—ÿÿ— A 9 — 1 M ————— 7t -—-—= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 15„ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————. auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Me.— Pf. 7. 3 3— der Leſer fun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Aus —j . Geſammelte Schriften von Heinrich Koenig. Zweiter Band. König Jeröme'’s Carneval. Erſter Theil. —— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1855. König Jerömes Carneval. Geſchichtlicher Roman von Heinrich Koenig. In drei CTheilen. Erſter Theil. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1855. Inhalt des erſten Theiles. Erſtes Buch. Erſtes Capitel. Ein Student von der Garde......... Zweites Capitel. Ein Spitzl, ein Spitz und ein Dreiſpitz 12 Drittes Capitel. Ausſichten................. 20 Viertes Capitel. Im Vorzimmer und auf der Treppe 40 Fünftes Capitel. Eine alte Trauer................ 57 Sechstes Capitel. Der Spion wider Willen........ 64 Siebentes Capitel. Zweierlei Bräute.............. 77 Achtes Capitel. Eine Frage an die Zukunft........ 99 Neuntes Capitel. Eine bedenkliche Einladung....... 110 Zehntes Capitel. Stimmung und Störungen........ 121 Elftes Capitel. Ein Polterabend.................. 126 Zwölftes Capitel. Ob lehren oder lernen?......... 147 Dreizehntes Capitel. Ein bedenklicher Bericht....... 165 Vierzehntes Capitel. Neue Bekanntſchaften......... 17 Funfzehntes Capitel. Eine Fledermaus............ 196 weites Zuch. Erſtes Capitel. Ein Lever Jeröme's............... 207 Zweites Capitel. Congreß über den Polizeiſpion. 223 Drittes Capitel. Hercules am Scheidewege......... 232 ———õy— — Viertes Capitel. Ein Ausflug aufs Land........... Fünftes Capitel. Horizont der Zeit............... 262 Sechstes Capitel. Hermann als Unkraut........... 277 Siebentes Capitel. Ein verkehrtes Paar........... 284 Achtes Capitel. Ein Maßliebchen................. 300 Neuntes Capitel. Vor der Polizei.............. 310 Zehntes Capitel. Eine Warnung................. 329 Elftes Capitel. Ein Doppelblick aus der Höhe...... 343 Zwölftes Capitel. Im Theater............ 362 Dreizehntes Capitel. Der Frühſtücksmann und der Abendſchleicher...................... 371 Vierzehntes Capitel. Beſuche........:)../.. 385 Funfzehntes Capitel. Ueberraſchungen............. 399 Sechzehntes Capitel Ein Geheimniß des Boudoirs.. 410 Seite 248 262 277 284 300 310 329 343 362 2 371 300 Erſtes Buch. 410 — Koenig, Jeroͤme's Carneval. I. Erſtes Capitel. Ein Student von der Garde. Gegen Abend eines heitern Frühlingstages näherte ſich ein junger Wanderer dem Ziel einer mehrtägigen Fuß⸗ reiſe. Er erblickte in einiger Entfernung die Stadt, die am öſtlichen Rücken eines Waldgebirges, hoch über dem baumreichen Flußthale, recht wie eine beherrſchende Reſi⸗ denz, gelegen war. Die Pracht alter Kirchenthürme fehlte zwar, deſto erhabener nahmen ſich die Gebirgsgipfel des nahen Hintergrundes aus; zumal auf dem höchſten der⸗ ſelben ſich das Monument einer Rieſengeſtalt gegen den glänzenden Abendhimmel dunkel abzeichnete. Indem nun bei dieſem ſtolzen Anblicke der ermüdete Wanderer ſich unwillkürlich ſtreckte und ſeine Schritte be⸗ ſchleunigte, kam ihm der Abendgruß einer ſchweren Glocke entgegen. Dieſer Klang, der ihn an die Kirche und an das Pfarrhaus ſeines Vaters erinnerte, ſtimmte ihn ernſt, ja feierlich. Die Abſicht ſeiner Reiſe fiel ihm jetzt, ſo nahe dem Ziele, ſchwerer auf das Herz, als er unter⸗ 4 wegs ſich damit getragen. Bald aber lächelte ihn die nächſte Umgebung der Stadt, das ausgebreitete Thal mit Gruün und Sonnenſchein an; ſeine Rührung verlor ſich mit dem ſchwärmeriſchen Blick über die Wieſen nach den nahen Dörfern und Hügeln. Seine Phantaſte regte ſich, die glänzende Stadt, die reizende Umgebung zu bevölkern. Er träumte ſeine Perſon, ſeine Morgen und Abende in dies anmuthige Weichbild hinein, wozu ein langer Som⸗ mer mit ungemeſſenen Erwartungen vor ihm lag. Zu Fuße, zu Pferd und Wagen kamen jetzt Männer und Frauen heiter und geſchmückt an ihm vorüber. Auch ſie verftelen dem Zauberſpiele ſeiner räthſelnden Einbildungs⸗ kraft. Wer mögen ſie ſein? In welche Bezüge wirſt du vielleicht mit dieſen und jenen kommen? fragte er ſich ſelbſt, und las nach dem Wohlgefallen ſeines Herzens die⸗ jenigen aus, von denen er Gunſt und Förderung, Um⸗ gang und Erheiterung, Freundſchaft und Liebe zu em⸗ pfangen ſich geſtimmt fühlte. Sein ſchönes braunes Auge glänzte von zufriedenen Erwartungen, wobei jedoch was um den kräftigen Mund lächelte nur edle Regung zu ſein ſchien. Unter ſolchen Empfindungen hatte er an einem an⸗ ſehnlichen Hospital und einer kleinen Kirche mit Anbauten vorüber eine Reihe gleichförmig gebauter Häuſer erreicht, die, mit Wetterbrettern bekleidet, nach Kneipen und Fuhr⸗ mannswirthſchaft ausſahen. Soldaten und Mädchen trie⸗ ben ſich luſtig gus und ein; ein paar grelle Inſtrumente ſpielten zum Walzer, und zwiſchen den Weidenbäumen des Wieſenabhangs tanzten noch luſtiger die Mücken⸗ ſchwärme in der Abendſonne. 5 Mit dieſen Eindrücken fröhlichen Lebens und heiterer Witterung kam unter günſtigen Vorzeichen der junge Wanderer an das belebte Thor. Der Wachtoffizier, bei dem er ſich auszuweiſen hatte, maß ihn mit wohlgefälli⸗ gen Blicken.— Das iſt ein Student von der Garde, Corporal! ſagte er hinter dem Fortgehenden. Und wirk⸗ lich erregte der Ankömmling weniger durch ſeinen ſtuden⸗ tiſchen Anzug mit Stock und Ränzchen, als durch Wuchs und Haltung die Aufmerkſamkeit vieler Menſchen auf dem Platz vor der Brücke. Ein hübſches Frauenzimmer von ſchöner Geſtalt und auffälligem Putz ſah ihn ſo freund— lich an, daß er ſie nach dem Gaſthofe zur Stadt London befragte. Sie erbot ſich ihn zurechtzuweiſen, und wan⸗ delte ſehr vertraulich neben ihm her. Als er auf der Brücke ſich rechts und links umſah, ſagte ſie: Sehen Sie dort, mein Herr, das alte Schloß! Da wohnt unſer junger König Hieronymus oder Jeröme, und den großen Park an der Fulda nennt man die Au. Da werden Sie ſchöne Spazieranlagen finden. Aber hier rechts,— vor dem alten Bau hüten Sie ſich! Man nennt ihn das Caſtell. Hier können Sie eingeſteckt wer⸗ den, und man ſteckt ſehr unangenehm in den Löchern, beſonders des Erdgeſchoſſes. Erſchrocken blickte er ſie an. Sind Sie etwa eine Wahrſagerin? fragte er lachend. O nein, mein Herr! lachte auch ſie. Sonſt könnte ich Ihnen viel eher Glück prophezeien. Aber nicht wahr, Caſſel macht Ihnen einen guten Eindruck. Sehr! erwiderte er. Es ſcheint hier luſtig genug zuzugehen, und da verſpricht man ſich denn auch ſein Theil, nämlich das Beſte. Der Menſch ſieht gewöhnlich he nach ſeiner Stimmung aus, und ſo nimmt auch eine K Stadt leicht die Miene ihres geſellſchaftlichen Lebens an. ſe Ich laſſe mir darum gern die erſten Begegniſſe an einem le mir neuen Ort als bedeutſame Vorzeichen gelten. Das G Caſtell nehme ich aus. u Während ſie jenſeit der Brücke über den belebten Altſtädter Markt gingen, und der junge Fremdling an n dem angenehmen Organ und der weichen Mundart ſeiner u 8 geſprächigen Begleiterin noch mehr Wohlgefallen, als an d ihrem freundlichen Ausſehen fand, war ihnen ein Mann ei in guter bürgerlicher Kleidung mit einem großen dreiecki⸗ gen Hut bis an die Judengaſſe gefolgt. Hier trat er dem Frauenzimmer dicht an die Seite mit der leiſen Frage: b ſi Wohin denn, Mamſell Lenchen, mit der guten Priſe? Betroffen, mit einem Blicke nach dem jungen Mann, e j aber ſchnell beſonnen, erwiderte ſie laut: O Herr Commiſſar, verſchonen Sie mich mit Ihrer e Spaßhaftigkeit! Ich nehme keine Priſen, wiſſen Sie doch! Es geht nichts über'ne gute Wendung! lachte der L Mann, indem er das kupferige Geſicht zu einem Lächeln verzog, und aus einer alten Tabacksdoſe ſchnupfte, wobei n unter dem Rock ein ſilbernes Schild hervorblickte. Der fremde Herr will nach der Stadt London. Kom⸗ d 3 men Sie, mein Herr, wir ſind ganz nahe! ſagte die Ge⸗ 1 nannte, und nahm, um loszukommen, einen lebhaftern Schritt. Der Commiſſar aber hielt ſie mit dem leiſen 5 ſpöttiſchen Wort am Arme zurück: 4 Nur langſam, Lenchen! Ueberlaſſen Sie mir die Ge⸗ 9 fälligkeiten bei Tage. Gehen Sie nur immer voran und — 1 hängen Sie ſich in der Hausthür als Schild für Ihre Kunden aus. Wir kommen vorüber, und der Herr wird ſehen, wo Sie wohnen. Sie vergeſſen immer, ſetzte er leiſer hinzu, daß Sie aufs Abwarten und nicht aufs Einfangen patentirt ſind, und zurücktreten müſſen, wo unſer Einer ſich einmiſcht. Der junge Wanderer war indeß, ohne dieſer gemei⸗ nen Zwieſprache weiter zuzuhoͤren, ſtolz vorausgeſchritten, und wendete ſich eben einem Bürger mit der Frage nach dem Gaſthofe zu, als der ſogenannte Commiſſar ihn einholte. Kommen Sie, mein Herr, ſagte er. Ich führe Sie zurecht. Aber, verzeihen Sie, wie kommt's, Sie haben ſich da einen etwas entlegenen Gaſthof gewählt? Er iſt mir von Halle aus empfohlen, antwortete der junge Mann. Ah! Kommen alſo von Halle? Hm, hm! Aus dem ehemals preußiſchen Halle! Auch iſt mein Koffer dahin adreſſirt,— in die Stadt London, meine ich. Koffer? Ei! Werden alſo einigen Aufenthalt neh⸗ men? Haben gewiß auch Empfehlungsbriefe? Der lauernde Ton und Blick, das ganze Ausſehen des Mannes, misfiel dem Reiſenden. Ohne zu antwor⸗ ten, ſchritt er etwas raſcher das enge, abſchüſſige Gäß⸗ chen entlang, das auf einen kleinen lebhaften Platz auslief. Das iſt der Brink, bemerkte der Commiſſar etwas artiger, und dies hübſche Eckhaus— da haben Sie die Stadt London! Der junge Mann dankte, und der Andere empfahl ſich auf Wiederſehen, wobei er nachblickend vor ſich hinbrummte: Preußiſcher Spion? Den Vogel müſſen wir im Auge vt behalten. Stadt London— iſt eben das Neſt, wo die u Altkurfürſtlichen brüten! 4 A Ein gelaſſener, einfach höflicher Mann von ſtattlichem u Ausſehen empfing den Ankömmling. a Ich bin der Wirth Kerſting, ſagte er auf deſſen An⸗ ſ frage, und 8 h Ha! Da ſteht ja auch ſchon mein Koffer! fiel der junge Mann ein. 1 G Sind alſo der Herr Doctor Hermann Teutleben. z Seien Sie mir willkommen! Dieſen Morgen hat der Fuhrmann Ihre Sachen abgeliefert. a Folgen Sie mir! Matthes! Die Sachen herauf! Mit dieſen Worten führte er den jungen Gaſt eine Treppe hoch, und öffnete ein freundliches Zimmer auf die 5 Pauligaſſe. Koffer und kleinere Päcke wurden herauf⸗ geſchafft, und ſobald der Wirth nach einigen Fragen der 1 Höflichkeit das Zimmer verlaſſen hatte, warf ſich Her⸗ mann in den ledernen Polſterſtuhl, indem er die müden 1 Beine ausgeſtreckt, ſich dem Behagen des Ausruhens und dem Frohgefühl ſeiner glücklichen Ankunft hinträumend überließ. Lärm und Lachen um den alterthümlichen Brun⸗ nen des kleinen Platzes begünſtigte dieſe gemüthliche Ein⸗ kehr, bis aus der Nachbarſchaft ſich eine gute Clarinette hören ließ und in die Melodie eines ihm gar lieben Lie⸗ des von Brentano:„Komm' heraus, komm' heraus, o du ſchöne, ſchöne Braut“, überging. Er ſprang auf und wandelte, aller Müdigkeit vergeſſen, die Stube auf und ab, vom Tacte der Clarinette bewegt und die Melodie ₰ .. 9 mit den Worten begleitend. Ein ausgezeichneter Bariton von ſüßeſter Fülle und ſeltenem Umfang gab ſich kund, und das Geſicht leuchtete von jugendlicher Schwärmerei. Auch ließ ihm das aufgeregte Herz die Ruhe des Zim⸗ mers nicht länger; es war, als ob Alles, was er hier am Ziel der Reiſe vorhatte, ihm in die Glieder gefahren ſei. Er öffnete den Koffer, und nahm einen Ueberrock heraus, um noch in der Dämmerung durch ein paar Gaſſen zu ſchlendern; wie ihn denn das eigenthümliche Leben und Treiben einer Stadt ohnehin lebhaft anzu⸗ ziehen pflegte. Unten an der Treppe ſtieß er abermal auf den Wirth, der in ſeinem Hauſe wie allgegenwärtig war. Sie wollen noch ausgehen, Herr Doctor? ſagte er. Dürfte ich Sie auf ein Woͤrtchen— 2 Er führte Hermann durch das Gaſtzimmer in ein Hinterſtübchen, rückte ihm einen Stuhl, und ſetzte ſich vertraulich zu ihm, indem er ſagte: Mit Ihren Sachen habe ich ein Schreiben des Herrn Pfarrers, Ihres Va⸗ ters, erhalten, worin er mich erſucht, Ihnen mit Rath und That an die Hand zu gehen. Ein nach Halle ver⸗ ſetzter hieſiger Beamter habe mich ihm empfohlen, und da wolle er mir denn in gutem Vertrauen etwas von ſeinen väterlichen Rechten übertragen haben. So müſſen Sie es nehmen, geehrter Herr Doctor, wenn ich einmal über den Gaſtwirth hinausgehe und Ihnen mit einem Rath oder Wink läſtig falle Sie werden in unſerm deutſch⸗ und franzöſiſchgemiſchten Caſſel auf mancherlei ſtoßen, was für einen jungen, gebildeten Mann gar an⸗ ziehend iſt. Aber— nur vorſichtig, und— wonach 40⁰ Sie mir eben nicht ausſehen— rechtſchaffen mistrauiſch zu Werk' gegangen! Polizeiſpione ſchleichen in allen Ge⸗ ſtalten um, auch in ſolchen, worin man ſie am wenigſten vermuthet. Seien Sie daher in Ihren Aeußerungen vor⸗ ſichtig! Und ſo oft Sie nach Hauſe ſchreiben, denken Sie daran, daß Ihre Briefe auf der Poſt geöffnet werden könnten. Ich weiß nicht, wie Sie vom Kaiſer Napoleon denken, ob Sie die Franzoſen lieben, und was Sie von unſerm König Jeröme halten; aber Sie dürfen Keinen von beiden Napoleons und überhaupt nichts Franzöſiſches auch nur mit einem Achſelzucken haſſen. Trauen Sie aber auch keinen deutſchpatriotiſchen Reden aus unbekann⸗ tem Munde. Es ſind oft nur Herausfoderungen. Zwei⸗ tens hat ſich ein junger Mann, beſonders von Ihrem Ausſehen, vor verführeriſchen Frauensperſonen zu hüten. Auch dieſe gehen in täuſchenden Geſtalten mit allerlei An⸗ erbietungen um. Viele ſind überdies im Dienſte der ge⸗ heimen Polizei. Der Herr Doctor ſuchen eine Stelle als Hauslehrer oder Erzieher in einer vornehmen Familie? Was ſoll ich Ihnen da ſagen? Da iſt voraus gar ſchwer zu rathen. Unſere vornehmen Damen leben auf leichten Füßen: Liebesintriguen ſind ihr Strickzeug, und bei einem hübſchen Faden fragen ſie nicht leicht nach dem Garn, aus dem er gedrillt iſt. Soviel im Allgemeinen. Wollen Sie mir bei beſondern Vorkommenheiten Ihr Vertrauen ſchenken, ſo werden Sie mich immer als ehr— lichen Mann finden, auch wenn Sie demnächſt eine Pri⸗ vatwohnung nehmen. Mit dieſen Worten erhob ſich der freundliche Kerſting, indem er, nochmal um Entſchuldigung bittend, dem jun- 41 gen Gaſte die Hand bot. Hermann ergriff ſie lebhaft, dankte und verſprach vorſichtig zu ſein. Er war nach⸗ denklich geworden bei dieſem Vorausblick in das caſſeler Leben, und kehrte in dieſer Stimmung lieber auf ſein Zimmer zurück. Hatte vorhin der Rückblick auf eine heitere Pilgerfahrt ſein Herz aufgeregt, ſo erſchien ihm jetzt die nächſte Zukunft für ein ungebahntes Unternehmen bedenk⸗ lich genug. Er kannte ſich ſelbſt hinreichend, um ſich auf eigene Vorſicht und Klugheit nicht ſehr zu verlaſſen. Sei⸗ nen unbeſtimmten Beſorgniſſen lieh die eingebrochene Däm⸗ merung ihre ängſtlichen Schatten. Er foderte Licht und packte, Zerſtreuung ſuchend, Einiges von ſeinen mitgebrach⸗ ten Büchern aus. Es waren Schriften von Goethe und Fichte, von Schelling, Tieck und Novalis. Das Büchlein von Steffens über die Idee der Univerſitäten fehlte nicht. Aber weder Dichtung noch Wiſſenſchaft fanden zu dieſer Stunde Anklang in ſeiner Stimmung, bis hinter dem Nachtmahl und einigem Nachträumen her zuletzt die Er⸗ müdung des Tages einen guten Schlaf herbeiführte, der allen Mismuth und Zweifel, alle Aengſtlichkeit vor dem wirklichen Leben der großen Geſellſchaft auszugleichen verſprach. 1* — —y — —— — Zweites Capitel. Ein Spitzl, ein Spitz und ein Dreiſpitz. — Wirklich war auch, als Hermann erwachte, die alte frohmuthige Stimmung, der leichte Schwung ſeines Her⸗ zens, wieder zurückgekehrt. Er theilte beim erſten Früh⸗ ſtücke ſeinen Tag ein, und da er im Gaſthofe nur ſo lange wie nöthig zu bleiben dachte, ſo ſchien es das Nächſte, den Empfehlungsbrief an den Mann zu bringen, von dem er neben der Hauptſache, der Bewerbung um eine paſſende Stelle, auch wegen einer ſchicklichen öͤkono⸗ miſchen Einrichtung den beſten Rath erwarten durfte. Es ging ihm wie andern jungen, unerfahrenen Leuten, die in ihrem Drang, Etwas zu leiſten und zu gelten, die Welt für ebenſo aufgelegt halten, ihr Anerbieten und Bewer⸗ ben zu empfangen und anzuerkennen. Hermann ſah in Gedanken ſchon mehr als eine Hauslehrerſtelle bei vor⸗ nehmen, deutſchen oder franzöſiſchen Familien offen, wo⸗ hin er gleich aus dem Gaſthof überziehen könnte. Nicht, als ob er es beſonders nöthig gehabt hätte: denn ſeine Aeltern waren in guten Vermögensverhältniſſen 3auch nicht, als ob er beſonders eitel auf ſein vielfaches Wiſſen oder gar auf ſein höchſt vortheilhaftes Aeußere geweſen wäre; viel⸗ mehr achtete Hermann hinſichtlich des letztern kaum weiter auf ſich ſelbſt, als die häusliche Angewöhnung reichte, ſchick⸗ lich und anſtändig in der Geſellſchaft zu erſcheinen. Son⸗ 13 dern es war der Schwung einer hochgeſtimmten Seele, die mehr ſich ſelbſt fühlte, als auf die äußerlichen Lagen der Welt achtete. In jener Zeit ſchwärmte die begabte Jugend einer höhern Schule und Bildung mit dem erſtaunlichen Auf⸗ ſchwung unſerer Poeſie und Wiſſenſchaft— mitbegeiſtert, ihrer ſelbſt vergeſſend, und noch nicht, wie dermal, zer⸗ ſtreut durch den hundertfachen Aufwand einer nur mit ſich ſelbſt beſchäftigten eiterln Welt. Allein mit ſo träumeri⸗ ſchen Vorſtellungen vom Leben einer fremdartigen Reſi⸗ denz, wie unſer Candidat ſie mitbrachte, ſchien ihm auf jedem Pfade, den er einſchlagen möchte, das wartende Glück zu ſitzen. Es wäre ihm nicht eingefallen zu fürch⸗ ten, daß für ſo ungemeſſene Anſprüche oder Erwartungen ein Einſtand von ihm dürfte gefodert werden. Eine War⸗ nung that ihm noth, und ſein gutes Verhängniß beſchied ſie ihm bei guter Zeit. Noch war er nämlich über den vor ihm liegenden Tag nicht ganz einig mit ſich ſelbſt, als auf hartes An⸗ pochen der Mann von geſtern, den großen Dreimaſter auf dem Kopf, ins Zimmer trat. Er hatte, bereits etwas angetrunken, die auflauernde Miene von geſtern mit einem hochfahrenden Amtstone vertauſcht, der für Hermann nur noch unangenehmer war. Der junge Mann empfing ihn daher nicht ſehr zuvorkommend. Ich bin der Polizeicommiſſar Steinbach, ſagte er, und bitte mir Ihren Paß aus. Paß? erwiderte Hermann. Wie kommen Sie mir vor? Und haben Sie mich denn überhaupt ſchon im Fremdenbuche geleſen? 41. Weiß ich Ihre Ankunft nicht ſeit geſtern Abend? er⸗ klärte Steinbach barſch genug. So? Sie kommen alſo auf eigne Fauſt? verſetzte der junge Mann, indem er aufſtand, ſeine Brieftaſche zu ho⸗ len.— Dann wiſſen Sie aber auch, daß ich aus Halle bin, und mithin als weſtfäliſcher Unterthan keines Paſſes bedarf. Hier haben Sie meinen Heimatſchein! Er nahm einen ſtarken Brief heraus, den er auf den Tiſch legte, und reichte ſeinen Nachweis hin. Statt aber dieſen zu ergreifen, riß der Commiſſar den Brief an ſich, von deſſen Adreſſe er ſchon den unterſtrichenen Namen Reichardt geleſen hatte, wendete ihn um und rief: Verſiegelt! Wiſſen Sie, daß Sie 50 Dukaten Strafe zu zahlen haben? Jetzt erinnerte ſich Hermann leider! zu ſpät der ihm ſchon in Halle mitgegebenen Warnung; that aber fremd und patzig mit der Ausflucht, daß es blos ein Empfeh⸗ lungsbrief ſei. Worauf Steinbach verſetzte: Und wenn nichts darin ſteht als„Schönen guten Morgen! Wünſche wohl geruht zu haben!“ Oder„Ge⸗ ſegneten Kaffee, und empfehle ich Ihnen den Ueber⸗ bringer zu einer Taſſe“, ſo koſtet der Brief mit einem Petſchaft, neben der Poſt hergelaufen, 50 Dukaten. Werde ihn daher an den Generaldirector der hohen Polizei, Herrn Ritter Legras de Bercagny, gehorſamſt abliefern. Das werden Sie bleiben laſſen! rief Hermann, dem es einfiel, daß ihm das Schreiben wegen vertraulichen Inhalts ſehr empfohlen war. Dabei ſchlug aus dem Ge⸗ ängſtigten der Univerſttätsburſche noch einmal ſo ſtark hervor, daß er den Polizeimenſchen hart am Arme faßte und den Brief herausverlangte, den dieſer zwiſchen Rock und Weſſte flüchtig eingeſteckt hatte. Nun laſſ' ich Sie arretiren! ſchrie der Geſchüttelte. Sie haben mich im Amt inſultirt! Wiſſen Sie das? Worauf Hermann betroffen, mit Höflichkeit erwiderte: Verzeihen Sie meine Uebereilung, Herr Commiſſar! Nehmen Sie hier meinen Ausweis, und geben Sie mir gefälligſt meinen Brief zurück! Ich bin unerfahren in den Vorſchriften der Behörde und— werde Ihnen erkennt⸗ lich ſein. Einen Augenblick ſah ihn Steinbach mit erwartender Miene an; als aber nichts von einer Erkenntlichkeit er⸗ folgte, rief er: Was? Sie wollen mich beſtechen? Auch Das werde ich anzeigen. Wofür halten Sie mich? Mich in meinen aufhabenden Pflichten? Das ſind Zumuthungen, die die Er reichte dabei wiederholt die geſticulirende Hand hin. Da jedoch Hermann nun noch weniger eine Miene machte, den Bramarbas wirklich abzufinden, ſo ſchlug dieſer den dreiſpitzigen Filz auf den Kopf, und ſtieß mit vorgeſtreckter Fauſt die Drohung aus: Sie ſollen erleben, Sie vorlauter Monſieur, mit wem Sie es zu thun haben— Sie! Jetzt aber gehn Sie zum Teufel! fiel Hermann ent⸗ rüſtet ein, indem er dem Abgehenden die Stubenthür öff⸗ nete. Draußen ſetzen Sie den Hut auf! Ein Schlag mit der Hand und der Dreiſpitz flog auf den Vorplatz, dem Spitzhunde des Wirthes zur Beute. Ha, gilt's ein Tänzchen! rief Kerſting, faßte und ſchwenkte den Commiſſar auf der Diele umher. Der Hund verließ den Hut, und zerrte bellend den Polizei⸗ rock am fliegenden Zipfel. Selbſt Hermann, in die Thür getreten, konnte, Angſt und Aerger vergeſſend, ſich des hellen Lachens nicht erwehren, wie der Wüthende nach dem Hunde trat und fluchte, vom Wirthe loszukommen ſtrebte und ſchimpfte. Darüber glitt der dicke Brief zwi⸗ ſchen den Kleidern hinab auf den Boden. Raſch, mit geſchickter Fußſpitze, ſtieß ihn der Wirth unter einen ſchweren Kleiderſchrank, ließ ſeinen Mann los und hob ihm den Hut auf, den der Spitz eben nach der Treppe ſchleppte. Indem er den ſchlappen Deckel lachend ab⸗ ſtäubte, ſuchte er den ſcheltenden und von Schwindel ver⸗ wirrten Steinbach zu begütigen. Kommt, Steinbach! ſagte er in leiſe⸗vertraulichem Ton. Auf ſolche Motion gehört ein gutes Glas, und der Monſieur Student muß es bezahlen. Es ſoll ihm ein hübſches Stück Geld koſten. Mit dieſem und andern Geſpräch faßte er ihn unterm Arm und nöthigte ihn mit ſich hinab ins Hinterſtübchen zu einem Verſöhnungstrunke.— Kerſting war ein kluger, erfahrener Mann. Wenn ihn ſeine Bekannten ſcherzweiſe den Commandanten der Stadt London nannten, ſo verriethen ſie damit ſchon, daß er gewöͤhnlich ein ernſthafter Altheſſe, doch auch auf einen Juks eingehen konnte, falls er damit beſſer durch⸗ zukommen dachte. Wie er dieſen habſüchtigen Polizei⸗ kundſchafter kannte, traute er ihm, als er nach Hermann fragte, gleich keine gute Abſicht zu, und war ihm nach⸗ geſchlichen, um nöthigenfalls zwiſchen deſſen Finten und eines jungen Gaſtes Unerfahrenheit einzutreten. enn der daß auf rch⸗ zei⸗ ann ach⸗ und 17 Nun ſaß er beſchwichtigend mit dem gefährlichen Men⸗ ſchen und ſchenkte ihm Wein und Worte ſo fleißig ein, daß in Steinbach's ödem Kopfe auf den Tanzſchwindel bald ein Burgunderſchwindel folgte. Doch blieb demſelben noch Beſinnung genug, ſich des erbeuteten Briefes zu erinnern, den er in allen Taſchen ſuchte. Sapperment lachte Kerſting, ich habe den verfluchten Hund ſich mit zerriſſenen Papieren umherſchleppen ſehen, eben als ich den Wein holte. Gewiß habt Ihr den Brief verloren und der Spitz hat ihn verarbeitet. Ei nun,— ſo braucht Ihr's nicht, Steinbach! Einer hat ihn doch. Drum beruhigt Euch! Der junge Mann wird die Ohren an den Kopf drücken und über den confiscirten Brief ſein Maul halten. Wir wollen's denn auch, und— ſo wär' der Handel ausgeglichen!— An wen war denn der Brief? Oder habt Ihr ihn auf Gerathewohl—? An dieſen verdächtigen Kapellmeiſter Reichardt, fuhr Steinbach ſich vergeſſend fort. Den haben wir ohnehin auf dem Korn: er hat preußiſche Verbindungen, und iſt ein Franzoſenhaſſer. Den Teucker auch! Wer weiß, hin⸗ ter was wir durch den Brief gekommen wären. Und wie hätt' ich mich pouſſirt durch ſolchen Fund! Oder hätte allerwenigſtens einen ſchönen Antheil an den Strafgel⸗ dern. Der Brief war verſiegelt! Daß dich, daß dich! Der verfluchte Köter! Wo war der Hund, Kerſting, mit den Papieren? Vielleicht läßt ſich aus den Fetzen noch etwas— Die Hunde geben manchmal eine Beute auf, wenn's kein Knochen iſt.. Ja wohl! Drum gebt den Fang auf, Steinbach, und bleibt ſitzen! Ich bin eben dran, Euch einen burgundi⸗ Koenig, Jeroͤme'’s Carneval. I. 2 ſchen Spitz anzuſchaffen. Trinkt und laßt Eure Spitz⸗ bübereien! Aber der junge Menſch wird ſehr verdächtig durch b ſolche Empfehlung! bemerkte der Commiſſar. Ich werd' ihn im Auge behalten und ihn bei meinem oberſten Chef bezeichnen. Ja, das werd' ich! Ihr ſeid ganz auf dem Holzweg, Steinbach! ſchalt 3 Kerſting. Ich weiß, daß der junge Herr an den fran⸗ zöſiſchen Geſandten empfohlen iſt, an Baron von Rein⸗ hard, und Ihr habt Reichardt geleſen. Es hat Euch vor den Augen geflimmert. Nehmt Euch aber in Acht! Der Geſandte Napoleon's, wißt Ihr, ſpricht ſelbſt mit unſerm Koöͤnig Jeroͤme ein Wörtchen, wenn der Kaiſer mit ſeinem Bruder— Nun was weiß ich! Macht Euch ja keine Ungelegenheiten, Steinbach! Und das Paßweſen iſt ohnehin Eure Sache gar nicht. Ich werde den Aus⸗ 3 weis des jungen Mannes aufs Bureau beſorgen, und V Ihr— ſchweigt und trinkt aus! Der Wein that denn auch das Uebrige. Kerſting wußte ſeinen Mann zu behandeln, der dafür bekannt war, A 1 — — daß er im Rauſche den Gegenſtand ſeiner Angeberei zu⸗ weilen ganz und gar vergeſſen konnte. Es wurde ihm daher auch manches Gute zu Theil, wie jetzt der Bur⸗ gunder, der ihn wirklich dahin brachte, daß er beim Weg⸗ gehen den Wirth verſicherte, er habe ihm etwas Wichti⸗ ges mitzutheilen gehabt, und werde wiederkommen, ſo⸗ bald es ihm einfalle.— Inzwiſchen hatte Hermann mit Hülfe ſeines Reiſeſtocks den Brief ziemlich beſtäubt unter dem Schrank hervorge⸗ 4 19 ſchoben, und er ſchien jetzt nicht ohne Verlegenheit dem 4 Wirthe zu danken. Danken Sie es Ihrem Glücke, ſagte Kerſting, daß es gerade dieſer Spitzbube war, der noch mit Spaß und Wein zu bewältigen iſt, und laſſen Sie ſich den Fall zur Warnung dienen. Wie konnten Sie nur mit ſolchem Brief ſo unachtſam umgehen? Wie leicht vergißt man eine ſo ungewohnte Vorſicht! antwortete Hermann erröthend. Es kommt Einem auch gleich ſo vielerlei vor, und macht Einen zerſtreut. Ich ſehe wohl, ich werde ganz neue weſtfäliſche Studien ma⸗ chen müſſen. Sie ſind, wie ich ſehe, an den Kapellmeiſter Reichardt ——— 4 empfohlen? 3 Mit dieſen Worten nahm Kerſting die Einleitung zur vertraulichen Mittheilung der bedenklichen Aeußerungen d Steinbach's, indem er Hermann bat, ſeinen Landsmann davon in Kenntniß zu ſetzen.— Ich weiß ſchon, er gilt für einen Mann, der den Mund gern frei ſpazieren läßt, 2* ſagte er. Wir kennen uns nicht ſo, daß ich ihm ſelbſt einen Wink geben dürfte. Er iſt ein Altpreuße, ich bin 1 ein Altheſſe; aber von Caſſel bis Königsberg leiden wir 4 ja unter demſelben fremden Druck und an dem gleichen — vaterländiſchen Haſſe. So ſind wir Landsleute. Und die 5 Rechtſchaffenen müſſen einander ebenſo heimlich beiſtehen, 4 als die Schurken verſtohlen gegen ſie verbunden ſind. Sie ſehen mich verwundert an? Die Adreſſe des Briefes, A der Sie empfehlen ſoll, gibt mir Ihre Farbe. Das Ver⸗ 6 trauen knüpft in Zeiten gemeinſamer Noth viel raſcher 5 aneinander. 9* — — — — -—-·˖-—— 1 —— 2/ 8 ——— —— —————— 20 Wie ich Sie nun kenne, wüßte ich Ihnen auch eine achtbare Familie zu empfehlen, wo Sie gut aufgehoben wären, wenn Sie eine Privatwohnung ſuchen. Wir ſpre⸗ chen dann davon. Hermann dankte einſtweilen und zog ſich nachdenklich über des Wirthes leiſe, aber nachdrückliche Rede auf ſeine Stube zurück. Drittes Capitel. Ausſichten. Mit dem Gange zum Kapellmeiſter wollte nun Her⸗ mann den erſten Schritt in einer neuen Lebensrichtung verſuchen. Die erſte Verlegenheit, da ſie ſo glücklich vor⸗ übergegangen, ließ eine deſto aufgeräumtere Stimmung in ihm zurück. Hermann war eine jener eben nicht ſeltenen Naturen, deren geiſtvoller Tiefſinn ſich mit einem gewiſſen Leichtſinn geſunder, überkräftiger Jugend recht wohl verträgt. Er hatte viel gelernt, und hielt ſich gründlich in ſeiner Wiſſen⸗ ſchaft; er war in ſittlicher Umgebung erzogen, und nahm es ernſt mit den Grundſätzen der Moral und geſellſchaft⸗ licher Sitte; aber die übrigen Begegniſſe des alltäglichen Lebens behandelte er leicht, unachtſam, oft ohne Vorſicht und Klugheit. Man konnte ſagen— er war ſo ideen- — 4 21 reich, daß er ordentlich gedankenlos ſein konnte. Schon in der Frühe des Tages hatte er den leichten, ſtudentiſchen Anzug, worin er noch ſeine Fußreiſe gemacht, nicht ohne lächelnde Rührung zuſammengewickelt, und hielt nun dem Bündel, ehe er es beiſeite legte, eine etwas übertriebene Standrede, die mit den Worten ſchloß: Ich habe dich, Lumpenpack einer leichten luſtigen Frei⸗ heit, im wahren Sinne des Wortes— abgelaufen. Nun ſtecke ich mich in das knappe Beinkleid, das meine künftigen Schritte zügeln ſoll, und mich durch die Furcht vor unanſtändigem Platzen von allen ungemeſſenen Sprün⸗ gen abhalten wird. So komm und laß dich abbürſten, patentirter Viſitenfrack, der ſich an feuchter Nachtluft aus den Falten ſeiner Verpackung gezogen hat, um einen Bur⸗ ſchen zu ſchmücken, der ſich mit glattem Lächeln darſtellen muß, weil er dienſtbar zu werden ſucht. Wie glücklich waren doch bei den alten Römern die Candidaten, die in ihrer weißen Toga, nach der ſie eben— Weißlinge hießen, ohne Modeſten feſt auftraten und auch ohne viel Worte als Amtsbewerber ſogleich erkannt wurden. Wenn wir, auch mit modeſten Redensarten, gebückt und bettelnd, vor einflußreichen Männern erſcheinen, ſo ſieht man es unſerm Frack nicht an, ob wir kommen, uns um eine Anſtellung oder vielleicht um die Hand der Haushälterin zu bewerben oder zu Gevatter zu bitten. Vielleicht han⸗ gen ſogar bei mancher Excellenz Amt und Haushäl⸗ terin zuſammen, und die Gevatterbitte iſt dem Bewerber ſchon implicirt, präveſtinirt, und er wird dreifach beglückt.— — Der wackere Schneidermeiſter in Halle, der ſich nicht wenig darauf weiß, mit der Reſidenz, ja mit Paris, in 8 22 geheimnißvollem Rapport zu ſtehen, hat mir bei Zeus— ſeinem Ziegenbocke— betheuert, daß ecorce de palmier und dos de puce die Modefarben des Tages ſeien. Ich habe mich für erſtere entſchieden, für palmengrün. Palmen des Friedens mögen mich anfächeln, wenn ich nach verdrießlichen Gängen und Bücklingen mich aus die⸗ ſer Palmenrinde ſchäle! Wie hätte ich auch dos de puce nehmen können, und mich unbekannten jungen Ben⸗ gel flohfarben in Damengeſellſchaft wagen dürfen! Ich würde gewaltig gerippelt worden ſein.—— Ach, ich werde ohnehin gerippelt werden! Ueberdies bedeutet auch ecorce nicht blos Rinde, ſondern äußern Schein über⸗ haupt. Und wie wollte ich ohne dieſen gut fortkommen? Ja, Sanct Schein, beſchirme mich, ohne mich gerade zu Einem deiner Heiligen zu machen, und führe mich glatt und glücklich durch die luſtige Welt, die Jeröme Napoleon beherrſch!——— Das Geſicht, das dem Sprechenden beim Umlegen des weißen Halstuches und Auszupfen der künſtlichen Schleife aus dem Spiegel entgegen ſah, war eben kein regelmäßi⸗ ges. Was es aber ſehr angenehm machte, waren außer den ſchönen braunen Augen die heitern Züge einer fei⸗ nen, friſchen Geſichtsfarbe, und eine hübſche Reihe Zähne in dem etwas kräftigen Munde. Vollendeter war der Wuchs. Die Weſte von gedrucktem Ribbs mit federarti⸗ gen Streifen und das kurze Beinkleid von Caſimir zu den Umſchlagſtiefeln umſchloſſen knapp eine hohe, vollendete Geſtalt, die vielleicht nur durch etwas ſtarken Gliederbau vom claſſiſchen Geſchmack abwich, an Händen und Füßan aber zu ſchönem Maße zurückkehrte. —,—„—,— 8 2 3 Wie Hermann, den breitſchößigen grünlichen Frack an⸗ gezogen, in der Stube auf- und abwandelte, fühlte er ſich in den engen Kleidern nicht ſo bequem, als er ſich doch für Andere darſtellte, und hielt ſich für ſteif, was Andere vielleicht für ſtolz angeſehen hätten. So verließ er das Haus, und ſuchte ſich nach den Andeutungen des Wir⸗ thes zur Wohnung des Kapellmeiſters Reichardt zurecht zu fragen. Dies war eben nicht ſo leicht; denn je weiter er an der Martinikirche hinaufkam, deſto mehr glaubte er in einer ausländiſchen Stadt zu ſein. Man hörte in den belebten Straßen faſt nur franzöſiſch reden, und durch Ausſehen, Kleidung und lebhaftes Weſen verrieth ſich die Unzahl der Fremdlinge, die ſich dem franzöſiſchen Hofe nachgezogen hatten. Neue Läden mit franzöſiſchen Ueber⸗ ſchriften waren theils ausgeſtellt, theils im Entſtehen: hier eine Marchande de modes et de nouveautés, dort ein Traiteur oder Cafetier, da ein Tailleur bréveté, hier ein Marchand de comestibles et liqueurs oder ein Mattre de langue française. Hermann ließ ſich manche vergeb⸗ liche Anſprache nicht verdrießen, bis er endlich zu Reichardt's Wohnung gelangte. Hier ſtieß er, eine Treppe hoch, vor einem offenen Zimmer, in deſſen elegante, wohlriechende Unordnung er eben einen flüchtigen Blick warf, auf eine mit dem Staubbeschen beſchäftigte Frauensperſon, die ihn beſchied, daß der Geſuchte in einer Probe auf dem Thea⸗ ter ſei. Hermann übergab ſeinen Brief, den er ange⸗ legentlich empfahl. Er werde nach Tiſche wiederkommen und das beſchmuzte Couvert entſchuldigen. 4———— ———————— Indem er nun ohne weiteres Vorhaben auf Gerathe⸗ wohl durch die Straßen wandelte, überraſchte ihn die Ausſicht vom Friedrichsplatz ins Freie, und er ſchlenderte unter den Linden und Kaſtanien über den friſch aufgefahre⸗ nen Kies hinab. Welch' eine herrliche Landſchaft, mitten aus der hochgelegenen Stadt überſchaut, breitete ſich hier unter ſeinen Blicken aus! Südöſtlich der lange Zug ſanf⸗ ter Bergkuppen mit thalwärts geſenkten Waldzipfeln bis zu dem verſchlungenen Bergſpalt, durch welchen der junge Wanderer geſtern ins Thal hereingekommen war, da wo der Hirſchberg vortritt und der Meißner ſeine blaſſe Stirne zeigt. Links heranziehend knüpfen ſich die mächti⸗ gen Kaufunger Berge und der Höhenzug des Reinhards⸗ waldes an. Tiefer hängt ein Eichenwäldchen zur Lanke ſtraße herab. Ueber die hügelige Niederung breiten ſich Felder um ein paar halb verſteckte Dörfer aus, und ſchlie⸗ ßen ſich an die weitgeſtreckten Wieſen und den Augarten am Ufer des Fuldafluſſes. Die Gipfel der gewaltigen Bäume dieſes Parkwaldes und ſeiner Alleen bleiben tief unter dem Beſchauenden, und nur die Obſtbaumterraſſen, die Gemüſe⸗ und Blumenrabatten ſteigen bis zur niedern Mauer empor, die den Garten von der Straße trennt. Hier wandelte Hermann lange und in gehobener Stim⸗ mung auf und nieder, indem er den Blick abwechſelnd über die ſonnige Landſchaft ſchweifen ließ oder nach den ſchönen Häuſern wendete, die er ſich im Ausblick auf eine ſo bezaubernde Natur von den glücklichſten Familien bewohnt dachte. Klavier und Geſang, die er aus offenem Fenſter vernahm, eine ſchlanke Mädchengeſtalt, die auf ei⸗ nem Altane zwiſchen blühenden Gewächſen erſchien, ſtimm⸗ —, — ———— — 25 ten ſein Herz und ſeine Phantaſte ins Ungemeſſene jugend⸗ licher Wünſche und Erwartungen. Er träumte ſich geehrt und geliebt, und die nächſte Equipage, die glänzend an ihm vorüber zum alten Schloß hinabrollte, weckte die lebhafteſte Vorſtellung von Macht und Reichthum in ſeiner Seele. Dieſe beiden gewaltigſten Realitäten der bürgerlichen Geſellſchaft, um die ſich Hermann bisher in der Zurück⸗ gezogenheit ſeiner Studien wenig bekümmert hatte, traten jetzt zum erſten mal feſt, wiewol noch ziemlich phantaſtiſch, vor ſeine Betrachtung. Er war eben an einem Wende⸗ punkte ſeines Lebens angelangt, wo er für ſich ſelbſt eine wirkſame Stellung in der Geſellſchaft ſuchte, während die Umgebung, in welcher er darnach ausging, ſelbſt phan⸗ taſtiſch und räthſelhaft in ihrer Erſcheinung, ſich noch ganz an ſeine bisherige Anſchauungsweiſe der Welt und Men⸗ ſchen anſchloß. Als Hermann des Nachmittags wieder beim Kapell⸗ meiſter zufragte, erwartete ihn dieſer ſchon angekleidet und den Hut aufgeſetzt, mit freundlicher Ungeduld. Sie bleiben lange aus, Herr— Treuleber! ſagte er. Kommen Sie nur gleich mit! Meine Familie iſt voraus⸗ gefahren; wir wollen die heißen Stunden in der Au zu⸗ bringen. Es iſt heut juſt ein Tag für dieſen herrlichen Platz, der Ihnen gefallen wird. Auf der Haustreppe ſtießen ſie auf einen ziemlich ver⸗ lumpten Franzoſen, der ſich Hunde zu ſcheren und zu dreſſiren erbot. Gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Schererei! ließ ihn Reichardt franzöſiſch an und ſetzte dann deutſch hinzu: 1 1 4 g — — Dies fremde Geſindel glaubt, alle Welt müſſe ſeine Sprache reden. Und ſo iſt, ſage ich Ihnen— wie Sie da gleich auch ein Pröbchen haben—, unſerm von Gott beſcherten Hieronymus ein ganzes Heer verlumpter Fran⸗ zoſen nachgezogen, wie dem Hund die Flohe. Sie ſche⸗ ren oder dreſſiren Hunde, verkaufen Schminke und Waſch⸗ waſſer, repariren ſeidene Strümpfe und dergleichen. Immer noch beſſer, als es der große kaiſerliche Bruder macht! Das Glied der großen Nation dort ſchert doch nur Hunde, ſein Kaiſer— ließe der doch die Deutſchen ungeſchoren, oder wären die Deutſchen nur nicht wie Hunde, die es ſich gefallen laſſen. In dieſer Weiſe ließ Reichardt ſich leicht gehen,— laut, rückſichtslos, abſpringend mit einer Unruhe, die an einem tiefen Funfziger auffallen konnte, deſſen vollſtändige Glatze, mit Puder und Pomade geſchützt, bis zu den we⸗ nigen Nackenlöͤckchen reichte. Sonſt war ſein geiſtreiches Ausſehen, ſein weltläufiges Benehmen und eine gewiſſe Vernachläſſigung ſeines übrigens feinen und ſaubern An⸗ zugs an dem ſo vielſeitig gebildeten Componiſten nicht unangenehm, ja es bezeichnete ihn. Nach ſeinen Aus— fällen gegen die Franzoſen kam er auf Hermann zurück. Mein Schwiegerſohn, ſagte er, der wandernde Pro⸗ feſſor— beinahe hätte ich Prophet geſagt!— ſchreibt mir— Prophet wäre übrigens auch ganz treffend ge⸗ weſen!— viel Schönes von Ihnen, Herr—— Drei⸗ leber. Er hat Ihren Vater gekannt, als dieſer noch— Apropos! Er will wieder nach Halle ziehen, mein Schwie⸗ gerſohn Steffens, meine ich, nachdem er den Winter in Holſtein und Hamburg zugebracht. Wiſſen Sie, warum ’ E d U i d 1 1 44 9 er ſich ſo zwiſchen Preußen und Weſtfalen einklemmen will? Wiſſen Sie's? Bei dieſer Frage blickte Reichardt den jungen Gaſt durchdringend an, und fuhr, als dieſer unbefangen ver⸗ neinte, fort: Ich weiß es. Aber von dergleichen ſpäter,— von der Politik ein andermal! Ja viel Schönes von Ihnen, und das will von Henrik Steffens etwas heißen. Wie ſehr ich ihn ſchätze, können Sie daraus ſehen, daß ich ihm meine liebſte Tochter gegeben habe. Liebſte? Nun, die Sie jetzt finden werden, habe ich nicht weniger lieb,— meine herrliche Luiſe, meine älteſte von meiner erſten Frau! Dieſe war, wiſſen Sie, eine Tochter des berühmten Benda, und meine Luiſe iſt ganz die prächtige Sängerin, die ihre ſelige Mutter war. Von mir hat ſie das Talent der Compoſition, doch mehr im Geſchmacke des mütterlichen Großvaters. Zu alldem hat ſie Schickſale gehabt— o meine edle Luiſe! Sie waren inzwiſchen durch das Author, die gewundene Treppe tief hinab, und durch Alleen in einen Seitengang des Parks gewandelt. Reichardt machte ſeinen Gaſt auf die großartigen Anlagen und auf die prachtvollen Bäume aufmerkſam. Da ſehen Sie die alte Landgrafengarde, ſagte er, die der Kurfürſt zurückgelaſſen, als er vor anderthalb Jah⸗ ren, am Jahrestage ſeines Regierungsantritts, mit ſeinen Schätzen Reißaus nahm, und das Land im Stiche ließ. Dem jungen Manne fiel hierbei der Brief wieder ein, und er erzählte den Vorfall mit dem Polizeicommiſſar und deſſen feindſelige Aeußerung über Reichardt. Dieſer ſchwieg eine Weile und ſchien doch nachdenklich geworden. Indeß winkte ihnen ſchon die Familie begrüßend entgegen, und ſie betraten einen couliſſenartig von Bäumen um⸗ faßten Hügel, das ſogenannte Grüne Theater, wo Reichardt den jungen Mann mit den Worten vorſtellte: Herr— Dings— Hermann Weißleber aus Halle, ein junger Freund unſers theuern Steffens! So heißt er nicht, Papa! bemerkte ein intereſſant aus⸗ ſehendes Frauenzimmer. Wer heißt nicht? Wie heißt er nicht? fragte Reichardt. Ich heiße Teutleben! verſetzte mit angenehmen Lächeln der junge Gaſt. Teutleben? Ja, ja ganz recht! rief Reichardt. Aber hören Sie, Liebſter, ſchaffen Sie den Namen ab! Er klingt viel zu geſucht für unſere Zeit. Denn— Teut⸗ leben hat keine Bedeutung mehr, oder iſt eine Drohung, eine Verſchwörung gegen die Franzoſen. Teut, der Gott der Deutſchen, iſt todt. Wiſſen Sie das nicht? Nennen Sie ſich Todtleben! Oder nein, das wäre ein Widerſpruch in ſich ſelbſt— eine contradictio in adjecto, wie ihr Philoſophen ſagt—, und Sie ſind auch noch zu jung, und ein hübſcher Menſch: nennen Sie ſich Lebemannz damit machen Sie Glück in Weſtfalen. Uebrigens todt⸗ leben,— ſich zu Tod leben können Sie hier mit hun⸗ dert Gelegenheiten! Still, Mann! lachte eine nette Frau, die unſerm Her⸗ mann bekannt vorkam. Weißt du nicht, daß einzelne Bäume zur geheimen Polizei gehören? Oh! Die ſchönen Bäume, liebe Frau? Nein! Die ſind zu ſtrack dazu, die ſind noch altkurfürſtlich. ——— 29 Es ſind auch räudige darunter, Papa, durchfaulte, 4 4 bemerkte jenes intereſſante Mädchen. Worauf Frau Reichardt mit ſchalkhaftem Lächeln den jungen Gaſt an⸗ t redete: Wir kennen uns ſchon, junger Herr! Sie haben ſich 4 dieſen Morgen bei Ihrem Beſuche gleich überzeugen koͤn⸗ nen, daß eines Kapellmeiſters Frau ſo geſchickt, wie ihr 5 Mann das Taetſtäbchen, ihren Staubbeſen führen muß, um die Hauskapelle zu dirigiren. 3 Ich muß geſtehen, antwortete er flüchtig erröthend, u daß ich auf eine ſo liebenswürdige Familie gefaßt war, daß anmuthige Bewegung und Wohlklang der Stimme mich auch an der vermeintlichen Haushälterin nicht be⸗ 1— fremdeten. M 3 Sie hieß ihn mit ſolcher Artigkeit willkommen in 1 9 Caſſel, und nannte ihm ſodann die verſchiedenen Anwe⸗ t ſenden, unter denen ihm jenes Frauenzimmer, die ſchon n vermuthete Tochter Reichardt's, gleich einen ſo ungemei⸗ 3 nen Eindruck gemacht hatte. 5— Luiſe war ſchlank von Geſtalt und edel gebaut. Ihre 3 Haltung hatte etwas Schwebendes, zuweilen Feierliches. 1) Dann ſah ſie wol wie verklärt oder wie abweſend aus, 7 doch mit ſprechenden Mienen, als vernehme ſie Töne von B oben oder führe mit Abweſenden Unterredung. Aber auch . im gewöͤhnlichen Verkehr, für den es ihr an Verſtand und 4 Beſonnenheit nicht fehlte, war Blick und Ausdruck des 3 Geſichts höchſt bedeutend und einnehmend; obgleich feine 3* Pockennarben Das ſtörten, was man im glatten Sinne ſchön zu nennen pflegt. Hermann erinnerte ſich jetzt, ſchon in Halle gehört zu haben, ſie ſei eine geiſtreiche Schoͤn⸗ — heit und beſonders für bedeutende Männer immer ſehr anziehend geweſen. Er ſelbſt empfand nach und nach die⸗ ſen geheimnißvollen Zauber, und wenn er ſich darum auch nicht für einen bedeutenden Mann hielt, ſo ward er dar⸗ über doch nicht inne, daß Luiſe über die erſte Jugend hinaus und älter als er ſelber war. Auch hätte man ihr das dreißigſte Jahr kaum angeſehen, und Hermann erfuhr zum erſten mal, daß die geiſtige Schönheit oft über den Spuren der Jahre ſchwebt, und daß ein junges Herz, ſolange es dieſer Macht verfällt, dem Zug und Banne der Sinnlichkeit entrückt iſt. Dies leiſe, klangvolle Spre⸗ chen, dieſe Feierlichkeit in jeder Bewegung, dieſe Güte und Hoheit in jedem Blick hatten nichts mit den gewöhnlichen Reizen weiblicher Jugend gemein, die der junge Hermann, ſo beſchränkt auch bis jetzt ſein Verkehr in der Geſellſchaft geweſen war, doch mit ſeinen friſchen Sinnen gewiß ſchon empfunden hatte. Der Park war an dieſem ſchwülen Nachmittage ſehr beſucht. Es war der Wochentag, an welchem eine Regi⸗ mentsmuſik vor dem Wirthſchaftsgebäude ſpielte. Doch ſuchten die Spazierenden lieber die entferntern Bänke unter den herrlichen Baumgruppen auf, von wo man den kleinen mit Schwänen beſetzten See überſchauen konnte. Noch tiefer im Parke lag der eigenthümliche Hügel, auf dem die kleine Geſellſchaft des Kapellmeiſters um ſo unbe⸗ fangener verkehrte, als ſie ſich abgeſchloſſener empfand. Es iſt wirklich ein freies Theater, erklärte Luiſe dem jungen Gaſt, und Landgraf Friedrich, der Vater des ver⸗ triebenen Kurfürſten, hat hier Schauſpiele aufführen laſſen; wie er denn auch ſchon eine gar luſtige halbfranzöſiſche 34 Wirthſchaft, gleichſam als Vorſpiel der Jeröme'ſchen, ge⸗ führt haben ſoll. Vater liebt dieſen etwas erhöhten und abgeſchloſſenen Platz, wo wir gewoͤhnlich auch ein wenig muſiciren. Plötzlich rief Reichardt: Geh' zum Teufel mit deiner Drehorgel! Wir haben unſere eigenen Inſtrumente und ſind unſere eigenen Poli⸗ zeiſpione. Die Scheltworte galten einem Burſchen, der hinter einer Hecke lauſchend bemerkt worden und dann mit ſei— ner Orgel ſchnell hervorgetreten war. Hinter dem Weg⸗ gegangenen ſchalt Reichardt: Kann man ſich doch dieſes Hunde ſcherenden, Orgel und Schnurrpfeifereien treibenden Spitzbubenpacks nicht mehr erwehren! Und ich, wie es ſcheint, habe etwas apart Anziehendes für Polizeiſpione, wie für— du weißt ja, liebe Frau— für Wanzen. Lieber Papa, flüſterte ihm Luiſe zu, in der nahen Faſanerie iſt Geſellſchaft, Graf Fürſtenſtein mit Anhang. Das ſind gute Freunde und verſtehen kein Deutſch! lachte Reichardt. Die ſuchen jetzt ländlichen Zeitvertreib, dieweil der König fort iſt. Sie wiſſen ja, lieber Doctor, daß Jeröͤme eben das Land bereiſt, und ſich den Bürgern und Bauern ſeines Reichs präſentirt und recommandirt. Sonſt hat er dieſen gefürſtenſteinten Le Camus auf allen Reiſen und Unternehmungen um ſich; diesmal hat er aber kluger Weiſe lauter alten Landesadel mit ſich genommen. Apropos, Luiſe! General Salha ſucht ja für ſeine Toch⸗ ter Melanie einen deutſchen Sprachmeiſter: wie wär's, wenn du den jungen Freund da zur Madame brächteſt? Er ſpricht das Franzöſiſche gut, und käme ſo alsbald in die erſte Geſellſchaft. Wie? Der Vorſchlag ſchien der Tochter zu misfallen. Mit einem flüchtigen Blick auf Hermann ſagte ſie noch leiſer als gewöhnlich: Ach, lieber Vater, gerade dieſer Kreis— Ja, gerade dieſer! fiel Reichardt ein. Es ſind die einflußreichſten Familien für das Fortkommen eines jun⸗ gen Mannes. Und ſodann— Sie müſſen nur wiſſen, lieber Doctor, dieſer Fürſtenſtein gehört zur deutſchen Partei, vielleicht nur, weil er deutſch geadelt iſt, und bewirbt ſich um die Tochter des Generals Salha. Er wünſcht, daß dieſe deutſch lernen möchte, und die Gene⸗ ralin, der Alles an dieſer glänzenden Partie gelegen iſt, begünſtigt dies Vorhaben. Aber daß die Empfehlung gerade von dir,— ich will ſagen, von uns kommt—! erinnerte mit bedeutendem Blick oder Wink Luiſe. Nun, warum nicht? fragte er. Ich denke, wir kennen ſie hinreichend, und Hermann iſt eben an uns empfohlen. Wir haben ihn zu empfehlen, und wir koͤnnen ihn em⸗ pfehlen.— Doch genug für jetzt! Andere Accorde, Luiſe! Er reichte der Tochter die Guitarre und ſtimmte ſeine Violine. Luiſe ſang einige Lieder Goethe's nach ihres Vaters Compoſition. Ihre Stimme war voll und tief, ihr Ausdruck ebenſo ergreifend als eigenthümlich. Her⸗ mann, von ihrer ganzen Erſcheinung eingenommen, war überraſcht und bewegt. Dieſe gehobene Stimmung kam ihm zu Statten, als ihn jetzt Reichardt zum Singen mit den Worten auffoderte: 33 Steffens ſchreibt uns von Ihrer ausgezeichneten Stimme und Ihrem guten Vortrage. Wäre ich nur nicht voraus gelobt! lächelte Hermann und ergriff die Guitarre. Geben Sie's nur von ſich! lachte der Kapellmeiſter. Von einem Burſchen, der zwiſchen dem häuslichen Klavier eines Pfarrers und den Orgelpfeifen eines Cantors auf⸗ wächſt, darf man was erwarten. Gut! So will ich's denn nach Ihren eigenen Noten wagen, verſetzte Hermann, und ſang das Lied von geſtern Abend, das ihm gleichſam noch in den Ohren lag: Komm' heraus, komm' heraus, du ſchöne, ſchöne Braut, Deine guten Tage ſind nun alle, alle aus, Dein Schleierlein weht ſo feucht und thränenſchwer, O wie weint die ſchöne Braut ſo ſehr! Mußt die Mägdlein laſſen ſtehn, Mußt nun zu den Frauen gehn! Ein räthſelhafter Eindruck auf ſeine Zuhörer war zu bemerken: hier beifällige Bewegung, dort ängſtliche Unruhe; jene vom Geſang, dieſe, wie es ſchien, von dem Liede hervorgerufen. Und während die Mutter Reichardt ſich leiſe um die erblaßte Luiſe bemühte, konnte der Ka⸗ pellmeiſter kaum den Schluß erwarten, um den Sänger mit Ungeſtüm zu umarmen. In ſeiner Lebhaftigkeit fand er wieder den Familiennamen nicht ſchnell genug, und rief: Ei was! Wir nennen Sie Hermann kurzweg und familiär, ein für alle mal. Hört Ihr's, Mütterchen, Luiſe! Hermann heißt er und verdient— Indem er jetzt aber beim Anblick ſeiner Tochter zur Beſinnung über das Lied kam, entſtand eine Stille der Koenig, Jeroͤme's Carneval. I. 3 Verlegenheit, die nachgerade den jungen Freund zu ver⸗ wirren anfing, als eine ältere Frau mit der Geberde, ihm zu Dank etwas Freundliches zu ſagen, hervortrat und ihm zuflüſterte: Laſſen Sie ſich nicht beunruhigen! Es gilt nicht Ihnen: Sie haben charmant geſungen; aber das Lied iſt von Luiſen ſelbſt, nicht von ihrem Vater componirt, wie Sie glauben, und hat für ſie ſchmerzliche Erinnerungen. Sie wußten das nicht und müſſen es auch jetzt ignoriren. Thun Sie ganz unbefangen! Recht wie erwünſcht kam ein unerwarteter Beſuch und half über die verheimlichte Verwirrung vollends hinaus. Graf von Fürſtenſtein, Melanie Salha am Arm und von ſeiner Schweſter, Mademoiſelle Le Camus, einer niedlichen Creolin, ſowie vom Vater Melaniens, General Salha, begleitet, traten unvermuthet durch die grünen Couliſſen herein. General Salha, vormals Schiffslieutenant, etwas roh und unbehülflich in Ton und Manieren, entſchuldigte in ſeinem Marinefranzöſiſch die Störung mit ihrem Ver⸗ langen, den neuen vortrefflichen Sänger zu ſehen, den ſie aus der Ferne gehört hätten. Es iſt Zeit, Herr Kapellmeiſter, daß wir einen an⸗ dern Tenor aufs Theater bekommen, ſagte er. Unſer Monſieur Theodore iſt recht abfällig; er hat manchen conträren Wind überſtanden; Alter und Klima haben ihn mürbe gemacht, und ſeine Kehle iſt nicht mehr zu kal⸗ fatern. Ha, ha! Herr General, antwortete Reichardt, hier habe ich die Ehre, Ihnen den Sänger vorzuſtellen,— Hermann— Teutleben, ein junger Freund, an uns empfohlen. Sel⸗ tener Bariton, Herr General! Geht aber auf⸗ und ab⸗ wärts weit über ſeine Grenzen,— kreuzt nach dem Baß und nach dem Tenor hin. Leider kein Sänger von Pro⸗ feſſion; will vielmehr Profeſſor werden, und wäre als ſolcher gar wohl zu engagiren. Ei— da fällt mir eben ein—! Nehmen Sie ihn einſtweilen zum Sprachmeiſter für Mademoiſelle Melanie! Sie ſuchen ja Jemanden für das Deutſche? Hab' ich wenigſtens gehört. Die Franzoſen blickten einander fragend und den jun⸗ gen Mann muſternd an, wobei die lebhaften Augen der Creolin auch für ihre Perſon keine Abneigung vor dem deutſchen Unterricht verriethen.— Spricht der Herr fran⸗ zöſiſch? fragte Graf von Fürſtenſtein. Worauf Hermann lächelnd verſetzte: Ich würde wol die Grammatik expliciren können, wenn ich das unerwartete Glück hätte, Sprachmeiſter zu werden. Wahrlich, Graf, er ſpricht gut! bemerkte Salha⸗ Unſer junger Freund iſt allerdings kein gewöhnlicher Sprachmeiſter, fiel Reichardt ein, ſucht auch darin keinen Erwerb, keine Exiſtenz. Er hat Studien für einen hö⸗ hern Beruf im Dienſt gemacht. In dieſer Erwartung würde er es ſich aber zur Ehre rechnen, eine ſo liebens⸗ würdige Schülerin leicht und angenehm in die deutſche Sprache und Literatur einzuweihen, und ſich dadurch die Gunſt und Förderung ſo einſichtvoller Hof⸗ und Staats⸗ männer zu verdienen. Fuͤhren Sie uns den jungen Mann zu, ſagte Für⸗ ſtenſtein. Ihre Freundſchaft für ihn gereicht ihm zur beſten * 3 Empfehlung! Nach kurzer Unterhaltung mit Mutter und Tochter Reichardt empfahl ſich der Beſuch; worauf der Kapell⸗ meiſter, während man ſich zu den mitgebrachten Er⸗ friſchungen ſetzte, zu Hermann ſagte: Ich habe Sie, mein lieber junger Freund, allerdings zu etwas empfohlen, ohne Sie darum befragt zu haben. Ich weiß aber, was Ihnen dient. Sie müſſen zu Anfang nicht das Geſchäft anſehen, ſondern den Platz, wo Sie Ihre Springfedern anſetzen. Vor allem dürfen Sie hier nicht zu beſcheiden auftreten. Die Franzoſen verſtehen den Tiefſinn deutſcher Beſcheidenheit nicht. Sie müſſen hoch mit ſich hinauswollen, zuerſt ſich ſelbſt begründen, um dann deſto wirkſamer unſer deutſches Leben und Lei⸗ ſten geltend zu machen. Der Stolz auf uns ſelbſt iſt der beſte Gegendruck gegen dieſe erniedrigende Fremdherrſchaft. Sie glauben nicht, wie ſich dieſe Deutſchen wegwerfen und in Niederträchtigkeit wetteifern. Ich habe mir dieſen zum Grafen erhobenen Herrn Le Camus älter gedacht, bemerkte Hermann. Nein, erwiderte Reichardt, er war doch immer ein Vertrauter und guter Kumpan Jeroͤme's, nur ſoviel älter, uum zugleich ſein Rathgeber und Führer zu ſein. Jeröͤme hatte ihn auf Martinique kennen gelernt, wo er Pflan⸗ zer oder auch Gewürzkrämer war. Sie kennen ja un⸗ ſers Königs Vorgeſchichte, nicht wahr? Ich weiß gerade nicht, wieviel Wahres oder Falſches an Dem iſt, was ich davon weiß, lächelte Hermann. Un⸗ ſer Jeröme hat eine etwas mythiſche Vorgeſchichte, die ſich an die Krämerelle und Ladenwage knüpft. Ei was! fiel Reichardt ein. Nein, ich kann Ihnen — kurz das Richtige ſagen. Jeröme, der jüngſte und ver⸗ zogenſte Sohn der Madame Lätitia Buonaparte, war auch der Letzte, der ſeiner Familie von Corſica nach Frank⸗ reich folgte. Nachdem er das Colleg zu Juilly beſucht hatte, beſtimmte ihn Napoleon wider ſeinen Willen für die Marine, und er machte als Cadet, als Schiffsfähnrich und Schiffslieutenant einige Expeditionen nach Sanct⸗Do⸗ mingo und dergleichen. Von jener Schiffskameradſchaft ſtammt auch dieſer General Salha her. Von den Eng⸗ ländern verfolgt, rettete Jeröme ſich auf ein Handelsſchiff, das dem Kaufmann Patterſon in Baltimore gehörte. Dadurch kam er ins Haus dieſes Handelsherrn und lernte die ſchone, liebenswürdige und gebildete Tochter Eliſabeth kennen. Es kam zu einer Heirath, die den großen Ab⸗ ſichten ſeines Bruders, des erſten Conſuls Buonaparte, widerſprach, und daher von dieſem nicht anerkannt wurde. Später, als Napoleon Kaiſer geworden war, hoffte JLée röme den mächtigen Bruder, der ſeine übrigen Brüder zu franzöſiſchen Prinzen gemacht hatte, durch die Liebens⸗ würdigkeit ſeiner Eliſabeth mit der Heirath zu verſöhnen, und kam mit ihr im Frühling 1805 nach Europa. Aber alle Landungsplätze des weſtlichen Continents von den Niederlanden bis nach Portugal hin waren auf Napo⸗ leon's Befehl für die gute Frau geſperrt. Jeroͤme eilte mit Le. Camus durch Portugal und Frankreich nach Mai⸗ land, wo ſich Napoleon eben zum König von Italien krönen ließ. Aber der Kaiſer gab nicht nach. Er be⸗ diente ſich gerade dieſes Le Camus, um Jeroͤme zu einer Trennung von ſeiner Frau zu beſtimmen. Der ſchwache Patron gab nach, ſo lieb er ſeine Eliſabeth hatte, und unterwarf ſich dem kaiſerlichen Bruder. Er wurde jetzt zum Schiffscapitän befördert und nach Genua geſchickt, das ſich unter den Schutz Frankreichs geſtellt hatte. Le Camus, der treue Rathgeber und Nothhelfer, übernahm es, die ſo geſchiedene Frau nach England zu bringen, wo ſie in der Nähe von London mit einem Söhnchen nieder⸗ kam, das auch Jeröme getauft wurde, ſodaß ſie doch mit einem Jeröme wieder nach Baltimore zurückkommen konnte. Vielleicht war ihr ſogar das Jerömechen lieber als der Jeröme.— Für all' dieſe guten Dienſte wurde nun Le Camus zum Grafen erhoben, und— hören Sie, wie artig! Als Jeröme im vorigen December zuerſt nach Caſſel kam, war kurz vorher der letzte Abkömmling der begü⸗ terten Familie Diede zum Fürſtenſtein mit Tode abge⸗ gangen und die ſchönen Beſitzungen dem Lande heim⸗ gefallen. Jeröme ordnete zum Chriſtfeſt auf deutſche Weiſe einen Chriſtbaum an und beſcherte ſeinen Günſtlingen einzelne Beſitzungen jener reichen Hinterlaſſenſchaft. Unter ihren Couverten fanden ſie beim Feſtſchmauſe ihre gräf⸗ lichen und freiherrlichen Diplome. Wie lieb! Nicht wahr? Sehen Sie, nun möchten gern einige dieſer Männer in ihren hohen deutſchen Namen ein wenig deutſch erſcheinen. Beſonders gefällt ſich dieſer Fürſtenſtein darin, nicht blos deutſch betitelt, ſondern für ein deutſches Original zu gel⸗ ten, und ſchließt ſich gern den Deutſchen an. Der König begünſtigt dieſe Richtung und ſucht ſich die Sprache an⸗ zueignen, wie er es auch der erſten weſtfäliſchen Depu⸗ tation in Paris verſprochen hat. Dabei, ſehen Sie, müſ⸗ ſen wir dieſe Leutchen faſſen und für unſere deutſchen Abſichten von der Seite benutzen, wo ſie ganz nichts⸗ —.—— 39 nutzig ſind. Das iſt meine Politik, und darum möchte ich Sie gleich unter dies Volk bringen, wo Sie unſerer deutſchen Sache ehrlich dienen und ſich ſelbſt raſch vor⸗ wärts bringen können. Gut! lachte Hermann. Ich kann mir ja die deutſche Grammatik als Leiter gefallen laſſen und ſehen, wie hoch ſie mich bringt. Glück auf! rief Reichardt mit gehobenem Glaſe. Es iſt eine Braut— wenigſtens in spe, in der Erwartung — bei der Sie die Leiter zuerſt anſetzen, mithin eine gute Vorbedeutung ohne Gefahr für Ihr Herz. Und indem er ſich uͤber den Tiſch gegen den jungen Gaſt vorbeugte, ſtüſterte er: Deutſche Grammatik— ein großes Wort, junger Freund! Wir liegen unter ſchmachvollem Druck einer fremden, feindlichen Nation; wir müſſen nicht blos deutſche Worte, das ganze deutſche Weſen müſſen wir deelini⸗ ren, abändern; nicht blos die Zeitworte conjugiren, die ganze Zeit abwandeln. Helfen Sie an Ihrem Theile mit, und die ſchoͤnſte Conjugation, das glücklichſte Con⸗ jugium mag ſich für Sie daran knüpfen. Und ſich aufrichtend, ſein Glas füllend, rief er aus: Conjugium, meine Freunde, bedeutet Ehebund! Hoch! Ein plötzlicher Gewitterſchlag ſchreckte die Geſellſchaft auf. Der Nachmittag war ſo heiter geweſen, die Luft freilich ein wenig gewitterſchwül, und ein Pfau hatte von der Faſanerie her, Regen verkündigend, ſeine wider⸗ liche Stimme hören laſſen. Muſik hatte in der Ferne geſpielt, Luſt und Lachen froͤhlicher Geſellſchaften war lich erſchüttert. Bäumen herauf; immer lauter geworden. Nun war dieſe Fröhlichkeit plötz⸗ Ein ſchweres Gewölk zog hinter den alle Welt ſetzte ſich in Bewegung: Spazierende, Reiter, Wagen eilten aus dem Park, um vor dem Unwetter nach der Stadt zu kommen. Viertes Capitel. Im Vorzimmer und auf der Treppe. Mit den erſten großen Regentropfen hatte Hermann die Fürſtenſtraße und, hinter dem Marſtalle hinabeilend, ſein Gaſthaus erreicht. Nun, in ſeinem breiten Seſſel ausgeſtreckt, ließ er ſich dieſen heftigen Abſturz des Re⸗ gens, dieſen Schlag auf Schlag des Donners ganz wohl gefallen. Der Aufruhr des Wetters erleichterte ihn, in⸗ dem derſelbe den Drang der Gedanken und Empfindun- gen durch ſein Gegengewicht in einen ruhigern Strom der Betrachtung ſetzte. Es war für ein jugendlich erreg⸗ bares Gemüth faſt zuviel Neues, was der Freund gleich beim erſten Ausgang auf einmal erfahren und empfunden hatte, und zwar nicht blos Neues, was, erlebt und ab⸗ gethan, ihn blos erfüllt und durch Nachbetrachtung be⸗ ruhigt hätte, ſondern Neues, was ihn da- und dorthin auf Entwickelung ſpannen mußte und ſeine Ueberlegung und Thätigkeit in Anſpruch nahm. Wie anders als —— — — —4— ——=ú— 32—“, Brautlied fiel ihm wieder ein. Er hatte es für eine der 44 geſtern, da er hier um dieſelbe Stunde ſaß, nahm ſich die Welt um ihn her aus! Dies Caſſel, dem Ankömm⸗ ling nur als herrliche Knospe erſchienen, hatte ihn be⸗ reits in den aufgehenden Kelch blicken laſſen. Das viel⸗ fältigſte Intereſſe blätterte ſich darin mit geſprenkelten Farben auf und drohte ihn mit ſeinem fremden Dufte zu betäuben. Wie glücklich hatte er es bei dieſer Fa⸗ milie Reichardt getroffen, von der er ſo herzlich aufge⸗ nommen war! Wie dankbar gedachte er des Profeſſors Steffens, der ihn dahin empfohlen! Natürlich, daß er ſich über die Perſönlichkeiten und ihre Verhältniſſe klar zu machen ſuchte. Den Kapellmeiſter erblickte Hermann in den einfluß⸗ reichſten Verbindungen. Das laute, abſprechende, zudring⸗ liche Weſen des Muſikers konnte läſtig werden; aber es ſtieß den jungen Freund nicht ab, vielmehr regte es ihm, als Neuling in der Welt, Muth und Zuverſicht an. Es lag cine Aufmunterung darin, nicht allzu ängſtlich und be— ſcheiden zu ſein, und ſich etwas herauszunehmen. Die unbefangene Freimüthigkeit des Muſikers ſchien Alles nie⸗ derzuſchlagen, was Hermann in Warnungen vor der ge⸗ heimen Polizei vernommen hatte. Es klang wie Ironie, wenn ein ſo kecker Mund gerade gegen Polizeiſpione los⸗ zog, wie eben ein Ungläubiger ohne alles Grauſen böſe Geiſter beſchwören mag. Als reizendes Gegenſpiel des lauten Mannes und ſei⸗ ner politiſchen Geheimniſſe erſchien ſeine Tochter Luiſe. Ihr leiſes, feiekliches Weben verrieth ebenfalls eine my⸗ ſteriöſe Beziehung, aber mehr ins eigene Innere. Das vielen Liedercompoſitionen Reichardt's gehalten; wenn es nun aber von Luiſen war, warum erblaßte ſie bei ihrer eigenen Melodie? War ſie Braut geweſen und verlaſſen worden? Oder welch ein ſchmerzliches Erinnern tönte für ſie aus ihren eigenen Noten? Zwiſchen beiden räthſelbietenden Menſchen bewegte ſich deſto heiterer, herzlicher und hingebender die Mutter Rei⸗ chardt. Ihr Ausſehen erinnerte noch lebhaft daran, daß ſie einſt eine anerkannte Schönheit geweſen. Von ihrem erſten Manne, dem Dichter Hensler, war ſie, wie jetzt von ihrem zweiten, dem Muſtker, ſehr verwöhnt worden. Ein Leben in glücklichen Verhältniſſen, durch das Wohl⸗ wollen der Ihrigen vor allem Unangenehmen bewahrt, hatte ihr Herz etwas verweichlicht; ſie war ohne Muth gegen Leiden, aber nicht ohne Anſprüche an die Menſchen, dagegen aber auch gefällig, wohlwollend, zart und gütig gegen Alle, und gewöhnt, ins Große zu wirthſchaften. Es läßt ſich denken, daß Hermann eine ſo anziehende Familie nicht vernachläſſigte. Er war von Natur und von häuslicher Gewöhnung zur Geſelligkeit getrieben und jetzt auch noch ohne alle Wahl für ſeinen Umgang. In ſeinem Gaſthauſe lernte er verſchiedene Mittag⸗ und Abend⸗ gäſte kennen, höhere oder untergeordnete Beamte, die ſich ihm ſehr höflich erwieſen, aber ſich höchſt vorſichtig unter⸗ hielten. Die Stadt London war das Abſteigequartier für die Angeſtellten vom Lande, wenigſtens für altheſſiſche, und es entging ihm nicht, daß bei ſolchen Beſuchen ſich mancherlei ſonſt ſeltene Gäſte aus der Stadt einfanden und ſich mit den Angekommenen in einer unzugänglichen Hinterſtube vereinigten. So zog ihn denn nichts ab, ſeine 14 43 nächſten Tage ausſchließend bei Reichardt zu verbringen. Er war Gaſt, Genoſſe dieſer liebenswürdigen Familie. Er hieß kurzweg Hermann, und nahm einigermaßen die Stelle des Sohnes ein, des republikaniſchen Richard Hens⸗ ler aus erſter Ehe, der als Chaſſeur in der Pyrenäen⸗ armee diente. Dieſem Umſtande maß es Hermann auch bei, daß Vater Reichardt mit ſo aufgeregtem Intereſſe den Vöolksbewegungen in Spanien folgte, die den Franzoſen bereits ſoviel zu ſchaffen machten und im weffääliſchen Moniteur ſoviel declamatoriſche Spalten füllten. Nach jenem Gewitter hatte ſich wieder das ſchönſte Maiwetter eingeſtellt. Die Familie Reichardt benutzte es, ihren jungen Gaſt in der Stadt, an den öffentlichen Ver⸗ gnügungsorten und in der reizenden Umgegend einzufüh⸗ ren, und zwar bei der geringſten Entfernung, der Frau Reichardt wegen, zu Wagen. Dabei kam es ihm zu Statten, daß er als angenehmer Sänger ſich an den mu⸗ ſikaliſchen Abenden mitbethätigen konnte, zu denen an beſtimmten Tagen ſich einige deutſche Familien bei Rei⸗ chardt einzufinden pflegten. Beſonders ſetzte ſich Hermann bei einigen angeſehenen Frauen in Gunſt, und dies Wohl⸗ gefallen half ihm zu mehr Selbſtoertrauen für die höhere Geſellſchaft. 8 An einem der leeren Abende mahnte Reichardt den jungen Freund, ſeine Aufwartung bei General Salha nicht länger zu verſchieben. Meine Luiſe, die der Familie nicht fremd iſt, hat ein— mal die Grille, Sie nicht einzuführen, ſagte er. Führen Sie ſich daher nur ſelber ein. Ich habe Sie angekündigt und empfohlen. Der ziemlich unfähige und matroſenhaft we ungeſchliffene Mann ſteht zwar Ihren perſönlichen Abſich⸗ 1 un ten ſehr fern; aber er iſt der Mann einer ſehr feinen wi und tiefblickenden Frau von kaltem, verſtecktem Charakter. der Er ſelbſt gilt beim König, ſeinem ehemaligen Marine⸗ zu V kameraden, und hat vielfachen Einfluß. Uebrigens bezieht 31 ſich ja Ihr Beſuch auf den Unterricht der Tochter, und G 1 man wird ſie artig empfangen. Helfen Sie uns immer⸗ be hin die Leutchen germaniſiren und für unſere Politik neu⸗ H' V traliſiren! th Verwirrt mich nur durch eure Politik nicht! lachte ur Hermann. Es iſt mir fürerſt Aufgabe genug, die hie⸗ di ſigen Menſchen und Verhältniſſe kennen zu lernen. Gönnt ju mir dazu meinen unbefangenen Blick ohne parteigefärbtes w Glas! Aber ich laſſe mich morgen früh melden und handle* ſte als Miſſionär unſerer Sprache und Literatur. 4 H Gehn Sie nur im Namen der neun Muſen; wir vr aber werden ſchon drauf fußen! rief Reichardt mit Lachen. ih Luiſe ſchwieg und ſchüttelte nur ſanft mit dem Kopfe. 4 Sie, die nur in beſondern Fällen laut widerſprach, hatte jn zwei verſchiedene Zeichen ihrer Misbilligung: ſie pflegte Dausgeſprochene Geſinnungen und Abſichten, die ihr mis⸗ n fielen, mit Kopfſchütteln zu verwerfen, bloße Anſichten g oder Meinungen aber, die ihrer Ueberzeugung entgegen g waren, mit graziöſem Lächeln abzuweiſen oder fallen n zu laſſen. k Am andern Morgen, als Hermann ſein Aufwarten bei g Salha überdachte, fand er ſich bald durch die Erinnerung 45⁵ an des Generals Benehmen in der Au, ſowie durch Alles, was er von deſſen Unbeholfenheit gehört hatte, gefaßt und über die Aengftlichkeit hinausgehoben, mit der ge⸗ wöhnlich ein junger Menſch von untergeordneter Herkunft den verhängnißvollen Uebergang aus der Studentenkneipe zum Vorzimmer eines hochgeſtellten Mannes unternimmt. Zur ſchicklichen Stunde fand er ſich in der Wohnung des Generals ein und traf das Vorzimmer von Wartenden beſetzt. Der Bediente beſchied auch ihn zu warten, der Herr General nehme ein Bad. Ein nach der Seiten⸗ thüre ſchielender Blick deutete dabei das Badezimmer an, und dieſe Nähe des Mannes ſchien eben den Anweſenden die reſpectvolle Stille aufzulegen, die hier herrſchte. Ein junger Mann von ariſtokratiſchem Ausſehen, ſchlank ge⸗ wachſen und von edeln Zügen, ſtand in der Fenſterniſche, ſtolz auf die Brüſtung gelehnt. Doch mochte dieſe bewußte Haltung mehr nur angenommen ſein, um damit ſeiner verſchämten Befangenheit zu imponiren; denn es ſchien ihm ſehr angenehm, als Hermann grüßend zu ihm trat. Es iſt ja ſehr viel Aufwartung hier! bemerkte unſer junger Freund. Ja, warf der Andere hin, Handwerker, die mit Rech⸗ nungen warten, Supplikanten, die ſich mit Bittſchriften gedulden. Der General war vor kurzem noch Pagen⸗ gouverneur und empfängt Rechnungen; jetzt iſt er Groß⸗ meiſter des Hauſes der Königin und nimmt Suppli⸗ ken an. Er lächelte dabei, als ob er ſagen wollte: Zu beidem gehört ein ſo feiner Mann, wie dieſer Matroſe iſt. Einige mal hörte man die barſche, rauhe Stimme des Badenden, 46 bis endlich die Thür aufging und Salha im bloßen, kur⸗ zen Hemde heraustrat. Er warf einen Blick über die Anweſenden und rief, als er Hermann bemerkte: Ah! Sie, Herr— Dings,— Herr— Tenor, Sprachmeiſter! Kommen Sie mit! Der junge Mann war aus der Fenſterecke vorgetre⸗ ten und übergab unter verlegenen Bücklingen ein Geſuch. Ich habe mich dem Herrn Kriegsminiſter präſentirt, ſagte er in gutem Franzoſiſch, wollte mich aber der Gunſt des Herrn Generals noch beſonders empfohlen haben. Salha maß den jungen Mann über die Schulter, durchlief die franzöſiſch abgefaßte Schrift und fragte hoch⸗ müthig geſtreckt: Baron von Mirbach? Zu Befehl, Herr General! Alte heſſiſche Familie? Wir ſind auch im Hannoverſchen verzweigt, Herr General. Sie haben auch ſtudirt? Wie hierin bemerkt, in Marburg und Göttingen. Ah bah! Alles ſtudirt in Deutſchland! erwiderte Salha wegwerfend. Können alſo Latein? Gewiß, Excellenz! lächelte der junge Baron. Worauf Jener mit ſpöttiſcher Miene verſetzte: So ſagen Sie mir mal auf lateiniſch:„Jetzt ziehh ich meine Hoſen an!“ Der Baron ſchwieg, verletzt und erröthend. Sehen Sie, Herr Baron, daß Sie kein Latein kön⸗ nen! rief Salha mit rohem Lachen. 47 r⸗ Die Umſtehenden, die ein wenig Franzöſiſch verſtan⸗ die den und für ihre verſchiedenen Anliegen etwas im Voraus thun wollten, lachten beifällig mit. Salha, ſehr vergnügt, —r, wendete ſich, nach ſeinem Zimmer ſchreitend, gegen Her⸗ mann und winkte ihm zu folgen. Dieſer, indem er eben e⸗ den jungen Baron unwillig forteilen ſah, murrte, von ch. dem ganzen Auftritt verletzt, in gutſtudentiſcher Auf⸗ rt, wallung ſich vergeſſend, dem glücklicherweiſe ſchon in ſein er Zimmer Getretenen nach: en Erlauben Herr General, daß ich warte, bis Sie die franzoͤſiſche Hoſe angezogen haben. er, Er nahm, von den Umſtehenden mit Staunen an⸗ h⸗ gegafft, den Platz im Fenſter ein und kämpfte ſehr mit ſich ſelbſt, zu bleiben oder zu gehen, wie der Baron. Er empfand die Beſchämung des jungen Mannes lebhaft 6 mit, weniger vielleicht als einen Beweis franzöſiſchen Uebermuthes, als vielmehr aus perſonlicher Theilnahme rr an einem Altersgenoſſen, der gleich ihm den ſauern Weg einer Amtsbewerbung ging. Im rechten Augenblicke be⸗ ſann er ſich noch Reichardt's, um keine Unbeſonnenheit auf fremde Rechnung zu begehen. te Hermann hatte von Natur ein reges und meiſt rich⸗ tiges Gefühl, das ſich aber mehr lebhaft als nachhaltig uf erwies. Auch gerieth ihm nicht ſelten, aus einer Art von Mutterwitz, eine treffende Antwort, und er war dabei ' glücklich genug, wenn ſie etwas vorlaut ausfiel, daß es ihm um des Tones und ſeines guten Geſichts willen meiſt leicht hinging. ⸗ Nicht lange, ſo ward er gerufen. Der General, halb angekleidet, empfing ihn mit Lachen. —— ankleiden half, melde meiner Gemahlin, ich wolle ihr im Iſt der lateiniſche Baron fort? fragte er. Ja wohl, Herr General! antwortete Hermann mit trockener Höflichkeit. Er war ſehr gekränkt. Sie müſſen ihm ein Offizierpatent auf die Wunde legen helfen. Oho! lachte Salha. Ein ſehr geſuchtes Pflaſter, das! Die ganze heſſiſche Ritterſchaft möchte es auf ihre Lap⸗ pen ſtreichen. Aber man muß dieſen ſteifen, eingebildeten Adel kurz halten. Sie wiſſen das nicht, mein Herr! Es ſteckt ein dummer, anſpruchvoller Hochmuth in ihnen, ja ſie ſinnen auf Empörung. Ueberdies hat Se. Maje⸗ ſtät der König ein für alle mal beſchloſſen, Offtzierſtellen nur ſolchen Individuen zu ertheilen, die entweder alle militäriſchen Grade durchlaufen, oder unter Ihren Pagen geſtanden, oder in der Militärſchule ihre Bildung erhalten haben. Der lateiniſche Baron hat nichts von dem allen. Aber er iſt ein hübſcher junger Mann und kann ſich bei den Damen verſuchen. Hier bei Hofe macht man ſein Glück oft weniger durch den Degen, als— durch die Scheide. Ha, ha! Auf Ehre! Ha, ha! Was Sie betrifft, mein Herr, Sie ſprechen das Fran⸗ zöſiſche ſehr gut. Sie haben darin einen Vorzug vor vielen heſſiſchen Baronen. Meine Tochter ſpricht auch ſchon ein wenig deutſch. Der König fragt ſie manchmal: Wie geht's, Mademoiſelle Salha? Und ſie antwortet gleich: Gut, Eure Majeſtät! O ja, Sie bekommen eine talentvolle Schülerin. Aber meine Frau will den Sprach⸗ meiſter erſt ſehen. Verſtehen Sie— ich bin Herr im Hauſe, ich; aber Das betrifft eine Sache der Tochter. Jacot! wendete er ſich an den Bedienten, der ihn ihr Augenblicke den deutſchen Sprachmeiſter bringen, wenn's ihr gefällig wäre. Jacot eilte fort; der General ging ins Nebenzimmer, aus dem er nach einer Weile in voller Uniform, den Hut in der Hand, hervorkam, und Hermann einlud, ihm zu folgen. Unterwegs ſagte er: Sie müſſen ſich vor allem dem Generaldirector der Polizei, Ritter v. Bercagny, präſentiren. Verſtehen Sie, durch ihn will der König die Perſonen kennen, die in den höhern Kreiſen der Geſellſchaft erſcheinen. Es hat weiter keine Bedeutung! Hermann war nicht argwöhniſch, ſonſt würde ihm vielleicht gerade dieſe letzte Verſicherung aufgefallen ſein. Noch weniger konnte er das Mistrauen ahnen, das gerade Reichardt durch ſeine zudringliche Empfehlung auf ihn ge⸗ zogen hatte. Er dachte nur an die Generalin, die nach der Art ſeiner Einführung eine ſtolze, gebieteriſche Dame erwarten ließ. Auch erinnerte er ſich jetzt, daß Luiſe ſie kalt von Charakter, aber tiefblickend und ſchlauer als ſie es merken laſſe, genannt hatte. Der General öffnete ein reich geſchmücktes, mit pariſer Möbeln beſetztes Zimmer. Die Dame ruhte auf einem ſogenannten Pommier, einem Ruhebette mit einer ſanft zurückgebogenen, in einen Schwanenhals verlaufenden Sei⸗ tenlehne, die Füße gegen eine kurze, gerade Seitenwand geſtreckt. Sie war in einem eleganten Hauskleide, die Mütze von Petinet mit kleinem Schleier und Garnirung von Grosgrainband. Als Hermann gegen ſie vorſchritt, machte ſie— vielleicht von ſeiner Geſtalt und Haltung 4 Koenig, Jeröͤme'’s Carneval. I. — 50 betroffen— eine unwillkürliche Bewegung, ſich ein wenig zu erheben, beſann ſich aber ſchnell zu einem kurzen, ſtol⸗ zen Gruße. Ein vornehmes Weſen war ihr nicht durch ihre Herkunft anerzogen: die gewandte Franzöſin hatte es ſich mit ihres Mannes Emporkommen angeeignet, und konnte es daher auch einmal vergeſſen. An der niedern Seitenlehne des Pommier ſitzend, empfing den Eintreten⸗ den die Creolin, Mademoiſelle Le Camus, mit ihren gro⸗ ßen, ſtrahlenden Augen. Sie ſaß in einem einfachen Mor⸗ genbeſuchkleide mit Hut und Fächer. Der General ſtellte Hermann mit wenig Worten vor, erkundigte ſich nach dem Befinden ſeiner Frau, die etwas leidend ausſah, und empfahl ſich mit einem plumpen Handkuſſe, wie Einer, der hinter vorgeſchobenen Geſchäf⸗ ten vor einer ſchon gefaßten Entſcheidung oder vor der Ge⸗ fahr, ſeine Autorität bloßgeſtellt zu ſehen, ſich zurückzieht. Inzwiſchen hatte die Dame ihre Füße zu einer mehr ſitzenden Lage herabgleiten laſſen. Sie winkte dem jungen Mann, auf einem für Beſuch daſtehenden Seſſel Platz zu nehmen, wobei ſie ihn mit ihren ſchlauen Blicken muſterte. Ihre Manieren gaben ſich übrigens bei allem Stolze doch ſehr einfach. Wie ſie unter den gewöhnlichen Fragen nach ſeiner Herkunft, ſeiner Wohnung und ſeinen Abſichten die Blicke bemerkte, die er immer wieder nach der Creolin gehen ließ, ſagte ſie mit feinem Lächeln: Meine kleine Freundin beunruhigt Sie! Ich hab' auch ganz vergeſſen, ſie Ihnen zu nennen— die Schweſter des Grafen Fürſtenſtein, unſere liebe Adele Le Camus!— Aber woher haben Sie Ihr gutes Franzöſiſch, mein Herr? Sie haben das in Caſſel nicht gelernt? ger 51 Sie ſagte dies ſo ſchalkhaft bezüglich, daß Adele laut daruͤber lachte. Nein, nicht in Caſſel, antwortete er. Ich bin aus Halle, einer Stadt, die vordem zu Preußen gehörte. Schon mein Vater liebte dieſe Sprache, und hatte als Erzieher in einem gräflichen Hauſe zu Berlin Gelegenheit, ſie zu üben. Der Graf war Diplomat und ſprach ge⸗ wöhnlich nur franzoſiſch auch in Familie. Die Erzieherin der Tochter war eine junge Schweizerin aus Lauſanne. Mein Vater lernte ſie von Seiten ihres gebildeten Geiſtes und Herzens kennen, ſie ihn; beide faßten Neigung für einander und verbanden ſich, als mein Vater ein Pfarr⸗ amt erhielt, für das Leben. Sie gaben im deutſchen Pfarrhauſe die gewohnte Sprache nicht auf; ſie übten ſie fort und hielten ſich mit der laufenden franzöſiſchen Literatur vertraut. So wuchſen wir Kinder, eine jün⸗ gere Schweſter und ich, in den Klängen und Wendungen dieſer Sprache auf, und ich mußte lernen, auch eigenthüm⸗ lich deutſche Ideen in den fremden Accenten auszudrücken. Die Generalin ließ, freundlich zuhörend, doch auch Adelen nicht unbeobachtet. Das iſt ſchön! Recht intereſſant! nickte ſie. Dieſe Sprache wird Ihnen hier zugute kommen; ſie wird Ihnen forthelfen. Mein Mann, der General, intereſſirt ſich ſehr für Sie. Er wird ſeinen Einfluß für Sie verwenden. Aber, wiſſen Sie, was Sie vor allem thun müſſen? Sie müſſen ſich dem Ritter Legras de Bercagny vorſtellen. Der Herr General hat mich auch ſchon aufmerkſam gemacht, verſetzte Hermann; und ſie ſprach weiter: 4* 52 Nicht weil Bercagny Chef der Polizei iſt; aber er hat das beſondere Vertrauen des Koͤnigs für alles Perſön⸗ liche. Se. Majeſtät lieben es, Jeden, der zu einem Poſten vorgeſchlagen wird, durch Bercagny voraus zu kennen. Gehen Sie alſo bald hin und laſſen— Er weiß auch ſchon von Ihnen, und wird Sie freundlich empfangen. Hermann dankte für die gütige Theilnahme, und die Generalin fuhr fort: Meine Tochter freut ſich ſehr auf Ihre deutſche Lectio⸗ nen. Nicht wahr, Adele? Ein neckiſcher Bezug war aus den begleitenden Mie⸗ nen der Fragenden zu merken. Auch erröthete die Creo⸗ lin, und winkte mit ihrem Fächer der Generalin, zu ſchwei⸗ gen. Hermann bemerkte dies Mienenſpiel; es war aber ſeine Art nicht, mistrauiſch zu ſein und ſo leicht etwas Unverſtändliches auf ſich zu beziehen. Meine Tochter liebt dieſe originelle Sprache, fuhr die Generalin fort, und Graf Fürſtenſtein begünſtigt dieſe Vorliebe. Auch hat Melanie bereits einen Anfang ge⸗ macht, und unterhält ſich zuweilen deutſch mit dem König. Der König fragt ſie, ſo oft er ihr begegnet: Wie geht's, Mademoiſelle Salha? Und ſie antwortet: Gut, Cure Majeſtät! Die Ausſprache fällt ihr nur ſehr ſchwer. Aber ſie wird bei Ihnen gute Fortſchritte machen. Ich werde nun mit dem Grafen Fürſtenſtein das Weitere verabreden. Der Graf intereſſirt ſich für Melaniens Aus⸗ bildung. Ein bedeutſames Lächeln gab dieſen Worten eine wei⸗ tere Beziehung, als die vorſichtige Dame in Beiſein der Schweſter Fürſtenſtein's ausſprechen mochte. Dabei fielen 53 ihre Blicke wieder ſo anzüglich und bedrohlich auf die Creolin, daß dieſe immer unruhiger wurde. Das leiden⸗ ſchaftliche Mädchen war in ſeiner Erregbarkeit wie ein Kind, von jeder Empfindung abwechſelnd beherrſcht. Her⸗ mann hatte keine Ahnung davon, wie nahe es ihn ſelbſt betraf, was die Situation ihm ſo peinigend machte. Adele, die bei der erſten Begegnung im Auparke ein lebhaftes Wohlgefallen an dem jungen Deutſchen gefaßt zu haben ſchien, war nämlich, wie ſchon einige mal, gekommen, um der Generalin vertraulich anzudeuten, der junge Sprach⸗ meiſter ſei von ſo einnehmender Perſönlichkeit, daß Me⸗ lanie ſich gar leicht mehr für ihn intereſſiren dürfte, als es ihrem Bruder bei ſeiner Bewerbung um ihre Zu⸗ neigung angenehm ſein werde. Die Generalin, die ihrer Tochter ſehr wenig reizbares Gemüth beſſer kannte, und wußte, wie ſehr dieſelbe, gleich ihr, einer beſtimmten Erklärung des Grafen entgegenſah, durchblickte leicht die kleine Liſt der unbeſonnenen Adele; und dieſe Anzüglichkeit war es, die aus ihren Blicken und Worten Adelen nicht wenig ängſtigte. Hermann hatte ſich auf die letzte Aeußerung der Ge⸗ neralin erhoben. Wenn er ſich auch zu dem verhandelten Unterrichte nur ungern verſtanden hatte, ſo war ihm doch jetzt, nach dem Aufwand einer ſo umſtändlichen Aufwar⸗ tung bei der etwas brutalen Familie, dieſe Art von Ab⸗ fertigung nicht wenig empfindlich, ſodaß er ziemlich leb⸗ haft erwiderte: Sie haben das ganz zu beſtimmen, Madame,— ob Lectionen und wann Lectionen Ihren häuslichen Verhält⸗ niſſen zuſagen. Hoffentlich behalte ich auch bei andern Geſchäften, die ich zu finden denke, für ſpätern Sprach⸗ unterricht noch Zeit übrig. So wenig ſolcher Unterricht in meinen Abſichten lag, werde ich mich doch ſtets glück⸗ lich ſchätzen, Ihnen zu dienen. O nein, mein Herr, Sie misverſtehen Madamel fiel, ſich ſelbſt vergeſſend, Adele ein. Man will Sie nicht be⸗ leidigen. Im Gegentheil— Sie ſollen die Lectionen einſt⸗ weilen mit mir anfangen. Ich kann noch gar nichts deutſch, bis Melanie— Sie wurde von ſchallendem Lachen der Generalin un⸗ terbrochen, und ſchrak zuſammen. Ihre großen, dunkeln Augen flammten auf, eine höhere Röthe leuchtete aus dem feinen Gewebe ihrer Wangen. Doch die Generalin, ge⸗ gen Hermann gewendet, fuhr lächelnd fort: Wahrhaftig, mein Herr, Sie glauben nicht, was un⸗ ſere liebe, kluge Adele für ein excellentes Herz hat! Ma foi, ſie wäre im Stande, ſich mit dieſem Herzen in eine Gefahr zu ſtürzen, von der ſie Andere mit der naioſten Schlauheit abhält. Adele, die ſich ſo in ihrer tiefſten Empfindung durch⸗ ſchaut, und in ihrer kleinen Liſt verlacht, ja verrathen ſah, war einen Augenblick wie vernichtet. Dann ſtand ſie raſch auf, ſchlug ihren Fächer zuſammen und eilte ohne Adieu der Thüre zu. Mademoiſelle, ein Wort! rief gebieteriſch die Genera⸗ lin. Und als das Mädchen ſtehen blieb, ſagte ſie artig zu Hermann:— Bitte, mein Herr, begleiten Sie das liebe Kind durch die Gefahren des Corridors und der Treppe! Adieu, auf Wiederſehen! — 1———r un⸗ kkeln dem ge⸗ 5⁵ Hermann verneigte ſich und ging. Adele, mit der Bewegung vergnügten Trotzes gegen die ſpöttiſche Frau, ergriff ſeinen Arm und blickte triumphirend zurück. Die Generalin rief mit Strenge: Die Lectionen werden aber nicht angefangen, Made⸗ moiſelle Le Camus! Ich erwarte keine Unklugheit von Ihnen! Hermann wußte nicht, wie er als ein aus dem Steg— reife galanter, ja zur Galanterie gepreßter Menſch, mit der anmuthigſten Geſtalt eines creoliſchen Mädchens am Arm, über den Corridor einer ſo vornehmen Wohnung gekommen war, als Adele auf dem Abſatz der Stiege ſtehen blieb und ihm ihren Arm entzog. Nicht wahr, fragte ſie geſenkten Blicks, Sie glauben nicht, was Madame von mir geſagt hat? Daß Sie, Mademoiſelle, ein excellentes Herz hätten? Ach nein! Sie haben's nicht verſtanden! jubelte ſie mit dem vollen Aufſchlag ihrer ſtrahlenden Augen. Aber es iſt eine böſe Frau. Und, wiſſen Sie, ich will doch deutſch lernen. Auch mein Bruder will's. Ich wohne bei ihm; wollen Sie zu uns kommen? Sie müſſen ſich ihm vorſtellen; er iſt Miniſter und wird wegen meiner Stun⸗ den mit Ihnen verabreden. Hermann verneigte ſich verlegen. Sie hatte in be⸗ fangener Aufregung und mit ihrer natürlichen Lebhaftig⸗ keit ihren rechten Handſchuh ausgezogen und ſpielend um den Fächer auf- und abgewickelt. Jetzt reichte ſie, ſein Verſprechen zu empfangen, das entblößte Händchen hin, das wie Wachs ausſah und wie Sammet ſich anfühlte, ſodaß es Hermann wunderbar überſchauerte, als er es gedankenvoll erfaßte. Er wußte in ſeiner erſten Verwir⸗ rung nicht, wozu es gegeben war, und noch weniger, was er damit anfangen ſollte. In Gedanken rollte er mit bebenden Fingern die zarte Fläche zu einer niedlichen Walze zuſammen, ſpielend, als ob er das warme Wachs zu etwas Anderm umkneten wollte. Sie lächelte zu ihm auf, und er beſann ſich jetzt, wie er von ſeiner Mutter gewöhnt worden war, bei empfangenen Geſchenken die Hand artig zu küſſen. So machte er es auch jetzt, nur ein wenig ungeſchickt, und Adele zuckte die Hand von den heißen Lippen ab. Ich habe alſo Ihr Wort, und Sie dürfen's nicht ver⸗ geſſen! ſagte ſie, wobei ſie den Zerſtreuten mit dem Hand⸗ ſchuh auf ſeine Rechte ſchlug. Er war nun durch ſeine gelungene Artigkeit ſchon ſo kühn geworden, das zarte Ledergebild an den Fingern zu erhaſchen. Sie hielt es an der Oeffnung feſt und zog an ſich; er zog zurück. Unter ſolchem Hin⸗ und Herwiegen kam er dazu, ſie lächelnd anzuſehen. Das Licht des Treppenfenſters fiel auf die unbeſchreiblich zarte und doch reizende Geſtalt, auf die feine bräunliche Geſichtsfarbe, an den Wangen durch⸗ webt von dem duftigen Roth, das die Luft der Antillen anhaucht. Dies lebendige Spiel der Züge, dieſe durch⸗ ſchimmernde Glut des Naturells ward ihm erſt in ſol⸗ cher Nähe recht bemerklich. Unter den wunderbaren Re⸗ gungen, die er empfand, flüſterte ſie: Mein Bruder liebt die Deutſchen, und ich— o ich liebe meinen Bruder ſehr, und Alles was er ſelbſt ſchätzt. Aber, mein ſchönes Kind, ſtotterte Hermann, die Dame — ———,——. es wir⸗ ger, er ichen achs ihm atter die 57 rief Ihnen doch nach:„Keine Lectionen, Mademoiſelle Le Camus!“ Und doch Lectionen, mein unartiger Herr! erwiderte ſie. Was, Mademoiſelle Le Camus! Ma foi, c'est elle qui restera camuse! Bei dem unbeſchreiblich ſchalkhaften Lächeln, als ob ſie es verbergen wollte, lehnte ſich die Kleine gegen ihn, und er war eben im Begriff, den Handſchuh fahren zu laſſen und ſich des unwiderſtehlichen Geſchöpfs mit beiden Ar⸗ men zu bemächtigen, als auf dem obern Gang eine Thür aufging und Adele zurückfuhr. Darüber behielt Hermann das Handſchuhchen in ſeinen Händen und ſtürzte in größ⸗ ter Verwirrung fort. Der ganze Treppenabſatz hatte übrigens in raſchem Halbflüſtern kaum drei Minuten gedauert. Fünftes Capitel. Eine alte Trauer. Die Ordonnanz, die mit einer ledernen Schriftentaſche in der Hausthür ſtand, ſah den Forteilenden verwundert an, mochte wol aber daran gewöhnt ſein, verwirrt aus⸗ ſehende junge Männer von dem barſchen General kommen zu ſehen, ſodaß es ihr nicht beikam, Hermann mit dem Damen⸗ handſchuh etwa als einen verſcheuchten Hausdieb anzuhalten. Auf der belebten Straße eilte der Glückliche in ſeiner 8 1 aufgeregten Gedankenloſigkeit weiter, bis er auf der Treppe zu Reichardt's Wohnung, betroffen über ſich ſelbſt, ſtehen blieb. Jetzt beſann er ſich, daß er ſchon im Zimmer der Generalin den Vorſatz gefaßt hatte, ihren und des Gene— rals Rath wegen einer Aufwartung bei dem Polizeimini⸗ ſter nicht ohne Reichardt's Vorwiſſen zu befolgen, und daß dieſe Abſicht ihn wahrſcheinlich des Wegs getrieben hatte. Lächelnd ſteckte er den wohlriechenden kleinen Hand⸗ ſchuh zwiſchen Weſte und Hemdkrauſe ein, und da dies mit der rechten Hand geſchah, ſo fügte es ſich von ſelbſt, daß der ſüße Raub auf das pochende Herz zu liegen kam, es vor den Freunden zu beſchwichtigen. Er ward nach Luiſens Zimmer gewieſen, da die Ael⸗ tern auf Ehrenbeſuchen aus waren. In ſeiner Verwir⸗ rung bemerkte er nicht gleich, daß er eigentlich etwas un⸗ gelegen kam. Luiſe ſah feierlich aus und ſchien geweint zu haben. Sie ſaß in einem Lehnſtuhle vor einem auf⸗ geſchlagenen, nicht gedruckten, ſondern von ſorgfältiger Hand beſchriebenen Buche in himmelblauem Saffianein⸗ bande. Dahinter, gegen eine Blumenvaſe gelehnt, ſtand ein kleines Bild im Schattenriß, über welches ſie bei Her⸗ mann's Eintritt ihr Taſchentuch geworfen hatte. Eine Näharbeit war beiſeite gelegt. Sie wies dem grüßenden Freund einen Stuhl an, und fragte mit angenommener Heiterkeit: Nun, was iſt denn geſchehen? Sie ſehen ja wie der Gott des Sturmwindes aus! Nichts, liebe Luiſe! antwortete er. Das heißt— ich will ſagen, mit dem deutſchen Unterricht iſt es nichts. Ich komme eben von Generals. —& 2 S Wirklich? erwiderte ſie. Wiſſen Sie, daß mir das lieb iſt? Recht lieb! O mir auch! Sehr recht! warf er zerſtreut hin. Ich bin ordentlich erleichtert! Wahrhaftig! Beſonders da auch Sie Manches dagegen haben. Sie ſehen mir nicht gerade darnach aus, lieber Freund, als ob Sie ſo ganz zufrieden damit wären, lächelte ſie, indem ſie ihn ſchärfer betrachtete. Beruhigen Sie ſich aber! Wer einen Weg durch die Welt ſucht, muß bei Zeiten darauf gefaßt ſein, auch einmal fehl— ja irre zu gehen. Und Sie ſind ja noch jung genug, um ſich auch bei einem oder dem andern Abweis für Ihr Glück nicht zu verſpäten. Meinem Vater müſſen Sie aber offen mit⸗ theilen, was Ihnen Verletzendes widerfahren iſt. Verletzendes? fiel er verwundert ein. Ich wüßte nicht— nein, im Gegentheil—! Er ſchwieg über dem Gedanken an das mit der Creo⸗ lin Vorgefallene, deſſen er um keinen Preis gegen Luiſen hätte erwähnen mögen. Im Gegentheil? erwiderte ſie. Das hieße— Ange⸗ nehmes? Nun ja, ich kann mir denken, daß man Sie auf artige Weiſe ablehnen wird, wenn einmal— Aber, guter Freund, daß etwas Schmeichelhaftes von Franzoſen, von dieſen Franzoſen Sie ſo aufregen koͤnnte, das hätte ich mir nicht gedacht. Sie ſind jünger, als ich glaubte. Er erröthete, beſann ſich aber ſchnell des Auftrittes im Vorzimmer des Generals und erzählte denſelben ſo, daß Luiſe darin den Grund ſeiner Aufgeregtheit finden mochte. Ja! rief ſie aus, da haben Sie ein Pröbchen 60 von der Brutalität und dem Uebermuthe dieſer Fremdlinge! Aber iſt ſolche Behandlung nicht die verdiente Folge unſe⸗ rer Uneinigkeit und Unterwürfigkeit? Da haben Sie die Söhne unſers Adels, der ſich ſtets allein die Tugenden des Muthes und der Vaterlandsliebe angemaßt hat. Und nachdem ſie in unſerm Preußen ſchändlich geflohen ſind, und die Feſtungen des Landes ſchmachvoll überliefert ha⸗ ben, betteln ſie bei dem übermüthigen Feind um Degen⸗ quaſten. Sitzt doch dieſer alte Schulenburg⸗Kehnert auch im weſtfäliſchen Staatsrathe— er, der als Miniſter⸗ General Berlin ſo ſchmählich verließ und— Unterwer— fung die erſte Adelspflicht ſein läßt! Und wie werfen ſich erſt dieſe deutſchen Frauen weg! Pfui der Schmach! O dieſe Auflöſung aller Charaktere, alles Gefühls ſittlicher Würde iſt wie ein gelbes Fieber, eine aus Fäulniß ent⸗ ſtandene Peſt, die in Deutſchland wüthet. Könnte ich mich doch in die ſtille Einſamkeit unſers Giebichenſtein retten und verbergen, in jenes Paradies verlorener Ju⸗ gendhoffnungen! Ihre innere Bewegung zu verbergen, ſchloß ſie das vor ihr liegende Buch und wollte es in ſeine Kapſel ver— wahren. Hermann fragte, was es für ein Werk ſei. Kleine Gedichte, ſagte ſie, und Ueberſetzungen ver⸗ ſchiedener Oden des Horaz. Von wem, Luiſe? Sie ſtand auf und trat ans Fenſter, ſich zu faſſen, ehe ſie den Namen nennen konnte. Endlich ſagte ſie ſehr leiſe: Hat Ihnen mein Schwager Steffens nichts vom jun⸗ gen Eſchen mitgetheilt? Oder wiſſen Sie ſonſt von ihm? 61 Nein! antwortete er. Ich weiß nur, daß dieſer viel verſprechende junge Poet zu früh für ſein Talent geſtor⸗ ben iſt. Beſinne ich mich recht, ſo lebte er in der Schweiz Ich kenne nichts von ihm, und— ich glaube auch, es iſt ſchon Jahre her? Luiſe trat an ihre Commode, ein friſches Sacktuch herauszunehmen, das ſie verſtohlen an die Augen drückte. Dann öffnete ſie wieder das Buch, ſuchte eine Seite auf und deutete in den ſchöngeſchriebenen Versſtrophen eine Stelle an, die ſie dem Freund hinreichte. Hermann er⸗ kannte die Ode des Horaz an Manlius Torquatus und las laut die angeſtrichenen Worte: Sankſt du einmal hinab und ward ein glänzendes Urtheil Schon dir von Minos gefällt: Führt nicht Geſchlecht, o Torquatus, Beredtſamkeit nicht und biedere Seele zu uns dich zurück. Die Worte,„o Torquatus“, waren leicht durchſtrichen, und von weiblicher Hand mit„o mein Eſchen“ über⸗ ſchrieben. Luiſe war von den ihr ſo bekannten Worten, indem ihr dieſelben aus fremdem Mund ertönten, heftig erſchüt⸗ tert, ſodaß ſie das Zimmer verließ. In Ueberlegung, ob er gehen oder ſie zurückerwarten ſollte, und was es mit ihrer Stimmung für eine Be⸗ wandtniß haben moͤchte, durchblätterte Hermann ziemlich zerſtreut das ſo ausgezeichnete Buch und fand hinter dem Titel eine zärtliche Widmung an Luiſen aus⸗ Bern, vom 20. Mai 1800 datirt, und mit dem Namen F. A. Eſchen unterzeichnet. Es war alſo heute der achte Jahrestag je⸗ ner Niederſchrift. Nachdenklich über dies myſteriöſe Ver⸗ hältniß und durch Luiſens Empfindſamkeit faſt ein wenig verſtimmt, ſchloß er das Buch und wollte ſich entfernen, als ſie zurückkehrend ihm an der Thür begegnete, gefaßt, ja gehoben. Sie wollen gehen? ſagte ſie mit ihrer milden Freund⸗ lichkeit, und— ich darf Sie auch nicht zurückhalten. Ich feiere heut' Erinnerungen der Einſamkeit. Ein andermal ſage ich Ihnen, was mich bei jenen Verſen ſo bewegt hat und worauf ſie ſich beziehen. Der lateiniſche Aus⸗ druck ſoll in der Ueberſetzung nicht erreicht ſein, ſagte man mir. Verſuchen Sie ſich einmal daran, und— kommen recht bald wieder. Schon dieſen Abend würden Sie mich anders gefunden haben. Hermann bat um Verzeihung, daß er die Stunde ge⸗ ſtört habe; er ſei nur gekommen, in einer dringenden An⸗ gelegenheit ihre Entſcheidung zu holen. Und—? fragte ſie mit all' ihrer beſonnenen Theil⸗ nahme. Worauf er der Treppe zuwandelnd fortfuhr: Beide, Salha und ſeine Frau, legten mir ſehr nahe, mich dem oberſten Polizeimenſchen Bercagny zu präſenti⸗ ren. Nur durch ihn könnte ich— St! unterbrach ſie den Lautredenden, und fluſterte ihm über das Treppengeländer zu: Ja, lieber Freund, das müſſen Sie nun durchaus; das ſcheint mir— abgekartet. Er erwartet mich auch ſchon, wie mir die Generalin ſagte, ſetzte Hermann hinzu. Um ſo eher; aber— dann auch um ſo vorſichtiger, *△ +„—————.— 63 lieber Hermann! Ich begreife nun, daß man Sie abgewie— ſen hat; man mistraut Ihnen. Mein Vater iſt ein wenig zu raſch mit ſeiner Empfehlung geweſen. Laſſen Sie ſich das nicht anfechten! Geben Sie ſich unbefangen, aber— vorſichtil! Gehen Sie auf nichts ein, was Ihnen nicht klar und ehrlich ſcheinen ſollte. Behalten Sie ſich dann Ueberlegung vor. Gehen Sie hin, und Gott mit Ihnen! Aber— noch Eins! Von meinem Vater dürfen Sie gar nichts wiſſen, als daß wir über Alltäglichkeiten plaudern, daß wir zuſammen leſen, muſiciren u. dergl. Weiter nichts! ja nichts! Mit dieſem geſteigerten Worte verſchwand ſie in ihr Zimmer. Welch' andere Empfindungen, als aus der Wohnung der Generalin, begleiteten Hermann aus dieſem Hauſe! Das Geheimniß der Trauer, worin er Luiſen gefunden, wollte ihm nicht aus den Gedanken kommen. Selbſt der kleine ſüße Handſchuh, der ihm auf ſeiner Stube aus der geöffneten Weſte entgegenduftete, ſtoͤrte ihn nur die weni⸗ gen Augenblicke, bis er ihn unter ſeine Wäſche verſteckt hatte und hinab zum Mittagstiſche ging. Von da zu⸗ rückgekehrt, ſuchte er ſeinen Horaz hervor und ſchlenderte nach der Au, wo er im Schatten einer Baumgruppe am großen Teiche die ihm ſo liebe Ode: Diffugere nives, mit neuem Intereſſe las. Er fand auch, daß die ihm von Luiſen bezeichnete Stelle in Eſchen's Ueberſetzung hinter dem Original ſehr zurückblieb, und beſchäftigte ſich damit, einen treffendern deutſchen Ausdruck zu finden, um durch dieſen Beweis von Theilnahme Luiſen gelegentlich zur Mit⸗ 64 theilung über das für ſie ſo wehmüthige Geheimniß zu veranlaſſen. Er machte ſich nicht klar darüber, daß dies räthſelhafte Verhältniß mit einem längſt dahingegangenen Poeten ihm doch mit einer gewiſſen Eiferſucht im Ge⸗ müthe lag. Reichardt's Aeußerung, ſeine Luiſe habe Schick⸗ ſale gehabt, und der Eindruck ſeines Geſangs in der Au fielen ihm wieder bei. Der Ueberſetzungsverſuch nahm ihn ſo ſehr ein, daß ihn ſelbſt bei ſeiner Rückkehr die Nach⸗ richt des beſorgten Wirthes, Herr von Bercagny habe ihm auf morgen früh eine Anmeldeſtunde beſtimmt, ſo wenig zerſtreute, daß er noch am Abende ſeine Uebertragung zu Papier brachte. Sie lautete: Sankſt du einmal hinab, und ward ein glänzendes Urtheil Schon dir von Minos gefällt: Bringt kein Geſchlecht, o Torquatus, kein Flehen und keine fromme Treue zu uns dich zurück! Sechstes Capitel. Der Spion wider Willen. Als am andern Morgen Hermann im Vorzimmer des Generalpolizeidirectors erſchien und dem Bedienten ſeinen Namen nannte, redete ihn ein Mann, der eben ner ten den 65 mit Schriften aus den innern Zimmern kam, in deutſcher Sprache an, indem er ſagte: Herr Ritter von Bercagny iſt mit einer wichtigen Depeſche an Se. Majeſtät den König beſchäftigt. Ich will Sie lieber ſelber melden und fragen, ob er Sie jetzt an⸗ nehmen kann. Sie ſind ja doch einmal da! Hermann, von dieſer Zuvorkommenheit überraſcht, er⸗ kundigte ſich bei dem Bedienten nach dieſem artigen Be⸗ amten und erfuhr, daß es der Generalſecretär der hohen Polizei, Herr Savagner, ein Elſaſſer ſei, und beide Spra⸗ chen mit gleicher Gewandtheit ſpreche. Er war klein, ath⸗ letiſch gebaut und von dem blühenden Ausſehen der kraft⸗ vollſten Jahre. Dieſer Mann, ſo gefällig gegen Hermann, war in— zwiſchen ebenſo dienſtbeeifert bei ſeinem Chef mit den Worten eingetreten: Der junge Mann aus Halle, nach dem Sie geſtern ſich bei mir erkundigten, Herr Ritter, iſt im Vorzimmer. Iſt er? erwiderte Bercagny. Nun ja! Ich habe ihn vorladen laſſen. Er iſt dem General Salha und dem Grafen Fürſtenſtein von dieſem verdächtigen Kapellmeiſter Reichardt faſt aufgedrungen worden. Sie, Savagner, wußten mir nichts von ihm zu ſagen, hatten ihn noch nicht einmal auf Ihrer Liſte; ich muß ihn nun ſelber ſprechen, wenn ich ihn auch ein andermal lieber gehabt hätte, als im Augenblick. Ich vermuthe nämlich einen der preußi⸗ ſchen Zwiſchenträger hinter ihm, den dieſer fatale Kapell⸗ meiſter gegen uns in Noten zu ſetzen denkt. Aber— der Menſch denkt, die Polizei lenkt. Wie ſieht der Bur⸗ ſche aus, wie finden Sie ihn? A. 2 5 Koenig, Jeröͤme's Carneval. I. 9 8* Ein ſehr hübſcher junger Mann, antwortete Savagner; gut gewachſen und von einnehmendem Blick,— ganz ge⸗ macht, die Tugend unſerer Damen zu prüfen; doch nach preußiſchem Tugendbunde ſieht er mir nicht aus, voraus⸗ geſetzt, daß Bart unterm Kinn wirklich ein Abzeichen der Mitglieder dieſer Verſchwörung iſt. Ei was! Albernheit! fiel Bercagny ein. eine ganz übliche Tracht, ſolche Ziegenbärte. Das iſt ja Es wäre mir viel werth, könnte ich dem Kaiſer zuerſt etwas Ge⸗ naues über die Sache berichten. Unſer Geſandter in Berlin, Baron Linden, dieſe beeiferte Spürnaſe, hat doch auch die eigentliche Trüffel noch nicht gefunden. Nun, ſchicken Sie den Burſchen herein! Im Weggehen ſagte Savagner: Ich, Herr Ritter, würde ihn lieber für einen Träu⸗ mer, für einen Ideologen nehmen. Er hat etwas Schwär⸗ meriſches im Blick. Deſto beſſer! rief ihm Bercagny nach. Wollen ſehen, was wir mit ihm anfangen. Im Vorzimmer ſagte Savagner ungemein höflich: Herr von Bercagny will Sie doch ſehen. Sie müſſen ſehr gut empfohlen ſein. Von unſerm genialen Kapell⸗ meiſter? X la bonne heure!—— X propos! Wenn Sie vielleicht von einer neuen Tondichtung deſſelben wiſſen: halten Sie damit gegen den Herrn Generaldirector nicht zurück; er iſt Kenner und großer Freund der Reichardt'“⸗ ſchen Melodien. Adieu! Wollen Sie nur durch das nächſte Zimmer hindurchgehen! Dies Empfangzimmer und das folgende Arbeitszimmer waren ſo reich und geſchmackvoll wie bei Salha einge⸗ 67 richtet, trugen aber mehr das Ausſehen nach einem auf Künſte und Kenntniſſe gerichteten Manne. Wenigſtens lagen Zeitungen, Zeichnungen, Landkarten und Flugſchrif⸗ ten umher; Modelle, Inſtrumente, Antiken in Nachbildun⸗ gen ſtanden theils zum Schmuck, theils zur Prüfung auf Tiſchen und Simſen. Hermann faßte einen hohen Begriff von dem Geſchäftsmanne und ſuchte ſich recht zuſammen zu nehmen. Legras empfing ihn vornehm artig,— ein ſchöner Mann über mittleres Alter. Dies war ſein Familien⸗ name, zu dem er noch den Namen ſeiner reichen Frau, einer geborenen von Bercagny, angenommen hatte. Er ſprach nur franzöſiſch, aber gewählt und— wenn er ſich geltend machen wollte— mit einem leiſen Hauche von Salbung, die er mit aus dem Klboſter gebracht haben mochte. Er verrieth Verſtand und Kenntniſſe. Ihre dem Bureau vorgelegten Papiere bezeichnen Sie als Studioſen und Doctor der Philoſophie, redete er ihn an. Ich habe deshalb gewünſcht, Sie perſönlich zu ken⸗ nen; zumal Sie des Franzöſiſchen mächtig ſein ſollen. Solche Leute thun uns noth, wo wir jetzt ſo Vieles in dem neuen Königreiche zu ſchaffen haben,— in dieſem Royaume de deux nations, möͤſcht' ich ſagen, wie man ein Dictiommaire de deux nations hat. Ueberdies in⸗ tereſſirt mich ſehr die deutſche Wiſſenſchaft, zu der mir leider! der Schlüſſel der Sprache abgeht. Er fragte ſodann nach den Studien und Abſichten Hermann's, nach dem Leben der deutſchen Studenten, nach den Namen einflußreicher Profeſſoren, nach den Tendenzen der Burſchenſchaften und dergleichen, raſch, lebhaft, hin⸗ 5* und herſpringend, ſodaß ein junger Mann, wenn er nicht ganz gewandt und verſchlagen war, ſich in den Anſichten, mein ſchwer zu lernen und für uns faſt nicht möglich zu ſprechen iſt. Sehen Sie, dieſe Sprache hat bis jetzt die 36 deutſche Nation in Europa vereinzelt und zurückgehalten. Daß nun unſere Sprache ſich ihr aufnöthigt, iſt ein Ge⸗ der Denkart und Geſinnung leicht verrathen mußte. Ein 3 ſo geübter Blick für die Menſchen, wie Bercagny beſaß, 3 entdeckte denn auch ſehr bald Hermann's ſchwache Seite, 3 ſeinen Mangel an Weltkenntniß, ſeine ſchwärmeriſche, idea⸗ 1 liſtiſche Richtung. Bercagny überlegte, wie er es am beſten 1 angreifen könnte, um einen ſo unbefangenen Ideologen,— der ganz gewiß kein preußiſcher Zwiſchenträger ſei, als 1 weſtfäliſchen Spion zu brauchen. Er hatte ſich bis jetzt J vergebens nach einem für literariſche Spionerie brauch⸗ ſe baren Menſchen umgeſehen. A Ich muß Ihre Einſichten, Ihre Urtheile mit Achtung 4 anerkennen, mein Herr! ſagte er. Solche junge Männer 3 fehlen uns in Caſſel. Ich überzeuge mich jeden Tag mehr, daß die deutſche Literatur einen unermeßlichen Stoff dar⸗. bietet, dem nur geſchickte Baumeiſter fehlen, um daraus 1 ein erſtaunliches Denkmal nationaler Bildung zu ſchaffen— monumentum aere perennius, wie es Horaz nennt. Die ni Begründung eines franzöſiſchen Hofes inmitten Deutſch⸗ el lands verſpricht daher die ſchönſten Gewinnſte für Ihre b Literatur; zum deutſchen Gedankenſtoffe bringen wir Fran⸗ 3 zoſen die Anordnung, die Durchſichtigkeit, die Anwendbar⸗ 5 keit. Beide Literaturen würden ſich viel raſcher genähert fu und durchdrungen haben, wenn uns nicht die Kenntniß Ihrer Sprache gefehlt hätte, einer Sprache, die ſo unge⸗ 3 69 winn für die Literatur und Bildung in Deutſchland. Ein großer König, Friedrich von Preußen, hat einſt die Fran⸗ zoſen ſein Schwert fühlen laſſen; aber er las nur franzöſi⸗ ſche Bücher, er huldigte unſern Geiſtern. Jetzt haben wir Deutſchland beſiegt, aber wir werden die deutſche Literatur anerkennen. Nur, mein Herr, bedarf es einer Vermitte⸗ lung! Wir ſuchen eben Männer, die ein ſo großes Werk zur Hand nehmen können,— Männer, wie Herr Villiers in Göttingen iſt. O Sie kennen gewiß ſeine Arbeiten! Mein König will ſolche Vermittelung; er ſteht ſie für eine ſelbſt über die Grenzen ſeines Reiches hinaus reichende Aufgabe an, und unſer Budget hat Mittel, ſie zu fördern. Ich ſelbſt habe die Pflicht, dieſen Intentionen meines Sou⸗ verains zu dienen. Nun, was ſagen Sie dazu, mein junger und gelehrter Doctor? Sehen Sie, wie zur rech⸗ ten Zeit Sie hierhergekommen ſind, nach Caſſel, und welch' eine ſchoͤne Laufbahn Ihnen winkt? Solche Meinungen und Anſichten waren für Hermann nicht gerade neu und überraſchend. Sie waren in jener elenden Zeit ſehr im Schwung, und gingen theils von gefälligen Gelehrten und unterwürfigen Politikern aus, theils waren es Träume, in denen trauernde, reſignirende Herzen, die an eine beſte Welt glaubten, Troſt und Zu⸗ flucht ſuchten. Hermann ſelbſt war noch nicht über jene glückliche Jugend hinaus, in der ein ſchwungvolles Herz mit jedem glänzenden Gedanken ausſchwärmt, ohne zu fra⸗ gen, wo er ausgebrütet worden, und mit welchem Futter er ſich unterhalten will. Nur von dem Franzoſen kamen ihm ſolche Aeußerungen überraſchend. Indem er ſie aber als ein Anerkenntniß deutſcher Denkweiſe und Verdienſte — ᷣ--— 70 hinnahm, faßte er ſchnell eine vertrauensvolle Meinung von dem vorher nicht wenig gefürchteten Manne, und er⸗ widerte mit Lebhaftigkeit und ſogar mit Wärme: Mein Herr Director, ich bin höchſt erfreut über die hohen Abſichten der weſtfäliſchen Regierung und die er⸗ habene Geſinnung des Koͤnigs. Unſere deutſchen Fürſten haben uns durch beſondere Gunſt für Sprache und Lite⸗ ratur der Nation nicht verwöhnt. Wenn Friedrich der Große ſich berühmte, niemals ein deutſches Buch geleſen zu haben, ſo hat er vielleicht bei den Franzoſen unſere Literatur in Miscredit geſetzt, ſie aber nicht abgeſchreckt, groß und mächtig zu werden. Kein despotiſcher Hof ei⸗ nes Ludwig XIV. hat ſie zur Hofmäßigkeit erzogen und ihren Stil zu einer Uniform gebildet; dafür aber paßt der ſchöne Ausdruck Ihrer Sprache: la Republique de lettres, auf keine Literatur beſſer, als für die unſerige. Uebrigens können allerdings beide Literaturen durch wech⸗ ſelſeitige Annäherung nur gewinnen. Wenn unſerer Lite⸗ ratur etwas mehr Form nöthig thut, ſo könnte der fran⸗ zöſiſchen mehr Tiefe und Gehalt nicht ſchaden. Beide große Nationen, die das ſchimmernde Band des Rheinſtroms verknüpft, ſind reif und berufen, einander zu verſtehen und zu ergänzen. Daß beide, wie Sie erwähnten, ſich mit dem Schwert in der Fauſt getroffen haben, darf uns nicht irre machen. In dieſer Feindſeligkeit liegt eine ver⸗ borgene Liebe, die durch Kampf zur Erkenntniß kommt. An dieſem letzten Gedanken hätte ein Anderer einen Schüler des Profeſſors Steffens erkennen können; auf Bercagny ſchien er einen komiſchen Eindruck zu machen; denn Hermann ſprach fortfahrend: ng er⸗ die er⸗ ten ite⸗ der ſen ſere eckt, ei⸗ und daßt de ige. ech⸗ eite⸗ an⸗ oße oms chen ſich uns ver⸗ umt. inen auf hen; 714 Lächeln Sie nicht, mein Herr Ritter! Fängt die hef⸗ tigſte Liebe, jene der Geſchlechter, nicht damit an, daß Knabe und Mädchen ſich raufen? Oder hätten Sie noch nicht beobachtet, daß die Schale mancher Früchte ſich in dem Maße verbittert, als ihr verſchloſſener Kern reift? Ein erhabener Kaiſer, unſer Karl der Große, den die Franzoſen ihren Charlemagne nennen, herrſchte in der That ſchon über beide Nationen, wie Sie wiſſen. Er hatte ſchon die Vorahnung eines großen Reiches zweier Nationen, das ein Jahrtauſend ſpäter durch Napoleon zu Stande kommen dürfte. Ich könnte mir denken, Napo⸗ leon habe mit großer Abſicht dies gemiſchte Königreich Weſt⸗ falen als den Herd weſelſeitigen Verſtändniſſes geſchaffen. Wie tief Sie die Saͤche auffaſſen! Wie gründlich Sie zu Werke gehen! rief Bercagny, dem jeder Andere, als Hermann, die innere Ungeduld angeſehen hätte. Das Verhältniß beider Völker zu einander liegt auch gar tief, fuhr der junge Docent fort. Und nicht blos hiſtoriſch, auch metaphyſiſch, moͤcht' ich ſagen,— im inner⸗ ſten Weſen beider. Franzoſen und Deutſche verhalten ſich zu einander wie Muth und Gemüth. Wenn Sie unſere Sprache kennten, Herr von Bercagny, würden Sie ſich freuen, wie bedeutſam im Deutſchen beide Worte aus ei⸗ ner und derſelben Wurzel treiben,— bedeutſam auf die Tugenden und Fehler beider Nationen. Es iſt zum Erſtaunen, was man in Deutſchland nicht Alles vernimmt! rief Bercagny mit ironiſchem Lächeln. Ich beklage ſehr, daß ſoviel leidige Geſchäfte mich abhal⸗ ten, Sie öfter und länger bei mir zu ſehen. Aber Sie dürfen dem Katheder in Göttingen nicht verloren gehen. Rechnen Sie auf meine Empfehlung beim König! Bis dahin aber ſollten Sie angemeſſen und— lohnend be⸗ ſchäftigt ſein. Doch Hermann, wie er einmal angeregt war und ſich fühlte, unterbrach ihn, indem er ſagte: Nur Eines noch laſſen Sie mich hinzufügen,— daß mir nämlich gerade unſer Weſtfalen als das ſchlagende Herz des neuen Völkerkörpers erſcheint. Es liegt auf deutſcher Seite, aber es pulſirt von franzöſiſcher Adminiſtration. X la bonne heurel fiel der Polizeichef ein. Auf die⸗ ſem Grund und Boden bin ich ſchon ein wenig mehr zu Hauſe. Wiſſen Sie aber, mein vortrefflicher junger Doctor, daß Sie mir durch Ihre geiſtreichen Geſichtspunkte die Be⸗ fehle meines Königs verflucht ſchwer machen? Ja, Sie! Ich ſoll die deutſche Literatur überwachen— Verzeihung! Ich drücke mich falſch aus: ich ſoll darauf achten, wie die Literatur mit der Politik— des Volksglückes harmonire. Auch der Kaiſer Napoleon ſieht ein, daß die deutſchen Gedanken diesſeit des Rheins eine Macht ſind, mit denen die franzöſiſchen Waffen in gutem Einverſtändniß ſtehen müſſen. Kennen Sie das erhabene Wort des Kaiſers? „Denkfreiheit iſt die Eroberung des Jahrhunderts“, ſagt er,„und ich will Preßfreiheit in meinen Staaten haben; aber ich will wiſſen, was für Gedanken und Ideen in den Köpfen umgehen.“ Ei nun! lächelte Hermann. Das„Aber“ iſt leicht: der Kaiſer ſoll nur eben die Preſſe gewähren laſſen, und er wird's erfahren, was in den Köpfen umgeht. Bercagny, einen Augenblick betroffen, verſetzte dann deſto lebhafter: ker cag mi kei ten nn Sehr richtig bemerkt! Wenden Sie nur die Sätze um! Der Kaiſer will die Gedanken kennen und zu dem Ende Preßfreiheit. Aber, Sie ſehen ein, er ſelbſt kann dieſe Gedanken doch nur erfahren durch Jene, die der Be⸗ wegung der Preſſe folgen. Sie, mein Herr, müſſen mir in dieſer Aufgabe beiſtehen. Endlich find' ich doch ein Talent, wie ich es lange vergebens geſucht. Ja, mein Herr! Sie gehen ganz in meine Ideen ein, nur mit Kräf⸗ ten, die mir abgehen. Sie ſind ſehr gütig, verſetzte Hermann; aber ich ver⸗ ſtehe nicht, was Sie verlangen. Sie ſollen mir Ueberſichten über den Gang der deut⸗ ſchen Literatur, über den Inhalt und die Tendenz jener Schriften geben, die einen Einfluß auf das Volk, eine Richtung für die Gedanken und Empfindungen der Men⸗ ſchen haben. Verſtehen Sie mich? Schriftliche Ueberſichten? fragte Hermann bedenklich— nicht ſowol aus Argwohn gegen die Abſichten des Fran⸗ zoſen, als aus Mistrauen in ſich ſelbſt. Schriftliche! bejahte Bercagny,— kurz gefaßt, bezeich⸗ nend, in Hauptgedanken auszüglich, mit Nachrichten über die Verfaſſer, ihre Stellung, ihr Beſtreben, ihre u. dergl. Sie verlangen etwas ſehr Schweres! wendete. Her⸗ mann ein, etwas, was meine Kräfte— Iſt es nicht unbegreiflich, wie man ſo kühne Gedan⸗ ken und ſo unentſchloſſene Hände haben kann! rief Ber⸗ cagny. Die Ausgleichung beider Nationen, wiſſen Sie, muß ſich vor allem auch auf das Reich der Schwierig⸗ keiten erſtrecken. Die Franzoſen übereilen oft alle gerech⸗ ten Bedenklichkeiten, aber die Deutſchen haben zuviel Un⸗ —— mögliches. Nehmen Sie Villiers zum Vorbild. Ha, welch' ein Mann von Geiſt und von Ehre! Und der in Deutſch⸗ land wie in Frankreich hochgeſchätzt iſt. So meine ich es! Fangen Sie nur unbedenklich an! Bei Dem, was Sie mir übergeben, kann ich Ihnen am beſten ſagen, wie ich es wünſche. Sie machen ſich verdient um Ihr Vaterland, in dem Maße, als Sie mich in Stand ſetzen, zu deſſen Wohlfahrt an Se. Majeſtät zu berichten. Sie treten nun in die Jahre, wo Sie ein Vaterland haben müſſen. Bisher hatten Sie nur eine Schule, eine Univerſität, und früher gehörten Sie zu einer Familie. Nicht wahr, ſo iſt es? Ich laſſe Ihnen eine Summe anweiſen zu Ihrer ruhigen Exiſtenz. Ueber Bücher, Journale, Cor⸗ reſpondenz, die Sie nöthig haben, übergeben Sie mir Rechnung. Es ſind die ſchönſten Vorarbeiten für Ihren Univerſttätsberuf. Ich ſpreche dann Ihrethalben zu ſeiner Zeit mit dem Staatsrathe Müller, Ihrem großen Hiſto⸗ riker. Er hat, wiſſen Sie, kürzlich ſeinen Abſchied aus dem Miniſterium genommen, und behält nur die obere Leitung der höhern Schulen. Sie gehen alſo auf meinen Vorſchlag ein? Hermann verneigte ſich, und Jener fuhr fort: Adieu denn! Ich hoffe Sie bald wieder zu ſehen und mich durch ſpecielle Fragen zu unterrichten. Auch erhalten Sie eine ſchriftliche Inſtruction, aus der Sie genauer ſehen werden, was wir wünſchen. Hermann verneigte ſich und ging. Aber er hatte das nächſte Zimmer kaum erreicht, als ihm Bercagny folgte und mit freundlicher Vertraulichkeit ſagte: Ich rechne auf Ihre abſolute Verſchwiegenheit, — 7⁵ vor allem Ihrer ſelbſt wegen. Denn— es gilt ja für erſt nur eine Probe, und wenn Sie wirklich nicht zu⸗ frieden mit ſich ſelbſt wären, oder Ihre Leiſtungen uns nicht genügten, ſo würden Sie, einmal als Verfaſſer be⸗ kannt, ſchadenfrohe Widerſacher Ihrer Anſtellung und Be⸗ förderung finden. Bedeutende Männer haben ſich mir zu dieſen Arbeiten empfohlen; ſie gehören aber politiſchen Par⸗ teien an, und ich will keine politiſch⸗gefärbten Berichte. Sie, mein Herr, ſind noch— was der Lateiner integer nennt. Halten Sie ſich auch ja von aller Politik entfernt, um der Reinheit Ihres Berufes willen. In heiterer Ver⸗ borgenheit werden Sie dann auch aller Zudringlichkeit leichter entgehen, und wo Sie manches Buch auch einmal verwerfen müſſen, ſich keine Feinde machen. Seien Sie beſonders vorſichtig bei Reichardt, der ſich Ihrer annimmt. Der lebhafte Mann hat allerlei auswärtige Verbindungen, die ihm leicht ſchaden können, und ſpricht ſich ſehr unvor⸗ ſichtig aus. Ich ſelbſt ſchätze über Alles ſein großes Ta⸗ lent und werde ihn gegen ſeine Feinde zu halten ſuchen. Alſo Verſchwiegenheit! Beſonders auch über meine Vor⸗ liebe für Reichardt, die ich von Polizei wegen gar nicht haben durfte. Er reichte ſeine Hand hin, in welche Hermann ſein Gelöbniß niederlegte. Kaum hatte Bercagny ſich lächelnd an ſeinen Schreib⸗ tiſch geſetzt, als auch Savagner wieder erſchien und einen großverſiegelten Brief mit den Worten übergab: Eine Depeſche von Sr. Majeſtät aus Braunſchweig! Unter dem Leſen ſagte Bercagny: Auch dort große Feſtlichkeiten. Vorgeſtern früh großes — Lever, bei welchem auch Oberſt von Dornberg als Com⸗ mandant der Jäger⸗Carabiniers den Eid in die Hand Sr. Majeſtät abgelegt hat. Als er das Schreiben geendigt, fuhr er lachend fort: Nun, wiſſen Sie, Savagner, den jungen Philo⸗ ſophen haben wir mit Haut und Haaren. Setzen Sie ihn auf die Liſte unſerer Kundſchafter; geben Sie ihm aber einen Ehrenplatz! Und laſſen Sie ihn nie das Schelt— wort Mouchard hören! Er iſt ein Träumer, ein Nacht⸗ wandler, und würde, beim Namen gerufen, vom Dache ſtürzen. Savagner lächelte.— Mit welchem Gehalt? fragte er. Das iſt noch zu überlegen, verſetzte Bercagny. Ich will auch erſt Arbeiten von ihm ſehen. Schicken Sie ihm einſtweilen 3500 Francs Vorſchuß. Geld muß er bei Zei⸗ 5 ten ſehen; Geld lockt und feſſelt. Ueberdies ſpeculirt er ¹ noch zu ſehr ins Blaue, und wir können nur Leute brau⸗ chen, die nebenher auch in ihre Taſchen ſpeculiren. Aber, Savagner, Sie hätten das tolle Zeug hören ſollen, das er wie vom Katheder vorbrachte! Und doch hatte es Sinn, und ich bin erſtaunt, daß der Menſch die närri⸗ ſchen Sachen ſo gut franzöſiſch ausdrücken konnte. Gerade dieſe Gabe wird ihn uns ſehr brauchbar ma— chen! meinte Savagner; worauf Bercagny verſetzte: Ich wünſche es ſehr. Der Kaiſer dringt fortwährend auf Ueberwachung der deutſchen Schriftſteller. Man geht offen und insgeheim damit um, der Nation einen neuen Sporn, eine politiſche Richtung und muthigen Aufſchwung 8 zu geben. Das wird bedenklich. Es beunruhigt den Kai⸗ ſer, und er erwartet Alles von unſerer Thätigkeit gerade — —,— — 122— — der mit einem bloßen Vorwurf, den er ſich über ſeine 74 aus Weſtfalen. Wir dürfen nichts vernachläſſigen, und ich denke, er wird uns loben, wenn uns der junge Phi⸗ loſoph in aller Unſchuld ein halb Dutzend dieſer deutſchen Federfuchſer und Ideologen für das Kreuz der Ehrenlegion und ein anderes Halbdutzend zu Füſiladen liefert.— Doch jetzt laſſen Sie mich allein, und fragen in einer Stunde wieder nach. Die hungerige deutſche Philoſophie hat mir die beſte Stunde verſchlungen. Siebentes Capitel. Zweierlei Bräute. Hermann war von dem Polizeiminiſter mit einer Zu⸗ ſage geſchieden, die ihn unterwegs beunruhigte. Er hatte noch ganz vergnügt das Arbeitszimmer deſſelben verlaſſen; aber ſchon der Nacheilende hatte ihn erſchreckt, und im Augenblick, als er das Geloͤbniß des Stillſchweigens in deſſen Hand ablegte, war Luiſens Warnung vor ſeine Seele getreten. Dies fremde Mistrauen begleitete ihn auf ſein Zimmer, wo er ſehr unzufrieden mit ſich ſelbſt ankam. Allein, wie Verdacht und Mistrauen immer nur als fremde Tropfen in ſein argloſes Gemüth fielen, die es wieder auszuſcheiden ſtrebte, ſo beruhigte er ſich bald wie⸗ ———— —————-—-—— 78 unentſchloſſene Nachgiebigkeit gegen einen imponirenden Mann machte. Dieſer Mann hatte ihn aber eben erſt durch ſeine Beredtſamkeit und ſeine großartigen Anſichten hingeriſſen, und er ſelbſt hatte ſich an dem Gedanken ent⸗ zückt, welche ſchoͤne Gelegenheit ihm geboten war, deut⸗ ſchen Geiſt in unſerer Poeſie und Wiſſenſchaft gegen die politiſche Uebermacht der Franzoſen in Geltung und Ge⸗ wicht zu ſetzen. Jetzt beſann er ſich auch eines überein⸗ ſtimmenden Ausſpruches von Reichardt, der vielleicht jenen Gedanken Hermann's erſt geweckt hatte. Dieſen Ausſpruch ſetzte er dem Mistrauen Luiſens entgegen. War ſie doch auch ihres Vaters wegen ſo beſorgt geweſen, und wie großgeſinnt hatte ſich dagegen Bercagny über den talent⸗ vollen Kapellmeiſter geäußert und über deſſen unvorſich⸗ tige Reden weggeſehen! Dies Eine ſagte ihm gut für Alles. Luiſe hatte gefürchtet, Bercagny werde ſie wegen ihres Vaters ausforſchen, und nun zeigte es ſich, daß er ihn ſehr genau kannte und ſchonend beurtheilte. Durch alles Dies beruhigt und mit ſich ſelbſt bald wieder einig, faßte ſich Hermann in dem nur um ſo höher geſtimmten Selbſtgefühle der Jugend, etwas zu leiſten, und durch einen reſoluten Anlauf zu einem erwünſchten Lebensberufe auch ſelbſt etwas zu werden. Sein Erſtes war nun, eine Privatwohnung zu neh⸗ men und ſich zu ſeinen Studien und Arbeiten bequem einzurichten. Wirth Kerſting, den er nun an ſein Ver⸗ ſprechen erinnerte, bezeichnete ihm ein Haus am ſoge⸗ nannten Steinwege, wo er bei der Witwe eines ehe⸗ maligen guten Bekannten, des verſtorbenen Burggrafen * ——-———— — 0 212—————— α☛——„188—— ——3———,———c7— 79 Wittich, ein artiges Zimmer mit Schlafcabinet miethen könnte. Bisher war es unvermiethet, und die Tochter hat es bewohnt, ſagte er; ſie würden es auch, obgleich ſich Lina nächſtens verheirathet, gar nicht vermiethen, wenn ſie nicht der ewigen Zufragen von Seite franzöſiſcher Employes, Commisund wie die hungerigen Heuſchrecken alle heißen, ſich erwehren wollten. Sie ſehen ja, was für ein ſum⸗ ſendes Geſchmeiß unſerm guten König Jeroͤme nachzieht. Dies franzöſiſche Pack vermehrt ſich ſo ſehr, daß es an Miethwohnungen zu fehlen anfängt und die Polizei ſich einmiſcht. Sie, junger Herr, werden daher auf meine Empfehlung freundliche Aufnahme finden; es ſind wohl⸗ habende und gebildete Menſchen, und gehen mit ſolchen um. Wittich war Kammerdiener des Landgrafen Friedrich ge⸗ weſen, als ihn unſer jetziger Kurfürſt zum Burggrafen in Wabern machte. Zuletzt war der kränkliche Mann mit Penſion hierher gezogen. Als Hermann am Nachmittage das erfragte Haus be⸗ trat, wurde er von den Miethleuten des untern Stocks durch ein feuchtes Höfchen nach dem Hinterbau und über eine ſteile, ſchwach erleuchtete Treppe an die Beſitzerin ge⸗ wieſen, die ihn eine zweite, noch ſteilere Treppe empor⸗ führte. Schon hatte er bei ſich den Entſchluß gefaßt, ein Logis von ſo unfreundlichem Zugang nicht zu nehmen, als die muntere, geſprächige Frau eine Thür öffnete und durch ein breites Bogenfenſter die weite herrliche Land⸗ ſchaft, von der Sonne beſchienen, ihm entgegenlachte. Ha, rief er überraſcht aus, wie herrlich! und trat an das offene Fenſter. Dieſelbe Landſchaft, die ihn ſchon bei ſeinem erſten Ausgang von der Bellevüe⸗Straße aus ent⸗ zückt hatte, und ihn an den ſchönen Abend ſeiner Ein⸗ wanderung erinnerte, breitete ſich, von oben angeſehen, de noch reizender vor ihm aus; eine friſche Luft wehte über im die walddichten Wipfel des tiefliegenden Auparkes herein. 4 tie Nicht wahr, Das lohnt ſchon die ſteile, finſtere Treppe! Pe bemerkte die freundliche Frau. Der Herr Pfarrer Wittich, die ein Vetter meines ſeligen Mannes, pflegt zu ſagen, das eh Gemach ſei ein Vorbild, wie man durch das dunkle, müh⸗ pe ſelige Erdenleben zum himmliſchen Licht gelange. Das An⸗ in genehme iſt, man hat hier Morgens die weckende Sonne He und Nachmittags den ſchattigen Blick in die beleuchtete zu Landſchaft. So ſagt meine Tochter, die das Zimmer gar nu lieb hatte. He Das Zimmer war anſtändig möblirt; es fehlte nicht He an einem Secretär im rechten Lichte von der linken Hand, zu nicht an einem alten Kanapee an der traulichen Schatten⸗ laf und Ofenſeite der vertieften Wand; ſelbſt ein Klavier vo ſtand gegenüber, und Hermann vernahm, daß die Toch⸗ lal ter ſinge, ihr Inſtrument aber zurücklaſſe, da ihr Ver⸗ ba lobter ein koſtbares Streicher'ſches Fortepiano in die neue. Wohnung angeſchafft habe. Wie erwünſcht war ihn auch niſ Das zu ſeinen Singübungen! un Herr Heiſter, mein künftiger Schwiegerſohn, beſitzt W von Haus Vermögen, ſagte ſie. Er iſt Bur eauchef im die Miniſterium des Innern. Wir haben jetzt gar ſonderbare ihr Titel, an die ein altheſſiſches Burggrafenohr ſich ſchwer gewöhnt. Aber er gilt für einen ſehr geſchickten Mann, nu der ſich emporbringen wird. Ei Hermann legte ſich ins Fenſter, um die nächſte Um⸗ ter m⸗ 81 gebung der Wohnung zu betrachten. Links, in der Ent⸗ fernung eines Büchſenſchuſſes, lag die alte graue Burg der Landgrafen, die jetzige Reſidenz des Königs— ein imponirender, vierſeitiger Bau, der einen Hof umſchloß—, tief abgeſenkt hinter einem Wall. Vor demſelben der freie Paradeplatz mit der koloſſalen Statue eines Pferdebän⸗ digers in Stein. Den Platz unter ſeinem Fenſter nahm eine Colonnade ein, die rechts nach der katholiſchen Ka⸗ pelle laufend am Ende der Häuſerreihe ſich in länglichem, in der Mitte offenen Bogen herüberwendete, und an den Häuſern wieder herabkam, wo ſie einſtöckige Ladenräume zu gleicher Erde und über denſelben Altane für die Woh⸗ nungen im zweiten Stock bildete. Auf dieſe Söller des Hauſes und der Nachbarn fiel zunächſt der Blick aus Hermann's Fenſter— anmuthige Räume, an freier Luft zu ſitzen, Blumen zu ziehen, oder die Kinder ſpielen zu laſſen. So bot dem jungen Freunde dieſe Wohnung, vom Fenſter aus, auch noch die Annehmlichkeit einer er⸗ laubten Loge oder Lauſche auf die Bühnen eines nach⸗ barlichen⸗Familienlebens. Dies Alles war ſo traulich und zog ihn mit geheim⸗ nißvollem Behagen an. Er ging raſch die ohnehin nicht unbilligen Miethbedingniſſe ein, und wünſchte nur, die Wohnung gleich morgen zu beziehen. Darüber aber wollte die Frau erſt ihre Tochter hören, die hier noch bis zu ihrer Trauung wohnte, und führte ihn hinab. Lina! rief ſie, und die ſchoͤnſte jungfräuliche Erſchei⸗ nung, aus der Küche kommend, überraſchte den Freund. Eine ſchlanke Geſtalt und edle Formen, roſiger Teint un⸗ ter dunkler Fülle des ſozuſagen indigoblauen, etwas Koenig, Jeröme'’s Carneval. I. 6 welligen Haares, tiefer Blick bei heitern Mienen, jung⸗ fräuliche Haltung mit dem unbefangenſten Benehmen wa⸗ ren hier in nicht gewöhnlicher Weiſe vereinigt. Hermann ei glaubte noch nie ein ſo reingeſchnittenes Profil geſehen zu T haben. Das Kinn trat in ſanftem Schwung hervor, und ei um den Mund ſpielte ein unbeſchreiblicher Liebreiz. Man n ſetzte ſich hinaus auf den Altan, den Wunſch des Miethers d zu überlegen. 1 3 b Ich könnte mich die paar Tage ganz gut im gelben Cabinet einrichten, meinte Lina, und Ludwig wird wol nichts dagegen haben. S Ich ſollte denken—! verſetzte die Mutter mit einem prüfenden Blick auf den jungen Gaſt. Sie haben alſo auch noch einen Ludwig? fragte Her⸗ 3 mann, heiter angeregt. i Mein Bräutigam! erklärte Lina, nicht ohne etwas 4 von jener koketten Befangenheit, mit der ſich eine hübſche 1 Braut, einem liebenswürdigen jungen Manne gegenüber, als verſagt und vergeben darſtellt. d Ahl! das hätte ich mir denken ſollen, verſetzte er mit einer artigen Verneigung. Ich wußte ja, warum Sie b hier ausziehen. Ich wünſche dem unbekannten Herrn Lud⸗ 4 wig Glück, und behalte mir vor, wenn ich ihn erſt kenne, 1 auch Ihnen zu gratuliren. 1 Es wäre noch artiger, lächelte ſie, wenn Sie mir' einſtweilen auf die Vorausſetzung meines guten Glücks oder Geſchmacks hin gratulirt hätten. Sie ſehen, erwiderte er, ich bin lieber gründlich als* artig. Es gilt alſo darum, Sie zu vertreiben, Mademeiſelle? Offen geſtanden: ich thu' es gern, wir gewinnen Beide dabei. 83 Ich auch? fragte ſie ſchalkhaft. Ja wohl! Sie gewinnen eine kleine Vorübung zu einem größern Auszug, und ich das Glück, noch einige Tage mit Ihnen zu ſein und mich nach meinem Einzug ein wenig heimiſcher zu fühlen. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ich zu Hauſe, in Halle, eine Schweſter habe, die zufällig auch Lina heißt und einige Aehnlichkeit mit Ihnen hat, ja, beinahe auch ſo ſchoͤn iſt. Ich ſage beinahe! Wirklich? rief Lina. Nun iſt mir's doch lieb, daß Sie gründlich ſind! Oder wären Sie diesmal artig? Ernſt und gründlich! verſicherte er, Alſo auch Lina? fuhr ſie fort. Ach, wenn Sie nur zu meiner Hochzeit kommen könnte! Schweſterlich! Aber ich höre Ludwig's Tritt! Sie eilte ihm entgegen und indem ſie ihn mit herz— licher Umarmung empfing, ſagte ſie, Hermann vorſtellend: Du kommſt wie gerufen zu einer Berathung, bei der du Präſident ſein ſollſt. Ludwig war ein hübſcher, etwas ernſthafter Mann, von geſetztem Bau und Weſen, dem man am ſorgfältigen Anzug und gemeſſenem Benehmen den accuraten Kanzlei⸗ mann, an ſeinem blaſſen, etwas nervöſen Ausſehen den üͤberladenen Arbeiter anſah. Er hatte ſich vom Geſchäft losgemacht, um über die fertige Einrichtung ihrer künfti⸗ gen Wohnung zu berichten, und Lina abzuholen, weil der Tapezirer die Vorhänge aufmachen wollte. Es iſt mir lieb, daß wir ſo weit ſind, ſagte er, mehr gegen die Mutter gewendet. Der König wird am 26. von ſeiner Reiſe zurückerwartet, und da wollen wir, denk' 6* 84 ich, in unſerm lieben ländlichen Verſteck ſein. Nicht wahr, es geht, Mütterchen? Und dir, liebe Lina, iſt es hoffent⸗ lich auch recht? Lina lehnte ſich bei dieſem Vorſchlage mit der Miene vertrauender Hingebung an Ludwig's Bruſt, indem ſie ihm mit ſeelenvollem Blick in die Augen nickte. Ach, wie freue ich mich auf jene trauten Maiwochen der ländlichen Woh⸗ nung! ſagte ſte. Auch die Mutter fand nichts zu erin⸗ nern, und brachte nun das Anliegen des jungen Miethers zur Sprache. Ludwig billigte Lina's Auskunft zur Räu⸗ mung der Wohnung. Er ließ ſich mit Hermann in eine flüchtige Unterhaltung ein, und ſchien durch die Art, wie dieſer ſich über ſeine Studien und ſeine nächſten Abſichten unbefangen und mit einer gewiſſen Wärme ausſprach, ſchnell ein gutes Vertrauen zu ihm zu faſſen. Ja, es boten ſich ſchon Anknüpfungen zu näherm Umgang. Ludwig nämlich, wiſſenſchaftlich und in Sprachen gebildet, vernahm mit Intereſſe, daß der junge Mann auf den Univerſitäten einige Männer gehört hatte, die er ſelbſt, mehre Jahre älter als Hermann, nur aus ihren Schrif⸗ ten kannte und verehrte. Lina, während ſie Hut und Halstuch nahm, hörte mit geſpannter Theilnahme zu. Ein geſundes, fröhliches, vertrauendes Naturell blickte aus ihrem ganzen Weſen. Obgleich ihres bräutlichen Glückes überfroh, erſchien ſie doch weder ſentimental noch ſchwärmeriſch, ſondern eher etwas übermüthig und das Leben herausfodernd. Als das Paar ſich zum Gehen wendete und Ludwig dem neuen Bekannten zum Abſchiede die Hand reichte, ſagte ſie etwas ſchalkhaft: „ CS 12 — 8⁵ Wir dürfen ihn gewiſſermaßen als Bruder anſehen, lieber Ludwig; denn er hat eine Schweſter, die auch Lina heißt und beinahe ſo hübſch iſt wie ich. Aber nur beinahe! Wenigſtens gehört er nun zum mütterlichen Hauſe, erwiderte Ludwig mit ſeinem ruhigen, klugen Lächeln; und da haben wir Gelegenheit, uns öfter zu ſehen und näher kennen zu lernen. Hermann verabredete nach dem Abgang des Paares ſeinen morgenden Einzug, und fand die muntere Alte gut⸗ müthig und gefällig. Als er ſich empfahl, begleitete ſie ihn an die Treppe und ſagte: Sie werden bemerkt haben, Herr Doctor, daß Heiſter die Trauung beeilt. Er ſcheut das Gerede bei Hof. Der König, müſſen Sie wiſſen, iſt ein großer Liebhaber von Frauenzimmern und hat ein paar leichtfertige Franzoſen um ſich, die Jagd auf alle hübſchen Frauen machen. Meine Tochter hat bisher ſehr zurückgezogen gelebt, und ihr Mann bringt ſie nun zuerſt in die Welt. Er iſt nicht eiferſüchtig und hat's auch gegen Lina nicht Urſach; aber Sie glauben nicht, wie's an unſerm Hofe zugeht. Die adeligen Frauen und die Hofdamen haben den Köͤnig gar ſehr verwöhnt. Sie reißen ſich ordentlich um ſeine Zumuthungen, und denken Sie ſich nun, in welche Ver⸗ legenheit ein bürgerlicher Beamter kommen kann, der mit einer ſchönen Frau dem König oder deſſen Freiwerbern in die Augen fällt! Die laſſen nichts unverſucht, die Frau zu gewinnen. Und wie kränkend für eine recht⸗ ſchaffene Frau ſind nicht ſchon bloße Anträge der Art! 86 Aber, was wird Ihnen die ſtille Trauung helfen? Be⸗ ſuche müſſen Sie doch machen und ſich dem Gerede aus— ſetzen. Nicht wahr? Hermann lächelte unterwegs über dieſe gutmüthige Vertraulichkeit und über die vorſichtige Aengſtlichkeit, die ihm übertrieben ſchien. Aber ſeine Gedanken blieben um das liebenswürdige Paar. Er betrachtete mit einer weh⸗ müthigen Freude das ſchöne Glück, dem ſie entgegeneilten und das ihm ſelbſt zum erſten mal mit einer ängſtlichen Frage nach ſeiner eigenen Zukunft ans Herz rührte. Mit welch' unbefangenem Vertrauen hatten ihn Beide gleich aufgenommen! Er empfand eine lebhafte Befriedigung darüber und nahm ſich vor, um ihre Freundſchaft zu werben. Heiſter, ſo männlich, ſo beſonnen und lebens⸗ erfahren ſchien ihm ganz der Mann, wie er eines Freun⸗ des an dem neuen fremden Wohnorte bedurfte. Mit dieſen Gedanken und Vorſätzen kam er in Rei⸗ chardt's Wohnung an. Es war der gewöhnliche muſika⸗ liſche Wochenabend, und Hermann wollte abſichtlich etwas früher da ſein, um der Familie von ſeinem Logis zu be⸗ richten. Jetzt erſt fiel es ihm zu ſpät ein, daß es ſchick⸗ lich geweſen wäre, nicht ohne Vorwiſſen der bisher für ihn ſo fürſorglichen Freunde feſt zu miethen. Es war ihm daher lieb, ſoviel Gutes von dem Geſchäft ſagen zu können. Auch fand er unbedingte Zuſtimmung, und Luiſe lobte ſogar ſeine Entſchiedenheit. Deſto lebhafter fragte man nach ſeiner Audienz beim Oberpolizeimenſchen. Her⸗ mann, obgleich er ſich ausgedacht hatte, wie er zwiſchen +₰&— der zugeſagten Verſchwiegenheit, mit der er es ſehr pe⸗ dantiſch nahm, und den Rückſichten, die er der Familie ſchuldig war, geſchickt hindurchkommen wollte, blieb doch nicht unbefangen bei ſeiner abſichtlich leicht und gleichgültig hingeworfenen Mittheilung; wie er denn unruhig im Zim⸗ mer auf- und abwandelte und in ſeiner Verlegenheit dann und wann auf dem offenen Fortepiano einen Accord anſchlug. O, dieſer Bercagny! rief er mit etwas erzwungenem Lachen, der doch eigentlich Legras heißt, ſcheint mir ein ziemlich eitler Mann zu ſein. Gewiß iſt er das! fiel Reichardt ein, wie Sie ſchon daraus ſehen, daß er eben den adeligen Namen ſeiner reichen Frau dem ſeinigen beifügt. Will wahrſcheinlich am Namen der Frau gutmachen, was er an der Treue gegen ſie ſelbſt fehlen läßt. Nehmen Sie ſich in Acht, Hermann! Er iſt heftig von Temperament bis zur Un⸗ beſonnenheit, deſpotiſch als Polizeichef. Er war früher Mönch; hören Sie es nicht noch immer an ſeinem Ton? Sehen Sie ihm das Kloſtergepräge nicht noch in jeder Be⸗ wegung an? Eine Mönchskutte verwächſt mit der Men⸗ ſchenhaut. Dabei nennt er ſich Ritter. Chevalier Capu- cin! Ha! ha! Aber weiter, Hermann! Was will er denn mit Ihnen? Da hat er mir denn ſeine Ideen ausgekramt über Literatur, über deutſche Wiſſenſchaft und ihre Bedeutung, über— Was? ſchrie Reichardt. Er, der kein Wort deutſch kann und ſelbſt als Generalpolizeidirector von den fran⸗ zöſiſchen Berichten ſeiner nichtswürdigen Commiſſare abhängt? Aber Geiſt und Kenntniſſe kann man ihm nicht ab⸗ ſprechen, wendete Hermann ein. Er brachte über die Bedeutung beider Nationen auch hinſichtlich ihrer Geiſtes⸗ producte Manches vor, was ſich hören ließ. Natürlich wollte er von meinen Abſichten, von meinem Vorhaben wiſſen, obſchon er bereits, ich glaube durch Salha, un⸗ terrichtet ſchien. Er rieth mir, mich dem Staatsrathe von Müller bekannt zu machen und mir Villiers zum Mu⸗ ſter für literariſche Arbeiten zu nehmen, damit eine gei⸗ ſtige Vermittelung der Franzoſen und Deutſchen erzielt werde. Indem Hermann, als ob er fertig ſei, ſchwieg, ver⸗ ſetzte Luiſe in ihrer leiſen Art: Seien ſie ja vorſichtig, Hermann! Bercagny hat ganz gewiß noch andere Abſichten im Hinterhalt. Er gibt Ihnen keine Audienz, nur um mit Ihnen von Literatur zu ſprechen. Auf den Sack klopft man— Oho! lachte Reichardt. Da bringſt Du einen ſchönen Vergleich vor. Hermann wird der Eſel ſein, ſich täuſchen zu laſſen! Erröthend und verlegen wendete Hermann raſch ein: Einmal ward auch Ihrer flüchtig gedacht, Herr Ka⸗ pellmeiſter. Der Generalſecretär Savagner, der ab- und zuging, fragte nach Ihren Arbeiten und bemerkte, der Herr Generaldirector liebe ſehr Ihre Melodien. So? lachte Reichardt. Sehr verbunden! Man liebt nie recht, was man nicht verſteht. Nun? Liebt meine Melodien! Ha! ha! Er wird meine politiſchen Paſſa⸗ gen meinen! Was weiter? Ich ſchwieg, und Bercagny fragte nicht weiter. —-—— r Was meinen Sie denn nun wegen Müllers? ſetzte Hermann, raſch ablenkend, hinzu. Wir wollen uns erkundigen, wann er von Göttingen zurück ſein wird, erwiderte der Kapellmeiſter. Er iſt hin, den König an der Univerſität zu empfangen. Sie wiſſen, er war ſchwer erkrankt; das Staatsſecretariat des Miniſteriums, frei⸗ lich das höchſte Amt im Reiche, hatte ihn erſchöpft. Er trug zuviel von der kleinen Genauigkeit des Geſchichtsforſchers auf die ſtürmiſchen Geſchäfte einer neuen Staatsſchöpfung über, und behandelte die wechſelnden Perſonlichkeiten des Be⸗ amtenlebens wie die Charaktere, die die Weltgeſchichte tragen. So brachte er ſich völlig auf den Hund, und nahm, als er genas, ſeinen Abſchied. Doch der König, der ihn gern behalten wollte, zog ihn in den Staatsrath und übertrug ihm die Direction der Studienanſtalten im Königreich. Wäre nur aber der brave, gelehrte Müller ein ebenſo guter Geſchäftsmann, als er ein liebenswür⸗ diger, kindlicher Menſch und vortrefflicher Geſchichtsſchrei⸗ ber iſt! Er hat aber den durchgreifend ſtarken Charakter und den thätigen Willen für das erkannte Gute ebenſo wenig, als das kluge Savoir faire und die ſicherleitende Menſchenkenntniß, ohne welche, zumal bei uns, nicht durchzukommen iſt. Der arme Menſch, voll Widerſpruch in ſich ſelbſt! bemerkte Luiſe. Seit er vor 25 Jahren hier in Caſſel an der Karlsſchule ſtand und das ſchweizer Heimweh be⸗ kam, hat er ſich von ſeinem Ehrgeiz nach hohen Staats⸗ poſten in Mainz, in Wien, nach Berlin und wieder hier⸗ her treiben oder locken, oder von Napoleon befehlen laſſen, nur um dann die Welt wegen des Verluſtes zu beklagen, den ſie durch ſeine nicht zu Stand kommenden Werke er⸗ leiden müſſe. So hat er auch jetzt wieder das Heimweh nach ſeiner unvollendeten Schweizergeſchichte, und fühlt ſich unglücklich durch verfehlte Exiſtenz. Du haſt Recht, Luiſe! ſagte Reichardt, ſo hart es klingt: Darum wollen wir auch unſern Hermann da nicht* Gewalt in die Politik ziehen, ſo lange er ſich blos in der Literatur heimiſch fühlt. Auch hier kann er ja unſer gebeugtes Volk aufrichten helfen, indem er dem⸗ ſelben durch das Bewußtſein deutſcher Geiſtesthaten Stolz und Muth zur Erhebung aus dem ſchmählichen Druck der Fremdherrſchaft erwecken hilft. Die Deutſchen ſind durch ihre Leſeluſt bei Gemüthsruhe, Neigung zur Innerlichkeit und Mangel an öffentlichem Leben in hohem Grad zu⸗ gänglich für den Schriftſteller, empfänglich für das ſoge⸗ nannte Schwarz auf Weiß. Vor allem muß auf die um ſich greifende Genußſucht, kalte Theilnahmloſigkeit und ver⸗ zweifelnde Verdroſſenheit eingewirkt werden. Aber ein unſterbliches Pfui über die niederträchtigen deutſchen Ge⸗ lehrten, beſonders auch jenſeit der Elbe,— elende Bur⸗ ſche, die unſers Vaterlandes Schmach mit Sophismen und gelehrten Schnörkeln verzieren wollen. Ziehen Sie, wenn nicht von Leder, doch von Feder gegen das ſchlechte Geſindel, Hermann! Das heißt, ſchreiben auch Sie wieder, Hermann! rief Luiſe mit bitterm Lächeln. Wir haben ja nichts mehr übrig, woran wir uns erfreuten, als unſer Leſen und Träumen. Wir thun ſtolz damit, daß unſere Poeſie, unſere Wiſſenſchaft gerade jetzt die glanzvollſte Höhe er⸗ reicht haben. Iſt es denn aber nicht eine Flucht ins ‿ —— ₰ν ——————j,—6— ⏑◻——. er⸗ Tcochter des Geheimen Juſtizraths Schmucker, eine hübſche Reich der Gedanken, da uns die Welt des Wirkens ver⸗ ſperrt iſt, ein Flug ins Blaue oder Graue der Luft, während Gewehrkolben und Pferdehufen und Stückwagen⸗ räder einer fremden Nation unſere Hausfluren zerſtam⸗ pfen, unſern vaterländiſchen Boden einnehmen und zer⸗ ſtören und das ſittliche Leben unſerer Familien ent⸗ weihen? aint Du haſt ganz Recht, Luiſe! erwiderte in weichem Tone Reichardt, indem er ſie umarmte; aber faſſe dich, über⸗ ſpanne dich nicht, meine Tochter! Und gegen Hermann gewendet, ſetzte er hinzu: Wir haben Briefe von Hauſe, Nachrichten aus Preu⸗ ßen erhalten, von einem Durchgereiſten mitgebracht: dieſe haben unſere warme, ſeelenvolle Luiſe ſo aufgeregt. Sie wurden von Ankommenden unterbrochen, und die kleine Geſellſchaft fand ſich raſch zuſammen. Es waren nur wenige vertraute Familien, die zu dieſen muſikaliſchen Abenden erſchienen, und heut hatten einige auch noch ab⸗ geſagt. Ein paar Frauen kamen ohnehin regelmäßig ohne ihre Männer, weil dieſe theils durch ihre Geſchäfte zu ſehr in Anſpruch genommen wurden, theils ihrer amt⸗ lichen Stellung Rückſichten ſchuldig waren, die ſich mit dem Ton und der Achtloſigkeit des ohnehin von der fran⸗ zöſiſchen Polizei beargwohnten Kapellmeiſters nicht ver⸗ trugen. Es war die Frau des Finanzminiſters, Barons von Bülow, und die des franzöſiſchen Geſandten am weſt⸗ fäliſchen Hofe, Barons von Reinhard, Iene, die zuerſt erſchien, war eine anmuthige gebildete Berlinerin, eine Frau von etwa 26 bis 27 Jahren, heiter geſprächig und etwas berliniſch in Manieren, der hohen geſellſchaftlichen Stellung bewußt, zu der ſie gelangt war. Ernſter, ge⸗ haltener, vielleicht auch 8 bis 9 Jahre älter, trat die Ba⸗ ronin Reinhard auf, die gelehrte und literaturliebende Tochter des Arztes Reimarus in Hamburg, eine Frau von hoher Geſtalt und einfachem wohlwollenden Beneh⸗ men, nicht ſchön, etwas blatternarbig und nach Krampf⸗ leiden ausſehend. Hermann war Beiden ſchon früher vorgeſtellt, und ge⸗ noß um ſeiner angenehmen Erſcheinung, ſeiner unbefan⸗ genen und doch beſcheidenen Haltung willen ihres freund⸗ lichen Vertrauens. Man begegnete ihm wie einem jungen Manne von der beſten Familie, und da die Unterhaltung an dieſen Abenden ſich faſt ausſchließlich um Muſik und Literatur bewegte, ſo entging ihm auch die Befriedigung einer angemeſſenen Theilnahme nicht, und er konnte ſtolz auf die Aufmerkſamkeit ſein, die man ihm ſchenkte. Die wenigen anweſenden Herren waren Angeſtellte aus den ehemals preußiſchen Provinzen. Vom eigentlichen Sänger⸗ perſonal war nur Madame Schüler da, eine geborene Bonaſeglia, Kammerſängerin, ſowol durch ihre Herzlich⸗ keit gegen Frau Reichardt, als durch ihr Talent im Hauſe geltend. Sie machte dieſen Abend den Anfang mit ein paar deutſchen Liedern von Louis Spohr. Woher es auch rühren mochte, von körperlichem Befinden oder von Ver⸗ ſtimmung, ſo fiel heut ihr Ton und ihre Manier nicht ſo günſtig wie gewöhnlich auf, ſodaß Reichardt den küh⸗ len Eindruck, den ſie hinterließ, durch ſeine liebenswür⸗ — —„+⏑α⏑—„———2——12— digſte Lebhaftigkeit zu decken ſuchte, wobei er den An⸗ weſenden für das nächſte mal eines der genialen und wohlgearbeiteten Quartette Spohr's verſprach. Er iſt noch Concertmeiſter in Gotha? fragte die Bülow. Ja, meine Gnädige, antwortete er. Aber ich wollte, Sie könnten ihn ſelber hören! Sein großes Spiel, ſein voller herrlicher Ton und ſeine vollkommene reine Into⸗ nation bleiben ſich bei den allergroͤßten Schwierigkeiten ſo treu, wie bei dem edeln großen Vortrage ſeines Can⸗ tabile und ſeines Adagio. Er ſoll auch ein vortreff⸗ licher Anführer des Orcheſters ſein. Ich kann mir's von ſeinen Kenntniſſen und ſeiner Kraft denken, und ſelbſt ſeine anſehnliche Geſtalt und ſein ernſter, ruhiger Cha⸗ rakter ſtimmen dazu. Während einige Erfriſchungen herumgereicht wurden, kam das Geſpräch auf die Reiſe des Königs. Es iſt ja ganz erſtaunlich, mit welcher Huldigung Se. Majeſtät allerwärts im Land empfangen wird! be⸗ merkte mit feinem Lächeln Frau von Bülow. Städte und Dörfer, durch die der König kommt, ſind mit Triumph⸗ bogen geziert, überall drängt ſich das Volk auf die Straße, die Häuſer ſtehen leer; zehn Meilen weit hat man nur ein ununterbrochenes Feſt geſehen. Die Gebirge hallen vom Ruf: Es lebe unſer guter König! wieder. So lauten wenigſtens die amtlichen Berichte. Gebirge? fragte Reichardt lächelnd. Ach ja, der Harz! Es wird der Blocksberg gemeint ſein! Wir ſind ja noch im Mai: vielleicht ein Nachhall aus der Wallpur⸗ gisnacht! Ja, fiel Frau von Reinhard ein, General Rewbel, der den König als Adijutant begleitet, ſchreibt meinem Manne, wahrſcheinlich um es in ſeinem Bericht an den Kaiſer auf⸗ zunehmen, die unterſtrichene Floskel:„Notre marche est celle d'un triomphe, ou le vainqueur est adoré.“ Herr Lefevre, der Secretär, den mein Mann die Reiſe beglei⸗ ten läßt, wird uns mündlich genauern Bericht geben. Aber auch ein König wie unſer angebeteter Jeröme! fiel ein ältlicher Preuße mit trockener Miene ein. In Göttingen auf der Bibliothek, heißt es im Moniteur, erkundigte ſich Se. Majeſtät ſorgfältig über den Gang der Studien. Alle Profeſſoren waren über die Richtig⸗ keit der Bemerkungen und über das Gehaltreiche der Fra⸗ gen des Koͤnigs in Erſtaunen. Wer war denn wol Souffleur bei dieſer— Farce? fragte Reichard. Der Andere aber fuhr ruhig fort: Die Profeſſoren erwarteten keine ſo poſitiven Kennt⸗ niſſe von einem jungen Fürſten, der unaufhörlich mit den Waffen beſchäftigt war. Se. Majeſtät bezeigten ſich mit den gelehrten Arbeiten zufrieden und geruhten, den Pro⸗ feſſoren zu ſagen, Sie wären mit ihrem Eifer zu⸗ frieden. Wahrhaftig? rief Reichardt. Nun, was wollen denn dieſe Profeſſoren, dieſe hochdemüthigen Hofräthe mehr? Hat man denn noch keinen weſtfäliſchen Hymnus auf dieſe Reiſe? Daß doch die Polizei nicht vorſorglicher iſt! Don⸗ nerwetter noch einmal! Hör', Luiſe! Haſt du nichts Paſ⸗ ſendes zu ſingen? Geſtern habe ich dich eine neue Me⸗ lodie probiren hören. Hm? Es ſchien mir ſehr eigen⸗ thümlich. Geh', laß uns'was horen, dies oder was du willſt! einmal von ihren ſchmerzlichen Erinnerungen hinreißen ie, laſſen. Nicht wahr, es gab doch eine ziemliche Ver⸗ f⸗ legenheit? 61 Ich geſtehe, gnädige Frau, daß für mich noch ein rr. Geheimniß dahinter liegt, erwiderte Hermann. Ich habe ei⸗ ſchon einmal durch ein Lied Anſtoß gegeben, und noch keine Gelegenheit gehabt, mich des Genauern zu un⸗ e! terrichten. In Geheimniß iſt es eigentlich nicht, oder es iſt ein ziem— u. lich öffentliches, fuhr die Baronin fort. Und als Haus⸗ ng b freund von Reichardts müſſen Sie das Verhältniß auch wiſſen. Es bezieht ſich auf den jungen Eſchen aus Eutin, a⸗ den Sie wol beſſer als ich, aus ſeinen Gedichten kennen. e2 Wenigſtens aus ſeinen Ueberſetzungen der Horax'ſchen V Oden, erwiderte er. Der junge Eſchen erregte ſeiner Zeit it⸗ die lebhafteſten Erwartungen als Dichter, nahm aber ein en Unglück,— in der Schweiz, nicht wahr? Es iſt mir nur nit im Allgemeinen erinnerlich; es fällt vor meine Stu⸗ o⸗ dienzeit. u⸗ Es ſind auch ſchon acht Jahre, fuhr ſie fort. Ich habe ihn nicht gekannt; aber man rühmt ſeine ſeltenen un Geiſtes- und Herzensgaben. Er ging von Jena nach r? Bern, um die Erziehung eines jungen Menſchen zu über⸗ eſe nehmen. Von dort machte er im Sommer 1800 eine n⸗ Reiſe nach Genf, um den über 9000 Fuß hohen Büet ſe zu beſteigen. Unterwegs von Genf bietet ſich ihm ein e⸗ Mann zum Führer an, der den rechten Weg nicht kennt, n⸗ auf dem man ſonſt bequem und ohne Gefahr hinaufge ſt. V langt. Eſchen folgt ihm über einen Gletſcher und— Koenig, Jeröme’s Carneval. I. 7 —— verſchwindet. Der Führer, ohne alle Rettungsmittel, eilt nach dem Orte Servoz, um Hülfe zu holen. Aber es ſind ſechs Stunden Wegs, und bis er dahin⸗ und mit vier Männern zurückkommt, die ſich an Stricken in die Eisſpalte hinablaſſen, finden ſie den Verunglückten ein⸗ geklemmt und erfroren. Er war unverletzt, hatte ſich aber mit den Händen überm Kopf in der Verzweiflung die Nägel der Finger abgekratzt. Iſt es nicht entſetzlich? Schauderhaft! rief Hermann; ſchauderhaft! Arme Luiſe! Denn ich errathe nun wol den Bezug, den das Unglück auf ſie hat? Nun ja,— Eſchen war ihre erſte Liebe, und ſoviel ich weiß, waren ſie verlobt. Arme, arme Luiſe! wiederholte Hermann ganz er⸗ ſchüttert. Das iſt für eine ſo lebhafte Phantaſie ein Gletſcherbild, an dem das Herz erſtarren muß, ſo oft es ſich ihm erneuert. Ein ganzes Leben wird daran zum Gletſcher. Aber, wiſſen Sie, das iſt noch nicht ihr ganzes Schick⸗ ſal, ſprach die Baronin weiter. Später verlobte ſich Luiſe noch einmal mit dem Maler Gareis, und auch dieſer ſtarb plötzlich, ich weiß nicht woran, in Florenz. Seitdem liegt eine ſtille Trauer auf ihrem ganzen Daſein, und es kommt mir bei mancher ihrer Aeußerungen vor, als ob das ge⸗ heimnißvolle Mädchen an dem wunderlichen Aberglauben hange, daß der plötzliche Tod des Malers eine Strafe für die Untreue ſei, die ſie an dem unglücklichen Dichter begangen habe. Sie ſtanden bei dieſer letzten Mittheilung ſchon an der Treppe des Finanzminiſteriums. Hermann war ſo —-+——— —, 12 em 99 bewegt und in ſich verſunken, daß er kaum das dankende Wort der Baronin hörte und ihr freundliches Gutenacht erwidern konnte. Achtes Capitel. Eine Frage an die Zukunft. Auch kam der junge Freund den ganzen Abend hin⸗ durch nicht aus ſeiner nachdenklichen Stimmung, ja der Schlaf brachte ihm noch einmal die beängſtigenden Bilder von dem in der Eisſpalte erfrorenen jungen Poeten in fieberhaften Träumen zurück. Beim Erwachen wendeten ſich dann ſeine Betrachtungen mehr auf Luiſen. Ihr frü⸗ heres Geheimniß war nun für ihn auf eine Art durch⸗ lichtet, daß es wie ein Strahlenkranz um ihre ſo anziehende Perſönlichkeit fiel. Was Hermann empfand, war nicht ſowol Mitleid um einer längſt überſtandenen Schickung willen, als vielmehr Bewunderung einer Seele, die in ihren verhängnißvollen Erinnerungen wie in einem tief⸗ gewundenen Gehänuſe fortlebte, es mit ſich durch das Le⸗ ben trug, und aus dieſer Heimlichkeit heraus mit deſto empfänglicherer Empfindung die Erſcheinungen der menſch⸗ lichen Geſellſchaft betaſtete. Nun war ihm auch ihre po⸗ litiſche Richtung erklärlicher. Man weiß ja, dachte er bei ſich ſelbſt, daß ein edles Herz durch Unglück und Leiden empfänglicher wird für die Zuſtände und Schickſale un⸗ 7* — 41⁰⁰ ſers Geſchlechts. Der Menſch gleicht dann einem kranken Glied unſers Körpers, das durch eine ſchwere Verletzung reizbar für die Einflüſſe und den Wechſel der Atmoſphäre geworden iſt. Hermann hing dieſer Betrachtung nach. Der Zug ſeines empfänglichen Herzens zu dieſer edeln, ja erhabenen Geſtalt nahm, ihm ſelbſt unbemerkt, einen noch idealern Schwung. Sie erſchien ihm als eine Prieſterin, vor wel⸗ cher er all' ſein Denken und ſein Beſtreben ausbreiten, bei der er für alle Unternehmungen ſeiner Zukunft die leitenden Orakel ſuchen moͤchte. In ſolchen Anwandelungen erkennen wir immer wieder den jungen Freund. Er gehörte zu jenen Schwärmern, die in ihren Empfindungen und Vorſätzen über die wirk⸗ lichen Fälle hinauszugehen pflegen, auf die ſie dieſelben anwenden könnten, die, nach umgekehrtem Sprüchworte, vor lauter Wald die Bäume nicht ſehen. So fiel ihm nicht ein, daß er gerade für ſeine dem Polizeiminiſter zu⸗ geſagte Arbeit eines ſolchen prieſterlichen Orakels vielleicht bedürftig wäre. Und doch hatte ihn eben dieſe Prieſterin ſo feierlich gewarnt! Mit dieſer Eingenommenheit ſeines Gemüths ging er nun doch an den Ueberzug in die neue Wohnung, indem er Wäſche, Bücher, Schriften, Kleider theils in Koffer und Kiſte packte, theils ungepackt dem Hausknecht über⸗ gab, der Alles aus dem Gaſthofe nach dem Steinweg zu ſchaffen hatte. Als Hermann ſich bei Kerſting, dem ſogenannten Commandanten der Stadt London, verabſchiedete, drückte dieſer ihm die Hand mit den Worten: 7 ˙⏑— 4⁰¹ Glück auf, junger Herr, für Ihren erſten Wechſel in Caſſel! Es freut mich, daß Sie meinem Rathe gefolgt ſind. Schließen Sie ſich nur mit vollem Vertrauen an die Familie an! Sie werden dort auch manche ältern Hausfreunde kennen lernen, gegen die Sie ja kein Mis⸗ trauen faſſen dürfen, wenn ſie Ihnen etwas zurückhaltend vorkommen ſollten. Wir ſind eben behutſame Caſſelaner, beſonders dermal, und Sie werden ſchon ſelbſt bemerkt haben, daß wir unter lauernden Fremden leben und un⸗ ſere ehrliche deutſche Haut ein bischen fremdthueriſch ger⸗ ben müſſen. Die Morgenſonne ſchien noch heiter ins Zimmer, als Hermann in der neuen Wohnung ſeine Sachen auskramte. Nicht lang, ſo erſchien Lina mit der Mutter bei ihm. Sie bot ihm zum Willkommen die Hand und ſagte mit der heitern Unbefangenheit, die ſo einnehmend an ihr war: Ich komme denn auch, Herr Doctor, Ihnen bei Ihrer Einrichtung behülflich zu ſein. Sie haben eine Schweſter Lina, und ſind gewiß ein wenig ungeſchickt in Wäſche⸗ beſorgung und Allem, was Ihnen zu Hauſe die Schwe⸗ ſter in Ordnung gehalten hat. Sie vergeſſen, ſchöne Braut, daß ich auch auf der Univerſität war! erwiderte er, heiter angeregt, wie er ſich immer in ihrer Gegenwart fühlte. So? lachte ſie. Meinen Sie, ich hätte einen ſo hohen Begriff von einer Studentenwirthſchaft? Wenn Sie dort ſo niedliche Ordnung gehalten haben wie mein Lud⸗ wig—! Ich ſage Ihnen, aber ganz im Vertrauen: Er heirathet mich ausdrücklich nur, weil er mit ſeinem Ge⸗ * —— ——— —, räth nicht fertig werden kann, neben den vielen Acten! Merken Sie ſich Das, wenn Sie einmal in den Fall kommen! Nun ja, ich ſehe da ſchon, wie Sie in der Commode Kraut und Rüben anrichten! Kommen Sie nur her und laſſen mich einmal als Ihre Schweſter Lina Hand anlegen. Sehen Sie, ins oberſte Gefach gehört Alles, was Sie im Laufe des Tages und der Woche brauchen und wechſeln, was Sie, aus⸗ und eingehend, ab⸗ und wiederanlegen, von Weſte, Sacktuch, Hand⸗ ſchuhen, Halsbinde und dergleichen. Fort da mit den Schreibſachen! Wozu haben Sie dort den Secretär von ſchönem Kirſchholze? Dies da gehört in den Waſchtiſch. In die mittlere Commode kommt dann das Weißgeräth, die feinen vorräthigen Halsbinden.— Ei, was die Zipfel hübſch geſtickt ſind! Iſt Ihre Schweſter ſo geſchickt mit der Nadel? Dann auch die Strümpfe, die Sacktücher und was Sie nur wochenweiſe wechſeln. Ah, da haben Sie ja auch ſchon eines der weißen Perkaltücher mit aufge⸗ druckter Landkarte des Königreichs Weſtfalen! Aber wiſ⸗ ſen Sie, das müſſen Sie ſchonen, das wäſcht ſich aus, das hält ſich nicht! Meinen Sie das Taſchentuch oder das Königreich Weſtfalen? fragte er lächelnd. Ich meine nur das Tuch, verſetzte ſie; ich ſtecke meine Naſe nicht in Politik.— Hier die Weſten von piqué matelassé gehören auch noch ins Mittelfach. Die wolle⸗ nen Weſten, die Sommerpantalons, die von Eſpagynolette oder Caſimir, die Röcke, da der grasgrüne Carrik mit drei Krägen dorthin, in den Wandſchrank! Das iſt eine große Bequemlichkeit, ſo ein Wandſchrank im Zimmer, — —j 103 und der auch ſo feſt gegen den Staub ſchließt. Unten darin, ſehen Sie, iſt Platz für Schuhe, Umſchlagſtiefel, Hutfutteral, oben ein Sims für allerlei, was Einem im Weg iſt. Sehen Sie, ſo wirds ſauber und nett bei Ihnen ausſehen! Und— daß Sie's nur wiſſen: die Tage, die ich noch hier bin, werde ich Reviſion halten. Beden⸗ ken Sie, Bruder Hermann, daß ich hier gewohnt habe, und bringen Sie nur ja durch keine Studentenwirthſchaft das Brautſtübchen in Verlegenheit! Die launige Stimmung der Haustochter war raſch auf den jungen Anſiedler übergegangen. Er ließ ſie ge⸗ ſchäftig walten, und da— vielleicht von ihrem letzten Morgengeſange— das Klavier offen ſtand, ſetzte er ſich daran, indem er ſagte: Ich will Ihnen Eins zum Dank für Ihre ſchweſter⸗ liche Bemühung ſingen. Was? Sie ſingen auch? rief ſie überraſcht aus. Und wie, ſchoͤne Lina, lachte er. Das„Schön“ geb' ich Ihnen zurück; verbrauchen Sie's zu Ihrem Singen! erwiderte ſie. Das alte Lieblingslied fiel ihm ein, und begierig, ob es bei dieſer Braut anders als bei der erinnerungsvollen Luiſe anſchlagen werde, ſang er:„Komm' heraus, komm' heraus, du ſchöne, ſchöne Braut“ u. ſ. w. Kaum hatte er die erſten Töne geſungen, als Lina, zuhörend, ihre Beſchäftigung einhielt, bis ſie am Schluß der erſten Strophe ausrief: Ei, welche artige Stimme haben Sie! Das iſt ja charmant! Da können Sie mich manchmal auf unſerm neuen Streicher'ſchen Piano begleiten. Ich habe einen Vorrath von Duetten, und die zweite Stimme fehlt mir nur immer. Aber laſſen Sie das alberne Lied! Meine guten Tage ſollen mir als Braut nicht aus ſein, und mein Schleierlein gar nicht thränenfeucht wehen. Einem naſſen Schleier vergeht auch das Wehen, ſo gut wie dem Betrübten das Tanzen. Singen Sie lieber das Goethe'⸗ ſche:„Beim Glanz der Abendröthe ging ich ſtill den Wald entlang.“ Indem ſie ſich dabei wieder ans Einräumen gemacht hatte, rief ſie plötzlich: Ach, welch' ein wunderniedlicher Handſchuh! Und wie köſtlich duftend! Hermann ſprang hinzu, nicht ohne flüchtige Verlegen⸗ heit über Adelens kleinen Handſchuh, den er zwiſchen ſeine Sacktücher verſteckt und heut ganz vergeſſen hatte. Ei, rief Lina, hat Ihre Schweſter eine ſo niedliche Hand? Mir wäre er zu knapp. Hermann ſchwieg, und ſie ſuchte nach dem Seiten⸗ ſtücke deſſelben. Es iſt nur die rechte Hand davon dal ſagte er kleinlaut. Aha! verſetzte ſie, und ſah ihn mit ihren lachenden Augen an, dann iſt es gewiß ein verliebter Raub! Wie ſieht's aus? Schöne Geſchichten bringen Sie uns ins Quartier! Die ſchalkhafte Art, wie ſie ihm das zarte Lederwerk drohend entgegenhielt, benahm ihm ſeine erſte Verlegen⸗ heit durch erregtes Lachen. Doch war er durchaus nicht gemeint, die Wahrheit zu bekennen, ſondern ſuchte eine Ausflucht. Meinen Sie denn, ſagte er, ich hätte keine artigen — 1 1. — *— 4⁰⁵ Bekanntſchaften, von denen ich ein Muſter geliehen be— käme, um meiner Schweſter hübſche Handſchuhe zu kau⸗ fen? Doch iſt das niedliche Ding da nicht von der ein⸗ zigen Freundin, die ich hier— ich darf nicht ſagen be⸗ ſitze, ſondern zu bewundern habe. Ich erzähle Ihnen ein andermal die ſchmerzlichen Schickungen einer hohen, ver⸗ ehrten Freundin, die noch nicht einmal weiß, daß ich ihre Vergangenheit mit ſchmerzlicher Andacht kenne. Aber ſo bewegt, man möchte ſagen ſchwärmeriſch er noch dieſen Morgen für Luiſen geſtimmt geweſen war, hatte ſich doch durch die Gegenwart einer ſo ſchönen und glücklichen Braut das Herz des jungen Mannes ſoweit beruhigt, daß es ſelbſt der jugendlichen Eitelkeit ein Wört⸗ chen gönnte. Mit einem gewiſſen Selbſtgefühl ſetzte er hinzu: Erſt geſtern Abend vernahm ich die merkwürdige Her⸗ zensgeſchichte des intereſſanten Mädchens aus dem Munde der Frau Baronin von Bülow, die ich die Ehre hatte, nach Hauſe zu begleiten. Drum, drum! rief Lina ſchalkhaft und etwas feier⸗ lich zurücktretend, es kam mir doch gleich vor, als wären Sie heut einen Zoll größer! Sie warf den Handſchuh in die Commode und eilte lachend fort, weil ihr die Mutter rief, die ſchon vor einer Weile das Zimmer verlaſſen hatte. Nun war es nicht zu verwundern, daß dieſer jugend⸗ liche Stolz, obgleich eben ein wenig geneckt, ſich im Selbſt⸗ gefühl des aufſtrebenden jungen Mannes dennoch gefiel und befeſtigte. Hermann empfand mit lebhafter Befrie⸗ digung das Wohlwollen ſo vornehmer Frauen, wie der ———— —————— ——— Baronin von Bülow und von Reinhard, ſowie die freund⸗ liche Zutraulichkeit einer ſo liebenswürdigen Braut, wie Lina war. Zu dieſem befriedigenden Bewußtſein ſtimmte von außen die ſaubere Ordnung des Zimmers, die Fern⸗ ſicht in eine ſonnige Landſchaft, ja vor Allem auch der Blick von ſo hoch hinab. Mit welchem Behagen wan⸗ delte er nicht hin und her, lachte und ſang durch das offene Bogenfenſter, horchte nach der nahen königlichen Burg hin! Seine Zufriedenheit, von den jugendlichſten Erwartungen getragen, ſteigerte ſich zu einem üppigen Muthwillen des Herzens, wie er noch nie empfunden. Da ſah er denn freilich auch den kleinen Handſchuh, der aus blödem Verſteck unter den Händen einer Braut her⸗ vorgeſprungen war, mit andern Empfindungen an. Der leiſe Wohlgeruch deſſelben erſchien nur als Träger eines andern Zaubers, der auf den Freund überging, als er das zarte Ledergebild an die Lippen drückte und mit Un⸗ geſtüm unter die Weſte ſchob, da wo das Herz mit ängſt⸗ lichen Schlägen klopfte. Lebhaft und lockend ſtand die kleine Creolin vor ſeiner Seele mit dieſen großen, leuch⸗ tenden Augen und mit dem wunderbaren, über Wangen und Hals gehauchten Teint. Er machte ſich Vorwürfe über ſein bisher ſo unachtſames Benehmen, und über⸗ zeugte ſich, wie nothwendig es ſei, dem Miniſter, Grafen Fürſtenſtein, aufzuwarten und ſich der Gunſt eines ſo ein⸗ flußreichen Mannes für künftige Amtsbewerbung zu empfehlen. Bei dieſer Gelegenheit dachte er wegen des von Ade⸗ len, der Schweſter des Miniſters, gewünſchten deutſchen Unterrichts anzufragen, und hoffte auch den Handſchuh verſtohlen abzugeben. Ja, verſtohlen! Wie oft war ei ca 4⁰7 nicht ſchon aus einer Vertraulichkeit das ſüßeſte Geheim⸗ niß entſtanden? Bei dieſem Gedanken regten ſich die heimlichſten Wün⸗ ſche, die der junge Freund ſich nicht klar machte und die er ſich vielleicht auch nicht einmal eingeſtanden hätte. Alle dieſe Antriebe kamen doch eigentlich aus dem kleinen Stolz auf das Wohlwollen zweier hochgeſtellter Damen, zum Beweiſe, daß nicht ſelten auch edle Frauen, indem ſie mit reinem zarten Sinn für die Unverdorbenheit eines liebens⸗ würdigen Jünglings ihn zu ſich heranziehen, doch in dem geſunden Herzen deſſelben leicht Empfindungen und ein Verlangen anregen koͤnnen, das ihn weit über jene un⸗ tadelhafte Gunſt hinaus verlocken will. Am andern Morgen, beim erſten Frühſtück in der neuen Wohnung, erſchien durch wunderliche Fügung der⸗ ſelbe widerwärtige Menſch, der Hermann am erſten caſſe⸗ ler Morgen heimgeſucht hatte— der Polizeicommiſſar Steinbach, jetzt etwas ſorgfältiger und weniger nach dem Polizeiſchnitt gekleidet. Auch hatte er ſein barſches Be⸗ nehmen von damals abgelegt und benahm ſich eher unter⸗ würfig; wie dergleichen Geſellen nicht leicht zwiſchen Bru⸗ talität und Kriecherei ſchicklich durchzukommen wiſſen. Ich hatte ſchon früher die Ehre, ſagte er. Erinnere mich nicht mehr genau, was ich bei Ihnen holen wollte; aber dermal bringe ich. Hier! Er legte einen verſiegelten Brief und ein Päckchen Geld auf den Tiſch. Hermann erbrach haſtig das amtliche Siegel, und fand einen ſchwer leſerlichen Brief des Generaldirectors Ber⸗ cagny mit Inſtructionspunkten für ſeine Arbeit, und die 1 4 . 3 ———— —— 408 Nachricht: daß abſchläglich auf das noch nicht feſtgeſetzte Honorar und den demnächſt zu beſtimmenden Gehalt 300 Franes beilägen. Ah, lachte Hermann, heut kommen Sie in ange⸗ nehmen Geſchäften und— ſehen auch anders aus? Stehe jetzt mehr in vertraulichem Dienſt, ſchmunzelte Steinbach; in unmittelbaren Aufträgen des Herrn Gene⸗ raldirectors. O, Sie glauben nicht, was das für ein umfaſſender Mann iſt, der Herr Ritter v. Bercagny! Und wie er mich ſchätzt! Zum Beweis darf ich Ihnen im Vertrauen ſagen, daß ich in kurzem ſeine junge Haushäl⸗ terin heirathe: Mademoiſelle Betty Brenzel. Nun, dann nehmen Sie meinen Glückwunſch! ſagte Hermann, indem er ihm ein artiges Trinkgeld zuſtellte. Steinbach dankte mit tiefen Verneigungen und ver⸗ ſicherte wiederholt, daß Betty eine ſehr ehrenwerthe Per⸗ ſon von guter Familie aus Braunſchweig ſei, daß aber die Frau v. Bercagny mit einem allerliebſten Töchterchen von Paris ankomme, eine ſehr eigene Frau, und die mit⸗ hin— ihre eigenen Leute mitbringe. Sehen Sie, ſagte Hermann unüberlegt, ſo macht der Ueberfluß des Einen das Glück des Andern. Des widerwärtigen Geſellen endlich ledig, durchlief Hermann die Inſtruction, deren verfängliche Abfaſſung ihm in ſeiner heitern Stimmung noch weniger auffiel, als es bei ſeiner natürlichen Unbefangenheit ohnehin wol der Fall geweſen wäre. Er überzählte nicht ohne Behagen die mit ihrem Inhalt überſchriebenen Geldrollen. Wenn er auch in keinen bedrängten Verhältniſſen aufgewachſen —6—„—— ————— 12——— —9——— — 4⁰9 und von ſeinem nicht unvermögenden Vater auf ruhiges Abwarten einer Stellung hin mit dem Nöthigen verſehen war, ſo kam doch der Anblick einer Summe, der erſten, die er eigenem Leiſten zu verdanken haben ſollte, ſeinem eben erregten Selbſtgefühl ſehr entgegen. Ja, rief er, im Zimmer auf⸗ und niederſchreitend aus, jetzt empfinde ich zum erſten mal mit unſerer ſinn⸗ reichen Sprache bei dieſem Gelde, daß ich eben— etwas gelte. Ich trete von nun an in ganz andere Beziehungen, und war ich bis jetzt nur beſtrebt, für mich ſelbſt etwas zu ſein, ſo habe ich nun den Beruf, für Andere, für die Welt etwas zu können. Ich habe meine Lehre gemacht und bin in die Fremde gewandert,— noch kein angeſeſſe— ner Meiſter, aber ein bezahlter Geſell. Ich werde man⸗ ches durchzukämpfen haben, denke aber nicht, daß ich im Sinn eines wandernden Handwerksburſchen zu fechten brauche. Eines aber weiß ich gewiß: wenn ich auch werde zu dienen haben, dienſtbar laſſe ich mich nicht machen. Die jetzige Zeit hebt ja ſelbſt Hand⸗ und Spann⸗ dienſte auf; wenn ſie dafür aber die Geſinnung, die Seele der Menſchen, frohnbar machen will, ſo ſoll ſie mir ge⸗ ſtohlen ſein. Nein, bei Gott! misbrauchen laſſe ich mich nimmermehr! Unter dieſer nun auch innerlichen Erhebung kleidete er ſich mit Sorgfalt an, zum Grafen Fürſtenſtein zu gehen, der in der Frankfurter Straße wohnte. Indem er Ade⸗ lens gedachte, rief er, ſich betrachtend, mit Lächeln aus: Wo wird's denn am Ende mit dem Geſellen hin⸗ auslaufen? Wird er eine Meiſtertochter heirathen, oder ſich mit einer Meiſterwitwe in ein gemachtes Geſchäft 11⁰ ſetzen? Hätte ich doch einen jener Augenblicke, von denen Schiller ſagt: Es gibt im Menſchenleben Augenblicke, Wo man dem Weltgeiſt näher iſt, als ſonſt, Und eine Frage frei hat an das Schickſal. Wäre ich ein Judenjüngling, ſo würde die freie Frage lauten: Schickſal, was beſcherſt du mir für ein— Schickſel? Neuntes Capitel. Eine bedenkliche Einladung. Le Camus, der Vertraute und Rathgeber Jeröme's ſchon aus Amerika her, war diesmal, wo der König ſeine Provinzen abſichtlich in der Umgebung von altem deut⸗ ſchen Adel bereiſte, nicht wie ſonſt im Gefolge, und machte es ſich daher zu Hauſe bequem mit den Geſchäften des auswärtigen Amtes. Als vormaliger amerikaniſcher Pflan⸗ zer, wofür er ſich gelten ließ, oder gar, wofür ihn ſeine Gegner ausgaben, als ehemaliger Gewürzhändler in Bal⸗ timore ein luſtiger Kumpan Jeroͤme's, während dieſer als franzöſiſcher Marineoffizier dort mit Eliſabeth Patter⸗ ſon verheirathet geweſen, verdankte Le Camus doch dieſen auswärtigen Beziehungen das Miniſterium des Aeußern. Aber auch in dieſer ihm ſo fremden Stellung, die durch Hof⸗ und Parteiränke, ſowie durch den fortwährenden —.— —„—— —— 411 Einfluß des Kaiſers Napoleon ſchwierig genug war, wußte ſich Graf Fürſtenſtein zu behaupten, was doch immerhin beſondere Fähigkeiten, große Gewandtheit und Weltkennt⸗ niß vorausſetzte. Auch verrieth ſeine Erſcheinung einen nicht unbedeutenden Mann. Hübſch und ſtattlich von Ausſehen, trat er nicht nur ſehr freundlich, ſondern auch mit feinem Anſtand und, wenn nicht mit eigentlich vor⸗ nehmen— doch mit behaglichen Manieren auf. Das Vor⸗ nehme ſuchte er durch eine gewiſſe Gravität beim Empfang und durch die leicht bemerkliche Sorgfalt zu erſetzen, mit der er ſich eines gewählten und ſprachlich correcten Aus— drucks befleißigte. Seine nähern Bekannten hielten ihn übrigens für ziemlich kalt, theilnahmlos und in ſeinen Ausgaben ſehr berechnend. Dieſe Gemüthsſtimmung war vielleicht auch ſchuld, daß es mit ſeiner Heirath der Toch⸗ ter Salha's nicht recht vorwärts gehen wollte; wenn er es nicht etwa ſeiner hohen Stellung angemeſſener fand, in Verbindung mit einer Familie von altem deutſt en Adel zu kommen. Heut war Fürſtenſtein noch gegen Mittag in ſeinem eleganten pariſer Morgenanzuge und eben beſchäftigt, mit einem Gabelfrühſtück auf Porzellan von Sevres einen Militär zu bewirthen, der es ſich in großer Uniform mit Orden auf dem Sofa bequem machte. Brigadegeneral und Kriegsminiſter Morio, ein Liebling des Koͤnigs, mit dem er als Adjutant aus Frankreich gekommen war, ein Mann von Talent und militäriſcher Bildung, ließ ſich gern gehen, und zeigte in ſeinen Zügen, wie in ſeinem Benehmen, einen leichtgeſinnten, aber ſehr reizbaren und ziemlich brutalen jungen Mann, gegen den daher das 41² luſtige Völkchen am Hofe ſich ſehr vorſichtig zurückhielt. Auch jetzt verrieth er eine lebhafte Ungeduld, die Le Ca⸗ mus durch berechnete Unterhaltung zu beruhigen ſuchte. Er hatte ſich nämlich ſchon länger um Adelen bemüht, und da er nach ihrem bisherigen Benehmen ſich ihrer Neigung verſichert hielt, ſo war er heut in großer Uni⸗ form gekommen, ſich im Beiſein ihres Bruders förmlich zu erklären und um ihre Hand zu bitten. Inzwiſchen war aber in den letzten Tagen durch das Begegniß mit Hermann nicht blos eine Umſtimmung Adelens geſchehen, ſondern der ganze Trotz ihres leidenſchaftlichen Herzens war dadurch hervorgerufen worden, daß ihr der Bruder, auf einen Wink der Generalin Salha, es abgeſchlagen hatte, deutſche Lectionen bei dem jungen Manne zu nehmen. Le Camus, der den Beſuch Morio's nicht abwen⸗ den konnte, hatte dieſen Morgen durch den freundlichſten Zuſpruch die widerwillige Schweſter nur mit Mühe dahin gebracht, den Bewerber zu empfangen und ihn wenigſtens nicht geradezu abzuweiſen, ſondern ſich eine ſo glänzende Zukunft offen zu halten, wie er ſie ihr in der Verbin⸗ dung mit Morio darlegte. Unter dieſen Umſtänden war es dem Miniſter wie er⸗ wünſcht, daß die Großhofmeiſterin der Königin gekommen war, Adelen, ihren Liebling, zu ſehen und, wie es ſchien, Einiges mit ihr zu beſprechen. Denn die Gräfin ver⸗ weilte länger, und dieſer Aufenthalt, der den verliebten General ungeduldig machte, gab dem Miniſter Zeit, den Bewerber vorzubereiten, daß er vielleicht nicht ſogleich ein ausdrückliches Ja, ſondern eine hinhaltende Antwort er⸗ — khielt. Ca⸗ ſuchte. müht, ihrer Uni⸗ mlich iſchen z mit hehen, rzens uder, lagen e zu wen⸗ chſten dahin ſtens zende rbin⸗ e er⸗ imen hien, ver⸗ ebten den h ein Fer⸗ halten werde. Er brachte dies ſogar in Verbindung mit dem längern Beſuch, indem er ſagte: Wer weiß, was die Gräfin für eine Angelegenheit hat! Sie liebt Adelen, und bereitet vielleicht gerade für Ihre Bewerbung, General, die Gunſt der Königin vor, die meiner Schweſter nicht ſehr gewogen iſt, wie Sie wiſſen. Und mir wär's doch gar lieb, wenn Adele, nach der Verbindung mit Ihnen, Hof⸗ oder Ehrendame würde.—— Apropos! Wiſſen Sie ſchon, General, daß der Koͤnig ſich der Großhofmeiſterin nähert, ſeit die Gräfin B. zu Beſuch bei ihren Verwandten iſt? Wahrhaftig? rief Morio. Nähert ſich der Gräfin Antonie? Ah!l ich finde ſie ſehr liebenswürdig. Sie iſt vielleicht nicht ſo reizend wie die Gräfin Franziska— Nicht ſo üppig, wollen Sie ſagen, fiel der Miniſter ein; ſie hat das Incarnat nicht wie dieſe; aber ſie iſt auch nicht ſo übermüthig, ſo brutal. Für uns, General, iſt ſie traitabler, und wird den König mehr durch Geiſt und durch ihre fürſtliche Geſinnung feſſeln. Freilich etwas älter als der König! meinte Morio. Iſt das nicht auch die Gräfin Franziska? Und ebenſo die Königin? verſetzte Fürſtenſtein. Wiſſen Sie, das hat ſeinen Reiz, ſo lange man ſo jung iſt wie Jeröme. Und es hat wol auch etwas Anziehendes für ihn, daß ſie von fürſtlichem Blut iſt— eine Prinzeſſin von— Dings da— verwünſchte deutſche Namen! Weiß ja wohl! lachte der Miniſter des Aeußern. Aber Sie wiſſen nicht, wie ſehr die Oberhofmeiſterin mit Herrn von Bülow befreundet iſt. Und das bringt mich wieder auf mein Geſtriges: Sie müſſen ſich wahrhaftig mit Bülow Koenig, Jeröme'’s Carneval. I. 8 — — —— wieder verſtändigen, General! Er iſt ein vortrefflicher Kopf— ein homme universel, ſage ich Ihnen. Wir können uns gratuliren, daß wir ihn ſtatt Beugnot's er⸗ halten haben. Dieſe lange finſtere Geſtalt, dies Geſpenſt der Revolution— nun ja, Talent, Genie hatte Beugnot; aber Kenntniß der Finanzquellen des Landes fehlte ihm, und die deutſchen Verhältniſſe waren ihm fremd. Da⸗ gegen iſt Bülow der Mann, der die Kaſſen zu füttern verſteht. Sie kennen unſere Bedürfniſſe, Morio, und ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß Bülow unſer gutes Verhängniß iſt. Er iſt der Mann der abſoluten Noth⸗ wendigkeit für Weſtfalen. Dem König iſt er zugleich per⸗ ſönlich höchſt angenehm. Keiner hat, wie er, das Talent, unſerm guten Jeroͤme jedes Geſchäft, jedes deutſche Ver⸗ hältniß faßlich darzulegen, wodurch Se. Majeſtät Zeit zum Vergnügen gewinnen. Auf dieſe mit Lächeln begleitete Schilderung erwi⸗ derte Morio: Es iſt wahr, leicht und liebenswürdig iſt dieſer Bü⸗ low, ein artiger Preuße, nicht ſo kalt und vornehm geiſt⸗ los wie dieſe heſſiſchen und braunſchweigiſchen Barone; aber ich traue ſeiner preußiſchen Geſinnung nicht. Und ſehen Sie nicht, Le Camus, welchen Anhang er ſich macht, der ſich wirklich ſchon— die deutſche Partei nennt? Ei was, Morio! rief der Graf. Wir nennen ſie ſo, heißt das, eine franzöſiſche Partei nennt ſie ſo. Iſt Weſt⸗ falen nicht ein deutſches Reich? Sind die Deutſchen hier eine Partei? Sie ſind le tout! Was bleibt uns übrig, Morio? Wollen wir hier Fremde bleiben— wir, die Miniſter eines deutſchen Königreichs? Hat der König 414⁵ nicht ſelbſt den erſten Abgeordneten des Landes in Paris ber das Verſprechen gegeben, ſich die Sprache ſeiner Unter⸗ Ir. thanen anzueignen? Und wirklich gewinnt er Vorliebe für nſt das Deutſche. Und darin wird ihn die Oberhofmeiſterin ots beſtärken. Bedenken Sie, welchen Einfluß durch die Gräfin zm, und durch Bülow dieſe ſogenannte deutſche Partei gewinnt. Da⸗— Soll ich Sie, meinen künftigen Schwager, auf der ent⸗ ern gegengeſetzten Seite finden, wo Bercagny einen feindſeligen ich Anhang zuſammenzuballen ſucht? Sie waren früher mit tes Bülow auf dem beſten Fuß; vergeſſen Sie ihm—! th⸗ Mein Gott, wenn Ihnen ein Gefallen damit ge⸗ er⸗ ſchieht! rief Morio und reichte dem Miniſter die Hand, nt, ſo geh' ich zu ihm. Baſta! er⸗ In dieſem Augenblicke hörte man einen Wagen an⸗ um fahren. Nun, wer kommt noch? ſagte mit neuer Ungeduld wi⸗ der General, indem er mit dem Grafen anſtieß, der auf das ihm gegebene Verſprechen die Gläſer gefüllt hatte. zü⸗ Der Bediente, ein Franzoſe, trat ein, und meldete ver⸗ iſt⸗ legen und lächelnd einen jungen hübſchen Doctor, deſſen ne; Namen er nicht ausſprechen könne. nd Iſt angefahren? Ein Doctor? fragte Fürſtenſtein nach⸗ 1 ht, denklich. Verzeihung, Excellenz! Angefahren iſt der Wagen der oo, Gräfin Oberhofmeiſterin, ſie abzuholen, antwortete der 4 eſt⸗ Bediente. Während Morio, vergnügt des bei Adelen beendigten ier ig Beſuchs, ſich erhob, befahl der Miniſter, den jungen Doctor die eintreten zu laſſen. Doch wie betroffen blickte er auf, als nig er in dem Eintretenden Hermann erkannte, der deutſche 8* 4 ————*. ö —, —— 416 Sprachunterricht ihm einfiel, und juſt Morio anweſend ſein mußte, den die Angelegenheit mit anging! Er würde noch betroffener geweſen ſein, wenn er hätte ahnen kön⸗ nen, daß ſein Empfang des jungen Mannes hinter dem Thürvorhange belauſcht würde, der mit ſchweren ſeidenen Falten das Zimmer von einem Cabinet ſchied, an welches ein Salon ſtieß. In dieſen Salon nämlich hatte Adele aus ihrem Zim— mer die Gräfin Antonie geführt, die von ihrer Stadt⸗ wohnung zu Fuß gekommen, ihren Wagen erwartete, um zur Königin nach Napoleonshöhe zu fahren. Beide tra⸗ ten, als der Wagen heranfuhr, ans offene Fenſter, und bemerkten zu gleicher Zeit Hermann, der dem Wagen zu⸗— vor ins Palais eilte. Adelens Bewegung und Unruhe ———=— entging der Oberhofmeiſterin nicht, und ſie fragte, wer der hübſche junge Mann ſei. Ich kenne ihn, antwortete ſie haſtig und halblaut; aber ich muß Ihnen Alles erzählen— es iſt eine intri⸗ cate Geſchichte. Der Bruder wird ihn unfreundlich em⸗ pfangen, und gar Morio! Ach, verzeihen Sie einen Augenblick! Ich begleite Sie dann hinab. Mit dieſen Worten, unter unruhigen Geberden, ſchlüpfte ſie in das Cabinet und an die Portiere. — 1 Ah, Sie ſind es, Herr—! Der Bediente konnte— mir Ihren Namen nicht nennen! 1 Mit dieſer Anſprache empfing Graf Fürſtenſtein den jungen Doctor, deſſen Namen ihm ſelbſt vergeſſen war, und ſagte dann weiter: ————,——— 2 1 417 Sie kommen anzufragen wegen der Lectionen im Deut⸗ ſchen? Adele, meine liebe Schweſter, hat mir ſchon ge⸗ ſagt,— aber freilich, mein Herr— Verzeihung, Excellenz! fiel Hermann ein. Ich komme eigentlich von der mir ertheilten Erlaubniß Gebrauch zu machen, und Ihnen meine Ehrerbietung zu bezeigen. Ich wollte mich dem Wohlwollen Eurer Excellenz empfohlen haben, das mir zu meinem Fortkommen im Dienſte Sr. Majeſtät des Königs höchſt wünſchenswerth iſt. Die angenehme Art, wie Hermann ſich darſtellte, be⸗ ſonders aber die gute Wendung, wodurch der Graf ſich einer abſchlägigen Antwort wegen der Lectionen überhoben ſah, ſtimmte ihn aufs angenehmſte. Er ſagte ihm eini⸗ ges Artige nicht ohne Feinheit, und gab ihm die beſten Zuſagen für Alles, was er in ſeiner Stellung und durch ſeine Verwendung beim Könige zur Beförderung eines— wie er ſich ausdrückte— ſo vortrefflichen jungen Mannes zu thun vermöge. Und indem er die ungeduldigen Be⸗ wegungen des Generals bemerkte, ſtellte er Hermann mit den Worten vor: Lieber General, Sie ſehen hier den gelehrten jungen Mann, der wegen der deutſchen Stunden— Ah bah! unterbrach ihn Morio, auf den in Gedan⸗ ken an Adelen gerade die gewinnende Perſönlichkeit Her⸗ mann's einen eher verſtimmenden Eindruck machte.— Mit den Lectionen iſt es nichts, mein Herr! Müſſen ſich nach andern Schülerinnen umthun. Le Camus, nicht wenig betroffen, ſuchte mit den Wor⸗ ten einzulenken: Sehen Sie, mein Herr, die Stunden waren eigent⸗ 118 lich für Mademoiſelle Salha beſtimmt. Man wird Ihnen geſagt haben, ſie ſei Braut; aber— das iſt mehr bei Adelen der Fall. Sie iſt ſo gut wie verlobt, und kann erſt ſpäter— Abermal unterbrach ihn Morio mit den barſchen Worten: Eigentlich, Herr Graf, iſt ja der Monſieur auch nur gekommen, ſich zu einer Anſtellung zu empfehlen. Setzen. Sie ihn auf die Liſte der Candidaten!— Es iſt freilich 4 eine Unzahl von Subjecten, die von allen Enden der Welt hierhergelaufen kommen— Eh bien, mein Herr— Excellenz wird Sie notiren, oben an! Er machte dabei mit der Hand eine verabſchiedende Bewegung. Hermann, indem er des Miniſters Verlegenheit be⸗— merkte, nahm ſich gegen ſeine Aufwallung zuſammen und ſagte mit etwas bebender Stimme, doch mit Faſſung: Verzeihung, Excellenz, wenn ich geſtört habe! Ich 1 erlaube mir nur noch zu bemerken, daß ich aus Halle bin— einer Stadt, die zum Königreiche gehört. Ich bin mithin keiner der hergelaufenen Fremden, die ihr Glück in Weſtfalen ſuchen. Ich heiße in der Landesſprache Teutleben, und bin wol für den Herrn General ſchwer auszuſprechen. Er verneigte ſich und ging mit ruhigem Anſtand, war aber kaum hinaus, als Morio, der aus Ungeduld an ein Fenſter getreten war, auffuhr und mit den Wor⸗ ten: Was war das? Den Burſchen ſoll der Teufel—!„ nach der Stubenthür eilte. Le Camus trat ihm entgegen, faßte ihn am Arm und ſagte in gereiztem Ton: .“ 4 „ —— ——— +—4 119 Was wollen Sie, Morio? Noch mehr Beleidigung machen? Beleidigung machen? Ich? fuhr Jener auf. Haben Sie nicht verſtanden, daß der Kerl mich als hergelaufe⸗ nen Fremden— mich beleidigt, miche So? Hat er das? entgegnete der Miniſter. Ich hab's überhört,— in der Verlegenheit darüber, daß Sie ei⸗ nem achtbaren Manne, der mir die Aufwartung macht, Beleidigendes auf meinem Zimmer ſagen, ihn mit Hand⸗ bewegung fortſchicken, als ob Sie hier im Hauſe— Ja, das haben Sie, Herr General! Mich compromittirt, das haben Sie! Nehmen Sie dafür ſeine Antwort hin! Seien Sie ruhig, lachen Sie! Die Replik war gut. Und wiſſen Sie— Aber, baſta! Laſſen wir das! Ich denke, wir gehen hinüber. Kommen Sie! Machen Sie bonne mine. Die Gräfin wird fort ſein. Ah ga! Allons! Er rieb die Hände, lachte etwas gezwungen, klopfte Morio auf die Schulter und wiederholte: Laſſen wir's! Kommen Sie! Als Hermann die Stiege hinabgekommen war, erblickte er Adelen in lebhaftem Geſpräche mit einer Dame von bedeutendem Ausſehen. Adele hatte nämlich nur einige Augenblicke gelauſcht, und war zurückgeeilt, die Gräfin nach ihrem Wagen zu begleiten. Sie trat Hermann ent⸗ gegen und ſagte mit einer gewiſſen Würde: Sie ſind unfreundlich empfangen worden, mein Herr, und ich bin ſchuld daran: ich habe Sie eingeladen zu kommen. Ich muß Ihnen Erklärung geben, und hier die Frau Gräfin erlaubt, daß es bei ihr geſchehe. Sie wird Ihnen eine gelegene Stunde beſtimmen, und Sie— 2 Verzeihung, Mademoiſelle! erwiderte er. Ich bin ge⸗ kommen, mich dem Herrn Miniſter zu empfehlen, und bin ſehr freundlich empfangen worden. Nur der Herr General— Was es auch ſei— ich will Sie ſprechen, wendete Adele ein, und Sie haben mir auch noch den Handſchuh zurückzubringen, den ich damals fallen ließ— Hermann griff nach ſeiner Weſte, aber Adele verſetzte: Nicht hier, mein Herr, das ſchickt ſich nicht! Wann erlauben Sie, Gräfin? Die Oberhofmeiſterin nannte gegen Hermann gewen⸗ det ihren Namen und ihre Wohnung, und bezeichnete ihm Tag und Stunde, wo ſie ihn erwarte. Hierauf gab ſie Adelen noch einen warnenden Wink, und beſtieg ihren Wagen. Adele flog die Treppe hinauf nach ihrem Zim⸗ mer, wo ſie von Morio und dem Bruder bereits erwar⸗ tet wurde. Als Hermann hinter dem dahinrollenden Wagen das Palais verließ, war er durch alles in ſo raſchem Wechſel ihm Begegnete ſo aufgeregt und zerſtreut, daß er in Ge⸗ danken den Weg nach ſeiner alten Wohnung einſchlug. Die Einladung zu der hochgeſtellten Dame ward ihm zu einem Räthſel durch das ſo ſtolze Benehmen Adelens, das ihm an ihrer naiven, niedlichen Perſon überraſchend vor⸗ kam. Er überlegte das Verſteckte dabei hin und her, bis zuletzt, als er mit heiterm Lächeln ſeines Irrweges inne wurde, auch das Schmeichelhafte der Intrigue über den Verdruß ſiegte, den er durch Morio genommen hatte und für den ihm eine ſo anmuthige Vergeltung geboten war. — . —— — —— 12²1 Den kleinen Handſchuh brachte er nun wieder mit zu⸗ rück. Er betrachtete ihn lange und— da er Adelen für wirklich verlobt hielt— nicht ohne heimliche Betrub⸗ niß als die abgewelkte Hülle eines verlorenen allerliebſten Händchens. Und doch ſchienen dieſe gekrümmten Finger zu winken, daß er doch ja kommen möchte. Zehntes Capitel. Stimmung und Störungen. Hermann dachte nun ernſtlich an die übernommene und gewiſſermaßen ſchon voraus honorirte Arbeit für Bercagny. Die Aufgabe lag aber ſo unbeſtimmt und zugleich ſo um⸗ faſſend vor ihm, daß er ſie nicht gleich recht anzugreifen wußte. Er wendete ſie ſo und ſo, wie ein Maler hin⸗ und herwandelnd den beſten Augenpunkt ſucht, eine reiche und reizende Landſchaft treu und doch künſtleriſch als ein Ganzes aufzunehmen. So ſah er ſich bald nach den neuen großen Gedanken um, von denen die deutſche Gegenwart bewegt werde, bald nach den bedeutenden Männern, von „denen dieſe Gedanken ausgegangen waren oder getragen wurden. Natürlich traten ihm vor allen die würdigen Lehrer und Gönner, die er im Herzen hegte, für die er ſchwärmte, mit jener Wehmuth vor die Seele, die ſich wie ein dunkelblauer Duft um entfernte liebe Geſtalten — ————- „ fß Heer und Namen zu legen pflegt. Ihre großen Ideen, ihre edeln Beſtrebungen lebten in ſeinem warmen Andenken. Er hatte in Halle mit ihnen verkehrt, und als dieſe Uni⸗ verſität durch einen Gewaltſpruch Napoleon's aufgehoben 4 worden, war er Denen gefolgt, die ſich nach Berlin zu⸗ rückzogen. Es erſchien ihm als ein Opfer der Dankbar⸗ 1 keit, wenn er ihre wiſſenſchaftlichen Arbeiten, ihre Lehr⸗ n verdienſte um Deutſchland, ihre Umgeſtaltungsabſichten für. g das Volk in den Augen Derer geltend machte, die ihre d Eroberung durch Anerkennung, ihre Uebermacht durch ehrende Gunſtbezeigungen zu verſoͤhnen und auszugleichen n die Abſicht verriethen. Wie viel mußten ſolche Männer erſt in den Augen der Deutſchen gewinnen und Muth erregen, wenn ihnen ſelbſt die Fremden eine Huldigung nicht verſagen konnten! Die ganze Seele Hermann's ward von ſolchen Be⸗ trachtungen erfüllt; ſein Herz quoll über von heimweh⸗ lichen Erinnerungen an ſeine Studentenzeit, von ſchwung⸗ vollem Verlangen, weiter zu ſtreben, zu wirken, zu ſchaffen,— Empfindungen, die ihn immer wieder auf ſeine gegenwärtige Aufgabe zurückführten, ähnlicherweiſe wie ſeine Blicke, die während ſeiner worteſuchenden Ueber⸗ legung hinaus in die Landſchaft ſchwärmten, ſobald er nach der Feder griff, raſch wieder ins Zimmer zurück auf das gefaltete Papier fielen. Zu dieſen Störungen aus dem eigenen Innern, zu dieſer Fülle des Herzens, die ſich nicht bewältigen ließ, kamen auch äußere Unterbrechungen durch Mutter und Tochter des Hauſes, die ſehr geſchäftig waren, die Hoch⸗ zeit vorzubereiten. Lina beſonders, nachdem ihre Aus⸗ 2— —. ——.+—,——,—+₰Sp—˖ꝗ 8 ͤf„ dort zu Hauſe, ja ſelbſt von ängſtlichen Erwartungen 123 ſtattung in die neue Wohnung geſchafft war, erſchien voll ungewohnter Unruhe nicht mehr recht hier, und noch nicht umhergetrieben. Ja, ja! Sie kommen mir nun doch ein wenig träu⸗ meriſch und gerührt vor, liebe Lina! ſagte Hermann neckend. Sie haben erſt das thränenfeuchte Schleierlein gar weit weggeworfen; geben Sie Acht, es wird nun doch noch dicke Thränen abſetzen, ſo dick wie Gurkenkerne! Ich denke nicht! lächelte ſie. Aber es geht mir ein wenig im Kopf herum, daß ich meinen Ludwig ſo ernſt, ſo nachdenklich ſehe. Ich weiß, es ſind Geſchäftsſachen, Acten, und auch noch andere Dinge gehen ihm durch den Kopf; ich weiß das, und doch ängſtige ich mich auch wie⸗ der einmal, und ſteigen mir allerlei Zweifel auf. Es fällt mir manchmal ein, ob's an mir liege, daß er vielleicht kein volles Vertrauen auf eine glückliche Zukunft faſſen kann. Doch nein! Ich weiß ja— ich habe ſo viel Liebe für ihn, ſo viel allerbeſten Willen, daß ich ihn gewiß zufriedenſtellen werde. Und was mich angeht, ſo habe ich ſo mein Alles und Alles an ihm, daß ihn ſchon der Anblick meiner Glückſeligkeit, als ſeines Werkes, erfreuen muß, denke ich. Ach ja, ich habe auch wieder recht ſelige, hoffnungsvolle Stündchen! Kommen Sie, lieber Freund, wir wollen ein paar Noten ſingen, da wird's ſchon heller in mir werden. Laſſen Sie Ihre Arbeiten! Arbeiten bleibt Ihnen noch übrig, wenn auch Ihre neue Schwe⸗ ſter fort iſt. Sie ſangen dies und das, bis die Unruhe der ſchö⸗ nen Braut ſich auch gegen die Noten behauptete. Sie ſtand auf und ſagte weggehend: Alſo übermorgen iſt unſer Polterabend, und da rech⸗ nen wir auf drei Stücke von Ihnen: erſtens auf Ihre Liebenswürdigkeit beim kleinen, häuslichen Feſt, dann auf Ihr Klavier für hinab in die große Stube, wo ſich das junge Volk beluſtigt, und drittens auf Ihre Stube hier für die ſogenannten alten Herren, heißt das— Ludwig's Freunde und des ſeligen Vaters Bekannte. Sie mögen dann zuſehen, wo Sie ſich am beſten behagen, bei Jung oder Alt. Unten finden Sie für die Augen meine hüb⸗ ſchen Brautjungfern, oben einige Leckerbiſſen, womit die Alten bewirthet werden. Die Jugend ſoll's nämlich nach der altcaſſeler Einfachheit haben, damit dieſe nicht ganz in Vergeſſenheit komme; die Alten aber ſollen damit geneckt werden, daß ſie ſich an den üppigen neufranzöſiſchen Ge⸗ ſchmack gewöhnen müſſen; denn es ſind meiſt Anhänger des alten Herrn, getreue Heſſen. Verkehrte Welt, lie⸗ ber Freund: die Jugend kriegt Altes, das Alter Neues vorgeſetzt. Und Sie helfen ſie noch verkehrter machen, Schwe⸗ ſter Lina, wendete Hermann ein; denn Sie geben mir unten für die Augen, oben für den Mund: in unſerer Phyſiognomie ſtehen aber Mund und Augen umgekehrt. O Sie— Spitzfindiger! lachte Lina, indem ſie ging. Am andern Abende begab ſich Hermann zur beſtimm⸗ ten Stunde nach der Wohnung der Gräfin. Er hatte ſich ſehr ſorgfältig gekleidet, wie er denn durch ſeine hof⸗ meiſterlichen Aeltern mehr als andere Studenten damali⸗ 4 25 ger Zeit zu äußerlichem Erſcheinen angewieſen worden war. Dabei ſtreckte er ſich etwas geſpannt, als ob er die ſchlottrige Aengſtlichkeit bei der räthſelhaften Einla⸗ dung durch das Selbſtgefühl aufſteifen müſſe, ein ſo ge⸗ ſuchter Menſch zu ſein. Aber er ſollte gleich, vielleicht zu belehrender Warnung, erfahren, daß man es in dieſen höhern Kreiſen auch mit beeiferten Dingen doch nicht ſehr genau nehme, oder wol auch nicht immer ſein eigener Herr ſei. Statt der Gräfin empfing ihn nämlich eine franzoͤſi⸗ ſche Zofe, die ſeinem guten Auge eine ſchalkhafte Wahr⸗ nehmung erregte. Im Gegenſatze der falſchen preußiſchen Groſchenſtücke, die ihren Umlauf durch Rothwerden ver⸗ riethen, ſchien nämlich die Franzöſin ihren Cours durch aufgelegtes Roth verbergen zu wollen. Sie beſchied ihn zuerſt etwas ſchnippiſch⸗kokettirend, die Gräfin ſei bei der Königin und erwarte ihn morgen Abend. Ich bedauere, verſetzte Hermann, morgen Abend bin ich verſagt. Die Zofe machte große Augen über einen jungen Mann, der den Erwartungen einer Großhofmeiſterin der Königin gegenüber verſagt ſein dürfe, ward aber gerade dadurch artiger, und da ſie etwas Empfindlichkeit in ſei⸗ nem Ton und Geſicht bemerkt haben mochte, erklärte ſie ihm ſehr freundlich, man würde ihm gern den vergeb⸗ lichen Gang erſpart haben, wenn man ſeine Adreſſe ge⸗ habt, ſeine Wohnung gekannt hätte. Die Gräfin, ſagte ſie, hat einer Berathung wegen einiger Vorkehrungen zum Empfang Sr. Majeſtät des Königs beizuwohnen, der in dieſen Tagen zurückkehrt und in deſſen Gefolge auch der Herr Graf, ihr Gemahl, zu⸗ ——— 85 126 rückkommt. Es wird der Gräfin nicht lieb ſein, daß Sie nicht kommen. Und was ſoll ich zu Ihrer Entſchuldi⸗ gung ſagen? Daß ich zum Polterabend der Tochter des Hauſes eingeladen ſei, wo ich wohne. Qu'est ce que c'est que ça— Polterabende fragte die Zofe, und es machte Hermann Spaß, der ge⸗ zierten Perſon flüchtig und neckiſch die Gebräuche eines deutſchen Brautabends zu erklären. Sie fand es charmant, beſonders daß man auch zu Ehren einer neuen Wirth⸗ ſchaft die alten Töpfe zerſchlage. Fünfundzwanzig Jahre ſpäter, ſagte er, wird die ſil⸗ berne Hochzeit gefeiert; dann ſchminkt man ſich junge Ge⸗ ſichter und kocht in alten Töpfen. So wechſelt Alt und Jung, Mademoiſelle!— Er übergab ſeine Adreſſe und erklärte, daß er die weitern Befehle der Graͤfin erwarten wolle. Ich werde die Artigkeiten des Herrn beſtellen! ant⸗ wortete ſie mit einer vornehmen Kopfbewegung. Elftes Capitel. Ein Polterabend. Ein heiterer Maitag ging zu Ende. Es dämmerte bereits in der engen, vom ſinkenden Abenddufte etwas feuchten Steinweggaſſe, als die zum Polterabend Gelade⸗ 127 nen, Einer um den Andern, ſich im Hauſe der Fr à Wit⸗ tich einfanden, und von Braut und Bräutigam empfangen wurden. Am früheſten waren Lina'’s Freundinnen er⸗ ſchienen, und umgaben mit der anſchmiegendſten Zuthäti keit die morgen aus ihrem Mädchenkreiſe Scheidende. waren lauter recht hübſche Mädchen, obgleich ſich keines derſelben in Geſtalt, Anmuth und ſeelenvollen Zügen auch nur von fern mit der Braut vergleichen mochte. Am nächſten kam ihr eine allerliebſte Blondine, über zwanzig alt, blühend, lebhaft und ausgeſprochen verſtändig, dabei mit ihrem friſchen Mund alle Welt anlachend. Es iſt meine liebe Thereſe Engelhard, ſagte Lina auf Hermann's Befragen, die zweite Tochter der bekannten Dich⸗ terin Philippine Engelhard, geborenen Gatterer. Dieſe Profeſſorstochter kam vor etwa achtundzwanzig Jahren von Göttingen herüber, um ſich von dem berühmten Tiſchbein malen zu laſſen, und machte bei demſelben die Bekannt⸗ ſchaft eines jungen Freundes deſſelben, des damaligen Secretärs Engelhard, der ihr Mann wurde, jetzt Ober⸗ appellationsrath iſt, und dem ſie ſteben blühende Töch⸗ ter ſchenkte. Einer ſchalkhaften Bemerkung Hermann's kam Lina mit der Auffoderung zuvor: Kommen Sie und lernen das kluge Dichterkind kennen! Sie ſtellte ihn jetzt noch einmal beſonders dieſer Freun⸗ din vor und überließ ihn der angenehmen Unterhaltung. Denn eben kamen wieder Brautgeſchenke zur Ausſteuer an, und wurden zu den ſchon überbrachten auf den Tiſch verſammelt. 35 Auch die alten Hausfreunde ließen nicht auf ſich war⸗ —y——y——— ten. wie ſie ihn mit einer pedantiſchen Vertraulichkeit, mit höfli flicher Freundlichkeit empfingen, hätte er wahrnehmen können, daß ſie bereits von ihm wußten und eine gute Meinung gefaßt hatten. Dieſe alten Heſſen hielten ſich mit einer geheimnißvollen Aufmerkſamkeit auf den Regie⸗ rungsrath Schmerfeld gerichtet, der zwar als vortragen⸗ der Rath des franzöſiſchen Gouverneurs von Caſſel in der neuen Ordnung der Dinge ſtand, insgeheim aber die ver⸗ deckten Beziehungen leitete, die der nomadiſche Hofhalt des vertriebenen Kurfürſten mit ſeinem Anhang in der Reſi⸗ denz unterhielt. Jeder von den Alten, auf den Schmer⸗ feld zufällig den Blick richtete, erſchien wie von einer be⸗ ſondern Erwartung durchzuckt. Einer ſchoß auch gleich auf ihn zu, empfing aber einen ablehnenden Wink. Doch be⸗ merkte Hermann, der unter Unbekannten ſehr achtſam zu ſein pflegte, daß der ſo angeſehene Mann, ſo oft im Zim⸗ mer etwas Neues eintrat, was die Aufmerkſamkeit auf ſich zog, einem oder dem andern von den Vertrauten etwas zuflüſterte, was derſelbe mit aufgeſpannten Augen⸗ brauen und vorgeſchobenen Lippen aufnahm. Der junge Freund vermuthete, daß es wol hinter den hergebrachten Ceremonien des Polterabends, die eben vor ſich gingen, auf eine beſondere Ueberraſchung abgeſehen ſei. Die beiden Stuben, die geöffnet ſtanden, waren nicht ſehr geräumig, ſodaß die Geſellſchaft ſich ein wenig drängte, beſonders als man etwas ſpäter für die jungen Freunde und Freundinnen des Brautpaares Platz zum Tanzen zu machen ſuchte. Ehe es aber zu den ſo ſehr erwünſchten Sprüngen kam, machte ſich ein Fremder, den Schmerfeld — 4 29 mitgebracht und als Baron von Rehfeld eingeführt hatte, durch die Lebhaftigkeit bemerklich, mit der er, unter den jungen Leuten umherſpringend, allerlei Spiele in Vor⸗ ſchlag brachte, von denen aber keines verfangen wollte; ſodaß er ſich endlich lachend unter die Zuſchauer zurück⸗ ziehen mußte. Er ſelbſt blieb für Manche das Räthſel des Abends. In der ängſtlich befangenen Stimmung, die damals die altheſſiſchen Lebenskreiſe mehr und mehr durchdrang, fiel jeder Fremde ſchwer auf, indem man denſelben bald als einen geheimen Agenten der neuen Gewalt mit Argwohn, bald als einen Theilnehmer an den öffentlichen Vortheilen der Fremdherrſchaft nicht ohne Misgunſt anſah. Aus dieſem Grunde hatte Schmerfeld ſeinen Gaſt gleich dadurch in ein günſtiges Licht zu ſtellen geſucht, daß er ihn als guten deutſchen Baron einführte, der einige Zeit in Caſſel zubringen, hieß das, ſein Geld Dennoch blieb es befremdlich, wie ein verzehren wolle. ernſten, ſteifen Mann von ſo geckenhafter Art an den Schmerfeld gerathen ſei. Baron Rehfeld war nämlich ein Mann in den Dreißi⸗ gen, nicht groß und nicht ſtark ausſehend gebaut; dennoch verrieth ſein Gang und jede ſeiner Bewegungen, wenn er ſich vergaß, eine biegſame, ſprungfertige Kraft der Muskeln, eine Lebhaftigkeit und Gewandtheit, die er un⸗ ter einem etwas geckenhaften Benehmen verſtecken zu wol⸗ len ſchien. Mit dieſem Betragen ſtimmte der Anzug des Sonderlings überein, indem er heut wie immer ſorgfältig gekleidet, aber in auffallenden Farben und öfter im Nach⸗ trabe der Mode ging. Dieſen Abend war er in einem feſtlichen Frack von übertriebenem Modezuſchnitt, ſonſt trug Koenig, Jeröme’'s Carneval. I. 9 er gewöhnlich einen weißgelben Ueberrock. Dabei ſchien er ſich doch nicht wenig als Mann von Geſchmack zu wiſ⸗ ſen, gab ſich gern als Kenner von Gemälden und Wein⸗ ſorten, als guten Techniker für feine Schüſſeln und als echten Weltweiſen, der kein höheres Anliegen kenne, als die Wechſel der Politik in Geldwechſel zu verwandeln,* kein erhabeneres Luſtgefühl, als auf der Schaukel der Boͤrſe auf⸗ und niederzuſchweben. Nach jenen misrathenen Spielverſuchen war der erſte Walzer glücklich abgetanzt, und der zweite wurde ange⸗ ſtimmt, als vom Gang herein, durch die etwas geöffnete Stubenthür, die Saiten einer Harfe erklangen. Solche Erſcheinung war etwas Ungewöhnliches und erregte große Spannung. Alles ſchwieg lauſchend, worauf gleich eine angenehme männliche Stimme die Goethe'ſche Ballade anhob: Was hör' ich draußen vor dem Thor, Was auf der Brücke ſchallen, und nach den Worten:„Laßt mir herein den Alten“, der Harfner ſelbſt im vollen Romancoſtüm eintrat, in dem langen dunkelbraunen Gewande, den kahlen Scheitel von wenig grauen Haaren umkränzt, und den langen weißen Bart die Bruſt herabwallend. Der Bräutigam, den Schluß voraus berechnend, hatte ſich fortgeſchlichen, um dem Alten im rechten Augenblick in einem ſilbernen Familienpocal den begehrten Becher Weins darzureichen, was die lauteſte Heiterkeit erweckte. Wie er mit zitterndem Arme den Becher vom Munde nahm, trat die Braut hervor und ſagte mit ſchalkhaf— tem Zunicken: 11— Wie kommt das, guter Alter, nur mit den Fingern auf der Harfe biſt du alt geworden; deine Stimme aber iſt dabei ſo friſch geblieben, wie deine muntern Augen! Worauf der Sänger, die ſchoͤnen Augen niederſchla⸗ gend, ein gar anmuthiges Lied anſtimmte, das Allen neu und, wie im Augenblick eingegeben, das Glück der Jugend pries— einer ſtillen Wechſelliebe, einem häuslichen Glück und einer treuen Freundſchaft nicht fremd zu bleiben. Wie er ſich dann verneigend zum Fortgehen wendete, rief Lina: Hier bleiben! Hier bleiben! ruft man einem lieben Sänger zu. Komm her, Alter! Auch du ſollſt uns nicht fremd bleiben, und die ſchönen Wünſche deines Liedes verdienen es, daß auch du dreifach glücklich werdeſt. Kommt, ihr Mäͤdchen, helft mir ihn verwandeln, ihn verjüngen! Schnell und doch mit aller Anmuth ward ihm die künſtliche Scheiteldecke abgenommen, der lange Bart ab⸗ gelöſt, und Hermann ſah lachend aus dem Möoͤnchsge⸗ wande, das er nun ſelbſt raſch abſtreifte; worauf er mit einem Winke nach dem harrenden Geiger Lina's Hand ergriff und den Walzer anhob. Sie hatten Recht mit der Harfe, ſagte er; ich hatte die begleitenden Accorde erſt in den letzten Tagen bei Reichardt eingelernt. Lina drückte ihm dankbar die Hand. Während nun das junge Volk ſich nach der ſchreien⸗ den Violine des alteaſſeler Geſellſchaftsmuſikanten abtobte, richtete die Mutter Wittich mit Hülfe der Magd in einem Hinterſtübchen die einfache Bewirthung an, die in ſuͤßem 9* .—— 132 Kuchenwerk und einem Kumpf heißen Rothweins be⸗ ſtand.. Es iſt nicht zu beſchreiben, ſagte ſie, was der Auf⸗ wand in Caſſel zunimmt, Katharine. Wo hat man ſonſt an etwas Anderes gedacht, als an eine Schüſſel Aepfel⸗ muß mit Kartoffelſtücken! Oder man kam zum Kaffee zuſammen, und wenn dazu der Tiſch mit einer Serviette belegt und eine Strohmatte darüber gerollt war, auch die chineſiſchen Taſſen um die mürben Wecken auf dem zin⸗ nenen Teller ſtanden, ſo blickte das ſtaunende Vergnügen. aus allen Augen heraus! Wir haben's nun heut ganz alteaſſeliſch halten wollen, aber es iſt nicht mehr zu ma⸗ chen. Und mein Schwiegerſohn wollte es nicht. Freilich haben ſich auch meine Aepfel nicht über den Winter ge⸗ halten, und an den Kartoffeln iſt auch kein guter Biſſen mehr im Mai, wenn ſie ellenlang gekeimt haben. Den Kaffee⸗ zahn muß man ſich aber vollends ausreißen laſſen, ſeitdem der Kaiſer Napoleon die große Sperre angeordnet hat. Mein Herr Schwiegerſohn aber ſagte: Kommen Sie mir ja nicht, liebe Mama, mit Ihren Cichorien! Was nun aber draus werden ſoll, wenn das junge Blut zu den hitzigen Sprün⸗ gen auch noch den heißen Würzwein trinkt? Nun, nun! Der Himmel mag ſie behüten!— Aber, Katharine! Hat Sie droben Alles beſorgt? Ich ſehe, die alten Her⸗ ren ſchleichen ſich ſchon fort und hinauf. Begreiflich! ſagte mein ſeliger Mann. Die arbeiten nicht mehr mit den Tanzbeinen, ſondern mit den Kinnladen. Als nachher auch Hermann etwas erhitzt von ſeinen Walzern aus dem ſchwülen Zimmer hinauf in ſeine Stube kam, fand er die Herren ſchon recht munter bei kalter 433 Küche und feurigen Flaſchen. Zu den ältern Hausfreun⸗ den waren noch ein paar jüngere Amtsgenoſſen des Bräu⸗ tigams gekommen. Zwiſchen dieſen und jenen ſetzte die Weinlaune bald auch, in lauter Unterhaltung, Sticheleien auf die alte und neue Zeit ab. So äußerte einer der Alten, als ihn der Bräutigam zu trinken nöthigte, um ihm wieder einzuſchenken: Ja, ja, man ſieht, daß unſer glücklicher Bräutigam im neuen Dienſte ſteht, wo das große franzöſiſche Faß fließt! Worauf ein Freund des lächelnden Heiſter erwiderte: Bei euch Altkurfürſtlichen tröpfelte es freilich aus einem andern Faß. Man nannte es— Nefas. Wer erinnert ſich noch des Gardelieutenants von Leſtoque mit dem ſtei⸗ fen Zopfe, der ſpäter als Zollcontroleur nach Rumbeck an der Weſer kam? Hier beſtand ſein Einkommen haupt⸗ ſächlich aus ſehr bedenklichen Sporteln und Abfällen, aus ſogenanntem Nefas, ſodaß er gewiſſensängſtlich ſelbſt einmal den Kurfürſten perſönlich um Zulage oder um ausdrückliche Ermächtigung das Nefus zu nehmen bat, ohne das er ja nicht leben könne. Da gab ihm der Kur⸗ fürſt, mit gnädigem Klopfen auf die Schulter, den Be⸗ ſcheid: Nehmen Sie nur das Nefas, lieber Leſtoque! Zulage kann ich Ihnen nicht geben. Man lachte, und war nun auf die Zöpfe gekommen. Ja, ſagte Einer von der Präfectur, der Zopf war eigentlich der Pendel, der in Geſchäften wie in der Ge⸗ ſellſchaft Alles in Bewegung ſetzte. Das ganze Leben war Zopf, war gewickelt— in Wollenſchnur oder in Flo⸗ retſeide, bürgerlich oder adelig. Was ſich Das, wie über ——————— Nacht, durch den leichten franzöſiſchen Ton geändert hat. Ich erinnere mich noch, wie ich bei meiner erſten kleinen Anſtellung nach Wilhelmshöhe fuhr, mich zu bedanken. Der Kammerdiener ſtand an einer der koloſſalen Säulen der Schloßtreppe, wo man den prachtvollen Ausblick nach dem waldigen Höhenzuge des großen Chriſtoph hat.— „Der Herr iſt in den Park gegangen“, ſagte er,„wird aber bald zurückkommen. Wahrhaftig, treten Sie herein! — er iſt ſchon in der Nähe, ſein Hündchen haben eben gebellt!“ Herr von Rehfeld brach in ſchallendes Gelächter aus. Wie war's denn aber, als der Marſchall Mortier, der Bullenbeißer, vor den Thoren Caſſels bellten, rief er aus. Nicht wahr, da gingen die Wickelzöpfe auf? Um ſo bedenkliche Erinnerungen ſelbſt zu lenken und auf der ſchmalen Linie des Geſchichtlichen, ohne Anſtoß durch parteiliche Gehäſſigkeiten, ruhig vorüber zu führen, fiel Schmerfeld raſch ein: Gott, wenn ich jener angſtvollen Wochen gedenke! Der ſchöne fruchtbare Sommer des Jahres 1806 war vorüber, als mit Anfang Octobers das preußiſche Haupt⸗ quartier nach Naumburg vorrückte und Blücher ſein Corps durch Caſſel über Wabern und Fritzlar gen Frankfurt vorſchob. Ihr könnt euch denken, wie der franzöſiſche Geſandte Bignon nach dem Eindruck ſpähte, den dieſer franzoſenfeindliche Zug in einem neutralen Lande machte. Neutral? fiel Rehfeld ein. War denn euer Kurfürſt damals nicht ſelbſt im preußiſchen Hauptquartier? Und ſollte ſogar das Obercommando des rechten Flügels der Preußen angenommen haben. 4³⁵ Mit einiger Befangenheit verſetzte Schmerfeld: So genau bin ich nicht unterrichtet. Aber Sie müſ⸗ ſen bedenken, Herr Baron, daß wir mit Preußen in Erbverbrüderung ſtanden, und daß die Lage des Landes, Familienverwandtſchaft und Religion den Kurfürſten zur preußiſchen Politik zogen. Ich habe gar nichts dagegen, lachte der Baron, im Gegentheil! Aber er hatte Napoleon's Einwilligung zu einer Neutralität, die Truppen auf dem Friedensfuße! Sehen Sie! Nun ja! fuhr Schmerfeld fort. Daher kam denn auch der Herr in der Nacht des 4. October aus dem Hauptquartier herbeigeeilt mit dem Befehl an Blücher, ſeine Truppen ſofort aus Heſſen zurückzuziehen. Aber— die heſſiſchen Beurlaubten wurden ja doch ein⸗ gezogen, die Cavalerie verproviantirt, hm? Das mag denn freilich mit veranlaßt haben, entgeg⸗ nete etwas kleinlaut der Erzähler, daß nach der Schlacht bei Jena der franzöſiſche Geſandte Bignon nach Berlin berufen wurde und ſich mit dem Verlangen verabſchiedete, der Kurfürſt möge zum Rheinbunve treten und ſeine Truppen mit der franzöſiſchen Armee vereinigen. Das war nun freilich blos auf den Buſch geklopft, wie man ſagt, wendete Rehfeld ein, oder es war auf die Zinne des Tempels geführt; aber es war conſequent. Napoleon merkte wohl, daß, wenn er geſchlagen worden wäre, eure bewaffnete Neutralität ſich an die ſiegenden Preußen angeſchloſſen hätte; nun war er Sieger und begehrte das Gleiche für ſich. Nun, und der Kur⸗ fürſt? — e 8 5—.— 1— — 3 33—————— 99 —õ——— 5 Berief ſich auf die ihm zugeſtandene Neutralität. Allein— Nun ja, nur heraus damit! lachte Rehfeld. Die Neutralität wurde nicht mehr reſpectirt, wollen Sie ſa⸗ gen. Sehr begreiflich! Doch, misverſtehen Sie mich ja nicht, meine Herren! Ich bin, auf Ehre, kein Franzoſen⸗ freund, nein! unter ſo braven Heſſen darf ich ſagen, ich bin den Franzoſen ſo abgeneigt, wie euer Kurfürſt; aber, kann man ſich der Politik freuen, wie ſie jetzt von unſern kleinen Fürſten geübt wird, eben weil ſie klein ſind? Zu klein für das Glück Deutſchlands! Sie haſſen und— heucheln, oder ſie huldigen und— laſſen ſich hudeln. Da habt Ihr Alles mit h, mit vier— ha, ha, ha, ha! Einige der Gaſtfreunde lächelten zu dieſer bitter er⸗ zwungenen Spaßhaftigkeit; mehre ſahen einander mit räthſelnden Blicken an, und Schmerfeld fuhr fort: So kam es denn, daß der zurückgebliebene franzöſiſche Geſchäftsträger St. Geneſt am Abende des 51. October, während Marſchall Mortier ſeine Vorhut gegen das Leip⸗ ziger, der König von Holland die ſeinige gegen das Hol⸗ ländiſche Thor unſerer Reſidenz vorſchoben, dem Kurfür⸗ ſten im Schloſſe Bellevue nur die Ausſicht auf den Rhein⸗ bund oder auf feindliche Beſetzung des Landes übrig ließ. Eine fatale belle vue! rief dazwiſchen Rehfeld, und der Andere ſprach weiter: Da entſchloß ſich der Herr, ſeine hohe Perſon auf eine herſtellende Zukunft für ſeine treuen Heſſen in Sicher⸗ heit zu bringen. Zum erſten mal in ſeinem Regenten⸗ leben im Civilkleide ward er nebſt dem Kurprinzen vor —9=— 3 ——8 2 8=0⸗— 8 28 —„— c. 8 9 137 dem Leipziger, ward vor dem Holländiſchen Thor zurück⸗ gewieſen, und eilte durch das Kölner Thor über Arolſen nach Itzehoe, wo er jetzt noch bei ſeiner Schweſter⸗Aebtiſſin verweilt. Dies geſchah am 1. November, dem Tag ſei⸗ nes Regierungsantritts vor 21 Jahren. So verlor er alſo das vingt- un ſeiner Regierung! rief Rehfeld. Und ſein Hündchen haben nicht gebellt und den Mortier gebiſſen? Aber ſeine Armee hat geknurrt! wendete ein jüngerer Gaſt ein. Glauben Sie ja nicht, daß wir Heſſen das ſo hingehen ließen. Da war Keiner, der an die Straßen⸗ ecken„Ruhe iſt die erſte Bürgerpflicht“ geſchrieben hätte. Die Ruhe war ohnedies da, nicht wahr? läͤchelte Rehfeld. O nein! fuͤhr jener fort. An dem ſtillen düſtern Morgen hätten Sie, Herr Baron, auf dem Königsplatze den Unwillen, den Ingrimm der treuen Soldaten ſehen ſollen, als ſie, für ihren Fürſten und das Land Alles zu wagen bereit, jetzt die Waffen ſtrecken mußten. Sie zerſchlugen in knirſchendem Zorn ihre Gewehre, und der wackere Major von Müller zerbrach mit edeln Ver⸗ wünſchungen ſeinen Degen, ging zum franzöſiſchen Gou⸗ verneur Lagrange und nahm franzöſiſche Dienſte. Der Baron lächelte zu dieſen erſtaunlichen Wagniſſen, aber er hielt an ſich und ſagte blos: Ominöſer Name Lagrange nach einer Oeccupation! Wahrſcheinlich wollte man die berühmten Schätze des Kurfürſten einſcheuern. Aber die hatte der Herr im Civil wol nicht zurückgelaſſen, wie ſeine treuen Soldaten: nicht wahr, nein? Gott ſei Dank, daß dies Vermögen für eine beſſere 5 Zukunft, für eine glückliche Herſtellung der Dinge gerettet. t. iſt! verſetzte Schmerfeld. Aber einzuſcheuern blieben noch 4 werthvolle Gegenſtände genug zurück. Das Zeughaus n wurde geleert und nach Mainz gebracht, die beſten Kunſt⸗ werke, die herrlichen Claude⸗Lorrains, die Rembrands, t die derben Viehſtücke Paul Potters wurden aus der Ga⸗ i lerie nach Paris eingepackt. Ha! Von dieſem Denon, fiel der Baron ein, der ſchon der Expedition Bonaparte's nach Aegypten folgte, 4 und jetzt hinter den franzöſiſchen Heeren durch Deutſchland zieht, wie ein Geier auf die Kunſtſchätze zu ſtoßen, die für die mit prahleriſchem Uebermuth angelegten Kunſt⸗ ſammlungen nach Paris geſchleppt werden! Und welche Lumperei, die dafür einzog! rief ein alter Heſſe, den der gute Wein ermuthigt hatte. Damals 2 b ſahen wir Bretagner in Holzſchuhen, Provengalen in Strohhüten einmarſchiren, und all' das Geſindel wurde auf unſere Koſten uniformirt. Aber, nicht wahr, es rumorte doch auch hier und da im Lande? fragte Rehfeld. 3 Allerdings gab's einige Aufſtände, erzählte Schmer⸗ feld. Die Einquartirung war drückend, und es ſollten heſſiſche Regimenter für die Franzoſen gebildet werden. Da wurden die Bauern wild, requirirten Gewehre, wo ſie zu haben waren, und wählten einen Herrn von Uslar zum Anführer. Es ſpukte da und dort: das Schloß zu Marburg wurde von den Aufſtändiſchen genommen, Ita⸗ liener in Hersfeld gefangen u. dergl., bis Lagrange Trup⸗ pen aus Mainz herbeizog und der Kurfürſt ſelbſt aus 1 —+— 12 — ͤſſſͤſͤſͤ—— —— EEͤſͤſͤſſſſſ———— — 1—— 5 .. 4— E E——— ————.———— 5— 8— 4 2 2 824— 6 5 ————————ÿÿy———— 1 1—— d eKii ie En—— B. —jjyy——— — 139 der Ferne Ruhe gebot. Hiermit und mit einigen Depor⸗ tationen und Hinrichtungen war's aus. Bei dieſen Worten ging die Stubenthür auf, und ein weſtfäliſcher Stabsoffizier trat ein. Müller, Müller! rief Schmerfeld, und erhob ſich, ihn zu begrüßen. Man rückte zuſammen und Heiſter ſetzte ihm mit freundlicher Einladung einen Stuhl. So feierlich? fragte der Offizier, ſo ernſt bei einem Verlobungsſchmauſe? Schmerfeld verſetzte: Die Erinnerungen dieſes Augenblicks ſtimmen uns ſo. Das Verhängniß unſers Vaterlandes war über uns ge⸗ kommen, und da treten Sie unerwartet ein, wie eine Erſcheinung, wie— Ihn unterbrechend, erwiderte der Oberſt ruhig, aber ſehr ernſt: Ich komme Abſchied zu nehmen, meine Freunde. Es iſt mir lieb, euch hier ſo beiſammen zu finden; ich hätte euch kaum Alle beſuchen können. Ich habe kurzen Be⸗ fehl erhalten, morgen früh mit einer Abtheilung der für Spanien beſtimmten Truppen auszurücken. Der Kaiſer dringt ſehr; wir ſind noch nicht fertig mit dem ganzen Contingent, und ſo machen wir wenigſtens eine Be⸗ wegung. Nach Spanien? riefen Etliche, und eine ängſtliche Stille entſtand, in die Rehfeld etwas exaltirt ausrief: Ja, von dort, über die Pyrenäen herüber, reicht eine edle Nation in begeiſtertem Aufſtand unſerm unterdrückten deutſchen Vaterlande die Hand. Auf denn, Germania! Trinken wir auf unſere Erhebung! entgegen, und es wurde immer ſtiller unter ihnen. End⸗ Auf dieſe ungeſchickten Worte, die des Offiziers weſt⸗ fäliſche Uniform nicht berückſichtigten, ſetzte Müller ſein Glas nieder, indem er den Sprecher ſcharf und befremdet anſah, und dann einen fragenden Blick auf die Freunde warf. Schmerfeld nahm raſch das Wort: Verzeihung, lieber Herr Oberſt, daß wir Ihnen einen fremden Herrn nicht gleich vorgeſtellt haben. Herr Ba⸗ ron von Rehfeld, ein braver preußiſcher Gutsbeſitzer, mir anempfohlen und von mir hier eingeführt, ein heiterer Geſellſchafter! Zu dienen! antwortete Rehfeld. Und ein Mann, der manchmal ſo glücklich iſt, einen ungeſchickten Trinkſpruch auszubringen. Denken Sie, ich hätte nur eine patrioti⸗ ſche Redensart zum Beſten geben wollen. Fort mit der Politik bei ſo koͤſtlichem Chambertin! Laßt uns aber lie⸗ ber zum Abſchied eines braven Soldaten vom Vaterlande edeln Rheinwein einſchenken, und mit ihm anſtoßen, der ſich bald mit feurigen ſpaniſchen Sorten herumſchla⸗ gen wird! Es wurde auf dieſe heitere Wendung zu den weißen Flaſchen gegriffen und lebhaft mit Müller angeſtoßen. Aber auch ſolche Aufmunterung zur Fröhlichkeit wollte nicht verfangen. Die Meiſten ſchienen auf dem Herzen von Etwas bedrückt, was nicht laut werden durfte. Die trüben Augen der ältern Herren hingen an dem tief ern⸗ ſten Geſichte Müller's. Dieſer trank bald dem Einen, bald dem Andern zu, mit Blicken, die das geheimſte Ver⸗ ſtändniß der Freunde ſuchten. So trank man auch ihm N 444 lich erhob ſich der Offizier, umarmte die ihm angehorig⸗ ſten Freunde; bei jedem klang das Lebewohl ſchmerzlich leiſer, und als dem Scheidenden die Thränen kommen wollten, eilte er, von Mehren begleitet, der Thüre zu. Lina begegnete ihnen mit einer Bleifigur in der Hand. Noch ein guter alter Freund erſcheint, ſagte ſie la⸗ chend, und will wenigſtens— wie heißt's?— in effigie, in Figur beim Feſte ſein. Was, und Sie wollen ſchon fort, Herr Oberſt? Müller hatte ihre Hand gefaßt. Adieu, Töchterchen! ſagte er beklommen, und zu Heiſter: Adieu, du Glück⸗ licher! Dir wird ſie ein eben ſo liebes Frauchen werden, und Gott ſegne eure Zukunft! An der Treppe flüſterte er den Vertrauteſten zu: Lebt wohl, ihr lieben Alten! Wiederſehen werden wir uns nicht. Ich bringe jetzt dort, jenſeit der Pyrenäen, mein blutig Suhnopfer dafür, daß ich meinen heſſtſchen Degen zerbrach, und dieſen vaterlandsfeindlichen an die Seite ſteckte; daß ich im Zorn über einen Fürſten— des Volkes vergaß. Und es iſt mir lieb, wenn ich zu einem ſolchen Weiheopfer noch gut und würdig genug gefunden werde. Oder, hätte ich dieſe Klinge vielleicht gegen euch führen ſollen, wenn ihr eines Tags euch erhebt, wie dies ſpaniſche Volk? Mein Leben, als Opfer gebracht, komme dann euch und euerm Wagniß als Segen zugute! Lebt wohl! Still, ſagt mir nichts! Der Himmel ſegne eure Zukunft, euern Bund, euern Kampf. Eines nur haltet vor Augen: Denkt dabei an das Heil der Zurückgeblie⸗ benen, nicht an das Vivat für die Fortgelaufenen! ————— ——*—— Müller eilte fort, und die gerührten Freunde kehrten zu den Luſtigen zurück, die Lina's Bleifigur von Hand zu Hand gaben. Der dicke Operappellationsrath Lennep, den dieſe Fi⸗ gur ziemlich treffend vorſtellt, wird zu den caſſeler Sehens⸗ würdigkeiten gezählt, erklärte Heiſter den beiden Fremden, Hermann und Rehfeld. Der gutmüthige Mann hat ſich ſelbſt dazu bekannt, als er vor einigen Jahren dem Augen⸗ glaſe eines Engländers Stand hielt, den ein ſchelmiſcher Lohnbedienter zu dem corpulenten Manne brachte, um ihm eine Rarität der Reſidenz zu zeigen. So findet der ſonſt wackere und tüchtige Mann auch ſeinen Spaß daran, in Blei gegoſſen den Kindern zum Spielzeug zu dienen und zum Chriſt beſchert zu werden. Er fängt aber an, gewaltig abzumagern, bemerkte der Gäſte Einer. Ja, und aus purem Patriotismus! verſetzte Lina. Er nämlich und die Cabinetskaſſe des Kurfürſten haben ſich unter der altheſſiſchen Einrichtung am beſten bekom⸗ men. Die Cabinetskaſſe war ſo glücklich, ſich mit ihrem allergnädigſten Herrn davon zu machen; Lennep aber mußte Stand halten, und magert nun in einer Zeit ab, die nur den Fremden gut anſchlägt. Prächtig! rief Rehfeld, indem er Lina's Hand küßte. Der Bräutigam ſoll leben, der ein Frauchen bekommt, das nicht blos einen Rehziemer, wie er uns hier ſchmeckt, ſondern auch ihre Rede geziemend ſpicken kann! Aber, wißt ihr auch, ihr Herren, daß jene Cabinetskaſſe ein Gegenſtand der Beſorgniß für Napoleon iſt? Ja doch! Sie ängſtigt ihn mehr als des Kurfürſten Zopf und Degenſcheide. Er berechnet, welche Macht der Kurfürſt an den Millionen beſitzt, ihm Feinde durch Subſidien zu erregen, Feldſchützen, Landſtürmer, Volksaufſtände, um ein Land, das Mortier nicht mit Bayonneten, ſondern blos mit den Beinen eroberte, mit umlaufendem Geld wieder zu gewinnen. Dieſe Rede wurde mit allgemeinem Stillſchweigen ver⸗ nommen, wobei die Einen mit Lächeln tranken, die An⸗ dern ſich verlegen die Gläſer füllten. Rehfeld aber ſchlug ein helles Gelächter auf. Nicht wahr, rief er, was ſo ein Napoleon für eine unnütze Furcht haben kann! Hermann, von dem raſch genoſſenen Weine träume⸗ riſch eingenommen, war an das offene Fenſter getreten und blickte in die mondhelle Nacht. Unter den Arkaden gegenüber ſchwärmten verliebte Paare; eine Serenade aus der Ferne kam dazu, ſein ſehnſuchtvolles Herz noch höher zu ſtimmen. Sehr ungern ſah er ſich in dieſer Empfind⸗ ſamkeit durch Rehfeld geſtört, der ſich zu ihm ins Fen⸗ ſter legte. Ich höre, Sie haben in Halle ſtudirt, ſagte er; wa⸗ ren Sie vielleicht dort, als auf Napoleon's Befehl die Univerſität aufgeloſt und die Studenten vertrieben wurden? Hermann bejahte kurzweg, und der Fremde fuhr in vertraulichem Tone fort: Wahrhaftig? Dann geben Sie mir die Hand, dann ſind wir in einer verhängnißvollen Erinnerung befreun⸗ det. Auch ich war dort, nicht als Student, wie Sie mir wol anſehen, wenn Sie mich nicht für ein bemooſtes Das verſtändigten, was Haupt halten wollen, ſondern zufällig war ich dort, und ich darf mich Ihnen im Vertrauen ſogar als Mitſchuldi⸗ gen an jenem unglücklichen Befehle bekennen. Ich war nämlich am Spätabende des 19. Oe der Studenten gerathen, aus der wir in der Aufregung des Weines und des jenaer Verhängniſſes die öden dun⸗ keln, beim letzten Gefecht geplünderten Gaſſen durchzogen. Und als wir auf dem großen Berlin das Meckel'ſche Haus, worin Napoleon Quartier genommen, in ſtrahlender Be⸗ leuchtung erblickten, ſehen Sie, da war's, wo wir unſer tolles, burſchikoſes Pereat brachten. Sie waren alſo nicht dabei? Nein? Aber Sie mußten wol auch fort, wie die übrigen Studenten der alsbald vernichteten Uni⸗ verſität? Ja wol, antwortete Hermann, nach Berlin. Mein Vater war dem Lande; als er aber ſpäter kehrte ich auch dahin zurück. Ha! rief der Baron, dann haben Sie auch jene trau⸗ rigen Tage mit durchlebt,— die Nahrungsloſigkeit der geplünderten Bürger, die Verlegenheit der ihres Einkom⸗ mens beraubten Profeſſoren, die Trauer der beſten Stu⸗ denten, die jenen ausgezeichneten Geiſtern anhingen, dem genialen Wolf, dem geiſtvollen Reil, dem begeiſternden Steffens und wer ſie alle waren— Schleiermacher, Kurt Sprengel u. A. Wer jene Zeit einmal ſchildert, darf der ſtillen Zuſammenkünfte, der vertrauten Abende bei jenen Männern nicht vergeſſen, an denen ſich Alt und Jung über in Preußen und Deutſchland gelit⸗ gehofft und— verabredet wurde. ich ging mit andern damals noch Pfarrer auf nach Halle verſetzt wurde, ten, gewünſcht, geträumt, 8 2. tober in die Kneipe ——————· 12& .———— 445⁵ Indem er das letzte Wort dem jungen Mann ins Ohr flüſterte, ſetzte er hinzu: Wiſſen Sie von Fichte's Reden, vom Tugendbunde? Hermann verneinte. Aha! Sie ſind nicht für Politik. Sie haben Recht! verſetzte der Andere mit ſcharfem Seitenblick. Nichts Thörichteres als Politik treiben! Mich intereſſirt ſie auch nur ſoweit ſie Ebbe und Flut an der Börſe macht. Geld iſt jetzt die Sache. Sie geben ſich alſo mit Patrio⸗ tismus nicht ab, ſonſt würde ich Sie fragen, wieviel Sie wol auf die Oden unſers preußenſtolzen Stägemann wagen würden? Hören Sie z. B. nur den einen Vers: Doch trifft von niemals fehlendem Bogen doch Der Rache Pfeil die Ferſe Napoleon's u. ſ. w. Antik, nicht wahr, und burſchikos wie unſer halli⸗ ſches Pereat! Aber— laſſen wir das, und beſuchen Sie mich einmal! Ich kann Ihnen mancherlei mittheilen, woran wir unſern Spaß haben, oder— nach und nach auch Geſchmack finden. Nicht wahr? Wir ſind beide fremd hier, und haben beide gute alte Erinnerungen, um gute Bekannte zu werden. Hier meine Adreſſe! Eben wurde er von Schmerfeld angerufen. Man war im Aufbruche. Im untern Stockwerke war die Geige längſt verſtummt, das junge Volk nach Hauſe gekehrt. Hinter den Abgegangenen erſchien die Mutter mit der Magd, um Ordnung im Zimmer herzuſtellen. Während deſſen ſtand Hermann neben Braut und Bräutigam am offenen Fenſter, durch das ein friſcher Nachtwind aus der Au herauf die heißen Wangen fächelte. Ueber das liebende Koenig, Jeröͤme'’s Carneval. I. 10 Paar kam, beim Ausblick in die mondhelle Landſchaft, die lebhafte Empfindung, daß es die letzte Nacht ſei, die ſie getrennt erlebten. Aus erregtem Blut, aus bewegtem Herzen dämmerten heißes Verlangen, ängſtliche Erwartun⸗ gen, wehmüthige Erinnerungen auf. Hermann, ein Zeuge ihrer Zärtlichkeit, ihrer Liebkoſungen, und von dieſen wie vom genoſſenen Weine hoch geſtimmt, rief, indem er Bei⸗ der Hände faßte, mit Rührung aus: O ihr Beneidenswerthen! Doch nein, die Seligen beneidet man nicht, man fleht zu ihnen um einen kleinen Antheil ihres Glückes. Ja, wiſſet nur— ein Zeuge, ein Mitgenoſſe ſolcher überſtromenden Augenblicke kann euch ſein Leben lang nicht mehr fern erſcheinen, nicht mehr fremd bleiben. Nehmt mich alſo nur immerhin und— auf immer nehmt mich als nähern Freund in euern Le⸗ bensbund auf! Ich werde mich deſſen werth, ich werde mich treu finden laſſen. Wie ich mich eures Glückes freue, gehöre ich mit in eure Zukunft. Könnte ich euch aus⸗ drücken, wie voll mein Herz vom Ueberfluß eurer Liebe iſt, von Wünſchen für euch, von Erwartungen für mich. Seid mir gut! O wie hab' ich euch lieb! Er umſchlang Beide, und ſie drückten ihn an ſich. Ja, wir wollen Freunde ſein! rief ungewöhnlich auf⸗ geregt der ſonſt etwas kühle, raſch beſonnene Heiſter. Kommt, wir wollen den Bund mit den hergebrachten Ceremonien ſchließen! Mütterchen, wo ſind die Flaſchen? Er eilte nach Wein und brachte drei Gläſer herbei. Keinen Burgunder, rief er, der auf entfremdeten Re⸗ benhügeln wächſt. Hier iſt Hochheimer, deſſen Domdechanei freilich auch auf Mainz und das verlorene linke Rheinufer —xV——e— * 2———— 4 ——— 447 hinüberſchaut, aber— mit heimlichem Feuer zu Muth und Hoffnung entflammt— zum Wiedererobern! Er hatte die Gläſer gefüllt und reichte ſie dar. Alle drei, die Arme in einander verſchlungen, ſtießen auf Du und ewige Freundſchaft an, tranken und umarmten ſich. Nun mußt du morgen auch als Mitzeuge uns zum Traualtar begleiten! ſagte Ludwig, und Lina wiederholte die Einladung. So ſchieden die neuen Freunde, indem Lina zum letzten mal dem Bräutigam aus dem Hauſe leuchtete. Hermann warf ſich ins Fenſter, und während die magiſche Landſchaft in ſeinen feuchten Blicken immer ma⸗ giſcher verſchwamm, überließ er ſich dem Ungeſtüm ſeiner Empfindungen und Gedanken, bis es längſt von der Mar⸗ tinikirche Mitternacht geſchlagen hatte. —— Zwoͤlftes Capitel. Ob lehren oder lernen? Aus kurzem, aber tiefem Schlaf erwachte Hermann mit dem Gedanken— an Halle. Von ſoviel Erfreu⸗ lichem und Aufregenden des geſtrigen Abends ſchien alſo doch gerade die ihm am wenigſten erwünſchte Unterhaltung mit dem Sonderling von Baron Rehfeld ſeine träumende 10 ————. — 448 Seele beſonders beſchäftigt zu haben. Es ſtand ihm vor, als habe er in ſeinem Traume mit Niederſchreiben von Erinnerungen an jene verhängnißvollen Tage zu thun ge⸗ habt, und nachdem er ſich vorher ſo lange auf einen gu⸗ ten Anfang ſeiner Berichte an Bercagny hin und her beſonnen, überraſchte es ihn, daß er gerade im Schlaf darauf gefallen war, ſeine Arbeit mit Dem einzuleiten, was er ſelbſt erlebt und unmittelbar vernommen hatte. 3 Wie er ſich damit ſogleich unter den jüngern und ſtreb⸗ ¹ ſamſten Geiſtern Deutſchlands bewegte, mußte auch ſeine Darſtellung an Lebhaftigkeit und Intereſſe gewinnen. Er ſuchte Bercagny's Brief, der ſeine Inſtruction enthielt, hervor, und las gerade die verfänglichſte Stelle mit leb⸗ hafter Befriedigung. Es hieß nämlich darin:„Vor allem, mein Herr, halte ich mich an Ihren vortrefflichen Gedan⸗ ken, daß beide Nationen, die ſich mit dem Schwerte des 14 Kriegs begegnet ſind, zu ihrer Feindſeligkeit nur von ver⸗ borgener Wechſelneigung getrieben werden, die eben durch Kampf zur Erkenntniß kommen ſoll. Zum Beweiſe, daß ich Sie verſtanden habe, möchte ich nur an die einfache Naturerſcheinung erinnern, daß zwei Körper, hart an ein⸗ ander gerieben, ſich erwärmen, ja Licht geben. Wohlan, 4 thun Sie nun das Ihrige dazu; wirken Sie mit zu ſol⸗ cher Erkenntniß und Wärme, indem Sie uns mit den deutſchen Männern bekannt machen, die ihre patriotiſchen Empfindungen, Gedanken, Beſtrebungen in der kraftvollen und aufrichtigen deutſchen Sprache laut werden laſſen. 2 I Wir haben Deutſchland mit dem Schwerte getroffen, und ₰ verlangen ſehr darnach, wie man ſich mit der Feder und mit der Batterie der Wahrheit wehren kann. In Deutſch⸗ 149 land bewundert man unſere Marſchälle, unſere Kriegs⸗ fürſten: wohlan! machen Sie uns mit den Herzögen der Gedanken und des Wortes bekannt, die in Deutſchland die öffentliche Meinung commandiren und die Gemüther der Nation entflammen. Auch wir haben das Bedürfniß der Anerkennung und die ſchwere Schuld der Anerkennung. So werden wir uns verſtändigen und einen fruchtbaren Frieden ſchließen!“ Herrlich! rief Hermann aus. Welche hochherzige Ge⸗ ſinnung in dieſem Franzoſen lebt! Und wie ließe ſich be⸗ haupten, daß Bercagny der einzige wäre, der ſo dächte, wenn man auch annehmen darf, daß Napoleon, vermöge ſeines Herrſcherblickes, für jeden Platz die geeigneten Män⸗ ner zu finden weiß, mithin auch für Weſtfalen— dieſen von ihm geſchaffenen Einigungspunkt von Frankreich und Deutſchland— neutrale Geiſter auf neutralen Boden ſen⸗ det, wo entzweite Politik, zwieträchtiges nationales In⸗ tereſſe ſich die Hände reichen, verbinden und zu einer neuen Zukunft einander ergänzen. Das nenne ich mir denn doch eine andere Neutralität, als der entflohene Kur⸗ fürſt ſich ausgedacht hatte: keine— möcht' ich ſagen— Zwiebelneutralität mit dem langen Hohlblatte des Zopfes, und die ſich nach Umſtänden häutet, wobei ſie dem eige⸗ nen Volke Thränen in die Augen zieht. Hermann war von ſeinen Betrachtungen und ſeinem mit Stolz gefaßten Vorſatze ſo hingeriſſen, daß er ſich auf der Stelle zur Abfaſſung ſeines Berichts geſetzt ha⸗ ben würde, wäre die Trauung nicht geweſen, zu der er ſich bei Zeiten bereit halten mußte. Unter dem Ankleiden fielen ſeine Gedanken wieder auf den räthſelhaften Herrn 4⁵⁰ von Rehfeld. Der wunderliche Kauz hatte doch etwas Anziehendes für ihn. Daß derſelbe bei ausgebreiteten Be⸗ kanntſchaften in Preußen von den wiſſenſchaftlichen Män⸗ nern ſo warm und mit Einſicht geſprochen, flöͤßte ihm Vertrauen ein. Seine Unterhaltung bewegt ſich in Widerſprüchen, ſagte Hermann zu ſich ſelbſt. Am entſchiedenſten ſcheint er ein Lebemann zu ſein, mithin ein großer Egoiſt. In der Küche, auf der Börſe iſt er zu Hauſe. Wußte er nicht ganz genau, daß die öſtreichiſchen Aprocentigen Obliga⸗ tionen auf 41 Papier und die heſſiſchen 5procentigen Etats für Papier und Geld ohne Ziffer im Börſenblatte ſtehen? Und zählte er nicht die Fiſche und die Gemüße— ſorten an den Fingern her, die der Monat Mai als Lecker⸗ biſſen bringt? Dieſe ſchleckende Zunge, mit der er von der Küche ſpricht, dieſe geldzählenden Finger, an denen er den Cours abmißt, gehören keinem Spion an, worauf ihn geſtern einige Gäſte anzuſehen ſchienen— für einen franzöſiſchen Spion, von dem ſelbſt Herr von Schmerfeld getäuſcht werde. Bewahre! Aber in preußiſchen Verbin⸗ dungen mag er ſtehen. Daß er von Politik ſpricht und doch wieder über Politik ſpottet, ſcheint doch nur auf ein Taſten oder auf Täuſchen abgeſehen. Hermann ſetzte ſich vor, den Baron zu beſuchen und kennen zu lernen. Er iſt hier fremd, wie ich, dachte er, und ich kann von ihm lernen, wie man ſich in die Fremde ſchick. In Bercagny's Briefe war auch angelegentlich nach dem Verfaſſer einer deutſchen Schrift:„Napoleon Buonaparte und das franzöſiſche Volk“, gefragt, und— vielleicht, daß Rehfeld dies Buch kannte und etwas Nähe⸗ 8 —— ——ͤ]— 2802 —,,——j—— 1⁵⁷ res vom Verfaſſer wußte, was dem Bericht zu ſtatten käme. Mit dieſem Vorſatze begab ſich Hermann hinab, be⸗ grüßte das feierlich geſtimmte Paar und fuhr mit zur Kirche. Die Trauung geſchah unter großem Zudrang von Menſchen aus allen Claſſen. Lina galt für eine große Schönheit, und Alles wollte ein ſo anmuthiges und glüͤck⸗ liches Paar am Altare ſehen. Man war ſtolz darauf, daß Beide aus altcaſſeler Bürgerfamilien ſtammten. Der Anzug der Braut, nach dem neuen franzöſiſchen Geſchmack, war ein Gegenſtand der Muſterung für die Frauen. Der Bräutigam wurde geprieſen, daß er bei anſehnlichem Ver⸗ mögen und guten Ausſichten im Dienſte nicht im Kreiſe der hohen fremden Beamten, ſondern im caſſeler Bürger⸗ ſtande gewählt habe. Möge er ſich nur auch immer vom Hofe fern halten, flüſterten Einige, damit ihm ſein ſchöner Hausſtand un⸗ angefochten und ungetrübt bleibe! So klug iſt Herr Heiſter wol! lautete die Erwiderung. Er weiß, wie's bei uns zugeht und wie verführeriſche Jagd auf ſchöne Frauen gemacht wird. Aber er iſt auch ehrgeizig und weiß, daß man durch eine ſchöne Frau am ſchnellſten vorwärts kommt. Vergeſſen Sie aber nicht, daß er ein Ehrenmann iſt und— ein Altkurfürſtlicher! Sonſt freilich iſt es für einen weſtfäliſchen Beamten, zumal im Miniſterium, ſchwer, Ehr⸗ geiz und eine ſchöne Frau beiſammen zu haben, ohne eins von beiden dran geben zu müſſen. Schwer, ſagen Sie? Wie man's verſteht! Mancher ——ſſͤſͤͤͤ 1⁵² macht großes Spiel: er ſpielt Aß aus und ſticht mit ſei⸗ ner Dame den König. Und den Buben, den er gewinnt, läßt er Jeröme taufen! Oh! Das nennt man aber auch Sauglück haben! Wer kann darauf rechnen? Unter ſolchen ſchalkhaften Wechſelzuflüſterungen war die Trauung vorübergegangen, und Alles eilte vor die Kirche, das Paar in den Wagen ſteigen zu ſehen. Zu Hauſe fand Hermann eine Einladung zur Gräfin. Dieſe Erwartung ſetzte, nach dem Frühſtücke des kleinen häuslichen Kreiſes und nach der Abreiſe des ſtillen Paa⸗ res, den übrigen Tag, der nach den bewegten Vorgängen des Morgens ſehr leer und öde geblieben ſein würde, in eine gelinde Spannung. Als der junge Freund ſich bei der Gräfin melden ließ, ward er durch einen Salon in ein ſehr behagliches, ſüß⸗ duftendes Zimmer von einem einzigen Fenſter geführt. Die Dame ſchien ſich eben von ihrem Pommier erhoben zu haben und hielt noch das„Journal des Lurus und der Mode“ in Händen. Sie empfing ihn mit vornehmer Freundlichkeit und lud ihn mit anmuthiger Handbewegung auf ein freiſtehendes Tabouret. Sie hatte viel Gehaltenes bei etwas ſchwankendem Gang. Nicht groß, und nicht mehr in der erſten Jugend, erſchien ſie mehr intereſſant als eigentlich ſchön; ihre Augen waren weniger lebhaft, als ihr Mund edel und einnehmend. Ihren Manieren fehlte nicht, was die Franzoſen groß und bequem— srandes et aisées— nennen. Aber der eigenthümliche —— —„—— ——— ———e 4 153 ſüddeutſche Schmelz von Natürlichkeit ihres Betragens er⸗ ſchien Hermann neu. Dennoch lag eine kleine Befangen⸗ heit in ihrem Empfang. Der Gegenſtand oder die Abſicht ihrer Einladung hatte ſich nämlich geändert. Adele, die inzwiſchen bei ihr geweſen, hatte ihr eine Geſchichte er⸗ zählt, die für eine ſo heitere und geiſtreiche Frau den Reiz einer Verlockung mit ſich brachte. Ihrem Blick entging es nicht, was das Herz ihres Lieblings beſchäftigte, als ihr Adele eine wunderliche Zumuthung machte. Das launen⸗ hafte, trotzige Mädchen wollte nämlich, Morio zum Poſſen, in der Wohnung und unterm Schutze der Gräfin heim⸗ liche deutſche Stunden nehmen. Die Gräfin fühlte leb⸗ haft das Unpaſſende einer ſolchen Begünſtigung, beſonders in ihrer Stellung; doch bei dem Reiz des Unterhaltenden, den die kleine Intrigue für ein lebhaftes Frauenherz bei müßigen und öden Stunden hatte, ließ ſie ſich halb und halb überreden; wozu es allerdings beitrug, daß Morio, dem der Trotz galt, bei den Hofdamen und bei der Gräfin beſonders nicht in Gunſt ſtand. Sie wollte nur noch den Eindruck abwarten, den der äußerlich intereſſante junge Mann durch Geſinnung und Benehmen auf ſie machen würde, um auf einen Scherz einzugehen, der ſein Gutes hatte, und den ſie ja jeden Augenblick abbrechen konnte. Sie ſtimmte daher auch gleich die Verhandlung mit dem jungen Manne ins Scherzhafte, indem ſie ihn dies⸗ mal deutſch, mit etwas ſchwäbiſcher Zunge, anredete: Es wird Ihnen Spaß g'macht haben, Herr Doctor, daß Sie überall Bräute gefunden, wo Sie Schülerinnen erwartet haben. Wenn das unſere guten Familien wit⸗ tern, daß Ihnen ſolch' ein Verwandlungszauber voraus⸗ —— —— — geht, ſo werden Sie bald noch viel Schülerinnen zu ver⸗ lieren bekommen. in Hermann, durch dieſen launigen Empfang ſchnell auf lie ſeinen leichteſten Fuß geſtellt, fragte lächelnd, ob Fräulein th * Le Camus wirklich Braut ſei.. 8 Doch noch nicht, antwortete die Gräfin. Sie ſteht noch vor Morio's Bewerbung, die damals, wo Sie beim Mi— d 1 3 niſter— und nachdem Sie wieder fort waren, feierlich geſchah. Aber Adele hat ihn noch hingehalten. Sie ſcheint ei jetzt zuviel Luſcht— fürs Deutſche zu haben. Die Partie S iſcht gut, und ihr Bruder, der ſich gern ſelbſt verheira⸗ then möchte, hat ihr zugeredet, den General nicht abzu⸗ ſe weiſen. Ich glaube, er hält's für gut, daß Adele nicht u mit ihrer künftigen Schwägerin lebe— er, oder ſeine b kluge Schwiegermutter, deß will ich die Wahl laſſen. ſ Wenn überhaupt noch etwas aus Fürſtenſtein's Heirath mit der Salha wird! 1 Mademoiſelle Le Camus ſcheint demnach mehr ihren 1 Vortheil als ihr Herz zu Rathe zu ziehen? bemerkte l Hermann. Ei nun, wir Frauen, wiſſen S', haben nicht immer 1 Wahl für unſere Hand, und müſſen uns dann das Herz 6 als Sondergut reſerviren, lächelte die Dame. Aber, gnädige Gräfin, iſt das kein Unglück? 3 Lieber Himmel, was wäre nicht über Glück und Un⸗ glück in der Ehe zu ſagen! rief ſie ernſtlich aus. Und— bleibt es denn immer ein Glück, wenn auch einmal gün⸗ ſtigerweiſe auf den Hochzeittag Herz und Hand in der 22 einen Wagſchale zuſammenfallen? Plumps! da liegt's Glück feſcht für eine lange Lebenszeit, heißt das für die Lebenszeit der langen Weile, und erſcht wenn das Herz in die andere Wagſchale fällt, und die Hand für ſich allein liegen bleibt, kommt die Wage der Ehe in jenes anmu⸗ thige Schweben, wobei beiden Theilen wieder wohl wird. Denn's Schweben iſcht ein Hauptreiz im Leben. Beſonders wenn dabei das Publicum das Zünglein der Wage führt! lächelte Hermann. Charmant! rief die Gräfin. Ich ſehe ſchon, man kann ein munteres Wort mit Ihnen plaudern. Aber ich muß Sie doch ſchnell mit unſerm Vorhaben bekannt machen, eh' Adele kommt. Sie hat alſo den General hinausge⸗ ſchoben, und will ihm zum Trotz erſcht deutſch lernen. Und da hab' ich ihr den Spaß nachgegeben, daß wir hier bei mir insgeheim Lectionen haben. Das iſcht, kurz ge⸗ ſagt, die Sach'! Alſo Lectionen zum Spaß? erwiderte etwas empfind⸗ lich Hermann. Aber— dürfte der Spaß nicht mit ge⸗ rechten Vorwürfen des Miniſters und mit Verdruß ab⸗ laufen? Da hör' mir Einer den Sauertopf! fiel die Gräfin etwas erröthend ein. Hoͤren Sie, wenn Sie hier in Caſſel Ihr Glück machen wollen, müſſen Sie ein wenig leicht⸗ füßig werden. Rechtſchaffen können S' doch dabei bleiben. Auch müſſen Sie ſich gegen Ränke und Kniffe vorſehen, und müſſen ſie daher kennen lernen. Das iſcht aber eine ganz unſchuldige und anmuthige Intrigue, die wir vor⸗ haben. Geben Sie Acht,— am Ende wiſſen Sie gar nicht, ob Sie hier gelehrt oder gelernt haben! Frei⸗ lich, Sie ſind Doctor; aber Sie können vielleicht noch in manchem Stück promoviren. Was aber den gefürchteten 41³6 Verdruß betrifft, ſo müſſen Sie nur wiſſen, daß eine Truch⸗Waldſeß ſich keinen Spaß auf fremde Koſten und Gefahr macht. Ehe noch Hermann auf dieſe Zurechtweiſung um Ver⸗ zeihung bitten konnte, meldete der Kammerdiener den Herrn Baron von Bülow, Excellenz. Die Gräfin öffnete das Seitenzimmer und bat Her⸗ mann, auf einige Minuten einzutreten. Der Finanzminiſter verweilt nicht lange, ſagte ſie. Da nehmen Sie zu Ihrer Unterhaltung das Journal mit und beſehen Sie ſich die Modedamen. Es iſt das Neueſchte. Sie zog hinter dem Eingetretenen die Thür wieder zu und gab dem Bedienten einen Wink. Hermann betrat das Ankleidezimmer der Gräfin. Es war aufs üppigſte eingerichtet und durchduftet. Ein tie⸗ fes Lotterbett ſtand gleich neben der Thür, ein beweglicher großer Spiegel gegenüber, in welchem man ſich ſelbſt und das über dem Ruhebette hangende Gemälde einer Suſanna im Bade widerſcheinend erblickte. Die Gefäße, die Büch⸗ ſen und Gläſer, kurz, alle die Sachen und Sächelchen auf dem Waſch⸗ und Putztiſche hatten etwas Aufregendes für einen jungen Mann, indem ſie die Phantaſie mit den heimlichſten Bedürfniſſen und Verwöhnungen einer reizen⸗ den vornehmen Frau beſchäftigten. Der inzwiſchen von der Gräfin freundlich empfangene Finanzminiſter war ein lebhafter Mann in Mitte der Dreißig, angenehm und heiter von Ausſehen, leicht und bequem in Manieren. Er ſprach klar und gefällig, nur 43 1 4⁵⁷ daß er an einzelnen Worten einen leichten Anſtoß der früher ſtotternden Zunge merken ließ. Ich wollte nur der durchlauchtigen Großhofmeiſterin berichten, ſagte er, daß die von der Königin verlangte Summe angewieſen iſt. Schönen Dank, lieber Baron, erwiderte ſie. Die Kö⸗ nigin wollte doch gar zu gern ihrem rückkehrenden Ge⸗ mahl ein häusliches Feſcht bereiten. Sie wird's Ihnen ſehr gnädig vermerken. Das wird mich unendlich glücklich machen, lächelte er, beſonders wenn Ihre Majeſtät recht lange damit ausreichen. Das heißt— nicht ſobald wieder ein ſolches Anliegen hat. Nicht wahr? Ich kann mir denken, was Sie für eine Laſcht haben mit unſern Finanzen, lieber Freund. Wahrlich, Durchlaucht, ſeit ich Excellenz bin, ſeit dem 8. dieſes, bin ich ein geſchlagener Mann. Exeellire ein⸗ mal Einer mit einer Staatskaſſe, die ein Sieb zum Boden hat! Eben ſind auch wieder ſehr ungnädige Befehle des Kaiſers wegen Abtragung der rückſtändigen Kriegseontri⸗ butionen eingelaufen. Quellen, die bei uns ſchon wie im Sande der Wüſte, ich meine— des wüſten Lebens ver⸗ ſickern, ſollen auch noch bis Paris ſtrͤmen! Dazu noch dieſe Sündflut verlumpter Franzoſen— Abenteurer, Tauge⸗ nichtſe, die mit jedem Tag ankommen und hier ihr Glück, das heißt Geld oder Stellen ſuchen. Aber— Baſta! Warum ſage ich das meiner liebenswürdigen Gönnerin? Verzeihung, daß ich mit dieſem Portefeuille⸗Geruche in Ihr trauliches Sansſouci—! Er erhob ſich zu gehen; die Gräfin nahm ihn aber durch einen Wink mit in die Fenſterniſche und ſprach ſich ——m —— —— 158 ebenfalls ſehr lebhaft gegen dieſen Zudrang bettelhaft⸗ anmaßenden Franzoſenvolkes am Hof und in der Stadt aus. 2 Auch die Königin wird vielfach angegangen, ſagte ſie, und zeigt ſich leider! um ihres Gemahls willen gerade den Franzoſen nur allzu hold. Iſcht denn da gar kein Einhalt zu thun? Sagen Sie, lieber Freund, was Sie davon denken! 3 Ich bin's entſchloſſen, ſoviel in meinen Kräften ſteht, Einhalt zu thun, verſetzte Bülow, und freue mich, Sie auf ſolchen Gedanken zu finden. Was könnte man nicht durch Einverſtändniß und Zuſammenwirken ausrichten— hemmen, abſchrecken! Sie wiſſen, Durchlaucht, daß ich nicht allzu gern nach Caſſel gegangen bin, als ich in Folge des Tilſiter Friedens mit der Provinz Magdeburg an das neue Weſtfalen fiel. Ich habe Ihnen auch, glaube ich, ſchon geſagt, daß ich damals bei meinem alten König bat, 2 mich in preußiſchem Dienſte zu behalten. Allein der un⸗ glückliche Monarch, der ſein halbes Reich verloren hatte, konnte nicht auch noch die treuen Diener übernehmen, die zu den verlorenen Provinzen gehörten. Als hierauf Jeröme nach Magdeburg kam, hatte ich in einer längern Unter⸗ redung mit ihm das Glück, ihm zu gefallen. Er be⸗ rief mich in ſeinen Staatsrath und übertrug mir nach Beugnot's Abgang die Finanzverwaltung. Ich habe mich aber— im Vertrauen geſagt!— dem ſorgenvollen Amte nur unterzogen, um für das Beſte des unglücklichen Lan⸗ des, beſonders des ehemals preußiſchen Antheils, zu wirken. Ich werde nur Deutſche befördern und ſoviel ich ver⸗— mag die Fremden abwehren. Wollten Sie mir darin beiſtehen— —,) 12— 18—9— 1☛☛ —— ꝗ————,—-—, 15⁵9 Mit Freuden! flüſterte ſie, ihm ihre Hand reichend. Was kann aber ich dabei thun? Wenn wir nur erſt einmal einverſtanden ſind, wird es ſich ſchon finden! antwortete er. Wir theilen uns mit, was wir beobachten, überlegen, was Jedes an ſeinem Platze thun kann, und wie wir uns in die Hände arbei⸗ ten. Vor der Hand wachen Sie nur bei der Königin! Die franzöſiſche Partei drängt ſich allzu ſehr an die hohe Frau. Und Katharina hat leider! ſchon zuviel Vorliebe für das Franzoſenthum. Nimmt ſie doch keine Bittſchrif⸗ ten an, die nicht franzöſiſch abgefaßt ſind, während der König ſelbſt verſprochen hat, deutſch zu lernen, und wir fort und fort gegen das Eindringen dieſer Sprache in das Staatsgeſchäft kämpfen. Erinnern Sie Ihre Gebie⸗ terin doch daran, daß ſie eine Würtembergerin und Köni⸗ gin in Weſtfalen iſt, und daß die Würtemberger und Weſt⸗ falen die rechten deutſchen Kernvölker ſind. Haben Sie Dank, lieber Bülow! erwiderte mit nach⸗ denklicher Miene die Gräfin. Ja, wir wollen gute Freund⸗ ſchaft und Bündniß halten und einander beiſtehen. Geben Sie mir nur bei allen Gelegenheiten Wink und Rath! Er verneigte ſich auf die dargebotene Hand, indem er ſagte: Ich darf es für einen verhängnißvollen Antrieb hal⸗ ten, daß ich in dieſer Stunde hierher gekommen bin. So⸗ viel Geiſt und Herz iſt ein anderer Zuwachs, als ich die⸗ ſen Morgen erhalten habe. Vor allem wollen wir unſere edle Sprache, wollen deutſche Sitte und ſtille Hoffnung aufrechthalten. Dies Weſtfalen— hält ſich nicht, Gräfin! Glauben Sie mir! Einiger franzöſiſcher Einſchlag in den * —— . 4— 160 deutſchen Zettel des weſtfäliſchen Gewebes kann inzwiſchen nichts ſchaden, wenn wir nur das Deſſin deutſch halten. Ha, hal lachte ſie; deutſches Deſſin!— Aber gut: Muſter und Abſicht zugleich, nicht wahr? Aber was ſagten Sie von Zuwachs? Fürſtenſtein hat mir Morio für die deutſche Partei zugeführt, antwortete er. Aber, Sie mögen Morio nicht, Gräfin? Wie? Nein, lieber Freund, der Morio iſcht mein Mann nicht. Er iſcht ein— Grobian, wo ihn's Hemd anrührt. Ver⸗ zeihen Sie den ordinären Ausdruck! Der Beſuch iſt ihm wol auch ſchwer genug angekom⸗ men, fuhr Bülow fort. Wir waren früher ganz gute Freunde, allein— wiſſen Sie, ehe der König ſein Land betrat, ſchickte er Morio, ſeinen Adjutanten, voraus, die öffentliche Meinung zu prüfen. Auf dieſer Umreiſe nahm er auch über die Einnahmsquellen des neuen Reichs No⸗ tizen auf— ich denke mir in Wirthshäuſern, bei Schaf⸗ hirten, Handelsjuden, Chauſſeegelderhebern u. dgl.— das originellſte Budget von der Welt. Der König aber, dem die hohen Ziffern gefielen, hielt darauf, bis ich ihm die Albernheit begreiflich machte. Morio erfuhr hernach, wie ſehr ich über ſein Machwerk gelacht hatte, und grollte mir ſeitdem. Er iſt übrigens durchaus nicht ohne Talent und hat in ſeinem Fach ſehr gute Kenntniſſe. Er ſoll Bräu⸗ tigam ſein: iſt es ſo weit? Noch nicht, lieber Baron; aber er bewirbt ſich eifrig. Die kleine Le Camus hält ihn noch hin. Das voreilige Gerücht ſcheint von ihm ſelbſt ausgegangen zu ſein. Er iſcht ſo von ſeiner ſiegreichen Liebenswürdigkeit einge⸗ hen nommen, daß man ihm einen kleinen Poſſen von Herzen gönnen möchte. Während ſie bei dieſen Worten lächelnd einen Blick der Erinnerung nach der Thür warf, hinter welcher Hermann, der Gehülfe eines ſolchen Poſſens, harrte, trat unangemel⸗ det Adele ganz leiſe herein. Bülow begrüßte ſie mit eini⸗ gen ſcherzenden Artigkeiten und empfahl ſich. Kaum war die Thür hinter ihm zu, als Adele der Gräfin in die Arme hüpfend flüſterte: Er iſt noch nicht gekommen? Noch? erwiderte die Gräfin ebenſo leiſe. Wo wär' er längſt hin, wenn ich ihn nicht eingeſperrt hielte! Morio hat mich aufgehalten, verſetzte Adele. Wir haben ihm erlaubt, mich zu beſuchen, und nun meint er, meine Hand küſſen hieße ſich um meine Hand bewerben. Da ſehen Sie nur wie roth! Der General hat einen ſehr harten Bart. O wie unzärtlich! bedauerte die Gräfin im Scherz. Man ſollte glauben, der Herr Stallmeiſter hätte die Striegel gebraucht. Geben Sie Acht, daß er die zarte Kleinigkeit nicht nach und nach wegküßt, um ſie gewiß zu bekommen. Jetzt will ich Einen rufen, der keinen ſo harten Bart, aber rauhe deutſche Worte für Sie im Munde hat. Indem ſie die Seitenthür öffnete, ſagte ſie: Kommen Sie, Herr Doctor, das Staatsbudget iſt fort, und wir können zur Grammatik übergehen. Nach einer ziemlich befangenen Begrüßung, und als die Damen auf dem Pommier, Hermann neben Adelen auf einem leichten Seſſel Platz genommen, entſpann ſich Koenig, Jeröme's Carneval. I. 11 1 62 ein nach Tact und Tonart ſehr eigenthümliches Terzett von Unterhaltung. Adele ging aus ihrer anfänglichen Geziert⸗ un heit gar bald in ihre muthwilligſte Stimmung über. Sie S ſah in dem leichten Kleidchen, nach damaliger Mode eng A und tief ausgeſchnitten, ſehr reizend aus, und ſaß keinen ut Augenblick ſtill. Daß Manches, was ſie in dieſer Unruhe un und Spannung ſprach, unbedacht, aber oft auch naiv und ſi unbefangen herauskam, ſetzte den jungen Freund anfäng⸗ di lich ebenſo ſehr in Verlegenheit, als es ihn nach und nach d unterhielt und anregte. Es kam ihm zu ſtatten, daß die n Unterhaltung franzöſiſch geführt wurde: dieſe leichten, ab⸗ ie geſchliffenen Worte widerſtrebten nicht, wenn er einmal ſe auch etwas nach ſeiner guten Erziehung— Leichtfertiges a erwidern wollte. In der fremden Sprache fiel es ihm 3 leicht, manchen Scherz, manche Empfindung hinzuwerfen,— ſe die in deutſchen Worten ſchwerfällig oder zuvielſagend er⸗* ſe ſchienen wären; ja er fühlte ſich mit franzöſiſcher Zunge ſe im Stande, dies und jenes zu berühren, was ihm in der T Mutterſprache zu ehrwürdig für ſolche Unterhaltung ge⸗ 1 weſen wäre. Hätte er mehr Sammlung und Reflexion h gehabt, er würde ſich ſelbſt darüber verwundert haben, wie leicht ſeine hergebrachte Sentimentalität ſich in ſolcher a Atmoſphäre zum Muthwillen umſtimmen konnte. n Die Gräfin ihrestheils ergötzte ſich an dieſem Spiele n des Neckens und Verſteckens zweier geſunder, einander anziehender Herzen. Sie brachte mit anſcheinender Wich⸗ tigkeit und nicht ohne Geiſt immer neue reizende Bemer⸗ kungen oder Fragen aufs Tapet. So ſagte ſie, als Her⸗ mann einleitungsweiſe über das Naturell und die Eigen⸗ thümlichkeiten der deutſchen Sprache geredet hatte: 4 —.—— 12 Ich denke, lieber Doctor, die ſchweren Conſonanten und tiefen Klänge unſerer Mutterſprache ſollen der lieben Schülerin da, die noch ſo unruhig im Leben iſt, etwas Aplomb geben. Und da ſich ihr Herz jetzt mit Liebes⸗ und Heirathsgedanken beſchäftigt, ſo laſſen Sie ja keines unſerer tiefen und ſinnreichen Worte vorübergehen, ohne ſte auf die Geheimniſſe des Lebens aufmerkſam zu machen, die oft in ſinnreichen Worten, wie in Keimaugen, ſich an⸗ deuten. Um nur beiſpielsweiſe einer Kleinigkeit zu er⸗ wähnen, ſo können Sie ihr beim Zeitwort lieben— ich liebe, du liebſt u. ſ. w., den außerordentlichen Unter⸗ ſchied im Begriffe dieſes Wortes gegen das franzöſiſche aimer— j'aime, tu aimes etc. begreiflich machen. Mein Gott, welch' eine unermeßliche Kluft liegt nicht zwi— ſchen zwei anſcheinend gleichbedeutenden Worten! In die⸗ ſem luſtigen aimer ſchwimmen Goldfiſchchen, und Niemand ſcheut ſich, dieſelben öffentlich mit Broſämchen aus der Taſche, das heißt aus dem Herzen, zu füttern; im deutſchen lieben aber ſchwimmen, wie aus den Tiefen des Oceans herauf, Elefanten— nicht doch, Walfiſche wollt' ich ſagen! Sie brach über ihren Misgriff in herzliches Lachen aus, und die beiden Andern lachten noch lauter mit, froh, wie es ſchien, daß ſie ſich einmal von ihrer innern Span⸗ nung recht auslachen konnten. So waren einige Stündchen hingegangen und die Dämmerung eingetreten. Hermann ſagte ſich, daß er gehen müſſe, ſo ſehr ihm noch die ſtrahlenden Augen der Creolin leuchteten. Die Lectionen wurden auf zwei Wo⸗ chentage verabredet, auf Montag und Freitag, als die mit den Hofbeziehungen dermal verträglichſten. 11* 464 Da wir aber, zumal ich, durch meine Stellung bei der Königin, hundert Zwiſchenfällen und Abhaltungen ausgeſetzt ſind, erklärte die Gräfin: ſo wollen wir es ſo halten, daß ich Ihnen in ſolchen Fällen hier die kleine kornblumenblaue Vaſe auf das Fenſterſims hinausſtelle. Dann iſt es nichts mit der Lection, und Sie brauchen ſich nicht herauf zu bemühen. Steht aber das Ding an einem andern Tage als den beiden regelmäßigen vor dem Fenſter, ſo ſoll es ausnahmsweiſe das Gegentheil bedeu⸗ ten, und Sie können heraufkommen. Nicht wahr, das verſtehen Sie? Wir haben, wie die Grammatik, Regel und Ausnahme! Hermann bejahte mit ſo feierlichem Ernſt, daß es die Gräfin zum Lächeln brachte. Er holte jetzt den kleinen Handſchuh hervor und warf ihn, ſeinen Hut ergreifend, Adelen— wie er glaubte unbemerkt— hin. Die Gräfin aber, die es wahrgenommen und jetzt von dem Raub wußte, ſagte an der Thüre deutſch zu ihm: Sie ſind ein rechter Deutſcher— nehmen den Hand⸗ ſchuh hin, damit ein Franzoſe nach dem freien Händ⸗ chen greife. Aber machen wir's nicht in größern Dingen auch ſo? Der Deutſche ſchafft immer mit heiligem Ernſte die Verſchalungen, die Verpackung hinweg, und die an⸗ dern Nationen nehmen dann die Güter ſelbſt in Em⸗ pfang mit dem zufriedenen Lächeln: Wohlconditionirt an⸗ gekommen! Dreizehntes Capitel. Ein bedenklicher Bericht. Es folgten nun einige ſtille Tage häuslicher Einſam⸗ keit, an denen Hermann ſich in ſeiner nachträumenden Aufregung mit der von Bercagny erwarteten Arbeit ver⸗ ſuchte. Ein Verſuch blieb es noch immer, und einen gründlichen Ernſt konnte er noch nicht faſſen. Denn wenn er nun auch einen Ausgangspunkt dafür an ſeinen Erin⸗ nerungen aus Halle gefunden hatte, ſo wollte es doch auch damit nicht recht vorwärts gehen. Jüngere, nähere Erlebniſſe durchkreuzten ihm jene ältern. Das liebe Halle ward ihm zwar durch die Briefe ſeines Vaters und ſei⸗ ner Schweſter im Gedächtniß aufgefriſcht, aber Adele ſchlug zu fieberhaft in ſeinen Pulſen. Eine Unruhe, ein Ver⸗ langen ſtürmten in ſeinem Blute, und regten ihn mit üppigen Phantaſien und wol auch mit ungeordneten Wün⸗ ſchen auf. Zum erſten mal waren in ſeiner Bruſt die ruhig angeſeſſenen Grundſätze mit neu eindringenden Be⸗ gierden in Kampf gerathen.. Von einem einſichtsvollen Vater mit Sorgfalt, auch für geſellſchaftlichen Verkehr erzogen, und voll edlen Be⸗ ſtrebens, hatte Hermann ſeine laufenden Stunden mit eifrigen Studien, ſeine Zukunft mit hohen und weitaus⸗ ſehenden Entwürfen ausgefüllt. Was ihm dazwiſchen— einem ſo geſunden, empfindſamen und lebensfriſchen Jüng⸗ ————ÿ ————— ling— von Regungen der Liebe gelegentlich begegnet war, hatte doch mehr durch ſchwärmeriſche Vorſtellungen, als— i wie diesmal— durch aufgeregte Sinne ſein Herz berührt. f Nun war ihm dieſe reizende Creolin wie ein Zauber an⸗ i gethan. Er konnte ſich ſeiner Phantaſiebilder durch keine W Zerſtreuung entſchlagen, und rief er ernſte Betrachtungen t in ſich auf, ſo trat gleich die lächelnde Gräfin hervor und 5 ſagte: Du ehrlicher Deutſcher, begnügſt dich mit dem leder⸗ 1 nen Ueberzug und läſſeſt das allerliebſte Händchen ſelbſt i einem Andern. O was biſt du doch für ein lederner Burſche! 4 Wenn dann dieſe fieberhaften Wallungen ſo mächtig wurden, daß ſie ſeinen Gedankenkreis trübten und ver⸗ wirrten, ſo mußte er die Feder wegwerfen; es ward ihm d zu heiß und enge im Zimmer; er rannte fort— den Eliſabetherplatz hinauf, über die Raſenecke des Friedrichs⸗ 1 platzes hinab in die kühle Au, wo er ſich mehr als ein⸗ mal nicht anders helfen konnte, als daß er einen glatten Lindenbaum oder ſchlanken Fichtenſtamm umarmte, und den ſüßen Namen Adele in die Luft hauchte. Allerdings waren Aufregungen dieſer Art dem jungen Freunde neu; aber es war auch der erſte Lebensmai, der— ihn aus den Gehegen der Studien in den freien Kreis thätiger Beſtrebungen geführt hatte,— neu dieſe nahe Berührung mit einer Tochter der Antillen, die noch vom Dufte jener heißen Klimate umhaucht ſchien und faſt nur in jenen Duft gekleidet war. Und wer weiß, welchen un⸗- merklichen Einfluß die Atmoſphäre einer Geſellſchaft, wie 4 jene in der Jeröme'ſchen Reſidenz war, auf jugendliche Pulſe ausüben konnte! Beruhigter zurückgekehrt, überredete er ſich, daß es ihm eigentlich noch an poſitivem Stoffe zu ſeiner Arbeit für Bercagny fehle. Er überlegte hin und her, bis ihm Rehfeld's Einladung an Lina's Polterabend einſiel. Der Baron hatte ſich ihm als ein Mann von ausgebrei⸗ teten Bekanntſchaften und Verbindungen in Berlin und in Norddeutſchland überhaupt verrathen, und Hermann war unbefangen genug, ſich die vertrauteſten Mittheilungen von ihm zu verſprechen. Der Baron hatte vor dem Thor, in der Allee nach Napoleonshöhe, eine artige Wohnung gemiethet. Er ſaß eben in einer bequemen Piquejacke, aus einer langen Pfeife rauchend, auf dem kleinen Altan des Hauſes, als der junge Freund gegen Abend ſeinen Beſuch machte. Er eilte ihm entgegen, empfing ihn ſehr aufgeräumt, wie es ſchien aus vergnügtem Nachträumen über die Briefſchaften, die durcheinander auf einem Tiſchchen lagen. Er ſetzte dem jungen Freund einen zweiten Stuhl hinaus auf den Bal⸗ con und machte ihm eine Pfeife zurecht, wobei er dem herbeigeſchellten Bedienten Wein zu bringen befahl. Es iſt mir ſehr lieb, ſagte er unter wiederholtem Händedruck, daß Sie mich endlich beſuchen. Ich dachte ſchon, Sie hätten jenen Abend Anſtoß an mir genommen. Man iſt manchmal ein närriſcher Kerl, und— kommt in Caſſel auch als närriſcher Kerl am beſten fort. Sehen Sie, hier können wir den ſchwülen Abend angenehm ver⸗ plaudern und— vertraulich. Denn wenn in Caſſel auch die Wände Ohren haben, die Lindenbäume da vor uns ſind verſchwiegene Geſellen und meine treuen Nachbarn. Sie ſcheinen aber auch von der geheimen Polizei zu wiſſen, ———— denn ſie flüſtern nur untereinander. Ich bin geſtern Abend vom Land herein zurückgekommen. Ich habe einige angenehme Bekanntſchaften in der Umgegend, da nach Homberg hin. Der Adel hat artige Landſitze zwiſchen koſtbaren Waldungen. Ich denke den Winter fleißig zu jagen, wenn ich bis dahin— nicht ſelber gejagt bin. Ha, ha! Dies Caſſel nimmt ſich von auswendig— aus einiger Ferne, ganz anders aus, als von inwendig. Das junge Reich hat einen ſteifen, rauhen Landesanzug über einem weichen, üppigen Reſtidenzunterfutter. Inwendig wohnt die Luſt und der Leichtſinn, auswendig Groll und — Muth. Aber— wie haben Sie's getrieben? Brav Bekanntſchaften gemacht?'was Neues gelernt? Hermann ging kurz und mit gleichgültiger Miene über ſeine letzten Tage hinaus, und brachte dann auch ſein An⸗ liegen wie einen zufälligen Unterhaltungsſtoff aufs Tapet. Ahal rief Rehfeld mit einem ſchalkhaften Lächeln. Ich dachte mir's wohl, daß ein junger Mann von Ihrem Sinn und Streben ſich den großen Angelegenheiten und— den Beſtrebungen der Zeit nicht für immer fremd halten kann. Man muß ſie wenigſtens kennen— lenkte er mit einem beobachtenden Blick auf Hermann ein— und ich will auch nicht mehr ſagen, als daß ich mich ein wenig um die Dinge bekümmert habe und— einem ehrlichen, ver⸗ ſchwiegenen Freunde Manches vertrauen kann. Sie ſagten mir damals, daß Sie vom Tugendbund, von Fichte's Reden und andern preußiſchen Bewegungen nichts Ge⸗ naueres wüßten. Allerdings iſt der Tugendbund auch erſt im Werden, beunruhigt aber ſchon die Franzoſen gewaltig. Aeußerlich will er auch gar kein Geheimniß ſein, und der +8 —„————„—.—+ 6& ———— ₰ König hat ihn durch eine Cabinetsordre öffentlich geneh⸗ migt. Ein Verein bildet ſich nämlich von Königsberg aus durch Preußen— angeblich für ſittlich-wiſſenſchaft⸗ liche Zwecke, um die ſchweren Verluſte des Staats an Geld und Ländergebiet durch geiſtige und moraliſche Kraft des Volks zu erſetzen. Kraft und Tüchtigkeit auf der einen— Muthloſigkeit oder Ueberſpannung auf der an⸗ dern Seite ſollen an dieſem Bunde für eine tüchtige Zu⸗ kunft Preußens einen ſtarken Anhalt und eine rechtſchaffene Leitung finden. Ein Unternehmen, das die Folgen des jenaer Unglücks, das Elend des Kriegs, die Noth der Zeit zu mildern ſucht, könnte den Franzoſen, die das Land noch beſetzt halten, nicht unſtatthaft, nicht als Verſchwö⸗ rung erſcheinen; aber— ſie glauben an geheime, dem König vielleicht ſelbſt verheimlichte Artikel des Bundes; ſie träumen von einer Volksoppoſition nach dem Vorbilde der jetzigen Aufſtände in Spanien; ſie fürchten ein ſtilles Unternehmen zur Befreiung des Vaterlandes von fran⸗ zöͤſiſchem Druck und Einfluß, und— die geheimen Zwecke des Bundes, die Mittel und Wege dazu, Das iſt es, was ſie zu erforſchen ſtreben. Hermann fragte nach den Stiftern und Mitgliedern des Bundes. Der Baron nannte ihm verſchiedene Män⸗ ner, die dem jungen Freunde zum Theil perſönlich be⸗ kannt waren. Die angeſehenſten und berühmteſten Mitglieder ſind es vielleicht dem Namen nach nicht, bemerkte Rehfeld. Sie wollen, ihrer amtlichen Stellung nach, nicht nament⸗ lich dem Bund angehören, ſind aber vielleicht im Geiſte deſſelben die wirkſamſten, einflußreichſten Kräfte. Ich kann mir denken, ſagte Hermann, was das Ge⸗ heimnißvolle des Bundes, der zuſammenhaltende Eifer, das Vorbereiten der Hülfsmittel nützen, wie ſehr das Bewußtſein von einem ſolchen Bunde, die Ahnung von wirkſamen Genoſſen alle Gleichgeſinnten weit und breit in Deutſchland ermuthigen muß. Das iſt eine geiſtige Macht, die wir der Waffengewalt Frankreichs entgegen⸗ führen können. Ja! rief der Baron vergnügt, indem er, lebhaft ein⸗ ſchenkend, mit Hermann auf das Glück und Ziel des Bun⸗ des anſtieß. Und dieſer Muth hat ſich ſchon in den Reden Ihres großen Lehrers Fichte verkündigt, und— ſehen Sie— daß aus dem Kreiſe ſeiner Zuhörer aus allen Ständen nichts verrathen worden, iſt ſchon eine ſtill⸗ ſchweigende Verſchwörung. Letzten Winter hat er ſie gehalten? fragte Hermann. Sagen Sie— losgelaſſen! lachte Rehfeld, und zwar inmitten der franzöſiſchen Beſatzung von Berlin, oft unterbrochen von der Janitſcharenmuſik der an der Aka⸗ demie vorüberziehenden Truppen. Man hat es eine hohe That genannt. Nun freilich! Den Thron Napoleon's haben ſie noch nicht umgeworfen, wie Joſua's Poſaunen die Mauern von Jericho. Doch hätten ſie leicht zu einer Probe führen können, ob franzöſiſche Kugeln durch ein philoſophiſches Ich unſchädlich durchgehen, wie durch blauen Dunſt, und ob alſo unſer deutſcher Idealismus kugelfeſt ſei. Sind die Reden gedruckt? fragte Hermann. Noch nicht! erwiderte der Baron; aber— ſie cireu⸗ liren in Abſchriften, einzeln. Und—— da liegt Einiges davon, was mir eben geſchickt worden. B 471 Er holte aus den Briefſchaften ein feingeſchriebenes Heftchen hervor und ſagte: Ich will Ihnen eine Stilprobe geben, keine gerade der gewaltigſten Stellen, aber eine für mich ſehr anſprechende Anſicht. Fichte redet von der Vaterlandsliebe und ſpricht dabei über die Liebe überhaupt einen Gedanken aus, der— glaube ich— bei uns hier in Caſſel nicht hof⸗ fähig iſt. Er bezeichnet ein Volk als die geiſtige Natur der menſchlichen Umgebung, aus welcher der Einzelne mit all' ſeinem Denken und Thun und mit ſeinem Glauben an die Ewigkeit deſſelben abſtammt und ſeine Bildung empfängt. Unter derſelben Naturordnung, behauptet er, werden, ſo lange dies Volk beſteht, auch fernere Offenbarungen des Göttlichen in demſelben eintreten und in ihm ſich geſtalten. Und nun ſagt er— Der Baron hatte in dem Heft hin- und hergeblättert, und las dann: „Der Glaube des edeln Menſchen an die ewige Fort⸗ dauer ſeiner Wirkſamkeit auch auf dieſer Erde gründet ſich demnach auch auf die Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volks, aus dem er ſelbſt ſich entwickelt hat, und der Eigenthümlichkeit deſſelben nach jenem verborgenen Naturgeſetz, ohne Einmiſchung und Verderbung durch irgend ein fremdes, in das Ganze dieſer Geſetzgebung nicht gehöriges Volk. Dieſe Eigen⸗ thümlichkeit iſt das Ewige, dem er die Ewigkeit ſeiner ſelbſt und ſeines Fortwirkens anvertraut, die ewige Ord⸗ nung der Dinge, in die er ſein Ewiges legt. Ihre Fortdauer muß er wollen, denn ſie allein iſt ihm das entbindende Mittel, wodurch die kurze Spanne ſeines 172 Lebens hienieden zu fortdauerndem Leben ausgedehnt wird.“ Und nun, fuhr Rehfeld fort, leitet der Redner aus dieſer großen Anſicht vom Verhältniß des Einzelmenſchen zu ſeinem Volke zweierlei ab: die Liebe zum Volke, es achtend, ihm vertrauend, ſeiner ſich freuend, mit der Ab⸗ ſtammung aus ihm ſich ehrend; und zweitens die Pflicht, ſich thätig, wirkſam, aufopfernd für daſſelbe zu erweiſen. Bei dieſer Gelegenheit ſagt er dann— Der Baron las wieder: „Die Liebe, die wahrhaft Liebe und nicht blos eine vorübergehende Begehrlichkeit iſt, haftet nie auf Vergäng⸗ lichem, eben ſie erwacht, entzündet ſich und ruht nur in dem Ewigen. Nicht einmal ſich ſelbſt vermag der Menſch zu lieben, es ſei denn, daß er ſich als etwas Ewiges erfaſſe; außerdem vermag er ſich ſogar nicht zu achten, noch zu billigen. Noch weniger vermag er etwas außer ſich zu lieben, außer alſo, daß er es aufnehme in die Ewigkeit ſeines Glaubens und ſeines Gemüths, und es anknüpfe an dieſe.“ Edle, herrliche Gedanken! rief Hermann hingeriſſen, als ihm der Baron mit fragender Heiterkeit in die Augen blickte. Aber, lieber Herr von Rehfeld, Sie müſſen mich Alles leſen laſſen. Nicht wahr? Da nehmen Sie das Heft zu ſich! antwortete der Baron. Ich hab's zwar ſelbſt noch nicht ganz geleſen; aber Sie bringen mir's dann bald wieder. Und morgen geht mir ohnehin der Tag auf Beantwortung der Briefe ganz darauf; denn morgen Nacht ſpricht der Bote ein, der— 4173 Er hielt inne, und ſagte raſch: So! Stecken Sie's zu ſich! Hermann dankte mit herzlichem Wort und Handdruck und erhob ſich zu gehen. Der Baron, indem er ihn bis vor das Haus begleitete, ſagte leichthin: Es ſind freilich nur Gedanken eines Philoſophen, eines Idealiſten; aber wie— wenn ſie befruchtend in den Schoos eines Bundes, wie des Tugendbundes, und in die Herzen eines unterdrückten Volks fallen und als Thaten geboren werden? Wenn, wie Fichte darlegt, die Eigen⸗ thümlichkeit eines Volks keine Einmiſchung eines fremden, in ſeine Geſetzgebung nicht gehörigen Volks verträgt,— ſagen Sie: Iſt dann eine Erhebung gegen Fremdherr⸗ ſchaft nicht eine nationale Pflicht? Hermann ſtutzte über dieſe Frage. Er behielt ſich vor, dieſelbe ernſtlich zu erwägen, wünſchte Gutenacht und wan⸗ delte nachdenklich dem Thore zu. Dämmerung lag unter den Lindenbäumen; aus den Gärten zog mit der feuchten Abendluft die Würze der blühenden Stauden und der Blumenbeete über die hohen grünen Hecken; in den Gebuſchen des ſogenannten Wein⸗ bergs ſchlug eine Nachtigall. Die Allee war von Spa⸗ zierenden belebt, und auf der Thorwacht ſtimmten die Soldaten ein luſtiges Lied an. Unter dieſen Eindrücken kam der aufgeregte junge Freund nach Hauſe, und warf ſich ſogleich über das mit⸗ gebrachte Heft, bis er es tief in der Nacht durchgeleſen hatte. Aus demſelben fielen auch, von gleicher Hand ge⸗ ſchrieben, ein paar Blätter, die bedeutende Notizen über geheime Unternehmungen in Preußen und Norddeutſchland und über die dabei betheiligten Perſonen— Männer zum Theil von hoher Stellung und berühmtem Namen, ent⸗ hielten. Wahrſcheinlich hatten ſich dieſe Blätter in das Heft verſchoben; denn ſie waren doch zu wichtig, als daß Rehfeld ſie, auch bei dem guten Vertrauen, das er für Hermann gefaßt zu haben ſchien, mit Abſicht eingelegt haben ſollte. Hatte nun der vermeintliche Mangel an Stoff den jungen Freund zum Baron getrieben, ſo ſaß er am an⸗ dern Tage in der noch größern Verlegenheit des Ueber⸗ fluſſes. Von all' den mündlichen und ſchriftlichen Mit⸗ theilungen hochgeſtimmt, und dazwiſchen doch von manchem Inhalt auch wieder unbegreiflicherweiſe beunruhigt, griff er wieder zu ſeiner Arbeit. Bei der edeln Unbefangen⸗ heit ſeines Herzens, und unter der hohen Meinung, die er von Bercagny's Abſichten einmal gefaßt hatte, war ſo wenig Ahnung als Gedanke von Verrath in ſeiner Seele. Was ihn dennoch in der Freiheit ſeiner Abfaſſung hemmte, ſchien ihm in der Form einer für ihn ganz neuen Dar⸗ ſtellung zu liegen. Es ſollte doch, ſeiner Meinung nach, keine eigentlich gelehrte, ſondern eine geſchäftliche— was man ſagt praktiſche Arbeit ſein, die ihre eigenthümliche Handhabe verlangte. Er überdachte ſeinen Gegenſtand, ordnete ſeinen Stoff; aber aus dieſem ſelbſt, wie es ſchien, ſprang Einiges hervor, was ſich wie gefliſſentlich gegen die Feder des Berichterſtatters ſperren wollte. Die Ab⸗ ſicht ſchwebte ihm zwar im Allgemeinen vor, daß er die innere Macht deutſcher Ideen und den Einfluß deutſcher Geiſter auf das nationale Leben darzulegen habe; ſobald er aber nach Worten, namentlich für dieſen Einfluß, ſuchte, , 75— — 175 und um die Gedanken an Fremdherrſchaft und Volkser⸗ hebung herumging, überfiel ihn eine Angſt, über die er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, und die er für Ver⸗ druß über ſeine mangelhafte Entwickelungs⸗ und Darſtel⸗ lungsgabe zu nehmen geſtimmt war. Er hiätte einſehen ſollen, daß es bloße Ungeduld war, und daß es ihm an Ernſt und innerer Sammlung fehlte. In dieſer Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt ſtand er mehr als einmal auf, die Feder wegwerfend und entſchloſſen, die ganze Arbeit zu unterlaſſen. Dann überlegte er aber wieder, daß jeder Weg zu einem Lebensberuf ihm einen mühſamen Anfang bieten werde; daß es ſeine Pflicht ſei, zu ringen und ſich anzuſtrengen, und daß ſeine Ehre er⸗ fodere, die zugeſagte und ſogar voraus honorirte Arbeit zu liefern. Nun wurde ihm auch klar, daß es ja ſeine Aufgabe nicht ſei, den Gegenſtand in einem einzigen Be⸗ richt zu erſchöpfen, ſondern daß er den reichen Stoff in einer Reihe von Berichten abhandeln dürfe. Er ſetzte alſo wieder an, und wollte ſich das erſte mal ganz im Allge⸗ meinen halten. Fichte's Ideen boten einen Schatz von Betrachtungen, beſonders auch über deutſche Nationalität und Volkserziehung. Um aber auch Bercagny's Verlan⸗ gen nach Perſonalkenntniß nicht leer ausgehen zu laſſen, ſchilderte Hermann eine kleine Reihe der einflußreichſten Schriftſteller, unter denen er mit dankbarer Anerkennung Henrich Steffens aufführte, deſſen Schrift:„Ueber die Idee der Univerſitäten“, er als ein theures Handbuch der Stu⸗ denten bezeichnete. Die erhebende Empfindung, mit wel⸗ cher er dieſe Schrift zuerſt geleſen hatte, mochte ihm ge⸗ genwärtiger ſein, als der Gedankengang derſelben, der —— 476 in den Augen der Franzoſen ſchwerlich Gnade gefunden hätte. Der fertige und reingeſchriebene Bericht befriedigte frei⸗ lich den ſo hoch geſpannten Freund auch nicht; ja, er er⸗ klärte ihn für das Mühſamſte und zugleich Oberflächlichſte, was wol noch aus ſeiner zerkauten Feder gefloſſen oder vielmehr zuſammengetröpfelt ſei. Allein er wollte die Sorge einmal vom Herzen haben, und glaubte am beſten darüber hinaus zu kommen, wenn er die Arbeit nur nicht perſönlich überbrächte, ſondern ſie überſchickte. Raſch packte er die ſaubern Bogen ein, verſiegelte und übergab ſie dem Lohndiener zur Beſtellung. Die Laſt vom Herzen geſchüttelt, rieb er ſeelenver⸗ gnügt die Hände. Und wie man aus einem anhaltenden hohen Schwung der Seele leicht auf eine Plattheit fällt, ſo ging es Hermann mit dem ziemlich froſtigen Witze, den er ſeinem fortgebrachten Packete lachend nachſchickte. Ungenügend mag Bercagny den Bericht finden, rief er, aber leichtfertig darf er nicht genannt werden, denn er iſt ſchwer genug fertig geworden! ben nn Vierzehntes Capitel. Neue Bekanntſchaften. Nun überließ ſich der junge Freund ganz dem innern Behagen, von einer Sorge frei zu ſein, mit der man doch etwas zu Stande gebracht hat; denn es währte nicht lange, ſo ſchlich ſich doch einige Zufriedenheit mit der ihm erſt ſo ungenügenden Arbeit bei ihm ein. In ſolcher Stimmung iſt ein junger Mann doppelt empfänglich für etwas Neues, was ihn beſchäftigt, indem es ihn ergöͤtzt. Er ſehnte ſich recht nach Menſchen. Wieviel wär' es ihm werth geweſen, wenn er heut eine Abendlection mit Ade⸗ len bei der Gräfin in Ausſicht gehabt hätte! Aber es war keiner der beſtimmten Tage, und als er an der Wohnung der Gräfin vorüberging, ſtand auch die cya⸗ nenblaue Vaſe nicht vor dem Fenſter, eine Ausnahme zu geſtatten. Das junge Ehepaar Lina und Ludwig waren auf dem Land, und zu Reichardts trieb es ihn heute nicht. Die Erinnerung an ſeine Arbeit trat zwiſchen ihn und Luiſen mit einem flüchtigen Misbehagen, oder wie er es ſonſt nennen ſollte, worüber er ſich keine Rechen⸗ ſchaft gab. Indeß kam der Sonntag heran, und einem heitern Sonntag im Mai kann es nicht an Luſtbarkeit fehlen. Hermann folgte dem Zug der Menſchen, die ſich geputzt nach dem Frankfurter Thor bewegten, und kaum war er Koenig, Jeröme’s Carneval. I. 12 —“ auf der breiten Chauſſeée an der Felſenwand des Wein⸗ bergs abwärts eine Strecke gewandelt, als ſich von nahe herauf eine rauſchende Tanzmuſik vernehmen ließ, was um ihn her die Schritte der jungen Mädchen beflügelte. Es war der Schaumburg'ſche Garten, woher die Lockung kam, an der Landſtraße gegen die Au hin gelegen, ein Vergnügungsplatz, der Sonntags von den anſtändigen Mittelclaſſen der Bewohner ſtark beſucht wurde. In dem damals ſo luſtigen und üppigen Caſſel war doch der Schaumburg'ſche Saal und einfache Garten faſt der einzige öffentliche Vergnügungsort für die mittlern Stände; wie denn überhaupt, was die Anſtalten zu offe⸗ nen Luſtbarkeiten und die breite, behagliche Einrichtung des häuslichen Lebens betrifft, jene kriegeriſche Zeit bei weitem nicht ſo ungenügſam und verwöhnt war, als wir es während eines langen Friedens durch den Aufſchwung des Lurus und durch den Wetteifer erwerbſüchtiger Haus⸗ beſitzer und Gaſtwirthe geworden ſind. Caſſel, damals noch ohne die Zubauten der letzten vier Jahrzehnde, war doch eine königliche Reſidenz, in der ein glänzender Hof⸗ ſtaat, eine zahlreiche Staatsdienerſchaft, eine ſtarke Gar⸗ niſon und die ungezählten berufenen und bettelhaften Abenteurer aus Frankreich untergebracht waren. Der junge Freund war bisher noch nicht dazu ge⸗ kommen, die Schaumburg'ſche Wirthſchaft zu beſuchen. Er fand hier die gewöhnliche Geſellſchaft der Sonn- und Feſttage,— hübſche Bürgerfamilien mit ihren Töchtern, Handlungsdiener, Putzmacherinnen, Employes, Subaltern⸗ X△ ‿ 479 offiziere und dergleichen. Heiter beobachtend, wie er um⸗ herwandelte, erfreute er ſich beſonders im Büffet mancher charakteriſtiſchen Erſcheinung. Der Schenktiſch der Wirthin war von Begehrenden in zwei Sprachen und in verſchie⸗ denen deutſchen Mundarten umdrängt, und dazwiſchen klangen ebenſo verſchiedenartig die hingeworfenen Geldſtücke aus den zum neuen Reiche zuſammengefügten deutſchen Provinzen. Zwiſchen den altheſſiſchen Thalern, Groſchen⸗ und Albusſtücken rollten die braunſchweigiſchen Species⸗ thaler und Mariengroſchen ſowie die preußiſchen Thaler und Groſchen; das Reichsgeld von Conventionsthalern, Kopfſtücken und Brabäntern, meiſt von den durchmarſchi⸗ renden Truppen eingebracht, begegnete den franzöſiſchen Franken⸗ und Fünffrankenſtücken, und kein braunſchweigi⸗ ſcher Carlsd'or, der zum Wechſeln kam, ſchrak vor einem goldenen Napoleon zurück. Ein Tarif hing deutſch und franzöſiſch an der Wand und ſtellte alle geltenden Ge⸗ präge auf den franzöſiſchen Fuß des Franken. All' dieſe Geldſorten klangen ſo laut, als ob aus Eiferſucht ſich neben einander zu behaupten; ſie rollten ſo luſtig, als ob ſie mitergriffen von den Tacten der Francaiſe, die eben im Saal angeſpielt wurde, ſich in den fremden Sprüngen zeigen wollten. Leichtſinnig hingeworfen, flüchtig gewech⸗ ſelt wurde Gold und Silber von der gewandten Wirthin, ebenſo gleichgültig eingeſtrichen und in einen irdenen Topf geworfen, der hinter ihr zwiſchen Flaſchen und Schüſſeln auf einem Simſe ſtand. Zum Einnehmen und Ausgeben mit Händen und Augen beſchäftigt, achtete ſie ihrer loſen Knaben, die ſie„Plagen“ betitelte, nur mit Scheltworten; indeß die Schelme, emporkletternd, ihre frechen kleinen 12 180 Hände abwechſelnd in den Geldtopf und in ihre Taſchen ſteckten. Höchſtens, wenn die geſchäftige Mutter am auf⸗ munternden Zunicken der Gäſte Unrath merkte, fuhren ihre hin⸗ und herreichenden Hände auch einmal rechts und links an die Ohren beider Rangen, die dann höhnend davonliefen. Im ſchwülen Saale trat Hermann, einer Francaiſe zuzuſehen, ans offene Fenſter. Hier hatte man zur fri⸗ ſchen Luft einen erquickenden Ausblick über die Landſtraße hinweg ein Thälchen entlang, das mit Bleichen und Wie⸗ ſenſtücken nach dem Dorf Wehlheiden zog, von der baum⸗ reichen Halde des Weinbergs überragt. Am Fuße dieſes Höhenzugs bemerkte der Freund einen Garten bergauf⸗ geſtreckt und mit einigen kleinen Zelten beſetzt, die eine anmuthige Ausſicht verſprachen. Er vermuthete ein Fa⸗ milienfeſt, da eine ſo zahlreiche Geſellſchaft ſich darin be⸗ wegte. Ein junger Menſch aber, der, fein und modiſch gekleidet, ebenfalls die friſche Luft des offenen Fenſters ſuchte, verneinte dieſe Vermuthung. Haben Sie noch nichts von der neuen Reſtauration Sansſouci gehört, Herr Doctor? fragte er. Doch! erwiderte Hermann; aber ich wußte nicht, daß ſie dort iſt. Nun ja, es iſt auch noch ein ganz neues Ding, fuhr jener fort,— erinnert an Preußen, an die Nähe von Berlin, und wirklich hat ein Berliner, ein Herr Du⸗ fresne, früher im Finanzminiſterium placirt, das Unter⸗ nehmen gemacht, nachdem er ſich mit einer alten Bekannt⸗ ſchaft aus Berlin, einer Madame Witter, verheirathet hat, die vorher Garderobiere beim Theater war. Unſere iſchen auf⸗ hren und nend gaiſe fri⸗ raße Vie⸗ um⸗ — 481 vornehme Welt hat die Einrichtung für ſich in Beſchlag genommen; es hat ihr bisher an einem ſolchen exquiſiten Platz im Freien gefehlt. Sie müſſen einmal hingehen; es wird Ihnen gefallen. Ich habe vorhin die Generalin Salha mit ihrer Tochter herauskommen ſehen: wahrſchein⸗ lich haben Beide den Geſuchten, den Rechten, dort nicht gefunden. Sie kennen wol die Dame? Der junge Menſch that dieſe Frage mit einem etwas verſchmitzten Lächeln, als wiſſe er von Hermann's Beſuche bei derſelben. Und als dieſer, in Erinnerung daran, leichthin bejahte, fuhr er fort: Eine durchtriebene Frau, die Alles abweiſt, was im Verhältniß zu ihrer verlobten Tochter dem Bräutigam Vorwand geben köoͤnnte, zu brechen. Hermann ſtutzte. Die abgelehnten deutſchen Lectionen fielen ihm ein. Iſt die Tochter ſo wenig feſſelnd? fragte er. Kalt, ohne Imagination, hausbacken von Verſtand und Bildung, und ökonomiſch— hm!l flüſterte kopfſchüt⸗ telnd der Fremde; das ganze verlobte Verhältniß lahmt. Hermann konnte ſich nicht beſinnen, ob er dem jun⸗ gen Menſchen, der ihn genau zu kennen ſchien, irgendwo ſchon begegnet ſei. Es war ein Jüngling von kaum zwan⸗ zig Jahren, ſchmal aufgeſchoſſen, etwas blatternarbig, mit lebhaften Augen und ſehr artigen Manieren. Sie verwundern ſich wol, daß ich Sie kenne? ſagte er lächelnd. Das iſt ganz unbezüglich. Sie ſind mir gelegentlich gezeigt und genannt worden. Nun müſſen Sie mich freilich auch kennen. Ich heiße Wilke, und bin beim General, Baron von Bongars, auf dem Bureau. 482² Es iſt mir lieb, daß mich der Zufall nun näher mit Ihnen bekanntmacht. Ich bin hierher gekommen, um mit lu⸗ ſtigen Menſchen fröhlich zu ſein. Es war mir Bedürf⸗ niß, mich zu freuen und ein Glas Wein darauf zu trin⸗ ken. Wir haben nämlich gute Nachrichten aus Spanien erhalten. Die Aufſtände beruhigen ſich. Der General Dupont hat in Toledo die Ruhe und Ordnung hergeſtellt. Man war dort ſchon mit der neuen lieben Freiheit bis zu Scheiterhaufen und Galgen gekommen. Unter dem Vorwande, die Anhänger des Friedensfürſten aufzuſuchen, hatte man die Reichen geplündert. Sehen Sie, das iſt der wahre Kern der Freiheitsnuß! Wilke ſprach dies mit einem Feuer, das zugleich aus den unruhigen Augen, aber mit kalten Flammen, zu ſchla⸗ gen ſchien. Hermann empfand etwas Unheimliches in dieſen Blicken, etwas Uebertriebenes in den Worten, und hörte ihm mit lächelndem Schweigen zu, als der junge Menſch fortfuhr: Sehen Sie, es war ein Unglück, daß Spanien an das Haus Oeſtreich überging. Die Kräfte des Landes wurden da nur für die öſtreichiſchen Familienzwecke aus⸗ gebeutet. Die allgemeine Meinung iſt, Spanien von einem franzöſiſchen Prinzen beherrſcht, würde den höoͤchſten Gipfel des Glücks und des Glanzes erſtiegen haben. Auf der einzigen ſchwachen Seite, der Grenze Frankreichs, geſichert, würde es alle Kräfte auf die Vergrößerung ſeiner See⸗ macht verwendet haben. Seine Lage gab ihm alsdann die Herrſchaft zur See; die Schätze der Neuen Welt, die Colonien, die es dort angelegt hätte, ſetzten es in den Stand zu den rieſenhafteſten Unternehmungen, durch die es ſowol an Kraft als an Reichthum England und den — 183 Continent überboten hätte, und vielleicht das geſetzgebende Haupt Europas geworden wäre. Der Freund fühlte ſich unbehaglich bei dieſer Erörte⸗ rung. Er traute dem begeiſterten Sprecher nicht. Dieſe zuverſichtliche Staatsweisheit in einem neunzehnjährigen Munde kam ihm wie eine aufgeſagte Lection, faſt lächer⸗ lich vor, und doch fand er ſich außer Stand, etwas Schlagendes einzuwenden. Glücklicherweiſe gab ein Wort⸗ wechſel im anſtoßenden Zimmer Anlaß, ſich der Politik ab und dorthin zu wenden. Zwei Unteroffiziere von den Garden, ein Jäger⸗Ca⸗ rabinier und ein Grenadier ſtritten ſich— wie ein Zu⸗ hörer dem jungen Wilke zuflüſterte— über eine Geliebte, die Zofe der Gräfin Pappenheim. Der Jäger war nicht groß, aber zierlich gewachſen, bräunlich und von heiterer Lebhaftigkeit; der Grenadier— was man einen ſchönen Mann nennt: groß und ſtattlich, nur ein wenig ſteif. Allerdings iſt Henriette ſchlank wie ein Reh, ſagte der Grenadier eben, mit Stolz den Schnurrbart drehend; aber ſie hält ſich doch außer der Schußweite eines gelernten Jägers mit Namen Stiitz. Quälen Sie Ihren dünnen Schnurrbart nicht ſo, Monſteur Quenſel! erwiderte der Andere. Sie wollen ſagen, Sie hätten das Vöglein unter Ihrer Bärenmütze gefangen. Oho! Wer Ihnen das geſagt, hat Ihnen einen Bären aufgebunden. Hören Sie, Steitz,— keine Beleidigungen! rief der Grenadier. Ich werde Ihnen einen ſchlagenden Beweis führen, den mir zwar Jette verboten hat, den ich ihr aber nun ſchuldig bin gegen einen Mann, der ſich hier 184 berühmt, mit ihr auf dem Fuß einer Amourſchaft zu ſtehen. Hier! Mit dieſem aufpochenden Worte legte er, aus der Taſche gezogen und aus einem Zeitungsblatt entwickelt, eine halbe Brezel auf den Tiſch. Die Umſtehenden bra⸗ chen in Lachen aus. 1 Lachen Sie nicht! rief der Soldat. Das bitt' ich mir aus! Hören Sie erſt die ſympathetiſche Bedeutung. Hen⸗ riette hatte heut ihren freien Tag nicht, als ich ſie geſtern auf heut zu einer Promenade invitirte, und ſpedirte mir dieſe Halbe da, ich ſollte ſte, ſagte ſie, heut Schlag fünf Uhr— ahal es iſt juſt die Zeit! unterbrach er ſich, indem er ſeine ſilberne Uhr zog— Kellnerin, eine halbe Flaſche Rothen!— zu meinem Wein genießen, ſagte ſie, und in derſelben Minute wollte ſie die andre Hälfte in ihren Kaffee tunken, und Jedes ſollte dabei an das An⸗ dere denken. Sehen Sie, das iſt die Sympathie, oder, wie ſie ſagte— der Seelenrapport. Nun, was Rapport iſt, das wiſſen wir Subalternoffiziere, und Jette— o Jette iſt ein Weſen—!„Und wie die Brezel, theile ich mein Herz mit dir, einziger Baſtian!“ ſetzte ſie hinzu. Er zwinkerte mit den Augen, und um es nicht mer— ken zu laſſen, daß er mit ſeinem prahleriſchen Ton ſich ſelbſt in eine Rührung hineingeſprochen, wendete er ſich, über Stirne und Augen ſtreichend, raſch an ſeinen Gegner. Nun, Steitz, Sie ſind ja mäuschenſtill, pipen nicht einmal, und— ſind ja ganz blaß geworden. Kreuz Bataillon! Sind Sie geſchlagen? Aha! Sie geben klein bei! Wollen Sie Pardon? — — 2—— —.— —x—— 185 Geſchlagen— ja, gewiſſermaßen! verſetzte der Jäger, halb wehmüthig, halb bitter. Niedergeſchlagen,— aller⸗ dings, wenn ich ſo bedenke, was ſo einer Maädchenſeele menſchenmöglich iſt! Oh— menſchermöglich, muß ich ſa⸗ gen. Donnerwetter! Da haben Sie die andre halbe Bre⸗ zel, und juſt daſſelbe hat ſie mir dabei vorgeſagt. Er hatte ſeine halbe Brezel ohne Papier aus der Taſche geholt und noch härter damit auf den Tiſch geſchlagen. Iſt das wahr, Steitz? rief der Grenadier feierlich. Auf Parole? Der Jäger fügte ohne Weiteres die beiden Hälften zu⸗ ſammen, die am ſcharfen Durchſchnitte eine unverkennbar frühere Einheit bildeten, und— da haben Sie die gräf⸗ lich-pappenheimer Brezel! lachte er. Der Grenadier drehte verlegen an ſeinem Bart, wäh⸗ rend der junge Wilke mit Lächeln in feierlichem Ton ſprach: Ja, ſo'ne Brezel hat doch nicht umſonſt eine myſte— riöſe, wahrhaft ägyptiſche Figur. Zwei Hälften gegen einander gebogen, ſind in der Mitte innig verſchlungen, wie man mit verſchlungenen Armen Schmollis trinkt. Alſo dieſe Mademoiſelle Henriette führt eine Doppel⸗ büchſe, um ſicherer zu treffen! lachte der Jäger mit Bit⸗ terkeit. Aber, ich denke, Kamerad, das Zündkraut ſoll ihr fehlen! Hm? Sagen Sie, Steitz— wendete der Grenadier ein—, war die Brezel noch ganz, als Ihnen Jette— 2 Nein, Quenſel, ſie holte die ſchon abgeſchnittene halbe aus ihrem Arbeitsbeutel, antwortete er. Aber mir hat ſie abgeſchnitten; die Brezel war noch —— 486 ganz! fuhr der Andere etwas heiterer fort. Ich hatte alſo die Vorhand, aber Sie haben mich abgetrumpft. Einerlei. Und als eben die Kellnerin ihm den beſtellten Wein ſetzte, rief er aus: „Aha! meine halbe Flaſche! Zwei Glaͤſer, Mädchen! Kommen Sie, Steitz, die zerſchnittene Brezel ſoll unſere Kameradſchaft nicht entzweien. Wir trinken die halbe Flaſche zuſammen, verzehren Jeder ſeine halbe Gebacknes, und denken dabei, wie's verabredet war, an die ſchlaue Jette, indem wir ſie verlachen. Beide ſtießen an, und Steitz rief: Aber Revange müſſen wir haben. Hören Sie, Kameraden, fiel der junge Wilke ein. Ich thue Ihnen von wegen Revange eine Propoſition. Laſſen Sie eine große mürbe Brezel backen und ſchicken Sie ſie an Jette: Empfehlung von Herrn Fourier Quen⸗ ſel und Herrn Feldwebel Steitz, und die beiden halben wären einander begegnet, hätten ſich durch Seelen⸗ oder Hefenrapport erkannt und vermählt. Sie wünſchten Ma⸗ demoiſelle Jette einen geſegneten Erinnerungskaffee und Verlobungskaffee— au laid. Jetzt brachen die Umſtehenden in ſchallendes Gelächter aus. Der drollige Witz des jungen Wilke bezog ſich nämlich auf das Schild an einem eleganten Café-restau- rant in der Königsſtraße. Auf dieſem Schilde war ein häßliches altes Männchen abgebildet, mit dem auf das Ohr berechneten Wortſpiel umſchrieben: Café au laid, ſtatt au lait— Kaffee zum garſtigen Männchen, ſtatt Kaffee mit Milch. 187 Beide Soldaten reichten dem glücklichen Berather la⸗ chend die Hand, und dieſer fuhr fort: Und damit Sie gar keinen Zweifel übrig laſſen, werthe Kameraden, ſo wählen Sie gleich hier eine andere Her⸗ zensſympathie. Da finden Sie ja die allerliebſten Mäd— chen beiſammen, z. B. das charmante kleine Blondchen da! Allons! Setzen Sie ſich in Rapport! Er faßte nach einem anmuthigen Bürgermädchen, das aber ſeine Hand ſchnöode zurückwies. Der Grenadier, in der gereizten Stimmung ſeines heimlichen Verdruſſes, faßte das liebliche Kind ins Auge, ſetzte ſeine hohe Mütze auf, trat vor, und ſprach, die flache Hand ſalutirend an die Mütze gelegt: Ein Grenadier von König Jeröme's Garde weiſt keine Auffoderung zum Angriff von ſich ab, Mademoiſelle. Wie ſchaut's? Duͤrft' ich in Ihrem allerliebſten Herzen— Garniſon machen? Es iſt ſchon Beſatzung drin, Herr Grenadier! verſetzte die Kleine ſchnippiſch genug. Wie? Was? Schone rief der Soldat betroffen und empfindlich. Warum ſchon? erwiderte die Kleine, ebenfalls verletzt. Das Schon paßt ebenſo gut auf Sie: Sie haben ja die alte Brezel noch nicht verdaut, und wollen ſchon wie⸗ der—? Meinen Sie ſchon— weeiil ich noch zu jung wäre? Meinen Sie? Ein jedes Spätzchen hat ja ſein Schätzchen. Wiſſen Sie Das nicht? Ah! rief der Grenadier, das iſt was Anderes! Das heißt man— ein Spatzenleben. Da muß ich alſo Kehrt machen vor der— Friſchgebacknen! Nun, nichts für un⸗ 188 gut! Adieu, Spätzchen! Kommen Sie, Steitz, ich will mir eine Wachtel ſuchen. Oder ein Schwarzköopfchen! meinte der Jäger, indem Beide das Zimmer verließen. Beim Ballet gibt's auch Nachtigallen! rief ihnen mit dünner Stimme ein Handlungsdiener nach. Aber der traf es ſchlecht bei dem verſtimmten Manne. Raſch umkehrend, rief der Grenadier über die Schulter: Das ſind Vögel für Comptoir⸗Gimpel, für Staar⸗ matzen, die auf blaues Zuckerpapier hofiren. Suchen Sie ſich dort eine Ladenjungfer, Sie Gelbſchnabel! Hermann hatte mehrmal den auf ihn gerichteten ſchalk⸗ haft triumphirenden Blick des jungen Wilke bemerkt, und fürchtete deſſen abermalige Annäherung. Er ſtahl ſich aus dem Zimmer, verließ das Haus und dachte einen Spaziergang durch das Thälchen unterm Weinberg hin zu machen, als er durch die Gartenthür des neuen Sans⸗ ſouci wandelnde Damen bemerkte, und eine nicht unge⸗ ſchickte Harfeniſtin ſingen hörte. Er trat hinein und durchſchlenderte den Garten mit der Zuverſicht ſeiner gu⸗ ten Stimmung, ob er ſich gleich unter den ihm fremden Familien ein wenig verloren vorkam. Der höhere Theil des Gartens war weniger beſetzt und verſprach einen reizenden Ausblick. Hermann wandelte von Strecke zu Strecke, bis er ſich unerwartet von einer Dame angenickt ſah, die in der Oeffnung eines kleinen Zeltes ſitzend ein vor demſelben Ball ſpielendes Kinderpaar überwachte. Er erkannte die Baronin von Reinhard, und näherte ſich, 8 189 ſie zu begrüßen. Sie ſtellte ihn ihrem Manne vor, den er jetzt im Innern mit einem Buch in der Hand ſitzend erblickte. Hermann nahm auf deſſen Einladung mit einer gewiſſen Feierlichkeit Platz, die einem Manne galt, der durch ſeine Stellung als Geſandter Napoleon's und per⸗ ſönlich viel Imponirendes hatte. Er fühlte ſich anfangs befangen, und ſeine Blicke hingen mit ſtiller Ehrerbietung an dem merkwürdigen Diplomaten, der aus einem Pfarr⸗ hauſe in Würtemberg einen ſo bedeutenden und hohen Lebensweg genommen hatte. Hermann kannte die Vor⸗ geſchichte deſſelben umſtändlich aus Luiſens Munde. Es war ein wechſelvolles Leben geweſen. Aus dem tübinger Stifte, wo er Theologie ſtudirt, war der junge Reinhard nach Bordeaux in das Haus eines reichen Kauf⸗ manns als Erzieher der Kinder, und ſpäter nach Paris gekommen, wo er eine Stelle im Bureau des Miniſte⸗ riums des Auswärtigen erhielt. Die Revolution, die ihn ergriff, förderte ihn. Er wurde Geſandter in Hamburg und Florenz, unter Sieyes' Directorium Miniſter des Auswärtigen, bis ihn Talleyrand erſetzte, und er dafür bevollmächtigter Miniſter bei der helvetiſchen Republik in Bern und dann beim niederſächſiſchen Kreis wurde. Hier heirathete er ſeine jetzige Frau in Hamburg und wurde von Napoleon, der ihn nicht leiden, aber doch nicht ent⸗ behren mochte, nach Jaſſy geſchickt. Auf dieſem unerfreu⸗ lichen und gefährlichen Poſten traf ihn das politiſche Mis⸗ geſchick, daß er von den Ruſſen aufgehoben und mit den Seinigen durch manche Länderſtrecken geführt wurde. Von dieſem Zuge hatte Frau von Reinhard eine Beſchrei⸗ 190 bung abgefaßt, die ein lebhaftes Bild jener verwickelten und ängſtlichen Zuſtände gab. Hermann hatte die Hand⸗ ſchrift durch Luiſen mitgetheilt erhalten. Zuletzt doch, auf geeignete Vorſtellungen, in Freiheit geſetzt, war Rein⸗ hard zum Baron erhoben und nach Caſſel geſchickt wor⸗ den, um einen Geſandtſchaftspoſten der delicateſten Art einzunehmen. Hier ſaß er nun, ein Mann in Mitte der Vierzig, hoch gewachſen, mager, etwas gelb von Farbe. Rafirt, und das Haar in Taubenflügeln gepudert, in Schuhen und Strümpfen, wie er ſich gewöhnlich trug, erinnerte er an einen altfranzöſiſchen Marquis. In ruhig gehalte⸗ nem Aeußern, den Zeigefinger in ſein Buch eingeklemmt, führte er die Unterhaltung, die ſeine Frau deutſch ange⸗ hoben, in dieſer Sprache mit etwas ſchwerer Zunge ge⸗ laſſen, nicht geſucht, aber gemeſſen fort. Meine Frau hat mir von Ihren ſchönen muſikaliſchen Gaben erzählt, ſagte er, und ich muß Sie loben, daß Sie neben Ihren philoſophiſchen Studien, wie ich höre Sie gemacht haben, die Mufik nicht fahren laſſen, wie weit uns auch die Ideen von den Toͤnen, die Hirnge⸗ ſpinſte von den Melodien der Bruſt entfernen. Ich kenne das auch ein wenig, denn ich habe mich eben wohl mit Philoſophie, beſonders mit Kant beſchäftigt, und ſelbſt verſucht, ſeinen erſtaunlichen Gedankenbau für die Franzoſen in einem leichten Umriß anſchaulich darzuſtellen. Jeezt freilich gebe ich mich mehr an unſere Poeten hin, da ich denn neben unſerm Goethe auch den deutſchen Lafon⸗ taine gar nicht verſchmähe. Doch vor allem Goethe, lieber Karl, wie du da gleich mit ſeinem„Hermann und Dorothea“ in der Hand be⸗ weiſen kannſt, bemerkte die Baronin. Goethe! rief der junge Freund etwas exaltirt. Wie man doch bei ſolchen Namen, als ob in andere Region entrückt, tief aufathmet. Geht's Ihnen auch ſo? fragte lebhaft die Dame. Ja, wol fühlt man ſich hier in Caſſel zuweilen niedergeſchla⸗ gen, wie in der Fremde, wie in verſetzter Luft, bis man ſolche Namen hört oder ſolch' ein Buch lieſt. Dann ath⸗ met man aus tiefſter Bruſt eine Erquickung ein, wie manchmal— kennen Sie das auch?— wenn bei Thau⸗ und Sturmwetter des Nachwinters eine Luftſchicht, viel⸗ leicht aus den Tropenländern, weich und würzhaft bei uns niedergeht. Wir haben Goethe'n vorigen Sommer perſönlich ken⸗ nen gelernt, lenkte der vorſichtige Reinhard das Geſpräch ab. Wir trafen ihn in Karlsbad, wo er mich denn auch in ſeine Farbenlehre einweihte, die ihn ſo lebhaft beſchäf⸗ tigt. Kennen Sie ihn auch? Nicht von Perſon, antwortete Hermann; aber Lafon⸗ taine kenne ich von Halle her. Dieſer Name übt ſchon keinen ſolchen Zauber aus, lächelte die Baronin. Der gehört ſchon mehr nach Weſt⸗ falen in ſeinem Beiderwand von franzöſiſchem Namen und deutſchem Stil. Wie ſieht er denn aus, dieſer fleißige Romanfabrikant, dieſer— Profeſſor? fragte der Geſandte, indem er ſeiner Frau freundlich mit dem Finger drohte. Verzeihung, Excellenz! Kanonicus, antwortete Her⸗ 4192 mann, und ſieht aus, als ob er ſein Kanonicat um die Rippen trüge. Er hat die Taille eines mäßigen Wein⸗ aſſes. 7 Was Sie ſagen! lächelte Reinhard. Jedenfalls ein Fäßchen von der Sorte, denk ich mir, die man am Rhein — eine Zulaſt nennt. Nun, ſchlägt ihm das Kanoni⸗ eat ſo gut an, oder die Honorare von 4 Louisd'or per Bogen, wie man ſagt? Beides, Excellenz, und ein Drittes dazu,— die Pfründe nämlich, die er von ſeinen allerhöchſten Leſern bezieht,— vom preußiſchen Königspaare, dem das Waſ— ſer aus dieſer— Fontaine beſonders zuſagt. Ja wol Waſſer, lächelte die Baronin, oder Sand. Aber er ſchüttet auch wie der Sand des Meeres Romane von ſich. Drei ſind auf einmal erſchienen, unter aller Kritik. Reinhard, von des jungen Mannes gewinnendem Aeußern und offenen Weſen angezogen, fragte nach deſſen Studien und Vorhaben. Seine Gemahlin lockte durch Zwiſchenfragen den Sprechenden mehr und mehr heraus, da ſie die Abſicht ihres leicht etwas rückhaltenden Mannes merkte, den jungen Freund von Seiten ſeiner Brauchbar⸗ keit kennen zu lernen. Für's Politiſche ſind Sie nicht, ſagte ſie ſcherzend. Ich weiß es von unſerer lieben Luiſe Reichardt. Doch iſt die Politik der Teig des Jahrhunderts, in den Alles die Arme ſteckt, um die neue Welt, den Stollen der Frei⸗ heit, die Brezel der Gleichheit backen zu helfen.— Hermann lachte überlaut. Am Ende werden Matzen draus, ſagte er. Aber der Vergleich iſt vortrefflich, gnä⸗ 2 2 2S/· A 12— 8 S d2 dige Frau. Obgleich aus der Küche genommen, trifft er doch Kirche und Staat. Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, warum. Napoleon der Kaiſer ſcheint mir die aus der Gährung der Revolution ausgeſchiedene, zu ihrer Be⸗ ruhigung ausgeſchäumte Subſtanz mit der Kraft, das noch nicht revolutionäre Europa ebenwohl in Gährung zu ſetzen, kurz— die Hefen der Revolution, womit das Backwerk einer neuen Zukunft angerichtet wird. Ein flüchtiges, unbeſtimmtes Lächeln zuckte über Rein⸗ hard's Geſicht. Er war ſchon etwas früher aufgeſtanden, anſcheinend nach den Kindern zu ſehen, wahrſcheinlich aber nur ſich zu überzeugen, daß kein Lauſchender in der Nähe des Zeltes ſei. Inzwiſchen ſprach der unachtſame Her⸗ mann weiter: In der That habe ich mich bis jetzt der Politik ziem⸗ lich fremd gehalten. Ich bin eben auf keinem politiſchen Feld aufgewachſen,— wenn Sie mir erlauben wollen, mich über mich ſelbſt zu erklären. Dem häuslichen Boden waren keine politiſchen Beſtandtheile beigemiſcht. Mein verehrter Vater, ein guter Preuße, liebte doch zu ſehr die franzöſiſche Sprache und Literatur, um Partei gegen das Franzoſenthum überhaupt zu nehmen, und hielt ſich daher auf der Kanzel, ich glaube auch mit Recht, in einer re⸗ ligiöſen Neutralität über allen Zwiſtigkeiten der Welt. Im Kreiſe der Familie ſprach er nie von Politik, und unter ſeinen Freunden galt er ein wenig für indolent. Was ich nun aus dieſem Boden nicht eingeſogen, trieb dann auch nicht in den verſchiedenen Zweigen meiner Univerſitätsſtudien: Philoſophie, alte Literatur, unſere Poeſie und Muſik athmete und rauſchte in den mit Buch⸗ Koenig, Jeroͤme's Carneval. I. 13 494 ſtaben und Noten bezeichneten Blättern, die mich um⸗ gaben. Nun aber, muß ich geſtehen, werde ich doch ein wenig in die politiſche Zeitbetrachtung gezogen, und es be⸗ ſchäftigt mich ſeit kurzem die innere Macht der deutſch⸗ nationalen Ideen und ihrer Vertreter gegenüber der Waf⸗ fenübermacht der Franzoſen. Der Gedanke einer wechſel⸗ ſeitigen Verſtändigung und Ausſöhnung beider feindlichen Gewalten auf wiſſenſchaftlichem Wege ſcheint mir wichtig und folgenreich. Ich ſpreche das aus, weil ich eben die Ehre habe, mich auf ſo bedeutſame Weiſe einem Manne von deutſchem Geiſte und franzöſiſcher Miſſion gegenüber zu befinden. Was halten Ew. Excellenz von einer ſol⸗ chen— iſt es nicht auch Politike Dieſer treuherzigen Frage ausweichend, verſetzte Rein⸗ hard freundlich: Wenn es an Dem iſt, was ſchon die Alten angenom⸗ men haben, daß ſtürmiſche Meereswogen ſich durch Oel beruhigen laſſen, ſo darf es ja wol auch ein Philoſoph mit ſeiner Studirlampe einmal gegen eine welterobernde Revolution verſuchen. Am Ende kann er ſich ja mit dem antiken Spruch tröſten: Oleum et operam perdidi. Vor⸗ ab aber iſt es mir lieb, Herr Doctor, in Ihnen einen Pfarrersſohn zu finden. Sie wiſſen vielleicht, daß auch ich einer bin, wenngleich ein misrathener. Hierüber aber tröſte ich mich ſeit vorigem Sommer. Da traf ich bei Goethe'n mit dem berühmten Kanzelredner meines Namens in Karlsbad zuſammen. Dieſer dresdener Ober⸗ hofprediger iſt wol ein zehn Jahre älter als ich, dabei eine ſchöne ſittliche Natur mit ausgebildetem Geiſt, red⸗ lichem Wollen und praktiſcher Einſicht, und da ſagte ich 419⁵ im Stillen zu mir: Der iſt dir mit Fug und Recht zu⸗ vorgekommen. Was brauchte denn Deutſchland nun noch einen zweiten Reinhard auf der Kanzel?— Und ſo bin ich wol durch höhere Fügung ſtatt eines wandernden Apoſtels ein umhergeworfener Diplomat geworden.— Aber, ſiehe, da kommt ja ſchon unſer Lefévre! Er ſucht uns. Mon- sieur Lefèvre! Mit dieſen Worten ging er einem jungen hübſchen Manne entgegen, der im Reiſeanzuge mit umherſpähenden Blicken herankam. Während er ihm die Hand bot und insgeheim mit ihm ſprach, ſagte die Baronin zu Her⸗ mann: Es iſt der Legationsſecretär meines Mannes, und hat den König auf der Umreiſe begleitet, um meinem Manne von Allem Nachricht zu geben. Ich habe zu Haus hin⸗ terlaſſen, wo wir ſind. Mein Mann hat ihn erwartet. Jetzt kehrte Reinhard mit den Worten zurück: Sa Majesté va arriver ce soir! Komm,, liebe Chri⸗ ſtine, wir müſſen nach Hauſe. Sie erhob ſich und begrüßte Lefévre, der ihre Hand küßte. Hermann empfahl ſich, und Reinhard ſagte mit freundlicher Handbewegung: Bon soir, Monsieur le docteur! Funfzehntes Capitel. Eine Fledermaus. Lefevre hatte ein umſtändliches Tagebuch über des Königs Reiſe mitgebracht. Reinhard übergab es alsbald einem vertrauten Employe ſeines Bureaus zu ſchneller Anfertigung einer Reinſchrift, die mit der regelmäßigen Militärpoſt an den Kaiſer abgehen ſollte. Gegen den jungen Legationsſecretär ſprach er ſeine Zufriedenheit aus; er lobte ſeinen Eifer, ſeine gute Beobachtung und die richtigen Bemerkungen, die er über den Eindruck der Per⸗ ſönlichkeit des Koͤnigs auf die Bewohner in den Provin⸗ zen eingeſchaltet hatte. Er verſprach ihn von Seite ſeiner Brauchbarkeit und Verdienſte dem Kaiſer mit günſtigſter Note zu bezeichnen. Dies that nun der Geſandte auch in dem Bericht, den er bereits im voraus entworfen hatte, und den er ſich nun zu vollenden niederſetzte, da Jeröme, der zu Pferd ankommen und ſeine Gemahlin überraſchen wollte, den Empfang der hohen Beamten und der Geſandten auf Napoleonshöhe hatte abſagen laſſen. Reinhard em⸗ pfahl ſeinen Secretär, den er ungern verloren hätte, nicht ausdrücklich zur Beförderung, ſondern zur Auszeichnung durch das Kreuz der Ehrenlegion. 8 Lefevre war nämlich ein gebildeter, liebenswürdiger junger Mann von guter Familie, allerdings in der Kennt⸗ H 4 & „—„———.—,—=— niß der franzöſiſchen Geſchichte und Literatur mehr zu Hauſe, als der deutſchen Verhältniſſe, Ideen und Sitten kundig. Reinhard kannte aber ſehr wohl den Vortheil, den er davon hatte, indem er dadurch den Seeretär, der ihn wahrſcheinlich in ſeinem Thun und Denken zu be⸗ obachten und zu controliren angewieſen war, deſto ab⸗ hängiger von ſich und von ſeiner Leitung erhielt. Daran mußte ihm aber um ſo mehr gelegen ſein, als er ſich von Seite der leidenſchaftlichen franzöſiſchen Partei in Caſſel mistrauiſch angeſehen wußte. Denn die Geſinnung und Handlungsweiſe, die dem Baron von Reinhard auf allen Poſten ſeiner wechſelvollen Laufbahn den Ruf der Rechtſchaffenheit und der Popularität erworben hatte, fiel gerade in die entgegengeſetzte Schale der Wage, auf welche jene Partei ihre Berechnungen legte. Auch war ihr Mis⸗ trauen nicht gerade aus der Luft gegriffen. Es ließ ſich denken, daß der franzöſiſche Geſandte ſich eben nicht be⸗ eifern werde, dem Kaiſer, der ihn nicht liebte, irgend eine Gegenliebe aufzudringen. Die Pfahlwurzel ſeines Weſens ſtak noch tief genug in Schwaben und im tübinger Stift, daß er es im Stillen gern ſehen mochte, wenn die deut⸗ ſche Partei dem Einfluſſe der Franzoſen entgegenarbeitete. Seinem Blick entging es nicht, was in Preußen und in Heſſen, auf den Sturz der Fremdherrſchaft abgeſehen, unter günſtigen Sternen dem Franzoſenthum und dem weſtfäliſchen Gouvernement gefährlich genug werden konnte; wieviel er aber davon amtlich an ſeinen Kaiſer berichten müſſe, und was er als perſönliche Muthmaßung für ſich behalten dürfe, war eine Frage an Gewiſſen und Ehre, wobei er nicht blos den feinen Verſtand des Diplomaten, ſͤſ““ 198 ſondern auch den umfaſſenden Blick des hochherzigen Welt⸗ bürgers zu Rathe zog. Dieſe etwas wehmüthige Empfindung über ſeine Stel⸗ lung in Caſſel kam gerade dieſen Abend wieder lebhafter über ihn, als er ſich nach abgethanem Berichte noch bei einem Brief an Goethe aufhielt. Seit ſeiner perſönlichen Bekanntſchaft mit dem Dichter aus Karlsbad ſchrieben Beide zuweilen an einander, und Reinhard benutzte gern jede Gelegenheit, neben der Poſt her freimuͤthiger ſchrei⸗ ben zu konnen. Eine ſolche Gelegenheit durch einen über Weimar Reiſenden war es eben, die ihn jetzt drängte. Eine Stelle dieſes verrieth auch dem Dichter, und viel⸗ leicht dieſem ſelbſt zur Warnung, welche Rückſicht er we— gen ſeiner Briefe zu beobachten hatte. Es hieß nämlich: „Die hohe Polizei unſerer hieſigen Poſten hat ſeit einiger Zeit in Theorie und Praxis ſich ſo vervoll⸗ kommnet, daß eigentlich nicht mehr das Verloren⸗ gehen, ſondern das Ankommen der Briefe eine Un⸗ regelmäßigkeit iſt.“ Und wie rührend lautete die folgende Betrachtung über ſein Leben und ſeine Stellung: „Die Nation, unter der ich lebte, verdeckte mir die übrige Welt, und je tiefer ich fühlte, daß ich ihr nicht angehörte, um ſo mehr verzweifelte ich, an⸗ derswo Grund und Boden zu finden. Ich erſchien mir in jedem Sinn als ein Menſch ohne Vaterland. —— Meine Lage iſt hier ſehr delicat. Was ſoll ich an dem jungen, leichten luſtigen Hof? Man ſupponirt folglich irgend einen andern Zweck, und es gibt deren, durch die man ſich genirt fühlt.“ 4 * 8 ———,—, ———— So war es dämmerig geworden, als der Geſandte 4 ſein Arbeitszimmer verließ, um den übrigen Abend mit 82 ſeiner Familie zu verbringen. Kaum aber ſaß er gemüth⸗ lich im weichen Hausrocke, als er noch eine Anmeldung erhielt, die er in ſeine Schreibſtube beſcheiden ließ. Der Mann im Mantel, der ihn abſichtlich ſo ſpät heimſuchte, verneigte ſich tief, als Reinhard eintretend ihn mit Bon soir, Monsieur Savagner! anredete. Sie brin⸗ gen mir Ihrer Miene nach etwas Wichtiges. Aber legen Sie vor allem Ihr blaues Deckblatt ab, Ihre Fleder⸗ maushaut! Während Savagner ſeinen Mantel ablegte, ſagte er leiſe und haſtig, wie er denn ſeinen verſtohlenen Nach⸗ richten viel Gewicht beizulegen pflegte: f Ja, Exeellenz, die wichtigſten Mittheilungen! Wir ſind 5 nun dem Tugendbund am Bindriemen, und haben den 3 Schacht zu— wer weiß allen denkbaren berliner Ge⸗ 3 heimniſſen. Das iſt viel auf einmal, Herr Savagner! Reden Sie! 3 9 Mich kurz zu faſſen, Excellenz, ſo hat Bercagny einen jungen Gelehrten aus dem vormals Preußiſchen gefunden, e der ſehr eingeweiht ſcheint und der ihm ſchriftliche Mit⸗ r theilungen macht. Hier iſt der erſte Bericht deſſelben. 5 Bercagny findet ihn noch nicht ſpeciell genug, noch nicht n erſchöpfend, und hat ihn heut mit verfänglichen Fragen 5 zurückgegeben, deren Beantwortung er ſehr preſiirt. l Verfänglich, ſagen Sie? Warum verfängliche Fra⸗ gen? fiel Reinhard geſpannt ein. d. Weil der junge Gelehrte nicht ahnt und nicht wiſſen ſoll, wozu ſeine Berichte beſtimmt ſind, antwortete Sa⸗ vagner. Ich weiß nicht genau, was ihm Bercagny als Zweck derſelben vorgeſpiegelt hat; aber ich ſehe dem Herrn „Ritter“ an, mit welcher Ungeduld er darauf brennt, dem König und— hinter Eurer Excellenz Rücken her— auch dem Kaiſer ſeine Enthüllungen zu machen, durch die er ſich emporzuſchwingen hofft. Verzeihen Eure Excellenz die unleſerliche Copie! Ich konnte nur in verſtohlenſter Eile— Bercagny gab das Original kaum aus der Hand. Und wer iſt der junge Menſch? fragte Reinhard mit einer innern Unruhe. Dr. Teutleben ſchreibt er ſich,— an den Kapellmei⸗ ſter Reichardt empfohlen. Da dieſer Reichardt ſelbſt aber bei uns übel angeſchrieben und im Verdacht preußiſcher Verbindungen ſteht, ſo hat Bercagny den jungen Ankoͤmm⸗ ling vorladen laſſen, um ihn perſönlich zu prüfen. Der Geſandte war bewegt und überlegend mit dem Papiere nach einem Tiſche gegangen, und fragte jetzt mit angenommener Gleichgültigkeit: Da hat ſich alſo der junge Menſch gewinnen laſſen? Verzeihung, Excellenz! Meine Ueberzeugung iſt, wie bereits geſagt, daß er ſich eigentlich nicht hat gewinnen, ſondern nur täuſchen laſſen. Er iſt etwas Schwärmer, etwas Phantaſt, wenigſtens was wir ſo nennen, und Bercagny war bekanntlich im Kloſter, war lang genug Pfaff, um— ſo zu ſagen— Excellenz verſtehen mich! Der junge Philoſoph, glaube ich, iſt Polizeiſpion mal- gré lui. Und Sie glauben, Savagner, er wird dieſe— Irr⸗ lichterfragen Bercagny's, dieſe verfänglichen— wie *— 3 Sie mir ſagen— Specialitäten— treuherzig beant⸗ worten? Warum ſollte er nicht, Excellenz? Dieſelben ſind ſehr ſchmeichelhaft für ihn abgefaßt, ſehr überzuckert. Sie ſchaffen mir dann ſchnell genug die Antworten? Ich erwarte das, Savagner! I Dem ungewöhnlich lebhaften Tone des Geſandten war es anzumerken, welchen Werth er auf die Mittheilung legte, und Savagner, ſehr zufrieden mit dieſer Wirkung, verſetzte: t 1 Ich werde mich bemühen, Exeellenz. Denn ich weiß, wie ungeduldig der Kaiſer auf dieſe Enthüllungen iſt, und 2 was damit zu verdienen ſteht. Für meine gewagten Be⸗ mühungen dabei ſchmeichle ich mir von der Generoſität Eurer Excellenz— 8 Während er ſich bei dieſen Worten, die Hände auf der Bruſt gefaltet, tief verneigte, warf ihm Reinhard n I über die Schulter einen Blick der bitterſten Verachtung t 8 zu, indem er ſagte: Ihr Verdienſt dabei werde ich Ihnen mit doppelter Kreide zugute ſchreiben. e 4 Unterthänigſt verbunden! rief Savagner! Ja, mein 1, 1 ſehnlichſter Wunſch iſt es, von hier hinweg— befoͤrdert r, zu werden. Ich habe eine ganz unwürdige Stellung,— d meiner Herkunft, meinem Charakter, und vielleicht darf ich g auch ſagen, meinen Fähigkeiten nicht angepaßt. Und nun 31 wird Bercagny auch täglich noch verdrießlicher, worunter - ich ſehr leide. Als ob ich eine Schuld dabei hätte, daß ſeine Frau durchaus von Paris hierher kommen will. Er r⸗ wird immer trotziger auf das franzöſiſche Intereſſe in Weſtfalen und feindſeliger gegen die deutſche Partei, be⸗ ſonders gegen Herrn von Bülow. Ich glaube zu bemer⸗ ken, Excellenz, daß er den Staatsrath Malchus gewonnen hat, um dem Finanzminiſter einen Gegner, vielleicht einen Nachfolger zu erziehen. Glauben Sie? erwiderte Reinhard. Bülow gilt aber nicht blos beim Könige: er wird von meinem Kaiſer ſehr geſchätzt, ich darf wol ſagen, gewürdigt! Alſo, auf bal⸗ diges Wiederſehen, Herr Savagner! Danke nochmals! Kaum hatte, in den weiten Mantel gehüllt, und die Mütze tief in die Stirne gedrückt, Savagner ſich fort⸗ geſtohlen, als Reinhard mit großen Schritten zu ſeiner Gemahlin zurückkehrte. Es gibt doch bedeutſame Zufälle, Fügungen, oder wie ich's nennen ſoll, ſelbſt auch im Alltagsleben, Chriſtine! rief er lebhafter, als ihn ſeit lange die verwunderte Frau geſehen. Muß uns juſt heute der junge Mann, dein Günſtling, ins Zelt gelaufen kommen, als ob er eiligſt mit ſeiner Perſönlichkeit Verwahrung einlegen wolle, ehe ich ihn aus einer unglücklichen Arbeit vielleicht falſch be— urtheilen möchte. Bei ihm trifft es nicht zu, daß man den Vogel an ſeinen Federn erkenne. Hier hab' ich näm⸗ lich ſeine Politik in Händen, wegen der er heut die naive Frage an mich richtete. Dieſe Unbefangenheit beſtätigt mir nun, daß dieſer Bercagny wirklich— Es iſt doch ein verwünſchter Kapuziner⸗Ritter⸗Mephiſtopheles! Doch ich bin dir unverſtändlich, Chriſtine. Höre nur! Er erzählte nun der betroffenen Frau den Fall, den er nach Savagner's Mittheilung ſcharf durchſchaute. Am Schluſſe rief er aus: 4 203 Wie ziehen wir nun den unbeſonnenen jungen Mann aus der Patſche? Wie retten wir den Getäuſchten, den forcirten Politiker, den Nationenvermittler aus ſeiner un⸗ geahnten Selbſtentwürdigung, aus ſeiner enthuſiaſtiſchen Denunciation? Wies? frage ich, ohne Gefahr für ihn, und ohne daß ich mich bloßſtelle? Es iſt nicht ſo leicht, wie es ſcheint, liebe Frau! Der Hallunke Savagner, der mir die geheimen Mittheilungen aus der Region der hohen Polizei liefert, hat mich von dieſer Sache in Kenntniß geſetzt, um ſich dadurch verdient zu machen, und darf nun ſchlechterdings nichts an mir oder von mir wahrnehmen, was er auch wieder gegen mich gebrauchen könnte. Und was den jungen Verräther betrifft, ſo fuͤrchte ich, daß ein in der Welt ſo fremder, in der Beurtheilung der Men— ſchen ſo kurzſichtiger junger Mann jede Mittheilung oder Warnung falſch benutze, und gerade aus edler Entrüſtung über die Art, wie man ihn misbraucht hat, entweder ins Zeug hineinſtürme, oder für immer argwöhniſch und ent⸗ muthigt werde. Ja wohl, beſter Mann, verſetzte ſie, die Sache iſt zu bedenken, und doch müſſen wir eine Auskunft finden, ehe er ſeine ſo beeilten Antworten ertheilt. Wahrlich, es iſt recht zu beklagen, daß gerade ein ſo edler, für Höheres begeiſterter junger Mann von trefflicher Begabung gleich mit dem erſten Schritt auf ſeiner neuen Bahn in die Schlinge des Verſuchers fällt. Indeß,— es hat jeden— falls Zeit bis morgen, und bis dahin fällt mir gewiß ein guter Gedanke ein, ein diplomatiſcher Fund des Her⸗ zens, mit dem ich dem franzöſiſchen Geſandten unter die Arme greifen kann. 204 Lächelnd umfaßte ſie den hohen Mann unter den Ar⸗ men, und ſtreckte ſich an ihm hinauf, ihm Gutenacht zu ſagen. Geh' nur zu Bett, liebes Kind! ſagte er, ihre Wan⸗ gen ſtreichelnd, mit ſeinem ironiſchen Lächeln. Ich muß ja erſt noch die politiſche Denkſchrift unſers unpolitiſchen Philoſophen leſen! Ich denke aber künftighin viel ruhiger zu ſchlafen, wenn ich erſt einmal hinter das Geheimniß gekommen bin, wie zwei feindſelige und erbitterte Na— tionen zur Raiſon zu bringen ſind. Und hier hab' ich das Recept dazu,— meinen Schlaftrunk! Zweites Zuch. — Erſtes Capitel. Ein Lever Jeroͤme's. Eine große militäriſche Morgenmuſik verkündete in der Frühe des 27. Mai die Ankunft des Königs auf Napo⸗ leonshöhe. Eigentlich war er ſchon am Spätabende zu Pferd eingetroffen, hatte aber Alles unterſagt, was durch Vorkehrungen zu ſeinem Empfang oder durch Verkün⸗ digung ſeiner Rückkehr die Reſidenz in Bewegung ſetzen konnte. Statt der Ueberraſchung aber, auf die er es da⸗ bei für ſeine Gemahlin abgeſehen, erfuhr er ſelbſt einen unvermutheten Empfang durch ein artiges häusliches Feſt, das die Koͤnigin zu ſeiner Ankunft bereit gehalten hatte. Schon ſeit einigen Tagen war die Rede davon ge⸗ weſen, daß am Abende nach der Rückkehr eine Beleuch⸗ tung der Stadt gewünſcht werde. Caſſel, hieß es, könne hinter ſo vielem Jubel, womit der König auf ſeiner Um⸗ reiſe empfangen worden ſei, nicht kalt zurückbleiben. Wirk⸗ lich ſah man nun in aller Frühe Diener der Mairie von Haus zu Haus eilen, die Illumination anzuſagen. Die 208 Vorkehrungen dazu machten den Morgen in den Straßen ſehr lebhaft. Und da man wußte, daß gegen Mittag Alles, was den Rang dazu hatte, zum Lever des Königs, zur Morgenaufwartung, nach dem Sommerſchloß hinauf⸗ fahren werde, ſo trieben ſich Neugierige und müßiges Volk genug vor das Thor. Es hatte die Nacht geregnet; eine erquickende Luft wehte, und das friſche Grün der aufgeſchoſſenen Saaten, die feuchten Hecken und nachblühenden Bäume glänzten im milden Schein der Sonne, die allmälig wieder das abziehende Gewölk durchbrach. Alles das belebte die Menſchen, ſelbſt die unachtſamen und gedankenloſen. Man ging bis Wehlheiden, Manche bis Wahlershauſen. Das kleine Gartenlocal des Herrn Keilholz, der das deutſche Theater verlaſſen und eine angenehme Wirthſchaft an der Chauſſée eröffnet hatte, war dieſen Morgen ſehr beſucht; der Kaffee, der hier beſſer und billiger als in den Re⸗ ſtaurationen der Stadt gegeben wurde, fand guten Ab⸗ gang.— Einzelne, die bis zur Einfahrt in den dem Publicum verſchloſſenen königlichen Park wandelten, konn⸗ ten vom Bergſchloß herab die Wecktrommeln, die Morgen⸗ märſche der Gardemuſik hören. Um dieſe Zeit waren der König und die Königin ſchon aufgeſtanden, und ſaßen zärtlich neben einander im An⸗ kleidezimmer der Monarchin. Katharina bewohnte die untere Etage des majeſtäti⸗ ſchen Schloſſes, die häuslich eingerichtet war und zu⸗ gleich die Bequemlichkeit darbot, daß die wohlbeleibte, etwas ſchwerfällige Fürſtin, wenn ſie aus dem herrlichen Park und vom Blumenrevier um die ſpringende Fontaine zurückkam, nicht höher als über die breite, bequeme Treppe zu ſteigen brauchte, die zu den Rieſenſäulen des Vorbaus führte. Ihr Ankleidezimmer war in Blaßblau mit Orange, und man blickte in das weiß und blaue Schlafzimmer, das im Halbeirkel gebaut, Draperien aus weißer Seide mit ge⸗ wirkten Borden in Blau um die Fenſter und den Alkoven hatte, das erhöhte antike Bett aber ohne Vorhänge ließ. Es war eine zärtliche Liebhaberei des Königs, ſeiner Gemahlin die Nägel der Finger zu beſchneiden. Dazu hatte er ſich auch jetzt neben ſie geſetzt, während ſte im eleganten Morgenüberwurf in der Ecke des niedern Divans ruhte. Aber, mein Gott, Cataut! rief er aus, als er ihre Hand ergriff. Wie finde ich dieſe Finger verwildert! Haſt du den Geſchmack einer Chineſin angenommen, oder—? Sacré, welche allerliebſte kleine Krallen! Dabei küßte er die feinen weißen Finger, gegen die er ſeine kleine engliſche Zange erhob. Ei, wie wenig erkenntlich biſt du, Jeröme! lächelte ſie ſchalkhaft verſchämt. Ich habe ſie ja für dich wachſen laſſen. Und wie hab' ich ſie vor Biegen und Brechen gehütet! Du ſollteſt gleich an meinen Händen bemerken, an meinen Fingern abzählen, wie lange ich deiner Für⸗ ſorge entbehrt habe. Fürſorge! Ja wohl! Ich fürchte, du haſt dich ſelbſt nicht damit geſchont, Cataut, und haſt deinen ſchönen Hals, der mir gehört, mit dieſen ſcharfen, grauſamen Auswüchſen— Laß gleich einmal ſehen—! Willſt du artig ſein, Jeröme! kicherte ſie mit einer Bewegung, als ob ſie den freien Hals unter den runden Armen verſtecken wolle, wobei ſie zugleich zurückgelehnt Koenig, Jeroͤme's Carneval. I. 14 . . mit den drohenden Nägeln der geſpreizten Finger den zu⸗ dringlichen Händen und Küſſen des galanten Gemahls zu wehren ſuchte. So rangen ſie lachend mit einander, bis Katharina, die leicht ermüdete, mit dem ernſten Wort: Willſt du jetzt gleich Ruhe halten! den ausgelaſſenen Gemahl auf ſeinen Seſſel bannte. Die Prinzeſſin von Würtemberg nahm, auch ohne Abſicht, in Ton und Kopfbewegung leicht etwas Gebiete⸗ riſches an— ein Erbſtück ihres ſtrengen Vaters, oder eine Angewöhnung ihrer fürſtlichen Abkunft, die Jeröme mit ſeiner jugendlichen Gutmüthigkeit zu reſpeetiren pflegte. Aber dieſe ſtolze Art von Abwehr war heut nicht ſo ge⸗ meint, ſondern nur eine unbeherrſchte Zugabe zu der weib⸗ lichen Empfindſamkeit über die Situation— eine ängſt⸗ liche Rückhaltung, während ſie ſich innigſt glücklich fühlte bei dieſer lebhaften Hingebung und verſchwenderiſchen Zärt⸗ lichkeit ihres Gemahls, wofür ſie die ganze Empfänglich⸗ keit ihres geſunden, heißen fünfundzwanzigſten Jahres hatte. Und obſchon Jeröme, bei allen Nebengängen ſeines für weibliche Reize ſo empfänglichen Herzens, es gegen ſeine Gemahlin nicht leicht an Aufmerkſamkeit und an Bewei⸗ ſen einer leidenſchaftlichen Neigung fehlen ließ, ſo mußte doch in ſeiner heutigen Feier des Wiederſehens etwas Be⸗ ſonderes gelegen haben, was Katharinen an den heitern Sommermorgen erinnerte, der ſie zum erſten mal in ſo vertrautem Zuſammenſein mit ihm gefunden hatte. Es waren eben neun Monate geweſen, und ſie war ſo leb— haft von dieſer Erinnerung bewegt, daß ſie es mit ver⸗ ſchämtem Lächeln gegen Jeroͤme ausſprach. 244 Ich weiß nicht, ſagte ſie, wie mir eben der Morgen des vorjährigen 24. Auguſt einfällt, Jeröme! Ahal erwiderte er, du meinſt, wie uns der alte Geck von Fürſten Primas in der Tuilerienkapelle getraut hatte, und— die folgende Nacht und den Morgen darauf, Cataut? Ja, verſetzte ſie ausweichend, die herrlichen Feſte, die uns der Kaiſer in Fontainebleau gab, wollten kein Ende nehmen und ließen uns kaum zur Ruhe kommen. Gewiß! Es waren recht erſchöpfende Freuden, ſeufzte er. Ich meine nämlich, liebe Katharina, durch den Ver⸗ druß, den mir der Kaiſer hineinmiſchte, waren ſie mir fatal. Mein Gott, ja! lachte ſie. Du konnteſt ihm nichts recht machen. Du warſt in allen Bewegungen nur der liebende, fröhliche Jeröme, und nach ſeinem Willen ſollte doch aus all' deinen Mienen und Geberden ein König von Weſtfalen herausſehen. Votre Majesté, ſagte er ſtets mit Nachdruck zu dir. Und da ſollt' ich mit Campactres, Regnault, dem alten elſaſſer Publiciſten Kochh und den andern langweili⸗ gen Geſellen zuſammenſitzen, während ſie die Verfaſſung des neuen Königreichs beriethen und entwarfen. Mußte ich denn aber nicht mit dir ſein, Cataut? Da lag mir eine ſchon vollendete Conſtitution vor, und ich hatte zu ſtudiren, wie ich immer verfaſſungstreu regieren wollte. Und hab' ich nicht auch, Cataut? Die Königin lächelte mit drohend gehobenem Finger. Aber es war nur verliebte Schalkheit, die ſo drohte, kein Zweifel an ſeiner Treue. Sie glaubte mit liebevollem Herzen an den Anſtand, hinter welchem Jeröme ſeine ſo⸗ 14* 212 genannten écarts verbarg, und die öffentlichen Huldigun⸗ gen, die er ſeinen begünſtigten Damen bei Hof erwies, erſchienen in ihren Augen nur als ritterliche Artigkeit ei⸗ nes Königs, dem nun einmal mehr gefällige Anmuth, als eigentliche Majeſtät angemeſſen war. Kein Mistrauen hätte zumal dieſen Morgen den Nimbus der Freude trü⸗ ben können, der ihren ſchönen Kopf und die einnehmen⸗ den Züge ihres hochgefärbten Angeſichts umleuchtete. Ihr blaues Auge ſtrahlte von innerer Befriedigung und leuch⸗ tete in Entzücken, als Jeröme auf ihren etwas blöde vor⸗ gebrachten Wunſch einging, die Aufwartungen zu ſeinem Lever in ihrem prächtigen Saal zu empfangen. Er merkte, ohne es ſich merken zu laſſen, welchen weiblichen Triumph ſie für die Augen des Hofes und der Stadt in ſolcher Dar⸗ legung ihrer ehelichen und häuslichen Vertraulichkeit ſuchte. Wir ſind ſo glücklich hier oben, liebe Katharina, wie dieſer Sommeraufenthalt ſelbſt groß und herrlich iſt, ſagte r. Ich habe auch wieder auf meiner Umreiſe, beſonders in Braunſchweig, das doch auch eine Reſidenz war, recht lebhaft empfunden, daß dies Schloß und ſeine Umgebung einzig, unvergleichlich ſind. Ich habe deshalb auch daran gedacht, um dieſer Beſitzung willen Caſſel unter allen umſtänden als zweite Reſidenz— als Sommerreſidenz Vbeizubehalten. Was wäre Sansſouci bei Berlin, wenn dort auch der große Friedrich zu wohnen liebte, gegen dieſe Napoleonshöhe? Unter allen Umſtänden, Jeröme? Wie iſt das zu ver⸗ ſtehen? fragte die Königin? Was meinſt du damit? Hab' ich dir nicht geſagt, Cataut, daß es die Abſicht des Kaiſers iſt, das Königreich Weſtfalen bis an die Oder 14 auszudehnen? Dann müßte doch Berlin unſere Reſidenz werden. Verſteht ſich! O mein lieber Jeröme, verſetzte ſie nachdenklich, daran habe ich noch nie ernſtlich geglaubt. Der unglückliche Kö⸗ nig von Preußen ſoll noch mehr verkleinert werden? Verkleinert? Nein! fiel Jeröme etwas heftig ein. Aber der Kaiſer wird kein Preußen dulden, auf das er ſich nicht verlaſſen kann. Preußen iſt auch in ſeiner Demüthi⸗ gung noch immer hochmüthig geblieben. Statt durch Treue und feſten Anſchluß an des Kaiſers Macht ſeine Wieder⸗ herſtellung zu verdienen, geht es mit Planen zur Rache und Empörung um. Wir wiſſen, was dort insgeheim betrieben wird. Der König— nun ja, er mag ein gu— ter ehrlicher Mann ſein; aber er wird mit Schreck gewahr werden, in weſſen Händen er iſt. Der Kaiſer wartet nur, bis er vor aller Welt gerechten Anlaß nehmen kann, eine Macht vollends zu vernichten, die ſich tückiſch und treulos ſeinen weltumfaſſenden Abſichten widerſetzt. Ich glaube nicht Alles, Jeröme, was euch über Preu⸗ ßen eingeflüſtert wird, entgegnete Katharina. Leute, die als Spione gut bezahlt werden, wollen doch ihren Sün⸗ denlohn auch mit etwas verdienen. Und da ihr unzählige Leute der Art haltet, ſo wird jede Kleinigkeit wichtig durch die unzähligen Anzeigen, womit ſie einander überbieten. Geh', lieber Mann, und gib dich ſolchen Inſinuationen nicht ſo unbedingt hin, weil du vielleicht gern an Berlin denkſt! Ich glaube gar nicht, daß der Kaiſer ernſtlich ſo viel Gewicht auf Preußen legt, das ihm ja zu wider⸗ ſtreben außer Stand iſt. Mein Vater und die andern deutſchen Souveraine des Rheinbundes— 244 Ah, Madame! fiel Jeröme ein. Sie verſtehen ſich wenig auf Politik. Je nachdem die Ereigniſſe in Spanien fallen und Oeſtreich ſich gegen uns ſtellt, kann Preußen eine große Entſcheidung geben, beſonders wenn es ihm gelänge, den Norden von Deutſchland in Aufruhr zu bringen. Er ſprach dies mit der Ungeduld eines reizbaren Man⸗ nes, der in einem Lieblingstraum nicht geſtört ſein will. Eben fuhren die erſten Wagen an, und Jeröme eilte, ſein tägliches Bad zu nehmen, das ihm mit Zuguß einer Quantität kölniſchen Waſſers bereitet wurde. Im Publi⸗ cum wollte man auch von Bädern in rothem Wein und in Bouillon wiſſen, zu welchen täglich ein Kalb geſchlach⸗ tet würde. Hinter ihm her erhob ſich die Königin zu ihrer Toi⸗ lette, worauf bereits zu ihrem Beiſtande eine bevorzugte Hofdame wartete— die Baronin von Otterſtedt, der Königin liebwerth durch die verſchwiegenen Dienſte, die ſie als früheres Hoffräulein in Stuttgart der Prinzeſſin in einer verrathenen und verwickelten Herzensangelegenheit mit Hingebung geleiſtet hatte. Sie war die vertrauteſte, wie die Gräfin Antonie die befreundetſte Dame der Kö⸗ nigin aus der würtemberger Zeit.. Die Toilette der Königin brachte ihre beſondern Um⸗ ſtändlichkeiten mit ſich. Die Prinzeſſin von Würtemberg, die bei ihrer erſten Ankunft in Frankreich durch einfachen, altmodiſchen Anzug den Pariſern ſo ſehr aufgefallen war, hatte ſeitdem eine ausgeſuchte Eleganz mit etwas eigen⸗ ſinnigem Geſchmack angenommen. Beſonders aber gebot 4 215 ihr abweichender Wuchs verſchwiegene Berückſichtigung, und eine vertraute Kammerfrau behandelte, als Prieſterin des Corſets, mit feierlicher Miene ein Geheimniß, das in den Augen der Damen am Hofe keines mehr war. Während dieſer Vorgänge in den innern Räumen verſammelte ſich Alles, was zur Aufwartung angefahren kam, im Saale der Königin. Es war ein ſehr geſchmack— voll decorirter Raum— die Wände mit ſchwerem, pur⸗ purfarbenen und goldbeſternten Seidenſtoffe überkleidet, die Fenſter mit Vorhängen aus purpurfarbigem Zeug auf der einen Seite, und auf der andern von weißem Atlas mit gewirkten purpurnen Borden umgeben. Die verſchiedenſten Uniformen und Hofkleider miſchten ſich in bunten Gruppen zu leiſer Unterhaltung, Militär und Cioil, Geſandte und Hofchargen, Herren und Damen. Zuweilen führte vor dem Auge des Beobachters der Wech⸗ ſel der einander Begrüßenden die abſtechendſten Perſönlich⸗ keiten zuſammen. So, als die groteske Geſtalt des Che⸗ valier Borel⸗Duchambon, des Schatzmeiſters der Cioilliſte, zu des Barons von Wendt biſchöflichen Gnaden trat— der bekannte Spaßmacher des Königs zu deſſen Almoſenier. Von Fremden, die vorgeſtellt ſein wollten, war heut nur Baron von Rehfeld da. Der Generalpolizeidirector, der dem König die nähere Kenntniß der Perſönlichkeiten zu vermitteln pflegte, hatte dieſem Fremden eine Audienz zu⸗ geſagt, und verabredete ſie mit dem Oberkammerherrn. Des Königs Erſcheinen verzögerte ſich durch eine län⸗ gere Berathung mit dem Leibarzte Zadig. Dieſer Abraham Zadig war ein jüdiſcher Arzt aus Schleſien. Jeröme hatte ihn im Herbſte 1806, als er neben Vandamme im Feldzuge gegen Preußen das neunte franzöſiſche Armeecorps nach Schleſien führte, in Breslau kennen gelernt. Hier nämlich, in luſtigem Garniſonsleben beſonders auch mit Schauſpielerinnen, wo Jeröme an den langen Abenden Geld und Geſundheit aufs Spiel geſetzt, fand er endlich auch Gelegenheit, Abraham Zadig's gute Recepte zu verſuchen. Als ſodann der glückliche Arzt ſpäter an den Hof des neuen Königs kam, ſich nach dem Gedeihen ſeines ehemaligen Patienten zu erkundigen, ward er als ordinirender Arzt angenommen, und gewann bald auch das Vertrauen der Königin. Nach ihm wurden zu beſonderer Audienz der Gou⸗ verneur, Brigadegeneral von Rewbel und der Polizeichef Bercagny vorgelaſſen. Der Gouverneur kam bald wieder zurück, als aber Bercagny etwas ſpäter wieder erſchien, und mit bedeutendem Lächeln ſeinen Platz nahm, entſtand unter den Männern, mit denen er ſich vorher vertraulich unterhalten, ein Flüſtern, das um ſich griff und ſich bis zu Herrn von Rehfeld verbreitete. Man ſei einer Ver⸗ ſchwörung, einem Geheimbund in Preußen, auf der Spur, hieß es; aufrühreriſche Reden an die deutſchen Völker ſeien in Abſchriften unter einer Fichte gefunden worden u. dgl. Eine ängſtliche Erwartung entſtand, die durch das längere Ausbleiben des Königs ſich noch mehr ſpannte. Endlich öffneten ſich die Flügelthüren, und die Majeſtäten traten ein. Jeröme, von dem dienſtthuenden erſten Kammerherrn, Grafen von Pappenheim, begleitet, erſchien, wie am ge⸗ wöhnlichſten, in der Oberſtenuniform der Grenadiergarde, weiß mit orangefarbenem Kragen, Aufſchlägen und Brande⸗ —————44— ⸗h—,—— /—£⏑ —— —+——n ½½⅓ 8SDd0 ð&æ A — ———— bourgs. Er war von mittler Statur, mager, blaß, etwas olivenfarbig von Teint und ſchwarz von kurzem, glattem „Haar. Das Auge hatte keineswegs das Feuer eines Jüng⸗ lings von 24 Jahren, die Wangen waren eingefallen, das Kinn vortretend. Er hielt ſich ein wenig ſchlaff, und trat eher etwas ſchwankend als feſt auf. Bei alledem um⸗ gab ein myſteriöſer Reiz des Ungewöhnlichen und Fremd⸗ artigen ſeines Ausſehens, ſeiner Abkunft und Schickſale dieſe wenig mit Majeſtät angethane Geſtalt eines jungen Königs, dem es dagegen nicht an eigenthümlicher Anmuth in der Darſtellung und an gewinnendem Ausdruck eines verſtändigen Blicks und wohlwollenden Lächelns fehlte. Die über ein Jahr ältere Königin ſah im Gegenſatze zu ihrem Gemahle feurig, ja in Blick und Miene aufge— regt aus. Sie trat bei aller Schwerfälligkeit ihres Kör⸗ perbaues nicht ohne majeſtätiſche Haltung auf, wobei ſie den Kopf auf kurzem Hals etwas ſteif und hoch hielt. Man fand ſie, die ſonſt um Stirn und Mund einen hoch⸗ müthigen Ausdruck hatte, heut ungemein gnädig, ſodaß ſte ſich auch freundlicher als je gegen Adele Le Camus zeigte, der ſie ſonſt nicht hold ſchien. Dieſe Abneigung erklärte man ſich aus dem Umſtande, daß Adele eine Ver⸗ traute von Eliſabeth Patterſon, der durch einen Gewalt⸗ ſtreich des Kaiſers von Jeröme getrennten Frau aus Bal⸗ timore, geweſen war. Heut ſchien die Königin ſogar auf Morio's Bewerbung anzuſpielen, als ſie mit feinem Lächeln die gnädige Aeußerung that: Der Koͤnig liebt ſeinen General Morio ſehr und meint, wenn der ſich einmal verheirathe, würde ich dabei eine angenehme Palaſtdame gewinnen. ¹ 1 3 Während deſſen unterhielt ſich der Konig ſehr ange— legentlich mit dem franzöſiſchen Geſandten, Baron von Reinhard. Dieſer, in der ehrerbietigſten Stellung, ſchien doch Manches vorzubringen, was für Jeröme verdrießlich war, oder ihn doch nachdenklich machte. Er ging zerſtreut weiter und überſah Manchen, der ſich auf die gewohnte Gunſt der Anrede geſpannt hielt. Erſt als er den neu⸗ angekommenen holländiſchen Geſandten, Chevalier van Huygens, erblickte, nahm er ſich zuſammen und ſchien von deſſen Geſpräch ſehr befriedigt. Mit voller Heiter⸗ keit nahm er den Baron Rehfeld auf, als ihm derſelbe zur Vorſtellung zugeführt wurde. Er erwartete— nach Berragny's Signalement— ein durchaus ſeltſames Ori⸗ ginal, deſſen ſich der preußiſche Bund vielleicht als Agen⸗ ten bediene. Beides war ihm angenehm, indem er durch Spaß hinter einen erwünſchten Ernſt zu kommen hoffte. Als ihm der Baron genannt war, fragte er lächelnd, ob er ein Preuße ſei. Ich habe dort Beſitzungen, antwortete Rehfeld; aber ich zähle mich zu Eurer Majeſtät Unterthanen: mein Stamm⸗ ſchloß liegt am Harz in einem wilden Strich. Gute Jagd dort, Baron? Das will ich meinen, Sire! Jagd mit allen Sorten von Hunden, Trüffelhunden, Dachshunden, Hühnerhunden und Saubellern. Ich könnte die Hofküche mit den ausge⸗ zeichnetſten Trüffeln und Morcheln verſehen, und wenn ein glücklicher Jagdzug Eure Majeſtät einmal bis an meine Grenze führte, würde ich meinen königlichen Herrn durch Wälder bringen, denen es an Wildſchweinen ſo wenig als an wilden Katzen fehlt. 4. 219 Der Schalk, indem er ſich bei dieſen Worten tief ver⸗ neigte, warf einen prüfenden Blick über die Geſtalt des Königs, wobei er ſelbſt über die ungeſuchte Zweideutigkeit ſeiner Courtoiſie lächeln mußte. Denn ſeine geheimſte Ab⸗ ſicht ging dahin, ſich bei einem zu erregenden Aufſtande der Perſon des Königs zu bemächtigen, wozu er ſich eben⸗ ſo kräftig als aufgelegt fühlte. Jeröme, ſo gern er ſich an den linkiſchen Verneigun⸗ gen und an dem zwar geläufigen, aber höchſt drolligen Franzöſiſch des Barons ergötzte, fand ſich doch durch den kühnen Ton und die pralle Haltung des kraftvollen Mannes ein wenig beirrt. Um ſich dagegen geltend zu machen, ſuchte er ihn durch die ernſte Anſprache zu über⸗ raſchen: Sagen Sie mir, Baron, was iſt das mit dem preu⸗ ßiſchen Tugendbunde? Sie ſind in Preußen bekannt: was iſt der eigentliche, der nicht ausgeſprochene Zweck des Bun⸗ des, und woran erkennt man—— Er unterbrach ſich ſelbſt, indem er umblickend rief: He! General Bongars! Ein Militär in der Gendarmerieuniform eilte her⸗ bei— ein Sechziger von hoher, magerer Geſtalt und etwas vorgebückter Haltung, kurzem grauem Haar bei bedeutenden Geſichtszügen und freundlichem Aeußern. Er trug den holländiſchen Ritterorden. Dieſe Wendung des Königs, die doch eigentlich etwas Verlegenes hatte, ließ dem Baron Zeit, ſich aus ſeiner wirklichen Betroffenheit zu faſſen. Ja, er nahm ſich, beim Anblicke des Legionschefs der Gendarmerie, zu einem ſtol⸗ zen Selbſtgefühl zuſammen. 220 Woran erkennt man die Mitglieder des Tugendbun⸗ des, General? fragte Jeröme. Sire, am Bart unterm Kinn! war die Antwort. Der König wendete ſich wieder mit fragendem Blick nach dem Baron, der einen ſolchen Bart trug. Verzeihung, Herr General! erklärte Herr von Rehfeld, ich glaube, Ihre Signalements ſind nicht ganz richtig. Solche Bärte werden ja von jeher viel getragen, und eignen ſich darum ſchwerlich zum Abzeichen eines Bundes, der— ja auch gar keines Geheimzeichens bedarf. Er iſt ja etwas Oeffentliches— der Tugendbund. Solchen Bart, Ew. Majeſtät, haben ſchon in der Schlacht bei Jena und in den belagerten Feſtungen preußiſche Generale getragen, die gar keine Tugend beſaßen. Auch ich trage ſolchen Bart; aber ich werde ihn abnehmen laſſen, weil der Herr General vermuthlich ſeine Gendarmerie auf dieſe Bärte detachirt hat, und ein ehrlicher Mann in Ungelegenheiten kommen könnte. Ich trage ihn übrigens noch aus der Zeit des erſten preußiſchen Tugendbundes. Wie, Herr Baron? Gab's ſchon einen ältern preußi⸗ ſchen Tugendbund? fragte raſch der König. Ja, Sire,— von der bekannten Gräfin Lichtenau, der Freundin des vorigen Königs geſtiftet. Damals wur⸗ den auch von dieſer merkwürdigen Dame Geſpenſter als Mitglieder aufgenommen; es war der Bund von Sans⸗ ſouci. Aujourd'hui on ne s'en soucie pas! Jeröme lachte; und an Sansſouci erinnert, mit wel⸗ chem ſich dieſen Morgen ſchon ſeine Gedanken beſchäftigt hatten, fragte er, woher es komme, daß nach dem großen Monarchen, der jenen hohen Sitz unſterblich ge⸗ 221 macht habe, in Preußen ſo ſchwache Zeiten hätten fol⸗ gen können. Sire, antwortete der Baron, die Uebel des preußiſchen Staats rühren aus dem Mangel an Regierungsform her. Friedrich der Große trug dieſe Form in ſeinem Geiſt, der alle Zweige der Adminiſtration belebte und durch ſeine Miniſter ausführte. Aber er fixirte den Maßſtab nicht feſt, er kurbte ihn dem preußiſchen Scepter nicht ein, und ſo wurde dieſer Maßſtab im Sarge des großen Mannes mit begraben. Die Miniſter, an einen ſtarken und furchtbaren Impuls gewöhnt, fanden ſich nach des Königs Tode ver⸗ laſſen, rath- und hülflos, und regierten nun mit der Feder, in die ihnen früher dietirt worden— Jedem die Hand küſſend, der ihnen nur— aus Oſten oder Weſten— dictiren will. Und der jetzige König— er iſt ſo wortkarg, ſagt man—, beſinnt er ſich vielleicht auf jenen Maßſtab, um mit demſelben die Franzoſen aus Deutſchland zu vertreiben? Auf dies ſpöttiſche Wort Jeröme's verſetzte der Baron mit ernſter Verneigung: Der jetzige König, Sire? Ich reſpectire ſein Unglück in Gegenwart eines ſo glücklichen Königs! Sie ſind ein kluger Mann, Baron, lächelte Jeröme, und indem er weiter wandelnd an Bercagny vorüberkam, ſagte er zu dieſem: Laſſen Sie den überwachen, Bercagny! Er iſt nicht, wofür er ſich ausgibt, er iſt kein Narr, ſage ich Ihnen! Als bald darauf die Majeſtäten den Saal verließen, bemächtigte ſich der Baron im Gedränge des Herrn von 222 Schmerfeld, und zog ihn eine Strecke mit ſich fort in ei⸗ nen Seitenweg des Parks. Hier geben Sie mir eine Ohrfeige, Schmerfeld! keuchte er in verbiſſenem leidenſchaftlichen Unwillen. Ich habe meiner Narrenrolle Schande gemacht,— ich habe mich vergeſſen, ich war ein Eſel und einfältig genug, ſtolz zu ſein. O ich möͤchte—! Ruhig, ruhig, mein Freund! mahnte leiſe der ver⸗ traute Schmerfeld. Ich erſchrak allerdings auch nicht we⸗ nig, als der König nach der erſten Unterredung mit Ihnen den Commandeur der Gendarmen herbeirief. Das war's eben, Schmerfeld! verſetzte der Andere. Weiß der Satan, was mir dabei durch den Kopf ſchoß, was mir ins Herz hineinfuhr. Furcht war's nicht, ob⸗ ſchon ich eben, ſo dicht vor ſeiner corſiſchen Naſe, den Gedanken hatte laufen laſſen: O dieſe pariſer Puppe trägſt du auf deinen Armen fort, Rehfeldchen, und ſteckſt ſie in einen guten Kornſack von Garn aus beſtem Werg geſponnen. Nicht Furcht, nein, oder Beſorgniß, Schmer⸗ feld! Aber es kam mir vor, ſie hätten's auf mich abge⸗ ſehen, und ich müßte mich geltend machen, ich wäre mein Narr, und wollte nicht der ihrige ſein. O Dummerjahn, daß dich doch ein Schock— Um des Himmelswillen, Herr Baron! Kommen Sie! Vergeſſen Sie nicht, daß Sie die Aufmerkſamkeit der gan⸗ zen Lever⸗Genoſſenſchaft auf ſich gezogen haben? Ich habe ſelbſt Lever gehalten, rief der Baron, und mich im Hemd ſehen laſſen. Kommen Sie! Dort ſteht noch Alles unter den Baͤu⸗ men. Munter, Baron! Machen wir ein Paar lachende Geſichter durch den Park. Dort ſteht auch noch Bongars. Im Wagen erzählen Sie mir dann—! Ei, wiſſen Sie nicht,— der beſte Schauſpieler fällt einmal aus der Rolle; aber er ſpielt den folgenden Art deſto beſſer! Ganz recht! lachte Rehfeld. Ich bin dann wieder Peter in„Menſchenhaß und Reue“ und—„hole Pfei⸗ fen für uns!“ — Zweites Capitel. Congreß über den Polizeiſpion. Baron Reinhard traf bei ſeiner Rückkehr von Napo⸗ leonshöhe Luiſe Reichardt in vertrauter Unterredung mit ſeiner Gemahlin. Zwiſchen ihm und Luiſen beſtand ſchon länger her eine edle Freundſchaft. Durch die Muſik eingeleitet, als der Geſandte noch die Abende des Kapellmeiſters beſuchte, er⸗ weiterte ſich die neue Bekanntſchaft durch geſchmacksver⸗ wandte Theilnahme Beider an unſerer Literatur zu einem Einverſtändniß ihrer Anſichten und Denkungsart, bis durch die zuwachſende Herzlichkeit Luiſens mit der Baronin die ſchöne Freundſchaft auch in das politiſche Geheimniß ge⸗ zogen wurde. Er begrüßte ſie daher ſehr freundlich, in⸗ dem er ihr beide Hände entgegenreichte, und die Baronin ſagte heiter: 224 Siehſt du, herziger Mann, daß ich die richtige Aus⸗ kunft gefunden hatte! Luiſe hat bereits mit zwei Zeilen den jungen Verräther vor Uebereilung ſeines weitern Be⸗ richts gewarnt, und auf den Abend zu ſich eingeladen, wo ſie ihm unter der allgemeinen Illumination ein be⸗ ſonderes Licht aufſtecken wird. Der junge Herr war ſchon von Hauſe fort, und ſcheint es daher auch mit ſeiner Arbeit nicht ſo eifrig zu nehmen. Gut! erwiderte Reinhard. Aber erlaubt mir nur erſt das ſteife Kleid mit dem geſtickten Halsbande und den Federhut wegzulegen. Die ſtehen im Dienſte Napoleon's, und dürfen nichts von unſerm Congreß erfahren. Er ging nach dem Nebenzimmer, aus dem er ſehr bald wieder im bequemen und feinen Hausrocke zu⸗ rückkam. Sie wiſſen, liebe Luiſe, ſagte er, daß ich Ihrem Ver⸗ ſtand und Herzen unbedingtes Zutrauen ſchenke; in dieſem abſonderlichen Fall müſſen Sie mich aber vor dem Aus⸗ ſpielen in Ihre Karten ſehen laſſen, als ob ich Moitieé mit Ihnen hätte. Der König weiß bereits durch dieſen Ber⸗ cagny von der Sache und iſt ſehr erwartungsvoll. Er dachte mich mit ſeinen Neuigkeiten zu überraſchen, da er ſonſt ein wenig Scheu vor meinem Vorauswiſſen hat. Ich lächelte aber nur ſo geheimnißvoll ablehnend zu ſei⸗ nen kleinen Trümpfen, und ſetzte ihm dagegen einige Hon⸗ neurs vom Kaiſer ein, ſo einen Surcoup, einen Ueberſtich; was denn auch Sr. Majeſtät das Spiel ein wenig de⸗ rangirte. Sehen Sie nun, liebe Freundin,— da die Enthüllungen durch mich kommen, können ſie leicht auch auf mich zurückſchlagen, und— wenn Sie auch unter das Spiel leicht Codille verlieren. Nur unbeſorgt, beſter Freund! fiel nicht ohne eine gewiſſe Aufregung Luiſe ein. Kenne ich Ihre Stellung nicht? Und gerade heute fühle ich zum erſten mal ſo lebhaft und ſo dankbar, daß die diplomatiſchen Nebenwege doch zuweilen auch ein Rettungspfädchen, einen heimlichen Schlich ins Haus einer ſtillen Familie haben. Nun meine ich ſo: ich entdecke dem jungen unpolitiſchen Freunde ge⸗ radezu, wohin er ſich durch Unbeſonnenheit und durch ſeine ſehr undankbare Rückhaltung gegen unſer Haus hat ver⸗ leiten laſſen. Woher ich das wiſſe,— mit dieſer Frage darf er mir gar nicht kommen; ja, dies Räthſel hinter der für ihn ſo erſchreckenden Offenbarung her mag ihn nur immer ein, wenig peinigen. Er hat's nicht beſſer verdient. Eine zweite Unbeſonnenheit aber— ſeiner Ent⸗ rüſtung etwa, oder des Misbrauchs unſerer Mittheilun⸗ gen beſorgen Sie nicht; ſo viel Einfluß hab' ich auf ihn, dies abzuwenden. Die Hauptſache iſt aber, was er zu thun habe, um ſich zurückzuziehen. Da nun— ja, da hapert's! Was rathe ich ihm, Herr Diplomat? Dar⸗ über bin ich mit mir ſelbſt nicht einig. Was? Das will ich Ihnen ſagen, Luiſe! lächelte er. Wie mir Savagner mitgetheilt, ſo hat der junge Mann be⸗ reits 300 Franes Vorſchuß angenommen. Nun ſoll er thun, als ſei Alles in der beſten Ordnung, ſoll den ihm zurückgegebenen Bericht alsbald vernichten und einen an⸗ dern ſchreiben— über Das, was Tacitus von den alten Deutſchen und Julius Cäſar von den Galliern ſagt, ſoll dann auf Fichte’s Idealismus überſpringen, Mittheilungen Koenig, Jeröme'’s Carneval. I. 15 Umſtänden Ihre Karten remis geben können: ich— köͤnnte ſſ 226 über die romantiſche Schule machen—„Röslein, Rös⸗ es ſich ſehr artig machen, etwas beizubringen über die Befriedigung der deutſchen Geiſter, die ſie in den Ideen, in der Abſtraction vom alltäglichen Leben und in der Re⸗ ligion des Weltbürgerthums finden. Und eben fällt mir ein, wie er zum Schluß von ſolcher kleinen Excurſion ſchicklich wieder hier in Caſſel eintreffen kann,— durch das nichtsnutzige Buch des Friedrich Schlegel, die„Lucinde“, das uns belehrt, wie wir den liederlichen Realismus un⸗ ſerer guten Geſellſchaft ſublimiren und zur Religion der Liebe hinaufläutern können. Sehen Sie, das iſt ja wie für unſern Hof gemacht, Liebſte! Schlagen Sie ihm das Wort Inbrunſt vor: das wird von der Andacht gebraucht und hat nur eine Vorſatzſilbe mehr, als was wir ſchon haben. Aber kurz! Euer Hermann ſoll dem Polizeichef einen ſolchen deutſchen Dunſt auf gut franzöſiſch vorpuffen, daß ihm ſchwindelig davon wird; er ſoll ſchreiben, bis ihn Bercagny für den unbrauchbarſten Polizeiſpion erklärt. Das Geld ſteckt er natürlich ein, wenn's noch nicht ver⸗ putzt iſt; denn er hat Arbeit dafür geliefert. Er darf aber um Alles nicht thun, als habe er Bercagny's Schel⸗ merei gemerkt. Verſtehen Sie? Darauf kommt Alles an. Sie ſind ein rechter Spötter, lieber Freund, verſetzte Luiſe. Doch mögen Sie Recht haben. Aber Bercagny fragt noch ausdrücklich nach gewiſſen Perſonen, unter de⸗ nen auch mein edler Schwager, Profeſſor Steffens, ge⸗ nannt iſt: wie denn damit? Ei, Liebſte, fiel die Baronin ein, Hermann wird doch ſo einfältig nicht ſein, auch da noch etwas wiſſen zu wollen lein, Röslein roth, Röslein auf der Haiden!“ Auch wird wo die Gefahr des Wiſſens anhebt. Muß er denn den Hanf ſo genau kennen, wenn ihm ein Strick daraus ge⸗ dreht werden ſoll? Richtig, liebe Chriſtine! lachte Reinhard. Er muß den Ignoranten ſo geſchickt ſpielen, wie Bercagny den Intriganten. Im Laufe der Unterredung nahm Reinhard wieder das Wort; wie denn der bei öffentlichem Auftreten ſehr oorſichtige Mann ſich in vertrautem Kreiſe gern gehen ließ, ja gegen die Art der Schwaben ſich mit Gemüth⸗ lichkeit gern reden hoͤrte. Meine Frau, ſprach er, wird Ihnen geſagt haben, Luiſe, wie ſehr mir der junge Mann gefallen hat. Selbſt der Misgriff, mit dem er uns jetzt zu ſchaffen macht, ſpricht für ihn— für ſeinen Enthuſiasmus, für ſein edles Stre⸗ ben. Wir dürfen eben nicht vergeſſen, daß er ein guter Deutſcher von heute iſt, und wollen nur dafür ſorgen, daß ihm ſein Unbedacht blos wie dem unerfahrenen Kinde das Feuer ſei, an dem er ſich ohne weitern Schaden den Schreibfinger verbrannt hat, und daß ihm damit ein Licht für ſeinen weitern Weg aufgehe. Sehen Sie, an dieſem preußiſchen Tugendbunde iſt eigentlich nichts Geheimes, da ihn ja der König öffentlich genehmigt hat; die Franzoſen wittern aber gar wohl, daß mehr dahinter ſteckt, als der gute Friedrich Wilhelm denkt. Auch der Kaiſer Napoleon iſt voll Mistrauen gegen Preußen und gegen Deutſchland überhaupt. Ich habe alle Wachſamkeit nöthig, daß mich ſeine Spione nicht mit wahren oder falſchen Berichten überflügeln. Und vorab dieſer Bercagny, der ſich beim 228 Kaiſer emporzuarbeiten ſucht. Meine Stellung iſt eine doppelt ſchwierige, wie Sie ja wiſſen: mir als einem ge⸗ borenen Deutſchen traut man mehr Einblick in die Ver⸗ hältniſſe und Bewegungen zu, mistraut zugleich aber auch mehr meinen Geſinnungen für Frankreich. Ich habe darum den Kaiſer doppelt zu beſchwichtigen: einmal über Deutſch⸗ land, ſodann über mich ſelbſt. Ich wiederhole Ihnen meine alte Klage, um Ihnen etwas Neues daran zu knüpfen. So hab' ich denn in einem jüngſten Berichte mit Rückſicht auf Spanien einen umfaſſenden Geſichts⸗ punkt geltend zu machen geſucht. Im Norden, Sire, hab' ich ihm geſagt, iſt das Leben auf mühſamen Erwerb ge⸗ pflanzt: die Natur ſchenkt nichts; daher jeder Umſturz nicht blos mit vorübergehendem Mangel, ſondern auch mit dauernder Armuth droht. Wie wäre da wol an einen ſpaniſchen Guerillaskrieg zu denken, der am nächſten Win⸗ ter erlahmte! Ich habe ihm dann begreiflich zu machen geſucht, daß er ſelbſt durch ſeine Continentalſperre, womit er es nur auf den Ruin Englands abſehe, zugleich jedem Aufſtand in Deutſchland zuvorkomme, indem durch dieſe Abwehr fremder Induſtrie die praktiſchen Kräfte Deutſch⸗ lands auf ein neues Feld großer, ſchaffender Thätigkeit gelockt würden. Auch die Hoffnungen ſolchen ordnenden Fleißes würde man ſo wenig als die mühſamen Früchte des Bodens einer Empörung preisgeben wollen, ſodaß alſo Treue und Hingebung doppelt verbürgt ſeien. Soll⸗ ten Sie glauben, Luiſe, daß dieſer Napoleon, der fort⸗ während auf die deutſchen Ideologen oder Gedankenaus⸗ hecker ſchilt, ſich die Ideologie ſeines Geſandten hat ge⸗ fallen laſſen? 2 —,—y ⏑—— ————S,— ——— 1——,— ec.————. ☛— Ich glaub's, antwortete ſie; denn vielleicht haben Sie damit weniger ihm etwas weis gemacht, als uns ge⸗ weiſſagt, Sie Unglücksprophet! Wir wollen uns aber empören, ſo gut wie die Spanier, wir wollen dieſe Fremden vertreiben, wollen wieder ein freies, ſtolzes, ſittliches Volk werden! Recht, meine Freundin! Ich wünſche es mit Ihnen. Mit meiner Prophezeiung aber hat es gute Wege; denn der Krieg mit ſeinen Einquartirungen, Verwüſtungen, Requiſitionen, Contributionen, kurz die Habſucht Napo⸗ leon's und ſeiner Gewaltträger entziehen ja dem unglück⸗ lichen Deutſchland alle Mittel zur Induſtrie, ja nur zur Hebung des Landbaus. Das könnte ſich der Kaiſer ſelbſt am beſten ſagen: er dürfte nur einen Blick in ſeine fran⸗ zöſiſchen Provinzen thun. Inzwiſchen bewahrt aber der ſtille Zorn der Preußen die Erinnerungen an das große Unglück der jüngſten Vergangenheit als ein Heiligthum; der häusliche Herd wird ein patriotiſcher Altar, an wel⸗ chem die ſcheinbare Selbſtſucht der Familien ſich zu einem Kampfe vorbereitet, der mit den entſchloſſenſten Aufopfe⸗ rungen verbunden ſein wird. Ja, Luiſe, wir leben in einer ſchmachvollen Zeit; aber der Enthuſiasmus des Schwertes reinigt am ſchnellſten eine Nation von Entſittlichung und Verweichlichung, von Feigheit und Aberglauben. Der nationale Krieg ſcheidet alles Edle vom Egoismus aus, wie man an den ſchmuzigen Borden des Luxus das reine Gold von der zähen Seide ausbrennt. Ja, rief Luiſe, wenn Sie mich an die Aufopferungs⸗ fähigkeit unſerer ſelbſtſüchtigen Zeit glauben laſſen: dann, mein edler Freund, ja dann—! 230 Apropos ſelbſtſüchtig! fiel Reinhard lächelnd ein. Hö⸗ ren Sie, Luiſe, eine wunderliche Combination, die mir neulich in der Nacht den Kopf einnahm, den der Magen nicht ſchlafen ließ. Es war nach dem großen Schmauſe, den der holländiſche Geſandte van Dedem zu ſeinem Ab⸗ ſchiede gab, als Huygens ihn ablöſte. Ich weiß nicht, hatte ich mich an ſeinen Lampreten oder an den fetten Wachteln verdorben. Napoleon, der Kaiſer, erſchien mir als das gewaltigſte, rieſenhafteſte Ich unſerer Ichzeit. Sein erſtaunliches, unwiderſtehliches Glück liegt doch wirk⸗ lich nur in dem Umſtande, daß er mit ſeinem koloſſalen Egoismus gerade in die Zeit der Selbſtſucht und Indiffe⸗ renz der europäiſchen Menſchheit gefallen iſt. Indem jede Macht, neidiſch auf die andere, nur für ſich ſorgt, ver⸗ ſchlingt er eine um die andere. Wie hätte er Deutſchland bewältigen können, wenn Oeſtreich und Preußen gegen einander das gute Sprüchwort befolgt hätten: Es iſt beſ⸗ ſer, dem Nachbar den Stiefel putzen, als dem Fremden den Fuß küſſen? Gut! Aber haben Sie denn ſchon be⸗ dacht, daß wir neben dem franzöſiſchen realiſtiſchen Napo⸗ leon noch einen deutſchen idealiſtiſchen haben? Ja, ſchauen Sie mich nur groß an! Ich meine aber nicht Ihren ver⸗ ehrten Freund Schleiermacher. Hören Sie nur! Während dieſer Napoleon nur die gekrönten Iche benagt oder ver⸗ zehrt, ſtellt uns der Philoſoph Fichte ein abſolutes Ich auf. Der koſtbare Mann offenbart uns, daß die reale Welt eigentlich gar nicht wirklich, ſondern nur im Ich exiſtirt; er verſchlingt uns alſo den Mapoleon mit allen ſeinen Eroberungen. Nein, lieber Mann, wendete die Baronin ein, wir — 231 müſſen dieſen Fichte als den verheißenen Tröſter betrachten. Denn wenn ſich derzeit die ganze Welt ſo unglücklich, ſo arm und unterdrückt fühlt, ſo braucht ſie ja zu ihrer Beruhigung nur zu begreifen, daß ſie gar nicht vorhan⸗ den iſt. Man lachte, und Luiſe verſetzte: Nachdenklich darf es uns immerhin machen, das rea⸗ liſtiſche Frankreich und das idealiſtiſche Deutſchland, beide zu gleicher Zeit, auf ihren Höhepunkt zu erblicken. Nun, da ſehen Sie ja, Luiſe, daß doch unſer junger Polizeiſpion eine ganz gute Wahrnehmung davon hat, wie es an der Zeit ſei, beide Nationen zu einem Wechſel⸗ verſtändniß zu bringen, ſie auszugleichen! ſagte Reinhard lächelnd, und Luiſe erwidexte: Ich denke, er ſoll dabei wenigſtens zum Verſtändniß ſeiner ſelbſt kommen, und ſich vor allem der Zeit ac⸗ commodiren. Nehmen wir die Sache heiterer, Luiſe! wendete die Baronin ein. Die Zeit führt ein großes Schauſpiel auf; der Wendepunkt iſt noch nicht da: wie es ausgeht, er⸗ rathen wir noch nicht; aber wir ſind ſehr geſpannt darauf. Hier, in unſerm Caſſel, ſitzen wir ſo zu ſagen in der Fremdenloge, in einer Mittelloge zwiſchen Deutſchland und Frankreich, die wir da, wie man's nennt, agiren ſehen. Und wo wir ſelbſt ein luſtiges Intermezzo mit auf⸗ führen, und während der großen Tragödie zum Lachen gekitzelt werden! Mit dieſem Seufzer nahm Luiſe Hut und Halstuch, und empfahl ſich mit der Zuſage, morgen über die Ver⸗ handlung mit Hermann weiter zu berichten. Reinhard, indem er ſie nach der Thür begleitete, ſagte mit warmem Nachdruck: Ihrem jungen Freunde machen Sie aber begreiflich, wohin eine Verſchmelzung der deutſchen mit der franzöſi⸗ ſchen Bildung führen würde, und daß die Nation, wenn ſie nicht ihrer geſunkenen Selbſtändigkeit vollends verluſtig gehen wolle, ſich in Geiſt und Geſinnung und in dem eigenthümlichen Ausdrucke beider, in der Literatur, viel⸗ mehr zuſammen zu nehmen habe. Welche Träger ihrer Einheit und Unabhängigkeit hat ſie denn ſonſt? Und wohin hat es geführt, Luiſe, daß euer Adel und eure Höfe ſich der franzöſiſchen Sprache und Bildung ſo ſehr accommodirt haben? Er ſoll das Accomodiren den Haar⸗ kräuslern und Perückenmachern überlaſſen, der junge Philoſoph! . Drittes Capitel. Hereules am Scheidewege. Solcher Sorgen um ihn ohne Ahnung war auch Her⸗ mann an dieſem Morgen vor das Thor hinaus gewan⸗ delt, früh, und in der Abſicht, ſeinen Kaffee im Keilholz'⸗ ſchen Garten einzunehmen und von hier aus die feſtliche Bewegung zum königlichen Lever zu beobachten. Der Garten war ſo früh nur erſt von drei Gäſten beſucht. Aus Vorſicht aber vor den nachfolgenden wählte + ☛— ſich der Freund den einſamſten Sitz aus, der zugleich ei⸗ nen Blick auf die vorüberziehende Straße bot. Er wollte ſein Frühſtück in ungeſtörter Gemüthlichkeit genießen, und brachte dazu ein Buch mit, daß ihn jetzt ſehr feſſelte. Er hatte„Romeo und Julie“, dieſe ewige Tragödie der Liebe, früher mit poetiſchem Sinn geleſen, mit prüfendem Geiſte gemeſſen, noch keinmal aber den Zauber empfunden, der ihn ſeit ein paar Tagen einnahm, nachdem ihm das Buch zufällig oder, wie er zu glauben geneigt ſchien, durch ſympathetiſche Anziehung in die Hände gefallen war. Und allerdings mochte es in einer verwandten Seelenſtimmung liegen, daß dieſe Sprache der Leidenſchaft und der ſelig⸗ ſten Jugendliebe ihn jetzt mächtiger als ſonſt bewegte. Es war nicht mehr jene flüchtig und von weitem ange⸗ regte oder ganz gegenſtandloſe Sehnſucht des Herzens, die er wol früher empfunden hatte, ſondern die naive Hin⸗ gebung und die vertrauliche Annäherung dieſer ihm neuen und fremdartigen Reize der Creolin hatten das brennendſte Verlangen in allen Pulſen angefacht. Hermann hätte in ſeiner caſſeler Zurückgezogenheit und Lebensrichtung in keine gefährlichere Berührung kommen köͤnnen, als mit einem Mädchen von ſolcher ſinnlichen Unbefangenheit bei untadel⸗ haftem geſellſchaftlichen Benehmen und hoher bürgerlicher Stellung. Selbſt die Art und Weiſe, wie das lebhafte Ge⸗ ſchöpf ſeine Ungeduld über die Schwierigkeiten der Sprache, die es lernen wollte, in verliebtem Aerger gegen den Leh⸗ rer ausließ, hatte etwas Verführeriſches. Sie gab dem jungen Mann eine Ueberlegenheit, eine Freiheit verliebten Gegenneckens, womit er zwar in Beiſein der Gräfin an ſich halten mußte, die ihn aber in günſtigen Augenblicken ————— ——— 234 hinriſſen, oder nur deſto tiefer in ſein Inneres zuruͤck⸗ ſchlugen, und hier Empfindungen, Wünſche anregten, die er ſich kaum ſelbſt hätte eingeſtehen moͤgen. Und dieſen heimlichſten Regungen lieh nun die Sprache der Tragödie einen ſo unſchuldigen als feurigen Ausdruck. Hierin lag der Zauber und das Entzücken, womit er Verſe las, wie: Ein Spiel, wo Jedes reiner Jugend Blüte Zum Pfande ſetzt, gewinnend zu verlieren. Oder das aufmunternde Wort: Bis ſcheue Liebe kühner wird, und nichts Als Unſchuld ſieht in inniger Liebe Thun. Waren nicht mit dieſer ſeligen Wahrheit alle Aengſtlich⸗ keiten des Herzens und alle Vorurtheile einer einſchüch⸗ ternden Erziehung vollſtändig überwunden? Und lag nicht, was eine Julie vor ſich ſelbſt ausſprechen konnte, vielleicht ſtumm in jeder Mädchenſeele? Jene drei Gäſte, die vor Hermann ſchon daſaßen, waren Muſiker aus dem deutſchen Orcheſter. Sie ſaßen um eine Flaſche Burgunder, und ließen ihre geſteigerte Stimmung in einer Jagd nach Witzen und in kecken Re⸗ den aus. Sie hatten Verdruß mit dem Generalinten⸗ danten gehabt und Unrecht bekommen; der feurige Wein gab ihnen Recht; der Wirth Keilholz, vormals auch beim deutſchen Theater, hielt es mit ihnen und mit dem Wein,— ein zuverläſſiger Kerl, wie er war, und die Einſamkeit ihres Tiſches hob alle polizeiliche Rückſichten auf. So ka⸗ men ſie vom Hundertſten ins Tauſendſte und endlich auch auf des Königs frühere Lebensverhältniſſe. Man ſprach 23⁵ ziemlich wegwerfend von ſeinen Dienſten in der Marine, in die er aus dem Erziehungscollege zu Juilly getreten war,— von der Expedition, die er als Schiffslieutenant nach Domingo, und als Fregattencapitän nach Martinique gemacht hatte, bis er, von den Engländern verfolgt, auf einem amerikaniſchen Schiffe glücklich entkam, und in Bal⸗ timore ſich mit Eliſabeth Patterſon verheirathete. Sagen Sie mir nun, Clarinette, unter welchem Him⸗ melszeichen lag der berühmte Seeheld dort vor Anker— unter dem Zeichen der Wage oder der Elle? fragte Einer von den Dreien. Die luſtigen Geſellen pflegten ſich nämlich unter einan⸗ der bei ihren Orcherinſtrumenten, ſtatt bei ihren Namen, zu nennen. Sie hießen Beneke, Stöpler und Grosbom. Auf Beneke's Frage antwortete jetzt Stöpler: Darüber, gute Bratſche, ſind die Hiſtoriker noch nicht einig. Die Einen berichten, dem jungen Jeroͤme ſei ein hohes Glück zugewogen geweſen, wogegen Andere ſich ausdrücken, das Verhängniß hätte ihm einen neuen Pur⸗ pur zugemeſſen. So ſchwanken ſie zwiſchen Wage und Elle. Ei was! fiel Grosbom ein. Ihr ſeid Beide irre. Patterſon war Wechsler, und hatte es weder mit Wage, noch mit Elle zu thun. O Poſaune, wie kannſt du ſo einen falſchen Ton ge⸗ ben! verſetzte Beneke. Patterſon wäre kein Narr gewe⸗ ſen, und hätte ſeinem Schwiegerſohn einen Wechſel auf Heſſen-Caſſel geben laſſen, wovon ſeine Tochter als Proteſt zurückkam. Bratſche, das war ein Fehlgriff! rief Grosbom. Pat⸗ 236 terſon, der famoſe Negotiant, dachte mit ſeinem hübſchen Töchterchen ein gutes Geſchäft zu machen. Er gab ſie doch dem nach Frankreich zurückberufenen Jeröme mit, wißt ihr. Aber das Project fiel leider dem größten Che⸗ miker unter die Hände, und verdarb. Chemiker? Wie ſo? fragte Keilholz. Ei, wie ſo? Wißt ihr nicht, daß Kaiſer Napoleon der größte Scheidekünſtler iſt? Sie wurden geſchieden, wie ſehr auch der Papſt den Kopf und ſeine dreifache Krone, Tiara benamſt, dazu ſchüttelte. Alle lachten, und der Sprecher fuhr fort: Und die Scheidung ging ſo ſcharf vor ſich, daß die gute Eliſabeth mit ihrem bald darauf in England gebore⸗ nen Bübchen ganz niedergeſchlagen nach Baltimore zu⸗ rückkam, und Jeröme, obgleich katholiſch, wieder heirathen und ſogar von einem Erzbiſchof getraut werden konnte. Apropos Bübchen! wendete Keilholz ein. Hört! Glaubt ihr wol, wenn unſer Koͤnig aus zweiter Ehe keinen Erben bekäme, daß das Patterſöhnchen König von Weſtfalen wer⸗ den koͤnnte? Gewiß! Es iſt ja königlich Blut! rief die Bratſche. Bratſche, Bratſche, was für Fehlgriffe! verſetzte Stöp⸗ ler. Das väterliche Blut iſt ja erſt durch den Tilſiter Frieden purpurroth geworden! Nun, dann ſuccedirt der kleine Amerikaner, wie ſein Vater, nach Wechſelrecht! rief Grosbom. Willſt du dich dämpfen, Poſaune! mahnte Stäpler. Piano! Oder du wirſt die Poſaune deines eigenen Ge⸗ richts! Dort ſitzt Einer, der ſteckt die Augen in ſein Bu aber ſtreckt ſein rechtes Ohr hierher! ſe te Jeröme hoch! ſchrie der ſchlaue Wirth, und die Glä⸗ e ſer erklangen. , Eben traten noch drei Muſiker, die ſich verſpätet hat⸗ E ten, in den Garten, und Einer ſang: Kaffeechen, Kaffeechen, du lieblicher Trank, Dir weihe ſich jetzo mein ſchönſter Geſang; n Dein wallendes Feuer, das Nerven durchglüht, , Durchglühe, durchzittre, begeiſtre mein Lied! e Keeiilholz, eine Taſſe Martini! Heut gibt's keinen de la Martinique, heut gibt's Mocca— mpoquanten Kaffee! verſetzte Kriltl e Mit Polizeiſchmant? E 8 Nichts! Ohne! Schwarz! ⸗ Schwarz wie der Teufel, heiß wie die Hölle, ſüß wie n die Liebe muß der Kaffee„ſind“! declamirte jener Sän⸗ ger, und Beneke verſetzte: t Süß wie die Liebe? O wie bitter ſteigt die den Mei⸗ n ſten auf! B Beneke, entgegnete der Andere feierlich, Sie kennen 3 die Liebe vom echten Zuckerrohr nicht. Sie reden von der 4 Runkelrübenliebe, die jetzt freilich viel fabricirt wird— 2. auf Patente! Der Teufel hole die Continentalſperre und r die Cichorien! Cichorium, Wegwart! Genuß, der auf allen Wegen wartet. Erhitzt das Blut, ſagt der Arzt; n gutes Kuhfutter, ſagt der Oekonom; nichts für uns, 4 Sſeg ich!—— . ¹ Hermann verließ bei dieſer Luſtigkeit den Garten und K lenderte der Stadt zu. Die erſten Wagen begegneten ihm. In einem derſelben erblickte er Adelen mit ihrem — 238 Bruder, Grafen Fürſtenſtein, und dem General Morio. Er ſelbſt wurde nicht bemerkt, weil alle drei einen Ge⸗ genſtand nach der andern Seite der Gegend ins Auge gefaßt hatten.—„Bis ſcheue Liebe kühner wird“, töͤnte es in ſeinem Herzen, und er dachte an den Abend. Er war nämlich von der Gräfin Antonie in der letzten Lections⸗ ſtunde für den Illuminationsabend eingeladen worden. Sie wollte von Napoleonshöhe herunterkommen, um ſpä⸗ ter mit der Königin aus dem alten Schloß durch die Stadt zu fahren und die Beleuchtung anzuſehen. Als er in ſeine Wohnung zurückkam, fand er Luiſens Billet, und las: „Uebereilen Sie ſich, lieber Freund, um des Him⸗ melswillen nicht mit dem weitern Berichte, den Bercagny von Ihnen erwartet, und verwahren Sie auch den zu⸗ rückgegebenen, bis Sie mich dieſen Abend um 7 Uhr, und zwar auf meiner Stube, geſprochen haben. Ich er⸗ warte Sie unfehlbar! Luiſe.“ Es läßt ſich denken, wie überraſcht der Freund war, daß Luiſe ſo genau von ſeinem Geheimniß wußte. Zu⸗ erſt empfand er eine kleine Beſchämung über ſeine Zurück⸗ haltung gegen die ihm ſo wohlwollende Familie. Doch, er hoffte ſich zu rechtfertigen und räthſelte nur, wie die Sache gegen den eigenen Wunſch Bercagny's, und doch nur durch ihn ſelbſt ausgekommen ſein koͤnnte. Schwerer noch fiel ihm die doppelte Einladung eine und dieſelbe Stunde aufs Herz. Luiſe war 3 preſſant, und die Gräfin durfte, Adelen mochte er nicht aufgeben. Nach langer Unruhe fand er den Ausweg, etwas vor 7 Uhr zu Luiſen zu gehen, ſie um Aufſchub ———— ſſ 239 o. ihres Anliegens zu bitten und dann nach der Wohnung e⸗ der Gräfin zu eilen. ge Mit dieſem guten Entſchluß ſchlenderte er nach Reichardt's te Wohnung, und fand Luiſen auf ihrem, im Seitenbau nach ir hinten gelegenen Zimmer ſeiner ſchon wartend. Sie hatte 3⸗ ihre anfängliche Empfindlichkeit gegen ihn überwunden, und n. dachte den jungen unerfahrenen Freund mit aller Milde und i⸗ Schonung zu behandeln, als ſie ihn jetzt mit ſo ſelbſtzu— ien friedener Miene eintreten ſah, und ſich plötzlich umgeſtimmt fühlte. Sie hatte ihn wenigſtens doch von ihrer Mit⸗ 8 wiſſenſchaft überraſcht, oder wegen ſeines Heimlichthuns be⸗ fangen erwartet, und fand ſich nun durch den Ausdruck ⸗ heitern Leichtſinns in ſeinem Geſichte ſo gereizt, daß ſie yj ihn auffallend ernſt und gemeſſen empfing. 1⸗ Hermann, an freundliche Aufnahme gewöhnt, ſah ſie 2 4 betroffen an, indem er ſagte: b Sie erſchrecken mich, Luiſe! Sie ſehen ſo ernſthaft aus, ſo— r, Ich bin es! antwortete ſie. Und daß Sie dagegen ⸗ ſo heiter und— ſeelenvergnügt kommen, iſt mir dennoch k⸗ lieb; ich kann mich deſto unumwundener mittheilen. ), Ich bin ſehr geſpannt, erwiderte er, und ſeines Vor⸗ ie ſatzes, die Sache vorläufig abzuthun, ganz vergeſſend, ch nahm er den ihm angewieſenen Stuhl ein. Ja, ich bin irre an Ihnen geworden, Herr Doctor! ſagte ſie. Doch— davon wollt' ich jetzt nicht reden; r ſondern von dem Bericht, den Sie an Bercagny erſtat⸗ zt— tet haben, über——, nun Sie wiſſen ja ſelbſt am 9 beſten worüber? Sie ſah ihn mit einem Blick an, der etwas ganz 240 Anderes zu erwarten ſchien, als das Lächeln, womit er ſagte: Ja, Luiſe. Aber es iſt mir ein rechtes Räthſel ge⸗ weſen, woher Sie in aller Welt nur— Davon wiſſen? unterbrach ihn das heftige Mädchen. Von Ihnen ſelbſt nicht, nein; ſonſt würde ich jetzt— Doch nichts von mir! Sie haben alſo gar keine Ahnung davon, wozu ſo bedenkliche Mittheilungen misbraucht wer⸗ den können?— Sie erſchrecken mich, Luiſe, aber— ich verſtehe Sie nicht! Alſo deutlicher! Wenn Sie wollen— ganz deutlich! Sie ſtehen beim Polizeiminiſter auf der Liſte der Polizei⸗ ſpione erſter Claſſe, das heißt ‚der ſublimen, intelligenten; Sie haben ein Handgeld von 300 Francs aus der Kaſſe der geheimen Polizeiagenten angenommen— Hermann ſprang entſetzt mit geballten Fäuſten auf. Wer ſagt das? Wer wagt— ſchrie er. Still, um des Himmelswillen! Rufen Sie keine Zeu⸗ gen unſerer Verhandlung herbei! gebot ſie. Sie kommen immer noch nicht auf ſich ſelbſt. Ich muß Ihnen alſo noch ſagen, wo's mit der Sache hinaus will. Sie haben jetzt nur den zurückgegebenen Bericht noch zu vervollſtän⸗ digen, noch die Fragen des Herrn Ritters, beſonders auch in Betreff meines edeln Schwagers Steffens, der Sie uns empfohlen, zur polizeilichen Zufriedenheit zu beantworten, und es wird dann an den Kaiſer Napoleon Bericht er⸗ ſtattet, und Sie können's erleben, daß einige der von Ihnen bezeichneten Männer mit dem Kreuz der Ehren⸗ legion ausgezeichnet, und Einem oder dem Andern der er 241 Palmenorden verliehen wird— ich meine den Orden, den zuerſt vor anderthalb Jahren der Buchhändler Palm mit ſechs Bleikugeln auf die Bruſt erhalten hat. Heiliger Gott! ſchrie Hermann mit erſtickender Stimme, und ſank blaß auf ſeinen Stuhl zurück. Luiſe, von dieſem Eindruck ihrer leidenſchaftlichen Worte erſchüttert, ging nun zur ängſtlichſten Theilnahme über. Sie faßte ſeine Hand, ſie ſtrich ihm über die kalte Stirne, und bat, daß er ſich faſſe, daß er ſich be— ruhige. Ich weiß, Sie habens ſo nicht gemeint, lieber Her⸗ mann, flüſterte ſie, ich weiß es! Und die Gefahr iſt ja nun auch abgewendet. Bei dieſen Worten ſchlug Hermann den ſchmerzvollen Blick zu der über ihn gebeugten Freundin auf, indem er misverſtehend mit leiſem Kopfſchütteln verſetzte: Wie konnten Sie mir aber ſo heftige Schreckniſſe ſa⸗ gen, Luiſe,— mich dennoch mit ſolchen blos eingebilde⸗ ten Gefahren entſetzen? Und Sie haben mir ſtets das edelſte Herz gezeigt! Luiſe? Es iſt daſſelbe Herz, Hermann, das Sie durch un⸗ bedachtes Handeln in ſoviel Angſt und Betrübniß um Sie geſetzt haben. Ruhig, lieber Freund! Es iſt ja nun Alles gut, der Himmel hat's abgewendet; aber— was er abgewendet, ſind keineswegs eingebildete Gefahren, lieber Hermann! Bercagny hat es ſo gemeint, hat es noch ſo in Abſicht. Es iſt nicht möglich, beſte Luiſe! Glauben Sie mir! Sie ſelbſt haben keine Verbindungen mit Bercagny: ſa⸗ gen Sie mir, von wem Sie die Kenntniß haben, damit Koenig, Jeröme's Carneval. I. 16 242 ich begreife, wie eine ſolche Misdeutung hat entſtehen können, damit ich mich rechtfertige! Ich darf Ihnen jetzt nur ſagen, fiel Luiſe ein, daß Ihr Bericht durch glückliche Fügung in die Hände Ihrer wohlwollendſten Goͤnner gekommen iſt. Es ſind nur zwei Ihnen wohlgeſinnte, herrliche Menſchen, die außer⸗ halb der Polizei Kenntniß von Ihrer Schrift haben, und durch ſie unterrichtet, bin ich die dritte. Aber Sie ſind bei uns gerechtfertigt, gänzlich! Gerechtfertigt? rief Hermann lebhaft aus. Alſo haben mich doch dieſe herrlichen Menſchen der Niederträch⸗ tigkeit für fähig gehalten, daß ich als Agent der Polizei — Herr des Himmels— Ich beſchwöre Sie, Hermann, ſprechen Sie ruhig! Mein Vater darf nichts von dieſer Verhandlung hören und erfahren. Gerechtfertigt heißt,— wir glaubten, ja wir wußten alsbald, daß Sie ſich nicht— wie ſoll ich es ausdrücken?— zu Bercagny's Abſichten verſtanden haben, ſondern von ihm getäuſcht worden ſind. Eins von beiden war ja auch nur denkbar. Getäuſcht! rief Hermann unwillig aus. Herrliche Gönner Das, die mich entweder für einen Schurken oder für einen Pinſel halten müſſen! Alſo Eines oder das Andere!— Nein Luiſe, es iſt noch ein Drittes: jene Mitwiſſenden kennen Bercagny's großartige Denkweiſe nicht und beargwohnen ſeine Abſichten. Oder— meinet⸗ halben, ſei es auch Theilnahme für mich, Beſorgniß, daß Ungelegenheiten für mich aus der Sache erwachſen könn⸗ ten. Auf dem Verkehr mit Polizeibeamten ruht einmal Mistrauen. t ei en aß rur er⸗ ———H 8 243 Luiſe erwiderte hierauf mit wehmüthigem Kopfſchüt⸗ teln und leiſer, beſchwichtigender Handbewegung: Nein, mein Freund! Woher jene Wohlwollenden von dieſer heimlichen Angelegenheit wiſſen, kennen ſie auch die geheime Beſtimmung jener Arbeit. Ich muß Ihnen das ſagen, Hermann. Sie müſſen um Ihres eigenen edeln Selbſt willen wiſſen, in welchen Händen Sie ſind. Glau⸗ ben Sie mir— und Sie ſollen ſich demnächſt über⸗ zeugen—, Bercagny hat Sie getäuſcht, er hat das Schlimmſte mit Ihrem Vertrauen vor. Aber dann ſei Gott dieſem Schurken gnädig! rief Hermann empört, mit drohend gehobenen Armen. Solche Entwürdigung ertrage ich nicht! So wahr der Himmel über uns ſteht, Luiſe,— dieſer reine blaue Himmel draußen! Und ſollt' ich mein Leben, mein Alles dran ſetzen— Halt, Hermann! fiel Luiſe mit warnender Geberde ein. Keine Betheuerungen, keine thörichten Vorſätze! Neh⸗ men Sie Ihre gute Vernunft zuſammen! Iſt das denn das ganze Unglück, daß Sie gekränkt, daß Sie misbraucht worden ſind? Und zwar nicht ohne Mitſchuld. Oder gilt es darum, Das zu retten, was durch Sie in Gefahr ge⸗ rathen iſt? Ueberlegen Sie einmal: Was wollen Sie thun? Iſt hier ſtudentiſche„Touche“, die ſich mit jenaer Schlägern ausfechten läßt? O mein Freund, ſeit der Schlacht bei Jena leben wir in einer andern Welt! Oder wollen Sie einen ſchlauen Polizeiminiſter bei einem Tri⸗ bunal belangen, daß er Ihr edles Selbſt verletzt habe? Lieber, guter Hermann!— fuhr ſie mit weichem Tone fort, indem ſie ſeine beiden Hände zuſammenfaßte— neh⸗ 16* 244 men Sie ja Ihre ganze Ruhe und Beſonnenheit zuſam⸗ men! Wenn Sie unklug, wenn Sie übereilt handeln, läßt dieſer gewalthabende Menſch Sie feſtnehmen und auf Mitwiſſenſchaft von den Verbindungen in Preußen unter⸗ ſuchen, von denen Sie ihm ſo übereilte Andeutungen ge⸗ geben haben. O mein Gott! ſeufzte der Freund, der nun ſeine ganze Verwickelung überſah, und ſchritt mit gefalteten Händen wie nach Rath und Hülfe ſuchend⸗ unruhig durch das Zimmer. Aber jetzt laß auch nicht gleich den Muth ſinken, Hermann! ſprach Luiſe, die ihm folgte. Mit Klugheit kannſt du noch aus der Sache herauskommen.— Nun ja, laß mich in ſo erſchütternden und vertrauten Augen⸗ blicken du ſagen, und vergib, daß ich dir ſolche Erſchüt⸗ terung nicht erſparen konnte. Und ich bin freilich auch etwas unzart zu Werk gegangen. Ich will dir nur ge⸗ ſtehen, daß ich ein wenig ärgerlich über dich war: einmal, weil du meine Warnung vor dieſem Bercagny ſo wenig beachtet haſt, und dann, weil du einen ſo bedenklichen, ſo offenbar verfänglichen Schritt ohne Vertrauen zu mir oder meinem Vater thun konnteſt. War das recht von dir gegen uns? Vertrauen zu Ihnen— zu dir, Luiſe? rief er, ihre beiden Hände faſſend, tief bewegt aus. Mit ſo gemeinem Vertrauen, mit ſolchem Hinwurf ungeduldiger, unbeachte⸗ ter Stunden ſoll ich dir nahen? Wüßteſt du, in welcher Stimmung von Zweifeln, Unmuth, Unzufriedenheit mit mir ſelbſt und zuletzt von Hohn über mich ſelbſt ich den verwünſchten Bericht hingeſudelt habe: du würdeſt es ge⸗ 245 recht finden, daß ich dich damit nicht aus deiner großen, heiligen Trauer herabziehen durfte. Wohnſt du nicht wie in einem durch ewige Erinnerungen geweihten Tabernakel des Schmerzes, und ich ſoll hinantreten, ohne die Schuhe abzulegen, mit denen ich den Unrath des Lebens trete? Vertrauen? O nenne es nicht Vertrauen, was ich zu dir habe! Meine Bruſt iſt erfüllt von Andacht, von Anbetung zu dir, du erhabene Luiſe! Träumer und kein Ende! lächelte ſie. Aber— laß uns ſelbſt zu Ende kommen, und glaube mir, Hermann, du mußt die Welt behandeln lernen wie ein Mann, der in der Welt weder unter Thoren, noch unter Schel⸗ men fremd bleiben darf. Und anſtatt dich über Bercag⸗ ny's Liſt gegen dich zu erbittern, betrachte du die ſchiefe Poſition dieſer Menſchen in unſerer deutſchen Welt, worin ſie nothgedrungen auf alle Lebenslagen um ſich her drücken. Dieſe Fremdlinge haben Grund genug zum Mistrauen gegen eine Nation, die von ihnen Schmach, Mishandlung, Armuth erfahren hat und täglich erduldet. Sie bangen vor Dem, was ſie mit Recht zu fürchten haben— die Rache, die ſich auch ſchon gegen ſie rüſtet. Wer kann ihnen verargen oder es doch nicht begreiflich finden, daß ſie auf geraden oder krummen Wegen hinter Das zu kommen ſuchen, was eines Tags ſie Alle mit Vernichtung überraſchen koͤnnte? Doch genug davon! Jetzt gilt es vor allem, deinen Bericht zu vernichten, damit das ge⸗ fährliche Papier aus der Welt komme. Gut! Das iſt gleich geſchehen, erwiderte Hermann, aber das Geld von Berecagny, dieſen bitterſten Vorwurf, der mich kränkt, kann ich doch nicht vernichten, und 246 werde es ihm,— o ich könnte es ihm vor die Füße werfen! Werfen nun gerade nicht, und noch weniger vor die Füße, lächelte ſie. Ich glaube, nicht einmal zurückgeben darfſt du es, um dich nicht zu verrathen. Doch darüber ſprechen wir noch. Ich werde dir den Rath eines Man⸗ nes von großer Weltkenntniß mittheilen. Du darfſt weder deine Würde, noch deine Zukunft in die Gefahren einer Aufwallung, einer wenn auch noch ſo gerechten Entrüſtung bringen. Und ſo lange dir dies ſchwer wird, verlange ich unbedingte Hingebung an meine Anweiſungen. Hältſt du mich einmal ſo hoch, ſo vernimm mich auch von oben herab! Alſo zieh' nur immerhin deine Schuhe wieder an, und wandle heiter und vorſichtig durch den Unrath der caſſeler Welt! Hermann, etwas empfindlich auch über dieſen Scherz, verſetzte: Ja doch! bevormundet nur immerhin einen Menſchen, der ſo täppiſch in eine grobe Falle gehen konnte. O ich ſchäme mich meiner Albernheit! Schäme dich keiner Lehre, die dich zum Meiſter macht, Hermann, entgegnete Luiſe. Du, träumender Schüler Fichte's, wirſt an dieſem polizeilichen Nicht⸗Ich dein ehr⸗ liches deutſches Ich deſto beſſer kennen lernen. Und wie ſehr ich dieſem vertraue, gebe ich dir zum Abſchiede noch den Beweis. Eine der Fragen Bercagny's betrifft den Verfaſſer des Buches:„Napoleon Buonaparte und das fran⸗ zoͤſiſche Volk.“ Wie würdeſt du die Frage beantwortet haben? Mit: Ich kenne weder das Buch noch den Verfaſſer, antwortete er. — — — 8=ͤ 8 2ͤ en △ +— 121e———& S8ℳ Der Verfaſſer iſt— mein Vater! flüſterte Luiſe. Hermann bebte zurück. Eine Stille entſtand, und als er Luiſens Hand erfaßte, fühlte ſie, daß er zitterte und wie er keines Wortes mächtig war. Vom Haus⸗ gange her hörte man Luiſe! rufen, und ſie eilte an die Thuͤr: Ich komme den Augenblick, lieber Vater! Noch einmal ergriff Hermann ihre Hand, und fprach mit dem weichſten Tone ſeiner angenehmen Stimme: An welchem Abgrunde bin ich hingetaumelt, Luiſe! Ich kenne das Buch nicht, und die ſataniſche Frage iſt ſo geſtellt, daß ich ſtolz geweſen wäre, den Verfaſſer zu nen⸗ nen— Gott im Himmel, deinen Vater! Was hätte ich noch feſthalten kͤnnen von meinem verſchuldeten Daſein! O wohin kann der thörichte Menſch mit aller Liebe und Wärme des Herzens— oder auch durch dieſe ſelbſt ge— rathen! Du haſt mich demüthig gemacht, Luiſe. O laß mich dir knieend danken! Nun auch Das noch zu deinem Geheimniß, zu deinem ganzen Weſen, das ſchon meine Seele erfüllt! Still Hermann, ſtill! flüſterte ſie, weil ſie fühlte, daß ihre innerſte Bewegung laut werden wollte. Still von all' dergleichen! Was du mein Geheimniß nennſt, iſt ja kein Geheimniß: es iſt eine Weihe, iſt die Weihe des Unglücks für eine höhere Beſtimmung als die iſt, glück⸗ lich zu werden.— Aber genug! Es iſt Zeit, daß du gehſt. Ich heiße dich nicht mit hinüberkommen; denn das Dringendſte des Augenblicks iſt, daß dein Bericht ver⸗ nichtet werde. Dann aber kehre zurück, hinüber zu den Aeltern. Wir gehen, die Illumination zu ſehen; du be⸗ 248 gleiteſt uns, und ich nehme Gelegenheit, dir das Weitere wegen deines Benehmens gegen Bercagny mitzutheilen. Es iſt der Rath eines Gönners, dem du blindlings fol⸗ gen würdeſt, wenn ich dir ihn jetzt nennen dürfte. Doch du wirſt an dem Rathe ſelbſt den Mann von Welt, den Eingeweihten in unſere Verhältniſſe erkennen. Adieu! Indem ſie ihn über den Gang begleitete, ſagte ſie leiſe: Uebrigens, Hermann— dieſe Stunde und unſere Verhandlung bleibt unter uns, und das Du gilt nur für dieſe Stunde! Lächelnd und mit ſeelenvollem Blicke drückten ſie dieſe Zuſage einander in die Hände, und ſchieden an der Treppe. 4 7 Viertes Capitel. Ein Ausflug aufs Land. Die Lampen und Lichter des Illuminationsabends waren erloſchen, die nachqualmenden Gelage und Aben⸗ teuer der Nacht verrauſcht, als in der Frühe des Tages ein junger Mann über die Fuldabrücke und durch das Leipziger Thor trabte, und auf dem ſogenannten Forſt rechts in die Straße nach Melſungen einlenkte. Die Sonne fiel knapp über die Gipfel des Söhrewaldes dem Reiter R GSo 6b W entgegen ins weite grüne Thal, und durchröthete den fil⸗ berweißen Duft, der den weſtlichen Höhenzug des Ha⸗ bichtswaldes und die grotesken, nackt abfallenden Berg⸗ kegel umwebte. Bäume und Hecken ſtanden noch ſtrich⸗ weiſe in der Nachblüte; doch wehte der Morgen ſo friſch, daß der junge Reiter ſeines grünen Carricks froh war, den er als Redingote über ſeinen leichten Sommer⸗ anzug geworfen hatte. Wie er mit dem Oſtwinde den duftenden Wald von weitem athmete, und rückwärts die Stadt im Frühſchein am Abhange des Gebirges hoch und herrlich daliegend erblickte, glichen ſich raſch die leiden⸗ ſchaftlichen Erinnerungen von geſtern mit den friedlichen Erwartungen des heutigen Tages aus. Er ſegnete ſich mit dieſem Morgengruße der Natur, die mit ihrem pax tecum, mit ihrem„Friede ſei mit dir!“ ſein grollendes, zweifelhaftes Herz durchhauchte. Er konnte ſich nicht ent⸗ halten, als er das Kirchdorf Waldau hinter ſich hatte, einigen Bauerburſchen nachzujauchzen, die eben in den kleinen Gärten die Erde um die Obſtbäume auflockerten, oder im Feld ein Kartoffelbeet behackten. Dann ſang er friſchweg das ihm früher in Erinnerung gebrachte Lied: An dem reinſten Frühlingsmorgen Ging die Schäferin und ſang, Jung und ſchön und ohne Sorgen, Daß es durch die Wälder klang. So la la, le ralla! In ſo aufgeräumter Stimmung, erquickt durch den Ritt im Walde, erreichte er bei guter Zeit das traulich in ſeinem engen Bergkeſſel gelegene Melſungen; er ritt über die Fuldabrücke und durch die uralte Ringmauer, 250 zwiſchen den hohen freundlichen Häuſern nach dem Wirths⸗ hauſe, wo er ſein Frühſtück einnehmen wollte und dem Miethgaul ein gutes Futter geben ließ. Er traf den Gaſthalter im Streit mit einigen Unteroffizieren. Fran⸗ zöſiſche Einquartirung der Nacht waren eben im Abmar⸗ ſche, und der Wirth widerſetzte ſich den geſteigerten An⸗ ſprüchen der Frühſtückenden ſo reſolut, daß einer derſelben bereits den Säbel gezogen hielt. Der eintretende junge Gaſt ſprang dazwiſchen, und brachte durch ſeine Haltung und ſein gutes Franzöſiſch die brutalen Soldaten zur Be⸗ ſinnung. Dem lebhaften Hin- und Herreden, während draußen die grelle Trommel das zweite Zeichen zum Ab⸗ marſche ſchlug, machte der junge Vermittler durch einen kecken Einfall ein unvermuthetes Ende. Der Wirth, ſagte er, behauptet ſchon mehr gegeben zu haben, als das Reglement vorſchreibt. Ich verſtehe das nicht, meine Herren, ich bin hier fremd; aber hinter mir her kommt der Kriegsminiſter, General Morio, aus Caſſel, zu Pferde. Ich will ihn anreden, und er wird die Sache entſcheiden. Alle ſahen betroffen auf; nur der Eine, der ſeinen Säbel bereits eingeſteckt hatte und jetzt die Arme un⸗ ter die Riemen des Torniſters zwängte, rief ziemlich barſch: Komm' Escalon, kommt Alle! Wir müſſen die Com⸗ pagnien gleich vorrücken laſſen, um den General zu ſa⸗ lutiren, den uns der Herr da, der fremd hier iſt, aus dem Aermel geſchüttelt hat. Lachend, aber mit artigem Gruß, eilten ſie nun Alle fort; worauf der Wirth, nachdem er dem jungen Gaſte 2⁵1 für ſeine Vermittelung gedankt hatte, ſeinem Verdruß und ſeinen Klagen Luft machte. Bald wird man nicht mehr aufathmen koͤnnen unter dem zunehmenden Druck! rief er. So lange das verfluchte Volk Preußen beſetzt hält, iſt des Hin⸗ und Hermar⸗ ſchirens kein Ende. Und ſie wirthſchaften auf ihren Durch⸗ zügen, und verderben Gottes Gaben und der Menſchen Schweiß, als ob ſie die Erſten oder die Letzten wären, die hier freſſen und ſaufen thäten, und nichts iſt ihnen gut genug. Gott im Himmel weiß es! Und wenn Die nicht noch einmal mit Hunger und Hinfälligkeit heim- geſucht werden—! Und zu alledem nun noch die alten und die neuen Abgaben, die einheimiſchen Neuerun⸗ gen und Quälereien, die wälſchen Namen und Titel. Der Himmel weiß, wo das hinaus will! Ei, wenn ihr klagt—! rief der Frühſtückende. Ihr ſeid doch noch durch eure Lage und Verbindung mit der Reſidenz begünſtigt, wo ihr für all' eure Erzeugniſſe und Arbeiten einen guten Markt habt, und es nie an Geld fehlt. Teufelsgeld! rief der Wirth aus, und ſchob ſeine baum⸗ wollene Mütze von einem aufs andere Ohr. Es iſt wahr, es fehlt nicht; beſonders kommen von den Durch⸗ märſchen viel ganze und halbe Laubthaler in Umlauf. Aber es iſt und bleibt Teufelsgeld, ſage ich Ihnen: es iſt kein Segen drin. Ich habe mich lange drüber gewun⸗ dert, jetzt begreif' ich's! Ein reſpectabler Reiſender, der neulich hier ſaß, gerade da, wo Sie jetzt ſitzen, junger fremder Herr, der wollte behaupten, der Teufel habe Marktgerechtigkeit erhalten, und ſeine große Meſſe, heißt —— — 2⁵² das Jahrmarkt, nach Deutſchland verlegt, weil ihm das heilige römiſche Reich längſt ein Dorn im Auge gewe⸗ ſen. Da ſchütte er nun ſeine rothglühende Truhe aus, die armen Seelen zu kaufen; es ſei eben ein Handel und Wandel zwiſchen Ueppigkeit und Niederträchtigkeit, Alles feil, was ſonſt keinen Preis gehabt— Weibertugend und Manneswort. Der Herr Metropolitan Martin von Hom⸗ berg, der juſt dort in der Ecke ſaß, lächelte dazu, und als der Fremde fortgefahren war, ſagte der Herr Me— tropolitan: Hambach, ſagte er, der Herr hat ſehr wahr geſprochen, bildlich zu nehmen! Läßt ſich allerdings hören, verſetzte der junge Gaſt. Sonſt hätt' ich gedacht, das Geld käme vom Kurfürſten her; dem ſeien etwa auf ſeiner Flucht die Kiſten auf⸗ gegangen. Das eben nicht! wendete der Wirth mit Eifer ein, und lüpfte ſeine Mütze; aber wär's der Fall, ſo hätte er es dann nur bei ſeinen treuen Unterthanen nieder⸗ gelegt, bis er wiederkommt. Bei dieſen Worten erſchrak er ſichtlich über ſeine Un⸗ bedachtſamkeit gegen einen Fremden, der ſo gut franzöͤſiſch ſprach. In der Verlegenheit rief er, halb ſingend: Ei, Kurfürſt hin, Kurfürſt her! Richtig, Herr Wirth, das iſt der rechte Ausdruck, lachte der junge Mann, das bezeichnet den Herzſchlag des Landes,— die Zuſammenziehung und die Erweiterung des Herzens, den Schmerz und den Jubel der treuen Heſſen: Kurfürſt hin, Kurfürſt her! Kurfürſt fort, Kur⸗ fürſt zurück! Eben wurde der Gaul vorgeführt. Der junge Gaſt 8b 4 —— —e 0 53 1 erhob ſich, bezahlte und ließ ſich der Seitenſtraße und der Entfernung nach Homberg beſcheiden. An dem Gedanken dorthin, an der Vorfreude ſeiner überraſchenden Ankunft hatte der junge Reiter einen Sporn mehr für ſeinen ſchwerfälligen Klepper. Bald erblickte er etwas von Ruinen auf einem freien Bergkegel, der ſich ſteil und kahl aus dem Grund des Flüßchens Efze erhob, und— näher gekommen— gewahrte er, wie von deſſen ſüdweſtlichem Fluß das alte Städtchen herabhing. Es war Homberg. Eine ſchöne alte Kirche ragte hervor; neben der Stadt lagen verſchiedene Gebäulichkeiten mit Terraſſengärten, und lebhaft gingen die Mühlen an der Efze. Der Reiter lenkte an der Stadt hin nach den Häu⸗ ſern des ihm genannten Neuhofs, eine ziemliche Strecke neben der Stadt, und ritt eben auf eine Bäuerin zu, ſich des Nähern zu befragen, als er von bekannter Stimme ſeinen Namen rufen hörte. Lina, aus einer Gartenlaube getreten, eilte nach dem Stacket und ſtreckte ihm die Hand über das Gitter entgegen. Sie beſchied ihn nach dem nahen Hauſe und rief, dahin eilend, ihrem Ludwig zu, daß Hermann da ſei. 4 Ludwig kam von ſeinen Bienen herbei, als der Rei⸗ ter ſich eben vom Gaul geſchwungen hatte, und nun vom jungen Ehepaare mit Jubel bewillkommt ward. Goldener Menſch! rief Lina, daß du die herrliche Eingebung hatteſt, noch ein Reſtchen vom Mai mit uns zu genießen! Habt ihr, Herr und Madame Heiſter, noch ſoviel Honig aus euerm Honigmonat übrig, daß ich ein Honig⸗ menl! lachte Ludwig, und führte ſeinen Gaſt ins Haus. 2⁵⁴4 brot davon haben kann? ſagte Hermann ſcherzend, mit reſpectvoller Verneigung. Honigbrot? Das ſollſt du aber auch gleich in Natur haben, Bruder Hermann, verſetzte Lina, und kannſt es dann ſo reell oder ſo ſinnbildlich genießen, wie du willſt. Komm', Ludwig, bring' ihn hinein! Ich bereite ein zwei⸗ tes Frühſtück. Es iſt noch nicht Mittag, und heut wird's ein wenig ſpäter werden; denn ohne eine Gaſtſchüſſel thun wir's heut nicht. Und— wie roſig du ausſiehſt, Lina! rief Hermann vergnügt aus. Die prächtige Luft hat dich mit einem neuen Frühling angehaucht. Der Ludwig da— Iſt ein Stubenhocker mit Stubenhockern! fiel ſie ein. Der Himmel weiß, was ſie aushecken! Ludwig warf ihr einen misbilligenden Blick zu, und ſie eilte erröthend ins Haus. Ein Knecht hatte inzwiſchen den Gaul in Empfang genommen und führte ihn nach dem Stalle. Ludwig ſah mit der Miene des Kenners dem Pferde nach, und be⸗ merkte lächelnd: Und auf ſolcher Roſinante biſt du bei ſo guter Zeit herübergekommen? Wetter noch einmal, das heißt gerit⸗ ten! Haſt doch— keinen Wolf hinter dir gehabt? Beide lachten, und Hermann, die Stirne mit dem Tuche wiſchend, verſetzte: Mein Entſchluß kam geſtern Abend, wie ich ſchon zu Bett gehen wollte, und unſere Margreth hat die Be— ſtellung eines Pferdes beſorgt. Aha! Du haſt alſo das nächſte beſte zu reiten bekom⸗ Es war eine einfache, ländliche Wohnung, aber mit ſo gutem Sinn und Verſtande geplant und ausgeführt, daß mit der bequemſten Einrichtung für irgend eine nicht allzu ſtarke Familie ſich jenes Behagen verband, zu dem man am ſchönſten Tage aus einer reizenden Natur ebenſo gern zurückkehrt, als man bei ſchlechtem Wetter nach Berg und Thal hinausblickt. Das Erdgeſchoß war zu getrenntem und geſelligem Bewohnen eingerichtet; der obere Stock enthielt die Schläf⸗ und Beſuchzimmer. Eines derſelben, mit einem Bettverſchlag hinter einem kattunenen Vorhang verſehen, wurde gleich für Hermann ange⸗ wieſen.. Und jetzt erzähl' uns von der Illumination! ſagte die junge Frau, als man ſich zum zweiten Frühſtück geſetzt hatte. Wir haben den Widerſchein der leuchtenden Herr⸗ lichkeit am Himmel geſucht; das war aber auf acht Stun⸗ den Entfernung doch zu viel verlangt. Zumal vom Himmell verſetzte Hermann. Es iſt aber auch wenig zu erzählen. Es war ziemlich viel an Oel, an ganzen und halben Unſchlittlichtern— aber wenig Witz und Wahrheit aufgewendet. Einige Franzoſen hat⸗ ten bombaſtiſche Sprüche und ſchmeichleriſche Sinnbilder durch ölgetränktes Papier beleuchtet. Ein franzöſiſch ge⸗ ſinnter Altheſſe machte das meiſte Aufſehen, bekam aber, als es ſtill in der Gaſſe wurde, das beleuchtete Fenſter eingeworfen. Er hatte nämlich aus dem Singſpiele Hie⸗ ronymus Knicker den parodirten Vers illuminirt: Nichts verändert ſeinen Schluß: Dem Knicker folgt Hieronymus. 8 An Lärm und Lebehoch auf den Straßen fehlte es auch nicht, und bei den franzöſiſchen Traiteurs und Cafe⸗ m tiers, leider auch unter meinem Fenſter bei Conditor w Möhli und dem Reſtaurateur Lelong, lärmte es die ganze ko Nacht durch. Offen geſtanden, war ich nicht geſammelt di und aufgelegt, auf Alles zu achten und meinen Spaß ſe daran zu finden. Auch bin ich eigentlich gekommen, euch g von dieſem meinem Trübſinn, ſtatt von der caſſeler Be⸗ d. leuchtung zu unterhalten.— fi Die mit dieſer Abſicht verbundenen Erinnerungen be⸗ n mächtigten ſich ſeines Gemüths wieder ſo lebhaft, daß u ſein Ausdruck das junge Paar in Beſorgniß ſetzte. m Was iſt es, Hermann? Du erſchreckſt uns! fragte il Ludwig. G Es muß dir etwas ſehr Widerwärtiges begegnet ſein! T ſetzte Lina hinzu. 8 Vergebt mir, wenn ich euch etwas Wermuth in euern h „ Honig bringe, erwiderte Hermann, indem er Beiden die n Hände über den Tiſch hinreichte. Es gilt mir mehr darum, bei euch das Glück zu fühlen, daß ich Freunde a 3 von ſolchem Werth habe und ihres Troſtes, ihres Ra⸗ z thes froh werde. Dieſer Bereagny iſt mir ſchmählich— a begegnet. Im erſten Augenblick, als ich es erfuhr— 1 o ich hätte ihm das Entſetzlichſte anthun können! Aber, ich muß euch im Zuſammenhang erzählen. Dies that er nun auch. In dem Grade jedoch, als„ ſich mit jedem Wort ſein leidenſchaftlicher Unmuth ſteigerte, n erheiterte ſich das junge Ehepaar und wechſelte lächelnde 2 Blicke. ꝗ Und das bewegt und entſetzt dich ſo, lieber Freund? rief Ludwig zum Schluß. Verſtehſt du die Menſchen ſo wenig, deren Sprache du ſo geläufig ſprichſt? Es iſt wahr, der Bercagny iſt ein feiner Spitzbube; aber was kann er dafür, daß du es nicht merkſt? Und dann denk' dich einmal in ſeine Lage und in die Verantwortlichkeit ſeiner Stellung, unter dem Vertrauen ſeines Königs und gegenüber den Anfoderungen ſogar des Kaiſers! Das iſt die Qual für jede Fremdherrſchaft, daß ſie ſo Vieles zu fürchten und darum ſo Vieles zu wiſſen nöthig hat, um weniger zu fürchten; das iſt ihr Fluch, daß ſie das unterdrückte Volk geiſtig verwirren und ſittlich verderben muß, um ſich gegen daſſelbe zu behaupten. Bedenke, was ihnen in Spanien begegnet, und daß ſie gerade jetzt Grund genug haben, auch im kältern Deutſchland auf der Wacht zu ſein. Sei vielmehr froh, daß du für dein edles Zutrauen früh genug dieſe Warnung erhalten haſt. Du hätteſt ſchlimmer wegkommen können. Daß es deine War⸗ nerin nur aus der zweiten oder dritten Hand wiſſen kann, zeigt dir, welches Gewicht man auf die Sache legt, aber auch, welche Gönner du in höhern Kreiſen haſt, ohne es zu ahnen, ohne ſie zu kennen. Nun aber gilt es vor allem darum, was du zu thun gedenkſt; denn du ſteckſt ja noch mit dem Fuß in der Schlinge, wenn du auch den Kopf herausgezogen haſt. Auch darum bin ich zu euch gekommen, erwiderte Hermann. Die mir ertheilten Rathſchläge widerſtreben mir zu ſehr; ich muß erſt noch eure Meinung höͤren. Mein erſter Bericht iſt im guten Herdfeuer der Mutter aufgegangen, Lina. Koenig, Jeröme's Carneval. I. 17 258 So? lächelte ſie. Hat dich ſelbſt aber doch mehr er⸗ hitzt, als den Suppentopf, wie's ſcheint. Hermann nickte und fuhr fort: Nun ſoll ich thun, räth man mir, als ob es um gar nichts weiter gelte, als ſtatt eines ungenügenden Be⸗ richts einen andern zu ſchreiben, und dieſer müſſe nun erſt recht unbrauchbar für Bercagny's Zweck ausfallen, ohne ſeinem Inhalte nach gerade bedeutungslos zu ſein. Wie Vieles ließe ſich z. B. über deutſches und franzöſi⸗ ſches Leben und deren Literatur ſagen, was einem Polizei⸗ chef, zumal von Bercagny's Vorhaben, keinen Birnſtiel werth wäre. Vortrefflich! rief Ludwig. Ein ſehr kluger Rath. So würdeſt du auf die unſchuldigſte und zugleich ſchalk⸗ hafteſte Weiſe dieſem Schalk abkömmlich und ſeiner los werden. Was? Auch du räthſt mir, daß ich mich compromit⸗ tiren ſoll? wendete Hermann lebhaft ein. Compromittiren? Wie ſo? Mich als unbrauchbaren Menſchen hinſtellen, ich ſelbſt⸗? Nun, du willſt ja doch hier eben unbrauchbar ſein, — das heißt, willſt dich nicht brauchen laſſen! lachte Ludwig. Ich denke, da iſt nichts zu lachen, verſetzte Hermann. Es iſt doch ein Unterſchied, ob ich mich unbrauchbar zeige, oder ob ich erkläre, ich wolle mich nicht brauchen laſſen, ich hätte ſeine Argliſt durchſchaut, und werfe ihm das Judasgeld vor die Füße. Sieh' da, Freund, das wäre eine Heldenthat, einer —-2₰—+ ˙— S ee — ⏑Hᷣ— —2 — 5 2 2U S— — — 0 /—=— T 259 Romanze werth! rief Ludwig aus. Biſt du denn in des Kuckuks Namen ſo drauf verſeſſen, mit Polizeihunden ge⸗ hetzt zu werden? Ich begreife wohl deine Entrüſtung, aber deine Unklugheit wahrhaftig nicht. Ja, hätteſt du den Bercagny gleich auf der Stelle mit ſeinem Antrage zurückgewieſen—! Aber du biſt darauf eingegangen, haſt dafür gearbeitet, und würdeſt dich gerade durch deine Ent⸗ rüſtung erſt compromittiren. Nur mit gleicher Feinheit, wie du verlockt worden biſt, kannſt du jetzt noch dich zu— rückziehen, und dabei ſogar noch als Diplomat, als Pfif⸗ fieus erſcheinen. Und noch Eins, lieber Hermann! fiel Lina ein,— iſt denn dieſer Mann deiner edeln Entrüſtung werth? Wirfſt du ihm denn in dieſer Faſſung nicht einen Ju⸗ wel deines Herzens hin, den er gar nicht zu ſchätzen weiß? Hermann hatte ſchon alle dieſe mit Unmuth ausge⸗ ſtoßenen Einwendungen auch gegen Luiſen vorgebracht, als er mit ihr durch die beleuchteten Straßen wandelnd die Rathſchläge der Freundin vernahm. Er war auch widerlegt worden, wie eben tiefgekränkte Herzen widerlegt werden, die ſich vernünftiger Einſicht immer aufs neue widerſetzen. Er hatte ſich zuletzt gegen Luiſen Ueberlegung auf den andern Tag vorbehalten. Als ihm aber ſeine Hauswirthin beim Löſchen ihrer Lichter aus einem Brief ihrer Tochter vom Neuhof erzählte, hatte ihn eine faſt wehmüthige Sehnſucht nach dem Freundespaar ergriffen. Es ward ihm zu Muth, als könnte er dorthin all' ſeiner Verwirrung entfliehen; wobei er im Stillen hoffte, dort 17* „——— ☛—— 260 auch andere Anſichten und mehr Zuſtimmung für ſeine Empfindungen zu finden. Nun erfuhr er das Gegentheil, und ſchwieg eine Weile, weniger überzeugt als widerlegt, bis er, um doch in Einem Stücke Recht zu haben, ausrief: Das Geld aber kann ich doch nicht behalten! Im Gegentheil, du kannſt es nicht mehr zurückgeben! betheuerte Ludwig. Du würdeſt damit deine erſte Klug⸗ heit wieder aufheben, und deinen maskirten Bericht ent⸗ larven. Siehſt du denn das nicht ein? Sie ſprachen noch hin und her, ohne daß Hermann, wenn auch mit ſeinem Verſtand überzeugt, doch über ſein widerſtrebendes Gefühl hinausgekommen wäre. Ludwig, dem dies nicht entging, ſuchte ihn daher von alsbaldiger Rückkehr nach Caſſel abzuhalten. Er machte den Vor⸗ ſchlag, Hermann ſollte über die letzten Maitage bleiben, um die rechte Faſſung zu gewinnen, damit er nicht durch irgend eine Uebereilung ſeine Stellung und Zukunft ver⸗ derbe. Auch Lina redete ihm ſo ſchmeichelhaft zu, daß er um ſo lieber nachgab, als ihn bei dem innern Wider⸗ ſpruche mit ſich ſelbſt ein eigenthümliches Bangen vor je⸗ dem Schritt in der fatalen Sache überſchlich. Ein Knecht wurde angewieſen, den Miethgaul zurückzureiten und die kleinen Bedürfniſſe auf ein paar Tage für Hermann von der Mutter Wittich mitzubringen. Man machte nun gleich den Plan für den lieben Tag, und da der halbbedeckte Himmel mildere Wärme erwarten ließ, ſo wollte man nach Tiſche bei Zeiten die Ruinen des Hombergs beſuchen, von wo man dem Freunde die — F — ———%——— 1+8-—,— die ——— herrliche Ausſicht über das Hochgefild der Moſenberge, über das fruchtbare Hügelland der Ohe, nach den zahl⸗ reichen Mühlen des Thalgrundes und den weit umher⸗ liegenden Ortſchaften bis zur Amöneburg hin verſprach. Am Rückwege wollte man einen Abendbeſuch im adeligen Damenſtifte in der Stadt machen. Was iſt das für ein Stift? fragte Hermann, und Ludwig machte ihn kurz mit dem Urſprung und der Ein⸗ richtung deſſelben bekannt. Es iſt das ſogenannte Wallenſtein'ſche Stift, ſagte er. Dieſe, beſonders an der Schwalm angeſeſſene ritterſchaft⸗ liche, früher gräfliche Familie erloſch nämlich vor etwa ſechzig Jahren im Mannsſtamme, und die letzte Erbin, eine ver⸗ witwete Freifrau von Goͤrz, gründete von ihrem Ver⸗ mögen eine Stiftung für adelige Fräulein deutſcher, nicht etwa blos heſſiſcher Stammbäume. Im untern Stadt⸗ theile von Homberg, die Freiheit genannt, liegt, mit ſchönen Gärten an die Stadtmauer reichend, das— möchte ich ſagen Mutterhaus des Stiftes. Die Damen dürfen aber auch auswärts wohnen und ihre Jahrgelder verzehren, ja ſie können nicht einmal Alle im Stiftshauſe unterkommen. Du darfſt dir aber keinen eigentlich geiſt⸗ lichen Orden vorſtellen, obgleich ſie mitunter Hochwürden betitelt werden. Nur an die beſtimmte Ordnung des Hauſes und des jährlichen Capitels ſind ſie gebunden, im Uebrigen aber frei, an den Vergnügungen der Geſellſchaft Theil zu nehmen und ſelbſt einen ehelichen Bund einzu⸗ gehen. Die Acebtiſſin, eine Heſſin, geborene von Gilſa, finden wir eben nicht anweſend: ſie iſt zu Beſuch bei ihrem Bruder in Caſſel; aber in der Frau Dechantin wirſt du ——yö— eine intereſſante Dame kennen lernen, eine Schweſter des preußiſchen Miniſters von Stein, ſeine geliebte Ma⸗ rianne. Der Reſt des Vormittags ging damit hin, daß Her⸗ mann mit Ludwig den Garten und die Umgebung des Hauſes beſichtigte, und mit Lina bei einem alten Klavier ein paar Duette ſang. Fünftes Capitel. Horizont der Zeit. Nach ausgeruhtem Mittagmahle führte das junge Ehepaar ihren Gaſt nach den Ruinen des Hohenbergs hinauf. Während ihn hier Lina mit den reizenden Fern⸗ ſichten in die Landſchaft, Ludwig mit Rückblicken in die alten Geſchichten des Ortes unterhielten, kam ihrem be— abſichtigten Beſuch im Damenſtift ein Militär zuvor, der ſich eben durch den Diener des Hauſes bei der gnädigen Frau Dechantin anmelden ließ. Es war eine ritterliche Geſtalt, in der Uniform der neuen Chaſſeurs⸗Carabiniers des Königs— grün mit gelb. Sein ariſtokratiſches Soldatengeſicht zeichnete ſich unter dünnem ſchwarzen Haar durch eine Adlernaſe und einen eigens eindringlichen Blick aus tiefen ſchwarzen Augen aus. Mit jener beſonnenen Ruhe, die von einem — 263 zugleich umfaſſenden und ſtolzen Bewußtſein getragen wird, muſterte er die Bilder und Möbel des Vorzimmers, bis nach wenigen Minuten der Diener ihm mit tiefer Ver⸗ neigung die Thür oͤffnete. Der Oberſt trat ein, und eilte auch gleich auf eine Dame zu, die ihm mit vor⸗ geſtreckten Händen entgegenkam,— eine kleine, feine, et⸗ was verwachſene Geſtalt mit angegrautem Haar, eine Funßzigerin. Herzlich willkommen, mein lieber Dörnberg! rief ſie, und die ſchönſten blauen Augen eines geiſtreichen Geſichts leuchteten von ihrem freudigen Willkommen. Der Oberſt verneigte ſich, ihre Hand zu küſſen; kam ihm aber mit einer Umarmung zuvor, indem ausrief:. Freund meines theuern Bruders Karl, Vertrauter unſers vaterländiſchen Unglücks, vielleicht— Hoff⸗ nungsbote? Hoffnungserwecker, Hochwürden⸗Gnaden, Hoffnungs⸗ bereiter! flüſterte er. Geſegnet in unſern ſtillen Mauern! erwiderte ſie, und winkte ihm, ſich niederzulaſſen. Sie nahm die Sofaecke, Dörnberg ein vertraulich nahegerücktes Seſſelchen ein. Vor allem, was wiſſen Sie von meinem ſorgenvollen Bruder Miniſter? fragte ſie. Ich dachte ihn von Braunſchweig aus zu beſuchen, antwortete Dörnberg. Dort hatte ich das dritte Infan⸗ terieregiment und die Chaſſeurs⸗Carabiniers zu orga⸗ niſiren, zu deren Oberſten mich der rriſende Jeröme eben gemacht hat. Sie warf einen Blick über ſeine Uniform mit den ſ ſie Lächeln: Ah ſo! Ich gratulire auch, Freund Oberſt! Bedanke mich auch! antwortete Doͤrnberg mit ähn⸗ lichem Lächeln; worauf er fortfuhr: Ich wollte Urlaub nach Berlin nehmen, merkte aber bald, daß man in des Königs Umgebung ein geheimniß⸗ volles Mistrauen gegen preußiſche Verbindungen gefaßt hat, und hab' Urſach, mich hinter aller argwöhniſchen Aufmerkſamkeit zurückzuhalten. Außerdem erhielt ich ver⸗ trauliche Nachricht, daß Stein von ſeinem Monarchen nach Königsberg berufen ſei, und an demſelben Tage von Berlin abreiſen werde, an welchem Jeröme nach Caſſel zurückgekehrt iſt. So gab ich mein Vorhaben auf. Nach Königsberg berufen? Mein Bruder Karl? ver⸗ wunderte ſich die Dechantin. Alſo denkt der gute König noch immer nicht nach Berlin zurückzukehren? So lange es die Franzoſen noch nicht geräumt ha⸗ ben— Freilich! Ich bekomme jetzt ſo ſelten eine Nachricht vom Bruder. Ich weiß aber wohl,— der Miniſter iſt mit Geſchäften überhäuft, und was noch mehr iſt, ſo darf er dem Poſtgeheimniß der Franzoſen und unſerer weſtfäliſchen Polizei nichts anvertrauen; da ſchreibt er denn ſeiner lieben Marianne lieber nicht, als nichts. Alſo wirk⸗ lich nach Königsberg? Ja, meine gnädige Freundin, antwortete er mit leiſer Rede. Es bereiten ſich nämlich große Dinge vor. In Preußen und in Deutſchland überhaupt wird der Druck und die Schmach der Fremdherrſchaft nachgerade uner⸗ neuen, dicken Achſelbändern, und ſagte mit ſcherzendem . 26⁵ träglich, eben als in Spanien die Nation ſich mit ent⸗ ſchloſſenem Stolz erhebt. Preußen zumal liegt in einem Zuſtande zum Verzweifeln darnieder. Das Unheil des Kriegs, ein jammervoller Frieden, überſtandene Plünde⸗ rung, fortdauernde Einquartirung, unerſchwingliche Kriegs⸗ contributionen und Daru's herzloſe Adminiſtration er⸗ ſchöpfen das Elend noch nicht einmal. Die Sperre gegen England hemmt auch noch die Ausfuhr preußiſcher Pro⸗ ducte und dadurch den fremden Geldzufluß. Zum Man⸗ gel der unentbehrlichſten Lebensmittel, einer Folge der Verheerung und Aufzehrung des Kriegs, kommt die Un⸗ erſchwinglichkeit der einmal zum Bedürfniß gewordenen Colonialwaaren, ſowie des Salzes; und was alledem die Krone aufſetzt, ſo haben die Franzoſen Millionen fal⸗ ſcher preußiſcher Scheidemünzen geprägt, die nun im Aus⸗ lande verrufen ſind, ſodaß das Geld im Werthe tief ge⸗ ſunken iſt. Ein Volksauflauf hat bereits in Berlin ſtatt⸗ gefunden, und ſelbſt den kalten, harten Daru in Schreck und Verlegenheit geſetzt. Und nun fodert dies Spanien mit empörten Waffen jede edle Nation, die vielleicht noch tiefer als es ſelbſt entwürdigt wird, zur Erhebung her⸗ aus. Kann man da wiſſen, was über Nacht in Deutſch⸗ land ausbricht? Sehen Sie, für den Eintritt ſolcher mög⸗ lichen Fälle braucht der König von Preußen den Rath eines Mannes, der mit ſeinem Charakter über den Ver⸗ legenheiten der Zeit, mit ſeinem Muthe über der allge⸗ meinen Verzagtheit ſteht. Begreifen Sie, wozu Ihr Bru⸗ der nach Königsberg berufen worden? Die Dechantin konnte vor innerer Bewegung kein Wort hervorbringen. Ihr ſeelenvolles Auge leuchtete feucht, —— ÿ— 266 hr Mund bebte. Nur durch einen innigen Händedruck gab ſie dem befreundeten Manne ihr Verſtändniß, ihre Theilnahme und Zuſtimmung— Alles mit dem einen Zeichen zu erkennen. Endlich, als ob die Hauptabſicht auch unter vier Augen nicht laut werden dürfte, ſagte ſie nur: 4 Ich ſehe ſchon, Sie haben gute Verbindungen, und ohne Zweifel auch— ganz ſichere Wege? Ich bin ausdrücklich hierhergekommen, liebe gnädige Frau, um nebſt einigen hieſigen Vertrauten auch Ihnen mündlich über unſere Lage und Abſichten Mittheilung zu machen, und Ihnen, wenn Sie es anfaſſen wollen, ein Fädchen des geheimnißvollen Gewebes in die Hände zu geben.. y Ob ich will? Lieber, beſter Dörnberg! Ich denke, Sie kennen mich! Sie wären ja ſonſt auch gar nicht zu mir gekommen, nicht wahr? Und mein Bruder weiß von Allem und— iſt mit der Sache einverſtanden. Muß ſich aber freilich, um ſeines Konigs willen, un⸗ ſern Verbindungen und Beſtrebungen noch etwas fremd halten, antwortete er mit abſichtlicher Umgehung von Ja oder Nein. Der ehrliche, verzagte Friedrich Wilhelm muß erſt ſelber wiſſen, was er will. Nun habe ich Ihnen zu ſagen, daß wir verſchiedene Verbindungen haben. Die Verbrüderung einer Anzahl preußiſcher Offiziere, gegen den Kaiſer Napoleon und auf Rache und Genugthuung für die große Schmach von 1806 gerichtet, ſagt mir we⸗ nig zu. Allerdings ſtehen Scharnhorſt und Gneiſenau im Hintergrunde, leiten die Sache und ſuchen auf die Umgebung des Königs, ja auf ihn ſelbſt zu wirken. Allein nur Einzelne unter dieſen Männern beſitzen Um⸗ ſicht und Kenntniſſe der Verhältniſſe. Auch gilt es ihnen um nichts Höheres, Allgemeineres, als ihrem einſeitigen, gekränkten Ehrgefühle eine Befriedigung zu verſchaffen, und dieſer— Egoismus, darf ich wol ſagen, treibt ſie— zu den tollkühnſten Wagniſſen; man iſt vor keiner Un⸗ beſonnenheit ſo recht ſicher.— Sodann iſt ein geheimes Comite unter Leitung des Grafen Chaſſot. Mit dieſem ſtehen wir durch Umherrkiſende in Verbindung. Die Correſpondenz wird durch Boten aus der unterſten Volks⸗ elaſſe und mittels Geheimſchrift betrieben. Daß dergleichen Verbindungen beſtehen, habe ich mir wohl gedacht, erwiderte ſte, und daß ſie mit aller Klug⸗ heit geführt werden, bezweifle ich nicht; was iſt aber das beſtimmte Ziel, und fehlt es nicht an den Mitteln zu demſelben? Um es mit einem Worte zu ſagen, flüſterte Dörn⸗ berg, ſo iſt es auf einen allgemeinen Aufſtand, auf eine Volkserhebung gegen die Franzoſen, wenn auch nur in Norddeutſchland abgeſehen. Spanien zückt uns— als Flügelmann von Europa, mit ſeiner Guerillasflinte die Bewegungen zugleich mit den Geſinnungen vor. O es iſt ein edles Volk! rief Marianne Stein. Aber ich fürchte nur, wir ſind in Deutſchland nicht ſo einmüthig als Volk für ein getheiltes Vaterland, und als Men- ſchen nicht ſo heißblütig in unſerm Enthuſiasmus. Mei⸗ nen Sie nicht? Ja! Und leider haben wir außer Dem, was uns fehlt, noch Einiges auch zuviel, was uns hemmt, ſagte der Oberſt,— ich meine unſere Phantaſterei, unſern . — —— Ve————— 8 2— ——— 268 träumeriſchen Idealismus, unſern ſcherwenzelnden Welt⸗ bürgerſinn bei ſehr eingebildetem Eigenſinn. Allein dafür bekommen wir ja eben unſere Schläge, unſere Züchtigung, unſern Ochſenziemer vom Univerſalprofoſen Napoleon. Und, gute Schüler, wie wir ja in andern Stücken immer ge⸗ weſen,— werden wird dann durch Schaden und Leiden nicht klüger werden? Eines kommt uns dabei zu ſtatten: in der franzöſiſchen Armee ſelbſt bilden ſich Entzweiung, Verſchwörung, geheime Geſellſchaften gegen den Kaiſer. Sogar die Werkzeuge ſeiner geheimen Polizei ſind, wenig⸗ ſtens theilweiſe, darein verwickelt. Wenn Spanien nun von vorn, Deutſchland im Rücken ſich erhebt, ſo fallen dieſem Ungeheuer, das jetzt die Welt verwüſtet, die eigenen Schuppen und Krallen ab, durch die es bisher ſo un⸗ verwundbar erſchien. Die Dechantin war über dieſe Mittheilung höchſt er⸗ ſtaunt. Einen Zweifel an der wörtlich genauen Wahr⸗ heit dieſer Nachricht mochte ſie nicht ausſprechen; aber es verrieth ſich etwas davon durch die Frage, woher man denn ſo Geheimes nur wiſſen köͤnne, wie z. B. die Ge⸗ ſinnung im franzöſiſchen Heere ſei. Unſere Nachrichten kommen von der franzöſiſchen Ar⸗ mee in Spanien und zwar über England und Helgoland, erklärte Dornberg. Dieſe einſame Inſel iſt ſeit Napoleon's Continentalſperre eine Weltangel für Handel und Wandel geworden. Der mereantiliſche und der politiſche Verkehr mit England ſpinnt ſich um jenen Felſenblock der Nord⸗ ſee mit engliſchen Kuttern, Briggs und Fregatten in den Jahdebuſen der norddeutſchen Küſte. Auf Helgoland ha⸗ ben jetzt die europäiſchen Kaufleute ihre Comptoirs; 2— —- B-·- 3 bis 400 Schiffe gehen dort täglich ab und zu; die franzoſenfeindlichen Diplomaten und Generale halten dort ihre verſchwiegenen Congreſſe. Jener Fels bildet den Widerhalt für die Hebel, die Napoleon's Herrſchaft zu ſprengen angeſetzt werden, und der Leuchtthurm auf Hel⸗ goland wird zur Oriflamme eines heiligen Kampfes für unſere Erlöſung und für die Freiheit der Welt. Lieber, edler Dörnberg, ich könnte aufjauchzen bei Ihrer guten Botſchaft! rief die Dechantin. Aber freilich bleibt zu bedenken, daß der Leuchtthurm uns nicht zum Ein⸗ laufen in den Hafen, ſondern zum Sturm winkt, den wir erſt durchzumachen, ja ſelbſt zu erwecken haben. Bei alledem muß ich an den Grafen Münſter denken,— nicht wahr? Ja wohl, meine Gnädige! Durch ihn eben erhalten wir von London jene Nachrichten aus Spanien, die uns über Frankreich entweder verfälſcht oder gar nicht zukämen. Ueberdies bietet Graf Münſter Alles auf, die britiſchen Miniſter zu Geldhülfe und zu einer bewaffneten Diverſion in die Elbe und Weſer zu vermögen. Einem ſolchen Un⸗ ternehmen müſſen wir nun von Preußen, Braunſchweig und Heſſen aus entgegenzukommen uns bereit halten. Mit engliſchem Gelde beſtreiten wir auch ſchon die geheime Correſpondenz, die wir weit und breit hinführen, und die Boten, die jene nicht poſtfähigen Briefſchaften um⸗ hertragen. Ein umfaſſender, ein überraſchender Schlag muß vorbereitet werden, eine allgemeine Erhebung reif ſein für den günſtigen Augenblick, der das Signal dazu gibt. Hiermit deute ich Ihnen aber freilich blos die all⸗ gemeinſten Umriſſe unſerer Abſichten, Mittel und Wege ——— 270 an, und werde in beſonderer Berathung mit den hieſigen Einverſtandenen auf das Einzelne kommen. Meine Rolle dabei können Sie ſich denken: es gilt einen Aufſtand in Heſſen, auf den beſonders gerechnet wird. Iſt ja doch das Königreich Weſtfalen, dieſer franzöſtſch⸗deutſche Miſch⸗ maſch, ſo recht als Sauerteig des fremden Weſens in unſer Nationalleben eingemährt. Dieſer Thron muß fallen,— vielleicht als das Signal zum allgemeinen Angriff. Die Dechantin war nachdenklich geworden. Das leuch⸗ tende Auge geſenkt, erwog ſie in bewegter Seele ein Un⸗ ternehmen, das aus der Ferne ſo freudig zuwinkend plötz⸗ lich ſo hart an ſie herangetreten war, daß es im erſten Augenblicke die Bruſt beklemmte. Was in der Weite wie ein jubelvoller Sieg ausgeſehen, hatte ſich in einen vor⸗ zubereitenden Kampf verwandelt, in ein Aufgebot, dem ſich die Schweſter Stein's mit ihrem hochfühlenden Herzen und die Mitvorſteherin eines adeligen Damenſtifts mit ihrem ſtolzen Sinn nicht entziehen durfte. Dörnberg's tiefer Blick ruhte auf der kleinen etwas zuſammengeſun⸗ kenen Geſtalt, als ob zu erſpähen, wie viel Angſt oder Antheil ſich in dieſer bewegten Bruſt abwöge. Endlich richtete ſie ſich auf, reichte dem Oberſten die Hand und ſagte:. Ja ja, es iſt ein folgenreiches Verhängniß, das uns zuerſt hier in Heſſen heimſuchen will; aber es beruhigt mich gar ſehr, daß es an Ihrer Hand komnt, lieber Dörnberg. Ihre einflußreichen Verbindungen, Ihr Sol⸗ datenmuth und Ihre diplomatiſche Beſonnenheit geben ——ͤ 8— ̈& —— uns gute Bürgſchaften für das richtige Anfaſſen und mit⸗ hin für das Gelingen. Dennoch, oder gerade deshalb, wollen wir dieſe Angelegenheit vorerſt doch noch für uns behalten. Einmal muß ich erſt Rückſprache mit unſerer lieben Aebtiſſin nehmen; dann aber würde das Vertrauen, das gerade Sie erwecken, lieber Freund, unſern jüngern Damen vielleicht zuviel Sorgloſigkeit einflößen, um das ju⸗ belnde Herz lange zu bewahren. Denn für dieſe vater⸗ ländiſche Sache ſind Alle gleichbegeiſtert, von gleichem Haß, von gleichem Muthe beſeelt. Nur nicht gleich in Selbſtbeherrſchung und Bedachtſamkeit, und wir wiſſen ja, wie es um uns her von Horchern, Aufpaſſern, Ver⸗ räthern in allen Geſtalten wimmelt. Ich ſelbſt aber möchte recht gern Ihren weitern Berathungen beiwohnen. Wie lange bleiben Sie bei uns? Nur noch morgen, antwortete Dörnberg. Mein Ur⸗ laub geht zu Ende. Nun ja! fuhr ſie fort. Sie ſind ja wol beim Ober— forſtmeiſter eingekehrt, und werden mit ihm und Herrn Martin Alles beſprechen. Ich höre dann das Weitere. Kommen Sie morgen zu Tiſche, und nehmen Sie mich dann mit zum Kaffee bei Buttlars! In dieſem Augenblicke wurde das vom Spaziergange zurückkehrende Kleeblatt, Herr Heiſter mit Frau und Freund angemeldet. Ins Geſellſchaftszimmer! Ich komme gleich! befahl die Dechantin. Heiſter? Wer iſt dieſer Heiſter? fragte Dörnberg et⸗ was mistrauiſch. 8 ———— —— —— 272 Er iſt Chef einer Abtheilung im Miniſterium des Innern, der Sohn eines wohlhabenden Maurermeiſters, jetzt ohne Aeltern, aber nicht ohne Vermögen, ſonſt ein ſtudirter und gebildeter Mann, und unſer Nachbar durch eine neue, artige Beſitzung, einen Anbau zu den Sanct⸗ Georgshöfen. Er hat ſich eben verheirathet mit einer charmanten Bürgerstochter. Ein kluger, zuverläſſiger Menſch; hält mit Schmerfeld zur Partei der Kurfürſt⸗ lichen, und geht mit Martin und dem Oberforſtmeiſter um. Soviel ich weiß, iſt er im Einverſtändniß, und Sie können ihm vertrauen. Er iſt ein Mann, wie geſagt, von Charakter und ſtiller Klugheit. Sie erhob ſich, lud ihn zu einer Erfriſchung und nahm ſeinen Arm. 7 Das Stiftshaus, ein altes, nicht ſehr umfangreiches Gebäude, war gewöhnlich außer der Aebtiſſin und De⸗ chantin nur noch von zwei Stiftsfräulein bewohnt. Es fehlte aber ſelten an Beſuch aus der Stadt oder von den adeligen Landſitzen der Nachbarſchaft. Auch heut war Beſuch da, und es ging eben im Geſellſchaftszimmer eine laute, lachende Unterhaltung, die durch Dörnberg's Ein⸗ tritt augenblicklich unterbrochen wurde. Doch wußte die Dechantin den Druck ſeiner räthſelhaften Erſcheinung ſchnell zu heben, indem ſie ihn zu Mittheilungen über des Kö⸗ nigs Reiſe veranlaßte. Wirklich brachte er mit guter Laune einige recht ergötzliche Misgriffe vor, die bei Em⸗ pfang und Bewirthung Jeröͤme’s in Braunſchweig ſtatt⸗ gefunden. Da er ſelbſt nicht über Caſſel, ſondern über Göttingen und Witzenhauſen gekommen war, ſo wußte er * e. 2 von des Königs Ankunft in Caſſel nichts zu melden. Lina ſuchte daher Hermann zu einem Bericht über die Illumi⸗ nation vorzuſchieben. Und nun fiel auch ihm noch ein heiteres Erlebniß ein. Man fragte nämlich, ob recht viel Vivats verſchwendet worden ſeien. Ziemlich viel jugendliche Stimmen ließen ſich hören, erzählte er. Ich ging mit der Familie Reichardt, und wo wir in eine Straße eintraten, bemerkten wir einen Hau⸗ fen Knaben oder junger Burſche, geſpannt, wie es ſchien, auf des Königs offenen Wagen. Sobald dieſer in die Straße einlenkte, erſchollen die hellen Vivats, gewoͤhnlich drei mal. Einmal, an der Martinikirche, hörten wir, als etliche Stimmen zum vierten mal anhoben, einen Bur⸗ ſchen laut ſagen: Schweigt! Es iſt genug für einen gu⸗ ten Groſchen! Die Damen lachten herzlich, und Lina war ſehr ver⸗ gnügt. Wie es ſchien, war ſie in der kurzen Zeit ihres ländlichen Aufenthalts ein Liebling der ältern und gute Freundin der jüngern Damen geworden. Hermann be⸗ wunderte im Stillen, mit wieviel unbefangener Lebhaf⸗ tigkeit und liebenswürdigen Manieren ſie, die Bürgertochter, unter dieſen Abkömmlingen alter guter Familien verkehrte. Sie beherrſchte die hergebrachten Formen, und hatte viel⸗ leicht in der Behandlung derſelben noch etwas bürgerlich Friſches voraus. Da das Theewaſſer noch nicht gebracht war, ließ ſie ſich zum Klavier bewegen, nahm aber Her⸗ mann mit, den ſie, nachdem er als Erzähler gefallen hatte, nun auch als Sänger geltend machen konnte. Sie blätterte in den Muſikheften und fand das Duett aus Haydn's Schöpfung:„Holde Gattin.“ Koenig, Jeröme’s Carneval. I. 18 4 ͤſſ—— ———— — ₰ ——j—— 274 Ging's wohl? fragte ſte ihn mit lachenden Augen, da es keine Baritonſtimme iſt. Je nun, verſetzte er, wenn Sie mir ein wenig bei— ſtehen, ſo will ich ſuchen, den für mich zu tiefen Baß zu mir heraufzuheben. Der Ausdruck, mit dem Lina ſang, war für die Damen nichts Neues; die Stimme Hermann's aber über⸗ raſchte, und der ſeelenvolle Einklang des ſingenden Paa⸗ res war ſo hinreißend, daß ſogar Johann, der eben das Theewaſſer gebracht hatte, ſich vergaß und zuhörend ſte⸗ hen blieb. Nicht wahr, Johann, das iſt ſehr feſſelnd? erinnerte die humane Dechantin; worauf der Diener, den Wink überhörend, mit beiden gehobenen Armen eine des Erſtaunens machte. Was denkſt du dir denn bei„holde Gattin“, Johann? fragte das ſchalkhafte Fräulein von Uslar. O Ihro Gnaden meinen auch—! erwiderte Johann empfindlich. Ich werde doch verſtehen, wenn ſich Einer eine Gattin holen ſoll— Hol' die Gattin. Da brach aber das heiterſte Lachen aus, und Fräu⸗ lein Mathilde rief: Johann, Johann, wie biſt du auf dem Holzweg! Da iſt nichts mehr zu holen. Weißt du nicht, daß Frau von Heiſter ſchon geholt iſt? Bewegung So rückte man denn in heiterſter Stimmung um die duftenden Taſſen, und die Unterhaltung ließ ſich freier gehen. Man bemerkte kaum, daß der Oberſt mit Heiſter in eine entfernte Fenſterniſche getreten war; denn alles n, da bei⸗ ß zu die über⸗ Paa⸗ das ſte⸗ nerte Vink gung nn? ann iner äu⸗ Da von die eier ſter lles Strick⸗ und Stickgarn der Unterhaltung häkelte ſich an Hermann, der das Vertrauen der Damen raſch erobert hatte. Er ſaß neben einem hübſchen, friſchen Mäaͤdchen, Fräulein Karoline von Baumbach, die nicht zum Stift gehörte, ſondern vom nicht ſehr entfernten Baumbachshofe zu Beſuche da war. Sie benahm ſich aber wie das Kind im Hauſe, und ſchien das Herzblatt der Dechantin zu ſein. ihrer Liebe zu allem Feder⸗ Sie wurde heut ein wenig mit und vierfüßigen Vieh geneckt. Man erzählte ſogar, daß ſie letzten Winter einen jungen, kränklichen Eſel durch flanellne Modeſten vor Kälte geſchützt hätte. Etwas Enthuſiaſti⸗ ſches, aber entfernt von aller Coquetterie, gab ſich in ihrem ganzen Weſen kund, hatte aber dabei eine geſunde und kräftige körperliche Unterlage mit lebhaftem Incarnat. Sie war für Muſik mehr empfänglich als begabt, und fragte ihren Nachbar, ob Haydn noch lebe. Ja wohl, in Wien! antwortete Hermann. Der kind⸗ liche Mann iſt aber faſt kindiſch geworden. Unſer Kapell⸗ meiſter Reichardt hat ihn beſucht, ſehr erfreut, von dem großen Meiſter gekannt und geſchätzt zu ſein. Zwei Wiene⸗ rinnen, wie er uns erzählte, vertraute Bekannte des lie⸗ ben Alten, führten ihn bei demſelben ein. Sie fanden ihn in einer der entfernteſten Vorſtädte, in einem kleinen, aber ganz artigen Gartenhauſe, das ihm gehört, eine Treppe hoch in einem kleinen Zimmer, an einem mit grü⸗ nem Tuch überdeckten Tiſche. Steif und ſtarr, dicht an den Tiſch gerückt, und beide Hände darauf gelegt, einem Wachsbilde nicht unähnlich, ſaß er da, in einem grauen Tuchkleide mit weißen Knöpfen und gepuderten Lockenperücke. und einer zierlich friſirten Die jüngere Dame, um 18 — . ————— — 276 ihn aus ſeiner Apathie zur Erinnerung zu bringen, trat voraus bei ihm ein, und nannte des Gaſtes Namen. Reichardt? rief Haydn, die blitzenden Augen weit geöffnet. Ein vortrefflicher Mann, wo iſt er? Reichardt trat ein, und der Greis, beide Hände ihm entgegenſtreckend, rief: Beſter Reichardt, komm doch, ich muß dich ans Herz drücken. Und ſo küßte er ihn mit heftigem, krampfigem Händedruck. Dann fuhr er ihm drei bis vier mal mit der dürren Hand über die Backen, und ſagte zu den Da⸗ men: Was mich das freut, daß der brave Künſtler auch ſolch ehrlich, gutes Geſicht hat. Reichardt ſetzte ſich zu ihm, Haydn behielt ſeine Hand, ſah ihn gerührt an und ſagte: Noch ſo friſch! Ach, ich hab' zuviel den Geiſt an⸗ geſtrengt, ich bin ſchon ganz Kind. Dabei weinte er bittere Thränen. Die Damen wollten, ihn zu ſchonen, den Be⸗ ſuch mit ſich fortnehmen, Haydn aber rief: Nein, laßt mich Kinder, das thut mir wohl, es ſind wahrhaftig Freudenthränen über den Mann da, dem wird's beſſer ergehen!—— Eine gerührte Stille war auf dieſe Erzählung einge⸗ treten, als Ludwig, leiſe herbeigekommen, ſeine Frau bat, mit Hermann vorauszugehen, weil er den Oberſten zum Oberforſtmeiſter begleiten wolle. Beide Männer empfah⸗ len ſich denn auch, und Lina ſtand ebenfalls auf, den Heimweg anzutreten. Die Dechantin lud alle Vier auf nächſten Mittag zu einer einfachen Suppe ein, was denn auch von Allen angenommen wurde. D unterg ſpäte aus d einen eine ten. Ludw als ſ eines Sie ſehr ſie ſi Ange in ſe mehr halte ſuche Frie lung Seit Jerd hatt einf tamen. oͤffnet. at ein, „ rief: Herz pfigem al mit n Da⸗ r auch ſich zu n und iſt an⸗ bittere n Be⸗ , laßt chaftig beſſer einge⸗ u bat, n zum npfah⸗ , den er auf 3 denn 3 trat Sechstes Capitel. Hermann als Unkraut. Der Abendhimmel ſtand mit Federwölkchen über der untergehenden Sonne; die Luft war lau und ſtill; eine ſpäte Lerche ſchwang ſich noch mit Geſang empor, und aus der Ferne klang die helle Stimme einer Magd, die einen Schubkarren mit friſchem Klee belud. Lina ging eine Strecke ſchweigend neben ihrem Begleiter den ſanf⸗ ten Pfad am Berge hin, etwas verſtimmt gegen ihren Ludwig. Sie konnte nicht mehr zweifeln, daß er tiefer, als ſie bisher geglaubt hatte, in das politiſche Geheimniß eines regierungsfeindlichen Unternehmens gezogen war. Sie misbilligte gerade dieſe Verbindung mit einigen ſonſt ſehr achtbaren Männern in und um Homberg nicht, weil ſie ſich überhaupt kein Urtheil über ihres klugen Ludwig's Angelegenheiten zutraute, dagegen das heiterſte Vertrauen in ſeine Einſichten und Beſtrebungen ſetzte; aber um ſo mehr kränkte es ſie, daß er ſich dennoch gegen ſie ſo rück⸗ haltend benahm, und ihr aus ſeinen täglichen Abendbe⸗ ſuchen beim Oberforſtmeiſter, beim Metropolitan und beim Friedensrichter Martin, oder vielmehr aus den Verhand⸗ lungen in dieſen Verſammlungen, ein Geheimniß machte. Seit ſie mit ihm verlobt geweſen— und das datirte von Jeroͤme's Einzug, alſo vom 7. December vorigen Jahres— hatte ſie den ſtets ſehr beſchäftigten Ludwig nur in der einfachen Bemühung um ihr Herz und für ihre gemein⸗ ——y— —— 278 ſame Häuslichkeit beſorgt geſehen. Nun endlich mit ihm verbunden, war ſie ihm aufs Land gefolgt, um die glück⸗ lichſten Stunden ſchöner Maitage in traulichſter Gemein⸗ ſamkeit zu verleben. Und gerade jetzt konnte er ſich die⸗ ſem innigen Zuſammenſein ſo leicht entziehen, und gab ſich einer Geheimthätigkeit hin, die er durch ſein Schwei⸗ gen noch über ihre gemeinſame Liebe zu ſetzen ſchien, indem ſie ihn wenigſtens mehr als dieſe einnahm und beſchäftigte. Dieſe flüchtige Betrachtung durchzuckte ihr Herz und bebte um ihren wehmüthigen Mund. Aber nur wenige Minuten lang, und der Gedanke, daß Hermann nichts von dieſer Unzufriedenheit ahnen dürfe, half ihr ſchnell wieder zu einer heitern Faſſung. Sie hätte den Freund beim Abſchied nach ihrer Trauung zum Beſuch auf dem Lande nicht einladen mögen, weil ſie eben ausſchließend ihrem Ludwig zu leben dachte. Nun war ihr Hermann unerwartet ein lieber und tröſtlicher Gaſt und von Lud⸗ wig ſelbſt ihr zugewieſener Begleiter. Es freute ſie, daß er Ludwig's Unachtſamkeit nicht übel nahm. So wendete ſie ihm, ohne alle Ueberlegung, jenen Theil der Hingebung und ihres bedürftigen Herzens zu, der für ihren Ludwig überflüſſig ſchien. Mit aufgeregter Heiterkeit ſagte ſie: Heut warſt du ſehr lieb, Bruder Hermann, und haſt meiner Einführung im Stift alle Ehre gemacht. Ich habe in der That zum erſten mal empfunden, was man an einem Bruder hat. Du kennſt das nicht, Hermann, denn du haſt wenigſtens eine Schweſter. Wenn man aber ohne Geſchwiſter aufwächſt, ſo behält, ſo zu ſagen, das Haus⸗ gärtchen des Herzens einige unbeſtellte Rabatten. Wi Herma Ja denn i als eit lich a war i eine d U mit und rath⸗ dich ohn nock wa flu ihm glück⸗ mein⸗ die⸗ gab hwei⸗ ſchien, und und henige nichts chnell reund dem eßend nmann Lud⸗ daß ndete bung dwig 2 Wo dann leicht Unkraut wächſt, nicht wahr? lachte Hermann. Ja, du könnteſt Recht haben, erwiderte ſie neckend; denn ich ſagte ja eben, daß du da zum Vorſchein kamſt, als eine Art von Stiefbruder. Wie ſich die Damen näm⸗ lich an deinem Erzählen, an deinem Geſang entzückten, war ich ordentlich ſtolz auf dich. Dennoch glaube ich, daß eine wirkliche Schweſter noch anders empfinden muß. Und wie denn, Frau Schweſter? fragte er, indem er mit einem gewiſſen eiteln Behagen ihre linke Hand ergriff, und im Gehen die ſo verbundenen Arme ſchlenkerte. Einmal durfte ich meinen Stolz auf dich nicht ver⸗ rathen, antwortete ſie, aus derſelben Schicklichkeit, die auch dich mit Recht abhielt, mich vor den Damen zu duzen. Gut, das begreif ich, erwiderte er, wenn ich's auch ohne beſondere Ueberlegung that. Sodann aber, fuhr ſie fort, bin ich dir auch darin noch keine ganze Schweſter, daß ich dir nicht ſagen kann, was mir die Damen Schmeichelhaftes über dich zuge⸗ flüſtert haben. Ei, lachte er vergnüglich, das begreife ich aber nicht. ſetzte ſie flüchtig erröthend. Schade, die für dich paßte und der du ein wenig den Hof machen könnteſt, wenigſtens ſo lange du hier biſt. Du weißt ja, die Stiftsdamen ſind zwar hoch⸗ würdig, dürfen aber auch liebenswürdig ſein und ſich lieben laſſen. Was hätteſt du Keine darunter? ſcherzte Hermann. denn gegen Fräulein von Baumbach? Sie heißt ja ſogar auch Karoline, wie du! Ich auch nicht, ver daß keine darunter iſt, —— —— . tenen Kleider, ſagte Lina. Decolletirt freilich iſt's auch ein franzöſiſcher Geſchmack, aber häßlich! 280 Die iſt ja keine Stiftsdame! entgegnete ſie. Alſo die gefällt dir? Nun ja, ſie iſt nicht übel, und hat auch einen gewiſſen Schwung der Seele; ſchade nur, daß ge⸗ rade ſie am wenigſten über dich geäußert hat. O das iſt kein ſchlimmes Zeichen; im Gegentheil, es iſt mir lieb, fiel er lachend ein; ſie hat's alſo für ſich be— halten, ein Geheimniß, und das will mehr ſagen, als was die Andern ſo leicht von ſich gegeben. Meinſt du nicht auch—? O wir kennen euch Mädchen! Seht doch! An guter Meinung von ſich fehlt's dem Bruder Doctor nicht! meinte ſie. daß du als Bruder ſo offenherzig kann alles Rückhaltige nicht leiden ein Herz für einander haben. Ludwig fiel ihr bei dieſen unbedachten Worten ein, und ſie ſchwieg erſchrocken. Aber es iſt ſchon recht, gegen mich biſt. Ich unter Menſchen, die Das Abendlüftchen, das mit Sonnenuntergang ſich er⸗ hoben, war ſo frühlingswürzig, daß Beide, zu Hauſe an⸗ gekommen, und nachdem Lina das Abendbrot angeordnet hatte, noch im Garten verweilten.. Wieißt du, Lina, ſagte Hermann, was mir an eini⸗ gen dieſer Damen aufgefallen iſt? Daß ſie in ihrer Art von eigentlich doch geiſtlicher Stellung, und ſogar auf dem Lande, ſich nach dem Hofſchnitt der Kleider tragen, was freilich auch jetzt die Mode der Zeit und in der hohen Geſellſchaft nicht mehr auffallend iſt.— Es iſt mir eine recht fatale Mode, dieſe ausgeſchnit⸗ nennen ſie's; und Wal iſt blos durch V reinen, hüllung für die reinen doch ei türkiſch Kie m ſtalt n dabei verkau ſtellun S gebück menbe C merkr nomn Geſta ſchön ſich kunſt mit doch einbrennen würden. ie man bei uns auch das Edelſt Warum? wendete er ein. Ich finde das nicht. Es iſt blos ſo bürgerlich angenommen; es iſt nur unſchicklich durch Vorurtheil. Die Gewohnheit würde Das zu einem reinen, natürlichen Wohlgefallen machen, was durch Ver⸗ hüllung ein Reiz für die Einen und ein Aergerniß wird für die Andern. Was die Sitte, die Vorausſetzung, der reinen Natur für Zwang anthun, ſiehſt du daraus, daß z. B. die türkiſchen Frauen ſogar auch das Geſicht ver— hüllen müſſen, und durch zwei Löcher gucken, die man in die Hülle ſchneidet, weil ſonſt die feurigen Augen ſolche Vielleicht darf man in guter türkiſcher Geſellſchaft das Geſicht gar nicht Geſicht nennen, e an der weiblichen Ge⸗ ſtalt mit dem Worte Büſte bezeichnet. Ich muß immer dabei an die Italiener mit den Gipsfiguren denken: dieſe verkaufen Büſten. Oder will man etwa durch die Vor⸗ ſtellung von dem rauhen und kalten Gips— Schweig' und ſei nicht unartig! gebot Lina, indem ſie gebückt einige Maßliebchen von der Einfaſſung eines Blu⸗ menbeetes pflückte. Erlaube mir nur noch die eine kunſtgelehrte Be⸗ merkung, bat Hermann. Die Bildhauer wollen wahrge⸗ nommen haben, daß nur bei ganz vollendeten weiblichen Geſtalten der Schulterbau und der Hüftenbau gleichmäßig ſchön entwickelt ſeien, in den meiſten Fällen aber der eine ſich auf Koſten des andern hervorthue. Jetzt aber ein— fur allemal genug, Hermann, mit kunſtgelehrten und leichtfertigen Bemerkungen! rief Lina mit Ernſt, und ſetzte dann ſcherzend hinzu: 5 Hörſt du nicht aus der Küche das Brätſeln? Laß uns 5 282 hineingehen! Ich will deiner Naturforſchung einen Pfann⸗ kuchen als Doctormäntelchen umſchlagen, und deine gelehrte Zunge auf das grüne Feld eines Lattichſalats führen. Nun weißt du, was du zu erwarten haſt! Lachend eilte ſie voraus, die zwei Tritte der Hausthür hinauf. Hermann folgte mit dem neckiſchen Ausrufe: Daß man dich für herrlich gewachſen anſieht, kannſt du mir doch und keinem Menſchen verwehren, Lina! Das ländliche Abendgericht wurde ziemlich ſtill einge⸗ nommen, nachdem Lina, ohne es gegen Hermann auszu⸗ ſprechen, ängſtlich auf ihren Mann gewartet hatte. Mit der zunehmenden Dämmerung legte ſich eine heimliche Trauer über ihr Herz. Hermann brachte allerlei aufs Tapet, was nicht anſchlug; auch die Bitte, noch etwas zu fingen, wurde mit vorgeſchützter Müdigkeit abgelehnt. Der Freund empfahl ſich endlich mit einer herzlichen Gutenacht, und ſuchte ſein Zimmer auf. Nachdem er hier den Vorhang auseinander geſchlagen, der das Bett des Alkovens verdeckte, legte er ſich ins offene Fenſter und überließ ſich beim Ausblick in die ſanft athmende Mai⸗ nacht den Empfindungen, die mit den lauen Luftſtößen zu kommen und zu wechſſeln ſchienen. Der Nachthimmel war mit Wölkchen durchſetzt, zwi⸗ ſchen denen einzelne Sterne hervorſchimmerten. Aus dem Gebüſche ſchlug eine Nachtigall durch das eintönige Rau⸗ ſchen der entfernten Mühlen. Mit dem Nachtthau ſank die Würze nieder, die unter brütender Sonne des Tages aus Gärten, Wieſen und Wäldern aufgeſtiegen war. Bald ließ ſich auch durch die weiche, wehmüthige Stille noch eine men ſcheinlich ohne E He Sehnſt vernah ſchlüſſe liebe, müßig ihn vo Vorke innerli Dageg weil Abſchi Ihren befan⸗ Sinn keit 1 faſſur Wah ſtimr Pfann⸗ gelehrte Nun usthür einge⸗ auszu⸗ Mit imliche i aufs vas zu t. zlichen er hier tt des r und Mai⸗ ſtößen zwi⸗ 3 dem Rau⸗ ſank Tages Bald noch 283 eine menſchliche Stimme hören; eine weibliche Kehle, wahr⸗ ſcheinlich aus der Schlafkammer einer Magd, ſang nicht ohne Empfindung das einfache Lied: Arm und klein iſt meine Hütte, Aber Ruh' und Einigkeit Finden ſich auf jedem Schritte, Folgen der Zufriedenheit. Laß die Liebe bei uns wohnen, Die uns Blumenkränze flicht; Dann beneiden wir die Kronen Auch der größten Fürſten nicht. Hermann war bewegt, und hing einer unbeſtimmten Sehnſucht nach, bis er männliche Schritte vom Wege her vernahm, und Ludwig erkannte, der mittels eines Haus⸗ ſchlüſſels einkehrte. Das lenkte ſeine Betrachtung auf das liebe, befreundete Paar. Ludwig erſchien hier auf dem müßigen Lande ſogar noch ernſter und zerſtreuter, als er ihn vor der Trauung, zwiſchen Geſchäften und häuslichen Vorkehrungen, gekannt hatte. Was konnte ihn nun hier innerlich ſo beſchäftigen, wo er frei von Sorgen war? Dagegen kam ihm Lina blühender, roſiger vor, vielleicht weil er ſie zuletzt, in den Stunden der Trauung und des Abſchieds, doch ziemlich blaß und gedankenvoll geſehen hatte. Ihrem innern Weſen nach war ſie noch ſo friſch und un⸗ befangen wie vorher; doch ſchien etwas eigenthümlich Sinniges, eine gewiſſe feinere und zartere Empfindſam⸗ keit bald der eigenen Hingebung, bald der fremden Auf⸗ faſſung, hinzugekommen. Der junge Philoſoph brachte ſeine Wahrnehmung mit der bekannten Erfahrung in Ueberein⸗ ſtimmung, wornach das Geheimniß der Liebe ſich einer ———— —— ————— reinen Mädchenſeele ſelten ohne wunderbare Verwandlun⸗ gen offenhart. Da wird oft die Aengſtliche muthvoll, die Schüchterne tritt hervor, die Beſchränkte zeigt Einſicht und Urtheil, die Ausgelaſſene gibt ſich ſanft und zärtlich hin, die Trübſelige blickt heiter in die Welt, wogegen die Eitle oder Leichtfertige wol nicht ſelten auch einen edeln Ernſt für das Leben annimmt. Und könnte es auch anders ſein? rief Hermann aus. Wenn die echte Liebe ſich darin hervorthut, daß ſie eine verlaſſene Seele in Verbindung mit einer andern, ver⸗ wandten zur Empfindung und Wahrnehmung des Unend⸗ lichen und Harmoniſchen erhebt, ſo kann Das nicht ohne Erweiterung ihres eigenen ewigen Weſens bleiben. Sagt doch ſchon der alte Plato, die Liebe ſei die Tochter der Armuth, die den Ueberfluß zum Vater habe. Siebentes Capitel. Ein verkehrtes Paar. Andern Morgens, während Frau Lina im hübſchen Hauskleide das Frühſtück bereitete, ging aus der Unter⸗ haltung mit ihrem Manne hervor, daß er ihr doch, um auch ſein Ausbleiben bis in die Nacht zu entſchuldigen, Mittheilungen über die politiſche Berathung einiger Vater⸗ kandofteune gemacht hatte. Es lag nicht in Lina's hei⸗ 4 term No zu thun heriges freundlic deres Ir nicht ein langte, haben ſchwörut pfunden heitsſtof dem er überlegt Ludwig Ernſt er chen m leicht, in ihr Einſicht Herzen theilt, wandel Leben liebens Vertra in die Al hörte, noch n ſeinen andlun⸗ term Naturell, ſich empfindlich zu zeigen, oder verdroſſen voll, die zu thun; ſie beſchwerte ſich nicht einmal über ſein bis— ſicht und heriges Schweigen, ſondern nahm ſeine Nachrichten mit ich hin, freundlicher Aufmerkſamkeit hin, ohne gerade ein beſon⸗ die Citle deres Intereſſe an dem Geheimniß zu nehmen, ſodaß ſie n Ernſt nicht einmal nach einer Erklärung des Widerſpruchs ver⸗ langte, der ihr in Dörnberg's Stellung zu einem Vor⸗ in aus. haben zu liegen ſchien, das doch ganz nach einer Ver⸗ ſie eine ſchwörung gegen ſeinen Koͤnig ausſah. Ihre geſtern em⸗ n, del⸗ pfundene Kränkung warf ſich, wie ein gehobener Krank⸗ Unend⸗ heitsſtoff, von ihrem Ludwig hinweg auf den Gegenſtand, ht ohne dem er ſich mit ſo beeifertem Geheimthun hingab. Sie Sagt überlegte nicht, daß ihre Gleichgültigkeit gegen etwas, was dter der Ludwig's Gemüth in ſo hohem Grad und mit ſolchem Ernſt einnahm, ihn nur immer wieder zurückhaltend ma— chen müſſe, oder daß ſie durch Theilnahmloſigkeit ebenſo leicht, wie Ludwig durch Schweigſamkeit, eine Störung in ihr herzliches Verhältniß bringen könnte. Die höͤhere Einſicht ging ihr noch ab, daß im engſten Bunde zweier Herzen eben Alles, auch das Geringſte, von Beiden ge— theilt, durchwärmt und in ihr gemeinſames Leben ver⸗ wandelt werden muß, wenn dies Bündniß für ein ganzes Leben ſich geſund und beglückend erhalten ſoll. Die junge, liebenswürdige Frau befriedigte ſich mit dem herzlichen üübſchen Vertrauen, das ſie unbedingt in die Rechtſchaffenheit und Unter⸗ in die Klugheit ihres Ludwig ſetzte. ch, um Als man jetzt Hermann die Treppe herabkommen uldigen, hörte, erklärte Ludwig, daß der Freund von der Sache Vater⸗ noch nichts erfahren dürfe; man ſetze kein Mistrauen in 's hei⸗ ſeinen Charakter, wolle aber vor allem abwarten, wie — 8 er ſich aus der mislichen Verwickelung mit Bercagny los⸗ machen werde. Gut, lieber Ludwig! ſagte ſie. Aber mir gefällt es, und ich finde es ordentlich lieb von ihm, wie er ſich ſo ehn icherweiſe von polizeilichen Kniffen fangen laſſen konnte. Uebrigens hätteſt du, däucht mich, den Herrn noch gar nichts davon mittheilen ſollen, und— weißt du was, lie⸗ ber, Ludwig? Laßt ihn ganz aus euern Heimlichkeiten weg! — „ Eben trat der Beſprochene ins Zimmer und machte auf einen fremd ausſehenden Mann aufmerkſam, der auf dem Wege ſtehend das Haus betrachtete, und eine eben vorübergehende Bäuerin nach dem Bewohner zu fragen ſchien. Es war ein ſchmächtiger Mann mit ſchneeweißem, aber noch ſtarkem Haar, das Geſicht dunkel und wie von klimatiſchem Wechſel gefärbt, das Auge lebhaft, keck und unruhig blickend. Das auffallende Ausſehen des Frem⸗ den, der ein geſunder Siebenziger ſein mochte, lag zum Theil auch in ſeinem Anzuge, der beſonders an Hut, Rock und Umſchlagſtiefeln nach engliſchem Zuſchnitt ebenſowol einen geweſenen Soldaten, als einen Jäger vermuthen ließ. Als er, ein thönernes Pfeifchen im Munde und die Hände auf dem Rücken gekreuzt, weiter ging, verriethen die Be⸗ wegungen einen noch behenden, kraftvollen Mann, der nur die Schultern, wie ein bequemer Reiter, etwas überhan⸗ gen ließ. Lina und Hermann waren ans Fenſter getreten, ihm nachzuſehen. Ludwig, der ſich gefliſſentlich zurückgehalten, ſagte jetzt mit einer eigenthümlichen Befangenheit, die ſei⸗ ner Frau nicht entging: — —* 3 3 8 287 Ich kann euch verrathen, wer es iſt. Er war geſtern 1 Abend beim Oberforſtmeiſter, und ſeine anziehenden Er⸗ zählungen haben mich eben ſolange aufgehalten. Es iſt Oberſtlieutenant Emmerich, ein berühmter Parteigänger und 6 höchſt merkwürdiger Menſch, der ein ſehr wechſelndes, zum Theil waghalſiges Leben geführt hat. Ein Förſterſohn aus dem Hanauiſchen, ward er, etwa 19 Jahre alt, vom Grafen Iſenburg, als derſelbe vor nun bereits 52 Jahren ein heſſiſches Truppencorps nach England führte, mitge⸗ nommen, und trat als Jäger in die Dienſte des Herzogs von Cumberland. Dieſer übernahm ein Jahr darauf das Commando der verbündeten Armeen in Deutſchland, und hier trat der junge Emmerich als Freiwilliger in das ..— neuerrichtete Jägercorps des Grafen von Schulenburg. — Eine Reihe tollkühner Handſtreiche und glücklicher Unter⸗ 1 1 nehmungen machten ihm als Parteigänger während des 2 8 Siebenjährigen Kriegs einen Namen, ſodaß ihn Friedrich n 4 der Große nach dem Frieden als Forſtmeiſter und Domãa⸗ 3 nenrath anſtellte. Der unruhige Mann hielt ſich aber 1 3 nicht, ſondern ging nach England, um ein altes Guthaben z. einzutreiben. Statt deſſen gab man ihm eine Stelle in e 3 des Königs Forſten. Aber der ausgebrochene amerikani⸗ =⸗ ſche Krieg lockte ihn bald wieder zu Waffenunternehmun⸗ ur 3 gen, und auch drüben, in der Neuen Welt, ward er durch 5 1 ſeine raſch und unerwartet ausgeführten Wagſtücke ein ge⸗ * fürchteter, ja ein fabelhafter Mann. Er kehrte zurück mit m neuen Foderungen an die engliſche Regierung, konnte die⸗ n, 4 ſelben aber ſo wenig wie die ältern geltend, heißt das— i⸗ zu Geld machen. Seitdem lebt er, wie mir ſcheint in dürftigen Umſtänden, zu Köln, oder führt vielmehr von —— n— 288 dort aus ein unſtätes Leben,— alt, aber noch immer voll Unruhe und auf Abenteuer ausgehend. Hermann hatte mit Verwunderung, Lina nicht ohne einige Beſorgniß zugehört. Der Gedanke beunruhigte ſie, daß der Fremde eben auch Antheil an der Berathung und den Abſichten der homberger Freunde nehme. Wohin konnte aber ein ſolcher abenteuerlicher Mann, der ſein Leben, aber nicht ſeine Tollheiten hinter ſich hatte, auch die beſte Sache wenden, und ſelbſt die Klugen und Be⸗ ſonnegen mit ſich fortreißen? Sie nahm ſich vor, ihren Ludwig zu warnen oder ſich von ihm beruhigen zu laſſen. Unter dem Frühſtück überbrachte die Bötin des Orts einen Brief an Lina von ihrer Mutter. Es betraf einige bei Hermann's eiliger Abreiſe vergeſſenen häuslichen Be⸗ ſtellungen, und als Hauptanliegen die Nachricht, daß von der Polizei aus ſehr dringend nach dem Herrn Doctor geſchickt worden ſei. Ein fein gekleideter, aber ſehr un⸗ angenehmer Mann ſei da geweſen, und habe ſehr wichtig gethan. Wenn's nur kein Verdruß für den lieben jun⸗ gen Herrn iſt, ſchrieb die Mutter. Der Herr von der Polizei ſchnitt gar bedenkliche Geſichter, und hinterließ mir die ganze Stube voll Geruch von„O der Bougre“. Was iſt das? fragte Hermann, und Lina, nach eini⸗ gem Räthſeln in herzliches Lachen ausbrechend, verſetzte: Nein, das iſt aber köſtlich! Die gute Mutter! Hört nur die drollige Verwechſelung! Ich habe jüngſt einmal einer hauſtrenden Franzöſin, einer ſehr hübſchen Perſon, ein Fläſchchen Eau de bouquet abgekauft, und das hat die gute Mutter dem Gehör nach in„O der Bougre“ verwandelt. Aber der Misverſtand iſt zufällig treffender als ihr denkt, lachte Ludwig. Ich errathe, daß es der geheime Polizeiagent Würtz iſt, der ſich gewöhnlich parfümirt, ein recht widerwärtiger Schurke! Hermann war doch in einiger Unruhe und wollte gleich morgen früh zurückkehren. Lina ſuchte ihm die Sache leicht zu machen. Laßt uns hinaus in den Garten gehen! ſagte ſie. Ich will dir ſagen, Hermann, warum es beſſer iſt, daß du noch ein paar Tage bleibſt und dieſen Bercagny zappeln läſſeſt. Ich beſorge, du haſt noch immer die freie Faſſung und Laune nicht, den Mann recht ſchlau und geſchickt ab⸗ zufertigen. Dein Gemüth iſt noch zu ſehr gegen ihn ein⸗ genommen; jedes Wort von ihm kann dich aufbringen und über deine Abſicht hinausreißen. Lina hat Recht, fiel Ludwig ein. Du darfſt dir um Alles den Mann nicht zum Feind machen. Während ſie im Garten die Sache weitläufig verhan⸗ delten, kam Oberſt Dörnberg auf ſeinem Morgenritt von Homberg her vorüber, grüßte und wechſelte einige freund⸗ liche Worte über das Stacket. Weiter reitend zog er die Unterhaltung nach ſich. Hermann erhob das ſtattliche und bedeutende Ausſehen des Mannes, und fragte nach deſſen Familie und bisheriger Stellung. Es iſt eine altritterliche heſſiſche Familie, berichtete Ludwig, ſchon früh von Einfluß und Vermögen. Unſer Oberſt diente in der preußiſchen Armee und ward 1806 mit dem Blücher'ſchen Corps gefangen genommen. Nach⸗ mals frei gelaſſen, kehrte er nach Heſſen zurück, und kam nach Allendorf, wo ein kleiner Aufſtand zu Gunſten des Koenig, Jeröme’s Carneval, I. 19 —— Kurfürſten erhoben, aber bald unterdrückt worden war. Er brachte dann Frau und Kinder zu ſeinem Schwager Laffort nach Wittorf, und ging über Schleswig nach Eng— land. Hier knüpfte er einflußreiche Verbindungen an— mit Lord Caſtlereagh und Cathrart, mit dem ruſſiſchen Miniſter von Alopeus, dem hannbverſchen Grafen von Münſter und andern hochgeſtellten Staatsmännern. Bis er von dort zurückkehrte, war die preußiſche Armee be⸗ kanntlich ſehr vermindert worden, und da auch der neue König Jeröme alle Eingeborenen ſeines Reichs bei Ver⸗ luſt ihrer Güter einberief, ſo kam Dörnberg wieder nach Heſſen. Im Stillen entſchloſſen, unter der Fremdherr⸗ ſchaft für das Beſte ſeines Vaterlandes thätig zu ſein, wollte er Maire in Hauſen werden, wo in ſchöner Berg⸗ umgebung ein Dörnberg'ſches Schloß liegt. Er ſtellte ſich dem Könige vor, gefſiel begreiflicherweiſe durch ſeine aus⸗ gezeichnete Perſönlichkeit, und ließ ſich bewegen, die Stelle eines Bataillonschefs in der Grenadiergarde anzunehmen. Soeben iſt er zum Oberſten der gelernten Jäger, der Chaſſeurs⸗Carabiniers, befördert worden, und kehrt mor⸗ gen zu ſeinem Regiment zurück. Lina nahm des Augenblicks wahr, um darauf hin⸗ zudeuten, welch' ein wirkſamer Platz ihr dies für einen Mann von Dörnberg's Verbindungen und Abſichten ſcheine. Nicht wahr, Ludwig, ſetzte ſie mit bezüglichem Blick hinzu, bei einem Mann wie Dörnberg iſt auch nicht zu fürchten, daß er ſich von dem alten Emmerich zu einem tollen Wagſtück hinreißen laſſe? Ludwig, indem er ihr Stillſchweigen zuwinkte, verſetzte nur ſcherzend: 291 Ein Oberſt, liebe Lina, ſteht nicht unter einem Oberſt⸗ lieutenant, weißt du, und Dörnberg ſieht nicht darnach aus, ſich reißen zu laſſen! Er lenkte die Unterhaltung auf andere Gegenſtände, bis Lina nach ihrem Zimmer ging, ſich zum Mittageſſen im Stift anzukleiden. Als eine Weile darauf beide Freunde zu gleichem Zweck den Garten verließen, fand Ludwig ſeine Frau im qua⸗ drillirten grünen ſchottiſchen Tafftkleide, das in Stoff und Zuſchnitt nach der Mode des Tages ganz neu und ein Geſchenk ſeines Geſchmacks war. Ha! rief er vergnügt aus, endlich kommt's doch ein⸗ mal dran! Still nur Ludwig, ſtill! verſetzte ſie etwas haſtig und befangen. Ich weiß ſchon, daß du das ausgeſchnittene Kleid meinſt. Aber— haſt du mir's nicht ſelbſt wider meinen Willen eingepackt? Ich kann die Mode nicht lei⸗ den, weißt du; da jedoch ſogar die ältern Stiftsdamen— Oder— meinſt du, ich ſoll's lieber nicht anziehen? Sag's nur! Ei, du haſt ja ganz Recht, und es iſt mir lieb, lachte er, daß du es endlich einmal anziehſt! Wozu die Erklärungen? Hab' ich dich nicht ſchon oft gequält, daß du dich jetzt mehr nach dem Geſchmack und der Mode des Tages und unſers Standes richten müſſeſt? Es freut mich, und du gefällſt mir ſo, und— kannſt dich auch ſehen laſſen, Herzens⸗Linchen! Zeig' einmal! Geh' fort, Ludwig! rief ſie erröthend und mit vor⸗ 3 geſtrecktem Arm den Schmeichler abwehrend. Nur bitt' 19* ich mir's aus— du darfſt mich nicht vor Hermann— und vor gar Niemand damit necken, daß ich das Kleid zum erſten mal heut— Sie ſchwieg, indem ſie unruhig und heftig an der Halsſchnur von Perlen häkelte, die ſich— vielleicht aus Eiferſucht auf den glänzenden Nacken— nicht ſogleich fügen wollten. Wie kommſt du nur darauf, liebe Lina? fragte er lachend. O mein Schatz, wir kennen uns! rief ſie unruhig und verlegen. Du kannſt mich manchmal mit Kindereien necken. Ich weiß— du meinſt es lieb; aber— es ſetzt mich doch in Verwirrung! Geh', geh' doch, Linchen! Das iſt meine Art gar nicht, verſetzte er. Das Kleid, ſcheint's, macht dich ein wenig verwirrt. Das Kleid? Ich glaube du biſt nicht klug! erwiderte ſie lebhaft. b Sie warf dann ihr Tuch um, und umarmte ihn, in- 4 7 dem ſie freundlich hinzuſetzte: Ich bin jetzt fix und fertig! Nun ſtaffire dich ein⸗ mal heraus! Ich denke, mit dem grünen Frack und der zweifarbig geſtreiften Cordelineweſte,— Jabot heraus, und den Haarbuſch des Titus ſeitwärts aufgebürſtet— ein coup de vent, wie's der Friſeur nennt!—— Die geputzten Drei verließen zeitig die Wohnung, um bei etwas ſchwüler Luft gelaſſenen Schrittes die Stadt zu erreichen. Eine günſtige Wolke vor der Sonne begleitete ſie mit ihren Schatten, ein ſchmeichelndes Mailüftchen um⸗ fächelte ſie. So kamen ſie nach Homberg. ——,————.,—,—,/ Das Stift mit ſeinem ausgedehnten Garten— ſeit⸗ dem von den Damen verlaſſen und in ein Schullehrer⸗ ſeminar verwandelt— lag in der untern Stadt an der ſogenannten Freiheit, zwiſchen dieſer und der nach dem nahen Stadtthor führenden Straße. Der leichte Bau mit ſeinen drei einander überragenden Stockwerken und zwei Seitenerkern wendete ſeine Vorderſeite dem kleinen Hof und den Gartenterraſſen zu. Die unterſte Terraſſe, mit dem untern Stock des Hauſes von gleicher Höhe, führte ihre Blumenſtücke, Raſenplätze und Lauben längs der Freiheiterſtraße hin. Der folgende Erdwall erhob ſich mit Bosketen und einem Gartenhauſe, und die beiden noch höhern dienten zu reichlichem Gemüßbau, und reichten an die breite Stadtmauer, die von neugierigen Nachbarn zu⸗ weilen zur Promenade benutzt wurde. Es fehlte nicht an Obſtbäumen und Weinreben, die an Mauern und Spa⸗ lieren gezogen wurden. Die eigentlichen Oekonomiegebäude ſtörten die Ruhe und das Behagen der Damenwohnung nicht, indem ſie ſeitwärts und durch die nordöſtliche Thor⸗ ſtraße getrennt lagen— Remiſen, Scheuern und Stallun⸗ gen für Wagenpferde und Milchvieh. Die Freunde wurden von der Frau Dechantin im un⸗ tern Garten empfangen. Sie hatten von der obern Stadt herab ein auffallend gekleidetes Paar kommen ſehen, das die lächelnde Aufmerkſamkeit der Menſchen hinter ſich zu- rückließ.— Es werden auch liebe Gäſte ſein, ſagte Marianne Stein, und da in dieſem Augenblicke das Paar zum Vor⸗ ſchein kam, ſetzte ſie lächelnd hinzu: Richtig! Sie ſind's— Philippine von Calenberg aus dem Stifte Fiſchbeck und Otto von der Malsburg, zur weſtfäliſchen Geſandtſchaft in München gehoörig—, liebe Menſchen, aber eine etwas wunderliche Freundſchaft! Sehen Sie nur, wie viel ſte ſich zu ſagen haben! Während Beide in traulichem Geſpräch alle paar Schritte ſtehen blieben, ließen ſie ſich genauer betrachten. Die Dame ging in einem modiſchen weißen Filochekleide mit geſtickten Streifen, die aus lauter in einander laufenden rothen und filbernen Herzen beſtanden; ihr weißer Hut war mit Stroh wie ein Blumenkörbchen voll eingelegter Roſenguirlanden eingefaßt. Sie mochte einige und vierzig alt ſein, ſtark und breitſchulterig gebaut, mit antik geformtem Kopfe, geiſtreichen Augen, kluger Stirne und lebhaften Geſichts⸗ zügen. Auffallend war die Obexlippe durch einen Schmuck dunkler Härchen ausgezeichnet, wie ſolche kaum ſo ſtark bei Frauen ſüdlicher Länder vorkommen. Ihr Begleiter, viel⸗ leicht ſoviel in die zwanzig, als ſie in die vierzig alt, ſah blaß und ſchmächtig aus, beſonders in der dicken weißen Halsbinde mit aus einander gezupfter Schleife. Seine ari⸗ ſtokratiſchen Formen hatten etwas Zartes, Schmachtendes, ja Frommergebenes; ſeine Züge verriethen Herzensgüte und unter dem Sprechen ein ſchalkhaftes Lächeln des Witzes. Beide führen einen poetiſchen zärtlichen Briefwechſel, ſagte die Dechantin, und haben ſich kürzlich zu einem Rendezvous in Caſſel zuſammengefunden, woher ſie jetzt einen Ausflug zu befreundeten Familien auf dem Lande machen. Eben traten ſie ein, und in der Art, wie ſie ſich darſtellten, gingen ſie ſehr aus einander. Dem jungen Diplomaten fehlte es nicht an Weltmanieren, die aber etwas zart Befangenes hatten. Die Calenberg ſtuͤrmte dagegen, ſüßlich eraltirt, in ungraziöſen Bewegungen auf die Begrüßten los. Die Unterhaltung bei Tafel, nachdem ſich der Oberſt von Dörnberg ebenfalls eingefunden, lief anfangs in leb— haftem Wechſel über verſchiedene Gegenſtände, bis das fremde Paar ſich der artigen Aufmerkſamkeit der kleinen Geſellſchaft bediente, um in ſeiner Sentimentalität ſich des Geſpräches faſt ausſchließend zu bemächtigen. Otto Mals⸗ burg erzählte von München und wie ſehr ihn anfänglich der allzu freie Ton der leichtfertigen Societät entſetzt habe. Es hat aber gar nichts an unſerm lieben Otto ver— dorben, beſte Marianne! verſicherte die Calenberg gegen die Dechantin. Ich finde noch ganz die alte Reinheit und Innigkeit in ſeinen Briefen, wie in ſeinem Umgang. Dank dem Himmel, der mich auch bei Zeiten in einige edle und zartgebildete Familien jener luſtigen Stadt ge⸗ rettet hat! erwiderte der junge Legationsſecretär. Und liebenswürdige Frauen walten darin, mein theu⸗ rer Otto? fragte ſie mit einem Tone, der nicht ganz frei von Eiferſucht der Freundſchaft ſchien. Bin ich nicht von Kindesbeinen auf von Frauenhän⸗ den geführt, an das edle, ſorgendtreue, liebebildende Ge⸗ ſchlecht gewieſen, theure Philippine? entgegnete er. Ich rede nicht blos von meiner amerikaniſchen Mutter, der wackern Tochter Sir Ch. Eggerton⸗Leights, deren kränk⸗ liches Kind ich war; nicht von der ſeligen Tante, jener in ihrer ſteten Leichenbläſſe mir unvergeßlichen Frau meines edeln Oheims, die durch ihre wunderbare Stimme früh die Liebe zum Geſang in meiner Seele weckte. Mit dieſer Liebe regte ſich ebenſo bald in mir der Trieb zu dichten. So darf ich wol mein Träumen während der langwieri⸗ gen Drüſenleiden meiner Kindheit nennen. Ausgeſchloſſen von den wilden Spielen der Knaben war ich in mein Inneres, zu denken und zu dichten, getrieben. Eine ſchwere, ſchmerzliche Cur gab meinem jugendlichen Geiſte die ernſte Stimmung, die zu mildern Sie, theure Phi— lippine, mir vom Himmel zugeführt wurden. Nun ja, mein Otto, verſetzte die Calenberg. Ein eigenes Verhängniß trat mit den reinſten Bezügen des Familienlebens zwiſchen uns, und vermittelte das herzliche Vertrauen; Ihnen fehlte nämlich die Schweſter, ich hatte keinen Bruder. Bei dieſen Worten begegneten ſich die lächelnden Blicke Lina's und Hermann's, die einander gegenüber ſaßen; Lina rechts dem Oberſten, Hermann links der Stiftsdame von Uslar. Ueberhaupt ging ein lebhaftes Kreuzfeuer ſchalkhafter Blicke zwiſchen den zuhörenden Gäſten; denn bereits fuhr der Geſandtſchaftsattache fort: Aber Sie vergeſſen ein Zweites, Philippine: unſere poetiſche Verwandtſchaft. Wir laſen zuſammen, wir tauſch⸗ ten unſere lyriſchen Verſuche aus. Und zuletzt haben Sie mir noch die befriedigendſte Aufgabe für meine ganze poetiſche Zukunft geſtellt; Sie haben mich zu Calderon geführt, und ich verdanke Ihnen meine ſeligſten Stunden. Wie entzückt, wie erfüllt mich dieſe von Wundern ge⸗ tragene, vom Glauben verklärte Welt jenes poetiſchen Ge⸗ nius, der ſeine Bühne zwiſchen dem Theater und der Kirche ſchwebend erhält! Seitdem lebt und webt mein Geiſt in Spanien und im Dienſte dieſes„Königs der 297 ſpaniſchen Bühne“, wie ihn ſeine Landsleute ſo treffend bezeichnen. Mit vergnügtem Lächeln verſetzte hierauf Philippine gegen die Tiſchgenoſſen gewendet: So erkennt manchmal ein weibliches Herz das wahre Geiſtesbedürfniß eines lieben Freundes beſſer als er ſelbſt. Die oft angefachte Andacht zu Goethe wollte doch bei Otto immer nicht recht verfangen. Die Welt unſers Dichters lag ja auch nicht unter ſo chriſtlichem Himmel, wie Cal⸗ deron's. Damals, als ich Sie mit dieſem erhabenen Ge⸗ nius bekannt machte, lieber Otto, mit Calderon, kannte ich ihn nur aus den wenigen Stücken, die Auguſt Wil⸗ helm Schlegel ſo vortrefflich überſetzt hat; jetzt leſe ich ihn in ſeinem eigenen herrlichen Spaniſch. Und werden mir bei meiner Ueberſetzung rathen und Sie ſind ſo glücklich in Reimen und Aſſonanzen, theure Philippine! Mit vergnügtem Lächeln wendete die Belobte ſich an beiſtehen koͤnnen. die Dechantin: Sie kennen wol noch nichts von Calderon, liebe Marianne? Und als dieſe verneinte, fuhr ſie fort: Es iſt auch eine ganz neue Eroberung, die wir in Spanien gemacht haben. welche wunderbare Dramen dieſer göttliche Poet gedichtet hat. Ich werde Ihnen die Schlegel'ſche Ueberſetzung mit⸗ theilen. Ich lebe und webe ganz in Spanien. Wir auch, meine Gnädige, nur in andern Stücken! bemerkte Dörnberg ironiſch. Aber Sie denken ſich gar nicht, Wirklich? erwiderte ſie, in ihrem Eifer misverſtehend. O ja, die Spanier ſind außerordentlich reich an dramati⸗ ſchen Sachen. Auch über Calderon's Stücke kann man ver⸗ ſchiedener Meinung ſein, indem einige„Die Andacht zum Kreuz“, andere„Die Brücke von Mantible“ oder„Der ſtandhafte Prinz“ vorziehen; ſoviel iſt aber gewiß, daß in Deutſchland„Das Leben ein Traum“ das größte Gluͤck machen muß. Das war aber für Doͤrnberg's Geduld zuviel. Sonſt. von ritterlicher Artigkeit gegen die Damen und mit ſei⸗ nen Gedanken ſchweigſam wie ein Oranien, konnte er mit ſeinem Spott nicht mehr an ſich halten. Was Sie ſagen, gnädige Calenberg! rief er aus. Das Leben ein Traum? Was doch unſer alter Adel ſich ſo verdient um die Welt macht durch ſo zeitgemäßes Ueber⸗ ſetzen! Wir beſitzen ein altes deutſches Original- oder Nationalſtück—„Träumerei ein Leben“ geheißen. Da⸗ mit iſt es aber nun aus, ſeitdem uns die dickſte, derbſte Wirklichkeit mit Küraſſirregimentern und Vierzigpfündern über den Nacken ſtürmt, und unſere ſentimentale Haut zu ihren Trophäen verarbeitet. Wie gut, wenn Sie uns nun dies harte Leben zu einem Traum überſetzen! Irre ich aber nicht, ſo zieht dies Stück in Spanien ſelbſt nicht mehr. Sie haben jetzt dort ein ganz neues, das ſie auf— führen: Das Leben ein Kampf. Nun ja, das wäre nun ſchon eher nach meinem rohen Geſchmack. Was meinen Sie, gnädige Dechantin, wir ſind ja doch auch von Adel, und ſollten etwas für die unglückliche Zeit thun: wollen wir uns nicht etwa ins Spaniſche überſetzen? Die Dechantin hoffte durch einen Scherz den guten Ton wieder herzuſtellen, und ſagte lächelnd: * — Sie vergeſſen, lieber Oberſt, daß ja ſchon mit einem weſtfäliſchen Bataillon leichter Infanterie der Anfang ge— macht iſt. Vielleicht folgen die Chaſſeurs⸗Carabiniers nach, und ich wäre ſelbſt verlangend zu vernehmen, ob der Oberſt derſelben gereimt oder ungereimt ins Spaniſche käme. Jedenfalls in Aſſonanzen! rief Dörnberg, und müßte ich den Beiſtand unſerer darin ſo glücklichen Stiftsdame Calenberg in Anſpruch nehmen. Sind Sie auch für das Spaniſche, oder für— Leben ein Traum, Herr Heiſter? Verzeihung, Herr Oberſt! verſetzte Ludwig. Ich bin vielmehr der Meinung, daß es an der Zeit wäre, zu erwachen, und wenn wir nicht ganz für verſchlafen gel— ten wollen,— daß wir aufſtehen. Eine augenblickliche Pauſe der Verlegenheit entſtand, bis die Dechantin halb ernſthaft, halb ſcherzhaft ſagte, in⸗ dem ſie ſich erhob: Wie die Herren befehlen; ja, wir wollen aufſtehen. Das Deſſert iſt zwar noch zurück, wir können es aber auch im Garten nehmen, wohin ich ohnehin zum Kaffee bitten wollte. Es iſt auch gar ſchwül hier geworden; das macht etwas ungeduldig! Sie befahl dem aufwartenden Diener, das Deſſert in den Garten zu ſchaffen, gab dem Oberſten den Arm und ging mit einladender Bewegung gegen die Uebrigen voraus. Unterwegs ſagte ſie: Sie ſind ein wenig zu rauh mit der guten Calenberg umgegangen, lieber Dörnberg. Ich habe Sie gar nicht wieder erkannt. War's denn auch zum längern Aushalten? verſetzte er. Sagen Sie mir, was iſt das für ein Verhältniß zwiſchen dieſen zwei ſo ungleich ausſehenden Menſchen, die ſich ge⸗ funden zu haben ſcheinen, um ein verkehrtes Paar zu ſpielen? Muß denn die alte Schwärmerin den jungen,& unzeitigen Menſchen mit ſüßen Redensarten verzärteln, wie man unreife Wallnüſſe mit Zucker einmacht? Erkräftigen ſollte ſie ihn mit ihrer Freundſchaft. Du Sprößling einer „———„—· alten Ritterfamilie, ſollte ſie ihm ſagen, laß die Andacht zum Kreuz jetzt, wo ſoviel hoher Adel vor dieſen über⸗ müthigen Franzoſen zu Kreuz kriecht; laß die Brücke von Mantible und werd' ein Mann, oder— ich, ich über⸗ nehme den Bart! Herr von Dörnberg! rief mit verweiſendem Tone die kleine Dechantin, und der Oberſt neigte ſich auf ihre Hand, indem er artig ſagte: Verzeihung, meine gnädige Freundin! Aber— ich dachte, eine ſo ungewöhnliche Naturgabe, wie der Calen⸗ berg verliehen iſt, dürfte für eine höhere Beſtimmung gel⸗ ten wollen, als für das Zeichen eines Talents zum Ueberſetzen! Achtes Capitel. Ein Maßliebchen. Im Garten wandelten die Gäſte, der Dechantin fol⸗ gend, über die Blumenterraſſe hinauf durch das Buſch⸗ werk nach dem Gartenhauſe, wo man einen artigen Aus⸗ 301 blick hatte und das Deſſert aufgetragen wurde. Dörn⸗ berg war wieder Herr ſeiner Unbefangenheit, und unter⸗ hielt die noch etwas verſtimmte Geſellſchaft. Den Kaffee wartete er aber nicht ab, da er ſelbſt mit der Frau Dechantin und Herrn Heiſter beim Oberforſtmeiſter zu ſolchen Taſſen erwartet wurde. Nachdem er durch einige artige Reden den Eindruck ſeiner diesmal gegen Damen ſo unbewachten Hitze wieder gut zu machen geſucht hatte, empfahl er ſich mit dem Auftrage der Dechantin, ſie zu entſchuldigen. Gegen die Calenberg gewendet, ſagt er, in den zuweilen nach Witz jagenden Ton der poetiſchen Dame eingehend: Ich hoffe, meine Gnädige, daß ich nicht mit Ihrem zür⸗ nenden Nachſehen, ſondern mit Ihrer gütigen Nachſicht ſcheide. Beſter Oberſt, verſetzte ſie, ich weiß ſchon von länger her, daß man nur durch Dörner zu Ihrem Berg gelangt. Charmant! rief er, und ſetzte mit ſehr ſchalkhaftem Blick hinzu: 1 Den Berg haben wir mit einander gemein, aber Calenberg hat freilich andern— hat ppoetiſchen Bezug, indem man mit der erſten Silbe Ihres Namens ebenſo wol nach Calenberg als zu Calderon kommt. ₰ Aber das iſt höchſt liebenswürdig bemerkt, beſter Oberſt! rief Philippine, in die Hände klatſchend. Das geht über Alles! Kommen Sie, das verdient eine Patſchhand. Sie küßte ihre Rechte und reichte ſie ihm hin. Dörn⸗ berg drückte ſie an ſeine Lippen, und verneigte ſich im Halbkreiſe mit einem feurigen Blick nach der ſchönen Frau Heiſter, ſeiner Tiſchnachbarin. Ludwig begleitete ihn. 4 Um nun den gewiſſermaßen aufs Trockene geſetzten jungen Geſandtſchaftsattache wieder in den Fluß der Un⸗ terhaltung zu ziehen, fragte die Dechantin nach jener blaſſen Frau ſeines Oheims, deren er anfangs gedacht hatte. Ich habe ſo viel Herrliches von ihr gehört, ſagte ſie, daß es mir recht leid thut, nicht zu ihrer Bekanntſchaft gekommen zu ſein. Und ſie iſt es, ſagten Sie, die zu⸗ erſt Ihr poetiſches Talent geweckt hat? Ja wohl, gnädige Frau! antwortete er mit dem Aus⸗ druck von Empfindſamkeit. Jene geiſt⸗ und ſeelenvolle Frau gab ſich auf des Oheims Schloſſe viel mit mir kränklichem Knaben ab. Und ich, leidend wie ich war, hing an der Leidenden mit ahnungsvoller Seele. Durch manche Täuſchungen im Leben hatte ſte endlich den Troſt edler Poeſie gewonnen. Sie glaubte in meinem Auge, in dem Aufblicke des blaſſen Knaben, etwas von dichteriſcher Weihe zu erkennen, und ſegnete mich in gerührter Stunde zu dieſem hohen Beruf ein. Dies Alles, und jene Stun⸗ den auf Eſcheberg, wurde jüngſte Nacht ſo lebhaft in mir, daß ich es halb träumend in Reim und Reihen zu faſſen ſuchte. Wenn Sie mir erlauben, leſe ich Ihnen die eine Strophe, die ſich auf jene Liebe der Seligen bezieht, vor. Er nahm aus einem geſtickten kleinen Notizbüchlein ein Blättchen Papier und las: Du ſiehſt mich an ſo mild wie immer, Weil ich mitleidig aufgeſchaut, Und führeſt mich mit auf dein Zimmer, So heimatlich, ſo reich und traut. Dort drückſt du an die Bruſt mich Kleinen, Und deine Thränen rinnen ſtill; Ich muß ſo innig mit dir weinen, 4 Und weiß nicht was es ſagen will. — War nun ſchon die Calenberg, die ebenſo leicht in Sentimentalität fallen, als mühſam nach Witz jagen konnte, von dieſer Strophe ſehr ergriffen, ſo wurde ſie durch Otto's weitere Zeilen— Du litteſt viel, und im Geſange Verſöhnteſt du der Erde Leid; Ich ſinge noch, wer weiß wie lange, So theil' ich deine Seligkeit— aufs tiefſte erſchüttert, und brach über dieſe vermeintliche Todesahnung ihres jungen Freundes in ſchluchzende Thrä⸗ nen aus. Dieſer unverhoffte Zwiſchenfall erſchwerte die Bemü— hung der guten Dechantin um eine gemeinſame Unterhal⸗ tung ihrer kleinen Geſellſchaft. Sie ſaß in wahrer Pein zwiſchen dem doppelten, aber ſo verſchiedenen Paar. Und hatte früher die heitere Liebenswürdigkeit des bürgerlichen Paares bei dem adeligen Sinn des ariſtokratiſchen nicht verfangen, ſo wollte jetzt die adelige Sentimentalität wie⸗ der nicht in die bürgerlichen Herzen eindringen. Ueberfluß und Trockenheit wollte ſich in der Converſation nicht aus⸗ gleichen. Lina empfand dieſe Misſtimmung, winkte Her⸗ mann und erhob ſich zum Fortgehen. Die Dechantin faßte ihre beiden Hände, und umarmte ſie mit der ſchalk⸗ hafteſten Güte ihrer ſchönen blauen Augen. Und Her⸗ mann, der noch vor kurzem in Verlegenheit war, was er mit dem allerliebſten Händchen einer Creolin anfan⸗ gen ſollte, hatte nun ſchon eine recht anſtändige Fer⸗ tigkeit erlangt, ſich auf die Hand einer Stiftsdame zu verneigen. auch nichts zu Stand. 304 Beide, Hermann und Lina, kamen auf dem ſchwülen Heimwege leicht und heiter über die Erlebniſſe des Mit⸗ tags hinaus. Früher als geſtern, und von innen wie von außen bewegter an der Wohnung angelangt, lenkte Hermann nach der Gartenlaube. Lina bat ihn aber, erſt einen Augenblick mit ins Haus zu treten. Ohnehin dachte ſte erſt ſich umzukleiden. In dem kühlern Zimmer zog ſie ihren Levantin⸗Fichu dichter um die Schultern, und ſagte mit herzlichem Tone:— Du willſt alſo morgen wirklich nach Caſſel zurück, Hermann? Er bejahte, und ſie fuhr fort: Mein Gedanke war, du bliebeſt, bis du zu einer Er⸗ klärung gegen Bercagny recht gefaßt und frei im Herzen wäreſt. Das ſcheint mir noch nicht der Fall zu ſein. Nun dich aber, auf der Mutter ihr Briefchen, ein län⸗ geres Bleiben nur noch mehr beunruhigt, will ich dir nicht weiter zureden. Doch darf ich wol fragen, was du nun in der Sache thun willſt? Du biſt gewiß mit dir ſelbſt einig; darf ich's im ſchweſterlichen Vertrauen wiſſen?„ Du vor Allen, liebe Lina, ſagte er, beim Gedanken Wan ſein Scheiden weicher geſtimmt. Ich werde Ludwig's Rath in einem Stück befolgen, nämlich thun, als merkte ich die falſche Abſicht Bercagny's nicht, und ſo mit Tau⸗ benliſt der Argliſt begegnen. Das Geld aber zu behal⸗ ten kann ich mich durchaus nicht entſchließen,— unbrauch⸗ bare Arbeit blos zum Schein liefern, nein, das kann ich nicht; es widerſtrebt meinem tiefſten Gefühl. Ich bring' 30⁵ Das iſt mir lieb, fiel ſie heitern Blicks ein;— folge darin deinem Herzen! Ich weiß zwar noch nicht, fuhr Hermann fort, unter welchem Vorwand ich das Geld zurückgebe, ohne mich zu verrathen. Ludwig hat Recht, daß Bercagny dadurch auf⸗ merkſam und mistrauiſch werden könnte. Warum ſollte ich das Geld nicht behalten, und doch Arbeit liefern wol⸗ len? Aber, ich finde gewiß noch eine Auskunft dafür. Ja wohl, Hermann, entgegnete Lina herzlich. Wenn ich aber deinem Gefühl darin Recht gebe, ſo will ich nicht ſagen, daß Ludwig's Rath nicht gut oder nicht ehrlich wäre: nein, er iſt gewiß der Vorſicht und Klugheit ganz gemäß. Ludwig hat einen außerordentlichen Scharfſinn für den Augenblick, für vkirgend eine überraſchende Ver⸗ legenheit, und handelt überhaupt mit großer, oft raſch durchblickender Umſicht. Im erſten Augenblicke muß man ihm auch folgen, ſo ſehr überwältigt ſein Verſtand unſer hülfloſes, oft ſogar widerſtrebendes Gefühl. Du haſt aber Zeit gehabt, deine eigene Anſicht zu Rath zu ziehen; auch iſt ja Eines nicht für Alle, weißt du. Und die Klug— heit gilt uns ja nicht für das Höchſte und Unbedingteſte. Nicht wahr? Gewiß, mit Klugheit gewinnt man vielleicht die ganze Welt; allein, wenn man ſich ſelbſt dabei ver⸗ liert, was iſt dann der Reſt noch werth? Nicht wahr, Hermann? Wie wahr und ſchön ſagſt du das, beſte Lina! rief er hingeriſſen. Sieh', da bringſt du mich gleich auf einen Gedanken, oder vielmehr nur auf einen Vergleich zu dei⸗ nem herrlichen Gedanken. Wonans auch immer die Welt nach ihrer Urgeſtalt— im Kleinſten wie im Größten— Koenig, Jeroͤme's Carneval. I. 20. erſcheint, ſei's in einem Tröpfchen Maithau, oder in den Sphären einer ſternhellen Winternacht, in den heißen Blutkügelchen, die ein liebendes Menſchenherz durch ſelige Pulſe treibt, oder in den kühlen Perlen, die deinen rei⸗ nen Hals ſchmücken, Schweſter Lina: überall nimmt ſie die Form an, die wir unſern Nullen geben, denen erſt eine Ziffer, die für ſich ſelbſt zählt, vorgeſetzt werden muß, wenn ſie mitzählen und etwas bedeuten ſollen. So iſt es mit allen Erſcheinungen der unendlichen Welt: ſie ſind erſt vorhanden, ſie gewinnen erſt eine Bedeutung, wenn ein erkennender Geiſt vor ihnen ſteht. So meint es auch mein großer Lehrer Fichte, wenn er ſagt, die Welt ſei gar nicht anders vorhanden, als durch das Ich, — durch den Geiſt. Und ſo ſinken die tauſend Dinge, die wir erleben, für ſich ſelbſt zu Nullitäten herab, die erſt durch ein menſchliches Selbſt eine Bedeutung ge⸗ winnen.. Wie prächtig, Hermann! rief ſie und drückte ihm die Hand. Aber ich denke, nicht blos ein erkennendes, ſondern auch wollendes Selbſt. Beim bloßen Erkennen kommen wir Frauen leicht zu kurz. Ich meine daher im⸗ mer, der Wille macht unſern Werth. Nicht wahr? Eigentlich ja, Lina. Der Wille macht unſer Ich, und das Ich ſetzt ſeine Welt.—— Sie blickten einander innig lächelnd an, bis Hermann mit einer gewiſſen Verlegenheit oder Verſchämtheit ausrief: Du biſt ſo lieb, ſo herrlich, Lina! Weißt du, was ich mir wünſche? Ich bekäme einmal eine Frau, die halb ſoviel werth wäre, wie du! Wie galant das Brüderchen iſt! rief ſie, wobei ſie, 307 ihre Bewegung zu verbergen, die Handſchuhe auszog und glatt zupfte. Jetzt bekomme ich in der Geſchwindigkeit noch, was du für Fräulein von Baumbach mitgebracht hatteſt, die heut leider nicht ins Stift kam. Geh', Lina, ſtoͤre mir den ſeelenweichen Augenblick nicht! lächelte er. Lieber laß mich dir aus der Fülle mei⸗ nes Herzens, das deiner und deines Glückes ſo froh iſt, jetzt ſtatt morgen früh Lebewohl ſagen. Morgen früh— bin ich zu nüchtern, oder ihr ſchlaft noch, wenn ich fort⸗ reite. Könnt ich dir ſagen, du liebe, herrliche Frau, wie innig beglückt ich mich fühle, daß ich euch gefunden habe, und daß ihr mir ſoviel Vertrauen ſchenkt, ſoviel Antheil an euerm ſeligen Frühlingsbunde gönnt. Wie verlaſſen würde ich ohne euch in dieſem Caſſel ſein, wo es ſo luſtig und ſo liſtig zugeht, daß mir oft angſt und bange wird vor meiner Tölpelhaftigkeit! Nun hab' ich durch euch ein Haus, wo ich wie daheim bin, und eine Schweſter Lina durch dich, und wo ich luſtig und traurig ſein darf, wie's eben kommt, und— allen Dank der Welt, Lina! Und ſag's deinem Ludwig, Lina: Du verſtehſt mich beſſer, als ich's ihm ſagen könnte. Und— ſo lebe wohl! Und kommt recht bald nach, und— denke gut von mir, Lina! Er drückte ihre beiden Hände an ſeine Lippen, wobei von ſeiner innern Bewegung ein heißer Tropfen darauf fiel. Da haſt du einen Kuß, weil du ſo gut und ehrlich biſt! ſagte ſie leiſe, und hielt mit niedergeſchlagenen Augen den Mund hin. Ihr Halstuch fiel ihr dabei von der Schulter, und Hermann, der es raſch aufhob und es ihr darreichend beſcheiden zurücktrat, ſagte mit verlegenem Lächeln: 20* — —— —— Noch Eines könnteſt Du mir zum Abſchied ver⸗ ſprechen! Und—? Zieh' dies Kleid nicht mehr an,— ſo überhaupt keines, Lina! Nicht wahr, es ſteht mir nicht gut? fragte ſie be⸗ troffen. Das nicht; im Gegentheil—! ſtotterte er verlegen. Ich weiß eigentlich nicht warum. Geh' doch, ſagte ſie, und machte ſich mit ihrem Fä⸗ cher und den feinen Handſchuhen zu thun, du biſt ein Philoſoph, und wirſt nicht wiſſen warum! Nun— ſo thu's deinem Manne nicht zu leid! flü⸗ ſterte er. Der Dörnberg hat dich immer ſo keck an⸗ geſehen. Meinem Ludwig? rief ſie. Ei, der will's ja gerade. Warum hätt' ich's denn ſonſt angezogen? Er verlangt's ja, er hat's ja den Morgen von mir verlangt? Bei dieſen Worten erſchrak und erröthete ſie, als ob ſte ſich eben in eine kleine Unwahrheit verrannt hätte. Denn eigentlich war es doch mehr um Hermann's willen, auf ſeine geſtrige Aeußerung geſchehen. Und Hermann verſetzte Ludwig? Wahrhaftig? Nun dann— mußt du frei⸗ ich thun, wie's deinem Manne gefällt, und— wie du's vielleicht auch gern thuſt. Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, um nach dem Garten zu gehen.— Lina blieb eine Weile wie träumend ſtehen, indem ſie langſam ihr Tuch ſo feſt zu⸗ ſammenzog, daß ihre Hände ſich auf der tiefathmenden 1— T⸗ 5 309 Bruſt überkreuzten. Dann langſam aufblickend, ſtrahlten ihre Züge ein ſeliges Lächeln. Vielleicht war es blos Zufriedenheit darüber, daß der werthe Freund nun doch auf ihren Geſchmack zurückgekommen war. In dieſem Augenblicke ſah ſie Hermann am offenen Gartenfenſter vorüberwandeln, eilte hin und rief ihm nach: Hermann! Lina? Da haſt du meine Hand darauf: ich zieh's nicht mehr an. Er hatte eben ein Maßliebchen gepflückt in der Hand, und hielt es ihr mit den Worten hin: Weißt du, wie das auf Franzöſiſch heißt? Nein, Hermann. Marguerite, Margrethchen. Paßt ſo nicht für Lina. Nimm's deutſch,— da!— Ein ganzes Maß voll—! Danke! ſagte ſie erröthend. Es wächſt ja mit die⸗ ſem Namen auch für Bruder und Schweſter. Sie drückte, ins Zimmer zurücktretend, das hochrothe Blümchen an die Bruſt, ließ es hinabgleiten, und zog ſinnend ihr Tuch darüber, als ob es gelte, ein einge⸗ ſchlüpftes Geheimniß zu verhüllen. Aber ſie dachte nichts dabei, ſondern ging ſtill und lächelnd, ſich in ihr Haus⸗ kleid umzuwandeln. 8 Neuntes Capitel. Vor der Polizei. Hermann, mit grauendem Tag auf einem muntern Pferde vom Neuhof ausgeritten, traf bei guter Zeit in Caſſel ein. Nachdem er Lina's Aufträge an die Mutter beſtellt und die lebhafteſten Fragen der guten Alten be⸗ friedigt hatte, ruhte er von ſeinem ſcharfen Ritt aus, in⸗ dem er ſein Vorhaben noch einmal überdachte, und ſich in dem Vorſatze befeſtigte, Bercagny und den denkbaren Vorwürfen deſſelben gegenüber ein unbefangenes, aber würdevolles Benehmen aufrecht zu erhalten. Dann klei⸗ dete er ſich um und erwartete den beſtellten Lohndiener, der ihm das Geldpacket nachtragen ſollte. Denn obgleich das Polizeipalais, wie das eben nicht ſehr anſehnliche Haus im franzöſiſchen hohen Stil genannt wurde, nur eeine kurze Strecke von ſeiner Wohnung, an der Aus⸗ weitung des ſogenannten Steinwegs in die Fürſtenſtraße lag: ſo mochte Hermann doch nicht mit dem Packet vor Ber⸗ cagny treten, und mit der Zurückgabe ſeine Unterhand⸗ lung anheben. Ueberdies verſchlug es gegen ſeinen jugend⸗ lichen Stolz, ſich in eigener Perſon mit Geld, zumal mit dieſer ihm ſo fatalen Summe, zu ſchleppen. In dieſem Palais bewohnte Bercagny den erſten Stock, pflegte aber zu gewiſſen Stunden in ſeinem Bureau im Erdgeſchoß die laufenden Sachen abzuthun. Heut war er —— „———,————,——·⸗& von ſeinem Frührapport beim König auf Napoleonshöhe ſpäter als ſonſt zurückgekommen, und gleich unten einge⸗ kehrt. Seine Miene verrieth keine ganz glücklich abge⸗ laufene Audienz. In der großen Uniform, finſter und in ſich gekehrt, ſaß er vor ſeinem Schreibtiſche, einen Haufen Ausfertigungen zu unterzeichnen. Er ſuchte ſeinen Mis⸗ muth zu unterdrücken, um ſeine Untergebenen die ungnä⸗ dige Quelle deſſelben nicht errathen zu laſſen, während er doch eigentlich Anlaß zur Unzufriedenheit ſuchte, um ſei⸗ nen Aerger mit einigem Fug loszuſchlagen.— Savagner, der Generalſecretär, ſtand neben ihm, und wagte bei die⸗ ſer Stimmung ſeines Chefs nicht, ihn zu den Unter⸗ ſchriften zu drängen, wie er zu thun pflegte, wenn er einige eigenmächtige Polizeierlaſſe unter die Ausfertigun⸗ gen gemiſcht hatte. Denn wenn dieſer verſteckte Mann manches Polizeigeheimniß, z. B. für den franzöſiſchen Ge⸗ ſandten, entwendete, ſo ſchleppte er auch wieder auf noch verwegenere Weiſe manches Papier ein, was für den Po⸗ lizeipräfecten, während es durch deſſen Hände ging, doch ein Geheimniß bleiben mußte. Savagner hatte ſo manche ſtille Beziehung in der Stadt, ja im Lande, der zu Lieb oder zu Leid er gern eine höhere Gewalt in Bewegung ſetzte, als ihm perſönlich verliehen war. Heut hatte er einen verfälſchten Zuſchlagsbeſcheid und ein eigenmächtiges Arreſtationsdecret unter den Signanden, und bangte bei der Wahrnehmung, daß Bercagny die Ausfertigungen vor der Unterzeichnung ſo ſcharf durchſah. Vergebens brachte er piquante Rapporte vor; es half nichts, bis ihm ein Petſchaft in der Taſche einfiel, das der geheime Siegel⸗ ſtecher Chenard abgeliefert hatte. Dies wirkte auf Be⸗ ſchleunigung der Unterſchriften, weil Bercagny das Pet⸗ ſchaft zu vergleichen eilte. Es beſtand nämlich im Po⸗ lizeilocal eine ſogenannte ſchwarze Kammer, in welcher die von der Poſt eingelieferten Briefſchaften geöffnet und bei ſehr anſehnlichen oder ſehr fleißigen Correſpondenzen mit nachgeſtochenen Siegeln wieder geſchloſſen wurden. Das neue Siegel enthielt das Wappen des Grafen von Har⸗ denberg, der ſeit kurzem viel nach Berlin und Königs⸗ berg ſchrieb, mitunter an ſeine Tochter Adelaide, die noch als Hoffräulein bei der Königin Luiſe von Preußen ſtand. Die Prüfung des Petſchafts geſchah ſehr vertraulich ſelbſt gegen den ab- und zugehenden geheimen Agenten Würtz, wie denn bei dem ganzen Geſchäft nur etliche Perſonen im Vertrauen waren, und Savagner ſelbſt ſtatt eines Abſchreibers die nöthigen Copien machen mußte. Bei der Poſt ward das Geſchäft vom Generalpoſtdirector Pothau, einem Schwager des Miniſters Fürſtenſtein, per⸗ ſönlich beſorgt. Dieſer ſchon bejahrte Mann, feiner In⸗ trigant, der ſeine Unkenntniß des höhern Poſtdienſtes un⸗ ter einer vornehmen Miene zu verbergen ſuchte, hatte ſich von ſeinem Schwager nur zum Schein für die deutſche Partei gewinnen laſſen, war aber mit Leib und Seele Bercagny ergeben,— homme souple et madré, wie ihn der rechtſchaffene Eblé ſpäter als Kriegsminiſter zu bezeichnen pflegte, um Pothau's verſchmitzte Geſchmeidigkeit damit auszudrücken. Nach dieſem Geſchäft berichtete Savagner über die Beſetzung einiger untergeordneten Polizeiſtellen, zu denen ſich deutſche und franzöſiſche Subjecte gemeldet hatten. Savagner ſchlug zwei Franzoſen vor; Bercagny aber er⸗ — ————ʒ—.————,——— 313 klärte, daß er auf dergleichen Poſten lieber Deutſche habe. Die von mir empfohlenen Franzoſen Ducrot und Fourmont ſind des Deutſchen mächtig genug, wendete der Generalſecretär ein. Mag ſein, was die Sprache betrifft, verſetzte der Chef; aber ich rede vom Charakter. Die Deutſchen ſind eifriger im Denunciren, im Angeben und Verrathen; ſoll ich ſa⸗ gen— die Deutſchen apportiren beſſer. Sie kennen ja doch Ihre Stammesgenoſſen, Savagner?—— Leider ſprach Bercagny aus einer Erfahrung, die da⸗ mals von den Franzoſen in Deutſchland überhaupt ge⸗ macht wurde. Die Polizeiagenten im Königreich Weſt⸗ falen waren lauter Deutſche, und hatten es, als die un⸗ bedingteſten Diener der Franzoſen, durch ihren Eifer ſo⸗ weit gebracht, daß ſogar im Polizeilocal das Wort Mou- chard für das ärgſte Schimpfwort galt, und daß keiner derſelben ohne beſondere Erlaubniß eines der Expeditions⸗ zimmer betreten durfte. Daß ſich Bercagny aber jetzt ſo ſtark ausdrückte, lag in ſeiner Verſtimmung und in einem heimlichen Widerwillen gegen Savagner, den er, wenn er gerade nichts Schlagenderes hatte, wol auch mit ſeiner deutſchen Abſtammung neckte. Denn dieſer verſteckte Mann, allerdings ein Elſaſſer, war ſo ſehr darauf erpicht, für einen Stammfranzoſen zu gelten, daß er ſeinen eigentlichen Namen Silveſter Alois(S. A.) Wagner in— Sa⸗ vagner zuſammengezogen hatte. Auf jenen Einwand des Polizeipräfecten verſetzte mit einiger Bitterkeit der Generalſecretär: Es iſt wahr, die Deutſchen ſind oft übertrieben dienſt⸗ eifrig, ich möchte aber ſagen, aus eingefleiſchter Gerechtig⸗ keitsliebe und Pflichttreue. Sie ſind dabei aber nicht ſo pfiffig und ſo ſpitzbübiſch auf ihren Vortheil, wie unſere Franzoſen auf andern, auch höhern Poſten, und ſie ſu⸗ chen ſich gefällig zu erweiſen, wo unſer hergelaufenes Geſindel bettelhaft und brutal zugleich erſcheint. Ich kenne einen unſerer Agenten, der Ihnen, Herr Ritter, ſehr fleißig apportirt, ſeinen Pudel aber von einem Franzoſen ſche⸗ ren läßt. 7 Brav, lieber Savagner, rief Bercagny, brav, daß Sie Ihre Race ſo zu ſchätzen wiſſen. Vergeſſen Sie eine gute Eigenſchaft derſelben nicht: ſie greifen auch da zu, wo der Franzoſe ſeine Hand ſelbſt im Handſchuh zu⸗ rückzieht. So ſcheinen mir auch dieſe beiden, Ducrot und Fourmont— ſie waren bei mir—, gar ſubtil. Wir wollen ſie lieber in die Livree einiger der deutſchen Fa⸗ milien bringen, aus denen wir Nachrichten brauchen. Für dergleichen hat ein Franzoſe ein feineres Auge und Ohr. Beim Grafen Oberkammerherrn— wie? Haben wir denn da— 2 Ja, die Kammerjungfer, die alte, geſchminkte Perſon. Würtz macht ihr den Hof. Wie befehlen—? rief hier, als er ſeinen Namen hörte, der Agent, der mit Bercagny's Aufträgen beſchäf⸗ tigt, eben wieder herein und an den Spiegel getreten war. Sie bearbeiten die Kammerjungfer bei Oberkammer⸗ herr— heißt das, bei der Oberhofmeiſterin? fragte Ber⸗ cagny. Nun ja, Herr Ritter! ſchmunzelte Würtz. Diesmal klopfe ich auf den Eſel, aber ich meine den Sack. ke 345 Ich weiß wohl, Würtz, ſtichelte der Chef, es ſind keine herzlichen, ſondern— geſchminkte Sympathien! Und gegen Savagner gewendet, fuhr er fort: Aber der Oberſt, Prinz von Salm, ſucht einen fran— zoͤſiſchen Kammerdiener. Sprechen Sie mit Fourmont. Ein gewandter, hübſcher Burſche! Schicken Sie ihn hin, und wenn er angenommen wird, weiſen Sie ihn gehörig an. Und wie heißen die beiden Deutſchen? Schädtler und Henzerling, antwortete Savagner. Gut! Alſo Schenzerling und Hädtler! Nehmen Sie diesmal dieſe braven Deutſchen! Aber— ſcharf inſtruirt! Sie verſtehen mich, Savagner! Und nun Sie, Würtz! Ich bin ſehr unzufrieden mit Ihnen! Würtz, der ſich eben vor dem Spiegel in ſeine künſt⸗ lich geordneten Stirnlöckchen vertieft hatte, ſchrak zuſam⸗ men. Es war eine lange, ausgetrocknete, gichtiſche Ge⸗ ſtalt, das Geſicht von Liederlichkeit geſtempelt, geſchminkt, worauf Bercagny eben geſtichelt hatte, und an Kinn und Naſe ſcharf ausgeſpitzt. Das matte Auge ſchwamm in ſcheuen, unſichern Blicken; der breite Mund war mit ſchwarzen, morſchen Zähnen beſetzt. Ein braunes, glanz⸗ loſes Haar umgab noch dicht einen kleinen Kopf, und fiel mit ſorgfältig gekräuſelten Tituslöckchen auf die öde, le⸗ derne Stirne. Wie er auf Bercagny's Schreckwort her⸗ beiſtürzte und ſich tief verneigte, verbreitete ſich aus dem feinen modiſchen Anzuge der ſtarke Duft wohlriechenden Waſſers um ihn her. Unzufrieden mit Ihrem eifrigſten, unbedingteſten Die⸗ ner? rief er mit kriechenden Geberden aus. Sie ver⸗ dammen mich zum unglückſeligſten Menſchen, Herr Ritter! eeeene — Ich muß bei Ihnen verleumdet worden ſein. O ich habe Feinde, mein Gebieter! Alle ſind wider mich unter mei⸗ nen Collegen, denen ich es an Pünktlichkeit und Eifer zuvorthue. Würtz, ein Deutſcher, ſprach das Franzöſiſche geläufig, aber in Accent und Ausdrücken der niedern Volksclaſſen, unter denen er es aufgeleſen und geübt hatte; wogegen ſein Deutſch, wenn er es ſprach, affectirt-fein und ge⸗ ſucht herauskam. 8 Eifrig nennen Sie ſich? fuhr ihn Bercagny an, und ſein verhaltener Mismuth fand jetzt einen Durchbruch. Zum Teufel mit Ihrem Eifer! Kommen Sie mir nicht immer mit Ihren Floskeln, die Sie bei Marketenderinnen aufgeleſen haben. Legen Sie meinethalben Roth auf, ſo dick Sie wollen, nur keine hochtrabenden Betheuerungen! Leiſtungen rechtfertigen den Polizeiagenten; und wo ſind Ihre Thaten, Würtz? Ich dächte, Sie müßten ſich doch beſſer kennen, denn Sie verſäumen keinen Spiegel, dem Sie nahe kommen. Was haben Sie in jüngſter Zeit an den Tag gebracht? Spiegeln Sie ſich einmal in den Po⸗ lizeiſtrafregiſtern! Apropos! Das geht auch Sie an, Sa— vagner! Die Polizeiſtrafen vermindern ſich auf eine ſchreck⸗ liche Weiſe, wie ich aus den Tabellen geſehen. Die Geſetze fangen an, heilſam zu wirken, Herr Rit⸗ ter! entſchuldigte der Generalſecretär. Die Gewohnheiten der Ordnung und des Gehorſams durchdringen immer mehr die verbrecheriſchen Schichten der Geſellſchaft und die ſonſt ergiebigen Claſſen der Bewohner; ſo kommen die Verbrechen und Vergehen in Abnahme. Iſt uns aber damit gedient? ſchalt Bercagny. Ge⸗ 317 wohnheiten der Ordnung, ſagen Sie; wo ſoll's denn aber mit den Gewohnheiten der Strafkaſſe hinaus? Man muß Verbrechen ſchaffen, Vergehen improviſiren, inoculiren, wenn's daran fehlt. Die Strafgelder können wir einmal nicht entbehren, das wiſſen Sie doch. Ha, ich werde einen Theil der feſten Gagen auf Procente der Strafgelder ſetzen müſſen, um den Herren dieſen Gegenſtand mehr ans Herz zu legen. Und nun, Würtz, ſpeeificiren Sie mir einmal Ihren Eifer! Was haben Sie z. B. über den Baron Rehfeld ausgemacht? O ich bin ihm jetzt an den Hacken, mein Gebieter! prahlte Würtz. Er beſucht ſeit kurzem auch den Kapell⸗ meiſter Reichardt, und ich habe geſehen, wie er ſchon auf der Haustreppe Briefe unter der Weſte hervorzog. Alſo ſehr brennende, ſehr preſſante Papiere! Hinter ſeine Ge⸗ heimniſſe zu kommen, wollte ich erſt durch meine eigene Frau—, die in ſolchen Operationen— nun bekanntlich! Sie ſehen, wie abſolut ich in meinem Beruf zu Werke gehe! Aber ich beſorgte, er möchte ſie kennen. Meine Gattin iſt aus Halle— nun ebenwohl bekanntlich! — und ſie erinnert ſich, Herrn von Rehfeld dort geſehen zu haben. In Halle? Alſo aus Halle? Da, wo die Studenten dem Kaiſer das Pereat—? fragte nachdenklich Bercagny, und Savagner, vorhin im Beiſein dieſes Würtz dienſtlich gehudelt, ergriff die Gelegenheit, ſeine Autorität gegen denſelben durch Spott und Späße an ihm wieder herzu⸗ ſtellen, indem er einfiel: Ja, Herr Generaldirector, die Dame Würtz iſt aus Halle, und heißt noch jetzt im Publicum die„Halliſche wobei er unter tiefen Verneigungen das Taſchentuch einſteckte. 318 Rike“. Nämlich Friederike, eine geborene Wanz, cela veut dire„punaise“; ſehr gewandt, ſehr geübt, und Mancher, den ſie heimgeſucht, juckt ſich noch heut nach ihr. Bei dieſen loſen Worten warf ſich Würtz in die Bruſt und erwiderte mit Gravität: Beſagte Friederike iſt derzeit meine Gattin, und die hohe Polizei hat alle Urſach, mit ihren Verdienſten zu⸗ frieden zu ſein. Dies bekanntlich! Hat ſie in ihrer dann⸗ und wannigen Miſſion ihre Tugend einmal in die Schanze ſchlagen müſſen, ſo war es auf große Effecte abgeſehen. Unſer gebietender Herr Chef weiß, daß ſie, ohne Ruhm zu melden, noch jüngſt ganz artige Enthüllungen aus den erſten Familien beigebracht hat, und ich darf bitten, daß man ſie reſpectire! Alſo Halle! ſprach Bereagnn vor ſich hin. Auch Rei⸗ chardt iſt aus Halle. Die Complote ſammeln ſich. Aber — was weiter, Würtz? Fächeln Sie nicht ſo heftig mit dem Taſchentuche! Ihre Parfüms ſind etwas zu ſtark. Auch darin verſehen Sie es. Ein geheimer Agent darf in keinem Geruche ſtehen. Sie brauchen zu vorlaute Waſſer. Ihre Eſſenzen eilen Ihrer liebenswürdigen Per⸗ ſon zu weit voraus, und verſcheuchen Alles, was Sie nur durch Ueberraſchung entdecken könnten. Warum lecken und waſchen ſich die Katzen ſo fleißig? Damit ſie nicht von dden Mänſen gerochen werden. Nehmen Sie ſich ein Bei⸗ ſpiel! Ein geheimer Polizeiagent muß in einer Wolke wandeln, wie die antiken Götter; aber— riechen darf man ihn nicht. Ihre Winke ſollen mir Befehle ſein! gelobte Würtz, ela und ihr. ruſt die zu⸗ nn- nze den. hm den daß kei⸗ ber mit ark. arf ute ter⸗ nur ind von ei⸗ olke arf rtz, kte. 349 Ich habe nun die ſchöne, reizende und ſehr durchtriebene Perſon, die als Mademoiſelle Lenchen Willig von uns patentirt iſt, engagirt, ſich dem Herrn von Rehfeld zu nähern, ſich ihm gefällig zu machen, und die wird Alles von ihm herauskriegen. Ich halte ihn für einen wirklichen Gecken, Herr von Bercagny, fiel Savagner ein. Ich habe ihn verſchie— dentlich und unbemerkt beobachtet, reden hören, han⸗ deln ſehen. Doch will ich Ihrem Scharfblicke nicht vor⸗ greifen. Ich muß Gewißheit über ihn haben. Auch Se. Ma⸗ jeſtät der König hält ihn für verkappt, und will, daß ich ihn überwache. Machen Sie, daß die genannte Per⸗ ſon hinter ſeine Correſpondenz kommt. Es iſt mir ver⸗ dächtig, daß die Poſt faſt gar nichts an ihn bringt. Und Sie haben doch geſehen, Würtz, daß er Briefe zu Rei⸗ chardt getragen hat. Auch an andere verdächtige Perſo⸗ nen kommt nichts mit der Poſt. Welche Schleichwege der Correſpondenz beſtehen noch? Es iſt abſcheulich, was im untern Dienſt Alles lahm und träge geht. Dieſer zähe weſtfäliſche Boden hängt ſich auch an die beſten franzöſi⸗ ſchen Inſtitutionen und hemmt ſie. Es beſtehen hier Verbindungen mit den preußiſchen Patrioten, es gehen Nachrichten aus England ein, es wird mit dem Kur⸗ fürſten correſpondirt, wir wiſſen das beſtimmt, und Keiner von unſern Leuten kann dahinterkommen, Keiner entdeckt eine Spur, nur ein Fadenendchen. Iſt das Eifer, iſt das polizeiliches Talent! Soll man euch nicht Alle zum Teufel jagen? Alles, was ihr ermittelt, Würtz und Conſorten, dreht ſich um liederliche Häuſer, um beſoffene Wirths⸗ 320 hausreden, die keinen Hintergrund, keine Perſpective ha⸗ ben; um unſchuldige Liebſchaften vornehmer Ehemänner, um Abendgeſellſchaften in der Euterpe oder Harmonie, im Appellationsclub; um die ſtillen Beſucher unſerer pa⸗ tentirten Amoretten u. dgl. Dorthin lauſcht ihr, über⸗ raſcht, ſteckt die baaren Abfindungen und Beſtechungen ein, und mir bringt ihr ausgedroſchene Berichte, taube Nüſſe, die ich erſt noch aufknacken muß, um nichts darin zu fin⸗ den. Aber von Verſchwörungen, von geheimen Verbin⸗ dungen auch nicht ein Pip. Nicht einmal vom offenkun⸗ digen Tugendbund etwas Beſtimmtes, etwas Geheimes. Ich glaube, ihr geht dem bloßen Wort aus dem Weg, wie der Teufel dem Weihwaſſer! Und nun müſſen wir uns von unſerm Geſandten in Berlin Winke erbitten, müſſen ſogar uns vom Marſchall Davouſt den Hohn bie⸗ ten laſſen, daß er uns von ſeinen Officianten ſchicken wolle, wenn wir nur Spürhunde mit ſtumpfen Naſen hätten. Ein Donnerwetter ſoll euch in den Boden ſchla⸗ gen, wenn ihr nicht in aller Kürze ſolche Mittheilungen ſchafft, die den Kaiſer Napoleon zufrieden ſtellen und Se. Majeſtät, unſern gütigen König, beruhigen. Selbſt ſo⸗ viel aufrühreriſche Schriften.— Apropos! Der Doctor— Detlef noch immer nicht zu Hauſe? Im demſelben Augenblicke wurde Doctor Teutleben angemeldet,— wie ja der Haſe, von dem man ſpricht, aus den nächſten Hecken zu ſpringen pflegt. Bercagny nickte, winkte den beiden Anweſenden, ſich zu entfernen, und ſtreckte ſich, die Beine über einander geſchlagen, in ſeinem Seſſel mit kalter Vornehmigkeit aus. So empfing er Hermann, der durch die den Abgegangenen entgegen⸗ — 24 ₰₰ 3 ha⸗ geſetzte Thür eintrat, über die Schulter blickend, mit iro⸗ uner, niſcher Freundlichkeit: onie, Ha, ſieh da, glücklich zurück? Haben ſich angenehm pa⸗ amüſirt und mich hübſch warten laſſen? über⸗ Hermann fühlte raſch heraus, daß er unartig behan⸗ ein, delt werden ſollte, faßte ſich aber in ſeinen guten Vor⸗ üſſe, ſätzen, ſchob mit artigen Geberden ſeinen Hut neben Ber⸗ fin⸗ cagny's Federhut auf den Tiſch, und nahm einen Stuhl. rbin⸗ Verzeihung, ſagte er, wenn ich fragen muß, worauf kun⸗ Sie gewartet haben? mes. Bercagny, von Ton und Haltung des jungen Man⸗ Weg, nes etwas betroffen, rückte ſich unwillkürlich aufrecht und wir ihm zugewendet, indem er ſagte: tten, Worauf? Wunderliche Frage! Ich denke auf Ihre bie⸗ Arbeit? Meinen Sie nicht auch? icken Meine Arbeit? Wenn ich mich recht erinnere, Herr aſen Ritter, hatte keinen Termin, verſetzte Hermann. chla⸗ Wetter noch einmal! brach Bercagny aus. Der Kö⸗ ngen nig, Seine Majeſtät, hat ſchon zum dritten mal darnach Se. gefragt! ſo⸗ Der Köͤnig? fragte Hermann, alles Ernſtes etwas erſchrocken. Ich bin in Erſtaunen! Sind Sie doch nicht in meiner Perſon irre? Verzeihung! Ich meine,— Sie eben reden doch von der Abhandlung, die— zum Verſtänd⸗ icht, niß beider Nationen, wie Sie mir ſagten, beitragen gny ſoll,— verſteht ſich, nach meinen geringen Kräften! nen, Bercagny fühlte, daß er ſich in ſeiner Aergerlichkeit in übereilt hatte, was aber ſeine Stimmung eben nicht ver⸗ fing beſſerte. gen⸗ Ganz recht! verſetzte er. Und davon habe ich Sr. Koenig, Jeröͤme's Carneval. I. 21 322 Majeſtät berichtet. Finden Sie das nicht in der Ord⸗ nung? Ich habe kein Urtheil über Das, was Ihres Amtes iſt, Herr Generaldirector! antwortete Hermann mit be⸗ ſcheidenem Tone. Aber ich konnte das doch nicht wiſſen. Und— ſo ſchmeichelhaft es für mich iſt, daß Se. Ma⸗ jeſtät nach dieſem Verſuche verlangen: ſo konnte ich mich doch nur nach der zwiſchen uns verabredeten Be⸗ ſtimmung meiner Arbeit ſelbſt richten. In dieſer Be⸗ ſtimmung aber liegt durchaus keine Eile,— wenigſtens wie mir ſcheint. Gedanken der Art, wiſſen Sie ſelbſt, dringen nur in ruhigen Zeiten in die Gemüther ein, gehen wie Samenkörner nur beim rechten Wetter auf, und es kommt daher, wenn ich nicht irre, mehr darauf an, daß etwas Rechtes und Wirkſames geleiſtet werde, als daß es auf den Stutz fertig ſei. Die Zeit zur Verſöh⸗ nung der Nationen durch Schriften ſcheint noch nicht ſehr dringend zu ſein. Auf dies letzte Wort blickte Bercagny den jungen Mann raſch und ſcharf an, weil er im erſten Augenblicke die innerliche Bewegung deſſelben, die ſich im bebenden Ton der Stimme verrieth, auf politiſche Geſinnung deutete. So? Glauben Sie? ſagte er mit argwöhniſchem Lä⸗ cheln. Aber auch dann durften Sie in der Rolle, die ſie einmal übernommen haben, nicht zoͤgern. Se. Majeſtät kennt die Beziehungen nicht, aus denen Sie, mein Herr, die Arbeit für nicht eilig halten, ſondern verlangt dar⸗ nach, und Sie wiſſen, daß die Ungeduld der Könige reſpectirt werden muß. ngen blicke nden nung Lä⸗ ie ſie jeſtät Herr, dar⸗ dnige Gewiß, Herr von Bercagny,— allen Reſpect vor den Befehlen Seiner Majeſtät! Aber dieſer Beweggrund meiner Arbeit wird mir ja eben erſt bekannt; es iſt ein Novum, etwas neu Hinzugekommenes. Die ſchlagenden Antworten Hermann's, denen man doch den Kampf der Selbſtbeherrſchung anmerkte, ſetzten den hochmüthigen Franzoſen, weil ſie ihn an ſeine Un⸗ geduld erinnerten, etwas außer Faſſung; ſodaß er in dem Grad, als er dieſelben mit ſeiner Autorität überbieten wollte, in die Unbeſonnenheit gerieth, zu der ihn ſein heftiges Temperament nicht ſelten hinriß. Dieſe Dringlichkeit hätten Sie, Herr Doctor, auch ohne dies„Novum“ aus der Abfaſſung meiner Bemerkun⸗ gen und Fragen zu Ihrer— übereilten Arbeit errathen können, ſagte er, und Sie würden ſolche ausdrücklich ver⸗ nommen haben, wenn Sie nicht gegen alle Geſchäftsord⸗ nung ohne Urlaub aufs Land gegangen wären. Urlaub? fragte haſtig der Getadelte, nahm ſich aber raſch zuſammen und erwiderte: Verzeihung! Aber ich hätte wahrhaftig nicht gewußt, Herr Ritter, wo ich Urlaub zu einem Beſuch lieber Freunde holen müßte. Urlaub ſetzt doch einen Vorgeſetzten voraus. Ha, ha! lachte Bercagny. Wie jung Sie in Ge⸗ ſchäften ſind! Von wem Sie Geld und Gehalt beziehen, von Dem haben Sie Urlaub nöͤthig. Iſt Ihnen das auch ein Novum, Sie homo novus? Daß gerade die ihm ſo fatale Geldſache auf ſo un⸗ zarte Weiſe zur Sprache kommen ſollte, hatte Hermann nicht erwartet. Er erhob ſich daher ſo raſch von ſeinem Stuhl, daß auch Bercagny mit der Bewegung, ſich gegen 21* ——y— 1 324 einen perſönlichen Anfall zu ſchützen, aufſprang. Als er aber Hermann heftig gegen die Thür ſchreiten ſah, ſprang er nach dem Schellenzuge. Doch ſchon kehrte der junge Mann mit dem Päckchen zurück, das er dem Aufwärter vor der Thür abgenommen hatte. Bercagny, ſeines Schrecks beſchämt, ging ihm, die Hände rückwärts über⸗ kreuzt, mit verbiſſenen Lippen entgegen. Was iſt das? fragte er. Hermann hatte ſich ſchon für die Zuruͤckgabe des Gel⸗ des eine, wie ihm ſchien, ganz gute Wendung ausge⸗ dacht, und fand nun nach der erſten ihn ſo verletzenden Ueberraſchung den Anknüpfungspunkt; war aber doch innerlich ſo bewegt, daß ſeine Erklärung mit bebender Stimme etwas feierlich ausfiel.⸗ Ich bin nach Caſſel gekommen, Herr Generaldirector, ſagte er, mich um eine Stelle zu bewerben, die mir eine würdige Beſchäftigung und durch dieſe ein angemeſſe⸗ nes Einkommen gewähre. Allein dies Geld da, dieſe 3⁰0 Francs, dieſe Bezahlung vor dem Verdienſt hat mich ſo geſtort, daß dadurch meine Arbeit ſelbſt hinter allem Werth geblieben und durch meinen beſchämten Eifer über⸗ eilt, wie Sie ſelbſt ganz richtig geſagt, ja wirklich über⸗ eilt worden iſt. Empfangen Sie daher vor aller weitern Arbeit die Summe unangegriffen zurüit, die ich erſt zu verdienen ſuchen werde. Nichts hätte dieſem Napoleon'ſchen Polizeimanne über⸗ raſchender kommen können. Ja, es verwirrte ihn, in ſei⸗ ner Art zu denken und die Menſchen zu nehmen, ſo ſehr, daß er im erſten Augenblicke nichts zu erwidern wußte, und in ſeiner Ueberlegung abwechſelnd das Packet und — ₰5 ☛α₰ ——— 8;S/ ——+de— — 325 Hermann betrachtete. Endlich ſagte er mit einer gewiſſen halb ſpöttiſchen Freundlichkeit, hinter der er ſeine Aner⸗ kennung verſteckte: Sie denken ſehr uneigennützig, mein lieber Doctor; aber Sie müſſen ſich doch ein wenig acclimatiſtren, wenn Sie bei uns gedeihen wollen. In Handel und Wandel muß man ſich doch an etwas Poſitives halten, und da Sie zuerſt das Geld angenommen, ſo habe ich auch meine Erwartungen darauf geſtellt. Indeſſen hoffe ich, wir wer⸗ den uns künftig beſſer verſtehen. Kommen Sie her, wir wollen die Sache nun anders faſſen. Ich werde nun auf Ihre Arbeiten nicht mehr pränumeriren, aber ich bin vielleicht im Stande, etwas zu Ihrer Beförderung zu thun. Nehmen Sie gefällig Platz! Haben Sie vielleicht Ihre Beantwortungen mitgebracht? Hermann, ohne ſich wieder zu ſetzen, weil er fühlte, daß es jetzt brechen müſſe, erwiderte: Verzeihung! Aber ich muß, wenn nicht auf die ganze Arbeit verzichten, mir wenigſtens eine längere Friſt er⸗ bitten. Ich fühle zu lebhaft, daß mir Ihre Aufgabe jetzt noch etwas fremd liegt. Bei der guten Abſicht, die Sie für mich gefaßt haben, wünſche ich nur, daß Sie mich nicht für ebenſo unbrauchbar in einem andern Berufe anſehen möchten,— in einem Berufe, für den ich mich mehr vorbereitet habe. Aufgeben? rief Bercagny. Nicht möglich! Kommen Sie mir doch nicht wieder mit Ihrer übertrieben deutſchen Beſcheidenheit! Sie ſprechen viel zu gut franzöſiſch. Setzen wir uns noch ein Halbſtündchen zuſammen; ſagen Sie mir zu jeder Frage, was Sie darüber wiſſen und denken, und ich bringe es ſelbſt zu Papier. Allons! Wo haben Sie Ihren erſten Bericht? Ich habe ihn vernichtet. Was? Vernichtet? Wie können Sie mir ſo was ſagen? Weil es ſo iſt! lächelte Hermann. So iſt? Sie haben in der That? Wie durften Sie das? fuhr der kaum ſo artige Mann wieder auf. Ich glaubte, daß ich mich über eine Arbeit erzürnen dürfte, die ein ſo unterrichteter Mann, wie Sie, unge⸗ nügend, übereilt gefunden hat. Ich habe mir das ſchon früher ſelbſt geſagt, und daher den unnützen Wiſch den Flammen übergeben. Bercagny zitterte vor Wuth. Er wollte eben los⸗ brechen, als der Anblick des Geldpäckchens ſeinen Gedan⸗ ken eine andere Richtung gab. Er durchſchritt einmal das Zimmer, trat ſodann dicht vor Hermann, und ſagte mit gedämpfter Stimme und durchdringendem Blicke: Wiſſen Sie, daß Sie ſich verrathen haben? Und worin? fragte Hermann ſehr gelaſſen. Sie ſind ſelbſt in die Verbindungen verwickelt, die Sie angedeutet haben, ſagte er, ſind mit den Perſonen vertraut, den rebelliſchen Schriften nicht fremd, die Sie mir bezeichnet haben. Sie ſind ein Eingeweihter und ziehen ſich jetzt zurück, um kein Verräther zu werden. Haben wir Sie? Dieſe Wendung, ſo unerwartet ſie für Hermann kam, erſchreckte ihn doch am wenigſten. Sie verrieth ſich ihm, da er ruhiger war, raſcher in ihrem innern Widerſpruch, und berührte überdies die Betrachtungen, die er über die E— Angelegenheit mit Luiſen und beſon habt hatte. Er ſagte daher ruhig, ja lächelnd: ders mit Ludwig ge⸗ Es thut mir recht leid, Herr von Bercagny, daß Sie das hohe Vertrauen in mein Talent ſo ſchnell mit der Erklärung vertauſchen müſſen, daß ich ein Dumm⸗ kopf, ein Einfaltspinſel ſei. Denn nur ein ſolcher koͤnnte nach freiwilliger Uebernahme und mit tagelanger Ueber⸗ legung Dinge niederſchreiben, bei denen ſein eigener Kopf auf dem Spiel ſteht, könnte ſich erſt als Verräther er⸗ kennen, nachdem er ſchon verrathen hat. Ein ſolcher Töl⸗ pel, dächte ich, würde ſchwerlich Aufnahme bei einer Ver⸗ ſchwörung finden, oder gar als ihr Agent gebraucht wer⸗ den. Nein, aber Eines überraſcht mich, Herr von Bercagny. Sie haben alſo in meinem Berichte Enthüllun⸗ gen von Verbindungen, von aufrühreriſchen Schriften und verſchworenen Perſonen geſucht? Dergleichen habe ich frei⸗ lich nicht gemacht, und nach unſerer Abrede auch nicht zu machen gehabt. Ich ſollte ja blos zur Verſtändigung beider Nationen ſchreiben, die deutſche Feder gegen das franzöſiſche Schwert abwägen. Sie ſehen nun ſelber ein, daß ich Ihre Abſicht ganz verfehlt, daß ich ſie nicht ein- mal richtig gefaßt habe, und— werden es ſelbſt in der Ordnung finden, daß eine ſo ganz verfehlte Arbeit ver⸗ nichtet worden iſt. Aber— ich werde nun auch eine neue Arbeit und überhaupt das ganze Unternehmen aufgeben müſſen. Sie ſelbſt, Herr Ritter, werden mich zu ſolchen Zwecken unbrauchbar finden, und in der That— ich bin es.. Bercagny verneigte ſich mit dem ironiſchen Ausdruck einer Genehmigung dieſes Selbſttadels. Hermann aber nahm es für ein Zeichen ſeiner Entlaſſung, empfahl ſich mit einigen artigen Worten und verließ ruhigen Schrittes das Zimmer und das Haus. Bercagny war ihm bis an die Stubenthür gefolgt, ohne ſelbſt zu wiſſen, ob aus einer Anwandlung von Höflichkeit oder um dem Abgehenden noch etwas Bitteres zu ſagen. Er hätte gern die eigene Beſchämung auf ihn zurückgewälzt, oder den Aerger gegen ihn ausgelaſſen, den er jetzt nur gegen die alten Dielen der Stube ausſtampfen konnte. Savagner und Würtz traten ungerufen und ihrem Chef ſehr ungelegen wieder ein. Doch die Bitterkeit, die er gegen ſich ſelbſt empfand, hielt ihn von allen Aeuße⸗ rungen ab, die ſeinen Unmuth hätten verrathen können. Er nahm ſich zuſammen, und ſagte nach einer Pauſe ge⸗ laſſen, mit geheimnißvoller Zurückhaltung: Würtz, laſſen Sie mir den jungen Doctor nicht aus den Augen. Ich traue ihm nicht ganz. Er hat mir zwar gute Zuſagen gegeben, aber— man muß ihn controli⸗ ren. Er iſt ein geſcheiter und gewandter Menſch, ſcheint auch ehrlich und hat'was Nobles. Indeß— geben Sie Acht, wo er aus- und eingeht, mit wem er verkehrt, welche Häuſer oder Familien er beſucht, ob er etwa eine vornehme Liebſchaft hat. Dazu iſt er ganz der Mann. Verſteht ſich, daß Sie ihm ſtets artig begegnen. Es wäre mir angenehm, wenn ich mich auf ihn verlaſſen könnte. Jetzt gehen Sie, ich habe noch mit Savagner zu arbeiten. —9 8 S α0ο — ‿— Zehntes Capitel. Eine Warnung. Hermann kam in großer Aufregung nach Hauſe. Der Zwang, den er ſeinen Empfindungen angethan, war un⸗ erwartet in einen wahren Triumph umgeſchlagen. Ohne den Rath ſeiner Freunde aus den Augen zu ſetzen, hatte er doch ſeinen eigenen Sinn geltend gemacht. Dieſem ſchmeichelhaften Ausgang hing er mit lebhafter Selbſt⸗ zufriedenheit nach, indem er mit großen, feſten Schritten im Zimmer auf⸗ und niederwandelte. Beſonders ergötzte er ſich an der Erinnerung, wie Bercagny, im Augen⸗ blicke, wo er ihn auf geheimen Verbindungen zu ertappen dachte, ſich ſelbſt in ſeiner verſchlagenen Abſicht ver⸗ rathen hatte. Du haſt auch diesmal Recht, guter Sancho Panſa, lachte er: Mancher geht auf Wolle aus, und kommt ge⸗ ſchoren zurück. Aus dieſen Nachträumen wurde er zu Tiſche gerufen. Er aß nämlich jetzt mit ſeiner Hauswirthin, nach einer Veranſtaltung Lina's, die bei ihrem Scheiden befürchtet hatte, die alte gute Mutter möchte für ſich allein zu ſor⸗ gen nicht der Mühe werth halten, und wenn ihr das liebe Kochen und Backen keine Freude mehr machte, nach und nach verdrießlich werden. Und Hermann, voͤn Na⸗ tur und durch das Vielerlei, was aus der neuen Um⸗ gebung auf ihn eindrang, etwas träumeriſch geſtimmt, ließ ſich gern gefallen, eine Treppe unter ſeiner Wohnung Das mit Bequemlichkeit zu finden, was ihn ſonſt zur Stadt London zu gehen genöͤthigt hatte. Bei Tiſche mußte er noch mehr von Homberg erzäh⸗ len. Mutter Wittich fragte nach Allem und Jedem, und ſo auch nach dem Friedensrichter Martin. Hermann hatte von ihm reden gehört, ihn aber nicht kennen gelernt. Die Alte war einen Augenblick bedenklich ſtill. Doch das einſame Schweigen der letzten verlaſſenen Tage war ihr ſo drückend geworden, daß ihre zurückgehaltene Redſelig⸗ keit ſich nun auch über die kleinen Geheimniſſe ergießen mußte, die ihr anvertraut waren. Dieſer Martin, ſagte ſie leiſer, als ob es Jemand hören könnte, iſt auch ein guter Kurfürſtlicher. Er war Aunditeur, als der Herr fliehen mußte, und hat ihm die Regimentskaſſe heimlich nach Holſtein nachgebracht. Das wird den Herrn ſehr gefreut haben, meinte Hermann. Ja, antwortete ſie, er war nur ein wenig ungnädig darüber, daß es blos die Eine war. Aber, um Gottes⸗ willen, das Alles iſt ein Geheimniß! Als ihr Hermann lächelnd verſicherte, daß er ihr Vertrauen heilig halten würde, fuhr ſie fort: Ich weiß, Sie ſind ein braver, ehrlicher Menſch, und zumal ein Pfarrersſohn. Sie können denken, daß der Kurfürſt hier einen geheimen Anhang hat, von welchem eine Verbindung der treuen Altheſſen mit dem ange⸗ ſtammten Landesherrn unterhalten wird. Mein Mann ſelig, wenn er noch lebte, würde dabei nicht fehlen; denn 331 mehre ſeiner beſten Freunde gehören dazu. Ich weiß auch, daß Alles gethan wird, ihn wieder ins Land zu⸗ rückzubringen. Aber die Sache iſt ein tiefes Geheimniß, und hat ihre heimlichen Schleichwege. Mein Schwieger⸗ ſohn weiß Alles, und gehört zu den Vertrauten; aber er theilt mir gar wenig davon mit und ſagt nur immer: Mamachen, viel Wiſſen macht Kopfweh. Auch möcht' ich gar nicht Alles wiſſen; es beſchwert Einem oft das Herz, wenn es auch gerade kein Kopfweh macht. Soviel iſt mir aber doch bewußt, daß eine geheime Commiſſion be⸗ ſteht, die Alles beſorgt. Der Herr Regierungsrath Schmer⸗ feld, den Sie ja auch kennen, gehört dazu, und der frü⸗ here Cabinetskaſſirer Kautz und der Kriegsrath Buders. Ein merkwürdig geſchickter Mann, dieſer Buders, beſon⸗ ders in Ziffern! Dieſe Männer führen eine Correſpondenz mit dem Kurfuͤrſten. Aber ſchwerlich durch die Poſt? fragte Hermann. Bei Leibe nicht! antwortete ſie. Die Poſt wollte, noch ehe unſer König angekommen war, mit den Briefen aus und nach Itzehoe gar nichts mehr zu ſchaffen haben. Denken Sie ſich, ich komme einmal mit meiner Tochter etwas ſpät nach Hauſe, es wird ſo zu Anfang Decem⸗ bers vorigen Jahrs geweſen ſein, und finde einen verſie⸗ gelten Brief zwiſchen die Klinke der Stubenthür geſteckt. Wir erſchraken erſt und dachten, es wäre auf Schmähung oder Kränkung gemeint; aber es waren Wechſelchen auf meine rückſtändige Penſion. Das ließen wir uns ſchon gefallen! Wie und woher aber— ja, das weiß ich zur Stunde noch nicht. Jetzt geht Alles regelmäßig durch einen gewiſſen Herrn Kriegsrath und einen ehemaligen —— — Hofagenten Moſes. Die verſammeln ſich auch regelmäßig und halten Berathung, verſteht ſich ſelten, und von we⸗ gen der vielen heimlichen Polizeiſpione mit der größten Vorſicht. Begreiflich! wie mein ſeliger Mann ſagte. Aber, bei Kriegsrath fällt mir ein, muß ich Ihnen doch vom alten Lennep,— oder war's der Kriegsrath Engel⸗ hard, ein drolliges Geſchichtchen erzählen. Der hatte einen immer wiederkehrenden Heißhunger, konnte für drei Mann eſſen, und blieb doch immer mager dabei. Als Vorſitzen⸗ der im Kriegscolleg hatte er einmal einen Regiments⸗ auditeur zu beeidigen. Ich muß aber vorausſchicken, daß der Herr Gouverneur, General von Wurmb, Mitglied war, und ſein zweites Frühſtück im Sitzungszimmer ein⸗ zunehmen pflegte. Juſtement nun, wie der Vorſitzende dem Verpflichteten vorſagt:„Ich gelobe und ſchwöre“— wird für den Gouverneur ein großes Stück warmen Speckkuchens hereingebracht; der Herr Engelhard, oder war's Herr Lennep, bekommt den Geruch davon, der Heißhunger iſt da, und der offene Mund bringt kein Wort mehr hervor. Erſt als der Pedell den Speckkuchen wieder hinausgebracht hat, kommt das Geloben und Schwö⸗ ren wieder in Gang. Iſt das nicht ſpaßhaft? Hermann lachte ihr beifällig zu. Solche Geſchichtchen und Anekdoten, die den frühern Zuſtand in Caſſel cha⸗ rakteriſirten, waren ihm ſchon des Contraſtes wegen in⸗ tereſſant, den ſie zur Gegenwart darboten. Inzwiſchen fuhr die plaudernsvergnügte Alte fort: Mein ſeliger Mann hätte Ihnen erſt Geſchichtchen er⸗ zählen können, zumal vom Hofe des Landgrafen Fried⸗ rich. Damals war ſchon einmal ein gar luſtiger Hof in * 333 Caſſel. Alles ſprach auch franzöſiſch in den adeligen Fa⸗ milien; denn der Landgraf liebte die Sprache, und zog lauubbüid⸗ Gelehrte und Künſtler um ſich her. „Friedrich war in dieſem Punkt, nach Allem, was 5 gehört habe, ein kleiner preußiſcher Fritz! be⸗ merkte Hermann. Ja, ſie lebten ja auch zu gleicher Zeit und in guter Freundſchaft, ſprach die Alte weiter. Damals gab's Luſt⸗ barkeiten bei Hof und Verdienſt in der Stadt. Hatte der Herr Geld, ſo hatte es die ganze caſſeler Welt. Und das iſt immer erfreulicher, als wenn's der Fürſt allein hat, wie es bei ſeinem Sohn, dem jetzigen Kurfürſten, der Fall war. Der lebte mit ſeiner Gemahlin in getrennter Hofhaltung ſtill und dunkel, ſparte, und haßte alles Fran⸗ zoͤſiſche. Und nun muß doch eben er es erleben, was mein ſeliger Mann öfters ſagte: Was die großen Herren franzöſiſch einbrocken, ſagte er, wird das Volk einmal fran⸗ zoͤſiſch aufeſſen müſſen. Der einfache Tiſch war bald abgethan, und es drängte den jungen Freund, Luiſen nicht länger über den Aus⸗ gang ſeiner Angelegenheit mit Bercagny in Ungewißheit zu laſſen. Er konnte ſich ihr Befremden denken, daß er, ſtatt die Sache nach ihrem Rath am Morgen nach der Illumination zu erledigen, einem Einfalle des Spät⸗ abends gefolgt und auf's Land geeilt war. Sie hatte nämlich die Anſicht gehabt, Hermann müſſe nach klar gefaßter Ueberlegung raſch zu Werke gehen, ehe er durch wiederholtes Bedenken zweifelhaft oder ängſtlich werden könnte; während im Gegentheile die Freunde auf dem — 4 Land ſeine Schritte zu verzögern ſuchten, weil ſie ihn freilich ſchon unſicher und uneinig mit ſich ſelbſt fanden. Hermann traf die Familie Reichardt noch bei Tiſche und zu ſeiner Verwunderung den Baron Rehfeld als Gaſt. 3 Aha! rief der Kapellmeiſter mit angeglühtem Geſicht, da kommt er doch noch zum Nachtiſche, der geheime Aus⸗ reißer! Wir hörten, daß Sie dem Herrn Baron bekannt ſind und wollten Sie drum auch zur Suppe mit ihm haben; aber— fort waren Sie, auf's Land gelaufen! Geritten, Herr Kapellmeiſter! erwiderte Hermann aufgeräumt. Ich komme mich zu entſchuldigen, daß ich es ſo verſtohlen gethan. Ich konnte die Illuminations⸗ nacht nicht ſchlafen, und hatte einen großen Sprung vor, zu dem ich einen weiten Anlauf für räthlich hielt, und— es hat gut gethan! Er begleitete das letzte Wort mit einem bedeutſamen Blick für Luiſen, die freilich ſchon aus ſeiner vergnügten Stimmung ſich das Beſte gedeutet hatte. Hermann betrachtete den Baron und konnte nicht gleich finden, was ihn an demſelben ſo befremdete. Er ſah jünger und angenehmer aus und war geſchmackvoller ge⸗ kleidet, ſodaß man ihn einen hübſchen Mann nennen mußte. Hatte er früher in Haltung und Bewegung ſich etwas läppiſch gehen laſſen, ſo war jetzt im gewählten Civilkleide der Militär nicht zu verkennen. Reichardt, der Hermann's Verwunderung bemerkte, rief lachend aus: 6 Nicht wahr, Sie finden es auch? Der Herr Baron hat einen neuen Menſchen angezogen, er hat ſich den -, nen gten leich ſah ge⸗ inen ſich hlten erkte, daron den Tugendbund abraſirt, und bekennt ſich zum Orden der Hieronymiten. Heißt das, er wird ein Tugendprüfer werden. Rehfeld erzählte dem jungen Freunde mit wenigen Worten die Aeußerung Jeröme's und des Legionschefs der Gendarmen über die Bedeutung des Kinnbartes, und ſagte dann lachend: Nun bleibt mir allerdings nichts übrig, als mich zu tragen und zu geberden wie Diejenigen, die in Caſſel— zu keinem Tugendbund gehören. Bravo! rief der Kapellmeiſter. Nehmen Sie Re— vanche, Sie ausgetriebener Tugendbündler, und machen Sie es wie der ausgetriebene böſe Geiſt im Evangelium, der um Erlaubniß bat, unter die— Hofdamen zu fah⸗ ren. Geben Sie Acht, lieber Hermann, der Baron ver⸗ führt dem guten Jeroͤme jetzt die Liebſte von ſeinen Tu⸗ gendloſen! Er ſoll jetzt nur nicht mit allzu kühner Zunge trotzen! warnte Luiſe. Durch Hermann's Eintritt war ein vertrautes Ge⸗ ſpräch unterbrochen worden. Reichardt nahm es nun wie⸗ der auf, indem er dem eingerückten Nachgaſte zu den ihm von der Hausfrau angebotenen Deſſertſchüſſelchen ein Glas alten Rheinweins einſchenkte. Der kann uns ſchon mitanhören, Herr von Reh⸗ feld, wenn wir raiſonniren, ſagte er. Er iſt zwar kein Politicus, aber als Philoſophus doch ein ehrlicher Burſche und kein Haſenfuß. Sie ſprachen über Spanien und über die Fortſchritte der Aufſtändiſchen. Denn die Stürme, die zuerſt in Madrid gegen den wetterwendiſchen König Karl ausge⸗ brochen waren, als er erſt zu Gunſten ſeines Sohnes Ferdinand reſignirt und dann unter Bertand der Fran⸗ zoſen ſeine Thronentſagung widerrufen hatte, breiteten ſich jetzt, nachdem er die Regierung vollends mit allen Rech⸗ ten ſeines Hauſes an Napoleon abgetreten, zu einem allgemeinen Aufſtande der Nation mit jedem Tage wei⸗ ter aus. Und wer hat dieſen entſetzlichen Krieg veranlaßt? rief Reichardt. Ein ſogenannter Friedensfürſt, dieſer Günſt⸗ ling Godoy, dieſer Hörnerlieferant des Königs. Ein hübſch gewachſener Menſch, der zur Guitarre einnehmend ſang, ſchlüpft durch Ohr und Auge in der Königin Herz, und ſetzt, zu Macht und Einfluß gelangt, ein ganzes Land in lauter Diſſonanzen. Verfluchter Muſikant, der Klimperer! Ganz Spanien wird eine Vendee, der Krieg des Volks gegen die Fremden ein Kreuzzug, vencer o morir die Loſung, wenn nicht etwa der jüngſte lächer⸗ liche Erlaß— den Patriotismus niederſchlägt. Gebt ein⸗ mal her! Luiſe reichte ihm das jüngſte Blatt des weſtfäliſchen Moniteurs, in welchem ein Circular des Inquiſitions⸗ conſeils an die Gerichtshöfe des Reichs abgedruckt war. Der aufgeregte Mann las bald in der linken franzöſiſchen, bald in der rechten deutſchen Spalte dieſer in Caſſel er⸗ ſcheinenden Zeitung die Erklärung jener hohen ſpaniſchen Behörde, daß es der Regierung allein gebühre, auf eine gleichmäßige Weiſe die Vaterlandsliebe des Volks zu lei⸗ ten. Aufrühreriſche Bewegungen, weit entfernt, die Wir⸗ kung einer richtig geleiteten Volkstreue hervorzubringen, — ——. 2 ——,—.——,—8„„» würden nur dazu dienen, das Vaterland ins Verderben zu ſtürzen, weil das Band des Gehorſams, auf dem das Glück der Staatsgemeinden beruhe, aufgelöſt und das Vertrauen, welches man in die Regierung ſetzen müſſe, zerſtrt werde. Iſt das nicht köſtlich? rief Reichardt; hat man je ſolch' eine geſchminkte Naivetät erlebt? Denkt euch einmal, daß der preußiſche Patriotismus von den elenden Burſchen in Berlin geleitet werden ſollte, die alles Heil des Landes im engſten Anſchluß an die Franzoſen erblicken,— in einer Hauptſtadt, die noch in franzöſtſchen Händen iſt, und von der ſich der gute König ſelbſt noch ſo weit ent⸗ fernt hält, als Königsberg von der Spree liegt? Denkt euch, daß die Verſchwörung zu einem begeiſterten Auf⸗ ſtand unſers unterdrückten heſſiſchen Vaterlandes ihre In⸗ ſtruction bei Männern einholen wollte, wie dieſer Schu⸗ lenburg⸗Kehnert iſt, der hier in Caſſel noch einmal als Referent für Kriegsſachen im Staatsrathe ſitzt, nach⸗ dem er vor anderthalb Jahren, als die Franzoſen über Jena gegen Berlin heranrückten, als Miniſter⸗General das preußiſche Pulver und Blei zurückgelaſſen und die be⸗ kannte gute Ermahnung publicirt hatte.„Ruhe iſt die erſte Bürgerpflicht“. Das preußiſche Volk wird ihnen den Teufel thun, und ſich zum Aufſtande gegen die Fran⸗ zoſen von Denen leiten laſſen, die unter der Gewalt der⸗ ſelben ſtehen. Wie heißt es hier? Diriger avec unifor- mité le patriotisme! Oho! Heißt das ein Patriotismus in Uniform? Schöne Uniform! Es würde ein ganz ein⸗ faches Halsband ſein, aus gleichdickem Hanf geſponnen; le grand cordon gris de l'ordre publique! 22 Koenig, Jeröme'’s Carneval. I. Reichardt wurde ſo laut und überſpannt, daß Luiſe mit der Gewaltthätigkeit, die ſie zuweilen im Hauſe an⸗ nahm, das Geſpräch von ſo bedenklichen Gegenſtänden abzulenken ſuchte. Sie brachte es auf den bevorſtehenden Reichstag, dem man in Caſſel mit den lebhafteſten Er⸗ wartungen entgegenſähe. Der Hof wird ſchon eine artige Feſtivität daraus zu machen wiſſen, meinte Baron Rehfeld; man beſpricht ja ſchon die großen Ceremonien der Reichstagseröffnung. Der König zeigt ſich gar gern öffentlich und feſtlich, ſo wenig Figur er dazu hat, und ſein kaiſerlicher Bruder ſteht ihm dabei immer als Muſter vor Augen, wie er ihm freilich auch als Mahner in den Ohren liegt. Es ſind bis jetzt ſchon manche ausgezeichnete Männer gewählt, bemerkte Hermann; auch wiſſenſchaftliche Namen, wie Profeſſor Wachler, Niemeyer in Halle, Henke zu Helmſtädt. Ich bin recht begierig, auch einmal voltti⸗ ſche Redner in Deutſchland zu hören. Verſprechen Sie ſich nicht zu viel, lieber Freund, lachte Reichardt. Die Deutſchen haben für das öffentliche Spre⸗ chen die ſeltſame Begabung, daß ſie entweder nicht zur rechten Zeit anfangen, oder nicht zur rechten Zeit aufhören können. Und erwarten nicht zu viel von der politiſchen Komödie! ſetzte der Baron hinzu. Der Hauptfehler der weſtfäliſchen Verfaſſung ſcheint mir in Dem zu liegen, was andern Fabrikaten und Productionen einen Vorzug gibt ſie iſt muſterhaft. Das heißt, ſie ſollte für die Rheinbunds⸗ ſtaaten ein Muſter abgeben. Und glauben Sie, daß Na⸗ poleon die deutſchen Fürſten, ſeine ſouverain genannten Vaſallen, durch die Volkskraft einer guten Verfaſſung ſtär⸗ ker und ſelbſtändiger machen wolle? Credat Judaeus Apella! lachte Reichardt. Und der Baron ſprach weiter: Während der glänzenden Feſte, die der Kaiſer zur Vermählung ſeines Bruders Jeröme mit der würtember⸗ ger Prinzeſſin zu Fontainebleau gab, mußten ſich die Herren Staatsräthe Cambaceres, Regnault, der ſiebzig⸗ jährige ſtraßburger Staatsrechtslehrer und Geſchichtskenner Koch zuſammenſetzen, und die Landesverfaſſung für das neugeborene Königreich zuſchneiden. Dieſe Geburtsſtunde hangt gewiß der Conſtitution nach, und unter Hochzeits⸗ feſten geboren, wird ſie gern mit Prunk und Pracht auf⸗ treten. Ohne Zweifel wird auch ein artiges Coſtüm für die Abgeordneten vorgeſchrieben. Haben Sie nicht geleſen,— die Gage für die Acteurs iſt ſchon beſtimmt, fiel Luiſe ein: 18 Francs Tage⸗ gelder während der Sitzungen für den Deputirten, und ebenſo viel für die Reiſetage, die, hin⸗ und hergerechnet, nach Lage der Departements aus denen ſie kommen, von vier bis zehn Tage gutgethan werden. Zehn Tage! rief Reichardt. Man ſollte Wunder glauben, wie groß das Reich ſei! Inzwiſchen war Frau Reichardt an ein Nebentiſch⸗ chen getreten, den Kaffee zu bereiten. Wie ſich der Duft davon verbreitete, rief Hermann: Ei das riecht einmal wie richtiger, wahrhaftiger Kaffee, ohne Cichorie, ohne gedörrte Rüben oder geröſtete Gerſte, — wie Mokka! Nichts Mokka! lächelte die freundliche Hausfrau. Café 22* 340 de la Martinique! Haben Sie das kleine Lädchen in der untern Königsſtraße noch nicht bemerkt, das ſich mit die⸗ ſem Aushängeſchild ſeit mehren Tagen aufgethan hat? Gafé de la Martinique? verwunderte ſich Hermann. O Sie Doctor! fiel Reichardt ein. Wiſſen Sie nicht, daß die Inſel Martinique unter den Kleinen Antillen den Franzoſen gehört, und beſonders auch Kaffee producirt? Nun, dies franzöſiſche Gut unterliegt, verſteht ſich, der Continentalſperre nicht, ſondern geht frei ein, und deckt zugleich mit ſeinem guten Namen den verbotenen Kaffee, der über Helgoland auf engliſchen Fahrzeugen eingeſchmug⸗ gelt wird. Sie wiſſen wol auch nicht, daß außer dem Kaffee auch reizende Creolinnen von Martinique gekommen ſind, die den Zucker dazu abgeben,— lebendiges Zucker⸗ rohr, wenn Sie wollen, das hier unter die Preſſe— kommt. Hermann, der im erſten Augenblick in dem Scherz eine Anzüglichkeit fand, erröthete. Aber Niemand bemerkte es; denn Frau Reichardt war eben zu ihrem Manne ge⸗ treten und ſagte: M Lieber Friedrich, du wirſt ja ganz ausgelaſſen. Komm, gib mir einmal dein Glas her, und nimm hier die Taſſe dafür! Reichardt erfaßte die Forteilende am Kleid und rief: Halt, mein Schatz! Du biſt meine Creolin, und ſo bitt' ich mir den Zucker aus zu deinem Kaffee! Er umarmte ſie, und ſie, mit der Bewegung, als wolle ſie ihm einen nachdrücklichen Schlag verſetzen, ſtrei⸗ chelte ſeine glühende Wange. Nun, ihr Freunde, rief Reichardt, thut dem koſtbaren — e der die⸗ v 341 Trank die Ehre an! Prüft vor allem, wenn ihr feine Zungen habt, wieviel Martinique, wieviel Mokka oder Java, wieviel geſchmuggelter und wieviel confiscirter Kaffee darunter iſt! Welche Rolle hat nicht ſchon die Kaffee⸗ bohne in der Geſchichte geſpielt! Uns zunächſt liegen ver⸗ ſchiedene Verfolgungen dieſer paradieſiſchen Bohne. Der Alte Fritz von Preußen hatte den Kaffee verboten; es war Finanzſpeculation; ihm that's der heſſiſche Landgraf Friedrich nach: aus Fürſorge für ſeine tapfern Heſſen, die ſich nicht verwöhnen ſollten; aber man lief damals das Stündchen Wegs von hier nach dem hannöverſchen Spie⸗ kershauſen, jenſeit der Fulda, um ein wohlfeileres Täß⸗ chen zu trinken, und jetzt führt der große Napoleon Krieg mit England mittels der Kaffeebohne. Wahrſcheinlich nennt man darum auch die Bleikugeln— blaue Bohnen. Wie manches Patrioten letzter Schluck wird noch dieſe blaue Bohne ſein! Doch fort mit dieſen knallenden Müh⸗ len der Füſilladen! Liebe Frau, gib uns den idylliſchen Ton der Kaffeemühle! Laß die Lisbeth zu den duftigen Taſſen die Kaffeemühle vorſpielen! Und als die freundliche Hausfrau erwiderte: Geh' doch, lieber Fritz! Sei doch ruhig! erhob Reichardt ſeine Obertaſſe und ſang eine Strophe des Goethe'ſchen Tiſch⸗ liedes parodirend: Von der Quelle bis ans Meer Knarrt die Kaffeemühle, Und das Wohl der ganzen Welt Iſt's, worauf ich ziele! Unter dieſer lauten Munterkeit hatte ſich Luiſe mit Hermann ins offene Fenſter gelegt, und ließ ſich ſein Ab⸗ ͥ——ÿ——— — kommen mit Bercagny erzählen. Hermann, ſo kurz er ſich in der Eile faſſen mußte, konnte doch die Selbſtzufrie⸗ denheit nicht unterdrücken, daß die Sache mehr zu ſeiner Genugthuung ausgegangen ſei, als er ſich von den ihm ertheilten klugen Rathſchlägen habe verſprechen können. Luiſe lächelte dazu, ſchien aber über die letzte Aeuße⸗ rung doch ein wenig empfindlich, und der junge Freund fiel wieder etwas tiefer in ihrem Vertrauen und in ihrer leicht reizZbaren Hingebung. Sie haben mehr Glück als Recht gehabt, guter Freund, ſagte ſie. Sie können, wenn Sie wieder einmal auf's Land oder in die Nähe einer Metzgerei kommen, dem Gott Zufall ein Lämmerſchwänzchen opfern, um ihn gnä⸗ dig zu erhalten, ſonſt ſpielt er Ihnen auch wieder einmal einen Poſſen. Der Zufall leiht nur, Freunde ſchenken guten Rath. Und halten Sie ja beſonnene Klugheit nicht für geringer, weil Sie diesmal auch ohne ſolche aus der Klemme gekommen ſind. Je mehr Sie aber Mann werden, lieber Hermann, und beſonders in dieſem weſtfäliſchen Leben durchkommen wollen, deſto mehr müſ⸗ ſen Sie ſich ſelbſt in die Hand nehmen, nicht aber von Zufälligkeiten führen laſſen. Uebrigens dürfen Sie jetzt doppelt vorſichtig ſein. Wenn Sie glauben, Bercagny werde Ihnen den ſchwachen Augenblick ſeiner leidenſchaft⸗ lichen Uebereilung ſo leicht vergeſſen, ſo kennen Sie dieſe Franzoſen nicht. Wir ſprechen noch darüber. Kommen Sie jetzt, ich höre den Vater einen Spaziergang vorſchla⸗ gen. Und— helfen Sie ihn auf andere Dinge bringen, ſonſt ſpricht er noch über die Straße von Politik! Mutter Reichardt, die ihnen entgegenkam, fragte ob —,—— ——————·— Hermann ſchon wiſſe, daß jetzt auf die Sonntage Napo⸗ ie⸗ leonshöhe dem Publicum geöffnet werde. er Ja, ſagte er, der König hat es verordnet, um der -m guten Stadt Caſſel, wahrſcheinlich für die Illumination, einen Beweis ſeines Wohlwollens zu geben. Um 3 Uhr e⸗ ſollen dann jedesmal die Waſſer ſpringen. nd Als der Baron hörte, daß Hermann noch nicht dahin er gekommen ſei, ſagte er: Dann will ich Sie einführen. Holen Sie mich den d, Sonntag ab; ich wohne ja an der Straße, und wir gehen 8 behaglich hinauf! m i⸗ al. 3 Elftes Capitel. e Ein Doppelblick aus der Höhe. r . Als Hermann nächſten Sonntags, kurz nach Tiſche, 1 beim Baron einſprach, um ihn nach Napoleonshöhe ab⸗ t zuholen, traf er eine ſchoͤne Frauensperſon im Zimmer, ) die ſich bei ſeinem Eintritt raſch abwendete, als ob ſie er⸗ kannt zu werden ſcheue. Wirklich beſann er ſich ihrer, als derjenigen, die ihn bei ſeinem Einzug in Caſſel über die Brücke begleitet hatte, ihn nach der Stadt London zu beſcheiden. Und als der Baron ſie ihm Mademoiſelle * Helene Willig nannte, erinnerte er ſich auch wieder des Namens Lenchen, unter dem der Polizeimenſch Steinbach ſie ſo ſchnöde behandelt hatte. Er ſah ſie jetzt weniger —QQyʒn— günſtig an, als damals vor der Brücke, und zog es daher vor, ſie nicht zu kennen. Auch ſie that desgleichen, und benahm ſich fremd und ſpröde. Der Baron hatte Her⸗ mann mit ſchalkhaftem Lächeln gebeten, ſich einige Augen⸗ blicke zu gedulden, und verhandelte weiter mit der hüb⸗ ſchen Mamſell, die, wie ſich jetzt ergab, Wäſche und weib⸗ liche Arbeiten übernahm. Herr Rehfeld beſtellte Jabots von indiſchem Mouſſelin mit zart und ſauber geſtickten Käntchen. Dieſe find' ich am beſten bei Madame Chopinet, mar- chande lingèere, die ſich eben aus Paris hier nieder⸗ gelaſſen hat, verſetzte die Schöne, und Hermann erinnerte ſich jetzt des angenehmen Organs und der weichen nord⸗ deutſchen Mundart, die ihm gleich damals an ſeiner Füh⸗ rerin aufgefallen waren. Und dann ein Paar ſchottiſch⸗quadrillirte ſeidne Hals⸗ tücher, mein Schätzchen! ſagte Rehfeld. O die hat Monſieur Nivisre in ſeinem Magazin d'etoffes de soie in vorzüglicher Qualität, direct aus Paris. Aus Paris? So iſt's recht. Nur aus Paris! erwi⸗ derte er ironiſch. Nie anders! Aber— wieviel Mühe ich Ihnen mache, mein Engel! Hermann war ſehr befremdet über die Art und Weiſe, wie ſich der Bäron benahm. Er begegnete der hübſchen Perſon durchaus anſtändig, machte aber bis ins Lächer⸗ liche den Charmanten oder vielmehr den verliebten Fant, indem er ſie, die ſich übrigens ſehr gehalten und gemeſ⸗ ſen betrug, mit lächerlichen Geberden umtänzelte, mit verſchämtthuender Bloͤdigkeit auf die Schulter oder die Wange klopfte, und— vergnügt ſeine Hände reibend— bald Engelchen, bald Schätzchen oder Tauſendſchönchen nannte. Hermann fand bald ſein Ergötzen an der komi⸗ ſchen Verliebtheit und lächelte in ſich hinein, heimlich ſtolz auf ſeinen beſſern Weltblick, mit dem er den ſo eingenom⸗ menen Baron durch einen Wink über den Charakter des reizenden Geſchöpfs nicht wenig zu verblüffen dachte. Denn daß er ihn vor einer ſolchen Perſon warnen müſſe, ſtand bei ihm feſt; es war Pflicht der Nächſtenliebe, wenn nicht einmal der Freundſchaft. Und nicht wahr, ich bekomm's recht bald? rief Reh⸗ feld, als das Mädchen ſich zu gehen anſchickte. Ich kann's nicht erwarten, Sie wieder bei mir zu ſehen, ſo— be⸗ denklich es für mein Herz iſt! Aber ich bin Cavalier, ich trotze der Gefahr, Eliſe! Baſta! Helene, Herr Baron! lächelte ſie, nicht Eliſe. Ach Gott, ja wohl— Helene! lachte auch er. Ich bin ein wenig verwirrt, Sie— Tauſendſaſa! Aber— Sie ſollten wirklich lieber Eliſe heißen; denn Sie erinnern doch zu ſehr an Elyſium! Und— müſſen ſolche unterge⸗ ordnete Geſchäfte—? Mein Gott! Und welchen Anfech⸗ tungen ſind Sie nicht in dieſem Caſſel bei feinem und grobem Leinen ausgeſetzt, das Ihnen durch die Hände geht! Sie— ſo reizend, ſo—! Auf Cavalierparole! Sie verdienten ein Loos würdig Ihrer hohen Liebenswür⸗ digkeit. Ja— ſetzte er mit unterdrücktem Seufzer halb⸗ laut hinzu—, wer kein ſo alter Kerl wäre!— Noch einen Augenblick, liebes Kind! Beſorgen Sie denn auch—. Aber, wie ſoll ich mich darüber gegen eine elyſiſche Helene ausdrücken? Warten Sie! Und nehmen Sid mir's ja nicht übel! 346 Er riß einen Tapetenſchrank auf und nahm ein Paar leinene Unterkleider heraus, die er hoch emporhielt: Wie nennen Sie ſo was mit Schicklichkeit vor Damen? Innere Modeſten! antworte ſie mit unterdrücktem Lachen. Innere Modeſten! rief er erſtaunt aus. Was eine Sprache nicht vermag! Man iſt doch und bleibt ein rech⸗ ter Pappendeckel, wenn man aus Pommern und Preußen ſtammt! Ja, komm' Einer nach Caſſel, da kann er'was lernen! Und— mich ſoll der Kuckuk, wenn ich noch ein⸗ mal Unterhoſen ſage! Alſo auch zwei Paar von dieſen modeſten Innerlichkeiten, Helene! Aber fein! Von Paris, nicht wahr? Von Madame Chopinet! antwortete Helene, und konnte ihr Lachen nicht mehr zurückhalten. Nicht wahr, ich bin ein närriſcher Kerl? Finden Sie, Helene,— ein närriſcher Kauz? verſetzte er ſehr ernſthaft. Aber— Sie aber auch—! Ja, wären Sie nur nicht ſelbſt ſo modeſt, und ich nicht ſo verteufelt moderat!— Aber— Adieu, adieu! Ich darf nicht daran denken! Auf Wiederſehen! Kennen Sie, lieber Doctor das ſchöne Lied: Wiederſehen, Wiederſehen, Wenn Erd' und Himmel rings vergehn, Wiederſehn! Helene hatte die Stubenthüre noch nicht geſchloſſen, als der Baron ihr nacheilend ſagte: Helene! Gehn Sie vielleicht an der Poſt vorüber? Ja wohl, Herr Baron! antwortete ſie ſehr entgegen⸗ kommend. rc 4 4 Aber, Sie nehmen es doch nicht übel? Ich habe da einen Brief, dringendes Schreiben und— mein Bedienter iſt aus, und wir Beide wollen eben nach Napoleonshöhe; würden Sie wol—? Sehr gern und auf der Stelle! erwiderte ſie, ergriff raſch den Brief und eilte fort. Als Hermann ſich jetzt vom Fenſter umwendete, an dem er ſtand, erblickte er den Baron gebückt, die flachen Hände zwiſchen den zuſammengedrückten Knien reibend, und kichernd, bis er die Hausthür zuſchlagen hörte, worauf er in ein ſchallendes Gelächter ausbrach. Nun, was denken Sie, lieber Doctor? fragte er. Ich wundere mich, offen geſtanden, daß ein ſo kluger Mann, wie Sie, einen wichtigen Brief einer ſo unſichern Beſorgung anvertraut, ſagte Hermann mit Nachdruck. Ich erlaube mir als Freund Sie aufmerkſam zu machen. Darf ich Ihnen ſagen, wofür ich die ſchöne Perſon halte? Ei nun, ich denke wofür ich ſie auch anſehe, antwor⸗ tete er, für ein Perſönchen, das auf der Wage der Tu⸗ gend in der Luft ſchwebt und mir von der Polizei auf den Hals gehetzt iſt. Von der Polizei? rief Hermann ganz verdutzt; er, der eben zu verblüffen gedacht hatte. Gewiß! lachte Rehfeld. Drum iſt der Brief auch in keiner unſichern Beſorgung, wie Sie glauben; er wird richtig auf die Polizei geliefert. Haben Sie nicht be⸗ merkt, wie raſch das Schätzchen auch darnach griff? Sie bot ſich geſtern ſchon mit ihrem Dienſte an; ich roch gleich den lockenden Speck der Falle, die mir geſtellt war, be⸗ ſtellte ſie aber auf heute, um erſt mein Manoeuvre zu 348 überlegen. Abweiſen durfte ich die Falle nicht, ſonſt hät— ten ſie mir eine geſtellt, die ich vielleicht nicht ſo glücklich bemerkt hätte. Sie trauen mir einmal nicht, und— haben's auch nicht Urſache. Sehen Sie, drum benutze ich gleich die Falle,— nicht um hineinzugehen, um anzu⸗ beißen, ich bin keine Maus für ſo gemeinen Speck; auch wollen ſie mich ja nicht moraliſch verführen, ſondern nur politiſch aushorchen laſſen; ich benutze ſie, um Die zu fangen, die ſie mir geſtellt haben, das heißt— ſie zu täuſchen, ſie Das erwiſchen zu laſſen, was ſie gerade er⸗ wiſchen ſollen. Dazu dient der Brief und was ich der modeſten Mamſell noch weiter unter die Hände kommen laſſe. Daß der Brief pfiffig abgefaßt ſein muß, daß et⸗ was darin ſtehen, daß ſie etwas über mich und meine Verhältniſſe erfahren müſſen, verſteht ſich von ſelbſt. Aber es ſtehen auch Dinge darin, wozu ſie den Schlüſſel nicht haben. In der Nachſchrift beſtelle ich pommerſche Gänſe⸗ brüſte, und wenn dieſe ankommen, weiß ich, daß auch mein Brief angekommen iſt. Ob die Polizei an mein Schreiben, ob die Mamſell an meine Verliebtheit und Blödigkeit glauben Poſlen⸗ muß ich hingeſtellt ſein laſſen. Was ſagen Sie dazu Hermann, ſtatt, wie der Baron erwarlete, ,in Beifall und Bewunderung ſolcher Klugheit auszubrechen, ließ ſich ſehr kleinlaut vernehmen. Mein Gott! ſagte er, Sie machen mich ganz ängſt— lich. Was gehört nicht dazu, um ſich hier durchzuſchla⸗ gen, durchzuwinden! Wie käme ich nur auf ſolche Vermu⸗ thungen, wie dächte ich nur bei jedem Schritt an ſolche Fallſtricke, woher ſoll ich nur all' die Vorſicht nehmen! ———2 349 O lieber Doctor! verſetzte Rehfeld, ſtellen Sie ſich das nicht ſo ſchlimm vor, beſonders hinſichtlich Ihrer ſelbſt! Was wollen Sie hier? Ihr Ziel liegt offen vor Ihnen, der Weg dahin auch; Sie haben muntre Füße, einen gu⸗ ten Blick, einen höflichen Gruß für die Begegnenden. Nehmen Sie noch ein bischen Vorſicht und Mistrauen dazu, wenn Sie einmal einen kleinen Seitenpfad einſchla⸗ gen, was man die Umwege abſchneiden nennt— und es kann Ihnen nicht fehlen. Sie ſehen mich bedenklich an? Sie wollen jetzt Ihrer Logik Ehre machen und mir ſagen: Du alſo, Barönchen, haſt Pfiffe und Kniffe nö⸗ thig, mithin—? Nun ja, mithin! Aber ſehen Sie, was die Menſchen laufen! Kommen Sie, wir wollen ja auch mit hin! Sehen Sie'mal dies geſchmackvolle Guigne à Capote, das dahinfährt! In der That war die Lindenallee, die vom Thore bis nach Napoleonshöhe, ein Stündchen Wegs, ſanft empor⸗ führt, ungewöhnlich belebt. Jedermann, ſo ſchien es, wollte von der neuen Gunſt des Königs ſeinen Antheil in Empfang nehmen. Ein leiſer Wind, von einem ent⸗ fernten Gewitter der letzten Nacht, fächelte unter halb⸗ bedecktem Himmel den Nachmittag. In den beiden Dör⸗ fern ſaßen die Menſchen geputzt vor den Thüren; rechts und links erweiterten ſich mehr und mehr die Ausblicke nach dem ländlichen Schloͤßchen Schöͤnfeld, nach Kirchdit⸗ mold und längs dem Gebirge hin. Unſer Paar kam auf Reichardt zu reden, und Hermann fragte den Baron, ob er ihn ſchon früher gekannt habe. So ziemlich, antwortete er. Er iſt übrigens weit 350 älter und ſteht an den ſechzigen, ſo unruhig der toll⸗ köpfige Burſche noch ſein kann. Er iſt ein Koͤnigsber⸗ ger, hatte ſchon ſo früh die Muſik ergriffen, daß er im zehnten Jahre als Virtuos auf der Violine und dem Pianoforte reiſte. Aber er wollte kein gewoöhnlicher Mu⸗ ſicus bleiben, ſondern ſich durch umfaſſende Bildung her⸗ vorthun, und ſtudirte daher unter Kant und in Leipzig. Seit⸗ dem— heißt das ſeit mehr als dreißig Jahren— wechſelte er unter drei preußiſchen Königen mit Muſik, Staats⸗ dienſt, Schriftſtellerei und Reiſen. Er durchſchweifte Deutſch⸗ land, war wiederholt in Italien, vier mal in Paris, in England beiläufig. Im Staatsdienſte hat er ſchon ſehr früh als Secretär bei der Domänenkammer geſtanden, und ward ſpäter Salinendirector in Halle. Von daher hängt es ihm, glaub' ich, noch nach, daß er ſeine Politik gern verſalzt. Wenn eine Köchin die Suppe verſalzt, gilt ſie für verliebt; wofür ſoll man's aber von ſo einem alten Burſchen nehmen? Ich fürchte ſehr, er wird ſich ſeine hieſige Direction auch verſalzen. Seine frühern Stellun⸗ gen verdarb er ſich wiederholt durch ſeine mehrmaligen „Vertrauten Briefe“ aus Paris, die er herausgab, und die ihm den Verdacht revolutionärer Sympathien zuzogen. Sie wiſſen ja, lieber Doctor, es gibt Männer, die gerade ſoviel unpolitiſches Temperament als Leidenſchaft für Po⸗ litik haben. Dazwiſchen war er auch einmal Journaliſt in Hamburg. Als Muſiker wurde er zuerſt Kapellmeiſter an Graun's Stelle ſchon unter dem Alten Fritz. Eine glanzvolle Periode erlebte er dann unter dem vorigen, dem dicken König, als Director eines ausgezeichneten Or⸗ cheſters. Unter dem jetzigen Könige kam er an die ita⸗ —ÿ ͦͦ—ÿᷣ. 70 B₰½ —,„ B S 351 lieniſche Oper und an das Nationaltheater. Seine zahl⸗ reichen Compoſitionen, beſonders auch der Goethe'ſchen Lieder, kennen Sie wol beſſer als ich? „Soſ ziemlich, antwortete Hermann. Man rühmt an ihm, daß er in ſeinem Stil mit der Wahrheit in Gluck's Declamation Schönheit und Reichthum des italieniſchen Geſangs und deutſche Gründlichkeit zu vereinigen ſtrebe. Als nach dem Unglück bei Jena die Franzoſen nach Halle vordrangen, ſprach der Baron weiter, ängſtigte un⸗ ſern alten Freund ſein ſchriftſtelleriſches Gewiſſen; er zog ſich von ſeinem reizenden Beſitz in Giebichenſtein nach Danzig, Königsberg und Memel zurück. Wie aber Je⸗ roͤme alle auswärts lebenden weſtfäliſchen Unterthanen ins Land berief, kam er wieder, und erhielt ſtatt der in⸗ zwiſchen beſetzten Stelle eines Salinendirectors die Di⸗ rection des franzöſiſchen und deutſchen Theaters hier in der Reſtdenz mit einem Gehalt von 9000 Franes. Unter dieſer Mittheilung und daran geknüpften Unter⸗ haltung hatten ſie im Zuge der mitwandernden Menge den Park betreten, und gelangten rechtsab der breiten Chauſſee, durch Buſchwerk und Gehölz ſteil empor, und an der Militärwacht vorüber, vor das Wirthshaus. Die Säle und Zimmer des untern Stocks leerten ſich eben. Alles trieb ſich auf den waldigen Steigen durch die groß⸗ artigen Anlagen zu den verſchiedenen Stationen der Waſſer⸗ künſte hinauf. Der Baron zog es vor, den hier noch fremden jungen Freund unter die Bäume der erhöhten Esplanade zu führen, die ſich nach dem nördlichen Flügel des Schloſſes hinzieht, und eine herrliche Ausſicht auf die 3⁵² tiefer gelegene Stadt und das ausgebreitete Thal, nach den öſtlichen und nördlichen Bergzügen darbietet. Sie lenkten um den Schloßflügel, und der majeſtätiſche Mittel⸗ bau in ſeinen großen Formen ſtand vor ihnen— mit der breiten ruhigen Treppe, den koloſſalen Säulen, die am Hauptbau und den beiden Nebenflügeln die Eingangs⸗ giebel tragen, bis zur Kuppel hinauf, die das Haupt⸗ gebäude krönt. Selbſt die beiden Wachtpoſten, Küraſſiede zu Pferd, paßten zu dem großen Stil; während die geſchäftigen Livreen zwiſchen den Säulen und im Innern des offenen Portals die Ruhe anſchaulicher machten, die der Ausdruck des erhabenen Baues iſt. Sehen Sie, ſagte Rehfeld nach einer Weile ſtummer Betrachtung, ſo impoſant mußte ſich das Rieſenſchloß hin⸗ ſtellen, wenn es dieſer erhabenen Natur gegenüber einiges Anſehen behaupten wollte. Sie wendeten ſich um, und der ihnen nun gegenüber aufſteigende waldige Bergzug, mit dem rieſigen Standbilde des Hercules auf dem Karlsgipfel des Gebirgskammes ſetzte den jungen Freund vollends in Erſtaunen. Gerade auf unſerm Standpunkte, fuhr der Baron fort, ſo nahe dem Bau, ſo entfernt vom Berge, treten Kunſt und Natur ins rechte Verhältniß; auf dieſe Höhe und Ferne ſind auch die Maße jener Heroengeſtalt berech⸗ net. Sie gehen ins Koloſſale, ſodaß acht Menſchen Raum in der Keule haben, auf welche geſtützt jener Hercules die Landſchaft überherrſcht. Sehen Sie, Doctor, eben brau⸗ ſen die Waſſer aus den Grotten und Becken des acht⸗ eckigen Steinbaues unter der hundert Fuß hohen Spitz⸗ —— 3 ſäule, die den ſogenannten großen Chriſtoph trägt. Sie ſtürzen ſich die breite Cascadentreppe herab. Ein ander⸗ mal empfangen wir ſie droben und begleiten ſie auf ihrem abſinkenden Zug zu den verſchiedenen Stationen ihrer kunſtvollen Sprünge und Stürze. Jetzt kommen Sie! Der Baron führte ſeinen Gaſt den breiten Sandweg links an den herrlichen Baumgruppen vorüber, die den geboſſelten weiten Raſenplatz, dieſe friſchgrüne Zwiſchen⸗ lage von Gebirg und Schloß, umgeben. Links über die hohen Waldgipfel ragte überraſchend die alterthuͤmliche Löwenburg; rechts einlenkend kamen ſie an dem Baſſin hin, um das ſich die Menge. drängte, und wanden ſich bis zu der Stelle durch, wo ſie zwiſchen den grünen Baumwänden emporſchauend eben den Schleier der an⸗ kommenden Gewäſſer hundert Fuß hoch ſich herabſenkend erblickten. Jetzt— ein Rauſchen ſeitwärts, ein Aufſchrei der Menſchen, und aus einem kleinen Steinkegel im Baſſin ſteigt ein mächtiger Waſſerſtrahl, ſich hoch und höher kuppelnd, ſeine Schaumwellen abregnend, bis zu 190 Fuß empor. Die wehende Luft wiegte dieſe luſtige Trauer⸗ weide des Springquells hin und her, und die Sonne gaukelt Farben des Regenbogens in die ſprühenden Zweige. Der Baron, bei aller Wunderlichkeit ſeines halb ver⸗ ſteckten, halb vorgeſpiegelten Weſens, gehörte zu jenen gemüthvollen Menſchen, die etwas Merkwürdiges, was ſie einem lieben Angehörigen zuerſt zeigen, wie ihr Ge⸗ ſchenk empfinden, es ihm gönnen, und wenn er ſich daran entzückt, es mit friſcher Luſt, wie etwas Neues noch ein- mal mitgenießen. So nickte er beifällig und erfreut, als Hermann ausrief: 23 9 Koenig, Jeröͤme's Carneval. 1. 3⁵⁴ Wie groß und herrlich iſt das Alles! Man wird, glaube ich, ſeinesgleichen nicht ſobald wiederfinden. Ja, es hat etwas Ueberwältigendes, die erhabenſte Natur mit der Macht einer würdig nachſtrebenden Kunſt des Men⸗ ſchen im Bunde zu bewundern. Die Seele des Beſchauers verliert alle Macht über ſich ſelbſt, und empfindet deſto inniger das erhebende Glück, von Bewunderung hingeriſ⸗ ſen zu werden. Herr von Rehfeld führte auf einem beruhigenden Um⸗ wege den jungen Freund dem Gaſthauſe zu, und bot eine Erfriſchung an. Hermann konnte es nicht ablehnen, ſoviel lieber er auch nach der gegenüber gelegenen Espla⸗ nade zurückgekehrt wäre, wo die vornehme Welt auf ſchattigen Bänken ruhte oder in Unterhaltung umher⸗ wandelte. Folgen Sie mir, bat der Baron, dort ziehen ſich eben doch die intereſſanteſten Perſonen, die ich Ihnen nam⸗ haft machen könnte, nach dem Schloſſe hin, wo heut große Tafel iſt. Laſſen Sie uns in den Gaſtzimmern die bunte Geſellſchaft ein wenig muſtern. Und in der That wären auch wol ſo abſtechende Gruppen, wie ſie hier in den geräumigen Zimmern ſich um die vertheilten Tiſche ſammelten, weit und breit nicht anzutreffen geweſen. Beamte aus dem Braunſchweigiſchen, Preußiſchen und Heſſiſchen, aus dem Bisthum Osnabrück und Paderborn, aus dem Lande Halberſtadt, dem Eichs⸗ felde und der Grafſchaft Rietberg⸗Kaunitz ſaßen zuſam⸗ men, miſchten ihre verſchiedenen Dialekte über einerlei Actengeſchäfte, und mährten die franzöſiſchen Bureau⸗ — n 182— bezeichnungen ein. Dort geſellten ſich zu Scribenten, zu Commis d'ordre und andern Bureauiſten auch junge Comptoiriſten, Commis und Buchhalter aus dem Han⸗ dels⸗ und Gewerbſtande, ſprachen ſchlechtes Franzöͤſiſch und gemeines Deutſch. Zuweilen trat ein Stockfranzoſe hinzu, als Bekannter des Einen oder des Andern am Tiſche, und ein Wechſelgerede entſpann ſich, höͤchſt ergötz⸗ lich durch den Wetteifer des Franzoſen das Deutſche zu radbrechen, wie jene ihr Franzöſiſch zerhaspelten. Je lauter dieſe ſich hoͤren ließen und luſtig umher⸗ blickten, deſto behutſamer und zum Theil verbiſſen ſteckten an einem andern Tiſche Männer die Köpfe zuſammen, deren fremde Phyſiognomien, verlebtes Ausſehen und ab⸗ getragene Kleidung keine Glücklichen, ſondern franzöͤſiſche Glücksjäger bezeichneten,— Juden aus dem Elſaß, ver⸗ dorbene Advocaten, weggejagte Kriegscommiſſare, ver⸗ armte Händler, verunglückte Lieferanten, kurz, Bodenſatz der Revolution, Abſchaum der kriegsbrodelnden Zeit. Mit ihren lebhaften Mienen und leidenſchaftlichen Blicken moch⸗ ten ſie wechſelſeitig ihre Verſuche und Hinderniſſe, ihre franzöſiſchen Empfehlungen und deutſchen Abfertigungen, oder auch ihre Ausſichten und erhaltenen Zuſagen aus⸗ tauſchen. Einmal hörte man den halblauten Ausruf: Ce sacré vilain de Bulow! In umgekehrter Ordnung hatte der Zufall um einen wohlbeſetzten Tiſch im anſtoßenden Zimmer ein halbes Dutzend ſehr vergnügter und funkelneu gekleideter Fran⸗ zoſen zuſammengeführt, deren Lachen und prahlendes Plau⸗ dern den Nachbarn ein Aergerniß war,— jenen Alt⸗ caſſelanern, Händlern und Handwerkern, die zunftweiſe 23* — —— 356 umherſaßen, die Ellbogen des Sonntagsrockes auf ihre untergelegten Taſchentücher geſetzt, und mit ſchweigſamer Verdroſſenheit nach jenen Fremdlingen ſchielend, die mit königlich weſtfäliſchen Patenten als Kaufleute, Modehänd⸗ ler, Gewerbtreibende, Zahn⸗ und Haarkünſtler den ge⸗ laſſenen Erwerb der Stadt zu durchkreuzen und immer mehr an ſich zu reißen drohten. Und doch ſchienen dieſe guten Bürger mit ihrem zähen Sinn bereits vom Strom des neuen Luxus mitergriffen: ſie ſaßen an dieſem ganz gewöhnlichen Sonntag in ihren beſten Anzügen da, einige in dem violettſammtnen ſogenannten Bratenrock mit be⸗ ſponnenen Knöpfen zur gelben Plüſchweſte und zum glei⸗ chen kurzen Beinkleide,— in jenem Staate, den ſie bis⸗ her, blos für hohe Kirchen⸗ und Familienfeſte, im Klei⸗ derſchranke mit eingeſteckten Kienholze gegen die Motten verwahrt, neu oder unverſehrt im alten Zuſchnitt zu er⸗ halten gewußt hatten.“ Zwiſchen dieſen Gruppen fehlte es nicht an Frauens⸗ perſonen, die mit ihren Männern oder Liebhabern zuſam⸗ menſaßen und ſchäkerten, oder hochgeputzt paarweiſe durch die Stuben und draußen um die Esplanade ſchwebten, kichernd und coquettirend,— Putzmacherinnen, Modehänd⸗ lerinnen, Erzieherinnen, Tänzerinnen, Kammerjungfern, oder auch einzelne jener leichtherzigen, leichtfüßigen Ge⸗ ſchöpfe, die im Gedränge des ſonnigen Tages Blicke aus⸗ ſäen, von denen ſie bis zum mondhellen Abende die ver⸗ ſtohlene Ernte erwarten. Auch erregten dieſe Zugvögel die Aufmerkſamkeit der jüngern und ältern Herren an den Tiſchen, und erweiterten die Unterhaltung, die ſich eben um ECquipagen, Reitpferde und andere Luxusartikel eines imer dieſe trom ganz inige t be⸗ glei⸗ bis⸗ Klei⸗ ootten 1 er⸗ uens⸗ iſam⸗ durch ebten, händ⸗ gfern, Ge⸗ aus⸗ 2 ver⸗ gel die n den eben eines 357 vornehmen Hauſes bewegt hatte. Aber auch die Mode kam an die Reihe der Unterhaltung. Man ſtritt über Grün oder Braun eines Fracks und über die Geltung eines mit Virginie gefütterten Sammetrockes. Ob Cor⸗ delin, gedruckter Ribbs oder piqué matelassé der Zeſchmack⸗ vollſte Stoff für Weſten ſei, darüber war man nicht einig; auch, ob zum Caſimirbeinkleid hellgrau oder ſilbergrau oder verre d'eau den Vorzug verdiene, blieb Sache des Geſchmacks, und man war nur darin einverſtanden, daß ein ſolches Beinkleid in jeder Farbe mit Bändern ge⸗ tragen werden müſſe, indem Schnällchen nur bei Seide anwendbar ſei. Auch hinſichtlich der Filzhüte, was ſchma⸗ len Rand und hohen Kopf betraf, herrſchte eine merk⸗ würdige Uebereinſtimmung, vielleicht ſchon darum, weil auch alle die jugendlichen Häupter, denen dieſe Hüte auf⸗ geſtülpt wurden, das Haar von der Mitte des Kopfes gegen die Stirne lang und buſchig aufgebürſtet trugen. Dieſer Haarbuſch ſelbſt gab den bildſamſten Stoff ab, der einer liebenswürdigen Schönen gegenüber zum anmuthi⸗ gen Spiel des Träumens und Schmachtens diente, oder ſich nach Umſtänden zum Ausdruck der Verwegenheit wie der Verzweiflung aufwühlen ließ. Nur der in ſich ſelbſt beruhigte Stutzer trug ihn hoch aufgebürſtet und etwas zur Seite gelegt— mit einem coup de vent, wie's der Friſeur nannte. Hermann und der Baron, von dieſem Treiben doch endlich ermüdet, und um das Theater noch mitzunehmen, traten den Heimweg an. Mit einem Rückblick auf die erhabene Natur des waldigen Bergzuges verließen ſie den 3⁵8 Park, und ſobald ſie aus dem Bereich der Zuhörer wa⸗ ren, ſagte Rehfeld:. Sehen Sie, mein junger Freund, das ſind Hörſäle, wo Sie als angehender Weltmann zuweilen ihre kleinen Studien machen müſſen. Aber auch zu den gröoͤßern, ernſtern finden Sie, auf mein Wort! keine belehrendere Schule, als Ihnen dies Caſſel da drunten in ſeiner ſo reizenden landſchaftlichen Umgebung darbietet. Solche Mi⸗ ſchung von Menſchen, Intereſſen, Beſtrebungen iſt noch nicht dageweſen. Dieſe Verſchmelzung der verſchiedenſten, zum Theil zerſchlagenen deutſchen Provinzen zu einem fran⸗ zͤſiſchen Staatsgebilde bietet einen Proceß dar, höchſt an⸗ ziehend für den Beobachter, wenn er nicht etwa den Freund des Vaterlandes zur Zerſchlagung des Schmelztiegels reizt. Zu dieſer Bewegung im Staatsleben kommen ſodann die Spannungen in der Geſellſchaft. Sie, lieber Doctor, müſſen mehr Verkehr mit den verſchiedenen Kreiſen ſuchen, um einmal dieſe piquante Mixtur zu verkoſten. Wahrhaft amüſant ſind noch immer dieſe alten adeligen Familien, die ſich bisher noch in den Ueberlieferungen des ehema⸗ ligen halbfranzöſiſchen Hofes unter dem Landgrafen Fried⸗ rich geftelen. Freilich war ihre vererbte franzöſiſche Bil⸗ dung, die leichte Chauſſure altfranzoͤſiſcher Courtoiſie, zu⸗ letzt von franzöſiſchen Tanzmeiſtern und Kinderwärterinnen nur nothdürftig in Sohlen und Rüſtern, in Riemchen und Flicken erhalten worden. In dem Jargon, mit dem ſie ſich beſonders gegen Bediente und Handwerker auf hohen Abſätzen hielten, ſprach ſich, der derben bürgerlichen Ehr⸗ lichkeit gegenüber, etwas abgeſtandener Eſprit aus. Die franzöſiſche Sprache war ihnen ein ziemlich vergriffen⸗ 5£⏑ —.,—,— —Q——Q———— getrübtes Flacon, das ſchon viel erſchoͤpfende Naſenzüge ausgehalten hatte, und gleichſam ausgerochen war. Auf jenen hohen Abſätzen empfingen ſie nun die vielen Par⸗ venus des neuen Parvenu⸗Köͤnigs. Mit ihrer Kenntniß des altechten Hofceremoniels dachten ſie den noch nicht ein⸗ ſtudirten neuen Hof unter ihre Regie zu nehmen, und befleißigten ſich einer ſehr kalten und vornehmen Miene. Die Franzoſen aber lachten darüber, nahmen jenen Vor⸗ nehmen die beſten Stellen vorweg, und kehrten gegen jene Pedanterie eine muthwillige Lebensluſt heraus. Nun end⸗ lich iſt man durch eine ſtillſchweigende Transaction dahin gekommen, daß der geſchmeidigere Adel mit den Fran⸗ zoſen theilt, und dieſe ſich dagegen in den Abſchimmer ariſtokratiſcher Familien ſtellen und adelige Verbindungen einfädeln. Dafür wirft unſer Adel über ſeinen heimlichen Verdruß den neuen Mantel patriotiſcher Sympathien, und ſetzt ſich einige Kenntniß der deutſchen Literatur auf— oder in den Kopf, ſpricht gut heſſiſch mit Bedienten und Schuhmachern, und läßt ſich ſogar angelegen ſein, jenen Franzoſen, denen er die Hand drücken muß, etwas Deutſch beizubringen. Sie belehnen gleichſam die Fremden mit deutſcher Sprache. Und wirklich finden auch einzelne fran⸗ zöſiſche Familien, weil ſie deutſch geadelt worden, Ge⸗ ſchmack an deutſchem Hachis. Bei alledem will doch eine wechſelſeitige Durchdringung der gemiſchten Geſellſchaft noch nicht zu Stande kommen; die Miſchung ſcheidet ſich gern: die Deutſchen bilden den Niederſchlag, und haben alle Urſach— niedergeſchlagen zu ſein; die Franzoſen ſchäumen oben auf, wie ſie denn niemals übermüthiger geweſen ſind. Bei geſellſchaftlichen Zuſammenkünften auf ceremoniöſen Fuß entſchädigten ſich beide Theile in ihren getrennten Kreiſen: die Deutſchen durch misachtendes Selbſtgefühl bei häuslicher Oekonomie, da die Anſprüche des Hofes ſie zu Grunde zu richten drohen; die Franzoſen durch die anmuthloſe Unſittlichkeit ihrer parties fines, ver⸗ bunden mit Verſchwendung, wozu ihnen das deutſche Geld gut genug iſt.— In den bürgerlichen Claſſen unſerer Geſellſchaft haben Sie ſich nun wol ſelbſt ein wenig um— geſehen, lieber Doctor? Nun ja, verſetzte Hermann, nur nicht mit ſo ſcharfen Blicken, wie ich ſie an Ihnen bewundere, Herr Baron. Doch auch hier iſt die Geſellſchaft gemiſcht durch die nach Caſſel gezogenen Familien aus den nichtheſſiſchen Provin⸗ zen. Man ſagt mir, dieſe deutſchen Fremden hätten ſehr oft mehr Bildung, mehr Gewandtheit und beſonders auch mehr Liberalität. Ganz recht! fiel Rehfeld ein. Der gute Ton iſt hier in Caſſel unter der letzten Regierung ſehr zurückgegangen. Der einſiedleriſche und geizende Hofhalt hat die Menſchen eng und ängſtlich gemacht. Ihre ſparſamen Gewohnheiten ſind unfruchtbar für die geſellſchaftliche Bildung. Es geht ſoweit, daß man den Deutſchen aus andern Provinzen die Theilnahme an den Vortheilen misgöͤnnt, die zwar mit aus jenen Provinzen herbeiſtrömen, die aber in Caſſel nur auf Caſſelaner ausfließen ſollten. Das entgeht dann dieſen ungern Geſehenen nicht, und ſie laſſen es dafür nicht an Sarkasmen fehlen. In Einem Stücke ſtimmen aber die guten Deutſchen aus ſo ziemlich allen Provinzen über⸗ ein: ſie bringen immer ihre Handwerksangelegenheiten mit in die Geſellſchaft. Der Advoeat dictirt Receſſe, der —& ————9———y„— din⸗ ſehr nuch hier gen. chen iten geht azen war aſſel ann nicht aber ber⸗ eiten der 361 Beamte driſcht Acten, der Pfarrer ſpendet ſeine Paſtora⸗ ralien, der Kaufmann packt ſeine Kiſten aus. Und wirkt der vin chaud— wie hier der Glühwein abſolut heißt—, ſo kommt der alte kurheſſiſche Ton und der Stürmer, der Schläger von Jena, zum Vorſchein. Glauben Sie nicht, Herr Baron, daß man hier doch die alte und die junge Generation unterſcheiden muß? fragte Hermann, und der Andere verſetzte: Gewiß, mein Freund, wie zu allen Zeiten! Jede neue Idee, jede neue Beſtrebung befruchtet die eben aufblühende Generation, wirft Anker in den jugendſtürmiſchen Herzen; wogegen das Ablebende, Durchgeprüfte mit all' ſeinen Widerhaken in der Seele der Alten haftet. Wir haben vorhin die jungen Leute belauſcht, fuhr Hermann fort,— mein Gott, welch' ein läppiſcher Sinn, welche Albernheiten der Unterhaltung! Ja wohl! rief mit Entrüſtung der Baron. Franzö⸗ ſiſch zu ſtümpern, eine hochbeſoldete Stelle oder reiche Frau zu erlangen, ein glänzendes Haus zu machen, ein Reitpferd, eine Equipage zu halten, ſcheint aller Idealis— mus zu ſein, der dieſe von der Fremdherrſchaft erniedrigte Generation zu beſeelen vermag. Welch' ein ſündiger Abfall dieſer Jugend von dem Geiſte, der aus den Schöpfungen unſerer Dichter, aus den Offenbarungen unſerer Denker noch vor kurzem in alten Zungen über unſer Volk ge⸗ kommen war! Da halte ich es denn lieber mit unſern Alten. Während dieſe jüngſte Brut ſich ins neue pariſer Reſtaurationsleben, in fremde Sitten und franzöſiſche Ge⸗ wohnheiten des Luxus, des Spiels und ſittlicher Leicht⸗ fertigkeit verliert, ziehen jene ſich in Widerwillen und Haß 362 gegen das Neue zurück, und befeſtigen ſich in der An⸗ hänglichkeit an das Alte, beſonders auch an ihren alten Fürſten. Mögen ſie immerhin auch für den alten Zopf zum Schwert greifen, ſo iſt doch jedenfalls Treue und Glauben dabei, und an dieſe laſſen ſich leicht edlere, höher athmende Unternehmungen anknüpfen! Zwölftes Capitel. Im Theater. In ſolchen Geſprächen kamen ſie an dem kleinen Garten⸗ local des Herrn Keilholz in der Allee vorüber. Sie hat⸗ ten kein Bedürfniß, in dieſer neuen Reſtauration einzu⸗ kehren, der Baron aber empfahl dem jungen Freunde die artig gelegene Wirthſchaft. Sie finden da ſtets eine ausgewählte Männergeſell⸗ ſchaft, ſagte er, intereſſante Unterhaltung und, wenn Sie ſich einmal ins Zutrauen geſetzt haben,— piquante Mit⸗ theilungen, Hofgeſchichten u. ſ. w. Dabei iſt der Wirth gefällig und billig, beſonders mit ſeinem guten Kaffee. Wiſſen Sie, was auf Napoleonshöhe die Partion koſtet? Einen halben Thaler. Sie hatten jetzt die Gärten der Stadt erreicht und ſchlugen einen Seitenweg ein, um die Theaterſtunde her⸗ beizuſchlendern. Als ſie ſich von der Au herauf dem Hauſe — &— In⸗ ten opf ind her 363 näherten, fanden ſie den Opernplatz von Menſchen ſehr belebt. Die Thüren der langen Eingangshalle waren von ältern und jüngern Herren beſetzt, weniger um der rei⸗ zenden Ausſicht zu genießen, die man hier über den wei⸗ ten Platz hinaus in die Landſchaft hat, als um die ſchöne Welt zu Wagen und zu Fuß ankommen zu ſehen. Auf dem Altan über der Halle zeigten ſich in übergeworfenen Mänteln einzelne Figurantinnen aus dem Perſonal der Oper und des Ballets, die— wie es ſchien— nach ihren Verehrern ausſpähten, und mit Blicken und Finger⸗ zeigen ihre Beſtellungen machten. Es iſt doch ein unverſchämtes Völkchen, ſagte der Baron, und leider wetteifern unſere Landsmänninnen aus Berlin, Braunſchweig und Hannover mit den leichtfüßig⸗ ſten Franzöſinnen des Ballets. Unſer hieſiges Theater hat nicht blos ein Repertoir für die Stücke, ſondern auch einen Preiscourant für das weibliche Perſonal— we⸗ nigſtens für das untergeordnete der Figurantinnen. Ein Doppelrepertoir für Sujets, die gut aufgeführt werden, und ſolche, die ſich ſchlecht aufführen. Unſere Freunde verweilten nicht lange vor dem Hauſe, ſondern ſuchten ſich, um auch ein wenig auszuruhen, be⸗ queme Eckplätze im Parterre. Hermann wunderte ſich, daß es hier ſo leer blieb, beſonders von jüngern Frauen⸗ zimmern. So oft ich ſonſt hier war, ſagte er, fand ich ange— nehme Nachbarinnen, und heut hätte ich noch mehr Zu⸗ drang erwartet, da der König zum erſten mal wieder hier erſcheint. Eben deshalb finden Sie es weniger beſucht, erwiderte 364 der Baron. Ich meine das Parterre. Die Logen wer⸗ den ſich ſchon mit geputzten Damen füllen. Als Sie frü⸗ her hier waren, befand ſich der König auf Reiſen, und ſolche Abweſenheit benutzen die ehrbaren Frauen, die das Parterre beſuchen, um ihre Tochter einmal ins Theater zu führen. Sie ſprechen von ehrbaren Frauen, entgegnete Her⸗ mann; liebt denn der König Stücke, die Anſtoß beim Publicum geben? Dies weniger, flüſterte der Baron mit ſchalkhaftem Lächeln. Aber es hat noch ein anderes Häkchen. Es wun⸗ dert mich, daß Sie davon noch nicht gehört haben. Aber freilich, man ſpricht kaum mehr darüber. Jeröme, müſſen Sie wiſſen, erſcheint nur bei feierlichen Gelegenheiten mit ſeiner Gemahlin in der großen Mittelloge. Wenn er außerdem das Theater beſucht, was er fleißig thut: ſo iſt es dort in der Proſceniumsloge,— ſehen Sie da rechts, wo die purpurnen Vorhänge—! Und— eben dieſe Vorhänge ſind das Aergerniß! Man ſieht ſie näm— lich zuweilen, oder auch öfter, während der Operette oder nach dem Ballet ſich ſchließen. Nun—? fragte Hermann geſpannt, und der Baron fuhr fort: Dann folgt eine kürzere oder längere Unterbrechung, die unſer Freund Kapellmeiſter mit Muſik auszufüllen an⸗ gewieſen iſt, ſo, als ob noch nicht Alles hinker dem Vor⸗ hang in Ordnung wäre. Aber Sie können ſeinem Tact⸗ ſtocke, mit dem er auf das Notenpult hämmert, anmer⸗ ken, daß er über etwas Anderes ärgerlich iſt, als über die Partitur, auf die er klopft. Und Das, was ihn ſo 12—4— ron 365 grimmig macht, iſt es auch, was unſere rechtſchaffenen Frauen vom Theater abhält— dies unſichtbare Inter⸗ mezzo, das die Fragen der Töchter veranlaſſen oder gar die Phantaſie derſelben beunruhigen könnte. Wie unſere Logendamen darüber hinauskommen— ich habe noch keine darüber befragt. Man hört ſie dann blos ſehr laut und lebhaft reden und lachen, ſo— wie man zu thun pflegt, wenn man ſich etwas ausreden will oder es nicht zu merken anſtellt. Je nun— was iſt es denn aber? fragte Hermann noch begieriger. Jeröme ſoll zuweilen etwas abgeſpannt ſein: macht er ein Zwiſchenſchläfchen in der Loge? O Sie—! lachte der Baron. Und da eben alle Logenthüren auf⸗ und zugingen und der Zudrang rauſchte, ſprach er etwas raſcher: Es iſt freilich auch oft eine große Schuld der Könige, wenn ſie zur Unzeit ſchlafen. Aber Das iſt es hier nicht, ſondern— nun ja!— Jeröme, müſſen Sie wiſſen, iſt ein großer Liebhaber— auch von der Kunſt, und liebt beſonders das hoch aufgeſchürzte Ballet. Aber er haßt allen nichtigen Schein, und wenn er nun während des Spiels oder Tanzes in Zweifel darüber kommt, wie viel Wahrheit oder wie viel— Watte an der reizenden Er⸗ ſcheinung iſt, ſo läßt er ſie vom Theater abholen— es geht nämlich ein Treppchen aus der Loge auf die Bühne— und— Ha, der König! Ein Geräuſch entſtand dadurch, daß Alles ſich erhob, um den Gruß der Majeſtät aus der kleinen Loge mit Verneigungen zu empfangen. Die Ouverture begann. Die Operette„Quinault et Lully“ hatte für Hermann 366 wenig zuſagende Muſik. Im Allgemeinen war es aber um die Ausführung ſolcher kleinern Singſpiele doch beſſer, als mit der großen Oper beſtellt. Madame Theodore, ſo vortrefflich der junge Freund ſie ſchon in den Rollen ei⸗ ner petite etourdie geſehen hatte, zog heut nur durch ihr phantaſievolles Geſicht und ſeelenvolles Auge das Intereſſe des Publicums auf ſich, ließ aber mit ihrer mittelmäßi⸗ gen Stimme die Ohren unbefriedigt. Im Ballet Zeli, ou la journée heureuse that ſich Mademoiſelle Couſtow hervor.— Eine der Theaterbe⸗ kanntſchaften Jeroͤmes aus Paris! flüſterte der. Baron dem Freund ins Ohr. Das Ballet war kaum zu Ende, als die Vorhänge der kleinen Loge ſich wirklich zuſammenzogen. Eine flüſternde Bewegung entſtand im Theater. Durch des Königs Ab⸗ weſenheit war die Sache wieder neu geworden, und das Publicum, das wahrſcheinlich erwartend geweſen, ſchien nun mit der rauſchenden Bewegung ausdrücken zu wollen: Ja doch, er iſt noch der Alte! Auch dem Kapellmeiſter mochte der Vorgang nicht un⸗ erwartet gekommen ſein, wenigſtens war er darauf vor⸗ geſehen und ließ als vorgeſchriebene Zwiſchenmuſik ein an⸗ zügliches Stück aus„Don Juan“ ſpielen. Der alte Welt⸗ gänger konnte bei ſeiner leidenſchaftlichen Reizbarkeit, wenn er einen piquanten Trumpf auszuſpielen dachte, zuweilen noch unüberlegt wie ein Student handeln. Leider! wurde er auch verſtanden, und ein beifälliges Stampfen ließ ſich aus einigen Ecken, wenn auch ziemlich blöde, vernehmen. Denn die Aufpaſſer der Polizei kamen ſchon in Bewegung, und eben als Hermann ſich mit einer leiſen Bemerkung —+—— 367 gegen Rehfeld wendete, trat Einer derſelben— ein Mann in Civil— an den Baron heran, lüftete unter artiger Begrüßung wie zufällig den Ueberrock, um ſein Polizei⸗ ſchild blicken zu laſſen, und lud ihn ein, ihm auf die Polizei zu folgen; ein verdächtiger Menſch ſei von der Gendarmerie eingebracht worden und habe ein Schrei⸗ ben an den Herrn Baron bei ſich, worüber Auskunft zu geben ſei. Der Baron war ſichtlich betroffen, und ſchickte ſich an, dem Commiſſar, der ruhig vorausgehen wollte, zu folgen, als ein wohlgekleideter junger Menſch, groß und pocken⸗ narbig, mit der Bewegung, ſich in dieſelbe Sitzreihe durch⸗ zudrängen, dem Baron zuflüſterte: Beruhigen Sie ſich, Herr von Rehfeld! Der Brief iſt unverſiegelt, und hat nur Inhalt für Den, der den Schlüſſel dazu hat. Er grüßte im Vorübergehen auch Hermann mit einem freundlichen Blick der lebhaften Augen, und dieſer hatte ihn bereits für jenen jungen Mann, Namens Wilke, aus dem Schaumburg'ſchen Garten erkannt. Hermann wollte den Baron begleiten, der es aber mit den leiſen Worten ablehnte: Heften Sie ſich nie an einen Freund, der vor die Polizei geholt wird! Aber— fragen Sie ſpäter nach, ob ich zu Hauſe bin. Dort will ich Ihrer warten, wenn—! Hermann blieb ſehr beunruhigt zurück. Die Befan⸗ genheit des Barons machte ihn um ſo beſorgter, als er demſelben bisher ſelbſt bedenkliche Verbindungen zugetraut hatte. Mit Ungeduld erwartete er das Finale der Operette, 368 um ſich dem Kapellmeiſter zu nähern und ihm den Vor⸗ fall mitzutheilen. Reichardt verrieth doch mehr Beſtürzung, als es der junge Freund von einem ſonſt ſo kecken Sprecher erwar⸗ tet hätte. Er ließ durch den Diener des Orcheſters ſich nach Haus entſchuldigen, und eilte mit Hermann nach Rehfeld's Wohnung. Dieſer war noch nicht zurück, be⸗ gegnete ihnen aber zwiſchen den Wachthäuſern des Thors, als ſie eben auf Nachforſchung in der Nähe des Polizei⸗ palais ausgehen wollten. Ohne ein Wort zu reden, hängte er ſich ihnen an die Arme und nahm ſie mit ſich zurück. Die Allee war noch von Hin⸗ und Herwandeln⸗ den belebt. Erſt im Zimmer, nachdem der Bediente Licht gebracht, ſagte er:- Beruhigt euch! Alles iſt für diesmal gut abgelaufen. Die verfluchten Spione hatten unſern Eiſenhart richtig ausgewittert und der Gendarmerie verrathen. Glücklicher⸗ weiſe reiſte der Pfifficus diesmal auf den Namen Sieb⸗ draht und ohne den alten Backenbart. Das hat ihm durchgeholfen gegen das im Uebrigen zutreffende Signale⸗ ment. Der Brief wies ſich als offener Bericht meines Gutsverwalters aus; er iſt eben für unſer Netz geſchrie⸗ ben. Doch war mir der Wink des unbekannten jungen Mannes gar lieb; ich trat gleich mit mehr Unbefangen⸗ heit auf. Wer war's aber nur? Haben Sie ihn ge⸗ kannt, kennen Sie ihn? Hermann, an den dieſe Frage gerichtet war, nannte Wilke's Namen und erzählte, wie er ihn kennen gelernt. Es blieb aber Allen ein Räthſel, was den jungen Scri⸗ benten aus dem Bureau des Legionschefs der Gendarme⸗ — 18——2— der war⸗ ſich nach be⸗ ors, zei⸗ den, ſich eln⸗ eicht fen. htig her⸗ ieb⸗ ihm ale⸗ ines vrie⸗ igen gen⸗ ge⸗ nnte ernt. zeri⸗ me⸗ 369 rie zu einem offenbar ſo wohlwollenden Wink bewogen haben könnte. Rehfeld war aber zu unruhig und rief: Ein andermal davon! Jetzt ſetzt euch! Ich bin zu verlangend, meinen Fiſchzug zu thun! Befremdet und erwartungsvoll ſah Hermann dem Ba⸗ ron zu, wie er aus einem Verſteck des Schreibtiſches ein ſteifes Blatt Papier von der genauen Größe des Brief⸗ bogens hervorbrachte. Es war unregelmäßig von kürzern oder längern ſchmalen Ausſchnitten durchlöchert, ſodaß es, Ecke auf Ecke des glatt geſtrichenen Briefes aufgelegt, ein⸗ zelne oder mehre Worte hinter einander durch die Lücken hervorſchimmern ließ. Im offenen Briefe zerſtreut und in andere Sätze verflochten, gaben ſie, durch die Maſchen des Netzes hervorblickend, einen zuſammenhängenden Sinn in kurzen, gedrängten Sätzen, die der Baron mit einer Bleifeder flüchtig auf ein Blatt Papier trug. Dann warf er ſein Netz auf die zweite und dritte Seite des Briefes, um auch hier aus den offen dahin fließenden Zeilen ſeine Geheimniſſe— wie er ſich eben ausdrückte— zu fiſchen. Er durchlief dann ſeinen Auszug, wobei ſein lebhaftes Geſicht verrieth, wie ſehr ihn die Mittheilungen erregten. Wir ſprechen noch darüber! ſagte er, mehr gegen Reichardt gewendet, und ſetzte dann aus Höflichkeit gegen Hermann hinzu: Sehen Sie, lieber Freund, ſo müſſen gute Bekannte heutiges Tags mit ihrem Vertrauen Verſteckens ſpielen, da es hinter keinem Siegel mehr ſicher in die Ferne gehen kann. Beſchränken müſſen ſich da freilich die Nachrichten. Man ſagt ſich eben nur das Alllerdringendſte, oft nur, auf welchem geheimen Wege man umſtändlichere Papiere Koenig, Jeröͤme's Carneval. I. 24 370 erhalten werde. Aber jetzt kommt, ich begleite euch zu⸗ rück! Meine Beſorgniß hat mir den Appetit geſchärft. Auch ihr habt noch nicht zu Nacht geſpeiſt— ich hab' euch drum gebracht, und bin euch Erſatz ſchuldig gewor⸗ den. Kommt, ſeid meine Gäſte! Wir gehen ins Hötel de France, Legendre hat treffliche Küche. Guten Spar⸗— gel, handlange Krebſe, Häschen und Forellen gab's geſtern Abend. Und Bordeaux⸗Nuit nirgends echter— in ver⸗ ſiegelten Flaſchen. Wir können beruhigt ſein, daß Jeroͤme noch nicht darin gebadet hat.— Hermann lachte, und meinte, die ganze Geſchichte mit dem Badewein ſei wol erfunden. Dem ſei wie ihm wolle! fiel Reichardt ein,— der bloße Gedanke daran kann Einem in einer verdächtigen Wirthſchaft den Wein verderben. Ich warne Sie wenig⸗ ſtens, lieber Freund, vor der Reſtauration bei Lelong unter den Arkaden, da, wo auch die Couriere einzukehren pflegen. Die laſſen Sie unbeſucht, ſo bequem Sie ſolche gerade unter Ihren Fenſtern haben! Dorthin ſollen die Spitzbuben von Lakaien die echte Sorte Rothwein ver⸗ kaufen, die ſie aus des Königs Weinbädern auf Bouteil⸗ len zapfen. Am Friedrichsplatze trennte ſich Hermann, indem er für die Einladung des Barons dankte, von den beiden Männern, und wandelte hinab nach ſeiner Wohnung. Er fühlte, daß die Nachrichten des ſonderbaren Mannes doch nicht für ihn waren, wenn er auch mehr Verlangen, ſich in die gefährlichen Geheimniſſe einzudrängen, gehabt hätte. nes gen, 371 Zu Hauſe vernahm er von ſeiner freundlichen Wirthin, daß das junge Ehepaar von den Neuhöfen zurückgekehrt ſei, daß Lina lange auf ihn gewartet habe, Ludwig aber mit einem alten Herrn, der mitgekommen, zu Schmerfeld gegangen ſei. Dreizehntes Capitel. Der Frühſtücksmann und der Abendſchleicher. Hermann war unter Nachbetrachtungen über den Baron noch lange wach geblieben, nachdem er dieſen ſonderbaren Mann heut, wie noch nie bisher, in ſo ſtark contraſtiren⸗ den Zügen als Gecken, als ſcharfblickenden Weltmann und als Wohlſchmecker gefunden hatte. Er konnte ſich nicht klar darüber machen, wie viel von dieſen edeln Geſinnun⸗ gen, umfaſſenden Lebensanſichten und poſſenhafter Sinn⸗ lichkeit naturwahr an ihm— und wie viel um ſeiner geheimen Zwecke willen blos zur Schau geſtellt ſein möchte. Am Ende gefällt man ſich ſelbſt gegen ſeine Bekannten in einem Spiele, durch das man ſich ſo vielen Menſchen über⸗ legen fühlt. 2 Mit dieſer Betrachtung hatte der junge Freund ſeinen bunten Tag abgeſchloſſen. Als er andern Morgens in der Frühe erwachte, zerſtreute der Gedanke an Lina ſchnell die verworrenen Erinnerungen des geſtrigen Nachmittags und Abends. Er öffnete das Fenſter, und die Frühnebel des Thals wichen eben der Sonne, die leicht verſchleiert über 24* 372 das Gebirge heraufgeſtiegen war. Er hatte den lieben Freunden ſo Vieles mitzutheilen; ſie hatten ihn ſo ver⸗ wirrt, ſo ängſtlich über ſeine Verwickelung mit Bercagny geſehen, und er war inzwiſchen ſo ſieghaft und doch auf ſeinem eigenen Weg daraus hervorgegangen, daß er kaum die Stunde erwarten konnte, wo er es nur einigermaßen mit der Schicklichkeit verträglich fand, ſie zu beſuchen. Die Zimmer ſtanden offen, als er leiſe die Treppe hinaufging, und der Geruch der neuen Möbel und Ein⸗ richtung ließ ſich ſelbſt vom Duft des Kaffees nicht ganz unterdrücken. Er hörte aus der lebhaften Unterhaltung eine fremde Stimme, eine tiefe männliche, deren Wohl⸗ klang ihm doch nicht angenehm war, vielleicht nur weil ſie ſeine gemüthliche Erwartung einſchüchterte und einem Menſchen angehören konnte, gegen den er mit ſeinen Mit⸗ theilungen zurückhalten müſſe. Wirklich fand er Drei beim Frühſtück, und der Dritte war zu ſeiner Ueberraſchung jener ältere Mann, halb Militär, halb Jäger, auf den er ſelbſt die Freunde an jenem ländlichen Morgen zuerſt aufmerkſam gemacht hatte. Mit fröhlichem Gruß eilte ihm Lina entgegen, und Ludwig, indem er ihn mit freundlichem Händedruck be⸗ willkommte, ſtellte ihn dem— Herrn Oberſtlieutenant Emmerich vor. Hermann mußte ſich zum Mitfrühſtücken ſetzen, und als ihn Lina bediente, ſagte ſie lachend: Iſt es nicht ſonderbar, lieber Ludwig, daß Hermann, der uns den damals räthſelhaften Frühſtücksmann zuerſt . gezeigt hat, nun auch den Herrn Oberſtlieutenant zum erſten mal wieder beim Frühſtück antrifft? Wass? fiel der alte Soldat lachend ein. Alſo von 2 373 damals heiß' ich ſchon der Frühſtücksmann? Nun ja, heut muß ich mir den Ehrentitel ſchon gefallen laſſen; heut bekomme ich ihn mit Recht und laſſe mir ihn ſchmecken. Da ſeht ihr, Kinder, wie manchmal Einem ein Glück zu Theil wird, ehe man's verdient! Schade, daß wir dich geſtern Abend nicht zu Hauſe getroffen! ſagte Ludwig. Wir wollten dich mitnehmen, und du hätteſt die wunderbaren Geſchichten mitangehört, die unſer Freund, dieſer liebe Gaſt, aus ſeinem deutſchen und amerikaniſchen Kriegsleben erzählt hat. Dafür ſoll er uns nun ſeine Polizeigeſchichte erzählen! platzte Emmerich ſehr vorlaut heraus, ſodaß Ludwig und noch mehr Lina in Verlegenheit kamen, beſonders als Hermann verwundert fragte, woher der Herr Oberſt⸗ lieutenant davon wiſſe. Nur durch uns, lieber Freund, durch mich! verſetzte Ludwig mit einem warnenden Blicke gegen den Alten. Du mußt nur wiſſen, der Herr Oberſtlieutenant gehört zum Kreis der homberger Freunde, die ſich gern über die Lage unſers Vaterlandes und über den Druck der Fran⸗ zoſenherrſchaft verſtändigen. So kam auch was dir, un— ſerm damaligen Gaſte, von dieſem Bercagny widerfahren, zur Sprache, und aller Freunde herzlicher Wunſch war es, daß du dich aus dem Fallſtricke glücklich herauswin⸗ den moͤchteſt. Iſt geſchehen! lachte Hermann ſtolz. Wir haben ſchon von der Mutter gehört, wie heiter du jenen Tag von der Polizei zu Tiſche gekommen biſt, bemerkte Lina. Du haſt alſo die Geſchichte klugerweiſe zu Ende gebracht?— —õʒ——— 5 374 Klug will ich nicht ſagen! verſetzte Hermann; aber glücklich genug habe ich ihn abgefertigt, den Bercagny, und kam eben her, euch den Verlauf mitzutheilen. Wenn Sie ihn alſo mitanhören wollen, Herr Oberſtlieutenant? Gewiß! rief Emmerich. Ich weiß, was Ihnen Herr Heiſter gerathen hat, und verlangt es mich recht, zu hören, wie Sie um den Polizeioberſten herumgekommen ſind. Hermann erzählte nicht ohne ſelbſtgefälliges Behagen, und je öfter der alte Soldat, ſeinen Schnurrbart drehend, beifällig nickte, deſto ſelbſtzufriedener ſpann der junge Freund, beſonders auch Lina zu Gefallen, den Faden ſeines Berichts aus. Lina freute ſich, daß der ärgerliche Handel ſo ſehr zur Befriedigung ſeines entrüſteten Herzens abgelaufen ſei, ohne daß er klugen Rath bei Seite geſetzt habe. Der iſt mein Mann! rief Emmerich, und ſtreckte die Hand gegen Hermann aus. Er hat Glück und braucht keine Klugheit. Guter Tact, a prompting, Eingebung iſt auch Glück. Her mit Eurer Hand, junger Doctor! Wir ſind unter gleichen Schickſalsplaneten geboren, wenn auch ein halb Säculum zwiſchen uns liegt. Auch ich bin bei meinen tollkühnſten Unternehmungen mehr nach in⸗ nerm Antrieb als nach kluger Abwägung ins Zeug ge⸗ fahren. Ei warum ſollte denn der Menſch nicht einen geiſtigen Inſtinet haben für Gewächſe der unſichtbaren Welt? Die vierfüßige Creatur findet mit der unvernünf⸗ tigen Naſe ſtets ihr richtiges Futter, und wenn— she fell sick, wenn eine Maladie in ihr ſteckt, ſchnüffelt ſie irgend ein Heilkraut heraus. Warum ſoll mancher Menſch nicht wittern, wo die Zukunft hinaus will und wo ihre ——ᷣ4.4.— — Gefahren liegen? Keck aus der Fauſt, iſt mir immer beſſer eingeſchlagen, als klug an den Fingern abgezählt. Allen Reſpect vor der Klugheit! Auch darf ſie bei gro⸗ ßen Unternehmungen durchaus nicht fehlen;z aber— dem Einen gibt der Himmel Glück, dem Andern Klugheit. Jeder muß nur ſein Geſchenk richtig gebrauchen und nicht beides zugleich verlangen. Darf aber auch nicht wechſeln wollen, ſonſt geht's ihm wie Einem, der immer die rechte Hand gebraucht hat, und will nun mit der Linken hantiren. Und indem er Ludwig die Linke und Hermann die Rechte reichte, fuhr er fort: Klugheit hat nicht immer Glück, Herr Heiſter, und Glück muß ſich nicht durch Klugheit irre machen laſſen, Herr Doctor! Stellt ihr Beide euch mit dem Rücken zuſammen, ſo macht ihr einen Doppeladler gegen die be— rechnenbaren und gegen die unvorherzuſehenden Gefahren unſers Unternehmens. Er blinzte Ludwig aufmunternd zu; dieſer aber ſchüt⸗ telte leiſe mit dem Kopf. Lina bemerkte und verſtand dies auf Hermann bezüg⸗ liche Mienenſpiel. Und ob es gleich nichts mehr bedeu⸗ tete, als daß man den jungen Freund in eine politiſche Verbindung ziehen wollte, der ja ihr Ludwig auch ange⸗ hörte, ſo machte ihr doch dieſe myſteriöſe Beſprechung den ängſtlichen Eindruck, als gelte es, Hermann zu verrathen und zu verkaufen. Ohnehin misfiel ihr das unruhige, zu⸗ fahrende Weſen des alten Mannes. Indem ſie ſich aber ihrer Pflicht als Hauswirthin beſann, nahm ſie ſich zu⸗ ſammen und ſagte ſehr freundlich: 376 Nun Sie aber nichts mehr genießen und Ihre Taſſe umgeſtürzt haben, Herr Oberſtlieutenant— wollen Sie nicht Ihr Pfeifchen rauchen? Ei, wenn ich vor einer ſo ſchönen Lady rauchen darf, erwiderte er mit Verneigung, ſo muß ich auch mein Ehren⸗ pfeifchen holen. Er eilte nach dem Schlafzimmer, wo ſeine Reiſetaſche lag, und kam mit einer hübſchen und ſeltenen kleinen Pfeife zurück, die unſern Hermann an ein bekanntes, in Muſtk geſetztes Gedicht erinnerte. Heiter aufgelegt, wie er war, klopfte er, theatraliſch oder ſtudentiſch vortretend, den alten Soldaten, wie er eben die Pfeife anrauchte, auf die Schulter und ſang ihn mit den Worten an: Gott grüß' Euch, Alter, ſchmeckt das Pfeifchen Aus Euerm Türkenkopf Von rothem Thon mit goldnen Streifchen? Was wollt' Ihr für den Kopf? Emmerich, der als Jäger und Soldat alle gangbaren, ältern und neuern Lieder und Singweiſen im Kopf hatte, ſtand mit angenommener Miene der Ehrerbietung auf, in⸗ dem er, die flache Hand an die unbedeckte Stirne gelegt, ſalutirte, und ſang mit ſeiner tiefen, noch recht klang⸗ vollen Stimme, aber nicht ohne affectirte Manier, die Antwort: Ach, Herr, den Kopf kann ich nicht laſſen, Er kommt vom beſten Mann, Der ihn, Gott weiß es, welchem Baſſen Bei Belgrad abgewann. Die übrige Erzählung von der poetiſchen Pfeife paßt nicht recht zu meiner Geſchichte, fuhr er dann, indem er ei aßt 377 ſich wieder ſetzte, fort. Mein Pfeiſchen hat andere Schick⸗ ſalswege gehabt, die ich aber nicht erzählen darf. Denn die Pfeife da, echt orientaliſch, iſt— talismanical— iſt mit einem Zauber behaftet, den nur Geheimniß bewahrt. Mein Glück hangt an der Pfeife. Er lachte dabei etwas ſchalkhaft, als ob er ſeinen eigenen Worten nicht traute. Man kam darüber auf dieſe und jene Wunderbarkei⸗ ten eines abenteuernden Lebens zu reden, bis Lina das Geſpräch auf ihre häuslichen Angelegenheiten lenkte.— Mit der beginnenden Woche wollte das junge Paar die freundſchaftlichen und die Anſtandsbeſuche machen. Lina nahm es mit ihrem erſten Eintritt in die große Welt etwas feierlich, wiewol ihrem Naturell gemäß, heiter und eher etwas neubegierig als ängſtlich oder verzagt. Auch bei Reichardts wollte ſie von Hermann eingeführt ſein, um vielleicht zu den muſikaliſchen Abenden des Kapell⸗- meiſters geladen zu werden, von denen der Freund ihr ſoviel Anziehendes erzählt hatte. Im Stillen intereſſirte ſie aber auch Luiſe, für die Hermann wahrhaft ſchwärmte. Dagegen ſollte er mit ihr bei der Familie Engelhard Beſuch machen. Es ſchickt ſich, daß du hingehſt, ſagte ſie. Du haſt an unſerm Polterabende ſo zärtlich mit Thereſen gewalzt und geplaudert, und eine poetiſche Mutter mit ſieben blü— henden Töchtern iſt auch etwas, was man nicht alle Tage ſteht. Ihr ſprecht ja doch immer ſoviel von unſern Poe⸗ ten und ihren Werken— Ihren Ausgaben! lachte Ludwig ſchalkhaft. Sie ſprang auf, ihn zu ſtrafen; er lief lachend fort 378 und zog den alten Emmerich mit ſich auf ſein Arbeits⸗ zimmer. Wie kommt ihr nur zu dieſem Gaſte? fragte Her⸗ mann, und Lina erwiderte: Ludwig hat in Homberg ſeine Bekanntſchaft gemacht. Er hat uns hierher begleitet, um ſich mit den Männern des kurfürſtlichen Anhangs zu beſprechen, und dann nach Marburg zurückzukehren, wo er ſich jetzt aufhält. Es iſt merkwürdig, was ein ſo alter Mann noch ſo unruhig und tollkühn ſein kann. Freilich ſind ihm auch die verwegen⸗ ſten Unternehmungen geglückt, und er hat zur rechten Zeit keine Warnung erhalten. Für mich hat es etwas gar Betrübendes, wenn ein alter Mann nicht zur Gemüths⸗ ruhe kommen kann, und in ſo hohen Jahren noch fort⸗ während auf Abenteuer ausgeht. Sie ließ ſich dann über ihre künftige Einrichtung und Lebensordnung aus, wobei ſie auf Hermann's fleißige Be⸗ ſuche zählte. Wir wollen recht viel ſingen, ſagte ſie, beſonders Abends, wenn Luͤdwig müde iſt; er hat das gern, und kann ſich dabei ausruhen. Eins aber wollen wir hinter meinem lieben Manne her treiben, fuhr ſie— des über⸗ eilten Ausdrucks flüchtig erröthend— fort, und ich komme dazu auch manchmal zur Mutter. Ludwig ſpricht nämlich ſehr oft von dieſem und jenem Schriftſteller mit Ent⸗ zücken, und ich bin darin ſo fremd geblieben. Er ſelbſt beſitzt das Beſte von ihnen in ſeiner kleinen Bibliothek, und ich kann mich damit bekannt machen. Zeit hab' ich bei meinem kleinen Haushalte dazu, und bin ja den Tag über ziemlich allein. Ludwig möchte mir manchmal gern 379 vorleſen, kommt aber meiſt erſchopft aus dem Bureau, und— hat auch jetzt ſoviel andere Dinge im Kopfe. Da moͤcht' ich ihm lieber ſelbſt vorleſen. Wie meinſt du, Hermann? Es fehlt mir nur noch ein wenig an Ver⸗ ſtändniß und Geſchmack, und— du müßteſt mir beiſtehen, daß ich in der rechten Reihenfolge ſelbſt leſe, und mich ein wenig aufmerkſam machen, worauf's dabei ankommt und worin der Werth und die Schönheit liegt. Ich bin nicht auf den Kopf und nicht auf's Herz gefallen— ſetzte ſie lächelnd hinzu—, und du ſollſt dein blaues Wunder ſehen, was ich für einen Geſchmack und für ein Urtheil gewin⸗ nen werde. Dabei kannſt du mir dann und wann etwas von der Perſönlichkeit und dem Leben der Dichter und Schriftſteller erzählen; das iſt mir außerordentlich intereſ⸗ ſant und— ich verrathe auch den Franzoſen nichts da⸗ von! ſetzte ſie ſchalkhaft hinzu. Hermann drohte ihr mit dem Finger, belobte aber ihr Vorhaben und verſprach ſein Beſtes. Ludwig ſoll ſich verwundern, fuhr ſie fort, wenn ich auch in dieſem Stück ſo ganz mit ihm wie zu Hauſe bin. So zufrieden er mit der unwiſſenden Braut war, würde er doch von der Frau nach und nach mehr verlangen, oder eigentlich— mehr an ihr vermiſſen; abgeſehen davon, daß nun die Reihe an mir iſt, ihm zu Gefallen zu leben. Aber die Männer belehren gern, wenn ſie lieben, wen⸗ dete Hermann ein; werde ich nicht etwa deinem Ludwig vorgreifen? O nein! betheuerte ſie. Ludwig iſt ein wenig bequem, und hat auch auf dem Bureau viel zu thun, was ihn leicht ein wenig nervös macht und verſtimmt. Dann aber— 380 hab' ich auch ſoviel von ihm, lieber Hermann, und möchte etwas beſitzen, womit ich ihn erfreute, ohne es von ihm zu haben, und worauf ich alſo ein bischen ſtolz ſein dürfte auf meine eigene Hand. Nun ſollte es ſich aber fügen, daß dieſelbe Woche, mit der ſich dem jungen Freund ein ſo herzlicher Fami⸗ lienverkehr eröffnete, ihm von einer andern Seite eine Herzensverwickelung anzettelte, die ſeine nächſte Zukunft in Gefahr bringen konnte. Die Gräfin Antonie fühlte ſich unwohl, oder gab ſich wenigſtens in Folge eines Misverſtändniſſes mit dem Kö⸗ nig dafür aus, und zog ſich in die Einſamkeit ihrer Stadt⸗ wohnung zurück, während ihr Gemahl als Oberkammer⸗ herr ſelten von Napoleonshöhe herunterkam. Was ihr dieſe Tage des Verdruſſes noch widerwärtiger machte, wa⸗ ren die häufigen Regengüſſe, die der gewitterreiche Juni mit ſich brachte. Sie ſah ſich nach Unterhaltung um, da ihr beſonders die trübſeligen Abende eine wahre Verzweiflung anrichteten, und verſuchte es in dieſer Verlegenheit öfter mit der cyanenblauen Vaſe, die denn freilich dem jungen Freunde ſtets ein erfreuliches Signal erſchien. Die Gräfin Antonie, eine geborene Fürſtin H. H., war eine ſehr eigenthümliche, in ihrer ſchönen Begabung von innern Widerſprüchen bewegte Dame. Eine reizbare Phantaſie, ein nicht leicht befriedigtes Herz und nicht wür⸗ dig genug beſchäftigter Geiſt trieben ſie nicht ſelten zu ei— ner Bethätigung, worin ſie ſich ſelber nicht verſtand, und doch— wenn ſie bei Andern in ein Misverſtändniß ge⸗ —— 381 fallen war, es nicht begreifen konnte. So wollte es ihr auch gar nicht einleuchten, daß ſie ſich mit den heimlichen Sprachſtunden Adelens übereilt und ihre Stellung ver⸗ geſſen haben ſollte, wie es ihr mit dem Könige zurück⸗ gekehrter Gemahl anſah, ſo leicht er es ſelbſt auch mit dem Leben an jenem Hofe nahm. Dennoch war es nicht anders. Schon ihre Vorliebe für ein ſo launenhaftes und eigentlich unausgebildetes Ge⸗ ſchöpf, wie die Creolin Adele, war mehr aus einem Reize für die Phantaſie, als aus einer Sympathie des Herzens entſprungen. Adele hatte dann mit ihrem Vorſchlag we⸗ gen der deutſchen Stunden eine der unbefriedigten, ſehn⸗ ſüchtigen Stunden der Gräfin getroffen. Das Räthſel des verliebten, trotzigen Mädchenherzens lockte die Dame; die Intrigue erſchien mehr amüſant als bedenklich, wenn nicht etwa auch die kleine weibliche Schalkheit dahinter ſteckte, den ihr unleidlichen General Morio mit ſeiner Be⸗ werbung um Adelen ein wenig zu durchkreuzen. So hatte ſie ſich zu einer Heimlichkeit verſtanden, in der ſie uner⸗ wartet ſich ſelbſt ein wenig verfing, ſobald die einander begegnenden Seelenbewegungen des Lehrers und der Schü⸗ lerin ihre feine Beobachtungsgabe zu beſchäftigen anfingen. Adele hatte aus Amerika ein lebhaftes und verwöhn⸗- tes Naturell mitgebracht, und in Caſſel mit ihrem guten Verſtand für die Außenwelt ein unreifes Selbſtgefühl auf dem Fuß ihres hochgeſtellten Bruders angenommen. Zwi⸗ ſchen dieſen beiden Regungen bewegte, vergaß und beſann ſich immer wieder das leidenſchaftliche Herz in der jugend⸗ lichen Mädchenbruſt. Ein ähnlicher Kampf widerſtrebender Empfindungen in 382 Hermann's Seele entging dem guten Blicke der Gräfin nicht. Der blühende junge Mann blieb nicht kalt unter dieſen flammenden Augen des reizenden Geſchöpfs von den Antillen. Aber dieſen Empfindungen widerſprach eben⸗ falls ein Selbſtgefühl, nicht auf äußerliche Rückſichten geſtützt, ſondern auf ſittlichen Grundſätzen ruhend, ja von einer ſchwärmeriſchen Verehrung für die Frauen ge⸗ tragen. So anziehend anfangs dieſe Beobachtung für die Gräfin war, ſo kamen doch bald genug Augenblicke, in denen ſie bei dieſen wechſelſeitigen Regungen des mit jeder Stunde vertraulicher gewordenen Paares eine gewiſſe Bangigkeit empfand. Sie dachte nicht an die Gefahr, daß Beide im heißen Drang der Jugend, bei der Gunſt eines leiden⸗ ſchaftlichen Augenblicks, ſich vergeſſen könnten; denn dafür war ſie ja als Hüterin der Stunde da, und wußte, daß Beide im geſellſchaftlichen Verkehr der Stadt weit von einander blieben. Aber es kam ihr wol einmal die Be⸗ trachtung, daß dieſe Stunden zu ernſthaft für die Zu⸗ kunft Beider werden, und über die Sprachlehre hinaus das wirkliche Leben ſtören und verwirren möchten. Und — welche Verantwortung für ſie, zumal in ihrer hohen Stellung! Dies hatte ſie in einer der erſten Nächte ihrer jetzigen Einſamkeit bänglich durchdacht und den Vorſatz gefaßt, mit Ende der Woche die Lectionen zu ſchließen. Sie kam aber zu dieſem Beſchluß nicht ohne ein ſtilles Leid um Her⸗ manns willen. Der junge Mann hatte ihr Intereſſe ge⸗ wonnen, beſonders nachdem ſie ihn auch noch an ihrem Klavier als Sänger kennen gelernt hatte. Seine ange⸗ —⸗ꝛr—— igen mit aber Her⸗ ge⸗ yrem nge⸗ 383 nehme Erſcheinung, die natürliche Anmuth ſeiner Manie⸗ ren und eine leicht erregbare Schwärmerei ſeiner Gedan⸗ ken ſchienen der Gräfin in ſolchem reinen und umfaſſenden Bariton ihren Zuſammenklang zu finden. Sie überlegte hin und her, wie ſie es einrichten moͤchte, um den jungen Mann nach Auflöſung der Lectionen nicht ganz zu ver⸗ lieren. Für ſo manche gute Stunde und heitere Stim⸗ wung, die ſie durch ihn gefunden, rechnete ſie ſich eine Verpflichtung an, die ihrer Empfindung nach mit einem Honorar für die Stunden des Unterrichts durchaus nicht abzumachen war. Sie hoffte vielmehr für ſeine Befoͤrde⸗ rung etwas thun zu koͤnnen, was ihm wie ihr ſelbſt zur Befriedigung gereiche. Sie nahm ſich vor, mit ihrem ein⸗ flußreichen Freunde Bülow zu reden; ſie dachte an ihre andern Verbindungen, bis ſie zuletzt einſah, daß ſie vor allem wiſſen müſſe, nach welcher Richtung hin der junge Mann ſeine Zukunft ſuchte. Einſtweilen konnte ſie ſich nicht verſagen, am nächſten Abend, als Hermann nach geſchloſſener Stunde ſich zum Fortgehen anſchickte, ihm ihre guten Abſichten anzudeuten, indem ſie dabei den Wunſch ausſprach, von ihm zu hören, worauf er ſeinen Lebens⸗ plan gerichtet habe. So lebhaft Hermann das Wohlwollen der hochgeſtell⸗ ten Dame empfand, ſo war es doch in einer Weiſe aus⸗ gedrückt, daß es an ſeine unbedeutende, der Fürſprache bedürftige Stellung in der Welt erinnerte, was ihm in Beiſein Adelens eher etwas empfindlich ward. Er hätte lieber ſchon in dieſen ſtrahlenden Augen für etwas Rechtes gegolten, ſich lieber als Gegenſtand des Verlangens, ſtatt des mitleidigen Wohlwollens, empfunden. 384 In dieſer befangenen Stimmung war er, den däm⸗ ſich merigen Corridor betretend, nicht achtſam genug, um vor. und der Stubenthür der Kammerjungfer einen Mann zu be⸗ lich merken, der in zärtlichem Abſchied begriffen, jetzt raſch in die Stube zurückſchlüpfte, aus der er gekommen war. Die geſchminkte Franzöſin aber trat heraus, die Thür ger halb zuziehend, um den Vorübergehenden mit einem lau⸗ feie ten, etwas boshaften Bon soir, Monsieur le Docteur! zu begrüßen. den Hermann dankte und wollte vorüberſchreiten, ſie hielt ihn aber— ohne Zweifel dem Verſteckten zu Gehör— Fin mit der Frage an, ob Mademoiſelle Adele Le Camus wol noch bei der Gräfin verweilen werde, oder ob ſie den Bedienten rufen ſollte, ſie nach Hauſe zu begleiten. p an Hermann, ſeitdem er bei ſeinem erſten Anmelden von Sie der coquetten Perſon abgewieſen worden, hatte wie da⸗ mals den ſtudentiſchen Tik nicht laſſen können, ihr zu⸗ weilen eine freundliche Unart zu ſagen. Dies war ſchon einige mal geſchehen, ſo oft ſie es mit ihrem pretiöſen Weſen im unrechten Augenblicke bei ihm getroffen. Dies war eben wieder der Fall. Er blieb ſtehen, betrachtete ſie lächelnd und ſagte: Ha, Mademoiſelle, Sie machen Toilette? Ein Wohl⸗ geruch dringt aus Ihrem Boudoir. Die Nachtviolen duf⸗ ten zu Ihrer Abendröthe. V Und indem ihm jener Ausdruck im Briefe der Mutter. Lina's einfiel, ſetzte er hinzu: Welche Eſſenzen lieben Sie, Mademoiſelle? Eau de bpougre? W Hinter dieſen Worten her kam es ihm vor, als rege näl gaf gn für ——ÿ—;—;—:——y, da⸗ zu⸗ ſchon iöſen Dies chtete Lohl⸗ duf⸗ autter u de rege 38⁵ ſich Jemand hinter der Thür. Er eilte daher lachend fort, und Angelika trat in die Stube zurück mit dem ängſt⸗ lichen Ausrufe: Mein Gott, er hat Sie erkannt, Monſieur Würß! Empfindlich über dieſe Naivetät, die ſich auf den Wohl⸗ geruch und auf den Bougre beziehen konnte, verſetzte Würtz feierlich: Was meinen Sie? Nein! Aber— der Burſche hat den Geruch ſeines Verhängniſſes! Dann gegen die Kleine gebückt, drohte er mit dem Finger unter zärtlichem Grinſen: Sie ſind ein kleiner Böſewicht, Mademoiſelle Angelique! O mon cher Würtz, erwiderte ſie, auf den Zehen ſich an ihm emporſtreckend, Sie ſind grauſam! Aber— haben Sie ſich nun von dem Sprachmeiſter überzeugt? Jeder Zuſchauer hätte von dieſer beiderſeitigen An⸗ näherung eine zärtliche Umarmung erwartet; aber ſie ver⸗ gaßen Beide nicht, was ſie ihren geſchminkten Wangen für Rückſichten ſchuldig waren. Vierzehntes Capitel. Beſuche. Frau Lina hatte die Verabredung getroffen, in dieſer Woche mit ihrem Ludwig bei der Mutter zu Mittag zu ſpeiſen. Die Morgenbeſuche des jungen Ehepaars ließen Koenig, Jeröme's Carneval. I. 25 386 ſie nicht dazu kommen, eine neue Magd mit einem neuen Haushalt in guten Schick und Gang zu bringen, und zu überwachen. Außerdem war es ihr ein Bedürfniß, ſich hinter ihren Viſtten her auszuſprechen; wozu ſie außer der Mutter auch Hermann bei Tiſche fand. Wirklich kam ſie nicht wie Ludwig erſchöpft, ſondern ſehr aufgeregt aus den verſchiedenen, zum Theil vornehmen Häuſern, wo nur immer der junge, aufſtrebende Beamte es aus dienſtlichen oder geſellſchaftlichen Rückſichten für anſtändig hielt, ſeine junge Frau vorzuſtellen. Seinen Miniſter hatte er nicht übergehen dürfen. Herr von Simeon machte mit Frau und Stieftochter ein offenes Haus. Jeden Freitag war Aſſemblee im Juſtizpalaſte. Die Miniſterin hatte aber der jungen Frau nicht gefallen. Es liegt mir etwas Unheimliches in ihren Blicken und in ihrer ganzen Freundlichkeit, ſagte Lina. Und ihre Tochter hat etwas gar Pretiöſes bei ihrem kränklichen Ausſehen. Es iſt mir lieb, Linchen, daß du dich dort ſo wenig angeſprochen findeſt, verſetzte Ludwig. Ich denke auch, wir machen keinen Gehrauch von der Einladung zu ihren Aſſembleen. Ich werde mich beim Miniſter entſchuldigen. Soviel verſchiedene Menſchen und Manieren raſch hin⸗ ter einander aufzunehmen, war der bürgerlichen Tochter etwas Ungewohntes. Dazu kam, daß ſie des Franzöſi⸗ ſchen nicht ſo mächtig war, als es die Zuthätigkeit er⸗ fodert hätte, mit der Herren und Damen die ſchöne Frau behandelten, jene, um ihr zu gefallen, dieſe, um ſie ſich wo möglich misfallen zu laſſen. —— euen d zu ſich der ſie aus nur ichen ſeine Herr fenes Die n. und ihre lichen venig auch, ihren digen. hin⸗ ochter nzöͤſi⸗ t er⸗ Frau te ſich 387 Lina erzählte lebhaft, und wenn ſie dabei verrieth, daß die glänzende Einrichtung, der verſchwenderiſche Auf⸗ wand, womit die vornehmen Wohnungen einander über⸗ boten, ihr ein wenig imponirten: ſo bewieſen doch ihre treffenden Bemerkungen auch wieder, wie beſonnen und ſcharfblickend ſie ſich dennoch über all' den Eindrücken zu halten wußte. Auch gab Ludwig ihr das Zeugniß, daß ſie merkwürdig tactvoll und überall wie zu Haus ſich benehme. Sie ſträubt ſich nicht, den Ehrenplatz einzunehmen, liebe Mutter, ſagte er lächelnd; ſie läßt ſich in die ſeidenen Kiſſen fallen, als wenn's durchaus nicht ſchade darum wäre, und ihr Auge ſchweift ſo kalt und vornehm über die großen Spiegel und goldenen Kronleuchter, über die Oelgemälde und Marmorbilder, ſo lächelnd über die Mu— ſcheln und Mineralien auf den Mahagoniconſolen, als ob ſie es nie anders um ſich gehabt hätte. Alles mit Ausnahmen, du loſer Mann! erwiderte Lina. Hier und dort bin ich auch wieder ſo artig, etwas zu be⸗ wundern oder nach etwas zu fragen. O ich finde mir ſchon meine guten Caſſelaner heraus, die den koſtſpieligen Uebergang vom Kurfürſten zum König, dieſen kummer⸗ vollen Aufwand, nicht ſo für nichts und wieder nichts gemacht haben wollen. Nicht umſonſt haben ſie bei un⸗ ſerer Anmeldung ſchnell die Ueberzüge von den guten Sachen abgeſtreift. Die Koſtbarkeiten ſollen bemerkt und beſprochen werden. Und deine Bewunderung wird dir hoch angerechnet werden, Lina! wendete Hermann ein. Das denk'ich auch, erwiderte ſie. Ich hoffe gute Ge⸗ R* 20 388 ſchäfte zu machen; auf den bewunderten Möbeln ſetze ich eine Burggrafentochter in Renomme, und erobere für mei⸗ nen Ludwig eine„ungemein geſcheite, liebenswürdige Frau“. Während Hermann herzlich lachte, und Ludwig mit Brotkügelchen nach ihr warf, fuhr ſie fort: Wenn aber ſo manche Familie wüßte, daß mein Auge mehr als die neuen pariſer Möbel erblickt! Es ſieht auch Geſpenſter am hellen Tag. Hinter manchem Pommier, mit orangegelbem Gourgouran beſchlagen, ſehe ich verſchämte Sorge kauern, um hervorzukommen, ſobald der angelächelte Beſuch wieder fort iſt; aus den ſchweren Falten der Vor⸗ hänge ſchielt mancher aſchgraue Kummer, und vor den Spiegeln erblicke ich in Gedanken die grauen Haare, die Morgens unter die Mütze von Petinet, mit kleinem Schleier und Roſa⸗Grosgrainband gekämmt, oder unter die Perlen⸗ ſchnur verſteckt werden, die ſich zum Abendball durch die aufgewickelten Locken ſchlingt. Du könnteſt mehr ſehen, beſte Lina! fiel Ludwig nicht ohne Bitterkeit ein,— Schulden, die an das traurige Arbeitspult des vornehmen Herrn ſchleichen, eine leicht⸗ fertige Liaiſon, die ſich im Boudoir der jungen Hausfrau hinter den Nachtgewändern verſteckt. Wie manches Schmuck⸗ käſtchen, das auf hohen Füßen, geſchnitzten Krallen und geflügelten Löwenköpfen ruht, iſt der Beſitzerin für den ſchönſten jungfräulichen Schmuck zu Theil geworden— ein Souvenir für Herzklopfen! Geh', lieber Mann! Wie kannſt du ſo was ſagen! rief Lina misbilligend, und Hermann, von dieſem Gegen⸗ ſtande ablenkend, verſetzte: Die Beſoldungen ſind doch ſo gering nicht, wie mir al 8 —, 6 G x R ich Auge auch mit ämte chelte Vor⸗ den die hleier rlen⸗ die nicht urige eicht⸗ zfrau nuck⸗ und den — ein igen! egen⸗ mir 389 ſcheint, daß man damit nicht ohne Schulden und was noch ſchlimmer wäre— ohne Schuld fertig werden könnte? Dabei iſt Alles wohlfeil, was zu den eigentlichen Lebens⸗ bedürfniſſen gehört— die Wohnungen vielleicht ausge⸗ nommen, die hoch getrieben ſind. Und der Kaffee! bemerkte die Mutter. Ich höre, auf Wilhelmshöhe— nun ich nenne es immer noch ſo!— koſtet die Portion einen halben Thaler. Da ſoll man ſich doch lieber aufs Maul ſchlagen! Die Beſoldungen ſind hoch genug, erwiderte Ludwig— man köͤnnte ſagen, ſo hochbeinig, daß ſie das Einkommen des Koͤnigreichs überſchreiten. Nur den Aufwand des üppigen Lebens können ſie nicht einholen. Dieſer eilt mit Glück und Ehre, mit Liebe und Treue davon. Es iſt, als ob man von dem Vorgefühl, keine Zukunft zu haben, hingeriſſen, die Gegenwart im tollſten Taumel erſchöpfen und bis aufs Mark ausſaugen wollte. Vom Throne fällt Prunk und Luſt auf die obern Stufen, von dieſen auf die folgenden und gewinnt nach dem Geſetze der Schwere eine wachſende Gewalt. Der Hof nöthigt zum Aufwand, der Aufwand drängt in Schulden, die Schulden reizen zur Sittenloſigkeit. Dann wieder aufwärts ſteigend macht die Sittenloſigkeit leichter Schulden; dieſe fördern den Aufwand, und der Aufwand bringt Gunſt bei Hofe. Das ſind die Engel, die auf unſerer Himmersleiter auf⸗ und nieder⸗ ſchweben; nur daß wir ſie nicht, wie der Patriarch Jakob, blos im Traume ſehen. Da du doch von Engeln ſprichſt, lieber Mann, ſo will ich euch als erquickendes Amen zu eurer unerbaulichen Be⸗ trachtung einen Vorſchlag thun, ſagte Lina. Kommt, wir 390 gehn zu Engelhards, wo wir kein Aergerniß an Luxus und Leichtfertigkeit nehmen. Unſer Hermann kennt nur ein Siebentel jener lebenden Poeſien unſerer liebenswürdigen Philippine Gatterer, verheiratheten Engelhard. Und— fällt mir eben ein!— die poetiſche Calenberg hieß ja auch Philippine; da iſt dir's recht heilſam, lieber Freund, daß du noch eine andere dichteriſche Philippine kennen lernſt. Nicht wahr, du gehſt mit? Gewiß! lachte Hermann aufſtehend. Laßt mich nur einen ſchicklichen Rock anziehen. Ich kenne jene Hauspoeſie nicht, wette aber darauf, daß ſie— Hände und Füße hat, was man von unſerer Romantik nicht immer ſagen kann. Als er nach ſeinem Zimmer fort war, flüſterte Lina, nicht ohne eine gewiſſe Befangenheit, über die ſie ein Lächeln gleiten ließ: Wär's nicht allerliebſt, Ludwig, wenn Hermann's Herz an einem Siebentel der Tochter Engelhard's hangen bliebe? Sieben Töchter eines einfachen Oberappellations⸗ raths unter Jeröme'ſcher Regierung— geſteh' nur, Lud⸗ wig, es iſt— Eine heilige Zahl, Lina! fiel er ein. Sieben iſt eine heilige Zahl; mehr weiß ich nicht! Nun ja, ich will nicht ſagen, daß Philipp und Phi⸗ lippine an das Wort Chriſti dächten: Philipp, woher werden wir Brot nehmen? Nein, aber es iſt eine ſo zufriedene, glückliche Familie, und bedenke nur einmal, wie glücklich ſteben Männer werden köͤnnten aus einem einzi⸗ gen lieben Hauſe! Und Hermann hüätte jetzt auch noch die ganze Wahl von 25 bis 19 Jahren. Er könnte— ‿— — Scala üben— im Lieben! Und weißt du, was ich glaube? Thereſe hat an unſerm Polterabende— Mit Hermann getanzt und gelacht! fiel Ludwig ein. Laſſen wir's dabei, Lina. Geh'! Kaum vier Wochen ver⸗ heirathet, und gibſt dich ſchon mit Freierei ab! Laſſen wir ihn erſt eine Stellung erringen. Wer weiß denn auch, ob er nicht ſchon eine Neigung hat? Wo bringt er ſeine Vorabende zu? Er kam die Tage her immer ſpäter zur Mutter oder zu uns, ſchien ſo zerſtreut, ſo eigens erregt, und vermied zu ſagen, wo er geweſen. Ich will nicht denken, daß er ſich noch einmal von der Liebe dran kriegen läßt, wie von der Polizei. Er iſt eine auffallende und gefallende Erſcheinung, und unſere hohen Damen haben Sinn und Geſchmack für dergleichen und geſchickte Unterhändlerinnen. Du biſt aber heut ganz unleidlich, Ludwig! rief Lina heftig und erſchrocken, und ſetzte dann leiſer und mit be⸗ wegter Stimme hinzu: Siehſt du, das habt ihr von euern heimlichen Zu⸗ ſammenkünften,— daß ihr aus allen Ecken und Winkeln Stoff zur Unzufriedenheit zuſammenkehrt. Nun macht ihr auch noch die Frauen nichtsnutzig, weil ſie höchſtens ein wenig— Eben trat Hermann im Frack herein, den Jabot her⸗ ausgelegt, den Titushaarſchnitt aufgebürſtet. Auch Lina und Ludwig machten ſich ſchnell zurecht, und ſo ſcolenverte man nach Engelhard's Wohnung. Sie wurden in das Wohnzimmer gewieſen, wo ſich die Mutter ein paar Augenblicke darauf in häuslichem An⸗ zug mit den beiden älteſten Töchtern zu ihrem Empfang 392 einfand. Anzug und Ausſehen der ehemaligen Dichterin verriethen eine gewiſſe Selbſtvergeſſenheit, die aber nicht bis zur Vernachläſſigung ging. Ihr freundliches Auge, früher vielleicht, nach Shakſpeare's Ausdruck,„in ſchönem Wahnſinn rollend“, mochte jetzt mehr nur die Dinge der Alltagswelt und Wirthſchaft umkreiſen, und blos die Stirne ſchien noch von den ehemaligen poetiſchen Stunden nach⸗ zuleuchten. Den ihr vorgeſtellten jungen Freund begrüßte ſie mit dem gemeſſenen Ausdruck einer vorgefaßten Mei⸗ nung von ihm; wie ſie denn auch gleich ſehr freundlich bemerkte, daß ihre Thereſe bereits von ihm erzählt habe. Thereſe, hoch erröthend, ſetzte raſch hinzu: Von Ihrer Verkleidung hab' ich der Mutter erzählt. Ja, und wie charmant Sie geſungen, fuhr die Mut⸗ ter fort, und wie Sie überhaupt— Als ſie plötzlich ſchwieg, und das Lob der Liebens⸗ würdigkeit, das ihr ſchon auf der Zunge war, verſchluckte, half ihr Lina über die Verlegenheit hinaus, indem ſie ſagte: — 5 1 7 8 ¹ ' 166 1 4 3 8 1 441 4. E 7 1 8 4 8 1 2 1 — 8 A 5 3 8 3 ö — f 4 4 ls 4 I. ¹ 1 4 f 43 1 5 4 4 54 — — — E —— Wir wollen aber vor allem die Mutter in ihrem ſiebenfarbigen Bogen ſehen. Ich will nicht— Regen⸗ bogen geſagt haben; denn die vierzehn Augen leuchten nur wie ein doppeltes Siebengeſtirn. Sind doch alle zu Hauſe? Ja, rief Thereſe, lief geſchäftig fort, und man hörte draußen fünf Mädchennamen rufen. Nicht lange, ſo ka⸗ men ſie lächelnd herein, eine die andere vorſchiebend, nicht blöde, aber— vielleicht des jungen Herrn wegen, von dem wol die Rede geweſen, ein wenig befangen,— alle, wenn nicht gleich hübſch, doch gleich geſund, friſch und vergnügter Miene, einander nicht auffallend ähnlich, doch —— —— H⏑ d—d —————j, 393 um Mund und Auge von einem Zug der Mutter als Schweſtern bezeichnet. Wie Goethe in einem Gedichte ſagt: Wie Schweſtern zwar, doch keine ganz der andern. Lina ordnete ſie dem Alter nach in einen Halbkreis um die Mutter. Nun ſchauen Sie einmal das Siebengeſtirn, lieber Freund! ſagte ſte. Aber ihr müßt die Mutter umtanzen, Mädchen, wie die Planeten ihre Sonne. Nichts Sonne! lächelte die Mutter, nein— um die Luna im letzten Viertel, ſagen Sie lieber. Jetzt, um ſich zugleich der verlegenen Präſentation zu entziehen, faßten die Mädchen einander an den Händen, umtanzten und küßten die Mutter, wobei ſie nach The⸗ reſens Stichwort ſangen: Vollmond, Vollmond! Nicht letztes Viertel! Alles lachte, und Hermann rief, in die Hände klatſchend: So iſt's recht! Aber kein Siebengeſtirn!„Die Sterne, die begehrt man nicht!“ ſagt Goethe; lieber wollen wir ſagen— ein blühender Kranz, ein lebendiger Lorber! Und welcher Dichter, Frau Oberappellationsräthin, wel⸗ cher Künſtler kann eine ſolche aus ſeinem eigenen Weſen geſchaffene Krone aufweiſen? Doch, geehrteſter Herr Doctor, doch iſt der Fall ſchon dageweſen, entgegnete ſie. Mein ſeliger Vater hat mir von Michel Anton Lanius erzählt, welcher Baßſänger des Kurfürſten Clemens Wenceslaus in Coblenz geweſen und fieben Töchter gehabt hat. Ich kann ſie ſogar noch beim Namen nennen: Clara, Judith, Thereſe, Dorothea, Mar⸗ gretha, Ida Katharina und Anna Maria— eine immer 394 ſchöner als die andere, und alle vom Vater her mit der Gabe des Geſangs ausgeſtattet. Baßſänger war dieſer Lanius? fragte Ludwig, und zu Hermann: Ob wol ſolch' ein Glück auch einem Bariton zu Theil werden kann? Hermann lächelte, und gegen die Mutter gewendet ſagte er: Und wie ſieht's mit dieſen ſieben aus? Sie haben alle poetiſche Augen; wenn man poetiſch nennen kann, was Empfindung und Phantaſte in Bewegung ſetzt und mit Erwartung beſchäftigt. Wirklich? erwiderte die Mutter. Nun, ihr könnt euch beim Herrn Doctor bedanken, Kinder. Ich kenne ſie nur nach der Proſa ihrer Hände: ſie kochen gut, bügeln hübſch, nähen fein, ſtricken egal und ſticken ſauber; einige ſchla⸗ gen ein wenig das Klavier, ſingen thun ſie alle bei einem geſelligen Lied, aber Verſe machen ſie nicht, ſondern nur Ferſen in die Strümpfe für ſich und den guten Papa. Das ſind nun lauter vergängliche Werke; dennoch war den guten Kindern eine gewiſſe Unſterblichkeit zugedacht. Mein ſeliger Vater nämlich, Profeſſor Gatterer in Göt⸗ tingen, dem die Welt ſoviel Verdienſt um die hiſtoriſchen Wiſſenſchaften zugeſteht, ging mit dem Gedanken um, ſei⸗ nen Enkelinnen zu Lieb den Siebenjährigen Krieg zu be⸗ ſchreiben, und wollte jedem Kriegsjahr den Namen einer meiner Töchter vorſetzen. Leider kam es nicht zur Aus⸗ führung! Und wie gut iſt das, Frau Oberappellationsräthin! verſetzte Hermann. Wenn die liebenswürdigen Töchter ——— ———. 39⁵ ſich verheirathen, ſo hätten ſie zu viel verlorene oder ge⸗ wonnene Schlachten mit in die Ehe gebracht, und meine Wenigkeit hätte ſich jedenfalls am ſchnellſten hier für die liebenswürdige Jüngſte entſchließen können, ſchon wegen des Hubertsburger Friedens. Netty, die Jüngſte, erröthete und biß in den Zipfel ihres Taſchentuchs. Nun, an Frieden fehlt's Allen nicht, ſagte die Mut⸗ ter, und ſtatt über Geſchichtscapitel ſind die Sieben nun über Küche und Keller geſetzt. Und denken Sie nur, wie gut ſie's dabei haben: zwiſchen Oſtern und Pfingſten kommt Jede nur ein mal an die Woche. Man lachte herzlich, und Ludwig verſetzte: Wie wird's denn aber dem Mütterchen ergehen, wenn einſtmal ſieben Filialküchen entſtehen? Lieber Ludwig, rief Lina, du kommſt ja gar ins Reimen. Ich glaube, Frau Engelhard, Sie ſtecken meinen Mann an! Sonſt bringt er nur Ungereimtes zu Stand! Worauf dieſe erwiderte: Ja, ja! Komm' Einer nur nicht der Philippine Gat⸗ terer zu nahe; der poetiſche Schnupfen ſteckt an. Uebri⸗ gens wird's mit den Filialküchen keine Noth haben. Sehen Sie meine Mädchen nur an, nicht jetzt im Hauskleid, ſon⸗ dern wenn ſie geputzt ſind: ſelbſt wenn ſie Oſtern und Pfingſten und Himmelfahrtstag zugleich angezogen haben, ſind und bleiben ſie in unſerm heutigen Jeroͤme'ſchen Hof⸗ und Geſellſchaftsgeſchmack— Aſchenbrödel. Nun hat zwar im Märchen eine Aſchenbrödel ihr Glück gemacht; aber heutzutag, in der Napoleon'ſchen Wirklichkeit und beim Geſchmack und Trachten unſerer jungen Männer, finden 396 ſieben Aſchenbroͤdel keinen Abgang. Das können Sie mir glauben! Die Mädchen errötheten, eine kleine Stille entſtand, bis Netty, die jüngſte und witzigſte, ausrief: Kommt, Schweſtern, wir wollen der Mutter zeigen, daß wir doch— Abgang finden! Sie faßte zwei der Schweſtern an den Händen, winkte den andern, und in lachender Kette zogen ſie ſich nach der Thür und hinaus. In der Thür rief das luſtige Mäd⸗ chen noch zurück: Alle auf einmal, Mutter, anders thun wir's nicht! Ja, ja, du kleiner Schalk! verſetzte lachend und ge— rührt die Mutter; das müßte ein ſehr hungriges Jahr ſein, das ſieben ſo magere Schweſtern auf einmal ver⸗ ſchlänge— heißt das an gute Männer brächte. So'was könnte nur Joſeph im Traum ſehen und prophezeien.— Doch kommen Sie einmal mit hinüber! Wir ſind eben dran, unſer durch die Hausflur getrenntes hübſches Zim⸗ mer mit unſern beſten Mobelſtücken ſchicklich auszuſtatten. Sie führte ſie über die Hausflur hinüber, und Lina fragte, ob ſie lieben Beſuch erwarteten. Ja, unbekannten, Beſuch auf Gerathewohl, lächelte ſie. Ich will's Ihnen nur ſagen, vielleicht richten Sie ſich auch darnach. Herr von Canſtein, unſer Maire der Reſidenz, hat geſtern in der Euterpe, wo die Muſik der Kapelle ſpielte, mit meinem Manne vom bevorſtehenden Reichstage geſprochen. Er meint, man müſſe, wenigſtens das erſte mal, was extra thun, und die Herrn Reichsſtände in Privatwohnungen aufnehmen. Mein guter Mann war einverſtanden, und hat ſich gleich erboten, auch ein Quar⸗ ———— 397 tier zu geben. Wir haben nun überlegt, wie dies Zim⸗ mer mit dem Schlafeabinet angenehm einzurichten ſei für einen ſo angeſehenen Reichsſtand, und haben die beſten Stücke aus den verſchiedenen Zimmern dazu auserleſen; aber— nicht wahr, es will nicht recht zuſammenpaſſen? Man fand Alles recht ſchicklich und geſchmackvoll; Phi⸗ lippine aber, noch nicht zufrieden, führte die Freunde durch alle ihre Zimmer, ob ſie vielleicht noch etwas paſ⸗ ſend für das Landſtandszimmer fänden. Es iſt nur zur Probe, ſagte ſie, wir nehmen's dann einſtweilen wieder in eigenen Gebrauch, bis der Reichstag angeht. Anfangs Juli, glaub' ich. Dies gab Veranlaſſung, von den Erwartungen und Feſtlichkeiten jener Zeit zu reden, und Ludwig meinte, die guten Diäten und was ſo manche reichen Deputirten noch darüber ausgeben würden, möchten für Caſſel einen er⸗ wünſchten, befruchtenden Sommerregen abgeben. Als man ſich endlich empfahl, bedauerte die Räthin, daß ihr Mann doch länger als gehofft ausbleibe, und nicht zur Ehre des Beſuchs gekommen ſei. Er habe frei⸗ lich einen weiten Spaziergang vorgehabt, um ſeiner Ver⸗ ſtimmung los zu werden. Doch nicht unwohl? fragte Lina. Das nicht, war die Antwort; aber— denken Sie, wie's doch bei uns zugeht! Bei der jüngſten Beſetzung der Ober⸗- und Untergerichte hat man ſich über ſo manche Beförderung und Anſtellung erſtaunt. Nun ja, ganz angenehme Geſellſchafter, aber gar ſchwache Juriſten, oder, wie der Dichter ſagt— gute Leute, aber ſchlechte Muſi⸗ kanten. Nun hört man denn auch, wie's damit gegan⸗ 398 gen iſt. Der ehrliche Juſtizminiſter Simeon, ein ſonſt gründlicher und gewiſſenhafter Mann, hatte wegen Be⸗ ſetzung der mit der neuen franzöſiſchen Organiſation ge⸗ ſchaffenen Stellen, weil es ihm an Perſonalkenntniß in Weſtfalen fehlte, ſein Vertrauen dem Referenten im Staats⸗ rath, Herrn von Coninxr, geſchenkt. Dieſer, eben auch erſt aus Paderborn hierher gekommen, ſchenkt das Ver⸗ trauen weiter an ſeine verehrte Freundin, die lebhafte und poetiſche Eliſe von Soch, und die nimmt denn zu ihren Empfehlungen diejenigen von ihren Verehrern und An⸗ betern, die ſich hauptſächlich auf das Recht der Schönheit und Liebenswürdigkeit verſtehen, wenn ſie auch ſonſt nicht ſehr— geochst haben, wie die Studenten ſagen. So ſind denn gerade Solche, die ſich auf den Seſſeln der Sa⸗ lons gut ausgenommen, auf die beſten Richterſtühle ge⸗ kommen. Da hieße es recht, meint mein Mann— fiat mundus et pereat justitiag.—— Die Freunde verließen mit freundlichen Empfehlungen an den vergebens Erwarteten das Haus, und Lina be⸗ merkte, wie Thereſe, am Fenſter ſich zurückhaltend, ihnen über die Brüſtung nachblickte. —— ú — ———— 399 Funfzehntes Capitel. Ueberraſchungen. Eine ſo in ſich ſelbſt vergnügte Familie, in einfacher, reinlicher Wohnung, geſund, anſpruchslos, liebevoll gegen einander, hinterließ bei den drei Freunden den heiterſten Eindruck. Nur in Lina's Herz ſchien etwas von dem Scrupel zurückzukehren, den Ludwig ihr gegen Hermann’'s träumeriſche Abende beigebracht hatte. Es erregte ihr ein unſägliches Leid zu denken, daß der liebe Freund wirk⸗ lich von einer heimlichen oder gar verwerflichen Neigung beſtrickt ſei. Allerdings erinnerte ſie ſich auch, daß er ihr einmal durch ſein verſtörtes Weſen aufgefallen war. Sie hatte es ganz andern Urſachen beigemeſſen, und blieb auch jetzt noch geneigt, lieber an ſolchen feſtzuhalten, als ſo Schlimmes vorauszuſetzen. Wenn es ihr daher ſchon un⸗ 8 erfreulich war, daß Ludwig ihr jetzt, was er früher nie gethan, ſoviel von leichtfertigen Frauen und anrüchigen Liebesverhältniſſen zu erzählen wußte: ſo konnte ſie ſich ihm jetzt vollends gram fühlen, daß er dergleichen nun auch durch Argwohn gegen einen ihm ſelbſt ſo werthen Freund bis in ihren reinen Lebenskreis verſchleppen mochte. Sie hätte die geheimen politiſchen Verbindungen, in die er gerathen war, wie weit verwünſchen mögen! Siehſt du, Ludwig, ſagte ſie ihm bei erſtem Anlaß, wiederholt und ziemlich lebhaft, das habt ihr eern 8 4 400 heimlichen Zuſammenkünften, daß du Dinge erfährſt, die wir für unſer glückliches Zuſammenleben nicht zu wiſſen brauchen, oder daß ihr euch gar in Uebertreibungen hin⸗ einhetzt, nur um euch in euerm Tadel und Widerwillen gegen das neue Regiment und über die Lage des Landes zu beſtärken. Ludwig, ſolches Misverſtändniß von ſich ablehnend, ſuchte ihr begreiflich zu machen, daß die Geſellſchaft, zu⸗ mal in dieſer Reſidenz, wenn nicht durchaus, doch ſchichten⸗ weiſe wirklich von Entſittlichung mehr und mehr durch⸗ drungen werde. Ihr guten Frauen wollt nicht einſehen, ſagte er, wie eine zerfallende Zeit, die allmälige Auflöſung abgelebter Zuſtände, ſtets von einer ſittlichen Fäulniß begleitet iſt. Hier in Caſſel kommt die eigenthümliche Miſchung der Geſellſchaft noch beſonders verderblich hinzu. Dieſe krei⸗ ſenden Moleculen oder Weichklümpchen der franzöſiſchen Revolution, die vom Kriegsſtrome des großen Eroberers herbeigeführt werden, ſetzen ſich zuerſt in den ariſtokrati⸗ ſchen Kreiſen an, wo ſie an der alten, unnationalen Vor⸗ liebe und Sucht des Franzöſiſchen morſche, brüchige Stel⸗ len finden. Die Noth, der Druck kriegeriſcher Verhäng⸗ niſſe, macht dann leider auch die untern, zerquetſchten Claſſen empfänglich für die Anſteckung, die ſich durch das Gemiſch franzöſiſcher Sittenloſigkeit, mit deutſcher, politi⸗ ſcher Charakterloſtgkeit giftig verſchärft, und durch die ſtaatlichen Fugen und Spalten des zerbröckelnden deutſchen Reichs die ganze Nation zu durchſickern droht. Auf dergleichen Anſichten wußte Lina nichts zu er⸗ Wienn dann aber Ludwig hinzuſetzte, daß ein — ½ ⏑ „————,.,—,„— ——— Mann wie er, berufen das Leben anzufaſſen, der Zeit zu dienen, auch das Leben und die Zeit an ihren faulen Seiten kennen und anfaſſen müſſe, ſo konnte ſie nur mit lächelnder Befangenheit ſagen: Gut dann, lieber Mann! Aber du biſt ſonſt ſo artig, deinen Ueberrock zu wechſeln, wenn du aus euerm Ta— backselub zu mir kommſt; ſei dann ſo gut und bring' mir auch nichts von dem Knaſtergeruch der franzöſiſchen Ge⸗ ſellſchaft mit! Er verſprach es lachend, und ſie reichte ihm Hand und Mund zur Verſöhnung wegen ihres tadelnden Eifers. Im Stillen nahm ſie ſich aber vor, auf Hermann's Ge⸗ müthsbewegungen zu achten, ihr gutes Vertrauen zu ihm feſtzuhalten, und ſo oft er ihr nnverſtändlich würde, ihn offen zu befragen.— Er hat uns und mir beſonders ſo herzliche Hingebung, ſo reine Anerkennung Deſſen, was wir ihm ſeien, bewieſen, dachte ſte, daß es ſehr Unrecht von mir wäre, wenn ich aus falſcher Empfindung von eingebildeter Frauenwürde mich um ſein verſchämtes oder — verirrtes Herz nicht bekümmern wollte.—— Indeß kamen zu der Beruhigung, die ſo gute Vor⸗ ſätze mit ſich zu führen pflegen, noch Einladungen, die das junge Ehepaar von befreundeten Familien für die nächſten Abende erhielt; ſodaß Hermann unbeobachtet den leidenſchaftlichen und den leidigen Empfindungen nachhan⸗ gen konnte, die er noch lebhafter als bisher aus der Wohnung der Gräfin mit ſich fortnahm. Der junge Freund brachte hinter den dortigen Lectio⸗ nen her manche bittere Stunde innern Widerſpruchs mit ſich ſelber zu. Er misbilligte das leidenſchaftliche Ver⸗ Koenig, Jeröme's Carneval. I. 26 40² langen, dem er doch in der bezaubernden Nähe der Creo⸗ lin nicht wehren konnte. Wie oft nahm er ſich nicht vor, den Unterricht aufzugeben; kam aber der Abend herbei, ſo war es ihm, als würde er nach der verwünſchten Wohnung gepeitſcht. Er ging alſo noch einmal hin, aber mit dem feſten Vorſatze, ſich ernſt, kalt, ſchulmeiſterlich zu halten. Doch ſobald er vor der Schülerin ſaß, kam es ihm wie eine Unſchicklichkeit, wie ein Mangel an Er⸗ ziehung oder an Mannhaftigkeit vor, daß er unfreundlich, unempfänglich für ſolche Anmuth, für das freundliche Zu⸗ lächeln oder gegen das dargereichte allerliebſte Händchen von ſo unbegreiſlichem und doch ſo gern zu begreifendem Stoff bleiben ſollte. Er fürchtete pedantiſch, albern und lächerlich zu erſcheinen.— Unglücklicherweiſe für dieſen innern Kampf des Freun⸗ des fügte es ſich zum Unwohlſein der Gräfin, daß auch Adele unverhinderter als ſonſt war, ihre Gönnerin zu beſuchen, ſodaß täglich Lection gehalten und verlängert werden konnte. Denn General Morio, der, um ſie be⸗ müht, an beſtimmten Tagen zum Beſuche ihres Bruders kam, und ſie dadurch nöthigte, die Stunden in ſeiner Geſellſchaft zuzubringen, war in dieſer Woche von Ge⸗ ſchäften auf Napoleonshöhe in Anſpruch genommen. Die Vorarbeiten zum Reichstage und die Organiſation der Armee lagen theilweiſe zum Vortrag beim Könige reif. Dazu waren Depeſchen von Paris gekommen, mit der Ungeduld des Kaiſers geſtempelt, der die Einzahlung rück⸗ ſtändiger Kriegscontributionen und die Completirung des weſtfäliſchen Contingents für Spanien nicht erwarten konnte. Der König hatte es ſich mit den unausweich⸗ * 403 lichen Berathungen wenigſtens bequem gemacht, indem er ſie vor oder nach der Tafel in ſeinem Cabinet abhielt. Der Kriegsminiſter und Herr von Bülow als Finanz⸗ miniſter waren jetzt täglich mit wechſelnden andern Mit⸗ gliedern des Miniſteriums und des Staatsraths zu Abend auf Napoleonshöhe.. Eine ſolche Sitzung war auch auf den heutigen Sonn⸗- abend beſtimmt; Bülow glaubte aber dem König anzu⸗ ſehen, daß er nach Tiſche nicht lange Stand halten werde, zumal beim Grafen Hardenberg ausgeſuchte Geſellſchaft war. Die Tafelſtunde verzögerte ſich durch einen Vor⸗ trag, den Bercagny im Cabinet hatte. Diesmal kam der Polizeichef vergnügter, wie es ſchien, von der Majeſtät. Seine Miene ſtrahlte, und wie er in ſolcher Stimmung ebenſo leicht etwas boshaft und übermüthig ſein konnte, als er bei Verdruß heftig und grob wurde; ſo ſtieß er jetzt unglücklicherweiſe auf Morio, der von den übrigen Herren zurückgezogen, träumeriſch oder verſtimmt in einer entfernten Fenſterniſche ſtand und nach dem regneriſch umzogenen Waldgebirge hinausblickte. Guten Abend, mein General! ſagte er vertraulich leiſe. Ein ſeliger Träumer, wenn ich nicht irre? Und ſchließe daraus, daß Sie Gluͤckwünſche annehmen? Wozu? fragte Morio kurz Ei, wozu brauchte wol ein Mann, wie Sie, noch Glückwünſche, als zu Ihrer Verlobung mit der charman⸗ ten, liebenswürdigen Adele Le Camus? verſetzte Bercagny. Es iſt noch nicht ſoweit, Chevalier, antwortete Morio, bei dieſer Erinnerung etwas freundlicher. Wirklich? Ich hätte Alles gewettet, die Sache wäre 26* — erklärt, obgleich die Umſtände, aus denen ich meinen Glauben ſchöpfte— offen geſtanden— mir ſehr betrübend waren. Welche Umſtände ſind das, Herr von Bercagny? Ich hatte immer gehofft, Sie, Herr General, würden noch einſehen, daß Sie doch auf unſere Seite und nicht auf die deutſche gehören. Nun Sie aber Ihrer zukünf⸗ tigen Frau deutſchen Unterricht geben laſſen— Was? Wer hat Ihnen ſo'was aufgebunden? unter⸗ brach ihn Morio. O ich weiß es! Lachen Sie nicht! betheuerte Ber⸗ cagny. Der artige Doctor— chose— Detlef, oder wie er heißt, gibt ihr die Stunden. Ah pah! eine alte Geſchichte, aus der nichts gewor⸗ den iſt, fiel Morio etwas empfindlich ein. Es war die Rede davon— in der Familie; ich weiß nicht, wer den Gedanken angeregt hatte; aber ich hab' ihn gejagt— den Sprachmeiſter. Und ein Chef der geheimen Polizei kann ſo im Nachtrab der Stadtneuigkeiten ſein?— Es iſt zum Lachen! Hm, hm! brummte kopfſchüttelnd Bercagny vor ſich hin, und Morio keuchte mit gedämpfter Unruhe heraus: Was haben Sie? Was wiſſen Sie? Hat man etwas gegen mich? Heraus damit, ich will's wiſſen! Schnell! Die Tafel wird angehen! Reden Sie, Bercagny! Verzeihung, Herr General! Ich habe mich übereilt. Ich ſehe jetzt ein,— es iſt auf eine angenehme Ueber⸗ raſchung für Sie abgeſehen, und— ich verderbe nun den Spaß. Teufel auch,— was man unbeſonnen ſein kann! A⁴ 8 8 3 7 er⸗ un ein A 40⁵ Ueberraſchung? Reden Sie mir klar und beſtimmt! Was iſt es? Wer ſoll überraſcht werden? Pardon, mein General! ſagte hierauf Bercagny. Es iſt bei Gott nichts Schlimmes! Aber, um Sie zu beruhi⸗ gen,— ich ſage Ihnen, es iſt nichts weiter, als das Adele Deutſch lernt— bei dem jungen, hübſchen Doctor — unter Protection der Gräfin Oberhofmeiſterin, und in deren Wohnung. Wiſſen Sie das gewiß? fragte Morio, innerlich bebend. Ganz beſtimmt! In den Stunden,— wiſſen Sie, wann Adele Abends zur Gräfin geht. Ich wette, es iſt auf eine angenehme Ueberraſchung für Sie abgeſehen! Deutſche Sprache, ſagen Sie? fragte nachdenklich der General. Wenigſtens kommen Beide dort im Namen der Gram⸗ matik zuſammen! Eine zuckende Hand Morio's, eine ausweichende Be⸗ wegung Bercagny's fielen mit dem lauten Aufgebot zur Tafel zuſammen, und blieben daher den nach der Thür wandelnden Herren unbemerkt.— Wir ſprechen uns noch, Bercagny! flüſterte aus keuchendem Ingrimm Morio, worauf Bercagny erwiderte: Nicht nöthig, Herr General! Fahren Sie nur nach Tiſche gleich zu einem Beſuche der Gräfin, und Sie kom⸗ men gerade recht zur Stunde,— zu irgend einer kühnen Inverſion der guten deutſchen— Wortfügung. Es läßt ſich denken, mit welcher Erbitterung und in⸗ nern Unruhe Morio bei Tafel ſaß, und die guten Biſſen nicht genoß, ſondern verſchlang. Die Gräfin, Adele, der junge Doctor, der ihn ſchon einmal empört hatte,— der General wußte nicht, gegen wen er zuerſt losbrechen, was er in ſeiner Wuth dem Einen und dem Andern anthun wollte,— wenigſtens beiden Damen; denn ge⸗ gen den„verdammten Sprachmeiſter“ beſchäftigten Ohr⸗ feigen, Fußtritte, Peitſchenhiebe die Phantaſie des brutalen Mannes. Bercagny, ihm ſchräg gegenüber ſitzend, ſah das ganze innere Ungewitter über das Geſicht ſeines Geg⸗ ners ziehen. Die gegen ihn gezuckte Hand des Soldaten wurmte ihm lange in ſeinem mehr mönchiſchen als ritter⸗ lichen Herzen nach, und er gönnte ſich in dieſer Erinne⸗ rung die Schadenfreude, den neben Morio ſitzenden Staats⸗ rath Malchus auf jede gute Schüſſel anzuſprechen, und Jeden zu beklagen, der ſolche Delirateſſe nicht mit allem Behagen genießen möͤchte.—— Inzwiſchen kam die Stunde bei der Gräfin herbei. Adele war ſchon früh gekommen, und Hermann verſpä⸗ tete ſich ebenfalls nicht. Es regnete ruhig herab, was die Unterhaltung nur um ſo traulicher ſtimmte. Die Gräfin ſelbſt war heut aufgelegter, jovialer, wahrſchein⸗ lich durch die Einigkeit mit ſich ſelbſt darüber, daß die Stunden fortan abgebrochen ſein ſollten. Adelen zwar, dem leidenſchaftlichen Mädchen, wollte ſie es heut und in Hermann's Beiſein nicht eröffnen, ſondern ſie zur rechten Zeit nach Hauſe fahren laſſen, um ſich dann deſto ruhi⸗ ger mit dem jungen Manne zu beſprechen, für den ſie ſich lebhaft eingenommen fühlte. Dieſe Vorliebe beſtand keineswegs in jener ſinnlichen Zuneigung und Hingebung, die bei Hof und in ſo man⸗ nir —y £ 407 chen Familien den Canevas der verſchiedenſten Herzens⸗ verhältniſſe ausmachte. Die Gräfin Antonie hatte mehr eine ehrgeizige Unruhe und Richtung. Ihr unbefriedigtes Herz wollte in einem höhern Lebenskreiſe, als eine Lie⸗ besintrigue bietet,— ſchaffen, beglücken, herrſchen. Allerdings ſchlich ſich das Intereſſe, das ſie für Männer faßte, durch deren bedeutende oder liebenswürdige Erſchei⸗ nung bei ihr ein; dafür war ſie empfindſame und phan⸗ taſievolle Frau genug. Dieſe Empfänglichkeit erregte aber mehr die ſtolzen, thätigen Sympathien einer weiblichen Seele, die zu feſt ſchien, ſich in ſentimentalen Träumen zu verzehren, zu hochgeſinnt oder vielleicht auch zu kalt, ſich in ſinnlicher Hingebung zu verlieren. An gemachte, in einflußreicher Stellung wirkende Männer ihrer Theil⸗ nahme ſchloß ſie ſich gern mitwirkend an, wie ſie eben auch in gutem Einverſtändniß mit Bülow ſtand; jungen, aufſtrebenden Männern dagegen ſuchte ſie gern eine Stel⸗ lung zu verſchaffen, und ſie dann gelegentlich ein wenig zu beherrſchen, zur Entſchädigung dafür, daß ſie jenen ältern ſich unterordnen mußte. So würfelte ſie nun auch mit allerlei Anſchlägen für Hermann, und da dieſe nach Umſtänden mehr oder we⸗ niger günſtig ausfallen konnten, ſo dachte ſie an kleine muſikaliſche Abende, an denen ſie ihn zuweilen bei ſich ſehen und das Weitere beſprechen könnte. Sie überlegte ſogar, ob ſie nicht, wenn der junge Mann erſt eine Stellung in der Geſellſchaft gewonnen hätte, die Konigin auf einen ſo angenehmen Sänger aufmerkſam machen ſollte, da dieſelbe jetzt wieder fleißig Muſik trieb, nach⸗ dem ſie den in Caſſel angekommenen Componiſten Blan⸗ gini zum Lehrer angenommen hatte. Kurz, die Gräfin ſpielte mit hundert wohlwollenden Gedanken für den ſo fähigen und einnehmenden jungen Mann, wie ſie denn Alles ſehr lebhaft und nicht ſelten das Unthunlichſte am eifrigſten anfaßte. Die Thür zu ihrem Ankleidezimmer ſtand heut offen, ſodaß ſie, mit Allerlei beſchäftigt, ab⸗ und zugehen konnte. Bei all' ihrer Aufmerkſamkeit war ihr doch entgangen, wie weit es in der Vertraulichkeit zwiſchen Lehrer und Schülerin ſchon gekommen war. Sie ahnte nicht, daß ſelbſt in ihrem Beiſein Beide einander mit den Füßen neckten, hinter ihrem Rücken ſich die Hände drückten, und heut ſogar, als Beide die Gräfin im Nebenzimmer eine Schublade der Commode ziehen hörten, ſich, wie zu ein⸗ ander hingeriſſen, in die Arme fielen. Die innere Unruhe und Zerſtreutheit des Paares blieb jedoch der Beſchützerin nicht unbemerkt. Sie erkannte, daß es wirklich die höchſte Zeit ſei, Beide von einander entfernt zu halten, und ging auch auf der Stelle dadurch zu Werk, daß ſie Hermann an ihren Flügel rief, weil doch Adele heut keine Gedanken für's Lernen zu haben ſcheine. Singen Sie uns der von Ihrem Freunde Reichardt componirten Goethe'ſchen Lieder eines! befahl ſie. Es ſind reizende Melodien, und die Lieder unvergleichlich. Hermann, in ſeiner heut ſo aufgeregten Stimmung und im Gefühl ſeines Glücks bei der reizenden Adele, fiel auf das anzügliche kleine Lied: Nur wer die Sehnſucht kennt, Weiß was ich leide. 1—u———— r Wir müſſen aber Adelen erſt mit dem Texte des Lie⸗ des bekannt machen, wendete die Gräfin lächelnd ein, da⸗ mit ihr der Ausdruck der Melodie verſtändlicher ſei. Hermann überſetzte ihr die Worte und ſchien, da es in franzöſiſcher Proſa geſchah, die fehlenden Reime durch ausdrucksvolle Blicke erſetzen zu wollen. Bei den Worten: Seh' ich am Firmament Nach jener Seite— war die lächelnde Dame ans Fenſter getreten, und ſagte am Schluß des Liedes: Am Firmament iſt heut nicht viel zu ſehen, lieber Doctor! Wenn Sie uns das Lied da capo ſingen wol⸗ len, finden Sie vielleicht einen paſſendern deutſchen Reim, z. B.: „Allein und abgetrennt Von aller Freude“— Seh' ich zum guten End' Mein Liebchen in Seide, oder dergleichen, z. B. auch: Bleibt mir kein Fundament, Wenn ich nun ſcheide. Sie blieb mit ſchalkhaftem Lächeln auf das Fenſter⸗ ſims gelehnt ſtehen, um das Lied aus der Ferne zu höͤ⸗ ren und Adelen zu beobachten. Hermann, der in ſeiner Aufregung dieſe Scherze halb überhörte, wiederholte das Lied mit noch lebhafterm Ausdruck, als bei dem leidenſchaftlichen Verſe: 440 Es ſchwindelt mir, es brennt Mein Eingeweide— ein Wagen um die Ecke fuhr, am Hauſe ſtillhielt, und die Gräfin, mit dem erſten Blick hinab, aufſchrie: Mein Gott, der König! Sie rannte durch das Zimmer, zuerſt vom Gedanken an ſich ſelbſt ergriffen, dann das verblüffte Paar nach der Thür ihres Ankleidezimmers treibend. Geſchwind hier hinein! flüſterte ſie. Dort durch das Schlafzimmer finden Sie einen Ausgang, Herr Doctor, auf den Corridor. Aber warten Sie, bis der König herauf iſt, bis er herein iſt. Sie, Adele, können ſich dann, wenn der König—— Doch dieſer war ſchon in der Nähe, und kaum hatte ſie das Seitenzimmer geſchloſſen, als ein Diener die ent⸗ gegengeſetzte Thür aufriß und rief: Seine Majeſtät der König! Sechzehutes Capitel. Ein Geheimniß des Boudoirs. Der König erſchien heut ausnahmsweiſe im Civilkleid eines grünen Fracks mit rundem Hute. Als er eintrat, ſtand die Gräfin ſchon in entgegenkommender Haltung, und empfing ihn mit der Miene heiterer Ueberraſchung 411 und gemeſſener Ehrerbietung. Ihre imponirende Faſſung war unter den Umſtänden des Augenblicks nichts Ueber⸗ legtes, nichts Gemachtes, ſondern rührte, bei angeborener Stärke der Seele, von Erziehung, von geübter Selbſt⸗ beherrſchung und von den guten Gewohnheiten ihres hohen Standes her. Denn in ihrem Innern durchkreuzten ſich ſo widerſprechende Empfindungen und Gedanken, daß ihr Benehmen leicht genug in das Anſehen von Zerſtreutheit und Unbeholfenheit hätte fallen können. Das Schwung— gewicht ihrer Gedanken ſchlug weiter als an die beiden Thüren, zwiſchen denen ſie ſtand und durch die hinter ihr ein verliebtes Paar entſchlüpft war und vor ihr ein König eintrat. Nicht blos der hohe Beſuch überraſchte ſie, ſondern auch die Erinnerung an Das, was zwiſchen ihr und dem Beſuchenden vorgefallen war und was ihn jetzt ohne Zweifel herbeiführte. Dieſe Erinnerung hatte ſie auch zu der Uebereilung verleitet, die beiden Leutchen zu verſtecken, anſtatt nur den jungen Mann entſchlüpfen und Adelen bei ſich antreffen zu laſſen. Dies fiel ihr jetzt zu ſpät ein, und ſie fühlte ſich beängſtigt um das Paar, und zugleich vor demſelben bloßgeſtellt durch den verheim⸗ lichten Empfang des Königs. Ueberdies war auch, was Jeröme in ſeiner gewohnten Lebhaftigkeit ausſprechen konnte, für die Verſteckten nicht geeignet, wenn ſie etwa verweilten und lauſchten. Aber in ſolchen Fällen haben Perſonen von der Begabung und dem Herkommen der Gräfin, durch die frühe und häufige Gewöhnung ihr In⸗ neres zu verbergen und bei allem Sturm und Unmuth im Herzen freundlich auf ihre Umgebung zu achten, etwas Aehnliches voraus, wie der geſchulte Reiter, der bei jeder auch unerwarteten Bewegung ſeines Pferdes, aller Ueber⸗ legung voraus, wie von ſelbſt in das Gleichgewicht ſeines Sattels fällt. Die Anrede Jeröͤme's verrieth in ihren überlegten Worten und noch mehr durch den Ausdruck in ſeinem Ton und Blick eine vertrauliche Beziehung, bei welcher für die Gräfin etwas Verletzendes vorgefallen war. Sie hatte ſich nämlich zuerſt des Königs zunehmende Aufmerkſamkeit und Bewerbung um ihre Gunſt innerhalb der Formen des Anſtandes gefallen laſſen, nicht aus Zu⸗ neigung für die Perſon, nicht, wie ſo manche der Hof⸗ damen, aus Eitelkeit und ſogar aus Eigennutz, ſondern weil ſie eben nach Einfluß, und zwar in dem großen, edeln Sinn ihres Freundes Bülow, trachtete. Sie ſchlug den Werth einer ſolchen königlichen Gunſt für ſich ſelbſt an, und vergaß des Preiſes, der darauf geſetzt werden könnte, oder ſie dachte wol auch, etwas erhalten zu kön⸗ nen, ohne etwas dafür zu gewähren. In keinem Fall aber war ſie auf ſo unumwundene Wünſche eines Man⸗ nes gefaßt geweſen, der in ſeinen natürlichen Regungen auch gegen Damen von Stand mehr als naiv ſein konnte. Jeröme ſprach laut und lebhaft, zog ſich dabei aber nach dem entfernten Fenſter, wo er ſich auf einem Ta⸗ bouret niederließ. Die Gräfin entgegnete aber ſo eigen⸗ thümlich leiſe, als ob es nicht zufällig Lauſchenden, ſon⸗ dern dem Geheimniß der Angelegenheit gelte. Jeröme nahm es denn auch in der Tonart der Vertraulichkeit, und erwiderte gleicherweiſe. Ich komme, Sie zu verſoͤhnen, meine theure Prin⸗ —— b d h Y 80—-—„ͤ—— c.—,——— O 2 Z.— 15 ₰ ———2,——— 2 zeſſin, ſagte er. Sie meiden den Hof, die Königin ent— behrt Ihres Umgangs; Sie laſſen Andere dafür büßen, daß ich Sie beleidigt habe. Iſt das nicht Groll? Ich hätte nicht gedacht, daß Sie ſoviel Kälte für mich in der reizenden Bruſt trügen. Sie thun mir Unrecht, Sire! antwortete ſie. Es iſt kein Groll; aber ich betrübe mich darüber, daß Sie meine Theilnahme, meine entgegenkommende Freundſchaft für Sie ſo misverſtehen konnten, um mir Zumuthungen zu ma⸗ chen, die mich in meiner Perſon, in meinem Intereſſe für Sie, wie in meiner Stellung an Ihrem Hofe, herabwür⸗ digen. Ihr Herz, ſagen Sie, bedürfe der Liebe; ich glaube es, aber es hat, wie mir ſcheint, noch keinen Man⸗ gel gelitten, ſondern ſich vielleicht durch den Ueberfluß ver⸗ wöhnt. Es gibt auch eine Liebe, Sire, die ſich nicht nach körperlichen Gewichten ſchätzen und empfangen läßt, ſondern zu den unwägbaren, aber belebenden, ſchaffenden Kräften gehört. Ich glaubte ſo etwas für einen jungen Souverain zu empfinden, dem eine neue Macht in einer neuen Zeit verliehen iſt, aber unter einer ihm fremden Nation, und für ein Volk, das nicht ohne Aengſtlichkeit, — ich weiß nicht, ob vielleicht auch mit einigen Mis⸗ trauen, ſein Glück von ihm erwartet. Sehen Sie, da iſt eine Welt von Liebe zu erobern! Ich hielt es meiner Perſon und Stellung für eine Gunſt, als Vermittlerin dieſer Liebe zu gelten. Sie haben mich misverſtanden, Sire, wenn Sie mich zu jenen liebenswürdigen Frauen zählten, die eines jungen Königs Liebe für ſich ſelbſt ſuchen. Ich weiß es, daß König Jeroͤme von der Abſicht beſeelt iſt, ſein Volk zu beglücken. Wenn er aber zu ungeſtum den Verlockungen ſeines menſchlichen Herzens folgt, ſo zerſtreuen ſich leicht die Eingebungen ſeiner köͤ⸗ niglichen Seele. Dieſer da, dieſer Seelenhoheit, rechnete ich das Wohlwollen und die Gunſt zu, die Sie mir ſchenkten; ich freute mich, Ihr Herz zu gewinnen, um Sie an Ihre Krone zu erinnern. Dieſe Betrachtung war, ihrer Empfindung nach, von der Gräfin ohne Zweifel aufrichtig gemeint; der Aus⸗ druck verrieth aber, daß ſie ſich wol erſt in den Stun— den ihrer Zurückgezogenheit ſo klar darüber gemacht und wol auch für den Fall einer Erklärung vorbereitet hatte. Jeröme, ſchlau genug, etwas davon zu merken, nahm jedoch die ganze Aeußerung für eine weibliche Ausflucht, für eine geiſtreiche Hinhaltung ſeiner Wünſche. Er glaubte blos durch Uebereilung gefehlt zu haben, und fühlte ſich nur noch angeregter, auf einem neuen reizenden Wege an ſein Ziel zu kommen. Jede Frau von einigem Anſtande hat ihre eigene Art zu capituliren, dachte er, und die Gräfin gefällt ſich darin, mich auf geiſtreiche Weiſe hin— zuhalten. Indem er daher auf die Gedanken der Gräfin einging, konnte er ein ſchalkhaftes Lächeln nicht unter⸗ drücken. Ha! rief er mit dem Ausdruck der Bewunderung aus, in dieſen hohen Geſinnungen erkenne ich eine Prin⸗ zeſſin, eine geborene Fürſtin! Sie ſind eine Tochter der Nation, zu der mein Volk gehört, eine vorzügliche, eine fürſtliche Tochter. Auf mein Wort! es iſt gerade dieſe Liebenswürdigkeit, die mich zu Ihnen hinzieht. Was mir andere Frauen ſchenken, gewährt hinter dem erſten Reiz her keine Befriedigung. Ich bin glücklich, wenn Sie +η 415 Dolmetſch der Liebe meines Volks ſein wollen. Geben Sie dann aber auch dieſer Vermittelung all' die Wärme und unbedingte Hingebung, die ich von meinem Volk er⸗ warte! Nur Sie, herrliche Prinzeſſin, haben Reichthum der Seele und zugleich perſönliche Liebenswürdigkeit ge⸗ nug, um die tauſendfache Liebe eines beglückten Volks ſeinem König zu überliefern, und dieſen in gleichem Maße und im Namen des Volks wieder zu beglücken. Ja, ich liebe mein Volk, und habe auf meiner Umreiſe die ſchön⸗ ſten Beweiſe von der Liebe deſſelben erhalten. Ich habe das auch dem Kaiſer, meinem Bruder, geſchrieben. Aber ſehen Sie, meine liebenswürdige Prinzeſſin, der Kaiſer ſelbſt kürzt mir die Mittel, mein Volk ſo raſch, wie ich wünſchte, zu befriedigen. Seine Anfoderungen an mein Land ſind unerſchwinglich, und er durchkreuzt in jeder Richtung mit ſeinen europäiſchen Gedanken meine weſt⸗ fäliſchen Abſichten. Ei, Sire, ſo behaupten Sie ſich gegen den Kaiſer als unabhängiger Regent, als ſouverainer König! rief die Gräfin aus. Der Kaiſer ſelbſt nennt Sie ſouverain; zeigen Sie ihm, daß Sie es ſind! Oho! lachte Jeröme. Sie kennen den Kaiſer nicht. Das gäbe einen Proceß, der in letzter Inſtanz durch das Schwert entſchieden würde. Glauben Sie, daß ich ihn gewänne? Aber denken Sie darum nicht, daß es mir an allen muthigen Abſichten fehle. Wollen Sie mein Ge⸗ heimniß gegen Ihre Verzeihung eintauſchen? Er reichte ſeine Hand hin, und die Gräfin war ge⸗ ſpannt genug, einzuſchlagen. Er küßte die ſchöne kleine Hand, und ſagte halblaut: 416 Ich füge mich jetzt noch dem Kaiſer, weil er damit umgeht, Weſtfalen zu vergrößern durch— Nun, einerlei! Und dann könnt' es kommen, Prinzeſſin, daß ich die grö⸗ ßere Macht, vom Kaiſer geſchenkt, dazu verwendete, ſie für mein Volk zu verdienen. Aber— wir ſchweigen jetzt noch darüber. Alſo haben Sie mir vergeben? Und ich bringe gleich eine kleine Anerkennung Ihrer Güte mit. Er zog einige Papiere aus der Taſche und ſagte weiter: Sie verwendeten ſich für Herrn von Henneberg: hier iſt ſeine Ernennung zum Präfecten des Ockerdepartements. Sie empfahlen mir zugleich Herrn von Wangenheim: hier das Patent zum Bataillonschef beim dritten Linienregi⸗ ment! Einige andere Beförderungen Ihrer Wünſche liegen in der Ausfertigung.— Ich bin wahrhaft gerührt, Sire, von Ihrer Güte! ſagte die Gräfin. Sie haben ſich ſelbſt mit dieſen Schrif⸗ ten bemüht, und ich darf ſie nicht zurückgeben. Aber ich meide gern den Schein irgend eines politiſchen Einfluſſes bei Eurer Majeſtät, und möchte auch dieſen Männern die Beſchämung erſparen, als ob es noch meines Fürwortes bedurft hätte, um in den Augen ihres Monarchen von Seiten ihrer Verdienſte erkannt zu ſein. Ich werde, dank⸗ bar für Ihr Vertrauen, Sire, beide Patente Herrn von Bülow zuſtellen, um ſie vom⸗Miniſterium aus zu ver⸗ ſenden. Sie ſind,zartfühlend, meine theure Freundin, erwiderte der König. Fahren Sie fort, mir Rath und Winke zu geben. So unparteilich und uneigennützig ſind nicht Alle, die ſich mit Anliegen und Vorſchlägen an mich drängen. Aber miſchen Sie auch etwas von perſönlicher Liebe für mich in ihre hohen Geſinnungen für das öffentliche Wohl! Ich könnte alle Frauen, die bereit ſein möchten, mir ihre Gunſt zu gewähren, unbedenklich um die Eine hingeben, die ſoviel Reiz und Anmuth, Geiſt und Herz in der einen Perſon beſitzt, und Alles vereinigt, was ein König zu ſeinem Glück nicht entbehren, was er aber ſonſt nur vertheilt finden kann. Wenn ich glücklich machen ſoll, muß ich mich ſelbſt beglückt fühlen, indem ich lieben darf, was ich bewundern muß. Bei dieſen Worten faßte er mit einnehmendem Anſtand die Hand der Gräfin, ſie an ſeinen Mund zu drücken. Im Fortgehen ſagte er lachend: Der Graf Hardenberg mit ſeiner Geſellſchaft wird ſich wundern, wo ich ſolange bleibe. Ich werde ihm ſagen, Amor ſei ein kleiner Sansculotte, und trage keine Taſchenuhr. Nein, Sire, verſetzte die Gräfin, Sie dürfen den Amor nicht zum Revolutionär gegen die gute Sitte machen! Als ſie aus dem Salon, wohin ſie den König ge⸗ leitet hatte, in ihr Zimmer zurücktrat, ſtürzte ihr Adele in leidenſchaftlicher Verwirrung entgegen. Mein Gott, wie ſehen Sie aus! Adele? Was iſt geſchehen? Adele? Reden Sie doch, rief die Gräfin ganz betroffen. Adele warf ſich ihr in die Arme, preßte ſie an ihre Bruſt. Sie zitterte und bebte. Auch die Gräfin konnte vor Herzklopfen kein Wort mehr hervorbringen. Was ahnte, was fürchtete ſie nicht! Ein bitterer Unmuth über ſich ſelbſt ſtieg in ihrer Bruſt Koenig, Jeroͤme's Carneval. I. 27 auf, Angſt und Unruhe bemächtigten ſich ihrer; aber ſie kehrte die Vorwürfe, die ſie ſich zu machen hatte, zuerſt gegen das Mädchen. Sie ſtieß es von ſich, indem ſie ausrief: Warum ſind Sie nicht nach Hauſe gefahren? Sie wußten, daß mein Wagen beſtellt war! Adele ſah die Zürnende groß an, zuerſt betroffen, dann ergrimmt. Sie, Madame—? rief ſie aus, machen mir Vor⸗ würfe? Warum ließen Sie mich nicht in Gegenwart des Königs fortgehen? Warum hatten Sie das Rendezvous mit ihm, und mußten flüſtern und koſen, während Sie uns da drinnen— Sie ſchauerte bei dieſer Erinnerung zuſammen und verſtummte. Uns? Alſo auch der Doctor iſt geblieben? fragte die Gräfin beſtürzt, verwirrt. Nennen Sie ihn nicht! ſchrie Adele. Ich haſſe, ich verwünſche ihn— ich— Sie eilte fort durch den Salon; die Gräfin ihr nach, faßte ſie am Arm, und ſagte leiſe, beklommen, aber mit Nachdruck und Würde: Was es auch ſei, unglückliches Kind,— es bleibt ein Geheimniß des Boudoirs! Aber in dieſer Verwirrung, in dieſem Zuſtande konnen Sie nicht von mir nach Hauſe kommen. Hier, treten Sie an den Spiegel, ordnen Sie Ihren Spitzenkragen, glätten Sie Ihren Chignon, ſetzen Sie den Hut zurecht! Die Gräfin half dabei dem etwas zu ſich kommenden Mädchen, deſſen Verwirrung mehr und mehr auf ſie ſel⸗ 419 ber überging. Die Ueberlegung, was geſchehen, was zu thun ſei, ward ihr zu angſtvoller Pein. Endlich ſagte 2 ſie leiſe, aber haſtig:. ſ Sie können Alles gut machen, Adele!— Ihre Kin⸗ e derei, Ihre Thorheit, vielleicht Ihre Selbſtvergeſſenheit, Alles— wenn Sie endlich Morio Ihr Jawort geben. Sie können ſagen, wir hätten eben eine Erörterung darüber gehabt, ich hätte Sie ausgeſcholten, und Sie hätten geweint. Vielleicht aber werden Sie zu Hauſe nicht erwartet, und gewinnen Zeit, ſich zu faſſen. Doch kaum ausgeſprochen, fielen dieſe Rathſchläge ihrer Verwirrung auf das eigene beſchämte Herz der Gräfin als brennende Vorwürfe zurück. Sie zog heftig d die Schelle, und befahl der eintretenden Zofe den Wagen für Adelen. In ihrer Befangenheit bemerkte ſie das ver⸗ ſchmitzte Lächeln der geſchminkten Dienerin nicht. Sie eilte v1 8 88 * e 1 3 ohne weiteres Abwarten in ihr Zimmer zurück, wo ſie h ſich in den bitterſten Empfindungen von Angſt und Be⸗ ſchämung, Verdruß und Wehmuth auf ihr Ruhebett warf. „ Erſt nach einer geraumen Weile hörte ſie den Wa⸗ — gen fortfahren. 5 — S e 85 a = S 85 . 2 —₰½ — R 80 ρ 2 2 Z A 1 2