— 8 — 6——— 29 1 ————————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo on. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. u1—. „„„„— 4„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 4 —j— = = ſ 8H=—————+ez Ausgewählte Werke von Alerander Dumas dem Jüngern. Aus dem Franzoſiſcheun von Dr. Chr. Fr. Grieb. aon * Stuttgart. 4 Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Sophie Printems. 2 Roman von Alexander Dumas dem Jüngern. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Zweiter Band. *ℳ— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. *. 1857. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. —, Sechszehntes Kapitel. Es waren die fraglichen vier Wechſel von dieſem Herrn Legris ausgefüllt und auf Herrn Dogmanns Ordre geſtellt worden. Während der Abweſenheit des Barons hatte man ſie präſentirt, und da ſie nicht bezahlt wurden, ſo waren ſie proteſtirt worden, worauf das Gericht die Sache an ſich genommen und die Verhaftung des Schuldners angeordnet hatte, ſo daß Herr von Merey jeden Augenblick gefänglich eingezogen werden konnte. 6 Der Baron betrachtete die Papierchen eine Weile arf. „Wird doch Alles recht ſein?“ fragte Herr Dog⸗ mann mit wahrhaft claſſiſcher Unverſchämtheit. Herr von Merey aber verzehrte ihn mit den Blicken und fühlte, wie die Zornader ihm ſchwoll und die Röthe der Scham ſeine Wangen bedeckte. „Es iſt Alles vollkommen richtig, mein Herr,“ antwortete der Baron,„und es ſind dieſe Wechſel wirklich von mir; nur muß ich Ihnen bemerken, daß ich das Geld nie bekommen, da ſie mir geſtohlen worden.“ Von wem denn?“ „Von Ihnen ſelbſt!“ „Von mir geſtohlen!“ wiederholte Herr. Dog⸗ mann.„Wiſſen Sie auch, was Sie da ſagen, Herr Baron?“ „Vollkommen. Wohl entſinne ich mich noch, als ob es geſtern geweſen wäre, daß ich Ihnen dieſe Wechſel gab, damit Sie dieſelben discontiren laſſen möchten; es war in einem Augenblicke, wo ich Geld brauchte. Inzwiſchen bin ich verreist, ohne daß Sie mir das Geld gebracht oder die Wechſel zurückgegeben hätten. Ich hatte Vertrauen zu Ihnen. Es iſt mir keinen Augenblick eingefallen, dieſe Pa⸗ piere von Ihnen zurückzuverlangen. Und daran habe ich Unrecht gethan, da ich nun ſehe, welch' fatalen Gebrauch Sie davon machen.“ Mit dieſen Worten nahm Herr von Merey auf dem Kaminſims den Schuldſchein des Bankiers, und fuhr, indem er ihn in der linken, den Wechſel aber in der rechten Hand hielt, alſo fort: „Soll ich Ihnen zeigen, was ein ehrlicher Mann iſt? Ich brauche dieſe Wechſel, die mir gehören, nur zu zerreißen und dieſen Schuldſchein zu behalten — was ich mit gutem Gewiſſen thun kann—, um Sie zum Zahlen zu zwingen; indeſſen glaube ich, daß das Geld eines Spitzbuben nur wenig Glück bringt, und darum will ich es nicht. Sie ſtehlen mir, Herr Dogmann, nicht allein fünfzigtauſend Franken, ſondern auch ein Jahr von meinem Leben, und zwar das beſte, weil letzte. Möge Gott das⸗ ſelbe Ihrem Leben beifügen und mögen Sie dabei proſperiren, aber ich erlaube mir, hieran zu zweifeln.“ Herr von Merey nahm den Schuldſchein ſammt 7 den Wechſeln, zerriß Alles und warf die Stücke ins Feuer. „Nun ſind Sie mir nichts mehr ſchuldig,“ ſprach er. Letztere Worte waren mit der Würde eines Edel⸗ manns geſprochen worden, der einen Lakaien mit Fußtritten aus ſeinem Dienſte jagt. Herr Dogmann merkte das auch, und trotzdem daß er die Frucht ſeiner Unredlichkeit nicht verlieren wollte, ſo wagte er es doch nicht mehr, mit der bis⸗ herigen Frechheit aufzutreten. Er ſuchte zu unter⸗ handeln. „Ich verſichere Sie, Herr Baron...“ „Genug, genug,“ ward er von Herrn von Merey unterbrochen. Zugleich ging der Baron auf die Thüre zu. „Aber ich habe Ihnen ja noch 7,500 Franken zu geben!“ „Die ſchenke ich Ihnen. Es iſt die Lection ſo viel wohl noch werth; nur möchte ich Ihnen, mein lieber Herr Dogmann, freundlichſt gerathen haben, mir ja nie in den Weg zu kommen, indem ich, ſo⸗ bald ich Ihr Haus verlaſſen, Ihnen überall, wo ich Sie treffe, das Geſicht mit meinem Stocke zu zer⸗ arbeiten gedenke.“ Sofort verließ Herr von Merey, der ſchon längſt den Hut aufgeſetzt, den Salon des Bankiers. Letzterer war über dieſe Drohung nicht wenig ver⸗ blüfft, da er wußte, daß der Baron der Mann war, es nicht bei Drohungen bewenden zu laſſen. Und in der That kam es bald darauf zwiſchen den Beiden zu einer Scene, welche dem Bankier höchſt unerwünſcht ſein mußte. Es fuhr nämlich Herr von Merey, eines Tages mit einem ſeiner Freunde durch eine der frequenteſten Straßen von Paris, als er mit einem Male Herrn Dogmann auf dem Trottoir erblickte. Er ließ alsbald anhalten. „Sie erlauben doch, mein Freund?“ ſprach er zu dem neben ihm ſitzenden Herrn. „Geniren Sie ſich gar nicht.“ Und ohne Weiteres ging Herr von Merey auf den Bankier zu und gab ihm, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, ein paar Ohrfeigen, die den Ge⸗ troffenen ſchwindeln machen mußten. Dann ſtieg er wieder in ſeinen Wagen und ſprach zum Kutſcher: „Zugefahren!“ Was den guten Herrn Dogmann betrifft, ſo hatte er bloß das Nachſehen und mußte ſich ſagen, daß man einen ehrlichen Mann zwar leicht beſtehlen könne, aber nicht immer ſtraffrei ausgehe. Auch hielt er ſich vollkommen überzeugt, daß die gleiche Scene wieder aufgeführt werden würde, ſo oft der Baron ihm begegnete.. Das Schönſte bei der Sache aber war wohl das, daß der arme Herr Dogmann ſelbſt die ihn um⸗ ſtehende Menge, die ihn bemitleidete und ihm rieth, beim Gerichte zu klagen, beſchwichtigte. Endlich kam er nach Hauſe, um über ſeine Lage nachzudenken. Er konnte dreierlei thun. Für's Erſte konnte er ſchweigen und Parisverlaſſen, um dem Scandal zu entgehen, den die ſo einfachen Re⸗ preſſalien des Barons fruͤher oder ſpäter machen mußten. ——8 ☛☛̈ D— 28 eñ,— ——— 9 Verließ er aber Paris, ſo mußte er ein blühendes Geſchäft aufgeben, ſo konnte er nicht mehr der reiche Mann werden, der er zu werden hoffte! Und in der Wagſchaale eines Mannes von ſeinem Schlage mußte das Intereſſe den Ausſchlag geben und alles Andere, ſelbſt die Ehre als geringfügig erſcheinen laſſen. Das Zweite, was er thun konnte, war, daß er gegen Herrn von Merey klagbar wurde. Aber es zog eine ſolche Klage nothwendig öffentliche Erklä⸗ rungen nach ſich, und konnte der Baron auch den Dogmann'ſchen Regiſtern nur ſein Wort entgegen⸗ ſetzen, ſo ſtraft man denn doch nicht einen von der Güte ſeiner Sache feſt überzeugten Menſchen ſo leicht Lügen, und wohl konnte Herr Dogmann bei einem ſolchen Kampfe Haare laſſen müſſen. Drittens endlich konnte er in ſich gehen, ſeine ſchlechte Handlung bereuen und die fünfzigtauſend Franken ihrem wahren Eigenthümer wieder zuſtellen. Es war dieß zwar hart, ja ſelbſt demüthigend, in⸗ deſſen war es immer noch das Ehrbarſte, Räthlichſte, Vortheilhafteſte. Nachdem er die Sache ſich mehrere Tage reiflich überlegt, ohne jedoch ſein Haus zu verlaſſen, ging er zu Herrn von Merey. Als man ihn dem Baron meldete, fragte ſich dieſer, die Urſache dieſes Beſuchs nicht ahnend, was denn wohl Herr Dogmann bei ihm zu ſchaffen hätte. Vielleicht wollte er Satisfaction haben? Aber es war dieß gar unwahrſcheinlich... So ließ er denn ſeinen ehemaligen Agenten aus purer Neugierde hereintreten. 10 „Eil ei! mein wertheſter Herr Dogmann,“ ſprach der Baron,„welchem Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Beſuches?“ „Herr Baron, Sie ſind recht grauſam mit mir verfahren.“ „Sie finden?“ „Ja; indeſſen hoffe ich, daß in Ihrem Hauſe...“ „Oh! hier haben Sie nichts zu fürchten, Sie wiſſen das wohl.“ „Dürfte man aber auch den Herrn Baron um ſeine Abſichten fragen?“ „Um meine Abſichten?“ a . „In welcher Beziehung?“ „In Beziehung auf mich.“ Dieſe Worte wurden von Herrn Dogmann mit einer Demuth geſprochen, die wahrhaft rührend war. Was Herrn von Merey betrifft, ſo fing er an zu glauben, daß die Ohrfeigen, die er dem Sohne Jakobs geſteckt, Früchte getragen haben möchten. „Meine Abſichten, mein wertheſter Herr Dog⸗ mann,... aus denen habe ich nie ein Hehl ge⸗ macht.“ „Sie werden alſo, Herr Baron...“ „Ich werde mich,“ fiel Herr von Merey ihm in's Wort,„überall, wo ich Sie treffe, wenn auch zu mei⸗ nem größten Leidweſen, für die Zinſen aus meinen fünfzigtauſend Franken bezahlt machen; und zugleich bemerke ich noch, daß das Kapital dadurch nicht ver⸗ loren geht.“ „Dieß wäre alſo Ihr feſter Entſchluß, Herr Baron?“ —— e nit e 11 „Ja, aber ich bin ſeitdem noch zu einem andern gekommen.“ „Und zu welchem denn?“ „Zu dem Entſchluſſe, Ihnen eine Kugel durch den Kopf zu jagen, bevor ich mich ſelbſt umbringe.“ Stumm vor Schrecken und leichenblaß ſchaute der jüdiſche Bankier den Baron an, den er als einen Mann von Wort kannte. Endlich ermannte er ſich wieder einigermaßen und ſprach mit halbzitternder Stimme: „Nun, ſo will ich meinetwegen nachgeben, Herr Baron.“ Was wollen Sie mit dieſen Worten ſagen?“ „Sie ſollen Ihre fünfzigtauſend Franken wieder haben.“ „Iſt das wirklich Ihr Ernſt?“ „Mein bitterſter Ernſt.“ „Ahl ahl da haben Sie einmal einen verdammt geſcheidten Einfall gehabt, Herr Dogmann; nur Schade, nur Schade, daß er ein bischen ſpät kommt und Ihnen viel Kopfſchweiß gekoſtet zu haben ſcheint.“ Herr Dogmann ächzte, während Herr von Merey ſich eines Lachens nicht erwehren konnte. „Iſt es denn gar ſo ſchwer,“ hob letzterer wie⸗ der an,„von fünfzigtauſend Franken ſich zu trennen, ſelbſt wenn dieſe Einem nicht gehören?“ „Ohl Herr Baron, ſehen Sie, man muß in den Geſchäften geweſen ſein, um das verſtehen zu kön⸗ nen,“ antwortete Herr Dogmann mit einer über alles Lob erhabenen Naivetät. Zugleich zog er lang⸗ ſam und ſeufzend aus einer Taſche die Werthe her⸗ vor, die er ſeinem Gläubiger zuzuſtellen hatte, und 1 warf noch einen traurigen Blick darauf, nicht unähn⸗ lich dem einer Mutter, die ihre Kinder verlaſſen muß. „Meiner Treul das iſt einmal ein Originalkerl,“ 3 ſprach der Baron bei ſich ſelbſt, und es ſoll derſelbe nicht ſagen können, daß ich dieſes Schauſpiel umſonſt gehabt.„Sie ſehen alſo,“ fuhr er laut fort,„die⸗ ſes Geld als Ihr Eigenthum an, mein wertheſter Herr Dogmann?“ „Was wollen Sie, Herr Baron? bin ich doch ein Mann, der Familie hat.“ „Sie haben Kinder?“ „Ja, und auch eine Frau.“ „Die Sie lieben?“ „Viel, viel, Herr Baron.“ „Man kann alſo, wenn man in den Geſchäften i*ſt, wie Sie ſagen, noch Zeit zum Lieben finden.“ „Muß man doch auch ein bischen Freude haben, wenn man für den Beutel geſorgt hat.“ „Was Sie da nicht ſagen, Herr Dogmann!“ „Iſt die reine Wahrheit, Herr Baron.“ „Was zwiſchen uns vorgefallen, thut mir wahr⸗ haftig leid.“ „Wirklich?“ 71 „Für's Erſte, weil man nie einen Menſchen ſchlagen ſoll, der ſich nicht ſchlägt; und für's Zweite, weil Sie im Grund ein recht luſtiger Kerl ſind. Schauen Sie, mein wertheſter Herr Dogmann, hät⸗ ten Sie alſo geſprochen an dem Tage, wo ich bei Ihnen geweſen, ſo hätte ich die Sache von der lu⸗ 13 ſtigen Seite genommen und eben damit wäre dann auch alle Discuſſion weggefallen. Sie ſind alſo nicht ſehr tapfer, wertheſter Herr Dogmann?“ „Ach! wie ſoll ſich denn unſer eines mit einem 5 ſolchen Herrn ſchlagen!“ „Ja, aber ſehen Sie, darin haben Sie Unrecht, Herr Dogmann. Will man Andern ſo garſtige EStreiche ſpielen, wie Sie mir einen geſpielt haben, ſo muß man auch ein bischen Muth beſitzen und auf die Menſur treten können; man muß dann die Frech⸗ heit noch weiter treiben, und eine gute Piſtole oder einen guten Degen in den Dienſt ſeiner Schlechtig⸗ keit ſtellen, wo nicht, ſo muß man eben ſich entſchlie⸗ ßen, ein ehrlicher Menſch zu ſein. Wären Sie etwa zu ſolchem Entſchluſſe gekommen?“ „Bei Leuten Ihresgleichen bleibt nichts Anderes übrig. Kurz, Herr Baron, hier ſind die fünfzigtau⸗ ſend Franken. Beſcheinigen Sie mich dafür gefälligſt.“ Herr von Merey that wie er gebeten worden, während Herr Dogmann ſeinen lieben Banknoten einen letzten Blick des Lebewohls zuwarf. „Für den Fall, daß Sie einen Bankier brauchen ſollten, Herr Baron, will ich mich Ihnen unterthänigſt empfohlen haben.“ Dieß war gar zu köſtlich. Herr von Merey nahm Halſo aus dem Paket, das Herr Dogmann ihm hin⸗ geſchoben, zehn Tauſendfrankennoten heraus. „Mein lieber Herr Dogmann,“ ſprach er,„Sie haben ſich mir einſt gefällig erwieſen, während ich Sie für Ihre Dienſtleiſtungen nicht genug belohnt Zzu haben glaube. Obgleich Sie jetzt in einer ganz andern Lage ſich befinden, ſo nehmen Sie vielleicht 44 dennoch das Honorar an, womit ich mich gegen mei⸗ mas nen ehemaligen Agenten erkenntlich zeigen möchte. die Nehmen Sie dieſe zehntauſend Franken, Herr Dog⸗ mann, kaufen Sie damit Ihrer Frau eine Kleinig⸗ keit, ſuchen Sie nicht allzu ungern ein ehrlicher Mann zu ſein und kommen Sie zu mir, wenn Sie glauben, daß ich Ihnen in irgend etwas dienen könne.“ wal Wäre der Bankier ſeinem erſten Impulſe gefolgt, ſo hätte er dem gnädigen Baron die Hände geküßt. Freudeſtrahlend empfahl er ſich, da er immerhin etwas gerettet hatte. Sie Was Herrn von Merey anlangt, ſo ſah er ſich um vierzigtauſend Franken reicher, in einem Augen⸗ paf blick, wo er nicht mehr darauf gezählt hatte. Jetzt fragte er ſich, ob er dieſe Summe Geldes aufbewah⸗ ren wolle, um ein weiteres Jahr zu leben, oder aber, ob er ſie auf die vier Jahre vertheilen ſolle, die er ſich noch zu leben beſchloſſen hatte. Dank ſeiner Philo⸗ 3 ſophie, die ihm ein gutes Leben wünſchenswerther ich erſcheinen ließ als ein langes, erſchien ihm letzterer. Einfall als der beſſere, und ſo hatte er denn vier ihn Jahre lang ſechzigtauſend anſtatt bloß fünfzigtauſend Franken Renten. übe Indeſſen ſollte er mit Herrn Dogmann noch mehr zu ſchaffen haben.. Etwa einen Monat nach den eben erzählten Be⸗ gebenheiten meldete man ihm den Bankier. Es trat Herr Dogmann in das Zimmer des Barons. Dieſem entging es nicht, daß in der gan⸗ zen Perſon des jüdiſchen Bankiers eine merkliche Ver⸗ änderung vorgegangen war. Es war Herr Dogmann 8 ie — des gan⸗ Ver⸗ nann 15 mager und bleich geworden; auch ſchien derſelbe über die Maßen traurig zu ſein. „Eil was iſt Ihnen denn, lieber Herr Dogmann?“ „Ach! Herr Baron, ich bin gräßlich unglücklich.“ „Sagen Sie mir einmal Ihre Leiden.“ „Ich habe Ihnen von meiner Frau geſagt: nicht wahr?“ „Ja, ia. „Habe ich Ihnen auch geſagt, daß ſie hübſch iſt?“ „Nein; wohl aber haben Sie mir geſagt, daß Sie ſie lieben.“ „Nun rathen Sie einmal, Herr Baron, was mir paſſirt?“ „Sollte Ihre Frau geſtorben ſein?“ „Nein; aber ich hatte einen Freund.“ „Sie... einen Freund!“ konnte der Baron ſich nicht enthalten, ſtaunend zu fragen.. „Ja, ich, Ihr Diener, Herr Baron. Und ſchenkte ich dieſem Freund unbedingtes Vertrauen.“ „Letzteres ging doch wohl nicht ſo weit, daß Sie ihm Geld liehen?“ „Ohl was ſagen Sie, Herr Baron! er iſt mir über fünfzehntauſend Franken ſchuldig.“ „Und er war jung, Ihr... Freund?“ „Achtundzwanzig.“ „Kam er oft zu Ihnen?“ „Jeden Tag.“ „Armer Herr Dogmann!“ „Sie errathen alſo?“ „Warum denn nicht? Er hat Ihnen das Geld geſtohlen, das Sie ihm angeboten, und die Frau, die Sie ihm nicht angeboten.“ „Wie Sie die Sache doch ſo gut wiſſen, Herr Baron! Ja, ſo iſt's... Aber das iſt noch nicht Alles.“ „Vielleicht hat er Ihnen Ihre Frau zurückgege⸗ ben, der Spitzbube!“ „Das wäre noch nichts.“ „Nun, ſo ſagen Sie doch, was geſchehen iſt!“ „Es iſt geſchehen, daß ich im erſten Zorn.. Sie wiſſen ja doch, wie ſanft ich bin.“ „Ja, ich weiß es.“ „ Daß ich im erſten Zorn dieſem Menſchen eine Ohrfeige geſteckt habe.“ „Ganz recht ſo, Herr Dogmann.“ „Wie, Sie ſagen, es ſei das ganz recht geweſen?“ „Ja, und nun bin ich mit Ihnen wieder ganz ausgeſöhnt.“ „Was wollen Sie, Herr Baron? Es war nichts Anderes zu thun.“ „Sie hätten dem Burſchen einen Prozeß an den Hals hängen können.“ „Und meine Ehre, Herr Baron?“ „Aber, mein lieber Herr Dogmann, Sie ſind ja ein wahrer Held geworden! So müſſen Sie es immer machen.“ „Ja, aber wir ſind noch nicht fertig.“ „Ihr früherer Freund verlangt nun Satis⸗ faction, he?“ „Getroffen, Herr Baron.“ „Und ich ſoll...“ „Sie ſollen mein Zeuge ſein. Sie begreifen wohl, daß ich, der ich in ſolchen Dingen nicht rou⸗ tinirt bin, einen Mann brauche wie Sie, damit der⸗ ne 17 ſelbe mir mit Rath und That an die Hand gehe! Und war ich ein ſo glücklicher Mann. Wem habe ich etwas zu Leide gethan, daß man alſo mit mir umgeht?“ „Mein lieber Herr Dogmann, nicht allein bin ich Ihr Zeuge, ſondern ich werde auch einen meiner Freunde bitten, mir zur Seite zu ſtehen.“ „Ich dürfte alſo den Zeugen dieſes elenden Men⸗ ſchen Ihr Haus als den gemeinſchaftlichen Zuſam⸗ menkunftsort bezeichnen?“ „Ja, ich werde ſie Schlag drei Uhr erwarten.“ Hier überlief es Herrn Dogmann am ganzen Leibe eiskalt, da er ſah, daß Ernſt gemacht wurde. „Worauf ſoll ich mich ſchlagen?“ hob der jüdiſche Bankier wieder an. „Laſſen Sie das gut ſein, mein lieber Herr Dog⸗ mann, ich werde das ſchon machen, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß das Duell nicht zu Ihrer Unehre ausgehen wird.“ Den armen betrogenen Gatten aber ſchien dieſe Verſicherung nur wenig zu befriedigen. Siebzehntes Kapitel. Es iſt die menſchliche Natur ein Gemiſch der un⸗ glaublichſten und unerklärlichſten Widerſprüche. Wir ſehen, wie dieſer Herr Dogmann, der es mit ſeiner Chre vereinbar gehalten, Herrn von Merey fünfzig⸗ tauſend Franken zu ſtehlen— eine That, deren er nur ſich ſelbſt anklagen konnte—, es mit ſeiner Ehre. ſchlechterdings unvereinbar hielt, daß ſeine Frau ihm Dumas, Printems. II. 2 untreu werde— woran er ſelbſt doch ſo unſchuldig war wie das Kind im Mutterleibe—; wir ſehen, ſagen wir, wie dieſer Mann, der, öffentlich beohr⸗ feigt und inſultirt, nicht ſo viel Muth in ſich gefun⸗ den, um ſeinen Beleidiger zu fordern, ſich um einer Beleidigung willen ſchlagen wollte, welche der übri⸗ gen Welt bis jetzt unbekannt war und ferner auch unbekannt bleiben konnte. Freilich müſſen wir als⸗ bald hinzuſetzen, daß der Bankier außer ſeinem Gelde einzig und allein ſeine Frau liebte. Es fühlte Herr von Merey eine Art Mitleid für dieſen Mann, der ſich nicht einmal die Mühe gab, ſeine Empfindungen gegen einander abzuwägen; der die größte Unredlichkeit an den Tag gelegt, indem er eine Schuld ableugnete, die größte Feigheit, indem er eine Ohrfeige einſteckte; der ſich dann reuig ge⸗ zeigt, indem er das Geld wiederbrachte, beherzt, in⸗ dem er dem Menſchen, der ihm ſeine Frau verführt, ohrfeigte, und muthig, indem er ſich anſchickte, dem⸗ ſelben Satisfaction zu geben. „Wo wollen Sie nun hingehen?“ fragte ihn der Baron. „Zu einigen Kunden.“ „Sie gehen alſo nicht nach Hauſe?“ „Nein.“ „Gehen Sie nicht eher heim, als bis Sie mich wieder geſprochen.“ „Ich darf alſo wieder kommen, Herr Baron.“ „Ja, in allewege. Muß ich Ihnen denn nicht mittheilen, was wir mit den Zeugen Ihres Gegners ausmachen?“ 19 „Wo werde ich das Vergnügen haben, Sie wie⸗ der zu ſehen?“. „Hier, um fünf Uhr.“ Und der Baron bot Herrn Dogmann eine Hand, die mit größter Dankbarkeit geſchüttelt wurde. „Vergeſſen Sie ja nicht,“ wiederholte Herr von Merey, während er dem Bankier aufmachte,„daß ich dieſe Herren um drei Uhr, Sie aber um fünf Uhr hier erwarte.“ Herr Dogmann entfernte ſich und gab durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er Alles wohl behalten. Als der Baron ſich wieder allein ſah, dachte er zuerſt einige Augenblicke nach und ging dann gleich⸗ falls aus. „Suchen wir nun die Frau auf,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„und ſehen wir, ob ſie werth iſt, daß ihr Gatte um ihretwillen Jemand umbringt oder ſich um⸗ bringen läßt.“ Herr von Merey kannte die Weiber aus dem Grunde und wußte vollkommen, was er von einem Frauenzimmer halten mußte, mit dem er eine Vier⸗ telſtunde geſprochen. Er ließ ſich bei Madame Dogmann melden. Man antwortete ihm, es ſei Madame noch an ihrer Toilette, und bat ihn zugleich, oinige Augen⸗ blicke warten zu wollen. Es war noch früh, das heißt, etwa ein Uhr, mithin war es auch wohl möglich, daß die Bankiers⸗ frau mit ihrer Toilette noch nicht ganz fertig gewor⸗ den; unſer Baron aber, der in Allem, was das be⸗ zaubernde Geſchlecht betraf, wozu Madame Dogmann gehörte, eine ſtarke Doſis Unglauben zeigte, meinte 20 ſo bei ſich ſelbſt, es könne dieſe Dame wohl einen andern Grund haben, nicht ſogleich zu erſcheinen. Für jeden Fall ließ er die Thüre öffen, zu der er hereingekommen war, und die in ein Speiſezimmer führte. Dann horchte er, an den zwiſchen den bei⸗ t den Fenſtern ſtehenden Conſoletiſch gelehnt, und ver⸗ wandte kein Auge von der eben bezeichneten Thüre. Da däuchte es ihm nach ein paar Minuten, daß man in einem der Seitenzimmer flüſtere, und endlich ging ganz leiſe eine Thüre auf, worauf der Schatten eines Mannes ſich durch das Speiſezimmer fortbe⸗ wegte. Dieſer Mann hatte einen Hut auf. „Das iſt einmal ein ungebildeter Menſch!“ ſprach der Baron bei ſich ſelbſt. Anſtatt aber geradewegs auf die Ausgangsthüre zuzuſchreiten, blieb dieſer Mann, der dem Baron etwa ſo alt zu ſein ſchien, wie der Verführer der Bankiersfrau nach Herrn Dogmanns Angabe war, ſtehen, um mit der Zofe zu plaudern. Und wenn der Baron den Liebhaber der Bankiersfrau jetzt auch nicht ſehen konnte, ſo⸗hatte er doch ein gar feines Ohr, ſo daß er das Murmeln der beiden Sprechen⸗ den, wenn auch nicht ihre Worte ſelbſt, vollkommen deutlich hörte.. „Das iſt der Kamerad,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, „ja, das iſt er. Madame Dogmann empfängt ihn noch nach der Scene, die zwiſchen ihm und ihrem Manne vorgefallen. Kein gutes Zeichen für Madame Dogmann!“ In dieſem Augenblick verließ das Individuum, das dieſe Gedanken in ſeiner Seele geweckt, das Zim⸗ inen der mer bei⸗ ver⸗ püre. daß dlich atten rtbe⸗ orach thüre aron der war, wenn auch eines ſchen⸗ nmen helbſt, t ihn ihrem dame duum, Zim⸗ 21 mer. Nun trat Herr von Merey vollends an das auf die Straße hinausgehende Fenſter und ſah dann den Menſchen, den er vor einem Augenblick nur in der Halbtinte des Speiſezimmers erblickt, zum Hauſe hinausgehen. Derſelbe hatte den Hut auf einem Ohre ſitzen und die Hände in beiden Taſchen ſtecken; was ihn weiter charakteriſirte, war, daß er beim Gehen ſich hin⸗ und herwiegte. „Ich müßte mich ſehr irren,“ ſprach der Baron bei ſich ſelbſt,„wenn dieſes Individuum kein Schurke wäre.“ Endlich erſchien die Bankiersfrau. Es war dieſelbe ein recht nettes Weibchen, das recht lebensluſtig, zugleich aber auch etwas dumm⸗ ſchüchtern ausſah. „Der darf man nicht ganz trauen!“ dachte Herr von Merey. Wie man ſieht, ſo verleugnete der Baron ſeinen Charakter auch nicht eine Secunde. „Sie werden verzeihen, mein Herr, daß ich nicht alsbald erſchienen,“ hob Madame Dogmann an, zaber ich erwartete nicht ſchon ſo früh einen Be⸗ ſuch. Zu gleicher Zeit bat ſie Herrn von Merey, Platz zu nehmen, während ſie ſelbſt ſich ihm gerade gegen⸗ über ſetzte in der fragenden Stellung einer Frau, die da wiſſen möchte, was man von ihr will. Der Baron war mit ſeinem Angriffsplan in einem Nu fertig und ſtürmte ſofort mit wahrhaft militäri⸗ ſchem Ungeſtüm auf die arme Frau ein.— „Madame,“ ſprach er,„es ſind die Umſtände ernſt genug. Sie wiſſen, daß Ihr Gatte Jemand eine Ohrfeige gegeben.“ Um ein Haar wäre die Bankiersfrau von ihrem Stuhle aufgefahren. Sie hatte von Herrn von Merey ſprechen hören und wußte, was zwiſchen ihm und ihrem lieben Gatten vorgefallen war; ja ſie hatte ſelbſt dem letzteren ſeine Feigherzigkeit vorgeworfen und ihm bedeutet, daß ſie ihn erſt dann wieder eines Blickes würdigen würde, wenn er ſich für dieſe grobe öffentliche Beleidigung Satisfaction genommen. Da ſei Gott vor, daß ich Madame Dogmann bei dieſem Rath, den ſie ihrem Gatten gab, einen verrätheriſchen Hintergedanken unterſchieben möchte! Sie meinte alſo, es komme Herr von Merey nur wegen des eben erwähnten Vorfalls zu ihr, wenn er nicht, was ja eben ſo möglich war, Geld haben oder ihr den Hof machen wollte; keinen Augenblick aber ließ ſie ſich einfallen, daß er um ihre intimen Er⸗ lebniſſe ſeit den letzten zwei Tagen wiſſe, und noch viel weniger, daß er in ſo roher Weiſe darauf zu ſprechen kommen werde. Ohne ſie zur Beſinnung kommen zu laſſen, fuhr Herr von Merey fort: „Ich kenne die Gründe alle, welche zu dieſer Be⸗ leidigung geführt haben.“ Dieß Mal rührte Madame Dogmann ſich nicht, wohl aber wurde ſie über und über roth und konnte ſich nicht enthalten, die Augen niederzuſchlagen. „Ich vermag mir nicht ſo recht zu erklären, mein Herr,“ ſprach ſie verlegen... „Ohl wenn es nur das iſt, ſo kann Ihnen ge⸗ holfen werden, Madame. Es will Herr Dogmann ſich mit ſeinem Gegner ſchlagen, der mir jedoch, bei⸗ läufig geſagt, ein rechter Schurke zu ſein ſcheint.“ Madame Dogmann erröthete wo möglich noch mehr, warf aber nichts deſto weniger den Kopf in die Höhe, als wollte ſie den Angegriffenen verthei⸗ digen. „Es iſt das eben ſo eine Anſicht von mir,“ ver⸗ ſetzte Herr von Merey.„Ich habe dieſen Herrn vor einer Weile aus Ihrem Hauſe hinausgehen ſehen, und ich geſtehe Ihnen aufrichtig, daß er mir gründ⸗ lich mißfällt.“ Jetzt ſah die arme Frau, daß ſie es mit einem Gegner zu thun hatte, gegen den ſie nicht aufkfommen konnte; ſie begnügte ſich daher auch mit der Frage: „Nun, wo ſoll alles dieß hinaus, mein Herr? Auch vergeſſen Sie nicht, daß ich eine Frau bin.“ „Herr Dogmann iſt bei mir geweſen und hat mich gebeten, ſein Zeuge zu ſein.“ „Und Sie haben eingewilligt?“ „Ja, Madame.“ „Wiel Sie, mit dem er ſich hätte ſchlagen ſollen?“ „Ja, mit dem er ſich aber glücklicher Weiſe(drücke ich mich recht aus, Madame?) nicht geſchlagen hat; denn, ſchauen Sie, ich hätte ihn geliefert, während ich nun allen Grund habe zu glauben, daß er mor⸗ gen nicht der Getödtete, ſondern der Tödtende ſein wird.“ „Der Tödtende!“ rief Madame Dogmann voller Entſetzen. „Ja, Madame.“ „So wird denn das Duell ſtattfinden?“ „Gewiß, und eben deßwegen bin ich ſo frei ge⸗ weſen, Ihnen einen kleinen Beſuch zu machen. Sehen Sie, ich bin kein junger Springinsfeld mehr: ich bin ein ziemlich lockerer Geſelle geweſen, bin aber dabei immer noch ein guter Edelmann und kenne das Leben. Es darf daher auch eine Frau ſich mir an⸗ vertrauen. Wollen Sie offen ſein, Madame, wie ich Ihnen gegenüber es ſein werde?“ „Ich verſpreche es.“ „So frage ich Sie denn, Madame, was geſche⸗ hen ſoll.“ „Wie meinen Sie das?“ „Muß Ihr Gatte oder deſſen Gegner geliefert werden?“ Die Bankiersfrau ſchaute den Baron mit wahrem Entſetzen an. „Sie laſſen mich fürwahr, ſeitdem Sie hier ſind, mein Herr, aus dem Zittern gar nicht hinauskommen,“ ſprach ſie naiv. „Da haben wir wieder einmal die Weiber!“ ſprach Herr von Merey mit lauter Stimme.„Mit ihrem ſchlauen Lächeln bringen ſie, wenn es ſich bei ihnen um die Befriedigung kleiner Herzenslaunen handelt, zwei Männer ſo weit, daß ſie ſich einander das Lebenslicht ausblaſen, und weist man dann mit den techniſchen Ausdrücken auf das Unheil hin, das ſie anrichten können, ſo ſchreien ſie und behaupten, man thue ihnen weh. Stellen wir alſo die Frage kate⸗ goriſch. Sind Sie Herrn Dogmann untreu geweſen?“ Die Bankiersfrau zerfloß in Thränen. „Ich ſchwöre Ihnen, mein Herr...“ „Ohl thun Sie das nicht,“ unterbrach ſie der Baron: Sie weinen und dieß genügt. Sie zeigen 25 ehen damit an, daß es Ihnen leid iſt. Sehen Sie, Ma⸗ bin dame, ich, Ihr Diener, glaube ein bischen mehr an abei die Reue der Frauen als an ihre Unſchuld, und viel das. mehr an ihre Thränen als an ihre Schwüre. Wie an⸗ dem nun aber auch ſein und wie es ſich immer e ich mit Ihrer Schuld oder Unſchuld verhalten mag, ſo viel bleibt gewiß, daß morgen zwei Männer ſich ſchlagen werden, wovon einer Ihr Gatte und der ſche⸗ Vater Ihrer Kinder iſt. „Sie wiſſen das, Sie zweifeln keinen Augenblick daran, da noch vor einer Weile einer von dieſen efert beiden Männern bei Ihnen war, und zwar derjenige, der kein Recht hat, bei Ihnen zu ſein. Nun aber hrem haben Sie, da das Duell einmal eine beſchloſſene Sache iſt, auch daran denken und den möglichen ſind, Ausgang deſſelben in's Auge faſſen müſſen. Sie nen,“ haben zwiſchen den beiden Kämpfenden wählen und eher dem einen als dem andern den Tod wünſchen der!“ müſſen. Vielleicht bereuen Sie Angeſichts einer ſo „Mit ernſten Thatſache Ihren Fehltritt und beten für h bei Ihren Mann; vielleicht haben Sie aber auch genug⸗ unen ſamen Grund, um Herrn Dogmanns Tod als eine under wohlverdiente Strafe und zugleich als das Signal mit einer längſt erſehnten Erlöſung anzuſehen, und wollen das Sie, gleich Aimenen, dem Sieger als Preis zufallen! pten, Oeffnen Sie mir alſo Ihr Herz ganz. Ich be⸗ kate⸗ greife alle deinſen und alle Feinheiten der⸗ en?“ ſelben. Mit dem Augenblicke, wo ich Herrn Dog⸗ mann meine Unterſtützung zugeſagt, habe ich auch bei mir ſelbſt gelobt, daß einer der Beiden todt lie⸗ der gen bleiben müſſe. Suchen Sie ſich einzubilden, ich eigen ſei die liebe Vorſehung und befrage nun, bevor ich 26 mich entſcheide, Ihre Intereſſen und Ihre Neigungen. Welcher von den Beiden darf nicht wiederkehren?“ Madame Dogmann ſchaute Herrn von Merey ſcharf an, konnte aber an der Offenheit des Barons keinen Augenblick zweifeln. Sie entſchloß ſich daher, ihm Alles zu geſtehen. „Sie ſchwören mir, Herr Baron,“ ſprach ſie, „daß Sie von dem, was ich nun ſagen werde, Nie⸗ mand etwas mittheilen wollen?“ „Ich ſchwöre es, Madame.“ „So wiſſen Sie denn, daß ich bei Weitem nicht ſo ſchuldig bin, als man glaubt.“ „Um ſo beſſer, Madame.“ „Ich ſtehe unter einem Einfluſſe, der ſtärker iſt als mein Wille.“ „Wie ſo?“ „Ich muß die Folgen eines augenblicklichen Irr⸗ thums, nicht aber eines wirklichen Fehltritts über mich ergehen laſſen, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß weder mein Herz, noch mein Geiſt bei der Sache geweſen; es iſt meine Schwäche überrumpelt, es iſt meine Unwiſſenheit mißbraucht worden. Als ich Herrn Dogmann geheirathet, da liebte ich ihn nicht, ja— ſoll ich vollends Alles ſagen?— ich achtete ihn nicht einmal ſehr, da ich dachte, daß er durch ehrbarere oder wenigſtens geſetzlichere Mittel zu einem reichen Manne hätte werden können. So wußte ich unter Anderem auch, wie er Ihr Vertrauen miß⸗ braucht hatte: ich ſchämte mich ein bischen für mei⸗ nen Mann. „Auch wiſſen Sie, da Sie meinen Mann kennen, daß derſelbe für eine Frau des Verführeriſchen nicht 0——z2 0O O- S iOͤ SͤSͤnne +⁸⏑ 27 allzu viel hat. Doch liebte er mich— wenigſtens ſagte er ſo— und befriedigte alle meine Capricen; aber wie konnte mir ſeine Liebe, ſeine Zuvorkommen⸗ heit angenehm ſein, da ich einmal alſo gegen ihn geſinnt ſein mußte! „Mein Unglücksſtern wollte es, daß der Mann, mit dem er morgen ſich ſchlagen ſoll, in unſer Haus kam. „Es war dieſer junge Mann unglücklich, und darum konnte ich ihn leiden. Solche, die ſelbſt zu beklagen ſind, lieben es ſtets, Andere zu tröſten, bis ſie endlich von dieſen auch Troſt verlangen. So wurde der junge Mann allmählig mein Vertrauter. Er bemächtigte ſich meines Vertrauens, ich aber wurde erſt dann, als es ſchon zu ſpät war, gewahr, daß ich Unrecht gehabt. Ich war unvorſichtig gewe⸗ ſen und hatte Briefe geſchrieben, die mich zu Grunde richten konnten. Auch drohte er mir damit für den Fall, daß ich das bisherige Verhältniß abbräche. So büßte ich für meinen Fehltritt, indem ich immer wie⸗ der einen neuen darauf folgen ließ. Ich liebe die⸗ ſen Menſchen nicht und kann ihn auch nicht achten, da er auf die ſchwierige Stellung ſpeculirt hat, die er mir bereitet. Er hat die Gaſtfreundſchaft meines Mannes mißbraucht und Geld von ihm entlehnt. Eine Frau, die ſich nur vergeſſen, kann unter ſolchen Umſtänden ſich nicht enthalten, bitteren Gedanken Raum zu geben, bitterer Reue ſich zu überlaſſen. „Was ſollte ich aber thun? „Meinem Manne Alles zu beichten, ging nicht an; zur Schlauheit oder zur Gewalt zu greifen, war noch viel unmöglicher. Endlich iſt es zu dem Auf⸗ 28 tritte von vorgeſtern gekommen. Herr Dogmann hat Alles erfahren. Er hat dieſen Menſchen geohr⸗ feigt und es ſoll nun zu einem Duell kommen. Die Perſon, die Sie vor einer Weile geſehen, iſt wirklich Herrn Dogmanns Gegner. Ich ſelbſt hatte ihn ge⸗ beten, hierher zu kommen, und erſuchte ihn, der Sache keine weitere Folge zu geben; er aber hat ge⸗ ſagt, es müſſe die Sache ihren Lauf haben, nur hat er mir zugleich das Verſprechen gegeben, daß er mei⸗ nen Gatten nicht umbringen wolle, den es ihm ein Leichtes wäre zu tödten, da er, nach ſeiner Ausſage, in allen dieſen furchtbaren Spielen des Todes große Gewandtheit beſitzt. Dafür aber hat er von mir verlangt, daß ich während des Duells mein Haus und meine Kinder verlaſſen und mich an einem Orte einfinden ſolle, den er mir bezeichnet; dort wolle er mich abholen. Ich habe Alles verſprochen, aber, ich ſchwöre es Ihnen, einzig und allein in der Ab⸗ ſicht, Herrn Dogmanns Leben zu retten. Dieß die nackte Wahrheit, Herr Baron; und nun vertraue ich ganz und gar auf Sie. Ich habe eine grauſame Lection bekommen, ohne Zweifel wartet meiner noch eine noch grauſamere,— und doch bereue ich meinen Fehltritt ſchon ſeit langer Zeit. Vielleicht ſtellt Gott Sie auf meinen Lebensweg, um mich vor gänzlichem Verſinken zu bewahren. Was ſoll ich thun? Spre⸗ chen Sie.“ Herr von Merey hatte den Worten der Bankiers⸗ frau mit Rührung gelauſcht. „Sie haben mir noch nicht Alles geſagt, Ma⸗ dame,“ hob er wieder an. „Doch, doch, ich verſichere Sie.“ 29 „Nein, ſage ich, Sie haben gewiſſe Einzelheiten vergeſſen.“ „Ich glaube kaum.“ „Indem dieſer junge Mann Sie entführt— denn die auf morgen projectirte Zuſammenkunft iſt nichts Anderes als eine Entführung— will er Herrn Dogmann Ihre Kinder laſſen?“ „Ja.“ „Zugleich aber gibt er zu, daß Sie etwas Ande⸗ res dafür mitnehmen?“ „Was denn?“ „Ihren Schmuck.“ „Kann es nicht leugnen.“ „Sowie noch eine Summe Geldes, die er ſelbſt beſtimmt hat?“ „Sechzigtauſend Franken,“ gab Madame Dog— mann mit feuerrother Stirn zurück. Jetzt ſtand Herr von Merey auf. „Sie haben mich gefragt, Madame, was Sie zu thun hätten. Hierauf antworte ich, daß Sie der Sache ihren Lauf laſſen und in Alles willigen müſſen, was dieſer Menſch für gut findet, Ihnen zu befeh⸗ len, nur Eines dürfen Sie nicht thun, und es be⸗ ſteht dieß darin, daß Sie morgen während des Duells Ihr Haus nicht verlaſſen. Bleiben Sie alſo fein ruhig zu Hauſe; das Uebrige nehme ich auf mich.“ Achtzehntes Kapitel. Unmn drei Uhr erwartete Herr von Merey, neben ceinem ſeiner Freunde ſitzend, die angemeldeten Zeu⸗ gen. Es erſchienen dieſe Herren eine Viertelſtunde ſpäter, und man mußte ſagen, daß ſie zu dem Manne, den ſie repräſentirten, vollkommen paßten. Der Baron wollte die Sache kurz abmachen. Ohne Zweifel mochte er ſolchen Leuten durch nichts ein Recht geben, ihn auf der Straße oder in einem Salon ſpäter zu grüßen. Gleichwohl bot er ihnen Stühle an. Endlich nahm einer von den beiden Eingetrete⸗ nen das Wort. „Meine Herren,“ ſprach er mit einer Stimme, welche den Baron ohne Zweifel einſchüchtern ſollte, „wir ſind hierher gekommen, um von Herrn Dog⸗ mann oder deſſen Zeugen wegen einer Beleidigung, die er ſich gegen unſern Freund erlaubt, eine Erklä⸗ rung zu verlangen.“ „Die Beleidigung beſtand in einer Ohrfeige, nicht bihe⸗. verſetzte der Baron ruhig. II a.“ „Welche Erklärung verlangt nun dieſer Herr? Eine Ohrfeige iſt etwas, das an ſich ſelbſt klar ge⸗ nug iſt und keiner Erklärung bedarf.“ Dieſe Antwort ſchien der Zeuge gar befremdlich zu finden. Er hatte erwartet, daß es wenigſtens zu einer Erörterung der Abſicht kommen würde, welche den beleidigenden Theil geleitet, und jetzt hatte ſich die Lage ſchon ſo ſcharf gezeichnet, daß eine ſolche Erör⸗ terung kaum mehr möglich ſchien. „Wenn es ſo iſt, verlangen wir die Urſache der Beleidigung zu wiſſen, mein Herr.“ „In ſolchen Fällen iſt die Urſache nichts, die 31 Wirkung Alles. Beſchäftigen wir uns alſo einzig und allein mit der Wirkung.“ Das war einfach und klar. „Nun, ſo bleibt uns nur noch übrig, für dieſe Wirkung Satisfaction zu verlangen.“ „Sie ſind die Beleidigten, meine Herren, alſo ſprechen Sie.“ „Darf unſer Freund die Waffe wählen?“ „Das ſteht ihm vollkommen frei.“ „Er iſt ein capitaler Piſtolenſchütz.“ „So wähle er die Piſtole!“ Hier ſchauten die beiden Zeugen einander an, als ob ſie das Geſprochene nicht verſtanden hätten. „Doch er mag von dieſer ſeiner Ueberlegenheit keinen Mißbrauch machen; es wäre ihm lieb, wenn die Chancen auf beiden Seiten möglichſt gleich wären.“ „Daran thut er unrecht. Hat man als beleidig⸗ ter Theil eine Ehrenſache auszufechten, ſo ſoll und darf man alle ehrlichen Mittel benützen, die Einem zu Gebot ſtehen.“ „Wir wählen den Degen, mein Herr.“ Herrn Merey's Freund ſprach keine Sylbe, ſon⸗ dern begnügte ſich mit einem bejahenden Kopfnicken. „Meinetwegen,“ erwiderte der Baron.„Wann?“ „Wir ſollen Herrn Dogmann Tag und Stunde beſtimmen laſſen.“ „Alſo morgen. Um wie viel Uhr?“ „Um zehn Uhr.“ „Der Ort?“ „Das Wäldchen von Vincennes.“ „Ganz gut, mein Herr, morgen, um zehn Uhr, im Wäldchen von Vincennes.“ Herr von Merey ſtand hier auf, um den beiden Herren begreiflich zu machen, daß er nun nichts mehr ſagen oder hören wolle, und daß ſie gehen könnten. Nun ſtanden auch die beiden Zeugen auf und nahmen vom Baron Abſchied, nachdem ſie eine Adreſſe zurückgelaſſen für den Fall, daß er ihnen vor morgen noch etwas zu ſagen hätte. „Eil wie findeſt du den Kameraden?“ fragte der Zeuge, der das Wort geführt, ſeinen Begleiter, als ſie auf der Treppe waren. „Der macht kurzen Proceß.“ „Sollte der Dogmann Muth haben?“ „Faſt ſollte man es meinen.“ „Jedenfalls hat er Zeugen, die ſich ſehen laſſen können.“ „Ohl nur ein Baron! Und der andere?“ „Der andere hat zwar nichts geſagt, ſchien mir aber ein Geſelle von gleichem Schlag zu ſein.“ „Glücklicher Weiſe hat Anatol es nicht mit die⸗ ſen beiden zu thun, ſonſt wäre er gar übel gebettet.“ „Anatol hat Muth.“ „Hel hel er iſt gewandt, was nicht ganz das⸗ ſelbe iſt.“ Dieſe beiden Herren berichteten Anatol, welchen Erfolg ihre Miſſion gehabt. Um fünf Uhr erſchien der Bankier bei Herrn von Merey. „Es iſt Alles ausgemacht,“ ſprach dieſer zu ihm; „morgen um zehn Uhr müſſen wir an Ort und Stelle ſein.“ Herr Dogmann erblaßte ein wenig. „Kommen Sie präcis halb zehn Uhr zu mir.“ an ſen 33 „Werde nicht ſehlen, Herr Baron, und bin Ihnen zu unendlichem Dank verbunden.“ „Ohl iſt gern geſchehen, mein lieber Herr Dog⸗ mann. Ueben Sie ſich heute noch ein bischen im Fechten, hüten Sie ſich aber, ſich allzuſehr zu er⸗ müden. Morgen alſo!“ „Ja, morgen.“ An dem darauf folgenden Tage, Schlag halb zehn Uhr, ſtand der Bankier in Herrn von Merey's Zimmer. Er hielt Wort, nur klopfte ihm das Herz ein bischen. Er fand den Baron allein und im Schlafrocke. In aller Ruhe rauchte derſelbe Cigaretten. Dieſer Anzug und dieſe Seelenruhe kamen dem jüdiſchen Bankier nicht wenig befremdlich vor. „Es iſt halb zehn, Herr Baron.“ „Ich weiß es wohl.“ „Um zehn Uhr ſollen wir uns ſchlagen.“ „Sollen Sie ſich ſchlagen.“ „Es iſt die Sache alſo verſchoben worden?“ „Sagen Sie vielmehr, daß ſich die Sache ganz anders gemacht hat.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich habe, nachdem Sie geſtern von hier weg⸗ gegangen waren, noch reiflicher nachgedacht.“ „Und dann...“ „Haben Sie Madame Dogmann geſprochen?“ „Ja, Herr Baron.“ „Hat ſie Ihnen geſagt, daß ich bei ihr geweſen?“ ein.“ „Ich bin gleichwohl bei ihr geweſen.“ „Wann denn?“ Dumas, Printems. II. 3 34 „Geſtern um ein Uhr.“ „Darf ich fragen, warum, Herr Baron?“ „Ich wollte ſie kennen lernen. Sie iſt recht hübſch.“ „Leider „Wiel Sie ſagen leider, mein lieber Herr Dog⸗ mann?“ Dem Bankier war ein ſolches Geſpräch rein un⸗ verſtändlich.. err von Merey aber fuhr alſo fort: „Ich wollte das Frauchen auch ein bischen aus⸗ holen und ſehen, ob ſie wirklich ſchuldig iſt, und nun kann ich Ihnen ſagen, daß kein Makel an ihr haftet.“ Herr Dogmann ſchüttelte den Kopf und ſagte damit deutlich genug, daß er allerlei Gründe habe, daran zu zweifeln. „Ich ſtehe Ihnen dafür und ſpreche als Sach⸗ kundiger.“ „Aber die Briefe?“ „Ahl was die betrifft, ſo beweiſen ſie lediglich nichts. Ich ſage Ihnen, wertheſter Herr Dogmann, die Briefe, die Sie gefunden, ſind durchaus kein Beweis. Soll ich Ihnen die ganze Wahrheit ſagen?“ „Gewiß.“ „Nun, ſo will ich Ihnen ſagen, daß ſie dieſen errn Anatol ebenſo wenig liebte, als dieſer ſie ge⸗ liebt hat. Was Sie für Liebe angeſehen, war pure 1 Speculation. Wie kommt es, daß Sie, der Sie ſich auf die Geſchäfte ſo trefflich verſtehen, dieſe nicht geahnt haben?“ „Eine Speculation, ſagen Sie?“ „Sonſt nichts. Hat ein Mann weder Frau, noch 35 Kinder, hat er dabei keine Ehre im Leibe, kein Ver⸗ mögen, keinen Muth, kein Geſchäft; iſt er dazu noch jung, geldlüſtern und nicht übel von Perſon, ſo ſucht er ein Haus wie das Ihrige zu finden, wo die Frau ſich ein bischen langweilt; zuerſt ſtellt er ſich mit dem Manne auf einen guten Fuß und macht der Frau weis, daß er ſie liebe. Iſt dieß geſchehen, ſo compromittirt er ſie auf dieſe oder jene Art, indem er ihr Briefe ſchreibt nach Art derjenigen, die Sie gefunden, um die Frau ſelbſt von ihrer Schuld zu überzeugen, oder indem er Briefe von ihr bekommt (hier zog Herr von Merey ein Päccchen aus ſeiner Taſche heraus) wie die, die ich Ihnen alsbald zu leſen geben werde, und die, ſo hoffe ich wenigſtens, Ihnen klärlich beweiſen ſollen, was ich Ihnen geſagt; endlich entlehnt er im Namen der Freundſchaft Geld vom Manne, oder empfängt ſolches im Namen der Liebe von der Frau, um es mit andern Männern und andern Frauenzimmern ſeines Schlags wieder zu vergeuden. „Nur ſelten kommt es vor, daß Leute ſolchen Schlags nicht in dieſer oder jener Provinzialſtadt ſchon wegen Gaunerei verurtheilt worden und daß ſie nicht ſchon ein paar Jahre in einem Zuchthauſe gedient oder daß ſie nicht ſchon ein paar Mal einen andern Namen angenommen. Sie ſprechen aus einem hohen Tone, ſpielen den Eiſenfreſſer, fechten und ſchießen nicht übel, fordern oder laſſen ſich fordern; im Grunde aber ſind ſie feig, denn, glauben Sie mir, ein armer Menſch, der ſich der Arbeit ſchämt und lieber zu ſolchen Mitteln greift, hat auch nicht Herz genug, um einen Degen in die Fauſt zu nehmen. Entweder iſt das Herz Alles oder nichts. Nun aber kann ich Sie verſichern, daß Ihr Herr Anatol kein Herz hatte. „Gleichwohl hätte er Sie umbringen können, da Sie an Duelle nicht gewöhnt ſind. Dann wäre Ihre Frau Wittwe, Ihre Kinder aber Waiſen gewe⸗ ſen, was ſehr zu beklagen geweſen wäre, da, wenn Sie auch etliche kleine Sünden auf dem Gewiſſen haben, dieſelben doch keinesfalls ſo groß ſind, daß ſie nicht vergeben werden könnten. Ihre Frau und Ihre Kinder haben keine Schuld, und dann verdie⸗ nen Sie jetzt auch ſo viel Geld, daß Sie in ſich gehen und Gutes thun können. Sie ſind alſo ein Mann, der ſeiner Familie nothwendig und der Ge⸗ ſellſchaft nützlich iſt: alles dieß habe ich erwogen und darum noch geſtern Abend über Ihren Herrn Anatol Erkundigungen eingezogen. So habe ich erfahren, was ich Ihnen eben mitgetheilt, ſowie noch manches Andere. Dieſer Herr Anatol war ein recht elender Menſch. Ich kenne den Polizeipräfecten ganz ſpe⸗ ciell, es wäre mir daher auch ein Leichtes geweſen, Ihren Gegner verhaften zu laſſen; aber, ſehen Sie, es iſt nun einmal nicht mein Geſchäft, Andere zur Haft zu bringen. Ich habe es vorgezogen, ſelbſt den Verhörrichter zu machen. Intereſſirt Sie vielleicht meine Geſchichte, mein wertheſter Herr Dogmann?“ „Unendlich, nur vermag ich nicht abzuſehen, wie ſie endet.“ „Sie ſagen, wie ſie endet? Nun, ſie endet ganz einfach, wie Sie alsbald hören werden. „Es hatten die Zeugen des Herrn Anatol mir bei ihrem Weggehen eine Adreſſe gegeben; ich aber hütete mich wohl, ſelbſt zu ihnen zu gehen, da ſie nicht gar ͤ SBeSrASUness n 37 vornehm wohnen müſſen. Doch ließ ich ihnen ſagen, daß es uns lieber wäre, wenn das auf zehn Uhr feſtgeſetzte Duell ſchon um acht Uhr Statt fände, und ſie zugleich fragen, ob ſie mit dieſer Abänderung einverſtanden wären. Ich bekam eine bejahende Antwort, und ſo war ich denn heute Morgen um acht Uhr im Wäldchen von Vincennes.“ „Ohne mich!“ „Ja, ohne Sie. Warum hätte ich auch Sie bemühen ſollen? Sie ſollen ſogleich ſehen, wie es wei⸗ ter ging. Um Herrn Anatol zu ſagen, was ich ihm zu ſagen hatte, brauchte ich nicht nach Vincennes zu gehen. Ich konnte entweder zu ihm gehen oder ihn bitten, daß er ſich zu mir bemühen möchte, oder aber konnte ich mit ihm an einem öffentlichen Orte zuſam⸗ mentreffen. Bei reiflicherer Ueberlegung jedoch wird jeder Verſtändige ſagen, daß ich weder das Erſte, noch das Zweite, noch das Dritte thun durfte. Was hätte die Welt von mir denken müſſen, wenn man mich hätte in das Haus dieſes Menſchen treten ſehen? Noch ſchlimmer wäre es geweſen, wenn man ihn hätte zu mir kommen ſehen; am Allerſchlimmſten aber, wenn man mich an irgend einem Orte in ſeiner Geſellſchaft geſehen hätte. Da endlich das, was ich ihm zu ſagen hatte, einen Wortwechſel zur Folge haben konnte, ſo war es mir eben ſo lieb, wenn Zeugen anweſend waren. Und ſo erſchien ich denn mit meinem Freunde an dem bezeichneten Ort. Faſt zu gleicher Zeit kam die Gegenpartei an, und nun trat ich ungeſäumt auf Herrn Anatol zu. „Mein Herr,“ ſprach ich zu ihm, zes thut mir unendlich leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß das be⸗ abſichtigt geweſene Duell nicht Statt finden kann. Warum denn nicht?“ „Weil ich Herrn Dogmann verboten habe, ſich mit Ihnen zu ſchlagen. „Aus welchem Grunde? „Weil Sie, mein Herr, ein Spitzbube, ein Gau⸗ ner ſind.: „Ich muß geſtehen, daß dieſe Worte auf Herrn Anatol und deſſen beide Freunde einigen Eindruck hervorbrachten. „Aber Sie, wer ſind Sie denn,' erwiderte er, den Kopf zurückwerfend, ‚daß Sie einen Ehrenmann an dem Orte, wo er ſich mit einem andern ſchlagen ſoll, ſo gröblich beleidigen?: „Und es hatte, meiner Treu, der arme Anatol ſo Unrecht nicht. Ich hatte in der Form Unrecht, wenn ich auch mir hinwiederum ſagen mußte, daß die Sache ſelbſt mich aller Formen enthebe. „Ich fuhr alſo fort: „Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen, und dieſe berechtigen mich vollkommen, Sie ſo zu behandeln, wie ich eben gethan. Ich könnte ſogar Sie arretiren laſſen, da Sie ziemlich viel auf dem Kerbholz haben; indeſſen iſt es mir lieber, wenn Sie Ihr Heil anderwärts verſuchen. Sie werden mir alſo das Vergnügen machen, die Hauptſtadt auf der Stelle zu verlaſſen. Sie brauchen nicht nach Ihrer Woh⸗ nung zurückzugehen, da Sie einen Paß in der Taſche haben, vermittelſt deſſen Sie mit Madame Dogmann durchzugehen gedenken. Es thut mir aber leid, in die Schale Ihrer Freude einige Tropfen Wermuth „ 39 gießen zu müſſen, da die Bankiersfrau ſich nicht an dem Orte einfinden wird, den Sie ihr bezeichnet haben; Sie werden darum allein abreiſen müſſen. Vorher aber muß ich Sie noch bitten, daß Sie mir die Briefe zurückgeben, die Sie von ihr bekommen, und daß Sie ſich förmlich anheiſchig machen, ſie künftig in Frieden zu laſſen und weder an ſie zu ſchreiben, noch ihr Haus wieder zu betreten.“ „Wie!“ fiel hier Herr Dogmann dem Baron ins Wort,„er wollte mit meiner Frau durchgehen!“ „Eil freilich, und zwar heute Morgen, nach dem Duell.“ „Und meine Frau hatte darein gewilligt?“ „Die arme Frau! Was ſollte ſie Anderes thun? Sie wollte Sie nicht umkommen laſſen. Ihr Herr Anatol hatte ihr nämlich geſagt, daß er Sie um⸗ bringen würde, wenn ſie nicht einwilligte.“ „Der Elende iſt alſo jetzt bei ihr?“ „Ich glaube kaum. Setzen Sie ſich doch nieder, mein lieber Herr Dogmann, und hören Sie meine Geſchichte gefälligſt zu Ende. Sei es daß Herrn Anatols Zeugen trotz ihres Mangels an Bildung und ihres ſchlechten Charakters nicht ganz ſo ver⸗ ächtlich waren wie er ſelbſt, ſei es daß irgend ein anderer Grund bei ihnen obwaltete, immerhin ſchau⸗ ten ſie, als ſie mich ſo ſprechen hörten, ihn an, als wollten ſie ihm die Antwort dictiren. „Sie ſind von Sinnen, mein Herr,' ſprach er, zich habe von Niemand Befehle zu empfangen. Ich bin hierher gekommen, um mich zu ſchlagen, und da man ſich nicht ſchlägt, ſo gehe ich jetzt, wohin ich mag. Was Herrn Dogmann betrifft, ſo werde ich ihn zu finden wiſſen; der Frau aber, da Sie nun einmal ihr Vertrauter ſind, können Sie ſagen, daß ſie von mir hören werde.“ 5 „Leider muß ich Ihnen ſagen, mein Herr, daß dieß nun einmal nicht angeht. Wählen Sie: ent⸗ weder müſſen Sie mir die Briefe zurückgeben und ſchwören, den Boden Frankreichs nie mehr betreten zu wollen— Sie ſehen, daß ich noch ein recht guter Menſch bin, indem ich an Ihre Schwüre glaube—; oder wandern Sie ins Gefängniß— ich ſelbſt will Sie hinbringen—; oder endlich nehmen Sie, wenn Sie wirklich ſo muthig und tapfer ſind, wie Sie thun, einen von dieſen Degen und ſuchen Sie mich niederzuſtoßen, um zu paſſiren. Ich muß Ihnen aber dabei im Voraus ſagen, daß ich meine Haut möglichſt theuer verkaufen werde.⸗ „Der Teufel ſoll mich holen, mein lieber Herr Dogmann, wenn ich Ihnen ſagen ann, warum ich dem armen Herrn Anatol alſo zuſetzte. Im Grunde genommen, hatte er mir nie etwas zu Leid gethan, und ferner gehen Ihre Angelegenheiten mich von Haut und Haaren nichts an; aber ich hatte nun einmal nichts zu thun, und es war mir dieſer Menſch zum Ekel, wozu noch kommt, daß Ihr Weibchen mich nicht wenig intereſſirt hat. Ich finde es recht nett, Ihr Weibchen. Ich dachte ſo, ich würde ihr keinen kleinen Dienſt erweiſen, wenn ich ſie von dieſem cyniſchen, gehäſſigen Speculanten befreite, der ſie nur compro⸗ mittiren konnte. Kurz, ich hatte nun einmal etwas geſagt, hatte Bedingungen geſtellt. Ich bin ſo eigen⸗ ſinnig wie das eigenſinnigſte bretagner Kind; ich wollte alſo von meinen Forderungen kein Haar breit —.—.,———V—.——.,—— ſd—, AA — * 41 abgehen, nahm einen Degen in die Fauſt und ging vor Herrn Anatol hin und her. „Wie es ſcheint, ſo goutirte er das nicht allzu⸗ ſehr. Nun flüſterten ihm ſeine Freunde etliche Worte ins Ohr, und da ſchwoll ihm mit einem Male die Zornader. Auch er griff jetzt nach einem Degen und ſprach: „So ſei es drum!“ „Und wirklich wußte er mit ſeiner Waffe nicht allzu übel umzugehen. „Sie wären unfehlbar auf dem Platze geblieben, mein wertheſter Herr Dogmann, und das wäre un⸗ nöthig geweſen; oder aber hätte er Ihnen das Leben geſchenkt und dafür Ihre Frau entführt, und das wäre demüthigend geweſen. Ich ließ ihn eine Weile gewähren und glauben, daß ich ſchwächer ſei als er; ich machte Finten und fiel ihm in den Stoß, ſo daß dieſes Duell ganz und gar wie eine Fechtübung aus⸗ ſah. Ich ſtellte mich, als gebe ich eine Blöße; da⸗ durch ließ der arme Herr Anatol ſich fangen, ſo daß er mit aller Macht ausſiel; leider wollte es das Unglück, daß er dabei meinem Degen begegnete, der ihm durch den Leib ging, und es war ſein Staunen ſo groß, daß er daran verſtarb. „Sehen Sie, armer Herr Dogmann, jetzt haben Sie die ganze Geſchichte. Sie können alſo nun ganz ruhig heimgehen zu Ihrem Weibchen. Madame Dogmann kann Ihre Rückkunft kaum erwarten. Geben Sie ihr dieſe Briefe, welche von den Zeugen des Herrn Anatol in einer der Rocktaſchen des Letzteren gefunden und mir eingehändigt worden ſind; und ſagen Sie ihr dabei, daß ſie ſich künftig vor ſolchen Bekanntſchaften hüten ſolle. Was Sie ſelbſt betrifft, mein Wertheſter, ſo machen Sie gute Geſchäfte— je ehrlicher dieß geſchehen kann, um ſo beſſer—, und ſeien Sie glücklich. Ich aber will nun früh⸗ ſtücken, da ich vor Hunger faſt umſinke.“ Ueunzehntes Kapitel. Ein ſolcher Mann war Herr von Merey. Wenn wir ſeine Geſchichte mit Herrn Dogmann ſo weitläufig erzählt, ſo kommt dieß einzig und allein daher, daß wir zeigen wollten, welchen Protector Sophie an ihrem Onkel zu finden hoffen durfte. Da ſich derſelbe in Allem, was er that und dachte, einzig und allein von ſeinen perſönlichen Eindrücken und Capricen leiten ließ, ſo iſt leicht einzuſehen, daß er der jungen Frau ſowohl ſehr nützlich, als auch ſehr gefährlich werden konnte. Sein Leben nur wenig anſchlagend, ſetzte er auch auf das der Andern nur wenig Werth. Nach ſeiner Anſicht war Herr Anatol ein Spitzbube, den Ma⸗ dame Dogmann unmöglich lieben konnte, der dieſe Frau compromittirte, der dieſelbe ihr Lebenlang un⸗ glücklich machen mußte, dem der Bankier die einzigen uneigennützigen Dienſte erwieſen, wozu dieſer in ſei⸗ nem ganzen Leben ſich herbeigelaſſen, und der ſeinem Freunde mit Verrath und Kummer lohnte; nach ſei⸗ ner Meinung verdiente dieſer Menſch nichts Beſſeres als den Tod; er hatte ihn gerichtet und vom Leben zum Tode gebracht, und war feſt überzeugt, ein gutes Werk gethan zu haben. Hätte Madame Dog⸗ — — 43 mann, anſtatt dieſes Herrn Anatol, ihm einen ehr⸗ lichen Mann gezeigt, mit dem ſie glücklicher geweſen wäre als mit ihrem Gatten; hätte er geglaubt, daß Madame Dogmann mit dieſem Manne glücklicher ſein würde als mit ihrem Manne, deſſen Charakter ihm im Grunde nur geringe Sympathie einflößte; hätte er in des Bankiers Tod die Möglichkeit einer glückliche⸗ ren Zukunft für die Frau erblickt, ſo dürfen wir nach dem, was wir von dem Baron bereits wiſſen, keinen Augenblick zweifeln, daß er ſeine Rolle als materielle Vorſehung ganz anders aufgefaßt und die Frau von ihrem Manne befreit haben würde, gleichwie er ſie jetzt von ihrem Liebhaber befreit hatte, da er ſtets von dem Grundſatze ausging, daß das Leben, da es nur kurz ſei, möglichſt glücklich ſein müſſe, und daß man, ſobald man die Macht dazu beſitze, vollkommen berechtigt ſei, ſowohl für ſich, als für Andere die Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, welche dem Glücke im Wege ſtehen. Wir müſſen jedoch alsbald hinzuſetzen, daß er zur Erreichung ſolcher Zwecke nur ſolche Mittel für erlaubt hielt, welche die Welt als mit der CEhre ver⸗ träglich anſieht; und unter dieſen Mitteln erſchien ihm das Duell als eines der beſten, wo nicht als eines der ſicherſten, da man dabei ſein Leben riskirt. Seit dem weiter oben berichteten Erlebniſſe hatten die Theorien und Anſichten des Herrn von Merey ſich auch nicht einen Augenblick verleugnet, und es ging derſelbe dem längſt beſchloſſenen Ende ſeines Lebens ebenſo ruhig entgegen, als er Herrn Anatol entgegen gegangen war. Wollten wir ſagen, daß er, wenn er in eine Kirche trat, einen Vater von ſeinen Kindern um⸗ geben ſah, ein ſchönes erwachſenes Mädchen am Arme ihrer Mutter erblickte, ſich nicht nach anderen Freuden und Genüſſen ſehnte, als die er bisher gehabt zu haben glaubte, und daß ihm dann vor Allem ein anderer Wirkungskreis und ein anderes Ende nicht erwünſcht war, ſo würden wir uns einer Lüge ſchuldig machen; nicht minder aber würden wir in dieſen Fehler verfallen, wenn wir behaupten wollten, daß er in den menſchlichen Leidenſchaften und Lumpereien nie einen Grund gefunden, ſeinen eigenen Lebensweg, den er nun unmöglich mehr ver⸗ laſſen konnte, etwas minder bedauerlich zu finden. Gleichwohl hatte Sophie auf ſeinen Verſtand und ſogar auf ſein Herz großen Eindruck gemacht. Was letzteres betrifft, ſo war es aus allen Stürmen ſeines Lebens ſo ziemlich unverſehrt wieder hervorgegangen. Bevor er ſtarb, wollte er dem ſchönen, keuſchen Weſen noch nützlich ſein, das Gott auf einen ſo ganz andern Lebensweg geſtellt hatte,— auf einen Lebens⸗ weg, der mit dem ſeinigen niemals zuſammenfallen zu können ſchien. Solcher Art war der Eindruck, den ſie gleich Anfangs auf ihn hervorgebracht hatte; noch weit vortheilhafter aber wurde derſelbe, als er erfuhr, welch ächt chriſtliches Opfer ſie Theodor brachte, da ſie für ihren Gatten keine andere Liebe hegte, als die aus ihrem Gehorſam gegen die Rath⸗ ſchläge ihrer Mutter entſpringen konnte, und da ſie von keinen andern Gefühlen ſich leiten ließ, als die ein ehrlicher Menſch ihr einflößen konnte, der, be⸗ reits nicht mehr jung, ohne alle Anmuth und ohne 45 eine jener Illuſionen war, welche eine Frau ſtets bei ihrem Mann ſucht. „Und ich,“ ſprach Herr von Merey, als Madame Printems ausgeredet hatte,„und ich habe in meinem ganzen Leben nie ein weibliches Weſen wie Sophie gefunden, das ich hätte lieben, das ich, wie ich glaube, hätte glücklich machen können, und das mei⸗ nem zerfahrenen und zweckloſen Leben einen In⸗ halt gegeben hätte! Da nun aber ein ſolches Weſen exiſtirt, und da es glücklich zu werden verdient, ſo werde ich um ſo mehr bemüht ſein, zu ſeinem Glücke beizutragen, als ich nur noch kurze Zeit zu leben habe.“ Madame Printems wußte nicht, welcher Mittel der Baron ſich zu bedienen pflegte, ſo oft er etwas wollte, und ebenſo wenig wußte ſie, daß derſelbe nur noch ein Jahr zu leben hatte; ſie ſprach alſo zu ihm: „Ich bitte Sie, Herr Baron, nehmen Sie ſich meiner Tochter an, machen Sie ihrem Gatten jene Dinge begreiflich, die ich ſelbſt ihm nicht ſagen darf, und ſeien Sie im Voraus meines wärmſten Dankes verſichert.“ „Wie kommt es denn aber, Madame, daß Sie eine ſolche Heirath zugegeben?“ „Kannte ich denn den wahren Sachverhalt?“ „Als Sie aber noch vor wenigen Stunden ihn aus dem Munde des Arztes kennen gelernt haben?“ „Da habe ich mich mit aller Macht dagegen ge⸗ ſtemmt. Sophie hat die Heirath gewollt.“ „Sehen Sie, Madame, es gibt Tugenden, die ſo hoch über allem Menſchlichen ſtehen, daß man ſie wie krankhafte Auswüchſe, wie Tollheiten behandeln muß. An Ihrer Stelle hätte ich meine Tochter in ihrem Zimmer eingeſchloſſen und hätte ſie um keinen Preis wieder herausgelaſſen.“ „Da hätte ich aber Herrn Theodor ſagen müſſen, warum ich dieſe Heirath nicht wollte.“ „Nun, dann hätten Sie ihm es eben geſagt.“ „Aber es konnte der arme Mann dadurch in Todesgefahr kommen.“ „Nun, was wäre es auch geweſen, wenn er das Zeitliche geſegnet hätte? Sie hätten ihn dann eben ſterben laſſen. Sehen Sie, Madame, ſein Leben und ſein Tod müſſen Ihnen völlig gleichgültig ſein. Vor Allem müſſen Sie auf das Glück oder doch auf die Nuhe Ihrer Tochter reflectiren.“ „Wir haben gehofft, daß eine ſorgſame Pflege...“ „Ei, was!“ fiel Herr von Merey ihr in's Wort. „Hilft in ſolchen Fällen die ſorgſamſte Pflege etwas? Glücklicher Weiſe aber bin ich jetzt da.“ „Ja, und was wollen Sie thun?“ „Ich werde meinem Neffen ſagen, daß er Ihrer Tochter Gatte nicht ſein könne, ſowie daß er ſie mit Ihnen noch heute wieder heim gehen laſſen müſſe.“ „Welchen Grund werden Sie ihm angeben?“ „Den wahren.“ „Ach, du mein Gott! Thun Sie doch das nicht.“ „Warum denn nicht?“— „Er ſelbſt kennt ſeinen Zuſtand nicht.“ „Dann ſoll er ihn eben erfahren.“ „Er wird es aber nicht glauben wollen.“ „Dafür werde ich ſchon ſorgen.“ as 47 „Aber er wird nie in dieſe Trennung willigen.“ „Dann werde ich ihn dazu zwingen.“ „Wie?“ „Kümmern Sie ſich darum nicht, die Hauptſache bleibt, daß mir mein Vorhaben gelingt.“ Inzwiſchen war man beim Hauſe der beiden Neu⸗ vermählten angelangt; Theodor aber hatte unterwegs ſeiner Frau einige Bruchſtücke aus dem Leben des Herrn von Merey erzählt und derſelben zugleich mit⸗ getheilt, welchen Ausgang daſſelbe haben würde. „Und Du weißt, was Du mir eben geſagt, ganz gewiß?“ hatte Sophie gefragt. „Ganz gewiß.“ „Und haſt nichts gethan, um einen ſolchen Ent⸗ ſchluß zu bekämpfen?“ „Wie kann man auch meines Oheims Ideen be⸗ kämpfen! Was er ſich einmal in den Kopf ſetzt, das muß auch geſchehen.“ veunnu gedenkſt, ihn alſo daran nicht zu verhin⸗ „Man kann einen Menſchen nicht verhindern, die Bahn zu durchlaufen, die ihm das Schickſal an⸗ gewieſen.“ „Allerdings nicht, wenn Gott es iſt, der ihm dieſe Bahn angewieſen, wohl aber dann, wenn der Menſch ſelbſt ſeine Leidenſchaften an die Stelle der Regeln und Geſetze der Natur ſetzt. Ich ſage Dir, Herrn von Merey's Vorhaben darf und wird nicht zur Ausführung kommen. Wie kann ich denn es geſchehen laſſen, daß in einer Familie, die nun die meinige geworden, eine ſolche Sünde begangen wird, daß in derſelben ein ſolches Unglück vorkommt? Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich auf den Le⸗ bensweg des Barons geſtellt und mir ſo Gelegenheit gibt, einen Menſchen, der von der Wahrheit abgeirrt iſt, zu dieſer zurückzukehren.“ „Wie wirſt Du das anfangen?“ „Laß es gut ſein; es wird mir ſchon gelingen.“ Und kaum war Sophie aus dem Wagen geſtie⸗ gen, als Herr von Merey auf ſie zutrat und ihren Arm nahm, um ſie in das Zimmer hinaufzuführen, wo die Gäſte ſich wieder vereinigten. „Ich muß mit Ihnen ſprechen,“ ſagte er zu ihr. „Auch ich habe Ihnen etwas zu ſagen.“ „Ich habe Alles erfahren.“ „Was denn?“ „Welches Opfer Sie bringen.“ „Ohl ein ſolches Opfer iſt ja ganz natürlich.“ „Mit nichten. Wir müſſen ernſtlich mit einander ſprechen, da ich Sie wirklich liebe und Ihr Glück wünſche.“ „Meinetwegen; vorher aber müſſen wir von etwas noch Wichtigerem ſprechen.“ „Wovon denn?“ „Auch ich habe Alles erfahren.“ Und Sophie bewies dem Baron mit wenigen Worten, daß ſeine Zukunft ihr nicht verborgen ſei. „Iſt das wahr?“ fragte ſie ihn. „Jg.“ „Und Sie ſagen, Sie wollen mir nützlich ſein?“ „Ich wiederhole es.“ „Und wenn ich Sie nun in zwei Jahren brauche, wo kann ich Sie dann finden?“. ſen 2 he, 49 Auf dieſe ſchlichten Worte wußte Herr von Merey ſchlechterdings nichts zu antworten. „Ahl ich ſehe ſchon,“ hob Sophie lächelnd wie⸗ der an,„Sie ſind ein böſer Menſch, ein Egoiſt oder ein Narr: wählen Sie ſelbſt. Auch ich liebte Sie recht ſehr; nun aber verhält ſich die Sache anders,“ fuhr ſie im Tone eines Kindes fort:„ich verbiete Ihnen hiermit, mich ferner zu beſuchen und ferner mit mir zu ſprechen; Sie dürfen mir nicht mehr be⸗ gegnen, dürfen mich nicht mehr kennen.“ „Sie ſelbſt aber, Sophie, gehen einem vielleicht noch größeren und jedenfalls näher liegenden Un⸗ glück entgegen, und zwar mit lächelndem Geſicht!“ „Zwei Gründe ſind es, die dabei für mich maß⸗ gebend ſind.“ „Laſſen Sie hören!“ „Mein erſter Grund iſt, daß ich das, was Sie mein Unglück heißen, Wohlthätigkeit gegen meinen Nächſten heiße.“ „Und der andere?“ „Der andere iſt, daß ich mich durch das Gebet nun ſtark weiß. Und nun wollen wir ſchweigen, da man uns hören könnte; ſpäter wollen wir weiter von der Sache reden.“ „Wann?“ „Morgen.“. „So darf ich denn Sie auch ferner beſuchen?“ „Es wird wohl nicht anders angehen, großes Kind.“— Es war das erſte Mal, daß Herr von Merey fühlte, wie alle ſeine materialiſtiſchen Theorien auf ihrer falſchen Grundlage erſchüttert wurden. Und Dumas, Printems. II. 4 wer war der Erſchütterer? Ein junges Mädchen, die vier Mal jünger war als er ſelbſt. Zwei Wört⸗ chen hatten den Zweifler gefällt: die himmliſche Ruhe der jungen Frau, die in ihrer Unſchuld und Keuſch⸗ heit ihn, der faſt ſchon ein Greis war, als ein großes Kind behandelte, machte es ihm klar, daß ſie dazu vollkommen berechtigt, daß ſie ihm unendlich über⸗ legen ſei. Er ſchaute ſie eine Weile mit einer Art Neugierde an. Sophie war ruhig, ſchien glücklich, küßte ihre Mutter, ſtreckte ihrem Manne eine Hand entgegen, hatte für Jedermann ein Lächeln. Mit einem Male fand Herr von Merey, der ſich bis jetzt für einen ſtarken Mann gehalten, weil er gewiſſe Empfindungen niedergekämpft, ſeinem Leben gewiſſe philoſophiſche Bedingungen auferlegt und wie ein wahrer Römer ſeinen Tod vorbereitet, angeordnet, beſchloſſen hatte,— mit einem Male, ſagen wir, fand Herr von Merey ſich winzig klein und faſt lächer⸗ lich dieſer jungen Frau gegenüber, die ohne alles Bedauern und ohne einer Theorie zu bedürfen, nicht allein mit Ergebung, ſondern ſogar mit Vertrauen die Exiſtenz annahm, die Gott ihr anwies, und an deren Schwelle ſchon ihr ein Unglück entgegentrat, das er, Herr von Merey, das er, der ſtarke Mann, als ein unerträgliches betrachtete. „Ich ſehe jetzt,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„daß ich ein recht alberner Menſch war; nicht nur bedarf dieſe Frau keines Menſchen, ſondern wir Alle be⸗ dürfen im Gegentheil ihrer.“ Was Madame Printems ſelbſt betrifft, ſo fühlte ſie, wie alle ihre Unruhe unter dem wonnigen Lächeln 5¹⁴ ihrer Tochter allmählig ſchmolz. Beſitzen doch gewiſſe bevorrechtete Naturen ſo viele und ſo vollſtändige Tugenden, daß kein menſchliches Auge, daß nicht einmal ein Mutterauge deren Quelle zu entdecken vermag, und daß den andern Seelen nichts Anderes übrig bleibt, als daran ſich zu laben, ohne ſie ſich zu erklären. Einige vertraute Freunde, worunter auch Herr von Merey ſich befand, blieben den ganzen Tag bei Theodor und ſeiner Frau. Als der Baron von ſeiner Nichte Abſchied nahm, ſprach er: „Morgen alſo ſehen wir uns wieder.“ „Ja, morgen, und hoffentlich auch ſpäter,“ gab ſie zurück.„Kommen Sie um elf Uhr und frühſtücken Sie mit uns.“ An dem darauf folgenden Tage erſchien Herr von Merey um elf Uhr bei Theodor, der ſich eben vollends ankleidete, um nach eingenommenem Früh⸗ ſtücke ſogleich auf die Kanzlei gehen zu können. „Wo iſt Deine Frau?“ fragte er ihn. „Sie iſt mit ihrer Mutter im Salon, wo wir ſie aufſuchen wollen.“ Dieß thaten denn auch der Oheim und der Neffe. Sie fanden Madame Printems und ihre Tochter neben dem Kamin, wo die beiden Damen mit Sticken beſchäftigt waren. Sobald Sophie ihres Gatten anſichtig ward, ſtand ſie auf, hüpfte ihm entgegen und bot ihm die Stirn hin, worauf dann ein Kuß gedrückt ward, der etwas ſo Väterliches hatte, daß man glauben konnte, es ſeien die Beiden wenigſtens ſchon zehn Jahre mit einander vermählt. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Madame Printems ſchien aufgeräumt, Sophie nicht minder, Herr Theodor aber durchaus zufrieden. Schon hatten alle häuslichen Freuden am Tiſche Platz genommen. Nach dem Frühſtücke wurde noch eine Weile ge⸗ plaudert, worauf Theodor auf ſeine Kanzlei ging, wie wenn der Tag ein ganz gewöhnlicher Tag ge⸗ weſen wäre. „Um vier Uhr werde ich Dich abholen.“ „Ganz recht.“ Er drückte abermals einen Kuß auf die Stirn ſeiner Frau und entfernte ſich, während dieſe ſich wieder an ihren Stickrahmen ſetzte. „Ich will Dich ein bischen begleiten,“ ſprach der Baron zu ſeinem Neffen und gab zugleich Sophien ein Zeichen, daß er dann wieder kommen würde. „So wäreſt Du denn nun ein Ehekrüppel!“ ſprach er zu Theodor, als ſie die Straße erreicht hatten. „Was hältſt Du von dem Eheſtand?“ „Wie Du ſiehſt, ſo bin ich nicht ſo ganz un⸗ glücklich.“ „Kein Wunder: Sophie iſt ein wahrer Engel.“ „Getroffen,“ erwiderte Theodor;„nur iſt ſie es vielleicht ein bischen zu viel.“ Und es begleitete unſer Held dieſe Reflexion mit einem Blick, den ſein Onkel nicht mißverſtehen konnte. hen 5³ Zwanzigſtes Kapitel. Es hatte Herr von Merey Recht gehabt, wenn er von Sophien ſagte:„Nicht nur bedarf dieſe Frau keines Menſchen, ſondern wir alle bedürfen im Gegentheil ihrer.“ In der That, kaum war ſie verheirathet, ſo kam auch in Alles, was zum Hauſe ihres Gatten gehörte, ein neues, unerwartetes Leben, wie wenn es der jun⸗ gen Frau vergönnt geweſen wäre, nach Art einer himm⸗ liſchen Erſcheinung Alles, was ſie anſah, mit einem wohlthuenden Lichte zu erhellen. Das reine Feuer ihrer Seele verbreitete weithin ſeine Strahlen, und auch die dunkelſten Stellen empfanden noch den wohl⸗ thätigen Einfluß derſelben. Madame Printems ſah, wie leicht ihrer Tochter alles Gute wurde, und nun begriff ſie nicht allein, wie dieſelbe hatte zu einer Heirath ſich entſchließen können, die in Folge der bekannten ärztlichen Ent⸗ hüllungen des Lockenden ſo wenig hatte, ſondern es flößte ihr auch die Zukunft nun keine Unruhe mehr ein. Und um dieſe Gewißheit zu erlangen, hatte ſie bloß einiger wenigen Tage bedurft. Man konnte glauben, es habe Sophie bei ihrem Manne eine den übrigen Menſchen bis dahin unbe⸗ kannt gebliebene Seele entdeckt, welche der ihrigen ebenbürtig ſei, und es beſtehe zwiſchen den beiden Seelen ein förmlicher Vertrag, der ein keuſches, geregeltes, ewiges Glück zum Zwecke habe. Es hat wohl ſchon Jeder, der in gebirgigen Län⸗ dern gereist iſt, geſehen, wie jäh abfallende, ſchwarze 54 Felſen des Nachts die Geſtalt unheimlicher Silhouet⸗ ten annahmen und dräuend in die Welt hinaus⸗ blickten. Ihre harten, düſteren Maſſen erdrückten das Auge durch ihr Volum, das durch die Dunkel⸗ heit noch verdoppelt wurde, und es ließen ihre rieſi⸗ gen Klüfte, worin der Wind ſich verfing, ein kläg⸗ liches Stöhnen und Pfeifen hören. Ringsumher ſchien Alles öde, grauſig, unfruchtbar. Als aber das erſte weißliche Morgenlicht den Himmel halb öffnete, da konnte man ſchon ſehen, wie die Granit⸗ ſpitzen unter den erſten Küſſen dieſes blaſſen Lächelns ſich ſenkten. Dann kam das vollſtändige Morgen⸗ roth, und nun fingen die Berge an weich zu werden und in einem roſigen Nebel, jener ſichtbaren Reſpira⸗ tion, jenem wohlthuenden Hauch der Erde bei ihrem Erwachen, zuſammen zu ſchmelzen. Die trockenſten Zacken und Unebenheiten waren nur noch ſchwach zitternde Linien, die unter dem Hauche des Morgens ſich ſo oder anders geſtalteten, und die man ſelbſt nach Belieben formen und modeln zu können ſchien. Claude Lorrain's Palette beſaß das Geheimniß dieſer durchſichtigen Morgenſchimmer. Endlich erſchien die Sonne mit ihren lichten, feſten Strahlen; Alles nahm eine beſtimmte Geſtalt, nahm ſeinen wahren Charakter an, und nun konnte man auf den Felſen, die Einem während der Nacht Schrecken eingeflößt, eine kräftige Vegetation, gang⸗ bare Fußſteige, kühle Grotten, Kornhalme, Rebſtöcke erblicken. Und als dann dieſer Nebel wie ein Gaze⸗ ſchleier ſich ſenkte, konnte man da und dort eine kleine Heerde entdecken, welche dieſe anſcheinende Unfruchtbarkeit ganz ruhig abweidete, während der — — SZSSͤ SR SSe 1—½ 2— 8&—2— — 55 Wind Einem, anſtatt des nächtlichen Klagegeſtöhns, mit dem ſtarken Arom des Thymians und der wil⸗ den Münze die Lieder von tauſend Vögeln zutrug, die in dieſem ſteinernen Bienenkorb ihre Liebſchaften ausſchwatzten. Theodor, bei dem wir zu Anfang dieſer Geſchichte gewiſſe rohe Neigungen, gewiſſe ſchlechte Inſtinkte, ſowie nicht minder Anflüge von Sanftmuth und De⸗ muth vorgefunden haben, glich den Felſen, von denen wir eben geſprochen, ſeit Sophie, einer belebten Mor⸗ genröthe gleich, ſein bis dahin ſo ödes und trauriges Leben erleuchtete. Unter dieſem reinen, zarten Ein⸗ fluſſe ſchwand, wie er ſelbſt fühlte, das Rauhe ſeines Charakters und verwelkte das Unkraut ſeiner durch den Groll einer vernachläſſigten Kindheit gefälſchten Natur. Auch müſſen wir hier ſagen, daß bis zu ſeinem Hochzeittage ein vager Schrecken auf ſeiner Seele gelaſtet und Gefühle, welche die Ruhe ſeines Ge⸗ müthes zu angenehmen, liebenswürdigen gemacht hätte, zuweilen in gehäſſige oder doch menſchenfeind⸗ liche Kundgebungen umgekehrt hatte. Jetzt war dieſer Schrecken verſchwunden; es hatte die Wiſſenſchaft demſelben ein Ende gemacht(was wir davon zu halten haben, wiſſen wir), und nun wollte ſein Gemüth die Befriedigung finden, nach der es daſſelbe ſchon ſo lange verlangte. Gleichwohl blieb, wir müſſen es abermals ſagen, bei Theodor immer noch viel vom Menſchen zurück, und hatte er auch, über ſeinen phyſiſchen Zuſtand beruhigt, ge⸗ wiſſen ſchlechten Dingen als jetzt unnütz den Abſchied gegeben, ſo hatte er doch nicht mit den Leidenſchaften und den Anforderungen gebrochen, die er als Mann und Gatte ein Recht hatte als natürlich und legitim zu betrachten. 3 5 Andererſeits haben wir auf die inſtinctive Schüch⸗ ternheit Sophiens hingedeutet und die Enthüllungen mitgetheilt, die ihr nicht nur ein Recht gegeben, ſon⸗ dern auch die Pflicht auferlegt hatten, in ihrem Gatten nichts als einen Bruder, als einen Freund, als einen Kranken zu erblicken. Und wenn ſie ſich der Aufgabe unterzog, ein Weſen zu pflegen und zu tröſten, das mit einer ekelhaften, ſcheußlichen, ſelbſt von den nächſten Verwandten mit Abſcheu angeſehe⸗ nen Krankheit behaftet war; wenn ſie dieſe Krankheit zu lindern ſuchte; wenn ſie ihr ferneres Leben auf die Rolle einer Mutter und Schweſter bei einem Manne beſchränkte, der auf ein ſolches Opfer lediglich keinen Anſpruch hatte als ſeine Verlaſſenheit, als ſein Allein⸗ ſtehen in der Welt: wenn ſie, ſagen wir, dieß that, unternahm ſie da nicht das chriſtlichſte Werk? Allerdings kannte der Mann, zu deſſen Gunſten es unternommen wurde, dieſes Opfer nicht, und hätte man es ihm enthüllt, ſo wäre es eben damit weggefallen. Nur dann konnte es von heilſamer Wirkung ſein, wenn es unbekannt blieb. Denke man ſich hiezu noch, daß die Zukunft Sophien lediglich keine Entſchädigung verſprach. Sie hatte nur noch ihre Mutter, die nach allen Geſetzen der Natur vor ihr ſterben mußte; ſie ſtand dann alſo ganz allein in der Welt mit ihrem Manne da, bei dem das Alter die Krankheit, die ſie lindern zu können hoffte, nicht nur nicht mindern, ſondern im Gegentheil noch mehr entwickeln mußte, und endlich ſollte ſie nicht — — —— 57 einmal ein Kind haben, um ihr Alter zu tröſten. Welches Recht hatte ſie auch, einem Kinde, welches die Krankheit des Vaters erben mußte, das Leben zu ſchenken? Konnte ſie jetzt, wo ſie die ganze Wahr⸗ heit kannte, mit gutem Gewiſſen ein Geſchöpf, das aus ihrem Schooße gekommen, ja vielleicht eine ganze Generation ſolcher Geſchöpfe zu einem Leben der Qual, der Schande, der Einſamkeit verdammen? Es wäre das ein wahres Verbrechen geweſen. Aus dieſer Ueberzeugung ſchöpfte ihr Geiſt jene Stärke und jene Ruhe, welche Herr von Merey ſo wunderbar gefun⸗ den hatte. Es heirathete bei ihr nur allein die Seele, wie ſie ſelbſt geſagt hatte; ſie widmete dieſelbe dem Dienſte dieſes Unglücks und wollte nur in An⸗ betracht des vielen Guten, das ſie ſo thun durfte, Gattin ſein. Sollte aber der hehren Aufgabe, die Sophie ſich ſtellte, vollkommen genügt werden, ſollte dieſes ſublime Paradoxon ſich praktiſch bethätigen, ſo mußte Jeder⸗ mann ſo rein und ehrlich ſein, um es verſtehen und um es würdigen zu können. Gewiß wußte Madame Printems, was ſie von der Sache zu halten hatte, da ſie darüber erſchrak; höchſt wahrſcheinlich fiel Theodor, wenn er es früher oder ſpäter erfuhr, ſeiner Frau zu Füßen und ſegnete ſie wie eine Heilige; und offenbar bezweifelten Männer von Verſtand wie Herr von Merey, oder Männer von Gefühl wie Max Hübert, auch nicht einen Augenblick die Reinheit der Beweg⸗ gründe, welche zu dieſer Heirath geführt. Aber es leben nun einmal auf dieſer Erde noch andere Men⸗ ſchen, und gar viele Läſterreden, gar viele Verleum⸗ dungen, gar viele Bosheiten haben ihren Grund in dem Müſſiggang der Einen und in der Zweifelſucht der Andern, in den Intereſſen dieſer und in dem Haſſe jener. Vielleicht hat Sophie nicht nur eine fromme Miſſion zu erfüllen, ſondern auch viele Kämpfe zu beſtehen, vielen Gefahren die Stirne zu bieten. Einen Troſt hat ſie: ihre Mutter; und einen Be⸗ ſchützer hat ſie: den Baron; was aber noch mehr iſt als alles dieſes, das iſt, daß ſie ſich ſelbſt beſitzt. Unterdeſſen ſcheint, wie wir aus den letzten Ein⸗ zelheiten des voranſtehenden Kapitels erſehen haben, Alles den Entſchlüſſen, die ſie gefaßt, günſtig zu ſein. Und damit dieß ſo kam, bedurfte es von ihrer Seite durchaus keiner ungewöhnlichen Anſtrengungen. Theodors Leidenſchaft iſt nicht ſtark genug geweſen, um mit der bewundernswürdigen Argloſigkeit dieſes Engels, der, wie er ſelbſt ſich ausdrückt, es ein bis⸗ chen zuviel iſt, einen Kampf einzugehen. Aber man kann nicht einen Monat lang mit einer Frau wie Sophie in Berührung kommen, ohne daß die Seele ein Zartgefühl dabei gewinnt, das ihr bis daher völlig unbekannt geblieben. Als am Abend des Hochzeittages Theodor allein um ſeine Frau geblieben; als dieſe keuſche, ruhige, vertrauensvolle Jungfrau ihm, wie zuvor ihrer Mut⸗ ter, die Stirn hingeboten und mit ihrer ſilberhellen, friſchen Stimme geſprochen:„Jetzt gute Nacht, lieber Freund, morgen ſehen wir uns wieder“; da hat er nicht ſo viel Muth beſeſſen, um ſie zu erinnern, daß er nun ihr Gatte geworden und durch den Segen des Prieſters ein Recht erlangt, den morgenden Tag bei und neben ihr zu erwarten. Er hatte ſich damit 59 begnügt, ihr gerührt die Hand zu küſſen und zu ihr zu ſagen:„Sophie, lieb' mich ein wenig; was mich betrifft, ſo lieb' ich außer dir nichts auf dieſer Welt;“ dann hatte er, ohne ein Wort hinzuzuſetzen, ſein Zimmer aufgeſucht. Als er ſich wieder allein ſah, hatte er nachge⸗ dacht, hatte er ſich im Spiegel beſchaut, hatte er ſich traurig geſtanden, daß er keineswegs ſchön wäre, daß er für die Phantaſie eines jungen weiblichen Weſens nichts Beſtechendes hätte, daß es ſchon viel wäre, daß Sophie ihr Schickſal an das ſeinige ge⸗ knüpft. Zwar ſtimmte ihn dieſes nothgedrungene Selbſtgeſtändniß etwas traurig, andererſeits aber ſagte er ſich auch, daß er ihr nicht ganz gleichgültig ſein könne, da ſie ihn einmal zu ihrem Manne ge⸗ nommen; daß doch nun nichts mehr ſie zu trennen vermöge, daß Sophie vielleicht noch gar viele Dinge dieſes Lebens nicht wiſſe, ſowie daß er der Zeit und der Gewohnheit es überlaſſen müſſe, ſein Glück zu einem vollſtändigen zu machen. Wie man ſieht, ſo hatte der arme Theodor auch ſeine gute Seite. Von dieſem Tage an pflegte Sophie, die da glaubte, daß ihr Gatte der Zerſtreuung und eines ſtillen, zufriedenen Lebens bedürfe, alle ſolche Per⸗ ſonen, von denen ſie wußte, daß er ſie leiden konnte, um ihn zu verſammeln. Schon nach einer Woche war Theodors Haus zu einem Mittelpunkt ſtiller, einfacher, harmoniſcher Genüſſe geworden. Was Herrn von Merey betrifft, ſo hatte er für ſeine Nichte alsbald eine wahrhaft väterliche Liebe gefühlt, und ihrerſeits war Sophie in dem Bewußt⸗ ſein, daß ſie auch hier ein gutes Werk zu verrichten habe, unverweilt zur Ausführung geſchritten. Sie hatte von ihm einen täglichen Beſuch verlangt; ſie fing an, ihn nach ihrem Willen zu lenken, lehrte ihn an häuslichen Freuden Geſchmack finden, ſchuf ihm eine Familie, und bewies ihm endlich, daß er ohne Duelle, ohne Leidenſchaften, ohne große Ausgaben leben, und zwar beſſer, ehrbarer, glücklicher leben— könne. Ganze Abende hörte der Baron ihrem Cla⸗ vierſpiele zu, während Theodor neben dem Kamin irgend eine Arbeit für ſein Miniſterium fertig machte, und Madame Printems mit Max Hübert plauderte, der ſelbſtverſtändlich mit ſeiner Schweſter als Haus⸗ freund behandelt wurde. An den Tagen, wo er kam, blieb Katharine bei ihrem Vater; und verlangte es Sophie, Katharine zu ſehen, ſo blieb er zu Hauſe. Man ahnt wohl leicht, daß die beiden Jung⸗ frauen(wir können Maxens Schweſter und Theo⸗ dors Frau immerhin mit dem gleichen Ausdrucke be⸗ zeichnen),— man ahnt wohl leicht, daß die beiden Jungfrauen ſich zu einander hingezogen fühlen mußten. Katharinens Unglück, ihr Muth, ihre Ergebung: alles das war dazu angethan, ihr Sophiens Liebe zu gewinnen, für immer zu gewinnen. Auch hier ſah ſie eine Gelegenheit, des Guten viel zu thun, und zwar mußte es mit Geduld, ja ſogar geſchickt gethan werden, wenn die edle Würde Maxens und Katharinens nicht verletzt werden ſollte. Esgefiel ſich Sophie, als wäre dies ihr wahres Element, in der Hoffnung, das Unheil verwiſchen zu können, 2&& 61 welches Ereigniſſe, Natur, Zufall, Verlaſſenheit, Elend um ſie her angerichtet hatten; ſie hielt ſich für ſtark genug, um ihren Gatten glücklich machen, die Theorien ſeines Oheims umſtürzen, Katharinens Ge⸗ ſundheit durch ein behaglicheres Leben wieder her⸗ ſtellen und Maxens Zukunft begründen helfen zu können. Sie liebte die träumeriſche, ſentimentale, würdige Seele Maxens, die an Hingebung und Re⸗ ſignation ſo unendlich reich war. Es erinnerte der junge Dichter ſie an Lucian. Es däuchte ihr, daß ihr Bruder, wenn er noch am Leben wäre, jetzt wie Max ſein müßte. Gar bald war es ihr durch ihre Offenheit gelungen, ſein Vertrauen zu erlangen. Oft ſprach er mit ihr über den dichteriſchen Drang und Ehrgeiz, den er ſich gezwungen geſehen zu verbannen. In ſolchen Augen⸗ blicken ermuthigte ſie ihn und ließ ihn beſſere⸗Zeiten hoffen, anſtatt ihn von ſeinen dichteriſchen Verſuchen für immer abzuhalten. Und immer ſchied der junge Mann ſtärker und glücklicher von ihr, immer wurde er in ihrer Nähe um einen Hoffnungsſtrahl reicher, und dieſer hielt ihm bis zum andern Tage das Herz warm. 3 Einundzwanzigſtes Kapitel. Von Zeit zu Zeit beſuchte auch Sophie, während Theodor auf ſeiner Kanzlei war, Maxens Schweſter, die neben dem Bette ihres Vaters zu arbeiten pflegte, da nun der alte, blödſinnige Mann nicht einmal mehy aufſtehen konnte. In dieſem Hauſe pflegte dann die junge Frau neue Kraft zu ihrem Werke der Reſignation und der Hingebung zu holen. Stets kam ſie von da mit dem Bewußtſein zurück, daß das, was ſie ſelbſt zu thun habe, gar leicht und einfach ſei im Vergleich mit Katharinens Aufgabe; ſie fragte ſich entſetzt, was aus dem Mädchen werden müßte, wenn ihr Bruder, ihre einzige Stütze, ihr durch den Tod genommen würde; aber ſie dankte auch Gott, der das Mädchen auf ihren Lebensweg geführt, ſo daß ſie ihr im Nothfall eine Schweſter ſein konnte. Aus den Reden Katharinens, die keinen Augen⸗ blick aufhörte das Benehmen ihres Bruders zu rüh⸗ men und denſelben zu ſegnen, kannte ſie das Leben des jungen Mannes in den unbedeutendſten Einzel⸗ heiten. Und ſie ſah da ein, daß Max noch weit größere Opfer brachte als ſeine Schweſter Katharine. In der That, es hatte der junge Mann auf jede andere Liebe und Thätigkeit verzichten müſſen, wenn ſolche ſeiner zartfühlenden Seele auch noch ſo er⸗ wünſcht war. Sophie ahnte beim Anblick dieſer armſeligen Wohnung, welche Gedanken die ſchlaflo⸗ ſen Nächte des jungen Mannes ausfüllen mußten, wenn er nach den trockenen Arbeiten des Tages allein auf ſeinem Zimmer war; gerührt las ſie die harmoniſchen, der übrigen Welt unbekannten Zeilen, in denen er ſein übervolles Herz, wenn auch zweck⸗ und reſultatlos ausſchüttete; mit jedem Tage liebte und bemitleidete ſie mehr dieſes junge Herz, dem alle Genüſſe der Jugend verſagt waren, dieſen ur⸗ kräftigen Geiſt, der ſo jämmerlich verkümmern mußte, ohne der Welt genützt zu haben, dieſes unbekannte, naturwüchſige Talent, das aus Mangel an Luft und 63 Raum dem Tode geweiht war; ſie ſuchte vergebens in ſeiner Nähe jenen Strahl der Liebe, deſſen jede wahre Poeſie bedarf, um fruchtbringend zu ſein. Die Gedanken des Dichters hatten ſtets etwas Trauriges, bisweilen ſogar etwas Verzweiflungs⸗ volles, nie aber athmeten ſie Hoffnung, wenigſtens jene zeitliche Hoffnung nicht, welche Gott dem Men⸗ ſchen gönnt, welche der Menſch meiſtens nur auf ephemere und vergängliche Dinge anwendet, die ihn eines Tages fliehen müſſen, während unſeres Erden⸗ wallens aber für die Seele ebenſo viele wohlthuende Raſtorte ſind. Max dagegen ließ dieſe Hoffnung da beginnen, wo Andere ſie endigen laſſen, das heißt, beim Tode, den er kein Recht hatte herbeizuwünſchen, da ſein Leben zwei Weſen nützlich war, die ohne ihn nicht leben konnten. Mit einem Worte, Max beſaß Ta⸗ lent, Ehrgefühl, ein gutes, warmes Herz, Religion; es fehlte ihm an keinem jener Gefühle, die für den Menſchen eine Quelle des Glückes ſind; nicht min⸗ der wußte er ſolche Gefühle zu wecken, und doch war es ihm unmöglich glücklich zu ſein. In Sophiens Augen war er tauſend Mal mehr zu beklagen als Katharine. Für's Erſte ſchien es unſerer ſanftmüthigen Heldin, daß das Weib mehr als der Mann berufen ſei zum Entſagen. Indem ſie Katharinens Seele nach ihrer eigenen beurtheilte (worin ſie vollkommen Recht hatte), ſah ſie dieſelbe zu keinem ſo ſchweren täglichen Kampfe verurtheilt wie Max. Und dann hatte auch Katharine jene wohlthätigen periodiſchen Anfälle von Irrſinn, die ſie eine Zeitlang wieder von den Mühen dieſer Erde befreiten und in eine Feenwelt verſetzten, nach der das arme Mädchen ſich immer zurückſehnte, wenn der Verſtand bei ihr wiederkehrte und ſie in ihrem Paradieſe aufſuchte. Katharine ſelbſt ſagte oft zu Sophien, wie ſie mit wahrer Freude dieſe Augenblicke der Vergeſſen⸗ heit wiederkehren ſähe. Das Intereſſanteſte bei der Sache war wohl, daß ſie dieſelben immer ein paar Tage vor ihrem vollſtändigen Eintreten ahnte. Dann pflegte das arme Mädchen zu ſagen:„Ich verfalle nun wieder in Irrſinn,“ oder„ich werde nun wie⸗ der närriſch,“ ganz wie eine Andere geſagt haben würde:„Ich werde nun glücklich ſein.“ Sie hatte allmählig ihre Umgebung ſo ſehr überzeugt, daß dieſer augenblickliche Irrſinn wirklich ein glücklicher Zuſtand ſei, daß, wie bereits geſagt, ihr Bruder ſelbſt über dieſe Kriſen nicht mehr erſchrak, ſondern im Ge⸗ gentheil gleich ihr ſich darüber freute. Gleichwohl bedurfte Katharine in jener Zeit ihres ganzen Verſtandes, um ihren Vater pflegen zu kön⸗ nen, über den der Tod nach und nach kam, der ſein Bett gar nicht mehr verlaſſen konnte, bei dem das Athmen noch das einzige Lebenszeichen war und mit dem es jeden Augenblick ausgehen konnte und mußte. Keine Bewegung, keine Geberde, ja ſogar kein Blick mehr bei dem Greiſe! Und doch fuhr dieſer, ſei es daß ſelbſt in ſolchem Zuſtande der Auflöſung die Seele noch Eindrücke von der Außenwelt erhält und daß Gott ſie durch dieſe erdrückende Materie hindurch das Gute ahnen läßt, das er ihr thun will, gleich⸗ wie es der Sonne gelingt, den troſtreichen Reflex ihrer Strahlen, wovor frei umhergehende Menſchen 65 ſich ſchützen, bis in das dunkelſte Kerkerloch dringen zu laſſen; ſei es daß Sophiens perſönliche Einwir⸗ kung von der Art war, daß ſelbſt der Tod derſelben ſich nicht zu entziehen vermochte:— immerhin, ſa⸗ gen wir, fuhr der ſterbende Greis, als Sophie ſein Zimmer zum erſten Mal betrat, zuſammen, wie wenn er ſich plötzlich erwärmt fühlte; zugleich öffnete ein blaſſes Lächeln ſeine Lippen halb, wie wenn er im Geiſte ſähe, daß dieſe Frau die Weſen, die er ge⸗ liebt, einſt glücklich machen würde. Es war dieß die letzte Lebensäußerung dieſes armen Körpers. Als Sophie dieſen Zuſtand des Greiſes ſah, da dachte ſie, daß das ewige Zuſammenleben mit Ka⸗ tharinen Maxens Freiheit allzuſehr beeinträchtige, und machte, um die Lage der ihrer Theilnahme ſo würdigen Freunde möglichſt erträglich zu machen, den Plan, Katharine zu ſich zu nehmen, ſobald ihr Vater ihrer Pflege nicht mehr bedürfte, das heißt, wenn Gott ihn endlich zu ſich nähme. Dieſer Tod, der bei ihrer gewohnten Ergebung in den Willen der Vorſehung, ſowie bei dem Zu⸗ ſtande des Kranken ſelbſt ihnen nicht als ein Unglück erſcheinen konnte, erſchloß ihnen zugleich möglicher Weiſe glücklichere Tage. Fürs Erſte wurde dadurch, die Sache ganz vom materiellen Standpunkt aus betrachtet, die Laſt der beiden Kinder bedeutend erleichtert, und zweitens konnte dann Katharine ein ganz anderes Leben füh⸗ ren,— ein Leben, wozu ſie ſich, ſo lange ihr Vater lebte, nie verſtehen konnte. Es ſollte Katharine Sophiens Freundin und Schweſter werden, Max Dumas, Printems. II. 5 Kanzlei nicht in Anſpruch nahm, eine Freiheit er⸗ langen, die für ſeine Jugend nothwendig, ſeinem Talent nützlich, für ſein Herz von glücklichen Folgen ſein konnte. Sophie ſelbſt kannte die Liebe nicht und ſollte ſie wahrſcheinlich nie kennen lernen; allein ſie wußte gar wohl, daß ſie eine Ausnahme von der allgemei⸗ nen Regel war und daß dieſem zärtlichen Gefühle Freuden und Genüſſe innewohnen, deren die gewöhn⸗ lichen Menſchen ſich nur ungern und nicht ohne Schmerz enterbt ſehen; denn es war Katharine jung und konnte nicht allein wieder geſund, ſondern bei einer günſtigen äußeren Lage auch wieder ſchön wer⸗ den; Max aber war jung, und ſo lag denn lediglich kein Grund vor zu der Annahme, daß die beiden Geſchwiſter, nachdem ſo ſchwere Prüfungen über ſie ergangen, der Wohlthaten jener allgemeinen Har⸗ monie nicht würdig wären, wovon die Liebe eines der erſten und mächtigſten Elemente iſt. Da dann Katharine ſich nur allein noch mit ih⸗ rem Bruder zu beſchäftigen hatte, der liebe⸗, nicht aber opferbedürftig war und nichts dabei verlor, wenn in ſeiner Schweſter Herz ein neues Gefühl auf⸗ ging, ſo konnte ſie ein edles Herz zu finden hoffen, das ſie verſtand und liebte; Max aber konnte, da er ſich fortan in einer unabhängigen Stellung ſah, nur noch an ſich ſelbſt zu denken hatte und durch Theo⸗ dors Einfluß unterſtützt zu werden hoffen durfte, auf ſeinem Miniſterium vorrücken und dann gleich⸗ falls ein einfaches, braves, hingebungsvolles Mäd⸗ chen zu ſeiner Lebensgefährtin finden und ſo endlich aber ſo in den Stunden, die die Arbeit auf der 67 in eine der ſeinen würdige Seele alle die Gefühle ausſchütten, die er jetzt gewaltſam zurückdrängen mußte. Wie man ſieht, ſo hatte Katharine ihrer neuen Freundin nicht Alles geſagt, ſonſt hätte Sophie et⸗ was von der myſteriöſen, unverſtandenen, unnützen Liebe erfahren, die ſich Maxens in dem Hauſe be⸗ mächtigt, wo er einſt Hofmeiſter geweſen, und der er ſeit jener Zeit mit der frommen Hartnäckigkeit aus⸗ erleſener Seelen in myſteriöſer Weiſe ſein Leben ge⸗ weiht hatte. Dieſes Geheimniß hatte Max ſeiner Schweſter in einer jener Stunden anvertraut, wo das Herz denen, die da leiden, unwillkürlich überläuft; er hatte ſie beſchworen, es in ihrem Herzen als ein unver⸗ letzliches Heiligthum zu bewahren, und wie ſüß auch die Bande der Freundſchaft waren, welche Katharine an Sophie knüpften, ſo glaubte ſie doch kein Recht zu haben, ihr dieſes Geheimniß zu enthüllen. Und ebenſo wagte es Sophie, trotz des edlen und from⸗ men Charakters der Hoffnungen, denen ſie ſich im Intereſſe ihrer neuen Freunde überließ, noch nicht, mit ihnen darüber zu ſprechen, weil ſie fürchtete, ſie möchte die Würde ihres jetzigen Unglückes verletzen und es möchten die Beiden, da dieſelben ſie erſt ſeit ſo kurzer Zeit kannten, das, was bereits ein Bedürf⸗ niß ihrer freundſchaftlichen Liebe war, für ein Al⸗ moſen ihres natürlichen Wohlthätigkeitsſinnes halten. Ebenſo wenig hatte Sophie ihrem Gatten etwas von ihren Plänen geſagt. Nicht als ob ſie den⸗ ſelben für unfähig gehalten hätte, dabei mitzuwirken, wohl aber mußte ſie fürchten, daß er vielleicht nicht alle zarten Nüancen derſelben alsbald begreifen 68 könne; vielleicht auch mußte ſie der Beſorgniß Raum geben, daß die Liebe zu ſeiner Frau auf dieſe Freund⸗ ſchaft ſcheelſüchtige Blicke werfen dürfte. Sie wollte ihm erſt beim Tode des alten Hübert Alles erzählen. Für jetzt lebte ſie nur ihrem Manne allein, ihm widmete ſie alle ihre Zeit, ihm galten alle ihre Ge⸗ danken, in ſofern ſie ſich mit ſeinem Glück be⸗ ſchäftigte. Was Theodor betrifft, ſo ſchien ihm in der er⸗ ſten Zeit ſeines Eheſtandes das Leben, das ſeine Frau ihm bereitete, ganz und gar zu behagen: er ſchien glücklich zu ſein. Anfänglich war ſeine Schüch⸗ ternheit über die Hinderniſſe gerſchrocken, die ſeiner Liebe in der himmliſchen Schamhaftigkeit und Un⸗ ſchuld ſeiner Frau entgegentraten, und es fühlte der arme Mann, der niemals geliebt hatte, der vor Al⸗ lem niemals geliebt worden war, wie er keineswegs im Beſitze der zarten Mittel ſich befand, deren ſein Herz bedurft hätte, um Sophie ganz und gar die Seinige nennen zu können; als er aber allmählig in die reine Atmoſphäre eindrang, in der ſie lebte, da war es ſeiner Phantaſie und ſeinen gemeinen Em⸗ pfindungen ebenſo ergangen, wie es den an die un⸗ geſunden Ausdünſtungen der Städte gewöhnten Lungen zu ergehen pflegt, wenn ſie plötzlich die friſche, geſunde, würzige Luft der Gärten und der Felder des Südens einziehen. Er hatte gefühlt, wie in ſeinem Herzen Empfindungen keimten, aufgingen, ſich entfalteten, die ihm bis daher unbekannt geweſen waren,— Empfindungen, deren Blüthen er pflückte, und deren würzigen Duft er mit wahrem Wonnege⸗ 69 fühl einathmete. Sein Herz ſchwoll und erſchloß ſich Freuden und Genüſſen, die er jeden Augenblick ſich wieder entgehen zu ſehen fürchtete, da ſie ſo zart, ſo unendlich zart und ſo ganz immateriell waren. Er ſagte keiner Seele etwas davon, da er ſie nicht abſchwächen wollte; und dann fürchtete er auch, daß man ihn zum Beſten haben möchte. Und ohne Zweifel hätte er auch denjenigen, die er zu ſeinen Vertrauten gemacht hätte, als ein höchſt lächerlicher Menſch erſcheinen müſſen. Hatte er doch nichts an ſich, was ſolche Poeſie, ſolchen Schwung gerechtfer⸗ tigt hätte. Wozu brauchte er aber auch außer ſich noch einen Vertrauten, da dieſe Empfindungen nur für ihn allein geſchaffen waren? Es durfte alſo Sophie glauben, daß man ſie verſtehe, ohne daß ſie nähere Erklärungen voraus⸗ geſchickt. Sie war glücklich und zugleich ſtolz auf die Umwandlung, die in Folge ihres Einfluſſes mit dieſer Seele vorgegangen war; und Abends, wenn die beiden Gatten ein paar Stunden mit einander geplaudert, wobei Theodor fortwährend ihre Hände gefangen zu halten und ihr mit einer Art Ekſtaſe in’s Geſicht zu ſchauen pflegte, war er gewohnt, ſie mit den Worten zu verlaſſen, die ſie ſelbſt zuerſt ge⸗ ſprochen:„Morgen ſehen wir uns wieder!“ War dann der Morgen gekommen, ſo pflegte Theodor um die Stunde, wo er ſeine Frau wach glaubte, leiſe an ihre Thüre zu pochen, worauf ſie ihn hereinkommen hieß; dann wurde wieder ein paar Stunden geplaudert, und ſo allgewaltig und unwider⸗ ſtehlich fand er den Zauber ihrer keuſchen Intimität, 70 daß er auch bei den langweiligen Arbeiten, die ſei⸗ ner jeden Tag auf der Kanzlei harrten, unter dem Einfluß deſſelben zu ſtehen fortfuhr.. Offenbar influirte dieſer Seelenfrieden auch auf Theodors materielles Leben, ſo daß Sophie zu Herrn von Blarü, der immer noch ein Hausfreund war, nicht ſelten ſagte:„Nun, Herr Doctor, was ſagen Sie jetzt? Sehen Sie doch, wie glücklich und zu⸗ frieden mein Mann iſt, ſehen Sie doch, wie wohl er ſich befindet!“ „Es hat das ſeine Richtigkeit, Madame,“ pflegte dann Herr von Blarü zu antworten,„und ohne Zweifel hat Gott in ein Frauenherz Mittel gelegt, um welche die Kunſt viel Geld gäbe; gleichwie Sie aber das Uebel mit Ihrer Liebe, Ihrer Pflege, Ih⸗ ren Worten einſchläfern, ebenſo könnte auch der ge⸗ ringſte Kummer es wieder wach rufen; und zwar müßte es dann um ſo intenſiver auftreten, je mehr es während des langen Schlafens Kräfte geſammelt hätte. Es folgt die Natur unwandelbaren Geſetzen. Gebe Gott, daß Ihr frommes Werk Ihnen gelingt. Leider, leider aber— und ſollten Sie mich abermals des Materialismus beſchuldigen, wie Sie zuweilen thun— fürchte ich gar ſehr, daß Sie ſcheitern. Auch bin ich ein Hausfreund von Ihnen geblieben, damit Sie zu meiner großen Hingebung und zu meinem geringen Wiſſen Ihre Zuflucht nehmen können, ſo⸗ bald Sie einſehen, daß Sie Ihrer Aufgabe nicht ge⸗ wachſen ſind und Sie mich nöthig zu haben glauben.“ War es nur darum, daß Herr von Blarü ſo häufig in Sophiens Haus kam? Unglücklicher Weiſe müſſen wir es mit dem Arzte 4 71 halten und glauben, daß er ſich keineswegs täuſchte, wenn er ſo trüb ſah. Es ſind einige Indicien da, welche uns nichts Gutes ahnen laſſen. Es hatte Theodor mit ſeiner Tante nicht ganz brechen können, und eben dieſe Frau ſollte zu den unglücklichen Ereigniſſen mithelfen, welche Herr von Blarü weiſſagte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Es gehörte die eben genannte liebenswürdige Tante nicht zu jenen Seelen, denen ein Zuſtand wie der eben beſchriebene lange zu entgehen vermag. Sie hatte Herrn von Blarü gefragt, und es hatte der Arzt, dem nichts lieber war, als das, was er wußte, auszukramen, kein Hehl aus ſeinen Wahr⸗ nehmungen gemacht. Sagen wir zum Lob der Tante, daß ſie dieß Mal das Böſe unbewußt that. Sie zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit ihrer Muthmaßungen. Zuweilen ſind böſe Menſchen, enürdih nur in ſchlechten Dingen, vieler Offenheit ähig. Da ſie weder Sophiens Opfer begreifen, noch daran glauben konnte, ſo erblickte ſie nur eine ge⸗ ſchickte Berechnung darin. In den Traditionen ih⸗ res Skepticismus und in den Theorien ihres Lebens fand ſie gar leicht die Gründe einer ſolchen Berech⸗ nung. Ihr Neffe flößte ihr jenes begönnernde und zugleich verächtliche Mitleid ein, wozu die Leute, 72 hrer Ueber⸗ ſo legenheit überzeugt, ſich ſelbſt die Berechtigung geben b Das Reſultat der Beſuche im Hauſe ihres Neffen der Beobachtungen, die ſie dort anſtellte, der Ge⸗ nn danken, die dadurch in ihr geweckt wurden, war nun ſo folgendes: m Madame Printems ſei eine recht verſchlagene th Mutter, Fräulein Printems aber eine recht hübſche ih kleine Spitzbübin geweſen, die ſich in ihrer Provinz b gelangweilt habe, die, da ſie ſelbſt vermögenslos ge⸗ w e einen Mann bekommen in Paris leben zu können. ze Theodor ſei ſo dumm geweſen, um die ſpitz⸗ al bübiſche Tochter zu werben; man habe ihn alsbald ei willkommen geheißen und aller entgegenſtehenden C Gründe ungeachtet geheirathet. Nun man ſeinen b. Zweck erreicht, habe man ihn zum Beſten, und wäh⸗ u. rend er ſelbſt ſeine Frau wie eine Schweſter achte J und wie einen Engel anbete, verliere dieſe ihre Zeit r. nicht, ſondern kokettire bereits mit dem ſentimentalen ſi Max Hübert unter dem Deckmantel freundſchaftlicher v Theilnahme, was dieſer Dummkopf von Theodor nicht 2 einmal merke. Man müſſe ihm klaren Wein ein⸗ ſchenken, damit könne man ihm einen Dienſt erweiſen. u. Sie könne nimmermehr zugeben, daß man ihn in b ſolcher Weiſe lächerlich mache u. ſ. w. 1 Solches waren die An⸗ und Abſichten der wackern L Tante.. d Zuerſt ſprach ſie mit Herrn von Merey darüber, d und zwar mit einem gewiſſen Vertrauen. Sie ſchien d ihn um Rath fragen zu wollen, damit er ihr einen 31 73 ſolchen Skandal— ſo drückte ſie ſich wörtlich aus— beſeitigen helfen möchte. Da kam ſie aber an den unrechten Mann. Nicht nur bewunderte Herr von Merey die Neuvermählte, ſondern er betete ſie an und nahm ſie gegen Jeder⸗ mann in Schutz. Er nahm die vertraulichen Mit⸗ theilungen ſeiner Schwägerin höchſt übel auf, erklärte ihr, daß ihre Nichte in jeder Beziehung eine acht⸗ bare Perſon ſei, ſowie endlich, daß er nie zugeben werde, daß man ihre Ehre im Geringſten antaſte. Dieſe Antwort war für ſie nicht nur nicht über⸗ zeugend, ſondern brachte ſie im Gegentheil noch mehr auf. Es kannte die alte Dame ihren Schwager als einen Mann von Verſtand, der ſich im Leben reiche Erfahrung erworben, eben weil er dieſes Leben miß⸗ braucht; ſie wußte, daß ihm keine der Schwächen und Tücken des weiblichen Geſchlechts verborgen war. Ihn hatte alſo ein unreifes Ding von achtzehn Jah⸗ ren nicht hinter's Licht führen können; mithin konnte ſie ihm auch nicht zur Laſt legen, daß er das, was vorgehe, nicht ſehe; wohl aber hielt ſie ſich verſichert, daß er der Mitſchuldige der jungen Frau ſei. Er iſt ein alter Wüſtling, ſprach ſie bei ſich ſelbſt, und er weiß gar wohl, was er von der Kleinen zu halten hat. Er ſtellt ſich, als glaube er an ihre Tugend, um ſich die Intereſſen dieſer ſcheinbaren Leichtgläubigkeit zahlen zu laſſen. Ohne Zweifel wird dieſes Zieräffchen alle Männer für ſich haben, die den Fuß in ihr Haus ſetzen; zum Glück aber bin ich da, und es ſoll nicht heißen, daß ich meinen Neffen zum Geſpötte aller Welt werden laſſe. „ 74 Und die gute Tante verlor keinen Augenblick, ſondern machte ſich ſofort an's Werk. Sie erſchien nun ein bischen öfter in Theodors Haus und machte anfänglich einige mit lauter Stimme geſprochene Bemerkungen. Später gab ſie beim Weg⸗ gehen ihrem Neffen gewiſſe doppeldeutige Rathſchläge; endlich ſtellte ſie, ſo oft er zu ihr kam, Fragen an ihn, wozu ihr Alter und ihr Verwandtſchaftsverhältniß ſie berechtigten, und worauf der arme Mann ledig⸗ lich nichts zu antworten wußte. So gelang es ihr allmählig, in dieſem ſchwachen Verſtande Zweifel, in dieſem unruhigen Gemüthe Mißtrauen zu erregen, bis er endlich ſelbſt ſie um eine unumwundene Erklärung bat, welche ſie anfänglich verweigerte, ſpäter aber in überzeugender Weiſe gab. „Du mußt blind ſein,“ ſprach ſie zuletzt,„daß Du von Allem, was um Dich her vorgeht, ſo gar nichts merkſt. Was thut denn in Deinem Hauſe dieſe Mutter, die ihre Tochter in einer Weiſe über⸗ wacht, als wäre dieſelbe kaum erſt zwölf Jahre alt? Es iſt doch Sophie nun einmal Deine Frau. „Die Ehe iſt kein Kloſter und ein Gatte kein Bruder. Geh', Du ſiehſt nicht einmal, wie lächerlich Deine Stellung iſt. „Wie! Du kaufſt eine Frau(denn da ſie keinen Heller Vermögen hat, ſo iſt es ein wirklicher Kauf), und machſt Deine Tochter daraus, und das thut ein Mann von Deinem Alter! Wenn Du das wollteſt, ſo brauchteſt Du ſie nicht zu ehelichen. „Und dann ſag' mir auch, was Dein Oheim immer und ewig in Deinem Haus zu ſchaffen hat. „Glaubſt Du, er ſei der Mann, Sophien guten — —,—.——- 2 2 8A -—————₰ý 75 Rath zu geben? Er weiß wohl, was er thut, und iſt er älter als Du, ſo iſt er dafür gewandter, und ich laſſe es mir nun einmal nicht nehmen, daß ſeine plötzliche Bekehrung eine Urſache hat. „Wie! eben der Mann, deſſen Leben eine fort⸗ währende Orgie war, der ſich nur unter liederlichen Dirnen, unter Pferden und in unlöblichen Lüſten aller Art gefiel, geht jetzt zu keinem Menſchen mehr, wirft jetzt ſein Geld nicht mehr zum Fenſter hinaus, ſteckt den lieben langen Tag bei ſeiner Nichte, um mit ihr zu plaudern,— o Du ſiehſt nichts! „Und was hat endlich dieſer Max Hübert, den ich einen bureaukratiſchen Byron nennen möchte, in Deinem Hauſe zu ſchaffen? Sonſt ſahſt Du ihn nie, und nun kommt er aus Deinem Hauſe gar nicht mehr hinaus. Er theilt Deiner Frau mit, was ſein Dichterherz drückt, er ſpricht ihr von ſeinem verkann⸗ ten Talent und andern dergleichen Narrheiten vor. Und wer zahlt die Zeche? Du, Du. Und Du warteſt wie ein geduldiges Schaf, bis es Deiner Frau ge⸗ fällt, Dich zu lieben! Geh', geh', Du biſt ein gro⸗ ßer Mann.“ Durch ſolche Reden gelang es der guten Tante, das Vertrauen ihres Neffen vollkommen zu erſchüt⸗ tern, ſo daß ee an dem Abende, wo ſie über dem Eſſen ihm die Dinge geſagt, wovon wir eben Einiges angeführt, in größter Aufregung nach Hauſe kam; er hatte Dinze beſchloſſen, die zu ſeinem bisherigen Benehmen den größten Contraſt bildeten. Er fand in ſeinem Salon Sophie, deren Mutter, Herrn von Merey und Max, und Madame Printems 76 fing eben an beim Gemurmel der drei andern Per⸗ ſonen einzuſchlafen. Jetzt glaubte Theodor den Augenblick gekommen, wo er einen großen Schlag führen und auf der Stelle beweiſen könne, daß er wirklich ein Mann ſei. Sophie bemerkte den aufgeregten Zuſtand ihres Mannes alsbald. Die wahre Urſache dieſer Auf⸗ regung aber ahnte ſie nicht: ſie glaubte darin die Symptome eines jener Anfälle zu erkennen, die ihr ſchon ſo ziemlich beſeitigt ſchienen. Theodor ſelbſt ſchaute ſie nicht an, da er wohl wider Willen an der Wahrheit der Worte ſeiner Tante zweifelte, ſobald er ſeine Frau anſah. „Was iſt Dir denn, lieber Mann?“ fragte So⸗ phie aufſtehend und Theodors Hände erfaſſend. „Ich muß... mit Dir ſprechen... muß durch⸗ aus mit Dir ſprechen,“ antwortete Theodor anfäng⸗ lich mit ungewohnter Strenge, die aber bei den letzten Worten unter dem Einfluſſe der ruhigen Blicke, welche das ſchöne Kind auf ihren Gatten warf, ganz und gar geſchwunden war. „So ſprich doch, mein Freund, ich höre.“ „Aber ich muß mit Dir allein ſprechen!“ „Mit andern Worten, wir ſollen gehen,“ ſprach Herr von Merey, aufſtehend und lachend.„Alſo gute Nacht!“ Theodor antwortete keine Sylbe. Der Baron aber ging zu Madame Printems hin, als wollte er ſich empfehlen, und ſprach mit leiſer Stimme: „Theodor iſt heute Abend nicht wie ſonſt; über⸗ wachen Sie ihn.“ 77 Dann nahm er ſeinen Neffen beiſeit und ſprach: „Du haſt heute Abend bei Deiner Tante geſpeist, und gewiß hat Dir die Alte einen Floh in's Ohr geſetzt. Sei auf Deiner Hut, ſie iſt ein böſes Weib.“ Dann ſetzte er laut hinzu: „Morgen ſehen wir uns wieder, liebe Nichte.“ Und es lag in dieſen Worten gleichſam ein Ver⸗ ſprechen, daß ſein Schutz ihr nie entſtehen würde. Unterdeſſen hatte Max ſeinen Hut genommen und ſich empfohlen, ohne auch nur mit einer Sylbe auf die Gedanken anzuſpielen, welche dieſer Auftritt in ihm geweckt. Er ging mit dem Baron weg. „Was haſt Du mir zu ſagen?“ fragte Sophie ihn mit ihrer ſanfteſten Stimme, als ſie ſich mit ihrem Gatten und ihrer Mutter allein ſah. „Geh' in Dein Zimmer, dort will ich Dir es ſagen.“ Nun küßte Sophie ihre Mutter uud zog ſich auf ihr Zimmer zurück. Nach einer Weile folgte Theodor ihr nach. Die junge Frau ſetzte ſich ganz ruhig zum Feuer hin, während ihr Gatte ſtehen blieb. Madame Printems ſtand hinter der Thüre und hatte ihr Ohr daran liegen. Theodor zögerte erſt einige Augenblicke. Er fühlte, wie allmählig alle Kraft oder vielmehr der böſe Ein⸗ fluß ſeiner Tante von ihm wich. „Sophie, glaubſt. Du wirklich, daß ich Dich liebe?“ hob er endlich an. „Daran habe ich nie gezweifelt, mein Freund.“ „Darf ich an Deine Liebe glauben?“ „In allewege.“ 78 „Und wenn ich Beweiſe verlangte?“ „Nun, ſo würde ich dieſe Beweiſe eben liefern.“ „Welcher Art immer dieſelben ſein möchten?“ „Ja, denn ich bin überzeugt, daß Du nur ſolche Beweiſe von mir verlangſt, die ich zu geben vermag.“ „Wenn ich alſo...“ Hier hielt Theodor inne. „Wenn Du alſo,“ wiederholte Sophie, als wollte ſie ihm Muth machen. „Wenn ich alſo von Dir verlangte, Sophie, daß Du Herrn von Merey hier nicht mehr empfangen ſolleſt...“ „So würde ich ihn eben nicht mehr empfangen; doch Du kannſt ſolches unmöglich verlangen, da Du weißt, wie nützlich mein guter Rath Deinem Oheim ſein kann und wie es mir bereits gelungen, ſeinen Lebenswandel in heilſamer Weiſe zu reformiren.“ „Wenn ich es aber dennoch verlangte?“ „So bliebe mir eben nichts übrig als zu ge⸗ horchen.“ „Und wenn ich Herrn Max Hübert nicht mehr in meinem Hauſe ſehen möchte, was würdeſt Du dann ſagen?“ „Ich würde ſagen, daß Du durchaus Unrecht habeſt, da er im Unglück iſt und wir ihm nützlich ſein können. Da Du aber hier zu befehlen haſt, ſo würde ich abermals Deinem Willen nachkommen.“ „Gut, aber es iſt das noch nicht Alles.“ „So ſprich!“ Allmählig ſchien eine ganz ungewöhnliche Auf⸗ regung ſich Theodors zu bemächtigen. Es ſchwand bei ihm auf Augenblicke das Bewußtſein, nur mit 79 Mühe vermochte ſeine Zunge die Worte, die er ſprach, zu articuliren, und mit einem Male fing er, wie von einem plötzlichen Fieber geſchüttelt, an zu zittern. Es konnte dieſer Zuſtand Sophien nicht entgehen. „Was iſt Dir denn heute Abend, mein Freund?“ ſprach ſie zu ihm.„Es fehlt Dir etwas.“ „Ja freilich fehlt mir etwas,“ fuhr er fort,„und daß mir etwas fehlt, iſt Deine Schuld.“ „Meine Schuld?“ „Ja, weil Du mich nicht liebſt. 4 „Geh, Du biſt von Sinnen.“ „So beweis mir es.“ Jetzt fing Sophie an, die Aufregung, in der ſie ihren Gatten ſah, wirklich bedenklich zu finden. „Ja, ſo beweis mir es,“ hob er wieder an, wie wenn er das Bedürfniß fühlte, die letzten Worte, die er geſprochen, für ſich ſelbſt zu wiederholen, um die⸗ jenigen zu finden, die er noch zu ſagen hatte. „Du brauchſt nur zu befehlen.“ „Gut, ich will, daß Niemand mehr, hörſt Du? daß Niemand mehr um Dich ſei.“ „Meinetwegen.“ „Nicht einmal Deine Mutter.“ „Nicht einmal meine Mutter! Was hat denn die Dir zu Leide gethan?“ „Ich mag ſie nun einmal nicht mehr ſehen,“ donnerte Theodor heraus und ging zugleich mit einer drohenden Geberde auf Sophie zu. Dieſe ſtand auf, blieb aber fortwährend ruhig. „Gut, mein Freund, es ſoll auch meine Mutter gehen,“ ſprach ſie endlich.„Es hat Gott zu dem 80 Weibe geſagt: Du wirſt Deine Mutter verlaſſen, um Deinem Mann zu folgen.“ Bei dieſen Worten erſchien Madame Printems, und es war die Mutter noch bläſſer als die Tochter. „Ich aber ſage Ihnen, daß ich nicht nur ſo gehe!“ „Wie, Sie wollen nicht gehen?“ ſchrie Theodor. „Nein, weil ich zu glauben anfange, daß das Opfer, das meine Tochter gebracht, über ihre Kräfte geht, und daß ſie Jemand um ſich haben muß, der ſie im Nothfall vor Ihnen ſchützt.“ „Was für ein Opfer? Was für ein Opfer?“ fragte der arme Mann wankend und nach Art eines Betrunkenen umherſchauend. Jetzt wollte Madame Printems Alles ſagen; aber es kam ihre Tochter ihr zuvor und. ſprach, ihr eine Hand auf den Mund drückend: „Schweig' doch, Mutter.“ Dann ging ſie wieder zu ihrem Manne hin und fuhr mit ihrer ſanfteſten Stimme alſo fort: „Du biſt heute Abend eben nicht gut aufgelegt, mein Freund, und ich ſehe, daß Du der Ruhe be⸗ darfſt; Du mußt Dich in's Bett legen. Willſt Du in meinem Zimmer bleiben, oder willſt Du in das Deinige gehen? Auf jeden Fall bleibe ich die ganze Nacht bei Dir, und morgen können wir dann weiter über Alles ſprechen, was Du heute Abend geſagt. Es ſoll geſchehen, wie Du willſt, Du haſt mein Wort.“ Während aber Sophie alſo ſprach, fand bei ihrem Gatten eine ſeltſame Umwandlung Statt. Er blickte ſie mit einer Rührung an, die etwas wahrhaft Kind⸗ 81 liches hatte; er lächelte ihr zu, es hingen ſeine Arme ſchlaff und träg an den beiden Seiten eines Körpers herab, der hin⸗ und herwankte, als ob er fallen wollte, und endlich füllten ſich ſeine Augen mit gro⸗ ßen Thränen. Es zogen ſich ſeine Geſichtszüge zu⸗ ſammen, er ſtreckte beide Arme aus und ſchon wollte er ſeiner Frau zu Füßen fallen, um ſie um Verzei⸗ hung zu bitten, daß er ihr weh gethan; da ſtieß er einen lauten Schrei aus und ſtürzte unter ſchreck⸗ lichen Krämpfen auf den Boden hin. Mit graſſen, ſtieren, rothen Augen und mit ſchäumendem Munde krümmte er ſich auf dem Bo⸗ den, zerfleiſchte ſich die Bruſt und ſtieß mit dem Kopfe an die Ecken der Möbeln. Im Uebrigen kein Schrei, kein Wort, keine Klage, ſondern nur noch ein ſchnelles, feuriges Athmen, ähnlich dem eines Pferdes, das im Begriffe iſt auszureißen. Vielleicht daß Sophie jetzt anfing zu begreifen, daß es im Kataloge menſchlicher Leiden Uebel gebe, wogegen ſelbſt die reinſte Tugend und die chriſtlichſte Hingebung nicht anzukämpfen vermögen. Sie fühlte ihre Unmacht, erbleichte und ſtotterte nur noch die Worte: „Man ſchicke nah dem Arzte!“ Schon wollte Madame Printems klingeln, als Sophie zu ihr ſprach: „Halt! es darf jetzt kein Domeſtik dieſes Zimmer betreten; es darf Niemand ſehen, was hier vorgeht, da es allzu ſchauerlich iſt.“ Es ging Madame Printems einen Augenblick hinaus. Was den Kranken betrifft, ſo befand er d im⸗ Dumas, Printems. II. 8² mer noch im gleichen Zuſtande. Die beiden armen Frauen wußten ſich gar nicht mehr zu helfen. Bei ſolchen Kriſen verdreifacht, ja vervierfacht ſich die Körperkraft, und ſo iſt es denn kein Wunder, daß weder Sophie noch ihre Mutter in die Nähe eines Weſens kommen mochte, das auf Augenblicke ſich halb aufrichtete, um bald wieder zurückzufallen und ſich abermals zu verwunden; das mit den Beinen beſtändig ſchlägelte und deſſen Hände Alles, was in ihren Bereich kam, wie Glas zermalmten. Es war nichts Menſchliches mehr an dem Weſen, das mit ſtrickartig geſchwollenen Adern, zu Berge ſtehenden Haaren und blutigen Nägeln dalag. Wo war unterdeſſen die Seele? Herr von Blarü war zu Hauſe, als der Domeſtik erſchien, um ihn zu holen. Er kam in aller Eile. „Sehen Sie einmal, Herr Doctor, was das iſt,“ ſprach Madame Printems voller Schrecken. Herr von Blarü ſchaute den Patienten mit dem ruhigen Auge eines Sachverſtändigen an. „Sie haben mir nicht glauben wollen, Madame,“ ſprach er, ſich zu Sophien wendend;„nun ſehen Sie, daß ich die Wahrheit geſprochen.“. „Vollkommen wahr; aber was iſt jetzt zu thun?“ „Nichts.“ „Nichts?“— „Iſt er von dem ewigen Hinfallen, Wiederauf⸗ ſtehen und Sichhinundherwälzen müde,“ verſetzte Herr von Blarü, indem er das Weſen, von dem er ſprach, mit einer Art Verachtung anſchaute,„ſo wird er in einen tiefen Schlaf fallen, und dann dieſen Anfall ſo vollſtändig vergeſſen, daß er ſich auch nicht 83 eines einzigen Umſtandes mehr erinnern wird. Und dann kommt dieſer Anfall vielleicht in einem Monate, oder in vierzehn Tagen, oder auch ſchon morgen wieder, und befindet ſich der Kranke gerade in einem engen Zimmer, ſo kann er ſich an den Wänden den Kopf einſchlagen, oder aber kann er Sie tödten oder umbringen, wenn Sie im Bereiche ſeiner Hand ſind. Sehen Sie, Madame, einen ſolchen Mann haben Sie geheirathet. Und nun will ich, wenn Sie nichts da⸗ gegen haben, einen meiner Collegen herbeiholen, da⸗ mit wir die Eypilepſie conſtatiren; dann laſſen wir den Kranken in eine Anſtalt bringen, wo er für immer aufgehoben iſt, und ſchlagen für Sie eine Trennung von Tiſch und Bett heraus. Weiter können wir nichts thun.“ „Und dieß ſoll auch geſchehen,“ erwiederte Ma⸗ dame Printems entſchloſſen. Sophie ſelbſt ſchwieg. Sie hatte nicht gehört, was eben geſprochen worden. Sie betete.. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Es blieb Sophie die ganze Nacht bei Theodor, der ſo ruhig ſchlief, als ob vor ſeinem Einſchlafen gar nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Den Kopf auf die rechte Hand ſtützend, dachte das arme Kind hin und her, während die Mutter, die andere Hand in den ihrigen gefangen haltend, ſie um Verzeihung bat, daß ſie ihr durch dieſe Hei⸗ rath ein jämmerliches Leben bereitet. 84 Sophiens Reſignation ſchien ſich gleich zu bleiben; Madame Printems aber weinte, drang in ſie, daß ſie es bei dieſer erſten gräßlichen Prüfung bewenden laſſen möchte, und gab ihr zugleich das Verſprechen, daß ſie das Unheil, das ſie angerichtet, wieder mög⸗ lichſt gut zu machen ſuchen würde. „Wir verlaſſen Paris,“ ſprach die Mutter,„um wieder unſer kleines Haus zu beziehen, das wir nie hätten verlaſſen ſollen, und wo wir uns ſo glücklich fanden. Verzeih' mir, Kind, ich bin an Allem Schuld; aber ich glaubte es gut zu machen, und es kann ſelbſt die beſte Mutter ſich ein Mal in ihrem Leben irren.“ Sophie antwortete auf ſolche Worte nur durch Küſſe und Händedrücke. Sie konnte zu keinem Ent⸗ ſchluſſe kommen und machte ſich zu nichts verbind⸗ lich. Ohne Zweifel wollte ſie erſt das Wiederer⸗ wachen ihres Gatten abwarten. Mit Tagesanbruch erwachte Theodor wieder. So⸗ bald Sophie ihn die Augen öffnen ſah, bedeutete ſie ihrer Mutter durch ein Zeichen, daß ſie gehen und ſie mit ihm allein laſſen möchte. Wie der Arzt vorhergeſagt, ſo wußte der Kranke von dem Vorgefallen lediglich nichts; er fühlte kein Unbehagen und konnte durchaus nicht begreifen, warum Sophie neben ſeinem Bette ſaß und wie es kam, daß er im Zimmer ſeiner Frau anſtatt in dem ſeinigen ſich befand. „Biſt Du denn nicht zu Bette gegangen, Sophie?“ fragte er. „Nein, mein Freund.“ „Warum denn nicht?“ 8⁵ „Es war Dir geſtern Abend nicht ganz wohl, und ſo bin ich bei Dir aufgeblieben; doch Du haſt, Gott ſei Dank, gut geſchlafen und biſt nun wieder vollkommen wohl.“ Sophie täuſchte hier Theodor. Hatte er auch ſeinen Verſtand wieder erlangt, ſo zeigte doch ſein Geſicht die Spuren des Anfalls vom vergangenen Abend. Seine Augen waren geröthet und zeigten einen halb ſchwarzen, halb biſterfarbigen Ring; ſeine Lippen waren bleich, ſeine Wangen marmorartig, ſeine Stirn von allerlei Ritzen durchfurcht, die blu⸗ tigen Runzeln nicht unähnlich waren. Als Theodor vernahm, daß er am vergangenen Abende krank geweſen, entſann er ſich des Beſuchs bei ſeiner Tante, der Aufregung, worein er durch dieſen Beſuch verſetzt worden, ſowie des Auftritts wieder, den er herbeigeführt. Und da er ſich dann nicht mehr zu erinnern vermochte, wie dieſer Auf⸗ tritt geendet, und er ſich im Bette liegen und von Sophien bewacht ſah, ahnte er den wahren Sach⸗ verhalt und blickte ſeine Frau ängſtlich an, als wollte er in ihrem Geſichte leſen, ob er ſich irre oder nicht. Sophie aber lächelte ihn bloß an, ſo daß er um nichts klüger war. „Haſt Du Herrn von Blarü rufen laſſen?“ fragte er jetzt. „Gewiß.“ „Was hat er geſagt?“ „Daß die Sache nichts auf ſich hätte, daß Dir ohne Zweifel etwas Widerwärtiges widerfahren wäre, und daß Du einzig und allein der Ruhe be⸗ dürfteſt. Und ſo iſt es auch geweſen. Man hat 86 Dich zu Bette gebracht, worauf Du durchaus fieber⸗ los und ruhig bis jetzt geſchlafen haſt.“ „Wird Herr von Blarü heute Morgen wieder kommen?“ „Nein; er hat geſagt, es ſei das vollkommen unnöthig.“ „Er hat ſich in der That nicht geirrt, liebe Sophie, ich war geſtern in einer recht verdießlichen Laune, da man Dir allerlei ſchlechte Dinge nachge⸗ ſagt hat; ich aber hatte dieſen böswilligen Unter⸗ ſtellungen Glauben geſchenkt, und ſo ging es mir wie ein Mühlrad im Kopfe herum. Ich wußte gar nicht mehr, wie ich mir helfen ſollte; denn ich liebe Dich, wie Du nicht zweifeln kannſt. Jetzt fällt mir Alles wieder ein; ich bin heimgekommen, habe die Leute, die da waren, gehen heißen und bin mit Dir in dieſes Zimmer hereingegangen. Ich habe von Dir verlangt, daß Du mit Deinen Freunden fortan nicht mehr umgehen ſolleſt, und habe hinzugeſetzt, daß Du Dich auch von Deiner Mutter trennen müſſeſt. Mit jener Sanftmuth und Herzensgüte, die Dich ſo unendlich hoch über alle andern weib⸗ lichen Weſen ſtellen, haſt Du in Alles gewilligt. Aber es hat mich dieſe Sanftmuth, anſtatt mich ru⸗ higer zu ſtimmen, nur noch mehr aufgebracht, und dann... dann,“ ſprach Theodor zum zweiten Mal und hielt, über dieſe Lücke in ſeinen Erinnerungen erſchreckend, abermals inne, da er dadurch an frühere Zuſtände erinnert wurde,„und dann weiß ich nichts mehr,“ ſetzte er mit einer Art Muthloſigkeit hinzu. „Du aber weißt es, Sophie; ſag' mir alſo, um des Himmels willen, was vorgefallen iſt.“ — en——½ —— er⸗ der ien ebe hen ge⸗ ter⸗ mir gar ebe mir die Dir von tan etzt, nen üte, eib⸗ ligt. ru⸗ und Mal gen here chts nzu. des 87 „Dann biſt Du ohnmächtig geworden, mein Freund.“ „Aber ich erinnere mich ebenſo wenig, wie ich wieder zu mir gekommen bin.“ „In Deiner Ohnmacht biſt Du eingeſchlafen.“ Theodor ſchaute Sophie hier an. Sie ſah ſo aus, als ſagte ſie die Wahrheit. Und in der That ſagte ſie ſie auch, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie über die Einzelheiten hinweg⸗ ging, welche dieſer Ohnmacht ihren wahren, furcht⸗ baren Charakter liehen. „Sophie,“ hob Theodor wieder an,„ich bin un⸗ gerecht gegen Dich geweſen; kannſt Du mir ver⸗ zeihen?“ „Ich habe Dich nicht einmal angeklagt.“ „Ich gelobe Dir, Dir nie mehr wehe thun zu wollen. Kommt das noch ein Mal vor, ſo darſſt Du mich verlaſſen, da ich dann einer Lebensgefähr⸗ tin, wie Du biſt, in der That unwürdig wäre.“ Indem Theodor alſo ſprach, füllten ſeine Augen ſich mit Thränen, vielleicht weniger aus Reue darü⸗ ber, daß er Sophie mißhandelt, als aus Scham, daß ſie ihn in einem ſolchen Zuſtande geſehen. „Nun aber,“ fuhr er, ihre Hand drückend und küſſend fort,„mußt Du ein bischen ausruhen, Kind, während ich ſelbſt noch zu ſchlafen ſuchen werde.“ Sophie bot ihrem Manne die Stirn hin und verließ das Zimmer. 5 „Nun, wie ſteht es jetzt?“ ward Sophie von ihrer Mutter gefragt, die ihrer in dem anſtoßenden Zim⸗ mer harrte. „Nun, er iſt ruhig und hat von dem Vorge⸗ Krankheit!“ Was Theodor betrifft, ſo zweifelte er jetzt immer weniger an der wahren Natur des Anfalls, den er gehabt, und kaum war Sophie hinaus, ſo ſuchte er aufzuſtehen. Aber er litt, wie er fand, an jener allgemeinen körperlichen Erſchlaffung, die ſtets auf die myſteriöſen Kriſen gefolgt war, von denen er Herrn von Blarü erzählt, und die er nun ein für alle Mal hinter ſich zu haben geglaubt hatte. „Du mein Gott! du mein Gott!“ murmelte er im Tone eines Betenden und zugleich Angſterfüllten. Indeſſen gelang es ihm, nach einer abermaligen Anſtrengung in eine ſitzende Stellung zu kommen. Nun klammerte er ſich mit ſeiner wachsgelben Hand an die Bettſtatt an, um bei der Bewegung, die er machen wollte, nicht zu fallen, da ſein Kopf immer noch ſehr eingenommen war; er ſtieg vom Bette herun⸗ ter, zog die Fenſtervorhänge aus einander und ging auf den Spiegel über dem Kaminſimſe zu. Er ſah in ſeinem Geſichte und auf ſeiner Bruſt Blut. Nun konnte er nicht länger zweifeln. Er murmelte auch nicht eine Sylbe und ließ ebenſo wenig eine Klage hören, ſondern legte ſich ruhig wieder auf das Bett hin und klingelte. Es erſchien ein Domeſtik. „Herr von Blarü ſoll alsbald kommen!“ ſprach er zu dem dienſtbaren Geiſte, verbarg aber ſorgfältig das Geſicht. Offenbar war dieß Alles, was ſeine Kräfte ihm zu thun erlaubten; dann brach er, wäh⸗ rend er den Kopf in ſeinem Kopfkiſſen begrub, ganz nach Art eines Kindes in einen Thränenſtrom aus. fallenen gar keine Ahnung. Welch höchſt ſonderbare 89 Und er weinte noch, als man ihm Herrn von Blarü meldete, ohne Zweifel aber war er um dieſe Zeit ſeiner Schwäche jetzt Herr geworden, da er in aller Eile ſich die Augen abwiſchte, den Kopf in die Höhe hob, den Arzt mit entſchloſſener Miene anſchaute und ſprach: „Dieß Mal, Herr Doctor, müſſen Sie mir die volle Wahrheit ſagen.“ „Was wollen Sie wiſſen?“ antwortete Herr von Blarü in einem Tone, der deutlich genug bewies, daß er bereit ſei, ihm nichts zu verhehlen. „Als Sie an meinem Hochzeitstage zu mir ka⸗ men und allerlei Fragen über meine Geſundheit an mich ſtellten— was wollten Sie da eigentlich herausbringen?“ „Was ich herausbringen wollte? Eil das iſt klar genug; ich wollte wiſſen, ob Sie wirklich mit der Krankheit behaftet wären, die ich bei Ihnen ver⸗ muthete.“ „Und warum wollten Sie ſolches wiſſen?“ „Um die Heirath zu verhindern, wie es mein Recht und meine Pflicht war; denn war dieſe Krank⸗ heit wirklich vorhanden, ſo konnte und mußte die Heirath ſowohl für Ihre Frau als für Ihre Kinder, und für Sie ſelbſt eine Quelle des Unglücks ſein.“ „Sie haben mir aber, nachdem ich Ihnen Alles bahite geſagt, daß ich lediglich nichts zu fürchten ätte.“ „Meine Pflicht gebot mir, alſo zu handeln.“ „Und doch war die Krankheit vorhanden!“ „Jg.“ 90 So ſehr nun auch Theodor Herr ſeiner ſelbſt zu ſein ſchien, ſo erblaßte er doch bei dieſem Worte. „Warum haben Sie dann aber die Heirath nicht hintertrieben?“ „Eil ich habe gethan, was ich gekonnt. Ich habe Madame Printems Alles geſagt.“ „Und es hat die Mutter ihre Tochter geopfert!“ rief Theodor mit einer Art Verachtung. „Nein. Es hat ihre Tochter unſere Worte ge⸗ hört, und da hat ſie geſprochen, daß Sie der Liebe und der Pflege um ſo mehr bedürftig wären, je un⸗ glücklicher Ihre Lage wäre; und ſo hat ſie ſich denn ſelbſt geopfert.“ „Und ſeit geſtern?...“ „Hat ihre Anſicht ſich keinesweges geändert.“ „Und beſitzt die Wiſſenſchaft gar kein Mittel, dieſe Krankheit zu heilen?“ „Keines. Sie verdankt ihre Entſtehung der Na⸗ tur, und nur die Natur allein vermag ſie zu heilen.“ „Wären Sie ſchon früher ſo offen gegen mich geweſen, ſo hätten Sie ein großes Unglück verhin⸗ dert; denn ich hätte dann nimmermehr Sophiens Opfer angenommen. Gleichwohl bin ich Ihnen für dieſe Worte dankbar. Sagen Sie meiner Frau von dem, was wir geſprochen, doch ja nichts.“ „Aber was haben Sie jetzt im Sinne zu thun?“ fragte Herr von Blarü, der nicht umhin konnte, die Kaltblütigkeit ſeines Kranken verwunderlich zu finden. „Laſſen Sie das gut ſein; ich werde zu thun wiſſen, was ein ehrlicher Mann thun muß.“ Nun entließ Theodor den Arzt, worauf er auf⸗ ſtand, einen langen Brief ſchrieb, den er einſteckte, 91 und fragte, ob Sophie auf wäre und ihn empfangen könnte. Die junge Frau aber war gar nicht zu Bette gegangen, ſondern war ſeitdem mit ihrer Mutter im Geſpräch geweſen. Sie gewährte Theodor ſeine Bitte. „Sophie,“ ſprach dieſer, nachdem er ſie einige Augenblicke voller Bewunderung und Dankbarkeit angeſchaut,„ich muß mit Dir von ernſten Dingen „Ich höre.“ „Ich mag nicht länger zu Paris ſein; wir wol⸗ len die Hauptſtadt verlaſſen.“ „Wann?“ „Heute noch.“ „Sogleich?“ „Nein, heute Abend.“ „Ganz gut, heute Abend werde ich parat ſein.“ „Du ſchlägſt mir es alſo nicht ab?“ „Warum ſollte ich Dir es denn abſchlagen?“ „Wir werden fern von allen Menſchen leben.“ „Um ſo beſſer.“ „Wir werden Niemand empfangen und Niemand beſuchen.“ „Meinetwegen. „Nicht einmal Deine Mutter.“ „Du wirſt mir aber doch erlauben, an ſie zu ſchreiben?“ „Ja. Aber weißt Du auch, was mich zwingt, ſo von aller Welt abgeſchieden zu leben?“ „Nein.“ „Herr von Blarü hat mir Alles geſtanden.“ 92 Bei dieſen Worten fuhr Sophie zuſammen. „Ja,“ fuhr Theodor fort,„ich bin mit einer gräßlichen Krankheit behaftet und muß die Geſell⸗ ſchaft der übrigen Menſchen fliehen, damit ſie mich nicht fliehen; ich kann nicht ganz allein leben, da ich Jemand brauche, der mich pflegt, wenn ich krank werde; ich fürchte das Alleinſein, ich kann nicht ohne Liebe leben, ich habe nur Dich allein auf dieſer Welt. Ich verdamme Dich zu einem gar peinlichen Leben; denn ich kann an der Krankheit, womit ich behaftet bin, ebenſo gut erſt in zwanzig Jahren als ſchon morgen ſterben. Schwörſt Du mir, daß Du mich nie, nie verlaſſen willſt?“ „Ich ſchwöre es Dir.“ „Dann iſt es gut.“ Theodor befand ſich in einem Zuſtande heftiger Aufregung. „Willſt Du von dieſer Abreiſe Niemand etwas ſagen?“ fuhr er fort. „Ich werde Niemand etwas davon ſagen.“ „Indeſſen möchte ich vorher noch ein Mal die Leute ſehen, die mir gut geweſen: meinen Oheim und Max Hübert. Lade ſie heute zum Eſſen ein.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Sag' mir nun, ob nicht ich auch etwas für Dich thun kann, da Du ſo viel für mich thuſt!“ „Eines kannſt Du für mich thun.“ „So ſprich.“ „Du gibſt Deine Kanzleidirectorsſtelle im Mini⸗ ſterium auf?“ „Ja.“ „Schon lange iſt Max Hübert unglücklich; er ſer ils die 93 hat einen alten Vater, den er pflegen, und eine Schweſter, die er erhalten muß; bitt' um dieſe Stelle für ihn. Es wird das, wie ich glaube, eine gute Handlung ſein.“ „Es ſoll geſchehen, wie Du geſagt. Dieſe Bitte ſoll meinem Entlaſſungsgeſuch beigefügt werden. Iſt das Alles?“ „Alles.“ „Darf ich Dich nun küſſen, Sophie?“ Theodor umſchlang ſie mit beiden Armen und ſprach: „Du biſt eine Heilige, und Gott wird Dir einſt lohnen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich; doch wandte er ſich noch mehrere Mal um, um dem edlen Weſen ein Lächeln zuzuſenden. Als ihr Gatte hinaus war, fing Sophie an, alle Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe zu treffen, gleich als handelte es ſich von einer gewöhnlichen Reiſe; dann ſchrieb ſie an Max und an Herrn von Merey, um ſie zum Eſſen einzuladen, und endlich ging ſie aus, um von Katharinen Abſchied zu nehmen, die ihren Vater nicht verlaſſen konnte, und die ſie bald nicht mehr ſehen ſollte. Herr von Merey hatte nicht auf das Einla⸗ dungsſchreiben ſeiner Nichte gewartet, um ſich nach ihr zu erkundigen. Als er am vergangenen Abende wegging, ſagte ihm Theodors Aufregung genugſam, daß nicht Alles in der Ordnung ſei, und da er wußte, was er von dem Zuſtande ſeines Neffen zu halten hatte, ſo dachte er, daß ſeine Dienſte im Hauſe jetzt vielleicht angenehm, ja nöthig ſein könn⸗ 9⁴4 ten, und ſo kam er denn um die Stunde, wo er wußte, daß Theodor nicht daheim war. Er traf nur Madame Printems, die ihm das Vorgefallene haarklein erzählte. „Man muß der Sache ein Ende machen,“ ſprach der Baron zu ihr,„und ich nehme Alles auf mich. Laſſen Sie mich machen; es hat auch die Hingebung ihre Grenzen.“ Soweit war es gekommen, als Sophie, die un⸗ terdeſſen bei Katharinen geweſen, zurückkam; da aber unterdeſſen auch Max erſchienen war, ſo konnte er nicht ungenirt mit ihr ſprechen. Man wartete jetzt nur noch auf Theodor, um ſich zu Tiſche zu ſetzen. Alle Stirnen waren umwölkt; überall Kummer und bange Sorge. Bei dem Baron und bei Max beſchränkte ſich Alles auf ein bloßes Ahnen, wäh⸗ rend Sophie und ihre Mutter wohl wußten, warum ſie ſo traurig und vom Kummer ſo darniederge⸗ drückt waren. Noch viel ſchlimmer wäre es aber geweſen, wenn man um die baldige Abreiſe Sophiens gewußt hätte,— eine Abreiſe, welche für ihre Mutter ſelbſt noch ein Geheimniß war. Um ſechs Uhr ſollte Theodor nach Hauſe kom⸗ men. Um halb ſieben Uhr ließ er immer noch auf ſich warten. 8 Es mochte etwa drei Viertel auf ſieben Uhr ſein, als es läutete. „Endlich kommt er!“ meinte der Baron. Aber es erſchien ein Domeſtik, der Sophien einen ziemlich voluminöſen Brief übergab. ſie 9 h —.,—O 8 82A „Es iſt die Handſchrift meines Mannes!“ ſprach ſie bewegt.„Was ſoll das bedeuten?“ Und mit zitternder Hand entſiegelte ſie das Paket. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Es war dieſer Brief überaus rührend und zu⸗ gleich ſo beſchaffen, daß er Sophiens Staunen in hohem Grade erregen mußte. Es enthielt derſelbe nachſtehende Worte: „Warte nicht auf mich, Sophie; ich komme nicht, um mit Dir die Reiſe zu unternehmen, auf die Du mit ſo vieler Reſignation eingegangen biſt; ja, Du wirſt mich nicht einmal mehr ſehen. An mir iſt es, die Bande zu zerreißen, welche die menſchlichen Ge⸗ ſetze, die Mitſchuldigen Deiner Hingebung und mei⸗ nes Egoismus, uns haben knüpfen laſſen. „Ich ſchwöre Dir, daß ich niemals mit meinem Wiſſen und Willen Böſes gethan; mithin darf ich auch die Erxiſtenz einer Frau, die, wie Du, das höchſte Glück dieſer Welt verdient, nicht ewig an ein ſo qual⸗ und jammervolles Leben ketten, wie das meinige iſt. „Worin ich allein gefehlt, iſt, daß ich, nachdem ich mein ganzes Leben hindurch unglücklich geweſen, einen Augenblick geglaubt habe, glücklich ſein zu können, ſowie daß ich es gewagt, Dich zu lieben. Nie wird und kann ein Menſch Dich ſo lieben wie ich; aber von wie vielen Gefahren, Ungeſchicklich⸗ keiten und Lächerlichkeiten wäre nicht eine Liebe, wie 96 die meinige, begleitet geweſen! Jetzt, da ich kalten Blutes bin, frage ich mich, wie ich mich habe er⸗ kühnen mögen, Deine Mutter um Deine Hand zu bitten, und wie Du den Muth gehabt, die Meinige zu werden. „Welch glänzenden Beweis gabſt Du da von allen den Tugenden, welche Dich zieren! Du hatteſt in mir ein armſeliges, liebebedürftiges Weſen geahnt, und es hat Dein edles, für alles Gute begeiſterte Herz es unternommen, mir auf Koſten Deines eige⸗ nen das Glück zu ſchenken, das ich niemals gekannt. Möge der Segen des Himmels auf Dir ruhen! „Und als Du ſpäter die unheimliche Wahrheit erfuhreſt, die ich wohl ahnte, jedoch erſt ſeit geſtern kenne; als Du die ganze Sache noch rückgängig machen konnteſt und anſtatt deſſen Deine Hingebung durch ein neues Opfer beſiegelteſt,— durch ein Opfer, das um ſo größer war, als es unbekannt blieb, und um ſo edler, als ich es nie erfahren ſollte — haſt Du da nicht in den Augen Gottes Dir ein Recht erworben, einſt ſo glücklich zu ſein, als Du es verdienſt, und darf ich Anſtand nehmen, die Schranke hinwegzunehmen, die zwiſchen dieſem Glücke und Dir aufgerichtet iſt? „Dieſe Schranke aber bin ich. „Fürchte nichts. Ich habe nicht im Sinn, mich ſelbſt ums Leben zu bringen. Ich möchte Deine Vergangenheit nicht mit einer ſo traurigen Erinne⸗ rung beflecken; Deine Frömmigkeit würde Dir einen Vorwurf daraus machen, obgleich Du völlig unſchul⸗ dig daran wäreſt; denn wenn eine Seele wie die Deinige das Gute nur nicht hat thun können, ſo iſt es ihr faſt ſchon ſo, als ob ſie Böſes gethan. Nein, ich will am Leben bleiben, nur werde ich um mich her Alles tödten, was mir ſelbſt mein Leben be⸗ wieſe. Ich habe eine Zufluchtsſtätte gewählt, wo Niemand erfahren ſoll, wer ich bin; wo die, die mich einſt gekannt, mich vergeſſen dürfen; wo die, die mich kennen werden, mich gewiß gern in Frieden laſſen. Dort werde ich die wenigen glücklichen Tage ſegnen, die ich Dir verdanke; dort werde ich warten, bis Gott mich zu ſich nimmt und Dir Deine ganze Freiheit wieder ſchenkt. „Wenn ich Dich heute Morgen gebeten, dieſe Zufluchtsſtätte mit mir zu theilen, ſo kommt dieß da⸗ her, daß ich im Voraus wußte, daß Du mir dieſe Bitte nicht abſchlagen würdeſt; und endlich ſollte dieſer neue Beweis chriſtlicher Liebe, den Du mir gabſt, mir die Kraft verleihen, das Opfer zu brin⸗ gen, das ich Dir ſchuldig zu ſein glaubte. „Lebe wohl, liebe Sophie, lebe wohl! Haſt Du mir etwas vorzuwerfen, ſo verzeihe es mir, da meine Abſicht ſtets rein geweſen. Sieh, ich bete Dich an, ich verehre Dich, ich ſegne Dich gleich ei⸗ ner Heiligen! „Es haben mich einen Augenblick böſe Gedanken beſchlichen in Betreff der Perſonen, unter denen Du Dich bei Empfang dieſes Briefes befinden wirſt; ſag' ihnen, daß mir es unendlich leid thut, alſo von ihnen gedacht zu haben. Für Map habe ich gethan, was Du gewünſcht haſt: möge er glücklich ſein! Er iſt es nie geweſen, ja er iſt nicht einmal ſo glücklich geweſen wie ich, und doch verdient er es vielleicht noch mehr. Er hat einen hohen Geiſt, ein edles Dumas, Printems. II. 7 98 erz, ein edles Gemüth. Es macht mich das Be⸗ wußtſein, daß mein Unglück wenigſtens zu etwas nützt, glücklich. Dir hat er es zu verdanken. „Ich vertraue Dich Herrn von Merey, unſerem Oheim, an. Zwar kann ſchon Deine Tugend und Dein, gutes Gewiſſen Dich vor den Verleumdungen ſchützen, die unſere Trennung wahrſcheinlich hervor⸗ ruft; allein es gibt gewiſſe Umſtände, wo einer Frau eines Mannes Arm vonnöthen iſt. Sag' ihm, ich bitte ihn für Dich um ſeinen Schutz. So wird er dann nicht mehr ſterben dürfen, wie er beab⸗ ſichtigt hatte, da er auf dieſer Welt eine Pflicht zu erfüllen haben wird. „Ich ſelbſt brauche nichts mehr. Von meinem kleinen Vermögen, womit ich ſo gerne Deine Wünſche und Bedürfniſſe befriedigt hätte, behalte ich nur ſo viel, als mir zum materiellen Leben durchaus noth⸗ wendig iſt; alles Uebrige gebe ich Dir als Dein rechtmäßiges Eigenthum, wie die in beſter Form ausgefertigten Papiere beweiſen werden, welche die⸗ ſem Briefe beigeſchloſſen ſind. „Ich mache Dir hier kein Geſchenk; da ich aber weiß, daß es Deine Miſſion hienieden iſt, Gutes zu thun, ſo will ich, ſoweit meine Mittel es mir erlau⸗ ben, Dich in Stand ſetzen, dieſer Miſſion zu genü⸗ „Noch ein Mal, lebe wohl, liebes Kind; bitte Deine Mutter, aus der ich ſo gern die meinige ge⸗ macht hätte, daß ſie mir die Angſt verzeihe, worein ich ihre mütterliche Liebe verſetzt. Sei glücklich, liebe Sophie, während ich die von Gott mir noch zugemeſſene Spanne Zeit dazu anzuwenden gedenke, —— enü⸗ bitte 1 ge⸗ rein klich, noch enke, 99 daß ich des Himmels mich würdiger mache, wo ich Dich einſt wieder zu ſehen hoffe.“ Dieſem ſo einfachen und doch ſo rührenden Briefe, worauf während des Leſens Sophiens Thränen zu wiederholten Malen gefallen waren, war eine Ur⸗ kunde beigefügt, wodurch Theodor ſeiner Frau Alles, was er beſaß, vermachte, mit alleiniger Ausnahme einer Rente von etwa tauſend Franken, die er ſich zu ſeinem Lebensunterhalt vorbehielt. Es waren die Zeugen dieſer Scene mit beklom⸗ menem Herzen den Gemüthsbewegungen gefolgt, welche ſich während des Leſens auf Sophiens Ge⸗ ſicht ſpiegelten, und Jeder fragte, als ſie zu Ende war, was ihr denn ſo Wichtiges gemeldet worden. Sie aber reichte den Brief ſtumm ihrer Mutter hin und blieb in Nachdenken verſunken. Als Madame Printems Theodors Entſchluß las, hatte ſie ganz unwillkürlich eine Regung der Freude. Vor Allem denkt eine Mutter natürlich an das Glück ihres Kindes. Nun aber hielt Madame Prin⸗ tems nach dem geſtrigen Vorfall ſich feſt überzeugt, daß Sophie nur dann glücklich ſein könne, wenn ſie fern von ihrem Manne lebe.. Sie ſchloß das theure Kind in die Arme und preßte es lange gegen ihre Bruſt, wie wenn ſie es dem Tode aus dem Rachen geriſſen. Dieſe Freude, die zu Sophiens Thränen einen ſo grellen Contraſt bildete, war für Max und den Baron immer räthſelhafter. Nun erzählte Madame Printems, was am vergangenen Abend vorgefallen, und las am Ende noch den Brief vor, den ihre Tochter eben empfangen. 100 Die beiden Zuhörer waren davon ebenſo gerührt, als ſie darüber ſtaunten. „Der arme Burſche!“ rief Herr von Merey aus. „Der ehrliche Mann!“ ſprach Max. Und Jeder trat zu Sophien hin und gab ihr in ſeiner Weiſe Zeichen der Theilnahme. Sophiens Bewegung hatte nun einer melancholi⸗ ſchen Träumerei, einer Art Seelenſchlaf Platz ge⸗ macht. Seit zwei Monaten hatte ſie ſo Vieles er⸗ lebt, daß ſie anfing, ſich von dieſen Ereigniſſen keine genaue Rechenſchaft mehr zu geben. Sie hatte geglaubt, daß ihr Leben immer gleich ruhig, gleich glatt hin⸗ fließen würde! Wie ganz anders war es nun ge⸗ worden. Sie konnte Theodor nur bewundern und beklagen. Hätte ſie ihm für das, was er that, Dank ge⸗ wußt, ſo wäre es faſt ſo herausgekommen, als freute ſie ſich darüber. Nun aber konnte Sophie nach ihrer ganzen gemüthlichen Anlage ſich nicht über den Schmerz eines Menſchen freuen, wenn auch derſelbe für ſie ſelbſt die glücklichſten Folgen haben mußte; noch viel we⸗ niger aber konnte ſie das, wenn der Dulder ihr Gatte geweſen, ja es noch war. Und doch konnte ſie ſich auch wieder nicht verheimlichen, daß ſie nun wieder frei ſei, daß ſie ihrer Mutter und ihrem früheren Leben wieder geſchenkt worden, anſtatt den Schrecken und Gefahren einer Krankheit ausgeſetzt zu bleiben, von der ſie wohl Zeuge ſein, die ſie aber weder lindern noch heben konnte. Hätte es bei ihr geſtanden, dem Vorhaben Theodors ſich zu wiederſetzen, ſo hätte ſie ſolches 9 14 101 gleichwohl gethan. Aber welche Mittel ſtanden ihr zu Gebot? Wie ſollte ſie dieſe Zufluchtsſtätte aus⸗ findig machen, worüber er gar nichts Näheres geſagt hatte? Bei wem konnte ſie Erkundigungen einziehen? Seine Tante abgerechnet, hatte er, ſoviel ſie wußte, keine andern Freunde als die, welche jetzt um ſie waren; gewiß aber hatte er ſeiner Tante ſein Vor⸗ haben nicht mitgetheilt. Ja, es ließ ſich mit Be⸗ ſtimmtheit annehmen, daß er keiner Seele etwas da⸗ von geſagt. Es blieb alſo nur noch der Notar übrig, bei dem Theodor ſein Vermögen auf ſie übergetragen hatte. Vielleicht daß dieſer wenigſtens einige Andeutun⸗ gen geben konnte, wenn er Theodor die Rente, die dieſer ſich vorbehalten, ſei es in Jahres⸗, ſei es in Monatsraten, ausbezahlte. Es nahm alſo Sophie Herrn von Merey's Arm, um zu dieſem Manne zu gehen. Aber es konnte der Notar lediglich keine Aufſchlüſſe geben. Nur ſo viel wußte er, daß Theodor im Laufe des Tages bei ihm geweſen; er— der Notar— hatte das, was ſein Client verlangte, alsbald gethan und ihm zwanzigtauſend Franken in baarem Gelde eingehän⸗ digt, ohne ihn zu fragen, was er mit dieſer Summe anzufangen gedächte, und ohne daß Theodor ſelbſt es ihm ſagte. Letzterer hatte ſich, wie es dem Notar ſchien, in ſeinem normalen Zuſtande befunden. Sie hatten mit einander, nachdem die von Theodor ver⸗ langte Urkunde ausgefertigt war, von gleichgültigen Dingen geſprochen, worauf Theodor weggegangen war. Seitdem hatte er ihn nicht wieder geſehen. Nur ſo 10²2 viel glaubte er noch zu wiſſen, daß Theodor von ei⸗ ner ſehr langen Reiſe geſprochen. Während Sophie wieder nach Hauſe ging, ſagte ſie bei ſich ſelbſt, daß ihr Mann wohl in einem Au— genblicke des Fiebers zu dieſem Entſchluſſe gekom⸗ men, daß er aber ohne Zweifel zurückkehren würde. Und wirklich erwartete ſie ihn auch jeden Tag, wie wenn er auf der Reiſe wäre. So verſtrichen ein paar Wochen, ohne daß in ihrem Leben ſich etwas verändert hätte. Indeſſen fing ſie allgemach an zu glauben, daß ſie der Stütze ihres Oheims wohl mehr bedürfe, als ſie bisher ge⸗ glaubt. Es war natürlich Herr von Blarü nach dem be⸗ kannten verhängnißvollen Ereigniſſe nicht ausgeblie⸗ ben, und da hatte ſie ihm denn Alles erzählt, was wir hier dem Leſer in Kürze mitgetheilt. Der Arzt hatte Sophiens Mittheilungen freudig begrüßt und fing allmählig an, der jungen Frau ſich in einem neuen Lichte zu zeigen. Bald wurden ſeine Beſuche häufiger und es waren dieſelben, wenn wir die Wahrheit geſtehen ſollen, durch Sophiens vereinzelte Stellung, durch die Unruhe dieſes ſonderbaren Wittwenſtandes, ſowie durch das Verlangen, Wei⸗ teres zu hören, einigermaßen gerechtfertigt; indeſſen ſollte ſie den wahren Grund derſelben nicht allzu ſpät erfahren. Herr von Blarü begnügte ſich nicht mehr damit, die Rolle des Arztes zu ſpielen, ſondern trat als Tröſter auf. Er ſuchte Sophien begreiflich zu machen, wie ſie die nun glücklich wieder erlangte Freiheit zu Gunſten ihres Herzens nützen könne; wie Gott Opfer, 82—— 103 die man ſich im Widerſpruch mit den Naturgeſetzen aus freien Stücken auferlege, keineswegs angenehm ſeien; wie ſie doch früher oder ſpäter einmal einen Mann lieben müſſe. Und als die, an welche dieſe Worte gerichtet waren, ſtumm blieb, weil ſie ohne Zweifel an etwas Anderes dachte, wurde er noch kühner und rückte vollends mit dem unumwundenen Geſtändniſſe heraus, daß er ſie ſchon ſeit dem Tage liebe, wo er ſie zum erſten Male geſehen; daß er dieſe Liebe be⸗ wieſen, indem er es verſucht, eine Heirath zu verhin⸗ dern, von der er gewußt, daß ſie ſein und Sophiens Unglück werden müßte; daß es ihm ſchlechterdings unmöglich geweſen, dieſe Liebe, die ihn verzehre, niederzukämpfen, und daß er jetzt, wo er ſie frei wiſſe, das Recht zu haben glaube, ihr ſie zu ge⸗ ſtehen. Schon bei den erſten Worten ſeiner Liebeserklä⸗ rung hatte Herr von Blarü aus Sophiens Staunen erſehen, daß er die Sache ungeſchickt angegriffen. Er ſuchte ſich nun damit zu helfen, daß er zu den über⸗ ſpannteſten Worten griff, daß er ſeine Gefühle in lächerlich übertriebener Weiſe ſchilderte, daß er eine heftige Leidenſchaft heuchelte; aber er redete da eine Sprache, welche die keuſche Jungfrau nicht verſtehen konnte, und was bis jetzt nichts weiter als eine Un⸗ geſchicklichkeit geweſen, wurde nun zu einer ſchlechten Handlung. Es konnte Sophie es ihm verzeihen, daß er ihr von ſeiner wahren oder falſchen Liebe vorgeſprochen; was ſie ihm aber nicht verzeihen konnte, war, daß er es ſür möglich gehalten, ſie zu ſeiner Mitſchuldi⸗ gen zu machen, wie aus dem Ende dieſer Elegie deut⸗ 10⁴4 lich hervorging, welche nicht allein von ſeinem ſchlech⸗ ten Geſchmack zeugte, ſondern auch weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, noch wahr⸗ ſcheinlich auch in der Zukunft Sophiens begründet war. Man mußte ein Dummkopf ſein, um nicht zu merken, daß dieſes Weib über alles Gemeine, das der Menſch⸗ heit anklebt, erhaben war; daß ſie in einer höheren Atmoſphäre lebte, die keine irdiſche Emanation zu ver⸗ derben vermochte; daß die Huldigungen der Männer nie bis zu dieſem Herzen drangen,— zu einem Herzen, das, wenn dieß überhaupt je geſchah, ſich der Liebe nur in Folge einer Inſpiration von oben erſchließen konnte, da ſie dem Himmel näher als der Erde ſtand. So ungeſchickt, ſo beleidigend auch ein Schritt ſein mag wie der, den Herr von Blarü gethan, ſo muß doch eine Frau immer etwas ſagen, damit der⸗ ſelbe ſich nicht erneuert. Sophie aber verhielt ſich alſo: ſie mahnte den Arzt daran, daß ſie, wenn auch frei, doch nicht Wittwe ſei, und daß, wenn ſie es auch wäre, das Andenken des Mannes, der ihr Gatte geweſen, ihr Herz vollkommen ausfüllen würde; ſie danke, fügte ſie hinzu, für dieſen Freundſchaftsbeweis, der viel⸗ leicht nur einen allzu ſtarken Ausdruck gefunden; ſie nehme davon ſo viel, als ſie müſſe und dürfe, das heißt, mehr den Geiſt als den Buchſtaben; und end⸗ lich erklärte ſie noch, daß ſie ihm für die Theilnahme, die er unter den bewußten ſchwierigen Umſtänden für ſie an den Tag gelegt, die bisherige Achtung, Dankbarkeit und Freundſchaft bewahre. ————..„. — Herr von Blarü nahm dieſe Antwort als eine ſchwere Beleidigung auf und gelobte bei ſich ſelbſt, dafür Rache zu nehmen. Anſtatt alsbald zu geſtehen, daß er einen Fehler gemacht, anſtatt Sophien die Hand zu geben, ſie unumwunden zu bitten, daß ſie ihm dieſes lächerliche Unterfangen verzeihen möchte, und anſtatt ihr ergebenſter Freund zu bleiben, wie jeder ehrlich Geſinnte gethan haben würde, ärgerte er ſich über die falſche Stellung, in die er ſich ge⸗ bracht, gab dem armen Kinde die Schuld und wurde ihr Todfeind. Von Theodors Tante unterſtützt, fing er jetzt an, Sophiens neues Leben ſo zu deuten, daß ſein Groll Befriedigung fand. An Stoff fehlte es den Beiden nicht, und es ſoll der Leſer ſehen, wie aus den ehrenwertheſten Stel⸗ lungen, wie aus der heiligſten Freundſchaft die elenden Leidenſchaften gewiſſer Menſchen ehrenrührige, ſchandbare und zugleich wahrſcheinliche Schlüſſe zu ziehen vermögen. Max Hübert hatte Theodors Stelle erhalten. Es hatte der Miniſter das Verlangen des Letzteren erfüllt. Man ahnt nun leicht, welche Veränderung dieſe un⸗ erwartete Beförderung in Katharinens und Maxens Leben hervorbringen mußte. Was ihren betagten Vater betrifft, ſo befand er ſich in einem zu kläg⸗ lichen Zuſtande, als daß er darüber ſich auch nur hätte freuen können. Vielleicht lag für ihn in dieſer Veränderung zum Beſſeren nur ein weiterer Schmerz — wenn er überhaupt noch etwas fühlte—, da er aus der beſcheidenen Dachſtube des Expeditors in die comfortablere Wohnung des Kanzleidirectors gebracht werden mußte. Katharine hatte in Erfahrung ge⸗ bracht, wie ihr Bruder nur Sophien allein dieſe beſſere Stellung zu verdanken, und wie dieſelbe in dem Augenblick, wo ſie mit ihrem Gatten ſich hatte gänz⸗ lich von der Welt zurückziehen wollen, ſich, ſo zu ſagen, ausgehalten hatte, daß Theodor ſeinem bis⸗ herigen Untergebenen die Stelle verſchaffte, die er ſelbſt aufgab. Und darum war Katharinens Freundſchaft für Sophie eine felſenfeſte, gleich wie ihre Dankbarkeit eine grenzenloſe zu nennen war. Beide aber ſollten in der Folge ſich noch durch neue Freundſchaftsbe⸗ weiſe ſteigern, die ihr von ihrer edelmüthigen Freun⸗ din und Beſchützerin zu Theil wurden. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. In der That, es war das arme Kind abermals geprüft worden. Es war der arme Hübert geſtorben, zwar ohne Erſchütterung und ohne Leiden, aber immerhin lebte er nicht mehr, und obgleich dieſer Fall ſchon ſeit langer Zeit vorgeſehen, obgleich er ſogar als ein Glück betrachtet worden und die end⸗ liche Ruhe einem ſolchen Vegetiren des Kranken vor⸗ zuziehen war, ſo waren doch Katharine und Max keine von jenen Menſchen, die im Angeſicht des Leich⸗ nams ihres Vaters alſo denken können. Schon lange war ihre Liebe für ihn todt, ſchon lange ſprach er nichts mehr, ſchon lange hörte er nichts mehr, ſchon lange ſah er nichts mehr, doch aber athmete er im⸗ mer noch und es konnten die beiden Kinder ihn be⸗ rühren, pflegen, lieben; wurde ihnen auch nicht mehr als den, ber eſer her end⸗ vor⸗ Nax eich⸗ inge h er chon im⸗ be⸗ nehr 107 die Freude dieſer Liebe, ſo war ſie ihnen doch zur Gewohnheit und zum Bedürfniß geworden, ſo dachten ſie doch mit Hochachtung und Schmerz daran, und wenn ſie am Bette des Greiſes leiſe plaudernd wach⸗ ten, ſo verbarg ihnen die Erinnerung an ihre Kind⸗ heit, an die ſorgſame Pflege, die Liebkoſungen, den guten Rath, den ſie einſt von dieſer jetzt trägen Materie empfangen hatten, einen Augenblick die Ge⸗ genwart und ließ ſie es als unmöglich betrachten, daß ſie ſich von dem Sterbenden je würden trennen können und müſſen. Dennoch erſchien der Tag, wo dieſe Trennung zur Nothwendigkeit wurde. Gott, der von dem Greiſe das Verſtändniß der Dinge, die um ihn her vor⸗ gingen, genommen hatte, gönnte ihm noch den In⸗ ſtinct der Kinderliebe, wenn er demſelben auch keinen Ausdruck mehr zu leihen vermochte, und vielleicht hatte er durch ſeine Seele direct die Verbeſſerung des Looſes ſeiner Kinder erfahren und ſtarb er zu⸗ frieden, da er nun gewiß wußte, daß ſie nicht mehr unglücklich werden würden. Wenn Perſonen ſterben, die man geliebt hat, ſo dient ihr Tod dazu, die gegenſeitige Liebe derer, die ſie geliebt, noch zu kräftigen. Als Max und Katha⸗ rine ganz allein auf dieſer Erde daſtanden, mußten ſie die Liebe, die jedes zum Vater gehabt, unter ſich theilen, und als ob die verſchwenderiſche Natur im Herzen der Geſchöpfe ſtets eine Lücke zu laſſen fürchtete, ſo hatte ſie den beiden Waiſen Jemand geſchenkt, gegen den ſie ſich dankbar erweiſen, den ſie lieben konnten, mit einem Worte, ſie hatte ihnen Sophie geſchenkt, die unter den obwaltenden Um⸗ 108 ſtänden die beiden jungen Perſonen noch mehr an ſich ziehen mußte. Kaum hatte ſie den Tod des alten Hübert er⸗ fahren, ſo eilte ſie zu Katharinen, um ſie zu tröſten und um ihr ein Beiſpiel von Ergebung in den Willen Gottes zu geben. Und als der Greis eingeſcharrt war, forderte Sophie, die durch Nachtwachen, vieles Denken und vieles Weinen ſo ſehr angegriffen war, von Katharinen, daß ſie mit ihr gehe, um ſie nicht mehr zu verlaſſen, was dann auch geſchehen war. So gehörten denn Max und Katharine jetzt faſt mit zur Familie, und alle ſeine Abende brachte der Bru⸗ der mit ſeiner Schweſter in Sophiens, Madame Printems' und Herrn von Merey's Geſellſchaft zu. Dieſe Zuſammenkünfte hatten Herrn von Blarü Stoff zu allerlei Afterreden gegeben. Was hatte Max bei Sophien zu ſchaffen,— Max, der auf dem Miniſterium bereits Theodors Stelle inne hatte? Es nahm derſelbe an Sophiens Herde den Platz des verſchwundenen Gatten ein. Warum hatte Sophie Maxens Schweſter durchaus bei ſich behalten wollen? Dün Zweifel, um ſo den Bruder derſelben anzu⸗ ocken. Alles das war klar genug, insbeſondere für einen böſen Menſchen, deſſen Rachſucht überall nur Böſes ſehen und ausſprengen mußte; alles das war recht wahrſcheinlich für die Maſſe der Gleichgültigen, die nur ungern an eine Tugend wie die Sophiens glauben. In einem ſolchen Falle heißt glauben be⸗ wundern. Nun aber iſt alle Bewunderung dem Menſchen eine Laſt, da ſie ein indirectes Geſtändniß ſeiner Schwäche enthält. 82 * dem niß 82 109 Eine Trennung gab alſo, wie Theodor in dem Abſchiedsbriefe, den er an ſeine Frau geſchrieben, ſelbſt vorhergeſehen, zu allerlei Vermuthungen, After⸗ reden, Verleumdungen Anlaß. Nur Schade, daß die Klatſchereien, welche durch dieſe Begebenheit hervor⸗ gerufen wurden, nicht bis zu unſerer Heldin drangen. Solchen, die ſie ihr gerne mitgetheilt hätten, würde der Muth dazu gefehlt haben, und von ihren Freunden hätte ihr keiner die Schmach angethan, ſie ſo weit zu glauben, daß ſie ſie ihr hätten hinter⸗ bringen mögen. Wenn aber dieſe Gerüchte auch nicht bis zu Sophien drangen, die, wie wir wiſſen, ſich in ihrem kleinen Kreiſe bewährter Freunde gefiel, ſo kamen ſie doch Herrn von Merey zu Ohren, der noch nicht ganz mit der Welt gebrochen hatte, in der er ſich bis dahin bewegt. Bald entdeckte er den Urſprung und die Urheber dieſer ſchandbaren Nachreden. Er ſuchte ſofort Herrn von Blarü auf, dem er bedeutete, daß er, wenn er nicht das Maul hielte, es mit ihm zu thun bekäme; und wenn Herr von Merey alſo ſprach, ſo wußte man ſchon, was er damit meinte, und daß er nicht ſpaßte. Der Doctor mit ſeiner kleinen Perrücke, ſeinem in einen Schwalbenſchwanz auslaufenden Fracke, ſei⸗ ner aufdringlichen, anmaßlichen Liebe, ſeinen heuchle⸗ riſchen Liebesdemonſtrationen und ſeiner unermüd⸗ lichen Klatſchſucht, war nicht der Mann, der für das Unheil, das er anrichtete, auch einſtand. Er ver⸗ ſicherte Herrn von Merey ſeiner Unſchuld, ſeiner Achtung und Hingebung für Sophie, gelobte aber bei ſich ſelbſt, es der armen Frau bei der erſten beſten Gelegenheit einzutränken. Man kann kaum glauben, wie unendlich viele Mühe gewiſſe Leute es ſich koſten laſſen, Unheil an⸗ zurichten, während es ihnen doch ſo leicht wäre, das Gute wenigſtens nicht zu leugnen, wenn ſie es auch nicht thun wollen. Herr von Blarü belauerte alſo alle Schritte und Tritte Sophiens, um ſich von der Wahrheit ſeiner Afterreden, deren Unwahrheit er vollkommen kannte, zu überzeugen. Es war nun wieder die ſchöne Jahreszeit gekom⸗ men, und ſo kam es denn, daß die junge Frau bald mit Max, bald mit Katharinen, bald mit ihrer Mutter, bald mit dem Baron ausfuhr, um auf dem Lande ein wenig von der wohlthätigen Luft einzuathmen, welche im Gefolge des Frühlings wiederkam. Herr von Blarü verfolgte ſie überall hin und ſuchte eini⸗ ger Indicien habhaft zu werden, woraus er eine Waffe ſchmieden konnte. Aber da war ſchlechterdings nichts zu entdecken. Sophiens neues Leben war ſo durchſichtig, ſo friſch, ſo rein wie ihr vergangenes, und ſchon wollte Herr von Blarü auf dieſe unnütze Ueber⸗ wachung verzichten, und zwar um ſo mehr, als So⸗ phie ſeit einiger Zeit auf dem Lande wohnte, da be⸗ merkte er etwas, was ihm auffiel und neue Ausdauer verlieh. Es hatte ſich Sophie in die Umgegend von Paris — zwei Stunden von der Hauptſtadt weg— zurück⸗ gezogen. Hier lebte ſie mit ihrer Mutter und Ka⸗ tharinen. Beiläufig geſagt, wurde letztere allmählig unter dem Einfluſſe eines ſorgenloſen und gemüth⸗ lichen Lebens nicht allein wieder geſund, ſondern — eſten diele an⸗ das auch alſo der t er kom⸗ bald tter, ande men, Herr eini⸗ eine dings ar ſo und eber⸗ So⸗ a be⸗ dauer Jaris lrück⸗ Ka⸗ ählig nüth⸗ ndern 4 auch jung. Nicht allein ſchien die Zeit zu ihren Gunſten Halt zu machen, ſondern ſogar eine rück⸗ gängige Bewegung auszuführen, um ihr zurückzu⸗ geben, was ihr bis dahin ungerechter Weiſe vorent⸗ halten geblieben war. Es hatte das Unglück ſie vor der Zeit zum Weibe gemacht, nun aber machte das Glück ſie wieder zu einem jungen Mädchen. Plötzlich zahlte Gott ihr in phyſiſcher und moraliſcher Hinſicht einen Rückſtand von Reizen und Hoffnungen. Es entwickelte ſich ihr Körper, es färbten ſich ihre Wangen mit dem In⸗ carnat eines ruhigen Lebens, es blitzten ihre Augen, es erſchloß ſich ihr Herz, wie eine Blume unter dem Einfluß der Sonne aufzugehen pflegt, und blühete auf's Herrlichſte auf. Sie war mit jenen ſchönen Sommertagen zu ver⸗ gleichen, deren Helle um ſo blendender iſt, je mehr ihr Morgen durch Nebel und Regen getrübt war. Die frühen Thränen, die ſie hatte vergießen müſſen, oder die ſie in ihrem Herzen zuſammengedrängt, hatten ihr Gemüth und ihre Jugend nicht allein nicht erſtickt, ſondern dieſelben im Gegentheil thauartig erfriſcht und zur Aufnahme der Strahlen geſchickt gemacht, die erſt im Mittag ihres Lebens ſie mit ihrem Glanze erfreuen ſollten. Sie fing an, in einem Alter zu blühen, wo An⸗ dere ſchon zu welken anfangen, und der vielfache Kummer ihres vergangenen Lebens gab ihr ein Recht, an die Zukunft zu glauben. Nun hatten ihre Anſichten vom Leben in den vielen ſchweren Prüfungen, durch die ſie hindurchge⸗ gangen, eine Reife erlangt, die zu ihrem Glücke noch 112 mithelfen ſollte, da demſelben jetzt auch der Verſtand ſich beigeſellte. Sophien war dieſe Umwandlung nicht entgangen, und da ſie ſich ſtets mit dem Wohl ihrer Nebenmenſchen beſchäftigte, ſo fragte ſie ſich— je⸗ doch ohne Jemand, den einzigen Max abgerechnet, dabei zu Rathe zu ziehen—, wie es wohl anzufan⸗ gen wäre, daß ſolch ſpätes Aufblühen auch rechte Früchte trüge. Bald ſollte ſie dieß entdecken. In der That, es ging eine ähnliche Metamor⸗ phoſe bei einem andern Bewohner der kleinen Colonie vor ſich. Wir meinen damit keinen Andern als Herrn von Merey, ja, man mag uns glauben oder nicht, es hatte der Baron allmählig und endlich voll⸗ ſtändig ſein bisheriges Leben geändert. Auf dem Lande, das er mit den beiden jungen Damen beharrlich bewohnte, begnügte er ſich mit einem einfachen, friſch decorirten, heitern Zimmerchen, und befand ſich darin ſo glücklich, wie ein Student, der in der Vacanz iſt. Was ferner merkwürdig, war der Umſtand, daß er Morgens in aller Frühe aufzu⸗ ſtehen pflegte,— er, der bis daher aus dem Tag Nacht und aus der Nacht Tag zu machen gewohnt geweſen war. Zu ſeinen früheren geräumigen, prächtigen Zim⸗ mern bildete das jetzige Zimmerchen einen Contraſt, der recht ſeltſam war. Mit Tagesanbruch aber pflegte er ſein Fenſter zu öffnen und die Wohlgerüche der wunderſchönen Natur einzuathmen, von der er ſich umgeben ſah, und die er früher ſo wenig gewürdigt hatte. Dann ging er aus, um zu Fuß in den Wal⸗ dungen umherzuſtreifen, die ihm einſt nur zu Hetz⸗ 113 jagden dienen zu können geſchienen hatten, wenn man, unter Hörnerklang und Hundegebell, zu Pferd hinter dem flüchtigen Reh und Hirſch hereilte und das abgefallene Laub emporwirbeln machte. Auch er hatte auf dieſen einſamen Spaziergän⸗ gen, bei dieſer unmittelbaren Berührung mit der Natur, die ihren obſcurſten Kindern unentgeltlich die ſchönſten und ſanfteſten Genüſſe bietet, eine uner⸗ wartete Jugend und ganz neue Empfindungen wieder⸗ gewonnen. Bis daher war er im Galopp ſeines fieberiſchen Lebens über alle dieſe Genüſſe hinwegge⸗ gangen. Nun wurde er gewahr, wie eben dieſe Genüſſe das Wahre ſind, und wie das Glück nicht darin beſteht, daß man weitläufige Schlöſſer und Dominien mit Geräuſch und feſtlichem Glanze erfüllt, ſondern darin, daß man einen kleinen Winkel der Erde recht verſtehen lernt, und wie der Schatten einiger Bäume, ein ſchmaler, blumenbegrenzter Fuß⸗ ſteig, ein Weißdornſtrauch als Horizont, der Geſang des heimkehrenden Ackermanns und die leichte, wun⸗ derbare Arbeit der Natur den geiſtigen und gemüth⸗ lichen Bedürfniſſen des verſtändigen Menſchen in weiteſtem Maße genügen. Es wurde ihm Alles neu auf einer Welt, deren Genüſſe er bis auf den letzten erſchöpft zu haben glaubte. Die einfachſten Dinge gaben ihm jetzt Stoff zu endloſen Betrachtungen; es überkam ihn dabei eine wahrhaft kindliche Rührung, und ſelbſt die aller⸗ gewöhnlichſten Eindrücke konnten jetzt ſein an den Brüſten der Natur wieder geſund gewordenes Herz in dichteriſche Begeiſterung verſetzen. Wie oft hatte er nicht über die guten Philiſter Dumas, Printems. II. 8 114 gelacht, die er Sonntags hatte auf das Land gehen ſehen, und deren ganzer Ehrgeiz darin beſtand, daß ſie ſo viel zuſammenrafften, um die letzten Jahre ihres Lebens dort ganz hinbringen zu können! Nun aber erſchienen ſie ihm als die wahrhaft glücklichen Men⸗ ſchen, als die wahren Weiſen dieſer Erde. Wie un⸗ endlich philiſterhafter war er nun als die Leute, die einſt ſeinen Spott erregt; Alles weckte ſein Staunen, Alles bezauberte ihn, wenn er Auge und Ohr den anſpruchsloſen Enthüllungen der Natur öffnete. Er pflegte ſeine Blumen zu begießen und auszubrechen; ſo oft er an ſeinem kleinen Spalierbaume Symptome von neuen Früchten gewahrte, zählte und zeigte er ſie mit unendlichem Stolz, ja, ich wage zu behaup⸗ ten, daß er den Jäger um's Leben gebracht hätte, der über ſeine ſpaniſchen Wicken oder ſeinen Raſen weggeritten wäre. Sein Höchſtes wäre es nun ge⸗ weſen, ſelbſt auch ſäen und pfropfen zu können; allein er war klug genug, um auf dieſe Marſchallswürde der Gartenkunſt nie Anſpruch zu machen. Mit einem Worte, wäre der Baron von ſeinen alten Freunden in ſeinem dermaligen Zuſtande geſehen worden, ſo hätten dieſe ihn unzweifelhaft für einen in Blödſinn verfallenen, kindiſch gewordenen Menſchen gehalten. Darüber ließ er ſich keine grauen Haare wachſen. Er dachte nicht einmal daran, was die Leute wohl von ihm ſagen möchten. Seine eiſerne Geſund⸗ heit, die ſo vielen Ausſchweifungen mit Glück wider⸗ ſtanden hatte, kräftigte ſich bei dieſem regelmäßigen Leben auſf's Neue und er fühlte, wie er geiſtig und leiblich wieder jung wurde. Er wurde wieder grün, und wie Frau von Sévigné ſagt, ſo iſt es beſſer, den aß res ber en⸗ un⸗ die en, den Er en; me er up⸗ tte, ſen ge⸗ lein rde nem den ſo ſinn ten. ſen. eute ind⸗ der⸗ igen und rün, ſſer, wenn man wieder grün wird, als wenn man ſtets grün bleibt. Einem ſchönen Herbſte gleich, hatte nun auch er ſeinen Nachſommer. Auch zweifelte er keinen Augen⸗ blick, daß er denſelben wie einen wahren Frühling nützen könne; denn auch in moraliſcher Beziehung war die Umwandlung bei ihm eine totale. Schießt der Saft plötzlich wieder in einen Baum, der am Abſterben war, entfernt ein ſorgſamer Gärtner, der dieſes gewahr wird, die unnützen Aeſte, um den noch lebenden mehr Luft zu geben, ſo bleibt wohl eine Zeitlang eine kleine Lücke; aber es erſcheint ein Au⸗ genblick, wo dieſe Lücke von dem neuen Laubwerk ausgefüllt wird, und ſieht man nun den ſchön gerun⸗ deten Gipfel des neugeborenen Baumes, ſo kann man kaum glauben, daß derſelbe um ein Haar zu Grunde gegangen wäre. Ebenſo verhielt es ſich mit Herrn von Merey. Er ſelbſt hatte das dürre Aſtwerk, die unnützen Zweige einer für immer todten Vergangen⸗ heit aus ſeinem Leben ausgetilgt; nun genügte es ihm nicht mehr, noch länger zu leben: er wollte auch, daß ſeine geiſtige und leibliche Wiedergeburt zu etwas diene, auf mehr denn eine Jahreszeit ſich ausdehne und Früchte trage. Natürlich dachte der gute Baron ſchon längſt nur noch lachend an den Selbſtmord, womit er einſt ſein Leben in würdiger Weiſe zu krönen beſchloſſen ge⸗ habt. Jetzt wollte er ſich ebenſo wenig mehr er⸗ ſchießen, als ſein Leben im Waſſer enden. Uebrigens mußte, da die Urſache verſchwunden war, nun auch die Wirkung verſchwinden. Es hatte Herr von Merey einſt beſchloſſen, an dem Tage zu 116 enden, wo ſeine Vermögensumſtände es ihm nicht mehr erlauben würden, das Leben zu führen, das er für ſeine Organiſation unumgänglich nöthig hielt; da er aber, Dank Sophiens Bemühungen, wahrge⸗ nommen hatte, wie neben dieſem Leben ein unend⸗ lich angenehmeres und wohlfeileres lag; da er mit den ſechzigtauſend Franken, welche er für ſein letztes Lebensjahr beſtimmt hatte, noch lange nicht am Rande war; da er, anſtatt neuen Aufwand zu machen, ſeine Ausgaben möglichſt beſchränkt hatte; da er ferner ſeine Pferde, Wagen, Möbeln hatte verkaufen laſſen, weil er bei der in ihm erwachten Liebe zum Land⸗ leben überzeugt war, daß er nie mehr in Paris leben könnte und möchte, ſo ſtellte es ſich heraus, daß er ſein Capital nicht nur nicht vermindert, ſon⸗ dern im Gegentheil es verdoppelt hatte, ſowie daß er im Beſitze von etwa hundertzwanzigtauſend Fran⸗ ken war, womit er nichts anzufangen wußte, da das Landleben ſo wenig koſtſpielig iſt, daß er an einem Tage keine fünf Franken brauchte. Wir haben nicht umhin können, uns auf dieſe materiellen Dinge einzulaſſen, da ſolche materielle Dinge das Leben des Barons ſo lange Zeit be⸗ herrſcht hatten. Aber es fing Herr von Merey an wahrzunehmen, daß anſtatt der falſchen Bedürfniſſe, die ſeine Erzie⸗ hung, ſeine Gewohnheiten und die Welt, in der er ſeither gelebt, ihm geſchaffen, ſein Herz wahrere, ſüßere, darum aber nicht minder gebieteriſche Bedürf⸗ niſſe kennen lernte, ſowie daß er durch Nichtbefriedi⸗ gung derſelben, wenn auch nicht mehr der Apathie, ſo doch dem Kummer anheimfallen und am Ende — wieder beim gleichen Ziele anlangen dürfte. Ein ein⸗ er ſames, unfruchtbares Leben wollte er, wir wieder⸗ t; holen es, nicht führen. Er wollte die verlorene Zeit e⸗. wieder einbringen, er wollte auf der Welt, wo ihm d⸗ bis daher nichts einer wahren, ernſten Liebe werth it geſchienen, wirklich etwas zu lieben haben. 2s Hatte er nicht Sophie, die er als eine Tochter de lieben konnte? Allerdings, aber es war dieß noch ne nicht genug. er Ah! wenn die Natur etwas zu thun anfängt, 3 thut ſie es gewiß nie nur halb. is 8, Sechsundzwanzigſtes Kapitel. n⸗ 1 Es war Katharine für den Baron eben ſo ſehr n⸗ ein Gegenſtand der Bewunderung und des Staunens 18 als die Natur, von der er ſich umgeben ſah. Und m doch war Katharine weder ſchöner, noch origineller als die meiſten Frauenzimmer, mit denen er bis ſe daher in Berührung gekommen war. Im Gegentheil, le ſie war ſo einfach, daß ſie nur Sophien allein zu ver⸗ e⸗ gleichen war; aber eben dieſe Einfachheit verlieh ihr in Herrn von Merey's Augen ſo großen Zauber. n,„ Die Frauenzimmer, die er bis daher gekannt, e⸗ hatten alle Aufſehen machen und geliebt ſein wollen; er dieſe lenkte, ohne es zu wollen, die Aufmerkſamkeit e, und die Liebe auf ſich. Wenn er Abends um ſie ef⸗ war, konnte er ihr Stunden lang zuhören, und es di⸗ überſetzte die Sprache des Mädchens leicht die Ein⸗ ie, drücke, welche der Baron ſeit einiger Zeit verſpürte, de und die er ſich ſelbſt nicht zu überſetzen vermochte. Ferner nahm er wahr, daß auch in dem Mädchen neue Gefühle aufſprießten, ſowie daß ſie der Ruhe ihres jetzigen Lebens das Recht auf eine Liebe ent⸗ nahm, die ſie, mehr in Folge äußerer Verhältniſſe als aus andern, in ihrer eigenen Natur liegen⸗ den Urſachen, nie kennen lernen zu dürfen geglaubt hatte. Es konnte dieſe Liebe ſich nur einem ehrlichen Manne zuwenden, der, dieſelbe zu würdigen wiſſend, bei der Perſon, welche ſie ihm ſchenkte, nicht die Be⸗ geiſterung und den Schwung eines blutjungen Mäd⸗ chens ſuchte, das, im Glücke aufgewachſen, von der Liebe genau das Alter, die Schönheit, die Poeſie for⸗ dert, welche die geſchäftige Phantaſie junger Mädchen von einem Manne verlangt, wenn dieſer ihnen will⸗ kommen ſein ſoll. Seinerſeits konnte der Baron, wenn er au's Hei⸗ rathen dachte, nicht verlangen, daß man ihm ein blutjunges, eben aus dem Kloſter kommendes Mäd⸗ chen zur Frau geben ſolle, da er bereits in einem Alter ſtand, welches eine ſolche Forderung hätte als ungeſchickt und lächerlich erſcheinen laſſen, wenn wir auch noch ſo bereit ſind zuzugeben, daß er vielleicht, und zwar ganz beſonders ſeit einiger Zeit, jünger war als viele junge Männer. Gleichwohl durfte er, Dank den Einflüſſen ſeines neuen Lebens, eine ge⸗ wiſſe Jungfräulichkeit der Eindrücke fordern. Und lieber wäre er ſein Lebenlang Junggeſelle geblieben, als daß er eine Frau von ſeinem Alter geheirathet, als daß er eine ſogenannte Verſtandesheirath ge⸗ ſchloſſen hätte. Er hätte es als eine ſchlechte Hand⸗ lung, als einen Selbſtmord betrachtet, wenn er die 119 jugendlichen Eindrücke, die in ihm zuckten, alsbald wieder in den kalten, abgemeſſenen Gewohnheiten einer halb lebensſatten Frau erſtickt, oder wenn er dieſelben dem Skepticismus einer anſpruchsvollen und in's alte Regiſter gehörenden Kokette ausgeſetzt hätte. Katharine war alſo gerade die Perſon, die Herr von Merey ſuchte. Mit einem reinen Gemüthe ver⸗ band ſie hohen Verſtand und ein jungfräuliches Herz. Es mußte ihre Liebe ſür den Baron den gewünſchten Reiz haben, ohne daß das Mißverhältniß des Alters dieſelbe als lächerlich erſcheinen laſſen durfte, da Katharine einerſeits ſo viel gelitten, daß ſie das Alter ihres Mannes hatte, und da andererſeits der Baron noch ſo jugendfriſch war, daß er nicht älter war als ſeine Frau. In der erſten Zeit ihres Cheſtandes durfte er bei ihr alle Freuden der jugendlichen Liebe koſten, ohne daß auch nur eine der ſüßen Illuſionen des Honigmondes fehlten,— Illuſionen und Freuden, die, wenn er ſchon jung geheirathet hätte, für ihn jetzt nur noch in der Erinnerung vorhanden ſein mußten. Ferner mußte Katharine, die mehr gefühl⸗ voll als leidenſchaftlich war, ganz von ſelbſt eine zärtliche Freundin, eine ergebene Lebensgefährtin werden, wie Herr von Merey ſie ſich für die letzte Periode ſeines Lebens wünſchen mußte. Vielleicht war auch Gott gegen ihn bis an's Ende gnädig und ſchenkte ihm ein Kind, wo dann dem Baron auf Erden nichts mehr zu wünſchen übrig blieb. Solcher Art waren Herrn von Merey's Gedan⸗ ken, und ſo dachte vielleicht auch Katharine, wenn 120 ſich auch bei ihr dieſe Ideen nicht ſo klar formulirten. Glücklicher Weiſe war Sophie da, die Alles errieth und gewiß für Alles beſtens ſorgte; denn hätte ſie gewartet, bis der Baron ſich ausſprach, ſo wäre 3 Katharine wohl niemals Frau von Merey geworden. War es Unſchlüſſigkeit von Seiten des Oheims? Nein, wohl aber Schüchternheit. Es fand dieſer Mann, der ſo vieles Glück in der Liebe gehabt, als er nur immer gewünſcht, in dem Repertorium ſeiner früheren Verführungskünſte nicht mehr die nöthigen Worte, um einem jungen Mädchen ſeine ehrlichen Abſichten, ſeine aufrichtige Liebe zu geſtehen. Und in der That war es auch nicht das Gleiche, und ſelbſt der ſittenloſeſte Nenſch wird wieder zum Kinde, wenn ein ſolches Geſtändniß über ſeine Lippen kommt. 3 Zum Glücke hatte Sophie, wir müſſen es hier wiederholen, Alles bemerkt, Alles begriffen, Alles beſchloſſen. Sie theilte ihre Wahrnehmung Maxen mit, der in ſeiner Eigenſchaft als Bruder und Mann nichts merkte. Nur Frauen allein kommt eine ſolche Intuition zu, und es ſind ſelbſt die unſchuldigſten von dieſem Vorrecht nicht ausgeſchloſſen, wie Sophie uns klar beweist. „Ja,“ antwortete Max,„ich meine, daß das für Katharine ein großes Glück wäre. Befragen Sie ſie darüber, theure Sophie, und reden Sie ihr zu, wenn ſie einen Anſtand finden ſollte.“ „Ohl einen Anſtand wird ſie nicht finden.“ Zuerſt nahm Sophie ihren Onkel auf's Korn, der ganz ſchamroth wurde, als er ſein Geheimniß ent⸗ deckt ſah. Sophie konnte ſich eines Lächelns nicht —————— enthalten, als ſie ſah, wie ſie einem Mann gegen⸗ über, der gar wohl ihr Vater hätte ſein können, die Rolle einer Mutter ſpielte. Sie fand die Sache ein bischen luſtig und erklärte zum Ende ihrem Oheim, daß er die Sache als abgeſchloſſen betrachten könne; denn wie ſie Maxen bereits geſagt, ſo zweifelte ſie keinen Augenblick, daß dieſe Partie Katharinen ge⸗ nehm wäre. Und Sophie hatte vollkommen Recht. Katharine antwortete auf ihren Antrag mit den Worten: „Wie Du immer willſt, liebe Sophie, vorausge⸗ ſetzt daß wir nicht von einander getrennt werden.“ Noch an demſelben Abend hielt der Baron bei Maxen um Katharinens Hand an. Der Kanzlei⸗ director antwortete ihm damit, daß er ihn Schwager nannte und ſich ihm in die Arme warf. Dann rief er ſeine Schweſter herbei, worauf die beiden Ver⸗ lobten mit ebenſo ſüßer als friſcher Rührung ſich die Hand gaben. Die Heirath ſelbſt konnte nicht alsbald Statt finden, da Katharine noch in Trauer war; indeſſen traf man alle Anſtalten dazu. Sophie fühlte ſich überglücklich, daß ſie zu einem zweifachen Glück mit⸗ geholfen; vielleicht, ſagte ſie, indem ſie bei Kathari⸗ nen und ihrem Oheim jenes gebieteriſche Geſetz der Natur anerkannte, das da will, daß jede Seele frü⸗ her oder ſpäter ſich mit einer andern verbinde, viel⸗ leicht, ſagte ſie einen Augenblick bei ſich ſelbſt, daß ſie wie andere Menſchen ebenfalls ein Recht hätte, ihrer Sympathie noch eine andere beizugeſellen; wenn ſie aber Max anblickte, der, wie ſie, gegen jeden ſol⸗ chen Chrgeiz gleichgültig ſchien, mußte ſie ſich auch 122 ſagen, daß es natürliche Ausnahmen gebe und daß ſie mit ihm zu dieſen Ausnahmen gehöre. Was nun Mag betrifft, ſo täuſchte ſie ſich; und wer weiß, ob ſie ſich nicht auch über ſich ſelbſt täuſchte? Noch nie hatte der junge Mann ihr von den Verſu⸗ chen geſagt, die ſein Herz einſt gemacht; indeſſen ſprach er doch in ihrer Gegenwart von der Liebe zu⸗ weilen in Ausdrücken, die ihr hätten zeigen ſollen, daß er ſchon geliebt oder doch auf dem Punkte ſtehe zu lieben. Vielleicht glaubte ſie auch lieber, daß Maxens Be⸗ geiſterung rein poetiſcher Natur ſei, daß er über einen Text improviſire, der ihm angenehm ſei, daß er aber die Improviſation ſeines Geiſtes im Herzen nicht verſpüre. Vielleicht klammerte ſie ſich, als an einen Troſt, an den Gedanken an, daß Max, gleich ihr, nie geliebt, noch je lieben würde. Es wäre dieß gar verwunderlich; denn Sophie war jedes ſelbſtſüchtigen Gedankens unfähig, und ein bischen Egoismus wäre darin gelegen, wenn ſie ſich in einem ſolchen Gedan⸗ ken gefallen hätte. Wohl möglich, daß ſie auch Ma⸗ rens ſogenannte Improviſation allzu überzeugend fand, und daß ſie dieſelbe in ihrer Seele mit allen möglichen Vernunftgründen zurückwies, um nicht daran glauben zu müſſen, da ein ſolcher Glaube ihr jetzt lediglich nichts nützen konnte. Jeden Morgen ging Max auf ſeine Kanzlei, und jeden Abend erſchien er wieder um ſünf Uhr; dann wurde geſpeist, im Garten auf⸗ und abſpaziert, geplau⸗ dert, vorgeleſen. Beſuche machte man keine, außer bei einigen armen Leuten, die man unterſtützen wollte, und eben ſo wenig bekam man Beſuche, es ſei denn von eben denſelben armen Leuten, die, wieder geſund und dankbar, denen danken wollten, welche ihnen Gutes gethan. Alſo lebte die kleine Colonie, deren oberſte Lei⸗ tung Madame Printems zugefallen war, und deren ſämmtliche Glieder von der würdigen Dame als ihre Kinder behandelt wurden, und zwar der Baron zu⸗ erſt, den ſie, ſeit er für Katharine in Liebe entbrannt war, lachend das jüngſte Glied des Hauſes zu nen⸗ nen pflegte. Seit Theodor fort war, fand Madame Printems ſich glücklich; gleichwohl müſſen wir als⸗ bald hinzuſetzen, daß ihr Glück nur ein negatives war, da es einzig und allein darauf beruhte, daß ein Unglück nicht mehr war. Sie fing jetzt an es zu bereuen, oder vielmehr, ſie bereute ſchon ſeit Sophiens Hochzeittag, daß ſie allzu große Eile gehabt, und daß ſie die Zukunft ihrer Tochter allzu früh verpfändet. Zwar litt es keinen Zweifel, daß ihre Abſicht dabei die allerbeſte geweſen; aber es hatte nun einmal dieſe gute Ab⸗ ſicht gar traurige Folgen gehabt und hätte noch weit traurigere haben können. Glücklicher Weiſe war ihre Tochter ihr wieder geſchenkt. Allein es war Madame Printems keine jener Frauen, die es ſich mit einem ſo egoiſtiſchen Troſte genügen laſſen, und ſie mochte es machen, wie ſie wollte, ſo mußte ſie ſich doch immer ſelbſt ſagen, daß Sophiens Leben jämmerlich geknickt ſei. Es war ihre Tochter Wittwe, trotzdem daß ihr Gatte noch lebte; es war dieſelbe zu einem ewigen Alleinſein verdammt, und dann durfte die Welt auch von der Sache halten, was ſie wollte. Theodor war fort, und es war dieß ſchon viel; zu gleicher Zeit aber war Sophien auch die Stütze 124 entzogen, welche dieſe Heirath ihr nach der Abſicht der Mutter hatte werden ſollen. Dieſe Stütze fand ſie zwar wieder im Baron, der Sophie gleich einer Tochter liebte, ſowie in Maxen, dem ſie eine Schweſter geworden war; aber es hatte nun Herr von Merey auch ein Weſen gefunden, das er mehr als alles Andere lieben mußte, nämlich Katharine; und was Max betrifft, ſo mußte auch für ihn einſt der Tag kommen, wo er Jemand mehr als Sophie liebte, da Madame Printems keinen Augenblick glauben konnte, daß Max ewig unbeweibt bleiben würde. Es fragte ſich daher auch die treffliche Mutter, wenn ſie Sophie neben Maxen ſah, warum Gott es nicht zugegeben, daß ſie Hübert vor Theodor kennen gelernt. Mit welchem Vertrauen hätte ſie nicht ihre Tochter einem ſo ehrlichen, liebenswürdigen, geiſtrei⸗ chen Mann gegeben, und wie glücklich wären ſie jetzt zuſammen! Beſaß doch Sophie Alles, um ſich die Liebe eines Mannes zu erwerben, und war doch Mayx der Liebe einer Frau nicht minder würdig! Dieß iſt nun vollkommen richtig; nichts deſto weniger mußte Madame Printems ſich ſelbſt ſagen, daß ſie Maxen, auch wenn ſie ihn vor Theodor kennen ge⸗ lernt, ihre Tochter ſicherlich nicht gegeben hätte, da er kein Vermögen gehabt, da ihm ferner andere ſchwerere Pflichten obgelegen, und da endlich Sophie bei ihm nicht das materielle Wohlſein hätte finden können, das Madame Printems, gleich allen Müt⸗ tern, als ein nothwendiges Erforderniß erachtete, wenn ihre Tochter glücklich werden ſollte. Nun aber hatte Max eine ſchöne Stellung. Es war ſeine Schweſter im Begriffe, ſich zu verheirathen, 5 ——— 125 es beſaß Sophie eigenes Vermögen, das ſie unab⸗ hängig machte, mithin exiſtirten auch die früheren Gründe nicht mehr. Sophie und Max würden ohne Zweifel ein vortreffliches Ehepaar abgeben. Unglücklicher Weiſe aber exiſtirt, wenn auch die erſteren Hinderniſſe verſchwunden ſind, nun ein neues, das allein ſtärker iſt als jene alle: es iſt Sophie geheirathet. Es iſt alſo nicht weiter an die Sache zu denken. Max kann ihr nur ein Freund ſein. Würde Sophie aber wirklich Wittwe, wer könnte dann dieſe Heirath hindern? Nichts, lediglich nichts, es ſei denn daß Sophie Max, oder daß Max Sophie nicht liebt. Aber warum ſollten die Beiden ſich nicht lieben? Alſo dachte Madame Printems, der ihre Mutter⸗ liebe faſt ein Recht gab, alle dieſe auf dem Tod ih⸗ res jetzigen Schwiegerſohns baſirenden Projecte zu träumen. Vielleicht war es ein Mangel an chriſt⸗ licher Liebe, daß ſie dieſen Tod vorausſetzte, da dieß ihn faſt herbeiwünſchen hieß; nun aber rechte man mit einer Mutter, die ihr eigenes Leben hingäbe, um ihr Kind glücklich zu wiſſen! Theilte ſie dieſe Projecte Sophien mit? Nein. Weiter erſtreckte ſich ihr Recht nicht. Sie konnte, ſie durfte ihrer Tochter eine Zukunft nicht vorſpiegeln, die dieſe nicht herbeiwünſchen konnte, ohne ſich einer Sünde ſchuldig zu machen.. Allerdings war ihr Sophiens Tugend wohl be⸗ kannt; ſie wußte wie unverwundbar dieſelbe war; warum aber ſollte ſie ihr Kind einer Prüfung aus⸗ ſetzen? Warunm ſollte ſie ihrer unſchuldigen Tochter die wahre Natur des Gefühls enthüllen, das Max ihr einflößte, über das ſie ſich gewiß noch täuſchte, und das ihr nur als reine Freundſchaft erſchien? Was bewies ferner Madame Printems, daß Sophie Max anders liebe denn wie einen Bruder? Hatte ſie bei den Beiden wahrgenommen, was Sophie bei Katharinen und beim Baron bemerkt hatte? Ganz und gar nicht. Sie nahm bei den beiden jungen Perſonen, von denen wir eben geſprochen, weder jene Schüchtern⸗ heit, noch jene Unruhe, noch jene durch nichts be⸗ gründete Traurigkeit und Freudigkeit wahr, woran man die Liebe gewöhnlich erkennt. Jeden Tag ſahen ſie einander wieder, wie ſie ſich Tags zuvor geſehen, ſie reichten einander freundlich die Hand, und ſicher⸗ lich hätte ein Fremder, der ins Haus gekommen wäre, ſie für Geſchwiſter angeſehen, wenn er es nicht vorgezogen hätte, in ihnen Mann und Frau zu er⸗ blicken. Wer weiß? Vielleicht waren ſie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, mit einander verlobt vermöge jener Affini⸗ tät, die zwei reine Seelen zuſammenführt und mit einander verbunden hält; und vielleicht brauchen ſie, wenn Sophie einmal frei iſt, der ſtillſchweigenden Einwilligung ihrer Herzen vor Gott und den Men⸗ ſchen nur noch das Siegel aufzudrücken. Möglich, indeſſen glaube ich es nicht. Doch wir müſſen jetzt auf Herrn von Blarü zu⸗ rückkommen, der von all dieſem nichts ſah, wohl aber etwas ganz Anderes zu ſehen glaubte. ———'————B—————.——,—,—,—,——4,— ——,——,,— „ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Gewiß ging es in Sophiens Haus nicht ganz mit richtigen Dingen zu. Schon ein paar Mal hatte ſie dieſe Wahrnehmung machen müſſen; indeſſen hatte ſie für dieſes Myſterium nie eine Urſache auf⸗ zufinden gewußt, oder aber hatte ſie, über dieſe Ur⸗ ſache ſich täuſchend, ſich nicht den Anſchein geben wollen, als habe ſie die Wirkung wahrgenommen. So viel iſt gewiß, daß ſie eines Morgens beim Erwachen auf ihrem Bette einen Blumenſtrauß fand, der im Laufe der Nacht dort niedergelegt worden; ein anderes Mal hatte ſie, da ſie nicht ſchlafen konnte, ihr Fenſter aufgemacht und glaubte, während ſie die ſie umgebende Stille mit ihrer Träumerei er⸗ füllte, zu ſehen, wie in den Geſträuchen im Garten ſich etwas rührte. Es war, als ob Jemand bei ih⸗ rem Erſcheinen ſich darin verſteckt hätte, um ſich ihren Blicken zu entziehen. Nun war Sophie zwar keineswegs furchtſam; es war ihre Seele gegen ganz andere Gefahren als das Schwanken der Sy⸗ ringenbäume ihres Gartens geſtählt,— ein Schwan⸗ ken, das von einer ganz gewöhnlichen Urſache, zum Beiſpiel vom Winde oder vom plötzlichen Schrecken einer raubſüchtigen Katze herrühren konnte; gleich⸗ wohl blieb Sophie faſt eine ganze Stunde an ihrem Fenſter und ſchaute von Zeit zu Zeit die nun wie⸗ der unbeweglich gewordenen Sträucher ſcharf an. Da Alles ruhig blieb, ſo hatte ſie endlich beſchloſſen, ihr Fenſter wieder zu ſchließen und ſich wieder ins Bett zu legen; bevor Letzteres aber geſchah, zog es 128 ſie unwillkührlich wieder nach ihren Vorhängen hin. Dieſe zog ſie behutſam zur Hälfte auseinander und ſchaute abermals in ihren Garten hinaus. Dieß Mal ſah ſie ganz deutlich den Schatten eines Mannes, der nach dem auf das Feld hinaus⸗ führenden Gartenpförtchen fortſchlich. Dieſer Menſch ging hinaus und verſchwand. Da kein Mondſchein und es alſo finſter war, ſo hatte Sophie die Züge des Unbekannten nicht zu erkennen vermocht. Die⸗ ſes Ereigniß erſchreckte ſie nun zwar nicht, wohl aber beſchäftigte es ihren Geiſt ein wenig. Wer in aller Welt mochte dieſer Menſch ſein? Was hatte er in ihrem Garten zu ſchaffen? War es ein Dieb? oder war es der nämliche, der ſchon Nachts Blumen in ihr Zimmer gelegt? Was ſollte das bedeuten? Sobald ſie am andern Tage ihren Onkel und Max ſah, ſtellte ſie unterſchiedliche Fragen an ſie, ohne ihnen jedoch zu erzählen, was ſie geſehen hatte. Sie fragte ſie zum Beiſpiel, um wie viel Uhr ſie ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen hätten und ob es dem einen oder dem andern nicht eingefallen wäre, noch in ſpäter Nacht einen kleinen Spaziergang im Garten zu machen. Aber es hatte weder Max, noch der Baron das Zimmer verlaſſen. Nun fragte ſie den Gärtner aus. Auch der war nicht zur Thüre hinausgegangen. Obgleich dieſes Factum etwas Sonderbares an ſich hatte, ſo mochte Sophie doch ihm keine beſondere Wichtigkeit beimeſſen; vielleicht durfte ſie auch an⸗ nehmen, daß eine der ausgefragten Perſonen ein nd en in ge je⸗ — 1——— 129 Intereſſe habe, mit der Wahrheit hinter dem Berge zu halten, und wollte ſie ſein Geheimniß achten. Vielleicht daß der in Katharine verliebte Baron, wie ein junger Bräutigam, unter dem Balkon ſeiner Geliebten herumſtrich. Vielleicht hatte der Gärtner (ein gar unſchuldiger Diebſtahl!) etliche Salathäupt⸗ chen oder etwas Obſt zu ſeinem Nachteſſen geholt; vielleicht ging Max, als ein träumeriſcher Dichter und als ein Freund der Einſamkeit und des Myſte⸗ riums, Nachts aus, um Sonnette an den Mond zu machen. Warum hatte dann aber die fragliche Perſon ſich durch das auf das Feld hinausführende Pfört⸗ chen hindurch entfernt? Und dann blieb immer noch die Frage, wo die Blumen hergekommen, die ſie auf ihrem Bette gefunden. Hatte der Gärtner ſeiner Herrin Blumen zu ge⸗ ben, ſo konnte er ſolches ja beim hellen Tage thun; und ebenſo verhielt es ſich mit Max und Herrn von Merey, die ſich gewiß nicht die Freiheit herausnah⸗ men, Nachts in Sophiens Zimmer zu dringen, und zwar ſelbſt dann nicht, wenn ſie dort einen Blumen⸗ ſtrauß zurücklaſſen wollten. Nein, dahinter verbarg ſich ein Myſterium, und am Beſten war es wohl, wenn es dabei ſein Be⸗ wenden hatte und nichts mehr nachkam. Im Laufe des Tages riegelte Sophie ſelbſt das Gartenpförtchen zu, das zwar geſchloſſen ſchien, in Wahrheit aber es nicht war, ohne Zweifel um dem nächtlichen Beſucher das Hereinkommen abermals zu erleichtern; und ferner drehte ſie im Schloſſe ihrer Zimmerthüre den Schlüſſel zwei Mal um. Als ſie Dumas, Printems. II. 9 130 am Abend ſich auf ihr Zimmer zurückzog, löſchte ſie ihr Licht aus, ſtellte ſich an ihr Fenſter und heftete mit der Neugier eines Kindes die Augen auf die vor ihr liegenden Felder. Es mochte etwa ein Uhr Morgens ſein, als ſie einen Menſchen auf das Gartenpförtchen zuſchreiten ſah. Hier angekommen, ſuchte derſelbe es zu öffnen. Sie glaubte ſogar zu hören, wie der Unbekannte am Pförtchen rüttelte und dieſes widerſtand. Wohl zehn Minuten lang erſchöpfte ſich dieſes Individuum in allerlei Verſuchen, die aber alle gleich vergeblich waren. Endlich ſchien er die Sache aufzugeben und lief eine Weile fort, bis er an einem mit allerlei Gemüſepflanzen beſtandenen Acker ſich ſetzte. Von hier aus blickte er unbeweglich und wohl zwei Stun⸗ den lang nach Sophiens Haus her. Endlich aber entfernte er ſich wieder auf dem Wege, auf dem er hergekommen war. Und dann war Alles ruhig. Es war ein vollſtändiger Roman. Ohne Zweifel ſah der Unbekannte ein, daß die Hausbewohner ſeine Beſuche wahrgenommen hatten und auf ihrer Hut waren; denn er erſchien weder in der nächſten, noch in der zweitnächſten Nacht. Ihrerſeits glaubte Sophie, nachdem ſie zwei Nächte vergeblich gelauert hatte, daß dieſer Menſch, da er ſich entdeckt wiſſe, auf ſein Project verzichtet habe. Und ſo kam es denn, daß ſie ſich gar nicht mehr mit ihm beſchäftigte. Es waren etwa vierzehn Tage verfloſſen, ohne daß etwas Beſonderes vorgefallen, und ſchon fing Sophie an, dieſe Geſchichte zu vergeſſen, als ein —— p Ddd— ſie tete die ſie iten nen. am vohl um lich und rlei Von tun⸗ aber ner die tten eder wei iſch, htet nicht hne fing ein 131 neuer Umſtand unſerer Heldin nicht allein zu denken gab, ſondern ſie ſogar beunruhigte. Max, der ſeit einiger Zeit in Folge von Briefen, die er bekommen, gar glücklich ſchien, hatte Sophien geſagt, daß er eine kleine Reiſe zu machen hätte und erſt in einigen Tagen wieder kommen würde. Warum er dieſe Reiſe machte, ſagte er Sophien nicht, und ihrerſeits hatte dieſe ihn darum nicht fragen mögen; nur hatte es ihr geſchienen, als müſſe dieſe Reiſe auf das Leben des jungen Mannes von entſchei⸗ dendem Einfluß ſein. Dieſen Eindruck hatte die Art und Weiſe, wie Max davon geſprochen, bei ihr zu⸗ rückgelaſſen. „Bei meiner Rückkehr ſollen Sie Alles erfahren, da ich für eine Freundin wie Sie kein Geheimniß habe,“ hatte der Dichter zu Sophien geſagt. Und er war abgereist. Seitdem Max fort war, war Sophie etwas trau⸗ rig geſtimmt. Durch ſeine Abweſenheit kam eine Störung in ihre ſüße Gewohnheit, jeden Abend ihre Freunde um ſich verſammelt zu ſehen, und ſchon hatte ſie ein paar Mal Katharine bitten wollen, daß ſie ihr das Geheimniß mittheilen möchte, das ſie erſt nach Maxens Rückkehr erfahren ſollte. Unterdeſſen wurde der Baron in Privatangele⸗ genheiten nach Paris gerufen. Er hatte durch ſei⸗ nen Notar die zu ſeiner Heirath nothwendigen Pa⸗ piere verlangen laſſen. Nun war ihm gemeldet worden, daß die Papiere eingetroffen wären und daß er in eigener Perſon gewiſſe Förmlichkeiten zu erfüllen hätte, die nicht umgangen werden könnten. Er ging alſo eines Morgens weg mit der Erklärung, daß er erſt an dem darauf folgenden Tage wieder kommen würde, um Alles mit einem Mal abzumachen und alſo wei⸗ terer Gänge überhoben zu ſein. So waren denn Madame Printems, Katharine und Sophie allein im Hauſe. Und als es Abends zehn Uhr ſchlug, zog ſich jede auf ihr Zimmer zurück. Sophie war das Herz etwas ſchwer, ja ſie war ſogar etwas traurig. Sie legte ſich zu Bette und ſann eine Stunde lang, vor ſich hinſtierend, den Kopf auf die Hand und den Elbogen auf das Kiſſen ge⸗ ſtützt, hin und her. Worüber ſie aber ſo ſann, das wußte ſie wahrlich ſelbſt nicht. Es wäre ihr rein unmöglich geweſen, genau zu ſagen, was ſie jetzt drückte. Endlich gedachte ſie dieſer gedrückten Stim⸗ mung durch Schlafen zu entfliehen; aber es wollte der Schlaf eben nicht kommen. Nun zündete ſie ihre Lampe wieder an und griff nach einem Buche, um die Gedanken zu verſcheuchen, die ſie nicht in den Schlaf zu wiegen vermochte. Sie mochte ſo zwei Stunden geleſen oder viel⸗ mehr zu leſen verſucht haben, da glaubte ſie den Fußboden des Zimmers, das an das ihrige ſtieß, unter dem Drucke von möglichſt leiſe auftretenden Füßen krachen zu hören. Jetzt horchte ſie aufmerkſamer. Es näherten ſich die Tritte ihrer Thüre, und ohne Zweifel waren es Mannestritte. Weder der Baron, noch Max war in dieſem Augenblicke im Hauſe. Mithin konnte es nur ein Fremder ſein, und dieſer Fremde hinwiederum konnte nur das In⸗ dividuum ſein, das ſie ſchon zwei Mal geſehen. Was mochte ihn hierher führen? Was ſollte im nächſten Augenblick geſchehen? Sophie wartete. Da hörte ſie endlich, wie der Drücker ihrer Thüre ein ſchwaches Knarren hören ließ und niederging; die Thüre ſelbſt aber ging nicht auf, da das Zimmer abgeſchloſſen war. Es war dieß ein ſchlechter Spaß, und da er ſich allzu oft wiederholte, ſo mußte demſelben ein Ende gemacht werden. „Wer iſt da?“ fragte Sophie mit gebieteriſcher Stimme. Aber es blieb das unbekannte Weſen die Ant⸗ wort ſchuldig, und alsbald entfernten ſich die Tritte ganz leiſe wieder. Sophie ahnte es mehr, als daß ſie es hörte. Nun ſtand ſie auf, warf einen Rock über und lief auf die Thüre zu. Sie machte auf und fragte abermals:„Wer iſt da?“ 4 Zu gleicher Zeit durchſchritt ſie das Vorzimmer und ging auf die Treppe zu; der Mann aber, dem ſie nachrief, war jetzt nur noch darauf bedacht, in aller Eile zu fliehen. Ihm war es jetzt gleichgültig, ob man ihn hörte oder nicht; denn gleich einem ver⸗ folgten Diebe rumpelte er die Stufen der Treppe hinab, von wo er in den Garten und dann durch das bekannte Pförtchen auf das offene Feld hinaus⸗ eilte. Sophie war ihm bis an das Ende des Garkens nachgeeilt. Ja, ſie war ſogar einige Schritte über die Gartenmauer hinausgegangen und fragte ſich 134 dabei, wer dieſes Individuum wohl ſein möchte, da däuchte es ihr mit einem Male, daß der Menſch, den ſie verfolgte, mit einem gewaltigen Schrei ver⸗ ſchwinde, gleich als verſinke derſelbe im Boden. Bei dieſem Schrei ſchauderte ſie unwillkührlich zuſammen. Dieſen Schrei hatte ſie ſchon einmal gehört. Sie fürchtete ſich und glaubte einen Augen⸗ blick, daß der Verſtand ſie fliehen wolle. Glücklicher Weiſe waren Madame Printems und Katharine, durch das entſtandene Geräuſch aus dem Schlafe geweckt, in den Garten hinaus und Sophien nachgeeilt. Als ſie ſie gefunden hatten, baten ſie ſie um Aufklärung und fragten ſie, wie es käme, daß ſie um dieſe Stunde ſo bleich, ſo verſtört, ſo aufge⸗ regt an ihrer Gartenthüre ſtände. Sofort erzählte Sophie, was ſeit drei Wochen vorgekommen war; die Geſchichte mit dem Blumen⸗ ſtrauß, die mit den ſchwankenden Sträuchern, ſowie endlich den jüngſten Vorfall. „Was aber an dieſer Sache am Seltſamſten,“ ſetzte ſie hinzu,„iſt, daß ich in dem Schrei, den die⸗ ſer Menſch eben ausgeſtoßen, die Stimme meines Mannes deutlich erkannt habe.“ „Deines Mannes!“ „Ja, Mutter.“ „Du biſt von Sinnen, Kind.“ „Und ich will ihm zu Hilfe kommen, denn es iſt ihm etwas geſchehen; ich weiß es gewiß.“ Es befand ſich Sophie in gewaltiger Aufregung; ſie hatte Fieber: Madame Printems glaubte faſt ſchon, daß ihre Tochter phantaſire. Sie zog ſie alſo wieder in den Garten herein, ſchloß die Thüre und ,—— ging mit Katharinen und Sophien in's Haus zurück. An ein Schlafen war nun aber natürlich nicht mehr zu denken. Madame Printems und Katharine blieben bei Sophien und ſtellten über das eben Geſchehene alle nur erdenklichen Vermuthungen an. Und wenn Sophie immer wieder die Ueberzeugung aus⸗ ſprach, daß dieſer Menſch kein anderer als Theodor ſei, ſo erklärten ſie dieſelbe für pure Verrücktheit und Hallucination. Schon fing der Tag an zu grauen, und noch ſaßen die drei bei einander. Endlich war es So⸗ phien gelungen, Katharine und ihre Mutter zu be⸗ wegen, daß ſie mit ihr auf das Feld hinausgingen, wo ſie den Fliehenden wollte haben fallen ſehen und wo ſich derſelbe nach ihrer feſten Ueberzeugung wehe gethan haben mußte. Das arme Kind ſagte, man müſſe ſchon aus chriſtlicher Liebe dem Menſchen zu Hilfe zu kommen, auch wenn er ein Wildfremder ſei. Da läutete es mit einem Male heftig. Die drei Damen ſchauten einander erſtaunt und erſchrocken an. Es läutete abermals. Nun ſtand Sophie auf. Die beiden andern folg⸗ ten ihrem Beiſpiel. Immer mehr wuchs Sophiens Aufregung. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß dieſes zweimalige Anläuten ſich auf den bewußten nächtlichen Vorfall bezöge; ſie ahnte gleichſam, daß in dieſem Augen⸗ blicke über ihr ferneres Schickſal entſchieden werde. 136 Sie eilte die Treppe hinab und auf das Gitter vor dem Hauſe zu. „Was iſt es?“ fragte ſie zwei Blouſenmänner, die ſich eben anſchickten, zu dritten Male anzuläuten. „Wir wollen Hilfe.“ „Für wen?“ „Für einen braven Menſchen, den wir halb todt auf dem Wege gefunden, und da Ihr Haus das ein⸗ zige iſt, das wir hier ſehen, ſo bringen wir Ihnen den Mann.“ „Und wo iſt dieſer Mann?“ fragte Sophie mit bewegter Stimme. „Er liegt in unſerem Wagen.“ Zu gleicher Zeit deuteten die beiden Fuhrleute auf einen bedeckten und mit vier Pferden beſpann⸗ ten Wagen. „Er lag auf der Straße,“ fuhr einer von den beiden Fuhrleuten fort.„Wir ſchliefen und hätten ihn um ein Haar überfahren. Wären unſere Pferde nicht von ſelbſt ſtehen geblieben, ſo wäre es um ihn geſchehen geweſen. Doch da iſt er nun. Kommt er davon, ſo kann er von Glück ſagen, denn er iſt übel genug zugerichtet.“ Unterdeſſen hatte Sophie das Gitterthor geöffnet und ſich dem Wagen genähert. Einer der beiden Fuhrleute war unterdeſſen hinaufgeſtiegen und ſchob den Körper herunter, wäh⸗ rend der andere an den Füßen zog. Sophie wagte jetzt gar nicht mehr hinzuſchauen. Endlich ſprang der Mann, der im Wagen war, zu ſeinem Kameraden herab. Sie luden den Ver⸗ —— 137 wundeten auf ihre Achſel und trugen ihn in das Haus hinein. Madame Printems leuchtete ihnen dabei. Katharine richtete das Canapé her. Dort leg⸗ ten die beiden Fuhrleute den Sterbenden oder Tod⸗ ten nieder; denn ob der Menſch, den ſie in's Haus gebracht, das eine oder das andere war, ließ ſich noch nicht beſtimmen. Es hatte dieſer Mann, der eine Blouſe trug, auf der Stirn eine große Wunde, die immer noch ſtark blutete. Der übrige Theil des Geſichts war ganz zer⸗ ſchunden; er mußte auf das Geſicht gefallen ſein. Der Koth, der ſeine Züge bedeckte, machte ſie für den Augenblick unkenntlich. Katharine brachte eine Serviette und Waſſer, um die Wunde zu reinigen und dann zu verbinden. Ihrerſeits wuſch Sophie mit zitternder Hand das Geſicht des Unglücklichen ab. Und kaum hatte ſie die Augen gereinigt, als ſie einen Schrei ausſtieß. Sie hatte Theodor erkannt. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Was mochte wohl geſchehen ſein, ſeitdem Theo⸗ dor ſeine Frau aus freien Stücken und mit einem ſo edlen Anſchein von Reſignation verlaſſen hatte, und wie kam es, daß er wieder in ſo jämmerlichem Zuſtand ſich in ihrer Nähe fand? War es ſein eigener Wille oder war es der Zufall, der ihn wieder zu ihr geführt? 138 Es war ſein eigener Wille. Theodor war mit der feſten Abſicht, ſeiner Frau nie wieder unter die Augen zu kommen, weggegangen. In einem jener Anflüge von Großmuth, wie das Fieber ſie zuweilen mit ſich führt, hatte er beſchloſſen, ſich nun gleich⸗ falls zu opfern und ein ſo ganz und gar unſchuldi⸗ ges Weſen von ſeiner unglückſeligen Geſellſchaft zu befreien. In der Ausführung dieſes edelmüthigen Gedankens hatte er ſich gefallen, hatte er ſich ge⸗ hoben gefühlt. Eine Zeitlang hatte der Stolz der Hingebung ihn aufrecht erhalten, und wir kennen den Brief, den er mit ſo vieler Geiſtesruhe und Entſchloſſenheit ge⸗ ſchrieben hatte. Unglücklicher Weiſe geht in hundert Fällen im⸗ mer neunundneunzig Mal ein ſolches freiwilliges Marterthum über unſere ſchwache Menſchenkraft. Will man mit einer Erinnerung zum Abſchluß kom⸗ men, wie die Theodors war, und iſt man, wir müſ⸗ ſen es ſagen, ein ſo gewöhnlicher Menſch wie er, ſo muß man mit dem Leben ſelbſt abſchließen, widri⸗ genfalls ſehr zu befürchten ſteht, es werde das Opfer immerdar nur ein Wort bleiben. Nun war aber Theodor ein ganz gewöhnlicher Menſch: weder ſeine Bildung, noch der Schwung ſeiner Ideen, noch auch ſein Verſtand konnte ihn zu einem Heldenthum befähigen, das einzig und allein auserleſenen Naturen vorbehalten iſt. Nicht jeder, der da will, kann das Gute thun, insbeſondere aber iſt dieß ſchwer, wenn man dadurch ſich ſelbſt beein⸗ trächtigen und theuren Erinnerungen, Wünſchen und Plänen entgegenarbeiten ſoll. — Theodor liebte Sophie. Er war weder jung noch die ſchön; der Hauch einer ſeltſamen, jammervollen ener Krankheit ſetzte jeden Augenblick ſein Leben und ſei⸗ eilen nen Verſtand in Gefahr; Millionen von Stunden eich⸗ trennten ihn moraliſch, wir geben es zu, von der uldi⸗ ſchönen Jungfrau, aber darum dreht ſich die Frage t zu jetzt nicht. igen Es hatte der Zufall dieſen Mann mit dieſer Frau ge⸗ zuſammengeführt und, was noch ſchlimmer iſt, auf b ewig verbunden. Sophie hatte unbeſtreitbar das Recht ung gehabt, eine ſolche Verbindung von ſich zu weiſen. den Es hatte Gott ihr in dem Augenblick, wo die Ver⸗ ge⸗ bindung Statt fand, keineswegs verholen, welcher Miſſion ſie ſich da unterzog; nichts aber hatte dieſes im⸗ zu jedem Liebesdienſte⸗ bereite, jeder Aufopferung ges fähige Gemüth wankend machen können; auch haben aft. wir ferner geſehen, wie die erſten günſtigen Reſul⸗ om⸗ tate ſie noch kühner machten. Sie hätte alſo ohne nüſ⸗ alles Bedauern, ohne eine Klage und ohne ein er, Murren hören zu laſſen, ihre Aufgabe ganz erfüllt. dri⸗ Theodor hatte den wahren Sachverhalt erfahren. pfer In einem erſten Anflug von Edelmuth hatte er die⸗ ſem edlen Weſen die Freiheit wieder ſchenken und her ſo gegen daſſelbe ſeine Schuld abtragen wollen; aber h ingg. es läßt ſich nun einmal die Hingebung nicht copiren; zu ſie liegt oder liegt nicht in der Natur eines Men⸗ ein ſchen. er, Wäre Theodor wirklich der Mann geweſen, der ber auf Sophie, nachdem er ſie einmal beſaß, hätte ver⸗ in⸗ zichten können, ſo wäre es ihm auch nicht eingefal⸗ en len, ſie zur Ehe zu verlangen; er hätte gleich An⸗ fangs eingeſehen, daß er nicht für ſie geſchaffen ſei; 140 es geſchah alſo, was geſchehen mußte, das heißt, es ſtrauchelte Theodor ſchon bei den erſten Schritten, die er auf der unbekannten und ſchwierigen Bahn der Entſagung zu thun hatte. Als er die Bahn, die er eben betreten, vor ſei⸗ nen Blicken ſich in ſo troſtloſer Weiſe dehnen ſah, überkam ihn Furcht und Zaghaftigkeit: er ſchaute zurück und kehrte um. Die Eigenliebe allein war es, die ihn hinderte, ſeine Schwäche einzugeſtehen. Nachdem er einmal den bewußten Brief geſchrieben, wagte er es nicht mehr, ganz einfach in das Haus zurückzukehren, das er aus ſo lobenswerthen Gründen verlaſſen hatte. Laſſen wir ihm indeſſen Gerechtigkeit widerfahren, und ſagen wir, daß er einige Zeit wider die Rath⸗ ſchläge ſeiner Natur und ſeiner Liebe ankämpfte, denn er liebte, wie wir wiederholt bemerken müſſen, Sophie, und je weniger dieſe Liebe berechtigt war, um ſo vielfordernder mußte ſie ſich bei einer Organi⸗ ſation, wie die ſeinige war, zeigen. Je mehr Theo⸗ dor ſich von ſeiner Frau entfernte, um ſo weniger konnte er ſich aus dem Sinne ſchlagen, wie jung und wie hübſch ſie war, und wie ſehr ſich nun An⸗ dere beeilen würden, ihr ihre Huldigungen darzu⸗ bringen. Er vergaß, daß Sophie über alle jene Gefahren erhaben war, welche gewöhnlichen Men⸗ ſchenkindern ſo häufig drohen, und wurde eiferſüchtig. Nun machte er es wie jene zwei Kaufleute und Käufer, die ſich über den Preis einer Waare nicht einigen können, das heißt, er halbirte die Differenz. Da er zu gleicher Zeit Kaufmann und Käufer ſeiner Gefühle war, ſo mochte er nicht offen zu ſei⸗ ner Frau zurückkehren, wohl aber wollte er ſich ihr nähern; er wollte nicht geſehen ſein, erkannte ſich aber das Recht zu, ſie zu ſehen. Er hatte Sophie auf allen ihren Schritten und Tritten belauert, hatte in Erfahrung gebracht, daß ſie auf das Land zu zie⸗ hen gedenke, war ihr dorthin gefolgt und hatte ſich in der Nähe eingemiethet, um ſtets zu wiſſen, was im Hauſe ſeiner Frau vorging. Und in der That kam und ging er jeden Tag. Um nicht erkannt zu werden, hatte er ſeinen Bart wachſen laſſen und ſich eine Blouſe angeſchafft. Dieſes ſtille, anſpruchsloſe, regelmäßige Erſchei⸗ nen genügte ihm. Er glaubte es wenigſtens. Aber bald wurde dieß anders. Maxens Ver⸗ weilen im Hauſe, die Spaziergänge, die der junge Dichter mit Sophien vor Aller Augen machte, die Art und Weiſe, wie dieſe ſich mit Hübert'’s Zukunft beſchäftigt hatte, als ſie geglaubt, daß ſie ihren Mann würde begleiten müſſen: dieſe Erinnerung, dieſer Schein, dieſe an ſich ſo unſchuldige Wirklichkeit gaben Theodors angeborener Eiferſucht Nahrung, gaben ihr einen Namen, einen Grund. Nachts pflegte er durch das bekannte Pförtchen nach Art eines Diebes in den Garten zu dringen und riskirte dabei, als ein ſolcher angeſehen zu werden. Wer weiß, ob Letzteres ihm nicht erwünſcht ge⸗ weſen wäre. Er ging ſo weit, daß er das Geſicht gegen eines der Fenſter des Salons drückte. Da bot ſich ihm das beruhigende Schauſpiel der ſo reinen und patriar⸗ chaliſchen Intimität dieſer Familie dar, die der Zufall 142 geſchaffen, verſchiedenes Unglück und gemeinſchaftliche Gefühle aber zuſammenhielten. Er hörte ganze Ge⸗ ſpräche mit an, und was er hörte, beſtätigte ihm, was er geſehen. Nun ſchlug ihn das Gewiſſen ein bischen. Er zürnte ſich ſelbſt und drang eines Nachts in Sophiens Zimmer, um dort, als Ausdruck ſeiner aufrichtigſten Huldigung, den Blumenſtrauß niederzu⸗ legen, den ſie beim Erwachen auf ihrem Bette lie⸗ gen ſah. In jener Nacht betrachtete er ſie eine Weile. Es klopfte ihm dabei das Herz heftig und alle ſeine Sinne geriethen in Aufregung und Verwirrung; allein es konnte die argloſe Ruhe der Jungfrau Je⸗ den, der ſie ſo daliegen ſah, nur mit Gefühlen rein⸗ ſter, heiligſter Anbetung erfüllen. In aller Stille zog Theodor ſich zurück, das Bild, das er geſehen, als Troſt mitnehmend. So war denn unſer Held, ſo lange er in dieſem Zuſtande blieb, nicht zu beklagen; allein es ſtand in den Sternen geſchrieben, daß alle guten Regungen dieſes Menſchen ſtets etwas Schlechtes und Unge⸗ rechtes an ſich haben ſollten. Bald machte er So⸗ phien aus dieſem ruhigen Schlafe, aus dieſer unſchuldigen und anmuthsvollen Ruhe, die ihn an⸗ fänglich bezaubert hatte, ein Verbrechen. Anſtatt darin nur das Zeugniß eines reinen Gewiſſens zu erblicken, glaubte er die Gleichgültigkeit einer vergeß⸗ lichen Seele zu erkennen.„Sie hat alſo,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„das Opfer, das ich ihr gebracht, als etwas Selbſtverſtändliches angenommen; ſie ſchläft alſo, ohne an mich zu denken, während ich einzig und allein mit ihr beſchäſtigt war; ſie iſt alſo glück⸗ “ 143 lich und zufrieden, während ich leide, und vielleicht hätte ſie einen Schrei des Schreckens ausgeſtoßen, wenn ſie plötzlich aufgewacht wäre und mich, ihren Mann, hätte vor ihrem Bette ſtehen ſehen.“ War er aber einmal ſo weit, ſo konnte und mußte er ſich auch ſagen:„Bin ich doch der Mann, bin ich doch der Herr dieſes Weibes; es iſt recht albern von mir, daß ich fern von ihr lebe, während mich doch nichts dazu zwingt und ich ſie liebe.“ Allerdings war der Weg bis zu dieſem Räſonne⸗ ment nur kurz geweſen, doch die Diſtanz, welche zwi⸗ ſchen dieſem Räſonnement und deſſen Ausführung lag, war eine ungeheure. Und dieſe Diſtanz wagte Theo⸗ dors natürliche Schüchternheit um ſo weniger zu durchmeſſen, als er bei jeder neuen geiſtigen Auf⸗ regung Symptome von Kriſen in ſeinem Innern zu⸗ verſpüren glaubte, die er um ſo mehr fürchtete, als er ganz verlaſſen daſtand und kein Menſch ihn kannte. „Aber ich bin doch ein rechter Narr, bin doch ein rechter Thor,“ pflegte er nun weiter bei ſich ſelbſt zu ſagen.„Wie mag ich doch nur ein ſo ärm⸗ liches Leben führen; wie mag ich mich doch mit der myſteriöſen Anſchauung einer Frau begnügen, welche die meinige iſt, welche ein Haus bewohnt, das mir gehört; wie mag ich doch ein Haus fliehen, wo man mir gaſtliche Aufnahme ſchuldet und wo ich mich nur zu erkennen zu geben brauche, um einen Platz am Herde zu finden! Und das ſoll heute noch ge⸗ ſchehen!“ Am Abende dieſes Tages faßte er einen großen Entſchluß: er ging bis an das Gitter des Hauſes 144 und ſtreckte die Hand ſchon nach dem Griffe des Glockenzuges aus; im Augenblicke aber, wo er an⸗ läuten wollte, entſank ihm wieder der Muth, ja über⸗ kam ihn eine ſeltſame Furcht. „Wenn man mich aber hinausjagte, wenn man mich für einen Verrückten anſähe und mich einſperren ließe! Wie dann?“ fragte er ſich ſelbſt. Und es war das keineswegs ein Ding der Un⸗ möglichkeit. Die Einſamkeit, die Schlafloſigkeit, das Faſten, die Eiferſucht, die Liebe, und wie die Leiden⸗ ſchaften noch alle heißen mögen, hatten dem armen Menſchen übel mitgeſpielt. Bald fiel Theodor, wenn er ſeine Frau erblickte oder ſich auch nur an dieſelbe erinnerte, auf die Knie nieder und faltete, wie ein Betender, die Hände; bald fühlte er ſich von plötz⸗ licher Wuth, von einem durch nichts motivirten Zorn ergriffen, und da ſchmiedete er denn allerlei unheim⸗ liche Projecte; unter Anderem wollte er, um ſeiner Unſchlüſſigkeit und ſeiner Seelenunruhe mit einem Male ein Ende zu machen, in Sophiens Haus ein⸗ dringen, um ſie und dann ſich ſelbſt umzubringen. Wie laſſen ſich ſolche Gedanken erklären? Einzig und allein durch Theodors Wahnſinn. Und in der That kam dieſer ſelbſt allgemach zu dieſem Schluſſe, wobei wir bemerken müſſen, daß die Augenblicke, wo er glaubte, daß er nicht mehr ſeinen ganzen Verſtand hätte, vielleicht die einzigen Augenblicke waren, wo er noch vernünftig dachte. Wie man ſich erinnert, ſo hatte Sophie ihn eines Abends bemerkt, jedoch ohne ahnen zu können, daß er es wäre. Und als in der darauf folgenden Nacht Theodor hatte abermals in den Garten drin⸗ * 2 1— S———————= S —₰— ⏑☛ D—D 1— — — „O D S o S gen wollen, hatte er die Thüre zugeriegelt gefunden. Angeſichts dieſer Unmöglichkeit, Sophien nahe zu kommen, war er wie verſteinert. Mit kalter, ſtiller Wuth blickte er das Pförtchen an. Es war ihm, als wäre ſein Kopf mit einem Male von einem eiſernen Netz umfangen; er ſchauerte am ganzen Leibe, als wenn ſeinem Blut plötzlich Eis beigemiſcht worden wäre. Er nahm den Kopf in beide Hände, und Gott allein weiß, was jetzt in ſeinem Herzen vorging. Schwer und mit Mühe athmend, wie wenn ein Gewicht von vielen Centnern auf ſeiner Bruſt gelaſtet hätte, trollte er langſam heim. In ſeiner Wohnung angekommen, war er leichen⸗ blaß; zugleich hatte ſeine Miene etwas Düſteres und Drohendes. Offenbar ſtanden jetzt in dieſem ſchwa⸗ chen Geiſte die verbrecheriſchen Projecte, welche von Zeit zu Zeit darin geſpukt, feſter denn je zuvor; ſie bemächtigten ſich allmählig dieſes Mannes, ſo daß ſie ihn ganz und gar beherrſchten. Er rechnete nicht mehr mit ſeinen Eindrücken, wenn man die Halluci⸗ nationen einer fieberiſchen Organiſation, die Ueber⸗ reizung eines kranken Gehirn, die allgemeine Erſchütte⸗ rung des Nervenſyſtems bei einem unglücklichen Epileptiker noch Eindrücke nennen kann. Während der Zeit, welche zwiſchen dieſem letzten Beſuche und dem im vorangehenden Kapitel erzähl⸗ ten Ereigniſſe verſtrich, paſſirte es Theodor, daß er Tage lang mit graſſen, ſtieren Augen und mit halb offenem Munde daſaß oder daſtand. Es konnte da ſein Geiſt ſich nicht von einer fixen Idee, jener erſten Thüre des Wahnſinns, losmachen, und dieſe fixe Idee war nichts Anderes als die oft wiederkehrende Dumas, Printems. II. 10 146 Verſuchung, dann das ſtete Bedürfniß, dann die hartnäckige, abſolute, unwandelbare Nothwendigkeit, an Sophien Rache zu nehmen, ſie zu beſitzen, ſie umzubringen und dann ſich ſelbſt das Leben zu nehmen. Die ſixe Idee iſt die Logik des Wahnſinns. Alles, was ſich nicht auf ſie bezieht, iſt im Ge⸗ hirn des Kranken Finſterniß, Chaos, Narrheit, Alles aber, was daraus hervorgeht und dahin einſchlägt, klar, geſcheidt, vernünftig. Der Menſch, der an einer firen Idee laborirt, entwickelt ſich dieſelbe mit ſchrecklicher Klarheit; und geſchieht es einmal, daß er ſie vor einem Menſchen entwickelt, der ſeinen ge⸗ ſunden Verſtand hat, ſo fragt der letztere ſich einen Augenblick voller Schrecken, wer wohl der Narr ſei, der Sprechende oder der Zuhörende. Erſt dann, wenn er den Sprechenden auf etwas Anderes bringt, und dann ſieht, wie dieſer Geiſt jeden Augenblick aus dem Geleiſe kommt, ſobald er ſich nicht mehr auf der geraden Linie ſeines einzigen Gedankens be⸗ findet,— erſt dann erlangt er in Wahrheit das Bewußtſein wieder, daß er ſelbſt, und nicht der Sprechende, derjenige ſei, der ſich des ungetrübten Genuſſes ſeiner Verſtandeskräfte erfreue. Theodor fand ſolchergeſtalt die allerbeſten Gründe für die Ausführung des ſeltſamen Projects, womit er ſich trug. Und alle dieſe Gründe ſchrieb er nie⸗ der, und zwar that er dieß unendlich beſſer als wir, die wir nicht verrückt ſind, es thun können. Ferner trug er ſie ſtets bei ſich, um in dem Fall, wo er ſeinen Entſchluß einen Augenblick vergäße, nur nach ſeinem Notizbuche greifen zu müſſen. — ———— Oœ& ELSͤ- O—O— 147 In dieſer Gemüthsverfaſſung wartete er auf eine günſtige Gelegenheit, ſein Vorhaben auszuführen. Wie Herrn von Merey's und Maxens momentane Abweſenheit ihm dieſe Gelegenheit an die Hand gaben, haben wir im Voranſtehenden geſehen; ebenſo haben wir aber auch geſehen, wie die Sache ausgegangen war. Theodor hatte aber bei allen ſeinen Combinatio⸗ nen vergeſſen, die Vorſehung in ſeine Rechnung mit aufzunehmen. Bei aller Entſchloſſenheit hatte ihn daher, als er ſeine Frau mit ſanfter Stimme:„Wer iſt da?“ rufen hörte, ein plötzlicher unbeſiegbarer Schrecken überkommen, ſo daß er vor dem Verbre⸗ chen, das er verüben wollte, ebenſo floh wie Cain vor dem, das er verübt hatte. Und während er ſo davon eilte, ſchwindelte ihm; und er ſtieß mit einem Fuße an einen Stein, worauf er mit dem Geſichte auf das Straßenpflaſter hinſtürzte. Als man ihn zu Sophien brachte, athmete er noch, wie wir geſehen haben. Er öffnete die Augen halb und erkannte Sophie; augenblicklich aber ſchloſſen ſich dieſelben wieder, ohne daß es möglich geweſen wäre zu ſagen, welche Empfindung dieſer Anblick bei dem ſchon halb Todten hervorgerufen. Er wollte ſprechen, allein es trafen ſeine Lippen zuſammen, ohne einen verſtändlichen Laut zu formu⸗ liren. Der alsbald herbeigerufene Arzt ſchüttelte den Kopf bedenklich, als er Theodors Wunde gewahrte. Gleichwohl legte er einen erſten Verband an und ſchlug dem jämmerlich Verſtümmelten eine Ader. Was Sophie betrifft, ſo blieb ſie bei dem Ster⸗ 148 benden und fand, als ſie deſſen Kleider durchſuchte, ein Meſſer und ein Notizbuch, worauf die Gründe, die er zu dieſem Morde und Selbſtmorde zu haben glaubte, verzeichnet ſtanden. Sophie war allein, als ſie dieß las. Und ohne das Notizbuch Jemand zu zeigen, zer⸗ riß ſie es und murmelte, ihren Gatten durch Thrä⸗ nen des Mitleids anblickend: „Das arme Geſchöpf!“ Und ſie fuhr fort bei ihm zu wachen. Ueunundzwanzigſtes Kapitel. So wachte ſie bei dem Kranken drei Tage und vier Nächte. Während dieſer Zeit ging in dieſem jämmerlichen Körper ein Kampf zwiſchen Leben und Tod vor ſich, welcher für Sophie herzzerreißend ſein mußte. Es war ſichtbar, nur allzu ſichtbar, daß der Sterbende noch länger leben wollte, und zugleich glich dieſer Wille, der allein noch ſein Leben friſtete, einer Drohung. Man hätte glauben können, daß er das Leben nur noch als Rache begreife. Aber an wem wollte er ſich rächen? Unter allen den Perſonen, die ihn umgaben, hatte ihm keine etwas zu leid gethan. Es hat dieß„ allerdings ſeine Richtigkeit, aber vergeſſen wir nicht, daß dieſer Menſch viel ausgeſtanden hatte; daß er ſterben ſollte und ſich als ein unſchuldiges Opfer be⸗ trachtete. So kam es denn, daß er, vom Schmerz und ſelbſt von ſeiner Unmacht überreizt, alle diejeni⸗ gen als ſeine perſönlichen Feinde anſah, die nicht em ein er 14⁴9 litten, die, nach ſeinem Tode, auf dieſer Welt ihres Lebens ſich noch freuen konnten. Kaum daß es ihm gelang, etliche unzuſammenhängende Worte zu ſtam⸗ meln; ſein krampfhaft zuckender Mund, vor dem eine Maſſe blutigen Schaumes lag, war, ſo zu ſagen, nur noch die Oeffnung der Wunde, woraus ſein Groll hervorſprudelte. Es war der Verſtand von ihm gewichen, und nur Schmerz und Zorn allein wohnten noch in dieſem zerſchundenen Leibe, der zum Glück zur Unbeweglichkeit verdammt war; denn es traten Augenblicke ein, wo der Kranke Sophie zu erfaſſen ſuchte,— Sophie, deren ſanftes Weſen, deren unabläſſige, ſorgſame Pflege, deren ermuthi⸗ gende Worte ihn mehr und mehr aufzubringen ſchienen. Er beugte ſeine fleiſchloſe, mit Blutflecken beſudelte Bruſt über das Bett heraus; allein es dauerte dieſe Anſtrengung nie lange, und bald ſank er wieder er⸗ ſchöpft auf ſein Kiſſen zurück, um Stunden lang bei erloſchenen Augen Kopf und Arme träge herunter⸗ hangen zu laſſen. Drei Tage und vier Nächte lang bot Theodor, wir wiederholen es, Sophien, deren Geduld und Pflege keinen Augenblick ſich vermiſſen ließen, dieſen peinlichen Anblick. Zuweilen ſchaute der Sterbende, als fühlte er ſich durch ſo viele Liebe beſiegt, Sophie mit einer gewiſſen Zärtlichkeit an; allein es waren dieſe hellen Augenblicke ſeines Herzens eben nur Zufälle, und bald verfiel er wieder in die gewohn⸗ ten Phantaſien. Ein heiſeres Brummen, ein monotones Röcheln gaben dem Schlafe und der Aufregung, der Rührung und dem Zorne dieſes Menſchen Rhythmus. Endlich 150 wurde am Morgen des vierten Tages dieſe unheim⸗ liche Begleitung allmählig ſchwächer, und es mußte Sophie lange horchen, um ſich zu verſichern, ob ihr Gatte wirklich noch am Leben wäre. Mit einem Male hörte ſie nichts mehr, ſo an⸗ geſtrengt ſie auch horchen mochte. Es war der vom Arzte befürchtete Hirnſchlag hinzugekommen; es wur⸗ den die Augen ſtarr, es öffnete ſich der Mund halb, es dehnte ſich der ganze Körper und nahm jene Steifigkeit an, die dem weißen, ihn bedeckenden Tuche unbewegliche, harte Falten leiht. Nun war Sophie Wittwe. In dem Augenblicke, wo ihr Gatte verſchied, war ſie allein im Zimmer, aber ſie ſtieß keinen Schrei aus und rief Niemand zu Hilfe. Weder Schrecken, noch Ekel erfaßte ſie; nur Mitleid fühlte ſie für dieſen Menſchen, der ſie ſelbſt im letzten Stadium der Krankheit, die ihn verzehrte, noch ge⸗ liebt hatte, und dem ſie trotz aller ihrer Hingebung doch nur damit hatte lohnen können, daß ſie ihn etliche Tage der Hoffnung und der Ruhe ſchmecken ließ. Zu wie vielen ſeltſamen Reflexionen gab ihr der Anblick dieſes Todten nicht Anlaß, der für ihr Leben nur dadurch bedeutend geworden war, daß er ihr Gelegenheit geboten, Andern Gutes zu thun! Sie trug den Namen dieſes Mannes, er war ihr Gatte geweſen; er ſelbſt hatte ſie ſo innig geliebt, daß er in Wahrheit an dieſer Liebe ſtarb, und doch war dieſer Mann im Augenblick ſeines Todes ihr faſt ein wildfremder Menſch. Sie war verheirathet geweſen, ohne dabei von ihrer Schamhaftigkeit et⸗ ——— 151 was einzubüßen und ohne etwas von dem zu erfah⸗ ren, was der Cheſtand enthüllen muß; und ſo fand ſie ſich denn nach dieſem Act, der in dem Leben der Frauen eine ſo große Rolle ſpielt, nicht minder jungfräulich als vor demſelben. Wäre ſie in dieſem Augenblicke geſtorben, ſo hätte man auf ihr Grab neben die Orangenblüthen auch die weißen Roſen der Jungfrau legen dürfen. So wie die Welt nun einmal iſt, ſteht das Leben einer Frau, wenn ſie ihren Mann verliert, nothwen⸗ dig ſtill vor den verſchiedenen Empfindungen, womit dieſer Tod ſie erfüllen muß. Rothwendig erfährt ihr Leben dann auch eine Umwandlung: entweder liebte ſie ihren Gatten, und dann zieht Kummer in ihr Herz ein; oder aber liebte ſie ihn nicht, und dann erſchließt ſich ihr Herz einer vagen Hoffnung. Stets und unter allen Umſtänden muß ſie mit der Freiheit, welche dieſes Ereigniß ihr bringt, etwas anfangen, ſei es daß ſie ſich ewiger Trauer hingibt und nur noch einer und derſelben Erinnerung lebt, oder daß ſie im Schatten dieſes Todes das Morgen⸗ roth eines neuen Daſeins erblickt oder doch ahnt. Das kann ſich ſo fügen, ja das fügt ſich ſogar oft ſo. Nicht alle Gatten ſind gut, und wären ſie es auch, ſo würden ſie doch nicht alle vermißt, da nicht alle Frauen gut ſind. Zur Schande des Menſchengeſchlechts müſſen wir es ſagen: es iſt der Tod, den die Religion als eine Befreiung für den, der da ſtirbt, anſieht, vom menſchlichen Geſichtspunkte aus gar oft auch für die Ueberlebenden eine Befreiung. Der Menſch— und unter dieſem Worte verſtehen wir alle denkenden und 152 ſprechenden Weſen, mithin den Mann und das Weib — der Menſch, ſagen wir, macht zu Gunſten ſeiner Leidenſchaften, ſeines Intereſſes, ſeines Egoismus nur allzu oft gewiſſe Combinationen, womit er ſeine Zukunft ſichern zu können glaubt; er träumt mög⸗ liche Ereigniſſe, bereitet dieſe vor, ordnet ſie zuſam⸗ men, und tritt dann mit einem Male vor Gott hin mit dem Verlangen, daß er die Combinationen billige und verwirkliche, wobei nur höchſt ſelten der Tod eines Menſchen nicht eine nothwendige Rolle ſpielt. Zuweilen findet dieſer Tod wirklich Statt. Dann gibt es Wittwen, die am dreihundertſechsundſechzigſten Tage ihres Wittwenſtandes ſich in Roſa kleiden; dann gibt es reiche und verſchwenderiſche Waiſen; dann gibt es Liebende, die ſich frei und glücklich fühlen. Wohlan! es durfte Sophie, die ſchon durch ihr ganzes Weſen ſolchen gemeinen Berechnungen fern ſtand, nach Theodors Tod eben ſo wenig in den entgegengeſetzten Fehler verfallen und in ande⸗ rer Weiſe übertreiben. Ihre kurze Verbindung mit Theodor war einzig und allein auf Mitleid gegründet geweſen; indem alſo Sophie ihn verlor, konnte ſie ſich nicht zu ewi⸗ ger Trauer verdammt glauben; andererſeits war ſie zu chriſtlich geſinnt, um auch nur einen Augenblick zu zweifeln, daß dieſer Tod trotz der Verzweiflung, die ihn ſo ſchauerlich gemacht, für das Weſen, das ſein Leben lang ſo unglücklich geweſen, in Wahrheit einer Befreiung gleich käme. Auf Gottes Barm⸗ herzigkeit bauend und von dem krankhaften Wahn⸗ ſinn ausgehend, der das Ende der irdiſchen Lauf⸗ bahn ihres Gatten geͤtrübt, erblickte ſie eben in — —9 NO= SO— S S 153 dieſem furchtbaren Ausgang für Theodors Seele eine heilſame Buße, ſowie den Anfang eines unendlich höheren Glückes, als derſelbe je geſucht. Und end⸗ lich ſah ſie, als ſie ſich umſchaute, daß dieſes Ereig⸗ niß in gutem und ſchlimmem Sinn auf ihre Zukunft nicht mehr influirte als Theodors früheres Ver⸗ ſchwinden,— ein Verſchwinden, das, nach dem In⸗ halt des bewußten Briefes zu urtheilen, die Beiden wie ein wirklicher Tod trennen mußte. Was aber das unſchuldige Kind nicht ſelbſt er⸗ rieth, das ahnte ihre Mutter, und das ſollte der Baron ihr enthüllen. Es war Madame Printems eine der ehrlichſten Frauen, die es auf dieſer Welt gibt, was ſie indeſſen, wenn ſie an die Zukunft ihrer Tochter dachte, nicht verhinderte, wenn auch nicht Theodors Tod herbei⸗ zuwünſchen, ſo doch ihn als eine unerläßliche Be⸗ dingung des Glückes ihres Kindes anzuſehen. Und es darf dieß uns um ſo weniger Wunder nehmen, als er ihr, hauptſächlich ſeit der Nacht, wo man ihn ſterbend auf der Landſtraße gefunden und ſie ſeine Mordgedanken erfahren, nur noch eine Art reißen⸗ den Thieres war, welches das Gute nur mit Böſem zu vergelten weiß. Was Herrn von Merey betrifft, ſo ging er noch weiter als die Mutter, indem er ſchon lange zu ſagen pflegte:„Wann wird denn endlich unſere Sophie ſich de dieſem Menſchen befreit ſehen!“ Es fand der Baron— und er hatte das bei ſeinem Duell mit Herrn Alphons bewieſen—, daß es ebenſo natürlich und gerecht iſt, den Tod bös Sar⸗ tiger Weſen— ſei es nun daß ſie von Natur ſo 154 ſind oder daß ſie ſo geworden— herbeizuwünſchen, als es verbrecheriſch iſt, einem ehrlichen Menſchen den Tod zu wünſchen. Zwar war Theodor ſein Neffe; aber was er für dieſes ſchüchterne, kränkliche, von Andern nur wenig geſuchte Weſen ſtets empfunden hatte, war eher Mitleid als Sympathie. Dagegen flößte Sophie ihm alle jene Gefühle ein, welche eine ſo ſchöne Organiſation gebieten mußte, das heißt, es geſellte ſich bei ihm zur Achtung, Bewunderung, Hingebung die lauterſte Liebe; ihr verdankte er ſein jetziges Glück, ihr verdankte er ſeine geiſtige Wieder⸗ geburt, da ſie ihn die wahren Güter dieſer Welt kennen gelehrt hatte. Mithin mußte er auch ganz natürlich alles das haſſen, was dem Glücke der jungen Frau in irgend einer Weiſe Eintrag thun konnte. Nun aber ſtand Theodor dieſem Glücke, ſo wie der Baron es begriff, feindlich entgegen. In der That, es gab Herr von Merey, es gab der ſo ſpät liebende Herr von Merey nicht zu, daß die Exiſtenz, und vor Allem die eines Weibes, ohne Liebe logiſch oder auch nur ruhig ſei. Er war feſt überzeugt, daß Sophien früher oder ſpäter das Verſtändniß dieſer Nothwendigkeit, die ſie noch nicht kannte, und die ihr Gatte ihr nicht begreiflich machen konnte, noch aufgehen würde. So lange Theodor am Leben ſei, meinte der Baron, müſſe dieſe Unwiſſenheit bei der keuſchen Jungfrau entweder fortdauern, oder aber müſſe dieſe ihr eigenes Herz bekämpfen; und ſei auch mit Ge⸗ wißheit anzunehmen, daß ſie aus dieſen Kämpfen als Siegerin hervorgehen werde, ſo ſei doch nicht minder gewiß, daß ſie dieſen Sieg mit einem troſt⸗ 15⁵ und anmuthsloſen Leben erkaufen werde. In der Sophiens Natur inwohnenden Hingebung ahnte Herr von Merey ein vages Liebesbedürfniß, das ſich ſelbſt nicht kannte und ſich weder den rechten Namen gab, noch das rechte Ziel anwies. Es mußte alſo Sophie in der Lage ſein, über ihre Perſon frei verfügen zu können, wenn ſie einmal das letzte Wort ihrer in⸗ timen Empfindungen kennen lernte; ſie mußte alſo nothwendig Wittwe ſein, da dieß das alleinige Mittel war, die Freiheit zu erlangen. Als daher der Baron die Krankheit, vor Allem aber, als er den Tod ſeines Neffen erfuhr, konnte er ſich nicht enthalten, zu Madame Printems zu ſa⸗ gen:„Es iſt das ein großes Glück für Sophie.“ Madame Printems, die ebenſo dachte wie der Baron, wenn ſie auch ihre Gedanken anders aus⸗ drückte, ſah ein, daß ſie an Herrn von Merey eine ſichere Stütze und einen trefflichen Rathgeber beſaß, mit deſſen Hilfe ſie hoffen durfte, ihre Tochter un⸗ endlich beſſer zu verſorgen, als ihr ſelbſt es das erſte Mal gelungen war. Es ſtand nicht lange an, ſo holte ſie den Baron darüber aus, und da ſah ſie freudeerfüllt, wie er für Sophie dieſelben Pläne machte wie ſie. „Gott ſorgt für die ehrlichen Leute ſtets auf's Beſte,“ ſprach er zu ihr.„Als eine Prüfung hat er das Opfer Ihrer Tochter angenommen; jedoch konnte er nicht ſo grauſam ſein, daſſelbe ewig dauern zu laſſen. Gleich uns, will auch er, daß ſie all des Glückes theilhaftig werde, das er ſelbſt in ſeiner Weisheit dem Weibe zugemeſſen, und deſſen unſere Sophie ihrem Herzen und ihrer ganzen Anlage nach fähig 156 iſt. Es muß Sophie einen Mann lieben, der ihrer würdig iſt, und der ſie liebt, wie ſie geliebt werden muß; es muß Sophie die Freuden kennen lernen, die einer Gattin, einer Mutter beſchieden ſind; es muß Sophie erfahren, welch' heiliger, wonnevoller Troſt in einer Familie liegt, die ihrer Liebe ihr Da⸗ ſein verdankt. Ihre Hingebung für den lebenden Gatten wird ſie an ihren heimgegangenen erinnern; niemals wird ſie das Grab vergeſſen, das ſie eben geſchloſſen; aber ich ſage Ihnen, in einem Jahre heirathet ſie wieder.“ „Wen aber wird ſie heirathen?“ „Sie fragen: wen? Das wiſſen Sie ebenſo gut wie ich. Sie wird einen guten, edlen Menſchen zu ihrem Gatten erküren, der bereits zur Familie ge⸗ hört.“ „Max, nicht wahr?“ „Gewiß, ſie wird Max heirathen, den ſie liebt, ohne es auch nur zu ahnen; zum Glück aber ſind wir da und ſehen es.“ „Liebt aber Max auch ſie?“ „Er? Ei, er iſt ganz raſend in ſie verliebt. Könnte dem auch anders ſein? Kann ein Mann wie er, mit einer Frau, wie ſie iſt, ewig in Berüh⸗ rung ſein, ohne ſich in ſie zu verlieben? Haben Sie ihn nicht beobachtet, ſeitdem er wieder da iſt? Haben Sie bemerkt, wie traurig und in ſich gekehrt er iſt? Fühlen Sie nicht aus dieſem traurigen, träumeriſchen Weſen eine ehrerbietige, ſchüchterne Liebe, die Unruhe eines in ungewöhnlicher Weiſe bewegten Herzens heraus? Denn es weiß Max nicht, daß Sophie ihn liebt, und wären zum Glück wir nicht 3 ihrer erden nen, es oller Da⸗ nden ern; eben ahre 1 157 da, ſo würden ſie ſich einander ihre Gefühle vielleicht nie geſtehen. Zum Glücke aber, ich wiederhole es, ſind wir da. Es werden die Beiden ſich viel, lange, ewig lieben; ſie werden einander heirathen und ſo brauchen wir uns dann nicht mehr zu trennen; Ka⸗ tharine wird Madame von Merey, Sophie aber wird Madame Hübert werden, und ſo werden Sie, anſtatt eines einzigen, vier Kinder haben, die Kinder ihrer Kinder gar nicht mitgerechnet,“ ſetzte Herr von Merey hinzu. Und der Baron hatte Recht. Seit Max, nach einer Abweſenheit von etlichen Tagen, wieder zurück war, war er gar nicht mehr zu erkennen. Das traurige Weſen, das er von ſeiner Reiſe mitgebracht, fiel um ſo mehr auf, als er in den letzten Tagen, welche ſeiner Abreiſe vorangegangen, bei mehreren Anläſſen ein außergewöhnlich freudiges und hoff⸗ nungsvolles Weſen an den Tag gelegt hatte. Sophien, die in Folge einer myſteriöſen Sym⸗ pathie an Allem Theil nahm, was Max intereſſirte, konnte dieſe Umwandlung nicht entgehen. Gewiß war Katharine die Vertraute ihres Bruders, da Sophie die Beiden ſchon ein paar Mal hatte lange mit einander ſprechen ſehen. Bei dieſen Geſprächen unter vier Augen pflegte Katharine Maxen die Hand zu drücken, gleich als wollte ſie ihm neuen Muth einflößen, und ebenſo pflegte ſie ihn dabei zu küſſen. Marx ſchien dann ruhig; aber an dem darauf folgen⸗ den Tage fing dieſelbe Geſchichte immer wieder von Neuem an. Sophie wollte die Urſache dieſes Kummers wiſ⸗ ſen. Sie ſchien zu ahnen, daß ſie etwas dagegen 158 thun könne: es ſchien ihr kein Leiden zu groß, daß ihre Hilfe und ihr Troſt daſſelbe nicht zu lindern im Stande wäre. Sie beſchloß alſo Katharine zu fragen. Warum aber ließ Sophie, nachdem ſie dieſen Entſchluß einmal gefaßt, es zwei volle Tage anſtehen, bis ſie denſelben ausführte? Fand ſie etwa keine Gelegenheit, mit ihrer Freundin unter vier Augen zu ſprechen? Im Gegentheil, es bot ſich eine ſolche Gelegen⸗ heit wohl zehn Mal; wohl aber verſpürte ſie, ſo oft ſie dem Mädchen ſich näherte, um mit ihr von Maxen zu ſprechen, eine ihr bis dahin unbekannt geweſene Gemüthsbewegung, die etwas von Furcht an ſich hatte. Sie ſchien mehr eine vertrauliche Mittheilung machen, als um eine ſolche bitten zu wollen, und ſo befangen wurde die arme junge Frau ſelbſt, daß es an Katharine war, ſie zu fragen, was ihr denn wäre. Sophie erröthete bei dieſer Frage leicht. „Ich geſtehe Ihnen, liebe Katharine;“ ſprach ſie zu ihr,„daß ich ſeit einiger Zeit die zunehmende Traurigkeit Ihres Bruders mit einiger Unruhe wahr⸗ nehme, und es iſt meine Beſorgniß um ſo größer, als er uns die Urſache ſeines Kummers verbirgt. Ich wollte darum ſehen, ob nicht etwa Sie mehr von der Sache wüßten. Nun ſagen Sie: was hat denn Max?“ „Er hat mir verboten, ſein Geheimniß zu ver⸗ rathen, ſonſt wüßten Sie es ſchon lange, liebe Sophie.“ „Wenn das iſt, ſo will ich nicht weiter wiſſen.“ „Ganz und gar nicht; ich will Ihnen Alles ſa⸗ ger erf vor chen 159 gen. Max darf für Sie kein Geheimniß haben. So erfahren Sie es denn; mein Bruder liebt Jemand von ganzer Seele.“ Abermaliges Erröthen von Seiten Sophiens. „Schon lange?“ fragte ſie. „Schon ſeit mehreren Jahren.“ Hier fühlte Sophie, wie ſie erbleichte. Katharine entging dieſe plötzliche Bläſſe nicht. „Was iſt Ihnen denn, um's Himmels willen?“ fragte ſie voller Theilnahme ihre Freundin. „Oh, nichts, nichts, liebe Freundin. Das Mäd⸗ chen aber... liebt es Max nicht?“ „Im Gegentheil, ſie liebt ihn.“ „Woher dann aber die Traurigkeit Ihres Bruders?“ „Sie rührt daher, daß der Vater des Mädchens ſich der Heirath widerſetzt. Als Max durch Ihre gütige Vermittelung Theodors Stelle erhielt, da hoffte er einen Augenblick, weil der Vater bei ſeiner Wei⸗ gerung ſich darauf ſtützte, daß mein Bruder weder eine Stellung in der Welt, noch Vermögen hätte. Er ſchrieb an Louiſe— ſo heißt das Mädchen— und theilte ihr mit, daß er nun einen ſchönen Poſten hätte, und daß vielleicht ihr Vater, wenn er ſolches vernähme, von ſeiner Weigerung abſtände. Louiſe aber gab ihm zur Antwort, er ſolle ſelbſt kommen und mit ihrem Vater ſprechen. „Max iſt nun neulich hingereist, jedoch hat der Vater von nichts hören wollen. Er hat meinem Bruder zur Antwort gegeben, daß eine Stelle allein nicht genügend ſei, und daß er außerdem noch eige⸗ nes Vermögen beſitzen müſſe, welches ihn unabhängig 8 mache. Wie ich glaube, ſo rührt die Strenge des Vaters hauptſächlich daher, daß Louiſe ſchon ſeit mehreren Jahren beharrlich alle Partien zurückweist, die man ihr vorſchlägt und ihrem Schwur treu bleibt, Maxen und ſonſt Niemand gehören zu wollen. Die⸗ ſen Schwur hat ſie erneuert, was aber an der Sache nicht viel ändert, da dieſer Vater ihre Hand ſchlech⸗ terdings einem obſcuren und vermögensloſen Mann nicht geben mag, den er einſt als Hofmeiſter in ſei⸗ nem Hauſe gehabt. Es hat alſo Max alle Hoffnung verloren, und geſtern hat er mir geſagt, daß er an Louiſe ſchreiben wolle, um ſie ihres Wortes zu ent⸗ binden, weil er ſich nimmermehr das Recht, in ſol⸗ cher Weiſe auf das ganze Leben einer Frau beſtim⸗ mend einzuwirken, zuzuerkennen vermöge. Nun könnte zwar Louiſe, wenn ſie einmal majorenn geworden, ihren Vater zwingen, die Heirath geſchehen zu laſſen, wenn auch nicht darein zu willigen; aber es iſt zu bedenken, daß Louiſe als eine gehorſame Tochter höchſt wahrſcheinlich nie zu ſolchen Mitteln ihre Zu⸗ flucht nehmen wird, ſowie daß Mar ein grundehr⸗ licher Menſch iſt, der es verſchmähen würde, ihr zu ſolchen Mitteln zu rathen oder auch nur dieſelben zu billigen. Inzwiſchen iſt mein armer Bruder in der Verzweiflung, und ſo wie ich ihn nun einmal kenne, wird er ſich nimmermehr tröſten.“ Noch nie in ihrem Leben hatte Sophie ſich ſo bewegt gefühlt, als indem ſie dieſer Erzählung lauſchte. Es war ein großes Glück, daß Katharine ſprach, da unſere Heldin vielleicht nicht im Stande geweſen wäre zu ſprechen. Endlich erlangte ſie allmählig des ſeit ist, eibt, Die⸗ ache ech⸗ ann ſei⸗ ung an ent⸗ ſol⸗ tim⸗ nnte den, 161„ die gewohnte Ruhe wieder, und da erfuhr ſie denn auf ihr Befragen ſowohl den Namen von Louiſens Vater als deſſen Aufenthaltsort. An dem darauf folgenden Tage nahm Sophie, die trotz einer ſchlaflos verbrachten Nacht von Frrude ſtrahlte, daß ihr ein ſo großer Sieg gelungen, Herrn von Merey beiſeit und ſprach zu ihm: „Lieber Oheim, ich muß Sie um einen kleinen Gefallen bitten.“ „Sprechen Sie, allerliebſtes K Kind.“ „Sie müſſen mich auf einer kleinen Reiſe, die ich zu machen beabſichtige, begleiten.“ „Wohin?“ „Oh! daran liegt wenig. Wir werden Gelegen⸗ heit haben, ein gutes Werk zu thun.“ Zwei Tage darauf reiste Sophie mit dem Baron weg und Niemand, ſelbſt Katharine nicht, ahnte den Grund dieſer plötzlichen Reiſe. Und doch war die Sache ſo einfach wie nur möglich. Es wollte Sophie bei Louiſens Vater um die Hand ſeiner Tochter für Max anhalten, und da der Vater von ſeinem Schwiegerſohn ſchlechterdings ver⸗ langte, daß er eigenes Vermögen haben ſolle, ſo ließ ſie Maxen von dem Baron, als ſeinem Schwa⸗ ger, eine Summe von hunderttauſend Franken ſchen⸗ ken. Es hatte der Vater alſo lediglich keinen Grund mehr, ſeine Zuſtimmung zu verweigern, und dann, wie hätte er, auch hievon abgeſehen, Sophien, deren Stimme ſo rein und ſo überzeugend war, eine Bitte abſchlagen können? Wenn aber der Baron hunverttanſend Franten Dumas, Printems. II. wird man ſagen. Und das iſt vollkommen richtig. Was aber Max von ſeinem Schwager annehmen konnte, hätte er von Sophien nicht angenommen; und bei all dieſem gab Herr von Merey nur ſeinen Namen her. Sophie gab ihm aus Theodors Ver⸗ mögen, das ſie geerbt, die Summe zurück, die er Marxen ſchenkte. Hatte Theodor nicht an ſeine Frau geſchrieben: „Ich mache Dir hier kein Geſchenk; da ich aber weiß, daß es Deine Miſſion hienieden iſt, Gutes zu thun, ſo will ich, ſo weit meine Mittel es mir erlauben, Dich in den Stand ſetzen, dieſer Miſſion zu genügen?“ War es aber kein gutes Werk, wenn ſie das Glück des edlen Max ſicherte und ihm vielleicht Ge⸗ fühle opferte, neben denen eine beliebig große Geld⸗ ſumme eine verſchwindend kleine Größe war? ** * Der Baron heirathete Katharine und lebte auch ferner mit ihr in dem kleinen Landhauſe, wo er ſie kennen gelernt hatte. Was May betrifft, ſo ehelichte er Louiſe und er⸗ öffnete zu Paris, wo ſeine Stelle ihn zu bleiben nöthigte, einen der angenehmſten und geiſtreichſten Salons, Dank jenen literariſchen Freunden, die ihm in den Tagen der Noth helfend zur Seite geſtanden, und denen er nun einen gemeinſamen Mittelpunkt zu intereſſanten, bildenden Erörterungen bot, und Dank dem eigenthümlichen Zauber, der von der Liebe des jungen Chepaares ausging. hergeben mußte, ſo war er ein ruinirter Mann, 163 Sophie wollte mit ihrer Mutter wieder das Haus bewohnen, wo wir ſie zu Anfang dieſes Buches ken⸗ nen gelernt. Alſo trennte das Glück die, welche das Unglück vereinigt hatte. Aber was macht es! Hatte doch Sophie ihre Aufgabe gelöst und alle die, welche ſie traurig und des Lebens überdrüſſig geſehen, zu glücklichen Menſchen gemacht. Für ſich ſelbſt nahm ſie große Zufriedenheit, hohe Seelenſtärke und die Erinnerung an ein Jeder⸗ mann unbekanntes Opfer mit— ein Opfer, größer als alle diejenigen, um deren willen vier Perſonen ihr Andenken jeden Tag ſegneten. In der That, keine Seele wußte um das einzige Geheimniß, das dieſer Engel je gehabt. Als der Baron von der Reiſe zurückkam, auf der er ſie begleitet hatte, ſprach er, der trotz ſeiner Menſchenkenntniß und ſeiner großen Welterfahrung nichts geahnt hatte, unter Anderem zu Madame Printems: „Wir hatten uns getäuſcht; Sophie liebte Max nicht. Da haben wir den Beweis. Nein, es iſt Sophie nicht von dieſer Welt. Unſere menſchlichen Leidenſchaften berühren ſie nicht.“ Und vielleicht hatte Herr von Merey Recht. Wir können nur ſo viel ſagen, daß Sophien, indem ſie alles Elend linderte, dem ſie auf ihrer Lebensbahn begegnete, es zur Gewohnheit, zum Bedürfniß, ja zur Leidenſchaft geworden war, Gutes zu thun,— eine Leidenſchaft, die freilich nicht von dieſer Welt iſt,— und als die holde Jungfrau ſich wieder an dem Orte ſah, wo ihr die Tage der Kindheit ver⸗ 164 ſtrichen waren, war es ihr unmöglich, ihr früheres Leben fortzuſpinnen. Ein Gefühl, von dem ſie geglaubt hatte, daß es ihr würde ewig unbekannt bleiben müſſen, und das ſich ihr nur geoffenbart, um ihrer Seele Gelegen⸗ heit zu geben, ihre Selbſtverleugnung auf's Unwider⸗ leglichſte zu beweiſen, hatte ihre angeborne Menſchen⸗ liebe noch veredelt und erhöht, indem es auf das Herz zurückfiel, wo es entſtanden war. Die Liebe, die Sophie nicht für ein einziges Weſen an den Tag legen durfte, trug ſie auf alle Menſchen über. Da ſie dem Manne, den ſie liebte, nicht ange⸗ hören konnte, ſo liebte ſie die ganze Menſchheit, der ſie angehören durfte, und fand nicht, daß dieſe un⸗ endliche Liebe zu groß wäre, um eine individuelle Liebe zu erſetzen. Da ſie nun einmal dazu geboren war, Andere glücklich zu machen und denſelben ſogar ihr eigenes Glück zum Opfer zu bringen, ſo begnügte ſich Sophie bald nicht mehr damit, die phyſiſchen oder moraliſchen Leiden, die ſie auf ihrem Lebens⸗ wege fand, zu pflegen, zu lindern, zu heilen, ſondern fing an, Alle, die da litten, aufzuſuchen. Gleich einer himmliſchen Erſcheinung wirkte ſie überall, wo ſie ſich zeigte, beſeligend; überallhin, wo ein Schatten war, drang der Strahl ihrer chriſt⸗ lichen Liebe, und überall, wo Zweifel einen Unglück⸗ lichen umfangen hielten, wußte ſie die tröſtende Hoff⸗ nung zu wecken. Endlich erhob Sophie dieſe tägliche, ewige Men⸗ ſchenliebe, die, ſo zu ſagen, das unerſchöpfliche Ein⸗ kommen eines geheimen Kummers war, zu einer re⸗ gelmäßigen Miſſion,— einer Miſſion, der ſie ihr —,——-—r,———— 165 Leben lang treu bleiben wollte. Sie weihte derſel⸗ ben ihre Jugend, ihre Gegenwart, ihre Zukunft, mit einem Worte, ihr ganzes Leben, und zwar in der Art, daß ſie ſich ſelbſt die Möglicheit, dieſem Ent⸗ ſchluſſe je wieder untreu zu werden, abſchnitt. Sie legte ein feierliches Gelübde ab und nahm das Ge⸗ wand jener Schweſtern an, zu denen ſie ſchon längſt gehört hatte; ſo dehnte ſie ihre Liebe auf die ganze große menſchliche Familie aus, regelte ihre Hinge⸗ bung und heiligte die Erinnerung, welche ſie zu die⸗ ſem Entſchluſſe gebracht hatte. Mit ihrer ſchneeweißen Kopfbedeckung, die über die bleichen Geſichter, welche ſie verhüllt, einen ſo wohl⸗ thuenden, ſo harmoniſchen Schatten verbreitet, in dem langen, grauen Gewande mit den maſſiven Falten, den weiten Aermeln und dem ledernen Gür⸗ tel, an dem ein Roſenkranz und ein Kreuz hangen, war Sophie unendlich ſchöner als ſie je geweſen, und Niemand ſah ohne Rührung, ohne Gefühle des Dankes und der Ehrfurcht die junge Frau kommen, die ernſt wie das Gebet, ruhig wie die Pflicht, poetiſch wie die Erinnerung, überall Troſt, Hoff⸗ nung, Leben ſpendete und als das ſichtbare Bild der wohlthätigen Jahreszeit erſchien, deren Namen ſie führte. Ende. In unſerem Verlage ſind ſo eben folgende intereſſante Romane erſchienen: C. F. Ridderſtad, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rh. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Der Trabant. Geſchichtlicher Roman 21 Bändchen. Der Fürſt. 5 14„ Das Gewiſſen oder Geheimniſſe von Stockholm....... 28„ Vater und Soypon..... 16„ Königin Luiſe Ulrike und ihr Hof 1—198„ Wir glauben uns ein wirkliches Verdienſt um die deutſche Leſewelt erworben zu haben, indem wir Ridderſtad, dieſen neuen glänzenden Stern an dem ſchönen literariſchen Himmel Skandinaviens, bei ihr einführten. In den bis jetzt erſchienenen Romanen hat der Verfaſſer ſich einen ehrenvollen Platz zur Rechten Walter Scotts errungen und ſeine Ebenbürtigkeit mit dieſem unübertroffenen Dichter unverkennbar dargethan. W. M. Thackeray Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Geſchichte von Samuel Titmarſh und dem großen Hoggarty'ſchen Diamant........ 3 Bändchen. Der Jahrmarkt des Lebens(Vanity air)........ 19 8 Pendennis...... 19„ Henry Esmond. Eine Erzählung aus den Zeiten der Königin Anna.. 13„ Die Newcomes. Denkwürdigkeiten einer höchſt achtungswerthen Familie.. 31 7 Als ein Stern erſter Größe ſteht Thackeray am literariſchen Himmel Englands. In ſeinen Romanen zeigt er ſich Fielding und Smollet vollkommen ebenbürtig. Eine Fülle geſunden Humors, eine Wahrheit der Zeichnung und des Colorits, wie man ſte ſonſt nur bei Dickens findet, tritt dem Leſer auf jeder Seite entgegen. Aus dieſen Gründen ver⸗ dient er auch ein Liebling des deutſchen Leſepublikums zu werden. Unſere Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Ueberſetzung und außerordentliche Billigkeit aus und verdient daher vor allen andern den Vorzug. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ———— —————— ——————— ffffffffffffſſſi 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16