Arbeiter machte. 4 Zum erſten mal fühlte er ſich in unmittelbarem Verkehr mit dem laufenden Leben. Ex ſchaffte gleichſam an dem hohen Ufer eines Stromes, der ihm die Stoffe zuführte, und die Bearbeitung abnahm. Alles, auf und nieder, war in Bewegung. Sodann mußte das klare, heitere und wohlwollende Naturell des Miniſters, indem es alle ſeine Untergebenen mit Begeiſterung für die Arbeit und mit Anhänglichkeit an ſeine Perſon einnahm, auf Her⸗ mann eine doppelte Anziehung ausüben, weil er beſonders empfänglich für ſolche Vorzüge war, und weil er ſich von Herrn von Bülow durch freundliches Zutrauen beſonders ausgezeichnet ſah. Wieviel etwa noch zu dieſer eifrigen Zufriedenheit des Freundes das Gefühl beitrug, mit einer Excellenz zu verkehren, die ſelbſt beim Kaiſer Napoleon in Gunſt und Achtung ſtand, läßt ſich nicht beſtimmen, da der junge Mann ſich ſelbſt nicht klar über den Stan⸗ desreſpect machte, der ihm freilich ſchon von ſeinem Vater, dem frühern Hofmeiſter in einem gräflichen Hauſe, aner⸗ zogen war. Dem jungen Freunde kam es zu ſtatten, daß der Mi⸗ niſter, der ſchwerſten Arbeiten ledig, ſich die erſten Tage mit der Einführung des neuen Arbeiters in das Geſchäft ſelbſt befaſſen konnte, bis er unerwartet die Nachricht er⸗ hielt, daß ſein Familiengut Eſſenrode, einige Meilen von Braunſchweig, von dem letzten argen Hagelwetter ſchwer getroffen worden ſei. Herr von Bülow fand es räthlich, ſelbſt dahin zu eilen, um den Feldſchaden feſtſiellen zu laſſen, für welchen der Beſtänder des Gutes vertrags⸗ mäßig einen Pachtnachlaß anſprechen konnte. So ungern der König in der jetzigen Lage der Geſchäfte, bei ver⸗ ſammelten Ständen, einen Urlaub bewilligte, ſo hoffte ihn der Miniſter doch bei ſogdringendem Anlaß zu erhalten. Er eilte deshalb nach Napoleonshöhe und ließ inzwiſchen das Nöthige vorkehren, ſodaß er, vom Könige zurückge⸗ kommen, noch am Nachmittage mit einem jüngern Diener abreiſte, indem er ſeinen treuen, alten Fauſt, der nicht gut zu Fuße war, zur Bedienung ſeiner Gemablin zu⸗ rückließ. Des andern Morgens hatte Hermann kaum eine Stunde allein in ſeinem Cabinet gearbeitet, als er zu ſeinem Befremden im anſtoßenden Zimmer des Miniſters eingetretene Perſonen leiſe mit einander reden hörte. Herr von Bülow pflegte, wenn er das Haus verließ, die Thür zu dieſem Cabinet, ſowie die Eingangsthür ſeines Zim⸗ mers zu verſchließen und zu letzterer ſeinem Kammerdie⸗ ner den Schlüſſel anzuvertrauen. Er ließ dann, nach ſeiner ſorgloſen Weiſe, innerhalb des Zimmers alle Be⸗ hälter, mit Ausnahme ſeiner Kaſſe, unverſchloſſen, da man dieſes Gemach nur noch durch die Zimmer ſeiner Gemah⸗ lin betreten konnte. In der Eile war es auch diesmal bei ſeiner Abreiſe ſo geſchehen, wie ſonſt nur bei ſeinen Ausgängen. 5 Indem nun Hermann lauſchte, ob der Miniſter viel⸗ leicht wieder zurückgekommen ſei, erkannte er die Stimme des unbefangener redenden Kammerdieners; die andere mehr flüſternde war nicht die des Miniſters, wiewol in einzel⸗ nen Klängen dem Freunde nicht ganz fremd. Nach einer Weile hörte er am Schreibtiſche des Miniſters auf⸗ und zuſchließen, und einige Stücke Geld fielen wie Gold klin⸗ gend auf den Tiſch. Alles dies beunruhigte ihn, ohne daß er ſ etwas Beſtimmtes dabei gedacht hätte., Einmal war Hermann durch eigenes Erlebniß ängſtlicher und mistrauiſcher gewor⸗ den; ſodann aber iſt ja auch, was man Ahnung nennt, 207 oft nichts Anderes als ein dunkler Schluß, den die Seele aus Wahrnehmungen oder Umſtänden macht, ehe ihr die⸗ ſelben noch zu klarem Bewußtſein gekommen ſind. Als er daher die Sprechenden nach der Thür wandeln hörte, konnte er ſich nicht enthalten, den Eingang in ſein Cabinet klaffend zu öffnen und auf die Weggehenden zu lauſchen. Alſo heut um 2 Uhr? flüſterte der Fremde. Nein! Da ſpeiſen heut die gnädige Frau, war die etwas unwillige und ängſtliche Antwort.. Gerade recht, beſter Fauſt! Sie ſchließen mich ein bedienen die Baronin, und laſſen mich hernach wieder heraus. Keine Umſtände, Freund! Es bleibt dabei! Hermann ſchielte auf ſolche Beſtellung dem leiſe und mit langen Schritten Forteilenden nach, und erkannte zu ſeinem Schreck den ihm jetzt ſo fatalen Würtz.„O der Bougre!“ klang noch einmal in ſeinem Innern ein alter, treffender Misverſtand, den aber Hermann raſch in:„O der Spitzbube!“ verwandelte. Dann wendete er ſich nach dem Diener, der eben die Thür verſchloß, und rief ihn mit einem Wink ins Cabinet. Dieſe geheimnißvolle Geberde, der ſprechende Ausdruck ſeiner Beſorgniß entſchied Alles. Der Diener trat gleich erblaßt und bebend ein. Fauſt, redete ihn Hermann an, was hat dieſer ver⸗ dächtige Polizeiagent im Zimmer Sr. Excellenz zu thun gehabt? Hat er Acten gebracht, die Sie in das aufge⸗ ſchloſſene Schubfach gelegt haben? Ei was? Sie zittern ja! Reden Sie! Ich kenne den Menſchen: hat er Ih⸗ nen— haben Sie ſich ſo geärgert? 3 Der ſchon etwas ältere Mann bewegte ſich hin und her, blickte auf und nieder, bis er ſeiner zunehmenden 208 Angſt nicht mehr mächtig auf die Knie ſank und Her⸗ mann's Hand ergreifend ächzete: O Herr Doctor, helfen Sie mir! Ich ſehe Ihnen am Geſicht an, daß ich eine Dummheit begangen— eine Uebereilung, ach! vielleicht gar— Aber denken Sie nichts Schlechtes von mir! Um Gotteswillen—! Stehen Sie auf, lieber Fauſt, verſetzte der Freund. Setzen Sie ſich hier auf den Stuhl und faſſen Sie ſich! Ich weiß, daß Sie ein ehrlicher Mann ſind, und kann mir denken, wie ſehr die Zumuthungen dieſes Menſchen Sie innerlich empört haben. Er will Sie misbrauchen, nicht wahr? Ach, beſter Herr Doctor, ich glaub's jetzt; aber ich dacht' es nicht ſogleich. Es ſchien eine kleine Gefälligkeit, die ich mir erlauben dürfte. Sehen Sie, er war doch jüngſt hier und hat dem gnädigen Herrn Schriften ge⸗ bracht, eine Bittſchrift, wie er mir heut geſagt; will von der Polizei fort, fühlt ſich unglücklich in ſeinem jetzigen Veruf und Excellenz haben ihm auch eine gute Stelle verſprochen. Und da hatte er nun heut ein Atteſt, das er noch ſeiner Supplik beilegen will. Ich wollt's ihm draußen abnehmen, aber er bat mich, das Bild des Kö⸗ nigs einmal recht anſehen zu dürfen. Und nun im Zim⸗ mer wollte er gern nachſehen, ob der Herr Miniſter ſchon einen Bericht für ihn gemacht habe, die Sache müſſe im linken Schubfach liegen. Und da wollt' ich nicht leiden, daß er in den Schriften krame, und da— Fauſt verſtummte, und Hermann verſetzte: Da gab er Ihnen Geld, der Schurke? Fauſt ſtarrte ihn an: Sie wiſſen's? jammerte er. 209 Nun bin ich ein ſchlechter Menſch! Hier iſt es! Es brennt mich durch's Taſchenfutter und durch's Hemd hindurch auf die Seele. Nehmen Sie mir's ab! Erlöſen Sie mich von dieſen glühenden Kohlen des Satans! Ich wollt's Ihnen ohnehin geben,— will ich ſagen, der gnädigen Frau, dacht' ich, wollt' ich's geben. Erſt als ich's ein— geſteckt, wurmte mir's im Herzen. Denn,— ſo Gold,— es verblendet, es verwirrt, und ehe ich einig mit mir wurde, hatte ich ihm zugeſagt, und er kommt heut Nach⸗ mittag und— will den Bericht leſen. Aber nein, ich ſchicke ihn fort! Nein, ſchicken Sie ihn fort! Und— oh mein beſter Herr Doctor, verrathen Sie mich nicht! Sie ſind ein guter Menſch und— bringen Sie mich nicht um den Dienſt! Er hatte dem jungen Freund die Goldſtücke in die Hände gedrückt, und hielt dieſe mit einer Jammermiene feſt. Ja, Thränen ſtanden dem zitternden Mann im Auge. Hermann begriff es, wie täuſchende Worte und blendendes Geld ein ſonſt treues und ehrliches Gemüth über etwas Unſtatthaftes verwirren konnten, das eben noch nicht zugegeben, ſondern nur zugeſagt werden ſollte, ja, das als unſtatthaft nicht einmal vorlag. Er beruhigte den innerlich aufgelöſten Diener, indem er ſagte: Gehen Sie jetzt, Fauſt, und verrichten Sie, was Sie zu thun haben. Ich will mir überlegen, wie's am beſten zu machen iſt, und Sie fragen in einer halben Stunde wieder an. Hermann, damals im Zimmer des Miniſters anwe⸗ ſend, als Würtz Bercagny's Schreiben mit dem Actenheft überbrachte, durfte aus dem lügenhaften Vorgeben des 14 Koenig, Jeroͤme's Carneval. II. 210 Agenten, daß der Gegenſtand ſeine eigene anderweite An⸗ ſtellung betreffe, unbedingt auf eine boͤſe Abſicht ſchließen, wenn ihm auch dieſer Würtz weniger verdächtig geweſen wäre. Da er nun wußte, daß das von demſelben ins Auge gefaßte Behältniß die Privatcorreſpondenz des Mi⸗ niſters enthielt, und daß Herr von Bülow einflußreiche Gegner hatte, ſo kam er durch Erwägung aller Umſtände ſo ziemlich auf die richtige Vermuthung Deſſen, was nach Bercagny's Inſtruction wirklich im Vorhaben war. Er ging mit ſich zu Rathe, um die Sache ſo klug und ſo geheim wie möglich abzuthun, und kam endlich auf eine Auskunft, die ihn, unter dem Anſchein der Klugheit, durch das Phantaſtiſche und Gewagte anlockte, wovon ſie begleitet war. Er gab dem verzagt wieder eintretenden Diener das Geld zurück. Nehmen Sie das und geben es dem Schurken zurück, oder behalten Sie es für überſtandene Angſt, wie Sie wollen, ſagte er heiter. Man darf wol auch einmal einen Schelm in ſeiner eigenen Falle und mit ſeinem eigenen Speck fangen. Jetzt paſſen Sie auf! Sie öffnen ihm für dies ſein Trinkgeld das Zimmer, und gehen an Ihre Geſchäfte,— Alles mit dem Schein ängſtlicher Vorſicht und Heimlichkeit. Wenn Sie das geſchickt machen, ſo kommen Sie nicht nur ſelbſt am beſten weg, ſondern ich kann auch dem Herrn Miniſter die Verſicherung aus⸗ ſprechen, daß Sie treu in ſeinem Intereſſe gehandelt ha⸗ ben. Geben Sie aber dem Polizeiagenten den geringſten Wink oder nur Anlaß zum Verdacht, ſo erſcheinen Sie als mit ihm einverſtanden, als unredlicher Diener und —————Nq— 214 — haben ſich die Folgen davon ſelbſt beizumeſſen. Sie dürfen ihm daher auch das Geld in keinem Fall früher zurückgeben, als die Sache im Zimmer abgemacht iſt. Fauſt begriff nicht gleich das Warum und Wozu; doch das ehrliche und ernſte Ausſehen des jungen Herrn hob ſchnell ſeine Aengſtlichkeit, und er verſprach blindlings nach Befehl zu handeln.— Eigentlich war es auch im Grund des Herzens meine Abſicht, Ihnen nach Verſchluß des Zimmers Anzeige zu machen, verſicherte er mit der Selbſttäuſchung einer verwirrten Ehrlichkeit, und ich werde pünktlich thun, was Ihrer Einſicht und meiner Recht⸗ ſchaffenheit geziemt. Hermann entließ ihn mit der Weiſung, ihn vor allem bei der gnädigen Frau anzumelden; worauf er ſeine Ar⸗ beit beiſeite legte. — ℳpP— Schon vor 2 Uhr Nachmittags ſtand der Freund in ſeinem Arbeitscabinet auf der Lauer. Die Thür zum Zimmer des Miniſters war nach dem Vorplatze hin nur angelehnt, ſodaß Würtz, als er vorſichtig die Treppe heraufgeſchlichen kam, raſch einſchlüpfen konnte; worauf Fauſt die Thür hart an die Klinke ſchlug. Im Cabinet, deſſen der Miniſter ſich früher zum An⸗ kleiden bedient hatte, hing ein Schellenzug, der nach dem Vorzimmer der Baronin ging, wo ſich die Bedienung aufzuhalten hatte. Sobald nun Hermann hörte, daß nebenan die Papiere aus dem Schubkaſten genommen und auf den Tiſch gebreitet waren, zog er die Schelle, und wenig Augenblicke darauf trat, im Rücken des ver⸗ 14 212 tieften Spitzbuben, die Baronin aus ihrem Zimmer ein. Ihre vorgeſpiegelte Miene der Ueberraſchung blieb natür⸗ lich für Hermann hinter der Thür unſichtbar, aber mit ¹ Lächeln und Herzklopfen zugleich hörte er ihre ſtaunenden Fragen: 8 Was iſt das? Was geht hier vor? Wer ſind Sie? Was—? Sie haben Papiere meines Mannes hier aus⸗ gepackt? Welche Verwegenheit! Wie kommen Sie herein? He da, meine Herren! Sie zog mit dieſem Rufe zugleich die Schelle. Hin⸗ ter ihr trat der Arzt Harniſch und der Generalſecretär Provencal, und durch die Stubenthür der Diener ein. Wie kommt dieſer Menſch herein, Fauſt? Ohne Zwei⸗ fel ein Hausdieb. Haben Sie das Zimmer nicht ver⸗ ſchloſſen gehabt? Halten zu Gnaden, verſetzte Fauſt, es ſtand aller⸗„ dings offen, weil der gnädige Herr befohlen, täglich um die Mittagszeit das Zimmer zu lüften. Da muß der Herr hereingekommen ſein, während ich gnädige Frau bediente. Ei das muß ich ſagen! rief die Baronin aus. Da ſehen Sie einmal, meine Herren, eine neue Art von Hausdieben! Dieſer Menſch— ich hörte doch meines Mannes Stubenthür hart zugehen— hat da des Mini⸗ ſters geheime Schriften ausgepackt, und will ohne Zwei⸗ fei den Inhalt ſtehlen. Iſt das nicht ein erſchwertes Ver⸗ brechen, ein qualificirter Einbruch? Was fangen wir mit dem Menſchen an? Beide Zeugen waren alles Ernſtes überraſcht. Die Baronin hatte ſie zur Suppe gebeten, ohne ſie mit Dem ———— 213 bekannt zu machen, was nach ihrer Verabredung mit Hermann bevorſtand. Sie dachte dadurch dem Vorgang ein ernſteres und ungezwungeneres Anſehen zu geben. Der junge Freund, der nach dem klugen Rathe der Baronin, um aus aller Beziehung zur Polizei zu blei⸗ ben, ſich abſichtlich zurückhielt, hätte viel darum gegeben, die Grimaſſen des überraſchten Polizeimenſchen zu ſehen. Dieſer hatte bis jetzt noch keinen Ton von ſich gegeben. Man hätte glauben können, er verſtehe die Sprache nicht, in der ihn die Baronin deutſch angeredet hatte. Allein es war ihm ſo unvermuthet gekommen, daß es auch einen ſo durchtriebenen Menſchen verwirren konnte, zumal er in Aerger über die Falle nicht gleich fand, wie er ſich ohne Verdruß im Dienſt herausziehen ſollte. Erſt als der Arzt, die Sache durchblickend, mit Entſchiedenheit ſagte: Wenn der Mann da nicht etwa in dienſtlichem Auf⸗ trage hier iſt, ſo— nahm Würtz ſich ziemlich barſch zuſammen, indem er ſagte: Allerdings dienſtlich, geſchäftlich, autoritätiſch bin ich da, officinell, nicht publik, aber— obligat. Ah! entgegnete der Arzt— dann Reſpect vor dem höhern Auftrag, dem wir uns aber widerſetzen. Neh⸗ men Sie doch, Herr Provencal, auf der Stelle ein klei⸗ nes Protokoll auf, das der Herr Commiſſar unterſchreibt, dahin gehend, daß derſelbe in höherm Auftrage die Pa⸗ piere Sr. Excellenz ausgepackt habe. Würtz, der jetzt ſeine Uebereilung einſah, rief aus: Unterſchreiben thu' ich nichts. Ein offieineller Menſch —; 244 unterſchreibt gar nichts, weder im Concept noch im Re— cept. Dienſtlich hat mein Wort volle Pflichtmäßigkeit! Dann rufen wir die Mägde und laſſen ihn hinaus— kehren! verſetzte Provencal. Aber der Arzt verſetzte: Nein, dann gilt er uns für einen Hausdieb, wir laſſen ihn binden und durch die Bureaudiener in Haft bringen. Protokolliren Sie, und— er wird unter⸗ ſchreiben. Während Provengçal das Protokoll entwarf und Würtz ſich mit duftendem Schnupftuche die Stirne trock⸗ nete, ſagte der Arzt mit ſchalkhafter Anzüglichkeit zur Baronin: Ich glaube, gnädige Frau, er iſt wirklich im Dienſte; denn er iſt, als ertappt, doch gar nicht erſchrocken. Sehen Sie nur, ſeine blühenden Wangen ſind durchaus nicht* erblaßt! 7 Als das Protokoll fertig war, wurde dem beſtürzten Agenten von dem Arzte mit ironiſcher Höflichkeit und wiederholten Drohungen zugeſetzt, bis er es ächzend und ſtöhnend unterſchrieb, worauf er, während auch die bei⸗ den Zeugen unterzeichneten, ſich mit langen Schritten da⸗ vonmachte. Nun kam auch Hermann aus ſeinem Rückhalt her⸗ vor. Die Baronin kam auf ihn zu, gab ihm einen — Wink zu ſchweigen, und erzählte ihm den Fall als Neuigkeit. Denn obgleich ſie ſich erſt vorgenommen hatte, nach gutem Ablauf der Sache ihre beiden Eingeladenen aufzuklären, ſchien es ihr nun doch ſchicklicher, dies zu unterlaſſen und beide nicht etwa als willenlos gebrauchte —VF *æ —yö— * ————— ———— nr—õõyy—————ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ᷣ—ÿ——— 215 Werkzeuge zu verletzen. Doch gab der Vorfall beim Nach⸗ tiſche, an dem Hermann Theil nehmen mußte, noch viel in Ernſt und Scherz zu reden. Zuletzt ſagte Doctor Harniſch: Ich bin begierig, ob Bercagny der Sache gegen mich erwähnen wird. Ich habe nämlich ſein Töchterchen eben in Behandlung. Was? Iſt die kleine Roſalie krank? fragte die Ba— ronin. Ja, und nicht unbedenklich, nicht ohne Gefahr, meine Gnädige, antwortete er. Sie wiſſen, das Kind tanzt unendlich reizend. Ich weiß nicht, meine Herren, ob Sie die Kleine, die mit ihrer Mutter von Paris gekommen iſt, ſchon geſehen haben; aber ſie bringt die Soireen un⸗ ſerer hohen Geſellſchaft in Aufruhr; Alles verläßt die Spieltiſche, wenn das Kind mit ſeiner hinreißenden Gra⸗ zie eine Quadrille mittanzt. Dies war nun jüngſt auch an einem der kleinen Abende der Königin der Fall. Die niedliche Creatur von acht Jahren beſitzt nämlich die Eitel⸗ keit von achtzehn, und hat ſich, von der Königin bewundert, ſo echauffirt, daß ſie jetzt im Fieber darniederliegt. Auf der nächtlichen Heimfahrt von Napoleonshöhe herab hat ſich das zarte Geſchöpf erkältet. Bercagny iſt in Verzweif⸗ lung, ſeinen Augapfel zu verlieren. Dieſe Angſt wird ihn hoffentlich weniger reizbar gegen den Verdruß ma⸗ chen, der ihm nun von dem Misgeſchick ſeines Agenten nicht ausbleiben kann. Er wird ſich nicht wenig verwun⸗ dern, mich als Zeugen dabei zu finden. Indeß denk ich, das ihm gewiß ſehr fatale Protokoll durch meine Recepte gut zu machen. Am Ende bin ich doch als — —— Arzt noch„officineller“ als ſein protokollirter und po⸗ madirter Würtz. Man lachte, und die Baronin war nun noch froher darüber, daß ſie ihre verübte Liſt verſchwiegen hatte. Siebentes Capitel. Hermann doeirt. Dies Intermezzo hatte indeß einen geheimern Zu⸗ ſammenhang, wie wir wiſſen, als die Perſonen ver⸗ mutheten, die es mit ziemlicher Heiterkeit durchgeführt hatten. Sie gingen nämlich nicht über den Argwohn gegen Bercagny und über die Vorausſetzung einer par⸗ teilichen Gehäſſtgkeit hinaus. Herr von Bülow aber, ſo⸗ bald er bei ſeiner Rückkunft den verdrießlichen Vorfall vernahm, ſuchte tiefere Beziehung, wie er auch die Ver⸗ hältniſſe und Perſönlichkeiten tiefer durchblickte. Er er⸗ innerte ſich jetzt, an jenem Morgen Bercagny beim Kö⸗ nig angetroffen, und bei ſeinem Urlaubsbegehr eine leb⸗ hafte Bewegung deſſelben und einen bedeutſamen Blick des Königs bemerkt zu haben. Auch war ihm gleich die große Bereitwilligkeit, ja eine gewiſſe Haſt aufgefallen, womit Jeroͤme den Urlaub bewilligt hatte. Dieſer Um⸗ ſtand beſtätigte den Miniſter in ſeiner Vermuthung, daß die glücklicherweiſe nicht gelungene Durchſpähung ſeiner — — Privatpapiere doch nicht ohne des Königs Zuſtimmung und vorausgegangene Verabredung unternommen wor⸗ den ſei. In dieſem Verdacht beſtärkte ſich Herr von Bülow noch mehr, als er ſich auf Napoleonshöhe wieder prä⸗ ſentirte. Denn die ungemein vertrauliche Aufnahme, wo⸗ mit ihm der König entgegenkam, verrieth doch zu offen— bar eine gutmüthige Bemühung Jeröme's, ſeinen gekränk⸗ ten Miniſter verſöhnlich zu ſtimmen. Dieſer aber benahm ſich ſo gemeſſen, daß der Vorfall gar nicht zur Sprache kommen konnte. Denn Herr von Bülow war durchaus nicht gemeint, die ihm widerfahrene Verletzung ſtillſchweigend hinzuneh⸗ men. Was er auch dem unbedachten Jeröme hätte nach⸗ ſehen mögen, durfte er der ihm feindlichen Partei nicht hingehen laſſen, gegen die er ſich jetzt in Vortheil ſetzen konnte. Er entwarf daher eine nachdrückliche Beſchwerde gegen Bercagny, in deſſen vom Agenten Würtz eingeſtan⸗ denen Auftrage der„verbrecheriſche Einbruch in ſeine Pa⸗ piere“ verſucht worden ſei. Der Koͤnig konnte die Sache, die ſchon im Publicum ruchbar geworden war, nicht unterdrücken oder kurzweg abthun. Er brachte ſie nach genommener Rückſprache mit Bercagny in den Staatsrath. Hier erregte ſie eine leb⸗ hafte Verhandlung. Die Gegner Bülow's boten Alles auf, den Gegenſtand der Beſchwerde, als vom Stand⸗ punkt einer geheimen Polizei unter Umſtänden nicht un⸗ gerechtfertigt, niederzuſchlagen; die Freunde Bülow's aber, die von des Königs Vorwiſſen und Billigung des Ge⸗ ſchehenen Winke erhalten hatten, ließen es, aus Furcht⸗ ——————O —᷑—᷑—/—⸗⸗—;Oe—ꝭ—C—C—⸗⸗—;—õN—O—Q————— 218 ſamkeit nach oben, an Nachdruck zu Gunſten des Mini⸗ ſters fehlen, ſodaß die gefoderte Genugthuung ſchon in die Brüche zu fallen ſchwebte, als der ehrliche Simeon, jeder Parteilichkeit und Intrigue fremd oder feind, noch einmal das Wort nahm. Er wies nach, welchen betrü⸗ benden, das öffentliche Vertrauen untergrabenden Eindruck es im Lande und auf die eben verſammelten Abgeord⸗ neten der Nation machen müſſe, wenn man einen Mini⸗ ſter, der ſein vermeintes Talent und ſeine feurigſte Thä⸗ tigkeit an das Wohl des Königreichs geſetzt habe, in den Verdacht politiſcher Umtriebe, landesfeindlicher Verbindun⸗ gen und der Conſpiration werfe, oder wenn man den Muth und die Würde nicht habe, ihn zur öffentlichen Unterſuchung und Verantwortung hervorzuziehen, falls Anzeigen einer ſolchen Schuld gegen ihn aufträten.— Aber nichts davon liegt vor, rief er im Verlauf ſeiner Rede. Ich, der Juſtizminiſter und ein Franzoſe, verpfände mich für meinen deutſchen Collegen, der freilich von einer 4 franzöſiſchen Partei im deutſchen Weſtfalen nichts wiſſen p will und darum verdächtigt werden ſoll. Denn, o wer durchblickte hier nicht die verwerflichen Bemühungen einer dem Ehrenmanne feindſeligen Genoſſenſchaft! Ich rufe hier mit Tacitus:„Causa periculi non crimen ullum aut querela laesi cujusquam, sed gloria viri ac pessimum 2 inimicorum genus“, oder in unſerer Sprache:„Kein Grund einer Gefahr liegt hier in einem Verbrechen vor, oder auch nur in der Beſchwerde irgend eines Unterdrückten, ſondern blos im Ruhme des Mannes und in der gehäſſi⸗ gen Rotte ſeiner Gegner.“ Wer mag da Miniſter ſein, wo der Briefwechſel der Familie nicht ſicher liegt vor . K☛ . ʒ einſchleichenden Spionen der Polizei, vor autoriſirtem Ein⸗ bruch in die Geheimniſſe der Herzen! Jedenfalls werden die Urheber dieſes verwegenen Verſuchs in Perſon vor⸗ treten müſſen, wenn demnächſt der Kaiſer Napoleon fra⸗ gen wird, was der mishandelte Mann ſeiner hohen Gunſt verbrochen habe. Dieſe letzte Drohung ſchlug mehr durch als Alles, und wirkte beſonders auch auf Jeröme. Für ihn war es keine geringe und nicht einmal eine ganz geheime Pein, daß er zu Bülow's Genugthuung ſeine königliche Mis⸗ billigung über ein Unternehmen ausſprechen mußte, zu dem er voraus ſeine Genehmigung gegeben hatte. Ueber⸗ dies wurde durch Staatsrathsbeſchluß für Bercagny Haus⸗ arreſt und dem Agenten Würtz Caſtellſtrafe zuer⸗ kannt. Bercagny, ſo empfindlich ihm zuerſt der Vorfall, auch inmitten der Angſt um ſein Kind, geweſen war, ſo heiter trug er jetzt ſeine Strafe. Er wußte, wie hoch es ihm der König anrechnen werde, daß er ſtillſchweigend den mislungenen Einbruch auf ſeine eigene Verantwortung übernommen hatte. Ueberdies war auch ſein Liebling auf dem Wege der Beſſerung, außer Gefahr, und die gemüth⸗ liche Beſchäftigung, das Spielen und Koſen mit dem an⸗ muthigen, ihm wiedergeſchenkten Geſchöpfe— das Süßeſte, was ihn ſelbſt bei voller Freiheit im Zimmer gefeſſelt hätte—, ließ ihn die Stunden und Tage des Haus⸗ arreſtes leicht verſchmerzen, ja vergeſſen. Er fühlte ſich ſo froh, ſo hoch und wohlwollend geſtimmt, daß beſon⸗ ders auch der Arzt ſeine dankbare und freimüthige Ge⸗ ſinnung zu erkennen bekam. Bercagny hatte ihm ein [dͤ————— 3 1 —Q—— —— 220 reiches Geſchenk ins Haus geſchickt, und als Harniſch hierauf ſeinen Abſchiedsbeſuch machte, übergab er ihm noch beim Weggehen ein Paͤckchen mit den lächelnden Worten: Nehmen Sie noch dies mit nach Hauſe, Doctor! Tenez! Es ſind nicht Ihre glücklichen, Ihre vortrefflichen Recepte für meine liebe Roſalie, ſondern andere, die von Ihrem eigenen guten Befinden mögliche Gefade abwenden können. Nehmen Sie, ſtecken Sie ein! Freilich— Ihre künftige Diät müſſen Sie darnach einrichten! Harniſch konnte dem Päckchen anfühlen, daß es zu⸗ ſammengelegte Papiere enthielt. Er dachte an das von ihm unterſchriebene Protokoll gegen Würtz, und reizbar, wie er war, ſchoß ihm das Blut ins Geſicht. Doch Ber⸗ cagny drückte ihm mit ſo wohlwollendem Lächeln die Hand, daß er ſich faßte und empfahl. Bercagny begleitete ihn bis an die Stubenthür, wo er, ſich verneigend, ſagte: Nehmen Sie das Geleit eines Stubenarxreſtanten mit ſich, Doctor! Harniſch konnte es nicht erwarten, bis er nach Hauſe kam; um die nächſte Ecke geeilt, riß er das Päckchen auf. Da fiel ihm ein Halbdutzend ſeiner eigenen Briefe in die Hand, die an auswärtige vertraute Freunde geſchrieben und, von der geheimen Polizei aufgefangen, Manches ent⸗ hielten, was ihn zu bitterm Verdruß hätte gewendet werden können.— Er erröthete noch einmal, lächelte und ſteckte das Päck⸗ chen ein. Zartfühlend, wie er Alles nahm, rechnete er dem Polizeichef, vielleicht unverdientermaßen, dieſe Aus⸗ wechſelung der Briefe gegen das unterſchriebene Protokoll für einen Zug von Edelmuth an. Es iſt doch'was Nobles in dem Chevalier Capuecin! flüſterte er vor ſich hin. Soviel iſt wahr— ab- und zuzugeben verſtehen die Franzoſen beſſer als unſere heſſiſche—. Er ſchlug ſich mit den Fingerſpitzen der rechten Hand auf den ind und grüßte ſehr artig nach dem Fenſter eines dritten Stockes hinauf, aus dem eine junge hübſche Dame freundlich herabnickte. Für Hermann hatte der polizeiliche Zwiſchenfall die angenehmſten Folgen. Sein Benehmen in dieſer für Herrn von Bülow allerdings bedrohlichen Sache galt dem Mi⸗ niſter, vielleicht noch in höherm Grad als es allerdings gemeint war, für einen Beweis perſönlicher Ergebenheit. Je vergnügter es ihn im Stillen machte, daß durch gute Fügung ſeine preußiſche Correſpondenz den Einblicken ſei⸗ ner Gegner entgangen war, deſto lebhafter fühlte er ſich dem jungen Manne verbunden, deſſen Aufmerkſamkeit und kluges Benehmen er nicht genug rühmen konnte. Er zog ihn jetzt gern in den häuslichen Kreis von Vertrauten, die er öfter zur Tafel oder Abends um ſich verſam⸗ melte. Und je genauer er ihn dadurch von Seite ſeiner Talente und kernhaften Geſinnung kennen lernte, deſto mehr wendete er ihm von jener heitern Vertraulichkeit zu, die dem Baron ſo natürlich war. So fügte es ſich, daß der junge Freund zugleich auch an Einſicht in die Ge⸗ ſchäfte, an Einblick in die Lage Deutſchlands und an Urtheil über Weltverhältniſſe gewann. 222 Bei der Baronin ſtand Hermann ſchon von früher her in Gunſt, und ſie ſchenkte ihm bald den Vorzug vor dem ältern Hausfreunde Provencal, deſſen ſentimentale Ergebenheit der heitern Frau— ſo gern ſie ſich in klei⸗ nen Coquetterien gegen liebenswürdige Männer gehen ließ— doch ebenſo wenig als die kühnere Huldigung des Haus⸗ arztes gefallen wollte. Manche unſchätzbare Stunde wurde dem Freund in dieſem Kreiſe liebenswürdiger Menſchen zu Theil, die an Bildung und Wohlwollen ebenſo reich als für Alles, was edle Menſchen angeht, empfänglich waren. Ein anderer Vortheil entſprang für Hermann daraus, daß der Miniſter keine Gelegenheit vorüberließ, wo er ihn den hohen Beamten und vornehmen Perſonen, die zu Beſuch kamen, vorſtellen konnte. Er that dies auf eine Weiſe, wodurch der junge, untergeordnete Mann ſelbſt ausgezeichnet und für die höhere Geſellſchaft her⸗ vorgehoben wurde. Es herrſchte damals ohnehin, wenig⸗ ſtens in manchen Kreiſen, ein ſo leichter Umgangston, daß man mit einer liebenswürdigen Perſönlichkeit manche Stufe des Dienſtranges überſpringen konnte. Die Franzoſen, von Haus aus mehr als die Deut⸗ ſchen geſtimmt, perſönliche Vorzüge über die bürgerliche Stellung gelten zu laſſen, waren überdies ſelbſt großen⸗ theils Emporkömmlinge, und der deutſche Adel, der ſich ſo manchmal erniedrigen mußte, war ordentlich froh, wo er einmal gegen einen ausgezeichneten Deutſchen her⸗ ablaſſend erſcheinen konnte. Unter Denjenigen, die ſich in den erſten Tagen bei Herrn von Bülow einfanden, ihm nach jenem Verdruß ihre Theilnahme und Achtung zu bezeigen, erſchien auch der Kriegsminiſter Morio. Hermann, der gerade im Zimmer war, wollte ſich entfernen; aber Bülow hielt ihn zurück, um ihn— vielleicht nicht ganz ohne ſchalk— hafte Abſicht— dem General als Volontair im Dienſt zu präſentiren. Für Hermann ſetzte dies eine augenblick⸗ liche peinigende Verlegenheit ab, aus der ihm aber Mo⸗ rio ſelbſt half, indem er ebenſo unbefangen höflich, als er früher unumwunden grob geweſen, den jungen Mann begrüßte. O wir kennen uns ſchon! ſagte er. Wir find ſchon früher einmal ein wenig hart zuſammengeſtoßen. Wir haben ein Scharmützel gehabt, und der Volontair hat ſich gegen den General ganz tapfer gehalten. Es iſt nur ſchade, lieber Baron, daß Sie ihn in die Finanzpartie gezogen haben; als geheimer Sprachmeiſter beſaß er den Zauber, eine Schülerin ſchnell in eine Braut zu ver⸗ wandeln. Ich weiß davon, erwiderte Bülow, Ihr Schwager Fürſtenſtein hat mir's erzählt. Aber ich hoffe eben, dieſer Zauber ſoll ſich ihm für die Finanzen in die Kraft um⸗ ſetzen, Alles, was er berührt, in Gold zu verwandeln, wie jener Midas, von dem ich blos die Ohren habe. Ha, ha! lachte Morio,— bravo!('est charmant! — Und zu Hermann gewendet, fuhr er fort: Nun ſind wir wieder gute Freunde, nicht wahr? Ihre Lectionen, ſo wüthend ich erſt darüber war, haben mich zum glücklichen Bräutigam gemacht. Auch Adele iſt Ihnen wieder gut. Und Sie haben ſich vielleicht ihren Unwillen gar nicht erklären können? Sehen Sie, die ——— 224¾ Sprache war ihr zu ſchwer, auf die ſie erſt ſo verſeſſen geweſen, und aus Aerger und Scham darüber faßte ſie eine Wuth gegen den Lehrer und lief ihm fort— in meine Arme, um mich auf gut franzöſiſch zu lieben! Ha, ha! Aber Adele iſt jetzt nicht mehr ſo launenhaft— elle est aimable, elle est charmante! Hermann, erſchrocken und beſtürzt, verneigte ſich, um nach ſeinem Arbeitscabinet zu gehen; aber Morio hielt ihn noch einmal zurück, indem er ihm nachrief: Ha, mein Herr! Adele wird Sie gelegentlich ſehen. Unſere Hochzeit wird nächſter Tage im Garten am Wein⸗ berg gefeiert werden. Wir werden uns das Vergnügen machen, Sie zu größerer Geſellſchaft einzuladen, und Sie müſſen kommen, Adelen Glück zu wünſchen,— wenn auch nicht in Verſen. Ha! ha! Der Freund verließ mit einer ſtummen Verneigung das Zimmer, erſchüttert und nicht im Stande, ſich zu faſſen. Die Erinnerung an jene letzte Stunde, die er mit Adelen gehabt, war wieder ſo lebendig geworden. Doch nicht dies war es, was ihn ſo beſtürzte, ſondern dieſe Auslegung ihres ploͤtzlichen Haſſes, der in ſeinen Augen noch einen ſittlichen Werth gehabt hatte—! Welche entſetzliche Täuſchung! Und— ſie fiel auf ihn zurück!—— Von wem aber rührte ſie her? War es eine bloße Einbildung, die ſich der überraſchte Morio zu ſeiner Beruhigung gemacht hatte? Oder war Adele fähig geweſen, dem Mann ihrer Rettung eine ſolche Finte vor⸗ zuſpiegeln? Hermann lag mit gefalteten Händen in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl, grübelnd, räthſelnd, bis die angſtvolle Ungewißheit in ein unſägliches Leid über die Täuſchungen, Unwahr⸗ heiten und Bethörungen der Liebe überging, und eine zitternde Wehmuth ſich ſeiner Seele bemächtigte. Und zu dieſer Hochzeit ſollte er ſich einfinden, und den Neuvermählten Glück und Segen wünſchen? Nimmermehr! rief es in ſeinem Innern. Und doch—! Wenn er Adelen unter die Augen träte, würde ſie ſich viel⸗ leicht ihres leichtfertigen Schrittes beſinnen? Was durfte er in jener letzten Stunde wagen? Indeß hielten ſolche Zweifel und Fragen ſeiner uner⸗ fahrenen Gewiſſenhaftigkeit nicht lange Stand. Wenn er wieder auf dieſe Leichtfertigkeiten des Tages hinblickte, auf dies in ſeinen Fundamenten aufgeloͤſte Leben der Geſell⸗ ſchaft, auf dies gedankenloſe Völkchen, das ſo luſtig, wie eine Mückenſchar in der untergehenden Sonne, tanzte, ſo kam er ſich ſelbſt lächerlich vor mit ſeinen Scrupeln, oder doch mit ſeinen Vorſätzen und Abſichten. Er fand ſich nur in der muthigen Erhebung zurecht, an ſeinem Theil Liebe und Ehe deſto höher und heiliger zu halten, und wo er es vermöchte, geltend zu machen. In dieſen Empfindungen ſaß der junge Freund ver⸗ ſunken, bis nach Morio's Abgang der Miniſter ihn wieder an das unterbrochene Geſchäft rief, und er ſich mit Ge⸗ walt zuſammennehmen mußte. Aber, eine ſtille Leidmüthigkeit verließ ihn den ganzen Tag nicht. Zu Abend erwartete ihn Frau Lina. Luiſe Reichardt hatte endlich eine wiederholte Einladung angenommen, und Lina freute ſich, ihre heimliche Revanche zu nehmen. Es Koenig, Jeröͤme's Carneval. II. 15 226 galt eine eigentlich unüberlegte Kinderei, die gar leicht ver⸗ rathen konnte, was ſie verbergen ſollte. Doch war es nur auf einen ganz vertrauten Cirkel abgeſehen. Den paar Eingeladenen zuvor erſchien uneingeladen Frau Philippine Engelhard. Da ſie an den Anſtalten merkte, daß Geſellſchaft erwartet wurde, hielt ſie nicht lange mit ihrem Anliegen zurück. Dies betraf ihren Reichstagsgaſt, den— wie ihn die gute Frau mit Nachdruck nannte— enorm reichen Fabri⸗ kanten Nathuſius. Dieſer näherte ſich, ihrer vertrauten Mittheilung nach, auf herzliche Weiſe der Familie, be⸗ zeigte ſein inniges Wohlgefallen an einer ſo einfachen und vergnügten Häuslichkeit, und die Art und Weiſe, wie er ſich über das Glück einer wohlgetroffenen Ehe ausſprach, ließ keinen Zweifel darüber, daß er noch ſpäte Heiraths⸗ gedanken gefaßt habe. Ich habe ſo'was ſchon neulich bemerkt, ſagte Lina, als ich bei Ihnen war. Es iſt aber auch gegen einen ſo vortrefflichen Mann gar nichts einzuwenden, als daß er für Ihre Töͤchter ſchon etwas vorgerückten Alters iſt. Wenn man aber nimmt, wie ſolid von Denkart, wie innerlich ernſt und gediegen Ihre lieben, heitern Mäd⸗ chen ſind—! Gewiß, gewiß! fiel Frau Philippine ein;— in mei— nen Augen wär's nichts Unpaſſendes und wär' ein großes Glück; nur weiß ich nicht, ob ſein Wohlgefallen nicht etwa auf ein vielleicht unfreies Herz unter meinen Sieben fällt. In Herzlichkeit und verliebter Tändelei wendet ſich der gute Mann meiſt an meine Thereſe—? Lina, die wohl verſtand, was das in ängſtlicher Er⸗ 227 wartung bewegte Mutterherz meinte, brach ab. Sie be⸗ hielt ſich Ueberlegung vor, und verſprach recht bald zu kommen und ſich mit ihr zu verſtändigen. Eben kam auch Ludwig mit Hermann aus ſeinem Zimmer herüber, und kaum hatte Frau Engelhard ſich bewegen laſſen zu bleiben, als auch Luiſe erſchien. Lina hatte nur noch einige Frauen gebeten, denen ſie auch eine kleine Zurechtweiſung zudachte. Ihre Abſicht war näm⸗ lich, Hermann zur Entwickelung ſeiner Anſichten über die Ehe und eheliche Treue zu veranlaſſen. Sie kannte ihn darin, und hatte ſich vorgeſetzt, ihm recht warm und doch unbefangen beizuſtimmen, und ſodann Luiſen das Blatt mit den Zehn Geboten aus dem Liebeskatechismus für ver⸗ nünftige Frauen zurückzugeben. So hoffte ſie das reine und ſchöne Verhältniß, das ſie mit Hermann hatte, gleich⸗ ſam durch ein ſinnbildliches Honny soit qui mal y pense, vor Luiſen, zu deren ſtiller Beſchämung und vor aller Welt, die daran Anſtoß nehmen möchte, in das rechte und rechtfertigende Licht zu ſetzen. Indem ſie nun das unter dem Thee hin- und her⸗ ſchwankende Geſpräch unvermerkt auf dieſen Gegenſtand lenkte, und man ſich wechſelweiſe über die oft unedeln Beweggründe, über die nicht ſelten ſehr unpaſſenden Per⸗ ſönlichkeiten und nur allzuhäufigen Verirrungen in der Liebe und Ehe ausließ, hätte Lina hinſichtlich der Theilnahme Hermann's keine beſſere Stunde und Stimmung treffen können, als in welcher er mit bewegter und zu Betrach⸗ tung dieſes Gegenſtandes hochgeſtimmter Seele erſchienen war. Dennoch ließ er es an ſich kommen, und zögerte mit ſeinen Gedanken,— für Lina ganz erwünſcht, indem 15* 228 ſie ihn nun um ſeine Meinung im Zuſammenhang an⸗ ging.— Und, ſagte ſie, wenn ich um eine philoſophiſche Anſicht und Abſtimmung bitten dürfte, lieber Hermann. Man hört doch gern einmal, was über einen ſolchen in der Kirche und in der Geſellſchaft breit und platt getre⸗ tenen Gegenſtand die reine menſchliche Vernunft in ihren Tiefen für Wahrheit findet. Alle, beſonders aber Frau Engelhard, die eine auf ihr geheimes Anliegen bezügliche Abſicht der Freundin ver⸗ muthen mochte, hörten geſpannt zu, als Hermann mit ſeelenvoller Miene das Wort nahm: Mich haben immer die Anſichten meines hohen Lehrers Fichte angemuthet. Ich will ſie kurz zuſammenſtellen, wie ich ſie als Compaß für meine Lebensfahrt in mir trage; nur muß ich für eigene oder fremde Worte bemerken, daß man einen Gegenſtand, den man von ſeiner heiligen Seite faßt, oft nicht anders berühren kann, als mit Bezeichnun⸗ gen, die ihn aus frivolem Munde nicht ſelten entweihen. Die Ehe iſt ein ſchönes Sinnbild echt menſchlichen Lebens, wo Sinnliches und Geiſtiges ſich innigſt vermäh⸗ len, jenes geheiligt, dieſes verlebendigt wird. Indem nun der Mann die erwerbende und zeugende Hälfte des Bun⸗ des iſt, darf er auch den Naturtrieb eingeſtehen, und an hm iſt es, zu werben wie zu erwerben. Anders die Frau, die zu empfangen, zu bewahren hat, die den Mann ab⸗ wartet und ſich ihm ergibt, nicht aus urſprünglichem Trieb, ſondern aus angeregter Neigung des Herzens. Der Frau ſt die Liebe eingeboren, wie dem Manne der Trieb; ſie veredelt dieſen, und empfängt von ihm ihren Gegen⸗ ſtand und Inhalt. In der Liebe liegt auch die ganze 229 Würde der Frau. Ihre Hingebung an den Mann kann nur aus Liebe geſchehen, wenn ſie ſich nicht ſelbſt ver— ächtlich erſcheinen ſoll, und nur in der Vorausſetzung ge⸗ ſchehen, daß es für immer ſei. Denn wie könnte ſie ih⸗ ren ganzen Werth hingeben mit dem Gedanken, daß er einmal verloren ſein werde? Auch iſt ihre Hingebung ohne Vorbehalt, ſonſt ſchlüge ſie ja das Vorbehaltene höher an als ihre Perſon. Dieſe Bedeutung hat es, wenn ſie ihr Vermögen, ihren Rang und ihren Namen an Den hin⸗ gibt, in welchem all' ihr Thun und Trachten als ein Theil ſeines eigenen Lebens aufgeht. Da erwacht nun in dem Manne der Edelmuth, der ihm, wie der Frau die Liebe, eingeboren ſein muß, und fodert ihn auf, über Alles achtungswürdig und der Liebe werth zu ſein. Muth und Charakter dürfen ihm nicht fehlen, nicht blos weil er die Frau zu ſchützen hat, ſondern auch weil er ihr die Beſchämung erſparen muß, daß ſie einem Schwachen un⸗ terworfen ſei. Und nun flicht aus Hingebung und Edel⸗ muth ſich ein zärtliches Band für ungemeſſene Tage. Da die Frau nur ſeinen Willen ſucht, fühlt der Mann ſich getrieben, ihren Willen zu dem ſeinigen zu machen, da⸗ mit ſie Das thun könne, was ſie am liebſten thäte. Sie aber, indem ſie nur in Opfern ihres Herzens Befriedi⸗ gung findet, ſpäht deſto mehr nach ſeinen höhern Wün⸗ ſchen. So durch Wetteifer halbirt jeder Theil ſeine Per⸗ ſönlichkeit, um ſie durch die des andern zu verdoppeln; er gibt die halbe Freiheit hin, um die ganze Liebe zu gewinnen. Des Mannes natürlicher Trieb hat ſich in Liebe verwandelt, und die ſchlummernde Liebe der Frau iſt im Trieb des Herzens erwacht. 230 Als Hermann ſchwieg, zeigten ſich die Frauen ſichtlich bewegt, am tieſſten vielleicht Lina, wiewol gerade ſie, eingedenk ihrer Abſicht, zuerſt das Wort nahm, um ein⸗ fach und innig ihr Wohlgefallen an ſo bedeutſamen Ge⸗ danken auszuſprechen.— Solche Gedanken fodern uns zum Nachdenken auf, ſagte ſie, indem ſie uns eine alte Ueber⸗ zeugung von einer neuen Seite oder in neuer Begrün⸗ dung zeigen. Und das iſt manchmal nicht überflüſſig, fiel Ludwig ein. Im Treiben des bürgerlichen Lebens überdecken die Abfälle der Arbeit und der Genußſucht, überſchlämmen die Leidenſchaften des Herzens ſehr oft die ewigen Funda⸗ mente, auf denen die ſittlichen Verhältniſſe der Geſellſchaft ruhen, und der leichtfertige Tag überhört das einfache Ge⸗ bot, das in der Bruſt des Menſchen mahnt oder warnt. Die Sitten der Societät weichen dann, oft ohne Scheu und Schüchternheit, ab von den Grundlagen der Sittlich⸗ keit. Werden dann zu gleicher Zeit die Menſchen grü⸗ belnder, zweifelſüchtiger, berechnender, ſo iſt es gut, daß eine echte Philoſophie Dasjenige, was die Religion als einfaches Gebot ausſpricht, auch einmal im Zuſammen⸗ hang und in der Nothwendigkeit der natürlichen und ſittlichen Weltordnung darlegt, wie eben Liebe und Treue in der Ehe. Ja, beſonders auch die Treue! rief Luiſe etwas er⸗ regt. Wie frivol ſind nicht unſere Frauen geworden! Und doch ſcheint mir die Treue beſonders eine weibliche Tugend zu ſein. Wenigſtens hat man ſich daran gewöhnt, den Männern die eheliche Untreue weniger hoch anzurech⸗ nen, als den Frauen. 231 Und doch, glaube ich, iſt die Treue nur am Mann eine Tugend, und bei der Frau blos eine Rechtſchaffenheit! ſagte Hermann. Den Unterſchied verſtehe ich aber nicht! wendete Lud⸗ wig ein. Vielleicht wird es klarer, wie ich's meine, wenn ich meine Anſicht von der ehelichen Treue entwickeln darf, ent⸗ gegnete Hermann. Ich ſage meine Anſicht; denn dieſe darf ich meinem verehrten Lehrer nicht aufbürden. Vor allem aber muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich frei⸗ lich delicate Beziehungen berühre! Die Ehe iſt eben ein Gebild, an welchem das Naturverhältniß der beiden Ge⸗ ſchlechter den Zettel,— und die ſittlichen Bildungen den Einſchlag machen. Der Natur kommt es bei dieſer Ver⸗ einigung, wie überhaupt in ihrem Bereiche, nur auf die Fortſetzung und Verbreitung ihrer lebenden Geſchöpfe an. Sie ſpart zu dieſem Ende kein Uebermaß von Lebenskeimen. Bei dem Manne erreicht ſie Das durch den heißen Trieb zur Liebeswerbung, verbunden mit der Empfänglichkeit für alle Reize des andern Geſchlechts und mit der lebhaften Neigung zum Wechſel. Indem ihm aber die ſittliche Vernunft gebietet, bei nur einer ſolchen Verbindung zu bleiben, an die ſeine menſchliche Würde und das Glück der Familie wie der Geſellſchaft geknüpft ſei, ſo koſtet ihn die Ueberwindung der Natur in ihm ſelbſt einen Kampf, und dieſer Kampf macht eben ſeine Treue zu einer Tu⸗ gend. Umgekehrt bei dem Weibe. Dieſelbe vorſorgliche Natur treibt die Frau, die keine Lebenskeime ausbringt, ſondern empfängt und aufzunähren hat, zur Zurückhal⸗ tung, zur Enthaltſamkeit und Abwehr alles Deſſen, was 232 die ruhige Entwickelung eines langſam gedeihenden Weſens ſtören könnte. Dieſe Naturbeſtimmung bildet die Grund⸗ lage der Weiblichkeit auch im Geiſtigen und Sittlichen, und bleibt maßgebend unter allen Verhältniſſen des Lebens. Daher eignet Sparſamkeit mehr den Frauen, und in Kunſt und Poeſie iſt nur der Mann zeugend oder ſchöpfe⸗ riſch, die Frau nur nachbildend in Empfänglichkeit. Anſchmiegende Treue iſt daher der weiblichen Natur an⸗ geboren, angeſchaffen, und koſtet einer„rechtſchaffenen“ Frau keinen Kampf mit ihrer eigenen Natur, wie beim Manne, ſondern höͤchſtens nur eine Abwehr gegen Ver⸗ lockung von außen. Die Frau wird mithin durch ihre Treue liebenswürdig, der Mann achtbar. Indem ſie aber durch Untreue ſich nicht blos gegen das Sittengeſetz, ſondern gegen die Natur verſündigt, wird ſie verächt⸗ licher als er, der ſich nur an der Sittlichkeit vergeht, ohne ſeine Naturbeſtimmung zu verletzen, wenn er den Antrieben derſelben zu unbedingt folgt. Der Mann iſt in den Zwieſpalt zwiſchen Natur und Vernunft ge⸗ ſtellt, mit dem Berufe, die Kämpfe des Geiſtes auszu⸗ fechten, während eine unſittliche Frau ganz ausgeartet erſcheint, wenn ſie— dem geheimnißvollen Walten der Natur näher ſtehend— den heiligen Frieden bricht, der unter der Eintracht der Natur mit der Sitte herrſcht und deſſen Prieſterin ſie ſein ſollte. Eine Stille folgte, als Hermann ſchwieg. Die Frauen blickten vor ſich hin, befangen, wie es ſchien, aber mit Rührung ergriffen. Luiſe nur ſah gehoben aus, und nickte dem jungen Freunde beifällig zu. Lina ſpielte mit dem Schleiermacher'ſchen Blatt der Zehn Gebote. Ehe 233 ſie aber die Wendung fand, es Luiſen zurückzugeben, war Ludwig leiſe an Hermann herangetreten, faßte ihn unterm Arm und führte ihn auf ſein Zimmer. Hier umarmte er ihn mit einer innern Bewegung, wie ſie ihm ſonſt nicht eigen war. Was haſt du, Ludwig? fragte Hermann. Was iſt dir begegnet? Ludwig hielt ihn an beiden Händen feſt, blickte ihm liebevoll in die Augen, und ſagte mit unterdrückter Rührung: Wenn du meine Empfindung verſtehſt, ſo iſt es mir lieb um meinetwillen; wenn du mich nicht begreifſt, ſo iſt es vielleicht beſſer für dich. Und indem er ihn noch einmal an ſeine Bruſt drückte, rief er mit Wärme: Wir bleiben Freunde! Ich vertraue dir, wie einem Bruder, und— Er ſprach es nicht aus, was er eben noch ſagen wollte, ſondern führte ihn wieder zur Geſellſchaft zurück. Und— Lina ſſt rechtſchaffen, hatte er eben ſagen wollen. Achtes Capitel. Adelens Hochzeit. Mit dieſer Herzensergießung und durch die darauf er⸗ folgten Geſpräche der kleinen Geſellſchaft über die ehe⸗ lichen Verhältniſſe des alltäglichen Lebens war Hermann ziemlich umgeſtimmt und erleichtert nach Hauſe gekommen, ſodaß er die Einladung zu Morio's Vermählungsfeſte, die er nach einigen Tagen erhielt, mit mehr Faſſung auf⸗ nahm, als es bei der Ankündigung derſelben der Fall geweſen. Er belächelte nun auch den frühern Einfall, durch ſeine Erſcheinung Adelen vielleicht zur Beſinnung zu bringen, und überlegte blos, welchen Eindruck die ge⸗ ſchmückte Braut auf ihn ſelbſt machen könnte, und ob er ſchon für die hohe Geſellſchaft„coulant“ genug ſei, einer geheimen Mitſchuldigen mit artigem Fremdthun zu begeg⸗ nen, und über eine ſo lebhafte Erinnerung leicht und lächelnd hinzugleiten. Er dachte wol daran, daß er von dem Feſte wegbleiben könnte; allein der Wink der Ober⸗ hofmeiſterin fiel ihm ein, ſich einer Freundlichkeit Morio's aus Rückſicht für Adelen nicht zu entziehen. Je weniger er ſich über die Bedeutung dieſer Rückſicht klar machen mochte, deſto wichtiger erſchien ſie ihm. Es war daher nicht ernſtlich gemeint, als er des Abends bei Herrn von Bülow die Frage fallen ließ, auf welche ſchickliche Weiſe man eine ſolche Einladung ablehnen könnte. 235 Herr und Frau von Bülow ermunterten ihn aber, ja nicht abzulehnen; und da Beide genauer, als es der Freund ahnen konnte, ſich in ſeine befangene Empfindung hinein dachten, ſo ſprach die Baronin gefliſſentlich etwas wegwerfend von ſolchen franzöſiſchen Verbindungen und Charakteren, und der Miniſter hob die Auszeichnung her⸗ vor, die für ihn in der Einladung läge.— Man hat nur wenig junge Herren von noch untergeordneter Stel⸗ lung eingeladen, ſagte er, ſelbſt meinen Generalſecretär nicht. Welche Geſichtspunkte man bei der Einladung gehabt, warum man auch nach jüngern Damen gegriffen hat, die nicht zur hohen Geſellſchaft zählen, überhaupt warum man das Feſt in der beabſichtigten Weiſe gibt, bleibt ein Räthſel. Unſere Courtoiſie ſtrickt zwar eine ſehr gemeſſene Etiquette, es geht ihr aber wie mancher Dame beim Strickſtrumpfe: wenn das Herz in Bewegung kommt, läßt ſie auch einmal ein paar Maſchen fallen. Herr von Bülow lächelte dabei, als ſei es für ihn ſelbſt eben kein unlösliches Räthſel. Und wirklich entzog ſich das Geheimniß der Einladungen nur der Vermuthung Derjenigen, die dem Hof entfernter ſtanden. Die Ver⸗ anſtaltung kam nämlich von Marinville, der den König veranlaßt hatte, ſeinem begünſtigten Kriegsminiſter und ehemaligen vertrauten Adjutanten das Feſt zu geben. Der Gedanke Jeröͤme's, eine liebenswürdige Frau in das Schloß Wabern zu ſetzen, war dabei mit in Anſchlag gekommen, und Marinville hatte ihm bei dieſer Gelegenheit eine Revue ſchöner jungen Damen verſprochen, aus denen man die Liebenswürdigſte zur Frau eines Schloßpräfeeten in Wabern wählen könnte. Nebenher war es auch auf 236 einen oder den andern jungen Mann abgeſehen, auf den man die Aufmerkſamkeit der Madame Simeon zu Gun⸗ ſten der kleinen Heberti, ihres geheimen Schützlings, len⸗ ken könnte. An Hermann hatte man dabei nicht gedacht; Marinville kannte ihn nicht; ſondern Morio ſelbſt, jenen geheimen Abſichten fremd, hatte des Anlaſſes einer ſo ge⸗ miſchten Geſellſchaft wahrgenommen, um dem von ihm verletzten jungen Manne für ſeine Freundlichkeit gegen Adelen eine Artigkeit zu erweiſen, da er bei ihm mit ei⸗ nem Honorar für die Stunden nicht ankommen konnte. Die Vermählung und das Feſt fielen in die Mitte des Juli— in jene herrliche Zeit des hohen Sommers, da die Felder eben noch im vollen Reichthum und Far⸗ benwechſel heranreifender Ernten und zuwachſender Früchte ſtanden, und die langſam vorrückende Dämmerung dem heißen, arbeitſamen Tag einige Schritte entgegenkommt, ihn zu erquicken. Die Trauung fand auf einen Donnerſtag in der ka— tholiſchen Kirche, unter der Einſegnung des erſten könig⸗ lichen Almoſeniers, des Biſchofs, Barons von Wendt, ſtatt. Den Abend vorher hatte nach ein paar heißen Tagen ein aufziehendes Gewitter den feſtlichen Tag bedroht, war aber ſeitwärts vorübergezogen, und hatte nur die Gunſt erfriſch⸗ ter Luft und eines halbbedeckten Himmels, zu angeneh⸗ mern Aufenthalt im Freien, hinterlaſſen. Der Garten war mit Militär umgeben, weniger um dem Zudrange der Neubegierigen zu wehren, als das Feſt eines Generals und Kriegsminiſters auszuzeichnen. Der König hatte ſeinen dienſtthuenden Kammerherrn, den Grafen von Pappenheim, und deſſen Gemahlin, eine 237 der Hofdamen der Koͤnigin, mit den Honneurs ſeines Feſtes beauftragt. Sie empfingen und bewirtheten die Gäſte. Das vermählte Paar nahm die Beglückwünſchun⸗ gen unter einem geſchmückten Zelt in vertrauter Umge⸗ bung an. Hermann, der ſich einigen zu gleicher Zeit mit ihm angekommenen Herren und Damen anſchloß, bemerkte doch, als er hinter denſelben mit ſeiner Reverenz hervor⸗ trat, daß die Braut nicht ſo unbefangen blieb, als er es über ſich ſelbſt gewonnen hatte. Mit flüchtigem Erröthen, unter dankenden Verneigungen wendete ſie ſich raſch und flüſterte einer jungen Dame zu, die neben ihrem Seſſel ſtand, während Morio, heut ſehr heiter und hochmüthig umherblickend, ihn als Monsieur le Professeur begrüßte. So leicht ſchwand der Moment vorüber, dem der junge Freund ſo feierlich entgegengegangen war. Er kam ſich ſelbſt wunderlich vor, als er, neuen Begrüßenden auswei⸗ chend, das Zelt verließ. Ein bitterer Humor, ein ſtuden⸗ tiſcher Uebermuth wandelte ihn an, und er hätte laut auflachen mögen über all' den Tand und Alfanz, der ſich ſo prunkhaft um ihn bewegte. In dieſer Stimmung begegnete er Herrn und Frau von Bülow, und raſch vor dem heitern Ausſehen und der vornehmen Haltung des edeln Paares beruhigte ſich die Aufwallung ſeines Herzens. Er begleitete ſie eine Strecke zurück nach dem Zelt, um aus ſchicklicher Entfernung die Neuvermählten noch einmal etwas genauer zu betrachten. Morio trug die reiche Uniform der Gardes du Corps, zu deren Colonel⸗General er ernannt worden war; Adele Morio glänzte in einem reichen, in Paris gefertigten Brautkleide von Atlasſtreifen und Goldſpitzen, mit Steinen und Sil⸗ 238 ber geſtickt und mit Orangeblüten beſetzt. Der Anzug be⸗ ſchäftigte alle Damen; nur die Baronin Bülow ſchien von einem würdigern Eindrucke bewegt. Schon daß ſie ihren Gemahl„Victor“ anredete, verrieth ihre feierliche Stim⸗ mung; denn in ihrer gewöhnlichen Heiterkeit nannte ſie ihn mit ſeinem andern Vornamen„Hanns“. Indem ſie mit raſchern Schritten in einen Seitenweg lenkte, ſagte ſie leiſe und gepreßt: Mein Gott! lieber Victor, haſt du die Comteſſe Ade⸗ laide betrachtet? Die edle Haltung, der ſchmerzliche Zug in ihrem ſeelenvollen Geſicht erinnerten mich, wie durch eine Eingebung, an die Königin Luiſe. Ach! möͤcht' ich ſagen, die ganze Atmoſphäre eines heiligen Unglücks, ei⸗ ner hohen, königlichen Trauer umgibt noch dieſe ſchlanke Mädchengeſtalt; die unvergeßliche Schönheit der hohen Frau dämmert nach in dieſem blaſſen, edeln Angeſichte. Ich habe ſie nur flüchtig bemerkt, antwortete leiſe der Miniſter. Aber, du biſt ganz erſchüttert, Liebſte! Komm, laß dich ſo vor keinem Begegnenden ſehen! Nimm ein Geſicht an für dies Geſchmeiß eines luſtigen Königshofes. Reden Sie vielleicht von der intereſſanten jungen Dame, die neben der— Generalin Morio ſtand, gnädige Baro⸗ nin? fragte Hermann. Ja, lieber Doctor! antwortete ſie. Es iſt die junge Comteſſe Hardenberg, die Tochter des Oberjägermeiſters. Sie kommt eben von Königsberg, war Hoffräulein unſe— rer guten Königin Luiſe, und ſoll hier— Gott weiß, was ſie ſoll! Ja, ja, nur ſtill, Kind! flüſterte Bülow. Laß es die Generalin Salha nicht hören, was man denkt, ja wol 239 erwartet. Uebrigens— unſere Königin heißt Katharina, und—„iſcht“ aus Würtemberg, nicht in Köͤnigsberg. Mit dieſer lächelnden Warnung gingen ſie weiter, die Anſtalten zur Illumination und zum Feuerwerke betrach⸗ tend. So oft es dem Miniſter paſſend ſchien, ſtellte er Hermann mit empfehlenden Worten beſonders den jün⸗ gern Männern vor, ſodaß der Freund, auch als er ſich trennte, nicht ohne neue Anhaltepunkte blieb, ob er ſich gleich zuweilen nachdenklich oder beobachtend allein um⸗ hertrieb. Es war ein köſtlicher Sommertag. Die Sonne neigte ſich in ihrem weiten Bogen hinter leichten Wolkenſchichten hervor nach immer leichtern Häufelwölkchen dem Abende zu. Ein feuchtlicher Weſtwind fächelte von der Napo⸗ leonshöher Allee die ſüße Würze der blühenden Linden⸗ bäume über den Berggarten herüber, und von dem ent⸗ fernten Orcheſter tonte zuweilen, wie ſympathetiſch, ein ſo ſüßes Adagio, das man es eine Lindenblütenmelodie hätte nennen mögen. Doch blieben vielleicht nur einzelne Gäſte empfänglich für dieſe Art von Eindrücken. Denn die Unterhaltung unter den Zelten und um die aus Fich⸗ tenzweigen errichtete Bude für das Büffet ward immer lauter und luſtiger, nachdem ſich anfangs, beſonders die Deutſchen, in ehrfurchtſamer Steifheit zurückgehalten hat⸗ ten, weil man jeden Augenblick den König in einfacher Erſcheinung erwartete. Das vermählte Paar wandelte jetzt umher, die Gäſte, die es zum Glückwunſch empfangen hatte, durch Gegen⸗ beſuch willkommen zu heißen und zur Froöhlichkeit anzu⸗ ſtimmen. Hermann ſuchte dem Begegnen derſelben zu 240 entgehen; doch bemerkte ihn Morio, rief ihn mit dem Profeſſortitel an und führte ihm einen Fremden zu, der ihm eben durch Schwatzhaftigkeit läſtig zu werden anfing. Ich freue mich, zwei Gelehrte an unſerm Feſt zu Gäſten zu haben, die Repräſentanten zweier Literaturen, ſagte er lachend. Hier Herr Pigault⸗Lebrun, deſſen Ro⸗ mane Sie gewiß kennen, und Sie, Herr Poet, finden hier einen jungen deutſchen Philoſophen! Auch iſt er geheimer Sprachmeiſter für Liebende. Ha! ha! Er eilte lachend zu ſeiner Dame zurück, die in ihrer Unterhaltung ſtehen geblieben war. Hermann achtete des letzten, heiter vorgebrachten Scher⸗ zes weiter nicht. Pigault intereſſirte ihn, und er beſann ſich auf die Erzählungen deſſelben, die er zum Theil aus den Büchern ſeiner Mutter kannte, auf„L'enfant du carnaval“, auf„Angélique et Jeannetton“ und andere. Lebrun freute ſich, einen literariſchen Bekannten in Caſſel zu finden. Die angenehme Erſcheinung, das unbefangene Benehmen Hermann's ſprach ihn an. Er faßte ihn un⸗ term Arm und führte ihn unter lebhaftem Plaudern mit ſich nach einer ſtillern Seite des Gartens. Pigault war ein Mittefunfziger, von unanſehnlicher, etwas abgelebter Geſtalt, deſſen dunkles, ſcharf ausgepräg⸗ tes Geſicht aber den Ausdruck munterer Phantaſie, leicht⸗ ſinniger Laune und geiſtreichen Spottes an ſich trug. In dieſer Phyſiognomie ſprach ſich zugleich das Vorbild und die Rückwirkung alles Deſſen aus, was dem Autor ſo viele Leſer ſeiner zuweilen freilich etwas caricaturirten Romane gewonnen hatte. Er plauderte gern und erzählte vortrefflich, wobei er freilich, wenn einmal angeregt, aus 244 Leichtſinn oder Spottluſt auch Manches ausſchwatzte, was das Vertrauen ſeiner Stellung verletzte und einem Manne von ſeinen Jahren übel anſtand. Der König hat mich zu ſeinem Vorleſer kommen laſſen, äußerte er gegen Hermann; da man aber ohne Bücher nicht vorleſen kann, ſo muß ich ihm einſtweilen erzählen. Ich gleiche der Scheherezade, von welcher der Sultan in jeder Nacht jene Erzählungen verlangte, die ſie gut vorzutragen verſtand. Der König lieſt nur Amts⸗ zeitungen und Bülletins, aber er weiß deſto mehr aus⸗ wendig, und wenn unſere ſchoöͤne Literatur eine ſchöne Dame wäre, ſo würde er auch ſie auswendig kennen, ce qu'on justement dit par coeur. Jeröme beſitzt eine reiche Literatur von Damen, qu'il connait par coeur, und beobachtet bei dieſem Studium die Mahnung des Poeten Horaz:„Nocturna versate manu, versate diurna!“ Was wir in unſerer Sprache ausdrücken würden: ſie bei Tag und Nacht zur Hand haben. Ha, ha! O ich habe Jeröme Napoleon ſchon in Paris gekannt, und genieße jetzt die anmuthigen Früchte jener etwas wilden Stunden. Ja, ich lebe herrlich in dem gothiſchen Gebäude der alten Landgrafen auf Napoleonshöhe. Sie müſſen mich einmal beſuchen. Ich habe ein paar Zimmer im linken Schloß⸗ flügel mit dem Ausblick nach der waldigen Höhe. Da fühle ich ganz deutſch, da athme ich Romantik! Ha, welch' ein Duft der Wälder, welch' ein geheimnißvolles Rauſchen der Berge, wenn ich am ſpäten Abend mit Babet im Fenſter liege! Sie ſind alſo verheirathet, mein Herr? fragte Her⸗ mann. Koenig, Jeröme's Carneval. II. 16 242 Pigault lächelte ſchalkhaft, konnte aber der Eitelkeit nicht widerſtehen, ſich in den Augen eines jungen, hüb⸗ ſchen Mannes, eines Deutſchen, noch in ſeinen Jahren als beglückt durch Liebe und als eingeweiht in poetiſchen Lebensgenuß zu zeigen. Wie er ſelbſt vergnügt umher⸗ blickte, ob Jemand in der Nähe ſei, ward er auch noch eines Verſtecks gewahr. Auf altem Mauerwerke ſtand ein kleines Belvedere zum Ausblick aus dem Garten er— richtet, von Lattenwerk eingefaßt, das von üppigem Geis⸗ blatt zu einer Laube und Lauſche durchflochten war. Pigault zog den Freund mit ſich hinauf, und indem ſie ſich auf die Brüſtung der Mauer lehnten, ſagte er lächelnd und vertraulich: Babet gehörte bisher zur Literatur par coeur des Königs. Ich weihe Sie, mein Herr, als literariſchen Freund in ein königliches Geheimniß ein. Sie müſſen wiſſen— Jeröme vertheilt gern die Gegenſtände ſeiner Studien, um nicht von Eiferſüchtelei beunruhigt zu wer⸗ den, und läßt ſie des Anſtandes wegen für die Frau des Einen oder für eine Freundin des Andern ſeiner Ver⸗ trauten gelten. Babet ſteht unter der poetiſchen Rubrik von Pigault⸗Lebrun. Sie beſorgt unſere Wirthſchaft, und freut ſich ſehr darauf, daß mein kleines Luſtſpiel nächſtens hier in Scene geht—„Les rivaux d'eux- mémes“. Ha, das iſt ein Cultus, der ſich vor der Königin in Myſterien zurückzieht? bemerkte Hermann. O der König liebt ſeine Gemahlin und vernach⸗ läſſigt ſie nicht! verſicherte Pigault. Man vermag ſehr viel in der Liebe, wenn man ihr ausſchließend lebt. Aber 243 er fürchtet den Kaiſer, der ſehr barſch verlangt, der weſt⸗ fäliſche Bruder ſoll weniger der Liebe und mehr dem „ Regieren leben; er ſoll nur vorübergehende Liebſchaften, aber keine Maitreſſen haben.„Jeder muß ſein Handwerk thun“, hat er ihm jüngſt geſchrieben,— wir ſind Könige: thun wir unſer Köͤnigshandwerk!— Aber ha! Hören Sie die ſchoͤne Romanze aus Blangini's„La fée Ur- gele!“ Er lauſchte nach dem fernen Orcheſter hin, indem er, den Kopf im Tacte wiegend, die Worte trällerte: „Pour un baiser faut-il perdre la vie.“ Am Schluß der Arie rief er: Kommen Sie, mein Herr! Indem ſie gehen wollten, bemerkten ſie eine Dame, die langſamen Schrittes und mit zurückgewendeten Blicken * does Pfades kam. Hal ein zärtliches Rendezvous! flüſterte Pigault, und zog Hermann mit ſich hinter die grüne Wand, durch de⸗ ren Ranken man hinausblicken konnte. Mein Gott, die Generalin Salha! lachte er, die Hände reibend. Ah, Madame, vous venez planter des cornes dans ce jar- din la? Doch nein, der General ſelbſt eilt ihr nach. Pardon, Madame, ich hab' Ihnen Unrecht gethan! Voyons! Das wird eine ſchöne Litanei abſetzen! Der General iſt vor ein Civilgericht geladen! Hermann, dem das Lauſchen eigentlich zuwider war, hatte ſich nur zuſammenzunehmen, um nicht über die 4 grotesken Geſichter und äffiſchen Geberden des alten Pigault in Lachen auszubrechen. Eben ließ ſich die Generalin ziemlich barſch vernehmen: 3 16* 244 Nun, wie lange laſſen Sie mich warten? Und ſehen ganz vergnügt aus? Sie haben wol hinter Ihren Flaſchen noch gar nicht bemerkt, was zwiſchen dieſem Le Camus und der jungen Hardenberg vorgeht? Wahrhaftig, Madame, ich habe noch keine Zeit ge⸗ habt, auf den Grafen Fürſtenſtein Acht zu geben! ver⸗ ſetzt der General in ſeiner etwas derben Laune, jedoch mit dem gegen ſeine gebieteriſche Dame ſchon gewohnten unterwürfigen Tone. So nehmen Sie ſich jetzt gleich die Zeit, ihn zur Rede zu ſtellen, entgegnete ſie. Oder— bringen Sie ihn hierher; ich ſelbſt will ihn fragen, wie er es mit unſerer Melanie gehalten haben will. Adele verläßt nun das Haus ihres Bruders; auf dieſen Moment, wiſſen Sie doch, haben wir gewartet; aber ich habe wohl be⸗ merkt, je näher er heranrückte, dieſer Moment, deſto mehr entfernte ſich die Excellenz, und heut bemüht er ſich un⸗ ter unſern Augen um dieſe Hardenberg in einer Weiſe, daß es vor aller Welt wie eine Bewerbung ausſteht, und — wie ein Hohn gegen uns! Ah bah, Madame! rief der General. Sie wiſſen doch, daß Le Camus mit dem Oberjägermeiſter ſehr be⸗ freundet iſt. Und die junge Comteſſe iſt eben erſt von Königsberg gekommen, und noch ohne Bekanntſchaften, und Le Camus macht den galanten Hausfreund. Voilà ce que c'est! Sie ſind ein Tropf, General! Unter uns geſagt! fiel die Dame ein. Fühlen Sie nicht, daß die Ehre Ihrer Tochter hier verletzt wird? Sie— Madame, wenn ich noch mit Ihnen verhandeln ſoll, 245⁵ ſo bedienen Sie ſich geziemender Ausdrücke! Tous les mille, Madame! fluchte er mit drohender Fauſt. Denken Sie, daß uns Jemand hinter dem Geisblatt hörte—! Ventre Saint-Gris—! Wiſſen Sie, daß Sie ſelbſt ſchuld ſind, wenn Le Camus ſich wirklich zurückzieht? Sie ha⸗ ben ihn hinterrücks zum Verlobten unſerer Tochter ge⸗ macht, als er auf dem Wege ſchien, es zu werden. Und wie er das gehört, hat er mit ſchweigendem Anſtand eine Stellung genommen, die unſerer Societät keinen Zweifel übrig läßt, daß er noch ein freier Menſch iſt. Und nun ſoll ich— Was? Glauben Sie, ich ſei noch zur See und könnte ihn zu meinem Matroſen preſſen. Tant s'en faut! Aber beruhigen Sie ſich! Mit dieſer Comteſſe iſt es nichts; er macht nur den Galanten heut. So? Und dazu wäre ſie von Königsberg gekommen, Herr General? Nein, ſie hat dort ihren Abſchied ge⸗ nommen. Ja, Madame, um die Königin zu erleichtern. Der preußiſche Hof ſchränkt ſich ein, wiſſen Sie! Ha, ha! Wenn ich nicht von Bercagny wüßte, welch' ein eifriger Briefwechſel bisher zwiſchen Caſſel und Kö⸗ nigsberg— Doch, dort kommt Marinville und Major Roſſt. Geben Sie mir Ihren Arm! Ich werde Ihnen ſagen, was ich mit dieſem perfiden Fürſtenſtein— Unterſtehen Sie ſich, Madame! Wollen Sie des Kö⸗ nigs Feſt durch Scandal— Die leiſere Rede verhallte in der Krümme des Wegs. Pigault und Hermann verließen jetzt ſchnell das Ver⸗ ſteck,— Pigault mit ſo lauter, ausgelaſſener Laune über das entzweite Paar, daß Hermann froh war, als er den 246 Geſandten von Reinhard mit Gemahlin erblickte. Er trennte ſich von dem Dichter, ſie zu begrüßen. Sie kommen apropos, ſagte der Baron. Begleiten Sie doch meine Frau zu unſerer Geſellſchaft. Ich höre eben, Se. Majeſtät der König kommt, und ich will ihn empfangen helfen. Er eilte fort, und die Baronin lenkte nach dem be⸗ lebtern Theil des Gartens. Sie wurde im Vorüber⸗ gehen von einer Dame angerufen, die unter einem run⸗ den Schirmdache von der Form und Farbe eines rieſigen Pilzes in ausgeſuchter Geſellſchaft ſaß. Es war die Für⸗ ſtin Repnin, Gemahlin des ruſſiſchen Geſandten, eine junge Frau von derben Zügen und Formen, mit etwas rohem hochmüthigen Ausſehen. Es gab keinen auffal⸗ lendern Abſtich, als neben ihr die Baronin von Bouche⸗ porn, die, erſt ſiebzehn Jahre alt, zart wie eine Lilie ausſah. Beide waren umgeben von der Baronin Bigot de Vil⸗ landry, dem Chevalier de Courbon und dem Grafen von Jagow. Sie kennen doch das charmante Paar, das dort hin⸗ und herwandelt, lachte die Fürſtin. Können Sie uns nicht das Verhältniß bezeichnen, in das Beide zu einan⸗ der ſo vertieft ſind, beſte Baronin? Hermann, der etwas zurückgetreten ſtehen blieb, er⸗ kannte nach dem Fingerzeig der Fürſtin die beiden Gäſte aus dem Stift in Homberg, und eben nannte Frau von Reinhard auch die Stiftsdame Calenberg und— Ja, ja, fiel die Fürſtin barſch ein, von Perſon ken⸗ nen wir Beide, die poetiſche Stiftsdame und den poetiſchen Geſandtſchaftsſecretäar aus München; aber ihr Verhält⸗ pn niß zu einander iſt uns ein Räthſel. So was Roman⸗ tiſches findet man nur in Deutſchland. Einige nennen es Freundſchaft, Andere Liebe, ſagte Graf Jagow mit der gefälligen Miene des Kammerherrn. Manche moͤchten beides miſchen, um das Eigenthümliche der Verbindung herauszubringen, das Speeifiſche. Ich kenne die poetiſche Begabung und liebenswürdige Bildung der etwas ſonderbar ausſehenden Dame nicht näher, antwortete die Baronin Reinhard mit ruhigem Ernſt; aber es ſpricht immer für ſie, daß ſie gerade in einer Reſidenz, wo Jugend, Schönheit und Beſitz ſo aus⸗ ſchließend gelten, ſich durch Geiſt und edeln Charakter geltend und begehrt zu machen weiß. Ich glaube in die Tiefe des Geheimniſſes eingedrun⸗ gen zu ſein, fuhr mit ſchalkhaftem Lächeln Graf Ja⸗ gow fort. Nun, begreiflich! lachte die Boucheporn. Sie ſind auch der einzige Deutſche unter uns. Sie verſtehen ſich Jauf Romantik Ich ſage, es iſt Liebe, aber— une partie re- mise! O ſehen Sie nur dieſe Zärtlichkeit an, und die Be⸗ werbung wird nicht dürfen für aufgegeben erklärt wer⸗ den, lachte die Fürſtin. Ich meine„remise“ mehr im Sinne des Karten⸗ ſpiels, entgegnete Jagow. Betrachten Sie das mädchen⸗ hafte Ausſehen des jungen Barons, das männliche der liebenswürdigen Stiftsdame, ſo ſcheinen die Karten ſo vergeben zu ſein, daß kein Spiel zu Stande kommen kann, ſondern eben— remis gegeben werden muß. Der 248 junge Mann ſollte ausſpielen, aber er hat lauter zu kleine Trümpfe, um zu fodern. Er möchte vielleicht lieben, allein ſein Temperament iſt nicht lebhaft genug, um mit einem kühnen Satz über die vorgerückten Jahre der Geliebten hinaus ſich mit einem rechtſchaffenen Kuß den Bart zu erobern, der ihm fehlt und an den un— rechten Mann gekommen iſt. Die Damen lachten, beſonders die Fürſtin, ſehr laut. Die Baronin Reinhard machte die Bewegung zum Fort⸗ gehen. Jagow ſprach weiter: Vielleicht liebt die Dame lebhafter, und hat wol auch die höhern Trümpfe der Empfindung voraus; allein, ſie iſt doch nicht am Ausſpielen, ſie hat doch die Vor⸗ hand nicht. Sehen Sie, ſo kommt eben das Spiel nicht zu Stande, und ſie beſchränken ſich auf Poeſie; ſie ma⸗ chen zuſammen Verſe oder wickeln die Kinder fremder Genien in deutſche Windeln, was man— überſetzen nennt. Die Frau von Reinhard empfahl ſich unter dem Ge⸗ lächter der Geſellſchaft, und ſagte zu Hermann im Weiter⸗ gehen: Es iſt doch ein höhniſches Pack, ungeſchickt und ab⸗ geſchmackt,— moquant et maussade zugleich! Und unſer deutſcher Adel thut ſich leider oft genug etwas darauf zugut,„mit wenig Witz und viel Behagen“, wie unſer Goethe ſagt, den Fremden— Ruſſen oder Franzoſen— zu Gefallen zu ſprechen und zu lachen, der ſogenannten Creme der europäiſchen Societät zum Beſten zu geben, was das vornehme Geſindel nicht begreift, weil es aus den heiligen Tiefen einer großen, urſprünglichen 2 —ÿ——ñ·ñ—————————⸗⸗⸗⸗⸗⸗ꝛꝛ::::ꝛꝛ:: —,—. —(⁸ —— 249 Nation aufperlt. Ich rede nicht von dieſen zwei etwas wunderlichen Menſchen, die jedenfalls alle Achtung ver⸗ dienen; nein, auch wenn es das Ausgezeichnetſte, Ver⸗ dienſtlichſte, Ehrwürdigſte unſerer tiefen deutſchen Natur war,— unſere ſogenannte gute Geſellſchaft gab es mit franzöſiſcher Zunge preis. Ich denke mir, gnädige Frau, ſagte Hermann mit aller Wärme des Ausdrucks, wie leidvoll es oft für Sie ſein muß, mit Ihrem recht deutſchen Herzen unter frem⸗ der Fahne und Firma zu leben. Wem fällt es in fran⸗ zöſiſcher und deutſch⸗franzöſtrender Geſellſchaft ein, dies Herz zu ſchonen, da es für das Herz der franzöſiſchen Geſandtin gilt— ein ſo excellentes Herz, nur für das Herz einer Excellenz. Sie haben nicht Unrecht, mein junger Freund, er⸗ widerte ſie, und ich danke Ihnen für dieſe Mitempfin⸗ dung. Aber, iſt es denn nicht das Leid, das heutzutage alle Deutſchen mitfühlen dürften in ihrer politiſchen Lage? Mein Mann ſchrieb jüngſt noch an Goethe:„Alles, was geſchieht, iſt bloßer Calcul, der nicht nur von der Schlech⸗ tigkeit der Menſchen ausgeht, ſondern auch darauf, ſie ſchlecht zu machen. Und in dieſem Caleul, fürchte ich, erſcheint Deutſchland blos als ein weiter Tummelplatz zwiſchen Frankreich und Rußland.“ Sie ſtießen auf Herrn und Frau von Bülow, die ſich eben von ihrer Geſellſchaft etwas zurückzogen, um eine Partie aus der„Hochzeit des Figaro“ anzuhören, die das Orcheſter anſpielte. Man ſetzte ſich ſtillſchweigend zuſam⸗ men, und kaum hatte die Muſik geendigt, als Herr von Reinhard mit ſuchenden Blicken herankam. 250 Ein glückliches Enſemble! flüſterte er, und lenkte nach einer ſtillern Seite des Gartens. Ich habe eben eine Unterredung mit dem König gehabt, die uns Alle in⸗ tereſſtrt, indem ſie unſern lieben alten Etourdi Reichardt betrifft. Alſo der König iſt da? fragte die Dame Bülow. Er kam als einfacher Gaſt im Frack am Arme des Herrn v. d. Malsburg. Wir trafen ihn in deutſcher Unter⸗ redung mit den Soldaten, wenn Sie ein paar dem Malsburg abgefragte Worte eine⸗ Unterredung nennen wollen.„Ihr brave Soldaten ſollen auch haben Wein“, ſagte er eben.„Es iſt ein luſtig Tag heut, und der Ge⸗ neral Morio leben hoch!“ Die Soldaten erwiderten das königliche Deutſch mit dem eingelernten:„Vive le Roi!“ Jeröme lachte und fragte Malsburg, ob dies auch ein bezahltes Vivat ſei. Mals⸗ burg meinte: nein, es ſei nur ein Vivat de par le Roi. Der König nahm mich dann beiſeite und eröffnete mir hinwerfend, doch nicht ohne eine gewiſſe Befangen⸗ heit, ſeine Abſicht, die deutſche Oper und das deutſche Theater eingehen zu laſſen. Mir machte er dieſe Eröff⸗ nung wahrſcheinlich mit Vorbedacht ſo— gelegentlich, um nicht zu thun, als ob ihn doch die Ungewißheit, wel⸗ chen Eindruck dieſer Schritt auf den Kaiſer machen könnte, noch ein wenig drücke. Vermuthlich wollte er ſich meiner Zuſtimmung verſichern, um ſich beim Kaiſer darauf zu berufen. Aber, mein Gott, warum denn, fragte die Baronin von Bülow. Ich ließ das hingeſtellt ſein, meine Gnädige, fuhr Reinhard fort. Jeröme, wiſſen Sie ja, iſt Souverain. Er warf zwar als Grund dafür etwas von ſeiner Un⸗ zufriedenheit, von Unzulänglichkeit der Mittel für zweierlei Theater u. dgl. hin; ich wußte aber bereits aus mei⸗ nen Quellen, daß man ihm ſchon länger in den Ohren gelegen, und daß eine gewiſſe Partei dieſen coup de théatre im Sinn hatte. Man will Reichardt beſeitigen, um Blangini zu befördern. Man iſt, was ich im Ver⸗ trauen weiß, einiger Briefe unſers Reichardt habhaft geworden, ſtellenweiſe mit Chiffern beſchrieben, die den Inhalt nicht blos verdächtig machen, ſondern auch auf den Uebergängen von der Currentſchrift zu den Chiffern Ver⸗ muthungen liegen laſſen, die zwar noch nicht hinreichen, ihm den Proceß zu machen, aber—— Sagen Sie ſelbſt, ſind wir denn bei unſerm alten Brauſekopf eine Stunde ſicher, daß auf denſelben Wegen, wo jene Briefe eingefangen worden, nicht neue auslaufen, die ihn zum Fall bringen? Die arme Luiſe! ſeufzte Frau von Reinhard. Nun, was thaten Sie? fragte Bülow geſpannt. Der Schlag gilt auch mir, er gilt uns Deutſchen, und wir müſſen handeln. Iſt ſchon Alles abgemacht! lächelte Reinhard. Ich fand eine gute Auskunft, die für mich den Werth einer Eingebung hatte. Es lag mir nur daran, das deutſche Theater und den Freund Reichardt zu retten, Letztern in⸗ dem ich ihn opferte. Lieber Karl—! rief ſeine Gemahlin. Ihr gebt mir doch zu, fuhr der Geſandte ruhig fort, daß er nicht zu halten iſt, weil er ſich ſelbſt nicht halten kann. Wir wiſſen, ganz im Vertrauen, daß er wirklich in preußiſchen Verbindungen ſteckt; das Schlimmſte kann ihn mit ſeiner Familie treffen. Aber, hört nur erſt! Ich gab dem König zu bedenken, welches Aufſehen es machen, wie ſehr es ganz Deutſchland beunruhigen werde, wenn eine deutſche Reſidenz ihres deutſchen Theaters be⸗ raubt würde, und daß ich ſchon dieſes Eindrucks wegen den beabſichtigten Schritt bei meinem erhabenen Kaiſer nicht vertreten könnte. Indeß glaubte ich ſelber, daß zur Hebung des Theaters etwas geſchehen müſſe, und hielt fürs geeignetſte, mit unſerer deutſchen Oper eine italieniſche Opera buffa zu verbinden. Die ſich nächſtens auflöſende Opera buffa in Wien und Prag laſſe hoffen, mehre geſchickte Künſtler zu finden, die zu beiderlei Opern verwendbar wären. Man müſſe dann freilich bei Zeiten einen Werber dahin ſenden, wozu Niemand beſſer tauge als Kapellmeiſter Reichardt. Glücklicherweiſe ſei ja Blangini da, die Direction des Orcheſters und des zweiſprachigen Hoftheaters zu übernehmen. Ah, bravo! rief der Finanzminiſter, dem Geſandten die Hand drückend. Alle gaben ihre heitere Zuſtimmung, wie denn Allen ſchon länger eine heimliche Beſorgniß um Reichardt auf dem Herzen lag. Der König hatte, wie Baron Reinhard weiter er⸗ zählte, dieſe Auskunft zwiſchen ſeiner Abſicht und ſeiner Bedenklichkeit mit lebhafter Zufriedenheit äufgenommen, und gleich morgen ſollten die nöthigen Anordnungen zur Ausführung getroffen werden. Jeroͤme hatte es auch auf 3 Zweiglein Ihrer Adminiſtration wiegt, wird er in 253 den Wink des Geſandten in der Ordnung gefunden, daß einem reiſenden Kapellmeiſter des Koͤnigs von Weſtfalen anſehnliche Reiſediäten zu ſeinem alten Gehalte angewieſen würden. Die Gönner und Freunde Reichardt's fanden nun nur noch zu überlegen, wie man dem oft eigenſinnigen Manne die Sache am beſten beibrächte, damit er nicht etwa in die Stimmung fallen möchte, der ihm ſo nahe bevor⸗ ſtehenden Aenderung ſeiner Lage in unbedachter Weiſe zu widerſtreben. Hermann bat, die Angelegenheit ihm anzuvertrauen. Er wollte ſogleich Luiſen aufſuchen und ihr die Eröffnung machen, damit ſie noch den Abend oder morgen früh ihren Vater in der rechten Stimmung zu gewinnen ſuche. Für Luiſen apart geb' ich meine Zuſtimmung, ſagte Baron Reinhard; ihr dürfen Sie mich auch als den Urheber nennen; ſie weiß ſchon, was mich angeht, zu behandeln. Ich glaube, wir brauchen uns keine Sorge zu machen, bemerkte die Baronin Reinhard; der gute Reichardt ging immer gern auf Reiſen. Und jetzt, wo er auf die Suche von Künſtlern gehen ſoll, und Talente beglücken kann— gebt Acht, er nimmt Gratulationen an! Als Hermann ſich empfahl, rief ihm Frau von Bü⸗ low nach: Vergeſſen Sie des Feuerwerks und der Beleuch⸗ tung nicht! Und Reinhard ſagte lächelnd zum Finanzminiſter: Ihr neuer Commis macht ſich. Seit er ſich auf einem 254 Selbſtgefühl ſchwerer, und Sie werden ihn bald auf einen Aſt ſetzen müſſen. In dem nachdenklichen Ernſt, womit Hermann den Garten verließ, hätte er beinahe die Oberhofmeiſterin überſehen, die eben ihren Wagen verließ, um den Neu⸗ vermählten die Glückwünſche der Königin und für die junge Frau Morio die Ernennung zur Hofdame zu über⸗ bringen. Sie verlaſſen ſchon das Feſt? redete ſie den Grüßen⸗ den— der Umſtehenden wegen— franzöſiſch an. Und ſo nachdenklich? Es iſt Ihnen doch kein Verdruß—? Sie dachte bei dieſer letzten Frage wahrſcheinlich an Morio, und dem jungen Freunde ſiel zugleich, wie durch eine Verwandtſchaft der Gedanken, das Anliegen der Gräfin ein, das er nach ſo langer Vergeſſenheit wie eine Mahnung empfand, und daher, zumal bei ſeiner augen⸗ blicklichen innern Unruhe, etwas haſtig und vielleicht un⸗ paſſend vorbrachte. Verzeihung! ſagte er. Nur eine dringende Beſorgung veranlaßt mich, das Feſt auf ein Viertelſtündchen zu ver⸗ laſſen. Da ich aber vielleicht die Gnade nicht haben werde, Durchlaucht ſpäter noch zu ſprechen, ſo erlaube ich mir zu bemerken, daß mir inzwiſchen gelungen iſt zu ent⸗ decken, daß Ihre Zofe— Angelique, glaube ich, heißt ſie— mit einem Polizeiagenten Namens Würtz in Ver⸗ bindung ſteht. Ein langer, widerlich ausſehender Menſch, ſpitze Naſe, ſpitzes Kinn, geputzt, mit geröthetem Geſicht? fragte ſie haſtig. 25⁵ Geſchminkt, Durchlaucht! Ganz recht! verſetzte ſie. Ich weiß nun ſchon! Ich habe ſeitdem auch Entdeckungen gemacht. Sie muß fort! Ich danke Ihnen! Auf ein andermal! Sie grüßte mit einer leichten Senkung ihres Fächers und betrat den Garten. Hermann eilte in der Krümmung des Rundplatzes nach der Königsſtraße. Neuntes Capitel. Ein Stiftler und ein Bachelor. Am andern Abende war derſelbe kleine Kreis, der ſich um Reichardt's Angelegenheit bemühte, beim franzö⸗ ſiſchen Geſandten auf deſſen Einladung verſammelt. Luiſe wollte kommen und über ihre Rückſprache mit dem Vater berichten, nachdem ſie gleich bei Hermann's vertraulicher Mittheilung gute Erwartungen gegeben hatte. Als ſie erſchien, beſtätigte ſich, was die Baronin von Reinhard gleich anfangs richtig vorausgeſehen: der Kapellmeiſter hatte ſeine neue Beſtimmung mit lebhafter Zufriedenheit aufgenommen. Seine alte Reiſeluſt war wieder erwacht, und ſtellte ſich diesmal ſehr behaglich auf öffentliche Geld⸗ mittel und ehrenwerthen Auftrag. Er ſah dieſe Aus⸗ ſendung als eine Auszeichnung an, und ſein befriedigtes 256 Selbſtgefühl täuſchte ihn über ſeine eigentliche Entlaſſung, von der freilich durch die Geſchicklichkeit eines diplomati⸗ ſchen Freundes der ungnädige Beigeſchmack genommen war. Seine lebhafte Phantaſie, die mit ihm nach Wien und Prag vorauseilte, ließ ihm keine Beſorgniß um den Platz, der hinter ihm eingenommen wurde und für im⸗ mer beſetzt bleiben konnte. Uebrigens war die Sache, nach Luiſens Mittheilung, bereits geordnet. Hofmarſchall, Baron von Boucheporn, mit der Generalintendanz der Kapelle und des Theaters beauftragt, hatte im Laufe des Tages dem Kapellmeiſter des Königs Vorhaben eröffnet, ihn von der Direction entbunden, und mit einem Gutachten über die Einrich⸗ tung und Beſetzung einer Opera bufa beauftragt. Dabei blieb ihm überlaſſen, die Reiſe nach Uebereinſtimmung mit ſeiner häuslichen Paßlichkeit anzutreten. Luiſe dankte dem Herrn von Reinhard für die glück⸗ liche Vermittelung der ſo bedrohten Zukunft ihres Vaters. Doch war dieſe dankbare Zufriedenheit von einer ſtillen Wehmuth getrübt, die aus der Betrachtung entſpringen mochte, daß doch nun für ihre Häuslichkeit manche frohe Stunde verloren gehe, und eine weſentliche Veränderung ihrer Lage nicht ausbleiben könne. Sie hatte die Nacht von ihrer Beſitzung Giebichenſtein bei Halle geträumt; der Reilsberg dicht hinter dem Garten war ganz in Ne⸗ bel gehüllt, der Park ganz verödet und im Küchengarten Alles verwildert geweſen; ſie hatte ſich mit verworrenen, mislingenden Geſchäften die ganze Nacht herumgeſchlagen, bis ſie müde und verdüſtert erwachte. Indeß die lebhafte Unterredung der Männer, die Ver⸗ 257 traulichkeit, womit die kleinen und doch nicht unbezüglichen Vorgänge des geſtrigen Feſtes beſprochen wurden, ließ ſolche Leidmüthigkeit nicht überhand nehmen. Man ge— dachte der Spannung zwiſchen der Generalin Salha und dem Grafen Fürſtenſtein, die doch inmitten der zerſtreuten Fröhlichkeit nicht unbemerkt geblieben war. Die ſchlaue und ſonſt ſo feine, verſteckte Frau hatte ſich beobachtet geſehen, und in Beſorgniß, aus ihrer erzwungenen Hal— tung zu fallen, das Feſt noch vor der Illumination des Gartens verlaſſen, wodurch ſie gerade noch mehr Blöße gegeben hatte. Und als Hermann den mit Pigault⸗Lebrun belauſchten Auftritt erzählte, erregte es große Heiterkeit, und man zweifelte nicht, daß es zu einem völligen Bruche und zu einer Heirath Fürſtenſtein's mit Adelheid von Har⸗ denberg kommen werde. Reinhard, der lächelnd zugehört und eine Mittheilung, die er gern machen wollte, noch einmal erwogen hatte, ſagte jetzt vertraulich leiſe:. Das war doch nur ein kleines Wetterleuchten am Feſt⸗ himmel; aber von dem eigentlichen Wetterſchlage wiſſen die Herrſchaften noch nichts. Alſo hören Sie! Morio hat eine junge Frau gewonnen, dabei aber— ſein Porte⸗ feuille des Kriegs verloren. Was Sie ſagen! rief Bülow. Und wen bekomm' ich denn ins Kriegsdepartement? Es bleibt aber für heut noch unter uns— heißt das für morgen; denn das heut geht ja ſchon zu Ende! fuhr Herr von Reinhard fort. Der König wollte ihm das Feſt, und was daran hangt, nicht verderben. Ein Kurier des Kaiſers, der nach Berlin ging, hat den Befehl zu 4— Koenig, Jeröme's Carneval. II.. 17 258 ſeiner Entlaſſung überbracht. Bisher ſchon war bekannt⸗ lich Napoleon ſehr ungehalten über die Verzögerung bei Ausrüſtung der nach Spanien beſtimmten 6000 Mann weſtfäliſcher Truppen, und war unzufrieden mit der Mili⸗ tärorganiſation überhaupt. Endlich ſcheint ihm der Faden der Geduld abgeriſſen zu ſein. Seine Geduld iſt ohnehin von dem kurzhaarigen Flachs, der ſich nicht lang aus— ſpinnt. Wir wiſſen, daß Morio nicht hoch in Gunſt bei ihm ſtand, ſeit er aus Neigung für Jeröme den franzöſi⸗ ſchen Dienſt verließ und in den weſtfäliſchen trat,— ſo wenig in Gunſt, daß er ihm ſogar den General Eble vorzieht, dem der Kaiſer doch die alte Freundſchaft für Moreau noch nicht vergeſſen hat. Und dieſer eben wird Ihr Nachfolger, Herr von Buͤlow. Nun Sie ken⸗ nen ihn ja ſchon von Magdeburg her— ein Mann von militäriſchem Talent und von Charakter, dabei wohlwol⸗ lend und liebenswürdig. Gewiß, Sie konnten keinen wün⸗ ſchenswerthern Collegen bekommen. Nachdem man die Sache durchgeſprochen, fuhr Rein⸗ hard fort: Mir hat derſelbe Kurier etwas Angenehmes mitge⸗ bracht: das von mir angetragene Ehrenkreuz für meinen Geſandtſchaftsſecretär Lefeyre. Freut mich ſehr für den eifrigen und liebenswürdigen jungen Mann! Inzwiſchen war im Nebenzimmer eine einfache, aber feine Abendeollation aufgetragen worden. Das Geſpräch wendete ſich aus Rückſicht auf die Bedienung gleichgültigen Dingen zu, bis Herr von Reinhard, durch einige Gläſer etwas geſteigert, auf Jugenderinnerungen kam, und mit 47 259 liebenswürdigem Humor von ſeiner Studienzeit im tübin⸗ ger Stift erzählte. Unſere Stuben, berichtete er unter Anderm, trugen forterbende Namen, ich weiß nicht von welchem Vater⸗ oder Gevatterſchaftsanlaß; Zion, Neujeruſalem, Karavan⸗ ſerai, Sibirien und dergleichen mehr. Vielleicht war es ein Vorzeichen von meiner nachmaligen Entführung aus Jaſſy durch die Ruſſen, daß ich in die„Karavanſerai“ logirt wurde. Wir hatten den Ausblick ins Neckarthal, unmittelbar auf den Fluß, der viel Flöße vorübertreibt, und ließen die Flößer nie ungeneckt.„Jackele ſperr'!“ war unſer begrüßender Zuruf, und wenn ſie ſich darüber einmal nicht ärgern wollten, ſo wurde ihnen ein Pantoffel durchs Fenſter hinaus gezeigt, da es denn Schimpfreden dick und derb und Flößerflüche des ſtärkſten Calibers ab⸗ ſetzte. Darüber kam es auch einmal zur Beſchwerde ge⸗ gen uns, und ein Lehrer überwachte uns beim Vorüber⸗ fahren der Flöße. Jetzt durfte es um Alles nicht fried⸗ licher als vormals abgehen, ſonſt hätte unſere Schuld am Tag gelegen. Und wie fingen wir's nun an? Wir be⸗ trugen uns mäuschenſtille; doch über dem Haupte des Profeſſors, der mit uns ausſchaute, zeigte ſich, ihm ſelbſt unbemerkbar, an einem langen Stock der alte ärgerliche Pantoffel, und der kluge Wächter war nicht wenig be⸗ troffen, als die ſaftigſten Flüche, heute doch offenbar ohne allen Anlaß, von unten herauf wetterten. Von nun an galten wir über allen Zweifel für ſittſame Theologen, die Flößer aber für rohe Geſellen und unverbeſſerliche Grobiane. Man lachte herzlich, und Frau von Reinhard verſetzte ſchalkhaft, mit etwas ſchwäbiſchem Accent: 17* 260 Schaun S', ſo iſcht unter den theologiſchen Gras⸗ mücken ein diplomatiſcher Kuckuk ausbrütet worden! Bei meinem guten Manne trifft übrigens das ſchwäbiſche Sprüchwort zu:„Aus einem Stiftler kann man Alles machen!“ Aus wem man Alles machen kann, aus dem wird gar oft nichts Rechtes, liebe Chriſtine! erwiderte er, und ſprach dann mit einem leiſen Anfluge von Rührung weiter: Darüber fällt mir ein Jugendfreund von damals ein, mein lieber Philipp Conz. Ich weiß nicht, ob Sie ihn als lyriſchen Dichter kennen. Er hält ſich mit ſeinen et⸗ was reflectirenden Poeſien ſo zwiſchen Voß und Schiller. Er iſt jetzt Profeſſor in Tübingen, faſt der einzige Phi⸗ lolog und Aeſthetiker an der Univerſität; ein kühner Be⸗ kenner zur Kant'ſchen Schule, aber ein ſchüchterner Leh⸗ rer muthwilliger Studenten. Der nun widmete mir drei Sonette freundſchaftlichen Andenkens, wie ich im Jahre 1800 als Geſandter in Bern ſtand. Bei dieſen Worten bemerkte Herr von Reinhard eine ſchreckhafte Bewegung Luiſens, die an den unglücklichen Eſchen erinnert wurde, der im Sommer eben jenes Jah⸗ res von Bern aus ſeinen tragiſchen Tod fand. Rein⸗ hard, der dies ſchnell errieth, hielt einen Augenblick inne, reichte der Freundin die Hand über den Tiſch und ver⸗ ſetzte theilnehmenden Tons: Ja, ja, liebe Luiſe, ſo Verſchiedenes kann zu glei⸗ cher Zeit von einem und demſelben Ort ausgehen, wie die Kataſtrophe eines hoffnungsvollen Dichters und ein ſchwaches Sonett des franzöſiſchen Geſandten! Es iſt mir heut zufällig in die Hände gekommen, als ich in meinen 261 alten Papieren wühlte. Und da ich doch einmal dran bin, eine Generalbeichte meiner alten Sünden abzulegen, ſo will ich mit Ihrer Aller Erlaubniß mein Dankſonett an Conz vorleſen. Es ſtammt, wie geſagt, aus dem Jahre 1800, dem Schluß eines merkwürdigen Jahrhunderts. Reinhard nahm ein Blättchen aus ſeiner Brieftaſche und las: Die alten Tage haſt du mir geſungen, Das Band der Herzen und den Bund der Lieder. Aus andern Zeiten, Völkern, Sitten, Zungen Führt mich dein Lied ins Land der Heimat wieder. Sei mir gegrüßt! Seid mir's, Erinnerungen! Der Jugendträume farbiges Gefieder Sinkt fächelnd auf mein ernſtes Schickſal nieder, Dem ich gefolgt— freiwillig und gezwungen. Du bliebeſt treu dem deutſchen Eichenhaine. Die Muſe, die einſt unſre Jugend weihte, Geht dir, wie ſonſt, begeiſternd noch zur Seite. Vergebens ruf' ich ſie, nicht mehr die meine. Verſöhne ſie mir, daß ſie mir erſcheine, Und mir das Räthſel des Jahrhunderts deute! Es war ſchon ziemlich ſpät, als der kleine Kreis ſich aufloͤſte, und Hermann, der Luiſen nach Hauſe begleitet hatte, im Mondſcheine der Sommernacht über den Fried⸗ richsplatz nach ſeiner Wohnung ſchlenderte. Erregt, wie er war, pries er ſein Geſchick, das ihn ſolchen Männern und Frauen zugeführt hatte, die mehr als blos äußerlich hochgeſtellt, die wahrhaft innerlich vornehm durch Geſin⸗ nung und Bildung erſchienen. Er freute ſich, daß es Deutſche waren, von einer Form und Politur, die der „ 262 franzöſiſchen nichts herausgab, aber den Vorzug hatte, nicht fournirt, ſondern aus dem Block gearbeitet zu ſein. Solche Geſpräche, Erzählungen, Urtheile, wie der ſo empfängliche Freund ſie in dieſen Kreiſen vernahm, muß⸗ ten ihn vielfach anregen und beſchäftigen. Sie erweiterten ſeinen Blick und ſeine Theilnahme für das Leben. Aber ſie brachten auch für ein zur Nachbetrachtung ſo geneigtes Gemüth ſoviel Stoff und Aufregung mit ſich, daß die Einſamkeit ſeines Zimmers, wo er ſich ſonſt in ſeinen Stimmungen am liebſten zurechtgelegt hatte, nicht mehr zureichen wollte, ihn zu beruhigen. Es trieb ihn jetzt mehr zur Zwieſprache und Mittheilung, und hierzu fand er ſich am liebſten bei Ludwig und Lina ein. Er traf ſie die meiſten Abende zu Hauſe, oder holte ſie zu Spa⸗ ziergängen in die reizende und wechſelreiche Umgebung der Stadt ab. Ungünſtigerweiſe, wo er gerade von mehren Tagen her ſo voll für die Mittheilung war, fand er am näch⸗ ſten Abende das Freundespaar im Begriff, einer Einla⸗ dung zu folgen. Lina war ſchon, als er eintrat, mit ihrem Anzuge fertig, bis auf den Schmuck, den ſie eben noch um den Hals legte; wobei ſie dann und wann ei⸗ nen Blick in das ſauber geſchriebene Heft von Hermann gethan hatte, das neben dem Spiegel lag. Guten Abend, Hermann! rief ſie ihm entgegen. Eben bin ich an dem ſchönen und tiefen Gedanken in Agathon's Rede, der mir auch apropos kommt. Den Gedanken, meine ich, daß Liebe alles Fremde aus uns entferne, und uns mit Dem erfülle, was uns verwandt iſt. Gut, Lina! erwiderte er lächelnd. Der Gedanke wird 8“— — „ 1 263 auch Ludwig recht kommen, und er wird ſagen, wir müß⸗ ten die Franzoſen, dieſe Fremden, aus dem Land ent⸗ fernen und es mit der altangeſtammten Fürſtlichkeit er⸗ füllen. Das ſei eben die Vaterlandsliebe. Geh' mir mit deiner Politik! rief ſie. Die iſt mir fremd und muß aus unſerer Unterhaltung entfernt werden. Mein Apropos iſt ein anderes. Was denkſt du mit dei⸗ nem Abend anzufangen? Wir ſind leider! ausgebeten. Weißt du was? Du könnteſt endlich zum Staatsrath Müller gehen. Er hat dir ja die Abendſtunden freige⸗ ſtellt, und du vergiſſeſt es immer. Was haſt du nur mit Müller, Lina? fragte er ver⸗ wundert. Nicht wahr, ich quäle dich? Aber, höre! Das iſt eben mein Apropos. Ich muß immer an ihn denken, wenn ich aus dem„Gaſtmahl“ leſe. Du verdankſt doch ihm die Anregung zu deiner Arbeit. Und da ich ſelbſt ſoviel dabei gewinne und dir ſo unendlich viel Dank ſchuldig werde, ſo möchte ich dich gern durch deinen dank⸗ baren Beſuch bei dem Staatsrathe— nach Agathon's Ausdrucke— von allem fremden Danke leer machen, um dich mit meinem ſchweſterlichen, alſo dir mehr ver⸗ wandten Danke zu erfüllen. Ah! ganz charmant! rief Hermann. Du willſt alſo— die Liebe in Perſon vorſtellen, die dort leer macht, hier erfüllt! Ich gratulire dir, und bitte, mich ja nicht zu zu kurz kommen zu laſſen! Und du willſt einen Necker vorſtellen, und einen Böſe⸗ wicht machen! erwiderte ſie verlegen und ihren Putztiſch abräumend. 264 Nein, nein, ich habe ganz Anderes vor! verſetzte er. Ich ſehe, du entwickelſt alle Tage mehr männlichen Geiſt mit weiblicher Seele. Du gehöͤrſt alſo zu den vollkom— menen Menſchen, von denen Ariſtophanes in ſeiner Rede ſpricht, die beide Geſchlechter vereinigen und übermüthig werden. Ich will alſo Jupiter bitten, daß er jenes Ge⸗ richt auch an dir ausübe und dich auch in zwei Hälften theile. Und dann nehme ich mir gleich die eine Lina⸗ Hälfte, die ich mir früher ſchon an irgend einer lieben Frau gewünſcht habe. Ich habe pränumerirt. Ahl entgegnete ſie mit ihren lachenden Backengrübchen, ſo beſcheiden du biſt, ſo wirſt du doch leer dabei ausgehen; denn die beiden Hälften, weißt du, fühlen ſich immer wie⸗ der zu einander hingetrieben, und ſo komme ich in deiner Hälfte doch wieder zu meinem Ludwig. Nieeiin, lachte Hermann, Ludwig kommt zu dir! Der Genannte trat nämlich eben ein, und mahnte zum Aufbruch. Hermann begleitete das Paar nach der Wohnung des Friedensrichters Nebelthau in der Königsſtraße. Dann nahm er, um erſt 8 Uhr vorüber zu laſſen, einen Um⸗ weg zu Staatsrath Müller. Dieſer ſaß eben zwiſchen den ſtarken Bänden ſeiner Collectaneen— jener Ausleſe von Notizen, die er aus hundert Schriftſtellern zum Behuf ſeiner Geſchichtſchreibung gemacht hatte. Er war aber ſchon auf die Anmeldung Hermann's mit dem Wegräumen beſchäftigt, und ſagte, als der Eintretende ſeine Stoͤrung entſchuldigte: — 7 — ——— — — 26⁵ Nein, nein, salve! Es wollte mir heute doch nicht ſchneiden, und ich mühte mich nur ab, weil ich nicht wußte, was ich mit meiner Vormitternacht anfangen ſollte. Ja, ſehen Sie, ſo geht's einem Weiberhaſſer, wenn er alt und leidend wird, und ſeine kranken, bekümmerten, ver⸗ droſſenen Tage ohne Gehülfin, Geſellin, Geſpons hinleben muß, bis ihm ein fremder, kalter Finger die verwelkten Augen zudrückt— eilig, haſtig zudrückt, um nach den Armſeligkeiten zu greifen, die der Arme hinterläßt. Für wen iſt der Hageſtolze ein Gegenſtand der Theilnahme? Für Niemand, außer etwa für die— Etymologen. Für die Etymologen? fragte Hermann, für die Wort⸗ forſcher? Nun ja, lächelte Müller. Man nennt doch eben ſolch' einen Unbeweibten einen Hageſtolzen. Wie's ihm zu Muth iſt, wie's ihm ſelbſt um's Herz iſt— ob wirklich ſtolz oder oft gar jämmerlich, das kümmert keine Seele; aber woher die Benennung komme— die Rubrik, unter der er ſtirbt, wird rechtſchaffen erforſcht. Ebenſo die eng⸗ liſche Benennung bachelor. Kommt her vom mittellatei⸗ niſchen baccalaria, was ein Gut von zwölf Morgen Landes bedeutet, mit zwei Ochſen zu bebauen, den Beſitzer nicht mitgerechnet, der eben der bachelor iſt. Andere erklären das Wort auch von bas chevalier. Es bedeutet auch einen baccalaureus, einen Gelehrten, der die Anwartſchaft zum Doctor hat. Nun Sie, lieber junger Freund, ſind ja bereits Doctor, und es fehlt Ihnen nur noch die Klei⸗ nigkeit einer Frau, um kein bachelor zu werden. Nun kommen Sie, ſetzen ſich hier bequem, und ſehen ſich in einer bücherreichen— frau- und kinderloſen Stube um. 266 Nehmen Sie aber kein Beiſpiel, ſondern eine Warnung daraus! Oui, oui! Müller faßte den jungen Freund gutmüthig an der Hand und zog ihn nach dem Sopha. Seine Augen wa⸗ ren entzündet und ſein kindiſcher Mund lächelte zu den launigen Worten, denen die Augen eine krankhafte Thräne zollten. Solcher Warnung bedarf's nicht mehr, Herr Staats⸗ rath, nachdem Sie mich an das Gaſtmahl der Liebe ge⸗ ſetzt haben, bemerkte Hermann. Ja? rief Müller, vergnügt die Hände reibend. Haben Sie auch fleißig geſeſſen? Und haben's ſich ſchmecken laſſen? Wir unterdrücken das gelehrte Geſpräch, das ſich hieran knüpfte, worin Hermann Rechenſchaft von ſeiner Bearbei⸗ tung ablegte, und Müller es nicht an Beifall und an Erinnerungen fehlen ließ. Im rechten Augenblicke rückte auch der junge Freund mit der Nachricht über ſeine jetzige Stellung bei Herrn von Bülow und mit der Erklärung heraus, daß er darum die gelehrte Laufbahn nicht auf⸗ geben, ſondern ſich in der Adminiſtration nur verſuchen wolle.— Ich fühle mich jung und rüſtig genug, ſagte er, das Eine zu thun und das Andere nicht zu laſſen. Die Bibel ſagt zwar: Niemand könne zweien Herrn die⸗ nen; wozu denn auch das deutſche Sprüchwort ſtimmt: Sich zwiſchen zwei Stühle ſetzen, was ſoviel bedeutet, als zu gar nichts kommen. Aber— ich ſetze mich eben noch nicht, ſondern verſuche mich hüben und drüben; ich will auch noch nicht dienen, ſondern lernen. Müller misbilligte das Vorhaben nicht, indem er meinte, es ſeien jetzt auch ſo ſchwankende Zeiten, daß 267 man leicht von einem auf den andern Sattel geworfen werde. Oui, oui! rief er, einen Haufen Briefe durch⸗ ſuchend— ich weiß gar wohl, daß uns jetzt andere Auf⸗ gaben erwachſen, als wir bisher ſehr ausſchließend verfolgt haben. Mein Freund Perthes hat nicht Unrecht, wenn er mir ſchreibt— Hoͤren Sie! „Nie hat es uns an Aufgaben allgemeiner Natur gefehlt; wir haben uns der Wiſſenſchaft, ihrer ſelbſtwillen, hingegeben. War nicht Deutſchland die allgemeine Aka⸗ demie der Wiſſenſchaften für Europa? Was empfunden und erfunden, entdeckt und gedacht wurde in und außer Deutſchland, wurde von uns gleich aufs Allgemeine be⸗ zogen und für die Entwickelung der Menſchheit verar⸗ beitet. Ein Leben immer für Europa gelebt. Reich be⸗ mittelt, tief an Charakter, haben wir nie unſere Schätze anzuwenden verſtanden, nie eine gemeinſame Tüchtigkeit und Bildung unſerm Volke gegeben, nie gemeinſame An⸗ ſtalten für Nationalehre gegründet. Dennoch kann noch Alles, was wir denken und gedacht haben, Wahrheit und Wirklichkeit erlangen, wenn wir auch handeln lernen. Männer, die nichts als Wiſſen beſitzen, werden ſelſt mit Geiſt und Kraft— Narren!“ Er blieb einige Augenblicke, während er den Brief nachdenklich faltete, in ſich verſunken ſitzen, bis er dann aufſeufzete: Ach, ich hab's ja wol auch mit zwei Stühlen ver⸗ ſucht, auf dem Katheder und ſodann in den Staatscabi⸗ netten zu Mainz und zu Wien. Aber, Eines hat mir immer gefehlt; ich weiß es, und— laſſen Sie mich's nicht ſagen: die Welt ſagt's ja laut genug! Aber wenn 268 es Ihnen nicht fehlt, theurer junger Mann, wenn Sie's beſitzen— Er faßte Hermann an beiden Schultern, und rief, ihn ſchüttelnd, exaltirt, aber mit gedämpftem Tone: Halten Sie es hoch, halten Sie es höher als Geld, als Ruhm, als das Leben— ein muthiges Herz, meine ich, mon ami, ein Herz voll Muth, und ſetzen Sie das Leben an Ihre Ueberzeugung, an die Wahrheit, an das Wohl der Welt! Ach—! Er ſank, die Hände gefaltet, in die Kiſſen zurück; er hatte ſich in Thränen geſprochen, und athmete keuchend. Nach einer Weile beruhigter Aufregung fuhr er gefaßt, mit ſanfter Rührung fort: Und was hat man von aller Angſt oder Vorſicht, wenn's denn doch mit uns zu Ende geht? Ich habe mich vor allem äußern Anſtoß an die Macht der Erde gehütet, um meine Tage zu ſparen, um das liebe Leben nicht als Capital zu wagen, und nun hab' ich's als Rente verzet⸗ telt, habe mich innerlich verzehrt. Ich ſtehe erſt in mei⸗ nem 57., und der Himmel weiß, ob ich's noch bis zum nächſten Mai bringe, und ein neues Aufblühen erlebe— wenigſtens der Natur, wenn auch nicht der Nation! O gewiß, Sie werden es! rief Hermann lebhaft be⸗ wegt. Ihr Leben wird ſich noch einmal erneuern. Das 56. Jahr iſt ein Stufenjahr; es war Ihr achtes Septen⸗ nium; die ſchwere Krankheit, die es Ihnen gebracht, war eine Uebergangskriſe, ein Knoten, möcht' ich ſagen, in dem Fruchthalm Ihres Lebens, und nun wird eine vollere Aehre ſprießen. Auch den verlorenen Muth des Herzens können Sie wieder gewinnen durch einen freien Aufſchwung —— —,—— 269 der Feder. Beflügeln Sie die Jugend Deutſchlands! Alle Männer von Vorausblick erwarten vom nächſten Jahre 1809 einen großen Umſchlag der Verhältniſſe. Ich weiß, was man von Oeſtreich erwartet, verſetzte Müller leiſe und mit Winken zur Vorſicht; aber ich weiß auch, daß die Regenten des öſtreichiſchen Hauſes es ſel— ten verdienten, Beherrſcher von Deutſchland zu ſein, wo⸗ von mir unter Anderm einer der ſtärkſten Beweiſe erſcheint, daß ſie es eben nicht geworden ſind. Ich weiß auch, was man will, und daß man ſehr uneinig iſt über— ein einiges Deutſchland. Die Einen wollen es innig, einzig wie unter dem kraftvollen Heinrich III., unter Barbaroſſa, Rudolf von Habsburg; Andere ſind für eine Centraliſi⸗ rung unter großen Maſſen— einen Dualismus von Oeſtreich und Preußen nach dem Laufe des Mainſtroms. Nun ja, fiel Hermann ein, viele einſichtsvolle Män⸗ ner glauben, der ſchwere Druck der Gegenwart ſei einer umfaſſenden Löſung von alten Uebeln günſtig, einem Ende der Verſchwendung, der Jagdwütherei, der Miniſter⸗ und Kanzleiveziere, der Judenfinanziers, des Seelenverkaufs u. ſ. w. Glauben Sie mir, erklärte Muͤller, auch vereint wie England und Frankreich würde aus dem Deutſchen nicht, was dieſe weſtlichen Nachbarn ſind. Klima, Organiſation, das elende Bier, die wenige Theilnahme an Welthändeln, hindern es. Der etwas phlegmatiſche Staatskörper muß in jedem ſeiner Theile ſelbſtändiges Leben haben; von einem Haupte würde die Verbreitung zu unmerklich ſein. Das verhüte der Himmel, hoher, edel geſinnter Mann, rief Hermann aus, daß Sie nach verlorenem Muthe des Handelns auch noch den Muth des Hoffens aufgeben ſoll⸗ 270 ten! Erzählen Sie uns Hoffenden lieber die Erlebniſſe Ihrer Vergangenheit. Geſammelt werden ſie in den Her⸗ zen der deutſchen Jugend einen Brennpunkt finden und entflammen— dieſe Erlebniſſe. Etwas betroffen entgegnete er: Ich bin zu müde, die Abenteuer meines Lebens zu beſchreiben. Herausgeworfen bin ich aus meinem Lebens⸗ plan. Ob was ich thue beſſer und nöthiger iſt, ob es für lange oder immer ſo iſt— das weiß Alles nur Gott. Uebrigens habe ich nie mehr gefühlt, daß der Menſch, was er iſt, von innen heraus iſt. Aber ich will Sie nicht abhalten, unter die Fahne der Muthigen, Entſchloſſenen zu treten. Ich will Sie in den kleinen Kreis meiner ver⸗ trauten Freunde führen, wo Ihre Seele friſcher aufathmen wird, als in meiner einſamen Krankenſtube. Kennt Sie ſchon mein lieber Simeon, der Miniſter? Nein, antwortete Hermann. Aber ich verehre ihn. Er hat auch im Staatsrathe für meinen Goöͤnner, Herrn von Bülow, ſo nachdruͤcklich geſprochen. Ich wünſchte wol ihm meine Verehrung zu bezeigen. Gut! fuhr Müller fort. Sie müſſen ihm in Ihrer jetzigen Stellung ohnehin Aufwartung machen, und ich gebe Ihnen ein Billet zur beſondern Empfehlung mit. Ich ſchreibe und ſchicke Ihnen einige Empfehlungen an vortreffliche Männer. Sie müſſen den geiſtreichen Staats⸗ rath Leiſt, den wackern Herrn von Wolffradt in ſeinen Tabackswolken, den jungen Jakob Grimm, Staatsraths⸗ Auditor, eine herrliche deutſche Hoffnung, kennen lernen. Nur— laſſen Sie Ihren Jugendmuth nicht ohne Zügel. Sie ſind eingeweiht, wie ich vermuthe, in die preußiſchen 271 und heſſiſchen Verbindungen; vergeſſen Sie ja keinen Au⸗ genblick die Gefahren, die jeden Einzelnen treffen, der im Gefühl einer Verbindung mit Vielen, übermüthig, oder allzu vertrauend wird! Setzen Sie zwei Genien vor den Ein⸗ und Ausgang Ihrer Myſterien— die Vorſicht, die mit himmelblauen Augen heiter umherſchaut, und je⸗ nen herrlichen Genius, der mit tiefem, dunkelm Blick den rechten Zeigefinger auf die geſchloſſenen Lippen drückt. Vor allem laſſen Sie ſich von der Geld⸗ und Genuß⸗ ſucht unſerer Tage nicht verlocken.„Divitiae grandes ho- mini sunt— vivere parce, aequo animo.“(„Mäßigkeit und Gleichmuth ſind große Reichthümer für den Menſchen.“) Doch— Sie ſind ja Philoſoph und von Fichte's ſtrenger Schule, und wiſſen ſchon, was ich noch dieſe Tage einem Freunde ſchrieb:„A quoi servira toute notre philosophie, si elle ne peut pas nous consoler de n'avoir peut- étre que 50 à 60,000 écus et la perspective d'un ou de deux baillages.“ Hermann hatte ſich erhoben, indem er, ſehr bewegt, des gutmüthigen Mannes Hand ergriff. Müller umarmte ihn mit den Worten: Adieu, mein Sohn! Gehen Sie dann recht bald zu meinem Simeon. Nur— ja nichts bei ihm von unſern deutſchen Beſtrebungen! Er dient einem Napoleon und iſt ein Mann von ſtrenger Rechtſchaffenheit. Adieu!— Nein, noch einen Augenblick! Ich pflege, wie Sie wiſſen, mei⸗ nen jungen Freunden gern als Gaſtgeſchenk eine Kleinig⸗ keit aus meinen Erfahrungen mitzugeben. So ſage ich Ihnen denn: Erſtürme nicht, was ordentlich erobert wer⸗ den muß, festina lente, eile mit Weile, und ſei zweitens 272 verſichert— unſer Beſtes muß aus uns, und nicht von Andern in uns kommen. Und ſomit Gott befohlen, mein junger, lieber Freund! Zehntes Capitel. Unverſtandene Liebe. Von einem ſo pünktlichen Manne, wie Müller war blieben die zugeſagten Empfehlungshandbriefe nicht lange aus. Hermann nahm ſich dann auch vor, den ihm be⸗ ſonders nahe gelegten Beſuch bei Miniſter Simeon nicht zu verſchieben, um zugleich ſeinem eigenen innern Drange der Ehrerbietung genug zu thun. Heut Vormittag nahmen ihn aber Geſchäfte in An⸗ ſpruch, und ſchon in der Frühe hatte ihm Lina ſagen laſſen, daß ſie ihn im Laufe des Tags zu einem unver⸗ ſchieblichen Ausgang in die Stadt erwarte. Er machte ſich daher für den Nachmittag frei. Als er zu ihr kam, erklärte ſie ihm, die Appellationsräthin Engelhard wün⸗ ſche ſich mit ihnen zu berathen, und zwar, wie es ſcheine, über einen Gegenſtand, für den ſie beſonderes Vertrauen zu einem Philoſophen habe. Lina verſteckte unter dieſem Scherz eine gewiſſe Be⸗ fangenheit, die dem Freunde hätte verrathen können, daß ihr die Angelegenheit bekannter ſei, als ſie es Wort ha⸗ ben wollte. 273 Die Räthin empfing Beide in ihrem Zimmer allein, und ſorgfältiger als ſonſt gekleidet, was dem Ehrengaſte des Hauſes, dem Landſtande Nathuſius, gelten mochte. Ihr Mann war in einer Gerichtsſitzung abweſend, und die Töchter ließen ſich nicht ſehen. Die Stille und der leiſe Geruch eines ſchon abduftenden feinen Rauchpulvers ſetzten die Wohnung in eine gewiſſe Feierlichkeit, die un⸗ vermerkt auf die Eintretenden überging. Die Räthin ge⸗ ſpannt, Lina bewegt, Hermann erwartend brachten ſie keine leichte Unterhaltung zu Stand, noch weniger in Gang, und Frau Philippine rückte daher mit ihrem Anliegen heraus. Es betraf eben den Ehrengaſt Nathuſius. Der reiche Fabrikant hatte ſich erklärt, und um die Hand einer der Töchter angehalten. Dieſe Hand, wie er ſich mit Rüh⸗ rung ausgedrückt hatte, ſollte ihm eine ſo liebevolle, glück⸗ liche Häuslichkeit ſchaffen, als die ſei, worin er ſich jetzt ſo unausſprechlich wohl und heimiſch fühle. Es iſt ein herzensguter, edeldenkender und ſehr ge⸗ bildeter Mann, verſicherte die Räthin. Er kam über ſeine Weichmüthigkeit, als er ſich mir offenbarte, ein we⸗ nig in Verlegenheit, und ſetzte gleich lächelnd hinzu, er wünſche ſich einen Ableger von dem Engelhard'ſchen und engelhaften Paradiesbaum für die weite Steppe ſeines großen Geſchäftsbetriebs, wo es ihm bisher an einer Oaſe der Liebe, an einer ſchattigen, quellenreichen Ruhe⸗ ſtätte der Herzensinnigkeit gefehlt habe. Kurz, er wurde ganz poetiſch, woraus ich ſah, wie innig er es meinte. Hermann, vor dem Eintritt in das feierliche Haus ſehr heiter aufgelegt, brachte in dieſer rückkehrenden Stim⸗ Koenig, Jeröme’s Carneval. II. 18 274 mung unbefangener, als es die Mutter erwartet haben mochte, ſeinen Glückwunſch und die lächelnde Frage vor, welche von den ſieben Liebenswürdigkeiten der wackere Mann als Setzling in den fruchtbaren Boden ſeines Ge⸗ ſchäfts zu verpflanzen dächte. Die Räthin mußte ſich von einer leiſen Empfindlich⸗ keit über dieſen ſcherzhaften Ton einen Augenblick erholen, und ſagte dann: Das iſt es eben, Herr Doctor, und darum habe ich mir eben Ihren angenehmen Beſuch gewünſcht, gerade darum. Sie haben jüngſt ſo ſchöne und tiefe Worte über die Ehe geſprochen, die Ihnen gewiß aus dem Herzen gekommen ſind, und hier haben wir nun den Fall, daß Herr Nathuſius ſich für keines meiner Mädchen apart erklärt hat, ſondern uns überläßt, welche von den Sie⸗ ben ſich am eheſten entſchließen möchte, ihn zum glück⸗ lichen Mann zu machen. Die Wahl ſcheint ihm mithin ſchwer zu werden, und— fehlt es da nicht an dem Fundament einer guten Ehe, an der entſchiedenen Liebe? Sehen Sie, das iſt für mich ein ſchweres Bedenken! Sie meinen, Frau Räthin, ein ſolches Werben auf Gerathewohl dürfte weniger wohl gerathen, verſetzte Her⸗ mann, und Lina, indem ſie ihm verſtohlen ein ernſthaf⸗ tes Geſicht vormachte, nahm das Wort: Er überläßt alſo jedem andern Bewerber die Vor⸗ hand? Und freilich würde ihm die Wahl leichter werden, wenn erſt Einer oder der Andere die Gegenſtände ſeiner Wahl vermindert hätte. Sie brach erſchrocken ab, und Hermann ſprach mit ruhigem Ernſte: —— 27⁵ Ich ſehe die Sache anders an, und glaube auch das Herz des Mannes aus einigen Aeußerungen verſtanden zu haben. Er macht ſich bei der Jugend Ihrer Töchter Serupel über ſein vorgerücktes Alter, und nicht ſowol, daß ihm die Wahl ſchwer werde, fürchtet er vielmehr, daß ſeine Wahl der Geliebten wehthue. Und zu die⸗ ſer Aengſtlichkeit kommt eine ebenſo zarte Achtung, die ihn abhält, das Gewicht ſeines Reichthums und Anſehens mit in die Wagſchale ſeiner Bewerbung um die Eine zu legen. Er mag vielleicht denken, Eine der Andern könnte mehr Neigung für ihn haben, als gerade die von ihm Begehrte, und ſcheut ſich doch, nach einer abſchlägigen Antwort dieſer Einen ſeinen Antrag auf eine nächſte Schweſter zu übertragen. Dies würde ſich allerdings auch etwas beſchämend für ihn und die Töchter aus⸗ nehmen. So meinen Sie? erwiderte die Räthin. Das iſt'was Anderes, und doch— ſieht es eigentlich nur anders aus; der liebe Mann hat hiernach ſehr viel Zartgefühl, aber — das iſt ja doch noch keine Liebe. Vielleicht hofft er, verſetzt Hermann, daß Diejenige, die er im Stillen liebt, ihn verſtanden habe, und wünſcht nur, ſich durch ihre freiwillige Erklärung auf ſeine all⸗ gemeine Bewerbung von ihrer wirklichen Gegenneigung zu überzeugen. Alſo, Sie meinen, daß er doch eines meiner Mäd⸗ chen beſonders im Sinn habe? wendete Philippine ein. Wenn nun aber die Erwartung fehlſchlüge, und eine an⸗ dere meiner Sieben, als die von ihm geliebte, empfände Neigung genug zu dem braven, lieben Manne, um die 18* Sre——— — 5 276 Allen geltende Bewerbung für ſich anzunehmen: fiel dann ſeine wirkliche Liebe nicht in die Brüche? Nein! lächelte der junge Philoſoph. Er übertrüge ſie nur auf die dafür empfängliche Tochter. Die Liebe des Mannes, wenn ſie ſich meiner frühern Betrachtung erinnern, iſt ja von der Natur zur Wahl und Werbung nach allen Seiten getrieben, freier als die abwartende, empfangende Liebe der Frau. Ein edler Mann, reif an Sinn und Seele, und der das menſchliche Herz kennt, beſitzt die volle, ſich ſelbſt beherrſchende Macht der Liebe, die das liebenswürdige Weib, wo ſie es findet, ergreift, und wenn er Gegenliebe findet, es beglücken kann. Seine Liebe iſt nicht mehr die des Jünglings, die wie ein Erd⸗ feuer auf Gerathewohl da oder dort vulkaniſch aus dem Boden ſchlägt, und oft verzehrt, was ſie erreicht; ſie iſt das gemäßigte, gemeſſene Herdfeuer, das ſchicklich über⸗ tragen werden kann, und ein heiliges Feuer wird, wenn im Lauf der Jahre die qualmenden Stoffe gelöſt und entwichen ſind, und die Treue den häuslichen Herd zu einem Altar der vollendeten Menſchheit einweiht. So denken Sie ſich das Herz unſers werbenden Freundes, gleich empfänglich für die, wenn auch unterſchiedene, doch gleich anziehende Liebenswürdigkeit Ihrer Töoͤchter.— Keine derſelben hat ſich alſo ſchon erklärt? Nein, wie Sie ſich denken können! entgegnete die Mutter. Alle ſchwärmen für den lieben und ſtattlichen Mann, doch an perſönliche Herzenszuneigung hat noch keine gedacht. Inſoweit wir aber die Bewerbung für ein Glück und für eine Ehre anſehen, iſt die Liebe der Schwe⸗ ſtern zu einander ſo groß, daß jede zu Gunſten der an⸗ dern zurücktreten möchte. Ja, wenn wir wüßten, für welche der Sieben, oder doch der drei Aelteſten, Herr Na⸗ thuſius den meiſten Zug hat? Ich glaube mich nicht zu irren, erklärte Hermann, daß er ſich am entſchiedenſten von Ihrer Thereſe ange⸗ zogen fühlt. Von Thereſen? rief die Räthin erſchrocken. Juſt von meiner Thereſe? Nun ja! Warum nicht? Könnten die kleinen Eigen⸗ thümlichkeiten, mit denen ſie ſich unter den Schweſtern auszeichnet, in ſeinen Augen nicht zufällig für beſonders anſprechende Vorzüge gelten? Und Sie ſagen das— Sie ſelbſt ſo ruhig, ſo—! rief die Räthin, in bekümmerter Empfindung ſich ſelbſt ver⸗ geſſend, wehmuͤthig aus. Ich verſtehe Sie nicht, liebe Frau Räthin! ſagte Her⸗ mann befremdet, und Lina, die ſich bei der Beſprechung etwas blöde hielt, fiel jetzt lebhaft ein: Die Frau Appellationsräthin meint nur, lieber Her⸗ mann, du ſagteſt das mit ſoviel Ruhe und Zuverſicht, als ob gerade Thereſe ihn auch am eheſten beglücken könnte, weil er ſie den Andern vorzieht. Die Mutter, ihren Empfindungen noch immer nicht mächtig, nickte nur beiſtimmend, und Hermann verſetzte lebhaft und mit Wärme: Ja, dieſe Zuverſicht hab' ich auch. Thereſe hat in ihrem ganzen Weſen etwas Ernſtes, Sinniges voraus. Ja, in ihren Augen dämmert ein von Liebe und Sehn⸗ ſucht bewegtes Herz, das nur die Hand eines ſo edeln weltwirkſamen Mannes zu ergreifen braucht, um ſich in ſeiner eigenen Macht, in ſeinem eigenen Werthe zu ver⸗ ſtehen, und in dem Glück und Schaffen des Gatten ſich froh und befriedigt zu finden. Dieſe Worte machten den wunderſamſten Eindruck auf das mütterliche Herz. Die ſchöne Anerkennung ihres Kindes traf mit einer getäuſchten Erwartung zuſammen. Die warme Einſicht des jungen Mannes in ein liebens⸗ würdiges Geſchöpf ohne alle Empfänglichkeit des Herzens für daſſelbe, die Erkenntniß der erwachenden Liebe des Mädchens ohne alle Ahnung, daß dieſe Neigung ihm ſelbſt gelte, wirkten wohlthuend und verletzend zugleich. Die gute, einfache Frau konnte dieſer widerſpruchvollen Aufregung der Seele ſo wenig Herrin werden, daß ſie ſich an Lina'’s Bruſt warf und ſchmerzlich ausrief: Was ſagen Sie, liebe Freundin, zu ſolcher Anerken⸗ nung! Ach ja, mein Engel Thereſe hat ein liebreiches Herz, ſie hat es! Daß man doch mit einem klaren Kopf, mit einer barfüßigen Logik ſoviel erkennen kann! Ach, was unſere jungen Herren doch heut ſo einſichtsvoll und ſcharfſichtig ſind! Nicht wahr? Und ſich raſch zu Hermann wendend: Verzeihung, hochgeſchätzter Herr Doctor! Sie haben mich doch ſehr beruhigt in dieſer ernſten Familienangelegenheit. Ich danke Ihnen! Ich hatte doch gleich viel Vertrauen zu Ihrer Einſicht. O ja, ich kann mich nun doch viel eher mit meinen Kindern berathen. Denn mein Mann hält dieſe Bewerbung für eine Sache der mütterlichen Inſtanz, und behält ſich ſeinen Rath und ſein Urtheil für den Fall offen, daß die Verhandlungen in appellatorio an ihn gelangen. ₰ ——— ₰ Indem trat Thereſe blaß und verzagt ein, grüßte erröthend Hermann und Lina, und ſagte mit leiſer, be⸗ bender Stimme: Herr Nathuſius läßt fragen, ob er ein Stündchen herüberkommen dürfe. Frau Philippine war beim Anblick des Kindes ſehr erſchrocken. Die haſtige Bewegungen, womit ſie an ihrem Halstuch und an der Haube zurechtrückte, während The⸗ reſe ſprach, verriethen ihre innere befangene Unruhe und die Bemühung, ſich zu faſſen. Sie konnte auch nicht gleich antworten, ſondern zog die Tochter an ihre Bruſt. Eine Thräne fiel auf die Stirne des Kindes und überlieferte, wie es ſchien, das Leid des Mutterherzens dem ahnenden Verſtändniß der Tochter. Denn Thereſe, einen Augenblick erſchüttert, erhob ſich mit Anſtrengung, und ſtand wie geſtreckt vor der Mutter. Geh', mein Kind, ſagte dieſe mit Faſſung, und ſage ihm— nun ja, du weißt ja ſelbſt,— Herr Nathuſius iſt uns ſehr angenehm. Empfang' ihn aber hier nebenan, unterhalte ihn freundlich, ſetze dich zu dem lieben Gaſt und ſag' ihm, ich käme gleich. Thereſe verneigte ſich mit niedergeſchlagenen Augen gegen den Beſuch, und ging in ſtolzer Haltung nach der Thür. Nur die Mutter bemerkte, daß ſie, ſchwer auf⸗ athmend, ſich einen Augenblick an die Thürpfoſte hielt. Lina wollte nun nicht länger bleiben und nahm Ab⸗ ſchied. Allein, die Räthin bat ſie und Hermann, nicht ſo zu eilen; es ſei ihrer Tochter gut, wenn ſie den lie⸗ ben Gaſt etwas länger unterhalten müſſe. Sie waren aber heut ungewöhnlich ſtill und ſogar etwas feierlich, liebe Lina? ſagte ſie beim Aufbruch, und Lina verſetzte mit einer leichten Befangenheit: Ich habe ſo meine Betrachtung angeſtellt, wie ſchwer man es mit der Liebe und Ehe nehmen kann, und wie leichtfertig es doch gewöhnlich damit genommen wird. So unerſchöpflich die Liebe in ihren Verbindungen er⸗ ſcheint, ſo unerforſchlich bleibt ſie in ihrem Weſen. Ganz recht, liebe Lina! fiel Hermann ein. Sie be⸗ ſchäftigt den menſchlichen Verſtand nicht weniger, als ſie das menſchliche Herz in Beſchlag nimmt. Und beide, Herz und Verſtand, liefern auch Thoren genug zur Va⸗ ſallenſchaft der Liebe. Drum ſollte man es eigentlich mit dem perſiſchen Dichter Rumi halten, wenn er ſingt: Was die Lieb' ſei, was Geliebtſein, forſche nicht! Nimmer lernſt du's, wenn's die Lieb nicht ſelber ſpricht. Was die Sonn' ſei, Keiner ſagt's, als ſie allein. Drum verlangt dich zu ihr hin, ſo blick' hinein!“ Ach, das iſt recht ſchön, und ſo wahr! rief die Rä⸗ thin aus. Das„Blick' hinein“ geht auf die Sonne und auf die Liebe. Wiſſen Sie was? Schreiben Sie mir's auf! Ich will's als Wahlſpruch meinen Sieben vorlegen, um ſich für den guten Herrn Nathuſius im Herzen zu prüfen. Blickt hinein! will ich ihnen ſagen. Sie holte Schreibzeug herbei, und flüſterte ihm zu: Nicht wahr, die Bewerbungsart des lieben Herrn bleibt unter uns, lieber Freund? Hermann drückte ihr die Hand und nickte ihr freund⸗ lich zu. Während er ſchrieb, raunte ſie Lina in's Ohr, indem ſie nach Hermann blinzte: Auch Das wegen meiner armen Thereſe bleibt unter uns Beiden. Lina umarmte ſie und empfahl ſich mit dem Freunde, als dieſer fertig wär. Unterwegs ſprach ſich Hermann mit lebhafter Achtung über die Mutter Engelhard aus, die nicht wie hundert andere Mütter eine für ihre Verhältniſſe ſo glänzende Bewerbung mit beiden Händen ergreife, ſondern ſich um den„Nebenartikel“ der Liebe und Eegenliebe be⸗ kümmere. Sie wurde ja ordentlich wehmüthig und ärgerlich zu⸗ gleich, lächelte er, als ich ihr meine Meinung nicht gleich klar machen konnte. Auf dieſe Aeußerung verſtummte Lina einige Augen⸗ 9 blicke. Sie war wunderbar bewegt— eigentlich ſo ſeelen— vergnügt über Hermann's blinde Unbefangenheit, daß ſie ihn gern damit geneckt und beſchämt hätte. Doch ein ängſtliches Gefühl hielt ſie davon ab, und ſie überredete ſich, daß ſie der lieben Thereſe zu ſchweigen ſchuldig ſei. Sie verſetzte nur lächelnd und zerſtreut: Deine Meinung? O lieber Hermann— ſollteſt du 1 dich nicht geirrt haben? Indeß fuhr der Freund bereits fort: Ich habe ihr deswegen abſichtlich den„Forſche nicht“⸗ Vers gegeben. Du hatteſt ganz Recht, Lina: wer kann 4 alle die abweichenden Verbindungen berechnen, die durch 5 Liebe zu Stande kommen— die wunderbarſten und die wunderlichſten! Die Liebe iſt die freieſte Macht der Seele, oder ſie iſt die freie Seele ſelbſt; aber es ſcheint über 4 —— ſie verhängt zu ſein, daß ſie ihr Glück nur wagen kann — verlaſſen von aller Berechnung und oft auch vom lei— ſen Vorgefühl des Rechten. Drum lacht ja, wie ſchon die Alten ſagten, Jupiter über die Schwüre der Verlieb⸗ ten. Und er ſelbſt, der lachende Gott, iſt ſeiner Welt ironiſch genug mit Vorbildern zweibeiniger, vierfüßiger, geftederter und goldregentropfender Liebe vorausgegangen. Seitdem hat eine hohe Seele ätheriſche Flügel, indeß der rohe Sinnenmenſch, wie der verſtierte Gott, einer juno⸗ niſch geſchminkten Europa nachrennt, und der reiche Geck um eine Danaé mit Goldſtücken buhlt, die er in ihren Schoos ſchüttet. Was an der Liebe ſich berechnen läßt, iſt eben nur die Miſchung ihrer ſinnlichen⸗Beſtandtheile, und es bleibt faſt nur eine Fügung oder ein Zufall, daß ein Liebender ſeine beglückende und ergänzende Hälfte finde. Ludwig war noch nicht von ſeinem Geſchäft zurück, als Beide in der Wohnung ankamen. Hermann wollte ſeit kurzem eine trübe Niedergeſchlagenheit an ihm be⸗ merkt haben und fragte, ob ihm etwas fehle oder be⸗ gegnet ſei, was ihn verſtimme. Dies berührte eine wehe Stelle in Lina's Herzen. Sie war nämlich, ſeitdem ſie Luiſens Argwohn gegen ihre Freundſchaft für Hermann abgefertigt glaubte, deſto ängſtlicher und nachdenklicher über ihr eigenes Herz ge⸗ blieben. Ihre Empfindung für den Freund täuſchte ſie über den zunehmenden Trübſinn ihres Mannes, und gab ſeiner Verſtimmung eine falſche Auslegung. Sie fürchtete Ludwig's Vertrauen verwirkt zu haben, und hielt nun * 3 6 4 2 durch Fleiß und Anſtrengung zu der Thätigkeit gebracht, aus falſcher Scheu mit dem ihrigen gegen ihn zuruück, ſodaß ſie ſich in den ſonderbarſten Kampf mit ſich ſelbſt verwickelte. Sie liebte ihren Mann, und war ſich deß mit allem weiblichen Stolze bewußt. Auch hatte er ihr in Bezug auf Hermann noch keine bedenkliche Silbe ge⸗ äußert. Sollte ſie dennoch den lieben Freund mehr von ſich entfernen? Aber, da er ſelbſt durch ſein Betragen keinen Grund dazu gegeben, unter welchem Vorwande ſollte ſie es thun? Ihm etwa geſtehen, ſie traue ihrer eigenen Neigung für ihn nicht? Oder ihren Mann in den Schein einer lächerlichen Eiferſucht ſtellen? Beides unmöglich! Und um ſich mit ihrem Ludwig zu verſtändigen, ſollte ſie ihm etwa zur Beruhigung betheuern, daß ſie frei von Zuneigung für den Freund ſei, oder ihm reumüthig be⸗ kennen, daß ſie nicht ganz frei ſei? Sie konnte nicht einig mit ſich ſelbſt werden, und die Zweifel, die manche einſamen Stunden ihrer einfachen Häuslichkeit trübten, waren am andern Tage wie flüchtige Wölkchen am hei⸗ tern Himmel ihrer Seele auch wieder verſchwunden. Was blieb ihr in dieſer Verwirrung übrig, als zu ſchweigen und über ſich ſelbſt zu wachen? Und hiermit traf ſie es auch in der That. Denn wirklich war es nur das an⸗ ſtrengende Geſchäft und die ängſtliche Heimlichkeit der kur⸗ fürſtlichen Partei, was Ludwig's Geſundheit angriff und ihn verſtimmte. Von robuſtem Ausſehen, aber ſehr reizbarer Conſti⸗ tution, hatte es Ludwig, bei nur mäßiger Begabung, durch die er Anerkennung und Beförderung erlangte. Da es ihm dabei nicht an männlichem Ehrgeiz fehlte, ſo ward er ſeinem Miniſter Simeon, der beide Departements des Innern und der Juſtiz zu organiſiren und zu verwalten hatte, mit jedem Tage durch den Eifer angenehmer, mit dem ein ſo brauchbarer und zuverläſſiger Arbeiter allen Geſchäften und Aufträgen entgegenkam. Begreiflich, daß ſolche Anſtrengung ſehr bald auf ein ſolches Naturell durch körperliche Störungen zurückwirkte. Könnte ich ihm beiſtehen, könnte ich ihn erleichtern! rief Hermann aus, als ihm Lina ihre Vermuthungen und Ludwig's Aeußerungen mitgetheilt hatte. Aber, höre Lina! Wir wollen uns vereinigen, für ihn zu ſorgen. Wir wollen ſeinen Eifer mäßigen, ſein Gemüth erheitern. Was ihn erfreuen, erheben könnte, wollen wir ihm ent⸗ gegenbringen. Er ſoll öfter Urlaub nehmen, auf euern Landſitz gehen oder kleine Reiſen thun. Vielleicht wäre ihm der Gebrauch eines Bades zu rathen. Nicht wahr? Oder was denkſt du ſonſt noch, was ich dabei thun könnte? Er ſtreckte ihr, wie Hülfe anbietend oder Aufträge fodernd, ſeine Hände entgegen, und ſie, beide lebhaft er⸗ greifend, rief er aus: Ja, Hermann, das wollen wir! Vereint überlegen; ohne ihn ſeines Trübſinns zu berufen, was er nicht gern hat, wollen wir lauſchen, was ihm erfreulich wäre; be⸗ denken, wozu wir ihn ſtimmen könnten. Wir lieben ihn ja, und— nicht wahr, Hermann, gerade in dieſer Liebe für Ludwig beſteht ja unſer Beider herzliches und trau⸗ liches Einverſtändniß? Gewiß, gewiß, Lina! rief er, und zog ſie einen Augenblick ſeiner ſchwärmeriſchen Erhebung an ſeine Bruſt. 28⁵ Sie entzog ſich ihm erröthend, und beide zarten Hände auf der ſtürmiſchen Bruſt faltend ſagte ſie etwas verzagt und kleinlaut: Und weißt du, was ich mir ſchon ausgedacht habe? Daß du heirathen mußt. Schon dein Verlöbniß brächte ein neues Intereſſe in unſer ſtilles Haus, wir kämen in eine beſſere Stellung zu einander. Nein, misverſtehe mich nicht mit deinen Augen! Ich meine nur, es brächte mei⸗ nen Ludwig dahin, mehr aus ſich herauszugehen; er müßte wieder galant ſein, wie er gegen mich als Braut war. Unſere Freundſchaft wäre dann gepaart, unſere Liebe überkreuzte ſich; Ludwig müßte aus Aufmerkſamkeit, aus Artigkeit gegen die Braut oder Frau des Freundes Manches thun und laſſen, was er um ſeiner Frau oder des Freundes willen nicht thut. Indem ſie dies und noch mehr immer lauter und lebhafter ſprach, kam ſie unter Hermann's groß und ſin⸗ nend auf ihr ruhenden Augen in immer zunehmende Ver⸗ wirrung. Sie glaubte ſich in ihrer heimlichſten Empfin⸗ dung durchſchaut, und ſprach immer haſtiger von ihrem Glück mit Ludwig, von ihren heiligen Wünſchen für den Freund, von ihrer Hoffnung eines reinen, edeln Bundes der Freundſchaft— immer eifriger, wehmüthiger, bis ſie, von ihrer Angſt und Rührung erſchüttert, ſich laut weinend an ſeine Bruſt warf, als ob ſie ihre Thränen und ihr klopfendes Herz vor ſich ſelbſt verbergen möchte. Hermann ſchloß ſie feſt in ſeine Arme; eine ängſt⸗ liche, ahnungsvolle Theilnahme an dem Seelenzuſtande der Freundin mäßigte den Eindruck und Zauber ihrer reizenden Hingebung und das Entzücken, das ihn im 286 erſten Augenblick durchbebte. Er küßte ihre Stirne und ſprach, von ſtürmiſchen Empfindungen bewegt: Ich habe dich verſtanden, Lina! Unſere Freundſchaft beunruhigt deinen Ludwig.—— Nun, was thun? Laſſen kann ich dich darum nicht, entbehren dich und Lud⸗ wig nicht. Wie ſoll ich mich zu euch ſtellen, um euern Frieden nicht zu trüben, dir dein Glück nicht zu ſtö⸗ ren?—— Heirathen? Geh' doch, es iſt dein Ernſt nicht! Und dennoch—! Ja, du haſt Recht: damit löſte ſich aller Misverſtand, alles Mistrauen. Und— es wäre freilich auch das Leichteſte.— Oder doch das Ein⸗ fachſe.—— Nun ja, Lina, es läßt ſich überlegen. Um dich zu behalten— warum ſollt' ich nicht heirathen können? Ja, Lina, ich will's überlegen, und du hilfſt 8 mir ſuchen. Du! Du willſt mich doch wol auch behal⸗ ten; drum hilf mir zu'ner Frau! Adieu, Schweſter meines Herzens! Ich will gehen, ehe Ludwig kommt! Er drückte ihre beiden Hände an ſeine Lippen, an ſeine Bruſt, und eilte fort. Sie blickte ihm nach, erwarte ſie noch einen Gruß, und wirklich ſah er an der Thür ſich noch einmal um und nickte. Lina ſchwebte wie getragen nach Ludwig's Lehnſeſſel. Hier ſaß ſie eine Weile nachträumend, und rief dann auf⸗ blickend in Hermann's Tone aus: Ich habe dich verſtanden, Lina! Sie lachte wie vergnügt darüber, daß er ſie nicht verſtanden habe, und wiederholte nach einigen Augen⸗ blicken mit betrübter Kopfbewegung: Ach nein, du haſt mich nicht verſtanden! Nach einer Weile, als ſie Jemanden kommen hörte, 287 erhob ſie ſich mit gefalteten Händen, und ſagte, wie aus plöoͤtzlichem Erinnern, mit leiſem geheimnißvol⸗ * len Ton: Was die Lieb' ſei, was Geliebtſein— forſche nicht! Elftes Capitel. Neue Bekanntſchaften. Hermann war über Nacht noch nicht einig mit ſich geworden, auf welchem Wege der Verſtändigung er Lud⸗ wigen am einfachſten und ehrlichſten entgegenkommen moͤchte, als er ſchon in der Frühe ein Billet von Lina erhielt, worin ſie ihn beſchwor, ja keine übereilte Aeuße⸗ rung gegen ihren Mann zu thun— und keine Ueber⸗ eilung gegen ſich ſelbſt. „Ich habe mich mit Ludwigen verſtändigt“, ſchrieb ſie. „Er kam kurz nach dir heiterer als lange nicht nach Hauſe. Sein Miniſter hatte ihn zu einem mündlichen Vortrag in einer von ihm beſonders bearbeiteten Sache mit ſich nach Napoleonshöhe genommen, und der König ihm ſeine Zufriedenheit mit gnädigen Worten ausgeſpro⸗ chen. Ich war noch ſo bewegt, und durch ſeine heitere Befriedigung aufgemuntert, ſprach ich offen mit ihm von unſerer Verabredung zu ſeiner Erheiterung, und bekannte 288 ihm meine dankbare Herzlichkeit für dich. Da fand ich nun, wie ſehr ich mich in ihm geirrt, als ich ihn dir verdrießlich über unſern Umgang hatte erſcheinen laſſen. Ich bin recht beſchämt darüber, daß ich mich ſo in einer falſchen Aengſtlichkeit bloßgegeben und meinem Ludwig Unrecht gethan habe. Dennoch nehme ich meinen Vor⸗ ſchlag nicht zurück. Es iſt ja nicht um unſere gemein⸗ ſame Annehmlichkeit, ſondern für dein perſonliches Glück, wenn du dich mit einem geliebten und liebenden Weſen zu froher Häuslichkeit verbindeſt oder doch, bis dies ge⸗ ſchehen kann, verlobſt. Ein trauter häuslicher Herd iſt ja in ſtürmiſcher Zeit eine noch viel ſchätzenswerthere Zu⸗ flucht als wie immer. Und wie froh werde ich ſelbſt da⸗ bei ſein, wenn ich geſchwiſterloſes Geſchöpf, nachdem ich an dir einen Bruder erhalten, durch dich auch noch eine Schweſter an deiner Frau bekomme. Sieh' dich nur um, und es wird dir an liebenswürdigen Mädchen nicht fehlen. Du erkennſt nur nicht immer, wo man dir gut iſt, das hab' ich geſtern wieder bemerkt— ich meine bei Engel⸗ hards, wo du dir Andere vorgreifen läſſeſt.—— Es iſt heut Sonntag, und mein Mann, verſteht ſich mit Zu⸗ ſtimmung ſeines kochenden Weibes, erwartet dich zu Tiſch und zum Spaziergang. Und bring' auch die Mutter mit. Dieſen Morgen kommt der Arzt; Ludwig fühlt doch jetzt ein ausgeſprocheneres Misbehagen. Alſo auf— deinen guten Appetit und Humor!“ Dieſe Zeilen löſten den verworrenen Zuſtand des Ge⸗ müths, worin der junge Freund aus einer unruhigen Nacht erwacht war, ſchneller als es diesmal der Aus⸗ blick in die Sommerlandſchaft und in die Ruhe des Sonn⸗ —— 289 tags vermocht hätte. So aufgelegter fühlte er ſich zu der vorgeſetzten Aufwartung bei Miniſter Simeon. Dieſer bewohnte den Juſtizpalaſt, das nachmalige kur⸗ fürſtliche Palais, an der obern, weſtlichen Ecke des Fried⸗ richsplatzes, und befand ſich eben im Empfangzimmer ſei⸗ ner Gemahlin, als ihm Hermann durch das Billet des Staatsraths Müller gemeldet wurde. Er las es ſeinen Damen vor, und nahm auf den Wunſch derſelben den ſo empfohlenen jungen Mann im Salon an. Mit mehr ſchlichter als vornehmer Freundlichkeit, das Billet in der Hand, empfing ihn Simeon.— Papa Müller empfiehlt Sie mir, mein Herr, ſagte er; das genügt mir ſchon, Sie willkommen zu heißen, Sie fin⸗ den mich hier im Schooſe meiner Familie. Où peut-on étre mieux— wiſſen Sie ja! Hier Madame Simeon, meine Frau, hier Mademoiſelle Lucie Delahaye, meine Stieftochter, und Mademoiſelle Cecile Heberti, eine Schwe⸗ ſtertochter von Madame Simeon, zu Beſuch aus Paris, unſer Mignon! Die Damen kennen Sie ſchon aus dem Billet: Herr— Er blickte in die Zeilen und fragte Hermann, wie er ſeinen Namen ausſpreche. Teutleben, Excellenz. Simeon ſprach das Wort ſchwerfällig nach, und ſagte dann zu den Damen mit ſeinem feinen Lächeln: Nennen Sie den Herrn nur: Herr Doctor! Das iſt ein Ehrentitel im gelehrten Deutſchland— Docteur en philosophie— pas médecin, mes enfants! Simeon bot einen Stuhl. Er hatte in ſeiner Art zu ſprechen und ſich zu benehmen etwas Gelaſſenes, Gemäch⸗ Koenig, Jeröme's Carneval. II. 19 liches. Er war im Frack und erinnerte durch ſeinen gan⸗ zen Anzug mit Zopf und gepudertem Haar an die ſoge⸗ nannten gens de robe aus der Abbe⸗Zeit, hielt ſich auch feſt und graziös auf gut bewadeten Abbé⸗Beinen. Seine Frau war viel lebhafter bei ganz angenehmer Corpulenz; ihre Lippe hatte einen leichten Anflug von Bart, in dun⸗ kelm Teint nicht ſehr bemerklich, und ihr ins Grünliche fallendes Auge blitzte ſchlau und etwas lauernd. Ihre Tochter, klein und zierlich, ſah verbleicht und unanſehnlich aus; nur ihr Auge war ſchoͤn, und coquettirte lebhaft unter einem ſtarken, dunkelgelockten Haar. Eine eigenthümliche, recht piquante und anſprechende Schönheit war dagegen Mademoiſelle Heberti— eine leicht aufgebaute, aber reizend ausgeſtattete Geſtalt mit den zierlichſten Händen und Füßen, mehr ſeelenvoll als ideal von Geſichtsbildung. Die zarte Bläſſe eines feinen bräunlichen Teints wies mehr auf tiefe Empfindungen, vielleicht auf ein in der Liebe geprüftes Herz zurück, ne⸗ ben Lucien, die weniger leidenſchaftlich- als leidend⸗bleich ausſah. Die Damen überließen die anfängliche Unterhaltung dem Miniſter, nahmen aber mit Aufmerkſamkeit und ein⸗ ander zulächelnden Blicken Antheil am Geſpräch. Nach der flüchtigſten Auskunft, die Hermann über ſich ſelbſt gab, ſagte Simeon: Sie ſind alſo ein preußiſcher Landsmann Ihres vor⸗ trefflichen Miniſters. Dieſe ehemals preußiſchen Provin⸗ zen unſers Reichs waren zu der von Friedrich über ihre natürliche Größe getriebenen Monarchie noch nicht lange her zuſammengebracht worden. Sie wurden in die Mis— geſchicke der Nachfolger jenes großen Köͤnigs verwickelt, und erhalten jetzt mit den übrigen Völkern unſers neuen Reichs den Anſpruch auf einen ruhmvollen Rang unter den Nationen, den keine derſelben unter der vielgetheilten Herrſchaft hatte. Braunſchweig und Heſſen, von dem po⸗ litiſchen Syſtem ihrer Nachbarn fortgeriſſen, erhielten ſich— letzteres durch Ueberlaſſung ſeiner tapfern Soldaten in aus— ländiſche Dienſte, Braunſchweig durch die gute Verwaltung ſeines weiſen Fürſten. Nun aber gibt die Vereinigung dieſer nicht großen Staaten jedem derſelben mehr Reich⸗ thum und Kraft. Es fallen die Hemmniſſe ihres Han⸗ dels und Wandels hinweg; eine Nation erhebt ſich, wo Provinzen waren— Gemeingeiſt, wo locale, ja perſöͤn⸗ liche Intereſſen die Einſicht beſchränkten. Jene, dem all— gemeinen Glück verderblichen Vorurtheile, in einem engen Kreiſe einheimiſch, verſchwinden in einem weiten Reiche. Mit wenig Worten ſtellen Ew. Excellenz dem jungen Königreiche Weſtfalen eine herrliche Zukunft in Ausſicht, erwiderte Hermann. Dies Weſtfalen iſt eben noch ein Siebenmonatskind, das— ich will nicht ſagen viel ver⸗ ſpricht, doch viel erwarten läßt. Aber freilich, wenn das neue Reich etwas werden ſoll, müſſen eben zwei Napo⸗ leons zuſammen wirken— der Kaiſer, von dem die be⸗ fruchtende Atmoſphäre des europäiſchen Friedens abhängt, und der König, der den Grund und Boden ſeines Thro⸗ nes mit Weisheit anzubauen hat. Bravo! rief Simeon, und gegen ſeine Damen: Er ſpricht gut, nicht wahr? Dann fuhr er gegen Hermann fort: Sie haben ſehr wahr geſprochen, mein Herr. Aber 19* ich glaube, unſer Bewirthſchaftungsplan für dieſen Grund und Boden iſt gut. Alle Unterthanen ſind vor dem Ge⸗ ſetze gleich, alle Formen der Gottesverehrung von dem⸗ ſelben Geſetze beſchirmt; nicht nach dem Namen eines Glaubens, nach ſeinem Wandel wird Jeder geſchätzt. Alle Dienſtbarkeit iſt aufgehoben; freie Männer treiben aller⸗ wärts Jeder das Werk ſeines Fleißes; für ſich und für ihre Kinder thun ſie es, und kein Gebieter theilt den er⸗ rungenen Sparpfennig: nur rechtmäßige Erkenntlichkeit für das erworbene Gut bringt Jeder in ſeinen Abgaben dar. Eines darf ich nicht vergeſſen, was zumal in Deutſchland hochgeſchätzt wird: der öffentliche Unterricht iſt unter die Leitung des berühmten Schriftſtellers gegeben, den ſeine Zeitgenoſſen mit dem Namen des deutſchen Tacitus be⸗ ehren, und der, ſelbſt unvermählt, ſeine Liebe unſern Univerſitäten widmet— dieſen Müttern der Wiſſenſchaf⸗ ten. Sie kennen ihn; er iſt mein Freund, Papa Müller. Ich kenne ihn, erwiderte Hermann, und weiß, wie er hinwieder von Ew. Excellenz denkt. Es i*ſt für einen jun⸗ gen Mann, der ſich eben dem öffentlichen Dienſte widmet, eine erhebende Freude, ſogleich zwei Männern zu begeg⸗ nen, die auf der hohen Stelle, die ſie einnehmen, und in der Bewunderung, die ſie verdienen, einander rühmend anerkennen. Schön gedacht! verſetzte der Miniſter. Und hören Sie! Ein junger Mann, der mit ſo gewinnendem Or⸗ gane ſich in den zwei Sprachen ausdrücken kann, wie Sie, findet in der für Deutſchland neuen Einrichtung der öffent⸗ lichen Staats⸗ und Gerichtsverhandlungen ein lorberen⸗ reiches Feld. Wo haben Demoſthenes und Cicero, die 293 Meiſter der Beredtſamkeit des Alterthums, aufgeklärtere Bewunderer als in Deutſchland? Und ſollte ſte unfrucht⸗ bar bleiben, dieſe Bewunderung? Im Staatsrathe faſelt man von den Nachtheilen des mündlichen Verfahrens vor Geſchworenen. Ei was! Eine Nation, wie die deutſch⸗ weſtfäliſche, die mehr denkt und ſich weniger aufregen läßt als jene, bei welcher die Redekunſt in verjährter Uebung iſt, wird dem Misbrauche des mündlichen Verhandelns leichter entgehen und nur deſſen Vortheile genießen. Sie wurden durch die Erſcheinung eines intereſſant ausſehenden jungen Mannes unterbrochen, der lebhaft und unangemeldet durch eine innere Thür eintrat, und beim Anblicke Hermann's ſich entſchuldigte, daß er ſo herein⸗ ſtürme; er habe die Damen drüben bei Mademoiſelle Heberti geſucht. Dann rief er: Ah, guten Tag, Papa Simeon! Excellenter Papa! Guten Tag, Allerweltsvetter! verſetzte der Miniſter, und zu Hermann: Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen? Herr Couſin von Marinville, alſo Couſin für Jedermann. Und indem er dieſem das vom Tiſche genommene Billet überreichte, ſagte er: Da, leſen Sie ſelbſt, wer dieſer charmante junge Mann iſt, und laſſen Sie ihn auch ſich empfohlen ſein. Marinville durchlief die Zeilen, warf dazwiſchen einen ſchelmiſchen Blick auf Hermann und nach der Dame Si⸗ meon, und rief dann, Hermann artig begrüßend, in ſei⸗ ner leichtfertigen Liebenswürdigkeit lachend aus: Aber, ma foi, ich kenne Sie ſchon, oder ich weiß vielmehr von Ihnen durch Bercagny. Eœoutez, Mesda- mes! Der Spitzbube Bercagny wollte den Herrn da für ſeine geheimen Schelmereien angeln, aber Sie haben ihn durchſchaut, mein Herr, und ihn allerliebſt abgefertigt! Dem ſchlauen Marinville entging es nicht, daß er den jungen Mann ein wenig überraſcht hatte. Er nahm es aber ganz leicht, indem er fortfuhr: Sie haben ihm imponirt; er iſt Ihnen darum aber nicht gram. Bercagny iſt reizbar, allerdings, aber er trägt nicht nach. Er hatte dem König Wunderdinge von Entdeckungen verſprochen, und mußte bekennen, daß er ſich doppelt geirrt habe— in Ihren Verbindungen und in Ihrer Bereitwilligkeit, ſich brauchen zu laſſen. Als er im Laufe der Unterhaltung hörte, daß Her⸗ mann im Miniſterium des Herrn von Bülow arbeite, rief er aus: Sie ſollten ſich den diplomatiſchen Geſchäften widmen, mein Herr, wenn Sie doch einmal die wiſſenſchaftliche Carriere verlaſſen. Ihr feiner Blick, Ihre gewandte Klug⸗ heit finden ſich bei ſehr wenig jungen Deutſchen, die ſich für die auswärtigen Beziehungen beſtimmen. Und wie iſt er des Franzöſiſchen mächtig! bemerkte der Miniſter. Und wenn man für die Geſchäfte des Aeußern ſelbſt ein gewiſſes Aeußere verlangt—! Madame Simeon endigte ihren Satz mit einer lächeln⸗ den Verneigung gegen den jungen Mann, worauf Marin⸗ ville mit verſchmitztem Zuwinken und zweideutigem Aus⸗ druck verſetzte: Ah! nicht wahr, Madame! Wohin koͤnnte man einen ſo gewandten und angenehmen Deutſchen nicht verſchicken! 29⁵ Die Miniſterin, die den Schalk verſtand, brach in ein Lachen aus. Um es aber zu beſchönigen, ſagte ſie raſch zu Hermann:. 8 Was der Cabinetsſecretär für ein Schlaukopf iſt! Gleich faßt er eine neue, intereſſante Bekanntſchaft von der Seite auf, wo er ſie ſeinem Koͤnige zu empfehlen denkt, nur um ſich auf ſeinen Scharfblick etwas zugut zu thun. Rechnen Sie ihm ſeine guten Dienſte ja nicht zu hoch an, Herr Doctor; er thut Vieles aus Eitelkeit! Hermann ſelbſt war nicht weniger eitel, als die beſten jungen Leute ſein mögen. Allein gegen ſtark aufgetrage⸗ nes Lob, oder was irgend wie eine Schmeichelei ausſah, hatte er einen zarten Widerwillen und aus Verlegenheit eine eigenthümliche Art es aufzunehmen, indem er es mit graziöſem Lächeln und wegwerfender Kopfbewegung un⸗ beantwortet ließ. Die ſchalkhaften, abſichtvollen Hinterge⸗ danken der Madame Simeon und Marinoille's konnte er nicht errathen; er nahm Alles für heitere franzoſiſche Converſation, und war gewandt genug einzugehen, in⸗ dem er auf die letzte Aeußerung der Dame des Hauſes lächelnd erwiderte: Sollte Herr von Marinville wirklich ſo eitel auf ſei⸗ nen Scharfſinn ſein, Madame, ſo wollen wir ihm gleich einen Poſſen ſpielen. Wenn er mich zum Diplomaten vorſchlägt, ſo bringt er ſich um allen Credit, er iſt bei Sr. Majeſtät ruinirt! Alle, auch der Miniſter, lachten herzlich, und der Freund ſetzte hinzu: Nein, ich will mit unſerm Adel auf diplomatiſchem Fuß nicht um die Wette laufen. 2 1 296 Ei was! rief der etwas pedantiſche Simeon, zu An⸗ ſtellungen, Aemtern und Würden gibt kein Familienname ein Vorrecht; ſie gehören den auszeichnenden Gaben. Der Adel darf nur eiferſüchtig auf Edelmuth und Uneigen⸗ nützigkeit ſein. Wir geſtatten ihm nach unſerer Conſti⸗ tution keine Vorrechte. Nur wenn er einen Vorzug durch die Eigenſchaften behauptet, auf die er urſprünglich ſich gründet, reſpectiren wir ihn. Dann vereinigt er Rechte der Gegenwart mit jenen vergangener Jahrhunderte, und wir laſſen ihn als Beiſpiel und Muſter für die andern Claſſen der Staatsbürger gelten. Inzwiſchen hatte Marinville neben Madame Simeon Platz genommen und war in leiſem Geſpräche mit ihr begriffen, als Hermann ſich empfahl. Die Miniſterin ent⸗ ließ ihn mit der ſehr artigen Einladung zu ihren Frei⸗ tags⸗Aſſembleen.— Da es aber erſt Sonntag iſt, und mein Mann und dieſer Marinoille Sie faſt allein gehabt haben, ſagte ſie, ſo erwarte ich Sie morgen Abend ganz privat für uns Damen, damit wir uns vor gemiſchter größerer Geſellſchaft erſt beſſer kennen lernen. Ich habe den glücklichen Blick meiner lieben Cecile nicht, die mir ſchon zugeflüſtert hat, Sie ſeien der liebenswürdigſte Deut⸗ ſche, den ſie bis jetzt kennen gelernt. O Maman, Sie ſind recht grauſam! rief Ceeile ver⸗ ſchämt, und Hermann war von der ungemein angenehmen Stimme des bis jetzt ſchweigſamen Mädchens ganz überraſcht. Ei, Mademoiſelle, ſiel Marinville ein, immer wie⸗ der Ihre ſtrengen Grundſätze! Warum ſoll uns denn eine liebenswürdige junge Dame nicht ſagen dürfen, daß wir ihr gefallen? 297 So dachte ich auch, ſagte Frau von Simeon; wer weiß denn aber, was Ceeile dabei denkt. Laſſen wir ſie! Und dem abgehenden Hermann rief ſie nach: Laſſen Sie ſich nur gleich bei mir anmelden, Doctor! So entgehen Sie auch dem Zimmer des Miniſters, der Sie ſonſt vielleicht zu einer Partie Schach bei ſich behält. Hermann verließ das Palais etwas aufgeregten Ganges und vergnügten Lächelns. Es kam Mehres zuſammen, was ihn ſo heiter und etwas exaltirt ſtimmte. So ab⸗ lehnend er auch die einzelnen Artigkeiten aufgenommen hatte, ſo ſchmeichelhaft blieb doch in ſeinem Gemüth der Geſammteindruck zurück, der ihm ſagte, er habe Aufmerk⸗ ſamkeit erregt und gefallen, und er dürfe mit ſeinem freien Benehmen und ſeinen gewandten Repliken zufrieden ſein. Die Gabe glücklicher Einfälle und raſcher Antworten, eine Mitgift ſeiner lebhaften franzöſiſchen Mutter, hatte ihm zwar nie ganz gefehlt; doch ein durch ſeine Studien ge⸗ ſtärkter Hang zum Reflectiren und manche Erlebniſſe, die dieſe Neigung nährten, hatten ihm in letzter Zeit zuwei⸗ len die Unmittelbarkeit dieſes Mutterwitzes etwas ver⸗ kümmert. Hermann hatte heut abermal die Erfahrung gemacht, wie gewiſſe Perſonen lähmend, andere dagegen anregend auf die Kräfte unſerer Seele wirken. Auf ſehr verſchie⸗ dene Weiſe hatten Cecile und Marinville ſein Selbſtge⸗ fühl geſteigert. Der Vertraute des Königs hatte ihn durch die kecke Anmuth ſeiner gewinnenden Perſönlichkeit eingenommen. Wie beneidenswerth erſchien dem jungen Freunde der leichtherzige Frohſinn, der es mit den Be⸗ gegniſſen unſerer Werktage, woran ſich Andere abängſti⸗ 298 gen, ſo kachend nimmt, und lieber Goldmünzen für Dan⸗ tes anſieht, als ſolchen Spielmarken einen höhern Werth beilegt. Der Ausſpruch ſiel ihm ein: die wahre Lebens⸗ weisheit beſtehe ja eben darin, daß man im Spiel des Lebens die Wechſel der Würfel und die Werthloſigkeit der Rechenpfennige erkenne. Offenbar war dies günſtige Ur⸗ theil Hermann's durch die ſcherzende Weiſe beſtochen, wie Marinville ſich über Bercagny geäußert hatte, was den Freund erſt ein wenig erſchreckte, jetzt aber ihn ein⸗ für allemal über alle heimliche Beſorgniß hinausſetzte. Ganz entgegengeſetzter Art war der Eindruck, den Hermann von Cecile empfangen hatte. Es war ihm, als ruhe ein Geheimniß auf ihrer Erſcheinung und der Ein⸗ fluß, den ſie um ſich her ausübte, ſei ein Zauber. Sie hatte die ganze Zeit über faſt nur mit den Augen ge⸗ ſprochen, und als ſie einmal aufgeſtanden und durch das Zimmer gegangen war, hatte Hermann eine ſo eigens ſchwebende Bewegung noch nie geſehen. Wenn er in ſei⸗ ner jetzigen Nachbetrachtung Cecile mit Lina verglich, ſo empfand er recht lebhaft, daß ihm die Franzöſin nicht eigentlich geftel, aber daß ſie feſſeln konnte. Man ward beſtrickt von ihrem anmuthig leiſen Weben, aber auch un⸗ ruhig unter dem Eindrucke des Geheimnißvollen; ſie hing ſich Einem an, wie ein Räthſel, das man gern löſen möchte, wenn auch nur um ſeiner los zu werden. Bei dieſem Vergleiche fühlte ſich Hermann auch nicht geſtimmt, gegen Lina mit ſoviel Intereſſe von Ceeile zu ſprechen, als er augenblicklich empfand. Er fürchtete, durch ſeine myſteriöſen Nachrichten einen falſchen Eindruck zu geben, oder daß die liebe Freundin gar auf den Ge⸗ 299 danken einer Heirath fallen könnte.— Einer Heirath? lachte Hermann wegwerfend, und doch nicht ohne Behagen. Ja, wenn ich wie Paeſiello, der Componiſt Napoleon's, ein„Matrimonio inaspettato“ componiren wollte! Nein, was weiß ich denn vom innern Gehalte Cecile's! Und da mir Lina doch einmal nicht beſtimmt war, ſo— nun ſo thu' ich's wenigſtens nicht unter der Hälfte ihres edeln Werthes! Die Juriſten haben ja bei ganz gewöhnlichen Verträgen, durch die man um den halben Werth des Vertragsgegenſtandes zu kurz kommt, eine namhafte Klage; ich will nun einmal keine Ehe, durch die ich über die Hälfte von Lina's Liebeswerth verletzt würde. Keine laesio ultra dimidium! Lieber will ich um die ganze Ehe⸗ hälfte, als um die Hälfte meiner herrlichen Lina kommen! Zwölftes Capitel. Ein vertraulicher Abſchied. Es gibt Glückskinder und gibt ſogenannte Pechvögel in der Welt. Aber ſo bekannt dieſe Doppelerſcheinung iſt, und ſo vielfach ſie vorkommt, ſo räthſelhaft bleibt ſie in ihrem Grund. Oder woher rührte es, daß die nicht nach eigener Willkür, ſondern nach ewigen Geſetzen dahin⸗ rollende Flut des Lebens den Einen, wie er ſich auch drehen und wenden möge, von oben trifft und in ſeinem Beſtreben abſeits oder zu Boden wirft, während ſie den 300 Andern mit all' ſeiner Sorgloſigkeit hebt und dahin trägt, wohin er ſich wünſchte und noch ehe er ſich nur wagte? Man nennt es kurzweg— Glück, und läßt dieſen Zu⸗ fall für einen Halbgott gelten, der einer gerechten, mit⸗ hin bewußten Weltmacht nach eigener Laune in ihr Wal⸗ ten pfuſchen dürfe. Vielleicht wäre es aber für einen Nachdenkenden, der nichts Beſſeres zu thun hätte, des Erforſchens werth, ob und inwiefern es vielleicht nur in der urſprünglichen Ei⸗ genthümlichkeit einer menſchlichen Seele liege, ſich durch unbewußten Tact, durch einen höhern Inſtinect mit den Begegniſſen des Lebens in Uebereinſtimmung zu ſetzen, oder ob es auch von dem Moment abhange, in welchem der Menſch ins Leben tritt, um fortan hebenden oder hemmenden Lebenswogen zu begegnen. Hermann durfte ſich geſtehen, daß ihm bei edlem Sinn und gelaſſenem Gemüthe Vieles mehr nach Gunſt als nach Verdienſt, mehr nach Wunſch als nach Willen zu Theil wurde. Luiſe hatte es ihm ſchon in einem beſtimmten Falle mit den Worten angedeutet, er habe mehr Glück als Recht gehabt. Seitdem war er inne geworden, daß er mit dem Leben oder— wie er es ſcherzend nannte— mit ſeinem Nicht⸗Ich auf ganz gutem Fuße ſtehe. Sol⸗ ches Vorurtheil gibt viel eher eine gute Zuverſicht, als daß es die Willenskraft eines jungen Mannes ſtählte, wie es die Misgeſchicke zu thun pflegen. Hermann achtete jetzt auf dieſe Gunſt als auf etwas, womit er ganz zu⸗ frieden war, und was er durch kein weiteres Nachgrübeln ſtören mochte. Allerdings waren ſchon Zeit und Ort für ſein Be⸗ 301 ſtreben ein günſtiges Element. Es war die Reſidenz ei⸗ nes jungen Monarchen, den in der Zeit der Auflöſung aller hergebrachten Zuſtände das luſtige Glück aus einem Handelscomptoir oder doch aus einer Kaufmannsfamilie auf einen Thron gehoben hatte, und der nun den lachen⸗ den Purpur ſeiner Macht nur mit dem weichen Unter⸗ futter des Lebensgenuſſes tragen mochte. Das Scepter begünſtigte den Leichtſinn, die Luſt und Liebenswürdigkeit. Fremde Abenteuerer miſchten ſich mit dem einheimiſchen Adel unter einem Thron, auf den ſich zu einem franzöſi⸗ ſchen Emporkömmling eine deutſche Fürſtentochter geſetzt hatte. Die Etiquette war weit genug, um adelige Ritter⸗ ſchaft und bürgerliche Glücksritter zu umſpannen. Das Leben galt für ein Spiel mit allen Karten, worin zu den Bildern auch die kleinen Blätter gemiſcht wurden— Coeur aufgelegter Atout, Herz immer Trumpf war, und die Sechſe, die zwiſchen den Buben und die Dame fiel nicht an das Sechste Gebot erinnerte. So war an den Platz des Kuxfürſtenhutes, der mit ſeinem einfachen Filze die ſtille Stadt im Dunkel gehalten hatte, eine ſtrahlende Königskrone getreten, die ſich mit einem glänzenden Hof umgab. Und wenn ſich doch auch an dieſem Freuden⸗ und Liebeshofe das Ceremoniel nach der pariſer Schablone verſtärkte und verſteifte, ſo galt es doch nur als die Couliſſen und Verſetzſtücke zu mancherlei Luſtſpielen. Man konnte— wenn auch in etwas an⸗ derm Intereſſe, als man ſich damals in politiſchen und poetiſchen Kreiſen mit Spanien beſchäftigte— bei dem an Jeröme's Hof eingeführten halbſpaniſchen Coſtüm an ſpaniſche Stücke denken— an die Comedias de capa y 30² espada, jene Mantel⸗ und Degenſtücke aus dem elegan⸗ ten Leben voll verwickelter Intriguen, oder an die Come- dias de figuron, worin Glücksritter und fahrende Damen die Hauptrolle ſpielten, an die Entremeses oder Zwiſchen⸗ ſpiele politiſcher Verlegenheiten, oder an die mit Muſik und Tanz begleiteten Saynetes, die man auch Parties fines, Notturnos, überhaupt— Nachtſtücke nannte. Indem nun ein dunkles Vorgefühl Hermann's oder ein überlegender Gedanke ſeines weltkundigen Vaters den jungen Freund nach dieſer neuen Reſidenz getrieben hatte, ſein Glück zu ſuchen, bereiteten ihm ſeine auffallende Er⸗ ſcheinung, ſeine leicht aufnehmende Bildung und anmuthi⸗ gen Gaben und Manieren ein leichtes Fortkommen, um ſo mehr, als er ſich mittels der beiden ihm geläufigen Sprachen in der gemiſchten Atmoſphäre der Geſellſchaft frei bewegen konnte. Ein gemäßigtes Temperament, eine ſittliche Ge⸗ ſinnung bewahrten ihn dabei vor falſchen Richtungen; ſein Herz und ſeine Phantaſie hielten ihn hoch über dieſem ſchäumenden Sinnenleben unter der himmelblauen An⸗ ſchauung des Idealen. So begriffen es die Freunde, die ſeinem Wandel zu⸗ ſahen, daß er mehr geſucht wurde, als ſelber ſuchte, in⸗ dem er da, wo ihm Liebe und Freude nicht halben Wegs entgegenkamen, ſich immer wieder der Freude und Liebe zu den Ideen und Dichtungen der Alten und Neuen Welt in die Arme warf. Der Realismus des Lebens ließ ihn durchaus nicht gleichgültig; aber er hatte das Ideale noch nicht eingebüßt, und der Schüler Fichte's verſuchte ſich eben praktiſch zwiſchen dieſen beiden Lebenspolen, juſt ein Jahr ſpäter, als Schelling, der beidlebige Denker, in einer beſondern Schrift„das Verhältniß des Realen und des Idealen“ philoſophiſch ins Licht zu ſetzen verſucht hatte. Eine Woche wechſelnder Abendgeſellſchaften waren zu Hermann's Zufriedenheit abgelaufen, während dieſelben Tage für Freund Reichardt manche Unruhe mit ſich ge— bracht hatten. Das Amtsgeſchäft des Kapellmeiſters mußte in verſchiedenen kleinen und perſöͤnlichen Beziehungen ab⸗ gelöſt werden, und hinter demſelben blieben ihm ebenſo viele Vorkehrungen zu ſeiner Reiſe übrig. Alle dieſe ab⸗ hetzenden Geſchäftchen, die der etwas ungeſtüme Mann Plackereien nannte, waren nun aber glücklich abgethan, die Abſchiedsbeſuche gemacht, ja Koffer und Reiſebehälter gepackt, und Reichardt ſehnte ſich recht nach einem letzten muſikaliſchen Abende zum Abſchiede von Caſſel und von ſeinen vertrauten Freunden. Hermann fand ſich bei guter Zeit ein, und Luiſe, etwas feſtlich gekleidet und feierlich geſtimmt, nahm ihn unter dem Vorwand„ihm einige Aufträge zurückzulaſſen, mit auf ihr Zimmer. Zurückzulaſſen? fragte er auf dem Gange dahin. Wie verſtehe ich denn das, liebe Luiſe? Aber erſt auf dem Zimmer, und indem ſie ſich mit ihm auf das Kanapee, ſetzte antwortete ſie: Ja, lieber Freund, ich will Ihnen hier in herzlichem Vertrauen Lebewohl ſagen— nicht auf immer, doch im⸗ mer auf einige Wochen. Und wer kann voraus wiſſen, wie man ſich nach Wochen wiederfindet! Sie ſchwimmen jetzt ſo im luſtigen Strom der Geſellſchaft—! Ich be⸗ gleite nämlich den Vater nach unſerm Giebichenſtein. Sie⸗ 304 kennen ja dieſe anmuthige Nachbarſchaft von Halle. Un⸗ ſere Beſitzung hat ſehr vom Kriege gelitten; hoffentlich aber können wir die nöthigen Einrichtungen treffen, um vor Winter überzuſiedeln, die Mutter und ich, und wollen den Vater von ſeiner Reiſe zurück erwarten. Der Ton und die innere Bewegung Luiſens gab ihrer Mittheilung noch etwas Aengſtliches zu der Betrübniß, die für Hermann ohnehin darin lag.— Mein Gott, Luiſe, ſagte er, Sie haben mich wahrhaft erſchreckt. Das hätte ich nicht erwartet, als ich jenen Abend mit dem Auftrag Ihrer Freunde vom hochzeitlichen Feſt hinweg zu Ihnen eilte. Die Beſorgniß Aller, Ihr Vater könnte vielleicht den klugen Abſichten für ſein Beſtes widerſtreben, hatte mich ſo mitergriffen, daß ich nicht ahnen konnte, ich ſei auf dem Weg, eine wahre Zerſtörung in Ihrem Lebens⸗ kreiſe anrichten zu helfen, und die gerade mich am ſchwer⸗ ſten treffen ſollte. Ich war ſo ſtolz auf meine vertraute Sendung—! Ach, wüßte man, wohin man ſo oft mit ſeiner beſten Zufriedenheit gerathen kann! Denn was verliere ich nun nicht Alles— Sie, Luiſe, und das liebe Haus, wo ich meine erſte Zuflucht, eine neue Heimat, das reinſte Wohlwollen, die herrlichſte Theilnahme, Rath, An⸗ leitung, Förderung aller Art empfangen und meine glück⸗ lichſten Abende verlebt habe! Es iſt mir lieb, Hermann, daß du das ſo empfindeſt! erwiderte ſie mit Herzlichkeit. Aber deine Betrübniß als Zeichen deiner Anhänglichkeit an uns nimmt ja der Zu⸗ friedenheit nichts, mit der du als Bote der jetzigen Wand⸗ lung unſers Lebens erſchienſt. Wüßteſt du nur, welche Herzenserleichterung du mir damals überliefert haſt! Wie —.,— * V 30⁵ lange lebte ich nicht ſchon in der täglichen Sorge um mei⸗ nen unvorſichtigen Vater! Wir konnten ihn ja nicht än⸗ dern, ihm die Klugheit und Mäßigung nicht einflößen, die ihm ſeine Jahre und ſeine ſonſtige Lebenskenntniß nicht beibrachten. Wie dankbar war ich daher für die glückliche Auskunft, die mein edler Freund, Baron Reinhard, für uns gefunden hatte! Und du, als Ueberbringer dieſer guten Verſicherung unſerer Zukunft, erſchienſt damals wie nach trübem bedrohlichen Wetter das Abendroth, das uns einen heitern Tag verkündet. Und nun wollt ihr doch dieſe ruhige, geſicherte Zu⸗ kunft nicht in Caſſel verleben? wendete Hermann ein. Nicht im Kreiſe deſto innigerer Freunde, als es wenige ſind? Und warum deinen Vater nicht hier erwarten, wo ihn doch das Ergebniß ſeiner Reiſe zuerſt wieder hin⸗ führen muß. Einen bleibenden Platz hat mein Vater hier nicht wieder zu erwarten, erwiderte ſie, und ich wünſche es unter den dermaligen Verhältniſſen auch nicht. Vielleicht findet er einen ihm zuſagendern anderwärts, in Prag oder ſonſt in Oeſtreich, wo ohnehin bald alle die Män⸗ ner werden eine Zuflucht ſuchen müſſen, deren Herz von Nationalweh überfließt, und die an den großen Unter⸗ nehmungen ſich betheiligen, die dort vorbereitet werden. Und ich— Ich hätte gedacht, du fühlteſt es mit mir, wie wenig ich hierher gehöre, wie tief verhaßt mir dieſe Reſidenz einer luſtigen Frivolität, einer herzloſen Leicht⸗ fertigkeit und einer fremd parlirenden, würdeloſen Selbſt⸗ vergeſſenheit iſt. O mein Herz zuckt hier wie in einer Eisſpalte verſunken und eingeklemmt. Koenig, Jeröme's Carneval. II. 20 306 Entſetzt vor der ſchmerzlichen Erinnerung, die in ih⸗ rem Vergleich laut wurde, ſank ſie, das Geſicht mit bei⸗ den Händen bedeckt, in das Sopha zurück, indem ſie ausrief: Ach, ach! mein Eſchen! Mußte ich ſo dein Verhäng⸗ niß mittragen, ſeliger Geiſt? Doch ſchnell ſich wieder faſſend, ſtand ſie auf, nach ihrem Schnupftuche zu gehen. Sie trocknete die Augen, und nahm dann beruhigter ihren Sitz wieder ein. Du ſprichſt von Freunden, ſagte ſte. Eigentlich habe ich doch nur Reinhard und ſeine Frau hier. Nur wir verſtehen uns ohne Erklärung. Aber ich ſehe eine Zeit kommen, wo ich den Freund Reinhard mit dem franzöͤſi⸗ ſchen Geſandten Reinhard in Widerſpruch ſetzen könnte. Und wer weiß, ob der gute Diplomat dieſen Fall nicht mit in Berechnung gebracht hat bei ſeiner Operation für den Vater! Doch genug davon— von mir! Gerade wegen Reinhard's wollte ich mit Ihnen reden, lieber Freund. Schon die ganze Zeit her habe ich— und in den letzten Tagen beſonders lebhaft, empfunden, wie ſehr mein Vater gegen dich verſchuldet iſt. Dein Vater gegen mich? fiel Hermann verwundert ein, und Luiſe fuhr fort: Ich war gleich dagegen, wenn du dich erinnerſt, daß er dich am erſten Tage nach deiner Ankunft in der Au dem General Salha und dem Grafen Fürſtenſtein zum Sprachmeiſter für Melanie Salha antrug. Ich ſuchte es zu hindern— nicht ſowol aus Abneigung vor dieſen Franzoſen, nein, du konnteſt dich ja hier in Caſſel mit franzöſiſchen Familien nicht außer Verbindung halten; —— —— 307 ſondern weil die Empfehlung von ihm kam, und weil er dergleichen mit Uebertreibung thut und mit Uebereilung that. Er bedachte nicht, wie tief er im Mistrauen der Hofpartei ſtand, und durch ſeine aufdringliche Empfehlung dich ſelbſt uͤbel ſignaliſiren und in ſchlimmen Verdacht ſetzen konnte. Und kam's denn nicht auch, wie ich es geahnt hatte? Die Lehrſtunden wurden fein und artig hinaus⸗ geſchoben, und du an Bercagny überliefert, der durch⸗ trieben, wie er iſt, leicht entdeckte, daß du kein preußiſcher Spion warſt, ſondern vielleicht zu einem weſtfäliſchen mouchard zu machen wäreſt. In welche Verwickelung du dadurch gerietheſt, wirſt du hoffentlich dein Lebtage nicht vergeſſen. Heut nun darf ich dir ſagen, daß du die glückliche Löſung derſelben auch dem Baron Reinhard ver⸗ dankeſt, der durch ſeine geheime Verbindung hinter Ber⸗ cagny's Rücken zu einer Abſchrift deines Berichts gekom⸗ men war, und mir alsbald Kenntniß und guten Rath gab. So haben denn ſeine Freundſchaft für mich und ſodann dein gutes Gluͤck dich damals vor einer ſchmählichen Ge⸗ fahr gerettet. Aber du biſt dabei doch allmälig in Ver⸗ bindungen und in eine Richtung gekommen, die mir bange um dich machen. Du gefällſt dir nur zu ſehr in dieſen Kreiſen, und bald wirſt du dich auch ihrem Treiben nicht mehr entziehen kͤnnen. Deine Aufnahme bei Herrn von Bülow meine ich nicht; dieſe freute mich. Bülow iſt ein deutſcher Mann, ein guter Preuße, der den Fremden nur dient, um dem Vaterlande zu nützen und der herſtellen⸗ den Zukunft eine Pforte offen zu halten. Dieſer Ver⸗ bindung magſt du treu bleiben. Laß dich ja in keine andere Strömung ein!— Aber außer ſeinen Mittwochs⸗ 20* 308 Aſſembleen beſuchſt du auch die Freitags⸗Geſellſchaften und vertrauliche Abende bei Simeon; haſt dich dort von Marin⸗ ville, dem Jeröme'ſchen Maitre de la garderobe, einneh⸗ men laſſen, wirſt zu Morio's Hochzeitfeſt eingeladen und— ſo biſt du im lockendſten Zuge, ſchwimmſt ſeelenvergnügt in dieſem Waſſer, und wenn ich nach Wochen wiederkehre, werde ich mit guten Freunden— im Truͤben fiſchen müſ⸗ ſen, um zu erfahren, wo du biſt, und welchen Köder du verſchlungen haſt. Hermann, von Luiſens Rede und Stimmung betroffen und ein wenig beſchämt, erwiderte zuerſt mehr ausfluchtweiſe: Ich weiß nicht, Luiſe, ob du Marinville perſönlich kennſt; aber man thut ihm wahrlich Unrecht— glaub' ich wenigſtens. Sein Leichtſinn hat etwas Unbefangenes, Argloſes. Er iſt mir ein Menſch, der— Ein entſetzlicher Menſch, unterbrach ihn Luiſe, viel entſetzlicher als du ahneſt und als ich dir ſagen kann, am entſetzlichſten, weil er gerade eine ſo liebenswürdige Erſcheinung macht, die ebenſo leicht beſticht als berückt. Doch— wir können das jetzt nicht abhandeln, wir müſſen hinüber. Ich wollte dir nur ſagen, daß ich deinetwegen mit dem Geſandten geſprochen habe. Er hat alles Ver⸗ trauen zu deiner Vorſicht und Klugheit gefaßt. Seine Stellung zwiſchen den Parteien und zum König iſt ſehr kitzlich und erfodert die größte Behutſamkeit in ſeinem Benehmen und im Verkehr mit Andern. Er hat nicht Urſache, ſeinen Kaiſer zu lieben, und ſein würtembergi⸗ ſches Herz fühlt innig genug für die deutſche Sache. In dieſem Sinne wird er dir Winke über Menſchen und Ver⸗ hältniſſe, Rath für dein Thun und Laſſen geben. Geh' 309 nur in einigen Tagen zu ihm und bitte ihn um die Ant— wort auf Das, was ich deinetwegen mit ihm beſprochen hätte. Er wird dir dann vorerſt offen ſagen, wie du dich zu ihm zu ſtellen, dich gegen ihn zu benehmen haſt. Und ſo hoffe ich denn durch einen ſolchen Freund gut zu machen, was der Vater mit dir übereilt hat. Nur ver⸗ ſprich mir jetzt auch, daß du dich nicht auf dein bisheri⸗ ges gutes Glück verlaſſen, ſondern mit einigem Mistrauen gegen dich ſelbſt— Alles, Alles, Luiſe! fiel er ihr mit leidenſchaftlicher Hingeriſſenheit ins Wort, indem er die Hand, die ſie ſeinem Verſprechen entgegenhielt, heftig ergriff. Alles will ich geloben! Nur ſprich es nicht aus! Ich weiß, was du meinſt. Demüthige mich nicht ſo im Augenblicke, wo mein Herz von deiner Theilnahme an mir vergeßlichen Menſchen, von deiner Fürſorge für mich Unachtſamen be⸗ wegt iſt. Du knüpfeſt dieſen betrübten Augenblick deines Lebewohls an jene erſte Frühlingsbegegnung, da dein Vater mich zu euch in die Au mitbrachte. Ach, wie ſtand ich damals ſchon feierlich athmend vor deiner wunderbaren Erſcheinung, und mit der Ahnung deiner erhabenen Seele kam ein Vorgefühl alles Deſſen über mich, was du mir werden ſollteſt. Wie fühlte ich mich gehoben durch deine bloße Gegenwart! Und im Nu eines innern Geſichts, einer blitzenden Offenbarung meiner Seele lag alles Hohe, wornach ich ſtrebte, wornach ich von daheim ausgegangen und eben bei euch angekommen war, in lachender Fern⸗ ſicht und Erfüllung vor mir da, und du ſchwebteſt mir ent⸗ gegen und reichteſt mir, wie eben jetzt, was ich feſthalte— deine Hand, und die ich für immer feſthalten möͤchte. 310 Hermann glitt, wie von ſeinen Empfindungen gebeugt, vom Kanapee auf ein Knie, und preßte, von ſo lebhaften Erinnerungen überwältigt, die zarte Hand an ſeine Lippen, an ſeine Augen, die er dann feuchtglänzend zu ihr auf⸗ ſchlug, indem er mit ſeiner weichen Stimme fortfuhr: Ja, Luiſe, wir fühlen oft den ganzen Inhalt von Segen oder Entſagen unſerer Zukunft in einem flüchti⸗ gen Augenblicke, wie uns ein funkelnder Thautropfen den ganzen Himmel mit Blau und Grau abſpiegelt. Du haſt das äußere Verhängniß bezeichnet, das ſich an jenen Mo⸗ ment heftete, an deines Vaters Empfehlung; aber eine innere Wandlung meiner Empfindungen rührt aus dem⸗ ſelben erſten Augenblick. Ich ſollte ſingen, wenn du dich erinnerſt, und mir fiel zuerſt eine Melodie ein, die mich gleich bei meiner Ankunft im Gaſthofe, den Abend vorher, wie eine Loſung meiner Zukunft, aus einer nachbarlichen Clarinette begrüßt hatte— fiel mir ein im Moment, wo ich bei der innern Anſchauung meiner Zukunft dich als das wünſchenswertheſte Glück empfand, das einem Manne auf der Höhe ſeines Strebens zu Theil werden könnte. Und mit dieſer Empfindung— ſoll ich ſagen mit dieſer Herausfoderung meiner liebenden Zukunft— ſang ich: Komm' heraus, komm' heraus, du ſchöne, ſchöne Braut. Aber mit dieſer Melodie, die— mir unbekannt— dein eigenes Werk war, und womit ich dir gleich ſo weh that, traf ich die ſchwerſte Schickung deines Lebens. Und— wie durchkreuzten ſich nun die bedenkliche Empfehlung dei⸗ nes Vaters und mein ſchöner Traum derſelben Stunde! Jene Empfehlung wendete ſich noch zu meinem Gluͤck, mein Traum aber ſollte in das ſchmerzlichſte Mitgefühl mm————/O——C—C—C—C—C—C—C—C—C—C—C—C—C——--:xꝛ 311 ausgehen, als ich erfahren mußte, daß jenes mir unbe⸗ kannte Verhängniß deines Lebens dich über alle Bewer⸗ bung der Liebe, über alles Verdienſt der Treue unerreich⸗ bar hinausgehoben hatte. Hermann ſchwieg und eine tiefe Stille folgte. Luiſe ſchien ſehr bewegt. Ihre Züge wechſelten von Rührung und Schmerz; ihre Bruſt kämpfte, wie es ſchien, mit wi⸗ derſprechenden Empfindungen. Endlich ſiegte ein Ausdruck von Reſtgnation, und eine edle Faſſung verklärte mit ei⸗ nem höhern Anhauch von Röthe das ſeelenvolle Geſicht. Sie richtete ſich auf, und indem ſie den Freund mit ſich emporhob, ſagte ſie feierlich, aber mit beklommener Stimme: Ja, lieber Hermann, man kann nicht zweien Seelen in zwei verſchiedenen Welten angehören. Und dieſe Hand, wo ſie dem Lebenden helfen kann, waltet doch immer nur im Amte des Abgeſchiedenen— als Prieſterin der Freund⸗ ſchaft, die kein Herzensbündniß ſchließt.—— Aber jetzt komm' mit hinüber! Faſſe dich heiter, und dein Herz, das ſo nach Liebe ſucht— wahre es wohl! Denn, glaube mir, du kennſt die Liebe noch nicht! Sie ſchritt mit ſtolzer Haltung nach der Thür, und Hermann folgte. Auf dem Corridor blieb ſie ſtehen, ath⸗ mete auf und ſagte dann leiſe und vertraulich: Ich höre— von Rehfeld, du biſt nun im Vertrauen mit den Kurfürſtlichen für ihre Abſichten zur Herſtellung des Kurfürſten; ſtehſt aber noch in Bedenkzeit. Nach mei⸗ ner Rückkehr ſprechen wir darüber. Was iſt dir der Kurfürſt! Und ein ſo vereinzeltes Unternehmen kann nur mislingen. Nur eine große, umfaſſende Erhebung hat die Macht und das Vorgefühl zu ſiegen in ſich. Dann aber 312 gilt es auch keiner bloßen Herſtellung des Alten— es gilt ein großes, einiges Deutſchland! Sie winkte ihm Schweigen zu und betrat mit ihm das Geſellſchaftszimmer. Dreizehntes Capitel. Reiſeausſichten. Heut zum letzten mal hatte ſich ſo ziemlich Alles ein⸗ gefunden, was bisher zu Reichardt's muſikaliſchen Aben⸗ den ein⸗ für allemal geladen war. Auch Herr von Bülow und der Geſandte Baron von Reinhard waren wieder einmal gekommen. Aber man ſtand noch durch einander, und eine wilde Unterredung brauſte im Salon. Eine ſolche Beſprechung, wo Jeder ‚ehe er ſeinen Platz ge⸗ nommen, was ihm eben am nächſten liegt, gegen ſeinen Nachbar vorbringt, gleicht dem Wirrwarr, in welchem die verſchiedenen Inſtrumente zu einem Concert geſtimmt wer⸗ den. Erſt durch Luiſens Eintritt erhielt die zerſtreute Geſellſchaft einen Vereinigungspunkt. Alles begrüßte ſie, und als ſie ſich niederließ, rückte man ſich in einem wei⸗ ten Halbkreis um ſie her. Luiſe, ohnehin ſo anziehend für ihre Bekannten, er⸗ ſchien heut auch noch als Scheidende, von der ſich ein 313 Jeder an dieſem Abende einen letzten Antheil anzueignen ſuchte. Und ſtie verſtand ſich, wenn ſie bei freier Seelen⸗ ſtimmung war, auf die Leitung einer vielſtimmigen Unter⸗ haltung, wie ihr Vater auf das Commando eines Or⸗ cheſters; nur daß ſie die Partitur zu ſchaffen oder zu ergänzen hatte, die dem Kapellmeiſter fertig vorlag. Man war nicht klar über die Urſache oder den Zweck ihrer Abreiſe, und ſie ſagte lächelnd: Es iſt eigentlich eine Univerſitätsangelegenheit, die mich auf einige Wochen in die Nähe von Halle abruft. Nach⸗ dem unſer König die von ſeinem kaiſerlichen Bruder ge⸗ ſprengte Univerſität wieder hergeſtellt hat, werden neue Kräfte dahin gezogen. Sie wiſſen, daß an Wolſ's Stelle der berühmte Philolog Schütz getreten iſt; Erſch und Vater ſind an die Bibliothek gekommen; Voß, Heraus⸗ geber des Journals„Die Zeiten“, beſteigt den Lehrſtuhl der Staatswiſſenſchaften; Reil und Meckel übernehmen das kliniſche Inſtitut— Und Luiſe Reichardt wird wol Profeſſorin der muſi⸗ kaliſchen Compoſition? fiel Doctor Harniſch mit ceremo⸗ niöſer Verbeugung ein.— Verzeihung! erwiderte ſie. Für die Muſik iſt ſchon Herr Director Türk in Halle, und der König hat ihn auch zum wirklichen Profeſſor der Muſik ernannt. Ich kenne Herrn Türk, rief Baron Rehfeld. Er iſt ein alter Bekannter von mir; nur war mir noch unbe⸗ kannt, daß König Jeröͤme ein Freund der türkiſchen Muſik iſt. Eine zarte Harfe mit ein paar Hörnern iſt ja be⸗ kanntlich ſeine Leibmuſik. Und türkiſche Inſtrumente ma⸗ chen ja auch zuviel Spectakel für feine— Notturnos. Um aber mein Univerſitätsräthſel zu löſen, fuhr Luiſe fort, müſſen Sie wiſſen, daß mein lieber Schwager Stef⸗ fens aus Holſtein und Lübeck, wo er ſich bisher aufhielt, zurückgekehrt iſt und mit beſonderer Unterſtützung des Gouvernements eine Bergwerksſchule errichtet. Sie kön⸗ nen denken, wie es mich verlangt, ihn und meine theure Schweſter zu ſehen. Iſt Steffens wieder da? rief Hermann freudig aus, und Luiſe bejahte es mit dem ſchalkhaften Zuſatze: Ich werde ihm auch gelegentlich berichten, welche Fahr⸗ ten und Gefahren ſein Empfehlungsbrief unter Ihrer Obhut beſtanden hat, und wie er ſich vor den Zähnen eines Spitzes und vor den Krallen eines Spitzbuben un⸗ ter einen Kleiderſchrank retten mußte. So heiter dies gemeint war, blieb doch für Hermann dieſe Erinnerung an ſeinen erſten unbeſonnenen Morgen in Caſſel nicht ohne flüchtiges Errͤthen⸗ Aber ſchon be⸗ merkte Baron Reinhard: Sie geben gleichſam die Loſung, liebe Luiſe, zu vie⸗ len Sommerreiſen, die unſere Societät ſehr erſchöpfen werden. Se. Majeſtät der König werden um den 7. Auguſt Bad Nenndorf beſuchen. Ja, ſtel der Arzt Harniſch ein, der König wäre ſehr angegriffen, ſagte mir geſtern Doctor Zadig in Beiſein des erſten Arztes, des Chevalier Garnier de St. Romain. Jeröme habe den Staatsrath nicht beſuchen können, und ſogar einige vornehme Fremden, die zur Audienz gekom⸗ men, unempfangen gelaſſen. Er leidet an Rheumatismen, hoͤre ich. Das laß ich mir gefallen! rief mit ſchalkhaftem Eifer 31⁵ Baron Rehfeld aus. Man ſpricht immer von feinen Par⸗ tien; aber nein! es ſind die Grobiane von Rheuma⸗ tismen, die Einen angreifen und erſchöpfen. O, ich kenne ſie! Schnell ablenkend fuhr Reinhard fort: Auch die Königin wird, und zwar noch früher, Bad Teinach beſuchen. Teinach? fragten die Damen, und Harniſch berichtete, daß es eines der würtemberger Schwarzwaldbäder ſei, ziemlich hoch gelegen, mit vier Quellen, die flüchtig rei⸗ zend und belebend auf das Nervenſyſtem wirkten. Beſſer als über das Bad waren die Damen über die Reiſeausrüſtung unterrichtet. Man fand es begreiflich, daß dieſer erſte Beſuch ihres Heimatlandes mit Glanz geſchehe, was auch der Koͤnig verlange. General Salha gehe als Oberhofmeiſter mit, und außer der Gräfin An⸗ tonie, der Oberhofmeiſterin, die erſte Hofdame Baronin Otterſtedt. Aber auch Morio verläßt uns mit ſeiner jungen Frau, ſagte Herr von Bülow. Eine hübſche Honigmonatreiſe— durch Italien nach dem paradieſtſchen Neapel! Der Kriegsminiſter? fragten einige Stimmen zugleich. Man wußte nämlich ſchon im Publicum von dem Befehle des Kaiſers und hoffte, das Genauere von dem franzö⸗ ſiſchen Geſandten zu vernehmen. Reinhard aber erwiderte mit ſeiner ruhigen, diplomatiſchen Vorſicht: Nun ja, der Köͤnig nimmt einen ſo angeſehenen Militär zu einer außerordentlichen Sendung nach Neapel, um den neuen Koͤnig Joachim Napoleon zu beglückwün⸗ ſchen, der nach Joſeph's Annahme der ſpaniſchen Krone in 316 nächſten Tagen ſeine Proelamation erlaſſen wird. Es iſt eine diplomatiſche und Familienangelegenheit zugleich, da⸗ her ihn Jeröme auch zum Diviſionsgeneral befördert hat, ihm eine etwas höhere Stellung zu geben. Nun ja, bemerkte Doctor Harniſch, dieſe Beförderung und das milde Klima von Neapel wird dann leicht die Wunde heilen, die dem geweſenen Kriegsminiſter die Un⸗ gnade des Kaiſers— Ihn freundlich unterbrechend, ſagte Reinhard: Es iſt aber merkwürdig, was ein an ſich unbedeu⸗ tendes Wort, misverſtanden, ſogar einen tapfern Kriegs⸗ mann zu erſchrecken vermag! Ich ſtand dabei, als Se. Majeſtät mit Ihrer anmuthigen Freundlichkeit zu Morio ſagten: Es iſt ein Paradies, General, wohin ich Sie als jungen Ehemann ſende. Sie wiſſen ja—„Sieh’ Neapel und ſtirb!“— Da hätten Sie den Eindruck ſehen ſollen, denn dies unerwartete e poi muori auf Morio machte! Entſetzt, wie vor einer Geiſtererſcheinung, wich er einen Schritt zurück, und konnte nur mit ſtocken⸗ der Stimme— Mein Gott, Sire! vorbringen. Der König, nicht weniger betroffen, ergriff die Hand, die der General auf die gepreßte Bruſt drückte. Ich erklärte das Misverſtändniß, und nun erkannte man, daß von keiner Vorbedeutung, von keinem Geiſterwort nur ein Gedanke ſein konnte. Vielmehr iſt Morio jetzt ſehr vergnügt, und wird mit ſeiner noch vergnügtern Frau wahrſcheinlich nach ſeines Schwagers Verlobung abreiſen, wenn ein ſol⸗ cher Verſpruch nicht etwa bloßes Stadtgerede iſt. 5 Da war nun der piquanteſte Gegenſtand des Stadt⸗ geſprächs hingeworfen— die muthmaßliche Verlobung — — ☚— berg. Die Unterhaltung zerſplitterte ſich ein wenig; denn die Frauen hatten einander ſo Manches zuzuflüſtern. Das leidenſchaftliche Benehmen der Generalin Salha war aufgefallen, und man tadelte, daß ſie ſich in ihrer ge— täuſchten Erwartung für ihre Tochter Melanie nicht zu faſſen wiſſe,— eine ſonſt ſo kluge und verſteckte Frau. Man meinte, ihrem Manne, ſoviel auch der General mit ſeiner Matroſenhaut vertragen könne, ſei doch die glück⸗ liche Ausflucht nach Teinach zu göͤnnen, wo er auf die Ausfälle und Drohungen ſeiner Gebieterin zwiſchen den vier Quellen ſeine ſeemänniſchen Nerven erquicken moͤchte. Die flüſternde Aufregung zur Ruhe zu bringen, rief Reinhard ſeiner Gemahlin zu: Nicht wahr, liebe Chriſtine, da halten wir's in der verlaſſenen Reſidenz— verlaſſen vor allem von unſerer verehrten, lieben Luiſe— auch nicht aus, ſondern ma— chen uns auf ein paar Wochen fort. Vorausgeſetzt, daß mir der Urlaub nicht verſagt wird. Ich habe eben den jungen Freund Doctor da gefragt, lieber Karl, ob er nicht mit uns an den Rhein wolle, antwortete ſie. Ich fürchte aber, er hat eine Herzens⸗ angelegenheit, die ihm Caſſel ausfüllt, auch wenn wir Alle Platz machen. Sie lächelte Hermann an, der zwiſchen ihr und Frau Lina ſaß, und der hierauf, nicht ganz unbefangen, ausrief: Ach, an den Rhein! Das gehört zu meinen älteſten Wünſchen, den Rhein zu ſehen! Allein, außer andern Rückſichten kann ich jetzt auch ſagen, was ein bekannter des Grafen Fürſtenſtein mit der Comteſſe von Harden⸗ 318 Miniſter des Kurfürſten dem franzöſiſchen Geſandten Big⸗ non antwortete, als ihm derſelbe zuredete, Paris einmal zu ſehen. Und was antwortete er? fragte Reinhard; worauf Hermann ſagte: „Ah, votre Excellence, si j'étais mon propre Mon- sieur!“(„Wenn ich mein eigener Herr wäre!“) Ein ſchallendes Gelächter erfolgte, und wiederholte ſich, bis Reinhard lächelnd verſetzte: Nun, ein proprer Monſieur ſind ſie ſchon, und wenn Sie von Mainz bis Remagen führen, um uns auf Falken⸗ luſt zu beſuchen, ſo hätten Sie die ſchͤnſte und roman⸗ tiſche Strecke des Rheins geſehen; doch würde Ihnen un⸗ ſer Landſitz auch noch einige artige Ausflüge bieten. Hermann hatte kaum ein ſo freundliches und ehren⸗ des Wohlwollen mit einigen Worten des Dankes aner⸗ kannt, als ihm Herr von Bülow zurief: Lehnen Sie die Güte Sr. Excellenz nicht ſo unbe⸗ dingt ab, Herr Doctor; Sie ſind dem Rhein vielleicht näher, als Sie glauben! Und als man ihn erwartungsvoll anſah, ſprach er mit bedeutſamem Lächeln gegen ſeine Gemahlin: Wir ſind nun mit den dringendſten Angelegenheiten des Reichstags ſo weit, daß Berathen zu Thaten über⸗ gehen kann. Die Provinzialſchulden ſind als eine gemein⸗ ſame Reichsſchuld anerkannt, die Verzinſung derſelben iſt fundirt durch eine allgemeine Perſonalſteuer, und drittens iſt ein Staatsanlehn von zwanzig Millionen ſanctionirt. Doch wollen die Stände bei dieſer Geldaufnahme die Hände im Spiel behalten, und der König hat daher auch auf 319 meinen Antrag genehmigt, daß eine Deputation von Mit⸗ gliedern des Reichstags nach Holland geſendet werde, wo uns gute Bedingungen für ein Anlehn in Ausſicht ge⸗ ſtellt ſind. Ich habe nun zu dem Geſchäft zwei tüchtige Männer gewonnen, den Fabrikherrn Nathuſius und den Banquier Jacobſon, und denke, Sie, Herr Doctor, aus meinen Bureaux als Seeretär oder Actuar für das Pro⸗ tokoll beizugeben. Dort kämen Sie ja nun an den ver⸗ ſiechenden, verſandenden Vater Rhein, und koͤnnten, wenn Sie ein gutes Geſchäft machen, rheinaufwärts bis Re⸗ magen Ihren Rückweg nehmen. Wie? Hermann, aufs angenehmſte überraſcht von der ihm zugedachten Gunſt, war lebhaft aufgeſtanden und gegen ſeinen Miniſter vorgetreten; eh' er aber zu Wort kam, rief der ungeduldige Reichardt: He da, Freund Hermann! Hierher, an meinen ſchon lange harrenden Streicher! Dort ſtehen unſere Flaſchen und— liebe Sophie, einſchenken, herumreichen! Und Hermann ſingt uns zum Dank an Se. Excellenz und zu endlichem Beginn unſers Abends das herrliche:„Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben!“ Und wir denken dabei an Vater Claudius in Hamburg, den 68er, der es uns gedichtet und der mich ſelbſt jetzt zu ſeinem Asmus omnia sua secum portans macht. Doch nein, nein! Nicht Alles nehme ich mit mir fort; das Liebſte laß' ich noch zurück: meine treue Sophie und meine brave Luiſe! Er umarmte, mit Thränen im Auge, Frau und Toch⸗ ter, ergriff dann raſch ein gefülltes Glas, und ſprach weiter: 320 Und noch mehr laſſe ich zurück: ſo theure, verehrte Freunde, die gekommen ſind, mir Lebewohl zu ſagen. Alſo denn— ein Lebewohl, aber auf Wiederſehen, auf ein froheres Wiederſehen! Man ſtieß an, worauf Hermann das Lied ſang— mit ſoviel Feuer und Ausdruck, daß Alles mit Jubel in den Refrain der Strophen einfiel. So war denn eine hohe Stimmung erregt, und ſank auch nicht, wie es ſonſt leicht zu geſchehen pflegt, im Verlauf herab, ſondern ward nur innerlicher, als man ſich in die beiden Zimmer vertheilte und zu beſondern Geſprächen zuſammenſetzte. Dies anſtoßende Zimmer, durch eine geöffnete Flügelthür von dem andern kaum getrennt, war Reichardt's Arbeitszimmer. Es war mit den Bildniſſen der berühmteſten Muſiker geziert. Dieſen gegenüber hingen die Portraits der Charlotte Corday, Mirabeau's, Pichegru's, und darunter der Schattenriß von Reichardt's Stiefſohn, der— ein Schwärmer für die Republik— als Chaſſeur in der Pyrenäenarmee diente. Gleich, als nach Hermann's Geſang der Halbkreis der Geſellſchaft ſich gelöſt hatte, trat Frau von Bülow zu ihrem Mann und ſagte: Ich habe deinen Blick verſtanden, lieber Hanns, und wie mir ſchien, hat deine Mittheilung den jungen Freund wirklich aufs angenehmſte überraſcht. So ſchien's mir auch, erwiderte er, und es ſoll mir lieb ſein, wenn er von dieſer Madame Simeon noch nicht ſo beſtrickt iſt, daß er Caſſel ungern verließe. Dieſe „* ———— 321 Reiſe nach Holland bringt ihn hoffentlich ganz aus dem ſo bedenklichen Verkehr.. Wenn nicht etwa unſere Vorausſetzung oder unſere Beſorgniß überhaupt ungegründet ſein ſollte, lieber Hanns, meinte ſie; und da im Augenblick Herr von Reinhard mit ſeiner Gemahlin herantrat, ſprach ſie ihn mit der Frage an, ob er denn nichts Genaueres über das my⸗ ſteriöſe Perſönchen wiſſe, das ſeit kurzem bei Simeon's— eingethan ſei. Nun, nunl! lächelte der Geſandte. Bei Ihnen, meine Gnädige, kann ich es alſo noch als Geheimniß anbringen, was unſere gute Geſellſchaft bereits ziemlich ausgewittert hat. Die Heberti iſt eine Leidenſchaft Jeröme's aus Pa⸗ ris. Er hat ſie noch Tags vor ſeiner Vermählung in Fontainebleau geſehen, und der Kaiſer war höchſt auf⸗ gebracht über die Unbeſonnenheit. Iſt ſie denn wirklich eine Nichte der Frau Simeon? fragte die Baronin, und Reinhard fuhr fort: Ja, von einer Stiefſchweſter, die an einen Italiener und Muſiker Heberti verheirathet war. Dieſer hatte ſein begabtes Töchterchen für Tanz und Schauſpiel ausbilden laſſen, ſtarb früh, und da es ſeiner Witwe ſehr dürftig ging, ſo lief das tolle Mädchen aufs Theater. Jeröme, der ſie hier bewundert fand, nahm ſie fort und unter⸗ hielt ſie mit der Mutter. Sie ſoll wirklich eine einneh⸗ mende Bildung und bei nicht gerade brillanter Schönheit doch ſehr bezaubernde Manieren beſitzen. Ich habe ſie nur einmal flüchtig an einem Simeonsabende geſehen, wo ſie mir auch als„Mademoiſelle Cecile“ kurzweg,— als Koenig, Jeröͤme'’s Carneval. II. 21— 322 liebe Nichte, vorgeſtellt wurde. Der Name Heberti wird möglichſt vermieden, damit er nicht zu weit weg— nicht bis zu den Ohren der Spione des Kaiſers komme, und es zum Schreck für den guten Simeon der lieben Nichte ergehe, wie der kleinen Henin, wenn Sie ſich erinnern, die auch dem Koöͤnig nachgezogen kam und auf Napo⸗ leon's Befehl nach Paris zurückgebracht wurde. Da liegt denn freilich die Auskunft nahe, verſetzte Herr von Bülow, daß man Mademoiſelle Ceeile an einen Mann bringe, unter deſſen Namen ſie dann in der Ge⸗ ſellſchaft erſcheinen könnte. Wir fürchten, daß man es auf unſern jungen Doctor abgeſehen habe! flüſterte Frau von Bülow, und Baron Reinhard bemerkte: Ich höre, er ſoll öfter hingehen, und weiß, daß Ma⸗ rinville ſich für ihn intereſſtrt. Indeß— ich glaube nicht, daß er zu dem gewöhnlichen Schlag unſerer jungen Herren gehört, die es freilich mit den Mitteln und We⸗ gen, ihr Glück zu machen, nicht ſehr genau nehmen. Auch ich, verſetzte Bülow nachdenklich, habe eine beſſere Meinung von ihm gefaßt. Viklleicht iſt es aber gut, wenn er auf eine Gelegenheit ſtößt, wo er ſich uns be⸗ währe. Denn ſonſt— ſo gut ich es mit ihm vorhabe, auf jedem andern Weg zu ſeinem Glück müßte ich ihn fallen laſſen.. Nur, lieber Baron, müſſen Sie dann aber auch die Ueberzeugung haben, daß er ſelber weiß, was er thut oder was ihm geſchieht, und wer dieſe Cecile iſt. Sie kennen ſeine Verwickelung bei Bercagny! erinnerte Frau von Reinhard. —.,— — 323 Sie haben Recht, fiel die Baronin Bülow ein. Wir müſſen ihm alſo die Augen öffnen! Aber der vorſichtige Geſandte warnte vor Ueber⸗ eilung. Rühren wir an das feine Netz nicht, ſagte er, das an den Koͤnig geknüpft iſt und dieſen Marinville zur Spinne hat! Wir wiſſen ja nichts von der Heberti, was wir ihm ſagen dürften, und kämen in Verlegenheit, wenn er Das wüßte, was wir ihm zu ſagen wagten, und was er misbrauchen könnte. Uebrigens vertraue ich darauf, daß mir Luiſe Reichardt für ſeine edle Denkart und Ge⸗ ſinnung gutgeſagt hat. Und er geht ja auch vorerſt nach Holland. Aber ſtill, das Quartett beginnt! Mit dem QOuartett wechſelte Geſang, und zwiſchen die Muſikſtücke fielen kurze Pauſen der Unterhaltung. Luiſe ſang einige Lieder ihrer eigenen Compoſition, wie das Lied von Brentano:„Durch den Wald mit leiſen Schrit⸗ ten“, und den Schluß machte ein Duett, von Hermann und Frau Lina vorgetragen. Als Beide, vom Flügel aufgeſtanden, im Geſpräche nach dem zweiten Zimmer wandelten, wo Ludwig zurück⸗ geblieben war, rief Herr von Bülow den jungen Freund mit den Worten an: Wiſſen Sie, Herr Doctor, daß Sie auf dem Wege zur Gunſt Sr. Majeſtät des Königs ſind? Die beiden Frauen Bülow und Reinhard erſchraken; doch die auf Ueberraſchung berechnete Frage glitt an Her⸗ mann's unbefangenem und verwundertem Lächeln ab. Er trat näher, und Lina nahm zuviel Antheil an dieſer Nachricht, um nicht auch ſtehen zu bleiben. 21* 240 8 ligen Bordeaux; die Garderobediener veräußern die Ball⸗ 324 Ja, fuhr Bülow fort, Sie wiſſen am Ende ſelber nicht, was man oft mit einer ſchmeichelhaften Bemerkung für Breſche ſchießt. Sie haben jüngſt in einer Aſſemblee bei Herrn von Simeon, als die Rede auf des Königs Güte und Heiterkeit kam, die hiſtoriſche Erinnerung ge⸗ macht, der König habe darin etwas mit Heinrich IV. ge⸗ mein, von dem man ſeiner Zeit geſagt habe: qu'iil faisait part aux Siens de sa gayeté(er gäbe den Seinen Antheil an ſeiner Fröhlichkeit). Die Bemerkung fand Bei⸗ fall und ward vom König, dem ſie Marinvillle hinter⸗ brachte, ſehr gnädig aufgenommen. Sie köͤnnen ſich auf eine Audienz gefaßt machen. Mit Verneigung und etwas bezüglichem Lächeln ver⸗ ſetzte Hermann leiſe: In letzter Zeit ſollen doch Audienzen nicht ſo wohlfeil zu haben geweſen ſein, Excellenz! Vor der Hand mache ich mich auf Holland gefaßt! Beide Damen blickten einander auf dieſe ehrliche Ant⸗ wort mit lächelnder Zufriedenheit an, als Herr von Reh⸗ feld, der jene Bemerkung mitangehört hatte, näher trat und ſagte: 1 Faire part iſt allerdings das treffende Wort für Je⸗ röme's Hofhalt. Man ſpricht viel von dem luſtigen Auf⸗ wande; läßt man denn aber nicht die caſſeler Welt An⸗ theil daran nehmen? Ich rede nicht vom Verdienſt der 5 Lieferanten, Händler, Handwerker bis zu den Modiſtinnen und Friſeuren herunter; nein, ich rede vom directen Mitgenuß. Die Lakaien z. B. verkaufen des Königs Bade⸗ wein und das Publicum hat auf dieſem Wege ſeinen bil⸗ ¹ „f 325 kleider, Maskenanzüge und was dergleichen bei Feſten ge⸗ braucht worden iſt. Und wer weiß, was noch Alles ge⸗ braucht und abgelegt wird! Wie mancher junge Mann macht ſein Glück an einer liebenswürdigen Dame, die ſich von Hof zurückzieht, den guten Ton und ein Patent mit⸗ bringt, nicht für ſich, ſondern für Denjenigen, welcher— On fait part! Das iſt es eben! Es kann aber auch un⸗ ter Umſtänden bei artigen Frauen heißen: On prend part! Eine verlegene Stille entſtand. Reinhard hatte gleich bei des Barons Annäherung Herrn von Bülow mit der Miene einer vertraulichen Beſprechung mit ſich beiſeite genommen. Er vermied gern den kecken Sprecher, der einen Mann wie Reinhard in Verlegenheiten bringen konnte. Und allerdings, ſeit Baron Rehfeld ſich in der höhern Geſellſchaft in Ungunſt wußte, hatte er einen an⸗ dern Ton genommen. Er hatte den Gecken abgelegt, trug und benahm ſich wie ein Mann von Bildung und Geſchmack, und wechſelte nach den Umſtänden nur zwiſchen Galanterie und Ironie, weil er ſich doch einmal an eine zweideutige oder zweiſeitige Erſcheinungsweiſe gewöhnt hatte. Eine einfache Abendeollation hielt die Geſellſchaft über die gewöhnliche Zeit beiſammen. Und als man endlich mit heitern Reiſewünſchen von Reichardt und Luiſen ſchied, war Hermann einer der Letzten, der nicht ohne Rührung dieſer ſo hochgehaltenen Freundin Lebewohl ſagte. Er hatte ihrem Vater Briefe an die Aeltern und einige mo⸗ diſche Putzſachen für die Schweſter übergeben, und bat Luiſen, die Seinigen in Halle zu beſuchen. V — 1 1 4 1 1 Der Vater wird doch Vieles zu fragen haben, wovon nichts in meinem Schreiben ſteht, ſagte er. Und erzählen Sie meiner Schweſter Lina von der ſchweſterlichen Lina, die ich hier gefunden. Ja, und bringen Sie ſie mit, wenn Sie zurückkom⸗ men, fiel Lina ein, ſie ſoll uns ein liebſter Gaſt ſein. Sie kann abwechſelnd bei mir und bei der Mutter woh⸗ nen. Ach ja! Wir rechnen darauf! Vierzehntes Capitel. Betrachtungen und Beſuche. Die Beſorgniß des Miniſters und ſeiner Gemahlin um Hermann war nicht unbegründet. Der junge Freund hatte ſich von der liebenswürdigen Cecile und durch die ſchmeichelhafte Behandlung, die er in den Abendkreiſen der Madame Simeon erfuhr, nur allzu ſehr einnehmen laſſen. Sein gutes Glück ſelbſt bereitete ihm Gefahren. Denn die leichte Förderung, die er von allen Seiten fand, die guten Ausſichten, die ſich für ſeine Zukunft darboten, ſetzten nicht blos ſeine ſtrebſamen Kräfte in Schwung, ſondern ſtimmten auch ſein Gemüth empfänglicher, ſein Herz vertrauender. Das Schoöͤne reizte ihn lebhafter, dem Seelenvollen gab er ſich unbefangener hin. — —,— —— 327 In ſo günſtigem Licht erſchien aber Cecile wirklich— jeden Tag eine Andere, ſtets intereſſant, oft reizend, zu⸗ weilen hinreißend und immer ein Geheimniß. Denn ſelbſt wo ſie am meiſten aus ſich herausging, blieb, für Her⸗ mann wenigſtens, die Kunſt ein Räthſel, womit es ge⸗ ſchah. Sie las nicht blos mit ihrem eigenthümlich be⸗ deckten, aber höchſt biegſamen Organ, in reinſtem Aeccent, einen Act oder zwei aus einer franzöſiſchen Tragödie leb⸗ haft und ausdrucksvoll vor, ſondern beſaß auch, für ein Mäͤdchen aus der Geſellſchaft in ungewöhnlichem Grade, das Talent und die Unbefangenheit lebendiger Darſtellung von Scenen aus ſolchen Tragödien, beſonders von Ra⸗ eine. Ja, wenn an ſtillen Abenden kein Beſuch, außer etwa Marinville's, da war, ließ ſie ſich von Madame Simeon bewegen, ſelbſt im Coſtüm aufzutreten, und in graziöſen Bewegungen, in ausdrucksvollen Pantomimen, die Leidenſchaft einer Kleopatra, die Zärtlichkeit einer Gabrielle d'Eſtrées, die klöſterliche Reue einer Aebtiſſin von Bourbon darzuſtellen, oder als Fee Urgele mit Zau⸗ bergeberden heranzuſchweben, und aus dieſer von Blan⸗ gini componirten Oper die ſchöne Arie, nicht ausgezeichnet, aber wunderſam gedämpft zu ſingen:„Pour un baiser faut— il perdre la vie.“ Man hiätte glauben ſollen, ſte hielte ſich von der großen Geſellſchaft, für die ſie ſo⸗ viel voraus hatte, nur zurück, um eine eigene poetiſche Welt zum Mitgenuß für wenig Auserwählte um ſich her zu ſchaffen. Für gewöhnlich, in den proſaiſchen Stun⸗ den, oder wenn ſie an kleinen Abenden ſich um die An⸗ weſenden bemühte, erſchien ſie mit Anmuth gefällig, mit heiterm Lebensverſtand unterhaltend. Eine liebenswürdige 1 ſ 4 1 1 1 1 2 —— 328 Theilnahme an Allem, das verbindlichſte Zuhören, wenn Hermann ſprach, gab ihr den Anſchein, unterrichteter zu ſein, als es der Fall war, und zum Ueberfluſſe verſtand ſte es, tactvoll zu fragen. Daß Marinville, der leicht⸗ fertige, neckiſche Menſch, ihr ſtets mit beſonderer Hoch⸗ achtung begegnete, flößte dem Freund unvermerkt eine günſtige Meinung von der würdigen Perſönlichkeit des myſterioͤſen Mädchens ein. Und wenn derſelbe gar manch⸗ mal auch eine kurze vertraute Beſprechung mit ihr hatte, ſo geſchah es doch immer mit zartem Anſtand. Hermann vermuthete anfangs eine Bewerbung Marinville's um die liebenswürdige Cecile, und beſtärkte ſich darin, als er Beide wiederholt auf verſtohlenem, ſchalkhaftem Lächeln ertappte. Er war aber ſoweit entfernt, einen Argwohn gegen Cecile zu faſſen, oder das Mindeſte vorauszuſetzen, was ſie irgend in Schatten geſtellt hätte, daß er vielmehr eine kleine Unruhe empfand, die wie Eiferſucht ausſah. Doch über dieſen heimlichen Verkehr kam ihm unerwartet ein beruhigender Aufſchluß. Eines Abends beim Weggehen begleitete ihn Marin⸗ ville, der vom alten Schloß aus nach Napoleonshöhe zurückzufahren pflegte, über den Eliſabether Platz hinab, und ſagte in ſeiner leichten Weiſe hinwerfend: Die verdrießliche Angelegenheit, die unſere charmante Cecile nach Caſſel geführt hat, zieht mich immer mehr in ihre Wirbel, weil ſie hauptſächlich mündlich verhandelt wird. Das wäre nun bei einem ſo liebenswürdigen Ge⸗ ſchöpf ſo übel gar nicht, wenn man für ſie und nicht gegen ſie zu handeln hätte. Sie betreibt nämlich eine alte Foderung ihrer Mutter an die franzöſtſche Krone, 4 329 eine Zahlung, die der Kaiſer bei Simeon's Ernennung zum weſtfäliſchen Miniſter auf den Kronſchatz ſeines Bru⸗ ders, des Königs Jeröme, verwieſen hat. Simeon betreibt die Foderung, und ich hoffe, die Sache wird in der Kürze günſtig erledigt werden. Ich fürchte nur, die liebenswür⸗ dige Cecile wird uns dann verlaſſen, gerade wann die Rückſichten aufhören, die bisher ſie den Annehmlichkeiten der Geſellſchaft entzogen und ihr freilich eine wenig er⸗ quickliche Einſamkeit dictirt haben. Sie gelten etwas bei ihr, lieber Doctor; helfen Sie uns ſie feſthalten, wenig⸗ ſtens bis ſie einen beſſern Begriff von dem ihr fatalen Caſſel mitnehmen kann. Ich bin gewiß, wenn ſie einmal zur Geſellſchaft gehörte, ſie würde bald gefeſſelt und ge⸗ halten werden. Caſſel iſt freilich kein Paris; aber es hat dafür ſeinen eigenen Zauber. Und— Sie werden ſelbſt beobachtet haben, welch' ein empfängliches Herz in dieſer reizenden Bruſt wohnt. Oder— kennen Sie mehr ſolche begabte junge Damen in Caſſel? Ah bah! Wir erleben noch, daß ſie unſere junge Welt in Feuer und Flammen ſetzt, und daß man ſich um ihre Hand reißt, die ſehr niedlich, aber— nichts weniger als leer iſt. Dieſe vertrauliche Mittheilung, indem ſie für Hermann manches Räthſelhafte in Cecile's Verhalten löſte, warf doch auch eine neue Unruhe in ſein Gemüth. Er mußte ſich ſagen, daß nach ihrer Entfernung die Abende im Juſtizpalaſt, auf die er ſich bisher etwas zugut gethan hatte, doch viel von ihrem Intereſſe verlieren dürften. Madame Simeon und ihre Tochter behielten in ſeinen Augen wenig Anziehendes übrig, da ſelbſt die Zuthätig⸗ keit, die ſie ihm, jede in ihrer Weiſe, bezeigten, ſich un⸗ 8 —— 330 verkennbar um Ceeile drehte. Der Miniſter aber, den er verehrte und auf deſſen Wohlwollen er ſtolz war, erſchien gar ſelten und nur auf Augenblicke bei ſeiner Familie. Er war, beſonders während des Reichstags, überladen mit den Arbeiten zweier durch Beſtimmung der Conſti⸗ tution verbundener Miniſterien, der Juſtiz und des Innern, und liebte zu ſeiner Erholung eine Partie Schach, zu der ihn einige Freunde beſuchten oder der er ſelbſt in das literariſche Caſino nachging. Dies Caſino hatte der ruſſi⸗ ſche Geſandtſchaftsrath von Struve nicht weit vom Palais in der Königsſtraße gegründet, beſonders auch um zwi⸗ ſchen deutſchen und franzöſiſchen Journalen und an ge⸗ miſchten L'Hombre⸗Tiſchen die Anſichten beider Parteien und die verſteckte Abneigung zwiſchen dem alten Adel und den neuen Franzoſen allmälig auszugleichen. Jetzt fiel auch dem Freunde die ihm zuerſt nur er⸗ freuliche Reiſe nach Holland aufs Herz. Sollte er es hingeſtellt ſein laſſen, ob er bei ſeiner Rückkunft Cecilen noch anträfe, oder ſein Lebewohl auf dieſen Fall ausdeh⸗ nen, wenn er Abſchied von ihr nähme?— Abſchied? Cecile erſchien ihm jetzt doppelt intereſſant; ſie wollte Caſſel und Deutſchland verlaſſen, und— ſie war frei; Hermann hatte ſich in Marinville's Abſichten geirrt. Aber nicht blos geirrt: er hatte ihn ein wenig beneidet, und der Gegenſtand der kleinen Eiferſucht war nun doppelt begehrenswerth. Alles dies brachte den Freund unvermerkt auf Be⸗ trachtungen über ſeine Zukunft. Eine neue Sehnſucht des Herzens begegnete ſeinem in feierlicher Stunde gefaßten Vorſatze, ſich vor wiederholter Verirrung in der Liebe zu 331 hüten. Die ſchweſterlichen Mahnungen Lina's, ja die mis⸗ verſtandenen Warnungen ſeiner ernſten Freundin Luiſe ka⸗ men dazu, ihm den bisher belächelten Gedanken an ein Bündniß für das Leben näher zu rücken. Ein ſolcher Bund verſprach dauernde Befriedigung für geregeltes Be⸗ ſtreben und für ſeelenvolles Behagen zugleich— eine Ver⸗ ſohnung zwiſchen Arbeit und Genuß. Wie innigen Um⸗ gang erwartete auch Lina von ſeiner Heirath, und welch' anmuthiger Verkehr ward dadurch auch mit andern lieben Familien möglich! Und ſollte man ſich denn nicht eine Einrichtung wünſchen, die es erlaubte, ſelbſt auch einmal liebe Freunde zu bewirthen und gute Geſellſchaft bei ſich zu ſehen? Hermann malte ſich eine ſolche Einrichtung aus, und verrieth dabei durch die Farben ſeines Gemäldes, daß er doch mit ſoviel Luxus und Ueppigkeit der höhern Geſell⸗ ſchaft nicht ungeſtraft in Berührung gekommen war, in⸗ dem er nun ſelbſt, der ſonſt die von allem Idealismus abgefallene caſſeler Jugend hart getadelt hatte, doch einen ganz hübſchen Antheil von jenem Realismus mit in die geträumte künftige Einrichtung ſeines Hauſes aufnahm. Die Phantaſie war hierbei um ſo geſchäftiger, als das Herz, genau beſehen, weniger betheiligt war. Aber freilich— die Stelle fehlte ihm noch immer, worauf ſich ein ſo anmuthiger Hausſtand begründen ließ. Er lachte ſelbſt über das doppelſinnige Wort„Stelle“, das von einem Bauplatz und von einem Staatsamte gilt. Indeß— waren ihm nicht doppelte Zuſagen gemacht? Erblickte er nicht in der Perſpective links ein Katheder und rechts ein Actenpult, die ihm winkten? Es brauchte 8 3 5 —QOQC—Z—C—————J M ä ë Fõ—ↄ————— „ 332 nur ein flüchtiges geometriſches Winkelmaß, um zu ſehen, welches von beiden ihm näher liege. Und vielleicht brächte eine Wahl des Herzens dies Winkelmaß mit ſich. Und wenn ſich ein feſtes Bündniß und eine feſte Anſtellung zuſammenſchicken, ſo verträgt ſich doch wol ebenſo ſchön ein abwartendes Verlöbniß mit einem erwarteten Amt— ein Verſpruch mit einem Verſprechen. Soviel phantaſievoller Witz, als bei dieſen Betrach⸗ tungen im Spiele war, verrieth ein noch ziemlich freies Herz, wie denn in der That auch Cecile, bei aller Ein⸗ genommenheit des Freundes für ſie, doch vielleicht weni⸗ ger den Gegenſtand als die Anregung zu jenen Betrach⸗ tungen abgab. Allein dieſe Eingenommenheit konnte doch durch Einwirkung Dritter und im Drang einer Abreiſe in ſehr bedenkliche Verwickelung gerathen. Und ſo drohte der glückliche Einfall des Herrn von Bülow, den argloſen Günſtling durch eine Geſchäftsreiſe einer ſchmählichen In⸗ trigue zu entziehen, mit einer neuen Gefahr, den unge⸗ warnten, zwiſchen Scherz und Ernſt unruhigen Freund nur deſto eher zu einer Uebereilung zu treiben. In dieſer Lage dachte Hermann vor allem an ſeinen Beſuch bei den beiden Reichstagsmitgliedern, denen er zur Reiſe nach Holland beigegeben war. Als er in dieſer Abſicht von ſeinem Zimmer herabkam, begegnete er auf der Treppe dem Handelsjuden ſeiner Hauswirthin. Her⸗ mann neckte ſich gern mit dem etwas wunderlichen Manne, der zu den eifrigen Altgläubigen gehörte und in bekann⸗ ten Familien ſeiner Abneigung gegen neue Einrichtungen kein Hehl hatte. ——— 333 Guten Tag, Sußmann! ſagte er. Ihr kommt mir wie gerufen. Wo wohnt denn der Banquier Jacobſon? Ihr wißt das gewiß! Der Geheime Finanzrath, wollen Sie ſagen, Herr Doctor, erwiderte Sußmann. Beſchneiden Sie mir den Iſrael Jacobſon nicht an ſeiner geränderten Würde; er iſt kein goldner Louisd'or und kein ſilberner Laubthaler, aber er iſt ein gewaltiger Mann. Wo er wohnt, wollen Sie wiſſen? Kann ich Ihnen ſagen. Sie wiſſen doch, wo in der Königsſtraße der Herr Jordis⸗Brentano ſein Wech⸗ ſelcomptoir hat? Gehen Sie noch ein Halbdutzend Häuſer weiter, da wohnt der mächtige Herr Geheime Finanzrath von braunſchweigiſchem Gepräg, der große Mann! Von Anſehen kenne ich ihn, lächelte Hermann. Ich habe ihn ſchon geſprochen, und er iſt allerdings ein ſehr ſtattlicher Mann. Sie wollen mich misverſtehen, Herr Doctor, erwiderte Sußmann. Kaiſer Napoleon und Iſrael Jacobſon haben doch unſern König Jeröme gemacht, wiſſen Sie: iſt das kein großer Banquier, der Geheime Finanzrath? Er hat doch die zwei Millionen vorgeſchoſſen, die der neue König nöthig hatte, um von Paris los⸗ und über Wilhelms⸗ höhe nach Caſſel zu kommen, im vorigen December, wo man juſt Schlittſchuh gelaufen iſt. Napoleon hat ihn ausgewählt, Jacobſon hat ihn geſalbt, wie Samuel den König David. Und wahrhaftig! er wird auch bald ein kleiner Samuel werden. Jeröme will ihn zum Präſiden⸗ ten des jüdiſchen Conſiſtoriums machen. Und er hat auch ſchon über die Kinder Iſrael's verfügt, der mächtige Mann. Sire, hat er geſagt— damals Herr Doctor— Sie —ͤ——— waren noch nicht hier, wo die große Verſammlung der Judendeputationen in Caſſel das große Geſchäft machten, letzten Februar und am 11. ein Dankfeſt gehalten wurde— Sire, hat er damals geſprochen, die Kinder Iſrael's werden ſich nicht damit begnügen, ihre Hände auf dem Berg zu erheben. Ich weiß nicht, hat er droben den Kratzenberg gemeint; aber unſere Synagoge ſteht ja unten in der Stadt. Ihre Hände zu erheben, hat er geſchmuſt, um von dem Ewigen die Erhaltung Ihres koſtbaren Lebens zu erflehen; die Kinder Iſrael's werden auch ihrem königlichen Herrn Soldaten liefern. Liefern hat er geſagt. Und, beſter Herr Doctor, es wird wahr werden. Mein Lazarus iſt mit fünf Schuh zwei Zoll in die Linie geſetzt worden. Sie wiſſen ja, was die Linie heißt— nicht im Kaſſabuch bei Levy Feidel, wo er auf dem Comptoir war,— nein, ins Linienregiment, das nach Spanien geht,— in die Ausgab', Herr Doctor! Mein Lazarus iſt geliefert. Ihr ſcheint eben nicht ſehr dankbar dafür, Sußmann, daß der König Euern Leuten das volle Bürgerrecht be⸗ willigt hat, bemerkte Hermann, ſonſt würdet Ihr vor allem auch die Pflicht des Waffendienſtes anerkennen. Bürgerrecht? wendete achſelzuckend und kopfſchüttelnd der Jude ein. Allen Reſpect, wenn's nur nicht in Weſt⸗ falen wär'! Das Königreich iſt zu ſehr zuſammengeſtückelt. Ich weiß, es iſt die Mode jetzt, und man macht auch kattunene Bettdecken aus allerlei Läppchen. Ob's aber haltbar iſt, wie aus Einem Stück? Die Nähte ſind über⸗ wendlings gemacht; es kann ſich alle Tag' wenden. Und wenn's reißt, und der Kurfürſt nimmt ſein Stück, und der Braunſchweiger, und der Preuß, und der Graf —— 335 Stolberg-Wernigerode und der Graf Rittberg⸗Kaunitz, und wie ſie heißen, nehmen ihre Läpperchen: meinen Sie, Herr Doctor, wir blieben Staatsbürger? Au weh! Wir werden alle wieder Juden, pure Juden, geſchlagene Juden. Man nimmt uns die Bürgerrechte und behält unſere Sol⸗ däterchen. Oder man zieht ihnen auch die Montur wie⸗ der aus; aber was hab' ich davon? Derweil iſt mein Lazarus in Spanien geliefert, ſag' ich Ihnen, oder iſt gar der Inquiſition in die Hände gefallen und wird als Jud' verbrannt; er wird geröſtet, er wird gemahlen— Autokaffe nennen's die Spötter—, und ich bekomme nicht einmal den Kaffeeſatz von meinem Jüngelchen— ich meine die Aſche vom chriſtlichen Brandopfer! Hermann ging lachend weiter. Aber hinter dem drolli⸗ gen Misverſtändniß oder verzweifelten Witze des Juden fiel ihm die ſo verbreitete Meinung von der Unhaltbar⸗ keit des neuen Reichs auf, in welchem er einen Herd für ſeine Zukunft zu gründen dachte. Auch an einem der vertrauten Abende beim Finanzminiſter waren, wenn auch aus andern Geſichtspunkten, Bedenken der Art geäußert worden, und Baron Reinhard hatte ſchon, die ſpätere Zukunft ins Auge faſſend, geſagt: Was Napoleon Ver⸗ derbliches geſtiftet hat, wird in den Händen Derer, die nach ihm die Gewalt haben werden, reichlich wuchern; was er Großes gewollt, wird mit ihm untergehen. Daß aber der ſonſt ſo kluge Sußmann eine ſo ge⸗ fährliche Meinung ausgeſprochen, erklärte ſich der junge Freund aus dem Aerger, den derſelbe offenbar gegen Ja⸗ cobſon in ſich trug. Der Banquier galt für aufgeklärt, für einen Mann, der allem talmudiſtiſchen und rabbiniſchen 336 Unſinn feind, ſeinen Einfluß zu einer religiös⸗ſittlichen Reformation ſeiner Glaubensgenoſſen zu benutzen ſuchte. Die Altgläubigen, mit ſeinem bisherigen Benehmen un⸗ zufrieden, fürchteten, daß er als künftiger Präſident des zu erwartenden jüdiſchen Conſiſtoriums die alten Gebete abſchaffen und ärgerliche Neuerungen einführen werde. Der Ruf eines ſpeculativen Kopfes, eines thätigen und ehr⸗ lichen Geſchäftsmannes von bedeutendem Reichthum war ihm von Braunſchweig vorausgegangen, ehe er zum Reichs⸗ tage kam und ſpäter nach Caſſel überſtedelte. Im Uebri⸗ gen beurtheilte ihn Hermann nach einer Aeußerung ſeines Miniſters. Dieſer hatte jüngſt, als von Jacobſon die Rede war, geſagt: Eine Portion Eitelkeit fehlt ihm nicht; aber für mich war dies ganz angenehm: ich wußte doch gleich, womit ich ihn für das misliche Geſchäft in Holland gewinnen konnte. Meinen lieben Nathuſius faßte ich an ſeiner treuen Freundſchaft für mich. Aber auch überhaupt wird jene kleine Eitelkeit Jacobſon's durch ſeine große Huma⸗ nität aufgewogen. Er iſt ſo freiſinnig, daß er die beſten Stellen auf ſeinem Comptoir mit chriſtlichen Geſchäfts⸗ männern beſetzt hält, und ſo wohlwollend, daß er ſich in dieſer gedrückten Zeit von Gelehrten, Handwerkern und Offizieren mit baaren Vorſchüſſen ſtets hülfbereit finden läßt. Mit ſo guten Vorurtheilen betrat Hermann die Woh⸗ nung, wo er dem eben ausgehenden Banquier begegnete. Er wollte ſich gleich auf ein andermal empfehlen, aber Jacobſon nöthigte ihn auf ſein reich und geſchmackvoll eingerichtetes Empfangzimmer. — —Vʒÿ ÿ———ͦ——:y—— 337 Ein angehender Vierziger von anſehnlicher Geſtalt verrieth Jacobſon in ſeinem Anzug und Benehmen den Hofagenten, der beim Herzog von Braunſchweig etwas gegolten und ein wohlwollendes Vertrauen genoſſen hatte. An ſeinem ſchwarzgelockten Kopfe mit den freundlichen Augen war der Zwieſpalt jüdiſcher Phyſiognomie mild ausgeglichen, ja faſt gänzlich aufgehoben— jener Gegen⸗ ſatz einer edeln Stirne und ſeelenvoller Augen zu einem derben, ſinnlichen Mund und ſchlaffen Kinn. In dieſer Geſichtsbildung, wo ſie noch in ihrer Reinheit vorkommt, ſcheint ſich ein Abbild altjüdiſcher Geſchichte zu vererben. Man denkt an den funkelnden Nachthimmel über dem ſteini⸗ gen Judäa, und im Volksleben an die Gegenſätze poetiſcher Phantaſie und glühenden religiöſen Glaubens mit rohen, unſittlichen Thaten, des geiſtigen Hochmuths mit politi⸗ ſcher Schwäche, der Idee eines auserwählten Volks mit dem Unmuthe unter den Fußtritten der Nachbarvölker. Wir haben uns ſchon geſehen, Herr Doctor, auf Napoleonshöhe, nicht wahr? ſagte Jacobſon, indem er ſeinem Beſuch mit artiger Geberde einen Sophaplatz an⸗ wies. Und wiſſen Sie— ich habe hernach viel Schönes über Sie gehört. Ich freue mich recht auf unſere Hol⸗ landfahrt. Es iſt doch ehrenvoll, Herr Doctor, als Ab⸗ geordneter des Königreichs nach Holland zu kommen. Die Mynheers kennen den Iſrael Jacobſon, den Banquier; aber ſie ſollen nun auch den Deputirten ſehen, und ich denke, die Firma Jacobſon ſoll eine gute Vorbedeutung für das weſtfäliſche Finanzgeſchäft abgeben. Dazwiſchen aber ſollen Sie mich auch für wiſſenſchaftliche Kinteral⸗ tung empfänglich finden, Herr Doctor! Koenig, Jeroͤme's Carneval. II. 22 ————— 338 Glauben Sie nicht, Herr Geheimer Finanzrath, daß mich Geldgeſchäfte nicht intereſſirten! ſagte Hermann. Ich bin ſozuſagen ein Apoſtat, ein Abtrünniger der Welt⸗ weisheit, und ein Neophyt, ein Neubekenner, der Welt⸗ macht des Geldes, ein Ueberläufer von Minerva zum Merkur, oder, um einfach Caſſel'ſch zu reden, ich bin ein Finanzpraktikant und hoffe von Ihnen in dieſem hollän⸗ diſchen Privatiſſimum etwas zu lernen. Soll mir zur Ehre gereichen! erwiderte Jacobſon. Aber, was Sie vor allem ſind— Sie ſind ein ſinn— reicher Menſch, und Sie werden mich kennen lernen als einen Mann, der nicht blos Geld, ſondern auch ideelle Werthe zu ſchätzen weiß. Von der jüdiſchen Theologie will ich nicht reden, die ich gründlich ſtudirt habe; aber auch Philoſophie intereſſirt mich, und Moſes Mendelsſohn iſt nicht als Jude, ſondern als Philoſoph mein Mann. Aber geben Sie mir zu, Herr Doctor, die Schritte einer exaltirten Philoſophie haben auf die Gemüther der Men⸗ ſchen einen nur allzu großen Einfluß gehabt. Die Philo⸗ ſophie hat ſie ihren natürlichen Grenzen entrückt:„Les hommes n'ont pas regardé autour d'eux.“ Die erſten Senate Europas, die aufgeklärteſten Männer ſchienen ſich z. B. verſchworen zu haben, für die Freiheit der Neger zu ſtimmen, die keine Freiheit verlangten und für die ſie ein trauriges Geſchenk war. Aber auf das Flehen um eben dieſe Freiheit aus dem Munde von Landsleuten glei⸗ cher Farbe, gleicher Bedürfniſſe, gleicher Gewohnheiten hörte man nicht. Iſt das nicht noch in unſern Tagen die Lage der Anhänger des moſaiſchen Glaubens? Das Genie Friedrich's des Großen vernahm dieſe Stimme, aber 339 von Deutſchlands Lehngebräuchen umgeben, wagte er kei⸗ nen Ausſpruch. Jeröme, unſer König, hat ihn gewagt, und ich hatte Gelegenheit, es laut anzuerkennen.„Sire“, habe ich ihm geſagt,„c'est à des héros que''Eternel a confié le soin de nos destinées, et déjà vous avez égalé les bienfaits de Cyrus dont bientôt vous pas- serez la gloire.“ Bei dieſen etwas declamatoriſch vorgebrachten Worten blickte er Hermann mit erwartendem Lächeln an, und als dieſer mit artiger Verneigung Beifall ausdrückte, fuhr Jacob⸗ ſon, ſeine Zufriedenheit unter einen Scherz verbergend, fort: Gloire, wiſſen Sie ja, Herr Doctor, iſt das mächtige Zauberwort für die Franzoſen, das auch das Trommel⸗ fell im taubſten franzöſiſchen Ohr erſchüttert. Und ihre Bornirtheit liegt nur darin, daß ſie meinen, blos hinter den Trommelfellen her könnte man zur gloire kommen. Recht gut! lachte Hermann. Allerdings in höherm Sinn eine Bornirtheit, gegen die aber ſonſt weder Oeſt⸗ reich noch Preußen bisher geſcheit genug waren. Sie, Herr Geheimer Finanzrath, haben große Verdienſte um Ihre Glaubensgenoſſen, die nun der bürgerlichen Freiheit froh werden. Sehr verbunden! entgegnete der Banquier. Aber das Hauptverdienſt muß ich mir noch erwerben, durch Reini⸗ gung unſerer veralteten Gebräuche, durch Wegräumung aller der Unweſentlichkeiten unſers Glaubens, die unſere Annäherung mit den übrigen Staatsbürgern erſchweren. Ich hab's auch in der Rede, die ich an der Bundeslade der Synagoge gehalten, voraus angekündigt. Sagen Sie, Herr Doctor, kennen Sie meine damalige Rede? 22 ——— ———— 340 Ich bin erſt ſpäter hierher gekommen, antwortete der Freund mit verneinender Bewegung. Darf ich ſie Ihnen geben? Wollen Sie ihr einen freundlichen Blick ſchenken? Mit dieſen Worten eilte Jacobſon an ſeinen Schreib⸗ tiſch und brachte einige gedruckte Blätter, die er Hermann mit den artigen Worten übergab: Sie iſt gedruckt worden in beiden Sprachen, und ich habe mir ein Dutzend Abdrücke für Freunde zurückgelegt. Nehmen Sie die Blätter in dieſem Sinn! Hermann hatte ſich ebenfalls erhoben, und ſchied mit einigen herzlichen Worten der Anerkennung und Hochach⸗ tung. Jacobſon, indem er ihn begleitete, ſagte lächelnd: Später ſagen Sie mir einmal, was Sie von meiner Rede denken, und lachen Sie nicht, daß ich die Kleinig⸗ keit habe drucken laſſen! Flüſternd ſetzte er hinzu Die Zeit bringt's ſo mit ſich: es iſt franzöſiſcher Druck ins Deutſche überſetzt: Vor der Hausthür ſchieden ſie auf Wiederſehen. Den Fabrikherrn Nathuſius traf Hermann nicht zu Hauſe. Frau Philippine, die ihm auf der Flur begeg⸗ nete, nahm ihn geheimnißvollen Winks und Lächelns mit ins Zimmer, und eröffnete ihm, daß es geſtern Abend mit der bewußten Sache richtig geworden ſei, und ihre zweite Tochter, die Thereſe, ſich entſchloſſen habe, dem edeln Manne Hand und Herz zu geben. 344 Hermann gratulirte und wollte gleich der lieben Braut ſeinen Glückwunſch bringen. Auch nicht zu Haus! lachte die Mutter. Der gute Nathuſius thut's nicht anders und läuft ſchon mit ihr umher, ich fürchte, in die Putz⸗ und Schmuckläden. Er weiß nicht, wie er gegen Thereſen und die Schweſtern ſeine Freude und Herzlichkeit genug ausdrücken ſoll. Ich werde aber dem Paar einſtweilen Ihre guten Wünſche ausrichten, und morgen Abend thun Sie's dann ſelber. Wir wollen nämlich, da Herr Nathuſius doch in der Kürze verreiſt, eine Verlobung, aber blos unter Ver⸗ wandten und Freunden, halten, und Sie müſſen mit Lud⸗ wig und Lina ebenfalls kommen. Nicht wahr? Hermann nahm die Einladung höflich an, und ſie fuhr mit ſchalkhaftem Schmunzeln fort: Aber denken Sie nur, was ſo reiche Leute gleich für Prätenſionen machen! Der liebe Mann war erſt ſo ent⸗ zückt und dankbar für ſein Glück, wie er's nannte, und heut verlangt er ſchon meine ſechs andern Mädchen auch noch! Was? Der Sultan? lachte Hermann, und mitlachend ſprach ſie weiter: Verſteht ſich nicht für ſich! Aber er habe, ſagt er, in ſeinem weitläufigen Geſchäft ſo manchen jungen, hüb⸗ ſchen und rechtſchaffenen Gehülfen, die er denn auch für Fleiß und Treue beglücken und ſich verpflichten möchte. Und meine Mädchen wären viel zu gut für das luſtige, leichtfertige Caſſel. Ich begreife ihn, erwiderte Hermann, und freue mich der Art und Weiſe, wie er ſich beglückt empfindet. Aber was werden Sie thun? Und erinnern Sie ſich, daß nun 342 doch Freund Ludwig Recht behält, als er damals fragte, wie's denn in den ſieben Wochen zwiſchen Oſtern und Pfingſten dem Mütterchen gehen würde, falls einmal ſieben Filialküchen entſtänden? O ja, ich erinnere mich! lachte ſie. Und auch, daß mein kleiner Schelm Netty Recht behält, die damals be⸗ hauptete, alle Sieben auf einmal würden Abgang finden. Was doch manchmal der pure Zufall nicht für ein Schalk iſt in einer Prophetenkutte! Und nun ſoll ich etwa der Prophezeiung zu Lieb' alle Sieben ziehen laſſen? Nein! O ja doch! Laſſen Sie, laſſen Sie! bat Hermann. Aus einer heiligen Zahl allein auszuſcheiden, fiele der gu⸗ ten Thereſe zu ſchwer. Laſſen Sie die ſechs Schweſtern ſie begleiten. Das Uebrige findet ſich. Eine nach der andern verſchenkt dort entweder ihr Herz, oder ſie heben nach und nach das erſte Halbdutzend Ihrer Enkel, liebe Frau Räthin, aus der Taufe. Um Gotteswillen, beſter Herr Doctor, rief ſie, ſoll's denn wieder lauter Mädchen geben? Unberufen, unberufen! Aber nein! Ein ſo großer Fabrikherr braucht Söhne— Commis, Gehülfen. Er wird ſchon— Nein, Nathuſtus und Söhne muß es heißen! Unter ſo heitern Scherzen empfahl ſich der Freund auch hier, wie bei Jacobſon, auf Wiederſehen! 343 Funfzehntes Capitel. Eine Miniſterialaudienz. Am nächſten Morgen, ein Halbſtündchen bevor Her⸗ mann aufs Bureau kam, ſaß Frau von Bülow im Ne⸗ gligee einer Mullpelerine mit gefälteltem ſtehenden Kräg⸗ lein im Arbeitszimmer ihres Mannes, während dieſer im Hausüberrocke, die Hände rückwärts gefaßt, offenbar ver⸗ drießlich, hin⸗ und wiederſchritt. Die Unterhaltung betraf Hermann. Der Miniſter war eben benachrichtigt worden, daß der König morgen Nachmittag vor Tafel die drei nach Holland Abgeordneten von ihm vorgeſtellt haben wollte. War's eine Ahnung oder nur ein Argwohn— der Mi— niſter ſah in dieſer Vorführung, da der König die beiden Reichstagsmitglieder ſehr genau kannte, nur eine auf Her⸗ mann zielende Abſicht. Ganz gewiß! rief er bitter aus— Jeröme will unter dieſem Vorwande nur den jungen Mann ſehen, den ihm Marinville zum Chevalier d'honneur für das königliche Liebchen zugedacht hat; er will ihn kennen, der— im Cotillon der kleinen Tänzerin mit ihm abwechſelt! Frau von Bülow theilte die Sorge, aber nicht die Entrüſtung ihres Mannes. Sie fürchtete, Hermann werde getäuſcht; er aber zürnte, daß er ſich täuſchen laſſe.— Mag ſein, ſagte er, daß er das Verhältniß dieſer Heberti, die Vorgeſchichte einer Tänzerin, nicht kennt; ich gebe dir 344 auch zu, daß er nicht gemein, nicht niederträchtig denkt; aber warum verblendet er ſich aus kindiſchem Ehrgeiz über das lockere Perſönchen, und läßt ſich von dieſem Marin⸗ ville hinter's Licht führen, hinter dies Nachtlicht? Er iſt an der Falle des Polizeidirectors nicht, noch nicht, klug geworden, und beißt jetzt den Köder eines Kupplers an. Mein Weg der Beförderung geht ihm zu langſam; er läßt ſich eine Winkeltreppe gefallen. Die er aber als ſolche nicht kennt,— gibſt du ja ſelbſt zu. Drum denk ich, lieber Hanns, wir müſſen ihm einen Wink geben. Unterſteh' dich, Auguſte! rief er heftig. Dieſer Handel iſt noch delicater und gefährlicher als ſein früherer. Soll er ſich auf uns berufen, wenn er ſich dort zurückzieht und von Marinville zur Rede geſtellt wird? Und was weißt du denn von der Perſon? Oder willſt du dich auf die Geheimniſſe des franzöſiſchen Geſandten berüufen, und den Finanzminiſter in Widerſpruch mit einer Liaiſon ſeines Königs ſetzen? Wollen wir denn überhaupt nur für ſolche Geſchichten intereſſirt erſcheinen? Laß du der Sache ihren Lauf! Auch bin ich eigentlich nicht um des jungen Man⸗ nes willen in dieſer Entrüſtung. Mag er ſich doch mit einer abgelegten Mode des Königs aufputzen! Mag er dieſe Deſſerte— dieſen Abhub vom köͤniglichen Nachtiſch, auf ſeinem häuslichen Herd aufwärmen, in der verlaſſe⸗ nen Pfütze ſein Herz baden! Nein! Aber daß man mich zum Werkzeug, zum Vermittler brauchen will, das empört mich. Du vergiſſeſt aber, lieber Vietor, daß du ja nur thun ſollſt, was du ſpäter mit dem jungen Manne ſelbſt ge⸗ —— N—9 ⏑ 8⏑0——— ⏑⏑——+——— 345 than hätteſt— ihn dem König vorſtellen. Was iſt da Ehrenrühriges drin? Was? fuhr Bülow auf. Zu welchem Ziel und Zweck aber ſoll ich es thun? Und wem dien' ich damit, wer misbraucht mich damit? Wem arbeit' ich in die Hände? Daß ein glücklicher Gedanke, auf den ich zum Beſten des jungen Mannes ſo froh war, dieſem Marinville, dieſem marinirten Schelm, apropos kommt, und ihm zum Angel⸗ haken für den albernen Burſchen dient, dem ich damit helfen will— das ſoll doch der Teufel holen! Nein, dazu gibt ſich kein Bülow her! Die Baronin ſchwieg— nicht vor ihres Mannes Zorn, ſondern weil ſie eben doch mit ihm fühlte, daß es dies⸗ mal um etwas mehr gelte, als was früher einmal der jetzige Generalmajor Scharnhorſt gegen ihren Vater ge⸗ äußert hatte— alle Bülow's ſeien für ihre Meinung eingenommen und nicht ſehr verträglich. Eine Pauſe ent⸗ ſtand, in welcher, ehe noch des Miniſters Aufwallung ſich gelegt hatte, Hermann eintrat, um wie gewöhnlich die Arbeitsanordnung Sr. Excellenz zu empfangen. Bülow ſetzte ſich mit ſtummer Verneigung an ſeinen Schreibtiſch, während die Baronin, um ihrem Manne Zeit zur Faſſung zu laſſen, Hermann heranrief und heiter fragte, ob er ſchon dem jungen Bräutigam Nathuſius gratulirt habe. Die ſcherzhafte Laune, womit Hermann auf den Ge⸗ genſtand erzählend einging, ſchien den Miniſter aufs neue zu verdrießen. Wenigſtens ſtand er plötzlich auf, und mit barſcher Würde vortretend fragte er: Sagen Sie mir doch, Herr Teutleben, iſt der Baron —————— 346 Marinville leicht oder ungern darauf eingegangen, Sie Sr. Majeſtät vorzuſtellen? Mich vorzuſtellen, Excellenz? erwiderte Hermann be⸗ troffen. Davon weiß ich nichts. Ich habe hernach auch noch eine neubegierige Frage, lieber Doctor, aber— davon müſſen Sie mir wiſſen, das bitt' ich mir aus! fiel Frau von Bülow ein, mit V einem Blick für ihren Mann, der wie Oel auf ein knar⸗ rendes Rad dienen ſollte. Auch fuhr der Miniſter in ſanfterm Tone fort: Herr von Marinville hat viel Einfluß beim König, Einfluß im Cabinet— das will noch mehr ſagen, weil der Hausrock eines Monarchen mehr durchläßt, als das Staatskleid. Er hat Sie bei Frau Simeon getroffen, und ſich günſtig über Sie geäußert. Daß mir Alles lieb iſt, was Ihnen nützt, das wiſſen Sie; nur möcht' ich Sie nicht in einen Zuſammenſtoß entgegengeſetzter Abſichten ge⸗ rathen ſehen. Marinville iſt ein heiterer Lebemann ohne weitreichende— nein, ich will ſagen ohne hochgelegene Geſichtspunkte; daß er aber mehr dem franzöſiſchen In⸗ tereſſe zuneigt, iſt begreiflich; er iſt Franzoſe und— der König iſt Franzoſe. Sobald er Ihnen Propoſitionen macht, kann es etwas ſein, was ihm oder dem König 1 dient, aber gegen meine auf den Staat und das Volk gerichteten Abſichten verſchlägt. Das wäre nicht zu Ihrem Beſten; Sie müßten ſich für Eines oder das Andere ent⸗ ſcheiden. Ich will Sie zu nichts beſtimmen, laſſe Ihnen freie Wahl, und nehme auch keinem jungen Mann übel, hoch zu ſtreben. Nur Offenheit erwarte ich von Ihnen, 4 ſchon damit ich Ihrem Glücke nicht entgegenarbeite, 347 wenn Sie Ihr Glück auf nicht⸗Bülow'ſchen Pfaden ſuchen. Der Ton des Miniſters, aus welchem Hermann eine Empfindlichkeit herausfühlte, die er ſich nicht erklären konnte, mußte ſeine Erwiderung ins Weichmüthige ſtim⸗ men, indem ſein Verſtand nichts zu widerlegen fand und ſein Herz doch einer Rechtfertigung bedurfte. Excellenz, ſagte er leiſer und etwas ſtockend, es iſt gar nichts der Art vorgekommen, weder daß Herr von Marinville mir einen Vorſchlag gethan, noch ich auch nur einen Wunſch ausgeſprochen hätte. Wir haben uns nur mit der Converſation des Salons berührt. Und, erlauben Sie mir zu bekennen, ich fühle mich über alle Erwartung ſo hoch geſtellt in Ihrem Hauſe und ich ſchmeichelte mir— in Ihrem Herzen, daß ich mir bis zu dieſem Augenblick höher hinaus auch nicht hätte träumen laſſen. Ich bin durchdrungen von Ew. Excellenz Wohl⸗ wollen für mich, und— ich bin nicht undankbar. Es iſt mir noch keine Minute in die Seele gekommen, ohne Ihr Vorwiſſen, ohne Ihr Gutheißen einen Weg einzu⸗ ſchlagen anders als an Ihrer Hand oder nach Ihrem Fingerzeig. Ich hege kein Mistrauen in Ihre Geſinnung und Ehrenhaftigkeit, erklärte der Miniſter; nur kann in der caſſeler Geſellſchaft ein unerfahrener junger Mann leicht auf einen Kreuzweg gerathen, wo man vor böſen An⸗ fechtungen nicht ſicher iſt und ſie vielleicht gar nicht ver⸗ muthet. Wenn Sie mir aber, wie eben jetzt zugeſagt, in Allem, was Ihr bürgerliches Glück angeht, ein offenes Vertrauen vorbehalten, ſo bin ich ganz beruhigt. 348 Unter bürgerlichem Glück verſtehe ich aber nicht blos An⸗ gelegenheiten, die ins Reſſort des Miniſters ſchlagen, ſon⸗ dern auch ſolche, die Sie— vielleicht lieber meiner Frau anvertrauen. Sie intereſſirt ſich ſehr für Haus- und Herzensſachen, und kennt auch— die hieſigen Verhält⸗ niſſe. Wenn Sie denn Ihr gutes Vertrauen ſoweit aus⸗ dehnen wollen— Mit dieſem, im Frageton vorgebrachten Wenn reichte Herr von Bülow ſeine Hand hin, und als Hermann ſie mit lebhafter Rührung und einigen Worten des Dankes ergriff, ſchloß er: So bleibt's darauf beim Alten! Als der Freund ſich jetzt gegen Frau von Bülvw wendete, als ob er ihre vorbehaltene Frage vernehmen wollte, ward dem Miniſter eine Deputation angemeldet und angenommen. Frau von Bülow entſchlüpfte mit ei⸗ nem zulächelnden Blicke gegen Hermann durch die Tape⸗ tenthür in ihre Zimmer. Der Miniſter winkte dem jungen Freunde, der ſich ebenfalls entfernen wollte, zu bleiben, und empfing die Eintretenden mit jener entgegenkommenden Freundlichkeit, die unerkünſtelt aus wohlwollender Geſinnung floß und auch ſo empfunden wurde. Dieſe Humanität, in männ⸗ liche Anmuth gekleidet, hatte dem Finanzminiſter in den wenigen Monaten ſeiner Adminiſtration entſchiedene Gunſt und Vertrauen im Volke gewonnen. Dies Zutrauen war ſo feſt, daß er es ſich ſelbſt unter der Beſorgniß des Landes wegen der Finanzbedürfniſſe, ja neben der Unzufriedenheit mit den Finanzgeſetzen und trotz der 349 wachſenden Unruhe unter dem Finanzdruck zu erhalten wußte. Es waren Abgeordnete aus den Handwerken und dem Handelsſtande, die ihr Anliegen durch einen Zeuchmacher Büchling als Hauptſprecher vorbrachten. Es betraf das neue, dem Reichstag vorgelegte Patentgeſetz. Man ſah die Patentabgabe für eine neue Steuer und franzöſiſche Einrichtung an, die, für die weſtfäliſch⸗deutſchen Verhält⸗ niſſe durchaus ungeeignet, in einer Zeit ſo vielfältigen Drucks die bürgerliche Betriebſamkeit lähme, und— nach Büchling's Ausdruck— dem Faß des zünftigen Hand⸗ werks den Boden ausſchlage, der längſt kein goldener mehr ſei. Muth zu ſolchen Gegenſchritten hatte ein jüngſter Vorfall im Reichstag gegeben. Dieſer hatte nämlich ein vom Staatsrathe Malchus eingebrachtes Grundſteuergeſetz abgelehnt. Malchus, in ſeinem Aerger über ſolche„un⸗ erhörte Anmaßung“, war in beleidigende Aeußerungen ausgefallen, und die Stände hatten dagegen eine nach⸗ drückliche Beſchwerde an den König gelangen laſſen. Mit mehr Artigkeit und Würde hörte Herr von Bü⸗ low, die Hände hinter den Hüften gefaßt und freundlich vorgeneigt, den Vortrag der Deputirten an, fragte nach den verſchiedenen Gewerben der anweſenden Bürger, ließ ſich dies und jenes über ihren ſeitherigen Betrieb erklären, und ſuchte dann mit der ihm eigenen Klarheit des Aus⸗ drucks den Irrthum in ihren Anſichten und Begriffen, den Ungrund ihrer Vorausſetzungen, und die Selbſttäu⸗ ſchung in ihren Befürchtniſſen darzulegen. Unter Anderm ſagte er: ———— — õ——— — — Der Gedanke der Neuzeit, eine einzige, auf den Rein⸗ ertrag des Landbaues gegründete Steuer einzuführen, hat in Deutſchland nie großen Beifall gefunden. Er hielt auch die nochmalige Prüfung in unſerm, wie Sie wiſſen, mit den einſichtsvollſten Männern beſetzten Staatsrathe nicht aus. Wir mußten, um die Laſt der Abgaben, die eine vom Himmel uns ſo ſchwer beſchiedene Zeit auf uns wälzt, möglichſt auf gleiche Schultern zu vertheilen, zu— gleich den Beſitz, den Genuß und den Erwerb in richti⸗ gem Verhältniß heranziehen. Wir befolgten hierin eine Ueberzeugung, die ein ſo patriotiſcher und noch heut in geehrtem Andenken ſtehender Mann, wie der vor acht Jahren verſtorbene Profeſſor und Vorſtand der hamburger Handels⸗ akademie, Herr Büſch, in ſeinem unvergleichlichen Buche über den Umlauf des Geldes ins klarſte Licht geſetzt hat. Trifft nun Sie, meine Herren, jener Theil der Laſt, der durch die auf die Gewerbe gegründete Perſonalſteuer ge⸗ regelt wird, ſo dürfen Sie nur keine eigentlich neue Ab⸗ gabe darin erblicken. Nein, ſie iſt vielmehr nur unter anderm Namen und oft mit andern Steuern ſonderbar vermengt, ſeither blos weniger gerecht und vielleicht in höhern Beträgen erhoben worden, als unſere jetzige Pa⸗ tentſteuer mit ihrem offenen Namen fodert. Bisher ver⸗ ſteckte ſie ſich hier unter die Grundſteuer, dort hinter die ſtädtiſchen Abgaben, die in der neuen Municipalordnung ganz verſchwinden. Ich wiederhole Ihnen, es iſt von keiner neuen Laſt, ſondern nur von einer richtigern Ver⸗ theilung derſelben die Rede. Die frühere maskirte Laſt fiel ſehr ungleich auf die einzelnen Provinzen, und hier ſehr ungleich auf die einzelnen Profeſſionen. —— ͦ— 351 Wenn Sie nun aber deſſenungeachtet, um des Na⸗ mens willen, die Patentſteuer für eine franzöſiſche Ein⸗ 3 richtung anſehen wollen, ſo darf ich meinen geehrten Mit⸗ bürgern die Verſicherung geben, daß wir blos die Erfah⸗ rungen benutzt haben, die Frankreich über die Patentſteuer 1 gemacht hat, die dort im Jahre 1791 eingeführt, 1795 wieder aufgehoben und 1795 auf durchaus verbeſſe⸗ Fuß wieder hergeſtellt wurde. Fremde Erfahru⸗ ben das Lehrgeld beſtritten für eine Maßr⸗ nun auch ganz den Umſtänden und B⸗ falens angepaßt haben. So werder tiger Vergleichung, unſere Abac als die franzöoſiſchen finden. hängſel der franzöſiſche⸗ portionel, wornach verhältnißmäß Gebäude“ dem ——— 3 52 des Generaldirectors einen zu hoch gegriffenen Gewerbs⸗ mann in den Abgabenelaſſen herunterzuſetzen ermächtigt werden. Die Abgeordneten, ſo freundlich widerlegt, zogen ſich hinter andere Beſchwerden zurück. Sie klagten, wie ſehr ihnen die fremden Händler und Handwerker das Brot vor dem Munde, wegnähmen, indem man den franzöſiſchen Artikeln einen Vorzug gäbe; ſie ereiferten ſich gegen die trügereien franzöſiſcher Lieferungsunternehmer und der⸗ neine lieben Nachbarn, verſetzte Herr von Bü⸗ dem Achſelzucken, berühren Sie Misver⸗ n wenigſtens zum Theil ſelbſt bei⸗ unter den Fremden auch — Braunſchweiger, Preu⸗ Wie unbillig, wenn Vortheile allein m Gewerbsleben zus den neuen zen Sie den⸗ e geſcholten r betrifft, daß ſie on lie⸗ hnen —— 3⁵⁵ Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus! rief Jener hin. Worauf Bülow mit Aufwallung ver⸗ ſetzte: Ich bin der Miniſter, ich, Sie vorlauter Menſch! Und ich bin keine franzöſiſche Krähe, ſondern ein deut⸗ ſcher Mann, an dem jeder rechtſchaffene Bürger und gu⸗ ter Weſtfale einen Vertreter, einen Vermittler ſeines Rechts finden wird. Wiſſen Sie das! Ja, das ſind Ew. Excellenz! riefen alle übrigen Bürger, und wir verehren Sie darum. Als zugleich Etliche dem beſchämten Mitbürger ſich zu entfernen winkten, ſagte Bülow: Nein, liebe Nachbarn, behaltet ihn unter euch und bringt ihn zur Einſicht, damit er, wenn er wieder ein⸗ mal zu einer Deputation gewählt wird, etwas Klügeres vorbringe! Er hat nicht überlegt, daß ich es bin, der gegen Dupleix Abhülfe ſchaffen kann. Aber euch Alle fodere ich auf, Muth gegen franzöſiſche Gauner zu faſſen, ihre Nichtswürdigkeiten nicht zu dulden. Ihr findet an mir, Ihr findet auch an dem braven Juſtizminiſter, Herrn von Simeon, Schutz und Hülfe. Auch der König will dergleichen nicht. Muth, ihr Männer, für jeden Tag, und— Hoffnung für morgen. Adieu! Kaum hatten ſie ſich unter Bücklingen entfernt, als Herr von Bülow, heftig hin- und herwandelnd, gegen Hermann ausrief: Ja, das iſt dieſer Dupleir! Früher Makler der nie⸗ drigſten Claſſe in Paris, war er mit der Naſe eines Raubthiers der Armee gefolgt, hatte mit jüdiſcher Ge⸗ ſchäftigkeit dem Marſchall Victor einige Dienſte geleiſtet, 25 ———n 356 und ward mit ſeinem Spitzbubentalent zum Vurean des Kriegsminiſters empfohlen. Nach einer Pauſe der Ueberlegung trat er zu Her⸗ mann und ſprach gelaſſen: Sehen Sie, junger Geſchäfts⸗ und Lebenspraktikant, ſo geht's in der Welt! Unſere neuen Geſetze ſind gut; aber ſie fallen in die Unzufriedenheit, die einmal in den Gemüthern gährt, und— vermehren die Gährung. Die neue Verfaſſung, beſonders die ſelbſtändige öffentliche Ge⸗ richtsverfaſſung mit dem Inſtitut der Friedensrichter und Notare, die einfache Adminiſtration u. ſ. w. laſſen ſich mit den frühern Einrichtungen in den verſchiedenen Landes⸗ theilen des Reichs gar nicht vergleichen. Allein dieſe Ver⸗ faſſung iſt Vielen unbequem und daher zuwider. Die Staatsdiener haben an ſteifem Anſehen eingebüßt, Ein⸗ zelne ihre Stellen verloren, da der neue Wein der jun⸗ gen Reben ſich in keine geflickten alten Schläuche faſſen ließ. Der Adel des Grundbeſitzes hat die Patrimonial⸗ gerichtsbarkeit, den Vorzug in den Aemtern und in der Armee nebſt andern Vorrechten ſchwinden ſehen, und hockt grollend auf ſeinen Landſitzen; der Hofadel wird durch den Aufwand des hohen Lebens in Schulden ge⸗ ſtürzt, und Einer um den Andern erwacht mit morali⸗ ſchem Katzenjammer aus der luſtigen Ueppigkeit. Nun fangen auch die Gewerbſteuerpflichtigen zu murren an. Dies Alles verſtärkt den Grundſtock der Unzufriedenheit, der im Unglücke Deutſchlands angelegt iſt, und arbeitet den ſtill betriebenen Aufſtänden in die Hand. Aufſtänden da und dort— nun ja! Soll man darauf hoffen? Aber da iſt ja von keiner ſtolzen Nationalerhebung gegen den 357 fremden Druck die Rede! Jeder wird nur bei ſeinem particularen Egoismus gefaßt, und greift ſelbſt nur nach ſeinen particularen Verluſten. Dieſe liegen aber in dem alten geſunkenen Zuſtand, im Kaſtengeiſte des Erbadels, in der Abgeſchloſſenheit der Hofgunſt, in der Pedanterei des Staatsdienſtes, im Unfug der Privilegien und Mo⸗ nopole, in der Verkümmerung der Gewerbe und Indu⸗ ſtrie, und dieſer Egoismus, indem er nur hungrig wieder nach dem alten Jammer greift, prahlt ſogar noch damit, und macht ſich breit als Treue und Anhänglichkeit an das Angeſtammte. Und ſo ſchließt ſich denn auch dieſe Audienz, der ich Sie habe beiwohnen laſſen, mit dem einfachen Reſultat ab: der Miniſter hat das letzte Wort behalten, und die guten Bürger behalten ihren erſten Glauben. Aber, verſetzte Hermann mit Nachdruck, Excellenz haben ihnen doch über das Gewerbegeſetz, über das Be⸗ dürfniß des Landes, über die hohen Abſichten der Staats⸗ regierung ſo beruhigende Ueberzeugungen gegeben—! Bülow ſah ihn ein Weilchen lächelnd an, eine an⸗ muthige Schalkheit ſpielte um ſeinen freundlichen Mund, und indem er Hermann auf den Arm klopfte, ſagte er: Lieber junger Aſpirant— ein Schelm gibt's beſſer als er's hat! ————— ———ᷓ —ʒ— ——— ——— 4 Sechzehntes Capitel. Verrathene Neigung. — Erſt als Hermann das Bureau verließ, eröffnete ihm der Miniſter, daß morgen Nachmittag vor Tafel die hol⸗ ländiſche Deputation dem Könige vorgeſtellt werden ſollte. Ihr Dienſtkleid iſt fertig? fragte er. Es iſt mir auf heut beſtimmt zugeſagt, antwortete Hermann. Kommen Sie bei Zeiten, fuhr Bülow fort. Drin⸗ gende Geſchäfte haben keinen Sonntag. Die Inſtruction für die beiden ſtändiſchen Abgeordneten ſind in der Aus⸗ fertigung; morgen wollen wir die Ihrige entwerfen, und ich will Ihnen mündlich erläutern, worauf Sie von Mi⸗ niſteriums wegen beim Geſchäft zu ſehen haben. Sie fahren dann mit mir nach Napoleonshöhe. Zu Hauſe fand Hermann wirklich den dienſtlichen Anzug, den der Miniſter um des officiellen Anſehens willen, beſonders im Auslande, für nöthig und jeden⸗ falls für anſtändig hielt. Ob er dabei die nächſte An⸗ ſtellung ſeines Employe mit in Anſchlag gebracht, darüber hatte er ſich nicht geäußert. Es war der Anzug eines Steuerinſpectors: Rock und Beinkleid von dunkelgrü⸗ nem Tuche, das Futter von gleichfarbigem Zeug, das Kleid um den Kragen und an den Aermelaufſchlägen mit einer Stickerei in Gold,— Kornähren mit einem einfachen 359 Stäbchen zur Einfaſſung,— Weſte weiß und zum Degen ein franzöſiſch aufgeſtutzter Hut mit der weſtfäliſchen Co⸗ carde, blau mit weißem Rand. Nur durch die Stickerei unterſchied ſich das Kleid von dem Coſtüm der Directo⸗ ren, der Generalinſpectoren und des Generaldirectors, bei denen auch noch die Taſchen, die Patten, die Ein⸗ faſſung um dieſelbe und um das ganze Kleid geſtickt waren. Es läßt ſich erwarten, daß ein ſo vorſichtiger junger „Maenſch den Anzug, der morgen ſchon dienen ſollte, auf der Stelle anprobirte, daß der Anzug einem ſo gut⸗ gewachſenen Manne auch gut zu Geſicht ſtand, und daß der ſo einſichtvolle Freund dies auch erkannte. Hermann gefiel ſich ſehr darin, präſentirte ſich zuerſt ſeiner alten Wirthin, und da dieſe bereits das Eſſen aufgetragen hatte, ſo ſetzte er ſich damit zu Tiſche, um auch gleich zu verſuchen ob die Taille für die Stunden nach einer Mahlzeit nicht zu knapp genommen ſei. Wie manchmal ſchließt nicht ein Staatsgeſchäft mit einem Feſteſſen, und der Anſtand erlaubt nicht, daß man ſich aufknöpfe! Das jugendliche Wohlgefallen an dem erſten auszeich⸗ nenden Dienſtkleide und der etwas bängliche Gedanke an die morgende Vorſtellung beim Könige führten den Freund leichter über das Räthſel der Misſtimmung hinaus, mit der ihn ſein Miniſter des Morgens empfangen hatte. Er erblickte darin nur etwas von der reizbaren Eiferſucht eines Gönners gegen einen Mann wie Marinville, der nicht hoch in Bülow's Achtung, aber mit ſeinem bedeu⸗ tenden Einfluß zu jener Partei ſtand, gegen die ſich der Miniſter immer geſpannt und gewärtig hielt. Mit dieſer flüchtigen Vorausſetzung fiel Hermann auf kein Mistrauen gegen Cecile, die ihm fortwährend nur mit ihrer bezaubernden Erſcheinung und mit der Aengſt⸗ lichkeit ſeines Abſchieds von ihr im Sinne lag. Er hatte ihr jüngſt, von ihrer Liebenswürdigkeit hingeriſſen, ein ſehr lebhaftes Bekenntniß ſeiner Bewunderung ausgeſpro⸗ chen, und wenn ſie ihm nun zu ihrer eigenen Abreiſe Lebewohl für immer ſagte— wie ſollte er ſich beneh⸗ men? Was erwartete man von ihm, und wie ſollte er ſich zurückziehen? Gegen Abend ging er in dem Frack, den er für die kleinen Abendgeſellſchaften hielt, nach Heiſter's Wohnung, um die Freunde zu Thereſens Verlobung abzuholen. Er fand nur Lina bereit, mitzugehen. Ludwig fühlte ſich zu angegriffen, da er jetzt den Arzt und deſſen ſtarke Mir⸗ turen brauchte, und doch beim dermaligen Drang der Arbeiten keinen Urlaub vom Geſchäft nehmen mochte, ſich zu pflegen und zu erholen. Die Geſellſchaft beim Appellhofsrathe war nicht ſehr zahlreich. Sie beſchränkte ſich auf wenige Anverwandte und auf die intimſten Freunde des Brautvaters, zu denen ein paar Collegen und der Tribunalpräſident von Porbeck gehörte. Der Bräutigam hatte nur einen magdebhurger Freund, den Mitdeputirten Coſtenoble mitgebracht. Als Ehrengäſte waren außer unſern Freunden der Appellhofs⸗ präſident von Biederſee und die Ehrenhofdame, Baronin von Schele, eine poetiſche Freundin der Brautmuttter, gekommen. Beide Letztere nahmen, nachdem die Verlobung des Paares erklärt und die Glückwünſche dargehracht worden, die Ehrenplätze neben der Braut und dem Bräu⸗ —— —— 361 tigam ein. Bei der Bewirthung, die nach dem Geſchmack des Bräutigams angeordnet war, bethätigten ſich die ſechs Schweſtern in einfachem gleichmäßigen Anzug als dienſt⸗ bare Elfen. Heute hing das meiſterhafte Oelbild der Mutter, ſei⸗ ner ſchützenden Decke entkleidet und in ein Blumengewinde gefaßt, über dem Kreiſe der etwas feierlichen Geſellſchaft. Ueberhaupt glänzte dies gute Zimmer, in der ſchlichten Familie noch nicht Salon genannt, mit ſeiner Nebenſtube in einfacher Ausſchmückung nach der Angabe der Mutter, in der die jugendliche Dichterin wieder erwacht ſchien. Als man das Gemälde bewunderte, nahm ſie das Wort: Es iſt aber auch von dem berühmten Johann Hein⸗ rich Tiſchbein angefertigt. Man weiß, wie deſſen ener⸗ giſches Talent ſich früh regte und durch die beſchränkte⸗ ſten Verhältniſſe die Bahn des Ruhmes brach. Man bewundert an dieſem heſſiſchen Landsmann den duftig zarten Pinſel im hingehauchten Incarnat des Geſichts und der Hände; aber— wiſſen Sie denn auch, daß der arme Knabe damit angefangen hatte, ſich Pinſel aus Beſen⸗ reiſern, das eine Ende faſerig geklopft, und aus Diſtel⸗ blumenfäden zu bereiten? Wenn ein genialiſcher Menſch ſein irdiſches Misgeſchick durch ſittliche Macht überwindet, dann gehorchen ihm freilich alle Erdenſtoffe, und die Geiſter der finſtern Materien unterwerfen ſich ihm. Das Gemälde da iſt aus ſeiner ſpätern Zeit; er war damals ein Funfziger, als ich— Sie ſchwieg einige Augenblicke, in Nachdenken ver⸗ ſunken. Ein träumeriſches Lächeln glitt über ihr Ange⸗ ſicht, worin ein höheres Roth aufſtieg und die Züge 362 des hausmütterlichen Alters um die lieben aufleuchtenden Augen verklärte. Es war, als ob die Erinnerung des Herzens die noch größere Wunderkraft beſäße, jene poe⸗ tiſche Jugend, die der Maler auf die Leinwand gezaubert hatte, nun wieder zurück auf das gealterte Antlitz über⸗ zutragen. Dann ſprach ſie mit lächelnder Rührung weiter: Wo ſeid ihr hin, ihr lieben, ſorgenvoll ſeligen acht⸗ undzwanzig Jahre von damals, als die heitere Philippine Gatterer dem braven Tiſchbein ſaß, bis heut, wo die Frau Appellationsräthin Engelhard ihr zweites Kind einem edeln Mann ans Herz legt! Ich war damals vier⸗ undzwanzig Jahre alt, als ich im Sommer 1780 aus Göttingen herüberkam und meinen vierthalb Jahre ältern Philipp, damals wirklichen Kriegsſecretarius, im Atelier des alten berühmten Meiſters Tiſchbein kennen lernte. Ich hatte mir eben den Maler zum Freunde gewonnen, und ſchlich mich, ohne es zu wiſſen, in das Herz des Kriegsſecretarius, und bald darauf er in das meinige. Wie glücklich haben wir ſeitdem gelebt! Ja, laßt es mich ſagen, dieſe in hohem Grad glückliche Ehe, in der ich ganz das Ideal meiner Phantaſie fand, wo Freundſchaft und Liebe, Hochachtung und Vertraulichkeit ſich vereinigen, dieſe Ehe iſt und bleibt das Vorzüglichſte, was ich mei⸗ ner Dichtkunſt zu danken habe. Sie reichte ihrem Manne die Hand, ſie ſank an ſeine Bruſt. Auch er war bewegt, was man innerlich ſo nennt; denn äußerlich hielt er ſich etwas ſteif verlegen, mit einem Blick auf die Geſellſchaft, als ob er die zärtliche Scene entſchuldigen wollte, wie ein Exhibitum, eine Eingabe, 363 die durch ein Verſehen in die Acten dieſes Abends ge⸗ rathen ſei. Die Baronin von Schele lenkte von der Rührung durch die Frage ab, wie denn Frau Philippine zum Dichten gekommen ſei? Das weiß ich ſelbſt nicht, antwortete die Räthin. So wenig auch meine Aeltern bei der Erziehung ihrer Kinder an Koſten ſparten, und ſo viel Mühe ſie ſich auch ſelbſt mit uns gaben— dieſen Funken Genie zündete Mutter Natur. Aber ich trug meine Gedichte heimlich umher, wie die Katze ihre Jungen. Ueber dieſen Vergleich fiel ihr ein früher verfaßtes poetiſches Bekenntniß ein; ſie lächelte und declamirte dann folgende Verſe: Ich ſagte zu Aeltern und Schweſtern und Brüdern Zu Keinem ein Wörtchen von meinen Liedern, Bis Boie einſt hinter's Geheimniß kam Und ſich von einigen Abſchrift nahm. Als drauf ich die Dinger im Almanach ſah, Da ſtand ich halb lachend, halb weinend euch da. Freund Boie gab auch den Gevattersmann ab, Der mir den Namen Roſalie gab. Was war zu machen? Es war geſchehn! Ich dachte lang' in der Verkleidung zu gehn; Doch Fama(die in jeder Stadt Gar wunderfeine Ohren hat) Ging bald drauf herum von Haus zu Haus Und rief der Verfaſſerin Namen aus. Jetzt, dacht' ich, mußt du's wol offenbaren, Sonſt möchten dir Andre die Müh' erſparen. Nun kam ich mit einem Geburtstagslied, Das man im erſten Bändchen ſieht, Und mit gar vielen Gedichten heran. Potztauſend! wie ſah der Herr Vater mich an! Ein kleiner Verweis, doch ſanft, nicht mit Hohn, War meines zu langen Verſchweigens Lohn, Dann floh' ich— ſo hochroth als blühender Mohn. Etwas von dieſer Mohnblüte ſtand abermal auf den Wangen der erregten Dichterin, womit ſie ſich an die Bruſt der befreundeten Baronin warf, als ob ſie noch einmal ſich ihrer Gedichte mädchenhaft ſchäme. Frau von Schele nahm es aber in anderm Sinn. Dieſe Dame ſchwärmte nämlich, ohne gerade ſelbſt Verſe zu machen, für Poeſie, und kannte die deutſchen Dichter in- und auswendig, wie man zu ſagen pflegt. Nicht ſo leicht ließ ſie eine Gelegenheit vorüber, ohne eine paſſende Stelle aus einem mehr oder weniger bekannten Gedichte declamatoriſch vorzubringen. Man kannte ſie, und ſie ſich auch ſelbſt von dieſer ſchwachen Seite, wenn man es ſo nennen will. Aber ihre Liebhaberei war mäch⸗ tiger als dieſe Selbſtkenntniß, und ſie ließ es nie an einem ſchlagenden Vorwand fehlen, oder ergriff ein gutes Apropos, ſich ein Genüge zu thun. Die Zeit ſei ganz abſcheulich proſaiſch, materialiſtiſch und martialiſch, pflegte ſie zu ſagen; auch müſſe man dieſen Franzoſen, wo man nur immer könnte, mit deutſcher Poeſie über die einge⸗ bildete Naſe fahren. Heut aber nahm ſie die Umarmung der Freundin zum Anlaß, gleichſam als habe die Dich⸗ terin damit am Schluß ihrer eigenen Recitation das De⸗ elamiren auf ſie übertragen. So gut ſie es aber bei ſonſtigen Anläſſen oder raſch ergriffenen Stichworten mit ihren Declamationen traf— denn es fehlte ihr nicht an — 365 Sinn und Geſchmack—, ſo ſchlug ſie doch heut mit eini⸗ gen Zugſtücken daneben. Beſonders läuteten die Verſe aus Schiller's„Glocke“: O zarte Sehnſucht, ſüßes Hoffen, Der erſten Liebe goldne Zeit— bei der Braut, und der Schlußreim: O daß ſie ewig grünen bliebe Die ſchöne Zeit der jungen Liebe— bei dem Bräutigam etwas zu ſpät ein. Frau Lina, die es am lebhafteſten mitfühlte, brachte es daher geſchickter⸗ weiſe auf Geſang, und die Braut verſicherte ihrem Na⸗ thuſtus, daß Herr Doctor Teutleben ein ausgezeichneter Bariton ſei. Hermann mußte an das Klavier, das für den Abend im Nebenzimmer aufgeſtellt war. Aber wie denn Misgriffe nicht ſelten, gleich dem Gähnen, in der Geſellſchaft anſtecken: ſo brachte Hermann, als ob ihn ein neckiſcher Dämon reite, auch bei der dritten Braut nicht ſehr erbaulich ſein Lieblingslied an: Komm' heraus, komm' heraus, du ſchöne, ſchöne Braut, Dein Schleierlein weht ſo thränenſchwer— und wie es weiter hieß. Lina mußte wieder eingreifen, und foderte Hermann zu dem Duett aus der„Schöpfung“ auf, das Beide ſchon früher im Stift zu Homberg mit ſoviel Beifall vorge⸗ tragen hatten. Auch heut war es wieder der Fall, und wie die Braut hinüberging, dem Paare zu danken, ſo 366 rückte die munter gewordene Geſellſchaft aus ihrem feſt⸗ lichen Halbkreis zu heitern Geſprächen auseinander. Die bräutliche Thereſe, indem ſie jetzt gegen Hermann unbefangen ſich der Empfindung überließ, die ſie bisher ſo ſcheu vor ihm gehütet hatte, erſchien in neuer, über⸗ raſchender Liebens würdigkeit. Es war keine Coquetterie dieſer einfachen, innigen Seele in Dem, was ſie einem ſo lieben Freund erwies: es war ein Frohgefühl ihrer Freiheit vom bisherigen Druck der geſellſchaftlichen Con⸗ venienz; oder ihr Herz ſuchte unüberlegt für den Kampf, den es ihm gekoſtet hatte, ſich einem Andern zuzuwenden, eine Entſchädigung in der warmen Hingebung, die ja von heut an nur für ein freies, freundſchaftliches Wohlwollen angeſehen werden durfte. Sie ſaß zwiſchen ihm und Lina, oder ſie bediente ihn, und ihn allein, mit Dem, was zum Genuß geboten war. Dazwiſchen fragte ſie nach ſeinen Geſchäften und Arbeiten, freute ſich ſeiner Reiſe mit Nathuſius. Ich denke mir ſchon, ihr werdet oft von mir reden, ſagte ſie, und in Gedanken reiſe ich mit. Zu Dreien reiſt man ja auch billiger, lächelte ſie. Sie wußte von Allem, was ihn anging, und ſcheute es nicht, dadurch etwa zu verrathen, wieviel ſie ſich mit ihm beſchäftigt hatte. Eine bebende Anmuth lag in ihren Bewegungen, ein Ausdruck des innigſten Glücks leuchtete aus ihren Zügen, aus dem feuchten Strahl ihrer ſchönen blauen Augen. Lina verſtand die ſelige Braut; ſie drückte ſie an ihre Bruſt, und wurde verſtanden. Eine lachende Thräne trat in Thereſens Auge, und Lina küßte ſie hinweg. ——— — 367 Nathuſius trat heran, und Thereſe warf ſich mit thränen⸗ dem Lächeln an ſeine Bruſt. Liebes, liebes Kind, Herzenstöchterchen, ſagte er, was haſt du, was bewegt dich ſo? Ich bin ſo froh, ſo glücklich! flüſterte ſie. Sieh', Chriſtian, das ſind die beiden liebſten Menſchen, die ich hier habe und zurücklaſſe, wenn ich demnächſt mit dir fortziehe. Du mußt ſie auch lieb haben. Und— Lina, Hermann,— nicht wahr, ihr nehmt meinen theuern Chriſtian zu euch auf? Umarme die liebe ſchöne Frau, Chriſtian, und Sie, Hermann, bleiben Sie mir auch in der Ferne der herzlichſte, liebſte Freund, den ich habe! Sie ſank einen Augenblick an ſeine Bruſt; er küßte ihre Stirne, und ſie, raſch auf den Zehen ſich erhebend, ſtreiffe mit dem Mund an ſeinen Lippen hin. Während dieſer zärtlichen Scenen, die ihren flüchtigen Herzensduft mit den Roſen und dem Jasmin der Blumen⸗ vaſen verhauchten, unterhielten ſich die Männer über öffentliche Angelegenheiten. Engelhard war der tüchtige heſſiſche Gerichtsbeamte, gründlicher Juriſt, von genauer Kenntniß und zugleich von lebhafter Empfindung des Rechts, bewährt in Geſinnung, unabhängig in ſeinem Urtheil. Ein Anhänger der frü⸗ hern Regierung, verkannte er doch das Beſſere nicht, das unter dem neuen Regiment ſich hervorthat. Und wenn er im Stillen auch eine Wiederherſtellung des vertriebenen Fürſten wünſchen mochte, ſo hielt er ſich doch perſönlich allen geheimen Beſtrebungen zu dieſem Ziele fern, und hoffte, daß der zurückkehrende Herr gewiß allerhuldreichſt ———— 368 geſtimmt ſein werde, ſich und ſein Land durch Beibehal⸗ tung des Guten, das der beſiegte Feind zurücklaſſe, für die verlorene Zeit ſeiner Verbannung zu entſchädigen. Geiſtreicher faßte der Präſident von Biederſee die Ver⸗ hältniſſe auf, von denen die Rede war. Es iſt eine bedeutſame Erſcheinung, ſagte er, wie ſeit Beginn des Reichstags ſich in allen Kreiſen ein lebhaftes Intereſſe an der neuen Verfaſſung— für oder wider— ausſpricht. Man könnte ſagen, das Land habe ſeitdem an der Reichsverſammlung ein Gehirn bekommen, ſich zu bedenken und ſeiner bewußt zu werden. Im Allgemeinen bildet ſich auch eine günſtige Meinung von unſerer Con⸗ ſtitution. Vangerow, ein College Engelhard's, tadelte an der⸗ ſelben, daß die Initiative der Geſetzgebung nur der Re⸗ gierung zuſtehe und die Reichsverſammlung nicht einmal die ihr vorgelegten Geſetze deb attiren dürfe. Sie verſtehen das beſſer als ich, Herr von Vangerow, verſetzte Nathuſius, ſonſt hätte ich das bei uns vorge⸗ ſchriebene Verfahren gerade für zweckmäßiger gehalten. Ich will Ihnen ſagen warum. Die neuen Geſetze wer⸗ den in dem mit den einſichtsvollſten Männern beſetzten Staatsrathe bearbeitet und in wiederholt gedruckter Re⸗ daction geprüft und debattirt. Sie gelangen dann, wie bekannt, durch den Referenten des Staatsraths mit einer eingehenden und rechtfertigenden Entwickelung in die Sitzung des Reichstags und zur Prüfung einer Commiſ⸗ ſion. Während derſelben finden Abendverſammlungen und Beſprechungen bei unſerm Präſidenten ſtatt, dem hierzu beſondere Repräſentationsgelder bewilligt ſind. Hier kann 369 denn jeder Abgeordnete ſeine Anſicht zur Erwägung brin⸗ gen, ſie ergänzen und berichtigen. Wenn dann die ſtän⸗ diſche Commiſſion in der Sitzung das Ergebniß ihrer Prüfung dargelegt hat, bleibt freilich ohne weitere De⸗ batte nur eine Abſtimmung auf Annahme oder Ablehnung des Geſetzes noch übrig. Indeß kann der Juſtizminiſter ſich privatim nach den Anſichten und der Stimmung der Stände erkundigen, und das abgelehnte Geſetz, nach Um⸗ ſtänden umgeändert, wieder vorlegen. Wohin würde aber eine Debatte führen? Wir kennen ja unſere deutſche Erb⸗ ſünde des Eigenwillens und der Rechthaberei mit oder ohne Einſicht. Ich habe den Herrn von Simeon, ſelbſt von den ſo einſichtsvollen Männern des Staatsraths, ſa⸗ gen hören:„Chacun y veut mettre quelque chose du Sien et beaucoup de Sien.“ Und das ſind doch noch Männer, die's verſtehen! Nun denken Sie, daß noch Je⸗ der vom Reichstag etwas von ſeiner Weisheit und mög⸗ lichſt viel von ſeiner Weisheit in ein Geſetz bringen möchte: welcher Wirrwar von Widerſprüchen, Verworren⸗ heiten, Abſonderlichkeiten würde nicht das verhunzte Ge⸗ ſetz unannehmbar für die Regierung machen! Es läßt ſich Vieles dafür und dagegen ſagen, fiel Herr von Biederſee ein. In Einem aber ſind wir gewiß einverſtanden— daß nämlich Keines der Länder, die un⸗ ſer Weſtfalen ausmachen, eine Verfaſſung von ſolcher Einheit, Einfachheit und innern Kraft mitgebracht hat, wie unſere gemeinſame Conſtitution iſt. Welch' ein Chaos von— man wußte nicht immer ob noch geltenden oder bereits abgeſchafften Geſetzen herrſchte nicht überall, und der Geiſt des Rechts ſchwebte nicht immer darüber; Koenig, Jeröͤme'’s Carneval. II. 24 370 ein Irrgarten für den Richter, ein Tummelplatz für die Rabuliſten. Dabei gab die Patrimonialiuſtiz den armen Rechtſuchenden der Willkür des Gerichtsherrn, den Chi⸗ kanen ergrauter Gcrichtshalter preis; nur der Dicke blieb in den Maſchen der Sportelordnung hangen, und bekam ſeinen Rechtsſpruch, der Magere fiel durch. Privilegien und Exemptionen waren fließende Quellen des Unrechts, aber des unanfechtbaren Unrechts, und verſchlämmten überdies den fruchtbaren Boden des freien Gewerbes und Verkehrs. Die Collegien, vom Geiſte geſchloſſener Ge⸗ ſellſchaften beſeelt, ſclummerten,— ihre Füße auf falſche Grundſätze geſtellt, und aus den Federſpulen einen aus deutſchem Werg und lateiniſchen Splittern zuſammen⸗ gewürgten Kanzleiſtil ſpinnend, oder, wie man's zu nennen pflegte— ſeilernd. Und die Beamten auf dem Lande, wahre Satrapen, unter denen die armen Bäuerchen be⸗ teten:„Erlöſe uns o Herr!“ Gewiß, unſere Juſtizverfaſſung iſt ungleich beſſer, ja ſie iſt vortrefflich! verſetzte Engelhard gelaſſen. Der ſchwer⸗ fälligſte Proceß kann ſeine zwei Inſtanzen in wenig Mo⸗ naten durchlaufen. Und die Reinette, der Königsapfel des Rechts, wird nicht, wie früher, durch langes Liegen morſch und faul, ſetzte Präſident von Porbeck hinzu. Von der alten Militärverfaſſung gar nicht zu reden, fuhr Biederſee fort; ſie verletzte die Rechte und Würde des Menſchen. In Heſſen, darf man annehmen, ſtak die funfzehnte Seele im rothen Halskragen, und es gab keine Erlöſung daraus. Nun, nun, ſo arg war's denn doch nicht! wendete — 371 einer der Verwandten Engelhard's ein. Sie waren meiſt auf Urlaub, die Soldaten, und die Bauernſöhne konnten auch heirathen und ihr Gut bauen. Jetzt werden auch unſere caſſeler Bürgerſöhne gezogen, und ich weiß nicht, ob der Militärdruck von heut— Der Sprecher ſchwieg, erſchrocken vor ſeinem Tadel, und eine verlegene Pauſe entſtand. So klein und vertraut die Geſellſchaft und zu einem heitern Familienfeſte ſie verſammelt war, ſo konnte ſie doch kaum ſich unberührt von der Verſtimmung halten, die ſo leicht aus dem Zwieſpalte der Zeit entſprang. In jenen Tagen mochte kein Billigdenkender die beſ⸗ ſern Staatseinrichtungen, die das neue Regiment ein⸗ führte, mit Lob anerkennen, ohne damit die frühern, oft großen Gebrechen bloßzuſtellen, und Herzen zu kränken, die entweder an verlorenen Vortheilen hingen, oder mit jenen Gebrechen durch das Unglück des Landesfürſten ver⸗ ſöhnt waren. Auf der andern Seite führte auch die ge⸗ rechteſte Anerkennung des neuen Guten zu Folgerungen, die mit dem unglücklichen Zuſtande Deutſchlands in Wi⸗ derſpruch kamen— mit dem empörenden Druck der Fremd⸗ herrſchaft, vor welchem jene einzelnen Vortheile in Nichts verſchwanden. Von der einen oder andern Seite traten daher alsbald die Gegner des Neuen mit Leidenſchaft her⸗ vor, um die Schattenſeiten deſſelben herauszuwenden. Da war von dem grauſamen Kriegsfuß der ſtarken Ar⸗ mee und ihrer undeutſchen Beſtimmung, es war von dem wachſenden Drucke der Abgaben die Rede, von den un⸗ berechenbaren Summen, die vom Hof und von den Günſt⸗ 24*. 372 lingen des Königs verſchwendet würden, oder als Contri⸗ bution in den Schatz des Kaiſers, oder zu Beſtechung ſeiner Umgebung, ja wol auch als Erſparniſſe für eine unglückliche Wendung der Dinge nach Paris flöſſen. Oder man ereiferte ſich gegen die Schmach und den Uebermuth der Franzoſen im öffentlichen Dienſt, gegen die um ſich greifende Sittenloſigkeit der hohen Geſellſchaft und gegen die gefährliche Zudringlichkeit der geheimen Polizei. Doch bei dieſer letzten Erinnerung pflegte alsbald das entrüſtete Wort zu verſtummen, und wenn ſich dadurch vielleicht ein Lobredner des Neuen in ſeinem Vortheil über den ge⸗ fährdeten oder vorängſtlichen Tadler gehen ließ, ſo ent⸗ ſtand leicht eine Verbiſſenheit der Herzen, die ſich in blei⸗ benden Haß verkehren konnte, und Entzweiung in die Familien und in uralte Freundſchaften brachte. So weit kam es nun in dem kleinen Abendkreiſe der Verlobung nicht, ſondern die Frauen ſtellten alsbald die heiterſte Stimmung und eine anmuthige Fröhlichkeit her, die ziemlich ſpät in die Nacht hinein dauerte. Hermann war den Abend über ungewöhnlich ſtill und in ſich gekehrt geweſen. Bei aller Theilnahme am Ge⸗ ſpräche ſo angeſehener Beamten über das neue Staats⸗ leben, dem er ſich ſelbſt mehr und mehr einzuverleiben dachte, ward er doch von den Vorgängen des Abends mehr gemüthlich eingenommen. Die Familienfeier bewegte ihn wieder einmal mit leiſen Heimwehempfindungen, die ihn am liebſten überſchlichen, wenn er ſich eine Weile an⸗ haltend in conventionellem Verkehr gefallen hatte. Wie⸗ derholt waren ihm die glücklichen Aeltern vorgeſchwebt, 373 und er hatte der Schweſter gedacht, die er ſich als Braut träumte, ſo ſelig, wie ihm Thereſe heut erſchie⸗ nen war. Von dieſer— von Thereſen, ſprach er unterwegs, da er Lina nach Haus begleitete, mit ebenſo viel Lob als Befremden. Wieviel glücklicher, liebe Lina, ſeid ihr Frauen da⸗ durch, daß ihr im Heirathen eure hochſte Lebensbeſtim⸗ mung erreicht, ſagte er; indeß wir Männer als unſere Aufgabe eine Stellung im bürgerlichen Leben, einen Wirkungskreis in der Welt erringen müſſen, in Folge deſ⸗ ſen erſt wir dann auch ans Heirathen denken mögen. Euer Beruf geht in liebendem Beglücken eines lebenden Men⸗ ſchenherzens auf; wir finden einen todten Stoff vor uns, dem wir erſt Athem einhauchen, und den wir fortwäh⸗ rend in Athem erhalten müſſen. Siehe, auch darin hängt Jedem ſeine Abkunft nach; wir ſtammen von Adam, und müſſen das Werk Gottes fortthun, der den Mann aus Lehm machte und ihm eine Seele einblies. Die Eva ward dagegen aus der Rippe des Schlafenden genommen, um liebend und beglückt an ſeiner Seite zu ruhen, und wenn er erwacht, ihn zu beglücken. Wie ſelig ſchon in dieſer Erwartung fühlt ſich dies herrliche Mädchen The⸗ reſe! Nein, was ſo ein Mädchenherz im Strahl der Liebe für einen Reichthum aus ſich entfaltet,— ich hätte mir's nimmer geträumt! Du weißt, Lina, daß ich ihr doch gleich aus den Augen ein tiefes, für Liebe empfäng⸗ liches Herz zuerkannt habe; aber von diefer Fülle einer liebenden Seele hatte ich keine Ahnung. Und uns kamen doch nur die Abfälle zugut; wie glücklich darf ſich erſt 374 dieſer brave Nathuſtus fühlen, dem ſie das ganze Gaſt⸗ mahl der Liebe anrichtet! Aber, ich goͤnne es ihm! Lina hörte ihm lächelnd zu. Sie überlegte, ob und wie ſie ihm wol offenbaren möchte, was einſt ihr eige⸗ nes Herz ein wenig beunruhigt hatte. Endlich, als er nicht fertig werden wollte, ſagte ſie: Nun ja, lieber Hermann, das haſt du eben Alles verloren. Das blühte dir, du blinder Heſſe aus Halle, und du erkennſt es noch heut nicht einmal in der Nach⸗ blüte, die auch für dich ſtark genug duftete. Rühmſt dich, dies ſchöne Herz erkannt zu haben; nun ja, eine halboffene Blüte haſt du erkannt, aber ohne den Sinn für den Duft, mit dem ſie dich umhauchte. Nun ſie, möcht' ich ſagen, von liebewerbender Hand berührt, ſich von ihrem Stengel löſt, ſind die Blütenblätter zu einem glänzenden Gefieder geworden, und du erſtaunſt des ſchmel⸗ zenden Geſanges, du empfindeſt nun den Liebesduft, der Ton geworden iſt, aber verſtehſt ihn noch immer nicht. Um proſaiſch zu reden, lieber Freund, ſage ich dir einfach, Thereſe liebte dich ſeit unſerm Polterabend. Da du das aber nicht erkannt, nicht geahnt haſt, ſo war wol dein Herz für das ihrige nicht geſtimmt. Sie hat es einem würdigen Manne zugewendet, und was ſie dir heut zu deiner Bewunderung gezeigt, war, nmoͤcht' ich ſagen, die Abfindung einer ungekränkten, entſchloſſenen Mädchen⸗ ſeele mit ihrer unerkannten Liebe. Hermann war ſtehen geblieben und ſah die Freundin betroffen an. Lina! rief er verlegen und zweifelnd zugleich, indem er ihre Hand ergriff, als bedürfe er ſolcher Beſtätigung — ihres Wortes oder ſolcher Faſſung in ſeiner Unbeholfen⸗ heit. Wie Lina weiter ging, fuhr er fort: Doch— nun ja, es iſt vorbei! Und— wenn ich's denn nun erkannt hätte, Lina!— Nein, es iſt ſo beſſer! Was hätte ich thun ſollen? Was hätt' ich vielleicht ge⸗ than? So hat mich das liebreiche Geſchöpf wahr und unbefangen geſehen, und wer weiß, ob das nicht ihre Entſchloſſenheit erleichtert hat. Aber— Nun, Hermann? Was wollteſt du noch ſagen? Was ich ſagen wollte—? Nun ja, es iſt doch gut, Lina, daß du mir Das geſagt haſt,— es iſt mir lieb! Es ſoll mir zugut kommen. Nun ich erfahren, welcher Schatz von Liebe in einem verſchloſſenen Mädchenherzen ruhen kann, und erſt erkannt wird, wenn man ihn be⸗ gehrt—— Er verſtummte abermal, betroffen von ſeinem Ge⸗ danken, den er ſich, auszuſprechen ſcheute. Allein Lina errieth ihn mit einem Herzen, das mehr, als der Freund es ahnen konnte, in ſeiner Seele lebte. Aber dies Herz klopfte auch heftiger, als ſie verſetzte: Ich verſtehhe dich, Hermann! Du meinſt Cecile und den verſchloſſſenen Schatz von Liebe, der in ihrem Her⸗ zen ruhe? Wie hommſt du darauf, Lina? fragte er mit einem befangenen Ton, der wie ein halbes Eingeſtändniß lautete.„ Haſte du mir nicht ſoviel von Cecile geſagt, erwiderte ſte, umf dich zu verſtehen, oder vielmehr ſo wenig geſagt, um dieh aus Dem zu errathen, was du offenbar ver⸗ ſchwieggſt 2 376 Ich dachte mir gleich, daß du ſolche Vermuthungen faſſen koͤnnteſt, verſetzte er, und nur darum ſprach ich zurückhaltender von Cecile. Offen geſtanden, hat mich die Nichte der Frau Miniſterin bis jetzt nur als an⸗ muthiges, reizendes Räthſel intereſſirt. Hermann ließ ſich noch weiter über den Gegenſtand aus, der ihn ſo lebhaft einnahm, ohne zu bemerken, daß Lina kaum offenes Ohr dafür hatte. Sie war von den widerſprechendſten Empfindungen bewegt, ja erſchüttert. Ihre Mittheilung über Thereſens Neigung ſchien den Freund nur aufzuregen, um bei einer räthſelhaften Frem⸗ den auf Entdeckung Deſſen auszugehen, was er dort in Thereſen nicht erkannt hatte. Dies war aber nicht das einzige Schuldbewußtſein, womit ſie ſich beunruhigte. Sie machte ſich jetzt auch die kleine Schadenfreude zum Vor⸗ wurf, mit der ſie ihm ſeine Selbſttäuſchung vorgerückt hatte, und noch bitterer tadelte ſie ſich über die heimliche Zufriedenheit, daß ihr der theure Fretand gegen Thereſens Neigung für ihn ungetheilt erhalten war. Und nun ſollte er ihr vielleicht auf ſchlimmere Weiſe verloren gehen. Eine unſägliche Angſt überfiel ſie, ein tiefes Leid miſchte ſich in ihre ſtürmiſchen Gedanken. Was ſollte, was durfte ſie thun? Sie wagte kein Wort, im Vorgeflähl, daß ſie mit dem erſten Laut in Thränen ausbrechen könnte. Den⸗ noch drängte es ſie zur Erklärung. Denn ſiee näherten ſich mit jedem Schritt ihrer Wohnung, und ſie bemerkte von weitem ihren Ludwig, der im Mondſcheinn, ihrer harrend, im Fenſter lag. So waren Beide, innerlich mit ſich beſchäftige⸗ eine Strecke ſchweigſam neben einander fortgewandelt, bies end⸗ lich Lina ſoviel Faſſung über ſich gewonnen hatte, um leiſe und haſtig zu ſagen: Ich muß dir geſtehen, lieber Hermann, daß Madame Simeon, wie ich ſie kenne, mir wenig gutes Vertrauen zu einer Nichte gibt, die von dieſer Welt⸗ und Geſell⸗ ſchaftsdame ſo vorſichtig verborgen gehalten wird. Wie eitel oder ſtolz würde ſie nicht ein ſo intereſſantes Mäd⸗ chen in die höhern Cirkel führen, wenn keine bedenkliche Rückſicht dabei wäre. Aber ich will dieſe Cecile, die du ſo liebenswürdig findeſt, nicht voraus verurtheilen. Dein Glück bleibt allerdings auch dein eigenes Werk und Wag⸗ niß; aber du weißt, welchen Antheil wir, Ludwig und ich, daran nehmen. Verſprich mir keinen entſcheidenden Schritt zu thun, ehe ich Cecile geſehen und wir nähere Erkundigung über ſie eingezogen haben! Als Hermann nachdenklich ſchwieg, blieb ſie ſtehen und ſagte dringlicher: Meine Schuld, Hermann, gibt mir ein Recht, mich in dieſe Angelegenheit einzudrängen. Ich habe dich durch meine Mittheilung irre gemacht. Weil du eine zarte Nei⸗ gung nicht erkannt haſt, willſt du es nun deſto kühner auf eine räthſelhafte Liebe wagen. Aber wer eine echte Liebe nicht erkannt hat, muß deſto vorſichtiger ſein, ſich in einer bethörenden nicht zu verwirren. Alſo? Ich will Cecile beſuchen; kündige mich ihr an, verſchaffe mir ihre Zuſtimmung, ſie zu ſehen. Sie kamen an die Haustreppe, und Hermann ſagte: Du haſt Recht, herzliche Lina! Wahrlich, wenn ich mich recht bedenke, war es auch meine Abſicht noch gar nicht, mich gegen Cecile zu erklären! Offen geſagt, hange 378 und bange ich dort, und es iſt mir gar lieb, daß du Cecile ſehen willſt und ich mich mit dir berathen kann. Alſo ich habe deine Zuſage? flüſterte ſie, ihre Hand darreichend. Auf mein Wort Ich thue keinen Schritt! ſagte er, und ſchlug ein. Dann am Hauſe emporblickend rief er heiter: 4 Gut' Nacht, Ludwig! Siebzehntes Capitel. Audienz beim König und bei Babet. Herrendienſt ging in jener Napoleon'ſchen Kriegszeit mehr noch als gewöhnlich vor Gottesdienſt. So brachte denn auch unſer Pfarrersſohn aus Halle ſeine Sonntags⸗ andacht am Schreibtiſche des Miniſters mit den Para⸗ graphen ſeiner Inſtruction zu, die ihm Herr von Bülow kurz, als bloße Merkpunkte für die einzelnen Momente des Geſchäfts, dictirte und in ihrem Inhalt zu Hermann's voller Einſicht mündlich entwickelte. Beide fuhren darauf nach Napoleonshöhe zur Audienz, zu der ſich auch Na⸗ thuſius mit Jacobſon bereits eingefunden hatten. Der König, von einer luſtigen Nacht noch nicht ganz erholt und von ſeinem Bad und ſeiner Toilette etwas angegriffen, empfing die Angemeldeten in ſeinem Zimmer. —— — Dies war mit hellblauem Sammet unter Goldleiſten be⸗ kleidet; die blauſammetnen Vorhänge, mit weißem Atlas gefüttert, hingen mit ſchweren goldenen Franſen herab. Zwiſchen den Mahagonimöbeln ſtand auf einem Theetiſche das ſeltenſte Porzellan faſt mehr zur Schau als zum Gebrauch aus. Eine prächtige Pendeluhr trug die ala⸗ baſterne Büſte des Kaiſers, von der Göttin des Sieges gekrönt, mit der doppelſinnigen Schmeichelei der Unter⸗ ſchrift:„Chaque heure est marquée par la victoire.“ Der König, völlig angekleidet, in der gewöhnlichen weißen Uniform, erhob ſich von dem Ruhebett und be⸗ grüßte die Eintretenden mit etwas angeſtrengter Leb⸗ haftigkeit. Ich wollte Ihnen nur glückliche Reiſe und gute Ver⸗ richtung wünſchen, meine Herren Abgeordneten, ſagte er. Nun kann ich aber auch Ihnen, Herr Nathuſius, zugleich gratuliren: Sie haben ſich verlobt, höre ich? Ew. Majeſtät ſind ſehr gnädig, antwortete Nathuſius. Die Sache iſt ſo neu, daß ich mich erſt heut als Bräu⸗ tigam vorſtellen darf. Ich bin ein Egoiſt, Sire; in An⸗ gelegenheiten des Königreichs hierher geſchickt, ſorge ich vor allem für mein Haus. Ma foi, Baron Bülow, lachte Jeröme, wenn das mehr vorkommt, müſſen wir für einen Zuſatzartikel zum Wahlgeſetze ſorgen, wodurch beſtimmt wird, daß nur Ver⸗ heirathete zum Reichstag gewählt werden dürfen. Sonſt nehmen uns die Landſtände alle e Aiebenazsiitdigen jungen Damen mit fort. Zuſatzartikel, ja, Sire! antwortete Bülow; aber mit der weitern Beſtimmung, daß die verheiratheten Deputir⸗ 380 ten auch ihre Frauen mitbringen müſſen, was für aller⸗ lei gut ſein dürfte. Allerdings, Baron! Schon um auf die ſtrengen Herren.. einzuwirken, lachte Jeroͤme, und betrachtete dabei Hermann mit einer, wie es ſchien, etwas überraſchten Aufmerkſam⸗ keit. Herr von Bülow nahm an, es gelte der unberech⸗ tigten Uniform, und ſagte: Sire, ich habe es im Intereſſe des geſchäftlichen Auf⸗ trags für paſſend gehalten, meinem Commis eine Uniform zu geſtatten, die einen anſtändigen Rang repräſentire. Sehr wohl! Aber warum nicht aus dem Departe⸗ ment des Aeußern? fragte der König. Es iſt doch eine Sendung. Einmal, Sire, weil es eine Miſſion im Finanzgeſchäft iſt, und dann, weil das Kleid noch anwendbar bleibt, b wenn Herr Teutleben es ſich im Auftrag Ew. Majeſtät verdient. Eben darum, Baron! rief Jeröme. Wenn er ſich 1 durch Aufträge mein Vertrauen verdient— Eh bien nous verrons! Was meinen Sie, Jacobſon? Sehr gnädig, Sire! erwiderte dieſer. Unmaßgeblich ſcheint mir, der junge Mann hat einen guten Kleiderleib, und ein ſolcher nimmt alle Farben an nach dem Depar⸗ tement, in das er geſetzt wird, gleichwie ein— faſt hätty ich geſagt Chamäleon die Farben des Bodens annimmt, über den es läuft. Aber, lieber Herr Doctor— Cha⸗. mäleon sans comparaison in allen andern Stuücken! Der König lachte, und nachdem er noch die gewöhn⸗ b lichen Fragen nach Hermann's Herkunft, Studien und dergleichen gethan und deſſen Antworten beifällig auf⸗ ——————— — ) 1 h 1 P4= , d f genommen hatte, ſagte er, gegen die drei Abgeordneten gewendet:. Sie gehen unter guten Auſpicien. Ich wünſche Ihnen glückliche Reiſe, und hoffe Sie bald wiederzuſehen. Und in gebrochenem Deutſch ſetzte er hinzu: Geſund und luſtig! Er verneigte ſich, rief aber, als die Entlaſſenen un⸗ ter wiederholten Reverenzen gingen, den Miniſter zurück. Im Vorſaale blieb Jacobſon ſtehen und ſagte leiſe: „Luſtig“ ſcheint ein Lieblingswort des Königs zu ſein. Er wendet es nur ein wenig curios an. Aber wahr iſt es: Jeröme hat ein bewegtes, ſprechendes Geſicht. Leſerliche Mienen auf dunkelm Grund. Ich hab' geleſen, lieber Herr Doctor, daß er's auf Sie abgeſehen hat. Sie können Carrière machen. Und wiſſen Sie wo? Im diplomatiſchen Fach! Nun, Herr Nathuſius, iſt er nicht auch ein Menſch, den man verſchicken kann, der ſich ſehen laſſen kann? Mitſchicken kann man ihn, Herr Geheimer Finanz⸗ rath! lächelte Hermann; tüchtigen Männern ins Schlepp⸗ tau mitgeben. In der großen Vorhalle, in die man durch den ge⸗ wöhnlichen Eingang von der Gartenſeite kommt, zwiſchen den beiden ägyptiſchen Figuren, begegneten die Drei der Oberhofmeiſterin, die im großen Anzuge nach den Zim⸗ mern der Königin ging. Als ſie ſich gegen die Reveren⸗ zen der Herren verneigte, erkannte ſie Hermann und blieb verwundert ſtehen. Was ſeh' ich? ſagte ſie leiſe und deutſch. Sie kom— 38² men von einer Audienz? Und in Gala? So plötzlich zu Ehren gelangt, ohne daß ich ein Wort davon höre? Hermann, in der vergnügten Stimmung der gut ab⸗ gelaufenen Präſentation, verſetzte: Ja, Ew. Durchlaucht! Dero gnädiges Wohlwollen hat mich ſchon in— Kornähren geſetzt. Er hielt den rechten Aermelaufſchlag mit der Sticke⸗ rei hin, den dreieckigen Hut unterm linken Arm, und er⸗ klärte weiter: Mein Herr Miniſter gibt mich von Bureauwegen der holländiſchen Deputation mit. Ahl ſo ſind Sie es? rief ſie aus. Man konnte mir den dritten Namen nicht nennen. Gratulire! Nur— machen Sie keine zu raſche Carriere an unſerm Hofe, da⸗ mit Ihre wohlwollenden Freunde Sie nicht aus dem Auge verlieren! Es ſoll mir lieb ſein, wenn Ihre Kornähren meine eyanenblaue Vaſe überwachſen. Darüber fällt mir ein: ich habe von meiner Reiſe mit der Königin Anlaß genommen, meine Kammerſpionin Angelique zu entlaſſen. Sie ſah ganz darnach aus, als könnte ſie mir einen Verdruß anrichten. Indeß— Adieu! Halten Sie ſich brav! Sie ſchied mit freundlichem Nicken nach dem Vorſaale hin, und Hermann eilte den beiden Männern nach, die langſamen Schrittes der Gaſtwirthſchaft zuwandelten. Sie verabredeten, ein gemeinſames Mittageſſen zu beſtellen, worauf Hermann ſich auf ein Viertelſtündchen verabſchie⸗ dete, um dem Dichter Pigault⸗Lebrun einen bisher ganz vergeſſenen Beſuch zu machen. * — 383 Im linken Schloßflügel wurde er nach der Frieß⸗Etage gewieſen, und fand ſich nach den angeſchriebenen Namen zur Thüre zurecht, die mit„Pigault-Lebrun, lecteur de S. M. le Roi“ bezeichnet war. Auf ſein Anklopfen bellte ein Hündchen, und eine angenehme Frauenſtimme rief „Entrez!“ und wehrte dem kleinen Schreier. Ein Dämchen lag im leichteſten Neglige anmuthig auf einem Divan und ſpielte mit einem Wachtelhündchen, das nicht ſchweigen wollte, und dem ſie, verlegen lachend, mit der kleinen Hand die Schnauze zuſammendrückte. Der unerwartete Beſuch eines ihr fremden hübſchen Mannes in Uniform ſchien doch ihre gewohnte Unbefangenheit ein wenig auf die Probe zu ſtellen. Ihre zweite Bewegung war, vom Lager herab in die Pantöffelchen zu gleiten. Da blieb aber das zu kurze und knappe Unterkleidchen ſo weit über die Waden zurück, daß ſie die kleinen Füße ſchnell wieder an ſich zog und mit einem Zipfel des Shawls zu bedecken ſuchte, in den ſie ſich von oben einwickelte. Dies Alles geſchah ſo ſchnell und mit ſoviel lächeln— der Anmuth, daß Hermann ebenſo unbefangen lächelnd um Verzeihung bat, und nach dem Herrn Vorleſer Sr. Majeſtät fragte. Die Schöne nahm ſeine Entſchuldigung leicht, und erklärte ſehr freundlich, Herr Pigault ſei nicht da, doch nicht weit entfernt. Er halte die Generalprobe ſeines Luſtſpiels„Les Rivaux d'eux-mêmes“ ab, das dieſen Abend zum Abſchiede der Königin gegeben werden ſollte. Sie blinzte nach einem nahen Stuhl, und bat ihn, Platz zu nehmen, Pigault würde bald kommen. 384 Alſo in der Stadt—? fragte er. Verzeihung, mein Herr, hier am linken Schloßflügel, durch einen Gang mit dem Schloß verbunden, iſt ein ganz artiges Theater, ganz nahe, wo wir wohnen. Bei dieſem„wir wohnen“ erinnerte ſich Hermann, daß— aber nicht was ihm Lebrun von einer liebens⸗ würdigen Babet vorgeplaudert hatte, mit der er hier oben des reizenden Aufenthalts genöſſe. Er fragte daher leicht⸗ hin, ob er die Ehre habe, Madame Lebrun—?2 Dieſe Frage ſetzte die Schöne in neue Verlegenheit, wie es ſchien. Sie rückte mit einiger Ueberlegung ihrer Antwort ſich in der Sophaecke zurecht, wobei der linke kleine Fuß, vielleicht nicht ganz zufällig, unter dem Tuch hervorglitt, und— indem ſie die dunkeln Locken aus dem Geſichte ſtrich— ein runder Arm und auf einige Momente eine weiße volle Bruſt vom Shawl entblößt wurden. Das verlegene Lächeln ging in ein verſchmitztes über, und das dunkle, etwas trübe Auge, das, von zarter Braue überwölbt, in einem bläulichen Ringel ruhte, halb zuge⸗ drückt, lächelte den Freund an, als ſie auf ſeine Frage verſetzte: O nein, mein Herr! Der alte Pigault iſt mein ſchützender Freund. Ah! entgegnete Hermann mit entſchuldigender Ver⸗ neigung. Ich erinnere mich nur, daß er mir von dem reizenden Aufenthalt in dieſem— wie er es nannte— gothiſchen Schloß erzählte, und weiß nun nicht, ob er blos die Reize meinte, die man im Ausblick durch die hohen Fenſter wahrnimmt, oder auch jene, die man auf dem Sopha noch bequemer hat. 38⁵ Sie ſind ſehr liebenswürdig, mein Herr, ſagte ſie mit verſchämter Coquetterie. Aber, wollen Sie ſich wirklich nicht zu mir ſetzen und den— Oheim erwarten? Hermann entſchuldigte ſich, daß er ſelbſt erwartet werde, und ſagte, als ſie nach ſeinem Namen fragte: Sie werden ihn ſchwerlich gut behalten können. Mein Name iſt noch gothiſcher als das Schloß. Ich will ihn lieber aufſchreiben. Er trat an das offene Pult am Fenſter, und ſchrieb auf ein Blatt: „Doctor Hermann Teutleben, der nur die reizende und liebenswürdige Nichte angetroffen, wird nach ſeiner Rückkehr aus Holland wiederkommen, auch den berühm⸗ ten Oheim derſelben zu begrüßen.“ Indem er ſich nun zu gehen verneigte, reichte ſte ihm die Hand entgegen, indem ſie mit verſchämter Miene ſagte: Entſchuldigen Sie mich, daß ich ſo liegen bleibe! Ich darf mich eben nicht ſehen laſſen. Ich ſage Ihnen ſo Adieu. Es thut mir leid, daß Sie nicht bleiben können. Aber kommen Sie bald wieder! Pigault iſt oft, aber nicht immer abweſend. Wie Hermann die zarte Hand erfaßte, empfand er einen leiſen Druck, und es kam ihm vor, als ob ihr Arm kürzer würde. Er erſchrak heftig über dieſe Art von Krampf und eilte fort. Das Hündchen bellte ihm nach, und Babet rief ärgerlich: Willſt du kuſchen, Babiche! Koenig, Jeröme'’s Carneval. II. Achtzehntes Capitel. Der Abſchiedsabend. Das holländiſche Geſchäft litt nun keinen längern Aufſchub. Die Abgeordneten waren für ihre Abreiſe auf Mittwoch früh übereingekommen, und es blieben daher unſerm jungen Freunde nur noch zwei ſehr bewegte Tage übrig. Die innere Unruhe ſeines Gemüths, die ihn zwi⸗ ſchen lebhaften Erinnerungen und unbeſtimmten Erwar⸗ tungen nachdenklich und zerſtreut machte, benahm ihm die Faſſung, um die kleinen äußern Angelegenheiten, die eine Reiſe mit ſich bringt, gelaſſen zu erledigen. Die ganze Welt kam ihm wirbelnd vor, und doch galt es um nichts weiter, als ſeinen Koffer zu packen und ein paar Ab⸗ ſchiedsbeſuche zu machen. Bei ſeinem Miniſter war dies kurz gethan. Er fand ihn beſchäftigt mit General Eblée, der, von Magdeburg eingetroffen, das Kriegsdepartement übernahm, das Herr von Bülow ſeit Morio's Abreiſe mitverſehen hatte. Beide Excellenzen kannten und ſchätzten einander von früher; denn Eble, vormals Artillerieoffizier in der Revolutions⸗ zeit, war gleich nach der preußiſchen Niederlage bei Jena Gouverneur von Magdeburg geworden, und hatte mit Herrn von Bülow, als damaligem Chef der Kriegs⸗ und Domainenkammer, in vielfacher Geſchäftsbeziehung geſtan⸗ den. Die dortige Einwohnerſchaft hatte ihn jetzt mit dankbarem Leid abziehen ſehen— einen Mann, deſſen ₰— — ——— 387 Rechtſchaffenheit ſich in ſchweren Jahren hundert⸗ und hundertfach erprobt hatte. Baron Reinhard erwartete ſtündlich ſeinen Urlaub zu einem Sommeraufenthalt auf ſeiner Beſitzung Falkenluſt am Rhein. Er hatte ſeine Abweſenheit zuerſt nur auf die Dauer der Abweſenheit des Königs im Bade Nenn⸗ dorf beſchränkt gehabt, wünſchte nun aber gern den gan⸗ zen Herbſt dort zuzubringen. Er wiederholte, als Her⸗ mann ſich empfahl, ſeine Einladung dorthin, während der junge Mann ſelbſt der ihm von Luiſen bei ihrem Abſchied gegebenen Anweiſung an den Geſandten entweder rein vergeſſen hatte, oder ſich vielleicht auch im Augen⸗ blicke keines Rathes bedürftig fühlte. Hermann hatte ſeinen letzten Abend dem innigſten Freundespaare, Ludwig und Lina, zugeſagt, die ihm noch einige Bekannte einladen wollten. Allein gerade dieſer Abend blieb ihm auch nur zum Abſchiede bei Madame Simeon, nachdem ſie ihm auf ſein früheres Anmelden des Vormittags hatte herausſagen laſſen, ſie erwarte ihn auf den Abend zu einer kleinen Geſellſchaft. Wegbleiben konnte er nicht; er mußte, abgeſehen von aller Schicklich⸗ keit, Cecile noch einmal ſprechen, um ihr wenigſtens an⸗ zudeuten, wie ſehr es ihm am Herzen liege, ſie bei ſei⸗ ner Rückkehr noch in Caſſel zu finden. Auch hatte er ihr noch Lina's Wunſch mitzutheilen und einen Beſuch derſelben zu verabreden. Es blieb ihm daher nichts übrig, als beide Einladungen zu verbinden. Sein Koffer war gepackt; er mußte zu Madame Simeon in dem gewöhn⸗ lichen Anzuge ſeiner einfachen Abendbeſuche gehen, den er ohnehin zurücklaſſen wollte. Als er in den Salon trat, waren ſchon mehre Herren und Damen anweſend. Nur Ceeile fehlte, was Hermann ſogleich bemerkte. Die Miniſterin unterhielt ſich eben mit der Generalin Salha, und glaubte der ſtolzen Freundin den jungen Mann vorſtellen zu müſſen, obgleich ſie wußte, daß er ihr bekannt war. Auch ignorirte die Generalin ſelbſt ſeine frühere Aufwartung, ohne daß ſie die heitere Bewegung unterdrücken konnte, die ſie bei ſeinem Anblick empfand. Sie hielt denn auch nicht lange damit zurück, ſondern nahm, ſobald ſich Hermann zu Lucien, der Stief⸗ tochter Simeon's, geſetzt hatte, die Miniſterin beiſeite, ihr„das piquanteſte Geheimniß von der Welt“ zu ver⸗ trauen. Beide Damen ſtanden in dem eigenthümlichſten Freund⸗ ſchaftsverhältniſſe. Gemeinſame Beziehungen, die des Ge⸗ heimniſſes bedurften, legten ihnen wechſelſeitige Rückſichten auf. Beide waren ſchlau genug, durch Vertraulichkeiten ein gutes Einverſtändniß zu unterhalten, dabei aber im⸗ mer aufgelegt, kleine Bosheiten gegen einander auszulaſſen. Sie ſtreichelten und kratzten ſich abwechſelnd. Wiſſen Sie denn, flüſterte die Salha, daß dieſer junge Mann, der jetzt in ſo hohem Grade Ihr Intereſſe gewonnen hat, Morio's Heirath— Doch nein, nicht möglich, daß Sie das wüßten! Niemand weiß es, und— es bleibt noch ein Geheimniß, ein Vorbehalt meiner Re⸗ vanche. Nur Ihnen im freundſchaftlichſten Vertrauen ſage ich davon, des jungen Mannes wegen, auf den Sie doch Abſichten haben. So wiſſen Sie denn: Er hat dieſe Heirath— wie ſoll ich ſagen?— gemacht, veranlaßt, herbeigeführt, verſchuldet! Wie Sie wollen. O es iſt 8 — 389 die merkwürdigſte Betiſe, die wir lange gehabt haben. Ein Generalbetiſe, ſage ich Ihnen! Aber, mein Gott, wie ſoll ich mir das nur denken? Fatal! Da kommen— Neue Ankömmlinge unterbrachen die Vertraulichkeit. Die Dame des Hauſes mußte empfangen, vorſtellen, unterbringen. Sie ſuchte es zu beſchleunigen. Inzwiſchen hatte Hermann vernommen, daß Ceeile krank geworden ſei und das Bett hüte. Er war in pein⸗ licher Verlegenheit, gab zu verſtehen, daß er noch bei Freunden zum Souper erwartet werde, und konnte ſich doch nicht entſchließen zu gehen. Die Frage beſchäftigte ihn, ob es wol unſchicklich gefunden werde, wenn er bäte, Cecile am Bette begrüßen zu dürfen, um ihr Lebewohl zu ſagen. Er wußte, daß franzöſiſche Damen in Caſſel auch zu Bett Beſuche von Herren anzunehmen pflegten, und wollte eben ſeinen Wunſch vorbringen, als der Kam⸗ merdiener des Miniſters zu Lucien herantrat, ihr ein Brieſchen überreichte und ein zweites zurückbehielt. Was iſt mit dieſem da? fragte Lucie, ihr Billet haſtig erbrechend. Von Herrn von Marinville an Mademoiſelle Cecile,— ſehr preſſant! antwortete der Diener; worauf Lucie, ihr Blatt entfaltend, mit einem Seitenblick auf Hermann, verſetzte: Preſſant? Nun, ſo bringen Sie es nur hinüber! Legen es auf den Tiſch, falls Cecile— Dieſe Anweiſung befremdete Hermann. Er war gleich anfangs von der Leſenden zurückgetreten.— Was iſt das? überlegte er. Auf den Tiſch? Sie ſcheint alſo nicht zu Hauſe zu ſein, und wird mir doch krank gemeldet? 390 Madame Simeon hatte ſich indeß wieder losgemacht, und brannte auf die Mittheilungen der Generalin. Dieſe fuhr vertraulich fort: Sie erinnern ſich doch, daß Adele Le Camus eines Abends ſehr bewegt von der Oberhofmeiſterin nach Hauſe kam, und in unbegreiflicher Haſt und Verwirrung Morio umarmte, um Verzeihung bat und ihm ihr Jawort gab? Der verliebte Tropf hat es ja ſelber aller Welt erzählt, hat es der freundſchaftlichen Ueberredung der Gräfin Ober⸗ hofmeiſterin zugerechnet, die Adelen zur Einſicht gebracht haben ſollte. Ha! ha! Ich ſage Ihnen, es iſt zum Todt⸗ lachen! O daß er noch nicht abgereiſt wäre; ich könnte ihm jetzt ein Licht anzünden! Aber er kommt wieder zu⸗ rück, und dieſer Fürſtenſtein ſoll uns nicht umſonſt den Affront angethan haben, mir und meiner gekränkten Me⸗ lanie! Warten Sie nur, Le Camus! So wahr ich lebe, Madame Simeon——! Doch, Sie werden ſich gleich ſelbſt ſagen können, welche Revanche in meine Hände gegeben iſt, wenn ich dieſe Ehe Morio's zerſtoͤre. Aber, mein Gott, Sie erſchrecken mich,— Sie ſind entſetzlich, Madame! flüſterte die Miniſterin, indem ſie, mit wachſamen Blicken auf ihre Geſellſchaft, ſich mit der leidenſchaftlichen Frau weiter zurückzog, und der Tochter winkte, ſich der Unterhaltung anzunehmen. Ich erzähle es Ihnen lieber ein andermal, verſetzte die Generalin. Ich fürchte, wir fallen der Geſellſchaft auf. Madame Simeon drang aber darauf, wenigſtens das Allgemeinſte zu hören. Machen Sie mir nur mit einem einzigen Worte be⸗ greiflich—! bat ſie. Sie wiſſen, Sie allein ein 391 ſcandaloͤſes Geheimniß, wovon Niemand weiß, Sie, die doch mit der Familie entzweit ſind? Hören Sie! fuhr die Salha heimlich und haſtig fort, ohne in ihrer Leidenſchaftlichkeit auf die mistrauiſche Aeuße⸗ rung der Freundin zu achten. Von den deutſchen Lectio⸗ nen wiſſen Sie. Morio ſelbſt hat ſie lachend verplaudert. Und erinnern ſich, daß der König während einer derſel⸗ ben die Oberhofmeiſterin mit ſeinem Beſuch überraſchte. In der Verwirrung ſperrt die Gräfin das Paar in ihr Ankleidezimmer; Angelique, die Kammerfrau der Gräfin, will lauſchen, was zwiſchen dem König und der Gräfin verhandelt werde, ſchleicht durch das Schlafzimmer in das Boudoir, wo ſie nichts weniger Vermuthe, als das ver⸗ liebte Pärchen, und— Sie fluſterte der Miniſterin einige Worte ins Ohr, worauf dieſe zurückfährt, die Generalin anſtarrt und in unwiderſtehliches Lachen ausbricht. Iſt das nicht köſtlich? rief die Generalin. Und Angelique hat Ihnen—? Verſteht ſich, liebe Simeon. Sie iſt kaum in meine Dienſte getreten, ſo hat ſie, in Wuth, von der Gräfin ſo ſchnöde weggeſchickt zu ſein, mir die ganze Geſchichte mitgetheilt. General Eble trat heran und unterbrach die piquante Unterhaltung. In demſelben Augenblick erſchien auch wieder durch die innere Thür des Salons der Kammerdiener, blickte um⸗ her, und lud Hermann, als er ihn herausgefunden, zu Mademoiſelle Cecile auf ihr Zimmer ein. Der Freund ſtahl ſich, dem Diener folgend, hinaus, klopfte an die 392 ihm angedeutete Thür des Corridors und öffnete etwas verzagt. Aber— wie blieb er überraſcht ſtehen, als ihm der anmuthigſte Page entgegenkam. Mit Verwunderung er⸗ kannte er aber Cecile in dieſem Anzuge. Sie ſah ihn nicht lächelnd, nicht ſchalkhaft erwartend an, ſondern ſchien, wenn nicht gerade feierlich, doch hoch erregt, als ſie ihn leiſe und haſtig anredete: Laſſen Sie uns ein Viertelſtündchen die Promenade der Bellevue auf- und abgehen! Ich werfe ein Mäntel⸗ chen über, und es iſt ſchon Dämmerung. Erlauben Sie mir nur—! Sie trat vor den Spiegel, das Weſtchen zu knöpfen, gegen das ſich die bewegte Bruſt ſperrte.— Dort liegt mein Schnupftuch auf dem Sopha: reichen Sie mir's! ſagte ſie erregt und zerſtreut. Hermann, verwirrt, was er thun, was er laſſen ſolle, holte ihr das wohlriechende, feine Tüchlein; ſie wiſchte ſich die Stirne damit, gab es zurück, und ſagte jäh, wie vorher: Stecken Sie mir's in die Taſche! Hermann that es, während ſie an ihrem Haar ord⸗ nete. Die Berührung ihrer Glieder durch das knapp anliegende Kleid verwirrte ihn noch mehr; er ſtieß mit der Hand auf ein eingeſtecktes Papier, und ehe er nur bedachte, was er aus dunkler Eingebung that, hatte er es erfaßt und war damit in ſeine eigene Taſche gefahren. In demſelben Augenblicke ging hinter Beiden raſch die Thür auf, und Madame Simeon trat lebhaft ein. Sicht⸗ lich, und wie es ſchien über den Anzug der Nichte be⸗ 393 troffen, ſuchte ſie ſich in einem Scherze zu faſſen, und ſagte: Nun, ſo laß ich mir's noch gefallen, Cecile, daß du im Herrenanzuge einen jungen Herrn auf dem Zimmer empfängſt! Wenn du wüßteſt, wie gefährlich unſer jun— ger Freund im Boudoir der Damen iſt! Ich ſehe ſchon, du haſt einen köſtlichen Spaß vor und dir den Doctor zum Gehülfen rufen laſſen. Das kommt mir ganz er⸗ wünſcht; es geht doch drüben ein wenig langweilig zu. Ich habe zuviel von den deutſchen Baronen zu meinen Franzoſen eingeladen. Das miſcht ſich nicht gut; Keiner will dem Andern entgegenkommen, und es ſetzt immer eine ſchlechte Unterhaltung ab. Da iſt euer Verkleidungs⸗ ſpaß allerliebſt! Nun kommt nur bald nach! Ich will nicht wiſſen, was du vorhaſt, Ceeile; ich will mir ſelbſt die Ueberraſchung gefallen laſſen. Sie ſtrich und zupfte an Cecile's Anzuge zurecht, wo⸗ bei ſie ihr verſtohlen einige Worte zuflüſterte, und ver⸗ ließ dann mit freundlichem Nicken gegen Hermann das Zimmer. Ceeile hatte die Winke der Tante verſtanden, und ihre Miene verrieth, daß ſie ſich erleichtert fühlte. Marinville's Billet nämlich war ihr im Pagenanzug übergeben worden, und hatte ſie durch eine geſtoͤrte Er⸗ wartung höchſt verdroſſen. Sie erfuhr durch den Kam⸗ merdiener, daß Hermann im Salon war, und verlangte ihn zu ſehen, zu ſprechen. In der Aufregung ihres Ge⸗ müths ward ſie jetzt erſt an ſeinem Staunen über ihren Anzug inne, wie ſehr ſie ſich mit ihrem Vorhaben über⸗ eilt hatte, und fand nicht gleich eine Erklärung für ihr Koenig, Jeröme's Carneval. II. 26 394 Coſtüm, worin ſie ſich doch jetzt wie verrathen vorkam. Nun hatte ihr die Tante eine Andeutung, eine Ausflucht gegeben; denn daß die Einladung in den Salon ernſtlich gemeint ſei, konnte nur Hermann glauben. Indem ſie nun vergnügt ihr Mäntelchen ergriff und ihre rechte Hand in Hermann's Arm legte, blickte ſie ihm lieb und launig in die Augen, und ſagte: So, mein Herr! Nun haben wir die Wahl, ein wenig ſpazieren zu ſchleichen, oder den Salon zu amüſiren. Hermann blickte mit betrübtem Kopfſchütteln auf ſie nieder.— Nein, ſagte er, wehmüthig bewegt, nicht um Alles möchte ich Sie ſo in der Geſellſchaft finden, Ceeile! Und ich ſelbſt ſollte Sie dahin führen? Bei Gott, nein! Aber auch nach Bellevue, über die Straße nicht! Hören Sie meine Bitte! Legen Sie dieſe Kleider ab! Sie ſtehen Ihnen reizend, ja; doch Sie werden mir fremd darin. Mit dem ſüßen Wohlgeruch, den dieſe Stoffe aushauchen, wandelt mich eine Trauer an, eine wunderbare Angſt. Wozu in aller Welt haben Sie dieſe Kleider? Wozu brauchen Sie ſolchen Anzug? Er iſt ganz für Sie ge⸗ macht. Weſſen Page ſind Sie denn, Cecile? Sie ſchwieg, die Augen geſenkt, und der Freund fuhr fort: Ich dachte Ihnen ein heiteres Lebewohl zu ſagen. Ich reiſe morgen, Cecile. Wenn Ihr Herz irgend ein Wohl⸗ wollen für mich empfindet, ſo erfüllen Sie mir zwei Bitten! Sie richtete den Blick frei und fragend zu ihm auf, und er ſprach weiter: Laſſen Sie mich hoffen, Sie bei meiner Rückkehr noch hier zu finden. Reiſen Sie nicht früher ab! Ich möoͤchte 395 eine recht vertrauliche Stunde mit Ihnen haben, die aber kein Page belauſchte. Gut, ich bleibe! lächelte ſie etwas befangen. Ich er⸗ warte Sie zurück, ehe ich nach Paris gehe. Sodann, ſuhr der Freund fort, wünſchte Madame Heiſter, die Frau des Diviſionschefs bei Herrn von Si⸗ meon, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Sie iſt eine herz⸗ liche Freundin von mir, und Sie werden eine liebe und ſchöne Frau kennen lernen, eine Frau, Cecile, wie ich mir— eine Braut wünſchte. Wollen Sie, wenn ſie ſich bei Madame Simeon oder bei Ihnen anmeldet, ſie recht vertraulich empfangen? Sie ſah ihn etwas betroffen, etwas mistrauiſch an, nickte aber ihre Zuſtimmung. Das freut mich! rief Hermann, indem er ihre Hand an ſein Herz drückte. Ich gehe eben hin; ich bin dort eingeladen und werde ſie mit Ihrer Freundlichkeit erfreuen. Es iſt ſchon ſpät; ich muß fort, Cecile.—— Und. ſo leben Sie wohl! Denken Sie zuweilen an mich! Sie reichte ihm ihre beiden Hände mit den freund⸗ lichen Worten: Adieu, mein Herr! Glückliche Reiſe!—— Dies leichte franzöſiſche Lebewohl zu ſeiner etwas ſen⸗ timentalen Stimmung, und noch mehr der Anblick des Pagenanzugs ſchreckte ihn zurück, als er eben Cecile um⸗ armen wollte. Er eilte fort, den Gang hinab, der nach der Seitenthür des Palais führte. Die Nacht war eingebrochen, der Weg vom Palais bis an die Fuldabrücke ſehr weit, und je mehr Hermann 396 ſich eilte, deſto mehr verwirrte es ſich in ſeiner ſtürmiſchen Bruſt. Erſt an den hellen Fenſtern in Ludwig's Wohnung erkannte er, wie gedankenlos er den Weg ſeiner Abſicht gekommen war. Er ſuchte ſich zu faſſen, er nahm ſich zuſammen, um in der kleinen Geſellſchaft, die ihn oben erwartete, nicht aufzufallen. Er wurde ſo herzlich empfangen, und Lina waltete ſo liebenswürdig der belebten Unterhaltung über Tiſche, daß Hermann, wie es wol zu gehen pflegt, aus dem Aufruhr ſeines Gemüths zur ausgelaſſenſten Fröhlichkeit, aus ſei⸗ ner Sentimentalität zu Muthwillen überging. Er kam in tiefer Nacht nach Hauſe, und ſank, Alles vergeſſend, in den glücklichſten Schlaf. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. *