Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur )„von. 8. 1 Eduard Ottmann in Gießen, F — ☛ d Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Aeih- und Teſebedingungen. 6⸗ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag v 8 on Morgens 4 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen.. 8 3. Caution. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſe eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „— 1—————— auf 1 Monat:. 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 J) 3„„„ 3„,„ ⸗ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. 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Im Jahre 1820 lebte in dem Städtchen C..„ am Rhein, ein alter Arzt, der unter dem Namen Doctor Servans bekannt war. Dieſer wackere Mann bewohnte mit einem ein⸗ zigen, mit ihm faſt gleich alten Dienſtboten ein ein⸗ zeln ſtehendes Häuschen. endeſſen glaube man ja holte, die Hilfe verweigert, die man bei ihm ſuchte. An Sonn⸗ und Feſttagen beſuchte er regelmäßig die Kirche; auch war in dem Städtchen nicht eine einzige Familie, die ſeinen Namen nicht gekannt hätte. Nicht nur durfte der arme Mann, wenn er krank wurde, ohne Weiteres nach dem Arzte ſchicken, ſon⸗ dern es unterſtützte letzterer ihn gewöhnlich auch noch; ſo daß, wenn der würdige Mann nicht mitunter auch reiche Kranke gehabt hätte, er gar ſehr in Gefahr gekommen wäre, das klein e Vermögen aufzuzehren, das er beſaß, und ſo einſt ſelbſt in die Lage eines Hilfsbedürftigen zu gerathen. Zur Schande unſeres armen Geſchlechtes muß ich hier bemerken, daß Doctor Servans nicht immer nach Verdienſt belohnt worden war, und daß er da, wo er Wohlthaten geſäet, zuweilen den gröbſten Undank geerntet hatte. Trotzdem daß der brave Mann mehr denn ſpar⸗ ſam lebte, fand er ſich doch bei ſeinem ſo beſchränk⸗ ten Einkommen gar oft gezwungen, ſeinen Drang, den Andern Gutes zu thun, zu mäßigen, denn er mußte wohl auch, ſo großes Mitleid ihm alle Leiden⸗ den einflößten, an ſich ſelbſt ein bischen denken, um nicht ſelbſt der Wohlthätigkeit anheim zu fallen— jener Tugend, die man zwar bei denen, die ſie üben, gar ſehr bewundert, die aber von ihren Bewunderern nur wenig geübt zu werden pflegt. Es hatte nicht wenige ſchlechte Menſchen gegeben, die in Doctor Servans nicht einen Geſandten der Vorſehung erblickten, den ſie hätten ſegnen ſollen, ſondern einen guten Alten, den man ausbeuten mußte; und waren ſolcherlei Kranke ſo weit wieder herge⸗ ſtellt, daß ſie wieder an die Arbeit gehen konnten, ſo waren ſie im Bette liegen geblieben, um ſich auf Koſten des Arztes es wohl ſein zu laſſen. Anfangs hatte Doctor Servans von dieſen Nie⸗ derträchtigen ſich hinters Licht führen laſſen; allmäh⸗ lig aber hatte, da er von Haus aus ein Philoſoph war, die ſtete Berührung mit ſolchem Egoismus ſein Herz verhärtet, ſo daß er, wenn er überzeugt war, daß er gethan, was er thun konnte, und daß der Kranke wieder hergeſtellt war, ganz unbarmherzig zu ——— ₰ 7 ſagen pflegte:„Nun könnt ihr arbeiten,“ und dann nicht mehr kam. In dem Städtchen C... befanden ſich alſo einige ſchlechte Subjecte, die, da ſie auf die Herzens⸗ güte des Arztes nicht länger ſpeculiren konnten, ihn in die Wette verleumdeten; allein es ſchien Doctor Servans von Allem, was man ſagte, nichts zu hören, von Allem, was man ihm hinterbrachte, nichts zu glauben, um nur ganz allein ſeiner Kunſt und der werkthätigen chriſtlichen Liebe zu leben. Der geneigte Leſer muß wohl im Auge behalten, daß Doctor Servans nicht allein Arzt, ſondern auch ein ſcharfſinniger Gelehrter, Beobachter, Philoſoph war. Er war keiner von jenen Menſchen, die ihre ganze Intelligenz auf einen einzigen Punkt, die alle ihre Kraft auf ein einziges Ziel concentriren; er ge⸗ hörte nicht zu jenen materialiſtiſchen Söhnen Aesku⸗ laps, die im Menſchen nichts als ein Knochengerüſt, nichts als ein Muskel⸗ und Nervenſpiel erblicken und die Seele auf die Blutcirculation reduciren. Nein, es hatte Doctor Servans, wenn er mit ſeinem Meſſer und ſeinen Recepten gar viele brandige Glieder operirt und gar viele Krankheiten vertrieben hatte, auch eine erleuchtete Religion, wodurch es ihm gelungen war, gar viele unglückliche Seelen, die dem Abgrunde zu⸗ eilten, zu retten; mit ſeinem tiefen Wiſſen war es ihm gelungen, viele jener Wunden zu heilen, die außen nicht bluten, und in einer einzigen Stirnrunzel ſich verrathen und an dem Herzen derjenigen nagen, welche ſie bekommen. In das Gefühl der Achtung und der Bewunde⸗ rung, das Doctor Servans im Städchen C. einflößte, miſchte ſich daher auch bei den Meiſten, die den Arzt kannten, ein Gefühl des Aberglaubens, ja ſo⸗ gar der Furcht. Wollen wir auch ganz davon ab⸗ ſehen, daß das deutſche Volk einen natürlichen Hang hat, an alles Phantaſtiſche zu glauben, ſo kann man doch tagtäglich ſehen, wie Leute, welche große Welt⸗ erfahrung beſitzen, ſei es daß ſie viel ſtudirt oder viel gelitten, für den großen Haufen immer einiger⸗ maßen etwas Unbegreifliches haben; denn eben die⸗ ſer große Haufen glaubt unendlich lieber an eine übernatürliche Gabe als an einen Kampf und an einen Willen. So ſucht er nie aus ſeiner engen Sphäre hinauszukommen, und ſo entſchuldigt er mit der Idee einer direkten Einwirkung des Himmels, wodurch alle geiſtig höher ſtehenden Menſchen zu dem geworden ſein ſollen, was ſie ſind, ſeine Un⸗ wiſſenheit und ſeine Inferiorität. Es waren alſo in unſerem Städtchen Leute, die, wenn ſie dem Arzte begegneten, ihn wenigſtens eben⸗ ſo ſehr aus Aberglauben als aus Achtung grüßten. Konnte ja doch dieſer Mann, von dem man ſich ſo viele Wunderdinge erzählte, der dem Tode ſchon ſo viele menſchliche Weſen aus dem Rachen geriſſen, der ſo viele ſeltſame Metamorphoſen bewirkt, der aus faulen, liederlichen, gottloſen Sündern fleißige, ſpar⸗ ſame, chriſtlich geſinnte Bürger gemacht— konnte ja doch, ſagen wir, dieſer Mann, der aus Nächſten⸗ liebe des Guten ſo viel that, auch Böſes zufügen, wenn er einmal haßte; und mit einem ſolchen Manne mußte man begreiflicher Weiſe auf gutem Fuße ſtehen. Was den Arzt betrifft, ſo kannte er dieſe An⸗ 9 ſicht einiger ſeiner Mitbürger zwar vollkommen, that aber dennoch nichts, um dieſelbe zu entkräften, ſei es daß ſie ihm bei ſeiner Thätigkeit nützlich däuchte, ſei es daß ſie wirklich gegründet war. Nicht ſelten kam es vor, daß die Leute, die Augen weit öffnend, zu ihm ſagten: 3 „Herr Doctor, es heißt, Sie geben ſich mit über⸗ natürlichen Dingen ab?“ Worauf der Arzt lächelnd zu antworten pflegte: „Laſſet die Leute ſchwatzen,“ und die Unterhaltung ohne Weiteres auf einen andern Gegenſtand lenkte. Indeſſen rechtfertigte das Leben des Arztes ſolche Vermuthungen in keiner Weiſe; auch befand ſich in ſeinem Hauſe nichts Phantaſtiſches als die Mager⸗ keit ſeines Dienſtboten. In der That, es war die Magerkeit des Ivarius — ſo hieß der Bediente des Arztes— etwas Phä⸗ nomenales, etwas noch nie Dageweſenes. Er war groß, und zwar ſchien er wegen der Dünne des Leibes, der Arme, der Beine noch ein⸗ mal ſo groß zu ſein, als er in Wirklichkeit war. Aus der Biegſamkeit ſeines ganzen Leibes war ein Schwanken des oberen Theiles hervorgegangen, nicht unähnlich dem der Pappeln, deren Wipfel unaufhör⸗ lich ſich hin- und her bewegt. Was Jvarius' Füße betrifft, ſo waren ſie ſelbſt im Vergleich mit der Größe ihres Beſitzers allzu lang; man hätte glauben können, es wolle der Leib, da er ſich in perpendicu⸗ larer Linie nicht länger fortzuſetzen wage, die ihm von den Füßen gebotene Gelegenheit nützen, um ſich in horizontaler Richtung fortzuſetzen. Ohne ſich zu bücken, hätte Ivarius ſich ganz bequem am Knie kratzen können, womit ich nicht gerade geſagt haben will, daß ſeine Arme eine unverhältnißmäßige Länge hatten, ſondern ganz einfach nur ſo viel, daß am Ende der Arme ſich Hände befanden, deren dürre Finger ſich nach Art der Füße jener Spinnen be⸗ wegten, welche man Habergeißen oder Weberknechte zu nennen pflegt. Saͤmmtliche Körpertheile, welche ſich hatten ausdehnen können, hatten ſich bei dieſem ſeltſamen Individuum auch möglichſt ausgedehnt. So ſchienen Naſe und Kinn in ewigem Kampfe mit ein⸗ ander zu liegen, wie wenn jeder dieſer Körpertheile zuerſt einen unfühlbaren Punkt des Horizontes hät⸗ ten erreichen wollen. Die paar Zähne, welche in dem Munde des Dienſtboten noch zu Hauſe waren, waren gelb und lang; was die Augen betrifft, ſo hatten ſie etwas Demüthig⸗Sanftes und waren von Brauen überragt, die die Form von Circumflexen zu bekommen beſtimmt waren, wenn es der Natur nicht gefallen hätte, den den Schläfen zuſtrebenden Theil abzunützen und zu vertilgen; die Haut des Geſichtes hatte den Ton eines alten Pergaments und war in allen Richtungen von Runzeln durchfurcht, die ledig⸗ lich keinen Grund hatten, und die man bei gleich mageren und noch älteren Individuen gewiß umſonſt geſucht hätte; das Ohr war ganz klein; warum? weil die Natur es liebt, ein Weſen, dem ſie ihre Gunſt anſcheinend ſonſt ganz verſagt, gleichſam zum Hohn mit einer einzelnen und unnützen Vollkommen⸗ heit auszuſtatten; endlich erhoben ſich rothe, borſten⸗ artig emporſtehende Haare über einer elfenbeingelben Stirn und vereinigten ſich hinten zu einem kleinen, dünnen, mit ſchwarzem Taffet umwundenen Zopfe. —-—,——,————— —, ([% ☛ 11 Dieſer merkwürdige Kopf war getragen von einem mageren Halſe, in deſſen Mitte der ſogenannte Adams⸗ apfel höckerartig hervorſtand, ſo lange ſein Eigner ſich ruhig verhielt; ſobald aber derſelbe ſprach oder etwas verſchluckte, ſchien dieſer Höcker Leben zu be⸗ kommen und bewegte ſich mit wunderbarer Geſchwin⸗ digkeit von oben nach unten. Noch gebe man Ivarius Schnallenſchuhe, aſch⸗ farbene Strümpfe, eine myrtengrüne Kniehoſe, eine ditto Weſte und einen ditto Frack— Kleidungsſtücke, deren Alter ſich durch eigenthümliche weiße Reflexe verräth—, und man hat phyſiſch den Menſchen voll⸗ ſtändig. 3 Daraus daß Ivarius nur alte Kleidungsſtücke trug, darf man jedoch nicht ſchließen, daß ſein Herr ihm aus Geiz keine andern angeſchafft habe; es ſoll der Leſer dadurch bloß erfahren, daß Ivarius ein ſparſamer Menſch war, ſowie daß er, der exceptionelle Diener, von der Anſicht ausging, daß es nicht erlaubt ſei, das Geld eines Herrn zu ſo eitlen Dingen, wie Kleidungsſtücke, zu verwenden, während es unend⸗ lich beſſern Zwecken dienſtbar gemacht werden könne. Dieſe einzige Reflexion läßt den Leſer einen tie⸗ fen Blick in den Charakter des Ivarius thun, und da wir nun ſchon einmal angefangen haben, das moraliſche Porträt zu ſkizziren, ſo wollen wir, ſofern es dem Leſer genehm iſt, es auch ausmalen. Es war Jvarius im vollſten Sinne des Wortes eine ehrliche Haut. Schon ſo lange war er in des Arztes Dienſten, daß er ſich der Zeit vor ſeinem Eintritt in Servans' Haus gar nicht mehr zu erin⸗ nern vermochte, oder richtiger geſagt, es ſchien ihm, als habe er erſt mit dem Tage zu leben angefangen, an dem er die Schwelle dieſes Hauſes zum erſten Mal überſchritten. Schon als kleines Kind elternlos, ohne alles Vermögen und ohne irgend einen phyſi⸗ ſchen Erſatz für dieſe vollſtändige Vereinzelung, hatte er ſchon früh, wenn auch nicht ſich verachten, ſo doch ſich lediglich nichts zutrauen gelernt, ſo daß er ſo ſchüchtern wie ein Pudel geworden war. Was ihn ſein ganzes Leben hindurch gewaltig plagte, war, daß ſeine Familie ihm hatte keine ſorg⸗ fältige Erziehung angedeihen laſſen können; und als ſich ihm die Gelegenheit darbot, bei dem ſchon früh für einen gelehrten Menſchen geltenden Doctor Ser⸗ vans ſich zu placiren, nahm er ſich ernſtlich vor, alle freien Augenblicke zu ſeiner Ausbildung zu nützen. Für bevorzugte Naturen ſind das Studium und die Religion die natürlichen Ableiter allen Kummers; nun aber beſaß Ivarius ein Herz und Inſtincte, die ihn nicht lange vergebens ſuchen ließen. Als der arme Burſche, von ſeinen erſten Illuſionen befreit, eine Stütze geſucht und nichts gefunden hatte, da hatte große Träumerei ſeiner Seele ſich bemächtigt — eine Träumerei, die ſich durch Thränen und Seufzer kund gab. Gleichwohl ſchien es ihm, als hätten noch ſtärkere und gelehrtere Männer gleich ihm gelitten, und als hätten dieſelben ihre Leiden niederſchreiben müſſen, um Andern nützliche Lehren an die Hand zu geben. Es däuchte ihm, daß er in den Büchern, von denen er ſchon ſo viel hatte reden hören, den Troſt finden würde, wornach er ſich ſehnte; und als er daher einmal im Hauſe des Arztes war, hatte er keine Ruhe, bis die herrliche Bibliothek, die er jeden ſo war er denn allmählig nach einer Reihe bitterer Enttäuſchungen zu der Anſicht gekommen, daß er ein Opfer des Schickſals wäre, und daß das Unglück, das ihn verfolge, nur durch fleißiges Studiren ver⸗ geſſen werden könnte. Als Doctor Servans Anfangs wahrnahm, wie Ivarius, ſobald er mit ſeiner Arbeit fertig war, in das Leihbibliothek⸗Zimmer ging, dort das dickſte Buch, das er finden konnte, nahm und damit ſich Sommers im Garten und Winters in ſeinem Stübchen begrub — als, ſagen wir, Doctor Servans ſolches bemerkte, erfaßte ihn großer Zorn, und ſo weit ging dieſer, daß er dem ſchuldigen Diener mit Wegjagen drohte, wenn er ſich ſo etwas noch einmal zu Schulden kom⸗ men ließe. Aber Ivarius hatte ſich ihm dann unter Thränen zu Füßen geworfen und hervorgeſtottert, daß er lieber das Haus alsbald verlaſſe, wenn ſein err ihm verbiete, ferner in den Büchern ſeiner Bibliothek zu leſen. Der Arzt aber hatte gedacht, daß es im Ganzen beſſer wäre, wenn ein Dienſtbote leſe, als wenn er in den Wirthshäuſern herumlun⸗ gere, und ſo hatte er denn dem wißbegierigen Die⸗ ner ein Fach ſeiner Bibliothek überlaſſen, deſſen Bücher er ſchon längſt nicht mehr gebrauchte, für Ivarius aber die Grundlage eines ſoliden Wiſſens bilden konnten. Und endlich hatte ein ſolches Studiren auch den Vortheil, daß Ivarius dem Arzte jeder Zeit zu Gebot ſtand. Es küßte der Bediente ſeinem Herrn die Füße und blieb fortan im Hauſe. Vielleicht daß wir das moraliſche Porträt des Ivarius allzu ſehr ausgemalt haben, da dieſes E82 ESS △ S — — 22n 15 Individuum in der vorliegenden Geſchichte keine allzu große Rolle zu ſpielen beſtimmt iſt; man möge aber bedenken, daß wir es mit einem ziemlich ſeltenen Menſchentypus— daß wir es mit einem Manne aus dem Volke zu thun haben, der, anſtatt im Wein und in Ausſchweifungen aller Art einen rohen Er⸗ ſatz für ſeinen Kummer und ſeine Schwachheit zu ſuchen, trotzdem daß er keine Erziehung genoſſen und ſich lediglich von den ſchlichten Rathſchlägen ſeines Herzens hat leiten laſſen, geglaubt hat, es ſei der Menſch, in welcher Stellung er immer geboren, zu demſelben Zweck berufen, und es könne derſelbe mit ſeinem bloßen Willen alles das thun, was Andere vermittelſt ihrer Eltern und des Geldes ausgeführt; und darum haben wir dem Wunſche, unſere Leſer mit einem ſolchen Typus bekannt zu machen, nicht widerſtehen können. Wir werden ſpäter noch einige Linien beifügen, um zu beweiſen, daß Ivarius auf dem Lebenswege, den er ſich vorgezeichnet, nicht allein den Troſt, den er ſuchte, finden, ſondern auch Andern von Nutzen ſein und dieſelben tröſten mußte. Was Doctor Servans betrifft, den wir vernach⸗ läſſigt, um uns mit ſeinem Haushofmeiſter, mit ſei⸗ nem Freunde zu beſchäftigen— denn es war Iva⸗ rius leicht begreiflich nicht auf die bloßen Functionen eines Domeſtiken beſchränkt geblieben— was, ſagen wir, Doctor Servans betrifft, ſo hatte er der Vor⸗ ſehung dafür gedankt, daß er einen Menſchen wie Ivarius auf ſeinen Lebensweg geführt. So viel es immer angehen mochte, lebte Doctor Servans, ſei es Gewohnheit, ſei es Abſicht, allein. * ————— Wollten wir aber ſagen, es ſei der Arzt dieſer Ge⸗ wohnheit in allen Augenblicken ſeines Lebens treu geblieben und es habe derſelbe dieſe Abſicht niemals vergeſſen, ſo würden wir uns einfach einer Lüge ſchuldig machen. Es lebten ſogar in dem Städtchen C. einige alte Clientinnen des Arztes, die über ſein vergangenes Leben hätten weit mehr ſagen können als wir. Jedoch war Alles ohne Scandal abgegan⸗ gen, und nicht nur galt Servans auf zehn Stunden Wegs mit Recht für den beſten Arzt, ſondern es lebte auch auf zwanzig Stunden Wegs kein ſo liebens⸗ würdiger Mann wie unſer Doctor. Trotz ſeines Alters hatte er die guten Traditionen bewahrt. Er, der Mann der Theorien, machte aus der Liebe nicht jene verheerende Leidenſchaft, die wir daraus gemacht haben. Jedes abgewickelte Liebesverhältniß ließ in ſeinem Herzen, ſelbſt in den ſtürmiſchſten Zeiten ſei⸗ ner Jugend, eine ſüße Erinnerung zurück, und ſo ungeſtüm immer die Liebe ſein mochte, die er fühlte, ſo erkannte er ihr doch nie das Recht zu, den Puder à la Maréchale, der ſeinen Kopf parfümirte, her⸗ unterfallen zu machen, oder die Manſchetten zu zer⸗ krümpeln, welche ſeine weiße Hand einrahmten. Wenn er liebte, ſo mußte es ohne Erſchütterung, ohne Mühe, ohne nachfolgende Reue geſchehen können. Er gehörte nicht zu jenen Menſchen, die ſich einer Frau aufdrängen und derſelben nur die Liebe erlau⸗ ben, die ſie zu ihnen hat. Er begriff die Verände⸗ rung und ſah dieſelbe ſogar als einen Beweis von originellem Geiſte und von guter Körperbeſchaffen⸗ heit an. In dieſem Stück war er gern Materialiſt; er gab vollkommen zu, daß das Blut auf jenen Wahn⸗ 17 ſinn des Herzens, den man Liebe nennt, und auf jenen Schlaf der Sinne, welchem die Menſchen den Namen der Treue gegeben haben, ſeinen Einfluß geltend mache.* Er wunderte ſich alſo keineswegs, wenn eine Ge⸗ liebte ihm untreu wurde; woran ihm aber lag, war, daß ſie ſeine Freundin, daß die Thüre ihres Hauſes ihm immer offen blieb, daß an ihrem Tiſche immer für ihn gedeckt war, wenn es ihm einmal beliebte, mit ihr zu ſpeiſen, und daß ſie für den Fall, daß der Wittwerſtand, wozu ſie ihn verdammte, lange dauerte, aus der Vergangenheit der Erinnerungen genug bewahrte, um ihn über dieſen ſeinen Wittwer⸗ ſtand einigermaßen zu tröſten. 3 Im Uebrigen war er von allen Ehemännern an⸗ gebetet, und ſei es Blindheit, ſei es Egoismus, ſei es Gleichgültigkeit von ihrer Seite, ſtets behielten ſie ihn bei, ſobald er einmal den Fuß ins Haus geſetzt hatte. Und in der That befand ſich von dem Tage an in dem Hauſe immer Alles aufs Beſte— vom Familienhaupt bis zum Schooßhündchen der Haus⸗ frau. Und nun ſehe man, wie glücklich es war, daß die Vorſehung unſern Arzt nicht mit allzu heftigen Leidenſchaften ausgeſtattet hatte; denn bei dem tie⸗ fen Wiſſen, das er beſaß, wäre es ihm eine Kleinig⸗ keit geweſen, eines eiferſüchtigen Ehemanns ſich zu entledigen oder an einer untreuen Geliebten ſich zu rächen. Zum Glück war er ſo, wie wir ihn geſchil⸗ dert, und war er ſtets ſo geweſen. Aber— wird man uns entgegenhalten— bei einem ſolchen Charakter konnte Servans unmöglich eine ſo große Weltkenntniß erlangen; und um die Dumas, Doctor Servans. 2 — *——-——— —— Leidenſchaften begreifen, verſtehen, vermeiden zu kön⸗ nen, muß man ſelbſt ſie empfunden haben? Hierauf grof antworte ich, daß ich dieſes Prinzip ſchlechterdings und leugne; von dem Augenblicke, wo man die Leiden⸗ Arz ſchaften empfunden, wird die Erfahrung, welche das Kat 1 Herz vor ihren Verheerungen ſchützen ſoll, völlig gefu unnütz. Ein Menſch, der viel gelitten, iſt nicht ver⸗ men ſtändig, iſt nicht weiſe, ſondern bloß müde, und iſt dire . einmal das Herz abgenützt, ſo iſt es gar nicht ver⸗ gefa wunderlich, daß die Leidenſchaften ihm nichts mehr nes anzuhaben vermögen. Weiſe, verſtändig iſt nur der, die welcher bei Betrachtung menſchlichen Elends und menſch⸗ das — licher Leidenſchaften nützliche Lehren für ſich daraus Ser 1 ableitet und an der bittern Enttäuſchung Anderer Bon Erfahrung lernt, gleichwie die Aerzte an Cadavern, der die ihnen völlig unbekannt ſind, den Mechanismus ſein des Lebens lernen. Solches war Servans als Arzt und Menſch zugleich paſſirt. Mit Und dann erlangt man durch die vielfachen Täu⸗ ehe ſchungen des Glücks und der Liebe, durch die Ereig⸗ niſſe des Herzens nichts weiter als die engherzige und Wiſſenſchaft des Egoismus. Zur Zeit aber, wo Ser⸗ Ser vans noch jung war, hatten großartige politiſchee Geſ Ereigniſſe, hatten großartige menſchliche Leidenſchaf⸗ Arz ten vor den Augen dieſes für die Einſamkeit einge⸗ verf nommenen Träumers, dieſes der Welt unbekannten er i Philoſophen geſpielt. Die Bewegungen eines ein⸗ die zigen Landes, die Leidenſchaften eines einzigen Vol⸗ eine kes hatten eine ganze Welt in Aufruhr verſetzt, und ſtud von ſeinem Winkel aus war Servans voller Intereſſe die jenem großen Drama gefolgt, das in Frankreich ſpielte, um Bonaparte zum Urheber hatte und unter den freu⸗ ſche⸗ kön⸗ erauf dings iden⸗ das öllig ver⸗ d iſt ver⸗ mehr der, nſch⸗ raus derer dern, mus Arzt Täu⸗ reig⸗ rzige Ser⸗ iſche chaf⸗ nge⸗ nten ein⸗ Vol⸗ und reſſe elte, reu⸗ 19 digen Zurufen einer aufgeregten Nation und zum großen Staunen der aufmerkſamen Völker ſich mehr und mehr entwickelte. Servans, der Beobachter, der Arzt für Leib und Seele, hatte in dieſem ungeheuren Kataklysmus reichen Stoff zu ernſten Betrachtungen gefunden, und er hatte ſich feſt vorgenommen, alle menſchlichen Leidenſchaften mit einem Male zu ſtu⸗ diren, wenn einmal der Rieſe, der die Welt erfüllte, gefallen wäre und den Anatomen den Cadaver ſei⸗ nes Lebens überlaſſen würde. Gleich allen denen, die kein beſonderes Intereſſe an das Drama knüpfte, das ſich vor den Augen der Welt abſpielte, hatte Servans deſſen Ausgang vorausgeſehen; und als Bongparte ſich Napoleon I. nennen ließ, da ſchüttelte der Arzt den Kopf und verſchmähte es, ferner noch ſeine Blicke nach der Bühne hinzuwenden. Ihm war das Drama nun aus, und theils aus Mitleid, theils aus Gleichgültigkeit ging er weg, noch ehe der erſte Act zu Ende war. Es war zu Anfang dieſes an großen Männern und großen Dichtern ſo reichen Jahrhunderts, als Servans den Mann kennen lernte, der in unſerer Geſchichte den Namen Ivarius führt. Hatte der Arzt bisher die Ausbildung jenes großen Ehrgeizes verfolgt, den man Bonaparte nannte, ſo gewahrte er nun eine nicht minder merkwürdige Willenskraft, die den Namen Ivarius führte; nichts bot ſicherlich einen ſtärkeren Contraſt, nichts war intereſſanter zu ſtudiren, als dieſe beiden Menſchen, wovon der eine die Augen der ganzen Welt auf ſich heftete, und, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, Millionen Men⸗ ſchen hinſchlachten ließ, während der andere, der — ———— niederſten Volksklaſſe entſproſſen, das Wiſſen der Gelehrteſten ſich zu eigen machen wollte, und dieſen Zweck auch erreichte, ohne daß er in ſeinem ganzen Leben auch nur eine ſchlechte Handlung ſich vorzu⸗ werfen hatte. Wer von dieſen beiden war den Men⸗ ſchen nützlicher und dem Herrn wohlgefälliger? Das fragte ſich Servans, und als Antwort ſagte er ſich: „Der Eine iſt eine große Lehre, der Andere aber ein ſchönes Beiſpiel!“ Zweites Kapitel. Zur Zeit, wo der Arzt Ivarius kennen lernte, das heißt im Jahre 1800, hatte er bereits fünfund⸗ vierzig auf dem Rücken. Es fing der Strom des Lebens bei ihm an ruhiger zu fließen, womit wir nichts weiter ſagen wollen, als daß die wenigen Liebſchaften oder vielmehr Verhältniſſe, die er mit Weibern gehabt, bereits anfingen, in ſeinem Geiſte keinen allzu großen Raum mehr einzunehmen. War ſchon früher die Liebe bei ihm nie zum Sturm oder zum Wahnſinn ausgeartet, ſo ward er jetzt nach Art auserwählter Naturen einzig und allein vom Studium und von der Arbeit beherrſcht. Auch hatten die Frauen, die er geliebt, mit ihm und vielleicht noch mehr als er gealtert. Die Liebe aber, mit ihren Schatten von einſt erneuert, erſchien ihm als ein unnützes Zerrbild einer allerliebſten Sache, deren Erinnerung er unverſehrt bewahren wollte. Was neue Liebesverhältniſſe betrifft, ſo däuchte es ihm durchaus albern, von jungen Frauen — n der dieſen anzen orzu⸗ Men⸗ Das ſich: r ein ernte, fund⸗ des wir nigen mit Zeiſte zum rd er lllein ihm Liebe chien bſten ihren „ ſo auen 21 etwas verlangen zu wollen, was ſie für Leute ihrer Generation am Liebſten bewahren mußten; kurz und gut, er wollte mit allen Frauen auf einem freund⸗ ſchaftlichen Fuße ſtehen, jedoch der Geliebte keiner mehr ſein. Er verſtand es zu altern— eine Wiſſen⸗ ſchaft, die man tagtäglich zu erlernen ſuchen ſollte, und die man gar häufig bei Leuten vermißt, welche ſchon dem hundertſten Lebensjahre ſich nähern. So hatte ſich denn ſein Leben nach und nach vereinſamt, und zwar eben ſo ſehr aus Gewohnheit als aus Liebhaberei. Jene elegante und reiche Welt, die er einſt gut genug gefunden, um von ihr die wenigen Genüſſe zu verlangen, womit er ſein Leben geſchmückt — jene oberflächliche Welt, wo nichts von Dauer war, genügte ihm nicht länger, ſobald ſein Leben einen wirklich ernſten Charakter anzunehmen anfing. Waren auch ſeine phyſiſchen Sympathien für dieſe Welt, ſo zogen ihn doch ſeine moraliſchen Sympa⸗ thien zu den untern Volksklaſſen hin. In ſeiner Jugendzeit hätte alſo Doctor Servans um keinen Preis eine Geliebte aus der arbeitenden Klaſſe ge⸗ wollt, weil er eine luftgewobene Liebe wollte und eine ſolche nur in Boudoirs von Atlaß und Seide zu finden war. Seine Lippen wollten ſanfte, weiche Hände, gleichwie ſein Herz ruhige, träge Ge⸗ fühle brauchte. Es lag ihm, wie wir wiſſen, wenig daran, ob man ihn liebte oder nicht; was er aber wollte, war, daß er ſich ſagen konnte, er werde in parfümirten Zimmern geliebt. Er, der Mann der Geiſtesarbeit, gab keine Se⸗ kunde zu, daß man ſich auch nur einen Augenblick zu einem weiblichen Weſen hingezogen fühlen könne, — deren Hände ſchwielig und durch irgend eine Arbeit verhärtet ſeien; dann hatte ſich dieſe Abneigung, die anfänglich eine bloße Geſchmacksſache war, in eine unbegrenzte Achtung für dieſe Klaſſe, die er ſtudirt hatte, umgewandelt. Das Mädchen, das da arbei⸗ tete, um ihren Vater zu ernähren, die Mutter, die es ſich ſauer werden ließ, um ihren Kindern Brod zu ſchaffen, waren ihm keine Frauen mehr wie die, die er gekannt. So ſchön ſie immer ſein mochten, ſo war doch ihre phyſiſche Schönheit dem Arzte nur die nothwendige Ergänzung ihrer moraliſchen Schön⸗ heit, der herrliche Rahmen eines Heiligenbildes. Dieſe Frauen konnte er nicht lieben, nicht ſowohl, weil ſie mit grober Leinwand bekleidet waren und rauhe, harte, ſchwielige Hände hatten, als weil es ihm ſchien, daß eben dieſe Einfachheit und dieſe täglichen Mühen die Schutzengel jener armen Geſchöpfe ſein müßten, die einzig und allein in der Familie und in der Treue, die ſie den reinen Gefühlen bewahren, ihr Gluck zu finden hoffen dürfen. Sieht man von der religiöſen und moraliſchen Seite ab, ſo muß ſelbſt dem ehrlichſten Menſchen es als das einfachſte und unſchuldigſte Ding von der Welt erſcheinen, daß eine reiche Frau ſich einen Geliebten erkürt. In der That, nimmt man einer Frau etwas, wenn man ihr einen Theil der Zeit nimmt, die ſie ihrer Toilette oder ihren Vergnügun⸗ gen widmet? Iſt es ein Verbrechen, wenn man die weißen Händchen küßt, welche das Geld hinauswer⸗ fen, ohne es erſt verdienen zu müſſen? Kann man ſagen, man betrüge eine Seele, wenn man im Leben einer müſſigen Frau die Rolle eines angenehmen Geſellſchafters übernimmt, und will man ſelbſt an⸗ nehmen, daß ſie die Sache wirklich ernſt nehme, hat ſie da nicht an dem Tage, wo ſie ihren Geliebten nicht mehr lieben kann, allen Zauber des Luxus und alle Genüſſe der Welt, um ſich zu tröſten? Hat ein reicher, meiſtens den Ausſchweifungen ergebener, einzig und allein mit ſeinen Geliebten und ſeinen Pferden beſchäftigter Ehemann ein Recht, ſeine Frau zu verfluchen und ſich an ihr zu rächen, wie der, der jeden Abend ſeinen Kindern und ſeiner ganzen Familie das Brod heimbringt, das er den Tag über im Schweiß ſeines Angeſichtes verdient hat? Höchſtens darf der erſtere Ehegatte den Ehren⸗ punkt geltend machen; denn leider iſt unſere Geſell⸗ ſchaft ſo albern eingerichtet, daß ihr die Ehre eines Mannes in der höheren oder geringeren Tugend⸗ haftigkeit ſeiner Frau beſteht. Ich frage: raubt man dem armen, arbeitenden Manne nicht mehr, als dem reichen, müſſiggängeriſchen, und ſind nicht die Thränen, die der arbeitende Mann über den Fehltritt der Frau vergießt, welcher er ſein Leben opfern muß, tauſend Mal bitterer, als der Entſchluß des Weltmannes, nichts mehr zu ſehen, um ſeinen Kindern alle Schande zu erſparen, oder mit der Hälfte ihres Vermögens die Frau, die ſeinen Namen befleckt, ihrer Familie zurückzugeben? Und ſind für den Weltmann die Reſultate gräß⸗ lich— denn wir ſind nicht gemeint zu behaupten, daß der Reichthum die wahre Liebe und den Kummer ausſchließe— ſo ſind ſie es für den arbeitenden Mann noch unendlich mehr, denn für dieſen ſind ſie wahrhaft furchtbar, wahrhaft vernichtend. Dieſer hat, wenn er ſich mit einem Male ſo dem Kummer gegenüber ſieht, nicht die Rathſchläge und die Stütze einer guten Erziehung. Das erſte Bedürfniß, das er dem unerwarteten Kummer gegenüber empfindet, iſt das Bedürfniß, ihn baldmöglichſt wieder zu ver⸗ geſſen. Das Gebet iſt unzureichend, da es oft un⸗ gewohnt iſt; die körperliche Arbeit iſt unmächtig, da es gilt, Seelenwunden zu heilen; auch iſt der Körper, wenn der Schmerz ihn einmal überreizt, durch keine Handarbeit, ſo hartnäckig dieſe immer ſein mag, mehr zu ermüden; mithin bleibt dem armen Märty⸗ rer nichts Anderes mehr übrig, als ſeinen Kummer im Wein und in Ausſchweifungen aller Art zu er⸗ ſticken, was auch um ſo eher geſchieht, je tiefer der Betreffende verwundet iſt. Iſt einmal der erſte Ring jener Kette, welche tägliche Arbeit heißt, zer⸗ riſſen, ſo hält es äußerſt ſchwer, ihn wieder einzu⸗ fügen; von nun an gehen die Tage des einſt fleißi⸗ gen Arbeiters verloren, wie die Perlen eines Hals⸗ bandes, deſſen Schnur man zerreißt: Niemand weiß, wohin ſie rollen, und Niemand findet ſie mehr. Solcherlei Reflexionen hatten Doctor Servans zu jener ſeltſamen Liebe zum Volke geführt, die er offen bekannte, und wodurch er in der Stadt ſich allgemein beliebt gemacht hatte. Er ermuthigte die Arbeit, jenen ſchön und offen lächelnden Gaſt, der diejenigen, die ihn aufnehmen, niemals weinen läßt. Er hatte darum nicht aufgehört, mit der Welt zu verkehren, die ſeine erſten Sympathien gehabt; nur konnte die erſtere ihn zerſtreuen, während die andere allein ihn glücklich machen konnte. So war ſein Leben ein immer ſtilleres geworden, mer tütze das ndet, ver⸗ un⸗ da per, eine nag, rty⸗ mer er⸗ der rſte zer⸗ zu⸗ ißi⸗ als⸗ eiß, uns er ſich die der ßt. zu ur re en, indem er Gutes zu thun und ſich neue Wiſſens⸗ ſchätze zu erwerben ſuchte. Allmählig hatte er die faſt gänzliche Vereinzelung lieb gewonnen, die Ivarius theilte und zugleich verſüßte. In der That, es war aus Ivarius ein ganz anderer Menſch geworden. Seit zwanzig Jahren hatte er ſich jeden Morgen und jeden Abend mit ungeheuren Folianten einge⸗ ſchloſſen, die er verſchlang, und ſo hatte er ein tiefes Wiſſen erlangt, wobei ſein Herr, den das Ex⸗ periment höchlich intereſſirte, ihm möglichſt an die Hand gegangen war. Die Geſellſchaft des wackern Burſchen hatte Doctor Servans allmählig vollſtän⸗ dig zu genügen angefangen, ſo daß er aufgehört hatte, in Ivarius einen Dienſtboten zu erblicken, um ihn nur noch als einen Schüler, als einen Ge⸗ ſellſchafter, als einen Freund zu betrachten. Ivarius jedoch hatte ſich ſchlechterdings geweigert, auf die Dienſte, die er dem Arzte als Diener leiſtete, zu verzichten; Diener wollte er nach wie vor dem Manne bleiben, der ihn als armen, unwiſſenden Menſchen zu ſich genommen hatte. „Ich bin,“ pflegte der arme Ivarius zu ſagen, „ein Gelehrter geworden; aber es ſind dieß die eigenthümlichen Vorzüge meiner Stellung; und an⸗ ſtatt mir Geld zu erſparen, habe ich geiſtige Erſpar⸗ niſſe gemacht. Ihnen, theuerſter Herr,“ pflegte er noch hinzuzuſetzen,„verdanke ich Alles, und ſicherlich kann es mich nur freuen, wenn Sie mich als einen Freund behandeln; indeſſen kann ich Ihre Freund⸗ ſchaft nur unter der Bedingung annehmen, daß es mir auch ferner vergönnt iſt, die Pflichten zu er⸗ füllen, die mir anfänglich zugefallen waren, und daß Sie mich zanken, wenn ich ihnen nicht mehr wie einſt nachkomme.“ In der That, jeden Morgen ſtand Ivarius in aller Frühe auf, um im Hauſe aufzuräumen, ſeinem Herrn die Kleider auszubürſten und ein Frühſtück zu bereiten, das er ſtets mit dem Arzte theilte, wor⸗ auf ſie mit einander auszugehen pflegten, um in der Regel Krankenbeſuche zu machen. Und allmählig hatte der Diener beim Volk eben ſo großes Zutrauen gefunden als ſein Herr ſelbſt. Dann ging Ivarius immer zuerſt wieder nach Hauſe, um das Hauptmahl zu bereiten, und nur ſelten kam es vor, daß die Bei⸗ den im Laufe des Abends bei ihrem Karten⸗ oder Schachſpiel nicht einigen Flaſchen guten Rheinweins den Hals abbrachen. Doch trennte man ſich immer ſchon bald... Dann ſuchte Ivarius ſein Zimmer auf, das ſein Herr mit einer großen Menge Bücher bereichert hatte, während Ivarius ſelbſt mit ſeinem Lohne und den Geſchenken, die er bisweilen bekam, dieſe Bibliothek noch vermehrt hatte und fortwährend noch vermehrte. So waren die Wände allmählig hinter Büchern, Manuſcripten, Globen, ausgeſtopften Vögeln und chemiſchen Inſtrumenten verſchwunden. Auf ſei⸗ nem Zimmer angekommen, pflegte Ivarius ſich in einen großen, mit gelbem Leder überzogenen und mit Ohren verſehenen Lehnſeſſel zu ſetzen; war ſeine Lampe angezündet, ſo zog er ſeinen Frack aus, um ihn nicht unnützer Weiſe abzunützen, ſchlug neben ſeiner Lampe eines ſeiner Lieblingsbücher auf und blieb ſo, den Elbogen auf den Tiſch, den Kopf aber auf eine Hand ſtützend, während er mit der andern die Blätter um⸗ wandte, bis ein oder zwei Uhr ſitzen; ja, nicht ſelten war er Zeuge geweſen, wie der anbrechende Tag auf die düſteren Buchſtaben des Buches, worin er ſtudirte, hereinlächelte und ſeine Lampe erblaſſen machte. Was Doctor Servans betrifft, ſo hatte er bei einem ſolchen Leben, wie geregelt dieſes immer ſein mochte, bedeutend gealtert; gleichwohl ſuchte er immer noch zu gefallen; natürlich aber war er nicht mehr jung, und bleibt auch der Rahmen ſtets neu, ſo fing doch das Bild an alt zu werden. Bei all dem war unſer Arzt ein allerliebſter Greis. Gewöhnlich ſcheinen die meiſten Gelehrten ihren Gefallen daran zu finden, ſich mit dem Staube ihrer Bücher zu bedecken und über ihrem Studium die allernothwendigſten Pflichten des geſellſchaftlichen Le⸗ bens zu vergeſſen. Nicht ſo Doctor Servans, der, wie wir eben geſagt, immer noch zu gefallen ſuchte. Auch mußte ein Mann von ſeinem Stande natürlich mehr auf ſein Aeußeres halten als ein armer Bücher⸗ wurm, der ſeine vier Mauern nie verläßt. Für einen Kranken iſt es ſicherlich ſchon arg genug, wenn er einen alten Arzt zu ſich hereintreten ſieht; es braucht dieſer nicht auch noch ſchmierig und ſchlecht gekleidet zu ſein. Doctor Servans war ein ſogenannter appetit⸗ licher Greis. War er auch klein von Statur, ſo hatte doch das Alter ſeinen Gliedern nichts von ihrer urſprünglichen Zierlichkeit genommen. Fuß und Bein waren bei ihm wie bei einem Hofabbé, und trug er in der Regel blaue ſchinirte Strümpfe, ſo gab es auch Tage, wo er der Verſuchung des ſeidenen Strumpfes nicht zu widerſtehen vermochte. — ————— Seine Hände waren weiß und fleiſchig; was ſein Geſicht betrifft, ſo war es wirklich allerliebſt. Feine, lebhafte Augen, weiße Zähne, ein wohlwollendes, durchaus offenes Lächeln, ein roſenrothes Kinn, wor⸗ auf ein ſtets ſorgfältig raſirter Bart kleine blaue Töne von großer Feinheit zurückließ, fettliche Wan⸗ gen, worauf in heiterem Roth ein ruhiges Leben und ein durch geſunde und regelmäßige Nahrung ge⸗ ſund erhaltener Magen ſich abſpiegelte: das waren, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, die Grundlinien des Geſichts, wenn man es genauer betrachtete. Zwar lagen auf der Stirn die Runzeln des Alters und des Studiums und waren die Haare ſchneeweiß da, wo ſie noch ſtanden; aber es war das Ohr klein und mit einem goldenen Ringe geziert,— aber es hatte das Geſicht durch die häufigen Waſchungen eine ge⸗ wiſſe jugendliche Friſche behalten; und endlich krönte das Haupt ein ſo kokett ſitzender Hut, und ſtak der Hals in einer ſo weißen Cravate, und zeigte das Hemd einen ſo eleganten Buſenſtreif, daß man, wir wiederholen es, nicht umhin konnte, Doctor Servans gern zu ſehen und alsbald lieb zu gewinnen. Eine graue Kniehoſe, ein bald dunkelrother, bald hellgrüner, bald granatfarbiger Frack, eine geblümte Weſte, eine Taſchenuhr mit Berlocken, am kleinen Finger der linken Hand ein wunderſchöner Diamant, ein Stock mit einem Knopfe, der mit Rubinen und Türkiſen beſetzt und dem Arzte von einem dankbaren Erben geſchenkt worden war, vervollſtändigten die Erſchei⸗ nung, in der wir unſern Helden zu begrüßen haben. Wir haben bereits weiter oben angedeutet, daß Doctor Servans und Ivarius für Leute galten, die ſich mit Magie beſchäftigten; es liegt uns nun ob bei dem Publikum Glauben finden können. Drittes Kapitel. Es hatte eines Abends ein altes, ſchwarzgeklei⸗ detes Weibchen Doctor Servans in ſeinem Hauſe aufgeſucht.. Die arme Alte weinte bitterlich, und kaum hatte ſie die Schwelle des Arztes überſchritten, als ſie ſich auf einen Stuhl niederfallen ließ und unter Thränen die Worte hervorſchrie, daß ſie nun auch ihre letzte Tochter verlieren müſſe. Der Arzt, der mit Ivarius eben Schach ſpielte, ſtand auf, zog ſeinen granatfarbigen Rock an, langte nach ſeinem Stocke und folgte der Alten, die dem Arzte unaufhörlich die Hände küßte, wenn ſie ſich nicht die Augen abtrocknete. Was Jvarius betrifft, ſo nahm er, ohne an den Schachfiguren etwas zu verrücken, ein Buch und wartete. Gar ſeltſam war das Schauſpiel, das ſich dem Auge des Arztes darbot, als er im Hauſe der Ster⸗ benden ankam. Er ging durch ein kleines, eiſernes, gitternes Thor, zu deſſen beiden Seiten ſich eine Linde erhob. Es war in den letzten Tagen des Monats September, und es peitſchte ein kleiner, feiner Regen das Ge⸗ ſicht derjenigen, welche jetzt ausgehen mußten. Der Arzt durchſchritt einen gepflaſterten Hof und 7 zu erzählen, wie dieſes Gerücht hatte entſtehen und — ————— — e unterſchied mit Hilfe einer rauchigen Lampe, die ein Kind herausbrachte, ein dreiſtockiges Haus, an dem auch nicht ein einziges erleuchtetes Fenſter zu ſehen war. Das Parterre dieſes Hauſes war durch einen Schuppen erſetzt, worunter allerlei Karren mit ihren in die Höhe ſtehenden Gabelarmen für den Augen⸗ blick ausruhten. Ein Gang zu ebener Erde, deſſen Dunkel die Lampe nicht zu ergründen vermochte, führte zu einer andern Thüre, die auf eine andere Straße hinausging. Allmählig unterſchied das an das Dunkel ſich gewöhnende Auge mitten in dieſem Gange eine hölzerne Treppe mit Geländer— eine Treppe, deren ſchmutzige und holperige Stufen in das Innere des Hauſes führten, und endlich im Corridor, vor der Treppe und in paralleler Richtung mit dem Schuppen, eine Stube, einen Verſchlag, einen Hundeſtall— wie man eben will. Schon ging der Arzt auf die Treppe zu, deren Geländer ihm endlich durch die Lampe angezeigt wor⸗ den war, da ſprach die Alte, mit dem Finger auf den Verſchlag deutend, zu ihm: „Hier iſt es.“ Sofort verſuchte das Kind die mit Glasſcheiben verſehene, ſchmierig ausſehende Thüre dieſes Loches zu öffnen, allein es wollte ihm nicht gelingen. Jetzt ließ die Alte einen Schlüſſel in dem Schloſſe ſpielen. „Gehen Sie hinein, Herr Doctor,“ ſprach ſie zum Arzte. Dieſer ſetzte auf die vor der Stube befindliche Stufe den Fuß, aber es ließ die geöffnete Thüre eine ſo verpeſtete Luft herausdringen, daß der Arzt unwillkürlich erblaßte und daß es ihm wehe wurde. 31 „Ah!“ ſprach die Alte,„ich ſehe ſchon, Sie ſind nicht ſo daran gewöhnt wie ich.“ Sofort trat ſie hinein und machte ein, höchſtens zwei Fuß hohes und breites Fenſter auf, das auf den Hof hinausging, und deſſen ſchmutziger Rahmen mit ſeinen grünen Schei⸗ ben von der Lampe erhellt wurde, welche das Kind auf einen Tiſch geſtellt hatte. Ein regenfeuchter Luftſtrom drang in die Stube herein und nun überwand ſich auch der Arzt und folgte der Alten. Ein traurigeres Schauſpiel hätte ſich ihm gewiß nicht darbieten können! Es erſtreckte ſich dieſe Stube von dem Punkte, wo der Hof aufhörte, bis an den Ort, wo die Treppe anfing. Sie war ſchmal und lang— acht Fuß breit und etwa fünfzehn Fuß tief. An der Seite, welche an die Treppe ſtieß, ſtand eine hölzerne, röthlich angeſtrichene Bettlade, an deren oberem Ende ein vernageltes Fenſter, in paralleler Richtung mit dem von der Mutter eben geöffneten, durch ſeine gelblichen Scheiben hindurch die Stufen der Treppe ſehen ließ, von der wir geſprochen. In dieſem armſeligen Bette lag ein etwa fünf⸗ zehnjähriges Mädchen, deren abgemagerter Körper unter der ärmlichen Decke und dem nicht minder ärmlichen ſchwarzen Shawl, womit er bedeckt war, lediglich keine Form mehr andeutete. Das arme Kind war, wie die Mutter geſagt, am Sterben. Ein unheimliches Röcheln entſtieg der Kehle des Mädchens; ihre Haare floßen, ſo zu ſagen, an ihrem abgemagerten Geſichte herab, und ihre zwar noch offenen, von dem Tode aber bereits ver⸗ — ————— ſchleierten Augen ſchienen auf einem der geſchwärz⸗ ten Balken der Zimmerdecke zu haften. An dem Fenſter hing ein hölzernes Chriſtusbild, das mit ſeinem geneigten Haupte der Sterbenden Worte des Troſtes zuflüſtern zu wollen ſchien; an der Mauer aber war mit vier Stecknadeln eine Litho⸗ graphie befeſtigt, welche die erſte Communion vor⸗ ſtellte und an die Beit erinnerte, wo die Sterbende zum erſten Male zum Tiſche des Herrn gegangen war. Es war dieß der einzige Punkt an der Wand, den der Rauch und die ſchlechte Luft einigermaßen reſpectirt hatten. Ueber dem Kamin hing ein mit Goldpapier um⸗ gebenes und von einigen Buchszweigchen überragtes Spiegelchen, das Jeden, der ſich darin beſchauen wollte, grün erſcheinen ließ. Unter einer gläſernen Kugel lächelte ein Jeſuskind von roſarothem Wachs, und endlich hing noch an der Wand in einem Rah⸗ men von ſchwarzem Holze ein junger Mann in mi⸗ litäriſcher Uniform. Eine bald graue, bald blaue, bald grüne Tapete bedeckte zuweilen die Wand. Wir ſagen zuweilen, da ziemlich große Stellen zu ſehen waren, wo die Feuchtigkeit die Tapete verzehrt und man es aus Trägheit oder Elend unterlaſſen hatte, ſie durch eine andere zu erſetzen. Auf dem Tiſche, worauf das Kind die Lampe ge⸗ ſtellt hatte, lag ein Laib Brod, und neben dieſem ſtand ein ſchadhafter Teller. Wer genau hinblickte, konnte auch noch eine eiſerne Gabel entdecken. Im Kamin ſtand ein kleiner irdener Ofen, worin einige wenige Kohlen glühten, und der zugleich einen ho⸗ or⸗ nde gen nd, zen im⸗ tes uen nen chs, tah⸗ mi⸗ pete len, die aus eine ge⸗ eeſem ickte, vorin einen 33 geneigten Hafen trug, in dem Waſſer kochte. Eine Obertaſſe mit Honig und eine alte Untertaſſe mit einigen Stücken Zucker vervollſtändigten nebſt einem Stuhle, worauf eine gewaltige Katze ſchlief, das Ameublement dieſer armſeligen Wohnung. Beim Anblicke ſolchen Elends blieb der Arzt eine Weile ſtumm: er war vollkommen beſtürzt. Was die Alte betrifft, ſo ließ ſie ſich alsbald auf den einzigen Stuhl niederfallen, worauf die Katze lag. Dieſe entfloh nun natürlich in ihrem Schrecken. Das Kind aber blickte voller Staunen die Sterbende an und wagte ſich dabei kaum zu rühren. Der Arzt ging zu dem Mädchen, das wie ein Stück Holz dalag. Jetzt ſchlug die Mutter die Augen auf, um das Geſicht des Arztes zu befragen. Dieſer ſchüttelte den Kopf wie ein Menſch, der alsbald alle Hoffnung ſchwinden läßt. „Warum hat man nich nicht bälder gerufen?“ fragte er. „Es iſt aus, nicht wahr?“ fragte die Alte ihrer⸗ ſeits. Und zwei große Thränen rannen über ihre ab⸗ gemagerten und runzeligen Wangen herab. „Nein,“ antwortete der Arzt,„indeſſen.... „Indeſſen wird es bald aus ſein, wollen Sie ſagen.“ Hier folgte ein Schweigen, bei dem man das Röcheln des Mädchens deutlich hören konnte. „O mein armes Kind,“ ſchrie die Mutter, vor dem Bette auf die Knie niederſinkend und die ſchon kalte Hand ihrer Tochter mit ihren Küſſen und ihren Dumas, Doctor Servans. 3 Thränen bedeckend.„Verzeihen Sie mir, Herr Doctor,“ fuhr ſie fort,„daß ich Sie umſonſt bemüht.“ „Ihr habt nur dieſe Stube?“ fragte der Mann der Kunſt. „Nur dieſe.“ „Und es iſt im Hauſe kein anderes Zimmer frei?“ „Doch, doch.“. „Warum habt Ihr alſo nicht ein anderes Zim⸗ mer für dieſes Kind verlangt? Beſſere Luft hätte gewiß nicht geſchadet.“ „Ach, Herr Doctor, ich habe das wohl gethan; aber es hat die Hausbeſitzerin— eine alte Jungfer, die nie Kinder gehabt— mir zur Antwort gegeben: Es koſtet zwanzig Thaler per Monat, und da ich dieſe nicht hatte, ſo iſt mir nichts übrig geblieben, als mein armes Kind hier ſterben zu laſſen.“ „Aber es iſt Eure Tochter ja noch nicht todt, gute Frau.“ „Oh!“ antwortete die Alte, aufſtehend und nun ihrerſeits den Kopf ſchüttelnd;„oh!l ich weiß wohl, was dieſe Unbeweglichkeit zu bedeuten hat. So ſind mir die beiden andern geſtorben, ſehen Sie; zuerſt haben ſie einen Huſten bekommen, dann ſind die Wangen mager und die Augen hohl geworden, wor⸗ auf Heiſerkeit, Blutſpeien, Froſt, Fieber folgte, bis ſie ſich endlich legten und zu einem andern beſſern Leben hinüberſchlummerten. Sehen Sie, zu all dem braucht es höchſtens ein Jahr.“ „Vor drei Jahren bin ich mit drei Töchtern hier eingezogen, und dieſe hier iſt die letzte.“ Und die arme Frau, bei der die Quelle der Thrä⸗ nen verſiegt zu ſein ſchien, ſetzte ſich auf das untere 35 Ende des Bettes, ohne weiter ein Wort zu ſagen, und ohne daß ſie es gewagt hätte, der Sterbenden ins Geſicht zu ſchauen. In dieſem Augenblick fing der Knabe, der die Lampe in den Hof herausgebracht hatte, zu huſten an; da er aber glaubte, daß das Mädchen ſchlafe, ſo bedeckte er ſich mit ſeinem Händchen den Mund, um das Geräuſch, das er beim Huſten machte, zu erſticken und die Kranke nicht aufzuwecken. „Armes, armes Kind,“ ſprach die Frau, einen Blick auf den Kleinen werfend,„nun kommt die Reihe an Dich. Ach! warum kann denn nur ich nicht ſterben!“ Dem Arzte ſtanden die Thränen in den Augen. „Hört einmal,“ ſprach er,„Ihr ſeid ſtark, nicht wahr?“ „Ohl ich weiß wohl, was Sie ſagen wollen: es iſt keine Hoffnung mehr da.“ „Seht, liebe Frau, es iſt die Luft dieſer Stube, die Eure Kinder ums Leben bringt,“ fuhr der Greis fort.„Und ſelbſt dieſes Kind iſt bereits angeſteckt,“ ſetzte er mit einem Blicke auf das Kind hinzu, deſſen in Folge des Huſtens etwas geröthete Wangen all⸗ mählig ihre krankhafte Bläſſe wieder annahmen. „Jetzt habe ich nur ihn noch,“ hob die Alte wie⸗ der an,„jetzt werde ich nur noch für ihn zu ſorgen haben, den armen, lieben Engel.“ Und ſie nahm den Kopf des Kleinen in beide Hände und küßte ihn krampfhaft. „Er wäre alſo Euer letztes Kind?“ fragte Doctor Wannäna⸗ dem dieſe gräßliche Scene faſt das Herz rach. „Ja, das letzte,“ antwortete die Mutter traurig; „indeſſen wird er es auch nicht gar lange treiben, da er mit der Muttermilch den Todeskeim eingeſogen hat.“ Der Arzt ſchaute die Alte an. „Iſt dieſes Kind nicht Euer Sohn?“ hob er wie⸗ der an. „Nein, er iſt der Sohn der erſten, die mir ge⸗ ſtorben.“ „Und ſein Vater?“ „Glauben Sie denn, es ſtrafe Gott die Menſchen nur halb? Dieſes Kind iſt ohne Vater. Iſt ein Mädchen einmal ſo unglücklich wie die meinige es war, ſo kann man es ihr nicht verargen, daß ſie einen Augenblick an das Glück glaubt. Sehen Sie, Herr Doctor, ſo iſt es bei uns armen Leuten. Als der Vater des Kindes ſah, daß meine Tochter ſchwan⸗ ger war, da hat er ſie verlaſſen, und ſo ſind wir denn unſer fünf, ſtatt unſer vier, geweſen. Dann haben wir, verlaſſen und entblößt wie wir waren, uns in dieſem ärmlichen Loch eingemiethet. Unſere Hilfsmittel verminderten ſich fortwährend, und da die Hausbeſitzerin Jemand brauchte, um ihr Haus, das zwei Eingänge hat, zu hüten, ſo nahmen wir dieſe Stube an, wofür wir keine Miethe zu entrich⸗ ten hatten. Für unſere Mühe bekamen wir noch außerdem jeden Monat ſechs Thaler. Es ſtanden in dieſer Stube zwei Betten; in dieſer verpeſteten und feuchten Luft iſt meine Tochter niedergekommen; nicht lange darauf iſt ſie geſtorben und hat uns ihr ſechs Monate altes Kind hinterlaſſen. Die beiden Schweſtern haben ihr Bett geerbt, und ſchon nach -—-———————=.——————,———————.— —- 37 einem Jahr wurde auch die zweite krank. Jetzt ließ ich die, welche Sie hier ſehen, bei mir ſchlafen, um der armen Kranken es bequemer zu machen, und um die, welche ich noch hatte, ſo viel wie möglich vor Anſteckung zu bewahren. Es iſt die zweite geſtorben, und um ihren Sarg zu bezahlen, habe ich ihr Bett verkaufen müſſen. Jetzt waren wir nur noch unſer drei; aber es hat nicht lange angeſtanden, ſo iſt auch die dritte krank geworden. Schlechte, nur in Ge⸗ müſen und ſchwarzem Brode beſtehende Nahrung, ungeſundes Waſſer, Nächte fieberhaften Schlafes, ver⸗ bracht an der Seite eines alten Weibes, in der ver⸗ peſteten Atmoſphäre eines Zimmers, wo man im Winter die Luft niemals erneuerte, um nicht frieren zu müſſen, und wo Sommers die durch das Fenſter⸗ chen und die Thüre dringende Luft ungenügend war, und die Erinnerung an ihre beiden heimgegangenen Schwe⸗ ſtern, die Ahnung, daß ſie ſelbſt einem gleichen Tode entgegengehe: das war übergenug, um die letzte zu liefern. Ich allein habe vermöge jener Kraft, welche Gott den Weſen verleiht, die andere zu beſchützen haben, ausgehalten; denn jetzt hatten wir nur noch ein Bett, und bereits iſt es ein voller Monat, daß ich nicht mehr geſchlafen habe; ſtirbt mir aber auch dieſe noch, ſo weiß ich wahrlich nicht, ob ich noch den nöthigen Muth zum Leben habe. Was den armen Kleinen betrifft, ſo hat er bis jetzt noch nicht geklagt, und es iſt heute das erſte Mal, daß er huſtet: viel⸗ leicht hat ſich, da er in ſolchem Elend aufgewachſen, ſeine Natur allmählig an dieſe Peſtluft gewöhnt; vielleicht athmet er auch den Tag über, wenn er draußen iſt, ſo viel friſche Luft ein, daß die Aus⸗ ——— dünſtungen dieſer Stube während der Schlafzeit nicht ſo viel Einfluß auf ihn haben; vielleicht endlich will Gott mir ihn als letzten Troſt laſſen.“ Hier ſchwieg die Alte, der Greis aber, der ſie mit unendlichem Herzeleid anſah, hörte das heiſere* und zugleich immer ſchwächere Athmen des Mädchens, das deutlich genug anzeigte, daß das Leben allmäh⸗ lig einen Leib verließ, welcher nicht einmal mehr ſo viel Kraft hatte, um eine Klage hervorzuſtöhnen. „Und Ihr hättet alſo Niemand gefunden, der Euch unterſtützt hätte?“ hob der Arzt wieder an. „Niemand.“ „Und Euer Gatte?“ fuhr der Greis fort. „Iſt todt.“ „Und dieſes Soldaten⸗Porträt?“ „Stellt meinen Sohn vor.“ „Iſt der nicht hier?“ „Der arme Burſche iſt Soldat geworden, um mir nicht zur Laſt zu ſein. Es hat aber nicht lange ge⸗ dauert; ſchon in dem erſten Kampfe, in den ſein Regiment geſchickt wurde, iſt mein Ferdinand ge⸗ blieben.“ „Und iſt er ſchon lange todt?“ „Er iſt ein Jahr nach meinem Gatten— ein Jahr nach meiner älteſten Tochter geſtorben.“ „Arme Mutter!“ „Ach! Sie beklagen mich doch wenigſtens! Möge das Ihnen der Himmel vergelten, aber verlaſſen Sie mich.“ „Wiel ich ſoll Sie verlaſſen?“ „Ja, denn Sie ſind alt, und ſehen Sie, die Luft, mir ge⸗ ſein ge⸗ ein 39 welche junge Geſchöpfe hinwegrafft, bringt auch alte Leute ums Leben.“ „Höret,“ verſetzte Doctor Servans, die alte Frau bei der Hand faſſend,„der Arzt hat hier nichts mehr zu ſchaffen: in einer Stunde lebt das arme Kind nicht mehr. Warum ſollte ich Euch eine Hoffnung geben, die ſich nicht verwirklichen kann? Was wir aber thun müſſen, iſt, daß dieſes arme Geſchöpfchen dem Tode nicht zum Opfer fällt; denn es iſt beſtimmt, in ſeiner dankbaren Liebe all die Liebe zu vereini⸗ gen, die Ihr verloren habt.“ „Ohl es wird das Kind gleich den andern ſterben.“ „Nein, ſage ich; denn wir werden die Urſache aufheben, um das Reſultat zu vermeiden. Ihr dür⸗ fet nicht länger hier bleiben; ich werde für Euch ſorgen.“ „Meinen ſchönſten Dank, Herr Doctor,“ ſprach die Alte, ſich die Augen abwiſchend,„aber ich will, ich muß in dem Hauſe ſterben, wo meine Töchter geſtorben ſind.“ „Gut! Ihr werdet die Wohnung miethen, wo⸗ für man monatlich zwanzig Thaler verlangt ich be⸗ zahle ein Jahr voraus.“ „Ol ſehen Sie, es iſt das unnütz,“ erwiderte die Mutter,„es wären ſo wenigſtens neun Monate verloren; denn überlebe ich mein armes Mädchen drei Monate, ſo wird es Alles ſein.“ Mit dieſen Worten erfaßte die arme Frau des Mädchens Hand, worauf bereits ein kalter Schweiß ſtand. Dieß war denn auch der Grund, daß die alte Mutter, mit dieſen furchtbaren Vorboten des Todes vertraut, ſich über das Geſicht der Sterben⸗ — ——— den neigte und das trübe Auge und die welken Lippen derſelben befragte. Das Mädchen athmete noch. Der Arzt hatte, in gerechter Würdigung deſſen, was die Mutter eben that, die andere Hand erfaßt und den Puls gefühlt, der zwar immer noch ſchlug, aber ſo langſam und ſchwach wie eine Uhr, die nur noch wenige Secunden zu gehen hat. „Noch iſt alle Hoffnung nicht verloren,“ ſprach der Arzt. Die Mutter ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Ach, Herr Doctor, Sie reden mir von der Zu⸗ kunft— mir, die ich vier Mal ſo alt bin als das Kind, das nun in ein beſſeres Leben eingeht.“ Und ſie folgte mit dem Blicke den Fortſchritten des Todes auf der welken Stirn der Kranken. Der Arzt trat näher zu ihr hin, um ihr einige Worte zuzuflüſtern. Doch ſie bedeutete ihm durch ein Zeichen, daß er ſchweigen möchte, und neigte ſich von Neuem über ihre Tochter, um zu hören, oh das Leben noch nicht ganz erloſchen. Es zitterte ihre Hand, als ſie die des armen Kindes preßte, und bis ins Herz drang ihr die feuchte Kälte der letzteren. Nachdem die arme Mutter einige Augenblicke ge⸗ horcht, betrachtete ſie das Mädchen ſtarr, und man konnte einen Augenblick glauben, ſie ſtehe auf dem Punkte den Verſtand zu verlieren. Eine Thräne, eine einzige Thräne perlte an ihrem verſengten Augenlide; ſchaudernd ließ ſie die Hand, die ſie ge⸗ fangen hielt, fahren, um am Bette niederzugleiten und auf die Knie zu fallen. „Drei— drei,“ murmelte ſie. — elken ſſen, faßt lug, nur rach 41 Jetzt ſenkte ſich ihr Kopf auf die Bruſt herab, wie wenn er von einem allzu ſchweren Gedanken darniedergedrückt worden wäre. Seinerſeits ließ der Arzt die Hand der todt Da⸗ liegenden auf das Bett niederfallen: es war ihm klar, daß er bis zum andern Tage hier nun nichts weiter zu thun habe. Er ging leiſe auf das Kamin zu, legte auf den Sims ſeine Börſe und entfernte ſich. Was das auf dem Stuhle zuſammengekauerte Kind betrifft, ſo war es eingeſchlafen, und zwar ru⸗ heten ſeine beiden Arme und ſein Kopf auf dem Tiſche. Begreiflicher Weiſe hatte die Scene, die eben vor ihm geſpielt hatte, einen tiefen Eindruck auf den Arzt gemacht. Tiefbewegt kam er nach Hauſe, wo er Ivarius leſend antraf. Letzterer hatte die Rück⸗ kehr ſeines Herrn abwarten wollen, um die ange⸗ fangene Partie auszuſpielen, und wäre ſein Herr die ganze Nacht ausgeblieben, ſo hätte Ivarius ſicherlich ſich ebenſo wenig ins Bett begeben; ja, es würde ihm nicht einmal eingefallen ſein, daß es Schlafenszeit ſei. Der Arzt erzählte ihm das Geſchehene. Alsbald begriff Ivarius, daß nun von Weiterſpielen keine Rede ſein könne; er legte alſo ſämmtliche Fi⸗ guren in die für ſie beſtimmte Schachtel und ſtudirte zu gleicher Zeit das Geſicht ſeines Herrn, worin, neben einer unter ſolchen Umſtänden ganz natürli⸗ chen Aufregung, tiefes, anhaltendes Nachdenken ſich ſpiegelte. „Gute Nacht, Ivarius,“ ſprach mit einem Male Doctor Servans kurz. „Gute Nacht, theuerſter Herr,“ antwortete der wackere Mann, ohne daß es ihm auch nur einfiel, Doctor Servans wegen der vielleicht übermäßigen Befangenheit zur Rede zu ſtellen, die eines jener Ereigniſſe hervorgerufen, woran er als Arzt ſchon längſt gewöhnt ſein mußte. Hätte Jemand dem Arzte unbemerkt in ſein Schlafzimmer folgen können, ſo hätte er geſehen, wie derſelbe, nachdem er Ivarius hatte gehen heißen, der es ſich nicht hatte nehmen laſſen wollen, die Lampe ſeines Herrn auf den Tiſch zu ſtellen— ſo hätte er, ſagen wir, geſehen, wie der Arzt mitten in dieſem Zimmer ſtehen blieb und, ohne ſich zu ſetzen, in ein tiefes Nachdenken verſank, das ſich von Zeit zu Zeit in ſeinem Geſichte nur allzu deutlich kund gab; denn es trennte ein Lächeln zum öftern ſeine Lippen, wäh⸗ rend ſeine Augen von einem geheimnißvollen Ver⸗ langen brannten und Worte wie:„Warum denn nicht?— Wollen es einmal verſuchen,“ ſeinem Munde entſtiegen, gleich als ſollten dadurch die Projecte ermuthigt werden, worüber er nachzugrübeln ſchien. Indeſſen legte er ſich doch endlich zu Bette, frei⸗ lich nicht, um alsbald zu ſchlafen, ſondern, um den Gedanken, der ihn in ſo hohem Grade beſchäftigte, noch mehr zu reifen. Erſt ſpäter ſchloſſen ſich ſeine Augen mit dem Lächeln eines Mannes, der ein Problem gelöst oder zu einem feſten Entſchluſſe ge⸗ kommen. Schon früh war er wieder wach. Es ge⸗ nügte dieſer wunderbaren Organiſation ein kurzer Schlaf, und dann hielt er es auch für ſeine Pflicht, an den Tagen, wo er ein gutes Werk zu verrichten hatte, mit dem Morgenroth aufzuſtehen. Als er in den Salon hinabkam, fand er Ivarius bereits thätig. Letzterer erbot ſich, ihn zu begleiten; da er jedoch dachte, daß das, was er zu thun habe, ihm vielleicht die Hälfte des Tages wegnehmen werde, ſo nannte er ſeinem treuen Diener die Kranken, die er beſuchen ſollte; und da die Leute, wie wir bereits geſagt, faſt ebenſo großes, wo nicht das gleiche Ver⸗ trauen zu dem Schüler wie zu dem Herrn hatten, ſo kam Ivarius um ſo lieber der Weiſung des Arztes nach, als es ihn ſtets mit Stolz erfüllte, wenn man ihm eine ſolche Verantwortlichkeit aufbürdete. In der That, es war Ivarius der glücklichſte Menſch auf Gottes Erde. Schon ſeit fünfzehn Jah⸗ ren war es ſein heißeſtes Verlangen geweſen, ſeinem Herrn in ſolcher Weiſe helfend zur Seite zu ſtehen, und ſiehe da! er, der ewig zu einem dummen Bauer oder einem ganz gewöhnlichen Diener beſtimmt zu ſein ſchien, wurde nebſt Doctor Servans allmählig der beſte Arzt der Stadt C.— er, der geglaubt hatte, daß er ſtets einer der obſcurſten Bewohner derſelben bleiben müſſe. Kein Geld, ſo geduldig man es immer aufgehäuft haben, keine Liebe, ſo tief ſie immer im Herzen wur⸗ zeln mag, kann dem Menſchen die Befriedigung und das Glück gewähren, die ſich an das erlangte Wiſſen, und vor Allem an das für Andere nützliche Wiſſen knüpft. Eine Kleinigkeit kann einen Menſchen zu Grunde richten, die kleinſte Laune kann der Liebe ein Ende machen; aber nur der Tod allein oder der 44 Wahnſinn, jener geiſtige Tod, vermag das zu zer⸗ ſtören, was man erlernt hat. Die Gewißheit, jeden Morgen bei ſeinem Erwachen den Schatz noch zu finden, den ſein Geiſt in einer langen Reihe von Jahren geſammelt, verlieh Ivarius' Leben eine faſt hochmüthige Sicherheit, und kein Sterblicher, wie glücklich derſelbe immer ſein mochte, hätte, ohne ſich lächerlich zu machen, ſein Glück mit dem des Ivarius meſſen können. Kaum war daher Doctor Servans weggegangen, ſo warf ſich der wackere Mann in ſeine ſchönſten Kleider und in ſein feinſtes Hemd, um der ihn in ſo hohem Grade ehrenden Pflicht nachzukommen. Inzwiſchen war Doctor Servans bei dem Hauſe der alten Frau angelangt; es hatte der Regen auf⸗ gehört und es wälzten ſich, von einem Weſtwinde getrieben, am Himmel gewaltige, bleifarbene Wolken⸗ maſſen fort, während ein matter herbſtlicher Sonnen⸗ ſtrahl das feuchte Pflaſter zu trocknen ſuchte. Der Arzt trat in das Haus, das er nur bei Nacht geſehen, und fand es ebenſo unheimlich, als an dem vergangenen Tage. Er ducchſchritt den Hof und ſchaute in die Stube der armen Mutter hinein. Daſſelbe Gemälde wie Tags zuvor; nur war die Lampe erloſchen und erleuchtete jetzt der Tag mit ſeinem kalten Lichte das Loch, mit dem der Arzt am vorigen Abend Bekanntſchaft gemacht. Das Kind war wach und blickte, ſtehend, mit Thränen in den Augen und mit den Händchen auf dem Rücken, das Bett, die Todte, ſowie ſeine Groß⸗ mutter mit erſtaunter und zugleich furchtſamer Miene an. — 2— 8— 45 Der arme Knabe begriff dieſe Unbeweglichkeit der zwei Weſen, wovon eines todt war und das an⸗ dere noch lebte, ſchlechterdings nicht, und kaum hatte er die Tritte des Arztes gehört, als er inſtinctmäßig auf ihn zuſtürzte und reichliche Thränen zu vergie⸗ ßen anfing, jedoch ohne einen Laut hören zu laſſen. „Geh, Kind, und ſpiel ein bischen,“ ſprach der Greis und deutete auf den Hof, nachdem er ihm einen Kuß gegeben. Das Kind aber ſetzte ſich in eine Ecke, worauf der Arzt in die Stube trat. Die arme Mutter war ſo ſehr in ihren Schmerz verſunken, daß ſie ſtumm blieb. Der Arzt wagte es nicht, ſie dieſer Unbeweglich⸗ keit zu entreißen, da vielleicht das Gedächtniß der armen Frau für einen Augenblick darin erloſchen war. In dieſem Augenblicke durchſchritt ein Mann den Gang, der von einer Straße nach der andern führte. Neugierig blickte er auf die Scene, die ſich ſeinen Augen darbot. „Mein Freund,“ hob der Arzt an,„könnten Sie mir wohl ſagen, wo die Beſitzerin dieſes Hauſes wohnt?“ „Ja, parterre.“ „Was fehlt denn der armen Hanne?“ fragte er ſeinerſeits, indem er ſtehen blieb. „Es iſt ihr die letzte Tochter geſtorben.“ „Die arme Frau!“ „Sie kennen ſie alſo?“ „Ja, ich komme jeden Tag hier durch, wenn ich an die Arbeit gehe; dann und wann brachte ich ihr auch einige Kleinigkeiten, aber ſehen Sie, ich habe Frau und Kinder, und darum ſind wir begreiflicher Weiſe auch nicht reich.“ Es ſtanden dem wackeren Manne Thränen in den Augen. „Sollten Sie, Ihre Frau oder Ihre Kinder je einmal krank werden,“ ſprach der Arzt,„ſo wenden Sie ſich kurzweg an Doctor Servans, der jetzt vor Ihnen ſteht: ich werde euch alle ſo pflegen, wie ihr es verdienet.“ Und es bot der Arzt dem Arbeiter die Hand. „Kann ich Ihnen in irgend etwas behilflich ſein, Herr Doctor?“ fragte der letztere. „Nein, Freund,“ antwortete der Greis;„gehen Sie nun an Ihre Arbeit, und möge Gott dieſelbe fördern!“ Und es entfernte ſich der Arbeiter, nachdem er einen letzten, überaus traurigen und mitleidsvollen Blick auf Hanne geworfen hatte, wie er die arme Frau nannte.. Der Arzt aber begab ſich zu der Hausheſitzerin. Viertes Kapitel. Kaum hatte er angeläutet, als ſich ein lautes Gebell vernehmen ließ, das nur von einem jener ab⸗ ſcheulichen Baſtardmöpſe ausgehen konnte, wie alte Weiber ſie lieben, und die nicht minder egoiſtiſch ſind als ihre Herrinnen. In der That, ſchon nach wenigen Augenblicken ward die Thüre von einem alten Weibe geöffnet, in deren Geſicht ſich nur allzu deutlich das Verlangen 47 ausſprach, daß dem, der ſie zu ſolcher Stunde ſtörte, es belieben möchte, recht bald wieder zu gehen, oder auch gar nicht hereinzutreten. Die Alte behielt daher auch fortwährend die Thüre in der Hand, indem ſie die Worte:„Was wollen Sie?“ in einem Tone hören ließ, der ſich hätte mit den Worten überſetzen laſſen:„Bin Ihnen ja nichts ſchuldig, kenne Sie ja nicht; wie kommt es alſo, daß Sie mich zu ſolcher Stunde ſtören.“ Der Arzt ſah alsbald, mit welcher unzarten Natur er es zu thun hatte, und antwortete auf die Frage der Alten: „Möchte mit der Hausbeſitzerin ſprechen.“ „Die bin ich.“ „Hätte Ihnen ein paar Worte zu ſagen.“ „Alsbald?“ „Alsbald.“ „So kommen Sie herein,“ verſetzte die Alte, die Thüre fahren laſſend und den Arzt in ein Speiſe⸗ zimmer einführend, deſſen Fenſter auf die Straße hinausging, die mit derjenigen, von welcher aus Doctor Servans ins Haus getreten war, parallel lief. Die Hausbeſitzerin erbat ſich einige Augenblicke, um ſich ein bischen anzukleiden, da ſie noch in ihrem Camiſol und in ihrer Nachtmütze ſtak. Sobald ſie nämlich ſah, daß es ſich von ernſten Dingen han⸗ delte— was ſie ſchon aus der Zeit ſchloß, um die man ſie um eine Unterredung bat—, wollte ſie trotz ihrer ſechzig Jahre vor einem Manne nicht mehr in einem ſolchen Negligé erſcheinen. Was den Arzt betrifft, ſo blieb er allein im Speiſezimmer zurück, da der abſcheuliche rothe Hund, der zuerſt gebellt und dann den fremden Gaſt knur⸗ rend berochen hatte, ſeiner Herrin endlich nachgefolgt war. Aus dem Heiligthum konnte man auf die Gott⸗ heit ſchließen, welche darin hauste. Alles ſprach hier von jener Reinlichkeit, die bei minder bemittelten Perſonen auf Ordnungsliebe und Sparſamkeit hinweist, bei Leuten aber, die trotz ihrer gegentheiligen Behauptung vermöglich ſind, nichts als Geiz und Selbſtſucht anzeigt. Die Möbeln waren von Nußbaumholz. Wenn wir aber„Möbeln“ ſagen, ſo wollen wir einzig und allein von einem runden Tiſche, einer Art Commode und vier Stühlen ſprechen. Eine Uhr von jener Art, die man im gemeinen Leben unter dem Namen Kuckucksuhren kennt, ſcan⸗ dirte durch ihr einförmiges Geräuſch die traurige Stille dieſes Zimmers. Auch nicht in einer Schub⸗ lade ſteckte der Schlüſſel: alle waren doppelt ge⸗ ſchloſſen. Zwei franzöſiſche Kupferſtiche in ſchwarzem Holz⸗ rahmen ſuchten den Wänden einigen Schmuck zu ver⸗ leihen. Ein großes Kamin, worin von dem Feuer des vergangenen Tages auch nicht eine Spur zu ſehen war, obgleich es da zum Einheizen kalt genug gewe⸗ ſen war, trug mit ſeinem weiten, ſchwarzen Rachen nicht wenig dazu bei, dieſe jammerſelige Wohnung noch mehr zu verdüſtern; dagegen ſtand unter dem Tiſche eine Kieke, zum klaren Beweis, daß die Be⸗ wohnerin des Ortes während der kurzen Eſſenszeit für ihre Füße nur ſo viel Wärme brauche, als nöthig . 49 ſei, um die Verdauung keine Unterbrechung erleiden zu laſſen. Auf dem Kamin eine Lampe, zwei Leuchter ohne Lichter, eine Lichtſcheere. Neben dieſem Kamin hing ein rothlackirter Schwefelhölzchenbehälter, deſſen Ver⸗ zierungen einſt vergoldet geweſen waren. Derſelbe enthielt ein Stück Zunder, einen Feuerſtein und jene geſchwefelten Zündhölzchen, welche die Phosphor⸗ Feuerzeuge erſetzt haben bis zu dem Tage, wo Feuer⸗ ſtein und Phosphor von den Reibzündhölzchen Deutſch⸗ lands entthront worden ſind. Das Lächeln, das bei dem Arzte auf dieſe Zim⸗ merſchau folgte, reſumirte ſeine Anſicht von der Hausbeſitzerin. Dieſe Zimmerſchau allein hatte ihm zur Genüge geſagt, wie viel Mutter Hanne mit ihren Töchtern hier ausgeſtanden. Es ſtand nicht lange an, ſo erſchien die Haus⸗ beſitzerin wieder. „Ich ſtehe nun zu Ihren Dienſten, mein Herr,“ ſprach ſie. Und ſie bedeutete dem Arzt durch ein Zeichen, daß er ſich ſetzen möchte. „Wir wollen die Sache kurz machen,“ ſprach Doctor Servans, indem er ſich ſetzte:„es iſt nun Hannen auch die letzte Tochter geſtorben.“ „Wann denn?“ „Geſtern Abend.“ „Ach! um ſo beſſer für die arme Frau.“ „Warum ſagen Sie das, Madame?“ „Weil ſie eine Laſt für ſie war, und weil nun Hanne eine Sorge weniger hat.“ Dumas, Doctor Servans. 4 „Sie mögen hierin Recht haben,“ erwiderte der Arzt, indem er ſich verneigte und das Weſen, das dieſe rohen Worte geſprochen, ſcharf fixirte. Zu gleicher Zeit ſtreichelte er den Mops, der ihm auf die Knie geſprungen und das einzige Geſchöpf war, das ſie je geliebt. 1 „Es wird Hanne um ſo weniger unglücklich ſein,“ fuhr der Greis fort,„als ſie die Stube verläßt, die ſie in dieſem Augenblicke bewohnt.“ „Wie! hat ſie es bei mir nicht gut?... Habe 8 ich doch Alles für ſie gethan, was ich bei meinen Mitteln thun konnte.“ 1 „Sie ſelbſt läßt Ihnen dieſe Gerechtigkeit wider⸗ fahren;— aber ſie hat noch ein kleines Kind.“ „Ach, ja, Sie meinen den Sohn, den ihre älteſte Tochter, eine recht liederliche Dirne, ihr hinterlaſſen hat.“ „Ob ſie eine liederliche Dirne geweſen, weiß ich nicht,... ſo viel aber weiß ich, daß das arme Kind von der ſchlechten Luft, die in dem von der armen Frau bewohnten Hundeſtall herrſcht, bereits infi⸗ cirt iſt.“ „Gar viele Leute würden ſich gern mit dem, was Sie einen Hundeſtall zu nennen belieben, begnügen.“ „Dem ſei, wie ihm wolle, Madame, aber ich komme, um Sie zu erſuchen, daß Sie an Mutter Hanne die zwei möblirten Zimmer vermiethen, welche in dieſem Augenblicke in Ihrem Hauſe leer ſtehen.“ „Aber wie will mich denn eine Frau, die ſo gar nichts hat, bezahlen? Bin ich doch nicht reich ge⸗ nug, um Andere umſonſt in mein Haus aufnehmen zu können.“ V——,——,—,—— —.— ——— — „Auch ſollen Sie ſie nicht unentgeldlich logiren; ich bezahle für die Frau.“ „Aber wer ſind Sie, mein Herr?“ „Ich bin Doctor Servans.“ „Ah! Sie ſind der Doctor Servans? Es heißt überall, Sie ſeien gegen alle Armen recht gut; ſollte ich daher je einmal krank werden, ſo will ich mich hiemit Ihnen gehorſamſt empfohlen haben.“ „Was ich thun kann, ſoll herzlich gern geſchehen, Madame. Wir können dann das Honorar für meine Beſuche bei Ihnen an der Hausmiethe Hannens ab⸗ rechnen.“ Die Hauseigenthümerin biß ſich in die Lippen. Es war ſchwer, ja vielleicht unmöglich, ein Ge⸗ ſicht zu finden, das ſo dumm⸗egoiſtiſch war wie das dieſer Frau,— eine Phyſiognomie, worauf ſich ſchmutziger Geiz malte. Man ahnte in ihr unwill⸗ kürlich ein Weſen, das aller Handlungen fähig war, nur des Schenkens nicht. Sah ſich aber dieſes Ge⸗ ſchöpf, das nur zu viele Geſinnungsgenoſſen hat, in ihren Abſichten betrogen, und empfand ihr Herz ein⸗ mal Haß, ſo nahm ihr Geſicht auf der Stelle einen unheimlichen Ausdruck an. Als ſie daher aus den letzten Worten des Arztes erſah, daß es vergeblich ſei, ihn über ihre wahre Lage zu täuſchen, ſchwoll ihr Herz vor Wuth, und ſie gelobte bei ſich ſelbſt heilig und theuer, ſich an dem Manne zu rächen, weil er ſich nicht hatte hinters Licht führen laſſen. „Doch kommen wir nun zur Sache, mein Herr!“ hob ſie wieder an. „Recht gern, Madame. Wie viel verlangen Sie für die beiden Zimmer?“ „Fünfundzwanzig Thaler per Monat,“ antwor⸗ tete die Alte, die ſich dadurch zu rächen glaubte, daß ſie für die beiden ſchlechten Zimmer, welche zu den Lebzeiten ihrer Töchter für Mutter Hanne das Höchſte geweſen waren, wornach ſie getrachtet, monatlich fünf Thaler mehr verlangte. „Recht wohlfeil,“ antwortete der Arzt, welcher die Abſicht der Alten errieth und ſie gerne in Wuth gebracht hätte.„Recht wohlfeil, in der That.“ Was die Hausbeſitzerin litt, läßt ſich nicht be⸗ ſchreiben. „Sehen Sie, ich bringe dieſes Opfer, weil es Hanne iſt; jede andere Perſon müßte dreißig Thaler bezahlen,“ antwortete die alte Jungfer. „Stellen Sie mir gefälligſt eine Quittung aus, daß ich drei Monate vorausbezahlt,“ bemerkte der Greis, fünfundſiebzig Thaler aus der Taſche heraus⸗ ziehend. Die Alte überreichte dem Arzt die Quittung, nachdem ſie die Summe ſorgfältig gezählt hatte. Jetzt ſtand Doctor Servans auf und ging, nach⸗ dem er ſich den Schlüſſel zu der eben gemietheten Wohnung ausgebeten, hinaus. Kaum hatte ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, ſo ging die Hausbeſitzerin wieder an den Tiſch hin, worauf die fünfundſiebzig Thaler lagen und zählte dieſe abermals; dann ſtellte ſie das Dintenfaß mit ſeinen beiden Federn wieder an den Ort, wo ſie es genommen, und öffnete, aus ihrer Rocktaſche einen Schlüſſel herausziehend, in ihrem Schlafzimmer einen Secretär, der dicht neben ihrem Bette ſtand und von 53 deſſen Schubladen eine die fünfundſiebzig Thaler verſchlang. Unterdeſſen war der Arzt in die eben gemiethe⸗ ten beiden Zimmer hinaufgegangen und hatte, nach⸗ dem er die Fenſter geöffnet, wahrgenommen, daß Mutter Hanne und ihr Enkel gar nichts weiter brauchten, wenn noch einige Kleinigkeiten herbeige⸗ ſchafft wären. Dann ging er wieder in Hannens Stube hinab, die immer noch daſſelbe Schauſpiel darbot, nur daß der Knabe jetzt hinausgegangen war, um unter den Lindenbäumen am Hauseingang zu ſpielen. Indeſſen konnte man ſehen, wie der arme Kleine von Zeit zu Zeit nach der Stube ſeiner Großmutter ein unruhi⸗ ges Auge hinſchweifen ließ. Auch darf nicht ver⸗ geſſen werden, daß, wenn er jetzt ſpielte, es darum geſchah, weil man es ihn geheißen hatte. Der Greis conſtatirte den Tod und entfernte ſich ſodann, um alles zur Beerdigung Nöthige anzu⸗ ordnen. Erſt als dieſe letztere Ceremonie vorgenommen wurde, konnte man die Mutter von der Tochter trennen. Als es Abend geworden war, lag Mutter Hanne, ohne zu wiſſen, wie ihr geſchah, und ohne zu unter⸗ ſuchen, wie dieß ſo gekommen war, in ihrem neuen Bette. Ein heftiges Fieber verzehrte ſie, und end⸗ lich unterlag ſie dem Schlafe, den ſie ſeit einem Monate von ſich gewieſen hatte. Was den Kleinen betrifft, ſo war er inmitten der Spielſachen, die Doctor Servans ihm geſchenkt, lachend eingeſchlafen. Nach dem Abendeſſen ſetzte Servans, der dem treuen Ivarius den Schmerz der armen alten Frau erzählt, hinzu:. „Der Menſch, der ein ſo heiß beweintes Kind wieder ins Leben zu rufen vermöchte, müßte unend⸗ lich glücklich ſein.“ „Leider, leider iſt das aber unmöglich,“ hatte alte Domeſtike zurückgegeben. „Das wollen wir erſt ſehen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß es für einen Arzt, der ſeinen Beruf verſteht, ſchon ein ſchönes Reſultat iſt, wenn es ihm gelingt, das Leben ſeiner Mitmen⸗ ſchen zu verlängern; daß es aber noch weit ſchöner wäre, es ihnen wieder zu ſchenken,— und das werde ich verſuchen.“ „Sie!“ hatte Ivarius voll Erſtaunen ausgeru⸗ fen, da er glaubte, es ſei ſein Herr auf dem Wege, dem Wahnſinn zu verfallen. „Ja, ich.“ „Und da Ivarius Tags darauf die Unterredung, die er mit ſeinem Herrn gehabt, uberall erzählt hatte, ſo war von dieſem Tage an in der Stadt C. das Gerücht verbreitet, es gebe ſich Doctor Servans mit Magie ab. Wir wollen nun ſehen, wie der Arzt ſich dieſes der 8 neuen Geſchäfts entledigte, und welche Reſultate er erzielte. Vor Allem aber müſſen wir unſere verehrten Leſer bitten, der Geſchichte, die wir hier erzählen, vollen Glauben beizumeſſen; denn wir können uns em — 55 nicht berühmen, auch nur ein Jota davon erfunden zu haben. Den Tag, nachdem Doctor Servans zu dieſem Entſchluſſe gekommen, erſchien er wieder in aller Frühe bei der alten Hanne. Dieſe war bereits ausgegangen. Er traf nur das Kind an, das aus Freude über die vielen Spielſachen ſchon früh aufgewacht war und mit wahrer Efſtaſe dieſelben betrachtete; faſt wagte es nicht ſie anzurühren, ſo ſehr fürchtete es noch, daß der Schatz nicht ihm gehören möchte. „Wo iſt Deine Großmutter?“ fragte der Arzt das Kind, das ihn alsbald erkannte und ihm zu⸗ lächelte. „Auf dem Kirchhofe,“ antwortete der Kleine lachend. Der Greis verließ das Haus, ſchlug den Weg nach dem Kirchhofe ein, ſuchte den Ort, wo er das Mädchen hatte begraben laſſen, und fand die Mutter auf dem friſchen Grabe kniend. Lange blieb er ſtehen, um Zeuge eines ſo wah⸗ ren Schmerzens zu ſein; endlich ging er auf Mutter Hanne zu und berührte ihre Achſel leicht. Die arme Frau fuhr auf, wie wenn ſie plötzlich einem Traum entriſſen worden wäre. „Ah! Sie ſind es,“ ſprach ſie;„Dank, tauſend Mal Dank, daß Sie meine Tochter haben an einem Platze begraben laſſen, wo ich gewiß bin, ſie ſtets wieder zu finden. Es ſind die beiden andern eben in ein gemeinſchaftliches Armengrab verſenkt worden, ſo daß ich, wenn ich für ſie bete, aufs Gerathewohl beten muß; dieſes aber wird nun mein dreifaches Gebet aufnehmen, und Ihnen verdanke ich dieſen Troſt. Dank, tauſend Mal Dank, Herr Doctor!“ Und es küßte die arme Alte dem Arzte beide Hände. „Werdet jetzt nur etwas ruhiger,“ ſprach Ser⸗ vans:„Ihr habet ja noch ein Kind, das wir mit Gottes Hülfe davon bringen werden: kein Schmerz iſt ja ewig.“ „Der Schmerz einer Mutter ſtirbt nie,“ verſetzte die alte Frau. „Es hat darum auch der Eurige mir einen groß⸗ artigen Gedanken eingegeben.“ „Welchen Gedanken?“. „Den Gedanken, mich mit der Auferweckung der Todten zu beſchäftigen.“ „Sie werden meine Kinder wieder vom Tode erwecken?“ „Das ſage ich nicht gerade, oder verſichere ich 3 Euch wenigſtens nicht; nur glaube ich, es würde mein Name von allen denen geſegnet werden, die ein theures Weſen verloren haben, wenn es mir gelänge, es ihnen wiederzuſchenken.“ „Ach! ja, man würde Sie ſegnen; und iſt es zu dem Werke, das Sie vorhaben, erforderlich, daß Sie Gott für das Leben, das Sie ihm wieder neh⸗ men, ein anderes geben, ſo ſchenken Sie meinen Kindern das Leben wieder und nehmen Sie dafür das meinige; jedoch erſt dann, wenn ich ſie geſehen habe.“ „Und werdet Ihr immer alſo denken?“ „Sie fragen das erſt noch! Schon vier Jahre denke ich alſo.“ der zur geſ erſt ſcha mei län ſche tod din leic Leb den eine mie die an Ope Gre ſie 57 „Ich werde es verſuchen.“ „Wann?“ „Schon morgen.“ „Schon morgen alſo werden Sie mir meine Kin⸗ der zurückgeben?“ „Nein. Auch kann ich Euch in keinem Falle alle zurückgeben.“ „Warum nicht?“ „Für's erſte iſt Euer Sohn auf dem Schlachtfeld geſtorben; um aber etwas thun zu können, muß ich erſt den Körper haben.“ „Das iſt wahr,“ antwortete die arme Frau, die ſchon eine ihrer Hoffnungen dahinſchwinden ſah;„aber meine Töchter?“ „Für den Fall, daß mein Unternehmen mir ge⸗ länge, könnte ich Euch nur eine, die letzte wieder ſchenken. Die beiden andern ſind ſchon zu lange todt, und es hat die Erde die zum Leben ſchlechter⸗ dings nothwendigen Organe bereits zerſtört; viel⸗ leicht gelingt es mir nun zwar, dem Körper wieder Leben zu geben, nimmermehr aber werde ich bei dem ſeltſamen Unternehmen, das Euer Schmerz mir eingibt, ihn wieder neu machen können; ich kann mich daher auch nur mit ſolchen Individuen befaſſen, die erſt ſeit Kurzem geſtorben ſind, oder mit Körpern, an denen ich gleich nach dem Tode eine vorbereitende Operation vornehme.“ „Und meine Tochter?“ „Eure Tochter kann ein ganzes Jahr in dieſem Grabe bleiben; gelingt mir es, ſo wacht ſie ſo, wie ſie war, wieder auf.“ „Wann aber wollen Sie den Verſuch machen?“ fragte die alte Frau, die von allem dieſem nur ſo viel verſtand, daß man ihr ihre Tochter zurückzu⸗ geben verſprach. „Bald.“ „Morgen, oder auf der Stelle?“ „Ach, nein, vielleicht aber in einem Monat.“ „In einem Monate!“ ſprach Mutter Hanne, den Kopf wieder in beide Hände ſinken laſſend.„Noch einen ganzen Monat alſo ſoll ich leiden!“ „Nein, Ihr ſollt jetzt einen Monat lang hoffen,“ verſetzte der Arzt.„Im Uebrigen werdet Ihr wäh⸗ rend dieſes ganzen Monats jeden Augenblick beſchäf⸗ tigt ſein; denn was ich thun will, um Euch Eure Tochter wieder zu geben, das werdet Ihr für das Kind thun, das Euch geblieben iſt. Seid alſo guten Muths, Mutter Hanne, und ſetzet Euer Vertrauen auf Gott.“ „Und Sie ſchwören mir, daß ich meine Tochter wieder bekomme?“ „Ich ſchwöre, daß ich Alles thun werde, was menſchliches Wiſſen zu thun vermag. Und nun gehet heim und denket nicht mehr an die, die auf dem Friedhofe ſchläft, ſondern an das Weſen, wo⸗ für Ihr Gott verantwortlich ſeid; betet auch fleißig, denn der Herr der Welt muß dem Werke, daß ich vorhabe, geneigt ſein, wenn es gelingen ſoll,“ ſetzte der Arzt lächelnd hinzu. „In einem Monat alſo...“ „Ja, in einem Monate.“ „Und ſehe ich Sie bis dahin?“ „Alle Tage.“ „Oh! Dank, tauſend Mal Dank,“ antwortete dieſe man verle ihr lich Sor⸗ nund däuc die dem ſtört bald der zu v ſein ſie, ſtand tete Mutter Hanne, auf des Arztes Hände zuſtürzend und ſie mit ihren Thränen und Küſſen bedeckend. Darauf kniete ſie noch einmal nieder, worauf ſie ſich entfernte und dabei das Grab anlächelte, als wäre es eine Wiege. Wie man ſieht, ſo dachte die arme Frau nur noch an Eines, nämlich an den Tag, der nach einem Monat ihr ihre Thereſe wieder ſchenken ſollte. Hätte ſie nun reiflicher über die Sache nachge⸗ dacht, ſo wäre dieſe Hoffnung ihr als thöricht oder wenigſtens als unwahrſcheinlich erſchienen; allein es war dieſelbe von Doctor Servans in einer Art bei ihr geweckt worden, die es ihr unmöglich machte, dieſelbe als chimäriſch anzuſehen. Und dann gehe man her und ſage einer Mutter, die eben ihr Kind verloren, ſie ſolle nicht an den Mann glauben, der ihr verſprochen, es ihr wieder zu ſchenken! So kam es denn, daß Mutter Hanne, die ledig⸗ lich keine Erziehung als die des Kummers und der Sorge hatte, ſich nicht die Mühe gab, über die Hoff⸗ nung, die man ihr gemacht, zu vernünfteln. Zwar däuchte es ihr zuweilen, wenn ihre furchtſame Liebe die Verwirklichung eines ſo großen Glückes bezweifelte — zwar däuchte es ihr, ſagen wir dann, daß es dem Menſchen nicht gegeben ſei, das, was Gott zer⸗ ſtört, wieder aufzubauen; allein ſie wies dann als⸗ bald den Zweifel wieder zurück und ſagte ſich, daß der Arzt lediglich keinen Grund hätte, ihr ſo etwas zu verſprechen, wenn er nicht ſicher geweſen wäre, ſein Verſprechen auch halten zu können; daß ferner ſie, eine arme, unwiſſende Frau, mit ihrem Ver⸗ ſtande die Fortſchritte der Wiſſenſchaft nicht begreifen 1 b 2 ] könne, daß ſie auf die Hoffnung ihres Herzens bauen müſſe, und daß endlich Gott, der ſchon ſo viele Wunder habe geſchehen laſſen, wohl noch eines ge⸗ ſchehen laſſen könne, um den großen Schmerz zu lindern, der unmöglich eine Strafe, ſondern höchſtens nur eine Prüfung ſein könne. Es war daher auch, als Mutter Hanne heim kam, eine vollſtändige Umwandlung mit ihr vorge⸗ gangen. Die neuen Gegenſtände, unter die ſie ſich Tags zuvor hatte verſetzen laſſen, ohne ihnen beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ja ohne ſie auch nur zu ſehen, feſſelten jetzt ihr Auge; denn nun waren ſie nicht mehr für ſie allein da, ſondern auch für ihre Tochter Thereſe, wenn ſie vom Tode wieder erwachte. Jetzt konnte das arme Mädchen das Leben von einer heiterern Seite kennen lernen, und hatte das Elend ſtets den Rahmen ihres Lebens gebildet, ſo mußten ihr im Augenblick ihres ſeltſamen Wiedererwachens die geringſten Dinge als etwas Zauberhaftes erſchei⸗ nen. Und dieſer Gedanke, daß ihre Tochter glück⸗ lichere Tage ſehen werde, war es, der Mutter Hanne doppelt glücklich machte. Als ſie ihre Wohnung wieder betrat, fand ſie den Kleinen ſchlafend. Es war das Kind inmitten ſeiner Spielſachen eingeſchlummert, jetzt nahm ſie es in die Arme und küßte es mit ſolcher Inbrunſt, daß es weinend auf⸗ wachte. Doch in demſelben Augenblick erkannte es ſeine Großmutter, und nun hatte es für dieſe jenes reine, durchſichtige, engelgleiche Lächeln, das den 61 Kindern nur ſo lange eigen iſt, bis ſie zu Männern bauen und Jungfrauen heranreifen. viele„Wir ſehen ſie wieder,“ ſprach die gute Frau, 's ge⸗ die ihre Freude ſchlechterdings Jemand mittheilen rz zu mußte, ſelbſt wenn dieſer Jemand ein Weſen war, hſtens das ſie nicht verſtehen konnte. Empfindet man große . Freude oder großen Schmerz, ſo meint man, es heim viſſe alle Welt darum und man müſſe, indem man vorge⸗ ſich an die erſte beſte Perſon wende, in ihr einen 2. Freund finden, der mit dem Schmerze ſympathiſire Tags oder die Freude theile. ndere Und noch ehe das Kind ihr hatte antworten kön⸗ ur zu nen, hatte die gute Frau es wieder in die Arme en ſie geſchloſſen und mit Küſſen bedeckt. ihre Von dieſem Tage an war Mutter Hannens phy⸗ achte. ſiſches und geiſtiges Leben ein durchaus anderes. einer Der Schlag, welchen der Tod ihrer letzten Toch⸗ Elend ter der Mutter verſetzt hatte, war ſo heftig geweſen, ußten daß nur ein Mittel wie das von dem Arzte gefun⸗ ſhens dene ſie hatte wieder beruhigen können. In dem ſchei⸗ Zuſtande, worin Mutter Hanne ſich befand, konnte glück⸗ von einer Ruhe nicht mehr die Rede ſein, wenn dieſe danne nicht im Gefolge des Todes kam. Das Fieber, wel⸗ 1 ches durch die lange Schlafloſigkeit und ihren Schmerz d ſie hervorgerufen worden war, hatte eine andere Rich⸗ tung genommen. Und dieſer tiefe Kummer hatte achen ſich in wahnſinnige Freude, in grenzenloſes Vertrauen, und in unbedingte Ueberzeugung umgewandelt. Nachdem auf⸗ ſie einmal ihre letzte Tochter verloren, war ihr die te es Hoffnung als etwas ſo Unmögliches erſchienen, daß jenes ſie nicht mit jener Religion, welche der Kummer lehrt, den glaubte; es hätte Gott dieſe Hoffnung nimmermehr zugelaſſen, wenn er ſie nicht hätte verwirklichen wollen. Nun war die Reaction ſo heftig geweſen, daß ein Nichts hingereicht hätte, um dieſen unaufhörlich wiederkehrenden Gedanken von Thereſens Wiederer⸗ weckung, der für Mutter Hannens Leben eine Leuchte und Stütze war, in Wahnſinn zu verkehren. Aber es kam dieſe Hoffnung im Geleit ſo uner⸗ warteter phyſiſcher Tröſtungen, daß ſie, wollte ſie anders nicht eine Undankbare oder eine Atheiſtin ſein, daran glauben mußte. Die Art und Weiſe, wie der Arzt für ſie ſorgte, das Geld, das er ihr geſchenkt, die geſunde Wohnung, die ſie ihm ver⸗ dankte: das war es, was ſie vollends überzeugte. Aus der Stube zu ebener Erde hatte ſie die ärm⸗ lichen Möbeln genommen, die wir bereits kennen; ſie hatte ſie gereinigt und aus dem Zimmer, worin für den Augenblick der Kleine ſchlief, Thereſens künf⸗ tiges Schlafzimmer gemacht. Man mußte ſehen, mit welcher Liebe die arme Mutter das Zimmerchen her⸗ ausputzte, das ihre Tochter bald bewohnen ſollte. Das Bett war ſchneeweiß, an den Fenſtern hingen Vorhänge, die gleich weiß waren, und endlich war⸗ tete das hölzerne Chriſtusbild, das beim Tode des Mädchens in der Stube zu ebener Erde geweſen, in derſelben betenden, tröſtenden, glaubensvollen Stellung auf deren Rückkehr. Alles in dieſem Zimmer war ſo eingerichtet, daß Thereſe bei ihrer Rückkehr wirklich bezaubert werden mußte. Neue Kleider und Schmuckſachen, die zwar gar einfach, ihr aber ſtets unbekannt geblieben waren, harrten des Kindes und ſollten ihm in Zukunft ein ſüße des ſie meh Frie ſond The von hätt Wal und ſo p keit C. in gegle Mut die 2 ſolche Tocht nicht Es Geſch poſiti wiede des 2 chen! warte gewor der ar mehr lichen daß örlich derer⸗ Luchte uner⸗ te ſie eiſtin Veiſe, r ihr ver⸗ gte. ärm⸗ anen; vorin künf⸗ „mit her⸗ ollte. ngen war⸗ des eſen, ollen daß erden zwar aren, t ein 63 ſüßeres Leben bereiten. So gewiß war die Mutter des Wiedererwachens ihrer heißgeliebten Tochter, daß ſie endlich die Trauer abgelegt hatte, welche ſie ſeit mehreren Jahren trug. Jeden Tag ging ſie auf den Friedhof, und zwar nicht länger traurig und troſtlos, ſondern lächelnd und voller Freude. Sie bedeckte Thereſens Grab mit Blumen und redete ihrem Kinde von der Zukunft vor, wie wenn dieſes ihre Worte hätte hören und ihr Antwort geben können. Es war dieß, wir wiederholen es, noch nicht der Wahnſinn, wohl aber die letzte Stufe des Verſtandes. Es läßt ſich leicht denken, daß der traditionelle und wohlbekannte Kummer der alten Frau ſich nicht ſo plötzlich in eine mit jedem Tage größere Freudig⸗ keit verwandelt hatte, ohne die Bewohner der Stadt C. in Staunen zu verſetzen. Anfänglich hatte man geglaubt, es habe der lange und heftige Kummer Mutter Hannen endlich den Verſtand gekoſtet. Auf die Beileidsbezeugungen der Leute aber hatte ſie mit ſolcher Entſchiedenheit geantwortet, ſie würde ihre Tochter wieder bekommen, daß die Betreffenden gar nicht mehr wußten, was ſie von ihr denken ſollten. Es war Doctor Servans' Name mit dieſer ganzen Geſchichte ſo ſehr verkettet, es hatte derſelbe in ſo poſitiver Weiſe verſprochen, Thereſe von den Todten wieder zu erwecken, und es war das tiefe Wiſſen des Doctors ſo wohlbekannt, daß das ganze Städt⸗ chen mit größter Ungeduld den bezeichneten Tag er⸗ wartete; Thereſe war das allgemeine Tagesgeſpräch geworden; was den Doctor betrifft, der, ſeitdem er der armen betrübten Frau ſolche Hoffnung gemacht, mehr denn je zu Hauſe blieb und durch Ivarius ſeine Krankenbeſuche machen ließ, ſo fing er an, für ein übernatürliches Weſen zu gelten; die Einen hiel⸗ ten ihn für einen Auserwählten des Herrn, die An⸗ dern für einen Mann, der es mit dem Teufel zu he thun hatte, wieder Andere erklärten ihn für einen 33 Marktſchreier oder für verrückt. Jeden Abend bil⸗ deten ſich um ſein Haus her Gruppen, und da wurde dr denn die geringſte Geſte des Ivarius auf tauſender⸗ m lei Art gedeutet. Natürlich erblickte man nun auch nu in Servans' Diener eine unendlich wichtigere Perſon an als früher. 4 we Ein paar Mal war indeſſen Servans ausgegan⸗ der gen, um entweder einige unumgängliche Beſuche St oder einige Einkäufe zu machen, die nur er beſorgen konnte, und da war er denn von unterſchiedlichen 2 Leuten geſehen worden. Dieſe behaupteten nun, es da ſei der Greis gar nicht mehr der Mann, der früher beſ auf ſeine Perſon ſo viel gehalten. ſel An ſeiner nachläſſigen Kleidung hatten ſie einen. gre Mann erkannt, der, gezwungen, eine Arbeit zu ver⸗ laſſen, welcher er Tag und Nacht obliegt, mit An⸗— kleiden nicht viel Zeit verlieren mag und, ſo wie er hat eben iſt, ausgeht, ohne ſich um die Meinung der Do Leute zu bekümmern, die ihm unterwegs begegnen⸗ geſ können. Die Arbeit, womit er ſich beſchäftigt und aue wovon alle Welt ſpricht, ſcheint ihm ſeine nachläſſige: es Kleidung genügend zu entſchuldigen, da ein Menſch, abe der nur ausgeht, um eine Arzenei bereiten zu laſſen, kom ein Inſtrument zu kaufen, oder einen Sterbenden zu lich beſuchen, welcher ſein Erſcheinen ſchlechterdings fordert, und ſich nicht zu kleiden braucht wie ein Müſſiggänger, der der etwa einem Mädchen nachläuft. „für hiel⸗ An⸗ el zu einen d bil⸗ vurde nder⸗ auch herſon egan⸗ eſuche orgen lichen n, es rüher einen. ver⸗ t An⸗ vie er g der egnen t und läſſige tenſch, laſſen, den zu rdert, änger, 65 Indeſſen war der Arzt wegen ſeiner Koketterie und der Sorgfalt, die er auf ſeine Toilette ver⸗ wandte, ſo wohl bekannt, daß man alle dieſe Einzel⸗ heiten wahrnahm. Hiezu denke man ſich nun noch, daß Doctor Ser⸗ vans den Leuten an den Tagen, wo ſie ihn geſehen, als magerer erſchienen war. Es war ſein Bart nicht mehr ſo ſorgfältig geſchoren, es waren ſeine Wangen nun hohl und farblos, kurz, es hatte das eifrige, anhaltende Studiren, es hatten die vielen Nacht⸗ wachen, es hatten die fortwährenden Forſchungen dem Geſichte mit den roſigen Backenknochen ihren Stempel aufgedrückt. Man hatte die Leute, deren Haus er betreten — Mechaniker oder Apotheker— ausgefragt und da erfahren, daß der Doctor verſchiedene Arzeneien beſtellte und Inſtrumente anfertigen ließ, deren Zweck ſelbſt die, bei denen ſie beſtellt wurden, nicht zu be⸗ greifen vermochten. Ivarius, den man gleichfalls ausgefragt hatte — denn dieſen ſah man öfter als ſeinen Herrn— hatte beharrlich zur Antwort gegeben, es ſei der Doctor den ganzen Tag in ſeinem Studirzimmer ein⸗ geſchloſſen, es eſſe derſelbe faſt gar nichts und ſchlafe auch faſt nicht mehr; wenn er ſpreche, ſo geſchehe es höchſtens, um ihm— Ivarius— Befehle, nicht aber Aufſchlüſſe zu geben; er ſelbſt— Jvarius— komme dieſen Befehlen nach, ohne ſich von dem eigent⸗ lichen Thun des Herrn Rechenſchaft geben zu können, und obgleich er es verſucht habe, die Mittel, deren der Arzt ſich bediene, zu errathen oder durch Ueber⸗ raſchung dahinter zu kommen, ſo wiſſe er doch immer Dumas, Doctor Servans 5 4 noch eben ſo wenig wie im Anfang, und gleich allen Andeyn könne er das Reſultat kaum erwarten. Jeden Tag ſah man Mutter Hanne mit ihrem Enkel zum Doctor kommen. Dank der Pflege des Arztes und ſeiner Großmutter, gedieh das Kind wie⸗ der zuſehends; es war der Huſten verſchwunden, es belebte ſich das Auge wieder, es verlor das Geſicht jene gelbe Aufgedunſenheit, die eine Blutdyskraſie und das Erbübel ſeiner Familie erkennen ließ. Mit Freudenthränen in den Augen verließ Mut⸗ ter Hanne immer den Doctor, und fragte man ſie, was ſie beim Arzte geſehen, ſo gab ſie einfach zur Antwort: „Er hat mir verſprochen, mir meine Thereſe wie⸗ der zu ſchenken; welche Mittel er anwendet, iſt mir völlig gleichgültig, wenn er mir ſie nur zurückgibt.“ Fünftes Kapitel. Gleichwohl gab es Tage, wo Mutter Hannens Vertrauen wieder ſchwand, um tiefer Traurigkeit Platz zu machen; es waren die Tage, an denen der Himmel ſich grau färbte, an denen der Regen in Strömen herabſtürzte und den Boden in eine große Kothmaſſe verwandelte. Dann bekämpfte die Vernunft bei ihr den Glau⸗ ben, und ſo oft ſie an den Leichnam ihres armen Kindes dachte, den der Regen unter der erweichten Erde erreichen mußte, den armen Leichnam, der, von einem einfachen Leintuch umwunden, und in einem Sarge eingeſchloſſen, von der Feuchtigkeit allen hrem des wie⸗ „ e5 ſicht raſie Nut⸗ ſie, zur wie⸗ mir bt.“ iens gkeit der in roße lau⸗ men hten der, in gkeit 67 ſchon angegriffen ſein mußte, eilte ſie wie wahnſinnig zu dem Arzte, der zu ihr ſprach: „Seiet nur ruhig, fürchtet nichts, ich bin unaus⸗ geſetzt thätig, und an dem von mir bezeichneten Tage ſollt Ihr Eure Thereſe wieder ſo ſehen, wie Ihr ſie verlaſſen habt!“ Die arme Frau, bei der das Leben einzig und allein noch an dem Faden dieſes Vertrauens hielt, ging dann auf den Kirchhof, kniete trotz des Regens auf dem Grabhügel nieder, unter dem ihre Tochter lag, und rief dieſer zu:„Nur Muth, liebes Kind! bald holen wir Dich.“ War ſie wieder nach Hauſe gekommen, ſo betete ſie zu Gott, daß er den Regen aufhören laſſen möchte, der die Erde durchnäßte und auf den Leib ihres Kin⸗ des wie Eis fiel. An ſolchen Tagen dachte ſie aber nicht allein an Thereſe, ſondern auch an ihre andern Kinder, denen das Wiſſen des Doctors kein Leben mehr einhauchen konnte, und da machte ſie ſich denn bittere Vorwürfe darüber, daß ſie der Hoffnung, Thereſe wieder zu ſehen, ihr Andenken opferte. Sie fand ihre Liebe ſelbſtſüchtig, und zuweilen zweifelte ſie, ob Gott es ihr auch vergeben werde, daß ſie das Anerbieten Doctor Servans' angenommen. Sie ſagte ſich, es ſei ihre Pflicht, mit ihren vier Kindern zu ſterben, es ſeien alle der gleichen Liebe würdig, es dürfe das Herz einer Mutter keinen Vorzug für eines ihrer Kinder kennen; es ſei daher auch ſündhaft, nur eines wiederſehen zu wollen. Aber ſie ſagte ſich auch, daß das Kind, das Gott ihr wiedergebe, die ganze Liebe ihrer Mutter auf ſich concentriren werde, ohne aus —y18Z8Iöhöͤöͤöͤſͤſnnnnn dem Herzen der letzteren das ſüße Andenken der an⸗ dern zu verbannen. Sie ſagte ſich, daß, müßte ſie auch Tag und Nacht arbeiten, müßte ſie auch immer eines ihrer Glieder hergeben, um jedes ihrer Kinder ein Jahr, einen Monat, einen Tag lang wiederzu⸗ ſehen, ſie Alles thun würde, was der von ihr ver⸗ langte, der dieſelben ihr für ihr Opfer wiedergeben könnte, daß aber der Arzt nur eines dieſer Kinder wieder ins Leben rufen könne, und bat das Anden⸗ ken der andern vorangegangenen Kinder um Ver⸗ zeihung, daß ihr mütterlicher Schmerz ſolche Liebe ſich erlaube. Sie erblickte in Thereſen nur den Engel, der in ihren letzten Lebenstagen ihr rathend und helfend zur Seite ſtehen, die Verzweiflung und Gottesläſterung von ihr fernhalten und ſie allmählig und ſanſt in die Welt hinüberführen ſollte, wo ſie die wieder zu finden gedachte, welche die Erde ihr nicht zurückgab. In Augenblicken, wo dieſer Gedanke allzu ſchwer auf ihrem Gewiſſen oder ihrem Verſtande lag, pflegte ſie einen Prieſter aufzuſuchen und ihn um ſeine Mei⸗ nung, ſowie um guten Rath zu fragen. Der Geſalbte des Herrn pflegte ihr dann zur Antwort zu geben, es ſei dieſe Hoffnung ein Troſt, den der Himmel ihr in ihrem Kummer ſende; und fragte ſie ihn dann, was er von dem Verſprechen halte, das der Doctor ihr gegeben, und ob ihm die Verwirklichung deſſelben als möglich erſcheine, ſo bemerkte er ihr, wie er nur zu Gott beten könne, daß derſelbe dem Manne, der ein ſolches Werk unter⸗ nehme, helfend zur Seite ſtehen möchte, und erin⸗ 69 nerte ſie daran, wie Chriſtus des Jairus Töchterlein und Lazarus von den Todten wieder auferweckt. Unterdeſſen wollen wir, ſo es dem Leſer genehm iſt, in das Haus des Doctors dringen, den Ivarius trotz ſeiner gegentheiligen Behauptung nicht verläßt — was uns um ſo leichter ſein wird, da wir nicht zu den Leuten des Städtchens C. gehören. Nachdem einmal Doctor Servans ein ſo tiefes Wiſſen ſich angeeignet hatte, war nichts natürlicher, als daß er noch weiter zu kommen ſuchte, und daß er ſich auf Unmögliches einließ, nachdem es ihm ge⸗ lungen war, der Schwierigkeiten ſo viele zu überwin⸗ den. Für einen Mann, der fünfzig Jahre lang den Mechanismus der menſchlichen Materie ſtudirt, der in dieſem Mechanismus das regelmäßige Spiel wie⸗ der hergeſtellt, noch viel öfter aber ſein Wiſſen hat ſcheitern ſehen an der Zerſtörung eines jener Organe, welche die Zerſtörung der ganzen Maſchine nach ſich zieht— für einen ſolchen Mann muß fortwährend die Verſuchung nahe liegen, über jene unbekannte Kraft zu triumphiren, die ihm unaufhörlich zuruft: „Weiter ſollſt Du nicht kommen,“ und den wißbe⸗ gierigen Gelehrten in das Chaos ſeiner Zweifel und ſeiner Unmacht zurückwirft. Mit einem Manne, der ſich in ſeinem Studium alſo aufgehalten ſieht, ver⸗ hält es ſich gerade ſo wie mit einem kühnen Reiſen⸗ den, der einen himmelhohen Berg erſteigen will, die zum Einathmen geeignete Luft aber nicht mehr findet, noch ehe er den myſteriöſen Gipfel, den er erreichen wollte, mit dem Auge oder mit dem Geiſte zu ſon⸗ diren vermocht hat. Es hat Gott nun einmal dem Leben des Men⸗ ——-— ſchen eine Grenze geſetzt. So kann dieſer des Wiſ⸗ ſens genug erlangen, um den allmächtigen Baumei⸗ ſter der Welt zu ehren und zu fürchten, nie aber ſo viel, daß er ihn begreifen kann. Wäre es dem erſten Menſchen, der Urſache und Zweck der Welt geahnt, vergönnt geweſen, ſein Werk fortzuſetzen, ſo wäre es vielleicht mit der Welt jetzt aus; denn es muß mit ihr ausgehen an dem Tage, wo ſie an Wiſſen und Tugend ſo reich iſt, daß ſie nichts mehr zu lernen und nichts mehr abzubüßen hat; denn dann wird ſie ohne alles Hinderniß in der un⸗ endlichen Weisheit und Güte aufgehen, die man Gott nennt. Doch es lag dieß nicht im Plane des Herrn; es hat der Menſch eine Sünde zu büßen, es ſoll der Menſch ringen und ſtreben nach den höhern Gütern einer andern Welt, und wenn Gott ſieht, daß man ihn nicht verſtanden, ſo ſucht er die Menſchen heim mit einer Sündfluth und befiehlt ihnen, ihr Werk von Neuem zu beginnen. Mit dieſem Augenblicke beginnt der Kampf für diejenigen, welche den übrigen Menſchen Bahn brechen wollen, und für die Leuchtthürme, welche die Zukunft leiten ſollen,— die Zukunft, die ſie immer wieder auszulöſchen bemüht iſt. Man ſehe einmal, was nicht Alles die prädeſtinirten Weſen haben dulden müſſen, von dem den Schirlingsbecher leerenden So⸗ krates bis zu dem auf Golgatha ſterbenden Chriſtus. Bei jedem Schritte, bei jedem neuen Gedanken häufen ſich die Hinderniſſe; es ſind die Völker taub und blind, und da Gottes Plan nur durch menſchliche Mittel ausgeführt werden ſoll und kann, ſo fallen ſeine Auserwählten wie Verbrecher unter den Strei⸗ chen ihrer wahnſinnigen Zeitgenoſſen. Dann kom⸗ men, wie wenn die Luft deren Gedanken in ſich auf⸗ genommen, Andere, die ſie einathmen, in ſich verar⸗ beiten, erneuern. Erſtaunt bleibt die Welt oft ein ganzes Jahrhundert ſtehen; erſtaunt leiht ſie zuwei⸗ len einer Stimme ihr Ohr, die von einem unſchein⸗ baren Winkel ausgeht und mit einem Male das Ge⸗ räuſch der Welt beherrſcht. Dieſe Worte werden fleißig geſammelt, dieſe Martyrer werden größer und größer, und iſt einmal, wenn ich mich alſo ausdrücken darf, die Parole gegeben, ſo geht die ganze Menſch⸗ heit auf die Eroberung der Welt aus, die geniale Narren ihr verſprechen, und die zum Gleichgewichte der Seele fehlt, gleichwie vor Chriſtoph Columbus Amerika zum Gleichgewichte der Erde fehlte. Das Chriſtenthum iſt die große Fahne geworden, unter der alle Welterneuerer fortan ſchreiten, jeder bringt ſeinen Gedanken, ſein Buch, ſeinen Glauben, und es entſteht das neue Babel,— nicht mehr jenes thörichte Babel, das mit Steinen den ungreifbaren Himmel erreichen will, ſondern das Babel des Gei⸗ ſtes, das mit dem Glauben ſtets neu gebaut wird, und das eine die gleiche Sprache ſprechende Welt jedes Jahr, jeden Tag mit einer neuen Stufe, einer neuen Idee, einem neuen Beweiſe zu bereichern be⸗ müht iſt. Von Zeit zu Zeit bleibt die Menſchheit auf ihrer neuen Bahn ſtehen und kehrt ſich um, um zu ſehen, wie weit ſie gekommen, und zufrieden mit dem Re⸗ ſultate, ſetzt ſie dann ihren Weg fort, den Blick auf den Horizont heftend, wo ein leichter Nebel noch das Ziel verdeckt, das ſie erreichen will. Man könnte glauben, man habe den tugendhaften Prinzen eines bekannten Feenmärchens vor ſich, der die heiß geliebte Prinzeſſin befreien will, welche ein Rieſe oben auf einem Berge, den man nicht erſtei⸗ gen, in einem Thurme, den man nicht erobern kann, gefangen hält. Immer breiter und unheimlicher gähnen die Abgründe, hier Waſſerſtürze, dort Geiſter, die aus der Erde emporſteigen, dort das Chaos, das den Weg verdunkelt; aber es kämpft der fromme Held, er betet zu Gott, er bekreuzt ſich, und es füllen ſich die Abgründe aus, und er löſcht ſeinen Durſt an dem Waſſer der wilden Ströme, und es weichen die Geiſter zurück, um im Schooße der Erde zu ver⸗ ſchwinden, und es wird hell, und der muthige Held dringt, nachdem er den Rieſen getödtet, der die Thüre des myſteriöſen Thurms bewachte, in dieſen ein, und kniet mit ſtrahlender Stirn vor der Gefährtin nieder, die er errungen und die, zu rein und zu ſchön für dieſe Erde, ihn ihren Himmel theilen läßt. Indeſſen täuſcht ſich die Menſchheit zuweilen, ja ſogar oft. Ihre Bahn iſt durch allerlei Ereigniſſe dermaßen verſperrt, daß ſie, ähnlich dem müden Wanderer, der ſeinen Weg abzukürzen glaubt, einen Fußpfad einſchlägt, der ſie irre führt, und daß ſie, ohne einen Schritt weiter zu kommen, in dem Wetter, das über ſie hereinbricht, in den Dornen, die ihren Leib zerreißen, lange fortgeht, und daß ſie, wenn es wieder Tag wird, gewahrt, wie ſie tief unten in einem horizontloſen Thale ſteht, und wie ihr nichts Anderes übrig bleibt, als zurückzugehen. Dieß thut 13. ſie dann auch, und nun findet ſie an der Stelle, wo ſie vom rechten Weg abgekommen, die weiſen Führer, die auf ſie gewartet und ſie wieder auf den rechten Weg bringen. Nichts iſt alſo verloren für die Arbeit, welche der Menſchheit angewieſen iſt. Herbei denn, ihr Philoſophen, ihr Denker, ihr Schriftſteller, ihr Künſt⸗ ler, ihr Geſchichtſchreiber, berichtet, was ihr gelernt und erfahren, gebet euer Wiſſen, euern Glauben, eure Werke; bringet, ähnlich dem Volk, das an einem Schlachttage Alles herbeibringt, was als Waffe dienen kann, Alles herbei, was als Beweis dienen mag, und laſſet Gott wählen und das Uebrige thun. Bei ſolchen Gedanken— und ſo dachte Doctor Servans— läßt man nichts unverſucht. Unſer Arzt wußte, wie wir bereits geſagt, Alles, was ein unabläſſiges Studium der Herzen und der Thatſachen einen Menſchen lehren kann; Menſchen und Dinge hatten ſo weit nichts Verborgenes für ihn. Da er nun aber einmal ſo weit war, ſo mußte er nothwen⸗ dig noch nach Höherem ſtreben, und da ihm wohlbe⸗ kannt war, daß es dem Menſchen nicht vergönnt iſt, Neues zu ſchaffen, ſo wollte er wiederherſtellen. Er ſagte:„Entweder iſt die Seele etwas Göttliches, das in der Stunde des Todes zu Gott zurückkehrt, und iſt der Leib nur das Gefäß dieſes Geiſtes: in ſol⸗ chem Falle iſt das, was ich verſuche, vergeblich. Oder aber iſt das, was man gewöhnlich Seele nennt, nur ein Reſultat des regelmäßigen Spiels der Organe, und das, was Tod heißt, nichts als die augenblickliche Unterbrechung dieſer Harmonie: in dieſem Falle kann ich mit den Organen, die in mei⸗ ner Macht ſind, dieſe Bewegung, dieſes Spiel wieder herſtellen, indem ich nöthigenfalls die unumgänglich nothwendigen Triebfedern erſetze, welche durch die gewaltſame Erſchütterung etwa geſtört worden ſind.“ Was war die aufrichtige Ueberzeugung des Doc⸗ tors? Wir wollen es nicht ſagen. Wir können nur behaupten, daß der Doctor ein großer Arzt, ein großer Philoſoph war, und daß in dieſer gedoppelten Eigenſchaft er einem doppelt ernſten Studium oblag. Es waren übrigens von Doctor Servans befrie⸗ digende Reſultate erzielt worden; Vögel, die er ge⸗ tödtet, waren alsbald wieder lebendig gemacht wor⸗ den. Dieſe Experimente hatten vor Ivarius und vor Mutter Hanne Statt gefunden, welche eine große Freude daran gehabt, und dieſelben überall erzählt hatten. Ivarius, der außer dem Hauſe unerforſchlich war, wie ſein Herr von ihm verlangte, war zu Hauſe ſtets derſelbe, nur hatte ſeine Liebe zum Studium bei der neuen Richtung, die ſein Geiſt bekommen, noch zugenommen, und indem er, den Befehlen des Doctors gemäß, arbeitete, ſchlief er nicht mehr, und hätte den Reſt ſeines Lebens gegeben, um, was er ſuchte, früher als jener zu finden, um jenem dann die Chre der Erfindung zu laſſen, und durch eine derartige Entdeckung die zwanzigjährige Freude zu vergelten, die er ſeinem Herrn ſchuldete. Unglücklicher Weiſe mangelte Ivarius trotz des großen Wiſſens, das er ſich angeeignet, jene Seite der Phantaſie, welche die großen Männer macht. So war er zum Beiſpiel ſelbſt in der Anwendung 78 15 des Erlernten durchaus unkühn. Nie würde er es, welcher Gefahr immer der ſeiner Pflege anvertraute Kranke ausgeſetzt geweſen wäre, es gewagt haben, eines jener heroiſchen, unglaublichen, unerhörten Mittel zu erfinden, denen gewiſſe Aerzte die Heilung ſchon längſt aufgegebener Kranken verdankt haben. Viel lieber ließ er nach Hippokrates den Kranken ſterben, als daß er es gewagt hätte, denſelben nach ſeinen eigenen Anſichten am Leben zu erhalten. Für die, denen er ſein ſo heiß und ſo lange erſtrebtes Wiſſen verdankte, hegte er der Ehrfurcht ſo viel, daß er ſich einer unverzeihlichen Sünde ſchuldig zu ma⸗ chen geglaubt hätte, wenn er etwas anderes gethan, als was dieſelben vorgeſchrieben. Ihm waren ſie die Götter der Kunſt, nach ſeiner Anſicht konnte und durfte Niemand weiter gehen als ſie. Aus ſeinem urſprünglichen Zuſtande hatte er, wie wir bereits bemerkt, in ſeinen jetzigen Beruf eine Demuth mit herübergenommen, die faſt keine Grenze kannte; die Meiſter der Wiſſenſchaft waren ihm das Höchſte; vor ihnen beugte ſich ſein Geiſt, während er ſtets an ſich ſelbſt zweifelte, und verließ er einmal die von den Heroen der Wiſſenſchaft vorgezeichneten Bahnen, ſo geſchah es immer nur auf den dreifachen Rath ſeines Herrn oder vielmehr ſeines Freundes Servans, an dem er mit dankbarer Liebe hing. Während alſo Ivarius mit Servans arbeitete— ohne daß dieſer jedoch es verlangte— fehlte ihm jene Ueberzeugung, die alles unternehmen läßt. Bei ſeinem ſchlichten Verſtande, bei ſeiner naiven Religion, bei ſeinem kindlichen Aberglauben— denn dieſer, einmal eingeſogen, bleibt— ſchien es ihm 9 76 unmöglich, ein Weſen, das einmal geſtorben, wieder lebendig zu machen, und da er in der Heilkunſt allen Fortſchritt läugnete, ſo ſagte er ſich, daß die Heroen der Wiſſenſchaft dieſes Problem ſchon längſt gelöst hätten, wenn es irgend zu löſen wäre. Wenn er daher forſchte, ſo geſchah es einzig und allein, um eine Gewiſſenspflicht zu erfüllen, und da er dabei immer nur als Skeptiker verfuhr, ſo konnte er natürlich auch keinen Schritt weiter kommen. Sollen wir uns kurz ausdrücken, ſo war Ivarius einer jener Menſchen, die, voller Drang, die Ver⸗ gangenheit zu ergründen, ſchlechterdings nicht im Stande ſind, auf das alſo erlangte Wiſſen ein Re⸗ ſultat für die Zukunft zu bauen; ohne die Andern wäre er niemals etwas geweſen; mit einem Worte, er war zwar ein trefflicher Arzt, aber ſchlechterdings unfähig, die Wiſſenſchaft auch nur einen Schritt weiter zu führen. Wir verweilen abſichtlich länger bei dieſem Unter⸗ ſchiede, weil es uns däucht, es exiſtire derſelbe ſowohl in der Kunſt als in der Wiſſenſchaft. Das heißt, es gibt gelehrte Menſchen und wieder kühne Men⸗ ſchen, jene ſind nothwendig, dieſe nützlich; jene ſind ein Inbegriff menſchlichen Wiſſens, dieſe die Grund⸗ lagen für alle zukünftigen Fortſchritte, ſo zwar, daß beide aus denſelben Quellen ſchöpfen müſſen. Die erſteren ziehen einzig und allein ihre Bücher zu Rath, während die Andern nur ihrer Inſpiration folgen. Die letzteren ſind diejenigen, welche von ihren Zeitgenoſſen Narren genannt und von der Nachwelt zu Göttern geſtempelt werden; die letzteren leder allen roen elöst und d da unte 7 14 endlich ſind berufen, einſt zu ſagen: Bleibet ſtehen, Menſchen, ihr habt nun das Ziel erreicht! Zu dieſen Auserwählten gehörte Servans; er huldigte dem Glauben, daß da, wo man etwas ge⸗ funden, auch ferner noch etwas zu finden ſei, ſowie daß ein vollſtändiger Körper zu gleicher Zeit nicht von allen Seiten beleuchtet ſein könne. Wollen wir nun nach den Vortheilen fragen, welche eine Wiedererweckung der Todten nach ſich zöge, ſo werden wir alsbald erkennen, daß eine ſolche Entdeckung für die Menſchheit ein großes Unglück wäre. Hat doch Gott dem Menſchen nur für eine gewiſſe Zeit die nöthigen Kräfte zur Ertragung der Exiſtenz gegeben. Könnte man dem Menſchen, der einer phyſiſchen oder moraliſchen Krankheit erlegen, der geſtorben, weil ſeine Fähigkeiten erſchöpft waren, zugleich mit dem Leben auch die Vergeſſenheit der durchlebten Zeit, Jugend, Kraft und alle Illuſionen wieder geben, welche das Leben werthvoll machen, ſo ließe ſich wohl nicht viel dagegen ſagen. Höch⸗ ſtens könnte man einwenden, daß immer nur die bereits eingeſchlagenen Bahnen verfolgt würden, daß die Welt nur noch eine Totalſumme von Individuen brauchte, welche ſtärben, um alsbald wieder aufzu⸗ erſtehen, ſowie daß das Werk der Natur in unnützer und vielleicht gefährlicher Weiſe desorganiſirt würde. Unglücklicher Weiſe könnte ein Menſch, der das einen Augenblick unterbrochene Leben wieder herzu⸗ ſtellen vermöchte, daſſelbe nur vermittelſt der Organe wieder herſtellen, die der Leib vor dem Tode beſeſſen hatte, und von dem Alter an, das der Verſtorbene gehabt. Ein Todter würde daher immer nur wieder aufer⸗ weckt werden, um die Liebe derjenigen zu tröſten, welche beſondere Gründe hätten ihn zu lieben; und ſo würde man denn dem Egoismus des Andern zu lieb ein Weſen, das vielleicht dem Elend dieſer Erde voller Freude entronnen war, zwingen, ein neues Leben zu beginnen. Wir erörtern in dieſem Augenblicke eine unmög⸗ liche, mithin auch abſurde Frage. Allein es hätten ſich unter unſern Leſern offenbar nicht wenige in der Lage befunden, ſich zu ſagen:„Es war nicht der Mühe werth, uns Doctor Servans als einen excep⸗ tionellen Menſchen hinzuſtellen, wenn derſelbe ſich dann mit einer dummen Entdeckung, mit einem un⸗ möglichen Werke beſchäftigen ſollte:“ für ſolche Leſer haben wir dieſe Frage hier ventilirt. Solchen ſagen wir noch ein Mal, daß Doctor Servans Zeuge eines großen, wahren Kummers ge⸗ weſen, daß er dafür nur ein Heilmittel gefunden, und daß er all ſein Wiſſen zu Hilfe gerufen, um die arme Frau zu tröſten zu ſuchen, die er alſo lei⸗ den ſah. Zählte nun der Arzt auf dieſe Wiederaufer⸗ weckung einzig und allein zu dem Zweck, Mutter Hanne zu tröſten? Wir glauben ſolches nicht, da er, wie wir alle, der Anſicht war, es ſei die Zeit das ſouveräne Heilmittel für alle Schmerzen. So hatte er denn auch einige Tage, bevor das berühmte Exr⸗ periment Statt finden ſollte, Mutter Hanne aufge⸗ ſucht und zu ihr geſprochen: „Höret, Mutter Hanne: es läßt mich Alles glauben, daß mir das Experiment gelingt, das ich zu machen gedenke. Hat die Zeit, die ſeit dem Tode Eurer Tochter verfloſſen, eine heilende Wirkung auf Euren Kummer gehabt, und erſcheint Euch dieſer Tod jetzt mit minder düſteren Farben? Fanget Ihr — antwortet mir wie einem Bruder— nicht an, Thereſe minder zu vermiſſen, und erſcheint Euch das Bischen Wohlſein, das ich ſo glücklich geweſen, Euch zu verſchaffen, nicht als ein Anfang von Troſt; glaubet Ihr nicht— ſaget es mir aufrichtig—, Ihr werdet Euch allmählig an dieſen Tod dermaßen gewöhnen, daß Ihr dereinſt gar nicht mehr daran denken wer⸗ det? Vergeſſet nicht, wie viele große Schmerzen Ihr habet ſchon Linderung finden ſehen, wie viele Men⸗ ſchen, die nicht genug weinen zu können glaubten, ſogar vergeſſen haben, daß ſie je geweint.“ Es hatte die alte Frau den Greis aufmerkſam angeſchaut, ohne zuerſt dieſe neue, ſonderbare Sprache verſtehen zu können. Dann hatte ſie kopfſchüttelnd zu ihm geſprochen: „Ach! Sie können mir eben, ich ſehe es ſchon, meine Tochter nicht zurückgeben.“ „Im Gegentheil, ich habe allen Grund zu glau⸗ ben, daß es mir gelingen wird.“ „Wie kommt es dann aber, daß Sie dem Glau⸗ ben Raum zu geben ſcheinen, es könne eine Mutter über den Tod ihres Kindes ſich je tröſten?“ —„Ihr liebet alſo Eure Thereſe immer noch gleich ehr?“ „Ja, und nicht nur thue ich das, ſondern ich habe mich auch an den Gedanken, daß ich ſie wie⸗ derſehen werde, dermaßen gewöhnt, daß ich, wenn ich ſie nicht wiederbekomme, ſterbe, um mich mit ihr zu vereinigen. Nur wird nicht ſie zu mir kommen, ſondern ich zu ihr gehen.“ „Gut!“ bemerkte der Doctor, indem er ſich erhob. „Hören Sie mich, Herr Doctor,“ ſprach jetzt die Alte, auf die Knie niederfallend.„Nehmen Sie Alles wieder, was Sie mir gegeben, ſagen Sie mir, ich müſſe mit den Händen die Erde aufwühlen, ich müſſe jede Nacht wachen, ich müſſe an Einem fort leiden, ich müſſe vor Hunger und Durſt umkommen: alles das werde ich ohne Murren über mich ergehen laſſen, ſo Sie mir meine Thereſe wieder ſchenken.“ „Wenn das iſt, ſo beten Sie zu Gott, daß er mich in meinem Unternehmen ſtärke,“ ſprach der Arzt, indem er ſich entfernte. „Sie hoffen alſo?“ „Ja, ich hoffe.“ 1 Mutter Hanne war aufs Neue auf die Knie niedergefallen, um die Hand des Arztes mit Küſſen zu bedecken. In der Stadt hieß es, ſie habe von dieſem Augenblick bis zu der Stunde gebetet, wo Servans ihr ihre Tochter zurückgeben ſollte. Und dieſer Tag erſchien endlich. Sechstes Kapitel. An dem Morgen des Tages, wo das ſo ſehn⸗ ſuchtsvoll erwartete Experiment gemacht werden ſollte, erſchien Doctor Servans bei Mutter Hanne. Er fand ſie betend, und als er die Thüre öffnete, men, rhob. t die Alles ich nüſſe iden, alles iſſen, i er der Knie üſſen eſem vans ſehn⸗ ollte, nete, 81 war die arme Mutter in ihr Gebet dermaßen ver⸗ tieft, daß ſie ihn nicht hörte. Der Arzt ging alſo langſam auf ſie zu und blickte ſie voll innigſter Rührung an. Und als er nur noch den Arm auszuſtrecken brauchte, um ſie zu berühren, legte er die Hand auf ihre Achſel. Als die gute Alte den Doctor erkannte, fuhr ſie unwillkürlich zuſammen, küßte ihm die Hände und ſchaute ihn voller Unruhe an, als wollte ſie ſagen: „Kommen Sie nicht, um mir zu ſagen, daß Sie mir meine Tochter nicht zurückgeben können?“ „Setzet Euch,“ ſprach der Arzt, einen Stuhl neh⸗ mend,„und höret mich an.“ Und Mutter Hanne ſetzte ſich, ohne eine Sylbe zu ſagen. „Mutter Hanne,“ fuhr der Arzt fort,„Ihr habet an mein Verſprechen geglaubt?“ „Ja,“ ſtammelte ſie; denn es ſchien der Ton, in dem dieſe Worte geſprochen worden waren, wenn auch nicht gerade auf eine Täuſchung, ſo doch auf einen Zweifel hinzudeuten. „Ihr glaubet an das Intereſſe, das ich an Euch nehme, und an all die Sympathie, die ich für Euren Shnues gehabt und zur Stunde noch habe?“ a.“ „Mit einem Worte, Ihr ſeid feſt überzeugt, daß ich nicht habe ein leichtfertiges Spiel mit Euch trei⸗ ben wollen, ſondern daß ich im Gegentheil Alles ge⸗ than, was die Wiſſenſchaft thun kann, um Thereſe wieder ins Leben zu rufen?“ „Ja, deſſen bin ich feſt überzeugt.“ Dumas, Doctor Servans. —. —hhh „Dieß Alles wollte, mußte ich genau wiſſen, be⸗ vor ich auf den Kirchhof gehen kann.“ „Es bleibt alſo dabei?“ „Ja.“ Hier athmete die Alte neu auf, und ein Lächeln der Freude flog über ihr Geſicht hin. „Aber warum ſollte ich Ihnen denn etwas wie⸗ derholen, was Sie bereits wußten, Herr Doctor?“ „Weil ich die Gewißheit erlangen wollte, daß Ihr mir verzeihen würdet für den Fall, daß mir mein Unternehmen mißlänge.“ „Was ſagen Sie da?“ „Ich ſage, es wird in wenigen Augenblicken zwi⸗ ſchen Gott und einem Menſchen ein Kampf ſtattfin⸗ den, und,“ fuhr der Greis kopfſchüttelnd fort,„es iſt gar wohl möglich, daß der Menſch in dieſem Kampfe unterliegt.“ „Sie können mir alſo nicht poſitiv verſprechen, daß ich meine Thereſe wieder bekomme?“ „Ich kann Euch nur ſo viel ſagen, daß ich Alles thun werde, was ein Menſch immer thun kann; daß ich Euch zu lieb Alles verſuchen werde, was die Wiſſenſchaft immer verſuchen kann. Indeſſen ſtehe ich Euch nicht dafür, daß Thereſe unter die Leben⸗ den zurückkehrt, obgleich ich Euch mit aller Entſchie⸗ denheit ſage, daß Ihr hoffen dürfet.“ „Aber Sie hatten mir es ja doch verſprochen!“ verſetzte die arme Mutter, die immer bläſſer wurde, je mehr ſie den Troſt dahinſchwinden ſah, der ſie ſeit einem Monat am Leben erhalten hatte. „Es iſt Zwei gegen Eins zu wetten, daß mein Unternehmen mir gelingt; allein ich mag Euch nicht 83 bergen, daß es an einer conträren Chance genug iſt, wenn Gott es iſt, der dieſe Chance hat.“ „Ohl ſo hatten Sie nicht geſprochen!“ Und ſchluchzend ließ ſie den Kopf wieder in beide Hände ſinken; denn ſeitdem ſie gehofft, hatte ſie auch die Thränen wieder gefunden. „Eurem Schmerze konnte eine bloße Hoffnung nicht genügen,“ antwortete Doctor Servans;„es wäre das Eurem Herzen nicht genug geweſen; einer feſten Ueberzeugung bedurfte es bei Euch, um nicht zu unter⸗ liegen. Nun iſt der feierliche Tag angebrochen; nun ſeid Ihr ſtark, da Ihr dieſen Tag vertrauensvoll er⸗ wartet; nun alſo ſpreche ich zu Euch: ‚Ich zweifle an meinem Wiſſen und Können, gleichwie Jeder an dem, was er erfindet, und was von ihm ſelbſt kommt, zweifeln muß; nun ſage ich Euch: ‚Eure Tochter, obwohl ſie bereits vor einem Monate geſtorben, ſoll Euch wieder anlächeln, ich verſpreche es Euch; ſie ſoll die Augen wieder öffnen, um Euch zu ſehen, ich ſtehe Euch dafür; ſie ſoll aus ihrem Grabe aufſtehen und ihrer Mutter die Arme entgegenſtrecken, ich ſchwöre es Euch, und nie, nie hat ein Menſch ge⸗ than, was ich nun zu thun im Begriffe bin. Weiter aber frage ich mich, ob Gott mir das nöthige Wiſſen verliehen, ob er mich ſeine Geheimniſſe hat ſo weit durchſchauen laſſen, daß das augenblickliche Leben, das ich Thereſen wieder ſchenken werde, von Dauer iſt? Ich hoffe es zwar, doch kann ich es nicht be⸗ haupten, und müſſet Ihr dann dem Grabe die zu⸗ rückgeben, die Ihr ihm anvertraut, ſo möchte ich nicht, daß Ihr mir fluchtet.“ „Gehen wir!“ antwortete Mutter Hanne.„Ich werde meine Thereſe ſo feſt in die Arme ſchließen, daß das Klopfen meines Herzens auch das ihrige wieder wecken, und Gott, indem er mich ſo glücklich ſieht, ſie mir laſſen wird.“ „Ja, gehen wir!“ ſprach der Greis. Mutter Hanne küßte den Kleinen, der auf ſeinem Bette ſpielte, und ſprach zu ihm: „Leg' die Hände zuſammen, liebes Kind, und bete den Spruch, den ich Dich gelehrt.“ „Alles iſt zu ihrer Aufnahme bereit,“ fuhr die Alte fort, ſich zu dem Doctor hinwendend und ihm Thereſens Zimmer zeigend, worin Alles ſchneeweiß, und das von allerlei Wohlgerüchen erfüllt war. „Kommt jetzt!“ bemerkte der Greis. „Herr Doctor,“ ſprach Mutter Hanne, ihn noch auf der Thürſchwelle aufhaltend,„Sie ſehen, ich bin auf Alles gefaßt. Mein Leben hängt an dem, was nun geſchieht. Sollte das Experiment, das Sie nun machen werden, mißlingen: was darf ich dann noch hoffen? Werden Sie mir dann vielleicht meine Thereſe ſpäter wiederſchenken?“ Der Arzt wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Sprechen Sie doch,“ ſagte ſie weiter;„durch eine Unwahrheit werden Sie mich um ſo geſchwinder um's Leben bringen.“ „Es wird dieſes Experiment das einzige ſein.“ „So machen wir uns denn auf!“ verſetzte die Alte fieberhaft. „Mutter Hanne,“ fuhr der Doctor, die alte Frau bei der Hand faſſend, fort,„Ihr verſprechet mir doch, Euch kein Leid anzuthun, komme, was da wolle?“ m 8⁵ „Warum denn ſich umbringen, wenn man weiß, daß man ohne dieß bald ſtirbt?“ „Steht es nicht in meiner Macht, Euch Eure Tochter zurückzugeben, ſo will ich es doch ſo weit bringen, daß Ihr ſie vergeſſet,“ erwiderte der Greis, Thereſens Mutter firirend. „Sie haben alſo nie Kinder gehabt?“ hob letztere wieder an.„Gehen wir, gehen wir, Herr Doctor, ich bitte Sie!“ „Das Leben beruht nicht bloß auf einer Affection, glaubet mir, und Ihr ſeid noch nicht ſo alt, um auf dieſer Welt an gar nichts mehr Freude haben zu können. Ihr ſollt meine Schweſter ſein.“ „Müſſen Sie erſt noch nach Hauſe gehen?“ „Nein, es wartet auf dem Friedhof Ivarius auf mich.“ „Um ſo beſſer.“ Und trotzdem daß eine ziemlich rauhe und kalte Luft wehte, kamen doch große Schweißtropfen auf der Mutter Stirn. „Ihr ziehet zu mir,“ hob der Greis wieder an; „da ſollt Ihr ſehen, wie gut Ihr es bei Ivarius und mir habt. Nachdem Ihr im Glend geweſen, ſollt nun auch Ihr in den Stand geſetzt ſein, den Armen und Unglücklichen Gutes zu thun. Das Gute, das man thut, tröſtet über allen Kummer. Ich bin volle fünfundzwanzig Jahre älter als Ihr, und habe wohl nicht mehr lange zu leben; Ihr ſollt mein Erbe mit Ivarius theilen und noch glückliche Tage ſehen; ich ſtehe Euch dafür.“ „Endlich wären wir am Ziele,“ rief die Alte, die nicht einmal hörte, was der Greis ſprach, und in kleiner Entfernung die Thüre des Friedhofs ſah, an der ſich eine Menge Neugieriger drängte. „Was wollen dieſe Leute?“ fragte ſie. „Sie ſind ohne Zweifel gekommen, um zu ſehen, was auf dem Friedhofe nun vorgehen wird.“ „Ach! ja, man ſieht das Ding eben auch nur wie ein Schauſpiel an. Und doch iſt einer Mutter Schmerz nichts ſo Seltenes. Es werden die Leute Sie ſtören.“ „Nein.“ „Gehen wir unverweilt hinein.“ Als die Menge den Arzt und Mutter Hanne erkannte, wich ſie ehrerbietig auf die Seite; als aber die Beiden vorüber waren, ſtürzte Alles ihnen nach, da die Thüre des Friedhofs erſt nach Ankunft des Arztes aufgeſchloſſen werden ſollte. Nur Ivparius allein war von dieſer Maßregel ausgenommen worden. Wir werden dem geneigten Leſer wohl nicht erſt auseinanderzuſetzen brauchen, daß dieſer Tag für das Städtchen überaus wichtig war. Ueberall hatte man von dieſem Ereigniſſe geſprochen, und bald ſollte man nun wiſſen, was man von der Sache zu halten habe. Die Bewohner des Städtchens gehörten nicht zu den Cultivirteſten; dieß war denn auch der Grund, weßhalb man weit mehr das Reſultat als die große wiſſenſchaftliche Frage ins Auge faßte, die hier im⸗ plicirt war. Davon gar nicht zu reden, daß die kleinſtädtiſche Eitelkeit ſich gekitzelt fühlte, wenn man ſagen konnte:„Unſer Städtchen hat den Mann er⸗ zeugt, der ſolches gethan.“ Und unter denen, welche zuerſt alſo geſprochen hätten, waren wenigſtens drei Viertheile, die von ſah, ehen, r wie dmerz ren.“ anne aber nach, t des regel erſt das man man habe. ht zu rund, große im⸗ die man er⸗ ſchen von 87 ganzem Herzen wünſchten, daß das Experiment nicht gelingen möchte. Es iſt doch wahrlich ſonderbar— man erlaube uns dieſe beiläufige Bemerkung—, wie wenige Leute es gibt, die da wirklich wünſchen, daß dem Manne, der einen großen Gedanken gehabt und etwas Großes vorbereitet, ſein Unternehmen gelinge. Um dieſe unſere Behauptung zu beweiſen, brau⸗ chen wir bloß auf die Armuth hinzudeuten, in der zum allergrößten Theil die großen Neuerer gelebt haben und geſtorben ſind; ja ſie mußten ſich noch glücklich ſchätzen, wenn man ſie nicht, wie einen Salomon de Caus, in ein Narrenhaus ſperrte. Es befanden ſich alſo an dem fraglichen Tage eine Menge Leute auf dem Friedhofe, deren ſehn⸗ lichſter Wunſch es war, daß Doctor Servans ſein Unternehmen mißlingen möchte. Warum das? Wir wiſſen es nicht. Es müßte denn ſein, daß der Menſch — wir wiſſen nicht, von wem und woher— eine ſo große Doſis Eitelkeit und Mißgunſt erhalten, daß, ſo obſcur er immer ſein, ſo wenig er über die übrige Menge hervorragen, ſo feſt auch ſeine Ueberzeugung ſtehen mag, er werde nie eine andere Stelle einneh⸗ men können, er ſich gedemüthigt fühlt, ſobald ein wirklich großer Mann hervortritt, und daß er, an⸗ ſtatt das von jedem Genie unzertrennliche Licht zu ſehen, einzig und allein nur für den Schatten Augen hat, den jeder Koloß wirft. Im Uebrigen verhielt ſich die den Arzt beglei⸗ tende Menge durchaus ſtill. Man wird ſich noch erinnern, daß es etwas kalt war; es war daher dieſe Stille noch weit mehr ein Reſultat der Temperatur als der Chrerbietung. Ein weiterer Grund, der uns zu dieſer Abſchwei⸗ fung veranlaßt hat und uns glauben läßt, daß man zu Doctor Servans' Entdeckung nur geringes Ver⸗ trauen hatte, iſt der Umſtand, daß, ſeitdem man da⸗ Todten zu bitten. Zwar müſſen wir, um billig zu ſein, hinzuſetzen, daß der Arzt ſelbſt aller Welt verkündigt hatte, wie er, da dieſer Gedanke ihm erſt bei Thereſens Tod gekommen, den Leichnam ſo präparirt und ſo hätte begraben laſſen, daß er noch ein Vierteljahr nach der Beerdigung zu dem beabſichtigten Experimente tauglich wäre. Indeſſen waren ſeit Thereſen auch andere Leute geſtorben, bei denen man die gleichen Vorſichtsmaß⸗ regeln hätte ergreifen können, allein es war eben Niemand erſchienen. Die Menge der Neugierigen nahm mit jeder Minute zu, und in einem Augenblick hatte der kleine Friedhof ſich angefüllt. Es iſt wohl jedem Leſer bekannt, wie der Fried⸗ hof eines kleinen Städtchens ausſieht. Ein ſolcher iſt in der Regel ein Garten von höchſtens drei Mor⸗ gen, deſſen Mauern man von Zeit zu Zeit hinaus⸗ rückt, um dem nachrückenden Tode Platz zu machen. Schwarzhölzerne Kreuze mit vier Cypreſſen, Grab⸗ ſteine mit einfachen Inſchriften, zuweilen auch das = In R 2 8 ₰— xS — 89 Grabgewölbe eines Cröſus, wo alle diejenigen gaf⸗ fend ſtehen bleiben, die, im Leben minder reich, auch nach ihrem Tode minder gut logirt ſein werden. In dieſen ſtillen Gärten, die noch nicht, wie die Friedhöfe der großen Städte, eine Promenade für eine Menge von Müſſiggängern geworden ſind,— auf dieſen zur Andacht ſtimmenden Gefilden, die derer, die ſie aufnehmen, und derer, die ſie beſuchen, gleich würdig, die heitere Ruhe Gottes, welche ſie verheißen, unverſehrt bewahrt haben, fühlt ſich das Herz von einer unbekannten Poeſie überfluthet; hier nimmt der Gedanke eine neue Form an, hier iſt ein wohlthätiger, wenn auch unſichtbarer Thau, an dem jedes Weſen wonnevoll ſeinen Durſt ſtillt. Der Friedhof, in welchem Thereſe ſchlief, gehörte zu den eben von uns beſchriebenen. Die beiden erſten Töchter Mutter Hannens wa⸗ ren in einem Winkel beigeſetzt worden; es hatte der Wind das Kreuz umgeweht, das der Todtengräber aus Mitleid auf ihr Grab geſetzt, und das ihrer Mutter den Ort anzeigte, wo ſie beten ſollte; dann war die Mauer, in deren Nähe die Beiden zu liegen gekommen waren, hinausgerückt worden, und es hatte der Friedhof überhaupt an dieſer Stelle eine totale Veränderung erlitten, ſo daß Mutter Hanne, als ſie einſt wieder auf dem Grabe ihrer Töchter beten wollte, ein prächtiges Grabmal von Quader⸗ ſteinen an dem beſcheidenen Orte fand, wo ſie bis daher ihr Gebet verrichtet hatte. Der Todtengräber hatte auf Befragen zur Ant⸗ wort gegeben, daß die Särge, die man an dieſem von einer reichen Familie gekauften Platze gefunden, ————— 90 auf dem Friedhofe da und da untergebracht worden wären, und daß er nicht anzugeben vermöchte, was aus denen von Mutter Hannens Töchtern ge⸗ worden. 4 Was Thereſe betrifft, ſo hatte, wie man weiß, Doctor Servans einen kleinen Platz für ſie gekauft. Auf dem Grabe ruhte ein Stück weißen Marmors, worauf der Name des Mädchens eingegraben war; ringsumher ſtarben einige Herbſtblumen. Hier hatte ſeit einem ganzen Monate ihre Mutter täglich gebetet. In dem Augenblick, wo wir in den Kirchhof treten, bietet das Grab einen etwas veränderten An⸗ blick dar. Die Marmortafel iſt weggenommen und ruht neben dem Orte, den ſie geſtern noch eingenommen. Ein Todtengräber, den Spaten in der Hand, iſt of⸗ fenbar gewiſſer Befehle gewärtig. Neben dem Marmorſtück ſitzt Ivarius und hat verſchiedene Werkzeuge vor ſich, worauf die erſtaun⸗ ten Blicke der Neugierigen haften. Es hat die Menge ſich, ſo gut ſie kann, um das Grab her gruppirt; die Einen auf die Kreuze ge⸗ ſtützt, die Andern auf Bäume gehißt, Alle aber voller Ungeduld des Reſultates harrend. Im Uebrigen paßt der Hintergrund des Ge⸗ mäldes vortrefflich zu der Scene, die auf dem Vor⸗ dergrund nun ſpielen ſoll. Bleigraue Wolken wäl⸗ zen ſich am Himmel fort und ein kalter Nordwind pfeift in den düſtern Bäumen des Todtenackers. Jetzt geht der Arzt auf das Grab zu. „Nun gegraben!“ ſpricht er zum Todtengräber. ber. 91 Und es laſſen ſich die erſten Spatenſtiche hören. Mutter Hanne liegt auf den Knien. Tiefe, feierliche Stille rings umher. Mit jedem neuen Spatenſtich bebt das Herz der armen Mutter zuſammen, als ob der Leib ihres Kindes getroffen worden. Zwei Todtengräber ſteigen in das Grab hinein und wollen den Sarg emporheben. Aber es iſt derſelbe von Eichenholz, und dann kommt noch einer von Blei; mithin iſt die heraus⸗ zuhebende Maſſe ſchwer. Die Todtengräber rufen von den Umſtehenden einige zu Hilfe, und nun gelingt es, den in ſeinem Doppelſarge gefangen liegenden Körper aus dem Grabe herauszuheben und neben die Marmorplatte zu ſtellen. Man ſchraubt den äußeren eichenen Sarg los, und zieht den bleiernen daraus hervor. Jetzt kommt Ivarius mit einem rothglühenden Eiſen heran, um die Löthung abzuſchmelzen. Nachdem es ihm gelungen, die obere Platte von den übrigen zu trennen, nimmt er ſie weg. Der Wind entführt die Kleie, womit man den Leichnam früher bedeckt hat, damit derſelbe nicht an die Wände ſeines bleiernen Lagers ſtoße, und da zeichnet ſich ein abgemagerter Körper unter einem weißen Lein⸗ tuche. Hie und da zeigt daſſelbe Blutflecken, davon herrührend, daß die Todte ſeit ihrer Beerdigung Blut verloren. Jvarius und Doctor Servans nehmen das Mäd⸗ chen aus dem Sarg heraus und legen ſie auf das Marmorſtück, das neben ihrem Grabe ruht. ———— 92 Was die Mutter betrifft, ſo folgt ſie allen dieſen Vorbereitungen: kaum daß ſie noch athmet. Ihre Hände ſind gefaltet. Die um das Grab her ſich drängende. Menge iſt völlig bewegungslos. Man könnte glauben, man habe Todte vor ſich, die ihre Gräber verlaſſen, um dieſem ſeltſamen Schauſpiele anzuwohnen. Der Arzt nimmt den Schleier weg, der There⸗ ſens Geſicht bedeckt. „Meine Tochter!“ ruft Mutter Hanne, beide Hände nach dem Kinde ausſtreckend, das leblos bleibt und auf deſſen Geſicht ſich deutliche Spuren des Todes zeigen. Es ſind die Augen geſchloſſen und von einem grünen Kreiſe umgeben; der Mund ſteht halb offen, und es ſcheinen die trockenen, rauh an⸗ zufühlenden, ſteifen Haare unter der erſten Hand, die ſie berührt, zerbröckeln zu wollen. Die Stimmung der Zuſchauer beſchreiben zu wollen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Da berührt Doctor Servans die Stirn der Tod⸗ ten mit einem Eiſenſtäbchen, während Ivarius gleich⸗ zeitig mit einer röthlichen Flüſſigkeit die Augen⸗ deckel reibt. Zuerſt hebt das Mädchen den Kopf in die Höhe, dann folgen die Schultern, und endlich der ganze Körper. Stieren Blicks, mit halb offenem Munde, taumelt ſie in die Arme ihrer Mutter, die zugleich mit ihr ſich erhoben hat und ſie an ihr Herz drückt. Kaum hat die Menge geſehen, wie Thereſe ſich aufrichtet, ſo weicht ſie, ſchrecken⸗ und ſtaunenerfüllt, beiſeit; jedoch verwendet ſie kein Auge von der Per⸗ — —& o ieſen Ihre e iſt man um ere⸗ eide eibt des und teht an-⸗ nd, zu od⸗ ſch⸗ en⸗ in Wich em die hr ich lt, r⸗ 93 ſon, die der Wille eines Menſchen in ſolcher Weiſe wieder von den Todten auferweckt hat. Der Arzt ſtudirt aufmerkſam das Geſicht der alten Frau. Plötzlich ſieht er ſie erbleichen und hört ſie einen Schrei ausſtoßen, und in demſelben Augenblicke fällt Thereſens Körper der Länge nach auf die Marmorplatte zurück. Es haben ſich die Augen wieder geſchloſſen, es ſind die Lippen grün geworden, aus dem Hals der Todten ſtrömt Blut. Bei dieſem Anblick laſſen ſich drei Schreie hören, und todbleich und gänzlich darniedergeſchlagen zieht ſich die betäubte Menge zurück. „Gott hat es nicht gewollt,“ ſpricht der Greis, das Geſicht der Todten wieder bedeckend und den Todtengräbern den Leichnam zurückgebend.„Ergib Dich in ſeinen Willen, o Weib!“ Aber ſchon hört Mutter Hanne den Arzt nicht mehr; denn ſie iſt, allen dieſen heftigen Gemüths⸗ bewegungen erliegend, ohnmächtig geworden und mit dem Kopfe auf die Füße ihrer theuren Verblichenen hingeſunken! Siebentes Kapitel. Man brachte Mutter Hanne in ihre Wohnung zurück, wohin der Arzt ſie begleitete. Es kam ein hitziges Fieber zum Ausbruch, das aber ſchon nach vierzehn Tagen Servans Kunſt wie⸗ der wich; was ſich bei Mutter Hannen aber nicht verwiſchte, das war die Erinnerung an das jüngſt Erlebte. Doch wurde ſie von Zeit zu Zeit durch eine große Schwäche gemäßigt. Es hat Gott es ſo ge⸗ fügt, daß gar oft eine heftige Krankheit auf einen heftigen Kummer folgt, damit der moraliſche Schmerz, der den Betreffenden, wenn er an Einem fort dauerte, nach einer gewiſſen Zeit unfehlbar umbrächte, ſich bald in dem phyſiſchen erſchöpft und der Kranke mit ſeinem Körper ſich ſo ausſchließlich zu beſchäftigen hat, daß er den Geiſt vergißt. Als Mutter Hanne wieder geneſen war, fragte ſie ſich zweifelnd, ob das, was ihr zugeſtoßen, etwas Wirkliches oder aber ein bloßer Traum wäre; denn es vermochten ſich ihre durch viele Aderläſſe, Fieber und knappe Koſt herabgeſtimmten geiſtigen Fähig⸗ keiten die Urſache der Krankheit nicht mit der nöthigen Klarheit zu erklären. Mit der fortſchreiten⸗ den Geneſung wurde dann der Körper auch wieder kräftiger, und bald erlangte der auf einen einzigen Punkt gerichtete Gedanke die frühere Klarheit wieder. Doctor Servans, der ein bischen Materialiſt war, hatte darauf gerechnet, daß durch die Krankheit auch der Kummer geheilt werden würde; hierin aber hatte er ſich getäuſcht. Es gibt Schmerzen, die ſich ſchlechterdings nicht heilen laſſen, es gibt einen Kum⸗ mer, für den nie eine Zeit der Geneſung kommt, und zu dieſen Schmerzen, zu dieſem Kummer gehö⸗ ren die einer Mutter. Kaum hatte die arme Frau ihren vollen Verſtand wieder erlangt, kaum hatte ſie, als ſie das Zimmer ihrer Tochter betrat, wahrge⸗ nommen, daß Thereſe ihr immer noch fehlte, kaum hatte ſie ſich daran erinnert, wie der Arzt ihr geſagt, 95 daß er außer dieſem Experimente keines mehr machen würde, ſo wurde ſie ruhig wie jene Perſonen, die ſich ganz und gar in den Willen Gottes ergeben, wie jene heiligen Martyrer, die da wiſſen, daß der Tod an ihrer Thüre wacht. Mutter Hanne glaubte ohne dieß an Gott, und ganz abgeſehen davon, daß jeder große Kummer, daß jeder große Schmerz ge⸗ eignet iſt, den Glauben zu wecken, kann man kein Atheiſt bleiben, wenn man, wie ſie, Zeuge eines ſol⸗ chen Kampfes der Wiſſenſchaft mit der Natur ge⸗ weſen, und man die letztere hat einen ſo unbarmher⸗ zigen Triumph feiern ſehen. Mutter Hanne kannte alſo, nachdem ſie auf die⸗ ſer Welt von ihrer Tochter getrennt worden, nur noch eine Furcht,— die Furcht nämlich, daß ſie auch in der andern von ihr getrennt werden könnte, und darum konnte ſie im Selbſtmord nur eine trü⸗ geriſche Annäherung erkennen. Und ferner iſt es ja, wie ſie ſelbſt zum Arzte geſagt hatte, durchaus unnütz, ſich um's Leben zu bringen, wenn man weiß, daß man nicht mehr lange zu leben hat. Sie maß daher ihren Kummer, gleichwie ein Menſch, der in einen Abgrund ſtürzt, deſſen Tiefe plötzlich mißt, und mit einem einzigen Blick ausrech⸗ net, in wie viel Zeit er auffallen und zu leben auf⸗ hören wird. Mutter Hanne begrüßte lächelnd die Ueberzeugung, daß ſie ihre Tochter nicht lange über⸗ leben würde und es ging in ihr eine Veränderung vor, worüber die Zeugen ihres Kummers gar ſehr ſtaunen mußten. Jeder meiner verehrten Leſer hat wohl ſchon oft Bäume geſehen, die, am Gipfel mit Laub bedeckt, 96 der erſten Frühlingsſonne zulächelten, ſich mit Vö⸗ geln anfüllten und, gleich den andern, mit wohlduf⸗ tenden Blüthen ſich ſchmückten. Doch war mein Leſer, wenn er ſich in den Schatten dieſes Baumes ſetzen wollte, nicht wenig erſtaunt, daß unter dieſem blühenden Gipfel abgeſtorbene und kahle Aeſte ſich ausbreiteten, daß der Stamm ſelbſt ſtellenweiſe keine Rinde mehr hatte und von dem im oberen Ende des Baumes ſich zuſammendrängenden Safte verlaſſen zu ſein ſchien. Ehe noch der Herbſt gekommen, hatte der Baum ſein Laub verloren und keine Früchte ge⸗ tragen. Kam dann mein Leſer in dem darauf fol⸗ genden Frühling wieder, ſo gewahrte er, daß der Winter demſelben das Garaus gemacht, und daß der Baum trotz Sonne und Wärme nur noch abge⸗ ſtorbene Aeſte und Zweige hatte, welche von dem geringſten Windſtoße geknickt werden, und woraus alte Weiber Reiſigbüſchelchen zu machen pflegen, um ihren häuslichen Herd damit einigermaßen zu er⸗ heitern. Gerade ſo verhielt es ſich mit Mutter Hanne: die Gewißheit, daß ſie nicht mehr lange zu leben hätte, das heißt, daß ſie nun bald mit ihrer Tochter vereinigt würde, zauberte auf ihre Lippen ein Lä⸗ cheln, welches wohl Gleichgültige, nicht aber den Arzt täuſchen konnte. Die Leute der Stadt, welche von Mutter Hannens Kummer Zeugen geweſen, oder wenigſtens davon hatten ſprechen hören, hatten für die arme Frau Mitleiden gefühlt, ſo daß Jedermann ihr helfen wollte und Arbeit und Unterſtützung jeder Art ſo reichlich kam, daß ſie übergenug hatte zur mein imes eſem ſich keine des iſſen datte ge⸗ fol⸗ der daß bge⸗ dem aus Befriedigung der materiellen Lebensbedürfniſſe und ihrer rein zeitlichen Wünſche. Indeſſen nagte der Kummer wurmähnlich an ih⸗ rem Herzen; immer größer wurde die Wunde, und unter der Haube, welche ihren Kopf bedeckte, waren die Haare gebleicht; die Augen waren um ſo feuri⸗ ger, als ein lichtartiger Ring ſie umſchloß, und hatte der Mund ein gewiſſes Lächeln angenommen, ſo war dafür in dieſem ganzen Weſen das Leben nur noch ein künſtliches; die Arme, ſowie der ganze übrige Körper waren abgemagert und jenen abgeſtorbenen Aeſten zu vergleichen, wovon ich eben geſprochen. Unterdeſſen war alle Liebe, die im Herzen einer ſo ſchwer geprüften Mutter hienieden noch vorhan⸗ den ſein konnte, auf den kleinen Knaben übergegan⸗ gen. Sie hatte ſich voller Angſt gefragt, ob es dem Kinde, das ihr zulächelte, nicht gelingen würde, fie auf dieſer Erde zurückzuhalten; mit Freuden aber hatte ſie wahrgenommen, wie kein irdiſches Band ſtark genug mehr war, um ſie an dieſe Erde zu feſſeln; und doch hatte ſie bei ſich ſelbſt gelobt, daß ſie den ganzen Reſt ihrer Lebenszeit der Heilung und dem Glücke des Kindes weihen wolle. Und darum nahm ſie auch Alles an, was man für ſie that, verrichtete jede Arbeit, wozu ſie noch die Kraft hatte, und häufte für das Kind, das nun bald als ein dreifacher Waiſe auf dieſer Erde zurückbleiben ſollte, einen kleinen Schatz auf. Jeden Tag ging ſie auf den Friedhof, jeden Tag betete ſie; doch glaube man nicht, ſie habe Gott um ihre baldige Abrufung von dieſer Welt gebeten, oder ſie habe ſich der Kälte, die ſich mit dem Winier ein⸗ Dumas, Doctor Servans. ſtellte, auf ihrer Tochter Grab ſo lange ausgeſetzt, daß eine Krankheit daraus entſtanden, und dem Ge⸗ danken, der ſie verzehrte, zu Hilfe gekommen ſei. Nein, es war die arme Frau in ihrer Hoffnung viel zu furchtſam, in ihrer Liebe viel zu abergläubiſch, als daß ſie auch nur eine einzige Minute dem Ge⸗ danken Raum gegeben hätte, die Ausführung von Gottes Rathſchluß zu beſchleunigen. Das innere Feuer, das ſie noch am Leben erhielt, war zu ſtark, um nicht auch den Herd zu verzehren, der es ver⸗ gebens zu faſſen ſuchte; auch wußte ſie, daß ſie noch lebte, weil ihr Leben einen neuen Impuls erhalten, ſo wie daß ſie gerade ſo wie die ſeelenloſe Feder einer Uhr gehen mußte, die man für eine gewiſſe bekannte Zeit wieder aufgezogen. Jeden Tag erſchien Doctor Servans bei der al⸗ ten Frau, und es täuſchte ſich derſelbe keinen Augen⸗ blick über das, was Mutter Hanne beſchäſtigte. Er beobachtete die Fortſchritte eines Kummers, deſſen Ausgang er vorausſah. Oft hatte er Thereſens Mutter um Verzeihung gebeten, daß ihm ſein Vor⸗ haben nicht gelungen, und ſtets hatte ſie ihm mit einem Händedruck verſichert, daß ſie ihm lediglich nichts vorzuwerfen hätte, und daß ſie im Gegentheil ihm ihr Lebenlang dankbar wäre. Und ſo oft ſie dieſes Wort ausſprach, lächelte ſie, daß es ihm ge⸗ lungen, durch eine ſo ſchöne Hoffnung ſie einen gan⸗ zen Monat aufrecht zu erhalten. „Wir haben uns allzu ſehr beeilt,“ pflegte der Arzt zu ſagen,„aber es wird mir noch gelingen.“ „Thun Sie, was Sie können,“ antwortete dann Mutter Hanne:„es werden alle Mütter Sie ſegnen.“ 99 „Nicht bloß Mütter ſind untröſtlich,“ hob dann der Arzt wieder an. Die arme Frau aber ſchüttelte jetzt zweifelnd den Kopf und antwortete keine Sylbe mehr. So oft Doctor Servans nicht ſelbſt kommen konnte, fand ſich Ivarius bei Mutter Hanne ein. Der arme, brave Mann that dann Alles, was in ſeiner Macht ſtand, um die gute Frau ein bischen zu zer⸗ ſtreuen; ſeine Bemühungen aber waren ebenſo ver⸗ geblich als die ſeines Herrn, und ſeine Worte ent⸗ riſſen Mutter Hanne immer nur ein blaſſes Lächeln, nicht unähnlich jenen Sonnenſtrahlen, die durch den Nebel dringen, und auf nichts befruchtend wirken. Mutter Hanne hatte wieder Trauer angelegt; eines Tages aber bemerkte man, wie ſie die Trauer⸗ kleider aufs Neue abgelegt hatte, und wie ihre Toi⸗ lette durch eine gewiſſe Koketterie ſich auszeichnete. Hatte ſie eine Ahnung von dem Glücke, das ihrer harrte, oder vielmehr von dem Augenblick, den ſie nie müde wurde herbeizuwünſchen? So viel iſt ge⸗ wiß, daß ſie ſeit Thereſens Tod, ſo viel man wußte, nur ein einziges Mal die ſchwarzen Kleider wieder auszog; denn Tags darauf hatte ſie ſich gelegt, um nicht mehr auszugehen. Der Arzt, der ſie wie gewöhnlich beſucht hatte, fand ſie alſo im Bette, mit dem Leſen eines Er⸗ bauungsbuchs beſchäftigt. „Da ſehen Sie! ſchon bin ich auf dem Wege;“ das waren die erſten Worte der Sterbenden, als ſie Doctor Servans hereintreten ſah. „Noch nicht,— noch dürfet Ihr nicht alle Hoff⸗ 100 nung aufgeben,“ hatte der Doctor zur Antwort ge⸗ geben. „Halten Sie mich denn für eine gewöhnliche Kranke, und errathen Sie denn gar nichts?“ „Doch, doch,“ bemerkte der Arzt, ſich an das Bett ſetzend. „Nun, ſo ſprechen Sie offen, und ſagen Sie mir ohne Umſchweife, wie lange ich noch zu leben habe.“ Der Arzt unterſuchte die Kranke, legte die Hand auf ihr Herz, fühlte ihren Puls und ſtellte mit einem Worte an die Natur jene Todesfrage, worauf die Wiſſenſchaft zuweilen ſie zu antworten zwingt. „Noch vierzehn Tage, wenn Ihr thut, was ich Euch vorſchreibe,— drei, wenn Ihr nichts thut.“) Und ſie faltete die Hände zu einem inbrünſti⸗ gen Gebet. Der Arzt ſchrieb ein Recept, das er auf dem. Tiſche liegen ließ, und ging dann, da er noch andere Krankenbeſuche zu machen hatte, nach Hauſe, um Ivarius zu ſagen, daß er alsbald zu Mutter Hanne gehen und ſie erſt dann verlaſſen ſollte, wenn ſie todt oder gerettet wäre. „Ich habe auf dem Tiſche ein Recept gelaſſen,“ ſprach der Arzt;„laß es machen.“ „Ja, beſter Herr.“ „Vielleicht weigert ſich die Kranke, die Arzenei zu nehmen.“ „Soll ich ſie dazu zwingen?“ Der Arzt dachte eine Weile nach. „Nein,“ ſprach er,„laſſen wir Gott machen, was er will.“ „Meinen ſchönſten Dank,“ verſetzte die Kranke. zu ne zw rt ge⸗ nliche das e mir abe.“ Hand einem uf die as ich ut.“ ukke. ünſti⸗ f dem indere , um Hanne ie todt ſſen,“ rzenei achen, 101 „Leben Sie wohl, theurer Herr,“ gab Ivarius zurück. „Auf baldiges Wiederſehen,“ verſetzte der Arzt. Ivarius ſchickte ſich an, das Haus zu verlaſſen. „Stirbt die arme Frau, ſo bringſt Du den Klei⸗ nen hierher, da ich für ihn ſorgen will.“ „Ja, beſter Herr.“ Drei Tage darauf erſchien Ivarius wieder, und zwar hielt er das weinende Kind bei der Hand. „Iſt es aus?“ ſprach der Arzt. „Ja, Herr.“ „Wann iſt ſie geſtorben?“ „Vor einer Stunde.“ „Und ſie hat nichts nehmen wollen?“ „Nichts.“ „Was hat ſie noch geſagt?“ „Einige Augenblicke vor ihrem Tode hat ſie meine Hand erfaßt und mit dem Worte: ‚Endlich!' zum Himmel emporgeblickt, worauf ihre Hände ſich wieder vereinigt haben und ſie mit einem Lächeln voll un⸗ nennbarer Wonne verſchieden iſt.“ „Führe das Kind auf Dein Zimmer und ſorge dafür, daß ſeine Großmutter nach dem Todtenhauſe gebracht wird.). Frür diejenigen meiner Leſer, welche etwa nicht wiſſen ſollten, wie ein ſolches Todtenhaus beſchaffen iſt, will ich hier eine kurze Beſchreibung dieſer in Deutſchland nicht ungewöhnlichen Anſtalten geben. Neben dem Friedhofe befindet ſich ein Gebäude mit einem mehr oder minder geräumigen Saale und einer entſprechenden Anzahl von Betten. Stirbt Jemand, ſo bringt man ihn vor der Beerdigung in dieſen Saal, wo er drei Tage auf einem dieſer Bet⸗ ten liegen bleibt und von einem Verwandten be⸗ wacht wird. Es haben die vorſichtigen Deutſchen alſo die Be⸗ erdigung der einem lethargiſchen Schlaf Verfallenen verhindern wollen; zu gleicher Zeit aber haben ſie auch den Fall vorhergeſehen, wo der bei dem Todt⸗ geglaubten wachende Verwandte einſchlafen oder ſo⸗ gar ein Intereſſe dabei haben ſollte, daß der Todte nicht wieder aufwache. Man hat alſo Klingeln, de⸗ nen eben ſo viele Drähte entſprechen, in einer Weiſe angebracht, daß ſie bei der geringſten Bewegung, die der Todte macht, tönen und einem Wächter, der nie ſchläft und nichts Anderes thun als hören darf, ein Zeichen geben. Natürlich— wir ſagen dieß zum Beſten allzu minutiöſer Leſer— löſen jede Nacht die Wächter einander ab; auch machen die Klingeln in ihrem Zimmer einen ſo gewaltigen Lärm, daß der zum Wachen aufgeſtellte Mann, ſelbſt wenn er einge⸗ ſchlafen ſein ſollte, nothwendig es hören muß. Mutter Hanne bezog alſo dieſes Todtenhaus, und Niemand als Ivarius war es, der bei ihr wachte; denn es hatte die arme Frau weder einen nahen noch einen fernen Verwandten, der ihr dieſe letzte Liebespflicht hätte erweiſen können. Was das Kind betrifft, ſo war es begreiflicher Weiſe noch zu jung. 4 Es verſtrichen die drei Tage, ohne daß die Todte ſich rührte. Es war alſo die Seele wirklich zu Gott und Thereſen zurückgekehrt. enen n ſie Codt⸗ r ſo⸗ Todte „de⸗ Veiſe „die nie ein allzu chter prem zum inge⸗ aus, ihr inen dieſe icher odte und Als die geſetzlich vorgeſchriebene Zeit um war, wurde der Leichnam der alten Frau in ein Grab hinabgeſenkt, das der Arzt ihr neben dem ihrer Toch⸗ ter hatte graben laſſen. Außer Ivarius, dem Arzte und dem Kinde war Niemand bei der Beerdigung. Einige Zeit darauf wurde Doctor Servans zu einem Procurator gerufen, der gleichfalls das Städt⸗ chen C. bewohnte und etwas leidend war; er er⸗ zählte die Beerdigung, der er angewohnt. „Um dieſer Frau willen haben Sie alſo,“ ſprach ein Sohn des Kranken,„das Experiment gemacht, das unglücklicher Weiſe Ihnen nicht gelungen iſt?“ „Ja, aber es wird mir noch gelingen.“ „Sie glauben?“. „Ich glaube es nicht nur, ſondern ich bin meiner Sache gewiß.“ „Um ſo beſſer, und es werden Ihnen das gar viele Leute Dank wiſſen.“ „Das möchte ich bezweifeln, denn die arme Frau, die eben geſtorben und die Erfahrung hatte, welche alle diejenigen beſitzen, die viel gelitten haben, ſchien daran zu zweifeln.“ „Warum beharren Sie denn aber ſo hartnäckig auf dieſen Ihren Forſchungen?“ „Weil ſie vielleicht denn doch zehn Individuen unter tauſend nützlich ſein könnten.“ „Sie glauben alſo, daß es Leute gibt, welche die, die ſie durch den Tod verlieren, nicht beweinen, nicht vermiſſen?“ „Ich glaube,“ erwiderte der Greis,„daß es —ͤͤͤ nur eine tiefe, wahre, unwandelbare Liebe gibt, li und dieſe Liebe iſt die Mutterliebe.“-ö „Ohl glauben Sie ſolches doch nicht,“ ſprach 9 der junge Mann, ſeinem Vater ſich um den Hals ſc werfend;„Sie haben die Liebe der Kinder zu denen, 9 welchen ſie das Leben verdanken, vergeſſen.“ „Das wird ſich zeigen,“ murmelte der Greis. a „Was ſagen Sie da?“ fragte der junge Mann, n dem das Geſprochene entgangen war. G „Ich ſage, es wird ſich zeigen, ob das, was Sie lo geſagt, auch wahr iſt,“ entgegnete Doctor Servans g ſich erhebend und einen durchbohrenden Blick auf w dieſen frommen Sohn heftend. G Und nachdem er ſein Recept geſchrieben, ent⸗ ei fernte er ſich. n Zu Hauſe wieder angekommen, ſprach er zu dem el neben dem eingeſchlafenen Kinde ſtehenden Jvarius: T „Schon morgen gehen wir an die Arbeit.“. „Ganz gut, aber es muß doch wohl erſt eine. d Gelegenheit da ſein.“ t „Die habe ich,“ verſetzte der Doctor lächelnd. „Sol und wer iſt es denn?“ 3 „Wirſt ſchon ſehen.“ Und der Alte ging in ſein Zimmer hinein, nach⸗ n dem er das von ihm adoptirte Kind geküßt.„. 3 n Achtes Kapitel. Achtes Kap b Obgleich wir es unterlaſſen, von der Sache aber⸗ b mals zu ſprechen, ſo hatte doch die von dem Arzte d verſuchte Wiederauferweckung einer Todten begreif⸗ 105 licher Weiſe in dem Städtchen das größte Aufſehen gemacht; und war auch das Experiment nicht ganz gelungen, ſo war doch das Reſultat immerhin ſelt⸗ ſam genug geweſen, um dem Arzte zu noch höherem Rufe zu verhelfen. Man hatte alſo nach dieſem ſeltſamen Ereigniſſe allen Worten Doctor Servans' gelauſcht, und als man erfuhr, daß er durch den Nichterfolg dieſes erſten Erperiments nicht allein ſich nicht hatte entmuthigen laſſen, ſondern daß er im Gegentheil ſich feſt vor⸗ genommen, das Angeſtrebte wirklich zu erreichen, da war alle Welt wieder auf's Höchſte auf das zweite Erperiment geſpannt, da man wußte, daß der Doctor ein einſichtsvoller, entſchloſſener, beharrlicher Mann war. Natürlich fuhr man zu gleicher Zeit fort, das erſte Erperiment zum Gegenſtande der mannigfachſten Bemerkungen zu machen. Dieſe Bemerkungen hatten das Reſultat gehabt, daß die, welche dem Experimente des Doctors ver⸗ trauensvoll entgegengeſehen, dafür ganz fanatiſirt wurden, diejenigen aber, welche gezweifelt hatten, zu glauben anfingen. Jedermann wußte, wie ernſtlich Servans ſich mit der Sache beſchäftigte, und es war dieſes hart⸗ näckige Beharren eine Bürgſchaft des Erfolges, da der Doctor ein zu verſtändiger und gelehrter Mann war, um einer falſchen Idee nachzujagen. Wie ſehr aber immer ſolche Gedanken den Doctor beſchäftigen mochten, ſo ſetzte er doch ſeine Kranken⸗ beſuche fort; denn er war der Anſicht, daß er erſt dann ein Recht habe, die Lebenden zu vernachläſſi⸗ gen, wenn er gewiß ſei, die Todten wieder aufwecken zu können. Ja, er war nicht einmal von dieſem ſeinem Rechte völlig überzeugt. Nur erlaubte er ſich von Zeit zu Zeit Ivarius hinzuſchicken, um zu ſehen, ob die Schickenden ſeiner — des Doctors— wirklich bedurften. Wie wir bereits gemeldet, ſo war Ivarius voller Freude und Stolz, ſo oft er daran dachte, wie viel Gutes er nun thun konnte; auch machte er ſich ein Gewiſſen daraus, ſeinen Herrn zu ſtören, ſo lange die Verantwortlichkeit ihm nicht allzu groß däuchte; ſo hatte er dann die doppelte Freude, ſeinem Wohl⸗ thäter nützlich zu ſein und die unternommene Cur zu Ende zu führen. Wir wiſſen alſo, daß Doctor Servans einen kranken Procurator beſucht hatte, deſſen Unwohlſein übrigens nicht beſonders viel auf ſich zu haben ſchien. Tags darauf aber erſchien ein Bote in dem Hauſe des Arztes, um dieſem zu melden, daß ſich der Zu⸗ ſtand des Kranken bedeutend verſchlimmert hätte. Sonderbarer Weiſe kam zugleich mit dem Diener des Procurators ein junger Mann in das Zimmer des Doctors hereingeſtürzt und verlangte unter großem Geſchrei Doctor Servans zu ſprechen. „Ich bin Doctor Servans,“ ſprach der Arzt, über dieſes Hereinſtürzen erſtaunt. „Verzeihen Sie mir, daß ich in ſolcher Weiſe zu Ihnen komme, Herr Doctor,“ ſprach der junge Mann, auf einen Stuhl ſich niederfallen laſſend und ſeine ſchweißbedeckte Stirn abwiſchend;„aber ſehen Sie, es iſt Todesgefahr vorhanden, und darum habe ich mir nicht einmal die nöthige Zeit genommen, einen Hut außzuſetzen.“ — 107 „Ich ſtehe zu Ihren Dienſten,“ erwiderte der Arzt.„Wovon handelt es ſich?“ „Von einem jungen Mädchen, das ſich eben ver⸗ giftet hat.“ „Ach, du mein Gott! vielleicht eine Verwandte von Ihnen?“ „Nein,“ erwiderte der junge Mann,„indeſſen iſt mir das Mädchen eben ſo theuer, wo nicht theu⸗ rer, als die geliebteſte Schweſter.“ „So wollen wir denn alsbald gehen „Ivarius,“ fuhr der Greis, zu ſeinem treuen Diener ſich wendend, fort,„geh' Du zu dem Procu⸗ rator, der wohl nicht ſchwer krank iſt; auf jeden Fall aber bin ich höchſtens in einer Stunde wieder hier.“ Dann die Thüre öffnend: „Gehen Sie voran, ich folge nach.“ Und der junge Mann beeilte ſeine Schritte der⸗ maßen, daß der Arzt alle Mühe hatte, ihm zu fol⸗ 14 gen. Gleichwohl that der Arzt, da der Fall ſehr dringend ſchien, ſein Möglichſtes, und ſo ſtand er denn ſchon in weniger denn fünf Minuten vor einem Hauſe, vor deſſen Thüre ſein Führer, der unterwegs auch nicht eine Sylbe geſprochen hatte, plötzlich ſtehen geblieben war. Das Haus war nur einſtockig, und hinter dem⸗ ſelben ſah man die bereits entlaubten Bäume eines kleinen Gartens. Der junge Mann ſtieg die zwei zur Hausthüre führenden Stufen hinan, hob den Klopfer in die Höhe und ließ denſelben heftig wieder niederfallen. Es erſchien ein Kammermädchen. „Nun, wie ſteht's?“ fragte der junge Mann. 10⁰8 „Nichts Neues, Herr Henry,“ verſetzte die Zofe, „das arme Ding hat zwar immer noch gräßliche Schmerzen, klagt aber nicht.“ „Retten Sie ſie, um's Himmels willen, Herr Doctor!— retten Sie ſie!“ ſprach der junge Mann, zum Arzte gewandt. „Gehen Sie voran,“ erwiderte der Letztere,„und ſputen wir uns.“ Und Herr Henry— wie er von dem Kammer⸗ mädchen genannt worden war— ließ den Arzt das einzige Stockwerk, welches das Haus beſaß, hinan⸗ ſteigen und führte ihn in ein Zimmer, das zwar mit größter Einfachheit möblirt war, zugleich aber durch jene tauſend oft unnützen Dinge, womit ein Frauen⸗ zimmer ſich zu umgeben liebt, die Anweſenheit eines weiblichen Weſens verräth. Der Arzt trat an das Bett, worauf das arme Mädchen in gräßlichen Zuckungen ſich krümmte. Aus ihrem Munde drang ein weißer Schaum, ihre Züge waren entſetzlich verzerrt und ihre Augen hatten bereits die ſeltſame Starrheit qualvoller Agonie.. „Sogleich ein Vomitiv her!“ ſprach der Arzt. Es verſchwund der junge Mann, um einen Augenblick darauf mit dem, was der Arzt verlangt, wieder hineinzutreten. Doctor Servans gab der Kranken eine ſtarke Doſis, worauf ein alsbaldiges Erbrechen ſich ein⸗ ſtellte. So lange dieſe Scene dauerte, hatte unter den Anweſenden das abſoluteſte Schweigen geherrſcht. 109 Kaum aber waren von der Kranken einige Ma⸗ terien erbrochen worden, als der Arzt ausrief: „Es iſt das arme Mädchen mit Arſenik vergiftet worden.“ „Mithin wäre keine Hoffnung mehr vorhanden?“ fragte der junge Mann mit peinlich veränderter Stimme. Der Greis aber enthielt ſich aller Antwort, und es hatte dieſes Schweigen etwas furchtbar Beredtes. „Ach du mein Gott, du mein Gott!“ ſchrie der junge Mann, auf einen Stuhl ſich niederfallen laſ⸗ ſend und in eine Thränenfluth ausbrechend. „Seien Sie doch ruhig! vielleicht daß es uns noch gelingt, ſie zu retten,“ ſprach jetzt der Greis. „Es kann ſein, daß die Doſis Arſenik, die dieſes Mädchen genommen, zu ſtark oder zu ſchwach iſt, um den Tod herbeizuführen.“ In dieſem Augenblick hob das Erbrechen wieder an, worauf dann das Mädchen etwas erleichtert ſchien; denn es hatte wenigſtens ihr noch lautes Athmen das convulſiviſche Röcheln verloren, das es bei der Ankunft des Arztes gehabt, und das den hengen Mann mit ſo ungeheuerm Schrecken erfüllt atte. „Hoffen Sie, hoffen Sie das Beſte!“ fuhr dann der Arzt fort, indem er ſich wieder zu dem Manne wandte, der ihn geholt hatte. „Oh, retten Sie ſie, retten Sie ſie, Herr Doc⸗ tor! Ich beſchwöre Sie bei Allem, was Ihnen heilig und werth iſt: ſtirbt ſie, ſo ſterbe auch ich.“ 3 Und Henry ließ ſich neben dem Bette auf die Knie niederſinken und bedeckte die ſchon eiskalte Hand 110 des Mädchens mit unzähligen Küſſen. Was letztere betrifft, ſo begrüßte ſie in ihrer Unbeweglichkeit die Berührung der Lippen ihres Geliebten mit einem Lächeln. „Verzeih' mir, verzeih' mir, armer Engel,“ mur⸗ melte der junge Mann,„verzeih' mir, ich leide ſo Gräßliches.“ Das Mädchen, das mitten in ihren Schmerzen dieſe Worte zu hören bekam, ſuchte eine Bewegung zu machen; aber es war auf die Convulſionen eine ſo ungeheure Erſchlaffung gefolgt, daß ſie mit aller Mühe nur den Kopf ein wenig bewegen konnte. Ja ſelbſt dieſer Verſuch rief noch auf dem Geſichte der Leidenden augenblickliche Zuckungen hervor. „So ſprich doch, ſo ſprich doch! kennſt Du mich?“ ſchluchzte der junge Mann in ſeiner grenzenloſen Verzweiflung.„O du mein Gott! wenn ſie doch nur nicht ſtirbt, ehe ſie mir verziehen!“ Und Henry ließ den Kopf in beide Hände nieder⸗ ſinken und war in ſeinem Schmerze ganz vernichtet. „Iſt neben dieſem Zimmer noch ein anderes?“ ſprach der Arzt. „Ja.“ „Nun, ſo ziehen Sie ſich gefälligſt auf daſſelbe zurück; ich fürchte gar ſehr, es beeinträchtigt Ihre Gegenwart die Reaction, auf die ich hoffe, denn es bietet das Fräulein alle ihre Anſtrengungen auf, um mit Ihnen zu ſprechen. Treten Sie auf einen Augenblick ab; bald werde ich bei Ihnen erſcheinen, da ich mit Ihnen zu ſprechen habe.“ Blaß, verſtört, ſtand der junge Mann auf und 111 erreichte taumelnd die Thüre, die er öffnete und hinter ſich ſchloß. Gegen die Wände anſtoßend— denn er konnte ſich nur mit großer Mühe auf den Beinen halten—, kam er in dem anſtoßenden Zimmer an, wo er, ſich in einen Lehnſeſſel niederfallen laſſend, ſprach: „Das arme Mädchen! Sie liebte mich ſo warm.“ Und er ſchluchzte und bedeckte ſich mit ſeinem Taſchentuche das Geſicht, gleich als wollte er die Schreie erſticken, die ſeinem Munde entſtiegen und ſeine Bruſt hoben. Und als er dann wieder ein bischen ruhiger geworden war, fing er an, das Zim⸗ mer zu durchſchreiten, wobei er von Zeit zu Zeit auch die Thüre halb öffnete, um zu erfahren, was im Krankenzimmer vorging. Aber er hörte eben immer nichts, und dann ſchloß er mit thränenfeuchten Augen und beklomme⸗ nem Herzen die Thüre wieder. Sofort hob er wieder an, ſein Zimmer zu durch⸗ meſſen. Dann und wann blieb er vor irgend einem Gegenſtande ſtehen, von dem er wußte, daß die Sterbende ihn oft berührt, und der ihm dieſen oder jenen Augenblick ſeines vergangenen und bis daher glücklichen Lebens vergegenwärtigte. In einem goldenen Rahmen lächelte des Mäd⸗ chens Bild. Henry's Auge blieb darauf haften und nur allzubald ward es durch den Thränenſchleier verdeckt, der ſeinen Blick umwölkte. „Ach, du mein Gott! ach, du mein Gott!“ murmelte der junge Mann, vor dem Bilde auf die Knie niederfallend,„laß doch das arme Kind, das mich ſo heiß geliebt, nicht alſo ſterben!“ Und da trotz der Kälte Henry's Stirn glühte, ſo öffnete er ein Fenſter und ſog mit Wolluſt die eiſige Luft eines unfreundlichen Morgens ein. Allmählig ſchien ſein Fieber unter dieſem Ein⸗ fluſſe der äußeren Luft einer Art Erſchlaffung Platz zu machen; ſein heftiger Schmerz aber ging in eine tiefe Träumerei über, woraus er erſt erwachte, als eine Hand auf ſeine Schulter niederfiel. Er wandte ſich um und ſah Doctor Servans vor ſich. „Nun, Herr Doctor?“ keuchte der junge Mann hervor. „Es ſchläft jetzt die Kranke, und bei ihr wacht das Kammermädchen,“ verſetzte der Arzt. „Werden Sie ſie retten?“ „Noch weiß ich es nicht.“ „Aber hoffen Sie es wenigſtens?“ „Haben bis morgen die Convulſionen ſich nicht wiederholt, ſo glaube ich allen Grund zu haben; in⸗ deſſen war es hohe Zeit, daß man mich rief.“ „Ach! der Himmel ſegne Sie, Herr Doctor, daß Sie ſo bereitwillig gekommen.“ „Es war das meine Pflicht,“ verſetzte der Arzt ernſt,„wie es auch, wie Sie ſelbſt einſehen werden, meine Pflicht iſt, Sie zu fragen, ob Sie etwa wiſſen, wer das Mädchen vergiftet hat.“ „Sie ſelbſt hat es gethan,“ verſetzte Henry. „Sie hatte wohl alſo einen großen Kummer?“ fragte der Arzt, indem er ſich ſetzte. „Ja. 4 „Und warum?“ „Wegen meiner.“ Und bei dieſer Erinnerung warf ſich der junge Mann in die Tiefe des Lehnſeſſels zurück, worauf er ſaß; denn ſchon wieder ſtrömten ſeine Augen von Thränen über. „Aber was in aller Welt haben Sie gethan, um das Mädchen zu einem ſolchen Schritte zu bewegen, — Sie, der Sie doch über ihren Tod ſo betrübt ſcheinen?“ „Oh!“ verſetzte der junge Mann,„was ich ge⸗ than, iſt recht entſetzlich und zugleich ganz einfach. Sie haben große Erfahrung und großes Wiſſen; Sie ſind daher auch beſſer denn irgend Jemand im Stande, in dieſer Sache ein Urtheil zu fällen.“ „Ich höre,“ ſprach der Greis, ſich verneigend. „Ach! wie ſoll ich nur gleich anfangen, Herr Doctor?“ fuhr Henry fort, indem er den Thränen Einhalt zu thun ſuchte, die aus ſeinem Herzen empor⸗ zuſteigen ſchienen und jeden Augenblick ihn zu erſticken drohten;„als ich die Univerſität verlaſſen, habe ich Magdalene kennen gelernt. Das arme Mädchen war zwar nur eine Nähterin; allein ſie hatte einen ſolchen Schatz von Sanftmuth und Schönheit, daß ich mich bald heftig in ſie verliebte. „Meine Familie war mit Glücksgütern geſegnet, und da däuchte es mir denn, daß ich ein Weſen, das mich liebte, glücklich machen könnte. Dieſe Gewiß⸗ heit verlieh meinen Worten einen ſo überzeugenden Ton, daß Magdalene mir endlich glaubte und auf die Liebe baute, die ich ihr verſprach. Sie gab ſich mir rückhaltslos hin, wie ein edles Herz dem Manne ſich hingibt, den es einmal gewählt und woran es⸗ glaubt; nur ſagte ſie mir, daß der Tag, dn dem ich. Dumas„Doctor Servans. 114 ſie verließe, auch ihr Todestag ſein würde. Ich ruhte nicht eher, als bis ſie das Haus verließ, wo ſie arbeitete; endlich willigte ſie ein, und nun miethete ich dieſes Häuschen, das ich ganz einfach möblirte, erſtens, weil das arme Kind alles Einfache liebte, und zweitens, weil ihre reine Liebe ſich durch einen Luxus beleidigt gefunden hätte, der ihr als der Preis dieſer Liebe erſchienen wäre. Sie war eine Waiſe und hatte keine anderen Verwandten mehr als eine alte Tante, die, als ſie erfuhr, was vorgefallen war, ihre Nichte nicht mehr vor ſich laſſen wollte und in der That auch ſtarb, ohne ſie wieder geſehen zu haben. Ich war daher das einzige Weſen, das Mag⸗ dalene noch lieben konnte. Was das arme Mädchen betrifft, ſo erinnerte ſie mich nie an das Opfer, das ſie mir gebracht, weil ſie an meiner Hingebung nicht zweifeln konnte; auch ſprach ſie nie mit mir über die Zukunft, ohne zugleich die Gewißheit auszudrücken, daß dieſelbe für uns beide die gleiche ſein werde. „Alltäglich kam ich hierher, und ich hatte mich an dieſes tägliche Glück dermaßen gewöhnt, daß ich es gar nicht mehr inne wurde. Es ſchien mir, als müſſe dieſes Leben ewig dauern; nie faßte ich die Möglichkeit einer Veränderung ins Auge, da ich an Magdalenen nicht nur eine leidenſchaftlich liebende Maütseid⸗ ſondern auch eine aufrichtige Freundin and. „So leben wir nun ſeit vollen zwei Jahren, und ſeit dieſer Zeit iſt auch nicht einen Augenblick der Schat⸗ ten eines andern weiblichen Weſens zwiſchen Magdalene und mich getreten, wie ich auch nicht zweifelhaft ſein kann, daß dem armen Kinde niemals der Gedanke ₰ 4 — S. SG 8—;—⁴ ⁰ 13 92=S — ₰ gekommen, daß außer mir noch andere Männer auf der Erde leben. „Und doch war ihr Leben ein ziemlich monotones. Alle ihre Vergnügungen beſtanden darin, daß ſie Abends am Rheinufer mit mir einen Spaziergang machte; hier plauderten wir, wenn wir nicht dem Toſen des mächtigen Stromes lauſchten; hier wiegten wir unſere Liebe in dem Geräuſche, das ſeine Waſſer machten, in den zahlloſen Legenden, die ſich um ihn ſchlingen. Dann gingen wir wieder heim. „Die ganze Woche arbeitete ſie, wie zu der Zeit, wo ſie noch bloße Nähterin war; denn, pflegte ſie zu ſagen, es läßt der Müſſiggang, wenn er ins Haus hereinkommt, die Thüre für alle Laſter und alles irgend erdenkliche Unglück offen. Und bedenke ich, daß ich es bin, der die Schuld dieſes Selbſt⸗ mords trägt, ſo möchte ich mich zum Fenſter hinaus⸗ ſtürzen und mir den Schädel auf dem Straßenpflaſter zerſchmettern.“ Und es konnte der junge Mann ſeiner Thränen kaum Herr werden. „Kurz,“ hob er wieder an,„ich vermag die Ver⸗ blendung meines Herzens ſchlechterdings nicht zu erklären.. „Schon ſo lange hatte Magdalene mir geſagt, daß es ihr das Leben koſten würde, wenn ich ſie ein⸗ mal verließe; ſo ſelten hatte ſie, in der Ueberzeugung, daß ein ſolcher Gedanke niemals in mir aufſteigen würde, mir das wiederholt; ſo ſehr hatte ich mich allmählig gewöhnt, eine Schweſter voller Aufopferung in ihr zu erblicken, daß ich als ein rechter Egoiſt, als ein recht dummer und niederträchtiger Menſch, ihr endlich die Mittheilung machte, die morgen ihr vielleicht das Leben koſtet. „Es hatte mein Vater einige ſchlechte Specula⸗ tionen gemacht; faſt ſein ganzes Vermögen war da⸗ bei draufgegangen. Mein Vater und meine Mutter ſind ſtets die beſten Eltern, die ein Kind haben kann, ſind ſtets die beſten Freunde geweſen, die ich je gehabt. „Eines Morgens ließ mein Vater mich rufen und ſagte mir, nachdem er mir ſeinen gänzlichen Ruin mitgetheilt, wie von mir allein das Glück des Hauſes, die Ruhe ſeiner alten Tage und der Friede meiner Mutter abhinge. Es handelte ſich von einer reichen Partie, die ich machen ſollte, da einer unſerer Freunde, ein ſehr vermöglicher Mann, mir ſeine Tochter zur Frau geben wollte. „Wohl iſt mir Deine Liebe zu Magdalenen be⸗ wußt, mein lieber Sohn,“ ſprach mein Vater, ‚und nimmermehr wäre es mir eingefallen, Dich von ihr trennen zu wollen, wenn dieſe Kataſtrophe nicht über uns hereingebrochen wäre; aber ſieh! Deine Mutter und ich ſind alt, und ſind einmal unſere Paſſiva gedeckt, ſo ſind wir Bettelleute. Ich brauche Dir nicht erſt zu ſagen, was wir Dir ſtets geweſen; unſer Glück oder unſer Unglück liegt in Deinen Händen. Sieh Du nun ſelbſt, ob Du uns wieder⸗ geben mußt, was wir Dir gegeben.: „Hier konnte ich nicht lange unſchlüſſig ſein; war doch meiner Eltern Ruin auch der meinige und ſo⸗ mit der Magdalenens. Auch nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, ſie ohne Weiteres zu verlaſſen, wohl aber gab ich der unglücklichen Hoffnung Raum, ————,.—z— daß ſie meine ſchwierige Lage würde gehörig zu wür⸗ digen wiſſen, und ſo geſtand ich ihr denn geſtern la⸗ Alles. „Wider Erwarten fand ich ſie ruhig; ich ſchwor ihr bei Allem, was einem Menſchen irgend heilig nu, und theuer ſein kann, daß ich bei meiner Heirath je ihr Loos ſichern würde, und als ich ſie geſtern Abend verließ, da glaubte ich, ſie habe ſich in ihr Schickſal fen vollkommen ergeben. den„Gleichwohl hatte dieſe ſo raſche Reſignation 33 etwas Befremdendes für mich, als ich zu Hauſe ſih ernſtlich darüber nachdachte, nachdem ich meinem d Vater mitgetheilt, daß ich heirathen würde und daß 4. Magdalene glücklicher Weiſe die Gründe dieſer Noth⸗ inn, noendigkeit gehörig zu würdigen wußte. be⸗„Eine geheime Ahnung ließ mich nicht ſchlafen, . und ſchon hatte ich den Entſchluß gefaßt, in aller b Frühe zu Magdalenen zu eilen, da ich meinte, daß ihr ſie wohl auch nicht viel ſchlafen würde, als das Kam⸗ — ſher mermädchen, ganz außer ſich vor Schrecken, bei itter meinem Vater erſchien und mir meldete, daß Mag⸗ ün dalene in den letzten Zügen liege. 1„Dann eilte ich zu Ihnen, Herr Doctor; das ſen. Uebrige wiſſen Sie.“ der⸗ war Veuntes Kapitel. ſo⸗ blic„Sie begreifen wohl,“ fuhr der junge Mann ſſen, fort, nachdem er ſeine Thränen von Neuem abge⸗ aum, wiſcht,„Sie begreifen wohl, daß entweder ſie leben oder ich ſterben muß; denn wenn ſie an dem Gift ſtirbt, ſo werde ich ſie umgebracht haben!“ „Sind Sie denn ſo ſicher, daß Sie den Antheil, den Sie an all dem haben, nicht übertreiben, und müſſen Sie den fatalen Entſchluß, den ſie gefaßt, nicht vielmehr der Exaltation dieſes jungen Mädchens zuſchreiben? Sie haben, meiner Anſicht nach, bloß darin Unrecht, daß Sie zu bieder, zu ſchnell gehandelt haben, und vielleicht würde, wenn Sie Magdalene an Ihre Abweſenheit allmählig gewöhnt hätten, von dem Tage, wo Sie ihr Ihre Heirath gemeldet hätten, dieſe Nachricht minder ſchmerzlich für ſie geweſen ſein.“ „Ach nein, ach nein,“ verſetzte Henry,„es iſt Magdalene kein gewöhnliches Weib; ihre Liebe war nicht expanſiv, weil ſie nicht langweilig werden wollte, und ſie hat nur darum ſich vergiftet, weil ſie als⸗ bald zu ſterben wähnte. „Hätte ſie auch nur einen Augenblick denken kön⸗ nen, daß ich noch vor ihrem Tode bei ihr ſein und daß es mir gelingen würde, ſie ins Leben zurückzu⸗ rufen, ſo hätte ſie ſicherlich ſich in den Rhein geſtürzt: ſo ſehr hätte ſie gefürchtet, daß dieſe Vergiftung nur als ein letztes, extremes Mittel erſcheinen möchte, mich wieder auf andere Gedanken zu bringen.“ „Aber,“ verſetzte der Arzt,„Sie mußten doch Ihre Geliebte ſo weit kennen, daß Sie mit einem Geſtändniſſe, welches in ihr ganzes Leben ſo gewal⸗ tig eingriff, nicht ſo ohne Weiteres herausrücken konnten. Und dann noch: wie haben Sie ſie ſchon ſo bald verlaſſen mögen⸗ ohne zu ahnen, daß Sie eil, und aßt, ens ach, nell Sie öhnt rath llich iſt war llte, als⸗ kön⸗ und ckzu⸗ irzt: tung chte, doch inem wal⸗ icken ſchon Sie Gedanken überließen?“ ſie der Verzweiflung ausſetzten, indem Sie ſie ihren „Ich habe Unrecht daran gethan, mich allein trifft die Schuld,“ erwiderte der junge Mann, ſeine Thränen nur mit Mühe bewältigend;„aber es iſt nun einmal ſo, und ſtets verblendet Gott diejenigen, die er verderben will. Wie ich Ihnen bereits geſagt zu haben glaube, ſo lebten wir ſo glücklich und ruhig mit einander, daß man uns beide eher für Geſchwi⸗ ſter als für Liebende halten konnte. „Magdalene hatte, wie ich wußte, viel Verſtand, und ich war überzeugt, daß ſie ſich mir nicht hinge⸗ geben, ohne zuvor alle Folgen einer ſolchen Einwil⸗ ligung ins Auge zu faſſen und gehörig abzuwägen. Nun aber glaubte ich in dem Augenblick, wo ich ihr den für mich zu einem Befehle gewordenen Wunſch meiner Eltern zu erkennen geben wollte— daß das von meiner Seite Wahnſinn, rohe Dummheit war, ſehe ich jetzt ein— nun aber, ſage ich, glaubte ich aus dem reſignirten und zuweilen träumeriſchen Weſen, das ich an ihr wahrgenommen, ſchließen zu dürfen, daß unter den Folgen, die ſie vorhergeſehen, meine dereinſtige ſtandesmäßige Heirath nothwendig eine der erſten geweſen, die ſich ihrem Geiſte darge⸗ boten, ſowie daß ſie bereits darauf gefaßt ſei. Wir Männer wollen eben immer— ſo tief ſtecken wir Iin der Eitelkeit, ſo ſehr ſind wir mit allerlei Zwei⸗ feln gewappnet—, daß das Weib, das wir lieben, oder das vielmehr uns liebt, immer und ewig uns von ihrer Liebe vorrede und uns dieſelbe zuweilen ſogar durch allerlei Extravaganzen beweiſe. „Die äußeren Beweiſe, die Beweiſe der Augen und des Skandals, haben weit größere Ueberzeugungs⸗ kraft für uns als das Opfer, das ein Mädchen uns mit ihrer Keuſchheit und mit ihrer Zukunft bringt, und als das ſtille Glück, das ſie in der Zurückge⸗ zogenheit ſchmeckt, welches ihr Schamgefühl ihr auf⸗ erlegt. Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen? Ich war ſo weit gekommen, daß ich mich überzeugt hielt, es ſei Magdalenens Liebe kein Opfer zu groß. „Das iſt der Gedanke, dem ich gehorcht, und der dieſem armen Kinde ſowie mir das Leben koſtet.“ „Ja, ich verſtehe,“ antwortete der Greis,„und es trifft Sie durchaus keine Schuld. Sie haben ge⸗ than, was an Ihrer Stelle jeder Andere gethan haben würde; ſie aber hat etwas gethan, was gar wenigen Frauen eingefallen wäre. Nun aber denken wir ein bischen nach und ſehen wir, ob Sie ein Recht haben, einer ſo heftigen Verzweiflung Raum zu geben.“ Es lag in den Worten des Arztes eine Abſicht, die zwar für uns, die wir ihn kennen, klar genug zu Tage liegt, die aber der, welcher ihn anhörte und zum erſten Male ſah, nicht errathen konnte. „Ich will mit Ihnen nach Art der Nothwendig⸗ keit ſprechen,“ fuhr der Greis fort,„das heißt, im Namen der Pflicht, der Familie, der Religion, der Ehre. Sie haben ſo gehandelt, ohne die Reſultate vorauszuſehen, mithin ſind Sie unſchuldig. Morgen wird das Mädchen aufgehört haben zu leben...“ „Ach, du mein Gott!“ unterbrach ihn Magda⸗ lenens Geliebter, indem er die Stirn zwiſchen beide Hände preßte,„ach, du mein Gott! was habe ich ge⸗ than, daß ich ſo leiden muß?“ — ags⸗ uns ngt, kge⸗ auf⸗ war es der T und ge⸗ than gar nken ein aum ſicht, enug und nig⸗ , im der ltate rgen 74 igda⸗ beide ) ge⸗ — — 121 Und der arme junge Mann krümmte ſich in ſei⸗ ner Verzweiflung. „Hören Sie mich einen Augenblick an,“ ver⸗ ſetzte der Greis. „Ohl! laſſen Sie mich doch,“ bemerkte Henry, aufſtehend,„ſie muß mich durchaus ſehen, ſie muß mir durchaus verzeihen, ich muß durchaus mit ihr ſterben.“ „Setzen Sie ſich,“ fuhr Servans fort, indem er Henry's Hand ergriff und den jungen Mann zum Sitzen nöthigte,„ſetzen Sie ſich, faſſen Sie Muth und hören Sie, was ich ſage. Es gibt im Leben große Uebel, große Unglücksfälle, und es hat Gott es zugegeben, daß Sie, indem Sie mich riefen, nicht bloß einen Arzt, ſondern einen Greis riefen, welcher von gar vielen moraliſchen Schmerzen Zeuge geweſen und ſo einen Schatz von Erfahrungen geſammelt hat, der für ihn ſelbſt zwar unnütz, für Andere aber um ſo nützlicher iſt. „Hören Sie alſo! Es wird Magdalenens Tod die geſellſchaftliche Stellung Ihrer Eltern in keiner Weiſe verändern; der Herr aber zeigt, wie gnädig er iſt, indem er ſie zu ſich nimmt. Sie ſtirbt zwar durch Sie, jedoch, ich wiederhole es Ihnen, duͤrfen Sie ſich deßhalb in Ihrem innerſten Gewiſſen nicht als ſchuldig betrachten. Iſt ſie einmal todt, ſo ſind die Bande, welche Sie an ſie knüpften, gelöst, und wenn auch ſchmerzlich, ſo doch für immer, und Sie können dann ohne alle Gewiſſensbiſſe thun, was Ihre kindliche Liebe Ihnen befiehlt. Seien Sie alſo ruhig; laſſen Sie das Schickſal gewähren und vergeſſen Sie nicht, wie Ihr Tod der Ruin eines Vaters und einer 122 Mutter wäre, denen Sie Alles verdanken und die jetzt von Ihnen die Bezahlung einer Schuld fordern, womit Ihre bis jetzt ſtets fröhliche und glückliche Jugend ihnen gegenüber belaſtet ſteht.“. Bei dem letzten Worte ſtand Henry raſch auf. „Herr Doctor,“ ſprach er zum Greiſe,„Sie ken⸗ nen mich nicht; es iſt daher auch ganz natürlich, daß Sie das, was Sie mir eben geſagt, geſprochen, ja ich danke Ihnen dafür; allein ich würde mich ſelbſt als einen niederträchtigen Menſchen anſehen, wenn ich Magdalene überleben könnte. Allerdings ſchulde ich meinen Eltern viel; aber ſie waren glück⸗ lich und reich, und indem ſie alſo gehandelt, ſind ſie der Stimme ihres Gewiſſens, der Natur, Gottes ge⸗ folgt. Dieſes Mädchen jedoch hatte nichts als ihre Ehre, und ſie hat mir ſie rückhaltslos geopfert; ſie hatte nur noch ihr Leben, und ohne auch nur eine Klage hören zu kaſſen, hat ſie daſſelbe hingegeben: ſtirbt ſie, ſo ſterbe auch ich; ſie hat mein Leben ge⸗ theilt, nun will ich auch ihren Tod theilen. Was meine Eltern betrifft, ſo ſind ſie bei den Leiden, die ihrer harren, zu zweien, das heißt, ſie können alle Schmerzen, welche das Schickſal über ſie zu verhän⸗ gen für gut findet, tragen; denn es gibt keine, die ſo groß wären, daß zwei innig verbundene Herzen unter ihrer Wucht erliegen müßten.“ Und der junge Mann, der alle ihm noch zu Ge⸗ bote ſtehende Kraft aufgeboten hatte, um die voran⸗ ſtehenden Worte zu ſprechen, ſank halb ohnmächtig auf ſeinen Stuhl zurück. Nachdem der Arzt ihn einen Augenblick gemuſtert hatte, ſchritt er auf die Thüre zu. — — 123 „Sie verlaſſen mich?“ fragte Henry. „Nein, ich gehe jetzt wieder zu Magdalenen.“ „Und ich?“ „Warten Sie hier noch ein bischen. 4 Und der Arzt trat wieder in das Zimmer des Mädchens. Neben Magdalenens Bett ſtand die Zofe, und voller Angſt und Entſetzenebetrachtete ſie das ver⸗ zerrte Geſicht der Herrin, deren eine Hand ſie in der ihrigen gefangen hielt. „Sie iſt todt,“ bemerkte der Greis. Das Kammermädchen ſtieß einen Schrei aus und wich unwillkürlich zurück. „Stille, ſtille!“ ſprach der Arzt.„Wiſſen Sie vielleicht, wo die Eltern des jungen Mannes wohnen?“ „Ja, Herr Doctor.“ „So laufen Sie denn zu ſeinem Vater und bit⸗ ten Sie ihn in meinem Namen, auf der Stelle hier⸗ her zu kommen.“ Das arme Ding war recht froh, einem Schau⸗ ſpiele zu entrinnen, das ſie mit Angſt und Entſetzen erfüllte, und pfeilſchnell ſtürzte ſie zur Thüre hinaus. Als der Greis allein war, betrachtete er ſich das ſchöne Mädchen in ihrem Tode; und da netzte eine Thräne Augen, die man ſchon längſt vertrocknet glauben konnte. Er hatte ſich geſetzt und war noch in den Anblick des Leichnams verloren, als Henry's Vater hereintrat. Der Arzt erzählte ihm Alles, ſelbſt den Entſchluß ſeines Sohnes, mit Magdalenen zu ſterben. „Er muß fort von hier,“ fügte Doctor Servans hinzu. Der Vater ſelbſt vermochte ſich nicht der Rührung zu erwehren, welche ein ſo unheimliches Ereigniß hervorzurufen geeignet war. „Wo iſt mein Sohn?“ fragte er endlich mit der Hand über die Augen hinfahrend. „In dem Zimmer dort. Sagen Sie ihm aber ja nicht, daß Magdalene todt iſt; er würde ſonſt nicht mitgehen wollen.“ „Seien Sie deßhalb ohne Sorge,“ antwortete der Vater und ſuchte Henry auf. Einige Minuten darauf verließ der junge Mann ſein Zimmer und ſtützte ſich dabei auf den Arm ſei⸗ nes Vaters, der ihn, wenn auch vergebens, zu tröſten ſuchte.. In dem Augenblick, wo er an Magdalenens Zimmer vorüberkam, wollte er in dieſes hineingehen; der Arzt aber, der an der Thüre ſtand, theilte ihm ganz leiſe mit, wie die Kranke ſchliefe, und wie man ſie jetzt nicht aufwecken dürfte. Eine Stunde darauf lag das Mädchen in dem uns wohlbekannten Saale des Todtenhauſes. Noch ganz aufgeregt von dem, was er eben erlebt, war Servans nach Hauſe gekommen, wo er Ivarius faſt nicht minder aufgeregt fand. „Zum Henker! was haſt denn auch Du?“ fragte der Arzt ſeinen treuen Diener.„Iſt denn der Teufel los?“. „Es hat der arme Procurator ganz ei fach ein ſehr fatales, intermittirendes Fieber, und er hat jetzt ſeinen zweiten Anfall, gab Ivarius zurück.“ —B—X——— 125 „Will denn die ganze Stadt ſterben?“ „Faſt möchte es ſo ſcheinen,“ fuhr Ivarius fort; „denn eben hat Graf von Dikſen nach Ihnen ge⸗ ſchickt, weil, hat der Bote geſagt, ſeine Frau ſchwer erkrankt ſei.“ „Nun, die Sache läßt ſich gut an; denn glaubte ich nur eine Gelegenheit zu haben, unſere Geſchick⸗ lichkeit zu beweiſen, ſo fürchte ich nun gar ſehr, daß wir auf einmal deren drei bekommen.“ „Um ſo beſſer,“ meinte Ivarius,„iſt doch drei die kabbaliſtiſche Zahl, woran der Herr Gefallen hat.“ Im Laufe des Abends theilte Henry'’s Vater ſeinem Sohne Magdalenens Tod mit, und zwar mit derſelben Vorſicht, welche der Letztere angewandt hatte, um ſeiner Geliebten ſeine demnächſtige Heirath zu verkünden. Als aber Henry dieſe Kunde vernahm, verfiel er in ſolche Verzweiflung, daß ſein Vater die Diener⸗ ſchaft zu Hilfe rufen mußte, um ihn zu halten, da⸗ mit er ſich nicht ſelbſt ums Leben brächte. Was den Arzt betrifft, ſo hatte er die Stunden dieſes Tages zum Theil dazu verwendet, ſeine neuen Patienten zu beſuchen. Sehen wir, welches Reſultat ſeine Beſuche gehabt hatten. Als Servans bei dem Procurator erſchien, be⸗ fand jener ſich in dem Zuſtande der Erſchlaffung, der auf ſolche Fieberanfälle zu folgen pflegt und einen Augenblick glauben läßt, es ſei der Patient nun gerettet. Alle Welt weiß, wie der Kranke ſtirbt, wenn ein dritter Anfall erfolgt. Dieſem dritten Anfall alſo galt es vorzubeugen. Der Sohn des Procurators hielt ſich in einem Zimmer auf, welches an das ſeines Vaters ſtieß; denn ſo heftig war der Kummer des armen jungen Mannes, daß er, um demſelben freien Lauf laſſen zu können und ihm nicht erliegen zu müſſen, das Krankenbett verlaſſen hatte, woran er die ganze Nacht gewacht. Ganz daſſelbe Schauſpiel beim Sohne des Pro⸗ curators, wie bei Magdalenens Geliebten; die glei⸗ chen Schreie, die gleichen Nervenzufälle, das gleiche Schluchzen.„Ach, retten Sie doch meinen Vater!“ ſo hatten die erſten Worte des jungen Mannes ge⸗ lautet. Und es hatte der Arzt einige Worte des Troſtes zu ſprechen geſucht; aber es war Francis in ihn gedrungen, daß er zu dem Patienten doch als⸗ bald hineingehen und zu ihm— dem Sohne— unverweiltwieder herauskommen und ihm ſagen möchte, ob er der Furcht oder der Hoffnung Raum geben müßte; denn er ſelbſt fühlte nicht mehr die nöthige Kraft in ſich, der Conſultation anzuwohnen. Als der Patient die Thüre aufgehen hörte, ſtreckte er den Kopf vor und ſprach, den Arzt er⸗ kennend: „Ahl! Sie ſind es, mein lieber Freund; wie freut es mich, Sie zu ſehen!“ „Wie ſteht es bei Ihnen?“ verſetzte der Arzt, die Hand des Procurators erfaſſend. „Ich habe, Gott ſei Dank! nun wieder ein bis⸗ chen Ruhe; allein ich muß Sie jedenfalls ſprechen.“ „Nun, was haben Sie mir mitzutheilen?“ fuhr g 127 Servans fort, in dem Lehnſeſſel Platz nehmend, der gewöhnlich neben einem Krankenbette ſteht. „Etwas, was nur wir zwei wiſſen dürfen, und was Sie, wenn ich ſterbe, einer dritten Perſon zu melden haben.“ „Warum denn aber ſchon den Augenblick Ihres Todes vorherſehen? Nichts iſt weniger gewiß als das, und ſo Gott will, ſo ſind Sie in drei Tagen wieder auf den Beinen; denn die Krankheit, die Sie jetzt haben, hat das Eigenthümliche, daß die Cur ebenſo raſch als der Anfall iſt, wenn der Arzt es mit einem verſtändigen Patienten zu thun hat, der ſich hütet, auch die kleinſte Unvorſichtigkeit zu be⸗ gehen.“— „Aber ich weiß auch, daß man ſtirbt, wenn man am dritten Tage nicht curirt iſt,“ verſetzte der Kranke; „Sie werden mir alſo erlauben, Herr Doctor, daß ich, wenn ich auch keinen Augenblick an Ihrem Wiſſen zweifle, doch den Fall vorherſehe, wo daſſelbe wider das Alter und die Krankheit nichts vermöchte. Sie kennen doch Francis?“ „Ja.“ „Sie wiſſen, daß es keinen beſſern Sohn geben kann als ihn?“ „Gewiß. „Nun ſehen S Sie, eben dieſe kindliche Liebe möchte ich belohnen. Hören Sie alſo, was ich gethan, und was Ihnen noch zu thun übrig bleibt. „Es iſt mir meine Frau noch ganz jung geſtor⸗ ben,“ fuhr der Vater fort,„und es hat mir dieſelbe einen Sohn nebſt einem kleinen Vermögen von hun⸗ dertfünfzigtauſend Franken hinterlaſſen. Dieſes Geld habe ich, als ein Eigenthum meines Sohnes, mich geſcheut anzutaſten; im Gegentheil, ich bin befliſſen geweſen, es durch die jährlichen Zinſen, die es in den Händen eines intelligenten Mannes abwerfen konnte, fortwährend anwachſen zu laſſen. Im Jahre 1814 verdoppelte ſich dieſe Summe, anſtatt gleich ſo vielen andern im allgemeinen Umſturz verloren zu gehen, was mich indeſſen nicht verhinderte, meinen Sohn kommen zu laſſen und ihm zu ſagen, daß wir Alles verloren hätten und ihm nun nichts mehr übrig bliebe, als zu arbeiten. Ich bat um eine Procurators⸗ ſtelle und erhielt ſie auch; Francis aber ergab ſich in ſeine neue Lage. Dieß war nur eine Probe, Herr Doctor; ſie gelang. Ich wollte ein Kind, das in der Erwartung eines großen Vermögens vielleicht träge und ausſchweifend geworden wäre, an die Ar⸗ beit gewöhnen. Auch hatte ich ſo viele Söhne den Tod des Vaters herbeiwünſchen ſehen, den ſie erben ſollten, daß ich, obgleich Francis meines Wiſſens ein vortreffliches Herz hatte, nicht wollte, daß ein ſo ſchlimmer Gedanke auch nur ein Mal in ihm auf⸗ ſtiege. Ich wollte mir aus meinem Sohne einen Freund machen— einen Freund, der mich aufrichtig liebte, der meinen Tod aufrichtig beweinte, wenn es Gott geſiel, mich zu ſich zu rufen; ich habe aus mei⸗ nem Sohne einen beherzten Mann machen wollen, der, unbeherrſcht von den Leidenſchaften der Jugend, die Arbeit liebte und bereit wäre, muthig gegen alle Wechſelfälle des Lebens zu kämpfen. Und es iſt mir das gelungen; denn, ſehen Sie, Herr Doctor, es iſt Francis ein ehrlicher, arbeitſamer Menſch und ein guter Sohn; ich habe meine Pflicht gethan, Gott 2=RESG ESÖSS=SSSES== 129 wird mit mir zufrieden ſein, und hoffentlich wird mein Sohn mein Andenken ehren. „Nun hören Sie weiter,“ fuhr der Kranke nach einer Pauſe fort:„Francis iſt in ein junges Mädchen verliebt, das heißt, ſo wie es heut zu Tage alle jungen Leute ſind. Da iſt er neulich zu mir ge⸗ kommen, um mich zu bitten, daß ich für ihn um die Hand ſeiner Angebeteten, die keine andere als Fräu⸗ lein S.... iſt, anhalten möchte. Nun aber wollte ich das Werk, das ich einmal begonnen, nicht un⸗ vollendet laſſen, und nicht in einem Augenblicke über Francis' Zukunft entſcheiden. Ich machte ihm daher bemerklich, wie Fräulein S.... ſehr reich wäre, wie dagegen ich nur mein Amt, und er nur ſeine Arbeit hätte, und wie er für den Fall, daß man auf ſeinen Antrag einginge, ganz und gar in die Abhängigkeit einer fremden Familie geriethe. Ich ſuchte ihm fer⸗ ner begreiflich zu machen, daß eine ſolche erſte Re⸗ gung des Herzens oft täuſche, ſowie ferner, daß ein Chebündniß ein zu ernſtes Ding ſei, als daß ein ſo raſcher Abſchluß räthlich erſcheine; auch müßten erſt, bevor ich mich zu dieſem Schritte entſchließen könnte, über das Mädchen nähere Erkundigungen eingezogen werden, damit ich wüßte, woran ich mich in Betreff gewiſſer Anſchuldigungen zu halten hätte, die auf ihr laſteten.. „Ich muß geſtehen, daß dieſer Ausſpruch einige Tage lang zwiſchen Francis und mir eine kleine Mißſtimmung zur Folge hatte; unterdeſſen aber wurde ich krank, und wie tief mein armer Sohn betrübt iſt, haben Sie ja ſelbſt geſehen.. „Ich will Ihnen nun, Herr Doctor, die Papiere Dumas, Doctor Servans. 130 zuſtellen, worin das auf dreimalhundertfünfzigtauſend Franken ſich belaufende Vermögen meines Sohnes enthalten iſt. Ueberlebt Francis' Liebe zu Fräulein S... den Schmerz, den ihm mein Tod verurſachen wird, ſo kann er ohne Anſtand um ihre Hand an⸗ halten. Bin ich einmal todt, ſo kann er thun, was er will; ſo lange ich am Leben bliebe, dürfte er mir nie dieſes Mädchen nehmen, da ich eine Heirath zwiſchen den Beiden für ein großes Unglück anſehen würde. Sämmtliche Papiere liegen in dieſem Secre⸗ tär und ſind vollkommen in Ordnung und verſie⸗ gelt. Nehmen Sie ſie, Herr Doctor, und ſtellen Sie ſie meinem Sohne zu, wenn er mir die Augen zuge⸗ drückt hat. „Ich kenne Sie ſchon lange; Sie ſind mein Freund, und lieber betraue ich Sie, der Sie jetzt wiſſen, was ich für meines Sohnes Glück gethan, mit dieſer Miſſion, als einen Notar, der aus der ganzen Sache ein bloßes Geſchäft machen würde, ohne daran zu denken, daß hier ein Schmerz zu lin⸗ dern iſt.“ „Wenn Sie es durchaus haben wollen, ſo will ich Ihrem Wunſche nicht entgegen ſein,“ antwortete Doctor Servans;„indeſſen werde ich Ihnen dieſes Paket ſchon nach zwei Tagen wieder zuſtellen können, da Sie in zwei Tagen wieder auf den Beinen ſein werden.“ „Sehen Sie, ich bin alt, kann ohne Scheu vor Gott treten, da mein Leben tadellos geweſen, bin gegen meinen Sohn liebevoll, gegen Alle aber ge⸗ recht geweſen, und anſtatt Gott zu fluchen, daß er. mir ein Glück raubt, ſegne ich ihn für das, das ich ihm verdanke.“ Und der Greis, den dieſe vielen Worte erſchöpft hatten, legte den Kopf auf das Kiſſen zurück und ſchloß beide Augen. Der Arzt trat näher hin und fühlte dem Kran⸗ ken den Puls. „Jetzt kommt das Fieber wieder,“ murmelte er vor ſich hin. 3 Und er ſchrieb ein Recept. Dann trat er in das anſtoßende Zimmer, gab das Recept Francis und ſprach zugleich zu ihm: „Hoffen Sie, hoffen Sie das Beſte, mein Freund, und fällt etwas Neues vor, ſo kommen Sie ſelbſt zu mir.“ Der junge Mann weinte immer noch. Der Arzt aber entfernte ſich. An der Hausthüre traf er Ivarius, der ſich ganz außer Athem gelaufen hatte, um den Doctor zu holen, und alſo anhob: „Beſter Herr, Graf von Dikſen wartet auf Sie. Ich habe mich zwar erboten zu ihm zu gehen, aber Sie ſelbſt ſollen kommen; vielleicht iſt es ſchon zu ſpät; ſputen wir uns alſo.“ „Wo wohnt der Graf?“ „Ich werde Ihr Führer ſein.“ Und Servans und Ivarius hoben an, ſo geſchwind zu laufen, als die Beine ſie tragen mochten. 132 Behntes Kapitel. Bald waren der Doctor und Ivarius vor dem Hauſe des Grafen von Dikſen angelangt. Was den Doctor betrifft, ſo mußte er einige Schritte vor der Hausthüre ſtehen bleiben, um wieder zu Athem zu kommen. Seine Stirn troff von Schweiß, und, ſein Taſchentuch herausziehend, ſprach er zu Ivarius: „Die Leute bringen mich noch um.“ „Oh! noch nicht, beſter Herr,“ antwortete der Diener. Und beide wechſelten einen vertraulichen Blick. Unterdeſſen hatte Ivarius an der Thüre des Grafen geklopft, die von einem alten Weibe geöffnet wurde.. „Es iſt der Herr Doctor?“ fragte ſie und blickte dabei auf Servans. Ja.“ „Ach! kommen Sie doch geſchwind, Herr Doctor, mit meiner armen Herrin könnte es nicht ſchlimmer ſtehen.“ Und das alte Weib lief vor den beiden Fremden her, um ihnen den Weg zu zeigen. Sie drangen in ein höchſt elegantes Schlafzimmer ein, worin ſich aber die von jeder ſchweren Krank⸗ heit unzertrennliche Unordnung nur allzu bemerklich machte. In dem ganzen Zimmer herrſchte ein un⸗ gewiſſes Halblicht; der Hintergrund aber wurde von einem mit Schnitzarbeiten verzierten Säulenbette eingenommen, deſſen Vorhänge von carmeſinrothem Lampas waren und ihre düſteren Reflexe auf das blaſſe Geſicht der leichnamartig daliegenden Gräfin warfen. Ein Mann in den dreißigern ging mit großen Schritten in dieſem Zimmer auf und ab, ſchob von Zeit zu Zeit die Bettvorhänge zurück, befragte das Geſicht der Kranken mit dem Blicke und ging dann, die Vorhänge zurückfallen laſſend, wieder auf das Fenſter zu, um auf die Straße hinauszuſchauen und, mit dem Fuße ſtampfend, auszurufen: „Dieſer dumme Doctor kommt alſo immer noch nicht!“ Und dann fing er aufs Neue an, das Zimmer der Länge und Breite nach zu durchmeſſen, das Ge⸗ ſicht der Gräfin anzuſehen und ungeduldig zu werden. Endlich vermochte er es nicht mehr auszuhalten und hatte die alte Dienerin zum zweiten Male nach dem Doctor geſchickt. Als die Alte zum zweiten Mal erſchien, war Ivarius ſelbſt zu dem Procurator gelaufen, um ſei⸗ nem Herrn das Anliegen des Grafen zu melden. Unterdeſſen hatte der Mann, der mit ſo lebhafter Ungeduld wartete, das heißt, der Graf von Dikſen, dem Bette ſeiner Frau ſich abermals genähert, um dieſe zu fragen: „Sind die Schmerzen immer noch ſo groß, Emilie?“ Die junge Frau hatte es verſucht, einige Worte hervorzubringen, aber es waren ihr dieſelben auf den Lippen erſtorben. „Es kann der Arzt nicht mehr lange ausbleiben, hab' nur noch ein bischen Geduld,“ hat der Graf hinzugeſetzt;„ich will Marianne alsbald wieder hin⸗ ſchicken.“ 134 Ein blaſſes Lächeln, das man hätte mit einem Dankesworte überſetzen können, hatte ſich um den Mund der Gräfin her gezeichnet; ihr Gatte aber hatte den Vorhang abermals zurückſinken laſſen, um ſich träumeriſch und befangen wieder an's Fenſter zu ſtellen. So oft dieſer Mann vom Tageslichte ſtärker beleuchtet wurde, konnte man die höchſt charakteri⸗ ſtiſchen Züge ſeines Geſichtes ſehen,— Züge, welche der Halbſchatten des Zimmers als etwas ziemlich Unbedeutendes erſcheinen ließ.. Er hatte ſchwarze Haare, die er gewöhnlich mit großer Sorgfalt über die Schläfe herſtrich, wo ſich bereits einige graue Locken zeigten. An dem in Frage ſtehenden Tage aber war der Graf mit unendlich wichtigeren Dingen beſchäftigt; jetzt dachte er nicht daran, die Zeichen einer ſchon alten Jugend zu verbergen, und ſo oft ſein Geſicht von dem durch das Fenſter dringenden Lichte gebadet wurde, konnte man alsbald ſehen, welche Verwüſtun⸗ gen das Leben darauf ſchon angerichtet hatte. Der Teint dieſes Mannes, der urſprünglich alle Anlage gehabt, ein ſchöner Mann zu werden, hatte unter dem Einfluſſe fortgeſetzter Nachtwachen ſeine Friſche verloren. Seine großen, ſchwarzen Augen, denen ein inneres Fieber Glanz verlieh, mußten ſeit einiger Zeit ziemlich matt brennen. Seine Wangen waren hohl, und es verbarg ein dichter Schnurrbart ſeine Oberlippe; dagegen ließ die etwas herunter⸗ hangende Unterlippe ſchwarze und größten Theils bloßliegende Zähne ſehen. Es mußte dieſer Mann als das fleiſchgewordene 82 N ——.—.—— 82 N Reſultat frühzeitiger und lange andauernder Aus⸗ ſchweifungen erſcheinen, wenn man ihn nach ſeiner äußeren Erſcheinung beurtheilte. Lange fortgeſetzte Orgien und Wolluſtſünden mußten ihn— ſo viel der, welcher ihn zum erſten Male ſah, ausſagen konnte— zu dem gemacht haben, was er jetzt war. In dem Augenblicke, wo wir ſeine Bekanntſchaft machen, ſchien er mehr der Raub einer gewaltigen Unruhe, als eines tiefen Kummers zu ſein. „Will er denn gar nicht kommen!“ wiederholte er von Zeit zu Zeit. Und eben hatte er wieder einen jener Anflüge von Ungeduld, die ſich durch Flüche verriethen, als Ivarius und Servans, von Mariannen geleitet, ein⸗ traten. „Endlich!“ hatte der Graf geſprochen, indem er ihnen entgegenging. Der Doctor aber hatte nur eines einzigen Blickes bedurft, um alles das, was wir dem Leſer eben mitgetheilt, zu wiſſen. „Wo iſt die Kranke?“ fragte der Arzt. „Hier,“ antwortete Herr von Dikſen, den Bett⸗ vorhang zurückſchlagend, der die kranke Gräfin vor dem Tageslichte ſchützen ſollte, welches, wenn auch noch ſo ſchwach, in das Zimmer drang. Der Arzt ging zu der Kranken hin und ſprach, nachdem er ſie eine Weile aufmerkſam betrachtet: „Warum hat man mich nicht bälder gerufen?“ „Aber ich habe heute ja ſchon zwei Mal nach Ihnen geſchickt,“ erwiderte der Graf in ziemlich tro⸗ ckenem Tone. Der Arzt fixirte den Mann, der eben geſprochen. —— 136 „Das meine ich nicht,“ antwortete der Arzt; „nicht erſt heute hätte man mich rufen laſſen ſollen, denn es iſt Ihre Frau nicht erſt ſeit heute krank.“ „Das iſt wohl wahr,“ verſetzte der Graf,„allein wir hatten nach einem andern Arzte geſchickt, deſſen Name... „Ich nicht wiſſen will,“ ergänzte Servans.„Ich kann Ihnen nur ſo viel ſagen, daß Sie mich haben zu ſpät holen laſſen, und es wäre mir daher lieb, wenn der, welcher die Cur unternommen, dieſelbe auch fortſetzte. Jetzt würde ich eine allzugroße Ver⸗ antwortung übernehmen.“ „Es wäre alſo nicht mehr zu helfen?“ fragte der Graf, noch mehr erbleichend. „Nein,“ erwiderte der Arzt,„es wäre denn, daß ein Wunder geſchähe; und unglücklicher Weiſe leben wir nicht mehr im Zeitalter der Wunder,“ ſetzte er, einen Blick auf Ivarius werfend, hinzu. „Ohl es verfolgen mich alle Teufel der Hölle,“ ſprach der Graf, ſich wie vernichtet in einen Lehn⸗ ſeſſel niederfallen laſſend. Dann plötzlich wieder aufſtehend: „Hören Sie, Herr Doctor, Sie müſſen dieſe Frau ſchlechterdings retten— ja, das müſſen Sie!“ Und es lag in dem Tone, in dem dieſe Worte geſprochen worden, jene Verzweiflung, die da bereit iſt, voller Zorn die heimzuſuchen, die ſich weigern möchten, ſie zu tröſten. „Ich muß Ihnen bemerken, Herr Graf,“ ent⸗ gegnetete der Arzt ruhig,„daß man zu einem Manne meines Standes nie ſagt: ‚Sie müſſen ſich des Lebens bemächtigen, das Gott wieder nimmt,“ wie ein Ge⸗ — — neral zu einer Armee ſagt: ‚Es muß dieſe Baſtei genommen werden.““ „Verzeihen Sie mir,“ ſprach der Graf, dem Arzte eine fieberbrennende Hand hinbietend,„verzéihen Sie mir, ich leide ſo unendlich, daß ich gar nicht⸗mehr weiß, was ich ſpreche. Ich wollte, Herr Dockor, nur ſo viel ſagen, daß die Hälfte meines Vermögens dem Manne gehört, der dieſe arme Frau am Leben erhält.“ Dieß Mal ſchien der Graf wirklich gerührt. „Leider, leider, Herr Graf,“ verſetzte der Arzt, „kann ich Ihnen trotz dieſer Verſprechungen keine beſſere Hoffnung geben; auch kann ich Ihnen fern von aller Eitelkeit ſagen, daß, wenn ich die Gräfin nicht zu retten vermag, es Niemand kann.“ „Wenn das iſt, ſo koſtet es mir das Leben,“ rief der Graf und fuhr mit der Hand nach der Stirn, als wollte er ſich die Haare ausraufen. „Warum haben Sie mich nicht bälder holen laſſen?“ wiederholte der Arzt in Einem fort. Und ſo oft Servans dieſe Phraſe wiederholte, nahmen die Bläſſe und die Unruhe des Grafen zu. Zwar jammerte und weinte er nicht; indeſſen verriethen ſein Schweigen und die Veränderung ſei⸗ ner Züge einen großen Schmerz,— ja ſelbſt einen der größten, die je über ihn ergangen. Von Zeit zu Zeit hatte ſein Blick etwas ſeltſam Stieres; dann kam er zu dem Bette her, worin die Gräfin mit dem Tode rang, und murmelte auf den Knien liegend: „Arme Frau! vergib mir!“ Der Arzt betrachtete den Grafen aufmerkſam 138 und ſprach bei ſich ſelbſt:„So litt Mutter Hanne nicht; ſo leiden auch Henry und Francis nicht; es mag dieſer Mann mehr von Gewiſſensbiſſen als vom Kummer gepeinigt ſein.“ Und mit einem Blicke befragte er Ivarius, der ſeines Herrn Gedanken ohne Zweifel errathen hatte, da er demſelben mit einem bejahenden Kopfnicken antwortete. Indeſſen waren beide im Hauſe des Grafen er⸗ ſchienen, um einer Kranken zu Hilfe zu kommen, nicht aber, um eine Sterbende in ihren letzten Todes⸗ kämpfen zu ſehen. Da ihre Anweſenheit völlig un⸗ nütz war, ſo ſchritt Doctor Servans auf den Grafen zu, um ſich zu verabſchieden. „Sie gehen?“ ſprach Herr von Dikſen zum Arzte. „Ich kann hier ſchlechterdings nichts mehr ma⸗ chen, Herr Graf, und in der Stadt ſind andere Leute, die auf mich warten.“ „Es iſt alſo Alles aus?“ fragte der Graf wie⸗ der aufſtehend. „Gott allein kann die Gräfin noch retten.“ „Sie kann aber unmöglich ſterben— ſie darf nicht ſterben!“ rief der Graf, ſich auf das Bett ſei⸗ ner Frau werfend und den Körper hin und her rüt⸗ telnd, der bereits die Unbeweglichkeit eines Leichnams hatte.„Wiel ſo unmächtig iſt die Wiſſenſchaft! Wie! Sie können den Athem, der entfliehen will, nicht feſthalten? Sie können das Leben nicht an den Athem binden, den ein Weſen noch hat? Verlängern Sie um des Himmels willen die Tage dieſer Frau; ſehen Sie, ſie iſt noch jung; nur ein kräftiger Ver⸗ ſuch, und vielleicht kehrt das Leben in den Körper zurück, den es verläßt; machen Sie, daß ſie noch ein Jahr, daß ſie noch ein halbes Jahr, daß ſie noch acht Tage lebt, nur ſterbe ſie jetzt nicht!“ „Sie lieben alſo die Gräfin recht innig?“ fragte der Arzt, wieder an das Bett herantretend und den Grafen anſchauend, als wollte er durch das abge⸗ lebte Geſicht dieſes Mannes hindurch in deſſen Herz leſen. „Ob ich ſie liebe?“ gab Herr von Dikſen, dem Blicke des Arztes ausweichend, zurück.„Würde ich, wenn ich ſie nicht liebte, ihren Tod in ſolcher Weiſe abwenden wollen?“ „Hierin mögen Sie Recht haben,“ verſetzte Doc⸗ tor Servans,„allein Sie würden ſich zufrieden ge⸗ ben, wenn ſie auch nur noch acht Tage lebte; nicht wahr? Acht Tage— das iſt nicht ſehr viel.“ „Wiſſen Sie nicht, daß des Menſchen Herz feig iſt vor dem Tode derer, an denen er hängt, und wie glücklich ihn ſchon eine kleine Spanne Zeit macht, wodurch er das Leben derjenigen verlängert ſieht, die er nun einmal verlieren muß?“ „Hierin mögen Sie Recht haben, Herr Graf, aber nicht minder gewiß iſt, daß nach dem Willen der Natur kein Schmerz ewig dauern ſoll; Sie ſind noch jung, haben einen großen Namen, ſind reich.“ Hier fuhr der Graf zuſammen und blickte den Arzt unwillkürlich an, als ob letzterer dem Schluſſe ſeiner Phraſe hätte einen beſonderen Sinn beilegen. wollen. „Ja, ich bin reich,“ fuhr der Graf fort und durchmaß dabei das Zimmer der Länge und Breite nach,„ich beſitze jetzt hunderttauſend Franken Ren⸗ 140 ten. Was mich aber,“ ſetzte er mit bitterem Lächeln hinzu,„nicht verhindert, Ihnen die Hälfte anzubie⸗ ten, ſo Sie meine Frau am Leben erhalten.“ „Es blieben Ihnen immer noch fünfzigtauſend Franken Renten, und es iſt das immerhin beſſer als nichts,“ erwiederte der Arzt. Indem Servans dieſes ſprach, ſchaute er Iva⸗ rius an, der ſeinerſeits den Grafen fixirt hatte, um zu hören, was derſelbe antworten würde. „Was wollen Sie damit ſagen?“ antwortete Herr von Dikſen, vor dem Greiſe ſtehen bleibend. „Ich will damit ſo viel ſagen, daß, wenn man ſeine Frau ſo liebt, wie Sie die Gräfin lieben, man gar wohl die Hälfte ſeines Vermögens demjenigen geben kann, der ſie Einem am Leben erhält, insbe⸗ ſondere dann, wenn die Hälfte, die Einem bleibt, immer noch fünfzigtauſend Franken Rente beträgt. Indeſſen wollte ich beifügen, daß ich, auch wenn Sie mir das Doppelte Ihres Vermögens gäben, Frau von Dikſen dennoch nicht zu retten vermöchte; denn bin⸗ nen einer Stunde wird ſie aufgehört haben, zu den Lebenden zu gehören.“ Die Bläſſe des Grafen hatte etwas wahrhaft Gräßliches. „Sie agoniſirt alſo ſchon?“ ſtotterte er hervor. „Ja.* „Und es ſtünde nicht in Ihrer Macht, ihr auch nur auf zehn Minuten Sprache und Verſtand wieder zu ſchenken?“ „Nein.“ 1 „Was Sie auch thun möchten?“ „Was ich auch thun möchte.“ G Der Graf ſah wie ein Leichentuch aus. ie⸗„Dann iſt es gut,“ verſetzte er, ein Möbel auf⸗ ſchließend, woraus er einige Goldſtücke nahm, die er nd dem Arzte einhändigte.„Ich bedaure, daß ich Sie als vergebens bemüht; nehmen Sie dieß aber für Ihren Beſuch.“ Ha⸗ Der Arzt nahm die Goldſtücke, fühlte aber, in⸗ um dem er ſie nahm, wie des Grafen Hand zitterte. „Sie wollen mir nicht die Ehre erweiſen, mir ete einen Beſuch ſchuldig zu bleiben, Herr Graf? Es iſt das nicht ſchön.“ an„Ich will gewiß ſein, daß er Ihnen bezahlt an wird; ſonſt nichts.“ ſen„Da hätten Sie doch wohl warten können, bis be⸗ ich wieder gekommen wäre.“ bt,..„Aber Sie hätten mich vielleicht nicht ange⸗ gt. troffen.“ Sie„Wollen Sie denn abreiſen?“ vdon„Fällt mir nicht ein.“ in⸗„ Dann verſtehe ich Sie nicht.“ den„Herr Doctor, Sie haben wohl ſchon Leute ſagen hören, daß ſie ſich umbringen wollen?“ aft„Ja.“ „Und brachten ſie ſich wirklich um?“ or.„Nie.“ „„Wohlan! Herr Doctor, in zwei Stunden werden uch Sie ſagen können, daß Sie einen ſolchen Menſchen der geſehen.“ „Und wer ſoll derſelbe ſein?“ „Wer anders als ich?“ „Sie ſind alſo entſchloſſen zu ſterben, wenn die Gräfin ſtirbt?“ 142 „Ich muß wohl.“ „Und warum?“ „Weil ich ſie ſo heiß liebe, daß ich ſie ſchlechter⸗ dings nicht überleben kann.“ Es waren dieſe Worte in einem Tone geſprochen, von dem man einem Fremden ſchlechterdings keinen Begriff geben kann: ſo groß waren die Ironie, die Wuth, die Bitterkeit, die darin lagen. „Es bleibt mir alſo nichts übrig, als zu gehen,“ hob der Arzt wieder an.„Leben Sie wohl!“ Und er reichte dem Grafen die Hand. „Leben Sie wohl,“ gab der Letztere zurück und ließ ſich auf einen Stuhl niederfallen, nachdem er den Handdruck des Arztes erwidert hatte. Mit Servans entfernte ſich auch Ivarius. An der Thüre trafen die Beiden Marianne. *.„Sie müſſen mich an einem Orte verbergen, wo ich Alles ſehen kann, was in dem Zimmer Ihrer Herrin vorgeht,“ ſprach der Arzt zu der Zofe. „Und warum, du mein Gott?“ „Weil ich ein Unglück befürchte, das ich verhin⸗ dern möchte.“ Marianne muſterte den Arzt einen Augenblick, um alsbald zu der Ueberzeugung zu kommen, daß der Greis jeder ſchlimmen Abſicht unfähig ſei. „Noch mehr,“ fuhr der Arzt fort,„ich muß auch jeder Zeit in das Zimmer hineingehen können.“ „So verſtecken Sie ſich in dieſem Cabinette: es könnte keinen beſſern Ort geben.“ Und die alte Frau öffnete zur Hälfte eine Thüre, durch welche der Arzt hindurchſchlüpfte, nachdem er 0 2= S — — ᷣ„ — ☛ 7——.,— △ O Ivarius zugeflüſtert, daß er nach dem Procurator ſehen und dann zu Hauſe auf ihn warten ſollte. Elftes Kapitel. In der That, der Beobachtungspoſten, den Ma⸗ rianne dem Arzte angewieſen, hätte nicht beſſer ſein können. Er brauchte nur einen Vorhang ein wenig auf die Seite zu ſchieben, um Alles zu ſehen, was im Zimmer der Gräfin vorging. Er. ſtellte ſeinen Stock in eine Ecke, ſchob den Vorhang beiſeit und blickte in gerader Richtung hinaus. Der Graf blieb einige Augenblicke ſitzen und in ſeine Gedanken vertieft, worauf er, wie wenn das Reſultat der letzteren das ſchmerzliche Bedauern ge⸗ weſen wäre, eine längſt gehegte Hoffnung mit einem Male ſchwinden zu ſehen, raſch aufſtand und mit einer Geſte der Ungeduld den Stuhl zurückſtieß, den er verließ. Dann ging er auf das Möbel zu, woraus er einige Minuten zuvor das Gold genommen, und zog aus einer andern Schublade einen Pack Papiere her⸗ vor, den er ſorgfältigſt durchſtöberte; wie es aber ſchien, ſo änderte dieſe Prüfung an dem Reſultat ſeiner Reflexionen lediglich nichts; denn es ſtand nicht lange an, ſo warf er die Papiere wieder in die Schublade hinein und murmelte, indem er letztere zuſtieß: „Ich ſehe ſchon, es geht nicht anders.“ Dann trat er auf das Bett ſeiner Frau zu und 144 rief dieſe ein paar Mal mit Namen, jedoch ohne daß ſie anders als mit einem hartnäckigen Röcheln antwortete. Nun blieb der Graf vor der Sterbenden, die beiläufig geſagt, wahrhaft ſchön war, ſinnend ſtehen, bis er ſich endlich vor dem Bette auf die Knie nie⸗ derließ und eine der abgemagerten Hände der Gräfin erfaßte. Plötzlich erfüllten andere Gedanken als die, welche dem Anſchein nach ihn bis daher beſchäftigt, ſein Herz; ohne Zweifel bemächtigten ſich ſeines Geiſtes wonnige Erinnerungen, denn es erhellte ſich das blaſſe, kalte Geſicht des Grafen und es traten ihm Thränen in die Augen bis er, den Kopf auf der Sterbenden Hand hinſinken laſſend, in die Worte ausbrach:„Ach, du mein Gott! du mein Gott! nimm ſie noch nicht von mir!“ Und wie wenn Gott dieſes kurze Gebet hätte er⸗ hören müſſen, warf der Graf den Kopf in die Höhe und befragte das Geſicht ſeiner Frau, das ſich in den letzten Todeskämpfen mehr und mehr verzerrte, von Neuem. „Ich bin ein Kind des Unglücks,“ murmelte Herr von Dikſen aufſtehend. Sodann ſetzte er ſich an einen Tiſch und ſchrieb nachſtehende Zeilen: „Frau Marquiſe! „Wenn Sie dieſen Brief erhalten werden, lebt Ihre Tochter nicht mehr, und ebenſo wenig ich, der ich Ihnen dieſe traurige Nachricht mittheile;— ich, dem Sie vielleicht fluchen werden, werde ihr dann in Tode nachgefolgt ſein, gleichwie ſie vor zwei Jahren mir gefolgt iſt. „Sie ſehen, Frau Marquiſe, es geht meine Liebe weiter, als Sie vorausgeſehen. „Sterbenden verleiht Gott das Recht, den Ueber⸗ lebenden zu verzeihen, und ſowohl in Ihrer Tochter als in meinem Namen verzeihe ich Ihnen, auf daß auch Sie in der Stunde, wo Gott Sie zu ſich rufen wird, uns verzeihen, und daß er die, welche er hie⸗ nieden getrennt, droben vereinige.“ Dann unterzeichnete er:„Graf von Dikſen.“ In dem Augenblicke, wo er dieſen Brief zuſam⸗ menlegen wollte, däuchte es dem Grafen, daß das Röcheln aufgehört habe. Mit fixem Blicke und livi⸗ der Stirn wandte er ſich nach dem Bette hin; er horchte. Er hörte nichts mehr. Jetzt eilte er auf das Bett zu, drückte ein Ohr auf das Herz der Gräfin und richtete ſich, noch bläſſer, als er je geweſen, wieder auf. „Todt! todt! todt!“ rief er. Und taumelnd ließ er ſich auf das Bett zurück⸗ fallen, um eine Fluth von Thränen zu vergießen. Von all dem entging dem Arzte nichts. „Aber Muth gefaßt,— machen wir der Sache ein Ende!“ hob der Graf wieder an. Er öffnete einen Schrank, nahm ein Paar Pi⸗ ſtolen daraus hervor, zog die Hähne auf und legte die Waffen neben den Brief, den er geſchrieben. Es ſchien der Graf ſo feſt entſchloſſen, daß Ser⸗ vans jetzt nicht länger zögern zu dürfen glaubte. Leiſe die Thüre des Cabinets öffnend, trat er Dumas, Doctor Servans. 10 146 auf den Zehenſpitzen zu Herrn von Dikſen hercn, der eben den Brief zuſammenlegte, und ſprach, die Hand ausſtreckend: „Sie erlauben, daß ich den Brief leſe?“ Bei dieſer Stimme, die er ſo gar nicht zu hören gedacht hatte, fuhr der Graf zuſammen, und ſchaute zugleich die Perſon an, die eine ſolche Bitte zu ſtel⸗ len ſich erlaubte. „Was in aller Welt machen Sie hier?“ fragte er den Arzt. „Ich will einen Selbſtmord verhindern.“ „Und wer gibt Ihnen das Recht dazu?“ „Ich ſelbſt gebe mir es, da ich weiß, daß jeder Menſch das Recht hat, ſeinen Nächſten zu retten, Herr Graf; und ſind Sie auch ein vornehmer Herr und ich nur ein ſchlichter Arzt, ſo kann ich Sie vielleicht doch retten.“ 3 „Warum wollen Sie denn aber dieſen Brief leſen?“ „Weil Sie mir nichts verheimlichen dürfen.“ „Ich verſtehe Sie nicht; erklären Sie ſich ge⸗ fälligſt deutlicher.“ „Iſt die Gräfin todt?“ „Ja.“ „Sie haben zu Gott gebetet, daß er ſie am Le⸗ ben erhalten möge?“ „Ich kann es nicht läugnen.“ „Und da er Sie nicht erhört, ſo wollen Sie ſich nun umbringen. Nicht wahr, ich habe recht geſehen und recht verſtanden?“ Und der Greis heftete ein durchbohrendes Augen⸗ paar auf den Grafen. 3 ang Lel die ren nute ſtel⸗ agte eder ten, derr eicht rief „Sie haben mir die Hälfte Ihres Vermögens angeboten für den Fall, daß ich Ihre Frau am Leben erhalte.“ „Noch jetzt biete ich Ihnen dieſelbe an.“ „Sie glauben alſo, es ſtehe in meiner Macht, eine Verſtorbene wieder ins Leben zu rufen?“ „Ich ſtehe auf dem Punkte mir das Lebenslicht auszublaſen, und klammere mich daher gern an jede Hoffnung an, die man mir gibt, ſo ſchwach dieſelbe immer ſein mag.“ „Nun, ſo antworten Sie mir unumwunden!“ „Und Sie geben mir die Gräfin zurück?“ „Wer weiß?“ Der Graf ſtarrte den Greis an, als ob er es mit einem Wahnſinnigen zu thun hätte, allein es war der Blick des Arztes ſo hell, und es waren ſeine Fragen ſo präcis, daß Herr von Dikſen ſehen wollte, wie weit dieſe Ueberzeugung ginge, die der Arzt zu haben ſchien; er hob daher, indem er ſich ſetzte, wieder an: „So fragen Sie mich einmal!“ „Sie lieben die Gräfin?“ „Von ganzer Seele.“ „Sie haben ſie aus Liebe geheirathet?“ „Nicht allein das, ſondern ich habe ſie auch entführt.“ „Gut! und obgleich Sie ſie entführt, haben Sie ſie geheirathet?“ „Nicht allein liebte ich ſie, ich achtete ſie auch.“ „Schön, ſchön! Und eben haben Sie ge⸗ ſchrieben?“.. „An ihre Mutter.“ 148 „Darf ich dieſen Brief leſen?“ „In allewege.“ Der Arzt nahm und las den Brief. Unterdeſſen muſterte ihn der Graf aufmerkſam. „Nun?“ fragte er, als Servans ausgeleſen hatte. „Weiter wollte ich nichts wiſſen.“ „Und jetzt?...“ „Jetzt werden Sie mir den Gefallen thun, die Piſtolen abzuſpannen und dieſen Brief in einer Schublade zu verwahren, da Sie eine fromme Pflicht zu erfüllen haben.“ „Welche?“ „Die Pflicht, drei Tage lang bei Ihrer Frau im Todtenhauſe zu wachen.“ „Wozu, wenn Sie ihres Todes gewiß ſind?“ „Der Menſch kann ſich bei all ſeinem Wiſſen täuſchen. Wenn ſie plötzlich wieder aufwachte?“ „Was ſagen Sie da?“ „Ich ſage,“ verſetzte Servans auf die natür⸗ lichſte Weiſe von der Welt,„was ſchon oft geſchehen, kann wohl wieder geſchehen; vielleicht daß die Gräfin nur in einem lethargiſchen Schlafe liegt. Und darum iſt es Ihre Pflicht, die vorgeſchriebene Zeit bei ihr zu wachen.“ „Sie haben Recht, ich werde thun, wie Sie ge⸗ ſagt,“ gab der Graf voller Ergebung zurück. „Wie Sie ſehen, ſo iſt es nicht ſo übel geweſen, daß ich den Horcher geſpielt.“ „Nehmen Sie meinen Dank dafür,“ ſprach der Graf, dem Arzte die Hand bietend;„doch ſcheint es d * 149 mir, daß Sie den Brief, den ich ſchrieb, nicht zu leſen brauchten, um mir dieſen Rath zu geben.“ „Ohl was das betrifft, ſo geſchah es in einem perſönlichen Intereſſe,“ antwortete der Arzt lächelnd; „ich wollte über etwas die Gewißheit erlangen, die mir fehlte.“ „Und Sie ſind befriedigt?“ „Vollkommen.“ Und indem Servans dieſes Wort ſprach, haftete ſein Blick auf dem Grafen, und zwar ſo ſcharf, daß der Letztere nicht umhin konnte, die Augen nieder⸗ zuſchlagen. „Sie verſprechen mir alſo, in den nächſten drei Tagen keinen Selbſtmordverſuch zu machen?“ „Ich verſpreche es Ihnen. Wenn aber dieſe Zeit um iſt?“.. „Dann ſollen Sie vollkommen freie Hand haben; doch 1 „Doch was?“ „Ohl nichts, hoffen Sie.“ „Auf wen?“ „Auf Alles!“ „Sie ſind fürwahr ein ſonderbarer Mann, Herr Doctor.“ „So ſagen die Leute. Sie aber ſollen es beſſer als irgend Jemand erfahren.“ „Wir ſehen alſo einander wieder?“ „Wahrſcheinlich.“ „Wo?“ „Im Todtenhauſe! Und nun leben Sie wohl, Herr Graf.“ „Leben Sie wohl, Herr Doctor.“ ————— 150 In dem Augenblicke, wo Servans das Haus des Grafen verließ, fiel der Schnee in großen Flocken. Der Greis eilte, ſo ſchnell ihn die Beine tragen konnten, nach Hauſe, wo er ſchweißtriefend anlangte. „Nun, theuerſter Herr, wie ſteht es mit der Gräfin?“ fragte Ivarius. „Sie iſt geſtorben!“ „Und der Procurator!“ fragte der Arzt ſeiner⸗ ſeits. „Ebenfalls geſtorben!“ „Weißt Du auch, mein armer Ivarius, daß wir da hinter einander drei Kranke ſterben laſſen, und daß wir uns mit Schande bedecken?“ ſprach der Greis, indem er ſich, vor Kälte ſchauernd, neben das Kamin ſetzte. „Leider, leider,“ erwiderte Ivarius,„und wir werden nun eine recht ſchöne Cur vollbringen müſſen.“ „Ich fürchte gar ſehr,“ verſetzte der Arzt,„es wird mein erſter Kranker Niemand anders ſein als . ich ſelbſt.“ „Ach, du mein Gott! Wie kommen Sie dazu, ſolches zu glauben?“ fragte Ivarius. „Es fröſtelt mich, ich habe Fieber und keinen Hunger— ſchlimme Symptome in meinem Alter.“ „Aber gütigſter Herr! Sie ſind auch recht un⸗ vorſichtig! Da ſtehen Sie Morgens in aller Frühe auf, gehen ganz leicht gekleidet aus und rennen, während es ſchneit, in der Stadt umher; ſchweiß⸗ triefend kommen Sie heim, und trotzdem daß Ihre Kleider feucht ſind, wechſeln Sie ſie doch nicht. Sie ſollten doch bedenken, daß Sie kein zwanzigjähriger 15¹1 Haſe mehr ſind, und nehmen Sie ſich nicht recht in Acht, ſo kann es Ihnen noch das Leben koſten.“ „Meiner Treue! Ivarius, es freut mich faſt, daß ich mich um meine Patienten nicht mehr zu kümmern brauche; ich will mich alſo nur in's Bett legen und mich bloß noch um mich ſelbſt kümmern. „Ach! mein lieber Ivarius, ich weiß nicht, was ich habe, aber ich fühle mich wirklich recht krank.“ Und in der That vermochte Servans, als er aufſtand, um ſich zu Bette zu legen, ſich kaum noch auf den Beinen zu halten: er zitterte am ganzen Leibe. „Schon ſeit einigen Tagen iſt es mir gar nicht wohl, aber Du weißt, wie es für Leute unſeres Be⸗ rufs keine andere Patienten gibt als Fremde; ſchon habe ich ſiebenzig Jahre auf dem Rücken,“ ſetzte der Greis nach einer Pauſe hinzu,„und es iſt daher, wie ich glaube, gerathen, mein Haus zu beſtellen.“ „Wie, zum Henker! mögen Sie nur ſolchen trü⸗ ben Gedanken Raum geben, beſter Herr? Ein wenig Ruhe, und Sie ſind morgen wieder ſo friſch und munter wie geſtern.“ „Das bezweifle ich,“ verſetzte der Greis, der ſich mit Ivarius' Hilfe ausgekleidet und endlich zu Bette gelegt hatte.„Das bezweifle ich ſehr; Du wirſt mir alſo auch erlauben, daß ich nichts unterlaſſe, was die Vorſicht gebietet. Für's Erſte, deck mich recht warm zu. Dann mußt Du mir etwas Borretſch kochen; mehr brauche ich nicht. Iſt das geſchehen, ſo gehſt Du zu meinem Notar und bitteſt ihn, um halb acht Uhr ſich hier einfinden zu wollen; von da gehſt. Du zu Frau von Langers— Du weißt ſchon 15² (und indem der Greis dieſe Worte ſprach, gab er Ivarius ein leichtverſtändliches Zeichen), und bitteſt ſie, heute Abend zwiſchen neun und zehn Uhr hier zu erſcheinen. Ich muß ſie durchaus ſprechen, da man nicht weiß, was geſchehen kann und ich ihr perſönlich verſchiedene Dinge zuſtellen muß.“ „Ganz gut, es ſoll geſchehen, wie Sie geſagt.“ „Endlich gehſt Du zu unſerem Stadtpfarrer und bitteſt ihn in meinem Namen, heute Abend zwiſchen elf und zwölf Uhr mich beſuchen zu wollen.“ „Aber, beſter Herr! Sie thun ja wahrhaftig, als ob Sie ſchon todt wären?“ „Thue, wie ich Dir ſage! Du weißt wohl, in meinem Alter muß man auf Alles gefaßt ſein. Zwar behaupte ich nicht, es werde dieſes Unwohlſein mit meinem Tode endigen, aber es iſt das doch immer⸗ hin möglich, und geſchieht es, ſo will ich als guter Chriſt ſterben. Und nun mach, daß Du fort und bald wieder kommſt.“ Ivarius entfernte ſich; allein wir müſſen ſagen, er hatte durchaus nicht das bekümmerte Ausſehen eines Menſchen, der den ſterben ſieht, welchem er Alles verdankt. Vielleicht war er überzeugt, daß der Kranke ſich eine übertriebene Vorſtellung von der Gefährlichkeit ſeiner Lage machte; denn an eine ſolche Gleichgültig⸗ keit von Seiten des Ivarius können wir wohl doch kaum glauben. So viel iſt gewiß, daß er ſich in einen gewalti⸗ gen Mantel hüllte und ſich der Aufträge entledigte, die er bekommen. Unterdeſſen gab Servans ſeinen Gedanken Au⸗ dienz, und zwar war er ſo ſehr darein vertieft, daß er, als Ivarius eine halbe Stunde darauf wieder hereintrat, ihn nicht einmal kommen hörte. Nun ging der Diener leiſe auf das⸗Bett ſeines Herrn zu, von dem er glaubte, daß er eingeſchlafen ſei; und als er ihn mit weit geöffneten Augen da⸗ liegen ſah, ſprach er: „Beſter Herr, Ihre Aufträge ſind beſorgt.“ „Du haſt den Notar geſprochen?“ „Er wird um halb acht Uhr hier ſein.“ „Und Frau von Langers geſehen?“ „Ja.“ „Wird ſie kommen?“ „Um neun Uhr.“ „Und der Geiſtliche?“ „Zwiſchen elf und zwölf.“ „Ganz gut; und nun ſchließ den Wandſchrank auf und nimm die Phiole heraus, auf deren Etikette ein A ſteht.“ „Hier, beſter Herr.“ „Füll' das kleine Fläſchchen, das ſich neben dem Safte befindet, welchen dieſe Phiole enthält, und wirf die Phiole ſammt dem übrigen Safte hinaus.“ Ivarius öffnete das Fenſter, warf die in Stücke zerbrochene Phiole in den Garten hinaus und ſchloß das Fenſter dann wieder. „Gib mir dieſes Fläſchchen.“ Der Arzt verſteckte daſſelbe unter ſeinem Kopf⸗ kiſſen. „Und jetzt?“ fragte Ivarius. „Wie viel Uhr?“ „Sechs Uhr.“ —— ——— 154 „Iß nun und komm' dann wieder; Du mußt mir noch etwas beſorgen.“ „Wäre es Ihnen vielleicht nicht lieber, daß ich es ſchon vor dem Eſſen thäte?“ „Nein; Du weißt, es hat Alles ſeine Zeit; es ſind nun zwanzig Jahre, daß wir tagtäglich um die⸗ ſelbe Stunde ſpeiſen; ſpeiſe alſo auch jetzt, nur mach' die Sache möglichſt kurz.“ Als der Arzt wieder allein war, verſank er von Neuem in die Gedanken, welche Ivarius' Wieder⸗ erſcheinen unterbrochen hatte. Schon eine Viertelſtunde darauf ſtand der Diener wieder vor dem Bette des Herrn. „Ivarius,“ hob ſein Herr, ihm einen Schlüſſel überreichend, an,„ſchließ die erſte Schublade oben an dieſem Chiffonnier auf; es liegen Briefe darin.“ „Ja, beſter Herr.“ „Gib ſie mir.“ „Aber es ſind mehrere Päckchen darin.“ „Gib das dickſte her.“ Ivarius gehorchte. Der Greis legte das Paket neben das Fläſch⸗ chen unter dem Kopfkiſſen. „Und die übrigen Briefe?“ fragte Ivarius. „Wirfſt Du in's Feuer; die Frauen, von denen ſie herrühren, ſind todt, und was ihre Erben betrifft, ſo kann ich ihnen dieſe Papiere wohl kaum zurück⸗ geben.“ „Haben Sie mir ſonſt noch etwas zu befehlen, beſter Herr?“ „Ja, heute Abend, vor dem Weggehen der Frau von Langers, werde ich zu trinken verlangen; Du — ——— ————— 15⁵ gießeſt mir dann in meine Tiſane zehn Tropfen von dem mit B etikettirten Safte, den Du in demſelben Schranke finden wirſt, wo Du die erſte Phiole ge⸗ nommen, und, ohne daß Jemand etwas bemerkt, wirſt Du dieſe zweite Flaſche in den Garten werfen. Bin ich dann todt, ſo läſſeſt Du dem Sohne des Pro⸗ curators die Papiere zuſtellen, die in meinem Secre⸗ tär liegen und auf deren Couvert die Worte ſtehen: „Für Frangis.* Haſt Du mich recht verſtanden?“ „Vollkommen, beſter Herr.“ In dieſem Augenblicke klopfte es an der Haus⸗ thüre. „Ahl geh' geſchwind und mach auf: ſchon iſt der Notar da.“ Zwölftes Kapitel. „Nun! Was iſt denn, mein lieber Doctor?“ fragte der Notar beim Hereintreten. „Ich möchte mein Teſtament machen, lieber Freund.“ „Wie kommen Sie aber auf dieſen Gedanken?“ „Auf die natürlichſte Weiſe von der Welt: ich bin über ſiebzig Jahre alt, bin krank, mache mein Teſtament, gewiß nichts Außergewöhnliches. Bleib' da, Ivarius; was wir mit einander zu ſprechen haben, darfſt, mußt Du hören.“ Der Notar ſetzte ſich auf ein Zeichen, das ihm von Servans gegeben ward. „Damit ein Teſtament gar nicht angefochten werde, iſt es wohl am Beſten, wenn es von dem 156 Teſtirenden mit eigener Hand geſchrieben wird?“ ſprach der Doctor. „Gewiß.“ „So will ich denn das meinige ſchreiben; haben Sie nur die Güte, mir die gewöhnlichen Formeln zu dictiren.“ Und der Notar fing an zu dictiren. Als das Teſtament fertig war, ſetzte der Arzt hinzu: „Es iſt wohl möglich, daß ich an dieſer Krank⸗ heit nicht ſterbe; dennoch werde ich außer dieſem kein Teſtament mehr machen. Ich will Ihnen das Ge⸗ ſchriebene vorleſen, Sie aber, mein lieber Notar, nehmen das Teſtament mit und verwahren es an einem ſicheren Orte.“ Doctor Servans las, was er geſchrieben. Er hinterließ etwa zwölftauſend Franken Renten, welche auf Ivarius übergingen, jedoch mit der Bedingung, daß letzterer Mutter Hannens Enkel eine Rente von tauſend Thalern reichte und, wenn er ohne Kinder ſtarb, bei ſeinem Tode dieſem Enkel Alles hinter⸗ ließ. Der Notar bekam des Doctors Fingerring, ſo⸗ wie verſchiedene Freunde und Freundinnen unter⸗ ſchiedliche Legate. Ivarius zerfloß vor lauter Dankbarkeit in Thränen. Man ſiegelte das Teſtament, worauf der Notar es mitnahm. Alles dieß hatte mehr Zeit erfordert, als wir zu unſerem Bericht gebraucht haben, und kaum hatte ſich der Notar entfernt, als es an der Hausthüre aber⸗ mals klopfte. Es war Frau von Langers. 85 —.,————» —„.. 157 Es war die Hereintretende eine magere, ſchlank gebaute, durchaus ſchwarz gekleidete Frau mit grauen A Haaren, großen, ſchwarzen Augen, einer geraden Naſe, G Zähnen, die noch weiß waren: alle dieſe Dinge be⸗ wieſen, daß dieſe Frau einſt ſchön geweſen. Als ſie in das Zimmer des Kranken trat, bedeu⸗ tete dieſer dem Ivarius durch ein Zeichen, daß er t„nun abtreten ſolle. „Sie haben mich rufen laſſen, mein lieber Ser⸗ ⸗ vans,“ ſprach die Dame;„ſind Sie denn krank?“ „Ja.“ „Hoffentlich aber nicht gefährlich?“ 7„Für einen Mann von meinem Alter iſt kein n Unwohlſein gefahrlos; darum habe ich Sie auch noch ein Mal ſprechen wollen, denn es wäre für mich unendlich peinlich geweſen zu ſterben, theuerſte Ba⸗ roneſſe, wenn ich Ihnen nicht zuvor Lebewohl ge⸗ ſagt.“ 6 Die Baroneſſe nahm neben dem Bette des Arztes Platz. 4„Auch hatte ich,“ fuhr Servans fort,„Papiere in den Händen, die Sie betreffen, und die ich Ihnen zuſtellen wollte.“ „Bin ich die Einzige, die in ſolcher Weiſe ihre Briefe von Ihnen wieder herausbekommt?“ ſprach die Baroneſſe lächelnd. r„Die Einzige; Sie wiſſen, theuerſte Baroneſſe, wie ich ſtets Sie beſonders affectionirte.“ „Ohl ſprechen wir nicht mehr von den vergange⸗ nen Zeiten, beſter Doctor.“ 4„Hier ſind Ihre Briefe, dem Datum nach ge⸗ ordnet; der erſte iſt vom Monat Februar 1780;— 158 es war das die gute Zeit; der letzte aber iſt vom Monat Juni des gleichen Jahres. Es hat das nicht lange gedauert, theuerſte Baroneſſe.“ „Aber es ſcheint mir, beſter Doctor, daß nur die Briefe allein aufgehört hatten.“ „Ganz richtig; auch meine ich die Briefe; hier ſind ſie, nehmen Sie ſie zurück.“ Die Baroneſſe öffnete einen. „Liebesbriefe,“ ſprach ſie,„ſind Spiegel, worin eine alte Frau ſich wieder jung erblickt; beſter Doc⸗ tor, ich werde dieſen Spiegel ſtets behalten.“ „Um ſo mehr, als der Fabrikant jetzt ſtirbt,“ ſprach Servans lachend. „Ach, mein armer Freund! wie haben wir uns doch verändert!“ rief die Baroneſſe, dem Kranken eine Hand bietend. „Sie ſind fromm geworden.“ „Und Sie, gelehrt.“ „Jetzt ſind wir zuſammen hundertdreißig Jahre alt, theuerſte Baroneſſe.“ „Ach, Freund, nur Gott allein verändert ſich nicht!“ „Und geht nie mit Lug und Trug um,“ verſetzte der Arzt.„Hören Sie einmal, beſte Baroneſſe, ich muß Sie um einen kleinen Freundſchaftsdienſt bitten.“ „Sprechen Sie, Freund.“ „Ich werde ſterben, nichts iſt gewiſſer.“ „Was ſagen Sie nicht dal!“ „Durchaus nichts, was Ihr Staunen erregen müßte; es iſt alſo mein Verlangen, daß Sie dieſes Haus erſt dann verlaſſen, wenn ich todt bin und Sie ſich von meinem Tode überzeugt haben.“ 3 ht r t n 8 „Warum?“ „Das werden Sie ſpäter erfahren, für den Au⸗ genblick frage ich Sie bloß, ob Sie mir meine Bitte gewähren wollen.“ „Das fragen Sie erſt, o armer Freund! Gewiß werde ich ſie erfüllen, jedoch in der ſüßen Hoffnung, daß Ihre Vorherſehung ſich dieſes Mal nicht ver⸗ wirklicht.“ „Heute Nacht um ein Uhr werde ich nicht mehr eben.“ „O du mein Gott! Aber wer wird mich dann zu ſolcher Stunde heim begleiten?“ „Ah! beſte Baroneſſe, das iſt wahrlich nicht übel.“ Der Doctor klingelte, worauf Ivarius erſchien. „Mein Freund,“ ſprach er zu ſeinem Schüler, „ſterbe ich heute Nacht, ſo begleiteſt Du Madame nach ihrer Wohnung.“ „Es ſoll Ihr Wille geſchehen, beſter Herr,“ gab Ivarius mit einer Grabesſtimme zurück. „Gib mir zu trinken!“ Ivarius ſchüttete etwas Tiſane in eine Taſſe, nahm die im Wandſchranke ſtehende Phiole, goß davon zehn Tropfen in den Trank und gab dieſen dann dem Kranken. „Gut,“ ſprach der Arzt;„nun kannſt Du wieder gehen.“ Ivarius entfernte ſich und nahm dabei die Phiole mit. Die Baroneſſe hielt die Augen geſenkt. „Ohl ſchämen Sie ſich doch nicht der Worte, die Sie geſprochen, Sie ſind eben offener geweſen, als ———́1IIöſöͤhͤnͤnſnn 160 Sie ſein wollten,— weiter nichts. Da Sie nun aber wiſſen, daß Jemand Sie nach Hauſe begleitet, ſo werden Sie wohl bis zu dem bezeichneten Augen⸗ blick hier aushalten?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Gut. Möchten Sie nun nicht, theuerſte Baro⸗ neſſe, ein bischen zu Ivarius gehen? Es wird der Prieſter erſcheinen, und da werde ich ihm die glück⸗ liche Erinnerung beichten müſſen, wovon ich eben ge⸗ ſprochen. Iſt er dann fort, ſo kommen Sie wieder herein.“ Die Baroneſſe zog ſich zurück. Der Doctor aber ſtreckte die Hand aus, trank den von Ivarius bereiteten Trank und wartete. Bald erſchien auch der Prieſter, worauf der Arzt beichtete. Als die Beichte vorüber war, ſprach Servans: „Herr Pfarrer, es hat mein Zuſtand ſeit heute Morgen ſich dermaßen verſchlimmert, daß der Tod unausbleiblich iſt; iſt es aber Gottes gnädiger Wille, daß mir ein Werk gelingt, das ich an meinem eige⸗ nen Leibe verſuchen werde, ſo kann mein Tod für die Wiſſenſchaft und die ganze Menſchheit die wichtig⸗ ſten Reſultate haben. Wie in dem Schriftſtücke, das ich Ihnen zuſtelle, geſchrieben ſteht, werden Sie dar⸗ auf antragen, daß mein Körper nicht nach dem Todtenhauſe gebracht werde, ſondern daß er im Ge⸗ gentheil hier Aller Blicken ausgeſetzt bleibe. Mit Gottes Hilfe werde ich, Herr Pfarrer, in drei Tagen wieder am Leben ſein.“ „Wieder am Leben!“ rief der Prieſter. „Ja, Herr Pfarrer.“ „Der Verſuch alſo, den Sie mit Thereſen ge⸗ macht...“ „Den werde ich nun an meinem eigenen Leibe machen, nur mit dem Unterſchiede, daß die Mittel ganz andere ſind; und darum wird mir mein Unter⸗ nehmen hoffentlich auch gelingen.“ „Möge Gott Sie erhören, mein Sohn, und Sie werden große Schmerzen tröſten.“. „Das wollen wir erſt ſehen, Herr Pfarrer,“ er⸗ widerte Servans.„Bin ich einmal todt,“ fuhr er fort,„ſo werden Sie bei mir wachen, nicht wahr? Nur müſſen Sie Ivarius zu jeder Zeit zu mir heran⸗ kommen laſſen, da ich ſeiner Hilfe bedarf.“ „Gut, mein Sohn, es ſoll gethan werden, wie Sie ſagen.“ „Und nun leben Sie wohl, Herr Pfarrer; denn ſchon kehrt das Fieber mit erneuter Kraft wieder und wird mir der Kopf ſchwer.“ Und in der That konnte der Greis nur mit vieler Mühe den Glockenzug erfaſſen, der in Ivarius Zimmer führte. Bald ſtand letzterer vor dem Bette ſeines kran⸗ ken Herrn. „Iſt die Baroneſſe noch da?“ fragte der Arzt. „Ja, beſter Herr.“ „Was thut ſie?“ „Sie liest.“ „Ohl Liebe der Weiber was wird aus dir?“ murmelte der greiſe Arzt.„Bitte ſie doch, wieder zu mir zu kommen,“ ſetzte er dann laut hinzu,„und kehre Du ſelbſt mit ihr zurück; Du darfſt mich jetzt nicht mehr verlaſſen.“ Dumas, Doctor Servans 11 162 „Aber, beſter Herr,“ fragte Ivarius,„können Sie mir ſagen, warum Sie ſchlechterdings haben wollen, daß die Baroneſſe bis nach Ihrem Tode hier bleibe?“ „Wie, Du begreifſt nicht?“ „Nein.“ „Es muß doch mein Tod gehörig conſtatirt ſein: nicht wahr?“ „Bin nicht ich da, um es zu ſagen?“ „Ohl was Dich betrifft, ſo wäre es wohl mög⸗ lich, daß man Dir nicht glaubte; der Baroneſſe da⸗ gegen, die mich ſterben ſieht, und dem Prieſter, der bei mir wacht, wird man ſich nicht weigern zu glau⸗ ben.“ „Sie haben Recht; aber ſind Sie denn auch ge⸗ wiß, beſter Herr, daß Ihr Experiment Ihnen ge⸗ lingt?“ „Vollkommen gewiß, ſofern Du mich dabei un⸗ terſtützeſt.“. „Daran werden Sie doch nicht zweifeln?“ „Es iſt mein Leben in Deiner Gewalt; nimm die Phiole unter meinem Kopfkiſſen und gib mir übermorgen Abend um dieſe Stunde deren Inhalt zu trinken. Komme ich eine Stunde darauf nicht wieder zu mir ſelbſt, ſo wird das ein Beweis ſein, daß Alles vergeblich iſt.“ „Gut, beſter Herr, zählen Sie auf mich.“ „Wo iſt Mutter Hannens Kleiner?“ „Er ſchläft.“ „Vor Allem aber vergiß dabei ihn nicht.“ „Seien Sie deßhalb ohne Sorge, Herr.“ „Laß nun die Baroneſſe wieder hereintreten.“ zu ein zu nir dalt icht ein, Und es erſchien Frau von Langers wieder. „Nun, theuerſter Patient, wie iſt es Ihnen?“ feagte ſie in einem Tone, der bekümmert klingen ſollte. „Ohl ſchlecht, ſehr ſchlecht, liebſte Baroneſſe, und ich glaube ſogar, daß Sie ſchon um halb ein Uhr gehen können.“ In der That, von dieſem Augenblicke an ath⸗ mete der Arzt immer ſchwieriger, ſeine Bruſt wurde mit jedem Augenblicke beklommener, es verzehrte ihn das Fieber, und ſchon ſtammelten ſeine Lippen Worte des Deliriums.. Die Baroneſſe weinte nicht, hatte aber Furcht, während Ivarius keine Furcht hatte, ſondern weinte. „Es iſt alſo gar keine Hoffnung mehr da?“ mur⸗ melte Frau von Langers. „Für heute wenigſtens keine,“ gab Ivarius zurück. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſprach die Baroneſſe. Jetzt erklärte ihr Ivarius das Experiment, das der Arzt an ſeinem eigenen Leibe machte. Die Baroneſſe blickte Ivarius an, als hätte ſie einen Wahnſinnigen vor ſich, und wich unwillkürlich zurück. Da ſchlug es zwölf. „Hören Sie einmal!“ gebot Ivarius. „Was?“ „Er athmet jetzt nicht mehr.“ „O du mein Gott! Was wird hier aus mir werden?“ rief die Baroneſſe aus. „Geben Sie mir Ihre Hand, Madame,“ ſprach Ivarius. 164 Und die Baroneſſe ſtreckte mechaniſch die Hand aus, worauf Ivarius dieſelbe erfaßte und auf das Herz des Arztes legte. „Er iſt todt,“ ſprach ſie leiſe,„es hat das Herz zu ſchlagen aufgehört.“ „Sehen Sie, Madame, davon mußten Sie erſt überzeugt ſein.“ „Warum?“ „Weil, ich wiederhole es, mein Herr in zwei Tagen am Leben ſein wird.“ „O Freund, es macht der Schmerz Sie verwirrt: der Arzt iſt und bleibt todt.“ „Wenn das iſt, Madame, ſo bringen Sie mor⸗ gen alle Leute hierher, welche Sie in unſerer Stadt kennen; bewegen Sie dieſelben, in der Weiſe, wie Sie ſelbſt gethan, die Hand auf des Verſtorbenen Herz zu legen, und ſammeln Sie dann übermorgen Nachts um zwölf Uhr alle dieſe Leute in Ihrem Hauſe, um die Wiederauferſtehung des Arztes feſt⸗ lich zu begehen.“ „Das iſt unmöglich,“ ſprach die Baroneſſe, den blaß und unbeweglich daliegenden Arzt anſtierend. „Und doch wird dem alſo ſein,“ erwiderte Ivarius.„Glauben Sie denn, ich wäre ſo ruhig, wenn dieß nicht wäre?“ „Mag nun das, was Sie mir geſagt, wahr ſein oder nicht,“ ſprach die Baroneſſe, entſetzenerfüllt, „immerhin muß ich Sie bitten, mich von hier fort⸗ zubringen, da Sie den Befehlen Ihres Herrn ſo ge⸗ nau nachleben.“ „Nicht eher, als bis Sie ihm die Augen zuge⸗ drückt, Madame.“ 165 Und Ivarius ging zu dem Kamin hin, auf deſſen Geſims eine Lampe ſtand. Dieſe näherte er nun dem Geſichte des Arztes, um der Baroneſſe das er⸗ loſchene und ſtiere Auge ihres ehemaligen Liebhabers zu zeigen. „Thun Sie, wie Sie gebeten worden, Madame,“ hob Ivarius wieder an. Jetzt näherte ſie Servans' Augen eine zitternde Hand und vollbrachte darauf an dem Verſtorbenen die erbetene Liebespflicht. „Nun aber, mein Herr, wollen wir ums Himmels willen gehen!“ ſprach ſie. Eine Viertelſtunde darauf betete die Baroneſſe in ihrem Hauſe, während Ivarius an die Thüre des Prieſters klopfte. Dieſer ſchloß ſelbſt ſein Haus auf. „Herr Pfarrer,“ hob Ivarius an,„Doctor Ser⸗ vans iſt nun todt.“ „Gut, mein Freund,“ antwortete der würdige Geiſtliche,„ich folge Ihnen in einem Augenblicke nach.“ Und bald ſaß der Prieſter an dem Bette des Dahingeſchiedenen. Begreiflicher Weiſe machte Servans’ Tod in der kleinen Stadt kein geringes Aufſehen, und es war dieſes um ſo größer, als der Arzt, ganz wie einſt Chriſtus, ſeine Wiederauferſtehung von den Todten prophezeit hatte. Darum wurde auch das Haus des Arztes von Neugierigen nie leer: Arme und Reiche, Adelige und Bürgerliche, drängten ſich um des Ver⸗ ſtorbenen Bett und berührten, um die Identität zu conſtatiren, den Leichnam mit den Fingern. —— ———— 166 Die übrigen Aerzte der Stadt waren gleichfalls erſchienen, ſei es, geſchickt von andern, ſei es aus eigenem Antrieb, und es hatten die armen Teufel alle, die, von der Wucht des Servans'ſchen Talents und Rufes erdrückt, nichts zu nagen und zu beißen hatten, mit kaum zu verkennender Schadenfreude behauptet, daß ihr College in beſter Form geſtorben und todt ſei. Was ſeine Wiederauferſtehung betrifft, ſo glaub⸗ ten ſie auch nicht eine Minute lang daran, und es war dieſe ihre Ueberzeugung allmählig auch auf die andern Leute übergegangen, da der Tod des Arztes ſo beſtimmt behauptet wurde. Der Arzt galt für einen klugen und gelehrten Mann; ja es gab, wie wir weiter oben geſagt, Leute, die ihn mit dem Gottſeibeiuns im Bunde glaubten. Aber wenn ſie ſolches auch annahmen, ſo konnten ſie doch nicht glauben, daß ſeine Macht ſo weit ginge; viele ſagten bei ſich ſelbſt, daß er, wenn er ſo großes Wiſſen beſäße, ganz gewiß die drei Perſonen wieder auferweckt hätte, die ihm in jüngſter Zeit geſtorben, und deren ſo wenig vorhergeſehenes Ende das größte Aufſehen gemacht hatte. Auf Alles, was ſo geſprochen wurde, pflegte Ivarius mit der Ruhe der Verachtung zu antworten: ſein Vertrauen war grenzenlos, und er zweifelte nicht einen Augenblick, daß die Prophezeiung ſeines Herrn in Erfüllung gehen würde. Die Obrigkeit hatte den Tod des Arztes erfahren; nicht minder war ihr auch das Wunder zu Ohren gekommen, wozu dieſer Tod Anlaß geben ſollte, und f o SSo da hatte ſie es denn für ihre Pflicht gehalten, die⸗ ſem Experimente ſich zu widerſetzen. jel Mit dem gewohnten Skepticismus läugneten die 13* öffentlichen Behörden die Möglichkeit des Reſultats en und weigerten ſich anfänglich ſchlechterdings, zu ei⸗ de ner ſolchen Myſtification ſich herzugeben; allein es en vwar in dem von dem Arzte eigenhändig geſchriebenen und dem Prieſter zugeſtellten Schriftſtücke dieſes Re⸗ b⸗ ffultat in ſo klaren und poſitiven Worten ausgeſpro⸗ es chen; und ferner hatten einige Gelehrte, die auf die Servans' Ruhm eiferſüchtig waren, den Behörden ſo tes lange angelegen, daß ſie doch dem Willen des Ver⸗ ſtorbenen nicht entgegenhandeln möchten— nicht ren zwar in der Abſicht, die Wiſſenſchaft damit zu för⸗ ſte,“ d dern, wohl aber, weil ſie, feſt überzeugt, daß der en. Arzt doch nicht mehr unter die Lebenden zurückkehren ten vuürde, dem Andenken des Letzteren in der öffentlichen ge; Meinung für immer einen mehr oder minder ſchweren zes Stoß verſetzen wollten— daß die Behörden, allen der dieſen Bitten nachgebend, der Sache ihren natür⸗ en, lichen Lauf gelaſſen hatten. ßte Was die Baroneſſe betrifft, ſo machte ſie, wie Doctor Servans ganz richtig vorhergeſehen, den größten Lärm. gte Ueberall erzählte ſie, wie ſie, als ſie von der en: Krankheit des guten Doctors gehört, zu dieſem ge⸗ elte gangen und, da der arme Mann außer IJvarius nes Niemand gehabt, bis zu ſeinem letzten Augenblicke um ihn geblieben, da weibliche Pflege in ſolcher Noth en; weett angenehmer wäre, als die, welche ein Mann zu ren Theil werden laſſen könne. Zu dieſem ſetzte ſie noch und hinzu, wie ſie ſelbſt den Arzt hätte ſagen hören, daß er zwei Tage nach ſeinem Tode wieder aufleben 168 würde; wie er dann vor ihren Augen geſtorben, wie ſie ihm die Hand aufs Herz gelegt, wie ſie ihm die Augen zugedrückt, wie Ivarius ſie gebeten, eine Abendgeſellſchaft zu geben, bei der ſie alle ihre Freunde und Bekannten verſammeln ſollte, und wie der Verſtorbene mit dem Schlage zwölf Uhr in die⸗ ſer Soirée erſcheinen würde. Es wird ſich jeder Leſer leicht ſelbſt denken, welche wunderbare Wirkung ſolche Worte hervorbrachten; ſämmtliche Freunde der Baroneſſe hatten den Leich⸗ nam beſichtigt und waren zurückgekommen mit den Worten: „Ich habe ihn geſehen; wird der wieder lebendig, ſo iſt das Stückchen ein bischen ſtark!“ Und ſo war denn Alles in geſpannteſter Er⸗ wartung. Endlich erſchien der Tag, wo das große Ereig⸗ niß Statt finden ſollte. Dreizehntes Kapitel. Alle Welt hatte von der Baroneſſe für den ſo ängſtlich erwarteten Abend eingeladen ſein wollen. Schon um acht Uhr waren die Salons der ge⸗ nannten Dame von neugierigen Freunden voll. Alles ſprach von dem, was nun bald geſchehen ſollte, und, Aller Augen hafteten auf der Stockuhr, deren Zeiger mit ungewohnter Langſamkeit von der Stelle zu rücken ſchienen. Alle ſogenannten ſtarken Geiſter, welche die Stadt zählte, hatten ſich eingefunden. — — Man hätte nur auch hören ſollen, wie die Einen mit der Keckheit der Unwiſſenheit, die Andern mit der Zuverſicht, womit Jeder ſpricht, der negirt, debattir⸗ ten; in aller Augen war der Arzt ein allerliebſter, luſtiger Mann, der, um ſeinen Tod zu einem exceptionellen zu machen, auf dieſes Mittel verfallen war. Und in der That hatte der Arzt ſeinen Zweck vollkommen erreicht, wenn er dieß beabſichtigte. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Es hatten die Leute in Erfahrung gebracht, wie Doctor Servans wieder unter den Menſchen erſchei⸗ nen wollte, und da war es denn kein Wunder, wenn von dem Hauſe des Arztes bis zu dem der Baroneſſe eine doppelte Reihe von Neugierigen ſich aufgeſtellt hatte. Wie im Salon der Frau von Langers wurden auch hier lebhafte Erörterungen gepflogen, und zwar hatten dieſe das Merkwürdige, daß die Canaille— wie die vornehmen Gäſte der Baroneſſe ſich ausge⸗ drückt haben würden— mit ihren ſimplen Eindrücken unendlich beſſer discutirte, als alle jene ſtolzen Hohl⸗ köpfe mit ihren Theorien. In der Reunion der Baroneſſe fehlten nur Henry, Francis und Graf von Dikſen, von denen der erſte ſeine Geliebte, der zweite einen Vater, der dritte endlich eine Frau beweinte. Es hatte daher auch ein Herr die Worte fallen laſſen:— „Wenn aber der Doctor heute Abend wieder kommt, ſo ſteht uns ein noch weit merkwürdigeres Schauſpiel bevor.“ „Welches denn?“ „Man hat mich verſichert, er habe dem Grafen Dikſen verſprochen, daß er ſeine Frau wieder bekom⸗ men ſolle.“ „Ganz richtig; kann er ſich ſelbſt wieder auf⸗ erwecken, ſo kann er wohl auch Andere wieder leben⸗ dig machen.“ „Das wird recht luſtig werden.“ „Vielleicht nicht ſo ganz,“ hatte ein Gaſt geant⸗ wortet, der offener war als die übrigen. „Die Sache hat nur etwas gegen ſich.“ „Und was denn?“ „Das, daß der Doctor nicht mehr kommt.“ „Das glaube ich auch.“ „Und ich auch.“ „Und ich auch,“ erſcholl es um die Wette. „Wer weiß? wer weiß, meine Herren? Iſt doch der Menſch nur Materie,“ hatte ein unerſchrockener Voltairianer geſagt. „Auf jeden Fall wollen wir hoffen,“ ſprach die Baroneſſe,„daß Servans, wenn er es nicht für gut findet, hier zu erſcheinen, ſo höflich iſt, es uns wiſſen zu laſſen; denn er iſt der Löwe des Abends, und kein Anderer— womit ich indeſſen keinen der Anweſenden beleidigt haben will.“ „Allerdings, Frau Baronin; um ein Viertel auf ein Uhr aber ſind wir unſeres Wortes ledig; eine Friſt von einer Viertelſtunde iſt übergenug.“ „Für die Lebenden wohl, nicht aber für die Todten, die weiter her haben,“ meinte Frau von Langers. 3 — — 88—— — „Ganz wahr, wir werden bis halb ein Uhr warten.“ „Bis ein Uhr.“ „Wenn es ſein muß, bis es Tag wird; hoffent⸗ lich wird er dann aber auch ſolche Nachſicht von unſerer Seite zu würdigen wiſſen.“ „Hören Sie einmal, meine Herren,“ ſprach die Baroneſſe:„ich bin bei einem Armenunterſtützungs⸗ verein und will nun einen Vorſchlag machen.“ „Sprechen Sie, Madame, ſprechen Sie.“ „Diejenigen, welche an die Wiederauferſtehung des Doctors glauben, mögen auf dieſem Blatte ſich unterzeichnen.“ Und nur zwei Perſonen ſchrieben ihre Namen auf das Blatt. Ein ſo allgemeiner Unglaube war, wie ſich leicht denken läßt, das Signal zu einem allgemeinen Ge⸗ lächter. „Und nun,“ verſetzte die Baroneſſe,„brauche ich bloß noch die Ungläubigen zu bitten, daß ſie ſich gleichfalls unterzeichnen.“ „Sie aber, Madame, gehören Sie zu den Gläu⸗ bigen oder zu den Ungläubigen?“ „Ohl was mich betrifft, ſo halte ich es mit der Mehrheit.“ „Der Gläubigen alſo ſind es zwei.“ „Ja, und unter dieſen zweien iſt noch einer, der es bereut, daß er ſich unterzeichnet,“ ſprach der Erſte, der ſeinen Namen auf das Papier geſchrieben hatte. „Um ſo ſchlimmer für ihn,“ ſprach die Baroneſſe lächelnd,„er konnte die Hand ja davonhalten. Da ————OO—;—;—B—B—B— 172 es nun aber erſt neun Uhr iſt, meine Herren, ſo wollen wir etwas thun, um die Zeit todt zu ſchlagen. Jeder von Ihnen wird die Gefälligkeit haben, hier fünf Thaler für die Armen zu deponiren. Gibt unſer lieber Doctor ſeiner Selbſteinladung Folge— denn er hat ſich ſelbſt eingeladen—, ſo werden die⸗ jenigen, die ſich dagegen eingeſchrieben— und es ſind ihrer viele— den Einſatz verlieren; bleibt der Doctor aber aus, ſo werden die Armen eben auch ferner arm bleiben, da die, welche ſich dafür einge⸗ ſchrieben, nur zwei an der Zahl ſind, mithin auch nur zehn Thaler repräſentiren, wodurch wohl nicht allzu viel Elend wird gelindert werden können.“ „Ich für meinen Theil mache mich anheiſchig, hundert Thaler zu bezahlen, wenn der Doctor aus⸗ bleibt,“ ſprach einer der beiden Gläubigen. „Aber wie kommt es, daß Sie ſolches Vertrauen haben?“ fragte die Baroneſſe. „Weil ich Herrn Servans' Notar bin und weiß, daß er ſeine Verſprechungen alle aufs Pünktlichſte erfüllt.“ „Gut, wir nehmen Ihre hundert Thaler an,“ ſprach die Baroneſſe, die ſich nicht enthalten konnte, über die Ernſthaftigkeit zu lachen, womit der Notar den Grund ſeines Vertrauens genannt hatte. „Und doch,“ hob der Notar, als er ſich mit der genannten Summe unterzeichnete, wieder an,— „und doch fällt mir eben etwas ein, was unſern Gegnern den Sieg in die Hände ſpielen könnte.“ „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ tönte es ihm von allen Seiten entgegen. „Es kann der Doctor ohne Ivarius' Hilfe nicht unter die Lebenden zurückkehren.“. „Ja, aber was thut dieß zur Sache?“ „So viel, daß Ivarius dem guten Doctor ſeine Hilfe verſagen kann, denn Sie müſſen wiſſen, daß letzterer vor ſeinem Tode den erſteren zu ſeinem Erben eingeſetzt hat.“ „Ohl allerliebſt!“ „Findet alſo unſer Ivarius— was nichts ſo Außerordentliches wäre— es angenehmer, neun⸗ tauſend Livres Renten zu erben, als ſeinen Herrn wieder aufzuerwecken, ſo braucht er heute Abend nur ganz ruhig ſich in ſein Bett zu legen und dort zu bleiben.“ „Vollkommen richtig,“ ſprachen diejenige, welche gegen das Wiedererſcheinen des Doctors gewettet hatten. „Und ſo wird es auch kommen,“ ſprach ein junger Mann. „Und ich wette jetzt zweihundert Thaler,“ ſetzte der Voltairianer hinzu,„da ich in der Sache nun genauer unterrichtet bin.“ „Dann ſchreiben Sie es hin.“ Bald darauf waren die Liſten voll von den Namen ſolcher, die ſehr bedeutende Wetten gegen das Wiederaufleben des Doctors eingegangen hatten. Wie man ſieht, ſo gibt es Leute, die ſogar nach ihrem Tode noch Gutes thun. Plötzlich trat ein Bedienter herein, um mit der Baroneſſe zu ſprechen. „Gewiß, gewiß, nicht wahr, meine Herren, Alles iſt beiſammen?“ ſprach ſie. —————— 174 „Ja, ja... Warum?“ „Weil Ivarius es wiſſen will.“ Ohl das gibt eine verwickelte Geſchichte.“ „Der Doctor läßt wohl ſagen, daß er bald kom⸗ men werde?“ „Nein, aber Ivarius läßt ſagen, es werde ſich derſelbe pünktlich einfinden.“ „Der Sieg iſt unſer,“ ſagte der Notar. „Noch nicht.“ „Nun, die Hand aufs Herz und die Wahrheit geſagt, 4 ſprach ein Herr, ſich dem Notar nähernd, „glauben Sie wirklich, daß er wieder unter die Lebenden zurückkehren werde?“ „Ich glaube es.“ „Aber was iſt denn der Ivarius für ein Mann?“ „Er ſcheint mir ein ehrlicher Menſch zu ſein, und ich weiß gewiß, daß er allen Befehlen ſeines Herrn nachkommen wird.“ „Wirklich?“ „Und wiſſen Sie,“ fuhr der Herr fort, der den Notar angeredet,„ob Doctor Servans für ſich die nämlichen Mittel anwenden muß, wie für die kleine Thereſe?“ 8 „Ich nke nicht.“ „Beim erſten Experiment war der Galvanismus angen Het worden.“ „Dieß Mal aber iſts anders, da eine einfache Phiole, worin ſich ein brauner Saft befindet, dem Todten das Leben wieder ſchenken ſoll.“ .„Meiner Treu! Ich will doch ſehen, wie die Sache ausgeht.“ „Noch ein paar Stunden, und Ihre Neugierde wird befriedigt ſein.“ „Sie ſind alſo feſt überzeugt, daß der Doctor wieder lebendig wird?“ „Feſt überzeugt.“ „Dann bin ich herzlich froh, nicht mehr als fünf Thaler gewettet zu haben.“ Wie man ſieht, ſo war an die Stelle der Sym⸗ pathie, welche der unerwartete Tod des Doctors hätte hervorrufen können, ein bloßes Gefühl der Neugierde getreten. Alle, welche ſich in den Salons der Ba⸗ roneſſe verſammelt fanden, und von denen nicht wenige ſeiner Kunſt ihr Leben verdankten, erblickten in dieſem Ereigniſſe nur eine Gelegenheit zum Wetten. Inzwiſchen verſtrich die Zeit, und je näher der Augenblick kam, um ſo mehr hörte, ſelbſt bei den Zweifelſüchtigſten, die Converſation auf, frivol zu ſein, um einen ernſten Charakter anzunehmen; das ungläubige Lächeln war ganz und gar verſchwunden. So oft die Thüre aufging, lief unter den War⸗ tenden ein unwillkürlicher Schauder hin, und was die Frauenzimmer betrifft, ſo bebten ſie bei dem ge⸗ ringſten Geräuſche zuſammen, das von Außen kam. Unter denen, welche noch vor wenigen Augen⸗ blicken die Möglichkeit einer ſolchen Wiederauf⸗ erſtehung kurzweg geläugnet hatten, befanden ſich nicht wenige, die recht froh waren, ſich von vielen Menſchen umgeben und ſich in einem hell erleuchte⸗ ten Salon zu wiſſen. Allmählig hatte man, gleichſam in Folge eines ſtillen Uebereinkommens, aufgehört, von dem Doctor ——— 176 zu ſprechen; hatten aber auch die Worte einen an⸗ dern Sinn, ſo waren die Gedanken immer noch die gleichen. Im Uebrigen verhält es ſich mit allen ernſten Ereigniſſen, die man im Leben vorausſieht, ebenſo. Haben ſolche Ereigniſſe dann noch eine faſt un⸗ mögliche Seite, wie das, wovon die Gäſte der Ba⸗ roneſſe Zeugen ſein ſollten, ſo ſpricht man anfäng⸗ lich nur mit Verachtung davon, weil man ſie noch fern weiß. Je mehr die Entfernung ſchwindet, um ſo größer ſcheint dann die Möglichkeit, ähnlich jenen ſchwarzen Punkten, welche Reiſende am Horizonte erblicken und die am Ende ſich als gewaltige Berge heraus⸗ ſtellen. Eben das, was ſolche Ereigniſſe anfänglich als Unmöglichkeiten und eitle Mährchen erſcheinen ließ, verleiht ihnen nun mit Einem Male eine phan⸗ taſtiſche, eine wunderbare Seite, welche Staunen und Entſetzen hervorruft; man möchte faſt zurück⸗ weichen, wenn man ſie ſo koloſſale Verhältniſſe an⸗ nehmen ſieht, und, um zu ihnen zu gelangen, ſchlägt man den Fußpfad ein, der Aberglaube heißt, und der Vicinalweg des Glaubens zu ſein ſcheint. End⸗ lich enthüllt ſich das vorausgeſehene Ereigniß unter dem Staunen der Menge; man iſt bereit zu glauben, daß man nach dem Eintreten des Ereigniſſes immer und ewig darüber werde zu ſprechen haben; und doch geht man, nachdem man einen Augenblick ſtill geſtanden, wieder weiter, worauf der Berg allmählig wieder kleiner und kleiner wird, bis er endlich ganz und gar verſchwindet. 2 Eben ſo erging es denen, welche in den Salons der Baroneſſe auf den Doctor warteten. Nachdem ſie mit den Händen und mit den Augen des Doctors Tod gehörig conſtatirt, hatten ſie aller⸗ dings an die Möglichkeit der vorhergeſagten Wieder⸗ auferſtehung nicht glauben mögen. Sie hatten lachend die Einladung der Baroneſſe angenommen, und wie ſie dieſe angenommen, ſo waren ſie auch hingegan⸗ gen, und endlich hatten ſich die einzelnen Anſichten in einer allgemeinen Negation reſumirt, da nur zwei Perſonen den Muth hatten, die allgemeine Meinung nicht zu theilen. Die Stunden, die den Anweſenden ſo träg da⸗ hinfließen, waren allmählig verſtrichen, und eben da⸗ mit die Zweifelſüchtigen beſcheidener geworden. Zwar mochte dieß Niemand geſtehen, doch war es leicht zu ſehen. Man plauderte nicht mehr ſo lebhaft, und ſchon ſagten die alten Freunde des Doctors, als könnten ſie gehört werden, laut, daß es ihnen unendlich lieb wäre, ihn wieder zu ſehen, womit ſie bereits die Möglichkeit ſeines Wiedererſcheinens zugaben. Man durfte jetzt nur noch eine Stunde warten, und darum ſchaute man ſich einander auch voller Unruhe und Verlegenheit an. Die Frauenzimmer hatten ſich um das Feuer her gruppirt, das ſo hell loderte, daß es zur Be⸗ leuchtung des Salons vollkommen hingereicht hätte, — und zwar in einer Ordnung, welche die Gefühle jeder einzelnen Dame treffend genug reſumirte; die Baroneſſe ſelbſt aber hatte noch eine Menge weiterer Lichter bringen laſſen, weil, wie ſie vorſchützte, man gar nicht ſah. Dumas, Doctor Servans. 12 —————ᷣℳ—= 178 Kurz und gut, Jedermann fühlte ſich genirt, und, ſollen wir die Wahrheit geſtehen, unter dem Ein⸗ fluſſe einer mehr oder minder großen Furcht. Jetzt ſchlug es halb zwölf. Gar viele hätten ſich jetzt gerne auf und davon gemacht. „Noch ein halbes Stündchen,“ ſprach die Ba⸗ roneſſe mit einer Stimme, in der ſich eine nur ſchlecht verholene Aufregung ausſprach. Haben mehrere Individuen zuſammen und an einem und demſelben Orte Furcht, ſo iſt es gewöhn⸗ lich das Erſte, daß man dieſe Furcht bei irgend Einem wahrzunehmen affectirt und dann laut darüber ſpricht. Kaum hatte daher Frau von Langers die obigen Worte geſprochen, und ſo ihren aufgeregten Zuſtand verrathen, als einer der Anweſenden, der gewiß gern ſelbſt recht weit fortgeweſen wäre, gegen ſie bemerkte: „Man könnte glauben, Frau Baronin, Sie ſehen dem Augenblicke, deſſen wir alle harren, mit einigem Bangen entgegen.“ Greift man eine Frau alſo an, ſo geht ſie bei ihrer Vertheidigung ſchonungslos zu Werke. „Kann man das aus meiner Stimme ſchließen, lieber Herr Graf,“ verſetzte die Baroneſſe,„ſo kann man es noch weit mehr aus Ihrem Geſichte; denn noch nie habe ich Sie ſo blaß geſehen wie heute Abend.“ „Schau, ſchau, es hat der Herr Graf Furcht,“ tönte es von verſchiedenen Seiten her mit einem Lachen, das nichts weniger als natürlich war. „Meiner Treu! meine Herren,“ antwortete der Graf, der wohl einſah, daß es vergeblich ſei, ein Gefühl in Abrede zu ſtellen, das Jedermann theilte, V V und dachte, daß es das Beſte ſei, ſich ohne Weiteres zu opfern— was er indeſſen nicht unbedingt that, —„meiner Treu! meine Herren, ich ſage zwar nicht, daß ich Furcht habe, für's Erſte, weil man ſo etwas nicht geſteht, und für's Zweite, weil dem nicht alſo iſt; wohl aber kann ich geſtehen, daß ich mich in einem ſehr aufgeregten Zuſtande befinde. Es däucht mir gar unwahrſcheinlich, daß die Prophe⸗ zeiung des Doctors ſich bewahrheiten werde; aber dieſe Unwahrſcheinlichkeit gibt mir Stoff zum Nach⸗ denken; und dann bin ich auch von Natur ſehr aber⸗ gläubiſch. Und wenn Sie, meine Herren, gleich offen ſein wollen, ſo werden Sie geſtehen, daß Sie ſich. jetzt nicht in der nämlichen Gemüthsverfaſſung be⸗ finden wie zu Anfang dieſes Abends.“ Was die Gefühle in jenem Gefängniſſe zurück⸗ hält, das man Schweigen nennt, iſt die Eigenliebe,— und iſt eine gewiſſe Anzahl von Menſchen beiſammen, ſo braucht nur einer ſeine Eigenliebe zu opfern, um an den Andern Nachahmer zu finden. „Eil der Herr Graf hat Recht,“ ſprach ein alter Herr in einem Anfluge von Offenheit, den er ohne die Tirade des Grafen wohl nie gehabt hätte;„er hat Recht, und es iſt völlig unnütz, daß wir uns als muthiger hinſtellen, als wir in der That ſind. Im Uebrigen hat das Ereigniß, dem wir heute Abend entgegenſehen, nicht bloß eine wiſſenſchaftliche oder phantasmagoriſche Seite, ſondern es liegt hier auch eine Frage der Freundſchaft vor. Wir alle liebten den Doctor, der einer der ehrlichſten Leute und einer der größten Aerzte iſt, die man finden kann, und gewiß würde es uns alle unendlich freuen, ihn wieder 180 zu ſehen. Nichts iſt daher natürlicher, als daß wir jetzt in einem mehr oder minder aufgeregten Zuſtande uns befinden, da es ſich um ſeinen Tod oder um ſein Leben handelt. Ich habe zwar gewettet, daß er nicht wiederkommen werde, doch ich weiß nicht, ob ich jetzt noch ein Gleiches thun würde, und gewiß denken viele von dieſen Herren wie ich.“ „Gewiß,“ ſcholl es von allen Seiten her. Wir müſſen hier ſagen, daß nach der Erklärung dieſer beiden Herren ſich Jedermann unendlich be⸗ haglicher fühlte. Nachdem der aufgeregte Zuſtand Aller einmal eingeſtanden war, genirte man ſich nicht mehr, ſondern tauſchte ſeine Gefühle unverholen aus, weil Jeder wußte, daß die Eigenliebe gegenüber von dem, mit welchem man ſprach, durch das allgemeine Geſtändniß gerettet war. Eben wurde von dem bevorſtehenden Ereigniſſe in ziemlich lärmender Weiſe geſprochen, als auf der Straße ein gewaltiger Lärm entſtand. „Was iſt das?“ fragte die Baroneſſe. In dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke zwölf, und ſeit undenklichen Zeiten iſt dieß die Geiſterſtunde. Es ging die Thüre des Salons auf. Man hätte glauben können, es hätten ſich ſämmt⸗ liche Anweſende in eben ſo viele Marmorblöcke ver⸗ wandelt, oder es habe der eiskalte Tod ſie ſchon mit ſeinen Armen umſchlungen. Es erſchien der Domeſtike mit den Worten: „Herr Doctor Servans.“ Alle Augen hefteten ſich auf die Thüre und es erſchien der Arzt freundlich lächelnd und in ſeinem koketteſten Anzuge. Nur ſchien das Lächeln gar ſelt⸗ ſam, bare ſam, da auf dem Geſichte des Doctors eine furcht⸗ bare Bläſſe lag. Vierzehntes Kapitel. Als die Anweſenden von ihrem Staunen oder, richtiger geſprochen, von ihrem Entſetzen ſich einiger⸗ maßen erholt hatten, gingen ſie auf ihn zu. Der erſte, der ihn berührte, betrachtete ſich als einen großen Helden. Man umringte ihn, man ſtellte allerlei Fragen, und ſicherlich hätten ihm dieſe Zudringlichkeiten das Leben gekoſtet, wenn die Baroneſſe ihn nicht bei der and genommen hätte, um ihn neben ſich Platz neh⸗ men zu laſſen. „Sie werden mir verzeihen,“ ſprach Doctor Ser⸗ u ihr,„aber noch bin ich halb erſtarrt, und vans z ch ein bischen an'’s wenn Sie erlauben, ſo gehe i Feuer hin.“ Der Doctor ging alſo zum Kamin hin, und ſtützte ſich auf daſſelbe, indem er ſeinen Rücken der Stock⸗ uhr zukehrte und diejenigen betrachtete, welche den Mund weit aufſperrten und nicht glauben konnten, was ſie ſahen. Die Wiederauferſtehung dieſes Mannes kam ihnen n ihn alles ſo ſeltſam und unbegreiflich vor, daß mar Mögliche thun hieß, um ſich zu überzeugen, ob er wirklich ein Menſch wäre. Man hieß ihn ſich ſetzen, man hieß ihn eſſen, trinken, plaudern. Er ſetzte ſich, aß, trank und plauderte denn auch wirklich, ſo daß Jedermann Mund und Naſe auf⸗ 182 ſperrte. Alle gingen der Reihe nach zu ihm hin, um ihm zu ſagen, wie glücklich ſie wären, ihn wieder zu ſehen, und wie ſehr ſie ihn ſeiner glänzenden Ent⸗ deckung wegen bewunderten. Auf ſolcherlei Freundſchaftsbezeigungen, auf ſolche Lobſprüche antwortete der Doctor mit gewohn⸗ ter Herablaſſung, indem er verſicherte, er habe dieſes zweite Experiment nicht ſo faſt ſeinetwegen als viel⸗ mehr zum Beſten Anderer gemacht. Es wäre unmöglich, hier Alles zu wiederholen, was man zu ihm ſagte, und überdieß iſt es, der be⸗ reits allzu langgedehnten Erzählung wegen, hohe Zeit, daß wir eine weitere Erörterung ſo unwichtiger Ein⸗ zelheiten unterlaſſen. Wir können nur ſagen, daß man in der Stadt das Ereigniß mit allerlei Freudenbezeigungen be⸗ grüßte, daß im Hauſe der Baroneſſe ein großes Feſt war, ſowie daß Tags darauf aus dem Städtchen C. mehr Briefe abgingen als je zuvor. Indeſſen hatte der Doctor erklärt, er werde ſeine Erfindung vor Allem zur Wiedererweckung der jüngſt verſtorbenen drei Perſonen zu nützen wiſſen, und hatte noch hinzugefügt, wie er nur erſt auf ſolche Leute mit Erfolg wirken könnte, die zwei oder höch⸗ ſtens drei Tage todt wären. Und es verbrachte der Doctor, gleich als hätte er mit dem neuen Leben auch die Jugendkraft eines zwanzigjährigen Mannes wiedererlangt, die Nacht bei der Baroneſſe in heiterem Geſpräche, und als der Morgen dämmerte, lauſchte man noch ſeinen Worten; um ſieben Uhr aber erklärte er, daß er tadt be⸗ Feſt C. eine ngſt und blche öch⸗ ätte ines acht als inen z er heimgehen, andere Kleider anziehen und ſeine neuen Experimente beginnen wolle. Da kamen denn Aerzte, Gelehrte, Prieſter und alle angeſehenen Perſonen der Stadt, um ihn feier⸗ lich zu beglückwünſchen. Junge Mädchen brachten ihm Blumen; der Prieſter, der bei dem Todten ge⸗ wacht, las eine Meſſe, zum Dank für das Geſchehene, und das Haus des Doctors wurde, wie Racine ſagt, mit prachtvollen Feſtons behangen. Dann ging Alles wieder nach Hauſe, und in ſeinem rothen Röckchen, und von ſeinem Mantel umhüllt, verfügte ſich Doctor Servans zu Henry's Vater, wo der junge Mann ſich befand, den er am Todestage Magdalenens von ſo wilder Verzweiflung ergriffen geſehen hatte. Die Nachricht von dem Wiederaufleben des Doc⸗ tors war den Eltern Henry's zu Ohren gekommen, und es empfingen ihn dieſelben mit den aufrichtigſten Glückwünſchen, und ſie fragten ihn dann, welchem Umſtande ſie die Ehre ſeines Beſuches zu verdanken hätten. „Ich möchte mit der Greis. „Er iſt auf ſeinem Zimmer.“ „Iſt er krank?“ „Es geht beſſer bei ihm; doch iſt der arme Junge faſt vor Kummer geſtorben; jetzt iſt er ruhiger, wir ſind ihm nicht von der Seite gewichen, und er wird recht froh ſein, Sie wieder zu ſehen.“ Man führte Doctor Servans auf Henry's Zimmer. Und wirklich war der im Bette liegende junge Mann leichenblaß; zugleich ſchien er in ſeine Ge⸗ Ihrem Sohne ſprechen„“ ſagte —— —— danken ſo ſehr vertieft, daß er nicht einmal den Doc⸗ tor hereinkommen hörte. Dieſer ſchaute ihn einige Augenblicke ſtumm an, worauf er an das Bett trat und Henry's Hand erfaßte. Bei dieſer Berührung bebte der junge Mann zuſammen, da er ſo urplötzlich ſich aus ſeinen Träu⸗ mereien aufgeweckt ſah. „Ah, Sie ſind es, Herr Doctor?“ ſprach er mit ſchwacher Stimme. „Ja, mein Freund.“ „Setzen Sie ſich zu mir her, lieber Herr Doctor. Phantaſire ich, oder ſehe ich recht? Wie mir ſcheint, ſo hatte man mir geſagt, daß Sie geſtorben wären.“ „Und man hatte Ihnen nur die Wahrheit ge⸗ ſagt.“ Der junge Mann ſchaute den Doctor verwundert an und fragte ſich ſelbſt, ob er, oder der Doctor von Sinnen wäre. „Ich habe nicht verſtanden,“ ſetzte er hinzu. „Ich habe geſagt,“ gab der Arzt mit größter Kaltblütigkeit zurück,„daß ich wirklich unter den Tod⸗ ten geweſen; allein Sie haben mir nicht ſo viel Zeit gelaſſen, um hinzuzuſetzen, daß ich von denſelben nun wieder auferſtanden bin. Im Uebrigen iſt Letz⸗ teres ein Pleonasmus, da ich ja leibhaftig vor Ihnen ſtehe.“ „Sie wollen mich zum Beſten haben, Herr Doctor.“ „Ganz und gar nicht; fragen Sie ſelbſt Ihren Herrn Vater, der von Allem unterrichtet iſt.“ „Warum hat mir denn mein Vater, der mir Ihren Tod gemeldet, nichts von Ihrer Wiederauf⸗ erſtehung geſagt?“ 185⁵ „Das kann ich Ihnen nicht ſagen. So viel aber iſt und bleibt gewiß, daß dieſe Wiederauferſtehung Statt gehabt hat, und daß ich, weil ich wieder auf⸗ erſtanden bin, jetzt vor Ihnen ſtehe.“ „Ich verſtehe Sie immer noch nicht, Herr Doctor.“ „So hören Sie!“ Hier ſah der Arzt den jungen Mann eine Weile ſcharf an und fuhr dann alſo fort: „Sie ſehen doch ein, wie wichtig die Entdeckung iſt, welche ich gemacht habe? Wäre dieſelbe nur mir, der ich ſchon alt bin und ausgedient habe, von Nutzen geweſen, ſo hätte ich ſie wahrlich nie erprobt; aber ich habe an ſolche gedacht, die noch jung ſind, die junge Todte beweinen, die ein langes, kummer⸗ volles Leben vor ſich ſehen. Ich habe an die Men⸗ ſchen gedacht, deren Verzweiflung ich vor meinem Tode geſehen, und ſo iſt es denn nach meiner Wie⸗ derauferſtehung mein erſter Gedanke geweſen, dieſen Menſchen Troſt zu bringen. Verſtehen Sie nun?“ „Ja,“ antwortete der junge Mann, den Kopf ſenkend und in ungekünſtelter Weiſe dem Blick des Doctors ausweichend. „Nachdem ich einmal ſo geſinnt und der Güte meiner Entdeckung gewiß war,“ ſetzte der Greis, die letzteren Worte abſichtlich ſtärker betonend, hinzu, „hat es mich verlangt, Sie, mein junger Freund, zuerſt zu beſuchen,— Sie, deſſen Verzweiflung ſo groß geweſen, daß ich es nicht einmal auf mich neh⸗ men mochte, Ihnen Magdalenens Tod zu melden, ———— Aℳ-— 186 — Sie, der Sie mit Ihrer Geliebten ſterben woll⸗ ten,— Sie, den ich jetzt ſo ſchwach finde, daß ich unmöglich annehmen kann, es habe ſich unterdeſſen Ihr Schmerz gemindert.“ Henry erblaßte noch mehr und es perlten Thrä⸗ nen in ſeinen Augen. „Weinen Sie doch nicht,“ fuhr der Greis fort, „da ja Alles ſich wieder gut machen läßt. Die ſchöne Magdalene liebte Sie ſo innig, daß ich be⸗ ſonders auch um ihretwillen meine Entdeckung habe erproben wollen. Ich konnte faſt kaum den Augen⸗ blick erwarten, wo es mir vergönnt ſein ſollte, ſie wieder zu ſehen und Ihnen wieder zu ſchenken.“ „Wie! Sie wollen mir ſie wiederſchenken!“ ſtam⸗ melte der Kranke.„Ach, du mein Gott! du mein Gott! was ſagen Sie da!“ Und der in Thränen zerfließende junge Mann erfaßte das Kopfkiſſen mit beiden Händen krampfhaft und begrub das Geſicht darin. Lächelnd beobachtete ihn der Arzt, als wenn er das, was nun kommen ſollte, geahnt hätte. „Nun, Henry, was iſt Ihnen denn?“ fuhr er fort.„Lieben Sie denn Magdalene nicht mehr?“ „Ich... Magdalene nicht mehr lieben!“ rief der junge Mann, ſein thränengebadetes Geſicht zei⸗ gend und ſich plötzlich aufrichtend;„ich... ſie nicht mehr lieben, Herr Doctor! Aber ich gäbe mein Leben um ſie!“ „Dann iſt es um ſo beſſer und kann das, was ich von Ihnen verlange, alsbald geſchehen.“ „Was verlangen Sie denn?“ thu gel „Etwas, was ich ohne Ihre Zuſtimmung nicht ; ich ihun kann.“ ſen V„Was iſt es denn aber?“ „Sagen Sie mir nochmals, daß Sie Magdalene rä⸗ geliebt.“. V„Ohl das wiſſen Sie recht wohl, Herr Doctor.“ „Nun, ſoll ich ſie wieder lebendig machen?“ drt, Die b„Das können Sie?“ ſprach der junge Mann be⸗„ erbleichend. abe„Ich muß es wohl können, da Sie mich hier en⸗ ſtehen ſehen.“ ſie„Ohl es laſtet ein Fluch auf mir!“ rief Henry laut ſchluchzend. m„Warum?“ ein„Ach! Sie wiſſen nicht, was unterdeſſen geſche⸗ hen iſt. O du mein Gott! du mein Gott!“ wiederholte oun der junge Mann, die Hände ringend. aft„Nun, ſo ſprechen Sie doch! Was iſt geſchehen?“ „Nun begreife ich, beſter Herr Doctor, vollkom⸗ er men, warum mein Vater von Ihrer Entdeckung mir nichts geſagt. Jetzt kann ich Sie auch nicht mehr 3 bitten, mir Magdalene wieder zu ſchenken, da ihr . Leben ihr und mein ewiges Unglück wäre. Und ief unſer beiderſeitiges Unglück möchten Sie doch wohl zei⸗ nicht?“ icht„Sprechen Sie ſich deutlicher aus,“ hob Servans ein wieder an, der an Henry's Augen hing. „Sie werden mir nicht glauben, ohne mich an⸗ as zuklagen; denn das, was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt gar zu entſetzlich.“ „So ſprechen Sie doch, ums Himmels willen!“ „Sehen Sie, beſter Herr Doctor,“ drückte der 188 junge Mann endlich heraus und wiſchte ſich zugleich die Augen ab,—„ſehen Sie, während ich in der größten Verzweiflung war, iſt mein Vater in mich gedrungen, um die bewußte Einwilligung von mir zu erlangen; meine Mutter hat ſich ihm beigeſellt und ſo iſt mir denn am Ende nichts übrig geblieben, als ihren Willen zu thun.“ „Ihren Willen?“ „Ja,— ich meine, ich habe in die projectirte Heirath gewilligt,“ antwortete Henry kaum hörbar. „Was thut dieß denn aber?“ ſprach der Arzt. „Sind Sie doch noch nicht getraut!?“ „Allerdings nicht.“ „Sie können alſo Ihre Einwilligung zurück⸗ ziehen.“ „Das iſt unmöglich, Herr Doctor; es würden meine Eltern mich verfluchen, da ihnen damit die letzte Stütze für ihr Alter entzogen würde! Wäre Magdalene noch nicht todt, ſo würde ich ihr gewiß Alles opfern; unglücklicher Weiſe aber lebt das arme Mädchen nicht mehr; ſchon iſt ſie bei Gott, der mein Opfer ſieht, und verzeiht mir und betet für mich, frei von den Leidenſchaften, welche dieſe Erde trüben.“ Und der junge Mann begrub den Kopf in beiden Händen. Der Arzt ſchien eine Weile nachzuſinnen und ſprach dann: „Sie haben Recht, Henry, Ihrem Vater und Ihrer Mutter verdanken Sie das Leben; nur ſage ich Ihnen, daß Sie, wenn Ihr Schmerz ein wahrer iſt, von dieſer Stunde an ihnen nichts mehr ſchulden.“ „Mein lieber Herr Doctor,“ ſprach der junge nd reichend, welche dieſer Mann, dem Arzte eine Ha Sie verzeihen mir, nicht in der ſeinigen begrub,„ wahr?“ „Ich habe Ihnen nicht zu verzeihen, mein antwortete der Arzt;„Sie gehorchen einem Naturgeſetze, das da will, daß die Kinder alle Opfer bringen, welche das Glück ihrer Eltern erheiſcht; Gott ſelbſt aber hat Ihnen dieſes Opfer noch leichter machen wollen, indem er Magdalene zu ſich genom⸗ men. Und nun leben Sie wohl, junger Freund, pflegen Sie ſich recht, tröſten Sie ſich und ſeien Sie glücklich.“ „Ohl das werde ich nie, nie ſein!“ murmelte der junge Mann. „In Ihrem Alter und bei Ihren Geſinnungen verzweifelt man nicht. Ich werde mir ſpäter die men, Sie wieder zu beſuchen; leben Sie Freund,“ 7** 2* „Ich möchte Sie um einen Freundſchaftsdienſt bitten,“ ſprach Henry. „Sprechen Sie, ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten.“ „Magdalene liegt noch im Todtenhauſe.“ „Wer wacht bei ihr?“ „Ihr Kammermädchen.“ „Das arme Mädchen!“ ſprach der Greis mit Thränen in den Augen. „Ja wohl, armes Mädchen!“ wiederholte der junge Mann;„es iſt dieß noch nicht Alles,“ ſetzte er mit halb erloſchener Stimme hinzu, und als o er es nicht wagte, das, was ihn druckte, zu geſtehen. 190 „Muß ich Ihnen erſt noch wiederholen, daß ich Alles, was Sie verlangen, thun werde?“ antwortete Servans. „Morgen ſoll ſie begraben werden,“ ſprach Henry, der den Namen ſeiner Geliebten abſichtlich nicht aus⸗ ſprechen zu wollen ſchien, mit leiſer Stimme. „a.“ „Nun, beſter Herr Doctor, Sie müſſen mir den Gefallen thun, ſtatt meiner ihr die letzte Ehre zu er⸗ weiſen.“ „Gern, gern thue ich das, mein Freund; indeſſen ſind Sie nicht ſo krank, daß Sie dieſer letzten Feier⸗ lichkeit nicht anwohnen könnten; und dann müſſen Sie auch bedenken, daß das arme Mädchen auf dieſer Welt nur Sie hatte.“ „Das iſt wahr, und doch kann ich es nicht thun.“ „Und warum nicht?“ „Weil ihr Tod in der Stadt ſchon Scandal ge⸗ nug gemacht hat, und meine Anweſenheit bei dem Begräbniß dieſen Scandal nur noch vermehren würde. Meine künftigen Schwiegereltern würden es erfahren, und obgleich ich mich damit nur einer frommen und natürlichen Pflicht entledigen würde, ſo könnte doch dieſes ſo einfache Liebeswerk meine Heirath, die letzte und einzige Hoffnung meines Vaters und meiner Mutter, rückgängig machen.“ „Ihre Gründe laſſen ſich hören. Ich werde Alles beſorgen.“ „Hier, Herr Doctor,“ ſprach der junge Mann weiter, indem er eine goldſtrotzende Börſe unter ſei⸗ nem Kopfkiſſen hervorzog,„ſehen Sie Alles, was ich noch habe; nehmen Sie es, laſſen Sie das arme -—☛—— 191 egraben und ſorgen Sie für einen Grabſtein, an dem ich dann und wann für ſie beten kann.“ „Zählen Sie auf mich,“ ter haben Sie mir nichts zu ſagen?“ „Lediglich nichts; nur möchte ich Sie vielleicht Mädchen damit anſtändig b ſprach der Greis.„Wei⸗ noch ein Mal fragen, ob Sie wirklich glauben, daß ich meine Pflicht thue.“ „Der beſte Richter jedes Menſchen iſt ſein Ge⸗ wiſſen; fragen Sie es alſo, mein Freund; was mich betrifft, ſo kann ich nur bedauern, daß ich Ihnen nicht den Dienſt erwieſen, den ich Ihnen erweiſen wollte. Leben Sie wohl.“ „Wann ſehe ich Sie wieder, Herr Doctor?“ „Bei Ihrer Trauung, wenn Sie es nicht ver⸗— ſäumen, mich davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Wie könnte ich ſo etwas unterlaſſen, beſter Herr Doctor? Ohl Sie müſſen mich gar ſchlecht kennen, daß Sie mir ſo etwas ſagen.“ Doctor Servans ſchaute den an, deſſen Lippen dieſe Worte entſchlüpft waren, lächelte bitter und zog ſich mit den Worten:„Noch einmal, leben Sie wohl!“ zurück. Henry glau Abſicht zu erkenner Augenblick zurückrufen zu woller offenbar eines Andern, da er Bett zurückſinken ließ. In dem anſtoßenden Zimme Henry's Eltern, die auf ihn zutra „Wie beſindet er ſich?“ „Wohl,“ gab der Arzt zurück. bte in dem Tone dieſer Worte eine n und ſchien den Doctor einen n; doch beſann er ſich ſich ſtumm auf ſein r fand der Arzt ten und ſprachen: „Hat er ſich darein ergeben?“ „Vollkommen.“ „Darf man wiſſen, Herr Doctor, was Sie zu ihm geſagt?“ „Ich habe mich gegen ihn erboten, Magdalene wieder lebendig zu machen.“ „Und?...“ fragte der Vater. „Er hat es nicht gewollt.“ „Du ſiehſt,“ ſprach der Vater zu ſeiner Frau, her liebte ſie nicht ſo innig, als wir glaubten.“ Fünfzehntes Kapitel. Wir brauchen nicht zu ſagen, welcher Art die Reflerionen des Arztes waren, als er Henry's Haus verließ, ſondern wollen es dem Leſer überlaſſen, die⸗ ſelben zu errathen. Wir beſchränken uns darauf, hier zu bemerken, daß Doctor Servans mit ſorgenumhüllter Stirn wieder zu Hauſe erſchien, wo Ivarius zu ihm ſagte: „Was hat Herr Henry Ihnen zur Antwort ge⸗ geben, beſter Herr?“ „Daß er heirathe.“ Es wechſelten die beiden Männer hier einen Blick und ein Lächeln. „Iſt Niemand da geweſen?“ fragte der Doctor. „Keine Seele.“ „Francis hat nicht nach mir geſchickt?“ „Nein.“ „So will ich zu ihm gehen. Du haſt ihm doch die Papiere zuſtellen laſſen, welche für ihn beſtimmt waren?“ „Ja,“ ſprach Ivarius;„und ich will hier blei⸗ ben, bis Sie zurückkommen.“ Jetzt ging der Arzt abermals aus, und zwar be⸗ gab er ſich in das Haus des Procurators, deſſen Leichnam bereits nach dem Todtenhauſe gebracht worden war. Als dem nächſten Verwandten des Procurators war es Francis obgelegen, im Todtenhauſe bei dem Leichnam zu wachen; doch hatte er ſich über den Tod ſeines Vaters ſo tiefbekümmert gezeigt, daß man An⸗ ſtand genommen hatte, ihn dieſe fromme Pflicht er⸗ füllen zu laſſen. Von Fiebergluth verzehrt, hatte er ſich zu Bette gelegt. Gleichwohl fand der Arzt Francis, als er in ſein Zimmer trat, an ſeinem Tiſche ſitzend und ſchreibend. „Ah! Sie ſind es, liebſter Herr Doctor,“ ſprach der junge Mann, aufſtehend und dem Greiſe die Hand hinbietend. Was den Letzteren betrifft, ſo ſuchte er auf Francis' Geſicht vergebens die Spuren, die jeder Kummer zurücklaſſen zu müſſen ſcheint. „Ja, theuerſter Francis, es war mir ein Be⸗ dürfniß, Sie nach dem furchtbaren Unglück, das Sie betroffen, zu ſprechen.“. „Ach, ach!“ ſprach der junge Mann, einen jener Seufzer ausſtoßend, worüber ein Mann von Herz ſich nur ſelten täuſcht. „Sie haben wohl recht viel ausgeſtanden, mein Freund?“ fuhr der Arzt unbarmherzig fort. „Sie haben es ſelbſt geſehen, Herr Doctor.“ „Und jetzt?“ 1 Dumas, Doctor Servans. „Zwar verſiegen die Thränen,“ verſetzte der junge Mann emphatiſch,„was aber nie vergeht, das iſt der Schmerz.“ „Man hat Ihnen die Papiere zugeſtellt, die Ihr guter Vater mir eingehändigt hatte?“ „Empfangen Sie meinen beſten Dank dafür.“ „Sie haben Einſicht davon genommen?“ „Ja; doch ſprechen wir ein bischen von Ihnen ſelbſt: welch' herrliche Entdeckung haben Sie da nicht gemacht!“ „Wie! Sie wiſſen ſchon um die Sache?“ „Ohl man ſpricht in der ganzen Stadt nur von Ihnen.“ „Und glaubten Sie nicht gerade aus dieſem Grunde, daß ein Beſuch von mir Ihnen willkommen wäre?“ „Ich wußte, daß Sie den Tod meines lieben Vaters nicht erfahren würden, ohne mich mit einem Beſuche zu erfreuen; Sie ſind ein ſo guter Mann!“ „Nun, ſo freuen Sie ſich, Francis.“ „Warum?“ „Sie ſollen Ihren Vater wieder ſehen.“ „Wie ſo das?“ „Was ich für mich gethan, kann ich auch für ihn thun.“ „Ah!“ ſprach der junge Mann, erblaſſend und den Doctor fixirend;„Sie haben Recht, was Sie für ſich gethan, können Sie auch für ihn thun.“ Und er zog dieſe Worte entſetzlich in die Länge, gleich als hätte er ſich in keiner Weiſe auf den An⸗ trag des Doctors gefaßt gemacht, und als wäre ſein Geiſt an einem ganz andern Orte. ür nd für ge, ln⸗ ein 195 „Und wird dann mein Vater noch lange leben kön⸗ nen?“ fragte der junge Mann mit vielem Intereſſe. „Vielleicht noch zwanzig Jahre.“ „Sind Sie des Gelingens gewiß?“ „Vollkommen gewiß.“ „Das iſt fürwahr ein Glück, worauf ich nicht mehr zählte,“ ſprach der junge Mann kalt. „Wie Sie doch dieſes ſagen, Freund! Sollte es Ihnen etwa nicht lieb ſein, wenn Ihr Vater von den Todten wieder auferſtünde?“ „Doch, doch, Herr Doctor, ich werde mich allzu glücklich ſchätzen, mich ihm opfern zu können.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ohl das brauchen Sie nicht zu wiſſen,“ ſprach Francis mit Thränen in den Augen. „Im Gegentheil, ich muß es wiſſen. Haben Sie denn für mich, Ihren vieljährigen Freund, Geheim⸗ niſſe? Ich liebe Sie, wie wenn Sie mein eigener Sohn wären; auch bin ich bereit, Ihnen zu dienen und Sie zu entſchuldigen, wenn Sie irgend eine kleine Jugendſünde auf dem Gewiſſen haben.“ „Sie verſprechen mir alſo, nachſichtig zu ſein, Herr Doctor?“ „Ich verſpreche es; und nicht minder verſpreche ich Ihnen, daß ich Alles thun werde, um Ihnen angenehm zu ſein.— Sprechen Sie.“ „Nun, Sie haben meinen Schmerz während der Krankheit meines Vaters geſehen.“ „Gewiß, und ich habe nie einen aufrichtigeren Kummer wahrgenommen.“ „Herzlichen Dank für dieſen Troſt, beſter Herr Doctor. Als man den Leichnam aus dieſem Hauſe trug, war mein Schmerz ſo groß, daß ich ihn nicht in das Todtenhaus begleiten konnte.“ „Ich weiß es ebenfalls.“ „Während mich dieſer Schmerz verzehrte, kam Ivarius und brachte mir die Papiere, die Ihnen mein Vater zugeſtellt hatte, damit ſie mir übergeben würden. Ich öffnete dieſelben haſtig, ſo ſehr freute mich Alles, was von meinem Vater kam, und Sie „können ſich meine Freude, oder beſſer, mein Erſtau⸗ nen denken, als ich erſah, daß mein Vater mir dreihundertfünfzigtauſend Franken hinterließ, von deren Exiſtenz ich keine Ahnung hatte.“ „Auch das wußte ich.“ „„Was Sie aber nicht wußten,“ ſetzte Francis hinzu,„iſt das, daß ich in ein junges Mädchen verliebt war, das ich wo möglich noch mehr liebe, ſeit der Tod meines Vaters mein Herz um einen ſeiner ſüßeſten Triebe ärmer gemacht hat. Ich hatte meinen Vater gebeten, daß er für mich um die Hand von Fräulein S.... anhalten möchte; allein er hat ſich dem förmlich widerſetzt, indem er dieß und jenes wider das Mädchen hatte und außerdem noch vor⸗ gab, daß wir nicht reich genug wären, um an eine Verbindung mit dieſer Familie denken zu können. Wie Sie ſehen, Herr Doctor, ſo war dieß nur ein Mittel, ſeiner Abſicht, mich das Mädchen, das ich liebte, nicht heirathen zu laſſen, einen weiteren Stütz⸗ punkt zu geben. „Brauche ich, wertheſter Herr Doctor, Ihnen eine Analyſe des menſchlichen Herzens zu geben? Allerdings machte mich der Tod meines Vaters recht unglücklich, allein es hat Gott in ſeiner Güte und 197 Weisheit gewollt, daß jede Verzweiflung auch wieder eine geheime neue Hoffnung habe, gleichwie jedes abfallende Blatt dem Baume, den es verläßt, den Saft läßt, der es wieder zu erſetzen hat. Mein Vater war ſchon alt und hatte die Grenze des menſch⸗ lichen Lebens erreicht; vielleicht daß er ſich täuſchte, wenn ihm das Mädchen nicht ſo ganz gefiel, auf jeden Fall aber machte er mich durch ſeine hart⸗ näckige Weigerung unglücklich, da er wußte, daß ich ihn viel zu ſehr liebte, um ihm nicht zu gehorchen; aber ich liebte auch Fräulein S... viel zu ſehr, um je ohne ſie glücklich ſein zu können. Während ich alſo den Tod meines Vaters beweinte, glaubte ich, ich geſtehe es unverholen, Herr Doctor, in dieſem Tode und in dieſem mir ſo unerwartet zuge⸗ fallenen Vermögen den Willen des Herrn erblicken zu müſſen; und ſo hoffte ich allmählig ein Glück, das mich— vielleicht iſt es eine Sünde— das Unglück vergeſſen ließ, welches mich betroffen hat.“ „Ich wußte das Alles,“ ſprach Servans,„vor Allem aber war mir Ihres Vaters Wille in Betreff Ihrer Heirath mit Fräulein S.... gar wohl be⸗ kannt.“ „Sie ſehen, ich ſage nur die Wahrheit. Nie würde er in eine Verbindung mit Fräulein S.... gewilligt haben.“ „Nein, nie.“ „Ach, warum mußte dem alſo ſein!“ murmelte der junge Mann. „Nun, was beſchließen wir?“ fragte der Greis. Francis wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Sprechen Sie von der Leber weg,“ fuhr Ser⸗ —— ——— vans fort, indem er den Sohn des Procurators ebenſo fixrirte, wie er früher mit Henry gethan;„wir ſind hier ja unter uns, und ich ſchwöre Ihnen, daß nie ein Menſch erfahren ſoll, was Sie mir ſagen werden.“ „Nun,“ antwortete Francis, auf die Knie fallend und ſein Geſicht in beiden Händen begrabend;„nun, ſo wiſſen Sie denn, es wird mich das Leben koſten, wenn ich das Mädchen, das ich liebe, nicht zur Frau bekomme.“ „Es iſt das recht, das Geſetz des Herrn, der Wille Gottes erheiſcht es ſo; beten Sie für Ihren Vater, Francis, ſo wird er auch für Sie beten.“ „Oh!“ rief der junge Mann, ſich aufrichtend, „was ich da thue, iſt ſchrecklich, nicht wahr? Ein Sohn, dem man ſeinen Vater wiedergeben will,— ſeinen Vater, der erſt zwei Tage todt iſt, weist dieſes Anerbieten zurück. Oh! Herr Doctor, Herr Doctor, ſagen Sie mir, wird Gott mir deßhalb nicht ſeinen Segen entziehen?“ Und Francis warf ſich Doctor Servans in die Arme und weinte einige Augenblicke an der Bruſt des Greiſes. „Es gibt Leute, die da fragen, warum Gott es zugebe, daß man ſterbe,“ ſagte der Arzt leiſe. „Was ſagen Sie, Herr Doctor? Sie fluchen mir!“ rief Francis. „Nein, mein Freund, ich anerkenne, wie Sie, die Weisheit des Schöpfers, der dem Leben die vielen Hoffnungen ſchenkt, welche demſelben bis zum Tode Werth verleihen.“ „Wenn man erfahren würde, was ich Ihnen geantwortet habe, Herr Doctor.“ „Man wird es nie erfahren.“ „Ach, wie gut ſind Sie, und wie ſehr liebe ich Sie!“ „Armer Francis,“ ſagte der Greis, ihn umar⸗ mend,„es iſt recht, daß Sie ſo aufrichtig gegen mich ſind.“ „Sie verzeihen mir alſo?“ „Ich wußte vorher, was Sie mir ſagen würden, und ich entſchuldigte Sie zum Voraus. Leben Sie wohl, mein Freund.“ „Wann werde ich Sie wiederſehen?“ „Bei der Beerdigung Ihres Vaters.“ „Mein armer Vater, der mich ſo ſehr liebte! Ach! was ich eben gethan, iſt ſchrecklich, und wird mein ganzes Leben vergiften.“ Mit dieſen Worten ließ der junge Mann die Stirn gegen die Wand fallen und vergoß reichliche Thränen. „Morgen alſo,“ ſagte Doctor Servans. „Ja morgen, Herr Doctor.“ Der Arzt verließ Francis' Zimmer, indem er ſagte:„Meine zwei erſten Verſuche ſind nicht glück⸗ lich, ſehen wir, wie der dritte ausfällt.“ „Ohl arme Mutter Hanne, das hätteſt du mir nicht geantwortet, was ich eben gehört.“ Und in tiefes Nachdenken über das Geſchehene verſunken, lenkte er ſeine Schritte dem Todtenhauſe zu. Es waren dort nur drei Leichname: der Magdalenens, der des Procurators, der der Gräfin. Nachdem der Arzt ſich vor den beiden erſten be⸗ kreuzt und Weihwaſſer darauf geworfen, ſchritt er auf den dritten zu, neben welchem bleich und mit ſtierem Blick, als hätte er in der Unbeweglichkeit des Todes etwas Bewegliches finden wollen, Graf von Dikſen wachte. Als dieſer den Doctor hereintreten ſah, brach er unwillkürlich in den Ausruf aus: „Endlich! endlich!“ „Seit wie lange ſind Sie hier, Herr Graf?“ fragte Servans. „Seit ihrem Tode,“ antwortete der Graf, auf ſeine todte Frau deutend. „Und Sie haben ſie nicht verlaſſen?“ „Nein, ſeit zwei Tagen habe ich lediglich nichts über den Mund gebracht.“ 4 „Sie erwarteten mich?“ „Ja, Herr Doctor.“ „Gut!“ „Können Sie in dieſer Sache etwas thun?“ „Es kommt darauf an, was Sie verlangen.“ „Ich bin Gott ſo ſehr angelegen, daß er mir meine Frau zurückgeben möchte, daß ich allmählig der Hoffnung Raum gegeben, welche Sie bei mir geweckt,— der Hoffnung nämlich, daß ſie an einem dieſer drei Tage wieder lebendig werden könnte.“ „Sie haben ſie alſo wirklich geliebt?“ „Wäre ich denn hier, wenn ich ſie nicht liebte?“ „Sie haben Recht.“ „Und denken Sie immer noch ſo?“ „Warum ſollte ich denn anders denken?“ mir gen dur Ihre Frau wiederſchenkte?“ „Würden Sie dem Manne fluchen, der Ihnen „Im Gegentheil, ich würde ihn ſegnen. Aber exiſtirt ein ſolcher Menſch? Und wenn er exiſtirt, wo iſt er?“ „Er ſteht in dieſem Augenblick vor Ihnen.“ „Wie, Sie wären es!“ „Ja, ich.“ „Sie täuſchen mich.“ „Und warum ſollte ich Sie täuſchen?“ „Ohl Herr Doctor, wenn das iſt,— wenn Sie mir meine Emilie wieder ſchenken, ſo iſt Ihr Glück gemacht.“ „Herr Graf, ich brauche nichts und werde mich durch das Reſultat für hinlänglich belohnt erachten.“ „Wann aber werden Sie ſie mir zurückgeben?“ „Heute noch.“ „Innerhalb welcher Zeit?“ „In einer Stunde.“ „Wer hat denn Ihnen aber dieſe wunderbare Gabe verliehen?“ „Ich beſitze ſie, ſeitdem ich ganz unerwartet eine wichtige Entdeckung gemacht; und hätten Sie dieſes Todtenhaus verlaſſen, ſo wüßten Sie es ſeit geſtern Abend.“ Im Geſichte des Grafen blitzte eine ſeltſame Freude. Und... was iſt zu dieſem Ende zu thun?“ „Nichts: Sie brauchen hier bloß auf mich zu warten.“ „Ich warte auf Sie, Herr Doctor, wie ich auf 202 Gott warten würde. Aber vergeſſen Sie nicht, daß heute der letzte Tag vor dem Begräbniſſe iſt.“ „Ich weiß es. Indeſſen bedarf ich noch eines Schwurs,“ ſetzte der Arzt hinzu, den Grafen ſcharf fixirend und beim Schein der mattbrennenden Lampe in dem abgelebten Geſichte zu leſen verſuchend. „Sprechen Sie!“ „Sie ſchwören mir, daß Sie nur aus Liebe zu Ihrer Frau allein die Wiederauferweckung derſelben wünſchen?“ „Ich ſchwöre es.“ „Bei Jeſus Chriſtus.“ „Bei Jeſus Chriſtus.“ Und während der Graf dieſen Schwur that, blieben ſeine Züge ſo unbeweglich, daß man ſie hätte für Marmor halten können. „Es bleibt alſo dabei,“ antwortete der Arzt: „in einer Stunde bin ich wieder hier.“ „Und ſie wird wieder lebendig?“ „Ja.“ „Nun, ich will warten.“ Der Graf ſetzte ſich wieder zum Leichnam ſeiner Frau hin, blickte dem langſam ſich entfernenden Arzte nach und fragte ſich ſelbſt, ob er nicht das Spiel eines Traumes wäre. Bald erſchien Servans zu Hauſe wieder. „Etwas Neues, beſter Herr?“ „Francis hat nichts von der Sache wiſſen wollen.“ „Ahl ſprach Ivarius, in einem Tone, der deut⸗ lich genug ſagte, daß er nichts Anderes erwartet.“ „Und der Graf?“ „Dem iſt es recht?“ enth ſpra gar von bei rück thüt ſtör nete „Sie haben eingewilligt?“ „Gewiß.“ „Er liebt alſo ſeine Frau recht ſehr?“ „Wie Du ſiehſt.“ „Das wundert mich,“ konnte Ivarius ſich nicht enthalten zu bemerken. „Warum das?“ „Weil man in der Stadt ganz anders von ihm ſprach.“ „Siehſt Du, Ivarius, es ſind eben die Leute gar böſe, und viel beſſer iſt es, Gutes als Böſes von ihnen zu glauben. Auch hat der Graf mir es bei Jeſus Chriſtus geſchworen.“ „Dann iſt es etwas Anderes,“ gab Ivarius zu⸗ rück;„wir wollen uns alſo nur bereit machen.“ In dieſem Augenblick klopfte es an der Haus⸗ thüre. „Wer in aller Welt kommt jetzt, um uns zu ſtören?“ fragte Servans ungeduldig. Ivarius öff⸗ nete die Thüre zur Hälfte. „Es iſt der Notar,“ ſprach der Famulus. „Mach' ihm auf!“ Unterdeſſen ſetzte ſich Servans an ſeinen Schreib⸗ tiſch und dachte ohne Zweifel einzig und allein über das Werk nach, das er bald verrichten ſollte. 8 Sechzehntes Kapitel. In dem Augenblick, wo der Notar hereintrat, war der Arzt ganz und gar in ſeine Gedanken ver⸗ tieft. ——-——— 204 Voller Bewunderung blieb der Notar ſtehen und ſchaute den Mann an, der Gott das Geheimniß ent⸗ riſſen, welches nur Chriſtus allein gekannt. Als der Notar ſah, wie der Doctor ihn immer noch nicht bemerkte, wagte er die Worte: „Wertheſter Herr Doctor, ich bin es.“ Jetzt wandte ſich der Greis um. „Ah! Sie ſind es, mein lieber Freund?“ gab er, dem eben Eingetretenen die Hand reichend, zu⸗ rück.„Welchem glücklichen Zufall verdanke ich Ihren lieben Beſuch?“ „Mein lieber Herr Client, erlauben Sie mir vor Allem, daß ich Ihnen den Tribut meiner Bewunde⸗ rung darbringe.“ „Schon gut! ſchon gut!“ „Zweitens möchte ich Herrn Ivarius jetzt Ant⸗ wort geben.“ „Welche Antwort?“ „Ohl es betrifft den Kleinen, den Sie hier haben.“ „Mutter Hannens Enkel?“ „Ja, verehrteſter Herr Doctor.“ „Was iſt ihm denn geſchehen?“ fragte der Arzt theilnehmend. „Da wir uns, beſter Herr, unter den dermaligen Umſtänden mit dieſem Kinde nur wenig beſchäftigen konnten; da daſſelbe ferner einer ſorgſamen Pflege und guter Luft bedurfte,“ fiel Ivarius ein,„ſo war der Herr Notar, bei dem ich davon ſprach, ſo gütig, mir zu ſagen, daß er zwei Stunden von hier eine brave Frau kenne, die recht gern ſich des Kleinen anneh⸗ men werde. Er hat ſich ſogar erboten, den Kleinen ren vor ide⸗ Unt⸗ hier Arzt igen igen und Herr r zu rave neh⸗ inen hinbringen zu laſſen, und ich habe ſein Anerbieten angenommen. Habe ich unrecht gethan?“ „Mit nichten, mein Freund, Du haſt im Gegen⸗ theil recht weiſe gehandelt.“ „Und nun wollte ich Herrn Ivarius melden, daß der Kleine an Ort und Stelle glücklich angekommen.“ „Meinen herzlichen Dank, wertheſter Herr Notar.“ „Dann hatte ich Ihnen auch noch etwas zuzu⸗ ſtellen,“ fuhr der Letztere fort. „Was denn?“ „Je nun, Ihr Teſtament; da Sie nicht todt ſind, ſo kann ich es nur mit Ihrer Zuſtimmung behalten.“ „Behalten Sie es, theuerſter Freund, behalten Sie es. Ich habe die Mühe gehabt, es ein Mal zu ſchreiben, und es iſt das übergenug; und wie ich Ihnen bereits geſagt, ſo mache ich kein anderes mehr.“ „Weiter wollte ich nicht wiſſen, und nun bleibt mir nur noch übrig, Sie um Verzeihung zu bitten, daß ich Sie geſtört.“ „Sie haben mich gar nicht geſtört, theuerſter Freund.“ „Doch, doch,“ gab der Notar zurück,„Sie ſchie⸗ nen ganz in Gedanken verſunken.“ „Und es iſt das auch ganz natürlich,“ meinte Ivarius,„da Herr Doctor Servans ſein berühmtes Experiment noch einmal zu machen gedenkt.“ „So! Und an wem ſoll es denn gemacht werden?“ „An der Gräfin von Dikſen,“ antwortete Ivarius. „Richtig, richtig, man ſprach bei der Baroneſſe —————— 2 206 ſchon davon, und ich ſelbſt wollte bei Ihnen das Nähere erfahren.“ „Sie kennen die Gräfin?... „Ganz gut, ich bin der Notar des Grafen.“ „Ah! Sie ſind— Sie ſind alſo der Notar des Grafen?“ verſetzte der Doctor, die Träumerei von ſich abſchüttelnd, in die er abermals verſunken war. Und Servans tauſchte mit Ivarius einen raſchen Blick aus. „So ſetzen Sie ſich doch ein bischen, lieber Freund,“ fuhr der Arzt fort. Der Notar nahm einen Stuhl und ſetzte ſich darauf. „Ja, ja,“ hob der Letztere wieder an, offenbar in der Abſicht, von Herrn von Dikſen etwas zu erzäh⸗ len, was ihm perſönlich bekannt war;„ja, ja, es ge⸗ hört der Graf zu meinen Clienten.“ „Der arme Mann,“ verſetzte der Arzt,„der liebte einmal ſeine Frau!“ „Sie ſagen?“ „Daß er die Gräfin anbetete.“ „Er! der Graf von Dikſen?“ „Jg, er.“ „Sie phantaſiren, hochverehrter Herr Doctor.“ „Ich phantaſire gar nicht, ſondern bin meiner Sache nur zu gewiß.“ „Ahl da ſieht man, daß Sie todt geweſen und aus einer beſſern Welt zurückgekommen ſind.“ „Wiel es ſollte Graf von Dikſen in die Gräfin Emilie, ſeine Frau, nicht ſterblich verliebt ſein?“ „Er, und ſterblich verliebt?“ Gegen die Wand gelehnt, folgte Ivarius dieſer 4 Fra⸗ entf mel wer Not grif das Leb 207 Converſation mit größter Spannung und ſchaute dann und wann ſeinen Herrn an, deſſen vertraulicher Blick ſich mit dem ſeinigen kreuzte. „Fürwahr das iſt recht ſeltſam!“ hob der Doc⸗ tor wieder an. „Und doch verhält ſich die Sache genau ſo, wie ich ſage.“ „Aber ich habe ihn ja ſelbſt vom gräßlichſten Kummer darniedergedrückt geſehen.“ „Eitel Lüge!“ „Aber ich habe ihn weinen ſehen.“ „Pure Comödie!“ „Aber ich habe ihm in dem Augenblicke, wo er ſich eine Kugel vor den Kopf ſchießen wollte, Ein⸗ halt gethan.“ „Was ſollte er denn aber ſonſt thun?“ „Sterben! Anderes läßt ſich auf eine ſolche Frage nie antworten. Aber er hatte doch die Gräfin entführt?“ „Ja.“ „Aus Liebe?“ „Nein, aus Intereſſe.“ „Sie war aber ſehr ſchön.“ „Sie wollen ſagen, ſehr reich.“ „Zum Henker! Wie wiſſen Sie denn das?“ „Hören Sie, verehrteſter Herr Doctor: nimmer⸗ mehr würden die Worte, die Sie nun vernehmen werden, über meine Lippen gekommen ſein, da ein Notar ein Beichtvater iſt, wenn Sie nicht im Be⸗ griffe wären, ein Weſen wieder lebendig zu machen, das der Kummer umgebracht und für das dieſes Leben die höchſte Qual ſein muß. Machen Sie, ſo ————- es Ihnen nöthig ſcheint, von dem, was ich Ihnen nun erzählen will, Gebrauch, ſagen Sie aber ja nicht, daß Sie es von mir haben.“ „Ich höre.“ „Es ſind nun etwa zehn Tage, daß die Gräfin krank wurde, ſowie daß die moraliſche Krankheit durch eine ſehr gefährliche acute Krankheit ſich complicirte. Der Graf, der gar wohl wußte, was er that, ließ Haus der Stadt einen ſchlechten Arzt holen, deſſen Name...“ „Nichts zur Sache thut; ich kenne dieſe Herren alle,“ fuhr der Doctor lächelnd fort.„Doch erzäh⸗ len Sie weiter!“ „Es gab ſich alſo die Krankheit nicht nur nicht, ſondern ſie verſchlimmerte ſich im Gegentheil; und jetzt ließ der Graf mich holen. Ich erſchien alsbald, und da ſprach denn Herr von Dikſen, indem er mir ſeinen Ehevertrag und unterſchiedliche Papiere zeigte, die er aus ſeinem Möbel herausnahm, ohne Weiteres zu mir: „Wenn meine Frau ſtirbt, ſo erbe ich ſie: nicht wahr?“ Sie haben keine Kinder?“ fragte ich. „Nein.: „Wenn das iſt, Herr Graf, ſo ſtehen Ihre Sachen ſehr ſchlimm; und ſtirbt die Gräfin, ohne zuvor ein Teſtament gemacht zu haben, ſo fällt ihr ganzes Vermögen an ihre Mutter zurück, ſo daß Ihnen nichts bleibt. Nichts?' fragte der Graf. Kein rother Heller.“ ſchildern zu wollen, mein lieber Herr 71 5 „Ihnen ſ 209 Doctor, was ſich jetzt auf des Grafen Geſicht malte, wäre vergebliches Bemühen. „Nun, ſo muß ſie eben ein Teſtament machen,“ ſprach er zu mir. „Soll dieß geſchehent, bemerkte ich, ‚ſo muß ſie entweder ſchreiben oder doch ſprechen können; kurz, ſie muß wieder zu ſich kommen, denn jetzt ſcheint mir die Gräfin ſehr krank.“ „Nun geſchah etwas wahrhaft Unerhörtes. „Es trat dieſer Mann an das Bett ſeiner Frau und fing, ganz und gar vergeſſend, daß ich neben ihm ſtand, an, ſie leiſe, dann ſtärker und ſtärker bei ihrem Namen zu rufen; und als er ſah, daß er keine Antwort bekam, erfaßte er eine der beiden Hände der Kranken und ſchüttelte den Arm, den er gefangen hielt, ſo heftig, daß die arme Kranke laut aufächzte; ich aber konnte mich nicht enthalten, mich ins Mittel zu legen und ihn zu bitten, daß er doch ruhiger ſein möchte. „Vielleicht hätte ich mich anders ausdrücken ſol⸗ len; macht aber Jemand einen Fremden zum Zeugen ſolcher Leidenſchaften, ſo glaube ich, daß es das Beſte iſt, wenn man ſich ſtellt, als begreife man ſie nicht. 3 „Der Graf war total vernichtet. „Was iſt anzufangen? Was iſt anzufangen? ſprach er wuthentbrannt. „Vielleicht gelingt es, die Gräfin am Leben zu erhalten.“ „Da haben Sie Recht,“ gab er zurück, ‚das wäre ein Mittel.: „Ich ſtellte mich abermals, als verſtünde ich 14 Dumas, Doctor Servans. ———— nicht; denn vor Allem hielt ich es für meine Pflicht, die arme Frau am Leben zu erhalten. Ich gehörte noch zu denen, die da meinten, daß für alle Kranken die Wiedergeneſung das höchſte Glück ſei. „Der Arzt will nicht mehr dafür ſtehen, ſagte ½ der Graf. „Wie heißt denn dieſer Arzt?: fragte ich. „Und er nannte mir ihn. „„Dann glaube ich es wohl,' verſetzte ich: ‚der iſt der ſchlechteſte in der ganzen Stadt.“ „Aus der Miene, womit Herr von Dikſen mich anſchaute, ſchloß ich ohne Mühe, was ich Ihnen eben V geſagt, das heißt, ſchloß ich, daß er, um das Ver⸗ mögen ſeiner Frau um ſo geſchwinder zu bekommen, gerade nach dieſem Arzte geſchickt. „Ich ſchämte mich wahrlich dieſes Menſchen. „Und als er ſah, daß er einzig und allein da⸗ durch, daß ſeine Fau am Leben bleibe, ſeinen End⸗ zweck erreichen könne, fragte er mich: „Kennen Sie Jemand, der meine Frau curiren könnte? „Ich kenne einen Mann, entgegnete ich, ‚der allein im Stande iſt, ſie am Leben zu erhalten, wenn ſolches überhaupt unter die möglichen Dinge gehört. „Wie heißt er?⸗ Doctor Servans. 5 „Man hatte mir ſeinen Namen genannt!' rief der Graf unkluger Weiſe, wie wenn er mich auch nicht einen Augenblick hätte an der Geſinnung zwei⸗ feln laſſen wollen, welche ihm eine ſo ſeltſame Wahl eingegeben. „Darauf befahl er Jemand, Sie zu holen. 77 —— 5 „Wenn nun, fuhr er fort,„die Gräfin zu mei⸗ nen Gunſten teſtirt, wie muß dann das Teſtament abgefaßt ſein, um keinerlei Anfechtung zu unter⸗ liegen?“ „Ich gab ihm die gewünſchte Auskunft. „Gut,“ bemerkte er jetzt, Sie können jetzt gehen. „Ich ließ mir das nicht zwei Mal ſagen. „Er bot mir die Hand hin, allein ich ſtellte mich, als nähme ich dieſe Bewegung gar nicht wahr, und ging zur Thüre hinaus, nachdem ich mein Compli⸗ ment gemacht. „Es hat dieſer Menſch ein ſehr wüſtes Leben geführt und dabei ſein ganzes Vermögen verſchwen⸗ det. Da hat er auf einer Reiſe in Frankreich die Bekanntſchaft eines jungen Mädchens gemacht; und da er ſo wieder zu etwas kommen konnte, ſo hat er ſie entführt, und Gott weiß, wie viel die Arme aus⸗ geſtanden, ſeitdem ſie ſeine Frau iſt, denn Sie müſſen wiſſen, daß er einer der laſterhafteſten und gewalt⸗ thätigſten Menſchen iſt, die es gibt. „Das Uebrige wiſſen Sie; und darf ich, beſter Herr Doctor, mir erlauben, Ihnen einen guten Rath zu geben, ſo iſt es der, die arme Gräfin zu laſſen, wo ſie iſt. Ihr Leben iſt, ich wiederhole es, ein zu unglückliches geweſen, als daß ſie anders als ungern unter den Menſchen wieder erſcheinen ſollte.“ „Ich danke Ihnen,“ ſprach der Doctor.„Das iſt ein niederträchtiger Menſch. Nun aber wollen wir gehen.“ „Wohin gehen Sie?“ „Nach dem Todtenhauſe.“ „Was wollen Sie dort thun?“ ———— 212 „Den Grafen aufſuchen, der auf mich wartet.“ „Und die Gräfin?“ „Wird morgen zur Erde beſtattet werden.“ „Er aber?“ „Wird ſich heute Abend eine Kugel vor den Kopf ſchießen,“ verſetzte der Greis. Mit dieſen Worten entfernte ſich Servans und ſuchte Herrn von Dikſen auf, der mit auf die Thüre gehefteten Augen ſeiner harrte und als er den Arzt hereintreten ſah, mit heftig pochendem Herzen und vor Furcht und Hoffnung zugleich blaß, ſich erhob. Der Arzt ging langſam auf ihn zu. Stehend, eine Hand auf das Bett ſeiner Frau geſtützt und etwas nach der Seite hin geneigt, von der der Arzt auf ihn zuſchritt, murmelte der Graf bloß das Wort: „Nun?“ „Nun, mein Herr,“ verſetzte der Greis mit einer Stimme, welche den beim Leichnam wachenden Gra⸗ fen in ſeinem Innerſten erbeben machte, und ſetzte zugleich einen Fuß auf die erſte Stufe der Eſtrade des Bettes,„ſchwören Sie mir abermals bei Jeſus Chriſtus, daß Sie ſich der Gräfin gegenüber nichts vorzuwerfen haben, daß Sie dieſe Frau ſtets geliebt, und daß Ihre Liebe allein es iſt, welche ſie zurück⸗ verlangt.“ Uunwillkürlich wich Herr von Dikſen zurück; in⸗ deſſen that er ſich Gewalt an und antwortete mit einer Stimme, der er etwas Unerſchrockenes zu geben ſuchte: „Ich ſchwöre es!“ „Das lügen Sie! Herr Graf,“ rief der Greis, noch einen Schritt machend und ſich Herrn von Dikſen gerade gegenüberſtellend. Letzterem blieb nichts übrig, als ſich wieder zu ſetzen, um vor dem Tone, in wel⸗ chem die Worte des Doctors geſprochen waren, nicht rücklings zu Boden zu ſtürzen. „Das lügen Sie!“ wiederholte Servans mit einer Energie, deren man ihn für unfähig gehalten hätte. Der Graf gehörte zu jenen Menſchen, die in einem Kriege oder Zweikampfe ſich nicht feig zeigen, ſobald ihre Ehre oder ihre Citelkeit auf dem Spiele ſteht. Allein da, wo keine Ehre mehr iſt, iſt auch kein Muth mehr, und jene Tapferkeit ſchwand gar jämmerlich zuſammen vor dem ruhigen Geſichte des Arztes, vor dem Leichnam der entſeelten Frau und in dem Saale, wo der durch einen ſolchen falſchen Eid gröblich beleidigte Chriſtus wachte. Es däuchte dem Grafen, es habe ſein Gewiſſen eine greifbare Form, eine wirkliche Stimme ange⸗ nommen, und ſtehe jetzt vor ihm. „Mein Herr,“ ſetzte der Arzt hinzu,„Sie haben dieſe Frau um ihres Vermögens willen entführt; um ihres Vermögens willen haben Sie ſie gehei⸗ rathet, und um ihres Vermögens willen wollen Sie nun, daß ich ſie von den Todten wieder auferwecke. Glauben Sie denn, Gott liebe ein ſo ſträfliches Spiel und ich, der Abgeſandte Gottes, könne mich zu Ihrem Mitſchuldigen erniedrigen?“ „Und wer hat Ihnen ſolches geſagt?“ ſtammelte der Graf. „Ein Menſch, der dem Tode zu gebieten vermag, kann der nicht auch die Vergangenheit ſprechen laſſen? 8— ——-—— Ich weiß Alles, Herr Graf, es iſt mir nichts ver⸗ borgen.“ „O du mein Gott, was werde ich nun anfan⸗ gen!“ ſprach Herr von Dikſen. „Es hat ſich in Ihrer Lage nichts verändert, mithin müſſen auch Ihre Projecte dieſelben bleiben. Sie wollten ſich vor zwei Tagen umbringen.“ „Ja, aber ſeit zwei Tagen habe ich gehofft... Ach! Sie werden mich nicht ſo ſterben laſſen,“ ſprach der Graf, die Augen zum Arzte emporſchlagend,„da Sie mich retten können; nur zwei Stunden lang ſoll ſie wieder leben; mehr verlange ich nicht von Ihnen,“ ſetzte Herr von Dickſen mit einer Niedertracht hinzu, die glauben läßt, daß Andere auch niederträchtig ſein können. 5 Doctor Servans begriff, wie unnütz es ſei, mit einem ſolchen Menſchen noch von Ehre zu ſprechen; er begnügte ſich alſo, die Achſeln zu zucken und zum Grafen zu ſagen: „Nehmen Sie ſich das Leben, mein Herr, Sie können wahrlich nichts Beſſeres, nichts Geſcheideres thun; denn wenn Sie meiner geſpottet, ſo habe ich meinerſeits Sie zum Beſten gehabt.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſo viel ſagen, daß ich etwas muthmaßte, daß ich meiner Sache aber nicht ganz gewiß war und mich ſelbſt überzeugen wollte. Ich will damit ſagen, mein Herr, daß ich drei Todte ge⸗ ſehen, und daß neben jedem ein großer, ein herber Schmerz— ein Geliebter, ein Sohn, ein Gatte— wachte. Von dieſen dreien hat nur einer das Weſen g9„.—— zurückverlangt, das er zwei Tage zuvor beweinte, und dieſer eine... ſind Sie. 2„Ich wollte bloß wiſſen, wie lange man die Todten beweint, und warum man ſie beweint. ,*„Und da ich es nun weiß, ſo will ich dieſe Wiſ⸗ . 1 ſenſchaft ruhen laſſen und Gott bitten, daß er mir nicht zürne.“ Mit dieſen Worten zog ſich der Greis lachend h zurück. Es hatte aber ſein Lachen nichts Gottes⸗ a läſterliches, ſondern es war daſſelbe bloß der Aus⸗ ll druck der Verachtung, die er für die Menſchen hatte. 4„Ach! mein armer Ivarius,“ ſprach der Greis, u, als er wieder zu Hauſe war, und während er Stock g und Hut ſorgfältig in einer Zimmerecke aufbewahrte 3 und dann ſich neben das Kamin ſetzte,„ich hatte es lit ja geſagt: es iſt auf dieſer Welt nur eine tiefe, wahre, unwandelbare Liebe, und die heißt... Mut⸗ 1; m terliebe!“ je es ch Kurzes Nachwort. Der Procurator, Magdalene und die Gräfin wur⸗ as den Tags darauf beerdigt. nz Nur Francis erſchien auf dem Friedhofe. ch Henry, wie man weiß, fürchtete, ſich noch mehr ge⸗ zu compromittiren. der Was den Grafen betrifft, ſo war die Prophe⸗ — zeiung des Arztes in Erfüllung gegangen: er hatte fſfen ſich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Als Doctor Servans dieß erfuhr, erinnerte er ————— 1 ſich an Mutter Hanne, die ebenfalls geſtorben war, weil er ihr diejenige nicht zurückgegeben, die ſie be⸗ weinte, und zog aus dieſen beiden, ihren Urſachen nach ſo verſchiedenen Todesfällen einen für die Menſchheit gar traurigen Schluß. Bald nachher erzählte der Doctor in einer Soirée, die die Baroneſſe gab, den wahren Sachverhalt in Betreff ſeiner Entdeckung. Man erfuhr nun, wie der Doctor ſchon zum Grafen geſagt hatte, daß er ein narkotiſches Mittel genommen, nachdem er Iva⸗ rius befohlen, ihn am zweiten Tage von ſeinem Schlafe wieder aufzuwecken, weil er erfahren wollte, ob von den drei großen Schmerzen, deren Zeuge er geweſen, einer ſo wahr und uneigennützig wäre, daß er noch drei Tage nach dem Tode das Leben der Perſon wünſchte, die er beweinte. Als man in der Stadt die volle Wahrheit er⸗ fuhr, konnte man ſich nicht enthalten, über die vie⸗ lerlei Erörterungen zu lachen, wozu dieſe philoſo⸗ phiſche Myſtification ſelbſt geſcheide und wiſſenſchaft⸗ lich gebildete Leute veranlaßt hatte. Was Doctor Servans betrifft, ſo büßte er von ſeinem Anſehen nichts ein; nur wurde er jetzt nicht mehr bloß als ein großer Arzt, ſondern auch als ein großer Philoſoph genannt. Henry und Francis heiratheten, und zwar der erſtere die, welche ſein Vater für ihn gewählt, der andere aber die, die er ſich ſelbſt gewählt. Noch nie— ſo hieß es im ganzen Lande— hatte man ſo luſtige Heirathen und ſo glückliche Gat⸗ ten geſehen. Im Jahre 1835 wurde der Doctor todkrank. Ivarius ließ einen Prieſter herbeiholen, zu dem Ser⸗ vans nach abgelegter Beichte ſprach: 3 „Herr Pfarrer, ich habe einſt einer armen Frau eine Hoffnung gegeben, die ich nicht habe verwirk⸗ lichen können, wobei ſie aber ein volles Vierteljahr glücklich geweſen. Wird mir dieß Gott als eine Sünde anrechnen?“ „Nein, mein Sohn,“ antwortete der Prieſter; „Sie werden im Gegentheil dafür ſeinen Segen em⸗ pfangen.“ Endlich ſtarb Servans als ein guter Chriſt, der Gott um ſo mehr liebte, je trauriger die Erfahrun⸗ gen waren, die er in der Welt gemacht. Ivarius weinte viel und lange; indeſſen war keine Phiole da, welche dem Todten das Leben wie⸗ der zu ſchenken vermocht hätte. Man ſprach von dieſer Geſchichte noch im Jahre 1843, wo ich durch das Städtchen C... kam; auch wurde ſie mir von Ivarius ſelbſt erzählt, den man eben ſo ſehr liebte wie einſt ſeinen Herrn, und der auf dreißig Stunden Weges der einzige gute Arzt war. Er hat ſogar— was ſtets ſein höchſter Ehrgeiz geweſen— ein recht ſchönes Buch über die Mediecin geſchrieben, und vielleicht könnte man, wenn man recht ſuchen wollte, es in Paris haben. Was Mutter Hannens Enkel betrifft, ſo war er natürlich groß geworden und hatte, trotzdem daß Ivarius ihm abrieth, in der Armee Dienſte genom⸗ men. Noch mehr, er diente bereits mit Auszeich⸗ nung. Wider alles Erwarten ſprach er von Doctor Servans nur mit Liebe und Hochachtung. ——-——— Sollte, trotz des ewigen Jammerns der Alten, die Welt beſſer werden? Wir glaubten es nicht, während wir dieſes Buch ſchrieben, hoffen es aber jetzt, wo es fertig vor uns liegt. In unſerem Verlage erſcheinen und find durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Sämmtliche Romane Alexander Dumas. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franzöſiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Romane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Ngr. oder 12 kr. Dieſe neue Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich in Betreff der Ausſtattung ganz an unſere Claſſiker⸗ Ausgabe von Flygare⸗Carlén’s Romanen anſchließen, und ſomit die ſchönſte und zugleich billigſte aller bis jetzt erſchienenen Ausgaben werden. 24 Wir beginnen die Sammlung mit dem unübertroffe⸗ nen Romane: Die drei Musketiere, und den dazu gehörigen zwei Fortſetzungen: Zwanzig Jahre nachher, und Der Graf von Bragelonne. 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Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des„deut⸗ ſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäftigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lectüre dieſes Buchs. Thaddäus Koseinszko. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau. 3 Bde. eleg. geh. Thlr. 1. 24 Ngr. oder 3 fl. rhein. Es iſt wohl unbeſtritten, daß der Verfaſſer dieſes Romans einer unſerer beliebteſten Schriftſteller iſt. Haben doch ſeine Romane wie ſeine wiſſenſchaftlichen Werke in ganz Deutſchland, ja ſogar in Amerika großes Aufſehen gemacht, ſowie mehrere der letzteren in verſchiedene Sprachen überſetzt wurden. Unter dieſen zeichnet ſich vor allen das oben genannte Werk aus. Nicht nur daß die Wahl des Helden eine ſehr glückliche genannt werden darf, da ſchon bei dem Namen Kosciuszko alle edleren Herzen dieſſeits und jenſeits des Oceans höher ſchlagen— es iſt dem Verfaſſer auch gelungen, die Schickſale deſſelben mit einer ſolchen Treue und doch zugleich poetiſchen Verklärung darzuſtellen, daß ſie uns bis zum letzten Momente feſſeln und zum innigſten Mitgefühle hin⸗ reißen. Stuttgart. Franckl'ſche Verlagshandlung. — ſſſſſſſiſſſſſſſſſſnmniſſtfe 14 15 16 17 —