¹ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von. Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens *7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2) Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 1 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunmime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ͦw——.„—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2„. 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———. Drei ſtarke Männer. Roman von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. Stuttgart. Frauckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Oruck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Erſtes Kapitel. Einleitung. Auf dem Wege, der von Nimes nach der Gard⸗ Brücke führt, eine Viertelſtunde, bevor man an den Gard, und mithin an die Brücke kommt, die man, beiläufig geſagt, unrichtiger Weiſe eine Brücke nennt, da ſie eine Waſſerleitung iſt, durch die nichts mehr, nicht einmal Waſſer geleitet wird, liegt ein allerlieb⸗ ſtes Dörſchen, Lafou genannt. Gehſt Du, verehrter Leſer, einmal nach dem Süden, um die Gard⸗Brücke zu ſehen, wozu ich Dir rathe, ſo halt' in dieſem Dörfchen einen Augenblick an, um dort zu frühſtücken. Es findet ſich dort nur ein einziges Wirthshaus; Du brauchſt alſo nicht erſt lange zu wählen; nichts deſto weniger aber wirſt Du ein eben ſo gutes, ja beſſeres Frühſtüͤck bekom⸗ men, als wenn mehrere Wirthe dort einander Con⸗ currenz machten. Man wird Dich in einen großen, zu ebener Erde gelegenen Saal führen, deſſen Wände mit Tapeten bedeckt ſind, allerlei merkwürdige Anſichten darſtel⸗ lend. Perſonen und Thiere haben darauf eine Back⸗ ſteinfarbe. So kannſt Du die Statue Peters des Großen zu St. Petersburg, den Weſtminſterpalaſt * zu London, die Pariſer Börſe, den porzellanenen Thurm zu Nanking, eine Tigerjagd, den Tod Capi⸗ ſ tän Cooks, und endlich das Grabmal des Kaiſers auf St. Helena ſehen. Geſchichte, Monumente, 1 Poeſie,— Alles iſt da, und Alles auf roſarothem Grund und im Schatten blauer Bäume. 5 ( Was aber beſſer, als alles dieſes, obgleich es nach meiner Meinung höchſt beluſtigend iſt, beim Anſchauen von Wänden lachen zu können, iſt das Frühſtück, das Du bekommſt, und das unfehlbar aus nachſtehenden Gerichten beſtehen wird, nämlich aus einem Schweinsfuße mit Trüffeln, einer Droſſel mit Trüffeln, Liebesäpfeln mit Eiern, oder Eiern mit Liebesäpfeln, Erdbeeren, wenn es Sommer, und einem ſogenannten Bettlerdeſſert, wenn es Winter iſt, ſowie endlich aus einer Flaſche hitzigem Wein, der den ſpaniſchen Weinen nichts nachgibt. Fragſt Du dann, was Du für dieſes Feſtmahl zu bezahlen habeſt, ſo wird man Dir antworten: drei Franken. Das heißt, Du wirſt für drei Franken in dem armſeligen Dörfchen beſſer gefrühſtückt haben, als in unſerer Seineſtadt für fünfzehn. Unglücklicher Weiſe wird in dieſem Buche nicht die Rede ſein von ſolcherlei Einzelheiten, die mir von einer Reiſe geblieben, welche ich einſt durch dieſes ſchöne Land gemacht; im Gegentheil werde ich eine überaus traurige und unglückliche Geſchichte zu erzählen haben, welche in dem genannten Dörf⸗ chen Lafou geſpielt hat. Es war an einem angenehmen Aprilabende des Jahres 1825, daß ein noch junger Reiſender denn es war derſelbe kaum einundzwanzig—, der —yy 1 2———.= ging nach dem Orte hin, den man ihm bezeichnet. in Gang und Miene einen durchaus offenen und ſanftmüthigen Menſchen verrieth, ganz allein auf dem Wege fortging, wovon wir eben geſprochen, und der von Nimes nach der Gard⸗Brücke führt. Es hatte eben ſieben Uhr geſchlagen, und es ſchritt der junge Mann, der einen ſchwarzen Ueberrock, und Beinkleider von grauer Leinwand— wahre Reiſebeinkleider— an⸗, ſowie eine Kappe von Drell aufhatte, rüſtig einher. Dabei trocknete er ſich mit ſeinem Taſchentuche fleißig das Geſicht ab; mit dem Stock aber, den er in der andern Hand hatte, ſchlug er unabläſſig Räder. Bald war dieſer junge Mann im Dörfchen an⸗ gelangt. Im Augenblicke, wo er es erreichte, ſah man ihn in der Rocktaſche etwas ſuchen, worauf eine Brieftaſche zum Vorſchein kam. Aus der Brieftaſche kam dann ein Brief hervor, den er in der Hand be⸗ hielt. Sodann ging er zu einem Bauer hin, der eben unter der Thüre eine Pfeife rauchte, und ſprach in der Mundart eines ächten Pariſers: „Könnten Sie mir wohl ſagen, mein Herr, wo Herr Raynal, der Pfarrer von Lafou, wohnt?“ „Mein Herr,“ antwortete der Bauer in ſtark ſüdländiſcher Mundart und die rechte Hand aus⸗ ſtreckend,„es iſt Herr Raynal hier eben vorüber⸗ gekommen; er kann kaum recht zu Hauſe ſein. Er wohnt in dem Häuschen, das Sie dort unten ſehen, und das ſich an die Kirche anlehnt.“ Nun dankte der junge Mann dem Bauer und Er brauchte nicht lange zu gehen, da das Dorf nur klein war. Das Haus, auf welches er zuging, und das, wie der Bauer ihm geſagt, ſich an die Kirche anlehnte, beſtand aus einem Stocke zu ebener Erde, aus einem erſten Stockwerke, und endlich aus einer Art Frucht⸗ boden. Es theilte ſich mit dem Kirchhofe in das Feld, das hinter der beſcheidenen Kirche lag. Wir brauchen wohl kaum erſt zu ſagen, daß um dieſe Stunde die Dorfkinder, wie in einem Garten, dort ſpielten. Ich finde ſolche Dörfer, wo die Kinder auf den Kirchhöfen ſpielen, allerliebſt. Es behält ſo der Tod etwas vom Leben, und ſtört der Lärm, den die Klei⸗ nen machen, den Schlaf derer, die heimgegangen, ſo muß dieſes kurze Erwachen, das durch unſchuldige und friſche Stimmen herbeigeführt worden, den Todten ſelbſt angenehm ſein, indem es ihnen die ſüßeſten Jahre der Zeit, die ſie hienieden gelebt, in's Gedächt⸗ niß zurückruft. Unſer Reiſender zog vor dem Kirchhofe ehrerbie⸗ tig die Mütze ab, ſtieg raſch die beiden Stufen hinan, weelche vor der grauen Thür des Häuschens lagen, hob den Klopfer, der die Mitte der Thüre zierte, in die Höhe und ließ ihn dann zurückfallen. Es erſchien eine alte Frau. „Wohnt hier wohl Herr Raynal?“ fragte der junge Mann. „Ja, mein Herr,“ antwortete die Alte. „Kann ich ihn ſprechen?“ „Ja. Nun ſchloß die Magd die Thüre wieder und ——— d — führte den Beſuchenden in ein zu ebener Erde gele⸗ genes Zimmer, welches dem Prieſter gewöhnlich als Speiſezimmer diente. Da ſaß an einem Tiſche, worauf ein ſehr fru⸗ gales Mahl ſervirt war, Herr Raynal, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, deſſen ruhiger Blick der Rechtſchaffenheit viel verrieth. Er verzehrte eben ſein Diner, und es beſtand dieſes aus einem Eier⸗ kuchen und einem Hühnerflügel. Die alte Haushälterin des Pfarrers, Antonette, ſtand vor dem Fenſter, bereit, ihren Herrn zu be⸗ dienen, wenn er etwas bedurfte. Sie hatte ein Kleid von gelber Leinwand an, worauf viele röth⸗ liche Blumen zu ſehen waren; ihren Kopf bedeckte eine gewaltige Flügelhaube. In dem Augenblicke, wo der Reiſende angeläutet hatte, beſſerte ſie ein Stück Wäſche aus. Seit den zwanzig Jahren, daß ſie bei Herrn Raynal war, hatte ſie die Gewohnheit gehabt, wäh⸗ rend ſeines Eſſens in ſeiner Nähe zu arbeiten. So wurde keine Zeit verloren; und dann plauderte ſie auch mit dem Pfarrer über all' die Dinge, die zwi⸗ ſchen einem wackeren Prieſter und einer wackeren Frau etwa beſprochen werden können. 3 Der junge Mann grüßte bei ſeinem Eintreten den Pfarrer, der ſich von ſeinem Sitze erhob, um ihn zu empfangen. Der Jüngling aber, den Anto⸗ nette eingeführt, gab Herrn Raynal ein Zeichen, daß er ſich doch wieder ſetzen möchte, und ſprach zu⸗ gleich, indem er ihm den Brief überreichte, den er immer noch in der Hand hielt: 10 „Dieſes Schreiben habe ich Ihnen zu übergeben, Herr Pfarrer.“ Und in demſelben Augenblicke hefteten ſich die Augen des jungen Mannes mit einer Chrerbietung, worein ſich augenſcheinlich ein bischen Furcht miſchte, auf das Geſicht des Prieſters, der eben den Brief aus ſeinem Couvert herausgezogen hatte. „Nehmen Sie Platz, mein Herr,“ ſprach Herr Raynal, noch ehe er zu leſen anfing. Kaum aber hatte er die erſten Worte dieſes Miſſives geleſen, ſo ſchaute er den, aus deſſen Händen er es erhalten, an, und ſprach bewegt: „Es iſt dieſer Brief alſo von meinem Bruder?“ „Ja, Herr Oheim.“ „Sie ſind alſo... „Johann Raynal, Sohn Ihres Bruders und Ihr Neffe.“ „Laß Dich von mir umarmen, lieber Junge,“ antwortete der Prieſter, aufſtehend und ſeinen Neffen mit den Armen umſchließend. Die alte Frau, welche Zeuge dieſer Scene war und ſeit zwanzig Jahren alle Menſchen geſehen, die ihren Herrn beſucht hatten, ſchaute erſtaunt dieſen großen jungen Mann an, den ſie noch nie geſehen, und der von dem Pfarrer Neffe genannt wurde. „Es hat alſo der Herr Pfarrer einen Bruder?“ fragte ſie, ſich in vertraulichem Tone an den Pfarrer wendend. „Ja, gute Antonette. „Der Herr Pfarrer hatte mir doch aber nie da⸗ von geſagt.“ Es erklärt ſich dieß daraus, daß mein Oheim 47 147 . 2 11 glaubt, er habe meinem Vater etwas vorzuwerfen,“ ſprach Johann;„und da mein Oheim ein frommer Mann, ſo ſagte er lieber gar nichts, als daß er ſich über ſeinen Bruder beklagt hätte. Nicht wahr, ſo iſt es, Herr Oheim?“ „Welch' hübſcher Junge Du biſt! Ich kann Dir kaum ſagen, wie ſehr es mich freut, Dich zu ſehen! Komm', umarm' und küß mich noch ein Mal. Wie geht es Deinem Vater? was iſt aus ihm geworden? wo iſt er? was thut er? Antworte mir geſchwind auf alles das, Herzensjunge. Oh! es mußte mir heute noch etwas Glückliches begegnen, da mir ſeit heute Morgen Alles gelungen und nach Wunſch ge⸗ gangen iſt.“ „Leſen Sie immerhin dieſen Brief, lieber Oheim; es wird Ihnen derſelbe, ohne Zweifel wohl beſſer als ich ſelbſt, Alles ſagen, was Sie zu wiſſen wünſchen.“ „Ah! der Herr Pfarrer hatte einen Bruder,“ ſprach Antonette, ſich wieder an die Arbeit machend, den Kopf zurückwerfend und, über ihre Brille weg, aus einer gewiſſen Entfernung die Serviette anſe⸗ hend, die ſie eben flickte. „Du haſt Recht,“ verſetzte Herr Raynal. „Und den Brief, den er auf den Tiſch gelegt, wieder nehmend, las er mit lauter Stimme: „Mein lieber Valentin! „Mein Sohn Ichann iſt eben einundzwanzig geworden. Es iſt dieß die Zeit, auf die ich gewartet hatte, um ihn mit Dir bekannt zu machen; denn ich zählte auf ihn, um unſere Wiederausſöhnung zu be⸗ wirken. Er ſollte deßhalb ein Alter erreicht haben, wo man Alles ſagen, wo man Alles begreifen kann; er ſollte mit einem Worte eine lebende Entſchuldi⸗ gung des Unrechts ſein, deſſen ich mich einſt gegen unſern Vater ſchuldig gemacht. „Er iſt ein guter, wackerer junger Menſch, der, da er recht verſtändig und durchaus ehrlich iſt, in dem Lyoner Handelshauſe, wohin ich ihn ſchige, hoffentlich mit Ehren beſtehen und vorwärts ehn wird. Was mich betrifft, mein lieber Valentin, ſo iſt mir über mein Erwarten Alles gelungen, und nur unſere Trennung allein hat über mein Leben einen Schleier der Traurigkeit gebreitet. Indeſſen hoffte ich, daß einſt ein Tag kommen würde, wo ich Deine Verzeihung erhielte, und nun bleibt mir in dieſer Beziehung kein Zweifel mehr. Es wird Jo⸗ hann mich alsbald von dem Reſultate ſeines Beſu⸗ ches benachrichtigen, und ehe noch zwei bis drei Mo⸗ nate um ſind, denke ich, Dich in meine Arme ſchließen und Dir ſelbſt mündlich ſagen zu können, wie ſehr ich Dich immer noch liebe. „Dein Bruder, „Oneſimus Raynal.“ „Und ſonſt hat mein Vater nichts geſchrieben?“ fragte Johann. „Sonſt nichts,“ antwortete der Pfarrer, indem er ſeinem Neffen den Brief hingab. „Dann hat er mir Gelegenheit geben wollen, Ihnen recht Vieles zu erzählen, lieber Oheim, Ihnen aber, mir recht Vieles mitzutheilen.“ „So ſprich, lieber Junge: ich höre.“ — 2 13 „Möchten Sie mir wohl ſagen, Oheim, warum mein Vater und Sie mit einander uneins geworden?“ „So höre, lieber Johann. Es ſagt mir Oneſimus, Du könneſt Alles begreifen; ich will Dir darum nichts verheimlichen. „Es ſind nun zweiundzwanzig Jahre, daß unſer Vater in Folge unglücklicher Geſchäfte gänzlich rui⸗ nirt ward. Bald darauf zeigte ſich aber meinem Bruder Oneſimus eine Gelegenheit, wenn auch nicht unſerem Vater das frühere Vermögen zurück⸗, ſo doch demſelben die Mittel an die Hand zu geben, ſich ein ſolches wieder zu erwerben. Dieſe Gelegen⸗ heit war ein reiches Mädchen, das mein Bruder heirathen konnte. Es hatte daſſelbe zweimalhundert⸗ tauſend Franken im Vermögen. Unglücklicher Weiſe war Oneſimus in eine Andere verliebt, und all' unſer guter Rath ſcheiterte an ſeiner Liebe. Er wollte nun einmal um jeden Preis die Geliebte ſeines Herzens heirathen, obgleich dieſelbe eben ſo wenig beſaß als er ſelbſt. „Ich mußte unſerem Vater ſchwören, daß ich meinen Bruder nie wieder ſehen wolle, und dann jagte er dieſen aus dem Hauſe. Ich ſchwor zu thun, was mein Vater verlangte, trotzdem daß der Beruf, zu dem ich mich beſtimmte, mich hätte von einem ſolchen Schwure zurückhalten ſollen. „In der That, ich ſtudirte ſchon damals, um Geiſtlicher zu werden, und ein Jahr nach Oneſimus' Heirath, die wir durch ein Schreiben erfuhren, worin er um die Einwilligung meines Vaters nachſuchte, war ich Prieſter. „Mein Vater blieb bei mir, lebte noch ſechs Jahre 14 und ging heim zu Gott, ohne daß er ſeinem Sohne hatte verzeihen wollen, trotzdem daß ich Alles that, um dieſe Verzeihung von ihm auszuwirken. Wohin Oneſimus gegangen, was aus ihm geworden: das erfuhr ich nie; vergebens waren alle meine Nach⸗ forſchungen, und trotz meines Schwures bewahrte ich ihm im Grunde meines Herzens die Liebe, die ich ihm als Bruder, und die Verzeihung, die ich ihm als Chriſt ſchuldig war. „Es verging faſt kein Tag, daß ich nicht zu Gott betete, er möchte mich doch wiſſen laſſen, was aus meinem Bruder geworden, und möchte ihm auf jeden Fall das Glück ſchenken, das ich ihm wünſchte. Nun weiß ich, warum mein Bruder ſo beharrlich ſchwieg; und habe ich ihm noch etwas vorzuwerfen, ſo iſt es das, daß er ſo lange geglaubt, ich könne ihm noch böſe ſein, und daß er es ſo lange hat anſtehen laſ⸗ ſen, bis er Dich zu mir geſchickt.’ „Und nun, lieber Johann, iſt es an Dir, mir zu ſagen, was mein Bruder ſeit jener Zeit gethan, und was er jetzt thut.“ „Es hat mein Vater mir die Urſache Curer Tren⸗ nung ſtets verborgen,“ verſetzte Johann,„wohl weil er fürchtete, es möchte die Achtung, die ich für meine Mut⸗ ter haben müſſe, wider meinen Willen darunter leiden. „Gleichwohl hörte ich von Zeit zu Zeit von einem Bruder ſprechen, von dem er, ich weiß nicht, durch wen, gehört. Er ſprach immer und ewig von dieſem Bruder, nicht allein mit Liebe, ſondern auch voller Bewunderung, und wie man von einem rechtſchaffe⸗ nen, frommen Manne ſprechen ſoll. „Ich erinnere mich noch— denn ſolche Dinge ——— 15 prägen ſich dem Geiſte der Kinder tief ein—, daß wir, meine Mutter und ich, in den erſten Jahren harte Zeiten hatten. „Mein Vater war oft auf Reiſen. Er war Com⸗ mis in einem Handelshauſe und verdiente nur ſehr wenig, ſo daß wir faſt immer in Sorgen leben muß⸗ ten. Meine Mutter aber, eine brave, edle Frau, arbeitete Tag und Nacht und ſorgte für mich, wie man gewiß für keinen Prinzen ſorgt. Sie aß nur trockenes Brod; mir aber gab ſie immer gute Nah⸗ rung und ſchöne Kleider. Ich wurde von ihr und meinem Vater angebetet. Ich war ihr Troſt, ihre Hoffnung, ihre moraliſche Stütze; ohne mich wäre ſie vielleicht der Wucht ihres Unglücks erlegen.“ „Armer Bruder!“ ſprach Herr Raynal bewegt. „Doch fahr fort, fahr fort, Johann; denn ich möchte Dich recht bald bei dem Augenblicke ankommen ſehen, wo Gott ihm für ſo viele Prüfungen gelohnt hat.“ „Ja, lieber Oheim. „Es führte ſich mein Vater ſo gut auf, es flößte derſelbe dem Hauſe, für das er reiste, ſo viel Ver⸗ trauen ein, daß man ihn, anſtatt ihn wie einen ein⸗ fachen Commis zu behandeln, bei dem Geſchäfte be⸗ theiligte. So gelang es ihm ſchon nach ein paar Jahren, ſich eine ziemlich hübſche Summe zu erſpa⸗ ren. Nun gab ihm ſein Principal den Rath, ſich in der Provinz zu etabliren. Nicht zufrieden damit, fügte derſelbe ſeinem Rathe zehntauſend Franken bei, die er meinem Vater lieh. Und ſo etablirte ſich die⸗ ſer in einem Städtchen, wo er ſich einen Laden mie⸗ thete und wo er zugleich mit dem Hauſe, dem er Alles verdankte, in Geſchäftsverbindung blieb. 16 „Kurz und gut, es kam der Himmel uns zu Hülfe und es proſperirte unſer Geſchäft. Mein Vater ſammelte ſich allmählig ein kleines Vermögen, und ſo kam ich in ein Collegium, wo ich ſo viel lernte, daß ich, wenn es mir beliebte, jede. Laufbahn betreten konnte; ich war aber ſo abergläubiſch, daß ich glaubte, ich müſſe den Beruf wählen, dem mein Vater verdankte, was er war, und müſſe in dem Hauſe dienen, das ihn protegirt. „So bin ich denn jetzt Reiſender für das Haus Rouſſel und Compagnie, und als ich vor vierzehn Tagen mich reiſefertig gemacht, da hat mein Vater mich bei Seite genommen und zu mir geſagt, das Erſte, was ich thun müſſe, nachdem ich die Aufträge des Lyoner Hauſes entgegengenommen, an das ich adreſſirt war, ſei, daß ich im Dorfe Lafou, bei Ni⸗ mes, nach dem Pfarrer Raynal frage, daß ich dem⸗ ſelben einen Brief zuſtelle— einen Brief, deſſen Inhalt ich nicht kannte—, daß ich ihn ohne Weite⸗ res Oheim titulire und ihm Alles ſage, was ich Ihnen eben mitgetheilt.“ „Da ſiehſt Du, mein Junge, wie Gott ſeine Ge⸗ ſchöpfe nie ganz verläßt, und wie Fleiß und gutes Betragen früher oder ſpäter ihren Lohn finden. An⸗ tonette, richten Sie das Zimmer zu ebener Erde her, ich meine das, welches unter dem meinigen liegt; denn es wird Johann ohne Zweifel einige Tage bei uns bleiben. Ich will, daß er dieſes Zimmer be⸗ wohne. Und dann vergeſſen Sie nicht, uns eine gute Flaſche Wein ſammt einigem Backwerk zu bringen.“ Antonette verließ das Speiſezimmer⸗ 17 „Ich danke Ihnen verbindlichſt, lieber Oheim,“ entgegnete Johann,„aber ich muß ſchon morgen, ja ſchon heute Nacht mich wieder auf den Weg machen, da ich ſchon in aller Frühe zu Nimes ſein muß, wo ich Gelder einzukaſſiren habe, ehe ich nach Mont⸗ pellier abreiſe. Ich bin zu Fuß von Nimes hierher gekommen, und werde wohl auch zu Fuß dahin zu⸗ rückkehren müſſen. Es iſt dieß aber kein kleiner Weg.“ „Du ſollſt reiten.“ „Wie das?“ „Ich habe ein Pferdchen, auf dem ich, wenn ich in der Umgegend zu thun habe, auszureiten pflege. Nur mußt Du mir das Thierchen nicht mißhandeln. Es macht es ſich gerne bequem und liebt es, im Schritte zu gehen, das arme Thier; denn ich bin, wie Du Dir wohl ſelbſt denkſt, kein gar guter Rei⸗ ter. Ich will es Dir leihen, nicht damit Du ge⸗ ſchwind vom Flecke kommſt, ſondern damit Du nicht müde wirſt.“ „Was ſoll ich aber mit dem Pferde anfangen, wenn ich einmal zu Nimes bin?“ „Du weißt die Amphitheater⸗Straße?“ „Ja.“ „Wohlan! in der genannten Straße wohnt ein Bäcker, Namens Simon. Du gibſt ihm das Pferd, und dann wird er mir es morgen oder übermorgen wieder ſchicken. Es iſt ihm das ſchon oft vorge⸗ kommen.“ „Ganz wohl.“ „Sieh“,“ fuhr der Pfarrer fort, indem er auf⸗ ſtand und die Hand nach dem offenen Fenſter hin Dumas d. J, drei ſtarke Männer. 2 ausſtreckte,„Du gehſt durch das Höfſchen und ſchlie⸗ ßeſt die Thüre auf, die Du dort zur Linken ſiehſt. Dort ſteht Coquet. Es heißt das Pferd Coquet; indeſſen muß ich Dir alsbald ſagen, daß man es aus purer Galanterie ſo nennt, indem es lediglich kein Recht auf einen ſolchen Namen hat. Du ſattelſt das Thier, zäumſt es auf, ſetzeſt Dich hinauf und reiteſt zu dem andern Thore hinaus, das auf das Feld hinausführt. So wirſt Du Niemand aufwecken; deun Antonette und ich, wir ſchlafen bis ſieben Uhr Morgens. „Und nun wir dieß abgemacht, mußt Du mich noch ein Mal küſſen, lieber Junge; denn ich kann Dir nicht ſagen, wie ſehr es mich freut, Dich zu ſehen. Dann wollen wir noch mehr von Deinem Vater, Deiner Mutter und Dir ſelbſt ſprechen.“ Johann küßte abermals ſeinen Oheim, worauf man wieder von der Familie ſprach. Bald erſchien Antonette wieder unter der Thüre mit der Flaſche und dem Backwerk. „Ei! Du bleibſt dieß Mal nur ein paar Stun⸗ den hier, wirſt aber hoffentlich bald wieder kommen, um etliche Tage da zu bleiben,“ ſprach Herr Raynal, ſich ſetzend und ſeinen Neffen neben ſich niederſitzen laſſend.„Auch Deine Eltern müſſen recht bald kom⸗ men; denn es wird ihnen leichter ſein, ihren Laden u verlaſſen, als es mir ſein wird, von meinen Schafen wegzukommen. Was würde aus meiner Heerde, wenn ſie ohne einen Hirten ſein müßte?“ „Sie müſſen hier recht beliebt ſein, lieber Oheim?“ 1 „Ei, freilich iſt der Herr Pfarrer beliebt,“ ant⸗ Herr ken beken den wir ſei zwar groß laſſer 1 aber ohne hund ſelbe 1 1 Tage des einge ken, lie⸗ hſt. iet; aus kein das iteſt Feld ken; ben mich kann nem drauf hüre Stun⸗ men, ynal, eſitzen kom⸗ Laden keinen neiner e?“ lieber ant⸗ 19 wortete Antonette, zwei Gläſer auf den Tiſch ſtel⸗ lend.„Auch iſt das kein Wunder, da er ſo ſeelen⸗ gut iſt. Würden Sie wohl glauben, daß er nun ſchon ſeit acht Tagen in der ganzen Umgegend für die Armen ſammelt, und daß er baare und noch da⸗ zu nagelneue zwölfhundert Franken mitgebracht hat, die dort in einem Sacke liegen?“ „Zwölfhundert Franken!“ ſprach Johann.„Ah! das iſt ſeltſam.“ „Was iſt daran Seltſames, mein Junge?“ fragte Herr Raynal. „Verſprechen Sie mir, daß Sie mich nicht zan⸗ ken wollen, lieber Oheim, ſo will ich Ihnen etwas bekennen.“ „Wiel ich ſollte Dich jetzt zanken, nach dem Briefe, den Dein Vater an mich geſchrieben,— jetzt, wo wir uns zum erſten Male ſehen! Sprich, ſprich, und ſei ganz ruhig: ich werde Dich nicht zanken, und zwar um ſo weniger, als Du Dir wohl keine gar proßen, Fehler wirſt haben zu Schulden kommen aſſen. „Doch, doch, lieber Oheim, es iſt ein Fehler, ja; aber ich muß alsbald hinzuſetzen, daß ich ihn, faſt ohne es zu wollen, begangen habe. Dieſe zwölf⸗ hundert Franken mahnen mich, daß ich Ihnen den⸗ ſelben bekennen muß.“ „Nun, was iſt es denn?“ „Denken Sie nur, lieber Oheim, an dem Tage, als ich in Lyon ankam, haben die Commis des Hauſes, in das ich treten ſollte, mich zum Eſſen eingeladen. Da haben ſie meine Geſundheit getrun⸗ ken, und ich, wie billig, die ihrige. Um nun die 20 Geſundheit eines Jeden zu trinken, wie Jeder die meinige getrunken hatte, habe ich allein ſo viel Glä⸗ ſer Wein trinken müſſen, als ſie zuſammen getrunken hatten. Und ſo war ich denn nach dem Eſſen ein bischen aufgeräumt.“. „Es iſt das keine ſo große Sünde.“ „Darin liegt ſie nicht, lieber Oheim. Nach dem Eſſen ſind wir ausgegangen, und nun haben dieſe Herren mich in ein Spielhaus geführt.“ „In ein Spielhaus!“ machte der Pfarrer, die Hände traurig faltend. „Ja, lieber Oheim, aber nur, um mir zu zeigen, wie man ſpiele, und ohne alle und jede Abſicht, ſelbſt zu ſpielen oder mich zum Spielen zu verleiten. Nun fügte es ſich, daß ein in ſolchen Dingen furchtſamer Herr, der auf Roth einen Fünffrankenthaler geſetzt hatte, ſein Geld wieder wegnehmen wollte, noch ehe man die Karten umſchlug. Dem Spielgehülfen— ich kenne nun alle dieſe Namen,“ ſetzte Johann lä⸗ chelnd hinzu,—„gefiel ſolches nicht: er ſagte, das Geld, das einmal ſitze, müſſe ſitzen bleiben, ſo daß der Herr, der es geſetzt, es nicht wieder bekommen konnte. Der arme Mann ſchien darüber ſo troſtlos, daß er mich dauerte. Und ſo gab ich ihm denn fünf Franken und ſprach dabei: „„Mein Herr, wenn Sie es erlauben, ſo ſteh ich für Sie ein.““ „Ihm war dieß recht. Was ich that, geſchah— ich ſchwöre es Ihnen, lieber Oheim— mehr in der Abſicht, dem wackeren Manne, der vielleicht nur die⸗ ſes Fünffrankenſtück beſaß, wieder zu ſeinem Gelde zu verhelfen, als um ſelbſt das Glück zu verſuchen.“ — 21 die„Und Du verloreſt?“ fragte der Pfarrer, der Glä⸗ nun glaubte, es liege darin der von ſeinem Neffen nken begangene Fehler.. 4 1 1 twein„Ganz und gar nicht: ich gewann im Gegentheil. Nun ließ ich die zehn Franken ſitzen und gewann abermals. Ich wollte das Glück bis an's Ende ver⸗ dem ſuchen und fuhr alſo fort zu ſpielen. Wiſſen Sie dieſe nun, wie viel ich gewann, lieber Oheim?“ „Nein.“ die„Rathen Sie einmal.“ 4„Vielleicht fünfzig Franken?“ igen„Zwölfhundert, lieber Oheim, zwölfhundert!“ ſelbſt„Zwölfhundert Franken! iſt das möglich?“ fragte Nun Herr Raynal erſtaunt. ſamer„Als ich ſo viel Geld vor mir liegen ſah, ver⸗ geſetzt ließ mich der Muth. Aus Furcht, es wieder zu ver⸗ ehe lieren, nahm ich zwei Bankbillets von je fünfhun⸗ A. dert Franken und zehn Napoleonsd'or; ich that wohl nn la⸗ daran, da nun gleich darauf Schwarz gewann. Das das iſt der Fehler, den ich mir habe zu Schulden kommen o daß laſſen, lieber Oheim, und haben Sie nichts dagegen, unmen ſo will ich denſelben wieder gut machen dadurch, daß vſtlos, ich Ihren Ortsarmen die gewonnenen zwölfhundert fünf Franken ſchenke.“ „Nein, beſter Junge, behalte ſie nur, ſuch' ſie ſteh aber gut anzuwenden und vergiß nie, daß das Spiel die gefährlichſte aller Leidenſchaften, ſowie daß ein 45— Spieler der gefährlichſte aller Menſchen iſt.“. in der„wölfhundert Franken in zehn Minuten!“ rief dr dies Antonette, welche dieſe Erzählung mit geſpitzten Gelde Ohren, ja ſelbſt mit den Augen angehört hatte. ichen.“„Wenn man bedenkt, daß es Leute gibt, die in zehn 22 Minuten zwölfhundert Franken gewinnen können, während man dem Herrn Pfarrer, der der frömmſte Mann auf Erden iſt, jährlich nur zwölfhundert Fran⸗ ken gibt, und ich ſelbſt acht Jahre lang dienen mußte, um ſo viel zu verdienen!“. „Du hörſt, lieber Junge, was Antonette ſagt,“ verſetzte Herr Raynal.„Ich brauche wohl nichts weiter beizufügen.“ Nun brachen Johann und ſein Onkel, die unter⸗ deſſen mit dem Eſſen fertig geworden waren, eine Flaſche feinen Wein an. Jeder trank ein gutes Glas voll und aß ein paar Biscuits dazu. Antonette war jetzt weggegangen, um das für den Neffen des Herrn Pfarrers beſtimmte Zimmer herzurichten. Darauf war ſie wieder erſchienen mit den Worten: „Ei, Herr Pfarrer, das Zimmer hätte gar ſehr etliche Reparaturen nöthig.“ „Warum?“ „Wie, warum? Sie haben alſo die Decke noch nicht angeſchaut?“ „Nein.“ „Die iſt in einem ſchönen Zuſtande!“ „Was fehlt daran?“ „Sie iſt zwiſchen den Balken ganz riſſig und ſo dünn wie Papier, ſo daß ſie, wenn Sie ſich nicht recht in Acht nehmen, eines ſchönen Tages herunter⸗ fällt und Sie ſammt Ihrem Bette nachfolgen, da Ihr Zimmer gerade darüber liegt.“ „Schon recht, Antonette. Wir wollen das her⸗ richten laſſen, und kommt dann Johann wieder ein⸗ und ſich Nef ſern etw kön führ nen, mſte ran⸗ ußte, igt,“ ichts nter⸗ eine Glas 3 für nmer mit ſehr noch nd ſo nicht unter⸗ 1, da her⸗ r ein⸗ 23 mal zu uns, ſo wird er ein prächtiges und ſeiner würdiges Zimmer finden.“ Darauf trat Johann mit ſeinem Oheim in den kleinen Salon des Pfarrhauſes; denn um dieſe Stunde pflegten die paar Freunde Herrn Raynals ſich ein⸗ zufinden. Und wirklich erſchienen ſie auch bald. Sofort erzählte der Geiſtliche ihnen, wie groß ſeine Freude geweſen, daß er ſeinen Neffen kennen gelernt, warum er ſich mit ſeinem Bruder entzweit, und noch vieles Andere, was dem jungen Manne und deſſen Vater nur Ehre machte. Gegen zehn Uhr ging man aus einander, um ſich ſchlafen zu legen. Herr Raynal führte ſeinen Neffen ſelbſt auf ſein Zimmer, um ſich zu vergewiſ⸗ ſern, daß es ihm an nichts mangle, und um noch etwas länger bei dem jungen Manne bleiben zu können, zu dem er ſich ſchon lebhaft hingezogen fühlte. „Ich bin todmüde,“ ſprach Johann zu ſeinem Oheim:„wie ſoll ich es machen, um ſchon um vier Uhr wieder wach zu ſein?“ „Für's Erſte,“ antwortete Herr Raynal,„haſt Du in Deinem Zimmer eine Uhr, eine Kuckucksuhr, die Dich genau zu der Stunde, worauf Du ſie im Augenblicke des Zubettegehens richteſt, wecken wird. Dann iſt morgen auch Markttag; ſei darum ohne Sorge, Du wirſt ſchon von drei Uhr an ſo viel Lärm hören, daß Du gewiß nicht bis vier Uhr ſchla⸗ fen kannſt.“ „Nun, ſo wünſche ich Ihnen eine gute Nacht, lieber Oheim; vergeſſen Sie nicht, an meinen Vater ———— 24 zu ſchreiben: er wartet mit größter Ungeduld auf Ihren Brief.“ „Ich will ihm ſchreiben, noch ehe ich zu Bette gehe, und morgen kommt mein Brief auf die Poſt. Gute Nacht, lieber Junge, gute Nacht!“ Und nun küßten Oheim und Neffe ſich noch ein Mal, worauf Herr Raynal ſich zurückzog mit den Worten: „Vergiß nicht, daß Du Coquet in der Amphi⸗ theaterſtraße bei Bäckermeiſter Simon abgibſt und Herrn Simon zugleich bitteſt, das Thier mir mit der nächſten Gelegenheit zurückzuſchicken.“ „Es ſoll geſchehen, wie Sie geſagt, mein lieber Oheim.“ Johann war nun allein, und da er, wie er ſei⸗ nem Oheim ſelbſt geſagt, todmüde war, ſo legte er ſich alsbald zu Bette und ſchlief bald tief. Herr Raynal hatte ihm die Wahrheit geſagt. Schon um drei Uhr ward Johann durch das Geſchrei der Händler und hauptſächlich der Händ⸗ lerinnen aufgeweckt, die auf den Markt kamen, und hätte er auch wieder einſchlafen wollen, ſo wäre ihm doch ſolches unmöglich geweſen. Er ſtand daher mit halb offenen Augen und noch etwas ſchwerem Kopfe auf und ging in den ihm bezeichneten Stall, um Coquet zu ſatteln und aufzuzäumen. Nachdem er dieß möglichſt ſtill gethan, führte er das Pferd zum Hauſe hinaus, ſetzte ſich darauf und ſchlug den nach Nimes führenden Weg ein. Coquet hatte jenen Schritt, den Pferde von Land⸗ geiſtlichen zu haben pflegen, ſo daß Johann, nach⸗ dem er ſich in den Steigbügeln feſtgeſetzt, die Zügel auf hette Coſt. ein den phi⸗ und der ieber ſei⸗ te er ſt. das händ⸗ und e ihm r mit Kopfe „ um em er d zum nach Land⸗ nach⸗ Zügel 25 nur in die Hände nahm, um ſich nichts vorzuwerfen zu haben, und die Augen ſchloß. Schon nach wenigen Augenblicken ſchlief er tief, und gleich als ob das kluge Thier, worauf er ſaß, geahnt hätte, daß ſein Reiter es nicht mehr lenken könne, vermied es Alles, was Johann hätte auf⸗ wecken können, und ging einen Schritt, der den Schlaf des Reiſenden angenehm wiegte. Etwa eine halbe Stunde aber, bevor Johann zu NRimes ankam, fand ein ſpaſſiger Fuhrmann, der mit ſeinem Wagen Coquet entgegen kam, es drollig, dem Pferde des behaglich ſchlafenden Reiters einen Peit⸗ ſchenhieb zukommen zu laſſen, worauf das arme Thier ſich eines Anflugs von Furcht nicht erwehren konnte und ein bischen auf die Seite ſprang. Johann verlor das Gleichgewicht und wachte in dem Augenblick auf, wo er Coquet in einen Graben hineinzuziehen im Begriffe war. Er hatte indeſſen noch Zeit, ſich an der Mähne des Thieres zu halten und ſich wieder in ſeinem Sattel zu befeſtigen, wäh⸗ rend der über ſeinen Spaß ganz entzückte Fuhrmann laut lachend davon fuhr. Johann war froh, daß er geſchlafen hatte und nun wieder aufgewacht war. Er rieb ſich die Augen aus, athmete mit Wolluſt die reine, friſche Morgen⸗ luft ein, ſchaute auf ſeine Uhr und wurde gewahr, daß Coquet ſeinen Schlaf benützt, um ebenfalls zu ſchlafen,— ein Umſtand, wodurch er ein bischen Zeit verloren hatte. Um dieſen Verluſt wieder einzubringen, ſuchte er ſein Thier in einen kleinen Trab zu ſetzen. Coquet war Anfangs nicht wenig erſtaunt, daß 26 man etwas ſo Ungewohntes von ihm verlangte, faßte ſich aber, da es nicht anders zu machen war, ein Herz und betrat trabend die hiſtoriſche Stadt. Johann brauchte ihn nicht nach der Amphitheater⸗ Straße zu führen. Coquet wußte ſchon, wohin es ging, und ſo führte denn das Thier den jungen Mann kerzengerade zu dem Bäckermeiſter Simon. Der ehrenwerthe Nimer Bürger ſtand eben unter der Thüre und erkannte das Pferd, nicht aber den Reiter. „Herr Simon,“ hob Johann an, indem er noch näher zu ihm hinritt,„ich bin ein Neffe Herrn Ray⸗ nals, der mir Coquet geliehen, damit ich bequemer nach Nimes kommen möchte, und zugleich geſagt hat, daß ich das Thier bei Ihnen einſtellen könne, indem Sie ſo gefällig ſein würden, es ihm zurückzuſchicken.“ „So, Sie ſind alſo ein Neffe von Herrn Ray⸗ nal?“ machte der Bäcker. „Ja, mein Herr.“ „Da haben Sie einen recht würdigen Oheim.“ „Ich weiß es, und es freut mich unendlich, daß Jedermann ihn liebt und achtet, wie ich ſelbſt ihn achte und liebe.“ 3 „In der That,“ verſetzte Herr Simon,„Sie kön⸗ nen das Pferd hier ſtehen laſſen; wir werden es morgen durch einen unſerer Geſellen, der zu Lafou gerade zu thun hat, ſeinem Herrn wieder zuſenden.“ Nun ſtieg Johann ab, Herr Simon aber rief, nach dem Hintertheile ſeines Ladens ſich hinwen⸗ dend: Franz!“ 11. „Herr!“ antwortete ein großer, magerer Burſche, 27 der in dem altherkömmlichen Anzuge der Bäckerge⸗ ſellen ſtak. „Führ' mir das Thier da in den Stall!“ „Ja, Herr.“ Franz nahm das Thier, das Johann mit der Hand ſtreichelte, gleich als wolle er ihm für den ge⸗ leiſteten Dienſt danken, beim Zügel und verſchwand damit in einem kleinen Gange, der neben dem Hauſe hinlief. „Und es befindet ſich Herr Raynal wohl?“ fragte der ehrſame Bäckermeiſter. „Vortrefflich.“ „Wollen Sie nicht hereintreten und mit uns frühſtücken oder ſonſt etwas zu ſich nehmen?“ fragte der Bäckermeiſter mit wahrhaft provengaliſcher Herz⸗ lichkeit weiter.„Ein Neffe von Herrn Raynal iſt uns eben ſo lieb wie Herr Raynal ſelbſt.“ „Sie ſind allzu gütig, mein Herr, aber ich muß ſchon um zehn Uhr mit dem Beaucairer Wagen wie⸗ der wegfahren und vorher noch einen Ausgang machen, ſowie endlich aus meinem Gaſthauſe meinen Koffer holen. Zu allem dem habe ich jedoch nur eine halbe Stunde. Dennoch bin ich Ihnen für Ihre Aufmerkſamkeit ſehr verbunden,“ endigte Jo⸗ hann, Herrn Simon die Hand bietend,„und komme ich wieder nach Nimes, ſo werde ich ſo frei ſein, mich bei Ihnen einzufinden, um Ihnen wiederholt zu danken.“ „Dann aber werden Sie doch wohl meine Ein⸗ ladung annehmen?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Glückliche Reiſe, mein Herr!“ 28 Johann nahm nun von Herrn Simon Abſchied und entfernte ſich. Der Bäckermeiſter aber blieb noch unter ſeiner Thüre, um die Leute vorüber gehen zu ſehen und ſeinen Bekannten einen guten Morgen wünſchen zu können. Es mochte Johann ihn ſeit etwa einer Viertel⸗ ſtunde verlaſſen haben, da ſah der Bäckermeiſter zwei Gendarmen herangaloppiren und gerade vor ſeinem Laden halten. „Wie lange ſtehen Sie ſchon ſo unter der Thüre?“ fragte einer der zwei Gendarmen. „Seit etwa einer halben Stunde,“ antwortete der ehrſame Bäckermeiſter, der ſich nicht denken konnte, warum zwei Gendarmen ihre Pferde in Galopp geſetzt, um dieſe Frage an ihn zu ſtellen. „Sagen Sie einmal, haben Sie keinen jungen Menſchen auf einem kleinen Pferde hier durchkom⸗ men ſehen?“ „Wie ſieht das Pferd aus?“ „Es iſt ein Schimmel.“ „Und wie ſoll der junge Menſch heißen?“ Hier befragte der Gendarm ein Papier. Johann Raynal,“ antwortete er endlich. „Johann Raynal?“ verſetzte der Bäcker.„Es ſind noch keine zehn Minuten, daß ich mit ihm ge⸗ ſprochen.“ „Er iſt alſo zu Ihnen gekommen?“ „Was hat er bei Ihnen gethan?“ „Er hat ſein Pferd bei mir eingeſtellt,— ein 53 F 77 n ge⸗ — ein 29 Pferd, das ſeinem Oheim, dem Pfarrer von Lafou, gehört.“ „Und Sie haben ihn gehen laſſen?“ „Ei, warum hätte ich ihn denn nicht gehen laſſen ſollen?“ „Es iſt wahr, Sie wußten nichts von der Sache.“ Unterdeſſen ſammelte ſich eine Maſſe Volks um die zwei Gendarmen her, die neugierig gemuſtert und angehört wurden. „Hat Ihnen dieſer Herr Johann Raynal ge⸗ ſagt, wo er hingehe?“ „Ja. Er will ſeinen Koffer holen, den er noch im Gaſthauſe liegen hat, und geht um zehn Uhr mit dem Beaucairer Wagen weg.“ „Sie wiſſen das gewiß?“ „Ganz gewiß.“ „Um zehn Uhr, ſagen Sie?“ „Um zehn Uhr.“ „Es iſt jetzt drei Viertel auf zehn Uhr.“ „Wenn er nun nichts ahnt, ſo kommen wir ge⸗ rade noch recht. Ich danke Ihnen,“ ſetzte der andere Gendarm hinzu. Und es gab derſelbe ſeinem Pferde den Sporn. „Halten Sie mir eine Frage zu gut,“ ſprach der Bäckermeiſter noch:„was iſt denn geſchehen? Ich intereſſire mich für dieſen jungen Mann.“ „Oh, wir haben keine Zeit, Ihnen alles dieß zu erzählen,“ verſetzte der Gendarm, ſich entfernend. eßmn Uebrigen werden Sie es bald erfahren; flößt Ihnen aber dieſer junge Mann einiges Intereſſe ein, ſo beklage ich Sie, da er eine fatale Geſchichte auf dem Halſe hat.“ Und nun verſchwanden die beiden Gendarmen galoppirend in der Richtung des Diligencen⸗Büreaus, während um den Bäckermeiſter Simon her ſich eine Menge Stadtklatſchen drängten und Näheres von ihm wiſſen wollten, da er es war, der die Ehre ge⸗ habt, von den Gendarmen ausgefragt zu werden. Was Johann betrifft, ſo hatte er ſich, weit ent⸗ fernt, von dem, was vorging, etwas zu ahnen, un⸗ terdeſſen zu den Geſchäftsfreunden des Hauſes be⸗ geben, für das er reiste, hatte von denſelben einen Wechſel bekommen, den er ſofort ſeinem Herrn ge⸗ ſchickt, hatte dann in aller Eile aus ſeinem Gaſthauſe ſeinen Koffer geholt und ſich nach dem Büreau der Beaucairer Diligencen fahren laſſen. Hier fand er die beiden Gendarmen, welche den Reiſenden die Päſſe abverlangten, und eben ſollte die Diligence wegfahren. Johann zog ſeinen Paß aus der Taſche und bot ihn den Gendarmen hin, um mit dieſer Förmlichkeit raſcher zu Ende zu ſein. „Sind Sie wirklich Herr Johann Raynal?“ fragte einer der Gendarmen. „Ja, der bin ich.“ „Ein Neffe des Pfarrers von Lafou?“ „Ganz richtig.“ G „Sie haben die vergangene Nacht im Pfarrhauſe zugebracht?“ 1 „Ja. „Und ſind von Lafou weggegangen...“ „Heute Morgen um vier Uhr.“ „Es ſtimmt Alles. Gehen Sie mit uns.“ „Mit Ihnen? Und wohin?“ an ent⸗ un⸗ be⸗ einen ge⸗ auſe der den ſollte d bot chkeit ragte rhauſe 3¹ „Zu dem Staatsprocurator.“ „Aber, ihr Herren, ich gehe mit dem Eilwagen weg. Iſt etwa mein Paß nicht in Ordnung?“ „Es handelt ſich gar nicht um Ihren Paß.“ „Um was handelt es ſich dann?“ „Wir haben einen Vorführungsbefehl.“ „Einen Vorführungsbefehl!“ 474 „Ja. „Gegen mich?“ „Ja, gegen Sie.“ Johann ſchaute die beiden Gendarmen erſtaunt an und hielt ſie für wahnſinnig. „Das iſt nicht möglich,“ hob er wieder an. „Da ſehen Sie ſelbſt.“ Und zu gleicher Zeit wieſen die Gendarmen Jo⸗ hann den Vorführungsbefehl. „Hier waltet ohne Zweifel ein Irrthum ob, meine Herren.“ „Und Johann ſchaute umher, um nicht allein die Gendarmen, ſondern auch alle Umſtehenden zu überzeugen, daß er das Opfer eines Mißverſtänd⸗ niſſes ſei. Johanns Ruhe hatte die Gendarmen zweifelhaft gemacht, ja ſogar eingeſchüchtert: ſie, die in ihrem Leben ſchon ſo viele Verbrecher geſehen und ihr Handwerk verſtanden, konnten nicht glauben, daß die⸗ ſer junge Mann ſich des entſetzlichen Verbrechens ſchuldig gemacht, deſſen er beſchuldigt war. „yingeſtiegen, eingeſtiegen, meine Herren!“ rief jetzt der Conducteur, um die Gruppen zu zerſtreuen, die ſich in dem Hofe gebildet hatten. „Kommen Sie nur mit uns, mein Herr,“ ſpra⸗ 3² chen die beiden Gendarmen, indem ſie Johann zwiſchen ſich nahmen.„Wir ſind keine Richter: wir müſſen eeben gehorchen. Der Herr Staatsprocurator wohnt nur ein paar Schritte von hier, und es wird derſelbe Sie alsbald wieder in Freiheit ſetzen, wenn hier ein Mißverſtändniß vorliegt.“ Wir müſſen hier gelegentlich bemerken, daß un⸗ ſere Gendarmen ſich ihrer Pflicht faſt ſtets in überaus würdevoller und höflicher Weiſe zu entledigen wiſſen. Ich glaube nicht, daß man je einen Gendarmen ge⸗ ſehen, der einen Angeklagten mißhandelt hätte, und hätte letzterer ſich auch geweigert, ihm zu folgen, ja hätte derſelbe ihn ſogar geſchlagen. „Nun, ſo wollen wir gehen,“ ſprach Johann voller Vertrauen,„denn ich verſtehe auf Chre lediglich nichts von dem, was mir hier begegnet.“ „Wir glauben es gerne,“ bemerkte derjenige der beiden Gendarmen, der den Neffen des Pfarrers ausgefragt hatte;„denn wären Sie der Schuldige und könnten Sie ſo kaltblütig bleiben wie jetzt, ſo wären Sie ein entſetzlicher Böſewicht.“ Der andere Gendarm billigte die phyſiologiſche Bemerkung ſeines Kameraden mit einem Blicke, und es ſchlugen nun alle drei den Weg ein, der ſie zum Staatsprocurator führen mußte. Wir brauchen wohl nicht zu ſagen, daß eine Maſſe Straßenjungen ihnen nachfolgte, ſowie daß die Bewohner dieſer Straße, die ſonſt ſo ruhig iſt wie alle Straßen von Nimes, unter ihren Thüren ſtanden und einander fragten, was der junge Mann wohl verbrochen, den man vorbeiführte. Bald ſtand der Gefangene vor dem Staatspro⸗ cure krer Doe „Län von Joh mein über ausſ ſind in d bitte Ohei ſtohle Dorf Stac iſt n Du ſchen üſſen vohnt ſelbe r ein un⸗ raus iſſen. 1 ge⸗ und n, ja hann iglich e der rrers lldige t, ſo giſche und zum eine daß ig iſt hüren Mann 33 curator. Ein weißes Halstuch, ein Ehrenlegions⸗ kreuz, ein Blick, der ſchlau zu ſein ſucht und eine Doctorsſtimme: ſo ſind die Staatsprocuratoren aller Länder. Der von Nimes unterſchied ſich in Nichts von ſeinen Collegen. „Ihr Geſchlechts⸗ und Vorname?“ fragte er Johann. „Johann Raynal,“ antwortete dieſer. „Woher kommen Sie?“ „Zuerſt von Paris und dann von Lyon.“ „Was haben Sie zu Lafou gethan?“ „Ich überbrachte meinem Oheim einen Brief von meinem Vater.“ „Es waren die beiden Brüder ſeit mehreren Jahren mit einander entzweit?“ „Seit zweiundzwanzig Jahren.“ „Und Sie kamen?...“ „Um ſie wieder mit einander auszuſöhnen.“ „Ganz richtig,“ ſprach der Juſtizbeamte, die Augen küber ein Papier hinlaufen laſſend, das eine Zeugen⸗ ausſage zu ſein ſchien.„Wohlan! mein Herr, Sie ſind beſchuldigt, Ihren Oheim ſammt der Frau, die in deſſen Dienſten war, ermordet zu haben.“ „Ich?“ rief Johann, indem er zu lachen anfing. „dOh, lachen Sie nicht, denn es iſt die Sache bitterer Ernſt. Sie ſind ferner beſchuldigt, Ihrem Oheim eine Summe von zwölfhundert Franken ge⸗ ſtohlen zu haben, die derſelbe für die Armen des Dorfes erſammelt gehabt.“ „Was Sie mir da ſagen, iſt unmöglich, Herr Staatsprocurator,“ verſetzte Johann.„Ich ſage, es iſt materiell unmöglich, und ich habe mich eines Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 3 Lachens nicht zu enthalten vermocht, weil ich nicht allein meinen Oheim und Antonetten nicht ermordet habe, ſondern, weil ich auch weiß, daß ſich die Bei⸗ den in dieſem Augenblick ſo wohl befinden wie Sie und ich.“ „Sie leugnen alſo die Facta?“ „Für's Erſte leugne ich, daß ich der Urheber bin, und dann leugne ich auch, ich ſage es Ihnen noch⸗ mals, daß ſo etwas geſchehen. Erlauben Sie mir eine Frage.“ „Sprechen Sie.“ „Wann ſollen mein Oheim und deſſen Haus⸗ hälterin ermordet worden ſein?“ „Heute Nacht.“ „Nun, Sie ſehen ja, daß hier ein Irrthum oh⸗ waltet, da ich heute Nacht noch im Hauſe meines Oheims geſchlafen habe.“ „Eben darum werden Sie des genannten Ver⸗ brechens beſchuldigt.“ 1. unſchuldig bin, ſowie daß mein Oheim vollkommen wohl iſt. Ich ſchlief gerade unter ſeinem Zimmer: wäre er nun ermordet worden, ſo hätte ich gewiß Schreie und irgend ein Geräuſch gehört; man kann nicht zwei Perſonen morden, ohne daß dadurch im Hauſe wenigſtens ein kleiner Lärm entſteht.“ „Was ſoll ich Ihnen hierauf antworten? Ich kann Ihnen bloß ſagen, daß Sie als der offenbare Urheber dieſes Verbrechens bezeichnet worden ſind. Antworten Sie mir nun weiter. Wollen Sie mir die Papiere vorweiſen, welche Sie bei ſich haben!“ Johann zog ſeine Brieſtaſche heraus und hän⸗ Aber, mein Herr, ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht ordet Bei⸗ Sie bin, noch⸗ mir m ob⸗ neines Ver⸗ aß ich mmen mmer: gewiß kann rch im Ich enbare ſind. ie mir ben!“ d hän⸗ 35⁵ digte ſie dem Staatsprocurator ein, worauf dieſer ſie unterſuchte. „Hier ſind zwei Banknoten von je fünfhundert Franken, ſowie zehn Louisd'or in einem Papier,“ ſprach er. „Nun?“ „Nun! Habe ich Ihnen nicht eben geſagt, Sie ſeien beſchuldigt, Ihrem Oheim zwölfhundert Franken geſtohlen zu haben?“ „Aber dieſe zwölfhundert Franken habe ich ja zu Lyon gewonnen!“ „Wo?“ „In einem Spielhauſe,“ erwiderte Johann er⸗ röthend. „Sie ſind alſo ein Spieler, mein Herr. Wirk⸗ lich ſpricht auch Ihr Oheim in einem Briefe, den er, bevor er zu Bette gegangen, an Ihren Vater ge⸗ ſchrieben, und der in unſeren Händen iſt, von dieſem Fehler. Doch hören Sie ſelbſt, wie er ſich ausdrückt,“ fuhr der Staatsprocurator fort, indem er aus den vor ihm liegenden Acten ein Papier hervorzog: „„Es hat Johann geſpielt: gib ihm guten Rath und predige ihm ein bischen. Das Spiel iſt eine Leidenſchaft, die zu allerlei Verbrechen führen kann.““ Wie Sie ſehen, ſo irrte Ihr Oheim nicht, mein Herr.“ „Sie glauben alſo wirklich, daß ich der Urheber dieſes gräßlichen Mordes ſei?“ „Ich darf darüber keine Meinung haben, ſage aber, daß Sie unglücklicher Weiſe ſchwer gravirt ſind. Daß die beiden Brüder zweiundzwanzig Jahre lang mit einander entzweit geweſen; Ihr unerwar⸗ 36 ter Weſuh dieſer Mord, der nur von einer Perſon übt werden konnte, die im Hauſe war, da ſich lediglich keine Spuren äußerer Erbrechung zeigen; dieſe Summe von zwölfhundert Franken, die geſtoh⸗ len worden, und eine gleich große Summe, die man, von Ihrem übrigen Gelde abgeſondert, bei Ihnen gefunden hat; der Umſtand, daß Sie mit dem erſten Eilwagen von Nimes weggehen wollten,— eine Abreiſe, die einer Flucht ziemlich ähnlich ſieht: alles das iſt entſetzlich gravirend.“ „Aber es iſt auch entſetzlich,“ verſetzte Johann, der ſich wie vernichtet auf einen Stuhl niederfallen ließ,„daß ein Unſchuldiger in ſolcher Weiſe gravirt ſein kann; denn ich ſchwöre Ihnen bei meiner Mutter, daß ich an dieſem Verbrechen völlig unſchul⸗ dig bin.“ Und alſo ſprechend bewegte der junge Mann beide Hände nach den Augen hin. Jetzt lachte er nicht mehr, ja er konnte nun die Thränen nicht mehr zurückhalten. „Aber ich ſehe noch etwas Seltſameres,“ ſprach der Staatsprocurator, ſich vorwärtsbeugend und mit ganz beſonderer Aufmerkſamkeit einen von Johanns Aermeln anſchauend. Kommen Sie etwas näher zu mir her.“ Und Johann that, wie ihm geſagt worden, ohne zu begreifen, was der Staatsprocurator von ihm wollte. „Geben Sie mir Ihren rechten Arm.“ Johann gehorchte. „Es iſt Blut auf Ihrem Aermel,“ ſprach der Beamte. M Johe trock friſch der volle Pfar als ſelbe verſt gewi Blut ſchwi ſchier mag ich b ſich; mind erſon ſich igen; eſtoh⸗ man, hnen erſten eine alles hann, fallen ravirt neiner ſchul⸗ Mann dte er mehr ſprach d mit hanns der zu ohne 1 ihm h der 37 „Blut!“ „Sehen Sie ſelbſt hin.“ Und in der That färbten große Blutstropfen Johanns Rockärmel roth; und waren ſie auch ſchon trocken, ſo konnte man doch leicht ſehen, daß ſie ganz friſch waren. „Was haben Sie hierauf zu erwidern?“ fuhr der Staatsprocurator fort, den dieſer letzte Beweis vollends überzeugte, daß er den wahren Mörder des Pfarrers vor ſich habe,— einen Mörder, der ihm als ein um ſo größerer Verbrecher erſchien, als der⸗ ſelbe in dem wahrſten Tone der Unſchuld zu leugnen verſtand. „Blut!“ murmelte Johann.„Sind Sie auch gewiß, daß das, was Sie auf dieſem Aermel ſehen, Blut iſt? Ich, mein Herr, ſehe nichts mehr; es ſchwimmt Alles vor meinen Augen, es ſpringt mir ſchier der Kopf. Blut! Du mein Gott! Blut! wer mag doch dieſes Blut dahin gebracht haben? Ach, ich bin das Opfer eines gräßlichen Verhängniſſes!“ „Schon gut,“ entgegnete der Staatsprocurator, ſich ſetzend, und mit einer Stimme, die nicht mehr die mindeſte Sympathie verrieth,„ſchon gut, ich ſetze mein Protokoll auf, und wir wollen daher unverweilt zur Confrontation ſchreiten.“ „Zur Confrontation!“ wiederholte Johann me⸗ chaniſch. 1„Ja, Sie ſollen den beiden Leichnamen gegen⸗ über geſtellt werden.“ c„ So ſind denn mein Oheim und Antonette wirk⸗ lich todt?“ „Was fragen Sie erſt noch! Sie wiſſen es wohl.“ „So träume ich denn nicht!“ bemerkte Johann umherſchauend.„Man beſchuldigt mich alſo, daß ich zwei Perſonen um's Leben gebracht, ich, ich, Johann Raynal, der eben noch ſingend abreiſen wollte,— ich, der ich noch vor ein paar Stunden ſchlief. Und ich ſoll Blut an meinem Rocke haben! Und es ſoll alles das wahr ſein! Wahrlich, man könnte darüber wahnſinnig werden, man könnte darüber vor lauter Staunen ſterben!“ „Schon gut,“ erwiderte der Staatsprocurator, von Johanns Schuld mehr und mehr überzeugt, „ſchon gut! Von nun an haben die Juſtiz und Sie es mit einander zu thun.“ „Ja, und warum ſoll ich den Leichnamen gegen⸗ 8 über geſtellt werden?“ fragte Johann. „Weil die Juſtiz hofft, es werde der Verbrecher den Anblick der Opfer nicht ertragen können und die Wahrheit bekennen.“ „Es wird mir doch aber auch vergönnt ſein, den Leichnam zu küſſen, Herr Staatsprocurator?“ „Ihn zu küſſen!“ „Ja, meinen armen Oheim zu küſſen, der mich ſchon ſo ſehr liebte, der ſo lieb und ſo gütig gegen mich geweſen war, der mich bei ſich behalten wollte, und den man ſammt der armen Frau niederträchtiger Weiſe gemordet hat, um eine Summe von zwölfhun⸗ dert Franken zu ſtehlen. Ach! warum hat man mich nicht ermordet? Ich würde jetzt nicht ſo gräßlich leiden. Was wird mein Vater dazu ſagen, was wird aus meiner Mutter werden, wenn ſie den Tod ihres Bruders und die Verhaftung ihres Sohnes erfahren?“ hann aß ich dhann 2.— Und 3 ſoll rüber lauter rator, zeugt, d Sie gegen⸗ recher ad die u, den mich gegen wollte, chtiger lfhun⸗ n mich räßlich was n Tod vohnes 39 Und es zerfloß der junge Mann in Thränen, und es war derſelbe ſo feſt überzeugt, es müſſe Je⸗ dermann an ſeine Unſchuld glauben, und er würde bei dem erſten Beſten Sympathie finden, daß er, dem Drange, ſeinen Kummer in einen menſchlichen Buſen⸗ auszuſchütten, nicht länger zu widerſtehen vermögend, das Haupt auf die Schulter des Staatsprocurators legte, der unterdeſſen aufgeſtanden war. Dieſer ſtieß ihn ſanft zurück. Trotzdem daß ihm ſolche Scenen oft vorkamen, konnte er ſich denn doch einer gewiſſen Gemüthsbe⸗ wegung nicht erwehren. „Dieſer junge Mann iſt nicht der Schuldige,“ ſagte einer der Gendarmen ganz leiſe zu ſeinem Ka⸗ meraden; denn es waren beide zugleich mit dem Ge⸗ fangenen in das Amtszimmer des Beamten getreten, und ſtanden nun mit gekreuzten Armen an der Thüre. Wäre ich Staatsprocurator, ſo würde ich es ohne Weiteres auf mich nehmen, ihn in Freiheit zu ſetzen.“ „Oh, ho!“ verſetzte der andere in einem Tone, der da ſagen wollte: Da würdeſt Du etwas recht Bedeutungsſchweres thun. „Machen wir uns auf den Weg, meine Herren,“ ſprach der Staatsprocurator.„Gendarmen, laſſen Sie einen Wagen vorfahren und zerſtreuen Sie die Gruppen, die wir etwa auf der Straße finden möchten.“ „Meinen Dank!“ verſetzte Johann. . Sofort ſtieg Johann mit dem Staatsprocurator in einen Wagen, worin dann noch der Unterſuchungs⸗ richter und der Polizeicommiſſär, die man unterdeſſen herbeigeholt hatte, Platz nahmen. Man fuhr nach Lafou, wo man von nichts, als von dem in der vergangenen Nacht verübten Ver⸗ brechen ſprach. Auf dem Wege waren nur wenige Worte ge⸗ wechſelt worden. Was Johann begegnete, war ſo ſeltſam, ſo voll⸗ kommen unerwartet, daß der junge Mann allmählig vergeſſen hatte, wohin es ging, und daß er dann und wann, die Vergangenheit mit der Gegenwart — was er am Morgen gethan, mit dem, was er im Laufe des Tages noch thun wollte— ohne Unter⸗ brechung verbindend, ſich auf dem Wege nach Beau⸗ caire glaubte und ſich nicht mehr erinnerte, wie er eines Mordes angeklagt war und von zwei Gendar⸗ men und drei Beamten begleitet reiste. Er mußte daher auch erſt einen Augenblick nach⸗ zu geben vermochte, die er in dem kaum noch ſo ſtillen Dörfchen herrſchen ſah. „Das iſt er! das iſt er!“ ſprach eine Stimme. Es kam dieſelbe aus einer der Gruppen, die ſich um das Pfarrhaus her gebildet hatten. Letzteres aber wurde von dem Feldſchützen und den beiden Gen⸗ darmen, die man hatte von Nimes kommen laſſen, bewacht. Johann ſchaute zum Kutſchenſchlag hinaus und erkannte in dem Manne, der gerufen hatte:„das iſt er!“ die Perſon, von der er ſich Tags zuvor das Pfarrhaus hatte bezeichnen laſſen. ” Was dieſem Manne jetzt im Kopfe herumging, war der Wunſch, als Zeuge in der Sache auftreten zu dürfen. Es gibt Leute, die ſich wichtig zu machen glau⸗ denken, bevor er ſich von der Bewegung Rechenſchaft Ver⸗ ge⸗ voll⸗ ihlig dann wart r im nter⸗ eau⸗ e er dar⸗ nach⸗ haft h ſo ime. um aber Gen⸗ ſſen, und s iſt das ing, eten lau⸗ 41 ben, wenn ſie eine auch noch ſo obſcure Rolle in einem Drama ſpielen können, wie das iſt, welches wir jetzt ſchreiben. Sie wollen vor aller Welt ſpre⸗ chen, wollen einen Augenblick die öffentliche Auf⸗ merkſamkeit feſſeln, wollen einige Tage lang für die Klatſchen ihres Dorfes oder die Pförtner ihrer Straße ein Gegenſtand der Neugierde ſein. Was ſie ſagen werden, wiſſen ſie kaum; was ſie aber ge⸗ ſagt, wiſſen ſie nicht mehr. Aber es iſt ihr Zweck erreicht. Und vornehmlich wiſſen die Elenden nicht, daß ihre Ausſage, ſo unbedeutend ſie immer ſcheinen mag, in der Waage der Juſtiz ungeheuer viel wiegt, ſo wie daß ſie der armſeligen Citelkeit zu lieb, womit ſie ſich ſchmücken, zuweilen einen Schuldigen unnöthig gravirt, oder, was noch ſchlimmer iſt, daß ſie zur Verurtheilung eines Unſchuldigen mitgeholfen haben. Der Staatsprocurator, der Unterſuchungsrichter, der Polizeicommiſſär und Johann Naynal traten endlich in das Pfarrhaus. Wie viele Leute wären ihnen nicht gerne nach⸗ gegangen! „Kennen Sie den Ort?“ fragte der Unterſu⸗ chungsrichter den Angeklagten. „Ja, mein Herr,“ antwortete Johann mit vieler Ruhe, denn je länger er nachdachte, um ſo unmög⸗ licher ſchien es ihm, daß ſeine Unſchuld ſelbſt den Blindeſten und den Böswilligſten, jenen Freiwillig⸗ blinden, nicht klar werde. „Schreiben Sie Alles nieder, was Sie hören,“ fuhr der Unterſuchungsrichter fort, indem er ſich zu dem Polizeicommiſſär hinwandte. Darauf ſetzte er, zu dem jungen Mann gewendet, hinzu: 4² „Erzählen Sie uns Alles, was ſeit dem Augen⸗ blicke Ihrer Ankunft in dieſem Hauſe geſchehen iſt, bis zu dem Augenblicke, wo Sie es verlaſſen haben.“ Sofort erzählte Johann Alles, was wir bereits wiſſen; der Polizeicommiſſär aber ſchrieb dieſe Er⸗ zählung nieder, ohne auch nur eine Sylbe daran zu ändern. „Gehen wir nun hinauf,“ ſprach der Unterſu⸗ chungsrichter, den Angeklagten ſcharf beobachtend, um zu ſehen, ob deſſen Geſicht keine Unruhe ver⸗ riethe bei dem Worte, das demſelben verkündigte, daß er nun ſeinen Opfern gegenübergeſtellt werden würde. Aber es nahm Johanns Geſicht keinen Ausdruck der Furcht an, wie der Juſtizbeamte erwartet hatte, ſondern einen Ausdruck des Mitleids und der Rüh⸗ rung. „Mein armer Oheim!“ murmelte Johann mit weinerlicher Stimme und folgte dem Staatsprocu⸗ rator, der vorangegangen war. Von einem herbeigeholten Arzte begleitet, traten der Staatsprocurator, der Unterſuchungsrichter, der Polizeicommiſſär und Johann in das Schlafzimmer des Pfarrers, wo ein gräßliches Schauſpiel ihrer wartete. Es lag der Pfarrer im Hemd auf dem Boden, umgeben von einer großen Blutlache; ſein Kopf und ſeine Bruſt waren im buchſtäblichen Sinne des Wortes von Meſſerſtichen zerfetzt. War er, als er den erſten Stich erhalten, aus dem Bette herausge⸗ ſprungen? oder war er während des Kampfes auf den Boden gefallen? Niemand hatte das ſagen igen⸗ iſt, den.“* reits ⸗ Er⸗ m zu terſu⸗ ztend, ver⸗ digte, erden Sdruck hatte, Rüh⸗ n mit procu⸗ traten r, der immer ihrer Boden, of und te des als er ausge⸗ es auf ſagen 43 können als der Urheber des Verbrechens, und dieſer war gewiß nicht zur Stelle. „Es hat der Tod augenblicklich erfolgen müſ⸗ ſen,“ ſprach der Arzt, nachdem er den Leichnam un⸗ terſucht hatte.„Dieſe Wunde da,“ ſetzte er, auf eine Wunde in der Gegend des Herzens deutend, hinzu,„iſt gewiß die erſte geweſen, und es war dieſelbe eine tödtliche; die übrigen Meſſerſtiche waren unnütz und es ſind dieſelben nur größerer Sicherheit wegen und aus einem Uebermaße von Barbarei vom Mörder gegeben worden.“ Es entſtürzten Johann große Thränen, als er den blutigen Körper ſah, den er Tags zuvor in die Arme geſchloſſen hatte. „Und mich beſchuldigt man!“ ſprach er und drückte, neben dem Leichnam ſeines Oheims nieder⸗ kniend, einen frommen Kuß auf die Stirn des Ver⸗ ſtorbenen. „Kennen Sie Herrn Raynal?“ fragte der Un⸗ terſuchungsrichter. „Ja.“ „Sind Sie des Verbrechens geſtändig?“ 1„Schreiben Sie,“ verſetzte Johann, zu dem Po⸗ lizeicommiſſär gewandt,„daß ich, die Hand auf dem Leichnam meines Oheims, mit dem ich confrontirt worden, meine Unſchuld betheuert.“ „Schreiben Sie, was der Angeklagte eben ge⸗ ſagt,“ ſprach der Staatsprocurator zum Polizeicom⸗ miſſär. Als der Commiſſär mit dem Schreiben zu Ende war, ſprach der Unterſuchungsrichter: 44 „Sehen wir nun den Leichnam der Dienſtmagd Antonette an.“ Man trat in das Schlafzimmer der alten Frau, an deren Körper keinerlei Spur von einer Wunde zu ſehen war, und die noch in ihrem Bette lag. „Dieſe Frau iſt erwürgt worden,“ ſprach der Arzt, nachdem er den Leichnam aufmerkſam unter⸗ ſucht hatte,„und der, welcher ſie um's Leben ge⸗ bracht, mußte große Körperſtärke beſitzen, da er ſie nur mit einer Hand erwürgt hat.“ „Glauben Sie, es ſei der Herr da ſtark genug geweſen, um dieſe Frau alſo um's Leben zu brin⸗ gen?“ fragte der Staatsprocurator den Arzt, indem er auf Johann deutete. Der Arzt ſchaute den jungen Mann an. „Laſſen Sie mich einmal Ihre Hand ſehen,“ ſprach der Mann der Kunſt zu ihm. Der junge Mann gehorchte. „Umſchließen Sie einmal den Hals dieſer Frau mit Ihrer rechten Hand.“ Und Johann nahm, den Kopf wegwendend, An⸗ tonettens halben Hals in die Hand. „Es iſt ſo ziemlich die gleiche Hand,“ ſprach der Arzt,„und da in einem ſolchen Augenblicke die Körperkraft eines Menſchen ſich zu verdoppeln pflegt, ſo hätte der Herr die Haushälterin des Herrn Ray⸗ nal alſo erwüͤrgen können. Gleichwohl erlaube ich mir, hinzuzufügen, daß, wenn ich als Arzt es glau⸗ ben kann, ich als Phyſiognomiker und Menſch daran zweifle.“ „Meinen Dank für dieſe gütigen Worte, mein Herr,“ ſprach Johann dankbar,„und möchte ich doch ter ſte nagd rrau, unde der nter⸗ ge⸗ r ſie enug brin⸗ adem hen,“ Frau An⸗ prach te die fflegt, Ray⸗ de ich glau⸗ daran mein doch 45 in dieſer Sache von allen Seiten die gleiche Unpar⸗ teilichkeit finden wie bis jetzt!“ Indem Johann alſo ſprach, kehrte er ſich nach den drei Beamten hin. „Führen Sie uns nun in das Zimmer, wo Sie heute Nacht geſchlafen haben,“ ſprach der Unterſu⸗ chungsrichter zu ihm;„und man laſſe die Zeugen kommen, welche Herrn Johann Raynal als den muthmaßlichen Mörder ſeines Oheims bezeichnet haben.“ „Wer ſind dieſe Zeugen?“ fragte Johann. „Es ſind die drei Perſonen, die den geſtrigen Abend in Ihrer und Ihres Oheims Geſellſchaft zu⸗ gebracht haben, denen Herr Raynal erzählt hat, was Ihren Vater in früheren Zeiten mit ihm entzweit, und denen er endlich den Zweck Ihres Beſuches mitgetheilt. Ferner wird als Zeuge ein junger Menſch erſcheinen, der heute Morgen Ihren Oheim beſuchen wollte und, als er die Thüre geſchloſſen fand und im Hauſe Alles ſtill blieb trotz ſeines lan⸗ gen Klopfens, die Thüre einſchlagen ließ und bei uns anzeigte, was er im Hauſe vorgefunden.“ „uUnd was wird man mit mir machen, wenn dieſe Zeugen verhört ſind?“ fragte Johann. „Sie kommen jetzt in das Gefängniß von Nimes.“ „Und wie lange muß ich da bleiben, bevor ich gerichtet werde?“ „Einen Monat oder höchſtens zwei.“ „Zwei Monate! Ach!l ich werde das nie aushal⸗ ten,“ ſchluchzte Johann.„Wird mir es aber wenig⸗ ſtens erlaubt ſein, meinen Eltern dieſe gräßliche Nachricht mitzutheilen, damit ſie nicht, wenn ſie die Sache in den Zeitungen leſen, vor Entſetzen ſterben?“ „Sie können ihnen auf der Stelle ſchreiben, während wir das Haus durchſuchen, um noch weitere Spuren aufzufinden, wodurch die Entdeckung des wahren Verbrechers erleichtert werden könnte.“ Man gab nun Johann Dinte, Feder und Papier, worauf er, zwiſchen den beiden Gendarmen ſitzend, die ihm nicht von der Seite gehen durften, ſeinen Eltern das gräßliche Unglück mittheilte, das ihn ge⸗ troffen. Zwei Monate nach dem hier erzählten Ereigniſſe drängte ſich eine ungeheure Menge Volks an der Thüre des Aſſiſenſaales zu Nimes. Es war an dem Tage, wo die Verhandlungen über den am Pfarrer von Lafou verübten Mord eröffnet werden ſollten. Je mehr man ſeit der Verhaftung Johanns Nachforſchungen angeſtellt hatte, um die Wahrheit an den Tag zu bringen, um ſo mehr war der un⸗ glückliche junge Mann gravirt worden, ſo zwar, daß an dem Tage, wo die Verhandlungen anfingen, Je⸗ dermann von ſeiner Schuld überzeugt war und mit Ungeduld ſeine Verurtheilung erwartete; denn der Pfarrer von Lafou war in einem Umkreiſe von zwanzig Stunden von Jedermann gekannt und geliebt. Gleichwohl hatte Johann nichts verabſäumt, was ſeine Vertheidigung erleichtern konnte. Er hatte ſeine Principale, ſeine Freunde, ſo wie alle diejeni⸗ gen citiren laſſen, die über ſeine Moralität nützliche Aufſchlüſſe geben konnten, ſei es, daß ſie mit ihm von dief verl ger klag öffe hiel mel Wu mas er übe daß ken. ten⸗ ver hat⸗ von den ſtan ver⸗ Ner nich die Ge ein die n?“ ben, itere des vier, end, inen ge⸗ niſſe der an am rden anns rheit un⸗ daß Je⸗ mit der unzig was hatte jeni⸗ Zliche ihm 47 in perſönliche Beziehung gekommen, ſei es, daß ſie von dem Commis nur hatten reden hören. Was Johanns Eltern betrifft, ſo hatten ſie in dieſen zwei Monaten ihren Sohn immer nur dann verlaſſen, wenn man ſie in ſeinem Kerker nicht län⸗ ger duldete. Man beklagte die Eltern; in Betreff des Ange⸗ klagten ſelbſt aber war, wir wiederholen es, die öffentliche Meinung überall einſtimmig; Jedermann hielt ihn für ſchuldig. Es war Johann gar nicht mehr zu erkennen. Es hatte das Verhängniß mit ſeiner ganzen Wucht auf ihm gelaſtet; er war ſo blaß und ſo mager wie ein Sterbender; ſeine Augen waren graß; er ſchien nur noch durch ſeinen Kummer zu leben. Nur fünf Perſonen waren von ſeiner Unſchuld überzeugt, nämlich: ſeine Eltern, die wohl wußten, daß ihr Sohn nicht einmal eines ſchlechten Gedan⸗ kens fähig war, geſchweige denn eines Mords; zwei⸗ tens, ſein Principal, der an dem Tage, an dem er verhaftet worden, einen Wechſel von ihm erhalten hatte; endlich drittens, die beiden Gendarmen, von denen er zum Staatsprocurator geführt wor⸗ den war. Seit zwei Monaten bildete dieſer Proceß den Gegen⸗ ſtand aller Geſpräche, und es war faſt keine Woche vergangen, daß die Nimes⸗Zeitung nicht einiges Neue über den Angeklagten brachte. Es war daher nicht zum Verwundern, daß an dem Tage, an dem die Verhandlungen beginnen ſollten, die Thüren des Gerichtsſaales ſchon vom frühen Morgen an von einer neugierigen Menge belagert waren, in der die Weiber, wie immer, ſich durch ihre Anzahl und ihre brennende Neugierde bemerklich machten. Endlich, um zwölf Uhr, ward die Sitzung er⸗ öffnet. 3 Der Gerichtsdiener rief: „Der Hof!“ Es nahmen die Geſchwornen Platz; es ſetzte ſich der Präſident, indem er von ſeiner Glocke Gebrauch machte, und nachdem endlich Alles ſtill geworden, ſprach er die Worte: „Man bringe den Angeklagten herein!“ Sofort erſchien Johann zwiſchen zwei Gendarmen. Er befand ſich in dem eben angegebenen Zuſtande, das heißt, man kannte ihn gar nicht mehr. Wie hatten doch zwei kurze Monate den luſtigen Reiſenden umgewandelt, den wir zu Anfang dieſer Geſchichte auf dem von Nimes nach Lafou führenden Wege geſehen! Aber welche Ereigniſſe, welche Aeng⸗ ſten, welche Schrecken, welche Ahnungen in dieſen zwei Monaten! Die Eltern des Angeklagten ſaßen, faſt eben ſo bleich als ihr Sohn, neben deſſen Vertheidiger. Sodann gab der Präſident dem Gerichtsboten den Befehl, den Angeklageakt zu verleſen, deſſen uns bereits bekannte Einzelheiten die Zuhörer ſchaudern machten. Johann ſelbſt war wie blödſinnig. Kaum daß die ewigen Verhöre, die Fragen des mit ſeiner Vertheidigung betrauten Advocaten, der Kummer ſeiner Eltern, das Schauſpiel ſeines eigenen Kummers ihm ſo viel Verſtand gelaſſen hatten, um voten uns dern des der genen um 49 auf die Fragen, die nun an ihn gerichtet werden ſollten, klar antworten zu können. Mit einem tiefen Gefühle des Mitleids ſchaute er alle dieſe Weſen an, die herbeigeſtrömt waren, um ihn leiden zu ſehen, und unter denen vielleicht auch nicht eines war, das ihn wirklich beklagte. Glaubt man wohl, es ſei unter allen Martern, welche die Hölle erfunden, eine größere, als das Bewußtſein, daß man zur Sühne eines Verbrechens, das man nicht begangen, unzweifelhaft verurtheilt werden wird, vielleicht zum Tode, jedenfalls aber zu kürzerer oder längerer Galeerenſtrafe, ſowie daß, was und wie man auch ſprechen mag, um Richter und Zuhörerſchaft zu überzeugen, man Niemand von etwas Anderem überzeugen wird, als von ſeiner Frechheit? Dieſe Marter hat Dante vergeſſen. „Ihr Geſchlechts⸗ und Vorname?“ fragte der Prä⸗ ſident den Angeklagten, nachdem der Gerichtsbote mit dem Verleſen des Anklageakts fertig geworden war. „„Johann Raynal,“ antwortete der junge Mann mit faſt erloſchener, aber überaus ſanfter Stimme. „Ihr Stand?“ „Handelsreiſender.“ „Wo ſind Sie geboren?“ „Zu Paris.“ „Wie alt?“ „Einundzwanzig Jahre und drei Monate.“ Hier lief ein Gemurmel der Entrüſtung durch den Saal hin, ein Gemurmel, das ſich mit den Worten überſetzen ließ: Noch ſo jung, und doch ſchon ein ſo großer Verbrecher! Dumas, d. J,, drei ſtarke Männer. 4 50 „Sie ſind angeklagt,“ fuhr der Präſident fort, „in der Nacht vom 15. auf den 16. April dieſes Jahres Valentin Raynal, Pfarrer der Dorfgemeinde Lafou, ſowie deſſen Haushälterin Antonette ermor⸗ det zu haben.“ 3 „Ich weiß, daß ich deſſen angeklagt bin.“ „Sie leugnen immer noch?“ „Ja, Herr Präſident.“ „Schon gut. Erzählen Sie uns nun, was Sie wiſſen, worauf wir zum Zeugenverhör ſchreiten werden.“ Johann erzählte ſofort, vielleicht zum zehnten Male, ſeine Ankunft bei ſeinem Oheim, ſeine Unter⸗ haltung mit demſelben, ſeinen tiefen Schlaf während der Nacht, ſeine frühe Abreiſe, ſeinen Beſuch bei dem Bäckermeiſter Simon, ſo wie endlich ſeine Ver⸗ haftung in dem Augenblicke, wo er Nimes verlaſſen wollte. Nun begann das Zeugenverhör. Welche Menge von Beweiſen kann doch nicht die Juſtiz der Menſchen ſich verſchaffen, um einen Unſchuldigen zu verur⸗ theilen mit der Ueberzeugung, daß ſie einen großen Verbrecher beſtraft! Der erſte Zeuge, der verhört wurde, war der Bauer, den Johann gefragt hatte, wo das Pfarr⸗ haus wäre. „Haben Sie dazumal im Gange oder in der Stimme des Angeklagten einige Unruhe wahrgenom⸗ men?“ fragte der Präſident dieſen Mann. „Nein, Herr Präſident; es war dem Angeklag⸗ ten nur warm.“(Man lacht.) So oft Leute beiſammen ſind, um einen Men⸗ vor Sie eiten onten nter⸗ hrend ) bei Ver⸗ laſſen tenge iſchen verur⸗ roßen ur der Pfarr⸗ n der enom⸗ geklag⸗ Men⸗ 51 ſchen richten und verurtheilen zu hören, wollen ſie auch lachen. „Schon gut, ſetzen Sie ſich,“ ſprach der Präſident zum Zeugen, der hocherfreut war, daß er zuerſt auf⸗ gerufen worden, weil er ſo einen guten Platz bekam, und die ganze Verhandlung mit anhören konnte, ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Der zweite Zeuge war einer der drei Freunde des Pfarrers, die den Abend, welcher dem Verbrechen voranging, im Pfarrhauſe zugebracht hatten. Es war derſelbe ein Mann von ſechzig Jahren und von einer im ganzen Departement ſprüchwörtlich gewordenen Rechtſchaffenheit. Nachdem der Präſident ihn nach ſeinem Namen und Stand gefragt, ſtellte er an ihn die Frage: „Wie hat Herr Raynal im Laufe des Abends mit ſeinem Neffen geſprochen?“ „In durchaus väterlicher Weiſe. Er ſchien die größte Liebe zu dem Angeklagten zu haben.“ „Wie verhielt ſich während dieſer Zeit ſein Neffe?“ „Wie ein junger Mann, der für das Intereſſe, das man ihm bezeigt, dankbar iſt.“ „Kam der Zwiſt, der die beiden Brüder getrennt hatte, auch zur Sprache?“ „Ja, Herr Präſident.“ „Was ſagte Herr Raynal darüber?“ „Er bedauerte denſelben.“ „Hatte Herr Raynal ſchon vorher mit Ihnen von ſeinem Bruder geſprochen?“ „Ja, Herr Präſident. Herr Raynal war einer meiner vertrauten Freunde und verheimlichte mir nichts.“ „Wie ſprach er von Herrn Oneſimus Raynal?“ „Ich bin es der Wahrheit ſchuldig, zu ſagen, daß er mir denſelben zuweilen als einen Mann von heftigem Charakter geſchildert hat. Indeſſen hatte ſich ſeine Anſicht im Laufe der Zeit gar ſehr verän⸗ dert, und oft hat er mir geſagt, er wünſche ſehnlichſt, dieſen Bruder noch ein Mal zu ſehen und ihn in die Arme zu ſchließen.“ Die zwei folgenden Zeugen ſagten das Gleiche aus, nur ſetzten ſie hinzu, es habe der Pfarrer ihnen geſagt, daß er im Laufe des Tages eine Summe von zwölfhundert Franken eingenommen. „Dieſe Summe beſtand aus lauter Fünffranken⸗ ſtücken,“ wendete Raynals Vertheidiger ein;„die zwölfhundert Franken aber, die man bei dem Ange⸗ klagten gefunden, beſtanden aus zwei Banknoten und zehn Louisd'or.“ „Es hat der Herr Pfarrer uns nicht geſagt, in welchem Gelde die zwölfhundert Franken, die er ein⸗ genommen, beſtanden,“ antworteten die Zeugen. „Er hat uns nur geſagt, daß er ſie habe, ſonſt nichts.“ „Und hätte auch,“ wandte der Staatsanwalt ein, „der Pfarrer lauter Fünffrankenthaler gehabt, ſo hätte der Angeklagte bei einem Wechsler doch leicht für dieſelben Gold und Banknoten bekommen können.“ „Eben deßhalb,“ antwortete der Vertheidiger, „möchten wir beweiſen können, daß die zwölfhundert Franken des Herrn Raynal aus lauter Fünffranken⸗ klät Ver wuß Pfe ton ſo nac ver ſein er laſſ All bis in mo gen ſide ſeh ſch mir nal?“ agen, von hatte erän⸗ lichſt, hn in leiche ihnen umme ikken⸗ „die Ange⸗ n und ſt, in r ein⸗ eugen. ſonſt lt ein, dt, ſo leicht men.“ diger, undert anken⸗ 53 thalern beſtanden, weil es der Anklage nimmermehr gelingen würde, den Wechsler aufzufinden.“ Hierüber konnte kein Zeuge die Juſtiz auf⸗ klären. Nun wurde der junge Mann verhört, der das Verbrechen zuerſt zur Anzeige gebracht hatte. Er wußte nichts, als daß er im Laufe des Abends den Pfarrer hatte ſprechen wollen; und, da er von An⸗ tonetten erfahren, daß Herr Raynal Beſuch hätte, ſo hatte er nicht ſtören wollen, hatte in Lafou über⸗ nachtet und ſeinen Beſuch auf den nächſten Morgen verſchoben. Als er nun wieder gekommen war und trotz alles ſeines Klopfens ſich im Hauſe nichts rührte, hatte deſen auf ſich genommen, die Thüre einſchlagen zu aſſen. Sofort kam die Reihe an die Entlaſtungszeugen. Alle gaben Zeugniß von Johanns guter Aufführung bis zu dem Tage, wo die Juſtiz den jungen Mann in die Hände bekam; von dieſem Tage an aber ver⸗ mochte keiner mehr etwas über ihn zu ſagen. Der Spielgehülfe, von dem weiter oben die Rede geweſen, ward gleichfalls vernommen. „Kennen Sie den Herrn?“ fragte ihn der Prä⸗ ſident, auf den Angeklagten deutend. „Nein, Herr Präſident.“ „Sie erinnern ſich nicht, ihn in dem Hauſe ge⸗ ſehen zu haben, in dem Sie ſind?“ „Es kommen ſo viele Leute zu uns, daß es uns ſchwer wäre, alle Geſichter wieder zu erkennen.“ „Es will aber der Angeklagte am achten April zwölfhundert Franken in Ihrem Hauſe gewonnen haben: iſt Ihnen das noch erinnerlich? Er ſagt, Sie hätten ihm dieſe Summe ausgezahlt.“ „Ich zahle Jedermann, ich bin es, der die Bank hält. Es gehen mir jeden Tag mehrere hundert⸗ tauſend Franken durch die Hände. Es. wäre mir daher unmöglich, jetzt noch zu ſagen, ob ich Jemand zwölfhundert Franken ausgezahlt; denn es iſt dieß eine gar kleine Summe.“ „Nun, Gott will es,“ murmelte Johann. So war es mit allen übrigen Zeugen. Es waren ſämmtliche Bewohner von Lafou, die in der Nähe des Pfarrhauſes wohnten, vorgeladen worden. Unter ihnen waren einige, die erſt ſpät zu Bette gegangen, und wieder andere, die ſchon mit dem Tage aufgeſtanden waren; es waren ſogar etliche darunter, die gar nicht geſchlafen hatten. Von allen dieſen Perſonen aber konnte keine ſagen, daß ſie am Tage und während der Nacht Jemand anders als den Neffen des Pfarrers hätte in das Pfarrhaus hineingehen ſehen. Mit jedem Augenblicke mehrten ſich die morali⸗ ſchen Beweiſe wider Johann. Er war ganz vernich⸗ tet. Er war faſt denkunfähig. Zeitenweiſe glaubte er für Jemand anders da zu ſein, und auf der andern Seite war er ſelbſt über dieſen Zuſammenfluß erſchwerender Umſtände ſo ent⸗ ſetzt, daß er ſich fragte, ob er wirklich ſeinen Oheim nicht um's Leben gebracht. Nachdem das Zeugenverhör beendigt war, erhob ſich der Staatsanwalt, um die Anklage aufrecht zu halten. Er hob alſo an: „Meine Herren Geſchworenen! Es gibt Ver⸗ agt, ank dert⸗ mir and dieß die aden ſpät chon ogar Von daß ders haus rali⸗ nich⸗ da zu über ent⸗ heim erhob ht zu Ver⸗ 55⁵ brechen, bei denen Ihre Gerechtigkeit mit Ihrem Gewiſſen nicht einmal zu Rath zu gehen braucht, und die Sie ohne Weiteres verurtheilen können, wenn Sie die gefährdete Geſellſchaft rächen wollen. Das Verbrechen, das Sie heute zu richten haben, iſt eines jener Verbrechen. Es iſt daſſelbe unter Umſtänden verübt worden, die über deſſen wahren Urheber keinen Zweifel übrig laſſen. Der Mörder iſt der Mann, den Sie auf jener Bank ſitzen ſehen; der Mörder iſt der Mann, der ſeit zwei Monaten die gravirendſten Beweiſe ſich aufthürmen ſah, ohne auch nur den ge⸗ ringſten derſelben vernichten zu können. Kann in Ihrem Geiſte auch nur der geringſte Zweifel übrig ſein? Erinnern Sie ſich der Thatſachen, und es wird kein Zweifel mehr da ſein, und es wird Ihnen Alles klar werden. Glücklicher Weiſe kann man auf die Juſtiz das Wort der Bibel anwenden: Deus dixit: flat lux; et lux facta est.“ Der Staatsanwalt fuhr mit einem Taſchentuche über die Lippen hin, um ſeinen Zuhörern Zeit zu laſſen zu jenem ſprüchwörtlich gewordenen Gemurmel der Bewunderung; dann fuhr er, zufrieden mit der hervorgebrachten Wirkung, alſo fort: „Vergegenwärtigen wir uns alle Thatſachen, welche die Anklage beigebracht hat, ſo werden wir ſehen, ob die Wahrheit nicht am Tage liegt. Am Tage des 15. April iſt nur ein einziger Fremder zu Herrn Valentin Raynal gekommen, und dieſer Menſch allein iſt mitten in der Nacht vom 15. auf den 16. aus dem Hauſe wieder herausgekommen: dieſer Menſch iſt Johann Raynal. Während der Zeit, die der Angeklagte bei ſeinem Oheim verweilte, iſt ein Ver⸗ 56 brechen verübt worden; wenn ich ſage, ein Verbrechen, ſo ſollte ich richtiger ſagen, zwei Verbrechen, da wir heute den Tod zweier Opfer rächen müſſen. Auf wem muß der Verdacht ruhen? Natürlich auf dem einzigen Menſchen, den man an jenem Tage zu dem ehrwürdigen Pfarrer von Lafou hat hineingehen ſehen. Und welche Beweiſe findet die Anklage wider dieſen Menſchen? Hier erfüllt mich faſt Mitleid, wenn ich die Verblendung des Angeklagten ſehe, der ſein Verbrechen immer noch leugnet, anſtatt durch ein offenes Geſtändniß die Juſtiz zu beſänftigen. Dieſer Menſch leugnet, leugnet! und man findet in ſeiner Taſche eine Summe von zwölfhundert Franken, wenn dem Opfer eine Summe von zwölfhundert Franken geraubt worden! Er leugnet! und ſeine Kleider tragen noch die Spuren des edlen Blutes, das er vergoſſen! Er leugnet! und in einem Briefe, den ſein Oheim zwei Stunden vor ſeiner ſchändlichen Ermordung geſchrieben, finden wir, daß der junge Menſch, den er wie einen Sohn aufgenommen, die verhängnißvolle Leidenſchaft des Spiels hat; und es ſagt noch der fromme Greis, gleich als ſchicke ihm Gott, in deſſen Dienſt er gelebt, ein Vorgefühl zu, es führe dieſe Leidenſchaft zu allen Verbrechen. Er wußte nicht, der fromme Mann, daß er das erſte Opfer dieſer Leidenſchaft ſein ſollte. Er leugnet! und wir alle kennen die Urſache ſeines Beſuchs. Denn iſt nicht, nach zweiundzwanzigjähriger Tren⸗ nung, dieſer Beſuch, der einen Mord in ſeinem Ge⸗ folge hat, ein weiterer Beweis für Johanns Schuld? Ja, es iſt dieſer Beweis nach meiner Anſicht ſo gra⸗ virend,“ ſetzte der Staatsanwalt, die Augen auf die 57 Eltern des jungen Mannes heftend, hinzu,„daß die Anklage hätte drei Individuen auf die Bank führen ſollen, wo ich nur eines ſehe.“ Oneſimus Raynal und deſſen Frau waren in ihren Schmerz dermaßen verſunken, daß ſie, die den Kopf geſenkt und ſich bei der Hand hielten, das, was der Staatsanwalt ſagte, gar nicht hörten. Die Worte des öffentlichen Anklägers ſchlugen nur wie ein wei⸗ teres Summen an ihre Ohren. „In der That,“ fuhr der Staatsanwalt fort, indem er den Aermel ſeines Gewandes zurückſchlug, um ſeiner Geberde größere Freiheit zu geben,„ſam⸗ meln Sie Ihre Erinnerungen; erinnern Sie ſich der gleichlautenden Ausſage der drei erſten Zeugen, welche wir gehört: es hatte der Pfarrer von Lafou öfters von dem heftigen Charakter ſeines Bruders geſpro⸗ chen. Was thut nun mit einem Male, was thut nun nach zweiundzwanzigjähriger Trennung dieſer Neffe bei ihm? Was iſt er? iſt er etwas Anderes als ein Abgeſandter des Haſſes? Was iſt er anders als ein Werkzeug der Rache? „ a, meine Herren, der Angeklagte iſt ſchuldig; ja, Sie können ihn ohne Weiteres, können ihn ohne alle Gewiſſensbiſſe verurtheilen. Es hat die Geſell⸗ ſchaft das heiligſte ihrer Rechte in Ihre Hände ge⸗ legt: machen Sie davon ohne alle Schwäche Gebrauch. Möge das Bewußtſein Ihrer Miſſion Sie über alle alltäglichen Eindrücke ſtellen! Hier ſind Sie keine Menſchen, ſondern Gewiſſen; vergeſſen Sie nicht, daß Chriſtus ſelbſt geſagt:„„Wer das Schwert nimmt, der ſoll durch's Schwert umkommen.““ Der Staatsanwalt ſetzte ſich wieder inmitten der allgemeinen Bewunderung und des allgemeinen Bei⸗ falls, und wiegte ſich dabei hin und her. Sofort ergriff der Vertheidiger das Wort. Er lãc beſchränkte ſich darauf, die nackte Wahrheit zu er⸗ der zählen, ſo daß ſich Niemand durch ſeine Worte über⸗ zeugen ließ. ſche Nachdem derſelbe geendet, drückte ihm Johann die Hand, um ihm für die vergebliche Mühe zu dan⸗ zur ken, die er ſich gegeben. oft Unterdeſſen war es elf Uhr Abends geworden. Beim Scheine der angezündeten Lampen ſah man die große Figur Chriſti, die den Hintergrund des Saales einnahm, und trotz alles Schmerzens mit hö himmliſch heiterer Miene die Augen zum Himmel der emporrichtete, gleich als wollte ſie zu dem Schuldi⸗ gen ſagen: Bereue Deine Sünde, ſo wird Dir der zin Himmel verzeihen; und zu dem Unſchuldigen: Beuge Dich, wie ich mich gebeugt, ſo wirſt Du lächelnd ſter⸗ de ben, wenn man Dich verurtheilt. Du wirſt im Him⸗ mel ewiger Herrlichkeit theilhaftig ſein, und es wird 3w Dir Gott für das Unrecht, das man an Dir began⸗ gen, lohnen. ner Der Präſident erhob ſich und ſprach mit feier⸗ licher Stimme: „Es werden die Herren Geſchworenen nun in bre ihr Berathungszimmer treten; die Eltern des Ange⸗ ſor klagten aber fordere ich auf, ſich zurückzuziehen, bis Ar das Urtheil gefällt iſt.“ Und die beiden greiſen Per⸗ ſonen— wir drücken uns ſo aus, weil Johanns ſpr Eltern im Laufe von nur zwei Monaten um volle zwanzig Jahre älter geworden waren— die beiden greiſen Perſonen ſtanden, von zwei Gerichtsboten ſp. Bei⸗ Er u er⸗ über⸗ hann dan⸗ rrden. man des mit mmel huldi⸗ r der Zeuge ſter⸗ Him⸗ wird egan⸗ feier⸗ in in Ange⸗ , bis Per⸗ Hanns volle deiden boten 59 unterſtützt, auf, warfen einen letzten thränenvollen Blick auf ihren unglücklichen Sohn, der ihnen zu⸗ lächelte, um ihnen Muth zu machen, und verließen den Saal. Dieſer Auftritt brachte auf die ganze Zuhörer⸗ ſchaft einen lebhaften Eindruck hervor. Während Oneſimus Raynal und ſeine Frau ſich zurückzogen, konnten ſie auf ihrem Wege die zwei oft wiederholten Worte hören: „Die armen Leute!“ Und ſie ſahen Thränen, die man abtrocknete. In dieſem Augenblicke hätte man es gerne ge⸗ hört, wenn Johann freigeſprochen worden wäre; denn des Menſchen Herz iſt am Ende doch gut. Es zogen ſich die Geſchworenen in ihr Berathungs⸗ zimmer zurück. „Man laſſe den Angeklagten abtreten!“ ſprach der Präſident weiter. Und Johann entfernte ſich in Begleitung von zwei Gendarmen. Eine Viertelſtunde darauf traten die Geſchwore⸗ nen wieder ein. Der Obmann ergriff das Wort und ſprach: „Wir erklären Johann Raynal ſchuldig des Ver⸗ brechens vorſätzlicher Tödtung, verübt an der Per⸗ ſon des Valentin Raynal, ſeines Oheims, und der Antonette Belami. So wahr uns Gott helfe!“ „Man laſſe den Angeklagten wieder eintreten!“ ſprach der Präſident. Es trat Johann wieder herein. „Es verurtheilt der Hof in Folge des Wahr⸗ ſpruchs der Geſchworenen den Angeklagten Johann 60 Raynal zur Todesſtrafe,“ ſprach der Präſident, das Haupt entblößend und ſammt dem ganzen Hofe und ſämmtlichen anweſenden Zuhörern ſich erhebend.„An⸗ geklagter, haben Sie noch etwas zu ſagen?“ „Nichts, Herr Präſident,“ antwortete Johann mit ruhiger Stimme;„nur ſchwöre auch ich bei mei⸗ nem Gewiſſen und bei dem Gott, der uns hört, daß ich unſchuldig bin.“ Still und tief bewegt verlief ſich die Menge. Als Johanns Vater den Urtheilsſpruch vernahm, verſchwand er aus der Stadt, und nie hat Jemand erfahren, was aus ihm geworden. Die Mutter des Verurtheilten aber wurde wahnſinnig. Einen Monat nach dieſer Sitzung, am 16. Juli, las man in der Sentinelle von Nimes: „Geſtern hat die Hinrichtung Johann Raynals Statt gefunden, deſſen Proceß unſere Leſer ſich ohne Zweifel noch erinnern werden, vor etwa einem Mo⸗ nate geleſen zu haben. „Es hatte der Angeklagte beim Caſſationshofe die Richtigkeitsbeſchwerde eingelegt; er iſt jedoch da⸗ mit abgewieſen worden, und geſtern Morgen hat man ihm angekündigt, daß er nur noch zwei Stun⸗ den zu leben habe. Johann Raynal hat reichliche Thränen vergoſſen, als man ihm das abweiſende Urtheil des oberſten Gerichtshofs publicirt hat, und hat dem Prieſter gebeichtet, der einige Minuten dar⸗ auf in ſeine Zelle gekommen iſt und ihn erſt auf dem Schaffotte verlaſſen hat. „Nach der Beichte hat er zu dem Geiſtlichen geſagt: Welch' guter Chriſt man auch ſein mag, ſo iſt In es d ſterl geſte antn Sür dien es l begt hat er Wo zeih ich gra ſchn weg Aue wir verf gen Ver es nes llichen ſo iſt 61 es doch gar traurig, unſchuldig und in meinem Alter ſterben zu müſſen.““ „Unſer Herr und Erlöſer iſt auch unſchuldig geſtorben,““ hat der fromme Diener Gottes ihm ge⸗ antwortet. „„Ja, aber ſein Tod hat uns erlöst, hat unſere Sünden gebüßt, während der meinige zu gar nichts dient.““ „Nun iſt der Scharfrichter hereingekommen, und es haben die letzten Vorbereitungen zur Hinrichtung begonnen. „„Wünſchen Sie noch etwas, bevor Sie ſterben?““ hat man den Angeklagten gefragt. „„Ein Blatt Papier, Feder und Dinte,““ hat er darauf geantwortet. „Man hat ihm gewillfahrt, worauf er nachſtehende Worte geſchrieben hat: „„„In dem Augenblicke, wo ich ſterben ſoll, ver⸗ zeihe ich denen, ſo mich verurtheilt haben; denn wäre ich an ihrer Stelle geweſen, ſo hätte ich, bei ſo ſchwer gravirenden Beweiſen, gerade wie ſie gehandelt. Ich ſchwöre aber von Neuem, daß ich des Verbrechens, wegen deſſen ich ſterben muß, nicht ſchuldig bin. Auch hoffe ich, daß einſt die Wahrheit herauskommen wird, auf daß mein Name, ſowie der meines armen verſchwundenen Vaters, und der meiner wahnſinnig gewordenen Mutter wieder zu Ehren komme. „„ 15. Juli 1825. Johann Raynal.““ A„„Behalten Sie gefälligſt dieſes Blatt, hat der Verurtheilte zum Prieſter weiter geſagt: ich vertraue es Ihnen an. Es iſt daſſelbe die Zukunft des Man⸗ nes, der nur noch zwei Stunden zu leben hat.““ „Sodann iſt Johann Raynal, ohne vorher etwas gegeſſen oder getrunken zu haben, in den bereitſtehen⸗ den Wagen geſtiegen, und, auf dem Richtplatze an⸗ gekommen, die Stufen des Schaffots mit einer Ruhe hinangeſchritten, die wie Reſignation ausſah. „Zwei Minuten darauf war der Juſtiz der Men⸗ ſchen Genüge gethan.“ Zweites Kapitel. Der Nikolaus. Es ſind acht Jahre entſchwunden. Wir befinden uns im Monat October des Jahres 1833. Es iſt neun Uhr Abends, und es arbeitet ſich auf dem weiten indiſchen Meere, das zwiſchen den Sunda⸗Inſeln und dem Nebel⸗Cap ſeine Wogen geduldig und geräuſchvoll hin⸗ und herwälzt, ein Schiff mühſam fort; in der tiefen Finſterniß aber iſt es nicht zu erkennen. Dieſes Schiff iſt der von der Inſel Madagaskar kommende Nikolaus, der am Cap anlegen will und nach Marſeille beſtimmt iſt. Auf dem öden Verdecke des Schiffes herrſcht tiefe Stille. 4 Den wachhabenden Officier, der in ſeinem Regen⸗ mantel und mit den Händen auf dem Rücken auf⸗ und abſpaziert, ſo wie den am Steuerruder ſtehenden Mann abgerechnet, iſt kein menſchliches Weſen darau zu ſehen. Man hört nur das Krachen des Schiffes, das vas hen⸗ an⸗ tuhe den⸗ ahres beitet iſchen Zogen , ein aber gaskar l und t tiefe Regen⸗ n auf⸗ henden darauf 63 ſich abmüht, dieſes gewaltige Meer zu zähmen, wel⸗ ches unter ſeinem Kiel wiehert wie ein Pferd unter dem Sporn ſeines Reiters. Gehen wir alſo in das Zwiſchendeck hinab und ſehen wir, was dort vorgeht! Es ſitzen vier Perſonen um einen blanken Tiſch her in einer geräumigen Cajüte, die am Tage als Speiſezimmer, Abends als Salon dient, und um dieſe Stunde durch eine Lampe erleuchtet wird, welche, mit einem großen grünen Schirme verſehen, vermittelſt eines eiſernen Stängelchens an einem der Balken der Cajütendecke hängt. Zwei von dieſen Perſonen ſpie⸗ len Domino: es iſt der Capitän Dürantin und der Doctor Maröéchal. Die dritte Perſon liest und ſtützt dabei den Kopf auf die rechte Hand, während ihr Elbogen und ihr Buch auf dem Tiſche ruhen. . Die vierte thut materiell zwar nichts, ſcheint aber in ſo tiefes Nachdenken verſunken, daß es gar nicht zum Verwundern wäre, wenn wir in ihr die meiſt⸗ beſchäftigte Perſon vor uns hätten. Der Capitän iſt ein Mann von etwa fünfund⸗ vierzig, in kleiner Schiffsuniform, ein ächter Seemann mit Adlernaſe und weißen Zähnen: aus ſeinem Auge ſpricht Freimuth und Offenheit. Der Doctor iſt etwa ein Mann von dreißig, und hat bei offener Phyſiognomie einen durchaus klaren Blick, wie es der Fall ſein muß bei einem Manne, der an Herz, Geiſt und Magen geſund iſt. Der Leſende iſt ein junger Mann von höchſtens fünfundzwanzig. Sein Name iſt Felician Pascal. Sein Geſicht iſt blaß, ſeine von großen ſchwarzen Wimpern beſchatteten Augen überaus ſanft, und endlich ſcheint ſein leicht lächelnder Mund ihm zu nichts Anderem, als zum Ausſprechen frommer Worte zu dienen. Obgleich er keine Prieſterkleidung trägt, ſo hat er doch die Tonſur bekommen. In ſeinem ganzen Weſen liegt die evangeliſche Sanftmuth, die wir bei jungen Dienern Gottes zu finden gewohnt ſind. Senkt ſich ſeine Hand, um in dem vor ihm liegenden Buche zu blättern, ſo kann man nicht um⸗ hin, die weibliche Weiße und die ariſtokratiſche Fein⸗ heit dieſer Hand zu bemerken. Er iſt ganz ſchwarz gekleidet und von mittlerer Statur; und endlich ſcheint er mehr ſchwächlich als ſtark. In dem Augenblicke, wo wir ſeine Bekanntſchaft machen, ſtützt ſich ſein Geſicht auf ſeine Hand; es iſt das⸗ ſelbe von langen ſchwarzen Haaren umwallt und von der Lampe, unter der er liest, halb erleuchtet. Nichts Angenehmeres und Sympathiſcheres als dieſes Ge⸗ ſicht: es iſt die Seelenruhe, auf der That ergriffen, es iſt der lebendige Glaube, es iſt das eingefleiſchte Gewiſſen. Die vierte Perſon ſehen wir, etwas weit von den übrigen weg, auf einem Canapee ſitzen, oder vielmehr ausgeſtreckt, das an der Cajütenwand ſteht. Sie iſt vom Kopf bis zu den Füßen im Halbſchatten. Sie iſt dreißig Jahre alt, von mittlerer Statur, und ſcheint recht kräftig zu ſein; ihre Züge und ihr Coſtüm ſind eine Miſchung angeeigneter Vornehmheit und angeborner Gemeinheit. Analyſiren wir einmal dieſen Mann und fangen wir bei dem Kopfe an! Ein von der Tropenſonne ſtark gebräunter, von und 1 zu Borte rägt, inem „die ohnt ihm um⸗ Fein⸗ warz heint ſchaft das⸗ von ichts Ge⸗ fffen, iſchte von oder ſteht. tten. und ſtüm und ngen von Natur aber weißer Teint; blonde, von Natur lockige und mit faſt prätentiöſer Sorgfalt unterhaltene Haare; eine mattweiße Stirn, die ſo glatt iſt wie Elfenbein, und worauf in den Zeichen des Schädellehrers Gall Entſchloſſenheit und Willenskraft deutlich geſchrieben ſtehen; Brauen, rein und ſcharf gezeichnet, und Augen als Wölbung dienend, die von ſo blaſſem Blau ſind, daß ſie dem Blicke Anderer mit einer ſeltſamen Be⸗ weglichkeit entgehen, davon gar nicht zu reden, daß dieſe Augen plötzlich von himmliſcher Sanftheit zu ſo ſonderbarer Unbeweglichkeit übergehen können, daß ſie unter den Deckeln gleichſam zwei Löcher aus⸗ höhlen und einem wilden Thiere zu gehören ſchei⸗ nen: das ſind die Dinge, die Einem in dem Geſichte dieſes Menſchen zuerſt auffallen würden. Die Naſe i*ſt gerade und ſchön gebaut; was den Reſt des Ge⸗ ſichtes betrifft, ſo kann derſelbe die phyſiognomiſche Forſchung gar leicht täuſchen wegen eines ſtarken Bartes, der bei den Ohren anfängt und nur dünne finden ſehen läßt, hinter welchen ziemlich ſchöne Zähne iegen. Der Mann, mit dem wir uns jetzt beſchäftigen, hat, hierin ganz verſchieden von dem eben beſchrie⸗ benen, ſtarke Hände und plumpe Finger, womit er ſich viel beſchäftigt; iſt es ihm aber auch gelungen, dieſelben weiß zu machen, ſo hat er doch darauf ver⸗ zichten müſſen, ſie elegant zu machen. Sorgfältig gefältelte Manſchetten von Batiſt bedecken dieſe Hände zur Hälfte, und am kleinen Finger der rechten Hand funkelt ein Diamant von hohem Werthe. Dieſer Mann trägt ein Halstuch von weißem Foulard, das nachläſſig um ſeinen Hals gebunden Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 5 66 iſt, und eine Weſte von engliſchem Stoffe, worauf große rothe, gelbe und grüne Würfel zu ſehen ſind; eine dicke goldene Kette läuft über die Weiße ſeines Hemdes hinab und verliert ſich ſammt der Uhr, die ſie trägt, in der linken Taſche dieſer grellfarbigen Weſte. Denkt man ſich noch hinzu eine Art ſchwarz⸗ ſammtener Jacke, Beinkleider von braunem Caſchemir, weißſeidene Strümpfe und leichte Schuhe, welche den Füßen, die ſie einſchließen, Feinheit zu geben ſuchen, ſo hat man das vollſtändige Bild dieſer vierten Per⸗ ſon, insbeſondere wenn man derſelben einen jener ſtarken ambra⸗ oder moſchusartigen Wohlgerüche ent⸗ ſtrömen läßt, womit die Bewohner der Colonien ſich alberner Weiſe zu umgeben gewohnt ſind. Iſt dieſer Mann rechtſchaffen oder nicht? Wiegt in ihm das Gute oder das Böſe vor? Das läßt ſich nicht ſagen. Erſt wenn man ihn genauer ſtudirt, entdeckt man die verhängnißvollen Linien, welche auf ſeinen Cha⸗ rakter ſchließen laſſen. Sind dieſe Linien ein Reſultat langen erlittenen Unglücks oder heftiger Leidenſchaf⸗ ten, denen er gefröhnt? Haben wir in ihm einen bösartigen oder einen guten Menſchen vor uns? Bald ſcheint der Blick dieſes Mannes aus einem Herde von Galle hervorzukommen; bald wird derſelbe wunderbar ſanft: nichts iſt veränderlicher und ge⸗ ſchmeidiger als dieſe Phyſiognomie. Während man ſeine Lippen ſich bitter und ſpöt⸗ tiſch zuſammenziehen ſieht, gewahrt man mit Erſtau⸗ nen, wie dieſe Bitterkeit und dieſer Spott ſich in ein Lächeln auflöſen, welches ein Mädchenmund beneiden vorauf ſind; ſeines dr, die rbigen gwarz⸗ hemir, he den uchen, Per⸗ jener he ent⸗ en ſich Wiegt ßt ſich Et man 1 Cha⸗ eſultat nſchaf⸗ einen 182 einem eerſelbe nd ge⸗ d ſpöt⸗ Erſtau⸗ in ein eneiden 67 würde, und zwar mit der Geſchwindigkeit, womit eine Sommerwolke unter dem Einfluſſe des Windes ihre Geſtalt ändert. Auf den erſten Blick jedoch erſcheint, wir wieder⸗ holen es, dieſer Mann wie alle Menſchenkinder. Bücher, die auf dem Ofen liegen, Land⸗ und Seekarten, die an den Thürfüllungen hangen, ſowie endlich ein Thermometer bilden den Reſt des ein⸗ fachen Mobiliars dieſer reinlichen und von Mahagoni glänzenden Cajüte. Das einzige Geräuſch, das man hört, iſt, wir wiederholen es, der Athem des Schiffes, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen. Dazu kommt noch das kleine Zittern der im Zimmer befindlichen Gegen⸗ ſtände, welche durch die Bewegung des Schiffes mehr oder minder erſchüttert werden, ſowie endlich von Zeit zu Zeit das Geräuſch der Dominos, welche die beiden Spieler hin⸗ und herſchieben. Drittes Kapitel. Eine Partie Dominos. „Domino!“ rief mit einem Male der Capitän. „Ohl armer Doctor, ich ſehe ſchon, Sie ſind mir nicht gewachſen. Wollen einmal nachſehen, wie viel wir jetzt haben,“ fuhr Herr Dürantin fort, indem er die Karte in die Hand nahm, die ihm zum Markiren diente, und die Einſchnitte darauf zählte;„ich hatte ſiebenundſiebzig,— und jetzt noch dreiundzwanzig: macht genau hundert.“ „Ich bin, wie Sie ſagen, Ihnen nicht gewachſen, 68 Capitän,“ ſprach der Doctor:„es iſt dieß nun die vierte Partie, die Sie mir abgewinnen; ich könnte Succurs brauchen, Herr Valery, würden Sie wohl ma mit Herrn Pascal ſich vereinigen, ſo daß wir zu Sy Vieren eine Partie ſpielten?“ 3 all Als Herr Valery, der Mann mit der rothen. Weſte, ſich interpelliren hörte, ſtand er auf, kam wie Ca ein eben aufwachender Menſch zum Tiſche her und ſprach: „Es iſt mir recht.“ ſeg „Auch ich bin dabei,“ antwortete, ſein Buch zu⸗ ſchlagend, der junge Mann, den wir als Felician Pascal kennen gelernt. Sofort rieb ſich der Letztere die Hände und ſetzte hinzu: „Wiſſen Sie auch, Herr Capitän, daß es heute Abend ein bischen kalt iſt?“ „Sollen wir Feuer machen laſſen?“ „Ohl ſo arg iſt es nicht,“ erwiderte Felician; zu „aber kalt iſt es doch... wie „Ich bin auch dieſer Anſicht,“ ſprach Herr Va⸗ lery, ſich an den Tiſch herſetzend,„dieſes Regenwetter ſein dringt Einem durch Mark und Bein. Ich habe auf Kopfweh und bekenne gern, daß ein bischen Feuer dort mir nicht unlieb wäre.“ bei „Schon ſeit einigen Tagen ſcheinen Sie nicht recht wohl zu ſein, Herr Valery,“ ſprach der Arzt; „eine kleine Conſultation, he?“ „Oh, es iſt das vollkommen unnütz: mir fehlt nichts.“ Herr Dürantin klingelte. Her Einen Augenblick darauf erſchien ein Matroſe. n die önnte wohl ir zu othen n wie und hh zu⸗ lician ſetzte heute ician; Va⸗ vetter habe Feuer nicht Arzt; fehlt oſe. 69 „Feuer!“ ſprach der Capitän. Und bald brummte der Ofen. Jedermann fühlte ſich nun behaglicher, weßhalb man die Partie ganz luſtig begann. Während des Spielens plauderte man von allerlei; Herr Valery allein ſchauderte. „Wie viel Tage brauchen wir noch, um auf's Cap zu kommen?“ fragte Pascal Herrn Dürantin. „Späteſtens in zwei Tagen ſind wir dort.“ „Wiſſen Sie auch, daß der Nikolaus famos ſegelt?“ „Ahl er macht in einer Stunde ſeine acht Knoten.“ „Sie müſſen ſpielen, Capitän.“ „Sechs überall?“ „Ja.“ „Ich paſſe.“ „Und Sie, Herr Valery?“ „Ich habe ſechs.“ „Es verlangt Sie alſo ſehr, recht bald auf's Cap zu kommen?“ hob der Capitän, zu Felician gewandt, wieder an. M„Ja, ich möchte recht bald wieder in Frankreich ſein, und da ich zuvor noch zwei bis drei Monate auf dem Cap bleiben muß, ſo möchte ich ſchon jetzt dort ſein. Ich würde glauben, daß ich ſchon näher bei meiner Mutter ſei.“ „Ihre Mutter iſt alſo in Frankreich?“ „Ja, Herr Capitän; eben ſo auch meine Schweſter.“ „Welchen Theil von Frankreich bewohnt ſie?“ „Poitou, ihre und meine Heimath.“ „Schau! auch ich bin aus Poitou,“ bemerkte Herr Maréchal;„wir ſind alſo Landsleute.“ 70 „Blank zwei,“ machte Herr Valery. „Zwei Aß,“ antwortete der Capitän, ſeinen Do⸗ mino hinſetzend. „Aus welcher Stadt ſind Sie, Herr Doctor?“ hob der junge Menſch wieder an. „Ich bin von Melle, einem allerliebſten Städt⸗ chen, das auf der Anhöhe liegt, welche die zwei kleinen von der Légére und der Böronne beſpülten Thäler trennt.“ „Ich dagegen bin von Moncontour, welches auf dem rechten Ufer der Dive liegt.“ „Es iſt das ein allerliebſter Ort, der mir wohl bekannt, aber ganz klein iſt.“ „Höchſtens tauſend Seelen.“ „Und wie kommt es, daß Sie dieſes Städtchen verlaſſen haben und, obgleich noch ſo jung, doch ſchon auf unſerem Südmeere ſind?“ „Blank überall,“ ſprach Herr Dürantin.„Nun, da ihr plaudert, wird man euch nicht mehr zum Spielen bringen. Blank überall.“ „Sie wiſſen wohl, daß wir nicht blank haben, Herr Capitän, da ⸗blank ſchon ſieben Mal ſitzt.“ „An umgeſchlagen!“ „U „Lnene ſagte Herr Dürantin, mit triumphiren⸗ der Miene ſeinen Point zeigend. „Es iſt nicht zu leugnen, daß der Herr apitn gut ſpielt,“ ſprach Pascal lächelnd. Sodann zu Herrn Maréchal gewandt, während man die Dominos umlegte: „Fragen Sie mich nicht, wie es komme, daß ich Do⸗ tor?““ Städt⸗ zwei ülten 3 auf wohl dtchen ſchon Nun, zum aben, 7 ziren⸗ pitän hrend ß ich 71 Moncontour verlaſſen, und daß ich, ſo jung und ſo ganz allein, ſchon auf dem Südmeere mich befinde?“ „Ja.“ „Mein Gott! es iſt das ganz einfach. Seit der Zeit, daß ich denken gelernt, bin ich von dem Wunſche beſeelt geweſen, in den geiſtlichen Stand zu treten. Als ich noch ein ganz kleines Kind war, erfüllten mich ſchon die Ceremonien der Religion, der Weih⸗ rauch, der Geſang der Chorknaben, die Blumen des Fronleichnamsfeſtes, die bei Proceſſionen blendend weiß gekleideten, im hellen Sonnenſchein und unter dem Schatten der Fahnen der heiligen Jungfrau vorüberziehenden Mädchen, mit einer heiligen Exal⸗ tation, ſo daß ich Freudenthränen darüber vergoß. Später wurde dieſer religiöſe Inſtinct eine Sache des Verſtandes, und da habe ich meinen Beruf be⸗ griffen. Mein Vater war todt, meine Mutter, die mir in nichts zuwider ſein wollte, hat mich in das Seminar von Niort treten laſſen, wo ich bis zum einundzwanzigſten Jahre Theologie ſtudirt habe. Nun habe ich die erſten Weihen erhalten, denn, wie Sie ſehen, ſo trage ich die Tonſur; bevor ich indeſſen unwiderrufliche Gelübde ablegte, habe ich die Welt ſehen und die verſchiedenen Religionen ſtudiren und mit einander vergleichen wollen, damit mein Glaube keine bloße Gehülfsſache, ſondern an der Sonne der Discuſſion gereift ſei. Und ſo habe ich denn Frank⸗ reich verlaſſen, und kehre nun dahin zurück.“ „Ueberzeugt?“ fragte Herr Valery. „Ueberzeugt, ja mein Herr,— überzeugt, daß es nur eine wahre, gerechte, ewige Religion gibt, die Religion, der ich mein Leben nun zu weihen gedenke, — das Chriſtenthum.“ „Sie wollen alſo entſchieden Geiſtlicher werden?“ fragte Herr Dürantin ſeinerſeits. „Ja, Herr Capitän, ich gedenke, mir die Weihen geben zu laſſen, die mir noch fehlen.“ 5 „Ihr Wiſſen, die ſpeciellen Studien, die Sie ge⸗ macht, werden Sie alsbald zu einer hohen Stellung berechtigen.“ „Ohl mein Ehrgeiz iſt ſo hochfliegend nicht. Was ich will, iſt, an unſerer kleinen Kirche zu Moncon⸗ tour Pfarrer zu werden und dort in der Nähe meiner Mutter und meiner Schweſter ferner zu leben,— zu leben inmitten meiner erſten Jugenderinnerungen und aller wackeren Leute, die ich im Dorfe kenne, und die mein Herz recht vermiſſen würde, wenn ich ſie auf immer verlaſſen müßte. Ich bin bis an die äußerſten Grenzen der Welt gekommen und bringe nun das als Reiſefrucht zurück.“ „Wiſſen Sie auch, daß, was Sie da zurückbrin⸗ gen, ganz einfach das Glück iſt?“ „Ich glaube ſo.“ „Warum aber halten Sie ſich auf dem Cap auf? Ich erlaube mir, alle dieſe Fragen an Sie zu rich⸗ ten,“ ſetzte der Capitän hinzu,„weil Sie ſelbſt ſo gütig ſind, uns allerlei zu ſagen, was Sie betrifft, und weil ich mich für Ihr Schickſal intereſſire; denn ich gebe Ihnen mein Seemannswort, daß ich nichts Achtungswertheres und Intereſſanteres kenne, als einen jungen Prieſter, der das ganze Feuer und den ganzen Eifer der Jugend auf den Dienſt der Religion überträgt.“. denke, en?“ eihen e ge⸗ llung Was ncon⸗ einer 7 ingen enne, n ich n die ringe brin⸗ auf? rich⸗ sſt ſo trifft, denn nichts als d den igion 37 „Meinen ſchönſten Dank für Ihr Intereſſe, Herr Capitän,“ antwortete Felician, indem er Herrn Dü⸗ rantin die Hand reichte.„Ich bleibe einige Zeit auf dem Cap, um dort ein kleines Erbe einzuthun, das meiner Schweſter und mir zugefallen iſt,— etwa fünfzigtauſend Franken, die mein Oheim uns hinterlaſſen, welcher dort ſein Leben beſchloſſen hat. Dieſe Summe wird die Mitgift meiner lieben Blanka vervollſtändigen, und habe ich bei meiner Rückkunft die Freude, ihr einen Mann zu finden, der ſie ver⸗ ſteht und alle guten Eigenſchaften ihres Herzens zu würdigen weiß, ſo habe ich Gott um nichts mehr zu bitten.“ „Welch ſonderbares Ding iſt es doch um das Leben!“ bemerkte der Capitän, deſſen Gewohnheit es ſonſt nicht war, philoſophiſche Betrachtungen anzu⸗ ſtellen. Wir ſind hier unſer vier, wir kommen alle vier phyſiſch aus einem und demſelben Lande, und doch hat keiner von uns dieſelbe Beſtimmung: Ma⸗ réchal iſt Arzt, ich bin in der Marine, Herr Pascal will ſich zum Prieſter weihen laſſen, und Sie, Herr Valery...“ „„Oh! was mich betrifft, ſo iſt mein Verhältniß weit proſaiſcher: ich kehre ganz einfach nach Frank⸗ reich zurück, nachdem ich auf der Inſel Madagascar, wo ich ſeit ſieben Jahren geweſen bin, mein Glück im Handel gemacht habe.“ 3„Nun, Sie ſind darum noch nicht der unglück⸗ lichſte von uns: nicht wahr, Maréchal?“ „So mein ich auch,“ verſetzte der Doctor. „Auch ich bin weit entfernt, mich über mein Loos zu beklagen,“ bemerkte Herr Valery darauf. 74 Und während er alſo ſprach, fuhr er mit der Hand über die Stirn hin wie ein vom Kopfweh Ge⸗ plagter. Auf dieſe Unterhaltung folgte ein Schweigen, das etliche Minuten dauerte. Ein Jeder dachte nach. Es ergreift die Seele ſo gerne einen Vorwand, um ſich zu concentriren. Wer das Schweigen zuerſt brach, war der Capitän. „Aber, Maréchal, wir haben unſere Partie ja nicht ausgeſpielt!“ „Ganz richtig.“ Und es nahm Herr Maréchal ſieben Dominos, während die Uebrigen ein Gleiches thaten. „Verzeihen Sie mir, meine Herren, wenn ich auf das Vergnügen verzichte, länger mit Ihnen zu ſpielen,“ fiel Herr Valery ein, indem er ſich erhob; „aber es iſt mir nicht ganz gut, und ich will darum mich zu Bette legen.“—. Hier ſchaute der Arzt den Paſſagier an. „Sie ſehen in der That recht blaß aus, mein Herr,“ ſprach er zu ihm;„geben Sie mir Ihre Hand. Sie haben etwas Fieber.“ „Ohl es wird nichts zu bedeuten haben. Wenn ich auf dem Meere bin, fühle ich mich immer ein bischen unwohl. Ich bedarf der Ruhe, ſonſt iſt es nichts.“ „Jedenfalls werde ich, bevor ich zu Bette gehe, nach Ihnen ſehen.“ „Meinen Dank, Herr Doctor, ich bitte Sie aber, ſich um meinetwillen nicht zu bemühen.“ Herr Valery grüßte ſeine drei Reiſegenoſſen und verließ die Cajüte, um ſeine Koje aufzuſuchen. m der Ge⸗ igen, nach. um itän. ie ja inos, n ich en zu rhob; arum mein Ihre Wenn er ein iſt es gehe, aber, n und 75 „Nun ſpielt ein Jeder für ſich,“ ſprach der Ca⸗ pitän, der, wie man ſieht, ein leidenſchaftlicher Do⸗ minoſpieler war.„Wer ſetzt?“ „Sie, Herr Capitän.“ „Nun, ſo ſetze ich doppelt⸗fünf.“ Viertes Kapitel. Staͤrke und Schwäche. Es mochten etwa drei Viertelſtunden verfloſſen ſein, ſeit Herr Valery ſich zurückgezogen, und es ſchlürften die drei Spieler, die jetzt aufgehört hatten zu ſpielen, eben plaudernd ihren Thee. Da ging mit einem Male die Cajütenthüre auf, und es er⸗ ſchien Herr Valery wieder. Er hatte einen Schlafrock an und war todblaß. „Ahl Sie kommen wieder,“ ſprach der Capitän. „Schön, ſchön!“ Während aber Herr Dürantin alſo ſprach, blickte er unruhig den jungen Mann an, der eben wieder hereingetreten war, und ſprach zum Arzte ganz leiſe: „Sehen Sie doch, wie blaß er iſt!“ .„ Ja, ich komme wieder,“ verſetzte Herr Valery, indem er Platz nahm, denn er ſchien ſich nur mit Mühe auf den Beinen halten zu können. Zugleich verſuchte er ein Lächeln und ſetzte hinzu: „Aber ich möchte den Herrn Doctor um eine kleine Conſultation bitten.“ Und während der Kranke alſo ſprach, hörte man deſſen Zähne klappern. Er bot Herrn Maréchal die Hand hin. „Sie haben ſtarkes Fieber, mein Herr,“ ſagte der Doctor zu ihm. „Ja, ich bin ſehr leidend,“ erwiderte Herr Va⸗ lery in ruhigem und faſt ſtolzem Tone. „Haben Sie ſich nicht zu Bette gelegt?“ 50 ja.“ „Warum haben Sie mich dann nicht rufen laſſen?“ „Warum hätte ich Sie wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit bemühen ſollen?“ „Es war dieß eine Unklugheit von Ihnen.“ „Ohl ich habe eine gute Conſtitution.“ „Ja, aber es gibt Conſtitutionen, die gewiſſen Anfällen nicht zu widerſtehen vermögen.“ „Wäre mein Anfall etwa ein ſolcher?“ „Das ſage ich nicht; nur muß ich Ihnen wie⸗ derholen, daß Sie ſtarkes Fieber haben, und daß Sie ſich nicht genug in Acht nehmen können.“ „Wohlan, Herr Doctor, ſagen Sie mir, was ich zu thun habe: ich verſpreche Ihnen, daß ich Ihren Vorſchriften genau nachkommen will.“ Man konnte unſchwer ſehen, wie ſehr Herr Va⸗ lery ſich bemühte, kaltblütig zu ſprechen und ruhig zu bleiben. Er zitterte wider ſeinen Willen an allen Gliedern, und es bewegten ſich unaufhörlich ſeine violetten Lippen. Man hätte glauben können, er gefalle ſich in dieſem Kampfe ſeiner Willenskraft wider ſeinen Körper. „Haben Sie, ſo lange Sie die Inſel Mada⸗ gascar bewohnten, die Symptome, die Sie jetzt ver⸗ ſp re agte Va⸗ ufen Klei⸗ iſſen wie⸗ daß s ich hren 77 ſpüren, auch ſchon wahrgenommen?“ hob Herr Ma⸗ réchal wieder an. „Nie.“ „Und es iſt dieſer Anfall ſo mit einem Male gekommen?“ „Mit einem Male.“ „Stehen Sie gefälligſt auf, wenn anders ſolches Ihnen möglich iſt.“ Herr Valery ſtand auf, mußte aber mit der Hand die Stirn bedecken, gleich als wolle er den Nebel, der vor ſeinen Augen vorüberzog, und den fieberi⸗ ſchen Schwindel fernhalten, von dem er ſich ergrif⸗ fen fühlte, ſobald er die geringſte Bewegung machte. Der Arzt öffnete ein bischen unter dem Halſe das Hemd des Kranken und fing an, deſſen Bruſt zu beſichtigen, die mit großen rothen Flecken über⸗ ſäet war. „Der Teufel!“ murmelte er.„Die Sache iſt ernſt!“ „Was ſehen Sie da, Herr Doctor?“ „O nichts.“ „Sie haben aber den Kopf geſchüttelt.“ „Soll ich Ihnen die Wahrheit ſagen, ſo habe ich die erſten Folgen Ihrer Unklugheit wahrge⸗ nommen.“ „Den rothen Flecken?“ fragte Herr Valery in einem Tone, der deutlich bewies, daß er dieſes Symptom bereits bemerkt hatte und deßhalb in Sor⸗ gen war. „Nein, nein, aber doch... muß man eine an⸗ gemeſſene Behandlung eintreten laſſen.“ „Herr Capitän,“ ſetzte der Arzt, ſich zu Herrn Dürantin wendend, hinzu,„man ſollte dem Herrn eine geräumigere und luftigere Koje geben laſſen.“ „Auf dem Verdeck?“ „Ja, wenn es möglich iſt.“ „Es iſt die, welche der franzöſiſche Geſandte einnahm, vacant; es iſt ein wahres Zimmer. Herr Valery kann ſie haben.“ „Fühlen Sie ſich ſtark genug, um allein hinzu⸗ gehen?“ fragte der Arzt den Kranken. „Oh, gewiß, ich bin ſtärker als Sie glauben.“ „Nun, ſo gehen Sie auf der Stelle hin: es iſt das beſſer.“ „Gute Nacht, meine Herren,“ ſagte noch Herr Valery;„verzeihen Sie mir, daß ich Sie geſtört.“ „Morgen wollen wir nach Ihnen ſehen, und brauchen Sie heute Nacht etwas, ſo laſſen Sie uns wecken, wenn wir ſchlafen.“ Herr Valery dankte dem Capitän und ſchickte ſich an, die Cajüte zu verlaſſen. Kaum aber hatte er vier Schritte gemacht, ſo mußte er ſtehen bleiben. Die Natur machte ihr Recht geltend, und er taumelte. Zwar wehrte er ſich verzweifelt; noch ehe er aber ſich an die bretterne Wand lehnen konnte, ſank er ohnmächtig in die Arme des Arztes, der vorausgeſehen hatte, was da kommen mußte, und hinter ihm ſtand. „Zwei Mann!“ rief der Arzt. Und es erſchienen zwei Matroſen. „Bringen Sie den Herrn in die Geſandtenkoje und legen Sie ihn zu Bette.“ Die beiden Matroſen nahmen ſofort Herrn Va⸗ lery und trugen ihn, während ſie ihn an Kopf und Füßen hielten, auf ſein neues Zimmer. „Iſt Herr Valery ſchwer krank?“ fragte der Capitän. „Ob er ſchwer krank iſt? das will ich meinen. Er hat ganz einfach einen Anfall vom gelben Fieber, deſſen Keim er von der Inſel Madagascar mitge⸗ nommen haben wird. Dieſe Inſel iſt immer ſo perfid: darum habe ich eine iſolirte Koje verlangt; es iſt dieſes Fieber anſteckend, und es wäre gar nicht amüſant, wäre ein gar ſchlechter Spaß, wenn wir es Alle bekämen.“ „Der Unglückliche!“ rief Pascal.„Hoffen wir, daß Gott ihn davonkommen läßt.“ „Daß er bei ſolchem Fieber noch hat herunter⸗ kommen können, beweist mir, daß er ein ungewöhn⸗ lich ſtarker Menſch iſt: denn es ſoll mich der Teufel holen, ob ich, der ich doch ſtark bin, in ſeiner Lage mich auch nur gerührt hätte!“ „Es muß Jemand bei ihm wachen; nicht wahr?“ fragte Pascal. „Ja.“ „Nun, ſo will ich bei ihm bleiben.“ „Sind Sie von Sinnen? Wir haben ſchon Leute dazu. Ich wiederhole Ihnen, es iſt ein furchtbares Fieber, das man in Zeit von fünf Minuten erben kann. Nicht allein laſſe ich Sie nicht bei Herrn Valery bleiben, ſondern ich werde Ihnen ſogar, wenn Sie ihn morgen beſuchen wollen, ein Fläſchchen geben, woran Sie ſo gefällig ſein werden zu riechen, ſo lange Sie bei ihm bleiben.“ „Gehen Sie ihm doch nach, Doctor,“ ſprach der Capitän,„er bedarf Ihrer ohne Zweifel.“ Und es verſchwand Herr Maréchal. Unterdeſſen hatte man den immer noch ohnmäch⸗ tigen Kranken zu Bette gebracht. Herr Maréchal ließ ihn geiſtige Salze einath⸗ men und machte ſo, daß der Kranke endlich wieder zu ſich kam. Als Herr Valery die Augen wieder öffnete, ſchien er ein bischen von der Ruhe verloren zu ha⸗ ben, die ihn bis zu ſeiner Ohnmacht keinen Augen⸗ blick verlaſſen hatte. Der Arzt fragte ihn: „Wie iſt es Ihnen?“ „Ich bin leidend,— fühle überall Schmerzen.“ Es lag in dieſer Antwort ein Anflug von Schrecken. „Ich bin alſo ohnmächtig geworden?“ fuhr er fort. 2 „Wo?“ „Drunten.“ Hier ſtand der Doctor auf. „Sie laſſen mich allein?“ fragte der Kranke. „Auf einen Augenblick.“ „Wohin gehen Sie?“ „Ich will Flanell holen, damit man Sie frotti⸗ ren kann, und will einen Trank bereiten.“ „Könnte wohl ein Anderer dieß nicht beſorgen?“ „Nein: warum?“ „Weil ich möchte, daß Sie mich nicht verließen.“ „Nehmen Ihre Schmerzen zu?“ th⸗ der ete, ha⸗ en⸗ n 47 ken. ort. 81 „Ja, es ſind dieſelben groß; doch bin ich noch nicht todt.“ Herr Valery ſprach die letzteren Worte in einem Tone, wie wenn er den Schmerz herausfordern wollte. Gleichwohl war er mit einem kalten Schweiße bedeckt und war es ihm, als werde er abermals ohn⸗ mächtig. „Ich bin nicht mehr ſo ſtark, wie noch vor einer Weile,“ ſetzte er hinzu, um ſeine erſte Bewegung zu entſchuldigen,„und es hat dieſe Ohnmacht mich ein bischen ängſtlich gemacht; es iſt dieß das erſte Mal in meinem Leben, daß ich ohnmächtig geweſen bin.“ „Riechen Sie an dieſem Fläſchchen, ſo lange Sie allein ſein werden; in einigen Augenblicken bin ich wieder hier; haben Sie ein wenig Geduld und be⸗ decken Sie ſich gut.“ Und um ſeiner Sache gewiſſer zu ſein, deckte Herr Maréchal den Kranken ſelbſt zu und ſteckte Bettdecke und Leintücher zu beiden Seiten in die Bettſtelle. Als Herr Valery allein war, ſchaute er umher, indem er glaubte, daß er ſich von ſeiner Lage beſſer Rechenſchaft geben könne. Sodann concentrirte er ſein ganzes Hörvermögen, gleich als wolle er ſich leben hören und ſich vergewiſſern, daß er noch exiſtire. Es ſtand nicht lange an, ſo hob er den Kopf lächelnd wieder empor. „Ich war doch ein rechter Narr,“ murmelte er: „es hat die Sache nichts zu bedeuten. Ein Mann wie ich ſtirbt nicht in einem Tage. Dumas, d. J., drei ſtarke Männer. 6 Nun fing er an, ſeine Hände zu betrachten, von denen man hätte glauben können, daß nie Blut darin circulirt habe, und dieſer Unterſuchung wid⸗ mete er ſich mit einer Art wilder Freude. Er ließ ſeine Finger ſpielen und ließ deren Gelenke krachen. Mit derſelben Hand berührte er auch ſeine Bruſt, und während er dieſelbe drückte, athmete er zugleich. Da öffnete ein neues triumphirendes Lächeln ſeine bleichen Lippen zur Hälfte. „Ich hatte aber auch geglaubt, es ſei das Ende da,“ ſprach er. Und bei dieſem Gedanken lief ein unwillkührlicher Schauer durch ſeinen ganzen Körper hin. In dieſem Augenblicke erſchien ein Matroſe mit Leinwand und einigen Fläſchchen. „Braucht der Herr noch etwas?“ fragte dieſer Mann, ohne ſich dem Bette zu nähern. „Nein. Was bringen Sie da?“ „Phiolen, welche Herr Maréchal mir gegeben, damit ich ſie Ihnen bringe.“ „Wo iſt er, der Herr Maréchal?“ „In der Apotheke. Soll ich ihn vielleicht holen?“ ſchlug der Mann vor, der große Luſt zu haben ſchien, aus dieſem Zimmer möglichſt bald wieder fort⸗ zukommen; denn es hatte der Arzt ihm anempfohlen, möglichſt kurze Zeit dort zu bleiben. „Nein,“ antwortete der Kranke, der bemerkt hatte, wie ſehr der Matroſe ſich Zwang anthat.„Nein, bleiben Sie bei mir.“ Der Matroſe lehnte ſich an die Bretterwand und fing an, ſeine Mütze in den Händen zu drehen. 2 8 Sn GC2 von Blut wid⸗ ließ chen. ruſt, leich. cheln Ende licher e mit dieſer geben, dlen?“ haben r fort⸗ fohlen, hatte, „Nein, nd und en. 83 Herr Valery betrachtete ihn einige Augenblicke und ſprach dann zu ihm: „So kommen Sie doch ein bischen näher, mein Freund. Sie ſcheinen zu befürchten, daß Sie meine Krankheit erben möchten; es iſt dieſelbe aber nicht anſteckend.“ Der Matroſe machte einen Schritt, aber auch nur einen. „Sie fürchten ſich alſo wirklich?“ ſetzte Herr Va⸗ lery in faſt gereiztem Tone hinzu. „Es darf Sie das nicht Wunder nehmen, mein Herr: ich habe Frau und Kinder, und... das gelbe Fieber erbt ſich leicht.“ „Das gelbe Fieber!“ rief der Kranke erbleichend. „So hätte ich denn das gelbe Fieber?“ Der Matroſe begriff, daß er einen Fehler ge⸗ macht, ſprach aber bei ſich ſelbſt:„Um ſo ſchlimmer, Jeder für ſich.“ Dann laut zu Herrn Valery: „Herr Marochal hat das geſagt.“ „Das gelbe Fieber!“ wiederholte der Paſſagier, deſſen Blick völlig unbeweglich wurde.„Das gelbe Fieber! aber man ſtirbt daran unter gräßlichen Schmerzen, nicht wahr?“ „Was wollen Sie! ſo iſt es nun einmal, mein Herr.“ „Du haſt alſo ſchon Leute daran ſterben ſehen: haſt Du das?“ „Ja, Herr, ſchon oft. Mein Bruder ſelbſt iſt daran geſtorben; und darum habe ich ſo große Furcht davor.“ Und der Matroſe genirte ſich nicht, ſein Taſchen⸗ tuch vor Mund und Naſe zu halten. 84 „Du kennſt alſo die Symptome dieſes Fiebers?“ „l. „Wie fängt es an?“ fragte Herr Valery, ſich großen Zwang anthuend, um ruhig zu ſcheinen. „Es fängt an mit Erbrechen, Froſt, Kopf⸗ und Magenweh, und dann bedeckt ſich der Körper mit rothen Flecken.“ „Wie dieſe da?“ fuhr der Kranke fort, indem er ſeine geſprenkelte Bruſt zeigte. „Ja, Herr,“ antwortete der Matroſe, den Kopf vorbeugend, um beſſer ſehen zu können, zu gleicher Zeit aber mit dem Körper zurückweichend. „So muß ich denn ſterben!“ verſetzte Herr Valery. Und er ſtieß einen Schrei aus, der mit einem Tigergebrüll viel Aehnlichkeit hatte. In dieſem Schrei lag aller Schmerz und aller Zorn, den ein Menſch in einen einzigen Ton der Seele zu legen vermag. Der Kranke nahm den Kopf zwiſchen beide Hände, verbarg ihn im Kopfkiſſen und riß ſich zu gleicher Zeit mit wahrer Wuth die Haare aus. „Sterben, ſterben!“ wiederholte er,„jetzt ſterben, reich ſterben, in einem Alter von dreißig Jahren ſterben: nein, das iſt nicht möglich; nein, ich wil es nicht.“ Und alſo ſprechend ſtreckte er die Fauſt aus, ſank aber bald wieder erſchöpft und kraftlos zurück. Schon zeigte ſich das Delirium. „Ich will den Doctor ſehen,— ich will, ich muß den Doctor ſehen!“ ſchrie der Kranke.„Holen Sie mir ihn alsbald.“ 21 0— — ——8 S0o S ——.—— ——— 1α h muß i Sie 85 Der Matroſe, dem nichts erwünſchter war, als gehen zu können, verſchwand bei dieſem Worte. „Ich will nun einmal nicht ſterben,“ wiederholte Herr Valery unaufhörlich, wie wenn er ſich hätte überzeugen wollen, daß ſeine Willenskraft den Tod fern zu halten vermöge. Und er lief mit verdoppeltem Pulſe— einer Folge des Fiebers und der moraliſchen Ueberreizung — gleich einem Wahnſinnigen nach der Thüre hin und riß dieſelbe auf in dem Augenblicke, wo der Arzt ſie ſeinerſeits öffnete. „Wenn Sie ſo unbeſonnen ſind,“ ſprach Herr Maréchal in faſt ſtrengem Tone,„ſo laſſe ich Sie in Ihr Bett binden, mein Herr; denn ich bin für Ihr Leben verantwortlich und mag mir wenigſtens nichts vorzuwerfen haben, wenn ein Unglück ge⸗ ſchieht.“ „Ja, Herr Doctor, ja, ich will Ihnen gehorchen,“ antwortete der Kranke, ſich wieder zu Bette legend, und ſchüchtern wie ein Kind, das von ſeiner Mutter über einem Fehler ertappt worden.„Sie retten mich, nicht wahr? Sie verſprechen mir es?“ „Ich will Alles thun, was ich kann; auch wird es mir gelingen, wenn Sie nicht durch neue Unbe⸗ ſonnenheiten der Kunſt Hinderniſſe in den Weg legen.“ „Ich habe eben, ſehen Sie, Furcht vor dem Tode.“ „Und doch bewieſen Sie eben noch großen Muth.“ „Weil ich voller Stolz bin und nicht glaubte, daß ich ſterben würde. Jetzt aber, da ich weiß, welche Krankheit ich habe, habe ich Furcht: ich ſage es noch⸗ mals. Es iſt der Arzt dem Beichtvater zu verglei⸗ chen: man kann ihm Alles ſagen; retten Sie mich, ſo ſollen Sie die Hälfte meines Vermögens bekom⸗ men; retten Sie mich, Herr Doctor, ich bitte Sie inſtändigſt!“. Herr Maröchal blickte dieſen Mann, der ſo ſtark geweſen war, als er ſich noch außer Gefahr glaubte, und der nun ſo demüthig war, ſeitdem er ſich der⸗ ſelben gegenüber ſah, ſtaunend und faſt mißtrauiſch an. „Ja, mein Herr, man wird Sie retten: ſeien Sie nur ruhig.“ „Sie ſtehen mir dafür?“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Ich kann unmöglich ſterben,“ wiederholte Herr Valery;„es kann nicht ſein, ich will es nicht.“ Es wäre wohl unnütz, alle die Worte zu wieder⸗ holen, die er ſprach, und in dem Schwall von Wor⸗ ten, Bitten, Gottesläſterungen, die ſeinem Munde entſtrömten, einen Sinn zu entdecken. So ging es die ganze Nacht fort, und ſeltſamer Weiſe hörte er in ſeinem Delirium nie auf, Pascals Namen zu wiederholen und nach demſelben zu fragen. Man frottirte ihn bis zum Morgen, um die Blut⸗ circulation wieder herzuſtellen, und wendete alle Mit⸗ tel an, die dem Menſchen irgend zu Gebot ſtehen. Als es wieder Tag wurde, kehrte das Bewußt⸗ ſein ein wenig wieder, und ſobald er ein Wort zu articuliren vermochte, ſprach er, der fixen Idee ſei⸗ nes Deliriums Folge gebend, zu Herrn Maréchal: „Herr Doctor, möchten Sie wohl Herrn Pascal bitten, daß er ſich einen Augenblick zu mir be⸗ müht?“ 87 „Iſt das, was Sie ihm mitzutheilen haben, von großer Wichtigkeit?“ 4 „Ja. „Ich muß Ihnen nämlich bemerken, daß ſelbſt die geringſte Anſtrengung üble Folgen haben kann.“ „Seien Sie ruhig: ich will nur ein paar Worte mit ihm ſprechen.“ Sofort ließ der Doctor Herrn Pascal holen, der auch auf der Stelle erſchien. „Sie wünſchen mit mir zu ſprechen, mein Herr?“ fragte er den Kranken. „JG.“ „Kann ich Ihnen in irgend etwas dienen, ſo bitte ich Sie, über mich unbedingt verfügen zu wollen.“ „Ich bin im Begriffe zu ſterben, mein Herr.“ „Sie halten Ihre Krankheit für gefährlicher, als ſie in Wirklichkeit iſt: nicht wahr, Herr Doctor?“ Herr Valery ſchüttelte den Kopf. „Der Doctor ſucht bei mir Hoffnung zu erwecken; ich habe aber Leute am gelben Fieber ſterben ſehen und kenne die Symptome des Todes. Da, ſehen Sie ſelbſt her.“ Und alſo ſprechend entblößte der Paſſagier beide Arme, ſowie die Bruſt: überall waren große trübe Flecken zu ſehen. „Ja, es brennt mich in der Gurgel, und es ſind meine Füße eiskalt; oh! ich muß ſterben, ich fühle es, ich weiß es.“ Und gleich einem Kinde hob der Kranke an zu weinen. —— 88 Es erregte derſelbe Pascals Mitleid; der Arzt aber ſchämte ſich ſeiner faſt. Die beiden Männer ſchauten einander an. „Ich muß um jeden Preis wieder ruhiger zu im werden ſuchen. Man verſichert, es vergebe Gott ver zuweilen, wenn man beichte und ſo entſetzlich leide, auf wie ich in dieſem Augenblick, nicht allein der Seele, Sie ſondern auch dem Körper, und es habe die Abſolu⸗ Me tion ſchon Wundercuren bewirkt. Ich will beichten; ich will dieſes letzte Mittel verſuchen: vielleicht läßt mu mich dann Gott am Leben.“ „Es zeugt das von einem guten Chriſten, mein gei Herr,“ antwortete Pascal,„wenn auch das Gefühl, gei dem Sie gehorchen, kein ganz religiöſes iſt; aber es 2 wird Gott Sie vollends erleuchten. Zum Unglück thr iſt kein Prieſter an Bord.“ „Und Sie?? „Ich bin noch nicht geweiht, mein Herr.“ „Aber Sie werden ohne Zweifel einſt ein Prie⸗ gle ſter ſein?“ „Es müßte mich denn Gott zu ſich rufen, bevor ſich ich mein Gelübde ablege.“ „Nun, ſo hören Sie eben ſchon jetzt die Beichte, gei die Sie ſpäter hören würden.“ „Es iſt das unmöglich.“ ich „Unmöglich!“ rief der Sterbende voller Schrecken. ma ./ 1 „Ja. „So wollen Sie mich denn als Gottesläſterer zu und verfluchten Sünder ſterben laſſen? So ſei es Si darum! Ja, ich verfluche Gott und die Religion!“ mu „Schweigen Sie doch, Unglücklicher! ſchweigen Ab Sie doch!“ zu Gott eide, eele, olu⸗ ten; läßt mein fühl, r es glück Prie⸗ bevor ecchte, eecken. iſterer ſei es on!“ veigen 89 „Ich muß beichten, ſage ich Ihnen,“ fuhr der Kranke fort, deſſen Augen ganz unbeweglich waren, dem der Schaum auf dem Munde ſtand, und der im Begriffe war, wieder zu phantaſiren.„Mein vergangenes Leben laſtet mit ſo entſetzlicher Wucht auf mir, daß ich jeden Augenblick zu erſticken glaube: Sie müſſen daſſelbe kennen. Ich bin ein elender Menſch: hören Sie mich an.“ „Dieſer Menſch phantaſirt, wird wahnſinnig,“ murmelte Pascal. „Nein, es leidet dieſer Menſch eben ſo ſehr geiſtig, als leiblich; ja, er leidet vielleicht noch mehr geiſtig,“ ſprach Herr Maréchal zu dem jungen Mann. „Als Chriſt und als Arzt fordere ich Sie auf zu thun, wie er verlangt.“ Ial Pascal wußte eine Zeit lang nicht, was er thun ollte. Der Kranke hielt die Augen auf ihn geheftet, gleich als wollte er ihn damit verzehren. „Ja,“ ſprach Pascal bei ſich ſelbſt, nachdem er ſich die Sache einige Augenblicke überlegt,„Herr Maréchal hat Recht. Es leidet dieſer Unglückliche geiſtig: vielleicht laſtet ein Unglück auf der Vergan⸗ genheit dieſes Menſchen; vielleicht kann ich, wenn ich dieſe Beichte höre, ſpäter ein Unrecht wieder gut machen und ein gutes Werk verrichten.“ „Nun, mein Herr,“ fuhr er, um den Sterbenden zu beruhigen, laut fort,„ich will Sie anhören; was Sie mir aber immer zu enthüllen haben mögen, ich muß Ihnen im Voraus ſagen, daß ich Ihnen die Awiolutium nicht geben werde, da ich ſie nicht geben ann.“ 90 „Sie können für mich beten, Sie können mich hoffen heißen: nicht wahr? Mehr braucht es nicht. Laſſen Sie uns nun allein, Herr Doctor, und Sie, mein Bruder, ſetzen Sie ſich zu mir her, und be⸗ eilen wir uns. Ohl wer hätte mir je geſagt, daß die Beichte mir noch ein Bedürfniß werden würde! Aber ich leide ſo gräßlich!... Gott macht es gar zu arg und rächt ſich furchtbar!... So hören Sie denn, mein Bruder!“ „Noch nicht!“ bemerkte Pascal. „Warum nicht?“ „Weil es möglich iſt, daß Sie nicht ſterben, mein Herr, und vielleicht würde Sie es dann einſt reuen, daß Sie einem Menſchen eine Erinnerung vertraut, die Sie ſchwer zu drücken ſcheint. Es wäre Ihr und mein Gewiſſen unruhig, wenn Sie dieſe Beichte überlebten. Ich werde ſie erſt dann hören, wenn der Arzt gar keine Hoffnung mehr hat; und ſo weit ſind wir noch nicht, Gott ſei Dank. Suchen Sie ruhiger zu werden: Sie phantaſiren ein bischen. Höre ich Ihre Beichte, ſo will ich, daß Sie ſie bei kaltem Blute ablegen: es ſoll Gott ſie Ihrer Reue, und nicht dem Sturme Ihres Fiebers verdanken. Ruhen Sie ein paar Stunden aus, dann wollen wir ſehen, was zu thun iſt. In dieſem Augenblicke wäre es Ihnen unmöglich, lange zuſammenhangend zu den⸗ ken. Nehmen Sie von dieſem Trank, den man Ihnen bereitet hat; Sie werden drei bis vier Stunden lang darauf ſchlafen können; und bei Ihrem Wiederer⸗ wachen wird der Arzt mir ſagen, ob Sie wirklich noch hoffen dürfen oder nicht. Etwas Muth und Geduld, mein Herr!“ 91 Zu gleicher Zeit goß Herr Maröchal in Herrn Valery's Glas etliche Tropfen eines rothen Saftes aus dem Fläſchchen, das auf dem Nachttiſchchen ſtand. Der Kranke trank gierig. Bald bedeckte ein brennender Schweiß ſeinen ganzen Leib. Es ſchien ihm, als fülle ſich ſein Ge⸗ hirn mit Blei an; er murmelte etliche Worte, gab dem Arzte und Pascal ein Zeichen, daß ſie ſich nicht entfernen möchten, ſchloß wider Willen die Augen und ſchlief endlich nach zehn Minuten tief. Die beiden jungen Männer verließen das Kran⸗ kenzimmer. „Iſt er wirklich in Todesgefahr?“ fragte Pascal den Arzt. „Es iſt nun zwölf Uhr,“ antwortete der Doctor, auf ſeine Uhr ſchauend:„um vier Uhr kann ich es Ihnen ſagen. Athmen wir nun ein bischen friſche Luft. Das Delirium dieſes Menſchen thut mir, ich weiß nicht warum, wehe; ich habe ſchon viele Men⸗ ſchen ſterben ſehen, ohne daß es ſolche Wirkung auf mich hervorbrachte. Zwei Stunden darauf trat Herr Maréchal, von Pascal begleitet, wieder in Herrn Valery's Koje. Der Kranke ſchlief immer noch. „Seit vierundzwanzig Stunden hatte die Krank⸗ heit unerhörte Verheerungen angerichtet. So wie der Kranke jetzt dalag, hätte man ihn in dem Augen⸗ blicke, wo der Arzt und deſſen Begleiter wieder bei ihm erſchienen, leicht für todt halten können. Es waren die Augen halb offen und gläſern, die Wangen hohl und mattweiß, und wäre nicht das häufig wiederkehrende Zittern geweſen, das ſeine 92 Hände galvaniſirte, ſo hätte er ganz und gar wie ein Leichnam ausgeſehen. „Das größte Glück für dieſen Menſchen wäre wohl,“ ſprach der Arzt,„wenn er gar nicht mehr aufwachte; denn er wird noch viel ausſtehen müſſen, bevor er ſtirbt.“ „Er muß alſo ſterben?“ „Ja,“ verſetzte Herr Marächal, mit dieſer Be⸗ jahung ein Kopfnicken verbindend, um derſelben noch mehr Kraft zu geben. „Schon ſind die Beine kalt und todt,“ fuhr er fort, indem er das Betttuch in die Höhe hob und den künftigen Prieſter die abgemagerten Beine des Sterbenden ſehen ließ. „Welche Veränderung binnen vierundzwanzig Stunden!“ rief Pascal und fing wieder an, dieſen Körper zu betrachten, der zu dieſer Stunde noch? irgend ein furchtbares Geheimniß in ſich ſchloß, wenn man den fieberhaften Erſchütterungen glauben durfte, welche ihn ſelbſt während des Schlafes galvaniſirten, und der bald nur noch eine träge Materie ſein und in's Meer hinausgeworfen werden ſollte. In dieſem Augenblicke wachte Herr Valery wie⸗ der auf und ſammelte, nachdem er umhergeſchaut, mit Mühe ſeine Erinnerungen. „Ahl Sie ſind da! mein Herr,“ ſprach er.„Nun?“ Der Arzt, dem dieſe Frage galt, ſchwieg und, blickte Pascal vertraulich an. „Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten,“ ſprach Letzterer, zum Kranken gewandt. „So iſt denn gar keine Hoffnung mehr da?“ „Hoffen Sie nur noch auf Gott,“ verſetzte der Arzt. einzie oller Geſch 2 ſprac Dock der Beich Anſt C Wech er ni Auge auf! hera anzig deeſen noch wenn urfte, irten, und wie⸗ chaut, un 2¹ und berer, 24 Arzt. 93 „Es iſt dieß, wie wenn Sie zu mir geſagt hät⸗ ten, es ſei nun Alles aus,“ bemerkte Herr Valery. „Sie zweifeln an Gott, mein Herr!“ rief Pascal. „Ach nein, ich zweifle nicht mehr an ihm, da ich ja ſterben muß,“ erwiderte Herr Valery.„Ich habe alſo,“ fuhr er fort,„in einem Fieberanfalle geſagt, daß ich beichten wolle. Wohlan! ich ziehe mein Wort nicht zurück, ſondern werde beichten.“ „Noch iſt es Zeit, mein Herr, zu einem andern Entſchluſſe zu kommen,“ bemerkte Pascal,„wenn Sie den geringſten Anſtand nehmen ſollten. Es wäre mir ſogar lieber, wenn Sie nicht auf Ihrem Vorhaben beharrten; denn ich werde Gott um Ver⸗ gebung bitten müſſen, daß ich dieſe Beichte gehört; und willige ich in Ihr Verlangen, ſo geſchieht es einzig und allein Ihrer Seelenruhe zu lieb.“ „Setzen Sie ſich nur dorthin, mein Bruder. Sie ſollen, ich verſpreche es Ihnen, eine recht intereſſante Geſchichte hören.“ Pascal ſchaute den Mann, der alſo mit ihm ſprach, erſtaunt an. „Fürwahr, ein ſeltſamer Menſch,“ ſprach der Dockor, ſich entfernend; denn es ſchien ihm, als lege der Sterbende nun eben ſo viel Stolz darein, die Beichte zu thun, die er noch vor wenigen Stunden Anſtand genommen hatte abzulegen. In der That, in Folge einer jener plötzlichen Wechſel, welche ſein Weſen charakteriſirten, warf, da er nun ſah, daß er ſterben mußte, Valery in dem Augenblicke, wo er ſein ganzes Leben enthüllen ſollte, auf das, was ihn umgab, einen jener zornigen und herausfordernden Blicke, wie der gefallene Engel ſie auf Gott werfen mußte, als er beſchloß, den ewigen Kampf anzunehmen. Fünftes Kapitel. Der Bettler. Du haſt vielleicht, verehrter Leſer, ſchon einige jener Kinder geſehen, die, von ihrem Vater gezankt und, beſtraft wegen eines Fehlers, den ſie geleugnet und doch begangen hatten, plötzlich laut aufſchrien, weinend mit dem Fuße auf den Boden ſtießen, die Fäuſte wieſen, wenn ſie ſich in der Unmöglichkeit ſahen, der Strafe zu entgehen, und trotzig riefen: „Ja, ich hab' es gethan; ja, ja, und ich thue es wieder.“ Zuweilen machten ſie ſogar in ihrer jungen Ver⸗ zweiflung, und gleich als wollten ſie ſich an ihrem Vater rächen, ihren Fehler noch ärger als er war. Wohlan, man ſchaue dieſe Geſinnung durch das moraliſche Mikroſtop hindurch an, ſo wird man ſehen, daß Valery jetzt, indem er beichtete, einem ähnlichen Gefühle gehorchte; nur daß dieſes Gefühl um den ganzen Abſtand größer war, der zwiſchen einem Kinde und einem Manne, einem Vater und Gott, einem Fehler und einem Verbrechen, väterlicher Strafe und dem Tode, jener Strafe oder jenem Lohne der Ewig⸗ keit liegt. „Ahl ſo muß ich denn ſterben,“ ſprach der Paſ⸗ ſagier;„ah! es ſoll nichts von mir übrig bleiben! Ahl es iſt mein Tod unvermeidlich! Nun, ſo ſoll igen inige zankt ignet wien, , die chkeit n: ne es Ver⸗ ihrem var. h das ſehen, llichen n den Kinde einem e und Ewig⸗ Paſß⸗ leiben! ſo ſoll 95 man wiſſen, was ich geweſen und was ich noch bin!“ Es war dieſe Stimmung des Kranken Pascal nicht entgangen; er konnte ſich daher auch nicht ent⸗ halten, Herrn Valery zu bemerken: „Mein Herr, Sie ſcheinen mir nicht in der Stim⸗ mung zu ſein, in der ein Menſch ſein muß, wenn er beichten will; erlauben Sie mir, daß ich mich zu⸗ rückziehe. Ich ſage Ihnen nochmals: Was die Hand⸗ lung, die ich begehe, allein zu entſchuldigen vermag, iſt die Reue, die Sie empfinden und an den Tag legen werden; in dieſem Augenblicke aber ſcheinen Sie mir von dieſer Reue gar weit entfernt zu ſein. „An Ihnen iſt es, mein Herr, mir die Augen zu öffnen, und Reue bei mir zu wecken, wenn die⸗ ſelbe noch nicht vorhanden. Wo bliebe der Triumph Ihrer Religion, wenn dieſelbe nur Gläubigen die Augen öffnete? Ich habe Ihnen eben geſagt, wie thöricht es von mir ſei, daß ich an einen Gott glaube, der mich tödtet, mich, den während meines Lebens nichts, nichts auch nur hat zum Wanken bringen können. „Ich lege mehr denn eine Beichte ab: Ich über⸗ gebe Ihnen eine Studie, die Ihnen bei Ihrem Be⸗ rufe nur nützlich ſein kann; denn ſie wird Ihnen gar ſeltſame Myſterien des menſchlichen Herzens offen⸗ baren. Danken Sie mir im Gegentheil dafür, daß ich bei dieſen Enthüllungen ohne alle Heuchelei zu Werke gehe: ich hätte unendlich viele Zeichen des Kreuzes machen, hätte die Hände falten können, ſo daß Sie hinter das Licht geführt worden wären. Aber wozu? Von der Offenheit zur Reue iſt nur ein Schritt. 96 „Im Uebrigen geht dieſe Beichte nicht allein mich an, und wenn Sie dieſelbe gehört haben, wer⸗ den Sie bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich Unſchul⸗ dige in ihre Rechte wieder einſetzen müſſen; denn ich habe unſchuldigen Leuten, die noch jetzt darunter leiden, Böſes zugefügt.“ „Sprechen Sie, mein Herr, ſprechen Sie.“ „Ach! mein Bruder,“ fuhr der Sterbende in einem jener Augenblicke der Ruhe fort, welche ihm ſein moraliſches Fieber ließ,„als Sie den Entſchluß gefaßt, Ihr Leben dem Dienſte Gottes zu weihen, da haben Sie in der Verwaltung des Amtes, für das Sie ſich beſtimmten, nichts Anderes erblickt, als die Freude, unmittelbar mit dem Herrn zu verkehren, und die durch und durch chriſtliche Wonne, die Men⸗ ſchen die Wahrheit zu lehren; Sie haben nicht ge⸗ ahnt, daß Ihr Amt Sie entſetzlichen Schauſpielen gegenüberſtellen und Sie gar häufig zu einer ſcheuß⸗ lichen Anatomie zwingen würde. Ihre Natur iſt ſanft und ſchwächlich; Ihre Seele iſt zum Guten ge⸗ boren, wie ich alsbald geſehen; ſind Sie nun auch gewiß, daß Sie nicht, von Entſetzen erfüllt, fliehen, wenn Sie einmal ſich über jenen gräßlichen Abgrund neigen, den man menſchliche Leidenſchaften nennt, — Leidenſchaften, deren Beichtiger und Vertrauter Sie werden ſollen? „Sie haben herrliche Länder geſehen, die unauf⸗ hörlich von Gott ſprechen, und, von deren Sonne, Geſängen und Düften berauſcht, haben Sie Gott, welcher ſich Ihnen alſo offenbarte, gelobt, daß Sie ihm Ihre Zukunft weihen, daß Sie ganz allein ſeinem Geſetze leben wollten. Aber ich mache Sie darauf ehen, rund ennt, auter nauf⸗ onne, Gott, 3 Sie einem arauf 97 aufmerkſam, daß Ihr Beruf zwei Seiten hat: eine glänzende, ſtrahlende Seite, weil der Himmel allein dieſe erleuchtet, und eine düſtere, finſtere Seite, weil ſie dem Menſchen, das heißt, dem Laſter, dem Ver⸗ brechen, dem Zweifel zugewandt iſt. „Wird nun die Kraft, die Sie aus Ihrem Glau⸗ ben ſchöpfen, groß genug ſein; und werden Sie, wenn Sie Gott ſo groß und den Menſchen ſo niederträch⸗ tig ſehen, kein Bedürfniß nach Einſamkeit fühlen? Werden Sie dann nicht ſich nach der Wüſte ſehnen? „Vielleicht daß dieſe Kenntniß des menſchlichen Herzens Sie dergeſtalt mit Ekel erfüllt, daß Sie ſie nicht ertragen können, gleichwie gewiſſe Aerzte auf die Ausübung ihrer Kunſt haben verzichten müſſen, weil es ihnen vor ſtinkenden Cadavern übel wurde, welche ſie ſeciren ſollten.“ .„Da irren Sie, mein Bruder,“ antwortete Fe⸗ lician ſanft:„ſeit langer Zeit habe ich in meinem Gewiſſen alle die Nothwendigkeiten abgewogen, denen ich mich gegenüber ſehen werde, und bin zu dem Entſchluſſe gekommen, Stand zu halten. „Muß ich eines jener furchtbaren Myſterien hören, wovon Sie ſprechen, und welche die Beichte enthüllt, ſo werde ich nur auf das Gefühl ſchauen, das dieſe Beichte eingibt, nämlich auf die Reue, und werde für den reuigen Sünder beten. Indem Chriſtus an⸗ geordnet, daß der Menſch dem Prieſter, das heißt, ſeinem Nächſten beichten ſolle, hat er ein erhabenes Geſetz gegeben, das die Beweisgründe der reformir⸗ u Religion bis jetzt vergebens anzutaſten verſucht aben. „Ein Menſch, der ein Verbrechen begangen, und Dumasd. J., drei ſtarke Männer. 7 —— der, wie bei den Proteſtanten, in der Stunde des Todes nur Gott allein beichten kann, hat einen ſchwereren Stand, als der Chriſt, welcher ſich vor einem anderen Menſchen demüthigt, der, ein Organ der Gottheit, von dieſer das Recht erhalten hat, den Sünder zu abſolviren, und den Befehl, die Sünden zu vergeſſen. Fürwahr, mein Bruder,“ fuhr Pascal, immer wärmer werdend, fort,„nichts iſt ſchöner, als dieſe Miſſion der moraliſchen Heilung, womit der Herr die Diener ſeines Wortes betraut. — „Glauben Sie mir: ein Menſch, der nur Gott ſeine Sünden beichtet, beichtet nicht ſo gründlich und ſo erfolgreich, als der Menſch, der Gott und dem Prieſter beichtet. Er trifft einen ſtillſchweigenden Vergleich mit ſeinem Gewiſſen, er wird nicht ge⸗ rettet, er wird nicht einmal geheilt.“ „Sie haben vielleicht Recht, mein Herr, und ich glaube, daß es wirklich ein Troſt ſein muß, beichten zu können, ſofern man den Glauben hat. Gleich⸗ wohl muß es Verbrechen geben, die Gott nimmermehr vergibt.“ „Er vergibt ſie alle, mein Bruder, wenn man ſich aufrichtig demüthigt, wenn man ſie ernſtlich be⸗ reut. Drückt Sie etwas, ſo bitte ich Sie, mein Bruder, ſo bitte ich Sie flehentlich, Alles zu thun, um als ein Chriſt zu ſterben. Und im Namen unſeres Gottes verſpreche ich Ihnen ewige Ruhe.“ Mit einem halb höhniſchen, halb neidiſchen Lächeln blickte Herr Valery den jungen Mann an, deſſen Ueberzeugung ſo offen, und deſſen Glaube ſo rein war; und ohne zwiſchen dem, was er ſo eben gehört, und dem, was er ſelbſt eben geſagt, eine Brücke zu doc ſter ſell zu Chr des nen vor gan den aden scal, als der Gott und dem enden t ge⸗ d ich ichten leich— rmehr man ch be⸗ ruder, m als Gottes ächeln deſſen o rein gehört, ücke zu 99 bauen zu ſuchen, ſprach er plötzlich, wie wenn ſein unentſchloſſener Geiſt ſchon nicht mehr zu zweifeln gewagt hätte, aber doch noch nichk hätte glauben wollen: „Es ſind nun ſieben Jahre, daß der Pfarrer eines Dörfchens, das Lafou heißt, ſammt ſeiner Haus⸗ hälterin ermordet worden iſt. Der Neffe dieſes Mannes ward dieſes Verbrechens beſchuldigt, verur⸗ theilt und hingerichtet. Der Angeklagte aber war unſchuldig.“ „Ohl welch' gräßliches Verhängniß!“ murmelte Pascal. „Nicht wahr?“ antwortete Herr Valery,„man kann nur mit Entſetzen an ſo etwas denken!“ „Sie haben ſeit der Hinrichtung des Unglücklichen deſſen Unſchuld erfahren?“ „Sie war mir ſchon zu jener Zeit bekannt.“ „Wie? ſeine Unſchuld war Ihnen bekannt!“ rief Felician faſt entſetzt. 44 „Jd. „ und Sie haben nicht gerufen: Dieſer Menſch iſt unſchuldig!“ „Ich konnte es nicht.“ „Sie konnten es nicht! Welchen Grund kann doch ein Menſch haben, daß er einen Unſchuldigen ſterben läßt?“ 4 „Wenn er aber ſelbſt der Schuldige iſt und ſich ſelbſt an's Meſſer liefern muß, um den Unſchuldigen zu retten?“ „Er muß es dennoch thun!“ „Ja, aber er thut es eben nicht, und hat er, als Chriſt, Unrecht, ſo hat er, als Menſch, Recht. Es 100 iſt zwar etwas Schönes um das ewige Leben; gleich⸗ wohl wird nicht geleugnet werden können, daß es minder gewiß iſt, als das Leben dieſer Welt.“ „Mein Herr!“ ſprach Pascal aufſtehend und un⸗ willkührlich zurückweichend. 3 „Ich hatte Ihnen ja geſagt, daß gewiſſe Dinge Sie mit Entſetzen und Abſcheu erfüllen würden.“ „Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort.“ Und Herr Valery hob wieder an: „Ich wohnte der gerichtlichen Verhandlung an, hörte das Todesurtheil ausſprechen, ſah die Hin⸗ richtung.“ Felician erbleichte. „Und kam von dieſem Schauſpiel zurück,“ ſetzte Valery hinzu,„mit Verachtung gegen Gott erfüllt und bei mir ſelbſt ſagend, daß die göttliche Juſtiz um kein Haar beſſer ſei als die menſchliche.“ „Es genügte Ihnen alſo nicht, mein Bruder, ein ſolches Unglück geſchehen zu laſſen: Sie läſterten auch noch Gott!“ „Hören Sie, mein Bruder, hören Sie: Es ſind nun fünfundzwanzig Jahre, daß ein zerlumptes Kind mit bloßen Füßen auf der Straße von Nimes ſich herumzutreiben pflegte,— im Staube, wenn es ſchönes Wetter war, im Kothe, wenn das Wetter ſchlecht war. Dieſes Kind, das von Almoſen lebte, das ſelbſt nicht wußte, woher es ge⸗ kommen, das ſeine Eltern nie gekannt, das Sommers neben der Landſtraße, Winters unter einem ſchlechten Wirthshausſchuppen zu ſchlafen pflegte, das auf's Gerathewohl auf den Namen Joſeph antwortete, wie es auf jeden andern geantwortet hätte, da es keinen etzte füllt zum ein erten jein traße aube, wenn von s ge⸗ mers echten auf's , wie keinen 101 eigenen hatte,— dieſes Kind war... ich. Es wuchs ein ſeltſamer Menſch in mir auf, und ich fühlte das. Böſes zu thun, war meine einzige Freude, und zwar ſeit meiner früheſten Jugend. Der Zerſtörungsgeiſt war mir angeboren. „Denken Sie ſich einen ungemeinen Verſtand hinzu, ſowie eine moraliſche Stärke, die weit über meinem Alter und meiner Lebensweiſe ſtand. „Ich ſtahl, aber ſo geſchickt und zugleich ſo frech, daß es nie gelang, mich auf der That zu ertappen. Diejenigen, welche mich gaſtfreundlich aufnahmen, mich nährten, mit mir Mitleid hatten, waren die Opfer, die ich ſtets vorzog. „Konnte ich ihnen nichts nehmen, ſo ſuchte ich ihnen in anderer Weiſe zu ſchaden. War ich auf einem Bauerhofe, ſo brachte ich immer eine Henne oder ein Kaninchen um, und warf dann die getödte⸗ ten Thiere in einen Brunnen. Ließ mich ein Dienſt⸗ bote in einem Hauſe ſchlafen, ſo beſchädigte ich die Bäume oder die Wagen; oft auch plagte ich die Pferde, und ging das nicht an, ſo richtete ich an einer Mauer oder an einer Wand Schaden an. Mit einem Worte, ich mußte eben immer etwas verder⸗ ben, wie wenn es meine Aufgabe geweſen wäre, allenthalben Spuren meiner verderblichen Thätigkeit zurückzulaſſen. „Gleichwohl war ich nicht von Haß gegen die Geſellſchaft erfüllt: was mich ſchlecht machte, war nicht der hülfloſe Zuſtand, worin meine Eltern mich gelaſſen, war nicht das Elend. Wäre ich auch in einem Palaſte, als der Sohn eines Königs geboren, ſo wäre ich doch gleich bösartig geweſen. Meine 1 02 Bosheit war ein Reſultat meiner Organiſation und keineswegs der Ereigniſſe. Es ſchienen mir die Men⸗ ſchen mehr dumm, als bösartig. Ich fühlte, trotzdem daß ich noch ſo jung war, mich ſtark genug, die ganze Welt zu hintergehen, und mußte natürlich Weſen verachten, welche nicht im Stande waren, den Kampf mit einem Kinde aufzunehmen. „Gleichwohl begriff ich gar bald, daß ich den Verſtand nützen müſſe, womit ich ausgerüſtet war, daß ich die ſeltſamen Eigenſchaften, die ſich bei mir vereinigt fanden, in größerem Maßſtabe in Anwen⸗ dung bringen, mit einem Worte, daß ich meinem dunklen Leben einen großen Zweck geben müſſe. Ich ſuchte zuerſt ein Mittel, Alles zu erreichen, und da erſchien mir denn die Heuchelei als das Beſte. „Ich that für einen Menſchen in meinem Alter unglaubliche Dinge. „Wie ich Ihnen bereits geſagt, ſo machte ich aus dem Betteln ein Gewerbe; anſtatt aber das Geld, das ich täglich erſammelte, zu verbrauchen oder zu verſpielen— denn alle meine Bettelkameraden waren dem Spiel ergeben—, hob ich es ſorgfältig auf. Ich hatte am Fuße eines Baumes ein Jeder⸗ mann unbekanntes Loch gemacht; dort vergrub ich jeden Abend das, was ich im Laufe des Tages er⸗ ſammelt hatte. Es iſt nicht ſelten vorgekommen, daß ich ganze Nächte hindurch die Hand in dieſem Loche ließ, um mit den Sous zu ſpielen, die darin waren, ganz wie ein reicher Geizhals, der ſeine Goldſtücke klingeln läßt. Es war die Liebe zum Gelde mir an⸗ geboren, und es drängte mich, bald recht viel Geld zu bekommen, da ich mich überzeugt hielt, daß ich 103 mit meinem Verſtand und mit Geld alle Schranken durchbrechen würde, die meinem Chrgeize ſich ent⸗ gegenſtellten, welchem Ziel immer auch dieſer Ehrgeiz zugewendet ſein möchte. „Zuweilen ging ich auch bis in die Stadt, und ſah ich dann einen alten Bettler an einer Straßen⸗ ecke oder an der Thüre an einer Kirche, ſo wartete ich in der Regel den Augenblick ab, wo ich von etli⸗ chen Perſonen gehört werden konnte. Dann pflegte ich einige Sous aus meiner Taſche hervorzuziehen und ſie dem Bettler zu geben mit den Worten: „Da, guter Mann, habet Ihr auch etwas. Wir ſind zwar Beide arm, Ihr aber ſeid alt und ich jung; Ihr könnt nicht mehr gehen und ich habe gute Beine; nehmet alſo, was ich heute bekommen, ich brauche nur das, was ich morgen mir erſammeln werde. „Der Bettler dankte mir dann zuweilen unter Thränen; ich aber überraſchte in den Augen derje⸗ nigen, die mich hörten, Thränen der Rührung, und floh dann, gleich als wollte ich mich den Glückwün⸗ ſchen der Zeugen dieſer Scene entziehen. Dabei pflegte ich bei mir ſelbſt zu ſagen: „Wie glücklich iſt es doch, daß die Menſchen ſich ſo leicht hinter das Licht führen laſſen! „Wie Sie ſehen, mein Bruder, ſo hätte man wohl kaum ein niederträchtigeres Geſchöpf finden können, als ich war. „Ich war damals acht Jahre alt. „Aber es hatte ſich allmählig ein ſonderbares Gefühl meiner bemächtigt,— ein Gefühl, das mich wahrhaft unglücklich machte. Es war das Bewußt⸗ ſein meiner Inferiorität gegenüber von dem Weſen, 104 das die Natur geſchaffen, wovon ich mich umgeben ſah, und dem man den Namen Gott gegeben,— ein Wort, das zur Bezeichnung einer unbekannten Macht dient. So oft ich Abends die Sonne am Ho⸗ rizonte erlöſchen, die Nacht herniederſteigen und den Himmel mit funkelnden Sternen prangen ſah, war ich haßerfüllt wider dieſe tägliche Regelmäßigkeit, der gegenüber ich ſo vollkommen unmächtig war. „In einem dummen Haſſe gegen Alles, das über mir war, und das ich mir nicht zu erklären ver⸗ mochte, iſt es mir zum Oeſteren vorgekommen, daß ich eine ganze Nacht einen Stern angeſchaut habe, in der Hoffnung, es würde derſelbe unter dem Ein⸗ fluſſe meines Blickes entweder herunterfallen oder erlöſchen. Hatte ich dann ſo ſtundenlang hingeſchaut, und ſah ich gleichwohl den Horizont wieder weiß werden, die Sonne wieder zum Vorſchein kommen und den Stern in einem leichten Nebel verſchwinden, ſo machte ich gegen den Himmel eine Fauſt und ſchwor, mich zu rächen. „Nur ſagte ich, da das, was ich erreichen wollte, weit weg war, bei mir ſelbſt, daß, wenn man die Menſchen durch Heuchelei hintergehen könne, es un⸗ möglich ſei, Gott anders, als durch Geduld und Ausdauer zu hintergehen. Ich rechnete ſo aus, daß ich etwa ſechzig Jahre leben könne, und fing an zu glauben, daß es mir in ſechzig Jahren gelingen dürfte, dieſe allgemeine Harmonie zu zerſtören. „Meine Phantaſie war dermaßen verderbt, erhitzt, daß ſie, wie Sie ſehen, bereits einen Anſtrich von Wahnſinn hatte. „Eines Abends kam ein Mann, der mit einem ben iten Ho⸗ den war der über ver⸗ daß abe, Ein⸗ oder aut, weiß men den, und Allte, die un⸗ und daß n zu ngen hitzt, von inem 105 großen Inſtrumente auf die Beaucairer Meſſe ging, in ein Wirthshaus, wo man mich aufgenommen hatte, um dort über Nacht zu bleiben. Das In⸗ ſtrument aber, das er mit ſich führte, war ein Fernrohr. „Es war eine prächtige Nacht. Um nun den Wirth und deſſen Frau ein bischen zu amüſiren, zog er ſein Fernrohr aus dem Futterale heraus. Sodann legte er daſſelbe auf ein dreibeiniges Geſtell und ließ ſie den Mond und die Sternk ſehen. Auch ich durfte dieſes Schauſpiel genießen. „Als ich ſah, daß dieſe lichten Pünktchen, die mir, wenn ich ſie mit unbewaffnetem Auge anſchaute, ſo groß wie Stecknadelköpfe erſchienen, Welten waren, bisweilen ſo groß wie die Erde ſelbſt; als ich hörte, wie dieſer Mann alles dieß erklärte, ſo gut er eben konnte, da ſtieß ich einen Schrei des Staunens aus und fragte ihn, wer denn alle die Dinge gemacht, die er uns da zeigte. „Gott!“ ſprach er, mir einen ſanften Schlag auf die Wange gebend. „ Gottl.. murmelte ich. Immer wieder Gott! Und ich fühlte, wie mein Neid wider dieſes Weſen ſich verdoppelte, das in die unendlichen Räume Welten hineingeſäet hat, wie der Ackersmann in die Furchen Körner hineinſäet. „Noch in derſelben Nacht fand ich für das von mir erſammelte Geld eine Beſtimmung. Ich wollte die Wahrheit erfahren, wollte von der Wiſſenſchaft die Enthüllung der hehren Myſterien verlangen, wovon ich mich umgeben ſah. Ich ſuchte meinen 106 Schatz auf und zählte ihn. Es waren in Einſou⸗ ſtücken, in Hellern und Silbermünzen nicht weniger denn fünfhundert Franken. Ich nahm dieſe Summe und ging damit nach Nimes. „Dort angelangt, fragte ich nach der beſten Un⸗ terrichtsanſtalt für junge Leute meines Geſchlechts. Nan gab mir ein großes, mit Mauern umgebenes Haus an, aus dem ich mir, als ich näher kam, tau⸗ ſend freudige Rufe entgegenſchallen hörte. „Die mir inwohnende Willenskraft war in der That etwas Merkwürdiges. Hätte ich ſie zu etwas Gutem anwenden können, ſo wäre ich zu dieſer Stunde einer der größten Männer der Welt. „Ich ging in die Penſion, die man mir angegeben, und verlangte, immer meinen Geldſack in der Hand, mit dem Inſtitutsvorſteher zu ſprechen. „Anfänglich wollte mich der Pförtner wieder hin⸗ ausjagen; aber ich beharrte ſo lange auf meinem Willen, bis er, von meinem Eigenſinn beſiegt, zu dem Vorſteher ging, der mich dann auch empfing. „Mein Herr, ſprach ich dann zu Letzterem, ich bin zwar nur ein Bettler und habe weder Vater noch Mutter mehr, will aber einſt ein nützlicher Menſch ſein. Seitdem ich bettle, habe ich auch nicht einen Sou für mich ſelbſt ausgegeben. Der wohl⸗ thätige Sinn Anderer hat mich genährt, beherbergt, gekleidet, wie Sie mich jetzt ſehen. Die paar Sous, die ich ausgegeben, habe ich Leuten gegeben, die noch ärmer waren, als ich ſelbſt; ſo iſt es mir ge⸗ lungen, fünfhundert Franken zu erſparen. Wie i mir habe ſagen laſſen, ſo haben Sie ein vortreffliches Herz und iſt Ihre Anſtalt die beſte in Nimes; ich —.+— —=—— —.—, ———— nſou⸗ niger umme Un⸗ echts. benes „tau⸗ n der etwas tunde geben, Hand, er hin⸗ neinem gt, zu ing. m, ich Vater tzlicher h nicht wohl⸗ rbergt, Sous, n, die nir ge⸗ Vie ich ffliches 8; 1 107 ſage daher ganz einfach zu Ihnen: Nehmen Sie meine fünfhundert Franken, behalten Sie mich ſo lange, als ich für dieſes Geld bei Ihnen bleiben darf, und laſſen Sie mich während dieſer Zeit Alles lernen, was ich lernen kann, vornehmlich aber die Geſchichte der Sterne und des Himmels. Iſt meine Zeit vorüber, ſo ſchicken Sie mich wieder fort; ich aber werde Ihren Namen dann ſegnen und der Zu⸗ kunft gewiß ſein. „Mein Anſchlag gelang vortrefflich. Der Inſti⸗ tutsvorſteher ſchaute mich ſtaunend, ja bewundernd an. Es wurde ihm ſogar weich um's Herz, und ich ſah Thränen in ſeinen Augen zittern. „„Was Du da thuſt, mein Kind, iſt recht gut,““ ſprach er zu mir.„„Ich will zwar Deine fünfhun⸗ dert Franken behalten; aber nur, um ſie Dir wieder zuzuſtellen, wenn Du mein Haus wieder verläſſeſt; mein Haus aber ſollſt Du erſt dann verlaſſen, wenn Du Alles gelernt, was Du brauchſt.““ „Der Dummkopf! murmelte ich, und warf mich dem Vorſteher zu Füßen, um ihm für das, was er für mich that, zu danken. „Tags darauf wurde in der ganzen Stadt von nichts Anderem, als von meiner Lebensgeſchichte ge⸗ ſprochen, und nun bekam ich von meinen neuen Ka⸗ meraden den Spitznamen Bettler. „SDa konnteich mir von der böſen Natur desmenſch⸗ lichen Herzens Rechenſchaft geben; da begriff ich, wie ſehr man Recht hat, daſſelbe zu haſſen, ohne es auch nur zu kennen, und es zu verachten, wenn man es kennt. „Was ich gethan, mußte Jedermann als etwas 108 Schönes erſcheinen: nicht wahr? Ein zehnjähriges Kind, ein Bettler ohne Familie, ohne Grundſätze, ohne andere Gewohnheiten als die durch langes Elend und lange Verwahrloſung erzeugten, ein Menſch, dem es gelingt, eine Summe von. fünfhun⸗ dert Franken zu ſammeln, der mit dieſer Summe ſich Wiſſen kaufen und ſich über die Sphäre empor⸗ ſchwingen will, worin das Verhängniß ihn hat ge⸗ boren werden laſſen, verdient offenbar Lob oder wenigſtens Sympathie. Ich allein konnte ja wiſſen, was hinter dieſer ſchönen Handlung lag. „Ich verdiente alſo, wo nicht die Freundſchaft, ſo doch die Achtung der Kinder, unter denen ich mich befand, da keines ſo viel Scharfſinn beſaß, um in meiner Seele die Wahrheit zu leſen. Sie waren alle reich, alle glücklich, alle ſtolz auf ihr Vermögen und auf ihre Geburt, von dem adeligen Kinde bis zum Sohne des Kaufmanns; ſie konnten alſo, ohne ſich ſelbſt zu verkürzen, gar wohl als Kameraden den armen Kleinen annehmen, der in ihren Augen kein anderes Verbrechen beging, als daß er von dem Wiſſen, das ihnen einſt überflüſſig ſein ſollte, Exiſtenz⸗ mittel verlangte. „Wohlanl ich fand auch nicht eine Hand, welche die meinige gedrückt hätte. Ich konnte an keinem Spiele Theil nehmen. Sie ſchauten mich verächtlich an und hießen mich nur den Bettler. Mein ſonn⸗ gebräunter Teint, meine von dem Staub und den Unbilden der Witterung geſchwärzten Hände, meine Füße, gehärtet durch die Kieſelſteine, worauf ich ſeit neun Jahren ohne Schuhe zu gehen pflegte: alles — riges ſätze, nges ein fhun⸗ Iimme npor⸗ t ge⸗ oder iſſen, chaft, n ich , um varen lögen e bis ohne raden lugen dem ſtenz⸗ velche einem chtlich ſonn⸗ d den meine ch ſeit alles 109 das flößte ihnen Ekel ein, ſo daß ſie mich in einer Ecke allein ſtehen ließen. „Um ſo beſſer! rief ich, als ich ſolches ſah, und wies allen dieſen Kindern, an denen ich mich ſpäter zu rächen gedachte, die Fauſt. Ich legte mich auf's Lernen, und nun begann meine Rache ſchon; denn kaum war ein Monat verfloſſen, ſo konnte ich bereits geläufig leſen und ſchreiben; ebenſo kannte ich nun auch die vier arithmetiſchen Species, und alles das ſo gut, daß in der Klaſſe, in die man mich gethan, es Niemand mit mir aufnehmen konnte. „Dieſe ſo raſch erlangte Superiorität hatte keine andere Wirkung, als daß dem Haſſe aller dieſer kleinen Weſen ſich noch der Neid beigeſellte. Hat⸗ ten Sie mich bis daher verachtet, ſo gingen ſie nun angreifend zu Werke; es genügte ihnen nicht mehr, mich bloß zu verabſcheuen, nein, ſie griffen mich nun auch an, und ohne daß ich ihnen etwas gethan, wurde ich von einigen geſchlagen. „Meine erſte Regung war, einem von ihnen den Garaus zu machen; denn ich war für mein Alter merkwürdig ſtark. Indeſſen gelang es mir, mich ſelbſt zu bezähmen; und mit jener ſanften und erge⸗ bungsvollen Miene, die ich ſo gut anzunehmen wußte, und die mir ſpäter ſo treffliche Dienſte geleiſtet, ſuchte ich den Inſtitutsvorſteher auf und erzählte ihm das Vorgefallene. „Immer in dem gleichen Tone ſetzte ich noch hinzu, daß ich unter ſeinen Schülern offenbar ein Gegenſtand der Zwietracht wäre und daher wieder mein früheres Leben führen wollte, da ich das Gute, 110 das man mir erwieſe, nicht dadurch belohnen möchte, daß ich Böſes thäte. „Am Abend deſſelben Tages waren die, welche mich geſchlagen hatten, bereits beſtraft. „Der Vorſteher dieſer Penſion war in dem vollſten Sinne des Worts ein ehrlicher Mann: ich ſelbſt aber war eine ſo grundverderbte Natur, daß ich ihn nur um ſo mehr haßte, je mehr ich ihn achten mußte; der gute Samen, den er in mein Herz ſtreute, die Wohlthaten, die er mir erwies, gingen als böſe Gedanken wider ihn auf. „Ich wurde gelehrt, es nahm mein Hochmuth zu, und als ich hinter einige der Geheimniſſe der Natur gekommen war, glaubte ich mich ſtark genug, um mein Duell mit Gott zu beginnen. Er hatte ja nichts für mich gethan, und Alles, was ich ſein konnte, ſollte ich ja mir ſelbſt verdanken. „Ahl es hat Gott die Welt geſchaffen! Ahl er liest in den Herzen der Menſchen und ſieht, was darin vorgeht, ſprach ich bei mir ſelbſt. Ahl es geſchieht nichts, als mit ſeinem Willen; wohlan! er leſe in meinem Herzen, er verhindere mich, das Ziel, das ich mir geſteckt, zu erreichen: ich will einmal ſehen, ob er das kann! „Die herben Freuden, welche mir dieſer Kampf verſchaffte, laſſen ſich unmöglich beſchreiben. Jede Beleidigung, die man mir zufügte, und die über mich hinwegglitt, wie ein Waſſertropfen über ein Stück Narmor hinwegläuft, jede Lüge, die ich unter der Maske der Unſchuld vorbrachte, und die die Leute täuſchte, welche in Allem über mir zu ſtehen glauben mußten, hoben mich in meinen eigenen Augen und ließen es ſchte, elche dem ann: atur, ihn mein vies, muth der mug, te ja ſein liest darin hieht ſe in das ehen, ampf Jede mich Stück Naske iſchte, ißten, en es 111 mir als erwünſcht erſcheinen, recht bald in der Lage zu ſein, wo ich auf einem größeren Theater alle Hülfsmittel meiner verderbten Natur würde entfalten und zur Anwendung bringen können. „Sie müſſen einſehen, mein Bruder, welch' ge⸗ waltiger Hebel in der Zukunft für einen Menſchen dieſe Theorie ſein mußte, die mit jedem Tage in ihm ſich mehr entwickelte, und aus der hervorging, daß man, wenn man es nur zu verbergen wiſſe, die ſchlechteſten Gedanken von der Welt haben und da⸗ bei gleichwohl als ein ehrlicher, rechtſchaffener Menſch geachtet werden könne. Von dieſer Theorie bis zu der andern, daß man alle Verbrechen begehen dürfe, wenn man nur ſo geſchickt ſei, ſich nicht fangen zu laſſen, war es nicht weit. „Indeſſen war ich zu gleicher Zeit hocherfreut und ſchwer getäuſcht. Was man mich lehrte, genügte meinem brennenden Wiſſensdurſte keineswegs; ich wollte alſo ſelbſt die Grenzen meines Wiſſens aus⸗ dehnen. Die phyſiſche Welt wurde mir zu enge, mir, der ich auf die moraliſche Welt wirken wollte. „Unſer Inſtitutsvorſteher hatte eine ſchöne Bi⸗ bliothek, und gar oft hatte ich dort neugierig ein Buch angeſchaut, worauf die Worte: Bekenntniſſe von Jean⸗Jacques Rouſſeau ſtanden. Da ich die ganze Zeit las, ſo bat ich unſeren Vorſteher, der auf meine Fortſchritte ungemein ſtolz war und auf mich zählen konnte, um Erlaubniß, aus der Bi⸗ bliothek dann und wann zu meiner Unterhaltung ein Buch holen zu dürfen. Er hatte nichts dagegen, indem er es ſich keinen Augenblick einfallen ließ, daß das erſte Buch, das ich leſen würde, gerade das letzte wäre, das er mich hätte leſen laſſen wollen. „Ich benützte, um von ſeiner Erlaubniß Gebrauch zu machen, einen Augenblick, wo er ausgegangen war, und bemächtigte mich des Buches des Genfer Philoſophen. „Als ich dieſe kalte Selbſtzergliederung ſah; als ich mit dem Auge das moraliſche Scalpel verfolgen konnte, welches das menſchliche Herz zertrennte und Aller Augen bloßlegte; als ich bei dieſem großen Verbrecher, dem das geſchriebene Geſtändniß ſeiner Schändlichkeiten zur Unſterblichkeit verholfen hat, die gleichen Eindrücke, wie bei mir ſelbſt, erkannte, da war ich ſtolz auf ſolche Aehnlichkeit,— da verſchlang ich dieſe Ueberſetzung meiner ſelbſt, die noch vor meiner Geburt gemacht worden war, da badete ich mich, ſo zu ſagen, in dieſer Poeſie des Böſen. „Andererſeits aber war ich, der ich mich für ein außerordentliches Weſen hielt,— war ich, der ich mich beſtimmt glaubte(denn der Hochmuth hat keine Grenzen), Gott die Waage zu halten,— war ich, der ich hoffte, daß es noch nie einen ſo bösartigen Menſchen gegeben, entſetzt, vernichtet, als ich ge⸗ wahrte, daß ſchon ein anderer Menſch es geweſen, ſowie daß derſelbe mit dieſer teufliſchen Natur das Talent verbunden, ſie anziehend zu ſchildern und auf ſeinem Laſtergerüſte ſo groß, ja vielleicht noch größer zu erſcheinen, als der größte rechtſchaffene Menſch es je auf dem Fußgeſtell der Tugend ge⸗ weſen. „Ich fühlte, wie ich eine unmächtige Seite hatte, denn ich begriff, daß ich vor den Menſchen nur au das n. rauch ngen enfer ; als olgen und oßen ſeiner t, die e, da hlang h vor te ich ir ein er ich keine ar ich, rtigen ch ge⸗ weſen, r das 1 und t noch z;affene nd ge⸗ hatte, ur auf 113 der Höhe des Genfer Philoſophen ſtehen würde. Es war dieß der erſte wirkliche Kummer meines Lebens. „Ich war damals dreizehn Jahre alt.“ Sechstes Kapitel. Moraliſche Anatomie. „Hätte Jean⸗Jacques Rouſſeau ſeine Bekennt⸗ niſſe nicht geſchrieben, oder hätte ich dieſelben nicht geleſen, ſo wäre ich, wie ich fühle, mein Leben lang von dem Verlangen gepeinigt geweſen, ein ſolches Buch zu ſchreiben und mir in den Augen der Nach⸗ welt einen mit meinen Laſtern und meiner Verdor⸗ benheit geſtickten Mantel zu machen. „Ich weiß nicht, mein Bruder, ob Sie die Be⸗ kenntniſſe geleſen haben, muß Ihnen aber geſtehen, daß es das ſchönſte und zugleich niederträchtigſte Buch iſt, das je aus dem Hochmuthe eines Mannes hervorgegangen. „Wäre ich König von Frankreich, ſo würde ich den Menſchen, der es geſchrieben, ausgraben, ſo würde ich durch des Henkers Hand deſſen Ueberreſte verbrennen, ſo würde ich deſſen Aſche in den Wind ſtreuen laſſen und die ganze Welt zu überzeugen ſuchen, daß es niemals einen Jean⸗Jacques Rouſſeau gegeben. „Auch bemerken Sie gefälligſt, mein Bruder, daß der, der alſo zu Ihnen ſpricht, ein Menſch iſt, der ſich be⸗ wußt, daß er ſchlechter geweſen, als der, von dem er ſpricht; denn ſo ſehr dieſer ſich auch Mühe gegeben, ſich ſtets im ungünſtigſten Lichte zu zeigen, ſo war Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 114 er doch beſſer als ich. Und je mehr er ſich von den Menſchen entfernte, um ſo mehr näherte er ſich Gott, während ich mich von den Menſchen und von Gott zu gleicher Zeit entfernte. „Beim Leſen des Rouſſeau'ſchen Buches tröſtete ich mich indeſſen damit, daß ich bei mir ſelbſt ge⸗ lobte, ich wolle, wenigſtens in meinen eigenen Augen, im Böſen größer ſein, als Jean⸗Jacques Rouſſeau es in den Augen aller Welt geweſen. „Ich wollte außer mir keinen Vertrauten haben und bebte vor Wonne, wenn ich an die innere Wonne, womit ich die Handlungen der Menſchen aufnehmen würde, die mich für ihren Freund oder ihren Schuld⸗ ner anſähen, ſowie wenn ich an den Ruf dachte, den ich als ein ehrlicher Mann bei meinem Tode zurück⸗ ließe, obgleich das Bedürfniß nach Negation bei mir ſo groß war, daß ich faſt den Tod leugnete. „Ich wurde alſo für mich ſelbſt ein merkwürdi⸗ ges Studium, und dieſes Studium trieb ich gewiſſen⸗ haft. Bis zum Alter von achtzehn Jahren ſah ich auch nicht eine gute Geſinnung, auch nicht ein gutes Gefühl in mir keimen. Es blieben mir die Träume der Jugend, es blieben mir die Illuſionen der Liebe ganz und gar unbekannt, und dennoch war ich glücklich, da mein Glück darin beſtand, daß ich mich über die alltäglichen Leidenſchaften der anderen Menſchen ſtellte, und daß ich mich nicht, wie ſie, durch die Eindrücke täuſchen ließ, die bei Leuten meines Alters vorzukommen pflegen. „In immer größerem Maße gelang mir Alles, was ich vornahm. „Ich war grundſchlecht, und man hielt mich für eine hiel⸗ Ma ein begr mit wür noch Tha Seel unbe Vore die entg ſchlie Sin mich ich d meid Vor dem Kind mein zu m endli vor, Leich gebre nie! une, gmen zuld⸗ den rrück⸗ mir ürdi⸗ iſſen⸗ h ich ein r die ionen war ß ich deren 1 ſie, euten Alles, h für 115 einen guten Menſchen; ich war ein Atheiſt, und man hielt mich für religiös; kurz, mein Ruf als ein Mann von Ehre, von Muth, von Delicateſſe, als ein Mann von unwandelbarer Biederkeit war ſo feſt begründet, daß ich jedes Verbrechen begehen konnte mit der Gewißheit, daß man es nicht einmal wagen würde, mich anzuklagen, ſowie daß man ſelbſt dann noch zweifeln würde, wenn man mich auf friſcher That ertappte. „Um meiner noch gewiſſer zu ſein; um meine Seele nicht durch ein gutes Gefühl oder irgend einen unbekannten Eindruck beſiegen zu laſſen; um im Voraus alle Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, die ſich der Ausführung eines beliebigen Projects entgegenſtellen möchten an dem Tage, wo ich be⸗ ſchließen würde, es auszuführen, unterwarf ich meine Sinne ganz unglaublichen Prüfungen. „Unter der Maske der Hingebung, und um mich für Alles abzuhärten und zu verhärten, ſuchte ich die Schauſpiele auf, welche ſelbſt die Muthigſten meiden, welche ſelbſt die Unempfindlichſten fliehen. Vor Allem aber zog mich der Tod an. „Ich ging in die Spitäler, ſah Unglückliche unter dem Verzweiflungsgeſchrei ihrer Frauen und ihrer Kinder ſterben, und hatte die doppelte Stärke, in meinem Innern nichts zu fühlen und doch zugleich zu weinen, wie wenn ein ſolches Schauſpiel mir un⸗ endlich nahe gegangen wäre. Sodann nahm ich mir vor, diejenigen zu ſtudiren, die, nachdem ſie auf den Leichnamen von Eltern oder Freunden ſich faſt um⸗ gebracht, doch noch am Leben geblieben waren, und nie vergingen zwei Monate, daß ich nicht eben die 116 Menſchen, die ich vom größten Grame verzehrt ge⸗ ſehen, wieder luſtig oder gleichgültig an mir vorüber⸗ gehen ſah. „In einem Umkreiſe von zehn Stunden gab es keine Hinrichtung, der ich nicht anwohnte; und war der Kopf des Verbrechers in den Korb gerollt, zog ſich, von dem Schauſpiele befriedigt, Jedermann zu⸗ rück, ſo ging ich immer zu der Maſchine hin und erhielt unter dem ehrbaren Vorwande, bei einem Unglücklichen zu beten, den Jedermann verließ, und einen verachteten Leichnam auf den Kirchhof zu be⸗ gleiten, die Erlaubniß, den Kopf zu ſehen, und durſte mich ſo an den ſcheußlichen Grimaſſen des in der Fülle des Lebens plötzlich erfolgten Todes weiden,— an den Grimaſſen von Köpfen, in denen ſo eben noch alle Fähigkeiten vereinigt geweſen waren, um den Geſtorbenen ein langes Leben zu verſprechen. „Es gab keine Empfindung, die mich hätte rüh⸗ ren können; nichts, was Andern geſchah, konnte mich zum Weinen bringen, nichts, was mich nicht ſelbt anging, konnte mein Herz raſcher ſchlagen machen. „Damit alſo der Sieg ein vollſtändiger wurde, mußte ich auch für das noch, was mich perſönlic anging, unempfindlich werden. Es war dieß leicht. „Ich hatte nie etwas geliebt; daher ließ ich es auch mir nur angelegen ſein, die Materie, den dummen Körper, die lächerliche Hülle zu beſiegen, die ſchon bei der geringſten Gefahr zittert und ſchon beim ge⸗ ringſten Kampfe müde wird. „Ich ſiegte über den Schlaf. Ich konnte acht, neun, zehn Nächte hintereinander wachen; ich konnte von Brod und Waſſer allein leben, ohne an Energie t ge⸗ über⸗ b es war n zu⸗ und einem , und u be⸗ durfte in der den,— S eben 1, um chen. te rüh⸗ te mich t ſelbſt nachen. wurde, rſönlich leicht. z ich es dummen je ſchon Heim ge⸗ te acht, h konnte Energie 117 zu verlieren; im Winter warf ich mich ein paar Mal in's Waſſer, um Leute zu retten, welche ſich erſäufen wollten; in Wahrheit aber that ich das, um zu ſehen, ob ich im Nothfall ohne Gefahr zehn Grad Kälte im Waſſer aushalten könnte. Ich rettete mehrere Perſonen, und man gab mir für dieſe ſchönen Hand⸗ lungen Ehrenmedaillen. Sonderbar! ich that das Gute, um mich an das Böſe zu gewöhnen! „Ich hatte, wie Sie ſich wohl denken werden, mein Bruder, unterdeſſen die Penſion verlaſſen und obgleich ich überzeugt war, daß das Geld das noth⸗ wendige Mittel zu Allem ſei, ſo hatte ich doch die fünfhundert Franken nicht mehr nehmen wollen, welche der Inſtitutsvorſteher mir aufgehoben hatte. „Nein, hatte ich zu ihm geſagt, behalten Sie dieſe Summe: nicht als ob ich Ihnen damit den uner⸗ meßlichen Dienſt bezahlen wollte, den Sie mir ge⸗ leiſtet, nein, dafür werde ich Sie nie belohnen kön⸗ nen; wohl aber mag dieſe Summe dazu dienen, daß einem armen Kinde, das leſen und ſchreiben lernen will und nichts beſitzt, der Unterricht zugänglich wird. .„Dieſer neue Zug von Seelengröße und Freige⸗ bigkeit machte mich zu einem Gegenſtande allgemeiner Bewunderung. „Man bot mir verſchiedene Stellen an; ich aber antwortete, daß ich unabhängig bleiben wollte, und Alles bewunderte dieſen Charakter, gelobte ſich aber dabei, mich wider meinen Willen zu unterſtützen, wenn es erforderlich wäre. „Ich hatte nun nur noch einen Wunſch,— den Wunſch, mein Glück zu machen. „Ich geſtehe, daß dieſer Chrzeiz die einzige Lei⸗ 118 denſchaft war, der ich in keinem Fall hatte Herr werden können. Der Gelddurſt verzehrte mich: ich wollte viel Geld, viel Geld, weil meines Erachtens das Geld jener Stützpunkt war, den Archimedes ſuchte, und womit man die Welt aus ihren Angeln heben kann. Ich wollte reich werden, um das man⸗ nigfache Elend der Menſchen und die Ungerechtigkei⸗ ten Gottes noch deutlicher zu ſehen. „Ich hatte gebettelt. Ich wollte nun auch ſehen, wie die Andern mir die Hand hinſtreckten; ich wollte nun auch ihnen das Stück Brod abſchlagen, das ſie von mir verlangen mochten; ich wollte nun zu Gott ſagen können: und ſo ich will, ſollen alle dieſe Menſchen Hungers ſterben!““ „Sie ſehen, daß ich immer der Gleiche blieb, und daß ich auch nicht ein Mal von dem Wege ab⸗ wich, den ich mir vorgezeichnet hatte. „Ich miethete mir ein Zimmer und ſagte dabei dem Hauseigenthümer, daß ich kein Geld hätte, um ihn zu bezahlen, daß ich aber ſolches bald zu verdie⸗ nen hoffte, und daß er mir trauen könnte. Vermit⸗ telſt deſſelben Verfahrens kaufte ich mir Möbeln. Und nun ging ich an die Arbeit. „Jede Nacht ſah man mein Fenſter ſternartig funkeln, denn ich arbeitete immer bis zwei oder drei Uhr Morgens, und Alle, die an meinem Hauſe vor⸗ übergingen, ſagten: auf die erleuchteten Fenſterſchei⸗ ben deutend: „„Es iſt der Bettler, der da oben arbeitet.““ Du kannſt für ſie nicht thun, was ich thäte, ageln man⸗ igkei⸗ ehen, vollte 1s ſie Gott thäte, ngers blieb, ſe ab⸗ dabei e, um eerdie⸗ ermit⸗ öbeln. aartig r drei e vor⸗ rſchei⸗ 41 1 . 119 „Denn der Spitzname, den mir meine Schulka⸗ meraden gegeben, war mir geblieben. „Dieſe Nächte brachte ich damit zu, daß ich fromme Bücher ſchrieb, welche für die Jugend be⸗ ſtimmt waren, und die ich ſehr wohlfeil verkaufte, die mir aber meinen Lebensunterhalt ſicherten. „Außerdem war ich noch bei allen Pfarrern und Prieſtern in höchſtem Grade beliebt. Es wollten dieſelben durchaus mich in Familien einführen, mit denen ſie befreundet waren, damit ich das Geſchäft der Kindererziehung übernähme, indem ſie ſich über⸗ zeugt hielten, daß man keinen tüchtigeren Lehrer, keinen frömmeren Erzieher finden könne. „Und dazu diente ihnen das Licht des Verſtan⸗ des, wovon ſie erleuchtet zu ſein meinten. Es iſt mir noch erinnerlich, wie ich mich eines Tages in einem öffentlichen Wagen mit einem Prieſter und einem corpulenten Bandkrämer, der ganz von Vol⸗ taire'ſchen Ideen erfüllt war, zuſammenfand. Dieſer Krämer, der eben nicht ſehr gebildet war, ſing mit dem Prieſter einen Religionsſtreit an, und was der Letztere immer erwidern mochte, ſo ward er doch durch die Schlüſſe des abgeſchmackten Krämers be⸗ ſiegt. Nun miſchte ich mich ins Geſpräch. Ich, der ich nur an Gott glaubte, um ihn anzugreifen, ſchlug mich auf die Seite des Prieſters und machte den Voltairianer vollkommen, und ohne daß er mir etwas antworten konnte, zu Schanden.— „Zehn Minuten darauf hätte ich, wenn man es gewollt, mit demſelben Erfolge Sätze verfochten, welche dieſen gerade entgegengeſetzt geweſen wären. „Wie konnte ich an den Gott glauben, der, ſagte 120 man, mir den Verſtand gegeben, den ich beſaß, und mich ſo dieſen Verſtand wider ihn ſelbſt mißbrauchen ließ; der ſich, wenn es mir beliebte, durch mich be⸗ weiſen oder auch leugnen ließ? „Gerade daraus alſo, woraus Andere mit Recht ihren Glauben ſchöpfen, ſchöpfte ich Negation und Atheismus.“ Siebentes Kapitel. Herr Raynal. „Bald indeſſen gewahrte ich, daß ich, ſo lange ich zu Nimes blieb, mein Glück nicht machen konnte; und da mein Geiſt das Böſe mehr und mehr lieb gewonnen, ſo fühlte ich mich zu größeren Thaten angetrieben, als dieſe inneren Heucheleien waren, die zu nichts Anderem dienten, als meinen Hochmuth zu amüſiren. „Mittlerweile wurde ich mit dem Pfarrer von Lafou bekannt. „Es war derſelbe ein überaus frommer Mann. Einige Unterredungen, die ich mit ihm hatte, zeigten mir, daß er ein heller Kopf war, der, gleich Ihnen, durch die Vernunft zum Glauben durchdrungen war; denn ich habe in Ihrem Geſpräche dieſelben Grund⸗ ſätze und faſt dieſelben Worte wiedergefunden. Dieſer Mann wurde mir verhaßt, eben weil er wahrhaft rechtſchaffen war und weil ich ihn für ſtärker erken⸗ nen mußte als mich ſelbſt. „Ich ſuchte nur noch eine günſtige Gelegenheit, ——⸗ — ₰—q S—— —— und uchen h be⸗ Recht und lange achen und ßeren eleien neinen r von Nann. eigten öhnen, war; Brund⸗ Dieſer hrhaft erken⸗ enheit, 121 ihm wehe zu thun und ihn, wo möglich, in ſeinem Glauben irre zu machen. „Ich gewöhnte mich an dieſen Gedanken der⸗ maßen, daß meinem teufliſchen Geiſte die ſonderbar⸗ ſten Combinationen ſich darboten; allmählig ſagte ich auch bei mir ſelbſt, daß die ſchlechte Handlung, die ich zu begehen im Begriffe war, mir auch etwas eintragen müſſe. Es ſchien mir, als habe ſich ſeit der Zeit, daß ich die Vorſehung herausgefordert, noch keine ſchönere Gelegenheit gezeigt, mit ihr, ſo zu ſagen, Leib an Leib zu kämpfen. „Ich wählte den Pfarrer Raynal als den Bo⸗ den, worauf der Kampf vor ſich gehen ſollte, und noch erinnere ich mich, wie ich in einer fieberbeweg⸗ ten Nacht, wo dieſer Gedanke mit mir wachte,— gleich als ob Gott neben mir geſtanden wäre und mir hätte antworten können— ſprach: „Da iſt nun ein rechtſchaffener Mann, der Dich liebt, o Gott, und den Du ſegneſt,— ein Mann, der überall Liebe zu Dir und Achtung Deines Na⸗ mens predigt. Nun, ich, eines der geringſten Ge⸗ ſchöpfe dieſer Welt, will dieſen Mann umbringen und Deiner Gerechtigkeit entgehen, wie der der Men⸗ ſchen; aus dem Gelde, das er für die Armen ſam⸗ melt, werde ich die Grundlage meines Vermögens machen; ich werde reich, glücklich, geachtet ſein; viel⸗ leicht wird mir ſogar die Freude, zu ſehen, wie Du anſtatt meiner einen Unſchuldigen verurtheilen und ſterben läſſeſt. „Ich muß Ihnen hier bemerken, mein Bruder, daß ich dazumal zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt war, ſowie daß die ſeltſamen Leidenſchaf⸗ 122 ten, die von meinem Geiſte aus allmählig mein Herz eingenommen, wie bereits geſagt, den Leidenſchaften, welche gewöhnlich alle jungen und kräftigen Leute beherrſchen oder doch beſchäftigen, keinen Platz ein⸗ geräumt hatten. Die Weiber waren mir Nullen oder unnütze Weſen, was etwa auf daſſelbe hin⸗ auskam. „Ich wollte vor Niemand ſchwach ſein; die Liebe aber iſt ein Beweis von Schwäche, den man einem ſchwächeren Weſen gibt. „Ich drängte alſo mit aller Kraft, deren ich fähig war, jene plötzlichen beſſeren Regungen und Anwandlungen zurück, während deren ich mir ſelbſt ſagte, daß Gott mich beſiegen werde, regelte bei mir ſelbſt die Sinnenfrage, und fand mich noch größer und achtete mich noch mehr, als ich die ganze Helle meines Verſtandes und die ganze Energie meines Weſens wieder erlangt hatte. „Gleichwohl hat die Natur, und ich ſehe das nun ein, gewollt, daß ein Mann in dem Alter, das ich damals hatte, ſeine überſchüſſige Kraft durch alle Mittel, die ſie ihm zur Verfügung geſtellt, von der Sinnenluſt bis zur Arbeit, verbrauche; und concentrirt ein Mann, anſtatt ſich dieſem Naturgeſetze zu überlaſſen, auf einen einzigen Punkt alle Fähigkeiten, die in ihm zu gleicher Zeit nach verſchiedenen Zielen hin⸗ ſtreben müſſen, ſo nimmt der Gedanke, womit er ſich ausſchließlich beſchäftigt, bald entſetzliche Verhältniſſe an und ſteigert ſeine vorherrſchende Leidenſchaft ſo lange, bis dieſelbe die äußerſten Grenzen der Ueber⸗ ſpannung, und die erſten des Wahnſinns erreicht. Iſt man von Natur gut, ſo kann man in ſolchem ☛= 0 eS 123 Falle ein Heiliger werden; iſt man ein gewöhnlicher Menſch, ſo muß man wahnſinnig werden; iſt man, wie ich, von Natur ſchlecht, ſo muß man ein Ver⸗ brecher werden. „Der Zerſtörungsdrang wurde bei mir eine ſixe Idee,— eine Idee, die nach und nach dergeſtalt wuchs, daß mein Gehirn in Gefahr kam zu platzen. „Der Haß hatte auf mich dieſelbe Wirkung wie auf andere Menſchen die Liebe; und Nachts, mochte ich wachen oder ſchlafen, berauſchten mich meine Mordgedanken förmlich. Ich war dann einem von Leidenſchaften und geilen Gedanken geplagten Mönche zu vergleichen. „Ich verſpürte eine wilde Luſt, ſo oft ich mir dieſen Mann todt dachte, und ſo oft ich in der Phan⸗ taſie ſein Blut fließen ſah. „Verließ ich ihn nach einer Unterhaltung, wo ich, indem ich allen ſeinen Grundſätzen beipflichtete, ſeine Sympathien gewonnen, wo ich ihn durch die Reinheit meiner Gefühle erbaut hatte, ſo verhöhnte eich beim Nachhauſegehen den Schöpfer, den Herrn der Welt, der dieſem frommen Manne nicht die Augen öffnete und ihn nicht antrieb, mich wie einen Elenden von ſich zu jagen. „Ich muß Ihnen ſagen, daß ich den Tod nicht zu fürchten glaubte. Für den Fall, daß ich in dem Kampfe beſiegt fiel, den ich gegen eine ganze Geſell⸗ ſchaft beginnen wollte, nahm ich denſelben entſchloſſen an; dagegen gelobte ich mir auch, daß ich, wenn ich Sieger bliebe, dieſen meinen Sieg gehörig nützen und ueinm Ehrgeize keine Schranke mehr ſetzen wollte. 124 „Sie werden ſehen, welch' unbarmherzige Kühn⸗ heit ich bei Verübung des Verbrechens entwickelte, welches die Stadt ſo lange und ſo heftig aufgeregt hat, wo es abgeurtheilt worden iſt. „Ohl was ich that, that ich recht, und bei der Partie, die ich ſpielte, gab ich der Vorſehung noch vor. „Eines Abends ging ich nach Lafou, nachdem ich bei mir ſelbſt geſchworen, daß Herr Raynal am an⸗ dern Tage nicht mehr am Leben ſein dürfe, ſowie daß ich ſowohl ſein eigenes Geld, als die von ihm erſammelten Armengelder, ja ſelbſt die Erſparniſſe ſeiner Haushälterin in der Taſche haben müſſe. „Ich trug mich bereits mit dem Reiſeprojecte, das ich ſeitdem ausgeführt, und erblickte in dieſem Gelde die erſte Quelle des Glückes, das ich gemacht. „Sie werden mir ſagen— wenn Sie der Mann wären, eine ſolche Reflexion zu machen—, ich hätte, wenn ich nun einmal einen Menſchen umbringen wollte, einen reicheren umbringen und ſo mehr Geld bekom⸗ men können. Es iſt das allerdings wahr; allein ich habe Ihnen ja ſchon begreiflich zu machen ge⸗ ſucht, daß ich nicht ſowohl von dem Verlangen be⸗ herrſcht geweſen, recht viel Geld auf ein Mal in die Hände zu bekommen(ſonſt wäre ich ein obſcurer Dieb geblieben), als von dem Bedürfniſſe, mir ſelbſt zu beweiſen, daß ich Recht habe, die göttliche Ge⸗ rechtigkeit zu leugnen, und mir ſelbſt zu zeigen, daß dieſes Weſen, vor dem die Menſchen zu knien pfle⸗ gen, gegen die Rechtſchaffenen böſe, gegen die Böſen aber gütig ſei, daſſelbe mithin gar nicht exiſtire, ihn⸗ elte, regt der ung ich an⸗ owie ihm niſſe ecte, eſem acht. kann venn ollte, kom⸗ allein n ge⸗ be⸗ n die curer ſelbſt Ge⸗ daß pfle⸗ Böſen iſtire, 125 oder wenigſtens, daß es, wenn es exiſtire, ein bös⸗ artiges Weſen ſei. „Oh! bemächtigen ſich die Philoſophie und der Hochmuth eines Menſchen, ſo können ſie weit gehen und ihn weit treiben. „Ich wollte keinen gewöhnlichen Menſchen um— bringen; denn mein Haß galt nur intelligenten Weſen und ſolchen, die im Stande waren, ſich zu verthei⸗ digen. Zum Beweiſe führe ich an, daß ich mich nicht erinnern kann, je ein Kind oder einen Hund ge⸗ ſchlagen, oder eine Blume abgeſchnitten zu haben. Es kam mir nicht einmal ein ſolcher Gedanke. „Was mir keinen Widerſtand entgegenſetzen konnte, war für mich gar nicht vorhanden. „Ich ging alſo nach Lafou. „Ich war vollkommen Herr meiner ſelbſt; ich wußte gewiß, daß meine Kaltblütigkeit mich nicht verlaſſen, und daß meine Hand nicht zittern würde. „Solches geſchah im Monat April des Jahres 1825. „Ich kam am Pfarrhauſe an. Ich läutete an. Antonette, die Haushälterin des Herrn Raynal, machte mir auf. „Es mochte neun Uhr Abends ſein. „Ich fragte die Haushälterin, ob Herr Raynal allein wäre, worauf ſie mir erzählte, daß derſelbe mit drei Perſonen und einem Neffen im Salon ſei, der ihn an dieſem Abende zum erſten Mal in ſeinem Leben beſucht und der Sohn eines Bruders ſei, den er ſeit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr geſehen. „Ich kannte dieſe Geſchichte in allen ihren Ein⸗ zelnheiten, da Herr Raynal ſie mir oft erzählt hatte. 126 „Es ſetzte Antonette bei, daß der junge Menſch, der am Laufe des Abends gekommen, im Hauſe ſchlafen und ſogar bald zu Bette gehen würde, da derſelbe ſehr müd wäre. „Es war dieß zwar ein Hinderniß, aber auch eine weitere Hoffnung: anſtatt eines einzigen Opfers hatte ich nun drei, und zwar drei, die ganz und gar unſchuldig waren. „Antonette wollte mich durchaus bewegen, hinein⸗ zugehen; ich aber weigerte mich deſſen, indem ich vorſchützte, daß ich durch meine Anweſenheit eine Familienſcene nicht ſtören wollte, und hinzuſetzte, daß ich Herrn Raynal am andern Morgen auf jeden Fall ſprechen würde, da es meine Abſicht wäre, in dem nahegelegenen Wirthshauſe zu übernachten. „Und in der That ſuchte ich dieſes Wirthshaus auf. Ich ſpeiste dort ganz ruhig zu Nacht und verließ Abends elf Uhr, als ſchon Alles ſchlief, mein Zimmer. „Gerade wie ich aus demſelben trat, begegnete ich der Hausfrau, die durch einige häusliche Ge⸗ ſchäfte ſo lange in der Küche zurückgehalten geweſen war und nun außergewöhnlich ſpät ſich ſchlafen legen wollte. „„Wo wollen Sie denn noch hingehen?““ fragte ſie mich. „„Ich mag noch nicht ſchlafen,““ antwortete ich; ich will beim Mondſchein auf der Landſtraße ſpa⸗ 41441 1 zieren gehen. „„Nun, ſo wünſche ich Ihnen einen recht ange⸗ nehmen Spaziergang,“ bemerkte ſie und verſchwand. „Nichts, was ich thun mochte, fiel dieſer Frau 127 auf, bei der ich ſchon etliche Male übernachtet hatte, und die mich nie hatte leben ſehen, wie andere Men⸗ ſchenkinder zu leben pflegen. „Singend ging ich nach der Landſtraße hin, und der Geſang, der das Schweigen der Nacht ſtörte, mußte von meiner Wirthin gehört werden. „Der Mond, den ich hinter der Waſſerleitung gewahrte, war überaus prächtig und verbreitete eine Helle, die der des ſchönſten Tages gleichkam. Große weiße Strahlen drangen zwiſchen den Brückenbogen hindurch und erleuchteten ſelbſt die kleinſten Einzel⸗ heiten der Landſchaft. „Ein anderer Menſch hätte nun auf ſein Vorhaben verzichtet; denn ich mußte fürchten, daß man nicht allein mich, ſondern daß man auch meinen Schatten ſehen möchte, der drei Mal größer war als ich. „Dieſer Umſtand machte mich aber nur noch kühner. „Ich kannte alle Winkel des Pfarrhauſes. „Ich trat zuerſt in den ſtets offenen und an das Pfarrhaus ſtoßenden Kirchhof. Sodann ſtieg ich auf einen Grabſtein, der hart an der Wand ſtand, und war ſo in einem Augenblicke auf dem Dache des Hauſes. .„Ich drang durch das Dachfenſter in das Haus ein und ging dann ruhig in die Küche hinunter, wo ich eine Lampe anzündete.“ 128 Achtes Kapitel. Das Verbrechen. Herr Valery hielt einen Augenblick inne, um zu ſehen, welche Wirkung ſeine Bekenntniſſe auf Pascal hervorbrächten. Pascal betete. „Nachdem die Lampe angezündet war,“ fuhr der Sterbende fort,„ging ich auf das Zimmer zu, das man dem Neffen des Herrn Raynal gegeben hatte. „Es war dieſer Johann Raynal ein ſchöner junger Mann von offenem Geſichte und ruhiger Miene: er lag da wie ein Menſch, der ſich nichts vorzuwerfen hat. „Er ſchlief tief. Weiter brauchte ich nicht. „Ich ging an ſein Bett hin, in einer Hand meine Lampe, in der andern ein Meſſer haltend. Bei der geringſten Bewegung, die er machte, wollte ich ihn umbringen. „So nahe ich auch das Licht ſeinen Augen brachte, ſo wachte er doch nicht auf. Ich war alſo Herr im Hauſe. „Nun ging ich in Antonettens Zimmer hinauf. Um ſie umzubringen, bedurfte ich keiner Waffe. Ich erfaßte mit einer Hand ihren Hals und drückte den⸗ ſelben etwa zehn Minuten lang kräftig zuſammen. „Es läßt ſich nicht beſchreiben, mit welcher Ruhe ich Zeuge dieſes Todes war, den ich ſelbſt gab. „Nach zehn Minuten war Antonette todt, ohne einen Schrei ausgeſtoßen, ohne ſich auch nur gerührt zu haben. 1 zu scal der das tte. nger : er hat, neine i der h ihn achte, rr im inauf. . Ich e den⸗ mmen. Ruhe . , ohne gerührt 129 „Nun trat ich in Herrn Raynals Zimmer. „Auch er ſchlief wie ein Gerechter. „Ich blieb einige Augenblicke, um ihn zu betrach⸗ ten. Dann ſtellte ich meine Lampe auf einen Tiſch und zog mein Meſſer heraus, wobei ich ſagen muß, daß ich mir nicht einnal die Mühe genommen, es mitzubringen, ſondern daß ich es in der Küche ge⸗ funden hatte. „Es ſchien mir, als morde ich in dieſem Gerech⸗ ten die ganze Menſchheit. Mit einer Kraft, die hin⸗ gereicht hätte, drei Menſchen das Lebenslicht auszu⸗ blaſen, verſetzte ich ihm mit meinem Meſſer einen Stich in die Bruſt. Zu gleicher Zeit hielt ich ihm den Mund zu, daß er nicht ſchreien konnte. „Aber er war ſtark und wehrte ſich ziemlich lange. Ich umſchlang ihn alſo mit einem Arm, damit er, auf den Fußboden vollend, kein Geräuſch machen möchte, während ich mit der andern Hand ihm fort⸗ während Stiche in Geſicht und Bruſt gab. Und ſo machte ich ihm den Garaus. „Auch nicht ein Tropfen Blut war auf mich geſpritzt. „Nun ging ich an den Secretär hin und nahm daraus einen kleinen Sack, worin zwölfhundert Fran⸗ ken waren. Aus einer Schublade mit verborgener Feder, die ich Herrn Raynal hatte oft aufmachen ſehen (denn er war weit entfernt, mir zu mißtrauen), nahm ich ferner dreitauſend Franken in Gold, die er ſich nach und nach erſpart hatte, und wovon Niemand wußte. „„Ich ſchloß den Secretär wieder zu, verſicherte mich von dem Tode des Pfarrers, nahm meine Lampe Dumas d. J,, drei ſtarke Männer. 9 130 wieder und ging, kalt und gefühllos wie eine Bild⸗ ſäule, wieder hinab. „Ich trat wieder in das Zimmer des Neffen. Es ſchlief derſelbe immer noch. „Da glaubte ich ein äußerſt ſchwaches Geräuſch zu hören, aus dem ich nicht recht klar zu werden vermochte. Es ſchien daſſelbe von Johanns Bett herzukommen. Ich neigte mich alſo über dieſes hin und da ſah ich denn Bluttropfen, die von der Zim⸗ merdecke auf die Kleider des Schlafenden herabfielen. „Die Zimmerdecke war voller Sprünge, und da der Leichnam des Oheims gerade über dem Bette des Neffen lag, ſo ſickerte das Blut durch die Riſſe der Decke hindurch. „Da iſt nun der wahre Verbrecher! ſprach ich bei mir ſelbſt, als ich dieſe blutigen Beweiſe ſah, welche die Kleider des. Schlafenden und in ſeinen Schlafe Lächelnden rötheten. „Sodann ſtellte ich die Lampe wieder in die Küche und ging, mit meiner Beute beladen, wieder aus dem Hauſe, wie ich in daſſelbe gekommen war. „Das erſte Geräuſch, das ich hörte, als ich wieder im Freien war, war der Geſang einer Nachtigall. „Der Mond ſchien immer noch gleich hell. „Ich ſchlug wieder den Weg ein, der nach mei⸗ ner Herberge führte und ſang dabei das Lied, das ich einige Augenblicke zuvor geſungen hatte. „Alles dieſes war ſo geſchwind geſchehen, daß meine Wirthin noch nicht ſchlief, und daß ſie mir, als ſie mich wieder heimkommen hörte, zurief: „„Schon wieder da?““ 3 „„Ja,““ antwortete ich ihr,„„es hat mir die freie laſſer Herr zwöl tung auf Bru 1 mich haus mir Feld Mei einſe war In der und beſu den hat Dan ſeill dag zwe geſt geb Bild⸗ effen. äuſch erden Bett 8 hin Zim⸗ fielen. ud da Bette Riſſe ch ich e ſah einem n die wieder war. wieder gall. h mei⸗ , das , daß e mir, nir die 131 freie Luft gut gethan, und ich möchte nun ſchlafen; laſſen Sie mich aber morgen früh wecken, da ich Herrn Raynal noch ſprechen muß, bevor ich wegreiſe.““ „Ich ſchlief ein, nachdem ich den Sack mit den zwölfhundert Franken, die im Falle meiner Verhaf⸗ tung mein Verbrechen beweiſen mußten, ganz ruhig auf meinen Tiſch gelegt hatte. Wie Sie ſehen, mein Bruder, ſo that ich nichts halb. „Um ſieben Uhr weckte man mich. Ich kleidete mich raſch an und ging auf der Stelle in's Pfarr⸗ haus. Ich klopfte lange, natürlich aber konnte man mir nicht öffnen. Ich theilte meine Beſorgniſſe dem Feldſchützen, als dem Manne, der im Dorfe am Meiſten galt, mit, und war dabei, als man die Thüre einſchlug und die beiden Leichname fand. „Was ich vorausgeſehen, geſchah. Johann Raynal ward verhaftet, gerichtet, verurtheilt, hingerichtet. In entſetzlicher Menge häuften ſich die Beweiſe wi⸗ der ihn. „Ich bin allen Peripetien dieſes Drama's gefolgt und habe den Angeklagten in ſeinem Gefängniſſe beſucht. Ich habe ihn aufgemuntert. Ich habe ihm den Rath gegeben, die Wahrheit zu bekennen. Er hat meinen Namen geſegnet und hat mir gedankt. „Noch zwei volle Monate blieb ich zu Nimes. Dann ging ich mit Empfehlungsbriefen nach Mar⸗ ſeille und fand Wege und Mittel, umſonſt nach Ma⸗ dagascar zu kommen, wo ich mit den fünftauſend zweihundert Franken anlangte, die ich Herrn Raynal geſtohlen, und wovon ich noch nicht einen Heller aus⸗ geben hatte. „Ich ging, wie ich Ihnen bereits geſagt, nach 132 Madagascar, mit dem feſten Vorſatze, daß ich in einem Alter von dreißig Jahren ein Vermögen er⸗ worben haben müßte, womit ich mir alle Bahnen aufſchließen könnte, welches immer das Ziel ſein möchte, das ich anſtrebte.. „Meine Ideen fingen an, ein bischen anders zu werden. In der Philoſophie hatte ich es ſo weit gebracht, als ich es hatte bringen wollen. Weiter konnte ich die Forſchung und die Menſchenverachtung nicht treiben; im Leben ſah ich nur noch die mate⸗ riellen Genüſſe, und in den Menſchen nur noch Werk⸗ zeuge für meine Lüſte. „Sechs Jahre blieb ich auf Madagascar und nun beſitze ich eine Million. „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, durch welchen Handel ich dieſes Vermögen erworben. Ich han⸗ delte mit Allem, mit Menſchen und mit Dingen. „Ich kam alſo reich zurück, bereit, mich zügellos allen Leidenſchaften zu überlaſſen, die ich bis dahin als gefährlich von mir gewieſen, und denen ich nun fröhnen durfte, ohne befürchten zu müſſen, daß ſie in mir etwas zerſtören könnten. Ich ſprach bei mir ſelbſt: Nun ſollen die Weiber mir gehören! Nun will ich mich von ihnen lieben laſſen! Nun will ich über das Gewiſſen der Menſchen gebieten! Nun ſoll die Welt nach meiner Pfeife tanzen! Da habe ich das Fieber bekommen, an dem ich nun ſterbe. „Ohne Zweifel wartete Gott an dieſer Ecke mei⸗ nes Lebens auf mich, und ich geſtehe gerne, daß mir der Gedanke, nun inmitten meines Geldes ſterben zu müſſen, ohne mich deſſelben gefreut zu haben, größeren Schmerz bereitet, als wenn ich als Herrn Ral müf tödt hab zu Leid geb rett zu Bri ich das ver und Ki⸗ h in mer⸗ hnen ſein es zu weit Zeiter htung mate⸗ Werk⸗ und elchen han⸗ n. gellos dahin h nun daß ſie ei mir Nun vill ich Nun a habe rbe. ke mei⸗ aß mir ſterben haben, Herrn 133 Raynals Mörder hätte auf dem Schaffott enden müſſen. „Gut geſpielt! habe ich, als ich mich von einer tödtlichen Krankheit ereilt geſehen, ausgerufen. Dabei habe ich den Himmel angeſchaut und noch jetzt Gott zu verſpotten geſucht; aber es ſind die phyſiſchen Leiden ſo heftig geworden, daß ich mich beſiegt ge⸗ geben und den Arzt inſtändig gebeten habe, mich zu retten. Er kann es aber nicht. „Gott iſt alſo der Stärkere! Mit ihm iſt nichts zu gewinnen. Sagen Sie mir doch alsbald, mein Bruder, wie ich Gott beſänftigen kann, gegen den ich ſo ſchwer geſündigt; wie ich ſo viel wie möglich das Unheil, das ich angerichtet, wieder gut zu machen vermag.“ Und es ließ der Kranke, von Müdigkeit erſchöpft und von ſeinen Schmerzen beſiegt, den Kopf auf das Kiſſen zurückſinken. Neuntes Kapitel. Die Genugthuung. Man geſtatte uns eine Vergleichung, da wir nur ſo den Zuſtand dieſes Menſchen in dem jetzigen Augenblicke gehörig zu analyſiren vermögen. Er hatte ſeine Beichte begonnen, wie ein Groß⸗ ſprecher einen dunklen unterirdiſchen Gang betritt, deſſen Oeffnung noch durch das Tageslicht erhellt i*ſt. Er trägt den Kopf ſtolz, lacht, ſingt, um dieje⸗ nigen, welche ihn ſehen, zu überzeugen, daß er 13⁴4 Muth habe und dieſe Gefahr ohne Furcht beſtehen werde. Bald aber hören Singen und Lachen bei ihm auf; denn es nimmt das Tageslicht immer mehr ab und es beginnt nun die Gefahr. Wenn er ſich nun bücken muß; wenn er in jedem Augenblicke mit den Knien gegen irgend etwas ſtößt oder ſich das Ge⸗ ſicht aufreißt; wenn er, ſo oft er einen Schritt machen will, die dichten Schatten mit beiden Händen zu durchlöchern gezwungen iſt; wenn er gleich einer Schlange ſich fortwinden und fortkriechen muß; wenn von der Außenwelt gar kein Leben mehr zu ihm dringt; wenn es ihm an Luft fehlt; wenn ſein Muth keinen andern Zeugen mehr hat, als ihn ſelbſt: da bemächtigt ſich ſeiner ein eiskalter Schauer, der ihn wie ein bleiernes Leichentuch umſchließt; da bleibt er ſtehen, da öffnet er Augen, aus denen Entſetzen und Beſtürzung ſpricht, da ſtößt er, ſürchtend, er müſſe ſo, fern vom Tageslichte und von den Men⸗ ſchen, ſterben, einen Schrei nach dem andern aus und fleht zu Gott, daß er ihn erretten möge. Er wendet ſich um, es klopft ihm heftig das Herz, er geht, ſich das Geſicht blutig reißend und die Glieder ſich quetſchend, zurück, und kriecht und ſchleicht ſo lange fort, bis er endlich wieder jenen Lichtſtrahl gewahrt, der ihn eine Zeitlang begleitet hat und für ihn das Leben iſt. Und ſobald er ihn wieder ge⸗ wahrt, fällt er auf die Knie nieder, geſteht, daß er Furcht gehabt und zeigt, um ſich zu entſchuldigen, auf das Blut ſeiner Wunden und auf die rothen und blauen Mähler ſeines Körpers. tehen ihm dr ab nun t den Ge⸗ achen n zu einer wenn ihm Muth t: da r ihn ibt er 135 Eben ſo verhielt es ſich in moraliſcher Hinſicht mit Herrn Valery. So lange ſein Hochmuth den Anfang ſeiner Beichte hatte beleuchten können, hatte er dieß kühn gethan: er hatte zugleich dem, der ſie hörte, das Schau⸗ ppiel ſeiner Stärke und ſeines Kampfes mit Gott geben wollen. Als er aber geſehen hatte, wie Pascal die böſen Triebe und Gelüſte keineswegs bewunderte, die man ihm in ihrer ganzen Nacktheit zeigte; als der Sünder ſich wieder allein und ohne jede Stütze in der Erinnerung ſeiner ſcheußlichen Vergangenheit gefunden hatte; als er gefühlt, daß in dieſer Atmo⸗ ſphäre der Verbrechen, der Miſſethaten, der Sünden, die Lebensluft ihm fehlte: da hatte auch ihn die Furcht erfaßt, da hatte er mit Entſetzen um ſich ge⸗ ſchaut, da hatte er ſich, die Höhle ſeines Lebens nur noch von einem Strahl, der Reue, erleuchtet ſehend, auf's Gerathewohl an dieſen Strahl angeklammert, wie ein Ertrinkender ſich an das Stück Holz anklam⸗ mert, das man ihm reicht, da hatte er hinſichtlich ſeiner Seele zu Pascal geſagt, was er hinſichtlich ſeines Körpers zu Herrn Maréchal geſprochen: retten Sie mich! retten Sie mich! Felician, der dieſe ganze Geſchichte angehört hatte als ein Mann, welcher in die Tiefen eines Abgrundes voll Gewürms und mephitiſcher Dünſte ſchauen muß; Felician, der, obwohl er auch nicht ein Wort dieſes ſeltſamen Berichts menſchlichen Hoch⸗ muths verloren, dennoch auch die Steigerung des Gefühls zu verfolgen vermocht hatte, das dabei maß⸗ gebend geweſen war und den Sterbenden, wo nicht zur Reue, ſo doch zur moraliſchen Furcht vor dem 136 Tode führen mußte; Felician, ſagen wir, ſchaute, als Valery ſchwieg, dieſen Unglücklichen einige Augen⸗ blicke an, ohne ihm auch nur eine Sylbe zu antwor⸗ ten; indeſſen waren ſeine Augen beredter, als ſein Mund es hätte je ſein können. „Nun, mein Bruder, Sie ſagen ja gar nichts!“ fragte der Kranke. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, mein Herr, daß ich Ihnen die Abſolution nicht geben kann,“ ant⸗ wortete Pascal. „Ja, aber Sie können mir ſterben helfen.“ „Der Tod macht Ihnen alſo Furcht?“ „Ja, aber nicht wie vor einer Weile. Ich habe keine Furcht mehr vor dem phyſiſchen Tode,— habe keine Furcht mehr vor der Vernichtung meines Kör⸗ pers und der Zerſtörung meiner menſchlichen Sinne: wovor ich aber Furcht habe, das iſt die andere Welt. Ich frage mich, ob es nicht jenſeits des Grabes etwas gibt.“ „Jenſeits des Grabes iſt Gott,— Gott, der da ſtraft und belohnt.“ „Nun, mein Bruder, gibt es kein Mittel, dieſen rächenden Gott zu beſänftigen?“ fragte der Ster⸗ bende mit geſchwächter Stimme und mit dem Blicke eines Mannes, der dem Dilirium wieder anheimzu⸗ fallen im Begriffe iſt; denn bei dieſer unbezähmbaren Natur konnte die Reue lediglich ein Reſultat der Schwächung der Fähigkeiten ſein. „Ja, es gibt ein Mittel.“ „Welches, welches? ſagen Sie es doch geſchwind, mein Bruder.“ „Sie müſſen die wenigen Augenblicke, die Sie „als igen⸗ wor⸗ ſein ts!“ daß ant⸗ habe habe Kör⸗ inne; Welt. rabes er da dieſen Ster⸗ Blicke imzu⸗ baren t der wind, Sie 137 noch zu leben haben, benützen, um das Andenken deſſen, den ſie in's Verderben geſtürzt, und ſeine Familie wieder zu der Ehre zu bringen, die Sie ihnen geraubt. Sie müſſen das Verbrechen, das Sie begangen, niederſchreiben, müſſen alle Umſtände des⸗ ſelben angeben, müſſen dieſe Erklärung unterzeichnen, und müſſen Sie dann mir zuſtellen. Bin ich einmal wieder in Frankreich und zum Prieſter geweiht, ſo werde ich mir es angelegen ſein laſſen, Johann Raynal zu rehabilitiren. Unter dieſer Bedingung wird Gott, wie ich gewiß bin, gnädig mit Ihnen verfahren.“ „Geſchwind, geben Sie mir Feder, Dinte und Papier!“ antwortete der Kranke. Und nun ſchrieb er mit fieberhaft bewegter Hand: „Heute, den 20. September 1833, in dem Augen⸗ blicke, wo ich Gott meine Seele zurückgebe, erkläre ich reuerfüllt, daß ich der Mörder von Valentin Raynal, ehemaligem Pfarrer von Lafou, ſowie von deſſen Haushälterin, Antonette Belami, bin: ein Verbre⸗ chen, wofür ein Unſchuldiger, Johann Raynal, auf dem Schaffotte geendet. „Ich gebe dieſe Erklärung ab und unterzeichne dieſelbe, bevor ich ſämmtliche Umſtände näher an⸗ gebe, welche ſie in den Augen der Richter unter⸗ ſtützen müſſen, damit meine Schuld und Johann Raynals Unſchuld bekannt ſind und das Andenken meines Opfers wieder rehabilitirt werden kann, wenn der Tod, während ich die vornehmſten Thatſachen niederſchreibe, mich überraſchen ſollte. „Am Bord des Nikolaus. „Joſeph Valery(von Nimes), genannt der Bettler.“ 138 „Iſt es recht ſo, mein Bruder?“ fragte der Sterbende, indem er Pascal das Papier hinbot, das er eben unterzeichnet hatte. „Ja, mein Bruder, und möge die Geſinnung, die Sie leitet, wahre Reue ſein.“ „Nun ſoll ich Ihnen das Verbrechen in ſeinen Einzelheiten beſchreiben, nicht wahr?“ „Ja, und während dieſer Zeit will ich für Sie beten.“ Valery nahm nun die Feder wieder und fing an, die beiden von ihm verübten Morde möglichſt klar zu beſchreiben. Sodann unterſchrieb er auch dieſen Bericht ſowohl mit ſeinem Namen Joſeph, als mit dem Namen Valery, den er auf Madagascar ange⸗ nommen hatte. Nachdem Pascal dieſen Bericht geleſen, ſprach er zum Kranken: „Sterben Sie in Frieden, mein Bruder: ich ver⸗ heiße Ihnen die Vergebung Gottes.“ „Verſprechen Sie mir nun aber auch, daß Sie das thun wollen, um was ich Sie jetzt bitten will.“ „Ich verſpreche es Ihnen, wenn anders das, was Sie von mir verlangen, recht iſt.“ „Mein Bruder, ich habe keinen Erben und doch ein ungeheures Vermögen. Wollen Sie mir erlau⸗ ben, daß ich es der Schweſter ſchenke, die Sie ſo ſehr lieben, und die ich nie kennen lernen werde, die aber für mich beten wird?“ Dieſes Anerbieten jagte Pascal die Röthe der Scham in's Geſicht, gleich als wäre ihm ein Schimpf angethan worden. „Die natürlichen Erben derer, welche reich ſind der das die nen Sie an, klar eſen mit nge⸗ wrach ver⸗ Sie dill.“ das, doch rlau⸗ ie ſo , die der impf ſind 139 und unbeerbt ſterben, ſind die Armen,“ antwor⸗ tete er. „Sie haben Recht, mein Bruder: verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen einen ſolchen Vorſchlag gemacht, und haben Sie die Güte, noch einen Auftrag anzu⸗ nehmen.“ Und alſo ſprechend, ſetzte Valery eine Urkunde auf, wodurch er ſein ganzes Vermögen den Armen der Stadt Nimes vermachte und ſeinen Pariſer Cor⸗ reſpondenten, Herrn Morel, bei dem es lag, anwies, es Felician Pascal auszufolgen. Kaum daß dieſe Urkunde lesbar war: ſo ſchwach war ſchon die Hand des Schreibenden. „Gut, ganz gut, mein Bruder!“ bemerkte der junge Mann, indem er das Geſchriebene las.„Nun wäre wenigſtens ein Theil Ihrer Vergangenheit voll⸗ kommen gereinigt.“ Aber ohne ein Wort zu antworten, ſchloß der Kranke die Augen. Ess fühlte derſelbe, wie das Leben ihn allmählig verließ. Felician ſchaute einige Augenblicke den Körper an, der eine ſo verdorbene Seele in ſich geſchloſſen hatte, und bereits nur noch eine träge Materie war, die unter dem eiſigen Hauche des Todes ſchauderte. Sodann verließ er geräuſchlos die Koje, um den Sterbenden nicht aufzuwecken, über den Gott, als Lohn für ſeine erſten Gewiſſensbiſſe, einen ſanften Schlaf kommen ließ. Zwei Stunden darauf war man am Cap angelangt. „Nun?“ fragte Felician Herrn Maréchal in dem 140 Augenblicke, wo dieſer aus dem Zimmer des Kranken trat, der ihn beim Erwachen hatte rufen laſſen. Herr Maréchal ſchüttelte den Kopf. „Iſt er todt?“ fragte Pascal. „Noch nicht, aber es kann nicht mehr lange an⸗ ſtehen. Er iſt ſchon ganz weg.“ „Was hat er zu Ihnen geſagt?“ „Er hat Madera⸗Wein verlangt.“ „Und Sie haben ihm ſolchen gegeben?“ „Ja, eine ganze Flaſche. Man kann ihm ſogar jetzt Alles geben, da er doch nicht mehr aufkommt.“ Felician, den es drängte, das Schiff zu verlaſſen, wo es ihm, ſeit er dieſe unerwartete Beichte gehört, zu enge war, ging zum letzten Male zu dem Kranken. „Muth gefaßt, mein Bruder!“ ſprach er zu ihm, indem er deſſen Hand ergriff. Herr Valery verſuchte eine Antwort, aber es be⸗ wegten ſich ſeine Lippen krampfhaft, und es wollte ihm nicht gelingen, auch nur ein Wort auszuſprechen. Die Maderaflaſche war leer. Im Gegenſatze von Herrn Maréchal glauben wir, daß der Sterbende bei, voller Beſinnung war, * daß er aber, da er die Laſt ſeiner Erinnerungen nicht tragen konnte, im Wein die Vergeſſenheit ge⸗ ſucht hatte. Zehntes Kapitel. Felician Pascal. Wie wir bereits geſagt, ſo hatte es Felician ge⸗ drängt, das Schiff zu verlaſſen. Er wollte wieder unken 2e an⸗ ſogar umt.“ aſſen, ehört, inken. ihm, es be⸗ wollte eechen. auben war, ungen it ge⸗ an ge⸗ wieder 141 den Himmel anſchauen, wollte wieder möglichſt viel reine Luft athmen, um gleichſam der ſtinkenden Atmo⸗ ſphäre ledig zu werden, worin er hatte leben müſ⸗ ſen, ſo lange dieſe Beichte gedauert, und um ſich zu überzeugen, daß, was er gehört, in den menſchlichen Zuſtänden nur eine beklagenswerthe Ausnahme wäre. Als er aber auf dem Cap wieder allein war, da hatte er den Kopf zwiſchen beide Hände genommen und ſich abermals über den Abgrund gebeugt, den der Sterbende ihm gezeigt, und deſſen düſterſte Tie⸗ fen derſelbe erleuchtet hatte. Es hatte der ſanftmüthige junge Menſch, der Gott unendlich liebte— eine Liebe, die ihm durch das Schauſpiel der großen Naturgegenſtände und der großen Einöden Indiens eingeflößt worden war — in der Miſſion, die er ſich verſprochen, nichts Anderes geſehen, als eine Gelegenheit, Gutes zu thun und das Unglück zu tröſten; keineswegs aber hatte er vorausgeſehen, daß er ſolche Verbrechen und ſolche Laſter finden würde unter jener Menge Men⸗ ſchen, welche die Civiliſation repräſentiren. Dieſe erſte Beichte alſo, die ihm zufällig abgelegt worden war, hatte ihn mit Entſetzen erfüllt, und ſchon fragte er ſich, ob er auch die nöthige Stärke haben würde, um von ſolchen gräßlichen Herzenszer⸗ gliederungen Zeuge zu ſein. Nit einem Male aber rief er, nachdem er lange hin und her gedacht, aus: „Je ſchwieriger eine Pflicht zu erfüllen iſt, um ſo lieber iſt es Gott, daß man ſie erfüllt.“ Gleichwohl fühlte er die Nothwendigkeit, ſich zu zerſtreuen und ſeine Gedanken von dem gräßlichen 142 Berichte Joſephs abzuwenden; und da nächſt Gott ſeine Mutter und ſeine Schweſter ihm das Theuerſte auf der Welt waren, ſo ſchrieb er an Beide; doch ſo, daß er ſeinen Brief nur an eine von ihnen, näm⸗ lich an ſeine Mutter adreſſirte: 3 „Heute haben wir den 20. September 1833. Nun ſind wir auf dem Cap, liebe Mutter, woraus Du erſiehſt, daß wir einander nun bald wieder ſehen werden. „Das Schiff, das mich hierher gebracht, geht morgen wieder unter Segel. Es nimmt daſſelbe dieſen Brief mit, den Dir unſer Arzt, einer unſerer Landsleute, zuſtellen wird, während ich noch fern von Dir ſein werde. Ich tröſte mich indeſſen dar⸗ über, indem ich mir ſelbſt ſage, daß ich mich mit Blanca's Glück beſchäftige; denn das Erbe, das ich hier einziehen will, und das ihr und mir gehört, ſoll ihr allein zufallen. Es ſoll ihre Mitgift ſein, wenn, wie ich hoffe, meine liebe Schweſter, Dank ihrem Verſtande, ihren edlen Geſinnungen und der Schönheit, welche Gott ihr geſchenkt, einen recht⸗ ſchaffenen Mann findet, der ſie liebt, wie ſie geliebt zu werden verdient. „Ja, liebe Mutter, mein Entſchluß iſt unwider⸗ ruflich gefaßt; ja, ich will mich dem Dienſte des Herrn widmen. „In Deinem letzten Briefe, der mich auf Bour⸗ bon getroffen, haſt Du mich davon abzubringen ge⸗ ſucht. Es ſcheint Dir, als werde Deine eiferſüchtige Liebe mich minder beſitzen. „Du irrſt, liebe Mutter. Ich werde Dir ſo mehr gehören, als wenn ich in den von den Menſchen be⸗ Gott erſte doch am⸗ 333. daus ehen geht ſelbe ſerer fern dar⸗ mit ich hört, ſein, Dank dder eecht⸗ liebt ider⸗ des zour⸗ n ge⸗ htige mehr n be⸗ 143 neideten Laufbahnen meine Stelle einnehme. Gott, die Unglücklichen, Du und meine Schweſter, ihr ſollet meine alleinige Liebe ſein. „Du haſt mir in Deinem Briefe geſagt, ich ſolle, bevor ich mein Vorhaben ausführe, wohl darüber nachdenken. Ich habe das gethan, denn Dein guter Rath iſt mir ſtets heilig; ich habe in meinem Ge⸗ wiſſen und in meiner Vernunft Alles abgewogen, und es iſt mein Vorſatz nicht erſchüttert worden. „O liebe Mutter, hätteſt Du die Natur geſehen, wie ich ſie geſehen; hätteſt Du an den ewigen Quel⸗ len der Einöden und der Unendlichkeit die Wahrheit trinken können; hätteſt Du Gott in ſeiner ganzen Herrlichkeit geſehen, wie ich, ſo würde Dich gewiß der gleiche Geiſt beſeelen, der mich beſeelt, und ſo würdeſt Du gleich mir ſprechen: Gott allein iſt groß. Dann würdeſt Du gewiß keinen andern Ehrgeiz mehr kennen, als den Ehrgeiz, ihm dienen und ihn offen⸗ baren zu dürfen. „Haſt Du, liebe, gute Mutter, in Deinem Briefe nicht auch geſagt, ich ſei noch gar jung, ich habe bis daher ein unabhängiges Leben geführt, ich könne gleich allen Menſchen ein Spielball der Leidenſchaften werden, ich werde dann, zwiſchen dieſe und meine Pflicht geſtellt, vielleicht unglücklich ſein, und Du fürchteſt, mich leiden zu ſehen? „Aber, liebe Mutter, einen Sieg kann es nur da geben, wo Kampf iſt. Gefällt es dem Herrn, meine Seele zu prüfen und zu verſuchen, ſo werde ich mich ſelbſt zu beſiegen wiſſen. Ich bin mit Freu⸗ den bereit, ihm Alles zu opfern, Gott aber wird mir 144 den Weg nicht ſo ſchwer machen und wird mich ohne Gefährde zu ſich kommen laſſen. „Im Uebrigen, was habe ich, ſo frage ich Dich, zu fürchten? Du liebſt mich, Blanca liebt mich, und ich liebe euch Beide. 3 „Es iſt meinem durch das Studium gereiften, durch frühe Erfahrungen und den Genuß der herr⸗ lichſten Naturſchauſpiele geſtärkten Geiſte gelungen, jedem Ding ſeinen wahren Platz anzuweiſen. Gar ärmlich und kleinlich kommen mir die Leidenſchaften vor, welche die Menſchen in Bewegung zu ſetzen pflegen, und welche Du auch für mich fürchteſt; und weil ich dieſe Leidenſchaften mit allen andern Dingen des Lebens in die Waggſchale gelegt, weiß ich nun, wie leicht ſie ſind, und wie wenig ſie in dem Leben eines Mannes wägen können, der die Augen der Wahrheit zugewandt hat und ſo auf dem Wege des Lebens fortgeht. „Sieh doch, liebe Mutter, welch' ſüßes Leben Dir im Gegentheil mein Entſchluß bereitet. „Für's Erſte werde ich Dich nicht verlaſſen. Das Häuschen, in dem ich geboren bin und welches die Wiege aller unſerer ſüßeſten Erinnerungen iſt, wirſt Du auch ferner bewohnen, und dort werde ich Dich recht oft beſuchen. „Ich kann es von hier ſehen mit ſeinen grünen Läden und ſeinen großen Jerichoroſen, die an ſeinen weißen Wänden hinlaufen, und deren Blüthen in roſarothen Garben in der Sonne prangen. Das Gitter, das ſich vor dem Häuschen befindet, verbirgt ſeine Stäbe in dem Laube, und läßt die Neider, wenn es ſolche gibt, das Gemälde des drinnen woh⸗ hne ich, ich, ten, err⸗ gen, Gar ften tzen und igen ich in die dem eben Das 3 die wirſt Dich ünen einen n in Das birgt eider, woh⸗ 145 nenden beſcheidenen und doch wieder ſo reichen Glückes nicht ſehen. „Ich habe mein Zimmerchen voller Bücher, und arbeite und leſe dort, während Du mit meiner Schwe⸗ ſter im Garten ſitzeſt und plauderſt. „Und dann verheirathet ſich Blanca. Schöne, liebe, blonde Kinder werden mich umgeben, und ich werde dieſelben wie ein Vater lieben. Ich werde ihre jungen Seelen zu Gott führen und ſie ſchon in den erſten Jahren ſeines Lichts theilhaftig machen. Ich werde ihnen den Zweck der Dinge erklären, welche der Herr ſie ſchauen läßt. „Mein Schwager iſt ein guter, wackerer Mann, an dem Du einen zweiten Sohn bekommſt und der um Dich bleibt, während ich meine Kranken tröſte, meine Armen unterſtütze, meine Heerde unterrichte; während ich unter der großen Familie ein bischen guten Samen auszuſtreuen bemüht bin. Und da wir ſo leben werden, daß wir uns nichts vorzuwerfen haben, ſo werden wir uns auch vor dem Tode nicht fürchten; es wird der Tod, jener ewige Schlaf, uns im Gegentheile eben ſo ſüß vorkommen, wie der tägliche Schlaf. „Da wir mit den großen Grundſätzen des ewi⸗ gen Lebens uns längſt vertraut gemacht haben wer⸗ den, ſo werden wir auch in dieſem Naturgeſetze nur eine Wohlthat des Himmels, nur die Ruhe nach den Mühen des Tages, nur den Lohn nach der Arbeit erblicken. Wie wir unſern Kindern das Schauſpiel eines ſtets einträchtigen und durchſichtigen Lebens gegeben haben, ſo werden wir ihnen auch, als letztes Exempel, das Schauſpiel eines ruhigen, lüchelnden Dumas, d. J., drei ſtarke Maäuner. Todes geben, und es wird dieſe letzte Lehre ihnen vielleicht noch am Meiſten nützen. „So werden wir, Jedes in ſeinem Theile, unſere Miſſion erfüllen, und vielleicht daß uns die Freude wird, ſolche, die nur gut waren, beſſer, ſolch böſe waren, zu guten Menſchen gemacht zu haben. „Liebe Mutter! das iſt, zweifle nicht, die Zu⸗ kunft, die Gott uns vorbehält. Gibt es eine ſüßere? Kennſt Du eine ſchönere? „Liebe, gute Mutter! ich ſehe Dich von hier, wie Du meinen Brief lieſeſt, während Blanca den Kopf auf Deine Schulter legt, um die Worte, die ich euch Beiden ſchicke, beſſer zu hören; oder iſt es Blanca, die ihn liest, ſo ſehe ich Dich, wie Du Deine Arbeit unterbrichſt und wie Du Deine lieben Augen abtrockneſt, da ſie voll von jenen Thränen ſind, welche Mütter dem Andenken ihrer Kinder ſo gern und ſo geſchwind ſchenken. „An dem Abende des Tages, wo dieſer Brief Dich an Deinem Ruheorte aufgeſucht hat, wirſt Du zufriedener und ruhiger ſchlafen: nicht wahr? Du wirſt ihn zuſammenlegen und in Deinem Buſen ver⸗ bergen, wie ein Geizhals ſeinen Schatz verbirgt; und biſt Du dann allein in Deinem Kämmerlein, ruheſt Du zwiſchen Deiner Lampe und Deinem großen Chriſtus, der Dich jeden Tag aus Deinem Alkoven heraus ſegnet, ſo wirſt Du dieſen Brief wieder auf⸗ machen, ihn noch ein Mal leſen und dem Gott dan⸗ ken, der in das Herz ſeiner Geſchöpfe ſo reine Freu⸗ den gelegt hat. „Ohl ja, es iſt die Welt gut geſchaffen. Ja, es gibt im Leben noch gute und keuſche Empfindun⸗ e, die ruheſt großen Ulkoven er auf⸗ tt dan⸗ e Freu⸗ 1. Ja, findun⸗ 147 gen; man kann noch gute Thränen vergießen, kann noch gute Gedanken haben. Wider meinen Willen muß ich, indem ich an Dich denke, mich recht davon überzeugen; denn heute habe ich eines meiner trau⸗ rigſten, erſchütterndſten Erlebniſſe gehabt. „Ich, der ich Dir ſtets Alles vertraut, kann Dir aber dieſes nicht vertrauen. Was ich erfahren, darf ich nicht ſagen; dennoch ſpielſt auch Du eine Rolle dabei, da nächſt Gott Du mich darüber tröſteſt. „Sei indeſſen ruhig, gute Mutter: es iſt mir kein Unglück zugeſtoßen, und eben ſo wenig habe ich ein ſolches zu fürchten. „Welch' ſonderbare Phaſen das Leben doch hat! Heute, am 20. September 1833, bin ich vierund⸗ zwanzig Jahre alt. Ich kann mich nicht enthalten, an das zu denken, was an dieſem Tage in unſerem beſcheidenen Häuschen vorging. Ich hatte eben das Licht der Welt erblickt; es war alſo ein weiteres Weſen am häuslichen Herde, ein kleines Weſen, das die Dreieinigkeit der Familie, beſtehend aus Vater, Mutter und Kind, vollendete. „Bald werde ich Dich wieder ſehen; bald werden wir wieder zu dreien um den Herd vereinigt ſein, und doch iſt eine der Perſonen, die an demſelben waren, geſtorben. Aber es iſt eine andere gekommen und hat deren Platz eingenommen, da Blanca acht Jahre nach mir geboren und unſer armer Vater zwei Jahre nach der Geburt der Letzteren geſtorben iſt. „Welch' wunderbares Ding iſt es doch um dieſe Uebertragung des Lebens, wodurch es geſchieht, daß ein Weſen im andern fortlebt! „Mein Vater iſt alſo todt, materiell todt; in die 148 Seele aber, die in ihm wohnte, haben wir, Blanca und ich, uns getheilt, und ſo lebt er in uns. Es iſt nicht mehr das gleiche Geſicht, wohl aber ſind es die gleichen Gedanken, der gleiche Glaube, die glei⸗ chen Gefühle, die gleichen Geſinnungen. Hätte er auch zehn Kinder gehabt, ſo hätte er doch zehnfach auf dieſer Erde fortgelebt, während ſeine Seele ganz zu Gott zurückgekehrt wäre. „O Mutter, wie ſchön und groß iſt nicht die Religion, die uns alle dieſe Myſterien geoffenbart hat, und wie ſehr hat man Recht, daß man ſich ihrem Dienſte weiht! „Mein Vater war an jenem Tage gar bewegt, wie Du mir oft geſagt haſt. Er war bleich und war⸗ tete, die Augen auf Dich geheftet haltend und ein inbrünſtiges Gebet murmelnd, auf den Augenblick, wo Du den Schrei thun würdeſt, der das Ende Dei⸗ ner Schmerzen und den Anfang meines Lebens ver⸗ künden ſollte. Und arm und ſchwach kam ich auf dieſe Welt, er nahm mich in die Arme und kniete nieder, und ihr Beide ſinget an, Thränen des Dan⸗ kes und der Freude zu vergießen. „Da bin ich nun als erwachſener Mann; das Kind, das ſich nicht zu rühren vermochte, das ohne Blick, ohne Stimme und ohne Kraft war, hat Tau⸗ ſende von Stunden gemacht, hat das Ende der Welt mit dem Finger berührt, iſt dem Herrn, ſo weit es einem Menſchen vergönnt ſein kann, entgegen gegan⸗ gen; nun fühlt ſein Herz, nun erfaß Alles: und ſo iſt es mit allen Menſchen. Wie ſchön, wie groß iſt doch das! „In dieſem Augenblick ſehe ich, was Du gethan zt ſein Verſtand nca Es es gllei⸗ : er fach ganz die bart ſich vegt, war⸗ d ein ablick, Dei⸗ ver⸗ ) auf kniete Dan⸗ . das . ohne Tau⸗ Welt deit es gegan⸗ rſtand ſchön, gethan 14⁴9 haſt, liebe Mutter. Um den Geburtstag Deines Sohnes zu feiern, jenen Tag, den Mütter nie ver⸗ geſſen, biſt du in mein Zimmer gegangen, um dort an mich zu denken.. „Du haſt Alles berührt, was mich Dir am Ehe⸗ ſten in's Gedächtniß zurückrufen konnte, und haſt in meinem Leben gelebt. Du haſt bei Dir ſelbſt ge⸗ ſagt: Wo mag er um dieſe Stunde ſein? und haſt ohne Zweifel bedauert, daß ich dem Drange nicht zu widerſtehen vermocht, die Welt zu ſehen und ken⸗ nen zu lernen. „Dann haſt Du Dir, wie ich mir, die vierund⸗ zwanzig Jahre in's Gedächtniß zurückgerufen, die ſeit meiner Geburt verfloſſen ſind, und biſt in der Ver⸗ gangenheit die Leiter der glücklichen Erinnerungen hinabgeſtiegen. Welch' bewundernswürdiges Ding iſt es doch um die Sympathie, die da macht, daß, obwohl durch Tauſende von Stunden getrennt, zwei Weſen ſo ſich lieben, daß ein Bruder und eine Schweſter, daß eine Mutter und ein Sohn an dem⸗ ſelben Tage dieſelben Gedanken haben und vermit⸗ telſt einer unſichtbaren Herzenskette ſich mit einander in Verbindung ſetzen können. „Und während Du Gott dankteſt, daß er mich Dir geſchenkt, danke ich ihm, daß er mich als Dei⸗ nen Sohn geboren werden ließ. Mit welch' ängſt⸗ licher, lieber Pflege haſt Du meine Kindheit umgeben! Welch' herrliche Dinge hat Dein Verſtand und Dein Herz in mein Herz und in meinen Geiſt geſäet! Dir verdanke ich, daß ich bin, was ich bin. Laß mich alſo Dir dafür danken, gute Mutter, die ich gleich einer Heiligen verehre. 150 „Ohne Zweifel biſt Du auch auf dem väterlichen Grabe geweſen; denn Du denkſt mit gleicher Zärt⸗ lichkeit an Deinen Gatten und an Dein Kind, die Beide fern von Dir ſind, jener für das ganze Leben, dieſes für die kurze Zeit von noch einigen Monaten. Du haſt an dem Grabe gekniet, in das wir einſt den gelegt, den wir liebten, und der uns zulächelnd geſtorben war. „Während wir Beide die Liebe beweinten, welche Gott von uns nahm, ſchaute Blanca, die damals erſt zwei Jahre alt war und noch nicht wußte, was ſolches Weinen auf ſich hat, uns mit ihren großen, blauen, erſtaunten Augen an, und als wir von dem Kirchhofe zurückkamen, da fanden wir ſie im Garten, einzig und allein mit ihrem Spiele beſchäftigt. Es verſagt der Herr in ſeiner ewigen Gerechtigkeit den Schmerz ſolchen Herzen, welche zu ſchwach wären, ihn zu tragen; doch verliert das Herz ſeine Rechte darauf nicht, denn iſt das Kind einmal groß gewor⸗ den, ſo hat es durch die Erinnerung den Schmerz, den es nicht durch den Eindruck erhalten. „Obgleich alſo Blanca ihren Vater kaum ge⸗ ſehen, obgleich ſie ſeiner Züge ſich nicht mehr erin⸗ nern kann, ſo ſpricht ſie doch ſeinen Namen nie aus, ohne daß aus ihrem Herzen Thränen zu ihren Augen. emporſteigen. Denn dieſe Art Schmerz liegt weit mehr in den Erinnerungen, welche der Tod des ge⸗ liebten Weſens im Geiſte hervorruft, als im Tode ſelbſt: darum iſt er ſo lang, ja zuweilen ewig. „Neigen wir uns über den Körper deſſen, den wir nicht mehr ſehen ſollen, ſo fällt uns ein, daß dieſer erloſchene Blick ſich einſt liebevoll auf uns chen zärt⸗ die ben, aten. einſt delnd elche mals was bßen, dem rten, Es den ären, lechte wor⸗ merz, n ge⸗ erin⸗ aus, lugen weit s ge⸗ Tode „den daß uns 151 heftete; daß dieſer Mund uns mit Küſſen bedeckte, als wir noch ein Kind waren; daß derſelbe uns guten, weiſen Rath gab, als wir ein Mann wurden; daß dieſes Herz, das nun zu ſchlagen aufgehört hat, voller Liebe, Unruhe und Schrecken für unſere Zu⸗ kunft war; und ſehen wir dieſe ganze Lebensgewohn⸗ heit in Zeit von einer Minute zertrümmert, ſehen wir ferner, daß die Liebkoſungen, welche wir dem Todten zu Theil werden laſſen, ihm kein Lächeln mehr abzugewinnen vermögen, daß unſer Geſchrei ihn nicht zu wecken im Stande iſt, ohl dann fühlen wir einen ungeheuren Schmerz,— dann fühlen wir uns unter dieſem Schmerze wie unter einem Berge begraben. „Da hört man das Summen der glücklichen Augenblicke, die man dem Beweinten verdankt hat, und die um unſern Kummer und unſere Traurigkeit her ſingen, gleichwie freie Vögel um einen gefange⸗ nen Vogel her ſingen. Man meint, man werde ſich nie mehr tröſten. Das Leben erſcheint Einem völlig ungenügend, und ſo läßt man ſich dann in den Ab⸗ grund ſeines Schmerzens fallen. Dort aber findet man Gott,— Gott, der den Grund von Allem bildet; und Gott hebt Einen wieder auf und heißt Einen noch hoffen. „Wie Du ſiehſt, liebe Mutter, ſo komme ich im⸗ mer bei Gott an, welchen Weg ich immer einſchla⸗ gen mag. „Und nun lebe wohl, liebe, gute Mutter! „Hier haſt Du eine jener herzlichen und langen Plaudereien, wie ein Kind und ein Chriſt ſie liebt, wie Dein Herz ſie zu begreifen weiß, und wie ſie 152 bei uns oft vorkamen, wenn wir an einem ſchönen Frühlings⸗ oder Herbſtabende neben einander ſaßen und unſere ſüße Unterhaltung ſich mit den melan⸗ choliſchen Tinten der Vergangenheit färbte. „Hoffentlich werden wir recht bald wieder dieſer wonnigen Gewohnheit huldigen, um erſt dann darauf zu verzichten, wenn es Gott gefallen wird, eines von uns zu ſich zu nehmen. Meine zärtlichſten Küſſe für Blanca. Sage ihr, 171 2 wie ich mich ſtets mit ihr beſchäftige, und wie ihr Glück für mich das höchſte iſt. „Gerne würde ich noch mehr ſchreiben, wenn es mich nicht verlangte, dieſen Brief ſelbſt zu beſorgen und auf's Schiff zu bringen. Um aber bis zum Einſchiffungsplatze zu kommen, habe ich einen ziem⸗ lich weiten Weg zu machen; denn es iſt die Stadt durch eine wahre, vier Stunden lange Wüſte von Meere getrennt. „Dein Sohn „Felician Pascal.“ Als dieſer Brief geſchrieben war, fühlte Pascal ſich glücklich. Es bildete derſelbe einen ſo grellen Contraſt zu der Beichte Joſephs, es war derſelbe ein ſo vollkommener Ausdruck der Geradheit und Rechtſchaffenheit, daß Felician beim Leſen dieſes ſei⸗ nes Briefes ausruhete, wie ein müder Wanderer unter dem Zelte auszuruhen liebt, das er ſelbſt auf⸗ geſchlagen. Sodann verſiegelte und adreſſirte er ihn, nahm Hut und Stock, verließ das Gaſthaus, in dem er abgeſtiegen war, und ging mit noch anderen Reiſen⸗ önen aßen elan⸗ dieſer rrauf 3 von ihr, e ihr in es orgen zum ziem⸗ Stadt vom al 11 ascal rellen rſelbe und s ſei⸗ nderer tauf⸗ nahm em er teiſen⸗ 1⁵5³ den, die ſich auf dem Nikolaus einzuſchiffen ge⸗ dachten, nach dem Meere hin. Gleich ihnen beſtieg er einen Mauleſel ohne Zü⸗ gel und Steigbügel, einen Mauleſel, der ferner ſtatt eines Sattels einen Sack von grauer Leinwand trug. Neger, welche neben den Reiſenden einhergingen, hatten die Thiere zu lenken. Schwere Wagen, mit Exportgütern beladen und von Ochſen gezogen, die unter ihrem Joche ſich hin⸗ und herwiegten, vervollſtändigten dieſe Caravane, und was die Wagenlenker betrifft, ſo ſchliefen ſie, die linke Hand auf den Rücken der Ochſen geſtützt, während ſie neben dieſen einhergingen. In der Ferne ſchnitt das Meer das Azurblau des Himmels durch eine tiefer gefärbte Linie ab, womit es den Horizont ſchloß. In der Ferne erſchien der Nikolaus wie eine Nußſchale. Was Felician betrifft, ſo trieb es ihn auf's Schiff, weil er Herrn Maréchal, dem Arzt, den Brief zu⸗ ſtellen wollte, den dieſer Frau Pascal einzuhändigen verſprochen hatte; aber er ging auch hin, um zu er⸗ fahren, ob und wie Joſeph geſtorben. Endlich ſchwand allmählig die Entfernung: man kam am Ufer an und inmitten des tauſendfachen Ge⸗ ſchreis, womit eine Einſchiffung verbunden iſt, beſtieg Pascal eines der Schiffchen, die am Ausladeplatze bereit ſtanden. Eine halbe Stunde darauf befand er ſich auf dem Verdecke des Nikolaus. „Mein lieber Doctor,“ ſprach er zu Herrn Ma⸗ 154 réchal,„Sie haben mir verſprochen, meiner Mutter einen Brief von mir zuzuſtellen.“ „Dieſes Verſprechen werde ich herzlich gern er⸗ füllen.“ „Sie werden eine brave, fromme Frau und ein ſchönes, herziges Mädchen finden. Sie kennen die⸗ ſelben zwar noch nicht, werden ihnen aber ſagen, daß Sie mich gekannt, und ſo werden Sie alsbald wie ein alter Freund behandelt werden, erſtens, weil Sie mich kennen, und zweitens, um Ihrer ſelbſt wil⸗ len. Küſſen Sie ſie, wie ich jetzt Sie küſſe, und ſagen Sie ihnen, daß ich bald komme.“ „Wie lange gedenken Sie auf dem Cap zu bleiben?“ „Zwei bis drei Monate. Sie wiſſen, wie es geht, wenn man ein Erbe einzuziehen und mit Ge⸗ ſchäftsleuten zu thun hat. Man wird mit ihnen nie fertig.“. „Zählen Sie auf mich.“ „Und nun ſagen Sie mir auch, wie es mit Herrn Valery geht.“ „Schauen Sie,“ antwortete der Arzt. Und mit dem Finger deutete er auf einen Schiffs⸗ jungen hin, der eben damit beſchäftigt war, eine Kanonenkugel in einen Sack hineinzunähen. „Was hat das zu bedeuten? Was ſoll das?“ „Es bedeutet dieß, daß man die Kugel in Be⸗ reitſchaft hält, die man ihm an die Füße binden wird, wenn man ihn in's Meer hinauswirft.“ „Es iſt alſo aus mit ihm?“ „Nein, denn es darf ſich dieſer Menſch eines katzenzähen Lebens rühmen; indeſſen warten wir nur 155 auf den letzten Athemzug, um uns ſeiner zu ent⸗ ledigen. Von einem Aufkommen kann keine Rede mehr ſein, und man würde gegen ihn und gegen uns eine Pflicht chriſtlicher Liebe erfüllen, wenn man ihm die letzten Augenblicke des Todeskampfes erſparte. Es wäre der Kerl im Stande, unſer ganzes Schiff zu verpeſten. Niemand wagt es mehr, ihm nahe zu kommen. Bleiben Sie noch zehn Minuten bei uns, ſo können ſie ſehen, wie man ihn begräbt, wenn man anders dieſe Ceremonie ſo nennen darf.“ „Nein,“ verſetzte Pascal,„ich mag das nicht ſehen.“ „So leben Sie denn wohl, mein Bruder; denn er kann es nicht mehr lange treiben.“ Und die beiden Männer küßten einander auf's Herzlichſte. Ganz träumeriſch ſtieg Pascal wieder in ſein Sehiſhen, nachdem er dem Capitän die Hand ge⸗ rückt. Raſch entfernte ſich das Schiffchen. In dem Augenblicke, wo es an's Ufer ſtieß, ließen ſich zwei Kanonenſchüſſe hören. Es war das Lebewohl des Nikolaus, der wieder unter Segel ging. „Ohne Zweifel iſt es nun mit dem Unglücklichen aus,“ murmelte Pascal, für die Ruhe von Joſephs Seele ein Gebet zum Herrn emporſendend. „O Stolz des Menſchen! dahin alſo kommt es mit dir! 156 Elftes Kapitel. Die Heimkehr. Pascal blieb, wie er vorhergeſehen, drei Nonate auf dem Cap. Er brauchte dieſe Zeit, um das Erbe einzuziehen, das er ſeiner Schweſter bringen wollte, indem der Verwandte, den er beerbte, kein Teſtament gemacht hatte, und ſeine Angelegenheiten ziemlich verworren und ungeordnet waren. Und dann läßt ſich ein Erbe eben nie geſchwind einziehen, ſelbſt dann nicht, wenn Alles in Ordnung iſt. Es hat das Geld eine ſo große Anziehungskraft, daß ſelbſt diejenigen, welche es nur in Verwahrung haben, möglichſt lange zögern, es denen zuzuſtellen, welchen es gehört. Es ſcheint ihnen, es gehöre ihnen ſelbſt, ſo lange es in ihrer Kaſſe liegt, und vielleicht nähren ſie ſogar eine geheime, ferne Hoff⸗ nung, es immer behalten und am Ende ſich es zu⸗ eignen zu können. So war das Ende des Monats December heran⸗ gekommen. Es war dieß zwar eine ſchlechte Zeit, um eine lange Seereiſe zu unternehmen; aber es dachte Feli⸗ cian nur an das Vergnügen, ſeine Mutter und Schweſter recht bald wieder zu ſehen, und möglichſt bald die Laufbahn zu betreten, die er ſich gewählt, wenn man anders einer apoſtoliſchen Miſſion den Namen Laufbahn geben darf. Er hatte die drei auf dem Cap zugebrachten Mo⸗ nate zur Vervollſtändigung ſeiner theologiſchen, im —————„ pnate Erbe ollte, ment mlich wind nung kraft, rung ellen, ehöre und Hoff⸗ 8 zu⸗ eran⸗ eine Feli⸗ 157 Seminar begonnenen Studien verwendet; denn wie ſich leicht denken läßt, ſo nahmen die Geſchäfte nicht alle ſeine Zeit in Anſpruch. Und ſo brauchte er ſich denn nur ſeinem Biſchof vorzuſtellen, um alsbald zum Prieſter geweiht zu werden. Er reiste alſo ab. Zu Ende des Monats April 1834 berührte er den franzöſiſchen Boden mit jenem Freudenſchrei, den Jeder ausſtößt, der den heimiſchen Boden wie⸗ der ſieht. Um von ſeinen Eindrücken ja nichts zu verlieren, um die Freude der Rückkehr beſſer ſchmecken zu kön⸗ nen, wollte er, obgleich es ihn drängte, die lieben Seinigen recht bald wieder zu ſehen, den Weg, wel⸗ cher ihn von ihnen trennte, zu Fuß machen. Er ließ ſein Gepäck mit einem Wagen vorangehen und machte ſich, ſein Bündelchen an einem Stock tragend, auf den Weg. Zwar kannte er die Wege nicht, die er betrat, aber es war ihm im Grunde gleichgültig, ob er ſich dann und wann verirrte oder nicht: waren es doch die Wege ſeines Heimathlandes. Man muß lange gereist ſein, muß ſich ſelbſt verbannt haben, oder verbannt geweſen ſein, um die wahrhaft große Freude verſtehen zu können, die im Wiederbetreten der vaterländiſchen Erde liegt. . Plötzlich wandelt ſich die Natur um und lächelt Dich an, wie noch keine Natur es gethan, ſo ſchön ſie immer geweſen. Es ſcheint die Luft leichter, der Weg minder rauh und mühevoll, und ich behaupte, daß es weniger ermüdend iſt, auf dem geliebten Boden fünfzehn Stunden zu Fuß zu machen, als zehn in dem ſchönſten Lande der Welt, wenn dieſes ein neues iſt. 158 Pascal ſchritt alſo rüſtig, glücklich, jung, freudig einher, fand Gott, ſo oft er Halt machte, grüßte die hölzernen und ſteinernen Kreuze, welche den Wegen poetiſchen Reiz verleihen und auf deren Stu⸗ fen die müden Schnitterinnen ſich zu ſetzen pflegen, hielt ſich nur ſo lange auf, um ein beſcheidenes Mahl zu ſich zu nehmen, oder um einige Stunden zu ſchlafen, machte ſich mit Tagesanbruch wieder auf den Weg und ſog die ſüßen und reinen Düfte des Frühlings in ihrer ganzen Friſche ein. Allmählig ſchwanden hinter ihm die Ebenen, die Hügel, die Berge, die er hatte überſchreiten müſſen. Er näherte ſich ſeiner Heimath immer mehr; je näher er aber ſeinem Reiſeziel kam, um ſo mehr bemächtigten ſich ſeiner Seele unbeſtimmte Ahnungen, die Jeder ſchon gekannt, welcher ſich in Felician's Lage befunden hat. Biſt Du lange Zeit fern von den Weſen geweſen, die Du liebſt, fern von denen, die einen Theil Deines Herzens behalten, wenn Du von ihnen ſcheideſt; machte Dein Weg Dir es möglich, oft an ſie zu ſchreiben, ohne daß ſie ſelbſt Dir ſchreiben konnten, Dir, dem Schnellreiſenden, den ihre Briefe nie ein⸗ zuholen vermocht hätten; kamſt Du nach mehrmonat⸗ licher Abweſenheit zu ihnen zurück: beſchäftigte Dich da nicht mit einem Male der Gedanke, daß Du ſchon lange nichts mehr von ihnen gehört, daß es etwas recht Hinfälliges um das Leben ſei, ſowie daß man das Haus leer wieder finden könne, das man voll verlaſſen? Du ſagteſt bei Dir ſelbſt: Wenn nun meine dig ißte den Stu⸗ gen, enes den auf des nen, eiten nehr; mehr igen, Lage deſen, eines ideſt; te zu nten, ein⸗ onat⸗ ftigte daß daß ſowie das f meine 159 Mutter geſtorben wäre und ich gerade zu ihrem Be⸗ gräbniſſe käme! Es iſt das möglich. Würde ich das Haus meiner Kindheit ſchwarz behängt finden; würde ich um einen kerzenbeleuchte⸗ ten Sarg her die lächelnden Freunde meiner Jugend traurig und mit geſenktem Haupte wieder finden; oder aber würde, wenn ich nun an der Thüre klopfe, durch die ich ſo oft gegangen, ohne daran zu denken, daß einſt das Unglück durch ſie ſchreiten könnte, dieſe Thüre mir von einer unbekannten Perſon aufgethan werden, die zu mir ſpräche: Zu wem wollen Sie? und würde dann die Perſon, wenn ich zitternd den Namen ausgeſprochen, mir zur Antwort geben: Die Perſon, nach der Sie fragen, iſt ſchon lange todt! Oh, das wäre fürchterlich! Und würde ich in meinem Gedächtniſſe ſuchen, ſo könnte ich nicht einmal mich deſſen mehr entſinnen, was ich an dem Tage gethan, wo dieſes Unglück mir zugeſtoßen. Vielleicht daß ich an demſelben luſtig war! Vielleicht daß ich von der Zukunft träumte! Wuürde ich unerbrochen und unter ihrem Siegel begraben, wie die geliebte Perſon ſelbſt unter einem Steine begraben liegt, die Briefe wieder finden, die ich ihr unterwegs geſchrieben, um den Schmerz der Trennung mehr und mehr zu lindern und die Rück⸗ kehr künſtlich zu beſchleunigen! Wenn ich endlich da, wo ich ein Weſen voller Leben zu finden hoffte, das mich mit der ganzen Energie ſeines Glückes in die Arme gedrückt und Freudenthränen über mich vergoſſen hätte, nur noch einen Stein mit einem Namen und einen fühlloſen Körper fände, bei dem das Geräuſch meiner ſo heiß erſehnten Tritte keinen Wiederhall mehr finden würde! Oh, das wäre gräßlich! Als dann dieſe unbeſtimmten Ahnungen in Dei⸗ nem Geiſte bald zu Wahrſcheinlichkeiten wurden— denn nichts iſt wahrſcheinlicher als der Tod—, da wareſt Du bereit, Halt zu machen und ſelbſt wieder umzukehren, indem der Zweifel Dir tauſend Mal beſſer erſchien, als die Gewißheit— denn der Zwei⸗ fel iſt ein Winkel der Hoffnung. Da ſchauteſt Du die Dinge, die Dich umgaben, Bäume, Wolken, Ho⸗ rizont, mit der Hoffnung an, daß irgend eine Verän⸗ derung in der Natur Dir die gefürchtete Veränderung anzeigen würde; aber es war und blieb die Natur ſtets die gleiche, denn ſie ſtirbt nicht, und es ver⸗ rieth die Zukunft nichts von ihren Geheimniſſen. Du ſetzteſt alſo, während Du ſo mit Dir ſelbſt ſpracheſt und alle Möglichkeiten abwogſt, Deinen Weg fort, bis ſich mit einem Male ein gewaltiges Herz⸗ klopfen Deiner bemächtigte: Du warſt in der Stadt oder in dem Dorfe angekommen. Run ſtudirteſt Du die Leute, die an Dir vorüber⸗ gingen. Oh, welche Freude fühlteſt Du, wenn ein erſtes bekanntes Geſicht Dir zulächelte! Du hatteſt alſo keinen Grund zu Befürchtungen, da man, als man Dich ſah, anlächelte; denn es kön⸗ nen die Menſchen ſo böſe und verderbt nicht ſein, daß ſie ſo denjenigen zulächeln, von denen ſie wiſſen, daß irgend ein Kummer auf ſie wartet. Gleichwohl verhinderte Dich ein ganz natürlicher Aberglaube, dieſes erſte Lächeln zu befragen. Du nahmſt ſeinen freudigen Gruß als ein Pfand, als einen Geiſel hin, und wollteſt Dein Glück nur von väre Dei⸗ 1— „ da ieder Mal zwei⸗ t Du Ho⸗ erän⸗ rrung datur ver⸗ 1. ſelbſt Weg Herz⸗ Stadt rüber⸗ un ein ungen, s kön⸗ t ſein, wiſſen, ürlicher 2 Du d, als ur von 161 denen erfahren, welche Dir es ganz geben konnten. Dann ſchritteſt Du vertrauensvoller weiter und er⸗ kannteſt die Dinge von einſt. Aus der Ferne gewahrteſt Du das Haus, wohin Du gingſt. Aeußerlich hatte ſich daran nichts ver⸗ ändert. Du warſt ſo bewegt, daß Du langſamer gingſt und bei Dir ſelbſt ſagteſt: Sie ſind da und ahnen nicht, daß ich ſo nahe bei ihnen bin. Ohne Zweifel ſprechen ſie jetzt von mir, ohne Zweifel fragen ſie ſich, wo ich jetzt wohl bin; ſie glauben mich noch in dem Lande, von wo ich ihnen zum letzten Male geſchrieben, und es gefiel ſich Dein Geiſt darin, das Gemälde auszumalen, das Dir vor Augen träte, wenn Du dieſe geliebte Schwelle überſchritteſt. Endlich berührteſt Du den Klopfer dieſer Thüre; Du klopfteſt an, es machte Dir eine wohlbekannte Dienerin auf, die einem Fremden aufzumachen glaubte, nun aber Dich erkannte und laut zu rufen anfing: Der Herr iſt dal es iſt der Herr da! Nun entſtand ein gewaltiges Rücken von Stüh⸗ len; dann regnete es Küſſe, Thränen, Fragen; und nun ſaheſt Du alle Deine traurigen Ahnungen durch die offene Thüre hindurch entwiſchen, Dieben ähn⸗ lich, die nichts haben ſtehlen können. „ Eine der zauberartigen Wirkungen der Rückkehr iſt das, daß ſie in einem kurzen Augenblick die ſeit der Abreiſe verfloſſene Zeit, ſowie die während dieſer Zeit gehegten Beſorgniſſe aus dem Geiſte verbannt. Der Menſch, den man jetzt wieder ſieht, man glaubt ihn nun erſt noch am vergangenen Tage geſehen zu haben, und noch an demſelben Abend hat derſelbe 11 Dumas d. F., drei ſtarke Männer. 162 ſich und hat man ſich in ſeine frühere Exiſtenz ſchon wieder dermaßen eingelebt, daß man ihn gar nicht verlaſſen zu haben wähnt. Nun beginnt der Reiſebericht; nun ſpricht man von den Unglücksfällen und den Gefahren, denen man ausgeſetzt geweſen, und worüber man lachen kann, da ſie vorüber ſind. Iſt alles dieſes vorüber, ſo ſtellt der Reiſende nun ſeinerſeits allerlei Fragen und erkundigt ſich nach ſolchen, die er gekannt, und die während ſeiner Abweſenheit die lange, ſchwere Lebensreiſe fortgeſetzt haben. Wie manches Geſchick, das unterdeſſen ein an⸗ deres geworden! Der Eine iſt nicht mehr da, der Andere hat geheirathet. Einige ruhen in kühler Erde! Ein Wunſch, eine Erinnerung, eine Thräne fallen auf jeden der ausgeſprochenen Namen, und dabei bleibt es dann. Es hat das Herz eine egoiſtiſche Seite, die es verhindert, ſich lange Zeit mit Andern zu beſchäfti⸗ gen, wenn es vollkommen glücklich iſt; nun aber iſt die Rückkehr zu geliebten Weſen ein ſo vollkommenes Glück, daß man auf dieſer Welt wohl kaum ein größeres findet. Was wir hier geſagt, empfand auch Pascal. Hätte man ſehen können, wie er den ſchmalen, mit blühenden Maulbeerbäumen beſetzten Pfad ver⸗ folgte, der ihn an das Haus ſeiner Mutter führen mußte, ſo hätte man bei dieſem einſamen Wanderer die Unruhe geahnt, die wir zu beſchreiben verſucht haben. chon nicht man enen achen über, ragen und zwere an⸗ , der kühler hräne und die es chäfti⸗ oer iſt menes m ein il. nalen, d ver⸗ führen nderer erſucht 163 Bwölftes Kapitel. Blanca. Bald hob ſich das auf einer Anhöhe gelegene Dorf mit dem maſſiven Thurme ſeiner Kirche, einem Thurme, welcher dem oberen Theile eines Bienen⸗ korbes glich, vom Himmel ab. Es iſt Moncontour allerliebſt gelegen. Von Man⸗ delbäumen und Hagedornſtauden umgeben, entfaltet es rund umher Hügel, welche von dem Eiſen des Pfluges ſorgfältig gekämmt ſind und da, wo ſie grün geblieben, durch große roth⸗weiße Ochſen belebt wer⸗ den, welche ſie ſcheeren und, wenn man an ihnen vorübergeht, Einen ſo erſtaunt anſchauen, wie nur Ochſen es können. Das Haus der Frau Pascal war eines der ſchönſten im Land und dabei doch äußerſt einfach. Verfolgte man den von Felician eingeſchlagenen Weg, ſo war es das erſte Haus, auf das man traf; denn es war von den übrigen durch etwa eine Acker⸗ länge getrennt. Bald gewahrte es der junge Mann durch einen Vorhang von Pappelbäumen hindurch: es lächelte, wie ein Mädchen hinter ihrem Schleier hervorlächelt. Zehn Minuten darauf ſtand er vor dem Gitter, von dem er in dem oben mitgetheilten Briefe ſprach. Die Hand auf das Herz legend, klopfte er leiſe an. Es machte der Gärtner die Thüre auf. Der wackere Mann konnte, als er ſeinen Herrn gewahrte, einen Schrei nicht zurückhalten. 164 Felician bot ihm die Hand und ſchüttelte ihm die ſeinige freundſchaftlichſt. „Wo iſt meine Mutter?“ fragte er. „Hier, Herr.“ „Und meine Schweſter?“ „Sie iſt bei Madame, unten im Garten. Ich will den beiden Damen ſagen, daß Sie da ſind: es werden dieſelben hocherfreut ſein.“ „Nein, lieber Freund, bleiben Sie da. Ich will mir das Vergnügen machen, ihnen dieſe Nachricht ſelbſt zu bringen.“ Pascal ſtieß einen tüchtigen Freudenſeufzer aus, dankte innerlich Gott, und ging nach dem hinteren Theile des Gartens hin, der auf das Feld hinaus⸗ ging und von einer niederen Mauer umgeben war. Er erblickte ſeine Mutter und ſeine Schweſter, wie ſie mit verſchlungenen Armen auf⸗ und abgin⸗ gen und mit einander plauderten. Nun ſuchte er das andere Ende des Gan⸗ ges auf, in welchem ſie auf⸗ und abſpazierten, ging auf der Fußſpitze fort und ſtand mit einem Male vor ihnen. Suche Dich des glücklichſten Staunens Deines Lebens zu erinnern, des größten Freudenſchreies, den Du ausgeſtoßen, ſo haſt Du das Staunen und den Schrei der Frau Pascal. Frag' mich nicht weiter. Es gibt Dinge, die man empfindet, aber nicht beſchreibt. Blanca gab die Freude, die ſie über die Rück⸗ kehr ihres Bruders empfand, nicht in der Weiſe ihrer Mutter kund. Als ſie Felician wieder ſah, erbleichte die Ich es will richt aus, eren aus⸗ var. ſter, gin⸗ Han⸗ ging Male eines feies, und man Rück⸗ ihrer eichte 165 ſie, und es entging dieſe Bläſſe dem jungen Manne nicht. „Du küſſeſt mich nicht, Blanca?“ ſprach er zu ihr. „Ich bin ſo ergriffen, bin ſo glücklich, Dich wie⸗ der zu ſehen,“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme, „daß ich geglaubt, es werde mir übel werden.“ zu gleicher Zeit legte das ſchöne Kind die Hand auf die Bruſt, um dem heftigen Pochen ihres Her⸗ zens Einhalt zu thun, und als ſie dann wieder etwas ruhiger war, warf ſie ſich dem Neuangekommenen um den Hals. Von dieſem Augenblicke an verließ Blanca den Arm ihres Bruders nicht mehr und überhäufte ihn mit Küſſen, rührenden Fragen und Liebkoſungen jeder Art. „Erzähl' mir doch Deine Reiſen, ſag' uns, was Du vorhaſt; wie biſt Du hergekommen?“ ſprach ſie. „Warum haſt Du uns nicht den Tag Deiner An⸗ kunft angezeigt?“ „ SIch habe die Reiſe zu Fuß gemacht, und zwar von Nantes an,“ erwiderte Pascal. „Dann biſt Du wohl recht müde? Du wirſt wohl ausruhen wollen?“ Und ohne ihres Bruders Antwort abzuwarten, führte Blanca ihn in das Speiſezimmer, wo die Mutter alsbald ein Mahl bereitete, indem ſie in ihrem mütterlichen Aberglauben keine fremden Hände mit dieſem Geſchäfte betrauen wollte. Nun ſetzte ſich Blanca dicht neben ihren Bruder hin, und lächelnd erfaßte jedes der beiden Geſchwiſter die Hände des andern. Felician konnte ſich an ihr gar nicht ſatt ſehen: ſo ſchön war ſie. Die ſchönen lockigen Haare mit ihren goldenen Reflexen; die weiße und ſo feine Haut, durch welche hindurch man faſt das Leben in den Adern kreiſen ſehen konnte; die großen, blauen Augen, glänzend und feucht wie eine thaubedeckte Blume; die feingebaute Naſe mit ihren durchſichtigen Löchern; der ſchmale, purpurrothe Mund, der im⸗ mer halb geöffnet war, um Zähne ſehen zu laſſen, weißer als die weißeſten Perlen; der geſchmeidige und elegante Hals: dieſes ganze wunderbare Enſemble, dem Pascals Schweſter an dem Tage, wo ſie ge⸗ tauft worden, den ſüßen Namen Blanca verdankt hatte, war dem jungen Mann ein Schauſpiel, woran er nicht genug bekommen konnte. In Folge der ſelbſtgewählten Lebensbahn konnte Felician unter allen Weibern nur Blanca lieben, weßhalb denn auch dieſe brüderliche Liebe ſich um all' die andere Liebe vermehrte, die ihm verſagt war, oder die er, richtiger geſprochen, ſich ſelbſt verſchloſſen hatte. Doch durfte er bewundern, was ſchön, lieben, was gut war, und da Blanca gut und ſchön war, ſo hatte er das volle Ideal der von Materie und Leidenſchaft freien Liebe. Dieſe brüderliche Liebe war ſo eiferſüchtig, ſo zuvorkommend, ſo furchtſam, daß ſie, wie man geſe⸗ hen, vor der geringſten Wolke erſchrak. „Herzallerliebſte Blanca,“ rief der junge Mann plötzlich, indem er den Kopf des ſchönen Kindes in die Hände nahm und die Lippen auf deſſen Stirn drückte,„ſag mir, ob Du glücklich biſt.“ „Ja, ich bin glücklich, recht glücklich, lieber Bru⸗ der,“ antwortete Blanca im Tone der Ueberzeugung. 167 „Nun, ſo habe ich Hunger.“ In dieſem Augenblicke erſchien Frau Pascal mit vollen Tellern wieder im Zimmer. Ihr Sohn ſetzte ſich zwiſchen ſie und ſeine Schweſter. Nun ging es wieder an ein Fragen. „Kommſt Du zurück, um für immer bei uns zu bleiben?“ fragte die Mutter. „Ja, liebe Mutter, und doch werde ich euch viel⸗ leicht einen Monat lang verlaſſen müſſen.“ „Wohin willſt Du denn gehen?“ „In das mittägliche Frankreich.“ „Was iſt der Zweck dieſer Reiſe?“ „Ich muß den letzten Willen eines Sterbenden erfüllen, eines Sterbenden, den ich Beichte gehört.“ „Du haſt ihn Beichte gehört?“ „Ja, Mutter, und ſchon morgen werde ich mich auf den Weg machen, um den hochwürdigſten Biſchof von Niort zu beſuchen, dem ich meinerſeits dieſes Vergehen beichten werde; denn ich habe mich eines ſolchen ſchuldig gemacht, da ich noch nicht geweiht bin. Da ich indeſſen dieſe Beichte in größtem Glau⸗ ben gehört; da ferner mein Entſchluß, mich Gott zu weihen, ſich nicht geändert hat; da endlich aus dieſer Beichte ſowohl für die Religion als für mehrere Perſonen viel Gutes entſpringen kann, ſo wird hof⸗ fentlich der hochwürdigſte Biſchof mir dieſes Ver⸗ gehen vergeben. Sei aber ruhig, liebe Mutter: ich reiſe erſt dann nach dem ſüdlichen Frankreich, wenn ich Prieſter bin, und es wird das noch eine Weile anſtehen.“ 168 „Nun laß auch mich ſprechen. Weißt Du, was ich während Deiner Abweſenheit gethan?“ „Nein, liebe Mutter; indeſſen bin ich überzeugt, daß, was Du gethan, wohl gethan iſt.“ „Ich bin nach Niort gegangen.“ „Warum?“ „Um den Biſchof zu ſprechen.“ „Und Du haſt ihn geſehen?“ „Ja, und ich habe mit ihm von Dir geſprochen, und habe ihm Deine Briefe gezeigt.“ „Dann...“ „Dann hat er zu mir geſagt, ich ſolle Dich ihm alsbald zuſchicken, wenn Du wieder da ſeieſt; und ferner hat er unſerem Herrn Pfarrer, der in eine andere Diöceſe kommen ſollte, ſagen laſſen, er ſolle weitere Befehle abwarten. Verſtehſt Du, was das heißen ſoll?“. „Ja, ich glaube zu verſtehen,“ verſetzte Pascal freudig,„daß, Dank Dir, liebe Mutter, ich es bin, der an die Stelle unſeres guten Pfarrers kommt.“ „Getroffen; hab' ich es recht gemacht?“ „Du fragſt mich noch!“ „Morgen früh werde ich mich auf den Weg machen,“ antwortete Felician. „Ruhe Dich doch erſt recht aus. Blanka geh und ſag, man ſolle für Deinen Bruder das Zimmer bereit machen, das ſchon ſo lange ſeiner harrt, und ſorg ſelbſt dafür, daß nichts vergeſſen wird; denn er wird ein bischen ſchlafen: nicht wahr, liebes Kind?“ Und Mutter und Sohn küßten ſich abermals; denn es iſt dieß die ewige Beredſamkeit der Mütter —ed g △‿ ⁸ was zeugt, 169 und Kinder, die nach langer Trennung einander wie⸗ der ſehen. Blanca verließ das Zimmer, um zu thun, wie Frau Pascal ihr befohlen; bevox ſie aber in ihres Bruders Zimmer trat, ging ſie in ihr eigenes. Dort nahm ſie, nachdem ſie ſich vergewiſſert, daß ſie nicht geſehen werden könne, ein Stück Papier, worauf ſie in der Eile und zitternd etliche Worte ſchrieb. Sodann zerknitterte ſie dieſes Papier, ohne ſich die Mühe zu geben, es zuſammenzulegen, in den Hän⸗ den und verſteckte es in ihrem Buſen, wohl, um es, wenn die Zeit gekommen, an ſeine Adreſſe gelangen laſſen zu können. Als dann Blanca ihr Zimmer verließ, war ſie ſo heftig bewegt, daß ſie ſich an der Wand halten mußte, um nicht zu fallen. Was ſie gethan, war alſo ſehr verwerflich? Dreizehntes Kapitel. Blanca's Geheimniß. Nachdem Blanca ihres Bruders Zimmer hatte bereit machen laſſen, ging ſie wieder hinab, um es ihm zu melden. Dann lief ſie, während er in ſein Zimmer hinaufging, nach dem hintern Theile des Gartens. Dort angekommen, öffnete ſie zur Hälfte ein Thörchen, das auf das Feld hinausführte, und nahm, halb hinausgehend, aus der äußern Mauer einen beweglichen Stein weg. 170 In das Loch, das dieſer Stein, einmal wegge⸗ nommen, zurückließ, legte ſie den Brief, welchen ſie eben geſchrieben. Sodann brachte ſie den Stein wieder an ſeinen Ort, ging in den Garten zurück, ſchloß das Thörchen wieder und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche, wobei wir bemerken müſſen, daß ſie ſich denſelben ohne Vorwiſſen ihrer Mutter verſchafft hatte, die den einzigen zu haben glaubte. Endlich erſchien ſie wieder bei Frau Pascal, und nun unterhielten ſich die Beiden ganze Stunden von dem Glücke, das ihnen Gott im Laufe des Tages durch Felician's Rückkehr bereitet. Abends gegen vier Uhr wachte der junge Mann wieder auf und fand Mutter und Schweſter neben ſeinem Bette. Etwa um dieſelbe Stunde hielt ein Reiter auf dem Felde neben dem Thörchen an, das Blanca im Laufe des Morgens geöffnet hatte. Derſelbe nahm, ohne die Steigbügel verlaſſen zu müſſen, den Stein weg, welcher den Brief verbarg, und kehrte dann, den herausgenommenen Brief leſend, wieder um. Das Pferd war ein herrliches Thier. Was den Reiter betrifft, ſo mochte er dreißig Jahre alt ſein. Er war ſchön, romanhaft ſchön, das heißt, groß, blaß, bartlos, und verband mit ſaphir⸗ blauen Augen ſchöne blonde, üppige Haare. Im Uebrigen war er höchſt elegant gekleidet und wußte mit ſeinem Thiere geſchickt umzugehen. Als er von Blanca's Brief Einſicht genommen, da derſelbe für ihn beſtimmt war, legte er ihn ſorg⸗ fältig zuſammen und ſchloß ihn in ein Brieftäſchchen ein, wo ſich bereits mehrere Billets von der gleichen 171 Hand vorfanden. Sodann ſchlug er mit ſeinem Pferde einen ſcharfen Trab an und war bald bei einem wundernetten, zum Schloſſe gehörigen Hauſe ange⸗ langt, das, von etwa ſechzig Morgen Wald umgeben, etwa eine Stunde von der Wohnung der Frau Pascal weg, auf einer Anhöhe ſtand. An dem Gitter dieſes Hauſes angekommen, warf der Reiter den Händen eines Stallknechtes, der ſei⸗ ner Rückkehr harrte, den Zügel ſeines Pferdes zu, worauf er in einen reich möblirten Salon zu ebener Erde trat und klingelte. „Sie haben den Reiſewagen auf morgen bereit zu halten,“ ſprach er zu dem Diener, der erſchien. „Es verreist alſo der Herr Graf?“ „Ja.“ „Um wie viel Uhr gedenkt der Herr Graf weg⸗ zureiſen?“ „Um zwölf Uhr.“ „So ſoll ich die Pferde auf elf Uhr beſtellen?“ „Ja.* „Reist der Herr Graf allein?“ „Allein.“ „Zwei Pferde werden alſo genug ſein?“ „Vollkommen genug.“ Es zog ſich der Diener zurück. Den Reſt des Tages brachte der Graf mit Schrei⸗ ben, Spazierengehen und vor Allem mit Träumen zu; denn er ſchien über etwas recht Ernſtem zu brüten. Um zehn Uhr Abends beſtieg er wieder ſein Pferd und ſchlug genau denſelben Weg ein, den er im Laufe des Morgens gemacht hatte. Als er von dem Pförtchen, das wir bereits ken⸗ 172 nen, noch etwa hundert Schritte entfernt war, ſtieg er ab, band ſein Pferd an einen Baum und legte den Weg, der ihn von der vertrauten Mauer trennte, Ton zu Fuße zurück. rer Dann ſetzte er ſich auf einen Weichſtein, ſtützte geſp beide Elbogen auf die Knie, ſowie den Kopf auf die Hände, und ſetzte ſeine langen und ſorgenvollen Re⸗ ihre flexionen fort. Lieb Wer dieſen Mann an jenem Abende geſehen Ohn hätte, hätte nicht gezweifelt, daß er von ſeiner Ge⸗ denn liebten hierher beſtellt worden. Es war bereits eine halbe Stunde, daß er war⸗ tete, oder vielmehr, daß er ſo da ſaß; denn er war ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, daß er vielleicht ſelbſt vergeſſen hatte, daß er auf Jemand wartete, als ſich das Pförtchen öffnete. Furchtſam ſtreckte Blanca den Kopf zu dem halb: ren geöffneten Pförtchen hinaus und rief mit ſanfter Mo⸗ Stimme: heut „Friedrich!“ ſpra Da hob der junge Mann den Kopf in die Höhe: auf ein ungewohntes Lächeln erleuchtete, als er Blancas möc anſichtig ward, ſein Geſicht. behe Es war finſter und etwas kalt. Ihn „Ich komme um eine halbe Stunde zu ſpät,“ ter; ſprach Blanca zum Grafen, während er das Mäd⸗ Mu chen in die Arme ſchloß und an ſeine Bruſt drückte: „verzeihen Sie mir?“ „Ohl ich hätte die ganze Nacht auf Sie gewar⸗ den tet, Blanca, und ohne Ihnen wegen Ihres Ausblei⸗ bens zu grollen.“ „Ach, wie gütig ſind Sie!“ ſtieg legte onnte, ſtützte uf die n Re⸗ ſſehen r Ge⸗ war⸗ r war lleicht artete, halb⸗ anfter Höhe: anca's ſpät,“ Mäd⸗ rückte: gewar⸗ 1sblei⸗ 173 „Nein, nein, ich liebe Sie: das iſt Alles.“ Friedrich hatte die Worte: Ich liebe Sie, in einem Tone geſprochen, der gar ſeltſam klang. Ein Ande⸗ rer hätte die Worte: Ich haſſe Sie, nicht anders geſprochen. „Gehen Sie mir nach,“ ſprach Blanca, die wider ihren Willen zuſammengefahren war, als ſie ihren Liebhaber das Wort Liebe alſo hatte betonen hören. Ohne Zweifel aber war ſie ſchon daran gewöhnt; denn zu gleicher Zeit nahm ſie Friedrichs Hand. „Wohin führen Sie mich?“ fragte der Graf. „In den Pavillon.“ „Iſt das nicht unbeſonnen?“ bemerkte er zögernd. „Fürchten Sie nichts: es ſchläft Alles.“ „Sogar Ihr Bruder?“ 4 „Vor Allem mein Bruder, der ſchon ſeit mehre⸗ ren Tagen zu Fuße gereist iſt. Wie ich Ihnen heute Morgen geſchrieben, ſo fürchtete ich gar ſehr, daß ich heute Abend möchte nicht abkommen können, Friedrich,“ ſprach Blanca leiſe und ſich zu den Füßen des Grafen auf ein Kiſſen ſetzend;„ich gab der Furcht Raum, es möchte Felician lange aufbleiben und mich bei ſich behalten. Sehen Sie, wie ich Sie liebe, mein Freund: Ihnen zu lieb bedaure ich faſt, daß mein vielgelieb⸗ ter Bruder wieder gekommen iſt, der nur Gott, meine Mutter und mich liebt.“ „„Sie lieben mich alſo?“ verſetzte der Graf, das Mädchen anblickend und ſeine weiße, kalte Hand in den goldenen Haaren des ſchönen Kindes begrabend. „Ihr Bruder iſt alſo zurückgekommen?“ verbeſſerte er ſich plötzlich. n“ „Ja. 174 „Was hat er geſagt?“ „Was eben ein Bruder zu einer Schweſter zu ſagen pflegt. Er hat mich geküßt; da ſeine Rückkehr aber mich fürchten ließ, daß es mir in Zukunft nicht mehr möglich ſein möchte, Sie ſo oft zu ſehen, und da ich ferner nicht heucheln kann, ſo bin ich traurig geworden. Dann hat er mich gefragt, was mir wäre.“ „Und was haben Sie geſagt?“ „Daß mir nichts wäre. Doch, Friedrich, werde ich ihm bald Alles geſtehen können: nicht wahr?“ „Ja, herzallerliebſte Blanca; ja, Dein Bruder ſoll Alles erfahren.“ „Wie Sie doch dieß ſagen, Friedrich! Es kommt dieſe Phraſe in Ihrem Munde faſt einer Drohung gleich.“ „Biſt Du von Sinnen?“ „Welch ſeltſamer Menſch ſind Sie nicht, und welch myſteriöſe Gewalt liegt nicht in Ihnen! Wiſſen Sie auch, daß mein Leben mir nicht mehr gehört, ſeitdem ich Sie kenne, ſeitdem Sie mir geſagt, daß Sie mich lieben? Ich denke nur noch an Sie und lebe nur noch in Ihnen. Ach! es kommt dieß daher, daß Sie kein Menſch wie die andern ſind, denn ge⸗ wiß hätte ich keinen gewöhnlichen Menſchen geliebt; Ihnen aber habe ich eine Liebe geweiht, wie vor mir vielleicht noch keine ſie gefühlt. „Sie lächeln; laſſen Sie mich glauben, daß ich mich nicht täuſche; laſſen Sie mir den Troſt, denken zu dürfen, daß ich einer unwiderſtehlichen Gewalt nachgegeben, und daß ich, was ich immer hätte thun mögen, Ihnennicht hätte entgehen können. Wir Weiber hoffen immer, es werde Gott für uns Gemüthserre⸗ ommt hung und Ziſſen hört, „daß und aher, n ge⸗ liebt; r mir ß ich enken ewalt thun beiber zerre⸗ 175 gungen gemacht haben, die bis daher unbekannt gewe⸗ ſen, und es tragen die Gründe, womit wir uns be⸗ gnügen, die Entſchuldigung unſeres Fehltritts in ſich. „Wären Sie auch durch zehn, hundert Stunden, ja durch eine ganze Welt von mir getrennt, ſo müßte ich doch unter Ihrem Einfluſſe leben und handeln, wie Sie wollen. Sie brauchen nur die Hand aus⸗ zuſtrecken, um mich ganz und gar Ihrem Willen zu unterwerfen. „Verſuche ich es außerhalb des Kreiſes zu exiſti⸗ ren, den Ihre Liebe um mich gezogen hat, ſo bin ich wie eine Wahnſinnige, ſo ſtoße ich wie eine Ver⸗ rückte überall an, ſo taumle ich wie ein Betrunkener, ſo fehlt es mir an Luft, und wider meinen Willen muß ich, wenn ich nicht fallen will, Ihren Namen ausſprechen und mich an Ihr Andenken anklammern. „Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen, Friedrich? Ich, die ich ſtreng in der Furcht Gottes erzogen worden, ich, die Tochter einer Mutter, die ſo rein iſt wie die heilige Jungfrau ſelbſt, ich, das Kind eines Vaters, an dem der Herr ſelbſt ſein Wohlgefallen haben mußte, ich, die Schweſter eines ſo rechtſchaffenen Mannes, wie es wohl ſelten einen gegeben, habe Ihnen Alles geopfert, habe Ihnen meine Ruhe, meine Zukunft, meine Chre geopfert. Wollen Sie mein Leben? Nehmen Sie es. Wollen Sie, daß ich Ihnen an's Ende der Welt folge? Wollen Sie, daß ich Alles, was mich liebt, hintergehe, daß ich mich in Aller Augen entehre? Sprechen Sie ein Wort, ich thue, wie Sie wollen. „Iſt das, was ich empfinde, Liebe? Ich kann es nicht ſagen. Immerhin aber iſt es ein Gefühl, 176 zu Zeiten ein faſt ſchmerzhaftes Gefühl, zu allen Zeiten aber iſt es ein Gefühl, das ſtärker iſt denn mein Wille und wogegen ich nichts kann, da ich es nicht zu begreifen vermag. Kurz, Ihnen gegenüber bin ich unmächtig, Ihnen zu lieb kann ich Alles thun; nur ſehen muß ich Sie; denn müßte ich auf⸗ hören Sie zu ſehen, ſo wäre es mein Tod.“ Vierzehntes Kapitel. Projecte. Friedrich hatte die Hand auf Blanca's Haupt gelegt und hielt den Blick auf ſie geheftet. Ohne ein äußeres Zeichen von Aufregung hörte er die Worte an, die ſie ſprach, und die weit eher aus ſei⸗ nem Munde, als aus dem des jungen Mädchens hätten kommen ſollen; denn ohne Zweifel hatte er mit denſelben Worten die Herrſchaft über ſie erlangt, die er nun ausübte. Nur waren dieſe Worte in ſeinem Munde das geweſen, was ein Degen in der Hand eines ge⸗ wandten Fechters iſt. In Blanca's Munde waren ſie das, was eine Waffe in den Händen eines Kin⸗ des iſt, das Niemand, außer ſich ſelbſt verwunden kann. So große Gewalt ſie über Felician's Schwe⸗ ſter erlangt hatten, als dieſe ſie gehört, ſo wenig Eindruck machten ſie auf Friedrich, der ſie anhörte, oder ſchienen ſie wenigſtens zu machen. „Was hat Ihr Bruder vor?“ fragte der junge Mann, nachdem er mit einem Lächeln auf Alles, was er eben gehört, geantwortet hatte. llen enn es iber lles auf⸗ aupt hne die ſei⸗ hens er ingt, das ge⸗ aren Kin⸗ nden hwe⸗ enig örte, unge lles, 177 „Was kann Ihnen an meinem Bruder liegen, Friedrich, wenn ich von Ihnen und von mir ſpreche? Ich bin einzig und allein von dem Glücke erfüllt, daß ich Sie ſehe, und ſpreche ich von meiner Liebe, die, wie Sie ſagen, Ihnen theuer iſt, ſo fragen Sie mich nach etwas, was Ihnen gar gleichgültig ſein muß, da ich nicht daran denke, ich, die ich doch daran denken ſollte.“ „Es beweist dieß eben, daß ich mich für Alles intereſſire, was Sie betrifft, Blanca. Antworten Sie mir alſo.“ „Nun,“ verſetzte das Mädchen,„es verreist morgen Felician, wie ich Ihnen geſchrieben.“ „Wohin geht er?“ „Nach Niort, zum hochwürdigſten Biſchof.“ „Und dann?“ „Dann kommt er wieder hierher, wohl um, nach⸗ dem er die letzten Weihen empfangen, hier Pfarrer zu werden.“ „Demnach verläßt er Sie dann nicht mehr?“ „Doch, doch. Er muß noch auf einen Monat verreiſen.“ „Wohin?“ „Nach dem mittäglichen Frankreich, wie ich glaube.“ „Und was mag er dort zu ſchaffen haben?“ „Ich weiß es nicht recht. Es iſt ihm eine Beichte abgelegt worden, er hat dort Gutes zu thun, hat den letzten Willen eines Sterbenden zu erfüllen.“ „Vor einem Monate aber reist er nicht hin?“ „O nein.“ „Auf jeden Fall würden Sie ihn hier zurückhal⸗ ten, wenn er hinreiſen wollte, Blanca.“ Dumas, d. F., drei ſtarke Männer⸗ 12 178 „Warum?“ „Vergeßliches Mädchen! Wird er nicht, wie wir verabredet, vor Allem, und ehe er an ſeine an⸗ dern Pflichten denkt, uns trauen müſſen? „Habe ich Ihnen nicht geſagt, Blanca, als Sie mir geſagt, daß Sie einen Bruder hätten, der Prie⸗ ſter werden wollte und bald bei Ihnen ſein würde, — habe ich Ihnen da nicht geſagt, daß Sie, ſobald er zurückgekommen wäre, meine Frau würden, weil ich wollte, daß er uns copulirte? Ich bin aber⸗ gläubiſch und es wird der Segen Ihres Bruders, der ein rechtſchaffener Mann iſt und Sie liebt, uns Glück bringen. Habe ich Ihnen das nicht verſpro⸗ chen, und wollen Sie das nicht auch, heißgeliebte Blanca? „Jetzt aber darf Ihr Bruder ſchlechterdings noch nicht wiſſen, was zwiſchen uns vorgegangen.“ „Er ſoll es nicht erfahren.“ „Sie dürfen, hören Sie wohl, Blanca, es ihm erſt dann ſagen, wenn er zum Prieſter geweiht iſt.“ „Warum?“ 4 „Wie! Sie begreifen nicht, liebes Kind, daß un⸗ ſere Liebe, ſo wahr dieſelbe immer ſein mag, ſo wahr dieſelbe immer iſt, in den Augen der Welt ein Fehl⸗ tritt iſt, in den Augen Ihres Bruders aber ein Ver⸗ brechen wäre? Wer weiß, ob dann dieſes Geſtänd⸗ niß die Freude ſeiner Wiederkehr nicht vergiften würde, ſo daß er auf ſeinen Beruf verzichten möchte? „Obgleich dieſer Fehltritt wieder gut zu machen iſt, ſo läßt er ſich doch nicht auf der Stelle wieder gut machen; Felician wäre alſo nur mehrere Tage lang unruhig und geplagt. Verheimlichen Sie ihm das wie an⸗ Sie Prie⸗ ürde, obald weil aber⸗ ders, uns eſpro⸗ liebte noch ihm iſt.“ 3 un⸗ wahr Fehl⸗ Ver⸗ tänd⸗ giften hte? achen ieder Tage ihm 179 aber, Blanca, den Zuſtand Ihrer Seele ſorgfältig, ſo machen Sie es ihm möglich, daß er ſich fromm, und ohne daß ihn etwas davon abzuhalten vermag, Gott weiht. Iſt er aber einmal Prieſter, iſt ſeine Miſſion das Segnen und Vergeben, ſo treten wir furchtlos vor ihn und ſprechen: Wir lieben einander ſchon lange; nun ſollſt Du uns abſolviren und trauen. Es wird dann der Prieſter dem Weibe vergeben, es wird der Bruder der Schweſter ſeinen Segen geben, Ihre Mutter ſelbſt aber wird die Wahrheit nie erfahren. „Unſer vergangenes Glück wird ſich mit unſerem zukünftigen verſchmelzen und nur uns, Ihrem Bru⸗ der und Gott bekannt ſein. „Verſtehen Sie mich, Blanca?“ 1„Sie haben Recht, mein Freund, haben immer ſecht.“ 3 Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. „Und nun leben Sie wohl,“ hob Friedrich wie⸗ der an. „Wie, Sie gehen ſchon?“ „Ja, wir müſſen Alles vermeiden, was uns ver⸗ rathen könnte. Vergeſſen Sie nicht, daß, wenn Ihr Bruder jetzt hinter unſer Verhältniß käme, er viel⸗ leicht von Verzweiflung erfüllt würde.“ „Ganz richtig. Morgen alſo ſehen wir uns wieder.“ „Nein, Blanca, morgen kann es nicht ſein.“ „Wie, morgen werde ich Sie nicht ſehen!“ rief das Mädchen mit einer Art Entſetzen. „Nein.“. „Wo werden Sie morgen denn ſein?“ „Auf dem Wege nach Paris, wohin ich ſchlech⸗ 180 terdings gehen muß. Dort liegen die zu unſerer Heirath nöthigen Papiere, liebes Kind, und es iſt beſſer, daß ich ſie jetzt gleich zuſammenbringe, als daß ich noch länger warte. So werden wir keine Zeit verlieren.“. „Und darum gehen Sie nach Paris?“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Und wann kommen Sie wieder?“ „In fünf oder höchſtens ſechs Tagen.“ „Was ſoll aber unterdeſſen aus mir werden?“ „Sie werden eben an mich denken, Blanca.“ „Ich werde nichts Anderes thun: Sie wiſſen das wohl.“ „Sobald ich wieder da bin, werde ich Sie es wiſſen laſſen.“ „Wie?“ „Durch einen Brief, den ich in das Mauerloch legen werde.“ „Ach, wie lieb ſind Sie, Friedrich, und wie liebe ich Sie!“ Indem Blanca dieſe Worte ſprach, weinte ſie; indeſſen beeilte ſie ſich, ſich die Augen abzutrocknen. „Blanca, Blanca,“ ſprach Friedrich in etwas ſcheltendem Tone,„wollen Sie, daß ich Sie ſtets liebe, ſo weinen Sie nie.“ „Ach, ich weine nicht, lieber Freund, ſondern lache im Gegentheil. Da ſehen Sie her.“ Und in der That lachte das Mädchen, ſich Ge⸗ walt anthuend, mit den Lippen, während neue Thrä⸗ nen in ihren Augen perlten. Friedrich gab ſeine Ungeduld unwillkührlich durch eine Geberde zu erkennen. N mel ma ein 2 iſſen 2 es rloch liebe ſie; nen. was ſtets dern Ge⸗ hrä⸗ urch 181 „Sie werden alſo in ſechs Tagen wieder hier ſein?“ fuhr Blanca fort, alle ihre Kraft zuſammen⸗ nehmend, um ihre Thränen zurückzudrängen und zu lächeln. 4 „Ja „Welches Glück! Sollten indeſſen Ihre Geſchäfte Sie länger in Paris zurückhalten, mein Freund, oder ſollte es Ihnen dort ſo gut gefallen, daß Sie nicht ſo bald zurückkommen können, ſo ſeien Sie wegen meiner nicht in Unruhe. Ich werde einſtweilen beten und glücklich ſein, indem ich Sie glücklich weiß.“ Und das arme Mädchen, das ihrer Aufregung einen Augenblick Herr geworden war, lächelte gleich einer Sclavin, die ihren Herrn fürchtet. „Gut, Blanca, ſo ſehe ich Sie gerne; ſeien Sie immer ſo, haben Sie Vertrauen zu mir, ſo wird Alles gut gehen,“ ſprach Friedrich, den dieſe Worte zwar nicht täuſchten, der aber doch ſich den Anſchein geben wollte, als glaube er daran. Und der Graf drückte einen letzten Kuß auf die Lippen des Mädchens, das an ſeinem Halſe hing, öffnete, nachdem er die Lampe ausgelöſcht, das Pfört⸗ chen und verſchwand auf dem Felde. Als Blanca allein war, hielt ſie ſich an der Mauer, brach in einen Thränenſtrom aus und mur⸗ melte die Worte: „Es iſt doch ganz natürlich, daß er dieſe Reiſe macht; woher kommt es nun, daß dieſelbe mir wie ein Unglück erſcheint?“ 182 * Fünfzehntes Kapitel. Robert. Blanca irrte einen Theil der Nacht im Garten umher, um in der friſchen Nachtluft ſich die Ruhe zu holen, die ſie auf ihrem Zimmer nicht zu finden vermocht hätte; denn ſie fühlte wohl, daß der Schlaf ſie dort nicht aufſuchen würde. Hat auch die Liebe, die myſteriöſe, ſich verber⸗ gende Liebe, noch kein Unglück in ihrem Gefolge ge⸗ habt, ſo vertreibt ſie doch, wenn ſie einmal in ein Mädchenherz eingedrungen, alles Andere daraus. Unter heftigen, entſetzlichen Stürmen weiß ſie dort es ſich bequem zu machen, und ſtolz gebar⸗ ſie ſich als Siegerin. Wohin dieſe Liebe noch führen würde? Das wußte Blanca ſelbſt nicht, auch wollte ſie es nicht wiſſen. Dachte ſie in ihren einſamen Stunden über die Sache nach und fragte ſie ſich ſelbſt, wie ein ſo ge⸗ waltiger Umſchwung in ihrem Leben Statt gefunden, ſo fand ſie keine Antwort. Die Zeit, die ſie gelebt, bevor ſie Friedrich ken⸗ nen gelernt, war ihr gar nicht mehr erinnerlich; und wenn dann ihr Geiſt von der Vergangenheit zur Zukunft überging, wenn die düſteren oder unheim⸗ lichen Wahrſcheinlichkeiten eines ſolchen Ereigniſſes * vor ihr ſtanden, ſo ſchloß ſie die Augen, um nichts mehr ſehen zu können. Sie glich Schlafenden, die, von einem böſen 183 Traume verfolgt, ſehen, wie ſie in einen Fluß hin⸗ eingehen, ohne ſchwimmen zu können. Sie ſehen voraus, daß ſie umkommen; aber es treibt ſie eine Hand, die ſtärker iſt denn ihr Wille; ſie wollen zu⸗ rück und können es doch nicht; immer höher ſteigt das Waſſer, und da ſie nicht wiſſen, woran ſie ſich anklammern ſollen, ſo überlaſſen ſie ſich, die Arme ausſtreckend und die Augen ſchließend, dem Strome. Ein dunkles Gefühl ſagte Blanca, daß am Ende des Weges ein Unglück ihrer warte; da aber Fried⸗ rich auf dieſem Wege ging, ſo folgte ſie ihm nach, ohne auch nur daran denken zu können, daß es vielleicht klüger wäre, umzukehren. Wie man geſe⸗ hen, ſo fragte ſie oft ſich ſelbſt, ob das, was ſie empfinde, wirklich Liebe ſei. Wie hätte das unſchul⸗ dige Mädchen das auch wiſſen ſollen, ſie, die bis dahin in Beziehung auf Leidenſchaften in glücklicher Unwiſſenheit gelebt, ſie, welche die Seele und das Geſicht der heiligen Jungfrau hatte? Nur konnte ſie nicht umhin, ſich ſelbſt zu ſagen, daß das, was ſie empfinde, gar ſeltſam ſei. Bevor ſie liebte, hatte es ihr geſchienen, daß die Liebe etwas Süßes, eine Art Trank wäre, der über das durſtige Herz plötzlich ein unbeſchreibliches Ge⸗ fühl des Wohlſeins verbreitete. In ihren Mädchenträumen ſah ſie die Liebe lächeln, ſah ſie die Liebe vom Schlafe fröhlich, vom Gebete fromm begleitet. Sie hatte die Liebe wie eine Blume angeſehen, welche in der Seele plötzlich aufgeht und dieſe mit göttlichen Wohlgerüchen erfüllt; ſie hatte die Liebe wie einen vom Himmel herabge⸗ kommenen Vogel betrachtet, der ſich gern in die 184 Weiberherzen, wie in einen goldenen Käfig, einſchließt, und dort Melodien ſingt, wovon die Erde nichts weiß. Es hatte ein Mann ſie aufgeſucht; wie? das werden wir bald erfahren. Von der ſeltſamen Ge⸗ walt dieſes Mannes beherrſcht, von ihren eigenen Eindrücken getrieben, hatte ſie an ihn geglaubt, und nun hatte ſie von dem erſten Tage an die Wirklich⸗ keit ihres Traumes vergebens geſucht. Der erwartete Wohlgeruch war ausgeblieben, das gehoffte Lied hatte ſich nicht hören laſſen. Sie hatte die Lippe dem neuen Becher genähert und es hatte ihr geſchienen, als trinke ſie, anſtatt eines ſüßen und reinen Trankes, wahres Feuerwaſſer. Unter dem Eindrucke und einer ſcharf und herb ſſchmeckenden Wolluſt hatten ſich ihre Augen verdun⸗ kelt; Geiſt, Seele, Leben waren ihr auf einige Augen⸗ blicke in eine Welt entſchwunden, die weder Him⸗ mel, noch Erde, weder Wachen, noch Schlaf, weder Traum, noch Wirklichkeit war. Als ſie dann aus dieſem Zuſtande wieder erwacht war, hatte Entſetzen ſie ergriffen; denn ſie hatte ein⸗ geſehen, daß ſie nicht mehr ſich ſelbſt gehöre, ſondern nun einen Herrn habe. Man glaube indeſſen nicht, es ſei dieſes Entſetzen ein Gewiſſensbiß geweſen. Je reiner die Seele iſt, die ſich hingibt, um ſo länger braucht ſie zur Reue. Iſt ein Weiberherz aufrichtig, unſchuldig, jung⸗ fräulich, ſo iſt es, indem es ſich hingibt, von ſolch' poetiſchem Reize umgeben, daß es, bevor Gewiſ⸗ ſensbiſſe in daſſelbe einziehen können, den reinen Born ſeiner Illuſionen hat müſſen hinausfließen ießt, ichts das Ge⸗ enen und klich⸗ rtete Lied ihert ſtatt iſſer. herb dun⸗ gen⸗ dim⸗ eder dacht ein⸗ dern etzen iſt, eue. ung⸗ olch' wiſ⸗ nen ßen 185 laſſen, und das erfordert gar viele Tage; denn die reine Flüſſigkeit der Illuſionen entfällt der Seele nur Tropfen um Tropfen. Nur abgenutzte Herzen wandelt die Reue bald an; denn nur ſie allein wiſſen, wie raſch die Strafe auf den Fehltritt folgt. Nichts deſto weniger konnte Blanca, als ſie ſah, daß ſie in Zeit von einer Minute eine unüberſteig⸗ bare Schranke zwiſchen ihrem vergangenen und ihrem zukünftigen Leben aufgerichtet; als ſie gewahrte, daß es nun doch nichts mehr nütze, wenn ſie zurückblicke, und daß es ihr vielleicht peinlich ſei, in die Zukunft zu ſchauen,— nichts deſto weniger, ſagen wir, konnte Blanca nicht über dieſe Minnte hinaus, welche ihr Leben zu einem ganz andern machte, und mußte ſie ſich in ihre Liebe hüllen, wie ein Reiſender, der in einer kalten und dunkeln Nacht ſich verirrt hat, ſich von Kopf bis zu Füßen in den einzigen Mantel hüllt, den er bei ſich hat. „Es iſt nun einmal mein Geſchick,“ hatte ſie bei ſich ſelbſt gedacht,„dieſem Mann zu folgen; alſo will ich ihm folgen.“ Und blindlings hatte ſie ſich, ſo zu ſagen, in dieſen verhängnißvollen Gehorſam geworfen. Daß Blanca bereit war, Alles zu thun, daß ſie bereit war, dem Grafen zu lieb zu leiden, ſich um⸗ zubringen, unterzugehen, ſich in's Verderben zu ſtür⸗ zen, wenn er es wollte, beweist der Umſtand, daß ſie, obgleich er ihr oft geſagt, daß er ſie zu ſeiner Frau machen würde, ihn doch nie an die Erfüllung ſeines Verſprechens gemahnt und nie zuerſt wieder davon angefangen hatte. 186 Es konnte Friedrich ſie verlaſſen, ſobald es ihm gut dünkte, und es war dieß dann vielleicht ihr Tod; aber ſie hatte dieſe Art Tod ſchon vorhergeſehen. Was ſie alſo für dieſen Mann empfand, war keine Liebe; denn ein verliebtes Herz ſieht nie einen ſolchen Ausgang voraus. Gleich allen keuſchen Leidenſchaften glaubt die Liebe an die Ewigkeit. Sie gibt wohl zu, daß ſie einen Anfang gehabt, hält ſich aber ſtets überzeugt, daß ſie nie ein Ende haben könne. Und wollten wir nun in Blanca's Seele noch tiefer hinabſteigen, ſo würden wir dort wohl noch etwas Anderes entdecken, ſo würden wir dort ein unerhörtes Gefühl finden, von dem ſie das Auge zwar abzuwenden ſtrebt, das ſie aber zuweilen wider ihren Willen anzieht; denn gleich den phyſiſchen Tie⸗ fen haben auch die Tiefen der Seele ihre Anzie⸗ hungskraft, eine Kraft, die Einem Schwindel ver⸗ urſacht. Wir würden da ſehen, daß, wenn ſie zuweilen an dieſes Eheverſprechen dachte, dieß faſt mit Schrecken geſchah. Sie fühlte ſo wohl, daß die Seele ihres Geliebten keine natürliche Schweſter der ihrigen ſei, daß ſie faſt fürchtete, allzu feſt und allzu ewig ſich an dieſelbe zu ketten. Es gab Augenblicke, wo ſie die verhängnißvollen Folgen den verſprochenen Möglichkeiten ihres Fehltritts vorzog. War das wohl Liebe? Gleichwohl war dieſe Heirath ihre Ehre, eine hohe Stellung; denn Friedrich war nicht allein ſchön, ſondern auch von vornehmer Geburt. Einem Herzen aber, wie das Blanca's war, wiegen, wir wiederholen ihm od; war nen die ſie ugt, noch ioch ein uge ider Tie⸗ zie⸗ ver⸗ ilen cken dres ſei, wig wo nen eine bön, zen blen 187 es, alle dieſe weltlichen Rückſichten, alle dieſe Vor⸗ urtheile gar leicht in der Waage ihrer Gefühle. Einen Theil der Betrachtungen, die wir hier an⸗ ſtellen, ſtellte Blanca im Garten ihrer Mutter im Laufe der Nacht an, welche auf die mit Friedrich gepflogene Unterredung folgte, und dieſe Reflexionen ſuchte ſie an einander zu knüpfen, um daraus einen Schluß zu ziehen, um ſich daraus eine Stütze zu machen. 1 Aber eswar ihr dieß unmöglich. Wie faſt alle Frauenzimmer fühlte Blanca wohl, analyſirte aber nicht. Hätte ſie ſich von der Wahrheit vollkommen Rechenſchaft geben können, ſo wäre ſie geblendet hin⸗ geſtürzt; denn die Wahrheit iſt eine Sonne: man fühlt ſie, kann ſie aber nicht anſchauen. Noch träumte Blanca in einem Gange des Gartens, als der erſte Strahl der Morgenröthe ſie überraſchte. Da fiel ihr zufällig ein, daß ihr Bruder ſchon früh wogzureiſen gedenke. Sie wollte alſo noch ein bischen ausruhen. Sie ging in ihr Zimmer hinauf, ohne daß im Hauſe Jemand geahnt hätte, daß ſie es verlaſſen; denn Frau Pascal hätte eher das Unwahrſcheinlichſte für möglich gehalten, als daß ſie bei ihrer Tochter andere als fromme Gedanken— als Gedanken kind⸗ licher Liebe vermuthet hätte. Körperlich und geiſtig müde legte ſich Blanca zu Bette und ſchlief ein. Sie ſchlief noch um zehn Uhr. Der Schlaf war die glücklichſte Zeit ihres Lebens; 188 denn im Schlafe träumte ſie noch. Sie ſchlief aber nicht jede Nacht. Schon um acht Uhr waren Felician und deſſen Mutter aufgeſtanden. In dieſem Augenblicke gehen ſie mit verſchlungenen Armen und noch von früheren Dingen ſprechend im Garten umher. „Blanca und ich, wir gehen bis unten an den Berg mit Dir,“ ſprach Frau Pascal zu ihrem Sohne. „Wo iſt denn Blanca, Mutter?“ „Sie ſchläft noch; ich will ſie aber aufwecken.“ „Ach, thue das nicht, liebe Mutter. In ihrem Alter iſt der Schlaf etwas ſo Süßes! Schläft ſie indeſſen noch eine halbe Stunde, bevor ich verreiſe, ſo wollen wir ſie aufwecken, weil ich ihr noch einen Kuß geben möchte; auch wird ſie dann genug ge⸗ ſchlafen haben, da ſie um zehn Uhr zu Bette ge⸗ gangen.“ Eben war Blanca erwacht. Sie dankte Gott, daß er ſie hatte ſchlafen laſſen und ſtand eilends auf, um zu ihrer Mutter und zu ihrem Bruder zu kommen. Um zwölf Uhr wollte Felician wegreiſen. Er hatte zu dieſem Zwecke eine Art Cabriolet beſtellt, das ihn nach Niort bringen ſollte. Um elf Uhr ſetzte man ſich zu Tiſche. Um zwölf Uhr kam das Gefährt. „Wartet unten am Berge auf mich, mein Freund,“ ſprach Felician zum Kutſcher,„ich will mit meiner Mutter und meiner Schweſter ſo weit zu Fuße gehen.“ Sofort warfen Frau Pascal und Blanca ihre Shawls um und ſetzten ihre Hüte auf, und endlich V b 189 verließen Beide das Haus, die Eine ganz ſtolz, daß ſie ſich in der Geſellſchaft ihres Sohnes ſehen laſſen konnte, die Andere immer etwas ſorgenvoll. Man mußte durch das ganze Dorf gehen, und es geſchah dieß inmitten der Grüße all' der wackern Leute, die ſie kannten. Da hörten unſere drei Per⸗ ſonen mit einem Male ein gewaltiges Geſchrei und ſahen, wie alle Leute, die bis daher auf derſelben Straße geweſen waren, voller Schrecken in die offe⸗ nen Häuſer ſich flüchteten oder vor ihnen her flohen. „Rettet euch doch! rettet euch doch!“ ſchrie man ihnen von allen Seiten zu. „Was iſt denn?“ fragte Frau Pascal, ihre bei⸗ den Kinder inſtinctmäßig in die Arme ſchließend. Felician machte einige Schritte, um die Urſache dieſes allgemeinen Schreckens kennen zu lernen, und gewahrte, da die Straße nun öde geworden, einen wüthenden Stier, der aus ſeinem Stalle entſprungen war und geſenkten Kopfes ihm entgegengerannt kam, bereit, Alles zu zermalmen, worauf er ſtoßen mochte. Schon hatte der Stier einem Pferde, dem er begegnet war, den Bauch aufgeſchlitzt, und einen Karren zertrümmert. Die Beſtie war von Pascal und den beiden Frauenzimmern nur noch zwanzig Schritte entfernt. Felician ſchaute umher, aber da war auch nicht eine offene Thüre, da zeigte ſich auch nicht ein Mittel zur Flucht, ohne daß man der Gefahr aus⸗ geſetzt geweſen wäre, von der wüthenden Beſtie als⸗ bald eingeholt zu werden. Frau Pascal ſtieß einen Schrei aus und wurde ohnmächtig. „Nun, ſo ſterbe ich eben,“ murmelte Blanca. „Um ſo beſſer vielleicht.“ Und ſie hob die Augen zum Himmel empor, als wollte ſie ihm danken. „Bete, Mutter, bete Schweſter,“ ſprach Felician, ſich ſelbſt bekreuzend. Und als er ſah, daß der Stier gerade auf ihn zugerannt kam, ſtürzte er ihm entge⸗ gen, um ihm ein Hinderniß in den Weg zu ſtellen und ſeiner Schweſter, ſowie ſeiner Mutter aus ſeinem Körper einen Wall zu machen. Alles dieß hatte nicht ſo viel Zeit erfordert, als man zum Leſen braucht. Da ging in dem Augenblicke, wo er höchſtens noch durch eine Entfernung von zehn Schritten von der Beſtie getrennt war, eine Thüre auf. Es ſtürzte ein junger, zwei⸗ bis dreiundzwanzigjähriger Mann von herkuliſcher Geſtalt daraus hervor, der mit der Geſchwindigkeit des Blitzes ſein Wamms dem Stier über den Kopf warf, damit derſelbe Zeit ver⸗ lieren möchte. Sofort warf der junge Mann ſeine Haare zurück, ſtellte ſich, die Hemdärmel zurückſtrei⸗ fend, vor Felician hin, ſtreckte beide Arme aus und wartete ſo unbeweglich, als wenn er von Erz geweſen wäre, der Dinge, die da kommen ſollten. Es war Blanca, als ob ſie träumte. Felician aber hatte ſich ihr genähert und ihre Hand ergriffen. Der Stier that einen Satz und warf ſich auf ſeinen Gegner. Blanca ſtieß einen Schrei aus und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. „Fürchten Sie nichts, mein Fräulein,“ rief der junge Mann,„auf dieſes Spiel verſtehe ich mich.“ 191 Und in der That nahm der Bauer— denn, nach ſeiner Kleidung zu urtheilen, war es ein ſolcher— die Beſtie bei den Hörnern in dem Augenblicke, wo dieſelbe den Kopf ſenkte, um auf ihn loszuſtoßen. Es war der Stoß ſo gewaltig, daß der junge Mann ſich auf den Abſätzen herumdrehte; indeſſen glitt er nicht aus, ſondern riß, die Hörner feſthal⸗ tend, den Stier mit ſich herum. Da ſah man die Muskeln ſeiner Arme ſtraffer und ſtraffer werden, gleich als wären ſie von Eiſen geweſen, und ferner ſchien er um eine ganze halbe Armlänge größer zu werden. Unter dieſem menſchlichen Joche beugte der Stier den Kopf und berührte mit ſeiner dampfenden Naſe den Boden. Ein ungeheurer Schrei der Bewunderung erſcholl nun plötzlich; es ging derſelbe von den Flüchtlingen aus, die, nun beruhigt, ihre Thüren wieder aufmach⸗ ten und ihren Beifall zu erkennen gaben. „Bravo! Robert! Bravo!“ ſchrie man. „Es gelang Robert, die Beine ſeines rieſigen Feindes zu beugen; dann ſetzte er demſelben ein Knie auf die Stirn, und während er ſo die Beſtie am Boden hielt, glänzte in ſeinem Geſichte ein Strahl des Triumphs und rechtmäßigen Stolzes. Robert nahm ſich gar ſchön aus mit ſeinem nack⸗ ten Halſe, ſeinen ſchönen ſchwarzen zurückgeworfenen Haaren, ſeinem flammenden Auge, ſeiner Bläſſe und ſeinem halboffenen Munde. Er ſah aus wie der junge, den nemeiſchen Löwen erwürgende Herkules. Bleich, aber ruhig, konnte Blanca die Augen nicht von ihm abwenden: ſolche Anziehungskraft beſitzt das herrliche Schauſpiel ſiegreicher Stärke. Inzwiſchen kamen Leute mit Stricken herbei; man feſſelte Beine und Hörner der brüllenden Beſtie, und nun zogen einige Männer, ſich an ein langes Seil anſpannend, ſie beſiegt nach ihrem Stalle fort. Robert ſchlug ſeine Hemdärmel wieder herunter und warf ganz ruhig ſein Wamms wieder um. Sechzehntes Kapitel. Was Friedrich in Paris zu thun gedachte. Frau Pascal war wieder zu ſich gekommen. Als ſie die Augen wieder geöffnet und ihre bei⸗ den Kinder geſund und wohlbehalten neben ſich er⸗ blickt hatte, war ſie auf die Knie niedergefallen, hatte Felician und Blanca in die Arme geſchloſſen und Gott inbrünſtig gedankt. Dann hatte Felician ſie aufgehoben und, auf Robert deutend, zu ihr geſprochen: „Liebe Mutter, hier iſt der wackere junge Mann, dem wir Alle unſer Leben verdanken.“ Statt aller Antwort hatte ſich die Mutter dem Bauer um den Hals geworfen, während ihr Sohn ihm in herzlichſter Weiſe die Hand drückte und ge⸗ rührt ſeine ganze Dankbarkeit zu erkennen gab. Robert ſelbſt ſtand unter dem Einfluſſe einer freudigen Rührung. Seine Wangen hatten ſich wie⸗ der gefärbt und ſeine von ſüßen Thränen benetzten Augen ſchienen der Doppelfunken des großen Lebens⸗ ſitzt nan und Seil iter bei⸗ er⸗ atte und auf ann, dem vohn ge⸗ iner wie⸗ zten ens⸗ 193 herdes, der ihn belebte: ſo glänzend, ſo ſtrahlend war der lichte Punkt, der ſie zu Sternen machte. Kein Bart, ein brauner Teint, ein kleiner Mund, weiße Zähne, eine ſchön geformte Naſe, ein wunder⸗ ſchön auf dem Rumpfe ſitzender und durchaus nack⸗ ter Hals, goldene Ringe in den Ohren: ſo war die⸗ ſes gute und ſchöne Geſicht vervollſtändigt. Was Roberts Anzug betrifft, ſo war derſelbe gar einfach. E Ein Hemd von grober Leinwand, Beinkleider von dunkelblauem Tuche, vermittelſt eines ledernen Gurts um den Leib befeſtigt, ein Wamms von grünlichem Sammt, über die Schultern hergeworfen, da er es für unnütz gehalten oder nicht Zeit gehabt, es an⸗ zuziehen. Die ganze Erſcheinung dieſes ſchönen Burſchen war eine ſo befriedigende, daß Blanca, einem den Weibern angeborenen Gefühle gehorchend, ſich nicht enthalten konnte, Roberts Hände und Füße zu be⸗ trachten, um ſich zu vergewiſſern, ob dieſer ihn cha⸗ rakteriſirende Adel ſich ſo weit erſtrecke. Die Hände nun waren bewundernswürdig geformt, und es ließen die zurückgeſtreiften Hemdärmel feine und geſchmei⸗ dige Fauſtgelenkfügungen erkennen. Was die Füße betrifft, ſo waren dieſelben wirklich klein; auch muß⸗ ten ſie das ſein, um in den plumpen Schuhen, welche ſie gefangen hielten, alſo erſcheinen zu können. Dieſe unwillkührliche Muſterung entging dem Arbeiter nicht; auch ſetzte er ſelbſt eine Art Koketterie darein, ſich derſelben nicht zu entziehen. Inzwiſchen hatten ſich um Felician, deſſen Mut⸗ Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 13 194 ter, deſſen Schweſter und Robert her Gruppen ge⸗ V Geſi bildet. Man machte dem Bauer Complimente, und die V Weiber fragten Blanca und Frau Pascal eine Menge Sachen, unter Anderem, ob ſie ſehr Furcht gehabt, und ob ſie ſich von der Gemüthserſchütterung erholt, welche dieſe Scene bei ihnen wohl verurſacht. Kurz, die ganze Gaſſe und das ganze Dorf wa⸗ ren in Aufruhr. „Bravo! Robert! Bravo!“ rief man allgemein. „Ei!“ antwortete er lächelnd,„was mag man doch ſolches Aufheben von einer ſolchen Sache machen! Das wäre einmal etwas Schönes, wenn man einen böſen Stier, das heißt, die dümmſte Beſtie unter allen erſchaffenen Thieren, intelligenten Weſen, die noch obendrein brave Leute ſind, den Bauch auf⸗ reißen ließe! Ein Jeder hätte an meiner Stelle wohl ein Gleiches gethan,“ fuhr Robert wahrhaft beſcheiden fort;„auch will ich keinen anderen Be⸗ weis, als daß Herr Felician, der doch nicht gleich mir an ſolcherlei Kämpfe gewöhnt iſt, ſich dem Thiere kühn entgegengeworfen hat.“ „Ja, aber ich riskirte mein Leben für meine Mutter und meine Schweſter, während wir Ihnen, Herr Robert, durchaus fremd waren und Sie ledig⸗ lich nichts angingen.“ „Ei, gehen denn Einen Leute nichts an, die in Todesgefahr ſind? Sind Sie, Herr Felician, ſind Ihre Mutter und Ihre Fräulein Schweſter hier für irgend Jemand Fremde? Liebt nicht Jedermann Ihre fromme Mutter und dieſes ſchöne Mädchen?“ Und während Robert dieß ſprach, überflog ſein nair ſie 1 ſchör hob kame Dah für ſtehe Dan erfaf es z beſit einig trach deute zu ſe 1 ihr; das ſonſt Beſti Ihne die ſtehe ge⸗ Y d die tenge habt, cholt, wa⸗-⸗ mein. man ichen! einen unter „ die auf⸗ Stelle hrhaft Be⸗ gleich Thiere meine hnen, ledig⸗ die in ſind er für mann hen 71 g ſein 195 Geſicht eine lebhafte Röthe. Zugleich einen Blick naiver Bewunderung auf Blanca werfend, ſchien er ſie um Verzeihung zu bitten, daß er ſich erlaubt, ſie ſchön zu nennen. „Nichts deſto weniger iſt und bleibt es wahr,“ hob Pascal wieder an,„daß, wenn Sie nicht kamen, Herr Robert, es um uns drei geſchehen war. Daher ſoll denn auch, wenn es Ihnen recht iſt, hin⸗ für eine brüderliche Freundſchaft zwiſchen uns be⸗ ſtehen, und was mich ſelbſt betrifft, ſo ſoll meine Dankbarkeit eine ewige und unbegrenzte ſein.“ „Ei!“ rief Robert feurig und Felicians Hände erfaſſend,„ich fange wahrlich an zu glauben, daß es zuweilen gut iſt, wenn man eine ſtarke Fauſt beſitzt.“ „Aber,“ ſprach mit einem Male Blanca, die ſeit einigen Augenblicken Robert noch aufmerkſamer be⸗ trachtete,„Sie ſind ja verwundet!“ „Wo denn?“ fragte Felician unruhig. „Dort,“ antwortete Blanca, auf einen Blutflecken deutend, der auf dem Hemde des jungen Mannes zu ſehen war. Und einer erſten Bewegung gehorchend, zog ſie ihr Taſchentuch heraus und näherte ſich Robert, um das Blut zu ſtillen. „Ohl es hat nichts zu bedeuten: ein leichter Ritz, ſonſt nichts,“ verſetzte der Bauer.„Das Horn der Beſtie hat mir die Haut aufgeriſſen. Ich danke Ihnen, Fräulein, aber beruhigen Sie ſich, es hat die Sache nichts auf ſich.“ „Und nun, Kinder,“ ſprach er, ſich zu den um⸗ ſtehenden Bauern und Weibern wendend, luſtig, 196 „wollen wir Herrn Felician, ſowie dieſe Damen ihren Geſchäften nachgehen laſſen, wie ihr den euri⸗ gen nachgehen ſollet. Es hat kein Unglück gegeben und das genügt: nicht wahr? Auf baldiges Wieder⸗ ſehen alſo!“ Langſam zerſtreuten ſich die Gruppen, und nun war Robert wieder allein bei Pascal, bei deſſen⸗ Mutter und bei Blanca. „In einigen Tagen bin ich wieder hier, Herr Robert,“ ſprach Felician zu ihm;„hoffentlich werde ich Sie dann recht oft ſehen.“ „So oft Sie wollen, vorausgeſetzt daß, wenn ich Ihnen zur Laſt bin, Sie mir es offen ſagen; denn verſtehe ich es auch, einen Stier zu Boden zu werfen, ſo bin ich doch im Ganzen nur ein Bauer; auch iſt mein Geſpräch nicht immer das intereſſan⸗ teſte, insbeſondere aber für Damen nicht.“ „Wie kommt es denn aber, daß Sie, obwohl nur ein Bauer, ſich doch ſo gut und ſo geläufig ausdrücken?“ fragte Frau Pascal. „Es kommt dieß daher, Madame, daß ich etwas gelernt habe,“ antwortete der junge Mann lächelnd. „Ich bin hier Chorknabe geweſen, und es hat unſer wackerer Pfarrer mich eine Menge Dinge gelehrt, die Meines⸗Gleichen gewöhnlich nicht wiſſen, ſo daß ich alſo leſen und ſchreiben kann, ohne das Rechnen, ein bischen Geſchichte und ſelbſt ein bischen Latein mit⸗ zurechnen. Letzteres iſt mir zwar die Woche über ziemlich unnütz, um ſo nützlicher aber an Sonntagen, wo ich mit meinen Kameraden eſſe. Da ſchauen ſie mich wie einen Gelehrten an und glauben, meiner Treu! an mein Wort wie an's Cvangelium.“ ſiog er amen euri⸗ geben eder⸗ nun eſſen Herr verde wenn agen; en zu auer; eſſan⸗ wwohl äufig etwas jelnd. unſer t, die 4ß ich u, ein mit⸗ über agen, en ſie neiner 197 Und indem Robert alſo ſprach, nahm ſeine Phy⸗ ſiognomie einen ſpöttiſchen Ausdruck an, wie wenn er ſich ſelbſt hätte verhöhnen wollen. „Und was treiben Sie hier?“ „Ich bin Zimmermann.“ „Geht es Ihnen gut? Sind Sie zufrieden?“ „Meiner Treul ja, ſehr zufrieden.“ „Ihre Eltern?“ „Sind leider geſtorben.“ „Ein weiterer Grund, uns gewähren zu laſſen, wenn wir Ihre Familie Ihnen erſetzen wollen, Herr Robert,“ ſprach Blanca, gerührt von dem Tone, in welchem der Zimmermann geantwortet hatte,„und uns recht oft zu beſuchen, uns, die wir Sie gleich einem Bruder lieben werden: nicht wahr, Felician? gleich einem Sohne: nicht wahr, Mutter?“ „Sie kamen mir vor wie ein vom Himmel herab⸗ geſtiegener Engel, mein Fräulein,“ erwiderte Robert, Blanca betrachtend:„ſo gut und ſo ſchön ſind Sie! Schauen Sie, ich habe vielleicht nur Eine Tugend, aber die habe ich,— die Tugend der Offenheit. Was ich denke, mag ich nicht verbergen: wohlan denn! in dieſem Augenblick denke ich, ja ſtets werde ich denken, daß, wenn ein Menſch nöthig wäre, der für Sie das Leben ließe, Sie mir nur ein Zeichen zu geben brauchten, und daß ich mit Freuden mein Leben hingäbe für die Worte, die Sie eben geſpro⸗ chen, ſowie für die Art, wie Sie dieſe geſprochen. Und nun leben Sie wohl, Herr Felician! leben Sie wohl, Frau Pascal! leben Sie wohl, mein Fräu⸗ lein! denn ich habe— auf Ehre— Ihnen nun nichts weiter zu ſagen.“ 198 Und nachdem Robert die drei Perſonen, denen er Lebewohl geſagt, mit einem Blicke und einem Lächeln gegrüßt, verſchwand er in dem Thürchen, zu dem er einige Augenblicke zuvor herausgekom⸗ men war. „Welch' ſchöne Natur!“ murmelte Felician. „Ein treffliches Herz,“ ſprach Frau Pascal. „Der ſchöne, wackere junge Mann!“ dachte Blanca. „Liebe Mutter,“ ſprach nun Felician zu Frau Pascal,„Du haſt eben eine gewaltige Gemüthser⸗ ſchütterung erfahren, von der Du Dich noch nicht völlig erholt haſt. Es hat Dich das müde gemacht; laß mich meinen Weg allein fortſetzen und geh' mit Blanca wieder heim, nachdem Du Gott in der Kirche für die uns ſo wunderbar geſandte Hülfe gedankt 4 Felician küßte beide Frauen und ging, während dieſe den nach der Kirche führenden Weg einſchlugen, den kleinen Berg hinab, wo er unten ſein Cabriolet finden ſollte; dort theilte ſich der Weg in zwei, wo⸗ von der eine nach Paris, der andere nach Niort führte. Den letzteren ſchlug Felician in dem Augenblicke ein, wo eine Poſtkutſche, von zwei Pferden im Galopp dahingezogen, in den andern einlenkte. In der Poſtkutſche ſaß Friedrich. Für vorübergehende Perſonen waren dieſes Ca⸗ briolet und dieſe Poſtkutſche nur zwei Wagen; einem Maler, der die Landſchaft hätte malen wollen, war es ein bloßer Staubeffect und ein Mittel, derſelben Leben zu geben; uns aber, die wir die beiden Rei⸗ haſt enen inem chen, ekom⸗ achte Frau hser⸗ nicht nacht; „ mit KRirche dankt hrend lugen, vriolet , wo⸗ Niort nblicke halopp 8 Ca⸗ einem , war ſelben Rei⸗ 199 ſenden kennen, repräſentiren dieſe zwei Wagen zwei Geſchicke. Es ſitzen darin zwei Männer, die phyſiſch und materiell ſich den Rücken kehren; die, indem ſier entgegengeſetzte Wege verfolgen, nicht ahnen, daß einſt ein Augenblick kommt, wo ſie einander gegen⸗ über ſtehen werden, ſowie daß das Leben des einen ſchon verhängnißvoll mit dem des andern verkettet iſt. Felicians Cabriolet entfernte ſich ſtill und lang⸗ ſam. Die Poſtkutſche verſchwand im Fluge. Folgen wir ihr nach! Sie kam in der Nacht in Paris an und hielt vor einem eleganten Hauſe der Rue de la Paix. Friedrich trat in dieſes Haus, ging in den erſten Stock hinauf und läutete an. Es erſchien ein Diener, um aufzumachen. „Sind Briefe für mich da?“ fragte der Graf. „Ich habe geſchrieben, daß ich zwei erwarte.“ „Und wirklich ſind auch zwei da. Der eine iſt von einem Livreebedienten gebracht worden, der an⸗ dere von einer Art Eckenſteher.“ „Sie ſind?...“ „Auf dem Kaminſims des Herrn Grafen.“ „Ganz gut.“ Friedrich durchſchritt eine Reihe höchſt eleganter Zimmer und kam endlich in ſeinem Schlafzimmer an, wo er in der That auf dem Kaminſimſe zwei Briefe vorfand, von denen einer eine zarte Handſchrift hatte, welche eine Perſon von Welt verrieth; die Hand⸗ ſchrift des andern aber war gemein, und ebenſo war auch das Papier. Gleichwohl wurde der letztere zuerſt erbrochen. 200 Er enthielt nur die Worte: „Es iſt ein Opernſänger, Namens G... Es dauert die Sache nun ein Vierteljahr.“ Weiter nichts; auch war keine Unterſchrift zu ſehen. „Ganz gut,“ dachte Friedrich, und ein ironiſch freudiges Lächeln erhellte ſein Geſicht. Sodann verbrannte er dieſen erſten Brief und ging zum zweiten über, der eine Einladung zu einem Balle enthielt, und welchem ein Billet beilag. „Mein lieber Herr Graf,“ ſo lautete das Billet, „Sie erhalten anbei die Einladung zum Balle des Marquis von Thonnerins, welche Sie zu wün⸗ ſchen ſchienen, und welche der Herr Marquis ſich beeilt hat, mir zu Ihrem Gebrauche zuzuſtellen. „Soll ich Sie, oder wollen Sie mich abholen? „Ich will Sie dem Marquis vorſtellen, der hoch⸗ erfreut ſein wird, Ihre Bekanntſchaft zu machen, und Sie gewiß nicht wie einen gewöhnlichen Gaſt behandeln wird. „Ich grüße Sie herzlichſt „Baron von Sigaud.“ Friedrich klingelte und ſprach zu dem Diener, der erſchien: „Sie kennen den Herrn Baron von Sigaud und wiſſen, wo er wohnt?“ „Ja, Herr Graf.“ „Nun, ſo gehen Sie morgen früh zu ihm und fagen Sie ihm, daß ich ihn morgen Abend um elf Uhr abholen werde.“ Als der Graf wieder allein war, ſchien er einige Augenblicke über etwas nachzudenken. Dann ent⸗ 201 kleidete er ſich mit der zufriedenen Miene eines Man⸗ nes, deſſen Geiſt einen glücklichen Schluß für den Gedanken gefunden, der ihm zu ſchaffen gemacht, legte ſich zu Bette und ſchlief ein. Am andern Tage ſtand er erſt ſpät auf, früh⸗ ſtückte und dinirte allein in ſeiner Wohnung, beſtellte ſeinen Wagen auf zehn Uhr Abends und ließ ſich um halb elf Uhr zu dem Baron von Sigaud fahren. Eine Stunde darauf betraten der Graf und der Baron die unabſehbaren Salons des Marquis von Thonnerins, deſſen Hotel in der Tournon⸗Straße ge⸗ legen war. Eine ungeheure Menſchenmenge drängte ſich unter den goldenen Verzierungen und den ſonnenhellen Kronleuchtern. Jedermann weiß, was ein großer Ball iſt. Es wäre alſo vollkommen unnütz, dieſen zu beſchreiben, der die Bälle ſchließen ſollte, welche der Marquis alljährlich zu geben pflegte. Sämmtliche ariſtokratiſche Sommitäten hatten ſich auf dieſem Balle eingefunden; denn der Marquis war Pair von Frankreich, ſtammte von einer unſerer größten Familien ab, da ein Thonnerins den erſten Kreuzzug mitgemacht, hatte einen der erſten Salons von ganz Paris, und empfing, als treuer Anhänger der älteren Linie, den ganzen alten Adel, der von dem neuen Hofe nichts hören wollte. Lange ſuchte Herr von Sigaud den Marquis, bevor er ihn finden konnte; endlich aber gelang es ihm, ihn zu entdecken, und nun ging er auf ihn zu und ſtellte ihm den Herrn Grafen Friedrich de la Marche vor. 202 Der Marquis war ein dürres, hageres Männ⸗ chen mit weißen Haaren. Nichts konnte ariſtokratiſcher ſein als ſein kalter Mund und ſein ruhiges Auge; Niemand verſtand es wie er, mit einem einzigen Blicke zwiſchen ſich und die Andern die Entfernung zu ſtellen, in der er ſie halten wollte. Der Marquis, dem auch nicht einer der großen Namen Frankreichs fremd war, der alle Stammbäume kannte von ihren Wurzeln bis zu ihren letzten Zwei⸗ gen, empfing daher auch mit einer gewiſſen Protec⸗ tormiene den Grafen de la Marche, deſſen Name im Wappenregiſter nicht figurirte, und der nach ſeiner Anſicht wohl einer jener Adeligen war, wie es deren ſo viele gab, ſeit die bürgerliche Dynaſtie auf den Thron erhoben worden war. Indeſſen war Friedrich ein Gaſt des Herrn von Thonnerins: als ſolcher wurde er ehrenvoll aufge⸗ nommen. Dabei hatte es aber auch ſein Bewenden. Nach einem Geſpräche, das etwa fünf Minuten gedauert hatte, beurlaubte ſich der Marquis mit ſei⸗ nen vielen Ehrenkreuzen von dem Grafen, um ſich der übrigen Geſellſchaft zu widmen. „Wie finden Sie den Herrn Marquis?“ fragte der Baron den Grafen, nachdem Herr von Thonne⸗ rins ſich entfernt hatte. „Charmant,“ antwortete Friedrich, dem die Wir⸗ kung nicht entgangen war, welche ſein neuer Titel auf den alten Adeligen hervorgebracht hatte. Dabei lächelte er aber wie ein Mann, der ſich überzeugt hält, daß einſt ein Tag kommt, wo er für ſolch' ver⸗ ächtliche Freundlichkeit Genugthuung nimmt. V 203 „Er gehört einem unſerer älteſten Häuſer an: nicht wahr?“ fragte Herr de la Marche. „Ohl lieber Herr Graf,“ lachte der Baron,„er iſt von beſſerem Adel als die Sonne! Als die Welt noch nicht geſchaffen war, gab es ſchon Thonnerins, die Goldpfennige in himmelblauem Felde führten.“ Obwohl Herr von Sigaud ebenfalls einem alt⸗ adeligen Hauſe angehörte, da er, wenn es eine Ahnenprobe gegolten hätte, ſein Geſchlecht hätte bis auf das Jahr 1429 zurückführen können, ſo war er doch weit entfernt, ſolchen Dingen die gleiche Wich⸗ tigkeit beizulegen, wie der Marquis, den er gar oft mit ſeiner heraldiſchen Empfindlichkeit aufzog. Der Baron war noch ganz jung, indem er erſt achtundzwanzig war. Er fand zwar, daß ein ſchöner Name ſich auf einer Viſitenkarte, ſowie daß Wappen an einem Wagen oder auf einem Briefſiegel ſich recht gut ausnehmen; doch lag ihm wenig daran, ob der Adel ſeiner Freunde alt oder neu war, wenn dieſelben nur luſtig, witzig, Lebemänner und gute Jäger waren, wie er ſelbſt. Nichts deſto weniger mußten die Leute, mit denen er umzugehen pflegte, einen Titel haben, mochte die⸗ ſer nun rechtmäßig ſein oder nicht, und zwar nicht um ſeiner ſelbſt, ſondern um der wahren Adeligen willen, die er kannte, ſowie um ſeiner Dienerſchaft willen, die, minder aufgeklärt als er, und gewohnt, immer nur den Namen von Grafen und Baronen im Munde zu führen, gefunden hätten, daß ihr Herr ſich verunehre, ſobald derſelbe Jemand empfangen baͤne⸗ der kein Von vor ſeinen Namen hätte ſetzen önnen. 204 Es hatte der Baron vor etwa anderthalb Mona⸗ ten den Grafen in Geſellſchaft kennen gelernt; er hatte auf deſſen Gütern gejagt, es hatte ihm deſſen Charakter gefallen, und war er auch nicht deſſen Freund geworden, ſo hatte er ſich doch gewöhnt, ihn zu ſehen, ohne ſich allzu viel darum zu bekümmern, ob die Pergamente ſeines neuen Bekannten ſo ganz in Ordnung wären. Man nannte denſelben Graf, und es führte der⸗ ſelbe auch ein gräfliches Haus. Das genügte dem Baron. Wie man ſieht, ſo konnte bei ſolchen Grundſätzen der Baron von Zeit zu Zeit Gefahr laufen, unlieb⸗ ſame Bekanntſchaften zu machen. Friedrich hatte ihn gebeten, ihn bei Herrn von Thonnerins vorſtellen zu wollen. Der Baron hatte ſeinem Verlangen gewillfahrt, ohne weiter zu blicken. „Hat nicht der Marquis eine Tochter?“ fragte Friedrich„Herrn von Sigaud. „Idl.“ „Hübſch: nicht wahr?“ „Allerliebſt.“ „Wo iſt ſie wohl?“ „Schauen Sie einmal dorthin: ſehen Sie nicht ein Mädchen, das goldene Aehren in den Haaren hat? 74 „Die eben tanzt?“ „Ja, mit einem kahlköpfigen Herrn.“ „Und die nicht einmal ausſieht, als amüſire ſie ſich?“ „Tanzt man denn mit kahlköpfigen Leuten, um ſich zu amüſiren? Ja, die iſt's.“ ſie um 20⁵ „Sie iſt in der That ſehr ſchön. Blaſſer Teint, ſammtſchwarze Augen, reines, energiſches, wundervoll regelmäßiges Profil. Welche Arme! Welcher Leib! Welche Schultern! Ein Junokopf auf dem Rumpfe einer Venus. Es muß dieſes Frauenzimmer ebenſo ſtolz ſein, als ſie ſchön iſt.“ „Ja, ſie iſt eine allerliebſte Perſon, iſt zum Ent⸗ zücken ſchön,“ antwortete der Baron ziemlich gleich⸗ gültig. „Der Marquis iſt reich?“ „Viermalhunderttauſend Franken Renten.“ „Hat nur dieſes Kind?“ „Ja, und ferner iſt er Wittwer.“ „Er genießt eines großen Einfluſſes, wie es heißt?“ „Sein Einfluß iſt ein ungeheurer. Der König ſucht ihn auf jede irgend erdenkliche Art zu verſöh⸗ nen, zu ſich herüberzuziehen. Denn würde der Mar⸗ quis ſich der jüngeren Linie anſchließen, ſo würde ein Theil der Vorſtadt Saint⸗Germain ihm nachfol⸗ gen; indeſſen iſt ſo etwas nicht zu fürchten: lieber würde ſich der Marquis eine Kugel durch den Kopf jagen, als daß er einem ſolchen Gedanken Raum geben möchte.“ „Gehen wir doch ein bischen zu Fräulein von Thonnerins hin!“ „Ei! wollen Sie denn das Mädchen heirathen? Man ſollte das wahrlich meinen, wenn man ſo hört, wie Sie mich über ſie ausfragen, und wenn man ſo ſieht, wie Sie ſie mit den Blicken verzehren.“ „Was fällt Ihnen da nicht ein, mein lieber Herr 206 Baron! Wie ſoll denn ein ſolcher Gedanke in mir, einem obſcuren Landedelmann, aufſteigen?“ „Es wäre gar kein Wunder, wenn man ſich in Fräulein von Thonnerins verliebte und dieſelbe zur Ehe verlangte. Gehen wir näher zu ihr hin, da ich ihr auch einige Complimente machen muß.“ Bald ſtanden der Graf und der Baron hinter der Tochter des Marquis. Der Baron ſprach einige Worte mit ihr, worauf. ſie ihren Contretanz fortſetzte. „Soll ich Sie vorſtellen?“ fragte Herr von Sigaud den Grafen. „Später,“ antwortete dieſer, der das Mädchen nicht aus dem Auge verlor. In dieſem Augenblicke hörte Fräulein von Thon⸗ nerins zu tanzen auf, indem die Figur für die Seite des Contretanzes beendigt war, zu welcher ſie ge⸗ hörte. „Ich komme aus der Oper,“ ſprach nun Fried⸗ rich zum Baron, ſo daß das Mädchen es hören mußte.. „Sol und was hat man gegeben?“ ſetzte der Baron hinzu. „Don Juan, und bei dieſer Gelegenheit habe ich einen talentvollen neuen Sänger gehört.“ „Wie heißt er?“ fragte der Baron mechaniſch; denn im Grunde intereſſirte ihn dieſes Geſpräch gar wenig.“ „Er heißt G...,“ antwortete Friedrich, der, während er dieſe Worte ſprach, die Augen auf Fräu⸗ lein von Thonnerins heftete, um zu ſehen, ob ſie ſich nicht durch irgend eine Geberde verriethe. 207 . Es erfolgte aber keine. „Ich babe dieſen Namen noch nie nennen hören,“ verſetzte Herr von Sigaud,„und wie Sie ſagen, ſo hat der Mann Talent?“ 4 „Viel, viel Talent, und nicht allein hat er Talent, ſondern er wird auch protegirt werden.“ „Von wem?“ „Stellen Sie ſich vor, mein lieber Herr Baron, er iſt ein wahrer Romanheld. Er liebt ein vorneh⸗ mes, altadeliges Fräulein, und wird von derſelben wieder geliebt.“ Alſo ſprechend ſchoß der Graf auf Fräulein von Thonnerins noch gierigere Blicke, um zu ſehen, was ſie jetzt dazu machen würde. Dieß Mal ſah er, wie ihre Arme und Schultern unwillkührlich ſchaudernd zitterten. „Ich muß Ihnen dieſe Geſchichte erzählen,“ ſetzte er hinzu, ohne von Leonie auch nur einen Augenblick die Augen abzuwenden. „Wiſſen Sie, wie das Mädchen heißt?“ „Ei, freilich.“ „So ſagen Sie mir ihren Namen.“ „Recht gerne.“ In dem Augenblicke, wo er dieſe beiden Worte ſprach, wandte ſich Fräulein von Thonnerins um, als hätte eine Schlange ſie geſtochen, und warf einen ſo zornigen und haßerfüllten Blick auf den Grafen, daß er einen Augenblick glaubte, es würde das Mäd⸗ chen ihm ins Geſicht fahren. „Aber er rührte ſich nicht und antwortete auf dieſen zornigen Blick mit einem herausfordernden Lächeln. 208 Nun ſtieß Fräulein von Thonnerins einen Schrei aus und fiel ihrem Tänzer in die Arme. „Sie iſt mein,“ ſprach Friedrich, und ging zu den Perſonen hin, welche die Tochter des Marquis umdrängten. Siebzehntes Kapitel. Ein Maͤdchencharakter. In den Salons des Marquis hatte Leoniens Ohnmacht gewaltiges Aufſehen gemacht. Es hatten die Muſik und das Tanzen aufgehört, und es war das Mädchen in ein Boudoir gebracht worden, wo ſie mit einer ihrer Verwandten, ihrer Gouvernante und ihrer Kammerjungfer geblieben war. Schon nach fünf Minuten war ſie wieder zu ſich gekommen, und ihr erſtes Wort war geweſen: „Man ſage, daß ich alsbald auf dem Ball wie⸗ der erſcheinen werde, und daß man forttanzen möge.“ Ihre Tante, eine alte Wittwe, die für zweimal⸗ hunderttauſend Franken Diamanten auf dem Kopfe trug, hatte dieſen Auftrag übernommen. Als die alte Dame das Boudoir verlaſſen, hatte Leonie zu ihrer Erzieherin geſagt: „Meinen beſten Dank für Ihre Hülfeleiſtung, gute Thereſe; laſſen Sie mich bei Honorinen allein, und ſagen Sie meinem Vater, es habe dieſes plötz⸗ liche Unwohlſein nichts auf ſich.“ Thereſe zog ſich zurück. Als Leonie mit ihrer Kammerjungfer allein war, ein tau Ber war der ob! die auch bezä geol D 209 ſtand ſie auf, warf ihr einen jener Blicke zu, worauf man mit nichts Anderem als mit der Wahrheit ant⸗ worten kann, und ſprach: „Du haſt geſchwatzt?“ Die Kammerjungfer dachte ſich, was ihre Herrin meinte, wollte aber ſich ſtellen, als habe ſie ſie nicht verſtanden, und antwortete: „Von was, gnädiges Fräulein?“ „Von G... „Ich ſchwöre Ihnen, gnädiges Fräulein...“ „Schwör' nicht: ich weiß es. Glaubſt Du denn, es hätte mich eine minder wichtige Sache mitten in einem Salon ohnmächtig und in den Augen von tauſend Perſonen lächerlich machen können? „Du haſt ein Geheimniß verrathen, für deſſen Bewahrung ich Dich doch theuer genug zahlte. „Was aber jetzt kommt, mußte kommen, und es war dieß eine der tauſend wahrſcheinlichen Folgen der Handlung, die ich beging. „Antworte mir alſo rückhaltslos, damit ich ſehe, ob Rettung noch möglich iſt. „Wem haſt Du von dieſer Geſchichte geſagt?“ „Einer einzigen Perſon,“ antwortete Honorine, die wohl ſah, daß das Leugnen nichts mehr nützte. „Wer iſt dieſe Perſon?“ „Mein Liebhaber.“ „So, Du haſt alſo einen Liebhaber?“ „Aber, gnädiges Fräulein, Sie haben ja ſelbſt auch einen!“ Leonie wurde feuerroth und hätte ſie ſich nicht bezähmt, ſo hätte ſie die, welche alſo mit ihr ſprach, geohrfeigt. Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 14 210 Aber wenn Fräulein von Thonnerins ein Weib von Energie war, ſo war ſie zugleich auch beſonnen; ſie hielt alſo an ſich. „Du haſt Recht,“ verſetzte ſie,„was die Herr⸗ ſchaft thut, darf auch die Magd thun. Fahr' fort!“ „Was will das gnädige Fräulein weiter wiſſen?“ „Den Namen Deines Liebhabers.“ „Er heißt Georg.“ „Was treibt er?“ „Er iſt Kutſcher.“ „Wo?“ „Hier, in dieſem Hauſe.“ „Warum haſt Du ihm Alles erzählt?“ „Weil zweihundert Louisd'or zu gewinnen waren. „Es lag alſo Jemand daran, hinter dieſes Ge⸗ heimniß zu kommen?“ „Ja, gnädiges Fräulein.“ „Und dieſer Jemand weiß es nun?“ „dl.“ „Wie heißt dieſer Jemand?“ „Friedrich Graf de la Marche.“ „Du biſt eine rechte Gans, Honorine.“ „Warum, gnädiges Fräulein?“ „Weil Du mir hätteſt ſagen ſollen, daß man Dir zweihundert Louisd'or anbiete, um Dir den Mund zu öffnen: Du hätteſt auf der Stelle vierhundert von mir bekommen, wenn Du geſchwiegen hätteſt.“ „Das gnädige Fräulein hat Recht.“ „Ein anderes Mal machſt Du es ſo.“ „Das gnädige Fräulein jagt mich alſo nicht weg.“ „Jagte ich Dich weg, ſo müßte ich Deine Nach⸗ folgerin in's Vertrauen ziehen, und ſo wüßte denn 11 2 komm 211 Weib ſchon eine weitere Perſon um die Sache; Du aber nnen; würdeſt allenthalben ausplaudern, was Du weißt. Genug, daß ich ein Mal verkauft worden bin; zwei Herr⸗ Mal wäre wahrlich zu viel.“ fort!“„Das gnädige Fräulein verzeiht mir?“ ſen?“„Nein; doch was kann Dir daran liegen, wenn ich Dich nur behalte? Antworte mir weiter: „Weißt Du, welches Intereſſe bei der Sache der Mann hatte, der mit Deinem Liebhaber dieſen Handel aobgeſchloſſen hat?“ „Nein, gnädiges Fräulein.“ „Du ſchwörſt es mir?“ „Ich ſchwöre es.“ en.“„Wahrſcheinlich biſt Du an einem Unglück Schuld, 3 Ge⸗ Honorine. Will Dich Jemand anders ausfragen, und wenn es mein Vater wäre, und vor Allem, wenn es mein Vater wäre, ſo rathe ich Dir, ja nichts zu ſagen, und zwar in Deinem eigenen Intereſſe; denn ihm wäreſt Du nicht bloß meine Vertraute, ſondern auch meine Mitſchuldige, und es muß irgendwo einen Ort geben, wohin Leute wie er Leute wie Dich bringen laſſen können, wenn ſie Urſache haben, ſich über dieſelben zu beklagen.“ n Dir„Das gnädige Fräulein kann auf mich zählen.“ Nund„Und nun ſchnür' mein Corſet wieder zu.“ indert„Das gnädige Fräulein will ſich alſo wieder auf eſt.“ dem Ball zeigen?“ „Ja.“ „Alsbald?“— veg.“„Ja. Laß meine Tante bitten, daß ſie hierher Nach⸗ komme, um mir den Arm zu geben.“ denn 212 Unterdeſſen machte Leonie die goldenen Aehren an ihrem Kranze wieder zurecht. „Was mag wohl die Abſicht dieſes Mannes ſein?“ fragte ſie ſich ſelbſt, indem ſie an Friedrich dachte. „Er thut es gewiß nicht, um des bloßen Vergnügens willen, eine Bosheit zu begehen. „Was will er von mir? Im Uebrigen werde ich es bald erfahren. „Warum habe ich doch meine Aufregung nicht bemeiſtert? Es hätte wohl dieſer Menſch, ſo bös⸗ artig er immer ſein mag, mich nicht mit Namen ge⸗ nannt. „Und dann iſt es auf dieſem Balle ſo heiß, daß man ſo etwas nicht brauchte, um ohnmächtig zu werden.“ Leonie war bereit, in den Salons wieder zu er⸗ ſcheinen. Ihre Tante holte ſie ab und ſo erſchien ſie denn wieder auf dem Balle, und lächelte auf die eifrigen Fragen aller derer, die ſie auf ihrem Wege umdrängten. „Unter den Letzteren befand ſich auch Friedrich. „Laſſen Sie ſich vorſtellen, und fordern Sie mich zu einem Tanze auf,“ ſprach ſie danz leiſe zu ihm. Nach dem kleinen Zwiſchelfa alle, der den Ball unterbrochen, und der demſelben faſt ein Ende ge⸗ macht hätte, fing man wedfr luſtiger und geräuſch⸗ voller denn vorher zu tanzen an. In dem Augen⸗ blicke, wo Leonie Platz genommen, näherte ſich ihr Herr von Sigaud und ſtellte den Grafen vor, der ſie zu einem Tanze engagirte für den Fall, daß ſie noch Luſt hätte zu tanzen. Aehren ſein?“ dachte. tügens werde nicht d bös⸗ en ge⸗ 3, daß tig zu zu er⸗ rſchien uf die Wege edrich. e mich 1 ihm. Ball de ge⸗ räuſch⸗ lugen⸗ ch ihr e, der aß ſie 213 Leonie nahm den Arm des Grafen an und figu⸗ rirte abermals in einer Quadrille. „Thun wir, als plauderten wir von gleichgültigen Dingen,“ ſprach ſie zu Friedrich in der Weiſe eines Mädchens, die mit ihrem Tänzer ſpricht, während ſie die Falten ihres Kleides ordnete und ihren Fächer anſchaute,„denn was ich Ihnen zu ſagen habe, dürfen nur Sie hören.“ „Ihre Wünſche ſind mir Befehle, mein gnädiges Fräulein,“ antwortete Herr de la Marche mit jenem ſtereotypen Lächeln, welches die alltäglichen Phraſen begleiten muß, die ein Fremder für ein Mädchen hat, wenn er mit derſelben tanzen muß. Die Muſik bedeckte die Stimmen der beiden Sprechenden. „Sie haben eben ſich einer niederträchtigen Hand⸗ lung ſchuldig gemacht, mein Herr,“ hob Leonie wie⸗ der an, dabei führte ſie ihr Taſchentuch an die Lip⸗ pen und ſchaute die Spitze ihrer Finger an. „Faſt möchte es ſo ſcheinen, gnädiges Fräulein.“ „Wäre ich nicht ohnmächtig geworden, hätten Sie dann die Perſon genannt, von der Sie ſprachen?“ „Vorerſt hätte ich nur ihren Taufnamen geſagt.“ „Sie hatten dabei eine Abſicht?“ „Gewiß.“ „Und außer Ihnen weiß Niemand um die Sache?“ „Nur ſechs ſind in das Geheimniß eingeweiht: Sie, gnädiges Fräulein, Herr G..., Georg, Ho⸗ norine, Gott und ich; außer dieſen ſechſen aber weiß es Niemand, noch wird es je Jemand erfahren, es ſei denn, daß...“ Hier ſchien der Graf abſichtlich zu zögern. 214 „Es ſei denn, daß ich mich weigere, das zu thun, was Sie wollen?“ fragte Leonie. „Getroffen.“ „Haben Sie Vermögen, mein Herr?“ hob ſie, von einem Avant⸗Deux zurückkommend, wieder an. „Ja, gnädiges Fräulein.“ „Wie viel beſitzen Sie?“ „Fünfzigtauſend Franken Rente.“ „Es iſt das eben nicht viel. Hätten Sie die Abſicht, Ihr Vermögen verdoppeln zu wollen?“ „Nein, ich will ein bischen höher hinaus.“ „Ich frage Sie das, weil es Leute gibt, die das, was ſie thun, um das liebe Geld thun, wie zum Beiſpiel meine Kammerjungfer.“ Wie ſehr auch der Graf ſich zu beherrſchen ver⸗ ſtand, ſo konnte er ſich doch nicht enthalten, bei die ſen Worten zu erröthen. „Zu dieſen Leuten gehöre ich nicht, gnädiges Fräulein.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, Herr Graf; aber vor Allem muß ich eine Frage an Sie ſtellen.“ „Sprechen Sie, gnädiges Fräulein.“ „Sie haben durch unſern Kutſcher erfahren, was Sie wiſſen wollten?“ 4 A. „Wie ſind Sie aber hinter die Sache gekommen?“ „Ach, mein Gott, auf die einfachſte Weiſe von der Welt. Indeſſen muß ich alsbald hinzuſetzen, daß, was für jeden Andern ganz einfach geweſen wäre, für mich es nicht ſein konnte, da ich hinter e die das, zum ver⸗ die⸗ diges Sie 3 ich was en?“ von tzen, beſen inter 215 den natürlichſten und gewöhnlichſten Dingen ein Myſterium ſehe. „So hören Sie denn: „Ich ging vor einiger Zeit durch die Tournon⸗ Straße. Es mochte Abends zehn Uhr ſein. Sie ſtanden mit Ihrem Vater auf der Terraſſe dieſes Salons und hielten einen Blumenſtrauß in der Hand. „Sie ſind ſchön, wunderſchön; ich blieb alſo einige Augenblicke ſtehen, um Sie zu betrachten. In dieſem Augenblicke wandte ſich der Herr Marquis nach einer andern Seite hin. „Nun haben Sie Ihren Strauß auf die Straße herunterfallen laſſen und ſind wieder in den Salon hineingegangen. „Ich weiß nicht, warum mir der Gedanke kam, daß dieſer Blumenſtrauß nicht zufällig herunterge⸗ fallen ſein könne. Ich ſtellte mich alſo unter ein Hausthor und wartete der Dinge, die da kommen ſollten. „Da ſah ich einen jungen Mann, der gleich mir unter einem Hausthor unweit von mir ſtand, aus ſeinem Verſteck hervorkommen. Nachdem er eine Weile umhergeſchaut, um ſich zu verſichern, ob Nie⸗ mand um den Weg ſei, hob er Ihren Strauß auf und zog ein Papier daraus hervor. Ich aber erkun⸗ digte mich nach dem Eigenthümer des Hotels, in dem wir jetzt ſind, erfuhr, was ich wiſſen wollte, und wollte dem jungen Mann mit dem Strauße nach⸗ gehen; aber es war derſelbe unterdeſſen in einen Wagen geſtiegen und verſchwunden. „An dem darauf folgenden Tage ging ich wieder auf mein Gut, das ich bewohne, und wo ich ein Ge⸗ 216 ſchäft hatte, faſt eben ſo wichtig als dieſes; doch ver⸗ ſprach ich, bevor ich wegreiste, meinem in Paris zu⸗ rückbleibenden Kutſcher ein Geſchenk von zweihundert Louisd'or, wenn es ihm gelänge, den Namen Ihres Liebhabers ausfindig zu machen; denn ich zweifelte keinen Augenblick, daß dieſer junge Mann Ihr Lieb⸗ haber wäre. „Geſtern früh bin ich nun nach Paris zurückge⸗ kommen und habe bei meiner Ankunft nicht nur eine Einladung von Ihrem Herrn Vater, ſondern auch einen Brief von Georg, Ihrem Kutſcher und Ihrer Kammerjungfer Liebhaber vorgefunden, wodurch ich Alles erfuhr, was ich wiſſen wollte. Von Ihrem Vater aber bin ich auf heute eingeladen worden, weil ich den Herrn Baron von Sigaud gebeten hatte, mich demſelben vorzuſtellen.“ „Schön! Ich lobe mir eine Offenheit wie die Ihrige, und nun ſind wir gegenſeitig ganz ungenirt.“ „Wiſſen Sie auch, gnädiges Fräulein, daß Sie nicht ſind wie andere Frauenzimmer?“ „Ich weiß es, Herr Graf.“ „Es ſteigert ſich darum auch das Gefühl, das Sie mir einflößten, durch eine aufrichtige Bewunde⸗ rung.“ „Und welches Gefühl flöße ich Ihnen denn ein?“ „Ich liebe Sie.“ „Sie, mein Herr! Aber womit denn?“ fragte Leonie, den Grafen fixirend. „Mit meinem Herzen, gnädiges Fräulein.“ „Das iſt unmöglich.“ „Warum?“. „Weil, wenn Sie das Herz hätten, womit Sie Sie 217 mich zu lieben vorgeben, Sie nie gethan haben wür⸗ den, was Sie vor einer Weile gethan.“ „Wie dem immer ſein mag, ich liebe Sie.“ „Sie möchten alſo, das Geheimniß nützend, wor⸗ über Sie gebieten, mein Liebhaber werden?“ „Nein, gnädiges Fräulein, das genügt mir nicht.“ „Da läßt ſich ſchwer ſagen, was Sie eigentlich wollen, mein Herr.“ „Sie ſollen gleich ſehen, was ich will, gnädiges Fräulein. Erlauben Sie mir nur, daß ich nun auch eine Frage an Sie richte.“ „Ich höre.“ „Sie lieben Herrn G.. 2“ „d.“ „Warum lieben Sie ihn?“ Abermals heftete Leonie ihre großen, ſchwarzen, brennenden Augen auf ihren Tänzer, jedoch ohne für jetzt etwas zu ſagen. Es kam dieß einer Antwort gleich. „Und wie haben Sie ihn kennen gelernt?“ „Ich habe ihn mehrmals im Theater geſehen, wo er die Kühnheit gehabt, mich ſo oft und ſo lange anzuſchauen, daß es Jedermann auffiel. Er hat ſich nach meinem Namen und meiner Adreſſe erkundigt, iſt eine Zeitlang in meiner Straße herumgeſtrichen und hat mir eines Tages, als ich mit meiner Er⸗ zieherin zu Fuß ausging, kühn einen Brief in die Hand gleiten laſſen.“ „Und dieſer Brief?...“ „Enthielt drei Worte: ‚Ich liebe Sie. Nun habe auch ich mich nach ſeiner Adreſſe erkundigt, und als ich ſie erfahren, habe ich ihm durch meine Kam⸗ 218 merjungfer ſchreiben laſſen: ‚Wenn Sie mich lieben, ſo ſchreiben Sie mir es nicht mehr. Sinnen Sie auf irgend ein Mittel, mir es mündlich zu ſagen. Schon drei Tage darauf war es Honorinen gelun⸗ gen, ihn, und zwar bei hellem Tage, bei mir einzu⸗ führen. Was ſie am glockenhellen Tage gethan, that ſie auch bei Nacht. Haben Sie das etwa wiſſen wollen?“ „Nein, gnädiges Fräulein.“ „Nun, ſo fragen Sie!“ „Wohin wird eine ſolche Liebſchaft Sie führen?“ „Ohne Zweifel zum Selbſtmord; denn ich bringe mich um an dem Tage, wo dieſes Verhältniß publik wird; und wie die Sachen jetzt ſtehen, hat es allen Anſchein, daß es nicht lange mehr ein Geheimniß bleiben kann. „Vielleicht wäre da zu helfen.“ „Wie?“ „Wenn Sie Herrn G... heiratheten.“ „Ich, die Tochter des Marquis von Thonnerins!“ „Sie ſind ja ſeine Geliebte, folglich können Sie auch ſeine Frau werden.“ „Sie faſeln, mein Herr. Es gehört Herr G... zu den Leuten, woraus man ſich Liebhaber, nicht aber zu den Leuten, woraus man für Mädchen, wie ich bin, Ehemänner macht. Und dann wollte ich auch, indem ich ihn zu meinem Liebhaber erkor, die Freu⸗ den eines myſteriöſen Verhältniſſes, nicht aber die erlaubten der Ehe. Hätte ich meinen Liebhaber hei⸗ rathen wollen, ſo hätte ich mir ihn in der vornehmen Welt geſucht. Dieſen Sänger habe ich zu meinem Liebhaber gemacht, weil man ihn hier nicht empfängt 219 und das Myſterium größer iſt. Ja, er iſt nicht ein⸗ mal mein Liebhaber, ſondern bloß der Lakai meines Herzens. Habe ich ihn ſatt, ſo jage ich ihn weg.“ „Oh! Sie ſind wirklich eine große Dame, gnädi⸗ ges Fräulein,“ verſetzte Friedrich voller Bewunderung, denn er gehörte zu den Leuten, die von ſolchen Na⸗ turen ſich verführen laſſen. „Zwei Dinge ſind es, die bei reir vorherrſchen: eine große Willenskraft und der Stolz, womit mich mein Name erfüllt. Dieſen zwei Dingen opfere ich Alles. „Warum Sie mich aber ſo gar nicht hinter dem Berge halten und mit der Wahrheit alſo heraus⸗ platzen ſehen, Herr Graf, will ich Ihnen ſagen. Ob⸗ wohl ich Sie erſt ſeit heute kenne, ſo können Sie mich doch in's Verderben ſtürzen, vielleicht auch retten. Sagen Sie mir alſo lieber gleich jetzt Ihre Bedin⸗ gungen; denn es wäre möglich, daß ich mich noch heute Nacht um's Leben brächte, um dem öffentlichen Skan⸗ dal zu entgehen, den Sie mir hervorrufen zu wollen ſcheinen. Und brächte ich mich noch heute Nacht um, ſo brauchte ich es ſpäter nicht mehr zu thun; denn es wird, ich ſage es Ihnen nochmals, dieſes Ver⸗ hältniß alſo enden. Es muß durchaus ſein.“ Wider ihren Willen hatte Leonie den Ton auf die letzten Worte gelegt. .„Es muß durchaus ſein?“ wiederholte Friedrich in fragendem Ton und auf Leonie einen Blick hef⸗ tend, der die Antwort errieth, welche darauf folgen mußte. „Ja,“ murmelte ſie,„es muß ſein, ehe noch zwei Monate um ſind.“ „Und warum muß es ſein?“ 220 „Weil ein Frauenzimmer nach vier Monaten ihre Schwangerſchaft nicht mehr verbergen kann.“ „Nun dennl!l ich, der ich Sie zu Grunde richten konnte, gnädiges Fräulein, kann Sie auch retten, wie Sie geſagt.“ „Wodurch?“ „Ich bin ehrgeizig, gnädiges Fräulein: ich möchte in der politiſchen Welt etwas gelten, wo, nach mei⸗ ner Anſicht, in dieſem Augenblicke eine ſchöne Stel⸗ lung ſich einnehmen ließe. Aber es reicht mein Ver⸗ ſtand und mein Vermögen allein nicht hin, um die⸗ ſelbe zu erringen. Ich muß zuvor in der Welt eine höhere Stellung einnehmen. Um dieſen Zweck zu erreichen, verſchmähe ich kein Mittel, und um ſo ger⸗ ner greife ich natürlich zu ſolchen, wodurch ich zu gleicher Zeit Jemand einen Dienſt erweiſen kann. Verſtehen Sie, gnädiges Fräulein?“ „Ja, ich fange an Sie zu verſtehen.“ „Und Sie erlauben mir fortzufahren?“ „Ja.“ „So hören Sie: 1 „Ich lebe der Ueberzeugung, daß der Eidam des Herrn von Thonnerins eine ſolche Stellung erringen könnte. Nun aber weiß dieſer noch nichts von der Sache; indeſſen wird er nie Jemand anders zum Eidam bekommen, als einen Mann, der, für die Vergan⸗ genheit blind, bei der Berechnung der gewöhnlichen Folgen einer Heirath ſich um einige Monate ſtößt.“ „Alles das hat ſeine Richtigkeit. Und Sie ha⸗ ben, um zu Ihrem Zwecke zu gelangen, die Augen auf mich geworfen?“ „Ja, gnädiges Fräulein.“ —— ihre hten wie chte nei⸗ tel⸗ ger⸗ die⸗ eine zu ger⸗ zu inn. des gen che; dam jan⸗ hen 3t.“ ha⸗ gen 221 „Sie werden alſo bei meinem Vater um mich anhalten?“ „Schon morgen.“ „Und wenn Sie einen Korb bekommen?“ „Daran liegt mir wenig, wenn nur Sie wollen, daß die Heirath zu Stande komme.“ „Wenn ich aber nicht will?“ „Dann richte ich Sie zu Grunde. „Nehmen Sie aber meine Hand an, ſo ſoll keine Seele erfahren, was vorgegangen, und ſind Sie ein⸗ mal meine Frau, ſo ſollen Sie thun und treiben können, was Sie wollen, denn Sie können ſich leicht denken, daß ich nicht zu jenen Leuten gehöre, die ihre Chre in die Treue ihrer Frau ſetzen.“ „Und Sie ſind ein Graf?“ fragte Leonie, nach⸗ dem ſie einen Augenblick nachgedacht. „Ja.“ „Herr einer wirklichen Grafſchaft?“ „Nein. Aber der Titel gehört mir wirklich: ich habe ihn gekauft und bezahlt.“ „Und ſonſt wären Sie ein ſo ziemlich ehrlicher Menſch?“ „Ja. „Gräfin de la Marche! Es macht das immer noch Effekt genug! Und dann habe ich auch jederzeit den Chrgeiz begriffen. Halten Sie bei meinem Vater um meine Hand an, mein Herr!“ „Sie erlauben es?“ „Ja. Wenn man zu ſterben glaubte und mit einem Male eine Gelegenheit findet, noch länger zu leben, ſo hätte man Unrecht, dieſelbe nicht zu nützen.“ 222 „Gleich morgen werde ich dieſen Schritt thun. Sind wir einmal getraut, ſo verlaſſen wir Frank⸗ reich.“ „Auf zehn Monate.“ „Sie ſind ein Engel, gnädiges Fräulein.“ „Nicht wahr?“ Der Contretanz war aus. Friedrich führte Leonie wieder auf ihren Platz, und ging bald darauf weg, da er nun nichts mehr im Hauſe zu ſchaffen hatte. Am andern Tage, als es vier Uhr ſchlug, ließ er ſich bei dem Marquis von Thonnerins anmelden. Was er bei dieſem zu ſchaffen hatte, geht wohl am Beſten aus den Worten des edlen Marquis her⸗ vor, der im Laufe des Abends zu Baron von Sigaud, als er ihn in einem Zirkel traf, ſprach: „Sie ſind es doch, der mir geſtern einen gewiſſen Grafen de la Marche zugeführt?“ „Ja. „Nun, er iſt recht originell, Ihr unächter Graf.“ „In wie fern?“ „Rathen Sie einmal, was ihn heute zu mir ge⸗ führt.“ „Wie zum Henker ſoll ich denn das errathen können?“ „Er iſt zu mir gekommen, um... um die Hand meiner Tochter anzuhalten!“ ſprach der Marquis lachend. „Er?“ „Fg, er.“ „Und was haben Sie ihm geantwortet?“ „Ich habe ihm zur Antwort gegeben, daß ich ihm hm 223 ihre Hand verſage, und wiſſen Sie, was er dann hinzugeſetzt hat?“ „Nein.“ „Er hat mir ſeine Adreſſe gegeben, ſagend, ich ſolle es ihn wiſſen laſſen, wenn mir bis morgen ein anderer Kopf wachſe. Fürwahr, es iſt das ein bis⸗ chen ſtark,— ſo ſtark, daß man darüber toll werden könnte.“ „Was hat Fräulein Leonie dazu geſagt?“ „Sie weiß noch nichts davon. Sie hat den gan⸗ zen Tag geſchlafen, wird aber recht lachen, wenn ich ihr die Geſchichte erzähle.“ „Und iſt ihr Unwohlſein nun ganz vorüber?“ „Ganz.“ Als der Marquis, nachdem er den Baron ver⸗ laſſen, wieder nach Hauſe kam, ließ Leonie ihn bitten, auf einige Augenblicke zu ihr zu kommen. Leonie war allein auf ihrem Zimmer, das durch die Kerzen eines rieſigen Candelabers erleuchtet war, um deſſen Fuß her Liebesgötter mit gewölbten Bäu⸗ chen ſpielten. Um dieſe ſchlängelten ſich Reben und Weinlaub. Nach dem Candelaber mag man den Reſt des Zimmers beurtheilen: weiche Teppiche, ſchneeweiße Wände, Atlaßvorhänge, vergoldete Karnieße, Bett und Möbeln von Boule, rieſige Spiegel, Wohlge⸗ rüche und Zierathen aller Art. Als der Marquis in dieſes Zimmer trat, lag Leonie in einem weißſeidenen Nachtkleide, worauf Roſenknoſpen und grünes Laub mit der Hand geſtickt waren,— in einem Nachtkleide ohne Taille, deſſen weite Aermel die reichen Spitzen eines Nachthemdes 224 ſehen ließen, welches mit ſeinen Manſchetten die Hände des Mädchens zur Hälfte bedeckten,— als der Mar⸗ quis hereintrat, ſagen wir, lag Leonie auf einer Cauſeuſe ausgeſtreckt. Einer ihrer Arme lag auf der Rückſeite des Möbels, ihr Kopf aber ruhete auf dieſem Arme. Sie ſchien in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken, während ſie ihre roſigen Füßchen anſchaute, die, wie zwei Vögelchen in einem Buſche, auf dem Kiſſen ſpielten, worauf ſie ruheten, und worin ſie zu drei Viertheilen ſtaken und verſchwanden. „Du haſt mich rufen laſſen, Leonie?“ fragte Herr von Thonnerins beim Hereintreten. Zu gleicher Zeit küßte er die Hand ſeiner Tochter in faſt ceremoniöſer Weiſe. „Ja, Vater, ſetzen Sie ſich gefälligſt und hören Sie mich an.“ Leonie veränderte darum ihre Stellung nicht. Der Marquis nahm einen Lehnſeſſel, rollte den⸗ ſelben zu ſeiner Tochter hin und ſetzte ſich. „Ich habe von recht ernſten Dingen mit Ihnen zu reden, Vater.“ „Ich höre.“ „Sie haben heute einen Beſuch bekommen?“ „Mehr denn einen.“ „Sie haben aber doch einen bekommen, der einen ernſteren Charakter hatte oder wenigſtens zu haben ſchien, als die andern.“ „So iſt es.“ „Ich meine den Beſuch, den Graf Friedrich de la Marche bei Ihnen gemacht hat. Er hat bei Ihnen um meine Hand angehalten.“ „Wie weißt Du das?“ thar ände MNar⸗ einer auf auf ver⸗ aute, dem ie zu Herr chter ören den⸗ onen inen aben ) de nen 225 „Ich weiß es eben, Vater.“ „Hat er ſolches mit Deiner Zuſtimmung ge⸗ than?“ „Ja, Vater.“ „Sollteſt Du dieſen Menſchen etwa lieben?“ „Gewiß nicht! Ich achte ihn nicht einmal.“ „Wie kommt es dann aber, daß Du ihn zu einem ſolchen Schritte ermächtigt haſt?“ „Sie ſollen es alsbald erfahren, Vater; aber wir wollen eine gewiſſe Ordnung einhalten. Was haben Sie dem Grafen zur Antwort gegeben?“ „Ich habe ihm Deine Hand rundweg abge⸗ ſchlagen.“ „Sie hätten das nicht thun ſollen.“ „Wiel ich hätte das nicht thun ſollen?“ „Nein, Sie hätten es nicht thun ſollen, weil Sie ihm nun meine Hand werden antragen müſſen.“ „Du biſt von Sinnen, Leonie.“ „Ich glaube es kaum, Vater. Ich bin nicht von Sinnen, ſondern gehorche bloß einer Nothwendigkeit.“ „So erkläre Dich näher!“ „Ich habe einen Liebhaber, Vater!“ Hier ſprang der Marquis von ſeinem Lehn⸗ ſeſſel auf. „Was haſt Du da geſagt?“ rief er erbleichend. „Ich habe geſagt, daß ich einen Liebhaber hätte,“ ſprach das Mädchen kalt und ruhig. Der Marquis ſchaute umher wie ein vom Don⸗ ner gerührter Menſch, und nun war es an ihm, zu glauben, daß er ſelbſt von Sinnen wäre. „Nun, Kind, nun, ſpaſſen wir nicht länger,“ hob Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 15 226 er wieder an, indem er ſich wieder ſetzte, wieder ein bischen Ruhe zu gewinnen ſuchte und faſt lachte. „Aber ich ſpaſſe nicht, Vater.“ „Du haſt alſo wirklich einen Liebhaber!“ „Ja, ich ſage es noch ein Mal.“ „Du, meine Tochter!“ „Ja, ich, Leonie von Thonnerins. Wie oft ſoll ich es Ihnen noch ſagen, Vater?“ „Und wer iſt denn dieſer Menſch?“ „Seinen Namen ſage ich Ihnen nicht; denn es iſt in Wahrheit der arme Burſche keineswegs Schuld an all' dieſem. Ich begnüge mich, Ihnen zu ſagen, was er iſt, und nun hören Sie: er iſt ein... Ko⸗ mödiant.“ „Ein Comödiant!“ ſprach der Marquis, das Ge⸗ ſicht in beiden Händen verbergend.„Aber es iſt das unmöglich, es kann das nicht ſein!“ „Und doch iſt es ſo.“ „Weißt Du auch, Leonie,“ hob der Marquis, ſeine Worte ſchön und ſtolz betonend, wieder an, „weißt Du auch, daß Du meinen Namen verunehrt haſt und daß ich Dich umbringen ſollte?“ „Es wäre dieß in der That Ihre Pflicht; un⸗ glücklicher Weiſe haben Sie kein Recht dazu. Im Uebrigen iſt die Unehre nur dann vorhanden, wenn die Sache herauskommt, und nun habe ich, oder nun hat vielmehr der Herr Graf Friedrich de la Marche eine Combination gefunden, wodurch Alles in das tiefſte Myſterium gehüllt bleibt.“— „Sie! Leonie, Gräfin von Thonnerins!“ murmelte der Marquis, ſich mit der Fauſt vor die Stirn ſchla⸗ gend.„Man möchte darüuͤber wahnſinnig werden.“ ein — 227. „Hören Sie mich gefälligſt noch einen Augen⸗ blick an, Vater. Sie kennen mich: nicht wahr? Sie wiſſen, daß ich auf meinen Namen eben ſo ſtolz bin, wie Sie ſelbſt. Lieber alſo wäre ich geſtorben, als daß ich hätte einen Flecken darauf fallen laſſen. Mein Plan ſtand feſt, mein Entſchluß war gefaßt. Nimmermehr konnte ich den Mann heirathen, dem ich mich hingegeben. Unglücklicher Weiſe bequemt ſich die Natur nicht nach ſolchen menſchlichen Vorur⸗ theilen, und ich muß Ihnen geradezu ſagen, daß ich ... ſeit zwei Monaten ſchwanger bin.“ „Fahr' fort!“ ſprach der Marquis mit erloſchener Stimme, während zwei große Thränen ihm über die Wangen herabrollten. „Es wäre alſo nicht mehr lange angeſtanden, ſo hätte ich mich um's Leben gebracht, doch ſo, daß es geſchienen hätte, es ſei mein Tod die Folge eines unglücklichen Zufalls; Sie ſelbſt hätten nie die wahre Urſache erfahren. Dieſes Kind durfte nicht auf die Welt kommen, es durfte unſer Name nicht im Koth herumgezogen werden. Die Bürgerlichen hätten gar zu ſehr gelacht. „Sie ſehen, Vater, dieſer Entſchluß machte mich nicht trauriger, und noch geſtern tanzte ich ſo luſtig wie nur je. Es kommt dieß daher, daß das reinſte Blut, deſſen Frankreich ſich rühmen darf, in meinen Adern rollt, und daß ich weiß, was ich dem⸗ ſelben ſchulde. Gleichwohl iſt es traurig, in meinem Alter ſchon ſterben zu müſſen; das ſagte ich zuweilen bei mir ſelbſt. „Geſtern hat ein Mann dieſe ganze Geſchichte hinter mir erzählt; nur den Namen hatte er noch 228 nicht ausgeſprochen. Doch hätte vielleicht auch der nicht lange mehr auf ſich warten laſſen. Da habe ich mich wie wahnſinnig umgewandt: ich hätte den Menſchen erdroſſeln können. Ich mußte mich aber mäßigen. Vor Zorn ging mir der Athem aus und ſo wurde ich ohnmächtig. Der Mann aber, der Alles wußte, iſt Herr de la Marche. „In den Salon zurückgekehrt, habe ich mit ihm getanzt, und da er offenbar nur abſichtlich ſo gehan⸗ delt, ſo habe ich ihn gefragt, was er wolle. Da hat er mir zur Antwort gegeben, daß er meine Hand wolle und bereit ſei, über die Vergangenheit einen Schleier zu werfen. So konnte das Kind, das ich unter dem Herzen trage, am Leben bleiben, ſo konnte ich mir ein doppeltes Verbrechen erſparen, ſo brauchte ich eine Welt nicht zu verlaſſen, die mir, Alles in Allem genommen, immer noch ſo ziemlich gefällt. Ich aber bin auf den Handel eingegangen. „Kennen Sie ein anderes Mittel, Vater, ſo ſagen Sie es. Wir werden dann ſehen, welchem wir den Vorzug zu geben haben.“ Taumelnd erhob ſich der Marquis; es war ihm, als laſtete eine ganze Welt auf ihm. „Aber es iſt dieſer Menſch ein Schuft!“ ſprach er plötzlich. „Ja, Vater, aber ein Schuft, der mich retten kann, wenn wir thun, was er will, und der mich in's Verderben ſtürzen kann, wenn wir uns deſſen weigern; der, wenn ich mich umbringe, mit der wah⸗ ren Urſache meines Todes gewiß nicht hinter dem Berge halten, ſondern mein Andenken und Ihren Namen beſudeln wird; der, wenn ich ihm einen Korb 229 gebe, die Wahrheit erzählen und mich entehren wird; der, wenn ich einen Ehrenmann heirathe, welcher mich für rein hält— was ich übrigens nie thun würde—, dieſem Manne Alles ſagen und mich zu einem ſchmachvollen Leben verdammen wird. Nein, Nater, ich habe ſeit geſtern die Sache reiflich überlegt. „Da nun dieſer Menſch mein Geheimniß kennt, ſo iſt das einzige Mittel, Alles wieder gut zu machen, das, daß Sie ihm meine Hand geben. Und dann wird uns allein bekannt ſein, wie er mich bekommen; denn er wird das gewiß Niemand ſagen. Zwar iſt er von obſcurer Herkunft; aber er gehört einiger⸗ maßen zu den reichen Leuten, läßt ſich Graf ſchelten, hat, was er beſitzt, ſelbſt erworben,— was ziemlich ehrenvoll ſein ſoll; hat er keine Vergangenheit, ſo werden Sie ihm eine Zukunft ſchaffen,— ſo werden Sie etwas aus ihm machen. „Sie aber, Vater, werden dann für einen Mann gelten, der über Vorurtheilen ſteht, die wahrlich allzu lächerlich ſind. Es wird die Welt glauben, es ſei eine ſogenannte Neigungsheirath, und dabei wird es dann ſein Bewenden haben. Es ſei denn, daß Sie es vorziehen, Vater, meine Hand dem Vater meines Kindes zu geben; indeſſen muß ich alsbald hinzuſetzen, daß eine ſolche Heirath nicht allein ein ungeheurer Scandal wäre, ſondern auch, daß ich ſelbſt nie da⸗ rein willigen würde.“ Was Leonie eben geſagt, hatte den Marquis von Thonnerins dermaßen verwirrt, daß er, hätte er in dieſem Augenblicke hinausgehen wollen, gleich einem Betrunkenen an alle Wände angeſtoßen wäre. Man hätte verſucht ſein können, zu glauben, es ſeien ſeine 230 ſchon weißen Haare noch weißer geworden. Seine Augen waren auf eine Zimmerecke geheftet und ſahen dieſelbe doch nicht, und was ſeinen Kopf betrifft, ſo wackelte derſelbe nervös— unter dem Einfluſſe eines augenblicklichen Wahnſinns und einer fixen Idee, gleichwie der Wipfel eines Baumes unter dem Ein⸗ fluſſe des Windes, der ihn entwurzeln wird, ſich hin und her bewegt. „Wird aber dieſer Komödiant auch reinen Mund halten?“ fragte er mit ſchmerzlich bewegter Stimme,— mit einer Stimme, welche bereits eine Schwächung ſeiner edelſten Kräfte verrieth. „Ja, er liebt mich.“ „Ohne Zweifel hat er noch Freunde, die um die Sache wiſſen.“ „Ach was! Es ſind das lauter Mäuler, die man mit goldenen Schlöſſern ſchließt. Wer allein zu fürchten, iſt Graf de la Marche.“ „ ‚Ich werde thun, wie Du willſt, Tochter; mor⸗ gen werde ich zu dem Grafen gehen,“ ſprach der Greis vernichtet.. „Sie brauchen nicht lange mit ihm zu ſprechen, Vater: es iſt ſchon Alles ausgemacht.“ „Biſt Du aber einmal getraut, ſo wirſt Du mich nicht mehr ſehen, Leonie; denn weiß auch die Welt nicht um die Sache, ſo kenne doch ich Deinen Fehl⸗ tritt, und den werde ich Dir nie verzeihen.“ „Wie es Ihnen gefällt, Vater.“ „Uebermorgen verlaſſen wir Paris, um auf unſer Gut im Dauphiné zu gehen, wo die Heirath Statt finden ſoll..) 1 „Sobald wie möglich: nicht wahr?“ mit eine ihen „ ſo nes dee, Ein⸗ hin und . ung die die lein nor⸗ der hen, nich Velt ehl⸗ iſer tatt 231 „Späteſtens in einem Monate. Weiter haſt Du mir nichts zu ſagen, Leonie?“ 1 „Nein, Vater.“ „So will ich gehen.“ „Leben Sie wohl, Vater!“ Der Marquis verließ das Zimmer ſeiner Tochter. Wer ihn in dieſem Augenblicke hätte ſehen kön⸗ nen, hätte wahrgenommen, wie der Greis beim ge⸗ ringſten Geräuſche zuſammenfuhr, gleich als wäre dieſes Geräuſch eine Stimme, und als wiederholte ihm dieſe Stimme, was er eben gehört. So erreichte er wieder ſein Zimmer, wo er ſeinen Kammerdiener fand, der auf ihn wartete, um ihn auszukleiden. Der Marquis aber hieß ihn gehen, ſchloß ſich ein, blieb die ganze Nacht allein, und weinte große Thränen, die auf ſeine Hände fielen, da er nicht einmal ſo viel Kraft hatte, dieſelben ab⸗ zutrocknen. Achtzehntes Kapitel. K Was die Welt eine ſchöne Heirath zu nennen pflegt. Als ihr Vater nicht mehr bei ihr war, überließ Leonie ſich noch eine Zeit lang ihren Betrachtungen. Dann ſprang ſie von ihrer Cauſeuſe herab, ging zu ihrem Spiegel hin und betrachtete ſich. „Es wäre doch Jammerſchade geweſen, wenn das vernichtet worden wäre,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt, indem ſie ihre eigene Schönheit anlächelte,„und ich danke Gott, daß er Herrn de la Marche auf meinen Lebensweg geführt. 232 „Es iſt dieſer Mann wahrlich kein gewöhnlicher Menſch. Was für ein Blick, welche Stärke, welche Willenskraft! Das iſt einmal ein Charakter wie der meinige. Wenn ich mich in ihn noch verliebte! „Es wäre dieß das Glücklichſte, was geſchehen könnte, und am Ende wäre es nicht zum Verwun⸗ dern.“ Leonie klingelte. Es erſchien Honorine. „Sie haben Herrn G.... geſehen?“ fragte Fräulein Thonnerins. „Ja, gnädiges Fräulein.“ „Sie haben ihm geſagt?...“ „Was das gnädige Fräulein mich beauftragt hatte, ihm zu ſagen.“ „Daß ich ihn nicht länger ſehen könne?“ „Ja, gnädiges Fräulein...“ „Und er hat Ihnen etwas gegeben?“ „Dieſes Paket.“ Es enthielt das Paket fünf bis ſechs Briefe. „Es fehlt keiner,“ ſprach. Leonie und verbrannte dieſe Papiere an einer der Kerzen. „Sonſt hat er nichts geſagt?“ fuhr ſie fort. „Er hat hinzugeſetzt, daß es ſeine Abſicht ſei, noch heute Abend wegzureiſen.“ „Und dann?“ „Und dann hat er geweint.“ „Wirkliche Thränen?“ „Ja, gnädiges Fräulein.“ „Uebermorgen reiſe ich mit meinem Vater weg. Sie aber können, wie Sie oft zu wünſchen ſchienen, nun wieder in Ihre Heimath gehen. 233 licher„Der Notar meines Vaters wird Ihnen zwanzig⸗ delche tauſend Franken zuſtellen, die Ihre Mitgift ſein 2 der ſollen, wenn Sie Georg heirathen, der ſchon morgen gehen kann, und dem der Herr Graf de la Marche, dehen den ich heirathe, gleichfalls eine Summe von zwan⸗ wun⸗ zigtauſend Franken zuſtellen wird, um den Eifer zu belohnen, den er bewieſen, ſo lange er in des Gra⸗ fen Dienſten geweſen. Iſt Ihnen das recht?“ „Es iſt dieß mehr, als ich gewünſcht und gehofft ragte hatte, gnädiges Fräulein.“ „So gehen Sie denn, ich will mich ſelbſt aus⸗ kleiden, und vergeſſen Sie das arabiſche Sprüchwort nicht: Sprechen iſt Silber, Schweigen aber Gold! ragt Gehen Sie!“ Honorine küßte ihrer Herrin die Hand und ver⸗ ſchwand mit dem Verſprechen, reinen Mund zu halten, und feſt entſchloſſen, dieſem ihrem Verſprechen treu zu bleiben. Als Leonie allein war, entkleidete ſie ſich und las bis Morgens zwei Uhr im Bette. unte In dieſem Augenblicke ſchlief ſie ein. Am andern Morgen, um zehn Uhr, ließ der Marquis ſeinen Wagen vorfahren, um ſich zum ſei, Grafen zu begeben. Letzterer ſchrieb eben, als man Herrn von Thon⸗ nerins, anmeldete. Eine Marmorbläſſe lag auf dem Geſichte des Marquis. Er hatte, wie wir ſchon wiſſen, die ganze Naacht kein Auge zugethan. heg..„Dieſem Manne macht offenbar etwas viel zu ſen, ſchaffen,“ dachte Friedrich und bot, indem er auf⸗ 234 ſtand, Leoniens Vater unter vielen Complimenten einen Stuhl an. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ antwortete der Marquis mit ernſter Stimme und würdevoller Miene, wie wenn er gegenüber von ſich ſelbſt ſich verpflich⸗ tet hätte, von dem Manne, mit dem er es zu thun hatte, nur ſo viel anzunehmen, als er annehmen mußte;„ich danke Ihnen, mein Herr, ich ſtehe lieber.“ Friedrich verneigte ſich und blieb gleichfalls ſtehen. „Ich erwartete Sie, Herr Marquis,“ ſprach er. „Ich glaube, mein Herr, daß es das Beſte iſt, wenn wir hier nur die durchaus nothwendigen Worte wechſeln,“ erwiderte Herr von Thonnerins;„Sie werden mir alſo erlauben, mich ſo kurz, wie irgend möglich, zu faſſen; denn da Sie wiſſen, warum ich zu Ihnen komme, ſo müſſen Sie auch einſehen, wie peinlich dieſer Schritt für mich iſt.“ „Sprechen Sie, mein Herr, ich höre.“ „Sie ſind geſtern bei mir geweſen, und haben um die Hand meiner Tochter angehalten. Wußten Sie, was Sie thaten, und wozu Sie ſich verbindlich machten, indem Sie um ſie anhielten?“ „Vollkommen, Herr Marquis.“ „Es hatte meine Tochter Ihnen Alles geſagt, wie ſie es mir geſagt?“ „Ja.“ „So gebe ich Ihnen denn die Hand des Fräuleins von Thonnerins, mein Herr.“ Es verneigte ſich der Graf abermals, und indem er ſeinen Bückling machte, öffnete ein unmerkliches Lächeln des Triumphes ſeine Lippen zur Hälfte. 235 „Regeln wir nun die Bedingungen!“ hob der Marquis wieder an. Friedrich hob jetzt den Kopf wieder in die Höhe, als wollte er noch eifriger horchen. „Es hat meine Tochter zweimalhunderttauſend Livres Renten, die ſie von ihrer Mutter geerbt hat, und die ihre Mitgift ſind, wenn ſie heirathet. Sie iſt ein einziges Kind, ich habe viermalhunderttauſend Livres Renten, und endlich läßt mich Alles glauben, daß ich nicht mehr allzu lange leben werde.“ Herr de la Marche zeigte hier jenes nervöſe Lächeln, wovon alle jungen Spieler ergriffen werden, wenn Sie auf ein Mal viel gewinnen, und er mußte ſeine ganze Willenskraft aufbieten, um vor dem Greiſe, der dieß ſprach, nicht vor Freude laut zu lachen. „Morgen,“ fuhr der Marquis fort,„reiſe ich mit meiner Tochter auf unſer Gut*er, im Dauphiné, ein Gut, das ihr gehört, und das einen Theil ihrer Mitgift bildet. „Dort ſoll die Heirath Statt finden. „Sind Sie mit dieſem Allem einverſtanden, Herr Graf?“ „Vollkommen, Herr Marquis.“ „In einem Monat findet die Trauung Statt. So lange werde ich brauchen, um das auszuwirken, was jede Regierung meinem Eidam ſchuldet,— die Stelle eines bevollmächtigten Miniſters, ſei es zu Wien oder zu Berlin; Sie aber können ſchon am Tage nach der Trauung mit der Gräfin wegreiſen. „Iſt ein Jahr um, ſo kommen Sie um Urlaub ein; dann bekommen Sie den Orden der Chrenlegion, 236 da Sie unterdeſſen Zeit und Gelegenheit gehabt haben werden, Ihrem Vaterland einige Dienſte zu leiſten; Sie werden etliche Monate auf Ihren Gü⸗ tern zubringen, um in die Deputirtenkammer, ſpäter auch in die Pairskammer zu kommen. Ich gebe Ihnen mein Chrenwort, daß alles dieß ſo kommen wird. „Die Sache iſt alſo abgemacht?“ „Ja, Herr Marquis.“ „In drei Wochen kommen Sie in's Dauphiné, zu uns; denn ſo viel Zeit werden Sie immer brau⸗ chen, bis Ihre Familienpapiere in Ordnung ſind.“ „In drei Wochen bin ich bei Ihnen, Herr Marquis.“ „Sie dürfen auch Ihre Eltern mitbringen.“ „Eltern habe ich keine mehr.“ Der Marquis machte einen Bückling, um von dem Grafen ſich zu verabſchieden. Da bot Friedrich ihm eine Hand hin. Herr von Thonnerins aber ſtellte ſich, als ſehe er dieſe ausgeſtreckte Hand nicht, und verließ, nach⸗ dem er noch einen Bückling gemacht, das Zimmer, wo dieſe Unterredung Statt gehabt, ohne daß er auch nur eine Sylbe hinzugeſetzt hätte. Nachdem der Marquis die Thüre hinter ſich ge⸗ ſchloſſen, hielt Friedrich einige Augenblicke die Augen auf eben dieſe Thüre geheftet. 4 „Sechsmalhunderttauſend Livres Renten,“ ſprach er,„denn der gute Alte wird wohl nicht mehr lange leben, die Pairswürde, das Kreuz der Ehrenlegion und eines der ſchönſten Weiber der Welt: alles das 3 jeder wußt er n vorh rückb zukon men ſelbe berei als! ſamn 1 men, ſeh en gehabt ſte zu Gü⸗ ſpäter gebe mmen hiné, brau⸗ ind.“ Herr 237 für zweihundert Louisd'or, alles das innerhalb acht⸗ undvierzig Stunden! Fürwahr, es iſt dieß weder theuer, noch hat es lange Zeit erfordert.“ Dceer Graf klingelte und gab Befehl, ſeinen Reiſe⸗ wagen in Bereitſchaft zu ſetzen und anzuſpannen. Er reiste nach Moncontour zurück. Wie man ſieht, ſo hielt er Blanca Wort. Neunzehntes Kapitel. Gezwungene Mittheilungen. Während Friedrich zu Paris war, hatte Blanca jeden Morgen und jeden Abend den Stein in der be⸗ wußten Mauer befragt, und hatte nachgeſehen, ob er nicht etwas verberge, ſtets hoffend, daß ein un⸗ vorhergeſehener Umſtand den Grafen noch bälder zu⸗ rückbringen würde, als er verſprochen hatte, zurück⸗ zukommen. Endlich, als der Abend des fünften Tages gekom⸗ men war, fand ſie einen Brief, worin noch auf den⸗ ſelben Abend ein Stelldichein erbeten war. Um zehn Uhr trat ſie mit Friedrich in den uns bereits bekannten Pavillon. Dort ſagte ſie, gleich als wolle ſie alle ihre Eindrücke ſeit vier Tagen zu⸗ ſammenfaſſen, zu ihm: „Friedrich, laß mich nun mein Leben zurückneh⸗ men, das Du mitgenommen hatteſt.“. „Glaubteſt Du denn, Du würdeſt mich nicht mehr ſehen, Blanca?“ fragte der Graf, den Kopf des vor 238 ihm knienden Mädchens in beide Hände nehmend und einen Blick voller Liebe auf daſſelbe heftend. „Bürgte mir nicht Dein Wort, daß Du wieder⸗ kommen würdeſt? Welche Beſorgniſſe konnte ich alſo noch haben? Nur war ich traurig über Deine Abweſen⸗ heit. War ich übrigens auch gewiß, daß Du wieder⸗ kommen würdeſt, ſo fehlte doch nicht viel, daß ich nie wieder mit Dir zuſammenkam.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß ich um ein Haar geſtorben wäre, Friedrich.“ „Was iſt denn vorgefallen?“ „Ich bin in einer erſchrecklichen Gefahr geweſen, theuerſter Freund, und hätte Gott kein Wunder ge⸗ than, ſo wäre ich jetzt nicht bei Dir.“ Es war Friedrich bei den Worten ſeiner Gelieb⸗ ten erblaßt. „Da biſt Du ja ganz aufgeregt wegen der Ge⸗ fahr, in der ich geſchwebt! Ach, wie lieb biſt Du doch, und wie glücklich bin ich, daß ich mich von Dir geliebt weiß!“ Zu gleicher Zeit küßte Blanca, Thränen der Dankbarkeit vergießend, dem Grafen die Hände. „Du haſt nun doch aber von dieſer Gefahr nichts mehr zu fürchten?“ verſetzte der Letztere. „Nein. Soll ich Dir die Sache erzählen?“ „Gewiß.“ „So höre: „Am Tage Deiner Abreiſe begleitete ich, in Ge⸗ ſellſchaft meiner Mutter, meinen Bruder an den Wagen, mit dem er wegreiſen ſollte, und der unten am Berge auf ihn wartete. Da ſtürzte mit einem Male ein aus ſeinem Stalle entſprungener Stier auf den leich alle geſc die harr von Got wov Beſt nied dand Got daß Dir ein er n Tod ſtan⸗ Scht hat? jung 239 mend auf uns zu. An eine Flucht war da nicht zu d. denken. eder⸗„Ich ſah mich dem Tode gegenüber, ungern viel⸗ alſo leicht, da ich jung bin und ich Dich liebe, aber ohne eſen⸗ alle Furcht, ich ſchwöre Dir es. Ich habe ein Kreuz eder⸗ geſchlagen, habe Deinen Namen ausgeſprochen, habe 3 ich die Augen geſchloſſen und habe ruhig der Dinge ge⸗ harrt, die da kommen ſollten. „Es war das Thier höchſtens noch zehn Schritte ich.“ von uns weg, als ein junger Mann, ein Engel, ein Gott demſelben entgegenſtürzte und mit einer Kraft, eſen, wovon ich Dir keine Idee zu geben vermöchte, die ge⸗ Beſtie an den Hörnern packte und ſie auf den Boden 4 niederſchleuderte. lieb⸗„Bevor ich dem Himmel für dieſes Wunder ge⸗ dankt, habe ich an Dich gedacht, Friedrich, und habe 6 Ge⸗ Gott nur darum gedankt, weil er mir vergönnte, Du daß ich Dich noch ein Mal ſah. Mein Tod hätte Dir Dir wehe gethan: nicht wahr?“ „Ja, liebſte Blanca, es wäre Dein Tod für mich der ein großes Unglück geweſen, ja, ich ſchwöre Dir, daß er mein eigener Tod geweſen wäre.“ fahr Friedrich log hier nicht: Blanca's Tod wäre ſein Tod geweſen. Es hatte daher der Graf auch, als er die be⸗ ſtandene Gefahr erzählen hörte, einer Geberde des Schreckens ſich nicht enthalten können. Ge⸗„Und wer iſt der Mann, der euch drei gerettet den hat?“ fragte der Graf. nten„Es iſt ein ſchlichter Zimmermann, der noch ganz nem jung iſt. Sein Name iſt Robert“. Stier„Und es iſt derſelbe nicht verwundet worden?“ 240 „Nein, er hat keinerlei Schaden genommen. Seit dem fraglichen Ereigniſſe hat er uns alle Tage be⸗ ſucht, um ſich nach unſerem Befinden zu erkundigen.“ „Dieſer Zimmermann ſcheint mir recht artig und gebildet zu ſein.“ „Das iſt er auch. Ich habe zu meinem großen Staunen in ihm einen Mann gefunden, wie man unter Leuten ſeines Gleichen gewiß nur ſelten einen findet. Geſicht und Herz ſind bei ihm edel; ja, er iſt ein guter, wackerer, junger Mann.“ „Mit welcher Begeiſterung Du von ihm ſprichſt! Nimm Dich in Acht, Blanca, Du machſt mich auf Herrn Robert noch eiferſüchtig,“ bemerkte der Graf lächelnd. „Es ſteht das nicht zu befürchten. „Gleichwohl geſtehe ich Dir, daß ich ihn liebe; aber aus allerlei Gründen liebe ich ihn, ſo daß das Gefühl, das er mir einflößt, nicht weiter denn Freund⸗ ſchaft ſein kann, während ich Dich, Friedrich, liebe, ohne zu wiſſen warum; was mir beweist, daß das Gefühl, das Du mir einflößeſt, wirklich Liebe iſt. „Inzwiſchen bin ich recht gerne um dieſen jungen Mann: es ſympathiſirt meine Seele mit der ſeinigen; er iſt bieder, iſt groß, und man ſieht, daß er Jedermann in ſein Leben ſchauen laſſen kann, ohne fürchten zu müſſen, daß man darin einen Flecken, ja daß man auch nur einen Schatten darin finde. Was er ſpricht, iſt ſo friſch wie Quellwaſſer. „Seine Geſellſchaft hat etwas wahrhaft Erquicken⸗ des, Erfriſchendes. Könnteſt Du doch nur ſehen, wie er ſein Schweſterchen liebt, wie er es beſchützt, wie er es überwacht, wie er, der Koloß, ſo ſchwach 241 und ſchüchtern wird, ſobald das Kind unwohl iſt oder weint! Er hat dieſe Kleine, ein achtjähriges Kind, das ſo blond und roſig iſt wie ein Engel, einige Male zu uns gebracht. „Wir wiſſen gar nicht, was wir erſinnen ſollen, um ihm für den Dienſt zu danken, den er uns allen geleiſtet. „Wir pflegen daher auch, meine Mutter und ich, ſeine liebe Suſanne um die Wette. Es iſt letztere ein Waiſe, bei der er, als älterer Waiſe, Vater⸗ und Mutterſtelle zu vertreten hat. „Dieſe Pflicht, die für ihn ein Glück iſt, erfüllt er mit einer Zärtlichkeit, die wahrhaft rührend iſt. Nichts iſt ihm für ſein liebes Kind zu ſchön und zu theuer. Er kleidet es wie eine Herzogin; nichts iſt ſo intereſſant und gewährt einen ſo wohlthuenden Anblick, als wenn dieſer große Burſche mit dieſem ſchwächlichen Geſchöpfe ſpielt. Man könnte glauben, man habe einen Löwen vor ſich, den ein Täubchen gezähmt. „Geſtern hatte Suſanne mit einer Scheere ge⸗ ſpielt und ſich damit ein bischen in den Finger ge⸗ ſchnitten. Ein Tropfen Blut hat die Oeffnung die⸗ ſer Wunde geröthet. Da iſt Robert ſo weiß gewor⸗ den wie ein Leintuch: meine Mutter hat ihn ſtützen müſſen, damit er nicht umfiel. „Suſanne hat geſehen, welche Wirkung ihre Un⸗ beſonnenheit auf ihren Bruder hervorgebracht. Da iſt nun das ſanfte, ſtille Kind auf ihn zugelaufen und hat lächelnd zu ihm geſprochen: „„Ohl es iſt nichts, Bruder, es iſt nichts: weine doch nicht!““ Dumas, d. J., drei ſtarke Männer. 16 242 „Und Robert hat ſie in den Arm genommen und mit ſeinen Lippen den Blutstropfen weggenommen, der ihn ſo tief bewegt. Oh! er iſt gewiß, er iſt wirklich eine ſchöne, gute Natur. b „Aber es iſt Dir vielleicht widerwärtig, Friedrich, daß ich ſo viel von dieſem Manne ſpreche?“ 4 „Im Gegentheil, Blanca: fahre fort. Sind die⸗ jenigen, welche Du liebſt, nicht im Voraus meine Freunde? Und zudem hat dieſer Robert, indem er Dir das Leben gerettet, mir einen ſo großen Dienſt erwieſen, daß ich mich nur freuen kann, ihn loben zu hören.“ „Es wäre aber auch faſt eine Undankbarkeit, V wenn man von ihm nicht ſpräche. In dem Briefe, den mein Bruder von Niort geſchrieben, nimmt Robert zwei volle Seiten von dreien ein. „Das war ſchön, das war wahr, und es hatte 3 Felician bei der Menſchenkenntniß, die er ſich erwor⸗ ben, in Robert alsbald einen ehrlichen Mann er⸗ kannt. Es ſind ihre zwei Seelen durchaus gleichartig; nur iſt die eine etwas träumeriſcher, poetiſcher und — durch Studium und Philoſophie mehr aufgeſchloſſen. 8 Die andere iſt eben ſo ehrlich, eben ſo gerecht, eben ſo offen, und verfolgt, in einer minder erhabenen — Welt, einen gleich geraden Weg. Beide aber begrei⸗ b fen nur das, was gut und edel iſt. Begegnen ſolche Charaktere einander, ſo erkennen ſie ſich alsbald an gewiſſen Gefühlen, die ſtets die gleichen ſind, und die man die Geſtaltsbezeichnung des Herzens nennen möchte. „Da ſprechen ſie denn alsbald zu einander: Schaul wir ſind Brüder! Und ſie geloben einander Freund⸗ n und nmen, er iſt jdrich, d die⸗ meine em er Dienſt. loben arkeit, ZBriefe, kobert hatte rwor⸗ an er⸗ artig; und oſſen. eben benen egrei⸗ ſolche d an und — nnen chau! Lund⸗ 243 ſchaft und Achtung für das ganze Leben,— eine Verpflichtung, der ſie nie untreu werden.“ „Sollteſt Du glauben, Friedrich,“ hob Blanca nach einer kleinen Pauſe wieder an, daß ich, die ich über meinen Fehltritt nicht erröthete, als ich mich meinem Bruder wieder gegenüber ſah, vor dieſem jungen Manne innerlich darüber erröthet bin? Hätte ich ihn gekannt, bevor ich Dich kennen gelernt, ſo glaube ich wahrlich, daß ich mich Dir niemals hingegeben hätte.“ „Du hätteſt ihn vielleicht geliebt?“ „Nein, wohl aber hätte ich begriffen, wie wehe einem Bruder der Fehltritt einer Schweſter thun kann, und ſeine Liebe zu Suſannen hätte mich über Felicians Liebe zu mir beſſer aufgeklärt. „Du mußt mir nicht zürnen über das, was ich ich Dir da ſage, Friedrich; Du weißt, wenn ich bei Dir bin, ſo laſſe ich mich gehen und ſchließe Dir mein ganzes Herz auf: die Offenheit eines Weibes iſt ein weiterer Beweis ihrer Liebe. Ich liebe Dich ſo ſehr, daß ich Dir ungeſcheut geſtehen darf, wie mich etwas hätte verhindern können, Dich zu lieben. „Vor ein paar Tagen habe ich zu Robert geſagt: „„Wenn Suſanne einmal ſo alt iſt wie ich, und ſich eines Fehltritts ſchuldig macht, was werden Sie wohl da thun?““ „Robert hat mich angeſchaut, als habe er erra⸗ then, welch' indirectes Intereſſe ich an ſeiner Ant⸗ wort nehme, und hat geſagt: „„Sie wird ſich eben keines Fehltritts ſchuldig machen, mein Fräulein.““ „Wider meinen Willen bin ich erröthet und ich glaube, daß er meine Röthe bemerkt hat. Da über⸗ 244 kam mich eine plötzliche Furcht, Du möchteſt nie mehr kommen...“ „Und unſere Heirath, Kind!“ erwiderte Friedrich. „Unſer Glück: nicht wahr? Nun, wann laſſen wir uns trauen?“ „Wann kommt Dein Bruder zurück?“ „In vierzehn Tagen; warum aber Deine Rück⸗ kehr mich noch freudiger ſtimmt, will ich Dir ſagen. Morgen Abend reiſe ich weg, um zu Felician zu gehen, und wäreſt Du nur um achtundvierzig Stun⸗ den ſpäter gekommen, ſo wäre ich abgereist, ohne zu wiſſen, wann ich Dich wieder ſehen würde. „Du gehſt nach Niort?“ „Ja, mit meiner Mutter.“ „Was gedenkſt Du dort zu thun?“ „Du haſt alſo überhört, was ich Dir geſagt? Ich gehe zu meinem Bruder, der uns geſchrieben hat, wie der Biſchof alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt und wie derſelbe für ihn in wenigen Tagen thun wolle, wozu Andere zwei Monate brauchen. „Pascal wird alſo, wie es Sitte iſt, in das Se⸗ minar von Niort gehen, um dort die letzten zwei Weihen zu empfangen. Schon in vierzehn Tagen iſt er Pfarrer an unſerer Kirche und kann uns alſo, 5 es Dir recht iſt, noch vor ſeiner Abreiſe copu⸗ iren. G „Gut, gut, Kind! reiſe ganz ruhig zu Deinem Bruder, und ſei verſichert, daß ich, bevor er noch ordinirt iſt, Gelegenheit finden werde, Dich wieder zu ſehen; und ebenſo kann ich Dich verſichern, daß er das ganze Myſterium unſerer Liebe erfahren ſoll, bevor er noch ſeine Reiſe antritt. Laß Dich durch mehr drich. aſſen Rück⸗ igen. u zu btun⸗ e zu — 245 nichts beunruhigen, verrath' Dich nicht, ſo kommt Alles, wie Du es wünſcheſt.“ „Ich danke Dir, Friedrich, danke Dir: es iſt Deine Liebe ſtets die gleiche; es iſt dieſelbe ſtets edel und gOß...... Aber ich werde Dich vierzehn Tage lang nicht ſehen,“ ſetzte nach einer kleinen Pauſe Blanca traurig hinzu. „Du ſchreibſt mir.“ „Jeden Tag.“ „Vexgiß es aber ja nicht.“ „Glaubſt Du denn, ich könne Dich vergeſſen, Frieſdrich, Dich, mein Leben, Dich, meine Seele, Dich meine Ehre?“ ₰hh Und das Mädchen warf die Arme um den Hals des Mannes, den ſie als ihren Bräutigam anſehen 1 können glaubte. Begeht ein Kind oder ein Betrunkener ein Ver⸗ prechen, ſo verurtheilt das Geſetz ſie nur ſelten. Das eine entgeht der Gerechtigkeit, der andere der Strenge des Geſetzes, weil dieſes erkennt, daß das erſtere noch nicht zurechnungsfähig, und daß der letztere nicht mehr zurechnungsfähig war. Es ſollte die Ge⸗ ſellſchaft gegenüber von dem Weibe gerade ſo han⸗ deln, wie das Geſetz Betrunkenen und Kindern gegen⸗ über handelt; denn es bleibt das Weib, was den Verſtand betrifft, ewig ein Kind; dem Herzen nach aber iſt ſie ewig betrunken. Es gibt daher auch für ein Mädchen keine ge⸗ fahrvollere Stellung als die, worin Blanca ſich befand. Iſt ein Weib in einem Alter von achtzehn Jah⸗ ren die Geliebte eines Mannes, den eine Caprice ihr zugeführt, und den eine Caprice ihr wieder ent⸗ 246 führen kann, und hat dieſes Weib für die Zukunft keine andere Gewähr, als das Wort ihres Liebhabers, ſo iſt das gewiß eine der gefährlichſten Phaſen, welche ihr Leben durchlaufen kann. Es möchte ſcheinen, daß ſie weder bei Tag noch bei Nacht ſchlafen kann, da eine Unſchuld hinter ihr liegt, die nicht mehr exiſtirt, und da ihr nichts dafür bürgt, daß ihre Ehre werde gerettet werden, als ein bloßes Wort. Man könnte nun glauben, es werde ein ſolches Weih, ſich inmitten ſo vieler Ruinen ſehend, plötzlich von Schrecken und Wahnſinn ergriffen werden uned flie⸗ hen, um gleichſam dieſem gräßlichen Schauſpiele zu ent⸗ gehen und ſich den Kopf an der Wirklichkeit einzurenn jen. Wohlan, ſie thut das nicht; ſie denkt nicht eirn⸗ mal an die Gefahr, die ſie läuft; ſie verläßt ſich auf das Wort ihres Geliebten, ſie ſchläft vertrauensvoll ein und gönnt der Zukunft daſſelbe Lächeln wie der Vergangenheit. Sie hofft nicht einmal, ſondern iſt überzeugt; ſie zweifelt keinen Augenblick an dem Ge⸗ lingen aller Combinationen ihrer Seele. Und darum haben die Weiber, ſobald es ihnen bewieſen iſt, daß ſie ſich getäuſcht, keine andere Zu⸗ flucht mehr, als den Tod: ſo plötzlich und unerwar⸗ tet iſt die Verzweiflung, die ſich ihrer bemächtigt. Sie haben ſich ſo vertrauensvoll verrechnet, haben ſich an dieſe moraliſche Verblendung dermaßen ge⸗ wöhnt, daß ſie den erſten Wahrheitsſtrahl, der in ihr Leben fällt, nicht ertragen können, und daß ſie von dem Lichte, wie vom Blitze getroffen, todt niederfallen. Woher kommt bei ihnen dieſe ſeltſame Organi⸗ ſation, die da macht, daß faſt alle an der gleichen Stelle des Weges einen falſchen Pfad einſchlagen, —— kunft bers, elche nen, ann, nehr Ehre lches tlich flie⸗ ent⸗ nen. einn⸗ auf voll der iſt Ge⸗ nen Zu⸗ ar⸗ gt. — 247 die da macht, daß kein Beiſpiel ihnen frommt, daß ſich keine warnen läßt, daß ſie nacheinander in den gleichen Abgrund ſtürzen, ohne ſich an den ſpär⸗ lichen und ſchwachen Zweigen halten zu können, welche ihn begrenzen? Was war Gottes Abſicht, indem er ſie alſo ſchufe Wir vermögen das nicht zu ſagen. Wir conſtatiren bloß ein Factum, ohne uns anzumaßen, die Urſache zu kennen. Und doch iſt es nun eine ausgemachte Sache, daß ein ſolcher Fehltritt nie gut endet. Dieſe Wahr⸗ heit wird nicht allein in Romanen, ſondern auch von der tagtäglichen Wirklichkeit bewieſen. Noch nie hat ein Mann, der ein Mädchen ver⸗ führt, daſſelbe geheirathet, es ſei denn, daß dieſes Mädchen einen Teufelskerl zu einem Bruder hatte, der einen Degen und einen Schnurrbart trug; oder daß der Vater die Gerichte zu Hülfe rief und den Schutz einer ganzen Geſellſchaft verlangte, um den Irrthum ſeiner Tochter wieder gut zu machen. Eine durch ſolche Mittel hergeführte Heirath iſt eine Ehrenrettung; zugleich wird aber auch öffent⸗ lich ein Fehltritt eingeſtanden, der ſtets hätte ver⸗ borgen bleiben ſollen. Sicherlich trägt eine ſolche Che die Bedingungen glücklicher Lebensfähigkeit nicht in ſich, davon ganz zu ſchweigen, daß das Mädchen gar bald gewahrt, wie ſie ihren Geliebten nicht ge⸗ liebt, und wie es für die Ruhe ihres Herzens beſſer wäre— denn es denken und ſprechen die Weiber immer im Namen ihres Herzens— wenn die Heirath nie zu Stande gekommen, wenn der Fehltritt nie wieder gut gemacht worden, wenn ſie endlich noch frei wäre, anſtatt auf ewig an einen Mann geſchmie⸗ 248 det zu ſein, den ſie vielleicht verabſcheut und ver⸗ achtet. Wird, wenn die Sachen einmal ſo liegen, es wohl lange anſtehen, bis ſie dieſen Mann hinter's Licht führt? Und wird dieſer Mann, der ſelbſt ſie zuerſt betrogen, ein Recht haben, ſich zu beklagen, daß man ihn hinter's Licht führt? Und doch wird nun auch er ein Recht haben, von der ganzen Ge⸗ ſellſchaft Genugthuung zu verlangen für den gleichen Fehler, den er begangen. So geht es gewöhnlich, wenn der Selbſtmord nicht ſchon im erſten Acte die Peripetien ſolcher in⸗ timen Dramen abſchneidet. Es ſind alſo ſolche Heirathen keine Ehrenrettun⸗ gen, ſondern ware Strafen. Nicht mit den Sylben eines Namens, nicht mit der Namensunterſchrift, die man unter einen Fetzen Stempelpapier ſetzt, flickt man die Chre der Familien wieder und ſichert man das Glück der Weiber. Wohlan! man erzähle, man ſchreibe, man beweiſe alles dieß: niemals wird man an dem jetzigen Zu⸗ ſtande dadurch etwas ändern. Schreibſt Du ein Buch, beſtehend aus allen dieſen Wahrheiten, ſo wird man es einen Roman, das heißt, etwas Falſches, Unrichtiges nennen, und was Du ſchreibſt, wird mithin auch in den Wind geſprochen ſein. Erzählſt Du ein Factum, ſo wird man das ein Unglück nen⸗ nen, wie wenn ein Wagen umgeworfen wird oder ein Haus einſtürzt. Und dabei wird dann die Sache ihr Bewenden haben. Fern ſei von uns zu verlangen, daß man Mäd⸗ chen theoretiſch in alle Wirklichkeiten des Lebens ein⸗ 249 weihen ſolle; wohl aber ſollte man ſie einen Blick hinter den Schleier thun laſſen, der die ſittliche Welt bedeckt, in die ſie einſt zu treten beſtimmt ſind. Wir halten uns überzeugt, daß dieſes Schauſpiel, wenn es etliche Illuſionen bei ihnen zerſtörte, auch vielem und großem Unglück vorbeugen würde, woran dieſe Illuſionen Schuld ſind. Die jetzt geltende Sitte dagegen will, daß man in dem Herzen der Mädchen die vollſtändigſte Unwiſſenheit unterhalte, ſowie daß man dem Gatten einen jungfräu⸗ lichen Leib und eine ganz naive Seele überantworte. Hier endet die Miſſion der Eltern, ſo daß die Mädchen am Tage nach ihrer Heirath, das heißt, wenn ſie, zu Frauen geworden, das Recht haben, Alles zu erfahren, mit einem Male, da man ihnen gar nichts geſagt, in einer Welt ſich befinden, in der ſie, gleich unbewaffneten Soldaten, ſich gegen bewaffnete Feinde zu wehren haben. In dieſer ihrer Stellung müſſen ſie ſich entweder alsbald übergeben, oder müſſen ſie möglichſt heldenmüthig fallen; ſtets aber ſind ſie ſchon im Voraus verdammt, in dieſer oder jener Weiſe zu unterliegen. Gleichwohl leugnen wir nicht, daß es eine Tugend gibt, die durch ſich ſelbſt ſtark iſt; wir glauben, wir wiſſen im Gegentheile, daß ſolche exiſtirt, und ſind deren eifrigſter Vertheidiger. Aber wir müſſen auch geſtehen, daß gar viele Weiber in Zeit von einer Minute ſich auf ihr ganzes Leben unglücklich ge⸗ macht, daß ſie in einem Augenblicke den Schatz ihrer Vergangenheit und die Hoffnung ihrer Zukunft ver⸗ geudet haben, ſowie daß man vielleicht dieſem Fall hätte vorbeugen können, wenn man, bevor ſie ihre 250 Rollen als Gattinnen und Mütter übernommen, ſich an ihren Verſtand gewendet, ihnen einige der vielen Wunden unſerer Geſellſchaft gezeigt, und alſo zu ihnen geſprochen hätte: „Schauet doch die Frau dort an, die voller Blu⸗ men und Diamanten iſt; ſehet doch, wie bleich ſie iſt; ſehet doch, welche Traurigkeit aus ihrem Blicke ſpricht, und wie ihre ganze Perſon ein Bild bitter⸗ ſter Enttäuſchung iſt! Es kommt dieß von einem Fehltritte her, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht; es trägt die Schuld ein Irrthum, der nicht länger denn eine Secunde gedauert, den aber Jahre nicht aus⸗ tilgen werden, und der ſie vielleicht noch umbringt. „Hat dieſe einzige Secunde durch die Leidenſchaft, die ſie befriedigte, ihr größeres Glück gegeben, als ſie gefunden hätte in zwanzig Jahren obſcurer Treue und häuslicher Ruhe? Nein. Es iſt dieſer Secunde die Furcht vorangegangen, es ſind dieſer Secunde die Gewiſſensbiſſe nachgefolgt, und es hat dieſelbe auch nicht eine der Freuden geoffenbart, die ſie ver⸗ ſprach. Die Liebe, jene ſtete Curioſität, betrügt im⸗ mer, wenn ſie ſich verbirgt, um zu verführen. Das Feuer, das ſie angezündet, zerſtört auch; denn wie man es immer angreifen mag, jeder Brand, jedes Feuer läßt auch Aſche zurück. „Sehet dort jene andere, die in ihr Elend und in ihre Schamloſigkeit gekleidet iſt; ſie war einſt ſchön, war einſt geliebt, war einſt rein; ſie hat, ohne zu wiſſen warum, ihre Schönheit hingegeben, ſie hat den, der ſie liebte, hinter's Licht geführt, ſie hatihre Unſchuld befleckt. Nun muß ſie, um ihr Leben zu friſten, das, was ſie einſt hergeſchenkt, um Geld 251 verkaufen; die Welt ſtößt ſie zurück, ihr Gatte ver⸗ achtet ſie, ihre Kinder verläugnen ſie. „So wird euch geſchehen, wenn ihr es machet wie dieſe Frauen!“ Spräche man alſo mit den Mädchen, anſtatt auf dieſe Schändlichkeiten einen dunklen Schleier zu wer⸗ fen, glaubt man dann nicht, daß die erhabene Citel⸗ keit der Tugend ſie ergriffe? Es iſt nicht genug, daß man ihnen den Reiz, der dem Guten beiwohnt, zeigt; man muß ſie auch darauf hinweiſen, wie das Böſe eine Häßlichkeit be⸗ ſitzt, die nicht immer zu Tage tritt; denn es wird letzteres an dem Tage, wo es ſie anzuziehen ſucht, eine ſo verführeriſche Maske vornehmen, daß ſie da⸗ hinter das ſcheußliche Geſicht nicht ahnen, das es wirklich hat. Und ſo werden ſie dem Böſen nicht allein vertrauensvoll, ſondern ſogar freudig folgen. Wir verweilen bei allen dieſen Einzelheiten darum ſo lange, weil in unſeren modernen Geſellſchaften das Weib allmählig eine ſo wichtige Stellung einge⸗ nommen hat, daß alle großen ſittlichen Fragen, die Fragen der Liebe, Familienfragen, kurz, Fragen des Glücks ſind, auf ihm ruhen. Hätten wir, gleich den Orientalen, das Weib zu einer Art Thier und Sklaven erniedrigt; ſperrten wir ſie in ein Serail ein, und trügen wir den Schlüſ⸗ ſel zu ihrer Tugend in der Taſche; hätten wir, wenn wir von ihr hintergangen werden, das Recht, ohne Weiteres den Tod über ſie zu verhängen, ſo wäre es etwas ganz Anderes. Nun aber haben wir ihrer Seele, ihrer Intelli⸗ genz, ihrem Willen auch einigen Platz eingeräumt; 25² nun aber haben wir unſere Erxiſtenz, unſer Glück, ja ſelbſt unſere Ehre an die geringſte ihrer Launen ge⸗ knüpft; wir bringen ſie nicht um, wohl aber bringt ſie uns um, wohl aber richtet ſie uns zu Grunde, wohl aber treibt ſie uns in die Verbannung. Sie übt Einfluß auf das kommende Geſchlecht wie auf das vorangegangene, da ſie, als Mädchen, ihren Vater entehren kann; da ſie, als Frau, ihren Gatten ent⸗ ehren kann; da ſie, als Mutter, ihre Kinder entehren kann. Auf ſie alſo müſſen wir die Augen werfen; dieſe Quelle des ſittlichen Lebens müſſen wir alſo zu reinigen, und rein und friſch zu erhalten ſuchen. Warum haben wir gerade der Schwäche die Ge⸗ walt gegeben? Ohl Thoren, die wir ſind! Wir machen Revolutionen, um an die Stelle eines Königs einen andern, um an die Stelle eines Wortes ein anderes zu ſetzen, um, ſagen wir, keinen Tyrannen mehr zu haben, um endlich frei zu ſein, und laſſen uns bei unſerer Geſittung, ohne darauf Acht zu geben, ohne— ſo ſehr ſind wir daran ge⸗ wöhnt— es auch nur zu ahnen zu ſcheinen, die ent⸗ ſetzliche Tyrannei des Weibes gefallen, eine Tyrannei, die um ſo gefährlicher iſt, als ſie weder das Recht, noch die Vernunft, noch die Stärke für ſich hat. Unſere Projecte, unſere ſtolzeſten, ehrgeizigſten, hochfliegendſten Pläne, unſer Vermögen, unſer Glück — Alles hängt vom Weibe ab. Wie viele hohe und ſchöne Geſchicke ſind nicht plötzlich geſcheitert, getrieben von einer kleinen Hand, die eine Manneshand hätte ohne Mühe zerdrücken können. Es hat Gott, wie einer unſerer geiſtreich⸗ 25⁵3 ſten Schriftſteller ſich ausgedrückt hat, das Weib ge⸗ ſchaffen, auf daß der Mann nicht zu Großes unter⸗ nehme und thue. Um alſo auf unſern Gegenſtand zurückzukom⸗ men— denn es ſind Beiſpiele beſſer als Maximen — haben wir hier eine Mutter, Frau Pascal, vor uns, die eine vierzigjährige Tugend hinter ſich liegen hat; haben wir ferner einen jungen Mann, Felician, vor uns, der ſich in ſeinem vergangenen Leben auch nicht einen Vorwurf zu machen hat, und deſſen hei⸗ lige Hoffnung darin beſteht, daß er ſich dem Dienſte des Herrn und der Menſchheit werde weihen dürfen. Wohlan! zwiſchen dieſem Weibe und dieſem Manne, zwei Muſtern von Ehre und Tugend, ſteht ein Kind mitten inne, das der einen Tochter, dem andern Schweſter iſt,— ein Kind, unſchuldig und rein wie dieſe beiden, das aber ſeine Unſchuld und ſeine Rein⸗ heit vor den Verführungskünſten eines Mannes nicht zu ſchützen vermocht haben. Hier haben wir alſo drei Geſchicke, von denen zwei durchaus nicht verantwortlich ſein ſollten, da ſie in keiner Weiſe ſchuldig ſind;— hier haben wir alſo drei Geſchicke, die von der Ehrlichkeit eines Mannes und von dem Fehltritte eines Mädchens abhangen. WVeeijgert ſich Friedrich, Blanca zu heirathen, ſo iſt die Vergangenheit der Mutter befleckt, ſo iſt die Zukunft des Bruders vernichtet, ſo iſt Blanca's Leben für immer gebrandmarkt, und ſo iſt alſo in einigen Monaten— denn wir haben vielleicht noch nicht ge⸗ ſagt, wie groß das Unglück iſt, das dem Mädchen droht,— noch ein viertes Geſchöpf dem Unglück 254 verfallen, ein Geſchöpf, noch unſchuldiger als die andern, da es vom Himmel herniederſteigt, und vor Allem noch weniger verantwortlich, denn die genann⸗ ten. Es wird, wenn es auf die Welt kommt, weder eine Familie noch einen Namen haben, noch wird es⸗ vor der Welt, worein es tritt, irgend welche Achtung u erwarten haben, ſondern im Gegentheil die Laſt der Schuld ſeiner Mutter ewig zu tragen haben, und es wird die Geſellſchaft es verdammen. Was thut Blanca bei all' dem? Denkt ſie an alle dieſe Gefahren? Sieht ſie alle dieſe Gefahren voraus? Nein. Wir wiederholen es, ſie ſchläft, weil ſie auf das Wort ihres Liebhabers vertraut, ihrer Liebe gewiß, überzeugt, daß ſie geliebt wird, ſchuldig in den Augen der Welt, unſchuldig in ihren eigenen Augen, ſowie in denen Gottes; denn hat ſie geirrt, ſo hat ſie ehr⸗ lich geirrt, indem ſie dem Zuge ihres Herzens zu folgen glaubte. Und doch wäre der ein niederträchtiger Menſch, der Blanca anklagte, der ſie zur Rechenſchaft ziehen wollte wegen ihres Fehltritts, der ſie dafür ſtrafen wollte, der einen Stein auf ſie würfe; denn es hat Blanca ſich nur aus Unſchuld zu Grunde gerichtet; denn ſie wußte nicht, daß ein Mund lügen kann, ſie, die nie andere Seelen um ſich gehabt, als ehrliche; denn als ihr Liebhaber zu ihr geſprochen hat:„Ich liebe Dich!“ da hat ſie es geglaubt; denn ſie glaubt, denn ſie iſt überzeugt, daß ſie ſeine Frau wird. Nicht nur iſt alſo Blanca, auf der ſo ſchwere Verantwortlichkeit laſtet, an deren Unſchuld zwei Ge⸗ — ͤRK 25⁵ ſchicke, zwei Menſchen, zwei Leben hangen,— nicht nur iſt alſo Blanca von jedem Schrecken frei, ſondern ſie iſt ſogar glücklich und ſtolz auf das, was ſie zur Verzweiflung bringen ſollte. In ihrer Einſamkeit ruft ſie mit Freuden, ruft ſie leider mit nur zu gutem Grund aus:„Ich bin Mutter!“ Nun denke man ſich, es komme, während ſie ſich ſo freut, ein Brief von Friedrich, worin ihr gemel⸗ det wird, daß er abreist, ſowie daß ſie ihn nie mehr zu Geſicht bekommt,— einen Brief, der in ſolchen Lagen gar oft ſchon geſchrieben worden:— was kann ſie dann noch thun? Sie kann ſich umbringen, es bleibt ihr der Tod, jenes erſte Mittel der Verzweiflung, jenes letzte Mit⸗ tel der Ehre. Hat ſie ſo viel Stärke, daß ſie ſich dem Tode nicht in die Arme wirft, ſo ſieht ſie ſich zwiſchen die Geſellſchaft und Gott geſtellt. Die eine wird zu ihr ſagen: „Verheimliche Deinen Fehltritt, wenn Du darum auch ein Verbrechen begehen müßteſt: zerſtöre, was die Natur geſchaffen; bedecke Deine Vergangenheit mit einem Lächeln, ſo werde ich nichts ſagen.“ Der andere wird zu ihr ſprechen: „Du biſt Mutter, Du gehörſt Deinem Kinde, dem ſanften, ſchwächlichen Geſchöpfe, das nicht ver⸗ langt hat, auf die Welt zu kommen, und das Du kein Recht haſt, Deinen Vorurtheilen zu opfern. Du biſt Mutter, lieb' Dein Kind!“ Es bedarf nur einiger Worte, überbracht in Form eines Briefes, und Blanca befindet ſich in dieſer gräßlichen Lage. Dieß verhindert ſie indeſſen nicht, in Erwartung der Stunde ihrer Abreiſe noch zu lächeln. Robert beſucht ſie, bevor ſie fortgeht, und ſpricht zu ihr: „Sie ſcheinen recht glücklich, Fräulein Blanca?“ Und ſie antwortet: „In der That, Herr Robert, ich fühle mich heute unendlich glücklich.“ Nicht wahr, ein Weib muß recht rein ſein, um in ſolcher Lage eine ſolche Antwort geben zu können? Es war Blanca allein in dem Salon zu ebener Erde, als Robert, von Suſannen begleitet, hereintrat. Wie wir eben geſagt, ſo bemerkte der junge Mann die Freude, von der Fräulein Pascals Geſicht er⸗ leuchtet war; was wir aber nicht geſagt, iſt, daß er, als ſie ihm geantwortet hatte:„Ja, ich fühle mich heute unendlich glücklich,“ nichts darauf erwiderte und nicht ſogleich nach der Urſache dieſes Glückes fragte, das ſich ſo rückhaltslos offenbarte. Im Gegenſatz zu dem Mädchen ward Robert ſorgenvoll. Er ſetzte ſich in eine Ecke des Salons, wo er, den Kopf auf eine Hand ſtützend, Felicians Schweſter ſchweigend zu betrachten anfing. Unterdeſſen lief Suſanne zu Blanca hin, um ihr G geinen Kuß zu geben. 2 Blanca nahm die Kleine auf die Knie. Seitdem Robert in das Haus von Felicians Mutter kam, war mit ihm eine gewiſſe Veränderung vorgegangen. Er hatte ſich bemüht, in Vergeſſenheit zu brin⸗ gen, daß er ein Mann aus dem Volke, ein ſchlichter Arbeiter wäre; nicht daß er des Gewerbes ſich ge⸗ ſchämt hätte, dem er angehörte,— dazu dachte er zu 257 groß,— ſondern weil er begriffen hatte, daß man, je mehr er ſich der Stellung derer näherte, die ihn in ihrem Hauſe empfingen, ihn um ſo gerner empfan⸗ gen würde, obgleich Frau Pascal, deren Tochter und Felician keine Leute waren, die ſich viel mit dem Aeußern eines Menſchen beſchäftigten, ſobald ſie wußten, wie es mit dem Herzen deſſelben ſtand. Es war alſo Robert faſt ein Zierbengel gewor⸗ den. Er ordnete ſeine Haare ſorgfältig, zog ſein Halstuch nicht minder ſorgſam an, trug ein neues Wamms von zierlichem Schnitt, ein Hemd von fei⸗ ner Leinwand, ſchön gemachte Beinkleider und endlich Schuhe, die faſt fein zu nennen waren. Nimmer⸗ mehr hätte man geglaubt, daß ſeine Hände die Säge und den Hobel führten: ſo weiß waren ſie gewor⸗ den, da ſie doch bis daher wettergebräunt geweſen waren. Es hatte ſich dieſe Veränderung gleichſam inſtinct⸗ mäßig gemacht, faſt ohne daß Robert daran dachte. Wären nur Frau Pascal und Felician im Hauſe geweſen, ſo hätte dieſe Veränderung wohl noch lange auf ſich warten laſſen; vielleicht daß ſie gar nie ein⸗ getreten wäre; es fand aber Robert, daß man nie ſchön und elegant genug ſein könne, wenn man jener lebenden Vollkommenheit, Blanca genannt, nahe komme. Auch Suſanne hätte dieſe Metamorphoſe erfah⸗ fen, wenn ſie nicht, wie man bereits weiß, ſchon ſeit ganger Zeit das eleganteſte Kind in einem Umkreiſe von zwanzig Stunden geweſen wäre. Alles dieß war Blanca keineswegs entgangen; auch hatte ſie geahnt, daß ſie und ſonſt nichts die Dumas, d. J., drei ſtarke Männer. Urſache der Koketterie des jungen Mannes wäre. Sie hatte ihm dafür Dank gewußt; denn es haben er es die Weiber, ſelbſt ohne einem Hintergedanken dabei dern Raum zu geben, dieſe frivole Seite der Dank⸗ das barkeit. Es beſuchte Robert die Familie Pascal fleißig, Pas und ſeit den wenigen Tagen, daß er ſie kannte, hatte, ließ; Dank der Art und Weiſe, wie er ihre Bekanntſchaft ſie ſ gemacht, zwiſchen ihm und den Gliedern dieſer Fa⸗ war milie eine wirkliche Intimität Platz gegriffen. reiſe Es gibt in der That im Leben ſo unvorherge⸗ ſehene und ſo vollſtändige Ereigniſſe, daß ſie zwiſchen denen, die dabei betheiligt geweſen, eine Freundſchaft als begründen, die nicht herzlicher ſein könnte, wenn ſie jetzt zehr ſchon ſeit zwanzig Jahren beſtände. So oft aber auch Robert bei Frau Pascal und deren Tochter eingeſprochen hatte, ſo war er doch Tre nicht ſo oft gekommen, als er ſelbſt gewollt hätte. Gel Zuweilen blieb er, wenn er Felicians Haus ver⸗ kan laſſen, an der Thüre ſtehen, gleich als bereuete er nur es, ſo bald, das heißt, nach einem zwei⸗ bis drei⸗ aue ſtündigen Beſuche wieder weggegangen zu ſein. Oſt den war er noch an dem Abende des gleichen Tages bis an das Gitter hingegangen und war dann, ohne ſpr hineingegangen zu ſein, traurig wieder umgekehrt, ihr da ihm in dem Augenblicke, wo er den Griff der un daß es W Klingel erfaßte, der Gedanke gekommen war, recht unbeſcheiden wäre, an einem und demſelben,. Tage zwei Beſuche zu machen, ohne irgend welche’. S⸗ Veranlaſſung dazu zu haben. Um nun einen Vorwand zum Wiederkommen zu haben, war es ihm etliche Male begegnet, daß er m ohne ekehrt, ff der aß es ſelben welche” nen zu daß er 259 Suſannen bei Blanca ließ,— ein Kunſtgriff, dem er es verdankte, daß er eine weitere Stunde plau⸗ dern durfte, wenn er Abends wieder erſchien, um das Kind abzuholen. Es konnte alſo nicht fehlen, daß er Fräulein Pascal Lebewohl ſagte, bevor dieſelbe das Dorf ver⸗ ließ; nur hatte er ſich nicht darauf gefaßt gemacht, ſie ſo luſtig zu finden, obgleich es ganz natürlich war, daß es ihr Freude machte, zu ihrem Bruder reiſen zu können. Allerdings rührte ihre Freude nicht davon her. Und doch hätte ſie, da ſie ſo traurig geweſen, als Friedrich nach Paris gereist war, Urſache gehabt, jetzt traurig zu ſein, da ſie ihn wenigſtens auf vier⸗ zehn Tage verließ. Aber nein, ſie kannte die Urſache dieſer neuen Trennung, während ſie die Urſache der Abreiſe ihres Geliebten nicht kannte. Sobald Friedrich wieder kam, bewies er, daß er ſie nicht verlaſſen wollte; nun aber war er wieder gekommen; folglich war ſie auch gewiß, daß ſie ihn bei ihrer Rückkehr noch fin⸗ den würde. „Wir kommen, um Dir Lebewohl zu ſagen,“ ſprach Suſanne mit ihrer lieblichen Kinderſtimme, ihre Aermchen um den Hals des Mädchens werfend und einen tüchtigen, recht roſigen Schmatz auf die Wange ihrer lieben Blanca drückend. „Es thut mir recht leid, daß Du gehſt,“ ſetzte Suſanne hinzu. „Warum, liebe Kleine?“ „Weil ich Dich recht liebe und ich Dich nun nicht mehr ſehen werde, und dann auch, weil auch Robert Dich recht liebt, und weil es ihn ſchmerzt, Dich nicht mehr zu ſehen.“ Blanca ſchaute den jungen Mann lächelnd an. Robert wurde feuerroth. „Es hat Suſanne Recht,“ ſprach er,„es ſchmerzt mich, nicht mehr in dieſes Haus kommen zu können, wo ich von Frau Pascal, ſowie von Ihnen, mein Fräulein, ſo gut aufgenommen werde. Wir, die wir keine Familie haben, ſind ſo glücklich, wenn man die Güte hat, uns aufzunehmen und uns ein bis⸗ chen zu lieben!“ „Aber wir kommen ja bald wieder, Herr Robert, und hoffentlich werden Sie uns dann recht oft wie⸗ der beſuchen.“ „Ja, mein Fräulein, wenn Sie es gütigſt er⸗ lauben.“ 4 Robert ſchwieg und fuhr fort, Blanca zu betrach⸗ ten, die mit Suſannen ſpielte. Mit einem Male ſtand er auf und murmelte, mit der Hand über die Stirn fahrend, die Worte: „Ich bin ein Narr!“ Und zu dem Fenſter hingehend, ſchaute er in den Garten hinaus. Es hatte Blanca die Geberde des jungen Man⸗ nes wahrgenommen und hatte zugleich auch die von ihm geſprochenen Worte faſt gehört. Sie ſtellte Suſannen auf den Boden und ging, ſich gleichfalls erhebend, zu Robert hin: „Was iſt Ihnen denn, Herr Robert,“ ſprach ſie zu ihm.„Sie ſcheinen unter einem Kummer zu leiden?“ „Ganz und gar nicht, mein Fräulein.“ 261 „Sie ſind aber traurig. Kommen Sie, erzählen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben; vielleicht daß ich Sie tröſten kann.“ „Erzählen Sie mir lieber, warum Sie ſo luſtig ſind, mein Fräulein,“ antwortete Robert.„Es wird dieß das beſte Mittel ſein, mich zu tröſten, wenn ich Troſt brauche.“ „Lieber Bruder, darf ich ein bischen im Garten ſpielen?“ fragte Suſanne, ihre Händchen und ihr blondes Köpfchen Robert entgegenſtreckend, gleich als halte ſie ſich verſichert, ſie werde das Verlangte um ſo leichter erhalten, wenn ſie ihrem Verlangen eine Liebkoſung beifüge. „Ja, Kind, ſpiel, wo Du willſt,“ ſprach Blanca, Suſannen die Salonthüre ſelbſt öffnend und dem Kinde einen Kuß gebend. Rachdem dieß geſchehen war, kam ſie wieder zum Fenſter her, um ſich, gleich Robert, mit dem Elbo⸗ gen darauf zu ſtützen, ohne aber auf die an ſie ge⸗ ſtellte Frage zu antworten, oder, richtiger geſagt, dem Wunſche zu entſprechen, den er ihr bezeigt, und wel⸗ cher darin beſtand, daß ſie ihm die Urſache ihrer Freude mittheilen möchte. Es kam dieß faſt einem Geſtändniß gleich, daß dieſe Urſache eine myſteriöſe Seite habe. Dieß ſteigerte Roberts Neugierde nur noch mehr, nicht etwa weil er in gewöhnlicher Weiſe neugierig war, ſondern weil es ihm inſtinctmäßig ſchien, es gehe das ihn an, was er wiſſen wollte; und dann ſagte ihm auch etwas, daß in Blanca's Freude ein Kummer für ihn liege, und fühlt der Menſch ſich wider Willen ſtets getrieben, das zu erforſchen, was ihm in irgend einer Weiſe Schmerz bereiten kann. Blanca antwortete ihm keineswegs darum nicht, weil ſie etwa zerſtreut war, ſondern weil ſie nach⸗ dachte und ſich fragte, was ſie antworten ſolle. Nun aber gibt es Geheimniſſe, die ein Weib bei dem Bedürfniß, das ſie in ſich trägt, an Andern eine Stütze zu ſuchen und ihnen mitzutheilen, was ſie drückt, nicht lange in ihres Herzens Grund ver⸗ ſchloſſen halten kann; ſie kann es ſelbſt dann nicht, wenn dieſe Geheimniſſe die ernſteſten Dinge und Lagen des Lebens betreffen. In ſolchen Fällen iſt die Freude eine ſchlechte Rathgeberin; denn es iſt dieſelbe ihrer Natur nach expanſiv und bringt allerlei Geſtändniſſe auf die Lippen, ohne daß die, welche ſie ablegt, begreifen kann, wie ſie dahin gekommen ſind. Nachdem Blanca einige Augenblicke geſchwiegen und nachgedacht, blickte ſie Robert ſcharf an, gleich als wolle ſie ſich noch ein Mal verſichern, ob ſie es mit einem ehrlichen Manne zu thun habe, der nicht im Stande ſei, ſie zu verrathen, wenn ſie ihm ein Geheimniß anvertraue. „Ja, ich bin glücklich,“ antwortete ſie,„und ich muß dieß Jemand ſagen; denn man kann die Freude nur ſchwer ganz allein tragen. Und nur Ihnen allein kann ich ſagen, warum ich glücklich bin; denn Sie ſind mein Freund: nicht wahr, Herr Robert?“ „Hoffentlich zweifeln Sie daran nicht, mein Fräulein,“ antwortete der junge Mann;„und hätten Sie, anſtatt der Freude, einen Kummer, der Sie plagte, und könnte mein Leben Ihnen zu etwas nütze 2 e 263 ſein, ſo denke ich, daß Sie keinen Anſtand nehmen würden, daſſelbe von mir zu fordern; denn was mich betrifft, ſo würde ich keinen Augenblick anſtehen, es Ihnen, und zwar lächelnd, zum Opfer zu bringen. Habe ich Ihnen das nicht ſchon ein Mal geſagt? Meine Geſinnung iſt immer noch dieſelbe.“ „Ja, Herr Robert, ja, ich weiß, daß Sie mich lieben, wie Sie nur Suſannen lieben, und bin Ihnen recht dankbar für dieſe liebe, offene Freundſchaft, die ſo geſchwind entſtanden iſt und hoffentlich recht lange dauern wird. „Ich würde es daher auch als eine ſchlechte Handlung anſehen, wenn ich Ihnen die Urſache eines mir werdenden Glückes verbärge, ſobald Sie dieſelbe wiſſen wollen, und ich gewiß bin, daß ſie in Ihrem Herzen noch tiefer begraben iſt, als in dem meinigen. „Was ich Ihnen nun ſagen werde, weiß Nie⸗ mand; auch wird es außer Ihnen vor vierzehn Tagen Niemand erfahren. Ich heirathe, Herr Robert.“ Der junge Mann wurde marmorblaß, ſo blaß, daß Blanca es bemerkte und zu ihm ſprach: „Was iſt Ihnen denn?“ „Oh, nichts,“ antwortete Robert ruhig. „Sie ſind ja ganz bleich!“ „Ja, es drängt ſich bei mir alles Blut nach dem Herzen hin, wie einſt bei meinem Vater, der an einer Pulsadergeſchwulſt geſtorben iſt. Von Zeit zu Zeit, und ohne daß ein beſonderer Grund vorliegt, fühle ich, wie ich erblaſſe.“ „Sie müſſen etwas gebrauchen.“ „Ohl was liegt daran, ob ich an dieſer oder jener Krankheit ſterbe?“ 264 Und Robert, der da fühlte, daß er, nicht in Folge eines phyſiſchen Schmerzes, wie er eben geſagt, wohl aber in Folge des eben Gehörten faſt erſtickte, ging etliche Male im Zimmer auf und ab und führte die Hand von ſeinem vollen Herzen nach den Augen, die ſich mit Thränen füllen wollten. Bei kräftigen Conſtitutionen ſind die Symptome moraliſcher Schmerzen faſt die gleichen wie bei Kin⸗ dern. Es iſt die Natur voll von ſolchen Ausglei⸗ chungen. Blanca ſchaute Robert erſtaunt, ja beſorgnißer⸗ füllt an; denn ſie nahm den ihr gegebenen Grund ernſt. Indeſſen wurde er ſeiner tiefen Gemüthsbewe⸗ gung Herr und fuhr, ſich ihr wieder nähernd, alſo fort: „Halten Sie mir die Frage zu gut; aber wie kommt es, daß Ihr Herr Bruder und Frau Pascal eine Sache von ſolcher Wichtigkeit nicht wiſſen, wäh⸗ rend Sie ſelbſt ſie wiſſen?“ „Eben darin beſteht das Geheimniß,“ antwortete Blanca,„und darum iſt Verſchwiegenheit nöthig.“ Blanca konnte ſich nicht enthalten, bei den erſten Worten dieſes Geſtändniſſes zu erröthen. „Sie heirathen alſo einen Mann, den Sie lieben?“ fragte Robert zitternd und mit jenem eigenthümlich herben Gefühle der Wolluſt, womit ein Verwundeter ſeine Wunde aufkratzt. „Ja.“ „Und es iſt dieſer Mann noch jung?“ „Er iſt dreißig.“ „Ohne Zweifel auch reich?“ au hal liel mei 265 „Ja, aber es hat dieſer Umſtand keinen Einfluß auf meine Liebe.“ „Sie lieben ihn alſo?...“ Blanca machte ein Zeichen der Bejahung. „Und er liebt Sie?“ „Ja.“ „Hat er Ihnen, bevor er um Ihre Hand ange⸗ halten, den Hof gemacht?“ 97 hat zuerſt ſich verſichern wollen, ob ich ihn jebe.“ „Er muß alſo ein Freund Ihrer Familie ſein?“ „Nein. Es kennt ihn weder meine Mutter, noch mein Bruder.“ Erſtaunt ſchaute Robert Blanca an. „Wie kommt es dann,“ fragte er weiter,„daß Sie ihn kennen, mein Fräulein?“ Blanca erröthete und fing ſchon an, zu bereuen, daß ſie ihm überhaupt etwas geſagt. Sie hatte geglaubt, daß ſie würde Robert mit den Worten abſpeiſen können:„Ich heirathe einen Mann, der mich liebt, und den ich liebe.“ Hätte aber Robert damit ſich begnügen ſollen, ſo hätte er für Blanca nicht fühlen müſſen, was er für ſie fühlte. Die Verlegenheit des Mädchens ge⸗ wahrend, hob er alſo wieder an: „Wie kommt es, daß Sie ihn kennen, mein Fräulein?“ „Ich habe ſeine Bekannſchaft zufällig gemacht,“ ſtotterte Blanca. „Und Sie haben mit dieſem Manne geſprochen?“ „Ein paar Mal, Herr Robert,“ antwortete ſie, da ſie mit der vollen Wahrheit nicht herausrücken 266 wollte, und ſuchte mit allerlei Ausflüchten ſich zu helfen; allein ſie hatte es mit einem Ehrenmanne zu thun, der eben inne geworden war, daß er aus Liebe ſein Leben für ſie hingeben könne, und der, plötzlich ahnend, es möchte die Freude dieſes uner⸗ fahrenen Mädchens ein Unglück bergen, nun Alles wiſſen wollte, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß das, was er erfuhr, ihm das Herz brach. „Sie haben ihn alſo nur ein paar Mal geſehen,“ fuhr er fort,„und doch wußtet ihr dann ſchon, daß ihr einander liebtet und beſchloſſet, euch ehelich zu verbinden?“ „Ja, Herr Robert,“ antwortete Blanca faſt in dem flehenden Tone einer Frau, die nicht weiter ausgefragt ſein will. „Das iſt wahrlich raſch gegangen, allzu raſch,“ fuhr Robert fort, ohne die Augen von ihr abzuwen⸗ den;„es heißt dieß ſeine Liebe und Zukunft gar ge⸗ ſchwind verpfänden.“ „Ohl ich bin gewiß, daß er mich liebt!“ beeilte ſich Blanca hinzuzuſetzen. „Allerdings braucht man Sie nicht oft zu ſehen, um Sie zu lieben, mein Fräulein; dennoch iſt es, ich wiederhole es Ihnen, recht unklug, ſeine Liebe und ſeine Hand einem Mann zu ſchenken, den man nur etliche Mal geſehen hat. Vielleicht haben Sie ihn auch öfter geſehen?“ „Ja, in der That, ich habe ihn öfter geſehen.“ „Aber wo ſahen Sie ihn denn, da doch Ihre Mutter und Ihr Bruder ihn nicht kennen?“ Blanca verſuchte es abermals, Robert zu täuſchen; 267 aber es verſtand ſich das arme Kind nicht auf's Lügen. „Ich pflegte ihn in der Kirche zu ſehen.“ „Und dort ſprach er dann mit Ihnen? Wie griff er das an, da doch Frau Pascal Ihnen nie von der Seite kam?“ „Und doch pflegte ich ihn dort zu ſehen.“ Robert machte eine Bewegung. „Und auch bei Freunden,“ ſetzte das Mädchen plötzlich hinzu, doch ohne daß ſie den Arbeiter anzu⸗ ſehen wagte. „Sie verſtehen ſich auf's Lügen nicht, ich ſehe es ſchon.“ „Ich lüge nicht.“ „Doch, doch!“ erwiderte er in feſtem Tone,„denn hier, hier pflegen Sie dieſen Menſchen zu ſehen.“ „Wie wiſſen Sie das?“. „Sie ſehen, armes Kind, daß Sie ſich auf's Lü⸗ gen nicht verſtehen.“ „Und nun Blanca,“ fuhr Robert, Fräulein Pas⸗ cals Hand erfaſſend, fort,„müſſen Sie mir die ganze Wäahrheit ſagen.“ „Oh, nie!“ „Sie müſſen es,“ rief Robert, noch bläſſer. „Sie machen mir Furcht,“ ſprach Blanca er⸗ ſchrocken;„fragen Sie mich nicht weiter, ich bitte Sie.“ „Hören Sie, mein Fräulein,“ antwortete Robert bewegt, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, „Sie ſelbſt haben zuerſt zu dieſer Mittheilung Anlaß gegeben, um die ich Sie nicht gebeten hatte; Sie können nun nicht mehr zurück; ſagen Sie mir, in 268 des Himmels Namen, Alles, ſonſt erzähle ich Ihrer Mutter, was ich weiß.“ „Das dürfen Sie nicht thun: Sie haben mir ja Verſchwiegenheit geſchworen.“ „Unter der Bedingung, daß Sie mir die ganze Wahrheit ſagen würden.“ „Nun, ſo will ich Ihnen Alles ſagen; Sie müſſen aber ſchweigen können.“. „Ich ſchwöre es Ihnen. Sprechen Sie!“ „Nein, jetzt noch nicht, Herr Robert.“ „Was Sie ſo freudig ſtimmte, iſt alſo recht uner⸗ freulich?“ fragte Robert leiſe.„Oh, Blanca! Blanca! ich ahne ein Unglück. Der Mann, der Sie beſchwatzt, iſt ein Elender.“ „Was ſagen Sie da? Du, mein Gott!“ „Nun Blanca, ſprechen Sie zu mir, wie Sie zu Gott ſprechen würden: ich gelobe Ihnen nochmals, daß Niemand das Geheimniß erfahren ſoll, das Sie in meinen Buſen niederlegen; aber ſprechen Sie, ſonſt laſſen Sie mich ein Unglück, einen Fehltritt ahnen, noch größer vielleicht, als ſie in Wahrheit ſind.“ „Ich habe etwas auf dem Gewiſſen, Herr Ro⸗ bert,“ bemerkte Blanca, welche die Thränen nicht zurückzuhalten vermochte. „Sage ich denn das, mein Kind, und habe ich zudem ein Recht, ſolches zu ſagen? Ich bin Ihr Freund, Ihr Bruder, nicht Ihr Richter. „Werden Sie wieder ruhiger, antworten Sie mir unumwunden; vor Allem aber weinen Sie nicht, ich bitte Sie darum. Wollen Sie mir antworten?“ „Ja, Herr Robert; fragen Sie nur weiter.“ Ver ſo will denn brac wür zwa Rec den Wer nur den, dere ſpra 269 „Sie haben dieſen Mann hier empfangen?“ „Ia.“ „Auf Ihrem Zimmer?“ Nie.“ „Alſo im Garten?“ „Ja. 7 „Wohl Abends.“ „Ja, Abends.“ Robert zögerte einige Augenblicke, bevor er dieſes Verhör fortſetzte. Man hätte gar leicht ſehen können, daß er eben ſo ſehr um ſeiner ſelbſt, als um des Mädchens willen einigen Anſtand nahm, ſie weiter auszufragen; denn jeder Schritt, der ihn der Wahrheit näher brachte, war ihm eine neue Marter. Einen Augenblick hoffte Blanca, daß er es dabei würde bewenden laſſen; indeſſen hob er vorſichtig zwar, aber doch muthig, alſo wieder an: „Sie dürfen mir Alles ſagen, mir, der ich keinerlei Recht habe, Ihnen Vorwürfe zu machen, mein Kind; denn ich bin weder Ihr Gatte, noch Ihr Bruder. Wenn ich Sie daher weiter frage, ſo geſchieht es nur zu ihrem Beſten; was Sie mir aber ſagen wer⸗ den, ſoll, ich verſichere es Ihnen nochmals, für An⸗ dere nicht vorhanden ſein. „Sie haben dieſen Mann alsbald geliebt?“ „Ja. Es waren mir die Worte, die er zu mir ſprach, ſo neu!“ „Und Sie haben ihm Ihre Liebe geſtanden?“ „Ja.“ „Und... „Oh, genug, genug, Herr Robert! ich bitte Sie 270 inſtändig,“ rief Blanca, dem jungen Manne zu Füßen fallend. Und alſo ſprechend, verbarg Blanca den Kopf in beiden Händen. Es hatte zwar Robert viel ausgeſtanden, als ſeine Eltern ſtarben, da er ſie liebte, wie alle großen Herzen zu lieben pflegen; nie aber hatte er ausge⸗ ſtanden, was er jetzt ausſtand. „Wer weiß, ob das Unglück nicht noch größer iſt?“ murmelte er. Dann ſetzte er lauter hinzu: „Sie gehören alſo dieſem Manne?“ „Das habe ich nicht geſagt.“ Robert hoffte, ſich getäuſcht zu haben. „Iſt, was Sie da ſagen, wahr, Blanca?“ rief er, ſie aufhebend und ihre Hände erfaſſend.„Oh! ſagen Sie mir, daß Sie dieſem Manne nicht ge⸗ hören.“ Blanca ſchwieg: ſie vergoß ſtille Thränen. „Dieſe Heirath iſt alſo nur eine Ehrenrettung?“ fragte Robert mit ſchwacher Stimme und ſich auf einen Stuhl niederfallen laſſend; denn er hatte nicht mehr ſo viel Kraft, um ſich auf den Beinen halten zu können. „Ohl er liebt mich; er hat mir heilig und theuer geſchworen, daß er mich heirathen werde.“ „O Kind!“ „Sie zweifeln daran?“ „Ohl nun zweifle ich an Allem!“ „Sie machen mir da einen Vorwurf, und doch hatten Sie verſprochen, mir keinen zu machen!“ „Ich bitte Sie um Verzeihung. Dieſen Mann lieben Sie alſo?“ 271 zu„Meine Liebe iſt meine alleinige Entſchuldigung, Robert!“ f in„Wenn er Sie aber liebt, warum heirathet er Sie dann nicht auf der Stelle?“ als„Oh, was ihn unſere Heirath hinausſchieben ßen läßt, iſt im Grunde ein gutes Gefühl. Er will, Sge⸗ daß mein Bruder uns traue, und mag in dieſem Augenblicke Felician nicht von ſeinen Gelübden und ößer der Religion abziehen. „Er hat mir aber verſprochen, daß er ihm Alles bekennen wolle, ſobald Felician zum Prieſter geweiht ſei, damit dieſer als Chriſt verzeihen müſſe, was er als Bruder vielleicht nie verzeihen würde.“ rief„Gut, Blanca,“ antwortete Robert, der, um ath⸗ Oh! men zu können, die Hand gegen die Bruſt drücken ge⸗ mußte;„vielleicht iſt dieſer Mann doch ehrlich. Aber ſchwören Sie mir...“ „Was?“ g2“„Daß Sie, wenn dieſer Mann, bevor Herr Fe⸗ auf lician Prieſter iſt, ſein Wort zurücknimmt, mir ſeinen icht Namen ſagen und weder mit Ihrem Bruder, noch lten Frau Pascal über die Sache ſprechen wollen, die Sie mir eben mitgetheilt.“ euer„Warum dieſen Schwur? Und was werden Sie thun, wenn Sie ſeinen Namen kennen?“ „Glauben Sie an meine Freundſchaft und an meine Ehre?“ „Blind.“ doch„Was kann Ihnen alſo dann an dem, was ich thun werde, liegen?“ ann„Nun, ich verſpreche Ihnen, daß ich Ihnen dieſen 272 Namen ſagen will, wenn das, was Sie fürchten, ge⸗ ſchieht.“ Robert bot dem Mädchen die Hand hin mit den Worten: „Trocknen Sie Ihre Augen ab: es kann Ihre Mutter jeden Augenblick herunterkommen, und es darf dieſelbe ſchlechterdings nicht wiſſen, warum Sie geweint haben.“ Robert machte eine Bewegung, welche anzeigte, daß er nun gehen wolle; Blanca aber hielt ihn zurück. „Sie verachten mich nun?“ ſprach ſie zu ihm. „Sie verachten, Blanca, Sie!“ rief der junge Mann.„O nein, o nein!“ Und den Kopf der kleinen Suſanne in beide Hände nehmend, küßte er denſelben kräftig und ent⸗ fernte ſich raſch, um Blanca nicht das Schauſpiel der ſeltſamen Gemüthsbewegung zu geben, die ihn faſt nicht mehr athmen ließ. Sodann nahm er Suſannen auf einen Arm, ver⸗ ließ Frau Pascals Haus und lief wie ein Wahnſin⸗ niger nach ſeiner Wohnung. Dort angekommen, ließ er ſich auf ſein Bett nie⸗ derfallen und rief, ſeinen Thränen freien Lauf laſ⸗ ſend, aus: „Liebes Suſannchen, liebes Schweſterchen, ich bin recht, recht unglücklich!“ Das Kind verbarg den Kopf im Buſen des Bru⸗ ders und fing, die großen Thränen gewahrend, welche deſſen Augen entſtürzten, gleichfalls zu weinen an. he 273 Zwanzigſtes Kapitel. Suſanne. Als Blanca allein war und ihr einfiel, was ſie Robert vertraut, war ſie ganz entſetzt und fragte ſich, wie ſolches gekommen. Gewohnt, in Allem nur ihrem Gewiſſen zu fol⸗ gen, hatte ſie weder ihre Freude, noch ihren Fehl⸗ tritt zu verbergen vermocht; auch hätte ſie jedem Andern geſtanden, was ſie Suſannens Bruder eben mitgetheilt. Nur wäre dieſes Geſtändniß, wenn ſie es einem Andern als Robert abgelegt hätte, für Blanca ein Unglück geweſen, während ſie den jungen Mann ſo gut kannte, daß ſie ſich verſichert halten konnte, es werde derſelbe auch nicht eine Sylbe von dem Ge⸗ heimniſſe verrathen, deſſen furchtbare Wichtigkeit ſie nun zu fühlen anfing. 3 Aus der Wirkung, welche dieſe Mittheilung auf Robert, das heißt, auf einen Fremden hervorgebracht (denn ſie kannte die Gefühle, welche der Arbeiter in Wahrheit für ſie hegte, nicht), erſah Blanca, welch' gräßlicher Kummer und welch' entſetzliches Loos ſie ihrem Bruder und ihrer Mutter bereitet haben würde, wenn ſie von jenem oder dieſer einmal überraſcht worden wäre. Indem ſie alſo einen Vertrauten gewann, brauchte ſie nur noch die Hälfte eines ſchwer auf ihr laſten⸗ den Gedankens zu tragen, und dann begriff ſie nun auch, daß Felician und Frau Pascal dieſer Theil Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 18 274 ihrer Vergangenheit ſchlechterdings verborgen bleiben müſſe, bis zu dem Augenblicke, wo ſie den Mund öffnen konnte. Ein weiterer Gedanke beruhigte und überzeugte Blanca vollends, daß es ein Glück für ſie ſei, einen ehrlichen Mann gefunden zu haben, in deſſen Buſen ſie ihr Geheimniß habe begraben können. Sie ſah in Robert noch mehr, denn einen Vertrauten, ſie ſah in ihm eine Stütze, und ſtieß ihr ein Unglück zu, ſo meinte ſie halb und halb zu dem jungen Manne ſagen zu dürfen:„An Ihnen iſt es nun, mich zu retten.“ Auch war ſie inſtinctmäßig überzeugt, daß derſelbe ſie retten würde. Indeſſen erſchütterten die Befürchtungen, die Robert in Betreff der Zukunft an den Tag gelegt, und hinſichtlich welcher er von dem Mädchen einen Schwur gefordert, das Vertrauen Blanca's zu Fried⸗ rich einigermaßen, da dieſelben ihr zeigten, an welch' dünnem Fädchen ihre Ehre hing. Gerne hätte ſie alſo mit ihrem Liebhaber noch ein Mal geſprochen, um ſich an deſſen Worten ein wenig zu ſtärken; aber ſie reiste ſchon in zwei Stun⸗ den weg und wußte keinen Weg, zu Friedrich zu kommen oder demſelben zu ſchreiben, ohne daß ſie ſich compromittirt hätte. Sie mußte ſich daher eben damit begnügen, daß ſie die Verſprechungen ſich vergegenwärtigte, die ſie von dem Grafen erhalten, und mußte ihre Hoffnung an ihre Erinnerungen knüpfen, ſo gut es eben gehen mochte. Als Frau Pascal zu ihrer Tochter hinunterkam, hatte dieſe die nöthige Zeit gehabt, wieder ruhiger eiben tund augte linen zuſen ſah ſah u, ſo anne h zu daß die -legt, einen rried⸗ velch' noch ein Stun⸗ h zu ß ſie daß ie ſie nung gehen kkam, higer 275 zu werden; ihre Mutter konnte alſo auch nicht ahnen, was Statt gefunden. Gleichwohl erregte es einiger⸗ maßen ihr Staunen, daß Robert ſie und Blanca nicht noch ein Mal beſucht, bevor ſie abreisten. Blanca aber, die lediglich keinen Grund hatte, den Beſuch des jungen Mannes ihrer Mutter zu verheimlichen, theilte ihr mit, daß er da geweſen wäre und ihr den Auftrag gegeben hätte, ihr in ſei⸗ nem Namen eine glückliche Reiſe zu wünſchen. Weiter oben haben wir bereits geſagt, daß das Herz des Weibes voller Vertrauen ſei; wir müſſen dieß hier wiederholen. Je länger ſie über die Scene vom Morgen nach⸗ dachte, um ſo inniger dankte Blanca Gott, daß er Gelegenheit dazu gegeben: hatte ſie doch nun eine zweifache Stütze, und fühlte ſie doch, daß, wenn die eine ihr fehlte, die andere wenigſtens ihr ſicher war. Gegen drei Uhr reiste ſie mit ihrer Mutter nach Niort ab. Es hatte Robert dem Verlangen, ſie noch ein Mal zu ſehen, nicht widerſtehen können. In dem Augenblicke, wo ſie in den Wagen ſteigen wollte, erſchien er und ſagte, Frau Pascal herzlich die Hand drückend, er habe ſie am Morgen nicht ſtören wollen und ſei gekommen, um ſie im Augenblicke ihrer Ab⸗ reiſe noch zu bitten, daß ſie Felician ſeiner lebhafte⸗ ſten Sympathien auf's Neue verſichern möchte. Mit dem Mädchen wechſelte er ein Zeichen, das ſie allein verſtehen konnte, und das für ſie ein neues Pfand ſeiner Hingebung und Verſchwiegenheit war. Der Wagen fuhr weg. Noch an demſelben Abende kamen die beiden 276 Frauen zu Niort an, wo Felician ſich ihnen in die Arme warf. „Ich bin unendlich glücklich, Mutter,“ das waren die erſten Worte, die der junge Mann zu Frau Pascal ſprach, als er dieſe nebſt Blanca im Sprechzimmer empfing. Das Mädchen ſchaute umher. Die ſtille Strenge der langen Gänge, welche der Tritt eines Zöglings dann und wann ſtörte; die hallenden Gewölbe, deren Echo das Gebet allein be⸗ ſchäftigen durfte; die großen weißen Wände, an denen in gewiſſen Entfernungen immer ein großes Chriſtusbild von Ebenholz oder Elfenbein zu ſehen war; die an der Wand angebrachten Sitze von po⸗ lirtem Holz; die zwiſchen den Arcaden hangenden eiſernen Lampen, ſowie endlich das klöſterliche Leben, das ihr in der ganzen Strenge ſeiner Pflichten er⸗ ſchien: alles das verſenkte Felician's Schweſter in tiefe Träumerei; denn möglicher Weiſe harrte in der Zukunft auch ihrer das Kloſter. Daher ſprach ſie auch bei ſich ſelbſt: „Ja, es muß das Kloſter eine liebliche Zufluchts⸗ ſtätte ſein für den, der aus Neigung darein tritt; in der erſten Zeit aber muß man ſich dort recht un⸗ behaglich fühlen, wenn es die Reue iſt, die Einen hineinführt. Ja, glücklich muß derjenige hier ſein, der, wie mein Bruder, nur den reinen Ehrgeiz reli⸗ giöſer Studien und nur die ſtillen Wünſche eines gottgeweihten Herzens gekannt hat. „Hat man aber einen Augenblick an die andern Glückſeligkeiten dieſer Welt geglaubt; hat man ſie in das Herz eindringen laſſen, und hat man ſie gleich t un⸗ Einen ſein, reli⸗ eines indern ſie in gleich 277 Dieben fliehen ſehen, die alle Illuſionen mit fort⸗ nehmen und Einen in der Einöde der Erinnerungen und der Gefühle allein laſſen; iſt nur das Gebet noch die Zuflucht eines Fehltritts, ja, dann muß es peinliche Stunden geben für die, welche ſich dort verber⸗ gen will und der wider ihren Willen ein Strahl ihres früheren Lebens dahin nachfolgt. Ohne Zweifel iſt der Kampf ein langer zwiſchen dieſer vielfordernden Vergangenheit und dieſer ruhigen Zukunft. Aber es trägt Gott am Ende den Sieg davon und es tröſtet derſelbe in ſeiner unendlichen Gnade die, welche wahre Reue fühlt, über die Vergangenheit, oder macht er ſie wenigſtens gleichgültig dagegen.“ „Woran denkſt Du, Blanca?“ fragte Felician ſeine Schweſter, denn es war die Befangenheit des Mädchens leicht wahrzunehmen. „An Alles, was Einem auffällt, lieber Bruder, wenn man zum erſten Male an einen Ort kommt wie dieſer iſt.“ Felician führte ſeine Mutter und Blanca in den langen Gängen, in den ungeheuren Sälen, auf den ſtillen Treppen des gottgeweihten Hauſes herum. Von Zeit zu Zeit begegnete er einem ſeiner Mit⸗ zöglinge, der ihn mit einer Kopfverbeugung begrüßte; Blanca aber blickte mit einiger Neugierde und einer gewiſſen Theilnahme die jungen Männer an, welche die Thüre ihres Herzens den Dingen dieſer Welt verſchloſſen hatten. Indeſſen erröthete einer dieſer Zög⸗ linge, als er das Mädchen ſah; und kaum war er an ihr vorüber, ſo kehrte er ſich wieder um, um ſie noch ein Mal anzuſchauen, bis er endlich an der Ecke des Ganges verſchwand. ——— 278 Wer kann ſagen, welche Gedanken dieſer zwan⸗ zigjährige, ſchwarzäugige, rothlippige Jüngling mit⸗ nahm, der ſich der Kirche weihen wollte und ſchon zuſammenfuhr, wenn er ein Frauengewand rauſchen hörte! Im Uebrigen iſt es ja wohlbekannt, daß ohne Kampf auch kein Sieg iſt. Frau Pascal und ihre Tochter blieben bei Feli⸗ cian bis zu der Stunde, wo das Hauptmahl einge⸗ nommen wurde, worauf ſie ſich von ihm beurlaubten mit dem Verſprechen, daß ſie an dem darauf folgen⸗ den Tage wieder kommen würden. Beide gingen wieder in ihr Gaſthaus zurück, die Eine, froh, daß ſie ihren Sohn glücklich geſehen, die Andere, ganz erfüllt von neuen und ſogar traurigen Gedanken; denn läßt man die, ſo man liebt, zurück, ſo iſt nichts trauriger, als ſolche Gaſthauszimmer mit ihren kalten Wänden und ihrem ungewohnten Anblick, — als ſolche Gaſthauszimmer, wo man kaum leben zu können ſcheint, wo man ſich von Leuten umgeben fühlt, die ſich weder mit Einem freuen, noch mit Einem trauern, und die nur eine vorübergehende Freundſchaft für Einen haben, welche ſie zu einem ge⸗ wiſſen Preiſe verkaufen, mit dem Ueberziehen des Bettes zuerſt offenbaren und mit dem Abziehen des Bettes wieder vergeſſen. Man wird mir nun zwar entgegenhalten, es ſie ihre Mutter bei ſich gehabt. Gewiß liebte Blanca ihre Mutter, und doch wäre es ihr lieber geweſen, in dieſem Wirthshauszimmer allein zu ſein; denn wäre ſie allein geweſen, ſo hätte habe Blanca ſich nicht in ſolcher Lage befunden, da 279 ſie allen ihren Gedanken Audienz geben und in einen Brief das Uebermaß der Traurigkeit ausſchütten kön⸗ nen, das ſie in die Tiefe ihres Herzens zurückdrän⸗ gen mußte, und das ſie auf Augenblicke dem Erſticken nahe brachte, während ſie im Gegentheile Alles an⸗ hören mußte, was ihre Mutter ſagte, lauter Dinge, für die ſie unter andern Umſtänden wenigſtens jenes ehrerbietige Intereſſe an den Tag gelegt hätte, das Kinder, welche ihre Mutter lieben, den Worten der letzteren ſchulden, ſo geringfügig dieſe immer ſcheinen mögen, worauf aber Blanca unter den jetzigen Um⸗ ſtänden lieber nicht geantwortet hätte. Bis zehn Uhr Abends ſprach Frau Pascal mit Blanca von Felician, und Blanca hörte es zwar, horchte aber nicht auf. Blanca ſchlief nicht. Sie brachte die ganze Nacht damit zu, daß ſie an Friedrich ſchrieb und auf Wege und Mittel ſann, ihm dieſen Brief zukommen zu laſſen; aber es kam der Tag, ohne daß ſie ein ſolches Mittel gefunden. Nichts iſt in der That ſchwerer zu finden, als die kleinen Mittel, deren die großen Fragen des Lebens bedürfen, als die kleinen Springfedern des großen moraliſchen Mechanismus. Dieſen langen Brief, in dem Blanca ihrem Ge⸗ liebten die Wahrheit geſtand, die bis jetzt nur ihr allein bekannt war, das heißt, geſtand, daß für ihren Fehltritt einſt ein lebender Beweis da ſein würde,— dieſen Brief, der, wenn er in andere als des Grafen Hände fiel, mit einem Male zwei Perſonen das Leben koſten konnte, wagte ſie natürlich Niemand anzuvertrauen. 280 Ohne zu wiſſen was ſie damit anfangen ſollte, ver⸗ barg ſie ihn einſtweilen in ihrem Buſen. Um elf Uhr ſaßen Frau Pascal und Blanca bei Tiſche: da klopfte es an ihrer Thüre. Frau Pascal ſtand auf und öffnete. „Herr Robert,“ rief ſie aus,„Sie hier!“ Blanca erblaßte. Seitdem der junge Mann ihr Vertrauter gewor⸗ den war, konnte ſie der Furcht Raum geben, daß er der Bote eines Unglücks werden möchte. Aber Robert machte ihr durch die Art ſeines Lächelns begreiflich, daß er keine ſchlimme Nachricht bringe; und doch ſah ſie wohl, daß er um ihretwillen nach Niort gekommen. Natürlich begleitete Suſanne den jungen Mann, und es verließ nun das kleine Mädchen ihren Bruder, um ſich in Blanca's Arme zu werfen. „Wie kommt es, daß Sie hier ſind, Herr Robert?“ fragte Frau Pascal den Arbeiter, ihn neben ſich Platz nehmen heißend. „Ich habe hier etwas auszumachen, Madame,“ antwortete Robert,„und habe dazu den Augenblick benützen wollen, wo auch Sie hier ſind. Ich wußte Sie mit Fräulein Blanca allein. Sind aber zwei Frauen allein, ſo ſind ſie dieſer oder jener Gefahr ausgeſetzt, vornehmlich in einer Stadt, wo ſie Nie⸗ mand kennen. „Ich beeilte mich alſo, mich Ihnen zur Verfügung zu ſtellen, denkend, daß ich Ihnen zu irgend etwas nütze ſein könnte. Und dann drängte es mich auch, Herrn Felician zu ſehen, den ich von ganzem Herzen liel wa an, alle trif fra ver⸗ bei vor⸗ 3 er ines richt llen ann, der, rt?“ Platz ne,“ blick ußte zwei fahr Nie⸗ gung twas auch, erzen —᷑———᷑᷑QQCQ̃ꝭO—QO.OꝑOꝑ—Qꝑ᷑—ÿ—QQ—2C H˖—Q—— 281 liebe, und den wir Alle zu Moncontour ſehnlichſt er⸗ warten.“ Alſo ſprechend, ſchaute Robert Fräulein Pascal an, und es ſagte ſein Blick unzweideutig, daß unter allen Gründen, die ihn zu dieſer Reiſe beſtimmt, der triftigſte und wahrſte der ſei, den er nicht ſage. „Und Sie ſind in dieſem Gaſthauſe eingekehrt?“ fragte Blanca. „JC. 6 „Haben Sie ſchon Zimmer beſtellt?“ „Noch nicht. Im Uebrigen brauche ich für mich nur ein einziges Zimmer.“ „Ja, denn wir behalten Suſannen bei uns, ſo lange Sie zu Niort bleiben. Mutter, ſei doch ſo gut und ſuch' für Herrn Robert ein bequemes Zim⸗ mer aus.“ „O, geben Sie ſich dieſe Mühe nicht, Madame,“ ſprach Robert, indem er aufſtand. Aber Blanca be⸗ deutete ihm durch ein Zeichen, daß er ſich wieder ſeien ſolle, ſowie daß ſie ihre Mutter abſichtlich ent⸗ erne. Robert ſetzte ſich alſo wieder. „Sie ſind wohl müde, ruhen Sie aus,“ ſprach Frau Pascal;„es hat Blanca Recht, ich will Ihnen einen Zimmer ausſuchen.“ „Iſt es nicht, als wenn Sie mein Kind wären, Herr Robert, da Sie mir die meinigen am Leben erhalten haben?“ „Nun, mein Fräulein, haben Sie mir noch nichts zu ſagen?“ fragte Robert Blanca, nachdem Frau Pascal hinausgegangen war. „Nichts, Herr Robert.“ 282 „Es ahnte mir nichts Gutes, und darum bin ich hierher gekommen. Sie haben dieß ohne Zweifel begriffen? „Vergeſſen Sie nicht, mein Fräulein, Sie haben mir geſchworen, mir den Namen dieſes Mannes zu ſagen, wenn er ſeinen Schwüren untreu wird.“ „Ja, Robert,“ antwortete Blanca, dem jungen Manne die Hand hinbietend,„ja, ich weiß es. Ich denke indeſſen, Gott ſei Dank, ich werde Ihre werthe Freundſchaft nicht auf die Probe zu ſtellen haben, und es wird Ihnen dieſer Name zu derſelben Zeit bekannt werden, wo ihn alle Welt erfährt.“ „Was für ein Name?“ fragte Suſanne mit jener ewigen Kinderneugierde, von der man nichts befürch⸗ ten zu müſſen glaubt. „Es iſt der Name einer Dame, zu der man Dich führen wird, um dort zu ſpielen,“ antwortete Robert. „Du ſagteſt ja aber doch, es ſei ein Mann?“ bemerkte Suſanne. „Ach! ich habe mich eben geirrt, liebes Kind.“ Und Robert küßte ſeine Schweſter, um das Ge⸗ ſagte zu bekräftigen. „Sprechen Sie doch vor dieſem Kinde nicht, und erweiſen Sie mir einen Dienſt,“ ſprach Blanca leiſe zu ihm. „Was für einen Dienſt?“ „Begleiten Sie meine Mutter in das Seminar, damit ich allein bin.“ „Haben Sie denn Jemand zu empfangen?“ fragte Robert mit bebender Stimme. „Nein, mein Freund, wohl aber habe ich etwas zu thun.“ was 283 „Sie ſind mir doch nicht böſe, daß ich hierher gekommen bin, Blanca?“ „Nicht allein bin ich Ihnen deßhalb nicht böſe, ſondern bin Ihnen im Gegentheil dankbar. „Muß ich mich nicht glücklich fühlen, wenn ich Jemand in meiner Nähe weiß, der mich liebt, und der mich nöthigenfalls als ſeine Schweſter beſchützen würde? Denn, vergeſſen Sie auch das nicht, Sie haben mir Ihren Schutz verſprochen.“ „Und den verſpreche ich Ihnen nochmals, mein Fräulein, zählen Sie auf mich, was auch geſchehen mag.“ „Da kommt meine Mutter wieder!“ „Sie haben ein wunderſchönes Zimmer,“ ſprach Frau Pascal hereintretend und zu Robert gewandt, „das Zimmer Nro. 11; bereits habe ich Ihren Koffer dahin bringen laſſen.“ „Ich danke Ihnen, Madame, danke Ihnen tau⸗ ſend Mal.“ „Und nun iſt es Zeit, daß wir zu Felician gehen,“ fuhr die Mutter fort, welche jede Minute, die ſie nicht bei ihrem Sohne zubrachte, als verloren anſah. „Und ich werde Sie in's Seminar begleiten,“ bemerkte Robert. „Mit Blanca?“ „Nein, Fräulein Blanca opfert ſich heute für mich und bleibt bei Suſannen, die wir nicht mitneh⸗ men können, und die doch nicht allein bleiben kann.“ „Sehr ſchön!“ ſprach Frau Pascal.„Doch machen wir uns alsbald auf den Weg, Herr Robert⸗ Bald ſehe ich Dich wieder, Blanca.“ Und Mutter und Tochter küßten ſich. 284 Blanca dankte Robert mit einem Blicke und blieb mit Suſannen allein. Nun ſtellte ſie ſich an's Fenſter, folgte Frau Pascal und dem jungen Manne, die ſich umwandten, um ihr noch ein Mal zuzulächeln, eine Zeit lang mit den Augen und ſchloß, als ſie endlich beide aus den Augen verloren, ihre Zimmerthüre, um vor jeder Ueberraſchung geſichert zu ſein. Dann las ſie den Brief, den ſie geſchrieben, nahm, als ſie fand, daß er die Gefühle ihres vollen Herzens nicht genugſam ausdrücke, Feder und Papier, und fügte den vier erſten Seiten noch zwei weitere hinzu. Suſanne war am Fenſter geblieben, um die Spa⸗ ziergänger, die ſeltenen Spaziergänger vorübergehen zu ſehen; denn man geht zu Niort nicht viel ſpazie⸗ ren, vor Allem um elf Uhr Morgens nicht. Alle ihre Zweifel, alle ihre Befürchtungen, alle ihre Hoffnungen fand Blanca in ihrem erſten Briefe wieder, oder aber wiederholte ſie dieſelben im zweiten, und raſch lief ihre Feder über das Papier hin. Ganz und gar mit den Gedanken beſchäftigt, welche ihr keine Ruhe ließen, vergaß ſie zuweilen, daß ſie nicht allein war, und ſagte die Worte, die ſie ſchrieb, ganz laut, ſo daß Suſanne ſich einige Mal umwandte, in dem Glauben, es ſpreche Blanca mit ihr. Endlich verließ das Kind, das gleich allen Kin⸗ dern des Einerleis bald müde war, das Fenſter, kam zu Blanca her und legte ſein blondes Köpfchen auf deren Schulter. „Oh, wie geſchwind Du ſchreibſt!“ ſprach ſie zu ihr. un da⸗ blieb Frau dten, mit den eder den daß ſam vier Spa⸗ ehen azie⸗ alle riefe iten, tigt, ilen, die Mal anca Kin⸗ kam auf ſie 285 Blanca wandte ſich um, küßte ſie auf die Stirn und ſprach: „Laß mich nur meinen Brief vollends ſchreiben; dann ſpielen wir mit einander.“ „Brauchſt Du noch lange?“ „Nein; in einer Viertelſtunde bin ich fertig.“ Es hatte Blanca wieder angefangen zu ſchreiben. „An wen ſchreibſt Du denn ſo, an Deinen Bru⸗ der?“ fragte Suſanne nach einem Schweigen, das eine Minute gedauert haben mochte. „Ja.“ „Du hätteſt aber vor dem Weggehen Deiner Mutter ſchreiben ſollen; dann hätte ſie ihm Deinen Brief zugeſtellt, da ſie ihn jetzt beſucht.“ „Sie wird ihm den Brief morgen geben.“ „Es preſſirt alſo nicht?“ „Nein.“ Niemand denkt logiſcher, als Kinder. Hat der Leſer das noch nicht beobachtet, ſo beobachte er es. „Warum ſchreibſt Du denn aber ſo geſchwind, wenn es nicht preſſirt?“ erwiderte Suſanne. Blanca fand nichts darauf zu erwidern. Und in der That ließ ſich auch nichts darauf ſagen. „Ich kann auch ſchreiben,“ ſetzte Suſanne hinzu. Sodann nahm ſie Feder und Papier, und warf die Augen auf Blanca's Brief, um dort ein Wort zu leſen, das ſie nachſchreiben könnte. Ihr Auge fiel auf das Wort: Verzweiflung, das in dem Briefe ſtand und natürlich darin ſtehen mußte.. „Verzweiflung!“ ſprach das Kind, jede Sylbe 286 betonend, als wolle es deren Bedeutung hervorhe⸗ ben,„was bedeutet das?“ „Es bedeutet dieß,“ antwortete Blanca mit jener geduldigen Sanftmuth, die ihr eigen war,„es be⸗ deutet dieß etwas, was Dir glücklicher Weiſe noch unbekannt iſt, nämlich hoffnungsloſen Kummer.“ „Alſo wie bei Robert?“ „Was willſt Du ſagen? Wie bei Robert?“ 3 a.“ „Robert hat alſo einen Kummer?“ „Ja, einen großen Kummer,“ ſprach Suſanne ganz leiſe und gleichſam im Vertrauen. „Wer hat Dir das geſagt?“ „Ich habe es ſelbſt geſehen.“ „Wann?“ „Geſtern.“ „Geſtern!“ „Ja, nachdem er bei Dir geweſen.“ „Was hat er denn gethan?“ „Er hat mich in die Arme genommen und hat angefangen zu weinen, recht viel zu weinen. Dabei hat er immer geſagt: Arme Suſanne, wie unglück⸗ lich bin ich doch! Nun habe auch ich geweint; warum er ſelbſt aber weinte, weiß ich nicht.“ „Was ſoll das bedeuten?“ murmelte Blanca, welche zitternd die Wahrheit zu ahnen begann. „Was hat er darauf gethan?“ fragte ſie Su⸗ ſannen weiter. „Dann iſt er an den Wandſchrank hingegangen und hat ſeine nagelneuen Kleider herausgenommen. Oh, Du haſt ſie noch nicht geſehen, ſeine neuen Kleider, ſie waren recht hübſch, dieſe Kleider, und nne 287 doch hat er ſie in eine Ecke geworfen und geſagt: Nun brauche ich ſie nicht mehr, und hat dann wieder zu weinen angefangen.“ „Weißt Du warum? Sag' es mir, wenn Du es weißt.“ „Laß einmal ſehen, Suſannchen,“ ſprach Blanca, das Kind auf die Knie nehmend und ihren Brief liegen laſſend,„laß einmal ſehen: antworte mir auf alles, was ich Dich fragen werde.“ „Frage nur.“ „Wann hat Dein Bruder dieſe Kleider machen laſſen?“ „Vor einigen Tagen.“ „Seitdem er uns, meine Mutter und mich, kennt?“ „Ja. Auch glaube ich, daß er ſie hat machen laſſen, um ſich darin bei euch ſehen zu laſſen. Er hat zum Schneider geſagt: Ich will ſie auf der Stelle, auf der Stelle haben!“ „Armer Robert!“ murmelte Blanca, welcher nun ein Licht aufzugehen anfing. „Du beklagſt ihn... Es iſt das recht ſchön,“ ſprach Suſanne, indem ſie Fräulein Pascal küßte. „Fahr' fort.“ „Was ſoll ich noch ſagen?“ „Was haſt Du Deinen Bruder ferner thun ſehen?“ „Er hat viel geleſen.“ „Was pflegte er zu leſen?“ „Er hat Geſchichtbücher und geographiſche Bücher geleſen, die er für mich gekauft hatte.“ „Und warum hat er dieſe Bücher geleſen?“ „Um zu lernen.“ 288 „Und warum lernte er ſo?“ „Er hat es mir geſagt.“ „Nun, ſo ſag' es mir.“ „Weil er eben ſo gelehrt ſein wollte wie Du. Auch war er recht kokett geworden: er brauchte jeden Morgen nun wenigſtens eine Stunde, um vor dem Spiegel ſein Halstuch anzuziehen und ſeine Haare zu ordnen. Und dieß that er hauptſächlich dann, wenn wir Dich beſuchten. Und dann...“ „Was?“ „Du darfſt es ihm aber nicht ſagen; er würde mich ſonſt zanken.“ „Ohl ich ſage es ihm gewiß nicht; ſei deßhalb ganz in Ruhe.“ „Du verſprichſt mir es?“ „Ja, ich verſpreche Dir es.“ „Nun gut! Zuweilen nahm er mich auf den Schooß und ſprach zu mir: Suſanne, wäre es Dir recht, wenn Du eine kleine Mutter, wie Fräulein Blanca, hätteſt? Ich aber ſagte dann immer: Ach, ja, ich wäre recht glücklich! Und es iſt dieß auch wahr, weil ich Dich recht ſehr liebe.“ Und das Kind erfaßte Blanca's Kopf mit beiden Händchen und drückte ſeine roſigen Lippen auf die Wangen des Mädchens. „Und geſtern hat er Dir von all' dem nichts mehr geſagt?“ „Nein. Er hat geweint, hat ſeine Bücher und Kleider weggeworfen und den ganzen Tag ſich die Haare nicht gemacht. Auch hat er nichts gegeſſen. Am Abend hat er mich in's Bett gelegt und iſt dann ſelbſt zu Bette gegangen. Als ich aber ſchlief, ges was L X rende Du. eden dem gare ann, ürde halb den Dir lein Ach, auch den die chts und die ſen. iſt lief, 289 hat er mich plötzlich wieder aufgeweckt mit den Worten:„„Wir verreiſen.““ „Darauf hat er meine Sachen zuſammengepackt und anſpannen laſſen. Und nachdem er mich noch in einen Mantel gewickelt, ſind wir abgereist. „Was ich Dir da erzähle, macht Dir alſo recht viele Freude?“ „Ja, recht viele Freude, liebes Kind,“ ſprach Blanca gerührt;„was Du mir aber da geſagt, darf Robert nicht wiſſen: es wäre ihm wohl nicht lieb.“ „Der arme Robert!“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„wie wehe habe ich ihm geſtern wohl gethan!“ „Was ſagſt Du da, Blanca?“ „Ohl nichts, Kind; nichts. Geh' und ſpiel'.“ „ vilſ noch mehr ſchreiben.“ 1. „Willſt Du mich das Wort: Verzweiflung nach⸗ ſchreiben laſſen, da ich nun weiß, was es bedeutet?“ Und wie immer verband Suſanne ein anmuthi⸗ ges Geſichtchen mit ihrer Bitte, um auszudrücken, was ſie verlangte. Blanca ſchaute ſie an und war über dieſe rüh⸗ rende Naivetät des Kindes tief bewegt. „Nein, ich will den Brief zerreißen,“ ſprach ſie. „Ohl es iſt Schade!“ Und wirklich zerriß Blanca den Brief, warf die Stücke zum Fenſter hinaus, ſetzte ſich wieder, um⸗ ſchlang Roberts Schweſter mit dem Arme und fing an, tief, ſo tief nachzudenken, daß ſie noch eine Stunde darauf ſo da ſaß, und daß Robert und Frau Pascal beim Nachhauſekommen zwei Mal an die Thüre klopfen mußten, bis ihnen aufgethan wurde. Dumas d. F., drei ſtarke Männer. 19 290 Während dieſer Stunde war in des Mädchens Geiſt gar Vieles vorgegangen; daher ſchaute ſie auch Robert, von dem ſie ſich nun geliebt wußte, wahr⸗ haft bewegt an. Denn es gibt für das Herz eines Weibes nichts Intereſſanteres, als die Entdeckung eines ſolchen Ge⸗ heimniſſes, was ſelbſt dann der Fall iſt, wenn ſie den nicht liebt, der dieſes Geheimniß Allen verbirgt; was ſelbſt dann der Fall iſt, wenn ſie, wie Blanca, einen andern Mann liebt. Iſt ſie ehrlich, ſo fühlt ſie dann wider ihren Willen eine plötzliche Zuneigung zu dem Herzen, das ſie, ohne es zu wollen, verwundet hat, und dem ſie unwillkührlich noch jetzt Leiden bereitet und bereiten wird. Und kann von einer Zuneigung die Rede nicht ſein, ſo fühlt ſie wenigſtens rührendes Mitleid. Darf ein Weib, wenn ſie einen Mann vorüber⸗ gehen ſieht, der nie ein Wort der Liebe zu ihr ge⸗ ſprochen und nur ſich allein zum Vertrauten zu haben glaubt, mit Gewißheit zu ſich ſelbſt ſagen: Es liebt mich dieſer Mann und außer mir iſt ihm Alles nichts, ſo ſpielt dieſer Mann, man darf es mir glauben, in den Gedanken und im Stolze dieſes Weibes ſchon eine wichtige Rolle. Früher oder ſpäter wird er auch, ſo er will, in ihrem Leben einen bedeutenden 4 Platz einnehmen. Blanca war wie alle Weiber, und wie man ge⸗ ſehen, ſo hatte ſie in Betreff Roberts einem lobens⸗ werthen Aberglauben Raum gegeben, da ſie an dem Tage, wo ſie die Liebe des jungen Mannes erfuhr, ſich nicht ſtark genug fühlte, an dem Briefe fortzuſchrei⸗ ben, der für den Mann beſtimmt war, welchen ſie liebte. genüg und fange T und f pfinde ternhe ſchens auch wahr⸗ nichts n Ge⸗ nn ſie birgt; lanca, ihren 1, das em ſie reiten Rede itleid. rüber⸗ hr ge⸗ haben liebt nichts, en, in ſchon rd er enden in ge⸗ bens⸗ n dem rfuhr, ſchrei⸗ liebte. 291 Einundzwanzigſtes Kapitel. Roberts Liebe. Während des ganzen Abends beobachtete Blanca Robert, der bald ſchweigſam, bald mittheilſam, bald lächelnd, bald traurig war, und konnte ſich nun dieſe Freude und dieſe Traurigkeit erklären. 4 „Wie ſelbſtſüchtig iſt doch das Herz!“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt.„Wie kommt es, daß ich in Roberts Blicken nicht ſchon lange die Liebe geahnt, die er für mich fühlt? Weil ich eben an Friedrich dachte. Friedrich liebt mich auch, und doch iſt er anders, wenn er bei mir iſt. „Sollte Robert mich anders lieben, als Friedrich mich liebt? „Gibt es mehr denn eine Art, Jemand zu lieben?“ Und um dieſe Frage zu beantworten, welche ſie an ſich ſelbſt richtete, mußte das Mädchen die zwei⸗ fache Liebe, welche ſie geweckt, vergleichen. Da ſah ſie die eine feurig, helllodernd, kühn; die andere aber beſcheiden, ergeben, ſchüchtern. Die eine unerſättlich, herrſchſüchtig, ſinnverwir⸗ rend, Beweiſe verlangend, ſich nicht mit der Seele genügen laſſend, den Leib fordernd, die Dunkelheit und das Myſterium ſuchend, mit einem Fehltritt an⸗ fangend, vielleicht zu Gewiſſensbiſſen führend. Die andere dagegen aus ſtummer Bewunderung und frommer Beſchauung geſchaffen, dem Liebe⸗Em⸗ pfindenden jungfräuliche Koketterien und die Schüch⸗ ternheit eines Kindes verleihend, voller Hochachtung ür die liebe⸗einflößende Perſon und von ſolcher leitet, daß ſie nicht einmal durch einen ben wagte und ſich hinter das chanzte; ſo rein, ſo natürlich, Kind, das heißt, einen Engel Ehrlichkeit beg Blick ſich kund zu ge tiefſte Schweigen verſ daß ſie ein achtjähriges zu ihrer Vertrauten gewä Seit etlichen Tagen hatte Blanca viel nachge⸗ Die Friedrichs oder „Iſt es die Liebe, die e da ſpricht? Die, acht. „Welche Liebe iſt die wahre? die Roberts?“ fragte ſie ſich ſelbſt. da ſchweigt? oder iſt es die, di welche ſchweigt, iſt die ehrerbietigſte, die ſ aber die heftigſte.“ Es fühlte Blanca gar wohl, minder achten mußte, als Robert; auch ihre Liebe und ihren Fehltritt z Denn entſchuldigte ſie ihre Liebe, ſo entſ eben damit auch ſich ſelbſt. „Daß Robert ſo ſ Stellung her,“ ſprach ſie;„und eben ſ Kühnheit ihren Grund in ſeiner perſ Robert iſt ein Mann aus dem Volke, mann. Robert weiß nicht viel, i Stande an, als ich, hätte Empfindungen auszudrücken, feuriges Wort daß ſie Friedrich daher ſuchte ſie u entſchuldigen. chüchtern iſt, rührt von ſeiner o hat Friedrichs rich dagegen ein Welt gehört einem niedrigere wohl Mühe gehabt, ſeine während Friedrich ein beredtes und ſeinem Herzen zu Gebot ſtell „Robert hätte mich zu belei er mir ſeine Liebe geſtanden that mir faſt eine E Und doch hatte Ro digen geglaubt, wenn hätte, und Friedrich hre an, indem er mir die bert mich einem ſichern Dankt heit, indem A zu er das 2 J gen cholie die ben! ihren Robe Pasc 7 Herz die o das Ehre Liebe man ihr Fehl habe terle lcher einen das rlich, Engel chge⸗ oder e, die Die, hende edrich de ſie digen. zte ſie ſeiner drichs Stel⸗ Fried⸗ t viel, hätte rücken, Wort wenn iedrich ſeinige ſichern 293 Tode entriſſen, ein Dienſt, der ihn mir vollkommen gleich ſtellte. „Wohlan! wer weiß, ob dieſer mir geleiſtete Dienſt ihn nicht verhindert hat, offen zu ſprechen? Wer weiß, ob er nicht, da er ein Recht auf meine Dankbarkeit ſich erworben hatte, es als eine Unzart⸗ heit, als eine Unehrlichkeit angeſehen haben würde, indem er glaubte, er habe Anſpruch auf meine Liebe?“ Je mehr alſo Blanca ſich Friedrichs Betragen zu erklären ſuchte, um ſo lobenswerther mußte ſie das Betragen Roberts finden. Nichts deſto weniger ſetzte ſie ihre Vergleichun⸗ gen fort und ſagte mit jenem Anfluge von Melan⸗ holie, den ihre bereits exceptionelle Stellung, ſowie die Reflexionen, die ſie anſtellte, ihren Gedanken ge⸗ ben mußten, indem ſie das blonde Köpfchen der auf ihrem Schooße ſchlafenden Suſanne ſtreichelte und Robert am andern Ende des Zimmers mit Frau Pascal ſprach,— ſie ſagte alſo bei ſich ſelbſt: „Und doch gibt es etwas, was jedem Mann von Herz, ſei er adelig oder nicht, die gleiche Achtung und die gleiche Zurückhaltung einflößen muß: es iſt dieß das Schamgefühl eines Mädchens, es iſt dieß deren Ehre, es iſt dieß deren Ruf, es iſt dieß ſelbſt die Liebe, welche ſie dem Liebenden einflößt. „Will man ſeine Frau aus ihr machen, ſo muß man ſie genug achten, um nicht eine Beihälterin aus ihr zu machen; denn heirathet man ſie nach ihrem Fehltritt, ſo wird man ſtets den Hintergedanken haben, daß ſie einem Andern wohl eben ſo leicht un⸗ terlegen wäre. Wie närriſch bin ich doch! „Da calculire ich, ohne die Leidenſchaft, ohne das 294 Feuer der Jugend, kurz, ohne die Liebe in Anſchlag zu bringen, der ich ſelbſt unterlegen bin, und die mich das Schamgefühl, jene heiligſte aller Pflichten, hat außer Acht ſetzen laſſen. „Hätte aber Robert es gewagt, mir ſeine Liebe zu bekennen, ſo hätte er dieſes Opfer gewiß nicht von mir gefordert, ſondern hätte ganz naiv alſo ge⸗ ſprochen: „„Blanca, ich liebe Sie; wollen Sie meine Frau werden? wollen Sie meiner kleinen Suſanne eine Mutter werden? wollen Sie nebſt ihr mein ganzes Leben und meine ganze Hoffnung ſein?““ „Ja, ſo hätte er, das biedere Herz, zu mir ge⸗ ſprochen; und hätte ich ihm Gehör geſchenkt, ſo wäre er vor Freude in die Höhe geſprungen und hätte vielleicht nicht einmal nach der Hochzeit zu verlangen gewagt, was Friedrich ſchon vor derſelben verlangt hat. Allerdings muß ich auch ſagen, daß ich Fried⸗ rich liebe, Robert aber nicht. O ja, ich liebe Fried⸗ rich!“ Blanca ſagte ſich die letzteren Worte, gleich als hätte ſie das Bedürfniß gehabt, ſich ſelbſt zu über⸗ reden, daß jenes Gefühl ein wirklich reelles ſei; gleich als hätte ſie an ſich ſelbſt gezweifelt; und alsbald beſchwor ſie, um ſich eine noch feſtere Stütze daraus zu machen, in Gedanken die Unterredungen herauf, die ſie mit ihrem Geliebten gehabt, die Worte, welche ſie zu ihm geſagt, mit einem Worte, alle Gründe, welche das Herz eines Weibes beſtimmt haben mögen, daß ſie ſich einem andern Herzen hingegeben. Sie folgte im Geiſte dem Abhange ihrer Erinne⸗ rungen, und da gewahrte ſie denn mit einem Male, 2— daß nens dieſe mutl 1 das ſchlie Lebe erwo ein ner Mut mein des reich aus mili wei ich ag zu mich hat Liebe nicht ge⸗ Frau eine nzes ge⸗ väre hätte ngen angt ried⸗ ried⸗ als ber⸗ leich bald aus auf, lche nde, gen, ine⸗ 9 295 daß dieſelben ſich durch die Erinnerung an Suſan⸗ nens Worte gar leicht verdrängen ließen, ſowie daß dieſe letztere Erinnerung ſie ganz beſonders an⸗ muthete. „Wer weiß?“ ſprach ſie dann,„vielleicht wäre das mein Glück geweſen. Ein ſtilles Leben bei einem ſchlichten Manne, der mich angebetet hätte und ſein Leben lang ſtolz auf mich geweſen wäre, hätte mich erwartet; ihm, dem unbekannten Arbeiter, wäre ich ein unverhofftes Glück geweſen. Wir wären bei mei⸗ ner Mutter zu Moncontour geblieben, bei meiner Mutter, die auch die ſeinige geworden wäre, und bei meinem Bruder, der durch ſein Gebet den Segen des Himmels auf uns herabgerufen hätte. „Nun aber wird mich Friedrich, der adelige, der reiche Friedrich, wenn ich einmal ſeine Frau bin, aus dieſem Dorfe entführen, weit von meiner Fa⸗ milie, weit von meinen ſüßen Jugendgewohnheiten, weit endlich von jenem häuslichen Leben weg, wofür ich ſo ſehr geſchaffen bin. Er wird mich in eine Welt bringen, die ich nicht kenne, und die ich gern nicht kennen gelernt hätte. „Welches Kind ich doch bin: wird nicht Alles Genuß und Freude ſein bei dem Mann meiner Liebe? Und ich liebe Friedrich, wie er mich liebt. „Zehn Uhr! Es iſt dieß die Stunde, wo wir einander zu ſprechen pflegten; wie traurig wird er in dieſem Augenblicke ſein! Fünfzehn Tage, ohne daß wir uns ſehen! Fünfzehn Tage, während deren ich ſterben könnte, und zwar ohne daß er da wäre! Oh! es iſt das ein gräßlicher Gedanke! „Warum iſt er aber nicht hier? Wer und was 296 hätte ihn verhindert, mir hierher zu folgen? Kennt ihn hier doch Niemand, weiß doch Niemand, daß ich ihn liebe! Er hätte gegenüber von uns wohnen können. Dann hätte ich ihn von Zeit zu Zeit ge ſehen. Vielleicht daß ich ihm auch zuweilen die Hand gedrückt hätte. Ich wäre ihm auf der Straße, in der Kirche begegnet; ein einziger Blick von ihm hätte mich auf den ganzen Tag glücklich gemacht. „Nichts ſtand dem im Wege! Warum iſt es alſo nicht geſchehen? Robert iſt mir doch gefolgt,— Robert, den ich nicht liebe,— Robert, der da weiß, daß ich einen Andern liebe; denn er weiß leider Alles. Für Robert wäre es ein unerträglicher Ge⸗ danke geweſen, mich auch nur vierundzwanzig Stun⸗ den nicht ſehen zu können, und Friedrich, den ich liebe, kann vierzehn Tage fern von mir leben, und es räth ſein Herz ihm nicht, zu thun, was Robert gethan! „Sonderbar! Er liebt mich alſo nicht ſo, wie Robert mich liebt. Sollte es denn wahr ſein, daß der Mann, dem man ſich hingegeben, Einen nicht mehr ſo liebt, wie der, welcher kein ſolches Pfand der Liebe erhalten? „Unter dieſen zwei Männern alſo, die mich lie⸗ ben, iſt der, welcher mich vergißt, gerade der, dem ich gehöre; der, welcher an mich denkt und mich be⸗ ſchützt, iſt der, den ich nicht liebe, der nur mein Bruder ſein kann. Es kennt dieſer meinen Fehltritt, und doch iſt er bereit, ſein Leben für mich zu opfern. „Denn was thut er im Grunde hier? Er iſt hierher gekommen, weil er ein Unglück fürchtet; er 297 argwohnt, es möchte der Mann, der in meinem Her⸗ zen die Stelle einnimmt, nach der er ſelbſt einen Augenblick ſich geſehnt, mich hintergehen und ver⸗ laſſen, und will um mich ſein, um alsbald den Na⸗ men dieſes Mannes zu erfahren, um ihn wohl zur Rechenſchaft zu ziehen, um meine Ehre zu rächen, um ihn umzubringen, oder ſich von ihm umbringen zu laſſen. „Und das um meinetwillen, um einer Perſon willen, die ihn nie lieben wird, und das trotz ſeiner Schweſter, deren einzige Stütze er auf dieſer Welt iſt. „O ja, es liebt dieſer Mann mich mehr, als der andere.. „Und geſchähe nun, was er fürchtet; wäre nun Friedrich nicht mehr da, wenn wir nach Moncon⸗ tour zurückkommen; würde ich nur einen Brief vor⸗ finden, worin er mir ſagt, daß er mich ſitzen läßt,— was würde, Du mein Gott, da aus mir werden!“ Und bei dieſer entſetzlichen Vermuthung, bei die⸗ ſer gräßlichen Ahnung konnte Blanca ſich eines Schreies nicht enthalten. Zugleich begrub ſie den Kopf in beiden Händen. „Was iſt Dir, mein Kind?“ rief Frau Pascal, zu ihrer Tochter hineilend und ſie erſchrocken in die Arme ſchließend. Suſanne war aufgewacht und ſchaute erſtaunt umher. Robert war todblaß. „Oh, es iſt nichts, Mutter, es iſt nichts,“ ant⸗ wortete Blanca aufſtehend und Frau Pascal anzu⸗ lächeln ſuchend.„Ich war eingeſchlummert, und da iſt es mir ergangen, wie es oft Leuten ergeht, wenn 298 ſie einſchlafen. Ich habe geglaubt, ich falle, und habe darum einen Schrei ausgeſtoßen.“ Robert ließ ſich durch dieſen Grund nicht täu⸗ ſchen, wohl aber Frau Pascal, die keinen Grund hatte, ihrer Tochter zu mißtrauen, und ſprach: „Du bedarfſt der Ruhe, liebes Kind; Du mußt zu Bette gehen; ich will Dein Bett zurecht machen.“ Und Frau Pascal ging, ein Licht nehmend, in das anſtoßende Zimmer. Nun ging Robert zu Blanca hin. „Sie ſind leidend, mein Fräulein?“ ſprach er zu ihr. „Ja, mein Freund.“ „Suchen Sie ſich zu beherrſchen. Bedenken Sie doch, welches Unglück entſtehen müßte, wenn Sie Ihre geheimen Gedanken verriethen. Vertrauen Sie auf mich, Blanca, ich bitte Sie darum.“ „Ich danke Ihnen, Robert, ich danke Ihnen tau⸗ ſend Mal,“ antwortete das Mädchen, dem Arbeiter die Hand hinbietend, aber die Augen niederſchla⸗ gend; denn ſeitdem ſie ſich nun von ihm geliebt wußte, erſchien ihr Fehltritt ihr ſchwerer denn zu⸗ vor: kaum daß ſie ihm in's Geſicht zu ſehen wagte. „Vertrauen Sie auf mich; ſagen Sie mir Alles, ich bitte Sie nochmals; es wird dann Alles gut gehen.“ „Haben Sie denn errathen, woran ich eben ge⸗ dacht?“ „Ja, ich bin in Gedanken ſtets bei Ihnen.“ „Und Sie heißen mich hoffen?“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß, wenn V 299 2 ein Unglück geſchehen, daſſelbe wieder gut gemacht werden ſoll.“ „Und Sie, Robert, ſind Sie glücklich?“ fragte Blanca, von einer geheimen Hoffnung beſeelt, daß auch Robert nun offen ſein und ihr den Zuſtand ſei⸗ nes Herzens geſtehen würde. „Ja, Blanca, ich bin recht glücklich.“ Daß der junge Mann ſich Gewalt anthat, indem er dieſes ſprach, war leicht zu ſehen; auch war es ihm dabei ſo ſchwer um's Herz, daß er den Kopf plötzlich wegwandte, weil er fühlte, daß er weinen müſſe. In dieſem Augenblick kam Frau Pascal wieder herein. „Es iſt Dein Bett parat,“ ſprach ſie zu ihrer Tochter. „Gute Nacht, Madame, gute Nacht, mein Fräu⸗ lein,“ ſprach Robert. „Sie laſſen doch Suſannen bei uns?“ fragte Blanca. „Ja, da Sie ſo gefällig ſind, ſie bei ſich zu be⸗ halten.“ „Morgen ſehen wir uns wieder, Herr Robert.“ „Ja, morgen.“ „Ach, welch' braver junger Mann!“ ſprach Frau Pascal, als ſie mit ihrer Tochter allein war und die Thüre geſchloſſen hatte.„Einen ſolchen Mann ſoll⸗ teſt Du haben.“ Blanca fuhr bei dieſem Worte zuſammen, ant⸗ wortete aber nichts. 3 Sie legte ſich zu Bette und ſtellte ſich, als wäre & ſie auf der Stelle eingeſchlafen, um ſich ihren Ge⸗ danken ganz überlaſſen zu können. Das arme Mädchen fand ihr Herz nicht mehr ſo vertrauensvoll, als es Tags zuvor geweſen war. Sie hatte ihre Empfindungen zwar nicht näher be⸗ ſtimmen können, dennoch hatte die Offenbarung von Roberts Liebe zwiſchen ſie und Friedrich mit einem Male das Bild eines ſo ruhigen Glückes und ſo rei⸗ ner Freuden geſtellt, daß ſie, wider ihren Willen, die⸗ ſem unmöglichen Bilde mit den Augen folgte. Die augenblickl iche Furcht, von der ſie wie von einer verhängnißvollen Ahnung ergriffen worden war, hatte, obgleich, wie bereits geſagt, ſchon ſeit einigen Tagen ein unbeſtimmter Zweifel ſich ihrer bemächtigt gehabt, ihren Geiſt in zu ernſte Zweifel verſenkt, als daß ſie während der Nacht auch nur einen Augen⸗ blick hätte ein Auge ſchließen können. Mehrmals ſtand ſie ſogar auf, um zu ſehen, ob der Tag noch nicht käme, wie wenn der Tag ihr hätte Ruhe brin⸗ gen können und ſollen. Es iſt dem Aberglauben eigen, es iſt ein letzter Ueberreſt jugendlicher Vorurtheile, wenn man glaubt, es vertreibe das Licht der Sonne die peinlichen Ge⸗ danken, welche die ſchlafloſe Seele ermüden. Die ganze Nacht durch bildete Blanca ſich ein, es würde Friedrich ſie verlaſſen. Sie ſah, wie er ihr entfloh, wie er ſein Haus öde ſtehen ließ, und fuhr, mit einem eiskalten Schweiße bedeckt, aus einem augenblicklichen Schlummer wieder auf. Frau Pascal dagegen ſchlief ruhig, und was Suſannen betrifft, ſo lag ſie in ihrer ganzen Un⸗ 301 ſchuld da: ihr roſiges Mündchen war halb geöffnet und ihr blonder Kopf ruhte auf ihrem Arme. Blanca allein wachte, von einem und demſelben Gedanken verfolgt, der, wie es ſcheint, ſie wieder einigermaßen beruhigte; denn ſie murmelte dann und wann: „Ja, ich will Robert um dieſen Dienſt bitten, und gewiß wird er mir ihn nicht verſagen: iſt er doch ſo lieb! Nun, geſchieht das, was ich fürchte, ſo ſterbe ich eben. Mein Gott, mein Gott! wie unglück⸗ lich bin ich!“ Wohl Jeder weiß, wie ſehr die Stille und die Einſamkeit der Nacht die Empfindungen der Seele ſteigern; ich brauche alſo wohl nicht zu ſagen, in welchem Zuſtande fieberiſchen Schreckens Blanca ſich befand, als der Tag erſchien. Auch Robert hatte nicht ſchlafen können. Die ganze Nacht war er in ſeinem Zimmer auf- und ab⸗ gegangen; dann und wann hatte er ſich auch an das offene Fenſter gelegt und den Kopf in beide Hände fallen laſſen. Blanca's Fehltritt preßte ihm heiße Thränen aus. Plötzlich rief er aus: „Ohl wenn dieſer Menſch ſie nicht liebte, wenn er ſie niederträchtiger Weiſe ſitzen ließe! Dann viel⸗ leicht, dann, wenn ſie keine Hoffnung mehr hätte als den Tod, würde ſie ihren Retter ein bischen lieben wollen!“ Es ſchienen dem Mädchen die Stunden gar lang von dem Augenblick an, wo der Tag anbrach, bis zu dem, wo ſie Robert ſehen ſollte. Um ein wenig ruhiger zu werden, und um ſich zu überreden, es ſei das Project, das ſie träumte, ſchon in Ausführung begriffen, ſtand ſie wieder leiſe⸗ auf, verſicherte ſich, auf den Zehenſpitzen gehend, daß ihre Mutter ſchlief, und ſuchte, auf die Gefahr hin, ertappt zu werden, das anſtoßende Zimmer auf, wo noch alles zum Schreiben Nöthige war. Sie nahm einen Bogen Papier und ſchrieb in der Eile nach⸗ ſtehende Worte darauf: „Ich bin faſt von Sinnen, Friedrich, da ich un⸗ aufhörlich von Befürchtungen und Ahnungen verfolgt bin. Ich habe eine entſetzliche Nacht gehabt und habe auch nicht eine Minute geſchlafen. „Schenk' mir in des Himmels Namen, im Na⸗ men alles deſſen, was Dir theuer und heilig ſein mag, wieder einige Ruhe. Schreib' mir, daß Du mich immer noch liebſt. Heiß' mich Muth faſſen; denn in dem Zuſtande, in dem ich mich dermalen befinde, könnte ich keine vierzehn Tage leben. Es hat in der vergangenen Nacht Augenblicke gegeben, wo ich fliehen und zu Fuß Dich aufſuchen wollte. „Du kannſt dem Ueberbringer dieſes Deine Ant⸗ wort in allem Vertrauen zuſtellen. Es iſt ein zu⸗ verläſſiger Freund, der nicht weiß, welche Botſchaft er zu überbringen hat. „Ach, nur ein Wort der Hoffnung, vielgeliebter Friedrich! Du wirſt dadurch am Leben erhalten die, welche Dich bis an ihren Tod lieben wird!“ Blanca unterzeichnete dieſen Brief, da ſie zu keuſch war, um das, was ſie ſchrieb, nicht zu unter⸗ zeichnen, ſelbſt wenn das, was ſie ſchrieb, ihr Ver⸗ derben ſein mußte. Sodann ſiegelte ſie den Brief, verſteckte ihn, ſich wieder zu Bette legend, unter 3⁰03 ihrem Kopfkiſſen und wartete, nun etwas geduldiger, auf die Stunde, wo Robert zu ihr herunter kam. Endlich erſchien dieſe Stunde. Robert war wie immer und hatte eine lächelnde Miene. Blanca zog ihn in ein anderes Zimmer hinein, während ihre Mutter Suſannen ankleidete. „Robert,“ ſprach ſie zu ihm,„Sie müſſen mir einen Dienſt erweiſen.“ „Befehlen Sie, mein Fräulein.“ „Schwören Sie mir, daß Sie von dem Namen, den ich Ihnen ſagen werde, keinen Mißbrauch machen wollen.“ „Ich ſchwöre es.“ „Schwören Sie mir, daß Sie der Perſon, welche Sie ſehen werden, nur das ſagen wollen, was ich wünſche, daß Sie ihr ſagen.“ „Ich ſchwöre es Ihnen, Blanca.“ „Wohlan, Robert, wertheſter Freund, nehmen Sie dieſen Brief, gehen Sie nach Moncontour und übergeben Sie ihn dem Grafen Friedrich de la Marche, der das Schloß dü Nord bewohnt.“ „Dem Grafen Friedrich de la Marche!“ ſtotterte Robert, dem die Stimme verſagte, ſo heftig pochte ſein Herz.„Und ohne Zweifel ſoll auf dieſen Brief eine Antwort erfolgen?“ „Ja,“ antwortete Blanca. „Schon morgen ſollen Sie dieſe Antwort haben.“ „Verzeihen Sie mir dieſe meine Bitte, Robert,“ fuhr das Mädchen fort, indem ſie an der Bruſt des jungen Mannes den Kopf verbarg, gleich als wäre er ihr Bruder geweſen;„aber ich weiß ſeit geſtern in 30⁴4 der That nicht, was in mir vorgeht; ich bin leidend; nur eine Antwort vom Grafen allein kann mich be⸗ ruhigen, und nur Sie lieben mich ſo, daß ich von Ihnen erwarten kann, Sie werden ihm dieſen Brief zuſtellen.“ „Sie haben Recht, Blanca, nur ich liebe Sie ſo, daß Sie einen ſolchen Dienſt von mir verlangen dürfen.“ Sodann trat Robert in das anſtoßende Zimmer, küßte Suſannen und ſprach zu derſelben: „Liebes Suſannchen, ich habe eben einen Brief bekommen, der mich zwingt, Dich bis Morgen zu ver⸗ laſſen; ich laſſe Dich bei Frau Pascal und Fräulein Blanca. Du wirſt recht brav ſein: nicht wahr?“ „Bevor Sie wegreiſen, werden Sie doch wohl frühſtücken?“ fragte Frau Pascal, deren Leben in⸗ mitten dieſer Unruhe gleichförmig und regelmäßig blieb. „Ich danke Ihnen, Madame,“ antwortete Ro⸗ bert;„ich muß alsbald fort.“ Er küßte Suſannen noch ein Mal und ent⸗ fernte ſich. Als er draußen war, mußte er ſich an die Wand anlehnen, um nicht zu fallen. Er erſtickte faſt. Wie hätte er nicht gelitten, wenn er gewußt hätte, daß das Mädchen ſeit dem vergangenen Tage ſich von ihm geliebt wiſſe! „Ich habe da eine ſchlechte Handlung begangen,“ ſprach Blanca bei ſich ſelbſt, als ſie allein war; „ich habe mich der Liebe, die ein Biedermann zu mir hat, And / es iſ ungl Gott 7 Suſc auf 9 2 305⁵ hat, zu Gunſten der Liebe bedient, die ich zu einem Andern habe. „Es iſt das mehr denn eine ſchlechte Handlung, es iſt das eine Niederträchtigkeit; aber ich war ſo unglücklich, daß ich geſtorben wäre, und es wird mir Gott es verzeihen, daß ich nicht habe ſterben wollen!“ „Nun, Blanca,“ rief Frau Pascal,„komm doch! Suſanne iſt angekleidet und es wartet das Frühſtück auf Dich.“ 3 Robert aber war bereits auf dem Wege. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Freund. Robert hatte ſich auf ein Pferd geworfen und war auf dem Wege hingaloppirt, der vor ihm lag. Hätte er ſeine Eindrücke genau angeben und analyſiren ſollen, ſo wäre das ihm unmöglich gewe⸗ ſen. Sie drängten ſich verworren in ſeinem Kopfe, wie an einem Ufer eine Menſchenmaſſe ſich drängen würde, die, von der ſteigenden Fluth plötzlich über⸗ raſcht, ſich auf's Gerathewohl rettete. Dieſe Liebe, die ſich ſeines Herzens bemächtigt hatte; dieſe Einweihung in Blanca's Leben; dieſes Geheimniß, das man ihm mitgetheilt; dieſe Mutter, die inmitten täglicher Gefahren ſo gar nichts ahnte; dieſer fromme, ganz dem Dienſte des Herrn gewid⸗ mete Bruder; dieſer Unbekannte, zu dem er ging, und der das Schickſal von vier Perſonen in der Hand hatte(denn Roberts Schickſal fing bereits an, von Dumas d. F., drei ſtarke Männer. 20 306 Friedrich abzuhangen)— alles dieß ging wie eine Phantasmagorie an den Augen des dahinfliegenden Reiters vorüber und ſah zum Theil ſo unwahrſchein⸗ lich aus, daß auf Augenblicke in ſeinem Kopfe ſich Alles verwirrte und daß er geträumt zu haben glaubte. Dann ſchied ſich ſeine Liebe zu Blanca, jener ſtählerne Draht, der ihn in dieſem Labyrinthe von Er⸗ eigniſſen und Gemüthsbewegungen leitete, aus die⸗ ſem moraliſchen Nebel ab, und nun erkannte endlich Robert, demſelben folgend, Alles ſo wie es war, und identificirte ſich auf's Neue mit der Wirklichkeit. Alſo ſollte er, Robert, der Blanca liebte, ſo daß er ſein Leben für ſie gelaſſen hätte, einen Brief von Blanca, ohne Zweifel einen von Liebesbetheuerungen überfluthenden Brief, dem Manne überbringen, den ſie liebte; alſo ſollte der Ehrgeiz ſeiner Liebe auf dieſen Botendienſt beſchränkt bleiben! Dieß war für den armen Robert das Gewiſſeſte, Gräßlichſte. Und doch war er ſtolz darauf, ſich ſo für Blanca opfern zu dürfen. Die Liebe, die er fühlte, iſt ſo voller Hingebung und Selbſtverleugnung. Opfert ein Mann der Perſon, die er liebt, ſeine geheime Eitelkeit, ſeinen geheimen Stolz, ſo darf man dreiſt ſagen, es ſei ſeine Liebe ſo rein wie das Gold, das dem Probirſtein widerſteht. Leichter iſt es, einem geliebten Weibe ſein Leben, als ſeine Eitelkeit zum Opfer zu bringen. Es fand Robert allmählig ein herbes Wolluſt⸗ gefühl darin, zu thun, was er that. „Einſt,“ ſo ſprach er zu ſich ſelbſt,„wird ſie er⸗ fahren, daß und wie ich ſie geliebt. Dann wird ſie eine enden chein⸗ e ſich aubte. jener 8n Er⸗ 3 die⸗ ndlich , und — daß f von ungen , den 2 auf ſſeſte, lanca iſt ſo ſeine man Gold, deben, elluſt⸗ ee er⸗ ed ſie 307 einſehen, wie viel ich jetzt ausgeſtanden; dann wird ſie mich wenigſtens beklagen, und wird mir ihr Mit⸗ leid werden, wenn ich auf ihre Liebe verzichten muß.“ Es iſt die Rolle eines Opfers ſo peinlich nicht, als man glauben könnte. Sie trägt ihre Compen⸗ ſationen in ſich ſelbſt. Man kommt dabei zu einer Selbſtbewunderung, die keine andere Lebensſtellung hervorzurufen ver⸗ mag. Chren wir dieſes Gefühl: es iſt dem Glauben zu Hülfe gekommen, als es galt, Apoſtel und Mar⸗ tyrer zu ſchaffen. Robert kam zu Moncontour an. Dort ging er zuerſt in ſeine Wohnung, um ſich umzukleiden; dann ging er zu Friedrich. Die Aufregung des jungen Mannes nahm ganz natürlich zu, je näher er dem Schloſſe des Herrn de la Marche kam. „Wenn man mir antwortete, er ſei abgereist und komme nicht mehr!“ dachte er. Und ein Strahl geheimer Hoffnung erleuchtete Roberts Geſicht. An dem Gitter des Schloſſes angekommen, läu⸗ tete er. „Was wollen Sie?“ ſprach der Diener, welcher an dieſem Gitter erſchien. „Ich muß mit dem Herrn Grafen de la Marche ſprechen,“ antwortete Robert, den Lakaien in einer Weiſe anſchauend, daß derſelbe einſehen mußte, er würde es mit Robert zu thun haben, wenn er keinen andern Ton anſchlüge. „Sagen Sie mir Ihren Namen,“ antwortete der 308 Diener in etwas höflicherem Tone:„ich will Sie melden.“ „Der Herr Graf kennt meinen Namen nicht; auch bin ich von Jemand hergeſchickt.“ „Nun, ſo ſagen Sie mir den Namen der Perſon, die Sie hergeſchickt.“ „Das kann nicht ſein; da ich nicht an Sie ge⸗ ſchickt worden bin, ſo ſollen Sie auch den Namen dieſer Perſon nicht erfahren. „Sagen Sie ganz einfach Ihrem Herrn, es ſei hier Jemand, der ihn in einer Sache von der höch⸗ ſten Wichtigkeit ſprechen wolle. Gehen Sie, gehen Sie!“ Dieſe letzten Worte, insbeſondere aber die Art, wie ſie geſprochen wurden, beſtimmten den Diener zu gehorchen. Robert blieb allein. „Blanca wird hier recht glücklich ſein,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, indem er umherſchaute und die langen Alleen, ſowie die grünen Bogen ſah, welche die mäch⸗ tigen Bäume des Parkes bildeten. „Zuweilen werde ich an dieſem Gitter vorüber⸗ gehen und ſehen, wie ſie am Arme ihres Mannes luſtwandelt. Dann werde ich den ganzen Tag glück⸗ lich ſein.“ Jetzt erſchien der Diener wieder. „Der Herr Graf,“ ſprach er mit triumphirender Miene,„empfängt nur ſolche Leute, die ſich nennen.“ „Ich nenne mich aber nicht,“ ſprach er,„und er ſoll mich gleichwohl empfangen.“ 7, diente, ſich dem Arbeiter in den Weg ſtellend. Das wollen wir ſehen,“ antwortete der Be⸗ tete ließ ſchle gan eber Frit Rol der dah ſein unh auff dan frag wol Nan ich: mit Brie das 309 „Nein, das haben wir ſchon geſehen,“ antwor⸗ tete der Letztere. Und nun ergriff er den Lakaien mit einer Hand, ließ denſelben einige Kreisdrehungen machen und ſchleuderte ihn zehn Schritte weit fort, worauf er ganz ruhig nach dem Schloſſe hinging. Dort angekommen, öffnete er eine Thüre zu ebener Erde und ſtand dann in dem Zimmer, worin Friedrich ſich befand. „Wo iſt wohl Herr Graf de la Marche?“ fragte Robert. „Ich ſelbſt bin es.“ Wir vermöchten kaum den Blick zu ſchildern, den der junge Mann auf den Grafen warf; es genüge daher, wenn wir ſagen, daß die ganze Neugierde ſeiner Liebe in dieſem Blicke lag, ſowie daß ihm die unheimliche Bläſſe und der ſeltſame Blick Friedrichs auffiel. „Das iſt ein Böſewicht!“ war Roberts erſter Ge⸗ danke. „Sind nicht Sie es, der eben Einlaß verlangte?“ fragte Herr de la Marche in etwas ſtolzem Tone. „Ja,“ antwortete Robert. „Und Sie haben Ihren Namen nicht ſagen wollen?“ „Aus einem ganz einfachen Grund: Es iſt mein Name Ihnen unbekannt; ferner iſt es unnütz, daß ich ihn einem Bedienten ſage, und endlich wollte ich mit Ihnen allein ſprechen. Ich ſoll Ihnen einen Brief zuſtellen und ſoll auf eine Antwort warten: das iſt Alles.“ „Von wem kommt dieſer Brief?“ 310 „Wir ſind hier doch allein, Herr Graf?“ „Ja.“ „Es kommt dieſer Brief von Fräulein Blanca Pascal antwortete Robert leiſe. „Von Blanca!“ rief der Graf, das letzte Wort ſcharf betonend und den Boten muſternd. „Ja,“ antwortete der Arbeiter, der unwillkühr⸗ lich erröthet war, als er Friedrich hatte kurzweg Blanca ſagen hören. „Geben Sie her, geben Sie her,“ antwortete Herr de la Marche eifrig.„Es wird ihr doch nichts geſchehen ſein?“ „Ohl nichts, Herr Graf, nichts.“ Friedrich erbrach den Brief und verſchlang ihn. „Das arme Kind!“ murmelte er,„es zittert eben immer. Setzen Sie ſich: ich will Ihnen die Ant⸗ wort geben, die ſie verlangt.“ Robert aber blieb ſtehen. „Er liebt ſie,“ ſprach er bei ſich ſelbſt. Und bei dieſem Gedanken fühlte er im Herzen jenen ſchneidenden Schmerz, den der empfindet, der ſeine letzte Hoffnung ſchwinden ſieht. Einen Augen⸗ blick haßte er, trotz ſeines Vorſatzes, den Mann, den er ſo glücklich ſah. Unterdeſſen ſchrieb Friedrich: „Sei doch ruhig, vielgeliebte Blanca: ich liebe Dich! Das iſt das Wort, das Du von mir verlangſt. Zwanzig Seiten von meiner Hand vermöchten Dir nicht mehr zu ſagen.“ Friedrich legte dieſen Brief zuſammen, ſiegelte ihn und ſtellte ihn Robert zu. in S . ter ge — lanca Wort lkühr⸗ rzweg ortete nichts ihn. eben Ant⸗ derzen , der ugen⸗ , den liebe 1 angſt. Dir egelte 311 „Ich danke Ihnen,“ ſprach der junge Mann, indem er ſich entfernte. „Ei, ſagen Sie mir doch, Freund: nicht wahr, Sie kommen von Niort?“ hob der Graf, ihn aufhal⸗ tend, wieder an, nachdem er einen Augenblick nach⸗ geſonnen. „a. „Und Sie gehen wieder hin? „Gleich jetzt.“ Nun ſchloß der Graf eine Schublade auf und nahm zehn Louisd'or daraus hervor, die er Robert hinbot, während er die Phyſiognomie des Boten ſtudirte. „Was ſoll das?“ fragte Robert. „Es iſt das für Ihre Mühe, mein Freund.“ „Mein Gang iſt ſchon bezahlt, Herr Graf,“ ant⸗ wortete Robert, deſſen Stimme unwillkührlich bebte. „Er iſt es, es iſt Robert,“ ſprach Friedrich bei ſich ſelbſt, dem die Aufregung des jungen Mannes keineswegs entging. Dann fuhr er laut alſo fort: „Und ohne Zweifel kennen Sie den Inhalt des von Ihnen überbrachten Briefes?“ -„ Ich kenne denſelben eben ſo wenig, als den Inhalt Ihres Briefes, Herr Graf.“ „Man hatte Ihnen aber doch nicht verheimlicht, daß der Brief von Wichtigkeit wäre?“ „Ich habe dieß aus der Art und Weiſe erſehen, wie Fräulein Pascal mich gebeten, den Brief zu be⸗ ſorgen. Im Uebrigen hatte ich keinen Grund, mich darüber zu wundern, da ſie weiß, daß ich ihr mit Leib und Seele ergeben bin.“ unen uns außer un⸗ Dinge, als daß ich die⸗ „Sie haben mir nichts mehr zu ſagen, Graf?“ „Nein, mein Herr, nein.“— Robert empfahl ſich nun Friedrich und zog ſich rück. Herr zu „Wenn man bedenkt,“ ſprach Herr de la Marche, dem jungen Manne mit dem Auge folgend, und ſelt⸗ ſam lächelnd, gwenn man bedenkt, daß dieß der Mann iſt, der Blanca heirathen und mein Kind an⸗ erkennen wird: es gibt doch Leute, die zu ſolchem Geſchäfte geboren werden!“ „Er liebt ſie wahnſinnig, der arme Junge. Eben zitterte er noch wie das Laub auf den Bäumen. „Er wird aber doch,“ fuhr Friedrich, ſich wieder ſetzend und Blanca's Brief in einer Schublade ver⸗ ſchließend, fort,„mit ihr recht glücklich ſein, und was ſie betrifft, ſo wird ſie mit ihm nicht unglücklich ſein: ſie iſt ein allerliebſtes Mädchen und er ein wunder⸗ ſchöner Burſche, meiner Treu!“ Es klingelte der Graf. ſe Ehre, Herr Graf,“ gend und in ernſtem, .— -——— — 313 „Guillemin,“ ſprach er zu dem hereintretenden Bedienten,„Du haſt Dir doch den Menſchen recht angeſehen, der eben da geweſen?“ „Ja, Herr Graf, ich habe denſelben nur allzu gut geſehen.“ „Warum ſagſt Du das?“ „Weil er, als ich mich der Weiſung des Herrn Grafen zufolge ſeinem Eindringen widerſetzte, mich am Kragen gefaßt und zehn Schritte weit fortge⸗ ſchleudert hat. Ich bin am ganzen Körper braun und blau, und es thut mir Alles wehe.“ „Dann wirſt Du ihn nur um ſo beſſer wieder erkennen.“ Guillemin verneigte ſich zum Zeichen ſeiner Zu⸗ ſtimmung⸗ „Darf ich ihn gar nicht mehr hereinlaſſen?“ ſprach er, dem Willen ſeines Herrn ſo zuvorzukommen glaubend. „Im Gegentheil, kommt er wieder, ſo mußt Du die größten Rückſichten für ihn haben und ihn als⸗ bald zu mir bringen. Und nun kannſt Du gehen.“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ja und Nein. Es hatte Robert ſich alsbald wieder auf den Weg gemacht. Tags darauf war er ſchon wieder in Niort. Mit unausſprechlicher Ungeduld erwartete ihn Blanca. Sie war eben am Fenſter, als er dem Gaſthauſe ſich näherte. Sie bemerkte ihn und fühlte, wie ihr alles Blut nach dem Herzen zurückſtrömte. „Bringt er mir Leben oder Tod?“ fragte ſie ſich ſelbſt. Fünf Minuten darauf war Robert bei ihr. „Wie ſchön iſt es von Ihnen, daß Sie ſo bald wieder gekommen ſind!“ ſprach Frau Pascal zu ihm. „Liebe Mutter, geh' und ſorg' doch ſelbſt dafür, daß Herr Robert ein gutes Frühſtück bekommt,“ ſprach Blanca zu ihrer Mutter. Das Mädchen ſchämte ſich in ihrem Innern ſelbſt, daß ſie ihre Mutter, die frömmſte der Frauen, in ſolcher Weiſe täuſchen mußte; allein ſie war eben dazu gezwungen, wenn ſie größeres Unglück abwen⸗ den wollte. Ohne eine Sylbe zu ſprechen, übergab Robert dem Mädchen den Brief des Grafen. Dann nahm er Suſannen auf den Arm und küßte das Kind in⸗ brünſtig. Wie Vieles lag nicht in dem Kuſſe, den er dem Kinde gab! „Robert,“ ſprach Blanca, nachdem ſie den Brief des Grafen geleſen,„werde ich je das Opfer würdig zu erkennen vermögen, das Sie mir gebracht?“ „Welches Opfer?“ fragte Robert. „War es kein Opfer, daß Sie einen ſolchen Auf⸗ trag übernahmen? Mußte es Ihnen nicht wehe thun, ſo dem Grafen gegenüber zu ſtehen?“ „Wie wiſſen Sie das, Blanca?“ 315 „Oh, ich weiß Alles, Robert, ich weiß, daß Sie mich lieben.“ „Wer hat Ihnen das geſagt? Du mein Gott!“ Blanca deutete hier auf Suſannen. „Sie hat mir nicht gerade geſagt, daß Sie mich lieben, wohl aber habe ich es aus ihren Worten abgenommen. „Daher erwartete ich auch Ihre Rückkehr mit um ſo größerer Ungeduld, als ich Sie um Verzeihung bitten mußte, daß ich von Ihnen einen ſolchen Dienſt verlangt.“ „Ach ja, ich liebe Sie,“ antwortete Robert, Su⸗ ſannens Kopf zwiſchen beide Hände nehmend und einen Kuß auf die Haare des Kindes drückend;„aber ich werde meiner Liebe den Abſchied geben, da dieß die einzige Art iſt, Ihnen dieſelbe zu beweiſen.“ Es fühlte Blanca, wie zwei heiße Thränen auf ihre Stirn fielen. „Du Böſe!“ ſagte mit ihrem ſanften Stimmchen Suſanne, die bei dieſem Auftritte war und nichts davon verſtand, aber ihren Bruder weinen ſah,„Du Böſe! da bringſt Du ihn ſchon wieder zum Weinen, ihn, der Dich ſo warm liebt! Sag' ihm, Du wolleſt ihn recht lieben, damit er nicht mehr weint.“ Und das liebe Kind richtete ſich auf und bot ihrem Bruder die Lippen entgegen, während ſie ihn mit ihren Händchen zu ſich herzog. „Eil wir ſind ja recht närriſch,“ hob Robert wieder an, indem er ſich die Augen abtrocknete und lächelte,„geben Sie mir die Hand, mein Fräulein, und ſprechen wir nicht mehr davon. Dich aber, Suſanne, liebe ich nicht mehr, wenn Du noch ein Mal ſagſt, daß Du mich habeſt weinen ſehen.“ Warum verſank Blanca mit einem Male in tiefe Träumerei? Warum dachte ſie, die erſt einige Minuten zuvor noch glaubte, es hange ihr Leben an Friedrichs Antwort,— warum dachte ſie nicht einmal mehr an den Brief, den ſie in den Händen hatte? Warum erſchienen nun die ſüßen Bilder eines andern Lebens, als das, welches ihrer wartete, Bil⸗ der, die ein unglückverkündender Schrecken plötzlich verwiſcht hatte, wieder lächelnder denn je? Mit kurzen Worten, warum dachte Blanca, an⸗ ſtatt ſich ganz der Freude hinzugeben, welche die un⸗ wandelbare Liebe des Mannes bei ihr erwecken mußte, den ſie liebte,— ja, warum dachte Blanca nur daran, daß ſie Robert wehe gethan, indem ſie ihm einen ſo ſonderbaren Auftrag gegeben, und warum hätte ſie jetzt zehn Jahre ihres Lebens gegeben, wenn ſie ihm nicht die bekannten Mittheilungen gemacht hätte? Es ſind das Myſterien des Herzens, auf die man wohl hinweiſen kann, die ſich aber nicht erklären laſſen. Vor Allem aber hätte das Mädchen ſelbſt ſich von dem Zuſtande, in dem ſie ſich befand, keine Rechenſchaft geben können. Indeſſen begriff ſie doch ſo viel— und ſchon ſagte ihr das nicht mehr die Delicateſſe allein—: daß ſie Balſam in die Wunde gießen müſſe, welche ſie einem ſo biederen Herzen geſchlagen. 3 Während alſo Blanca zu träumen ſchien, warf ſie ganz verſtohlen die Augen auf Robert, unſchlüſſig, ein in vor chs an nes gil⸗ lich an⸗ un⸗ zte, nur hm um enn acht die ren lbſt ine gte ſie em arf 317 ob ſie ihm ſagen ſollte, was in ihr murmelte, weil ſie von der Furcht beherrſcht war, daß ſie einem erſten Anflug zarten Mitleids allzu geſchwind gehor⸗ chen, und was ſie im Augenblicke dachte, nicht lange denken möchte. Dann ſagte ſie bei ſich ſelbſt:„Wozu mag es nützen? Wozu wird das ihn oder mich führen?“ „Robert,“ ſprach ſie, aus ihrer Unſchlüſſigkeit plötzlich heraustretend,„ich muß Ihnen etwas ſagen, weil es wahr iſt, weil ich davon durchdrungen bin, weil ich es Ihnen eben ſo wenig vorenthalten kann, als meine übrigen Gedanken.“ „Sprechen Sie, Blanca, ſprechen Sie,“ rief Robert, der eine Freude ahnte in dem, was er hören ſollte. „Nun, Robert, ich ſchwöre Ihnen, daß wenn...“ Blanca zauderte. „Daß wenn?...“ ſprach Robert, ihre Hand erfaſſend, weiter. „Ohl nichts,“ verſetzte Blanca, ihre Hand aus der des jungen Mannes zurückziehend;„da iſt meine Mutter.“ „Was wollte ſie mir doch ſagen?“ fragte ſich Robert. „Es iſt beſſer, wenn er es nicht weiß,“ dachte Blanca,„denn ich weiß wirklich ſelbſt nicht recht, ob ich es auch denke.“ Es war ſeit dieſem Auftritte eine halbe Stunde verfloſſen, und eben ſchickte ſich Robert, der, Frau Pascal zu Gefallen, das Mahl zu ſich genommen hatte, welches ſie ihm hatte bereiten laſſen, an, aus⸗ zugehen, um, wie er ſagte, einige Geſchäfte zu be⸗ ſorgen, die ihn nach Niort geführt, in Wahrheit aber, 318 um ſich zu zerſtreuen und draußen unter den Men⸗ ſchen wieder einige Ruhe zu gewinnen zu ſuchen, da trat ein Bote ein mit einem Briefe an Frau Pascal. Dieſer Brief kam von Felician. „Liebe Mutter!— ſo lautete der Brief— wenn Herr Robert, wie Du hoffteſt, heute zurückgekommen iſt, ſo ſag' ihm, er ſolle mich beſuchen, und komm' Du dann ſelbſt mit Blanca erſt eine Stunde ſpäter; ich möchte mit ihm über die bewußte Angelegenheit reden, wovon wir geſtern geſprochen. „Es küßt Dich Dein treuliebender Sohn „Felician.“ „Was ſoll dieſer Brief?“ fragte Blanca. „Ohl es iſt ein Brief von Felician, der mir ſchreibt, er erwarte uns heute, jedoch eine Stunde ſpäter denn ſonſt. Es ſteht auch für Sie etwas in dem Briefe, Herr Robert.“ Zu gleicher Zeit bot Frau Pascal dem jungen Arbeiter den Brief hin, den ſie eben erhalten. Robert las ihn. „Was mag Felician von mir wollen?“ fragte er ſich ſelbſt. „Gehen Sie alsbald zu ihm,“ ſprach Frau Pascal ganz leiſe:„ich weiß nicht, warum es mir iſt, als werde er ſich freuen, daß Sie hingegangen.“ Alsbald entfernte ſich Robert, um in's Seminar zu gehen. Felician Pascal trat ihm lächelnd entgegen und bot ihm beide Hände zugleich hin. „Mein Bruder,“ hob er an,„ich habe über ernſte Dinge mit Ihnen zu reden. Setzen wir uns und 319 plaudern wir einen Augenblick. Sie lieben Blanca, Robert?“ Robert fuhr zuſammen. „Sie dürfen es wohl ſagen: es iſt das wahrlich kein Verbrechen.“ „Nun ja, Felician, ich liebe Ihre Schweſter. Aber wer hat Ihnen das geſagt?“ „Sie ſind unter einem falſchen Vorwande nach Niort gekommen: iſt dieß nicht des Beweiſes genug für ein Herz wie das meinige? „Und dann muß ich mich auch billig fragen, ob ein Mann wie Sie ein Mädchen wie Blanca lange ſehen kann, ohne ſie zu lieben? Sie beſitzen genau die gleichen Eigenſchaften wie meine Schweſter, die Sie gleichfalls liebt.“ Bei dieſem Worte erblaßte Robert. „Nein, Freund, da irren Sie,“ ſprach er bewegt, „Fräulein Pascal liebt mich nicht.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ frage ich Sie meinerſeits.„Haben Sie Blanca Ihre Liebe ver⸗ traut?“ fe,d nie, indeſſen weiß ich, daß ſie mich nicht liebt.“ „Wir werden das bald erfahren.“ „Wie das?“ „In einer Stunde kommt Blanca mit meiner Mutter zu mir hierher, und dann werde ich ſie fragen.“ „Was iſt denn Ihre Abſicht, Felician?“ „Meine Abſicht, Freund, iſt, was ſie ſtets gewe⸗ ſen: ich will meiner Schweſter einen ehrlichen Mann zum Gatten geben, einen Mann, der ſie wahrhaft liebt, den ſie ſelbſt liebt, und der ſie glücklich macht. 3²0 Nun aber glaube ich, daß Sie allen Bedingungen genügen, die ich an den Gatten meiner Schweſter ſtellen muß. „Sie können ſich leicht denken, daß es mir in dem Augenblicke, wo ich mich von der Welt trenne, ein ſüßer Troſt wäre, wenn ich Blanca einen Be⸗ ſchützer geben könnte, wie Sie ſind. Ich habe alſo mit Ihnen ſprechen wollen, bevor ich Blanca frage. Liebt meine Schweſter Sie, wie ich glaube, daß ſie Sie lieben muß, will ſie Ihre Frau werden, wollen Sie dann mein Schwager, mein Freund werden?“ „Zu jeder Zeit, und unter welchen Umſtänden es immer ſein mag, gelobe ich,“ verſetzte Robert mit ernſter Stimme,„Fräulein Pascal zur Frau zu neh⸗ men, wenn ſie mich haben will; indeſſen muß ich Ihnen wiederholen, mein Bruder,“ ſetzte Robert trau⸗ rig hinzu,„daß Fräulein Pascal mich wohl nicht will.“ 1 Als Blanca im Laufe des Abends einige Augen⸗ blicke mit Robert allein war, ſprach ſie mit einer Stimme voller Dankbarkeit und Rührung zu ihm: „Ich danke Ihnen, Robert, für das, was Sie heute gethan.“ „Was habe ich denn gethan, um dieſen Ihren Dank zu verdienen?“ 3 „Sie wollen mir trotz der bewußten Umſtände Ihren Namen geben, mein Freund; Sie lieben mich alſo recht ſehr?“ „O ja, ich liebe Sie.“ „Wohlan! es hat mein Bruder mich ebenfalls gefragt, und da habe ich denn gethan, was ich thun b V V — 321 mußte, das heißt, ich habe ſeinen Vorſchlag zurück⸗ gewieſen.“ „Es iſt das ganz natürlich, mein Fräulein, da Sie mich ja nicht lieben.“ „In der That, Robert, ich liebe Sie nicht,“ ant⸗ wortete Blanca, nachdem ſie einen Augenblick un⸗ ſchlüſſig geweſen. Zu gleicher Zeit verließ Fräulein Pascal das Zimmer, ſchloß ſich in das anſtoßende Zimmer ein und begann zu ſchluchzen. „CEil ich war ein rechter Thor,“ ſprach Robert entmuthigt bei ſich ſelbſt.„Wenn man bedenkt, daß ich einen Augenblick gehofft! „Noch vierzehn Tage der Prüfung, noch vierzehn Tage der Qual; dann werde ich, wenn ich ſie glück⸗ lich weiß, Suſannen Frau Pascal anvertrauen und das Land verlaſſen. „Ich werde dann Soldat. Vielleicht findet ſich irgendwo eine Kugel für mich.“ So verſtrichen etliche Tage, während welcher Blanca es vermied, mit Robert allein zu ſein. Was hätte ſie auch ihm jetzt noch ſagen können? Sie hatte ſich einige Male, wenn ſie ihn kommen ſah, eingeſchloſſen, und Briefe an Friedrich angefan⸗ gen, wie wenn ſie die ſie beläſtigenden Gedanken hätte plötzlich ableiten wollen. Man hätte glauben können, es ſuche Blanca in der Gewißheit, daß ſie einem andern Manne gehören müſſe, die nöthige Kraft wider das Andenken Roberts und wider ihre eigenen Gefühle. Sie ſchrieb alſo und warf die erſten Linien eilig auf's Papier; dann erlahmte ihre Hand, dann fand Dumas, d. J, drei ſtarke Männer. 21 322 ihr Geiſt oder vielmehr ihr Herz nicht mehr den rechten Ausdruck. Und ſo ließ ſie dann die Feder ihrer Hand entſinken und ſtützte den Kopf auf die Hand, erſtaunt das letzte Wort, das ſie geſchrieben, anſchauend. So konnte ſie ganze Stunden träumen. Hatte ſie eine Stunde geträumt, ſo nahm ſie die Feder wieder, ſtand aber im Augenblicke, wo ſie fortſchreiben wollte, auf und zerriß ihren Brief, ohne ihn auch nur zu leſen. Dann ging ſie in ihrem Zimmer auf und ab, wie ein Gefangener in ſeinem Gefängniſſe zu thun pflegt. Die Seele des Mädchens war in der That ge⸗ fangen und wußte nicht, wie ſie ſich aus dem Zuſtande, worein ſie verfallen war, wieder heraus⸗ arbeiten ſollte. Es war dieß ein ſeltſamer Zu⸗ ſtand, den ſie ſich nicht zu erklären vermochte, und der ihr, ſo oft ſie eine Bewegung machte, um ſich ihm zu entreißen, die gleiche Wirklichkeit vor Augen ſtellte. Gelang es ihr, ihre Gedanken ein bischen zu ordnen, erleuchtete ein bischen Tageshelle die Tiefen ihrer neuen Eindrücke, ſo war es noch viel ſchlim⸗ mer; dann war ſie über das, was ſie dort entdeckte, gleichſam entſetzt. Was ſie ſah, widerſprach dem, was ſie bis dahin geglaubt, dermaßen, ſtrafte ihre früheren Ueberzeu⸗ gungen ſo förmlich Lügen, mit einem Worte, die eingetretene Veränderung war ſo ſchrecklich, daß Blanca es für räthlicher hielt, dieſelbe gar nicht ten ſuchte. zu ergründen, und daß ſie ſich vor ſich ſelbſt zu ret⸗ 323 Sie glich einem plötzlich ruinirten Manne, der lieber auf der Stelle ſtirbt, als daß er vorher noch unterſuchen möchte, wie er ſich ruinirt hat. Schmerz⸗ lich iſt es wohl, an Andern zu zweifeln, noch, ſchmerz⸗ licher aber, an ſich ſelbſt zu zweifeln, und fo weit war es bei Blanca gekommen. Seitdem ſie materiell von Friedrich getrennt war, nahm ſie zu ihrem großen Staunen wahr, wie ſie dieſe Trennung ſchon ohne Mühe ertrug; ja, es gab Augenblicke, wo der Gedanke, daß ſie ſich bald mit ihm wieder vereinigen würde, ihr peinlich genug war. Entfernt man ſich von Leuten, die man liebt, ſo legt in der Regel der Leib allein den trennenden Raum zurück; der Geiſt ſelbſt bleibt bei ihnen. So war es nicht bei Fräulein Pascal. Ihr Geiſt war von Friedrich noch weiter weg, als ihr Leib. Kurz, ſie fing an, ſich dem beherrſchenden Ein⸗ fluſſe, der magnetiſchen Gewalt zu entziehen, die der Graf bis dahin über ihren Geiſt und ihre Sinne geübt hatte; und was für ſie in ihrer dermaligen Lage wahrhaft gräßlich war, war der Umſtand, daß ſie das Gefühl zu analyſiren begann, das ſie der Herrſchaft ihres Liebhabers unterworfen hatte, ſowie daß ſie immer mehr gewahrte, wie das Herz viel⸗ leicht keinerlei Antheil daran hatte. Es war dieß, wie geſagt, eine ſchreckliche Ent⸗ deckung; denn nicht allein ihre Vergangenheit, ſon⸗ dern auch ihre Zukunft mußte ein Opfer derſelben werden. Auch war die Sache ſo unerwartet, und es be⸗ griff zugleich Blanca die Folgen, welche dieſelbe haben konnte, ſo wohl, daß ſie, wir wiederholen es, ſich 324 dieſem Zuſtande plötzlich zu entreißen ſuchte und rief: „Ich bin doch eine rechte Thörin! Ich liebe Fried⸗ rich immer noch. Was für ein Weſen wäre ich, wenn ich ihn nicht mehr liebte!“ Vielleicht hätte ſie, mit Hülfe ihrer Erinnerungen und ſtark durch die Selbſtachtung, die ſie ſich erhalten wollte, es ſo weit gebracht, daß ſie ihr Herz, wo nicht überzeugt, ſo doch geduldiger geſtimmt hätte; aber es hatte dieſe Veränderung eine Urſache,— aber ihr Wille war dabei nicht allein maßgebend: ſie fand in ihrem Herzen ein außer ihr liegendes Hinderniß. Die Urſache dieſer Veränderung, dieſes Hinder⸗ niß war das ganz neue Gefühl, das die bloße Er⸗ ſcheinung, der bloße Name Roberts, ja der bloße Gedanke an Robert bei ihr weckte. Einem ſchüchternen Kinde gleich, das bei einem gefürchteten Vater iſt, ſetzte dieſer Name ſich ganz allmählig im Herzen des Mädchens feſt, ihr zulächelnd und ſie zu ſich herziehend; ſah er dann, wie dieſes Herz ſich empörte und über ſeine Gegenwart zürnte, ſo floh er, wie wenn er nie mehr hätte zurückkommen wollen, und doch kam er ſchon einige Augenblicke darauf, einen Augenblick wahrnehmend, wo das Mäd⸗ chen nicht an ihn dachte, ganz behutſam zurück, um ſeinen Platz einzunehmen, und zwar mit ſolcher Be⸗ harrlichkeit, daß Blanca, in ihrem Staunen und in ihrem Zorne ermüdet, ganze Stunden, ja ganze Nächte hindurch ſeinen Verſprechungen lauſchte. Um ſich Aufnahme zu verſchaffen, griff er zu Mitteln, die von denen, welche Friedrich angewandt hatte, ſo himmelweit verſchieden waren und der Or⸗ und Fried⸗ wenn ingen dalten nicht der es r ihr ad in ß. nder⸗ e Er⸗ bloße einem ganz helnd dieſes irnte, nmen blicke Mäd⸗ , um Be⸗ nd in ganze er zu dandt Or⸗ 325 ganiſation des Mädchens ſo vollkommen entſprachen; er war ſo ſchüchtern, ſo voller Hingebung, ſo dank⸗ bar für die geringſte Gunſtbezeigung, daß er jeden Tag mehr Raum gewann und in dieſer Atmoſphäre der Jugend, der Schamhaftigkeit, der Chrlichkeit, welche ſeine natürliche Atmoſphäre, worin er geboren war, worin er leben mußte, ſich acclimatiſirte. Roberts Liebe bewies ſich durch ihre ſtille Hin⸗ gebung ganz allein, und Blanca mußte ſich eben immer wieder ſagen: „So offenbart ſich die wahre Liebe.“ War ſie einmal ſo weit, ſo mußte ſie bald auch an der Liebe zweifeln, die ſich ihr ganz anders ge⸗ zeigt hatte. Zwiſchen dem unterwürfigen, ehrerbietigen Her⸗ zen, das noch nichts verlangt hatte, als das Recht, ihr verzeihen zu dürfen, und jenem anſpruchsvollen Herzen, welches alsbald den größten Beweis von Liebe gefordert hatte, welchen ein Weib immer zu geben vermag, ließ ſich lediglich keine Vergleichung anſtellen, und es war Blanca gewiß, daß ſie von dem erſten mehr geliebt werde, als von dem zweiten. Es wäre aber ein Unglück für ſie geweſen, wenn ſie den Mann mehr geliebt hätte, der ſie am Meiſten liebte, und, um die Achtung dieſes Mannes ſich zu erhalten, mußte ſie, da ſie ſich nicht zu überreden vermochte, ihn ſelbſt überreden, daß ſie ihn nicht liebe und nie lieben würde. Wie hätte man auch ein Mädchen wie Blanca bewegen können, eine ſo plötzliche Veränderung einzugeſtehen? Einem Manne gehört zu haben, deſſen Frau man werden ſoll, und einem andern zu — 326 geſtehen, daß man ihn liebe, das war in Blanca's Augen ein Act der tollſten Schamloſigkeit; ſie begriff wohl, daß man an ſolcher Liebe ſterben, nicht aber begriff ſie, daß man ſie eingeſtehen könne. Und warum mied ſie Robert? In ſeiner Nähe hätte ſie, durch ſeine Fragen oder ſein peinliches Schweigen gedrängt, vielleicht Alles geſagt; denn es konnte das arme Mädchen, wie wir geſehen, nichts verheimlichen. War ſie allein, war ſie fern von ihm, ſo konnte ſie ſich ohne alle Furcht dem Kummer über dieſes unmögliche Glück überlaſſen. Die Strafe folgte dem Fehltritt auf dem Fuße; denn es litt Blanca entſetzlich, daß ſie die Freiheit ihres Herzens verloren. Je mehr ſie aber über die Sache nachdachte, je mehr ſie ſich vereinſamte, um ſo gewaltiger wurde dieſe neue Liebe, da ſie nicht einmal eine Erinnerung zu bekämpfen hatte und einer Seele ſich darbot, die ſich einſchloß und iſolirte, um ſie aufzunehmen. Sie goß daher in die Wunde ihres Herzens einen Bal⸗ ſam, der es fär den Augenblick beruhigte, aber rei⸗ zend wirken und die Wunde ſpäter größer und ge⸗ fährlicher machen mußte. Was that inzwiſchen Robert? Jeden Tag gelobte er ſich ſelbſt, nicht mehr zu Blanca zu kommen, und zwar fand er dafür bei ſich ſelbſt den Grund: „Was nützt es, wenn ich hingehe, da ich ſie ja kaum ſehe?“ Und doch kam er jeden Tag zu ihr. Sah er ſie auch faſt gar nicht mehr, ſo ſah er doc ſche Pa abe hat ſell mo Se M die zie es ge lich irg ein ang klä mie um gec gej ver liel lanca's begriff dt aber Fragen elleicht idchen, allein, de alle Glück Fuße; reiheit te, je wurde nerung t, die . Sie Bal⸗ r rei⸗ nd ge⸗ hr zu V ei ſich ſie ja ah er 327 doch die Thüre, hinter der ſie war, und ſtundenlang ſchaute er dieſe Thüre verſtohlen an, während Frau Pascal neben ihm arbeitete. Wie viele Blicke glaubte Robert verloren, die aber Blanca dennoch nicht entgingen; denn gar oft hatte das Mädchen dem Wunſche, ihn zu ſehen, ohne ſelbſt geſehen zu werden, nicht zu widerſtehen ver⸗ mocht. Gleich einem Kinde hatte ſie durch das Schlüſſelloch geſchaut und die Gedanken des jungen Mannes aus den tiefen Blicken errathen, die er auf die geſchloſſene Thüre warf. Gleichwohl konnte ſie ſich ihm nicht ewig ent⸗ ziehen, da ihre Mutter es ſonſt bemerkt hätte und es nach dem, was zwiſchen Robert und Felician vor⸗ gefallen war, auch als eine allzu affectirte Unhöf⸗ lichkeit erſchienen wäre. Blanca glaubte daher dann und wann unter irgend einem Vorwande ihr Zimmer verlaſſen und einige Augenblicke mit Robert plaudern zu müſſen. Indeſſen hatte ſie ihrer Mutter doch einen Grund angeben müſſen, um ihr tägliches Alleinſein zu er⸗ klären; ſie hatte daher geſagt: „Du begreifſt, liebe Mutter, daß, nachdem ich mich geweigert, Robert zum Manne zu nehmen, es um ſo beſſer iſt, je weniger ich um ihn bin.“ „Du haſt Recht, mein Kind,“ hatte Frau Pascal geantwortet;„warum aber haſt Du ſeine Hand aus⸗ geſchlagen?“ „Weil ich meine Mutter, die ich liebe, noch nicht verläſſen mag einem Manne zu lieb, den ich nicht ie e. 328 Und indem Blanca alſo ſprach, bat ſie Gott um Verzeihung, daß ſie ſo ſchändlich log. Eltern glauben immer, es müſſe eine Antwort wahr ſein, welche der Eitelkeit ihrer Liebe ſchmeichelt. Nun aber hatte Frau Pascal, die keinerlei Grund hatte, nicht zu glauben, an Blanca's Worte ge⸗ glaubt. Auf der andern Seite war ſie die Vertraute Ro⸗ berts geworden, der, wenn er ihr auch nicht alle ſeine Eindrücke und alle ſeine Gedanken mittheilte, doch von Zeit zu Zeit einige Worte ſprach, welche in ſeinen Seelenzuſtand einen Blick thun ließen und die Wirkung hatten, daß die wackere Frau ihn recht beklagte. Als einſt Blanca ſich den ganzen Tag nicht hatte ſehen laſſen, und als ſie ſogar ganz allein auf ihrem Zimmer geſpeist hatte, glaubte Robert in dieſem Sich⸗ fernhalten den Wunſch zu erblicken, daß er gehen möchte. Er faßte ſich alſo ein Herz und ſprach im Laufe des Abends zu Frau Pascal: „Ich muß Sie um einen Dienſt bitten, Ma⸗ dame.“ „Oh, ſprechen Sie, Herr Robert, ſprechen Sie! Es wird der Tag, an dem ich Ihnen einen ſolchen erweiſen kann, ein ſchöner für mich ſein.“ „Ich habe im Sinn, fortzugehen.“ „Sie zvollen fortgehen, ſagen Sie?“ „Ja. 1 „Und warum denn, guter Gott?“ „Weil es ſein muß, ſehen Sie,— weil ich allzu unglücklich bin.“ „Ja, Herr Robert, ich ſehe wohl, daß Sie ſich tt um twort ichelt. Prund 2 ge⸗ Ro⸗ alle eilte, eelche und recht hatte rem Sich⸗ 329 recht unbehaglich fühlen; vielleicht haben Sie Recht. Reiſen Sie einige Zeit, es wird Ihnen wohl bekom⸗ men; vielleicht ändern ſich auch mit der Zeit, wer weiß es, Blanca's Anſichten. Junge Mädchen ſind oft ſo launiſch!“ Müttern ſind Mädchen immer jung. „Und was haben Sie im Sinne zu thun?“ fuhr Frau Pascal fort. „Ich will dienen.“ „Sie wollen Soldat werden?“ „Ja. Es wäre mir unmöglich, müſſig zu blei⸗ ben. Die Disciplin, die Pflichten, vielleicht auch ein Krieg werden mich zerſtreuen und zwiſchen die Gegenwart und Zukunft eine Schranke ſtellen. „So lange ich mein eigener Herr bleibe, bin ich im Stande, allerlei Thorheiten zu begehen; gehöre ich aber meinem Vaterlande, bin ich gezwungen, An⸗ dern zu gehorchen, muß ich fern von Fräulein Blanca leben, bin ich endlich aus einem Menſchen zu einer Sache geworden, ſo gelingt es mir vielleicht, völlig unempfindlich zu werden, Alles zu vergeſſen, glücklich zu werden. „Es iſt das beſſer als der Selbſtmord: nicht wahr?“ „Als der Selbſtmord! Großer Gott! Haben Sie denn ſolchen Gedanken Raum geben können?“ „Wohlan, liebe Frau Pascal, ich habe auf Sie gezählt, da ich Suſannen nicht mitnehmen kann, wenn ich Soldat werde. Es wird mein Entſchluß für dieſes Kind ſogar ein Glück ſein. „Sie kommt nun in ein Alter, wo jedes weib⸗ iche Weſen der Fürſorge eines andern ſolchen Weſens 330 bedarf. Sie werden ihr Mutter, werden ihr Vor⸗ münderin ſein, Frau Pascal. Wollen Sie das? Fräulein Blanca wird ſich doch einmal heirathen; Herr Felician wird nun bald Prieſter ſein, und ſo werden Sie dann allein in der Welt daſtehen. „Dieſes Kind nun wird Ihnen eine Zerſtreuung ſein, wird Ihnen eine Tochter erſetzen, indem es wieder eine Mutter findet. „Sie werden dann und wann ihr von mir erzählen: nicht wahr? und will es das Glück, daß ich getödtet werde, ſo ſagen Sie ihr, daß ich ſie recht geliebt habe.“ Es ſtand der arme Burſche auf, wie wenn er ſeiner Aufregung hätte Meiſter werden wollen; un⸗ willkührlich füllten ſich aber ſeine Augen mit Thrä⸗ nen. Die Elbogen auf den Kaminſims ſtützend, ver⸗ barg er den Kopf zwiſchen beiden Händen und ſprach unter vielen Thränen zu Frau Pascal: „Verzeihen Sie mir, Madame; aber ich kann nicht anders.“ Es war nun auch Frau Pascal aufgeſtanden. Sichtlich gerührt, war ſie zu Robert, wie zu einem Sohne, hingegangen und hatte zu ihm geſprochen: „Ich bitte Sie, Herr Robert, weinen Sie nicht: Sie thun mir wehe; es iſt mir, als weine Felician.“ „Ich bitte Sie nochmals um Verzeihung, liebe Frau Pascal; aber es hat mir heute furchtbar wehe gethan, daß Fräulein Blanca mich in ſo auffallender Weiſe gemieden hat. Es iſt das mehr denn Gleich⸗ gültigkeit, es iſt das Verachtung. Und doch verdiene ich ſolches nicht.“ r Vor⸗ das? athen; und ſo reuung dem es ählen: etödtet geliebt anden. einem chen: nicht: lcian.“ liebe wehe Uender Gleich⸗ erdiene „ 331 Eben wollte Frau Pascal antworten, da berührte eine Hand ſanft ihre Schulter. Sie wandte ſich um. Es ſtand Blanca hinter ihr, bläſſer als ſie je geweſen. „Laß mich mit Herrn Robert allein,“ ſprach ſie leiſe zu Frau Pascal;„ich muß mit ihm ſprechen.“ Frau Pascal entfernte ſich und ging in das Zimmer, das Blanca eben verlaſſen hatte. Sie ſchloß die Thüre hinter ſich. Nun legte das Mädchen eine Hand auf eine von Roberts Händen, der von dem, was eben geſchehen war, nichts bemerkt hatte, indem er in ſeine ſchmerz⸗ lichen Gedanken ganz vertieft war, und auch den Kopf in beiden Händen verborgen hatte. „Hören Sie mich an, Robert,“ ſprach Blanca mit ihrer ſanfteſten Stimme, zugleich aber mit einer Aufregung, die ſie, wie leicht begreiflich, nicht zu be⸗ herrſchen vermochte. Beim Tone dieſer Stimme und bei der Berüh⸗ rung dieſer Hand fuhr Robert zuſammen. Er richtete den Kopf in die Höhe. „Blanca!“ rief er aus. „Ja, Blanca, die Alles gehört, was Sie eben geſprochen, Herr Robert. Ich ſehe, es muß nun zwiſchen uns Beiden zu einer Erklärung kommen. „Setzen Sie ſich zu mir her und plaudern wir eine Weile, aber plaudern wir ganz leiſe; denn es könnte, gleich mir, meine Mutter das Geſprochene hören. Und es gibt Dinge, die ſie nicht wiſſen darf: nicht wahr?“ Und alſo ſprechend, drückte Blanca in vielſagen⸗ 332 der Weiſe Robert die Hand und fuhr, nachdem er ſich neben ſie hingeſetzt, alſo fort: „Sie wollen fortgehen, Robert?“ Ja.“ Sie haben Recht.“ „Sie billigen alſo meinen Entſchluß?“ ſprach Robert, der einen Augenblick gehofft hatte, es würde Blanca ihn dableiben heißen. „Hätten Sie dieſen Gedanken nicht gehabt, ſo hätte ich Ihnen dazu gerathen; Sie müſſen fortgehen, Robert, zu Ihrem und meinem Glücke.“ „Nun, ſo will ich fortgehen. Wann ſoll ich fort⸗ gehen?“ „Verzeihen Sie mir, was ich nun ſagen werde, Robert: gehen Sie morgen fort.“ „Morgen?“ „Ja, ich bitte Sie inſtändig.“ Zum Zeichen der Zuſtimmung verbeugte ſich Ro⸗ bert. Er hätte auch nicht ein Wort hervorbringen können, und Blanca mußte eine Kraft außbieten, deren ſie ſich nie für fähig gehalten hätte, damit ihre Stimme ruhig blieb. Nun trat ein ziemlich langes Schweigen ein, während deſſen Blanca ihre Hand nicht aus der Roberts zurückzog. Dieſer konnte endlich die Worte ſagen: „Es iſt gut, Blanca, es ſoll Ihr Wille geſchehen, und noch früher als Sie wünſchen. Ich gehe heute Abend ſchon fort.“ „Nun ſind Sie mir böſe, mein Freund: es iſt das nicht ſchön.“ „Ich, ich ſollte Ihnen über etwas böſe ſein? 2 7/ m er drach ürde ſo 72 hen, fort⸗ erde, Ro⸗ igen ten, amit ein, der hen, eute iſt ein? 333 Gott bewahre mich davor und laſſe mich ſterben an dem Tage, wo in mein Herz ein anderes Gefühl einzieht als das, welches ich Ihnen geweiht! In⸗ deſſen erlauben Sie mir, daß der Gedanke, mich von Ihnen entfernen zu müſſen, mich betrübt; und je mehr ich einſehe, daß Sie mich nicht lieben können, um ſo mehr quält es mich, daß Sie mich nicht lieben. „An mir iſt es, Sie um Verzeihung zu bitſen wegen des kühnen Gedankens, dem ich mich einen Augenblick hingegeben. Sie haben Recht, es iſt beſſer, wenn ich fortgehe. „Leben Sie wohl, Blanca, leben Sie wohl!“ Und es drückte der junge Mann die Lippen auf Fräulein Pascals Stirn. Noch küßte er ihre beiden Hände inbrünſtig und ging dann ſchweren Her⸗ zens und mit thränengeſchwollenen Augen nach der Thüre hin. Blanca, die auf ihrem Platze ſtehen geblieben war, ſah ihn weggehen. In dem Augenblicke, wo er im Begriffe war, den Thürgriff zu berühren, rief ſie: „Robert, kommen Sie zurück!“ Robert wandte ſich um. „Ich kann Sie nicht ſo gehen laſſen,“ fuhr ſie fort,„hören Sie mich! Was haben Sie im Sinne zu thun?“ „Was ich vor einer Weile zu Frau Pascal ge⸗ ſagt: Ich will dienen, will Soldat werden. Was ſoll ich denn ſonſt thun? So lange ich ein freier Mann bin, werde ich ſtets dahin gehen, wo Sie ſind, und wie Sie eben geſagt, ſo darf das nicht ſein.“ 334 „Und ändern Sie Ihr Leben, weil ich Sie nicht liebe?“ „Ja.4 „Sie täuſchen ſich vielleicht, Robert, in Betreff des Gefühls, das ich Ihnen einflöße. Wer weiß, ob nicht eine andere Liebe Sie über dieſe tröſten wird.“ „Nie, nie! ich ſchwöre es beim Namen meiner Mutter.“ „Wie unglücklich bin ich doch, lieber Gott!“ rief Blanca, die ihre Thränen nicht länger zurückhalten konnte und ſich auf ihren Stuhl niederfallen ließ. Staunend ſchaute Robert ſie an. Es konnte dieſes arme naive Herz die wahre Urſache von Blanca's Schmerz nicht ahnen. „Blanca, weinen Sie doch nicht,“ ſprach er, ſich vor ihr auf die Knie niederwerfend, gleich einem Kinde, das ſeine Mutter um Verzeihung bittet;„ich bin ſchon unglücklich genug und möchte Sie nun nicht auch noch weinen ſehen. Es kann Frau Pas⸗ cal Sie hören, weinen Sie nicht, es thun Ihre Thränen mir allzu wehe. Und ferner, was in aller Welt mag Ihnen ſolche Thränen auspreſſen?“ Blanca trocknete ſich die Augen ab und warf auf Robert einen Blick voller Dankbarkeit und voll ſüßen Mitleids. „Wie lieb ſind Sie doch,“ ſprach ſie zu ihm. „Welch' ſchöne, edle Seele haben Sie doch! Sie ſind ewig mein Freund: nicht wahr? Sollte ich einſt un⸗ glücklich werden, ſo würde ich Sie finden: Sie ver⸗ ſprechen mir es? „Laſſen Sie Suſannen, Ihr liebes Schweſterchen, 335 bei uns. Ich werde die Kleine wie mein eigenes Kind lieben, und werde ſie ſo erziehen, daß Sie Ih⸗ ren Namen mit Verehrung ausſpricht. Später ſollen Sie ſie glücklich ſehen: es ſoll ihr Glück Sie über das tröſten, das Ihnen nicht geworden. „Ohl ich will ſie überwachen, Sie können ruhig ſein, daß ſie einen Irrthum ihres Geiſtes nie für ein Bedürfniß ihrer Seele hält. Man leidet zu ſehr, wenn man den Beweis hat, daß man ſich geirrt.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Blancae ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.“ „Ohl nichts, mein Freund, nichts. Sie werden mir ſchreiben; was mich betrifft, ſo will ich Ihnen oft ſchreiben. „Eine wahre, offene Freundſchaft wird an die Stelle einer unmöglichen Liebe treten, und finden Sie wider Ihr Erwarten eine Frau, die Sie liebt, und die Sie lieben, ſo verheimlichen Sie mir es nicht. Der Tag, an dem ich es erfahre, wird für mich ein Freudentag ſein. „Es hat das Leben, ſehen Sie, grauſame Noth⸗ wendigkeiten: hätte ich Sie ein halbes Jahr früher gekannt, ſo hätte ich Sie lieben können. Warum hat Gott es nicht ſo gefügt? „Würde ich Sie jetzt lieben, ſo wäre meine Liebe ein Unglück für Sie, eine Niederträchtigkeit gegen⸗ über von dem, dem ich gehöre, ein Schimpf, den ich mir ſelbſt anthun würde. „Es könnten zwei Männer ein Recht haben, mich zu verachten, der eine alsbald, der andere ſpäter; denn wer ſteht Ihnen dafür, daß Sie, ſo edelherzig 336 Sie immer ſein mögen, einſt nicht die Hälfte meines Fehltritts zu tragen hätten? Es gibt Erinnerungen, die ſich nur ſchwer vergeſſen laſſen; es gibt That⸗ ſachen, die man nicht mit dem bloßen Willen aus dem Leben auslöſcht. „Bin ich einmal die Frau des Mannes, dem ich mich hingegeben habe, ſo wird das Uebel, was die Welt betrifft, wieder gut gemacht ſein. „Wie könnte ich es entſchuldigen, wenn ich mein Herz jetzt einem Andern ſchenken würde? Welche Gewähr trüge dieſe neue Liebe in ſich? Was für ein Weib wäre ich in meinen eigenen Augen? Nein, mein Freund, ich kann, ich will, ich darf Sie nicht lieben. „Sollte der, welcher mein Gatte ſein muß, es nicht werden; ſollte der Tod, ſollte der Zufall, ſollte ſein eigener Wille dieſe Chrenrettung unmöglich machen, ſo würde ich nur noch Gottes Braut wer⸗ den können. Seine Ewigkeit hat allein der Verzei⸗ hung genug für ein ſolches Unglück. „Muth, Muth gefaßt, Robert! Gehen Sie, mein Freund, wenden Sie ſich nicht um, denken Sie nicht mehr an mich. Sie wollten bei mir bleiben, bis Sie mich glücklich, bis Sie mich wenigſtens verhei⸗ rathet ſahen. Sie haben den Grafen geſehen, Sie wiſſen, daß er mich liebt und daß er als ehrlicher Mann ſein Wort halten wird. „Und wozu nützt es jedenfalls, wenn Sie noch länger warten? Was immer geſchehen mag, es muß peinlich für Sie ſein, um mich zu bleiben. Trennen Sie mit einem Male Ihr Leben von dem meinigen. neines ungen, That⸗ n aus m ich 1s die mein Velche s für Nein, nicht , es ſollte glich wer⸗ erzei⸗ mein nicht bis erhei⸗ Sie licher noch es iben. dem 337 „Ich bitte Sie darum, ich will es,“ fuhr Blanca ſanft fort,„und um was eine Schweſter den Himmel für ihren Bruder bitten kann, um das werde ich ihn für Sie bitten.“ „Sie liebt ihn immer noch,“ dachte Robert, und ſtand, ganz blaß, auf. Dieſe Worte waren an dem Bette gewechſelt wor⸗ den, worin Suſanne ruhte. Ohne auch nur ein Wort zu antworten, kniete Robert vor dieſem Bette nieder. Er blickte ſeine Schweſter einige Augenblicke an und trocknete zwei große Thränen ab, die ſtill über ſeine Wange hin⸗ abrollten,— Thränen, von denen eine auf ſeine todte Vergangenheit, die andere aber auf ſeine nun für immer geknickte Zukunft fiel. Endlich wandte er ſich zu Fräulein Pascal hin, nahm ſie in die Arme, drückte ſie an die Bruſt, entfernte ſich raſchen Schrit⸗ tes und warf ihr nur noch ein Lebewohl zu. Blanca blickte die Thüre an, die ſich hinter Ro⸗ bert geſchloſſen. Hätte ſie ſich nicht Gewalt ange⸗ than, ſo hätte ſie ihn noch einmal zurückgerufen. „Nun iſt es mit meinem Glücke aus!“ murmelte ſe.„Nun harrt meiner ein Leben der Thränen und der Reue. Wohl wird er ſich tröſten, ich aber werde leiden! So werde ich Vergebung erlangen.“ „Mutter, Mutter, es iſt Herr Robert nun fort,“ prach ſie weiter, in das anſtoßende Zimmer tretend, um der Einſamkeit zu entgehen. Aber es rührte ſich Frau Pascal nicht. Die wackere Frau war, ihre Arbeit in der Hand, auf ihrem ESttuhle eingeſchlafen. So war denn eine der großen Lebensfragen Dumasd. J., drei ſtarke Männer. 22 338 Blanca's zwiſchen dem Schlafe eines Kindes und dem einer alten Frau vor der Hand entſchieden worden. „O glückliches Alter!“ dachte Blanca, ihre Mut⸗ ter und Suſannen nach einander betrachtend;„o Alter, das ich nicht mehr habe, o Alter, das ich noch nicht habe, bei dir wohnt das Glück! Das eine weiß noch nichts, das andere hat ſchon Alles vergeſſen. Wann werde ich einmal graue Haare haben!“ Und Blanca drückte einen Kuß auf die Stirn ihrer Mutter, die ſofort erwachte. „Wie, Du biſt allein?“ fragte Frau Pascal, die Augen öffnend und umherblickenndT. „Ja, liebe Mutter; Herr Robert iſt fort.“ „Der arme Burſche! Er liebt Dich recht ſehr; ſprechen wir aber nicht mehr von der Sache, da Du ihn nicht lieben kannſt. Vor Allem gilt es, Dich glücklich zu machen. Oh! es ſind die Mütter gar ſelbſtſüchtig im Intereſſe ihrer Kinder. Auch iſt das, wie ich glaube, ganz natürlich. Herr Robert hat Dich dem Tode aus dem Rachen geriſſen, und gerne gäbe ich ihm mein Leben; das Deinige aber— ja, das iſt etwas Anderes.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wie Friedrich es angegriffen, um Blanca's Liebe zu erlangen. An dem Tage, der auf den Empfang von Blan⸗ ca's Brief gefolgt war, hatte Friedrich ſein Schloß verlaſſen. Acht Tage darauf war er wieder da und und hieden Mut⸗ Alter, nicht weiß ſeſſen. Stirn l, die ſehr; a Du Dich gar das, hat gerne — ja, ugen. Zlan⸗ chloß und 339 beſaß die zu ſeiner Heirath nothwendigen Papiere. Er erwartete, daß er bei ſeiner Rückkehr wenigſtens einen Brief von Blanca vorfinden würde. Es hatte aber das junge Mädchen, wie wir wiſſen, ihm auch nicht ein Mal geſchrieben. Dieſes Schweigen ſetzte den Grafen in Erſtaunen, und doch gab es nur wenige Dinge, welche ihn in Staunen zu verſetzen mochten. Darum ſchien ihm auch dieſer Umſtand reiflicheres Nachdenken zu ver⸗ dienen. Herr de la Marche beurtheilte die übrigen Menſchen ein wenig nach ſich ſelbſt, und da er ſich in Betreff ſeiner ſelbſt keinerlei Illuſion hingab, ſo mußte er auch von der Menſchheit eine ſchlechte Mei⸗ nung haben. Er war ein böſer Geiſt, aber hellſe⸗ hend wie Satan ſelbſt; eine menſchliche Combination entging ihm nur ſchwer: wir haben dieß an der Re⸗ flexion geſehen, die er gemacht, als er Robert weggehen ſah,— eine Reflexion, welche deutlich bewies, daß er die hingebungsvolle Liebe des jungen Mannes zu Blanca errathen hatte. That er daher das Gute nicht, ſo wußte er wenigſtens, daß das Gute exiſtirte, und was ſeine Stärke vermehrte, war, daß er, im Gegen⸗ ſatze zu den gewöhnlichen Skeptikern, bei Andern das Gute leicht vorausſetzte, wenn er es ſelbſt auch nicht that, ſowie daß er erforderlichen Falls ſich eine nütz⸗ liche Waffe daraus zu machen oder es wenigſtens in die Wagſchaale der Wahrſcheinlichkeiten zu legen verſtand. Unglücklicher Weiſe iſt das Gute mehr zu fürch⸗ ten, als das Böſe,— wohl verſtanden für die Bö⸗ ſen. Schlechte Naturen bekämpfen bei Andern lie⸗ ber die Laſter und Leidenſchaften, die ſie ſelbſt haben, als daß ſie ein rechtſchaffenes Leben angreifen, das nichts zu verheimlichen hat und offen auftritt wie jene Krieger, die ein Talisman unverwundbar machte, und wider welche die böſen Geiſter vergebens ihre Tücke erſchöpften. Es täuſchte Friedrich ſich keineswegs über die Art des Einfluſſes, die er auf Blanca ausübte: ihm war wohlbekannt, daß das Gefühl, welches er dem Mädchen einflößte, keineswegs Liebe war. Er hatte die Sinne des Mädchens verwirrt, hatte ihrem Willen Gewalt angethan, hatte ihre Vernunft irre geführt: alles das war wahr; Fräulein Pas⸗ cals Herz aber hatte er nicht anzugreifen vermocht. Nur ſie allein hatte ſich täuſchen und dieſe Verwir⸗ rung für Liebe halten können. Ja, ſie mußte ſich dabei täuſchen, um ihren Fehltritt beſchönigen zu können. Zudem hatten die Mittel, denen ſie unterlegen war, ihr keine Zeit zum Nachdenken gelaſſen, und es iſt nun der Augenblick gekommen, dieſelben kennen zu lernen; denn wir glauben nicht, daß man dem Leſer ein Mädchen wie Blanca vorführen darf, ohne genau zu erklären, wie ſie zu ihrem Fehltritte ge⸗ kommen. Hier kommt die Erklärung faſt einer Entſchuldi⸗ gung gleich. Man leſe alſo, und man wird ſehen, daß der Wille des Grafen etwas Hölliſches gehabt hatte, und daß es dem armen Kinde ſo gut wie un⸗ möglich geweſen war, ſolch' ſataniſchen Schlingen zu entgehen. Ein Vierteljahr vor der Ankunft ihres Bruders hatte Blanca Friedrich zum erſten Male geſehen, und zwar hatte ſie ihn in der Kirche geſehen. Anfangs — 2₰ 8 &Æ☛ —. 5 ennen dem ohne huldi⸗ V ſehen, gehabt ie un⸗ gen zu euders u, und rfangs 341 hatte ſie den Mann nicht wahrgenommen, der, einer Statue gleich, ſich an eine der Säulen lehnte, in deren Nähe ſie betete; aber es hatte dieſer Mann, an dem nur die Augen zu leben ſchienen, einen ſo ſeltſamen Blick auf ſie geheftet, daß Blanca ein paar Mal, ohne gleich daran zu denken und von bloßer Neugierde getrieben, von ihrem Buche die Augen emporgerichtet hatte, um ſie auf dieſen Unbekannten fallen zu laſſen. Als ein naives und ſorgloſes Kind, das ſie war, hatte ſie zuerſt über dieſen Blick gelacht, den ſie nicht verſtand; dann hatte ſie, ihn immer gleich ruhig, gleich frech und gleich fix findend, bei ſich ſelbſt geſagt:„Was will denn dieſer Menſch von mir?“ Und endlich hatte ſie aus einem unwillkühr⸗ lichen Beben erſehen, daß das, was ſie thue, viel⸗ leicht unrecht ſei, und war zu dem Entſchluſſe gekom⸗ men, nicht mehr nach dem fraglichen Menſchen hin⸗ zuſchauen. Sie fühlte jedoch, wie dieſer Blick ſie immer noch umkreiste, auf ihr laſtete, ſie nicht minder ermüdete, als wenn eine bleierne Hand ſich auf ihren Kopf gelegt hätte. Dieſen Magnetismus, der eine ſchmerz⸗ hafte Seite hatte, wollte ſie abſchütteln; ſie fuhr mit der Hand über die Stirn hin und dachte nur noch an's Beten; unwillkührlich aber warf ſie einen Blick nach der Seite hin, wo der myſteriöſe Mann ſtand, und da fand ſie denn deſſen Blick ſanfter, gleich als ob er geahnt hätte, daß ſie ſich vorgenommen, ſeinem Auge auszuweichen, und gleich als ob er ihr hätte dafür danken wollen, daß ſie dieſem Entſchluſſe keine Folge gegeben. 342 Es fühlte Blanca ſich in dieſer Kirche recht un⸗ behaglich. Umſonſt daß ſie das Gebet herbeirief, umſonſt daß ſie das, was ſie geſchaut, ſich aus dem Sinne zu ſchlagen ſuchte. Endlich ſprach ſie zu ihrer Mutter, die ganz in ihr Gebet vertieft war: „Wir wollen gehen, Mutter, es iſt mir nicht ganz wohl.“ Sonſt ſagte ſie nichts. An der Kirchenthüre angekommen, hatte ſie ein Kreuz geſchlagen, und als ſie endlich wieder unter Gottes freiem Himmel war, da war der Zauber, unter deſſen Einwirkung ſie einige Augenblicke ge⸗ ſtanden hatte, verſchwunden. Nun hatte ſie frei ge⸗ athmet und zu ihrer etwas unruhig gewordenen Mut⸗ ter geſprochen: „Sei nur ruhig, liebe Mutter, es iſt mir jetzt beſſer. Ich mußte ein bischen friſche Luft athmen: ſonſt iſt es nichts.“ Als ſie an dem Gitter ihres Hauſes angekommen war, da hatte ſie, in einer Entfernung von dreißig Schritten, den Menſchen wieder bemerkt, den ſie in der Kirche zum erſten Male geſehen. Es war ihr derſelbe nachgegangen und war in dieſem Augenblicke hinter der Ecke eines Gäßchens halb verborgen. Nun hatte ſie angefangen, jene unbeſtimmte, inſtinctmäßige Furcht zu empfinden, wofür ſich kein gewiſſer Grund angeben läßt und die man Ahnung nennt. Sie war wieder in ihr Haus getreten und hatte den ganzen Tag, dem bewußten Ereigniſſe eine übertriebene Wichtigkeit beimeſſend(wie alle Mädchen zu thun pfle⸗ gen, deren Leben bis dahin durchſichtig, ruhig und durch kein auft derſ der von dert ſich einſ Tag dem ihr ſich Mu ſelb ſie nich Ga den gin ihre in es Lüf Fer lich kell un⸗ irief, dem ihrer nicht ein inter uber, ge⸗ ge⸗ Mut⸗ jetzt nen: men eißig e in ihr blicke mte, kein nung den bene pfle⸗ urch 343 keinen ſolchen Vorfall getrübt geweſen), keine Thüre aufmachen können, ohne zu denken, ſie werde hinter derſelben die zwei Augen wieder finden, die ſie in der Kirche und auf der Straße geſehen. Indeſſen war der Tag vergangen, ohne daß ſie von dem Unbekannten weiter gehört hatte. Dieß verhin⸗ derte nicht, daß ſie, als der Abend gekommen war, ſich in ihr Zimmer einſchloß und ſpäter, denn ſonſt, einſchlief. Nichts deſto weniger ſchlief ſie. Sie hatte die Befürchtungen vom vergangenen Tage faſt ſchon vergeſſen,— ſo raſch ſchwinden aus dem Geiſte junger Mädchen die Eindrücke, woran ihr Herz keinen Antheil hat, und ſie ſagte ſogar bei ſich ſelbſt, ſie wolle dieſen lächerlichen Schrecken ihrer Mutter erzählen,— was bewies, daß ſie von dem⸗ ſelben ſchon nicht mehr beherrſcht wurde; da gewahrte ſie mit einem Male, daß ſie mit dem Menſchen noch nicht fertig war, der ihr den Schrecken eingejagt hatte. Sie ging nämlich am Abende ganz allein im Garten ſpazieren, wie dieß oft vorkam, als ſie in dem Augenblicke, wo ſie an dem Pavillon vorüber⸗ ging, der eine der Ecken des Hintergrunds einnahm, ihren Namen rufen hörte, jedoch ſo ſchwach, daß ſie, in jeder anderen Stimmung, hätte glauben können, es dringe der Hauch des durch ihre Haare gehenden Lüftchens, nicht aber ihr Name in ihr Ohr. Sie fuhr zuſammen und kehrte unwillkührlich um. Da ſah ſie oder glaubte ſie zu ſehen, wie die Fenſtervorhänge zu ebener Erde zitterten, bis ſie end⸗ lich die Ueberzeugung gewann, daß ſie trotz der Dun⸗ kelheit zwiſchen den kaum halb aufgezogenen Vor⸗ 344 hängen das Augenpaar wahrgenommen, das am vergangenen Tage ſich auf ſie geheftet. Und wie daſſelbe ſich da auf ſie geheftet, ebenſo heftete es ſich immer noch auf ſie. Ihre Furcht war ſo groß, daß ſie nicht mehr ſo viel Kraft hatte, um zu fliehen, ſondern daß ſie ſich nur langſam entfernen konnte. Sie trat wieder in ihr Haus und ſetzte ſich zu ihrer Mutter hin, der ihre Bläſſe nicht entging, der ſie aber dennoch nicht wagte den Vorfall zu erzählen. Sie gab vor, es habe ſie im Garten gefroren, und eine Stunde darauf zog ſie ſich auf ihr Zimmer zurück, wohin ſie ein Buch mitnahm, in der Vorausſicht, daß ſie nicht alsbald einſchlafen würde. Als ſie einmal auf ihrem Zimmer war, drehte ſie den Schlüſſel in der Thüre zwei Mal um und verſuchte es ſogar, ein Möbel an die Thüre zu ſchie⸗ ben. Einen Schrank, worein ſie die zu ihrer Nacht⸗ toilette nöthigen Gegenſtände zu thun pflegte, wagte ſie nicht aufzumachen. So oft der Wind im Kamine etwas ſtärker brauste, fuhr ſie zuſammen. In dieſer Nacht konnte ſie nicht länger denn drei Stunden ſchlafen.. Am andern Tage ſtand ſie, ſobald es hell wurde, auf, um in den Garten hinunter zu gehen. Sie wollte ſich verſichern, ob ſie ſich am vergangenen Abend getäuſcht oder nicht. Sie ging auf den Pa⸗ villon zu, ohne ſich eines Herzpochens erwehren zu können. Aber die Pavillonthüre war zwei Mal geſchloſſen. „Ach, ich bin eine rechte Närrin,“ ſprach ſie bei ſich gehe da etw vore die verſ daß hatt Bla möd dach ſelb lich, ſeltſ in d Kire myſt zu 9 und nicht am wie . es r ſo ſich ) 3u der len. und rück, icht, ehte und hie⸗ icht⸗ agte Ste, enn rde, Sie nen Pa⸗ zu ſen. bei 345 ſich ſelbſt;„es hat geſtern Abend Niemand hinein⸗ gehen können.“ Als ſie aber den Boden mechaniſch betrachtete, da ſah ſie vollkommen deutliche Fußſpuren in der etwas feuchten Erde.. Wir müſſen hiebei bemerken, daß es an den vorangegangenen Tagen geregnet hatte. Die Tritte waren weder die ihrer Mutter, noch die des Gärtners, noch ihre eigenen. Und ferner verſchwanden dieſelben an der Mauer, was bewies, daß der, von dem ſie herrührten, die Mauer erſtiegen hatte und auf das Feld hinausgeflohen war. „Dieſer Menſch iſt wahrlich kühn,“ murmelte Blanca. Und weiß man, was ſie nun that? Sie fürchtete ſo ſehr, das unſchuldige Kind, es möchte ihre Mutter dieſe Fußſpuren ſehen und Ver⸗ dacht ſchöpfen, daß ſie einen Rechen nahm und die⸗ ſelben verwiſchte. Indem ſie dieß that, wollte ſie ferner, wo mög⸗ lich, ſich ſelbſt den Beweis nehmen, daß ſie in ſo ſeltſamer Weiſe verfolgt werde. Alle zwei Tage ging Blanca mit Frau Pascal in die Meſſe. An dieſem Tage alſo ſollte ſie wieder in die Kirche gehen. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß ſie dort den myſteriöſen Mann wieder finden würde. Zuerſt ſuchte ſie ein Mittel, nicht in die Kirche zu gehen; da hätte ſie aber ein Unwohlſein vorſchützen und ihre Mutter unruhig machen müſſen. Ging ſie nicht in die Meſſe, ſo geſchah es, wie wir wiſſen, 3⁴6 weil ſie gewiß war, dort ihren unheimlichen Verfol⸗ ger wieder zu ſehen. Fand er ſich aber dort ein, ſo wußte er, daß ſie hinkommen mußte; ging ſie nicht hin, ſo geſtand ſie ihm ſtillſchweigend, daß ſie ihn fliehe und mithin fürchte. Wie gewöhnlich ging Blanca in die Meſſe, ſich gelobend, daß ſie ihre Aufregung durch nichts ver⸗ rathen wolle.. Dennoch galt beim Eintreten in die Kirche ihr erſter Blick der Säule, wo ſie zum erſten Male ihren hartnäckigen Verfolger wahrgenommen hatte. Dieß Mal ſtand Niemand da. Sie nahm Weihwaſſer, bekreuzte ſich und ging auf ihren Stuhl zu. Da ſah ſie, wie ein Mann auf dem Stuhle ſaß, der hinter dem ihrigen ſtand. Brauchen wir erſt zu ſagen, wer dieſer Mann war? Blanca hatte ſich ſo wenig darauf gefaßt gemacht, ihn da zu ſehen, daß ſie um ein Haar einen Schrei ausgeſtoßen hätte. Friedrich legte den Zeigefinger auf den Mund, um ihr Stillſchweigen zu gebieten. Die Herrſchaft, die er uber ſie ausübte, war ſchon ſo groß, daß ſie die Augen niederſchlug und an ihrem gewohnten Platze niederkniete. Als ſie ſich ſetzte, kniete der Graf nieder und zwar ſo, daß ſeine Lippen Fräulein Pascals Kopf ſtreiften. Es ſagte ihr etwas, daß er mit ihr ſprechen würde. „Fürchten Sie nichts, mein Fräulein,“ ſprach er mit unn ſoll micl auf weit glü⸗ es Sie Ach Sie dem fleh nich war einn hin ein auf gar aber auch ſen erfol⸗ ein, g ſie ß ſie „ſich ver⸗ ihr ihren ging ſaß, Nann nacht, Schrei Kund, ſchon ihrem und Kopf rechen ich er 347 mit ſo leiſer Stimme zu ihr, daß Frau Pascal es unmöglich hören konnte,„fürchten Sie nichts: nie ſoll Jemand erfahren, daß Sie ſo gütig geweſen, mich einen Augenblick anzuhören. Finden Sie mich auf Ihrem Wege, ſo fliehen Sie mich doch nicht: weiter verlange ich von Ihnen nichts. Ich bin ſo glücklich, ſo oft ich Sie ſehe; Sie ſind jetzt aufgeregt, es klopft Ihnen das Herz, ich ſtöre Ihr Gebet; geben Sie mir ein Zeichen und ich beweiſe Ihnen meine Achtung dadurch, daß ich mich entferne.“ „Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie, ich bitte Sie inſtändigſt,“ flüſterte Blanca, den Kopf nach dem Grafen hinwendend und dieſen Worten einen flehenden Blick beifügend. Friedrich ſtand auf und verließ die Kirche. Den ganzen Tag über hörte und ſah Blanca nichts mehr von ihm. Weit ruhiger ging ſie, als der Abend gekommen war, in ihr Zimmer hinauf, und es fiel ihr nicht einmal ein, ihre Thüre zuzuriegeln. Sie ging ſogar ganz aufgeräumt zu ihrem Bette hin und machte es halb auf. Indem ſie das Betttuch zu ſich herzog, warf ſie ein Papier auf den Boden. Ohne zu ahnen, was es ſein möchte, hob ſie es auf und öffnete es. Es war ein Brief, deſſen Handſchrift ihr ganz und gar unbekannt war. Schon an den erſten Worten aber erkannte ſie den Schreiber, wenn ſie die Hand auch noch nie geſehen hatte. „Wie hat er es doch wohl angegriffen, um die⸗ ſen Brief unter mein Kopfkiſſen zu legen?“ fragte 348 ſie ſich, das ohne allen Argwohn aufgehobene Papier zwiſchen den zitternden Fingern haltend.„Sollte er Gervaſia oder den Gärtner beſtochen haben? Das iſt unmöglich! Es ſind das zu ehrliche Leute, als daß ſie ſich zu ſolchen Stückchen hergeben möchten. „Er iſt alſo ſelbſt da geweſen. Aber wie hat er es gemacht?“ Alles Seltſame, Originelle, Myſteriöſe hat für Weiber einen Reiz, dem ſie nicht zu widerſtehen ver⸗ mögen, und Blanca war auch ein Weib. Haben ſie einmal die erſte Gemüthsbewegung überwunden, ſo mißfällt es ihnen keineswegs, daß ihr Leben einen romanhaften Anſtrich bekommt. Zudem war bis jetzt noch nichts vorgekommen, was ſie nicht Jedermann hätte geſtehen dürfen: der Mann, der an ſie ſchrieb, that eben, was gar viele junge Männer gethan haben und tagtäglich noch thun. Sie machte ſich alſo nicht gerade Vorwürfe, als ſie, über die Kühnheit Friedrichs abermals nachden⸗ kend, den Brief erbrach, der nachſtehende Worte ent⸗ hielt: „Sie haben heute Morgen geſehen, wie ich auf der Stelle dem erſten Befehle gehorcht habe, den Sie mir gegeben! Nur eine Liebe, wie die meine, iſt eines ſolchen Gehorſams fähig; denn bin ich nicht bei Ihnen, ſo lebe ich nicht. Für die Grauſamkeit von heute Morgen ſind Sie mir einigen Erſatz ſchuldig. „Sie ſehen, daß es mir ein Leichtes wäre, bis zu Ihnen zu dringen, da ich ſelbſt, und ohne daß Jemand mich ſah, dieſen Brief in Ihr Zimmer legen konnte; indeſſen will ich die Unterredung, die ich wünſche, nur Ihrem freien Entſchluſſe zu verdanken hab mei Uhr aber daß elf hine lang meit mir trug daß beze ſich Sie Feu Frie ſie ſchre ſten⸗ daß hätt dach war geſe fühl flog wan apier te er Das „als ten. at er für ver⸗ gung daß men, : der viele thun. ,als hden⸗ ent⸗ ) auf n Sie eines hnen, heute ,bis 2 daß legen e ich anken 349 haben und fußfällig bitte ich Sie um die Gewährung meines Geſuchs. „Ihre Mutter kommt, wie ich weiß, nie vor zwölf Uhr Mittags in den Garten herunter, hauptſächlich aber zu dieſer Jahreszeit nicht; Sie ſind alſo gewiß, daß ſie Sie nicht ſieht, wenn Sie mir morgen um elf Uhr das Pförtchen öffnen, das auf das Feld hinausführt, und mich, wenn auch nur eine Minute lang, anhören. Es wird dieſe kurze Unterredung für mein ganzes Leben entſcheidend ſein und was Sie mir befehlen, werde ich thun.“ Beim Leſen dieſes Briefes, der keine Unterſchrift trug und deſſen Verfaſſer gar nicht zu zweifeln ſchien, daß Blanca an dem bezeichneten Orte und zu der bezeichneten Stunde ſich einfinden würde, empörten ſich das Schamgefühl und die Würde des Mädchens. Sie riß ihn in Stücke und warf dieſe zornig in's Feuer, ſchon die Art Verzeihung bereuend, die ſie Friedrichs Verſuchen hatte angedeihen laſſen, ſo lange ſie geglaubt hatte, daß dieſelben ſich auf Blicke be⸗ ſchränken würden, bloße Kindereien wären und höch⸗ ſtens ein Staunen bei ihr hervorrufen müßten. Es war Blanca ein zu frommes Mädchen, als daß ſie auf ein ſolches Anſuchen anders geantwortet hätte, als durch ein verächtliches Schweigen. Be⸗ dachte ſie, daß ein Mann, der ihr völlig unbekannt war, den ſie einige Tage vorher zum erſten Male geſehen, ſolches an ſie zu ſchreiben gewagt hatte, ſo fühlte ſie, wie die Röthe der Scham ihre Stirn über⸗ flog und Thränen ihre Augen netzten. Es verrieth dieſer Brief gewiß keine große Ge⸗ wandtheit und es hätte ein Mann wie Friedrich 350 vorausſehen ſollen, wie Fräulein Pascal darauf ant⸗ worten würde; mithin hätte er auch einen ſolchen Brief nicht ſchreiben ſollen. Aber er hatte dieß vorausgeſehen, und eben deß⸗ wegen hatte er den Brief geſchrieben. Was er von ihr wollte, war keineswegs eine Unterredung bei hellem Tage, unter freiem Himmel; und indem er ſeinen Brief ſo einrichtete, daß man ſeinem Verlangen nicht willfahren konnte, verſchaffte er ſich faſt das Recht, unter dem Vorwande der Liebe ein anderes Stelldichein durch alle Mittel auszuwir⸗ ken, worüber er verfügen konnte. Blanca fand ſich alſo nicht nur nicht zur ange⸗ gebenen Stunde an dem bezeichneten Orte ein, ſon⸗ dern verließ den ganzen Tag nicht einmal das Zim⸗ mer ihrer Mutter. Sie war in der ECitelkeit ihres Schamgefühls verletzt; mithin war ſie unverwundbar. Sie fühlte alle nöthige Kraft in ſich, und ſobald die Nachſtellun⸗ gen dieſes Unbekannten aufhörten, ehrerbietig zu ſein, fürchtete ſie dieſelben auch nicht mehr. Und als der Abend gekommen war, machte ſie ihr Bett auf in der feſten Ueberzeugung, daß ſie abermals einen Brief vorfinden würde. Dieſen wollte ſie ohne Weiteres verbrennen, ohne ihn erſt zu leſen, um gegenüber von ihrem Gewiſſen in einer legalen Stellung zu verbleiben. Es war aber nichts da. „Um ſo beſſer,“ ſprach Blanca, faſt erſtaunt, bei ſich ſelbſt. Und überzeugt, daß die Sache hiebei ihr Bewenden haben würde, ſchlief ſie ein, nicht ohne ſich Glück zu wünſchen, daß ſie ihrer Mutter von der Vor verd mer Fuß dem dieſe Eige ware Dine ſchaf mer, Rah dort chen ziert daß dieſe was daß wiſſe zu u rühr. zwei ſie I Gerit C Fräu Klein ant⸗ lchen deß⸗ eine mel; man affte Liebe wir⸗ nge⸗ ſon⸗ Zim⸗ ühls ühlte lun⸗ ſein, ſie ſie eſen erſt iner bei ihr hne von 35¹ der ganzen Geſchichte nichts geſagt und daß ſie dem Vorfall keine größere Wichtigkeit beigemeſſen, als er verdiente. Der nächſte Tag verſtrich, ohne daß etwas Be⸗ merkenswerthes ſich ereignet hätte: keine Briefe, keine Fußſpuren, keine unerwarteten Blicke. Blanca war ein frommes, keuſches Mädchen in dem vollſten Sinne des Wortes und verband mit dieſen hohen moraliſchen Tugenden alle häuslichen Eigenſchaften, die gleichſam Abzweigungen derſelben waren. Ordnung in den materiellen und alltäglichen Dingen des Lebens war eine der vielen guten Eigen⸗ ſchaften des Mädchens. Daher war auch ihr Zim⸗ mer, in dem es ihr am Beſten gefiel, der reizende Rahmen ihres wohlgeregelten Lebens. Alles war dort vollkommen ſymmetriſch geordnet, von den Bild⸗ chen an, die ſie ſelbſt gezeichnet, und die die Wände zierten, bis zu den kleinſten Gegenſtänden herab, ſo daß Fräulein Pascal, wenn ſie Nachts ohne Licht in dieſes Zimmer trat, auf den erſten Griff Alles fand, was ſie brauchte. Es kommt ziemlich häufig vor, daß Mädchen die Gabe der Anordnung beſitzen; es wiſſen dieſelben ſich dann mit tauſend Kleinigkeiten zu umgeben, die wir Männer bei der geringſten Be⸗ rührung zerbrechen würden, wenn wir ſie auch nur zwei Tage lang um uns hätten, inmitten deren aber ſie Jahre lang leben können, ohne daß auch nur das Geringſte verloren geht oder verderbt wird. Der Kaminſims, die Etageren, die Tiſche in Fräulein Pascals Zimmer waren mit jenen tauſend Kleinigkeiten bedeckt, die nur für ſie einen Werth 35² hatten, weil ſich an alle irgend eine Erinnerung knüpfte. Was den materiellen Werth betrifft, ſo hätte er wohl keine hundert Franken überſtiegen. Es waren Siegelringe, Petſchaften, Siegel, Zeichnungen, Medaillen, Figürchen, chineſiſche Täßchen. Porzella⸗ nene und kupferne Gegenſtände ſtanden unter Kry⸗ ſtallen, und alle dieſe Gegenſtände vertrugen ſich brüderlichſt mit einander. So oft es daher Blanca's Hausmädchen paſſirte, daß ſie einen dieſer Gegenſtände, ſo klein derſelbe immer ſein mochte, anderswohin ſtellte oder legte, fiel dem jungen Mädchen dieſe Veränderung auf den erſten Blick auf, und ganz inſtinctmäßig brachte ſie dann den fraglichen Gegenſtand wieder an ſeinen früheren Ort. So oft ſie in ihr Zimmer trat, ſchaute ſie überall herum, und endlich hatte ſie ſich ſogar, theils aus raffinirter Schamhaftigkeit, theils aus Liebe zur Harmonie, gewöhnt, ihr Zimmer ſelbſt zu machen und, ihre Mutter allein ausgenommen, Nie⸗ manden in ihr warmes Neſt dringen zu laſſen. Der Tag, nachdem ſie Friedrichs Brief erhalten, war, wie wir bereits geſagt, ohne ein bemerkens⸗ werthes Ereigniß verſtrichen, als Blanca Abends in ihr Zimmer hinaufging, um ſich zu Bette zu legen. Ihre Mutter war in dem anſtoßenden Zimmer ge⸗ blieben, aus dem dieſelbe, um näher bei ihrer Toch⸗ ter zu ſein, ihr Schlafzimmer gemacht hatte. Kaum daß Blanca noch an das dachte, was drei Tage lang ſie beſchäftigt hatte. Als ſie aber die Schwelle überſchreiten wollte, überzog eine plötzliche Bläſſe ihr Antlitz. Mitten im Zimmer lag ein Stuhl, und eben ſo 353 derung lagen Stücke eines zerbrochenen Täßchens auf dem ft, ſo Boden. n. Es Von den Hausbewohnern konnte dieß Niemand ungen, gethan haben; denn hättte Jemand vom Hauſe dieſen rzella- Stuhl umgeworfen und dieſes Täßchen zerbrochen, Kry⸗ ſo hätte er jenen ſicherlich wieder aufgeſtellt und die n ſich Stücke des letzteren aufgeleſen. 8„Er iſt heute Abend hier geweſen,“ ſprach ſie iſſirte, bei ſich ſelbſt. rjelbe Und unwillkührlich hefteten ſich ihre Augen auf 1 e, den Wandſchrank, worin ihre Kleider hingen, und den der der einzige Ort war, wo ſich Jemand verbergen te ſe konnte, welcher ein Intereſſe hatte, ingeheim in dieſes Sunn immer zu dringen. ſogar, Von nun an ahnte ſie nicht mehr bloß, ſondern aus war ſie überzeugt, daß der Mann, der den Brief bſt zu geſchrieben, in dieſem Schranke ſtecke. Nie⸗ Es gibt ein Herzpochen, das nicht trügt. Blanca hatte den Muth der Menſchen, die ſich alten, nichts vorzuwerfen haben. Sie vergewiſſerte ſich, daß kens⸗ ihre Mutter ſchlief, ſchloß die Thüre, welche mit den 's in beiden Zimmern communicirte, ging gerade auf den legen. Wandſchrank zu und machte ihn auf. r ge⸗ Sie hatte ſich nicht getäuſcht: es hatte ſich Fried⸗ Toch⸗ rich darin verſteckt. daum Friedrich trat ruhig aus dem Schranke heraus, lang worin man ihn überraſcht hatte; denn wir müſſen ſagen, daß er, ſo ſcharfſichtig er auch war, doch nicht erwartete, daß Blanca ſeine Anweſenheit ahnen würde. Aus der Art und Weiſe aber, wie ſie die en ſo Dumas d. J., drei ſtarke Männer, 23 ollte, 3⁵⁴ Thüre geöffnet, hinter der er ſtand, erſah er deutlich, daß ſie dieſelbe nicht zufällig aufgemacht hatte. „Was thun Sie hier, mein Herr?“ ſprach Blanca blaß und in ſtrengem Tone. „Sie ſehen, mein Fräulein, daß ich Sie erwar⸗ tete,“ antwortete der Graf mit ruhiger Stimme.„Sie haben bei hellem Tage nicht an den bezeichneten Ort kommen wollen, und es iſt mir daher nichts Anderes übrig geblieben, als von der Nacht die Unterredung zu verlangen, die ich ſchlechterdings mit Ihnen haben muß.“ „Auf die Gefahr hin, mich in's Verderben zu ſtürzen, mein Herr!“ „Sie in's Verderben zu ſtürzen! Und wie denn? Ich ſetzte mich der Gefahr aus, wie ein Dieb erſchoſ⸗ ſen zu werden in dem Augenblick, wo ich Ihre Gar⸗ tenmauer erſtieg, um hierher zu kommen. Sie aber, mein Fräulein, riskiren lediglich nichts.“ „Sie werden nun alsbald gehen, mein Herr!“ „Wie, mein Fräulein?“ „Ganz einfach durch dieſe Thüre hindurch.“ „Da muß ich aber durch das Zimmer Ihrer Mutter gehen?“ „Es ſchläft meine Mutter.“ „Und wenn ich ſie dann aufwecke?“ „Um ſo ſchlimmer für Sie, mein Herr; denn dann werde ich ihr die Wahrheit ſagen. Alles, was ich thun kann, und zwar weniger um Ihret⸗ als um meinetwillen, iſt, daß Sie dabei ſo vorſichtig wie möglich ſind, auf daß Niemand Sie zum Hauſe hin⸗ ausgehen ſieht.“ mei den Thi ſchl dief zim 8* Fro wie Sti lich gen Scl zu ruf reg bin tlich, lanca war⸗ „Sie 1Ort deres dung aben n zu eenn? ſchoſ⸗ Gar⸗ aber, r!“ Ihrer 35⁵ „Wenn ich nun aber mich weigere zu gehen, mein Fräulein: wie dann?“ „Dann würde ich eben rufen.“ Es ſchien der Graf einige Augenblicke in Nach⸗ denken verſunken. Blanca nahm die Lampe und ging nach der Thüre hin, die in ihrer Mutter Schlafzimmer führte. „Kommen Sie, mein Herr!“ ſprach ſie. „Sehen Sie zuerſt nach, ob Frau Pascal auch ſchläft,“ verſetzte der Graf.„Wie ich glaube, ſo iſt dieß das Klügſte: wir gehen ſo ſicherer.“ Blanca öffnete die Thüre, trat in das Schlaf⸗ zimmer ihrer Mutter, neigte ſich über die Stirn der Frau Pascal und vergewiſſerte ſich, daß ſie ſchlief. Da fiel in dem Augenblicke, wo ſie den Kopf wieder aufrichtete, in dem anſtoßenden Zimmer ein Stuhl um. Frau Pascal öffnete die Augen, da ſie ſo plötz⸗ lich geweckt wurde. Friedrich aber hatte dieſes Geräuſch abſichtlich gemacht. Blanca konnte, als ſie das Geräuſch hörte, einen Schrei nicht zurückhalten. „Was machſt Du da?“ ſprach ihre Mutter zu ihr. „Ich glaubte, gute Mutter, Du hätteſt mir ge⸗ rufen,“ antwortete Blanca mit zitternder Stimme. „Was iſt Dir denn? Du ſcheinſt ja ganz aufge⸗ reur⸗ Woher das Geräuſch, an dem ich aufgewacht in?“ „Ohl ich habe es verurſacht, indem ich einen 356 Stuhl umgeworfen habe, als ich zu Dir herausge⸗ ſich kommen bin. wä „Warum biſt Du denn noch nicht im Bette. zu „Ich will mich nun niederlegen, Mutter: gib mir einen Kuß und ſchlaf nur recht bald wieder.“ gen Das Mädchen drückte ihre Lippen auf Frau Pas⸗ cals Stirne und ging in ihr Zimmer zurück, deſſen nen Thüre ſie ſorgfältig ſchloß. wer In dieſem Augenblicke haßte ſie von ganzem mer Herzen den Mann, der auf ſie wartete und, ohne erſt daß ſie ſeine Mitſchuldige war, ſie zwang, ihre Mut⸗ red ter zum erſten Male anzulügen; denn ſie hatte es nicht gewagt, Frau Pascal die wahre Urſache des mit gehörten Geräuſches zu ſagen. wir Und doch laſtete keine Schuld auf ihr. Iſt es deſß aber auch unſchuldig, ſo wendet doch ein Mädchen, der ſo ſchamhaft und furchtſam wie Blanca, alle ehrba⸗ V der ren und gütlichen Mittel an, bevor es ein Geſtänd« von niß ablegt, wie das, das ſie hätte ablegen müſſen. ken Nach der Anſicht Blanca's war ſchon ein bloßer hie Verſuch, wie der des Grafen, ein Flecken in ihrem Leben, und darum hätte ſie denſelben gern ganz und allein ausgetilgt. Und ferner glaubte ſie, ſie habe 14 ein ſo gutes Gewiſſen, daß ſie das wohl thun könne. mei Mit gekreuzten Armen und ſich an das Kamin ihn lehnend, wartete Friedrich auf ſie. hör 1„Was Sie da thun, iſt ſchändlich, iſt niederträch⸗ auf tig, mein Herr,“ ſprach ſie leiſe zu ihm. „Es ſchlief Ihre Mutter: nicht wahr?“ antwortete fen der Graf, deſſen Mund des Mädchens Ohr faſt be⸗ rührte;„ich habe es wohl geſehen und habe ſie ab⸗ une. 357 ſichtlich aufgeweckt: ſo bekomme ich eine halbe Stunde, während deren ich Ihnen ſagen kann, was ich Ihnen zu ſagen habe.“ Und alſo ſprechend, heftete Friedrich ſeine feuri⸗ gen Augen auf Blanca. „Nun, ſo wollen wir es zu einer ehrlichen, offe⸗ nen Erklärung kommen laſſen,“ ſprach ſie, die Noth⸗ wendigkeit, in der ſie ſich befand, entſchloſſen hinneh⸗ mend;„ſprechen Sie um ſo offener, da dieß das erſte und letzte Mal ſein wird, daß wir mit einander reden.“ „Ich liebe Sie, Blanca,“ antwortete Friedrich mit ruhiger und ernſter Stimme, wie wenn dieſelbe wirklich ein Echo ſeines Herzens geweſen wäre. In⸗ deſſen ſprach er ſo leiſe, daß das Mädchen mehr aus der Bewegung ſeiner Lippen, als aus dem Tone der geſprochenen Worte abnahm, was dieſer Menſch von ihr wollte; denn ſollte Frau Pascal nichts mer⸗ ken, ſo mußte man gar leiſe reden, und darum ſprach hier mehr die Seele als der Leib. Blanca ſchaute den Grafen an, der den klaren und offenen Blick des keuſchen Mädchens aushielt. „Sie mißbrauchen das Opfer, das ich der Ruhe meiner Mutter bringe, mein Herr,“ ſprach ſie zu ihm,„um mir Dinge zu ſagen, die ich noch nie ge⸗ hört. Im Namen Ihrer Mutter fordere ich Sie auf, mein Herr, zu ſchweigen.“ Friedrich verſtummte und ließ einen tiefen, prü⸗ fenden Blick auf Fräulein Pascal fallen. „Ja, ich liebe Sie,“ murmelte er, als öb er der Stimme ſeiner Seele trotz aller ſeiner Anſtrengun⸗ 358 gen nicht Einhalt zu thun vermocht hätte.„Ich liebe Sie, und ſo müſſen Sie mich denn auch lieben.“ Dabei war ſein Blick wo möglich noch durch⸗ dringender und forſchender. Blanca ging, ohne ein Wort zu erwidern, auf das Zimmer von Frau Pascal zu. „Wohin gehen Sie?“ fragte der Graf. „Ich will zu meiner Mutter gehen, mein Herr, damit ich Sie nicht länger anzuhören brauche. Ich werde mich in ihr Zimmer einſchließen und dann können Sie ſehen, wie Sie wieder hinauskommen.“ „So gehen Sie!“ verſetzte der Graf, aus ſeiner Taſche ein Schreibtäfelchen herausziehend und zu ſchreiben anfangend. Es lag in den Worten, die er eben geſprochen, des Drohenden ſo viel, daß Blanca zuerſt ſtehen blieb und dann zurückkam. „Was thun Sie?“ fragte ſie. Der Graf riß aus ſeinem Schreibtäfelchen das Blatt heraus, das er eben voll geſchrieben, und reichte es Blanca hin, die nachſtehende Worte las: „Ich bin bei Nacht zu Fräulein Pascal herein⸗ gekommen, weil ich ſie liebte. Sie hat mich aber abgewieſen, und da ich lieber ſterben als von ihr getrennt ſein wollte, ſo habe ich mir in ihrem Zim⸗ mer den Tod gegeben. Man klage deßhalb Niemand an und werfe auch nicht den leiſeſten Verdacht auf ſie; denn ſie iſt das reinſte und keuſcheſte aller Weiber. Graf Friedrich de la Marche.“ „Sie thun das, um mich zu ſchrecken, mein Herr,“ ſprach Blanca, indem ſie das Papier zerriß.„Sie möchten ſich nicht tödten.“ la 9 trau tigke Zwe ſich aus ruht chen Bet Cru Vor Mu mei ver! dur lich eine All ris Wo Pif wie ſich 359 „Sie kennen mich nicht, Blanca,“ fuhr Herr de la Marche fort, der fortfuhr, das Mädchen ſo ver⸗ traulich zu behandeln, und mit wunderbarer Kaltblü⸗ tigkeit antwortete,— einer Kaltblütigkeit, woran alle Zweifel, welche Fräulein Pascal irgend haben konnte, ſich brechen mußten. Zu gleicher Zeit zog er ein paar Taſchenpiſtolen aus ſeinem Buſen hervor. Er ſpannte beide ganz ruhig und legte ſie dann auf den Kaminſims. Blanca ſah beim Schein der Lampe die Zündhüt⸗ chen glänzen. „Bei dieſem Chriſtus, deſſen Bild über Ihrem Bette wacht,“ ſprach der Graf, die Hand nach einem Crucifix ausſtreckend, das in dem Halbſchatten der Vorhänge ſich zeichnete;„bei dem Andenken meiner Mutter, ſowie bei meiner Ehre ſchwöre ich Ihnen, mein Fräulein, daß, wenn Sie dieſes Zimmer bälder verlaſſen, als ich ausgeredet, ich mir eine Kugel durch den Kopf jage.“ Möglich, daß dieſer Menſch log, aber auch mög⸗ lich, daß er die Wahrheit ſagte. Und dann war von einem mit ſolcher Willenskraft begabten Menſchen Alles zu fürchten; weckte Blanca ihre Mutter, ſo riskirte ſie vielleicht ihr Leben. „Gut, mein Herr, ich bleibe; aber thun Sie dieſe Waffen weg.“ Der Graf brachte die Hähne an den beiden Piſtolen wieder in Ruhe und brachte die Waffen wieder an den Ort, von wo er ſie genommen, ohne ſich eines Lächelns enthalten zu können. Welch unendliche Verachtung hätte dieſer Menſch 360 Blanca nicht eingeflößt, wenn ſie gewußt hätte, daß dieſe Piſtolen nicht einmal geladen waren. So war denn Friedrich vollkommen Herr. Er ging auf das Mädchen zu, erfaßte ihre Hand, ſchloß dieſelbe, ſo ſehr ſich Blanca auch wehren mochte, in die ſeinige und ſprach: „Sie haben nun wohl ſchon geſehen, Blanca, daß ich kein gewöhnlicher Menſch bin, ſowie daß die Liebe, die ich fühle, nicht Jedermanns Ding iſt. Wie wäre es übrigens möglich, daß Sie mir eine gewöhn⸗ liche Liebe einflößten? „Seitdem ich Sie zum erſten Male geſehen, ſind Sie ein Bedürfniß meines Lebens geworden; und ich ſage Ihnen nochmals, daß ich mir das Leben nehme an dem Tage, wo ich die Gewißheit erlange, daß ich von Ihnen nicht geliebt werde; bis dahin aber werde ich Alles verſuchen, um Ihre Liebe zu erlangen. „Ueberall ſollen Sie mich finden; wie Ihr Schat⸗ ten werde ich Sie begleiten, wo ſie immer hingehen, und was Sie immer thun mögen, um mir zu ent⸗ gehen. Ich werde Ihnen auf allen Schritten und Tritten nachgehen, wie wenn ich meinem Herzen nach⸗ ginge, wenn es vor mir herliefe. Haben Sie mir etwas zu befehlen, etwas Seltſames, Unmögliches, ſo ſprechen Sie: es ſoll geſchehen.“ Gewiſſe Leute werden nun ſagen: „Sie brauchte Friedrich bloß zu antworten: „„Da Ihre Liebe ſo rein, ſo aufrichtig, ſo redlich, ſo aufopferungsfähig iſt, ſo halten Sie bei meiner Mutter um meine Hand an, anſtatt Nachts gleich einem Diebe zu mir hereinzukommen, anſtatt mich daß and, hren b nca, die Wie öhn⸗ ſind und eben inge, ahin e zu chat⸗ hen, ent⸗ und nach⸗ mir hes, lich, iner leich mich möglicher Weiſe zu compromittiren, anſtatt bei mir ſelbſt um meine Hand anzuhalten.““ Allerdings hätte Blanca alſo ſprechen können, aber erſtens hätte ſie dann hören müſſen, was Fried⸗ rich ſprach, und das arme Mädchen wußte in dieſem Augenblicke nicht mehr, wo ihr der Kopf ſtand; ſie dachte nur an Eines, nämlich daran, wie ſie es ver⸗ hindern möchte, daß ihre Mutter das Flüſtern einer fremden Stimme höre; denn wäre, nach der voran⸗ gegangenen Lüge, Friedrich von Frau Pascal geſehen worden, ſo wäre es Blanca äußerſt ſchwer geworden, ihre Mutter von ihrer Unſchuld zu überzeugen; und zweitens hätte ſie dann auch ihre Zuſtimmung zur Heirath geben müſſen. Nun aber liebte ſie nicht allein den Grafen nicht und konnte ihn nicht lie⸗ ben, ſondern fürchtete ihn ſogar und war nahe daran, ihren Haß auf ihn zu werfen. Die Herrſchaft, welche dieſer Menſch über ſie ausübte, rührte von dem Myſterium her, in das er ſich zu hüllen verſtand, von dem eiſernen Willen, der ihn Alles ausführen ließ, was er einmal beſchloſſen hatte, und endlich von dem Schrecken, den er dem armen Mädchen einflößte, welches an ſolche Roman⸗ ſcenen nicht gewöhnt war,— an Scenen, die ihr alle Beſinnung raubten, und bei denen ſie ſich zu⸗ weilen fragte, ob ſie wirklich auch dabei wäre. Sie ließ ſich alſo Friedrichs Worte gefallen, als eine Tortur, der ſie ſich nicht entziehen konnte, und während ſie ihre Hand dem Grafen überließ, um durch ihren Widerſtand kein Geräuſch zu erzeugen, horchte ſie in der Stille, das Ohr nach der Thüre 362 hingewandt, ob ihre ſchlafende Mutter nicht ſchon raſcher und lauter athme. Hätte es gegolten, eine Lüge einzugeſtehen, oder einen Fehltritt zu begehen, ſo wäre Blanca nicht lange im Zweifel darüber geweſen, was ſie zu thun habe. Das Glücklichſte ſogar, was ihr hätte begegnen kön⸗ nen, wäre ein kühnerer Verſuch von Seiten des Gra⸗ fen geweſen. Dann hätte ſie gerufen, und von die⸗ ſem Augenblicke an wäre zwiſchen ihm und ihr Alles ausgeweſen; denn die Hinderniſſe, die er zu über⸗ winden gehabt hätte, um Blanca wieder zu ſehen, wären ſtärker geweſen, als alle ſeine Kraft und alle ſeine Combinationen. Unglücklicher Weiſe war Friedrich ein zu geſchick⸗ ter Menſch, ein zu kaltes und verdorbenes Herz, um eine ſolche Thorheit zu begehen. Daher begnügte er ſich denn auch, Blanca ſein Leben anzubieten, ohne etwas dagegen zu verlangen; ſeine Liebe blieb unterwürfig und ehrerbietig, damit Blanca, wenn er einmal fort wäre, ihm nichts vor⸗ zuwerfen hätte, als eine romanhafte Handlung, und damit dieſelbe, wenn die Gefahr vorüber, ſie ſich ſelbſt ſagen müßte: Es muß dieſer Menſch mich wirk⸗ lich lieben, ſonſt hätte er nicht gethan, was er da gethan. Plötzlich ſprach Blanca mit gedämpfter, aber ge⸗ bieteriſcher Stimme zu Friedrich: „Horchen Sie!“ Sie glaubte gehört zu haben, daß ihre Mutter ſchlafe.. Es lag etwas wahrhaft Sonderbares in dieſer Unterredung, welche zwiſchen einem jungen Manne und letzter⸗ Mutte wurde neben wäre, Leben den j N treibe Grafe ſchon oder ange habe. kön⸗ Gra⸗ die⸗ Alles üͤber⸗ ehen, alle chick⸗ um ſein gen; amit vor⸗ und ſich virk⸗ r da ge⸗ utter ieſer anne und einem jungen Mädchen in dem Zimmer der letzteren, um Mitternacht, zehn Schritte von einer 363 Mutter weg, Statt fand, und wobei nur geflüſtert wurde. Ein Jeder, der dieſe zwei menſchlichen Weſen neben einander geſehen hätte und Zeuge geweſen wäre, wie ſie ſo mit einander ſprachen, hätte ſein Leben zum Pfand geſetzt, daß das Mädchen ſelbſt den jungen Mann hierher gebracht. Nur zwei Liebende konnten die Kühnheit ſo weit treiben. Blanca befreite ihre Hand aus den Händen des Grafen und heftete ihr Ohr an die Thüre. Offenbar ſchlief Frau Pascal. Das Mädchen öffnete nun die Thüre zur Hälfte, beugte den Kopf hinaus und horchte abermals. Das cadenzirte Athmen, das ſie hörte, war wirk⸗ lich das des Schlafes, und zwar des tiefen Schlafes. Sie wandte ſich wieder zu Friedrich hin und ſprach mit einer Geberde, die voller Adel war: „Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie!“ Sie zitterte vor Furcht, es möchte der Graf durch ſein Auftreten den Fußboden krachen machen; aber es ging derſelbe auf der Spitze ſeiner Zehen und ſo leiſe, daß ſie ſelbſt ſeine Tritte nicht hörte. Man hätte glauben können, es habe dieſer Menſch ſich ſein Lebenlang in nichts Anderem, als in ſolchem Gehen geübt. So wie er auftrat, pflegen nur tdieb zutreten. Blanca erfaßte Friedrichs „Folgen Sie mir nach.“ So war ſie wahrhaft ſt 364 mit ihrem guten Gewiſſen, ſtark durch ihr Schamge⸗ tet n fühl, und doch mußte ſie ſelbſt der nachſichtigſte Ric⸗ Oel! ter, der ſie ſo ſah, verdammen. Ja, das edle Mäd⸗ beim chen mußte in dieſem Augenblicke Jedermann als. ſchuldig erſcheinen. Die in Blanca's Zimmer zurückgebliebene Lampe Friei warf einen matten Schein in das Zimmer der Frau zurüc Pascal, und wurde der Weg, den man bis an die vorſc in das Vorzimmer führende Thüre verfolgen mußte.— Voran ging Blanca mit heftig klopfendem Herzen, geglo mit zurückgehaltenem Athem und marmorblaß; hinter 2 ihr ging Friedrich, aber lächelnd, wie wenn das blüti wahre Element ſeiner Seele ſolche Aufregung gewe⸗ neuen ſen wäre. 3 Frau Pascal ſchlief immer noch vertrauensvoll 8 und ruhig. 2 Mitten im Zimmer, das heißt, gerade am ge⸗ wider fährlichſten Orte, da man dort dem Bette am Näch⸗ weil ſten war, worin die Mutter lag, beugte ſich Friedrich„ über Blanca und ſprach, die Lippen auf ihre Stirn zu ih drückend: und „Ich liebe Dich!“ greife Das Mädchen fuhr zuſammen, antwortete aber durch nichts, gleich als ob dieſer Kuß und dieſes Wort„ nichts an ihr berührt hätten, was ſich trüben, was ſich n ſich verdunkeln könnte. Sie fuhr fort zu gehen, mer, idrich aber, ihr zu folgen. hinan ie kamen an der Thüre an, welche man öffnen man ihren Angeln knarren konnte mit Dieb ichgültigkeit, welche lebloſen Ge⸗ miar iſt nicht zu Grunde gerich⸗ amge⸗ Rich⸗ Mäd⸗ n als Lampe Frau an die nußte. derzen, hinter n das gewe⸗ nsvoll m ge⸗ Näch⸗ iedrich Stirn e aber Wort , was gehen, öffnen te mit en Ge⸗ gerich⸗ 365 tet worden, weil in den Angeln einer Thüre kein Oel war, oder weil in einem Schlüſſelloche der Schluſſel beim Umdrehen ein Geräuſch machte! „Ich wage es nicht!“ murmelte Blanca. „Wenn das iſt, ſo laſſen Sie mich machen,“ ſprach Friedrich, während er mit der andern den Riegel zurückſchob, den Frau Pascal allabendlich ſorgfältig vorſchob. Und es öffnete ſich die Thüre ſo leiſe, daß man geglaubt hätte, ſie ſei geſchloſſen geblieben. Alle Beweiſe, die Friedrich ihr von ſeiner Kalt⸗ blütigkeit und Geſchicklichkeit gab, flößten Blanca neuen Schrecken ein. Was ließ ſich mit einem ſolchen Menſchen machen? Frau Pascal athmete gleichförmig fort. Blanca war nun halb gerettet. Sie lehnte ſich wider die Wand und legte die Hand auf' Herz, weil ſie ſonſt erſtickt wäre. „Gehen Sie nun wieder zurück,“ ſprach Friedrich zu ihr;„ich habe nur noch eine Thüre zu öffnen— und eben haben Sie geſehen, wie ich die Sache an⸗ greife; dann habe ich noch die Treppe hinunter und durch den Garten zu gehen.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Fräulein Pascal, ſich wieder aufrichtend,„nicht bloß aus meinem Zim⸗ mer, ſondern auch aus dieſem Hauſe will ich Sie hinausgehen ſehen. Ich will Sie begleiten, auf daß man Sie nicht, wenn man Sie ertappt, wie einen Dieb feſthält, und damit ich der Perſon, die uns ertappen möchte, ſagen kann, was Sie hier gethan.“ Sie erreichten mit Hülfe der gleichen Vorſichts⸗ 366 maßregeln den Garten, und es ging Blanca mit dem Grafen bis an die Mauer. Dieſe wollte er eben erſteigen, als Blanca zu ihm ſprach: „Und nun, mein Herr, ſehe ich Sie hoffentlich nicht mehr.“ „Eil ſchon heute Abend ſollen Sie mich wieder ſehen, Blanca,“ verſetzte der Graf und verſchwand. Es mag der Leſer ſich denken, in welchem Zu⸗ ſtande das arme Mädchen nun war. Es waren ihre Beine unvermögend, ſie zu tragen, und ein kalter Schweiß bedeckte ihr Geſicht. „Wie wäre es erſt noch, wenn ich mich ſchuldig wüßte?“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt. Sie hatte hinter ſich alle Thüren offen gelaſſen und ging nun wieder in ihr Schlafzimmer hinauf. Frau Pascal ſchlief immer noch. Als Blanca ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte und ſich dort allein ſah, ſank ſie auf die Knie nieder und dankte Gott. Dabei ſtieß ſie jenen Freu⸗ denſeufzer aus, den ein menſchliches Weſen hören laſſen dürfte, welches das Tageslicht wieder ſähe, nachdem es unter dem Schutte eines eingeſtürzten Hauſes etliche Tage begraben gelegen. „Ich habe wohl gethan,“ dachte ſie,„daß ich meiner Mutter nichts geſagt; nun bin ich gerettet und zwar ohne allen Scandal; aber er hat geſagt, daß er heute Abend wieder kommen werde! Doch kann er dieß nur gethan haben, um mich zu ſchrecken; denn er muß nun einſehen, daß es ihm jetzt, wo ich ge⸗ warnt bin, unmöglich ſein werde, die Schwelle dieſes Zimmers zu überſchreiten. Ich nehme den Kampf — an, kere lan hab ſche klop ſchl Gef ſind ſie bei bei von auf Bet imn als man Fen Kan und daß Hat Pa⸗ mer dem ea zu ntlich dieder and. 1 Zu⸗ mihre kalter uldig laſſen mauf. zogen Knie Freu⸗ hören ſähe, ürzten iß ich! et und aß er nn er denn ch ge⸗ dieſes dampf 367 an, Herr Graf, und Sie ſollen ſehen, daß der ſtär⸗ kere Theil derjenige iſt, auf deſſen Seite Gott ſteht.“ An dem nächſten Tage glaubte ſie eine Zeit lang nur einen entſetzlichen Traum geträumt zu haben. Als ſie ſah, wie ihre Mutter und die Diener⸗ ſchaft die Thüren, vor denen ihr Herz ſo heftig ge⸗ klopft und gekämpft hatte, nach Belieben öffnen und ſchließen konnten, bemächtigte ſich ihrer ein ſeltſames Gefühl, das wir nicht zu beſchreiben vermöchten: ſie fing an zu lachen. Von dieſem Augenblicke an konnte ſie nicht zweifeln, daß der Graf beſiegt ſei. Es ſollte Blanca mit ihrer Mutter den Abend bei einer alten Freundin der letzteren zubringen,— bei einer Freundin, deren Haus etwa fünfßig Schritte von dem ihrigen entfernt war. Bevor ſie wegging, ging ſie in ihr Zimmer hin⸗ auf, öffnete ſämmtliche Schränke, ſchaute unter das Bett, hinter die Vorhänge, kurz in alle Winkel, wo immer ein Menſch ſich hätte verbergen können, und als ſie dann die Ueberzeugung gewonnen, daß Nie⸗ mand in ihrem Zimmer ſein könne, ſchloß ſie ihre Fenſterläden, ſtellte zu größerer Vorſicht vor ihr Kamin einen Windſchirm, ſchloß ihre Thüre zwei Mal und nahm den Schlüſſel mit. „So,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt,„weiß ich doch, daß ich heute Nacht ruhig ſchlafen kann.“ Um zehn Uhr kam ſie mit ihrer Mutter von dem Hauſe der Freundin zurück. Ihre Lampe in der Hand, küßte Blanca Frau Pascal und machte die Thüre ihres Schlafzim⸗ mers auf. 368 Da ſtieß ſie einen Schrei aus, und wenig fehlte, ſo wäre ſie ohnmächtig hingeſunken. „Ach, was iſt Dir? du mein Gott!“ fragte Frau Pascal ihre Tochter. „Ol es iſt nichts, Mutter, nichts; ich habe mich bloß geſtoßen.“ Der Grund, weßhalb Blanca einen Schrei aus⸗ geſtoßen hatte, war ein Licht, das ganz ruhig in ihrem Zimmer brannte, während ſie doch um acht Uhr Abends es ſorgfältig geſchloſſen hatte, ohne ein Licht zurückzulaſſen. „Es koſtet mir noch das Leben!“ murmelte ſie. Und überzeugt, daß Friedrich im Zimmer aber⸗ mals verſteckt ſei, und entſchloſſen, der Sache ein Ende zu machen, lief ſie auf den Wandſchrank zu und riß ihn auf. „Kommen Sie heraus, Herr!“ ſprach ſie. Aber es war der Wandſchrank leer. Nun fing Blanca die Nachſuchungen wieder an, welche ſie vor dem Weggehen angeſtellt hatte, konnte aber Niemand entdecken. „Was ſoll das heißen?“ fragte ſie ſich.„Wie hat er es angegriffen, um hereinzukommen? Denn offenbar iſt er es, der dieſes Licht angezündet hat, um mir zu beweiſen, daß er hier geweſen. Es iſt doch zu meiner Thüre nur ein Schlüſſel da, und dieſen Schlüſſel habe ja ich. Iſt denn dieſer Menſch der Teufel?“ Es fehlte gar wenig, ſo hätte der erſchrockene Geiſt des Mädchens dieſe Vorausſetzung als eine unbeſtreitbare Wahrheit angenommen. Das Beſte, was ſie thun konnte, war wohl, daß lte, rau nich lus⸗ gin acht ein ſie. ber⸗ ein k zu an, unte Wie denn hat, s iſt und enſch ckene eine daß 369 ſie zum Beten ihre Zuflucht nahm. Und dieß that ſie denn auch. Sodann riegelte ſie ihr Zimmer ſorgfältig zu und wollte ſich entkleiden. Aber es war ihr Schrecken ſo groß, daß ſie nur ihren Shawl und ihren Hut ablegte. Dann warf ſie ſich auf ihr Bett. Sie mußte fürchten, daß Friedrich während der Nacht hereinkommen möchte, da ihm die Wände ja keinen Widerſtand entgegenzuſetzen vermochten; ſchlief ſie aber, oder lag ſie wenigſtens entkleidet im Bette, ſo hätte ſie ſich gegen ihn entweder gar nicht, oder nur ſchwer vertheidigen könnet. Ein ſolches Leben war kein Leben mehr. Blanca nahm alſo ein Buch und fing an zu leſen; indeſſen konnte ſie von dem, was ſie las, ledig⸗ lich nichts verſtehen, da ſie die Ohren beſtändig ſpitzte und die Augen auf Thüre und Leuchter geheftet hielt. So verſtrich eine ganze Stunde. Draußen war Alles ſo ſtill, daß ſie wieder einiges Selbſtvertrauen bekam. Sie ſtand wieder auf, holte ſich eine kleine Scheere aus ihrer Arbeitsſchachtel, um ſo eine Art Waffe in den Händen zu haben, und ſchob dann dieſelbe unter ihr Kopfkiſſen. Dort fand ſie einen Brief, der natürlich von nie⸗ mand Anderem war, als von Friedrih. 1 Sdie erbrach denſelben und las ihn mit gierigen Augen. Der Brief aber enthielt nachſtehende Zeilen: „Sie ſehen, Blanca, daß ich trotz aller von Ihnen getroffenen Vorſichtsmaßregeln zu Ihnen kommen Dumas, d. J., drei ſtarke Männer. 24 370 kann, ſo oft und wann es mir beliebt. So wird es ſtets ſein, was Sie immer thun mögen; indeſſen will ich Ihnen meine Liebe damit beweiſen, daß ich Sie nicht ſchon heute wieder in die Aufregung verſetze, die Ihnen mein geſtriger Beſuch verurſacht. Schlafen Sie ohne alle Furcht, liebes Kind, und denken Sie ohne allen Haß an d Mann, der das Glück ſeines Lebens in die ewige Liebe geſetzt, ſo er Ihnen ge⸗ weiht. „Friedrich.“ „Vielleicht daß dieß nur eine Schlinge iſt, worin er mich fangen will!“ ſprach Blanca bei ſich ſelbſt. Und ſie beharrte bei ihrem erſten Entſchluſſe, ſich ganz angekleidet auf ihr Bett zu werfen. Sie hatte einen fieberiſchen Schlaf, aus dem ſie jeden Augenblick wieder auffuhr. Schon fing der Tag an zu grauen, und immer noch war Friedrich nicht erſchienen. Nun begriff ſie, daß ſie nichts mehr zu fürch⸗ ten habe. „Was er gethan hat, iſt recht,“ dachte ſie nun, ihre Lampe ausblaſend und ſich zum Schlafen an⸗ ſchickend, um wieder neue Kräfte zu ſammeln. Und ſie war Friedrich dankbar, daß er ſein Wort gehalten. Wie raſch verwiſchen ſich nicht vergangene Ge⸗ fahren im Geiſte der Menſchen, wenn man ſo alt iſt wie Blanca! Es war ſchon elf Uhr, als ſie noch ſchlief. Geſtehen wir nur gleich, daß dieſer Friedrich ein gar geſchickter Mann war, und daß er es meiſterlich verſtand, ſich der Eindrücke zu bedienen, die er weckte. d es will Sie eſetze, lafen Sie eines n ge⸗ 4 vorin lbſt. , ſich m ſie mmer fürch⸗ nun, n an⸗ Wort Ge⸗ alt iſt ch ein terlich veckte. 371 Als Blanca, wie wir bereits geſagt, beim Wie⸗ dererwachen ſah, wie ſehr ſie Unrecht gehabt, daß ſie dem Worte mißtraut, das Friedrich ihr gegeben, war dieſer für ſie nicht länger derſelbe: ſie konnte ſich nicht enthalten zu ſagen: Was er da gethan, iſt recht. Er war ſo urplötzlich in das Leben des Mädchens eingedrungen und hatte darmn alle bisherigen Ge⸗ wohnheiten ſo heftig geſtört, daß ſie nicht anders konnte, als ihm für die Ruhe Dank wiſſen, die er ihr für den Augenblick gönnte. Er war der erſte Mann, auf den Blanca aufmerkſamer geworden. Allerdings konnte dem wohl nicht anders ſein, nach⸗ dem er ſich ihr in der bekannten Weiſe vorgeführt. Wie dem nun aber auch ſei, ſo viel iſt unbe⸗ ſtreitbar, daß er ſie gezwungen hatte, ſich mit ihm zu beſchäftigen, und iſt man in Blanca's Alter ge⸗ nöthigt, ſich mit einem jungen, ſchönen Mann zu beſchäftigen, den man verliebt weiß, ſo iſt man auch nahe daran, ihm ſeine verwegenen Streiche zu ver⸗ zeihen, vor Allem aber dann, wenn dieſelben ein Beweis ſeiner Liebe ſind, wenn die Gefahr vorüber iſt und wenn er, nachdem er die Energie ſeines Wil⸗ lens bewieſen, den demüthigen und unterwürfigen Sclaven ſpielt. Dieß war nun aber hier der Fall. Friedrich wollte Blanca einige Zeit zum Nachden⸗ ken laſſen. Denn er wußte als guter Herzenskenner wohl, daß das Nachdenken ihm nur von Nutzen ſein könne. Und in der That fing Fräulein Pascal, als ſie ſich allein wußte, an, das Vorgefallene ruhiger in's Auge zu faſſen und dieſe Erinnerung von den Schre⸗ cken zu trennen, welche ſie umgaben. Jedes Ding 372 hat, phyſiſch und moraliſch betrachtet, zwei ganz ver⸗ ſchiedene Seiten. Sobald Blanca in ihrem Herzen auch nur einen Schatten von Dankbarkeit gegen Friedrich verſpürte, weil dieſer ihr für den Augenblick einige Ruhe gönnte, ſo mußte ſie bald nur noch die andere Seite dieſes Ereigniſſes ſehen, die Seite, die ſie bis daher noch nicht in's Auge gefaßt hatte. Kam es bei ihr aber ſo weit, ſo ſagte ſie ſich, was an ihrer Stelle jede andere geſagt haben würde; denn es ſind die Mädchen, gleich allen Leuten, welche die Gefahr, der ſie entgegengehen, nicht kennen, voller Kühnheit in ihren geheimeren Gefühlen und Gedan⸗ ken. Weil ſie allein ſind, wenn ſie denken; weil ſie Niemand in das Myſterium ihrer Gedanken einweihen, glauben ſie, es bleiben dieſe Gedanken in ihnen, und es vermöge Niemand, dieſelben zu überraſchen, noch auch nur zu ahnen. Sie merken nicht, daß die Ge⸗ fahr eben in dieſer Einſamkeit liegt, ſowie daß die Leichtigkeit, womit ſie ſich von der äußern Welt ab⸗ ſperren, ihnen die Gewohnheit, mit ihren Gedanken allein zu leben, lieb, ja ſogar zum Bedürfniß macht; und nicht genug ſtaunen können ſie ſpäter, daß ihr Herz, ohne daß auch nur ein Wort dabei geſprochen worden, ſich Jemand enthüllt hat, der ein Intereſſe hatte, in daſſelbe einzudringen. Sie fragen ſich dann, wie dieſer Jemand habe errathen können, was in ihnen vorgegangen, und doch iſt die Erklärung gar nicht ſchwer; denn es hat derſelbe, um ſeinen End⸗ zweck zu erreichen, nur auf ihr träumeriſches Weſen, jener Indiscretion ſchweigſamer Seelen, zu achten gebraucht. ver⸗ inen ürte, unte, eeſes noch ſich, rde; elche oller dan⸗ l ſie hen, und noch Ge⸗ die ab⸗ nken icht; ihr chen reſſe ann, Sin gar End⸗ iſſen, hten 373 Zudem hat der Gedanke, daß ein Mann ſich mit ihnen beſchäftige, ſtets und unter allen Umſtänden gewaltigen Einfluß auf den Geiſt junger Mädchen; um ſo mehr aber, wenn der Mann, der ſich mit ihnen beſchäftigt, es ihnen ſo beweist, wie Friedrich es Blanca bewieſen, das heißt, indem er einer wirk⸗ lichen Gefahr trotzt, zu ſeltſamen Mitteln greift und es nicht verſchmäht, zu den Hülfsmitteln ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen, die in Theatern und Romanen gäng und gäbe ſind. Die Natur, die nur Eines, die Verbindung der Leiber und der Herzen will, um die Reproduction zu erzielen, welche die ewige Grundlage der Welt bildet,— die Natur, ſagen wir, hat in das Herz aller jungen Mädchen zwei Dinge gelegt, Unerfahren⸗ heit und Poeſie, als zwei offene Thore, durch die Jeder eindringen kann, der ſich die Mühe geben will, ein bischen an dieſelben zu ſtoßen. Ihre Un⸗ erfahrenheit rührt von ihrem Selbſtvertrauen, ſowie daher, daß ſie Andern nicht genug mißtrauen. Ihre Poeſie aber rührt von ihrem Alter her; es geht die⸗ ſelbe von ihrem Geiſte unabläſſig nach ihrem Herzen hin und ruft dort Begeiſterung, hier aber Liebe wach. Faſt alle Mädchen, die ſich zu Grunde gerichtet haben, ſind gefallen, weil ſie ein edles Gefühl über⸗ trieben haben. Hätte ich eine Tochter, ſo würde ich zu ihr ſagen: Bekämpfe die ſchlechten Gedanken und mißtraue den guten! Blanca war dieſer gute Rath nicht zu Theil ge⸗ worden; daher ging ſie denn auch arglos auf jenem gefährlichen Abhange der Nachſicht fort, der zur 374 Verzeihung führt. Verzeiht man aber einem Manne, der ſich wie Friedrich betragen hat, ſo macht man ſich ſchon zur Mitſchuldigen. Trägt das Mädchen wirklich die Schuld? Nein, wohl aber die Natur und die Jugend, welche ſie plötzlich mit Stolz erfüllen, daß nun ſie auch zum Weibe geworden, daß nun ſie auch im moraliſchen Leben zählt und ſagen darf: Auch ich! Von dem Augenblick an, wo ihr Schamgefühl nichts mehr zu fürchten zu haben glaubte, wo ſie ſah, wie die Vergangenheit des Grafen ſich in De⸗ muth umwandelte— denn dieß war der neue Ge⸗ ſichtspunkt, aus dem er ſich ihr zwei Tage lang, ſo⸗ wohl in der Meſſe, wo er ſie von Neuem ſah, als auch in einem Briefe zeigte, den er ihr zukommen ließ,— von dieſem Augenblick an, ſagen wir, be⸗ gann Blanca ſich in dem Abenteuer zu gefallen, deſ⸗ ſen Heldin ſie war. Da ſie ſo allein war, ſo ließ ſie in ihrer Seele Saiten vibriren, die bis dahin unthätig geblieben waren, und deren ernſte Töne nur ſie allein hören zu können glaubte. Sie glich einem ſchönen, koketten Kinde, das Abends in ihr Schlafzimmer tretend und keine andere Vertraute als ihre Lampe und ihren Spiegel zu haben glaubend, allmählig alle Schön⸗ heiten ihres Leibes enthüllt, dieſelben anlächelt und bewundert, ohne zu ahnen, daß ein indiscretes, neu⸗ gieriges Auge an den Scheiben des Fenſters oder am Schlüſſelloche wacht. Friedrich verfolgte die Fortſchritte ſeines Ein⸗ fluſſes in Blanca's Geiſt und las dieſelben in ihren Augen, jenen offenen Fenſtern der Seele. 375 „Ich bin alſo kein Kind mehr,“ ſprach Blanca bei ſich ſelbſt,„da ein Mann mich liebt, da er mir ſolches geſagt, da er ſein Leben Gefahren ausgeſetzt, um mir es ſagen zu können. Welche Aufregung hat mich ergriffen, als ich ihn da in meinem Zim⸗ mer gefunden! „Ein Mann, der thut, was er gethan, iſt für⸗ wahr kein gewöhnlicher Menſch. Er hat mir zeigen wollen, daß er Alles verſuchen und thun könne, um bis zu mir zu dringen; nun aber fürchtet er, mir zu mißfallen, will er mich faſt um Verzeihung bitten, wagt er es kaum, mir unter die Augen zu kommen. Jetzt gibt er ſich meiner Erinnerung nur noch durch Dinge kund, wegen deren ich ihm nicht böſe ſein kann, ſo ſtreng ich auch ſein mag.“ In der That, Blanca fand nun Abends unter ihrem Kiſſen keine Briefe mehr, ſondern Blumen, ſtumme Vertraute, die ihr von dem, der ſie gepflückt, länger und beredter ſprachen, als Worte es zu thun vermocht hätten: konnte ſie doch dieſelben während ihres Schlafes neben ſich liegen laſſen, ohne befürch⸗ ten zu müſſen, daß ſie ſagen möchten, von welcher Hand ſie gekommen. „Aber wie macht er es doch nur, um in dieſes Zimmer zu kommen, deſſen Fenſter und Thüren ſo wohl verſchloſſen ſind? Welch' ſonderbarer Menſch!“ Solches fragte und ſagte ſich Blanca, und über⸗ zeugt, daß ſie von Friedrich nichts zu fürchten hätte, machte ſie ſich einen Spaß daraus, ihm allerlei neue Schwierigkeiten in den Weg zu legen, um zu ſehen, ob es ihm gelingen würde, dieſelben zu überwinden. Aus dem, was ihr anfänglich Schrecken und Entſetzen 376 verurſacht, machte ſie nun ſchon ein Spiel. Was ſie als eine Gefahr angeſehen, erſchien ihr nun als eine angenehme Zerſtreuung in ihrem monotonen und gleichförmigen Leben; ja, ſie konnte ſich eines Lä⸗ chelns der Bewunderung nicht enthalten, wenn ſie an den Augenblick dachte, den Friedrich gewählt, um ſie, ein paar Schritte von der ſchlafenden Frau Pas⸗ cal weg, ſeiner Liebe zu verſichern und ſie auf die Stirn zu küſſen. Sie gewöhnte ſich immer mehr an ein ihr ganz neues Gefühl. Hierin lag für ſie eine weit größere Gefahr, als in den nächtlichen Verſuchen Friedrichs. So oft ſie in ihr Zimmer kam, war es ihr Erſtes, daß ſie die Hand unter ihr Kopfkiſſen gleiten ließ, um zu ſehen, ob es nicht einen Brief oder eine Blume verbärge. Und zwar that ſie dieß eben ſo naiv, wie ein Kind, das am Tage nach Weihnachten die Hand in einen Schuh ſteckt, um zu ſehen, ob in der Nacht der heilige Niklas nicht etwas hineingelegt; und ſchon war es ihr nicht mehr recht, wenn ſie nichts fand. Fing ſie alſo an, Friedrich zu lieben? Nicht im Mindeſten. Ihre Mädchenphantaſie gefiel ſich in dem Bewußtſein, in dem Leben eines Mannes eine Rolle zu ſpielen, den ſie in dem ihrigen keine ſpielen laſſen wollte. Weiter war es nichts. Da dieſe Zerſtreuung ihr fortan als durchaus ungefährlich erſchien, ſo dachte ſie auch nicht mehr daran, die ihr drohende Gefahr zu bekämpfen. Und dann hätte ſie es auch mit einem unverwundbaren Feinde zu thun gehabt, da derſelbe ja unſichtbar war. Sie konnte die Blumen wegwerfen, konnte die Briefe zerreißen, ohne ſie vorher zu leſen,— ja, 377 ſolcher Art allein war der Sieg, welchen ſie davon⸗ tragen konnte; da aber dieſer Sieg keine Zeugen hatte, ſo wäre er ein unnützer geweſen. Hätte ſie Friedrich überzeugen wollen, daß ſie ſeine Briefe ungeleſen laſſe, ſo hätte Blanca ſie unerbrochen wieder zurückſchicken müſſen; aber wohin und durch wen hätte ſie dieſelben ſchicken ſollen? Und zudem fand ſie dieſelben meiſtens offen unter ihrem Kopf⸗ kiſſen. Für den Fall alſo, daß ſie ſie dem hätte wieder zuſtellen können, der ſie geſchrieben, hätte der Schreiber ſich immer überzeugt halten müſſen, daß ſie davon Einſicht genommen, davon gar nicht zu reden, daß die jedem Frauenzimmer innewohnende Neugierde bei all' dem ebenfalls eine Rolle ſpielt, und wer hat je, ſeitdem es eine Eva gegeben, zu ſagen gewagt, man könne ein Weib verhindern, in jene ewige Frucht zu beißen, welche das erſte Weib zu Falle gebracht hat, und die da Neugierde heißt? So verſtrich ein Monat, während deſſen Blanca dem Blicke Friedrichs in der Kirche oder auf Spa⸗ ziergängen etliche Male begegnete. Das arme Mäd⸗ chen konnte ſich da nie enthalten, vor dem Blicke zu erröthen, der ſo gierig ſich auf ſie heftete. Dem Grafen aber bewies dieſe Schamröthe, daß Blanca ihrer Mitſchuld ſich bewußt ſei. Er dachte alſo, es ſei nun der Augenblick gekom⸗ men, die Sache weiter zu treiben, und eines Abends fand denn Blanca unter ihrem Kopfkiſſen einen Brief, alſo lautend: „ Blanca, ich muß ſchlechterdings Sie ſehen. Es iſt mir heute ein großes Unglück zugeſtoßen, und es liegt mein Schickſal in Ihrer Hand. 378 „Nachdem das Bekannte zwiſchen uns vorgefallen, ſind wir einander nun ſchon nicht mehr fremd; und faſt habe ich ein Recht, den Dienſt von Ihnen zu verlangen, welchen die Hingebung von der Nachſicht fordern darf. „„Heute Nacht um ein Uhr erwarte ich Sie in dem Pavillon, der unten in Ihrem Garten ſteht; ſind Sie um halb zwei Uhr noch nicht dort, ſo ſoll dieß mir ein Beweis ſein, daß Sie mich ſtillſchwei⸗ gend ermächtigen, Sie in Ihrem Zimmer aufzuſuchen. Sie wiſſen, daß mich nichts hindern kann, werden wohl aber lieber herabkommen, als ſich abermals der Aufregung ausſetzen, die ſich Ihrer bemächtigte, als wir uns dort zum letzten Male geſehen.“ Wie man ſieht, ſo war dieſer Brief ſo abgefaßt, daß er Blanca compromittiren mußte für den Fall, daß ſie ihn ihrer Mutter zeigte; wir wollen aber lieber alsbald hinzuſetzen, daß dieſer Gedanke ihr nicht einmal kam. „Was mag ihm doch geſchehen ſein,“ fragte ſie ſich,„und was mag er von mir wollen?“ Sie ahnte nicht einmal die wahren Zwecke des Grafen. Das keuſche, reine Mädchen fragte ſich nicht erſt lange, ob denn Friedrich auch ein Recht habe, ein Stelldichein von ihr zu verlangen. Es hatte derſelbe ſeit dem Tage, wo ſie ihn zum erſten Male geſehen, in allen ihren Gewohnheiten eine ſo bedeutende Stelle eingenommen, daß ſein Verlangen ihr nicht einmal verwunderlich vorkam. Nachdem er ihr eine Zeitlang Ruhe gelaſſen, hätte ſie ſich einem neuen Kriege ausgeſetzt, wenn 379 ſie ihm nicht gewillfahrt hätte; vor Allem aber hätte ſie ſich einem gefährlichen Verſuche ausgeſetzt. „Ich habe die Briefe geleſen,“ ſprach Blanca bei ſich ſelbſt,„ich habe die Blumen bekommen; er weiß es nicht, wohl aber ich; kann und darf ich nun ſchweigen, wenn er mir ſagt, er leide und es hange ſein Schickſal von mir ab? Und müßte ſeine Dro⸗ hung, mich nöthigenfalls hier aufſuchen zu wollen— eine Drohung, die er gewiß ausführen wird—, mich nicht beſtimmen, zu thun, wie er will, ſelbſt dann, wenn ich noch unſchlüſſig wäre?“ Letzterer Grund war der beſte, und auf ihn führte am Ende die Unſchlüſſigkeit des Mädchens immer hinaus. Unterdeſſen verſtrich die Zeit. Blanca hatte ſchon ein paar Mal nachgeſehen, ob ihre Mutter auch ſchliefe. Und es ſchlief Frau Pascal immer tief. Einſtweilen ging Blanca nicht zu Bette, ſondern ſchaute, in Gedanken vertieft, auf den Zeiger der Pendeluhr, der ſeine Stundenkreiſe langſam be⸗ ſchrieb. Es ſchlug ein Uhr. Blanca's Herz pochte heftig. „Jetzt kommt er,“ ſprach ſie.„Was ſoll ich thun? Ich muß ihn durchaus ſprechen, und wäre es auch nur, um ihm zu ſagen, daß er das Hin⸗ legen von Blumen und Briefen endlich unterbleiben laſſen ſolle, da ſolches doch nicht ewig dauern kann. Welches aber immer der Grund ſein mag, der mich zu ihm führt, immer wird ein ſolcher Schritt in den Augen der Menſchen ein Fehltritt ſein; denn nur 380 Gott allein richtet über die Abſichten und nicht über das bloße Thun der Menſchen.“ Zllanca zog ihre Fenſtervorhänge aus einander und blickte in die Nacht hinaus. Man hätte meinen können, es habe die Welt nie gelebt: ſo ruhig, ſo ſtill, ſo öde war Alles. Auf der Pendeluhr wies der Zeiger jetzt ſchon auf ein Uhr fünfzehn Minuten. Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Gleichwohl konnte Blanca ſich immer noch nicht entſchließen, ihr Zimmer zu verlaſſen und in den Garten hinunter zu gehen. Sie las Friedrichs Brief noch ein Mal. „Gehe ich nicht hinunter, ſo kommt er zu mir herauf. Was dann anfangen?“ Der unerbittliche Zeiger rückte immer weiter. Nur noch drei Minuten trennten ſie jetzt von halb zwei Uhr. Plötzlich ward Blanca von dem Gedanken erfüllt, daß es vielleicht ſchon nicht mehr Zeit wäre. Vor dem Schrecken, Friedrich in einem Augen⸗ blicke vor ihr ſtehen zu ſehen, fliehend, durchſchritt ſie das Zimmer ihrer Mutter, ohne recht zu wiſſen, was ſie that. Sie eilte die Treppe hinunter und lief auf den Pavillon zu. Dort wartete ſchon der Graf auf ſie. Eine Blendlaterne erhellte dieſes Zimmer. Als Blanca drinnen war, ſchloß Friedrich die Thüre zwei Mal und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. „Ohl Sie bringen mich vor Angſt um!“ mur⸗ 381 melte Blanca, ſich auf einen Stuhl niederfallen laſ⸗ ſend, als ſie ſah, daß er die Thüre ſchloß. „Warum ſchließen Sie dieſe Thüre?“ ſetzte ſie, von noch größerem Schrecken erfaßt, hinzu; denn es war Friedrich todblaß, und ferner hatte ſein Blick etwas Drohendes. „Ich ſchließe dieſe Thüre, auf daß uns Niemand ſtört und Sie nicht mehr hinauskönnen.“ „Was wollen Sie denn aber von mir?“ „Ich will von ernſten Dingen mit Ihnen ſpre⸗ chen, Blanca. Ich liebe Sie,“ antwortete der Graf, die Hand auf die Rücklehne des Stuhls ſtützend, worauf Blanca ſaß, und die Lippen ihrer Stirn nahe bringend. Das Mädchen ſtand auf und wich zurück. Fried⸗ rich aber erfaßte ihre Hand und zog ſie zu ſich her. „Ich liebe Sie,“ wiederholte er:„verſtehen Sie mich?“ „Aber, mein Herr, ich liebe Sie nicht,“ ant⸗ wortete Blanca mit bebender Stimme. „Um ſo ſchlimmer für Sie, denn Sie werden mich lieben müſſen.“ „Du mein Gott! Ich bin verloren,“ rief Fräu⸗ lein Pascal, welche der Ton, in dem Friedrich die letzten Worte geſprochen, an deſſen wahren Abſichten nun nicht länger zweifeln ließ. Ein Augenblick genügte ihr, um den gähnenden Abgrund, den ſie vor ſich ſah, mit dem Auge des Geiſtes zu ergründen. Sie ſah ſich allein, verthei⸗ digungslos, in den Händen dieſes Menſchen,— dieſes Tigers, der einen Augenblick ſich in ein Lamm 38² umgewandelt hatte und nun den Zähnen, den Kral⸗ len und dem Herzen nach wieder ein Tiger wurde. Inſtinctmäßig warf ſie die Augen umher, um eine Stütze, um eine Waffe, um irgend welchen Schutz zu ſuchen. An einen Kampf war da nicht zu denken. Sie gehörte, ja ſie gehörte fortan dieſem Menſchen. Nun fiel Blanca auf die Knie und ſprach, die Hände des Grafen erfaſſend und küſſend: „Wenn Ihnen auf Erden etwas theuer, etwas heilig iſt, ſo laſſen Sie mich zu meiner Mutter zu⸗ rückgehen; ich will Sie dann ſegnen und lieben: ja, ich ſchwöre es.“ „Sie zittern, Blanca, aber warum denn?“ ſprach Friedrich mit ruhiger und gleich feſter Stimme. „Ich habe Furcht.“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich Sie liebe? Was haben Sie alſo zu fürchten?“ „Eben Ihre Liebe iſt es, die ich fürchte, Herr Graf. Ich bitte Sie flehentlichſt, laſſen Sie mich gehen.“ „Blanca, wollen Sie meine Frau werden?“ ſprach Friedrich, die Hände des Mädchens erfaſſend und daſſelbe aufrichtend. „Jhre Frau?“ „Ja. Iſt es denn ſo verwunderlich, daß ich Sie heirathen will, wenn ich Sie liebe?“ „Wollen Sie ſſonſt nichts von mir?“ fragte Blanca, die plötzlich der Hoffnung Raum gab, es ſei nun alle Gefahr vorüber. „Ja, Blanca, ſonſt will ich nichts von Ihnen,“ antt glar verſ füre verr bar, und Frie Blie woll Bla meh gen. was Con mal tigke Ein von unb und heit ſanf woll nich 383 antwortete Friedrich mit ſanfter Stimme.„Was glaubten Sie denn, daß ich von Ihnen wolle?“ „Oh, Herr Graf, wie ſchön und lieb iſt das!“ verſetzte das Mädchen.„Oh!l wenn Sie ſo ſprechen, fürchte ich Sie nicht mehr.“ Und von dieſer heftigen Gemüthsbewegung halb vernichtet, zugleich aber für das eben Gehörte dank⸗ bar, legte ſie die Stirn auf die Schulter des Grafen und benetzte dieſelbe mit Thränen. „Sie haben mir keine Antwort gegeben,“ hob Friedrich mit flehender Stimme wieder an. Sein Blick aber ſtrafte dieſe Stimme gar ſeltſam Lügen. „Was ſoll ich Ihnen antworten?“ „Ich habe Sie gefragt, ob Sie meine Frau ſein wollen, Blanca.“ Hätte Friedrich nicht damit angefangen, daß er Blanca Schrecken eingejagt, ſo wäre es ihm nimmer⸗ mehr gelungen, ſie zu dieſem Geſtändniſſe zu bewe⸗ gen. Nach der gehabten Furcht aber ſchien ihr Alles, was nicht Urſache dieſer Furcht war, eine gar kleine Conceſſion, oder ſchien ihr, richtiger geſagt, nicht ein⸗ mal mehr eine Conceſſion zu ſein. Moraliſche Dinge haben nur eine relative Wich⸗ tigkeit. Sagen wir offen, wie die Sache ſich verhielt. Einen Augenblick hatte Blanca beſorgt, ſie möchte von dem Manne geſchändet werden, von dem ſie unbeſonnener Weiſe ein Stelldichein angenommen; und nun erfaßte dieſer Menſch, anſtatt die Gelegen⸗ heit zu mißbrauchen, ihre Hände und fragte ſie mit ſanfter, flehender Stimme, ob ſie ſeine Frau ſein wolle. Sie war daher dieſem Manne, vor dem ſie nicht länger zitterte, wohl etwas ſchuldig. 384 „Halten Sie bei meiner Mutter um meine Hand an, mein Herr, und iſt es ihr Wille, daß ich Sie heirathe, ſo verſpreche ich Ihnen, mich ihrem Willen in nichts widerſetzen zu wollen,“ verſetzte Blanca. „Wenn ſie mir aber Ihre Hand verſagte?“ „Dann verſpreche ich Ihnen, daß ich Alles, was in meiner Macht ſteht, thun werde, um ihre Einwil⸗ ligung zu erlangen,“ ſetzte Blanca, die Augen nie⸗ derſchlagend, hinzu. Um aus dieſem Zimmer ſo wieder hinauszukom⸗ men, wie ſie in daſſelbe getreten war, hätte Blanca Alles verſprochen, was man immer von ihr verlangt haben würde. Wir wollen indeſſen hinzuſetzen, daß das, was ſie eben verſprochen, jetzt das Echo der ge⸗ heimen Gedanken ihrer Seele war. „Sie wollen mich alſo ein bischen lieben?“ hob der Graf wieder an. „Ich will Ihre Frau werden,“ antwortete Blanca mit rührender Schamhaftigkeit,„und begreife keinen Chebund, der nicht die Liebe in ſeinem Geleite hat.“ „Sie haben mir aber eben noch geſagt, daß Sie mich nicht lieben.“ „Weil ich eben noch Furcht vor Ihnen hatte.“ „Jetzt aber?“ „Fühle ich, daß ich nichts mehr zu fürchten habe.“ „Sie haben Recht, vielgeliebte Blanca! Sie kön⸗ nen mir alſo trauen; denn wir ſind nun einander nicht mehr fremd. Sagen Sie mir doch, mein Kind,“ fuhr Friedrich fort, indem er Fräulein Pascal zum Sitzen nöthigte, vor ſie hinkniete und ihre Hände drückte,„haben Sie ohne allzu großen Zorn an mich gedacht und haben Sie mir die Briefe und Blumen verzi zu l Sie Herz 1 hin Blur ſpree Allm Uebe aus, dort ter. ſie F Gefe ſo in die weite . beſſe ſie ſi dahe Graf wem G 4 lein Du verziehen, welche ich mir erlaubte, Ihnen zukommen zu laſſen? Er war mir ſo ſüß, der Gedanke, daß Sie die Dinge beriechen würden, die ich an mein Herz gedrückt und an meine Lippen geführt!“ „Was ich that, war vielleicht nicht recht, immer⸗ hin aber habe ich Ihre Briefe geleſen und Ihre Blumen behalten.“ „O Blanca, wie heiß liebe ich Siel ſprechen Sie, ſprechen Sie weiter!“ „Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen, Herr Graf? Allmählig gewöhnte ich mich an dieſe allabendlichen Ueberraſchungen; ich machte mir ein Vergnügen dar⸗ aus, unter mein Kopfkiſſen zu ſchauen, und fand ich dort nichts, ſo glich mein Staunen gar ſehr getäuſch⸗ ter Hoffnung.“ Das arme Mädchen merkte nicht, daß ſie, indem ſie Friedrich ſolches vertraute, ſich noch weit größerer Gefahr ausſetzte, denn bisher; denn ſie machte ſich ſo immer mehr zu ſeiner Mitſchuldigen. Sobald man Blumen auf den Weg ſtreut, der die Seele irre führen ſoll, verlangt letztere nichts weiter und läßt ſich bereitwillig leiten. Blanca richtete an den Grafen eine Frage, die beſſer denn alle Analyſen beweiſen dürfte, wie ſehr ſie ſich bereits wieder beruhigt hatte und wie ſehr ſie⸗ daher ihren eigenen Worten hätte mißtrauen ſollen. „Aber wie haben Sie es doch angegriffen, Herr Graf,“ ſprach ſie,„um in mein Zimmer zu dringen, wenn die Thüre zwei Mal von mir geſchloſſen war?“ Friedrich konnte ſich nicht enthalten, über Fräu⸗ lein Pascals Neugierde zu lächeln; denn er erſah dar⸗ Dumas d. J., drei ſtarke Männer 25 386 aus, welche Fortſchritte er bereits in ihrem Geiſte gemacht. „Ich hatte den Schlüſſel,“ antwortete er ganz einfach. „Wie hatten Sie ſich aber einen ſolchen ver⸗ ſchafft?“ „Als ich das erſte Mal Ihre Thüre offen ge⸗ funden, da habe ich mich in Ihrem Zimmer verſteckt, einen Wachsabdruck vom Schloſſe genommen und nach dieſem Abdrucke einen Schlüſſel machen laſſen. Sie ſehen, daß ich kein größerer Hexenmeiſter bin als Andere.“ Es war das angewandte Mittel ſo einfach, daß Blanca nicht einmal darauf verfallen war. Sie fühlte ſich durch dieſe Mittheiluug faſt gedemüthigt. Es führte dieß ihren Roman auf menſchliche Verhältniſſe zurück. 1 „Und nun, liebes Kind, oder vielmehr, liebe Frau,“ fuhr der Graf fort,„müſſen Sie zu Ihrer Mutter zurückkehren, da ich nicht will, daß auch nur der geringſte Verdacht auf Ihnen hafte, und wäre ich ſelbſt die Urſache dieſes Verdachts. Morgen werde ich Frau Pascal ſehen und um Ihre Hand anhalten. In acht Tagen ſind wir geheirathet.“ Es betonte der Graf dieſe Worte gefliſſentlich. „In acht Tagen? das iſt aber unmöglich, Herr Graf.“ „Warum?“ „Weil meine Mutter ohne die Einwilligung meines Bruders Felician mich nicht heirathen läßt, Felician aber erſt in zwei bis drei Monaten zurückkommt.“ „Wie alt iſt Ihr Bruder?“ wenn 1 aber Zeit. noch nicht Entſ durch helfe vollk⸗ achte 7 ſelbe den E ſprec Woch währ meine das 1 einme nel: Blan Geiſte ganz ver⸗ n ge⸗ ſteckt, und aſſen. r bin „daß fühlte ltniſſe liebe Ihrer h nur neines elician nt 4 38⁷ „Vierundzwanzig.“ „Wenn der nun unſerer Heirath ſich widerſetzte?“ „Warum ſollte er ſich denn derſelben widerſetzen, wenn er glaubt, ich könne dadurch glücklich werden?“ „Was treibt er, Ihr Bruder?“ „Er iſt, oder, richtiger geſagt, er wird Prieſter.“ „Dann kann er ſelbſt uns ja trauen, Blanca; aber bedenken Sie, drei Monate ſind eine gar lange Zeit.“ Was Blanca betrifft, ſo war ſie ihres Herzens noch nicht ſo gewiß, daß ſie über dieſen Aufſchub nicht hätte froh ſein ſollen, den ein etwas raſcher Entſchluß fand.. „Blanca,“ fuhr der Graf fort,„Sie müſſen mir durch Ihren Troſt über dieſe lange Zeit hinüber⸗ helfen. Haben Sie nun Vertrauen zu mir, ſind Sie vollkommen überzeugt, daß ich Sie liebe und zugleich achte?“ „Ja, Herr Graf.“ „So nehmen Sie dieſen Schlüſſel: es öffnet der⸗ ſelbe die Thüre dieſes Pavillons. Ich habe ihn wie den Schlüſſel zu Ihrem Zimmer machen laſſen. Ver⸗ ſprechen Sie mir, mir wenigſtens ein Mal in der Woche Nachts eine Stunde gönnen zu wollen. Ge⸗ währen Sie mir dieſe Bitte, Blanca, im Namen meiner ehrerbietigen Liebe, im Namen des Unglücks, das mein Brief Ihnen verkündet, und das Sie nicht einmal unruhig gemacht hat.“ „In der That, es iſt Ihnen ein Unglück begeg⸗ net: welcher Art iſt daſſelbe?“ „Es iſt heute Morgen mein Vater geſtorben, lanca,— mein Vater, den ich nie überleben zu 388 können geglaubt hätte, da ich ihn ſo warm liebte, und den ich jetzt gleichwohl überlebt habe, da ich Sie ſo warm liebe.“ Und es verbarg der Graf mit beiden Händen ſeine Thränen. „Ich war daher auch,“ fuhr er fort,„ein bis⸗ chen verrückt, als ich heute Abend hierher kam. Sie begreifen alſo, wie einſam und traurig mein Leben ſein wird, Blanca, wenn nicht ein Strahl Ihres reinen Lebens die Nacht des meinigen dann und wann erhellt. Laſſen Sie mich, um des Him⸗ mels willen, laſſen Sie mich, wenn Sie Mitleid mit mir haben, von Zeit zu Zeit eine Stunde hier mit Ihnen zubringen: ſonſt verlange ich nichts von Ihnen. Iſt einmal der Tag da, ſo werde ich dieſer ſchmerzlichen Begräbnißceremonie anwohnen: laſſen Sie mich von hier eine Hoffnung mitnehmen, auf daß dieſelbe mich in dieſem Schmerze begleite, ſonſt muß ich, ich fühle es, meinem Vater in's Grab nach⸗ folgen.“ „Löſen Sie von der äußern Mauer einen Stein ab,“ ſprach Blanca mit bewegter Stimme,„und ſehen Sie jeden Tag nach, ob derſelbe nichts ver⸗ birgt. Kann ich einen Augenblick mit Ihnen ſprechen, ſo will ich es Ihnen immer ſchreiben; behalten Sie den Schlüſſel zu dieſem Pavillon, Herr Graf: ich traue Ihnen.“ Wie man ſieht, ſo hatte der Graf wohl gethan, indem er den Effect, den er mit dem erdichteten Tode eines nicht vorhandenen Vaters machen wollte, für das Ende aufſparte. in E den auf Ihre Schr wen ſchri Gra falſe geſch Pas und nich ſcha hatt endi frag auch Bla ebte, Sie nden bis⸗ kam. mein trahl dann Him⸗ mit mit von dieſer aſſen auf ſonſt nach⸗ Stein „und ver⸗ echen, Sie ich than, Tode „für 389 Der Graf verſtand ſich meiſterlich darauf, etwas in Scene zu ſetzen. Am folgenden Tage kam er um vier Uhr, um den Stein zu unterſuchen. Er fand ein Billet, wor⸗ auf die Worte gekritzelt waren: „Heute Nacht um zwölf Uhr wird eine Freundin Ihres Herzens es verſuchen, daſſelbe über den tiefen Schmerz, welchen es heute Morgen empfunden, ein wenig zu tröſten.“ Nun war es nicht mehr der Graf, der an Blanca ſchrieb, ſondern es ſchrieb umgekehrt Blanca an den Grafen. Wie geſchwind geht man doch nicht auf dem falſchen Wege fort, wenn man denſelben einmal ein⸗ geſchlagen! Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. Vierzehn Tage darauf hatte Friedrich bei Frau Pascal noch nicht um Blanca's Hand angehalten, und doch war Blanca ſchon eine Geliebte, die ihm nichts mehr verſagen durfte. Man gebe ſich genaue Rechenſchaft von der Herr⸗ ſchaft, welche der Graf über das Mädchen erlangt hatte, ſo wird man finden, daß die Sache bald alſo endigen mußte. Wie war das geſchehen? ſie mußte es ſich ſelbſt fragen. So viel war gewiß, daß dem alſo war; auch war die Sache in einer Weiſe geſchehen, daß Blanca zu gleicher Zeit überzeugt war, es ſei ihre * 390 Schamhaftigkeit überraſcht worden und es gehöre ihr Herz nun nicht mehr ihr. 1 Die Schlingen, welche Herr de la Marche Fräu⸗ lein Pascal gelegt, ſind jenen ungeheuern eiſernen Maſchinen zu vergleichen, woran tauſend Räder zu gleicher Zeit in Thätigkeit ſind. Iſt man ſo unglück⸗ lich, daß man auch nur die Fingerſpitze von einem derſelben ergreifen läßt, ſo muß der ganze Körper nachfolgen. Wir haben bei den Anfängen dieſer Liebſchaft abſichtlich länger verweilt, weil man nach unſerer Anſicht, wenn ein junges, ſchönes, keuſches Mädchen wie Blanca zu Falle gebracht wird, auf das Ver⸗ hängniß hinweiſen muß, dem ſie zum Opfer gefallen. Und zwar ſoll man daſſelbe dann in ſeiner ganzen Wahrheit und Wahrſcheinlichkeit zeigen. In Blanca's Lage wäre es andern Mädchen ge⸗ wiß nicht beſſer ergangen. „Alſo habe ich, ich, Blanca Pascal, einen Lieb⸗ haber,“ ſprach ſie zuweilen voller Staunen zu ſich ſelbſt, während ſie ſo ſah, wie alle anderen Dinge ihres Lebens ihren regelmäßigen und harmoniſchen Verlauf wie bisher hatten. Nun hatte das Leben begonnen, das wir weiter oben beſchrieben haben, das mit einer Heirath endi⸗ gen ſollte und inmitten deſſen Felicians Rückkehr Statt gefunden hatte. Friedrich, der wohl wußte, wodurch er ſich das Herz und den Leib des Mädchens zu eigen gemacht, und der bei dieſem Thun ein mächtiges Intereſſe hatte, das der Leſer wohl bereits geahnt hat, und auf jeden Fall bald erfahren ſoll,— Friedrich, ſagen ihr fräu⸗ rnen r zu glück⸗ inem orper ſchaft ſerer dchen Ver⸗ llen. nzen m ge⸗ Lieb⸗ ſich dinge ſchen heiter endi⸗ kkehr das nacht, ereſſe und ſagen 391 4 wir, las in Blanca's Seele wie in einem offenen Buche und fing an, der Beſorgniß Raum zu geben, daß die Erſcheinung Roberts, jenes guten Engels, alle ſeine Pläne über den Haufen werfen möchte. „Man weiß nie ſo recht, wie man mit den ehr⸗ lichen Leuten daran iſt,“ ſprach er bei ſich ſelbſt. „Sollte Blanca gewahr werden, daß ſie mich nicht liebt, wohl aber dieſen Robert; ſollte ſie ihm Alles bekennen, und ſollte dieſer Kerl, in einem Anfluge erhabener Hingebung, aus Liebe den dichten Schleier, den die Verzeihung ſtets in der Hand hält, auf Blanca's Fehltritt werfen, den ich aus Intereſſe auf den Leoniens geworfen, ſo müßte das ganze mühſam erbaute Gerüſt meines Glücks und Chrgeizes zuſam⸗ menſtürzen, und es weiß Gott allein, was dann ge⸗ ſchehen würde. Nun aber darf ſolches nicht geſchehen, und darum muß ich Blanca ſchlechterdings ſprechen.“ Unterdeſſen hatte Blanca eingeſehen, daß ſie Ro⸗ bert wieder etwas Muth machen müßte,— Robert, den ſie aus ihrem Herzen und ihrer Heimath ver⸗ bannt. Sie hatte daher einen langen Brief an ihn geſchrieben, worin ſie ihm beſtmöglich alle Urſachen ihres Fehltritts auseinandergeſetzt hatte, um ſich in den Augen des Mannes beſtmöglich zu rechtfertigen, an deſſen Achtung ihr am Meiſten gelegen war. Es weinte Blanca bitterlich beim Schreiben die⸗ ſes Briefes, da derſelbe eine greifbare und furchtbare Wirklichkeit war, welche unter ihre einſtigen und jetzigen Träume ſich hineingeworfen fand,— unter ihre Träume, die nun auf immer getrennt waren gleich Zwillingsbrüdern, die ſich gegenſeitig lieben, die aber ſich nie mehr mit einander vereinigen kön⸗ 392 nen, weil ſie durch einen unüberſchreitbaren Raum einander entrückt ſind. Für Robert war dieſer Brief ein weiterer Be⸗ weis, daß er in Fräulein Pascals Herzen keine Stelle einnehme, wie klein dieſelbe immer ſein möge, ſowie daß ſie den Mann, durch deſſen Künſte ſie gefallen, nicht allein lieben müſſe, ſondern in der That auch liebe. Dieſer Brief ſollte Blanca die nöthige Kraft ge⸗ ben, fern von Robert zu leben, Robert aber den Muth, fern von ihr zu leben. Sie labte ſich an dem Blute ihrer Wunde. Inzwiſchen irrte Robert in der Stadt herum, wie ein Menſch, der den Weg nicht mehr finden kann— wie ein Menſch, der über einen gewiſſen Kreis nicht hinauskommen kann, ohne daß in ſeinem Herzen etwas bricht; Friedrich aber war auf dem Wege nach Niort, wo er Abends neun Uhr ankam. Alsbald ſuchte er das Gaſthaus auf, wo Blanca mit ihrer Mutter wohnte. In dem Augenblicke, wo er die Straße betrat, woran dieſes Gaſthaus lag, beugte ſich ein Schatten zu ihm her, um ihn zu ſehen oder, richtiger geſprochen, um ihn zu erkennen. Eine Straßenlaterne beleuchtete das Geſicht des Schattens. Friedrich erkannte Robert, ſetzte aber nichts deſto weniger ſeinen Weg fort, wie wenn die Straße durchaus verödet geweſen wäre. „Er iſt es,“ ſprach Robert erbleichend bei ſich ſelbſt,„er kommt hierher, da er nicht ohne ſie ſein kann. Oh, jetzt begreife ich, warum ſie mich hat fortgehen heißen.“ 4 gelel düſte Dort den cian laſſe komn 1 dem in d ſchie hina die aum Be⸗ telle wie Ulen, auch ge⸗ den 393 Und es fing der arme Burſche, an eine Wand gelehnt, an, gleich einem Kinde zu weinen. Dann ging er auf das Feld hinaus, wo es ſo düſter und troſtlos ausſah, wie in ſeinem Herzen. Dort erwartete er, am Fuße eines Baumes ſitzend, den Tagesanbruch, da er vor ſeiner Wegreiſe Feli⸗ cian noch ſprechen und durch deſſen Troſt ſich ſtärken laſſen wollte. Friedrich läutete, an Blanca'’s Gaſthaus ange⸗ kommen, an. „Geben Sie mir einige Zimmer,“ ſprach er zu dem Bedienten, der ihm öffnete und, mit einer Lampe in der Hand vor ihm hergehend, und die zu den ver⸗ ſchiedenen Zimmern des Gaſthauſes führende Treppe hinanſtieg. Seiner Gewohnheit treu, unterſuchte Friedrich die Oertlichkeiten genau. „Was hat wohl Robert um dieſe Stunde auf der Straße gethan?“ fragte er ſich ſelbſt. Und um Alles zu erfahren, was er wiſſen wollte, fragte er den Kellner: „Soll hier nicht demnächſt in der Kathedrale ein junger Prieſter ordinirt werden?“ „Ja, übermorgen.“ „Heißt der zu ordinirende Prieſter nicht Felician Pascal?“ „Ja, und wir haben ſogar dermalen ſeine Mutter und Schweſter in unſerem Hotel; es wohnen dieſel⸗ ben auf Numero 8.“ Und der Kellner deutete, da er jetzt mit dem Fremden im erſten Stockwerk angelangt war, auf die Thüre, welche zu Frau Pascals Zimmern führte. 394 „Ahl was Sie da nicht ſagen! Es ſind alſo dieſe Damen gegenwärtig hier?“ „Der Herr kennt ſie alſo?“ „Nur von Geſicht und dem Namen nach. Wo können Sie mir einige Zimmer geben?“ „Wo der Herr will.“ „Nun, ſo geben Sie mir dieſe zwei,“ verſetzte der Graf, indem er gerade die zwei Zimmer wählte, welche über denen von Blanca und Blanca's Mutter lagen. „Ich will dem Herrn das Bett zurecht machen.“ „Thun Sie das; aber ſagen Sie mir, haben Sie nicht auch einen jungen Mann, Namens Robert in Ihrem Hotel?“ „Er iſt erſt heute abgereist.“ „Wird er wieder kommen?“ „Ich glaube kaum. Ich will Betttücher holen, um des Herrn Bett zu überziehen. Welchen Namen darf ich in mein Nachtbuch eintragen?“ „Ich heiße Graf Friedrich de la Marche. Im Uebrigen haben Sie hier meine Karte.“ Und es fing der Graf an, mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abzugehen und dabei mit den Abſätzen möglichſt feſt aufzutreten. Frau Pascal, die über dem Buche, das ſie eben las, eingeſchlafen war, wachte bei dem Geräuſche, das über ihr entſtanden war, mit einem Male auf. Blanca war in ihre Gedanken ſo ſehr vertieft, daß ſie gar nichts hörte. „Wer mag doch um dieſe Stunde alſo auf⸗ und abgehen?“ fragte Frau Pascal, als ſie ſah, daß das 7 1 Ger ſchle komt blick dan hera ihn de l der ſein mag min die das gehe bei und Wo ſetzte ihlte, utter den.“ Sie pt in olen, imen Im itten den eben iſche, auf. tieft, und das Geräuſch immer noch zunahm.„Man wird nicht ſchlafen können. Hörſt Du, Blanca?“ „Ja, Mutter, ich höre es.“ „Es iſt nicht zum Aushalten.“ „Ich glaubte doch, wir hätten Niemand über uns.“ „Ohne Zweifel iſt eben erſt ein Fremder ange⸗ kommen.“ „Wohl möglich.“ Frau Pascal geduldete ſich noch einige Augen⸗ blicke; Blanca aber vertiefte ſich wieder in ihre Ge⸗ danken. Die Tritte hörten aber nicht auf. Da hörte Frau Pascal den Kellner die Treppe heraufkommen. Sie machte die Thüre auf und rief ihn zu ſich her. Der Kellner trat herein. „Wer iſt denn über uns?“ fragte ſie. „Ein Fremder, der eben angekommen iſt, Graf de la Marche mit Namen,“ fügte der Kellner bei, der ganz ſtolz darauf war, daß er einen Grafen in ſeinem Hotel beherbergen durfte. Blanca fuhr zuſammen. „Er iſt hier,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt.„Was mag ihn hierher führen?“ „Nun, ſo bitten Sie den Grafen de la Marche, minder ſtark zu marſchiren,“ ſprach Frau Pascal, die nicht umhin konnte, über das Wortſpiel zu lächeln, das ſie, obwohl ganz unabſichtlich, gemacht. „Ahl wenn doch Alles nur recht geſchwind aus⸗ gehen könnte!“ dachte Blanca;„wenn er doch nur bei meinem Bruder um mich anhalten, mich heirathen und recht weit fortführen könnte!“ 396 Der Kellner ſprach, im Zimmer des Grafen wie⸗ der angekommen: „Herr Graf, es laſſen Frau und Fräulein Pascal, die unter Ihnen logiren, Sie bitten, nicht ſo ſtark aufzutreten.“ Und es hörten die Tritte mit einem Male auf. „Es thut mir unendlich leid, daß ich ſo laut ge⸗ weſen bin,“ ſprach der Graf.„Sind die beiden Damen ſchon zu Bette gegangen?“ „Nein, Herr Graf, noch nicht.“ „Was thun ſie?“ „Die Mutter liest, das Fräulein aber arbeitet.“ „So ſagen Sie ihnen denn, daß es mir recht er⸗ wünſcht wäre, mich ſelbſt bei ihnen entſchuldigen zu dürfen.“ „Oh! es braucht der Herr ſich nicht zu bemühen,“ ſprach Frau Pascal zu dem Kellner, der ihr Fried⸗ richs Beſuch meldete. „Es wird immerhin höflicher ſein, wenn wir ihn empfangen,“ meinte Blanca.„Sagen Sie dem Herrn Grafen de la Marche, daß wir bereit ſeien, ihn zu empfangen.“ Drei Minuten darauf klopfte Friedrich an Frau Pascals Thüre und wurde gebeten hereinzutreten. Seitdem Blanca den Grafen kannte, hatte ſie gar oft Gelegenheit gehabt, mit gewiſſen Gemüths⸗ bewegungen ſich vertraut zu machen. Was daher in dieſem Augenblicke ihr Herz heftiger pochen machte, war weder das Unerwartete dieſes Beſuchs, noch die Anweſenheit ihrer Mutter, wohl aber die peinliche Ueberzeugung, die bei ihr Platz griff, daß ſie den Mann nicht liebe, dem ſie ſich preisgegeben; daß die wie⸗ scal, ſtark auf. t ge⸗ eiden tet.“ tt er⸗ n zu hen,“ rried⸗ rihn Herrn 8n zu Frau n. e ſie üths⸗ daher achte, h die nliche den ß die 397 zwei Gefühle, die er ihr einflöße, Schrecken und Reue heißen, ſowie daß dieſe zu einer Nothwendig⸗ keit gewordene Heirath eine Strafe und keine Chren⸗ rettung ſei. Es war daher auch Blanca gar blaß, als der Graf hereintrat. „Ich hatte mich nicht getäuſcht,“ ſprach Friedrich bei ſich ſelbſt, als er dieſe Bläſſe, ſowie Blanca's Bemühen, dieſelbe zu verbergen, gewahrte;„immerhin aber fürchtet ſie mich, und es iſt das völlig genug.“ „Madame,“ ſprach der Graf zu Frau Pascal hintretend,„ich wußte nicht, daß Jemand unter mir logirte; vor Allem aber war mir unbekannt, daß Herrn Felician Pascals Mutter und Schweſter ſich hier einlogirt hatten.“ Es hatte Friedrich das rechte Mittel gefunden, ſeinen Beſuch zu verlängern. „Kennen Sie denn meinen Sohn?“ fragte die Mutter, indem ſie den Grafen bat, Platz zu nehmen. „Ja, Madame, wenn auch nur von Geſicht, ſo⸗ wie dem Namen und dem Rufe nach, da ich nie die Chre gehabt, mit ihm zu ſprechen; indeſſen ſind wir ja Nachbarn und ſpricht man in ganz Moncontour von nichts als von ſeinen Tugenden und ſeiner Fröm⸗ migkeit.“ „Wie glücklich machen Sie mich, indem Sie alſo ſprechen, mein Herr!“ erwiderte Frau Pascal, wäh⸗ rend Blanca wieder zu ſticken angefangen hatte, um nicht ſo leicht aus der Faſſung zu kommen. Doch röthete ſich ihr Geſicht unwillkührlich, als ſie ſo ſah und hörte, wie man ihre Mutter hinterging. 398 „Ich komme ſogar nur um Felicians Willen nach Niort, Madame.“ „Wollen Sie alſo ſeiner Ordination anwohnen?“ „Ja, Madame.“ „Ohl es wird das eine recht ſchöne und rühende Ceremonie ſein: nicht wahr?“ „Die Sie von Jemand trennen wird, den Sie lieben, und wodurch Sie eine Stütze und eine Pro⸗ tection verlieren, mein Fräulein,“ fuhr der Graf, zu Blanca gewandt, fort. „Die ſicherſte Stütze und die mächtigſte Protection, Herr Graf,“ antwortete Blanca,„iſt das Gebet eines reinen Herzens und die Fürbitte einer frommen Seele bei dem Herrn; dieſe Stütze und dieſe Protection werden wir künftig in der Perſon unſeres Bruders finden.“ „Wohlan, mein Fräulein, ich möchte dieſen jun⸗ gen frommen Mann um etwas bitten, und um der Gewährung dieſer meiner Bitte um ſo gewiſſer zu ſein, wünſche ich, daß dieſelbe ihm durch Sie ſelbſt vorgetragen werde. Wollen Sie ſich damit befaſſen, mein Fräulein, wenn Ihre Frau Mutter es zugibt?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Blanca.„T welcher Art iſt dieſe Bitte? Iſt ſie eine billige, rechtmäßige, ſo kann ich Ihnen im Voraus ſagen, daß ſie von meinem Bruder gewährt wird.“ „Sie haben ihm bloß einen Brief von mir zu⸗ zuſtellen; indeſſen muß ich Ihnen ſagen, daß mein Lebensglück von ſeiner Antwort abhängt.“ „Und können Sie mir dieſen Brief ſchon jetzt geben, mein Herr?“ „Nein, mein Fräulein; indeſſen wird derſelbe Aber nach en?“ ende Sie Pro⸗ f, zu tion, eines Seele ction ders jun⸗ der er zu ſelbſt iſſen, bt?“ Aber llige, ien, zu⸗ mein jetzt ſelbe 399 nur einige Zeilen enthalten, und darum werde ich ihn wohl hier ſchreiben dürfen.“ „Mutter, willſt Du dem Herrn Grafen Dinte, Feder und Papier geben?“ Frau Pascal ſtand auf und ging in das an⸗ ſtoßende Zimmer hinein, wo Suſanne ſchlief, um das von ihrer Tochter Verlangte zu holen. „Was iſt denn los, Blanca?“ ſprach der Graf alsbald mit leiſer Stimme, als er mit Fräulein Pas⸗ cal allein war.„Seitdem Du fort biſt, habe ich nur einen Brief von Dir erhalten. Haſt Du denn das Verſprechen vergeſſen, das ich Dir gegeben? Erin⸗ nerſt Du Dich alſo nicht mehr, daß Du meine Frau biſt, daß ich Dich liebe, daß ein heiliges Band uns umſchlingt und daß ich Jeden, der dieſes Band zu zerreißen ſucht, wie einen Hund umbringen werde?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſo viel ſagen,“ fuhr Friedrich mit einer Stimme fort, die gebieteriſch und drohend wurde,„daß ich unterwegs dem Menſchen begegnet bin, der Dir das Leben gerettet, den Du ſchon ein Mal zu mir geſchickt haſt, der Dir ſo ergeben iſt. Ich weiß nicht, warum mir dieſer Menſch verhaßt iſt.“ „Es entgeht ihm alſo nichts?“ murmelte Blanca. „Sie werden ihn nicht mehr ſehen: er iſt fort,“ ſetzte ſie laut hinzu. „Um ſo beſſer. Ich bin gekommen, mein Ver⸗ ſprechen zu halten. In dem Briefe, den ich nun ſchreiben will, werde ich um Deine Hand anhalten. Uebermorgen, wenn die Ceremonie vorüber iſt, ſtellſt Du ihn Deinem Bruder zu; an dem Abende des Tages aber, wo er zu Moncontour ankommt, werde 400 ich ihn um Antwort, ſowie um Feſtſetzung der Che⸗ bedingungen bitten.“ „Und nun müſſen wir ſchweigen. Da iſt Deine Mutter.“ In der That erſchien Frau Pascal wieder mit Allem, was zum Schreiben nöthig war. Friedrich dankte ihr und ſchrieb, doch ſo, daß Blanca das Geſchriebene leicht ſehen konnte, wie folgt: „Mein Herr! „Ich heiße Graf Friedrich de la Marche. Ich bin reich, liebe Ihre Fräulein Schweſter und glaube meinerſeits von derſelben geliebt zu ſein. „Ich habe die Ehre, Sie um ihre Hand zu bitten. „Empfangen Sie, mein Herr, die Verſicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. „Graf Friedrich de la Marche.“ „So iſt er denn doch ein ehrlicher Menſch und liebt mich,“ ſprach Blanca etwas entmuthigt bei ſich ſelbſt. Blanca ergab ſich bereits in ihr Loos. Wer hätte wohl dem armen Mädchen vor zwei Monaten geſagt, daß einſt ein Tag käme, wo von ihrer Seite Reſignation erforderlich wäre, um den Mann zu heirathen, ohne deſſen Namen das Leben ihr nur noch Schande, Reue und Einſamkeit bieten mußte! Ohl welch tiefes Myſterium iſt es nicht um das Herz! Solcher Art waren indeſſen Blanca's Gedanken, während Friedrich den eben geſchriebenen Brief zu⸗ ſamn Felie er ſi noch: 8 iſt de bei ſ ange ihr e W würd der frühe Blan das dieß Scha ſeiner weiße Blöß gefüh theidi Leber E chen gekon das he.“ und ſich zwei von den beben ieten das nken, f zu⸗ 401 ſammenlegte, ſiegelte und ihr übergab, damit ſie ihn Felician zuſtellen möchte. Nachdem dieß Alles geſchehen war, verabſchiedete er ſich bei den beiden Damen, indem er ſich zugleich nochmals entſchuldigte. Was für das eben Geſagte noch mehr ſpricht, iſt der Umſtand, daß Blanca, ſeit ſie Robert liebte, bei ſich ſelbſt gelobt hatte, nur dann Friedrich noch angehören zu wollen, wenn die Geſetze der Menſchen ihr eine Pflicht daraus machen würden. Welche Mittel der Graf auch angewendet haben würde, nimmermehr würde er jetzt auch nur eines der Stelldichein von ihr bekommen haben, die er früher erhalten hatte. Es rührte dieß daher, daß Blanca's Herz nun ein reines Gefühl beherbergte, das ſie in keiner Weiſe beflecken wollte; es rührte dieß daher, daß die Liebe bei den Weibern ein neues Schamgefühl zu wecken pflegt, das weit ſtärker und ſeiner ſelbſt weit ſicherer iſt, als das erſte, als jener weiße leichte Schleier, der kaum im Stande iſt, ihre Blöße zu bedecken. Indeſſen iſt auch jenes Scham⸗ gefühl oft unvermögend, diejenige wirkſam zu ver⸗ theidigen, die in ihren Sinnen das erſte Feuer des Lebens emporlodern fühlt. So kam es denn nun auch, daß das arme Mäd⸗ chen ſich erſtaunt, ſich erſchrocken fragte, wie es denn gekommen, daß ſie unterlegen. Und da klagte ſie das Verhängniß an. Verhängniß iſt der generiſche Name, den man allen Leidenſchaften, allen Sünden, allen Fehlern, allen Irrthümern der Menſchen zu geben pflegt, wenn die Stunde der Strafe naht. Dumasd. J., drei ſtarke Männer, 26 40² Wir glauben nicht, daß es für eine Frau einen herberen Schmerz geben kann, als die zu ſpäte Ueber⸗ zeugung, daß ſie ſich getäuſcht, daß ſie ſich ohne Liebe preisgegeben, wenn zu dieſer Ueberzeugung noch die Gewißheit kommt, daß ſie wirklich einen Andern, als den, dem ſie gehört, und dem ſie hinfür gehören muß, liebt. Dieß war nun aber gerade der Schmerz, deſſen Raub Blanca war. Brauchen wir daher noch zu ſagen, was ſie ausſtand? Was Friedrich hatte bezwecken wollen, hatte er nun erreicht: er hatte mit ſeiner Geliebten geſpro⸗ chen. Noch in derſelben Nacht reiste er wieder von Niort ab. Rachdem er weggegangen war, trat Blanca in das Zimmer, wo Suſanne ſchlief und ſchloß ſich dort ein. War ſie bei Suſannen, ſo war ſie auch ein bis⸗ chen bei Robert. Ohne es zu wiſſen und ohne die Sache ſo recht zu begreifen, war das liebe Kind die Vertraute und der augenblickliche Troſt von Fräulein Pascals Kummer geworden. Da Blanca's Liebe der Liebe Roberts nicht entgegenkommen konnte, ſo wandte ſie ſich Suſannen zu. Es war dieß der Boden, wo ihre keuſche Liebe zuſammentraf, ohne ſich einer Sünde ſchuldig zu machen; Blanca aber konnte die Schweſter mit der ganzen Energie der Gefühle küſſen, die ſie dem Bru⸗ der weihte. „Ja, Dich will ich lieben, liebe Kleine,“ ſprach ſie, die ſchlafende Suſanne in die Arme nehmend und dieſelbe mit Küſſen und Thränen bedeckend;„ich 3 bin Fam ſchul volle ſich ſeine 6 wort 6 ein wegr möch wenn! hielt Bew vor . Herꝛ rein war Trät Höh nur viel biete es r genn gen volle inen eber⸗ Liebe die als bören eeſſen h zu te er ſpro⸗ von ra in G ſich bis⸗ e die dd die iulein de der dandte Liebe ig zu it der Bru⸗ ſprach hmend ; nich 403 bin es, die Dir den Bruder, das heißt, die ganze Familie raubt; ich bin es, die an ſeinem Weggehen ſchuldig iſt; aber ich werde Dir eine ſo hingebungs⸗ volle, ſo zärtliche Mutter ſein, daß Dein junges Herz ſich gedulden wird bis zu dem Tage, wo Robert, von ſeiner unmöglichen Liebe geheilt, wieder kommen darf.“ Nur der Athem der ſchlafenden Suſanne ant⸗ wortete auf dieſe ſtummen Herzensergießungen. Blanca ſchüttete in Suſannens Buſen, als in ein reines Gefäß, das Uebermaß ihrer Gemüthsbe⸗ wegungen aus, damit ſie dort aufbewahrt bleiben möchten; die Kleine aber wußte eben ſo wenig, wie wenn ſie ein Gefäß geweſen wäre, ob ſie etwas ent⸗ hielt, und ob es Honig oder Gift war. Wer auch nicht entfernt an alle dieſe ſittlichen Bewegungen und Wechſel dachte, die um ihn her vor ſich gingen, war Felician. Glücklich, ſtolz, von oben erleuchtet, mit einem Herzen, das gleich einem Tempel offen war für alle reinen Strahlen, für alle höheren Zwecke des Lebens, war er endlich im Begriffe, das Ziel ſeiner frommen Träume zu erreichen, und es erſchien ihm auf den Höhen, worauf ſein Glaube ihn ſtellte, die Welt nur noch als eine ungeheure Familie, der er, ſo viel an ihm war, nun alle Tage das geiſtige Brod bieten ſollte. Es ſtrömte in ihm die chriſtliche Liebe über, und es war, wie er fühlte, ſeine Seele groß und ſtark genug, um das ganze Menſchengeſchlecht zu umſchlin⸗ gen und zu faſſen.. Gleich jenen Rieſenbäumen, die an ihrem Wipfel voller Neſter und Lieder ſind,— gleich jenen Bäu⸗ 40⁴ men, deren Gipfel jeden Morgen von den erſten Strahlen der Sonne getroffen wird, ſah er nicht mehr, wie die menſchlichen Leidenſchaften, Schlangen ähnlich, welche die Erde verbirgt, unter dem ſtrahlen⸗ den Schatten ſeines Aſtwerks fortglitten und ihn in den Fuß ſtachen, um ihn fallen zu machen. Der Tag, deſſen Morgenröthe Robert auf der öden Ebene fand, wo er ſeit ſeinem Weggehen von Blanca umherirrte, war alſo der letzte Tag, wo Fe⸗ lician ſich ſelbſt noch gehörte, da er an dem darauf folgenden Tage unauflösliche Gelübde ablegen ſollte. Dieſen letzten Tag hatte er ganz allein ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter widmen wollen, und es ſollten die beiden Frauen ſchon um zehn Uhr zu ihm kommen, um ihn erſt um vier Uhr wieder zu verlaſſen, von wo an bis zum andern Tage ihn Niemand mehr ſprechen durfte, da er dann ganz allein dem Gebete und frommen Betrachtungen leben wollte. Robert wußte das und erſchien, um— wie er fürch⸗ tete— Blanca nicht zu mißfallen, indem er bei Felician mit ihr zuſammentraf, ſchon mit Tagesanbruch bei dem jungen Manne, der eben in dem Seminargar⸗ ten auf⸗ und abging und in der heiligen Schrift las. „Nun, lieber Bruder, es drückt Dich noch Kum⸗ mer,“ ſprach Felician zu Robert, indem er deſſen Hand erfaßte. „Ja, ich bin recht unglücklich.“ Zugleich warf Robert ſich in Pascals Arme, und es vermochte der arme Burſche die Thränen nicht zurückzuhalten. „Sei ſtark, Freund. Es iſt die Trübſal ein Feue der H Troſt mer 1 gegel bund würd Will zige, füger Was ürch⸗ cian bei gar⸗ las. dum⸗ eſſen und nicht ein 405 Feuer, woraus die Seele reiner hervorgeht: auch hat der Herr in ſeinen ſtets offenen Händen immer einen Troſt. Es iſt meine Schweſter, die Dir dieſen Kum⸗ mer bereitet, Robert: verzeih' ihr, verzeih' mir.“ „Ohl ich verzeihe ihr und ſegne Sie, Felician.“ „Ich hatte einen Augenblick der Hoffnung Raum gegeben, daß ich euch durch ein heiliges Band ver⸗ bunden ſehen würde, ſowie daß Du mich ihr erſetzen würdeſt. Sie will es aber nicht. Ehren wir den Willen ihres Herzens. Es iſt das Herz das Ein⸗ zige, was wirklich unſer iſt, und worüber zu ver⸗ fügen uns keines Menſchen Macht zwingen kann. Was haſt Du nun im Sinne zu thun?“ „Ich will weit fort gehen.“ „Und Suſanne?“ „Ich laſſe ſie bei Ihrer Mutter, Felician. Sie tritt nun bald in ein Alter, wo ich ihr unnütz, ja ſogar hinderlich ſein möchte. Ihre Mutter, ſowie Ihre Schweſter werden die Kleine mehr lieben können als ich. „Ich brauche nichts und habe im Sinne, das Häuschen zu verkaufen, worin ich wohne. Indem ich dann noch ein Stück Land, das uns gehört, ver⸗ kaufe, denke ich etwa vierzigtauſend Franken realiſiren zu können. Dieß werde ich Ihnen übergeben, damit Suſanne auch eine Mitgift hat, wenn ſie ſich einſt verheirathet. „Möge ſie dann Niemand den Kummer bereiten, den ich empfinde, indem ich mich von ihr trenne!“ „Es iſt die Liebe nicht incurabel, Robert. Glaubte ich das nicht, ſo würde ich zu Dir ſagen: Bleib' bei mir und weih' Deine verzweifelnde Seele dem Dienſte 406 Gottes; vielleicht aber würdeſt Du einſt, wenn die Wunde Deines Herzens ſich wieder geſchloſſen hätte, Dich in die Welt zurückſehnen, der Du für immer Lebewohl geſagt hätteſt, und die für die Wunden, welche ſie ſchlägt, auch einen Balſam hat. „Man muß dem Herrn aus innerem Drang und nicht aus Verzweiflung dienen: bekämpf alſo Deinen Kummer mit den Kräften, welche in Dir liegen, und ſiehſt Du ſpäter, daß Alles das nichts hilft, ſo wird es immer noch Zeit ſein, zu uns zu kommen: Gott wird immer noch da ſein.“ Und die beiden jungen Männer küßten einander auf's Herzlichſte. „Ich danke Ihnen für dieſe liebevollen, verſtän⸗ digen Worte, Felician; Sie haben Recht, und ich möchte Gott kein Herz darbringen, dem noch etwas von den Leidenſchaften der Erde anklebt; indeſſen will ich ſo inbrünſtig beten, daß Gott die, die mein Unglück iſt, glücklich macht: ihr Glück ſoll meine Ge⸗ neſung ſein.“ In dieſem Augenblicke trat ein junger Seminariſt zu Felician heran mit den Worten: „Mein Bruder, der Mann, der mir dieſe Karte gegeben mit der Bitte, daß ich Ihnen dieſelbe zu⸗ ſtellen möge, läßt Sie fragen, ob Sie ihn empfangen wollen.“ Und Pascal warf die Augen auf die Karte. „Herr Maréchal, Arzt am Bord des Nikolaus! Ei, freilich will ich ihn empfangen!“ rief er. Und nachdem er Robert durch ein Zeichen be⸗ deutet, daß er ſich nicht entfernen möchte, lief er dem Schiffsarzte entgegen. G 8 und ganz klöſte „ich guter Mut gere Doc Mal ber rette rein Han Bau Rok ſich ſage heu a die zätte, nmer uden, und einen und wird Gott ander ſtän⸗ id ich etwas deſſen mein e Ge⸗ nariſt Karte e zu⸗ angen Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Valery. Felician warf ſich Herrn Maréchal um den Hals und kam mit demſelben zu Robert zurück, der ſich ganz nachdenkſam unter die regelmäßigen Bäume des klöſterlichen Gartens geſetzt hatte.. Mein lieber Doctor,“ ſprach er zu dem Arzte, 72 „ich ſtelle Ihnen hier Herrn Robert vor, der ein guter Freund von uns iſt und uns Allen, meiner Mutter, meiner Schweſter und mir ſelbſt das Leben gerettet hat,— und Ihnen, Robert, ſtelle ich Herrn Doctor Maréchal vor, mit dem ich die Reiſe von Madagascar nach dem Cap gemacht: er iſt ein lie⸗ ber Kamerad, der den Leuten ebenfalls das Leben rettet, weil es ſein Geſchäft iſt, während Sie es aus reiner Hingebung thun.“ Robert und der Arzt drückten ſich gegenſeitig die Hand und nahmen mit Felician auf einer hölzernen Bank Platz. „Nun, lieber Doctor,“ hob Pascal an, während Robert, den Kopf wieder auf die Hand ſinken laſſend, ſich von Neuem in ſeine Gedanken vertiefte,„nun, ſagen Sie mir doch, wie es kommt, daß ich gerade heute das Glück habe, Sie zu ſehen.“ „Sie wiſſen doch, daß ich ſchon vor einem Vier⸗ teljahre nach Frankreich zurückgekommen bin?“ „Wie, ob ich es weiß? Sie haben ja die Güte gehabt, meiner Mutter einen Brief von mir zuſtellen zu laſſen.“ 408 „Wohlan! ich habe Melle, den Wohnort meines Vaters, nach meiner Rückkehr alsbald wieder ver⸗ laſſen, um mich nach Paris zu begeben.“ „Was wollten Sie dort ſchaffen?“ „Ich wollte um eine paſſende Stelle nachſuchen, da ich, gleich Ihnen, des Wanderns nun müde war. Ich hatte der Oceane nun genug geſehen; die Un⸗ endlichkeit, der ich mich ſo lange gegenüber geſehen hatte, war für mich allmählig erdrückend geworden. Es hat mich die Luſt angewandelt, den Kranken mei⸗ ner Heimath das zu werden, was Sie den Gläubigen der Ihrigen nun bald ſind. Es iſt in unſerem Städt⸗ chen ein Armenhaus: beim Miniſter bin ich nun um die Stelle eines Oberarztes an dieſem Spital einge⸗ kommen.“ „Und Sie haben dieſelbe bekommen?“ „Vor acht Tagen. Alsbald habe ich die Rück⸗ reiſe angetreten, um meinem Vater dieſe gute Nach⸗ richt zu bringen; und da habe ich denn auch erfahren, daß zu Niort eine Prieſterweihe vorgenommen wer⸗ den ſolle, ſo wie daß der zu Ordinirende Sie ſeien. „Ich habe mich auf den Weg gemacht, um dieſer Feierlichkeit anzuwohnen und um Ihnen, wo möglich, vorher noch einmal die Hand drücken zu können. Habe ich nicht recht gethan? „Sie haben einſt mit ſo großer Begeiſterung über Ihren heiligen Beruf geſprochen, daß ich mir den Wunſch nicht habe verſagen können, Sie Ihre Lauf⸗ bahn betreten zu ſehen. In einigen Tagen verlaſſe ich Sie zwar ſchon wieder; indeſſen werden wir ein⸗ ander ſpäter öfter ſehen, da Melle nicht ſo weit von Moncontour entfernt iſt.“ und Beſu fried Men 1 licia Bied 7 Herr 7 Kum 7 rantit Reiſe ines ver⸗ hen, var. Un⸗ hen den. nei⸗ igen ädt⸗ um ge⸗ ück⸗ ach⸗ ren, ver⸗ n. eſer ich, ten. ber den uf⸗ aſſe in⸗ don 409 „Wie ſchön iſt das von Ihnen, lieber Doctor, und wie ſehr weiß ich Ihnen Dank für dieſen lieben Beſuch! Gott iſt, wie Sie ſehen, gütig und be⸗ friedigt den rechtmäßigen, beſcheidenen Ehrgeiz der Menſchen.“ „Muth gefaßt, Robert, Muth gefaßt!“ fuhr Fe⸗ lician, zum Arbeiter gewandt, fort.„Du biſt ein Biedermann: möge das Glückder Andern Dich tröſten!“ „Iſt euch denn ein Unglück widerfahren?“ fragte Herr Maréchal theilnehmend. 3 „Ein Unglück? Nein, wohl aber haben wir einen Kummer,“ antwortete Felician. Zu gleicher Zeit drückte er Robert in vertrau⸗ licher Weiſe die Hand, worauf dieſer ihn anlächelte. Dann fuhr er, zum Arzte gewandt, fort: „Und wie geht es unſerem Capitän, Herrn Dü⸗ rantin, dem unermüdlichen Dominoſpieler?“ „Er befindet ſich wohl und ſchickt ſich an, eine Reiſe nach Rio Janeiro zu machen.“ „Mit dei gleichen Officieren?“ /* „Es ſind immer noch alle luſtig und wohl?“ „Immer noch.“ „Um ſo beſſer. Es thut Einem wohl, wenn man Leute glücklich weiß, die man gekannt hat.“ „Sie fragen nach ſonſt Niemand mehr?“ „Nach wem denn noch?“ „Es war außer Ihnen noch ein Paſſagier am Bord des Nikolaus.“ „Herr Valery.“ „Nun?“ „Nun, warun ſoll ich nach ihm fragen? Wiſſen — — — 410 Sie doch von ihm eben ſo wenig als ich ſelbſt. Er iſt todt: möge Gott ſeiner Seele ſich erbarmen!“ „Nein, Herr Valery lebt und iſt ſo geſund wie Sie und ich.“ „Wie, er iſt nicht todt?“ rief Felician mit einem Staunen, das die Erinnerung an Valery's Verbre⸗ chen, ſowie die Ahnung, daß ein ſo grundverdorbe⸗ ner Menſch des Unheils noch genug anrichten könne, zu einer Art Schrecken machte.„Sie ſagen, er iſt nicht todt?“ „Nein.“ „Was ſagen Sie mir nicht da!“ „Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit.“ „Man hielt ja aber doch in dem Augenblicke, wo ich, nachdem ich meinen Brief abgegeben, den Nikolaus verließ, ſchon die Kanonenkugel parat, die man ihm an die Füße binden wollte, und ſchon wollte man ihn ja in das Meer hinauswerfen!“ „Das iſt ganz richtig; auch ſind wir in ſeine Koje hineingegangen, um nachzuſehen, ob er endlich geſtorben wäre, wie ich glaubte, und um dann das Nöthige mit ihm vorzunehmen. „Denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich, an⸗ ſtatt einer Leiche, einen Mann fand, der, blaß und mager wie ein Geſpenſt, daſtand und mit einer Hand ſich an ſeiner Bettſtatt hielt, während er mit der andern einen Stützpunkt nach vorn ſuchte, um einen Schritt machen zu können, ohne dabei zu fallen. „„Ich bin gerettet, Herr Doctor,““ ſprach er, „vich fühle es. Ich muß mit Herrn Pascal ſprechen.““ „Nun ſagte ich ihm, daß Sie das Schiff eben verl⸗ das zwei rette hatte jeder das Herr Ung hob den ſer Men ſehr, ein ihm fahr unrr ernſt mit griffe Verg regu⸗ 411 verlaſſen hätten und zeigte ihm noch das Schifflein, das Sie dahintrug. „Dieſe Nachricht verſetzte ihn in die größte Ver⸗ zweiflung: er wurde ſogar ohnmächtig. „Indeſſen war er, wie er ſelbſt geſagt hatte, ge⸗ rettet. Die Flaſche Madeira, die er ganz geleert, hatte eine Entzündung zum Ausbruche gebracht, die jedem Andern das Leben gekoſtet hätte. Es fing nun das Erbrechen an und ſchon drei Tage darauf war Herr Valery wieder auf den Beinen.“ Es ſann Felician tief nach. „In der That,“ murmelte er,„es mußte dieſem Unglücklichen recht erwünſcht ſein, mich zu ſehen.“ „Soll ich Ihnen meine Meinung offen ſagen?“ hob der Arzt wieder an, nachdem er einige Secun⸗ den geſchwiegen.„Ich ſah es nicht gerne, daß die⸗ ſer Menſch davon kam.“ „Warum?“ „Weil ich überzeugt bin, daß er ein elender Menſch war. Er fürchtete ſich vor dem Tode zu ſehr, als daß man hätte annehmen dürfen, er ſei ein ehrlicher Menſch; auch verrathen die Worte, die ihm in dem Augenblicke, wo er beichten wollte, ent⸗ fahren ſind, daß ſein Gewiſſen ſehr beſchwert und unruhig war.“ „Da irren Sie ſich, Doctor,“ antwortete Felician ernſt. „In der Stunde des Todes nimmt die Seele es mit Allem genauer und macht ſich übertriebene Be⸗ griffe von den Fehlern und Sünden, welche auf ihrer Vergangenheit laſten. Es findet eine übergroße Auf⸗ regung Statt, die zugleich moraliſcher und phyſiſcher 14 412 Natur iſt: in ſolcher Lage befand ſich nun auch Herr Valery.“ „Sie antworten mir da, wie Sie mir antworten müſſen. „Sie haben Herrn Valery Beichte gehört und es iſt Ihre Pflicht, das, was er Ihnen bekannt, ge⸗ heim zu halten; Sie können mich aber nicht verhin⸗ dern, von dieſem Menſchen diejenige Meinung zu haben, welche mir von ihm geblieben iſt, und mein erſtes Gefühl, als ich ihn gerettet ſah, war, ich wie⸗ derhole es Ihnen, ein Gefühl des Bedauerns. „Der von ihm geoffenbarte augenblickliche Wunſch, mit Ihnen ſprechen zu können, hat mir bewieſen, daß er ſich mit ſeiner Beichte allzu ſehr beeilt, ſowie daß er Ihnen ein entſetzliches Geheimniß anvertraut hatte, das er gern zurückgenommen hätte.“ „Wenn wir auch annehmen wollten, es habe Herr Valery mir ein Geheimniß anvertraut, ſo wäre daſſelbe mir doch unter dem Siegel der Beichte mit⸗ getheilt worden; er hatte alſo nicht zu fürchten ge⸗ braucht, daß auch nur eine Sylbe davon über meinen Mund kommen würde. Nein. Ich weiß, warum Herr Valery ſo viel daran lag, mit mir zu ſprechen. „Er hatte mir, als er zu ſterben glaubte, ſein ganzes Vermögen zu Gunſten der Armen von Nimes vermacht. In dieſer Stadt iſt er geboren und ohne Zweifel wollte er, als er ſich gerettet ſah, dieſe Schenkung zurücknehmen.“ „Vielleicht, mein Bruder,“ ſprach der Arzt, für welchen dieſer Grund gar nicht überzeugend war, der aber nun nicht umhin konnte, wenigſtens über⸗ zeugt zu ſcheinen. 5 bleil mackh zu g ich e zu ſe habe Men 1 ferne ſanft gen einer ſein abzut 7 als e und dieſe dieſel — el zu fin und: 413 „„ Und wo hat Herr Valery Sie verlaſſen?“ fragte Pascal. „Zu Marſeille.“ „Was iſt dann aus ihm geworden?“ „Das weiß ich nicht.“ „Glauben Sie, er ſei noch in Frankreich?“ „Ja. Es war wenigſtens ſeine Abſicht, dort zu bleiben.“ „Wie ſoll ich es anfangen, um ihn ausfindig zu machen?“ „Erlauben Sie mir, Ihnen einen guten Rath zu geben, mein Bruder. An Ihrer Stelle würde ich es vermeiden, mit dieſem Menſchen künftig etwas zu ſchaffen zu haben. Was Sie eben auch geſagt haben mögen, ſo viel ſteht für mich feſt, daß er ein Menſch iſt, der lediglich kein Vertrauen einflößt.“ „Ich habe keineswegs die Abſicht, mit ihm auch ferner zu ſchaffen zu haben,“ ſprach Felician mit ſanfter Stimme;„denn es liegen unſere beiderſeiti⸗ gen Wege allzu weit von einander ab; er lebt in einer Welt, von der ich morgen gänzlich geſchieden ſein werde. Gleichwohl habe ich Einiges mit ihm abzumachen, ſofern er noch in Frankreich iſt. „Ich habe ihm Papiere zuzuſtellen, die er mir, als er ſterben zu müſſen glaubte, anvertraut hatte, und die für ihn überaus nützlich ſein müſſen.“ „Wie kommt es denn nun aber, daß er, wenn dieſe Papiere für ihn von ſo großem Nutzen ſind, dieſelben bei Ihrer Rückkehr nicht zurückverlangt hat, — er, der doch eben ſo gut wie ich wußte, wo Sie zu finden waren, da Sie vor ihm, vor dem Capitän und mir, geſagt haben, wo Sie geboren ſind, wohin 414 Sie gingen, und was Sie bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich zu thun gedachten? „Nein, glauben Sie mir, mein Bruder, ich weiß nicht, warum ich das ſage, aber haben Sie mit die⸗ ſem Menſchen nichts mehr zu ſchaffen. Wie Sie eben geſagt, ſo liegen eure beiderſeitigen Wege zu weit von einander ab, als daß ſie zuſammentreffen müßten und dürften; ich, deſſen Geſchäft es iſt, die Menſchen ſterben zu ſehen, bin gewohnt, ihr Leben nach ihrem Tode zu beurtheilen, und es ſtarb dieſer Valery, ich ſage es nochmals, zu ſchlecht, als daß er es auch nur verdiente, daß Sie ſeinen Namen ausſprechen.“ „Es iſt aber meine Pflicht, dieſen Menſchen aus⸗ findig zu machen,“ ſprach Felician. „Nun, ſo wollen wir nicht mehr von ihm ſprechen.“ Robert war inzwiſchen aufgeſtanden und ging ziemlich unruhig auf und ab. „Wo mag er doch aber nur gleich ſein?“ hob Pascal wieder an. „Haben Sie nicht eben geſagt, er hätte Ihnen ſein ganzes Vermögen zu Gunſten der Armen von Nimes vermacht?“ fragte Robert ſtehen bleibend. „Ja.“ „Wo lag dieſes Vermögen?“ „Bei einem Geſchäftsfreunde zu Paris, bei einem gewiſſen Morel.“ „Dieſen Geſchäftsfreund haben Sie noch nicht geſprochen?“ „Nein. Wie Sie wiſſen, ſo wollte ich nach mei⸗ ner Ordination dieß Alles beſorgen.“ ſchä Val Val gan Mor den auf der ging dieſe gebe auch der gehü Mer gar Ver! gebe piere rung und um aufz! übel und nach veiß die⸗ Sie e zu effen die eben ieſer daß men aus⸗ ihm ging hob hnen von 415 „Wohlan! ſchreiben Sie alsbald an dieſen Ge⸗ ſchäftsfreund und erſuchen Sie ihn, Ihnen Herrn Valery's Aufenthaltsort anzugeben. Gewiß iſt Herr Valery zuerſt zu dieſem ſeinem Geſchäftsfreunde ge⸗ gangen, um die Schenkung zu widerrufen; Herr Morel muß daher auch wiſſen, was aus ihm gewor⸗ den iſt.“ „Ganz richtig. Warten Sie einen Augenblick auf mich, Robert: Sie werden dafür ſorgen, daß der Brief abgeht.“ Sobald Robert hatte Felician weggehen ſehen, ging er zu Herrn Maréchal hin und ſprach: „Sie ſcheinen alſo völlig überzeugt zu ſein, daß dieſer Herr Valery ein elender Menſch iſt?“ „Ja; denn nicht allein habe ich die eben ange⸗ gebenen Gründe, ſolches zu glauben, ſondern es war auch Felician ganz beſtürzt und verwirrt, als er aus der Koje heraustrat, wo er dieſen Menſchen Beichte gehört: Felician ſing da an zu athmen, wie ein Menſch, der am Erſticken iſt. „Ich gehe noch weiter und ſage, daß es mich gar nicht wundern würde, wenn dieſer Menſch ein Verbrechen begangen und daſſelbe unſerem Freunde gebeichtet hätte. „Ich möchte eine Wette eingehen, daß die Pa⸗ piere, die Felician ihm zurückgeben will, eine Erklä⸗ rung enthalten, die dieſen Menſchen compromittiren und deren Pascal ſich hatte bedienen ſollen, ſei es, um die Juſtiz über eine recht unſaubere Geſchichte aufzuklären, wobei er eine Rolle geſpielt, ſei es, um übel erworbenes Geld wieder zu erſtatten. Kurz und gut, ich möchte darauf ſchwören, daß Felician 416 Beweiſe in Händen hat, womit er Herrn Valery ſtürzen könnte.“ „Wie kommt es denn aber, daß dieſer Herr Va⸗ lery ſeit ſeiner Rückkehr nicht Alles gethan, um wieder in den Beſitz dieſer compromittirenden Papiere zu kommen, von denen Sie vermuthen, daß ſie in Felicians Händen ſeien?“— „Das verſtehe ich ſelbſt nicht. Vielleicht hat er Furcht gehabt und Frankreich verlaſſen, nachdem er ſein ganzes Vermögen realiſirt hatte. „Es ſei denn, daß er auf ein Mittel geſonnen, wie er Felician in die Unmöglichkeit verſetzen könnte, etwas gegen ihn zu thun,“ erwiderte Robert mit zitternder Stimme, die bewies, daß ſeine Befürch⸗ tungen in ſeinem zu Ahnungen geneigten Geiſte ſich immer mehr feſtſetzten. „Ja, aber welches Mittel hätte er da erſinnen können?“ „Wie war dieſer Menſch beſchaffen?“ fragte Ro⸗ bert, ohne auf die Frage des Arztes zu antworten. „Beſchreiben Sie mir doch ſeine Perſon.“ „Er war groß und ein ziemlich ſchöner Burſche, hatte blonde Haare, weiße Zähne, einen blonden Bart und ein Auge von ſeltſamem Blau.“ „Wie alt?“ „Etwa dreißig.“ 1 „Sie haben Recht, Herr Doctor: vielleicht iſt es ein großes Unglück, daß dieſer Menſch am Leben geblieben.“ „Warum?“ „Ich kann es Ihnen nicht ſagen, Herr Doctor; Sie müſſen mir aber verſprechen, Felician von den drohte in der ſie liel Dun lery Va⸗ um diere e in t er n er nen, ante, mit irch⸗ ſich inen Ro⸗ rten. ſche, Bart ſt es eben ctor; den 417 Befürchtungen nichts zu ſagen, die ich eben in Ihrer Gegenwart an den Tag gelegt.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Auf Ehre?“ „Auf Ehre.“ „Ich danke Ihnen.“ Indem Robert dieß ſagte, drückte er Herrn Ma⸗ réchal die Hand und ſuchte Felicians Zelle auf. „Was ſoll das?“ fragte ſich der Arzt, als er ihn weggehen ſah.„Warum iſt dieſer junge Mann plötzlich ſo unruhig?“ „Er iſt es, ja, er iſt es!“ ſprach Robert bei ſich ſelbſt. Für Robert waren Valery und der Graf de la Marche nur noch eine und dieſelbe Perſon; für die⸗ ſen ehrlichen jungen Burſchen waren der Menſch, den Herr Maréchal als einen Elenden anſah, und der ſchändliche Verführer Blanca's ein und daſſelbe Individuum; und dieſe Ueberzeugung gewann er nicht allein aus der phyſiſchen Aehnlichkeit, welche zwiſchen den beiden Männern beſtand, ſondern auch aus einer jener Ahnungen, die, blitzgeſchwind, gleich dem Blitze auch im Geiſte ſo viel Licht verbreiten, daß die dunkelſten Dinge mit einem Male erhellt werden. Robert, deſſen ganzes Leben, deſſen einziger Ge⸗ danke Blanca war, ſtand ſeit einiger Zeit zu viel aus, als daß dieſe peinliche Unruhe nicht auf eine große Gefahr hingedeutet hätte, welche der Perſon drohte, die er liebte. Liebende Herzen ahnen auch in den geringſten Dingen ein Unglück für die, welche ſie lieben, gleichwie die Seeleute einen heftigen Sturm Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 27 418 in dem dünnen Dunſte ahnen, worauf Niemand Acht gibt. Robert liebte Fräulein Pascal dermaßen, daß er Alles, was auch nur entfernt wie ein Unglück ausſah, für ſie fürchtete. 2 Hätte man ihm geſagt, es ſei zehn Stunden von Niort weg ein Haus eingeſtürzt, ſo hätte ſeine be⸗ ſorgte Liebe einen Augenblick gefürchtet, daß Blanca durch den Einſturz dieſes Hauſes den Tod gefunden haben möchte, obgleich er vollkommen wußte, daß Blanca keine zweihundert Schritte von ihm entfernt war. Glichen ſich aber die Geſichter, ſo waren doch die Namen verſchieden. Es war dieß ein weiterer Beweis für Robert, der ſich ſagte, es habe ein Menſch, der gewiſſe Handlungen ſeines Lebens verbergen wolle, alles Intereſſe, ſeinen wahren Namen geheim zu halten. Er hielt ſich daher überzeugt, daß ein wo mög⸗ lich noch größeres Unglück, als Blanca's Fehltritt und Schande, der theuren Familie Felicians, ſowie Felician ſelbſt drohe. Es galt nun, dieſem Un⸗ glück zu begegnen und es zu bekämpfen, noch ehe Frau Pascal, Blanca oder Felician es ahnten; es mußte daſſelbe ihnen ſogar, wenn irgend möglich, für immer verborgen bleiben, und ſollte es Robert das Leben koſten. 3 Ohne Zweifel war dieß der Wille Gottes, da er dem jungen Manne, in dem Augenblicke ſeines Weg⸗ gehens, dieſe providentielle Inſpiration hatte zu Theil werden laſſen. 3 Gleichwohl war es möglich, daß Robert irrte. Mar ſcher habe und die recht Ster chen der hat. Knie er ſe ſtütze 1 4 ande ſond cian mein and daß glück von be⸗ anca iden daß ernt doch erer nſch, egen heim nög⸗ tritt owie Un⸗ ehe es lich, bert a er Veg⸗ cheil e. 419 Es konnten dieſer Valery und der Graf de la Marche am Ende denn doch zwei verſchiedene Men⸗ ſchen ſein. Es konnte der eine den Tod gefürchtet haben, ohne daß er darum ein Verbrechen begangen, und es konnte der andere Blanca wirklich lieben und die Abſicht haben, einen durch die Leidenſchaft ge⸗ rechtfertigten Fehler wieder gut zu machen. Es iſt die Welt voller Leute, die ſich vor dem Sterben fürchten, nnd voll von ſolchen, welche Mäd⸗ chen verführen. Es gibt auf Erden mehr denn Einen, der ſich das Eine und das Andere vorzuwerfen hat. Man durfte alſo die Sache nicht über das Knie abbrechen, und bevor Robert handelte, mußte er ſeine Ahnungen durch die unleugbarſten Beweiſe ſtützen. Und darum ging er zu Felician hinauf. Den Kopf auf einer Hand ruhen laſſend, in der andern eine Feder haltend, aber nicht ſchreibend, ſondern ſeinen Gedanken nachhangend— ſo ſaß Feli⸗ cian da, als Robert eintrat. „Haben Sie ſchon an Herrn Morel geſchrieben, mein Bruder?“ fragte Robert. „Noch nicht, aber ich will nun ſchreiben.“ „Sagen Sie dann Ihrem Correſpondenten, er ſolle mir die Mittheilungen machen, die Sie von ihm verlangen; denn ich will die Sache beſorgen, wenn es Ihnen recht iſt. Es wird mir das einige Zer⸗ ſtreuung gewähren, und dann bekommen Sie auch bälder eine Antwort.“ „Es iſt mir ſchon recht, mein Freund, daß Sie die Sache beſorgen; indeſſen ſage ich Ihnen im Vor⸗ aus, daß Herr Morel, wenn er die verlangte Aus⸗ 420 kunft ertheilt, dieſelbe Ihnen verſiegelt gibt und Ihnen nichts ſagt. Sie begreifen wohl, Robert, daß ich das keineswegs aus Mißtrauen gegen Sie thue, da ich das verborgenſte Geheimniß meines Herzens, wenn mein Herz Geheimniſſe hätte— bereitwilligſt in dem Schweigen des Ihrigen begraben würde; aber es darf, wenigſtens mit meiner Zuſtimmung, Niemand wiſſen, was aus Herrn Valery geworden, ſo lange ich demſelben nicht gewiſſe Papiere zugeſtellt, die ich da habe. „Im Uebrigen kann Ihnen ja auch nichts daran gelegen ſein, ob Sie das Schickſal dieſes Menſchen erfahren oder nicht. Sie ſind mir doch wegen dieſer gezwungenen Discretion nicht böſe?“ „Keineswegs, mein Bruder; nur geben Sie mir den Brief geſchwind, da ich bald wieder zurückſein möchte.“ Nun ſchrieb Felician an Morel, wie folgt: „Mein Herr! „Am Bord des Schiffs Nikolaus, mit dem Herr Valery, einer Ihrer Geſchäftsfreunde, nach Frank⸗ reich zurückgekommen, iſt etwas vorgekommen, was ich Ihnen mitzutheilen habe. Herr Valery iſt einen Augenblick in Todesgefahr geweſen, und da hat er mir Papiere von der höchſten Wichtigkeit anvertraut,— Papiere, von denen das unwichtigſte eine Schenkungs⸗ urkunde iſt, welche ſein ganzes Vermögen betrifft. „Ich habe eben in Erfahrung gebracht, daß Herr Valery wider Erwarten am Leben geblieben und nach Frankreich zurückgekommen iſt. ſten gen ſein liche brin mei dan cont ich, wer her⸗ emp an, Poſ verf Nac Rob Poſ um Pfer 421 „Ich muß ihn durchaus ſprechen, da ſeine höch⸗ ſten Intereſſen auf dem Spiele ſtehen. „Theilen Sie mir alſo gefälligſt ſeinen dermali⸗ gen Aufenthaltsort mit, wenn derſelbe Ihnen bekannt ſein ſollte, und übergeben Sie, ohne weitere münd⸗ liche Auskunft, Ihre Antwort verſiegelt dem Ueber⸗ bringer dieſes. „Empfangen Sie, mein Herr, die Verſicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. „Felician Pascal.“ Felician legte den Brief zuſammen, ſiegelte ihn dann und ſtellte ihn Robert zu. „Sie werden mich bei Ihrer Rückkehr zu Mon⸗ contour finden, mein Freund,“ ſprach er zu ihm, da ich, ſobald ich ordinirt bin, mich dahin begeben werde. Und nun einen Kuß, und glückliche Reiſe!“ Robert warf ſich Felician in die Arme, küßte ihn herzlich, verließ die Zelle, durchſchritt den Garten, empfahl Herrn Maréchal nochmals tiefſtes Schweigen an, entfernte ſich aus dem Seminar, ging auf die Poſt, nahm dort ein Pferd, ſchwang ſich darauf und verſchwand auf der nach Paris führenden Landſtraße. Windſchnell eilte Robert dahin. Noch nie ſpornte ein Bote, der eine ſchlimme Nachricht zu überbringen hatte, ſein Thier ſo, wie Robert das ſeinige antrieb. Auf den verſchiedenen Poſtſtationen ſattelte und zäumte der junge Mann, um ja keine Zeit zu verlieren, immer ſelbſt das Pferd, das man ihm gab. Ohne unterwegs auch nur eine Minute ausge⸗ 42² ruht zu haben, kam er zu Paris an, wo er alsbald zu Herrn Morel eilte. Während dieſer Reiſe ging zu Niort Alles ſo, wie Pascal es wünſchte. An dem Tage, wo Robert abgereist war, war Felician zuerſt mit Herrn Maréchal, darauf aber, bis vier Uhr Nachmittags, mit ſeiner Mutter und mit Blanca zuſammengeweſen. Von dieſem Augenblicke an hatte er ſich bis an den darauf folgenden Morgen in ſeine Zelle zurück⸗ gezogen; denn bis dahin ſollte und wollte er, wie wir bereits geſagt, Niemand empfangen. * Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Prieſterweihe. Inmitten der ernſten Betrachtungen, die ganz natürlich einem Tage vorangehen mußten, wie der war, welcher für ihn anbrechen und auf ſein Schick⸗ ſal einen ſo großen Einfluß haben ſollte, dankte Fe⸗ lician Gott für einen in Betreff Valery's gefaßten Entſchluß, verſprach ſich in der Heiligkeit ſeines Herzens die Wonne, Valery, falls er ihn ausfindig machen könnte, zu bekehren, oder wenigſtens zu be⸗ kehren zu ſuchen, und überließ ſich ſchon der heiligen Begeiſterung, dieſe ſchwierige, dieſe Wunder⸗Cur zu Ehren und zum Nutzen der Religion zu verrichten. Welches Vertrauen mußte er nicht zu ſich ſelbſt erlangen, wie groß mußte nicht ſein Glaube werden, wie ſtark mußte er ſich nicht fühlen, wenn es ihm ganz der chick⸗ Fe⸗ ßten ines ndig be⸗ igen r zu 1. elbſt den, ihm 423 gelang, dem Tag der Tugend und dem Lichte der Wahrheit in dieſer finſtern Seele Eingang zu ver⸗ ſchaffen, die bis dahin ein Spiel der finſterſten Lei⸗ denſchaften und der unheilvollſten Irrthümer geweſen! War es nicht ein herrlicher Sieg, war es nicht von der glücklichſten Vorbedeutung für ſeine Miſſion, wenn es ihm gelang, dieſen gottläſternden Mund an's Beten zu gewöhnen, dieſen frechen Hochmuth Gott unterthan zu machen?— Wer in dieſen glaubenseifrigen Geiſt hätte ſchauen, wer mit dieſem Gewiſſen hätte ſprechen können, das ſo rein war wie der Diamant, ſo ruhig wie der Azur, ſo ſtrahlend wie der es inſpirirende Himmel, der hätte gefühlt, wie Felicians Seele ſich erhob, die Unendlichkeit zu umfaſſen ſtrebte, ein unbeſchreib⸗ liches Wohlſein verſpürte. Felician trug auf die Religion, der er ſich weihte, alle Kraft, alle Illuſionen, alle Gedanken über, die man bei einem Manne ſeines Alters zu finden ge⸗ wohnt iſt. Was die Natur in ein zwanzigjähriges Herz ge⸗ legt hat, damit es alle Dinge dieſer Welt bewun⸗ dern, begreifen, lieben ſolle, bildete bei ihm nur eine einzige Liebe, eine Liebe, keuſch, mächtig, unwandel⸗ bar. Es erhob ihn Gott über die Erde und ſetzte ihn mit dem Princip der ewigen Wahrheiten in di⸗ recte Verbindung. Nähmen wir keinen Anſtand, Behufs der Erklä⸗ rung eines ſo reinen Seelenſchwunges zu einem menſchlichen, faſt gottloſen Vergleiche unſere Zuflucht zu nehmen, ſo würden wir ſagen, es habe der ſanfte Jüngling das Leben, das nun bald das ſeinige ſein 4 42⁴ ſollte, ſo geliebt, wie ein achtzehnjähriger Enthuſiaſt ſeinen erſten Liebestraum liebt. Es erſchien ihm Religion ſchön wie eine Braut, wie eine immaterielle Braut, wie eine Braut, welche nur eine Verbindung der Seelen kennt, in myſteriö⸗ ſen und für gewöhnliche Geiſter unbewohnbaren, Sphären, und er betete dieſe Braut an, die bei dieſem Eheverlöbniß ihm als Mitgift ihre unwandelbare Jungfräulichkeit, ihre unverwüſtliche Schönheit, ihre ewige Liebe zubrachte. Sein allzu volles Herz ſtrömte über; ſein Gebet ergoß ſich in einem ewigen Geſange, entſpringend aus der unverſiegbaren Quelle ſeiner poetiſchen Entzückung. Es war Felician ein ſo reines Weſen, daß man im Ausdrucke ſeiner Wonne den Charakter der expan⸗ ſiven Naivetät der Kinder wiederfand, die, ihr See⸗ lenvergnügen nicht zu formuliren wiſſend, daſſelbe durch ein Singen ſich offenbaren laſſen, das, ohne Urſache und ohne Ziel, ihrem Munde entſteigt, wie Wohlgerüche einem übervollen Becher. In der Stille des Seminars hörte man eine Stimme fromme Gebete und heilige Kirchengeſänge moduliren: es war die Stimme Felicians, der ſeine Zelle mit chriſtlicher Harmonie erfüllte, gleich als hätte er die Gedanken ſeiner Seele ſogar in der Luft wiederfinden wollen, die er einathmete. Er ſah alſo in ſanfter, frommer Rührung die Stunde herankommen, wo er ſich für immer mit Gott verbinden ſollte. Von ſeinem offenen Fenſter aus, durch wel⸗ ches ſein Auge über die umliegenden Felder hin⸗ ſchweifte, konnte er ſehen, wie die Natur wieder er⸗ wadh druc wärt Frer belat eines weiß liefen blaue einen hüpf men dring ſamn fehl der n begin ſelbſt entfal eines der nimm und m. 42²⁵ wachte, die Natur, jener ſtille uud großartige Aus⸗ druck des Gottes, der ſie lenkt und den ſie vergegen⸗ wärtigt. In dieſer Natur athmet überall Schönheit, Freude und Liebe. Die mit dem Thaue der Nacht beladenen Bäume ſchüttelten unter der Einwirkung eines friſchen Morgenwindes unzählige Perlen. Einige weiße Wolken zogen luſtig unter dem Himmel hin, liefen leicht und muthwillig in den unermeßlichen blauen Ebenen fort, wie weiße junge Mädchen an einem Feſttage auf dem Felde ihres Vaters umher⸗ hüpfen; der Rauch der Hütten, jenes ſichtbare Ath⸗ men der erwachenden Familie; die friſchen durch⸗ dringenden Düfte, welche der Wind auf den Hügeln ſammelt; das Geräuſch der Thiere, die auf den Be⸗ fehl des Menſchen ihr Tagewerk beginnen; der Menſch, der mit Gottes Willen ſein tagtägliches Leben wieder beginnt; kurz, dieſes ungeheure Orcheſter, wo Alles, ſelbſt das Unbelebte, ſeine Note ſpielt: alles das entfaltete vor Felicians Augen und vor deſſen Geiſt eines jener lachenden Gemälde, wo die Seele mit der neuerwachten Welt einen neuen Aufſchwung nimmt und ein neues Leben beginnt, und ſpiegelte ſich in den Gebeten des Jünglings wieder, deſſen Beruf die Natur zur Urſache, die Menſchheit aber zum Zwecke hatte. Durch eine lange Betrachtung der großen Dinge, welche Gott geſchaffen, war alſo die Seele des jun⸗ gen Mannes auf die Pflichten, die ſie zu übernehmen im Begriffe war, vortrefflich vorbereitet. Als es zehn Uhr ſchlug, wurde ihm gemeldet, daß der langerſehnte Augenblick nun gekommen ſei, und mit frommgeſammeltem Gemüthe ging er nun 426 nach der Kathedrale, wo die Ordination Statt finden ſollte. Es war, wie wir bereits geſagt, ein ſchöner Tag. Das Haus des Herrn hatte der Menge alle ſeine Thore geöffnet, und man drängte ſich dort, wie ſummende Bienen ſich um ihren Korb her drängen. Es läuteten freudig alle Glocken, um die Gläubi⸗ gen herbeizurufen. Es brannte der Weihrauch, es hatte der Altar ſich mit ſeinem Feſtſchmucke geziert, es vermiſchten ſich die Blumen mit den Flammen der Kerzen, und es machte die Orgel mit ihren gewaltigen Harmonien die Kirche immer weiter und größer, ſo weit und ſo groß wie die Welt ſelbſt, damit Gott darin Platz finden konnte. In der Orgelgalerie kniend, betete Frau Pascal mit ihrer Tochter, die erſte für ihren Sohn, die zweite für ihren Bruder, ſowie für ſich ſelbſt. Der Biſchof ſaß in ſeinem Ornat am Altare; ſein Lehnſeſſel war mit Sammt ausgeſchlagen und reich mit Gold verziert; auf dem Altar bemerkte man das Oel der Katechumenen, einen Becher mit Wein und Waſſer, eine Patene, worauf eine Hoſtie lag, weißes Brod, ein Becken mit ſeinem Kännchen, um ſich die Hände waſchen zu können, ſowie endlich Servietten, um ſich die Hände abzutrocknen. Nun trat der Archidiakonus vor und rief inmitten eines tiefen Schweigens(denn es waren jetzt alle Stimmen der Orgel verſtummt) laut: „Felician Pascal!“— Es beugten ſich alle Köpfe vor, und man ſah den frommen Jüngling vortreten. Betrej ſintem von de nden Tag. alle wie agen. äubi⸗ Altar ſchten und onien nd ſo Platz ascal , die ltare; und nerkte r mit Hoſtie achen, ndlich nitten t alle n ſah 427 Es ſtrahlte ſein Geſicht. Er war mit dem Achſel⸗ tuche, der Alba, dem Gürtel, der Stola und der Arm⸗ binde bekleidet; auf dem linken Arme hielt er ein zuſammengelegtes Meßgewand, zum Zeichen, daß er noch kein Recht habe, daſſelbe zu tragen; in der rech⸗ ten Hand aber hielt er eine brennende Kerze. Er ſtellte ſich vor den Biſchof hin, der ihm zu⸗ lächelte und dem der Archidiakonus ihn mit den Wor⸗ ten vorſtellte: „Hochwürdiger Vater, es bittet die katholiſche Kirche, unſere heilige Mutter, daß Ihr geruhen möget, den hier anweſenden Diakon zur Ehre der Prieſterſchaft zu erheben.“ „Glaubet Ihr, daß derſelbe würdig ſei?“ fragte der Biſchof. „So weit uns ſchwachen Menſchen vergönnt ſein mag, dieß zu wiſſen, glaube und bezeuge ich, daß er zu dieſer Würde erhoben werden darf.“ „So ſei denn Gott gelobt!“ ſprach der Biſchof, ſich erhebend. Darauf ſprach derſelbe, zu dem verſammelten Volke gewandt, nachſtehende herkömmliche Worte: „Liebe Brüder! Da für den Steuermann und den Reiſenden die gleichen Gründe der Furcht und der Hoffnung vorhanden ſein müſſen, ſo hat ein Jeder das Recht, ſeine Anſicht auszuſprechen in einer Sache, wo Jeder ein gleiches Intereſſe hat. „Nicht umſonſt haben die heiligen Väter feſtgeſetzt, daß man das Volk ſelbſt zu Rath ziehen müſſe in Betreff der Wahl derer, die am Altare dienen ſollen, ſintemal das, was wenige Perſonen vom Leben und von den Gedanken eines Menſchen nicht wiſſen, an⸗ 428 dern Perſonen bekannt ſein kann, und weil man eher geneigt iſt, dem Ordinirten zu gehorchen, wenn man zu deſſen Ordination ſeine Zuſtimmung gegeben hat. „Saget mir daher, theure Brüder, hier unver⸗ holen, was ihr von den Handlungen, den Sitten, ſowie von den Verdienſten des hier ſtehenden Dia⸗ kons haltet; und erinnert euch, daß ihr für die Hei⸗ ligkeit des Prieſterthums zeugen müſſet, bevor ihr auf die Gefühle der Freundſchaft höret. „Iſt daher einem unter euch etwas bekannt, was gegen ihn ſpricht, ſo trete derſelbe vor und ſpreche im Namen und zum Ruhme Gottes!“ Es erhob ſich auch nicht eine einzige Stimme, wohl aber lief ein beifälliges Murmeln durch die Kirche hin. Sofort wandte ſich der Biſchof zu Felician hin und ſprach mit lauter Stimme, ſo daß er von Jeder⸗ mann gehört werden konnte, wie da, wo er ſich an die ganze Gemeinde gewendet hatte: „Mein theurer Sohn! Du wünſcheſt zur Würde eines Prieſters erhoben zu werden; ſuch' dieſe Weihe würdiglich zu empfangen und ſodann dieſer hohen Ehre Dich würdig zu zeigen. „Denn es muß der Prieſter opfern, ſegnen, leiten, predigen, taufen. Du mußt daher nur unter großer Furcht dieſen Grad empfangen und darüber wachen, daß göttliche Weisheit, daß reine Sitten, ſowie daß ſtete Beobachtung der Regeln der Gerechtigkeit Dich unſern Brüdern empfehlen. 4 „Es hat Gott Moſes befohlen, in ganz Ifrael ſiebzig Männer auszuwählen, damit ſie ihn in ſeinem Amte unterſtützen möchten, und da hat er zu ihm ſie d Voll zehn Keuſ So breit und zerſtr Chrif 9 er vo Händ hinab rechte Dir G ſchenke Nr ſchuhe dem K teten H L 25 eher man hat. nver⸗ itten, Dia⸗ Hei⸗ ihr was reche mme, ) die hin eder⸗ h an zürde Veihe pohen eiten, roßer ichen, daß Dich ſrael n in er zu 429 ihm geſprochen:„„Du wirſt ſie daran erkennen, daß ſie die Aelteſten unter dem Volke ſind.““ „Es ſind die Prieſter, da ſie die Aelteſten im Volke ſind, alſo gewählt, wenn ſie am Geiſte der zehn Gebote feſthalten, und wenn Wiſſen, Arbeit und Keuſchheit ſie vor der Zeit reif und rechtſchaffen gemacht. So hat die Kirche an dieſen vielen, überall ver⸗ breiteten Dienern eine wunderſchöne ewige Krone; und leben auch dieſe Diener über die ganze Erde zerſtreut, ſo bilden ſie doch nur einen Leib in Jeſu Chriſto.“ Nachdem Felician dieſe Worte angehört, kniete er vor dem Biſchofe nieder, der ihm ſchweigend beide Hände auf das Haupt legte, und dann, die hinten hinabhangende Stola nach vorn und zwar nach der rechten Schulter hin ziehend und dieſelbe auf der Bruſt des Jünglings kreuzförmig faltend, zu ihm ſprach: „Empfang' das Joch des Herrn! Es iſt ſein Joch ſanft und leicht.“ „Gelobt ſei der Herr!“ murmelte Felician voll heiliger Rührung. „Und nun empfange das Prieſtergewand,“ fuhr der Biſchof fort, den Neophyten mit dem Meßgewande bekleidend, das derſelbe auf dem Arme trug; es wird Dir Gott die chriſtliche Liebe und die Vollkommenheit ſchenken.“ Nun zog der ehrwürdige Kirchenfürſt ſeine Hand⸗ ſchuhe aus, ſteckte den Biſchofsring an, nahm von dem Katechumenen Oel und ſalbte damit die gefal⸗ teten Hände Felicians mit den Worten: „O Herr, heilige Du die Hände, die wir mit —— 430 dem heiligen Oele beruͤhrt, und mögen auch ſie nun heiligen, was ſie berühren, und ſegnen was ſie ge⸗ ſegnet haben.“ Nachdem die Conſecrirung der Hände vorüber war, reichte der Biſchof dem Neugeweihten Wein und Waſſer und ſprach dabei: „Empfange von mir, mein Sohn, die Macht, das göttliche Opfer darzubringen und im Namen des Herrn die Meſſe zu feiern für die Lebenden wie für die Todten.“ „Gelobt ſei der Herr!“ ſprach Pascal zum zwei⸗ ten Male. Dann ſtand der junge Prieſter auf, warf auf die verſammelte Menge einen Blick und lächelte ſei⸗ ner Mutter, ſowie ſeiner Schweſter zu. „Der Friede des Herrn ſei mit Dir!“ ſprach der Biſchof und küßte den Jüngling. Nun erſchollen der Geſang der Chorknaben und die Stimme der Orgel zu gleicher Zeit. Die Kirche, die heilige Mutter, hieß ſo den neuen Sohn, der zu ihr kam, feierlich willkommen. Alles kniete nieder, und da bald darauf die Gläu⸗ bigen ihre Stimmen mit denen der Chorknaben und der Orgel vereinigten, ſo war das Singen und Beten unter dem heiligen Gewölbe ein allgemeines. Unterdeſſen hatte die Meſſe ihren Fortgang und empfing Pascal das heilige Abendmahl. 3 Nach dem Credo hörte der Geſang auf. Es er⸗ hob ſich der Biſchof wieder und ſprach, zu dem jun⸗ gen Prieſter gewandt: „Solchen, welchen Du die Sünden vergibſt, ſollen +₰—-————— . 8 Friede ſanften die M „L nun ie ge⸗ rüber Wein , das des je für zwei⸗ f auf e ſei⸗ h der Hollen e der utter, ierlich Gläu⸗ n und Beten g und s er⸗ — jun⸗ 43¹1 ſie vergeben ſein, und ſolchen, denen Du ſie behältſt, ſollen ſie behalten ſein.“ Darauf ſchlug er das Meßgewand, welches hin⸗ ten noch nicht entfaltet war, vollends hinunter und ſetzte hinzu: „Es bekleidet Dich der Herr mit dem Gewande der Unſchuld. Gib mir die Hand. „Du gelobſt zu glauben, was Du lieſeſt?“ „Ja.“ „Zu lehren, was Du glaubſt?“ „Ja.“ „Zu thun, was Du gelehrt?“ „Ja.“ Dann nach einer kleinen Pauſe: „Du gelobſt mir und meinen Nachfolgern Achtung und Gehorſam?“. „Ich gelobe es.“ „Du verſprichſt denen zu verzeihen, ſo Dich be⸗ leidigen?“ „Ich verſpreche es.“ „Du ſchwörſt, alle menſchlichen Leidenſchaften dem Dienſte des Herrn zu opfern?“ „Ich ſchwöre es.“ „Geh' hin, mein Sohn, mit Dir iſt Gott. Sein Friede ruhe über Dir!“ „Gott ſei gelobt!“ ſprach Pascal zum dritten ale, und heilige Thränen des Dankes und des Glaubens netzten ſeine Augen. Es fing das Singen wieder an und unter dem ſanften Eindruck dieſer großartigen Feierlichkeit ging die Menge aus einander. „Glücklich iſt die Mutter dieſes Gerechten!“ ſpra⸗ 43³² chen die Mütter, als Felician an ihnen vorüber kam, der an dem großen Thore der Kirche einiges Geld unter die Armen austheilen und ſeine Miſſion mit einem Werke chriſtlicher Liebe beginnen wollte. Eine Stunde darauf waren Frau Pascal und deren Tochter mit Felician vereinigt. Tief bewegt ſtanden die beiden Frauen neben ihm und lächelten ihm zu, wie wenn ſie die verkörperte Hoffnung und der verkörperte Glaube geweſen wären. Noch an demſelben Abende reiste Felician nach Moncontour ab, und an dem darauf folgenden Mor⸗ gen verließ er, immer in Begleitung ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter Blanca, das elterliche Haus, um ſich in das Pfarrhaus zu begeben, das er fortan bewohnen ſollte; aber wohl die Hälfte des Dorfes war ihm entgegengegangen und ſämmtliche Häuſer an der Straße, durch die er kommen mußte, waren mit Blumen und Tüchern geſchmückt. „Segnen Sie unſer Haus, ehrwürdiger Herr hieß es überall. Und junge, weiß gekleidete Mädchen, unſchuldig wie Engel, gaben dem jungen Prieſter das Geleite und beſtreuten ſeinen Weg mit Roſen⸗ und Lilien⸗ blättern. „Hoch lebe Herr Pascal!“ riefen die Männer. Und es trat ein förmlicher Wettkampf ein: Alles wollte ſich ihm nähern, Alles mit ihm ſprechen, Alles ſeine Hand berühren. Dieſe einſtimmige Kundgebung war für Felician eine reiche Ernte der Liebe und des Dankes, welche das Gute, das man thut, ſowie die Tugenden, die 1 man zum dieſe ſprac allen Suſc 1 den 5 küſſen es hü Heerd und; was herein „ Sie ſi 7/ bereitn „4 abſicht ſäen E Ernten 9 7 aber ie Dum kam, Geld mit und wegt elten und nach Nor⸗ utter aus, rtan orfes uſer aren rr!“ uldig leite lien⸗ er. Alles Alles ician elche „die 433 man übt, in der Menſchen Herzen früher oder ſpäter zum Keimen bringen. „Warum muß doch ein geheimer Kummer in all dieſe Freude und in all dieſes Glück ſich miſchen!“ ſprach Blanca bei ſich ſelbſt,— Blanca, der von allen Frauen die Hände geküßt wurden, und zu der Suſanne unaufhörlich ſagte: „Blanca, warum iſt denn Robert nicht da?“ An der Kirchthüre angekommen, fand Felician den Pfarrer, der dort ſeiner wartete. Der fromme Mann ſprach, den jungen Prieſter küſſend, und zwar ſo daß Alle, die dieſen geleiteten, es hören konnten: „Ich übergebe Ihnen, mein Bruder, hiemit meine Heerde, auf daß Sie ihr hinfür ein weiſer Leiter und Führer ſeien. „Es ſind nun zehn Jahre, daß ich ſie auf dem Wege der Gerechtigkeit und des Glaubens erhalten habe. „Jetzt ſoll ich an einem andern Orte verſuchen, was ich hier zu thun verſucht habe. Treten Sie herein, mein Bruder, und ſeien Sie herzlich willkommen. „Sie haben noch lange Jahre vor ſich; nützen Sie ſie zur Chre Gottes. „Sie werden aber bei Ihren Landsleuten ſtets bereitwillige Ohren und Herzen finden. „Hier iſt keine abſichtliche Verblendung, keine abſichtliche Taubheit. Es iſt der Boden ein guter: ſäen Sie die rechte Frucht, ſo wird er die ſchönſten Ernten tragen. „Lebet wohl, Brüder, ich muß euch nun verlaſſen; aber ich werde an dem Orte, wohin ich gehe, ſtets Dumas d. J., drei ſtarke Männer. 28 434 für euch beten. Gerne möchte ich euch Alle noch ein Mal an meine Bruſt drücken; aber es werden dieſe ſchönen Kinder, die ich küſſe, und die eure häus⸗ lichen Engel ſind, euch die Wünſche und den Segen überbringen, ſo ich in den Kuß lege, welchen ich ihnen gebe.“ Die kleinen Mädchen, worunter ſich auch Suſanne befand, warfen ſich dem guten Prieſter in die Arme und baten ihn alle um den verſprochenen Kuß. Es war in der That eine rührende Scene, welche ſelbſt das verhärtetſte Herz weich ſtimmen mußte. Inmitten der allgemeinen Freude fand Felician's Einſetzung Statt. Es hätte dieſe Freude, womit der Neuangekom⸗ mene begrüßt wurde, als Undank gegenüber von dem abziehenden Geiſtlichen erſcheinen können, wenn der bisherige Pfarrer ſeit Pascals Rückkehr ſeine Gläu⸗ bigen nicht auf dieſen Abzug vorbereitet und ihnen zugleich verſichert hätte, daß er ſie von Zeit zu Zeit beſuchen würde. Indeſſen wurde der Abziehende von dem ganzen Dorfe an den Wagen geleitet, der ihn entführen ſollte: Pascal ſelbſt führte den Zug an. Als endlich gegen ſechs Uhr Abends Felician wieder allein war(er hatte nämlich gebeten, einige Augenblicke allein bleiben zu dürfen), fiel er in dem Zimmerchen, das er bis an ſeinen Tod bewohnen ——ʒ——— ſollte, auf die Knie nieder und ließ ſeiner Seele alle Gebete, alle Freuden, alle Wonne, allen Dank ent⸗ ſtrömen, die den Tag über ſich dort angeſammelt hatten. noch erden äus⸗ begen n ich anne rme elche 435 Noch lag er au geklopft wurde. Er erhob ſich, um dieſelbe zu öffnen und ſah Blanca ganz allein vor ſich. Das Mädchen kniete nun ihrerſeits nieder und ſprach, das Geſicht in beiden Händen verbergend: „Lieber Bruder, willſt Du mich einen Augenblick anhören?“ r „Dich anhören!“ ſprach Felician lächelnd, ſeine Schweſter aufrichtend und dieſelbe auf die Stirn küſſend.„Aber warum fällſt Du auf die Knie nie⸗ der und warum verbirgſt Du Dein Geſicht, wenn Du mit Deinem Bruder ſprechen willſt?“ „Lieber, guter Bruder,“ antwortete Blanca, das Haupt an den Buſen des jungen Prieſters legend, „verſprich mir, daß Du mir verzeihen willſt.“ „Du erſchreckſt mich, Kind, Du weinſt. Laß einmal ſehen: was iſt Dir und was ſoll ich Dir ver⸗ zeihen?“ „Verzeihe mir, daß ich Dir gelogen, Felician, oder vielmehr, daß ich Dir etwas verheimlicht habe,“ fuhr Blanca fort nach einem kurzen Zögern, das ſich erneuern zu wollen ſchien. „Sprich Dich doch aus. Du weißt wohl, daß ich Dich liebe und kannſt unmöglich etwas gethan haben, daß Du vor mir zittern müßteſt. „Sprich, mein Kind, ich höre.“ „Als ich mich geweigert, Roberts Frau zu wer⸗ den, da habe ich Dir nicht geſagt, Bruder, warum ich mich weigerte.“ „Du haſt mir geſagt, Du liebeſt ihn nicht. Es f den Knien, als an ſeine Thüre 436 war dieß der beſte Grund, den Du mir geben konnteſt.“ „Es war aber noch einer vorhanden, Bruder.“ „Welcher?“ „Ich liebte ſchon einen Andern.“ „Du biſt in einem Alter, Blanca, wo das Herz ſich zu entſcheiden pflegt; Du kannſt keinen andern Mann lieben, als einen, der Deiner würdig iſt. Nenn' mir ihn, und liebt er Dich, verdient er Dein Gatte zu ſein, ſo ſoll er es werden.“ „Er liebt mich, Bruder, er hat es mir geſagt. Darum mußt Du mir verzeihen.“ Hätte Felician auch nur einen Augenblick an ſeiner Schweſter gezweifelt, ſo hätte er an Gott zu ezweifeln geglaubt. Hätte ſie ihm Alles bekannt, was wir wiſſen, ſo hätte er vielleicht den Verſtand ver⸗ loren, hätte es aber gewiß nimmermehr geglaubt. „Und Deine Mutter weiß um dieſe Liebe?“ „Nein, Bruder.“ Warum haſt Du mir es nicht ſchon früher ge⸗ agt?“ „Weil ich warten wollte, bis Du Prieſter warſt, damit Du ſelbſt uns trauen konnteſt.“ „Liebes Kind! biſt Du auch gewiß, daß Du die⸗ ſen Menſchen liebſt?“ „Ja, deſſen bin ich gewiß,“ murmelte Blanca, „Nun, ſo laß mich ſeinen Namen wiſſen,“ ant⸗ wortete Felician mit bewegter Stimme. Und Blanca zog aus ihrem Buſen den Brief hervor, den Friedrich ihr zugeſtellt hatte. 3 die ſich dabei ſichtbar Gewalt anthat. 437 Nachdem Felician denſelben ganz geleſen, ſprach ſie noch: „Es wird der Graf in einem Augenblicke hier ſein, um noch mündlich Dich um das zu bitten, um was er Dich in dieſem Briefe bittet.“ „Wenn das iſt, ſo kehr' zu Deiner Mutter zurück, liebe Blanca. Iſt der Graf wieder fort, ſo komme ich zu euch und theile euch mit, was zwiſchen uns beiden ausgemacht worden. „Du wirſt nun zwar eine Gräfin; biſt Du aber auch gewiß, daß in Deine Liebe kein Stolz ſich miſcht? Biſt Du auch gewiß, daß Robert, der nur den Adel des Herzens hat, Dich nicht glücklicher machen würde, als dieſer Adel des Namens? „Denk hierüber nach: noch iſt es Zeit. Die nächſte Stunde iſt eine feierliche Stunde in Deinem Leben.“ „Ich ſage Dir nochmals, lieber Bruder, ich liebe den Grafen, ich will und darf nur ihm angehören: werde ich nicht ſeine Frau, ſo muß ich ſterben.“ Indem Blanca alſo ſprach, konnte ſie die Thränen nicht zurückhalten. Zugleich warf ſie ſich ihrem Bruder abermals um den Hals. Der junge Prieſter aber, der natürlich die wahre Urſache ihrer Thränen nicht kannte, ſprach zu ihr: „Sei ruhig, mein Kind: es liebt Dich der Graf, da er um Deine Hand anhält. Es ſoll der Graf Dein Gatte werden; ja, Du ſollſt ihn bekommen.“ Blanca dankte mit einem Blicke ihrem Bruder, drückte ihm die Hand und ging zu Gervaſia zurück, mit welcher ſie hergekommen war, und mit der ſie zu Frau Pascal zurückkehren ſollte. Sodann ging 438 ſie durch die nun ſchon verödete Straße nach dem elterlichen Hauſe zurück. So kam ſie an Roberts Haus vorüber, an dem Hauſe, aus dem der junge Mann dem Stiere ent⸗ gegengeſtürzt war an dem Tage, wo ihr Bruder nach Niort gereist war. „Der arme Robert!“ murmelte ſie, das Häus⸗ chen, das mit ſeinen geſchloſſenen Läden ſo ſtill da⸗ ſtand, traurig anſchauend.„Nun iſt er fort, und ich bin es, die das ſonſt fröhliche Haus leer und öde gemacht. „Warum iſt er doch gerade da geweſen, um mich einem gewiſſen Tode zu entreißen? Beſſer wäre es geweſen, wenn ich geſtorben wäre: ich würde nicht auszuſtehen haben, was ich jetzt ausſtehe.“ Und das ſanfte Kind warf kußartig einen thränen⸗ erfüllten Blick auf das weiße Häuschen, das ſo trau⸗ rig wie ein Grab vor ihr ſtand, und ſetzte ihren Weg fort, wobei ſie ſich jedoch von Zeit zu Zeit um⸗ wandte, um es noch einmal zu ſehen. Das Auge liebt es, ſich auf die Orte zu heften, welches geliebte Weſen einſt bewohnt haben. Pascal hatte ſich an's Fenſter geſtellt und folgte ſeiner ſich entfernenden Schweſter mit dem Auge. „Warum bin ich doch ſo bewegt?“ fragte er ſich, als er allein war.„Warum habe ich doch unwill⸗ kührlich gebebt, als ich den Brief geleſen, den Blanca mir zugeſtellt, wie wenn derſelbe, anſtatt eines Glückes, ein Unglück in ſich geſchloſſen hätte? „Es iſt das eben wieder ein Beweis von der Selbſt⸗ ſucht des menſchlichen Herzens. So rechtſchaffen wir immer ſein mögen, ſo ſehen wir es doch immer un⸗ gerr eine den Blau mein nen fähr Gru drun pfind einge Mitt ben, geme gekon pfleg 7 junge gelie! geger als i den Freu und 5 auf ſein ken n 439 gern, wenn in dem Herzen derer, ſo uns theuer ſind, eine neue Liebe ein wenig von dem Platze einnimmt, den wir ſelbſt dort einnehmen. „Auch hoffte ich, ſo lange ich glaubte, es liebe Blanca Niemand, immer noch, daß ſie einſt Robert, meinen armen Robert, lieben würde, der recht wei⸗ nen wird, wenn er dieſe Liebe und dieſe Heirath er⸗ fährt; denn ohne Zweifel nährte er in ſeines Herzens Grund dieſelbe Hoffnung wie ich.. „Wie iſt aber die Liebe in Blanca's Herz ge⸗ drungen? Wie hat ſie gewußt, daß ſie dieſelbe em⸗ pfinde? Wie hat ſie herausgebracht, daß ſie Liebe eingeflößt? Von all dem habe ich ſie nichts gefragt. „Bedurfte es übrigens noch weiterer vertraulicher Mittheilungen? Ich hätte mir den Anſchein gege⸗ ben, als beargwohne ich ſie; ich hätte ihr Kummer gemacht. Es iſt dieſes Gefühl bei ihr eben auch ſo gekommen, wie es bei allen Mädchen zu kommen pflegt. „Sie wird, ſo lange ich fortgeweſen bin, dieſen jungen Mann irgendwo geſehen, ſie werden einander geliebt, und werden in recht naiver Weiſe ſich ſolches gegenſeitig geſagt haben, ohne ſich andere Vertraute, als ihre eigenen Herzen zu wünſchen. Sie haben den Tag erkoren, an dem ich voller Nachſicht und Freude ſein mußte, um mir ihre Liebe zu geſtehen, und haben wohl daran gethan. Der arme Robert!“ Felician ſetzte ſich an ſeinen Tiſch, ließ den Kopf auf einer Hand ruhen und fuhr beim Schein der ſein Zimmer erhellenden Lampe fort, ſeinen Gedan⸗ ken nachzuhangen, während er den Brief, den er eben 440 von ſeiner Schweſter erhalten, mechaniſch immer wie⸗ der las. „Welch ſeltſames Ding iſt es doch um das Leben!“ dachte er,„und wie geſchwind wird nicht die Seele groß an deſſen Eindrücken. „Es ſcheint mir, als ſei Blanca erſt geſtern auf die Welt gekommen. Noch kann ich ſehen, wie ſie als kleines Wickelkind auf dem Schooße unſerer Mutter ſich unruhig hin und herbewegte; noch kann ich ſehen, wie ſie ihre großen blauen Augen auf, uns heftete. Aber ihr Blick verſtand nichts, aber ihr Mund konnte nicht ſprechen. „Es ſcheint, als müſſe die Natur, ſo mächtig ſie auch iſt, Jahrhunderte brauchen, um aus ſolchem Kinde ein Weib, aus ſolcher Schwäche Verſtand zu machen. Es verfließen ſechzehn Jahre, und das Werk der Natur iſt verrichtet. „Alle Dinge dieſes Lebens ſind dieſem jungen Geiſte zugänglich geworden; und nun ſteht ſie vor den gleichen Leidenſchaften, von denen ſie noch vor wenigen Jahren nicht einmal wußte, daß ſie exiſtir⸗ ten, und die aller Generationen im gleichen Lebens⸗ alter warten,— und doch ſteht ſie nun vor den gleichen Leidenſchaften, vor den Leidenſchaften, die ihr, wie andern Menſchen, ihren unerbittlichen Willen auferlegen. „Nun hat dieſer Geiſt bei ſeinem Denken ein Ziel gefunden; nun weiß dieſes Herz, warum es ſchlägt; nun kommt das Weſen, in dem man immer noch ein Kind erblicken will, und ſpricht: „Ich liebe und muß ſterben, wenn ich den Mann nicht bekomme, den ich liebe.“ un mie ebe mer her ſein fra⸗ abg laſſ ſie ſei: imm hier gegt Frar um verg inder dem Robe Ihne ich 8 wie⸗ ben!“ Seele 1 auf ie ſie utter ehen, ftete. onnte g ſie ſchem d zu das ngen vor vor iſtir⸗ ens⸗ den die illen Ziel ägt; ein ann 441 „Oh, Gott! iſt es Dein Wille, daß eines von uns durch einen Kummer heimgeſucht werde, ſo prüfe mich und verſchone das theure, ſchöne Kind, das eben hinausgegangen.“ So weit war Pascal in ſeinen Gedanken gekom⸗ men, als die Thüre aufging und Robert keuchend hereintrat. „Fräulein Blanca iſt eben weggegangen?“ war ſeine erſte Frage. „Ja, mein Freund: Sie haben ſie alſo geſehen?“ fragte Felician, ſich zu Robert hinſetzend, der, völlig abgemattet, ſich auf einen Stuhl hatte niederfallen laſſen. „Eben habe ich ſie an mir vorübergehen ſehen; ſie jedoch hat mich nicht bemerkt. Sie glaubt, ich ſei nicht mehr hier, und beſſer iſt es, daß ſie es immer glaubt. Vielleicht wäre ſie mir böſe, daß ich hier geblieben. Uebrigens gehe ich morgen fort.“ „Hören Sie, mein Freund: Blanca, der Sie be⸗ gegnet ſind, ſagte mir eben, warum ſie nicht Ihre Frau hat werden wollen.“ „Sie liebte mich eben nicht.“ „Nein, ſie liebte einen Andern, der ſie liebt, der um ihre Hand anhält, und der, noch ehe eine Stunde vergeht, ſich hier einfinden ſoll,“ fuhr Felician fort, indem er Robert den Brief des Grafen überreichte. „Darum iſt er alſo nach Niort gekommen an dem Abende, an dem ich ihm begegnet bin!“ dachte Robert beim Leſen dieſes Briefes.„Brauche ich Ihnen wohl zu ſagen,“ ſetzte er laut hinzu,„daß ich Fräulein Pascal alles Glück wünſche?“ 44² „Ohl ich weiß ſchon, lieber Freund, wie ſehr ihr Glück Ihnen am Herzen liegt.“ „Und nun,“ fuhr der Arbeiter mit bewegter Stimme fort, denn es litt bei ihm die Seele noch mehr, als der Körper,„und nun erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich mich des Auftrags entledigt habe, den Sie mir gegeben.“ „Sie haben Herrn Morel geſprochen?“ „Ja.“ „Es hatte derſelbe Herrn Valery geſehen?“ „Ja, Herr Valery hatte bei ihm ſämmtliche Gel⸗ der erhoben, die er deponirt hatte. Anfänglich wollte Herr Morel Ihren Brief nicht beantworten; nachdem ich ihm aber geſagt, daß er von einem Prieſter käme und daß es ſich von wichtigen Dingen handelte, von Dingen, wie ein mit Ihrer Würde bekleideter Mann ſie erfahren könnte, hat er keine weiteren Schwierig⸗ keiten gemacht und mir dieſes Antwortſchreiben zu⸗ geſtellt.“ „Geben Sie her.“ In dieſem entſcheidenden Augenblicke mußte Robert aufſtehen und ſich die Hand auf die Bruſt legen, um leichter athmen zu können; denn die Unruhe und allerlei unheimliche Ahnungen brachten ihn faſt dem Erſticken nahe. Endlich zog er den Brief aus ſeiner Taſche her⸗ vor und überreichte ihn Pascal. Dieſer ging zur Lampe hin und erbrach ihn. Kaum hatte er einige Worte geleſen, ſo wurde er todblaß. Einen Augenblick glaubte Robert, es würde Fe⸗ licic zu u er z 9 die Prie ſehen herv⸗ Zwei und; antw Kopf Athe um 1 Müh mir 4⁴³ lician ohnmächtig hinſinken: er ſtürzte daher auf ihn zu und fing ihn in den Armen auf. „Was iſt Ihnen denn, mein Bruder?“ ſprach er zu ihm,„und was ſteht in dieſem Briefe?“ Robert pochte das Herz ſo heftig, daß ihm faſt die Bruſt zerſprang; denn für ihn, der den jungen Prieſter mit gierigem Auge beobachtet hatte, um zu ſehen, welchen Eindruck das Leſen des Briefes auf ihn hervorbringen würde, war ſelbſt die Möglichkeit eines Zweifels verſchwunden: er war überzeugt, daß Valery und Blanca's Liebhaber ein und derſelbe Menſch ſei. „Ohl es iſt nichts, mein Freund, es iſt nichts,“ antwortete Felician, den Brief zuſammenlegend, den Kopf in die Höhe werfend, als ſchnappte er nach Athem, und übermenſchliche Anſtrengungen machend, um ruhig zu erſcheinen,„ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie ſich gegeben: es ſagt dieſer Brief mir Alles, was ich wiſſen wollte. „Sie ſind nun ſeit zwei Tagen faſt nicht vom Pferde herunter gekommen und müſſen daher recht müde ſein. Ruhen Sie aus, lieber Robert. Zudem wiſſen Sie ja auch, daß ich Jemand erwarte, mit dem ich unter vier Augen zu ſprechen habe. „Gehen Sie alſo, und morgen, nicht wahr? morgen ſehe ich Sie wieder.“ „Ich verlaſſe Sie jetzt nicht, Felician, denn ſo ſehr Sie mir es zu verheimlichen ſuchen, ſo leiden Sie doch in dieſem Augenblicke, und zwar viel.“ „Ja, ich leide viel, wie Sie ſagen; es wäre je⸗ doch ein Verbrechen von mir, wenn ich Ihnen die Urſache dieſes Leidens ſagte. Gehen Sie, mein Freund, gehen Sie.“ 444 Robert warf ſich Felician in die Arme. In dieſem Augenblicke trat Pascals Haushälterin herein. „Herr Pfarrer,“ ſprach ſie zu ihm,„es iſt drun⸗ ten ein Herr, der mit Ihnen zu ſprechen verlangt.“ „Ein Herr, der mich ſprechen will? Wie heißt er?“ fragte Felician. „Graf Friedrich de la Marche.“ „Sagen Sie dem Herrn, er möge ſich heraufbe⸗ mühen, und ich ſei bereit, ihn zu empfangen. Mor⸗ gen, morgen ſehen wir alſo einander wieder, Robert.“ Robert verließ das Zimmer mit den Worten: „Oh nein, nicht morgen, denn ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn es hier nicht bald für mich zu thun gäbe.“ Es erſchien der Graf und grüßte Felician. „Er iſt es wirklich,“ murmelte der junge Mann, und ſtützte ſich auf ſeinen Tiſch, um nicht zu fallen. Als die beiden Männer einander gegenüberſtan⸗ den, trat ihre ganze Seele in ihren Blick. Das Auge des einen blieb ruhig, wie der erſte Strahl eines Sommertages; das des andern erglänzte in einem⸗ fahlen Lichte, nicht unähnlich dem erſten Blitze eines Ungewitters. Für Felician war nun ſchon, wie wir bereits ge⸗ ſagt, kein Zweifel mehr vorhanden. Das unheil⸗ bringende Weſen, das vor ihm ſtand und deſſen Mund, bösartig lächelnd, halb geöffnet war, kam, um in ſeinem Leben irgend etwas zu knicken. In dieſem Augenblicke repräſentirten die beiden Männer die zwei großen Principien, die ſich in die Herrſchaft der Welt theilen: es ſtand hier das gute Prin ſollte vern ſelbſt zum um! Reſig chen gebet 9 kalt, . 2 3 S 8 ◻ — wir ei ( „ (Valer lterin 445 Princip dem böſen Princip gegenüber. Der Kampf ſollte nun angehen: welches Princip ſollte das andere vernichten? Der Hochmuth allein ſchöpft ſeine Kraft aus ſich ſelbſt, und darum fällt er. Felician richtete die Augen zum Himmel empor und bat Gott, dem er diente, um die Kraft, deren er nun bedurfte, ſowie um die Reſignation, die ihrerſeits das arme Mädchen brau⸗ chen würde, für die er noch einige Minuten zuvor gebetet hatte. Im Uebrigen war an Felicians Perſon Alles ſo kalt, daß Valery bei ſich ſelbſt ſagte: „Er ahnt noch nichts. Er erkennt mich nicht.“ Es begann daher der Kampf für ihn bereits mit einer Niederlage, da Pascal den wahren Namen des Grafen wußte. Valery brach das Schweigen zuerſt. In dem Tone eines Mannes, der einen Unbekannten vor ⸗ ſich hat, ſprach er zu Felician: „Mein Herr, es iſt ohne Zweifel heute Abend Fräulein Blanca bei Ihnen geweſen, um Ihnen einen Brief von mir zuzuſtellen.“ Felician nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. „Ich bin nun ſelbſt hergekommen,“ fuhr der ein⸗ ſtige Bettler fort,„um Ihre Antwort auf dieſen il⸗ Brief zu holen.“ „Setzen Sie ſich, Herr Valery, und plaudern wir einen Augenblick,“ ſprach Felician ſanft. „Sie haben mich alſo erkannt, mein Herr?“ fragte alery. „Seit geſtern weiß ich durch Herrn Maréchal, daß Gott Sie am Leben erhalten hat; erſt ſeit einem 446 Augenblicke aber weiß ich, daß Herr de la Marche und Herr Valery nur eine und dieſelbe Perſon iſt.“ Inſtinctmäßig ſchaute Valery umher. Es hatte der Gedanke durch ſeinen Kopf gezuckt, daß es Felicians Abſicht ſein möchte, ihn feſtnehmen zu laſſen und ſodann Alles zu offenbaren. Es hatte Valery darauf gerechnet, daß es einen gewaltigen Theatereffect gäbe, wenn er Felician ſei⸗ nen wahren Namen nennen würde. Nun war er im Voraus erkannt: der junge Prieſter blieb ſo ruhig, daß weder ein Staunen, noch überhaupt eine Spur von Aufregung an ihm zu bemerken war. Da das erſte Mittel, worauf er gezählt hatte, alſo fehlſchlug, ſo fing ſchon ein gewiſſes Gefühl der Inferiorität an, ſich ſeiner zu bemächtigen. Er hob wieder an, wie folgt: „Je nun, mein Herr, ich bin Herr Valery, und bin hierher gekommen, um bei Ihnen um Fräulein Blanca's Hand anzuhalten, da ich ſie liebe und ſie mich liebt.“ „Liebten Sie meine Schweſter, mein Herr, ſo würden Sie, anſtatt mir es in ſolch kaltem und faſt drohendem Tone zu ſagen, ſich mir unter Thränen zu Füßen werfen und ſprechen: Mein Bruder, mein Leben und mein Tod ſind in Ihrer Hand; mein Bruder, Sie können mich der Juſtiz überliefern oder mir verzeihen; mein Bruder, ich bereue, was ich gethan, denn ich liebe Ihre Schweſter, denn eine ſolche Liebe ſchließt alle Tugenden in ſich, und es wird dieſelbe, je nach Ihrem Willen, entweder meine Strafe, oder meine ewige Erlöſung ſein.“ — ich Ihr ſpre See dan zeug zu unte Seel Reu Beke Han Liebe ein habe 1 Heuc men ernſt ſtoße . 7 imme Ich! wiſſen das ſ 4/ Narche R iſt.“ ezuckt, ehmen einen in ſei⸗ ar er ruhig, Spur hatte, hl der r hob „ und nulein id ſie d, ſo faſt ränen mein mein oder s ich eine V d es neine 447 „Und was würden Sie thun, mein Herr, wenn ich alſo zu Ihnen ſpräche?“ „Was ich thun würde, mein Herr? Ich würde Ihre Hand erfaſſen, Sie aufrichten und alſo zu Ihnen ſprechen: „Es gebraucht Gott allerlei Mittel, um verirrte Seelen wieder auf den rechten Weg zu bringen; ich danke Gott, daß er meine Schweſter zu einem Werk⸗ zeug des Heils auserſehen, daß ſie ein Werkzeug zu Ihrer Bekehrung werden ſoll. „Gedulden Sie ſich noch ein Jahr, ſuchen Sie unterdeſſen die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Ihre Seele ſich nicht täuſcht; und ſehe ich dann, daß Ihre Reue aufrichtig, daß Ihre Liebe wahr, daß Ihre Bekehrung unzweifelhaft iſt, ſo gebe ich Ihnen die Hand meiner Schweſter, nicht allein damit Ihre Liebe Befriedigung erhält, ſondern auch daß Sie ein lebendiges Pfand für die Vergebung Gottes haben.“ „Weil ich alſo,“ verſetzte Valery,„ohne alle Heuchelei gehandelt, weil ich Sie durch keine from⸗ men Grimaſſen zu täuſchen geſucht, weil ich kalt und ernſt um Ihrer Schweſter Hand angehalten habe, ſtoßen Sie mich zurück.“ „Welches Mittel Sie auch angewandt hätten, immer hätte ich die Wahrheit durchſchimmern ſehen. Ich liebe meine Schweſter zu ſehr, als daß ich nicht wiſſen ſollte, woran ich mich in Betreff des Gefühls, das ſie einflößt, zu halten habe.“ „Sie geben ſie mir alſo nicht?“ „Nein, mein Herr, ich gebe ſie Ihnen nicht.“ „Und Sie thun eben ſo gut, daß Sie ſie mir 448 nicht geben, antwortete Valery höhniſch;„denn ich möchte ſie nicht zur Frau nehmen.“ „Was thun Sie denn aber hier, mein Herr, und warum halten Sie dann um die Hand meiner Schwe⸗ ſter an?“ „Weil wir ein furchtbares Geheimniß theilen, mein Herr; weil wir wegen einer Sache mit einan⸗ der zu verhandeln haben, von der Sie nichts zu wiſſen ſcheinen, und die ich Ihnen nun mittheilen will.“ „Ich weiß von keinem Geheimniß.“ „Haben Sie mich denn nicht Beichte gehört?“ „Doch.“ „Wiſſen Sie nicht, daß ich es bin, der den Pfar⸗ rer von Lafou ſammt deſſen Haushälterin ermor⸗ det hat?“ „Auch das iſt wahr.“ „Habe ich, als ich zu ſterben wähnte, Ihnen keine ſchriftliche Erklärung über dieſe zwei Verbrechen gegeben, und habe ich Sie nicht ermächtigt, dieſe Erklärung zu veröffentlichen?“ „Doch, doch; aber weiter!“ „Wie Sie ſehen, ſo bin ich noch nicht todt; auch habe ich nicht im Sinne, ſo bald zu ſterben, am Wenigſten jetzt, wo ich im Begriffe bin, in eine der höchſten Familien Frankreichs hineinzuheirathen. Ich mußte alſo dieſe verwünſchte Erklärung wieder zu erlangen ſuchen, oder Sie wenigſtens zu einem ewi⸗ gen Schweigen zwingen. Darum...“ „Darum,“ wiederholte Felician, der ſo blaß wie eine Bildſäule geworden war. „Darum habe ich es bei Ihrer Schweſter ſo 449 weit gebracht, daß ſie aus Liebe zu mir meine Mai⸗ treſſe geworden.“ „Das lügen Sie, mein Herr!“ antwortete Feli⸗ cian mit ſanfter Stimme. Statt aller Antwort bot Valery dem Prieſter die Briefe ſeiner Schweſter hin. Pascal eröffnete einen aufs Gerathewohl und las ihn. (ine große Thräne, eine einzige Thräne ſtürzte aus ſeinen Augen, auf das Papier, das er las, und das er ſchweigend wieder zuſammenlegte. „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr, es iſt meine Schweſter wirklich das, was Sie ſagen.“ Und dann gab er— eine erhabene Zurückerſtat⸗ tung— Herrn Valery die Briefe zurück, die ihm gehörten. Die Ruhe des jungen Prieſters erboste Valery maehr und mehr; er ſetzte alſo hinzu: „Sie wiſſen aber noch nicht Alles.“ „Was kann denn aber jetzt noch kommen, Du mein Gott?“ „In einigen Monaten wird Ihre Schweſter Mut⸗ ter werden.“ Pascal hielt ſich mit einer Hand an der Wand und fuhr mit der andern über die Stirn hin, als wollte er ſein Gehirn vor dem Zerſpringen bewahren. „Warum denn aber alle dieſe Niederträchtigkeiten, mein Herr?“ „Wie! Sie begreifen noch nicht?“ rief der ehe⸗ malige Bettler mit dem haßerfüllten und trotzigen Lächeln, das ihn nie verließ.— 29 Dumas, d. J., drei ſtarke Männer. 450 „Nein, ich begreife nicht, wie Sie denen, die Ihnen nichts gethan, Böſes zufügen mögen.“ „Mußte ich Sie denn nicht zum ſtrengſten Schwei⸗ gen zwingen,— mußte ich denn nicht meinen Kopf zu retten ſuchen, den das Schaffot für ſich in An-⸗ ſpruch nahm?“ 8 „Wenn Sie das wollten, ſo gab es ein ganz einfaches Mittel, mein Herr.“ „Welches?“ „Sie brauchten bloß zu mir zu kommen und zu mir zu ſagen: Ich lebe; dann mußte der Tod von ſelbſt wegfallen. Da Sie lebten, ſo hätte ich Ihre Erklärung natürlich auch nicht veröffentlicht. Ein Prieſter darf das, was er durch eine Beichte erfah⸗ ren, nicht bekannt machen; Sie haben alſo von mir lediglich nichts zu fürchten.“ „Sie hätten alſo das Geheimniß, das ich Ihnen anvertraut, bewahrt?“ „Ja, mein Herr.“ „Und nun?“ „Nun will ich es auch ferner bewahren,“ verſetzte Pascal, ſich einigen Zwang anthuend,„da es meine Pflicht iſt, es zu bewahren. Und ferner werde ich Gott bitten, daß er Sie erleuchten und Reue fühlen laſſen, mir aber Geduld ſchenken möge.“ So ſtark Valery auch ſein mochte, ſo ſtand er doch wie vernichtet da gegenüber von dieſer Stärke, die ſo unendlich größer und erhabener war als die ſeinige. „Und meine Erklärung?“ hob Friedrich wieder an. „Hier iſt ſie, mein Herr.“ 7 Und Felician zog aus einer Schublade ein ver⸗ ſiegel zu ze „ 7 iſt m auch Auge 0 der einzie es n der i 8 wora reſign chend vor d C zuruf 7 kunft! da; ließ j und 1 / wiſſen Dich ſtellt; verlie! Eid, alle L U der ur die wei⸗ Kopf An⸗ ganz zu von hre Ein fah⸗ mir nen etzte eine ich len er rke, die an. ber⸗ 451 ſiegeltes Papier heraus, und ſchickte ſich an, daſſelbe zu zerreißen. „Nein, geben Sie mir die Erklärung zurück, es iſt mir das lieber,“ erwiderte Valery blaß und ohne auch nur einen Augenblick den Prieſter aus den Augen zu laſſen, da es ihm unmöglich ſchien, daß der Jüngling in dem Augenblick, wo er ihm das einzige Beweisſtück zurückgab, das er gegen ihn hatte, es nicht verſuchen ſollte, den Mann zu erwürgen, der ihm ſo viel Böſes zugefügt. Felician gab ſofort Valery das Papier zurück, worauf Letzterer es einſteckte und, vor der ruhigen, reſignirten Haltung des jungen Prieſters zurückwei⸗ chend, langſam, bleich, ſchreckenerfüllt, wie Don Juan vor dem ſteinernen Gaſt, die Thüre erreichte. Gleichwohl fand er noch ſo viel Muth, um aus⸗ zurufen: „Endlich habe ich ſie! Nun gehört mir die Zu⸗ kunft!“ Felician ſtand einige Augenblicke wie vernichtet da; dann hob er die Hände zum Himmel empor, ließ ſeinen Augen ungehemmt Thränen entſtrömen und murmelte unter dieſen ſeinen Thränen: „Mein Gott, Du haſt mich zwiſchen mein Ge⸗ wiſſen und meine Chre, zwiſchen meine Pflicht gegen Dich und meine Liebe zu meiner armen Blanca ge⸗ ſtellt; ich danke Dir, Gott, daß Du mir die Kraft verliehen, den Eid zu halten, den ich geſchworen, den Eid, der mir die Pflicht auferlegt, Deinem Dienſte alle Leidenſchaften der Menſchen zu opfern.“ Und Pascal warf ſich wieder auf die Knie nie⸗ der und fuhr fort zu beten. — — — =— 45² Da öffnete Jemand ganz ſachte die Thüre und betrachtete ihn einige Secunden mit rührender Be⸗ wunderung. Dieſer geſpenſterbleiche Menſch, der, in dem an⸗ ſtoßenden Zimmer verſteckt, Alles gehört hatte, was zwiſchen den Beiden vorgegangen, war Robert. Ohne das Gebet des frommen Prieſters zu un⸗ terbrechen, ſchloß er die Thüre wieder, eilte auf die Straße hinunter, folgte dem ſich entfernenden Valery nach und ſprach: „Nun haben wir Beide es mit einander zu thun!“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Verzeihung. Felician war wie vernichtet; die Seele, ſo chriſt⸗ lich ſie auch ſein mag, ſetzt ſich nicht ungeſtraft ſol⸗ chen Erſchütterungen aus: der Kampf, den er gegen Valery unternommen, war nichts gegen den Kampf, den er wider ſich ſelbſt geführt und aus dem er eben ſiegreich hervorgegangen. Es war Felician jung; er liebte Blanca mehr als ſein Leben, und ſeine Ehre mehr als Blanca; aber mehr als all' dieſes liebte er Gott, und Gott legt ſtrenge Pflichten denen auf, welche ihn lieben. Einen Augenblick hatte ſich in ihm Alles umgekehrt und hatte ſeine Jugend ſich empört bei der entſetzlichen Herausforderung des Mannes, der eben hinausgegangen war; er hatte da einem jungen Pferde geglichen, welches unter dem Sporn ſeines Reiters ſich bäumt. Einen Angenblick hatt des wie ſaus wirk del komn eine chriſ bis war reine ſeine verb Nun noch anſte Azur ( dem es n Dem ſtus große dieſe verſte Gottl erheb leidet Schleͤ ſeiner Wun 453 hatte die Natur des Menſchen ſich gegen die Pflicht des Prieſters aufgelehnt. Es hatte Felician gefühlt, wie das raſche Blut des Zornes ihm in den Ohren ſauste; er hatte die Augen geſchloſſen unter der Ein⸗ wirkung des brennendheißen Nebels, welche Schwin⸗ del verurſacht und, ohne daß man weiß, wie es kommt, Einem das Herz mit Haß erfüllt und Einem eine Waffe in die Hand drückt; bald aber war die chriſtliche Ergebung aus dem Grunde ſeines Herzens bis zur Höhe ſeiner Leidenſchaft emporgeſtiegen und war über dieſe noch hinausgegangen, ähnlich einem reinen Fluſſe, der immer ſteigt und in der Durchſichtigkeit ſeiner Waſſer die kahlen oder mephitiſchen Felſen verbirgt, die einen Augenblick bloßgelegen waren. Nun hatte die Seele des frommen Jünglings nur noch eine ruhige, reine Oberfläche dargeboten, die, anſtatt ſich durch den Bodenſchlamm zu trüben, die Azurfarbe des Himmels annahm. Es war dieß einer jener ſchrecklichen Siege, welche dem Sieger ſelbſt das Leben koſten können; aber iſt es nicht auch etwas Herrliches um dieſe Religion der Demuth, der Pflicht und der Ergebung, welche Chri⸗ ſtus auf die Erde gebracht und die der Seele jene großen und erhabenen Siege geoffenbart hat, welche dieſe ſeit Chriſtus über ſich ſelbſt davonzutragen verſteht? Iſt er nicht in Wahrheit ein Glied der Gottheit, der Menſch, der ſich ſo ſehr über ſich ſelbſt erhebt, daß er, während er die entſetzlichſten Qualen leidet, ja zuweilen an den erhaltenen Wunden und Schlägen ſtirbt, ähnlich dem göttlichen Erlöſer mit ſeinem Blute zugleich die Verzeihung aus dieſen Wunden hervorſtrömen läßt? Muß ſie nicht einſt 454 die allgemeine Religion, die Religion der Welt wer⸗ den, jene wunderbare Lehre, welche die Seele aus den Banden der Materie erlöst und die Materie zur ewigen Sklavin der Seele gemacht hat? Nachdem Pascal ausgebetet hatte, ſetzte er ſich und ſtellte ſich in der Einſamkeit ſeines Zimmerchens noch ein Mal ſich ſelbſt gegenüber. „Um Blanca iſt es alſo geſchehen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt:„nun iſt unſer Name gebrandmarkt, nun ſind gleich am erſten Tage alle meine Zukunfts⸗ hoffnungen geknickt. Wird Gott mir ſo viel Fröm⸗ migkeit und ſo viel Zeit ſchenken, daß ich dieſes ganze Gerüſt von Glück und Seelenreinheit wieder aufbauen kann? Ich hoffe es; einſtweilen habe ich gethan, was ich thun mußte. Gott ſei gelobt!“ Nun rief Felician ſeiner alten Haushälterin, einer wackern Frau, die ſchon ſeit zwanzig Jahren im Pfarrhauſe war, ihn hatte zur Welt kommen ſehen und ihm hatte dienen wollen. „Gute Margarethe,“ ſprach er zu ihr(denn es werden die guten Seelen um ſo expanſiver, je mehr ſie leiden),„gute Margarethe...“ Hier hielt er inne wie ein Mann, der nicht mehr weiß, was er hat ſagen wollen. „Was iſt Ihr Begehr, Herr Pfarrer?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht, gute Margarethe, aber kommt in meine Arme,“ ſetzte Felician hinzu, ſie mit den Armen umſchlingend und ſein Herz in ſeinen Thränen ſchmelzen fühlend,„ich muß ein ehrliches und liebendes Herz, wie das Eurige iſt, an das meinige drücken.“ „Was iſt Ihnen denn, Herr Pfarrer?“ hint von war Dar weg Got ahn Sch dieſ bis zeig ihre gitt der bra⸗ ball Jür thie die Da⸗ Zin zuſc wer⸗ aus zur ſich hens er arkt, fts⸗ öm⸗ eſes der ich rin, ren nen es ehr ehr ber ſie en es as 455 „Oh, nichts, nichts, Margarethe!“ Felician nahm ſeinen Hut und ging die Treppe hinunter. „Hoch lebe der Herr Pfarrer!“ vief eine Anzahl von Bauern, die unten an der Thüre verſammelt waren. „Ich danke euch, meine Freunde; meinen beſten Dank, liebe Freunde,“ antwortete der Jüngling be⸗ wegt.„Seid ruhig, ich will für euch Alle beten und Gott wird euch ſegnen.“ Alle dieſe wackeren Leute, welche gewiß nicht ahneten, was eben vorgefallen war und welch' tiefem Schmerz ihre naive Freude das Geleit gab,— alle dieſe wackeren Leute, ſagen 14 begleiteten Felician bis an die Thüre ſeines elterlichen Hauſes und be⸗ zeigten ihm ſo öffentlich und einſtimmig ihre Achtung, ihre Bewunderung, ihre Hingebung. In dem Augenblicke, wo Pascal das Garten⸗ gitter hinter ſich ſchloß, erſcholl der Ruf:„Hoch lebe der Herr Pfarrer!“ zum letzten Male, worauf dieſe braven Leute ſich fröhlich zurückzogen und das Dorf bald wieder in das gewohnte Schweigen verſank. Man hätte glauben können, es ſchicke Gott dem Jüngling dieſe rührenden und aufrichtigen Sympa⸗ thien zu, um ihn ſchon für die Prüfung zu belohnen, die eben über ihn ergangen war. Felician fand Blanca neben ihrer Mutter ſitzend. Das arme Mädchen verwandte kein Auge von der Zimmerthüre und fuhr bei dem geringſten Geräuſche zuſammen. Sanft lächelnd trat ihr Bruder herein. Zuerſt küßte er ſeine Mutter; dann ſprach er, 456 ſich zu dem Mädchen hinbeugend und ihre Hand er⸗ faſſend: „Komm' einen Augenblick mit mir, Blanca: ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Blanca hielt ihr Auge auf das ihres Bruders geheftet, um gleichſam darin ihr Schickſal bälder zu leſen. Aber aus Felicians Augen ſtrahlte immer nur Wohlwollen. Er führte Blanca in ein anſtoßendes Zimmer. Er ſetzte ſich und ließ ſie neben ſich Platz nehmen. Dann gab er ihr einen Kuß, jedoch ohne auch nur ein Wort beizufügen. 1 Dieſer Kuß gab dem armen Mädchen wieder einigen Muth. „Du haſt Herrn de la Marche geſprochen?“ fragte ſie. „Ja,“ antwortete Felician,„und er hat mir Alles geſagt.“ „Alles?“ rief Blanca aus. „Alles.“. „Und Du haſt mir verziehen, mein Bruder?“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich Pascal zu Füßen warf und den Kopf im Buſen des Jünglings verbarg. „Warum ſollte ich Dir denn nicht verzeihen?“ „Und es hat der Graf bei Dir um meine Hand angehalten?“— „Ja. 4 „Und Du haſt ſein Verlangen erfüllt?“ „Nein.“ Nein!“ verſetzte Blanca erſtaunt. der Ma ich Ver dieſe men dieſe wär Fehl laſſe ſo g vern werd beter Man mand gethe und halte wiede dem 457 „Es liebte dieſer Menſch Dich nicht und es war derſelbe Deiner gänzlich unwürdig, theures Kind.“ „Ohl wie danke ich Dir, Bruder!“ rief das Mädchen, Felician ſich in die Arme werfend „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, lieber Bruder, daß auch ich dieſen Menſchen nicht liebte; daß ein gräßliches Verhängniß mich ihm überliefert hat, und daß ich dieſe Heirath mir nur gefallen ließ, um unſern Na⸗ men, den ich befleckt hatte, nicht zu verunehren, daß dieſelbe aber eine ewige Strafe für mich geweſen wäre. Wie gütig iſt doch Gott, daß er mich den Fehltritt, den ich mir habe zu Schulden kommen laſſen, auf andere Weiſe büßen läßt! Es gibt keine ſo große Sünde, daß die Reue ſie nicht zu tilgen vermöchte: nicht wahr, lieber Bruder? Nun, ich werde in ein Kloſter gehen, werde Tag und Nacht beten, werde aber dann doch nicht die Frau dieſes Mannes ſein und werde Gott dienen können. Nie⸗ mand wird dann wiſſen, warum ich dieſen Schritt gethan, nicht einmal unſere Mutter wird es wiſſen: und obwohl meine Seele durch dieſe Sünde aufge⸗ halten worden, ſo wird ſie doch endlich die Deinige wieder einholen, ſo daß ſie beide neben einander auf dem Wege des Herrn wandeln werden.“ Geſenkten Hauptes hörte Felician ſeine Schweſter . an, und mehr und mehr ſchwoll ihm die Bruſt. Schon wollte er ihr antworten, da brachen auf's Neue Thränen hervor, und wie ein wohlthätiger Thau netzten dieſelben ſein Geſicht. „Gott nimmt das Opfer nicht an, das Du ihm bringen willſt, heißgeliebte Blanca,“ ſprach Pascal —y— 458 zu ſeiner Schweſter.„Du mußt Dich Deinem Kinde erhalten, dem unſchuldigen Geſchöpfe, das da nach ſeiner Mutter fragen würde, und das Du kein Recht haſt zu verlaſſen. Hoff' auf Gott, Schweſter, Du biſt das Opfer eines traurigen Verhängniſſes geweſen. Ich verzeihe Dir im Namen des Herrn, als Bruder ſpreche ich Dich ſrei und liebe ich Dich. Küß' mich, Me Blanca, und denken wir an die Zukunft. Das Gute, ohn das wir thun, wird uns für das Böſe, das man uns Abf gethan, entſchädigen: noch können wir glücklich ſein. Und dann haben wir auch eine Pflicht zu erfüllen. Haben wir nicht einem biedern Herzen, das Du wider nen Deinen Willen verwundet(denn es iſt das Unglück mit in unſerem Hauſe), haben wir nicht Robert verſpro⸗ Ger chen, Suſannen zu uns zu nehmen? Dieſes Ver⸗ den ſprechen gilt es nun zu halten, Blanca; denn es Aus darf Robert nicht wiſſen, was vorgefallen iſt; auch in 2 er muß fort. Die Mutter und Suſanne aber blei⸗ ben bei uns.“. „Ach ja, Felician!“ ſprach Blanca, gleichfalls einen weinend,„Du haſt Recht, wenn Du ſagſt, es ſei M das Unglück in unſerem Hauſe; und doch weißt Du leibh noch nicht Alles.“ eben „Was muß ich denn noch erfahren, liebes Kind?“ Stat „Ich liebe Robert!“— Nimmermehr hätte der ſanfte, fromme Jüngling Gäß geahnt, daß ein Mädchenherz ſolche Myſterien in ſich war ſchließen könne. führt „Armes Kind!“ murmelte er.„Was wird nun 8 aus Dir werden, da Du ſo zwiſchen Deinen Fehl⸗ betra tritt und Deine Liebe geſtellt biſt?“ er w ruhig dinde nach Recht tdas Ich uder mich, zute, uns ſein. llen. dider glück pro⸗ Ver⸗ n es auch blei⸗ falls ſei Du d 2 ling ſich nun fehl⸗ 459 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die phyſiſche Stärke. Glaubt man, es ſei die phyſiſche Stärke dem Menſchen gegeben worden, wie dem Stiere, das heißt, ohne einen providentiellen Zweck, ohne eine höhere Abſicht? Ich glaube es nicht. Glaubt man, es habe Gott gewiſſen rechtſchaffe⸗ nen und ehrlichen Menſchen das Recht verliehen, ſich mit Umgehung des Geſetzes zu Werkzeugen ſeiner Gerechtigkeit zu machen, wenn ſie ſo unheilbringen⸗ den und für die ganze Geſellſchaft ſo gefährlichen Ausnahmen gegenüber ſtehen, wie die, welche wir in Valery's Perſon zu zeichnen verſucht haben? Ich glaube es feſt.. Es war finſtere Nacht. Robert folgte Valery in einer Entfernung von dreißig Schritten. Der Eine war blaß, unruhig, ſchauernd wie das leibhaftige Bild des Schreckens; der Andere war ebenfalls bleich, aber ruhig und düſter wie eine Statue der Nothwendigkeit. Mit einem Male verſchwand Valery in einem Gäßchen, das eine Art enger, holperiger Treppe war und zwei Mauern entlang in das Thal hinab⸗ führte. In dem Augenblicke, wo Valery dieſes Gäßchen betrat, verſchwand auch Robert. Bald aber erſchien leder ganz unten an dieſem Gäßchen, wo er ſich uf die erſte Treppe ſetzte und ſo, dem Her⸗ 460 unterkommenden den Rücken bietend, den Weg ganz und gar verſperrte. Als Valery bei dieſem unbeweglich daſitzenden Manne angekommen war, berührte er deſſen Achſel mit den Worten:. „Mein Freund, machen Sie gefälligſt ein bischen Platz, daß ich weiter gehen kann.“ Nun ſtand Robert auf, kehrte ſich um, ſchaute dem Grafen in's Geſicht und ſprach: „Nein, mein Herr, Sie dürfen nicht weiter gehen.“ „Und warum denn das?“ fragte Valery, der den jungen Mann nicht erkannte und einen Betrun⸗ kenen vor ſich zu haben glaubte. „Weil der Schritt, den Sie eben gemacht, der letzte iſt, den Sie in Ihrem Leben machen werden.“ Friedrich zuckte die Achſel. „Nun, ſo gehen Sie doch aus dem Wege!“ ver⸗ ſetzte er, die Hand ausſtreckend, um den Bauer auf die Seite zu ſchieben. Valery beugte ſich über den Mann hin, der alſo zu ſprechen wagte. „Robert!“ rief er. „Ja, Robert.“ „Dann iſt es etwas Anderes. Was wollen Sie von mir?“ „Ich will Sie umbringen.“ Sie?“ „Und glauben Sie, ich laſſe mich n bringen?“ gen iron weg für Alle hab brac Sch der daß mein nicht theil Böſe wie lery, den leicht gehö ohne tiger Gegr p“ Sie verw Sie was will! ganz nden chſel cchen aute eiter Sie um⸗ 461 „Aber warum wollen Sie mich denn umbrin⸗ gen?“ fragte der Graf in einem Tone, der halb ironiſch war, zugleich aber von tiefer Gemüthsbe⸗ wegung zeugte. „Weil es nun hohe Zeit iſt, daß Sie den Lohn für Alles, was Sie gethan, empfangen. Ich habe Alles gehört, was Sie eben zu Felician geſagt. Sie haben einen Mann und eine Frau um's Leben ge⸗ bracht; Sie haben ein Mädchen gezwungen, an dem Schamgefühl zu zweifeln; Sie haben einen Prieſter, der ſo heilig wie ein Märtyrer iſt, zwingen wollen, daß er an Gott zweifle. Sie haben, meine Seele, mein Gewiſſen ſagt es mir, die Todesſtrafe verdient, nicht jene geſetzliche Todesſtrafe, welche dem Verur⸗ theilten Zeit und Mittel läßt, vor ſeinem Tode noch Böſes zu thun, ſondern jene Todesſtrafe, die da wie der Blitz tödtet und Gottes jäher Wille iſt.“ „Nun, ſo bringen Sie mich um!“ erwiderte Va⸗ lery, die Hand in die Rocktaſche ſteckend und dort den Hahn eines Piſtols ſpannend; denn es läßt ſich leicht denken, daß Valery nicht zu jenen Menſchen gehörte, die ohne Waffen ausgehen oder auch nur ohne ſolche ſchlafen. Robert ſah die Bewegung und erfaßte mit kräf⸗ tiger, wie ein Schraubſtock wirkender Hand ſeines Gegners Arm und ſprach: „Nur noch fünf Minuten Geduld, dann dürfen Sie dieſe Waffe auf mich abſchießen, und hoffentlich verwunden Sie mich dann auch; vorher aber müſſen Sie wiſſen, mit wem Sie es zu thun haben und was diſenen wird. Ich liebe Fräulein Pascal und will dieſelbe zu meiner Frau machen; damit ich aber * — 462 dieß thun kann, müſſen Sie zuvor todt ſein. Ihr Kind werde ich anerkennen, und es ſoll daſſelbe mei⸗ nen Namen führen; es iſt das ſchon etwas werth: nicht wahr? Zwar könnte ich Sie auch im Duell tödten, aber ich verſichere Ihnen, daß Sie ſolcher Chre nicht würdig ſind. Und dann kann ich auch nicht ſo lange warten; Sie ſind eine wilde Beſtie, die ich lieber mit einem Fauſtſchlage umbringe.“ „Probiren Sie's einmal.“ „Geduld, nur will ich nicht, daß man mir wegen eines Mordes den Hals abſchneide. Es dauert ſchon allzu lange, daß ich um Ihretwillen leide; nun iſt es Zeit, daß Sie mich für das, was ich erduldet, entſchädigen. Ich will Ihnen nun mit dem Arme den Weg verſperren, worauf Sie offenbar das Piſtol auf mich abdrücken werden, das Sie da in der Hand haben; es wird alſo ein Duell ſein, bei dem Sie alle Chancen für ſich haben; nur werden Sie mich, da es einen Gott im Himmel gibt, nicht umbringen, ſondern höchſtens verwunden können. Dann werde ich mich im Zuſtande rechtmäßiger Nothwehr befinden, ein Umſtand, der es mir erlaubt, daß ich Sie, wie einen Ochſen, mit einem Fauſtſchlage zu Boden ſchmettere. Ich werde Ihnen Blanca's Briefe ab⸗ nehmen, die Sie bei ſich haben, und werde dieſelben verbrennen; die Erklärung aber, die Felician Ihnen wieder zugeſtellt, werde ich Ihnen laſſen. Sodann werde ich vor der betreffenden Behörde erklären, daß ich einen Menſchen um's Leben gebracht, der ohne allen und jeden Grund ein Piſtol auf mich abge⸗ ſchoſſen. Hier kennt, liebt und ehrt mich Jedermann. Verhört man mich, ſo werde ich antworten, ich habe Sie ang find ſind ver Gle Jed kläg gen alles kein ſolch Vale ſcheh unte ſind aus geger beſeit linge 1 fahre theidi Ihr mei⸗ erth: Duell lcher auch eſtie, . egen chon n iſt ldet, lrme iſtol dand Sie nich, gen, erde den, wie dden ab⸗ lben nen ann daß hne ge⸗ unn. abe 463 Sie nicht gekannt, ich wiſſe nicht, warum Sie mich angegriffen; und da man bei Ihnen jene Erklärung finden wird, die klar beweist, daß Sie ein Mörder ſind, ſo wird man die Urſache dieſes neuen Mord⸗ verſuchs in dem Schrecken finden, wovon Leute Ihres Gleichen heimgeſucht zu werden pflegen, da ſie in Jedem, der ihnen begegnet, einen Richter und An⸗ kläger zu erblicken glauben. Man wird mich bekla⸗ gen und mich freiſprechen. Geſtehen Sie nur, daß alles dieß recht vernünftig iſt, und daß man eben kein unehrlicher Menſch zu ſein braucht, um einen ſolchen Plan zu erfinden.“ „Ja, alles das iſt recht vernünftig,“ erwiderte Valery mit heiſerer Stimme;„bevor aber dieß ge⸗ ſchehen kann, wird noch vieles Waſſer den Fluß hin⸗ unterlaufen. Noch bin ich am Leben.“ „So probiren wir es einmal, mein Herr. Sie ſind ein ſtarker Mann und haben alle Hinderniſſe aus dem Wege geräumt, die ſich Ihrem Willen ent⸗ gegenſtellten; dieſes Hinderniß aber ſollen Sie nicht beſeitigen können. Kein, das ſoll Ihnen nicht ge⸗ lingen.“ Und alſo ſprechend, ließ Robert Valery's Hand fahren, damit dieſer beim Angriff und bei der Ver⸗ theidigung über alle ſeine Mittel ſollte gebieten kön⸗ nen; er ſelbſt wies ihm aber zwei kräftige Fäuſte. Nun zog Valery ein Piſtol aus der Rocktaſche hervor.— „Wollen Sie mich weiter gehen laſſen?“ ſprach er. „Nein. Und Robert rührte ſich nicht. „Sie wollen alſo nicht?“ ——— — 464 „Nein.“ „Nehmen Sie ſich in Acht!“ „So ſchießen Sie, mein Herr.“ 7 „So wollen Sie es denn,“ rief Valery. Und außer ſich vor Zorn und noch aufgeregt von dem, was er im Laufe des Tags erlebt, ſtreckte er zitternd den Arm gegen Robert aus und drückte los. Der Koloß wankte keinen Augenblick und doch 4 war Valery überzeugt, daß er ſeinen Gegner ge⸗ troffen. 1 In der That ſah er, trotzdem daß es finſtere Nacht war, wie ein großer Blutflecken das Hemd 1 des jungen Mannes etwa in der Herzgegend röthete. Er hoffte nun(denn je verbrecheriſcher ein Menſch 4 iſt, um ſo mehr hofft er), er würde noch Zeit genug e zum Entfliehen haben, und that einen Schritt rück⸗ 4 1 wärts; noch ehe er aber einen zweiten thun konnte, h hatte Robert, ſtumm und bläß, ihn mit einer Hand 1 9 gepackt. Dann die andere emporhebend, ſprach er 8 zu ihm: H „Bereueſt Du Deine Sünden?“ h Anſtatt zu antworten, ſuchte Valery mit der noch ſi freien Hand das Papier zu zerreißen, das Felician T. ihm vor einer Weile zurückgegeben hatte. In dem ¹ Augenblick aber, wo er daſſelbe erfaßte, ſchleuderte Robert Friedrichs Hut weit weg und ließ, wie eine 96 wahre Keule, ſeine furchtbare Fauſt auf das Haupt w des Elenden herabfallen. S Gleich einem Betrunkenen taumelte Valery; es rollten ſeine Augen todt in ihren Höhlen; es ent⸗ 3 fuhren ſeinem Munde Worte ohne Zuſammenhang; er ſtreckte den Arm aus, drehte ſich etliche Male um ſich ſelbſt, ſtürzte wie eine träge Maſſe zu Boden, ſchlug mit dem Kopfe auf den Stufen der Treppe auf und hielt in ſeiner krampfhaft geballten Fauſt den zerknitterten Beweis aller ſeiner Verbrechen. Robert hob das entladene Piſtol vom Boden auf, nahm die Erklärung des Mörders, ſowie Blanca's Briefe, die er ſofort vernichtete, ging dann mit übermenſchlicher Kraft, da die Kugel des Grafen ihm in die Bruſt gedrungen war, nach dem Dorfe zurück, begab ſich noch ganz blutend zu dem erſten Bürger⸗ meiſter und ſprach: „Herr Bürgermeiſter! Ich wollte eben durch den Hohlweg im Thale hierher zurückkommen; da bin ich einem Manne begegnet, der mit einem Piſtol auf mich geſchoſſen und mich, wie Sie ſehen, verwundet hat. Ich habe mich, ſo gut ich konnte, meiner Haut gewehrt, und glaube ſogar, daß ich ihn durch einen Fauſtſchlag aus der Welt geſchafft habe. In einer Hand hielt er den verſiegelten Brief, den ich Ihnen hiemit übergebe, in der andern das Piſtol, deſſen er ſich bedient hat. Ich ſtelle mich freiwillig dem Ge⸗ richte, bitte aber um einen Arzt und um einen Prieſter.“ Indem Robert alſo ſprach, lächelte er dem Bür⸗ germeiſter zu wie ein Mann, der ein ſo ruhiges Ge⸗ wiſſen hat, daß es ihm möglich iſt, ſelbſt in ſeinem Schmerze zu lachen. Der Bürgermeiſter aber, der ihn gut kannte, rief: „Ich ſelbſt will den Arzt herbeiholen: es hole Jemand Herrn Pascal!“ Eine halbe Stunde darauf war der erſte Ver⸗ band angelegt und ſtand Felician bei Robert. Dumas, d. J., drei ſtarke Männer. 30 b 466 Der Arzt, der den Verwundeten verbunden hatte, war Herr Marächal, der Moncontour noch nicht ver⸗ laſſen hatte. Als der erſte Verband auf der Wunde lag, bot Robert Herrn Marächal die Hand hin und ſprach: „Ich danke Ihnen, Herr Doctor; laſſen Sie mich nun einige Augenblicke allein bei Felician.“ Herr Marchal zog ſich ſofort zurück. „Mein Bruder,“ hob dann Robert an,„ich kann ſterben. Ich muß daher beichten.“ Und nun erzählte der junge Mann dem Prieſter das Vorgefallene und ſchloß mit den Worten: „Was ich da geſagt, iſt die ganze, iſt die volle Wahrheit, lieber Herr Pascal: ich habe gethan, was ich für meine Pflicht und für mein Recht gehalten. Ein ſeltſamer Zufall wollte es, daß das Böſe, dem Guten gegenüber geſtellt, den Sieg davontrug. Es konnte, es durfte das nicht ſein, und in providen⸗ tieller Weiſe, glauben Sie mir es, hat die phyſiſche Kraft, hat die abſurde Kraft der Fäuſte das geſtörte Gleichgewicht wieder hergeſtellt. Es darf das Böſe die Wagſchale des Guten nicht allzu ſehr in die Höhe ſchnellen. Ich bin kein Prieſter und habe nicht ge⸗ lobt, immer nur demüthig zu ſein und mich in Alles zu ergeben. Ich habe dieſen Menſchen zu Boden geſchlagen wie den Stier, der auf Sie zugeſtürzt kam; es iſt dieß zwiſchen ihm und mir ein ehrlicher Zwei⸗ kampf geweſen, in dem ich nur meine Kraft und mein gutes Recht gegen einen Menſchen gebraucht habe, der eine tödtliche Waffe in Händen hatte. Alles dieß iſt geſchehen, ohne daß Sie darum ge⸗ wußt; Sie geht daher auch die Sache lediglich nichts . (( 1 ( „ 86 8 4 1 467 an. Indeſſen habe ich noch nicht all' das Unheil gut gemacht, das dieſer Menſch angerichtet. Gehen Sie und holen Sie Fräulein Blanca, mein Bruder: ich habe ihr etwas zu ſagen.“ Weinend und für dieſes edle Herz betend, küßte Pascal den Verwundeten und holte, ohne noch ein Wort zu ſagen, ſeine Schweſter. Unterdeſſen war der Subſtitut des königlichen Procurators gekommen, um den Mörder zu verhören; denn in den Augen des Geſetzes hatte ein Mord Statt gefunden. „Erzählen Sie mir die Sache genau, wie ſie vorgefallen,“ ſprach der Subſtitut. „Ich ſaß im Hohlwege,“ antwortete Robert,„da hat ein Mann, der herabkam, mir auf die Achſel geklopft mit den Worten:„„Laſſen Sie mich vorüber⸗ gehen.““ Wie es ſcheint, ſo bin ich ihm nicht ge⸗ ſchwind genug zu Willen geweſen, denn er hat ein Piſtol herausgezogen und aus einer Entfernung von drei Schritten auf mich gefeuert. Die Kugel iſt mir in die Bruſt gedrungen; da habe ich mich auf ihn geſtürzt und habe ihn mit einem Fauſtſchlage auf den Kopf zu Boden geſtreckt. Es ſah dieſer Menſch ſo erſchrocken aus, wie ein Verbrecher, der auf der Flucht begriffen iſt; ich ſelbſt habe ein Papier mit⸗ gebracht, das er in der Hand hielt, und, bevor er zu Boden ſtürzte, noch zu vernichten ſuchte; hier iſt auch das Piſtol, womit er bewaffnet war.“ „Iſt das wirklich die Wahrheit?“ „Ja.“ Und in der That war dieß die Wahrheit, wo nicht nach den Urſachen, ſo doch nach den Reſultaten; 468 es war die einzige Wahrheit, die Robert, wenn Blanca's und Pascals Chre unverſehrt bleiben ſollte, der menſchlichen Juſtiz ſagen konnte. Der Subſtitut erbrach die Erklärung und las ſie. „Sie haben nicht geirrt,“ ſprach er zu Robert, „Sie hatten einen großen Verbrecher vor ſich.“ Es war die Kugel aus der Wunde ausgezogen worden und da verſicherte man ſich denn, daß die⸗ ſelbe vom Kaliber des in Gerichtshänden befindlichen Piſtols war. An dem Griffe des letzteren waren die Anfangsbuchſtaben des Namens des Herrn de la Marche zu ſehen. Der Subſtitut erhob ſich und ſprach zu Robert: „Ich muß einſtweilen die Präventivhaft über Sie 1 1 1 verhängen; indeſſen wird, denke ich, die Unterſuchung nicht lange dauern, und hoffentlich ſind Sie bald wieder auf freiem Fuße.“ „Ich bin bereit, Ihnen zu folgen, Herr Sub⸗ ſtitut, muß Sie aber vorher noch um einen Gefallen bitten.“ D „Um welchen?“ n „Ich kann an der Wunde ſterben, die ich durch dieſen Menſchen erhalten; ich kann auch verurtheilt h werden, da kein Zeugniß außer dem meinigen vor⸗ n liegt. Bevor ich nun ſterbe, bevor ich in's Gefäng⸗ 4 niß wandere, ſo lange ich noch am Leben und ein ehrlicher Menſch bin, möchte ich meinen Namen einem d Mädchen geben, das ich liebe, und das ich hätte hei⸗ d rathen ſollen. Wir ſind hier bei dem erſten Bürger⸗ ſe meiſter, der Bruder des Mädchens iſt Prieſter, ſie ſelbſt wird bald hier erſcheinen; es iſt eine Sache nn 469 von ein paar Stunden. Dann bin ich bereit, überall hinzugehen, wohin die Juſtiz mich ſpricht.“ „Gut, morgen werde ich Sie in die Krankenſtube des Gekängniſſes, nicht in das Gefängniß ſelbſt, bringen laſſen; und bis dahin bleiben Sie hier ge⸗ fangen, jedoch nur auf Ehrenwort.“ Robert dankte dem Subſtitut, der ſich unter allen nur erdenklichen Zeichen von Sympathie für den Ge⸗ fangenen entfernte. Fünf Minuten darauf trat Blanca mit Pascal herein. „Robert, Sie ſind verwundet!“ rief Blanca, dem jungen Manne zu Füßen fallend,„und zwar um meinetwillen! Kann mir Gott je all' den Kummer und all' die Schmerzen vergeben, die Sie wegen meiner ausſtehen müſſen, mein Freund?“ „Herr de la Marche iſt todt, Blanca.“ „Ich weiß es.“ Und das Mädchen ſenkte das Haupt, als dieſer Name genannt wurde, welcher ein Zeuge und Be⸗ weis ihrer Schuld war. „Hatte ich Ihnen nicht verſprochen, daß das Un⸗ heil wieder gut gemacht werden würde?“ hob Robert wieder an. „Das iſt wahr.“ „Felician, vor vierzehn Tagen haben Sie mir die Hand Ihrer Schweſter angeboten; bieten Sie mir dieſelbe auch jetzt noch an, nachdem ich einen Men⸗ ſchen umgebracht?“ „Vor vierzehn Tagen,“ antwortete Felician, „wußte ich noch nicht, was ich jetzt weiß, Robert; 470 ich kann und darf Ihnen nun jetzt nicht mehr Blan⸗ ca’s Hand anbieten.“ „Blanca,“ ſprach dann Robert,„wollen Sie meine Frau werden?“ „Ach, ich konnte und durfte nur den Vater meines Kindes heirathen,“ rief Blanca, laut ſchluchzend und das Geſicht in beiden Händen verbergend. „Wohlan, Blanca,“ ſprach Robert mit einer Stimme und einem Lächeln, die ſich unmöglich wie⸗ dergeben laſſen,„ſeien Sie Suſannens Mutter, dann will ich dieſem Kinde Vater ſein.“ „Mein Bruder,“ fuhr Robert, auf Pascal ſich ſtützend, fort,„ſorgen Sie dafür, daß in der Kirche Alles parat iſt: in Zeit von einer Stunde ſind wir, Blanca und ich, bei Ihnen.“ Und in der That knieten eine Stunde darauf Blanca und Robert vor dem Altare, wo Pascal ſie traute. 2 Robert flehte zu Gott, daß er Blanca die nöthige Kraft verleihen möchte, um das Opfer zu vollbrin⸗ gen, das ſie der Ruhe und der Ehre ihrer Familie brächte; denn es wußte Robert nicht, daß Blanca ihn liebte. Als die Feierlichkeit vorüber war, kehrte Blanca mit ihrem Bruder in das elterliche Haus zurück; Robert aber ließ ſich in die Krankenſtube des Ge⸗ fängniſſes bringen. Nach Verfluß eines Monats war die Unterſu⸗ chung des Proceſſes beendigt, war Robert geheilt und nahmen die Schwurgerichtsverhandlungen zu Niort ihren Anfang. Der Gerichtsſaal war eben ſo angefüllt, als einſt der von Nimes es während der Verhandlungen im Proceſſe Raynal geweſen war; nur war Robert, im Gegenſatze zum erſten Angeklagten, von lauter Sym⸗ pathien umgeben, ſo daß man von allen Seiten des Saales ihm zulächelte. In dem Augenblicke, wo das Verhör beginnen ſollte, erhob ſich der Generaladvocat und ſprach, zu den Geſchwornen gewandt, folgende Worte: „Meine Herren Geſchworenen! „Es ſind nun acht Jahre, daß der Gerichtsſaal in der Stadt Nimes eben ſo gefüllt war, wie dieſer es iſt. Damals ſaß ein junger Mann auf der An⸗ klagebank; er war beſchuldigt, ſeinen Oheim und eine alte Frau ermordet und dieſelben nach ihrem Tode noch beſtohlen zu haben. „Dieſer junge Mann war unſchuldig; gleichwohl lagen gegen ihn Indicien vor, wodurch er ſchwer gravirt war. „Er wurde zum Tode verurtheilt und hingerich⸗ tet. Der wahre Schuldige wohnte den Verhandlun⸗ gen, ſowie auch der Hinrichtung an. „Dieſen Elenden, dieſen Dieb, dieſen zweifachen, in Verbrechen mehr denn je verhärteten Mörder hat Robert um's Leben gebracht, nachdem er von ihm eine Wunde erhalten, von der er kaum erſt wieder hergeſtellt iſt. Auch hat die Vorſehung es ſo ge⸗ wollt, daß der Mörder in dieſem Augenblicke den eigenhändig geſchriebenen Beweis aller ſeiner frühe⸗ ren Verbrechen bei ſich hatte, und es liegt dieſer Be⸗ weis bei den Acten. „Warum hat er Robert umbringen wollen? Ich weiß es nicht; ohne Zweifel deßhalb, weil er, von 472 Gewiſſensbiſſen und Schrecken verfolgt, in jedem ehr⸗ lichen Manne einen Richter und Rächer zu erblicken glaubte. „Ich, der Generaladvocat, trage darauf an, daß der Angeklagte, Robert, alsbald wieder in Freiheit geſetzt werde.“ Die Worte des Staatsanwalts begrüßte einſtim⸗ miger Beifall und allgemeines Freudengeſchrei. Die Geſchworenen erhoben ſich und zogen ſich in ihre Berathungszimmer zurück. Schon fünf Minuten darauf traten ſie wieder mit einem Wahrſpruch ein, wodurch der Angeklagte völlig frei geſprochen wurde. Dreißigſtes Kapitel. Noblesse oblige, oder ächter Adel bewährt ſich durch die That. Dieſer Proceß und die Erklärung, die in Folge deſſelben an das Tageslicht kam, riefen zu Nimes eine große Bewegung hervor. Man ſuchte die Eltern Raynals aufzufinden; allein ſie waren todt. Man brachte das Andenken des Unſchuldigen wieder zu Ehren; weiter aber konnte man nicht thun. 4 Herr von Thonnerins und Leonie hatten Paris verlaſſen. Sie waren auf ihr Gut im Dauphiné gegangen. Dort angekommen, lebten Vater und Tochter ſo getrennt, als der Anſtand es immer zu⸗ ließ, das heißt, Fräulein von Thonnerins blieb unter dem Vorwande, als beſchäftige ſie ſich mit Muſik und Zeichnen, auf ihrem Zimmer, während der alte hr⸗ ken aß eit m⸗ in er te — 8 n 473 Marquis ein Gleiches that, das heißt, auf dem ſeini⸗ gen blieb. Der alte Adelige war in einem Monate um zehn Jahre älter geworden. Man konnte leicht ſehen, daß ein großer Kummer an dieſem großen Stolze zehrte. Was Leonien betrifft, ſo lebte ſie, wie ſie immer gelebt hatte. Jeden Morgen ließ ſie ihr Pferd ſatteln und machte, von zwei Dienern gefolgt, in einem herrlichen, zu ihrem Gute gehörigen Gehölze Spazierritte, die zwei bis drei Stunden dauerten, während deren ſie ihr Pferd in geſtrecktem Galopp erhielt, und von denen ſie keuchend heimzukommen pflegte. Lag für ſie in dieſen tollen Ritten nur das Vergnügen, daß ein windſchnelles Pferd ſie entführte und daß ſie gegen eine Gefahr kämpfte? In dieſem Jahre beſuchte der Marquis ſeinen Nachbar nur wenig, und ebenſo wenig war von den glanzvollen Feſtlichkeiten mehr etwas zu ſehen, welche ſonſt auf dem Schloſſe Statt gefunden hatten. Im Uebrigen wollte Herr von Thonnerins nun dort ſeinen definitiven Wohnſitz aufſchlagen; ganz allein wollte er nach der Hochzeit ſeiner Tochter dort bleiben, die mit Herrn de la Marche auf den Ge⸗ ſandtſchaftspoſten abgehen ſollte, welchen ihr Vater im Voraus für ſeinen zukünftigen Schwiegerſohn, noch ehe er dieſen genannt, erhalten hatte. Schon war die Zeit um, um welche Friedrich im Dauphiné erſcheinen ſollte, als Herr von Thon⸗ nerins eines Abends in einem der Blätter, die er hielt, und die ihm in ſeiner Einſamkeit berichteten, 474 was in der Welt vorging, die näheren Umſtände bezüglich der Erklärung Valery's und des Todes des Herrn de la Marche las. Er erblaßte, als er dieſen Bericht zu Geſicht be⸗ kam, nahm das Blatt und ging damit in das Zim⸗ mer ſeiner Tochter hinauf. „Da lies!“ ſprach er zu ihr, indem er ihr das Blatt hinbot und auf den Paragraphen hindeutete, den ſie leſen ſollte. Leonie nahm das Blatt. Es verzog ſich in ihrem Geſicht auch nicht ein Muskel. „Schon recht, Vater!“ ſprach ſie. Sofort entfernte ſich der Greis wieder und ſchloß ſich, ohne eine weitere Erklärung zu geben oder zu verlangen, kalt und ſtumm wie die perſonificirte Verzweiflung in ſeinem Zimmer ein. Als Leonie wieder allein war, ſtand ſie auf, trat an ihren Spiegel hin und beſchaute ſich darin einige Augenblicke. „Es iſt doch Schade!“ ſprach ſie, ſich zulächelnd, „ich war ſchön.“ Und in der That war ſie ſchön. Es hatte ihre Schönheit jenes eigenthümliche Kalte, Impoſante, Energiſche, das man bei Sproſſen alter Familien wahrnimmt, und es verlieh ihren Zü⸗ gen der alte Adel, der in ihren Adern floß, jenen männlichen Stolz, welchen der Muth und die Kraft dem Menſchen zu verleihen pflegen. Gegen Mitternacht legte ſich Leonie ſchlafen. Im Laufe des Abends hatte ſie mehrmals Tritte gehört, welche ſich ihrem Zimmer näherten, an ihrer Thüre aber Halt machten. * ———— —— 475 Sie hatte den Tritt ihres Vaters erkannt, der mit eigenen Ohren hatte hören wollen, was drinnen im Zimmer vorging, es aber nicht gewagt hatte, die Schwelle zu überſchreiten. Fräulein von Thonnerins hatte auf ihrem Bette ein aufgeſchlagenes Buch liegen; ihre Augen und Gedanken aber waren anderswo. Sie hörte nach einander alle Stunden der Nacht ſchlagen. Gleich ihr wachte auch ihr Vater auf ſeinem Zimmer; nur hatte er ſich nicht ſchlafen gelegt, ſon⸗ dern machte an Einem fort ſeine Fenſtervorhänge ein wenig auf, damit ſeine Augen auf die erleuchte⸗ ten Fenſter ſeiner Tochter ſich heften konnten. Endlich erſchien der Tag. Leonie ſtand auf, legte ihr Amazonenkleid an und ging dann in den Speiſeſaal zu ihrem Vater hinab, um mit ihm zu frühſtücken. Der Marquis war bläſſer, als er je geweſen war. Das Frühſtück ging wie gewöhnlich vorüber. Als es aber zu Ende war, ging Fräulein von Thonnerins zum Marquis hin und ſprach, was ſie ſeit dem Beſuche Friedrichs auch nicht ein Mal mehr gethan: „Wollen Sie mir einen Kuß geben, Vater?“ Herr von Thonnerins umſchlang ſeine Tochter mit beiden Armen, küßte ſie und ſprach mit ſchwacher Stimme: „Muth, Muth gefaßt!“ „Ich habe Muth genug, Vater, ſeien Sie ruhig,“ antwortete, Leonie. Dann entriß ſie ſich den Armen des Marquis und ließ ihr Pferd vorführen. 476 Man brachte ein herrliches Thier herbei, deſſen Beine ſo gelenk und geſchmeidig waren wie der feinſte Stahl, und das vor lauter Jugend und Feuer zitterte. Leonie ſchwang ſich in den Sattel. Das Thier bäumte ſich etliche Male unter deren wohlbekannten Hand, worauf das Mädchen, von ihren zwei Dienern gefolgt, das Schloß verließ. Als ſie etwa zweihundert Schritte weit geritten war, ließ ſie ihr Pferd einen ſcharfen Trab anſchla⸗ gen. Die beiden Diener thaten ein Gleiches, plau⸗ derten übrigens ruhig fort. Doch es ſtand nicht lange an, ſo mußten ſie noch ein Mal ſo geſchwind reiten; denn Leoniens Trab ging mit einem Male in den raſendſten Galopp über. Sie verſchwand in einer ungeheuren Staubwolke. „Der Teufel! Das heiße ich einmal reiten!“ ſprach einer der beiden Diener. „Du weißt wohl, daß es dem gnädigen Fräulein Spaß macht, in geſtrecktem Galopp zu reiten.“ „Ja, aber ſie thut das ſonſt nicht in Alleen wie dieſe iſt.“ „Ja, und was hat denn dieſe Allee Beſonderes?“ „Wie! Du ſiehſt nicht, daß ſie dort unten voller Löcher iſt und daß man jeden Augenblick über Bar⸗ rieren ſetzen muß? Schau, ſchau, dort ſetzt das gnä⸗ dige Fräulein ſchon über eine.“ „Aber ſie wird ſich den Hals brechen!“ Und in der That ließ Leonie in dieſem Augen⸗ blicke ihr Pferd über eine Barriere ſetzen, die wenig⸗ ſtens fünfthalb Fuß hoch war. „Wenn das gnädige Fräulein beim Reiten ſich 4. 477 den Hals bricht, ſo iſt es mit der Welt aus. Schau' ſelbſt hin.“ In dieſem Augenblicke fing Leonie, nachdem ſie über die Barriere geſetzt hatte, wieder an, windſchnell dahin zu galoppiren. Dabei ſagte ſie bei ſich ſelbſt: „Die Sache iſt wirklich nicht ſo leicht, als ich glaube.“ „Man muß aber auch ſagen, daß die Corinna famos läuft.“ „Ja, aber ſchau, wie ſie uns vorankommt. Man ſollte meinen, es gehe ihr Pferd mit ihr durch.“ „Dummer Kerl!’“ „Es iſt nicht anders möglich. Da jagt ſie ge⸗ rade auf die Schlucht zu: hält ſie nicht an, ſo iſt es unfehlbar um ſie geſchehen.“ „Ihr nach!“ Und es jagten die beiden Diener ihren Pferden heulend die Sporen in den Leib; denn die Gefahr, welche Leonie lief, war offenbar, war gräßlich. „Gnädiges Fräulein, gnädiges Fräulein, halten Sie doch an!“ Aber Leonie hörte ſchon nichts mehr. Am Rande der Schlucht angekommen, die etliche zwanzig Fuß tief ſein mochte, und deren Grund von gewaltigen Granitmaſſen eingenommen war, ließ ſie ihr Pferd über die Schranke ſetzen, welche die Schlucht von dem Wege trennte und jagte in den leeren Raum hinaus. Dabei ſchrie ſie, wie wenn ſie unter dem Einfluſſe eines verhängnißvollen Rauſches ſich befunden hätte: „Vorwärts, vorwärts!“ Einen Augenblick darauf lag ſie ſammt dem Pferde in dem Abgrunde. etliche Schritte weiter weg wieder zu Boden zu ſtürzen: es hatte zwei Beine gebrochen. Was Leonien betrifft, ſo war ſie auf der Stelle todt geblieben. Ein altes Weib, das in der Schlucht eben dürres Holz ſammelte und Alles geſehen hatte, erzählte den Hergang der Sache. Die beiden Diener hoben, an der Stelle ange⸗ kommen, wo das Unglück geſchehen war, den Leich⸗ nam ihrer Herrin auf, machten aus Aeſten, die ſie zwiſchen ihre beiden Pferde legten, eine Art Bahre, brachten ſo die Leiche nach dem Schloſſe zurück und fragten ſich unterwegs, wie ſie dem Marquis dieſe gräßliche Nachricht verkünden ſollten. Man gebe Leonien und dem Herrn von Thon⸗ nerins anſtatt der Rückſicht auf das Urtheil der Menſchen und anſtatt des Namensſtolzes die Erge⸗ bung Pascals und den Gottesglauben Blanca's, ſo wird Leonie ſich nicht mehr ums Leben bringen, ſon⸗ dern zur Reue ihre Zuflucht nehmen; der Marquis aber wird dann, anſtatt der Verzweiflung Raum zu geben, fühlen, wie Ruhe in ſeine Seele einzieht. Gott, dem im Leben aller Hochmuth zuwider iſt, kann dem Selbſtmörder nicht verzeihen; denn der Selbſt⸗ mord iſt der Hochmuth des Todes. Dieß iſt es, was dem heiligen Auguſtin die erhabenen Worte in den Mund gegeben hat:„Ja, es iſt der Tod der Lucretia, die ihre Schande nicht überleben mag, etwas Schönes und Großes; noch ſchöner aber wäre es ge⸗ weſen, wenn ſie ſich hätte entſchließen können, am Das Pferd allein ſtand wieder auf, aber nur um 4 34 Leben zu bleiben. Und wäre ſie eine Chriſtin ge⸗ weſen, ſo hätte ſie auch ferner leben wollen.“ Einunddreißigſtes Kapitel. 4 Schlußwort. Sieben Monate, nachdem Robert ſeine Freiheit V wieder erlangt hatte, verrichtete die Natur, die ſich weder um die Urſachen, noch um die Wirkungen kümmert, ihr Werk: es empfand Blanca die erſten Geburtsſchmerzen. Frau Pascal, Felician und Herr Maréchal waren anweſend. Robert, der ſtarke Mann, weinte und wagte nicht in das Zimmer hineinzugehen, wo das Weſen, das ihm auf dieſer Erde das Theuerſte war, ſo gräßlich litt. Mit einem Male kam Herr Maréchal zu ihm heraus und ſprach: „Sie können hereinkommen, mein Freund.“ „Und Blanca? „Iſt gerettet.“ „Das Kind?“ „Lebt, wird aber ſchon in wenigen Stunden 85 ſterben.“ Es iſt der Menſch nicht vollkommen wie Gott. Robert hatte gelobt, daß er aus dieſem Kinde das ſeinige machen wollte, aber Gott, der die Grenze menſchlicher Kraft kennt, nahm das arme Würmchen, das heißt, den lebenden Beweis einer peinlichen Ver⸗ 4 gangenheit wieder zu ſich. Unwillkührlich dankte Robert Gott. Er kniete zu den Füßen ſeiner Frau nieder, die blaß, erſchöpft, ſterbend, ihm die Hand hinbot und ganz leiſe ſprach: „Robert, ich bin in Todesgefahr: jegliches Weſen iſt, wenn es einem andern das Leben gibt, dem Tode nahe. Mit Ungeduld habe ich dieſer Stunde geharrt; denn dann erſt durfte ich ganz offen gegen Dich ſein und Dir die ganze Wahrheit bekennen. „Robert, ich muß Dir ein Wort ſagen, das ſeit nun acht Monaten meine Seele erfüllt und mir faſt das Herz abdrückt, das Wort: Ich liebe Dich!“ Und von dem Schmerze und der Aufregung er⸗ ſchöpft, ſank Blanca bewegungslos äuf ihr Bett zurück. „Sie iſt geſtorben!“ rief Robert erſchrocken. „Nein,“ antwortete Herr Maréchal lächelnd,„ſie ſchläft nur. In vierzehn Tagen wollen wir Alle Gott danken und Felicians erſte Predigt hören.“ Es verſtrichen die vierzehn Tage, und an einem ſchönen Sonntagmorgen begaben ſich Robert, Suſanne, Frau Pascal, Herr Maréchal, ſowie Blanca nach der kleinen Kirche von Moncontour. Die bleiche junge Frau ſtützte ſich dabei auf den Arm ihres Gatten. In dem Augenblicke, wo ſie in das Gotteshaus traten, beſtieg Pascal die Kanzel, und es war ſeine Predigt eine fromme und keuſche Entwickelung der ſchönen Worte Chriſti in Betreff der Ehebrecherin: „Wer unter euch iſt ohne Sünde, der werfe den erſten Stein auf ſie!“ Ende. —-— ſſſſſſſſſſfſſnſſſſſſſſſſtſſſnnnnſnnnnſiſſſſſſſnmſnnntn 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17