Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden T ¹ ] 1 Tag von Morg 8 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. orgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vor — 4 3 zur Em⸗ v jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu Mirb on t den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, b eines Buches, eine dem Werthe deſſelb hinterlegen, welche bei d ei Entgegennah me en entſprchende Summe eſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1—— 3— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Nr.—uf. A. 3 d Auswärtig ge Foynenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 der 3Vücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. f 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der A Ladenpreis erſetzt werden.— Iſ lorene oder defecte Buch der Aieſer zum Erſe . Ausleihezeit. das zerriſſene, beſchmutzte, ver Hein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt atz des Ganzen verp flichtet. Dieſelbe iſt auf 14 Tag⸗ feſtgeſetzt und wird beſonders d darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e — 2——. 4 2 1 4 ſ ——a ——...— 1 4„————* Ausgewählte Werke von Alerander Dumas dem Jüngern. 4 Aus dem Franuzöſiſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Kleine Novellen von Alexander Dumas dem Jüngern. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Erſter Band. u— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Ein Grund zum Irnch. Denk' dir einmal, verehrter Leſer, ich ſei im Ge⸗ fängniß. Beruhige dich aber, ich werde dich nicht bitten, mich daſelbſt zu beſuchen; und doch bin ich wahrhaft im Gefängniß: das Haus hat ſchwarze Wände, die Thüren Riegel, die Fenſter Gitter oder vielmehr die Gitter Fenſter. Es finden ſich daſelbſt ein Hof, ein Sprechzimmer, Schildwachen, eine Fahne, Zellen, und ſogar Gefangene; aber es iſt dort weder die Feuchtigkeit, die Latüde’s Ge⸗ ſundheit ſchwächte, ihn jedoch nicht verhinderte, ſich aus dem Staube zu machen, noch die Spinne, die Peliſſon's Troſt war, ihn aber nicht vor Langweile⸗ ſchützte. 2 Laß mich dir die Sache genauer ſagen, doch viel⸗ leicht weißt du ſchon, was ich meine. Ich gehöre zur Nationalgarde; doch ich täuſche mich, ich ſollte zu ihr gehören. Wenn ich zu ihr gehörte, würde ich nicht ſein, wo ich bin. Doch es iſt dies, auf Ehre! meine Schuld nicht. In Betreff dieſes Inſtituts kann ich mich nicht rühmen, eine auch nur halbwegs geſunde Erziehung genoſſen zu haben: habe ich doch aus dem Tſchako meines Vaters, des ſchlechteſten Nationalgardiſten auf Gottes Erd⸗ boden, die Milch der Inſubordination getrunken; ja ich glaube ſogar, es, hat dieſer Tſchako nie zu etwas Anderem gedient. Dieſe Inſubordination hat bis zum neunund⸗ zwanzigſten des verfloſſenen Monats keinerlei üble Folgen für mich gehabt, und zwar trotzdem daß ich eine Menge Wachzettel bekam; denn hätte ich dieſe behalten, ſo hätte ich ein ganzes Album daraus an⸗ fertigen können. Ebenſo wenig ließ man es an Vor⸗ forderungen fehlen; jeden Augenblick ſollte ich vor dem militäriſchen Ruggerichte erſcheinen; ja ich wurde ſogar zu verſchiedenen Strafen verurtheilt; aber immer fügte es ſich ſo, daß ich frei ausging, ſei es daß ich rechtzeitig verreiste, ſei es daß ich in ein anderes Haus zog, ſei es daß das Geburtsfeſt des Königs dazwiſchen kam, ſei es daß ein Prinz geboren wurde(ich ſpreche von den Zeiten Ludwig Philipps), ſei es daß eine neue Conſtitution proclamirt ward, ſei es daß eine Emeute ſtattfand(ich ſpreche von den darauf folgenden Jahren), ſei es endlich daß mir dieſes oder jenes Ereigniß zu Hülfe kam. Aber es haben ſich die Zeiten gewaltig geändert; ich bin inzwiſchen faſt ein Philiſter geworden: ſeit vollen drei Jahren bin ich nicht mehr ausgezogen, und ſeit drei Jahren habe ich denn Wahlzettel die Hülle und Fülle bekommen. Wohl habe ich den zweiten December, die Aus⸗ rufung des Kaiſerthums, die Heirath des Kaiſers für mich gehabt; allein alles dieſes währte denn doch nur eine gewiſſe Zeit, und ſo habe ich alſo 7 eines ſchönen Tages ſehen müſſen, wie man mich wegen dreimaligen ungehorſamen Nichterſcheinens citirte. Ich wußte nicht einmal, bei welcher Compagnie ich ſtand. Da habe ich die Nachſicht des Verwaltungsraths angerufen, und es iſt dieſer, ich muß es geſtehen, nur allzu nachſichtig geweſen; denn ich machte für mein Ausbleiben keinen andern Grund geltend als den Mangel einer Uniform. Welch ſchlechte Aus⸗ rede! Nichts deſto weniger habe ich damit meinen Zweck erreicht: man gab mir einen einfachen Ver⸗ weis, was mir ſeit meinem erſten Schuljahre nie paſſirt war. Durch dieſe Strafe habe ich mich in meiner Würde verletzt und zugleich, weil ſie ſo gnädig war, in meiner Inſubordination beſiegt gefühlt. Ich habe mir feſt vorgenommen, das begangene Unrecht wie⸗ der gut zu machen und ein Muſter von einem Bür⸗ ger zu werden. Auch habe ich mir eine vollſtändige Uniform von wunderſchönem Tuch, einen Tſchako ſammt einem kokardefreſſenden Adler, ſchneeweißes Lederwerk und einen kurzen Säbel machen laſſen, den ich, beiläufig geſagt, nie habe aus der Scheide herausbringen können; wie ich glaube, ſo fehlt die Klinge daran: kurz, es hat mich Alles zuſammen hundertneununddreißig Franken gekoſtet. Bald findet mich in meiner Wohnung ein neuer Wachzettel auf; ich vergeſſe darüber ſogar das Schla⸗ fen, da es mich drängt, meinen Eifer in ſeinem gan⸗ zen Glanze zu zeigen. Schon Morgens ſieben Uhr ſtehe ich auf und kleide mich an; kaum aber war 8 ——= dieſe Operation beendigt, ſo fand ich mich— ſollte man es glauben?— ſo häßlich, ſo lächerlich, ſo un⸗ ſoldatiſch, daß ich es ſchlechterdings nicht wagte, in ſolchem Aufzuge an meinem Hausmeiſter vorüberzu⸗ gehen. Ich habe mich alſo in mein Schickſal ergeben und mit den Worten:„Ich ſehe es ſchon, Gott will es nicht, aus mir wird nimmermehr ein National⸗ gardiſt,“ mich wieder zu Bette gelegt, wobei mich freilich auch der Gedanke noch tröſtete, daß der Re⸗ gen in Strömen herabgieße. Es begreift der Leſer natürlich leicht, daß ich mir es keinen Augenblick habe einfallen laſſen, dieſen Grund vor dem Ver⸗ waltungsrathe geltend zu machen. Ich habe ganz einfach ſämmtliche Folgen meiner Rebellion ſchon im Voraus auf mich genommen, und ſo hat es mich denn nicht gewundert, daß am neunundzwanzigſten Mai dieſes Jahres ein Mann in Uniform zu mir hereintrat, der mich ins Gefängniß abführen ſollte. Ich fand in ihm einen recht gebildeten und höf⸗ lichen Menſchen, der mir die erbetene dreitägige Friſt ohne Weiteres gewährte und zugleich bemerkte, daß er vor fünfzehn Jahren die Ehre gehabt, aus dem gleichen Grunde auch meinen Herrn Vater zu verhaften. Wir plauderten eine Weile über dieſe Geſchichte; er hatte die Güte, derſelben ſich noch vollkommen zu erinnern und jenes Lächeln zu zeigen, das eine fünf⸗ zehn Jahre alte Geſchichte wenigſtens eine Minute lang auf den unintelligenteſten Lippen hervorzurufen pflegt; ſofort zog er aus ſeiner Taſche ein Papier hervor, das er mich bat zu unterzeichnen, und wo⸗ durch ich mich mit meinem Ehrenworte verbindlich 9 machte, am erſten Juni, Abends, noch ehe es acht Uhr geſchlagen, mich im Gefängniſſe zu ſtellen. Ich that, wie der Mann wünſchte, und von dieſem Augen⸗ blicke an war ich der Regulus der Nationalgarde. Heute, am erſten Juni alſo, habe ich meine ſieben Sachen zuſammengepackt— worunter, damit ich's nicht vergeſſe, auch Federn, Papier und ein Feder⸗ meſſer ſich befanden, und bin um ein Viertel auf acht Uhr im Arreſtlocal angekommen. Es iſt dieſes ein freiſtehendes Haus zwiſchen dem Orleaner Bahnhof und dem botaniſchen Garten, von wo aus die Ge⸗ fangenen ſehen können, wie frei die übrigen Men⸗ ſchenkinder herumſpazieren, wenn überhaupt derjenige Menſch frei zu nennen iſt, der ſich nicht in einem Gefängniſſe befindet. Denn alle Welt iſt, armer Leſer, der Gefangene irgend eines Menſchen oder irgend einer Sache; wir alle haben am Fuße eine unſichtbare Kette, die uns zurückhält, ſobald wir die jedem Individuum vorge⸗ zeichnete moraliſche Grenze überſchreiten wollen. Ich ſehe unter meinem Fenſter alle dieſe Leute vorübergehen, die ſich frei wähnen, weil ſie ſich nicht hinter einer Mauer befinden, worauf das Wort‚Arreſt⸗ local“ geſchrieben ſteht. Dieſe wackeren Leute beklage ich von ganzem Herzen. Fürs Erſte würden ſie, wenn ſie wirllich frei wären, bei einem ſo ſündfluthlichen Regen gewiß nicht ausgehen, ſondern würden fein zu Hauſe bleiben. Und dann iſt auch der Menſch dazu geboren, daß er ewig ein Gefangener bleibe. Er iſt gefangen im Leibe ſeiner Mutter, gefan⸗ gen in ſeinen Windeln, gefangen zwiſchen den vier Wänden ſeiner Schule. Kaum hat er das Alter erreicht, wo das Geſetz, jenes ewige Gefängniß, zu ihm ſagt:„Du biſt frei,“ ſo hat er nichts Eiligeres zu thun, als ſeine Freiheit in die engſten Schranken zu bannen: er ſchafft ſich eine Geliebte an, macht ſich Freunde, läßt ſich in allerlei Geſchäfte ein, und heirathet endlich. Nun aber ſind ſeine Geliebte, ſeine Freunde, ſeine Correſpondenten, ſeine Aſſocié's, ſeine Kinder, ſeine Nebenbuhler, ſeine Feinde, ſeine Schmeichler, ſeine Domeſtiken, ſeine Familie, ſeine Gewohnheiten, ſeine Trägheit, ſeine Arbeit, ſein Beruf, ſein Chr⸗ geiz, ſeine Gleichgültigkeit, ſeine Liebſchaften, ſeine Kümmerniſſe, ſeine Bedürfniſſe, ſeine Intereſſen eben ſo viele weitere Eiſenſtäbe in dem natürlichen Ge⸗ fängniſſe, das den Namen Leben führt. Je civiliſirter ein Menſch iſt, um ſo mehr macht er ſich zum Gefangenen. Seinen Leib zwängt er in Kleider, ſeinen Hals in eine Cravate, ſeinen Kopf in einen Hut, ſeine Hände in Handſchuhe, ſeine Füße in Stiefeln ein. Er will reiſen; nichts hindert ihn daran; nichts hält ihn zurück. Man wird nun glauben, er werde mit einem Stocke in der Hand, er werde zu Pferd oder zu Fuß reiſen; er werde die freie Luft, die Landſtraßen aufſuchen, er werde wenigſtens ein Stück Himmel ſehen wollen? Ganz und gar nicht. Er preßt ſich im Gegentheil möglichſt eng in der Ecke eines Eiſenbahnwagens zuſammen. Aber er wird dann wenigſtens auch von der Natur etwas ül 11 ſehen wollen? Ach, was Natur! Er läßt das Fen⸗ ſter herunter und fängt an zu ſchnarchen. Es iſt der Menſch, ich wiederhole es, für das Gefängniß geſchaffen. Von Zeit zu Zeit ſchwatzen einige Narren ihm etwas von Freiheit vor; er weiß nicht, was das iſt, empört ſich und erringt dieſe Freiheit. Aber ſchon Tags darauf weiß er nicht mehr, was er damit an⸗ fangen ſoll und wirft ſie dem erſten Beſten mit den Worten an den Kopf:„Da nimm uns alsbald die⸗ ſes Ding wieder ab; für deine Mühe ſollſt du haben, was du immer willſt.“ Und ſo ſehr fürchtete er, man werde ihm früher oder ſpäter dieſes Depoſitum zurückgeben, daß er im Voraus, noch ehe ſie geboren ſind und ſelbſt auf die Gefahr hin, blödſinnige, grauſame Menſchen und Baſtarde zu Herrſchern zu bekommen, die Kinder des⸗ jenigen als ſeine Herren anerkennt, der die Laſt, die er ihm bringt, übernehmen will,— eine Laſt, die, ſchon in den Händen Aller ſchwer, es gewiß nicht minder in der Hand eines Einzigen iſt; denn unter allen Gefängniſſen iſt ſicherlich das entſetzlichſte das Gefängniß der abſoluten Gewalt. Man frage einen Kaiſer Karl V., der ſich in einen Sarg legen ließ und ſich dort behaglicher fühlte als auf dem Throne. Man frage einen Ludwig XVI., der erklärte, daß er im Temple freier wäre als in den Tuilerien. Man frage Friedrich den Großen, der auf ſeinem Sterbebette erklärte, daß er es herzlich müde wäre, über Sklaven zu herrſchen. Segnen wir alſo die Männer, die Herren, die Könige, die, da ſie gewöhnliche Gefangene ſein konnten, ſich zu exceptionellen hergeben; die jeden Augenblick von einem Heere von Soldaten, Miniſtern, Höflingen, Lakaien ſcharf bewacht ſind; die weder ſich hinlegen, noch ſchlafen, noch aufſtehen, noch eſſen, noch trinken, noch ein⸗ und ausgehen, noch weinen, noch lachen, noch lieben, noch haſſen können, ohne von Andern überwacht, belauert, verſpottet oder zum Gegenſtand der verſchiedenartigſten Discuſſionen ge⸗ macht zu werden; die nicht einmal ſterben können, denn kaum hat der Tod ſie an einer Hand erfaßt und in ihr Grab gelegt, ſo tritt die Geſchichte zu ihnen heran, erfaßt ſie an der andern Hand, richtet ſie wieder auf und ſpricht:„Nun haben wir zwei es mit einander zu thun!“ Gütiger Gott! Mach' aus mir Alles, was du willſt, nur keinen abſoluten Herrſcher.. Und ſo iſt Alles auf dieſer Welt, in den Höhen wie in den Tiefen, eitel Gefängniß. Immer iſt der Menſch gefangen, mag er nun die neuntauſend Stunden, welche den Umkreis der Erde bilden, oder mag er die vierzig Quadratſchuh ſeines Zimmers zum Kerker haben. Treibt ihn ſein Verlangen über die Behrings⸗ ſtraße hinaus und kann er daſſelbe nicht befriedigen, ſo iſt ſein Kummer nicht minder groß, als wenn er in den Garten hinabgehen will, der ſich unter ſeinem Fenſter ausdehnt, und er ſolches unmöglich findet. Nur iſt in dem erſteren Falle mehr Muth und Mühe erforderlich, um auf den Ausgangspunkt zurückzu⸗ kommen, als im zweiten. Nun denn! Soll der Menſch einmal gefangen 13 ſein, ſo iſt trotz ſeiner Eiſenſtäbe und ſeiner Riegel das Gefängniß von Quaderſteinen, in welches das Geſetz Einen hineinſpricht, noch beſſer als die tauſend mora⸗ liſchen Kerker, wozu wir uns ſelbſt verdammen. Ich ſpreche hier natürlich nur von ſolchen Ge⸗ fängniſſen, die man unbeſchadet ſeiner Ehre betreten und wieder verlaſſen kann. Während Dante auf dem Thore der Hölle die Worte las:„Hier hört alle Hoffnung auf,“ glaube ich auf dem Thore ſolcher Gefängniſſe die Worte zu leſen:„Hier fängt alle Freiheit an.“ In der That, es iſt zu verwundern, wie ſehr die Lage desjenigen ſich vereinfacht, dem einmal ein ſolches Gefängniß zur Herberge angewieſen iſt. Man iſt nicht mehr Vater, Sohn, Gatte, Geliebter, Freund, Menſch, ſondern nur noch eine Nummer. Man läßt alle Nothwendigkeiten des gewöhnlichen Lebens hinter ſich; des Lebens Qualen und Mühen kennt man nicht mehr. Diejenigen, deren Genoſſe man wird, ſehen Einen mit Freuden kommen, während diejenigen, welche Ei⸗ nem bis an das Thor das Geleit gegeben, Einen nur ungern ſcheiden und hineingehen ſehen; den Einen bringt man erwünſchten Zeitvertreib, bei den Andern weckt man ein Gefühl des Bedauerns. Welcher Menſch kann in ſeinem Alltagsleben ſich rühmen, daß es ihm möglich ſei, durch das einfache Ueberſchreiten einer Thürſchwelle ſo ganz heterogene Empfindungen bei Andern hervorzurufen? Draußen langweilige Beſuche, Geſchäftsbriefe, Beſtürmung von Leuten, welche umſonſt Theater⸗ billets von Einem haben wollen, Unſchlüſſigkeit, wie man die Zeit anwenden ſoll, Furcht vor ſchlechtem Wetter, unnütze Ausgaben, die nothwendigen Be⸗ ſuche, die man zu machen hat, allerlei gefährliche Beiſpiele und Lüſte, Hang zum Nichtsthun, politiſche Discuſſionen, Tagblätter. Drinnen weiß man ſo viel, daß man nicht aus⸗ geht, wie das Wetter immer ſein mag. Hier iſt man allein, hier iſt man wirklich frei, hier muß man ar⸗ beiten, hier findet man das Recht, wohlfeil zu eſſen und zu trinken, ganz nach Belieben zu ſchlafen, Nie⸗ mand zu empfangen und alle Welt vorübergehen zu ſehen. Wie viele Menſchen gehen auf die mir gegen⸗ überliegende Eiſenbahn, um eine weite Reiſe zu machen, und wie viele unter ihnen möchten nicht an meiner Stelle ſein! Wie viele unter dieſen dahin⸗ eilenden Reiſenden haben kein ſo gutes Gewiſſen wie ich, und doch bin ich in dieſem Augenblick hinter Glas und Rahmen, und doch hat unter den tauſend Perſonen, die ich habe vorübergehen ſehen, auch nicht eine die Augen zu meinem Fenſter emporgerichtet, und doch hat auch nicht ein Blick mir aus der Ferne geſagt: Armer Gefangener! Wie man ſieht, ſo finden die Menſchen es ganz natürlich, daß man im Ge⸗ fängniß iſt. Aber, wird man mir entgegenhalten, es weiß ja alle Welt, wie ein Gefängniß für die Nationalgarde beſchaffen iſt; es iſt purer Spaß, und da wäre es doch wahrlich lächerlich, wenn man ſich das Loos eines ſolchen Gefangenen zu Herzen nehmen wollte. Wie! purer Spaß! Da iſt man im Irrthum. Ich für meine Perſon kenne kein Gefängniß, das —+,— 15 mehr den Namen eines ſolchen verdiente als dieſes. Es iſt das einzige, aus dem man nicht entfliehen kann, für's Erſte, weil man frei iſt, noch ehe man daran denkt, und zweitens, weil es unmöglich iſt. Um aus einem Gefängniſſe entfliehen zu können, gibt es nur zwei Mittel: das Geld, das heißt, das von Herrn von Beaufort angewandte Mittel, und die Liſt, das heißt, das Mittel, das Latüde ge⸗ braucht hat. Nun denn! nehmen wir an, ich habe Luſt, mei⸗ nen Kerkermeiſter zu beſtechen, und ich biete ihm eine bedeutende Summe an, damit er meine Flucht be⸗ günſtige. Was wird geſchehen? Ich werde nicht einmal den Troſt haben, beim Director gemeldet zu werden; denn es wird der Gute über meinen Antrag dermaßen lachen, daß mir nichts Anderes übrig bleiben wird, als mit ihm zu lachen. Wollte ein zu achtundvierzigſtündiger Gefangen⸗ ſchaft verurtheilter Nationalgardiſt ſeinem Kerker⸗ meiſter allen Ernſtes einen ſolchen Antrag machen, ſo gäbe es ſicherlich ein Lachen, das nie mehr enden würde; es würden ſämmtliche Zwerchfelle der Nach⸗ barſchaft dermaßen erſchüttert werden, daß ſie in Gefahr kämen, unbrauchbar zu werden. Wollte ich dann, das Unnütze dieſes Mittels er⸗ kennend, einen der vor meinem Fenſter befindlichen Stäbe durchſägen— was gar nicht ſchwer wäre, da ſie allem Anſchein nach von Pappendeckel ſind — und wollte ich dann noch meine Betttücher an die noch übrigen Stäbe anknüpfen und mich hinaus⸗ ſchwingen, ſo würde die Schildwache nicht einmal ſo höflich ſein, auf mich zu ſchießen; ſie hat lediglich —, ——— nichts in ihrer Flinte und würde ſich damit begnü⸗ gen, mir die Worte zuzurufen:„Ei, mein lieber Herr, was machen Sie da für Dummheiten! Gehen Sie doch wieder in Ihr Zimmer hinein, Sie könnten ſonſt bei ſolchen Spielen Schaden nehmen.“ Ich müßte eben den angerichteten Schaden gut machen— weiter würde man nichts von mir wollen. Ich bin alſo ein wahrer Gefangener, ohne doch als ein ſolcher behandelt zu werden. Es iſt das ein wahrhaft demüthigender Gedanke. Warum dann aber mich in's Gefängniß ſprechen? Um mich zu ſtrafen. Und eben darin täuſcht ſich der Verwaltungs⸗ rath, der über die Aufrechthaltung der Disciplin zu wachen und mich hieher geſchickt hat. Daß ein Handelsmann, ein Geſchäftsmann, ein Krämer, ein Ehemann, ein Eiferſüchtiger, ein Mann, welcher der täglichen Arbeit eines Handwerks oder einer Leidenſchaft unterworfen iſt, nicht gern zwei oder drei Tage lang in’s Gefängniß wandert, da ſonſt ſeine Geſchäfte, ſeine Frau, ſein Laden, ſeine Geliebte Noth leiden könnten, indem alle dieſe Dinge ſeiner Oberleitung und Oberaufſicht bedürfen, begreife ich vollkommen. Allein was machen uns Gelehrten, Künſtlern, Schriftſtellern ein paar Tage Gefängniß aus? Wir bekommen ſo Zerſtreuung, Beſchäftigung, Ruhe, Veränderung, kurz, wir ziehen daraus Vor⸗ theile jeder Art. Wird ein mit etwas geſundem Menſchenverſtand begabtes Weſen auch nur eine Minute lang unſchlüſſig ſein, wenn man ihm die Wahl läßt zwiſchen dem 17 dummen Wachſtehen, der lächerlichen Uniform, den ſchmierigen Karten, der alltäglichen Converſation, den ekelhaften Gerüchen, den gemeinen Wachſtuben⸗ ſpäſſen, und zwiſchen einem guten, reinlichen Zimmer mit ſchöner Ausſicht, einem guten Bette, einem guten Tiſche, einem guten Stuhle, einer guten Koſt, einer guten Kerkerphyſiognomie, die Alles thut, was ſie kann, um recht böſe auszuſehen, guten Riegeln, die nicht knarren, und guten Kerkermeiſtern, die wie Kanzleidiener ausſehen, Einem Antwort geben, ſobald man ſie ruft, die Aufträge beſorgen, die man ihnen gibt, und Einen mehr bedienen als bewachen: ich frage, wird ein halbwegs verſtändiger Menſch hier lange wählen? Und darum wählt auch kein verſtändiger Menſch ange. In dieſem Gefängniſſe befindet ſich, wie männig⸗ lich bekannt, eine ſogenannte Künſtlerſtube. Ein wahrer Künſtler, ein wahrer Schriftſteller würde ſich für entehrt halten, wenn er nicht ſeinen Namen auf eine der Wände dieſes Saales geſchrieben hätte, wo die Gefangenen allein Zutritt haben. Ich habe ihn geſehen, denn man weist ihn Niemand mehr als Carcer an, weil man fürchtet, es möchten die Zeich⸗ nungen, Inſchriften, Verſe, Melodien beſchädigt werden, womit die Wände im buchſtäblichen Sinne des Wortes überdeckt ſind, womit ich indeſſen nicht geſagt haben will, daß nicht auch die übrigen Zellen nni Zeichnungen, Epigrammen und Liedern geſchmückt eien. Schon dieſem Muſeum zu lieb muß ein halbwegs ordentlicher Menſch ſich einſtecken laſſen: nn mit Dumas, Novellen. I. — dem Hauſe ſelbſt wird es verſchwinden, und was die Gefangenwärter betrifft, ſo bildet es ihren höchſten Stolz. Hier, das Bild eines Bären von Decamps;— dort, der Typus des Pariſer Portier, von Coutüre; — allerlei Zeichnungen von Deveria; Aauarelle von Ciceri;— Carricaturen von Daumier und An⸗ drieux;— Skizzen von Nanteuil und noch vielen Andern.— Pferde, Galgen, Mondſcheinlandſchaften, Schiffe, Bäume, Genrebilder und Landſchaften jeder Art, Blumen, Pfeifen, und zwar oben, unten, rechts, links, in jeder Ecke. Im Uebrigen möchte man ſagen, es ſeien die Wände urſprünglich zur Aufnahme ſolcher Bilder beſtimmt worden. Ihr Ton iſt ein überaus glück⸗ licher zu nennen; ſie verleihen dem Zeichenſtifte eine gewiſſe Fettigkeit, dem Lichte Wahrheit, dem Schatten Kraft, den Formen etwas Geſchmeidiges und Edles, den Farben etwas Feſtes, den Linien etwas Reines. In meinem Zimmer habe ich einen weiblichen Kopf von Lévesque, und es gäbe dieſe Studie wahrhaftig ein wunderſchönes Porträt. Endlich findet man inmitten all dieſer Bilder mit ihren bizarren Rahmen und ihren burlesken Um⸗ ſchriften Verſe von unſern bekannteſten Männern, und darunter ſind nicht wenige, welche dem renommir⸗ teſten Witzblatte Ehre machen würden. Der Zweck, den das Disciplinargeſetz der Natio⸗ nalgarde erreichen will, iſt alſo, was uns Künſtler und Schriftſteller betrifft, total verfehlt. Welcher Künſtler iſt nicht ſchon acht, iſt nicht ſchon vierzehn Tage, iſt nicht ſchon einen Monat zu 3 die hhſten * türe; arelle An⸗ dielen iften, jeder echts, die ilder glück⸗ eine atten dles, ines. Kopf aftig ilder Um⸗ nern, mir⸗ atio⸗ ſtler nicht t zu 19 Hauſe geblieben, einzig und allein mit ſeiner Arbeit beſchäftigt, wobei er alle Beſuche hat abweiſen laſſen, ſich kaum Zeit zum Eſſen nehmend und keine andere Zerſtreuung kennend als ſeinen Tabak, keine andere Ruhe als die Anſchauung des vor ſeinen Augen ent⸗ ſtehenden Werkes. Was liegt ihm daher an einer Einkerkerung, die er gewohnt, welche ihm die erſte Lebensbedin⸗ gung iſt? Welcher geſetztere Mann wird ſich nicht freuen, zwei Tage ungeſtörtem Nachdenken widmen zu kön⸗ nen, um eine bereits angefangene Arbeit fortzuſetzen oder eine erſt anzufangende zu reifen? Was mich betrifft, ſo bin ich nun ſchon vierund⸗ zwanzig Stunden hier, denn während ich mit dem werthen Leſer geplaudert, iſt die Zeit verſtrichen; zugleich habe ich das Vorſtehende geſchrieben; ich habe geleſen, habe geſchlafen, habe vier Mal mit großem Appetit geſpeist, was genugſam beweiſen dürfte, daß zur Verdauung die Bewegung nicht ge⸗ rade unumgänglich nothwendig iſt; und habe nicht einmal von der Erlaubniß Gebrauch gemacht, meine Erholungsſtunden in der freien Luft zuzubringen. Wahrlich, ich gäbe keinen Pfifferling darum, wenn man mich jetzt hinausließe, und muß ich morgen hören, daß ich nun gehen könne, ſo gäbe ich vielleicht zwanzig Franken, um noch länger bleiben zu können, was beſonders dann wahrſcheinlich ſein dürfte, wenn ich mit dieſer Novelle noch nicht fertig wäre. Auch wolle man gefälligſt bemerken, daß ich Nie⸗ mand gebeten habe, mich zu beſuchen. arum ſeinen Freunden läſtig ſein? Warum wegen einer ſolchen Bagatelle ſich ſelbſt Ungelegen⸗ heiten bereiten? Ich verſichere den Leſer, es kann der Menſch recht lange es aushalten in der Lage, in der ich mich befinde; er kann ſich ſogar wohl dabei befinden, denn es genügt ihm, die übrige Welt ren⸗ nen und jagen zu ſehen. Gäbe man mir Tinte und Papier, das heißt, machte man es mir nicht unmöglich, die kleine Welt, die in meinem Kopfe lebt, an meinem Tiſche zu Fleiſch und Blut werden zu laſſen; verſagte man mir nicht die zweimalige Promenade von je einer Stunde, die man jedem Gefangenen täglich gönnt, mit anderen Worten, verſagte man mir nicht jenes Quantum frei eingeathmeter Luft, das ſchlechterdings nothwendig iſt, um die Lunge bis zum folgenden Tage zu nähren; ſchnitte man mir nicht die periodiſche Converſation mit dem Wärter zur Eſſenszeit ab, mit anderen Worten, ließe man ſo viel menſchliche Stimme zu mir dringen, daß meine Ohren und meine Zunge ihren Dienſt nicht verlernten; hätte ich dann noch Eigarren und Bücher, ſo hätte ich gar nichts gegen einen monatlangen Aufenthalt in dieſem Hauſe; höchſtens würde ich den Direktor bitten, das Licht, das er mir ſchon um zehn Uhr nehmen läßt, erfor⸗ derlichen Falls die ganze Nacht brennen zu laſſen; und dazu würde er gewiß nicht nein ſagen, ſobald er wüßte, daß ich, bevor ich einſchlafe, immer meine Lampe oder meine Kerze auslöſche, um nicht im Feuer aufzugehen. Einen Monat lang hier bleiben!... Und was würde unterdeſſen aus der Liebe? Das ſagſt du, verehrter Leſer! Aber in welcher 21 Welt lebſt du denn, daß du alſo ſprichſt? Glaubt denn noch ein Menſch an die Liebe? Wer in aller Welt beſchäftigt ſich damit? Wer ſucht Liebe? Und exiſtirt denn überhaupt ſo ein Ding? Nein, du weißt dieß eben ſo gut wie ich. Im Naturzuſtande iſt die Liebe ein ſtupides Bedürfniß unſerer Sinne, im geſellſchaftlichen Zuſtande aber iſt ſie nichts als eine künſtliche Ueberreizung unſerer Phantaſie. Es iſt die Liebe ein ganz und gar unnützes Ding; je weiter man ſich von ihr entfernt, um ſo mehr nähert man ſich der Wahrheit. Die Liebe iſt lediglich nichts als ein Mittel menſchlicher Fortpflanzung; aus Höflichkeit gegen die Frauen haben wir eine Paſſion daraus gemacht, während die Frauen daraus Alles, was ſie gekonnt, gemacht haben. Soll etwas wahr ſein, ſo muß es rein ſein; Talent, Tugend, Glaube, Ehre, Ruhm ſind nicht käuflich, die Liebe aber iſt es. Geſchöpfe, ſo ſchön wie die ſchönſten Statuen des Alterthums, bieten Einem an jeder Straßenecke Liebe an, ſo viel man will. Die Liebe eröffnet in der Civiliſation ihren La⸗ den ganz wie ein patentirter Handelsmann; nur ſchließt ſie ihn nie. Die Liebe kann gekauft, kann gemiethet, kann ausgetauſcht werden. „Suchen wir ein für alle Mal mit dem boshaften kleinen Gotte fertig zu werden, dem die Maler einen Leib wie Johannisbeerengelée, und Haare wie Quecken⸗ gras geben,— mit dem Gotte, deſſen Pappendeckel⸗ pfeile ſeit ſo vielen Jahrhunderten an den Schnür⸗ leibern der Frauen und an den Hoſenträgern der Männer ſich abſtumpfen. Ja, wo biſt du, wahre Liebe, du Traum unſerer Jugend, du Tradition unſerer Väter? Wir kennen dich aus⸗ und inwendig, wir haben deinen alten Köcher genau durchſucht und... nichts darin gefunden. Wir haben deine alte Binde emporgehoben und .. nichts darunter gefunden. Wir haben dir die Peitſche gegeben und dich zu deiner lieben Mutter Venus zurückgeſchickt. Geliebter der Pſyche, Lehrer des Daphnis, Be⸗ wohner der Wälder, Freund der Götter, ewiges Kind, wo, zum Henker, biſt du? Unſere Väter haben dich beſungen,— und ſie verhöhnten dich! Sie glaubten auch nicht ein Wort von dem, was ſie ſagten; ſie gebrauchten bei ihrem Liebesſpiele falſche Marken; ſie betrogen, wenn ſie von Gefühlen ſprachen. Biſt du immer noch auf dem Lande, wohin Herr von Florian dich verſetzt hat? Wir mögen von ländlicher Liebe nichts wiſſen. Aus den unwahren Schäferinnen des achtzehn⸗ ten Jahrhunderts haben wir Kaminſchirme, Medail⸗ lone und Thürſtücke gemacht. Die wahren Schäfe⸗ rinnen kennen wir: ſie haben borſtenartige Haare und möglichſt ſchmutzige Füße, ſind dabei ſtockddumm und riechen übel. Biſt du in der Dachkammer, wo Béranger ſeine Liſette logiren ließ zwiſchen einer Bettſtatt von an⸗ geſtrichenem Holz und einem Reſedaſtocke? Bah! 23 was würdeſt du dort thun? Schon lange hat Liſette ihren Reſedaſtock in das Kehricht geworfen und ihr Bett ihrem Portier gegeben. Es gibt keine Liſette mehr, keine Dachkammer mehr, wo man ſich behaglich fühlt, ſo lange man zwanzig iſt; es gibt keine Reſedaſtöcke mehr; Liſette wohnt nun im erſten Stocke, kauft ihre Möbeln bei Monbro und ihre Blumen bei Barjon, ſie hat einen Wagen und einen Groom, deſſen Aufgabe es iſt, ſchlecht orthographirte und ſchlecht ſtyliſirte Briefe zu Herren zu tragen, deren Geiſt und Gemüth in einem ebenſo fatalen Zuſtande ſich befindet als Liſet⸗ tens Orthographie und Styl. Biſt du in der Ehe, dieſem Inſtitut der Liebe? Nein. Wohl ſehe ich einen Notar, der im erſten Stockwerke ſeines Hauſes die Aufſchrift hat anbrin⸗ gen laſſen:„das Geſchäftszimmer befindet ſich im zweiten Stocke“, der auf ſeine Thüre hat das Wort ſchreiben laſſen:„Eingang“; der ſchon um ſechs Uhr Morgens in einer weißen Cravate ſteckt; der zwei Intereſſen nimmt, ſie in einem Vertrage zuſammen⸗ würfelt, ſie auf die Mairie und dann in die Kirche ſchickt; von dir aber, von dir erblicke ich bei dieſen Liſt⸗ und Truggeweben nichts. Unſere Philoſophie hat dich in einem Raiſonne⸗ ment gefangen, hat dich bloßgelegt, hat dich anato⸗ mirt, hat dich ſecirt; wir wiſſen, wer du biſt, und was an dir iſt. In einem Alter von zwanzig Jahren biſt du ein Traum. In einem Alter von dreißig, ein Bedürfniß. In einem Alter von vierzig, eine Gewohnheit. —— 2 — In einem Alter von fünfzig, ein Bedauern. In einem Alter von ſechzig, eine Unart. Bei Geſchwiſterkindskindern nennt man dich jetzt Unſittlichkeit. Bei Liſetten und Lindor, Unzucht. Bei einer Ehefrau und einem Junggeſellen, Ehebruch. Bei Cheleuten, Lächerlichkeit. Die öffentliche Meinung geißelt, das Geſetz ver⸗ folgt, der Polizeicommiſſär arretirt dich. Du flüchteſt dich in den Marmor etlicher Bild⸗ hauer, in die Farben etlicher Maler, in die Deviſen etlicher Zuckerbäcker. Es iſt auch nicht ein ernſtes Buch mehr, das etwas von dir wiſſen will. Geh', grein' in Romanen, und laß uns in Frieden. Wie! Wir glauben nicht länger an unſere mo⸗ narchiſchen Traditionen, wir glauben nicht länger an die Freiheit, wir glauben kaum noch an einen Gott— und wir ſollten an dich glauben! Fort mit dir! Das wäre in der That gar zu arg. Du warſt mir eine Illuſion, ſtirb' daher auch gleich allen andern! Eine Illuſion weniger haben, heißt um eine Wahrheit reicher ſein. Endlich haben wir das Wahre: aus den Wäl⸗ dern, welche unſere Dichter und Romantiker bald mit Göttern und Göttinnen, bald mit Faunen und Nymphen, bald mit Schäfern und Schäferinnen, bald mit Griſetten und Commis bevölkert hatten, haben ver⸗ Zild⸗ diſen das 3 in mo⸗ nger einen gar auch aben, Wäl⸗ bald und bald haben — wir Werk⸗ und Brennholz, haben wir öffentliche Pro⸗ menaden, haben wir Eiſenbahnlinien gemacht. Heut zu Tage verſteht alle Welt ſich auf's Lie⸗ ben, gleichwie alle Welt Clavier ſpielen, Reiten, im Luftballon fahren kann; alles dieß bildet einen Theil der modernen Erziehung. Kaum ſind wir ſechzehn Jahre alt, ſo erfaßt uns der Realismus und läßt uns die geheimſten Rück⸗ ſeiten der früheren Chimären blicken. Es hat die Welt ihr Herz gegen eine Bibliothek vertauſcht. Es ſind unſere Eindrücke gebunden und numerirt, noch ehe wir ſie haben. Wir ſind abgenützt und dienſtunfähig, noch ehe wir gedient. Wir haben uns eine Liebe zurecht ge⸗ macht, welche mit unſeren neuen Sitten, mit unſerer Civiliſation, unſerem ſogenannten Fortſchritte har⸗ monirt. Die Liebe iſt uns nur noch eine große Gaſttafel, an der wir alle mit einander eſſen. Der Nachbar reicht uns die Schüſſel, ohne auch nur ein Wörtchen zu ſagen, und wir nehmen ſie, ohne ihm auch nur mit einem Wörtchen zu danken. Wir bezahlen und gehen, noch ehe das Deſſert kommt, geſättigt, ekel⸗ erfüllt, enttäuſcht, entmuthigt. „Iſt das gut? oder iſt es ein Uebel? Das iſt die Frage. Was mich betrifft, ſo bin ich der Meinung, daß es ſo beſſer iſt. Der Menſch iſt vielfachem Unglück ausgeſetzt; als das gräßlichſte Unglück aber iſt mir ſtets das erſchienen, daß man wahrhaft geliebt wird. Haſt du ſchon, verehrter Leſer, über die traurige Lage eines Mannes nachgedacht, der wahrhaft ge⸗ liebt wird, der ſich von einem Weibe beſchwatzen läßt, der ſein Glück auf etwas ſtellt, was ihm leich⸗ ter denn alles andere geraubt werden kann, der ſei⸗ ner ganzen Manneswürde entſagt, um ſich zum tag⸗ täglichen Gaſt der argwöhniſchen Anforderungen einer wahren Liebe zu machen? Haſt du ſchon einen Mann von ſich ſagen hören, er werde geliebt, ſo haſt du ihn ſicherlich als einen Gecken betrachtet; glaubte er es, ſo iſt er dir als ein Dummkopf erſchienen; war es wahr, ſo haſt du ihn, geſteh' es nur, bemitleidet und beklagt. Nie iſt auch die aufrichtigſte Liebe etwas Anderes geweſen als ein Schatten von Glück, während die Wolluſt nur der Schatten der Liebe iſt. Und da wir ſo nur zwiſchen Schatten zu wählen haben, ſo iſt mir der letztere noch der liebſte, da er keine Spuren zurückläßt. Allein ein wirklich höher ſtehender Menſch läßt nicht einmal den kleinſten dieſer beiden Schatten ſich einen Augenblick auf den Lichtweg werfen, den er zu durchlaufen hat. Er ſieht die Liebe, in welcher Bedeutung man dieſes Wort immer nehmen mag, nur mehr als ein unnützes, gefährliches Ableitungsmittel für die Kräfte an, die er auf die Geburt eines einzigen großen Gedankens concentriren muß. Chriſtus, Gottfried von Bouillon und Newton haben nie ein Weib gekannt. Das wahrhaft Göttliche, der wahre Glaube, das wahre Wiſſen widerſtrebt dem rohen Sinnengenuß; ja es liegt dieſes ihm ſo fern, daß nicht einmal eine Ahnung deſſelben in ihm aufſteigt. Mor läſtie einm ge⸗ atzen leich⸗ ſei⸗ tag⸗ ngen ören, einen s ein mihn, auch n als t nur bählen da er h läßt en ſich den er velcher g, nur ttel für inzigen Newton be, das genuß; nal eine 6 27 Und ohne gerade zu den Auserwählten zu ge⸗ hören, die wir eben genannt, fühlt jedes Individuum, das ſich mit irgend einer Arbeit in einen Kampf ein⸗ läßt und ſeinen Geiſt ein ſchweres Werk gebären laſſen will, wie die eingebildete Gluth ſeiner gebrech⸗ lichen Organiſation kälter und kälter wird, bis ſie gänzlich erliſcht; es fühlt, wie der kräftige und furcht⸗ bare Saft in ihm circulirt, der durch die Ruhe der Sinne genährt wird. Das Werk, bei dem ſein gan⸗ zes Weſen mitwirkt, bildet ſich feſt in ſeinem Kopfe, nimmt, frei von allen materiellen Empfindungen, eine feſte Geſtalt an; es will nur noch geiſtig leben und gewahrt endlich, wie das, was man Liebe zu nennen pflegt, bei einem von Gott mit Intelligenz begabten Menſchen nur eine vorübergehende und Durchaus nicht nothwendige Zerſtreuung iſt. Und dieß erklärt uns, warum faſt alle großen änner von ihren Frauen oder ihren Geliebten hinters Licht geführt worden ſind; denn es iſt dem Weibe der Stolz angeboren, daß ſie im Leben ihres Gatten oder ihres Geliebten immer die erſte Stelle einnehmen zu müſſen glaubt; und ſobald ſie ſich aus derſelben verdrängt ſieht, denkt ſie auf Rache. Bei ſolchen Theorien wird Jeder es leicht er⸗ klärlich finden, daß ich eine zweitägige Einſamkeit nicht ſcheue. Gar oft habe ich mich zu noch Aerge⸗ rem verdammt. Ich könnte daher recht wohl einen ganzen Monat in dieſem Gefängniſſe ſein, ohne daß es mir einfiele, die allerliebſte Perſon, die mir heute Morgen geſchrieben, daß meine Abweſenheit ihr recht läſtig ſei, zu bitten, daß es ihr gefallen möge, mich einmal zu beſuchen. Und dann iſt es, wie ich den Leſer verſichern kann, ſo übel nicht, wenn man auch auf kurze Zeit mit dem Gefängniſſe Bekanntſchaft macht. Muß man nicht Alles kennen lernen? Muß man nicht in Allem erfahren ſein? Was den Styl betrifft, ſo gewinnt er dabei jenen ruhigen und harmoniſchen Anſtrich, der mit dem maſſiven Schatten der grauen Zellenwände auf das Papier fällt. Wollte ich meine Imagination ein bischen an⸗ ſtrengen und mich auf einige Zeit hier einbürgern, ſo dürfte es mir zeitweiſe gelingen, in meiner Ge⸗ fangenſchaft ein ernſtes Factum zu erblicken, und allmählig würde eine Art mönchiſcher Melancholie in meine Production ſich einſchleichen. Vielleicht wäre dieß nicht ſo ganz zu verſchmähen,— wenigſtens dann und wann nicht. Wovon leben wir? Von dem, was wir ſehen und fühlen. Beim Schriftſteller iſt der Kopf lediglich nichts als der Magen des Gedankens. Er nährt ſich von dem, was er in ſich aufnimmt, und zerſetzt und ver⸗ theilt es großmüthiger Weiſe in anderer Form in der ganzen Oekonomie des geſellſchaftlichen Körpers. Indeſſen bedarf unſer Geiſt der vollen Wirklichkeit nicht, da unſer Analyſirungsvermögen dieſelbe ver⸗ vollſtändigt; es genügt uns, mit Hülfe einer gewiſſen Aſſimilationsarbeit, der Schatten eines Gefängniſſes — und wäre dieſes auch das Gefängniß der Natio⸗ nalgarde,— um die düſtern und traurigen Seiten jedweder Gefangenſchaft zu malen. Soll ich des Leſers Augen Thränen entlocken? „ vor der eine Zell eine meit freit beſch nenn erker über ſeini 4 den und Sind nenle fern ärgſt ſchme nen, denke T 2 nigen C den ſeines in der webel uns, jenen dem f das nan⸗ rgern, r Ge⸗ und lie in wäre gſtens nichts h von dver⸗ im in rpers. ichkeit ver⸗ wiſſen niſſes Natio⸗ Seiten ken? Zu dieſem Zwecke brauche ich bloß die Eiſenſtäbe vor meinem Fenſter zu verdoppeln, an die Stelle der niedrigen Mauer, die mich die Straße ſehen läßt, eine andere von fünfzig Fuß Höhe zu ſetzen, meine Zelle ſchmäler zu machen, anſtatt meines Bettes einen mit faulem Stroh angefüllten Sack, anſtatt meines Parketbodens feuchte Erde, anſtatt meiner freiwilligen Einſamkeit einen gezwungenen Arreſt zu beſchreiben. Ich werde den Namen des Gefangenen nennen und es wird der Leſer in ihm einen Freund erkennen, den er vielleicht nie mehr ſieht; und anſtatt über mein Schickſal zu lachen, wird man über das ſeinige weinen. Brauche ich auch nur dieſe düſteren Farben, um den Leſer zu rühren? Iſt das Gefängniß immer und nothwendig von vier engen Wänden gebildet? Sind nicht hundert Meilen weite Räume voll Son⸗ nenlicht, voll Grün, voller Blumen für den, der fern vom heißgeliebten Vaterlande leben muß, das ärgſte, das grauſamſte Gefängniß, worin ein Menſch ſchmachten kann? Brauche ich nun noch die zu nen⸗ nen, denen dieſe Erinnerung gilt, die oft an uns denken, und die wir nur allzu ſehr vergeſſen? arum denn aber ſo weit in die Ferne ſchweifen? Befindet ſich doch in einer Zelle neben der mei⸗ nigen ein Mann, der ſeine Lage tragiſch auffaßt. Er iſt bloß auf zwei Mal vierundzwanzig Stun⸗ den hier. Er beklagt ſich über die Ungerechtigkeit ſeines Hauptmanns und ſchwört bei Allem, was ihm in den Kopf kommt, daß er ſich an ſeinem Oberfeld⸗ webel rächen wolle. Seit zwölf Uhr iſt er nun bei uns, und ſeitdem hat er ſich geweigert, auch nur einen Biſſen zu eſſen; ebenſo hat er ſich geweigert, in den Hof hinauszugehen; ja er hat es nicht ein⸗ mal geduldet, daß man ihm ſein Bett macht. Un⸗ ausgekleidet hat er ſich in ſeine Decke gehüllt und die Betttücher zurückgewieſen, die man ihm brachte, weil er, wie er ſagt, ſchlechterdings nichts von einer Regierung annehmen mag, die auf reiner Willkür baſirt und ihre Gewalt mißbraucht. Vielleicht daß er ſich Hunger ſterben läßt. Ich habe dieß dem Gefangenwärter bemerkt, allein es hat dieſer mir in recht verſtändiger Weiſe zur Antwort gegeben, daß ſo etwas nicht vorkommen könne, daß der Betreffende nicht länger als zwei Tage bei uns bleiben dürfe. Einſtweilen iſt dieſer arme Mann recht unglück⸗ lich. Man hat ihn außer dem Hauſe arretirt. Er hat davon ſeine Frau nicht einmal in Kenntniß ſetzen können, und nun wird dieſe recht unruhig ſein; er aber betet ſie an. Nie hat er auch nur einen Abend anders als in ihrer Nähe zugebracht. Und um ſie auch nicht einen Augenblick verlaſſen zu müſſen, iſt er nicht auf die Wache gezogen. Wie man ſieht, ſo hat er für dieſe gute, für dieſe löbliche Abſicht mit dem Gefängniß büßen müſſen. Seine Frau iſt vierundzwanzig, ferner iſt ſie blond und von Joigny; er hat ſie aus Liebe gehei⸗ rathet und ſie hat ihn mit einem allerliebſten Töch⸗ terchen beſchenkt, mit dem er allabendlich eine Stunde lang ſpielt und das ohne Zweifel bittere Thränen vergießt, wenn es ſeinen Vater nicht mehr ſieht. Er hat unweit der Barrière d'Enfer einen Milch⸗ egert, t ein⸗ Un⸗ t und rachte, einer zillkür ht daß allein ſe zur mmen zwei aglück⸗ . Er ſetzen in; er Abend um ſie e, iſt e, für büßen iſt ſie gehei⸗ Töch⸗ Stunde hränen eht. Milch⸗ laden. Auch war der Mann auf einen vortrefflichen Gedanken gekommen, um ſich dem Dienſte zu entziehen: er hatte im Sanct⸗Dionyſius⸗Viertel ſich ein Zimmer gemiethet, ſo daß er, ſo oft er einen Wachzettel bekam, den vorwies, den er an der Barridre d'Enfer bekommen hatte, und vice versa. Das war nun recht pfiffig; aber es ſind die an⸗ dern Leute noch pfiffiger geweſen als er, und nun muß er, als ein in zwei Stadtvierteln Verurtheilter, „brummen“. Alles dieß hat er einem der Wärter erzählt, der es mir wieder mitgetheilt hat, als ich ihn nach der Urſache des Spektakels in der Nebenzelle gefragt. Denn ich muß dem verehrten Leſer noch ſagen, daß mein Nachbar, ſobald er ſeine Zelle betreten, mit großen Schritten auf⸗ und abgegangen iſt und an Einem fort möglichſt laut geſprochene Monologe preisgegeben hat. Ferner hat er ſeine Pfeife zu illionen von Atomen zerbrochen, zu wiederholten alen aus Leibeskräften an die Thüre geſchlagen und geſtoßen und:„Wärter! Wärter!“ geſchrien: alles das, damit der Director des Gefängniſſes her⸗ aunmen möchte, mit dem er um jeden Preis ſprechen wollte. Der Wärter hatte ihm geduldig und höflich ge⸗ antwortet und ihm zugleich den guten Rath gegeben, ſich ruhig zu verhalten. Noch mehr, es hat der Gute ihm eine andere Pfeife angeboten und zugleich mit⸗ getheilt, daß er einen Brief an ſeine Frau pünktlichſt beſorgen wolle... Und ſo iſt denn der unglückliche Zefangene am Ende auf den Vorſchlag des Wärters eingegangen. Er hat an ſeine Frau geſchrieben und ihr in ſeinem Briefe geſagt, daß ſie ihn morgen beſuchen ſolle; eben hat er ein gewaltiges Stück Ochſenfleiſch vernichtet, und jetzt ſchmaucht er ein Pfeiſchen; doch iſt das Alles nicht ohne einige Mühe zuwege gebracht worden. Das ganze Gefängniß hat er in Aufruhr ver⸗ ſetzt. Es wollte der Mann ſchlechterdings eine Strick⸗ nadel haben, um damit ſeine Pfeife auszuräumen, die nach ſeiner Angabe verſtopft war. Der Wärter brachte ihm eine andere Pfeife; aber nein, er wollte durchaus die verſtopfte behalten. Fürwahr, es hat dieſer Mann keinen ganz an⸗ genehmen Charakter. Endlich iſt ſeine Pfeife glücklicher Weiſe ausge⸗ räumt und im Gange; er raucht, ſpuckt aus, huſtet, wiegt ſich auf ſeinem Stuhle hin und her; und ſo berechtigt denn Alles zu der Hoffnung, daß er die Betttücher der Regierung noch annehmen werde. Was mich betrifft, ſo bin ich von einem ganz anderen Temperament: eben bin ich mit meinem Diner fertig geworden, und wie ich mir daſſelbe habe ſchmecken laſſen, wird der geneigte Leſer aus beifol⸗ gendem Küchenzettel erſehen. Für's Erſte, vortreff⸗ liche, fette, goldgelbe Fleiſchbrühe, ähnlich wie ein Schweizerſee bei Sonnenuntergang ſchillernd und ſtrahlend, zwei Coteletten von einem Hammel, der, wenn er zu ſeinen Lebzeiten eben ſo zart war wie ſeit ſeinem Tode, ein Thierchen ſein mußte, mit dem ſich recht gut verkehren ließ, eine gebratene Taube mit ausgebrochenen grünen Erbſen, in ihrer Fayence⸗ Schüſſel ſo ſchön roth und gelb wie ein Rembrandt ſches hr in nah Ndiih bracht ver⸗ Strick⸗ umen, aber n. zz an⸗ ausge⸗ huſtet, ind ſo er die e. ganz leinem e habe beifol⸗ rtreff⸗ ie ein und „der, r wie t dem Taube yence⸗ k'ſches 33 Bild inmitten eines Leinwandſtückes, eine Flaſche Macon zu dreißig Sous, vor Allem aber eine Taſſe Kaffee, ſo heiß wie die Hundstage, ſo ſchwarz wie der Satan, ſo ſüß wie ein Brautwerber. Findeſt du mich ſo ſehr zu beklagen, verehrter Leſer? In dieſem Augenblicke rauche ich eine Cigarre, die ſo ausgetrocknet iſt wie ein Gehenkter, und ſchaue dabei durch meine Eiſenſtäbe hindurch den Omnibuſſen nach, die an meiner dermaligen Behauſung vorüber⸗ raſſeln; zugleich aber mache ich in meinem Kopfe die Novelle fertig, die ich dem Leſer ſchulde und zu der ich nun, nach allen dieſen Abſchweifungen, wohl oder übel kommen muß. achen wir uns alſo auf der Stelle und muthig daran. Ich habe keine Zeit zu verlieren; lebe wohl, ver⸗ ehrter Leſer, oder vielmehr, auf baldiges Wieder⸗ ſehen! Wir befinden uns in der Straße, die den Namen Anjou⸗Saint⸗Honoré führt, und zwar in dem im erſten Stocke belegenen Salon eines großen Hotels, an dem uns auf den erſten Blick ein hohes, grünes Einfahrtsthor auffällt. An letzterem glänzen beim Schein zweier Gasflammen, welche die Fagade des Hauſes erleuchten, kupferne Handgriffe, zu deſſen rechter Seite ſich die Stallungen und Remiſen befin⸗ den, während auf der linken das Häuschen des Haus⸗ meiſters ſich erhebt. Sehen wir Du mas, Novellen I. uns ferner die ſchöne 3 Marmortreppe, die Fenſter von Spiegelglas, die heruntergelaſſenen Jalouſien, die hinten ſich aus⸗ dehnenden Gärten an, ſo müſſen wir uns ſagen, daß wir uns in einem ariſtokratiſchen Hauſe befinden. In einer der Ecken dieſes Zimmers ſteht ein offenes Piano; da und dort warten offene Koffer und gewaltige Kiſten der Kleider, Shawls und Putz⸗ gegenſtände jeder Art, die vor der Hand noch auf Stühlen und Lehnſeſſeln herumliegen; überall jene reiche Unordnung, die der Abreiſe einer jungen Dame voranzugehen pflegt. Wer jetzt in dieſes Zim⸗ mer träte, könnte es für verödet halten; es iſt in⸗ deſſen dafür geſorgt, daß ein Fremder dieſe Räume nicht betritt; es iſt ſtrenger Befehl gegeben, Nie⸗ mand hereinzulaſſen, und dann iſt es auch ein Uhr Morgens. Wir haben geſagt, daß man dieſes Zimmer auf den erſten Blick für verödet halten könnte. Und in der That verharren die beiden Perſonen, die ſich darin befinden, in vollſtändiger Ruhe und wechſeln auch nicht ein Wort. Ihr Schweigen und ihre Haltung können allerdings für ein ganzes Gedicht gelten. Auf einem geräumigen, langen Divan, an deſſen Ende die aufgehäuften und an der Wand anliegeun⸗ den Kiſſen eine bequeme Unterlage für den Kopf bilden, iſt in der träumeriſchen Stellung, welche dem Schlafe am Meiſten ähnelt, eine Frau ausge⸗ ſtreckt. Man könnte dieſelbe für ein junges Mädchen halten, wollte man die Klarheit ihrer Augen, das roſige Weiß ihres Teint, ihr bezauberndes Lächeln, die Schönheit und Reinheit ihrer Stirn, die ſchlanke 3⁵ Eleganz ihrer Taille in Anſchlag bringen, die unter dem weißen Nachtkleide, das ſie umſchließt, ſich ohne Mühe ahnen läßt. Oben öffnet ſich dieſes Kleid ein wenig und verräth zwiſchen ſeinen geſchmeidigen und ein wenig zerkrümpelten Spitzen die Stickereien des Hemdes und den Anfang einer wunderlieblichen Bruſt mit perlmutterartigen Adern; eine ſanfte, har⸗ moniſche Reſpiration ſchwellt ſie weich, um ſie wie⸗ der ſinken zu laſſen. Lange, blonde Haare bilden einen angemeſſenen Rahmen zu dem kleinen Köpfchen dieſes ſchönen Weſens. üppige Haarfülle nur mit Mühe zuſammen, und einigt; die Unregelmäßigkeit der Bandeaux und der dieſe Frau eine Engländerin von edelſtem Geſchlechte iſt. Ich ſage das lieber gleich, weil man vielleicht ; die Frau e Tradition Lüͤgen. 3 daß ſie uns in der Stellung, in der ſie ſich jetzt befindet, dieſe Füßchen zeigt? Ach nein, die Perſon, die um ſie iſt, kennt ſie beſſer als ſie ſelbſt. Sie zeigt ſie alſo nicht, ſondern läßt ſie bloß ſehen, ohne zu wiſſen, daß man ſie ſieht. In ſchöne Lady an etwas dieſem Augenblicke denkt die ganz Anderes; wir aber, die wir ſie zum erſten Male ſehen und nicht die gleichen Gründe haben zu träumen, wollen uns Alles merken, was ihre glück⸗ liche Befangenheit unſere Augen jetzt erſpähen läßt. Jenes Füßchen nun iſt wenigſtens für mich, der ich einen wirklich hübſchen FJuß für etwas äußerſt Seltenes halte, einer ihrer bemerkenswertheſten Vor⸗ züge. Zwar hält man die Franzöſinnen in dieſer Beziehung für unübertroffen; in keinem Lande der Welt verſtehen die Frauen ihre Füße ſo nett zu klei⸗ den wie in Frankreich; das Lederſtiefelchen, welches auf der Seite zugeknöpft wird, und deſſen kleiner Abſatz einer Dame geſtattet, leicht und kaum hörbar aufzutreten, und ihrem Gange eine Art vielverſpre⸗ chender Würde verleiht, iſt ſicherlich, im Punkte der Koketterie, eine der glücklichſten Erfindungen. Aber iſt ein, wenn auch kleiner, wenn auch wohlgebauter Fuß, in ein ſolches Stiefelchen eingezwängt, ſchon tadellos ſchön zu nennen? Nein. Ein hübſch ge⸗ kleidetes Füßchen iſt allerdings etwas Entzückendes, aber das iſt noch nicht genug. Wohlan, Madame, Sie haben einen Spazier⸗ gang gemacht; alle Welt hat nach Ihnen umgeſchaut, um Ihre lackirten Füßchen zu ſehen, die da, wie Vögelchen, welche noch nicht fliegen können, einher⸗ hüpften. Nun ſind Sie wieder zu Hauſe: ziehen Sie Ihre Stiefelchen aus, thun Sie Ihre Strümpfe herunter, und laſſen Sie mich Ihren Fuß nackt ſehen. Sie wollen nicht? Warum? Sie ſeien müde, ſagen Sie; das wollte ich bloß wiſſen. Sie haben einen häßlichen Fuß, Madame; die Falten Ihres Stiefelchens haben ihn roth gemacht, die Ferſe n zu lück⸗ läßt. der ßerſt Vor⸗ ieſer der klei⸗ lches einer rbar ſpre⸗ der Aber auter ſchon ) ge⸗ ndes, azier⸗ haut, wie nher⸗ iehen impfe nackt ſeien Sie alten Ferſe iſt hart, die Zehen gegen einander gedrückt, Sie haben vielleicht ein Hühnerauge!... Um Gottes willen! Behalten Sie Ihr Stiefelchen an. Sagen Sie mir, Sie hätten zehn Liebhaber gehabt, aber ſagen Sie mir, daß Sie ein Hühnerauge haben. Wiſſen Sie, was ein hübſcher Fuß iſt? Ein hübſcher Fuß iſt ein Fuß, den der Mann, der Sie liebt, zu jeder Stunde des Tages in die Hände neh⸗ men, entkleiden, küſſen kann, ohne daß Sie im Ge⸗ ringſten ihn davon abzuhalten verſuchen; es iſt ein ſchmaler, geſchmeidiger, friſcher Fuß, deſſen Zehen nach Belieben auseinander gehen und ſpielen, wie die Finger Ihrer Hand, ohne daß der eine den an⸗ dern auch nur im Mindeſten genirt. Ich will nicht, daß ein rother Punkt daran ſei, welcher den Druck der Fußbekleidung andeute; was ich aber will, iſt, daß er ſo weiß ſei wie Schnee, von blauen, unmerk⸗ lichen Adern perlmutterartig durchzogen; es darf kein Gefäß zerriſſen ſein und der Durchſichtigkeit der Haut durch eine kleine karminrothe Linie Eintrag thun; vor Allem aber darf kein Fußarzt Spuren ſei⸗ ner Geſchicklichkeit zurückgelaſſen haben; die Fußbiege muß etwas hoch, die Fußſohle aber gewölbt ſein; und endlich gebe ich dem Fuße das Recht, etwas lang zu ſein. Zeigen Sie mir einen ſolchen Fuß, Madame, ſo ſage ich: Sie ſind von edlem Geſchlechte, von glücklicher Sinnlichkeit, träg, ſtolz, reich, für die Liebe geſchaffen; Sie haben die Schönheit, die bei einem Weibe am Seltenſten iſt, daß heißt, Sie haben hübſche Füße. Ich werde Ihnen einen Vers des alten Ovid citiren, den Sie nicht verſtehen wer⸗ den, der aber das größte Lob enthält, das ich aus⸗ zuſprechen vermag, und aller Wahrſcheinlichkeit nach werde ich mich ſterblich in Sie verlieben, was Ihnen wohl ziemlich gleichgültig iſt, und worin Sie Recht haben mögen. Der Fuß, wovon ich hier den Steckbrief geſchrie⸗ ben, gehört eigentlich gar keinem Lande an. Selbſt eine plumpe Deutſche könnte ihn beſitzen. Ein ſol⸗ cher Fuß iſt ein Beſchenk der Natur, der Erziehung, der Pflege, des Reichthums. Indeſſen haben die Engländerinnen, die man ſo fälſchlich beſchuldigt, ſie hätten bloß häßliche Füße und dergleichen Hände, größere Chancen als die Damen der übrigen Länder, was den Punkt untadelhafter Extremitäten betrifft: ihr lymphatiſches Temperament, ihr habituelles Nichtsthun, ihr feuchtes Klima, das ſie entweder zu Hauſe gefangen hält oder in bequeme Wagen bannt, — alles dieß verleiht ihnen jene Ruhe des Blutes, jene iriſirte Weiße der Haut, welche ihren großen Shakeſpeare veranlaßten, ſie mit Schwänen zu ver⸗ gleichen. Nichts iſt hübſcher als eine Engländerin, wenn ſie einmal anfängt hübſch zu ſein. Die kornblauen Augen, die ährenfarbenen Haare, der ſchneeweiße und roſige Teint, der kirſchrothe Mund, den ein Lächeln faſt immer halbgeöffnet erhält, die Durchſichtigkeit der Haut, die ſie wie gemodelte Dünſte erſcheinen läßt, der ſtille Gang, wobei ſie ſtets zwei Zoll über dem Boden zu ſchweben ſcheinen: alles das macht aus dieſen Frauen ebenſo viele le⸗ bende Incarnationen idealer Liebe. Sogar die eng⸗ liſche Sprache, ſonſt eben nicht ſo zart, iſt gegen ſie galant; ſie giöt ihnen weiſe, harmoniſche Namen, die wie die zärtlichſte Liebkoſung klingen: Miß und Lady ſind zwei Wörter, die wahrhaft anbetungs⸗ würdig ſind. Eine hübſche Engländerin ſcheint faſt immer auch von gutem Hauſe zu ſein. Eine hohe engliſche Dame ſieht nie wie ein feiles Mädchen aus, auch wenn ſie Liebhaber die Hülle und Fülle hat; ein engliſches feiles Mädchen hat ſtets etwas von einer hohen Dame an ſich, die von ihrem hohen Range herab⸗ geſtiegen. Hier iſt die Ariſtokratie der Formen bis auf's Aeußerſte getrieben; man findet ſie ſogar in jener dünnen, ſchlanken, langen Handſchrift, welche mit den Händen, von der ſie ausgeht, ſo viele Aehn⸗ lichkeit hat. Wer noch von keiner Engländerin ge⸗ liebt worden, darf ſich überhaupt nicht rühmen, daß er geliebt worden. Die Liebe der Engländerinnen hat eine gewiſſe Diſtinction, welche den Frauen an⸗ derer Länder total fremd iſt, denn nie geht dieſelbe ſo weit, daß ſie das Schamgefühl verletzt; und wäh⸗ rend die Vernunft ſchweigt, behält die Liebe ewig den Reiz eines Traumes. Eine Engländerin umgibt ſich ſtets mit ſo vielar Gaze und ſo vielem Batiſt, daß man niemals weiß, ob man ſie wirklich beſeſſen hat. Sie gibt ſich, ſo zu ſagen, nur in einer Wolke hin, ganz wie eine Göttin; und darum bleibt der Phantaſie ſtets etwas zu ahnen übrig, was noth⸗ wendig zur Folge hat, daß ſie ſich nicht ſo geſchwind blaſirt als an feſten, beſtimmten Umriſſen. 3 — Wollte man auch geltend machen, es habe die Schamhaftigkeit der Engländerinnen einzig und allein ihren Grund darin, daß ſie eine Menge Mängel zu verdecken ſuchen, ſo bleibt doch ſo piel gewiß, daß ſie ein großer Reiz iſt und der Liebe eine Würde bewahrt, ohne die ſie nur der rohe Ausdruck gemei⸗ ner Empfindungen iſt. Das intelligente Verlangen des Mannes bedarf es ſogar, daß ein kleiner Schleier zwiſchen ihn und den Gegenſtand ſeiner Begierde trete. Alle Nudität hat wenig Verführeriſches, auch wenn ſie noch ſo ſchön iſt. Man frage einmal die Maler, die tagtäglich wunderſchöne Weſen vor ihren Augen ſich gänzlich entkleiden ſehen; ſtets werden ſie ſagen, daß ſolche Nudität ungeſchickt ſei, und daß dieſelbe, zur Schau geſtellt, ihnen nie einflößen würde, was das geringſte Detail all dieſer Schönheit, wenn zufällig überraſcht, bei ihnen wecken müßte, trotzdem daß das Frauenzimmer das gleiche bliebe. Der heilige Antonius von Padua hat der Ver⸗ ſuchung widerſtanden, weil er allzu viele Dinge auf ein Mal zu ſehen bekam. Vielleicht daß ſein Wider⸗ ſtand kein ſo hartnäckiger geweſen wäre, wenn zwei Händchen einen ſeidenen Strumpf an einer runden Wade heraufgezogen, wenn zwei ſchöne Schultern ſich eiligſt unter einem muſſelinenen Mieder verbor⸗ gen, oder wenn ganz einfach ein ſchneeweißer, run⸗ der Hals ſich über ein Gebetbuch geneigt hätte. Alles dieſes habe ich vorausſchicken müſſen, um dem verehrten Leſer zu ſagen, daß die Heldin des Abenteuers, das ich ihm hier zu erzählen unter⸗ nehme, eine wirklich anbetungswürdige Perſon ge⸗ weſen. Um dieſe Stunde ruhten ihre Füßchen, mit durchbrochenen, der friſchen Luft freien Zutritt ge⸗ ſtattenden Strümpfen bekleidet, in Atlaßpantoffeln, die mit großen Quaſten verziert und recht weich mit Seide ausgefüttert waren. Schon die Unbeweglich⸗ 41 keit dieſer Füßchen hätte die ſüße, wollüſtige Müdig⸗ keit ihrer Beſitzerin zur Genüge darthun können. Woher aber dieſe Müdigkeit? Wohl von den Vorbereitungen, welche die demnächſtige Abreiſe er⸗ fordert hat und noch erfordern wird? Ich für mei⸗ nen Theil glaube das kaum. Die Frau, die vor unſeren Augen in üppiger Ruhe auf dem Divan hin⸗ gegoſſen liegt, iſt eine hohe Dame, die abreist und ankommt, ohne ſich um irgend etwas zu bekümmern. Ebenſo hält ſie es, während ſie auf der Reiſe iſt: hat ſie doch für alle dieſe langweiligen Details ihre Kammermädchen, ihren Haushofmeiſter, ihren Courier. Vielleicht daß ſie im Laufe des Tages ausge⸗ gangen iſt? Aber nein, ſie hat ihr Appartement nicht verlaſſen. Dann hat ſie gewiß viele Beſuche bekommen, und hat eine alltägliche Converſation die⸗ ſen feingebauten Körper ermüdet? Auch dieß iſt nicht der Fall, da ſie keine Seele empfangen. Wo⸗ her alſo dieſe Müdigkeit? Doch wozu alle dieſe Fragen? Sie iſt nun ein⸗ mal müde; ihre halbgeſchloſſenen Augen, die durch das Zittern der von einem leichten, blauen Ringe umgebenen Lider hindurchlächeln, verkünden es zur Genüge. Wie bezaubernd ſchön ſind ſie! Welche Maſſe liebkoſender Zärtlichkeit liegt nicht in ihren Blicken, die voller Aufmerkſamkeit auf dem Geſichte der zweiten anweſenden Perſon haften, gleich als wollten ſie deren Bild ewig bewahren! Es iſt dieſe Perſon höchſtens ſechsundzwanzig Jahre alt; auch iſt ſie von engliſcher Geburt und in ihrer Art von ebenſo reinem Typus wie die Frau in der ihrigen. Schwarze Haare, wallend und ge⸗ lockt wie die Lord Byron’s, hohe Stirn, große, blaue, mandelförmig geſpaltene Augen, gerade und ſtolze Naſe, feſter, fehlerfreier Mund, nicht unähnlich ei⸗ nem Bogen im Zuſtand der Ruhe. Von wem dieſe Vergleichung herrührt, weiß ich nicht, allein ich be⸗ diene mich ihrer eben, da ſie durchaus treffend iſt. Regelmäßige, weiße Zähne, graziöſes Oval, kein Bart, ein Hals, der ſich in ſeiner weißen, graziös ausgeſchweiften Halsbinde durchaus frei bewegt: ſo iſt der Kopf dieſes jungen Mannes beſchaffen, den unſtreitig viele Frauen nicht minder zärtlich ange⸗ ſchaut haben, als unſere Heldin ihn jetzt anſchaut. Kaum daß man vier Zoll Diſtanz zwiſchen den beiden Geſichtern finden könnte, die in ſtummer Be⸗ trachtung einander verzehren. Dieß dauert nun ſchon ſeit einer vollen Viertelſtunde. Es iſt tauſend gegen eins zu wetten, daß zwei Weſen, die ſich alſo anſchauen, über die Maßen lächerlich ausſehen und am Ende ſich einander in's Geſicht lachen. Wohlan denn! dieſe zwei können noch zwei Stunden einander anſchauen, ohne ein Wort zu ſprechen, und nicht nur werden ſie nicht lächerlich ſein, ſondern ſie wer⸗ den im Gegentheil für reizend gelten können, weil ſie ſich lieben und die noch friſche Erinnerung, die ihre Hände noch verſchlungen ſein läßt, den Aus⸗ druck ihrer Augen durch jede nur erdenkliche Poeſie nüancirt. Dann und wann umſchleiern ſich dieſe Augen, gleich als wollten ſie aus dem Nachzittern der Wonne, wovon ſie erfüllt ſind, einen neuen Grund zu gegenſeitiger Betrachtung ſchöpfen. Bei zwei jungen, kräftigen Weſen iſt die Liebe ſtets etwas Schönes; allein es gibt priviligirte In⸗ dividuen, welche die Natur materiell und moraliſch mit allen Mitteln, mit all den feinen Gefühlen aus⸗ gerüſtet hat, die erforderlich ſind, um ſie recht zu verſtehen, um ſie recht zu empfinden, um ſie recht auszudrücken; ihre Geburt, ihre geſellſchaftliche Stel⸗ lung, ihr Reichthum, ihre Geſundheit, ja ſelbſt ihr Name tragen zur Erhöhung des Genuſſes bei. Zu dieſen Auserwählten gehörten die beiden Weſen, die wir hier die Bretter betreten laſſen. Beide waren jung, reich, frei, ſo daß es ganz na⸗ kürlich ſchien, wenn ſie ſich kannten und liebten. An einen Greis verheirathet, war Lady Hol⸗ way in allen ihren Handlungen durchaus frei. Je⸗ des Jahr reiste ſie volle neun Monate, und ſobald ſie zwei bis drei Monate in der Nähe ihres Gatten war, war dieſer durchaus zufrieden und fragte nicht nach dem Uebrigen. Als Waiſe und Beſitzer eines ungeheuern Ver⸗ mögens konnte Lord Effield ſeinerſeits leben, wie er wollte. Er hatte zwei Jahre vorher Mylady in einem der Bäder des Continents kennen gelernt; er hatte ihr den Hof gemacht, und von dem Tage an, wo er zum erſten Male mit ihr ſprach, war man, ſo zu ſagen, ſtillſchweigend übereingekommen, daß er reuſſiren würde. Ihrerſeits hatte ſie ſtets geahnt, daß ſie nach einer gewiſſen Zeit einen Geliebten ha⸗ ben würde: es war dieß die unausbleibliche Folge ihres ehelichen Verhältniſſes. Und einen beſſeren Geliebten konnte ſie nicht finden als unſern Lord, da derſelbe ein feingebildeter Edelmann, ſchön, mu⸗ thig, elegant, verſchwiegen, geiſtreich war. Sie widerſtand ihm ſo lange, bis ſie ſich durch ſein treues Ausharren von der Wahrheit ſeiner Liebe überzeugt hatte. Dann gab ſie ſich ihm hin, wie eine Engländerin ſich hinzugeben pflegt. Sie liebte ernſtlich und wurde ernſtlich geliebt. Was den Gatten betrifft, ſo würde er, wenn er dieſes Verhältniß erfahren hätte, als ächter Gentle⸗ man und als Mann von Verſtand die Augen zuge⸗ drückt haben; denn als ein Knabe von ſechzig Jah⸗ ren konnte er von einer Frau von vierundzwanzig höchſtens ſo viel verlangen, daß ſie die Honneurs ſeines Hauſes in edler und graziöſer Weiſe mache. Sollen wir die Wahrheit geſtehen, ſo erſcheint es uns als das größte Unrecht, wenn man derlei Liebesverhältniſſe mit dem garſtigen Namen Ehebruch brandmarkt. Denn wir behaupten, daß nur da ein Ehebruch ſtattfindet, wo auf Seiten des Mannes Liebe und Zutrauen, auf Seiten der Frau aber Lüge und Verrath herrſcht. Und dann gilt es auch in den allerhöchſten Schichten der Geſellſchaft ſo ziemlich als ausgemacht, daß man aus der zufälligen Supe⸗ riorität der Geburt und des Vermögens jeden nur möglichen Nutzen ziehen darf. Das ſociale Geſetz ſieht ſich da immer und ewig durch die Sitte um⸗ gangen. Jene ſchönen Perſonen, die, als Gräfinnen und Marquiſen geboren, an die Schmeicheleien der Män⸗ ner und ſelbſt des Schickſals gewöhnt ſind; die mit hochberühmten Männern zugleich auch unermeßliche Güter geerbt haben; die eine ganze Welt von Höf⸗ lingen, Domeſtiken, dienſtbaren Geiſtern und Leuten jeder Art nach ſich ziehen; die für und durch ſich ſelbſt leben; die von einer Welt, welche ſie ſtolz ver⸗ 45 achten, beobachtet und belauert, von der Welt aber, in der ſie ſich bewegen, entſchuldigt werden, und von Kindesbeinen an nur wollen, nur befehlen, nur herr⸗ ſchen dürfen: ſolche Perſonen, ſagen wir, können ſich nimmermehr den kleinlichen Gründen unterwerfen, welche die Frauen ihrer Kammerdiener, ihrer Haus⸗ hofmeiſter, ihrer Lieferanten, ihrer Notare auf der Bahn der Pflicht erhalten. Finden ſie ſich durch den geſellſchaftlichen Kreis allzu ſehr beengt, in den die Che ſie einführt, ſo treten ſie, ohne ein Wort zu ſagen, zugleich aber auch ohne allzuſehr ein Hehl daraus zu machen, über denſelben hinaus. Die Bande der Familie haben, da ſie durch die ſogenannten Convenienzen beſtändig gelockert werden, nicht mehr die nöthige Kraft, um ſie zurückzuhalten. Die Eltern, die mit ihrer Tochter per Sie ſprechen— mit dem Kinde, das ſeit dem Tage ſeiner Geburt fremden Ammen und Gouvernanten überantwortet geweſen, die mei⸗ ſtens auf eine mechaniſche Wohlthätigkeit beſchränkte Religion, können auf ſolche Frauen nimmermehr den Einfluß üben, den in den unteren Schichten der Ge⸗ ſellſchaft das fortwährende intime Zuſammenleben des Weibes mit den Eltern und Kindern übt. In den bürgerlichen Kreiſen, vor Allem aber in der arbeitenden Klaſſe iſt die Frau der Mittelpunkt der Familie. Die Erziehung der Kinder geht von ihr ebenſo gut aus wie deren Geburt. Sie ſtehen an allen Thüren, deren Schwelle ihre Mutter über⸗ chreiten muß, um das Haus ihres Gatten zu fliehen. Iſt die Mutter einmal fort, ſo geht Alles den Krebs⸗ gang; Alles ſiecht und ſtirbt ab, wenn ihr Platz un⸗ ausgefüllt iſt. Hier hat der Mann nicht ſo viel Geld, um anderwärts zu lieben: er liebt ſeine Frau; hier hat die Mutter nicht ſo viel Geld, um Gouver⸗ nanten zu bezahlen, ſie liebt ihre Kinder. Wenn ſie dieſe im Stiche läßt, wer wird dann ſich ihrer an⸗ nehmen? wer wird ſie pflegen? wer wird Morgens ſie aus dem Bette herausnehmen, waſchen, ankleiden? wer wird ſie den Tag über ſpazieren führen? wer wird ſie Abends zu Bette bringen? wer wird ſie küſſen? In dieſen Klaſſen hat alſo ein Fehltritt der Ehefrau unendlich gefährlichere, unendlich unheil⸗ vollere Folgen als in den höheren und höchſten Schichten. Flieht in den unteren, ja ſogar in den mittleren Geſellſchaftsſchichten die Mutter den häus⸗ lichen Herd, ſo zieht ſich der Saft vom Baume zu⸗ rück, ſo trennt ſich das Herz vom Leibe. In den höheren und höchſten Schichten fehlt möglicher Weiſe, wenn die Mutter fehlt, bloß eine Perſon im Hauſe. Und doch kommen in den mittleren Klaſſen weit mehr Beiſpiele ſolcher Deſertionen vor als in den höheren und höchſten Klaſſen. Sind darum die letz⸗ teren tugendhafter? Mit nichten. Nur machen die Freiheit, deren ſie ſich erfreuen, ſowie die Vorrechte, die man ihnen einräumt, es ihnen möglich, ihr fri⸗ voles Leben hie und da durch eine Liebſchaft zu variiren, während bei jenen die beſtändige Anweſen⸗ heit des Gatten, die ernſte Beſchäftigung, die Noth⸗ wendigkeit, von jedem Tage des Lebens Rechenſchaft zu geben, ebenſo viele Hinderniſſe ſind, die ſie erbit⸗ tern, wenn ſie lieben, ebenſo viele Gewiſſensbiſſe, die ſie verfolgen, wenn ſie gefallen ſind, bis ſie, durch 47 die falſchen Schlüſſe der Leidenſchaft verleitet, eines ſchönen Tags den Entſchluß faſſen zu fliehen, um ſo unwürdige Feſſeln von ſich abzuwerfen. Und dann gibt es auch nicht ſo viele hohe als bürger⸗ liche Damen. Unſere Lady war im vollſten Sinne des Wortes eine hohe Dame. Da ſie in dem Alter, wo ſie hei⸗ rathen ſollte, das hatte ſie ſich mit dem Ideal des materiellen Wohl⸗ ſeins begnügt. Im Beſitze von zehn bis zwölf Mil⸗ lionen, hatte ſie ein noch drei Mal größeres Ver⸗ mögen geheirathet. An Allem, was groß und ſchön war, fand ſie Gefallen; die Feſte, die ſie gab, muß⸗ ten immer fürſtlich ſein, ſowie nicht minder auch die lmoſen, welche ſie ſpendete; kurz, alle ihre Launen waren ſogenannte ruinöſe Launen. Mit dem allen ariſtokratiſchen und trägen Naturen eigenthümlichen Erfindungsgeiſte begabt, hatte ſie London durch ihren Luxus geblendet, und doch iſt dieſe Stadt, wie alle Welt weiß, nicht ſo leicht zu blenden. So ſehr ſie aber auch die moraliſche Leere ihres Lebens durch nicht gekannter Sehnſucht. Eines ſchönen Morgens ſchrieb ſie ihrem Gatten ———õ—— einen Brief, worin ſie ihm geradezu ſagte, daß ſie ſich langweile und es ſo nicht länger aushalte; ſie wolle eine Zeit lang auf Reiſen gehen. Und in der That reiste ſie ab und beſuchte Spanien, Italien, Aegypten. Sie hatte zu Sevilla ihren Patio, zu Venedig ihren Palaſt, an den Geſtaden des Nils ihre Gartenwohnung, worauf ſie ganz einfach nach Paris zurückkehrte und in der Straße Anjou⸗Saint⸗ Honoré ſich einlogirte. Hier hatte ſie nur drei Tage bleiben wollen; allmählig aber wurden neun Monate daraus. Es erklärt ſich dieß dadurch, daß ſie Lord Effield wieder gefunden hatte. Von nun an erſchie⸗ nen die Wände des Zimmers, wo er ſie tagtäglich beſuchte, ihren Blicken, die der Berge, der Wälder, der Wüſten, der Meere, der unendlichen Ausſichten müde waren, als der reizendſte Horizont der Erde. Seinerſeits wies der junge, freie, reiche Mann ſeiner Freiheit, ſeiner Jugend, ſeinem Reichthum dieſe ſüße Gewohnheit als Schranke an und folgte ſeiner Geliebten überallhin, wohin ihrer Caprice es geſiel. Glücklicher Mann! Was mich betrifft, ſo begreife ich die Liebe nur ſo, ſo mag ich nur ſo geliebt ſein und Andere lieben ſehen. Die Liebe, jenes feine Gefühl, das nach dem Ausſpruche des Dichters aus nichts entſteht und an Allem ſtirbt, iſt ein Wein, der meines Erachtens aus einer goldenen Schaale geſchlürft werden muß. Keinem Menſchen würde es wohl einfallen, köſtlichen Johannisberger aus einem hölzernen Napfe zu trinken. Und ebenſo verhält es ſich mit der Liebe. Wohl gebe ich zu, daß ſie ihre Schwierigkeiten, ihre Gefahren, ihre Myſterien hat; ich verlange, daß ſie auf Sammt einherſchreite, von aß ſie 2; ſie n der alien, d, zu Nils nach Saint⸗ Tage onate Lord eſchie⸗ äglich älder, ichten rde. Nann dieſe ſeiner gefiel. greife t ſein feine 3 aus Wein, haale de es einem ilt es ihre hat; „von 49 Spitzen umgeben ſich niederlege, weiße Hände und kleine Füße habe; daß ſie recht viele Bäder nehme und wohl rieche; daß ſie nie mit den materiellen Bedürfniſſen des Lebens zu kämpfen habe, mit einem Worte, daß ſie bei ihren äußeren Kundgebungen einen Glanz entfalte, der ihres himmliſchen Urſprungs würdig iſt. Die Liebe iſt gar vielfordernd und duldet nicht, daß man ſich mit etwas Anderem als mit ihr ſelbſt beſchäftige. Willſt du lieben, ſo darfſt du daneben nichts Anderes thun. Nimmermehr darf die Hand, die ich küſſe, die Küche beſorgen; nimmermehr darf die Stimme, die mir die Worte zuflüſtert:„Ich liebe dich“, ſchmutzige Wäſche zählen; nimmermehr darf der Leib, den ich in meine Arme preſſe, eine andere Müdigkeit kennen als die des Genuſſes. Die Liebe iſt träg; möge ſie alſo Pferde haben, um friſche Luft einzuſchlürfen. Die Liebe iſt ein Fröſtling; möge ſie Teppiche, Atlaß, Zobel⸗ und Hermelinpelze haben. Die Liebe liebt das Land,— liebt es, unter großen Bäumen zu träumen und in weiten Alleen üih auf und ab zu bewegen; möge ſie eigene Parke aben. Die Liebe hat Capricen; möge ſie ſie, wenn es ihr gut dünkt, befriedigen; möge ſie ſich ebenſo leicht mit Diamanten bedecken, als ſie ſich im Sommer mit Kornblumen und Maßlieben ſchmücken würde. Soll das heißen, daß nur reiche Leute ſich lieben können? Keineswegs. Für's Erſte genügt das Reich⸗ ſein nicht, um die Liebe zu verſtehen; man muß Dumas, Novellen. I. 4 jung, ſchön, geſund, geiſtreich und geliebt ſein. Die Jugend, wird man mir entgegenhalten, vermag den Reichthum zu erſetzen, ein heiterer Sinn den Luxus, ein ſchlichter Kuckuck die Kaleſche, das Wäldchen von Romainville den ererbten Park, die durch einen Son⸗ nenſtrahl erhellte und durch einen Blumentopf par⸗ fümirte Manſarde das majeſtätiſche Hotel des Fau⸗ bourg St. Germain. Ja, ja, aber nur einmal in der Woche und zwei oder höchſtens drei Jahre im ganzen Leben eines Menſchen. Ueberall, wo Natur iſt, wird man mir ferner ſagen, iſt auch Liebe. Wohl möglich; allein ich ſpreche jetzt nicht von der Natur, ſondern von der Civiliſa⸗ tion, die Bedürfniſſe hervorgerufen hat, welche weit gebieteriſcher ſind als die natürlichen, ſo daß die liebe Natur auf die Rolle einer Krankenwärterin und eines Arzeneimittels ſich reducirt ſieht. Trotz aller Lieder eines Béranger alſo, trotz der Traditionen der Com⸗ mis und der Griſetten, trotz der Romane eines Paul de Kock und der Erzählungen eines Florian ziehe ich die vornehmen Damen allen Griſetten unendlich vor, — iſt es mir lieber, meine Geliebte in einer Kaleſche in das Boulogner Wäldchen fahren, als in einen Tartan gehüllt auf den Markt gehen zu ſehen;— ſehe ich ſie lieber leben, um zu lieben, als arbeiten, um zu leben, und endlich behaupte ich noch, daß jeder reiche Mann, der eine arme Frau liebt, dieſe bereichern muß, wenn er nicht als ein malhonnetter Menſch erſcheinen will: ſo nothwendig iſt es, daß dieſes Bild der Liebe von einem goldenen Rahmen umfangen werde. Das Geld macht nicht glücklich! So lautet eine 2SSSSEXSE SS 51 alte Marime, die ſicherlich von einem Millionär zum Beſten eines armen Freundes erfunden worden iſt, dem er lieber dieſen Troſt als die Hälfte ſeiner Ren⸗ ten gab. Das Geld macht nicht glücklich, weil an das Glück eines Menſchen ſich kein feſter Maßſtab anlegen läßt und weil ſeine Wünſche keine beſtimm⸗ ten Grenzen haben; ich erkläre aber, daß unter allen Dingen, nach denen der Menſch am Beharrlichſten trachtet, und die mithin für ihn, wo nicht das ein⸗ zige Mittel zum Glück, ſo doch eines der am Sicher⸗ ſten dazu führenden ſind, das Geld den erſten Rang einnimmt, und daß ich einen Menſchen nicht nur nicht tadle, ſondern im Gegentheil lobe, daß er Geld zu erwerben ſucht, vorausgeſetzt daß er, nachdem er es einmal erworben, es zu nützen verſteht. Ferner erkläre ich, daß Leute, die von vornehmen und rei⸗ chen Familien abſtammen, hinſichtlich der Vorbedin⸗ gungen des Glücks in ungleich günſtigerer Lage ſind als Söhne von Landleuten, Commis und Arbeitern, ſo gewaltige Philoſophen dieſelben immer ſein mö⸗ gen; und endlich ſage ich, daß das Geld, indem es die materiellen Anforderungen des Lebens verein⸗ facht und ſogar vernichtet, allen geiſtigen Genüſſen die Thüre öffnet, und ohne alle Widerrede iſt die Liebe für die Jugend der poetiſchſte, natürlichſte, wünſchenswertheſte Ausdruck dieſer letzteren. Dieß erklärt uns auch das Glück, welches unſere Courti⸗ ſanen machen, die wir die Falſchmünzerinnen der Liebe nennen möchten, bei denen man anſtatt ächter Juwelen immer nur Straß bekommt, aber ſo wun⸗ derſchön gefaßten Straß, daß man einen Augenblick glaubt, es ſei der Stein ächt, und daß man ihn wie einen ächten Diamanten zahlt. 3 Gewiß bilden ein ſchöner junger Mann und ein ſchönes weibliches Weſen, wenn ſie ſich recht lieben, wenn ſie ſich ſolches in der anregenden Stille einer Juninacht, fern von der Welt, unter freiem Himmel, auf duftenden, die friſch gemähte Wieſe wölbenden Heubetten ſagen— gewiß, ſagen wir, bildet ein ſolches Paar ein entzückendes Gemälde; aber wie ſehr vervollſtändigt ſich dieſes nicht, wenn zweihun⸗ dert Schritte von da ein ſchneller Wagen ihrer harrt, der ſie ſanft eingewiegt nach einem ſchönen Schloſſe entführt, wo ſie ihre Liebe auf ſeidenen Kiſſen wie⸗ derfinden, zwiſchen einem Tiſche, der mit den der Venus Aphrodite theuren Früchten beladen iſt, und zwiſchen den battiſtenen Tüchern eines in einer my⸗ ſteriöſen und friſchen Halbtinte begrabenen Bettes. So liebte ſich unſer Paar, und wohl darf ich hinzuſetzen, daß ſie kaum genug bekommen konnten. Indeſſen galt es jetzt, ſich, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu trennen. Lady Holway ſollte ſich wieder mit ihrem Gatten vereinigen, den ſie nun ſchon ſeit einem ganzen Jahre nicht mehr geſehen und bei dem ſie Anſtands halber mindeſtens zwei bis drei Monate wieder zubringen mußte. Sie hatte dieſe Abreiſe ſo viel wie möglich hinausgeſchoben, nun aber ging ſolches nicht länger an, und der Tag, an dem wir ihre Bekanntſchaft machen, war der letzte, den ſie in Paris zuzubringen gedachte. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, welche Gedan⸗ ken ſich hinter den Blicken unſeres Paares ver⸗ bargen. 53 Indeſſen konnte dieſe Trennung ſo ſchmerzlich nicht ſein. Schon nach kurzer Zeit konnte die ſchöne Lady wieder auf Reiſen gehen, mit andern Worten, über ihre Perſon frei verfügen. Bis dahin mußte ſie ſich damit begnügen, ihrem Geliebten zu ſchreiben und ſich von ihm ſchreiben zu laſſen. Die Engländer ſchreiben ſo gern, und dann iſt auch alles engliſche Papier ſo ſchön! Ihrer Liebe konnte dieſe kurze ge⸗ zwungene Pauſe keinen Eintrag thun: im Gegen⸗ theil, ſolche momentane Trennungen ſind für ein zartes Verhältniß ein willkommener Ruhepunkt— ein Mittel, ſich neu zu kräftigen. Gar oft fühlen Liebende das Bedürfniß des Al⸗ einſeins, um in der Einſamkeit neuen Grund zum Lieben zu finden und neue Sehnſucht nach Wieder⸗ vereinigung. Nur ganz gemeine Naturen können er Trennung nicht widerſtehen; Lord Effield und Lady Holway aber waren zwei ehrliche Seelen, zwei wirklich erhabene Geiſter, unfähig, dem Worte un⸗ treu zu werden, das ihre Herzen ſich ein für alle Mal gegeben hatten. Sie waren ſchon einmal alſo getrennt worden und hatten ſich hernach nur noch mehr geliebt. Jedes wußte, was es am Andern eſaß, und nie, nie war ihnen ein Bruch auch nur als möglich erſchienen. Ohne daß in dieſer Be⸗ ziehung etwas ausgemacht word als ein ſtillſchweigendes Ueberein i daß reich, von noch ſo hoher Geburt, ſo bleibt ſie eben doch immer eine Frau, ſelbſt wenn ſie eine Englän⸗ derin iſt; mit andern Worten, ſie trennt ſich von dem Manne, den ſie liebt, und iſt die Trennung auch noch ſo kurz, nie ohne eine gewiſſe vage Unruhe, und findet ſtets ein Mittel, auf irgend Jemand eifer⸗ ſüchtig zu ſein. Vor der Hand hatte Mylady ledig⸗ lich keinen Grund zur Eiferſucht; ſteht aber einmal eine Frau mit einem Manne auf dem Fuße, auf dem ſie mit Lord Effield ſtand, ſo kennt ſie gewiß auch einen Theil ſeiner Vergangenheit, und dann greift ſie aus ſeinen früheren Liebſchaften unfehlbar die Frau heraus, die er vor ihr am Meiſten geliebt, um ihre Eiferſucht doch nicht ganz einſchlafen zu laſſen, um ihm wegen dieſer früheren Liebe ein wenig böſe zu ſein und um ſich ſogar den Anſchein zu geben, als fürchte ſie von derſelben für die Zu⸗ kunft etwas. Anſtatt alle Frauen zu fürchten, die ihr Liebhaber nicht kennt, gefällt ſie ſich darin, vor Einer Furcht zu haben, die er nicht beſeſſen, die er quittirt hat und an die er gar nicht mehr denkt. Zuweilen iſt ſie ſogar ſo ungeſchickt, daß ſie dem Manne eine poſthume Sehnſucht nach dieſem todten Gefühle einflößt. Nun aber wußte Mylady, daß ihr Geliebter frü⸗ her ziemlich lange ein Verhältniß gehabt mit einer jungen, ſchönen, vornehmen, fein gebildeten Frau, die ihn geliebt hatte, die ihn noch liebte, die ſeit einiger Zeit ihn ſogar wieder an ſich zu feſſeln ſuchte. Sei es daß Lord Effield ſeiner neuen Geliebten be⸗ weiſen wollte, daß dieſe Erinnerung lediglich keine —2——,——j——1, ͤͤ 5⁵ Wurzeln mehr bei ihm habe, ſei es daß er ſie bloß mit einem weiteren Detail ſeines Lebens bekannt machen wollte, ſei es daß er ſich von jenem kleinen Gefühle der Eitelkeit beſtimmen ließ, das einen Mann veranlaßt, der Frau, die er liebt, zu zeigen, daß er ſchon geliebt worden, daß er noch geliebt werde, und daß er mithin ihr ein Opfer bringe: immerhin hatte der Lord Lady Holway die letzten Briefe dieſer zu Paris lebenden Frau vorgelegt. Dieß genügte voll⸗ kommen, um unſere Heldin zu erſchrecken, zumal in dem Augenblicke ihrer Abreiſe, wenn ſie bedachte, daß ſie ihren Liebhaber den Verſuchungen dieſer Er⸗ innerung, von deren Wichtigkeit ſie ſich übertriebene Vorſtellungen machte, ausgeſetzt ließ. Zwar hatte er ihr hoch und theuer verſprechen müſſen, daß er dieſer Frau fern bleiben wolle, allein es konnte, anſtatt ſeines Willens, der Zufall ihn wieder in ihre Nähe führen und ſo zu einem neuen Verhältniſſe Anlaß geben.* Daher die Befangenheit Mylady's, daher ihre Unruhe, daher die immer neue Verſchiebung ihrer Abreiſe. Dieſe ſollte nun indeſſen, wir wiederholen es, ganz beſtimmt am folgenden Tage um zwei Uhr Statt finden, und es hatte Mylady die letzte Zeit dazu verwendet, ihrem Geliebten ſo viele Beweiſe von Liebe zu geben, daß ſie hoffen zu dürfen glaubte, es würde die Erinnerung an dieſelben ſtärker ſein als alle von außen kommenden Verſuchungen. Aber, wird man uns entgegenhalten, ſie hatte ja ein ganz einfaches Mittel, ſich der Treue Lord Effields zu verſichern; ſie brauchte ihn ja nur zu veranlaſſen, daß er mit ihr reiste, was um ſo we⸗ niger einem Anſtand unterliegen konnte, als der Lord durchaus frei und ſein eigener Herr war. Es iſt dieß allerdings wahr. Unglücklicher oder glücklicher Weiſe aber hatte unſere Heldin jene angeſtammte Ehrlichkeit, die ihr ſchlechterdings nicht erlaubte, in das Haus ihres Gatten ihren Geliebten einzuführen, den Mann, deſſen Namen ſie trug, dem Spotte aus⸗ zuſetzen, und den Mann, den ſie liebte, zur Falſch⸗ heit zu zwingen. Es galt daher, der nächſten Zukunft muthig in's Auge zu ſehen, ein Vierteljahr bei dem Gatten zu⸗ zubringen, Zutrauen zu haben und unterdeſſen ſich mit den Briefen des Liebhabers zu begnügen. Jetzt ſchlug es zwei auf der Uhr im Salon. Mylord ſtand auf, nahm ſeinen auf dem Kamin⸗ ſims ſtehenden Hut und kam dann zur Lady zurück, um ihr in zärtlichſter Weiſe die Hand zu küſſen und das Wort:„Morgen!“ zuzuflüſtern. „Morgen!“ wiederholte ſie mit ihrer ſanften Stimme, welche die augenblickliche Müdigkeit noch ſanfter klingen ließ.„Warum denn aber ſchon ſo bald mich verlaſſen?“ „Eben hat es zwei geſchlagen.“ „Ja, und was thut dieß?“ „Es thut ſo viel, daß es ſchon ſpät iſt.“ „Nun, meinetwegen. Wann ſehen wir uns morgen?“ „Befehlen Sie.“ „Wie Sie wiſſen, ſo reiſe ich um zwei Uhr 41 . „Iſt es dieß Mal Ernſt?“ we Lord 3 iſt icher umte „in ren, aus⸗ lſch⸗ in's zu⸗ ſich min⸗ rück, und fften noch n ſo uns Uhr 57 „Bitterer Ernſt. Fürchten Sie etwa, daß ich Gegenbefehle geben möchte?“ „O Kind!* „Bis dahin möchte ich Sie ſo wenig wie möglich verlaſſen: kommen Sie um zehn Uhr, oder lieber um neun, dann trinken wir Thee mit einander.“ „Um neun Uhr alſo; es bleibt dabei.“ „Wohin gehen Sie nun aber jetzt?“ „Nach Hauſe. Wohin ſoll ich denn ſonſt gehen?“ „Sie wiſſen, was Sie mir verſprochen?“ „Seien Sie ohne Sorge, ich liebe Sie.“ Mylord neigte ſich über das Geſicht ſeiner Ge⸗ liebten, und es tauſchten die Beiden einen jener ſtillen Küſſe aus, die für einen ſolchen Abend einen ſo harmoniſchen Schlußpunkt bilden. Es entfernte ſich der junge Mann. Noch eine Stunde nach ſeinem Weggehen befand Mylady ſich in der Stellung, in der er ſie verlaſſen. Es ge⸗ fallen die Weiber, wenn ſie allein ſind, ſich darin, daß ſie die Stellung beibehalten, die ſie gehabt, als ihr Liebhaber noch dageweſen. Sie ziehen ſich, wenn wir uns alſo ausdrücken dürfen, auf dieſelbe zurück, gleich als wollten ſie allen Reſt von Liebe in der Wärme und in den Falten ihrer Kleider abſorbiren. Sie beben unter den Liebkoſungen der Erinnerung zu⸗ ſammen, wie wenn ſie die ſchnelle Wirklichkeit, der die Erinnerung gilt, noch empfänden. Hinſichtlich dieſer myſteriöſen Feinheiten der Wolluſt ſtehen wir tief, unendlich tief unter ihnen. Unſere kräftigere, in der äußeren Manifeſtation der Liebe energiſchere Organiſation iſt zu ſo langen, zu ſo feinen Nach⸗ empfindungen ſchlechterdings nicht geſchaffen. Bei ihnen iſt die Wolluſt das, was der Ton eines guten Inſtruments bei reiner Luft iſt. Nur langſam ver⸗ hallt er, er zuckt noch in unendlich kleinen Vibratio⸗ nen nach, wenn das Ohr ihn ſchon lange nicht mehr hört. Endlich trat Mylady in ihr Ankleidecabinet und erſchien bald darauf in ihrem Schlafzimmer. Unter allen Stellungen, die ich in der Welt geſehen, und die ich, wenn ich ein Maler wäre, am Liebſten auf ein Stück Leinwand gebracht hätte, iſt eine, die mir ſtets als vorzugsweiſe bezaubernd erſchienen: ich meine die Stellung einer jungen Frau in dem Augenblicke, wo ſie ſich zu Bette legt, wenn ſie auf dieſem das linke Knie gebeugt, wenn der rechte Fuß ſeinen Pantoffel fallen läßt, wenn ſie mit den beiden nach vorn ausgeſtreckten Händen einen Stützpunkt ſucht, um ſich vollends hineinzuſchwingen, und wenn ſie das Köpfchen ein bischen umdreht und zu ihrem Geliebten, wohl wiſſend, daß er ihr den Gehorſam verſagen wird, ſpricht:„Schau mich nicht an!“ Eine ſolche Stellung hat für jeden Mann etwas Frappantes, und Mylady mit ihrem kleinen, weichen Spitzenhäubchen, in ihrem peignoirartigen, batiſtenen Hemde war darin wahrhaft anbetungswürdig. Leider müſſen wir ſagen, daß Mylord ſie noch nicht darin geſehen hatte. Noch nie hatte ſie ſich vor Jemand zu Bette gelegt, nicht einmal vor ihrem Kammer⸗ mädchen. Vergeſſen wir nicht, daß wir in dieſem Augenblicke eine Engländerin vor uns haben. Und ſagen zu müſſen, daß ſchöne, junge Frauen leben, die ſo ohne einen Zeugen zu Bette gehen, die nicht einmal daran denken, ſich ſelbſt anzuſchauen! Wie enen eider darin nand mer⸗ ieſem Und eben, nicht Wie 59 viele allerliebſte Gemälde gehen ſo für Augen ver⸗ loren, welche ihrer ſich dankbar erinnern würden! Volle zwei Stunden blieb ſie unbeweglich in ih⸗ rem Bette liegen, um, den Kopf auf die Hand ge⸗ ſtützt, ihren Gedanken Audienz zu geben; dann ſchloſ⸗ ſen ſich ihre Augen allmählig, und endlich ſchlief ſie mit einem vertrauensvollen Lächeln ein. Sie hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß ſie geliebt werde. Und darin hatte ſie Recht, da ſie es wirklich war. Hätte ſie ſehen können, was in Mylords Wohnung vorging, als er nach Hauſe kam, ſo hätte ſie einen weiteren Beweis gehabt. Unter den Briefen, die ſein Kammerdiener ihm zugeſtellt hatte, war auch einer von der Frau, von der zwiſchen unſern beiden Liebenden bisweilen die Rede geweſen. Er hatte dieſen Brief genommen und die Handſchrift erkannt, und ſchon hatte er das Siegel erbrechen wollen, als die Erinnerung an den eben verlebten Abend ihn etwas thun ließ, was um ſo verdienſtlicher war, da es unbekannt bleiben mußte. Er hatte den Brief zerriſſen, ohne ihn zu leſen. War dieß wirkliche Verachtung gegen die Perſon, die ihm geſchrieben? War es im Gegentheil ein pfer, das er der Perſon brachte, welche er eben verlaſſen? Oder aber wollte er, eingedenk der ur⸗ alten Vorſchrift, welche vom Menſchen verlangt, daß er ſein Menſchſein keinen Augenblick vergeſſen ſolle, — oder, ſagen wir, wollte er nicht einmal den Kampf mit einer Erinnerung aufnehmen, die einigen Ein⸗ fluß bei ihm behalten und noch größeren wieder er⸗ langen konnte, wenn er in Folge der Abreiſe ſeiner Geliebten ganz allein daſtand? Alles dieß iſt mög⸗ lich. Auf jeden Fall aber können wir, da dieſen drei Hypotheſen Liebe zu unſerer Heldin zu Grunde lag, unſerem Helden nur Glück wünſchen. Gleichwohl müſſen wir Alles ſagen. War auch Mylord im erſten Augenblicke froh, daß er ſeinem Worte treu geblieben und mit der Vergangenheit, auf welche Mylady eiferſüchtig war, vollſtändig ge⸗ brochen, ſo daß er ſelbſt einem unſchuldigen brieflichen Verkehr entſagte, ſo fühlte er doch nach einer Weile etwas, was wie Reue, wie Gewiſſensbiſſe ausſah. Das unbeſtreitbarſte Recht einer Frau, die uns geliebt, iſt wohl das, daß ſie an uns ſchreibt, und hat man einer ſolchen Frau nichts vorzuwerfen, ſo liegt eine Art Niedertracht darin, daß man ihren Brief zerreißt, ohne zu wiſſen, was darin ſteht; und es gilt dieß insbeſondere für den Fall, daß man da⸗ mit einer andern Frau ſich gefällig erweiſen will, die auf dieſe Schwäche lediglich kein anderes Recht hat, als daß auch ſie uns liebt, gleichwie jene uns liebte, nur vielleicht mit dem Unterſchiede, daß ihre Liebe minder uneigennützig und minder warm iſt. Wäre nun dieſe Frau da, ſo ließe ſich ein ſolches Zerreißen im Nothfall noch erklären; iſt man aber allein, kann man den armen Brief, der nothwendig einige achtungswerthe Erinnerungen für unſer Herz enthält, der vielleicht unſere Unterſtützung nachſucht, leſen, warum ihn dann unerbrochen zerreißen? Zer⸗ reißen kann man ihn ja immer noch, wenn man ihn geleſen hat, und man wird ſich dann wenigſtens ſagen können, daß eine Stimme, die uns einſt theuer geweſen, nicht vergebens ſich zu uns erhoben. Schon die einfachſte Höflichkeit verlangte es, daß Mylord men i ten ſieht, iſt, daß ſie von ihm verlangt, er ſolle es Fe der betreffenden Frau zurückſchicken, oder aber es der voernichten. Wohlan! Es ſeien die Frauen, denen ver ihr Liebhaber dieſe Conceſſion gemacht, einmal auf⸗ nic — richtig; ſicherlich werden ſie dann alle bekennen, daß zu ö ſie, als ſie einen Mann dieſes lächelnde Bildchen,* daf das ſich ſo gar nicht vertheidigen konnte, von der liel — Wand herabnehmen ſahen, für ihn errötheten, wäh⸗ ſoll rend ſie ihm dankten. Hatte ihnen dagegen ihr von Liebhaber die edle, ſchlichte Antwort gegeben:„Nein, zim — niemals werde ich ein wahres Gefühl verleugnen, ſelbſt dann nicht, wenn daſſelbe durch ein ſtärkeres im erſetzt würde; niemals werde ich eine loyale Erinne⸗ geke — rung inſultiren, und ich werde von dieſem Porträt zut mich eben ſo wenig trennen, als von dem deini⸗ liebt gen!“ Hat ihr Liebhaber ihnen alſo geantwortet, ſo ſie werden ſie geſtehen, daß ſie, während ſie ſich über der ſeine Kälte und Gleichgültigkeit beklagten und ihn entw zu verlaſſen drohten, ihn achten mußten; daß ſie chen ſtolz darauf waren, einem edlen, ſtandhaften Manne einer zu gehören, und daß es ihnen überaus ſüß geweſen, wohl ſo die Gewißheit zu erlangen, daß dieſer Mann, alber was immer geſchehen mag, ihr Andenken ſtets werth Leide halten und auch von Andern verlangen wird, daß 1 ſie es achten. Mylc Was wir da ſagen, iſt nicht für Mylady gemünzt. Befau Für's Erſte hatte ſie ſich nie in der Wohnung ihres Geliebten blicken laſſen; ſie war eine zu vornehme Trau Dame, als daß ſie hätte anders als zu Hauſe lieben dem wollen. Mylord hätte krank werden müſſen, wenn ſchlan er ſie hätte wollen in ſeine Wohnung kommen ſehen. anne eſen, tann, verth daß ünzt. ihres ehme ieben wenn ehen. Traurigkeit, Mylord?“ fragte die en ſie beide Arme um den Hals ihres Geliebten 63 Ferner hätte ſie, ſelbſt wenn ſie ſich dort eingefun⸗ den, nimmermehr eine derartige Conceſſion von ihm verlangt. Indem er dieſen unſchuldigen Brief ver⸗ nichtete, hatte er ſogar das ihr gegebene Verſprechen, zu ängſtlich aufgefaßt. Sie hatte von ihm verlangt, daß er dieſe eingebildete Nebenbuhlerin nicht mehr lieben, daß er mit ihr nicht mehr zuſammenkommen ſollte; nimmermehr aber hätte ſie ſich einfallen laſſen, von ihm zu verlangen, daß er gegen ein Frauen⸗ zimmer unartig ſein ſolle. Am andern Tage erſchien er Punkt neun Uhr im Hotel. Trotzdem daß er erſt ſpät nach Hauſe gekommen war, hatte ſein Kammerdiener ihn nicht zu wecken gebraucht. Er hatte ſchlecht geſchlafen, er liebte Mylady wirklich, und ſchon der Gedanke, daß ſie nun bald abreiſen würde der Traurigkeit, welchen di entwickeln mußte. Es blutet das Herz ſtets ein bis⸗ chen, wenn es ſich, ſelbſt nur für kurze Zeit, von Und dieß war denn auch der Grund, den er Mylady angab, als ſie ihn nach der Urſache ſeiner „Iſt das wirklich der alleinige Grund Ihrer junge Frau, in⸗ ang. „Sie wiſſen es wohl.“ „Soll ich nicht abreiſen?“ „Welche Thorheit!“ „Glauben Sie denn, ich ſei eines ſolchen Ent⸗ ſchluſſes nicht fähig, wenn Sie mich wahrhaftig lieben?“ „Glauben Sie,“ antwortete ich,„daß ich ſo et⸗ was annehmen werde, ſo lange wir es anders ma⸗ chen können? Wozu ein Skandal, den wir mit ein bischen Geduld vermeiden können?“ Man ſetzte ſich zu Tiſche. Das Frühſtück aber war natürlich ein bloßer Vorwand, um ſich unge⸗ wöhnlich früh ſehen zu können; weder er, noch ſie dachte an das Eſſen. Ein Jedes nahm eine Taſſe Thee, um den Schein zu retten. Jetzt rückte Mylady zu dem jungen Manne hin, erfaßte ſeine beiden Hände, ließ den Kopf auf einer ſeiner Schultern ruhen und fragte, ihn zärtlich an⸗ blickend: „Sie werden mir ſchreiben, Mylord?“ „Recht oft.“ „Jeden Tag; ich will es ſo haben. Und ferner will ich haben, daß Sie mir Alles ſagen, was Sie „Alles ſoll Ihnen geſagt werden.“ 3 „Was werden Sie heute thun, wenn ich fort bin?“ „Nichts.“ „Sie haben nichts vor?“ „Nichts.“ „Welch wunderſchöner Tag, und wie herrlich muß es nicht auf dem Lande ſein! Erinnern Sie ſich noch der Promenade, die wir vor drei Tagen gemacht?“ Ent⸗ aftig o et⸗ ma⸗ t ein aber unge⸗ h ſie Taſſe 1 hin, einer h an⸗ erner 3 Sie fort errlich n Sie Tagen 65 Statt aller Antwort drückte Mylord das Händ⸗ chen, das er gefangen hielt, und näherte ſeine Lippen „der Stirn, die auf ſeiner Bruſt ruhte. Es trat ein kurzes Schweigen ein. Jetzt klopfte es an der Thüre, und mit jener ſchnellen Faſſung, die wir bei den Frauenzimmern ſo ſehr bewundern müſſen, rückte Mylady mit ihrem Stuhle weg. „Herein!“ rief ſie. Es war der Haushofmeiſter. „Mylady hat keine weiteren Befehle zu geben?“ fragte er, die Thüre hinter ſich geſchloſſen haltend. „Keine.“ „Mylady reist immer noch um zwei Uhr weg?“ „Ja.“ „Man kann alſo ſämmtliches Gepäck auf die Eiſenbahn bringen laſſen?“ „Wie viel Uhr iſt es denn?“ „Zwölf.“ „Gewiß.“ „Um wie viel Uhr wünſcht Mylady ihren Wagen?“ „Um ein Uhr.“ Und der Haushofmeiſter zog ſich zurück. „Nun ſtand Mylady auf, blickte eine Weile ihren Liebhaber an und ſprach faſt ſchüchtern: „Wenn ich erſt morgen abreiſete?“ „Und Sie werden mich nicht verlaſſen?“ „Auch nicht eine Minute.“ Dumas, Novellen. I. 5 „Gut, ſo warten Sie ein bischen: ich will das in Ordnung bringen.“ Und luſtig wie eine Penſionärin, der ihre Mutter in dem Augenblicke, wo ſie nach dem Kloſter zurück⸗ gebracht werden ſoll, geſtattet, im elterlichen Hauſe zu bleiben, lief ſie auf die Thüre zu, durch welche der Haushofmeiſter ſich entfernt hatte, und ver⸗ ſchwand. Schon den ganzen Morgen hatte ſie ſich mit die⸗ ſem Entſchluſſe getragen, woran weibliche Schalkheit wohl auch ein bischen mitwirkte. In der That, ſie wollte die Gewißheit erlangen, daß, wenn ſie auch abweſend war, die ganze Zeit ihres Liebhabers ihr gehörte, ſowie daß er in keiner Weiſe zum Voraus über die Freiheit verfügt, die er durch ihre Abreiſe wieder erlangte. Nun aber nahm er dieſen Auf⸗ ſchub dankbar, gerührt, voller Freude an; er gehörte alſo ganz und gar ihr: ſie war glücklich. Bald erſchien ſie wieder in voller Toilette und verſchleiert: offenbar wollte ſie ausgehen. „Kommen Sie, Mylord,“ ſprach ſie. „Wohin gehen wir?“ „Auf's Land. Alle Welt glaubt mich abgereist; nützen wir dieſen letzten Tag.“ Und den ganzen Tag liefen ſie im Walde herum wie zwei wahrhaft Verliebte, das heißt, ſie lächelten einander an, ſie küßten einander und iſolirten ſich ſo viel wie irgend möglich. Noch nie war Mylady ſo reizend, noch nie war Mylord ſo zärtlich geweſen. Jammerſchade wäre es ſicherlich geweſen, wenn dieſer Tag nicht in ihrem Gedächtniſſe geſtanden hätte. Um zehn Uhr waren ſie wieder in Paris. Aus ill das Mutter zurück⸗ Hauſe welche ver⸗ it die⸗ alkheit t, ſie auch es ihr oraus breiſe Auf⸗ ehörte e und reist; derum helten n ſich ylady beſen. dieſer e. 67 Das Erſte, was Mylady nach ihrer Rückkehr that, war, daß ſie ihren Leuten ſagte, ſie könnten nun zu Bette gehen, indem ſie ihrer Dienſte nicht mehr bedürfe. Mithin waren ſie und Mylord jetzt ganz allein. „Und nun können wir noch volle ſechzehn Stun⸗ den beiſammen ſein,“ ſprach ſie, auf die Pendeluhr ſchauend. „Wie ſo das? ſechzehn Stunden, ſagen Sie?“ „Ja, ſechzehn Stunden, da Sie mich bis zum Augenblick meiner Abreiſe nicht verlaſſen dürfen.“ „Ich ſoll bis morgen bei Ihnen bleiben?“ „Warum denn nicht?“ „Hier?“ „Ja, hier.“ „Seit zwei Jahren iſt dieß das erſte Mal, daß Ihnen ſo etwas einfällt.“ „Es muß eben Alles einen Anfang haben.“ Faſt ſchien der junge Mann über dieſe neue Ca⸗ price etwas ärgerlich, da ſie noch unerwarteter kam als die vom Morgen des gleichen Tages. „Leider,“ verſetzte er,„iſt das ein Ding der Un⸗ möglichkeit.“ „Warum denn?“ 4. „Was wird Ihre Dienerſchaft denken?“ „Sie haben ja geſehen, daß ich meine Leute habe zu Bette gehen heißen.“ „Aber morgen?“ „Wird man Sie nicht ſehen.“ „Wenn man mich aber ſieht?“ „Was liegt mir daran?“ „Dann ſind Sie eben compromittirt.“ 68 „Glauben Sie denn, es merken meine Leute nichts?“ „Ein Grund mehr.“. „Und Sie ſagen, Sie lieben mich?“ „Gerade weil ich Sie liebe, muß ich über Ihren guten Ruf wachen.“ „Es wäre Ihnen alſo nicht angenehm, dieſe ganze Zeit bei mir zu bleiben?“ „Doch, doch.“ „So bleiben Sie denn: ich bitte Sie nicht:— ich will es.“— Und man hätte glauben können, es ſeien alle Strahlen dieſes ſchönen Tages jetzt in den Augen der jungen Frau concentrirt. „Nun, meinetwegen,“ verſetzte Lord Effield; „aber dann...“ „Was dann?“ „Werden Sie mir erlauben, daß ich Sie auf zehn Minuten verlaſſe.“ „Wohin wollen Sie denn gehen?“ „In meine Wohnung: ich habe dort ein paar Worte zu ſagen.“ „Wem?“ „Einem Freunde, der auf mich wartet.“ „Einem Freunde?“ „Ja.“. 3 „Und ſein Name?“ „Ohl Sie kennen ihn nicht.“ „Was haben Sie ihm zu ſagen?“ „Ich muß ihm eine Antwort geben.“ „Eine Antwort— weßhalb?“ „Ohl wegen einer gewiſſen Sache.“ Leute Ihren dieſe paar 69 „un er wartet in Ihrer Wohnung auf Sie?“ „Wie kommt es, daß Sie ihn auf heute Abend beſtellt haben?“ „Ich glaubte, daß Sie im Laufe des Tages weg⸗ reiſen würden.“ „Nun begreife ich, warum Sie nicht bleiben wollen. Ohne Zweifel haben Sie etwas Angeneh⸗ meres zu thun.“ „Ich habe bloß ein paar Worte zu ſagen— weiter nichts. Ich verlange bloß zehn Minuten.“ „Die ganze Nacht, wenn Sie es für gut finden.“ „Ahl nun werden Sie böſe!“ „Nein; nur finde ich es höchſt ſelten, daß Sie in dem Augenblicke, wo ich Sie bitte, bei mir zu bleiben, plötzlich ſich eines Rendezvous entſinnen, das Sie einem Freunde gegeben. Wie hätte Ihr Freund es gemacht, wenn Sie, wie geſtern, erſt um zwei Uhr heimgekommen wären 2 „Er hätte eben auf mich gewartet.“ „Nun, ſo mag er warten!“ „Das iſt nicht daſſelbe.“ „Nur ein paar Worte haben Sie ihm zu ſagen?“ Ja.“ 71 Der junge Mann ſtand auf, trotzdem daß die letzteren Worte in einem Tone des Vorwurfs ge⸗ ſprochen worden waren. Er nahm ſeinen Hut und ging auf die Thüre zu. „Kommen Sie auch gewiß wieder?“ „Sie wiſſen es wohl.“ „In zehn Minuten?“ „Höchſtens in zehn Minuten.“ Weiter ſprach Mylady keine Sylbe; wohl aber ſtand ſie auf, trat an den Tiſch und ſchlug mit der natürlichſten Miene von der Welt ein Buch auf, gleich als wollte ſie ſich während der Zeit, die ſie allein ſein ſollte, beſchäftigen; indeſſen warf ſie auf ihren Geliebten einen Seitenblick, in der Hoffnung, daß die Art und Weiſe, wie er ſich entfernte, ihr die Wahrheit ſagen würde. Er kam zu Mylady zurück, küßte ſie auf die Stirn und ſprach: „In einem Augenblicke bin ich wieder bei Ihnen.“ Mylady hörte, wie die Tritte ſich entfernten, lief an's Fenſter hin und ſah, wie Mylord die Schwelle der Hausthüre überſchritt und in der Richtung ſeines Hauſes ſich raſch entfernte. Da jetzt ein Wagen an ihm vorüberkam, ſo ließ er denſelben anhalten, ſprang hinein und gab dem Kutſcher eine Adreſſe, welche Mylady nicht hören konnte, worauf der Wagen in raſchem Laufe davonfuhr. Jetzt verlor unſere Engländerin keine Minute; ſie warf ihren Shawl um, ſetzte ihren Hut auf und eilte, von Argwohn und Eiferſucht gepeinigt, ihrer⸗ ſeits die Treppe hinunter. Und ſie mußte gewaltig aufgeregt ſein, daß ſie that, was ſie that. den d'or Er ſein My dien ſie aber it der auf, die ſie ie auf nung, hr die uf die hnen.“ —n, lief hwelle ſeines gen an halten, ldreſſe, Wagen Ninute; uf und ihrer⸗ ewaltig 71 Unten angekommen, nahm ſie einen bereitſtehen⸗ den Miethwagen, wobei ſie dem Kutſcher einen Louis⸗ dor verſprach, wenn ſeine Pferde gut liefen. Der Fiaker entfernte ſich, ſo geſchwind er konnte. Er hielt endlich an. Der Wagen, den Mylord gemiethet, wartete vor ſeiner Thüre. „Bis jetzt hat er mich nicht hintergangen,“ ſprach Myllady bei ſich ſelbſt und athmete etwas leichter. Sie ließ ſich öffnen. „Iſt Mylord zu Hauſe?“ fragte ſie den Kammer⸗ diener, als dieſer ihr die Thüre aufgemacht, an die ſie möglichſt leiſe geklopft hatte. „Ja, Mylady.“ „Allein?“ „Ganz allein.“ „Sie ſind deſſen gewiß?“ „Vollkommen gewiß.“ „So ſagen Sie ihm, es verlange ihn Jemand alsbald zu ſprechen; doch verſchweigen Sie ihm mei⸗ nen Namen.“ Der Domeſtike ließ ſie in den Salon treten, wo er alle Kerzen reimdin wollte. „Machen Sie geſchwind,“ ſprach ſie:„es genügt an einem einzigen Lichte.“ Es entfernte ſich der Kammerdiener. „Ganz allein! ganz allein!“ wiederholte Mylady; „er hat alſo gelogen; es wartete Niemand auf ihn: oder aber lügt dieſer Burſche und iſt eine fremde Perſon da. Mich belügen! mich!“ So verſtrichen drei bis vier Minuten. „Es iſt Jemand bei ihm,“ ſprach ſie weiter; „ohne Zweifel ein Frauenzimmer, das er nicht los werden kann.“ Sie zog ihren Schleier tief über das Geſicht herab. „Ich muß hier Gewißheit erlangen,“ hob ſie wieder an,„und iſt er ſchuldig, ſo iſt zwiſchen uns Alles aus.“ Sie ſtand auf und ſchickte ſich an, den Salon zu verlaſſen und das ganze Appartement zu unterſuchen, das eben ſo geräumig als ihr unbekannt war, denn man wird ſich noch erinnern, daß ſie dort noch nie erſchienen war. Eben legte ſich ihre Hand auf den Thürdrücker, als die Thüre ſelbſt aufging und Mylord erſchien. „Wiel Sie hier?“ ſprach er erſtaunt. „Ja, ich,“ antwortete ſie, die Aufregung, die ſich in ihrer Stimme verrieth, möglichſt zu verbergen ſuchend;„ich langweilte mich und habe Sie hier ab⸗ holen wollen.“ „Das iſt ja wunderſchön von Ihnen; ich bin parat: gehen wir.“ „Und Ihr Freund?“ „Iſt nicht gekommen.“ „Dann müſſen Sie auf ihn warten.“ „Meiner Treu! das laſſe ich bleiben.“ „So ſprachen Sie aber vor einer Weile nicht.“ „An ihm war es, ſich pünktlich einzufinden.“ „Sie ſehen recht heiter aus, Mylord.“ „Warum ſollte ich das nicht auch, da ich das Glück habe, Sie hier zu ſehen?“ „Ich aber glaube Gründe zu haben, Ihre Heiter⸗ keit nicht zu theilen.“ ht los Geſicht hob viſchen lon zu uchen, denn ch nie rücker, hien. g, die bergen er ab⸗ ch bin nicht.“ n 47 h das Heiter⸗ 73 „Ja, und worin beſtehen denn dieſe Gründe?“ „Sie hintergehen mich, Mylord.“ „Ich Sie hintergehen?“ Ja 47 7 „Sind Sie von Sinnen?“ „Sie wollten einem Freunde eine Antwort geben?“ „Ja.“ „Eine wichtige Antwort?“ „Eine höchſt wichtige Antwort.“. „Wiſſen Sie auch, Mylord, daß Ihr Lächeln mich glauben läßt, daß Sie meiner ſpotten?“ Mylord erfaßte die beiden Hände ſeiner jungen Geliebten. „Ich kann mich,“ gab er zurück,„eines Lächelns nicht enthalten, da ich ſehe, wie ſehr Sie ſich eine Sache anfechten laſſen, die wahrlich ſolcher Ehre nicht werth iſt; und dann bin ich auch hocherfreut über das, was jetzt geſchieht. Es beweist mir auf's Unzweifelhafteſte, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin und daß Sie geruhen, ein bischen eiferſüchtig auf mich zu ſein.“ „Pure Ausflüchte das, Mylord, denn eben weil ich Sie liebe, mag ich mich von Ihnen nicht einmal in Kleinigkeiten anlügen laſſen. Antworten Sie mir alſo klar und unumwunden auf die Frage, die ich an Si ſtelle: Iſt Ihr Freund nicht gekommen?“ „Nein.“ „Dann haben Sie ihm wohl ein paar Zeilen eſchrlelen, um ihm die ſo wichtige Antwort zu geben?“ „Ja. 41 „Und wo iſt das Billet?“ „Es iſt bereits fort.“ „Lüge, lauter Lüge!“ „Sie ſind wahrhaft bezaubernd, Mylady, und ich bin wahnſinnig in Sie verliebt.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich die Sache durch⸗ aus ernſt nehme, und wollen Sie wiſſen, was ich nicht bloß vermuthe, ſondern was für mich uner⸗ ſchütterlich feſt ſteht?“ „Sprechen Sie.“ „Sie hatten mit einem Frauenzimmer ein Rendez⸗ vous, und es iſt dieſes Frauenzimmer da drinnen. Und es deutete Mylady mit dem Finger auf den andern Theil des Appartements. „Wollen Sie ſämmtliche Zimmer unterſuchen?“ „Dann iſt ſie eben ſchon fort.“ „Ebenſo wenig.“ „Nun, ſo hatten Sie ein Rendez⸗vous in ihrer Wohnung mit ihr verabredet; Sie glaubten, daß ich im Laufe des Nachmittags abreiſen und Sie ſo heute Abend frei ſein würden. Da Sie ſahen, daß ich nicht abreiste, und in meiner Wohnung nicht an ſie ſchreiben konnten, ſo ſind Sie auf einen Augenblick nach Hauſe gegangen, um ſie hievon in Kenntniß zu ſetzen. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß alles dieſes nicht ſo iſt.“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es ſich nicht allein von keiner Frau handelte, ſondern daß ich, ſeitdem ich Sie kenne, nicht einmal mit einem Frauenzimmer geſprochen, ſowie daß ich geſtern noch einen Brief unerbrochen zerriſſen habe, den ich von einer Dame bekommen, mit der ich, dem Ihnen ge⸗ der he und durch⸗ ¹s ich uner⸗ endez⸗ nen. auf en?“ ihrer aß ich heute ß ich un ſie nblick ntniß alles ſich daß einem noch von n ge⸗ gebenen Verſprechen gemäß, keinen Umgang mehr haben will.“ „Nun, ich will Ihnen glauben; dann aber müſſen Sie mir ſchwören, daß der Vorwand, unter dem Sie mich verlaſſen, der wahre Grund iſt, der Sie hieher geführt.“ „Was das betrifft, ſo kann ich nicht darauf ſchwören.“ „Sie ſehen wohl ſelbſt, daß Sie mich hinter⸗ gangen haben.“ „Ich konnte nichts Anderes thun.“ „Warum?“ „Weil Sie die einzige Perſon auf der Welt ſind, der ich unter den obwaltenden Umſtänden die Wahr⸗ heit nicht ſagen darf.“ „Und doch muß ich ſie wiſſen, ſonſt...“ „Sonſt?“ „Sonſt komme ich nicht mehr nach Frankreich.“ „So ſteht es?“ „Ja.“ 4 „Das iſt nicht recht: man kann zuweilen vor der Frau, die man am wärmſten liebt, etwas geheim halten müſſen.“ „Habe denn ich auch ein Geheimniß für Sie? Kennen Sie nicht alle Handlungen meines Lebens? Gebe ich Ihnen nicht Minute um Minute Rechen⸗ ſchaft von meiner Zeit? Gehöre ich Ihnen nicht ganz und gar? Was habe ich Ihnen heute Morgen noch vorgeſchlagen? Ich wollte Alles verlaſſen, Gatte, Welt, Familie, um nur Ihnen leben zu kön⸗ nen: dazu bin ich auch jetzt noch bereit. Wohlan denn! ich ſchwöre Ihnen, und Sie wiſſen, eine 76 Frau wie ich wird ihrem Worte nie untreu, ich ſchwöre Ihnen, daß Sie mich nicht mehr ſehen, wenn das Myſterium von heute Abend ſich nicht zu meiner Befriedigung aufhellt.“ „Jede Erklärung iſt hier unmöglich!“ „Es iſt das Ihr letztes Wort?“ „Verlangen Sie, was Sie wollen, nur das nicht.“ „So leben Sie wohl!“ Und ſie ſchritt entſchloſſen auf die Thüre zu, Mylord aber ſtellte ſich vor ſie hin. „Es iſt alſo Ernſt?“ ſprach er zu ihr. „Bitterer Ernſt.“ „Später werde ich Ihnen Alles ſagen.“ „Nein, ſogleich muß ich es wiſſen, und zwar lles.“ „Sie wollen es durchaus?“ „Ja, ich will es.“ „Werden Sie mir nicht böſe ſein, wenn ich Ihnen die Wahrheit ſage?“ „Nein.“ „Wie immer dieſe Wahrheit beſchaffen ſein mag?“ „Wie ſie immer beſchaffen ſein mag.“ „Nun denn!...“ Hier ſtockte der Lord. „Nun denn?“ wiederholte Mylady mit derſelben Intonation und ihre Augen neugierig auf den Lip⸗ pen ihres Geliebten haften laſſend. „Nein, ich kann es Ihnen ein für alle Mal nicht ſagen; nie werde ich es Ihnen ſagen. Glauben Sie, was Sie wollen: glauben Sie, ich ſei ein Verſchwö⸗ rer nur wü⸗ „ich wenn reiner zwar hnen ſein lben Lip⸗ nicht 77 rer, ein Falſchmünzer, glauben Sie das tollſte Zeug, nur verlangen Sie dieſes Geſtändniß nicht von mir: es iſt daſſelbe rein unmöglich; an meiner Stelle würden Sie ebenſo handeln.“ In den Augen der jungen Frau perlten Thränen des Zorns. „Gut! aber laſſen Sie mich nun gehen,“ ſprach ſie mit zitternder Stimme. Er ſuchte ihr Weggehen zu hindern. „Kein Wort weiter, Mylord: zwiſchen uns iſt Alles aus; Sie dürfen mir nicht nachgehen: ich ver⸗ biete es Ihnen.“. Und mit dieſen Worten öffnete ſie die Thüre und verſchwand. Der junge Mann konnte ſich trotz des Ernſtes der Umſtände nicht enthalten, laut aufzulachen. „Ich darf ſie doch aber ſo nicht gehen laſſen,“ ſprach er dann:„es wäre das gar zu lächerlich: Um eines ſolchen Grundes willen ſeines ganzen Glückes verluſtig gehen! Ich eile ihr nach, mag daraus entſtehen, was da will.“ Und ſchon ſchickte er ſich an, dieſes zu thun, als die Salonthüre wieder aufging und Mylady wieder in dieſelbe trat, kirſchroth, dichter denn je verſchleiert, voller Verwirrung, zugleich aber auch unwillkürlich lachend. „Kommen Sie, hob ſie an, und thun wir, als ob nichts vorgefallen wäre.“ „Sie verzeihen mir alſo?“ fragte Mylord, un⸗ willkürlich erröthend. „Ja; aber ſprechen wir nie davon, ich bitte ie.“ Und die beiden jungen Perſonen verließen mit verſchlungenen Armen das Appartement und hatten alle Mühe von der Welt, um vor Lachen nicht zu berſten. Als Mylady den Domeſtiken ſah, der ihnen die Thüre öffnete, verbarg ſie den Kopf faſt. vollſtändig in dem Buſen ihres Begleiters: ſo ſehr ſchämte ſie ſich. Und in der That hatte dieſer Domeſtike ihr die Wahrheit geſagt; auch bei ihm mußte die Lachluſt rege ſein, während Mylady ihn nicht anſehen konnte, ohne zu erröthen. In dem Augenblicke, wo ſie eiferſüchtig, zorner⸗ füllt, wüthend hatte weggehen wollen, hatte ſie den Kammerdiener auf ihrem Wege gefunden und dem⸗ ſelben fünfzig Louisd'or angeboten, wenn er ihr ſagen wollte, weßhalb ſein Herr nach Hauſe gekom⸗ men. Sie mußte ihren Liebhaber nicht wenig lieben, daß ſie, eine hohe Dame und eine Engländerin, ſich herabließ, einen Domeſtiken zu fragen. Der Kam⸗ merdiener aber, der ein Franzoſe war und eine ſo ſchöne Gelegenheit, Geld zu verdienen, nicht hinaus⸗ laſſen wollte, glaubte dieſe Wahrheit ſelbſt einer Engländerin nicht vorenthalten zu müſſen, und theilte ſie ihr in möglichſt ſchonender Weiſe mit. „Sie nehmen mich alſo doch mit?“ fragte Mylord etwas ſpöttiſch, als ſie in der Nähe der bereitſtehen⸗ den Miethwagen angekommen waren. „Jd. „Seien Sie offen,“ ſprach er unterwegs zu ihr. „Heraus damit!“ Wo den nun nad ſie unſ Taë auf wiſſ weiz Bill nati mac ter tritt den, mit atten dt zu n die indig dämte r die chluſt onnte, orner⸗ e den dem⸗ r ihr ekom⸗ ieben, 7, ſich Kam⸗ ne ſo naus⸗ einer theilte kylord tehen⸗ u ihr. 79 „Hätten Sie mir verziehen, wenn ich Ihnen die Wahrheit nie geſagt hätte?“ „Vielleicht.“ „Und wenn ich ſie Ihnen geſagt hätte?“ „Nie.“ „Ich hatte alſo Recht?“ „Xd.“ „Und Sie lieben mich trotzdem?“ „Ich muß wohl.“ Die beiden jungen Perſonen küßten einander mit dem Feuer, das einer rückhaltloſen Wiederausſöh⸗ nung ziemt. An dem darauf folgenden Tage reiste Mylady nach England ab. Nach einem Vierteljahre erſchien ſie wieder in Paris, und es liebt zu dieſer Stunde unſer Pärchen ſich noch gerade ſo wie am erſten age. Nur verlangt jetzt Mylady, wenn Mylord ſich auf zehn Minuten entfernen will, nicht mehr zu wiſſen, wohin er geht und was er thun will. Sie weiß nur zu gut, daß das Schamgefühl einer hohen Bildung, insbeſondere das der engliſchen, aus den natürlichſten Dingen der Welt einen Grund zum Bruch machen kann. Sollteſt du mich nicht verſtanden haben, verehr⸗ ter Leſer, ſo ſetze ich hinzu... Aber halt! Da ſchlägt es halb acht Uhr, und es tritt der Gefangenwärter herein, um mir zu verkün⸗ den, daß ich nun frei ſei. Der Teufel hole ihn! Doch nein, ſeien wir offen und ſagen wir: Gott ſegne ihn! Es iſt zwar um das Gefängniß etwas recht Gutes, aber doch iſt, es bleibt dabei, die Freiheit noch beſſer. 4 Eine Theaterloge. Es graſſirt in unſerem Paris ein Mißbrauch, der, ſo entſetzlich er auch iſt, ſich doch nie ausrotten laſſen wird. Mögen die Conſervativen ſich beruhi⸗ gen: es fällt mir keinen Augenblick ein, hier von Politik zu ſprechen. Der Mißbrauch, den ich hier zur Sprache bringen will, iſt kein anderer als der des Theaterbillets. Wie ich dieß meine, ſoll der Leſer alsbald ſehen. Es gibt Leute, denen ihr beſcheidenes Vermögen es unmöglich macht, jeden Tag die ſechs bis acht Franken zu bezahlen, die man haben muß, wenn man in einem Theater zwei anſtändige Plätze bekom⸗ men will. Solche Leute begnügen ſich mit den Billets, welche dem Bankerotte nahe Theater von Friſeuren und Bandkrämerinnen zum Verkaufe ausbieten laſſen, oder aber legen ſie vier Mal im Jahre zuſammen, um das Theatre⸗Français, die große Oper, die komiſche Oper, und die Porte⸗Saint⸗Martin zu beſuchen. Das ſind die Leute, welche das gute, zahlende Publicum repräſentiren,— das Publicum, das ſich für ſein Geld amüſiren will, weil es nicht, gleich dem Nach⸗ Dumas, Novellen. I. 6 bar, Renten beſitzt, die es ihm möglich machen, zu jeder Zeit Plätze zu miethen, noch einen Freund, der ihm ſolche umſonſt gibt. Dieß das intelligente, naive, gewiſſenhafte Publicum, welches ein dramatiſches Werk erſt am Ende beurtheilt, in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß man etwas ganz ſehen muß, wenn man es verſtehen will— ein Grundſatz, der, wie der geneigte Leſer gern zugeben wird, ziemlich vernünftig iſt. Dieſes Publicum kenne, verehre, liebe ich. Ich kann wohl ſagen, daß ich den vierzig erſten Vorſtellungen, die mein Vater bereits gegeben, ſtets in größter Aufmerkſamkeit, ja mit einer gewiſſen Rührung gefolgt bin, und inmitten des verſchieden⸗ artigen Lärms, der bei jedem neuen Werke ſich hören ließ, habe ich dieſes Publicum ſtets als das gleiche wiedererkannt. Wo kommt dieſes Publicum her? Ich vermag es nicht zu ſagen. Gleich allem Providentiellen ver⸗ liert ſich ſein Urſprung in unerforſchlichen Tiefen. Neben dieſem Publicum befindet ſich ein anderes, das nicht bezahlende, nie bezahlende, dafür aber um ſo kritikluſtigere Publicum. Dieſes Publicum beſteht aus den Freunden, den Freunden der Freunde, aus den Bekannten, den Bekannten der Bekannten, aus den Creditoren und den Freunden und Bekannten der Creditoren derjenigen, die das Unglück haben, mit einem Pariſer Theater in irgendwelcher Verbin⸗ dung zu ſtehen, und die dann und wann von den Directoren, Autoren, Schauſpielern oder von den Freunden dieſer Herren Billets verlangen dürfen. en, zu d, der naive, atiſches Ueber⸗ wenn r, wie iemlich erehre, erſten , ſtets wiſſen hieden⸗ hören gleiche dermag n ver⸗ fen. aderes, er um beſteht e, aus 1, aus annten haben, eerbin⸗ n den n den ürfen. 83 Es läßt ſich gar nicht ſagen, ja nicht einmal ſich denken, durch wie viele Hände meiſtens ein Theater⸗ billet geht, bevor der es bekommt, welcher darum ge⸗ beten hat. Dieſes Publicum, wozu noch die Collegen kom⸗ men, welche von Rechtswegen freie Entrée haben, iſt das ſchlechteſte und gefährlichſte, das ein Theater an ſeinem Buſen erwärmen kann. Ein Zehntel die⸗ ſes Publicums iſt mehr denn hinreichend, um die neun Zehntel des andern mit ſich fortzureißen. Es kommt zu allen Thüren herein mit der Claque, den Muſikern, den Comparſen, den Heizern, den Anzün⸗ dern, den Logenaufſchließerinnen: in jeder nur er⸗ denklichen Weiſe weiß es ſich hereinzuſchmuggeln. Es iſt einer Epidemie zu vergleichen, der nichts zu wi⸗ derſtehen vermag. Sobald es nicht zahlen darf, iſt es vergnügt. Allle Welt kennt die Geſchichte jener zwei Herren, die, hinter einander ſtehend, vor dem Billetabnehmer der großen Oper ſich präſentirten, ohne ein Billet zu haben. 49„Lafont ſelig,“ ſprach der erſte, und ging vor⸗ über. „Und Sie,“ ſprach der Billeteur zum zweiten. „Ich auch,“ gab dieſer zurück, und ging gleich⸗ falls vorüber. Einer unſerer geiſtreichſten Belletriſten ſagte ge⸗ wöhnlich zu Tivoli am Bureau: „Tivoli Sohn!“ Herr P*x, der vor noch nicht langer Zeit ge⸗ ſtorben, pflegte, ehe er ſich noch am Inſtitut der ſchönen Künſte die Stellung errungen, der er ſeine freie Entrée in ſämmtlichen Pariſer Theatern ver⸗ dankte, von einem Freunde ſich begleiten zu laſſen, der den Billeteurs ebenſo unbekannt war wie er ſelbſt, und beim Vorübergehen mit ernſter Miene zu ſagen: „Der Herr iſt bei mir.“. Und nie hatte man ihn gefragt, mit welchem Rechte er freie Entrée beanſpruche und außerdem noch Jemand mitbringe. Solche Menſchen gehören zu den Auserwählten, und daß ſie nicht bezahlen, finde ich völlig in der Ordnung. Aber nicht Jedermann iſt ſo geiſtreich und ſo frech wie ſie. Dieß hat denn zur Folge, daß die Schüchternen es vorziehen, die Theaterregeln zu reſpectiren und Billets zu verlangen. Nun aber bin gewiß ich, wenn man die Autoren und die Directoren ausnimmt, in deren Intereſſe es liegen mag, Billets zu verſchenken, in Paris der Mann, den man am Meiſten beſtürmt; und warum das ſo iſt, wird der geneigte Leſer alsbald einſehen. Meinem Vater, dem ſie dreißig bis vierzig Er⸗ folge verdanken, verdanke ich es meinerſeits, daß ich mit den Theaterdirectoren auf dem allerbeſten Fuße ſtehe; denn es ſind, was man immer ſagen mag, die Theaterdirectoren Leute, welche noch etwas von Dankbarkeit wiſſen. Dieſe meine Beziehungen ſind um ſo beſſer, als ich ſelbſt bis jetzt noch kein Theater⸗ ſtück geſchrieben, oder wenigſtens habe ſpielen laſſen. So kommt es, daß, ſo oft ich Freibillets verlange, mir gewillfahrt wird, es müßte denn ſein, daß ſämmt⸗ liche Plätze ſchon vermiethet wären; iſt dieß aber der Fall, ſo macht ein Stück Glück, und macht ein Stück n ver⸗ laſſen, bie er ene zu elchem berdem ihlten, in der iſtreich e, daß eln zu der bin ectoren Billets an am ird der zig Er⸗ daß ich Fuße ag, die 8 von n ſind heater⸗ laſſen. rlange, ſämmt⸗ ber der Stück . Glück, ſo bin ich nicht ſo unbeſcheiden, auch nur einen Sperrſitz umſonſt zu verlangen, ſondern bezahle mei⸗ nen Platz. Und ſo geſchieht es, daß ſie mir nie die Freibillets verſagen, um die ich ſie bitte. Dieſer Umſtand aber gerade iſt es, der mich zu dem unglücklichen Manne gemacht hat, welcher ich bin. Jeder Menſch hat ein Unglück, das ihn ſein Leben lang verfolgt: der iſt krank, jener iſt Waiſe, einer hat Eltern, der andere Schulden; mein Unglück aber, mein Damokles⸗Schwert, mein Neſſus⸗Gewand, mein böſes Gewiſſen, mein Gläubiger iſt... das Theaterbillet. Es iſt kein Tag, wo ich nicht Briefe bekomme wie nachſtehende; ich copire wörtlich: „Mein lieber Alexander! .„Sie beſuchen uns ja gar nicht mehr. Warum diniren Sie nie mit uns? Sie wiſſen ja, daß es uns ſtets freut, Sie zu ſehen. Vergeſſen Sie uns alſo nicht. Meine Frau iſt ein bischen krank gewe⸗ ſen; doch geht es jetzt weit beſſer. Es würde uns höchlich freuen, Zeuge von dem ſchönen Erfolge ſein zu können, den Ihr mit Recht ſo berühmter Vater abermals feiert. Wie glücklich ſind Sie nicht, mein junger Freund, daß Sie ſich den Sohn eines ſo univerſellen Genies nennen dürfen! Treten Sie in ſeine Fußſtapfen. Wäre es wohl, damit ich auf meine Frau zurückkomme, unbeſcheiden von mir, wenn ich Sie auf morgen um eine kleine Loge bäte? Sie würden ihr große Freude bereiten, ſowie nicht min⸗ der mir. Wir würden einen unſerer Freunde mit⸗ 8 1 —— 0— — 4 nehmen, der, ein höchſt ausgezeichneter, junger Ad⸗ vocat, das Genie Ihres Herrn Vaters nicht genug bewundern kann. Kann ich auf Sie zählen, lieber Alexander? Antworten Sie mir mit ein paar Zei⸗ len. Werden Sie die Gefälligkeit haben, mir das Logenbillet zu ſchicken, oder muß ich es bei Ihnen holen laſſen? „Ganz der Ihrige****.“ „Mein lieber Freund! „Endlich iſt es mir gelungen, deine Adreſſe zu finden, die ich, ich weiß nicht ſeit wie langer Zeit ſchon, ſuche. Erinnerſt du dich meiner noch? Wir haben mit einander auf den Bänken des Collegiums geſeſſen. Ich bin geſtern bei dir geweſen, habe dich aber nicht zu Hauſe angetroffen. Ich wollte dich um zwei Freibillets für ein beliebiges Theater bitten. Kannſt du das? Du würdeſt mich zu dem glücklich⸗ ſten Menſchen machen, da in dieſem Augenblicke ge⸗ waltige Ebbe in meiner Kaſſe iſt. Schicke ſie mir in die Straße****. „Dein Freund****.“ „Mein Herr! „Ihr Herr Vater, den ich vor einigen Tagen geſprochen, hat mir geſagt, daß Sie ſo gütig ſein würden, mir auf morgen eine Loge zu verſchaffen. Er arbeitet angeſtrengt und fürchtet, die Sache zu vergeſſen. Für mich iſt die Sache von großer Wich⸗ tigkeit, da die Perſon, für welche die Loge beſtimmt iſt, mir ſehr nützlich ſein kann. „Ich zähle, mein Herr, auf Ihre Gefälligkeit mir r Ad⸗ genug lieber Zei⸗ r das Ihnen x 441 . ſſe zu Zeit Wir giums e dich e dich bitten. icklich⸗ ke ge⸗ e mir 87 und bitte Sie, an die Verſicherungen wahrer Hoch⸗ achtung zu glauben, womit ich die Ehre habe zu ſein „Ihr ergebenſter und unterthänigſter „Diener.⸗ „P. S. Morgen um zwei Uhr wird Jemand bei Ihnen erſcheinen, um die Antwort zu holen.“ „Mein lieber Alexander! Zwei allerliebſte Damen plagen mich bis auf's Blut um eine Loge. Und doch möchte ich in dieſem Augenblicke keine dreißig Franken dafür ausgeben. Wären Sie vielleicht ſo gefällig, für eine gute Loge in der Porte⸗Saint⸗Martin oder auch im Vaudeville zu ſorgen? Schicken Sie mir aber ja kein Billet für das Odeon. „Ganz der Ihrige*.“ „P.§. Wann frühſtücken Sie denn einmal mit mir? Bis elf Uhr bin ich immer zu Hauſe.“ „Mein Herr! „Sie waren ſo gütig, mir Freibillets anzubieten, als ich Ihnen meine kleine Rechnung übergab, ohne daß ich von Ihrem gütigen Anerbieten damals Gebrauch machte. Nun aber iſt mein Bruder eben aus der Provinz angekommen, und dem wäre es ſehr er⸗ wünſcht, ein gutes Stück zu ſehen. Können Sie mir für ihn und meine Frau zwei Plätze geben? „Ich habe die Chre, mich Ihnen zu empfehlen, .„*** Hutmacher.“ „Mein lieber Alexander! „Gar gern hätte ich dir geſtern ſelbſt gedankt für das Vergnügen, das du uns bereitet. Meine Frau hat ſo lange geweint, als das Stück gedauert hat. Es iſt ein großer Erfolg. Eben habe ich mei⸗ nem Kanzleidirector verſprochen, ihn ebenfalls hinzu⸗ führen. Sei alſo ſo gut, mir auf heute für eine gute Loge zu ſorgen. Empfiehl mich beſtens deinem trefflichen Vater. „Dein alter Freund****.“ Ich könnte noch Hunderte ſolcher Briefe hier abdrucken laſſen, doch mag es an den voranſtehenden genügen. Was würdeſt du thun, verehrter Leſer, wenn du alle Tage, die Gott gibt, mit ſolchen Briefen bom⸗ bardirt würdeſt? Du mein Gott! du würdeſt eben thun, was ich auch thue, das heißt, du würdeſt zuerſt lamentiren und ſagen, es ſei das ein Hundeleben, und am Ende eben doch die verlangten Freibillets ſchicken. Aber das Schicken allein iſt noch nichts. Brauchte man bloß den Namen des Theaters, ſowie die Anzahl der Plätze auf ein Stück Papier zu ſchreiben und dann zu unterzeichnen, ſo wäre das kein ſo übler Zeitvertreib; leider aber iſt dem nicht alſo und muß ich meinerſeits mich an den Theater⸗ director wenden. So oft ein ſo grauſamer Brief mich erreicht, kann ich auf dreierlei Weiſe darauf antworten. Er⸗ ſtens kann ich ſagen, daß ich ſchlechterdings keine Freibillets habe. Aber dann mache ich mir die Per⸗ ſon, die an mich geſchrieben, zum Feinde, was für einen Menſchen gar nicht gleichgültig iſt, der dumm genug iſt, mit aller Welt auf gutem Fuße ſtehen zu teine auert mei⸗ inzu⸗ eine inem 41 . hier nden n du bom⸗ eben uerſt eben, illets 8. ters, apier 2 das nicht ater⸗ eicht, Er⸗ keine Per⸗ für umm n zu 89 wollen. Zweitens kann ich an den Theaterdirector ſchreiben, das, was man von mir verlangt, von ihm verlangen und ſo die Widerwärtigkeit auf ihn über⸗ wälzen. Drittens kann ich mich ankleiden, ein Ca⸗ briolet miethen und das unglückſelige Billet ſelbſt holen. Dieſes dritte Mittel iſt es, wozu ich in der Regel greife. Es gibt ein italieniſches Sprichwort, das ich zwar nur franzöſiſch weiß, deſſen Sinn aber der iſt: Wer will, geht, wer nicht will, ſchickt. Ich bin ein Sklave dieſes Sprichworts, und zwar aus nachſtehendem Grunde. Das Individuum, das mir ſeinen Domeſtiken oder einen Eckenſteher auf den Leib ſchickt, um ein Logenbillet aus mir herauszupreſſen, wartet voller Ungeduld, bis ſein Bote wieder kommt. Ich kann mich daher auch des letzteren nicht bedienen, und zwar um ſo weniger, als ſolche Leute in der Regel herzlich dumm ſind und meinen Auftrag ſchlecht be⸗ ſorgen würden. Nun könnte ich allerdings meinen eigenen Domeſtiken ausſchicken; aber ich frage, wer würde dann den Leuten aufmachen, welche an der Thüre klingeln? Und ſo lange er fort iſt, wird es wenigſtens zwanzig Mal läuten. So iſt es immer. Oder aber muß ich mir von meiner Klingel drei bis vier Mal hinter einander ſagen laſſen, daß ein un⸗ geduldiges Menſchenkind vor meiner Thüre ſteht, das die Treppe wieder hinabgehen und von meinem Portier erfahren wird, daß ich wirklich zu Hauſe bin: dann habe ich das Vergnügen, das fragliche Men⸗ ſchenkind abermals an der Glocke mit einer Hand zerren zu hören, während es mit der andern gegen die Thüre ſchlägt; oder aber muß ich die Thüre ſelbſt aufmachen und zwanzig Individuen empfan⸗ gen, von denen ſicherlich achtzehn mich langweilen werden. Alles dieß ſind Erfahrungsreſultate. Denn als dieſe Theaterbilletkrankheit, die bei mir nun leider zur chroniſchen geworden, in ihrem erſten Stadium war, verſuchte ich es, wenn auch nicht ihr zu ent⸗ gehen— denn es war dieß unmöglich— ſo doch ſie zu lindern, und darum machte ich Alles durch, was ich eben erzählt, ſowie noch andere Prüfungen, auf die ich nun zu ſprechen komme. Ich pflegte an dieſen oder jenen Theaterdirector alſo zu ſchreiben: „Mein lieber Freund! „Wollen Sie mir für heute Abend eine Loge geben? Sie werden mir dadurch einen großen Dienſt erweiſen; geben Sie gefälligſt das Billet dem Ueber⸗ bringer.“ Ein ſolcher Brief zeugte von unglaublicher Nai⸗ vetät. Hatte ich einen Domeſtiken, ſo ſchickte ich ihn damit weg; hatte ich keinen, ſo rief ich einen Ecken⸗ ſteher. „Tragen Sie mir,“ pflegte ich zu dem Manne zu ſagen,„dieſes Billet zu Herrn N. N., in dem und dem Theater; gehen Sie zu der für die Schauſpieler beſtimmten Thüre hinein, und ſagen Sie, Sie war⸗ ten auf eine Antwort.“ Nach Verfluß von einer halben Stunde pflegte mein Eckenſteher zurückzukommen mit den Worten: gegen hüre pfan⸗ eilen als leider dium ent⸗ ich ſie was „auf rector Loge HDienſt leber⸗ Nai⸗ h ihn Ecken⸗ Nanne n und pieler war⸗ pflegte ten: 9¹ „Der Director wohnte der Probe an, oder, der Director war noch nicht da; es hat aber ein Herr zu mir geſagt, daß ich um drei Uhr die Ant⸗ wort holen ſolle. Soll ich wieder hingehen?“ „Ja, und bringen Sie mir das Billet.“ Um zwei Uhr klingelte es dann. Es war der Bote der Perſon, welche um das Billet mich angegangen und dieſes nun holen laſſen wollte. „Sagen Sie Ihrem Herrn, ich bekomme es erſt um vier Uhr und werde es ihm auf der Stelle ſchicken,“ lautete dann meine Antwort. Um halb vier Uhr aber kam mein Eckenſteher wieder. Meiſtens brachte er zwar das Logenbillet, doch zuweilen auch nichts. Brachte er es, ſo gab ich ihm die Adreſſe der Perſon, die darauf wartete, und ſchärfte ihm dabei ein, ja recht geſchwind zu laufen. „Wird dieſer Herr mir meine drei Gänge be⸗ zahlen?“ fragte mich dann der Eckenſteher. „Nein, nein,“ gab ich zurück;„kommen Sie wie⸗ der zu mir: ich werde Sie bezahlen.“ Und ſo kam denn immer der Eckenſteher zum dritten Male. „Es läßt der Herr Ihnen recht ſchön danken,“ durfte ich jetzt hören, worauf ich natürlich auch ihm ſeine drei Gänge bezahlen durfte. So oft der Eckenſteher mir nichts brachte, ſei es daß der Director noch nicht da war, oder daß der⸗ ſelbe meinem Verlangen nicht entſprechen konnte, befand ich mich in der peinlichſten Verlegenheit. In ſolchen Fällen bin ich oft ſelbſt an die Kaſſe geeilt, um die Plätze, die ich verſprochen, mit meinem Gelde zu bezahlen. Aber es war das noch nicht Alles. Hatte ich einmal das Logenbillet, hatte ich daſſelbe fortgeſchickt und hatte ich den Eckenſteher bezahlt, ſo glaubte ich mich einer angenehmen Ruhe überlaſſen zu dürfen. Jedoch nicht ſelten bekam ich Tags darauf von dem Individuum, dem ich das Logenbillet geſchenkt, einen Brief, etwa alſo lautend: „Mein lieber Alexander! „Ich danke Ihnen recht ſehr für das überſandte Logenbillet; leider war es nicht numerirt, ſo daß wir keine erſte Loge, ſondern nur eine zweite, und dazu noch eine Seitenloge bekommen haben. Sie begrei⸗ fen leicht, wie unangenehm dieß für mich ſein mußte, da ich die Frau und die Schweſter des Arztes ein⸗ geladen, der kürzlich meine Tochter behandelt hat. Ich hatte Ihnen ja vorher geſagt, daß es um ſeinet⸗ willen wäre. Ein anderes Mal ſagen Sie mir lie⸗ ber, es könne nicht ſein, als daß Sie mich in eine ſo lächerliche Stellung bringen: entweder wird dann nicht in's Theater gegangen, oder miethe ich ſelbſt eine Loge. „Ganz der Ihrige*n B.“ Ferner kann es vorkommen, daß man ein kleines Billet bekommt wie das nachſtehende: „Mein lieber Freund! „Sie haben mich geſtern um ein Logenbillet ge⸗ beten, das Sie an zwei junge Männer und an zwei Fre Vo⸗ gele Thi Pa ten ſchl gege Wa Sie nur rech man ſind ſtelln weld den Frer mit imm Zuſa einge Ja, ſen, durch haben ander der zelde e ich chickt e ich rfen. dem einen undte 3 wir dazu grei⸗ ußte, ein⸗ hat. einet⸗ r lie⸗ eine dann ſelbſt 4 eines et ge⸗ zwei 93 Frauenzimmer verſchenkt haben, welche während der Vorſtellung an Einem fort gegeſſen, getrunken und gelacht haben. Jeden Augenblick machten ſie die Thüre auf, und zwar mit ſolchem Geräuſch, daß das Parterre zu wiederholten Malen ihnen Stille gebo⸗ ten hat. Nicht genug damit: ſie haben das Stück ſchlecht gefunden und ſind mitten im letzten Act weg⸗ gegangen. Künftig muß ich Sie bitten, bei der Wahl Ihrer Leute vorſichtiger zu Werk zu gehen; Sie wiſſen, daß ich Ihnen nie ein Billet abſchlage, nur halte ich darauf, daß meine Billets auch an die rechten Perſonen kommen. „Seien Sie mir tauſend Mal gegrüßt.“ Man wird glauben, es ſeien die Leute, denen man Freibillets gibt, wenigſtens dankbar? Aber das ſind ſie keineswegs. Der verehrte Leſer braucht bei jeder erſten Vor⸗ ſtellung nur auf die Loge zu ſehen: ſtets ſind die, welche ſich zuletzt füllen, geſchenkte. Man blicke nach den Sperrſitzen hin: ſtets ſind die, welche plaudern, Freunde oder Bekannte des Autors mit Freibillets; mit einem Worte, man ſehe hin, wohin man will, immer wird man, wenn Miene und Haltung eines Zuſchauers Einem nicht gefallen, kühn eine Wette eingehen dürfen, daß er ſeinen Platz nicht bezahlt habe. Ja, ja, die Leute, welche die Stücke durchfallen laſ⸗ ſen, die Leute, welche Schuld ſind, daß dieſelben durchfallen, ſind Freunde. Sie kennen das Süjet, haben den Proben angewohnt, ſtellen ſich neben ein⸗ ander hin, ſchwatzen, und applaudiren um Alles in der Welt nicht. Wird der Erfolg zweifelhaft, ſo entfernen ſie ſich, anſtatt zu bleiben, um das Stück zu unterſtützen; und fragt man ſie, warum ſie nicht aushalten, ſo antworten ſie Einem: „Es fällt das Stück durch, ich hatte es voraus⸗ geſehen; ein ſolches Schauſpiel iſt für mich allzu peinlich, und darum mag ich nicht länger bleiben.“ Bei der erſten Vorſtellung der Königin Mar⸗ got waren in der Loge meines Vaters bloß Freunde; dieſe aber machten ſo viel Lärm, daß das Parterre ihnen zwei Mal Ruhe geboten hat. Wie man alſo ſieht, ſo iſt die Stellung desjenigen, der einem Andern ein Freibillet verſprochen, peinlich, ermüdend und gefährlich zugleich. Ein Theaterbillet wird nicht als ein kaufmänni⸗ ſcher Werth betrachtet. Es gibt Leute, und zwar nicht wenige, denen das Stück Papier, welches ihnen das Recht gibt, ein literariſches Werk von einer guten Loge aus umſonſt ſpielen zu ſehen, keine zehn Sous repräſentirt. Solche Leute wiſſen nicht, daß ſie, ſo oft ſie ein Logenbillet verlangen, um ein Stück zu ſehen, das Glück macht, je nach Umſtänden vom Di⸗ rector dreißig, vierzig oder fünfzig Franken ver⸗ langen. Nie werde ich vergeſſen, was mir mit einem Juwelier vom Palais⸗Royal paſſirt iſt. Er hatte einige Juwelen an mich verkauft und trat eines Morgens in meine Wohnung: „Mein Herr,“ ſprach er mit einer ſalbungsvollen Miene, die er nie gehabt, wenn er Geld von mir verlangte,„ich möchte Sie um einen Dienſt bitten, den Sie mir erweiſen können.“ 7 Waa 7 Ich: gewir auf.“ preiſ Stück nicht raus⸗ allzu ſen.“ Mar⸗ unde; rterre nigen, inlich, änni⸗ zwar ihnen guten Sous ie, ſo ick zu n Di⸗ ver⸗ einem hatte eines vollen n mir itten, 95 Zuvor wird es gut ſein, dem verehrten Leſer zu ſagen, daß der fragliche Juwelier ein Millionär iſt. „Laſſen Sie einmal hören,“ ſprach ich zu dem anne. „Die Sache iſt die: es iſt einer meiner Ver⸗ wandten mit ſeiner Frau in Paris, und da möchte er nun auch in's Theater gehen. Hätten Sie auf heute Abend eine Loge für mich?“ „In welchem Theater?“ „Im Variétés⸗Theater.“ „Warum miethen Sie denn aber eine ſolche Loge nicht?“ „Ah! Sehen Sie, wir Leute, die wir im Handel ſind, können nicht nur ſo zwanzig bis fünfundzwanzig Franken einem Theaterſtück zu lieb hinauswerfen, während Sie, der Sie die Directoren kennen...“ „Sie ſind Juwelier, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Nun denn! Geben Sie einem Kunden eine Waare, um die er feilſcht, wenn Sie dabei zehn Franken verlieren ſollen?“ „Gewiß nicht.“ „Nie?“ „Nie.“ „Wenn er Ihnen aber den Preis ſchlägt, den die Waare Ihnen ſelbſt koſtet, wie dann?“ „Dann bekommt er die Waare ebenſo wenig. ch muß wenigſtens fünfzehn bis zwanzig Procent Kinnen⸗ wo nicht, ſo gebe ich lieber den Handel u. „Sie ſagen ihm alſo rundweg, daß er zu ſolchem Preiſe die Waare nicht bekomme.“ g q „Rundweg.“ „Gut! Warum wollen Sie dann aber, daß der Director des Variétés⸗Theaters, der Sie doch nicht kennt, Ihnen eine Loge gebe? Gibt er ſie Ihnen und verlangt er morgen von Ihnen ein Juwel von gleichem Werthe, ſo werden Sie letzteres ihm wohl auch ſchenken. Oder nicht?“ 3 „Ohl es iſt das nicht daſſelbe.“ „Im Gegentheil, es iſt genau daſſelbe.“ Der Juwelier zuckte die Achſeln. „Es ſind alle Ihre Bijouterien quotirt, nicht wahr?“ fragte ich ihn. „Ja.“ „Es kommt kein Artikel zu Ihrem Laden hinaus, es ſei denn daß Sie den Preis dafür erhalten, den Sie ihm einmal gegeben,— nicht den er werth iſt.“ „Gewiß.“ „Wohlan! Es iſt das Variétés⸗Theater jeden Abend gepfropft voll. Jede Loge repräſentirt ein zu fünfundzwanzig Franken quotirtes Juwel, und ver⸗ lange ich eine Loge und gibt man mir ſie, ſo iſt es gerade ſo, als ob ich dem Theater fünfundzwanzig Franken ſtähle.“ „Ohl es werden nicht alle Logen vermiethet.“ „Ich muß Ihnen wiederholen, daß die Déjazet ſpielt, ſowie daß das Theater jeden Abend gepfropft poll iſt.“ „Aber es wird den Director nicht umbringen, wenn er Ihnen eine Loge gibt.“ „„Aber eine Ausgabe von fünfundzwanzig Franken ruinirt Sie nicht.“ Fre aß der hnicht Ihnen el von wohl nicht inaus, , den ) iſt.“ jeden ein zu d ver⸗ iſt es vanzig et.“ éjazet fropft ingen, anken für heute Abend?“ 97 „Aber es wird uns ſehr ſchwer, fünfundzwanzig Franken zu verdienen.“ „Dem Director nicht minder.“ „Wir haben gar große Koſten.“ „Der Director nicht minder.“ „Kurz, es wäre mir gar lieb geweſen, wenn meine Schwägerin die Déjazet ſehen könnte, die ſie noch nie geſehen.“ „Miethen Sie eine Loge. Sie können ja Ihrer Schwägerin zu lieb dieſes Opfer wohl bringen.“ „Meiner Treu, nein. Können Sie mir dann aber wenigſtens nicht in einem andern Theater eine Loge geben? Es kommt mir nicht darauf an, welches Theater es iſt.“ „Nein, in dieſem Augenblick iſt mir das unmöglich.“ „Meine Schwägerin wird deßhalb recht verdrieß⸗ lich ſein. Es iſt alſo unmöglich?“ „Unmöglich.“ „Leben Sie wohl und entſchuldigen Sie dieſe Störung.“ „Leben Sie wohl.“ Es gibt auch Leute, die zu Einem kommen und ſagen! „Guten Tag, lieber Freund.“ „Guten Tag.“ „Hoffentlich wohl?“ „Vollkommen. Und Sie?“ „Es könnte nicht beſſer gehen. Ei! ſagen Sie doch, ich hätte Sie um Etwas zu bitten.“ „Sprechen Sie.“ „Können Sie mir eine Loge geben, aber nicht Duma s8, Novellen. I. 7 98 „Wann denn?“ „In zehn Tagen. Aber Sie verſtehen, es muß die Loge eine gute ſein; ſie iſt für...“ „Schon gut, ſchon gut, kenne das.“ „Nun? Können Sie mir verſchaffen, was ich wünſche?“ „Ohne Anſtand.“ „Line Loge für ſechs Perſonen, he? „Auf der erſten Galerie?“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Frontloge?“ „Ich werde dafür ſorgen.“ „Sie verſprechen mir eine ſolche?“ „Zählen Sie darauf.“ „Denn ſehen Sie, ich möchte lieber es jetzt gleich wiſſen, wenn es Ihnen unmöglich wäre.“ „Ich ſage Ihnen, Sie bekommen, was Sie wünſchen.“ „Vortrefflich. Und wie befindet ſich Ihr lieber Vater.“ „Immer ganz wohl.“ „Um ſo beſſer! um ſo beſſer! Die Sache iſt alſo abgemacht. Heute haben wir Donnerstag, das Billet aber muß ich von Samstag über acht Tage haben. Samstag über acht Tage haben wir den und den.. Der wie vielte iſt heute?“ „Der dritte.“ „Freitag alſo der vierte.“ Und nun zählt mein Mann das Datum an den Fingern ab. „Ich brauche das Billet alſo den zwölften, Sams⸗ 3 muß as ich gleich 8 Sie lieber ſt alſo Billet haben. den.. in den Sams⸗ 99 tag den zwölften: vergeſſen Sie es ja nicht. Doch halt! ich will es Ihnen aufſchreiben: es iſt das ſicherer. Haben Sie vielleicht ein Stück Papier?“ „Nehmen Sie dieſes.“ Und er ſagte laut, was er ſchrieb: „Eine gute Frontloge auf der erſten Galerie für ſechs Perſonen, auf Samstag den zwölften für Mrrrrrr. Sehen Sie, Beſter, ich ſtecke das an Ihren Spiegel, damit Sie es ja nicht vergeſſen. So oft Sie ſich raſiren, werden Sie an mich denken müſſen: ich zähle auf Sie. Und nun ſchiebe ich mich, weil ich Ihnen nicht länger zur Laſt fallen mag. Alſo Samstag.“ „Samstag.“ Tags darauf bekommt man einen Brief, der alſo lautet: „Mein Beſter! „Ich habe die Perſon geſprochen, welche mich um das Logenbillet gebeten, das Sie geſtern ſo gütig geweſen, mir zu verſprechen. Sie dankt Ihnen beſtens für Ihre Güte, und zählen wir immer noch auf Sie.“ Man begegnet dem Individuum auf der Straße oder ſonſt wo. „Nicht wahr, Sie vergeſſen meine Loge nicht?“ ſpricht er. „Seien Sie ohne Sorge.“ 4„Sehen Sie, wenn ich die Loge nicht bekäme, ſo wäre ich in der allergrößten Verlegenheit. Ich ſpeiſe an jenem Tage bei der fraglichen Perſon. Werden Sie mir das Billet ſchicken?“ „Ich werde es ſchicken.“ 100 „Tags zuvor?“ 44 / d. „Gut! Sehen Sie, wenn man ſein Billet ſchon Tags zuvor hat, ſo iſt man ſeiner Sache gewiß.“ „Seien Sie ganz ruhig, Sie bekommen das Billet.“ „Leben Sie wohl, lieber Freund.“ Tags zuvor aber bekommt man durch die Poſt in aller Frühe ein Billet, alſo lautend: „Sie wiſſen, daß ich das Billet heute erwarte; ver⸗ geſſen Sie alſo die Sache nicht. Eine Frontloge auf der erſten Galerie, für ſechs Perſonen. „Ganz der Ihrige.“ Man holt das Billet und ſchickt es dem Betref⸗ fenden. Beim Nachhauſekommen aber trifft man dieſen an. „Das Billet liegt ſchon in Ihrem Hauſe,“ ſagt man zu ihm. „Ah! vortrefflich. Ich fürchtete, daß es Ihnen unbequem ſein möchte, mir es zu ſchicken: darum bin ich hergekommen. Da es aber in meinem Hauſe liegt, ſo iſt es ſchon gut. Durch wen haben Sie mir es geſchickt?“ „Durch einen Eckenſteher.“ „Haben Sie ihm ſeinen Gang ſchon bezahlt?“ „Nein, denn ich fürchtete, daß er, wenn ich ihn vorausbezahlte, den Brief nicht beſorgen möchte.“ „Sie haben wohl daran gethan. Was muß ich dem Mann geben?“ „Was Sie wollen.“ „Zehn Sous. Wird das wohl genug ſein?“ „Gewiß.“ der zun alle der lend den ein. man Apat denſe hat. ſeine ihn f der hat, vor gleich in di Dinge die m ſich ſe Jahre ſeinen er den und m die eh⸗ ſchon iß.“ n das e Poſt ; ver⸗ ge auf ge 4 Betref⸗ man ſagt Ihnen darum vor ſeinen Augen producirt. 101 „So danke ich Ihnen denn. Auf baldiges Wie⸗ derſehen.“ Was ich hier erzähle, iſt mir buchſtäblich ſchon zum Oeftern paſſirt. Was ließe ſich dieſem etwa noch beifügen? Eine ganz einfache Geſchichte, die, ſo wahr wie alles Uebrige, hoffentlich Alle, die mich leſen, von der übeln Gewohnheit, Freibillets zu verlangen, vol⸗ lends curiren wird. Eines Morgens trat einer meiner Claßkameraden, den ich nur höchſt ſelten ſah, in mein Zimmer her⸗ ein. Es war einer jener trefflichen Menſchen, denen man nichts Anderes vorwerfen kann als eine große Apathie,— eine Apathie, woraus weder eine Lei⸗ denſchaft noch ein Kummer je ſie zu reißen vermocht der ſich zwar amüſiren kann, vor Allem aber Luſt hat, über dem Schauſpiele einzuſchlafen, das ſich gleichen Anblick, die gleiche Färbung dar. Er war in die Welt eingetreten, ohne über Menſchen und Dinge die abgeſchmackten Theorien zu haben, welche die meiſten jungen Leute von Andern annehmen oder ſich ſelbſt ſchmieden. In einem Alter von zwanzig t, neben ſeinen Eltern noch etwas zu lieben. Und da hatte Enthuſiasmus, und mithin auch frei von aller Täuſchung, ſo daß die ehrerbietige Liebe zu den Seinigen ſich unverſehrt ei ihm erhalten, und daß er, welche Geliebte er 10²2 immer haben mochte, ſeine Abreiſe nie auch nur um vierundzwanzig Stunden hinausgeſchoben hatte, wenn von ſeinen, die Provinz bewohnenden Eltern eine Aufforderung an ihn ergangen war, einige Wochen bei ihnen zuzubringen. Kurz, er war eine, allen guten Gefühlen zugängliche, für jede Leidenſchaft aber unzugänglich ſcheinende Natur. Er glich jenen blauen Seen, die durch ihre Berge gegen alle allzu kalten Winde, ſowie gegen Stürme geſchützt ſind,— jenen Seen, die einen ewigen Azur widerſpiegeln und denen von den kleinen Wölkchen, welche zuweilen über ihren Spiegel hinziehen und weiter weg ſich mit Blitzen und Regen ſchwängern, keine Spur bleibt. Stets ſah man Camill— ſo hieß unſer junger Mann— mit großer Freude wieder. Man war ſtets gewiß, daß an ſeinen Beſuch nur eine gute Er⸗ innerung ſich knüpfen würde. Er war nicht ohne Mutterwitz; indeſſen machte er von demſelben nie Gebrauch, um Jemand anzugreifen oder auch nur ſich zu vertheidigen, da es Niemand einfiel, ihn an⸗ zugreifen. Seine Converſation hatte etwas Sanftes und Wohlwollendes. Kurz, er war ein vortrefflicher Kamerad, von dem man vielleicht, eben um ſeines le⸗ thargiſchen Weſens willen, nie verlangen durfte, daß er Einem ein Freund in der Noth ſei. Indeſſen hatte dieſe Trägheit der Eindrücke bei ihm ſich keineswegs bis auf den Geiſt erſtreckt; ja, es waͤre ſogar ſchwer geweſen, ein Mann ſeines Al⸗ ters zu finden, der Camill's Wiſſen beſeſſen hätte. Alles, was die Weisheit und Philoſophie derer, die nicht mehr ſind, die, welche da ſind, lehren kann, ur um wenn n eine Vochen allen nſchaft jenen allzu d,— iegeln veilen g ſich Spur unger war e Er⸗ ohne nie )nur an⸗ nftes licher s le⸗ daß 2 bei ja, Al⸗ ätte. die ann, 103 das wußte Camill. Die abſtracten Wiſſenſchaften waren die einzigen Dinge, wofür er ſich bis daher mehr begeiſtert hatte, und Niemand verſtand es beſſer als er, das Große in der Natur und Welt zu ana⸗ lyſiren. Er hatte auch Lavater geleſen und zwar ſo, daß er ihn auswendig kannte. Hatte er einen Menſchen zehn Minuten lang vor ſich gehabt, ſo kannte er ihn in⸗ und auswendig, und ſagte Einem haarklein, was an demſelben war. Er wußte gar wohl, daß dieſe oder jene Geſichtslinie dieſer oder jener Empfindung der Seele entſpricht; er war mit Urſprung, Religion, Politik und Tendenz der ölker vertraut; mit einem Worte, er beſaß in höch⸗ ſtem Grade jene geometriſche Wiſſenſchaft der Wir⸗ kungen und Urſachen, die durch beharrliche Unter⸗ ſuchung der Vergangenheit, ſowie durch das Leſen der großen Philoſophen ſich erwerben läßt; ich war jedoch feſt üͤberzeugt, daß dieſe großen und ſchönen Theorien, welche mit ſo vieler Geduld aufgehäuft worden, vor dem einfachen Blicke eines geliebten Weibes in ihrer vollen Unmacht dageſtanden wären, wenn Camill es möglich gefunden hätte, ein Frauen⸗ zimmer ernſtlich zu lieben. Wir wiſſen, daß das ihm noch nicht paſſirt war; ich meinerſeits aber weiß ferner, daß das Studium der großen moraliſchen und philoſophiſchen Fragen bei ihm eine gewiſſe Verachtung jenes vulgären Zeit⸗ vertreibs hervorgerufen hatte, den man Liebe zu nennen pflegt. Es däuchte ihm, es dehne die Wiſ⸗ ſenſchaft ihren Kreis fortwährend aus, und es ver⸗ engere dieſelbe ihn auf keinen Fall bis zu dem Grade, daß ihre Auserwählten ſich mit den ſo höchſt gering⸗ im die⸗ nit den ähnen, unbe⸗ ben ſo 3 eine es Ge⸗ Frage twort ck die lichen gen? ie ſie thier, das hat, nmt, der die nmt ittel und ner ſie ne teer t; t, 105 das kümmert ſie wenig! Wiſſen ſie doch, zu welchem Zwecke die Natur es geſchaffen, durch welche Mittel mehr verlangen ſie nicht. Sie ſchreiben ſehr weitſchichtige, ſehr dicke, ſehr gelehrte dem Worte der Zukunft mit vieler Mühe einen Buchſtaben bei. Andern überlaſſen ſie Welt, die im Weibe lebt, und jene Wiſſenſchaft der daß er dem Weibe bloß eine ſchrieben hätte, ſondern ging noch ſo weit, daß er in ihr auch einen Zeitvertreib erblickte; noch nie aber war ihm der Gedanke gekommen, daß man Alles auf dieſer Welt vergeſſen könne um eines dieſer hantome willen, wovon höchſtens zwei oder drei ſeine Nächte bevölkert hatten. So war alſo Camill, als er in mein Zimmer hereintrat. „Ich bot ihm freundſchaftlichſt die Hand, da es mich wirklich freute, ihn zu ſehen. Cami fragte ihn, ob er mit mir frühſtücken wolle, und er antwortete mir, daß er m 106 indem er nichts zu thun habe. Ich dankte ihm für dieſe Art Auszeichnung, die er mir zu Theil werden ließ, und während er, nachläſſig in einem Lehnſeſſel liegend, eine Cigarre anzündete, die er mit aller Gemächlichkeit rauchte, ſtellte ich über Geſundheit und Lebensweiſe wenige Fragen an ihn— Fragen, die er mit der ihn charakteriſirenden Gleichgültigkeit beantwortete. Hätte ich nicht geſprochen, ſo hätte er allmählig nur noch an's Rauchen gedacht und wäre, uneinge⸗ denk, daß wir einander ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen, und daß er mich beſuchte, ein paar Stun⸗ den in der gleichen Stellung und in demſelben Schweigen verharrt, worauf er eine zweite Cigarre angezündet und ſich damit begnügt hätte, mir Lebe⸗ wohl zu ſagen. Schon vielmal hatte er mich alſo beſucht, und hatte ich zu arbeiten, ſo hatte ich in meiner Arbeit fortfahren können, ohne zu gewahren, daß Jemand um mich war. An dem fraglichen Tage aber ging es mir wie ihm, das heißt, ich hatte nichts zu thun und war zum Plaudern aufgelegt, ſomit mußte Camill nach meiner Pfeife tanzen. „Nun, was gibt es Neues, mein lieber Camill?“ fragte ich ihn. „Nichts.“ „Was haſt du gethan, ſeitdem ich dich nicht mehr geſehen?“ „Nicht viel.“ „ene Eltern ſind doch wohl?“ 1 a. 7 „Und wie ſteht es mit der Wiſſenſchaft?“ Jo gle me m für verden nſeſſel aller ndheit ragen, tigkeit rählig einge⸗ mehr Stun⸗ ſelben garre Lebe⸗ halſo ch in ihren, Tage hatte elegt, nill?“ nicht 107 „Nicht ſo übel. Ah! daß ich's nicht vergeſſe! Ich wollte dich um Etwas bitten.“ „Um was denn?“ „Um ein Theaterbillet.“ „Für welches Theater?“ „Für welches du willſt: es gilt mir das völlig gleich. Kannſt du mir eines geben?“ „Ein Logenbillet?“ „Ja.“ „Iſt es für dich?“ „Für mich und eine Dame,“ gab Camill nach⸗ läſſig zurück.„Sie will von mir durchaus in's Theater geführt ſein, und da habe ich denn gedacht, daß ich dieſe Ausgabe erſparen könnte, wenn ich dich um ein Freibillet bäte.“ „Es ſoll dein Wille geſchehen. Aber ſag' mir: führſt du denn jetzt Damen in's Theater?“ „Es iſt dieß das erſte Mal.“ „In der Regel gehſt du alſo allein hin?“ „Ich? ich gehe nie hin.“ „Wo bringſt du denn deine Abende zu?“ „Entweder ſtudire ich, oder bin ich bei einem meiner Freunde.“ „Und bei dieſer Dame?“ „Ahl das kommt höchſt ſelten vor.“ „Alſo nicht hübſch?“ „Doch, doch.“ „Oder nicht frei?“ „Vollkommen frei.“ „Warum gehſt du denn aber nicht öfter hin?“ „Weil das mich langweilen würde.“ „Was thut ſie dann aber?“ 108 „Meiner Treu! darüber kann ich dir keinen Aufſchluß geben.“ „Da muß ſie kein ſehr luſtiges Leben führen.“ „Ohl ich beſuche ſie wöchentlich ein paar Mal.“ Ich konnte mich nicht enthalten, über die Art und Weiſe zu lachen, wie Camill dieſe Phraſe be⸗ tonte; man hätte glauben können, es ſeien dieſe paar Beſuche der höchſte Grad von Aufmerkſamkeit, deſſen er fähig ſei. „Du ſollſt eine Loge haben,“ ſprach ich zu ihm. Er aber fuhr fort zu rauchen und ſich in ein undurchdringliches Schweigen zu hüllen. Gleichwohl hätte ich ungemein gern Näheres über dieſes Liebesverhältniß erfahren, um endlich zu wiſſen, wie Camill in einem Alter von vierundzwan⸗ zig Jahren die Liebe auffaßte. „Wo haſt du dieſe Dame kennen gelernt?“ fragte ich ihn. „In einer Geſellſchaft.“ „Schon lange?“* „Wie ich glaube, vor einem Jahre.“ „Und ſeitdem biſt du ihr Liebhaber?“ „Seit elf Monaten.“ „Du haſt ihr alſo nur einen Monat lang den Hof gemacht?“ „Ich habe ihr nie den Hof gemacht, ſondern bloß Beſuche, die ſie in ihrer Weiſe gedeutet; und eines Tags hat ſie mich überzeugt, daß ich in ſie und ſie in mich verliebt ſei, und ſeit jenem Tage bin ich ihr Liebhaber.“ „Und du liebſt ſie?“ „Ja; ſie iſt ein recht gutes Weibsbild.“ Ind war ich ſo uns hob den derl ſche einen n.“ tal.“ Art 2 be⸗ dieſe nkeit, ihm. m ein heres hh zu wan⸗ ragte den dern und 1 ſie Tage 109 „Und das ‚Weibsbild’ liebt dich?“ „Wie es ſcheint.“ „Du biſt doch ein glücklicher Kerl.“ „Puh!“ „Iſt ſie verheirathet?“ „Ja; allein ſie lebt von ihrem Manne getrennt.“ „Reich?“ „Ja. „Brünett oder blond?“ „Ahl was das betrifft, ſo weiß ich es nicht. Indeſſen glaube ich, daß ſie eine Brünette iſt. Aber warum fragſt du mich denn alles das?“ „Weil ich wiſſen wollte, ob du verliebt biſt.“ t„Ohl lieber Freund, der Tag iſt noch fern, wo ich mich wirklich verliebe.“ „Nur nicht darauf geſchworen!“ „Im Gegentheil: wenn ich Alles ſo gewiß wüßte, ſo ſtünde es gut.“ Jetzt ſervirte man das Frühſtück, worauf wir uns zu Tiſche ſetzten. „Ich glaube, daß ich nicht mehr lange hier bin,“ hob Camill wieder an, indem er ſeine Cigarre auf den Kaminſims legte und ſeine Serviette auseinan⸗ derlegte. „Und wo gehſt du denn hin?“ „In meine Heimath, zu meinen Eltern. Es ſcheint, daß ſie mir eine Frau geben wollen.“ „Weißt du, wen du heirathen ſollſt?“ „Nein.“ „Und du heiratheſt?“ „Warum denn nicht?“ 110 „Aber deine Geliebte? Die wird ſich entſetzlich grämen, wenn ſie dich wirklich liebt.“ „Ohl die hat ja ſchon einen Mann!“ „Aber ſie hatte ihn ſchon, ehe ſie dich kennen lernte.“ „Was thut das? Sie kann ſich wohl denken, daß ich früher oder ſpäter heirathe.“. „Du haſt ihr nichts von der Sache geſagt?“ „Ich habe noch nicht daran gedacht. Soll ich es ihr ſagen?“ „Ja; wart' indeſſen bis zum letzten Augenblick.“ „Das räthſt du mir, nicht wahr?“ „Gewiß.“ „Dieſer Meinung war auch ich.“ „Du heiratheſt alſo nicht ungern?“ „Warum ſollte ich nicht gern heirathen?“ „Ohne Furcht?“ „Welche Furcht ſoll ich denn haben?“ „Daß deine Frau möglicher Weiſe dich nicht liebt.“ „Bah! was liegt mir daran?“ „Fürchteſt du auch nicht, daß ſie dir untreu werde?“ „Bah! bah! was liegt mir daran? Mein lieber Freund, ſieh! ſo lange ich Bücher und Cigarren habe, ſchere ich mich wenig um das Uebrige.“ Ich brauche dem Leſer die Converſation, die ich mit Camill hatte, nicht weiter zu erzählen, um ihm zu zeigen, was er von deſſen Charakter zu halten hat. Nach dem Frühſtück ſtiegen wir mit einander in ein Cabriolet, und ich fuhr in's Theater N. N., und bat um ein Logenbillet, das man mir gab, und 2 das ſein bis wie The beſc mei ſen Auf Auc gra tete Ein Har der hab hätt ihn wec zu Log Fee wo den den auff was paſſ tlich nnen nken, l ich lick.“ nicht ntreu lieber arren ie ich ihm dalten ander 4. N., „und 111 das ich Camill zuſtellte, der mir verſprach, mich vor ſeiner Abreiſe noch zu beſuchen. Ich begleitete ihn bis an die Thüre ſeiner Geliebten. Dann ging ich wieder nach Hauſe, feſt entſchloſſen, am Abend in's Theater zu gehen, um zu ſehen, wie die arme Frau beſchaffen wäre, die vielleicht die Thorheit beging, meinen Freund zu lieben. Ich muß geſtehen, daß ſie ein allerliebſtes We⸗ ſen war; meine Lorgnette aber gab mir folgende Aufſchlüſſe: Sie war brünett, hatte blaue, überaus ſanfte Augen, eine leicht aufgeſtülpte Naſe, einen mittleren, graziöſen und mit wunderſchönen Zähnen ausgeſtat⸗ teten Mund, war ſchmächtig, mit überaus eleganter Einfachheit gekleidet und ließ jeden Augenblick ihre Hand auf der Camill's ruhen, der, im Hintergrund der Loge ſitzend, nicht wenig Luſt zum Schlafen zu haben ſchien und ſicherlich ſchon längſt geſchlafen hätte, wenn ſeine Geliebte, ſo oft ſie ſich umwandte, ihn nicht durch einen bittenden Blick wieder aufge⸗ weckt hätte. Endlich ſchien mein Freund ſich in ſein Schickſal zu ergeben, und hörte, ſich in den Vordergrund der Loge ſetzend, das Stück an, das ein recht amüſantes Feenſtück war. Es trat ſogar ein Augenblick ein, wo er an dem, was er ſah, Gefallen zu finden ſchien; denn zu wiederholten Malen nahm er aus den Hän⸗ den ſeiner ſchönen Nachbarin die Lorgnette und fixirte aufmerkſam die Schauſpieler und Schauſpielerinnen, was ihm offenbar in ſeinem ganzen Leben noch nicht paſſirt war. Von meiner Prüfung befriedigt, ging ich heim 112 und legte mich zu Bette. Am andern Tag erſchien Camill abermals bei mir. Er dankte mir für das Freibillet, das ich ihm Tags zuvor gegeben. Er ſchien mir ziemlich verändert. Offenbar ging ihm etwas im Kopfe herum, was er mir jeden Augen⸗ blick ſagen wollte und was doch nie über ſeine Lippen kommen konnte. Gewiß war in dem Leben meines Freundes eine neue Phaſe eingetreten, und unzweifelhaft mußte ich erfahren, was ihm war, da der wackere Burſche an Verſtellung nicht gewöhnt war. „Was thuſt du heute Abend?“ machte er endlich. „Willſt du mit mir in's Theater gehen?“ „Recht gern; aber in welches?“ „In das Theater, wo ich geſtern geweſen bin.“ Und während Camill alſo ſprach, getraute er ſich nicht, mir in's Geſicht zu blicken. „Es hat das Stück dich alſo amüſirt?“ fragte ich ihn. 2 „Ja.“ „Aber ich glaubte große Schlafluſt bei dir zu bemerken.“ „Biſt du denn auch dort geweſen?“ „Einen Augenblick.“ „In der That, der Anfang hat mich nur wenig intereſſirt, um ſo mehr aber das Ende. Weißt du auch, daß die Inſcenirung eine wahrhaft prachtvolle iſt?“ „Das iſt wahr.“ „Ich, der ich ſo wenig in's Theater gehe, bin von dieſem Schauſtück ganz bezaubert geweſen.“ „Noch nie habe ich dich ſo begeiſtert geſehen; es kann das als eine vollſtändige Bekehrung gelten.“ 113 „Aber daß ich's nicht vergeſſe, gehſt du heute Abend mit mir?“ „Mit vielem Vergnügen.“ „Ich hätte eigentlich einer Vorleſung im Athe⸗ näum anwohnen ſollen, aber wir wollen heute Vor⸗ leſung. Vorleſung ſein laſſen. Es blieb alſo dabei?“ Ja 2 /* „Um ſieben Uhr werde ich vor dem Theater auf dich warten.“ „Du wirſt mich dort finden.“ „Zähl' auf mich.“ Ich wußte in der That nicht, welche Deutung ich der Sache geben ſollte. Bisher hatte Camill alle dramatiſche Literatur verachtet und nun paſſionirte er ſich gerade für eines jener Stücke, die literariſch ſo nieder ſtehen. Offenbar lag dieſem wiederholten Theaterbeſuche eine andere Urſache zu Grunde. Ich nahm mir vor, Camill ſcharf zu beobachten und ſein Geheimniß zu errathen, wenn er es nicht vorzog, mir es zu ſagen. Zu der angegebenen Stunde fand ich mich vor dem Theater ein. Was meinen Freund betrifft, ſo wartete er ſchon lange. Sein Anzug hatte etwas ungewöhnlich Sorgfältiges. Was in aller Welt mochte dahinter ſtecken? Er nahm an der Kaſſe ein Billet, worauf wir in den Saal traten. Da ich freie Entrée hatte, ſo nahm ich neben ihm Platz. Eben ging der Vorhang in die Höhe. Wäh⸗ rend der erſten Tableau's war Camill ziemlich zer⸗ ſtreut, bald aber kam eine Scene, wo ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſich auf die Bühne heftete, ſo zwar, Dumas, Novellen I. 8 114 daß er auch nicht ein Wort von dem, was ich ſagte, hörte.. Beide Elbogen auf das Hintertheil des Sperr⸗ ſitzes ſtützend, der ſich vor dem ſeinigen befand, und mit beiden Händen ſeine Lorgnette haltend, fixirte er mit größter Aufmerkſamkeit die Perſonen, die in dieſem Augenblick ſpielten. Nun aber waren der Spielenden nur zwei: ein Mann und eine Frau. Was den Mann betrifft, ſo hatte er ſich ſo alt ge⸗ ſchminkt, daß er zum Entſetzen war; die Frau da⸗ gegen war wunderhübſch. Camill beäugelte die letz⸗ tere: darüber konnte kein Zweifel obwalten. „Was ſchauſt du denn ſo an, Freund?“ ſprach ich, und ſtieß ihn zugleich an den Arm, da er mich ſonſt nicht gehört hätte. „Das Frauenzimmer, das eben ſpielt.“ „Wie! Sollte etwa dieſes Säugethier dir ge⸗ fallen?“ Camill ſah, daß ich auf ſeine Weibertheorien anſpielte, und brachte ſeufzend die Worte hervor: „Es iſt dieſes Frauenzimmer wunderſchön.“ Nun muß ich dem Leſer ſagen, daß das Coſtüm, welches die Schauſpielerin trug, über die Schönheit und Eleganz ihrer Formen keinen Zweifel übrig laſſen konnte. Sie ſpielte die Rolle einer Nymphe, ſo daß ihr Unterröckchen kaum ihre Knie erreichte; bei der geringſten Bewegung aber, die ſie machte, wurde dieſes Unterröckchen faſt unnütz und ließ Dinge ſehen, die es verbergen ſollte. Die Beine waren feſt und ſchön gerundet, die Füße ſchmal, kurz und gewölbt. Ein fleiſchfarbener Tricot bedeckte den oberen Theil des Körpers und 115 ließ, gleich dem Unterröckchen, Alles bloß, was nicht durchaus verſchleiert zu werden brauchte. Dieſer Tricot zeichnete eine geſchmeidige Taille und drückte Formen zuſammen, die, einem doppelten Marmor⸗ block ähnlich, bereit ſchienen, die ſchwache Schutz⸗ wehr, die man ihnen entgegenſtellte, zu ſprengen. Was die Arme betrifft, ſo waren ſie nach denen der antiken Juno modellirt, während die Hände von wahrhaft königlicher Feinheit waren. Man gebe dieſem Körper ferner einen wunderſchönen Kopf mit rabenſchwarzen Haaren, worin Blumen und grüne Blätter verſchlungen ſind; man gebe ferner dieſem Kopfe ein graziöſes Oval, zwei feuerſprühende Sterne, ſchwarze, den Glanz der Augen noch erhöhende Brauen, eine feine und gerade Naſe, einen feuchten und herausfordernden Mund, der, ähnlich einem Schmuckkäſtchen, ein unvergleichliches Perlencollier halb ſehen läßt, ſo hat man das Porträt der Nymphe, welche Camill ſo aufmerkſam fixirte. Sie ſpielte ihre Rolle recht graziös und ſchien ihres Coſtüms ſich nicht im Mindeſten zu ſchämen. „Welch ſchönes Mädchen!“ wiederholte mein Freund, als die Nymphe abgetreten war. „Nicht wahr, das iſt mindeſtens ebenſo viel werth als eine Vorleſung im Athenäum oder auf dem Obſervatorium? Und hätteſt du, als du zum erſten Mal ein Teleſkop in die Hand genommen, ge⸗ ſchaut, was deine Lorgnette dir eben enthüllt hat, ſo wäreſt du vielleicht öfter in's Theater und minder oft in dein Athenäum gegangen.“ „Welch unglaubliches Geſchöpf! Welche Reinheit der Linien! Welche Feinheit der Umriſſe!“ hörte Camill nicht auf zu ſagen. „Sag' mir doch, biſt du dieſem Frauenzimmer zu lieb heute Abend hierhergekommen? Sollteſt du in ſie verliebt ſein?“ rief ich in einem Tone, der zur Folge hatte, daß einige meiner Nachbarn ſich um⸗ wandten. 3 „Gewiß nicht,“ gab Camill erröthend zurück;„du weißt wohl, daß ich nicht der Menſch bin, mich alſo zu verlieben; indeſſen geſtehe ich, daß es mir Spaß gemacht hat, dieſes Mädchen noch ein Mal zu ſehen. Ich habe, meiner Treu! noch nichts ſo Schönes ge⸗ funden; ich bewundere bloß, liebe aber nicht. Ich komme als Künſtler, nicht als Liebhaber. Man geht wohl einer ſchönen Statue zu lieb dahin oder dort⸗ hin, ich denke alſo, man werde auch einem ſchönen Frauenzimmer zu lieb noch einen Gang machen dürfen.“ „Welche Umwandlung ſeit geſtern! Mit ſolchen Augen ſiehſt du jetzt alſo die Weiber an, die du jüngſt noch Reproductionsmödel, Weſen nannteſt, welche die Beſtimmung hätten, einen providentiellen Endzweck zu erfüllen und andere Weſen zu er⸗ zeugen!“ Camill antwortete keine Sylbe. „Ich wette, du biſt nur ihr zu lieb hierherge⸗ kommen,“ ſuhr ich fort. „Ich mag es nicht leugnen, Herzensbruder.“ „Nun ſie aber abgetreten iſt, können wir füglich gehen.“ „Nein, ſie erſcheint im letzten Acte noch ein Mal,“ 117 „Weißt du, was geſchehen wird, mein lieber Camill?“ „Sprich.“ „Du wirſt dich in dieſes Frauenzimmer leiden⸗ ſchaftlich verlieben.“ 5 „In Armande?“ „Wie, du weißt ſchon ihren Namen?“ „Ja. Die Zeitung hat mir ihn geſagt.“ „So!l Und weißt du auch ihre Adreſſe?“ „Wozu?“ „Um ſie zu beſuchen, oder um ihr zu ſchreiben.“ „Du biſt verrückt. Würdeſt du mich beſſer ken⸗ nen, ſo würdeſt du auch nicht eine Minute lang einer ſolchen Vermuthung Raum geben.“ „Ich, der ich glaubte, du hätteſt geſtern ge⸗ ſchlafen!“ „Man hat mich gerade bei der Scene aufgeweckt, in der Armande ſpielte.“ „Das war geſcheid.“ „Was willſt du denn damit ſagen?“ „Nichts. Ich will dieſes Mädchen von hier aus ſehen, weil es mich amüſirt, ſie zu ſehen: das iſt Alles.“. Camill blieb, bis Armande ihr letztes Wort ge⸗ ſprochen hatte; dann hatte das Schauſpiel keinen Reiz mehr für ihn, und wir entfernten uns. Er begleitete mich bis an meine Thüre, ohne mir zu ſagen, wann ich ihn wieder ſehen würde; zugleich bemühte er ſich, nicht weiter mit mir von der Sache zu ſprechen, die offenbar ſein ganzes Denken be⸗ herrſchte. Tags darauf rechnete ich faſt auf ſeinen Beſuch. Er kam aber nicht. Am Abend ging ich in's Thea⸗ ter und bemerkte Camill, wie er an's Orcheſter her⸗ angeſchlichen kam und ſeine Nymphe mit einem Ge⸗ fühle unbeſchreiblicher Glückſeligkeit lorgnettirte. Ohne Zweifel war er verliebt, denn es bedurfte bei ihm einer vollſtändigen Umwandlung, um ihn drei Mal hinter einander in's Theater zu bringen. Dann war mir das Geheimniß, in das er dieſen dritten Beſuch vor mir gehüllt, Beweis genug, daß in ihm etwas vorging, was er nicht zu geſtehen wagte. Ich kannte Armande nicht, aber ich wünſchte doch diejenige gerne in der Nähe zu ſehen, welche zuerſt das Herz meines kalten Freundes ſo heftig ſchlagen machte. Ohne daher Camill zu ſagen, daß ich ihn geſehen, begab ich mich in die Couliſſen, und ging in den Foyer der Schauſpieler. Es war gerade während der Scenen, die zwiſchen den beiden Tab⸗ leau's ſpielten, worin Armande zu thun hatte, ſo daß ich ſie im Foyer ſitzend traf. Sie hatte einen wunderſchönen Strauß in der Hand, aus dem ſie jedem ihrer Kameraden einige Blumen gab. Obgleich ſie mich nicht kannte, ſo kam ſie doch, als ſie mich hereintreten ſah, auf mich zu und gab mir gleich den übrigen einige Blumen. „Wo zum Henker haſt du dieſe Blumen alle her?“ ſprach ein dicker Kerl zu ihr, der die Rolle des Atlas ſpielte, auf einer Bank ſich hin⸗ und her⸗ wiegte und dabei ſeinen weißen Bart von gehechel⸗ tem Flachs an die Decke hinauf warf. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Armande, die, vor dem Spiegel ſitzend, zwiſchen ihre Bruſt und Thea⸗ her⸗ Ge⸗ Ohne i ihm Mal war zeſuch etwas nſchte velche heftig „daß „und erade Tab⸗ o daß n der einige kam ich zu alle Rolle her⸗ echel⸗ die, und 119 ihren Tricot eine Roſe ſteckte, von der ſie etliche Blätter herausſchauen ließ. „Du weißt es nicht!“ verſetzte der Flußgott, der ſich für den Augenblick auf ſeine Urne geſetzt hatte. „Ich weiß es ſchlechterdings nicht, ich ſage es noch ein Mal. Man hat mir heute dieſen Strauß gebracht, und ich habe ihn angenommen.“ „War nicht noch etwas dabei?“ „Doch, ein Brief.“ „Laß ihn doch ſehen.“ „Nein.“ „Warum denn nicht?“ „Weil er dich nichts angeht. Ich verlange ja auch nicht von dir, daß du mir die Briefe zeigeſt, welche die Frauen an dich ſchreiben, von denen du Sträuße bekommſt.“ „Es iſt alſo ein Geheimniß,“ verſetzte Atlas, gleich ſeinen Kameraden über dieſe Zurechtweiſung lachend, die ihm galt. „Es iſt ein Geheimniß für Jedermann, und ſo⸗ gar für mich ſelbſt.“ „Wie ſo das?“ „Der Brief war nicht unterſchrieben.“ „Ein weiterer Grund alſo, uns ſeinen Inhalt mitzutheilen.“ „Wohlan! Es ſtand darin Folgendes: „Madame...“ „Er glaubt dich verheirathet,“ unterbrach Atlas. „Er hält mich eben für keine Jungfer mehr, ſonſt nichts.“ „Und daran thut er recht,“ ſprach mit heiſerer 0 Stimme ein Apollo, der, ſo mager wie ein Stock, eine Höhe von ſechs Fuß zu haben ſchien. „Ohl die Stimme!“ riefen ſämmtliche Schauſpie⸗ ler.„Wo haſt du denn dieſen Schnupfen her?“ „Er wird wohl im vergangenen Jahre feuchte Füße gehabt haben,“ lachte Armande und ließ dabei ſämmtliche Perlen ihres Mundes ſehen. Dieſer Einfall wurde lebhaft beklatſcht; indeſſen kam Atlas auf ſeine urſprüngliche Idee zurück und verlangte den Inhalt des Briefes zu erfahren. „Sie unterbrechen mich,“ machte Armande. „Still alſo!“ „Madame,“ fuhr Armande fort,„einer Ihrer Anbeter ſchickt Ihnen dieſen Strauß. Sie können ihn ohne Anſtand annehmen; der, von dem Sie ihn bekommen, wird ſich dadurch zu keinem Schritte be⸗ rechtigt glauben, der Ihnen unangenehm ſein könnte; er bittet Sie nur um Eines, nämlich darum, daß Sie heute Abend, wenn Sie die Bühne betreten, eine dieſer Blumen in der Hand halten: es wird dieß ihm ein Beweis ſein, daß Sie ihm die Freiheit, die er ſich genommen, verzeihen, und ihm erlanben, dieſe Zuſendung zu erneuern.“ „Nicht übel,“ brummte Atlas. „Und haſt du gethan, wie man dich gebeten?“ fragte eine Dame, die bis daher geſchwiegen hatte. „Da ſieh her!“ verſetzte Armand, auf die Roſe deutend, die ſie eben an, ihren Buſen geſteckt. „Aber, liebe Freundin, da ſollteſt du ſie ja nicht hinthun.“ „Das iſt wahr, jedoch wird ſich mein Unbekann⸗ ter nicht darüber beklagen, und verſteht er ſich auf btock, ſpie⸗ ℳ uchte dabei eſſen und hrer nnen 2 ihn e be⸗ nnte; 3 Sie eine dieß t, die dieſe en?“ hatte. Roſe nicht kann⸗ h auf 121 Antworten, ſo wird ihm dieſe erwünſchter ſein. Und dann würde der Regiſſeur ſchön ſchreien, wenn ich etwas in der Hand hielte. Nicht wahr, Atlas, du würdeſt ſchreien, wenn ich auf der Bühne etwas in der Hand hielte, was mit meiner Rolle nicht verein⸗ bar iſt?“ Und die übermüthige Nymphe ſprang dem Re⸗ giſſeur, der bei den erſten Worten der Phraſe die Thüre aufgemacht hatte, auf den Rücken. „Der Vorhang geht ſchon auf,“ rief der Regiſſeur ſtatt aller Antwort.„Hinaus auf die Bühne, meine Damen!“ „Gut! faſt wäre ich zu ſpät gekommen,“ ſprach Armande und verſchwand, während ſie die Melodie des bekannten Jagdliedes: Ich lieb' und bin geliebt von einer Schönen, Ich liebe ſie, doch bin ich eiferſüchtig nicht, ſang. Und ſo trat ſie auf die Bühne. Was mich be⸗ trifft, ſo wußte ich jetzt, was ich wiſſen wollte, und wartete vor dem Theater auf meinen Freund Camill, feſt überzeugt, daß er nach dem Tableau, das man jetzt ſpielte, herauskommen würde. Meine Erwartung täuſchte mich nicht. Bald ſah ich ihn vor der Thüre, zu welcher die Schauſpieler herauskommen, auf⸗ und abſchreiten, wohl weil er Armande zu treffen hoffte. Hier redete ich ihn an. Er ſchien mich nicht allzu gern zu ſehen. „Wo kommſt du denn her?“ fragte ich. „Von Hauſe.“ „So? Und was machteſt du hier?“ 122 „Ich gehe ſpazieren.“ „Was mich betrifft, ſo komme ich aus den Cou⸗ liſſen dieſes Theaters.“ Hier ſchaute mich Camill an. „Und,“ fuhr ich fort,„ich habe mich dort recht amüſirt.“ „Warum?“ 3 „Weil Armande, die nämliche, die dich einen Augenblick erobert, recht drollig geworden iſt.“ Ich fühlte, wie Camill nur noch mit Mühe athmete. 3 „Was hat ſie denn gethan?“ ſtammelte er heraus. „Denk dir einmal,“ ſprach ich, meinen Freund widerſtandslos mit fortziehend,„denk dir einmal, es hat ein Herr ſie mit einer Epiſtel erfreut und ihr zugleich Blumen geſchickt, die ſie im Foyer ausge⸗ theilt hat, und wovon du hier ein Müſterchen ſiehſt.“ Ich zeigte ihm die Blumen, welche ich von Ar⸗ manden bekommen. „Ah!“ articulirte Camill mit Mühe.„Und ohne Zweifel hat ſie ſich über dieſen Herrn recht luſtig gemacht?“ „Keineswegs, da ſie eine Blume an den Buſen geſteckt hat, wie von ihr verlangt worden war.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Camill. „Das iſt wahr, ſagſt du? Biſt du denn auch in die Geſchichte eingeweiht?“ Camill erröthete, antwortete aber keine Sylbe. „Kurz und gut, du haſt einen Nebenbuhler, mein lieber Freund,“ ſprach ich endlich, um ihm ein volles Geſtändniß zu entlocken,„und zwar einen Nebenbuh⸗ Cou⸗ recht einen Mühe lte er Freund lal, es ad ihr ausge⸗ ſiehſt.“ on Ar⸗ d ohne luſtig Buſen r. 7 auch in zylbe. r, mein mvolles benbuh⸗ ler, der ſehr viele Ausſicht hat zu reüſſiren; denn es geht Armanden dieſer Strauß im Kopfe herum, und es möchte dieſelbe um Alles in der Welt den Mann kennen, von dem ſie ihn bekommen hat.“ Man frage die Eitelkeit der Menſchen und ſtets wird ſie antworten. Camill geſtand mir Alles, was ich bereits wußte, empfahl mir aber die ſtrengſte Verſchwiegenheit an. Nun wünſchte ich ihm zu dem Styl des von ihm geſchriebenen Briefes Glück, worauf er mir noch berichtete, daß er wohl zwanzig geſchrie⸗ ben, bis ihm dieſer gelungen. Ich ging nach Hauſe und dachte nicht mehr an ein Abenteuer, das für mich bloß eine vorhergeſehene Originalität hatte. Schon oft hatte ich junge Leute geſehen, welche die tiefſte Verachtung für die ge⸗ ſammte Damenwelt affectirten und ſogar hatten, und in weniger denn einem Tage in die erſte Beſte när⸗ riſch verliebt wurden. Camill beſuchte mich indeſſen regelmäßig und theilte mir den Stand der Dinge mit. Er hatte an Armande geſchrieben, und ſie um Erlaubniß gebeten, ihr einen Beſuch machen zu dür⸗ fen. Dieſe Erlaubniß hatte er erhalten, und er trat, ganz begeiſtert von ihrer Schönheit, ihrer Anmuth, ihrem Geiſte, zu mir herein. Endlich geſchah etwas, was ich wie das Uebrige leicht vorausgeſehen: Camill wurde Armandens Geliebter. Ganz triumphirend erſchien er eines Tages bei mir, um mir dieſes zu wiſſen zu thun und mich über die erſten Geſchenke zu Rathe zu ziehen, die er ſeiner Geliebten zu ſchicken gedachte. Wir gingen zu Ja⸗ niſſet, wo er kaufte, was er wollte. Und durfte man 124 ſeine Liebe nach den Summen beurtheilen, die er ausgab, ſo mußte ſie eine gar brennende ſein. Dieſes neue Verhältniß dauerte etwa vierzehn Tage. Da meldete man mir eines Morgens, daß eine verſchleierte Dame mich ſprechen wolle. Ich fragte nach dem Namen dieſer Dame; ſie hatte ihn nicht ſagen wollen, ſondern nur geantwortet, ſie komme im Auftrage Camill's. Ich ging in den Salon und fand wirklich eine verſchleierte Dame, die ich, trotz ihres Schleiers, ſogleich als die Frau erkannte, mit welcher Camill in der Loge war, die er einige Zeit vorher durch mich erhalten hatte. Ich hieß die Beſuchende Platz nehmen, und ohne ihr zu verſtehen zu geben, daß ich ſie kenne, fragte ich ſie, welchem Umſtande ich die Ehre ihres Beſuches zu verdanken hätte. Statt aller Antwort bedeckte die Frau die Augen mit ihrem Taſchentuche und brach in eine Thränen⸗ fluth aus. Ich wußte nicht, was ich thun ſollte. Gibt es auf dieſer Welt etwas Schwieriges, ſo iſt es gewiß das Geſchäft eines Tröſters. Ich zog es daher vor, meine Troſtgründe für mich zu behalten, und wartete, bis der erſte Thränenſtrom vorüber war. „Mein Herr,“ ſprach Camill's Geliebte, als ſie ſich wieder ein bischen gefaßt hatte,„Sie haben un⸗ willkürlich großes Unheil angeſtiftet— ein Unheil, das nur Sie allein wieder gut machen können.“ „Ich, Madame!“ rief ich. „Ja, mein Herr. Sie ſind es, der etwa vor einem Monat Camill ein Logenbillet gegeben.“ „Ich kann es nicht leugnen.“ „Ach, warum haben Sie das gethan!“ ſchriel ich bit troffen mehr, treffen thut, 1 hoffen. und zä Arme die er rzehn daß Ich e ihn „ ſie den Dame, Frau , die . Ich hr zu h ſie, es zu 125 Und es hob die arme Frau von Neuem zu wei⸗ nen an. „Madame, ich habe Camill das Logenbillet ge⸗ gegeben, weil er ein ſolches von mir verlangt hat, und täuſche ich mich nicht, ſo glaube ich ſogar, daß er Ihnen damit eine Freude machen wollte.“ „Ach! ja; hätte ich aber vorausſehen können, was jetzt geſchieht, ſo hätte ich ſicherlich nie einen ſolchen Wunſch ausgedrückt.“ „Was geſchieht denn aber, Madame?“ „Es geſchieht ſo viel, daß Camill an jenem Abende ſich für eine Schauſpielerin des Theaters, wo wir waren, für ein Fräulein Armande, paſſionirt hat, und daß ich ſeitdem, das heißt, ſeit einem vollen Monate, ihn nicht mehr geſehen. Ich habe ihm ge⸗ ſchrieben und er hat mir nicht einmal geantwortet; ich bin zu ihm gegangen, habe ihn aber nie ange⸗ troffen; mit einem Wort, Camill liebt mich nicht mehr, und ein größeres Unglück hätte mich nicht treffen können.“ „Sie nehmen die Sache doch ein bischen gar zu ernſt, Madame. Was bürgt Ihnen denn dafür, daß Camill, der von Natur für die Art Liebe, die Sie ihm vorwerfen, ſo ganz und gar unempfänglich iſt, dieſe Schauſpielerin wirklich liebt?“ „Ich weiß es. Sehen Sie, mein Herr, iſt eine Frau noch jung und nicht ganz häßlich, ſo finden ſich immer Leute, die ihr ſagen, was ihr Liebhaber thut, und durch ſolche Angeberei etwas zu gewinnen hoffen. Ich weiß Alles, ich ſage es Ihnen nochmals, und zähle nun ganz auf Sie, da Sie Camill in meine Arme zurückführen können. Sie kennen ihn, Sie vermögen viel über ihn: gehen Sie doch, ich be⸗ ſchwöre Sie, zu ihm und ſtellen Sie ihm vor, daß es mir das Leben koſtet, wenn er mich verläßt.“ Und neue Thränen ſchwellten die Augenlider der ſchönen Weinenden. „Ich hatte mein Leben ſo ganz Camill geweiht,“ hob ſie wieder an:„ich war einzig und allein darauf bedacht, ihn glücklich zu machen! Ich hatte auf die Welt verzichtet, hatte mich von den übrigen Menſchen iſolirt, um nur allein ihm zu leben, hatte meinen Charakter ſeinen indolenten Gewohnheiten angepaßt und hatte ſogar auf dieſe Indolenz gerechnet als auf eine Macht, die mir ihn erhalten ſollte, und nun paſſionirt er ſich plötzlich für ich weiß nicht welche Dirne, überläßt mich meinem Kummer und thut, als ob ich gar nicht mehr vorhanden wäre... Wann werden Sie ihn ſehen, mein Herr?“ „Heute noch, Madame.“ H g 2 „Sieufden zu ihm gehen? „Und ihm ſagen, daß ich bei Ihnen geweſen?“ „Gewiß.“ „Und ihm begreiflich machen, wie ſehr ich leide, und mir dann mittheilen, was er Ihnen geant⸗ wortet?“ „Es ſoll dieß auf der Stelle geſchehen.“ „Oh! Dank, tauſend Mal Dank! Glauben Sie an meine aufrichtigſte Dankbarkeit. Hier meine Adreſſe: Madame d'Harville, Straße... Ich er⸗ warte Sie vor fünf Uhr.“ „Zählen Sie auf mich, Madame.“ Frau von Harville ſtand auf, wiſchte ſich noch ein fall jetzt behe zu( eben zimn verm füllt ten j lag, läſſig Ciga 6 verfel herur en?“ eide, rant⸗ Sie neine ) er⸗ noch ſuchſt.“ 127 einmal die Augen ab, ließ ihren Schleier nieder⸗ fallen und ſprach, mir die Hand bietend: „Du mein Gott! Wenn ich bedenke, daß wir jetzt ſo glücklich wären, wenn Sie dieſes Logenbillet behalten hätten!“ Frau von Harxville entfernte ſich, ich aber eilte zu Camill. Ich erkannte die Wohnung meines Freundes eben ſo wenig wieder als ihn ſelbſt. Das Studir⸗ zimmer hatte ſich in ein modiſches Ankleidezimmer verwandelt, der Salon war mit Blumen ange⸗ füllt, die einfachen, wolldamaſtenen Vorhänge hat⸗ ten feierlichen, ſammtenen Platz gemacht, und Camill lag, von einem ſeidenen Schlafrock umhüllt, nach⸗ läſſig auf einer Cauſeuſe ausgeſtreckt, rauchte ſeine igarre, las den Charivari und ließ ſich friſiren. Einen Augenblick glaubte ich die rechte Thüre verfehlt zu haben. Da wandte Camill den Kopf herum und ſprach träge: „Ah! du biſt es, guten Morgen; nimm doch Platz.“ Ich that alſo. „s iſt recht ſchön von dir, daß du mich be⸗ „Ich habe etwas an dich auszurichten.“ „Ahl Und von wem denn?“ „Du ſollſt es erfahren, ſobald wir allein ſind.“ Einige Augenblicke darauf entfernte ſich der Fri⸗ ſeur; Camill aber fuhr ſich mit den Fingern durch die Haare, beſchaute ſich im Spiegel und ſprach, auf den Kaminſims geſtützt: „Sprich, lieber Freund, ich höre.“ Und nun erzählte ich ihm den Beſuch, den ich bekommen. „Ach! lieber Freund,“ ſprach Camill zu mir, „ich kann dir gar nicht ſagen, wie entſetzlich Frau von Harville mich langweilt: ſie ſchreibt mir Briefe auf Briefe. Was in aller Welt ſoll ich ihr antworten? Soll ich ihr ſagen, daß ich nun eine Andere liebe? Das geht doch wahrlich nicht an, und doch werde ich ihr zu lieb Armande nie ver⸗ laſſen: ſo viel ſteht feſt.“ „Du biſt alſo in Armande wirklich verliebt?“ „Ganz raſend, aber auch ſie betet mich an.“ „Du glaubſt das?“ „Nein, ich bin davon überzeugt.“ Es fing mein Freund an mich zu dauern. „Welche Veränderung!“ ſprach ich.„Nimmer⸗ mehr hätte ich geglaubt, daß ſo etwas möglich wäre.“ „Und doch lag dieß vollkommen in meiner Natur. Es galt bloß, das Frauenzimmer zu finden, das mich aufwecken konnte. Und dieſes Frauenzimmer habe ich jetzt gefunden, mein lieber Freund, ſo daß ich der glücklichſte Menſch auf Gottes Erde bin. Ah! wie danke ich dir nicht, daß du mir das⸗Logenbillet gegeben!“ „Ich möchte nicht darauf wetten, daß deine Dank⸗ barkeit lange Stand hält.“ „Armande iſt ein Engel.“ „Und deine Heirath?“ „Zum Henker mit ihr!“ „Was wird aber dein Vater dazu ſagen?“ „Alles, was er will! Habe ich doch glücklicher Weiſe nicht nach ihm zu fragen.“ me laſ Art Ah! enbillet Dank⸗ 44 ücklicher 129 „Schön. Was ſoll ich aber Frau von Harville antworten?“ „Was du immer willſt, nur ſoll ſie mir nicht mehr ſchreiben und nichts mehr von ſich hören laſſen.“ „Leb' wohl!“ „Du gehſt?“ „Ja.“ „Willſt du heute Abend nach dem Theater mit Armanden und mir ſoupiren?“ „Ich danke dir, es iſt mir unmöglich.“ „Nun, ſo leb' denn wohl.“ Camill begleitete mich bis an die Hausthüre und verſchwand dann, eine Vaudeville⸗Melodie trillernd, wieder im Hauſe. Was mich betrifft, ſo konnte ich mich von dem Staunen gar nicht erholen, das dieſe ſeltſame Metamorphoſe bei mir hervorrief. Ich eilte zu Frau von Harville, ohne recht zu wiſſen, was ich ihr ſagen ſollte. Ich fand ſie in einem aller⸗ liebſten, höchſt elegant möblirten Boudoir. Ich er⸗ zählte ihr das Vorgefallene, milderte jedoch Camill’s Antworten ſo viel wie möglich. „Gut!“ ſprach ſie;„ich weiß nun, was ich zu thun habe.“ Sie vergoß auch nicht eine Thräne. Es ſiegte das Gefühl der Würde über die Liebe. Als ich mich von Frau von Harville verabſchiedete, zeigte ſie all die Ruhe eines feſten, plötzlich gefaßten Enſchluſ⸗ ſes. Sie dankte mir für meine Bemühung und ent⸗ ſchuldigte ſich, daß ſie mir einen ſo unangenehmen Auftrag gegeben. Dann bot ſie mir ihr weißes Dumas, Novellen. I. 9 Händchen und lächelte dabei ſanft, worauf ich mich entfernte. Tags darauf bekam ich ein Paket, dem ein paar Zeilen beigeſchloſſen waren: Madame von Harville bat mich darin, das Paket Camill zuzuſtellen. Ich beſorgte den Auftrag. Es waren die Briefe, die mein Freund an ſeine ehemalige Geliebte geſchrieben; zugleich theilte dieſe demſelben mit, daß ſie Paris verlaſſe. Er warf die Briefe in's Feuer und rief:„Um ſo beſſer,“ als er die Abſicht der Frau von Harville vernahm. Ich war natürlich weit entfernt, Camill's Betragen zu billigen, und es hatte das unglückſelige Logenbillet, das ich ihm gegeben, zu unangenehme Folgen, als daß ich mich für die, welche ich noch ahnte, allzuſehr intereſſirt hätte. Ich kam daher, wie früher, mit meinem Schulkameraden gar nicht mehr zuſammen und ließ ihn durchaus machen, was er wollte.— So verſtrichen zwei Monate. Da bekam ich eines Morgens einen gar ſeltſamen Beſuch. Um ſieben Uhr trat ein Mann mit einem Brief von Camill zu mir herein. Der Brief aber lautete wie folgt: „Lieber Freund! „Ich bin wegen zehntauſend Franken Wechſel⸗ ſchulden, die ich nicht habe bezahlen können, verhaftet und nach Clichy geführt worden. Es wäre ein Pleonas⸗ mus, dieſe Summe von dir zu verlangen. Du kannſt mir aber einen Dienſt erweiſen, wenn du noch heute Abend nach Rouen gehſt, wo meine Eltern wohnen. Setz' ihnen meine Lage auseinander und übergib ihnen den beigeſchloſſenen Brief, ſonſt könnten ſie mich paar erville Ich , die leben; Paris „Um arville mill's kſelige nehme hnoch daher, nicht „was eines ſieben nill zu ech ſel⸗ hhaftet vonas⸗ kannſt heute ohnen. bergib en ſie 131 mich vielleicht laſſen, wo ich bin, unter dem Vor⸗ wande, daß mir eine kleine Lection heilſam ſei. „Reiſe noch heute ab und glaub' an meine Dankbarkeit.“ Ich that, wie ich gebeten worden. Tags darauf war ich bei Camill's Eltern, denen ich in möglichſt ſchonender Form die große Verlegen⸗ heit ihres Sohnes auseinanderſetzte. Sie gaben mir einen Brief an ihn, vergaßen es jedoch, mir zugleich Geld einzuhändigen. „Ein Unglück iſt immer zu etwas gut,“ ſprach Camill's Vater zu mir.„Nun mein Sohn hinter Thür und Riegel ſitzt, wird er nicht umhin können, auf meine Bedingungen einzugehen; wo nicht, ſo bleibt er, wo er iſt. Sagen Sie ihm das. Im Uebrigen ſteht alles dieß ſchon in meinem Briefe.“ Ich eilte auf der Stelle nach Paris zurück und ſuchte Camill zu Clichy auf. Die Alten hatten die ely⸗ ſäiſchen Felder als einen Ort der Wonne ausge⸗ dacht, unſere moderne Civiliſation dagegen hat ein Clichy erfunden, wogegen das Alterthum vergebens aufzukommen ſuchen wird. Es lebe der Genius der Neuzeit! Unglücklicher Weiſe dachte Camill an Armande, wogegen dieſe, wie es ſcheint, nicht allzu viel an Camill dachte; denn ſeit ſeiner Verhaftung hatte ſie ihn erſt ein Mal beſucht.— Ich ſtellte ihm den väterlichen Brief zu, worin mit dürren Worten ausgeſprochen war, daß die zehn⸗ tauſend Franken nur dann bezahlt werden würden, wenn er ſich mit ſeinem Ehrenworte verpflichtete, nach ſeiner Befreiung alsbald nach Rouen abzureiſen. d 132 Camill ging Alles ein, was man wollte, und ver⸗ ſprach ſeinem Vater auf's Beſtimmteſte, ſeinem Wil⸗ len nachzukommen; ich ſelbſt warf den Brief in den Schalter. Drei Tage darauf war Camill frei. Der ge⸗ neigte Leſer aber erräth ohne Mühe, daß Camill nicht alsbald zu ſeinem Vater, wohl aber zu Arman⸗ den eilte. Ich aber machte mir Vorwürfe über die Schritte, die ich in der Sache gethan, und hielt mich faſt ſolidariſch verbindlich für das Betragen meines Freundes. Aber es war dieß noch nicht Alles. Ganz be⸗ ſtürzt erſchien Camill in meiner Wohnung. „Lieber Freund,“ ſprach er beim Hereintreten, „du mußt mein Zeuge ſein.“ „Du willſt alſo heirathen?“ „Ach, was heirathen! Ich ſchlage mich.“ „Gut! Und mit wem denn?“ „Mit einem Herrn, den ich gar nicht kenne, und der mir eine Ohrfeige gegeben.“ „Wo?“ „Bei Armanden.“ „Aber wie hat ſich das ſo gefügt?“ „So höre: ich bin zu Armanden gegangen. Man hat mir zur Antwort gegeben, daß ſie nicht zu Hauſe ſei; ich aber wollte ſchlechterdings hineingehen, da ich wußte, daß ſie drinnen war. Nun iſt ein him⸗ mellanger Kerl mit einem unglaublichen Schnurrbart und in Hemdärmeln herausgekommen und hat mich in höchſt unverſchämtem Tone gefragt, was ich wolle. Natürlich habe ich ihm in gleichem Tone geantwortet, worauf er in der angegebenen Weiſe ſich an mir ver⸗ Wil⸗ n den r ge⸗ amill man⸗ er die mich eines 33 be⸗ reten, und Man Hauſe „ da him⸗ rbart mich volle. ortet, mir 133 vergriffen hat. Ich habe ihm meine Karte gegeben, und er mir die ſeinige. Hier iſt ſie: Herr von Saint⸗Alexis, Richelieu⸗Straße 92.“ „Ah! ihr Conferenzen auf dem Obſervatorium, wo ſeid ihr?“ rief ich. „Du ſiehſt ein,“ fuhr Camill fort,„daß die Sache unverweilt erledigt werden muß.“ „Es ſteht dir die Wahl der Waffe frei?“ „Natürlich.“ „Was für eine wählſt du?“ „Ach, daran liegt im Grunde wenig! Es ſind mir alle gleich fremd.“ „Schön! da wirſt du dich wie einen Haſen um⸗ bringen laſſen; es wird das recht amüſant ſein. Nimm den Degen, dann kannſt du deinem Gegner wenigſtens in den Stoß fallen. Sieht dein Herr von Saint⸗Alexis wie ein rechter Raufdegen aus?“ „Ja, er iſt groß und ſtark, und führt eine ſtolze, herausfordernde Sprache.“ „Wenn das iſt, ſo werde ich ihn vor einen Graben hinzuſtellen ſuchen, ſo daß er bei deiner erſten Finte hineinpurzelt. Kann die Sache in ſolcher Weiſe ausgehen, ſo dürfen wir von Glück ſagen. Haſt du einen zweiten Zeugen?“ „Ich kenne bloß Profeſſoren.“ „Wenn das iſt, ſo werde ich noch einen meiner Freunde beiziehen. Zähl' auf mich. Und dein Vater, der dich erwartet, um dir eine Frau zu geben! Wahrlich, es verſpricht die Sache recht drollig zu werden. Um wie viel Uhr wird dieſer Herr deine Zeugen empfangen?“ 3 „Heute noch, bis fünf Uhr.“ 134 „Bleib' hier. Ich bin in einem Augenblicke wieder da.“ Ich eilte zu einem meiner Freunde, dem ich die Geſchichte erzählte und den ich bat, mit mir gehen zu wollen. Wir begaben uns zu Herrn von Saint⸗ Alexis. Es war derſelbe ein großer, das heißt, großgewachſener Herr, der ſich recht böſe ſtellen wollte und uns in einem Appartement empfing, wel⸗ ches zwar ſehr reich war, aber einen Reichthum von höchſt zweifelhaftem Geſchmack entfaltete. Da die Sache ſo einfach war, ſo bedurfte es nicht erſt langer Unterhandlungen. Wir ſtellten es Herrn von Saint⸗Alexis frei, den Beleidigten um Verzeihung zu bitten, was er natürlich aber nicht thun konnte, ſo daß wir uns für ein Duell entſchie⸗ den. Es ſollte dieſes zwei Tage darauf Statt fin⸗ den, und zwar ſollte man ſich auf Degen ſchlagen. Herr von Saint⸗Alexis betrug ſich anſtändig genug, und ſo zogen wir uns denn zurück. Ville⸗d'Avray war das Terrain, wo der Tanz vor ſich gehen ſollte. Bald war ich wieder bei Camill, der an Armande einen höchſt pathetiſchen Brief ſchrieb, welchen er jedoch auf mein Andringen wieder zerriß; und nachdem ich ihm mitgetheilt, was beiderſeitig ausgemacht worden, führte ich ihn zu Griſier. Ich hätte geglaubt aus der Miene und aus den Manieren des Herrn von Alexis ſchließen zu dürfen, daß er kein ſehr gefährlicher Gegner ſein könne, und dieſe Wahrnehmung theilte ich meinem Freund Camill mit, der im Uebrigen ein ſehr beherzter, und, weil er die Gefahr nicht kannte, ſogar doppelt beherzter Burſche war. Er übte ſich bei Griſier, ſo viel er blicke h die gehen haint⸗ heißt, tellen wel⸗ von te es n es num nicht ſchie⸗ fin⸗ en. indig Tanz mill, dieb, rriß; ſeitig den rfen, dieſe amill weil rzter el er 13⁵ konnte, und zwei Tage darauf, Morgens ſieben Uhr, waren wir zu Ville⸗d'Avray. Ich hatte mich nicht geirrt. Herr von Saint⸗ Alexis war nicht ſehr beherzt und ſchien ſich ebenſo wenig behaglich zu fühlen, als er den Degen in die Hand nahm; ſchon aus der Art und Weiſe aber, wie Camill ſich in's Lager ſetzte, erſah er, daß er es mit einem Schüler zu thun habe. Dieß machte ihn wieder ein bischen kaltblütiger. Was Camill betrifft, ſo parirte und ſtieß er auf eine wahrhaft unglaub⸗ liche Weiſe nach. Erebediente ſich dann ſeines De⸗ gens wie eines Stockes, ſchlug damit Räder, lief und ſprang bald dahin, bald dorthin, und ſetzte ſich jeden Augenblick der Gefahr aus, von ſeinem Geg⸗ ner durchbohrt zu werden. Es war dieß zwar un⸗ geſchickt, aber auch in hohem Grade gefährlich, und ſo mußte denn Herr von Saint⸗Alexis ſich möglichſt defenſiv verhalten. Ein ſolches Duell war ziemlich luſtig mitanzu⸗ ſehen, und ſchon ſah ich halb und halb, daß wir das Vergnügen haben würden, dieſe Herren eine gute halbe Stunde ſich herumpauken zu ſehen, ohne daß dem einen und dem andern das geringſte Leid widerführe. Herr von Saint⸗Alexis fing an, ſich immer weniger ſicher zu fühlen und parirte eben im⸗ mer und ewig die Stöße Camill's, ſo gut er eben konnte. Bei einer dieſer Paraden touchirte er ziem⸗ lich ſtark ſeinen Gegner, der, als er ſein Hemd von Blut geröthet ſah, auf ihn losſtürzte und dabei den Degen nach Art einer Lanze hielt. Camill hatte drei Zoll Eiſen in der Schulter 136 ſtecken, während Herrn von Saint⸗Alexis der Schen⸗ kel durchſtochen wurde. Dieß genügte, und es war das, was man Ehre zu nennen pflegt, befriedigt. Wir trugen die Ver⸗ wundeten weg, und nun ſingen die Compreſſen an. Da Camill'’s Vater nicht wußte, warum ſein Sohn ſo beharrlich ſchwieg, ſo kam er nach Paris und fand ihn im Bette, und mich als Krankenwärter. Man ging auf die Urſache des Streites zurück und entdeckte ſie endlich in der Loge, die ich dem Ver⸗ wundeten gegeben. Es machte dieſes Duell kein geringes Aufſehen. Das ganze Obſervatorium gerieth in Aufruhr. Ich galt für den Mann, der einen jungen Gelehrten verdorben. Camill's Mutter kam ebenfalls, um ihren kranken Sohn zu pflegen. Als ſie erfuhr, daß ich ihm das Logenbillet, welches an allem Un⸗ glück Schuld geweſen, gegeben, bedeutete ſie ihrem Sohne, daß ſie mich ſchlechterdings nicht mehr in ſeiner Nähe ſehen wolle. Ddie Familie des Mädchens, welches Camill hatte heirathen ſollen, nahm ihr Wort zurück unter dem Vorwande, daß ſie ihr einziges Kind nimmermehr einem Raufbolde gebe, der in den Couliſſen ſich herumtreibe und für Theaterprinzeſſinnen ſich ſchlage. Was den Vater betrifft, ſo gab er Camill, als er ſolches vernahm, ſeinen väterlichen Fluch; mein Freund aber ging unter die Spahis, als er ſich von Armanden verlaſſen, von Frau von Harville ver⸗ geſſen, von ſeinem Vater verflucht und von den Ge⸗ lehrten verachtet ſah. Vor noch nicht langer Zeit war ich zu Blidah, Sã hab ein mei Wü Jah Lieu Obe nant ſpäte Gerr läng du lauſe ren teren hätte führe ſchen⸗ Ehre Ver⸗ n an. ſein Paris ärter. und Ver⸗ ehen. Ich hrten um fuhr, Un⸗ hrem dr in hatte dem nehr ſich lage. s er nein von ver⸗ Ge⸗ dah, 137 da trat ein großer, junger Mann von bräunlichem Teint, mit hakenförmigem Schnurrbart und mit einer Narbe, die wehrgehenkartig über ſein Geſicht her⸗ ging, auf mich zu und ſprach: „Kennſt du mich noch?“ „Ganz und gar nicht.“ „Ich bin Camill.“ „Du... Sie.. du!“ „Ja, ich ſelbſt.“ „Aber ſag' mir, wo haſt du denn den garſtigen Säbelhieb her, der dein Geſicht ſchmückt?“ „Mein Lieber, es iſt nun ein Jahr, daß ich ihn habe. Ich habe dafür das Kreuz der Chrenlegion eingetauſcht und habe es nun bis zum Oberwacht⸗ meiſter gebracht.“ „Ich wünſche dir herzlich Glück zu deiner neuen Würde; aber ſage mir, gefällt es dir auch hier?“ „Nicht allzu ſehr; aber ſieh, in einem halben Jahr kann ich Unterlieutenant ſein, in einem Jahr Lieutenant, in zwei Jahren Rittmeiſter, in ſechs Oberſt, in acht Generalmajor, in zehn Generallieute⸗ nant, in zwölf franzöſiſcher Reichsmarſchall, und ſpäter vielleicht noch Vicekönig von Afrika, wenn das Gerücht wahr ſpricht, daß Marſchall Bügeaud nicht länger bleiben wolle.“ „Ach! Du armer Camill, wer hätte wohl, als du den Worten eines Arago und eines Flourens lauſchteſt, und die aſtronomiſchen Theorien des erſte⸗ ren eben ſo verſchlangeſt wie die Theorien des letz⸗ teren über die Färbung der Hühnerknochen,— wer hätte da wohl gedacht, daß alles dieß dich dahin führen würde, wo du jetzt biſt?“ „Es beweist dieß nur Eines, mein Lieber,“ er⸗ widerte Camill, an ſeinem Schnurrbarte drehend, und mir eine gewaltige Tabakswolke in's Geſicht treibend,„daß nämlich die Theorien in allen Stücken gut ſein mögen, nur nicht bei Weibern.“ Armande ſpielt immer noch Nymphenrollen; Frau von Harville hat ſich wieder verheirathet; Camill's Vater ſpricht mit höchſter Begeiſterung von ſeines Sohnes Muth, und endlich hat das meinem Freunde beſtimmt geweſene Mädchen Herrn von Saint⸗Alexis geheirathet. So paſſiren Dinge, die Anfangs unmöglich ſchienen. Und alles das, weil ich Camill eine Loge ge⸗ geben. hatt hüb von heif Grangette. Francis, mein Held, war vierundzwanzig und hatte braune Augen, ſchwarze Haare, weiße Zähne, hübſche Hände und kleine Füße, bei einer Größe von 1 Meter 60 Centimeter, wie es in den Päſſen heißt, oder 5 Fuß 6 Zoll, wie wir uns im gemeinen Leben auszudrücken pflegen. Er trug weite Kleider, die ihm eine Art burſchikoſer Eleganz verliehen, rauchte die theuerſten Cigarren und zog immer nur einen Handſchuh an, indem er den andern in der Hand, womit er den Stock hielt, zu zerknittern pflegte. So war in phyſiſcher Beziehung der Menſch beſchaffen, den alle Welt kannte, ſo erſchien er Jedem, der ihm auf der Straße begegnete. Was ſeine moraliſche Seite betrifft, ſo beſtand, wie im⸗ mer, ſo auch hier, eine offenbare Correlation zwiſchen ihr und der äußeren Erſcheinung. Bei ſeinen in⸗ timſten Freunden galt Francis für ein Original, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil er in Allem wahr war und als ſeiner durchaus un⸗ würdig gewiſſe kleine Heucheleien verſchmähte, von denen die ehrlichſten Leute von der Welt, ohne es 140 auch nur zu ahnen, einen Theil ihres Ichs ver⸗ ſchlingen laſſen. Mein Held lebte, wie er fühlte, und gehorchte einzig und allein ſeinen Eindrücken. Hätte er Luſt gehabt ein Verbrechen zu begehen, ſo hätte er es ſicherlich geſagt. Es ging die Welt ihren Gang, ohne daß er dabei etwas that; nicht daß er ein Egoiſt geweſen wäre, wohl aber war er total gleichgültig gegen Dinge, wobei er nicht nothwendig war. So oft er von ſeiner Mutter ſprach, bediente er ſich des Ausdruckes Mama, und es hatte dieſes kindliche Wort im Munde eines ſo großen Burſchen etwas unendlich Bezauberndes; es ſagte daſſelbe einfach, daß er ſie liebte, obgleich ſie eine kleine Rente beſaß, die er einſt erben ſollte. So oft er an dem Hauſe vorüberging, wo ſein Vater geſtorben war, nahm er den Hut ab, und beſchränkte ſich ſein ganzes baares Vermögen auf einen Sou, ſo früh⸗ ſtückte er ein Brödchen von einem Sou. Was ſeine Kameraden am Meiſten verwunderte, war, nicht daß er dieß that, ſondern daß er es ſagte. Es gibt Leute, die da glauben, man müſſe ſolche Dinge ge⸗ heim halten. Stets ließ er in ſeiner Thüre den Schlüſſel ſtecken, empfing die paar Gläubiger, die er hatte, und gab ihnen alles Geld, das er gerade be⸗ ſitzen mochte; im Uebrigen war er faſt gar nichts ſchuldig. Das Griechiſche verſtand er ſo gut wie ein alter Athener; dabei war er noch witzig, was ſeltener iſt, und ſchrieb für eine Wochenſchrift ar⸗ chäologiſche Artikel, wodurch er ſich allmonatlich an die achtzig Franken verdienen mochte. Das Eigen⸗ thümliche aber war, daß er den größten Theil dieſes einig wahr den Staꝛ Bild biete ver⸗ ühlte, ücken. n, ſo ihren aß er total endig te er dieſes eſchen ſſelbe Keine ft er orben ſein früh⸗ ſeine daß gibt e ge⸗ den ie er e be⸗ nichts wie was ar⸗ h an igen⸗ ieſes 141 Geldes nach Art eines flotten Herrn für Cigarren und Bücher ausgab, und zwar hatte er eine eigenthüm⸗ liche Schwäche für die Werke, welche die Bibliothek Charpentier bilden. Für die Frauen hegte er un⸗ begrenzte Achtung, und er hätte ſeine Mutter zu in⸗ ſultiren geglaubt, wenn er an ihnen gezweifelt hätte. Inſtrument ſpielte er keines; auch ſang er falſch. Will man nun ſeine geſellſchaftliche Stellung wiſſen, ſo kann ich dem verehrten Leſer auf der Stelle dienen. Francis war der Sohn eines Emi⸗ grirten, der den Bourbonen treu geblieben war und dabei ſein Vermögen eingebüßt hatte; von der Re⸗ ſtauration hatte er nichts verlangt, indem er, und wie wir glauben mit Recht, zu ſagen pflegte, es gebe Dienſte, die man ſich nicht zahlen laſſen dürfe, weil es nie möglich ſei, ſie theuer genug zu bezahlen. In der That, ſowohl der Vater als die Mutter des Emigrirten hatten auf dem Schaffot geendet, Herr von Maucroix aber, ihr Sohn, hätte ſich eines Ver⸗ mögens geſchämt, das er im elterlichen Blute auf⸗ geleſen. Er hatte alſo es vorgezogen, mit ſeinem Sohne und ſeiner Frau möglichſt einfach und obſeur zu leben. Der Baron von Maucroix aber hatte für die Entbehrungen, die er ſich auferlegte, doch auch einigen Erſatz gefunden. Die Baroneſſe war eine wahre Heilige, und was Francis betrifft, dem er den Grundſatz eingeprägt, daß ein Menſch immer im Stande ſein müßte, durch ſein Wiſſen und ſeine Bildung überhaupt dem Mißgeſchick die Stirn zu bieten, wie ungerecht dieſes immer ſein möchte, ſo 142 hatte er ſo fleißig gearbeitet, daß er einer der aus⸗ gezeichnetſten jungen Leute war, die man ſehen konnte. Er hatte in demſelben Hauſe, das ſeine Mutter bewohnte, zwei Zimmerchen; in der Regel ſpeiste er auch bei der Baroneſſe. Er erfreute ſich einer Rente von fünfzehnhundert Franken und verdiente ſich nebenbei mit vortrefflichen wiſſenſchaftlichen Artikeln Jahr aus Jahr ein an die tauſend Franken, die er ſcrupulös zu dem weiter oben angegebenen Zwecke verwendete, und durfte man nach ſeiner Güte, jenem charakteriſtiſchen Zeichen des Glückes, urtheilen, ſo lebte er auch vollkommen glücklich. Wir haben weiter oben geſagt, es habe Francis ſo gelebt, wie er fühlte. Es wird die Geſchichte, die wir nachſtehend erzählen, zur Genüge beweiſen, daß ful einzig und allein den Eingebungen ſeines Herzens olgte. Frau von Maucroix ging zuweilen in Geſell⸗ ſchaft, was für ſie aber mehr eine Pflicht alter freundſchaftlichen Beziehungen als ein wirkliches Vergnügen war. Stets war ſie dabei von ihrem Sohne begleitet, und nie iſt ein verliebter junger Held ſeiner Geliebten ſo ſclaviſch unterthan geweſen wie er ſeiner Mutter; ſetzen wir jedoch alsbald hinzu, daß das Joch ein ſanftes war. Während des Sommers pflegte die Baroneſſe ein paar Monate auf dem Schloſſe einer alten Dame zu verleben, die, eine Emigrationsgenoſſin, ſchlechterdings nicht ohne ſie leben konnte und ſie mit wahrhaft fürſtlicher Gaſtfreundſchaft erfreute,— eine Gaſtfreundſchaft, welche die Baroneſſe, trotzdem daß ſie gewohnt war, aus⸗ ſehen dutter Ste er Rente ſich rtikeln die er Zwecke jenem n, ſo rancis te, die „ daß erzens Geſell⸗ alter kliches ihrem junger eweſen lsbald ihrend Konate n, die, ohne ſtlicher ſchaft, t war, 143 nie mehr anzunehmen, als was ſie zurückgeben konnte, gleichwohl ſich gefallen ließ, weil dieſe alte Freun⸗ din, wäre ſie nicht auf einer Seite gelähmt geweſen, ihr Schloß verlaſſen hätte, um ſie in Paris zu be⸗ ſuchen. Sie war es daher, der ein Gefallen geſchah, wenn die Baroneſſe kam. Es verſteht ſich natürlich von ſelbſt, daß Francis gleichfalls immer mit einge⸗ laden war und daß die Freude der alten Marquiſe ſich verdoppelte, wenn der junge Mann mit ſeiner Mutter auf dem Schloſſe erſchien; indeſſen liebte Francis die Unabhängigkeit über Alles, und da die Freundſchaftsbande, welche ſchon ſeit langer Zeit zwiſchen ſeiner Mutter und ihrer Freundin beſtanden, für ihn nicht exiſtirten, ſo begnügte er ſich in der Regel damit, die Baroneſſe nach dem Schloſſe zu be⸗ gleiten, einige Tage dort zu verweilen und dann ſpäter ſie dort wieder abzuholen. „In ſolchen Zeiten führte dann Francis zu Paris ein Junggeſellenleben und begnügte ſich Morgens mit einem kleinen Brödchen, wenn er zu viele Ci⸗ garren oder Bände von der Bibliothek Charpentier gekauft hatte. „So nun, wie wir ihn hier zu malen geſucht haben, ging Francis im Monat März des vergange⸗ nen Jahres einmal aus. Es war nicht mehr weit von zwei Uhr. Es war wahres Märzwetter, das heißt, es ſchien bald die Sonne, und bald war der Himmel wieder umwölkt. Im Uebrigen ſchien das trockene Straßenpflaſter für lakirte Stiefeln wie ge⸗ macht; daher ging denn auch Francis zu Fuß aus, und trat zugleich bei ſeinem raſchen Gang laut auf. Francis ging immer raſch wie Einer, der Eile 144 hat. Das bloße Spazierengehen war für ihn der Gipfel der Lächerlichkeit. Und was gibt es in der That Alberneres als einen Menſchen, der ſich aus dem Spazierengehen ein Geſchäft macht? Wer habi⸗ tuell ſpazieren geht, bekennt eben damit, daß er weder einen Freund hat, zu dem er gehen kann, noch eine Geliebte, die er beſuchen darf, noch eine Pflicht, die ihm obliegt, noch eine Arbeit, die er zu verrich⸗ ten hat, noch Bücher, in denen er leſen kann; der bekennt, daß er eine Null iſt, daß Niemand ſich um ihn kümmert, und daß er ſich um Niemand kümmert; der bekennt endlich, daß ſein größtes Vergnügen darin beſteht, möglichſt viel Staub zu ſchlucken, unbekannte Menſchen an ſich vorübergehen zu ſehen und ſich un⸗ nöthigerweiſe zu ermüden. Solches thun alle die, welche nichts thun. Auf der Saints⸗Pèéres⸗Brücke begegnete Fran⸗ cis einem ſeiner Freunde, einem jener wackern Burſche, mit denen man ſtets vollkommen harmonirt und ſympathiſirt, die ſtets denken, wie man denkt, wenn man gut denkt, und Einem widerſprechen, wenn man ſchlecht denkt. Francis und ſein Freund aber dachten immer gleich. Gerhard wußte Stunde für Stunde und Wort für Wort, was ſein Herzensfreund that und dachte. Der Baron gab ihm von ſeinem Herzen Rechenſchaft, wie ein ehrlicher Kaſſier ſeinem Herrn von den ihm anvertrauten Geldern Rechen⸗ ſchaft gibt, das heißt, er verhehlte ihm auch nicht einen ſeiner Gedanken. Nicht als ob Gerhard es daran gelegen geweſen wäre, Maucroix zu beherr⸗ ſchen, nein, denn er that ein Gleiches, und es floß ihr beiderſeitiges Leben gleich harmoniſch dahin, ähn⸗ lich geln vocc Fan bei befin delie ſich gute Tail er d eines War man gen wund mach kaum geleg Kame ſchwo nem Naſe mund 1 geneie junge einan ihren ſtande kamer lich al Dun n der in der h aus habi⸗ daß er , noch Pflicht, errich⸗ n; der ſch um nmert; darin kannte ch un⸗ e die, Fran⸗ vackern monirt denkt, wenn d aber de für freund ſeinem ſeinem lechen⸗ nicht ard es beherr⸗ es floß ähn⸗ lich zwei Bächen, die, neben einander ſich fortſchlän⸗ gelnd, ihr Gemurmel vereinigen. Gerhard, als Ad⸗ vocat, als der Sohn eines reichen Mannes, und im Familienkreiſe lebend, war ſtets mit gutem Rathe bei der Hand. In welcher Lage man ſich immer befinden mochte— und war dieſelbe auch noch ſo delicat—, ſtets war man gewiß, mit allem Anſtand ſich aus derſelben herauszuwinden, wenn man ſeinem guten Rathe folgte. Klein, aber von wunderſchöner Taille, ein Weltmann, wenn es je einen gab, führte er die ſanfte, liebevolle, einſchmeichelnde Sprache eines Mannes, der viel unter Frauenzimmern lebt. War man zwei Tage mit ihm bekannt, ſo mußte man ſich über ſeine in allen Dingen überaus richti⸗ gen Gedanken ſowie über die feinen Bemerkungen wundern, zu deren Gegenſtand er die Menſchen zu machen pflegte. Vierunddreißig Jahre alt, ſchien er kaum erſt das ſieben⸗ oder achtundzwanzigſte zurück⸗ gelegt zu haben; im Uebrigen ein ganz charmanter Kamerad mit ſeinen großen blauen Augen, ſeinen ſchwarzen Haaren, ſeinem dünnen Schnurrbarte, ſei⸗ nem Backenbarte à⸗ Panglaise, ſeiner kerzengeraden Naſe und ſeinem roſigen und friſchen Frauenzimmer⸗ munde. Nach den hier gegebenen Einzelheiten wird der geneigte Leſer leicht begreifen, warum die beiden jungen Männer ſolche Freundſchaft und Liebe für einander hegten. Es war dieſe Freundſchaft aus ihren gegenſeitigen geſellſchaftlichen Beziehungen ent⸗ ſtanden und ſah vollkommen wie eine alte Schul⸗ kameradſchaft aus, das Alltägliche der letzteren natür⸗ lich abgerechnet. Dumas, Novellen. I. 10 146 „Ich wollte eben zu dir gehen,“ ſprach Gerhard zu Francis, indem er die Hand des letzteren er⸗ faßte. „Du wirſt mich jetzt wohl nicht zu Hauſe an⸗ treffen,“ lächelte der junge Mann. „Ich glaube es auch. Ich werde dann eben in deinem Viertel einen Beſuch machen.“ „Geh' lieber mit mir.“ 3 „Wohin gehſt du denn?“ „Zu der Gräfin.“ „Danke ſchön! Du würdeſt mich an der Thüre ſtehen laſſen.“ „Wenn du willſt, ſo gehſt du mit hinauf,“ ſprach Francis in einem Tone, der da ſagen wollte:„Du wirſt mir jedoch das Vergnügen machen, nicht mit hinaufzugehen. Du weißt, es hat die Gräfin dich ſehr gern.“ Mun leb' wohl, meine beſten Wünſche geleiten dich.“ „Ich danke dir; leb' wohl.“ „Wann ſehe ich dich wieder?“ „Frühſtücke doch morgen mit uns.“ „Meinetwegen; morgen alſo.“ Jetzt verließen ſich die beiden Freunde, um in entgegengeſetzter Richtung ihren Weg fortzuſetzen. Maucroix ging durch den Thorweg des Louvre, über⸗ ſchritt den Carrouſſelplatz, ſchlug die Rivoli⸗Straße und dann die Straße Caſtiglione ein, wo er in das Haus Numero 10 trat. Er ging zwei Treppen hin⸗ auf und läutete an einer mit grünem Sammt be⸗ ſchlagenen Doppelthüre, die geräuſchlos ſich öffnete und hinter den Beſuchern ſich ſchloß. —05— mer hätte der l / J Felder Amor lunger ſie mi gemeit fen un Fenſte vorhät Dama Spiege gächſiſch voller! Bijoute Kleinig Frauen weißen ſammen der dur faſt gan eerhard en er⸗ ſe an⸗ ben in Thüre ſprach „Du ht mit n dich eleiten im in ſetzen. über⸗ Straße n das n hin⸗ it be⸗ ffnete 147 Es erſchien ein Domeſtike in ſchwarzer Livrée. Francis warf ſeinen Paletot auf die im Vorzim⸗ mer ſtehende Bank, und ohne daß er nöthig gehabt hätte, dem Diener ſeinen Namen zu ſagen, öffnete der letztere die Thüre des Boudoirs und ſagte: „Der Herr Baron von Maucroix.“ Francis trat in dieſes Boudoir, deſſen weiße, in Felder mit reichen Verzierungen abgetheilte Wand Amorgruppen zeigte. In den manierirteſten Stel⸗ lungen erluſtigten ſich dieſe Liebesgötter; auch ſpielten ſie mit Dingen, die mit ihrer Function ſo gar nichts gemein hatten, nämlich mit Helmen, Panzern, Waf⸗ fen und Fahnen aller Art. Das Licht, welches das Fenſter hereindringen ließ, war durch große Spitzen⸗ vorhänge, ſowie durch andere von blauem, indiſchem Damaſt verſchleiert; auf letzteren waren große Blumen von etwas ſanfterem Ton angebracht. Vor dem Fenſter eine Jardinière von Roſenholz, getragen von ſchweren, vergoldeten Karyatiden und mit allerlei Blumen überladen. Dem Kamine gegen⸗ über, über dem Canapé, eine hohe Etagère von ver⸗ goldetem Holz à la Louis XV., deren Fond ein Spiegel einnahm, und deren kleine Niſchen voller ſächſiſchen Statuetten, Biscuits und Schmelzarbeiten, voller kryſtallenen Caſſoletten, voller alterthümlichen Bijouterien, Paſtillenſchächtelchen und derlei ruinöſen Kleinigkeiten waren, denen die Liebhaberei eines Frauenzimmers ſo viel Werth verleiht. Auf dem weißen Teppich mit ſeinen durch allerlei Bänder zu⸗ ſammengehaltenen Blumenſträußen— einem Teppich, der durch die Cauſenſen, die Stühle und Lehnſeſſel aſt ganz verdeckt war— lief, ſchweifwedelnd und 148 unaufhörlich knurrend, ein ſchwarzer engliſcher Hund mit langhaarigen Ohren hin und her, und trat jeden Augenblick auf die lange Seide, die an ſeinem theuren Leibe herabhing. Zu jeder Seite des Kamines, das von den gleichen Vorhängen⸗ umhüllt war wie das Fenſter, und worin in dieſem Augen⸗ blicke ein wohlgenährtes Winterfeuer loderte, erhoben ſich zwei koloſſale chineſiſche Vaſen, bunte Seladone, in deren jedem man hätte ein Kind verſtecken können, und worin die Gräfin die unnützen Briefe warf, die ſie bekam. Als Francis in dieſes Boudoir trat, ſaß Adeline in ihrem gewohnten Lehnſeſſel in einiger Entfernung vom Feuer, wobei ſie dem Lichte den Rücken zukehrte und ſich mit Hülfe eines geſtickten Schirmes vor der Hitze ſchützte, welche der Feuerherd ausſpie. Ihr gegenüber ſaß ein dicker, kahlköpfiger Herr, der ihr nun ſeit vollen drei Jahren den Hof machte und ſeit einer Stunde bei ihr war, mit andern Worten, der ſie ſeit drei Jahren und einer Stunde langweilte. Sechsundzwanzig Jahre, ſchön, reich, Wittwe, groß, ſchmächtig, elegant und mit einer hinreichenden Doſis Mutterwitz begabt: ſo war Adeline mit ihren blonden Haaren à la Sévigné, ihren blauen Augen, ihren roſigen Nüſtern, ihren weißen Zähnen, ihren langen, weißen und ſchmalen Madonnahänden, ihren kleinen, nach Art ihrer Hände gebauten Füßchen, ihrer überaus feinen Taille und dem Faltenleib, unter dem der Buſen voll oder dürftig ſein kann ohne daß der Fremde es weiß. Francis küßte die Hand, welche die Gräfin ihm entgegenhielt und wechſelte zugleich mit ihr einen jener Fren Bew wegu Kuß nerut ſchlie alltäc nug 7 krank Fran liſcher „und die an te des mhüllt lugen⸗ thoben adone, önnen, f, die ldeline ernung ukehrte vor der Ihr der ihr nd ſeit en, der eilte. Wittwe, chenden it ihren Augen, ,ihren , ihren züßchen ltenleib, n kann, fin ihm r einen 149 jener Blicke, die, ganz dazu geſchaffen, um vor Fremden ausgetauſcht zu werden, nichts als eine Bewegung der Augenwimpern ſind, mit einer Be⸗ wegung der Lippen Hand in Hand gehen, damit ein Kuß darin liegt, und ein ganzes Gedicht von Erin⸗ nerungen, vertraulichen Worten und Genüſſen in ſich ſchließen. „Laſſen Sie mich doch gefälligſt wiſſen, wie die Frau Baroneſſe ſich befindet,“ ſprach Adeline zu Maucroix, indem ſie ihm zugleich anzeigte, wohin er ſich ſetzen ſollte. „Mit der Geſundheit meiner Mutter könnte es nicht beſſer ſtehen, Madame; es verhält ſich damit wie mit der Ihrigen, die ewig dieſelbe iſt.“— Eine alltägliche Phraſe, die für den Anfang gut ge⸗ nug iſt. „In der That, Gräfin, ich habe Sie noch nie krank geſehen,“ bemerkte der dicke Herr, der ſeit Francis' Eintritt ſtehen geblieben war. „ und doch bin ich es dann und wann, nur halte ich es geheim, um meine Freunde auf keine allzu ſtarke Probe zu ſetzen. Setzen Sie ſich doch wieder, General, und erzählen Sie Ihre Geſchichte zu Ende.“ „Denken Sie ſich einmal, Gräfin,“ hob der alte Herr, indem er ſich ſetzte, wieder an,„dieſe arme Madame von Verneuil that, nachdem ſie kaum in das Haus eingezogen war, das er ſie zu bewohnen drängte, beim Ausſteigen aus dem Wagen einen entſetzlichen Fall und brach ein Bein.“ „Ach, du mein Gott!“ „Sie mußte volle vier Monate das Bett hüten, und zwar die vier ſchönſten Monate des Jahres.“ 150 „Sie iſt nun aber wieder hergeſtellt?“ fuhr die Gräfin mit jenem Intereſſe fort, das man zu heucheln pflegt, wenn man eine derartige Converſation zu nüanciren wünſcht. „Vollkommen. Gleichwohl darf ſie noch nicht zu lange gehen, da ſie nicht mehr ganz jung iſt.“ „Fünfundvierzig?“. „Zum Wenigſten, zum Wenigſten. Im Uebrigen iſt es ziemlich leicht, ſich hierüber Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen: zur Zeit ihrer Heirath war ſie zweiund⸗ zwanzig; ihre Heirath aber fand im Jahre 1824 zu Compiegne Statt, wo ich in Garniſon war und ihr Vater ein ſehr ſchönes Gut beſaß, das er ſeitdem an eine Frau von Suzac verkauft hat, welche Sie vielleicht kennen...“ „Nein, ich kenne ſie nicht.“ „Frau von Verneuil iſt alſo jetzt ſiebenundvierzig und geht ſogar in's achtundvierzigſte Jahr, da ſie im Monat Januar geboren iſt.“ „Sie ſcheint aber höchſtens fünfundvierzig zu ein.“ „Sie iſt ſiebenundvierzig.“ „Ich bedaure dieſe arme Dame recht ſehr. Sie hat wohl recht viel ausgeſtanden.“ „Gräßlich.“ „Ich glaube, daß ich lieber ſterben als ein Bein brechen möchte. Und Sie, Herr Baron?“ „Ich möchte lieber ein Bein brechen.“ Der alte Herr lächelte beifällig und ſtand aufs Neue auf. „Sie gehen ſchon, General?“ fragte die Gräfin, hr die ucheln on zu icht zu 1 brigen zu ver⸗ deiund⸗ 324 zu nd ihr ſeitdem he Sie vierzig da ſi zig zu wie wenn ſie es bedauerte, daß ein ſo liebenswür⸗ diger Beſuch ſo kurz dauere. „Ja, Madame.“ „Ich ſehe Sie doch aber wieder?“ „Gewiß.“ Und der General küßte die Spitze der Finger der Gräfin, die, als er hinaus war, ſich zu Francis wandte und ſprach: „Das iſt einmal ein langweiliger Chriſt mit ſei⸗ ner Frau von Verneuil! Was kümmert es mich, ob ſie den Arm gebrochen?“ „Das Bein, das Bein.“ „Ach ja, das Bein. Es ſind nun volle drei Jahre, daß er mir mit derlei Geſchichten den Hof macht.“ „Und was für einen Hof!“ „Sie lieben mich?“ machte die Gräfin mit der Stimme eines Kindes und der Miene einer verlieb⸗ ten Katze. „Nein.“ Die Gräfin lächelte bloß über ein Nein, hinter dem ein Ja verborgen war, worauf Francis, Stock und Hut auf einen Lehnſeſſel werfend, ſich zu ihren Füßen ſetzte. Nun begann eine jener durchaus weiblichen Con⸗ verſationen, wo das Sie gar oft ſich mit einem Du überſetzen ließe. „Warum habe ich Sie geſtern nicht geſehen?“ „War geſtern nicht Geſellſchaftstag bei Ihnen?“ „Ja.“ „Warum wollen Sie, daß ich mich unter all die 152 Leute menge, die Ihnen jede Woche ein Mal den Hof machen?“ 1 „Um ihr gleichfalls den Hof zu machen.“ „Wozu?“ „Das nenne ich einmal liebenswürdig und vor Allem höflich! Weil ich die Schwäche habe, Sie zu lieben, ſollen Sie darum ſich nicht die Miene geben, als liebten Sie mich wieder?““ „Nein; aber gleichwie ſie mir nicht ſchaden, ſo will auch ich ihnen nicht ſchaden.“ „Wie großmüthig von Ihnen!“ „Die, welche viel haben, können es wohl ſein.“ „Sagen Sie lieber, Sie ſeien nicht gekommen, weil Sie keine Luſt gehabt.“ „Hätte ich geſtern keine Luſt gehabt, ſo hätte ich heute wohl ebenſo wenig Luſt.“ „Auch iſt es wohl möglich, daß Sie ſich Zwang angethan, indem Sie gekommen.“ „Wenn das ſo fortgeht, ſo ſprechen wir ſicherlich noch dummes Zeug.“ „Nun, ſo ſagen Sie mir, was Sie geſtern ge⸗ than haben.“ 3 „Ich bin mit Mama in's Theater gegangen.“ „Mit Mama?“ wiederholte die Gräfin, den naiven Ton ihres Anbeters nachahmend.„Iſt das auch wahr?“ „Ich lüge nie. Und was haben Sie gethan?“ „Ich bin zu Hauſe geblieben, da ich Geſellſchaft hatte.“ „Alſo eine Soirée?“ „Man hat Thee getrunken.“ „Bis wann?“ Bu Gei das den The Her der aber ſtets ich.“ l den ſein.“ nmen, hätte Zwang herlich rn ge⸗ 4 en. , den ſt das han?“ llſchaft 153 „Bis zwei Uhr Morgens.“ „Und dann?“ „Dann habe ich geleſen.“ „Was?“ „Ich weiß es wahrlich nicht.“ „Ein ſchönes Compliment für den Verfaſſer des Buches, das Sie leſen.“ „Ich dachte an Sie.“ „Und wann ſind Sie eingeſchlafen?“ „Auf der Stelle.“ „Dieß beweist nur zu deutlich, daß ich Ihren Geiſt nicht allzu ſehr beſchäftigte.“ Statt aller Antwort— und es war dieß wohl das Beſte, was ſie thun konnte— blickte die Gräfin den jungen Mann zärtlich an. „Und was gedenken Sie heute Abend zu thun?“ „Heute Abend? Da gehe ich in's italieniſche Theater.“ „Mit 2...“ „Wie immer, mit meiner Mutter, ſowie mit Herrn Miron und ſeiner Tochter. Uebrigens iſt in der Loge noch Platz für Sie, wenn Sie wollen.“ „Ich danke.“ „Nehmen Sie an, oder nehmen Sie nicht an?“ „Ich muß für Ihr gütiges Anerbieten danken.“ „Ja, und warum wollen Sie nicht annehmen?“ „Ich bin gern, wie jetzt, bei Ihnen allein, nicht aber bei Ihrer Mutter und bei Fremden.“ „Sobald man eine Dame liebt, gefällt man ſich ſtets in ihrer Geſellſchaft.“ „Wenn Sie es durchaus haben wollen, ſo komme ich.“ „Das große Opfer!“ 3 „Wenn ich es aber thue, ſo geſchieht es einzig und allein, um Sie nicht zu compromittiren.“ „Sind Sie einmal eingebildet!“ „Wenn man uns immer und ewig beiſammen ſieht, wird die Mädiſance nicht verfehlen, über uns herzufallen.“ „Oh, was das betrifft, ſo bin ich ohne Sorge: man kennt mich zu gut. Man wird niemals glauben wollen, daß ich unter allen meinen männlichen Be⸗ kannten gerade das ſchlechteſte Subject ausgewählt.“ „Und dann wird man es auch ſchon darum nicht ſagen, weil die Sache ſich ſo verhält.“ „Getroffen. Sie kommen alſo in's italieniſche Theater?“ . „Ja. „Doch nein! Sie ſollen wieder frei ſein. Ich wollte bloß Ihr Jawort erhalten; Sie würden ſich dort ſicherlich nicht amüſiren. Bleiben Sie bei Ihren Freunden,— zum Beiſpiel, bei Herrn Gerhard, den ich recht ſehr liebe, weil er Sie nie zu etwas Schlech⸗ tem verführt.“ „Eben bin ich ihm begegnet.“ „Da hätten Sie ihn mitbringen ſollen.“ „Ich habe es ihm vorgeſchlagen, er hat jedoch gedacht, daß es mir lieber wäre, wenn er nicht an⸗ nähme, und ſo iſt er denn auf meinen Vorſchlag nicht eingegangen.“ 1 „Er weiß alſo Alles.“ „. „Wie unklug Sie ſind 1 iſt liel Alt rech voll dür ſehe alle vint rend den müſ von men dieſe man dahi gröf abge verd nicht ein inzig imen uns orge: uben Be⸗ ihlt.“ nicht niſche Ich n ſich Ihren ,den hlech⸗ jedoch dt an⸗ ſchlag 155 „Es iſt keine Gefahr dabei, denn mein Freund iſt noch verſchwiegener als ich ſelbſt.“ „Ich hoffe es.“ Nach einer Pauſe: „Wiſſen Sie auch, Francis, daß ich Sie wirklich lieben muß, da ich mich einem Manne von Ihrem Alter alſo anvertraue?“ „Was haben Sie zu fürchten?“ „Daß Sie mich hintergehen.“ Francis erröthete leicht. „Wie närriſch!“ „Die Frauenzimmer, die wir verachten, ſind recht glücklich,“ hob die Gräfin mit einer Stimme voll verliebter Melancholie wieder an;„denn es dürfen ſich dieſelben mit dem Manne, den ſie lieben, ſehen laſſen, während wir Weltdamen— und mit allem Recht nennt man uns ſo, da wir die Skla⸗ vinnen der Welt ſind, der wir angehören— wäh⸗ rend wir, ſage ich, für den, den wir lieben, und den, den wir nicht lieben, das gleiche Lächeln haben müſſen, wenn das Geheimniß unſeres Herzens nicht von Mund zu Mund gehen und ſich an unſere Na⸗ men heften ſoll. Dieſe Anforderungen, dieſer Zwang, dieſe Schwierigkeiten— denn es gilt, das, was man fühlt, vor Augen zu verbergen, die ſtets gern dahinter kommen möchten— berechtigen uns zu größerer Liebe als die übrigen Frauen, ganz davon abgeſehen, daß unſere Tugend wohl auch etwas mehr verdient, obgleich meiner Anſicht nach die Tugend nicht allzu ſchwer iſt, wenn man ſich einerſeits auf ein ſchönes Vermögen und andererſeits auf ſeine 15⁵6 Liebe ſtützt. Wiſſen ſie auch, daß es Augenblicke gibt, wo ich recht unglücklich bin?“ „Sie erfüllen mich mit Schrecken.“ „Es iſt mein vollkommenſter Ernſt. Ich liebe Sie, und Sie werden wohl glauben, Francis, daß ich nicht ſo ſprechen würde, wenn dem nicht alſo wäre; ich dagegen muß Ihnen auf's Wort Alles glauben, was Sie mir zu ſagen belieben, wenn Sie mir von der Zeit Rechenſchaft geben, die Sie fern von mir verleben. Und wer ſteht mir dafür, daß das, was Sie mir ſagen, auch wahr iſt? Ich ſpreche nie ſo mit Ihnen, weil ich Sie nicht lang⸗ weilen mag und meine Würde ſich empört, ſobald ich nur daran denke, Ihnen meine Schwäche zu ge⸗ ſtehen; aber ich bin eiferſüchtig, ja ſehr eiferſüchtig. So oft der Gedanke in mir aufſteigt, daß Sie wohl noch ein anderes Liebesverhältniß haben könnten, weiß ich mir gar nicht mehr zu helfen. Und wenn ich allein bin, denke ich ſtets daran. Francis, es wäre wirklich eine Sünde, wenn Sie mir untreu wären, denn ich ſchwöre Ihnen, daß ich Sie von ganzem Herzen liebe.“ „O Adeline, kann man einer Frau, wie Sie ſind, untreu ſein?“ „Es gibt Frauenzimmer, die ebenſo hübſch und ſogar noch hübſcher ſind als ich.“ „Das leugne ich.“ „Sagen Sie doch keine ſolche Sachen; denn es würde mich nur verwunden und mir den Beweis liefern, daß Sie mich nicht lieben.“ „Iſt die Dame, die man liebt, nicht immer die hübſcheſte?“ blicke liebe daß alſo Alles Sie fern daß Ich lang⸗ obald u ge⸗ chtig. wohl unten, wenn „es ntreu von 2 Sie und in es eweis er die 157 „Allerdings, wenn man ſie liebt; allein ich bin ja nicht gewiß, ob ich geliebt werde. Das eben quält mich und macht mich an mir ſelbſt irre. Sie haben in einer allzu gefälligen, in einer leichtfertigen Welt viel Glück gemacht. Solcherlei Frauenzimmer ſind gar hinreißend und bezaubernd, ſo ſagt man wenigſtens; zuweilen flößen ſie auch, was man immer dagegen ſagen mag, große Leidenſchaften ein. Was mich betrifft, ſo fürchte ich ſie. Unſere Liebe, die ſich verſtecken muß, läßt Ihnen viel freie Zeit. Da ich Sie liebe, ſo können auch andere Sie lieben; da Sie mich lieben, ſo können Sie auch andere lie⸗ ben. Die geringſte Untreue von Ihrer Seite würde mein Leben knicken. Verſprechen Sie mir, Francis, daß Sie mir es offen geſtehen wollen, wenn Sie eine Andere lieben. Es wird dieß ein letzter Be⸗ weis von Liebe ſein, den Sie mir geben. Ich würde in meiner Liebe und in meinem Stolze allzu ſehr leiden, wenn ich es zufällig erführe.“ „Ich verſpreche es Ihnen,“ antwortete Francis lächelnd. „Sehen Sie, ich bin närriſch,“ hob die Gräfin nach einer kleinen Pauſe wieder an,„und wollte etwas Anderes ſagen. Verſprechen Sie mir alſo, daß Sie es ſorgfältig geheim halten wollen, wenn Sie mich nicht mehr lieben; ich wäre allzu unglück⸗ lich, wenn ich Sie verlieren würde.“ „Ich verſpreche Ihnen Alles, was Sie wollen.“ „Jetzt aber wollen wir nicht weiter von der Sache ſprechen,“ ſetzte Adeline raſch hinzu, und ſchüttelte, als ſchämte ſie ſich, daß ſie ſich hatte ſo weit fortreißen laſſen, und als wollte ſie den letzten Reſt von Befangenheit ihrem Geiſte entfallen machen, den Kopf.„Es drängte mich, Ihnen dieß ein für alle Mal zu ſagen. Sie ſind mir doch darum nicht böſe?“ „Wie, ich ſollte Ihnen böſe ſein ob eines ſo ſchönen Gefühls! Was in aller Welt denken Sie da, liebe, ſchöne Gräfin?“ Zu gleicher Zeit drückte Francis, bewegt und lächelnd, Adelinens Hand und ſchaute ſie liebe⸗ erfüllt an. Dieſe aber hob, als wollte ſie ihrer doppelten, nun unnützen Gemüthsbewegung ein Ende machen, plötzlich wieder an: „Iſt es heute ſchönes Wetter?“ „Wunderſchönes.“ „So hören Sie ein bischen auf das, was ich Ihnen ſage. Was ich Ihnen mitzutheilen habe, iſt überaus ernſt.“ „Ich höre.“ „Bekommen wir morgen ſchönes Wetter?“ „Das werde ich Ihnen morgen Abend ſagen,“ entgegnete Francis mit einem Lächeln und fiel ſo ſeinerſeits in den von der jungen Frau angeſchlage⸗ nen Ton ein. „Nun, iſt es morgen ſchönes Wetter, ſo beſuche ich Sie um zwei Uhr.“ „Wenn aber ſchlechtes Wetter eintritt?“ „So komme ich dennoch.“ „Ah, Sie ſind eben ein Engel!“ rief Maucroix, der für die Freude, welche dieſes Verſprechen im Augenblich bei ihm hervorrief, keinen wahreren Schluß finden konnte. hör Fra dini die ein ſich anfit Perf ſolch ihre ſich, und 4 geſch Auf! Men jedoch ſein, bar, aber, Neuil aberm D ſtehen! ſcheint machte kraft 159 Um halb ſechs Uhr ließ eine Klingel ihre Stimme hören. „Stehen Sie auf, geſchwind!“ ſprach Adeline zu Francis,„es kommt meine Mutter, um mit mir zu diniren.“ Die Gräfin drückte dem Baron noch ein Mal die Hand, worauf letzterer Hut und Stock nahm, wie ein gewöhnlicher Beſucher in reſpectvoller Entfernung ſich niederließ und mit Adelinen eines jener Geſpräche anfing, welche dazu beſtimmt ſind, den überläſtigen Perſonen Sand in die Augen zu ſtreuen, welche ein ſolches Rendezvous ſtören. Adeline hatte ſich nicht geirrt: es war wirklich ihre Mutter. „Sobald der Baron ſie erſcheinen ſah, erhob er ſich, beurlaubte ſich in recht ceremoniöſer Weiſe und ging. Kaum hatte die Thüre hinter ſeinem Rücken ſich geſchloſſen, ſo beſchlich ihn eine gewiſſe Melancholie. Auf der Straße angekommen, blieb er ſtehen, wie ein Menſch, der nicht weiß, was er thun ſoll. Endlich jedoch ſchien er zu einem Entſchluſſe gekommen zu ein, da er nach dem Carrouſſel⸗Platze zuging, offen⸗ bar, um nach Hauſe zu gehen. In dem Augenblicke aber, wo er an dem Büreau der Omnibuſſe von Neuilly vorüberkam, blieb er abermals ſtehen, um abermals nachzudenken. Da berührte der Conducteur eines dieſer bereit⸗ ſtehenden Wagen mit der Hand die Mütze. Wie es ſcheint, ſo kannte ihn Francis. Dieſe Begrüßung machte ohne Zweifel ſeiner Unſchlüſſigkeit ein Ende kraft einer jener unſichtbaren Wechſelbeziehungen, 160 welche die einfachſten und ſcheinbar fremdartigſten Umſtände zu gewiſſen Entſchlüſſen unſeres Geiſtes haben. Er kehrte plötzlich um und ſchickte ſich an, im Omnibus Platz zu nehmen. „Wann fahren wir weg?“ fragte er den Con⸗ ducteur, indem er ihn ſeinerſeits als ein alter Kunde leicht grüßte. „In zwei Minuten.“ Maucroix ſtieg nun ein und fand bereits ein paar Perſonen mit Körben oder Paketen im Wagen. Er nahm in der erſten beſten Ecke zur Rechten Platz, um ohne Beläſtigung für irgend Jemand jeden Augenblick wieder ausſteigen zu können, und fing an, in tiefes, in ſo tiefes Nachdenken zu verſinken, daß der Omnibus ſich in Bewegung ſetzte, ohne daß er ſelbſt es gewahr wurde. Zwanzig Minuten darauf hielt der Wagen an. Mechaniſch ſchlug Francis die Augen auf; er war am Ziele ſeiner Fahrt angekommen, und glück⸗ licher Weiſe wußte der Conducteur, wo er den Kut⸗ ſcher anhalten laſſen mußte, ſonſt hätte ſich Francis ſo bis an's Ende der Welt fahren laſſen. In der Allee von Neuilly, wenn man von der Barrière de l'Etoile herkommt, zur Linken, ſteht ein großes, nach dem Muſter der eleganteſten Pariſer Häuſer aufgeführtes Gebäude: irre ich nicht, ſo führt es den Namen Cité Wallet. Vor dieſem Hauſe nun ſtieg Francis aus, und an deſſen Gitterthor läutete er an. Es öffnete ſich dieſes Thor, worauf Maucroix den Hof durchſchritt in der Richtung der Freitreppe, die im Hintergrund zur Linken ſich beſindet und in das tete 0 Stuf ſer? eines nen Lichte “ 7 T ſchritt Thür ihn Recht geräu Mäde Kopfe Lippe Mäde leucht — 4 komme möglie 5 1712 tigſten Geiſtes ich an, Con⸗ Kunde ts ein Vagen. Platz, jeden ag an, 1, daß daß er darauf uf; er glück⸗ n Kut⸗ rancis on der eht ein Jariſer — führt ſe nun läutete neroix reppe, und in 161 das Gebäude führt, deſſen Facade nur zwei erleuch⸗ tete Fenſter im Parterre zeigt. In dem Augenblicke, wo er den Fuß auf die erſte Stufe der genannten Freitreppe ſetzte, ging eines die⸗ ſer Fenſter auf und es erſchien dort der Schatten eines Frauenzimmers, deſſen Züge man nicht erken⸗ nen konnte, da ſie dem das Zimmer erleuchtenden Lichte den Rücken zuwandte. Dieſer Schatten ſprach: „Biſt du es, Francis?“ „Ja, ich bin es,“ gab der junge Mann zurück. Das Fenſter ſchloß ſich wieder, der Baron aber ſchritt durch die mit farbigen Glasſcheiben verſehene Thüre, ſowie durch die Hausflur, ohne daß der Portier ihn fragte, wohin er ginge; dann ſprang er zur Rechten drei Stufen hinauf und befand ſich in einem geräumigen Corridor, wo an einer Thüre ein junges Mädchen ſtand, das ein brennendes Licht über dem Kopfe hielt. Francis ging auf ſie zu und drückte die Lippen auf ihre Stirn. „Guten Abend, liebes Kind.“ „Warum kommſt du denn ſo ſpät?“ fragte das Mädchen, vor Maucroix hergehend, um ihm zu leuchten. „Es iſt mir unmöglich geweſen, bälder zu kommen.“ „Das iſt ein Grund; warum aber iſt es dir nicht möglich geweſen?“ „Ich habe einen Beſuch gemacht.“ „Bei wem?“ „Bei einer Dame.“ „Iſt ſie hübſch?“ „Ja.“ Dumas, Novellen I. 11 162 „Und machſt du ihr den Hof?“ „Nein.“— 1 2 Wir haben weiter oben geſagt, daß Francis nie: gelogen habe. Und indem er alſo antwortete, log er wirklich nicht: er hatte bei einer hübſchen Frau, der er nicht den Hof machte, einen Beſuch gemacht. Ohl es hat die Offenheit ihre Spitzfindigf ten! Und dann gefiel ſich auch Francis zuweilen darin, ſie bis zur erſten Grenze des Geſtändniſſes zu trei⸗ ben und dort plötzlich damit einzuhalten, ähnlich einem gewandten Reiter, der ſein Pferd, nachdem er damit davongejagt, am Rande eines Abgrunds plötz⸗ lich anhielle. Im Uebrigen war das kleine Verhör, das er beſtehen mußte, mehr die kokette Ziererei eines Frauenzimmers, die alles Vertrauen in ihren Liebhaber ſetzt als die unruhige Neugierde einer Eiferſüchtigen. Es warf ſich das Mädchen dem Ba⸗ ron um den Hals. „Ich habe dich noch nicht geküßt,“ ſprach ſie zu ihm und blieb, dieſe Lücke ausfüllend— denn Ver⸗ geſſenheit konnte man es nicht nennen—, auf der Spitze beider Füße ſtehen und blickte Francis, ſeinen Hals mit beiden Armen umſchlungen haltend, voller Zärtlichkeit an, „Wie ſchön du doch biſt!“ ſprach ſie mit einer Art Stolz. „Närrin!“ antwortete Francis lachend. Und obgleich er ihr nicht das gleiche Compliment machte, ſo konnte er doch nicht umhin, ihre Schönheit voller Liebreiz zu bewundern, und zwar um ſo weniger, da der Schein einer einzigen Kerze ſie in einer Halb⸗ tinte ließ. lis nie: e, log Frau, macht. keiten! darin, u trei⸗ ähnlich dem er plötz⸗ Zerhör, ziererei ihren einer em Ba⸗ ſie zu n Ver⸗ zuf der ſeinen voller t einer Und machte, voller ger, da Halb⸗ 163 In der That, man denke ſich ein Mädchen von kaum achtzehn Jahren, gerenk, lebendig, voller Feuer en Maädchen, bei dem das Leben in jedem Blich und Lächeln uherſtrömte,— ein Mädchen mit kaſta⸗ Netuunen en n wellenförmig gelockten, dich⸗ ten, langen und hi tten am Kopfe drei bis vier Mal um ſich ſelbſt denen Haaren, die, einzig und allein durch hne eines ſchlichten Schildkrot⸗ kammes zuſamm ehalten, da und dort ihrem Ge⸗ fängniſſe zu enttinnen ſuchten, man denke ſich ein Mädchen mit leicht goldener He it ſchwarzen Augen, die, wenn in der That nn Ni gehn doch ſo feurig waren, daß ſie unter ihren langen ſeiden⸗ artigen Wimpern und unter ihren feinen, und wie Brückenbogen regelmäßigen Brauen groß ſcheinen; man denke ſich eine gerade Naſe von griechiſchem Typus und dabei doch trotzig wie eine Martonſche, einen kleinen, friſchen, ſtets lächelnden Roſenmund, der milchweiße Zähne ſehen ließ, von denen die Aug⸗ zähne, ſpitzig wie die eines jungen Hundes, die Phy⸗ ſiognomie dieſss ſeiſchen kleinen Larve noch pikanter machten; man denke ſich ferner zwei Grübchen in die roſigen Tinten der Wange gegraben, einen ſäulen⸗ geraden Hals, bis zu deſſen Mitte hinten krauſe, rebelliſche Haarlöckchen hinabgingen, welche ſich die Herrſchaft des Kammes nicht gefallen laſſen wollten. Man bedecke dieſes ſchöne junge Mädchen mit einem ſchwarzſeidenen Kleide, deſſen vorn ſich öffnender Leib die Garnitur einer Chemiſette ſehen ließ, in deren Couliſſe ein blaues Band hinablief; man ſchenke ihren Füßchen niedliche, lakirte Stiefelet⸗ ten mit Abſätzen, die, auf der Seite zugeknöpft, auf dem Parket ſtolz widerhallten; man umgebe endlich die Wurzeln zweier weißen, feinen, ſinnlichen Hände mit platten Manſchetten, ſo hat man ein möglichſt vollſtändiges Porträt von der Dame, welche unſern Helden ſo freudig bewillkommt. Die Befangenheit, welche Maucroix bis an die Thüre des ſchönen Kindes geleitet hatte, ſchwand bei ihrem Anblick alsbald. Sich ein bischen zurück⸗ werfend, während ſie hinter ſeinem Halſe ihre beiden Hände vereinigte, preßte er in zärtlicher Weiſe ſeine Lippen auf ihre Stirn und hielt ſie ſo einige Sekun⸗ den in der Luft, ſo daß ſie an dieſem liebevollen Kuſſe zu ſchweben ſchien. Endlich ließ ſie ſich, die Hände wieder aufmachend, auf den Boden nieder⸗ gleiten. 3 „Du haſt noch nicht gegeſſen?“ fragte ſie. „Nein.“ „So iſts recht, denn ich habe auf dich gewartet; ſchon meinte ich, daß du nicht kämeſt. Ich habe dir ein gutes, kleines Diner bereitet. Da, ſetz' dich zum Feuer hin, du ſollſt ſogleich Alles bekommen.“ Nun traten die beiden jungen Perſonen in das zweite Zimmer, an deſſen Fenſter das Mädchen ge⸗ ſtanden hatte, und das mit dem, welches ſie eben ver⸗ laſſen, ihre ganze Wohnung bildete. Ein gewaltiges Feuer röthete das Kamin, neben dem ein kleiner, runder, ſchneeweiß gedeckter Tiſch mit zwei Couverts, zwei Tellern von ſchlichtem, weißem Porzellan, einer mit Waſſer gefüllten Flaſche, einer Flaſche Wein, einem Salzfaß, Butter und Radieschen ſtand. Das Fenſter war hinter rieſigen Vorhängen von grünem Wolldamaſt verborgen. Ein Pianoforte von den anſ don gro mit gefi ren Stü Me die Ger arti Oſſi und Dec dahe Gan auch Lieb . tot, Nan⸗ verde ihre zeugl mach Griſe junge ſie a der ndlich dände glichſt inſern in die nd bei urück⸗ beiden ſeine bekun⸗ vollen , die nieder⸗ artet; habe ' dich men.“ n das en ge⸗ n ver⸗ altiges leiner, verts, einer Wein, n von oforte 165 von Mahagoni ſtand dem Kamin gegenüber, über dem ein großer Spiegel ſich befand, und deſſen Sims, anſtatt einer Pendeluhr eine Gypsgruppe von Clau⸗ don, zwei Leuchter, eine brennende Lampe und zwei große chineſiſche Schalen trug, welche mit Rauchtabak, mit Papier und Cigaretten, ſowie mit Cigarren an⸗ gefüllt waren. Ein Lehnſeſſel, in den allerlei Figu⸗ ren eingenäht waren, vier mit Wolldamaſt überzogene Stühle, Fußteppiche auf dem ſchön gewichsten Parket; Meiſter Wolfram von Lemüd, jene Lithographie, die durch ihr Colorit ſo ſchön iſt wie das prächtigſte Gemälde, und dabei ſo harmoniſch wie die groß⸗ artigſte Muſik, und ſo ſanft⸗melancholiſch wie ein Oſſian'ſcher Geſang; zwei Zeichnungen von Gavarni und eine mit Spindelkohle gezeichnete Landſchaft von Decamps, ſymmetriſch in ihren vergoldeten Rahmen dahangend, vervollſtändigten das Ameublement, deſſen Ganzes deutlich genug ſagte, daß die Beſitzerin, wenn auch nicht reich, ſo doch ordnungsliebend ſei und die Liebhabereien einer Künſtlerin habe. Grangette nahm Francis' Stock, Hut und Pale⸗ tot, um ſie eiligſt auf das Canapé zu legen. Ihren Namen, oder vielmehr ihren Spitznamen Grangette verdankte ſie ihrem Familiennamen la Grange, woraus ihre Freundinnen— Grangette war in einem Weiß⸗ zeugladen— dieſes vertraulichere Diminutivum ge⸗ macht hatten. Grangette war in ihrer Art ein Typus, ein neuer Griſettentypus, den unſere Zeit geſchaffen. Wer dem jungen Mädchen auf der Straße begegnete, wenn ſie aus ihrem Magazin zu Fuß nach dem Bureau der neben der Magdalenenkirche ſtationirenden Omni⸗ buſſe ging, hätte ſie nimmermehr für eine Griſette angeſehen. Hatte ſie einmal das Magazin verlaſſen, ſo wurde aus ihr eine Dame, deren Anzug, wenn er auch nicht gerade elegant war, ſo doch jenen einfachen und gewandten Geſchmack verrieth, der ſeine Eleganz in ſich trägt. Nichts verrieth die Unabhängigkeit, in der ſie lebte, wenn wir ihre Jugend ausnehmen. Gar oft habe ich geſehen, wie ſie gegen fünf Uhr das Boulevard entlang eilte, nicht wie ein Frauen⸗ zimmer, das dieſen Weg gewählt, ſondern wie eines, das, da ſie nur dieſen hat, um dahin zu gehen, wo⸗ hin ſie geht, die kurze Zerſtreuung, die er ihr zu bieten vermag, nützt. Faſt immer trug ſie ein und daſſelbe Kleid, da ſie nicht reich genug war, um es oft zu erneuern; dagegen beſaß ſie das Talent, ihm lange ſeine erſte Friſche zu bewahren, wozu denn auch allerlei Nebendinge mithelfen mußten. So waren ihr kleiner, ſchwarzer Filzhut mit ſeinem bis an das Untertheil der Stirn herabgehenden Schleier, ihr ebenfalls ſchwarzes, ſei⸗ denes Kleid und ihr engliſcher Tartan mit ſeinen anſpruchsloſen, durch eine große, rothe, viereckige Platte hervorgehobenen Nüancen, von einem Muffe begleitet, worin eine zierlich behandſchuhte Hand ſich verlor, während ſie mit der andern ihr Kleid ein bischen in die Höhe hob und einen weißen Unterrock ſehen ließ, deſſen durchbrochener Saum auf ihren Stiefeletten ſpielte. War Grangette einmal zu Hauſe, ſo zog ſie ihre Handſchuhe behutſam aus, dehnte ſie, rollte ſie und legte ſie bis zum andern Tage in eine Schublade; ſofort zog ſie ihre Stiefeletten aus, um ſich mit Pantoffeln zu bekleiden, bewahrte ihren Hut in f und war Exif Klei zieh Hät Not halt Con das weg ihr wer mer ſich ſo in höc Sto ged Uhr Ann man nat zu; Wit ſteig ſie ſtüc riſette aſſen, wenn fachen leganz igkeit, hmen. f Uhr rauen⸗ eines, 1, wo⸗ ihr zu d, da euern; e erſte ndinge varzer Stirn s, ſei⸗ ſeinen wreckige Muffe nd ſich eid ein terrock ihren Hauſe, nte ſie, in eine ¹s, um en Hut 167 in ſeinem Carton auf, legte ihren Shawl zuſammen und ſchloß ihn in ihrer Commode ein. Alles dieß war das Werk von fünf Minuten und verlängerte die Exiſtenz und die Jugend aller dieſer Dinge ungemein. Im Uebrigen verſchaffte ſie ſich das zu ihrer Kleidung Nöthige zum Koſtenpreiſe, Dank den Be⸗ ziehungen des Hauſes, in dem ſie arbeitete, zu den Häuſern, deren Specialität dieſelben waren. Dieſe Nothwendigkeit, mit ihrem Gelde möglichſt hauszu⸗ halten, ſowie ein angeborenes Bedürfniß, mit Eleganz Comfortzu verbinden, waren Schuld, daß ſie zu Neuilly, das heißt, eine volle Stunde von ihrem Magazin weg, anſtatt zu Paris ſelbſt wohnte. Allerdings war ihr Weg eine volle Stunde; dafür hatte ſie nun aber wenigſtens zwei geräumige, hohe, wohlgelüftete Zim⸗ mer in einem ſchönen Hauſe nebſt angenehmer Aus⸗ ſicht, während ſie für ihre zweihundert Franken— ſo viel bezahlte ſie für dieſes Quartier— zu Paris in dem Stadtviertel, das ſie gern bewohnt hätte, höchſtens eine enge, ungeſunde Manſarde im ſechsten Stocke bekommen haben würde; deſſen gar nicht zu gedenken, daß ſie Sommers jeden Morgen bis acht Uhr und jeden Abend von ſechs bis zwölf Uhr alle Annehmlichkeiten des Landlebens hatte. Daher konnte man ſie denn auch, vom Monat April bis zum Mo⸗ nat September, jeden Tag den langen Weg luſtig zu Fuß machen und ihrem Magazin zutrippeln ſehen; Winters dagegen pflegte ſie einen Omnibus zu be⸗ ſteigen, wenn das Wetter ſchlecht war, oder wenn ſie beſondere Eile hatte. Grangette pflegte in ihrem Magazin zu früh⸗ ſtücken und konnte dort auch die Hauptmahlzeit ein⸗ 168 nehmen, was ſie jeden Tag gethan hatte, als ſie Maucroix noch nicht kannte. Seit ſie aber ſeine Bekanntſchaft gemacht hatte, ſpeiste ſie jede Woche mit ihm ein paar Mal in ihrer Wohnung, wie an dem Tage, wo wir ſie kennen lernen. Grangette verdiente ſich jährlich achthundert Franken in ihrem Magazin, wo ſie angebetet und erſte Jungfer war. Wir mögen zwar nicht behaupten, daß ſie einen lan⸗ gen Brief hätte ſchreiben können, ohne an der Ortho⸗ graphie ſich mehr oder weniger zu verſündigen, ſicher⸗ lich aber hätte ihr Styl etwas eigenthümlich Gra⸗ ziöſes und Naives gehabt, und wir müſſen hier wie⸗ derholen, daß ſie in Sachen der Kunſt und des Geſchmacks ein überaus richtiges Gefühl hatte. Ich habe Maler von Talent gekannt, die über ihre Ma⸗ lereien ſie zu Rathe zu ziehen pflegten, und denen ſie Fingerzeige gab, welche ſtets befolgt wurden. Ein Muſiker, der neben ihr gewohnt hatte, als ſie noch nicht nach Neuilly gezogen war, hatte ihr ein halbes Jahr lang den Hof gemacht; der Muſiker gefiel ihr nicht, wohl aber ſein Talent, ſo daß er immer an ſeinem Pianoforte ſitzen mußte. Bei ihrer großen Intelligenz gelang es ihr, in dieſem halben Jahre ſo viel Muſik von ihm zu lernen, daß ſie dann allein fortarbeiten konnte. So war es ihr allmählig ge⸗ lungen, auf dem Piano ſich zu einigen Romanzen zu accompagniren, die ſie mit recht wohlthuender Stimme ſang. Hatte ſie einmal eine Melodie ge⸗ hört, ſo fand ſie ſie nach kurzem Suchen auf dem Clavier wieder. Gleichwohl hätte ſie auf dieſe Zer⸗ ſtreuung verzichtet, wenn dieſelbe ihr etwas gekoſtet hätte, allein ſie hatte ihr Piano weder gekauft, noch mie geli war ihr die hatt wie gett Tal hatt jene ohn und gen, hab Rul mag ſchä tien dieſe terg ertre oder Wol etwe einen zuza lich war, ls ſie ſeine Woche ie an iette ihrem war. lan⸗ örtho⸗ icher⸗ Gra⸗ wie⸗ des Ich Ma⸗ denen Ein noch albes l ihr er an roßen Jahre allein 3 ge⸗ anzen ender 2 ge⸗ dem Zer⸗ koſtet noch miethete ſie es, da es ihr von einem Inſtrumentenmacher geliehen wurde, welcher ein Kunde ihres Magazins war. Sie hatte beide Eltern verloren, und es waren ihr nur noch ein Oheim und eine Tante geblieben, die zehn Stunden von Paris ein kleines Pachtgut hatten. Sie war alſo ſo frei wie die Luft. Nachdem der geneigte Leſer ſie nun ſo gut kennt wie ich ſelbſt, wollen wir fortfahren. Francis nahm neben dem Kamin Platz, Gran⸗ gette aber klingelte, worauf ſie ſich auf ein kleines Tabouret neben den Baron ſetzte. Das Klingeln hatte die Wirkung, daß eine alte Frau erſchien, eines jener obſcuren und guten Geſchöpfe, die da leben, ohne recht zu wiſſen warum, die man nicht beachtet und die gleichwohl ihre Jugend, ihre Gemüthsbewegun⸗ gen, ihre Freuden und ihre Leiden gleich aller Welt haben, die endlich in einem Alter, wo ſie ſich zur Ruhe ſetzen ſollten, für zehn Franken monatlich Haus⸗ magdsdienſte verſehen und ſich überaus glücklich ſchätzen, wenn ſie zwei oder drei verſchiedene Par⸗ tien zu bedienen haben. Man durchforſche das Leben dieſer armen Frauen, und man wird zuweilen im Hin⸗ tergrunde einen großen Kummer finden, den ſie ſtill ertragen, zum Beiſpiel einen Gatten, der ſie ſchlägt, oder ein Kind, das ſie ruinirt. Maucroix war voller Wohlwollen und ſogar voller Achtung für dieſe, die, etwas taub, ungeſchickt, linkiſch, jeden Tag wenigſtens einen Teller zerbrach, dabei aber in ſo naiver Weiſe ihn zuzahlen ſich erbot, daß man davon wirklich gerührt war. Zuweilen ärgerte ſich Grangette, die, ſo beweg⸗ lich wie Queckſilber und ſo geſchickt wie eine Katze war, unwillkürlich über dieſe Langſamkeit und Unge⸗ ſchicklichkeit und zankte das alte Weib, das ſie be⸗ diente; jedoch bereute ſie es alsbald wieder und bat ſie um Verzeihung. Darum betete auch Mutter Noel ihre Grangette und ihren Francis an. In dieſem Augenblicke bleibt ſie ſchüchtern an der Zimmerthüre ſtehen und blickt den Baron lächelnd an. „Guten Tag, Frau Noel,“ rief Francis ihr zu; „hoffentlich geſund?“ „Ja, Herr Baron, ich danke recht ſchön; und Ihre Geſundheit?“ „Ohl mit der ſteht es gleichfalls vortrefflich.“ „ Nun,“ unterbrach Grangette lachend, denn ſie konnte ſich eines Lachens nie enthalten, wenn ſie Mutter Noel mit ihrer gewaltigen, rund um den Kopf her eine Tüllkrauſe zeigenden Haube, ihrem ruhigen Geſichte, ihren an den Schläfen zwei krauſe Büſchel ſehen laſſenden Haaren, ihrem Kleide mit ſeinem lebkuchenfarbenen Grunde, und ihrem gelben, hellrothe Blumen und große, grüne Blätter zur Schau tragenden Halstuch ſah,„nun, Mutter Noel, möch⸗ ten wir eſſen.“ „Ja, Fräulein.“ „So nennt mich doch Madame, Mutter Noel, da ich verheirathet bin,“ ſprach Grangette lächelnd und auf Francis deutend. „Ja, Fräulein.“ „So laß doch die arme Frau in Ruh,“ flüſterte Maucroix ganz leiſe. „Sie hat nicht gehört, was ich zu ihr geſagtt ſie antwortet eben auf gut Glück.“ Und dann ſetzte ſie, lauter ſprechend, hinzu: Ihr „Wir möchten nun eſſen.“ „Es iſt Alles parat.“ „Nunl ſo traget auf.“ „Es ſoll ſogleich geſchehen.“ „Bringet lieber Alles auf ein Mal, dann könnet Ihr gehen, um gleichfalls zu eſſen.“ „Meinen ſchönſten Dank, Fräulein.“ „Aber ein bischen geſchwind!“ Und Mutter Noel ging wieder in die Küche. „Um wie viel Uhr haſt du meine Zeilen bekom⸗ men, worin ich dich gebeten, mit mir zu ſpeiſen?“ fragte Grangette den Baron.— „Heute Morgen um zehn Uhr. Wer hat das Billet gebracht?“ „Ich ſelbſt.“. „Warum biſt du nicht lieber ſelbſt heraufgekommen?“ „Ich hätte allzu ſehr gefürchtet, deiner Mutter zu begegnen.“ „Ohl die hätte nichts geſagt.“ „Wohl wahr, aber doch hätte es ihr unange⸗ nehm ſein können. Wie befindet ſie ſich?“ „Recht wohl.“ So oft Grangette ihren Liebhaber ſah, fragte ſie ihn nach ſeiner Mutter, und der junge Mann wußte es ihr Dank. „Sag' mir einmal, ob du mich liebſt,“ fuhr ſie, dem Baron in's Geſicht ſehend, fort. „Ei, freilich liebe ich dich.“ „Woran denkſt du jetzt?“ „An dich.“ „Da lügſt du; ich ſage dir, du denkſt an etwas Anderes!“ „Woran ſoll ich denn denken?“ „Weiß ich es? Allein ich kann dir nicht bergen, daß dir etwas im Kopfe herumzugehen ſcheint, ſeit⸗ dem du hier biſt. Sollteſt du etwa verliebt ſein?“ „Warum nicht?“ „Und in wen biſt du verliebt?“ „In dich.“ „Wäreſt du in eine Andere verliebt, ſo wäre das gar unrecht von dir; denn ſieh! nie wirſt du eine finden können, die dich ſo liebt, wie ich dich liebe.“ In dieſem Augenblicke trat Mutter Noel wieder herein, um die Suppe auf den Tiſch zu ſtellen. „Wir wollen ſogleich eſſen,“ ſprach Grangette; „denn ich falle vor Hunger faſt um.“ Und indem ſie ihren Platz verließ, deckte ſie die Sup⸗ penſchüſſel auf, der eine wohlriechende Wolke entſtieg. „Die Suppe iſt vortrefflich; verſteht Mutter Noel auch nicht weiter, als wie man eine Fleiſchſuppe macht, ſo macht ſie dieſe um ſo beſſer.“ „Dann wird das Uebrige ſchlecht genug ſein.“ „Mit nichten; denn es kommt von Gillet an der Porte Maillot, und Gillet iſt ein vortrefflicher Speiſe⸗ wirth.“ Und alſo ſprechend hatte das Mädchen die Suppe ſervirt und auf der andern Seite des Tiſches Platz genommen. Nun brachte Frau Noel den Reſt, das heißt, ge⸗ ſottenes Ochſenfleiſch, Schnitten von einem Rehziemer, von einem wirklichen Rehziemer, Brockelerbſen, ein⸗ geſchnittene Orangen in einer Salatſchüſſel und Rum, um dieſe Orangen zu würzen. „Nun iſt's gut, Mutter Ding. Eſſet nun auch.“ Bar Sie eina der auf fortſ wäh dete bren und liche groß hina lenen des teppi Arbe ſitzen ſich zuwa Man ihn, und 3 herau zu ar egen, ſeit⸗ in?“ das eine de 41 ieder gette; Sup⸗ ſtieg. utter uppe 1. i der veiſe⸗ uppe Platz „ ge⸗ emer, ein⸗ Rum, uch.“ „Ich wünſche Ihnen einen guten Abend, Herr Baron und Madame.“ „Guten Abend.“ Die beiden jungen Perſonen waren jetzt allein. Sie aßen wie zwei Kinder, das heißt, ſie lächelten einander zu, nahmen jeden Augenblick einander bei der Hand und küßten ſich. Als das Mahl vorüber war, ſtand Grangette auf und bat Francis, ihr die Teller und Schüſſeln fortſchaffen zu helfen, oder vielmehr ihr zu leuchten, während ſie dieſelben fortſchaffen würde. Nun zün⸗ dete er eine Cigarre an, nahm in eine Hand eine brennende Kerze, in die andere aber einige Teller, und ging mit ihr in die unter der Wohnung befind⸗ liche Küche, wo ſämmtliches Geſchirr in ziemlich großer Unordnung auf einen Haufen geſtellt wurde. Sofort gingen die Beiden wieder in's Zimmer hinauf. Grangette kehrte die auf den Boden gefal⸗ lenen Brodkrumen zuſammen, erſetzte das Tiſchtuch des runden Tiſches durch einen ſammtenen Franſen⸗ teppich, ſtellte die Lampe darauf, griff nach ihrem Arbeitskörbchen, hieß Francis ſich in den Lehnſeſſel ſitzen, ſchob ein Tabouret vor ſeine Füße hin, ſetzte ſich auf's Neue darauf, ſo daß ſie ihm den Rücken zuwandte und beide Achſeln auf den Knien des jungen Mannes ruhen ließ, beugte den Kopf zurück, ſchaute ihn, ein Lächeln erbettelnd, von unten nach oben an und ſprach: „So ſag' doch auch etwas.“ Zu gleicher Zeit zog ſie aus ihrem Körbchen Alles heraus, was ſie zum Häkeln brauchte und fing an zu arbeiten. 174 Es war acht Uhr. Die Stille, welche überall herrſchte, wurde einzig und allein durch das perio⸗ diſche Rollen der Omnibuſſe geſtört. Grangette arbeitete eine volle halbe Stunde; Francis aber war trotz der an ihn ergangenen Auf⸗ forderung wieder in ſeine Träumerei, eine Schweſter des weißen, ſeiner Cigarre entſteigenden Rauches, verſunken, und zwar war dieſelbe ſo vollſtändig, daß er es nicht einmal merkte, als Grangette ſich um⸗ wandte und ihn wohl fünf Minuten lang anſchaute. Bei dem Charakter, den er hatte, und nach einem Tage, wie der war, den wir mit aller Gewiſſenhaf⸗ tigkeit in ſeinen kleinſten Details geſchildert, durfte er, geſtehen wir es nur, wohl träumen. Dieſes beharrliche Schweigen hatte indeſſen für Grangette nichts ſehr Amüſantes; ſie ſtand daher ganz ſachte auf, ſchlich ſich an das Piano hin und begann einen Walzer zu ſpielen. Wie ein plötzlich aus dem Schlafe Aufgeſchreckter fuhr Francis zu⸗ ſammen. Nun erinnerte er ſich all der bezaubern⸗ den Zuvorkommenheit des ſchönen Kindes und war, als er ſah, wie ſie ſo ganz ſich mit ihm beſchäftigte, recht böſe auf ſich ſelbſt, daß er ſich ihr nicht ganz widmete, während der Zeit wenigſtens, die ſie bei⸗ ſammen waren. Sind wir einem Frauenzimmer untreu, ſo macht uns der Gedanke am Meiſten zu ſchaffen, daß ſie an unſere Treue immer noch glaubt und unſere Ver⸗ rätherei nicht einmal ahnt. In ſolchen Fällen iſt es gar ſelten, daß wir nicht plötzlich in uns gehen und über die Rolle erröthen, die wir ſie ſpielen laſſen. Man fühlt in der That in des Herzens tief⸗ ſten für gele und wen nert tete, und kam Eine nich fahr ihne kran kann dem nicht die ahne gelie ( Pian auf Oper und der ihm aufge Mitte der 2 inden ſchen erall erio⸗ inde; Auf⸗ deſter ches, daß um⸗ aute. inem nhaf⸗ urfte für daher und tzlich zu⸗ bern⸗ war, tigte, ganz bei⸗ nacht ie an Ver⸗ en iſt gehen jelen tief⸗ 175 ſtem Grunde, daß man ihr einen Erſatz ſchuldig iſt für die lächerliche Lage, in der man ſie zuweilen gelaſſen, glücklicher Weiſe ohne daß ſie es merkte,— und worüber ſie vor Gram halb vergehen müßte, wenn ſie von Allem unterrichtet wäre. Man erin⸗ nert ſich der Tage, wo ſie ganz vertrauensvoll war⸗ tete, wo ſie zwar unruhig, aber nicht eiferſüchtig war, und wo ſie, wenn man ein paar Stunden ſpäter kam, weil man unterdeſſen bei einer Andern geweſen, Einem um den Hals fiel und vor Freude ſich faſt nicht zu faſſen wußte, daß Einem kein Unheil wider⸗ fahren war. In ſolchen Augenblicken thut man mit ihnen ſo zärtlich wie mit einem Kinde, das man krank weiß, dem aber ſein Zuſtand ſelbſt nicht be⸗ kannt iſt. Man will durch eine Menge von Liebes⸗ demonſtrationen eine Sünde austilgen, von der ſie nichts weiß; und gar oft glaubt ein Frauenzimmer, die wahre Urſache dieſer anſcheinenden Liebe nicht ahnend, ſich gerade in dem Augenblicke am Meiſten geliebt, wo ſie es am Wenigſten iſt. Einige Augenblicke, ehe Grangette ſich an's Pianoforte ſetzte, dachte Francis an Adeline, die, auf ihren Liebhaber vertrauend, ganz ruhig eine Oper anhörte, während er bei einer Andern war; und er war recht böſe auf ſich ſelbſt, daß er der Gräfin in ſolcher Weiſe untreu war, nachdem ſie ihm einige Stunden zuvor ſo rückhaltslos ihr Herz aufgeſchloſſen. Faſt dachte er ſchon auf Wege und Mittel, Neuilly auf der Stelle zu verlaſſen und we⸗ der Adeline, noch Grangette ferner zu hintergehen, indem er beide quittirte und ſo ſein Gewiſſen zwi⸗ ſchen beiden Liebſchaften in's Gleichgewicht brächte; ſobald aber unter Grangetten's Fingern dem Clavier die erſten Töne entſtiegen, wandte ſich die Seele des Barons plötzlich der Arbeiterin wieder zu; er er⸗ röthete, daß er bei einer Andern geblieben und das arme Mädchen hatte warten laſſen, die ſich ein Feſt daraus machte, ihr kleines Eſſen mit ihm thei⸗ len zu können, und daß er, während er ſich in ihrer nächſten Nähe befand, ſeine Seele ſo weit fortſchwei⸗ fen ließ und ſo die Gaſtfreundſchaft verrieth, die ſein Herz empfing. Er ſtand alſo auf, ſetzte ſich neben das Piano, erfaßte die Hände des Mädchens, drehte ſie auf ihrem Stuhle um, ſo daß ihr Geſicht dem ſeinigen zugewandt war, ſchaute ſie voller Liebe an und ſprach, ſeinen eigenen Gedanken Antwort gebend: „Ich liebe dich doch!“ „Doch! Du warſt alſo deiner Sache nicht ſo ganz gewiß?“ „Sing' mir etwas, Herzchen!“ „Es gefällt dir alſo mein Geſang?“ 77 „Gewiß.“ „Was ſoll ich dir ſingen?“ Zu gleicher Zeit legte ſie auf dem Pulte Francis' Lieblingsromanze zurecht, in der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß er ihr ſagen würde, ſie ſolle ſie ſingen. „Sing dieß doch,“ ſprach in der That der junge Mann;„du ſingſt es beſſer als alles Andere.“ Grangette ſang dieſe Romanze nebſt noch andern, ſowie endlich ihr ganzes kleines Repertorium; es dauerte das lange. neis' rzeu⸗ en. unge dern, 3 es Tags darauf gingen Grangette und Francis ſchon in aller Frühe mit verſchlungenen Armen die Allee von Neuilly entlang: es lachten die beiden Kinder und athmeten fröhlich die friſche Morgenluft ein. An der Barrière de Etoile angekommen, trennten ſie ſich. Grangette ſtieg in den Omnibus, wogegen Francis rauchend weiter ging. Das Mädchen war ganz allein im Wagen; ſie ließ daher eines der Schiebfenſter herunter, ſtreckte zu demſelben ihr Köpfchen hinaus und lächelte Maucroix zu, bis der Conducteur ſeine ſechs Sous neeſanche und ſo dieſer ſüßen Beſchäftigung ein Ende machte. Anſtatt, wie gewöhnlich, die Kaie einzuſchlagen, bog Francis in die Rivoli⸗Straße ein. Indem er an der Straße Caſtiglione vorüberging, warf er einen Blick auf die Fenſter der Gräfin. Es waren dieſel⸗ ben hermetiſch geſchloſſen; Adeline ſchlief noch und dachte nicht entfernt, daß der Baron ſo nahe war. Endlich kam Maucroix zu Hauſe an, wo der Portier ihm einen Brief einhändigte. Er erkannte Adelinens Hand; heftig pochte ſein Herz bei dem Gedanken, daß ſie vielleicht um Alles wiſſe. Er er⸗ brach den Brief; es war derſelbe vom Abend des vergangenen Tages datirt und enthielt nachſtehende Worte: „Ich habe heute einen recht ſchönen Tag ver⸗ lebt; ich kann ihn nicht zu Ende gehen laſſen, ohne Ihnen noch ein Mal zu ſagen, daß ich Sie liebe. „Morgen um zwei Uhr.“ Man wird ſich noch erinnern, daß Gerhard mit Maucroix frühſtücken ſollte. Es fand derſelbe ſeinen Dumas, Novellen. I. 12 178 Freund in tiefes Nachdenken verſunken und die Füße am Feuer. „Zum Henker! An was denkſt du denn, daß du mich nicht einmal haſt hereinkommen hören,“ fragte er ihn, ſeine Hand ergreifend und dem Kamin den Rücken zuwendend. „Ohl an gar Vieles, und könnteſt du mich aus der Verlegenheit ziehen, in der ich mich in dieſem Augenblick befinde, ſo würdeſt du mir einen gewal⸗ tigen Freundesdienſt erweiſen.“ „Sag', was dich drückt; vielleicht können wir dann Rath ſchaffen.“ „Achl das iſt unmöglich.“ „Wer weiß?“ „Es iſt da um ſo weniger zu helfen, als die Sache, oberflächlich betrachtet, lächerlich, im Grunde aber überaus ernſt iſt.“. „Ich ſehe ſchon, du biſt verliebt „Getroffen.“ „In wen?“ „Du weißt es wohl.“ ee die Gräfin?“ Und in Grangette?“ 1 1 4 10 71 77 „Ja. n „Nun, ſo biſt du immer noch in dem Zuſtande, in dem ich dich ſeit einem Vierteljahre ſehe.“ „Ja, immer noch.“ „Aber was in aller Welt macht dieſen Zuſtand zu einem ſo unglücklichen? Iſt doch die Gräfin eine allerliebſte Frau, und Grangette ein allerliebſtes Mädchen. Du liebſt beide, und es ſcheint mir dieß füße daß en,“ min aus eſem wal⸗ wir 8 die runde tande, uſtand n eine iebſtes r dieß ganz natürlich. Alles in der Natur iſt ja gedoppelt: man hat zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine; warum ſollte man alſo nicht auch zwei Ge⸗ liebte haben?“ „Warum haſt du denn aber keine zwei?“ „Ohl bei mir iſt es etwas Anderes. Auch habe ich eine, die ich wie zwei liebe.“ „Immer noch Hauteville⸗Straße?“ fragte Francis lachend. „Immer noch.“ „Wer würde je glauben, daß ich, der ich doch Alles weiß, was du thuſt, nie den Namen deiner Geliebten erfahren, ja ſie auch nur geſehen? So oft ich mit dir über ſie ſprechen will, ſage ich: „Hautéville⸗Straße“. In dieſem Worte liegt das ganze Geheimniß. Meiner Treu! ſie muß entweder recht häßlich oder recht hübſch ſein, daß du gegen mich ſo geheim thuſt.“ „Wenn du von dieſer Sache nicht mehr weißt, ſo kommt dieß daher, daß es nach meiner Anſicht Dinge gibt, die man nicht einmal ſeinem vertraute⸗ ſten Freunde ſagen darf.“ „Was du da ſagſt, lautet recht höflich für mich, der ich dir Alles ſage.“ „Hätten deine Geliebten dich gebeten, mir dein Verhältniß zu ihnen zu verſchweigen, ſo hätteſt du wohl reinen Mund gehalten. Die meinige aber hat mich um ſtrengſte Verſchwiegenheit gebeten, und darum ſchweige ich; und wenn dir wenigſtens ſo viel be⸗ kannt iſt, daß ſie in der Hauteville⸗ Straße wohnt, ſo haſt du es eben errathen. Im Uebrigen küm⸗ mert dich das, wie ich glaube, nicht gar viel, und 180 darum kannſt du mir wegen meiner Verſchwiegen⸗ heit nicht gar böſe ſein.“ „Ich ſcherzte nur, lieber Freund!“ „Kommen wir alſo auf deine Sache zurück „Ich muß dir noch ein Mal ſagen, daß ich in größten Verlegenheit bin.“ „So quittire eine.“ „Ja, aber welche ſoll ich ‚aufſtecken“?“ „Ahl das iſt der ſchwierige Punkt. Die Gräfin etwa?“ „Jetzt geht das nicht an.“ „Warum nicht?“ „Für's Erſte darum nicht, weil ich ſie liebe. Und für's Zweite iſt ſie geſtern ſo unendlich artig gegen mich geweſen; wüßteſt du es nur! Es iſt dieſe Frau ſo voller Gemüth, ſo voller Herz, und es zeigt ſich dieß um ſo mehr, als ſie ihren ganzen Stolz überwinden muß, um mir ihre Liebe zu ge⸗ ſtehen. Es geht dieß ſo weit, daß ich, als ich ſie verlaſſen, einen Augenblick im Sinn gehabt habe, nicht nach Neuilly zu gehen.“ „Steck' alſo Grangette auf. Und unter uns ge⸗ ſagt, du thäteſt wohl daran.“ „Warum?“ „Weil ſie, mein Lieber, zu deiner ſocialen Stel⸗ lung weniger paßt als die Gräfin; weil du, ein Mann von Welt und Geiſt, eine Geliebte brauchſt, mit der du dich unterhalten, mit der du dich ſehen laſſen kannſt. Mit Grangetten aber kannſt du dich nirgends zeigen. Sie iſt zwar ein allerliebſtes Mäd⸗ chen, aber am Ende doch nur eine Griſette. Eine Zeit lang hat man ſeinen Spaß damit, allein ewig 1 de kann es nicht dauern. Du willſt Grangette doch nicht heirathen, nicht wahr?“ „Nun, wo ſoll das hinaus?“ „Es ſoll da hinaus, daß wir die Augen gegen die Wahrheit nicht muthwillig verſchließen ſollen. Sieh, Freund, es gibt Dinge, die wir unter vier Augen uns geſtehen und in die Wagſchaale unſerer Entſchlüſſe legen können, da ſie im Leben von gro⸗ ßem Gewichte ſind. Du haſt zwar einen ſchönen Namen, aber nur wenig Vermögen; du wirſt alſo früher oder ſpäter eine Frau nehmen.“ „Nie! niel nie!“. „Ohl man ſpricht ſo und heirathet dennoch.“ „Kurz und gut?...“ „Kurz und gut, die Gräfin iſt, um bei der Wahr⸗ heit zu bleiben, ſo elegant, als man es immer ſein kann; du aber haſt alle Vortheile dieſer Eleganz ohne deren Laſten. Eure Liebe iſt alſo, wenn ihr einander liebt, von allen jenen Geldfragen frei, welche der Liebe ſo viel Eintrag thun, undvon all' dem Luxus umgeben, der ihr ſo wohl anſteht.“ „Wenn ich dir aber ſagte, daß es Tage gibt, wo das mich demüthigt?“ „Wo was dich demüthigt?“ „ Daß die Gräfin meiner nicht bedarf und mich in einem Appartement empfängt, das ich nicht be⸗ zahle.“ „Grangette alſo iſt dir lieber, weil ſie dir Geld koſtet?“ „Grangette koſtet mir nichts.“ „Dann muß ich dir geſtehen, daß es demüthigen⸗ der wäre— wenn von Demüthigung hier überhaupt 182 die Rede ſein kann—, der Liebhaber einer Griſette zu ſein, die durch ihrer Hände Arbeit ihr Leben verdient, als der nichtsbezahlende Liebhaber einer hochſtehenden Dame, der das Geld zugeflogen kommt.“ „Ja, wenn aber Grangette Geld brauchte, ſo würde ſie ſicherlich mich darum angehen.“ „Der ſchöne Troſt, wenn man, wie du, nur fünfzehnhundert Livres Renten beſitzt! Aber du irrſt dich noch dabei. Grangette kennt deine Lage gar gut, und würde ſie einmal Geld brauchen, ſo würde ſie ſicherlich lieber zu allen andern Mitteln greifen, als daß ſie an deine Börſe appellirte.“ „Daraus ſiehſt du wohl ſelbſt, daß ſie mich wahrhaft liebt.“ „Wer ſtreitet das 2 „Warum machſt du ihr alſo immer den Proceß?“ „Meiner Treu! du wirſt verrückt. Haſt du mich um einen guten Rath gebeten oder nicht?“ „Ja, ich habe dich um einen ſolchen gebeten.“ „Warum?“ „Weil ich eines dieſer Frauenzimmer quittiren will; weil ich es müde bin, thatſächlich, wenn auch nicht mit Worten zu lügen; weil mein ganzes Leben durch dieſe zwei Verhältniſſe in Anſpruch genommen wird, und endlich, weil man, wenn man zwei Ge⸗ liebte hat, die man gleich ſehr liebt, und die Einen gleich ſehr lieben, zu nichts mehr taugt. Nun haſt du es.“ „So quittire denn Grangette und behalte die⸗ jenige, der ihre geſellſchaftliche Stellung eine voll⸗ ſtändige Freiheit verſagt. Behalte diejenige, die glücklich, die reich iſt, die von der Zukunft nichts zu ittiren n auch Leben ommen dei Ge⸗ Einen un haſt lte die⸗ ne voll⸗ ge, die ichts zu fürchten hat und ihre Liebe mit einem goldenen Rahmen umſchließt. Und glaube mir, gar oft, haupt⸗ ſächlich aber in Dingen der Liebe iſt es der Rah⸗ men, der dem Gemälde ſeinen ganzen Werth ver⸗ leiht.“ „Bocksbeuteleien das! Glaubſt du denn, die Schönheit, die Jugend, der heitere Sinn Grangettens wiegen alles das nicht auf?“ „Darauf antworte ich mit der Frage: Fehlt es Adelinen an Jugend und Schönheit? Und muß ſie dir ſchlechterdings mehr oder minder luſtige Liedchen ſingen, um dir zu gefallen? Sag' es ihr, und ſie wird es daran gewiß nicht fehlen laſſen. Sei dem aber wie immer, wir drehen uns, ſiehſt du, in ei⸗ nem vitiöſen Zirkel. Es kommt heraus, als wollte ich dich veranlaſſen, Grangette ‚aufzuſteckene, wäh⸗ rend mir es doch vollkommen gleichgültig iſt, ob du eine, zwei oder zehn Geliebte haſt. Du weißt ja wohl, daß ich mich in ſolche Dinge nie zu miſchen pflege, nur möchte ich dich, da du meinen Rath ſuchſt, auf die Gefahren aufmerkſam machen, die auf einer Seite ſind. Es kann Grangette ihre Stelle verlieren; ſie kann ein halbes, ein ganzes Jahr krank daliegen. Nothwendig wirſt du dann für ſie zu ſorgen haben. Was wird dann aber aus euch bei⸗ den mit deinen fünfzehnhundert Livres Renten wer⸗ den? Ihr werdet bei ſiebenhundertfünfzig Franken per Kopf ein recht ſchönes Elend haben und euer Leben lang beiſammen bleiben müſſen, da man eine Frau, mit der man einmal im Elend geweſen, nie mehr verläßt. Willſt du das? Nun, ſo thue es.“ „Wie, ich ſoll mit dem edlen Mädchen brechen, weil es möglich wäre, daß ſie früher oder ſpäter an mir allein eine Stütze hätte? Das wäre ganz ein⸗ fach eine Niederträchtigkeit!“ „Nun aber genug! Geh' zum Henker mit deinen zwei Frauenzimmern! Ich ſehe ſchon, es iſt mit dir nichts zu haben!“ Maucroix aber fing zu lachen an und verſetzte, während er noch lachte: „Ich muß bekennen, daß ich ein dummer Menſch bin; zugleich aber verſichere ich dich, daß meine Lage einige Rückſicht verdient. Ich habe weder der einen, noch der andern etwas vorzuwerfen. Und was das Aergerlichſte, iſt, daß ſie beide nach demſelben Muſter gemacht ſcheinen. Sie ſind gleich hübſch, ſie ſind beide gleich geſcheid, ſie haben beide dieſelben Lieb⸗ habereien. Vor einigen Tagen beſuchte ich die Gräfin: da hatte ſie ſich einen weißen Hut gekauft. Ich gehe zu Grangetten, da ſehe ich, wie ſie ſich eben⸗ falls einen weißen Hut macht. Ich gehe mit Gran⸗ getten vor dem Janiſſet ſchen Magazin vorüber, Abends, vor etwa einem Monate; ſie ſieht ſich die Juwelen an, deutet auf einen Schmuck und ſpricht: der wäre mir der liebſte. Drei Tage darauf ſpricht die Gräfin zu mir: ‚Ich muß Ihnen doch ein Ge⸗ ſchenk zeigen, das ich mir ſelbſt gemacht. Und was ſehe ich? Gerade den Schmuck, der Grangetten ſo ſehr gefallen hat. In dieſem Augenblicke war mir die Gräfin ordentlich verhaßt.“ „Warum?“ „Weil ich Grangetten den Schmuck nicht geben konnte, den die andere ſo leicht gekauft hatte.“ „Nun, ſo quittire die Gräfin.“ „Du ſpotteſt!“ „San ich dir frei herausſagen, was ich denke?“ 2. „Du biſt ein rechter Geck; es iſt dir, wie ich ſehe, lieb, dich als einen Menſchen hinſtellen zu können, der zwei Geliebte hat und weder der einen, noch der andern den Abſchied geben will. Laß mich in Ruhe und politiſiren wir lieber ein bischen.“ Es trat eine kurze Pauſe ein. Es gibt indeſſen Discuſſionen, auf die man wider ſeinen Willen immer zurückkommt, und ſo hob denn Gerhard im Tone eines Mannes, der einen ſchlagenden Beweis⸗ grund gefunden, wieder an: „Hat Adeline nie einen Andern als dich geliebt?“ „Nein.“ „Und Grangette?“ „Ja. Du weißt wohl, daß, wäre dem anders, ich bei ihrer eigenthümlichen Lage nie daran denken nürde, ſie zu quittiren, wenn ich ſie nicht mehr iebte.“ d „Mithin hat die Gräfin mehr für dich gethan als Grangette?“ „Offenbar.“ „Die eine gefährdet ihren guten Ruf, die andere dagegen riskirt gar nichts. Auf der einen Seite Opfer, auf der andern bloße Gewohnheit. Iſt das wahr oder nicht?“ „Vollkommen wahr?“ „So quittire denn Grangette.“ Maucroix ließ den Kopf ſinken, da hierauf ſchlech⸗ terdings ſich nichts erwidern ließ. Nach Verfluß von etlichen Augenblicken warf er den Kopf wieder in 186 die Höhe, blickte Gerhard an und ſprach lächelnd zu ihm: „Du haſt Recht: Alles, was du da ſagſt, habe ich auch ſchon mir gar oft geſagt.. 4 „Und haſt Grangette nicht quittirt? Nun ſo quittire die Gräfin, denn offenbar liebſt du Gran⸗ gette mehr.“ Maucroix ſteckte die Hände in die Taſchen und ging in ſeinem Zimmer auf und ab. Kopfſchüttelnd ſchaute Gerhard ihn an, wie ein Arzt, der es mit einer unheilbaren Krankheit zu thun hat. Es hatte natürlich dieſe ganze Converſation in halb ſpöttiſchem, halb ernſtem Tone Statt gehabt und ſtand ſo mit dem Gegenſtande vollkommen im Einklang. „Wie wäre es, wenn ich Wappen oder Schrift ſpielte, um zu ſehen, wen ich quittiren ſoll?“ rief der Baron, plötzlich ſtehen bleibend. „Es wäre das gar unnütz. Es unterwirft ſich das Herz nimmermehr dem Zufall. Auch wäre das eine weit ſchlechtere Handlung, als wenn du einem Räſonnement gehorchteſt.“ „Du ſiehſt wohl, ich ſcherze nur. Aber nun ſag mir unumwunden, was du an meiner Stelle thun würdeſt?“— „Ohl der Tanz ſoll wieder von vorn anfangen? Ich habe dir bereits geſagt, daß meine Wahl keinen Augenblick zweifelhaft wäre: ich würde Grangette quittiren.“ „Du gibſt mir dein Chrenwort?“ „Ei freilich!“ „Nun denn!“ rief Maucroix im Tone eines ‚elnd habe ſo ran⸗ und elnd mit n in habt im chrift rief ſich das einem nun Stelle igen? keinen ngette eines 187 Mannes, der endlich zu einem Entſchluſſe gekommen, „nun denn!...“ Indeſſen brachte er ſeine Phraſe nicht in dem gleichen Tone zu Ende; ſie ging im Gegentheil in ein Lächeln über, während er hinzuſetzte: „Heute nicht, ſie iſt geſtern gar zu lieb geweſen.“ „Ein Gleiches haſt du von der Gräfin prä⸗ dicirt.“ „Was ſoll ich Anderes ſagen? Es iſt eben wahr.“ „Schon ſehe ich den Tag kommen, wo du dich ſelbſt verrathen, wo du dich des unrechten Namens bedienen wirſt; oder aber wird man dir nachgehen, und dann biſt du in einer ſchönen Lage!“ „Eben das möchte ich vermeiden. Viel beſſer iſt es, wenn man einem Frauenzimmer einen Kum⸗ mer bereitet, als wenn man ſie lächerlich macht. In⸗ deſſen verſichere ich dich, daß dieſe doppelte Liebe Anfangs viel Reiz für mich hatte, ja daß ſie noch jetzt nicht ohne Reiz iſt.“ „Es muß alſo recht amüſant ſein zu lügen?“ „Ich lüge nie.“ „O du großer Lügner!“ „Wann habe ich denn gelogen?“ „Wenn du von der Gräfin weggingſt, um nach Neuilly zu wandern, da iſt es doch gewiß auch ſchon einmal vorgekommen, daß ſie dich fragte, wohin dein Weg dich führte. Was ſagteſt du da zu ihr?“ „Ich ſagte ganz einfach: Ich gehe nach Neuilly.“ „Wenn ſie dich nun aber einmal fragte, was du zu Neuilly zu ſchaffen habeſt?“ 188 „Sie hat ſchon einmal eine ſolche Frage an mich geſtellt.“ „Und du haſt ihr zur Antwort gegeben?. „Was ich ihr zur Antwort gegeben? Nun, ich habe geſagt: Ich gehe zu einer allerliebſten Perſon, die mich zum Eſſen eingeladen hat, und es war das die Wahrheit.“ „Wenn ſie dich aber gefragt hätte: Lieben Sie ſie?“ „Dann hätte ich ja geſagt. Allein ſie hat mich das nicht gefragt, ſo wenig, als Grangette mich ge⸗ ſtern gefragt hat, ob ich der Liebhaber der jungen und hübſchen Frau wäre, von der ich ihr ſagte, daß ich herkäme, als ſie wiſſen wollte, warum ich nicht bälder gekommen. Es ſind die Weiber ſchon ſo ſehr daran gewöhnt, daß man es vor ihnen ſorgfältigſt geheim hält, wenn man ihnen untreu iſt, daß ſie nie auf den Gedanken kommen werden, es habe ihr Liebhaber eben das Frauenzimmer zur Geliebten, von dem er offen mit ihnen ſpricht, und zu dem er nach ſeinem eigenen Geſtändniſſe geht. Es iſt dieß ſo wahr, daß ich eines Morgens, als ich von Neuilly zurückkam, Adeline hier fand, die mir hatte eine an⸗ genehme Ueberraſchung bereiten wollen. Natürlich ließ ich mir nicht einfallen, daß ſie da wäre. Ich gehe hinein; es klopfte mir das Herz, ich geſtehe es dir gern, und ich war feſt überzeugt, daß nun Alles aus wäre. „Wo kommen Sie her?' hob ſie an. „Ich bin bei einem Frauenzimmer geweſen. Sie ſind ihr Geliebter? 6 „Ja. 44 f? —Q—O·——F:ᷓoyoͤꝛ:¶:—— 189 1 1 mich„Bei dieſem Worte erbleichte Adeline; dann aber fing ſie plötzlich an zu lachen und ſprach: „„„Ach, wie närriſch bin ich doch, daß ich alle , ich Ihre Albernheiten anhöre! Würden Sie mir es rſon, denn ſagen, wenn Sie eine andere Geliebte hätten? h das Und weiter fragte ſie mich nicht.“ „In der That, es iſt dieß recht drollig.“ 1 eben„Was ich da that, war recht ſchlecht. Ich ſagte ihr etwas in's Geſicht, was ſie glauben konnte und mich ihr großen Kummer bereiten mußte; denn ich lebe ge⸗ der Zuverſicht, daß ſie mich liebt, darum iſt mir auch ngen dieſe falſche Offenheit jetzt zuwider. Ich ſchätze beide daß zu ſehr, um mich einer Untreue ſchuldig zu machen, nicht und es muß das ein für alle Mal aufhören!“ ſehr„Du ſagſt es, aber es hört eben nicht auf.“ 3 ltigſt„Ich fürchte, ungerecht zu ſein.“ ß ſie„O du Salomo!“ ihr Francis lachte unwillkürlich. 1 bten,„Jür den Augenblick iſt nichts zu thun,“ fing G m er Gerhard wieder an;„indeſſen will ich dir ein Mittel dieß vorſchlagen.“ uilly„Sprichl an⸗„Sie lieben dich beide?“ irlich„Ja.“ Ich„Und wenn es dir bewieſen wäre, daß eine dich he es wenigey liebt als die andere?“ Alles„Dann wäre mein Entſchluß bald gefaßt.“ „Nun, ſo ſetz' ſie beide auf die Probe.“ „Wie?“ .„In acht Tagen geht deine Mutter auf's Land.“ „Ja, und dann?“ „Dann ſchreib' jeder ein paar Zeilen, worin du meldeſt, daß du abreiſeſt, doch ohne zu ſagen, wohin du gehſt. Begleite deine Mutter; bleib' einen Monat lang bei ihr; laß weder Gran⸗ gette noch Adeline unterdeſſen wiſſen, wo du biſt und was du treibſt. Sie werden ſich ſtolz verlaſſen glauben; es wird ihre Eigenliebe verwundet ſein: das iſt der wahre Prüfſtein für ſolche Liebſchaften. Dann komm' nach einem Monate wieder. Find' dich bei beiden ein, als ob nichts vorgefallen wäre: die, welche dir am Bäldeſten verzeiht, wird dadurch be⸗ weiſen, daß ſie dich am Meiſten liebt.“ „Du glaubſt alſo, daß eine von ihnen mir nicht verzeihen werde?“ „Ich glaube, daß in einem Monat gar Vieles geſchieht, ſowie daß du bei deiner Rückkehr gar leicht eine Untreue finden könnteſt— was eine noch beſſere Löſung wäre.“ „Du glaubſt alſo nicht, daß ein Frauenzimmer einen Monat lang beſtändig ſein könne?“ „So meine ich es nicht! Ich ſage bloß ſo viel, daß eine von den beiden gar leicht aus Aerger, aus Caprice, aus ich weiß nicht was dich vergeſſen könnte, während die andere dich nicht vergäße: welche wür⸗ deſt du in ſolchem Falle behalten?“ „Welche Dummheit! Sicherlich würde ich die be⸗ halten, die mir nicht untreu geworden wäre, die an⸗ dere dagegen würde ich auf der Stelle quittiren. Doch ich kenne ſie, und es wird weder die eine, noch die andere mich hintergehen.“ „Bahl du biſt eben ein Geck. Ich ſage dir, beide werden dich hintergehen und es wird dir Recht ge⸗ ihr ganz trocken ſche tig zuſte 2 hne ter; ran⸗ biſt aſſen ſein: ften. dich die, h be⸗ nicht Lieles leicht deſſere immer 0 viel, r, aus könnte, e wür⸗ die be⸗ die an⸗ ittiren. ne, noch —·, beide echt ge⸗ 191 ſchehen. Aber damit wir endlich mit der Sache fer⸗ tig werden: nimmſt du mein Mittel an?“ „Ei, freilich!“ „Es bleibt alſo dabei?“ „Jd.“. „Du wirſt kein unehrliches Spiel treiben?“ „Wie ſollte ich das? Liebe ich doch beide gleich ſehr.“ „Es gilt!“ Die acht Tage, welche auf dieſe Scene folgten, theilte Francis, wie bisher, ſo ein, daß Adeline und Grangette ſich gleich befriedigt finden mußten. Frau von Maucroix rüſtete ſich zur Abreiſe. Endlich erſchien der achte Tag. Was den Baron betrifft, ſo hatte er ſein Verſprechen gehalten, indem er weder der Gräfin, noch der Griſette etwas geſagt; indeſſen wäre er gar gern in Paris geblieben. Es hatte ſein Herz ſich wirklich an dieſe doppelte Liebe gewöhnt, und ſo wurde es denn zwiefach zerriſſen, als es, wenn auch nur auf einen Monat, dieſer ſüßen Gewohnheit entſagen ſollte. Allein es war nun eben nicht mehr anders zu machen. Er hatte Gerhard ſein Wort gegeben, und zweitens zählte ſeine Mutter auf ihn.— Am Morgen des achten Tages trat Gerhard zum Baron herein. 5 reiſeſt du alſo ab?“ „Ja.“ „Du befindeſt dich immer noch in dem gleichen Zuſtande?“ „Immer noch.“ 192 „Du willſt immer noch dem, was zwiſchen uns abgeſprochen worden, nachkommen?“ „Immer noch.“ „So nimm einen Bogen Papier und ſchreib', was ich dir jetzt dictire,“ fuhr Gerhard fort, wie wenn es ſich von den ernſteſten Dingen der Welt gehandelt hätte. 3 Francis gehorchte. „Mein liebes Kind! „Ich begleite meine Mutter auf's Land und werde vor einem Monat nicht zurückkommen. Ganz der Deinige.: 7/ „Und nun unterzeichne.“ „Sonſt nichts?“ „Sonſt nichts.“ „Das iſt gar wenig „Es iſt genug.“ Francis unterzeichnete. „Schreib' die Adreſſe darauf.“ „An wen ſchicken wir dieſen Brief?“ „An Grangette. Der andere wird, das Du ab⸗ gerechnet, ebenſo lauten.“ Nachdem die beiden Briefe geſchrieben, zuſammen⸗ gelegt und geſiegelt waren, gab Francis ſie ſeinem Freunde, der ihm das Verſprechen gab, ſie an ihre Adreſſen gelangen zu laſſen, und ſprach: „Nun, ſo geſchehe dein Wille!“ Hier wurde Maucroix gemeldet, daß ſeine Mutter reiſefertig wäre. Er küßte Gerhard. „Heute haben wir den 25. März,“ ſprach er zu 10 ihm;„am 26. April, Morgens acht Uhr, werde ich was wenn andelt b und du ab⸗ mmen⸗ ſeinem in ihre Mutter heer zu rde ich 193 bei dir ſein. Tags zuvor werde ich meine beiden Beſuche gemacht haben; du ſollſt dann von mir er⸗ fahren, wie ich empfangen worden, und mir ſagen, was unterdeſſen vorgefallen, wenn überhaupt etwas vorfällt. Iſt es recht ſo?“ „Ja. Aber du mußt mir ſchwören, daß du, was immer geſchehen mag, weder an die eine, noch an die andere ſchreiben willſt.“ „Ich ſchwöre es.“ „Glückliche Reiſe!“ Es drückten ſich die beiden Freunde die Hand un trennten ſich, nachdem ſie ſich noch ein Mal ge⸗ küßt. Vier Tage nach der Ankunft des Barons auf dem Landgute der Marquiſe brachte der Dome⸗ ſtike ihm zwei Briefe. Es brauchte Francis ſie nicht erſt zu entſiegeln, um zu wiſſen, von wem ſie waren. Es war der eine von Adelinen, der andere von Grangetten. Maucroix drehte einige Augenblicke dieſe beiden Briefe, die von zwei ſo verſchiedenen Quellen her⸗ rührten und ihm zu gleicher Zeit zukamen, in den Händen herum. Sie waren gleichſam ein doppelter Vorwurf. Eine Weile meinte er, er wolle ſie gar nicht leſen, um das Gerharden gegebene Verſprechen um ſo ſicherer halten zu können; allein ſolcherlei Ideen gehören zu denjenigen, die man bloß einen Augenblick hat. Francis war in nicht geringem Grade erregt; denn er hatte in Wahrheit die beiden Briefe nicht erwartet, noch viel weniger aber hatte er erwartet, daß ſie zu gleicher Zeit ankommen würden. Dumas, Novellen. I. 13 194 „Was werden ſie mir wohl zu ſagen haben?“ fragte er ſich. Er erbrach das Siegel von Adelinens Brief. Warum wollte er dieſen zuerſt leſen? Intereſſirte ihn das, was die Gräfin ſagte, mehr, oder wollte er bloß möglichſt ſpät erfahren, daß er Grangetten Kummer verurſacht? Der Brief war kurz genug und enthielt nach⸗ ſtehende Worte: „Geſtern habe ich von Ihnen einen gar ſeltſamen Brief bekommen. Wie! Am vierundzwanzigſten kom⸗ men Sie zu mir, ohne mir zu ſagen, daß Sie am fünfundzwanzigſten abreiſen, und in dem Augenblicke Ihrer Abreiſe ſchreiben Sie mir ein paar Zeilen, die ich lieber gar nicht verſtehen will, da ſie mir ſonſt Ihre Gleichgültigkeit beweiſen müßten! Sie ſagen mir nicht einmal, wohin Sie gehen. Einen Augen⸗ blick hat mich die Furcht beſchlichen, daß Ihnen oder Ihrer Mutter etwas zugeſtoßen ſein möchte, und ich bin darum in Ihre Wohnung geeilt. Dort habe ich erfahren, wohin ich Ihnen ſchreiben muß, was ich jetzt, wo ich wieder heimgekommen, thue. Es ſchicke mir Ihr Herz baldigſt eine Erklärung; vielleicht daß ich ihm dann verzeihe. „Adeline.“ „Welch allerliebſte Frau!“ ſprach Maucroix, der Gräſin Brief auf den Tiſch werfend. Und den Grangettens erbrechend, las er:. „Erſt heute Abend, den ſechsundzwanzigſten, bei . früher U nehme angehe Mittel Er ſche den, in „A kommt den?“ Brief. eſſirte wollte getten nach⸗ ſamen kom⸗ ie am nblicke n, die ſonſt ſagen lugen⸗ oder nd ich abe ich as ich ſchicke ht daß 195 meinem Nachhauſekommen, habe ich den Brief ge⸗ funden, den du mir geſtern geſchrieben. Was in aller Welt ſoll es bedeuten? Liebſt du mich etwa nicht mehr? Man könnte es beim Leſen faſt glauben. Du ſagſt mir ja nicht einmal, wohin du gehſt! Warum dieſe plötzliche Abreiſe, wovon du Tags zuvor mir auch nicht eine Sylbe geſagt? Ich bin alsbald in dein Haus geeilt, weil ich fürchtete, daß dir ein Un⸗ glück zugeſtoßen, oder aber, daß dieſe Reiſe nur ein Vorwand ſein möchte, um mich ferner zu fliehen. Schreib' mir alsbald, um mich zu beruhigen; denn ſieh, ſeit geſtern bin ich halb verrückt. Ich liebe und küſſe dich. „Deine Grangette.“ „Das herrliche Mädchen!“ fügte Francis ſeinem früheren Ausrufe bei. Und in je eine Hand einen der beiden Briefe nehmend, lächelte er ſie an und fragte ſich, was er nun zu thun hätte. Er hatte ſeinem Freunde Gerhard gelobt, den beiden Frauenzimmern in keiner Weiſe etwas von ſich zu ſagen— ein Verſprechen, das er halten mußte. Kann man ſchon aber mit dem Himmel ſich abfinden, ſo wird das um ſo eher noch mit der Erde angehen. Es glaubte alſo Francis ein treffliches Mittel gefunden zu haben, Allen gerecht zu werden. Er ſchrieb an Adeline und an Grangette nachſtehen⸗ den, in Duplo ausgefertigten Brief: „Wenn ich von meiner Abreiſe nichts geſagt, ſo kommt dieß daher, daß dieſelbe eine ganz plötzliche 196 war. Wenn ich dir einen ſo kurzen Brief geſchrieben, ſo liegt der Grund darin, daß ich mit meiner Mut⸗ ter in aller Eile abgereist bin. Ich brauche nicht erſt beizufügen, wie gern ich dir noch Lebewohl ge⸗ ſagt hätte und wie ſehr es mich jetzt verlangt, dich bald wieder zu ſehen. Im Uebrigen werde ich wie⸗ der bälder, als du glaubſt und als ich bei meiner Abreiſe ſelbſt glaubte, in Paris ſein. Ich liebe dich. .„Francis.“ Nachdem dieſe beiden Briefe geſchrieben, couver⸗ tirt, und mit den nöthigen Adreſſen verſehen waren, ſchickte ſie der Baron unverſiegelt an Gerhard. Zu gleicher Zeit übermachte er ihm die beiden Billets, die er bekommen, mit der Bitte, mit den beigeſchloſ⸗ ſenen Zeilen darauf antworten zu dürfen. Wenn er damit einverſtanden ſei, ſo ſolle er die beigeſchloſſe⸗ nen Briefe ſiegeln, und ſie an ihre Adreſſen gelan⸗ gen laſſen. Zwei Tage darauf bekam Maucroix ein paar Zeilen von Gerhard, der ihm mittheilte, es ſei ſein doppelter Auftrag beſtens beſorgt; im Uebrigen ver⸗ biete er ihm in Zukunft, fernere Briefe zu beant⸗ worten. Indem Gerhard ſeinem Freunde den Rath gab, eine Reiſe zu machen, hatte er gedacht, daß die Entfernung ihm ſeine Gefühle in ihrem wahren Lichte erſcheinen laſſen würde. Sowohl in der phy⸗ ſiſchen als moraliſchen Welt gilt das Axiom, daß man die Dinge am Beſten ſieht, wenn man ſie ein wenig aus der Ferne ſieht. Und doch war dem nicht alſo; das Herz des jungen Mannes legte dieſe zwei Liebſchaften in zwei völlig gleiche Wagſchalen, eben, Mut⸗ nicht hl ge⸗ dich hwie⸗ neiner dich. ouver⸗ varen, . Zu Zillets, eſchloſ⸗ enn er chloſſe⸗ gelan⸗ n paar ſei ſein en ver⸗ beant⸗ n Rath daß die wahren er phy⸗ n, daß ſie ein ar dem gte dieſe gſchalen, 197 und kaum neigte ſich die eine ein bischen, ſo fiel auf der andern irgend eine holde Erinnerung in's Gewicht und ſtellte ſo das Gleichgewicht wieder her. Indeſſen hatte ſowohl Adeline als Grangette aufgehört, ihm zu ſchreiben. Dieſes Schweigen be⸗ gann ihn zu beunruhigen. Nun ſchrieb er an Ger⸗ hard und bat ihn, ihm das Neueſte mitzutheilen. Gerhard aber antwortete ihm lakoniſch genug: „Wie ich glaube, ſo kann ich dir bald Neues mittheilen und dir volle vierzehn Tage ſchenken. Halt' dich alſo jeden Augenblick reiſefertig.“ Der Brief war eben ſo myſteriös als beunruhi⸗ gend. Worin beſtand das Neue, das Gerhard halb und halb ſah? Francis wurde traurig und packte ſeinen Koffer. Es verſtrichen ſechs Tage, ohne daß ein Brief von Gerharden kam. Am ſechsten Tage, das heißt, achtzehn Tage nach ſeiner Abreiſe, bekam der Baron von ſeinem Freunde ein Billet folgenden Inhalts: „Komm geſchwind. Beſuche zuerſt Adeline und dann Grangette, und theile mir mit, wie du von beiden aufgenommen worden.“ „Dein Freund Gerhard.“ Vuürde der liebe Gott einem Blitze gebieten, einen Wagen zu beſteigen, ſo könnte derſelbe ſich nicht mehr ſputen als Francis. Raſch entführte ihn die Diligence. Zu Paris angekommen, eilte der Baron in ſeine Wohnung, ließ dort ſeinen Koffer, kleidete ſich um und eilte zu der Gräfin. Dieſe war allein. Mau⸗ croix ließ ſich anmelden und trat nicht ohne eine ge⸗ wiſſe Aufregung hinein. Sollte er hier die Ver⸗ änderung finden, von der Gerhard ſprach? Es erblaßte Adeline ein wenig, als ſie ihren Geliebten hereintreten ſah. „Sie ſind es!“ ſprach ſie mit jener Stimme, die durch ein unmerkliches Zittern die innerliche Be⸗ wegung und das Bemühen, derſelben Herr zu wer⸗ den, verräth. „Sie erwarteten mich nicht?“ „Nein, ich erwartete Sie nicht mehr.“ „Sie ſcheinen böſe?“ fuhr der Baron, zu den Füßen der Gräfin ſich ſetzend und ihr die Hand küſ⸗ ſend, fort. „Man könnte es wahrlich aus minder erheblichen Gründen ſein!“ „Was habe ich denn gethan?“ „Sie fragen erſt noch? Wiel! Sie reiſen ab und ſetzen mich bloß durch zwei Zeilen davon in Kennt⸗ niß! Sie laſſen mich nicht einmal wiſſen, wohin Sie gehen! Ich hatte die Güte in Ihr Haus zu eilen und Ihnen zu ſchreiben. Dieß Mal antworten Sie mir mit zehn Zeilen; dann höre ich nicht mehr von Ihnen ſprechen, und eines ſchönen Tages kommen Sie ganz unerwartet wie eine Revolution, und ſcheinen erſtaunt, daß Ihr Empfang kein begeiſterter iſt! In der That, mein Lieber, Sie ſind gar zu einbildiſch, wenn Sie glauben, man könne ohne Sie nicht ſein. Ich meines Theils habe ſchon angefan⸗ gen, mich daran zu gewöhnen, und fühle, daß es 4 ———— Nau⸗ e ge⸗ Ver⸗ ihren , die Be⸗ wer⸗ u den d küſ⸗ blichen b und Kennt⸗ in Sie eilen en Sie hr von ommen , und iſterter gar zu ne Sie agefan⸗ daß es 199 mir gar keine Mühe koſten wird, dieſer Gewohnheit auch ferner treu zu bleiben.“ Werde ich von einem Frauenzimmer geleſen, ſo brauche ich ihr nicht erſt zu ſagen, in welchem Tone dieſe kleine Tirade geſprochen ward. Meine geneigte Leſerin weiß eben ſo gut, ja noch beſſer als ich, wie ein Frauenzimmer mit dem Geliebten ſpricht, den ſie wieder ſieht, nachdem ſie befürchtet hat, daß ſie ihn nicht mehr zu Geſicht bekommen werde. Es liegt in dem Gefühl, das über ſie kommt, eine Miſchung von Freude und ein Reſt von Aerger, die, in ungleichen Doſen gemengt, gar bald jenes allerliebſte Ding er⸗ zeugen, das man Wiederausſöhnung nennt. Unglück⸗ licher Weiſe beſaß Francis nicht das Wiſſen eines Frauenzimmers; er ſprach alſo, die Worte der Gräfin um ſo ernſter nehmend, als der räthſelhafte Brief ſeines Freundes ihm ſagte, daß er ſich auf Alles gefaßt zu machen habe, zu Adelinen: „Meiner Treu! Gerhard hatte Recht.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß Gerhard mir vorher geſagt, ich würde in Paris veränderte Zuſtände an⸗ treffen.“ „Um ſolches vorherzuſagen, brauchte man wahr⸗ lich kein Prophet zu ſein. Beträgt ein Mann, der einem Frauenzimmer nichts vorzuwerfen hat, gegen dieſe ſich ſo, wie Sie ſich gegen mich betragen haben, ſo darf es ihn gar nicht Wunder nehmen, wenn ſie gegen ihn eine andere geworden.“ „Sie geſtehen alſo...“ „Was?“ „Daß Sie mich nicht mehr lieben?“ 200 „Wollte ich ſo etwas geſtehen, ſo würde ich eben damit bekennen, daß ich Sie nie geliebt; denn es wäre eine Liebe, die ſchon in zwei Wochen ſtärbe, eine Liebe, die keine ſehr tiefe Wurzeln hätte. In⸗ deſſen geſtehe ich, daß ich an Ihrem Betragen in recht peinlicher Weiſe irre geworden bin, und daß, wenn meine Liebe noch nicht ganz erſtorben, ſie gar wohl an den Folgen ſterben könnte.“ „Es ſei denn, daß man die Wunde ſo ſorgfältig verbindet, daß ſie ſich bald ſchließt,“ verſetzte Mau⸗ croix ſo einſchmeichelnd wie ein Kind. „Aber erklären Sie doch Ihr ſeltſames Beneh⸗ men!“ hob Adeline wieder an in dem Tone einer Frau, die ſich überzeugen laſſen will. „Sie wollen es?“ „Ja, ich will es.“ „Und Sie werden es mir verzeihen?“ „Wenn der Grund ein ſtichhaltiger iſt.“ „Wohlan denn! Dieſer Grund liegt in meiner Liebe.“ —„Was iſt das für ein neuer Scherz?“ „Es iſt die Wahrheit.“ „So erklären Sie mir ſie, denn ſie iſt keineswegs „Ich wollte Sie auf die Probe ſtellen.“ „Wiel auf die Probe? Ich begreife nicht.“ „Ich wollte ſehen, ob Sie mich liebten.“ „Sie zweifelten alſo daran?“ „Solcher Dinge iſt man nie ſo ganz gewiß.“ „Und dann?“ „Dann habe ich bei mir ſelbſt geſagt: Ich will Paris verlaſſen und einen Monat fern von ihr leben, einer 1 . ) will leben, 201 ohne etwas von mir wiſſen zu laſſen; liebt ſie mich trotzdem noch, wenn ein Monat um iſt, ſo ſoll mir das ein Beweis ſein, daß ſie mich recht warm liebt.“ „Nun, es ſind noch zwölf Tage bis der Monat um iſt; verlaſſen Sie alſo wieder Paris, damit die Probe vollſtändig iſt.“. „Nein, das thue ich nicht.“ „Sie ſchenken mir alſo die letzten zwölf Tage?“ g. „Welches Vertrauen und welcher Edelmuth; aber ſagen Sie mir doch: wo rühren dieſelben her?“ „Daher, daß Gerhard mir geſchrieben, ich könne nun nach Paris zurückkommen und werde dort neue Zuſtände finden.“ „Ja, und haben Sie dieſe ſogenannten neuen Zu⸗ ſtände gefunden?“ „Noch nicht, jedoch wäre es möglich, daß ich ſie noch fände.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Francis, Sie ſtehen auf dem Punkte, unverſchämt zu werden! Ich leſe das aus Ihren Augen heraus. Sie ſehen ein, daß Sie eine Dummheit begangen, und glauben ſich nicht beſſer aus der Sache herausziehen zu können, als indem Sie ſich einer zweiten ſchuldig machen.“ „Wäre es denn ſo erſtaunlich?...“ „Was?“ „Daß Sie mich nicht mehr liebten und...“ „Daß ich etwa einen Andern liebte? Ohl brin⸗ „gen Sie Ihre Phraſe zu Ende und geniren Sie ſich gar nicht.“ „Nun ja, daß Sie einen Andern liebten?“ „Sol ſo! Für wen halten Sie mich denn aber? 20²2 alten Sie mich für eine jener Frauen, denen ein Liebhaber nichts iſt, und die in einem Monat zwei haben? Wahrlich, ich weiß gar nicht, wo Sie her⸗ kommen!“ „Ich habe alſo nichts zu fürchten?“ „Sie ſind, ſo wahr ich lebe, verrückt!“ „Und Sie haben ſich gar nicht verändert?“ fuhr Francis fort, der ſich von ſeinem Thema nicht ab⸗ bringen ließ, Grangette allmählig ganz und gar ver⸗ geſſen hatte und glaubte, die ihm gemeldete Ver⸗ änderung betreffe nur Adeline— eine Ueberzeugung, die durch den kalten Empfang, welcher ihm zu Theil geworden war, noch beſtärkt wurde. „Nicht im Mindeſten, und doch hätte das wohl ſein können.“ „Sie ſehen, daß Gerhard ſich nicht täuſchte.“ „Hätte aber Herr Gerhard, dem, beläufig geſagt, eine Indiscretion meiner Mutter Alles enthüllt hat, Ihnen die volle Wahrheit geſagt, ſo wären Sie nur um ſo gewiſſer, daß ich Sie liebe oder vielmehr daß ich Sie liebte,“ beeilte ſich Adeline hinzuzuſetzen, da Sie ſich noch nicht ganz ergeben mochte;„dann wür⸗ den Sie auch nicht all das alberne Zeug ſchwatzen, das Sie in dieſem Augenblicke zum Beſten geben.“ „Es iſt alſo während meiner Abweſenheit etwas Außerordentliches vorgekommen?“ Ja.“ „Was denn?“ „Das ſollen Sie zu Ihrer Strafe nicht wiſſen. Herr Gerhard kann, wenn es ihm gut däucht, es Ihnen ſagen; was mich betrifft, ſo möchte ich auch nicht entfernt mir das Anſehen geben, als berühme ich mich einer Sache, die ſo ganz natürlich iſt, die ich zu jeder Zeit gethan hätte, und wenn ich Sie auch nicht geliebt haben würde.“ „So ſagen Sie mir doch, was es iſt, Adeline!“ „Nein. Ich kann Ihnen nur ſo viel ſagen, daß Sie ein Kind ſind, daß Sie mir viel zu ſchaffen gemacht, ſowie daß in Dingen der Liebe die größte Ungeſchicklichkeit, ja ſogar die größte Unklugheit darin beſteht, daß man das Weib, das man liebt, auf die Probe ſtellen will.“ „Das werden wir ſpäter ſehen.“ „Warum nicht alsbald?“ „Weil du es nicht verdienſt.“ „Du ſagſt: du? Ich ſehe das als ein erſtes Entgegenkommen an.“ „Es iſt bloß eine Abſchlagszahlung.“ „Ach! du biſt eben ein allerliebſtes Weſen, das man nie genug lieben kann! Aber ſo ſag' mir nun doch, was du in meiner Abweſenheit gethan.“ „Was ich gethan? Ich habe mich gelangweilt.“ „Iſt das auch wahr?“ „So wahr, daß ich närriſches Zeug gemacht.“ „Was für närriſches Zeug?“ „Ich habe gethan, was alle Frauen thun, wenn ſie nicht wiſſen, was ſie thun ſollen. Ich habe eine Menge Dinge gekauft, die ich nicht brauchte, unter Anderem auch einen Kaſchmirſhawl. Da ſehen Sie ſelbſt: iſt er hübſch?“ fuhr die Gräfin fort, indem ſie aufſtand, Francis in ihr Schlafzimmer führte und ihm einen rothen Kaſchmirſhawl zeigte.„Er iſt vier⸗ tauſend Franken werth und hat mir bloß dreitauſend gekoſtet.“ 204 „Und Sie wollen mir nicht ſagen, warum Ger⸗ hard mir geſchrieben, er habe mir Neues zu erzäh⸗ len?“ hob Maucroix wieder an, der, wie man ſich ſprüchwörtlich auszudrücken pflegt, immer wieder auf ſeine vorige Rede kam, und den der Anblick eines Kaſchmirſhawls nur mittelmäßig intereſſirte. „Nein, und wenn Sie mir einen Gefallen er⸗ weiſen wollen, ſo werden Sie nicht einmal mit Herrn Gerhard davon reden. Es handelt ſich um Dinge, die Sie nichts angehen und Sie nicht zu beſchäftigen verdienen.“ „Nun, ſo will ich mit Gerhard nicht davon reden.“ Eeie verſprechen mir es?“ „. „Nun, ſo ſei Ihnen verziehen!“ Und es bot die Gräfin ihm die Hand hin. Gibt man einem Frauenzimmer ein Verſprechen wie das des Barons, ſo geht man, ohne es zu ahnen, gegen ſich ſelbſt die Verpflichtung ein, es nicht zu halten. Was Adeline ſo leicht und Gerhard ſo wich⸗ tig zu nehmen ſchien, kam ihm keinen Augenblick aus dem Sinn, da er nicht zweifelte, daß es daſſelbe wäre. Er wußte ſchlechterdings nicht, was er von der Sache halten ſollte, und als er von der Gräfin weggegangen, um Grangette aufzuſuchen, fragte er ſich unterwegs fortwährend: Was in aller Welt mag es ſein? Als er endlich ſo zu Neuilly ankam, war ſein Geiſt mehr mit der Gräfin beſchäftigt als mit der Nähterin. Das Gitterthor vor dem Hauſe ſtand offen, und es ſtak in der Zimmerthüre der Schlüſſel. Auf chen des, offen hinen Tiſch nebe beſtit ſoga welc ſie v 4 ging mer Schr Als ſicht einer 1 Frau thrä er⸗ äh⸗ ſich auf nes er⸗ rrn ge, gen von ichen den, ſt zu wich⸗ aus ſſelbe von räfin gte er Welt ſein it der ſtand Zlüſſel. 205 Auf den Zehenſpitzen ging er hinein, um dem Mäd⸗ chen eine Ueberraſchung zu bereiten. Die Thüre des Zimmers, worin ſie ſich eben befand, ſtand halb offen; Maucroix ging leiſe darauf zu und ſchaute hinein. Und da ſah er denn, wie Grangette am Tiſche ſaß und beim Licht einer Lampe arbeitete, neben welcher eine Suppe ſtand, die, zu ihrem Diner beſtimmt, noch nicht angerührt und ohne Zweifel ſogar total vergeſſen war— eine Vermuthung, zu welcher der träumeriſche Zuſtand berechtigte, in den ſie verſunken ſchien. Leiſe öffnete Maucroix die Thüre vollends und ging auf das Mädchen zu; als ſie jetzt aber ſich im⸗ mer noch nicht rührte, ſprach er ihren Namen aus. Grangette warf den Kopf in die Höhe, ſtieß einen Schrei aus und warf ſich dem Baron in die Arme. Als ſie ſich aus denſelben losmachte, war ihr Ge⸗ ſicht in Thränen gebadet, und ihr ganzer Körper von einem fieberiſchen Zittern erſchüttert. „Warum weinſt du denn, liebes Herz?“ fragte Francis ſie ſanft. „Ach! laß mich doch weinen; es ſind Freuden⸗ thränen,“ antwortete das Mädchen.„Ich fürchtete ſo ſehr, du möchteſt gar nicht mehr kommen! Es ängſtigte mich ſo ſehr der Gedanke, daß ich dich nie mehr ſehen würde! Wie unglücklich bin ich nicht während dieſer Abweſenheit geweſen? Aber nicht wahr, du liebſt mich immer noch?“ „Immer noch, theures Kind.“ „Und du wirſt mich nicht mehr verlaſſen?“ „Nie mehr.“ Und Grangette ſtieß einen jener tiefen Seufzer 206 aus, welche die beklommene Bruſt mit einem Male wieder frei machen; dann trocknete ſie ſich die Augen ab, nahm die beiden Hände des Barons in die ih⸗ rigen, blickte ihn zärtlich an und ſprach: „Wie lieb iſt es doch von dir, daß du wieder gekommen biſt.“ Und alsbald die früheren Gewohnheiten wieder annehmend, als ſollte dadurch in Vergeſſenheit ge⸗ bracht werden, daß ſie eine augenblickliche Unter⸗ brechung erlitten, nahm Grangette dem Baron den Hut vom Kopf, ſtellte den Hut ſammt dem Stocke in eine Ecke, zwang den jungen Mann, in dem Lehn⸗ ſeſſel Platz zu nehmen, den ſie bei ſeinem Eintreten eingenommen hatte, und kniete voller Liebe vor ihm hin. aron nicht um die Ur⸗ Grangette fragte den B ſache ſeiner plötzlichen Abreiſe und machte ihm über⸗ haupt keinen der Vorwürfe, die Adeline ihm ge⸗ macht, und die ſie doch alles Recht gehabt hätte, ihm zu machen. Sie war ſo froh, ihn wieder zu ſehen, daß ſie ſich an ſeine Abweſenheit ſchon nicht mehr erinnerte. Obgleich Adeline am Ende verziehen hatte, ſo ließ ſich doch offenbar zwiſchen dem beiderſeitigen Empfang, der Francis zu Theil ward, kein Vergleich anſtellen: zu Neuilly war es, wo er am Beſten, am Herzlichſten aufgenommen wurde; zu Neuilly war es, wo ſeine Rückkehr am Freudigſten begrüßt wurde. Allerdings durfte Adeline vermöge ihrer Stellung anſpruchsvoller ſein als Grangette, und andererſeits konnte die Furcht der letzteren, daß ihr Liebhaber ſie quittirt haben möchte, beweiſen, daß ſie in ihren ale gen ih⸗ eder eder ge⸗ ater⸗ den tocke behn⸗ reten vor Ur⸗ über⸗ ge⸗ ihm ſehen, mehr e, ſo itigen gleich n, am war vurde. ellung erſeits bhaber ihren eigenen Augen zu den Frauenzimmern gehörte, mit denen man in ſo brüsker Weiſe brechen darf. Nachdem Francis ſo an den beiden Orten von dem Stand der Dinge ſich überzeugt, eilte er zu Gerhard, um noch an demſelben Tage zu dem Ent⸗ ſchluſſe zu kommen, den er faſſen mußte. Es war ſchon ſpät, und eben war Gerhard im Begriffe, ſich zu Bette zu legen. „Du haſt wahrlich keine Zeit verloren,“ ſprach er zu Maucroix, als er dieſen hereintreten ſah. „Wann biſt du angekommen?“ „Heute Morgen. Eine Stunde nach Empfang deines Briefes bin ich abgereist.“ Ganz unwillkürlich blickte Gerhard ſeinen Freund an, wie man einen Menſchen anzuſehen pflegt, dem man im Begriffe iſt, etwas mitzutheilen, was ihm Kummer machen muß, das heißt, er muſterte deſſen Geſicht, um ſich zu verſichern, ob er bereit wäre, den für ihn beſtimmten Schlag zu empfangen. Seiner⸗ ſeits konnte ſich Maucroix nicht der Gemüthsbewe⸗ gung erwehren, die unausbleiblich über Einen kommt, wenn man ſich dem Menſchen gegenüber ſieht, der hinter ſeinen Lippen noch das Wort verbirgt, das man um jeden Preis hören möchte, obgleich man in dieſem Worte einen gewiſſen Einfluß, ja vielleicht einen Kummer ahnt. „Du haſt Adeline geſprochen?“ fragte Gerhard. „Ja.“ „Wie hat ſie dich empfangen?“ „Zuerſt mit Vorwürfen, und dann mit vieler Zärtlichkeit.“ „Und haſt du auch Grangette geſehen?“ 208 „Ja.“ „Hat die dich ebenſo empfangen?“ „Nein: nichts als Thränen der Freude; denn wie ſie ſelbſt ſagte, ſo war ſie von der Angſt ge⸗ peinigt, daß ich gar nicht mehr kommen möchte.“ „Oh, über die Weiber!“ murmelte Gerhard. „Was willſt du damit ſagen?“ „Nichts. Kurz, welche hat dichoam Beſten auf⸗ genommen?“ „Grangette, das leidet keinen Zweifel.“ „Sei offen: müßteſt du jetzt zwiſchen Adelinen und Grangetten wählen, wäreſt du dann noch eben ſo verlegen wie vor deiner Abreiſe?“ „Vielleicht nicht.“ „Und auf wen würde deine Wahl fallen?“ „Ich geſtehe, daß der Empfang, der mir bei Grangetten geworden, mich tief gerührt hat, insbe⸗ ſondere nach der etwas kalten Aufnahme, die ich bei Adelinen gefunden. Darum hat es mir auch viele Mühe gekoſtet, ſie zu verlaſſen, um hierher zu kommen.“ „Es hatte die Sache ja keine ſolche Eile.“ „Doch, doch; denn ich will heute noch wiſſen, was du mir mitzutheilen haſt.“ Vielleicht wäre es beſſer, ſagte.“ „Die Sache iſt alſo recht ernſt?“ „Ernſt genug!“ „So ſprich!“ „Du wirſt mir darüber nicht böſe ſein?“ „Nein, ich verfpreche dir es.“ wenn ich dir es nicht 74 zimm dem Einer verne Es n liebe Wah inden alſo, heiml iſt, d lerne Haltr Verre 8 blick Stun 2 nn ge⸗ auf⸗ nen ben bei sbe⸗ ich auch er zu iſſen, nicht Und Gerhard ſchaute Francis an, um ſich von der Aufrichtigkeit ſeines Verſprechens zu verſichern. Maucroix ſeinerſeits hielt ihm die Hand ent⸗ gegen mit den Worten: „Ich bin ganz Ohr.“ „„Nun denn! Es gibt, wie ich dir geſchrieben, Neues zu berichten.“ „Ueber die Gräfin?“ „Du wirſt bald ſehen.“ Selbſt dann, wenn es ſich von einem Frauen⸗ zimmer handelt, das man nicht mehr liebt, und mit dem man brechen will, erblaßt man und ſchwillt Einem das Herz bei dem Gedanken, man werde nun vernehmen, daß man von ihr hintergangen worden. Es waffnet ſich da— und wäre es nur die Eigen⸗ liebe— etwas im Manne, ſchickt ſich an, gegen die Wahrheit anzukämpfen und erſchüttert die Seele, indem es beſiegt zu Boden fällt. Um ſo mehr muß alſo, wie ſehr er ſich auch bemühen mag es zu ver⸗ „‚heimlichen, derjenige aufgeregt ſein, der im Begriffe iſt, diejenige, die er noch liebt, als untreu kennen zu lernen. Nun aber deutete in Gerhards Ton und Haltung Alles darauf hin, daß Maucroix von einem Verrath in Kenntniß geſetzt werden würde. Ich kann den Leſer verſichern, daß der Augen⸗ blick feierlicher war, als Gerhard und Francis eine Stunde zuvor wohl ſelbſt geglaubt. Als Gerhard wahrnahm, was im Geiſte ſeines Freundes vorging(denn er las darin wie in einem offenen Buche), ſo hätte er wohl lieber ganz geſchwiegen, wenn er nicht ſchon zu viel geſagt ge⸗ habt hätte. Allein jetzt zu ſchweigen war zur Un⸗ Dumas, Novellen. I. 14 210 möglichkeit geworden, obgleich beide im Grunde es wünſchten. Gerhard dachte alſo, daß es das Beſte wäre, wenn er alsbald einen großen Schlag führte. Er hatte ſich während des Plauderns zu Bette gelegt, und den Elbogen auf dem Kopfkiſſen, den Kopf in der Hand ruhen laſſend, während Fran⸗ cis, möglichſt weit vom Lichte weg, ſich auf den Ka⸗ minſims ſtützte, um die Haltung eines gleichgültigen Menſchen anzunehmen und um zugleich von ſeiner Miene nicht Lügen geſtraft zu werden, hob Gerhard alſo an: „Du haſt geſagt, daß du, wenn eine der Beiden dir untreu wäre, ſie quittiren würdeſt.“ „Ja, und zwar auf der Stelle.“ „So mach' dich nur gleich parat, eine zu quittiren.“ „Welche? welche?“ „Rath' einmal.“ „Die Gräfin.“ „Die Gräfin liebt dich,“ fuhr Gerhard mit ern⸗ ſter Stimme fort,„und mehr als du es verdienſt, da du an ihrer Treue zweifelſt. Die Gräfin iſt eine allerliebſte Frau. Nun hör', was ſie gethan. Ich weiß es von ihrer Mutter, die, wie dir bekannt, ein ziemlich expanſives Gemüth hat und ihre und ihrer Tochter Angelegenheiten gerne erzählt. Als du Adeline kennen lernteſt, ſollte ſie den Marquis von Grerrm heirathen, der einen ſchönen Namen hat, zweimalhunderttauſend Livres Renten damit verbin⸗ det, und endlich jung und ganz närriſch in ſie ver⸗ liebt iſt. Die Trauung ſollte nach der Rückkehr des Marquis Statt finden, der eine Reiſe machen mußte, um e gekon ihn 1 bricht besve aller vermt der G Korb hunde Name das h E ſtände des 2 3 auskor wunde indeſſe deiner zu ge ſpreche lich n Anſtat ſie da⸗ Mann —————— 211 es um ein Erbe einzunehmen. Der Marquis iſt zurück⸗ ſte gekommen, die Gräfin aber hat ihm bedeutet, daß ſie ag ihn nicht heirathen werde. Adelinens Mutter zer⸗ 1 zu bricht ſich den Kopf darüber, da ſie von eurem Lie⸗ l en, besverhältniß nichts weiß, und fragt ſich, was in G 4n⸗ aller Welt ihre Tochter zu dieſer Sinnesänderung Ka⸗ vermocht. Der wahre Beweggrund aber iſt die Liebe gen der Gräfin zu dir, und indem ſie dem Marquis einen ner Korb gibt, bringt ſie wirklich ein Opfer. Zweimal⸗ ard hunderttauſend Livres Renten und einen ſchönen 6 Namen kann man ſich immer gefallen laſſen. Sieh, den das hat Adeline gethan. Hat ſie dir es geſagt?“ „Nein.“ Ein Lächeln des Stolzes, das unter dieſen Um⸗ zu ſtänden gar verzeihlich war, ſchwebte über die Lippen des Barons hin. „Was Grangette betrifft...“ „Nun, was wird da herauskommen?“ „Was Grangette betrifft, ſo verhält es ſich bei ern⸗ ihr nicht ganz ſo. Es ſind nun fünf Tage, daß ich , da durch die Vivienne⸗Straße ging, wo ihr Magazin eine iſt. Ganz zufällig ſah ich ſie aus dem Laden her⸗ Ich auskommen: es mochte zehn Uhr Abends ſein. Ich wunderte mich, daß ſie ſo ſpät nach Hauſe ging; indeſſen ſagte ich bei mir ſelbſt, daß ſie während deiner Abweſenheit keinen Grund hätte, bälder heim von zu gehen. Ich trat auf ſie zu, um mit ihr zu ſprechen; doch ich weiß nicht, welcher Gedanke plötz⸗ erbin⸗ lich meinen Kopf durchzuckte und mich zurückhielt. ver Anſtatt ſie anzureden, ging ich hinter ihr her; als 1 Pr, ſie das Boulevard erreicht hatte, nahm ein junger nußte, Mann, der dort wartete, ihren Arm und dankte ihr .* 212 Ich ging an ihnen vorüber und ſchaute den Mann an, ohne von ihr geſehen zu werden. Sie ſchien eine Zeitlang unſchlüſſig, welche Richtung ſie einſchlagen ſollte; am Ende aber gingen ſie das zur Linken liegende Boulevard entlang und traten in das Café Anglais. Die Sache wurde jmmer ernſter. Ich zündete eine Cigarre an und wartete; nach Verfluß von einer guten Stunde ka⸗ men ſie wieder heraus, überſchritten das Boulevard, bogen in die Laffitte⸗Straße ein und verſchwanden dort in dem Hauſe Nro. 34, deſſen Thüre ſich hinter ihnen ſchloß. Ich wartete noch eine Viertelſtunde und fragte den Portier, wie der junge Mann hieß, — was mir hundert Sous gekoſtet hat, die ich je⸗ doch nicht wieder haben will. Wie ich erfuhr, ſo iſt ſein Name Herr von Hérion. Nun ging ich heim. Tags darauf ſtand ich ſchon um ſechs Uhr Morgens in der Laffitte⸗Straße; um acht Uhr ſah ich, wie Grangette aus dem Hauſe Nro. 34 herauskam und ihrem Magazine zuwanderte.“ „Ich danke dir, Freund,“ ſprach Francis mit tiefbewegter Stimme.„Morgen noch gehe ich nach Neuilly und dann iſt zwiſchen mir und ihr Alles 44 für ihre Pünktlichkeit. „Wollteſt du mir erlauben, dir einen guten Rath zu geben, ſo würde ich ſagen, du ſolleſt jede Erklä⸗ rung vermeiden. In ſolchen Fällen führen Erklärun⸗ gen ſtets zu Gegenbeſchuldigungen, die ebenſo lächer⸗ lich als unnütz ſind, da ja doch ein Bruch das Ende vom Liede iſt. Schreib' ganz einfach ein paar Zeilen an Grangette und ſag' ihr, du wiſſeſt Alles und könneſt von nun an ſie nicht mehr ſehen.“ „Du haſt Recht.“ Francis ſetzte ſich an den Tiſch, nahm eine Feder und ſchrieb, wie folgt: „Liebe Grangette! „Eben erfahre ich dein Verhältniß zu Herrn von Hérion. Ohne Zweifel weißt du nicht, wie du mir ſagen ſollſt, daß du daſſelbe unſerem bisherigen Ver⸗ hältniſſe vorziehſt. Ich will dich alſo lieber dieſer Verlegenheit überheben, indem ich dir deine Freiheit wieder ſchenke. Ich bleibe nichts deſto weniger dein Freund.“ Der Baron unterzeichnete dieſen Brief, der Grangetten beweiſen ſollte, wie wenig ihm an ihrer Liebe gelegen wäre. Vielleicht brauchte er das mehr ſich ſelbſt als ihr zu beweiſen. Noch an dem gleichen Abende warf er ſeinen Brief in eine Brieflade, und kaum konnte er den andern Tag erwarten, um die Gräfin zu beſuchen, die ihm einen ſo hohen und zugleich ſo discreten Beweis von Liebe gegeben, während Grangette ihn in ſo niederträchtiger Weiſe hinterging. Die ganze Nacht konnte er kein Auge zuthun, ohne Zweifel aus Freude darüber, daß die Unſchlüſſigkeit ſeines Herzens nun ihr Ende gefunden. Doch machte ihm etwas zu ſchaffen, was nicht bloße Freude war. Die Ruhe, ja die Freude, womit Francis die Reuigkeit, welche Gerhard ihm mitgetheilt, aufnahm, war Letzterem nicht allzu natürlich vorgekommen. Daher beſuchte ihn Gerhard des andern Tags früh, ſei es, um, wenn es nöthig wäre, ihn in ſeinen 214 Entſchlüſſen vom vergangenen Tage zu ermuthigen, ſei es, um zu erfahren, ob Maucroix ihn ſo gut wie früher aufnehme und ihm immer noch verzeihe, daß er ihm über eine Geliebte die Wahrheit geſagt— eine Sache, die man ſonſt nie verzeiht. „Es iſt recht ſchön von dir, daß du mich ſo früh beſuchſt,“ ſagte Francis zu ſeinem Freunde.„Was führt dich her?“ „Nichts als das Vergnügen, dich zu ſehen. Ich habe dich ohne Zweifel aufgeweckt?“ „Nein, ich war ſchon wach.“ „Haſt du gut geſchlafen?“ „Recht gut.“ Warum hat Francis, der ſonſt nie log, an jenem Tage gelogen und zwar in einer ſcheinbar ſo unwich⸗ tigen Sache? „Du haſt deinen Brief an Grangette auf die Poſt gegeben?“ 1 d. „Du bereueſt dieß nicht?“ Biſt du verrückt?“ „Ich bin recht froh, daß geſchieht, was geſchieht, denn es lag mir daran, dich in die rechte Stellung zur Gräfin kommen zu ſehen. Die ſpielt gewiß nicht die Untreue, dafür ſtehe ich. Liebe ſie nur 7* 44 Gerhard baute nicht allzu ſehr auf den weg⸗ werfenden Ton, womit Maucroix von Grangetten ſprach. „Was thuſt du heute?“ fragte er ihn. „Ich werde Adeline beſuchen.“ vie aß rüh Jas Ich nem wich⸗ die hieht, ellung gewiß e nur weg⸗ getten „Wirſt du den ganzen Tag bei ihr bleiben? Sehr wahrſcheinlich.“ „Und den Abend?“ „Werde ich wahrſcheinlich auch bei ihr zubringen. Aber warum fragſt du mich das?“ „Weil, wenn du heute Abend frei geweſen wäreſt, ich dir Geſellſchaft geleiſtet hätte. Sonſt pflegteſt du Abends nach Neuilly zu gehen, und ich fürchtete faſt, daß du nicht mehr wiſſen möchteſt, was du mit deiner Zeit anfangen ſollſt.“ „Glaubſt du denn, Grangette beſchäftige mich in ſolchem Grade?“ „Ich glaube, daß man eine Gewohnheit des Herzens nicht mit einem einzigen Worte abſchneidet.“ „Du täuſcheſt dich, ſag' ich dir. Es iſt aus, ein für alle Mal aus!“ „Morgen alſo ſehen wir einander wieder?“ „Es ſoll mir recht lieb ſein.“ Als der Baron wieder allein war, fuhr er fort, ſeinen Gedanken Audienz zu geben. „Nun erkläre ich mir ihre Thränen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt.„Warum hätte ſie auch, als ſie mich wie⸗ der ſah, geweint, wenn ſie ſich nichts vorzuwerfen gehabt hätte?“ Francis ſtand auf und verſuchte es mit dem Leſen. Allein es ſchwammen die Worte vor ſeinen Augen. Nun kleidete er ſich an, nahm eine bren⸗ nende Cigarre in den Mund und machte einen Spa⸗ ziergang, er, der ſonſt nie ſpazieren ging. Um zwölf Uhr, als er ein Frühſtück zu ſich genommen, kam er wieder nach Hauſe. 216 „Nichts für mich gekommen?“ fragte er ſeinen ortier. „Nichts, Herr Baron.“ Maucroix kleidete ſich um und ging zu der Gräfin, deren Thüre für alle Welt, nur für ihn nicht, ver⸗ ſchloſſen war. Es war zwei Uhr, als er bei der Gräfin erſchien, und ſechs, als er ſie verließ. Um acht Uhr kam er wieder, um ſich erſt um elf Uhr zurückzuziehen. Adeline hatte definitiv das große Seil erobert, während Grangette ganz und gar in die Ferne gerückt war. Dieſe Nacht ſchlief Francis vortrefflich, ſo daß er erſt am andern Morgen um zehn Uhr aufwachte. Kaum hatte er das Bett verlaſſen, ſo ſchrieb er an die Gräfin einen jener langen Briefe, die zwar durch⸗ aus zweck⸗ und ziellos ſind, worin aber ein Verlieb⸗ ter ſein Herz ausſchüttet nach Art des glücklichen Spielers, der mit Gold um ſich wirft, da er ſich überzeugt hält, daß es ihm nie daran fehlen werde, weil er viel hat. In dem Augenblicke, wo Francis mit ſeinem Brief beinahe fertig war, trat Gerhard herein, um ſeinen Freund zu einem gemeinſamen Frühſtücke abzuholen. „Ich ſchreibe an die Gräfin,“ waren die erſten Worte des Barons, wie wenn er ſtolz geweſen wäre, ſeinem Freunde ſagen zu können, daß er ſich mit ihr beſchäftige. „Du haſt ſie geſtern alſo nicht geſehen?“ och. „Und heute gedenkſt du ſie nicht zu beſuchen?“ „Im Gegentheil. Ich habe mir feſt vorgenom⸗ men zuzu dam Frer du der von ſich faſt Mut Frer Wer heru verle mir ſucht ſchie weiß nen fin, ver⸗ der Um Uhr roße die ß er ichte. r an urch⸗ rlieb⸗ ichen r ſich derde, ancis rhard amen erſten wäre, nit ihr hen?“ genom⸗ 217 men, einen Theil des Tages in ihrer Geſellſchaft zuzubringen.“ „Was ſchreibſt du ihr dann aber?“ „Ich ſchreibe ihr, daß ich ſie liebe, und fülle damit vier ganze Seiten.“ „So iſt es recht! So gefällſt du mir.“ „Welche anbetungswürdige Frau, mein lieber Freund! Wie viel Geiſt! Welches Herz! Weißt du auch, was ſie geſtern zu mir geſagt hat?“ „Nein.“ „Sie hat geſagt: Es iſt nun der Sommer vor der Thüre, und da werde ich etwa zwanzig Stunden von Paris ein Landhaus miethen; Sie aber logiren ſich in einem Hotel ein; ſo wird es uns möglich ſein, faſt immer beiſammen zu bleiben.“ „Und du biſt darauf eingegangen?“ „Ich glaube es wohl!“ „Du haſt gut daran gethan.“ „Ich werde ſo lange dort bleiben, als meine Mutter auf dem Schloſſe der Marquiſe verweilt.“ „Und Grangette?...“ „Was für ein Thor war ich doch, mein lieber Freund, daß ich Adelinen eine Grangette vorzog! Wenn ich bedenke, daß ſie mir geſtern noch im Kopfe herumging, und daß ich vorgeſtern, nachdem ich dich verlaſſen, die ganze Nacht an ſie gedacht! Hätte ich mir nicht Zwang angethan, ſo hätte ich ſie aufge⸗ ſucht. Geſtehe nur, daß ich dir herzlich dumm er⸗ ſchien.“ „Ich geſtehe es.“ „Offenbar wird ſie an mich ſchreiben, um ſich weiß zu brennen zu ſuchen; aber ich werde den Brief 218 uneröffnet an ſie zurückgehen laſſen. Ich mag nicht mehr von ihr hören.“ „Nein, thue das nicht: wozu würde es nützen? Lies ihren Brief, wenn ſie ſchreibt— und ſie wird dir gewiß ſchreiben— und ſag' ihr die Wahrheit unverblümt. Nur die Frauenzimmer, die man noch liebt, darf man beleidigen.“ „Da haſt du vollkommen Recht. Aber wir wollen nun frühſtücken, denn ich ſinke vor Hunger faſt um.“ Noch nie war Francis gegen die Gräfin ſo zärt⸗ lich geweſen wie ſeit zwei Tagen. Natürlich ſchrieb ſie die Fortſchritte dieſer Liebe der Mittheilung zu, die Gerhard ſeinem Freunde gemacht. Und ſo kam es denn, daß die Gräfin immer expanſiver und eine Menge von Zukunftsplänen geſchmiedet wurden. Grangette hatte unterdeſſen auf Francis' Brief noch nicht geantwortet. So ſehr nun auch den Ba⸗ ron ſeine Liebe zu Adelinen in Anſpruch nahm, ſo war ihm dieſes Schweigen doch aufgefallen; und dann hatte er ſich darüber gewundert, wie man ſich über irgend etwas wundert, was man ſich nicht zu erklären vermag. Dieſe ſeine Verwunderung theilte er Gerharden mit. „Du weißt,“ ſprach er zu ihm,„daß Grangette mir nicht geantwortet hat.“ „Um ſo beſſer: es iſt das kürzer.“ „Sie hat vielleicht meinen Brief nicht bekommen.“ „Hätte ſie ihn nicht bekommen, ſo hätte ſie dir geſchrieben, um die Urſache deines Schweigens zu erfahren zu ſuchen.“ „Du haſt Recht.“ nen ——O—OCO:ñ——ſͤͤͤ nicht„Siehſt du, ſie hat eben, als ſie Alles entdeckt ſah, nichts zu erwidern gefunden, oder iſt ge⸗ ben ſcheid genug geweſen, ſich nicht weiß brennen zu vird wollen. Es wird dir doch dieß aber nicht zu ſchaffen heit machen?“ noch„Was denkſt du doch!“ Ein paar Tage darauf ſprach der Baron zu ſei⸗ wir nem Freunde:. 3 nger„Ich bin unruhig.“ „Weßhalb?“ zärt⸗„Wegen Grangettens.“ hrieb„Wie, du kommſt noch ein Mal auf dieſe Ge⸗ zu, ſchichte zurück?“ 1 kam„Ja. Allerdings liebe ich ſie nicht mehr, auf eine der andern Seite aber habe ich ſie geliebt. Ich höre nichts mehr von ihr, und vielleicht iſt ſie krank, und Brief da wäre es denn, wie ich glaube, meine Pflicht, ihr Ba⸗ das zu geben, woran es ihr mangelt. Willſt du , ſo ſo gut ſein, ſie aufzuſuchen?“ und„Ohl das iſt unnütz: ihre Geſundheit könnte n ſich nicht beſſer ſein.“ ht zu„Wie weißt du das?“ fragte der Baron, dem heilte dieſe Antwort etwas unerwartet kam. „Geſtern bin ich an ihrem Magazin vorüberge⸗ igette gangen, und da habe ich ſie geſehen.“ „So ſprechen wir nicht mehr von der Sache. Was ich thun wollte, geſchah aus Delicateſſe.“ men.“„Natürlich!“ ie dir In dieſem Worte Gerhards lag faſt einige as zu Ironie. Francis ging zur Gräfin, die er faſt gar nicht mehr verließ. Indeſſen hatte er Gerharden nicht 220 Alles geſagt; denn ſo offenherzig man von Natur, ſo gewohnt man auch ſein mag, einem Freunde alle Gedanken mitzutheilen, ſo gibt es eben doch Dinge, die man ſtets vor ihm geheim hält, weil man die⸗ ſelben vor ſich ſelbſt geheim halten möchte; denn es gibt kleine Herzensniederträchtigkeiten, die wohl Jeder ſchon an ſich ſelbſt erfahren, wenn er verliebt ge⸗ weſen. So ſehr daher auch Francis überzeugt war, daß ſein Leben von nun an von dem der Gräfin unzertrennlich ſein würde, und daß in ſeinem Herzen kein Platz mehr für eine andere Liebe wäre, ſo dachte er von Zeit zu Zeit doch immer wieder an Gran⸗ gette, und es fühlte ſeine Eigenliebe ſich gedemüthigt durch die vollkommene Gleichgültigkeit, welche ſie dieſem Bruche entgegengeſetzt. Wenn er aber an ſie dachte, ſo rechtfertigte er es dadurch, daß ein Frauen⸗ zimmer, wenn ſie einmal ein halbes Jahr hindurch einen Mann ihrer Liebe verſichert habe, der Vergangen⸗ heit, ſelbſt wenn ſie ihn nicht länger liebe, doch die Ehre anthun müſſe, ſich, wenn man ſie eines Fehl⸗ tritts beſchuldige, rein zu waſchen zu ſuchen. Es wären ihm ein paar Zeilen von Grangetten, ja ſo⸗ gar ein Geſtändniß, kurz etwas, was ihm bewies, daß er in ihrem Leben noch eine Rolle, und wenn auch nur die der Erinnerung, ſpielte, erwünſcht ge⸗ weſen. Mit einem Worte, Grangette ſchien dieſe Trennung nicht ſo viel zu ſchaffen zu machen, als ihm lieb geweſen wäre, und doch will der Mann, der mit einem Frauenzimmer bricht, ſtets, daß dieſer Bruch ihr zu ſchaffen mache, oder doch daß ſie ſich⸗ ſtelle, als mache er ihr zu ſchaffen. „Ich hatte mich alſo bezüglich ihrer vollkommen gete eine alſe ſie zim leid was run Stu Mir ſtän unſe von ged ein eine dem Han Brie nem weſe zur achtu ſelbſt über unau es ſi Verz ſie ſe tur, alle nge, die⸗ i es eder ge⸗ war, äfin rzen achte ran⸗ thigt ſie n ſie uen⸗ einen igen⸗ h die Fehl⸗ a ſo⸗ wies, wenn ht ge⸗ dieſe „als Kann, dieſer ie ſich⸗ mmen getäuſcht?“ ſprach er bei ſich ſelber.„Sie war alſo eine recht herz⸗ und gemüthloſe Perſon? Sie trieb alſo ihren Spaß mit mir? Denn unmöglich kann ſie ſich ſo plötzlich geändert haben. Ein Frauen⸗ zimmer kann einen Mann hintergehen, wie man leider jeden Tag ſieht; doch ſollte ſie Alles thun, was in ihrem Vermögen ſteht, um ihm die Erinne⸗ rung der Tage nicht zu trüben, die bis zu der Stunde, wo ſie ihm untreu geworden, verfloſſen ſind. Mir gar nichts zu ſagen, kommt faſt auf das Ge⸗ ſtändniß hinaus, daß ſie mich hintergangen, ſo lange unſer Verhältniß gedauert.“ Und in Folge ſolcher Reflexionen hatte Maucroix von Zeit zu Zeit Anwandlungen von Zorn und Un⸗ geduld. Eines Abends wurde ihm von ſeinem Portier ein Brief eingehändigt. Heftig pochte ſein Herz und eine leichte Bläſſe bedeckte ſein Geſicht. Er eilte zu dem auf der Treppe brennenden Lichte hin, um die Handſchrift zu erkennen zu ſuchen. Es kam der Brief von ſeiner Mutter. Zum erſten Mal in ſei⸗ nem Leben wäre ihm ein anderer Brief lieber ge⸗ weſen als der der Baroneſſe. Es war bei Maucroix zur firen Idee geworden, Grangettens ſtolzer Ver⸗ achtung auf den Grund zu kommen. „Sie glaubt vielleicht,“ ſprach er ferner bei ſich ſelbſt,„ich liebe ſie immer noch und ſei untröſtlich über unſere Trennung. Vielleicht meint ſie, ich werde unaufgefordert wieder kommen und ſie— wer weiß? es ſind die Weiber ſo wunderliche Geſchöpfe!— um Verzeihung bitten für das, was ſie gethan. Aber ſie ſoll im Gegentheil erfahren, daß ich ſie nicht 222 mehr liebe, daß ich eine andere liebe, die tauſend Mal beſſer iſt als ſie. Es ſoll nicht heißen, daß ich mich habe wie ein Dummkopf von dieſem Mäd⸗ chen nasführen laſſen. Ich will ihr alles dieß ſchrei⸗ ben, damit ſie auch weiß, woran ſie ſich zu halten hat.“ Francis ſetzte ſich, nahm einen Bogen Papier und fing an: „Sie haben auf meinen Brief nicht geantwortet, aber mit Unrecht. Sie waren mir wenigſtens eine Antwort ſchuldig; denn Schweigen kommt einem Ge⸗ ſtändniſſe gleich. Da nun aber Alles aus iſt, ſo muß ich Sie durchaus wiſſen laſſen... Soweit war Maucroix gekommen; da ſprang er plötzlich auf, warf die Feder auf den Tiſch hin, zer⸗ riß das Geſchriebene und ſprach: „Wie wäre es, wenn ich zu ihr ginge? Sicher⸗ lich wäre das geſcheider. So wird ſie mir wohl oder übel etwas antworten müſſen, was ſie vielleicht auch auf meinen zweiten Brief hin nicht thun würde, und ſo hätte ich denn den Stein vom Herzen weg.“ Und um dieſem Entſchluſſe, von dem er Ger⸗ harden nichts ſagen wollte, nicht untreu werden zu müſſen, nahm er, da es ſchon etwas über ſieben Uhr Abends war und Grangette nun zu Hauſe ſein mußte, Stock und Hut, um nach Neuilly zu gehen. In dem Augenblicke jedoch, wo er die Schwelle der Hausthüre überſchritt, kehrte er wieder um und ſprach zum Portier;. „Keine Briefe an mich da?“ „Nein.“ kom woll brio daß und Min nur ( doch anha lange von er es einer zwar ſtieg Haus T zu de den 2 E an; d bereit⸗ „4 erweiſt „Iſt ſeit meiner Rückkunft gewiß keiner ge⸗ kommen?“ „Nein, Herr Baron, es iſt keiner gekommen.“ Maucroix, der noch dieſen letzten Grund haben wollte, nach Neuilly zu gehen, ſprang in ein Ca⸗ briolet und entfernte ſich raſch. Er hatte der Gräfin das Verſprechen gegeben, daß er um neun Uhr ſich bei ihr einfinden würde, und es lag nicht in ſeinem Plane, auch nur fünf Minuten zu ſpät zu kommen. So hatte er denn nur anderthalb Stunden vor ſich. Eine halbe Stunde darauf war er zu Neuilly; doch ließ er den Kutſcher nicht vor Grangettens Haus anhalten. Er wollte vorerſt Gewißheit darüber er⸗ langen, ob ſie auch allein, und ob nicht etwa Herr von Hérion bei ihr wäre; denn vor Allem fürchtete er es, ſich lächerlich zu machen. Er ließ alſo in einer gewiſſen Entfernung von der Cité Wallet, und zwar auf der andern Seite des Weges, anhalten, ſtieg aus und ging auf das uns wohl bekannte Haus zu. Die beiden Parterrefenſter waren erleuchtet wie zu der Zeit, wo ſie auf ihn zu warten pflegte. Hinter den Vorhängen kam und ging ein Schatten. Einige Augenblicke ſchaute Maucroix dieſe Fenſter an; dann ſuchte er ſeinen Kutſcher wieder auf, der bereits im Cabriolet ſchlief, und ſprach: „Hören Sie einmal, Sie müſſen mir einen Dienſt erweiſen.“ „Recht gern.“ „Sie ſehen die zwei Parterrefenſter dort?“ Und er deutete auf Grangettens Fenſter. 224 „Da, wo Licht iſt?“ „Ganz recht, dahin erſuche ich Sie zu gehen.“ „Es ſoll geſchehen, wie Sie wünſchen.“ „Fragt die Pförtnerin Sie, zu wem Sie wollen, ſo antworten Sie ganz einfach, daß Sie zu Fräulein La Grange gehen. Können Sie dieſen Namen be⸗ halten?“ „Nichts leichter als das.“ „Läuten Sie im Corridor an der Thüre zur Rechten und fragen Sie die Perſon, die Ihnen aufmacht, ob Herr von Hérion bei Fräulein La Grange iſt.“ „Herr von Hérion, ſagen Sie?“ „Ja. Vergeſſen Sie es nicht.“ „Seien Sie ohne Sorge.“ „Antwortet man Ihnen, er ſei nicht da, ſo kom⸗ men Sie zurück und ſagen Sie mir es. Antwortet man Ihnen aber, er ſei da, ſo ſagen Sie, man er⸗ warte dieſen Herrn alsbald zu Hauſe und er ſolle ſich ſputen.“ „Wenn man mich aber fragt, wer mich herge⸗ ſchickt habe?“ „In dieſem Falle antworten Sie, Sie ſeien vom Portier in der Laffitte⸗Straße geſchickt worden.“ „Sonſt nichts?“ „Sonſt nichts.“ „Ich will alſo gehen.“ „Wiſſen Sie die Namen alle noch?“ „Fräulein La Grange, Herr von Hérion, Laffitte⸗ Straße.“ „Ganz richtig. Ich erwarte Sie hier.“ Sofort ſtieg der Kutſcher aus ſeinem Cabriolet, 4 * affitte⸗ briolet, 2 und einige Secunden darauf ſah der hinter einem Baume verſteckte Baron ihn in Grangettens Haus hineingehen, deſſen Gitterthor ſich mit dem ihm ſo wohlbekannten Knarren wieder ſchloß. Es wäre Maucroix wohl ſchwer geweſen, im An⸗ geſichte von Grangettens Haus, das ihn an ſo viele heitere Abende gemahnte, von ſeinem Seelenzuſtande genaue Rechenſchaft zu geben. Es kämpften in ſei⸗ ner Seele Traurigkeit, Eiferſucht, Zorn, ſelbſt Un⸗ entſchloſſenheit, und alle die Gefühle, welche an dem Herzen eines Menſchen zerren, deſſen Stellung eine falſche iſt. Da nun aber der Bardn in die Gräfin verliebt war und Grangette nicht mehr liebte,— da er mit der letzteren gebrochen und lediglich kein Recht hatte, ſie über ihr Thun und Laſſen zur Rede zu ſtellen, was hatte er dann auf dieſer Straße zu ſchaffen, des Augenblicks harrend, wo er zu ſeiner früheren Geliebten würde hineingehen können? Wel⸗ ches Recht hatte er, ſie in ihrer Ruhe zu ſtören? Warum erlaubte er ſich gegen Herrn von Hérion, der ihm gänzlich unbekannt war, den ſchlechten Spaß, ihn nach Paris zurückrennen zu laſſen? Und dieſer ſchlechte Spaß konnte ihm auch noch einen ſchlimmen Handel zuziehen— was er vielleicht ſelbſt wünſchte, da er dieſen Unbekannten gründlich verabſcheute. Das fragen wir uns, und das fragte der Baron ſich auch. Es iſt des Menſchen Herz ein Abgrund, deſſen Oberfläche man zwar, wie bei allen Abgründen, ge⸗ nau beſchreiben kann, deſſen Boden aber dem Auge ſich entzieht. Es mochte Maucroix ſo an die fünf Minuten Dumas, Novellen. I. 15 „ 226 gewartet haben, als der Kutſcher wieder erſchien. Da däuchte es dem Baron, es öffne ſich der Vor⸗ hang an einem der Fenſter zur Hälfte und es ſchaue neben der Hand am Vorhang ein Köpfchen dem Kutſcher nach. Francis verließ alſo ſein Verſteck nicht. Als der Kutſcher verſchwunden war, ſenkte ſich der Vorhang wieder, und nun ſchritt der Baron auf das Cabriolet zu. Sein Herz klopfte heftig. „Was für eine Antwort?“ fragte er. „Mein Herr,“ gab der Kutſcher langſam zurück, um zu beweiſen, daß er intelligent wäre und den ihm gegebenen Auftrag gut beſorgt hätte,„mein Herr, ich habe, wie Sie mir geſagt, angeläutet, worauf eine alte Frau aufgemacht hat. Ich habe ſie ge⸗ fragt, ob Herr von Hérion bei Fräulein La Grange wäre; ſie aber hat gethan, als verſtehe ſie mich gar nicht, und hat Fräulein La Grange, eine ſchöne junge Dame, geholt, an die ich die gleiche Frage geſtellt habe, und die mich gefragt hat, in weſſen Auftrag ich hergekommen wäre. Ich habe ihr geantwortet, daß ich vom Portier in der Laffitte⸗Straße herge⸗ ſchickt worden, um zu ſehen, ob Herr von Hörion nicht bei ihr wäre, und um ihn betreffenden Falles zu bitten alsbald nach Hauſe zu kommen, weil dort Jemand auf ihn wartete. Nicht wahr, ſo ſollte ich ſagen?“ „Ganz xecht ſo; aber fahren Sie fort.“ „Nun hat Fräulein La Grange mir geantwortet, ſie wiſſe nicht, was ich wolle; Herr von Hérion komme nie zu ihr, und wahrſcheinlich habe man mir oder ihr einen Poſſen ſpielen wollen.“ und ſ Ueber 8 1 ohne jen. Bor⸗ aue dem ſteck ſich auf rück, den derr, rauf ge⸗ ange gar unge ſtellt ftrag ortet, erge⸗ nicht iitten nand n?2“ ortet, omme er ihr 227 „Und wie ſah ſie dabei aus?“ „Etwas verlegen.“ „Schönen Dank, mein Freund. Warten Sie hier auf mich.“ Und nun ging Francis ſeinerſeits auf Granget⸗ tens Haus zu und ſprach dabei bei ſich ſelbſt: „Wie iſt es, daß Herr von Hérion nie zu ihr kommt? Sie ahnt vielleicht etwas und hat vielleicht gelogen. Nun, wir werden bald ſehen.“ Francis betrat alſo das Haus wieder, von dem er geglaubt hatte, daß es ihn nie mehr ſehen würde. Wer weiß, wie weit dieſer erſte Schritt, den er wie⸗ der nach der Vergangenheit hin machte, ihn führen konnte? Vor der Thüre des Mädchens wartete er ein wenig. Er wollte erſt die erforderliche Ruhe ge⸗ winnen, oder doch wieder gehörig zu Athem kommen, um ruhig zu erſcheinen. Er läutete an, und es machte ihm Mutter Noel auf. „Ah!l Sie ſind es, Herr Baron?“ ſprach die alte Frau mit einem bewillkommenden Lächeln.„Ihre Reiſe iſt doch eine glückliche geweſen?“ „Ja, Mutter Noel, danke Euch.“ „Es wird Madame recht freuen, Sie wieder zu ſehen! Iſt es doch ſchon ſo lange, daß Sie nicht mehr gekommen ſind!“ Und die Thüre der kleinen Flur vor Grangettens Wohnung wieder ſchließend, öffnete ſie die, welche zu Grangettens Zimmer führte, und ſprach, wie wenn ſie ihr eine höchſt angenehme Ueberraſchung bereiten wollte, mit lauter Stimme: „Madame, es iſt der Herr Baron!“ Jetzt erſchien Maucroix; Grangette aber ſtand, ohne ein Wort zu ſagen, auf und warf auf Francis 228 einen Blick, in dem eine Fülle von Sanftmuth und Traurigkeit ausgedrückt lag. Sie wußte nicht, in welcher Abſicht er kam, und empfing ihn, der Stimme heis Herzens folgend, in durchaus offenherziger Weiſe. Der Baron, der ſich feſt vorgenommen hatte, die größte Gleichgültigkeit an den Tag zu legen und Grangetten gegenüber die Stellung eines Freundes, der verziehen hat, einzunehmen, ſchritt auf ſie zu und drückte ihr die Hand. „Nicht wahr, du erwarteteſt mich nicht?“ hob er an; denn er hatte nicht den Muth, Sie zu ſagen. Auch wäre ihm in dieſem Augenblicke dieſes Sie als affectirt und unwahr erſchienen. „Nein.“ „Hätte ich nicht kommen ſollen?“ „Biſt du hier denn nicht ſtets willkommen?“ „Was thateſt du eben?“ „Wie du ſiehſt, ich arbeite.“ „Hat der Herr Baron ſchon geſpeist?“ fragte Mutter Noel. Grangette blickte den Baron an, als wollte ſie ihn inſtändig bitten, daß er doch die Einladung an⸗ nehmen möchte, wenn er noch nicht geſpeist hätte. „Ich danke,“ verſetzte er kurz,„ich habe ſchon geſpeist.“ „‚Nun, ſo gehet, Mutter Noel,“ ſprach Grangette; „Ihr ſeid jetzt frei, ich brauche Euch nicht mehr.“ „Ich empfehle mich dem Herrn Baron, ſowie Madame,“ gab die Alte zurück, die, von dem Vorge⸗ fallenen nichts ahnend, ſich zurückzog. Die Sache, die Francis hergeführt hatte, war daß zieher 7 C zu ſe gekon ſprach 229 ziemlich heikeler Art und alſo nicht ſo leicht auf's Tapet zu bringen. So entſtand denn ein kurzes Schweigen, während deſſen er ſämmtliche Gegenſtände, die ihn umgaben, muſterte; alle waren noch an dem⸗ ſelben Platze, nur mit dem Unterſchiede, daß eine gewiſſe Melancholie über ſie ausgebreitet lag, eine Melancholie, welche eine Lage wie die ſeinige ſelbſt lebloſen Dingen zu verleihen pflegt. Endlich legte er Stock und Hut auf das Canapé und ſchickte ſich an, ſich auf einen Stuhl niederzulaſſen. „Setz' dich lieber dahin,“ ſprach Grangette, auf ihren Lehnſeſſel deutend: nes ruht ſich dort beſſer aus.“ Nicht wahr, ein allerliebſtes Betragen von Sei⸗ ten einer Seele, die ſich ſchuldig weiß und im Ange⸗ ſichte ihres Richters recht demüthig und einſchmei⸗ chelnd erſcheinen will! Gleichwohl mußte man zur Sache kommen, und war es auch nur, um die Laſt abzuſchütteln, welche auf den beiden jungen Herzen lag. „Biſt du krank geweſen?“ fragte Maucroix. „Nein.“ „Warum haſt du mir dann nicht geantwortet?“ Grangette ſchwieg; man hätte glauben können, daß ihr erſtes Wort einen Thränenſtrom nach ſich ziehen werde. „Du haſt doch aber meinen Brief bekommen?“ Ein Kopfnicken bejahte dieſe Frage. Es war Maucroix unmöglich, eine Frau leiden zu ſehen, obgleich er ein bischen in dieſer Abſicht gekommen war. Er ergriff Grangettens Hand. „Du biſt immer noch in deinem Magazin?“ ſprach er weiter, in dem Glauben, daß es ihm auf 230 einem Umwege eher gelingen würde, ſie dahin zu bringen, wo er ſie haben wollte. „Immer noch.“ „Um wie viel Uhr biſt du heute heimgekommen?“ „Um ſieben Uhr, nach dem Eſſen. Ich eſſe jetzt alle Tage im Magazin.“ „Zu was das?“ fragte Maucroix weiter, die Stickerei in die Hand nehmend und muſternd, welche Grangette bei ſeinem Hereintreten auf den Tiſch ge⸗ legt hatte. „Es ſoll einen Unterrock geben.“ Nun waren die Scheinfragen erſchöpft: beide be⸗ griffen es, darum ſchauten ſie einander an. „Was ich dir geſchrieben, iſt alſo wahr?“ fragte Francis entſchloſſen. „Leider, leider, ja,“ gab Grangette zur Antwort; „doch ſprechen wir davon nicht, willſt du? Du be⸗ ſuchſt mich als Freund, nicht aber, um mir Kummer zu verurſachen. Sprich lieber von dir ſelbſt. Biſt du glücklich?“ „Ja, recht glücklich,“ antwortete Francis kalt; denn die Beharrlichkeit, womit Grangette es vermied, von Herrn von Hérion zu ſprechen, fing an ihn zu verletzen. Dieſes Verweigern aller weiteren Erklä⸗ rungen kam in ſeinen Augen nur allzu ſehr einer ſtillſchweigenden Zuſtimmung zu dem neuen Freund⸗ ſchaftsverhältniſſe gleich, das er ihr vorgeſchlagen hatte. „Warum antworteſt du mir ſo kalt?“ „Wie ſoll ich dir denn antworten? Du fragſt mich, ob ich glücklich ſei und ich antworte: Ja, recht in zu nen?“ e jetzt , die welche ch ge⸗ de be⸗ fragte wort; du be⸗ immer Biſt kalt; rmied, hn zu Erklä⸗ einer reund⸗ hlagen fragſt „recht glücklich. In welchem Ton ſoll ich dir dieß denn ſagen?“ „Werde nicht böſe, mein Freund. Sieh, ich bin ein ſolches Betragen von dir noch nicht gewohnt; indeſſen werde ich mich daran gewöhnen. Es iſt. ſchon recht lieb von dir, daß du mir einen kleinen Beſuch gemacht und daß du gedacht, dein Ausbleiben betrübe mich.“ Iſt es dem geneigten Leſer ſchon begegnet, daß er von einem Frauenzimmer, welches er liebte, hin⸗ tergangen wurde? Iſt es ihm, wie Francis, ſchon paſſirt, daß er einem ſolchen Frauenzimmer ſeine Freundſchaft anbot, jenes Gefühl, das man Frauen⸗ zimmern, von welchen man ſich trennt, ſtets anbietet, ohne auch nur ein Mal etwas davon zu verſpüren? Und wenn er unter denſelben Umſtänden, wie unſer Held, dieſes Frauenzimmer beſuchte, und letztere ihn empfing wie Grangette den Baron, das heißt, ein⸗ fach, bereit, in einen Thränenſtrom auszubrechen, und dabei doch alle Geſpräche über die Vergangenheit zu vermeiden und abzuſchneiden ſuchend; wenn er ihre beiden Hände in den ſeinigen hielt; wenn weder bei ihr, noch bei ihm, noch an Allem, was ihn umgab, etwas beweiſen konnte, daß ſeine Liebe und ſein Vertrauen eine Unterbrechung erlitten; wenn die Gegenwart ſich ohne Mühe mit der Vergangenheit wieder innigſt verbinden zu laſſen ſchien: ſtand da nicht die Figur des Mannes, der des Leſers glück⸗ licher Rival geweſen, plötzlich vor ſeinen Augen— ſelbſt wenn er ihm unbekannt geblieben—, und ſchwellte ihm da nicht ein plötzlicher Zorn das Herz? Dann wurde der Leſer grauſam und ſuchte 232 nach einem Mittel, die Thränen endlich zum Fallen zu bringen, welche das arme Weib noch zurückhielt, und das Herz zu demüthigen, das ſein Möglichſtes that, um zu vergeſſen. „Aber ſag' mir, biſt auch du glücklich?“ hob Francis mit jener Bläſſe wieder an, die da anzeigt, daß von dem Sprechenden einige ſeiner beſſern Ge⸗ fühle gewichen. „Ich? Nein, ich bin es nicht,“ verſetzte das Mäd⸗ chen, traurig den Kopf ſchüttelnd;„du weißt es mehr ſehe?“ „Wer iſt Schuld daran?“ „Ich— ich weiß es wohl.“ „Dann beklag' dich auch nicht.“ „Ich beklage mich nicht, mein Freund.“ Dieſe Sanftmuth, dieſe Demuth brachten Mau⸗ croir immer mehr auf. „Herr von Hérion beſucht dich alſo nicht mehr?“ fuhr er fort. „Herr von Hérion kommt nie hieher.“ „Ich glaube das aber beſſer zu wiſſen; er iſt ſchon hier geweſen.“ „Das iſt wahr.“ „Ihr kommet alſo nicht mehr zuſammen?“ „Nein.“ „Dann begreife ich dein trauriges Weſen.“ „Was du da ſagſt, Francis, iſt gar nicht ſchön! Noch nie habe ich dich ſo unartig geſehen wie heute Abend.“ dielt, jſtes hob eigt, Ge⸗ Näd⸗ es nicht Nau⸗ 4 hr?“ r iſt hön! heute „Und doch hat man noch vor einer Weile hier nach ihm gefragt.“ „Ja, und ich geſtehe dir, daß mir das ganz un⸗ begreiflich iſt.“ „Ich bin es, der nach ihm hat fragen laſſen.“ „Warum?“ „Um mich zu vergewiſſern, ob er hier wäre oder nicht.“ „Und wenn er auch hier geweſen wäre, ſo hätte dieß doch dich nicht abhalten ſollen zu kommen. Ich hätte ihn fortgeſchickt.“ „Dieſer Vorzug ſchmeichelt mir.“ „Indeſſen wiederhole ich, daß er nicht hierher kommt,“ fügte Grangette hinzu, welche dieſe letztere Unverſchämtheit nicht hören wollte;„und willſt du mich auch ferner beſuchen, ſo kann ich dich im Vor⸗ aus verſichern, daß du nie hier einen Mann treffen wirſt.“ „Und warum kommt Herr von Hérion nicht mehr?“ „Weil ich ihn nicht liebte. Wozu aber dieſe Fragen alle, Francis? Du haſt mich quittirt, du liebſt mich nicht länger. Mach' mir nicht noch mehr Kummer, als ich ſchon gehabt. Du kommſt zu einer Freundin. Sehen wir doch von Allem, was auf die Vergangenheit Bezug hat, ab. Frage ich dich auch, ob du eine andere Geliebte habeſt?“ „Das iſt zweierlei.“ „Wenn du wieder zu mir kommſt, ſo iſt das ein ſicherer Beweis, daß du mich nicht mehr liebſt,— ſo iſt das ein Beweis, daß du eine Andere liebſt.“ „Und wenn das wäre?“ 234 „Ich will es nicht wiſſen. Laß mir wenigſtens den Troſt, zweifeln zu können.“ Nun war Grangettens Kraft erſchöpft. Noch ein Wort, und ſie brach in einen Thränenſtrom aus. Und dieſes Wort wurde von Francis geſprochen. Die ſchlechten Gefühle, welche dann und wann ſelbſt bei den beſten Menſchen wieder an die Oberfläche kommen, waren nun einmal entfeſſelt, und nichts konnte ihnen mehr Einhalt thun. „Du brauchſt nicht zu zweifeln: es wäre das völlig unnütz. Ich bin hierher gekommen, um dir deine volle Freiheit wieder zu ſchenken, wenn dieß überhaupt nöthig war, und um dir zu ſagen, daß ich wirklich eine andere Geliebte habe, und daß ſie nezu ganzes Herz hat. Wir ſind alſo geſchiedene eute.“ „Ach, du mein Gott! Du mein Gott!“ rief Gran⸗ gette, ihre Hände denen des Barons entwindend, das Geſicht hinter ihrem Taſchentuche verbergend und ſich in eine Ecke ihres Canapé's werfend, um nach Herzensluſt zu weinen. Ein krampfhaftes Zittern erſchütterte ihren gan⸗ zen, vom Herzen beſiegten Körper. Sie konnte ſo⸗ gar ihre Schluchzer nicht mehr zurückhalten und weinte wie Kinder, denen das übervolle Herz unter Schreien auf die Lippen tritt und aus Augen und Mund zugleich einen Thränenſtrom hervortreibt. Es hätte die arme Kleine, da ſie ſich nun einmal von Francis verlaſſen ſah, ſich in ihr Schickſal ergeben, ſie hätte ſeine Ironie, ja ſogar ſeine Beleidigungen ertragen; allein die Gewißheit, daß er eine Andere liebte, ließ ſie völlig kraft⸗ und machtlos. zur dich den rück lan die gſtens ch ein aus. ochen. ſelbſt ffläche nichts das m dir dieß „ daß aß ſie iedene Gran⸗ ndend, rgend , um gan⸗ tte ſo⸗ und unter und t. Es l von geben, ungen Indere Mit einer Geberde der Ungeduld, die jedoch nichts Wahres hatte und ihm nur dazu diente, die erſte Reue über das, was er eben gethan, zu maskiren (denn Angeſichts der Schwäche Grangettens fing er an, ſeiner Grauſamkeit ſich zu ſchämen), ſtand er auf. Gleichwohl ließ ſie ſich dadurch täuſchen. Sie glaubte, er wolle gehen, und da ſie ſich lieber noch von ihm quälen laſſen als ſchon ſo bald wieder ihn weggehen ſehen wollte, ſtand ſie auf, trocknete mit ihrem Taſchentuche ihre Thränen ab, ſuchte ihre Schluchzer zu erſticken und ſchickte ſich an ihn zurück⸗ zuhalten, wenn er durchaus weggehen wollte. Francis wagte es nicht ſie anzublicken. „Lebe wohl!“ machte er, indem er that, als wollte er ſeinen Hut wieder nehmen. „Du gehſt?“ „Ja. Man wartet auf mich.“ „Wenn das iſt, ſo halte ich dich nicht länger zurück.“ „Und dann iſt es auch nicht allzu angenehm, dich weinen zu ſehen,“ hob der Baron wieder an, dem wider ſeinen Willen nichts lieber war, als zu⸗ rückgehalten zu werden. „Ich will nicht mehr weinen, wenn du es ver⸗ angſt.“ „Nein, ich muß gehen. Lebe wohl!“ „Gib mir einen Kuß, Francis.“ Maucroix kam zurück und küßte Grangette auf die Stirn. „Werde ich dich wiederſehen,“ fragte ſie. „Das weiß ich nicht... Vielleicht.“ Und er ging nach der Thüre hin, während 236 Grangette, welche die eine Hand gegen ihre bren⸗ nende Stirn drückte, mit der andern Francis noch zurückzuhalten ſuchte. Immer ſtärker floſſen ihre Thränen, doch zwang ſie ſich, ſie lautlos zu machen. „Wart' ein wenig, ich will dir leuchten,“ ſprach ſie, feſt überzeugt, daß er wirklich gehen wolle. „Du willſt mir alſo dein Betragen nicht er⸗ klären?“ hob Francis plötzlich in dem Augenblicke wieder an, wo er die Thürſchwelle überſchreiten wollte.„Du magſt alſo nichts zu deiner Entſchuldi⸗ gung ſagen?“ „Wohl möchte ich es; doch wozu nützt es, da das Reſultat daſſelbe bleibt?“ antwortete ſie mit un⸗ ſicherer und gebrochener Stimme. „Du warſt alſo ganz blind? Und es ſagte dein Herz dir nichts?“ „Du willſt wiſſen, was geſchehen iſt?“ „Ja, ich will es!“ „Und du wirſt mir glauben?“ „Wir wollen ſehen.“ Francis und Grangette ſtanden hier neben der Thüre. „Ich ſchwöre dir, Francis, beim Grabe meiner Mutter,“ fuhr Grangette fort, deren Thränen bei dieſen Worten reichlicher denn je floſſen, da ſie ihre Mutter wahrhaft angebetet hatte,—„ich ſchwöre dir bei Allem, was einem Menſchen heilig ſein kann, daß, was ich dir nun ſage, die reine, ungeſchminkte Wahrheit iſt. Als ich vor zwei Jahren nach Paris kam, war ich einem Oheim und einer Tante zur Laſt, die Pächter ſind oder vielmehr es waren. Sie waren kein gut lieh und ſchä die Wer ich weif nich than eine Ver⸗ zukon legen die war; dieſe könn verdi geliel auch dir r dern zogen mit n das tauſen Ich r Ich b pren⸗ noch vang drach er⸗ blicke eiten uldi⸗ „da un⸗ dein der einer bei ihre e dir kann, inkte zaris Laſt, aren keineswegs reich und doch haben ſie mir, auf meinen guten Willen vertrauend, drei tauſend Franken ge⸗ liehen, damit ich mir hier das Nöthige kaufen möchte und Zeit hätte, mich nach einer angemeſſenen Be⸗ ſchäftigung umzuſehen. Mit dieſem Gelde habe ich die Möbel, welche ich beſitze, habe ich mir ferner Weißzeug, ſowie alles Nöthige gekauft. Auch habe ich die Stelle gefunden, in der ich jetzt bin, doch weißt du, daß ſie nicht ſehr einträglich iſt. Ich ſah nicht vorher, was da kommen mußte. Ich habe ge⸗ than, was alle Frauenzimmer thun, welche ſich in einer ähnlichen Lage befinden. Du kennſt meine Vergangenheit, ich brauche alſo nicht darauf zurück⸗ zukommen. „Mit einem Worte, ich habe mir es nicht ange⸗ legen ſein laſſen, die tauſend Thaler zurückzulegen, die ich meinem Oheim und meiner Tante ſchuldig war; und hätte ich es auch gewollt, ſo hätte ich doch dieſe Summe in zwei Jahren nicht zuſammenbringen können, da ich jährlich ja bloß achthundert Franken verdiene. Ich habe dich kennen gelernt, habe dich geliebt. Du warſt nicht reich, und wäreſt du es auch geweſen, ſo hätte ich doch dieſes Geld nicht von dir verlangt, weder zu dieſem, noch zu einem an⸗ dern Zwecke. Eher hätte ich den Hungertod vorge⸗ zogen. „Zwei Tage nach deiner Abreiſe iſt mein Oheim mit meiner Tante hier angekommen, und da ſie all das Ihrige verloren hatten, ſo verlangten ſie ihre tauſend Thaler, nun ihr ganzes Vermögen, zurück. ch war ſie ſchuldig, ich mußte ſie zurückerſtatten. bat in meinem Magazin darum, aber es gehen 238 die Geſchäfte dermalen ſchlecht und ſo ſchlug denn die Ladenbeſitzerin mir meine Bitte ab. Ich ließ einen Möbelhändler kommen, um zu hören, wie viel er mir für mein ganzes Mobiliar wohl gäbe, und da erfuhr ich zu meinem nicht geringen Schrecken, daß es keine ſechshundert Franken werth wäre. Konnte ich dieſe dreitauſend Franken von dir verlan⸗ gen, der du ſie nicht hatteſt, der du ſie mir nicht hätteſt geben können, und der du mir böſe geworden wäreſt, wenn ich unſer Verhältniß benützt hätte, um eine ſolche Geldfrage auf's Tapet zu bringen? „Erinnere dich, Francis, wie oft du mir ganz offen deine Lage auseinander geſetzt, wenn wir ſo bei einander ſaßen. Dazumal liebteſt du mich, da⸗ zumal verheimlichteſt du mir keinen deiner Gedanken. Du ſprachſt von deiner Mutter und theilteſt mir mit, wie du deinen Lebensplan nach deinem Einkommen eingerichtet, und wie ſehr deine Mutter dir an⸗ empfohlen habe und noch anempfehle, keine Ausgaben zu machen, welche mit deinen und ihren Mitteln nicht im Verhältniß ſtünden. Wohl hundert Mal haſt du mir geſagt, wie du lieber ſterben als deiner Mutter einen Kummer bereiten möchteſt. Hätteſt du mir dieſes Geld anſchaffen wollen, ſo hätteſt du ein An⸗ lehen, eine Schuld machen,— ſo hätteſt du dir Ver⸗ legenheiten bereiten, ſo hätteſt du vielleicht dich mit deiner Mutter überwerfen müſſen. Konnte ich, die ich dich liebte, dieſes Alles zugeben? Und doch ſollte ich bezahlen: meine Verwandten belagerten mich Tag und Nacht. „Mit der Noth ſchwindet aus der Seele alle Großmuth. So gütig und liebevoll ſie einſt geweſen war nich und Kun mach Tag des mich ſage freur Kum was würd ſollte mein zur A ſeinen ihm d ſtellen Sumn waren, ſo ungeſtüm mahnten ſie nun. Ich wußte nicht mehr, wo mir der Kopf ſtand. Ich weinte Tag und Nacht. Nun gehört Herr von Hérion zu den Kunden unſeres Hauſes; er hatte mir den Hof ge⸗ macht, ich aber hatte ihn ſtets zurückgewieſen. Eines Tages bemerkte er, daß ich geweint hatte. Im Laufe des Abends erſchien er hier und fragte mich, was mich drücke. Anfänglich wollte ich es ihm nicht ſagen; er wollte es ſchlechterdings wiſſen, ergriff in freundſchaftlicher Weiſe meine Hände, ſchien meinen Kummer ſich zu Herzen zu nehmen und ſagte endlich, was an ſeiner Stelle wohl jeder Andere geſagt haben würde. Ohne das Reſultat, welche die Sache haben ſollte, zu ahnen, erzählte ich ihm nun die Urſache meiner Traurigkeit; er aber zog ſich zurück, ohne etwas darauf geantwortet zu haben. „An dem darauf folgenden Tage, den meine Verwandten mir als den letzten Termin bezeichnet hatten, gab ein Eckenſteher während meiner Abweſen⸗ heit hier ein kleines verſiegeltes Paket ab. Nach Hauſe gekommen, öffnete ich es: das Paket enthielt drei Banknoten von je tauſend Franken, aber keine Sylbe Geſchriebenes. Ich ſah die Adreſſe an und, es war wirklich mein Name. „Offenbar kamen dieſe tauſend Thaler von Herrn von Hérion, der ſich dabei gewiß der größten Deli⸗ cateſſe befließ, da er alle Mittel anwandte, um mich zur Annahme zu beſtimmen. Er hatte nicht einmal ſeinen Namen beigefügt, um mich nicht zu zwingen, ihm dankbar zu ſein, für den Fall, daß ich mich ſtellen möchte, als wüßte ich den Urſprung dieſer Summe nicht. Gleichwohl mochte ich etwas, was —— 240 ich nicht zurückgeben konnte, nicht annehmen. Ich ſchrieb alſo an Herrn von Hérion, wie ich Alles errathen zu haben glaubte, wie ich ihm für das Gute, das er mir hätte erweiſen wollen, dankte, wie ich ihn aber auf jeden Fall bitten müßte, durch eine vertraute Perſon ſein Geld wieder holen zu laſſen, ſobald mein Brief ihm zu Handen gekommen ſein würde. „Dießmal ſchloß ich die Banknoten in meiner Schublade ein. Bald darauf erſchien mein Oheim, der, als ich ihm zur Antwort gab, daß ich ihm noch nichts geben könne, ſich nicht länger darauf beſchränkte, ſein Geld zurückzufordern, ſondern zu ſchreien und zu ſchimpfen anfing. Er warf mir vor, daß er mich ſo lange umſonſt gehabt. Er ſtieß ſogar Verwün⸗ ſchungen gegen meine Mutter aus, die, ſagte er, mich ihm als Laſt hinterlaſſen. Jetzt lief ich, einer Verrückten ähnlich, auf den Secretär zu, nahm die dreitauſend Franken heraus und gab ſie ihm. Von dieſem Augenblicke an war ich an Herrn von Hérion verkauft, da ich ihm ſein Geld nicht mehr geben konnte, nachdem ich ihm doch geſchrieben, er ſolle es wieder holen laſſen. Sagte ich ihm die Wahrheit, ſo erſchien ich als eine Lügnerin, da er meinen Wor⸗ ten unmöglich Glauben beimeſſen konnte. Er hatte dieſes Geld mir nur geſchickt, um bälder ſeinen Zweck zu erreichen. Die Männer ſind nun einmal ſo ge⸗ ſchaffen, daß ſie nie etwas für nichts geben. Ich beſchloß, die Folgen meiner eigenthümlichen Lage über mich ergehen zu laſſen. Doch weinte ich gar viel, da ich dich von ganzem Herzen liebte. müt hat ſein er tion er, wuß daß Mit ſie d ben beka weit von wein bekar hielt 2 aber einen könnt mir, Freu Alles frei ſ Muth Sache mögli wiede Dur e er, einer n die Von brion geben le es „Es kam Herr von Hérion. Selbſt der groß⸗ müthigſte Menſch— und Herr von Hérion iſt das— hat Augenblicke des Egoismus. Als er ſah, daß er ſeinen Zweck erreichen könne, ſtellte er ſich, als ob er meine Traurigkeit und meine ſchwierige Reſigna⸗ tion gar nicht bemerkte; und das um ſo mehr, als er, weil ich ihm ſein Geld nicht zurückgab und nicht wußte, was ich ihm ſagen ſollte, feſt überzeugt war, daß ich über die Summe verfügt und nur noch ein Mittel ſuche, ſie ihm nicht mehr zu ſchulden, ohne ſie doch zu bezahlen. Er gab mir noch auf denſel⸗ ben Abend ein Rendezvous. Das Uebrige iſt dir bekannt. Indeſſen war mein Muth doch nicht ſo weit gegangen, daß bei dem Opfer, welches ich brachte, von Heiterkeit hätte die Rede ſein können. Ich weinte vielmehr einen Theil der Nacht. Tags darauf bekam ich einen Brief, der nachſtehende Worte ent⸗ hielt: „Mein Fräulein! Ich wollte Ihre Liebe, nicht aber Ihre Dankbarkeit. Verzeihen Sie mir, daß ich einen Augenblick der Hoffnung Raum gegeben, Sie könnten mich lieben, und vergeſſen Sie Alles von mir, nur das nicht, daß ich ſtets Ihr ergebener Freund ſein werde.“ „Anfänglich hatte ich, wie bereits geſagt, dir Alles ſchreiben wollen; allein als ich mich wieder frei ſah, fand ich, daß es mir an dem nöthigen Muthe gebrach; ich hoffte, daß du von der ganzen Sache nichts erfahren würdeſt, und daß es mir ſo möglich wäre, die Gegenwart an die Vergangenheit wieder anzuknüpfen. Auch ſchriebſt du mir nicht Dumas, Novellen. I. 16 242 mehr; vielleicht wollteſt du nichts mehr von mir wiſſen. Ich wartete. Da biſt du zurückgekommen. Du haſt Alles erfahren. Du haſt mir geſchrieben, daß du mich quittireſt; du hatteſt ein Recht dazu, du haſt von dieſem Rechte Gebrauch gemacht und haſt wohl daran gethan; ich habe dir nicht geantwortet, weil eine Antwort für mich ein unmögliches Ding war. Da haſt du nun die ganze Wahrheit,“ ſetzte Grangette hinzu und ſchwieg. Dieſes Bekenntniß trocknete, nach Art einer Recht⸗ fertigung, ihre Thränen. Francis' Augen waren feucht. Er ſchaute umher. Alle die Dinge, die ihn umgaben, alle dieſe lebloſen Freunde, womit ſeine Augen ſchon längſt ſich ſo vertraut gemacht, ſchienen zu ihm zu ſprechen:„So bleib' doch da! Was thut es, da du geliebt wirſt? Biſt du doch hier ſo glücklich geweſen!“ Und aus allen Ecken heraus rief und flehte die Erinnerung, jener verderbliche Faden, der das Herz plötzlich an die Dinge wieder feſtbindet, von denen es ſich auf immer getrennt glaubte. „Drei tauſend Franken,“ murmelte Francis; „gerade die Summe, welche während dieſer Zeit Adeline für einen Kaſchmirſhawl ausgegeben hat.“ „Was ſagſt du da, Freund?“ „Ohl nichts, Kind,“ verſetzte Maucroix, ſie auf die Stirn küſſend.„Du ſchwörſt mir, daß du nur die Wahrheit geſprochen?“ „Ich ſchwöre es.“ „Gut. Jetzt aber lebe wohl.“ mir imen. eben, u, du haſt ortet, Ding ſetzte techt⸗ baren e ihn ſeine ienen Was jer ſo eraus bliche bieder rennt ncis; Zeit geben e auf nur 243 „Sehe ich dich nicht mehr?“ fragte Grangette voller Schrecken. „Doch, doch, du ſiehſt mich wieder.“ Jetzt ſuchte Maucroix ſeinen Kutſcher wieder auf; anſtatt ſich aber nach der Caſtiglione⸗Straße fahren zu laſſen, wo man ihn erwartete, eilte er zu Ger⸗ harden. „Du mußt mir einen Dienſt erweiſen,“ ſprach er zu ſeinem Freunde. „Und worin beſteht er?“ „Du mußt mir dreitauſend Franken leihen.“ „Wann?“ „Auf der Stelle.“ „Zum Henker! Ich will ſehen, ob mein Vater ſo viel hat; was mich betrifft, ſo habe ich höch⸗ ſtens ſieben⸗ bis achthundert Franken hier, und damit habe ich in einigen Tagen erſt noch etwas zu be⸗ zahlen.“ „Ich ſage dir vorher, daß ich dir dieſe Summe nicht alsbald wieder geben kann.“ „Was thut es? Du gibſt das Geld mir zurück, wenn du kannſt oder willſt.“ Und Gerhard ging zu ſeinem Vater hinunter. Als Francis allein war, ließ er den Kopf in beide Hände ſinken und verfiel in tiefes Nachdenken. Schon nach fünf Minuten erſchien Gerhard wieder. „Da haſt du, was du brauchſt,“ ſprach der letztere. „Gib mir Dinte und Papier.“ Maucroix ſchrieb: 244 „Mein Herr! „Sie haben die Güte gehabt, Fräulein La Grange dreitauſend Franken zu leihen. Ich erfahre dieß eben und beeile mich, Ihnen dieſe Summe wieder zuzuſtellen. „Genehmigen Sie, mein Herr, die Verſicherung meiner perſönlichen Dankbarkeit und meiner wahren Hochachtung. „Baron von Maucroix.“ Dieſem Briefe ſchloß er die drei Banknoten bei, welche Gerhard heraufgebracht hatte; dann ſiegelte er ihn und ſchrieb darauf die Adreſſe: „An Herrn von Hérion, 34, Laffitte⸗Straße.“ „Laß doch dieſen Brief alsbald forttragen,“ ſprach er zu Gerharden. „Was ſoll all das?“ fragte der letztere.. „Du wirſt es ſpäter erfahren. Aber geh' nun.“ Nun nahm Francis einen zweiten Bogen Papier, um einen zweiten Brief zu ſchreiben; dieſer aber enthielt vier volle Seiten und bekam endlich die Adreſſe der Gräfin Adeline; dann küßte er ſeinen Freund, ſteckte den Brief in die Taſche und eilte davon mit den Worten: „Morgen ſehen wir uns wieder.“ Er ſtieg in ſein Cabriolet und ließ ſich nach der Caſtiglione⸗Straße fahren. Nur gab er, anſtatt zu Adelinen hinaufzugehen, den Brief, den er bei ſei⸗ nem Freunde geſchrieben, beim Hausmeiſter ab mit der Weiſung, ihn der Gräfin alsbald hinaufzu⸗ tragen. die range dieß vieder erung ahren 5 4 n bei, egelte „ be. gen,“ 4 nun.“ apier, aber h die ſeinen eilte ch der att zu ei ſei⸗ b mit aufzu⸗ „Wo geht es jetzt hin?“ fragte der Kutſcher den Baron. „Wieder nach Neuilly, und laſſen Sie Ihre Pferde laufen, daß die Funken davonfliegen!“ Zwanzig Minuten darauf klopfte Francis an die Thüre Grangettens, die ſeit ſeinem Weggang dieſelbe Stellung beibehalten hatte. Als ſie anklopfen hörte, fuhr ſie zuſammen. „Wer iſt da?“ fragte ſie, bevor ſie aufmachte. „Ich,“ verſetzte Maucroix. Grangette erkannte an dieſem einzigen Worte die Stimme. Sie machte auf. „Du!“ rief ſie aus. „Ja, ich!“ Und in dieſer Antwort lag: „Darf ich nicht mehr wie früher kommen?“ „Du verzeihſt mir alſo?“ rief Grangette. „Ich habe dir nichts zu verzeihen.“ „Und du hätteſt Herrn von Hérion vergeſſen?“ „Herrn von Hérion? Du warſt ihm dreitauſend Franken ſchuldig, und ich habe ſie ihm geſchickt. Jetzt biſt du ihm nichts mehr ſchuldig.“ Grangette ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte ſich dem Baron in die Arme. Tags darauf ſtieg Adeline in eine Poſtchaiſe, um Paris zu verlaſſen. Brauchen wir noch zu ſagen, was Francis ihr geſchrieben, da wir bereits geſagt, daß er nie log? Etwa einen Monat darauf, um acht Uhr Mor⸗ gens, kamen Francis und Grangette Arm in Arm die lange Allee von Neuilly herab. Es ſah der 246 Baron etwas bekümmert aus, und Grangette, die es bemerkt hatte, ſtudirte ihn verſtohlen mit einem An⸗ flug von Unruhe. Allerdings müſſen wir beifügen, daß Tags zuvor Gerhard zu ſeinem Freunde unter Anderem geſagt hatte: „Ei, weißt du es auch? Die Gräfin iſt wieder hier. Ich habe ſie geſtern im italieniſchen Theater geſehen.“ Wir wollen Francis fragen, was er an dem Tage, wo er Grangette nach der Stadt begleitete, in der Caſtiglione⸗Straße zu ſchaffen hatte. Warum ging er vor dem Hauſe Nr. 10 wenigſtens eine volle Stunde auf und ab? Warum beſann er ſich ſo lange, ob er hineingehen ſolle? Warum fragte er ſogar den Hausmeiſter, ob die Gräfin wieder ange⸗ kommen wäre, obgleich er genau wußte, woran er ſich in dieſer Beziehung zu halten hatte? Warum ſchlug er, nachdem er ſo lange unſchlüſſig geweſen, endlich geſenkten Hauptes wieder den Weg ein, der nach dem Hauſe ſeiner Mutter führte? Warum war er an dieſem Abende zu Neuilly noch ſo traurig? Und warum antwortete er, der ſanftmüthige, fein⸗ gebildete Mann, Grangetten ſo barſch, als dieſe ſchüchtern nach der Urſache ſeines düſteren Weſens fragte, und warum gelang es ihm nur mit genauer Noth, das Wort Hérion zu verſchlucken, das plötzlich an den Rand ſeiner Lippen getreten war? Iſt es ferner wahr, daß er Tags darauf mit heftig pochendem Herzen bei der Gräfin einen Be⸗ ſuch machte, und daß dieſe, von drei bis vier Per⸗ ſonen umgeben, ihn mit ihrem anmuthigſten, zugleich aber auch ironiſchſten Lächeln empfing; daß er er⸗ bla lãd ſche deſt er thu dock den lich maꝛ Tag Off⸗ eine Alte einn daß Lini lich kom das liche keit mit bleib ſehen ſtorb keine freier Gerk verſt zwar in ei ie es An⸗ ügen, unter ieder heater Tage, der ging volle ch ſo gte er ange⸗ an er arum beſen, , der war urig? fein⸗ dieſe eſens nauer ötzlich f mit Be⸗ Per⸗ gleich er er⸗ blaßte, nicht wußte, was er ſagen ſollte, ſich ziemlich lächerlich vorkam, Adeline verließ, die wenigſtens ſchon ſeit zehn Minuten— und zwar ohne die min⸗ deſte Affectation— vergeſſen zu haben ſchien, daß er da war, ſowie daß er ſchwor— ohne es aber zu thun— er werde ſich an dieſer Frau rächen, der er doch lediglich nichts vorzuwerfen hatte, als daß er den Schändlichen an ihr geſpielt? Denn eine Schänd⸗ lichkeit iſt und bleibt es, gegen eine Frau, von der man ſich geliebt weiß, eine ſo rohe Offenheit an den Tag zu legen. Glücklicher Weiſe ſchlägt eine ſolche Offenheit bei den Weibern, und insbeſondere bei einer Frau von Adelinens Rang, Charakter und Alter, die Liebe auf der Stelle todt. Man mache einmal den Verſuch, eine Weltdame zu überzeugen, daß ſie mit einem Mädchen wie Grangette in eine Linie geſtellt werden könne! Man wird es unmög⸗ lich finden. Darum tritt denn auch bei ihr die voll⸗ kommenſte Gleichgültigkeit ein, und zwar ohne daß erſt das Vorſtadium des Zorns durchlaufen wird. Die näm⸗ liche Viertelſtunde, die ihr eine ſo befremdliche Neuig⸗ keit bringt, nimmt aus ihrem Herzen die Liebe todt mit fort, ſo daß davon ebenſo wenig etwas zurück⸗ bleibt, als man den Wänden eines Zimmers es an⸗ ſehen kann, daß darin ein Menſch am Schlage ge⸗ ſtorben. Die alſo getödtete Liebe macht im Herzen keinen leeren Raum, ſondern läßt dort bloß einen freien Platz. Darum dürfen wir auch glauben, was Gerhard neulich geſagt hat, daß nämlich Francis oft verſtimmt ſei und Grangette zuweilen weine, und zwar ganz beſonders ſeit dem Tage, wo der Baron in einer leicht zu errathenden Abſicht in's italieniſche 248 Theater ging und den jungen Marquis in die Loge der Gräfin treten ſah, den ſie heirathen ſollte, mit dem ſie, ohne Zweifel rein zufällig, auf der jüngſt gemachten Reiſe zuſammengetroffen, und der zwei Stunden nach ihr zu Paris angekommen war. Man ſagt im gemeinen Leben, es poche das Herz; es iſt dieß aber nicht wahr, es dreht ſich. Was Grangette betrifft, der Francis, im erſten Entzücken der Wiederausſöhnung und um ſie ſelbſt minder ſchuldig erſcheinen zu laſſen, geſtand, daß auch er ihr untreu geweſen— was, ſagen wir, Grangette betrifft, die, Dank jenem wunderbaren Inſtinkt, welchen die Natur in alle Weiber, Griſet⸗ ten wie Gräfinnen, gelegt hat, gar wohl weiß, was ihren Geliebten jetzt ungerecht gegen ſie macht, und die ſich darüber nicht beklagen zu dürfen meint, ſo ſprach ſie jüngſt mit einem melancholiſchen Kopf⸗ ſchütteln und in einem Tone voll trauriger Philo⸗ ſophie: „Ein Mann verzeiht einem Frauenzimmer nur Eines nie— daß er nämlich ihr verziehen.“ Und Grangette hat vollkommen Recht. Wird dieſes Verhältniß Grangettens und des Barons lange dauern? Ich glaube es nicht, noch glaubt es der Leſer, noch glauben ſie ſelbſt es. Glücklicher Weiſe verdient ſich jetzt Grangette in ihrem Magazine als erſte Jungfer fünfzehnhundert Franken und iſt keinem Menſchen einen Heller mehr ſchuldig. „Weißt du, was du thun ſollteſt?“ ſprach Gerhard geſtern zu dem Baron;„du ſollteſt hei⸗ rathen.“ Loge mit üngſt zwei das rſten ſelbſt daß wir, aren riſet⸗ was und „ ſo Copf⸗ hilo⸗ nur des noch e in ndert nehr rach hei⸗ Früher hätte Francis bei einem ſolchen Worte laut aufgelacht. Geſtern hat er keine Sylbe er⸗ widert. Und in der That, es iſt das ein Ausweg. Was man nicht weiß. Ich hatte einen Claßcameraden, welcher in der Mathematik immer der erſte war. Jüngſt hat nun derſelbe eine ſehr ſchöne Partie gemacht, und aus dieſem Anlaſſe will ich hier eine kurze Geſchichte er⸗ zählen, wovon er faſt der Held iſt. Es mag nun ein Jahr ſein, daß Moritz eines Morgens zu mir hereintrat. Nachdem er mir ſchwei⸗ gend die Hand geboten, nahm er den Hut ab, ſetzte ſich an das Feuer, kreuzte die Arme, blickte die Aſche an und verfiel in eine lange Träumerei. Sol⸗ cherlei Beſuche lagen nur wenig in der Art meines Freundes, und ich begriff, daß irgend ein ernſtes, wichtiges Ereigniß in das ſonſt ziemlich einförmige und faſt ſpießbürgerliche Leben deſſelben hineinge⸗ ſpielt haben müſſe. Ich verſuchte es, die Sache von der heiteren Seite aufzufaſſen, um ihn wo möglich ſeinen traurigen Reflexionen zu entreißen, und ſprach lachend zu ihm: „Zum Teufel! was haſt du denn heute? Habe ich dich doch nie ſo geſehen.“ der nun aus e er⸗ eines hwei⸗ ſetzte die Sol⸗ eines iſtes, mige inge⸗ von glich drach Habe „Es iſt mir eben etwas gar Seltſames und zu⸗ gleich gar Trauriges zugeſtoßen,“ erwiderte er. „Erzähl mir es doch,“ rief ich, voller Intereſſe meinem Freunde mich nähernd;„und kann ich dir in irgend etwas dienen...“ „Ich danke dir, allein es iſt die Sache nie mehr gut zu machen.“ „Nun, ſo ſag' mir doch, was es iſt!“ „Ach, du mein Gott! ich werde dir es erzählen ... Im Uebrigen bin ich nur in dieſer Abſicht hierher gekommen, denn ich möchte aus dem Munde eines Freundes vernehmen, daß ich an dieſem Un⸗ glücke nicht Schuld bin.“ „Ich höre.“ — Die Sache verhält ſich alſo: Vor etwa acht bis zehn Monaten machte der Vater unſeres Freun⸗ des Antonin eine ſchlechte Speculation, wobei er ſein ganzes Vermögen verlor... Nun raffte er ſeine letzten Mittel zuſammen und verließ mit Frau und Tochter die Hauptſtadt, um ſich in irgend einem Winkel der Provinz zu begraben. Sein Sohn aber durfte zu Paris bleiben, und dieſem gab er beim Scheiden zwei Banknoten von je eintauſend Franken, mit den Worten: „Sieh, dieß iſt dein ganzes Vermögen: fortan haſt du nur von dir ſelbſt noch etwas zu hoffen. Früher hatten wir Freunde, aus denen dir jetzt Be⸗ ſchützer erwachſen können. Such' ſie auf. Du haſt eine gute Erziehung genoſſen: vielleicht daß ſie dir eine ehrenvolle Stelle verſchaffen können, wodurch du gegen Noth geſichert biſt. Was mich betrifft, ſo werde ich mich mit deiner Mutter und deiner 252 Schweſter auf dem Lande in irgend einem Winkel begraben.“ Nun aber war Antonin bis daher an ein müſſi⸗ ges und ſogar luxuriöſes Leben gewöhnt geweſen. Was arbeiten heißt, wußte er nur wenig. Er gab ſich von ſeiner Lage keine genaue Rechenſchaft. Ge⸗ wohnt, Alles zu haben, was er bedurfte und jeden „Tag alle ſeine Wünſche befriedigt zu ſehen, begriff er nicht, daß dieß einmal ſich ändern könne; und nur des Factums eingedenk, daß er zweitauſend Franken in der Taſche habe, unterließ er es, die Schritte zu thun, wozu ſein Vater ihm gerathen hatte, und griff ſein kleines Vermögen ziemlich leicht⸗ ſinnig an. Indeſſen hätte er ſo vier bis fünf Mo⸗ nate leben können, und vielleicht wäre ihm unter⸗ deſſen die Vorſehung zu Hülfe gekommen; allein bald hatte er nicht mehr für ſich allein zu ſorgen, ſondern theilte ſeine letzten Mittel mit Jemand. Es fügte ſich dieß ſo: Eines Abends ſah er, als er auf dem Heim⸗ wege durch ein verödetes Gäßchen kam, ein junges Mädchen, das ſiebzehn bis achtzehn Jahre alt ſein mochte und den Gang eines Frauenzimmers hatte, das nicht recht weiß, was es thut. Indeſſen lag lediglich nichts Herausforderndes darin. Die Klei⸗ dung des Mädchens war mehr denn einfach. Sie hatte einen geſtreiften Zitzrock und einen Shawl mit kleinen Palmen an; ſtatt allen Kopfputzes trug ſie eine weiße Haube. In der einen Hand hielt ſie ein kleines Paket, mit der andern aber trocknete ſie ſich die Augen ab, da ſie weinte. Dieß ſah Antonin, als er an ihr vorüberging und ſich anfänglich aus zinkel eim⸗ nges ſein atte, lag Klei⸗ Sie mit ſie ſie ſie nin, aus Neugierde, dann aus Intereſſe nach ihr um⸗ wandte. Des Mädchens Kummer ſchien ſo wahr, daß Antonins erſter Gedanke der war, ſie zu fragen, was ihr wäre; dann aber nahm er Anſtand, ſolches zu thun und ging ſeines Weges, bis er endlich aber⸗ mals ſtehen blieb, um aufs Neue nach dem Mäd⸗ chen herumzublicken.. Und endlich kehrte er, da die Straße ganz verödet war und Niemand es ſehen konnte, wieder um, blickte das Kind, das beim Schein einer Straßenlaterne ihm hübſch erſchien, an und ſprach mit ſanfter Stimme und im Tone er⸗ wachter Sympathie: „Mein Fräulein, Sie weinen... Ich möchte Ihnen nützlich ſein können: nichts würde mich mehr freuen. Was iſt Ihnen?“ Indem Antonin dieſe Worte ſprach, hatte er das Haupt entblößt. Offenbar folgte er dem Zuge ſeines Herzens. Das Mädchen aber ſchlug die Augen zu ihm auf. „In der That, mein Herr, ich bin recht unglück⸗ lich,“ verſetzte das Mädchen. Und ſich mit dem Rücken gegen eine Hauswand ſtellend, verbarg ſie das Geſicht in beiden Händen, während ihre Thränen ſich verdoppelten. „Was iſt Ihnen denn zugeſtoßen?“ „Ich habe keinen Aufenthaltsort, und weiß in dieſem Augenblicke nicht, wo ich mein Haupt hin⸗ legen ſoll.“ „Wie kommt das? Haben Sie denn keine Eltern, keine Verwandten?“ 254 „Ich habe einen Oheim und eine Tante.“ „Warum gehen Sie dann nicht zu ihnen?“ „Ich komme gerade dorther.“ „Man hat ſie fortgeſchickt?“ „Ja. Meine Verwandten ſind arm. Sie konn⸗ ten keine neue Laſt auf ſich nehmen. Und dann habe ich mich auch ſchlecht aufgeführt.“ Dieſes offenherzige Weſen gefiel Antonin, ſo daß er voller Nachſicht ſich abermals an das arme Ge⸗ ſchöpf wandte mit den Worten: „Sie haben ſich ſchlecht aufgeführt, ſagen Sie? Was haben Sie denn angeſtellt?“ „Ich habe mich ſo aufgeführt, daß Madame mich vor die Thüre geſetzt hat.“ „Wer iſt aber dieſe Madame?“ „Es iſt Madame Dürand, eine Wäſcherin, bei der ich in der Lehre war.“ „Und warum hat dieſe Sie vor die Thüre geſetzt, wie Sie ſich ausdrücken?“ Die Arbeiterin wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. „Weil ich einen Liebhaber hatte,“ ſprach ſie endlich. „So! Sie hatten einen Liebhaber? Nun, warum ſuchen Sie denſelben jetzt nicht auf?“ „Er hat es mir verboten.“ „Er liebt Sie alſo nicht?“ „Ich glaube es jetzt ſelbſt... Denn da er Schuld iſt, daß ich nicht weiß, wohin ich gehen ſoll, ſo ſollte er ſich doch meiner annehmen: nicht wahr?“ „Haben Sie ihn ſchon geſprochen, ſeit Sie nicht mehr bei Frau Dürand ſind?“ „Nein.“ in me geklei keit ausgedrückt. „Er kennt alſo Ihre Lage nicht?“ „Es thut das nichts: er hat mir geſagt, daß er mich nie in ſeine Wohnung würde aufnehmen können. Und nun bin ich vielleicht recht froh darüber.“ Nach einer Pauſe hob Antonin wieder an: „Wie nennt man Sie?“ „Hermine.“ „Das iſt ja ein allerliebſter Name.“ „Sehen Sie, als ich ein noch ganz kleines Mäd⸗ chen war, war ich ſchneeweiß. Darum hat man mich Hermine genannt,“ verſetzte das Mädchen lächelnd. „Wohlan, Fräulein Hermine, es wird nichts Anderes übrig bleiben, als daß Sie in ein Hotel gehen.“ „Schon recht, aber ich habe kein Geld zum Be⸗ zahlen.“ „Ich werde Ihnen das Nöthige leihen.“ „Ich werde Ihnen es nie zurückgeben können.“ „Nun, ſo bleiben Sie mir es eben ſchuldig.“ Hermine antwortete auch nicht eine Sylbe: ſie begnügte ſich damit, Antonin anzuſchauen; allein es lag in dieſem Blicke eine Fülle rührender Dankbar⸗ „Welches Stadtviertel ziehen Sie vor?“ „Mir gilt das gleich.“ „In meiner Nähe... iſt ein Haus, wo Sie, wie ich glaube, recht gut aufgehoben ſein werden.“ „Iſt es weit?“ „Nein. Warum?“ „Weil es Sie vielleicht genirte, wenn man Sie in meiner Geſellſchaft ſähe... Ich bin ſo ſchlecht gekleidet!“ 256 „Oh, was das betrifft, mein Kind, ſo genirt es mich gar nicht. Darüber bin ich hinweg... Und zudem finde ich Sie, ſo wie Sie ſind, allerliebſt.“ Antonin ſprach keine Sylbe mehr: er hatte ihr nichts weiter zu ſagen, nur muſterte er ſeine junge Begleiterin verſtohlen, und ſtets entdeckte er etwas Bezauberndes an ihr. Sie dagegen zeigte, wie froh ſie war, daß endlich Jemand ſich ihrer erbarmt hatte, und lächelte dann und wann. Da ſiel es Antonin ein, daß ſie vielleicht noch nichts zu ſich genommen; er ſprach alſo, als ſie an einer Reſtauration vorüberkamen: „Wollen Sie etwas genießen?“ „Ich danke Ihnen, ich habe bereits geſpeist. Ich bin erſt um ſieben Uhr fortgeſchickt worden.“ „Wie iſt das ſo gekommen?“ „Es hat Madame mich auf der Straße mit Auguſt plaudern ſehen... Jeden Abend ging er an unſerem Laden vorüber und gab mir ein Zeichen, worauf ich, ſobald ich nur konnte, ihn auſſuchte. Madame hegte Verdacht. Heute Abend aber hat ſie mir aufgepaßt, und als ich wieder heimgekommen bin, da hat ſie mich voller Zorn gefragt, woher ich käme. Ich aber habe ihr die Wahrheit geſagt. Da hat ſie mir die Worte zugeſchrien: Mach' daß du aus dem Hauſe kommſt und pack deine ſieben Sachen zuſammen! Anfänglich habe ich nun, ich geſtehe es, zu Auguſt gehen wollen; dann aber habe ich um ſeinet⸗ und um meinetwillen es nicht mehr gewollt.“ „Sie liebten ihn alſo nicht?“ „Ich habe ihn nicht mehr geliebt, als ich ihn beſſer kennen gelernt habe. Er war ungerecht, ſelbſt⸗ ich ga unglü⸗ „ Dum dirt es Und bſt.“ tte ihr junge etwas e froh hatte, noch ſie an t. Ich ze mit ing er eichen, ſuchte. hat ſie ommen her ich t. Da aß du Sachen he es, ch um vollt,“ ch ihn ſelbſt⸗ Ihnen morgen ein kleines Zimmerchen ſ ich ganz beſcheiden für Sie möbliren w unglücklicher Weiſe bin ich ſelbſt nicht reich... brauchen... Iſt ſüchtig, ſogar roh. So aber iſt er Anfangs nicht geweſen... Im Gegentheil... on meinem Oheim und meiner Tante wurde ich mißhandelt... Was Madame Dürand betrifft, ſo war ihr Betra⸗ gen ſtets ein grobes; er allein ſchien mir recht gut zu ſein...“ „Was war ſein Stand?“ „Er war Commis und wohnte bei cipal. Wohl hatte er a Schritte gemacht, ſprach Antonin, indem er zugleich die Wirkung ſtu⸗ dirte, welche ſeine Worte hervorbringen mußte: „Morgen können Sie Herrn Auguſt wiſſ. ſ „Nein,“ antwortete Hermine gentheil mein Möglichſtes thun, mehr findet.“ Antonin konnte eine Bewegung der Freude nicht bemeiſtern und fügte alsbald hinzu: was wir thun? Da Sie nicht z„ich werde im Ge⸗ damit er mich nie erde; denn ie werden arbeiten und dann keinen Men ſchen mehr Ihnen das recht?“ 5„Sie fragen erſt, mein Herr!... Was in aller el t habe ich gethan, daß Sie alſo ſich für mich intereſſiren?“ „Nichts... Aber ſie ſind ſo hübſch 495 Duma 8, Novellen I. 4 258 „Ja ſo!“ antwortete Hermine traurig. Und es ſollte dieß ſagen: „Ich hatte außer Acht gelaſſen, daß ich hübſch genug bin, um dieſes Intereſſe zu bezahlen.“ Antonin fühlte, wie ſeine Phraſe interpretirt wurde, und ſchämte ſich in ſeinem Innern; denn im Grunde hatte er nicht das ſagen wollen, was ſie darin gefunden. „Ich bin eben ein dummer, ungeſchickter Menſch,“ dachte er bei ſich ſelbſt. Und er wußte es Herminen Dank, daß ſie ihm ſo zart und ſo fein geantwortet. Endlich kamen die Beiden in dem Hotel an, wo Antonin das Mädchen auf einige Tage unterzubringen gedachte. Er wollte ihr beweiſen, daß er lediglich nicht beabſichtige, ſich das, was er für ſie that, be⸗ zahlen zu laſſen, und verließ ſie mit dem Verſprechen, am andern Tage nach ihr ſehen zu wollen, nachdem er ihr hatte ein Zimmer geben laſſen, nachdem er ſich ferner vergewiſſert, daß ſie nichts bedurfte, und nachdem er der Hotelinhaberin ſo viel Geld gegeben, daß Herminens erſte Ausgaben ſich damit beſtreiten ließen. Das Mädchen dankte ihm wiederholt. Tags darauf ſtand er in aller Frühe in meinem Zimmer, um mir ſein Abenteuer vom vergangenen Abend etwa mit den gleichen Worten zu erzählen, deren ich mich eben bedient. Dann ſetzte er hinzu: „Sie wird mich nicht viel koſten. Sie iſt eine allerliebſte Perſon... Wenn ſie mich nur auch lieben wollte! Faſt hätte ich nun ein gutes Werk gethan; denn wer weiß, was aus ihr geworden wäre, -—,——— 12— ſi üübſch bretirt in im 1s ſie nſch,“ 2 ihm 1, wo ingen diglich t, be⸗ echen, chdem em er „ und geben, reiten einem genen ählen, inzu. t eine auch Werk wäre, wenn geſtern ein glücklicher Zufall ſie nicht auf mei⸗ nen Lebensweg geführt hätte?... Ich will mir nun es angelegen ſein laſſen, eine angemeſſene Stelle zu ſuchen... So werde ich mir wohl jeden Monat zweihundert Franken verdienen können, und dieſes Geld werde ich dann mit ihr theilen; wir werden glücklich ſein... Was ſagſt du dazu? Ich liebe ſie wirklich, die arme Kleine. Beſitzt ſie einmal einen Strohhut, ein hübſches Kleid, eine Mantille, ſeidene Stiefeletten, ſo i*ſt ſie engelſchön... Ich bin recht froh, daß ich ſie kennen gelernt: es wird mich das zum Arbeiten zwingen, und vielleicht hätte ich mich nie ſo weit ermannt, wenn ſie nicht geweſen wäre... Komm' und hilf mir doch ein Zimmerchen ſuchen und Möbel kaufen.“ Ich kleidete mich an und ging mit Antonin. Zwar hatte ich mir vorgenommen, ihm über dieſes Mädchen Verſchiedenes zu bemerken, da er um ihret⸗ willen offenbar ſich Opfer aufzuerlegen im Begriffe war; indeſſen wären alle meine Worte fruchtlos ge⸗ weſen, und darum ſchwieg ich. Er miethete für einhundertfünfzig Franken per Jahr ein im ſechſten Stockwerke eines Hauſes in der Pigale⸗Straße gelegenes Zimmer ſammt Cabinet. Die Fenſter dieſes ſüdlich gelegenen Zimmers aber gingen auf Gärten hinaus. Von neun bis zwölf Uhr lachte dort immer ein großer, freundlicher Son⸗ nenſtrahl. „Sie wird ſich hier nicht allzu unbehaglich fühlen,“ prach Antonin, mich mit einem Blicke fragend. „Es wird ihr nie ſo gut geworden ſein,“ beeilte ich mich ihm zu antworten...„Bedenk' doch, daß 260 ſie geſtern nicht einmal wußte, wo ſie ihr Haupt hinlegen ſollte.“ Alles dieß mußte ich Antonin ſagen, da er ſich zu ſchämen ſchien, daß er Herminen ſo wenig anbie⸗ ten könne... „Hierher,“ ſprach er, auf den Alcoven deutend, „kann ſie ihr Bett ſtellen... Dorthin, dem Kamin gegenüber, eine Commode, vor das Fenſter aber einen Tiſch. Vier Stühle, weiße Vorhänge, zwei kleine Bildchen, die zu Hauſe an meiner Wand hangen, ein Spiegel, zwei Leuchter, eine Stockuhr und Blu⸗ men: das wird für das Schlafzimmer genügen; für ihr Cabinet bedarf es dann noch eines Toilette⸗Tiſch⸗ chens. Schaffen wir alles dieſes herbei.“ Antonin zahlte ein Vierteljahr voraus, worauf wir der Sanct Antons⸗Vorſtadt zuwanderten. Dort traten wir in das Haus eines Möbelhänd⸗ lers. Für zweihundertſechzig Franken konnte Antonin Herminens Zimmer und Cabinet vollſtändig möb⸗ liren. Das Bett mit ſeinen zwei Matratzen und ſeiner Wolldecke koſtete hundert Franken; die Com⸗ mode dreißig; die vier Stühle zwanzig; der Spiegel achtzehn; die zwei Leuchter ſechs; das Toilette⸗Tiſch⸗ chen fünfundzwanzig; die kleinen Vorhänge zu den beiden Fenſtern zwölf; die großen blaubaumwollenen Vorhänge dreizehn; die Stockuhr dreiunddreißig, und der Tiſch endlich achtzehn. Alle dieſe Gegenſtände wurden auf ein Wägelchen geladen, um nach der Pigale⸗Straße gebracht zu werden. Bei einem Fayence⸗Waarenhändler kauften wir dann noch ſechs Suppenteller, zwölf flache Teller, eine Suppenſchüſſel, zwei Platten, eine Salatſchüſſel, zwei Salzbüchschen und ein Oel⸗ und Eſſigſtänderchen, Alles für die Summe von einunddreißig Franken und fünfzig Cen⸗ timen;... bei einem Goldſchmiede, drei Couverts von plattirter Waare, für achtzehn Franken;... bei einem Eiſenhändler, zwei Caſſerolen, einen Fleiſch⸗ topf, ſowie noch einige andere Küchenutenſilien, Alles für fünfundzwanzig Franken;... zwei Dutzend Servietten und vier Paar Betttücher, die zuſammen auf hundertdreißig Franken zu ſtehen kamen... Zu der erſten Ausgabe hinzugerechnet, bildete dieß eine Totalſumme von vierhundert neunundſechzig Franken und fünfzig Centimen. Dieſe verſchiedenen Einkäufe amüſirten uns in ihren Einzelheiten, und darum weiß ich noch ſo ge⸗ nau, worin ſie beſtanden; jeden Augenblick aber ſahen wir, daß wir etwas vergeſſen hatten: ein Küchenhandfaß, einen Blaſebalg, eine Feuerzange, Meſſer, Trinkgläſer, Flaſchen. Kurz, Antonin ver⸗ ausgabte trotz der ſtricteſten Sparſamkeit nicht we⸗ niger denn ſechshundert Franken, wenn man Alles zuſammenrechnete. Es war das allerdings keine große Summe, und doch war es auf der andern Seite eine gewaltige Breſche, die in die zweitauſend Franken geſchoſſen wurde, welche zum Ueberfluß be⸗ reits angegriffen waren. „Mit tauſend Franken,“ ſprach Antonin,„kann ich mit Herminen wohl fünf Monate leben, wenn bis dahin weder ſie Arbeit findet, noch ich eine Stelle. Allein fünf Monate ſind eine lange Zeit, und bis dahin läßt ſich gar Vieles thun.“ Wir begaben uns nach der Pigale⸗Straße und ſtellten Alles in beſter Ordnung auf, von den Feuer⸗ 262 böcken bis zu den Caſſerolen... Du kannſt dir kaum vorſtellen, wie lieblich, wie friſch, wie jungfräulich, trotz aller Einfachheit, Herminens künftiges Zimmer mit ſeinen Blumen und ſeinen weißen Vorhängen ausſah. Als das Logis zur Aufnahme der künftigen Bewohnerin bereit war, eilte Antonin nach dem Hotel, wo er die Arbeiterin gelaſſen... Ich konnte, ich geſtehe es gern, kaum den Augen⸗ blick erwarten, wo es mir vergönnt ſein würde, das ſchöne Kind zu ſehen. Vor der Thüre angekommen, dankte mir mein Freund für meine gütige Begleitung und verſchwand, ohne daß er mich einlud, mit ihm zu Herminen hinaufzugehen. Er allein wollte dem Mädchen die frohe Botſchaft verkünden, die er ihr zu bringen hatte. Nichts war im Grunde natürlicher. Etliche Tage darauf beſuchte mich Antonin. Er war freudeſtrahlend und hatte ein dünnes, langes Paket unter dem Arme. „Nun, du ſcheinſt ja überglücklich?“ ſprach ich, ſobald ich ſeiner anſichtig ward. „Und das bin ich auch.“ „Hermine?“ „Iſt ein wahrhaft anbetungswürdiges Mädchen.“ „Du liebſt ſie?“ „Ganz närriſch.“ „Was haſt du da unter dem Arme?“ „Oh! Ein kleines, ſeidenes Kleid, das ich ihr eben gekauft.“. „Nimm dich in Acht, tauſend Franken reichen nicht ewig.“ „Es bleiben mir nur noch ſiebenhundert.“ „Wie? Binnen acht Tagen gibſt du dreihundert umer igen igen otel, gen⸗ das men, tung ihm dem ihr nges Gelde raſch zu Rande kommſt.“ „Ja, aber ſieh, ſie bedurfte eine Menge Dinge, woran wir gar nicht gedacht hatten. Nun aber iſt Alles angeſchafft... Auch werde ich eine Stelle be⸗ kommen, die beſſer iſt, als ich hoffte, und nicht nur das, ſondern ich werde ſie auch bälder erhalten, als ich meinte.“ „Ja, und wo?“ „Bei der Verwaltung einer neuen Eiſenbahn, die noch vor einem Monat eröffnet wird. Ich bekomme jährlich viertauſend Franken. Das iſt mehr als wir brauchen.“ „Das iſt gleich; ich ſage dir nur, baue nicht darauf, ehe du die Stelle haſt... Man weiß nicht, was geſchehen kann.“ „Sei ohne Sorge.“ „Du ſagſt ja aber gar nichts von Herminen? Ar⸗ beitet ſie?“ „Noch nicht. Es preſſirt damit nicht ſo ſehr!... Auch würde ſie ſich ſo wenig verdienen, daß es ſich wahrlich die Mühe kaum verlohnt, einen Verſuch zu machen: würde ſie ſich doch nur ihre kleinen, netten Händchen verderben... Ferner iſt mir es lieber, wenn ſie nicht arbeitet, ſobald ich meine Stelle habe. Es iſt immerhin etwas Trauriges, das Frauenzim⸗ mer, das man liebt, arbeiten ſehen zu müſſen.“ „So gefällſt du mir!“ „Was treibſt du heute Abend?“ „Ich bin zu Gaſt geladen.“ „Um ſo ſchlimmer!“ „Warum das?“ Franken aus! Ich muß geſtehen, daß du mit deinem 264 „Weil du ſonſt mit uns gegangen wäreſt.“ „Wohin?“ „In's Theater.“ „In welches?“ „In die Oper.“ „Das heiß' ich einmal das Geld wohl anwenden!“ „Was willſt du? Ich muß dem armen Mädchen doch auch einige Zerſtreuung verſchaffen... Bis daher iſt ſie nichts weniger als glücklich geweſen; die Oper hat ſie in ihrem Leben noch nicht geſehen... Sie freut ſich wie ein Kind darauf.. Gehſt du mit?“ „Nein.“ „Sei ohne Sorge, du würdeſt dich an ihr nicht zu ſchämen brauchen. Sie iſt recht nett gekleidet; — hat ein ſeidenes Kleid, eine ſeidene Mantille, ſeidene Stiefeletten und ein kleines Hütchen von roſarothem Krepp, das ihr wunderſchön ſteht.“ „Ich bedauere... aber ich bin, wie ſchon ge⸗ ſagt, eingeladen, auch kann ich dir nicht bergen, daß es mir gar nicht gefällt, daß du das Geld, deſſen dein Vater ſich ſelbſt beraubt hat, trotzdem daß er es ſo nothwendig brauchen könnte, für Mantillen und Krepphüte hinauswirfſt.“ „Alles das koſtet ſo wenig!... Was die Damen brauchen, iſt wahrlich umſonſt zu haben, mein Lieber ... Und dann hat ſie auch lange, lange daran.“ „Ich ſehe ſchon, du biſt eben verliebt; was ich auch ſagen möchte, es wäre vergebens; mithin thue, was du willſt; beklag' dich aber nie bei mir, wenn, was ich dir vorherſage, geſchieht.“ „Leb' wohl,“ ſprach Antonin kurz, indem er ſich V I erl An ihn eben auf Sei mit ſage hind Er! bar ſah. 1 mich mir ren i nicht doch” nem F Frage ſchäm ſcheine 5 25 erhob,„du biſt wahrlich ein allzu proſaiſcher Menſch ... Ein, zwei, drei Mal, gehſt du mit oder nicht?“ „Nein.“ „Nun, ſo wünſche ich dir einen guten Abend.“ Er drückte mir die Hand und verſchwand. Es verſtrich ein Vierteljahr, ohne daß ich von Antonin ſprechen hörte. Wahrſcheinlich langweilten ihn meine Predigten. Faſt hatte ich, was ich dir eben erzählt, vergeſſen, als ich eines Morgens ihm auf dem Wege nach meinem Bureau begegnete. Sein Anzug war mehr denn beſcheiden... Er war mit jener Nachläſſigkeit und in jener, ich möchte ſagen, burſchikoſen Weiſe gekleidet, welche auf Armuth hindeuten. Seine Miene hatte etwas Trauriges... Er bemerkte mich nicht... Ich ging auf ihn zu. „Ahl du biſt es!“ ſprach er, erröthend und offen⸗ bar ärgerlich darüber, daß ich ihn in ſolchem Anzuge ſah. „Ja, ich bin es,“ verſetzte ich;„und es freut mich unendlich, dich wieder einmal zu ſehen, da mir ſolches Glück ſchon lange nicht mehr widerfah⸗ ren iſt.“ „Ich fürchtete dir läſtig zu ſein, darum bin ich nicht wieder zu dir gekommen.“ „Ich möchte eher das Gegentheil glauben... doch was liegt daran! Biſt du immer noch mit dei⸗ nem Schickſale zufrieden?“ Faſt bereute ich, was ich geſagt. Eine ſolche Frage mußte in dieſem Augenblicke als eine Unver⸗ ſchämtheit oder zum Allerwenigſten als Ironie er⸗ ſcheinen. „Ach nein, Mein lieber Moritz,“ antwortete er 266 mir:„du ſiehſt einen recht unglücklichen Menſchen vor dir.“ „Welches Unglück hat dich denn betroffen?“ „Welches Unglück, fragſt du, mich betroffen habe! Ei! das, welches du mir prophezeit.“ „Und die Stelle, die du bekommen ſollteſt?...“ „Habe ich nicht bekommen. Es hat die Geſell⸗ ſchaft, welche conceſſionirt war, ſich wieder aufgelöst, die Perſon aber, die mich protegirte, iſt nicht mehr hier.“ „Und Hermine?“ „Hermine,“ ſeufzte Antonin,„Hermine liebe ich immer noch; nur glaube ich, daß ich ſie ein bischen mehr liebe als zu Anfang unſerer Verbindung.“ „Haſt du noch einiges Geld?“ „Keinen rothen Heller.“ „Was wirſt du nun aber anfangen?“ „Das wiſſen die Götter. Ich habe Hermine die Wahrheit nicht geſtehen mögen, und damit es ihr an nichts mangele, habe ich allmählig Alles, was ich beſaß, habe ich ſogar meine Kleider verkauft... ſo daß ich ſagen kann, ich trage Alles, was ich beſitze, auf dem Leibe. Natürlich habe ich das meinem Va⸗ ter nicht mitzutheilen gewagt... Es wäre von mir wahrhaftig niederträchtig, wenn ich von einem Manne in ſeiner Lage Geld verlangen wollte... Geld ent⸗ lehnen hieße einen Diebſtahl begehen, da ich ſchlech⸗ terdings nicht weiß, wie ich es zurückgeben kann... Ach! ich bin recht unglücklich..., ja, recht un⸗ glücklich!“ In Antonins Augen perlten Thränen. Ich hätte ihm zwar zurufen können: Ich hatte dir es zum — Vo Uel unn gar ſpre bar ich ich: ine die ihr an as ich 3. ſo beſitze, em Va⸗ on mir Manne ld ent⸗ ſchlech⸗ Imn... cht un⸗ h hätte es zum Voraus geſagt! Doch eine Predigt, die vor einem Uebel nicht mehr zu ſchützen vermag, iſt mehr denn unnütz; ſie verräth von Seiten des Predigenden einen gar ſchlechten Geſchmack. „Du biſt ein Burſche, der Ehre im Leibe hat,“ ſprach ich zu ihm;„du mußt zu irgend einem ehr⸗ baren Entſchluſſe kommen... Einſtweilen möchte ich dich fragen, ob du bei mir wohnen willſt.“ „Das kann ich nicht.“ „Warum denn nicht?“ „Weil auch das zu nichts führen würde.“ „Was gedenkſt du denn zu thun?“ „Ich gehe unter das Militär... Anderes kann ich nichts mehr thun.“ „Haſt du in der Armee einige Gönner?“ „Ja.“ „Weiß Hermine davon?“ „Nein, ich habe nicht den Muth, es ihr zu ſagen.“ „Und doch wirſt du das thun müſſen.“ „Das arme Mädchen!“ „Si baht immer noch in der Pigale⸗Straße?“ „Wann haſt du ſie geſehen?“ „Ich komme gerade dort her... Sie iſt ohne alles Geld... Ich bin ausgegangen unter dem Vorwand, ſolches herbeizuſchaffen... Und als ich draußen geweſen, habe ich mich, da ich nicht weiß, wo ich Geld hernehmen ſoll, gefragt, ob ich mich nicht in's Waſſer ſtürzen ſolle.“ „Du kannſt gewiß nicht thun, was ſolche zu thun pflegen, die keine Exiſtenzmittel haben.“ „Gewiß nicht.“ 268 „Sieh, ich habe fünfzig Franken... Da nimm fünfundzwanzig, bring' ſie Herminen und ſag ihr, daß du verreiſen müſſeſt. Mehr kannſt du nicht für ſie thun.... Du haſt dir nichts vorzuwerfen... Du biſt für ihre Zukunft nicht verantwortlich, da du an ihrer Vergangenheit nicht Schuld biſt... Du haſt ihr das Wenige, das du noch beſaßeſt, zum Opfer gebracht... Und nun gehe, ohne auch nur ein Mal zurückzublicken.“ Antonin hörte mich an, ohne daß in ſeinem Ge⸗ ſichte ſich auch nur ein Aederchen verzog. Offenbar hatte ſein Verſtand ihm bereits den Rath gegeben, den ich ihm jetzt gab. „Meinen beſten Dank,“ ſprach er endlich.„Wer weiß, ob ich je im Stande bin, dir das Geliehene zurückzuerſtatten? Wie ſonderbar der Gedanke, daß man einſt reich geweſen, und daß man eines ſchönen Morgens aufwachen kann, ohne einen Biſſen zu eſſen zu haben!“ Dann mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend: „Und das Gräßliche an der Sache iſt vor Allem der Gedanke, daß man ein armes Mädchen liebt und daß man, wenn man ein ehrlicher Mann bleiben will, ſie verlaſſen und irgend etwas thun laſſen muß, damit ſie nicht Hunger ſtirbt, die arme Kleine! Es war ihr höchſtes Verlangen, einfach zu leben und ſich gut aufzuführen... Wer weiß, wozu ſie nun ge⸗ zwungen ſein wird?“ Und auf eine Geberde von mir: „Noch ein Mal meinen beſten Dankv; ich will ihr dieſe fünfundzwanzig Franken bringen und zugleich ſagen, daß ſie eben nun im Tagelohn zu arbeiten fuc ſeit lern gewe Plat mich gewe — S 2 Alles d es mir weh. Antonir naächſten ein volle Da a nimm ſag' ihr, em Ge⸗ offenbar gegeben, .„Wer eliehene tke, daß ſchönen zu eſſen Boden Allem n liebt bleiben n muß, e! Es nd ſich zun ge⸗ vill ihr ugleich rbeiten ſuchen müſſe... Unglücklicher Wei ſeit einem Vierteljahr lernt.“ „Warum haſt du dich ni gewen Platz ſe aber hat ſie e das Arbeiten bei mir ver⸗ cht an andere Perſonen det, als du ſaheſt, daß du den verſprochenen nicht bekamſt?“ „Ich habe das gethan; aber es haben die einen mit dem Glücke entfliehen. und nun hat er überall ausgeſagt, ich ſei ei ergeſſen, während die anderen jene Freunde n ſind, von denen der alte Ovid ſingt, daß ſie Ein Diviſionschef im egegnet, n lieder⸗ licher Menſch, für den keine ehrbare Perſon ſich in⸗ tereſſiren dürfe. Nun bin i ntonin. nächſten ch total muthlos gewor⸗ d habe ſo fort gelebt, ohne an die Zukunft zu .. Mit geſchloſſenen Augen habe ich mich Abgrund geſtürzt.“ „Sehe ich dich noch ein Mal vor Deiner Ab⸗ iſe?“ n dem darauf folgenden Tage erwartete ich Aber er erſchien nicht. An dem zweit⸗ Tage das gleiche Schweigen. So verſtrich ein voller Monat. Da ſ ah ich ihn eines Norgens, noch bläſſer und 270 abgezehrter als bei unſerem früheren Zuſammentref⸗ fen, hereintreten. „Du biſt mir böſe?“ lauteten ſeine erſten Worte. Darauf warf er ſich auf einen Stuhl und ſetzte hinzu: „Gib mir nur etwas zu eſſen... Ich ſterbe buchſtäblich Hunger.“ Ich ließ das Nöthige herbeiſchaffen. „Jetzt,“ ſprach er,„iſt es gewiß aus.“ „Was iſt denn Neues geſchehen?“ „Als ich vor einem Monat zu Herminen zurückkam, ſagte ich ihr, dem dir gegebenen Verſprechen gemäß, die ganze Wahrheit. Sie aber bat mich erſt an dem darauf folgenden Tage zu meinem Oberſten zu gehen, und während ich abermals ausgegangen war, ließ ſie einen Möbelhändler kommen und verkaufte ihr kleines Mobiliar an ihn. Als ich nach der Pigale⸗ Straße zurückkam, habe ich bloß einen Brief von ihr vorgefunden, der mir ſagte, ich ſolle ſie im Hotel... Straße... aufſuchen. Dahin eilte ich ſofort. Sie warf ſich mir in die Arme, erzählte mir, was ſie ge⸗ than und bat mich inſtändig, ſie doch ja nicht zu zanken. „So gewinnen wir immerhin vierzehn Tage,“ ſprach ſie weiter. ‚Aus dem ganzen Mobiliar habe ich hundertzwanzig Franken erlöst. Ich habe ſämmt⸗ liche Klitterſchulden bezahlt... ſowie nicht minder die Zimmermiethe vierzehn Tage voraus... Jetzt bleiben uns noch fünfzig Franken... Laß unter⸗ deſſen deinen Freunden keine Ruhe und ſuche es möglich zu machen, daß du nicht abreiſeſt.“ „Was konnte ich ihr antworten? Ich küßte das arn noc ebe geſe Gel und Hot Zim ſchei Ich es ſ dieſe lebt, Elen mich aber trägl ungli nesw heiten abſche dunkl ſteht ſchriel ... lung ſinken ſolchen nur ei Alles nentref⸗ arme Mädchen und nahm das Opfer an. Ich lebte ſnooch vierzehn Tage mit ihr... und fand unterdeſſen Worte. ebenſo wenig einen Platz als vorher... ad ſetzte„Es ſind nun zehn Tage, daß ich ſie nicht mehr geſehen, denn es war mir wohl bekannt, daß ſie kein hſterbe Geld mehr hatte... Ich ſelbſt hatte auch keines, unnd darum habe ich nicht ſo viel Muth gehabt, das Hotel wieder zu betreten... Um ein wohlfeiles Zimmer zu haben, hat ſie eines in einem ganz be⸗ ſcheidenen, ja höchſt beſcheidenen Hauſe gemiethet. ückkamn, Ich bin dort ſchuldig, ſie ebenfalls, darum wage ich gemäß, es ſogar nicht mehr, die Straße zu betreten, worin in dem ddieſes Haus liegt. Wie ich ſeit vierzehn Tagen ge⸗ gehen, lebt, kann ich dir auf Ehre nicht ſagen... An das „ ließ. Elend bin ich nicht gewöhnt... Wohl könnte ich fte ihr mich daran gewöhnen, mich unglücklich zu ſehen, nie 1 Pigale⸗ aber wäre mir der Anblick eines Frauenzimmers er⸗ on ihr träglich, die ich liebte, und deren Loos ein durchaus otel... unglückliches wäre. . Sie .„Ihr Logis in der Pigale⸗Straße war zwar kei⸗ ſie ge⸗ neswegs ſplendid zu nennen, doch war es wenigſtens icht zu heiter, und ferner war ſie dort zu Hauſe. In dem abſcheulichen Hotel aber, wo ſie jetzt iſt, in dem Tage,“ dunklen und ärmlichen Zimmer, das ſie bewohnt, whabe ſteht das laſterhafte Elend auf allen Wänden ge⸗ ämmt⸗ ſchrieben... Dort mit einem Frauenzimmer zu leben ninder ... heißt auf dem Wege ſein, die ſchmählichſte Stel⸗ Jetzt lung ſich gefallen zu laſſen, wozu ein Mann herab⸗ unter⸗ inken kann. Iſt man mit ſeiner Geliebten in einem he es ſolchen Zimmer, ſo kann man dort unmöglich auch nur einen Monat ehrlich bleiben. Kurz, es iſt nun e das Alles aus. Ich habe mein Engagement in der Taſche 272 ... Ich bekomme für jede Wegſtunde drei Sous, um zu meinem Regimente zu gehen... Ich bin dir fünfundzwanzig Franken ſchuldig, die ich dir im Augenblick nicht zurückgeben kann, und verlaſſe in einer Stunde die Hauptſtadt. Indeſſen mußt du mir einen letzten Dienſt erweiſen: thue mir den Gefallen, Hermine aufzuſuchen und ihr zu ſagen, wie die Sachen ſtehen; laß ſie wiſſen, daß ich ſie nun nicht mehr ſehen werde... daß ich vor meiner Abreiſe ihr nichts habe ſchicken können, ſo gern ich es auch ge⸗ than hätte...“ Dann mit gedämpfter Stimme: „Das Weib, welches das Hotel hält, ſieht mir fa⸗ tal genug aus; es ſteht zu fürchten, daß ſie ſeit vier⸗ zehn Tagen, da ſie mich nicht mehr hat erſcheinen ſehen, Herminen alle nur erdenklichen Mittel zur Bezahlung ihrer Schuld vorgeſchlagen hat. Das Elend und der Hunger ſind grauſame Rathgeber... Ich ziehe es vor, die Hauptſtadt zweifelnd zu ver⸗ laſſen... Sag' ihr, in welchem Zuſtande ich ab⸗ reiſe, und daß ich ſie bitte, mir mein plötzliches Ver⸗ ſchwinden zu verzeihen... Sieh, ich wäre verrückt geworden... oder aber hätte ich mir das Leben genommen... Um wie viel Uhr willſt du zu Her⸗ minen gehen?“ „Um vier Uhr.“ „Gut! So küß mich; vielleicht ſehen wir uns wieder.“ „Willſt du ein bischen Geld?“ ſprach ich ganz leiſe zu Antonin, während ich ihn küßte. leh„Ich danke dir, des Geldes iſt nun genug ent⸗ ehnt.“ entf mir etwe Par Vor! heru ſtoße Mitt zwei einen Lichte An Comy Q geh 3 Niem dieſer zur R welche die N ten, e mochte und k abgetr gend D mir: vous, bin r im e in mir allen, achen mehr 2 ihr ge⸗ ir fa⸗ vier⸗ einen l zur Das er... ver⸗ h ab⸗ Ver⸗ rrückt Leben Her⸗ uns ganz g ent⸗ 273 Wir küßten uns noch ein Mal, worauf er ſich entfernte. Um vier Uhr ſuchte ich das von unſerem Freunde mir bezeichnete Hotel auf. Er hatte nicht gelogen. Es ſah dieſes Haus nach Allem aus, nur nicht nach etwas Anſtändigem. Es beſtand bloß aus einem Parterre, aus einem erſten Stocke und aus Manſarden. Vorn heraus hatte es neun Fenſter, deren Jalouſien heruntergelaſſen waren, was nicht wenig zu dem ab⸗ ſtoßenden Aeußern beitrug, das es hatte. Eine Mittelthüre, die immer offen ſtand und vor der ſich zwei ſchmutzige ſteinerne Stufen befanden, führte in einen finſtern Gang, in deſſen Hintergrund ſich beim Lichte eines Fenſters ein Treppengeländer zeichnete. An dieſem Hauſe hatte ſogar die Numer etwas Compromittirendes. Ich wußte einen Augenblick nicht, ob ich hinein⸗ gehen ſollte. Ich ſchaute überall herum, um zu ſehen, ob Niemand käme, und überſchritt endlich die Schwelle dieſer Höhle. Als ich hineingetreten war, fand ich zur Rechten eine Glasthüre und ſah in einer Stube, welche wohl die prächtigſte im ganzen Hotel war, da die Möbeln einen Ueberzug von rothem Tuche zeig⸗ ten, eine dicke Frau, die etwa fünfundvierzig ſein mochte, noch Spuren einer gemeinen Schönheit zeigte und kein Corſet trug, ſo daß der Leib ihres ziemlich abgetragenen ſeidenen Kleides ſich bis zu der Ge⸗ gend verlängerte, wo ihre Schürze anging. „Dieſes Weib ſprach mit heiſerer Stimme zu mir: „Zu wem wollen Sie?“ Dumas, Novellen. I. 18 V 274 „ T „Zu Fräulein Hermine.“ Die Megäre muſterte mich von Kopf bis zu den Füßen und antwortete, als dieſes Geſchäft zu Ende war: „Erſter Stock, Numero 12.“ 1 Ich ſtieg die zwanzig Stufen der kleinen Treppe hinan, worauf ich mich völlig unerwartet einem jener Menſchen gegenüber ſah, die ſeit langer Zeit wohl von Niemand mehr gegrüßt werden. Er kam aus einem Corridor zur Rechten heraus. Er hatte den Hut dicht auf einem Ohre ſitzen, während eine köl⸗ niſche Pfeife aus ſeinem Munde hervorragte; ſeine Hände ſtaken in den Taſchen; carrirte Beinkleider, ein bis an den Hals zugeknöpfter Rock und eine rothe Cravate bildeten ſeine Kleidung; ſein Teint war blaß, ſeine Wangen hohl, ſeine Zähne ſchadhaft, während auf ſeinen beiden Oberlippen ſich ein haken⸗ förmiger Schnurrbart zeichnete. Es war der Typus des männlichen Laſters, gleichwie die Hauswirthin das perſonificirte weibliche Laſter war. Ich ſuchte das Zimmer Numero 12. Es befand ſich in dem Corridor zur Linken. Wäre es in dem Corridor gelegen, aus dem der eben beſchriebene ſchmutzige Kerl herauskam, ſo wäre ich alsbald die Treppe wieder hinabgegangen, ohne mich des mir gewordenen Auftrags zu entledigen. Ich klopfte an Herminens Thüre. chen fragte: „Wer iſt draußen?“ „Ein Herr, der von Herr Antonin hergeſchickt Ein Stimm⸗ iſt,“ antwortete ich. Stin Thüt 8 Zimr ( fang Wän gewe felha kleine eine häng gewee farbit Krone zu w. Zwiſe warer ein 2 ihren Nadel zwei ein ſe fluſſe trät d men v eine( chen? A ohne; den Ende reppe jener wohl aus e den e köl⸗ ſeine eider, eine Teint dhaft, Haken⸗ Typus irthin befand n dem iebene ld die es mir btimm⸗ eſchickt „Warten Sie ein bischen,“ gab das gleiche Stimmchen zurück. Ich wartete etwa zwei Minuten, worauf die Thüre ſich öffnete. Laß dir zuerſt eine kurze Beſchreibung von dem Zimmer geben, worin ich mich befand. Es mochte daſſelbe fünfundzwanzig Fuß im Um⸗ fang und eine Höhe von etwa ſechs Fuß haben; die Wände ließen eine graue Tapete ſehen, die einſt blau geweſen, ſowie eine gelbe Einfaſſung, welche unzwei⸗ felhaft roſaroth geweſen. Der Fußboden beſtand aus kleinen Steinplatten...... Zur Rechten ſtand eine Bettſtatt von angeſtrichenem Holz, deren Vor⸗ hänge offenbar ſchon ſeit zwei Monaten nicht mehr gewechſelt worden waren; ſie waren von pomeranzen⸗ farbigem Calico, und eine einſt vergoldet geweſene Krone, die indeſſen jeden Augenblick herunterfallen zu wollen ſchien, hielt ſie an der Zimmerdecke feſt... Zwiſchen den zwei Fenſtern, die ungemein nieder waren und zuſammen nicht einmal eines bildeten, ein Tiſch; auf dem Kaminſims zwei Leuchter mit ihren Lichtern, ein Trinkglas, eine Caraffine, ein Nadelkiſſen und Schwefelhölzchen... Zur Linken zwei Strohſtühle, getrennt durch einen Damenkoffer, ein ſechs Zoll hohes Spiegelchen, woran zum Ueber⸗ fluſſe noch ein Stück fehlte. Ein illuminirtes Por⸗ trät der Königin Chriſtine in einem Weißholz⸗Rah⸗ men vervollſtändigte nebſt einer Kohlenſchüſſel, worauf eine Caſſerole ſchlief, und worin auch nicht ein Fünk⸗ chen Feuer zu ſehen war, Herminens Ameublement. Auf dem Bette lag ein geſtreiftes ſeidenes Kleid, ohne Zweifel daſſelbe, welches Antonin vier Monate 276 früher ſeiner Geliebten gekauft hatte; auf einem Stuhle ruhte ein Hut von roſarothem Krepp, das⸗ ſelbe famoſe Hütchen, das die Honneurs der Oper gehabt; ziemlich oft geflickte Stiefeletten warteten vor einem Tiſche, worauf neben einer mit Waſſer gefüll⸗ ten Waſchſchüſſel und einer ſchadhaften porzellanenen Gießkanne ein Corſet lag. Es war alſo Hermine in dem Augenblicke mei⸗ nes Anklopfens mit Ankleiden beſchäftigt geweſen. Sie hatte bloß eine Mantille über die Schultern her⸗ geworfen, da unter derſelben nur ein Hemd und ein Unterrock zu bemerken waren. Alles das war recht traurig anzuſehen... Und dieſes Elend, das ſo groß war, daß es ſich in ſeidene Fetzen hüllen mußte, that Einem um ſo mehr weh, als das Opfer deſſelben ein wirklich anbetungswürdiges Weſen war. Als ſie meiner anſichtig wurde, kreuzte ſie die Hände über ihre Mantille, um dieſe zuſammenzuhal⸗ ten, und bat mich Platz zu nehmen, wobei ſie mich erſtaunt und zugleich neugierig anſchaute. Ich ſetzte mich und betrachtete ſie einige Augen⸗ blicke. Sie war, ich wiederhole es, ein allerliebſtes Weſen... Ihre kaſtanienbraunen Haare, die ſie in dem Augenblick meines Anklopfens noch nicht ganz geordnet hatte, wurden durch einen Kamm von Büf⸗ felhorn nur mit Mühe auf dem Kopfe zuſammenge⸗ halten und enthüllten ihre üppige Fülle, indem ſie faſt jeden Augenblick herunterfielen... Eine Haut, ſo weiß wie Milch und gefärbt durch ein junges, reines Blut; Augen, die mit den Wim⸗ pern und Brauen die ſchillernde Farbe eines ſchönen, ſchwarzen Sammtes hatten; eine leicht aufgeſtülpte einem das⸗ Oper n vor gefüll⸗ nenen mei⸗ veſen. her⸗ d und war ), das hüllen Opfer war. ie die zuhal⸗ 1 mich lugen⸗ jebſtes die ſie t ganz Büf⸗ nenge⸗ em ſie durch Wim⸗ hönen, ſtülpte 277 Naſe; ein kleines Roſenmündchen; ſchneeweiße Zähne und in den Wangen zwei Grübchen, dieß das phy⸗ ſiſche Porträt von Herminens Kopf. Ein wirklich ſanftes Weſen, eine ſtarke Hinnei⸗ gung zur Melancholie, eine ſchüchterne, naive, er⸗ ſtaunte Miene: dieß das Uebrige. „Es hat Antonin Sie hergeſchickt, mein Herr?“ hob ſie an, indem ſie ſich ſetzte. Ja.“ 7/ „Was iſt ihm denn paſſirt?“ „Beruhigen Sie ſich, nichts.“ „Er iſt alſo nicht krank?“ „Nein.“ „Wie kommt es denn aber, daß er ſeit vollen vierzehn Tagen ſich nicht mehr blicken läßt?“ „Eben deßhalb hat er mich gebeten, daß ich ihn bei Ihnen entſchuldigen möchte.“ Nun muſterte ſie mich. Es zuckte eine Idee durch ihren Kopf, die ich ohne Mühe errieth; denn ſie ſprach zu mir:— „Und nach vierzehntägigem Schweigen ſchickt er Sie her?“ „Sie irren ſich, wie ich ſehe, in Betreff meiner; denn es hat mein Beſuch keineswegs den Zweck, den Sie ihm in Gedanken unterſchieben. Antonin iſt nicht der Mann, das zu thun, deſſen Sie ihn an⸗ klagen, und wäre er deſſen auch fähig, ſo würde ich doch nimmermehr eine ſolche Rolle annehmen.“ „Nun, ſo ſagen Sie mir, was ihn verhindert hat zu kommen!“ hob ſie wieder an. „Sie kennen doch ſeine Lage?“ „Recht gut, auch iſt mir nur zu wohl bekannt, 278 daß er mehr für mich gethan, als er thun konnte: darum werde ich ihm ewige Dankbarkeit bewahren. Hätte ich, als er mir das anbot, was ich annahm, gewußt, daß er ſich damit ſo wehe thun werde, ſo hätte ich ſein Anerbieten ausgeſchlagen; allein er hatte mir von ſeiner Lage nichts geſagt.“ „Ich weiß es. Jetzt hat er nichts mehr... lediglich nichts mehr, und wenn er dieß überhaupt bedauert, ſo geſchieht es einzig und allein um Ihret⸗ willen.“ „Warum iſt er nicht hergekommen, um mir dieß ſelbſt zu ſagen?... Das iſt gar nicht ſchön von ihm. Ich verlangte ja kein Geld von ihm, ſondern bloß, daß er kommen ſolle... Wozu dieſe Eigen⸗ liebe?... Wußte ich denn nicht, daß er mich früher oder ſpäter würde quittiren müſſen?... Meine Liebe zu ihm war zu groß, als daß ich ihm hätte Vorwürfe machen mögen;... allein es ſcheint, er liebte mich nicht genug, um offen gegen mich zu ſein.“ „Da irren Sie ſich; er fürchtete bloß, daß er, wenn er Sie wieder ſähe, nicht mehr ſtark genug ſein möchte, um die Hauptſtadt zu verlaſſen. Sehen Sie, deßhalb iſt er abgereist, ohne Sie noch ein Mal zu beſuchen.“ „Er iſt abgereist?“ „Ja, und zwar heute Morgen.“ „Er kehrt zu ſeinem Vater zurück?“ „Er iſt jetzt Soldat.“ „Soldat! er Soldat!“ „Früher oder ſpäter hätte er es doch werden müſſen.“ braꝛ und unte: ahren. nahm, e, ſo in er haupt Ihret⸗ r dieß n von ndern Eigen⸗ mich Meine hätte cheint, lich zu aß er, genug Sehen dch ein verden „Warum hat er mir nicht Lebewohl geſagt? Ich hätte ihn gewiß nicht zurückzuhalten geſucht... Es gibt Dinge, die ich begreife.“ Und indem Hermine alſo ſprach, wiſchte ſie zwei große Thränen ab, die, lange zurückgehalten, endlich über den Rand der Augenlider getreten waren. „Da es Dinge gibt, die Sie begreifen, ſo wer⸗ den Sie wohl auch einſehen, wie peinlich es für Antonin geweſen wäre, Sie in der... Verlegenheit zu ſehen...“ „Ohl ſprechen Sie das Wort aus, mein Herr; ſagen Sie, Noth, ſagen Sie, Elend.“ „In der Verlegenheit, in der Sie ſich dermalen befinden, ohne Ihnen heraushelfen zu können. Auch gibt es gewiſſe Lagen im Leben, in die ein ehrlicher Mann ſich nicht ſo leicht fügt. Er iſt hier Geld ſchuldig... und konnte es nicht zahlen... Der Wirthin dieſes Hauſes mochte er das natürlich um ſo weniger geſtehen, als dieſelbe mir nicht die Perſon zu ſein ſcheint, welche Leute, die ihr etwas ſchulden, unbehelligt läßt.“ „Aber nicht er war ihr Geld ſchuldig, ſondern ich... Wäre er nur gekommen, man hätte ihm gewiß nichts geſagt.“ „So durfte er aber nicht denken.“ „Kurz, er iſt fort?“ „Ich muß es noch ein Mal ſagen.“ „Ganz gewiß?“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.“ „Wenn er aber nicht hierher kommen wollte, ſo brauchte er mir nur ein paar Zeilen zu ſchreiben und mich da⸗ oder dorthin beſtellen... Ich wäre 280 gewiß gekommen, und dann hätte ich wenigſtens den Troſt gehabt, ihn noch ein Mal zu ſehen.“ Jetzt trat eine kurze Pauſe ein, während welcher das arme, tiefbetrübte Kind eine Ecke ihres Taſchen⸗ tuchs anſchaute und ſtill weinte. Abermals warf ich die Augen umher und ſprach endlich, als ich die Anſtalten, die ſie zum Ankleiden gemacht, wieder ſah, zu Herminen: „Sie, wollten eben ausgehen?“ „Ja.“ „Nun, ſo will ich Sie nicht länger geniren.“ „Ohl es hat die Sache keine ſolche Eile; es iſt noch Zeit genug.“ Dieſe Worte waren mit einer Traurigkeit ge⸗ ſprochen, wovon ich dir ſchlechterdings keinen Begriff geben kann. „Mein Fräulein,“ ſprach ich jetzt, ohne die tiefe Bewegung, die ſich meiner bemächtigt, zu verheim⸗ lichen zu ſuchen,„ich muß Ihnen durchaus ſagen, daß mein Beſuch von keinem Hintergedanken begleitet iſt. Sie ſind ſchön und könnten glauben, es ver⸗ berge ſich dahinter ein perſönliches Intereſſe, das Antonins Abreiſe bloß zum Vorwande nehme. Dem iſt jedoch nicht alſo.“ „Ich glaube Ihnen, mein Herr.“ „Wenn das iſt, ſo kann ich Ihnen auch ſagen, welche Sympathie Sie mir einflößen und wie ſehr ich Sie glücklich zu ſehen wünſchte.“ Hermine ſchüttelte den Kopf, als zweifelte ſie, wenn auch nicht gerade an der Aufrichtigkeit meiner Wünſche, ſo doch an der Möglichkeit ihrer Verwirk⸗ lichung. 3 den lcher chen⸗ orach eiden 2 s iſt ge⸗ griff tiefe deim⸗ gen, leitet ver⸗ das Dem igen, ſehr ſie, einer wirk⸗ Ich aber fuhr alſo fort: „Wollen Sie offen gegen mich ſein?“ Sie errieth, was nun kommen ſollte, und erröthete unwillkürlich, indem ſie mir durch ein Zeichen ſagte, daß ſie bereit ſei, mir zu antworten. „Wie haben Sie,“ ſprach ich jetzt, Herminen näher rückend und ihre Hand in freundlicher Weiſe erfaſſend,„es gemacht, um zu leben, da Antonin ſchon ſeit vierzehn Tagen nicht mehr gekommen iſt und Sie eben ſo wenig Geld hatten als er?“ „Es hat die Hauswirthin mir zu eſſen gegeben.“ „Und Sie haben ſie natürlich noch nicht be⸗ zahlt?“ „Nein, mein Herr.“ „Sit bid ihr alſo Geld ſchuldig?“ „. 2 „Ja, viel.“ Ich konnte mich bei dieſer Antwort eines Lächelns nicht enthalten; denn Alles, was uns umgab, ſtrafte dieſelbe Lügen. Wenn anders Hermine nicht eine vollendete Comödiantin war, ſo bewies ihre Antwort abermals ihre Naivetät. „Wie viel ſind Sie ſchuldig?“ „Fünfunddreißig Franken.“ „Das iſt aber nicht viel!“ „Ohl es iſt genug, wenn man ſie nicht hat.“ „Aber, mein liebes Kind,“ fuhr ich fort und ſchaute ſie zugleich aufmerkſam an, um mich zu ver⸗ ſichern, daß ich von ihr nicht hinter's Licht geführt würde,„wie kommt es, daß dieſes Weib Ihnen im⸗ 282 mer noch Credit gibt, trotzdem daß ſie Sie ohne Geld ſieht?“ „Deßhalb hat ſie mir geſtern auch bedeutet, daß die Sache nun nicht länger ſo fortgehen könne; ſie iſt heraufgekommen, hat meinen Koffer aufgemacht und hat, als ſie ſah, daß ich faſt nichts hatte, zu mir geſagt: ‚Sie haben nicht genug, um mich zu bezahlen; machen Sie, daß Sie aus meinem Hauſe hinauskommen und ſuchen Sie andere Leute anzu⸗ führen. Morgen müſſen Sie fort. „Was haben Sie ihr geantwortet?“ „Was ſollte ich darauf antworten? Sie war in ihrem Recht... Ich habe zu weinen ange⸗ fangen und mich gefragt, was nun aus mir werden würde.“ „Und weiter hatte ſie nichts geſagt?“ Hermine wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. „Eil verheimlichen Sie mir nichts, ſprechen Sie, wie es Ihnen um's Herz iſt; ſie hat ganz gewiß noch etwas geſagt.“ Hier machte Hermine eine Geberde, die mir ſagte, daß ich richtig gerathen. „Sie hat Ihnen wohl einen Antrag gemacht?“ „Sie hat mich gefragt, was ich nun anfangen würde, und ich habe ihr geantwortet, daß ich es nicht wüßte. Nun hat ſie hinzugefügt, daß, wenn ich mich in ihrem Hauſe wohl fühlte und dort zu bleiben wünſchte, die Sache ſich vielleicht machen ließe.“ „Und wie?“ Hermine ſchlug ohne alle Affectation die Augen nieder und verſetzte: „Warum fragen Sie mich, da Sie es errathen?“ „Ich hatte mich alſo in Betreff dieſer Frau nicht geirrt?“ „Vorwürfe kann ich ihr keine machen... Sie hat mich beherbergt und geſpeist.“ In dem Ton, in dem dieſe Worte geſprochen wurden, lag eine tiefe Reſignation ausgedrückt... Das arme Mädchen! So jung und ſo ſchön, und zwiſchen den zwei grauſen Nothwendigkeiten, Proſti⸗ tution und Hunger genannt, wählen zu müſſen! „Sie ſehen wohl ſelbſt ein, mein ſchönes Kind, in welch peinlicher Lage Sie ſich bald befinden wer⸗ den. Es wird dieſes Weib Sie dem erſten Beſten in die Arme werfen... Iſt Ihnen ein ſolches Leben anſtändig?“ „Ach! nein. Nur iſt es in meinem Alter um den Tod etwas gar Trauriges.“ „Seien Sie ohne Sorge, ich werde für Alles Rath zu ſchaffen wiſſen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich werde, was Sie Ihrer Hauswirthin ſchul⸗ den, berichtigen.“ „Aber dann habe ich erſt noch nichts zu leben?“ „Wie viel brauchen Sie hier monatlich?“ „Wenigſtens ſechzig Franken.“ „Und wenn Sie dieſelben hätten?“ „Ach! dann wäre ich unendlich glücklich.“ „Um wie viel Uhr ſollten Sie dieſem Weibe Ant⸗ wort ſagen?“ „Un ſechs Uhr, ich kleidete mich eben an...“ „Ja, ich begreife,“ antwortete ich, Hermine mit⸗ 284 ten in ihrer Phraſe unterbrechend,„ich begreife, wo⸗ hin Sie gehen wollten.“ Ich ſchaute auf meine Uhr und es war darauf drei Viertel auf fünf. „Ich gehe nun nach Hauſe,“ ſprach ich zu Her⸗ minen,„um ſo viel Geld zu holen, als zur Berichti⸗ gung Ihrer Schuld nothwendig iſt; und damit Ihre Hauswirthin wegen Ihrer Weigerung ſich nicht an Ihnen rächt, werde ich Ihnen in etlichen Tagen für ein paſſenderes Zimmer in einem ehrbareren Hauſe ſorgen. Ich werde das Antonin mittheilen, da ich weiß, daß es ihn freuen wird.“ „Wie gütig ſind Sie doch, mein Herr,“ ſprach Hermine aufſtehend...„Wie kann ich Ihnen je für das, was Sie jetzt thun, danken?... Ich kann Ihnen,“ fuhr ſie bewegt fort,„nimmermehr ſagen, wie glücklich ich mich fühle, daß ich mich von dieſem Weibe nicht länger abhängig weiß.“ Ich ergriff Herminens Hand, und führte dieſelbe an die Lippen. Darauf verließ ich ſie mit den Worten: „In einer Viertelſtunde bin ich wieder hier.“ Als ich wieder ruhiger geworden, merkte ich, daß ich Hermine vielleicht zu viel verſprochen. Sie brauchte wenigſtens ſechzig Franken, und die hatte ich nicht. Da der Monat bereits zu Ende ging, ſo waren mir kaum noch zwanzig Franken übrig geblie⸗ ben. Die Urſache aber, um deren willen ich dieſe Summe ſuchte, war ſo ehrenvoll, daß ich, als ich mein Verſprechen gab, keinen Augenblick zweifelte, es würde mir gelingen, ſie alsbald zu finden; als ich jedoch mich auf der Straße ſah, fragte ich mich einer die N macht nach mieth erſt, wo ich ſie hernehmen ſollte. Wie doch die beſten Entſchlüſſe durch die geringſten Hinderniſſe in's Stocken gerathen können! Mit einem Mal bildete ich mir ein, daß es mir nie gelingen würde, dieſe ſechzig Franken zu finden, ſowie daß ich, nachdem ich bei dem armen Mädchen eine freudige Hoffnung geweckt, genöthigt ſein würde, ſie in ihre Verzweiflung, nur noch tiefer, wieder verſinken zu laſſen Ich eilte zu meiner Mutter: daß ſie nicht reicher iſt als ich ſelbſt, iſt dir bekannt. Sie hat eine kleine Rente von dreitauſend Franken, und darum entlehne ich nur in der höchſten Noth Geld von ihr. Nur mit Mühe kommt ſie mit der auf jeden Monat ent⸗ fallenden Summe aus, und darum ängſtigte mich der Gedanke, daß ſie entweder die mir nöthige Summe in dem Augenblicke nicht haben, oder aber daß ich ſie durch Entziehung dieſer Summe in Verlegenheit bringen möchte. Sie war nicht zu Hauſe, da ſie zu Gaſt geladen worden war. Ich ſuchte alſo zwei Freunde auf, wovon einer unweit der Magdalenen⸗Kirche, der andere aber in der Nähe der Porte Saint⸗Martin wohnte. Ich traf beide nicht zu Hauſe an. Unter⸗ deſſen verſtrich die Zeit. Es peinigte mich die Furcht, daß Hermine ſich myſtificirt glauben möchte. Schon wußte ich nicht mehr, wo mir der Kopf ſtand, als mir mit einem Male einfiel, daß ich mich im Beſitze einer Uhr befinde. Es war dieß das erſte Mal, daß die Nothwendigkeit des Leihhauſes ſich bei mir geltend machte... Dankbar nahm ich ſie an. Ich eilte nach Hauſe, um eine Quittung über bezahlte Haus⸗ miethe zu ſuchen, damit ich mein Domicil und meine 286 Identität beweiſen konnte, und nicht ohne eine ge⸗ wiſſe Aufregung trat ich in ein Bureau in der Rue de la Pépinieère. Man gab mir genau ſechzig Fran⸗ ken. Ich eilte zu Herminen. Es war nicht mehr weit von ſieben Uhr.— Wenn ſie mir nicht getraut hätte! dachte ich. Wenn es ſchon zu ſpät wäre! Als ich jedoch vor Herminens Hotel ſtand, ſah ich durch ihre Jalouſien hindurch Licht. Es war alſo noch nicht zu ſpät: ich athmete wieder auf. Es hätte mich unendlich unglücklich gemacht, wenn ſie nicht mehr da und dieſes Opfer vergebens gebracht ge⸗ weſen wäre; denn indem ich dieſe Uhr, welche einſt mein Vater beſeſſen, verſetzte, hatte ich mich wirklich opferfreudig gezeigt. „Zu wem gehen Sie?“ ſchrie mir die dicke Frau zu, als ſie mich vorbeigehen ſah. „Zu Fräulein Hermine.“ „Sie iſt zu Hauſe,“ antwortete ſie mir in dem⸗ ſelben Tone, in dem ſie wohl geſprochen hätte: Der Teufel hole Sie! Hermine war nun angekleidet und las beim Schein eines ſchlechten Unſchlittlichtes. Einen Augen⸗ blick gab ich dem Gedanken Raum, daß ſie mich viel⸗ leicht hinter's Licht führe. Warum war ſie denn vollſtändig angekleidet, wenn ſie nicht ausgehen wollte? Allerdings lag ein gar einfacher Grund hie⸗ zu vor: da ſie nämlich nur ein Kleid zum Ausgehen und zum Zuhauſebleiben hatte, ſo mußte ſie wohl auch, wenn ſie zu Hauſe bleiben wollte, denſelben Anzug haben, als wenn ſie ausging. Ich ſchaute Hermine an. Es lag in ihrer Toi⸗ lette möglichſt viel Koketterie, und nun war mir auc gett ich Bue laſſe zu e 28 bleib Stell herko — 7 nicht Sie laſſen tonati zu m geſag⸗ ge⸗ Rue ran⸗ nehr raut — ſah alſo hätte nicht ge⸗ einſt rklich Frau dem⸗ Der beim ugen⸗ viel⸗ denn gehen hie⸗ gehen auch, nzug Toi⸗ mir auch klar, warum Antonin ſich ſo ungern von ihr getrennt hatte. Lächelnd bot ſie mir die Stirn hin. „Sie erwarteten mich wohl nicht mehr?“ hob ich an. „Sie ſehen das Gegentheil,“ ſprach ſie, auf ihr Buch deutend. „Was leſen Sie da?“ „Georgette, von Paul de Kock.“ „Amüſirt Sie das?“ „Ja,“ ſprach ſie naiv,„es entlockt mir Thränen.“ „Es hat meine Mutter mich ſo lange nicht gehen laſſen,“ ſprach ich alsbald, um mein ſpätes Kommen zu entſchuldigen. „Sie haben alſo noch eine Mutter?“ „Ja.“ „Die Sie ſehr liebt?“ 4 „Ich bete ſie an.“ „So iſt es recht. Vielleicht daß Sie hätten bei ihr bleiben ſollen— ein Wunſch, dem ich an Ihrer Stelle nachgekommen wäre. Sie hätten ja morgen herkommen können.“ „Was hätten Sie aber geſagt, wenn Sie mich nicht hätten zurückkommen ſehen?“ „Nichts. Ich hätte ganz einfach gedacht, daß Sie durch dieſes oder jenes verhindert ſeien. Ach! laſſen Sie ſich doch erzählen,“ ſprach ſie mit der In⸗ tonation eines Kindes.„Als Sie fort waren, bin ich zu meiner Hauswirthin hinuntergegangen und habe geſagt: 288 „Madame, ich muß Ihnen ſagen, daß Sie nicht auf mich zählen können.“ „Und warum nicht?“ hat ſie mich in ärgerlichem Tone gefragt. „Weil man mir es verboten hat.“ „Aber es iſt das noch nicht Alles,“ fuhr ſie fort: „Sie müſſen auch bezahlen, was Sie ſchuldig ſind.“ „Schon in einer Stunde wird dieß geſchehen.“ „Und daran haben Sie wohl gethan,“ verſetzte ich meinerſeits;„denn ich bringe Ihnen, was Sie brauchen.“ „Ich glaube, Sie werden von meiner Hauswir⸗ thin als ein neuer Liebhaber angeſehen,“ ſprach Hermine;„dieß kann jedoch Sie nicht compromittiren, da ſie Ihren Namen nicht weiß, noch auch... ich.“ Alles dieß klang ſo jugendlich und ſo wahr, daß ich davon ganz entzückt war. Ich blickte umher. Nichts verkündete, daß das arme Mädchen unter⸗ deſſen etwas über den Mund gebracht. „Sie haben noch nicht geſpeist?“ fragte ich ſie. „Noch nicht; ich wollte von meiner Hauswirthin nicht eher etwas verlangen, als bis ich ſie bis auf den letzten Heller bezahlt haben würde, da es ihr nur allzu große Freude gemacht haben würde, mir meine Bitte abſchlagen zu können.“ „Wenn ich alſo heute Abend nicht mehr gekom⸗ men wäre?“ „Dann wäre ich eben zu Bette gegangen, ohne etwas gegeſſen zu haben. Oh! daran bin ich ſchon ein bischen gewöhnt.“ „Sie haben wohl Hunger?“ Ein Zeichen bejahte dieſe Frage. „ ſprac d'or 8 7 ſchön 8 bei i zu w / fort, Sonſt mag NY ging! J. mir ſe . ſprach und d mehr, ich ſie „L herauf „Ich habe meine Börſe emit Ihnen getheilt,“ ſprach ich weiter und legte zu gleicher Zeit drei Louis⸗ ichem d'or auf den Tiſch. „Wie gütig ſind Sie doch, mein Herr, und wie ſchön iſt, was Sie thun!“ fort: Die Freundesrolle, die ich, wie ich ihr geſagt, ſind.“ bei ihr ſpielen wollte, ſchien mit Freuden gebilligt en. zu werden. ſſetzte„Ich will drunten alsbald bezahlen,“ fuhr ſie Sie fort,„und mir etwas zu eſſen heraufbringen laſſen. Sonſt eſſe ich mit meiner Hauswirthin; nun aber swir⸗ mag ich das nicht länger thun.“ prach Mit dieſen Worten öffnete ſie die Thüre und tiren, ging die Treppe hinunter. 3 ich.“ Ich blieb einige Augenblicke allein. Ich war mit daß mir ſelbſt zufrieden. nher.„Ihre Verwunderung kennt keine Grenzen,“ nter⸗ ſprach Hermine, als ſie wieder hereingetreten war und die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte.„Noch ſie. mehr, ſie iſt ganz raſend. Es demüthigt ſie, daß rthin ich ſie bezahlt.“ 3 auf„Sie wird Ihnen aber doch etwas zu eſſen 3 ihr heraufbringen laſſen?“ 1 mir„Ei, freilich. In bitterböſem Tone hat ſie zu mir geſagt:„Es muß Ihnen recht große Freude ekom⸗ machen, daß Sie Gold ſehen. Sie haben wohl ſchon lange keines mehr in Händen gehabt. Haben Sie ohne viele ſolche gelbe Vögel?⸗ 3 ſchon„Ohl nicht viele,“ habe ich geantwortet; ‚doch habe ich ſo viele, als ich brauche.” Welch ſeltſames Ding iſt es doch um ein Weib! Und wie wenig wäre erforderlich, um das Böſe von Dumas, Novellen. I. 19 290 ihr fern zu halten!* Da haben wir vor uns ein Mädchen, welches drei Goldſtücke wahrſcheinlich ver⸗ hindert haben, etwas zu thun, was den Menſchen als der größte Fehltritt gilt, deſſen ein Frauenzim⸗ mer ſich ſchuldig machen kann,— ein Mädchen, das, Dank der rechtzeitig gekommenen Hülfe, den beſten Geſinnungen zugänglich iſt. Dieſe Reflexionen ſtellte ich an, während ich Her⸗ mine, mit einem Lächeln auf den Lippen, alles zum Eſſen Nothwendige herrichten ſah. Dieſes Zimmer, das am Morgen noch ſo traurig ausgeſehen, hatte nun durch die Freude des armen Mädchens etwas unendlich Heiteres bekommen. Ich ſah ihr zu, wäh⸗ rend ſie ihr einfaches Mahl verzehrte; dann küßte ich ſie auf die Stirn und entfernte mich. Während ich die Treppe hinunterging, hörte ich, wie ſie den Thürſchlüſſel abzog, und als ich die Straße erreichte, ſah ich, wie ſie ihren Jalouſieladen ſchloß und mir mit der Hand ein Lebewohl zurief. Ich ſchlief gut. Es würde zu weit führen, wollte ich dir ſagen, wie viele Gedanken meinen Geiſt be⸗ ſchäftigten, ehe ich einſchlafen konnte. Nur ſo viel ſei dir geſagt, daß ich jetzt einzig und allein an Hermine dachte; daß ich es mir zur Aufgabe machte, mich ihrer anzunehmen, und nicht allein für ihr materielles, ſondern auch für ihr moraliſches Leben zu ſorgen; daß ich mir ſelbſt gegenüber mich ver⸗ bindlich machte, ſie zu erziehen, ſie wiederum ganz auf den guten Weg zurückzuführen und wenn ſie in dieſem neuen Leben ſich geläutert, wenn die Inſtincte der Ordnung und die zum Glück eines Weibes un⸗ umgänglich nothwendigen Geſinnungen und Gefühle mad weſe gem mich antn hätte unve Aber es 1 daß einfa ſchen ſich l nützig 5 mein derſte und Mäde fahre dem in ihr wach geworden wären, ſie an einen ehrlichen Mann, an einen braven Arbeiter zu verheirathen. Wie du ſiehſt, ſo träumte ich nicht nur halb, ſon⸗ dern wies mir, kühn die Rolle eines uneigennützigen Beſchützers übernehmend, eine Miſſion an, die für Leute meines Alters der Klippen ſo viele hat. Wer hätte auch an eine ſolche uneigennützige Protection geglaubt? Welcher ehrliche Mann hätte wohl aus meinen Händen, aus den Händen eines unverhei⸗ ratheten Mannes von fünfundzwanzig Jahren ein Mädchen genommen, um ſeine Frau daraus zu machen? Sein erſter Gedanke wäre unſtreitig ge⸗ weſen, daß ich aus dieſem Mädchen eine Geliebte gemacht und daß ich nur dieſes Mittel gefunden, mich ihrer zu entledigen. Er hätte mir damit ge⸗ antwortet, daß er mir das Kreuz entzwei geſchlagen hätte, um mich Raiſon zu lehren und für einen ſo unverſchämten Antrag zu züchtigen. An jenem Abende aber dachte ich nicht alſo, und ſo ſehr war es mir zum Bedürfniß geworden Gutes zu thun, daß ich mich feſt überzeugt hielt, es könne Niemand einfallen, daran zu zweifeln. Auch würde ich dem Men⸗ ſchen das Kreuz entzwei geſchlagen haben, der ſich hätte beigehen laſſen, die Reinheit und Uneigen⸗ nützigkeit meiner Abſichten anzuzweifeln. Bevor ich an dem darauf folgenden Morgen auf mein Bureau ging, konnte ich nicht dem Wunſche wi⸗ derſtehen, Herminen eine Ueberraſchung zu bereiten, und da mir wohl bekannt war, daß dem armen Mädchen ſeit einiger Zeit nicht viel Gutes wider⸗ ahren, ſo ging ich in ein Weinhandlungshaus, von dem meine Mutter ihren Bedarf zu beziehen pflegte. 292 Hier nahm ich auf Credit etliche Flaſchen Bordeaux und ſchickte ſie ſodann meiner Schützlingin; zugleich fügte ich ein Billet bei, worin ich ihr ſagte, daß ſie nur von dieſem Wein trin⸗ dolle, ſowie daß ich ihr, wenn der kleine Vorra, zu Ende wäre, wieder einige Flaſchen ſchicken würde. Um vier Uhr ging ich zu ihr; ſie dankte mir herzlich, fügte aber hinzu, daß ſie mir ſchlechterdings nicht erlauben könne, das Geld ferner ſo für ſie hinauszuwerfen; würde ich abermals ſo etwas thun, ſo würde ſie das Geſchenk eben nicht annehmen. Einige Tage darauf bekam ich meinen Gehalt. An ein Wiederauslöſen meiner Uhr dachte ich nicht einmal; war doch noch in einem Jahre Zeit genug dazu, und dann brauchte ich ſie auch nicht! Ich gab Herminen das Geld, das ich für den Zweck dieſer Wiederauslöſung beſtimmt hatte, bezahlte den Wein⸗ händler, ſchenkte dem lieben Kinde einige Kleinig⸗ keiten, wie Krägen, Manſchetten, Stiefeletten, und ſagte bei mir ſelbſt, daß ich mit den noch übrigen hundert Franken gar wohl einen Monat reichen könnte, wenn ich etwas ſparſam wäre. Acht bis zehn Tage lang hatte dieſes neue Leben großen Reiz für mich. So oft ich auf mein Büreau ging und ſo oft ich daſſelbe verließ, beſuchte ich Hermine; ich pflegte ſie wie eine Schweſter zu küſ⸗ ſen, und Abends mich wie ein Heiliger zu Bette zu legen... Eines Tags plauderte ich ziemlich lange mit ihr, da ihr Eſſen auf ſich warten ließ, und da zeigte ſie mir ein kleines, roſarothes Nachtkleid, das ſie ſich mit einem Theile des Geldes, welches ich ihr gege⸗ ben, gekauft, und ſelbſt ſich gemacht hatte. Ich machte ihr bemerklich, wie dieſes Nachtkleid vielleicht etwas zu kurz wäre... So ſchien es mir wenig⸗ ſtens, und nun legte Wermine die Hand auf die Knie, um das Nachtkleid nicht weiter hinuntergehen zu laſſen und beugte ſich nach vorn, um zu ſehen, ob das Untertheil wirklich zu kurz wäre... Und bei dieſer Bewegung öffnete ſich, trotz ihrer Vorſicht, das weite Kleid am Buſen ein wenig. 6 Hermine richtete ſich wieder auf und ſprach die Falten ihres Nachtkleides wieder ordnend und keinen Augenblick ahnend, daß ich hinter ein Geheimniß ihrer Schönheit gekommen: „In der That, es iſt das Kleid allzu kurz... Ich will es etwas länger machen.“ Ohne ihr auch nur eine Sylbe zu antworten, ergriff ich ihr)e Hand und zog ſie zu mir her. Sie folgte meiner Hand; dann faßte ich ſie um den Leib und ſetzte ſie auf meine Knie. „Ja, Sie müſſen es länger machen,“ ſprach ich, nur um etwas zu ſagen, mit einem unwillkürlichen Zittern in der Stimme. Die Freundſchaft, die ich gegen Hermine an den Tag gelegt, verlieh mir das Recht, ſie ſo auf die nie zu nehmen und doch konnte ſie, da mir das zum erſten Male paſſirte, ſich nicht enthalten, mich mit einigem Staunen anzublicken. Gewiß war ich in dieſem Augenblicke weit davon entfernt, Hermi⸗ nens zu begehren, und hätte eine Stimme mir ge⸗ ſagt, daß ich Antonins Stelle bei ihr einnehmen wolle, ſo wäre ich über mich ſelbſt erröthet, und doch fühlte ich inſtinctmäßig, daß ich nicht ganz war, 294 wie ich zu ſein verſprochen, ſowie daß dieſes roſa⸗ rothe und neue Nachtkleid, dieſe glatten Haare, die⸗ ſer weiße Hals, das Stück Schulter, das ich halb geſchaut, anfingen, der durchaus geiſtigen Liebe, die ich dem ſchönen Kinde gelobt, etwas Sinnliches bei⸗ zugeſellen. Ich wußte nicht mehr, was ich Hermi⸗ nen ſagen ſollte. Oft hatten wir von Antonin ge⸗ plaudert. Inſtinctmäßig ſprach ich jetzt ſeinen Na⸗ men aus. Das Andenken meines Freundes ſchien mir der natürlichſte Weg, das etwas alltägliche Ge⸗ ſpräch, in das wir verfallen waren, mit einem für mich intereſſanteren zu vertauſchen; denn es drängte mich, mit dem Mädchen von Liebe, wenn auch nur von der eines Andern, zu ſprechen. „Antonin hat mir geſchrieben,“ ſprach ich zu Herminen— und daran log ich. „Was ſagt er von mir?“ „Ohl viel, viel.“ „Wo iſt er jetzt?“ „n... Ünd ich nannte die erſte beſte Stadt, die mir einfiel. „Der arme Burſche!“ murmelte Hermine und wurde recht nachdenkſam. „Er liebte Sie wohl recht warm?“ „Auch ich liebte ihn; nur war es bei mir mehr Dankbarkeit als Liebe.“ „Doch haben Sie wohl ſchon in Ihrem Leben Jemand lieben gelernt?“ „Noch Niemand.“ „Wie, Sie haben nie geliebt?“ „Nie. Antonins Abreiſe verurſacht mir alſo nach Aug Dier vorg drüc madk woll „die⸗ halb 2, die 3 bei⸗ ermi⸗ n ge⸗ 1 Na⸗ ſchien e Ge⸗ m für ängte h nur ich zu ie mir e und mehr Leben er alſo großen Kummer. Ich gäbe Alles darum, daß er wieder käme... Indeſſen vermiſſe ich ihn gar nicht ſo, wie mir ſcheint, daß man einen Geliebten vermiſſen muß. Sie ſind nicht mein Geliebter; nun, Sie liebe ich, wie ich Antonin liebte.“ Ganz unwillkürlich preßte ich ihre Taille;— was ſie nicht verſtehen zu wollen ſchien. „Ich bin ſchwer,“ ſprach ſie lächelnd,„und er⸗ müde Sie.“ „Ich habe etliche Beſuche zu machen.“ „Wann ſehe ich Sie wieder?“ „Ohne Zweifel morgen.“ „Morgen alſo erwarte ich Sie.“ „Geben Sie mir einen Kuß.“ Und ſie bot mir die Stirn hin. Ich küßte ſie nach meiner Gewohnheit darauf. In demſelben Augenblicke wurde ihr Eſſen hereingebracht. „Nur ein bischen flink!“ ſprach Hermine zu der Dienerin,„ich ſterbe faſt vor Hunger.“ Sie hatte von dem, was in meinem Innern vorging, lediglich nichts geahnt. Dieſe neuen Ein⸗ drücke hatten mich traurig, befangen, mürriſch ge⸗ macht... Noch wußte ich nicht recht, was ich wollte. Nur ſo viel war mir klar, daß meine guten 296 Entſchlüſſe allmählig ſchwanden, und zwar einzig und allein, weil mein Blick zufällig durch die Oeff⸗ nung eines Nachtkleides gedrungen war, und Her⸗ mine mir geſagt hatte, daß ſie noch nie geliebt. Wie ſeltſam iſt doch nicht in des Menſchen Herz⸗ das Schönſte mit dem Schändlichſten gemiſcht! Ich glaubte, es würden dieſe noch unklaren und zielloſen Gedanken verſchwinden, wenn ich ſchliefe, und darum verſuchte ich es, ſolches zu thun. Aber es floh mich der Schlaf... Unaufhörlich ſchwebte Herminens Bild vor meinen Augen. Woher die Aufregung, in der ich mich befand?... Warum ſollte ich wider das, was ich fühlte, ankämpfen?... Konnte, durfte nicht auch ich Hermine lieben, wenn ich ſie liebte? Warum konnte ich mich nicht ent⸗ ſchließen, ihr meine Liebe zu bekennen? Konnte ich das aber Liebe nennen, und wurde ich nach Allem, was ich ihr geſagt, ihr Liebhaber, machte ich mich dann nicht einer unehrlichen Handlung ſchuldig? Endlich ſchlief ich ein mit dem feſten Vorſatze, am andern Tage Hermine nicht zu beſuchen, damit dieſer lächerliche Eindruck inzwiſchen ſich wieder ver⸗ wiſchen möchte... Bei meinem Erwachen fragte ich mich, ob ich meinen Beſuch auf den Abend ver⸗ ſchieben, oder aber ob ich alsbald zu ihr gehen ſollte. Ich hatte ſo viel Muth, auf mein Bureau zu gehen, ohne ſie zu beſuchen; allein es änderte dieſer Entſchluß meine Stimmung nicht: im Gegen⸗ theil, er machte dieſelbe nur noch bitterer... Auch iſt das leicht begreiflich; denn je mehr ich nachdachte, um ſo mehr fand ich, daß meine Handlungsweiſe nicht die rechte ſei. einzig Oeff⸗ Her⸗ Herz— und gliefe, Aber webte r die arum gehen ureau nderte hegen⸗ Auch achte, weiſe Erſt im Laufe des Abends ging ich zu Hermi⸗ nen; vielleicht daß dieſem ſpäten Beſuche eine vage Hoffnung zu Grunde lag. Als ſie mich hereintreten ſah, ſprang ſie— ſie war mit Sticken beſchäftigt ge⸗ weſen— mir freudig entgegen und bot mir mit der gleichen Argloſigkeit und Naivetät, wie bisher, die Wange hin.. Welch erſtaunliches Problem iſt es doch um ein Weib! Geſtern noch Freudenmädchen, und heute die reine Jungfrau! Ich ſetzte mich... Hermine ſuchte ein Geſpräch anzuknüpfen; ich aber antwortete auf alle ihre Fra⸗ gen nur mit einſylbigen Wörtern, ſo trocken wie Unverſchämtheiten. „Was iſt Ihnen denn heute?“ ſprach ſie, denn es entging ihr meine mürriſche Miene keineswegs. „Ohl nichts,“ antwortete ich in kaltem Tone. „Sie langweilen ſich hier wohl?“ „Nein, vielleicht aber langweile ich Sie.“ Hier blickte Hermine mich an. „Es iſt ja, wie wenn Sie den Verſtand verloren hätten!“ „Davon kann keine Rede ſein.“ „Warum aber ſprechen Sie dann ſolche Dinge?“ Begreifſt du es, daß ich auf dem Wege war, mit Herminen mich zu ſtreiten, und daß, da ſie mir ſchon nicht mehr gleichgültig war, mein Herz in ihrer Nähe nicht mehr müſſig bleiben konnte?... Ich wagte es nicht, dem Mädchen zu ſagen, was ich fühlte, ich mochte ſolches nicht thun, und war wü⸗ thend darüber, daß ſie es nicht errjeth.. Und weil 298 ich ſo durch ihre Schuld litt, fühlte ich ein vages Bedürfniß, ſie gleichfalls leiden zu machen. „Nun, ſo ſagen Sie mir doch, was Sie haben?“ hob ſie wieder an. „Ich habe nichts, muß ich Ihnen wiederholen.“ „Nun, ſo geben Sie mir einen Kuß.“ Ich küßte ſie und hielt dabei ihre Hand, dieſe aber drückte die meinige nicht. Sie fuhr fort: „Sehe ich Sie morgen?“ „Ohne Zweifel.“ „Um wie viel Uhr?“ „Warum fragen Sie mich das?“ „Weil ich einen Ausgang zu machen habe und zu Hauſe ſein möchte, wenn Sie kommen.“ „Sie haben alſo Jemand zu beſuchen?“ verſetzte ich in einem Tone, der keinen Zweifel ließ über die Bedeutung, die in meinem Geiſte ſich an dieſe Phraſe knüpfte; und als wäre dieß noch nicht genug, ſetzte ich in gleichem Tone hinzu: „Vielleicht die Perſon, die neulich Abends Sie erwartete?“ „Schon!“ ſprach Hermine mit Thränen in den Augen,„ſchon Ungezogenheiten... Acht Tage, nachdem Sie mir einen Dienſt erwieſen... Sie bereuen alſo denſelben gar ſehr!“ Dieſe Worte zeigten mir die ganze Schändlich⸗ keit meines Benehmens; ich ſchämte mich des Ge⸗ ſagten, und da ich ihr das Gefühl nicht ſo recht er⸗ klären konnte, deſſen Zug ich gefolgt, indem ich alſo ſprach, ſo ging ich auf ſie zu und ſprach mit ſanfter Stimme: und ſetzte die draſe ſetzte Sie den rage, Sie blich⸗ Ge⸗ t er⸗ alſo nfter „Verzeihen Sie mir, ich habe oft ſolche Augen⸗ blicke, wo ich, ohne recht zu wiſſen, warum, meine Umgebung verletze.“ „Daran bin ich eben noch nicht gewöhnt, ſehen Sie,“ erwiderte ſie, indem ſie ſich die Augen ab⸗ trocknete;...„da ich es nun aber weiß, ſo werde ich mir nichts mehr daraus machen.“ Ein Lächeln endigte ihre Phraſe. „Seien Sie ohne Sorge,“ hob ich wieder an, nes ſoll das nicht mehr vorkommen.“ Und um der Erfüllung dieſes neuen Verſprechens um ſo gewiſſer zu ſein, ſchickte ich mich an zu gehen. „Haben Sie Bücher?“ ſprach ſie zu mir. „Warum?“ „Weil ich Abends, wenn ich ſo mutterſeelenallein hier ſitze, mich ein bischen langweile... Ich bin eine große Freundin vom Leſen... Haben Sie Bücher, ſo ſchicken Sie mir einige, oder, noch beſſer, ſchicken Sie mir Ihre Wäſche, damit ich ſie ausbeſſere und in gutem Stande erhalte. Wie, Sie wollen nicht? Und warum denn nicht? Es wäre mir ſo lieb, auch etwas für Sie thun zu können, da Sie ſo viel für mich thun! Ich ſchäme mich ordentlich, Ihnen zu nichts nütze ſein zu können.“ Es wäre rein unmöglich, die Anmuth zu be⸗ ſchreiben, die in all dieſem lag. Ich küßte Hermine und ging. Als ich auf der Straße war, fragte ich mich, was ich eigentlich dort thäte. Es blieb entſchieden ein Theil von mir in dem Zimmer, das ich eben verlaſſen. Ich machte auf's Gerathewohl einige Schritte; 300 bald aber wandte ich mich um, da ich dachte, daß Hermine am Fenſter ſtehen würde, um mir nachzu⸗ ſehen... Ich vergaß, daß nur eine wirkliche Ge⸗ liebte ſolche Dinge thut. Es blieb das Fenſter geſchloſſen. „Ah! Sie liebt mich nicht,“ dachte ich. In demſelben Augenblicke aber ſtieg in mir der andere Gedanke auf: „Doch warum ſollte ſie mich lieben?... Habe ich mich als ein Mann vorgeſtellt, der geliebt ſein will, und habe ich im Gegentheil nicht Alles gethan, um eine ſolche Rolle von mir zu weiſen?... Auch liebe ich ſie ja nicht...“ Und mich in dieſer Anſicht noch mehr zu beſtär⸗ ken, ging ich raſcher, als wenn mein Gehen einen Zweck gehabt hätte. Aber ſchon nach fünf Minuten fand ich einen Vorwand, um Herminens Straße wieder aufzuſuchen, ohne daß es mir klarer geweſen wäre, wohin ich jetzt gehen wollte... Ich ſagte bei mir ſelbſt, daß ich mich verirrt, und lenkte meine Schritte zurück. Soll ich mich des rechten Wortes bedienen, ſo muß ich ſagen, daß ich mir recht dumm vorkam. Das eben ärgerte mich, und jetzt wollte ich für die⸗ ſen Aerger Urſachen ſuchen, die nicht exiſtirten. Ich that, was ich konnte, um der armen Hermine, die meine dummen Eindrücke ſicherlich nicht entfernt ahnte, alle Schuld beimeſſen zu können. „Ich bin ein verrückter Menſch,“ ſprach ich bei mir ſelbſt.„Ich ſpiele den Uneigennützigen einem Frauenzimmer gegenüber, die das ſicherlich nicht ver⸗ dient... Jetzt, da ſie allein iſt, wird ſie herzlich daß 301 über mich lachen... Sie wird in einem jungen Manne, der ihr Geld bringt und nichts dafür ver⸗ langt, einen rechten Gimpel erblicken... Wenn ich ſage, ſie lacht allein darüber, ſo habe ich wohl wiederum Unrecht; denn wer ſteht mir dafür, daß ſie nicht mit einem Andern darüber lachen wird?... Wer ſteht mir dafür, daß nicht ſchon Jemand auf mein Weggehen wartete, um ſeinerſeits hineinzu⸗ gehen?... Wer ſteht mir dafür, daß dieſer Je⸗ mand nicht im Hauſe ſelbſt wohnt?... Ich würde es wahrlich verdienen!“ Wie unedelmüthig kann doch der Charakter eines Menſchen ſein!... Ich ſchämte mich aller⸗ dings vor mir ſelbſt; allein was in mir vorging, war von meinem Willen ſchlechterdings unabhängig. Ich weiß nicht ſo recht, ob ich verliebt war; auf jeden Fall aber war ich eiferſüchtig. Sollteſt du glauben, daß ich in Herminens Straße wohl über zwei Stunden auf⸗ und abging, und zwar ohne ihre Fenſter auch nur einen Augenblick aus den Augen zu verlieren? Wohl hundert Mal ſtand ich auf dem Punkte, zu ihr hinaufzugehen. Wollte nun auch ich die Rolle ſpielen, die Antonin geſpielt?... Welch eigenthümlichen Reiz hatte denn das Mädchen? Und alles das, weil ihr Nachtkleid ein wenig aufgegangen war. Indeſſen mußte die Sache denn doch ein Ende nehmen; ich ging nach Hauſe und legte mich zu Bette... Da ich gar keine Luſt zum Schlafen hatte, ſo nahm ich ein Buch... Ich las keine Seite... und doch blieb es offen vor meinen Augen liegen, bis es wieder Tag war. Ich dachte... an was? 30² ... das wäre ich ſelbſt nicht im Stande zu ſagen. Endlich ſchlief ich ein. Als ich wie Tags zuvor aufwachte, waren mir die Einzelheiten des abgefloſſenen Tages nicht als⸗ bald gegenwärtig... Gleichwohl gelang es mir nach und nach, ſie vor den Augen meines Geiſtes wieder aufſteigen zu laſſen, und nun ſagte ich bei mir ſelbſt, daß, wenn ich erführe, es hätte ein An⸗ derer gethan, was ich gethan, das heißt, es hätte derſelbe um elender zwölf Fünffrankenſtücke willen, die er einem Frauenzimmer geliehen, ihr gegenüber zu allerlei unverſchämten Vermuthungen ſich berechtigt geglaubt, dieſer Mann mir entweder als ein rechter Kleingeiſt oder aber als ein rechter Geizhals erſchei⸗ nen würde. Ich nahm mir alſo vor, Hermine zu beſuchen, wenn ich von meinem Bureau käme, und meine Albernheiten dadurch wieder gut zu machen, daß ich das Betragen einhielte, das ich ſtets hätte beobachten ſollen. Um vier Uhr ging ich zu ihr. Ich blieb vor einer Menge Läden mit Mode⸗ und Bijouteriewaaren ſtehen und kaufte ihr, jedoch nur in Gedanken, Alles, womit ich ihr eine Freude ma⸗ chen zu können glaubte. Unglücklicher Weiſe hatte ich nicht ſo viel Geld, um alle dieſe Einkäufe zu be⸗ werkſtelligen; ganz unwillkürlich aber dachte ich an die Zeit, wo ich meinen Gehalt bekommen mußte, und fragte mich im Voraus, wie viel ich für Her⸗ mine würde ausgeben können. Bei Liebenden iſt das Schenken ein Hauptdrang des Herzens. Und ſo that ich denn ſchon alles das, worüber ich meinen Freund Antonin getadelt hatte. Bei meinem Eintreten las Hermine in einem agen. mir als⸗ mir eiſtes 3⁰03 Buch, das ich ihr geſchickt. Sie hatte das Zimmer mit aller nur möglichen Koketterie geordnet. Sobald ſie mich in der Thüre ſah, ſtand ſie auf, und bot mir Hand und Stirne hin. So viele Freundſchaft brachte mich faſt zur Verzweiflung. Es war ein ſchöner, ſonniger Maitag. Ich fragte Hermine, ob es ihr nicht angenehm wäre, mit mir zu ſpeiſen. „Sehen Sie, nun wollen Sie ſchon Geld hinaus⸗ werfen,“ ſprach ſie zu mir.„Speiſen Sie, wo Sie alle Tage zu ſpeiſen pflegen, was mich betrifft, ſo will ich hier ſpeiſen... Wozu für ſolche Dinge Geld hinauswerfen?... Ohl wenn Sie wüßten, wie theuer zuweilen das Geld erkauft wird... ſo würden Sie damit nicht ſo verſchwenderiſch um⸗ gehen.“ Man hätte glauben können, ſie leſe in meiner Börſe. „Auf jeden Fall,“ ſprach ich,„werde ich den Abend in Ihrer Geſellſchaft zubringen, wenn Sie es erlauben.“ 3. „Was mich betrifft,“ erwiderte ſie,„ſo lade ich Sie nicht zum Eſſen ein, weil ich ſonſt fürchtete, daß Sie allzu ſchlecht ſpeiſen würden.“ „Sie bedenken wohl nicht,“ antwortete ich lächelnd, „daß, indem Sie alſo ſprechen, Sie mir einen Vor⸗ wurf machen.“ „Ich habe in dem, was ich ſage, entſchieden kein Glück,“ antwortete ſie erröthend;„ich meinte nur ſo, mit Verlaub geſagt, es könne das, was mir, einem allein lebenden Frauenzimmer, genügt, Ihnen un⸗ möglich genügen.“ 3⁰⁴ Und indem ſie ſo ſich zu verbeſſern ſuchte, war ſie wahrhaft bezaubernd. „Sie wollen mir alſo gütigſt Ihren Abend ſchen⸗ ken?“ lerie ſie hinzu. „Ac, wie liebenswürdig! Wie ich Ihnen ge⸗ ſtern geſagt, ſo langweilt es mich ein bischen, immer allein zu ſein; wollen Sie mir aber dann und wann ge⸗ fälligſt Geſellſchaft leiſten, ſo wird mir die Zeit min⸗ der lang erſcheinen. Ah! daß ich's nicht vergeſſe! es iſt heute etwas vorgekommen, was ich Ihnen er⸗ zählen muß... Es iſt die Hauswirthin herauf⸗ gekommen... und hat mir ſogenannten guten Rath gegeben... da ſie glaubt, Sie ſeien mein Liebha⸗ ber; ſie hat mir voraus prophezeit, daß Sie mich bald quittiren würden, hinzuſetzend, daß ich nur zurückgegangen, um einen deſto größeren Anlauf zu nehmen. Kurz, ich ſah aus ihrem ganzen Benehmen, daß ſie wüthend war... Ich habe ſie ſprechen laſſen und mich begnügt, ihr zu antworten, daß ich auf Alles, daß ich auf das Schlimmſte gefaßt wäre Nicht wahr, ich habe recht daran gethan?“ „Vollkommen! Sie ſind eben ein Engel.“ „Als ſie ſah, daß alles Zureden bei mir nicht verfing, hat ſie ſich entfernt, um nichts mehr von ſich hören zu laſſen.“ „Bald ſollen Sie dieſes Haus verlaſſen, liebes Kind, und von dieſer Frau befreit werden.“ „Die Sache preſſirt nicht ſo ſehr. Für das Geld, das Sie bezahlt, darf ich bis an's Ende des Monats hier bleiben, und ich wüßte wahrlich nicht, warum man ihr etwas ſchenken ſollte. Sie hat nun Alles —— V geſagt, was ſie irgend ſagen kann, ſo daß es völlig gleichgültig iſt, ob ſie überhaupt noch etwas ſagt.“ ch horchte, und je länger ich horchte, um ſo mehr war ich bezaubert. Ich ſpeiste an dieſem Abende bei meiner Mutter und ging dann wieder zu Herminen, um den ganzen Abend bei ihr zu bleiben. Wir ſpielten Karten und plauderten. „Haben Sie eine Geliebte,“ ſprach ſie plötzlich. „Warum fragen Sie mich das?“ „Aus einem ganz einfachen Grunde; auch wollte ich ſchon ſeit zwei Tagen dieſe Frage an Sie ſtellen: ich weiß nämlich nicht, wie Ihre Geliebte— voraus⸗ geſetzt, daß Sie eine ſolche haben— die Beſuche, womit Sie mich erfreuen, aufnehmen möchte; ſehen Sie, ich möchte dem armen Ding um keinen Preis wehe thun... Iſt ſie eiferſüchtig, ſo müſſen Sie eben minder oft kommen.“ „Bin ich Ihnen vielleicht unwillkommen?“ „Gut! Nun deuten Sie meine Worte ſchon wie⸗ der übel... Welch entſetzlich ſchlechten Charakter Sie doch haben!... Sprechen wir nicht weiter davon.“ „Beruhigen Sie ſich, ich habe keine Geliebte.“ „Das iſt recht drollig, Warum haben Sie in ſolchem Alter keine?“ „Ich habe mich mit derjenigen, die ich hatte, überworfen.“ „Sie hatte Sie hintergangen?“ „Getroffen.“ „Sie, der Sie ſo lieb und ſo gut ſind! Doch Sie hätten ihr verzeihen ſollen, vielleicht liebte ſie Sie dennoch. Es können die Männer es eben nicht be⸗ Dumas, Novellen. I. 20 306 greifen, daß ein Frauenzimmer ihren Geliebten hin⸗ tergeht, um ihn darauf nur noch mehr zu lieben. Und doch iſt das wahr, ja, ja!“ „Warum aber hintergeht ſie ihn dann?“ „Vielleicht würde ſie es ſagen, wenn ſie es wüßte ... Ich würde Ihnen rathen, wieder ein Mädchen zu lieben,“ fuhr Hermine lächelnd fort;„dieſes Witt⸗ werſtandes werden Sie am Ende überdrüſſig wer⸗ den.“ Nun meinte ich, ſie habe mich endlich verſtanden und komme mir entgegen. Ach! unter allen Fehlern des Menſchen iſt die Eigenliebe derjenige, der am Beſten ſeinen Dienſt thut. „Aber ich müßte dann erſt noch ein Frauen⸗ zimmer finden, das nach meinem Geſchmack wäre!“ „Oh!l ich kenne ein Mädchen, das Ihnen gewiß gefallen wird,“ ſprach ſie. „Wirklich!“ Jetzt war ich überzeugt, daß ſie ſich ſelbſt meinte: ich erfaßte daher ihre beiden Hände und ſprach: „Eines, das mir gewiß gefällt?“ Lächelnd fuhr Hermine fort: „Ja, ich kenne ein allerliebſtes Mädchen, das durchaus frei iſt und weder Sorge, noch Reue, noch Hintergedanken kennt; denn ſie faßt nun einmal das Leben von der luſtigen Seite auf und hat ſich mit geſchloſſenen Augen darein geſtürzt.“ „Gleicht es Ihnen?“ verſetzte ich, immer noch in dem Glauben, es ſpreche Hermine von ſich ſelbſt. Oh! durchaus nicht. Ich bin eine Brünette, 7, ſie dagegen eine Blondine; allein ſie iſt weit hüb⸗ geme Unte zu h ſeſſen was that thun hin⸗ eben. vüßte dchen Witt⸗ wer⸗ inden hlern am auen⸗ ire!“ gewiß einte: das noch l das )mit ch in ſt. nette, hüb⸗ ſcher als ich; auch hat ſie einen recht netten Namen: Bertha!... Wollen Sie ſie kennen lernen?“ „Ich danke Ihnen, ich habe keine Luſt dazu.“ „Was ich hier that,“ verſetzte Hermine lebhaft, „geſchah Ihnen, geſchah ihr zu Gefallen. Sie hät⸗ ten ſie einmal hier angetroffen und gewiß hätte ſie Ihnen ſehr gefallen. Da Sie aber nichts von ihr wiſſen wollen, ſo wollen wir nicht weiter von der Sache ſprechen.“ Ich blieb bis zwölf Uhr bei Herminen, ohne recht zu wiſſen, ob der mir gemachte Vorſchlag ernſt gemeint oder bloße Koketterie wäre. Indeſſen hat die Folge mir bewieſen, daß die Sache wirklich ernſt gemeint war. Als ich wieder allein war, beſtürmten mich aber⸗ mals üble Gedanken. Iſt es im Grunde nicht höchſt lächerlich von mir, ſprach ich bei mir ſelbſt, daß ein Menſch, der nicht mehr denn zweihundertundfünfzig elende Franken per Monat hat, ſich zum Beſchützer und Apoſtel der Tugend aufwerfen will? Es waren einige Tage über mein gutes Werk hingegangen, und ſchon fing ich an, es mit minder begeiſterten Augen anzuſehen. So wenig mir auch Herminens Tugend koſtete, ſo war ſie mir denn eben immer noch zu theuer. Vielleicht daß es mir Spaß gemacht hätte, dem Paradoxon der uneigennützigen Unterſtützung eines hübſchen Mädchens noch länger zu huldigen, wenn ich das dazu nöthige Geld be⸗ ſeſſen hätte; allein ich ſchämte mich, ihr nicht Alles, was ſie brauchte, geben zu können, und andererſeits that ich mir ſelbſt weh mit dem Wenigen, was ich thun konnte. 308 Ich kannte ſie erſt kurz, ich hatte nur wenig Geld für ſie ausgegeben, und doch hatte ich mich be⸗ reits einer Koſtbarkeit beraubt, von der ich mich nie trennen zu können geglaubt hatte. Schwer wog in der Wagſchaale meiner Befürchtungen meine Uhr. Ich ſagte mir, was ich Herminen noch Alles würde kaufen müſſen, um ihr auf der Straße den Arm geben zu können, ohne über ihr Elend allzu ſehr zu erröthen, und wurde da gewahr, daß es Aufgaben waren, die meine ſchwachen Mitteln überſtiegen. Ich ſah, daß ſie Stiefeletten, Unterröcke, Halskrägen, Halskrauſen, Strümpfe, Manſchetten, Kleider, Hüte, Handſchuhe brauchte und fragte mich ſelbſt, ob ich alle dieſe Opfer würde bringen können, ohne mich des Nöthigſten zu berauben. Mit einem Worte, es fing mein Edelmuth an, mit meiner Börſe zu rechnen, und endlich kam ich zu dem Schluſſe, daß ich ein rechter Narr wäre, daß ich hätte ein Mädchen von einer Bahn abbringen wollen, die ich ſie gar bald wieder betreten laſſen müßte; daß ich am Ende nicht die Miſſion bekommen, die Geſellſchaft neu zu ge⸗ ſtalten, ſowie daß ich mich mit Dingen befaßte, die mich nichts angingen. Ich bereute es, um die Sache kurz zu machen, daß ich gegen Hermine eine Ver⸗ pflichtung eingegangen, und fand für alle dieſe Opfer nur einen Grund— den Grund nämlich, daß ich dafür von Herminen ein bischen Liebe verlangen wolle. Es iſt dieß ein Bekenntniß, das ich hier ablege; wie du ſiehſt, ſo verheimliche ich dir nichts. Mit ſolchen Gedanken ging ich auf mein Bureau. Ich war mit mir ſelbſt unzufrieden und fragte mich, wie be⸗ nie g in Uhr. ürde Arm r zu aben gen. gen, büte, ich mich , es nen, ein von bald nicht ge⸗ die ache Ver⸗ pfer ich igen ege; Mit Ich wie ich es angreifen würde, um aus der Sackgaſſe der Rechtſchaffenheit, in die ich mich verirrt, wieder her⸗ auszukommen; und welche Stellung ich in dieſem Dreieck von Tugend, Liebe und Sparſamkeit einnahm, kannſt du dir denken. Ich kam auf's Miniſterium. Auf meiner Canzlei arbeitete ein ungemein luſtiger, dann und wann auch geiſtreicher Burſche, der mit zwei bekannten Vaude⸗ villiſten Vaudevilles, das heißt, immer je den drit⸗ ten Theil eines Vaudeville zu ſchreiben pflegte, wo⸗ mit er ſich Jahr aus Jahr ein zwei⸗ bis dreitauſend Franken verdienen mochte. Er trillerte faſt immer etwas, und faſt alle unſere Tage verſtrichen luſtig genug, da die amtlichen Arbeiten unſern Geiſt nicht allzu ſehr in Anſpruch nahmen: wir plauderten und lachten faſt an Einem fort. Ich habe Antenor— ſo heißt mein Kamerad— für den Miniſter Briefe copiren ſehen, während er irgend eine luſtige Stanze ſchmiedete. Dieſe waren ſein Forte. Da ich aber an dem Tage, von dem ich jetzt ſpreche, ziemlich verſtimmt war, ſo ließ er mir keine Ruhe, bis ich ihm die Urſache meiner üblen Laune mittheilte. Dabei enthielt ich mich jedoch, ihn mit Herminens Namen und Adreſſe bekannt zu machen. Dir alle die Scherze ſagen zu wollen, zu deren Gegenſtand er mich während und nach meiner Er⸗ zählung machte, würde mich zu weit führen. Er ſtellte mich in eine Linie mit dem heiligen Vincenz da Paula, ſowie mit dem heiligen Antonius, fabri⸗ eirte auf der Stelle ein Lied von zehn Stanzen über meinen unübertrefflichen Edelmuth, und alles dieß 310 lief darauf hinaus, daß ich... ein rechter Dumm⸗ kopf wäre. Da ich ſelbſt ſchon den ganzen Tag dieſer An⸗ ſicht geweſen war, ſo fühlte ich mich natürlich durch Antenors Worte nur noch mehr darin beſtärkt. „Aber ſagen Sie mir, was würden Sie thun, wenn Sie an meiner Stelle wären?“ fragte ich endlich. „Was ich thun würde? Ei] das iſt nicht ſchwer zu ſagen: ich würde ihr Liebhaber werden, wenn ſie mir gefiele; ich würde ſie ein paar Mal zu einem guten Diner führen, würde ihr ein bischen Geld geben und mich dann quitt glauben. Zum Henker! lieber Freund, Leute in unſerem Alter und in un⸗ ſerer Stellung dürfen ſich nicht die Grille eines Er⸗ löſers gönnen, der für ſeine Bemühungen nichts ver⸗ langt. Sie mögen ſagen, was Sie wollen, es wird dieſes Mädchen nimmermehr zu einem Roſenmädchen. Sie ſchaden ihr, indem Sie die Zukunft, worauf ſie ein Recht hat, hinausſchieben. Je länger ſie in ihrem jetzigen obſcuren Zuſtande bleibt, um ſo ſchwerer wird es ihr werden, die rechte Stellung in der Geſellſchaft zu finden. Ah! hätte ſie nie einen Liebhaber gehabt, ſo verhielte ſich die Sache anders; allein ſie hat nun einmal ſolche gehabt: nicht wahr? Was Sie immer thun mögen, nie werden Sie wie⸗ der eine Jungfrau aus ihr machen können: nur ein durchaus bornirter Menſch könnte ſich dieſer Aufgabe gewachſen glauben. Sie iſt ſchön, hübſch, ſagen Sie; nun, ſo ziehen Sie daraus Nutzen und über⸗ laſſen Sie es ihr, mit ihren Zeitgenoſſen ſo zu leben, wie es ihr am Förderlichſten ſein mag.“ dach Her es! eine könt gan wie eine mir zu, ſie gehe daß ſein und hole dabe tion erre wür Ber faſſe Es hatte Antenor gräßlich Recht. Von nun an dachte ich nur noch an Eines, nämlich daran, daß Hermine die meine ſei, ſobald ich wolle, ſowie daß es denn doch gar zu gut von mir ſei, für Andere eine Frucht aufzubewahren, die ich ſelbſt pflücken könne. Als ich mein Diner verzehrt hatte, ging ich mit ganz andern Entſchlüſſen zu ihr. Sie erzählte mir, wie ſie im Laufe des Tages ausgegangen, um in einem gewiſſen Hauſe Arbeit zu ſuchen, damit ſie mir minder zur Laſt ſein möchte; noch ſetzte ſie hin⸗ zu, daß ſie Fräulein Bertha aufgeſucht, von der ſie mir Tags zuvor geſagt, ſowie daß ſie große Luſt gehabt, ſie zum Eſſen einzuladen und mitzubringen, daß ſie aber gefürchtet habe, mir damit zur Laſt zu ſein. Nun ſprach ich, am ganzen Leibe zitternd— und ich will die ganze Converſation wörtlich wieder⸗ holen, da ſie großen Eindruck auf mich machte—: „Geben Sie mir die Hand.“ „Da,“ ſprach ſie. „Setzen Sie ſich hierher.“ Und zu gleicher Zeit ſchlug ich auf mein Knie. Sie that, wie ich geſagt, doch ſchaute ſie mich dabei mit ſtaunenden Augen an, indem die Intona⸗ tion, die ich meiner Phraſe gegeben, ſie ohne Zweifel errathen ließ, was nun kommen ſollte. Die Weiber haben in ſolchen Dingen einen merk⸗ würdigen Scharfblick, der ſie nie irre führt. „Sie haben wohl gethan, daß Sie Fräulein Bertha nicht mitgebracht,“ ſprach ich, ihren Leib um⸗ faſſend. 31² „Warum?“ „Weil ich verliebt bin.“ „Sie?“ „Ja, ich.“ „Um ſo beſſer! In wen?“ „In Sie.“ „In mich! Sie ſcherzen wohl?“ „Nein, es iſt mein Ernſt.“ „Um ſo ſchlimmer!“ verſetzte ſie mit faſt trau⸗ riger Miene. „Warum ſagen Sie das?“ „Weil ich nicht die bin, welche Sie brauchen.“ „Darin irren Sie ſich: Sie ſind bezaubernd.“ Ein ſchmerzliches Kopfſchütteln war die Antwort. „Und ſeit dem Tage, wo ich Sie geſehen— es muß endlich heraus—, denke ich einzig und allein an Sie.“ Und nach einer kleinen Pauſe ſetzte ich, vor Auf⸗ regung zitternd und in wahrhaft leidenſchaftlichem Tone, hinzu: „Verſtehen Sie mich? Ich liebe Sie.“ „Ohl ich verſtehe,“ antwortete Hermine traurig. Darauf murmelte ſie ſo, daß ich es nicht hören ſollte, mit einem Seufzer die Worte: „Wie die Andern!“ In dieſem Augenblicke aber mochte ich nichts hören, nichts verſtehen, was für meine Leidenſchaft hätte ein Hinderniß ſein können; ich ſtellte mich alſo, als ob ich die eben geſprochenen Worte gar nicht gehört hätte— die Worte, in denen ein ſo bitterer und gerechter Vorwurf lag, daß ich die Sache nicht hätte weiter treiben ſollen... Es mußte das arme rau⸗ Mädchen in dieſem Augenblicke mich tief verachten: ich ſah das ein,— und doch blieb ich. O Liebe! o Wunderflaſche, die du, ſei es daß du aus Thon, ſei es daß du aus Gold bereitet biſt, ſtets den gleichen Trank enthältſt und ſtets mit den erſten Tropfen berauſcheſt! Am andern Tage war ich überzeugt, daß ich in Hermine wo möglich noch mehr verliebt ſei. Ich war denn daher auch freudeſtrahlend, als ich auf meine Canzlei kam. „Was haben Sie Neues?“ fragte mich Antenor. „Ich habe Ihren Rath befolgt.“ „War er gut?“ 3 „Gewiß, und ich bin recht froh, daß ich ihn be⸗ folgt.“ „Sie ſind alſo verliebt?“ „Ungeheuer.“ „Nun, ſo ſorgen Sie dafür, daß die Sache eine Weile dauert; nichts Amüſanteres, als verliebt zu ſein.“ Und es fing Antenor an, wieder ein Liedchen zu trillern. So verſtrichen vierzehn Tage— vierzehn Tage, während deren ich auch nicht einen Augenblick von meiner Meinung abgehen zu dürfen glaubte und mich mit den goldenſten Projecten und Träumen hinſicht⸗ lich der Zukunft dieſes neuen Liebesverhältniſſes trug. Was Hermine betrifft, ſo hatte ſich nichts an ihr verändert; nur ſagte ſie von Zeit zu Zeit, daß ſie mich liebte, mehr jedoch wie ein Frauenzimmer, das ſich plötzlich erinnert, daß ſie etwas zu ſagen hat, worüber man einig geworden, als wie eine, die auch 314 denkt, was ſie ſagt. Sie hatte ſich in ihre neue Lage gefügt, nur vielleicht nicht ſo gern wie in die erſte, was ich aus ihrem zuweilen gezwungenen Weſen ſah— ein Weſen, das ſie annahm, wenn ſie ver⸗ gaß, daß ich da war, um ſich ihren Gedanken ganz und gar zu überlaſſen. So raſch und ſo vollſtändig hatte ſie ſich nach meinem erſten Beſuche umgewan⸗ delt, daß ſie mir ohne Zweifel böſe war, daß ich ſelbſt in roher Weiſe den goldenen Traum zerſtört, den ſie auszuſpinnen begonnen. Unglücklicher Weiſe iſt ein Mann, wie ich glaube, ſolchen Räſonnements unzugänglich, wenn er einmal das Weſen beſitzt, das er liebt oder zu lieben glaubt. Er verlangt von ſei⸗ ner Geliebten die gleiche Expanſion, ſonſt wird er argwöhniſch, ärgerlich, eiferſüchtig. Auf Hermine nun konnte ich nicht eiferſüchtig ſein. Ich war ihrer Treue zu gewiß. Zu gleicher Zeit aber wußte ich auch, daß ich von ihr nicht geliebt wurde. Das Opfer, das ſie mir brachte— ein Opfer, von dem ich nichts ſehen ſollte— verlieh ihr in meinen Augen jene Superiorität, welche der Mann dem Weibe nie verzeiht. So hatte ich einen Maßſtab für ihre Liebe zu Antonin; das Traurigſte dabei aber war für mich die Ueberzeugung, daß ich nicht einmal ſo wie An⸗ tonin geliebt würde. Hermine war ein Mädchen, das einſt mit Wonne, mit Feuer, mit Gewiſſenhaftigkeit geliebt haben würde, allein dieſer Augenblick war für ſie noch nicht ge⸗ kommen, und damit er einmal kommen konnte, mußte man ihre Seele ſich noch mehr und zwar völlig frei entwickeln laſſen. Bis dahin hatte ſie die Liebe nur als eine Nothwendigkeit über ſich ergehen laſſen: ſie fühlt es, d es, d ſeine O den? meine biger Diebe deſſen mich flößt es, ſen, i ich in außer Dieſe willſt ſtand Reflen gewol C daß auszu ſagte Opfer man greifle Präſe nate war. in de neue n die Jeſen ver⸗ ganz indig wan⸗ ich ſtört, Veiſe tents das ſei⸗ d er nine hrer ich Das dem igen nie iebe nich An⸗ fühlte ſie noch nicht als ein Bedürfniß. Ich war es, der Unrecht hatte, und doch that, ich wiederhole es, das arme Kind, was es konnte, um mich über ſeine wahren Gefühle zu täuſchen. Ich habe einen Fehler— einen Fehler, der in den Augen gewiſſer Leute eine Tugend iſt— ich meine die Sparſamkeit. Vor Schulden und Gläu⸗ bigern habe ich die gleiche Furcht, wie Kinder vor Dieben und Geſpenſtern. Dieſer Schrecken, der in⸗ deſſen, wenigſtens bis jetzt, nur gute Folgen für mich gehabt hat, iſt mir von meinem Vater einge⸗ flößt worden; denn ihm nur allein verdanke ich es, daß ich meinem Leben die Grenzen angewie⸗ ſen, innerhalb deren es ſich bewegen muß, ſowie daß ich in dieſem engen Kreiſe Genüſſe gefunden, die ich außerhalb deſſelben ſicherlich nie gefunden hätte. Dieſes Laſter, dieſe Tugend— wie du dich ausdrücken willſt— benützte den Zweifel, ja, ich ſage den Zu⸗ ſtand der Erniedrigung, worein ich in Folge meiner Reflexionen über Hermine gerathen war, um mit der gewohnten Logik wieder aufzutreten. Gleichwie ich früher bei mir ſelbſt geſagt hatte, daß es lächerlich ſei, für ein Frauenzimmer Geld auszugeben, deren Liebhaber man nicht ſei, eben ſo ſagte ich mir nun, es ſei die größte Abgeſchmacktheit, Opfer für ein Frauenzimmer zu bringen, von dem man nicht geliebt werde; denn es wird dir leicht be⸗ greiflich ſein, daß ich Herminen ſeitdem eine Menge Präſente gemacht hatte, wodurch auf mehrere Mo⸗ nate in meinem Gehalt Breſche geſchoſſen worden war. Ich dachte an Antonin und den Zuſtand, in dem er mich verlaſſen hatte: was lag näher 316 als für mich ſelbſt ein gleiches Loos zu fürchten! Es kam ein wahrer Schreck über mich, und von dieſem Augenblick an ſann ich nur noch darauf, wie ich Her⸗ mine in anſtändiger Weiſe quittiren und alle Ver⸗ antworlichkeit für die Zukunft von mir abwälzen könnte. Hatte Hermine dieſes mein Verlangen geahnt? Ich vermag das nicht zu ſagen; ſo viel aber weiß ich, daß ſie ihr träumeriſches Weſen mit einem Male gegen eine auffallende Traurigkeit vertauſchte— eine Traurigkeit, die ſie nicht einmal zu verbergen ver⸗ mochte. Auch jetzt nahm ich wieder zu Antenors gutem Rath meine Zuflucht. Ich theilte meinem Freunde mit, in welchem Zuſtande Herz, Geiſt und Börſe ſich bei mir befanden, und fragte ihn, was ich thun ſollte, um mich noch rechtzeitig einer Schlinge zu entziehen, welche verderblich für mich werden könnte. „Nun, Sie müſſen ſie eben quittiren,“ ſprach er. „Ja, aber wie?“ „Nichts einfacher als das. Sagen Sie ihr, Sie müſſen eine Reiſe machen, oder dergleichen.“ „Ich ſelbſt wage ihr das nicht zu ſagen.“ „Soll ich es für Sie thun?“ „Aber es könnte ein ſolcher Auftrag Ihnen un⸗ angenehm ſein.“ „Keineswegs.“ „Nun, ſo will ich Ihr gütiges Anerbieten an⸗ nehmen.“ Mit einem Male ſiel mir auf, wie ſehr die Art und Weiſe, wie ich Hermine quittirte, derjenigen glich, wie Antonin ſie quittirte. 11 Es ieſem Her⸗ Ver⸗ älzen ihnt? weiß Male eine ver⸗ enors inem und s ich linge rden h er. Sie un⸗ an⸗ Art igen 317 Es ſagte mir ſogar ein gewiſſes Vorgefühl, daß das, was ich zu thun im Begriffe ſei, zum Verder⸗ ben des armen Mädchens ausſchlagen werde; allein es war nun zu ſpät. Antenor ſchien mir den Auftrag, den ich ihm gab, nicht ungern zu übernehmen. Man hätte ſogar glauben können, er habe ſolches ſchon ſeit einiger Zeit erwartet. „Wie heißt die Kleine?“ fragte er gleichgültig. „Hermine.“ „Fürwahr ein hübſcher Name! Und ſie wohnt?“ Ich gab ihm die verlangte Adreſſe. „Noch heute werde ich hingehen.“ „Aber ich kann ſie doch nicht nur ſo quittiren! Ich muß ihr doch etwas ſchenken!“ „So geben ſie ihr etwa hundert Franken.“ „Wird das genug ſein?“ „Ich meine es wohl. Auch iſt ſie hübſch: nicht wahr?“ „Ia. „Intelligent? „Ig.. „Dann könnte man ſie ja bei irgend einem Theater unterbringen.“ „Wären Sie ſo gut, mir dieſen Dienſt zu erwei⸗ ſen?“ rief ich voller Entzücken, indem ich glaubte, daß Hermine auf dieſe Weiſe vor Noth geſchützt wer⸗ den könnte. „Ja. Sie wird zwar nicht viel bekommen, indeſſen wird ſie davon immerhin leben können, da ſie ſpar⸗ ſam iſt.“ „Mein lieber Antenor, Sie erweiſen mir damit 318 einen wahren Freundesdienſt, und ſeien Sie mei⸗ ner Dankbarkeit im Voraus verſichert.“ „Geben Sie mir ein paar Zeilen an Hermine, damit ſie nicht zweifelt, daß ich von Ihnen zu ihr geſchickt worden, und ſeien Sie ohne Sorge. Ich werde Alles auf's Beſte ordnen.“ Ich drückte Antenor die Hand und gab ihm ein paar Zeilen an Hermine mit. Was ſie enthielten, brauche ich dir wohl nicht zu ſagen, da du ja weißt, wie derartige Epiſteln zu lauten pflegen. Wir verließen das Miniſterium. An dem darauf folgenden Tage war, als ich in das Canzleizimmer trat, mein erſtes Wort: „Nun, was hat ſie geſagt?“ „Nichts,“ verſetzte Antenor. „Sie hat darüber ſich gar nicht ausgeſprochen?“ „Gar nicht. Sie hat bloß geſagt, ich ſolle Ihnen ihren Dank ausdrücken.“ „Weiter nichts?“ „Weiter nichts.“ „Und was haben Sie weiter gethan?“ „Ich habe ihr verſprochen, daß ich ſie dann und wann beſuchen wolle, um mit ihr eine Rolle einzu⸗ ſtudiren. Heute noch will ich mit einem mir be⸗ freundeten Theaterdirector ihretwegen ſprechen.“ „Und wie hat ihr der Vorſchlag, an einem Theater thätig zu ſein, gefallen?“ „Wie mir ſchien, gar nicht übel.“ „Und über mich hat ſie kein Wort geſagt?“ „Auch nicht eines.“ „Keine Thränen, keine Vorwürfe?“ „Nichts, nichts, ich wiederhole es.“ Sache damit beime mir H fragte ſie ba nicht daß ie ſtets, etwa wie de wäre, C mei⸗ mine, zu ihr Ich m ein elten, veißt, ich in en?“ hnen und inzu⸗ r be⸗ 7 eater 319 Dieſe Reſignation von Seiten Herminens hatte für mich etwas tief Demüthigendes. Was Antenor betrifft, ſo ſchien er mir dieſe Sache ſehr leicht zu nehmen, gleich als wollte er mir damit ſagen, daß er ihr keine beſondere Wichtigkeit beimeſſe. Ich dagegen ließ ſie beruhen und ſchlug mir Hermine ohne viele Mühe aus dem Sinn. Doch fragte ich zuweilen Antenor, ob er ſie geſehen, ob ſie bald in einem Theater auftreten würde, ob ſie nicht allzu unglücklich wäre. Er antwortete mir ſtets, daß ich ruhig ſein könne. So lautete ſeine Antwort ſtets, bis er mir eines Tages ſagte, daß er Hermine etwa ſchon eine Woche lang nicht mehr geſehen, ſo⸗ wie daß ſie nun wohl mit einem Manne abgereist wäre, der ihr ſeit einiger Zeit den Hof gemacht. „Da ſieht man, wie ſehr Antenor Recht gehabt hat,“ ſprach ich bei mir ſelbſt.„Es ſind eben alle Frauenzimmer von gleichem Schlage, und ich habe daher Recht gehabt, daß ich ſo gehandelt.“ Es verſtrichen Monate. Vor zwei Tagen aber führte mich der Zufall in die Straße, wo ich Her⸗ mine kennen gelernt, und da ſah ich in Begleitung der dicken Hauswirthin Herrn M..., unſern großen Arzt, mit deſſen Sohn ich ſehr liirt bin, auf das Hotel zueilen. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich plötzlich überkam, allein unwillkürlich eilte ich Herrn M... nach und fragte ihn, wohin er in ſolcher Eile ginge. Als die dicke Frau meine Stimme hörte, wandte 3 ſich um und ſprach, mich erkennend, in barſchem one: „Eil der Herr Doctor geht zu Herminen.“ 320 „Iſt Hermine denn krank?“ rief ich. „Ob ſie krank iſt? Sie iſt am Sterben; und es v kann mir das gar nicht angenehm ſein, ich gebe Ihnen mein Wort.“ b „O Gott!“ rief ich;„geſchwind, geſchwind, wir müſſen ſie retten!“ 4 Und ohne ein weiteres Wort zu wechſeln, traten wir in das Hotel. In Herminens Zimmer ſtak der Schlüſſel. Ich ging zuerſt hinein. Ein junges, auf 4 1 4 4 d den Knien liegendes Mädchen weinte neben dem n Bette, wo Hermine unter einer Menge von Blumen d begraben war. e „Hermine!“ rief ich;„Hermine!“ Die Kranke rührte ſich nicht; die Perſon aber, die neben dem Bette kniete, warf den Kopf in die— Höhe und ſprach:. „Es iſt zu ſpät, mein Herr; Hermine iſt todt!“ „Todt! unmöglich!“ Und ich ſtürzte auf das Bett zu, erfaßte den Arm der Unglücklichen, ſchüttelte ihn und ſprach abermals ihren Namen aus. Aber es war der Arm von eiſiger Kälte und der Körper fühllos. Nun trat auch der Arzt an das Bett. „Sie iſt todt,“ ſprach er. Ich konnte an dem ſchönen blaſſen Geſichte mich 8 gar nicht ſatt ſehen. „Wie kommt dieß denn aber?“ fragte ich. 3 „Hermine hat ſich vergiftet, mein Herr. Sie hat mich xufen laſſen. Seit einer halben Stunde bin ich hier, und ſeit zehn Minuten iſt ſie todt., nd es gebe , wir traten ak der „ auf dem lumen aber, in die todt!“ e den ſprach id der mich Sie btunde 4.“ 1 6 321 „Sind Sie mit dem armen Mädchen vielleicht verwandt, Fräulein?“ fragte der Arzt. „Bitte um Verzeihung, Herr Doctor, ich bin bloß ihre Freundin.“ „Vielleicht Fräulein Bertha?“ fragte ich. „Ja, mein Herr. Sie kennen mich?“ „Hermine hat mir von Ihnen geſagt.“ Und unwillkürlich erinnerte ich mich der Aus⸗ drücke und der Abſicht, womit Letzteres geſchehen war, und nimmermehr hätte ich damals geglaubt, daß ich Bertha bei einem ſo peinlichen Anlaſſe zum erſten Male ſehen würde. „Es iſt dieſes Mädchen im Elend geſtorben,“ hob der Arzt an;„man muß dafür ſorgen, daß ſie ein anſtändiges Begräbniß bekommt.“ Und er fuhr mit der Hand in die Taſche. Ich aber that ihm Einhalt. „Das geht mich allein an, Herr Doctor,“ er⸗ widerte ich.„Es iſt dieß mehr denn eine Pflicht für mich, es iſt eine heilige Schuld, da ich leider an dem Tode des Mädchens vielleicht auch einige Schuld habe.“ Der Arzt verließ uns mit der Erklärung, daß er bei der betreffenden Behörde dieſen Todesfall an⸗ zeigen werde. Bertha blickte mich an und ſprach: „Wie heißen Sie, mein Herr? „Moritz.“ „Ohl wenn das iſt, ſo bleiben Sie hier, ich habe Ihnen gar Vieles zu ſagen.“ „Von wem werde dann aber ich bezahlt werden?“ fragte die Hauswirthin. Dumas, Novellen. I. 8 2 322 „Von mir,“ gab ich zurück. „Ich zähle darauf.“ Und mit dieſen Worten entfernte auch ſie ſich. Jetzt waren Bertha und ich allein im Zimmer. Durch die Thränen hindurch, die meinen Augen ent⸗ ſtürzten, betrachtete ich die unglückliche Todte. „Oh! ſie hat gräßlich ausgeſtanden!“ murmelte Bertha. Und ſie küßte noch ein Mal ihre Freundin, deren Züge nun aufgehört hatten, die nervöſen Contrac⸗ tionen des Todeskampfs zu zeigen, und etwas Himm⸗ liſch⸗-Ruhiges und Sanftes annahmen. So war Her⸗ mine unendlich ſchöner, als ſie je geweſen. Etwas Freudig⸗Ruhiges ſchwebte auf dem fühlloſen Geſichte, ſo daß man mit einiger Phantaſie die des Körpers entkleidete reine Seele darin erblicken konnte. Es war der vollkommenſte Ausdruck der Unſterblichkeit, den man ſich denken konnte. „Hätte Hermine etwa mit Ihnen über mich ge⸗ ſprochen, bevor ſie ſtarb, Fräulein?“ fragte ich Bertha. Ja.“ 2 „Das arme Mädchen klagte mich da wohl an?“ „Im Gegentheil! Und wenn Sie wollen, ſo will ich Ihnen Alles erzählen.“ Mit dieſen Worten drückte Bertha der Verſtor⸗ benen die Augen zu und warf über deren Geſicht das Ende des Betttuches. Letzteres aber war zu kurz, ſo daß man noch das Obertheil der Stirn und die Haare des ſchönen Kindes ſah, was dieſem Bilde des Todes bis zu einem gewiſſen Grade etwas Le⸗ bendiges verlieh. Zu den Füßen des Bettes lag ein ——·,—-——,., Frauenzimmerkleid, womit die Kranke hatte warm gehalten werden ſollen. Das Futter dieſes Kleides beſtand, wie ich ſah, aus dem ſeidenen Kleide, das Antonin einſt ſeiner Geliebten geſchenkt hatte. Es läßt ſich gar nicht ſagen, welch ſonderbare Gedanken in Einem aufſteigen, wenn man ſo den Körper eines Frauenzimmers, das man geliebt, leblos vor ſich liegen ſieht, und welche Gedanken in meinem Geiſte ſich drängten, als ich das Kleid ſo betrachtete, das zu einem Futter geworden, und deſſen Geſchichte zu⸗ gleich die der Todten gegeben hätte. Ich ſetzte mich zu den Füßen des Bettes, wäh⸗ rend Bertha zu deſſen Häupten ſich auf einen Stuhl niederließ. „Vor einer halben Stunde,“ ſprach letztere wei⸗ ter,„bekam ich von Herminen einen Brief, worin ſie mich bat, alsbald zu ihr zu eilen. Ich kam ihrem Wunſche nach. „Ich fand ſie lächelnd auf ihrem Bette und da⸗ mit beſchäftigt, Sträuße zu binden und Kränze zu flechten. „Was haſt du mir zu ſagen?“ fragte ich haſtig. „Ich ſterbe nun balde, gab ſie zurück, zund habe dich vorher noch ein Mal ſehen wollen. „Ich ſchaute ſie an wie eine Wahnſinnige. „Ahl du verwunderſt dich, daß ich ſo vom Tode ſpreche? fuhr ſie fort. Bis jetzt haſt du eben nur glückliche Leute ſterben ſehen. Der Tod aber, ſiehſt du, iſt das Glück derer, die nie glücklich geweſen. Darum lächle ich bei dem Gedanken, daß ich nun bald dieſer Erde entrückt ſein werde. „Ich muß Ihnen jedoch zu gleicher Zeit ſagen, daß 324 Herminens Freude mit tiefen Seufzern untermiſcht war; denn nahm die Seele den Tod mit Freuden an, ſo empörte ſich die Materie und kämpfte mit aller Kraft der Jugend dagegen an, ſo daß mitten im Lächeln das Geſicht meiner armen Freundin ſich plötzlich zuſammenzog und ſie am Erſticken war. Jetzt mußte ſie den Kopf zurückwerfen und die Blu⸗ men, die ſie in beiden Händen hielt, fallen laſſen. „Aber du leideſt ja gräßlich?⸗ ſprach ich zu ihr. „Das iſt wahr, antwortete ſie, wieder aufath⸗ mend; ‚doch was thut das?⸗ „Jetzt lachte ſie, und als die Kriſe ganz vorüber war, fing ſie wieder an Sträuße zu machen und Kränze zu winden. Es war dieſes Lachen um ſo gräßlicher, als der Schmerz allein das hervorgerufen haben konnte. „Wer ſagt dir denn aber, daß du ſterben werdeſt?⸗ „„Da ſieh her,’ ſprach ſie und zeigte mir zugleich ein Glas, worin noch einige Tropfen von einer grün⸗ lichen Flüſſigkeit hingen.„Weißt du, was das iſt? Gift, und ich habe es getrunken.“ „Ich hob zu weinen an. „Ich will alsbald einen Arzt herbeiholen,“ rief ich, theils um wirklich Hülfe zu ſchaffen, theils um einen Augenblick aus dem Zimmer hinauszukommen, wo ich erſticken zu müſſen glaubte. „Man hat ſchon nach ihm geſchickt,“ verſetzte ſie, bleib nur da.⸗ „Warum haſt du denn aber das gethan?“ rief ich. „Was in aller Welt ſollte ich ſonſt thun?⸗ „Und Hermine blickte mich an und lächelte immer noch. „Ach, lach' doch nicht ſo, Hermine, ich bitte dich um's Himmelswillen; du machſt mir Furcht und thuſt mir weh,“ hob ich wieder an und begrub zu⸗ gleich das Haupt in ihrem Kopfkiſſen; ‚lieber möchte ich dich leiden ſehen... Eine ſolche Luſtigkeit iſt unheimlich. „Dein Wille wird geſchehen, denn ſchon kommen die Schmerzen wieder. Ah! Es ſtirbt ſich nicht ſo leicht! „Hermine ſchien, indem ſie ihre Hand in die mei⸗ nige legte und den Kopf nach der Wand hin drehte, leicht einzuſchlummern; in Wahrheit aber geſchah dieß bloß, um ihre Schmerzen zu verbergen. „Und dieſer Arzt kommt immer noch nicht!' ſagte ich. „Sei ohne Sorge, er wird ſchon kommen. „Aber ſag mir doch, Hermine, was dich zu die⸗ ſem Schritte veranlaßt hat?“ „Nichts einfacher; und wenn du es wiſſen willſt, ſo werde ich dir es ſagen. „Zugleich richtete ſie ſich halb auf, legte ihr Kopf⸗ kiſſen zurecht, ſtützte ſich auf ihren Elhogen und be⸗ gann, während ſie neue Blumen auswählte, um einen neuen Kranz zu winden, ihren traurigen Bericht. „Blaß und ruhig wie eine Todte, ſprach Her⸗ mine: „Wie du weißt, liebe Bertha, ſo habe ich nie viel Glück gehabt. Du weißt, wie Antonin mich verlaſſen, du weißt, wie auch Moritz mich quittirt 326 hat, und wie ich Herrn Antenor habe kennen lernen. Nun ſieh, ſo iſt es eben fortgegangen. Auch konnte dieß ja nicht wohl anders ſein, da ich es nicht ver⸗ diente, daß man ſich ernſtlich mit mir beſchäftigte; es fehlte mir ſowohl das, was man Tugend zu nennen pflegt, als auch das, was man gewöhnlich mit dem Namen Liebe tauft. Ach! vielleicht hatte ich darum keine Tugend, weil ich keine Liebe hatte. Gott weiß, daß ich in meiner Todesſtunde wegen des Geſchehenen weder Andere, noch mich anklage. Es iſt eben eine Nothwendigkeit des Elends, der Corruption und vor Allem der Angewohnheiten. Müßte man für Mädchen meinesgleichen ſorgen, ſo hätte die Welt gar viel zu thun. Meine Eltern haben mich erzogen und in die Lehre gethan. An⸗ ſtatt allerlei dummes Zeug zu machen, brauchte ich bloß einen Beruf zu erlernen. Ich habe das nicht gethan: um ſo ſchlimmer für mich!⸗ „Wiſſen aber deine Verwandten, daß du krank biſt? fiel ich ihr in's Wort. „Nein, ich habe es vermieden, ihnen in irgend einer Weiſe Kunde von meinem Zuſtande zu geben. Habe ich ihnen doch in meinem Leben des Verdruſſes genug gemacht: warum ſollte ich nun ihnen noch mit meinem Tode Verdruß bereiten?“ „Aber du wirſt nicht ſterben, Hermine: es iſt das ein Ding der Unmöglichkeit, du könnteſt nicht ſo heiter, nicht ſo ruhig ſein, wenn du nicht ſo kräftig, und wenn das Gift nicht ſo unmächtig wäre. „„Du glaubſt? verſetzte Hermine, mit ihren großen, durch den Tod bereits biſterartig gefärbten 327 Augen mich anſchauend; ‚aber in meiner Bruſt wüthet ein unauslöſchliches Feuer. Ich klage nicht, weil ich nicht klagen mag, doch leide ich Höllen⸗ qualen.: „Und mit dieſen Worten erfaßte ſie meinen Kopf mit beiden Händen und küßte mich; plötzlich aber zogen ſich ihre Lippen und ihr Geſicht zuſammen; dann fuhr ſie— ſo heftig waren die Schmerzen bei ihr— mit den Händen nach der Bruſt, als wollte ſie ſie zu Atomen zerſtoßen, bis ſie endlich den Kopf abermals zurückwarf. Ein weißer Schaum lag auf ihren Lippen, und es waren ihre Augen faſt er⸗ loſchen. „Ich konnte nur weinen— und weinte auch. Sie aber drückte mir die Hand, ohne Zweifel, um mir zu danken, und brach, den Kopf in ihrem Kiſſen be⸗ grabend, in einen Thänenſtrom aus. „Das arme Geſchöpf! Trotz ihres feſten Willens, trotz der wirklich bei ihr vorhandenen Energie, konnte ſie ſich doch nicht ganz mit den Gedanken befreun⸗ den, daß ſie ſchon ſo jung und noch ſo ſchön ſterben müſſe. „Jetzt war wieder eine der ſchmerzvollen Kriſen vorüber, deren jede ſie dem Tode näher brachte; Hermine wandte ſich alſo wieder zu mir. „Doch, beeilen wir uns k ſprach ſie mit immer ſchwächerer Stimme und in etwas traurigerem Tone. „‚Höre nun, wie ich zu dieſem Schritte gekommen bin! Und du ſelbſt ſollſt— bis Gott es thut— urtheilen, ob ich es anders machen durfte und konnte. Sollte einmal der Zufall dich mit Moritzen zuſam⸗ 328 menführen, ſo ſage ihm, ich habe ihn in gutem An⸗ denken behalten und habe ſterbend ſeiner noch dank⸗ bar gedacht. „Arme Hermine!“ 1 „Sag ihm ferner, daß ich Antenor nicht böſe ſei. Er hat eben gethan, was alle jungen Männer zu thun pflegen. Er hat mir das Anerbieten ge⸗ macht, mich in ein Theater zu bringen, und ich bin, da mir der Gedanke gefiel, mit jener Offenheit dar⸗ auf eingegangen, die vielleicht meine alleinige Tu⸗ gend war. Auch ſieht man auf den Theatern ſo viele Mädchen, die kein Talent haben, daß es gar nichts Befremdliches gehabt hätte, wenn auch ich auf den Brettern erſchienen wäre; übrigens glaube ich ſogar ſelbſt, daß, wenn dieſer Ausweg mir offen geſtanden wäre, ich gewiſſe kleine Rollen ſo übel nicht geſpielt hätte, in denen Gefühl und Koketterie erforderlich ſind. Unglücklicher Weiſe war der Vor⸗ ſchlag, womit Herr Antenor hervorgetreten war, nur ein Vorwand, um mein Liebhaber zu werden. Er ſpeiste ein paar Mal mit mir in einer Reſtauration, wo auch einige ſeiner Freunde ſich einzufinden pfleg⸗ ten, und an einem ſchönen Tage iſt er ausgeblieben. Er hat wohl daran gethan. Das muß ich indeſſen ſagen, daß wir oft herzlich mit einander gelacht ha⸗ ben. Er war ein ſo drolliger und dabei doch ſo gutmüthiger Menſch! Alſo adieu Theater! Doch fing ich allmählig an den Muth zu verlieren; denn ſeit kurzer Zeit hatte ich ſo drei Hoffnungen in's Waſſer fallen ſehen, und es war dieß mehr als ich ertragen konnte. Von Antonin verlaſſen, von Mo⸗ ritzen vergeſſen, von Antenor hintergangen, den doch nichts zwang, mir etwas zu verſprechen, wovon er wußte, daß er es nicht halten könne— denn es iſt und bleibt immer ſchlecht, einem Andern etwas zu verſprechen, wovon man gewiß weiß, daß man es nicht halten wird— beſchloß ich, ſolchem Zuſtande ein Ende zu machen und mich verhungern zu laſſen, ſobald ich kein Geld mehr hätte. „Von den hundert Franken, welche Moritz mir geſchickt, blieben mir noch etliche Fünffrankenſtücke. Ich bezahlte, was ich ſchuldig war, damit durch meinen Tod Niemand zu Schaden käme, und wartete. Als die Hauswirthin ſah, daß Niemand mehr zu mir kam, wurde ſie mir auf's Neue mit ihren Rathſchlä⸗ gen überläſtig. Zuweilen fand ſie mich weinend; ſie erzählte mir den Lebenslauf gewiſſer Frauenzimmer, die, minder hübſch, noch unglücklicher als ich geweſen und nun reich und glücklich wären. Sie hielt mir einen Spiegel vor's Geſicht und ſagte, ich ſolle mich anſehen. Sie band mich durch die Koketterie wieder an's Leben. Sie verſicherte mich, daß, wenn ich ihr gehorchen wollte, ſie mich glücklich machen würde. Ich war jung und ſchön; ich hatte Luſt zu leben. In meinem Alter iſt es ſo ſchwer, ſich mit dem Ge⸗ danken des Todes vertraut zu machen. Ich folgte alſo dem Hunger und dieſer Frau, und dinirte mit dem Manne, zu dem ich ſchon das erſte Mal, als ich Moritz ſah, gehen ſollte. „Allein ich glaube, daß ich nur noch wenige Augen⸗ blicke zu leben habe, und darum muß ich mich mög⸗ lichſt kurz faſſen. „Ach, welches Leben, du mein Gott, wenn das überhaupt ein Leben genannt werden kann! Welche 330 Schmach! welche Einſamkeit! welcher Verdruß! Ver⸗ ſtehſt du das, Bertha! Jedermann gehören zu ſollen, nur ſich ſelbſt nicht! Von einem elenden Weſen abzuhangen, das Einen wie eine Waare verkauft und Einen wie einen Hund behandelt! Dieſes Leben jeden Morgen von Neuem zu beginnen und eine Reihe ähnlicher Tage und Jahre vor ſich zu ſehen! Wie tief muß man nicht gefallen ſein, wenn man dieſe ekelhafte Monotonie des Laſters und des Elends ſich gefallen läßt! Dazu fühlte ich nicht den nöthigen Muth in mir. Ich liebte Niemand und Niemand liebte mich. Eines Morgens ſprach ich beim Erwachen bei mir ſelbſt: Nun iſt es genug! „Ich fragte mich, wozu alles das nütze; welchen Zweck ein ſolches Leben habe. Dann und wann et⸗ liche Gold⸗ und Silberſtücke, ein Kleid, ein Diner, eine Theaterloge, und dann... Nur der Tod allein konnte allem dieſem mit einem Male ein Ende ma⸗ chen und mir wieder ein bischen Selbſtachtung geben. Und ſo kam ich denn wieder auf den Gedanken zu⸗ rück, daß der Tod das Beſte ſei, daß ich ſterben müſſe. „Nun wirſt du mir zwar entgegen halten, daß ich hätte wieder arbeiten ſollen. Allein ich frage: Iſt nicht die Arbeitsliebe das Erſte, was man bei einem Leben, wie das meinige, einbüßt? Trug ich nicht in meiner Kleidung, in meinem ganzen Weſen, un⸗ willkürlich den Beweis meiner Erniedrigung mit mir herum? Welches ehrliche Haus hätte ſich mir ge⸗ öffnet? Mithin war nur der Tod allein möglich; nur wollte ich mir dieß Mal keine Zeit zur Reue, noch den Andern ein Mittel zu meiner Rettung laſſen. Anſtatt mich des Eſſens zu enthalten und ſo den Tod langſam zu erwarten, wollte ich ihm ent⸗ gegengehen. Es däuchte mir, daß ich damit etwas Gutes thäte und daß es beſſer wäre, mit einem Male ein Geſchöpf Gottes zu vernichten, als es im Pfuhle des Laſters und der Verderbniß allmählig zu Grunde gehen zu laſſen. Ich zog den phyſiſchen Selbſtmord dem moraliſchen vor... Wie ich glaube, ſo hatte ich in dieſem Stücke Recht. Ich wurde ausgelaſſen luſtig und dachte an den Tod, wie Andere an die Liebe denken. Durch dieſen Gedanken wurde ich frei: war ich einmal todt, ſo konnte Niemand mehr etwas mir anhaben, und überdauerte meine Schönheit etliche Augenblicke mein Leben, ſo gehörte ſie nur mir allein. Ich hatte nur noch ein Zweiſous⸗Stück, das heißt, gerade noch ſo viel, daß ich einen halben Tag leben konnte, wenn ich nichts als Brod aß. Dieſes Geldſtück war alt und voller Grünſpan; ich ließ es in Eſſig kochen; dann ſchmückte ich mich und putzte mich heraus; das ſchönſte Hemd, das ich hatte, legte ich auch an. Dann ließ ich dich durch einen Ecken⸗ ſteher holen, der ſich von dir für ſeinen Gang be⸗ zahlen laſſen ſollte, da ich in großer Verlegenheit geweſen wäre, wenn ich ihn dafür hätte belohnen müſſen, und trank das entſetzliche Gift.“ „Aber du hatteſt doch eine goldene Armſpange? ſprach ich. ‚Die hätteſt du verkaufen können, das daraus erlöste Geld aber hätte dir das Mittel an die Hand gegeben, noch länger zu leben.: „Hermine lächelte traurig. 332 „Ach! du Gott, ja, man hatte mir es für gutes Gold geſchenkt; wenn ich aber geſchenkt ſage, ſo drücke ich mich unrichtig aus, denn man hatte es mir für etwas Anderes gegeben. „Das iſt der letzte Handel, den ich gemacht“, ſetzte Hermine hinzu und ſchlug die Hände zum Him⸗ mel auf. ‚Dieſen Morgen nun wollte ich die Arm⸗ ſpange verkaufen, weil ich, wie du eben ſelbſt geſagt, glauben mußte, daß ich mit dem daraus zu erlöſen⸗ den Gelde mein Leben würde noch einige Tage friſten können und daß vielleicht Gott unterdeſſen ſich meiner erbarmen würde. Ich wollte ein Recht haben, mich ſelbſt um's Leben zu bringen; denn es ſoll der Selbſt⸗ mord ein Verbrechen ſein. Ich bin zu einem Juwe⸗ lier gegangen und habe ihn gefragt, was er mir wohl für dieſe Armſpange geben könne. Er aber hat mich einige Augenblicke angeſchaut und mit lachen⸗ der, höhniſcher Miene, als hätte er errathen, wie ich zu dieſem Gegenſtande gekommen, geſprochen: Man hat Sie betrogen, mein Kind: dieſer Gegen⸗ ſtand iſt höchſtens fünfzehn Sous werth, da es nur Kupfer iſt. „Es klang dieß in meinen Ohren gerade ſo, als wenn er geſprochen hätte: Mein Fräulein, Sie haben nur noch zwei Stunden zu leben. „Ich habe dem Herrn gedankt und das Bracelet zu dem Preiſe, den er mir dafür geboten, an ihn verkauft. Mit dieſen fünfzehn Sous habe ich Blu⸗ men gekauft; dann bin ich heimgegangen und habe, da mich nichts mehr an's Leben band, mein Vor⸗ haben ausgeführt. „Hermine hatte jenes luſtige Weſen wieder erlangt, 333 das mir ſo ſehr aufgefallen war, als ich in ihr Zim⸗ mer hineintrat. „Das arme Mädchen, das in ihrem ganzen Leben vielleicht nur ein Mal luſtig geweſen, und zwar im Augenblicke ihres Todes! „Wie doch die Freunde meiner Hauswirthin an⸗ geführt ſein werden,“ ſprach ſie plötzlich; ‚denn es glaubten dieſe, daß ich noch viele Tage und noch viele Nächte zu leben hättel'“ „Alle dieſe luſtigen Reflexionen, mochten dieſelben nun wahr oder ironiſch ſein, waren durch gräßliche Schmerzen und Krämpfe unterbrochen: Herminens Bläſſe hatte dabei etwas Geſpenſterhaftes. „Oh,“ hob ſie wieder an, indem ſie die Hände kreuzte und ihre Stimme etwas Kindlich⸗Bittendes annahm, ‚etwas möchte ich um Alles in der Welt haben. „Was denn?e rief ich. ‚Sprich Hermine, und ſo ich kann, ſo ſollſt du es haben. „Es iſt wohl nicht ſehr theuer, immerhin aber wird es für dich zu theuer ſein.“ „Sprich. „Einſtmals ſah ich in ein ganz weißbehangenes Haus, wo mithin ein junges Mädchen geſtorben war, den Sarg hineintragen, worin ſie zur Erde be⸗ ſtattet werden ſollte. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt, daß etwas an und für ſich ſo Trauriges ſo ſchön und gefällig ausſehen könne. Denke dir, es war dieſer Sarg von Mahagoniholz und innen wat⸗ tirt und mit weißem Atlaß ausgeſchlagen. Auch er⸗ innere ich mich noch, daß es mich bei dieſem An⸗ 334 blicke däuchte, es müſſe für eine Sterbende der Ge⸗ danke, daß ſie nach ihrem Tode in einer ſo kokett geſchmückten Wohnung ruhen werde, etwas ungemein Troſtreiches haben. Ich, die ich höchſtens einen ein⸗ fachen tannenen Sarg zu meiner letzten Ruheſtätte erwarten durfte, blieb vor dieſem Luxus des Todes voller Bewunderung ſtehen. Wohlan! auch ich wäre das glücklichſte Weſen von der Welt, wenn man mich nach meinem Tode in einen ſolchen Sarg legte und mit friſchen Blumen, wie dieſe hier, zudeckte.“ „Und indem Hermine dieſen Wunſch äußerte, hatte ſie das gleiche einſchmeichelnde Weſen wie ein Kind, das ein Spielzeug wünſcht und daſſelbe von ſeiner Mutter bekommen will. „Leider! leider! ſprach ich, ‚kann ich dir das nicht geben, arme Hermine.“ „Nun, es ſoll ihr Wunſch erfüllt werden,“ rief ich, ‚dieſen Sarg ſoll ſie von mir bekommen; und bleibt nach dem Tode im Menſchen noch etwas zurück, was fühlt, ſo ſoll dieſes Etwas glücklich ſein und mir es verdanken.“ „Ohl das iſt recht ſchön von Ihnen,“ ſprach Bertha, die Augen abwiſchend.„Doch laſſen Sie mich raſch endigen, ſonſt fehlt es mir an der nöthi⸗ gen Kraft... Hermine wollte weiter ſprechen und mir noch ein Mal zulächeln, aber es hatte die Natur ihr ganzes Recht wieder erlangt. Sie richtete ſich auf Augenblicke auf ihrem Bette auf, packte mich am Arm und ſchrie mir zu: „Ohl rette mich, oh! rette mich. Ich bitte dich flehentlich, ich mag noch nicht ſterben!“ die tre ich erſe um hin⸗ der herl und liche gehü Ver Mat nehn in il wor: frei an e 4 d an, ſchlich welch Geſic ihrige 1/ Ge⸗ okett mein ein⸗ tätte odes väre mich und atte ind, ner das rief ind ück, nir ach Sie hi⸗ nd ur ich „Es war der 335 Körper, der d die Seele feſt entſchloſſen war, treten habe. ich erſchöpf „Und immer verzweiflungsv „Er kann nicht kommen,“ ter Stimme; ‚ich a kämpfte, während daß der Tod einzu⸗ noch kommt der Arzt nicht!’ rief oll. um um ſo ſicherer zu ſterben.“ „Bei dieſem Ge hinaus und ſchrie der Stelle einen Arzt, herbeiholen ſollte. „Sie ſind zugleich mit ihm erſchienen, mein Herr und wiſſen das Uebrige. er Ankunft war Hermine in gräß⸗ lichen Zuckungen geſtorben; kaum gehört zu leben, „Noch vor Ihr Verzerrte, das es Materie den 2 nehmen. Wie Sie ſelbſt geſ in ihrem Lächeln die Wonn wornach ſie ſich ſehnte. frei und hatte ſi an an, ein läſtiges Da Hier ſchwieg B Ich ſchaute die der ihr Herz ülusdruck des aus Leibeskrä und zwa antwortete ſie mir mit habe ihn nicht rufen laſſen, ſtändniſſe ſtürzte ich zum Zimmer ften, daß man auf r den erſten beſten aber hatte ſie auf⸗ ſo verlor ihr Geſicht das Peinlich⸗ hatte, um nach Ueberwindung der Geiſtes wieder anzu⸗ ehen, e der Ruhe ausgedrückt, Ihre Seele war nun wieder ch der Bande entledigt, mein Herr, ſo lag welche ſie ſein gefeſſelt hatten.“ ertha. ſes ziemlich ungebildete Mädchen und eine große Aufregung die ſchlichten und poetiſchen Worte welche ich eben vernommen. Geſicht au ihrige. „Ich danke Ihnen, mein Fräulein,“ ſprach ich wei⸗ eingegeben hatte, Ich deckte Herminens f und es küßte meine Seele chriſtlich die 336 nend und ihr die Hand hinreichend,„Sie ſind eine edle, ſchöne Seele. Rützen Sie das Beiſpiel, das Sie hier vor Augen haben. Ich meinerſeits will den letzten Wunſch des theuren Kindes, das vor uns liegt, erfüllen.“ Man gab mir die Adreſſe des Mannes, der ſol⸗ cherlei Gegenſtände verfertigte. Ich ging zu ihm. Allein es ward mir die Antwort, daß derlei Särge nur auf Beſtellung gemacht würden, ſowie daß der, den ich wünſchte, erſt an dem darauf folgenden Tage fertig ſein könnte. Gleichwohl accordirte ich mit ihm zu dem Preiſe von zweihundertfünfzig Franken und eilte dann zu meiner Mutter, da ich ſelbſt, wie du dir leicht denken kannſt, die Summe nicht beſaß. Meine Mutter hatte nur zweihundert Franken zu Hauſe, und auch dieſe gehörten ihr nicht mehr ganz, da die Bezahlung einer dringenden Schuld ihr wenigſtens die Hälfte davon wegnahm. Ich ſagte, ich müſſe dieſe zweihundert Franken um jeden Preis haben, da ſie für einen Zweck beſtimmt ſeien, den ich als einen heiligen betrachte. Später würde ich ihr ſagen, welche Beſtimmung das Geld bekom⸗ men. Aus meiner tiefen Bewegung erſah meine Mut⸗ ter, daß die Sache von überaus ernſter Bedeutung ſein müſſe; ſie händigte mir alſo die zweihundert Franken ein und behielt, wie ich glaube, nur noch zehn Franken, wovon ſie volle vierzehn Tage leben ſollte. Unterdeſſen hatte Bertha Herminens Verwandte von dem Geſchehenen in Kenntniß ſetzen laſſen, und edle, Sie den uns r ſol⸗ ihm. Särge der, Tage mit anken elbſt, nicht unken mehr d ihr agte, Preis eien, hürde kom⸗ Mut⸗ tung ndert noch eben ndte und 337 eben jetzt komme ich, um die Sache vollends kurz zu machen, von dem Kirchhofe zurück, ſetzte Moritz brüsk hinzu. 3 „Das arme Mädchen!“ ſprach ich zu Moritzen; „ſie ruht doch wenigſtens in dem Sarge, den ſie haben wollte?“ „Ja,“ ſprach er nach einigem Zögern und er⸗ hob ſich. „Was du da gethan, iſt ſchön,“ verſetzte ich und drückte ihm die Hand. Einige Augenblicke ging Moritz in meinem Zim⸗ mer auf und ab wie ein Menſch, den ein peinlicher Gedanke drückt und der ſein Herz gern gegen Je⸗ mand ausſchütten möchte. Endlich blieb er vor mir ſtehen, ſchaute mich an, wie wenn er ein Geſtändniß abzulegen und um Verzeihung zu bitten hätte, und ſprach: „Höre, ich muß dir Alles ſagen, denn es laſtet etwas centnerſchwer auf meinem Herzen.“ „Was haſt du denn noch?“ „Du mußt mir offen ſagen, nicht ob ich ſchlecht gehandelt,— denn ich weiß, daß ich ſchlecht gehan⸗ delt— ſondern ob meine ſchlechte Handlung irgend⸗ wie ſich entſchuldigen läßt.“ „Was iſt es denn? ſprich,“ ſagte ich zu Mo⸗ ritzen, das, was er mir mittheilen wollte, beinahe errathend, 3 „Ich habe dir eben geantwortet, es ſei Hermine in dem Sarge beerdigt worden, wornach ſie ſich ſo ſehr geſehnt.“ „So iſt's.“ „Wohlan! ich habe gelogen.“ Dumas, Novellen. I. 22 338 „Ah!“ „Ja, ich habe gelogen. Als man den Sarg ge⸗ bracht, war Hermine todt, das heißt, unfähig, das letzte Glück zu genießen, wovon ſie in ihrem Leben geträumt, und worauf ſogar ſie ſelbſt nicht gezählt hatte. Ich hatte an meine Mutter gedacht, die durch die Entziehung der bewußten zweihundert Franken in Verlegenheiten aller Art kam, ſo daß ſie faſt geweint hatte, als ſie ſie mir einhändigte— an meine arme Mutter, der ich es ſtets ſorgfältigſt vermieden habe, einen Kummer zu bereiten; ich habe den Lebenden die Todten geopfert. Ich habe Hermine nach ihrem Wunſche mit ihren Blumen begraben laſſen, jedoch in einem Sarge, der mir bloß den vierten Theil ge⸗ koſtet, und habe meiner Mutter das Geld wieder ge⸗ bracht, das ſie ſelbſt ſo nothwendig brauchte. „Nicht wahr, was ich da gethan, iſt recht ſchlecht?“ ſetzte Moritz, mit dem Blicke mich fragend, hinzu; „allein ich bin nun eben nicht reich. Gott weiß, daß ich, wenn ich Herminen ſelbſt ein ſolches Ver⸗ ſprechen gegeben, ich es auch nach ihrem Tode ge⸗ halten hätte; aber ſie iſt verſchieden, ohne daran zu glauben. „Im Uebrigen,“ fuhr Moritz fort, als er ſah, daß ich ſchwieg, und um der Meinung, welche das abgelegte Geſtändniß mir von ihm geben mußte, einen letzten Beweisgrund zu ſeinen Gunſten entge⸗ genzuſetzen,„im Uebrigen war der Sarg, den ich anſtatt des erſten genommen, ſehr ſchön; und dann habe ich auch Herminens Hauswirthin bezahlt.“ „Was du da gethan, iſt ganz natürlich,“ ant⸗ wortete ich Moritzen ſeufzend— denn auf ein ſol⸗ 339 ches Geſtändniß ließ ſich kaum etwas Anderes ant⸗ worten—,„und du haſt dich wie ein guter Sohn benommen. Nur,“ ſetzte ich, ohne es verhalten zu können, hinzu,„nur hatte die arme Hermine allzu ſehr Recht, wenn ſie meinte, ſie habe eben kein lück.“ 1⁴ 4 4 8½ 1 ³ — 8