2——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von*» Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun 4 den angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 2 . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 1 8——— 2——,— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ) 3..— 5—— 4„ 2„,„„ 4„—„ . 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird —beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. =— — .—= —— —— Ausgewählte Werke von. Alerander Dumas dem Jüngern. 4 Aus dem. Franzöſiſchen A von Dr. Chr. Fr. Grieb. —es * 0 Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. f Sophie Printems. 4 Roman Alexander Dumas dem Jüngern. . 1 Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshaudlun g. 1857. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Erſtes Kapitel. Man denke ſich einmal, es finde ein Bildhauer in dem Augenblicke, wo er einen Felſen nach dem Marmor durchgraben läßt, aus dem er eine Statue zu machen gedenkt, eine ſchon fertige Bildſaͤule,— eine Bildſäule, die nicht von der Hand eines frühe⸗ ren Kunſtgenoſſen, ſondern von der Hand der phan⸗ taſtiſchen Natur ſelbſt herrührt, welche, um die ewigen Uebergriffe der Menſchen zu rächen, ſich zuweilen auch gegen ſie Uebergriffe erlaubt und ganz allein thut, was ſie in ihrem Wahn ausſchließlich zu thun ſich berufen glauben; man denke ſich ferner, es huͤbe der Bildhauer nur noch ein wenig nachzumeißeln, um aus dieſem Naturwerk ein Originalwerk zu machen, ſo hat man ſich gerade das gedacht, was mir begeg⸗ net. Nicht daß ich ein Sujet geſucht hätte, denn glücklicher Weiſe brauche ich das noch nicht und ſind die Sujets noch ſo höflich, mich aufzuſuchen, wenn auch zum Theil aus Egoismus und nach Art kleiner, nackter Kinder, welche zu einem Freunde kommen, um Kleider von ihm zu betteln, damit ſie ſich vor den Leuten ſehen laſſen können,— ich ſage alſo, nicht ein Sujet ſuchte ich, wohl. aber ſtudirte ich eines, als ſich mir ein wirklicher Roman mit ſeinen That⸗ ſachen, Perſonen, Zwiſchenfällen und Charakteren in ſolcher Vollſtändigkeit und Ordnung darbot, daß mir nur noch die Rolle des Daguerreotypiſten blieb, der ſein Inſtrument bloß vor einem Gegenſtande aufzu⸗ ſtellen braucht, um denſelben in einem Nu und mit unübertrefflicher Genauigkeit zu reproduciren. Meiner Treu! ich habe es wie weiland Molière gemacht, und ich würde mich unendlich glücklich ſchätzen, wenn ich dem großen Manne in irgend einem Punkte gliche. Ich habe da genommen, wo ich etwas ge⸗ funden, und gebe nun ohne weitere Umſchweife eine Geſchichte, deren Einfachheit bis zur Naivetät geht. Intereſſirt ſie den geehrten Leſer, ſo darf er mir keinen Dank zollen; findet exr ſie aber langweilig, ſo möge die Schuld mich allein treffen. Unſere Geſchichte ſpielt in einer Stadt des Nor⸗ dens, die wir hier nicht nennen wollen, um Niemand zu verletzen und um auf die Geſichter nicht allzu deutlich die Namen zu ſchreiben. Indeſſen wollen wir doch ſo viel ſagen, daß die fragliche Stadt eine franzöſiſche iſt, daß das Haus zwei Stockwerke, vor der Hausthüre eine Treppe mit Geländer, auf dem Dache einen Taubenſchlag hat und an ſeinen Wän⸗ den von Geißblatt überwuchert iſt, nicht unähnlich jenen Häuſern, die wir in deutſchen Romanen beſchrieben finden. Ruhig ſchlief dieſes Häuschen am Ende einer faſt verödeten Straße,— ein Umſtand, der dem Graſe es möglich gemacht hatte, üppig wuchernd zwiſchen den ungleichen Pflaſterſteinen hervorzudringen. Mor⸗ gens leckte ein großer, ſeiner Miſſion treuer Sonnen⸗ ſtrahl die weiße Wohnſtätte, wie wenn er ſie ſanft liebkoſend aufwecken wollte; dann gingen die Jalou⸗ ſien auf und drang bis zur Mittagsſtunde der ſtrah⸗ ½ * 8—— lende Beſucher in das Haus ein, wo er als alter Freund und Bekannter ſich erluſtigte und herum⸗ tummelte. So viel über das Aeußere. Was die Zeit be⸗ trifft, in der unſer Roman ſpielt, ſo müſſen unſere verehrten Leſer ſich etwa fünfzehn Jahre zurückden⸗ ken. Wie dieſes Häuschen jetzt ausſieht, vermag ich nicht genau anzugeben; ſo viel aber iſt gewiß, daß um die angegebene Zeit ein zufällig vorüberkommen⸗ der Reiſender gar kurzſichtig oder proſaiſch hätte ſein müſſen, wenn nicht der Wunſch in ihm aufgeſtiegen wäre, ſeiner Reiſe dieſes Haus, wenn auch nur auf eine Minute, zum Endpunkt, und die vor ſeinen Augen ſich entrollende Landſchaft ſeinem Horizont zur Grenze zu geben. Es war eine jener einfachen Landſchaften, wie man ſie überall ſieht und eben um ihrer Häufigkeitwillen ſtets liebt. Es wird das Auge des Staunens ſo bald müde. Und dann ſind jene ſeltſamen Decora⸗ tionen, wie gewiſſe Länder ſie in ihren gigantiſchen Felſenmaſſen, in ihrer brutalen Vegetation, in ihrem Uebermaß von Farbe, Varietät und Gefahr bergen, mehr ſehens⸗ als liebenswerth. Sie zwingen den betrachtenden Geiſt, ſich ausſchließlich mit ihnen zu beſchäftigen. Sie beherrſchen ihn, drängen ſich ihm auf, demüthigen ihn, ſo zu ſagen; nur mit Mühe er⸗ klimmt man ihre Spitzen. Man muß daher, wenn man ſie ſoll lieben können, ſich in einer jener excep⸗ tionellen Lagen befinden, welche Ausnahmen der Natur zu ihrem Rahmen brauchen. Dagegen ſpre⸗ chen alle harmoniſchen, dabei aber nicht allzu einför⸗ migen Naturanſichten, die bei gleichem Werth in fei⸗ lich in der Unendlichkeit aufgehen, in rührender Weiſe zu dem Herzen, das ſie aufſucht. Man kann, ſo man will, ſeine Gedanken wie ein Kind bei der Hand nehmen und ſie überall mitfüh⸗ ren, ohne ſich zu ermüden; man kann ſie ſogar, während man ſich unter eine Zittereſpe oder an das Ufer eines Bächleins ſetzt, gleich einem gezähmten Vögelchen überall herumſchweifen laſſen und dabei gewiß ſein, daß ſie, nachdem ſie ihren Hang zur Träu⸗ merei befriedigt, gleich der Taube von der Arche Noahs mit einem fröhlichen Oelzweige zurückkehren werden. Kurz und gut, man wird nicht abſorbirt, ſondern man abſorbirt, und aus dieſer leichten Poeſie, aus dieſem lachenden Schauſpiel entſpringt die Ruhe. So beſchaffen war die Landſchaft, die ſich dem erwähnten weißen Hauſe gegenüber befand, das heißt, die große Ebene, wo in einer Vertiefung zwei bis drei Häuſer mit rothen Dächern ſtanden. Zwi⸗ ſchen dieſen paar Häuſern plapperte, mit den Füßen im Waſſer, eine Mühle. Dieſes hinter einer Pap⸗ pelwand wie eine Kokette hinter ihrem Fächer ver⸗ ſteckte Thälchen ſtörte allein mit ſeinem Geräuſch die allgemeine Stille, wobei wir jedoch alsbald ergän⸗ zend bemerken müſſen, daß dieſes Geräuſch ſo caden⸗ zirt, ſo periodiſch, ſo bekannt war, daß man es füg⸗ lich hätte ein melodiſches Schweigen nennen können. Ringsumher Kleeteppiche, Kornfelder, fette Böden, in denen der Pflug unaufhörlich wühlte, dann und wann ein Bauerhaus mit einem großen, ſonnenſchirm⸗ förmigen Baume und ſeinen Heu⸗ und Getreide⸗ ſchobern, die, eben ſo vielen um ihre Mutter herum⸗ nen Nüancen ſich abſtufen, bis ſie ſanft und fried⸗ thus Her 9 ſitzenden Kindern ähnlich, nach dem Hauſe hinſchauten und in dem Augenblick, wo wir dieſe Erzählung be⸗ ginnen, von den Schnittern vollends ausgebaut wurden, wodurch ſie von Menſchen wimmelnden Bie⸗ nenkörben glichen; kleine Wäldchen von hochſtämmigen Bäumen, den Tauben zu Zufluchtsſtätten und den Jägern zu Ruhepunkten dienend; fette, feſte Hügel, ſo rund wie Brüſte, worauf Schafe, geführt von der Wachſamkeit des Hundes und dem Schlafe des Schäfers, bei der Muſik des leitenden Glöckchens wei⸗ deten; etwas weiter weg, drei bis vier große, ſchwarz⸗ rothe, ernſte, ſtolze, unruhige, von einigen kleinen Kindern geplagte Ochſen; im Hintergrund eine große, bläuliche Linie, die man von fern für das Meer hätte halten können, und worin Schlag zwei Uhr die Sonne einen Augenblick ein weißes Dörſchen mit ſeinem ſpitzen Kirchthurme ſehen ließ; verſtohlene, leichte, eilende, flockige Wolken, die im Begriffe waren ſich zu größeren Maſſen zu vereinigen, um dem un⸗ tergehenden Geſtirn für den Abend weiche goldene Kiſſen parat zu halten; eine friſche Briſe, deren Rich⸗ tung man an den ſchwankenden Getreidehalmen wahrnahm; einige große Bäume, die auf die ſchma⸗ len Wege mit den tiefen Geleiſen Schattenſtreifen warfen; hie und da ein vorübergehender Bauer⸗ wagen, ein Flug ſich zur Erde niederlaſſender Staaren, überall Sonne und als Rahmen die Unendlichkeit: dieß das Gemälde. Will man nun dieß Alles in einem einzigen Weſen vereinigt ſchauen; will man die ſanfte, wohl⸗ thuende Wärme und die goldenen Töne, welche dem Herbſtesanfang eigenthümlich ſind, in einem Blicke und in Haaren,— will man dieſes Lächeln der Natur in einem menſchlichen Munde, dieſe ruhige Heiterkeit in einem menſchlichen Lächeln, dieſe Durch⸗ ſichtigkeit der Luft in der Reinheit eines menſchlichen Teints,— kurz, will man dieſe Natur voll ange⸗ borener Poeſie, voll natürlicher Koketterie, voll keuſcher Expanſion mit ihrem Sange, ihren Wohlgerüchen, ihrem Glanze und ſelbſt mit ihren Schatten in einem Weibe wieder finden, ſo folge man mir und begleite mich in das erſte Stockwerk des Hauſes hinauf, wo man dieſe glorioſe Landſchaft vor ſich liegen hat; man trete in dieſes Zimmer und ſchaue mit mir das Mädchen an, das, neben dem Fenſter ſitzend, in einem Buche liest oder vielmehr zu leſen glaubt. Wie heißt ſie? Oh! ihr Name hat etwas unge⸗ mein Friſches und lieblich Duftendes: ſie nennt ſich Sophie Printems. Wie alt iſt ſie? kaum erſt achtzehn Jahre. Wacht ſie oder ſchläft ſie? Iſt ſie auch nur am Leben? Man möchte die Frage unentſchieden ſein laſſen, ſo unbeweglich, ſo zart gebaut, ſo blaß iſt ſie. Man möchte ſagen, daß der Körper ihr bloß geſchenkt worden, um ihrer Seele Gelegenheit zu geben, ſich ſehen zu laſſen. Man ſehe einmal, wie traurig das ſchöne Kind iſt. Sie träumt, ihrer ganzen Länge nach in einem großen Lehnſeſſel ausgeſtreckt; auf ihren Knien ruht ihr Buch, auf ihrer linken Hand ihr Kopf, und zwar ohne jene zu ermüden; ihr Auge iſt auf etwas ge⸗ heftet, was ſie nicht ſieht. An was denkt ſie aber? Das werden wir viel⸗ 8A k zun + der ige rch⸗ hen ige⸗ cher hen, nem eite wo hat; das nem age⸗ ſich am ſein ſie. enkt ſich dind nem ruht war ge⸗ viel⸗ + leicht noch erfahren. Betrachten wir uns indeſſen das Mädchen erſt ein bischen näher. Welche Maſſe blonder Haare, und welche An⸗ muth in der Unordnung, die ihnen anſtatt der Friſur dient! Denn eine regelmäßige Friſur wäre bei einer ſolchen Fülle von Haaren eine gar zu große Mühe und eine gar zu lange Arbeit für die, welche ein ſolches Geſchäft unternehmen möchte. Dieſes ſchöne Kind iſt ſchmächtig, groß und immer müde, wie wenn es ſein ganzes Leben brauchte, um von der Reiſe auszuruhen, die es hat machen müſſen, als es vom Himmel herniedergeſtiegen. Vielleicht daß Gott es uns nicht gern ſchenkte, und daß es aus purer Neugierde in die Welt hereingeſchlüpft, wäh⸗ rend Gott noch nicht wußte, ob er es zu uns her⸗ niederſteigen laſſen ſollte. So viel iſt und bleibt gewiß, daß das Leben den Befehl erhalten zu haben ſcheint, durch dieſen ſchönen Körper nur hindurchzu⸗ gehen, nicht aber, dort zu weilen. Unſer Mädchen ſieht aus wie die ſchönen blon⸗ den Jungfrauen jener chriſtlichen Glasmalereien, welche die Maler in Kirchen zwiſchen das Licht der Sonne und das Feuer der Rauchfäſſer zu ſtellen pflegten, damit ſie von beiden erleuchtet würden, und da ſie die Erde nicht berührten, ſtets auf dem Wege zum Himmel begriffen zu ſein ſcheinen möchten. Sie hätte, um conſequent zu ſein, ein langes, blaues, goldbordirtes Kleid anhaben, auf der Stirn einen Kranz von weißen Roſen tragen und mit gnädiger, Verzeihung verheißender Miene die Pilger erwarten ſollen, die ſich eine Pflicht daraus machen, vor allen Madonnen der Welt einen Augenblick zu knien. Was brauche ich dem Leſer zu ſagen, daß ihre Haut jenem ſchönen, leicht roſafarbigen Marmor ähnelt, deſſen Geheimniß das alte Griechenland allein be⸗ ſaß; daß unter ihren feinen und mit einem einzigen Pinſelſtriche gezeichneten Brauen Augen wohnen, die in ihrer himmelblauen Färbung wie zwei im Schnee aufgegangene Kornblumen erſcheinen; daß ihr Mund ein blaſſes Roſenroth zeigt; daß derſelbe leicht lächelt und vor Allem jenes traurige Lächeln liebt, das die Lippen halb öffnet, um ein kleines Stück Seele hin⸗ durch gehen zu laſſen; daß die Naſe klein iſt und die Naſenlöcher, ſo durchſichtig wie das feinſte Wachs, unabläſſig die Wohlgerüche einziehen, welche ſie um⸗ geben? Alles das wußte der Leſer eben ſo gut wie ich ſelbſt, oder, richtiger geſprochen, er errieth es. Man bernhige ſich jedoch: ſo ſchwach auch die ſchöne Perſon, die wir vor uns haben, ſcheint und wirklich iſt, ſo iſt ſie doch nicht krank. Nein, Gott ſei Dank, an ihr iſt nichts leidend. So iſt ſie nun einmal,— weiter können wir nicht ſagen; und wollte man ſie um die wahre Ur⸗ ſache der über ihr ganzes Weſen ausgebreiteten und ſogar in den Falten ihres weißen Gewandes ſtecken⸗ den Melancholie fragen, ſo würde ſie Einem ſicherlich die Antwort ſchuldig bleiben, da ſie ſelbſt es nicht weiß. Sie iſt träumeriſch, iſt blaß, iſt traurig, weil ſie nun einmal von Haus aus alſo ſein muß; ſie iſt träumeriſch und traurig, wie der Geſang der Hirten in der Abenddämmerung, wie die in der Dürre des Felſens aufgegangene Blume. Und iſt nicht auf dieſer Welt jede beſſere Seele ebenſo vereinzelt wie die auf einem öden Berge allein ſtehende Blume? ₰ Feine, weiße Hände mit langen, ſpitzen, rofafar⸗ benen Fingern,— Hände, zum Pflücken und Lieb⸗ koſen geſchaffen und ſo geſchmeidig und dehnbar, daß man, wenn ſie ein Piano berühren, ſich fragt, ob andere Hände dem Inſtrumente auch ſolche Har⸗ monien zu entlocken vermöchten: das iſt Alles, was, nächſt ihrem Kopfe, die Schamhaftigkeit ihrer Klei⸗ dung von ihr ſehen und auch nur ahnen läßt. Dieſes weibliche Weſen iſt von einer Luft um⸗ geben, welche mit der gewöhnlichen Luft lediglich nichts gemein hat; und ſo ſehr iſt dieſes der Fall, daß ſie ein mit himmliſchen Wohlgerüchen geſchwän⸗ gertes Echo der göttlichen Harmonien auf Erden zu ſein ſcheint. Dieß Alles ſieht nun etwas ſtark legen⸗ denhaft aus, und es möchte der Leſer verſucht ſein zu glauben, daß ich meine Heldin nun einmal um jeden Preis poetiſiren wolle. Glaube mir, wer da mag; ich kann nur ſo viel ſagen, daß das junge Mädchen ſo iſt, wie ich es eben beſchrieben, freilich mit dem Unterſchied, der zwiſchen der Wirklichkeit und der Malerei, zwiſchen dem Factum und der Erzählung liegt. Um ſo ſchlimmer alſo für den, der mir nicht glauben kann! Sie hatte, haben wir geſagt, den Kopf auf die Hand geſtützt, und träumte in der Stellung einer Leſenden. Anſtatt mit den Augen den Buchſtaben ihres Buches zu folgen, ging ſie ihren Gedanken nach, jenen unſichtbaren Vögeln, die in ihrem Fluge unaufhörlich an den Himmel der ernſten Geiſter an⸗ ſtreifen. Wovon träumte ſie? Wovon pflegen junge Mädchen zu träumen? Doch nein! Das Herz des ſchönen Kindes hatte A dem Kopfe nichts Beſonderes zu ſagen. Sie liebte nicht und befand ſich eben ſo wenig auf dem ab⸗ ſchüſſigen Wege der Liebe. Der Engel, der ihr ſeit ihrer Kindheit folgte, konnte ſich über ihre Seele neigen, ohne befürchten zu müſſen, daß dort neben ſeinem Bilde ſich noch ein anderes ſpiegeln möchte. Sie träumte nicht aus Bedürfniß, ſondern weil ihr ganzes Weſen es ſo mit ſich brachte; es kam ihre Träumerei nicht aus ihr ſelbſt heraus, ſondern es war dieſelbe die allgemeine Träumerei des Raums, der Wolken, der Einſamkeit, die, da ſie eine Seele gefunden, welche ſie aufzunehmen und zu begreifen wußte, dort einen Augenblick verweilte und in den Augen und dem Lächeln des Mädchens offenbar wurde. Beim erſten unerwarteten Geräuſch, das entſteht, wird ſie ohne Zweifel dieſes befangene We⸗ ſen abſchütteln, gleichwie ein Kind lachend den Schnee abſchüttelt, der auf einem Winterſpaziergange ſich mit ſeinen Haaren vermiſcht. Wie kommt es nun aber, daß dieſem Mädchen ihr Herz noch nichts ſagt, wenn ſie ihm lauſcht? Wie kommt es, daß keine Illuſion, kein Traum in dieſen goldenen Frühling hinein ein Neſt gebaut? Ohne Zweifel daher, daß nicht alle Seelen zu gleicher Zeit bereit ſind, die Liebe aufzunehmen, jene Seele der Seele, jenen vertrauten Gaſt vulgärer Naturen, der aber, da er privilegirte Naturen nur ein Mal beſuchen darf, dort zuweilen ein bischen auf ſich warten läßt. Wollte man ſagen’, es habe das Mädchen, wenn ſie ſich in den geheimſten Win⸗ keln ihres Weſens, in jenen innern Tiefen verborgen, wo ein Weib ſich herzhaft in ihrer ganzen Nacktheit H Mãä Un Glü⸗ Leb⸗ ſich man ders ſind daß ſiſch kann Seh wie und eine eige Eva wird win 3 es Wer Tra daß dere gefr über Erd [A.— 5— 15 zeigen kann, ohne eine Ueberraſchung befürchten zu müſſen;— wollte man alſo ſagen, es habe da das Mädchen kein mögliches, mit ihrer Jugend, ihrer Unſchuld, ihrer Schönheit im Verhältniß ſtehendes Glück erſpäht, ſie habe mitten in unſerem irdiſchen Leben kein anderes geahnt, ſo würde man vielleicht ſich einer Lüge ſchuldig machen; ſicherlich aber würde man ſie verleumden, wenn man dieſes Gefühl an⸗ ders als einen bloßen Inſtinct bezeichnen wollte. Daß die Schläge des Herzens nicht allein da ſind, um die Circulation des Blutes anzuzeigen, ſowie daß ein Gedanke ſie in gleicher Weiſe wie ein phy⸗ ſiſcher Schmerz langſamer oder ſchneller machen kann; daß Gott uns die Augen nicht allein zum Sehen der außer uns liegenden Dinge gegeben, ſo⸗ wie daß der Geiſt geſchaffen worden, um ungreifbare und unſichtbare Dinge uns zu enthüllen: das iſt eine Wiſſenſchaft, die jedes Mädchen beſitzt, ohne ſie eigentlich erlernt zu haben, und die ſeit der Mutter Eva mit jedem weiblichen Weſen geboren und groß wird. Aber bis der Traum eine feſte Form ge⸗ winnt, bis die Seele zu einer Gewißheit kommt, ſteht es bisweilen lange an, ſo lange, daß gar vielen Weibern das ganze Leben zu kurz geweſen, um vom Traum zur Wirklichkeit übergehen zu können, und daß ſie auf Erden gewandelt ſind, ohne etwas An⸗ deres als eine getäuſchte Hoffnung mitzunehmen. Das Herz unſerer Heldin hatte ſich alſo noch nie gefragt. Vielleicht auch daß ſie ihrem ganzen Weſen nach über alles Menſchliche zu ſehr erhaben war, um die Erde mit etwas Anderem als dem Rande ihres weißen Gewandes zu berühren, ähnlich jenen ſchönen Engeln auf italieniſchen Fresken, welche die Welt nur leicht berühren, nicht aber ſich dort aufhalten. Es hebt uns die Liebe, weil wir ſo tief ſtehen; aber es gibt auch Auserwählte, die, wenn ſie auch mit uns verkehren, Gott doch ſo nahe geblieben ſind, daß keine irdiſche Begeiſterung ſie zu heben vermag, und daß Alles, was wir über uns ſehen, unter ihnen hinweggeht. Vielleicht war für das weibliche Weſen, mit dem wir uns in dieſem Augenblicke beſchäftigen, die Liebe zu viel und zugleich zu wenig; vielleicht daß ſtarke Empfindungen dieſen ſchwächlichen Körper, dieſe zarte, durchſichtige Hülle wie Glas zerbrochen hätten. Vielleicht auch daß die Liebe, wie wir ſie be⸗ greifen, dieſe auserwählte Seele nicht auszufüllen vermocht hätte und dort nichts Anderes geweſen wäre als eine in einen gewaltigen See gefallene Blume. Der See aber ſpiegelt, wie wir wiſſen, den ganzen Himmel, und kümmert ſich um ein Blümchen nicht. Vielleicht endlich war es ihre Beſtimmung, wäh⸗ rend ihres Erdenwallens, wenn auch nicht unver⸗ ſtanden zu bleiben, ſo doch nicht zu verſtehen. Bald werden wir das Alles erfahren. Was ihr alltägliches Leben betrifft, ſo war das⸗ ſelbe gar einfach: ſo hätte unzweifelhaft ein auf Erden wallender Engel gelebt. Es war ihr nur ihre Mutter geblieben, und im Schatten und Lichte dieſer wachſamen und ſtets beſorgten Liebe wuchs ſie heran; denn die Schwäche des erſten Alters, die ſich in eine andere Periode des Lebens hinein verlängert— wie dingt groß erſch chens ihren wora ſtoße ruhic kame und 8 welch und es fi die bind zu n 17 wie wenn Gott dieſem Weſen nur unter der Be⸗ dingung, daß es ewig ein Kind bleibe, geſtattet hätte, groß zu werden— wir ſagen alſo, dieſe Schwäche erſchreckte diejenige, deren Leben an dem des Mäd⸗ chens hing. Und darum hatte denn die Mutter von ihrem heißgeliebten Kinde alles Rauhe fern gehalten, woran man ſich in dieſer Welt jeden Augenblick zu ſtoßen pflegt; ſie hatte ihm ein Daſein bereitet, ſo ruhig und behaglich wie eine Gewohnheit, und nie kamen die beiden einander nahe, ohne ſich ein Lächeln und einen Kuß zu bringen. Aber es iſt das Schickſal neidiſch auf alle Solche, welche der Herrſchaft der Thatſachen zu entgehen und in das Gefühlsleben ſich zu flüchten ſuchen; es führt dann auf unſere Erde die Seelen zurück, die ſich von ihr entfernen, und, ihnen die Flügel bindend, zwingt es ſie wenigſtens eine Zeitlang, es zu machen wie alle übrigen Menſchenkinder. Zweites Kapitel. Es fing der Tag an ſich zu neigen, immer öder wurde das Feld und immer näher kamen der Stadt die bis jetzt zerſtreut geweſenen Geräuſche. Am Horizonte häuften ſich einige Purpur⸗ und Goldtinten an, und auf einige Augenblicke hob die um dieſe Stunde friſchere herbſtliche Briſe die ſchönen blonden Locken, welche um des Mädchens Hals ſpielten. Sie hatte ſich in ihr innerſtes Weſen ſo tief zurückgezogen, daß ſie es nicht hörte, wie die Thüre 2 Dumas, Printems. I. ——— als dieſe ihr einen Kuß gegeben, wandte ſie ſich um. „Ah! Du biſt es, Mutter,“ ſprach jetzt eine Stimme, die ſo ſanft war, wie ein Geſang. Zu gleicher Zeit ward der empfangene Kuß zurückgegeben; und als ſie gewahrte, wie der Schatten ſchon die Höhen erreichte, fügte ſie hinzu: „Ach! wie ſpät iſt es ſchon!“ Und ihr Buch zuſchlagend, ſtand ſie auf und fuhr mit den Händen über die Wangen hin, ohne Zweifel um eine plötzliche Röthe von dort zu verjagen. Alle zarten Gefühle haben ihre Schamhaftigkeit, und ſtets erröthet ein junges Mädchen, wenn man es in ſeinen Träumereien überraſcht; ja, es erröthet ſelbſt dann, wenn die Ueberraſchende ſeine Mutter, jene ihm von der Natur gegebene, vertraute Freun⸗ din, iſt. Jedes träumende Weib hat etwas von der badenden Suſanna an ſich. Zärtlich nahm die Mutter die Hand der Tochter in die ihrige. „Sophie, kannſt Du Jemand empfangen?“ fragte ſie. „Ja, Mutter. Wer iſt denn da?“ „Herr Theodor.“ „Herzlich gern.“ „Er hat mich beſucht und möchte nicht weggehen, ohne Dich geſehen zu haben. Er wartet drunten im Garten.“ „Er kann kommen.“ Zu gleicher Zeit machte Sophie ſelbſt das Fenſter zu und klingelte, um ein Licht bringen zu laſſen. Ein paar Minuten darauf erſchien ihre Mutter aufging und ihre Mutter zu ihr herkam, und erſt, — 19 mit dem Beſuchenden wieder, der, indem er die Zimmerſchwelle überſchritt und das Mädchen ge⸗ wahrte, ſchüchtern ſtehen blieb und feuerroth wurde. „Guten Abend, Fräulein Sophie,“ ſprach er, et⸗ was linkiſch ſich verbeugend und im Sprechen etwas zögernd, wie wenn es ihm Mühe gekoſtet hätte, dieſe ſo einfachen Worte herauszubringen. „Guten Abend, Herr Theodor. Kommen Sie doch herein.“ Offenbar bedurfte es bei Theodor dieſer Auf⸗ forderung, wenn er noch einige Schritte wagen ſollte. Indem der Neueingetretene von den Strahlen der auf dem Kaminſims ſtehenden Lampe beleuchtet zu werden anfing, ließen auch ſeine Züge ſich deut⸗ licher erkennen. Nun aber war Herr Theodor, wir müſſen es geſtehen, eine ziemlich ſeltſame Erſcheinung, wenn man ihn zum erſten Male ſah. Groß und über die Maßen hager, hatte er, ich weiß nicht welches kränkliche Weſen, das über ſeine ganze Perſon verbreitet war und in vollkommenſtem Einklang ſtand mit ſeiner galligen Geſichtsfarbe, ſeinen großen, hervorſtehenden, hohlen und fayence⸗ blauen Augen, ſeinen kaum ſichtbaren Brauen, ſei⸗ ner ſchmalen und hohen Stirne, ſeinen glatten und flachsartigen Haaren, ſeinem ſtark zurückweichenden Kopfe, ſeinen hohlen Wangen, ſeiner großen Naſe, und ſeinem halboffenen Munde, deſſen dünne Lippen lange Zähne ſehen ließen, die gar zu weiß waren und wie Porzellan ausſahen. Kurz, ſein bartloſer Kopf, indem er auf einer weißen Cravate ruhte, welche die Hälfte eines ma⸗ gern Halſes ſehen ließ, hätte ganz und gar als Auf⸗ ſatz für die Schultern eines jener myſteriöſen Männer gepaßt, wie man ſie in phantaſtiſchen Mährchen findet. Von Zeit zu Zeit füllten ſich die Adern ſeiner Augen übermäßig mit Blut, und dann bildete ſich gewiſſermaßen ein rother Streifen um ſie her. In ſolchen Augenblicken ſah dieſer Mann ſo böſe und feig aus wie eine Schlange. Zuweilen ging auch dieſer Blick in eine demuths⸗ und ergebungsvolle Sanftmuth über und man hätte dann glauben kön⸗ nen, er wolle weinend um Verzeihung bitten, daß ſein erſter Anblick ein ſo widerwärtiges Gefühl ge⸗ weckt. Endlich wurden auch ſeine Augen zeitweiſe ſo ſeltſam fix, daß man ſie füglich für zwei leere Löcher halten und man ſich verſucht finden konnte, den Mann, der alſo in die Welt hineinſchaute, wie einen gefährlichen Narren zu fliehen. In der Regel aber hielt er beide Augen ge⸗ ſchloſſen, weil ohne Zweifel das Licht dieſem matten Blicke wehe that. Man vervollſtändige dieſes Bild durch große, oft rothe Ohren, durch hervorſtehende Schulterblätter, deren Knochenſpiel kein Kleid zu maskiren vermochte, durch lange Hände mit flachen viereckigen Fingern, wie man ſie in der Regel bei Mathematikern ſieht, durch Füße, die mit den Hän⸗ den im Verhältniß ſtehen, durch eine ganz ſchwarze Kleidung, jene ewige Eleganz ſolcher, die ſich nicht zu kleiden wiſſen, durch einen von der Bureaukratie unzertrennlichen Geruch: ſo hat man das Individuum, 21 mit dem wir nun nähere Bekanntſchaft machen wer⸗ den, wie es leibt und lebt. Es bedurfte indeſſen einer gewiſſen Gewohnheit, ja einer gewiſſen Luſt im Analyſiren, wenn man die Einzelnheiten, die wir eben gegeben, auf der Stelle herausfinden wollte. Im Allgemeinen ſah dieſer Mann, der etwa fünfunddreißig ſein mochte, auf den erſten Anblick wie alle Männer aus, welche ſowohl durch ihre ſociale Stellung, als durch ihre Intelli⸗ genz einer niederen Claſſe angehören; und ferner verband er damit die Schüchternheit der Inferiorität, jene Schüchternheit, die, wenn verwundet, ſich in Haß umkehren und gefährlich werden kann. Das war er für die, welche ihn ſahen und, da ſie keinen Grund hatten, auf ihn eher als auf einen andern aufmerkſam zu ſein, mit ſeiner mehr oder minder großen Magerkeit, ſeinem mehr oder minder ſcharfen Verſtand, ſeiner mehr oder minder großen Diſtinction nicht unzufrieden ſein konnten. In dem Medium, worein ihn das Schickſal geſtellt, brauchte er nichts Anderes zu ſein, als was er war. Für Sophie, das heißt, für eine ſo zarte, ſo edle, ſo nachſichtsvolle, ſo gute Seele, war Theodor ein faſt ſympathiſches Weſen, und zwar eben um der ſtief⸗ mütterlichen Behandlung willen, die ihm von Seiten der Natur zu Theil geworden und für die Augen eines Weibes um ſo ſichtbarer ſein mußte. Sie ſah in ihm einzig und allein die traurige und leidende Seite des Mannes, der ſich über die Natur zu be⸗ klagen hat, und nie gab ſie ihm die Hand anders als mit einem Gefühl ſanften und wahren Mitleids. Und dann erblickte ſie auch in der Aufregung, die ſich dieſes Mannes bemächtigte, ſo oft er ihr nahe kam, und die ihn noch demüthiger erſcheinen ließ, eine naive Huldigung, wofür ſie ihm Dank wußte; denn ſie beſaß ein Herz, das aller zarten Regungen fähig war. Hätte ſie ihn indeſſen aufmerkſam betrachtet, ſo würde ſie wahrgenommen haben, daß Theodors Ge⸗ ſicht, ſo oft es vor ſie trat, einen ganz andern Aus⸗ druck annahm,— einen Ausdruck, der demſelben in Gegenwart anderer Perſonen ſtets fremd blieb. Schaute er ſie eine Zeitlang an, ſo malte ſich all⸗ mählig in ſeinem Geſichte eine niedrige Lüſternheit, und wäre ſie in ſolchen Augenblicken gewiſſen Blicken begegnet, ſo hätte ſie einen unwillkührlichen Schrei ausgeſtoßen. Dann hätte ſie bei dieſem Individuum etwas von einem wilden Thiere entdeckt, während ſie jetzt, ſo oft ſie auf daſſelbe zu ſprechen kam, es nur mit den Worten bezeichnete:„Der arme Burſche!“ Sophie hatte Theodor in einem Hauſe kennen gelernt, wohin ſie mit ihrer Mutter zu gehen pflegte, und wo man ſich allwöchentlich ein Mal verſammelte, um die auf dem Lande ſo langen Abende ſich einander todt ſchlagen zu helfen. Sie hatte ihn auch in an⸗ dern Häuſern geſehen, wo man derſelben löblichen Gewohnheit huldigte, und als er unſere Damen um Erlaubniß gebeten hatte, ſie außerdem noch beſuchen zu dürfen, hatten ſie ihm ſeine Bitte um ſo bereit⸗ williger gewährt, als er nur während ſeines Urlaubs, das heißt, nur kurze Zeit in der Stadt ſich aufhielt. Seine Bekanntſchaft konnte nicht allzu läſtig ſein, da ſie von keiner langen Dauer ſein konnte. In dem Augenblicke, wo wir ihn kennen lernen, war er im 2ν ₰ Begriffe wieder abzureiſen. Familie hatte er keine, wenn wir einen Oheim und eine Tante ausnehmen, welche in Paris wohnten. Sieben bis acht tauſend Franken Renten, ſechs bis ſieben tauſend Franken jährlichen Gehalts, die ihm die Stelle eines Unterkanzleidirectors auf einem der Miniſterien eintrug, ließen unſern Helden in einer goldenen Mittelmäßigkeit leben und verliehen ihm zugleich das Recht, um die Hand eines Mäd⸗ chens mit wenigſtens zweimalhunderttauſend Franken anzuhalten. Theodor war alſo, wie die Welt ſich auszudrücken liebt, eine gute Partie. Arme Mädchen! Nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren, nahm unſer Held neben der Mutter, der Tochter ge⸗ rade gegenüber, Platz und ſprach, wenn auch erſt nach einigem Zögern: „Fräulein Sophie, wenn ich ſo eifrig gewünſcht habe, Sie noch einmal zu ſehen, ſo kommt dieß daher, daß ich im Begriffe bin, die Stadt zu ver⸗ laſſen und daß dieſer mein Beſuch vielleicht der letzte iſt.“. „Sie gehen alſo nach Paris zurück?“ „In acht Tagen.“ „Es gefällt Ihnen in Paris?“ „Es gefiel mir einſt.“ „Und nun gefällt es Ihnen nicht mehr?“ „Weniger.“ „Woher dieſe Veränderung?“ „Ich habe hier gewiſſe Gewohnheiten angenommen, die mir theuer geworden und worauf ich nun werde verzichten müſſen, zum Beiſpiel die Gewohnheit...“ „Was für eine?“ „Die Gewohnheit, Sie zu ſehen.“ „Ohl das iſt recht lieb von Ihnen, Herr Theo⸗ dor; indeſſen werden wir nächſtes Jahr uns wieder ſehen, ich hoffe es wenigſtens.“ Theodor ſchwieg und ſchaute Sophiens Mutter an. Was das Mädchen betrifft, ſo antwortete ſie auf das, was der junge Mann ſagte, das heißt, ſie ant⸗ wortete, wie alle intelligenten Frauenzimmer auf Complimente zu antworten pflegen. Sie ahnte auch nicht einen Augenblick, daß hinter den Worten des jungen Mannes eine Abſicht verborgen läge. Theodor wagte es nicht, die Unterhaltung in der gleichen Richtung fortzuſetzen. Dazu waren ſeine geiſtigen Mittel allzu beſchränkt. Er nahm daher ſeine Zuflucht zu Phraſen, die noch alltäglicher waren, nachdem er Sophiens Mutter abermals in einer Weiſe angeſchaut, die ihr begreiflich machen ſollte, daß er es ihr überlaſſen wolle, auf dieſe Sache zurückzukom⸗ men, und daß er ſein ganzes Vertrauen in ſie ſetze. Man ſprach vom bisherigen Wetter, von verſchiede⸗ nen Perſonen, welche die Stadt bewohnten, vom her⸗ annahenden Winter, kurz, man nahn ſeine Zuflucht zu allen jenen Gemeinplätzen, die man aufzugreifen gewohnt iſt, wenn Schweigen ſo leicht und ſo ein⸗ fach wäre. Allerdings maskiren alle dieſe dem Anſchein nach ſo gleichgültigen Dinge gar oft einen Gedanken, den man nicht ausſprechen will; jedenfalls machen ſie den Sprechenden es möglich, länger um eine geliebte Perſon zu bleiben. Es gewinnen dabei die Augen und das Herz, wenn auch nicht der Geiſt, und Alles ———,———9,—————,————.— — A in Allem genommen, ſind ſolche Gemeinplätze oft beſſer als die dererhſien Worte. In ſolchem Falle befand ſich unſer Held, der von einer beliebigen Sache geſprochen hätte, ſobald es ihm vergönnt geweſen wäre, mit Sophien zu reden. Gleichwohl konnte ſein Beſuch ſich nicht über eine gewiſſe Zeit hinaus ausdehnen, und als daher die⸗ ſelbe gekommen war, ſtand er auf und nahm von den beiden Damen Abſchied. Er hatte ſchon ſeit vollen zehn Minuten kein Wort mehr geſprochen, da er lediglich nichts mehr zu ſagen wußte. Was So⸗ phie betrifft, ſo hatte ſie, die am Liebſten ſchwieg, die Unterhaltung ausgehen laſſen, ohne auch nur gewahr zu werden, daß dieſelbe ausging: ſie ſah es erſt dann, als Theodor aufſtand, um von ihr Ab⸗ ſchied zu nehmen, und da ihr von der ganzen Con⸗ verſation nur das Eine geblieben war, daß er nun abreiſen müſſe, ſo ſprach ſie: „Nächſtes Jahr alſo ſehen wir einander wieder, wenn Sie uns nicht allzu ſehr verſchmähen.“ „Ohl ich komme noch ein Mal, Fräulein Sophie — wenigſtens hoffe ich es—, bevor ich nach Paris zurückkehre.“ Sodann tauſchte er mit Madame Printems einen beredten Handdruck aus und ging. Als er zur Thüre hinaus war, ſetzte ſich die Mutter zu ihrer Tochter hin. „Der arme Burſche!“ ſprach ſie nach einer klei⸗ nen Mauſe⸗ „Er iſt ein recht ſanfter Menſch,“ antwortete Sophie mechaniſch. „Und zugleich recht unglücklich.“ „Was iſt ihm denn?“ „Ohl das iſt eine lange Geſchichte.“ 3 „Hoffenklich iſt dieſelbe auch recht intereſſant!“ „Wie man will.“ „Kannſt Du ſie mir erzählen?“ „Ei freilich: er iſt verliebt.“ „Er?“ „Ja, er.“ „Wenn das iſt, ſo iſt er wohl recht zu be⸗ klagen.“ „So hätteſt Du denn errathen, daß die, welche er liebt, ihn nicht wieder liebt?“ 4 „Man braucht ihn nicht eben oft zu ſehen, um ſo etwas zu errathen.“ „Ja, aber je öfter man ihn ſieht, um ſo mehr ſtellt es ſich heraus, daß er ein Mann von ſeltenen und edlen Eigenſchaften iſt.“. „Wahr. Darum hat er auch, wenn er auf Liebe keinen Anſpruch machen kann, alles Recht, Achtung und aufrichtige Freundſchaft zu fordern. Er ver⸗ lange nur das, was er erhalten kann, ſo wird er nicht allzu unglücklich ſein.“ „Würde er alſo nur ſolches verlangen, ſo brauchte er nach Deiner Anſicht nicht ganz zu verzweifeln.“ „Liebt das Frauenzimmer, dem ſeine Liebe gilt, ſonſt Niemand, ſo ſehe ich nicht ein, warum ſie ihn nicht in ſolcher Weiſe lieben ſollte. Es ſcheint mir ſogax, es wäre ein nicht allzu herzloſes Frauenzim⸗ mer mit einem ſolchen Manne nicht unglücklich, Ohne allen Zweifel würde er ihr das Leben ſo angenehm wie möglich machen, und wäre auch ihr Loos eben H H △ι nicht ein glänzendes zu nennen, ſo wäre es doch ſicherlich ein ſtilles.“ einen Augenblick darauf. „Ah! wie würde es ihn freuen, wenn er Dich alſo ſprechen hören könnte!“ „Du hätteſt mir das früher ſagen ſollen, dann hätte meine Antwort nicht auf ſich warten laſſen.“ „Er hatte im Gegentheil mir anempfohlen, in ſeiner Gegenwart dieſen Gegenſtand nicht auf's Tapet zu bringen.“ „Und warum das?“ „Wie! Du erräthſt noch nicht?“ „Nein.“ 3 „Ei, es handelt ſich von Dir, mein Kind!“ „Von mir?“ „Ja.“ „Herr Theodor liebt mich?“ „Ja, er liebt Dich.“ „Und?“ „Und wenn ein Ehrenmann ein Mädchen wie Dich liebt, ſo hält er um ſie an.“ „Und er hat um mich angehalten?“ „So gut wie angehalten.“ Hier erblaßte Sophie leicht. „Du willſt wohl ſcherzen, liebe Mutter?“ ver⸗ ſetzte das Kind. „Mit nichten.“ „Und was haſt Du ihm zur Antwort gegeben?“ „Daß ich mit Dir ſprechen wolle.“ „Wirklich?“ „I. „Wenn ich ihn aber nicht liebe?“ verſetzte ſie „Aber Du biſt ja, Gott ſei Dank! noch jung 4 und geſund.“ „Was das betrifft, ſo brauchſt Du Dir keine grauen Haare wachſen laſſen. Er verlangt von Dir, ſc in Ermangelung der Liebe, nur jene Zuneigung und NY Freundſchaft, wovon Du eben geſprochen, und welche„ ſt die Liebe zu überdauern pflegt.“ S „Aber Mutter, liebteſt Du denn meinen Vater ke auch ſo?“ ſo „Nein, mein Kind; aber wie vielen Kummer hat m dieſe Liebe nicht für mich in ihrem Gefolge gehabt! iñ Wie viel Eiferſucht, wie viel Täuſchungen, ja ſogar, b wie viele Händel!“ a „Herr Theodor wäre Dir alſo recht?“ ſ „Jch ermuthigte ihn wenigſtens.“ T „Das iſt doch ſeltſam.“ n „Was iſt ſeltſam?“. e „Daß es Jemand einfällt, mich zu ſeiner Frau 5 machen zu wollen.“ j „Was mir auffällt, mein Kind, iſt, daß ſolches nicht Jedermann einfällt.“ l „Wie ſchaut nicht aus Deinen Worten die Mutter d heraus!“ „Nun, Deine Antwort?“ 8 „Ich mag Herrn Theodor nicht heirathen.“ 5 „Warum nicht?“ d „Weil ich es ganz und gar unnöthig finde.* Und dann möchte ich auch Dich nicht verlaſſen.“ † 3 „Aber Kind, es könnte wohl der Fall eintreten, f daß ich Dich verließe.“ „Wie ſo?“ „Sind wir nicht alle ſterblich?“ n, 29 „Liebes Kind, ein Unglück iſt nur zu bald ge⸗ ſchehen, und eine einzige Minute kann die beſte Mutter wegraffen. Was würde aus Dir, wenn ich ſtürbe? Wo würdeſt Du Troſt und eine Stütze finden? Siehſt Du, man muß eben an Alles denken. Auch kennſt Du ja unſere Lage; wir ſind keineswegs reich, ſondern leben von einer kleinen Rente, die ich von meiner Schweſter geerbt, ſowie von der Penſion, die ich als Wittwe eines höheren Offiziers beziehe; aber bedenke, daß mit meinem Leben auch dieſe Penſion aufhört und daß Du Dich dann auf unſer ſo be⸗ ſcheidenes Vermögen beſchränkt ſiehſt. Ich geſtehe Dir, daß dieſer Gedanke mir gar oft zu ſchaffen macht. Was willſt Du dann anfangen? Du wirſt eben arbeiten müſſen. Aber es würden Deine Natur, Deine Körperbeſchaffenheit, Deine Gewohnheiten Dir jede Arbeit unerträglich machen. Gott weiß, welchen Gefahren Du durch Dein Alter, durch Deine Schön⸗ heit ausgeſetzt wäreſt, da Du ſo ganz allein daſtän⸗ deſt. Nein, glaube mir, Kind, Du biſt jetzt groß genug, um ein vernünftiges Wort hören zu können; Alles befiehlt mir, Dir den Rath zu geben, den ich Dir jetzt gebe: Heirathe. Herr Theodor iſt aller⸗ dings weder ein ſchöner, noch ein eleganter Mann; ja er iſt nicht einmal das, was man einen Weltmann zu nennen pflegt; vielleicht aber iſt das nicht nur kein Fehler, ſondern ſogar ein Vorzug, da er um ſo mehr an ſeiner Frau hangen wird. Kannſt Du auch nie das für ihn fühlen, was man Liebe zu nennen pflegt, ſo iſt es nur um ſo beſſer; denn man kann, mein liebes Kind, ſich nie genug vor den Uebertreibungen des Herzens hüten. Ich wenigſtens mißtraue ihnen ganz und gar. Betrachtet man die Sache von der materiellen Seite, ſo machſt Du eine gute Partie; denn da Du ſelbſt nichts haſt, ſo kannſt Du wohl nie größere Anſprüche machen. Mit ſeinem Dienſt⸗ einkommen hat er etwa fünfzehntauſend Franken Ren⸗ ten; auch wird es noch höher ſteigen, da er ein fleißiger Arbeiter iſt. Deine Stellung wird alſo eine vollkommen geſicherte, ja ſelbſt behagliche, angenehme ſein. Ueberleg' Dir alſo die Sache ein bischen, liebes Kind und ſag' mir dann Deine Meinung.“ Alſo ſprechend, erfaßte Madame Printems die beiden Hände ihrer Tochter und gab zugleich ihrer Stimme jenen überzeugenden Ton, den die wahre Freundſchaft ſo wohl kennt. „Und was wirſt Du thun, Mutter?“ „Ich gehe auch nach Paris, um bei euch zu bleiben.“ „Und Du glaubſt, daß ich bei dieſer Verbindung glücklich ſein werde?“ „Ich glaube es feſt.“ „Höre, liebe Mutter, ich weiß nur ſo viel, daß Gott den Kindern befiehlt, denen gehorſam zu ſein, denen ſie das Leben verdanken! Ferner weiß ich, daß, ſeit ich auf dieſer Welt bin, Deine Mutterliebe ſich keinen Augenblick verleugnet hat, und daß ich Dir allein es verdanke, wenn ich ſo fortwährend glücklich geweſen bin. Ein Herz wie das Deinige kann alſo unmöglich irre gehen, wenn es ſich um mein Wohl handelt, Du würdeſt mir, da Du meine Mutter biſt, einen ſolchen Rath nicht geben, wenn er nicht zu meinem Beſten wäre; und ich weiß ge⸗ wiß, daß der erſte Kummer, der mir bereitet würde, Dich um's Leben brächte. Beſchließe alſo, was Du —,——.— „ ſ „ 31 willſt; erkundige Dich noch näher, und ſagſt Du mir in acht Tagen noch, daß ich Herrn Theodor heirathen ſolle, ſo werde ich Deinen Willen thun. Iſt Dir's ſo recht, liebe Mutter?“ „Du biſt ein Engel.“ Und nun warfen ſich die beiden Damen tief be⸗ wegt einander in die Arme. Drittes Kapitel. Acht Tage lang wurde zwiſchen Mutter und Tochter von nichts mehr geſprochen. Nach Verfluß dieſer Zeit aber ließ Madame Printems ihre Tochter fragen, ob ſie für ihre Mutter und Herrn Theodor ſichtbar wäre. Nicht ohne Aufregung antwortete das Mädchen mit Ja. So feinfühlend auch ein Weib ſein und ſo blind ſie dem Zuge der kindlichen Liebe folgen mag, ſo darf ſie doch ſich beengt fühlen und eine Weile die Hand auf das Herz legen, wenn ſie ſich, wie unſere Heldin jetzt zu thun im Begriffe war, für ihr ganzes Leben binden ſoll. Als jedoch ihre Mutter mit Theodor erſchien, war ſie ruhig; ja, ſie lächelte ſogar, und ohne ein Wort zu ſagen, reichte ſie Theodor die Hand. Es lag darin eine Erklärung und zugleich eine Einwilligung. Theodor ſtürzte auf die dargebotene Hand zu und bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen. Sophie fühlte ꝙf ſogar, wie zwei heiße Thränen darauf fielen. Als er ſich wieder aufrichtete, war er ſo blaß wie Elfenbein; es zitterten ſeine Lippen und es hatte ſein Blick etwas wahrhaft Erſchreckendes. Er fuhr mit der Hand nach der Stirn und konnte ſich des Ausrufs:„Du mein Gott!“ nicht enthalten. „Was iſt Ihnen denn?“ riefen die beiden Damen zu gleicher Zeit. „Ohl nichts, lediglich Aufregung und Uebermaß der Freude,“ antwortete er, ſich wieder faſſend und ein Lächeln erzwingend. Und er drückte die Hände, die man ihm geboten. Die Mutter und die Tochter ſchauten einander an. „Die Antwort, die Sie Ihrer Frau Mutter ge⸗ geben,“ fuhr er fort,„iſt für mich ein ſo großes Glück, Fräulein Sophie, daß ich es nicht ganz habe tragen können, ohne davon ein wenig erdrückt zu werden.“ In ſeinem normalen Zuſtande hätte Theodor dieſe Phraſe nie gefunden. Großer Schmerz und große Freude, jene beiden Pole aller menſchlichen Empfin⸗ dung, machen den wahren Dichter, ſo ſagt man we⸗ nigſtens. Endlich ſchien der Verlobte durch einen letzten gewaltſamen Seufzer der Beklemmung ſich vollends zu entledigen, die er noch fühlte, und ſetzte hinzu: „Ich habe Sie nun nur noch um Verzeihung zu bitten, meine Damen, daß ich meine Freude nicht zu bewältigen vermocht, und daß ich Sie ſo einen Au⸗ genblick in Schrecken geſetzt. In einer Stunde reiſe ich nach Paris ab, Fräulein Sophie; Ihre Frau Mutter hat mir verſprochen, Ihnen Alles zu ſagen, was ich ſelbſt nicht auszuſprechen wage.“ & 33 Nun zog ſich Theodor zurück, jedoch nicht, ohne noch ein Mal die Hand derjenigen geküßt zu haben, die ſeit zehn Minuten erklärt hatte, die Seinige wer⸗ den zu wollen. Als die beiden Damen wieder allein waren, ſprach das Mädchen zu ihrer Mutter: „Ich geſtehe Dir, liebe Mutter, daß ich erſt Furcht gehabt, als ich ihn ſo erbleichen ſah. Man konnte glauben, er wolle ſterben.“ „Er liebt Dich eben ſehr warm.“ „Und weiter wäre es nichts?“ „Was ſoll es denn ſonſt ſein?“ „Haſt Du auch bemerkt, wie er drein blickte, und wie ſeine Lippen zitterten? Und obgleich er bei ſei⸗ nem Weggehen uns zu beruhigen geſucht, ſo ſchien er doch immer noch hinſtürzen zu wollen.“ „Sieh, mein Kind, er iſt eben ungemein ſchüch⸗ tern und warmfühlend; und da das Glück ihm etwas Ungewohntes iſt, ſo iſt ihm das Herz ſo aufgegan⸗ gen, daß die Freude ihn beinahe erſtickt hat.“ „Ganz recht; nur werde ich es vermeiden, ihn durch irgend etwas in Aufregung zu verſetzen. Und nun laß hören, liebe Mutter: Was haſt Du mir in ſeinem Auftrag zu ſagen?“ „Um keine weitere Zeit zu verlieren, wird er ſo⸗ fort zu Paris alle ſeine Angelegenheiten ordnen. Was uns betrifft, ſo reiſen wir in vierzehn Tagen ab und beziehen die Wohnung, die er für uns beide herrichten laſſen wird. In einem Monat biſt Du verheirathet. Bis dahin will er Dir ſchreiben, da⸗ ich ihm es erlaubt.“ „So geſchehe denn Dein Wille!“ Dumas, Printems. I. „Du machſt Dein Glück, mein Kind: Herr Theodor iſt ein braver, wackerer Mann.“ Eine Stunde darauf rollte Theodor der großen Hauptſtadt zu. Hier angekommen, war es ſein Erſtes, einen vier Seiten langen Brief an Sophie zu ſchreiben. Was er darin ſagte, wollen wir hier nicht wiederholen, da Jeder es leicht erräth. Liebt einmal ein Mädchen, fühlt ſie in ihrem innerſten Weſen jene erſte Erſchütterung, die ihr ein unbekanntes, neues Leben verkündet, und iſt ihre Seele eines neuen Gefühls Mutter, ſo muß wohl ein vom Geliebten geſchriebener, vier Seiten langer Brief ihr etwas unendlich Süßes ſein. Es iſt derſelbe das greifbare Aroma, der ſichtbare Wohlgeruch jener fernen Liebe, und es müſſen die Buchſtaben dieſes Briefes beim Eröffnen, luſtigen, ihrem Käſige entfliegenden Vögelein gleich, um ſie her ſpielen und ihr eine gar ſüße und zärtliche Melodie ſingen; davon gar nicht zu reden, daß das Mädchen, wenn es ſich einem ſolchen Briefe allein gegenüber ſieht, nicht ſo zurück⸗ haltend zu ſein braucht, wie der, der ihn geſchrieben, — daß ſie ihn wiederholt leſen, alle Worte lieb⸗ koſen und, wenn ſie ihrer Seele gefallen, ſich auf alle erdenkliche Weiſe damit ſchmücken kann, wie eine Kokette ſich mit Juwelen ſchmückt, die ſie lange er⸗ wartet. Weiß aber das Mädchen, wie im vorliegenden Fall, zum Voraus, daß ſie in dem Briefe, den ſie bekommt, auch nicht einen Herzſchlag, daß ſie in dem Käſtchen, das ſie öffnet, auch nicht ein Juwel finden wird; iſt ihre Liebe nur ein Räſonnement, und ſoll dieſelbe bald eine Pflicht und eine Gewohn⸗ 35 heit werden: oh! dann muß das Mädchen vor einem ſolchen Papierſtücke, das heißt, vor dem abgeſtorbe⸗ nen Blatte eines Baumes, der nie gelebt und nie lebensfähig geweſen, um ſo trauriger werden,— ſo muß ſie den Kopf in den Händen begraben und mit Thränen die Worte näſſen, die alle Welt leſen könnte, wie ſie ſie liest. Und dieß war gerade bei Sophien der Fall. Die erſten zwei Thränen, die ſie vergoß, galten dieſem Briefe; denn es iſt jenes Gefühl, das man Liebe nennt, ſtets etwas Unendliches: iſt es nicht der Himmel, ſo iſt es die Wüſte. Ihre Antwort lautete ſo, wie ſie lauten mußte; indeſſen war ihr Herz ſo reich an Schätzen jeder Art, daß ihr Nitleis ein anderes Herz faſt eben ſo ſehr bereichern konnte, ie ihre Liebe. Und ſo erklärt es ſich denn, daß Theodor die Antwort, die er von ihr bekam, inbrünſtig küßte. Sugleich ſchaffte er alle Papiere bei, deren er bedurfte, ordnete Alles an, ließ ſeine neue Wohnung herrichten und, mit der Einwilligung der Madame Printems verſehen, die geſetzlichen Aufgebote vor⸗ nehmen. So verſtrichen vierzehn Tage; dann kam eines Morgens ein Brief an, worin die beiden Damen ge⸗ beten waren, ſofort nach Paris zu kommen, da zu ihrer Aufnahme Alles bereit wäre. Hätte an dieſem Tage ein geſchickter Beobachter Theodor ſtudirt, ſo würde er gar ſeltſame Dinge wahrgenommen haben. Denn nachdem er dieſen Brief geſchrieben und auf die Poſt gegeben, ſtand er auf, ging an ſeinen Spiegel hin und beſchaute ſich ——— darin, zuerſt aufmerkſam und dann mit einer ge⸗ wiſſen Fixität.— Man konnte glauben, er wolle an ſich ſelbſt etwas entdecken und in ſeinen eigenen Augen leſen. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, beobachtete, wie er Athem holte und zog ſeine Züge zuſammen. Sodann ließ er dieſelben ihre gewöhnliche Phyſio⸗ gnomie wieder annehmen und betrachtete ſich dabei fortwährend. Indeſſen drückte er dabei das Geſicht faſt auf den Spiegel, um es wo möglich noch deutlicher zu ſehen, und gleich als wollte er unter ſeiner Bläſſe ein Myſterium entdecken. Er öffnete die Lippen halb und ließ die Zähne auf einander ſchlagen; dann be⸗ fühlte er ſeine Hände, ließ verſchiedene Glieder ſpie⸗ len und überließ ſich allerlei Verdrehungen und Ver⸗ zerrungen, die ihn in den Augen eines Zeugen hätten als einen Wahnſinnigen erſcheinen laſſen. Und als er ſich immer noch in dem gleichen Zuſtand fand, ſchien er befriedigt und murmelte die Worte: „Nun, es geht ja Alles ganz herrlich.“ Nun kleidete er ſich, ein Liedchen trällernd, an. Sein Trällern aber war mehr das eines Feiglings, der ſich auf einem finſtern Wege ſieht, als das eines Mannes, dem es wirklich um das Singen zu thun iſt. Zugleich beſchielte er ſich immer noch von Zeit zu Zeit. 3 Als er fertig war, verſtummte er und bildete vor ſeinem Spiegel die Enden ſeiner Cravate zu einem Knoten. Dann beſchaute er ſich weitere fünf Minuten, wobei er ſeine großen, blauen Augen weit aufriß, und gewiß wohnte während dieſer Zeit ſein Geiſt nicht an dem Orte, wo er gewöhnlich wohnen ſoll. Er hatte ſich allmählig in dieſe wunderliche Selbſtbetrachtung ganz und gar vertieft; und hätte nicht eine Art nervöſen und fieberiſchen Lachens plötz⸗ lich ſeine Lippen krampfhaft bewegt, ſo hätte er viel⸗ leicht eine ganze Stunde ſo dageſtanden, worauf er in vollkommenen Blödſinn hätte verfallen können. Solches geſchah an einem Sonntag Morgen. Theodor ging jetzt nicht auf ſeine Kanzlei, ſon⸗ dern ſtieg in einen Wagen, und ließ ſich in eine Straße nächſt dem Boulevard des Italiens führen, wo der Kutſcher vor einem elegant ausſehenden Hauſe hielt. „Iſt der Herr Doctor zu Hauſe?“ fragte er den Hausmeiſter. 74 Theodor ging ſofort in den zweiten Stock hinauf und blieb vor einer Thüre ſtehen, auf deren Schild die Worte eingegraben waren: de Blarü, medicinae doctor. Wie es ſcheint, ſo war er die Treppe ein bischen raſch hinaufgegangen; denn es klopfte ihm das Herz. Man ließ ihn in den Salon des Herrn von Blarü treten, der bereits in einem ſchwarzen Fracke und in einer weißen Cravate ſtak. Es war der Arzt ein kleines, hageres Männchen, das bei großen, ſchwarzen, runden Augen eine Per⸗ rücke trug, obwohl er kaum erſt dreißig war. In einem langen Geſichte ſaß eine grvße, dicke Raſe; längs der beiden Wangen zog ſich ein wohlgenähr⸗ ter Backenbart hin; die Unterlippe ſtand ein wenig heraus; was die Zähne betrifft, ſo waren ſie ſo übel nicht, und endlich hatte er einen ziemlich feinen Ver⸗ ſtand und ſprach nur langſam, ohne Zweifel, um ſich das Anſehen eines recht beſonnenen Mannes zu geben; was aber hauptſächlich an ihm auffiel und ihm eine gewiſſe Berühmtheit verſchafft hatte, war der Schnitt ſeines Kleides. Ich weiß nun zwar nicht, wie ſein Schneider ihn kleidete, oder wie er ſelbſt gebaut war; ſo viel aber kann ich des Beſtimmteſten be⸗ haupten, daß die Schöße ſeines Frackes ſtets vier Zoll von ſeinem Körper abzuſtehen ſchienen. Er glich in ſeinen Bewegungen ſo ziemlich einer Bachſtelze, die im Begriffe iſt, über ein Bächlein zu hüpfen. Ohne Zweifel war dieſes tänzelnde Weſen bei ihm eine Folge der ſeltenen, ja übertriebenen Höf⸗ lichkeit, deren er ſich ſeinen Clienten, insbeſondere aber ſeinen Clientinnen gegenüber befließ. Es war ihm ſchlechterdings unmöglich, mit ihnen zu ſprechen, ohne, wie der unterwürfigſte der Sklaven, den Ober⸗ theil des Körpers nach vorn zu beugen. Was ich nun ſagen werde, gereicht den Damen, die er zu Clientinnen hatte, zwar nicht zum Ruhm; aber es muß nun einmal doch heraus, da es die Wahrheit iſt. Ich ſage alſo: es war der Doctor ein Mann, dem ſie nur wenig widerſtanden, und der des ſeltenſten Liebesglücks ſich rühmen durfte. Einzig und allein durch ſeine Ausdauer, ſowie durch die ge⸗ ſchickte und zugleich discrete Art, in der er ſeiner verborgenen Leidenſchaft Ausdruck zu leihen wußte, erreichte er, was der Schönheit, der Anmuth, den äußeren Vorzügen anderer, von der Natur ſchein⸗ bar mehr begünſtigter Männer ſtets unerreichbar ge⸗ blieben wäre. Aber Herr von Blarü kannte auch die Weiber aus⸗ und inwendig. Sein Lebenlang ——————+e AS hatte er ſie ſtudirt, und als Arzt ſtanden ihm Thü⸗ ren offen, die jedem Andern verſchloſſen blieben. Als Kenner des menſchlichen Organismus und als Beichtiger des Körpers fand er bei ſeinen Clientin⸗ nen gar leicht heraus, bis zu welchem Grade ſich bei ihnen jenes Bedürfniß des Herzens oder der Sinne geltend machte, das man mit dem gemein⸗ ſamen Namen Liebe zu bezeichnen pflegt. Dieſe natürliche Anlage beutete er mit der honig⸗ ſüßen Vorſicht eines Seminariſten aus. Von ſüd⸗ ländiſcher Körperbeſchaffenheit, ſich in eine probefeſte Verſchwiegenheit hüllend, beſaß er Alles, was er⸗ forderlich iſt, um über die Heuchelei gewiſſer Weiber zu triumphiren, die da glauben, es ſei nichts ver⸗ loren, ſo lange der gute Ruf es nicht iſt, und die da einen Liebhaber, welchen ſie nicht lieben, aber abläugnen können, einem ſolchen vorziehen, den ſie lieben wuͤrden, der aber ſie compromittiren könnte. Niemand auf der Welt wäre es wohl eingefallen, daß eine junge, hübſche, vornehme Frau einem Manne wie Herrn von Blarü, deſſen Aeußeres faſt lächerlich zu nennen war, ſich hingeben könne. Und doch war dieß nur zu häufig der Fall, und könnten und dürften wir in den Schiebladen dieſes Hippo⸗ krates ein wenig herumſtören, ſo würden wir dort Briefe finden, voll von Geſtändniſſen, neben denen die Geſchenke eines Artaxerxes in Gefahr kämen zu verſchwinden. Gleichwohl hatte er, ſo viel man wußte, keine Maitreſſe. Selbſt die ſtrengſten, ängſtlichſten Mütter nahmen ihn zum Arzt für ihre Töchter an, und thaten hieran recht wohl. Herr von Blarü war zu ſchlau, als daß er hätte bei einem jungen Mädchen Glück machen wollen; auch war er, Alles in Allem genommen, ein Mann von Talent. „Ahl lieber Freund, ich habe auf Sie gewartet, 1 ſprach er zum Bureaukraten, als er dieſen herein⸗ treten ſah. „Komme ich etwa zu ſpät?“ „Durchaus nicht. Und wie geht es mit der Ge⸗ ſundheit?“ „Ganz erwünſcht.“ Indem der Beſucher dieß zur Antwort gab, ſchaute er den Arzt an, wie ein Menſch, den es drängt, ſeine eigenen Worte beſtätigen zu hören; der Arzt aber warf ihm einen jener raſchen, tiefen, unbeugſamen Blicke der Wiſſenſchaft zu, die in den innerſten Tiefen eines Menſchen die Wahrheit, welche dieſem ſelbſt entgeht, aufzuſpüren ſuchen. Vor dieſem Blicke erbleichte Theodor. „Nun, ſind Sie parat?“ hob er, fieberhaft be⸗ wegt, wieder an. „Ja.“ „Können wir alſo frühſtücken?“ „Unverweilt.“ „Ich fürchtete ſchon, daß Sie meinen Brief nicht rechtzeitig bekommen haben möchten.“ „Ich habe ihn geſtern um zwei Uhr bekommen.“ „Haben Sie Hunger?“ „Sehr, ſehr.“ „Auch ich.“ Und nun gingen Herr von Blarü und ſein Be⸗ gleiter weg. Auf dem Wege öffnete Theodor ein paar Mal ——— V e den Mund, um dem Doctor eine Mittheilung zu machen, legte ſich aber immer wieder Stillſchweigen auf. Nach dieſen Verſuchen ſchielte er mit einer Art kindiſcher Furcht ſeinen Begleiter an, der, ſich nicht in dieſer Weiſe gemuſtert wiſſend, trillernd fortging wie ein Mann, der Hunger hat, frühſtücken will und ſich mit nichts Anderem beſchäftigen kann. Es ſind die Specialiſten ſo glücklich, wenn ſie ihre Specialität einen Augenblick vergeſſen können! Im Gaſthauſe angekommen, nahmen ſie an einem leeren Tiſche Platz, und beſtellten ihr Frühſtück. Außer den Beiden war keine Seele im Zimmer. „Welch' glücklicher Einfall, daß ſie mich auf heute Morgen zum Frühſtück eingeladen,“ hob der Arzt an;„denn ich weiß wahrlich nicht, was ich mit mei⸗ nen Morgenſtunden anfangen ſoll.“ Bevor Theodor auf dieſe Worte etwas erwiederte, ſchien er zu einem großen Entſchluſſe kommen zu wollen. „Ich muß Ihnen ſagen, daß es mir wohl nicht mehr oft vergönnt ſein wird, als Junggeſelle zu früh⸗ ſtücken,“ brachte Theodor endlich heraus. „Ja, und warum denn das?“ „Eh, weil ich heirathe!“ „Sie... heirathen!“ rief der Arzt unwillkür⸗ lich in einem Tone, der ſich mit den Worten:„Das iſt unmöglich!“ überſetzen ließ. Dies Mal wurde Theodor leichenblaß. „Warum denn nicht?“ fragte er.„Warum ſollte ich nicht gleich Andern heirathen? Ich bin jung, habe eine ſchöne Stellung, bin geſund...“ „Allerdings haben Sie alles das,“ erwiederte Herr von Blarü;„mein Staunen rührt einzig und allein daher, daß ich dieſe Heirath ſo mit einem Male erfahre,— daß die Sache ſo Knall und Fall geſchehen ſoll. Auch haben Sie mir ja ſo oft geſagt, daß Sie nie heirathen würden.“ „Ich kannte eben die Perſon noch nicht, die ich nun heirathe.“ „Iſt ſie jung?“ „Achtzehn.“ „Hübſch?“ „Ein wahrer Engel.“ „Und Sie lieben ſie?“ „Ganz närriſch.“ „Um ſo ſchlimmer.“ „Um ſo ſchlimmer, ſagen Sie?“ „Ja, es iſt immer ein Unglück, wenn man liebt.“ „Das haben Sie aber gewiß nicht ſagen wollen.“ „Doch, doch, ich gebe Ihnen mein Wort.“ „Nein, Herr Doctor, die Worte, die Sie ge⸗ ſprochen, klangen ſo, als gälten ſie mir. Nun, ſagen Sie mir doch Ihre Meinung rückhaltslos.“ „Was, zum Henker, iſt Ihnen denn heute?“ „Kennen Sie einen Grund, der mich vom Hei⸗ rathen abhalten müßte, ſo laſſen Sie mich ihn ge⸗ fälligſt wiſſen; und wie weit die Sache immer ſein mag, ſo werde ich dann doch die Heirath wieder rückgängig machen.“ „Sind die Aufgebote ſchon erfolgt?“ „N.. „Sie erwarten Ihre Braut?“ „In zwei Tagen.“ ſein. niſch 7 2 Ich riöſer Liebe trenn beſuc eben wenie C Herr „Heirathen Sie, heirathen Sie, nur hüten Sie und ſich vor jeder Aufregung.“ Kall„Warum?“ dat„„Weil jede Aufregung wehe thut.“ „Ich wäre alſo nicht ſo ſtark organiſirt...“ ich„Im Gegentheil, Sie könnten nicht beſſer organiſirt ich ſein. Wir machen jetzt pſychologiſche, nicht aber medici⸗ niſche Studien. Sollten Sie ſich etwa fürkrankhalten?“ „Zeitweiſe beſchleichen mich große Befürchtungen.“ „Weßhalb denn? du mein Gott!“ „Ich kann es Ihnen ſelbſt nicht ſo recht ſagen. Ich meine, ich leide an einem unbekannten, myſte⸗ riöſen Uebel.“ „Sie? Sie ſind ſo geſund wie Methuſalem, mein Lieber.“ nan„Wirklich!“. „Ich gebe Ihnen mein Wort, und gäbe es nur Leute wie Sie, ſo wär' ich nie und nimmermehr n. Arzt geworden. Darauf können Sie zählen.“ 1„Ach, Herr Doctor, wie glücklich machen Sie ge⸗ mich nicht!“ dun,. Und Theodor preßte Herrn von Blarü feurigſt . die Hände. . Den ganzen Tag über war Theodor ausgelaſſen Hei⸗. luſtig; jedoch hatte ſeine Fröhlichkeit dabei etwas ge⸗ Nervöſes. Er wollte ſich gar nicht mehr vom Arzte ſein trennen, der Sonntags wie Werktags ſeine Kranken⸗ beſuche zu machen hatte und conſultirt wurde, und eben deßwegen ſeinen luſtigen Freunden immer nur wenige Zeit widmen konnte. Endlich trennten ſich die Beiden. Theodor hatte Herrn von Blarü zuvor noch das Verſprechen ge⸗ geben, daß er ihn ſeiner Braut gleich nach ihrer Ankunft vorſtellen würde. und Zwei Tage ſpäter war Sophie mit ihrer Mutter ſüße in Paris, und es hatte Theodor ihrer in der Nähe des Diligencenbureaus gewartet.* Wel 1 Was Sophie betrifft, ſo hatte ſie den Gehorſam in ſ für leichter gehalten. Je näher die Zeit ihrer Hei⸗ derr rath kam, um ſo mehr bemächtigte ſich ihrer ein dige vager Schrecken, denn für die ſchamhafte Seele eines jungen Mädchens gibt es auf dieſer Erde Dinge, haft welche ſie erſchrecken müſſen. Kaum daß die liebende Ind Jungfrau, die alle ihre Gedanken, alle ihre Träume, gar Y die ihr ganzes Herz auf den Auserkorenen concen⸗ ſole trirt hat, wenn Gott und die Menſchen durch die ihr 3 Ehe die Wegſchenkung ihres Herzens gutgeheißen, den — daran zu denken wagt, wie hinter ihrer ganz idealen alle Liebe eine andere, irdiſchere, menſchlichere ſteht; und we gar oft kennt ſie ſelbſt jenes Myſterium nicht, das, höt wenn ſie darum gewußt, ihre Seele vielleicht auf kar der Schwelle ihrer keuſchen Geſtändniſſe zurückgehal⸗ un ten haben würde; oder kennt und ahnt ſie daſſelbe, tig 1 ſo mag ſie doch immer nur allmählig es ſich enthüllen laſſen, während der Gatte, ſtolz auf die Schamröthe de und die Verwirrung ſeiner jungen Frau, ſich zuerſt za eine Pflicht daraus macht, und dann ſein Glück da⸗ G rin findet, dieſe Unſchuld zu ermuthigen, ermuthigend ſie dieſelbe zu beſiegen, dieſen Schatz zu ſchonen und bi nur ganz allmählig ſich deſſelben zu bemächtigen. ſt Die Initiation iſt nur um ſo ſüßer, wenn ſie un eine myſteriöſe und progreſſive iſt, und beide neh⸗ u men, den Blick nach dem Himmel gerichtet, von der. T Erde nur das, was ſie von ihr entfernen muß. r. ihrer utter Nähe orſam Hei⸗ r ein eines dinge, bende äume, oncen⸗ ch die heißen, dealen t; und , das, ht auf kgehal⸗ aſſelbe, thüllen mröthe zuerſt lück da⸗ thigend en und igen. eenn ſie de neh⸗ von der. n muß. Dann geſchieht es zuweilen, daß die Unwiſſenheit und Unerfahrenheit des jungen Mädchens in einem ſüßen Staunen aufgehen und ſelbſt expanſiv werden. So entſtehen jene glücklichen Ehen, welche die Welt gehen laſſen, wie ſie mag; denn da die Beiden in ſich ſelbſt Alles finden, ſo brauchen ſie von An⸗ dern nichts zu verlangen. Es iſt eben das vollſtän⸗ dige Glück. 4 Sieht aber ein ſchönes Kind, bei dem die Scham⸗ haftigkeit ſo inſtinktmäßig iſt, daß es ſelbſt über die Indiscretion des Spiegels erröthet, der ihr ihre ganze Schönheit enthüllt— ich ſage alſo, ſieht ein ſolches ſchönes, junges Mädchen ſich auf dem Punkte, ihr Schickſal mit dem eines Mannes zu verbinden, den ſie nicht liebt, müſſen da nicht Befürchtungen aller Art auf ſie einſtuͤrmen, und zwar um ſo mehr, wenn ſie ſich von dem Manne, dem ſie fortan ge⸗ hören ſoll, geliebt weiß, wenn ſie weiß, daß derſelbe kaum den Tag erwarten kann, wo er ſie beſitzen ſoll, und wenn ſie ſich fragt, ob dieſe Liebe ihren künf⸗ tigen Gatten mit Ungeduld oder mit Achtung erfüllt? Noch weit ſchlimmer iſt es, wenn ſie ein von der Natur bevorzugtes Weſen, wenn ihre Seele ſo zart iſt, daß dort, wie in einer kühlen und einſamen Grotte, Alles ein lautes Echo findet, und wenn ſie ſich ſo fragt, ob das Weſen, nmit dem ſie ſich zu ver⸗ binden im Begriffe iſt, ſie auch zu würdigen ver⸗ ſteht, ob es mit ihr harmonirt, ob ſie nicht durch unbillige Forderungen verletzt werden, ob ſie nicht unter ſeinem ſteten Contact zu leiden haben wird. Warum ſolche Keuſchheitsſchätze aufhäufen, wenn ein roher, unfreundlicher Wind, der weder ſo liebkoſend wie die Zephyre des Sommers, noch ſo majeſtätiſch wie die Stürme des Winters iſt, ſie ſo jämmerlich zerſtreuen ſoll? Einer Seele aber, die in ſolcher Weiſe geängſtigt wird, bleibt nichts Anderes übrig, als ihre Schamhaftigkeit in Muth zu hüllen und zu Gott zu beten. Solches that denn auch Sophie. Viertes Kapitel. Ueber dem Gehorſam gegen die Familie, jenem Gehorſam, der, ſo zu ſagen, nichts als die Tugend der Kinder iſt, welche, da ſie die wahren Erdenwege nicht kennen, unabläſſig von liebenden Weſen geleitet werden müſſen; über dieſem Gehorſam, ſagen wir, ſteht für die majorenn gewordene Seele, wenn wir uns dieſes Ausdruckes bedienen dürfen, eine noch höhere Tugend, welche eine Intervention Gottes da zugibt, wo der directe Einfluß der Eltern für den Menſchen aufhört. Dieſe Tugend, welche Chriſtus am Meiſten predigte, woraus er die Grundlage und Stütze ſeines Lebens gemacht,— dieſe Tugend, die man am Schwerſten erwirbt und feſthält, in ſo fern ſie ſich im innerſten Weſen des Individuums con⸗ centrirt und keinen äußeren Ausdruck hat, um deſſen willen man ſie loben könnte— ein Umſtand, der ſie zur Erſtgeborenen unter allen ihren Schweſtern erhebt: dieſe Tugend iſt die Demuth. Sie iſt ein Vorrecht großer Seelen, das ſie, um ſie für die anſcheinende Erniedri⸗ gung, wozu ſie ſie verpflichtet, zu entſchädigen, doppelt ſo hoch erhebt. 2 jung ſie; ſen für weſe weſe wo und allei ſich liche elege war Gatt auch liebe da h bare fund ( ſinde etwa lich, nach rathe ihn math fen, muß wird lich cher rig, zu 2 47 Dieſe Tugend beſaß Sophie, und obgleich ſie noch jung war, ſo hatte ſie doch ſchon Gelegenheit gehabt, ſie zu begreifen. Sie verdankte dieſelbe der religiö⸗ ſen Erziehung, die ſie von einer Mutter erhalten, für welche die Religion im Kummer eine Stütze ge⸗ weſen war, ohne in ihrer Jugend ein Grundſatz ge⸗ weſen zu ſein. Madame Printems war in einer Zeit geboren, wo es zum guten Ton gehörte, Gott zu leugnen, und war daher, was Grundſätze betrifft, einzig und allein auf die Lehren beſchränkt geweſen, die ſie aus ſich ſelbſt ſchöpfte. Sie hatte ein etwas oberfläch⸗ liches Leben geführt, und als ſie ſpäter einen jungen, eleganten, ſchönen Mann heirathete, den ſie liebte, war ſie durch den leichtſinnigen Lebenswandel ihres Gatten mit jener Unruhe und jener Eiferſucht, wenn auch zuweilen ohne Grund, erfüllt worden, denen liebeerfüllte Seelen anheim zu fallen pflegen; und da hatte ſie denn vergeblich nach jenem unverſieg⸗ baren Troſte geſucht, den ſie in der Religion ge⸗ funden hätte. Gleichwohl gelang es ihr endlich, dieſen Troſt zu ſinden, jedoch erſt nach vielerlei Kämpfen und wie etwa ein Kranker, den man bereits aufgegeben, end⸗ lich, wenn er es nicht mehr anders machen kann, nach einem Mittel greift, das man ihm oft ange⸗ rathen, wozu er aber kein Vertrauen gehabt, und das ihn nun vom Tode errettet. Indeſſen wäre es, ſelbſt mathematiſch geſprochen, gar nicht ſchwer zu begrei⸗ fen, wie das Unendliche über das Endliche tröſten muß; wie das, was ewig geweſen und ewig ſein wird, ſtärker iſt als das, was nur vorübergehend iſt; wie Gott größer und beſſer iſt als der Menſch, und, wie die Tugend, jene auf das eigene Selbſt ſich be⸗ ſchränkende Leidenſchaft, ſicherere Freuden gewähren muß, als die Leidenſchaft, jene Tugend der Sinne, die ſtets einen oder mehrere Mitſchuldige braucht. Zu ihrem nicht geringen Erſtaunen hatte alſo Madame Printems aus einer Religion, von der ſie in den Tagen ihrer Jugend ſo viel Uebles hatte ſagen hören, einen Troſt ſchöpfen können, der ihres rein perſönlichen Kummers harrte. Allerdings war ſie bis dahin tugendhaft geblie⸗ ben; indeſſen war dieſe ihre Tugend von jenem ne⸗ gativen Charakter geweſen, der eine Folge des Glücks, der Befriedigung der Wünſche iſt und niemals als Beiſpiel dienen kann, da eine ſolche Tugend, indem ſie ſich auf weſentlich menſchliche Dinge ſtützt, wan⸗ kend werden, ja ſelbſt fallen kann, wenn dieſe Dinge ihr mit einem Male entzogen werden. Es war alſo ein glücklicher Zufall, daß Madame Printems, jung und ſchön, wie ſie war, ihren Kum⸗ mer nicht in jenen unächten Tröſtungen zu vergeſſen geſucht hatte, welche die Welt den Fraueu lächelnd zu bieten pflegt, bis ſie unter Inſulten ſie ihnen vorwirft. Hätte ſie ihre Kinder nicht gehabt, ſo wäre ſie ſicherlich gefallen, da es ihr in der Geſellſchaft, worin ſie ſich bewegte, an Gelegenheit nicht fehlen konnte. Der Inſtinct der Mutter rettete die Gattin. Wir ſagen Inſtinct, weil dieſe Frau in ihrer Ver⸗ zweiflung, daß ihr Gatte ſie alſo vernachläſſigte, des Guten und des Böſen ſich ſicherlich nicht mehr klar bewußt war. Sie liebte in ihren Kindern die Frucht ihrer chriſt Entn ſelbſt und, be⸗ hren nne, t. alſo r ſie hatte hres blie⸗ ne⸗ lücks, als ndem wan⸗ Dinge dame Kum⸗ geſſen chelnd ihnen ire ſie ſchaft, fehlen Hattin. Ver⸗ te, des or klar Frucht * 49 ihrer Liebe, erblickte aber nicht, wie eine wirklich chriſtliche Mutter gethan hätte, in ihnen Keime, deren Entwickelung ihr anheim gegeben war, ſo daß ſie ſich ſelbſt und Andern nützlich würden. Wie es bei vielen jungen Müttern der Fall iſt, ſo waren ihr eben ihre Kinder ein angenehmes Spielzeug. Erſt mit dem ummer zog auch eine ernſtere Liebe zu ihren Kin⸗ dern in ihr Herz ein. Dieſe kleinen Geſchöpfe, welche den Kummer ihrer Mutter noch nicht würdigen, dieſelbe alſo auch nicht mit Worten tröſten konnten, zogen ſie gleichwohl mit der Magnetkraft der Natur und, wie wir eben ge⸗ ſagt, des mütterlichen Inſtinctes an. Wenn ſie ſich ſo den beiden kleinen Engeln gegenüber ſah, welche die Zukunft repräſentirten, fing ſie an, die Gegen⸗ wart minder wichtig zu nehmen. Waren ſie doch die gedoppelte, ungetrübte Offenbarung der Liebe des Gatten! Sie fragte ſich alſo, ob es nicht möglich wäre, daß ſie ihn nur noch in ihren Kindern liebte. Allmählig machte ihre Seele ſich von aller Lei⸗ denſchaft frei; in ihrem Schutzbedürfniß ahnte die junge Frau das Glück des Schutzes; ſie ſah ein, daß ihre Kinder einſt ein Mann und ein Weib ſein würden; daß das Leben vielleicht auch ihnen einige harte Prüfungen vorbehalte, und daß es gut ſein dürfte, ihre Kinder alsbald in den Stand zu ſetzen, dieſelben zu überwinden. Und ſo vortrefflich leitete ſie die beiden jungen Seelen, daß dieſe einzig und allein durch ihre Mutter dachten und ſahen. Plötzlich aber fiel ihr ein, daß ſie ſterben könne; daß der Kummer ihrer Kinder dann um ſo größer ſein würde, je mehr ſie ihre Liebe auf dieſelben con⸗ Dumas, Printems. I. 4 50 centrirt; daß ſie, an die Leitung der Mutter gewöhnt, auf allerlei Abwege gerathen könnten und müßten, ſobald der mütterliche Rath ihnen fehlte, ſowie daß ein vorbeugender ewiger Troſt gefunden werden müſſe, der ſie nie im Stiche laſſe. Nun ſuchte und fand ſie Gott. Dem Kummer, den ſie erlebt, hatte Madame Printems es verdankt, daß ſie nicht erſt bei ſich ſelbſt mit der religiöſen Erziehung zu beginnen hatte, wo⸗ mit ſie ihre Kinder beſchenken wollte. Sobald ſie begriffen, daß ihre Kinder allein ſie an dieſe Erde knüpften, hatte ſie zu Gott um deren Erhaltung ge⸗ betet, und mit dieſem erſten Gebete war auch die 7 wahre chriſtliche Geſinnung in ihr Herz eingezogen. Der Kummer, der die Menſch en ſo plötzlich zu Gott führen kann, hatte ſie einer langen Lehrzeit über⸗ hoben und gab ihr ein Recht, nun ſelbſt zu lehren. Auch kann Gott nie ein Studium ſein, ſondern s iſt derſelbe ein Bedürfniß; man leuit ihn nicht aus vielen gelehrten Büchern und Worten kennen, ſondern ahnt, erräth ihn. Unbegreiflich für unſere gröberen Sinne, iſt er es doch nicht für unſer Herz; nie aber wird unſer Mund ſagen können, wer und was er iſt. Ihn lieben heißt ihn erklären. Indem aber die Mutter dieſe höhere Macht, deren Schutz ſie für ihre Kinder anflehen wollte, erkannte, hatte ſie ein erſtes Opfer bringen müſſen. Es be⸗ ſtand daſſelbe darin, daß ſie, nachdem ſie Herz und Geiſt ihres Sohnes und ihrer Tochter allein einge— nommen, dieſen nun ſagen mußte, wie ſie nichts wei⸗ ter als die ſichtbare Vermittlerin eines unendlich koſtbareren Schutzes, einer unendlich erhabeneren und noth Gott wend Ruh daß heit, ſind Gott werd um ſie han rech Wa Die gen von um wäl wir glei die thu Je die das der Kit ſel öhnt, ßten, daß erden dame ſelbſt wo⸗ d ſie Erde ge⸗ ) die ogen. Gott über⸗ ren. dern nicht men, nſere berz; und deren unte, 3 be⸗ und inge⸗ wei⸗ dlich und 51 nothwendigeren Liebe wäre; damit aber mußte ſie auch Gott den größten Theil der Liebe ihrer Kinder zu⸗ wenden, damit dieſe an dem Tage, wo ſie ſelbſt zu ihrer Ruhe einginge, ihre jungen Herzen ſo erfüllen möchte, daß der Kummer dort gar nicht eindringen könnte. Wie herrlich, wie wunderbar iſt nicht die Wahr⸗ heit, die da zu dem Kinde ſpricht: Deine Eltern ſind einzig und allein nur die Bevollmächtigten Gottes; ſterben ſie, ſo verlaſſen ſie Dich nicht und werdet ihr nicht getrennt; ſie gehen nur heim zum Herrn, um über ihr Wirken auf Erden Rechenſchaft abzulegen; ſie folgen Dir in Allem, was Du hienieden thuſt; handelſt Du recht, ſo freuen ſie ſich; handelſt Du Un⸗ recht, ſo legen ſie bei Gott ihre Fürſprache ein. Was an ihnen Dich liebte, lebt in Dir; denn was Dich liebte, hatte mit ihrem Leibe lediglich nichts gemein, und was dies beweist, iſt das, daß Du ſie, vom Tode entſtellt, nicht mehr erkennſt, wenn Du, um ſie noch ein Mal zu ſehen, ihren Sarg öffneſt, während Du, wenn Du Dein Herz fragſt, fühlen wirſt, wie ihr Andenken immer noch gleich jung, gleich lebendig dort lebt, ohne daß eine neue Liebe, die in Dein Herz einzieht, demſelben Abbruch zu thun und es abzuſchwächen vermag. Wie herrlich iſt nicht eine Religion, die da zu Jedem ſpricht:„Einſt wirſt Du Alle wiederfinden, die Du auf Erden geliebt,“— eine Religion, die das wahre Leben nicht mit der Geburt, ſondern mit dem Tode anfangen läßt! Solches mußte Madame Printems ihren beiden Kindern begreiflich machen, und ſolches begriffen die⸗ ſelben, ſo daß, da ihr junges Herz immer weiter 5² wurde, je mehr Gott es erfüllte, ſie es nicht einmal zu theilen brauchten. Sie liebten Gott, ohne darum ihre Mutter weniger zu lieben, und dieſe gedoppelte Liebe offenbart ſich, ſich gegenſeitig unterſtützend, immer zu gleicher Zeit. Die Kinder dankten Gott dafür, daß er ihnen eine ſolche Mutter gegeben; ihrer Mutter aber dankten ſie, daß ſie ſie zu einem ſolchen Gott geführt. Madame Printems wies ihren Kindern Gott in Allem und überall nach, ſo daß ihre naive Bewun⸗ derung und ihre kindliche Anbetung von der Urſache auf die Wirkungen ſich ausdehnten und über die ganze Natur ſich verbreiteten. Auf dem Lande er⸗ zogen, hatten ſie ſtets die directeſten Beweiſe für eine ſchöpferiſche Macht,— hatten ſie eine Sonne, Blu⸗ men, Vögel, Waſſer, Wald vor ſich. Die Symbole dieſer chriſtlichen Religion, die, um in unſere Seele einzudringen, an alle unſere Sinne appellirt, Altar, Lichter, Blumen, Proceſſionen, weiß⸗ gekleidete Mädchen, prächtige Coſtüme, Geſang, die majeſtätiſche Stimme der Orgel, die in den bemalten Fenſterſcheiben lachende Sonne, die Wohlgerüche des Weihrauchs, die fröhlichen Glocken, und wie die Dinge alle noch heißen mögen: alles dieß bezauberte ihren jungen Geiſt, alles dieß machte auf ihre Phan⸗ taſie den lebhafteſten Eindruck und lieh ihren Ge⸗ fühlen eine Form, doch ohne dieſelben zu materia⸗ liſiren. So wuchſen ſie heran, reich an Glauben und chriſtlicher Liebe. Nichts war rührender mit anzu⸗ ſehen, als die Liebe der beiden Kinder, die nie ein⸗ ander verließen, in ihren Spielen, ihren Gebeten inmal darum ppelte ützend, Gott geben; einem ott in ewun⸗ erſache er die de er⸗ r eine „Blu⸗ le, um Sinne weiß⸗ g, die nalten de des ie die uberte Phan⸗ n Ge⸗ ateria⸗ n und anzu⸗ ie ein⸗ ebeten 53 und vor Allem in ihrer kindlichen Liebe ein Herz und ein Sinn waren, gleich als müßten ſie zu zweien ſein, um ihre Mutter ſo lieben zu können, daß ihre ſo unendlich reiche Liebe ihr einigermaßen vergolten würde. Ihr Verſtand entwickelte ſich zu gleicher Zeit und in gleichem Maße wie ihr Herz; indeſſen ſuchte er ſich von den Dingen dieſer Erde immer mehr frei zu machen und Alles auf das göttliche Princip zu beziehen, ſo daß er weit über ihr Alter hinausging und Hausfreunde öfters zu der Mutter ſag⸗ ten:„Es ſchaffen dieſe jungen Phantaſien gar zu viel; man ſollte ſie ſoviel wie möglich mit materiellen Dingen beſchäftigen, bis ſie größer und kräftiger ge⸗ worden und die phyſiſche Natur ihre Pflicht gethan. Ueberläßt man ſie allzuſehr ihren exceptionellen In⸗ ſtincten, ſo laufen Sie Gefahr, ihren Körper von ihrem Geiſte erdrückt zu ſehen.“ Die Mutter aber befolgte ſolche Rathſchläge, da ſie außer dieſen beiden Kindern keine Freude hatte, und da ſie, einzig und allein auf ihre geiſtige und ſittliche Ausbildung bedacht und mit Recht ſtolz auf ihre glücklichen Fortſchritte, ihren eigenen Kummer endlich ganz und gar vergeſſen hatte. Unterdeſſen machte der Vater den ſpaniſchen Krieg mit. Es war derſelbe ein tapferer Soldat, nur daß bei ihm die rohe Philoſophie des Krieges etwas zu ſtark vorherrſchte. Er liebte ſeine Kinder, vornehmlich aber ſeinen Sohn, aus dem er einſt einen Waffengenoſſen zu machen gedachte, da er der Anſicht war, daß es für einen Mann auf dieſer Welt keine ſchönere und edlere Laufbahn gebe, als die militäriſche. Indeſſen war ſchon geraume Zeit verſtrichen, ſeit er ſeine Kinder nicht mehr geſehen. Er fürchtete ſich vor den Vorwürfen ihrer Mutter, die allerdings in der erſten Zeit ſeiner ſogenannten Jugendſtreiche da⸗ mit nicht gekargt hatte; er war daher nicht wenig erſtaunt, als er bei ſeinem Beſuche ſeine Frau ruhig und lächelnd wiederfand; als er ſah, wie ſie die Vergangenheit auch nicht mit einer Sylbe berührte, wie ſie ihn als einen aus fernen Ländern kommen⸗ den Bruder aufnahm, wie ſie keine Rechenſchaft über ſein bisheriges Leben von ihm verlangte, wie ſie, um ihm dieſen ſo unerwarteten Wechſel zu erklären, ſich begnügte, ihm Lucian und Sophie vorzuſtellen. Der Vater ſtellte unterſchiedliche Fragen an die Kinder, und als er das fromme Lallen dieſer beiden frühreifen Seelen hörte, rief er: „Wiel was hat man aus euch gemacht? Chor⸗ knaben! Welches iſt der Knabe? Sie ſprechen ja beide wie Mädchen. Das fehlte noch.“ Und es floh der Vater im buchſtäblichen Sinn des Wortes aus dem Hauſe und ließ ſeiner Frau neben dem alten Kummer, daß ſie als Gattin nicht geliebt worden, noch den neuen, daß ſie als Mutter nicht verſtanden werde; die Kinder aber waren höch⸗ lich erſtaunt, daß ihr Vater die frommen Worte, womit ſie ſeine Rückkehr begrüßt, nicht mit Küſſen belohnt hatte, wie doch Jedermann that, der ſie hörte. Es kam indeſſen ein Tag, wo dieſer Vater es bitter bereuen ſollte, daß er das Gemüth der zwei lieben Kinder nicht beſſer begriffen. Gott ſuchte nämlich Mutter und Kinder furchtbar n, ſeit te ſich igs in he da⸗ wenig ruhig ie die ührte, nmen⸗ über e ſie, lären, llen. n die deiden Chor⸗ en ja Sinn Frau nicht rutter Borte, üſſen r ſie er es zwei htbar heim, ohne Zweifel, um ihren Glauben und ihr Gott⸗ vertrauen zu prüfen. Sophie war acht, Lucian neun Jahre alt. Eines Nachts ſchlief die Mutter. Da däuchte es ihr, ſie höre einen Schrei. Sie ſtand auf, machte Licht und eilte zu den Betten ihrer Kinder hin. Lächelnd und ruhig ſchlief Sophie. Lucian keuchte und war mit einem kalten Schweiße bedeckt; ſeine Augen blickten ſtarr, während es ihn im Halſe würgte: es war dem armen Kinde, als ob ihm derſelbe zugeſchnürt wäre. Der Kleine erkannte ſeine Mutter, ſtreckte beide Arme nach ihr aus und murmelte, alle ſeine Kraft aufbietend, das Wort: „Mutter!“ „Was iſt Dir denn, lieber Lucian?“ ſchrie die Mutter erſchrocken, indem ſie ihn mit beiden Armen umſchlang.„Was iſt Dir denn, liebes Kind? ſprich doch!“ Und das Kind fuhr mit der Hand nach dem Halſe, um ſeiner Mutter anzudeuten, daß es faſt er⸗ ſticke und ſchlechterdings nicht ſprechen könne. Alsbald rief Madame Printems die alte Frau herbei, welche ihr die beiden Kinder hatte aufziehen helfen, und ſchickte ſie nach dem Arzt. Darauf ſank ſie da ſie dem kranken Kinde keine andere phyſiſche Pflege als ihre Küſſe angedeihen laſſen, keinen an⸗ dern Troſt als ihr Gebet geben konnte, neben dem Bettchen auf die Knie nieder; dabei rief ſie Gott an und erwärmte das arme ſchauernde Körperchen an ihrem Buſen, oder ſuchte wenigſtens daſſelbe zu erwärmen. 56 Endlich erſchien der Arzt. Nun ſtand die Mutter auf und verzehrte, unbe⸗ weglich neben dem Bette ſtehen bleibend, mit ihren Blicken das Geſicht dieſes Mannes, in deſſen Zügen es ſie drängte, eine Hoffnung zu leſen. Das Geſicht des Arztes veränderte ſich nicht im Mindeſten. Er fühlte dem Kinde den Puls. „Wann iſt die Krankheit an das Kind gekommen?“ fragte er. „Vor einer Weile.“ „Geſtern war es alſo noch geſund?“ „Ja.“ „Wo ſchläft ſein Schweſterchen?“ „Im gleichen Zimmer.“ „Man muß ſie alsbald anderswohin bringen.“ „Sie halten dieſes Fieber alſo für gefährlich?“ „Gefährlich iſt es eben nicht; nur muß das kranke Kind allein ſein, um gehörig gepflegt werden zu kön⸗ nen. Wenn Sie mir dabei helfen wollten, Madame, ſo würden wir die Kleine alsbald in ein anderes Zimmer bringen.“ Und die Mutter wandte ſich mit dem Arzte zu dem Bette des Mädchens, um zu thun, wie eben ge⸗ ſagt worden. Wie groß war aber nicht ihr Staunen, als ſie das Kind, das vor einigen Minuten noch ge⸗ ſchlafen, auf ſeinem Bettchen knien ſahen mit gefal⸗ teten Händen und zum Himmel emporgerichteten Augen. „Ich habe Alles gehört, liebe Mutter,“ ſprach die Kleine,„und da Lucian ſterben muß, ſo bete ich für ihn zu Gott.“ unbe⸗ ihren Zügen cht im nen?“ en.“ ch?“ kranke kön⸗ dame, deres te zu n ge⸗ unen, h ge⸗ gefal⸗ gteten h die h für 57 Die Mutter ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte rücklings hin. Ihr galt dieſes Wort des Mädchens für eine Prophezeiung. „Da nun aber die Mutter krank iſt, ſo will ich Lucian pflegen,“ hob das Mädchen wieder an. Und raſch aufſtehend und ſich anziehend, ſprach ſie, als wäre ſie eine erwachſene Perſon, zum Arzte: „Befehlen Sie, Herr Doctor: was iſt zu thun?“ Fünftes Kapitel. Acht Tage lang war Lucian krank, und während dieſer Zeit ſchwebte ſeine arme Mutter beſtändig zwiſchen Furcht und Hoffnung, da ſich der Zuſtand des Kindes bald beſſerte, bald wieder verſchlimmerte. Madame Printems aß und ſchlief nicht, und ſo heftig war das Fieber, das dieſer unerwartete Schlag bei ihr hervorgerufen, daß es, in Verbindung mit den ermüdenden Nachtwachen und der vom Faſten herrührenden Schwäche, zeitweiſe ſich bis zum Deli⸗ rium ſteigerte und ihr Leben gefährdete. Nun ver⸗ langte der Arzt ſchlechterdings, daß ſie ihr Zimmer nicht mehr verlaſſe. Sie verſprach es auch, kaum aber war ſie wieder allein, ſo ſtand ſie wieder auf, um bei ihrem armen kranken Kind ſein zu können. Welche Vernunftgründe könnten eine Mutter hin⸗ dern, ihr Kind zu pflegen! Daswahrhaft Bemerkenswertheaber war Sophiens Benehmen während ihres Bruders Krankheit. Schie⸗ nen doch die Kräfte des Mädchens ſich verzehnfacht zu haben. Sie kam gar nicht mehr von Lucians Bette weg und ſchlief jede Nacht höchſtens nur zwei Stunden, wobei ſie ihr Köpfchen neben das des Kranken legte, ohne auch nur einen Augenblick zu fürchten, daß ſie angeſteckt werden könnte, und gleich als fühlte ſie ſich bei ihrer frommen Miſſion über alle Gefahr erhaben. Alle, die ſie ſahen, der Arzt, die Krankenwärterin, die Hausfreunde, konnten dieſe verſtändige, einfache, regelmäßige, wirkſame Pflege gar nicht genug be⸗ wundern. Anfänglich hatte der Arzt ſich gegen das fernere Verbleiben des Mädchens in der Nähe einer ſolchen anſteckenden Krankheit, und zwar energiſch genug, ausgeſprochen; aber es hatte das Kind mit ſo vieler Ruhe geſagt:„Ohl! ich habe nichts zu fürch⸗ ten!“ daß er einſah, daß die Natur ſolche Hingebung für die Familie wie durch einen Talisman ſchützt, ſowie daß die Pflegenden gerade darum vor der Krankheit bewahrt bleiben, weil der Kranke ihrer be⸗ darf. Was mich betrifft, ſo fange ich an zu glauben, daß eine Krankheit nur für ſolche anſteckend iſt, welche ſich gleichgültig verhalten. Es hatte daher der Arzt das Kind gewähren laſſen, ja, er hatte am Ende ſo⸗ gar eingeſehen, daß das Mädchen allein den Kran⸗ ken pflegen könne, daß ſie intelligenter ſei, als ihre Mutter, und ohne ſich davon Rechenſchaft zu geben, woher denn wohl dieſe ungewohnte Kraft, dieſer Verſtand, dieſe Kaltblütigkeit rühren möchte, nützte er, der da nicht wußte, unter welch' frommer Leitung dieſe exceptionelle Natur ſich entwickelt, dieſe Umſtände zu Gunſten des Kranken. lians zwei des k zu gleich über erin, ache, be⸗ das einer giſch mit ürch⸗ bung hütz, der r be⸗ iben, delche Arzt e ſo⸗ rran⸗ ihre ben, ieſer ützte tung ände Es war dieß aber noch nicht Alles. Was hätte der gute Mann gedacht, wenn er die myſteriöſen Ge⸗ ſpräche gehört, welche das Mädchen mit ihrem Bru⸗ der in ſeinen lichten Augenblicken hatte, und wenn er eines Nachts an der Stelle der Mutter geweſen wäre. Eines Abends nämlich hatte Madame Printems, den Bitten des Arztes nachgebend, der ſie verſicherte, daß das Kind ſich weit beſſer befinde, ſich ein wenig hingelegt, um neue Kräfte zu ſammeln; Sophie, die unermüdliche Schweſter aber, hatte ihrerſeits ver⸗ ſprochen, die ganze Nacht ſchlafen zu wollen. Auch legte ſich das Mädchen wirklich zu Bette, nur daß ſie ihre Bettſtatt näher zu der ihres Bruders hinrücken ließ. Madame Printems ſchlief jenen fieberiſchen Schlaf, der beſorgten Müttern eigen und mehr eine Strapaze als Ruhe iſt. Auch fuhr ſie gar bald wieder aus dem Schlafe auf, geweckt von einer jener Ahnungen, welche den Schlafenden in der Weiſe ſchütteln, wie ein Winterſturm einen Baum. Sie ſtand auf und ging nach dem Krankenzim⸗ mer hin; um aber das kranke Kind durch ihr plötz⸗ liches Erſcheinen nicht aus dem Schlafe aufzuſchrecken, wenn es ſchlief, ging ſie ſo leiſe wie möglich auf den Zehenſpitzen fort, bis ſie endlich die halb offene Thüre erreichte. An dieſe heftete ſie ihr Ohr, um zu hören, wie der Kranke athmete, und um einige Beruhigung zu ſchöpfen, noch ehe ſie ihn geſehen. Aber nicht allein hörte ſie die beiden Kinder athmen, ſondern ſie hörte dieſelben auch ſprechen. Die Krankenwärterin war in einer Zimmerecke in ihrem Lehnſeſſel eingeſchlafen, und es plauderten die beiden Kinder, ſo leiſe ſie konnten, um die gute alte Frau nicht aufzuwecken. Anſtatt ſofort zu ihren beiden Kindern hineinzu⸗ gehen, horchte die Mutter. „Du verſprichſt mir es alſo?“ fragte Lucian mit ruhiger Stimme ſeine Schweſter. 3 fa.“ „Morgen willſt Du an den Vater ſchreiben?“ „Ja; aber was ſoll ich ſchreiben?“ „Schreib' ihm, ich ſei recht krank und er ſolle kommen.“ „Warum hat denn die Mutter nicht geſchrieben?“ „Weil ſie immer noch glaubt, ich werde davon kommen.“ „Du ſelbſt glaubſt ſolches alſo nicht?“ „Ich bin vom Gegentheil überzeugt.“ „Wer hat Dir ſolches geſagt?“ „Ohl ich fühle es wohl. Wäreſt Du krank, Sophie, würde da Dir nicht eine innere Stimme ſagen, ob Du davon kommſt oder nicht?“ „Doch, doch, ich glaube es.“ „Nun aber ſiehſt Du wohl ein, daß mich der Vater noch einmal ſehen muß, bevor ich ſterbe.“ „Natürlich.“ „Und dann kann vielleicht auch mein Tod dazu dienen, daß der Vater ſich wieder mit der Mutter ausſöhnt. Ja, ich glaube, daß Gott mich nur darum wieder zu ſich nimmt. Beſſer iſt es, daß unſere Eltern friedfertig mit einander leben, als daß ich am Leben bleibe, da Du ihnen immer noch bleibſt, verr anh hätt gehe Kni abe um gen krank, imme h der 7 dazu tutter arum nſere ß ich feibſt, 61 und ihnen ſchlechterdings nichts die Liebe zu erſetzen vermag, die ſie ſich ſchulden.“ Die Mutter, welche dieſes ſeltſame Geſpräch mit anhörte,— ein Geſpräch, nach deſſen Inhalt man hätte glauben können, daß es von zwei Seelen aus⸗ gehe, die ihren Leib völlig abgeſtreift, war auf die Knie geſunken und vergoß reichliche Thränen, horchte aber immer noch, und zwar unwillkürlich. Das Kind fuhr alſo fort: „Noch muß ich Dich um etwas bitten.“ „Sprich.“ „Es kommt der Herr Pfarrer jeden Tag zu uns, um zu fragen, wie es bei mir geht: nicht wahr?“ „Ja, alle Tage.“ Willſt Du nun morgen da ſein, wenn er zur gewohnten Stunde kommt?“ n 7/. „Und willſt Du ihn dann bitten, auf eine Weile zu mir hereinzukommen.“ „Ei, freilich. Aber was haſt Du ihm zu ſagen?“ „Ich will beichten.“ „Du haſt keine ſchwere Sünde auf dem Gewiſſen.“ „So viel ich weiß, keine; indeſſen iſt es für jeden Fall gut, daß ich ſtets bereit bin, vor Gott zu er⸗ ſcheinen.“ „Da haſt Du Recht.“ Auf alle dieſe Phraſen antwortete Sophie mit einer Stimme, deren Ruhe etwas Erſchreckendes hatte, und wie wenn ſie den wahren Sinn der gehörten Worte nicht verſtanden hätte. Und doch verſtand ſie vollkommen, was ihr Bruder ſprach. „Auch wird,“ fuhr das Kind fort,„ſelbſt mein Leib beſſer dabei fahren, wenn der Prieſter kommt, als wenn der Arzt ſeine Künſte probirt.“ „Glaubſt Du?“ „Ich weiß es gewiß. Stets habe ich Luſt zu lachen, wenn er da iſt, der Arzt nämlich.“ „Warum denn?“ „Weil er gar nichts weiß. So oft ich ihm auch ſage:„Herr Doctor, was Sie thun, nützt Alles nichts, da ich wohl weiß, daß ich ſterben muß, und es wäre mir daher lieber, wenn Sie mir nicht ſo wehe thäten,“ ſo gibt er mir doch immer zur Ant⸗ wort: ‚Nein, mein Kind, ich heile Dich.’ Und dann laſſe ich ihn eben machen, um unſere gute Mutter zu beruhigen.“ „Und daran thuſt Du wohl, da ſie ſehr ängſtlich iſt. Sie liebt Dich ſo ſehr. Ich glaube ſogar, daß ſie Dich lieber hat als mich.“ „Es kommt Dir dieß eben ſo vor, weil ich jetzt krank bin und ihre Liebe zu mir ſich um ihre ganze Furcht ſteigert, während die Liebe, die ſie zu Dir hat, auf der Gewißheit Deiner Geſundheit beruht. Bin ich todt, ſo wird ſie ſelbſt glauben, ſie habe mich über Alles auf der Welt geliebt und es könne ſie nichts tröſten; dann wird ſie ein ſo großes Bedürf⸗ niß fühlen, ſich von Dir geliebt zu ſehen, daß ſie nur noch in dieſer Liebe leben wird, und daß Du einſt ihr Herz ganz allein einnehmen wirſt; im Uebrigen aber wird ſie uns als eine gute Mutter, die ſie iſt, gleichmäßig geliebt haben; auch werde ich ihrer Liebe nicht minder theilhaftig ſein als Du, nur rung L ſie e man Seel des Tod liſche Ewi unſe ſehr gefü da i Thre verſ Din und zen Nat eine dieſ ſind riſſe mat des fren eine Mu ind nein imt, 63 nur mit dem Unterſchied, daß mein Antheil Erinne⸗ rung, der Deinige aber Liebe heißen wird.“ Als die Mutter ſolch' ſeltſame Worte hörte, wollte ſie erſticen. Auch war dieß kein Wunder, wenn man das Alter des Sprechenden bedenkt, deſſen Seele augenſcheinlich ſich allmählig dem Mittelpunkte des Lichts und der Wahrheit näherte, zu dem der Tod ſie führen ſollte, und bereits von jener himm⸗ liſchen reinen Flamme erleuchtet war, die in der Ewigkeit die ſeligen Geiſter nährt. „Aber,“ fragte Sophie,„findeſt Du nicht, daß unſere gute Mutter über Deine Krankheit ſich allzu ſehr betrübt? Ich fürchte nur, ich werde ihr recht gefühllos erſcheinen, da ich mich ſo gar nicht fürchte, da ich Dich ſo ganz ruhig pflege und, ohne eine Thräne zu vergießen, Dich anhöre.“ „Ich will Dir das erklären, wie ich es eben zu verſtehen glaube. Jedes Kind hängt durch zwei Dinge mit ſeiner Mutter zuſammen: durch die Seele und durch den Leib. Indem ſie es unter ihrem Her⸗ zen trägt und mit ihrer Milch nährt, begründet die Natur zwiſchen ihr und ihm ein Band, das zwiſchen einem Bruder und einer Schweſter nicht beſteht, da dieſe nach einander, nicht aber von einander geboren ſind. So oft dieſes Band nun fühlt, daß es zer⸗ riſſen wird, ſchreit es, weil es, als ein irdiſches und materielles Band, dem Ausdruck und der Empfindung des Schmerzens zugänglich iſt, welcher der Seele fremd bleibt. Indem es aber zerreißt, bringt es eine Zeitlang eine Erſchütterung hervor, welche die Mutter ſogar in ihrem Verſtande angreifen wird; indeſſen wird ihre Seele, die durch ein immaterielles und daher auch unzerſtörbares Band mit der meini⸗ gen verbunden bleibt, mit mir ſich wieder in Ver⸗ bindung ſetzen und, da ſie mich glücklich weiß, eine unnütze und unfromme Aufregung allmählig zum Schweigen bringen; denn würde dieſe länger an⸗ dauern, ſo wäre ſie eine Sünde gegen Gott, der mich zu ſich ruft, um die den Seligen beſchiedenen Freu⸗ den zu theilen. Sind das nicht die Lehren, die wir von unſerer guten Mutter empfangen?“ „Ja, das ſind ſie; nur möchte ich an Deiner Stelle ſein.“ „Das glaube ich wohl,“ antwortete das kranke Kind naiv. „Du darfſt nun im Himmel ſein, über den Wol⸗ ken wohnen, bekommſt Flügel, darfſt um die heilige Jungfrau und das Jeſus⸗Kind ſein, um das liebe, gute, lächelnde Jeſus⸗Kind. Ach, wie glücklich wirſt Du da nicht ſein; aber, Lucian, wenn Du nicht ſtär⸗ beſt, da wäreſt Du recht angeführt,“ endigte Sophie lachend. Als Madame Printems dieſes Lachen, ſowie die daſſelbe begleitenden Worte hörte, floh ſie mit einer Art Schrecken. Und wirklich lag auf den erſten Blick etwas Erſchreckendes in dieſer naiven, ja ſogar luſtigen Art, ſeinem Gottesvertrauen und ſeiner Liebe zu Gott Ausdruck zu geben. Es hatten die beiden Kinder alſo die Symbole der Religion, welche ihre Mutter ſie gelehrt, ganz buchſtäblich genommen. Hat man zwei neue, aus reiner und noch wei⸗ cher Materie gefertigte Gefäſſe, ſo nehmen ſie die Flüſſigkeit, die man ihnen anvertraut, nicht allein auf ſelbe man enthe Gefä könnt eben Gefü haft 8 ſie ſi geſte licher ſo w der klein jung dürf dig einz. Maf fäſſe Es und eing bloß den, die ſond D eini⸗ Ver⸗ eine zum an⸗ mich Freu⸗ wir einer ranke Wol⸗ eilige liebe, wirſt ſtär⸗ vophie ie die einer etwas n Art, Gott Kinder Nutter h wei⸗ ſie die allein 65 auf ihrer Oberfläche auf, ſondern ſie ſchlucken die⸗ ſelbe auch durch alle Poren ein, ſo daß ſie, wollte man ſie wieder leeren, immer noch einige Flüſſigkeit enthalten würden, ja daß man, ſelbſt wenn man die Gefäſſe zerbräche, die Flüſſigkeit nie ganz verſchütten könnte, da ſie ihnen einmal inhärent geworden; und ebenſo waren dieſe zwei jungen Seelen von einem Gefühle erfüllt, das bei dem einen Kinde der krank⸗ haft überreizte Zuſtand bis zur Efſtaſe ſteigerte. Wir ſagen noch einmal: die Mutter erſchrak. Nachdem ſie dieſes Geſpräch mit angehört, fragte ſie ſich zitternd, ob ſie über das Ziel, das ſie ſich geſteckt, nicht hinausgeſchoſſen; und da ihre mütter⸗ lichen Befürchtungen jetzt zu Gewißheiten wurden, ſo warfen ſie ihr vor, daß ſie den Geiſt ihrer Kin⸗ der der Erde allzu ſehr entfremdet, daß ſie dieſe kleinen Weſen allzu ſtark gemacht, daß ſie in dieſen jungen Seelen die Senſibilität erſtickt, deren ſie be⸗ dürften, gleich wie die Erde des Thaues bedürfe. Indem die Mutter nämlich einſah, wie nothwen⸗ dig es ſei, ihren beiden Kindern religiöſe Gefühle einzupflanzen, hatte ſie ihr eigenes Bedürfniß zum Maßſtabe für das der beiden jungen Seelen gemacht. Und ſo war es denn gekommen, daß ſie die Ge⸗ fäſſe, die ſie nur hatte füllen wollen, überfüllt hatte. Es war der Glaube durch alle Sinne, durch Geiſt und Körper in dieſe feinen, zarten Organiſationen eingedrungen, um dort Alles einzunehmen; anſtatt bloß zu ergänzen, war er zu einem Princip gewor⸗ den, ſo daß die Kinder bei der erſten Gelegenheit, die ſich darbot, ſich nicht mehr als bloße Chriſten, ſondern als wahre Engel erwieſen. Dumas, Printems. I. 5 66 „Es lieben mich meine Kinder nicht,“ rief Ma⸗ dame Printems, ſich auf ihr Bett werfend und heiße Thränen weinend. Es war ihr der Gedanke, daß ihr Kind lächelnd ſterben, ſie ſelbſt aber vor Gram unter den Boden kommen ſolle, unerträglich. Sie fand eine Ungerech⸗ tigkeit darin, daß bei dieſer Trennung der Schmerz auf beiden Seiten nicht gleich ſein ſollte, und ihrem Sohne würde ſie das Recht, darunter nicht zu leiden, nur unter der Bedingung zugeſtanden haben, daß die Krankheit jede Empfindung bei ihm vernichtete; da er aber vollkommen bei Sinnen war, ſo ſah ſie es als eine ſchwere Sünde an, daß er bereit war, eine Erde, auf der er einen untröſtbaren Kummer zurückließ, ſo geduldig, ja ſo freudig zu verlaſſen, n war eiferſüchtig auf Gott, den Lucian allzu lieb atte. Jetzt wollte ſie in ihrem überreizten Zuſtande mit dem Herrn rechten. „Herr Doctor,“ ſprach ſie zu dem Arzte, als die⸗ ſer früh Morgens eintrat,„ Sie müſſen ihn am Leben erhalten; denn, ſehen Sie, ſtirbt er, ſo ſterbe auch ich.“ „Geht es denn ſchlimmer?“ Nun erzählte die Mutter, was ſie im Laufe der Nacht gehört. „Das haben Sie gehört, Madame?“ „Mit eigenen Ohren.“. „Sie ſind deſſen ganz gewiß?“ „Sie fragen erſt noch!“ „Wenn es ſo iſt, ſo hat das Kind eben phan⸗ taſirt.“ me h f f t Ma⸗ eiße elnd oden rech⸗ merz hrem iden, daß htete; ih ſie war, mmer aſſen, u lieb ſtande s die⸗ n am ſterbe ffe der phan⸗ 67 „Ich ſage Ihnen aber, daß das Kind nicht phan⸗ taſirt hat.“ Und der Arzt konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten. „Wie ſoll ich glauben, Madame,“ ſprach er,„daß ein Kind von dieſem Alter bei hellem Verſtand ſolche Dinge ſpricht? Nein, nein, ich ſage Ihnen, es hat Ihr Kind phantaſirt.“ „Aber, Herr Doctor, Sie wiſſen nicht...“ „Seien Sie ganz ruhig, Madame, ich kenne den menſchlichen Körpex.“ „Bei dieſen Kindern iſt die Seele Alles.“ „Dem ſcheint aber nicht alſo zu ſein, Madame, da jetzt der Körper leidet; auch glaube ich,“ fügte er mit dem ungläubigen Lächeln des zur Wiſſenſchaft gewordenen Materialismus hinzu,—„auch glaube ich, daß es gut iſt, wenn wir die Seele ein bischen ruhen laſſen, bis der Kleine wieder hergeſtellt iſt. Wenn ich Ihnen alſo einen guten Rath geben darf, Madame, ſo werden Sie Sophien nicht geſtatten, einen Prie⸗ ſter zu ihrem Bruder zu bringen. Glücklicher Weiſe hat der Prieſter hier noch nichts zu ſchaffen. Ruhe, gehörige Pflege, Arzenei: das iſt Alles, was der Kranke braucht. „Die Seele, der Sie ſo große Macht zutrauen, hängt lediglich von dieſem Körper ab. Als Beweis für dieſe meine Behauptung brauche ich bloß anzu⸗ führen, daß es in meiner Macht ſteht, die Seele Ihres Kindes vollſtändig zu vernichten, indem ich die Medicamente in etwas größerer Doſis ver⸗ ſchreibe; ein Beweis, daß dieſer Körper in Ihrer Liebe einen großen und unzweifelhaft den größten Raum einnimmt, iſt auch der Umſtand, daß, wenn Sie Ihr Kind verlören, Sie gewiß dann am Meiſten leiden würden, wenn man Sie von dieſer träg gewordenen Materie, worin das, was man Seele zu nennen pflegt, keinen Ausdruck mehr fände, trennte. Sehen Sie, Madame, die Seele iſt eben weiter nichts als... Blutcirculation. Laſſen Sie ſich daher durch die Worte, die Ihr Kind heute Nacht geſprochen, nicht ängſtigen. Ich ſage Ihnen nochmals, es hat Lucian phantaſirt.“ „Aber, Herr Doctor, es antwortete ihm ſeine Schweſter ebenſo, und die iſt doch nicht krank.“ „Seine Schweſter iſt ein liebes, geſcheidtes Kind und ſprach eben auch ſo, um ihm zu Willen zu ſein.“ „Sie retten alſo mein Kind, Herr Doctor?“ „Ich ſtehe Ihnen dafür, Madame, daß es am Leben bleibt.“ Madame Printems war natürlich nichts erwünſch⸗ ter, als aufs Neue hoffen zu dürfen. Wir wollen nun nicht gerade ſagen, es hätten die materialiſtiſchen Theorien und Behauptungen des Arztes ihren Kummer getröſtet; wohl aber goſſen ſie, wenn wir uns alſo ausdrücken dürfen, kaltes Waſſer darüber. Es trat ein Moment der Betäu⸗ bung, nicht aber der Ueberzeugung ein. Darauf ging der Arzt zum Kinde hinein, fragte es aus, fand, daß es Fieber hatte, ſchrieb ein Recept und... ging zu einem andern Kranken. 69 Sechstes Kapitel. Um zwei Uhr erſchien, wie gewohnt, der Geiſt⸗ liche. Die Mutter verließ Lucians Zimmer, wo ſie ſeit dem Morgen ſich aufgehalten hatte, und wußte nicht mehr, ob ſie glauben oder zweifeln ſollte. Sie empfing den Geiſtlichen in einem andern Zimmer. Dieſer fand ſie ungemein blaß, und fragte nach der Urſache, worauf ſie ihm die Nachtſcene erzählte. Die würdige Frau ſchloß mit den Worten: „Ich geſtehe Ihnen, Herr Pfarrer, daß ich fürchte, von meinen Kindern nicht mehr geliebt zu ſein; ich fürchte, ich habe das religiöſe Gefühl bei ihnen über⸗ mäßig geſteigert.“ „Von einer Ueberſteigerung,“ antwortete der Ge⸗ ſalbte des Herrn mit ſanfter Stimme,„kann nur bei Dingen die Rede ſein, die eine Grenze haben; denn eine Sache überſteigen, übertreiben, heißt nichts Anderes, als ſie überſchreiten. Da nun aber Gott ewig und unendlich iſt, ſo kann man die Liebe, die er Einem einflößt, unmöglich übertreiben; denn ſo groß dieſe immer ſein mag, ſo wird ſie doch nie und nimmermehr die Unendlichkeit, das heißt, etwas, was keine Grenze hat, überſchreiten, ja auch nur erreichen können.“ „Ganz wahr, Herr Pfarrer. Könnte aber Gott nicht mir wenigſtens mein Kind laſſen zum Lohne für den frommen Glauben, den ich ihm eingeflößt?“ „Meine Tochter, es läßt Gott nicht mit ſich markten, und darum braucht er Ihnen auch ſeinen Dank nicht durch die menſchlichen Mittel zu beweiſen, welche Sie ihm angeben; er braucht Ihnen nicht ein⸗ mal für eine Pflicht dankbar zu ſein, die Sie erfüllt. Er ſieht Ihren Glauben und prüft ihn, und je nach⸗ dem die Probe ausfällt, urtheilt er über Sie.“ „Wenn aber die Prüfung zu ſchwer iſt, kann da ſein Geſchöpf nicht um Gnade bitten?“ „Wohl mag ſein Geſchöpf bitten, nicht aber rech⸗ ten; und geſchieht das Unglück, das es fürchtet, ſo muß es ſich eben unterwerfen.“ „Stirbt mein Kind, Herr Pfarrer, ſo ſcheint es mir, daß es mich das Leben koſtet.“ „Und ſo werden Sie mit Ihrem Willen ein weit größeres Unglück verurſachen, als das iſt, das Gott Ihnen zuſchickt, da Gott Ihnen von Ihren zwei Kindern nur eines nimmt, während Sie Ihrem letzten Kinde die Mutter rauben werden. Nein, meine Tochter, werden Sie ruhiger; vor Allem aber müſſen Sie ſich hüten, vor Ihrem lieben Kranken Ihren Kummer an den Tag zu legen. „Wie groß müßten nicht Ihre Gewiſſensbiſſe ſein, wenn Ihr Sohn, weil Sie einen Kummer an den Tag legen, der für jetzt nicht einmal einen Grund hat, zu zweifeln anfinge,—zer, der dem Tode mit ſolch chriſtlichem Muthe entgegengeht und Sie ſo für die chriſtlichen Geſinnungen belohnt, die Sie ihm eingeflößt! Sagen Sie mir einmal, wäre Ihr Schmerz nicht größer, wenn Sie Ihren Sohn gegen die Idee des Todes ſich ſträuben ſähen, und iſt es dagegen nicht für Sie ein großer Troſt, wenn Sie ihn lächelnd und mit gefalteten Händen einſchlafen 71 ſehen,— wenn er Sie küßt und mit den Worten von Ihnen ſcheidet: ‚Bald ſehen wir uns wie⸗ der! Sind Sie ſo gewiß, daß Ihr Kind hienie⸗ den glücklich ſein wird? Können Sie dagegen an dem Glück zweifeln, das ſeiner im Himmel wartet? Warum weinen Sie dann aber? „Gott hat Ihnen zwei Kinder gegeben; es gefällt ihm nun, mit Ihnen zu theilen; darüber ſollten Sie ſich freuen, nicht aber trauern. „Wäre, nachdem Ihr Sohn groß geworden, der König in die Stadt gekommen, um in Ihrem Hauſe abzuſteigen, und hätte er, um Ihre Gaſtfreundſchaft würdig zu erkennen, zu Ihnen geſagt: ‚Mutter, ich fordere Ihr Kind von Ihnen, es ſoll mich Ihr Sohn nicht verlaſſen, wenn Sie ihn auch nicht mehr ſehen werden; dafür aber wird er reich, geehrt, mit Ruhm bedeckt;“ ſo hätten Sie ja geſagt: nicht wahr? denn Sie hätten nur allein das Glück Ihres Sohnes im Auge gehabt. Nun, ſehen Sie, meine Tochter, Gott iſt bei euch eingekehrt und will nun für die Gaſtfreundſchaft, die er in euern Herzen gefunden, einem Ihrer Kinder ein ewiges, unendliches, nicht bloß zeitliches und beſchränktes Glück bereiten; eine unendliche, unverſiegbare Herrlichkeit, nicht eine welt⸗ liche und ephemere. Und nun weinen Sie! Aber nehmen Sie ſich in Acht! Sehen Sie, welches Un⸗ heil Ihre Thränen anrichten können! Denn es kön⸗ nen dieſelben in dem Augenblicke des Todes das Ver⸗ trauen des Sterbenden irre machen und in einer einzigen Minute— wo er am Lebendigſten ſein ſollte— den Glauben vernichten, den ſeine Seele er⸗ langt hat; denn es können Ihre Thränen Ihre Tochter irre und zweifeln machen, ſie, die noch nicht zu Gott heimgeht, ſondern vielleicht noch eine lange Bahn zu durchlaufen hat und jeden Augenblick Kraft, Religion und Glauben braucht, um unter den Prüfungen, welche das Leben für Jeden bereit hält, nicht zu erliegen. „Wenn Gott beſchloſſen hat, daß Ihre Tochter ihren Bruder verlieren ſolle, ſo wird dieſer Tod ihr ſtets als ein Exempel vorleuchten. Hat ſie ihre Mutter dieſen Tod mit chriſtlicher Geduld hinnehmen ſehen, ſo wird ſie an dem mütterlichen Schmerze, dem größten, den man kennt, einen Maßſtab für alle anderen haben; und welche Schmerzen werden dann einer Seele etwas anhaben können, die ſich des tröſt⸗ lichen Schauſpiels eines Kindes erinnert, das da ſtirbt, indem es ſeiner Mutter zulächelt, ſowie des Schauſpiels ſeiner Mutter, die es bis zu ſeiner letz⸗ ten Stunde lächelnd wiegt und dem Tode mit der gleichen Ruhe anvertraut, mit der ſie es dem Schlafe übergeben würde! Welch' felſenfeſte Grundlage wird nicht der Glaube Ihrer Tochter durch dieſe herrliche Lehre erhalten! Und Sie möchten ihr dieſen Glauben nehmen, indem Sie ihr als ein durch nichts wieder gut zu machendes Unglück erſcheinen laſſen, was doch nur der Anfang grenzenloſer Freude iſt! Nein, Mutter, dazu haben Sie kein Recht, und ſicherlich werden Sie die Seele Ihres Sohnes betrüben, wenn er vom Himmel herabſieht, daß Sie an ſeinem Glücke zweifeln; ja, Sie werden den Zorn Gottes auf ſich laden, der Ihnen in Ihrer Noth einen lebenden Troſt, Ihre Tochter läßt. Denken Sie an die heilige Jung⸗ frau! Hatte die zwei Kinder?“ Gott on zu igion ngen, ht zu ſchter d ihr ihre hmen erze, alle dann röſt⸗ da des letz⸗ der lafe vird liche iben eder doch ein, rlich enn ücke ſich oſt, ng⸗ 73 Alſo der Prieſter. Und je länger er ſprach, um ſo langſamer waren die Thränen der Mutter gefloſſen, bis ſie endlich ganz und gar verſiegt waren. Noch mehr: als der Geiſtliche geendet, hob ſie eine Stirn in die Höhe, worauf bereits die Ueberzeugung ihrer Seele leuchtete. „Ich danke Ihnen herzlich, Herr Pfarrer,“ ſprach ſie:„Sie haben mir meine Pflicht klar gemacht. Zwar verſpreche ich Ihnen nicht, daß ich mich des Todes meines Kindes freuen werde, wohl aber verſpreche ich Ihnen Reſignation. Mehr kann man, wie ich glaube, von einer Mutter nicht verlangen.“ Sophie, welche die Stimme des Prieſters erkannt hatte, trat hier in das Zimmer ihrer Mutter und erſuchte den ehrwürdigen Greis, zu Lucian zu kommen. Von dieſem Augenblick an wurde Madame Prin⸗ tems ruhig. Auch war es hohe Zeit, da trotz aller ärztlichen Verſicherungen das Uebel ſich jetzt nur noch verſchlimmerte. Am neunten Tage verſchied das Kind ohne alle Schmerzen, und noch in den letzten Augenblicken ſprach es mit ſeiner Schweſter, küßte es ſeine Mutter, dankte es Gott. Durch Sophiens Brief zurückgerufen, war der Vater auch wieder erſchienen, um den letzten Augen⸗ blicken ſeines Sohnes anzuwohnen. Die Reſignation ſeiner Frau, der himmliſch⸗ fromme Glaube ſeines Töchterchens machten gewal⸗ tigen Eindruck auf dieſen Mann, der auf dem Schlachtfelde dem Tode ſchon ſo oft in's Geſicht ge⸗ ſchaut, nie aber ihn von der Seite kennen gelernt hatte, welche er jetzt zeigte. und Wie Lucian vorausgeſehen, ward der Tod des Sohnes für ſeine Eltern zu einem neuen Bande; aus der 2 dieſem Grabe ſproßte ihnen ein neues Leben auf. 3 Es fing der Vater an zu begreifen, welches Glück 3 — und wir ſagen ſelbſt, obwohl das Wort unſe⸗ auch ren Gedanken nur unvollkommen ausdrückt, welche halte Nothwendigkeit der Glaube war, der ihm bis daher— ſo unnütz, ja vielleicht ſo lächerlich geſchienen, als dann er einige Zeit vor dem ſchmerzlichen Ereigniſſe, das glück wir eben berichtet, ſeine Kinder wiedergeſehen. Es 8 begriff dieſer Soldat, der bis daher geglaubt, es Kind gebe nichts Höheres als den kriegeriſchen Muth, Gral und es müſſe den Mann, der da umbringe und um— ſich her umbringen ſehe, der dem Tode trotze, den: ſie d ſelben gebe und, ohne eine Miene zu verziehen, 8 empfange, alles Andere kalt laſſen; es begriff, ſagen Gral wir, dieſer Soldat, daß es noch etwas Höheres gab,. I als er ſeinen Sohn ſterben ſah, wie er auch nicht einen unter ſeinen tapferſten Waffengenoſſen hatte Gefi aus der Welt ſcheiden ſehen; als er ſah, wie ſein weiſe Töchterchen, ein Kind, Dinge that, die er bei all Prie ſeiner Tapferkeit nicht zu thun wagte, das heißt, wie gleic Sophie den Todten küßte und ihn in die Arme nahm, Bruß wie ſie ihm die Augen zudrückte, wie ſie das Bett⸗? die chen des Verſtorbenen mit Blumen bedeckte, und wie Gefi ſie in der Nacht neben ihm ſchlief, ganz ſo wie ſie gewo einſt neben ihm geſchlafen.. Wird man nun über die Sanftmuth, die Demuth, Kind den Gehorſam Sophiens ſich wundern, die nach An: Schl noch gelernt 8d des 8; aus nuf. Glück unſe⸗ welche daher , als „ das 1. Es dt, es Muth, nd um , den⸗ ziehen, ſagen s gab, h nicht n hatte ie ſein bei all zt, wie nahm, Bett⸗ nd wie wie ſie emuth, ch An⸗ 75 lage und Erziehung gewohnt war, in Allem die Hand und den Willen des Herrn zu erkennen? Der Leſer erräth nun ſelbſt, wie der Mutter und der Tochter das Leben ſeit Lucians Tod verſtrichen war. Jeden Tag beſuchten ſie das Grab des Kindes. Zuweilen konnte da die Mutter, ſo ſehr ſie ſich auch zu beherrſchen ſuchte, ihre Thränen nicht zurück⸗ halten. „Warum weinſt Du denn, liebe Mutter,“ pflegte dann Sophie zu ſagen.„Iſt Lucian nicht unendlich glücklich, iſt er nicht mit uns zufrieden?“ Oft kam es vor, daß das Mädchen mit andern Kindern, die ihr Bruder geliebt hatte, an dieſem Grabe lachte und ſpielte. „Wir haben heute Lucian recht erheitert,“ war ſie dann gewohnt zu ſagen. Oder aber pflegte ſie friſche Blumen auf das Grab zu legen und dabei zu ſprechen: „Er hat Blumen ſo gern!“ So gab ſich ihre junge Religion, die mehr noch Gefühl als Wiſſen war, durch rein materielle Be⸗ weiſe und Erinnerungen kund. Sie ſah, wie der Prieſter Kreuz und Altar mit Blumen ſchmückte; in gleicher Weiſe nun ſchmückte ſie auch das Grab ihres Bruders. Endlich war ſie groß geworden, und da die Entwickelung des Verſtandes auch dem religiöſen Gefühl zu gut gekommen war, ſo war ſie die Perſon geworden, als die wir ſie zu ſchildern geſucht. Inzwiſchen— und zwar, ſo lange ſie noch ein Kind war— hatte ihr Vater ſein Leben auf dem Schlachtfelde gelaſſen, ſein Leichnam aber war mit noch vielen andern einem gemeinſamen Grabe über⸗ geben worden. Dieß Mal konnte alſo Sophie kein beſonderes Grab beſuchen. Und da hatte ſie begriffen, was ihr bis daher unmöglich geweſen, das heißt, daß man nicht gerade an den Ort zu gehen braucht, wo der Leib eines geliebten Weſens ruht, um ſich mit der Seele deſſelben in Verbindung zu ſetzen; daß die vom Leibe abgelöste Seele überall iſt, wo eine Erinnerung oder ein Gebet für ſie aufſteigt, ſowie daß derſelben dieſe Erinnerung und dieſes Gebet an⸗ genehmer ſind als alle Blumen der Welt, womit man ein Grab überſchüttet, in dem Ueberreſte ruhen, denen für immer die zu einer materiellen Empfindung nothwendigen Sinne fehlen. Die meiſten Männer, welche als Bewerber um Sophiens Hand auftraten, waren junge Leute, und dieſe fühlten ſich weniger von der moraliſchen als von der phyſiſchen Schönheit des jungen Mädchens angezogen. Nun aber gehörte Sophie, ſo wie ſie der Leſer nun kennt, wie ihre Mutter ſie und wie ſie ſich ſelbſt kennt, keineswegs zu denen, welche nur darauf denken, ein Gegenſtand des Stolzes für einen Gatten zu ſein. Wußte ſie doch, daß auf dieſer Welt Beſſeres zu thun iſt; auf jeden Fall aber hätte ſie lieber in der größten Einſamkeit gelebt, als daß ſie ihr Glück hätte auf Reize gründen mögen, die ſie als unnütz betrachtete und worin ihr naives, offen⸗ herziges Weſen keinerlei Grund zur Eitelkeit zu finden vermocht hätte. Sie hatte alſo, wie wir bereits geſagt, die ſchön⸗ ſten Partien, wie man ſich auszudrücken pflegt, aus⸗ geſchlagen. 0 gebill L Freie glaub endlie zu ve ' 2 dame haben und wir h Brief vorge imme füllte, gegen bei de unter: I 3 Made die v große . ren ander gar v V ¹ vielbe eben geſehe V * ie kein griffen, heißt, praucht, im ſich n; daß vo eine ſowie bet an⸗ womit ruhen, indung * ver um e, und en als idchens ſie der wie ſie he nur einen dieſer r hätte Ils daß die ſie offen⸗ finden ſchön⸗ t, aus⸗ 77 Ihre Mutter hatte das Benehmen ihrer Tochter gebilligt. Madame Printems hatte bei keinem der früheren Freier die Bedingungen ſtillen Glücks zu finden ge⸗ glaubt, wornach ſie für ihr Kind trachtete, und das endlich eine Verbindung mit Theodor ihrer Tochter zu verheißen ſchien. Wir haben geſehen, durch welcherlei Gründe Ma⸗ dame Printems auf ihre Tochter eingewirkt; wir haben auch geſehen, wie Sophie darauf eingegangen und mit ihrer Mutter nach Paris gekommen war; wir haben ferner geſehen, welchen Eindruck der erſte Brief ihres Bräutigams auf dieſe zarte Seele her⸗ vorgebracht hatte; mit welch geheimer Unruhe der immer näher kommende Tag der Trauung ſie er⸗ füllte, und welche Reſignation ſie dieſer Unruhe ent⸗ gegenſetzte, und ſo ich nicht irre, ſo ſind wir jetzt bei dem Augenblicke angekommen, wo die Ehepacten unterzeichnet werden ſollen. Fahren wir fort. Zu Paris angekommen und inſtallirt, knüpfte Madame Printems wieder einige Verbindungen an, die von ihrer Jugendzeit her datirten. Sie fand die große Weltſtadt gewaltig verändert. Von den frühe⸗ ren Freunden waren einige nicht mehr in Paris, andere todt; andere wiederum hatten ſie ganz und gar vergeſſen. Was Sophie betrifft, ſo ließ das Geräuſch der vielbewegten Hauptſtadt ſie eben ſo ruhig, ja ſogar eben ſo gleichgültig, als Alles, was ſie bis daher geſehen und gehört. Was ſcherte ſie ſich um dieſe geſchäftige Welt! 78 Was lag ihr an dem Gewühl und Gewimmel dieſes reiſigen Ameiſenhaufens! Gehörte ſie doch nicht dazu, und wußte ſie doch, daß ſie nie dazu gehören, daß ihr Leben immer da anfangen würde, wo das der übrigen Menſchen endigte, was immer die Welt da⸗ gegen thun möchte. Was Theodor betrifft, ſo kam er ihr faſt nie von der Seite; ſie aber fing an, an dieſe hingebungsvolle Seele ſich zu gewöhnen,— an dieſe Seele, welche die perſonificirte Zuvorkommenheit und Aufmerkſam⸗ keit war. Endlich war der Tag erſchienen, wo der Ehe⸗ vertrag unterſchrieben werden ſollte. In dieſer Abſicht hatte Madame Printems eine kleine Soirée gegeben, wozu nur intime Freunde, ſowie die Verwandten und Zeugen der beiden Ver⸗ lobten geladen waren. Stolz auf ſeine Braut, hatte Theodor ſie noch Niemand vorgeſtellt. Er hatte bloß ſich die Hände gerieben und ge⸗ ſprochen:„Ich heirathe“; und hatte man aus ihm Näheres über das Mädchen herausbringen wollen, ſo hatte er ſich damit begnügt zu antworten:„Werdet ſchon ſehen, werdet ſchon ſehen“! Als alle Perſonen beiſammen waren, die man geladen, ſtellte Theodor die Männer Sophien vor, worauf er dieſe auch den Damen vorſtellte. Die erſte, der Sophie vorgeſtellt ward, war eine Tante Theodors von mütterlicher Seite. Es war dieſelbe eine recht alte, keine Procura⸗ torswittwe, wie man heut zu Tage nur noch wenige oder keine mehr ſieht. ( Auge Kinn Schn aderi volta der der Fraur einzu Freu Ritte Sim weni man Men ein einer durch dieſes t dazu, 1, daß as der elt da⸗ nie von gsvolle welche erkſam⸗ r Ehe⸗ is eine reunde, in Ver⸗ je noch ind ge⸗ us ihm wollen, Werdet die man een vor, var eine Lrocura⸗ wenige 79 Eine trockene Haut, ein langes Geſicht, ein feines Auge, eine zurückgebogene Naſe, ein entſprechendes Kinn, graue Haare, ſchwere Spitzen, eine goldene Schnupftabaksdoſe, in fieberhaft bewegter, egoiſtiſcher, aderiger Hand ſich unabläſſig drehend, ein kauſtiſcher, voltaire'ſcher, Andere und Anderes gern herabſetzen⸗ der Geiſt, ein Kleid von dunklem Taffet, ein forſchen⸗ der Blick, eine übermäßige Magerkeit: das war die Frau, die Theodor ſich nicht hatte enthalten können einzuladen, woraus er aber ſicherlich nicht eine Freundin und Geſellſchafterin ſeiner jungen Frau zu machen gedachte. „Eine charmante Perſon,“ ſprach die alte Pro⸗ curatorin, als ihr Neffe ihr Sophie vorgeſtellt. „Nur Schade, daß ſie ein bischen dumm ausſieht,“ ſetzte ſie ganz leiſe hinzu, als die Braut ſich wieder entfernt hatte. Unter den Männern befand ſich ein Oheim von väterlicher Seite, der etliche fünfzig Jahre auf dem Rücken haben mochte. Im Uebrigen war derſelbe groß und wohlgebaut; auch hatte ſein Geſicht etwas Geiſtreiches und Sympathiſches, obwohl die Leiden⸗ ſchaften dort manche Furche zurückgelaſſen. Der Blick war ſtolz, und in der ganzen Perſon lag etwas Ritterliches, man fühlte, wenn ich mich eines Saint⸗ Simon'ſchen Ausdruckes bedienen darf, noch ein wenig vom großen Herrn darin nachzucken; kurz, man hatte in ihm einen Weltmann, einen jener Menſchen vor ſich, die ihr Leben lang für Andere ein ziemlich ſchlechtes Exempel ſind, ohne doch je einen ſchlechten Rath zu geben, und bei denen das durch das äußere Leben gefälſchte Herz dann und wann, in Augenblicken der Reflexion und der Ruhe, dem Einfachen, dem Wahren ſich wieder zuwendet und für das Schöne ſich begeiſtert. 3 Es hätte das Leben dieſes Mannes einem Bio⸗ graphen Stoff genug gegeben. Vielleicht finden wir ein dieſem Buche einen Ort, wo wir es gedrängt er⸗ zählen können. Das Geſicht des Oheims gefiel Sophien, die nur die guten Geſinnungen darin las. Ihrerſeits mußte Sophie dieſem Manne gefallen, dem in ſeiner langen Laufbahn noch nie ein ſo reiner, keuſcher Frauentypus vorgekommen war. Zwar hatte unſer Weltmann für das Geſchlecht, dem Sophie angehörte, eine gewiſſe Verachtung, welche daher rührte, daß diefes Geſchlecht gegen ihn ſelbſt ſo ſchwach geweſen war; aber er machte es nicht wie gewiſſe alberne Menſchen, welche Alles über einen Kamm ſcheren, und ſo oft er ein wirklich reines Weſen vor ſich hatte, brachte er demſelben ſeine reſpektvollen Huldigungen dar. Er küßte der jungen Braut die Hand, blickte ſie wahrhaft zärtlich an und ſprach zu ſeinem Neffen lächelnd: 3 „Machſt Du Dich des Glückes, das Gott Dir zuſchickt, nicht würdig, ſo ſollſt Du es mit mir zu thun haben.“ „Vollkommen einverſtanden, lieber Oheim.“ Seit dem Augenblicke, wo die Vorſtellungen ihren Anfang genommen, verzehrte Doctor von Blarü, an eine Thürecke lehnend, Sophie mit den Augen. Ein paar Mal fühlte ſogar die Braut, wie ihr Auge von den verzehrenden Blicken des Arztes an⸗ gezogen ward. Ruhe, endet Bio⸗ wir gt er⸗ enur allen, einer, lecht, belche ſelbſt wie einen eines ſeine te ſie teffen ciickt, ben.“ ihren i, an e ihr 3 an⸗ 81 Hätte ſie zu jenen Frauen gehört, welche immer nur nach den erſten Eindrücken urtheilen, ſo würde eine inſtinktmäßige Furcht vor dieſem Manne ſie überkommen haben. Endlich ging der Arzt zu Theodor hin und ſprach: „Ich gratulire Ihnen von Herzen, mein Lieber,“ und ſchätze mich in der That glücklich, bei einer ſolchen Heirath als Zeuge fungiren zu dürfen.“ Und in der That ſollte Herr von Blarü nebſt dem Oheim Theodors Zeuge ſein. Eben“ jetzt hob der Notar an, den Chevertrag laut zu verleſen. Jedermann ſchwieg. Siebentes Kapitel. Es fällt uns keinen Augenblick ein, dem Leſer die verſchiedenen Paragraphen dieſes Vertrags hier vorzuführen. Wir begnügen uns zu ſagen, daß, wenn der Gatte vor der Frau ſtarb, dieſer ſein gan⸗ zes Vermögen zufallen ſollte. Es war dieſe Clauſel mit ſo vieler Zartheit ver⸗ faßt, daß Sophiens Würde ſich dadurch auch nicht entfernt verletzt fühlen konnte. Sämmtliche anweſende Perſonen unterzeichneten nun nach einander das wichtige Dokument. Nun befand ſich unter denen, welche zuletzt ſich unterſchrieben, ein Mann, deſſen wir noch nicht er⸗ wähnt, ohne Zweifel, weil er ſo viel wie möglich ſich beiſeit hielt; und den wir, da er ſich nur durch Dumas, Printems. I. 6 ſehr große Beſcheidenheit und äußerſte Einfachheit auszeichnete, dem Leſer erſt vorführen konnten, nach⸗ dem wir einen Blick auf die Perſonen geworfen, die ſich ſelbſt in den Vordergrund gedrängt hatten. Beſcheidene Leute haben das für ſich, daß man ſie, wenn man einmal auf ſie aufmerkſam geworden, gern ſieht und nur ungern verläßt. Endlich mußte die Perſon, von der wir ſprechen wollen, die Fenſtervertiefung, in der ſie ernſt und geſammelten Geiſtes ſtand, wohl oder übel verlaſſen, nachdem der Chevertrag verleſen war, um den Civil⸗ akt zu unterzeichnen. Es war der Betreffende ein noch junger Mann, da er wohl kaum mehr als achtundzwanzig Jahre alt war. Seine ſchwarzen, nach hinten zurückge⸗ worfenen Haare ließen eine ſchöne Stirn ſehen, die von ernſten und tiefen Studien, fleißiger Beobach⸗ tung und angeborener Melancholie ſprach; was ſeine offenen, ruhigen, hellen Augen betrifft, ſo zeugten ſie nicht allein von Jugend, ſondern auch von den ſchönſten Geſinnungen. Wohl Niemand, der dieſen Kopf ſah, konnte in dieſem Manne etwas Anderes als einen genialen Menſchen erblicken. Ein Maler, ein Bildhauer, der für die Nachwelt arbeitet, konnte ſicherlich ſich kein beſſeres Modell wählen. Und doch war dieſer Mann obſcur unter den Obſcuren; nicht daß er jenes gewiſſen Etwas ermangelt hätte, das Chénier auf dem letzten Thermidor⸗Schaffot in ſeinem Kopfe zucken fühlte, wohl aber war bei dem jungen Manne noch Alles im Zuſtand der Concentration. Es abſorbirte das Herz bei ihm den Kopf; auch machten die vielen Sorgen, die auf ihn einſtürmten, achheit nach⸗ n, die man orden, rechen ſt und laſſen, Civil⸗ Nann, Jahre ückge⸗ , die bbach⸗ ſeine ugten n den dieſen deres galer, onnte doch nicht das einem ungen on. auch mten, 83 ihn ſchüchtern wie ein junges Mädchen, indem ſie die Inſpiration zweifeln ließen. Und ſo kam es denn, daß ihm nichts lieber war als die Einſamkeit, die er mit den Strahlen ſeines Geiſtes zu erleuchten wußte, während er die andern Menſchen glauben ließ, daß um ihn her immer tiefe Finſterniß ſei. Drang wider ſeinen Willen dann und wann einer dieſer Geiſtesſtrahlen bis zur Außenwelt, ſo verſtanden ihn die Menſchen nicht und blieben mehr argwöhniſch als ermuthigend ſtehen, gleichwie man vor einem Hauſe ſtehen bleiben möchte, das man ſeit langer Zeit für verödet, geſchloſſen, verlaſſen zu halten Urſache hätte, und wo man unter der Haus⸗ thüre den Schein eines drinnen befindlichen Lichtes hindurchdringen ſähe. Max Hübert— ſo hieß der junge Mann— verrieth in ſeinem Anzuge dieſelbe Beſcheidenheit wie im Geſichte. Nur war das, was in ſeiner Perſön⸗ lichkeit Schüchternheit war, in ſeinem Anzuge faſt Elend. Offenbar war Max nichts weniger als reich, oder war er es, ſo mußte er, nach ſeinem Anzuge zu urtheilen, ein rechter Geizhals ſein; indeſſen mag der Leſer ſich beruhigen, da wir ihm des Beſtimm⸗ teſten ſagen können, daß Max arm war. Um in dieſe Soirée gehen zu können, hatte er den ſchwarzen Frack, den er anhatte, gar lange und viel bürſten müſſen, und trotz aller ſeiner An⸗ ſtrengungen hatte der unglückſelige Frack eben doch nicht wieder neu werden wollen. Man glaube ja nicht, es habe Max aus Gefallſucht und menſchlichem Reſpekt ſo viele Mühe aufgewandt: nein; wohl aber geſchah es den übrigen Menſchen zu lieb, wenn er wie Jedermann ſein wollte. Ein Hemd von etwas grober, aber ſchneeweißer Leinwand; ein nach deutſcher Sitte heruntergeſchlagener Hemdkragen, der ſeinem feinen, ſchönen Kopfe keinen Abbruch that; Frauen⸗ zimmerhände, die von Zeit zu Zeit an Handſchuhen zogen und zupften, welche er aufmerkſam betrachtete und nicht anzuziehen gewagt hatte, da er ſich immer noch fragte, ob ſie wirklich werth wären, angezogen zu werden; endlich allerliebſte Füße: das waren die Zeichen, welche bei dieſem Manne ganz natürlich den Einfluß des Elends bekämpften,— eines Elends, worüber er nicht zu erröthen brauchte, deſſen er ſich aber auch nicht berühmte, und deſſen Anblick er jeden⸗ falls lieber für ſich allein behielt. Dieſer junge Mann hatte ſich nur darum zur Unterzeichnung von Theodors Ehevertrag eingefunden, weil er es nicht anders machen konnte; ſobald daher auch dieſes Geſchäft erledigt war, dachte er an nichts Anderes mehr, als wie er wieder heim käme. Er trat vor den freudeſtrahlenden Bräutigam und ſprach, ihm in herzlicher Weiſe die Hand drückend: „Ich bin Ihnen recht ſehr verbunden, daß Sie mir es möglich gemacht, meinen Namen auf das erſte Blatt Ihres Glückes zu ſchreiben.“ „Es iſt recht lieb von Ihnen, daß Sie, der Sie ſo wenig ausgehen, erſchienen ſind. Sie wollen ſchon wieder gehen?“ „Jä, ich will nach meinem Vater und nach mei⸗ ner Schweſter ſehen.“ „Wie befindet ſich Ihr Vater?“ erſp ſchle ſie ſind ſich wir nn er etwas tſcher einem auen⸗ huhen cchtete mmer zogen n die ürlich ends, r ſich teeden⸗ i zur nden, daher nichts igam Hand Sie das Sie ollen mei⸗ 8⁵ „Sein Zuſtand iſt immer noch der gleiche; immer⸗ hin aber danke ich Gott, daß er ihm weitere Leiden erſpart.“ „Und Ihre Schweſter?“ „Die befindet ſich beſſer; ſie iſt wieder ruhig, ſchläft und ſingt zuweilen ein bischen; endlich kann ſie auch wieder ein bischen arbeiten.“ „Es muß meine Frau ſie kennen⸗ lernen. Es ſind die Beiden wie für einander geſchaffen, und ſicherlich werden ſie einander lieben lernen.“ „Sie ſind in der That allzu gütig.“ „Es bedarf Ihre Schweſter einiger Zerſtreuung: wir wollen dafür ſorgen, daß ſie dieſe bekommt.“ „Ich danke Ihnen tauſend Mal in ihrem Namen.“ „Und nun muß ich Sie meiner Frau vorſtellen.“ „Aber ich fürchte...“ „Ja, was denn?“ „Liebe Sophie,“ ſprach Theodor, indem er mit Max vor ſie hintrat,„willſt Du mir erlauben, daß ich Dir einen guten, wackern, jungen Mann vorſtelle, der, auf dem gleichen Miniſterium mit mir angeſtellt, einer unſerer fleißigſten Arbeiter, ein ſeelenguter Kamerad, Sohn und Bruder iſt. Gib ihm die Hand, liebe Sophie. Bald ſollſt Du ſeine Schweſter kennen lernen, und die wirſt Du lieb gewinnen, ohne daß ich Dir es anzuempfehlen brauche.“ Theodor war ſeelenvergnügt und wurde expanſiv. Zieht das Glück in das Herz des Menſchen ein, ſo hat es faſt immer auch die Güte in ihrem Gefolge. Sophie reichte Maxen die Hand, und dieſer machte auf den erſten Blick mit der Seele des Mädchens Bekanntſchaft, gleichwie auch dieſe Max vollkommen gekannt hätte, ſelbſt wenn ihr Bräutigam ſeiner nicht in ſo lobender Weiſe Erwähnung gethan haben würde. Wahrhaft edlen Seelen drückt Gott ſtets ein un⸗ ſichtbares Zeichen auf, und begegnen dieſelben ein⸗ ander auf dieſer Erde, ſo erkennen ſie ſich wie Lands⸗ leute, die ſich in fremden Ländern aufhalten. Nicht minder gefiel Maxen Sophiens Mutter, der er verſprechen mußte, ſie recht oft beſuchen zu wollen. Nachdem noch einige Worte gewechſelt worden waren, empfahl ſich der junge Mann und zog ſich zurück. „Welch ſanftes und zugleich trauriges Geſicht!“ ſprach Sophie zu ihrer Mutter, indem ſie dem Weg⸗ gehenden nachſchaute. „So wäre jetzt Lucian, wenn er noch lebte,“ gab Madame Printems zur Antwort. Und es trug eine Erinnerung ſie aus dem Schooße all dieſer Freude wieder an das kleine Grab des Kindes. „Es ſcheint mir dieſer junge Mann nicht eben am Glücklichſten zu ſein,“ ſprach Sophie zu ihrem Bräutigam. „Nein, von Glück kann er gewiß nicht ſagen! Hat er doch einen alten gebrechlichen Vater und eine faſt immer kranke Schweſter mit ſeinem jährlichen Gehalte von achtzehnhundert Franken zu ernähren.“ „Der arme Burſche!“ „Indeſſen werde ich thun, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht, daß er vorrückt, da er es wirklich verdient, daß man ſich ſeiner annimmt. Leider hat er...“ „Was denn?“ anw kann arbe ihm iſt, wer er bed ſich beg ſein hat The wer ein und er nicht haben n un⸗ ein⸗ ands⸗ e, der ollen. orden g ſich icht!“ Weg⸗ bte,“ Hooße des eben hrem igen! eine ichen ren.“ Kräf⸗ dient, 4 .. „Einen großen Fehler.“ „Und welcher Art iſt dieſer?“ „Er macht... Verſe.“ „Was kann das aber ſchaden?“ „Es ſchadet ſo viel, daß er ſeine Zeit nicht beſſer anwendet. Siehſt Du, liebe Sophie, ſeine Verſe kann er nicht verkaufen, während er etwas Anderes arbeiten könnte, was verkäuflich wäre.“ „Und dieß wäre der einzige Fehler, den Du an ihm kennſt?“ fragte Sophie lächelnd. „Jd. „Wer weiß, ob dieſer Fehler nicht ein Talent iſt, und ob dieſes Talent nicht zu einer Goldgrube werden kann!“ „Daran zweifle ich, und dieß um ſo mehr, als er ſeine Verſe für ſich behält.“ „Ich begreife das recht wohl. Eine ſolche Seele bedarf einer andern Sprache als wir, wenn ſie mit ſich ſelbſt ſprechen will.“ Unterdeſſen war Max Hubert auf dem Heimwege begriffen. Er wohnte in einem engen Gäßchen in der Nähe ſeines Miniſteriums, und ſo der Leſer nichts dagegen hat, ſo wollen wir ihm folgen. Für heute Abend haben wir über Sophie und Theodor nichts weiter zu ſagen. Fräulein Printems hatte ſich nicht getäuſcht, wenn ſie ſagte, eine Seele wie die Maxens brauche eine eigene Sprache, um mit ſich ſelbſt zu ſprechen und ſich zu begreifen. Kaum war er drunten auf der Straße, ſo ſteckte er die Handſchuhe ein, die er nicht anzuziehen ge⸗ wagt hatte, um bei einem andern Anlaſſe ſich ihrer wieder bedienen zu können, und kaum waren fünf Minuten verfloſſen, ſo regelte er, einen Gedanken wieder aufnehmend, den dieſe Soirée vielleicht nicht einmal zu unterbrechen vermocht hatte, ſeinen Gang nach dem Versmaß einer Ode, die er für ſich ſelbſt vollends ausdichtete und noch in derſelben Nacht niederzuſchreiben gedachte; denn es gehörte Max, wie ſich leicht denken läßt, mit nichten zu denen, die da viel und lange ſchlafen. Wie es ſchien, ſo war er mit dem, was er machte, zufrieden; denn es öffnete von Zeit zu Zeit ein Lächeln ſeine Lippen zur Hälfte, während ſeine Hand mit einer harmoniſchen Geberde einen Gedanken ab⸗ rundete, gleich als hätte er demſelben in dem leeren Raum eine beſtimmte Form geben wollen. So kam er vor einem ziemlich armſelig ausſehen⸗ den, ſchmalen, düſteren und fünf Stock hohen Hauſe an. Er klopfte an einer ſchmalen und niederen Thüre an, die nicht alsbald aufging, und kam dann in einen dunklen Gang, deſſen Ende durch die rauchende Lampe des Pförtners nur ſpärlich beleuchtet war. Letzterer drückte die Naſe an das Fenſter, um zu ſehen, wer es wäre, und begrub ſich, als er Max erkannt, wieder in ſeinem Lehnſeſſel, wo er wieder einſchlief. Was Max betrifft, ſo ſtieg er fünf Treppen hinan und blieb endlich vor einer kleinen Thüre ſtehen. Einen Augenblick haftete ſein Ohr daran, und dann läutete er ganz ſachte. tra ein ihrer fünf anken nicht Gang ſelbſt Nacht Max, I, die achte, t ein Hand n ab⸗ eeren ehen⸗ pohen rhüre n in dende nr. m zu Max ieder ppen hüre rran, Endlich ließen ſich leichte Tritte hören, und es trat ein junges Mädchen in die geöffnete Thüre. „Bin ich zu lange ausgeblieben?“ fragte er, einen Kuß auf ihre Stiyn drückend. „Nein,“ gab das Mädchen zurück. „Und der Vater?“ „Wartet auf Dich.“ „Er findet, daß ich mich gegen ſonſt verſpätet?“ „Wohl ſchon zehn Mal hat er nach Deinem Zimmer hingeſchaut.“ 8 „Gut. Ich will ſogleich zu ihm hineingehen.“ Und Max trat in ein Schlafzimmer, worin ein Bett von Nußbaumholz und mit weißen Vorhängen ſtand. Ferner bemerkte man eine Commode vom gleichem Holz, einen runden Tiſch, worauf man zu eſſen pflegte, vier Strohſtühle, das Porträt einer alten Frau, einen kleinen Spiegel, ein von Buchs⸗ zweigen umgebenes Chriſtusbild, zwei Leuchter, worin weder ein Wachs⸗ noch ein Talglicht zu erblicken war, eine Caraffine voller Waſſer, eine bis an den Rand gefüllte Zuckerdoſe, und daneben ein Glas. Was den Tiſch betrifft, ſo ſtand er mitten im Zimmer. Auf dieſem Tiſche brannte eine mit einem Schirm verſehene Lampe, und neben dieſem Tiſche ſaß in einem großen Lehnſeſſel ein kleiner, alter Mann, deſſen beide Hände unaufhörlich mit Karten⸗ miſchen beſchäftigt waren, während ſein Kopf mit einer Regelmäßigkeit, die peinlich anzuſehen war, wackelte. In dem Augenblicke, wo der junge Mann im Zimmer erſchien, wandte der Greis ſich nach ihm um, worauf eine Art Lächeln das bleiche Geſicht des 90 Mannes mit ſeinem weichen, runzeligen, herabfallen⸗ den Fleiſche und ſeinen erloſchenen Augen erleuchtete. „Guten Abend, Vater,“ ſprach Max, indem er dem Greiſe einen Kuß gab. Ein unverſtändliches Mukmeln, das faſt für ein Grunzen gelten konnte, entfuhr den ſtets halb offe⸗ nen Lippen des guten Alten. „Iſt Ihnen die Zeit nicht lange geworden?“ hob Max mit lauter Stimme wieder an, da der Greis ohne Zweifel übelhörig war. Gleiche Antwort. „Wir wollen unſere Partie ſpielen.“ Jetzt antwortete der Kopf durch eine von oben nach unten gehende Bewegung, die da ſagen wollte: „Es iſt mir recht.“ Es bot dieſer Körper einen unheimlichen Anblick dar. Das Unbewegliche dieſer Magerkeit; die fieber⸗ hafte Bewegung der beiden Hände; der wackelnde Kopf, den alles geiſtige Leben geflohen hatte; die trüb und albern ſtarrenden Augen; der ſtets halb geöffnete Mund, in dem das Wort keinen Sinn mehr hatte: Alles, ſelbſt die langen und großen Falten der Kleider, die nicht einmal die Knochen deſſen, der ſie trug, ahnen ließen,— wir ſagen, Alles an dieſem Greiſe bot einen unheimlichen, für Fremde ſogar⸗ zurückſtoßenden Anblick dar, und es bedurfte wahr⸗ lich langer Gewohnheit und treuer, kindlicher Liebe, wenn man die Nähe dieſes Todes erträglich finden ſollte, dem noch die unnützeſten Bewegungen des Lebens geblieben waren. Und nun ſpielte eine Scene, die wirklich etwas Seltſames hatte. fing dab⸗ hebe wor ſich die neh⸗ ſelb gan eine glei ſein er⸗ wer Sei eine zu Sei noc gle zu nur Per gen Das junge Mädchen ſetzte ſich an den Tiſch und fing an zu ſticken. Max ſetzte ſich ſeinem Vater gegenüber, der, ohne dabei ein Wort zu ſagen, die Karten ihm zum Ab⸗ heben hinhielt und ſie dann wieder zuſammennahm, worauf er ſeinem Sohne fünf gab, fünf andere für ſich ſelbſt behielt und zuletzt eine umſchlug. Dieſes Geſchäft ſchien alle geiſtigen Fähigkeiten, die dem Greiſe geblieben waren, in Anſpruch zu nehmen. Und ohne auf ein Wort zu warten, und ohne ſelbſt ein ſolches auszuſprechen, warf der alte Mann ganz mechaniſch und auf gut Glück die Karten nach einander auf den Tiſch hin; ihm war es dabei völlig gleichgültig, ob er einen Trumpf ausgeſpielt, und ob ſein Spielgenoſſe einen Stich gemacht oder nicht, da er jedes Mal die ausgeſpielten Karten einzog, wie wenn er gewonnen hätte. Waren dann auf beiden Seiten die fünf Karten ausgeſpielt, ſo markirte er einen Point und dann fing er wieder an, die Karten zu geben. Marx ſprach dabei keine Sylbe: er ſann nach. Von Zeit zu Zeit ſchaute der Greis auf die Seite, um ſich zu verſichern, ob ſeine Tochter auch noch da wäre. Sein Geſicht blieb immer und ewig daſſelbe; gleichwohl errieth man, daß er gleich einem Kinde zu weinen angefangen haben würde, wenn ihm auch nur einen Augenblick eines der Dinge oder eine der Perſonen gefehlt hätte, woran er ſich nun einmal gewöhnt. Und jeden Abend ſpielte in dem Schlafzimmer des fünften Stockes die gleiche Scene wieder. Zuweilen dauerte ſie volle zwei Stunden. So oft eine Partie zu Ende war, gab Max ſeinem Vater ein Geldſtück mit den Worten: „Hier, Vater, Sie haben gewonnen.“ Der blödſinnige Greis aber nahm das Geldſtück, wickelte es mit zitternder Hand in ein Papier ein, und ſteckte es dann in ſeine Weſtentaſche. Hatte er ſo etwa zwei Stunden lang geſpielt, ſo pflegte er den Kopf zu ſchütteln, zum Zeichen, daß er nun genug geſpielt habe. Nun pflegte ſeine Tochter aufzuſtehen, ein Glas Zuckerwaſſer zu bereiten und dieſes ihn trinken zu laſſen. War dieß geſchehen, ſo kleidete Max mit ſeiner Schweſter den Greis aus, deſſen Arme an den beiden Seiten des Körpers ſchlaff hinunter hingen, und legte ihn in's Bett, wo er wenigſtens bis acht Uhr am andern Morgen zu ſchlafen pflegte. Kaum hatte der Blödſinnige die Augen geöffnet, ſo mußte man ihn, obwohl er lediglich nichts zu thun hatte und er nicht weiter als von einem Zim⸗ mer in das andere gehen konnte, aufheben und ihm zu eſſen geben,— ein Geſchäft, wobei er einen wah⸗ ren Heißhunger zu entwickeln pflegte. Den ganzen Tag über ſchob er ſich in der Woh⸗ nung herum, indem er ſich an den Wänden und Möbeln halten mußte, um nicht zu fallen. Geſchah Letzteres gleichwohl, ſo pflegten ſeinen Augen große Thränen zu entſtürzen; dann ließ er auch einige mmer Max dſtück, rein, lt, ſo daß Glas en zu ſeiner heiden und Uhr ffnet, s zu Zim⸗ ihm wah⸗ Woh⸗ und ſchah große einige 93 Minuten lang den Kopf kraftlos auf die Bruſt herab⸗ hangen, als wäre er todt. Den Tag über pflegte das junge Mädchen ganz allein ihren Vater, da Max auf ſeiner Kanzlei ſaß. Im Uebrigen wußte der gute Alte es gar wohl, wenn es Sonntag war, und an ſolchen Tagen mußte ſein Sohn ſtets um ihn bleiben und ihn unterhalten. Nun aber hatte er nur noch am Kartenſpiel ſeine Freude, und wie er ſpielte, haben wir eben geſehen. An den Werktagen pflegte Max zur Eſſenszeit heimzukommen, worauf der Abend genau ſo verſtrich, wie wir eben erzählt. Lag der Vater einmal im Bette, ſo küßte der Bruder ſeine Schweſter, die noch einige Stunden ar⸗ beitete, während er ſelbſt ſich auf ſein Zimmer zu⸗ rückzog, ein Buch nahm und bis gegen Tagesanbruch las oder ſchrieb. Alles dieß iſt gewiß ſchon traurig genug, und doch war es noch nicht Alles! Achtes Kapitel. Schauen wir das Mädchen etwas ſchärfer an, das neben dem Bette ihres Vaters arbeitet, wie ſie eben noch an dem Tiſche gearbeitet hat, wo er mit Maxen geſpielt. Sie iſt noch jung, aber Gott hat ſie ſchon furcht⸗ bar geprüft! Sie war einſt ſchön, aber wie hat ſie ſich nun verändert! Wohl haben ihre großen blauen Augen noch et⸗ was Sanftes und Liebkoſendes, aber es ſind ihre gerötheten, von den langen Nachtwachen und dem beharrlichen Arbeiten angegriffenen Augenlider von jenem perlmutterartigen Kreiſe umgeben, der von Mühen und Krankheit ſpricht; was ihre Haare be⸗ trifft, ſo ſind ſie von ſchön aſchblonder Farbe. In⸗ deſſen ſind ſie da und dort ſchon ein bischen dünn. Was ihre, Haut betrifft, ſo iſt ſie noch glatt und ohne Runzeln, zeigt aber jenes Matt, welches ein ſicheres Gepräge von Kummer und Elend iſt; zu⸗ weilen werden die Backenknochen unter der Einwir⸗ kung eines verſteckten Fiebers purpurroth; der Mund endlich zeigt eine reine Linie, während die Lippen blaß ſind. Und welche Melancholie liegt nicht in dem Lächeln, das ihn zur Hälfte öffnet und Zähne ſehen läßt, ſo weiß wie ſtarr gewordene Milchtropfen. Weil das Mädchen ſchon ſo lange Kopf und Bruſt über ihre Arbeit beugen muß, leidet ſie an Schwer⸗ athmigkeit, und ſtundenlang hört man oft in dem Zimmer, wo der Vater mit ſeinen beiden Kindern ſich aufhält, nichts als dieſes erſchwerte Athmen, das dann und wann von einem Hüſtchen unter⸗ brochen wird, welches Katharine Hübert zwingt, den Kopf nach dem Nacken zurückzuwerfen und etwas bequemer Athem zu holen. So arbeitet das arme Mädchen ſchon ſeit ihrem zwölften Jahre, und ſo hilft ſie ihre Familie er⸗ nähren! Und doch war der Greis, den man eben zu Bette gebracht, und den wir nun ſchlafen ſehen, einſt ein reicher Mann. Ja, einſt war er ein reicher Mann; ja, einſt war ſein Haus ebenſo blühend und ebenſo von Freude erfü ſinn einſt auf Schi war ihre fen ſucht zu n ſein Dief nur mög den ein ſie ſtreb Schi ſchne licher Helle nicht, C Vertt die 4 oft a ein( porar erwa dem von von 2 be⸗ In⸗ bünn. und 3 ein zu⸗ nwir⸗ Nund ippen yt in hne pfen. Bruſt hwer⸗ dem ndern hmen, inter⸗ „ den etwas ihrem ie er⸗ en zu einſt t war rreude erfüllt, als es nun arm und traurig iſt. Der Blöd⸗ ſinnige, mit dem wir Bekanntſchaft gemacht, war einſt einer der erſten Haprer Kaufleute, und ſtolz auf ihre ſchweren Ladungen ſchwammen einſt ſeine Schiffe dieſſeits und jenſeits des Aequators. Damals waren Max und Katharine zwei ſchöne Kinder, denen ihre Eltern die goldenſte Zukunft verſprechen zu dür⸗ fen glaubten. Damals ging es im Hauſe hoch her; damals ſuchte man ſich bei Maxen und Katharinen wohl daran zu machen, da ihre Eltern ſo vielen Leuten nützlich ſein konnten, und des Guten auch ſo viel thaten. Dieß war denn auch der Grund, daß die letzteren nur wenige Feinde hatten, trotz ihres großen Ver⸗ mögens, trotz ihres Aufblühens, trotz der fortwähren⸗ den Geſchäftsausdehnung. Niemand mißgönnte ihnen ein Glück, das ſo wohl verdient ſchien und woran ſie die Andern möglichſt Theil nehmen zu laſſen ſtrebten. Aber zwei Bankerotte und der Untergang eines Schiffs ſtürzten das reiche Kaufhaus. Es mußte ſchnell liquidirt werden, und da der Chef ein ehr⸗ licher Mann war, ſo zahlte er ſeine Schulden bei Heller und Pfennig, ohne zu bedenken, daß ihm nichts blieb. Da er intelligent und beliebt war, da er ferner Vertrauen einflößte, ſo hätte er bei Andern gar leicht die Hülfe, die er ſelbſt nie verweigert, die er ſogar oft aus freien Stücken angeboten hatte, finden, wieder ein Geſchäft anfangen und vielleicht ſich wieder em⸗ porarbeiten können; aber es war der Schlag ſo un⸗ erwartet gekommen und ſo heftig geweſen, daß alle 96 ſeine geiſtigen Fähigkeiten erſchüttert wurden und er allmählig in den Zuſtand verfiel, worin wir ihn eben gefunden haben, wobei wir noch bemerken müſſen, daß der Wahnſinn in ſeiner Familie ſtets erblich ge⸗ weſen war. Durch Zuſammenraffung der letzten Ueberreſte ihres früheren Glanzes, durch Beitreibung einiger Schuldforderungen, ſowie durch möglichſte Beſchrän⸗ kung ihrer Ausgaben gelang es dieſen vier Perſonen, eine Zeitlang ſich durchzubringen, ohne daß eine von ihnen nöthig gehabt hätte, die andern durch ihre Ar⸗ beit zu erhalten; indeſſen waren dieſe letzten Hülfs⸗ quellen ziemlich bald erſchöpft. Das Geld ging aus. Man fing alſo an, das Silbergeſchirr ſtückweiſe zu verkaufen; dann machte man die Spitzen der Mutter zu Geld, und endlich auch alle Möbeln, die einigen Werth hatten. Zu gleicher Zeit ſchränkte man ſich noch mehr ein. Man miethete eine noch beſcheide⸗ nere Wohnung, obgleich man die bisherige ſchon be⸗ ſcheiden genug gefunden hatte. Die Mutter war von einem edlen Stolze beſeelt: ſie mochte von Nie⸗ mand und um keinen Preis Dienſte annehmen, die ſie nicht erwidern konnte, und mochte keine Schulden machen, zu deren Bezahlung ihr die Mittel fehlten. Zu gleicher Zeit wollte ſie weder dieſes vollſtändige Elend unter die Leute kommen, noch ihren Gatten und ihre Kinder darunter leiden laſſen; ſie verkaufte alſo die paar Schmuckſachen, die ſie immer noch für den äußerſten Fall aufbewahrte, und ſing voller Muth an, Tag und Nacht zu arbeiten, um das kleine Ca⸗ pital zu vermehren, das dieſer Verkauf ihr in die Hände gab. Aber es reichte dieſe Arbeit nicht hin, und Tags der 6 verka nach C Jahr 3 geno⸗ Mut dauer ſich 9 misſt er ſ nebe Liter rechn diene unte kran Uebr nur zög auf Bad verl D id er eben iſſen, h ge⸗ rreſte niger hrän⸗ onen, von e Ar⸗ bülfs⸗ aus. iſe zu dutter nigen n ſich heide⸗ on be⸗ war 1 Nie⸗ a, die hulden ehlten. ändige Gatten rkaufte och für Muth ne Ca⸗ in die öt hin, 97 und bald wurde das Elend ſo drohend, daß ſie eines Tags, da es ihr zudem peinlich war, noch länger in der Stadt zu bleiben, ihre ganze noch übrige Habe verkaufte und mit ihrem Gatten und ihren Kindern nach Paris zog. Damals war Max fünfzehn, Katharine aber zwölf Jahre alt. Was Max betrifft, ſo hatte er eine gute Schule genoſſen; er ſchrieb eine ſchöne Hand und war mit Muth ausgerüſtet, wozu dann noch eine ſeltene Aus⸗ dauer und Chrenhaftigkeit ſich geſellte. Er ſuchte ſich eine Stelle und Lectionen. Nach langem Suchen fand er endlich eine Com⸗ misſtelle in einem Handlungshauſe. Damit verdiente er ſich jährlich ſechshundert Franken; und da er nebenbei einige Lectionen im Zeichnen und in der Literatur gab, ſo mochte er ſich, Alles zuſammenge⸗ rechnet, jährlich an die zwölfhundert Franken ver⸗ dienen. Und ſo ſchlug man ſich denn endlich durch; aber unter welchen Aengſten! Konnte nicht Max ſolchen Strapazen erliegen und krank werden? Was wurde dann aber aus den Uebrigen?. Da wurde ihm eine Hofmeiſtersſtelle angeboten; nur mußte er mit den Eltern und ſeinem jungen Zöglinge reiſen, da die Familie den Winter über auf dem Lande wohnte und den Sommer in einem Bade, in Italien oder in der Schweiz zubrachte. Es galt alſo, Vater, Mutter, Schweſter zu verlaſſen. Aber es war ein Gehalt von dreitauſend Franken Dumas, Printems. I. 4 mit der Stelle verbunden. Das war ein ganzes Vermögen. Max nahm die Stelle an. Die Tren⸗ nung war über die Maßen ſchmerzlich. Er reiste ab. Alles, was er verdiente, ſchickte er pflichtgemäß ſeiner Mutter. Und kam, während er ſo von den Seinigen fern war, das Herz zu kurz, ſo erfreute man ſich eines höheren materiellen Wohlſeins. Die Familie, zu der Max gekommen war, beſtand aus dem Vater, aus einem jungen Knaben von zehn Jahren, ſowie aus einem wunderſchönen ſechzehn⸗ jährigen Mädchen. Max ſollte, dem Uebereinkommen gemäß, ſeinen Zögling erſt dann verlaſſen, wenn derſelbe das acht⸗ zehnte Jahr zurückgelegt hatte. Noch war kaum ein halbes Jahr verfloſſen, als der Vater, über die ſchönen Fortſchritte ſeines Soh⸗ nes erfreut, Maxen eine Zulage von tauſend Franken gab. Als ein Jahr um war, erſchien Max wieder bei den Seinigen. Was mochte wohl vorgefallen ſein? War ſein Zögling geſtorben? War der Vater unzufrieden? Nein. Hatte Marx ſich ſchlecht aufgeführt? Un⸗ möglich. Vergebens war es, daß Madame Hübert ihren Sohn nach der Urſache dieſer plötzlichen Rückkehr fragte; ſie konnte aus ihm nichts Anderes heraus⸗ bringen, als daß er ſich leidend fühle, daß es ihm unmöglich ſei, fern von ihr und ſoiner Schweſter zu leben, und daß er gern noch ein Mal ſo viel arbeite, wenn er nur um ſie ſein könne. Wer ihn aber genau „beobachtete, mußte jetzt an ihm eine ſeltſame Traurig⸗ „keit wahrnehmen, die ihm ſonſt ſtets fremd geblieben war fröh erha Hau Mor ſeher dann . mich ihm 1 wort nur, verle konn eine iſt c ſchw 6 ner in d zu ſe anzu Sche ihre hera eine Kun dere nzes ren⸗ iste mäß den eute tand zehn ehn⸗ inen acht⸗ als Soh⸗ nken eder ſein den? Un⸗ hren kehr aus⸗ ihm r zu eite, mau trig⸗ eben 99 war; denn in früheren Jahren hatte er durch ſein fröhliches Weſen den Muth der Seinigen aufrecht erhalten, gleichwie er durch ſeine Arbeit Brod in's Haus geſchafft hatte. Oft konnte Madame Hübert Morgens, wenn er aus ſeinem Zimmer herauskam, ſehen, wie er rothe Augen hatte. Offenbar hatte dann Max in der Nacht geweint. „Drückt Dich ein Kummer, lieber Max, ſo laß mich ihn wiſſen,“ pflegte ſeine beſorgte Mutter zu ihm zu ſagen. „Ich habe nichts, ich habe lediglich nichts,“ ant⸗ wortete er dann und küßte ſie.„Verzeihen Sie mir nur,“ ſetzte er zuweilen hinzu,„daß ich eine Stelle verlaſſen, wodurch ich euch alle vor Noth ſchützen konnte, und daß ich euch ſo aus freien Stücken in eine Lage verſetzt, die noch peinlicher und ſchwieriger iſt als die frühere; indeſſen verſichere ich Sie und ſchwöre Ihnen, daß mir kein anderer Ausweg blieb.“ Weitere Erklärungen gab er nie, wenigſtens ſei⸗ ner Mutter nicht; denn daß ſeine Schweſter Katharine in dieſem Stücke glücklicher geweſen und daß er ſie zu ſeiner Vertrauten gemacht, haben wir allen Grund anzunehmen; ohne Zweifel aber hatte er dieſer auf's Schärfſte anempfohlen, reinen Mund zu halten, da ihre Mutter trotz aller Bitten auch aus ihr nie etwas herauszubringen vermochte. Es gibt gewiſſe Schmerzen, welche Herzen von einem gewiſſen Alter zu Vertrauten brauchen. Indeſſen konnte ja auch Madame Hübert dem Kummer, den ihr Sohn vor ihr geheim hielt, in an⸗ derer Weiſe auf den Grund zu kommen ſuchen. Eine 100 Mutter wie ſie konnte ſich unmöglich von bloßer Neugier leiten laſſen. Da nun Max, wenn er Abends heimkam, ſich in ſeinem Zimmer einzuſchließen pflegte; da bisweilen, ja ſogar oft ſeine Lampe brannte, bis es wieder Tag geworden war; da ſeine Mutter, wenn ſie auf den Zehenſpitzen an ſeine Thüre hinging und das Ohr daran heftete, ihn ſchreiben hörte und gleichwohl, nach dem jedesmaligen Weggehen ihres Sohnes, in deſſen Zimmer nichts Geſchriebenes fand, ſo lag es am Tage, daß Max entweder einen myſteriöſen Brief⸗ wechſel unterhielt, oder aber, daß er das Geſchrie⸗ bene ſorgfältig verbarg und Nachforſchungen fürchtete, die Madame Hübert übrigens kein Recht zu haben glaubte weiter zu treiben. Nur ein paar Mal hörte Madame Hübert, in⸗ dem ſie an der Thüre ihres Sohnes mit jener Aengſt⸗ lichkeit horchte, die ſie wegen ſo vieler Nachtwachen für ſeine Geſundheit zittern ließ— nur ein paar Mal, ſagen wir, hörte Madame Hübert ihren Sohn laut ſprechen, oder vielmehr ſich ſelbſt vorleſen, was er geſchrieben: ſie hörte in dem, was ihr Sohn las, keine Proſa, ſondern Verſe. Sie hörte ſogar ganz deutlich einige, die, da ſie mit vielem Gefühl geleſen wurden, ihren Augen Thränen entlockten. Hieraus darf der Leſer keineswegs ſchließen, daß Madame Hübert eine literariſch gebildete Frau geweſen ſei. Nein, ſie beſaß, um die Schönheiten der Literatur und der Poeſie zu würdigen, nur die inſtinctmäßige Intelligenz des Frauengeſchlechts,— eine Intelligenz, die, durch langen Kummer bei ihr noch mehr ge⸗ ſchärft und verfeinert, nicht ſo ſehr nach Vernunft⸗ loßer ch in n, ja Tag den Ohr vohl, , in g es Brief⸗ hrie⸗ htete, aben „in⸗ engſt⸗ achen paar Sohn was las, ganz leſen raus dame ſei. ratur äßige genz, ge⸗ unft⸗ 101 ſchlüſſen als nach Eindrücken urtheilte. Hätten die Verſe, die ſie zu hören bekam, auch dreizehn oder vierzehn Füße gehabt, ſo hätte ſie es doch nicht bemerkt; was ihr aber nicht fehlte, war das Gefühl für alles Wahre. Ein Frauenname kam in dieſen Verſen oft vor. Nun hatten alle Zweifel der Mutter ein Ende. Es war aus ihrem Sohne während ſeiner Abweſenheit ein Dichter geworden, und dieſer myſteriöſe Kummer war es, der ihn nach Paris zurückgeführt, und wofür er nie einen Grund angegeben hatte; vielleicht war es die Liebe, welche dieſe poetiſche Ader bei ihm an⸗ geſchlagen, und wahrſcheinlich ſollte auch allmählig dieſe Liebe in ſolcher Weiſe wieder verrauchen. Madame Hübert achtete das zweifache Geheimniß ihres Sohnes; nur ſagte ſie zuweilen, wenn ſie ihn ungewöhnlich bleich ſah: „Studire nicht zu viel, mühe Dich nicht unnütz ab.“ „Seien Sie ohne Sorge, liebe Mutter,“ gab er dann zurück und ging auf ſeine Kanzlei. Seit ſeiner Rückkehr hatte Maxr auf demſelben Miniſterium, wo auch Theodor angeſtellt war, eine Stelle bekommen, welche ihm und der ganzen Familie den nöthigen Unterhalt verſchaffte. Briefporti waren ſeine einzige Ausgabe. Zu⸗ weilen bekam er ziemlich dicke Pakete. An ſolchen Tagen ſtrahlte ſein Geſicht vor Freude, und zwar bis er zu Bette ging; indeſſen las er Katharinen allein einzelne Stellen aus dieſen Briefen vor. Eines Morgens endlich erſchien er mit freude⸗ ſtrahlender Stirn beim Frühſtück, und ſo ſichtbar war ſein Wonnegefühl, daß ſeine Mutter ihn darüber zur Rede ſtellen zu können glaubte, ohne ſich einer Indiscretion ſchuldig zu machen. „Du ſcheinſt mir heute Morgen recht froh zu ſein,“ ſprach ſie;„ſag' mir doch, was Dir ſo Glück⸗ liches begegnet? Erzähl' es uns doch. Darf man doch ſeinen Freunden gute Nachrichten nicht vorent⸗ halten.“ „Ja, Mutter, ich bin unendlich glücklich. Ich habe einen Brief bekommen, der mich mit Freude er⸗ füllt.“ „Was ſteht darin? Sag' an.“ „Es ſteht darin, liebe Mutter, daß ich wirklich zu etwas nütze bin, ſowie daß ich bis jetzt keiner Un⸗ möglichkeit nachgejagt habe. Oh! nun kann es mir nicht mehr fehlen,“ fuhr er mit ſich ſelbſt ſprechend fort:„ich muß mir einen Namen machen, und viel⸗ leicht werden, wenn Alles von mir ſpricht, die, welche mich jetzt von oben herab anſehen, anfangen, mich anzuhören und etwas auf mich zu halten. Da ſehen Sie nur her, Mutter: ſehen Sie dieſe Unterſchrift?“ Und Madame Hübert las den Namen, der den Schluß dieſes Briefes bildete. Es gehörte derſelbe einem der erſten Dichter unſerer Zeit; und was den Brief ſelbſt betrifft, ſo hatte er wenigſtens zehn Seiten. „Wiſſen Sie auch, was er ſagt?“ hob Max wie⸗ der an. „Nein, wie ſollte ich es wiſſen?“ „Es ſteht in dem Briefe, daß das von mir über⸗ ſandte Gedicht ganz einfach ein Meiſterwerk ſei, und daß man es im Freundeskreiſe geleſen. Welche Freunde aber ein ſolches Genie haben muß, können einer hh zu Hlück⸗ man drent⸗ Ich ſe er⸗ rklich Un⸗ mir chend viel⸗ delche mich ſehen ift?“ den ſelbe den zehn wie⸗ über⸗ und eelche nnen Sie ſich leicht denken, Mutter! Man theilt mir die Glückwünſche, die ermunternden Worte und— was am Klarſten beweist, daß man mir wohl will— den guten Rath der berühmten Freunde mit. Hiemit nicht zufrieden, hat der edle Dichter noch einen Brief an einen Buchhändler beigeſchloſſen, der meine Arbeit verlegen ſoll. Ich brauche jetzt nur noch gekannt zu ſein, liebe Mutter; dann hat alle unſere Noth ein Ende.“ 3 „Aber es ſind ſeine Verſe auch ſo ſchön!“ ſprach Katharine mit der naiven Bewunderung einer Schweſter. „Du haſt alſo zu Katharinen mehr Zutrauen ge⸗ habt als zu mir,“ hob Madame Hübert mit jenem Tone des Vorwurfs wieder an, deſſen Geheimniß nur Mütter allein beſitzen und der im Vorwurfe ſchon die Verzeihung enthält. „Ich mochte bei Ihnen keine Hoffnungen erwe⸗ cken, auf die Sie ſpäter vielleicht hätten wieder ver⸗ zichten müſſen, während ich jetzt, Dank dieſem Briefe, ſo gut wie am Ziele bin.“ „Hoffe Du aber ſelbſt nicht zu viel, mein Sohn!“ Noch an demſelben Tage ging Max, als er ſeine Kanzlei verließ, zu dem Verleger, an den er ein Empfehlungsſchreiben hatte. Außer dieſem Empfeh⸗ lungsſchreiben übergab er dem Manne zugleich ein ſauber corrigirtes, lesbares, ſchön eingewickeltes Ma⸗ nuſcript. 1 „Gut, mein Herr,“ antwortete der Verleger, ohne die Rolle zu öffnen, welche Max ihm eingehändigt, zugleich aber mit der wichtigen Miene jener Leute, welche gewohnt ſind, die Gedanken Anderer zu kaufen und zu verkaufen.„Haben Sie die Güte, in acht Tagen wieder zu kommen, bis dahin will ich von Ihrer Arbeit Einſicht nehmen; dann kann ich Ihnen auch eine definitive Antwort geben.“ Während dieſer acht Tage lebte der arme Max kaum. Endlich erſchien der vom Buchhändler beſtimmte Termin. Max eilte zu dem Manne, dem er ſein Manu⸗ ſcript gegeben. „Nun, mein Herr, darf ich hoffen?“ Der Verleger aber unterbrach ihn mit den Worten: „Sie hatten mir nicht geſagt, daß es Verſe ſind! Leider, leider, mein lieber Herr, muß ich Ihnen ſagen, daß Verſe eine ſchwer verkäufliche Waare ſind. Kein Menſch liest, kein Menſch kauft ſie; es iſt ein Artikel, ſehen Sie, der eben ſchlechterdings nicht geht.“ „Sie können alſo meine Gedichte nicht verle⸗ gen?“ fragte Max erblaſſend und mit kaum hörbarer Stimme. „Nein, es ſei denn, daß Sie Druck und Papier bezahlen, wofür Sie immerhin etwa zwölfhundert Franken rechnen müſſen, wenn Sie ein Buch wollen, das halbwegs ordentlich ausſieht.“ Max ließ den Kopf traurig ſinken. Es kamen ihm Thränen in die Augen. Er ging nach ſeiner armſeligen Wohnung zurück, wo Mutter und Schweſter ſeine Rückkehr kaum er⸗ warten konnten. Auf dem Heimwege mußte er nothwendig eine der Brücken paſſiren. — Lät acht von hnen Max mmte anu⸗ rten: ſind! hnen ſind. t ein eht.“ verle⸗ barer apier ndert ollen, nrück, n er⸗ eine 10⁵ Wäre er drei Perſonen nicht ſo durchaus noth⸗ wendig geweſen, ſo hätte er ſich in's Waſſer geſtürzt. „Nun?“ fragten Madame Hübert und Katharine zu gleicher Zeit, als ſie ihn eintreten ſahen. „Ich hatte mich getäuſcht,“ gab er ihnen zur Antwort, indem er beide küßte und ſich zu einem Lächeln zwang.„Ich bleibe jetzt eben Schreiber.“ Neuntes Kapitel. Mit dieſem Tage begann für Max das Leben, in das wir unſere Leſer eingeweiht haben, und das ſich durch die drei Worte: Entſagung, Anſpruchsloſig⸗ keit, Zurückgezogenheit ausdrücken läßt. Zwar machte er immer noch Verſe, aber, wie Theodor geſagt hatte, nur für ſich ſelbſt, oder vielmehr, um mit einigen Männern von Auszeichnung, die ihn wegen ſeines Talents liebgewonnen hatten, einen poetiſchen Brief⸗ wechſel zu unterhalten, der ſein einziger Zeitvertreib und ſeit einem gewiſſen furchtbaren Erxeigniſſe, worauf wir ſogleich zu ſprechen kommen werden, ihm zum Bedürfniß geworden war. Es kommt ein Unglück nie allein, ſagt man, und es iſt dieß vollkommen wahr. Katharine war ſtets von ſchwacher Geſundheit, zartem Körperbau und leicht erregbarem Temperament geweſen. So lange ſie noch ein Kind geweſen, hatten der ſorgloſe Frohſinn ihres Alters, das materielle Wohlſein, das natürliche Leben dieſes Körperchen als wirklich kräftig und geſund erſcheinen laſſen; als aber das Elend an die Thüre klopfte, als dieſes — 106 junge Weſen mit Entbehrungen aller Art zu kämpfen hatte, als das Kind ſeine Mutter leiden und weinen ſah, als ſie Zeuge war, wie bei ihrem Vater die Leuchte der Vernunft, vom Unglück ausgeblaſen, er⸗ loſch, als ſie arbeiten wollte, um ihre Familie zu unterſtützen, und doch ihre völlige Unmacht einſehen mußte: da war tiefe Melancholie in ihre Seele ein⸗ gezogen, da aß ſie ſogar nicht mehr, um die drei übrigen Eſſenden nicht eines Theils des Brodes zu berauben, das ſie ſelbſt doch nicht verdient, da hatte das Fieber ſie erfaßt, um allmählig zum normalen Zuſtande zu werden. Ja, alles das war ſo gekom⸗ men. Und wenn nur nicht dieſes Fieber, indem es gewiſſe Organe überreizte, andere abgeſchwächt hätte! Denn ſchon gab es Augenblicke, wo das arme Mädchen fühlte, wie der Geiſt die gewohnten Dienſte bei ihr nicht mehr verrichten wollte. Dieſen Zuſtand ſuchte ſie ihrem Bruder zu ver⸗ heimlichen, da ſie wohl wußte, daß er ihn beunruhigen würde; gleichwohl hatte ſie ſich ein paar Mal nicht enthalten können, ihn in ihre Arme zu drücken und an ſeiner Bruſt zu weinen. „Sieh, lieber Bruder,“ ſprach ſie dann,„ich bin hier zu nichts nütze, und eſſe euch nur das Brod weg. Laß mich gehen.“ „Wohin willſt Du gehen, mein liebes Kind?“ „Irgendwohin. Ich möchte ſterben.“ „Biſt Du denn von Sinnen?“ Und Katharine hatte, als ihr Bruder dieſes Wort zum erſten Male ausſprach, ganz leiſe geantwortet: „Ich fürchte ſo.“ 4 frag mei lieb von zu an, brau liche zuw kom ken wär Wa dan Dich nom man npfen einen r die u, er⸗ ie zu ſehen ein⸗ drei es zu hatte nalen kkom⸗ m es ätte! dchen ihr ver⸗ higen nicht und bin Brod 2 Wort rtet: 107 Max war erſchrocken. Er hatte ſie nun ausge⸗ fragt und zur Antwort erhalten: 4 „Siehſt Du, es zucken ſeltſame Gedanken durch meine Seele. Du biſt gewiß überzeugt, daß ich Dich lieb habe; ſollteſt Du nun aber glauben, daß mich von Zeit zu Zeit eine Luſt ankommt, Dich um's Leben zu bringen?“ Mar ſchaute ſeine Schweſter mit einiger Unruhe. an, dachte aber alsbald, daß er wohl nur zu lachen brauchte, um aus einer ſo reinen Seele ſo lächer⸗ liche Gedanken auszutreiben. „Ei, ſag' an, Katharine, betrinkſt Du Dich denn zuweilen?“ ſprach er lachend. „Ach nein; indeſſen glaube ich, daß ich ſo weit kommen würde, wenn ich wüßte, daß dann das Den⸗ ken bei mir aufhörte, und... wenn Wein im Hauſe wäre,“ ſetzte ſie mit melancholiſchem Lächeln hinzu. „Was Du mir geſagt, wäre mithin die reine Wahrheit? Und wann haſt Du denn ſo ſchöne Ge⸗ danken?“ „Des Nachts, wenn ich ganz allein bin.“ „Du ſchläfſt alſo nicht?“ „Ohl faſt nie.“ „Dann mußt Du eben ſchlafen.“ „Schläfſt Du viel?“ „Oh, ſiehſt Du, ich bin ein Mann.“ „Ein ſchlechter Grund, das! Aber höre, ich muß Dich etwas fragen.“ „Nun, was denn?“ „Muß man, wenn man in einen Spital aufge⸗ nommen werden will, durchaus ſo krank ſein, daß man ſich nicht mehr rühren kann?“ 108 „Warum dieſe Frage?“ „Weil ich lieber jetzt gleich hinginge, wenn dort Perſonen aufgenommen werden könnten, die, obwohl wirklich krank, noch im Stande ſind zu gehen und noch leidlich geſund ausſehen.“ „Und glaubſt Du denn, daß ich Dich nur ſo in einen Spital gehen ließe?“ „Warum denn nicht? Iſt es denn entehrend?“ „Nein, wohl aber ſind die Spitäler das Erbtheil ſolcher, die gar keinen andern Ausweg mehr haben, nicht aber derer, welche noch einen Bruder haben, der für ſie arbeitet und ſie liebt. Verſcheuche doch alle ſolche Gedanken, und da Du Dich nun einmal krank glaubſt, ſo wollen wir nächſten Sonntag mit einander zu einem Arzte gehen. Was der dann ſagt, mußt Du thun.“ Auf der Kanzlei fragte Max ſeinen Vorgeſetzten, ob er nicht einen Arzt von Talent wüßte, den er für ſeine Schweſter conſultiren könnte. Theodor wies ihn an Herrn von Blarü. Am nächſtfolgenden Sonntag führte Max ſeine Schweſter zu dem uns wohlbekannten Arzte. Dieſer Sohn Aeskulaps aber that, als er die Kranke aus⸗ gefragt und dieſe ihm ihren Zuſtand geſchildert, fol⸗ genden gewichtigen Ausſpruch: „Es hat die Sache nichts, lediglich nichts zu be⸗ deuten; etwas Müdigkeit, ſonſt nichts, ſonſt gar nichts. Sie müſſen früh zu Bette gehen, ſich einige Zeit des Arbeitens, ſowie auch des Leſens enthalten, jeden Tag einen guten Spaziergang machen, zu ge⸗ regelten Stunden gutes gebratenes Fleiſch eſſen und Bordeaux trinken.“ wei an's Nac einf richt Ren Zeit jeder ihn der Bor tät und fähr trun delte ihn ſach ſie lich Moꝛt er i Lam dort dwohl noch ſo in nd?“ btheil aben, aben, doch inmal g mit dann ezten, en er ſeine Dieſer aus⸗ I, fol⸗ zu be⸗ ſt gar einige Halten, zu ge⸗ n und 109 Mit andern Worten: „Sie ſind krank, ſchwach, weil Sie arm ſind, weil Ihre Nahrung ſchlecht iſt, weil die Arbeit Sie an's Haus bannt, Sie ermüdet, Ihnen lange Nachtwachen auferlegt; wohlan, ich habe ein ganz einfaches Mittelchen parat, das Ihnen helfen kann: richten Sie es ſo ein, daß Sie zehntauſend Livres Renten haben.“ Hiefür gab Max Herrn von Blarü zehn Franken. Katharine lächelte traurig und begleitete eine Zeitlang ihren Bruder, weil dieſer es ſo haben wollte, jeden Tag bis an ſeine Kanzlei, und ebenſo holte ſie ihn dann jeden Abend dort ab. Damit war dann der vom Arzte vorgeſchriebene Spaziergang gemacht. Marx hatte auch für ſeine Schweſter einige Flaſchen Bordeaux kommen laſſen, der von der beſten Quali⸗ tät ſein ſollte, der Kranken aber weniger ſchmeckte und auf jeden Fall für ſie weit ſchädlicher und ge⸗ fährlicher war als das Waſſer, das ſie bisher ge⸗ trunken. Dieſer Wein koſtete dem Manne, der damit han⸗ delte, fünfzehn Sous per Flaſche, während er ſelbſt ihn für dreißig Sous verkaufte. Das iſt die Haupt⸗ ſache. Muß doch der Handel auch ein bischen gehen! Katharine ſtellte ſich, als befände ſie ſich beſſer: ſie ſchien heiter, arbeitete weniger, zog ſich gewöhn⸗ lich ſchon früh auf ihr Zimmer zurück und ſagte jeden Morgen, daß ſie die ganze Nacht geſchlafen. Eines Nachts nun brauchte Max ein Buch, das er in Katharinens Zimmer wußte. Er nahm ſeine Lampe und ging bis an die Thüre ſeiner Schweſter. 110. Dort horchte er, hörte aber auch nicht das leiſeſte Geräuſch. „Sie ſchläft,“ dachte er, und öffnete die Zimmer⸗ thüre ganz behutſam. Er ſah das Buch auf einem Tiſche liegen, nahm es und warf zugleich die Augen auf Katharinens Bett, um ſich zu verſichern, ob er dieſe nicht aufge⸗ weckt. Das Bett war leer. Katharine hatte ſich alſo noch nicht ſchlafen gelegt. Nun ging Max in das Speiſezimmer hinein, um ſeiner Schweſter über ihr ſo ſpätes Aufbleiben Vor⸗ ſtellungen zu machen. Auch hier fand er keine Seele; wohl aber ſtand die in ein kleines Vorzimmerchen führende Thüre, ſowie die auf die Treppe hinausgohende Thüre offen. Was ſollte das bedeuten? Es ging Max hinaus bis an die durchaus finſtere Treppe. Er rief: „Katharine! Katharine!“ Aber es antwortete ihm keine Seele. Nun ging er die paar Stufen hinauf, welche zu einer Art Dachkammer führten. Aber auch hier war keine Seele. Jetzt ging er die Treppe hinunter und fragte den Pförtner, ob er ſeine Schweſter nicht geſehen. „Eben habe ich,“ antwortete der Cerberus des Hauſes,„Jemand aufgemacht; ob es aber Fräu⸗ lein Katharine geweſen, vermag ich Ihnen nicht zu ſagen.“ Trem nach ſchie ihm, es h und 3 Als Scha 1 C 2 entſch betrif Schn ſchne 1 von dem 7 füllt ü ein k ihr lo doch, Du n war 1 11 2 eiſeſte imer⸗ nahm inens ufge⸗ lafen „ um Vor⸗ ſtand hüre, ffen. aſtere 111 Max ſtellte ſeine Lampe auf die erſte Stufe der Treppe und ging zum Hauſe hinaus. Er ſchaute nach rechts und ſchaute nach links. Die Straße ſchien ganz und gar verödet; gleichwohl däuchte es ihm, nachdem er alle ſeine Sehnerven angeſtrengt, es huſche ein weißer Schatten die Häuſer entlang und entferne ſich raſch. Nun enteilte er gleichfalls in dieſer Richtung. Als er etwa nur noch zwanzig Schritte von dem Schatten entfernt war, rief er abermals: „Katharine! Katharine!“ Das Weſen aber, dem er dieſe Worte zurief, entſchwebte jetzt nur noch geſchwinder. Was Max betrifft, ſo zweifelte er keinen Augenblick, daß er ſeine Schweſter vor ſich habe, und lief nun gleichfalls ſchneller. Und wirklich war es Katharine, die, barfuß und von einem weiten, weißen Gewande umſchloſſen, auf dem feuchten, eiskalten Pflaſter forthuſchte. „Was machſt du hier?“ fragte Max ſchreckener⸗ füllt ſeine Schweſter, als er dieſe endlich eingeholt. „Ich? Nichts,“ antwortete ſie. Und es ſtarrten ihre Augen ihn an, während ein krampfhaftes Zittern auf ihren Lippen zuckte und ihr langer Körper vor Kälte ſchauerte. „Wohin haſt Du gehen wollen? Sag mir es doch, ich bitte Dich: ſiehſt Du nicht, welchen Kummer Du mir machſt?“ „Ich wollte ein bischen freie Luft ſchöpfen, es war mir zu heiß.“ „Und bis wohin haſt Du denn ſo gehen wollen?“ „Bis an den Fluß.“ 112 Hier überlief es Max kalt, und ein eiſiger Schweiß bedeckte ſeinen ganzen Körper. Es fielen ihm gewiſſe Worte ſeiner Schweſter wieder ein,— die Worte: „Ich möchte ſterben!“ „Katharine,“ hob er wieder an,„Du biſt eine recht böſe Schweſter, da Du denen, die Dich lieben, wehe thuſt.“ „In wie fern?“ „Du willſt Dich um's Leben bringen.“ „Ich! Ich ſage Dir, nein.“ „Was ſoll denn aus uns werden, wenn ich Dich nicht mehr habe? Willſt Du mich denn auch unter den Boden bringen? Aber was wird dann aus dem Vater und aus der Mutter?“ „Du haſt Recht, lieber Max,“ gab Katharine zurück und ſenkte das Haupt. „Komm, wir wollen wieder umkehren, und laß Niemand wiſſen, was heute Nacht vorgekommen iſt.“ Katharine aber war nicht im Stande, auch nur einen Schritt zu machen. Von ihren eiſigen Füßen aus war die Kälte durch ihren ganzen Körper ge⸗ drungen. „Trag' mich!“ ſprach ſie wie ein Kind. Und Max nahm ſie in die Arme und trug ſie in ihr Bett zurück. Dann bedeckte er ſie gehörig und blieb, bis es Tag geworden war, neben ihr ſitzen.. Kaum lag ſie im Bette, ſo ſchlief ſie auch ſchon, und zwar war ihr Schlaf ſonderbarer Weiſe jetzt weit ruhiger als ſonſt. Als ſie am Morgen erwachte, ſchien ſie ſich des Vorgefallenen gar nicht mehr zu erinnern, im Uebrigen eiß iſſe te: eine den, Dich nter aus rine laß iſt.” nur ißen ge⸗ ſie örig ihr hon, weit des eigen wußte weder ihr Vater, noch ihre Mutter etwas von dem Ereigniſſe der Nacht, wobei wir freilich alsbald bemerken müſſen, daß der Vater, auch wenn man ihm den Vorfall erzählt hätte, doch nicht mehr ge⸗ wußt haben würde, da er ſchon ſeit langer Zeit nichts mehr verſtand. Mehrere Nächte hindurch überwachte Max ſeine Schweſter. Dieſe aber war ruhig geworden und hatte jetzt einen geſunden Schlaf. Sie hatte alſo einen augenblicklichen Fieberanfall gehabt, weiter nichts. Eines Abends indeſſen hatten ſich die vier uns wohlbekannten Perſonen eben zum Eſſen niedergeſetzt, als etwas paſſirte, was gar ſeltſam war. Madame Hübert bat ihre Tochter, daß ſie ihr ein Stückchen Brod ſchneiden möchte. „Ich muß Dich wohl darum bitten,“ ſprdch ſie lachend zu ihrer Tochter,„da ich kein Meſſer habe, Du aber zwei haſt.“ „Ich... zwei Meſſer!“ rief Katharine auf⸗ ſtehend und erblaſſend.„Warum habe ich denn zwei Meſſer?“ „Aus Verſehen. Du haſt Dir eben, als Du den Tiſch gedeckt, zwei Meſſer hingelegt, und mir keines.“ „Weg mit dieſen Meſſern,— weg damitt ich kann ſie nicht ſehen,“ fuhr Katharine fort und rückte zugleich vom Tiſche weg. „Nun ſo gib mir eines her!“ ſprach Madame Hübert. Max aber fing an, über den aufgeregten Zuſtand ſeiner Schweſter Unruhe zu empfinden. Dumas, Printems. 1. 114 „Du ſiehſt doch aber wohl, daß ich ſie nicht an⸗ rühren mag!“ hob Katharine wieder an und verdeckte ſich zugleich das Geſicht.„Du ſiehſt wohl, daß ich kein Verbrechen begehen mag!“ „Ein Verbrechen! Was ſprichſt Du denn da?“ erwiderte die Mutter, die von dem Allem gar nichts mehr verſtand, während der Vater zu eſſen fortfuhr, als ob gar nichts Außergewöhnliches in ſeiner Nähe geſchehen wäre. Max nahm die beiden Meſſer und gab ſie ſeiner Mutter. „Nun, Katharine, ſei ein liebes Mädchen und ſetz' dich wieder zu uns her,“ ſprach er zu ihr.„Es zankt Dich die Mutter nicht, daß Du Dir zwei Meſſer, ihr aber keines gegeben; ein ſolches Verſehen kann ja Jedem paſſiren. Komm' her, ſetz' Dich wieder und iß.“ Katharine überzeugte ſich, ob die beiden Meſſer noch neben ihrem Teller lägen, und nahm dann wieder an dem Tiſche Platz. Sie ſpeiste und war ſogar nach dem Eſſen ziem⸗ lich luſtig. Es verſtrichen volle drei Wochen, ohne daß etwas Neues vorgefallen wäre. Da däuchte es eines Nachts dem eben einge⸗ ſchlafenen Max, er höre einen lauten Schrei und raſche Tritte und zwar in der Wohnung, die er mit den Seinigen inne hatte. Er fuhr aus dem Schlafe auf. Sein erſter Gedanke war:„Meine Schweſter!“ Er eilte in Katharinens Zimmer. Hier gewahrte — an⸗ deckte 3 ich da?“ ichts fuhr, Nähe einer eſſer aann iem⸗ was nge⸗ und mit 1 hrte er ein Bett in Unordnung; gleich dem Zimmer aber war es leer. Da hörte er, wie er nicht länger zweifeln durfte, aus dem Schlafzimmer ſeiner Mutter ein Aechzen herüberdringen. Mav eilte in dieſes Schlafzimmer und gewahrte da ein Schauſpiel, das ihn mit Grauſen erfüllte. Auf ihrem Bette lag ſeine Mutter todt. Eine weite, klaffende Wunde ſpaltete ihre Bruſt. In Strömen floß das Blut und überfluthete den Fußboden. Es hatte Katharine ihre Mutter um's Leben ge⸗ bracht, und über das Bett geneigt, ſchaute das un⸗ glückſelige Mädchen die Gemordete voll Neugier an. Dabei hielt ſie das Meſſer, womit ſie das Verbrechen verübt, in der Hand. „Was haſt Du gethan, Unglückſelige!“ ſchrie Max. Katharine aber ſchlug eine laute Lache auf. Flugs rief Max um Hilfe und ſchickte nach Herrn von Blarü. Es kamen Leute aus der Nachbarſchaft herbeigeeilt und es ward ein Mord conſtatirt. Endlich erſchien auch der Polizeicommiſſär. In einer Zimmerecke zuſammengekauert, ſah Katharine ganz ruhig an, was um ſie her geſchah, und blickte drein, wie wenn alles das ſie nicht im Entfernteſten anginge. „Es hat die Elende ihre Mutter gemordet!“ riefen die Nachbars sleute. Und in ihrer Entrüſtung wollten einige von ihnen der Juſtiz der Menſchen vorgreifen; ſie ſchüttelten ſie am Arme, mit den 116 Worten:„Du Muttermörderin, auch Dir wird man das Leben nehmen?“ „Laſſet mich doch gehen, ihr thut mir wehe!“ antwortete Katharine ſanft. Und als der Polizeicommiſſär ſie von dieſen Armen und dieſen Drohungen wieder frei gemacht, kauerte ſich die Muttermörderin wieder in ihren Winkel zuſammen. „Geſtehen Sie, daß Sie Ihre Mutter gemordet?“ fragte der Magiſtrat die Verbrecherin. „Ich?... Sie meinen mich?“ antwortete ſie erſtaunt. „Die Frau, die auf dieſem Bett liegt, iſt doch Ihre Mutter?“ Ja.“ „Ja. „Haben Sie ihr dieſe Wunde beigebracht?“ „Ja.“ „Warum?“ „Das kann ich nicht ſagen.“ „Sie müſſen mit mir gehen.“ „Wohin?“ „In's Gefängniß.“ In dieſem Augenblick trat der Arzt ein. Man zeigte ihm Madame Hübert. „Sie iſt todt,“ ſprach der Mann der Kunſt. Und die Anweſenden ſchauerten unwillkührlich zuſammen; denn bisher hatte man immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben. „Die Wunde iſt tief,“ hob der Arzt wieder an, „und zeugt von einer ſicheren, feſten Hand. Wer hat dieſe Frau umgebracht?“ „Ihre Tochter.“ bre nan he!“ eſen icht, nkel et?“ ſie doch lich nicht an, Wer „Wo iſt dieſe?“ Man zeigte ihm Katharine. „Dieſes junge Mädchen hat ihre Mutter umge⸗ bracht?“ ſprach der Arzt, die Schuldige muſternd. „Ja,“ antworteten die Zeugen wuthentbrannt. „Sie iſt unſchuldig,“ antwortete der Arzt. „Wie!l unſchuldig?“ 3 „Ja. Es iſt dieſes Mädchen wahnſinnig.“ Zu gleicher Zeit ließ er Katharinens Hand, die er bis daher gefangen gehalten, entſinken, worauf die Muttermörderin wieder ruhig und gleichgültig in den Winkel zurückfiel, worin ſie ſeit der Verübung des Verbrechens ſich zuſammengekauert hatte. Was Max betrifft, ſo hatte er nicht erſt auf den Ausſpruch des Arztes gewartet, um ſeiner armen Schweſter zu verzeihen. Er wußte ſchon, was er von der Sache zu halten hatte, da ihm die erſten Symptome von Katharinens Wahnſinn noch wohl erinnerlich ſein mußten. 3 Während er daher für ſeine Mutter betete, weinte er zugleich auch über ſeine Schweſter. „Herr Doctor,“ ſprach er zum Arzt,„laſſen Sie es nicht geſchehen, daß ihr ein Leid zugefügt wird.“ Nun ſetzte der Polizeicommiſſär ſein Protokoll auf. Und dann blieb Max allein bei dem Leichnam ſeiner Mutter. Es war Katharine proviſoriſch in Haft genommen worden. Was den alten Vater Hübert betrifft, ſo. ſchlief er. 118 Zehntes Kapitel. Herr von Blarü ließ Katharine in ein Irren⸗ haus bringen, worüber ihm die ärztliche Oberleitung zuſtand. Das arme Mädchen ließ ſich ohne allen Widerſtand wegführen, nachdem man ihr erlaubt, ihren Bruder noch einmal zu küſſen. Die Juſtiz hatte ihren Lauf; indeſſen ſprachen die Geſchworenen ein Nichtſchuldig aus. Es lag der Wahnſinn klar zu Tage, und es hatte das junge Mädchen, ohne zu wiſſen, was ſie that, ihre Mutter umgebracht. Dieſes klägliche Ereigniß war für Max ein weiterer Grund, ſich von der Welt möglichſt zu⸗ rückzuziehen. Er mochte keinen Menſchen mehr ſehen, nicht daß er geglaubt hätte, es falle die Schuld des von ſeiner Schweſter unfreiwillig verübten Mordes auf ihn zurück, oder er müſſe ſich in irgend einer Weiſe derſelben ſchämen; nicht daß er ein Miſanthrop geworden wäre oder von Seiten der Welt eine hinter dem Namen der Theilnahme ſich verſteckende peinliche Reugierde gefürchtet hätte: im Gegentheil, er floh die Welt nicht um ihret⸗, ſondern um ſeinetwillen. Er beſorgte, daß er den Menſchen, die er liebte, Unglück bringen möchte. Sein ganzes Leben be⸗ ſchränkte ſich daher auf drei Dinge: die Arbeit, die täglich ſeiner auf der Kanzlei harrte, den Beſuch, den er jeden Tag ſeiner Schweſter machte, und die Partie, die er allabendlich mit ſeinem Vater ſpielte. Er verzichtete ſogar auf das Verſemachen; ja er warf die letzten Reſte ſeiner poetiſchen Verſuche ins ren⸗ ung llen zubt, chen lag unge itter Max zu⸗ hen, des rdes iner hrop nter liche die bte, be⸗ die uch, die elte. er ins — Feuer und ſchrieb an ſeinen literariſchen Protector einen Brief, worin er ihm ſein Unglück meldete, und der mit den Worten ſchloß:„Sprechen Sie, ich bitte Sie inſtändigſt, nichts mehr von Poeſie: alle dieſe eitlen Dinge habe ich vernichtet.“ Im Uebrigen war dieſes Schreiben ein wahres Meiſterſtück; denn nichts konnte gefühlvoller, richtiger gedacht, einfacher ſein, während das Ganze von edler, chriſtlicher Ergebung durchdrungen war. „Ich allein habe noch,“ ſo ſagte er,„inmitten all dieſes Wahnſinns meinen geſunden Verſtand; ich weine nicht und fühle in mir die Kraft, das zu thun, was noch zu thun iſt. Schreiben Sie mir einen frommen Brief, ſagen Sie aber darin ja nichts von dem unglücklichen Ereigniſſe, das ich Ihnen hier mit⸗ getheilt habe. Ich will es wieder gut zu machen ſuchen, mag es aber nicht mehr fühlen. Wachen Sie, ich bitte Sie in Ihrem Intereſſe darum, über die Ihrigen; kommen Sie aber nicht zu mir, denn ich möchte Sie jetzt nicht ſehen. Ich fürchte die Rührung meiner Freunde, da dieſelbe mich um all meinen Muth bringen könnte.“ Mit jedem Tage beſſerte ſich Katharinens Zuſtand merklich. Allmählig kehrte bei dem armen Mädchen der Verſtand wieder, und zu gleicher Zeit tauchte in ihrem Geiſte auch wieder die Erinnerung an das furchtbare Unglück auf, deſſen Werkzeug ſie geweſen. Als die arme Seele von dieſer gräßlichen Geſchichte Kenntniß erlangte, wollte ſie ſchier vergehen. Hatte ſie doch über einen Monat ſich in einem Zuſtande befunden, den man faſt einen glücklichen nennen konnte; denn ſie hatte während deſſelben auch nicht 120 einen Augenblick gelitten, und niemals hatte das wirkliche Leben mit ſeinen bunten Hoffnungen und Wünſchen ſie auch nur halb ſo befriedigt wie der Zuſtand, in den ſie ſich jüngſt verſetzt geſehen; denn die Narrheit, die durch eine furchtbare Kriſe, durch einen gräßlichen Blutdurſt ſich kund gegeben, war allmählig in eine ſanfte, poetiſche Träumerei über⸗ gegangen und von Hallucinationen begleitet, wie nur das Opium oder die magnetiſche Ekſtaſe ſie hervor⸗ zurufen vermögen. In dieſem Zuſtande hatte Katharine Alles, was ihr peinlich ſein mußte, rein vergeſſen; dafür hatte ſie ihre Imagination den unerwartetſten, verfüh⸗ reriſchſten Einfällen, den goldenſten Bildern erſchloſſen. Neben der Dirigentin des Irrenhauſes ſitzend, neben derſelben arbeitend und nähend, wie wenn ſie ihren vollkommenen Verſtand beſeſſen hätte, ſah ſie ſich in ihr bis daher unbekannt gebliebene Welten entrückt und erzählte ſich laut ihre phantaſtiſchen Reiſen. Von den weißen Wänden des großen Irrenſaales, von dem ernſt und ſtreng ausſehenden Täfelwerk, von den vergitterten Fenſtern ſah ſie lediglich nichts; ſie wähnte ſich in einem jener Gärten von„Tauſend und eine Nacht“, wo das Grab in Smaragde, der Himmel in Saphire, die Sonne in pures Gold um⸗ gewandelt iſt; ſie hörte, nach dem Rythmus der Waſſer eines ein kryſtallhelles, durchſichtiges Baſſin krönenden Springbrunnens eine jener orientaliſchen Muſiken, welche die Macht haben, den Körper zu ätheriſiren und die Seele in einem Meer unausſprech⸗ licher Wonne zu wiegen. War dieſer Wahnſinn nicht beſſer als der frühere — —,= Zuſtand, in welchem das arme Mädchen nur ihre armſelige Wohnung, das Elend ihres Hauſes, die Krankheit ihres Vaters, die Gefahren der Zukunft hatte ſchauen dürfen? Kein Wunder alſo, wenn Max ſelbſt dann und wann ingeheim wünſchte, daß ſeine arme Schweſter nie mehr geheilt werden möchte. Uebrigens war er die einzige Perſon, deſſen An⸗ blick auf die Seele des armen Mädchens blitzartig erhellend wirkte: ſo oft er kam, ſchien auch bei Katharinen durch die Allmacht der Liebe das Erin⸗ nerungsvermögen wieder auf einen Augenblick zu erwachen. Es liebte das Mädchen ihren Bruder ſo ſehr, daß das Herz auf einen Augenblick den Geiſt bei ihr erſetzte; ſie erkannte ihn mit ihrer Seele, wenn ihre Augen ihn nicht zu erkennen vermochten; glücklicher Weiſe aber war dieſer Eindruck immer nur von kurzer Dauer, da er ein peinlicher war; denn beim Schein dieſes Wiedererkennens gewahrte ſie einen Theil der Wahrheit und wich dann voller Entſetzen davor zurück; ſchon nach wenigen Secun⸗ den aber pflegte ſie in ihrem Bruder nur noch einen verſchwiegeneren und lieberen Vertrauten zu erblicken, dem ſie von den wonnigen Ekſtaſen ſagen konnte, welche ſie in den fernen Ländern erfuhr, die ſie in ihrem Innern trug. Indeſſen hatte, wie bereits geſagt, Katharine allmählig wieder ihren Verſtand erlangt, Dank der ſorgſamen Pflege, wovon ſie ſich umgeben ſah, Dank der unbeugſamen Arzneiwiſſenſchaft, die da nur das Eine weiß, daß, da der Wahnſinn eine Krankheit, es ihre Aufgabe iſt, denſelben zu heilen. Die Wolken, die ihren Geiſt verdüſterten, zer⸗ 122 ſtreuten ſich und zerfloſſen wie jene bläulichen Nebel, welche die erſten Morgenſtunden des Frühlings be⸗ gleiten; zugleich aber nahmen ſie auch die chimäri⸗ ſchen Länder mit fort, welche die Kranke darauf ge⸗ baut; die ſüßen Gebilde ihres Wahnſinns ſchwanden in der Luft wie Dampfbildſäulen, und bald fand ſie wieder unter dieſer phantaſtiſchen Schicht die Wahr⸗ heit, die nackte Wahrheit. Es war, wir wiederholen es, dieſe erſte Rückkehr des Bewußtſeins ein Schmerz. Als ſie ſich erinnerte, oder vielmehr, als ſie erfuhr, daß ſie ihre Mutter umgebracht, erfaßte ſie Entſetzen ob dieſem Verbrechen, dem größten in den Augen der Natur, dem zweit⸗ größten in den Augen Gottes, dem der Selbſtmord ein noch größeres iſt, da dieſer das einzige Ver⸗ brechen, das der Menſch nicht bereuen kann; aber es iſt Gott auch gerecht, und gar bald konnte das arme Mädchen den ÜUnterſchied erkennen, der zwiſchen einem freiwilligen, bewußten Verbrechen und einem im hitzigen Fieber verübten iſt. Sie begriff, daß in der That keine Schuld ſie treffe, und beweinte die von ihr gemordete Mutter, wie ſie ſie beweint haben würde, wenn ſie eines natürlichen Todes geſtorben oder von einem Andern gemordet worden wäre. Sie trauerte, fühlte aber keine Gewiſſensbiſſe. Max mußte ihr den ganzen Hergang der Sache 5 erzählen. Peinlich, aber auch zärtlich war ihre Rüh⸗ rung, als ihr Bruder den Schleier lüftete, der ihr die jüngſte Vergangenheit noch verdeckte; und endlich ſiegte die Religion, indem ſie ihr die frühere Seelen⸗ ruhe wieder ſchenkte. Sie bat um Erlaubniß, ihrer bel, be⸗ äri⸗ ge⸗ iden ſie ahr⸗ kehr erte, itter hen, veit⸗ nord Ver⸗ r es arme nem im der von aben rben bäre. bache Rüh⸗ ihr dlich elen⸗ ihrer Mutter Grab beſuchen zu dürfen. Dieſe Erlaubniß ward ihr, und von der Stunde an war ſie geheilt. Jetzt lag auch kein Grund mehr vor, ſie in dem Irrenhauſe noch länger zurückzubehalten. Herr von Blarü conſtatirte dieſe Heilung, die ihm in den Augen der Welt die größte Ehre machte; Katharine aber wohnte nun wieder mit ihrem Bruder und ihrem Vater zuſammen. Es war für den Spital ein wahrer Trauertag, als Katharine, die ſich dort beliebt zu machen ge⸗ wußt, wegging. Sie ſelbſt verſprach, da ſie ſich noch dunkel erinnerte, daß ſie dort unendlich glücklich ge⸗ weſen, von Zeit zu Zeit die Dirigentin und deren Tochter wieder zu beſuchen, von welchen ſie ſo viel Liebes und Gutes erfahren hatte. Damals ahnte ſie nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ſie wieder gezwungen in den Spital zurückkehren würde. In der That, es hatte Katharine wohl ihren Verſtand, nicht aber ihre Geſundheit wieder erlangt, ſo daß jede ſtärkere Gemüthsbewegung ihren immer noch auf ſchwachen Füßen ſtehenden Verſtand mehr oder minder erſchütterte. Eines Abends hatte der alte Hübert eine Art Schlaganfall gehabt. Es hatte da der alte Mann, der ſonſt nie einen Laut artiku⸗ lirte, einen ganz deutlichen Schrei ausgeſtoßen: er hatte Max und Katharine zu Hülfe gerufen. Hat das Leben ſchon ſeit langer Zeit ſich in die innerſten Tiefen eines abgelebten, trägen, halbtodten menſchlichen Körpers zurückgezogen, wo es ſich einzig und allein noch durch den rein thieriſchen Inſtinct kund gibt, und drückt es ſich dann mit einem Male in verſtändiger und verſtändlicher Weiſe aus, ſo 124 liegt die Beſorgniß gar ſehr nahe, daß es den Tod verkündige. In ſolchen Augenblicken elektriſirt die Seele, um von der Materie ſich loszuringen, die ſie durch ihre Laſt erdrückt, den Geiſt momentan vermittelſt eines letzten Funkens und geſtattet ſo eine ephemere Lebens⸗ äußerung dem Weſen, das ſie endlich zu verlaſſen ſucht. Als Katharine dieſen Schrei ihres Vaters hörte, ſchrack ſie zuſammen und ſank ohnmächtig hin. Es kam der Arzt, und dieſem gelang es, den Greis für dieſes Mal noch zu retten, wenn man die Wiederherſtellung eines ſo durch und durch automa⸗ tiſchen Zuſtandes, wie der ſeinige ſchon ſeit ſo langer Zeit war, Rettung nennen darf. Es kam Katharine wieder zu ſich; da ſie aber die ganze Nacht wachte, ſo fühlte ſie am Morgen in ihrem Kopfe wieder jenes wilde Durcheinanderwogen, das ihrer Mutter das Leben gekoſtet hatte. In aller Frühe trat ſie, zum Ausgehen ange⸗ kleidet, in ihres Bruders Zimmer. .„Wo willſt Du denn ſchon ſo frühe hingehen?“ fragte Max.„Und was ſoll das Päckchen da unter Deinem Arme?“ „Gib mir das Verſprechen, daß Du keine un⸗ nöthige Unruhe empfinden willſt,“ antwortete Ka⸗ tharine. „Nun, was ſoll das Alles, in des Himmels Namen!“ „Siehſt Du, lieber Bruder, ich gehe wieder in den Spital.“ „Um die Damen dort zu beſuchen?“ Tod um ihre ines ens⸗ ſſen örte, den die ma⸗ nger aber n in gen, nge⸗ 125 „Nein.“ „Ja, aber was willſt Du denn dort thun?“ „Ich will wieder auf einige Tage hingehen.“ „Was iſt Dir denn?“ „Ich werde wieder ein bischen wahnſinnig,“ gab Katharine mit einer Stimme zurück, deren Sanft⸗ heit ſich unmöglich beſchreiben läßt;„und ſiehſt Du,“ ſetzte ſie hinzu und lachte dabei ſo, daß ihrem Bru⸗ der die Thränen in den Augen ſtanden,—„und ſiehſt Du, dieß Mal könnte ich nur Dich umbringen, Dich, der Du mich ſo warm liebſt. Es darf dieß aber nicht geſchehen! Was ſagſt Du dazu?“ Max erfaßte ſeiner Schweſter Hand. „Du ſiehſt,“ fuhr Katharine fort,„meine Hand iſt brennend heiß. Ich habe Fieber. Küß mich und laß mich ſcheiden.“ „Hör' einmal, liebe Katharine, ich glaube, Deine Beſorgniß iſt eine eitle, bleib' da, es hat die Sache gewiß nichts auf ſich.“ „Ohl lieber Bruder, laß mich gewähren. Ich bleibe höchſtens acht Tage aus, und in dieſer Zeit werde ich, wie Du wohl weißt, nicht unglücklich ſein. Nur hoffe ich, daß ich dieß Mal meine Mutter ſehen darf, wie ich ſie oft in meinen Träumen ſehe. Stell' Dir nur vor, heute Nacht, Schlag zwölf Uhr, macht ſie meine Thüre auf und tritt an mein Bett heran. Allerdings habe ich ſie umgebracht; da aber der Wille bei mir nicht vorhanden war, ſo iſt ſie auch nicht um meinetwillen geſtorben.— Dieß hat ſie mir heute Nacht geſagt.“ Hier fuhr Katharine mit der Hand über die 7 126 Stirne hin. Sie fühlte, wie die Verſtandeskräfte bei ihr entflohen. „Leb' wohl,“ ſprach ſie plötzlich,„es iſt jetzt ge⸗ rade noch Zeit.“ „Ich will Dich begleiten, Katharine.“ „Nein, nein.“ Und das Mädchen hob an zu rennen, verfolgt von der Furcht, daß ihr nicht ſo viel Verſtand blei⸗ ben möchte, um den Spital noch rechtzeitig zu er⸗ reichen. Max eilte ihr nach und nahm ihren Arm, worauf Bruder und Schweſter gemeinſam fortpilgerten, ohne auch nur ein Wort mit einander zu ſprechen. Maxen indeſſen ſagte das Zittern des Armes, den er mit dem ſeinigen umſchloß, genugſam, wie die ſeltſame Krankheit ſtoßweiſe zurückkehrte: es däuchte ihm, er fühle die von ihr gemachten Anläufe. Als ſie im Spital anlangten, war Katharine total wahnſinnig. Nur dauerte dieß Mal der An⸗ fall nicht über acht Tage. Als dieſe Zeit um war, ging ſie ganz ruhig wieder zu den Ihrigen zurück; und ſo oft ſie ſeit dieſem Tage von dem intermitti⸗ renden, jetzt chroniſch gewordenen Irrſinn etwas ver⸗ ſpürte, ging ſie ganz allein in das Irrenhaus, ſo daß Max beim Nachhauſekommen nicht ſelten ein Billet vorfand, worin ſeine Schweſter ihm ſagte: „Sei meinetwegen ohne Sorgen, ich bin wieder einmal dem Irrſinn verfallen.“ Es hatte das arme Mädchen allmählig an dieſe Krankheit ſich dermaßen gewöhnt, daß ſie nur noch darüber lachte; auch ihr Bruder fand die Sache am Ende ganz natürlich, ja er lachte ſogar endlich ſelbſt dar Ver noc ſie wa auf Ver So tiſch von gin doc ode Rei ma ſern wu dor geſe wic mit viel darüber, da ſeine Schweſter unter dieſem periodiſchen Verſchwinden ihrer Verſtandeskräfte weder phyſiſch noch moraliſch litt. Nur mußte ein Menſch, vor dem ſie ſo über die Sache ſprachen und lachten, beide für wahnſinnig halten. So war Maxens Leben beſchaffen geweſen bis auf den Tag, wo wir ihn kennen lernen. Seit ziemlich langer Zeit hatte Katharine ihren Verſtand vollkommen und für immer wieder erlangt. So hoffte man wenigſtens. Dieſe Hoffnung erklärt denn auch Maxens poe⸗ tiſche Befangenheit, als er nach der Unterzeichnung von Theodors und Sophiens Chevertrag wieder heim ging; denn ſo oft der arme Burſche glücklich oder doch ruhig war, oder vielleicht auch nur ſich glücklich oder ruhig wähnte, verfiel er wieder der Verſuchung, Reime an einander zu reihen. Das war ſeine Narrheit. Ueberlaſſen wir ihn derſelben, da dadurch Nie⸗ mand beeinträchtigt wird, und kommen wir zu un⸗ ſern beiden Hauptperſonen zurück. Am Abend, an dem der Chevertrag unterzeichnet wurde, hatte Herr von Blarü, ehe er ſich bei Theo⸗ dor verabſchiedete, zu dieſem in recht feierlichem Tone geſagt: „Mein lieber Freund, ich habe mit Ihnen von wichtigen Dingen zu reden.“ „Mit mir?“ „Ja, mit Ihnen!“ Hatte Theodor wohl errathen, worüber der Arzt mit ihm ſprechen wollte? Wir wiſſen es nicht, ſo viel aber iſt gewiß, daß er zuſammenfuhr. 128 Offenbar fürchtete er immer etwas, ſogar in⸗ mitten ſeines Glücks, und wer die Gabe, dieſe Furcht bei ihm wieder wach zu rufen, in beſonders hohem Grade beſaß, das war... Herr von Blarü. „Meinethalben! Beſtimmen Sie nur gefälligſt die Zeit,“ antwortete er und verbarg dabei ſeine Befangenheit beſtmöglich. „Kann ich Sie morgen, in aller Frühe, noch ehe auf dem Rathhauſe und in der Kirche der Trauungs⸗ act ſtattfindet, ſprechen?“ „a.“ „Dann komme ich zu Ihnen.“ „Ich will auf Sie warten.“ Und Herr von Blarü entfernte ſich, nachdem er Theodor die Hand gedrückt, der den Reſt des Abends und ſogar die ganze Nacht nicht allein ſich mit Ge⸗ danken quälte, ſondern wirklich traurig und nieder⸗ geſchlagen war. Am andern Morgen, Schlag ſieben Uhr, klopfte der Arzt an Theodors Thüre. Elftes Kapitel. Die ganze Nacht hindurch hatte Theodor in einem höchſt aufgeregten Zuſtande ſich befunden. Kein Wunder alſo, wenn er bei Herrn von Blarü's Er⸗ ſcheinen bereits auf war und ziemlich ſchlecht ausſah. Wir müſſen ſogar hinzuſetzen, daß Theodor, wäre er nur ſeinen Ahnungen gefolgt, den Arzt gar nicht empfangen hätte. urcht dhem lligſt ſeine ehe ngs⸗ m er ends Ge⸗ eder⸗ opfte inem Kein Er⸗ sſah. wäre nicht Allein es war nun einmal nicht anders zu machen. 4 Man meldete ihm Herrn von Blarü. Er er⸗ künſtelte eine möglichſt ruhige Miene und ſtreckte dem ſo frühe eintretenden Beſucher beide Hände entgegen; nichts deſto weniger aber war er, wir wiederholen es, außergewöhnlich blaß. „Wie pünktlich Sie doch Wort halten!“ ſprach er, ein luſtiges Weſen heuchelnd, verließ aber keinen Augenblick die Augen des Arztes, die ihm buchſtäb⸗ lich in's Innerſte drangen. „Ohl die Pünktlichkeit macht die Hälfte unſeres Talentes aus, mein Lieber.“ „In der Medicin... ja, in der Freundſchaft aber iſt es anders: da iſt nicht ſo ſehr viel daran gelegen. Ein Freund macht keine ſo großen Anſprüche wie ein Kranker.“ „Nicht aber an einem Tage, wie der heutige iſt, — an einem Tage, wo jede Minute zählt und jede Stunde, die man Ihnen ſtiehlt, eine Freude iſt, um die man Sie ärmer macht.“ Gar gern hätte Theodor die Unterhaltung auf ſolcherlei Alltäglichkeiten beſchränkt; er hob alſo wieder an: „Was für Wetter haben wir heute?“ Bei dieſen unter ſolchen Umſtänden und bei einer ſo frühen Zuſammenkunft ſo durchaus unnützen Worten vermochte Herr von Blarü ſich eines Lächelns nicht zu erwehren, und vielleicht beſchlich ihn ein ge⸗ heimes Mitleiden; denn je länger er Theodor an⸗ ſchaute, um ſo mehr war er überzeugt, daß der Patient den Grund dieſes Beſuches ahnte uind deſſen Dumas, Printems. I. 130 Reſultat fürchtete. Im Uebrigen brauchte er nur zu ſehen, was für ein Geſicht— wie man ſich im ge⸗ meinen Leben auszudrücken pflegt— der Mann machte, der jetzt vor ihm ſtand, und der Fragen ſich zu erinnern, die Theodor an dem Tage, wo ſie mit einander gefrühſtückt, an ihn gerichtet hatte. Herr von Blarü gab daher Letzterem eine kleine Friſt, und dieß um ſo mehr, als er, welchen Weg er auch ein⸗ ſchlagen mochte, ſtets gewiß war, das Ziel zu er⸗ reichen, das er im Auge hatte, und antwortete endlich: „Das Wetter iſt wunderſchön.“ „Ah, um ſo beſſer! Was haben Sie geſtern Abend nach Ihrem Weggehen noch gethan?“ „Ich bin heimgegangen.“ „Auf der Stelle?“ g.“ „Sie haben ſich in unſerer kleinen Soirée nicht allzuſehr gelangweilt?“ „Von Langweile konnte da keine Rede ſein. Ah! Sie Kamerad, welche Ueberraſchung hatten Sie uns da nicht bereitet!“ „Eine Ueberraſchung ſagen Sie?“ „Ja, thun Sie nur, als wenn Sie recht erſtaunt wären! Sie wiſſen wohl, was ich meine. Sie hatten es auf eine Maſſenwirkung abgeſehen und wollten Zeuge ſein von dem Eindruck, den die Schön⸗ heit Ihrer Braut, der Fräulein Printems, auf uns alle machen würde. Darum hatten Sie alle Ihre Freunde zu ſich gebeten.“ „Ich verſichere Sie...“ „Oh, leugnen Sie nicht. Was Sie da gethan, iſt gr rzu ge⸗ ann ſich mit Herr und ein⸗ er⸗ tete tern iſt ſo ganz natürlich, daß ich es vollkommen be⸗ greife.“ „Sie haben alſo meine Braut hübſch gefunden?“ „Ahl ſie iſt ein charmantes Geſchöpf.“ „Sie ſind ein Mann von Geſchmack, und darum muß ich mich durch Ihre Worte geſchmeichelt fühlen.“ „Fräulein Sophie aber muß keine allzufeſte Ge⸗ ſundheit beſitzen.“ Bei dieſen Worten fühlte Theodor ſich freudig erregt. In der That, ſchon fing er an zu glauben, es wolle der Arzt mit ihm von ſeiner Braut ſprechen, und nicht er, Theodor, ſei es, der den Arzt zu die⸗ ſem Beſuche veranlaßt, wie er bis auf den letzten Augenblick geglaubt. „Ja,“ erwiederte er,„ſie ſieht allerdings etwas ſchwächlich aus; indeſſen iſt ſie, wie ihre Mutter mich verſichert, niemals krank geweſen. Sollten Sie für ſie fürchten, lieber Herr Doctor, ſo möchte ich Sie gebeten haben, mir es zu ſagen.“ „Ach nein, von ihr handelt es ſich jetzt nicht Jetzt fühlte Theodor ſich wieder mehr beengt. Der Arzt aber hob wieder an: „Ich kenne dieſe Organiſationen, denen die Na⸗ tur gerade die zum Leben nöthige Kraft verleiht, und die recht lange leben können, wenn ſie über das Programm ihrer ſpeciellen Natur nicht hinausgehen und täglich nur die Summe Exiſtenz verbrauchen, die ihnen für jeden Tag zugeſchieden iſt. Sobald ſie vom nächſten Tage etwas anticipiren, ſind ſie möglicher Weiſe verloren. Eine einzige heftige Ge⸗ müthsbewegung hat die Wirkung, daß ſie dahin wel⸗ ken; ein einziger Kummer drückt ſie zu Boden; eine 19 132 einzige Leidenſchaft bringt ſie um's Leben. So ſteht es mit den ſogenannten nervöſen Frauen. „Wollen ſie aber, wie Fräulein Sophie bis auf dieſen Tag gethan, ſchon früh zu Bette gehen, et⸗ was ſpät aufſtehen, keine andere Strapaze kennen als die hygieniſche der freien Luft, beim Eſſen eine gewiſſe Regelmäßigkeit einhalten, in allen ihren Ge⸗ wohnheiten einer möglichſt großen Harmonie nach⸗ ſtreben, den Geiſt nicht zu ſehr ermüden, von ihrem Herzen nicht allzu viel verlangen: ſo können ſie ein Alter von achtzig Jahren erreichen. „Bei ihnen iſt es in moraliſcher Beziehung ge⸗ rade ſo wie in phyſiſcher bei Leuten, die fünfzehn⸗ hundert Livres Renten haben. Letztere können in einem Jahre, in einem halben Jahre, in einer Woche, die dreißigtauſend Franken, welche ihr Ca⸗ pital bilden, verzehren, um dann entweder Hungers zu ſterben, oder ſich eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen; beſchränken ſie aber ihre Wünſche auf das Maaß ihrer geſellſchaftlichen Stellung und ſprechen ſie bei ſich ſelbſt: ‚So und ſo viel habe ich täglich zu verzehrent, und geben ſie nur einen Sou mehr aus, ſo werden ſie ſich möglicher Weiſe nicht allzu viel amüſiren, und ganz beſonders im Anfang nicht; indeſſen werden ſie ſich allmählig an ein ſolches Leben gewöhnen, am Ende wahre Genüſſe und— was auch etwas iſt— den Troſt darin finden, mit Gewißheit ſich ſagen zu können:„Es kann mir nie ganz ſchlecht gehen.“ „Sie ſind ja ein wahrer Philoſoph, mein lieber Herr von Blarü!“ „Sehen Sie, mein Lieber, unſer Geſchäft, unſere — 7 — 0 ₰ Kunſt, unſere Wiſſenſchaft, oder wie Sie je nach dem Verdienſte des Individuums, das unſerem Stande angehört, ſich ausdrücken wollen, erfordert ein gar großes Wiſſen, und oft möchte es auf den erſten Blick ſcheinen, daß wir uns den Kopf mit vielen un⸗ nützen Dingen vollpfropfen. Der Arzt, der von Phyſiologie nichts verſteht, dem das pſychologiſche Gefühl abgeht, und der mithin nicht im Stande iſt, bei der Heilung ſeines Kranken moraliſche Einflüſſe zu Hülfe zu rufen,— der Arzt, der Alles gethan zu haben glaubt, wenn er ein Glied abgeſchnitten oder das herkömmliche Heilmittel für eine Krankheit verordnet hat, gegen die er Hülfe ſchaffen ſoll: ein ſolcher Arzt, ſage ich, iſt ein dummer Menſch, ja ich gehe noch weiter und behaupte, daß er gefährlich iſt, daß man ſich vor ihm hüten muß. In der Natur hängt Alles zuſammen, Geiſt und Körper, Seele und Materie, und gar oft müſſen wir erſt das Vertrauen der Seele gewinnen, um dem Leib Erleichterung ver⸗ ſchaffen zu können.“ Bei dieſen letzten Worten, die er merklich betonte, hatte Herr von Blarü Theodor ſcharf angeblickt und es war nun Letzterem klar, daß der Doctor es auf ihn abgeſehen habe. Der letzte Zweifel ſchwand vollends, als er den Arzt fortfahren hörte, wie folgt: „So gibt es eine gewiſſe überaus gefährliche, überaus ſchreckliche, überaus ſchwere phyſiſche Krank⸗ heit, der eine moraliſche Urſache zu Grunde liegt: iſt dieſe Urſache gefunden, ſo iſt die Heilung der Krank⸗ heit nur noch ein Kinderſpiel. Sie müſſen das beſſer verſtehen denn ein Anderer, mein lieber Theodor, da bei Ihnen der moraliſche Zuſtand von ſo großem 134 Einfluſſe iſt; und noch gar wohl iſt mir erinnerlich, wie Sie jüngſt ſo aufgeregt, ſo fieberhaft bewegt waren: es war an jenem Morgen, wo wir mit ein⸗ ander frühſtückten, gerade an jenem Tage, wo Sie mir Ihre bevorſtehende Heirath zu wiſſen thaten. Haben Sie deßhalb nicht ſelbſt Fragen an mich ge⸗ gerichtet? Glaubten Sie ſich nicht krank?“ „Das iſt wahr; aber eben ſo wahr iſt auch, daß Sie mir ſagten, ich hätte nichts zu fürchten.“ „Eben weil ich um jene Zeit, trotzdem daß ich Sie ziemlich oft ſah und das lebhafteſte Intereſſe für Sie fühlte, den moraliſchen Einfluß nicht genug ſtudirt hatte, dem Ihre ganze Organiſation in ſo hohem Grade ausgeſetzt iſt. Jetzt aber, wo ich Sie beſſer kenne...“ „Jetzt aber, wo Sie mich beſſer kennen...?“ wiederholte Theodor und ſtand auf, als wollte er dem magiſchen Kreiſe entfliehen, in welchen der Blick des Arztes ihn bannte. „Ich hatte bis jetzt nie Gelegenheit gehabt, Ihnen meine beſondere Pflege angedeihen zu laſſen, heute aber, ich wiederhole es, wo Sie in ein neues Leben ein⸗ zutreten im Begriffe ſind, erachte ich es für meine Pflicht, Ihnen gewiſſe Rathſchläge nicht vorzuent⸗ halten.“ „Ich danke Ihnen, lieber Doctor, aber ich bin nicht krank.“ „Ich ſage nicht, daß Sie es ſeien, wohl aber können Sie es werden, und beſſer iſt es ſicherlich, wenn man einem Uebel vorbeugt, als wenn man es ſpäter bekämpfen muß. Es bleibt dieß auch für den Fall wahr, daß man es beſiegt. Hören Sie alſo!“ 82 2 QꝘ „Ich höre.“ Aus der Art und Weiſe, wie Theodor ſich wider⸗ ſetzte, war leicht zu erſehen, daß er zu einem Ent⸗ ſchluſſe gekommen war. „Sind Sie ſchon krank geweſen?“ fragte der Arzt. „So viel ich weiß, nie.“ „Selbſt als Kind nicht?“ „Selbſt als Kind nicht.“ „Sie ſind doch aber dann und wann unwohl ge⸗ weſen?“ „Nie.“ Herr von Blarü ſah, daß Theodor eben leugnen wollte. Dieß aber mochte er ſich nicht gefallen laſſen, und darum wandte er ein Mittel an, das ihn raſch zum Ziele führte. „Wie! Sie wären alſo nie leidend geweſen?“ „Nie.“ „Dann iſt's um ſo ſchlimmer!“ Der Schlag, den er hier geführt, hatte getroffen. „Sie ſagen, dann ſei es um ſo ſchlimmer?“ rief Theodor.„Warum ſprechen Sie alſo?“ „Weil die menſchliche Natur von Zeit zu Zeit, wenn der Körper periodiſch ſich umwandelt, einige jener kleinen Erſchütterungen braucht, die ihr neuen Schwung geben ſollen. Nur höchſt ſelten entgeht ein Menſch denſelben, und es wäre mir in Ihrem Intereſſe lieber, wenn an Ihnen wie an andern Men⸗ ſchenkindern dieſes Geſetz ſich erfüllt hätte.“ „Ich kann Ihnen aber nun einmal nicht anders ſagen, als daß ich niemals krank geweſen,“ verſetzte Theodor.„Sie dürfen mir glauben; denn ich kann keineswegs jene kleinen Fieberanfälle, welche durch 136 ein bischen Ruhe und ein bischen Tiſane ſich be⸗ ſeitigen laſſen, als Krankheiten betrachten. Jedem Menſchen paſſirt es, daß er dann und wann ein paar Tage das Bett hüten muß. Solchen Unpäß⸗ lichkeiten bin ich allerdings auch ſchon ausgeſetzt ge⸗ weſen, allein es ſind das keine ſogenannten Krank⸗ heiten.“ „Sonſt wollte ich nichts von Ihnen wiſſen, und da Sie mich verſtanden und dieſer Einzelheiten ſich erinnert haben, ſo können Sie ſich vielleicht auch noch anderer erinnern.“ „ Stellen Sie nur Ihre Fragen, mein lieber Doctor, da die Sache Sie intereſſirt.“ „Wie alt waren Sie beim Tode Ihrer Mutter?“ „Sie iſt, nachdem ſie mich geboren, im Kindbett geſtorben.“ „Ihr Vater?“ „Ich war bei ſeinem Tode zwanzig Jahre alt.“ „Waren Sie immer bei ihm?“ „Immer.“ „Wo?“ „Auf dem Lande.“ „Erfreute er ſich einer feſten Geſundheit?“ „Einer felſenfeſten.“ „Woran iſt er geſtorben?“ „Am Schlag.“ „einrfachte ſein Tod Ihnen großen Kummer?“ 4 „Einen ſehr großen?“ „Einen ſehr großen.“ „Es hat aber dieſer Kummer, ſo groß er immer geweſen ſein mag, ſich nicht in exceptioneller Weiſe 2 —/ —e er adh be⸗ dem ein äß⸗ ge⸗ ank⸗ und ſich nuch ber r 7 bett lt.“ r?“ 137 kund gegeben, es hat derſelbe keine nervöſe Kriſe nach ſich gezogen, ſondern iſt rein innerlich geweſen; eine große Erſchlaffung, eine große Müdigkeit, ſonſt nichts: nicht wahr?“ Ja.“ Haben Sie in Ihrem Leben noch andern Kum⸗ mer gehabt?“ „Nein.“ „Oder vielleicht haben Sie ſchon große Freude erlebt?“ „Noch nie.“ „Kurz, Sie erinnern ſich keiner unerwarteten moraliſchen Erſchütterungen, die auf längere oder kürzere Zeit Ihr Nervenſyſtem angegriffen und Symptome— wie ſoll ich nur gleich ſagen?— periodiſche Symptome zurückgelaſſen, welche alljähr⸗ lich oder allmonatlich, wenn auch minder heftig, ſich wieder einzuſtellen pflegen?“ „Nein, mein lieber Doctor.“ „Nadhte iſt der Schlaf bei Ihnen gut?“ 2 2 „In der Regel ſchlafe ich ſieben, zuweilen auch acht Stunden.“ „Keine Träume?“ „Keine.“ „Haben Sie beim Erwachen nie größere Müdig⸗ keit verſpürt als nach großen Strapazen, zum Bei⸗ ſpiel, nach einem angeſtrengten Laufe, nach langem Arbeiten?“ „Nie, nie.“ „Ich ſehe ſchon, ich hatte mich geirrt.“ 138 „Was glaubten Sie denn, Herr Doctor?“ „Ohl nichts, nichts.“ „Sagen Sie mir im Gegentheil Alles; denn da ich habe ein wahres Verhör beſtehen müſſen,“ fuhr Theodor lachend fort,„ſo ſollte ich doch wenigſtens wiſſen, warum man mich freigeſprochen.“ „Mein lieber Theodor, Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie liebe, ich kann Ihnen daher auch ſagen, daß ich bei Ihnen einige Anlage zu einer Krankheit zu erblicken glaubte, welche, wenn man dazu thut, nichts zu be⸗ deuten hat, aber leicht gefährlich wird, wenn man ſie vernachläſſigt. Sie haben dieſe Krankheit nicht. Um ſo beſſer für Sie. Sprechen wir alſo nicht wei⸗ ter davon.“ „Wie kommt es denn aber, daß ſie erſt heute von dieſer Krankheit ſprechen, da Sie mich doch ſchon ſeit ſo langer Zeit kennen?“ „Weil ich Sie erſt ſeit wenigen Tagen, vor Allem aber geſtern ungewöhnlich aufgeregt geſehen habe. Es iſt daran ohne Zweifel die Heirath Schuld, die Sie einzugehen im Begriffe ſind. „Sehen Sie, hätten Sie wirklich dieſe Krankheit gehabt, von der ich ſpreche, ſo hätte ſolche Aufre⸗ gung, ſobald ſie noch ein bischen weiter gegangen wäre, nicht allein Ihnen, ſondern auch Ihrer Frau ſchädlich werden können. Sie ſind da wie auf dem Armenſünderſtühlchen geſeſſen,“ ſetzte der Doctor lachend hinzu,„allein es war zu Ihrem Beſten; und nun ſtelle ich Ihnen einen Paß aus, der Ihnen ein ewiges Leben garantirt.“ Theodor ſchwieg. „Und nun leben Sie wohl, lieber Freund“, hob Ꝙ He un ten bli ha ein gen wi Herr von Blarü wieder an,„in der Kirche ſehen wir uns wieder.“ Zu gleicher Zeit ſchüttelte der Arzt ſeinem Clien⸗ ten beide Hände und ſchickte ſich an wegzugehen; da blieben ſeine Augen plötzlich auf Theodors Stirn haften, und faſt in demſelben Augenblicke berührte eine ſeiner Fingerſpitzen den Punkt, den er mit außer⸗ gewöhnlicher Aufmerkſamkeit anſchaute. „Was iſt das für eine weiße Linie, die Sie da haben?“ fragte er.. Theodor bebte zuſammen. „Es iſt eine Narbe,“ verſetzte er. „Welche Wunde! Wie in aller Welt ſind Sie dazu gekommen?“ Theodor wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Ahl ein Geheimniß?“ fragte Herr von Blarü. „Behalten Sie es für ſich, lieber Freund, behalten Sie es für ſich!“ „Mein lieber Doctor, ſetzen Sie ſich wieder auf einen Augenblick,“ antwortete Theodor bleicher denn je,„und da Sie es denn durchaus haben wollen, ſo will ich Ihnen Alles ſagen.“ ZBwölftes Kapitel. „Nun, mein lieber Theodor, theilen Sie mir rück⸗ haltslos Alles mit, was Sie drücken mag,“ hob Herr von Blarü wieder an, nachdem er ſich wieder geſetzt hatte. Es war ein wahrer Liebesdienſt, daß der Arzt den armen Mann alſo ermuthigt hatte; denn es hatte 140 die Aufregung des letzteren eine wirklich gefahr⸗ drohende Höhe erreicht. „Ich will Ihnen nur geſtehen, mein lieber Doctor, daß Dinge in mir vorgehen, die ich mir nicht zu er⸗ klären vermag und die mich zuweilen mit Entſetzen erfüllen. Stets iſt es mir vorgeſchwebt, daß ich an einer furchtbaren Krankheit leide; jedoch hatte ich nie ſo viel Muth, ſolches mir zu geſtehen. Sie haben es errathen, und darum kann ich nicht länger ſchwei⸗ gen. Suchen Sie mich zu beruhigen, mein lieber Doctor, ſuchen Sie mich zu heilen; denn ich habe Tage, an denen ich mich unendlich unglücklich fühle.“ Es ſtanden Theodor faſt Thränen in den Augen. „Sie wiſſen, mein lieber Theodor, daß Sie an mir einen Freund haben,“ gab der Arzt zurück. „Sagen Sie mir Alles. Sie werden hoffentlich nicht zweifeln, daß ich nur in Ihrem eigenen Intereſſe Sie ſo frage.“ Hier drückte Theodor dem Arzte die Hand. „Ich will Ihnen nun ſagen,“ fuhr Theodor fort, „woher die Krankheit rühren mag, wenn ſie wirklich vorhanden iſt.“ „So iſt's recht.“ „Beſſer denn irgend ein Menſch wiſſen Sie, daß Leute, die ſich gern krank glauben, ſolches weniger⸗ gern geſtehen, ja daß ſie ſolches nicht einmal denen, die ſie heilen können, gern ſagen. Es glaubt der Kranke eben immer, er könne die Wiſſenſchaft hin⸗ ter's Licht führen; und nachdem er die Wirkungen ſeiner Krankheit ſich allzu grell ausgemalt, gefällt er ſich wieder darin, daß er ſie für durchaus unwich⸗ tig hält. Je mehr er zu ſeinen normalen Lebens⸗ 842 gew ein, derh wür und ich i wäre wolle täuſe ren 7 7 Gede in ei doch, werd ich 3 Mein von bei d haber Haus ten C ihr g iſt ſie die N jene milde dem eine wand ahr⸗ tor, er⸗ tzen an nie ben wei⸗ eber habe le.“ gen. an rück. nicht reſſe fort, klich daß iiger nen, der hin⸗ igen fällt vich⸗ ens⸗ ⅜ 141 gewohnheiten zurückkehrt, um ſo leichter bildet er ſich ein, es werden dieſe Wirkungen ſich nicht mehr wie⸗ derholen. Er fürchtet den Mann, der zu ihm ſagen würde: ‚Sie haben ſich nicht geirrt, Sie haben dieſe und dieſe Krankheit. Noch vor einer Weile habe ich mich, ſo viel ich gekonnt, geſträubt. Nun aber wäre es von mir ebenſo unklug, Sie täuſchen zu wollen, als es natürlich war, daß ich mich ſelbſt zu täuſchen ſuchte. So vernehmen Sie denn den wah⸗ ren Sachverhalt!“ „Ich höre.“ „Ich war kaum fünf Jahre alt, und obgleich das Gedächtniß nur ſelten Erinnerungen bewahrt, welche in ein ſo zartes Alter hinaufreichen, ſo iſt es mir doch, als ob das Ereigniß, das ich Ihnen erzählen werde, erſt geſtern ſtattgefunden hätte. Es war, wie ich Ihnen bereits geſagt, meine Mutter geſtorben. Mein Vater bewohnte die Provinz, ich aber wurde von der Tante aufgezogen, die Sie geſtern Abend bei der Unterzeichnung meines Ehevertrags geſehen haben, und die, bereits Wittwe, meinem Vater das Haus führte. Stets hat ſie die trockenen und har⸗ ten Geſichtszüge gehabt, welche man noch jetzt an ihr gewahrt. Nie wird ſie älter ausſehen, und nie iſt ſie jünger geweſen. Nur allein die Frauen, denen die Natur Kinder verſagt, haben in ihrem Geſichte jene Trockenheit und Härte, welche durch nichts ge⸗ mildert wird als durch die Mutterfreuden. „Nur höchſt ſelten kommt es vor, daß nicht in dem Leben oder ſchon in der Kindheit eines Menſchen eine Tante, eine Couſine oder irgend eine alte Ver⸗ wandte ſpielt, welche der meinigen gleicht. Man 142 könnte glauben, es wolle Gott, um das Kind, dem er ſeine Mutter genommen, je bälder je lieber auf die vielen Enttäuſchungen des Lebens vorzubereiten, an die Wiege des Kleinen ein Weſen ſtellen, das ihm ſchon jetzt beweiſen ſolle, daß auf dieſer Welt nicht Alles Zärtlichkeit und Sympathie ſei. Zwar ſind dieß ziemlich müſſige Bemerkungen; aber doch glaube ich, daß Sie mit ihrer Hülfe ſich mein menſchen⸗ ſcheues Weſen, ſowie meinen Hang zur Traurigkeit leichter erklären können.“ „Erzählen Sie mir die Dinge ſo, wie ſie Ihnen in den Mund kommen. Es iſt nichts unerheblich.“ „Heute, mein lieber Doctor, wo ich am Ziele meiner Wünſche ſtehe, wo vor Gott und Menſchen eine Frau die meinige werden ſoll, die ich vielleicht nur zu ſehr liebe,— heute, wo ich auf eine lange, traurige Vergangenheit zurückblicke, heute muß ich unwillkührlich mir ſelbſt ſagen, daß ich jetzt zum erſten Mal in meinem Leben glücklich wäre, ſo wie daß der Himmel mir vielleicht dieſe Entſchädigung ſchuldet. Höchſt wahrſcheinlich aber wird mir dieſe nicht zu Theil werden. Es gibt auf dieſer Welt Weſen, die voraus verdammt ſind.“ „Nun, mein lieber Freund, Sie müſſen nicht verzweifeln.“ „Kurz,“ ſprach Theodor weiter, ſich mit der Hand über die Stirn fahrend, als wollte er das Uebermaß ſeiner Aufregung von dort vertreiben,„kurz, es liebte meine Tante mich ganz und gar nicht, und was mei⸗ nen Vater betrifft, ſo hatte er, wie ich glaube, keine Zeit, mich zu lieben. Er war faſt immer auf Reiſen ode war ſo an“ nie Ein Fra lieb bin, läßt cher! müſſ dern allm erbli dund die t Kind Zeit gewo ſchen ternk und dem haben man fühle vorge nem dem auf eiten, ihm nicht ſind laube ſchen⸗ igkeit hnen ich.“ Ziele nſchen lleicht lange, iß ich erſten uß der zuldet. cht zu —n, die nicht Hand dermaß liebte s mei⸗ , keine Reiſen 143 oder doch abweſend, und wenn er nicht zu Hauſe war, wurde ich noch ſtrenger behandelt. „Der geringſte Fehler trug mir Schläge ein, und ſo gewöhnte ich mich denn ſchon in früheſter Jugend an’s Weinen,— eine Schwäche, die mich ſeitdem nie mehr verlaſſen und zuweilen noch jetzt gewiſſen Eindrücken gegenüber ſo hülflos läßt wie das ſchwächſte Frauenzimmer; denn ich muß Ihnen auch ſagen, mein lieber Doctor, daß ich im Grunde ein rechter Egoiſt bin, und daß das Weh Anderer mich ziemlich kalt läßt. „Ich habe ſchon als ein kleines Kind ſo man⸗ cherlei und ſo ſchreiende Ungerechtigkeiten abwehren müſſen, daß mein Herz, anſtatt, wie bei andern Kin⸗ dern, ſich liebevollen Geſinnungen zu öffnen, ſich allmählig verengt und in Andern bloß noch Feinde erblickt hat. Nun aber ſind unſere erſten Empfin⸗ dungen auch die ſtärkſten, und darum laſſen ſie auch die tiefſten Spuren zurück. Die Furcht, die ich als Kind vor meiner Umgebung hatte, hat ſich mit der Zeit in Mißtrauen, Gleichgültigkeit, Selbſtſucht um⸗ gewandelt, und ſo habe ich bis auf dieſen Tag zwi⸗ ſchen einer großen, meiner Natur anklebenden Schüch⸗ ternheit und einem höchſt unglückſeligen Hange hin und her geſchwankt, der mich trieb, jedes Weſen, von dem ich früher oder ſpäter etwas zu befürchten zu haben glaubte, alsbald zu haſſen.„ „Nie habe ich Jemand ein Leid zugefügt, weil man mich in Ruhe gelaſſen; nichts deſto weniger fühle ich, wie bösartig ich bin, und zuweilen iſt es vorgekommen, daß ich recht ſchlechte Inſtincte in mei⸗ nem Innern entdeckte. Aber ich vergeſſe ſchon wie⸗ 144⁴ der, daß es ſich jetzt nicht von einer moraliſchen Beichte, ſondern von einer ärztlichen Conſultation handelt. „Um nun auf das zurückzukommen, was Sie zu erfahren wünſchen, muß ich ſagen, daß ich, als ein Kind von fünf Jahren, hinten in einem Garten ein Zimmerchen bewohnte, wo ich allein zu ſchlafen pflegte. „Unter mir ſchlief ein Diener. Jeden Abend um neun Uhr brachte man mich in dieſes Zimmer, worauf man mich auszog, mich in's Bett legte, und in bar⸗ ſcher Weiſe mein Gebet verrichten ließ. Dann löſchte man das Licht aus und ließ mich allein. „Bisweilen hatte ich entſetzlich Angſt, ich ſchlief nicht, ich weinte im Stillen, da ich, um nicht geſtraft zu werden, nicht zu ſchreien wagte. Der in den Bäumen rauſchende Wind, das Krachen der alten Möbeln, die Tritte des Dieners auf der Treppe, das nächtliche Hundegebell, das Rollen der auf der Land⸗ ſtraße dahinfahrenden Wagen, das Singen betrun⸗ kener Bauern in den Nächten vom Sonntag auf den Montag: alles dieß machte mein Herz entſetzlich klopfen und hatte weiter zur Folge, daß ich in wah⸗ ren Todesängſten den Kopf unter die Betttücher ſteckte; oder aber ſtand ich auf und ging barfuß an die Thüre hin, um dort zu horchen, oder um ſie zu öffnen, was mir jedoch nie gelang. „Während ich ſo ſchlaflos da lag, ſchuf ſich meine bereits überreizte Phantaſie noch imaginäre Geſpen⸗ ſter. Kettengeklirr, weiße Geiſter, Todte: nichts fehlte, und gelang es mir dann einzuſchlafen, ſo wachte ich, von Kopf bis zu den Füßen mit einem kalten Schweiße bedeckt, plötzlich wieder auf. chen tion e zu ein ein egte. um rauf bar⸗ ſchte chlief ſtraft den alten das Land⸗ trun⸗ f den etzlich wah⸗ kücher iß an ſie zu meine eſpen⸗ fehlte, te ich, weiße „Schüchtern hatte ich meinen Vater einige Mal gebeten, daß er mich in ſeiner Nähe ſchlafen laſſen möchte. Er aber hatte mir zur Antwort gegeben: „Man muß ſich an Alles gewöhnen. Du mußt ein Mann ſein.“ „Und ſo hatte man mich denn in meinem Pavil⸗ lon gelaſſen. „Es iſt mir immer geweſen, als wartete meine Tante auf meinen Tod. Sie iſt geizig, ſie liebt das Geld, ſie hat jene kleinlichen Laſter, wobei man ſtein⸗ alt werden kann; ſie ahnte, daß mein Vater vor ihr ſterben würde; und wäre ich vor dieſem geſtorben, ſo wäre ihr unſer ganzes kleines Vermögen zuge⸗ fallen. Natürlich ſtellte ich als ein Kind von fünf Jahren ſolche Betrachtungen noch nicht an, wohl aber habe ich das ſeitdem gethan. „Alles, was ich bisher geſagt, mußte vorangehen, damit Sie die Schwäche meiner Organiſation und meine ungeheure Erregbarkeit ſich aus den Grund⸗ urſachen erklären möchten.“ Indem Theodor alſo ſprach, hatte er allmählig wieder mehr Muth gefaßt. Es floſſen ſeine Worte leicht, er litt nicht, in einigen Stunden ſollte ſeine Copulation Statt finden, und ſo gab er denn all⸗ mählig der Hoffnung wieder Raum und fand Alles in Ordnung. Es iſt in des Menſchen Herz die Hoffnung das, was der Kork im Waſſer iſt. Gelingt es auch zu⸗ weilen, dieſen auf den Boden niederzutreiben, ſo kommt er doch immer wieder an die Oberfläche. Theodor fuhr alſo fort: „Eines Nachts ſchlief ich zufällig. Da däuchte 10 Dumas, Printems. I. 146 es mir in meinem Schlafe, daß man mich würge und daß ich dem Erſticken nahe ſei. Ich wachte auf und wollte ſchreien; kaum aber hatte ich den Mund geöffnet, ſo fühlte ich, wie die Gefahr des Erſtickens noch größer wurde. „Es war mein Zimmer durchaus dunkel und voller Rauch. Ich ſprang aus dem Bette heraus, um nach der Thüre hinzueilen, allein es gelang mir nicht dieſe zu erreichen; ich konnte nicht mehr athmen und fiel auf den Boden hin. „Nun däuchte es mir, daß alle Teufel der Hölle um mich her tanzten, und mir mit Schürhaken Schläge auf den Kopf verſetzten. Ich ſah, daß ich ſterben würde, ohne jedoch das Wie mir erklären zu können. „Indeſſen hörte ich unter mir ein unerklärliches Schnarchen; allmählig wurde auch der Boden, auf den ich hingefallen war, heiß. Um nicht den dicken Rauch, an dem ich ſchon einmal faſt erſtickt war, ſchlucken zu müſſen, wagte ich es gar nicht mehr den Mund zu öffnen, und da die Lebensinſtinkte nicht mehr nach außen kämpfend ſich bethätigen konnten, ſo bethätigten ſie ſich nach innen. „Ich ſchrie, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, innerlich, und litt Höllenqualen. Da ward mein Zim⸗ mer mit einem Mal hell erleuchtet, unter meiner Thüre züngelte Feuer, vom Winde getrieben, hin⸗ durch, und bald erreichte daſſelbe, nicht unähnlich einer rothen, brennenden Teufelszunge, mein Bett, an dem es hinaufleckte. „Ich ſah das Fenſter und fühlte gar wohl, daß ich mein Leben retten könne, wenn ich es aufmache; vürge te auf MNund ickens voller „ um nicht n und Hölle haken aß ich lären liches „auf dicken war, r den nicht unten, darf, Zim⸗ reiner hin⸗ onlich Bett, daß nache; 147 2 allein ich durfte ſolches unter ſo bewandten Umſtän⸗ den nicht verſuchen. Es ſchien das Leben bei mir an dem ganzen Körper ſich fortzuziehen, wie der Wind über Getreidefelder hingeht und die Aehren beugt: als es den Kopf erreichte, überkam mich ein Gefühl der Kälte, und ich verfiel einem Zuſtand völ⸗ liger Bewußtloſigkeit. „Der unter mir ſchlafende Diener hatte es beim Zubettegehen vergeſſen, das Licht auszulöſchen. So hatte das Feuer ſein Bett ergriffen. Als der Un⸗ glückliche erwachte, ſah er ſich von Flammen um⸗ geben, und da er ſich fürchtete, ſo war er, ohne auch nur um Hülfe zu rufen, geflohen. Mein Zim⸗ mer lag, wie Sie bereits wiſſen, über dem ſeinigen; allein in ſeiner Angſt und Beſtürzung dachte er nicht daran. „Endlich wurde das Feuer von den Nachbars⸗ leuten bemerkt. Man kam mir zu Hülfe und ſo ward ich gerettet; allein es hatte meine ganze Or⸗ ganiſation durch die große Angſt eine ſo gewaltige Erſchütterung erlitten, daß ich für's Erſte eine lange Krankheit durchmachte, und dann, als dieſe vorüber „war, mit einem fortwährenden Zittern behaftet blieb. „Nun konnte man mich nicht länger ſo weit von meinem Vater weg ſchlafen laſſen; auch hätte dieſer ſich wohl nicht mehr von mir trennen wollen, nach⸗ dem ich einmal in ſolcher Gefahr geſchwebt. „So durfte ich denn fortan das Hauptgebäude bewohnen; aber immer noch hatte ich vor Allem Angſt. „Von nun an genirte ich mich nicht mehr zu ſchreien. 148 9. „Faſt jede Nacht fuhr ich mit gellendem Geſchrei zu der Stunde, wo das Feuer mich geweckt, aus dem Schlafe auf. Man pflegte mich, und es verſchwan⸗ den dieſe heftigen Kriſen nach und nach; hier beginnt nun aber,“ fuhr Theodor unwillkürlich erblaſſend fort,„die myſteriöſe Krankheit. „Ich befand mich ſo wohl, als man ſich immer befinden kann. Ich ließ mir das Eſſen trefflich ſchmecken, ſchlief wie eine Ratze und war ſogar von meiner früheren Angſt großen Theils frei. „So war ich fünfzehn Jahre alt geworden und ſchon war mir die ganze Sache aus dem Sinn ge⸗ kommen, als ich eines Abends ein gar ſonderbares Erlebniß hatte. Ich hatte nämlich den größten Theil des Tages im Hauſe eines Nachbars und Bekannten zugebracht, der etwa eine halbe Stunde von unſerem Hauſe weg wohnen mochte. Auf meinem Heimwege mußte ich durch ein Wäldchen gehen, das ich aus⸗ und inwendig kannte. „Es war herrlicher Mondſchein, und ſo hell und durchſichtig waren die Horizonte, daß man glauben konnte, es ſtehe die Sonne noch in ihrem Zenith. „Es war im Sommer. Etwa gegen elf Uhr ver⸗. ließ ich meine Freunde. Sie erboten ſich mich zu begleiten, ich aber lehnte es unter Dankesbezeigun⸗ gen ab. „Die Hände in den Taſchen und trällernd ging ich ganz unbefangen über das ebene Feld hin. „Einen Büchſenſchuß weit vor mir ſah ich das dichte Wäldchen mit ſeinem ſauberen, kreidenfarbigen Wege liegen, der es mitten durchſchnitt und auch mein Weg war. „Fünf Minuten ſpäter war ich im Wäldchen. „Kaum aber war ich darin hundert Schritte weit fortgegangen, als ich ganz mechaniſch die Augen emporrichtete, vor mich hinſah und mit einem Mal ſtehen blieb. „Ich hatte unter den Bäumen deutlich gewaltige weiße Schatten erblickt, und denken Sie ſich, dieſe großen Schatten bewegten ſich raſch auf mich zu! „Sehen Sie, mein lieber Doctor, wenn ich nur an jenen verhängnißvollen Abend denke, bekomme ich Fieber und ſchwitze ich vor Angſt. Da, rühren Sie einmal meine Hände an!“ „Fahren Sie fort, mein lieber Theodor, fahren Sie fort.“ Und Theodor that, wie der Mann der Kunſt ihn gebeten: „Im buchſtäblichen Sinne des Worts,“ ſprach er weiter,„fühlte ich, wie die Haare mir zu Berge ſtanden; ich war wie angenagelt; eine Wolke von Blut ſchwebte an meinen Augen vorüber. Es war mir unmöglich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen; ebenſo unmöglich war es mir zu fliehen oder zu ſchreien, und doch kamen die Geſtalten mir immer näher. Mit einem Male ſchien es mir, daß eine ſchwere Keule auf mein Haupt niederfalle, und von dieſem Augenblicke bis zum nächſten Morgen, wo ich auf dem Wege ganz ruhig wieder aufwachte, war ich völlig bewußtlos geblieben. „Nur bemerkte ich Blut an meinem Hemde, und ebenſo ſchien es mir, daß ich ſolches im Geſichte haben müſſe. Ich eilte in mein väterliches Haus zurück. Dort glaubte man mich im Bette. Und 150 ohne meinem Vater oder einem andern Menſchen von meinem Erlebniſſe etwas zu ſagen, ſuchte ich mein Zimmer auf und beſchaute mich in einem Spiegel. An der Stelle, wo Sie die Narbe geſehen, zeigte meine Stirn eine Wunde; indeſſen litt ich, ich ſage es noch ein Mal, in keiner Weiſe; ja, noch nie in meinem Leben war ich ſo flink und luſtig ge⸗ weſen. Auf die Frage meines Vaters, wo denn die Stirnwunde herrühre, antwortete ich einfach, daß ich gefallen wäre.“ „Sie verſchwiegen ihm alſo auch jetzt noch den Vorfall, der Ihrem Sturze voranging und denſelben herbeiführte?“ „Ja,“ verſetzte Theodor erröthend und ohne in weitere Einzelheiten einzugehen. „Warum das?“ „Weil es gar nicht nöthig war, meinen Vater unruhig zu machen.“ „Und von der ganzen Sache?...“ „Von der ganzen Sache... Was weiter?“ „Iſt Ihnen nur dieſe Narbe geblieben?“ „Ol da ich nun einmal angefangen habe, ſo will ich Ihnen vollends Alles ſagen. „Seit jener Zeit,“ fuhr Theodor fort,„haben ſich, wie ich gewiß weiß, die gleichen Kriſen perio⸗ diſch wiederholt. Indeſſen kann ich Ihnen das Warum nicht ſagen, da ſie anſcheinend ohne allen Grund wieder eintraten. Sehen Sie, oft kamen ſie in Augenblicken, wo ich ſie am Wenigſten erwartete, bei glockenhellem Tage, während ich an meiner Ar⸗ beit ſaß, und in finſterer Nacht, während ich ſchlief. Nie habe ich auch nur den geringſten Schmerz dabei verſpürt; und obgleich ich oft an meinem Leibe und um mich her Beweiſe fand, daß ſie wieder dageweſen, ſo ließen ſie doch nie in meinem Geiſte Spuren zu⸗ rück: nur verfiel ich, da ſie in die Länge faſt perio⸗ diſch geworden waren, um die Zeit, wo ſie etwa eintreten mußten, immer in eine düſtere Unruhe, die bald in wahre Hypochondrie ausartete. „Es kam ein paar Mal vor, daß ich mich, nach⸗ dem ich völlig geſund und im Vollgenuſſe aller mei⸗ ner Fähigkeiten ausgegangen war, am andern Tage in meinem Bette fand, ohne daß ich mich hätte er⸗ innern können, wo ich den Reſt des verfloſſenen Tages zugebracht, wo ich geweſen, welche Perſonen ich geſehen, wie ich in mein Bett gekommen. Wohl fühlte ich, daß an dem verfloſſenen Tage in meinem Leben etwas Außerordentliches geſpielt haben müſſe; worin aber dieſes Etwas beſtanden, das vermochte ich ſchlechterdings nicht zu ſagen. Es war in meiner Exiſtenz eine Lücke von etlichen Stunden. Weiter wußte ich nichts; und ſogar auch hieran würde ich zeitweiſe gezweifelt haben, wenn ich nicht meiſtens, auf dem Bodenteppich meines Zimmers liegend, wie⸗ der zu mir gekommen wäre und meine Arme zer⸗ ſchunden und voll blauer Mähler oder mein Geſicht blutig gefunden hätte. Nothwendig hatten die Per⸗ ſonen, die mich umgaben, Zeugen meines Zuſtandes ſein müſſen, da ſie mir beigeſprungen waren; welcher Art aber dieſer Zuſtand war, davon vermochte ich mir keine Rechenſchaft zu geben. Nur das Bewußt⸗ ſein blieb mir davon, daß ich für meine Umgebung ein Gegenſtand des Abſcheus und des Ekels gewe⸗ ſen ſein müſſe; und Tage lang habe ich geweint und 152 mich dabei eingeſchloſſen, damit Niemand mich über⸗ raſchen möchte. „Ich wurde ganz menſchenſcheu und mochte keine Seele mehr ſehen. Es ſchien mir, daß alle Blicke, die mich nicht flöhen, mich belauerten und verhöhn⸗ ten. Dieſe fortwährende Befangenheit, die, ich wie⸗ derhole es, allmählig in Miſanthropie übergegangen war, ſteigerte die nervöſe Reizbarkeit, woraus die Krankheit entſprungen war, fortwährend, ſo daß die Anfälle immer häufiger kamen. „Ich habe niemals einen Arzt zu conſultiren ge⸗ wagt; wohl aber beobachtete ich mich ſelbſt in der Hoffnung, daß mir allein die Heilung gelingen würde; und als ich gehört hatte, daß die Krankheit, mit der ich behaftet zu ſein fürchtete, unheilbar ſei, ſo wollte ich nichts deſto weniger dem Zweifel noch Raum geben. „In den letzten Ferien ging ich auf's Land, in der Hoffnung, daß eine Luftveränderung mir gut bekommen würde. „Da wurde ich mit Fräulein Printems bekannt. „Von dem Augenblicke an, wo ich mit dem Mäd⸗ chen in Berührung kam, verſpürte ich, ohne zu wiſ⸗ ſen, wie mir geſchah, ein inneres Wohlſein, welches von der glücklichſten Vorbedeutung war. „Ich ſuchte ſie daher jeden Tag auf in ihrem Hauſe, auf der Promenade, bei dieſer oder jener Freundin, da ich der abergläubiſchen Hoffnung Raum gab, daß die Krankheit mir würde nichts mehr an⸗ haben können, wenn Herz und Geiſt bei mir ſo an⸗ genehm beſchäftigt wären. Und in der That— ſoll ich es Zufall oder ſoll ich es magnetiſchen Einfluß über⸗ keine licke, öhn⸗ wie⸗ ngen die die ge⸗ der rde; der ollte aum „in gut nt. däd⸗ wiſ⸗ ches rem ner um an⸗ an⸗ ſoll luß —ÿ4————— nennen?— verſtrichen volle zwei Monate ohne einen Anfall. „Alsbald ſetzte ſich bei mir der Gedanke feſt, daß mein Heil lediglich von dem Beſitze dieſes Mädchens abhange. Ich konnte nicht mehr ohne ſie ſein, und aus dieſer Nothwendigkeit entſtand gar bald ein Ge⸗ fühl myſteriöſer Dankbarkeit, das mir den Gedanken, ferner ohne ſie leben zu müſſen, allmählig unerträg⸗ träglich gemacht hat. „Als ich nach Paris zurückgekehrt war und, fern von Sophien, meiner früheren Unruhe anheimfiel, da machte ich Ihnen einen Beſuch, da frühſtückte ich mit Ihnen und meldete Ihnen meine bevorſtehende Heirath, mit dem Bewußtſein, daß, wenn ich wirklich mit der gräßlichen Krankheit behaftet wäre, die mich ſo ſehr erſchreckte, Sie es wiſſen müßten, da Sie mich ſchon ſeit ſo langer Zeit kennen, ſowie daß Sie unter dieſem oder jenem Vorwande mein Vorhaben unpaſſend finden und mir davon abrathen würden. „Sie haben geſchwiegen, mithin hatte ich auch nichts zu fürchten. „Im Uebrigen ſtand mein Entſchluß feſt. Hätte ich dieſe Heirath wieder rückgängig machen müſſen, ſo hätte ich mich ſicherlich umgebracht; denn ich hätte das arme Ding eben ſo wenig an einen Gatten feſt⸗ ſchmieden mögen, der mit einer ſolchen Krankheit be⸗ haftet geweſen wäre, als ich mich hätte an den Gedanken gewöhnen können, daß ich nun und nim⸗ mermehr ihr Gatte werden dürfe. „Nun iſt Sophie hier, und ich kann wohl ſagen, daß ich in meinem ganzen Leben mich noch nie ſo glücklich gefühlt habe. Ohne allen Zweifel wäre bei 154 mir auch die letzte Erinnerung an die früheren glück Schrecken vollends geſchwunden, wenn Sie geſtern, mich wo Sie mich ſo heiter geſehen, nicht zu mir geſagt hätten: ‚Ich habe über wichtige Dinge mit Ihnen zu ſprechen.“ Alsbald habe ich geahnt, wo Sie hinaus wollten; ich habe eine ſchlechte Nacht gehabt und mein Möglichſtes gethan, um Sie irre zu führen; aber es entgeht Ihrer Kunſt nichts, und darum habe Rath ich rückhaltslos Ihnen Alles geſagt. Und nun, mein lieber Doctor, ſagen Sie mir, was ich noch zu laſſen thun habe.“ 3 „Was Sie zu thun haben, lieber Freund? Ei! erfaß es erübrigt nur noch, daß die Heirath Statt finde. Ich ſage Ihnen, alle Ihre Befürchtungen ſind pure dieſer Kindereien.“ uunver „Sie ſind deſſen gewiß?“. hafte „Vollkommen gewiß.“ haben „Ach, wie glücklich machen Sie mich nicht!“ fürcht „Nur noch einen kleinen Rath.“ „Sprechen Sie.“ „Sie ſind ein leicht erregbarer Menſch, und müſſen ſich darum vor allzuſtarken Gemüthsbewe⸗ an ei gungen hüten, da dieſe für Sie ſchädlich ſein könn⸗„ ten. Weiter habe ich Ihnen nichts zu ſagen, und nimn was ich jetzt ſage, habe ich ſchon einmal geſagt. Und an e nun, lieber Freund, ſeien Sie glücklich. Sollten, Sehe was ich nicht hoffe, Sie ſich in irgend einem Punkte an di getäuſcht ſehen, ſo ſeien Sie ſtark, da ja jedem Men⸗ in de ſchen ſolches widerfahren kann, und nehmen Sie die rückg Sache nicht wichtiger, als ſie es verdient.“. „Meinen ſchönſten Dank, lieber Doctor; ich bin von glücklich, und da ich mich glücklich weiß, ſo fühle ich mich auch ſtark.“ „Um wie viel Uhr findet die Trauung Statt?“ „Um zwölf Uhr.“ „Und es iſt?“ „Neun Uhr.“ „Um zwölf Uhr alſo werden Sie mich auf dem Rathhauſe und darauf in der Kirche ſehen.“ Herr von Blarü ſchickte ſich an, Theodor zu ver⸗ laſſen. Dieſer hielt ihn noch einen Augenblick zurück, erfaßte ſeine Hand und ſprach: „Lieber Doctor, daß Sie ſo gütig geweſen, an dieſem Morgen mich zu beſuchen, wird mir ewig unvergeßlich bleiben, da Sie mir dadurch einen nam⸗ haften Dienſt erwieſen haben. Nicht wahr, Sie haben mich nicht getäuſcht, und es waren meine Be⸗ fürchtungen durchaus unbegründet?“ „Ich verſichere es Ihnen nochmals.“ „Ich war bloß in der Einbildung krank?“ „Sie litten, wie wir uns auszudrücken pflegen, an einer Manie.“ „Ich höre das um ſo lieber, als ich nie und nimmermehr ein ſo unſchuldiges Weſen wie Sophie an eine ſo gräßliche Krankheit hätte ketten mögen. Sehen Sie, hätte ich die Gewißheit gehabt, daß ich an dieſer Krankheit wirklich leide, ſo hätte ich noch in dem letzten Augenblicke die ganze Sache wieder rückgängig gemacht.“ „So etwas hätten Sie gethan?“ fragte Herr von Blarü lebhaft. 156 1„Ja, das hätte ich gethan; glücklicher Weiſe aber..“ „Glücklicher Weiſe aber ſind Sie ſo geſund wie ich ſelbſt; ja, Sie haben Recht, Sie ſind ſo geſund wie der Fiſch im Waſſer. Nun aber muß ich gehen. Leben Sie wohl, oder vielmehr, um zwölf Uhr ſehen wir uns wieder.“ Hier ging der Arzt hinaus und ließ Theodor freudeſtrahlend im Zimmer zurück. Wie vom Winde getragen, flog Herr von Blarü die Treppe hinab und ließ ſich von ſeinem Kutſcher zu Madame Printems führen. In dem Augenblicke, wo er in der Wohnung der Letzteren erſchien, befand ſich dieſe im Zimmer ihrer Tochter, die einen Theil der Nacht über die große Veränderung nachgedacht hatte, die der nächſte Tag in ihrem Leben hervorbringen würde. Mutter und Tochter gaben eben einander die Hand darauf, daß ſie einander nie verlaſſen wollten. Gleichwohl weinte Sophie. „Warum weinſt Du denn, Kind?“ ſprach ihre Mutter;„wirſt Du doch glücklich ſein.“ „Das glaubſt Du, Mutter?“ „Ja, das glaube ich. Und zudem, werde ich nicht immer in Deiner Nähe ſein?“ Tief bewegt küßten ſich hier die Beiden. „Es liebt Dich Dein Gatte. Alle ſeine Gedan⸗ ken ſind nur auf Dich gerichtet. Er will und ſucht einzig und allein Dein Glück, und ſo wirſt Du denn, falls Du mich verlierſt, wenigſtens eine Stütze an ihm haben.“ 3 hereit ſeinen . II ihrer! ſchwu Weiſe bwie eſund ehen. ſehen Lodor Zlarü tſcher g der ihrer große Tag und daß ihre e ich dan⸗ ſucht denn, e an In dieſem Augenblicke trat das Kammermädchen herein. „Was iſt's?“ fragte Madame Printems. „Madame,“ antwortete die Zofe,„es iſt ein Herr da, der mit Ihnen zu ſprechen verlangt.“ „Wie heißt er?“ „Doctor von Blarü.“ „Ah! Mutter,“ fiel Sophie ein,„es iſt das, weißt Du, der junge Arzt, den Theodor uns geſtern vorgeſtellt hat.“ „Sag' ihm,“ befahl Madame Printems,„daß wir jetzt unmöglich ſeinen Beſuch annehmen können.“ „Er will mit Madame allein ſprechen und ſagt, er habe Dinge von höchſter Wichtigkeit mitzutheilen, — Dinge, die keinen Aufſchub leiden.“ Mutter und Tochter ſchauten einander an. „So laß ihn in den Salon treten,“ ſprach Ma⸗ dame Printems.„Ich ſteh' in einem Augenblick zu ſeinen Dienſten.“ „Was in aller Welt ſoll das?“ fuhr ſie, zu ihrer Tochter gewandt, fort, als die Zofe wieder ver⸗ ſchwunden war. „Ohne Zweifel iſt er im Auftrage Theodors da.“ „Ohne Zweifel.“ Und Madame Printems trat in den Salon, wo der Arzt bereits ihrer harrte. „Ich muß Sie,“ hob der Mann der Kunſt an, iu ſehr um Verzeihung bitten, daß ich Sie ſo früh ſchon ſtöre; allein es erlegt mir mein Gewiſſen dieſen Beſuch auf, da ich nicht allzu viel Zeit mehr habe, um ein großes Unglück abzuwenden.“ 158 „Ein großes Unglück! Sie erſchrecken mich, Herr Doctor. Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ „Sie lieben Ihre Tochter, Madame?“ „Das fragen Sie mich erſt?“ „Und Sie wollen Ihr Glück?“ „Ich flehe jeden Tag zu Gott darum.“ „Wohlan denn, Madame, Sie haben auch nicht eine Minute zu verlieren. Nehmen Sie die Poſt und fliehen Sie mit Ihrer Tochter.“ „Fliehen? Wohin?“ „Wohin Sie immer wollen, Madame, nur laſſen Sie nicht wiſſen, wo ſie iſt.“ „Sie wollen wohl ſcherzen?“ „Zum Scherzen iſt jetzt keine Zeit, Madame, und noch nie, noch nie in meinem Leben, bin ich ſo ernſt geweſen.“ „Sie müſſen alſo nicht wiſſen, mein Herr, daß meine Tochter in ein paar Stunden getraut wird?“ „Oh! ich weiß es ſehr wohl. Nur kann die Heirath nicht Statt finden: das ſage ich.“ „Was ſagen Sie da?“ „Die Wahrheit.“ „Und warum denn nicht?“ „Weil ich eben etwas in Erfahrung gebracht, was ich ſchon längſt geahnt, und wovon ich mich ſchon früher verſichert hätte, um es Ihnen bälder mitzutheilen, wenn ich Ihre Fräulein Tochter nicht erſt geſtern kennen gelernt hätte. Sie hat mir all' die Sym⸗ pathie eingeflößt, worauf Jugend, Schönheit, Arg⸗ loſigkeit, und wie die Eigenſchaften und Tugenden alle heißen mögen, Anſpruch haben, und darum darf ich es nicht geſchehen laſſen, daß ſie eine Verbin⸗ tems Ihre ſchre nicht Poſt aſſen und ernſt daß rd?“ die s ich üher eilen, ſtern Sym⸗ Arg⸗ nden darf rbin⸗ dung eingeht, welche ſie ewig unglücklich machen müßte. Herr Theodor kann nimmermehr ihr Gatte werden.“ „Aber die Gründe, Herr Doctor, aber um's Himmelswillen, die Gründe!“ „Haben Sie ſchon, Madame, von einer furcht⸗ baren, gräßlichen, ſcheußlichen Krankheit ſprechen hören, welche die damit Behafteten in die Convulſio⸗ nen der Wuth fallen läßt, welche erblich iſt, wie die Erbſünde, welche zur Tobſucht führt, welche in ge⸗ wiſſen Augenblicken aus dem Menſchen ein wildes Thier macht, das alle Welt voller Schrecken flieht, welche keine bekannte Urſache hat, welche keiner Hei⸗ lung fähig iſt, welche die Augen mit Blut füllt und den Mund mit Schaum, und welche endlich durch den Schrecken allein, den ſie Andern einflößt, ſich fort⸗ pflanzt?“ „Sie meinen die fallende Krankheit?“ „Ja, die meine ich.“ „Weiter, mein Herr!“ ſprach Madame Prin⸗ tems, blaß und zitternd. „Ich frage Sie nun, Madame: möchten Sie Ihre Tochter einem Manne geben, der mit dieſer ſchrecklichen Krankheit behaftet iſt?“ „Nie, nie!“ verſetzte Madame Printems, vor Schrecken bebend. „Machen Sie alſo, daß ſie von hier fortkommt; denn ich gebe Ihnen mein Wort als Arzt und ehr⸗ licher Mann, daß der Menſch, den ſie jetzt heirathen will, die fallende Krankheit hat.“ Hier ſtieß Madame Printems einen Schrei aus und lief nach dem Zimmer ihrer Tochter hin in dem 160 Augenblicke, wo Sophie, über das ungewöhnlich laute Sprechen im Salon erſchreckend, in ihrem weißen Gewande auf der Schwelle ſich zeigte. „Was iſt's?“ fragte ſie mit ihrer ſanften Stimme. „Mein Kind, oh, mein Kind!“ ſchrie die Mut⸗ ter und umſchloß ſie mit beiden Armen, als ob ſie fürchtete, daß Jemand ihr ihre Tochter entreißen möchte.„Gott im Himmel ſei Dank! Noch iſt es Zeit. Oh! nun ſollſt Du mich nicht mehr verlaſſen.“ „Was iſt's denn, Mutter?“ Sofort berichtete Madame Printems ihrer Toch⸗ ter in größter Aufregung, was ſie aus dem Munde des Herrn von Blarü erfahren. Bei dieſen Worten ihrer Mutter erblaßte Sophie ein wenig, allein zum großen Staunen der erſteren und des Arztes ſchien ſie ganz ruhig zu bleiben. Sie machte ſich aus den Armen los, die ſie gefangen hielten, trat auf Herrn von Blarü zu und fragte: „Iſt das Alles auch wahr? Und können Sie darauf ſchwören?“ „Ja, das kann ich.“ „Hat Herr Theodor eine Familie, bei der er ſorgſame Pflege finden könnte.“ „Nein.“ „Wiſſen Sie ein Mittel, ihn zu heilen?“ „Keines.“ „Glauben Sie, daß er mich liebt?“ „Deſſen bin ich gewiß.“ „Denken Sie, daß es ihm das Leben koſten könnte, wenn ich jetzt plötzlich abreiste?“ „Es wäre das möglich, indeſſen... 41 ngen te: Sie r er oſten „Ich danke Ihnen für den Freundſchaftsdienſt, den Sie mir haben erweiſen wollen, Herr Doctor, muß Ihnen aber ſagen, daß ich ſeit geſtern mit Herrn Theodor feierlich verſprochen bin. Außer mir hat er keine Familie, keine Liebe, die über ihn wachte. Welcher Art immer das Uebel ſein mag, an dem er leidet, es iſt meine Pflicht, ſeiner zu warten, ihn zu pflegen. In zwei Stunden bin ich Herrn Theodors Gattin, und hoffentlich gelingt es uns mit Gottes Hülfe, ihn noch zu retten.“ Dreizehntes Kapitel. Wer über Sophiens Worte betroffen war, das war Herr von Blarü und Madame Printems. Vol⸗ ler Bewunderung ſchauten ſie zu ihr auf, und es hatte das Gefühl ihrer eigenen Inferiorität zur Folge, daß ſie auch nicht eine Sylbe ſprachen. Und in der That konnte man die Selbſtverläugnung und die Hingebung nicht höher treiben. Sophie nahm zuerſt wieder das Wort und ſprach: „Mein Gewiſſen,— mein Gewiſſen verbietet mir es, anders zu handeln. Es iſt mein Wort nun einmal verpfändet, und da ich nicht treubrüchig wer⸗ den will, ſo können Sie mir Ihre Sympathie und meinem Gatten Ihre Freundſchaft in anderer Art beweiſen, das heißt, dadurch, daß Sie all' Ihr Wiſſen und all' Ihren guten Rath aufbieten, um den armen Kranken wo nicht ganz wieder herzuſtellen, ſo doch ihn zu beſſern.“ Herr von Blarü verneigte ſich. Dumas, Printems. 1. 11 162 „Zählen Sie auf mich, Madame: meine voll⸗ kommenſte Ergebenheit iſt Ihnen gewiß,“ verſetzte der Arzt.„An mir ſoll es nicht fehlen; ich ver⸗ ſpreche Ihnen, Alles zu thun, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht, um das ſchwierige und fromme Werk, das Sie unternehmen, zu fördern.“ Und nun verließ der Arzt, da er nichts mehr im Hauſe zu ſchaffen hatte, die Mutter und die Tochter, die wohl ſich noch Manches mitzutheilen hatten, was er nicht hören durfte. Es widerſtrebte Sophien gleich ſehr, bei Andern eine ſchlechte Abſicht, oder auch nur eine etwas ſelbſt⸗ ſüchtige Berechnung vorauszuſetzen oder ſelbſt ſolchen Abſichten und Berechnungen ſich hinzugeben. Sie argwohnte daher nicht einmal, daß der Schritt des Herrn von Blarü einen Hintergedanken bergen könne, obgleich am vergangenen Abend, als ſie den Mann zum erſten Male ſah, eine Art Ahnung ſie beſchlichen hatte, die nicht ganz zu Gunſten des Arztes war. Als er zur Thüre hinaus war, ging Sophie zu ihrer Mutter hin und küßte ſie. „Was iſt Dir denn?“ fragte ſie.„Du weinſt ja?“ „Ja, mein Kind; denn ſo groß auch Deine Tu⸗ gend iſt, ſo befürchte ich doch, daß ſie der Gefahr gegenüber, der Du Dich aus freien Stücken ausſetzeſt, nicht Stand hält. Und dann liegen meinen Thrä⸗ nen auch Gewiſſensbiſſe zu Grunde, da ja ich es bin, die Dir zu dieſer Heirath gerathen.“ „Und dafuͤr danke ich Dir jetzt aufrichtigſt, liebe Mutter. Kann es eine ſchönere Aufgabe in dieſer Welt geben, als die Traurigen zu tröſten und die Leidenden zu heilen? Nach Deiner mütterlichen Ab⸗ ſicht ſein, Anſte mehr Schar allein fertig Bald ich n. verwe blick unſch gegeb U wenn 9 parat L then, heit i gefaß auf Die allein Unru ſagter Miſſi gebun mußt geſch! meiſte ſucht Kräf⸗ das r im hter, was dern lbſt⸗ chen Sie des nne, ann chen c. 2 zu a 77* Tu⸗ ahr zeſt, prä⸗ es ebe eſer die Ab⸗ ſicht ſollte dieſe Heirath nur eine gute Spekulation ſein, und ſiehe da! nun wird ſie zu einem guten Werke. Anſtatt Unruhe zu empfinden, freue ich mich viel⸗ mehr. Ja,“ fuhr Sophie im Tone befriedigten Schamgeſühls fort,„ſo heirathet jetzt nur meine Seele allein. Aber wir wollen machen, Mutter, daß wir fertig werden; es rückt die Stunde näher und näher. Bald wird Theodor da ſein, um uns abzuholen, und ich möchte um keinen Preis, daß er Deine Augen verweint ſähe, und daß er auch nur einen Augen⸗ blick vermuthen könnte, du ſeieſt einen Augenblick unſchlüſſig geweſen oder habeſt der Furcht Raum gegeben.“ Und Sophie ging wieder an ihre Toilette, wie wenn nichts geſchehen wäre. Nach Verfluß von einer halben Stunde war ſie parat. Ohne Zweifel hatte Madame Printems erra⸗ then, welch' wohlthätige Bürgſchaft Sophiens Keuſch⸗ heit in dem, was ſie eben erfahren, ſowie in dem gefaßten Entſchluſſe gefunden; denn ſie hörte nun auf zu weinen und dieſen Entſchluß zu bekämpfen. Die Worte:„So heirathet jetzt nur meine Seele allein,“ erklärten ihr jetzt die geheime, unbeſtimmte Unruhe, welche ihre Tochter früher empfunden, und ſagten ihr zugleich, daß dieſe Unruhe nun einer Miſſion gewichen, welche, eben weil ſie ſo viele Hin⸗ gebung erheiſchte, Sophien unendlich erwünſchter ſein mußte, als eine unter den gewöhnlichen Bedingungen geſchloſſene Heiratch. Welche Tugend hat nicht, meiſtens unbewußt, einen kleinen Anflug von Selbſt⸗ ſucht! 164 Es begnügte ſich darum auch Madame Printems, dem, was ihr Mutterherz ihr leiſe ſagte, Ausdruck gebend, zu ihrer Tochter zu ſagen: „Aber Du verſprichſt mir doch, mir es zu ſagen, wenn Du unglücklich biſt, nicht wahr?“ „Ja, Mutter.“ „Und auf Dein gutes Werk zu verzichten, wenn Du ſelbſt Schaden nehmen ſollteſt?“ „Ich verſpreche Dir es.“ Schon ſtand Theodor im Salon. Er ſtrahlte vor Freude. Sophie ging ihm mit einer Offenheit entgegen, die wunderſchön genannt werden mußte, deren volle Größe er aber nicht begreifen konnte, da er glück⸗ licher Weiſe nicht wußte, was vor einer Weile vor⸗ gefallen war. 1 „Ach, wie glücklich bin ich!“ ſprach er, ihr die Hand küſſend. Unterdeſſen beobachtete Madame Printems Theo⸗ dors Haltung; allein nichts verrieth ihr die Krank⸗ heit, wovon der Arzt geſprochen, und die doch jede ſtärkere Gemüthsbewegung das Vorrecht hat, auf einen Augenblick wenigſtens anzudeuten. Doch es hatte Theodor im Laufe des Morgens aus dem Munde des Herrn von Blarü vernommen, daß er ſich mit Unrecht ängſtige, und ſo mochte es denn geſchehen, daß ſein Gemüth in jene Verfaſſung kam, welche einem pſychiſchen Gleichgewicht am Gün⸗ ſtigſten iſt. Und darum konnte Madame Printems ſich wohl täuſchen. Drunten auf der Straße harrte der Brautleute ein prächtiger Wagen. und alleit Herr . . . men Es l von zeugt Vate reiche C nach Im gam die die habe reich reich ntems,„Warum denn ſolch' übertriebener Aufwand?“ sdruck ſprach Sophie naiv, als ſie den Wagen erblickte, worein man ſie ſteigen hieß, um nach dem Rathhauſe ſagen, zu fahren. „Es iſt das eine Aufmerkſamkeit unſeres Oheims,“ aantwortete Theodor.„Es gehört dieſer Wagen ihm, wenn und es iſt ſein Wille, daß Du Dich deſſelben heute allein bedieneſt. Wie ich glaube, ſo haſt Du an Herrn von Merey wirklich eine Eroberung gemacht.“ „Dein Oheim heißt alſo Herr von Merey?“ 7 n! „Jal. gegen,„Iſt er nicht Dein Oheim von väterlicher Seite?“ volle„Ja.“ glück⸗„Wie kommt es, daß er nicht auch Deinen Na⸗ vor⸗ men führt?“ „Mein Vater war ein Bruder aus zweiter Ehe. hr die Es hatte meine Großmutter in erſter Che den Baron 8 von Merey geheirathet, mit dem ſie meinen Oheim Theo⸗ zeugte. Der Baron ſelbſt war viel reicher als mein rank⸗ Vater, und mein Oheim iſt oder war vielmehr weit jede reicher als ich.“ „auf Dieſe Worte wurden geſprochen, während man nach dem ziemlich weit entfernten Rathhauſe fuhr. rgens Im Uebrigen war Sophie froh, mit ihrem Bräuti⸗ umen, gam über gleichgültige Dinge ſprechen zu können, ſte es die ein guter Ableiter für die Befangenheit waren, ſſung die ſich ihrer, wenn auch noch ſo wenig, bemächtigt Gün⸗ haben mochte. tems„Du ſagſt, Theodor, es ſei Herr von Merey reicher als Du geweſen: er iſt alſo jetzt minder lleute, reich?“ „Daran iſt er ſelbſt Schuld.“ 166 „Hat er Geld verloren?“ „Er hat es verpraßt. Ach! ich kann Dir nicht bergen, daß mein Oheim ein ziemlich lockerer Cum⸗ pan iſt; nichts deſto weniger iſt er im Grunde ein Biedermann, den Du wohl lieben darfſt; und dann mußt Du auch bedenken, daß er nur noch ſo kurze Zeit zu leben hat!“ „Iſt er denn krank?“ „Nein, im Gegentheil; er hat einen Körper von Stahl und Eiſen.“ „Warum ſoll er denn aber ſo bald ſterben müſſen?“ „Ich kann Dir nur ſo viel ſagen, daß er nur noch ein Jahr zu leben hat.“ „Nur noch ein Jahr?“ Ja.“ „Was ſagſt Du da?“ „Die Wahrheit.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich glaube es wohl: es iſt das eine ziemlich ſeltſame Geſchichte; auch haben wir es nicht an den nöthigen Vorſtellungen fehlen laſſen. Er aber iſt für Alles taub geweſen. Doch, ich mag Dich nicht traurig ſtimmen durch eine Geſchichte, die ich Dir zudem jetzt nicht ganz erzählen könnte. Er ſoll, wenn er will, dieß ſelbſt thun, und vielleicht ommſt Du dann zu dem Schluſſe, daß der Mann nicht ſo ganz Unrecht hat. Heute wollen wir alle luſtig ſein, und Du wirſt ſehen, daß Herr von Merey ſelbſt trotz ſeines baldigen Todes nicht zu den Traurigſten ge⸗ hört.“ Wer von dieſer Enthüllung ſich betroffen fühlte, das war Sophie. Denkt man ſich hiezu noch, daß ſie i gehü zeihe chen nich wir mer erm terh troc nach kant Ort ihre Kra den war faſt Her Wir den Por voll den auc Feit r nicht Cum⸗ de ein dann bkurze er von ſſen?“ r nur wenn t Du ganz und trotz n ge⸗ ühlte, daß ſie im Laufe des Morgens ſchon ſo ſeltſame Dinge gehört, ſo wird man uns nicht der Uebertreibung zeihen, wenn wir hinzuſetzen, daß ſie, im buchſtäbli⸗ chen Sinne des Wortes, das Leben ſchlechterdings nicht mehr begriff. Endlich kam man auf dem Rathhauſe an. Laſſen wir dieſe Gelegenheit nicht vorbeigehen, ſondern be⸗ merken wir, daß die Civiltrauung aller Feierlichkeit ermangelt und daß die kirchliche Weihe alsbald hin⸗ terher kommen muß, um dem Verſtande ſeine kühle, trockene Grundlage zu verdecken. Von dem Rathhauſe bewegte ſich der kleine Zug nach der Kirche, wo die geladenen Freunde und Be⸗ kannten des Brautpaars harrten. Alle Anweſenden bebten trotz der Heiligkeit des Ortes vor Bewunderung zuſammen, als Sophie in ihrem weißen Anzuge erſchien, die Stirn mit dem Kranze der Engel umwunden und das Haupt durch den Schleier der Jungfrau verhüllt. Im Uebrigen war ſie ein ſo ſchönes und frommes Weſen, daß es faſt Gott loben hieß, wenn man ſie im Hauſe des Herrn bewunderte. Setzen wir alsbald hinzu, daß Theodor eine ſolche Wirkung keineswegs hervorbrachte. Wir haben in den erſten Kapiteln dieſes Buches bereits ſein Porträt gegeben, und rechnen wir ab, daß er ſich vollkommen glücklich fühlte, ſo haben wir durchaus den alten Menſchen vor uns. Man hätte daher auch von den Frauen aus dem Volke, welche der Feierlichkeit anwohnten, etliche ſagen hören können: „Das arme Mädchen!“ Kur ſelten täuſchen ſich Leute aus dem Volk in 168 ſolchen Fällen. Sie urtheilen viel nach dem Auge und wollen, wie ſie ſelbſt ſich ausdrücken, Leute, die gut zuſammenpaſſen. Sie begreifen nicht, wie eine Ehe eine glückliche und dauerhafte ſein kann, wenn die Braut jung und der Bräutigam alt, wenn die Frau hübſch und der Mann häßlich iſt. Sie ſind zufrieden, wenn ſie Braut und Bräutigam jung und ſchön ſehen, wie ſie auch von ganzem Herzen lachen, wenn Braut und Bräutigam alt und häßlich ſind. Es konnten alſo einige Fraubaſen ſich nicht ent⸗ halten zu ſagen:„Das arme Mädchen!“ Ihnen war Sophie ein armes Mädchen ohne Vermögen, das man einem reichen Manne opferte, und doch entdeckten ſie, je länger und aufmerkſamer ſie ſie muſterten, auf ihrem Geſichte mehr und mehr die Heiterkeit und Ruhe glücklicher Seelen. Und wirklich war auch Sophie glücklich, nur nicht vom menſchlichen Standpunkte aus betrachtet. Nichts deſto weniger konnten ihre Mienen die naiven Augen, welche ſie muſterten, glauben laſſen, daß ſie auch vom menſchlichen Geſichtspunkt aus vollkommen glücklich ſei. Max ſtand im Schatten einer Säule und folgte andächtig und voller Theilnahme den Einzelheiten der Feierlichkeit, die unter ſeinen Augen vor ſich ging. Er war allein erſchienen, Katharine hatte daheim bei ihrem Vater bleiben müſſen; und ferner hatten ſolcherlei Feierlichkeiten des Anziehenden nur wenig für ſie. Theils fand ſie keinen Geſchmack daran, theils fehlte es ihr an der nöthigen Toilette. Sie kannte Sophie nicht, und da ihr Bruder ihr nur Schönes und Gutes von der Braut berichtet hatte, Auge e, die eine wenn n die ſind und chen, nd. ent⸗ ohne ferte, amer mehr Und vom ichts ien, vom hſei. olgte eiten ging. heim itten enig ran, Sie nur atte, 169 ſo wünſchte ſie dieſer natürlich auch nur Gutes. Mehr konnte ſie nicht thun. Was Map betrifft, ſo war er erſchienen, weil ſeine poetiſche Seele ſtets Freude daran fand, mit Gott, der Quelle aller Poeſie, in mehr oder minder nahe Berührung zu kommen. Es ſtand für ihn feſt, daß nicht allein das Herz, ſondern auch der Geiſt ſtets gewinne, wenn man eine Stunde in einer Kirche verweile, ſei es daß dieſe leer oder voll, von ſüßem Blumendufte erfüllt oder mit ſchwarzen Tüchern be⸗ hangen ſei. Ueberall und ſtets wohnt dort Gott, und ſtets geht man um eine neue Hoffnung reicher weg. Ferner konnte Max nicht umhin, der Trauung ſeines Kanzleidirectors, mithin ſeines Vorgeſetzten, anzuwohnen, der, wie wir bereits geſehen, unter ge⸗ wiſſen Umſtänden ſich gütig und gefällig gegen ihn gezeigt hatte.. Allerdings hatte Max noch daſſelbe Gewand an das er an dem vergangenen Abende getragen, und gar beſcheiden ſah ſein Anzug unter den glänzenden Toiletten, die ihn umgaben, aus; wenn es aber einen Ort gibt, wo Ziererei und Koketterie nicht am Platze iſt, ſo iſt es Gottes Haus; und trotz ſeines beſcheidenen Anzugs begriff er die Größe des Orts und die Feier⸗ lichkeit der Handlung. Als der majeſtätiſche Schwei⸗ zer an ihm vorüberkam und mit ſeiner Hellebarde auf die tönenden Steinplatten ſtieß, um die Anwe⸗ ſenden zu Liebesgaben aufzufordern, legte er ſeine zwei Sous in den Beutel des Almoſenſammlers; und wer weiß, ob unter allen Almoſen, die an die⸗ ſem Tage fielen, das ſeinige Gott nicht am Ange⸗ r 170 nehmſten geweſen? Wer wenig hat, gibt ſtets viel, wenn er gibt. Als der Prieſter den beiden Neuvermählten ſei⸗ nen Segen gab, da empfand Maxens Seele wohl am Tiefſten und Verſtändigſten, und als die Orgel ihren majeſtätiſchen Geſang anſtimmte und Kinder⸗ ſtimmchen denſelben begleiteten, da fand ſie ohne Zweifel den ſchönſten Wiederhall in dem Herzen des unbekannten Dichters, der betend kniete und in ſein Gebet ſeine ſelige Mutter, ſeinen ſterbenden Vater, ſeine halbverrückte Schweſter, ſowie noch eine andere Perſon einſchloß, deren myſteriöſen und ſüßen Namen die Verſe allein kannten, die er verbrannt hatte. Als Max ſeinen Vorgeſetzten und Sophie am Altare knien ſah, ſagte er ſich vielleicht daſſelbe, was die guten Frauen aus dem Volk ſich ſchon beim Eintreten der beiden Brautleute in die Kirche geſagt hatten; denn trotz all' ſeiner Dankbarkeit und ſeiner Hingebung mußte Max denn doch einſehen, daß zwi⸗ ſchen Sophien und dem Manne, dem ſie ſich antrauen ließ, der Abſtand ein ungeheurer war. Vielleicht durfte Max bei dieſem Anblicke eine Frage an das Schickſal ſtellen und mit demſelben rechten; vielleicht durfte er es auffordern, ihm zu ſagen, warum nicht auch er ſo glücklich wäre, wodurch er ſich eines ſol⸗ chen Vorzugs unwürdig gemacht und ob Gott ihm nicht für alle Prüfungen, die er über ihn habe er⸗ gehen laſſen, eine Entſchädigung ſchulde. Aber nein, Max begnügte ſich damit, für Andere zu beten; er flehte den Segen des Himmels nicht auf ſich, ſondern auf das ſchöne Weſen herab, das ihn an ein anderes erinnerte, welches er aller Wahrſcheinlichkeit nach nie .ä wieder zu ſehen bekommen ſollte, und ſagte bloß in Beziehung auf ſich ſelbſt: „Gott kann Alles, was er will; bei ihm iſt kein Ding unmöglich. Sobald Gott will, werde auch ich glücklich ſein.“ Vierzehntes Knpitel. Theodors Tante war auch da. Durch und durch Voltairianerin, ſchaute ſie mög⸗ lichſt affectirt umher. Bald grüßte ſie eine Perſon von ihrer Bekanntſchaft, bald drückte ſie ihre Lorg⸗ nette an die Augen und ließ, halb umgewandt, mit anſcheinender Neugierde ihre Blicke über die Dinge und Perſonen hinſchweifen, von denen ſie ſich um⸗ geben ſah, als wollte ſie damit ihren Nachbarn zu verſtehen geben, daß ſie in Kirchen nur wenig Be⸗ ſcheid wiſſe; oder aber blieb ſie während der Auf⸗ hebung der Hoſtie kerzengerade ſtehen; oder endlich ſchnupfte ſie mit möglichſt vielem Geräuſch: lauter Dinge, die bei einem alten Weibe einen gar ſchlechten Geſchmack verrathen, und welche ſelbſt die Unwiſſen⸗ heit eines Kindes ſich nicht erlauben würde. Im Uebrigen müſſen wir ſagen, daß ihre Nachbarn an⸗ dächtig oder wenigſtens anſtändig ſich verhielten und auf die Alte durchaus nicht achteten. Endlich nahm ſie einen ſpeciellen Bekannten wahr. Alsbald verließ ſie ihren Platz und pflanzte ſich neben ihm auf. „Eil ſagen Sie doch, dauert dieſe Geſchichte wohl noch lange?“ fragte ſie faſt mit lauter Stimme. 172 Ohne Zweifel wollte ſie damit einige über ihre Bücher geneigte Häupter zwingen, ſich emporzurich⸗ ten und zu ihr aufzuſchauen, was ihr auch vollkom⸗ men gelang. „Nein, es kann nicht mehr allzu lange dauern,“ antwortete der Befragte erröthend. „Um ſo beſſer, denn was wir hier zu ſehen und zu hören bekommen, iſt gar nicht amüſant.“ Und nun nahm die Alte wieder ihre Tabaksdoſe und ſchnupfte. 8 Es hatte alſo dieſes Weib noch nie eine Seele geliebt, es hatte alſo dieſelbe noch nie körperlich und geiſtig gelitten, da ſie Gott nicht einmal eine Minute des Gebets oder auch nur der Reflexion gönnen konnte! Vielleicht handelte ſie auch ſo, weil'ſie ſich als einen ſtarken Geiſt zeigen und jene Greiſe nach⸗ ahmen wollte, die, je näher ſie dem Ziele ihres Lebens kommen, um ſo frecher das Schild ihres Skepticismus aushängen, nicht unähnlich gewiſſen feigherzigen Menſchen, die nie ſo laut ſingen oder pfeifen, als wenn ſie fühlen, daß die Gefahr ihnen entgegentritt. Unter den Perſonen, welche die Feierlichkeit in der Kirche verſammelt hatte, befand ſich auch ein Mann, den man, nach ſeinem bisherigen Lebenswan⸗ del zu urtheilen, gleichfalls für einen Voltairianer hätte halten können, deſſen Haltung aber einen vor⸗ theilhaften Contraſt zu der des alten Weibes bildete. Dieſer Mann nannte ſich Herr von Merey. Er ließ ſich wohl eben ſo wenig in den Kirchen blicken als die Alte; erſchien er dort aber, ſo führte er ſich doch wenigſtens wie ein gebildeter Menſch auf. Er gehörte zu jenen Männern, die ein durch⸗ aus weltliches Leben gar nicht zur Erfüllung ihrer religiöſen Pflichten kommen läßt, und die für ſich ſelbſt nur dreimal in ihrem Leben in Gottes Haus kommen: wenn ſie ſich taufen laſſen, wenn ſie zum erſten Male communiciren, und wenn ſie in das Grab hinabgeſenkt werden ſollen. Was nun Herrn von Merey betrifft, ſo blieb ihm vorausſichtlich ſo⸗ gar dieſer letztere Beſuch erſpart; denn es ſollte, wie der Leſer bald erfahren wird, ſeine Todesart keine von jenen ſein, welche die Kirche gut heißt; vielleicht aber hatte er aus eben dieſem Grunde, wenn ihn die geſellſchaftlichen Convenienzen zu einer heiligen Ceremonie riefen, ſich nie einer tiefen, ungeheuchelten Gemüthsbewegung erwehren können, ja er hatte ſol⸗ ches dann nicht einmal verſucht; auf jeden Fall aber glaubte er Gott die gleiche Rückſicht zu ſchulden wie der erſten beſten Perſon, die ihn zu ſich einlud. Als der Sohn eines Edelmanns von gutem, altem Hauſe, fand Herr von Merey, wenn er im Geiſt in ſeine Kindheit ſich zurückverſetzte, in ſeinem Herzen immer noch ein wenig von jenem Glauben, der eine der vornehmſten Grundlagen des alten Adels geweſen war. Offenbarte ſich auch bei ihm dieſer Reſt von Glauben nicht oft äußerlich, ſo fühlte er nichts deſto weniger, daß derſelbe in ſeinem Herzen noch nicht ganz erloſchen war; und hätte der Mann eine Frau gehabt, oder wäre er mit Kindern geſegnet geweſen, ſo halten wir uns feſt überzeugt, daß er den Glau⸗ ben ſeiner Väter zur vornehmſten Grundlage bei der Erziehung ſeiner Kinder gemacht haben würde. Es 174 hatten verſchiedene Leidenſchaften, nicht aber die Laſter ſich in das Leben dieſes Mannes getheilt. Da nun aber die Leidenſchaften nichts Anderes ſind als ein übermäßiger Ausdruck der affectiven Seelenthätigkei⸗ ten, ſo laſſen ſie der Seele, die ſie erfüllen, immer noch das Verſtändniß alles Großen, das heißt, der Kunſt, der Natur, Gottes. Lockere Geſellen ſind nur ſelten Atheiſten. Der Senſualismus iſt noch kein Materialismus. In den Augen der Religion war nun zwar Herr von Merey, gelinde geſprochen, ein gar ſchlechter Chriſt; und dennoch hätte er, trotzdem daß er total ruinirt und ſchon jetzt entſchloſſen war, an dem Tage, wo ſein letzter Louisd'or vergeudet wäre, ſich aus dieſer Welt hinauszubefördern,— und dennoch ſagen wir, hätte er um keinen Preis den Katholicismus abſchwören mögen, von deſſen Geboten er auch nicht eines beob⸗ achtete; ja wir können behaupten, daß er ſolches nicht einmal dann gethan hätte, wenn man ihm dafür die Mittel an die Hand gegeben, das verſchwenderiſche Leben fortzuführen, das er ſo ſehr liebte, und das ihm als ein Ideal ſtets erſchienen war. Kurz, er beobachtete in Beziehung auf die Reli⸗ gion ſeiner Väter jene alte Ritterlichkeit, die uns ſo ſehr anmuthet, und er hätte dieſer Religion eben ſo wenig den Rücken gekehrt, als er von einem Schlacht⸗ felde geflohen wäre, als er ein Frauenzimmer belei⸗ digt oder ein wehrloſes Kind geſchlagen hätte. Kam er daher zufällig einmal in eine Kirche, ſo fand er ſich dort auch leicht zurecht. Nicht daß es ihm einmal eingefallen wäre, zu beichten und einen andern Lebenswandel zu führen,— nein, dazu war es je Lauf die glaul wach Fern den Arme er et und j armen Lichte vollko J eine Grun frucht Die L dicke 5 erſchei dem 5 unbew will, Seeler Ueberz ſich na Vorau He lich hä men d. ſoll; al ſen, da 175 es jetzt zu ſpät, da er bereits zwei Dritttheile ſeiner Laufbahn durchlaufen; wohl aber brachte er im Geiſte die Entſchuldigungsgründe vor, die er zu haben glaubte, und bat Gott um Gnade, ähnlich einem er⸗ wachſenen verſchwenderiſchen Kinde, das aus der Ferne ſeinem Vater das Herz weich macht, ohne noch den Muth zur Rückkehr zu haben; er ſchenkte den Armen viel, dachte an ſeine Mutter, fühlte dann, wie er etwas beſſer wurde, bewunderte, begriff, träumte, und ſo blieb bis an den Abend ſeines Lebens ſeiner armen Seele ein kleiner Widerſchein jenes reinen Lichtes, das er einen Augenblick, wenn auch nur un⸗ vollkommen, geſehen. In der ſogenannten höheren Welt findet man eine Menge Leute, deren Glauben, obwohl in ſeiner Grundlage unerſchütterlich, es doch niemals zu einer fruchtbringenden Kundgebung nach außen bringt. Die Oberfläche des Lebens bildet über ihnen eine ſo dicke Kruſte, daß ſie darunter wie todt und begraben erſcheinen; aber ſie ſchlafen nur darunter, und an dem Tage, wo eine ſubverſive Theorie, den Platz unbewacht glaubend, ſich der Gewiſſen bemächtigen will, ſieht man zu ſeinem größten Erſtaunen, wie in Seelen, die alles Glaubens bar zu ſein ſcheinen, Ueberzeugungen erwachen, die, jung, lebendig, kräftig, ſich nach dem Kampfe ſehnen und des Sieges im Voraus gewiß ſind. Herr von Merey zählte zu dieſen Seelen. Sicher⸗ lich hätte man ihm nicht mit der Anforderung kom⸗ men dürfen, daß er jeden Tag in die Meſſe gehen ſoll; aber eben ſo wenig hätte man ihm ſagen dür⸗ ſen, daß es keinen Gott gebe. 176 Er war alſo während der Copulation ſeines Neffen ſo wie er ſein mußte, das heißt, ernſt, ge⸗ ſammelt, gerührt. Voller Theilnahme folgte er mit Auge, Geiſt und Herz den verſchiedenen Phaſen die⸗ ſer Feierlichkeit, die in ihrer Einfachheit ſo ergreifend ſind; auch fühlte er ſich innigſt zu dem ſchönen, jun⸗ gen Weſen hingezogen, das ein Sacrament in ſeine Familie einführte, und dem er von dieſer Stunde an Freund und Beſchützer ſein mußte. Ganz wider ſeinen Willen kam es bei ihm zu einer Selbſtſchau, und als er ſo die Einöde, worein ihn ſein unruhiges Leben am Ende verſetzt, mit den ſtillen und fruchtbringenden Freuden verglich, welche ihm aus einer ehrbaren Heirath erwachſen wären, fragte er ſich, warum er ſein Leben ſo muthwillig vergeudet. Und da er keine guten Gründe fand, um ſeine bisherige Lebensweiſe zu entſchuldigen; da ihm beifiel, daß es nun zu ſpät ſei, ein anderes Leben anzufangen, und da er endlich eben ſo gern die Zukunft ſich aus dem Sinn ſchlug, ſo fuhr er mit der Hand über die Stirn hin, um alle läſtigen Gedanken zu verſcheuchen, feſt entſchloſſen, nur noch an die beiden Neuvermählten zu denken und zu un⸗ terſuchen, worin er ihnen nützlich ſein könnte. Zu ſeinem nicht geringen Kummer wurde er ge⸗ wahr, daß er ihnen vollkommen unnütz ſei, daß er weder ihr Alter, noch ihre Sitten und Gewohnheiten habe, und ſo kam er endlich auch auf den Gedanken, wie es denn geſchehen, daß Sophie trotz ihrer Jugend und ihrer Schönheit Theodor ſich erkoren, der doch weder jung, noch ſchön, noch geiſtreich ſei. „Ja,“ ſo ſprach er bei ſich ſelbſt,„wie iſt dieſe Hei⸗ = ines ge⸗ mit die⸗ fend jun⸗ ſeine e an n zu orein den delche ären, villig fand, 1; da deres gern hr er ſtigen noch u un- er ge⸗ aß er heiten anken, ugend r doch e Hei⸗ = rath herbeigeführt worden? Wer hat zuerſt daran gedacht? Es iſt dieſelbe ein wahrer Mord. Hat doch mein Neffe lediglich nichts an ſich, was für ihn einnehmen könnte, und hätte doch dieſes Mädchen tauſend Mal beſſere Partien machen können! Es ſchwant mir, es ſchwant mir, es werde das arme Ding nicht allzu glücklich werden. Niemals, niemals wird Theodor ein ſolches Weſen verſtehen lernen.“— Und endlich ſprach er, wie die im Hintergrunde ſtehen⸗ den Klatſchen, bei ſich ſelbſt:„Das arme Mädchen!“ Gerade in dieſem Augenblicke legte der Prieſter die Hand der Braut in die des Bräutigams und fragte zugleich Sophie in der althergebrachten Weiſe, ob ſie Theodor zu ihrem Lebensgefährten nehmen wolle. „Ja,“ antwortete ſie mit feſter, entſchloſſener Stimme. In eben ſolcher Weiſe antwortete ſie auf die übrigen Fragen des Prieſters. „Wiel ſollte ſie ihn lieben?“ fragte Herr von Merey ſich ſelbſt, da der entſchiedene Ton Sophiens tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte.„Wiel ſollte ſie ihn lieben? Es wäre das recht ſeltſam. Aber freilich, wie ſeltſam, wie unberechenbar iſt nicht das Frauengeſchlecht!“ Alſo ſprach er bei ſich ſelbſt. Da fielen ſeine Augen zufällig auf Madame Printems, die ſeit eini⸗ gen Augenblicken erblaßt war, und in deren Augen Thränen perlten, welche ſie nicht wagte vor aller Welt abzutrocknen. „Dahinter ſteckt etwas,“ ſprach Herr von Merey weiter bei ſich ſelbſt.„Was ich da in den Augen 12 Dumas, Printems. I. 2 der Madame Printems glänzen ſehe, ſind nicht bloß Thränen der Rührung. Aus dieſen Thränen ſchaut auch Kummer hervor.“ Kaum hatte er dieß gedacht, als er in ſeiner unmittelbaren Nähe nachſtehende, im Tone des Mit⸗ leids gemurmelte Worte hörte: „Die arme Frau! Möge Gott ihr Muth ver⸗ leihen!“ Herr von Merey ſah ſich nach der Seite um, wo dieſe Worte geſprochen worden waren, und er⸗ blickte Herrn von Blarü. „Sie ſind es, Herr Doctor, der Sophie bedauert?“ ſprach er leiſe zu dem Arzte. „Ja.“ „Warum?“ „Weil ſie wirklich zu beklagen iſt.“ „Hat man ſie zu dieſer Heirath gezwungen?“ „Im Gegentheil.“ „Was wollen Sie dann mit Ihren Worten ſagen?“ „Ich will damit ſo viel ſagen, daß ſie wider ihrer Mutter Willen und wider den meinigen hei⸗ rathet.“ „Wider den Ihrigen?“ „Ja.⸗ „Was iſt denn um den Weg?“ „Fragen Sie das ihre Mutter: das Geheimniß gehört nicht länger mir.“ „Sprechen etwa gewichtige Gründe wider dieſe Heirath?“ „Das will ich meinen.“ Nun konnte Herr von Merey das Ende der Feier⸗ lichkeit kaum erwarten. Er verſchlang mit den Augen 1 —— —— Madame Printems, die, indem ſie das Geſicht über ihr Gebetbuch neigte, ein Mittel gefunden hatte, ihre Thränen ungeſehen abzuwiſchen. Wohl mußte der Mann, der ſich in ſolcher Weiſe mit Sophien beſchäftigte, ein guter Menſch ſein, da er ſeit dem Augenblicke, wo er für die junge Frau eine unglückliche Zukunft ahnte, in einen Zuſtand äußerſter Aufregung hineingekommen war. Endlich entließ der Prieſter das junge Ehepaar und ſämmtliche Anweſende mit einem letzen Segen. Herr von Merey ſah Theodor und Sophie vor⸗ übergehen, erſteren lächelnd und ſtolz, letztere lächelnd und ruhig. Man trat in die Sacriſtei, wo die Zeugen mit den übrigen geladenen Perſonen den kirchlichen Act unterzeichnen ſollten, wie ſie auf dem Rathhauſe be⸗ reits unter den Civilact ihre Namen geſetzt hatten. Zuerſt unterzeichnete Madame Printems, jedoch nur mit zitternder Hand. Herr von Merey trat zu ihr hin. „Ich habe mit Ihnen zu ſprechen, Madame,“ ſprach er zu ihr. „Mit mir?“ „Ja, wegen Ihrer Tochter. Ich habe Sie in der Kirche weinen ſehen. Ich weiß, daß Sie ein Unglück fürchten.“ „Leider, leider muß ich das!“ „St! man könnte uns hören. Wir wollen in dem gleichen Wagen fahren und dann können Sie mir Alles erzählen.“ „Jetzt iſt es zu ſpät.“ „Sprechen Sie nicht alſo: es iſt nie zu ſpät. „ 180 Ihre Tochter erſcheint mir wie ein wahrer Engel; ſie ſoll glücklich werden, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß ſie es wird.“ „Möge Gott Ihren Wunſch erhören!“ Hier drückte Herr von Merey der würdigen Dame die Hand, zum Zeichen, daß er ihr und ihrer Toch⸗ ter ein Freund und Beſchützer ſein wolle; dann un⸗ terzeichnete er gleichfalls, verließ die Kirche und ſchickte ſeinen Lakaien weg, um den Wagen herbeizu⸗ holen. Er ließ Madame Printems in denſelben ſteigen. Unterdeſſen ſtieg Sophie in den Wagen, in dem ſie hergefahren war; Theodor aber nahm neben ihr Platz und ſprach, ihr die Hand drückend: „Sophie, ich ſchwöre Dir, daß ich Alles thun werde, was zu Deinem Glücke beitragen kann.“ „Ich danke Dir, mein lieber Freund,“ antwortete die junge Frau mit ihrer ſanften Stimme:„ein Gleiches habe ich auch Dir geſchworen, und dieſen meinen Schwur werde ich zu halten wiſſen.“ „Wo geht es nun hin?“ fragte die Tante einen alten Herrn, deſſen Arm ſie angenommen. „Zum Frühſtück, Madame.“ „Das iſt ſo dumm eben nicht, denn ich falle vor Hunger faſt um.“ Was Max betrifft, ſo hatte er in ſeiner Beſchei⸗ denheit ſich weggeſtohlen, um zu Fuß ſeine Kanzlei zu erreichen. „So laſſen Sie einmal hören, theuerſte Madame Printems!“ hob Herr von Merey im Wagen an. „Was iſt um den Weg? Sprechen Sie: ich bin ganz Ohr.“ ᷣ ⏑ „So wollen Sie denn ür, wiſſen?“ „Halten Sie, ich bitte Sie darum, nicht länger damit zurück.“ durchaus die Sache me ſch⸗ un⸗ Fünfzehntes Kapitel. ind zu⸗ Drei Jahre vor den Ereigniſſen, die wir eben berichtet, Morgens Schlag elf Uhr, hatte Herr von en. Merey ſeine Wohnung in der Friedensſtraße ver⸗ em laſſen, war in ſeinen Wagen geſtiegen und hatte ſich ihr vor eines der ſchönſten Häuſer auf dem Boulevard Saint⸗Martin fahren laſſen. ‚dun. Dort hatte er den Hausmeiſter gefragt: „Herr Dogmann hier?“ ete„Im erſten Stock über dem Entreſol.“ ein Sofort ging Herr von Merey in die Wohnung ſen hinauf, die ihm bezeichnet worden, drückte auf den Drücker einer großen Thüre, worauf die Worte: nen„Geſchäftslocal und Kaſſe“ zu leſen waren, und be⸗ fand ſich, nachdem er ein Vorzimmer hinter ſich ge⸗ laſſen, in einem geräumigen Saal, der mit ſeinem vor lateralen Gitterwerk, ſeinen grünſeidenen Vorhängen und ſeinen großen, aufgeſchlagenen Handelsbüchern, ei⸗ vor welchen drei Commis rechnend ſaßen, auf den lei erſten Blick ein Bankhaus anzeigte. Er fragte abermals nach Herrn Dogmann. me Einer der Commis antwortete ihm, ohne von an. dem vor ihm liegenden Buche aufzuſchauen: bin.„Die Thüre vor Ihnen.“ Dieſe Thüre öffnete Herr von Merey, wie er die erſte geöffnet, worauf er ſich in einem Salon befand, der reich, aber geſchmacklos möblirt war, wo im Kamin ein großes Feuer loderte und nach einigen Augenblicken im Schlafrock ein Mann erſchien, der etwa von gleichem Alter mit ihm ſein mochte, deſſen röthliches, blatternarbiges Geſicht aber mit ſeinen kleinen Aeugchen, ſeiner kurzen Naſe, ſeinem ausge⸗ trockneten und ziemlich zahnloſen Munde nicht allein alles Adels entbehrte, ſondern ſogar, wollte man nach dem äußern Anſchein urtheilen, eine gemeine, falſche Natur verrieth. „Ah, guten Tag, mein lieber Herr Dogmann!“ ſprach gleichwohl Herr von Merey zu dieſem Manne, der, indem er auf den Baron zuſchritt, ihn anſchaute, wie man Menſchen anblickt, die man nicht kennt. Zu gleicher Zeit vieb ſich der eben Eingetretene die Hände, von denen wir übrigens, der Wahrheit gemäß, ſagen müſſen, daß ſie ziemlich weiß und ziemlich ſchön waren. „Guten Tag, mein Herr,“ antwortete der Ban⸗ kier.„Möchten Sie wohl die Güte haben, mir zu ſagen, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen?“ „Ei, Sie kennen mich nicht mehr, Herr Dog⸗ mann?“ „Nein, wahrhaftig.“ „So hätte ich mich denn nicht wenig verändert?“ „Vielleicht auch, daß mein Gedächtniß mich im Stiche läßt.“ „Theuerſter Herr Dogmann, das Gedächtniß des Herzens könnte bei Ihnen dem der Augen zu Hilfe kommen. Ich bin Herr von Merey.“ „Ahl richtig, richtig. Entſchuldigen Sie, Herr Baron, entſchuldigen Sie,“ antwortete Herr Dog⸗ mann leicht erröthend;„entſchuldigen Sie: ich hatte Ihren Beſuch ſo ganz und gar nicht erwartet. Neh⸗ men Sie doch gefälligſt Platz, Herr Baron!“ Und Herr von Merey that, wie man ihn ge⸗ beten. „Wie ich höre, wertheſter Herr Dogmann, ſo ſind Sie, ſeitdem wir einander nicht mehr geſehen, ein reicher Mann geworden.“ „Ein reicher Mann, ein reicher Mann? Möchte es wohl ſein; indeſſen muß ich geſtehen, daß die Geſchäfte nicht ſo ganz ſchlecht gehen.“ „Vielleicht bin ich es, der Ihnen Glück ge⸗ bracht.“ Herr Dogmann blieb ſtumm wie ein Fiſch. „Es iſt Ihre Zeit ohne Zweifel koſtbar,“ fuhr Herr von Merey fort, dem auch nicht allzu viel daran gelegen ſein mochte, mit dem Manne, den er vor ſich hatte, ſich in ein langes Geſpräch einzulaſſen; „wir wollen alſo lieber ſogleich zur Sache kommen. Während Sie ſich emporarbeiteten, wertheſter Herr Dogmann, und Hunderttauſende errafften, bin ich mit meinem Vermögen ſo ziemlich zu Rande gekom⸗ men. Nun muß ich für die Zukunft ein bischen ſor⸗ gen. Ich muß mich der Namen der Perſonen wie⸗ der entſinnen, denen ich einſt Dienſte erwieſen; haupt⸗ ſächlich aber muß ich Leute Ihres Schlags auſſuchen, denen das Glück hold geweſen, und zu meinem großen Leidweſen zurückverlangen, was ich Ihnen mit Vergnügen geliehen.“ „Ihnen geliehen!“ wiederholte Herr Dogmann, wie wenn er nicht recht verſtanden hätte. 184 „Ja, ja, Herr Dogmann, Ihnen geliehen. Nun aber ſind Sie, theuerſter Herr, mein alleiniger und letzter Schuldner.“ „Verzeihen Sie, Herr Baron, aber ich glaube, Sie irren ſich.“ „Wie!l wertheſter Herr Dogmann, muß ich Ih⸗ nen das Gedächtniß ein bischen auffriſchen? Nichts für ungut, aber es ſcheint mir das Gefühl bei Ihnen ſich in einem Zuſtande der Lethargie zu befinden; indeſſen können wir, wenn Sie es durchaus wollen, ein bischen von der Vergangenheit reden, damit unſere gegenwärtige Stellung geregelt wird.“ Letztere Worte waren im Tone eines beherzten Mannes geſprochen worden, der es nicht verſteht, die Rolle eines Gläubigers zu ſpielen, und über die Aus⸗ flüchte ſeines Schuldners ungeduldig zu werden anfängt. „Heißen Sie wirllth Audreas Dogmann?“ hob Herr von Merey wieder an. „Ja, ſo heiße ich.“ „Und ſind Ihres Zeichens ein Jude?“ „Ganz richtig.“ „Sind ein geborener Münchner?“ „Ja, ein geborener Münchner.“ „Sind vor zehn Jahren nach Paris gekommen?“ t„Ich kann es nicht leugnen, Herr Baron.“ „Als ein armer Schlucker?“ „Ja, ja.“ „Hatten aber einen guten Kopf!“ Hier verneigte ſich Herr Dogmann, als wollte er Herrn von Merey für zwei Worte danken, die in — 2r — 2 e 2r dem Munde des Barons jetzt ſicherlich einen andern Sinn hatten, als den der Bankier dahinter ſuchte. Herr von Merey fuhr fort: „Kurze Zeit nach Ihrer Ankunft in Paris wur⸗ den Sie mir durch einen Freund zugeſchickt, dem Sie Gelegenheit gehabt hatten, einige Dienſte zu erweiſen. Sie waren im Discontiren ziemlich cou⸗ lant: nicht daß Sie ſelbſt Geld gehabt hätten, da Sie ja ſo arm wie Hiob waren, wohl aber hatten Sie jene Pariſer Wucherer für ſich, die unbekannt blei⸗ ben und gleichwohl aus ihrem Geld zwei oder drei Mal ſo viel Zins ziehen wollen, als das Geſetz erlaubt. „Ich gab viel aus und war oft in Geldverlegen⸗ heiten. Da Sie mir nützlich ſein konnten, ſo kamen Sie mir eben recht, und ſo geſchah es denn, daß ich Ihnen etliche Wechſel anvertraute, welche Sie mir discontiren ließen, wobei ich aber zwanzig bis fünfundzwanzig Procent verlor. Sehen Sie, wer⸗ theſter Herr Dogmann, ich mache Ihnen deßhalb gar keinen Vorwurf: iſt doch das Geld ein ſo gutes Ding, daß man es gar nicht zu theuer kaufen kann. Und dann gaben Sie ja auch das Geld nicht her, mithin hieben Sie mich auch nicht über das Ohr. Und ſo konnte ich denn nichts ſagen. Iſt mein Ge⸗ dächtniß treu oder nicht, wertheſter Herr Dogmann?“ „Vollkommen treu, Herr Baron.“ „Sie aber ließen ſich vom Darleiher ſo und ſo viel als Courtage zahlen, und gleichviel bezogen Sie jedenfalls von dem Entlehner. Es war dieß auch ganz natürlich, da man ſicherlich zu ſolchen Geſchäf⸗ 186 ten ſich nicht hergäbe, wenn man nichts dabei ge⸗ wänne. „So ſahen Sie ſich allmählig an der Spitze von fünfzigtauſend Franken, die Sie ehrlich und redlich erworben hatten. Da fuhr der Speculationsteufel noch mehr in Sie hinein, indem Sie für Ihre eigene Rechnung eine kleine Bank errichten wollten. Fünf⸗ zigtauſend Franken aber reichten dazu nicht hin, und gern hätten Sie hunderttauſend gehabt; mithin galt es, noch weitere fünfzigtauſend Franken zu finden. Nun ſehen Sie, wertheſter Herr Dogmann,“ fuhr Herr von Merey in etwas ſpöttiſchem Tone fort, „ich hatte Ihnen Vertrauen eingeflößt, hatte pünkt⸗ lich alle Wechſel eingelöst, die Sie die Güte gehabt hatten zu indoſſiren, und hatte, damit das Maß meines Glückes voll würde, abermals eine Summe von hundertfünfzigtauſend Franken geerbt. „Nun hatten Sie, lieber Herr Dogmann, einen Einfall, der ſo übel nicht war: Sie dachten, daß ich Ihnen gar wohl dieſe Differenz von fünfzigtauſend Franken leihen könnte, da ſie für mich eine Bagatelle wäre, Sie aber dadurch in Stand geſetzt würden, raſcher ein reicher Mann zu werden. Sie verſprachen, mir zehn Procent aus dem darzuleihenden Kapital zu bezahlen. Ein ſolches Anerbieten hatte etwas Verletzendes, indem Leute, die von Andern Geld zu fünfundzwanzig Procent aufborgen, nicht gewohnt ſind, Geld zu zehn oder auch nur zu fünf Procent auszuleihen. Haben ſie Geld zum Herleihen, ſo leihen ſie es her. „Und ſo that denn auch ich. Sie waren mir in früheren Zeiten nützlich geweſen, und nun konnte ich Ihnen gleichfalls einen kleinen Dienſt erweiſen. In Ihrem Anerbieten, mir Zinſen aus der dargeliehe⸗ nen Kapitalſumme zu bezahlen, erblickte ich bloß eine Geſchäftsgewohnheit; ich verzieh Ihnen alſo daſſelbe ebenſo leicht als Sie mir es gemacht, und da ich die jüngſt geerbten hundertfünfzigtauſend Franken in lauter guten Staatsobligationen beſaß, ſo nahm ich ſo viele davon, als Sie brauchten, und händigte ſie Ihnen ein. Verhält ſich die Sache ge⸗ nau ſo?“ „Genau ſo, Herr Baron.“ „Sie waren ſo delicat, daß Sie mir einen auf dieſe Summe lautenden Schuldſchein ausſtellten und darin ſich zugleich verbindlich machten, mir das dar⸗ geliehene Geld entweder baar, pder in gangbaren Werthen wieder heimzugeben, ſo bald ich es brauchte. Dieſen Schuldſchein nahm ich keinen Anſtand anzu⸗ nehmen. Hätte ich anders gehandelt, ſo hätten Sie mir es übel nehmen können. Ich legte ihn in eine Schublade und ging bald darauf auf Reiſen. „Dieſe Reiſen, ſchlechte Speculationen, worein man mich zu verſtricken wußte, meine Liebhabereien, meine perſönlichen Ausgaben: alles dieß machte in mein Vermögen ein ziemlich großes Loch. Vor zwei Monaten nach Frankreich zurückgekommen, bezahlte ich meine Schulden, rechnete zuſammen, wie viel mir noch übrig geblieben, und brachte einen Kapitalſtock von zweimalhunderttauſend Franken heraus, die, zu fünf Procent angelegt, zehntauſend Livres Renten repräſentirten.. „Nun aber kennen Sie mich zu gut, wertheſter Herr Dogmann, um nicht zu wiſſen, daß es mir 188 rein unmöglich iſt, von einem ſo ſpärlichen Einkom⸗ men zu leben. Ich faßte alſo einen heroiſchen Ent⸗ ſchluß. Ich machte aus meinen zweimalhunderttau⸗ ſend Franken vier gleiche Haufen, legte immer in eine beſondere Schublade fünfzigtauſend Franken, und ſagte bei mir ſelbſt, daß ich ſo mein früheres Leben noch vier Jahre fortſetzen könnte. Dann wollte ich mir eine Kugel vor den Kopf ſchießen als ein ehrlicher Mann, der Niemand um das Seine bringen will, oder, ſo Sie lieber wollen, als ein Philoſoph, der das Leben genoſſen, dem vier Jahre genügen, um es auszugenießen, und der, da er mit dem Tode oft geſpielt, denſelben nicht fürchtet. Aber ſehen Sie, was der Zufall für ein Schelm ſein kann! Indem ich in meinen Schubladen herumſtörte, um durch Entfernung der unnützen Papiere für die fünf⸗ zigtauſend Franken Platz zu gewinnen, fand ich Ih⸗ ren Schuldſchein wieder, den ich, ſoll ich Ihnen die Wahrheit geſtehen, ganz und gar vergeſſen hatte. „Was ich wieder gefunden, waren genau fünfzig⸗ tauſend Franken, mithin durfte ich nun auch fünf Jahre anſtatt der früheren vier leben. Wie weit nun auch die Philoſophie des Lebens bei mir gehen mag, ſo machte mir dieſer Fund denn doch Freude. Nur galt es jetzt vor Allem, Gewißheit daruͤber zu erlangen, ob Sie auch im Stande wären, mir dieſe Summe heimzugeben; denn hätten Sie unterdeſſen ſchlechte Geſchäfte gemacht, ſo hätte ich nie mehr von dieſer Schuld geſprochen und hätte um keinen Preis meine Exiſtenz auf Koſten der Ihrigen um ein Jähr⸗ chen friſten wollen. „Ich habe Erkundigungen eingezogen und erfah⸗ * ren, daß Herr Andreas Dogmann durch ſeine intel⸗ ligente Geſchäftsbehandlung unterdeſſen zu einem reichen Manne geworden; daß er hohen Anſehens ſich erfreue, auf dem Boulevard Saint⸗Martin ein ſolides Bankhaus habe, kurz, daß er vollkommen im Stande ſei, mir jetzt zurückzugeben, was ich ihm einſt mit Vergnügen geliehen. Da habe ich den Schuld⸗ ſchein des Herrn Andreas Dogmann genommen und bin zu ihm gegangen; er aber hat mich nicht als⸗ bald wieder erkannt, was gar nicht verwunderlich iſt, da ich mich verändert haben muß; ebenſo wenig hat ihm dieſe Schuld wieder einfallen wollen, was nichts Außerordentliches iſt, da ich ſelbſt ſie vergeſſen, und das Glück hat das gleiche Recht wie das Unglück, ſich vergeßlich zu zeigen, und endlich habe ich ihm ſeinen Schuldſchein eingehändigt und ihn gebeten, mir, wenn die Wiedererſtattung dieſer Summe ihm für den Augenblick ſchwer fallen ſollte, einen Credit von fünfzigtauſend Franken bei ſeinem ſoliden Hauſe zu eröffnen.“ Mit dieſen Worten zog Herr von Merey aus ſeiner Rocktaſche den Schuldſchein des Bankiers heraus und händigte ihn Herrn Dogmann ein. Dieſer ſchaute ihn einige Augenblicke an, ja ſo⸗ gar länger, als nöthig war, um davon Einſicht zu nehmen. Freilich brauchte der Bankier dieſe Zeit, um ſein Geſicht zurecht zu legen und ſeine Antwort gehörig zu inſceniren. „Alles das iſt vollkommen richtig, Herr Baron,“ antwortete er, ohne die Augen aufzuſchlagen.„Wir wollen unſere Rechnungen auf der Stelle ausgleichen, 190 worauf ich vor Ihnen angetragen hätte, wenn ich um Ihre Rückkehr gewußt.“ Der Bankier legte den Schuldſchein auf den Ka⸗ minſims und klingelte. Es erſchien ein Commis. „Bringen Sie mir den Rechnungsauszug des Herrn Barons von Merey.“ Der Commis verſchwand, um nach ein paar Minuten wieder hereinzutreten. Unterdeſſen wurde zwiſchen den beiden Sprechenden auch nicht ein wei⸗ teres Wort gewechſelt. Herr Dogmann hatte ſich mittlerweile an einen Tiſch geſetzt, ein Dintenfaß zu ſich hergezogen und angefangen, auf einem ſchönen, weißen Bogen Pa⸗ pier Verſchiedenes zu addiren und zu multipliciren, nachdem er die Blätter, die der Commis ihm einge⸗ händigt, nach einander durchgeſehen. Endlich ſtand er auf und ſprach, ohne Herrn von Merey ſich zu nähern: „Herr Baron, ich muß Sie bitten, daß Sie mir mein anfänglich untreues Gedächtniß zu gut halten. Wohl hatte ich den Dienſt nicht vergeſſen, den Sie mir ge⸗ leiſtet; aber Sie wiſſen auch, wie leicht einem De⸗ tails entfallen können, wenn man, ſo wie ich, mit Geſchäften überhäuft iſt. Hier alſo unſere kleine Rechnung: „Merey'ſche Effekten. 40,000 Franken „Intereſſen und Koſten 2,500 Franken Totalſumme 12,500 Franken, die von einer Summe von 50,000 Franken abgezo⸗ gen, worüber Sie einen Schuldſchein beſitzen, Ihre 4 Bo Forderung auf 7,500 Franken reduciren, welche Ih⸗ nen auf der Stelle ausbezahlt werden ſollen.“ Hier ſchaute Herr von Merey den Bankier an, wie man etwa einen Wahnſinnigen anzuſchauen pflegt. „Zweiundvierzigtauſend fünfhundert Franken!“ ſprach er;„ich verſtehe nicht.“ „Und doch iſt nichts leichter, Herr Baron. Es iſt in dem Schuldſchein, den ich Ihnen ausgeſtellt, ausdrücklich bemerkt, daß ich Sie in gangbaren Wer⸗ then bezahlen kann; da ich nun beſſer denn irgend Jemand weiß, daß Ihre Unterſchrift keiner der ſchlechteſten dieſer Werthe iſt, ſo bezahle ich Sie mit Wechſeln, die Sie ſelbſt ausgeſtellt.“ „Mit Wechſeln, die ich ausgeſtellt?“ „Ja, Herr Baron.“ „Und zu weſſen Gunſten ſollen dieſelben ausge⸗ ſtellt ſein?“. „Zu Gunſten eines Herrn Legris, der ſie an mich cedirt hat. Da, ſehen Sie ſelbſt.“ Mit dieſen Worten überreichte Herr Dogmann dem Baron vier geſtempelte Papierſtücke, auf deren jedem unten zu leſen war: „Acceptirt für die Summe von 10,000 Franken.“ Und etwas weiter unten die Unterſchrift des Barons. — ſin nnffſnſtſſſſſſſſſſ 14 15 16