——— ibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. f . Leih- und ICeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 53 8„ 1 5„—„,—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köoſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 — Ausgewählte Werke von Alerander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. Stuttgart. Franckhiſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stutigart. Ein Frauenleben. Roman von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. Zweiter Baud. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Es gibt Gemüthsbewegungen, die ſich unmöglich beſchreiben laſſen. Alles, was wir ſagen konnten, haben wir geſagt. Gewiß iſt ſo viel, daß die beiden Neuvermählten ſich gegenſeitig liebten. Immanuel hatte wider ſeinen Willen ſeine ganze Jugend, ſeine ganze Kraft, ſeinen ganzen Ehrgeiz in dieſe Liebe gelegt. Wird ein Mann, wie er, ſo alt, ohne zu lieben, ſo bemächtigt ſich, ſobald er zu lieben anfängt, die Liebe ſeines ganzen Herzens, ſo überſtrömt ſie das⸗ ſelbe, und gleich einem Geizhalſe, der plötzlich ein Ver⸗ ſchwender wurde, vergeudet er dann alle Freuden, die in ihm ſich angehäuft, und die er nicht genoſſen. Herr von Bryon war alſo ſeiner Frau das, was er ſeiner erſten Geliebten hätte ſein ſollen; er brachte ganze Stunden zu ihren Füßen zu, ſie wie eine Ma⸗ donna betrachtend, ihre Füßchen küſſend, und unklu⸗ ger Weiſe ſein ganzes Leben in das Mariens legend, die rückhaltslos ſich dem ganzen Zauber ihres neuen Daſeins überließ, ſeine Liebe durch die ihrige erwi⸗ dernd und ihr ganzes Glück darin findend, daß ſie ihn liebte. Es war eine ſo neue, ſo naive, ſo keuſche Seele um die der jungen Frau,— ein ſo reines Buch um das Buch ihres Lebens! Da war auch nicht ein Gedanke, der nicht heilig, auch nicht eine ,— 6 Handlung, die nicht edel geweſen wäre, auch nicht ein Wort, das ein Engel nicht hätte hören dürfen. Daher blätterte auch Immanuel triumphirend und ganz nach Belieben darin; auf alle noch leeren Sei⸗ ten ſchrieb er ſeinen Namen, und das holde Geſchöpf, nur Liebe und Frömmigkeit athmend, gab ſich den Wirklichkeiten ihrer Träume hin. Es hatte dieſe Heirath gewaltiges Aufſehen ge⸗ macht, und mit Ungeduld erwartete man, bis die Neuvermählten ſich in den Salons ſehen laſſen wür⸗ den. Allein das neue Paar wollte eben immer nicht erſcheinen; es wollten die Neuvermählten zu Anfang einer ſo heiß erſehnten Intimität nicht ſich an die Etikette der Welt ketten und ſich zeigen, um ſchale oder zweideutige Complimente entgegenzunehmen. Sie blieben alſo Abends in ihrem Zimmer, Imma⸗ nuel ſich zu Mariens Füßen lagernd, Beide aber einander zulächelnd und, wenn gleich ganz allein, doch nur leiſe ſprechend. „Meine Liebe zu Dir,“ pflegte Marie, zu Im⸗ manuels Füßen liegend und den Kopf auf den Knien ihres Gatten liegen laſſend, zu ſagen,„bin ich ge⸗ wahr geworden an dem Tage, wo wir mit einander nach Deinem Schlößchen gegangen, und wo ich das über Deinem Bette hängende Bild geſehen. Damals wußte ich nicht, daß es Deine Mutter war, und es peinigte mich die Eiferſucht; nun aber iſt man nicht eiferſuchtig, ohne zu lieben.“ „Und doch machteſt Du mich recht unglücklich,“ pflegte Immanuel zu verſetzen.„Wenn Du wüßteſt, was ich ausgeſtanden an dem Tage, wo Du mir zu 7 verſtehen gabſt, daß eine zu große Intimität zwiſchen uns herrſche!“ „Ich fühlte eben, daß ich Dich ſchon liebte, und fürchtete, daß Du mich nicht lieben möchteſt, und dann wollteſt Du ja auch Clementine heirathen!“ „Es war Dein Vater, der ſich dieſe Heirath in den Kopf geſetzt hatte.“ „Und wenn Clementine nicht verzichtet hätte?... „So würde die Heirath eben vor ſich gegangen ſein.“ „Was wäre aber aus mir geworden? Ich wäre geſtorben!“ „Und auch ich!“ „Es war weit einfacher, ſich gegenſeitig Alles zu geſtehen.“ „Das iſt wahr.“ der„Wie thöricht doch man iſt, wenn man einander iebt!“ „Immer wahr.“ „An dem Abende, wo Clementine lachend und ganz glücklich erzählt hat, daß Du ſie heirathen wol⸗ leſt,— mein Gott, wie habe ich da nicht geweint!“ „Warum haſt Du ihr nicht Alles geſagt!“ „Warum hätte ich ihr eine Freude rauben ſollen, ſo lange ich nicht gewiß war, daß ich mich dadurch glücklich machte?— Ich habe aber geglaubt, Du liebeſt ſie.“ Und ſo erzählten ſich Beide mit der Naivetät eines Kindes alle ihre früheren Gemüthsbewegungen. Wir haben geſagt, daß dieſe Heirath Immanuels A gewaltiges Aufſehen erregt; und es war daſſelbe um ſo größer geweſen, als Herr von Bryon ſeitdem in 77 8 der Kammer gar nicht mehr erſchienen war. Noch nie hatte man in der That eine ſchönere Haushal⸗ tung, ein vollkommeneres Glück geſehen. Immanuel und Marie lebten ganz für einander, ohne ein Be⸗ dürfniß nach äußerem Leben zu fühlen. Marie fand ihre neue Stellung luſtig; in der Frau kam das Kind wieder zum Vorſchein; ſie war noch ſo jung, daß ſie mit ihrer Heirath, ſo zu ſagen, ſpielte. Wie wir geſagt, ſo währte die Correſpondenz zwiſchen ihr und Fräulein Dübois immer noch fort; denn Letztere war die Vertraute aller Gefühle geworden, oder viel⸗ mehr geblieben, welche Frau von Bryon allein be⸗ ſchreiben konnte. „Meine liebe Marie,“ ſchrieb eines Tages Cle⸗ mentine an Letztere,„ich bin nicht mehr bei Frau Düvernay, ſondern habe mich nun ganz bei meiner Tante inſtallirt; das Penſionatsleben war mir un⸗ ausſtehlich geworden. In unſerem Häuschen zu Rieuville ſind ein paar Zimmer, die Du mit Herrn von Bryon annehmen könnteſt, wenn es Dir im Frühling gefiele, in ſeiner Geſellſchaft eine Woche bei einer guten Freundin zuzubringen, die unabläſſig an Dich denkt und von der Du eine Hälfte ihres Herzens mitgenommen haſt. Indeſſen gefällt es mir hier; Du weißt, daß ich nicht allzuſchwer zu befrie⸗ digen bin. „Man müßte aber auch in der That ganz trau⸗ rig ſein, wenn man nicht über Alles, was ich täg⸗ lich ſehe, lachen wollte. Es hat es meine Tante durchaus kein Hehl gehabt, daß ſie mich aus dem Penſionat herausnehme, um mich unter die Haube 9 zu bringen, und nun laufen die Freier ſchon wie be⸗ ſeſſen;— und was für Freier! Schon hat der Sohn des Steuereinnehmers um mich angehalten; ſelbiger beſitzt neben dem drolligſten Kopfe, den man nur ſehen kann, eine Summe von hunderttauſend Franken;— was ihn glauben läßt, daß, wenn Paris zu verkaufen wäre, er es kaufen könnte. So⸗ bald ich in ein Haus komme, wo er eben iſt, heftet er ſeine großen blauen Augen auf mich und ſchaut mich an.— Ich wollte dann, daß man mir eine ſchlechte Nachricht verkündigte, die mich zum Weinen brächte: ſo groß iſt meine Lachluſt. Er ſpielt Flöte und ſingt Romanzen. Hier ſpricht Jedermann nur von dem Glück, das er ſchon bei Frauen gemacht. „Es ſind noch Andere da, die mir den Hof ma⸗ chen und ſich erſt meines Herzens verſichern wollen, ehe ſie um mich anhalten. Die Complimente, die ich bekomme, ſind wahrhaft merkwürdig. Da dieſe Herren wiſſen, daß ich bei meiner Tante allein bin, ſo thun Sie ſich gar keinen Zwang an und ſchreiben mir die tollſten, närriſchſten Briefe, die ein Provinz⸗ bewohner nur immer ſchreiben kann. Ich überſchicke Dir einige als Proben, wie geiſtreich und witzig in dieſem Departement die Leute ſind. „Ich habe Aufſehen gemacht und werde überall gefeiert. Gleichwohl habe ich aber auch meine Kri⸗ tiker und hauptſächlich meine Kritikerinnen. Es ſind dieß die Väter und Mütter, die das Glück haben, lächerliche Töchter zu beſitzen, deren Heirath durch meine Ankunft hinausgeſchoben wird. Dieſelben fin⸗ den gar viel an mir auszuſetzen und ſuchen die Par⸗ tien, die ſich zeigen, von mir fern zu halten. Ich „ 10 muß geſtehen, daß ich darin ein bischen ihre Mit⸗ ſchuldige bin, denn ich thue lediglich Nichts, um ſolche Partien herbeizuziehen. Mit einem Worte, meine liebe Marie, biſt Du immer glücklich, ſo bin ich im⸗ mer luſtig. Liebſt Du, ſo lache ich. Es hat ſich alſo in meiner Exiſtenz gar Nichts verändert; und da wir ſtets das gleiche Schickſal haben, ſo wollen wir auch ſtets die gleiche Freundſchaft für einander bewahren. Sobald ich Dir Etwas mitzutheilen habe, was für mich von Wichtigkeit iſt, werde ich Dich es wiſſen laſſen.“ Hierauf antwortete Marie ein wenig in dem Doctor⸗Tone einer verheiratheten Frau, die mit einem Male vernünftig geworden zu ſein glaubt, wie wenn ſolches die gewöhnliche Wirkung des ehelichen Lebens wäre: „Meine liebe Clementine, beſinne Dich ja recht, bevor Du Dich heiratheſt; trau dem Schein nicht und denke vor Allem an die Zukunft! Eben weil ich glücklich bin, möchte ich, daß auch Du es wäreſt. Sieh auf die Eigenſchaften des Herzens, auf die man vor der Heirath ſo wenig achtet, die man nach der Heirath aber gar nicht genug ſchätzen kann. „Herr von Bryon iſt gegen mich immer der nämliche; ja, liebe Freundin, ich bin glücklich, recht glücklich, und was mein Glück noch erhöht, iſt die Gewißheit, daß ich Mutter ſein werde. Du kennſt noch nicht, wirſt aber einſt das himmliſche Glück ken⸗ nen, das in dieſem Worte ausgeſprochen liegt. Du kannſt die Wonne noch nicht begreifen, mit der man +½ 8ᷣ.A—- D H———D=——————— ——&ᷣ=— 05 R 2SS — 23 11 ſich ſagt: Es wird ein Weſen mir das Leben ver⸗ danken, und mich lieben, denn es wird das Kind meiner Liebe und meines Leibes ſein. Seitdem ich meinem Manne dieſe glückliche Nachricht verkündigt, verläßt er mich gar nicht mehr; Nichts iſt ſo rüh⸗ rend, wie die Art und Weiſe, in der er für mich ſorgt und mich pflegt. Denke Dir, er nimmt mich gleich einem Kinde in die Arme und trägt mich von meinem Zimmer in meinen Wagen; alle meine Wünſche, ja ſelbſt alle meine Launen werden, noch ehe ich ſie ausſpreche, erfüllt. Oft leſe oder ſticke und nähe ich bei ihm, während er arbeitet, und da gewahre ich denn, wie er mich heimlich anſchaut und bewundert, denn es läßt ſeine Liebe mich in ſeinen Augen ſchöner erſcheinen, als ich in der That bin. „Könnteſt Du hören, wie wir Luftſchlöſſer bauen, ſo würdeſt Du hier lachen, wie Du jetzt in Deiner Heimath lachſt. Wir ſind über das Unmögliche noch hinausgegangen. Denn indem ich mich aller Schmer⸗ zen erinnere, wovon ich, wenn auch nicht Zeuge, ſo doch das Echo geweſen bin, ſo ſage ich bei mir ſelbſt: Es iſt wohl unwahrſcheinlich, daß ſolches Glück, daß ſolche Wonne ewig dauere; und doch liegt kein Grund vor, daß dem nicht alſo fortwährend ſo ſei, da wir einander noch inniger lieben, als am erſten Tage. Was mir beweist, daß ich meinen Immanuel ewig lieben werde, iſt, daß ich nie einen Gedanken habe, der ihm fremd, deſſen Gegenſtand er nicht wäre. Ich begreife kein Feſt, kein Vergnügen, wobei er nicht iſt; und was mir lieber iſt, als Alles, das ſind die allabendlichen Geſpräche, die wir in unſerem wunderſchönen. Hotel, neben unſerem Feuer, unter 12 vier Augen haben. Bisweilen unterbrechen wir uns auch plötzlich, er, wenn er ſo denkt, ich, wenn ich ſo leſe, um einander zuzulächeln und mit einander zu ſprechen. Da ſteht er denn auf, legt ſich zu meinen Füßen, und bleibt ſo ganze Stunden. Wir hören das Geräuſch der großen Stadt allmählig erſterben, — der Stadt, von der wir auch nicht eine einzige Freude verlangen, und deren Treiben wir von fern zuſchauen, ohne daß wir ihrer bedürfen und ohne daß ſie unſer bedarf. Und dann ſchweigt und ver⸗ ſtummt Alles; die Nacht wird zur Stille, und es ſcheint uns, daß es in der ganzen Schöpfung nichts Anderes mehr gibt, als unſere Liebe. „Ich weiß fürwahr nicht, woher alle die Leute, die Abends an unſerem Hauſe vorübergehen, kommen oder wohin ſie gehen mögen; aber ich beklage immer⸗ hin diejenigen— Männer oder Frauen—, die in den erſten Stunden der Nacht nicht irgend ein Herz haben, das ſie liebt und ihnen aus ihrer Iſolirtheit eine Welt macht. „Später, in einem Jahre, treten wir eine große Reiſe an: wir wollen Rom, Neapel, Venedig, alle jene Paradieſe ſehen, welche Gott der Erde geſchenkt. Welch' herrliche Reiſe in der Geſellſchaft des Man⸗ nes, den man liebt! Die Länder zu ſehen, wo Großes geſchehen, wo Gott ſeine Gnade oder ſeinen Zorn ausgeſchüttet; mit dem Herzen wie mit dem Geiſte zu ſchauen; mit der eigenen Liebe die Spuren vergangener Liebe zu verfolgen; jene Luft voll ſchö⸗ ner Erinnerungen zu athmen; ſich mit der Sonne Neapels, mit den Geſängen Venedigs, mit den Ge⸗ danken, die Rom einflößen kann, zu berauſchen, und 13 dabei immer nur zu zweien zu ſein, das— iſt auch noch ein Glück, und dieſes Glück wird mir zu Theil werden. Es gibt wahrhaftig eine Poeſie, die man nur dann verſtehen kann, wenn man liebt. Erinnerſt Du Dich noch der Zeit, wo wir in unſerem Penſionat den Shakeſpeare überſetzten; wir fanden das zwar recht ſchön, aber doch war Vieles darin, wofür wir unempfindlich blieben; warum? Es waren die Saiten unſerer Seele, welche von dieſen Dingen berührt wurden, noch von keiner geliebten Hand angeſchla⸗ gen worden, und da dieſelben noch kein Leben erhalten hatten, ſo blieben ſie ſtumm. Wohlan! Jetzt leſe ich Stunden, ja Tage lang in meinem Shakeſpeare, in demſelben, den ich im Penſionat ſchon hatte, und es däucht mir, ich habe nun ein ganz neues Buch vor mir. Bald denke ich mich als Julia, bald als Ophelia, bald als Desdemona; nun begreife ich die Leidenſchaften dieſer ſchönen und keuſchen Geſtalten, ich begreife ihre Liebe vermittelſt der meinigen, ihre Gedanken vermittelſt der meinigen. Ich finde ſie mehr denn ſchön, ich finde ſie wahr; dann gebe ich Immanuel das Buch und laſſe ihn laut leſen. Und er iſt dann der wahre Othello, der wahre Hamlet, der wahre Romeo. Aus ſeiner Intonation, ſeiner Stimme, ſeiner ganzen Gemüthsſtimmung errathe ich, daß er mit der Seele des Dichters all' die Eiferſucht des Mohren, all' die Träumerei Hamlets, all' die Liebe von Julia's Geliebtem verbindet. Leſe ich all' dieſe herrlichen Dinge, ſo zweifle ich, ob es wirklich ein einziger Menſch geweſen, der ſie geſchaffen, und es ſcheint mir dann, als ſei das Wort Shakeſpeare nichts Anderes, denn ein göttlicher Pſeudonymus. 14 „Es iſt das Herz, das den Geiſt erhebt und er⸗ leuchtet; oft aber täuſcht dieſes Licht auch, da es von unten kommt. Ich begreife recht wohl die Irr⸗ thümer und Fehler junger Mädchen, die ganz allein durch dieſe Bücher zu Grunde gehen, die wir zu zweien ſo ſchön finden. Sie faſſen leidenſchaftliche Zuneigung zu irgend einem dieſer Vorbilder, das ſie ſtets in dem erſten beſten Mann wiederzufinden glau⸗ ben, und laſſen die Phantaſie ihre Herzensange⸗ legenheiten beſorgen, was ein Fehler iſt. „Was ich Dir da ſchreibe, langweilt Dich viel⸗ leicht entſetzlich, meine liebe Clementine; aber es iſt Deine Seele die Vertraute der meinigen, und ich laſſe mich immer ſo weit gehen, daß ich Dir alle meine Gedanken ſage, deren erſter und letzter immer der iſt, daß ich Dich liebe.“ „Wohlan, liebe Marie,“ ſagte ſpäter Fräulein Dübois in einem ihrer Briefe,„ich glaube, daß ich nun in allem Ernſte heirathe. Du haſt geſagt, ich ſolle hauptſächlich auf's Herz ſehen; ich will nun Deinem guten Rathe folgen. Mein blauäugiger jun⸗ ger Menſch, der nämliche, von dem ich Dir geſagt, daß er die Flöte gleich dem Gotte Pan blaſe, iſt entſchieden das Beſte, was die Stadt aufzuweiſen hat. Es iſt ein guter Menſch; man hat mir rüh⸗ rende Züge von ihm erzählt, und er liebt mich wirk⸗ lich recht ſehr. Der arme Burſche! Alle ſeine Abende bringt er bei meiner Tante zu, um mit ihr Whiſt zu ſpielen, und Du weißt, wie es ſchon gar lange her iſt, daß man ſo den Nichten ſeine Liebe beweist. Ich geſtehe Dir gern, daß ich mich von einem ſolchen 15 Beweiſe beſtechen laſſe. Und dann muß ich Dir auch ſagen, daß er gar nicht mehr zu erkennen iſt, daß ich einen ganz andern Menſchen aus ihm gemacht. Sonſt ſah ich ihn in Anzügen erſcheinen, die mehr liebenswürdig als elegant, vor Allem aber von wahr⸗ haft unſeligem Geſchmacke waren: ihm gab es nie etwas zu Buntes, zu Helles; auch trug er einen Bart, der im militäriſchen Leben recht majeſtätiſch ſein mochte, im bürgerlichen aber gar abſcheulich war. Da habe ich nun eines Tages in ſeiner Gegen⸗ wart geſagt, wie ich meinen Mann gekleidet zu ſehen wünſchte, und ſiehe da! drei Tage darauf erſchien er wieder bei meiner Tante durchaus in dem von mir bezeichneten Anzuge, das heißt, in aller⸗ liebſten Phantaſie⸗Beinkleidern, mit gehörig ange⸗ zogenem Halstuche und abgeſäbeltem Barte; vielleicht war das Haar noch etwas allzu manierirt, aber Du weißt, liebe Marie, man bewirkt auf's erſte Mal nicht Alles; kurz und gut, er war ganz unkenntlich. Du begreifſt leicht, daß ein Frauenzimmer für ſol⸗ chen Gehorſam nicht ganz unempfindlich iſt, und ich glaube wirklich, daß ich bald Frau Barillard heißen werde. „Auch weißt Du, daß ich nicht allzu große An⸗ ſprüche mache. Rechnen wir Alles zuſammen, was wir Beide ſchon haben, und was er noch beim Ab⸗ leben ſeines Vaters bekommt, ſo haben wir etwa zwölftauſend Franken Renten, und damit können wir wohl jedes Jahr ein paar Monate in Paris leben, wenn wir nicht ganz dahin ziehen; denn ſchau, ich werde ehrgeizig, und wie Du Dir leicht denken kannſt, ſo biſt Du eine der Urſachen dieſes meines Chrgeizes. 16 Nur Eines macht mir Sorge, nämlich daß er Barillard heißt, und noch obendrein Adolph; aber, weißt Du, es liegt das Glück nicht im Namen. Im Uebrigen iſt er von ganz guter Familie.— Sein Vater iſt ſogar ein gebildeter, und, wie ich Dich verſichern kann, ein fein gebildeter Mann.— Was mich be⸗ trifft, ſo habe ich im Sinne, zwar den Sohn zu hei⸗ rathen, mit dem Vater aber zu plaudern. Zuweilen kommt Letzterer auch zu meiner Tante, und da plau⸗ dern wir denn recht angenehm und recht lange mit einander. Er iſt einer von denen, welche die große Revolution miterlebt haben, und es iſt ſtets intereſ⸗ ſant, ſolche zu hören, welche Großes geſehen. „Steh' mir alſo mit Deinem Rathe als verhei⸗ rathete Frau und Freundin bei, meine theure Marie. Ich glaube, ich werde bei dieſem Mann eine wahre und dauerhafte Zuneigung finden; weiter will und brauche ich nicht. Sofern er nur ſtets meinen Willen thut,— und das wird er,— werde ich ihn zum glücklicſſten Mann der Welt machen. Meine Liebe zu ihm wird zwar nie eine feurige ſein, aber offen⸗ bar werde ich Freundſchaft und Achtung für ihn hegen, da er ein guter Menſch iſt. Es bleibt dabei, ich heirathe; nur muß er mir noch ein bischen war⸗ ten, denn es iſt nie ein Nachtheil, wenn man Ver⸗ langen nach ſich erweckt. „Die Provinzialſtädte ſind in der That merkwür⸗ dige Gegenſtände des Studiums. Seitdem der junge Menſch bei mir ſo den Dienſtbefliſſenen macht, hat die müſſige Welt ſich in zwei Lager getheilt. Ich habe ſowohl meine Freunde als meine Feinde; Abends wird von Nichts, als von mir geſprochen. Die Einen — 17 kritiſiren mich, ohne mich auch nur geſehen zu haben, die Andern protegiren mich, ohne mich zu kennen, und All' das, weil man wiſſen will, daß ich die Kokette gegenüber von Herrn Barillard ſpiele, auf welchen alle Mütter es abgeſehen hatten. Und dann muß ich auch Alles ſagen. Ich habe in die provin⸗ zialen Gewohnheiten eine kleine Störung gebracht und der vor meinem Hierherkommen herrſchenden Monotonie ein Ende gemacht. Als ich das Zimmer geſehen, das man mir beſtimmte, und das immer noch wie früher ausſah, habe ich von den Wänden die alterthümlichen und feierlichen Tapeten abkratzen laſſen und dafür andere gewählt, ähnlich denen, welche in dem Zimmer ſind, das ich bei Dir be⸗ wohnte. Das ganze Haus hat mir ein anderes wer⸗ den müſſen. Da hat man denn über Luxus, ſkan⸗ dalöſen Luxus geſchrien. Ich aber habe die Leute eben ſchreien laſſen. Jetzt liefert dieſe tolle Aus⸗ gabe, die ich mir erlaubt, den Text zu allerlei Läſter⸗ reden. Unter Anderem ſagt man, ich werde bei meinem geringen Vermögen gar bald Hungers ſter⸗ ben müſſen, wenn ich mir ſolche Excentricitäten er⸗ laube; ich aber laſſe die Leute ſprechen, wie ich ſie habe ſchreien laſſen. „Schreibe mir doch ein wenig öfter, liebe Marie, denn unter dem Vorwande, daß Du glücklich ſeieſt, vergißt Du Deine Freunde.“ Es hatte Clementine Recht, daß ſie ſich beklagte; denn Marie ſchrieb nur ſelten. Allerdings hatte ſie nur dann Zeit zum Schreiben, wenn ſie allein war, und es war dieß nicht oft der Fall, da Immanuel, Dumas d. J, ein Frauenleben. II. 2 4 18 den die Politik von ſeinem neuen Glücke nicht abzu⸗ ziehen vermochte, lediglich keinen Grund hatte, ſeine Frau auch nur einen Augenblick zu verlaſſen. Die Zeit, welche Marie Clementinen ſchenkte, war daher eine ihrem Manne geſtohlene Zeit, und es mußte, wenigſtens einige Monate lang, die Freundſchaſt, gleich der Politik, der Liebe weichen. Indeſſen antwortete Marie gleich nach Empfang von Clementinens Brief folgendermaßen: „Liebe, gute Clementine, Du verlangſt meinen guten Rath: heirathe Dich; die Ehe iſt ganz einfach das Glück, wenn man liebt und geliebt wird. Hei⸗ rathe Herrn Adolph Barillard, da es nun einmal ein Barillard ſein muß, und komm' nach Paris, da Dein Wille ſo iſt, und da Dein Wille ſtets auch der Deines Mannes ſein wird. „Immanuel hat mir geſtern Etwas im Vertrauen geſagt, was er mir bis daher verheimlicht hatte. Es ſcheint, daß Herr Marquis Leon von Grige, jener junge Mann, den Du mir im italieniſchen Theater zeigteſt, ſich in mich verliebt, ſowie daß er, da ihm bekannt war, daß Immanuel bei meinem Vater ſehr viel gelte, Immanuel um ſeine Fürſprache gebeten hatte, damit er mich bekäme; eben das iſt es, was Herrn Bryon veranlaßt hat, alsbald, und zwar für ſich ſelbſt, um mich anzuhalten. Dabei hatte er meinem Vater die Abſichten des Marquis nicht mit⸗ getheilt. Er gefällt mir recht ſehr, dieſer junge Mann⸗ aber welcher Unterſchied zwiſchen Immanuel und ihm! Seit meiner Heirath hat er ſich weder bei meinem Vater, noch bei Immanuel, von dem er doch 4 ein rech wiß vor und ſie nich geſ wie lebt er i legt. Her Anf ſche! in auch tägl trau den wiſſ Und nur Dich auch nun die mir habe von abzu⸗ ſeine Die daher nußte, ſchaft, pfang neinen infach Hei⸗ inmal s, da ch der trauen e. Es jener heater a ihm r ſehr ebeten „was ar für tte er zt mit⸗ Mann, l und er bei r doch 19 ein Freund war, mehr blicken laſſen. Er hat Un⸗ recht. Immanuel iſt meiner zu gewiß, und wäre ge⸗ wiß nicht eiferſüchtig auf ihn. Es kommt täglich vor, daß ein junger Mann um ein Mädchen anhält und daß man ſie ihm nicht gibt, hauptſächlich wenn ſie ſchon mit einem Andern verſprochen iſt. Es liegt nichts Demüthigendes darin. „Ich habe Dir noch nicht von meinem Vater geſprochen, und doch kannſt Du Dir kaum vorſtellen, wie ſehr er mich liebt. Er denkt nur an mich und lebt nur für mich. Der arme Mann hat ſich, indem er mich verheirathete, ein ungeheures Opfer aufer⸗ legt. Indem ich ihn verlaſſen, habe ich in ſeinem Herzen dieſelbe Leere gelaſſen, wie in ſeinem Hauſe. Anfangs, wo ich ganz erfüllt war von dem egoiſti⸗ ſchen Glücke meiner Heirath, bemerkte ich nicht, was in ihm vorging, nun aber ſehe ich es. Vergeht auch nur ein Tag, ohne daß ich ihm ſeinen Theil täglicher Liebe bringe, ſo iſt er den ganzen Tag traurig; und komme ich dann an dem darauf folgen⸗ den Tage, ſo errathe ich in ſeinem Lächeln einen ge⸗ wiſſen Kummer, in ſeinen Augen aber Thränen. Und doch macht er mir nie Vorwürfe: er küßt mich nur ein bischen mehr, wie wenn er ſagte: Ich habe Dich geſtern nicht geſehen und werde Dich vielleicht auch morgen nicht ſehen. Ich beſuche ihn daher auch nun alle Tage: es iſt dieß mehr denn eine Pflicht, die ich erfülle,— es iſt ein Vergnügen, das ich mir gönne. Alles, was ich von dieſer Liebe weiß, habe ich errathen, denn er ſelbſt hat mir Nichts da⸗ von geſagt. Er ſtellt es mir frei, zu kommen oder 20 nicht; nur macht meine Gegenwart ſeine Tage glück⸗ lich, während mein Ausbleiben dieſelben verdüſtert. „Unbeſonnener Weiſe habe ich vor einiger Zeit zu ihm geſagt, daß ich die Abſicht hätte, mit Imma⸗ nuel nach Italien zu gehen; er hat mir nur mit einem Lächeln geantwortet. Aber es lag in dieſer ſtummen Antwort der Melanchblie und des Be⸗ dauerns ſo viel, daß ich den Schmerz, den er mir verbarg, begriff. Da bin ich ihm denn um den Hals gefallen mit den Worten: Ich gehe nicht, worauf er mich in die Arme preßte, daß ich beinahe erſtickte. Wie rein und heilig iſt doch nicht ſolche väterliche Liebe, die Einen überall umgibt, die Einen üblen Gedanken unzugänglich macht, und unſerer Seele ſtets einen Zufluchtsort darbietet! Wäre ich einmal trau⸗ rig oder unglücklich, ſo würde ich mit meinem Vater weinen, und es würde Gott mich tröſten, denn an⸗ ſtatt eines einzigen Gebetes würden zwei, und zwar zwei brünſtige Gebete zu ihm emporſteigen. „Wir wollen, Immanuel und ich, einige ſchöne Tage, die der Himmel zu verſprechen ſcheint, nützen, um auf ſein Schlößchen zu gehen, das ich ſeit un⸗ ſerer Heirath nicht mehr geſehen. Es wird mein Vater uns begleiten. Die beiden Herrn werden ſich mit Jagen vergnügen. Immanuel mag von der Kammer gar Nichts mehr hören. Ich ſagte Dir ja, daß die Politik nicht ſo ſtark wäre als ich, ſowie daß ich aus dieſem Diplomaten noch einen Hirten machen wollte. „Kommen wir wieder auf Deine Heirath mit Adolph zu ſprechen! Da Du eine immer beſſere Meinung von ihm bekommſt, ſo biſt Du entſchieden auf chen rakte ſchaf ren wenn ſo bi und und nur wied ſtadt ihr ihrer mein dem ſie Nach Liebl ich 2 zwei that mein glück⸗ üſtert. Zeit mma⸗ r mit dieſer Be⸗ r mir Hals orauf ſtickte. erliche üblen ſtets trau⸗ Vater n an⸗ zwar ſchöne ützen, it un⸗ mein n ſich a der dir ja, e daß nachen ) mit eſſere hieden 21 3 auf dem Wege ihn zu lieben. Soll ich offen ſpre⸗ chen, ſo glaube ich nicht, daß Du bei Deinem Cha⸗ rakter irgend einmal von einer jener ſeltſamen Leiden⸗ ſchaften erfüllt werdeſt, welche im Herzen tiefe Spu⸗ ren zurücklaſſen. Es war alſo thöricht von Dir, wenn Du eine ſolche ſuchen wollteſt. Wie ich glaube, ſo biſt Du für ein ſtilles und ſanftes, harmoniſches und gemüthliches Leben, für die Freuden der Familie und des häuslichen Herdes beſtimmt. Heirathe alſo nur geſchwind Deinen Herrn Adolph und komm, ich wiederhole es Dir, nach Paris; ſo wird die Haupt⸗ ſtadt zwei wahrhaft glückliche Frauen beſitzen, was ihr gewiß nicht oft begegnet iſt. „Meine Mutter ſagt mir, ich ſolle Dich anſtatt ihrer küſſen. Du weißt, ſie iſt immer die gleiche, meine gute Mutter. Sie iſt dieſe ganze Nacht auf dem Balle geweſen, und als ich zu ihr kam, war ſie ſo friſch und munter, wie wenn ſie die ganze Nacht in ihrem Bette geweſen wäre. Ich kenne nichts Lieblicheres, Freundlicheres, als meine Mutter. Wenn ich Dir oben geſagt, daß bei Deiner Ankunft Paris zwei wahrhaft glückliche Frauen beſitzen würde, ſo that ich ihm Unrecht, denn ich vergaß eine dritte, meine Mutter nämlich, die es ſchon lange iſt. „Lebe wohl, theure Freundin; ſchreib' mir: bei meiner Rückkehr werde ich Deinen Brief vorfinden, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach reiſen wir morgen ab. Sollteſt Du mir indeſſen etwas Preſſantes, etwa eine gute Nachricht mitzutheilen haben, ſo adreſſire Deinen Brief ſo, daß er mich auf dem Lande trifft, bn man eine gute Nachricht nie bald genug erfahren ann.“ . 22 An dem darauf folgenden Lageist man ab, wie verabredet worden war. Das Erſte, was Marie that, als ſie auf dem Schloſſe ihres Gatten ankam, war, daß ſie ſich vor dem Bilde der Mutter Imma⸗ nuels auf die Knie niederwarf. Sie dankte ihr für all' ihr bisheriges Glück und empfahl ihr zugleich ihr zukünftiges; ſie bat dieſelbe, daß ſie von ihrem Herzen alle Furcht und allen Verdacht fern halten möchte. Dann ſuchte ſie wieder ihren Vater auf, der allein im Garten auf und ab ging, während Immanuel im Hauſe unterſchiedliche Befehle gab. „Nun, mein Kind, biſt Du immer noch glücklich?“ fragte Herr von Hermi ſeine Tochter. „Ja, mein Vater. Was könnte auch meinem Herzen noch mangeln bei eurer dreifachen Liebe,— bei der Liebe meiner Mutter, bei der Liebe Imma⸗ nuels und der Ihrigen?“ 3 „Und biſt Du feſt überzeugt, daß mir Dein Glück am Herzen liegt?“ „Sie fragen mich das erſt noch?“ „Und wenn ich Dir einen guten Rath gebe?“ „So würde ich ihn auf der Stelle befolgen.“ „So höre mich denn! Du ſiehſt, welche Verän⸗ derung durch Dich in Deinem Manne vorgegangen; Du ſiehſt, wie er Dir zu lieb, meine Tochter, Alles vergißt, was er einſt liebte; Du mußt begreifen, daß es für einen Mann, und insbeſondere für einen Mann von Immanuels Stellung, noch andere Pflich⸗ ten gibt, als die des Gatten. Herr von Bryon iſt franzöſiſcher Pair: er vertritt ein Land, das ihm ſeine Intereſſen anvertraut hat, und dieſe Intereſſen muß er vertheidigen. Er hat Feinde und Neider, wie j Kam Vielle die e darf binde den auch, tigen den, Stur Stun den Nicht Und ein; Inte nicht fern⸗ zu nach Herd um aber den wied möck ſei. nen daß ab, rie im, na⸗ für eich von ern ater end . h2“ nem mma⸗ Hlück 2 1 44 erän⸗ igen; Alles , daß einen Pflich⸗ on iſt 3 ihm rreſſen deider, 23 wie jeder Mann von Talent haben muß; daß er der Kammer ſo den Rücken kehrt, könnte ihm ſchaden. Vielleicht erinnert er ſich nicht der Verantwortung, die er übernommen, aus lauter Liebe zu Dir; er darf aber dem Eide, der ihn dem Lande gegenüber bindet, ebenſo wenig untreu werden, als dem Eide, den er ſeiner Frau geſchworen; vielleicht begreift er auch, daß er kein Recht hat, ſo ohne einen ſtichhal⸗ tigen Grund aus der politiſchen Welt zu verſchwin⸗ den, und wagt es nur nicht, Dich um ein paar freie Stunden täglich zu bitten. Wohlan! Dieſe paar Stunden mußt Du ihm gewähren; dieſe paar Stun⸗ den bringſt Du bei mir zu; Dein Gatte wird dabei NRichts verlieren, Dein Vater aber dabei gewinnen. Und dann, glaub' es mir, mein Kind, iſt Immanuel ein zu ſtarker, zu gewaltiger Mann, eine zu hohe Intelligenz, als daß ihm ſein jetziges müſſiges Leben nicht endlich zur Laſt werden ſollte. Laß ihn auch ferner groß bleiben, damit er nicht aufhöre, glücklich zu ſein; und kommt er dann heim und findet nach dem geräuſchvollen Kammerleben an ſeinem Herde die erſehnte Ruhe, ſo wird er Dich nur noch um ſo mehr lieben.“ „Ich hatte hieran auch ſchon gedacht, Vater; aber es ſchien Immanuel in meiner Nähe⸗ſo zufrie⸗ den, daß ich, wenn ich ihm den Vorſchlag gemacht, wieder in die Kammer zu gehen, befürchtet hätte, er möchte glauben, daß ich meines Glücks ſchon müde ſei. Da Sie nun aber einmal die gleichen Reflexio⸗ nen angeſtellt, wie ich; da Sie es für billig finden, daß ich ihn ſeinen frühern Pflichten wieder gebe, ſo 24 will ich ſchon heute Abend Ihren Rath befolgen, guter Vater.“ In der That ſprach noch an demſelben Abende Marie zu Immanuel, indem ſie deſſen Arm nahm und ihren Kopf in koketter Weiſe auf ſeine Schulter legte: „Mein Freund, ich habe da eben einen Einfall gehabt.“ „Und welchen?“ „Daß wir nach Paris zurückkehren ſollten.“ „Launiſches Ding! Wir wollen ſchon morgen ab⸗ reiſen.“ „Du verſprichſt es mir?“ „So Du willſt, ſo gehen wir ſchon heute Abend.“ „Wenn ich aber lieber hier bliebe?“ „Nun, ſo würden wir hier bleiben.“ „So wollen wir denn morgen abreiſen.“ „Launiſches Ding, fürwahr!“ „Weißt Du auch, was wir thun werden?“ „Was Du immer willſt.“ „Es wird in der Kammer eine große Frage zur Sprache kommen.“ „Woher weißt Du das?“ „Aus der Zeitung.“ „Nun?“ „Nun, wir wollen an jenem Tage in die Pairs⸗ kammer gehen.“ „Was dort thun, Du mein Gott?“ Marie ſchaute Immanuel lächelnd an, gleich als könnte ſie nicht an dieſen Ausdruch der Verachtung glauben; und ſagen wir nur gleich, daß ſie wohl that, nicht daran zu glauben. ab⸗ end.“ e zur 25 „Du wirſt das Wort nehmen, ich aber werde zu⸗ hören,“ fuhr ſie fort. Immanuel küßte Marie auf die Stirn mit den Worten: „Wirklich, Du biſt ein Engel.“ „Ich habe alſo wohl daran gethan, daß ich ein bischen gerathen?“ d. „Geh'!“ fuhr ſie fort,„Du biſt eben ein großes Kind, dem man ſein Spielzeug bei Leibe nicht neh⸗ men darf.“ Und die holde junge Frau machte ihrem Manne aus beiden Armen ein Halsband. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Aus dem, was er ſo eben gethan, kann man ſchließen, wie viel Religiös⸗Eiferſüchtiges in der Liebe des Grafen zu ſeiner Tochter lag; ſeitdem er ſie ſo ſchön, ſo hold, ſo ſanft, ſo keuſch wiedergeſehen, hatte ein faſt unbekanntes Gefühl ſein Herz erfüllt. Er hatte begriffen, wie in dem Leben dieſes Kindes das ſeinige läge. Er hatte, wenn auch nicht von Gewiſſensbiſſen gefoltert, ſo doch bei einem Rückblicke Gott gebeten, er möchte ihm ſein vergangenes Leben vergeben und daſſelbe auslöſchen, damit der Reflex deſſelben die Reinheit des Engels nicht beflecken möchte, den der Allgütige ihm an die Seite geſtellt. Er hatte alſo die Gräfin ihr aus Frivolitäten und vielem Vergeſſen gewobenes Leben fortführen laſſen und ganz ſtill in ſeinem Herzen jene Liebe verſchloſ⸗ 26 ſen, die ihn zu einem beſſeren Menſchen machen und ſchützen ſollte. So lange Marie von keiner andern Liebe, als der ihrer Eltern gewußt, war ihr Vater glücklich geweſen. Ihm gehörte ſie damals in der That ganz; von dem Tage an aber, wo er geahnt, daß ein anderer Menſch für das Glück ſeines Kin⸗ des unerläßlich werden würde, hatte ein Gefühl egoiſtiſcher Liebe und ganz natürlicher Eiferſucht ihm das Herz zuſammengepreßt. Indeſſen hatte er ſich darein ergeben, denn es liegt die Hälfte der väter⸗ lichen Liebe in der Selbſtverleugnung, ſowie da⸗ rin, daß ſie ihre Freude der Freude ihrer Kinder opfert. Als daher am Abend von Mariens Copulation das ſchöne Kind, von der Nähe des geliebten Man⸗ nes wonneerfüllt, Alles vergaß, da erinnerte ſich der Graf und war, allein auf ſeinem Zimmer ſitzend, traurig, wie wenn ſein Haus ein ſchwerer Unfall getroffen hätte; und mit Thränen in den Augen und im Herzen ſagte ſich Herr von Hermi, indem er an ſein Kind dachte: Sie liebt einen Andern. Und doch konnte er nicht allein glücklich ſein, ohne Marie un⸗ glücklich zu machen, und da Gott den Eltern die Re⸗ ſignation geſchenkt, ſo ergab ſich der Graf in ſein Schickſal und beſchäftigte ſich nur noch damit, wie er ſeines Kindes Ruhe ſichern möchte. Bei ſeiner Menſchenkenntniß war es ſonach ganz natürlich, daß er daran dachte, ſeiner Tochter den Rath zu geben, den er ihr ertheilt, den ſie befolgt, und den Herr von Bryon mit einer gewiſſen Freude angenommen hatte. Im Uebrigen hegte er die ehr⸗ geizigen Gedanken, denen er noch Raum gab, nur zieh will ſchn Me We Nan und ente oder wo regt tige, meh kom⸗ daue dere tion kehr mer nuel Aug⸗ hing ind ern ter der ont, ein⸗ ühl ihm ſich ter⸗ da⸗ nder tion an⸗ der end, fall und an doch un⸗ Re⸗ ſein e er ganz den olgt, eude ehr⸗ nur 27 allein für ſie. Ein Mann von Herz will ſtets die Frau, die er liebt, ehren, indem er ihr das Schau⸗ ſpiel ſeiner Kraft und ſeines Genies gibt; er erneuert ſeine Liebe und es miſcht ſich dann Begeiſterung und Bewunderung darein. Gibt es auf dieſer Welt etwas Eitles, ſo iſt es ſicherlich ein Weib. Sie hat ihren Ehrgeiz, der ſie erhebt, wenn der Mann der Vollzieher iſt, der ſie irre führt, wenn ſie die Voll⸗ zieherin iſt; neben der Liebe, die ihr Herz tröſtet, will ſie auch den Namen haben, der ihrer Eitelkeit ſchmeichelt; ſie will, daß bei dieſem Namen andere Menſchen ſich umdrehen, und nur ſelten wird ein Weib den Mann hintergehen wollen, dem ſie dieſen Namen verdankt. Alle dieſe Gedanken waren Marien gekommen, und ſie wünſchte ſich Glück dazu, daß ſie einem Wunſche entgegengekommen, der in Immanuels Geiſt früher oder ſpäter wieder ſeine Stelle gefunden hätte. Herr von Bryon ging alſo wieder in die Kammer, wo ſein Wiedererſcheinen gewaltiges Aufſehen er⸗ regte. Es handelte ſich in der That um eine wich⸗ tige, ſehr wichtige Frage, und es konnte ſchon ſeit mehreren Tagen Immanuel, der da wußte, was vor⸗ kommen ſollte, nicht umhin, ſein Wegbleiben zu be⸗ dauern, da daſſelbe gegenüber den Grundſätzen, zu deren Vertheidiger er ſich gemacht, eine Art Deſer⸗ tion werden mußte. Es handelte ſich von der Rück⸗ kehr der verbannten Prinzen. Faſt die ganze Kam⸗ mer war gegen dieſen Vorſchlag: da beſtieg Imma⸗ nuel die Rednerbühne. Oh! wie pochte in dieſem Augenblicke Mariens Herz, wie hing ihr Blick, wie hing ihre Seele, wie hing ihr ganzes Weſen an den 28 Lippen des Redners, und wie unbedeutend kam ſie ſich ſelbſt vor, als ſie die gewaltige Stimme hörte, welche die ganze Verſammlung beherrſchte! Der Mann, der jetzt ſprach, und deſſen Wort die politi⸗ ſchen Horizonte plötzlich erweiterte, ſchien ihr ein ganz verſchiedenes Weſen von dem, der Tags zuvor zu ihren Füßen gelegen und ihr ganz leiſe Worte der Liebe zugeflüſtert hatte. Immanuel war wahrhaft erhaben, und ſo oft das Auditorium Beifall klatſchte, heftete er die Augen auf jenen Punkt des Saals, wo Marie, mit der Hand auf dem Herzen, verſchleiert, vor Furcht und Bewunderung zugleich bebend, ſich verbarg. Natür⸗ lich verlangte Immanuel die Rückkehr ſämmtlicher Verbannten, ſelbſt wenn dieſelben Prinzen wären, ja ſelbſt wenn ſie einſt Könige geweſen. Er wollte, es ſolle Frankreich nicht allein über die Andern, ſondern auch über ſich ſelbſt ſiegen, und es ſolle daſſelbe, ſchon groß durch ſeine Kraft, nun auch durch ſein Vertrauen und ſeine Verzeihung ſich groß zeigen. Alles, was Immanuel verlangte, war ſchön, war edel, war gerecht. Diejenigen, welche dieſer Sitzung beiwohnten, klatſchten mit den Händen ſtürmiſch Beifall. Die Kammer aber ging zur Tagesordnung über. Für Immanuel war es eine Niederlage, aber eine jener Niederlagen, die mehr werth ſind, als ein Sieg, und wo der Beſiegte größer iſt, denn der Sieger,— eine Art politiſchen Moskau's. Schon hatte er aufgehört zu ſprechen und noch lauſchte Marie; es ſchien ihr, als laſſe die Stimme ihres 29 Gatten ſich immer noch hören, denn ſie horchte nicht allein mit den Ohren, ſondern auch mit dem Herzen und mit ihrer ganzen Seele. G Ein anderes Weib, auf welches dieſe Rede nicht den nämlichen Eindruck, wie auf Marie hervorge⸗ bracht hatte, wohnte dieſer Sitzung gleichfalls an. Dieſes Weib war Julia, die, gleich Frau von Bryon verſchleiert, unter ihrem Schleier blaß und drohend ſich zeigte. Je größer Immanuels Triumph wurde, je ſtärker ſie ihn ſah, um ſo mehr fühlte ſie, wie in ihrem Herzen der Haß ſchwoll. Bald werden wir ſie an der Arbeit ſehen, denn bald werden wir auf ſie zurückkommen müſſen, gleich wie man wider ſeinen Willen auf das Fatum zurückkommt, jene geheim⸗ nißvolle Gewalt, die an allen Ecken ſeines Lebens auf den Menſchen wartet, wie der Dieb und der Mörder im Schatten des Weges auf den Wanderer lauern. Als Julia ſah, wie Immanuel ſeit mehreren Monaten in der Kammer ſich nicht mehr zeigte, ſo war ſie, als ſie von ſeiner weiteren Abſicht hörte, zugleich mit ſeiner Frau Frankreich zu verlaſſen, er⸗ ſchrocken, indem ſie dachte, daß ihre Rache ihr nun entgehen würde; denn wie wir ſehen werden, ſo ko⸗ ſtete ihre künftige Rache ihr ſchon jetzt genug, um daran feſtzuhalten; und als ſie vernommen, daß Herr von Bryon in der Kammer nun doch wieder erſcheinen würde, hatte ſie ſich gleichfalls dort ein⸗ finden wollen, als ſein böſer Genius, oder wenig⸗ ſtens als eine üble Vorbedeutung. Immanuel hatte aber nicht einmal die Anweſenheit ſeiner früheren 30 Geliebten geahnt. Julia war ein Weib, das Hin⸗ derniſſe nur immer noch kühner machten. „Dieſer Mann iſt ſtark,“ hatte ſie ſich geſagt, indem ſie ihn ſprechen hörte;„dieſer Mann iſt glück⸗ lich und ruhig,“ hatte ſie ſich ferner geſagt, als ſie ihn mit Marien weggehen ſah;„wohlan, Alles das ſoll einmal untergehen unter dem Einfluſſe meines Hauches, und Kraft und Glück ſollen ſich elendiglich zu meinen Füßen krümmen!“ Marie, das keuſche Kind, ahnte von Allem dem Nichts. Ahnet auch die Taube, die pfeifend in der Luft vorüberzieht, den Geier, der auf ſie lauert? Marie war nur über Eines erſchrocken, was ſie aber zugleich auch mit Stolz erfüllte, nämlich über die ge⸗ waltige Beredſamkeit, an deren Quellen ſie ſich eben gelabt und die ihr gezeigt, nach welchen Emotionen die Feuerſeele ihres Mannes dürſtete. Als ſie da⸗ her nach der Sitzung wieder heim gekommen war, hatte ſie bei Immanuels Anblick ſo Etwas wie ein Ge⸗ fühl von Furcht; ſie eilte ſtürmiſch in ſeine Arme und ſprach zu ihm: „Du liebſt mich immer noch, nicht wahr?“ „Warum denn dieſe närriſche Frage?“ antwor⸗ tete ihr der Gatte mit ſanfter Stimme. „Weil ich, als ich Dich eben ſo groß ſah, mein Freund, als ich ſah, welche Gedanken Dich erfüllen, ſo gedacht habe, es müſſe wohl meine ſtille und einſame Liebe gar wenig ſein in Deinem Leben, und es dürfte dieſelbe, wohl ſtark genug, um Dich zu ſtützen, den⸗ noch nicht ſtark genug ſein, um Dich zu tröſten, wenn einmal eine politiſche Enttäuſchung in Deinem Leben vorkäme. Ich habe meine Inferiorität gefühlt. Ich eines iglich dem n der uert? aber e ge⸗ eben ionen 2 da⸗ war, Ge⸗ Arme twor⸗ mein illen, ſame ürfte den⸗ wenn Leben Ich 31 habe, auf meine Nebenbuhlerin Frankreich eiferſüch⸗ tig, zu mir ſelbſt geſagt: Dieſe gibt ihm Ruhm, ich gebe ihm nur mein Leben, und habe bedauert, daß ich Dir gerathen, wieder in die Kammer zu gehen.“ „Habe keine Furcht, Kind, Du biſt und wirſt ſtets ſein und bleiben die Heißgeliebte meiner Seele, die Geliebte meines Herzens; laß mich in dem Hauſe dort ein wenig von dem Fieber holen, deſſen ich be⸗ darf, und es wird der Liebestrank, der auf der Schwelle meiner wartet, und den ich von Deinen Lippen hole, mir nur um ſo ſüßer erſcheinen. Bin ich übrigens nicht Dein eben ſo unterwürfiger, als glücklicher Sklave? Sprich ein Wort, ſchöne Zau⸗ berin, und es wird der wilde Waldſtrom ein helles Bächlein werden; es werden die Stürme ſchweigen, um einer ewigen Heiterkeit Platz zu machen; Du wirſt ein neues Land hervorzaubern, und wir Beide werden, für und mit einander, eine Welt vergeſſend, ſo uns vergißt, wegreiſen, ohne an die Vergangen⸗ heit mehr zu denken, und ohne die Zukunft zu fürch⸗ ten: iſt Dir das recht?“ „Nein, nein, Immanuel; laß Dein Leben den von Dir einmal beſchloſſenen Lauf nehmen! Denn in meine Liebe ſelbſt miſcht ſich des Stolzes gar viel: ich will Dich bewundern können, wie ich Dich liebe. Alles, was ich von Dir verlange, iſt, daß Du mir in Deinem Herzen ein geheimnißvolles und ſicheres Winkelchen bewahreſt, wohin außer mir Niemand dringen darf.“ Ihr Wille geſchah. Immanuel lebte wieder wie ſonſt, das heißt, arbeitete, ſtudirte, kämpfte. Nur hatte er jetzt eine Seele, die ihn in ſeiner Arbeit er⸗ 32 muthigte, die ihn in ſeinen Studien aufrecht erhielt, die ihm nach dem Kampfe Ruhe verſchaffte. Es ge⸗ ſchah aber, daß Marie, die den Sitzungen der Kam⸗ mer anwohnte, ihre Gemüthsbewegungen und Be⸗ fürchtungen hatte. War ihr Herz und Kopf über das geringſte Zeichen des Beifalls zufrieden, ſo zit⸗ terte ſie auch bei dem geringſten Worte der Miß⸗ billigung. Als Weib dachte ſie ſich die Folgen dieſes tagtäglichen Kampfes gar zu groß und ſie war ſtets nahe daran, ohnmächtig zu werden, wenn ſie den ganzen Saal gegen ein Wort Immannels ſich er⸗ heben ſah,— Immanuels, der mit heiterer Stirn ihr zulächelte, um ſie zu beruhigen. Gleichwohl wollte Herr von Bryon nicht geſtatten, daß ſie ſo regel⸗ mäßig in den Sitzungen ſich einfinde, um ihn zu hören, und Marie, die ſich durch Alles erſchrecken ließ, ging nun wieder zu ihrem Vater und ließ ſich von ihm tauſend Mal wiederholen, daß Immanuel keine Gefahr laufe. Leicht begreiflich gab dieß Alles Stoff zu Brie⸗ fen, und bald erhielt Clementine freudenvolle, bald wieder traurige Schreiben. Dann gewöhnte ſich Marie nach und nach, Dank der Liebe Immanuels, Dank den Briefen ihrer Freundin, Dank endlich ihrem Vater, der ſie beruhigte, an dieſes Leben, wovon ſie anfänglich nur die ſchöne Seite in's Auge gefaßt, deſſen Gefahren ſie ſich ſpäter gar zu übertrieben ausgemalt, und ſo war es bei ihr endlich ſo weit gekommen, daß ſie Immanuel immer gern zurück⸗ kommen ſah, gleichwie ſie ihn ohne Furcht von Hauſe weggehen ließ. Was Clementine betrifft, ſo führte ſie ihr durch⸗ 1 33 ſichtiges und ungetrübtes Leben fort. Das fröhliche Kind hatte Herrn Adolph Barillard geheirathet und einen Mann glücklich gemacht, indem ſie deſſen Na⸗ men angenommen. Der arme Burſche war das glücklichſte Geſchöpf der Welt, und man muß geſtehen, daß auch Clementine Gott um Nichts mehr zu bitten brauchte, und daß das Leben ſich ihr von der har⸗ moniſchſten und lieblichſten Seite darbot. Clementine war vergnügt und hatte an Allem ihre Freude, nicht daß ſie egoiſtiſch geweſen wäre; denn wir kennen ſie bereits gut genug, um eines ſolchen Gedankens uns zu enthalten; wohl aber weil ſie vernünftiger Weiſe das Leben von derjenigen Seite anſah, von der man es ſtets anſehen ſollte. Sie war daher auch recht erſtaunt, daß ſie in den Briefen ihrer Freundin einen gewiſſen Anflug früher Traurigkeit fand, den dieſelbe nicht hatte verwiſchen können, und der gleichſam wi⸗ der ihren Willen wieder zum Vorſchein kam. Gleich⸗ wohl hätte Clementine ihre Freundin Marie um kei⸗ nen Preis gefragt; ſie hätte gefürchtet, ihr völlig zu enthüllen, was ſie zu ahnen ſchien, und ließ es ſich daher angelegen ſein, ihr luſtige und gleichgültige Briefe zu ſchreiben; ſie erzählte ihr die Abenteuer und Schwätzereien der Provinz. Sie gab ihr Schil⸗ derungen und beflitterte dieſe Briefe mit jener ſorg⸗ loſen Luſtigkeit, wodurch ſie zwei Monate lang Herrn von Hermis Schloß entzückt hatte. Marie war wie alle andern Frauen. Hätte Cle⸗ mentine, ahnend, was vorging, ihr geſchrieben: Wa⸗ rum biſt Du traurig? ſo hätte Marie ihr auf der Stelle geantwortet: Ich weiß nicht, was Dich glau⸗ ben läßt, daß ich traurig ſei; ich bin ſtets glücklich. 3 Dumas, d. J., ein Frauenleben. II. 34 Clementine aber hatte, wir wiederholen es, in Folge einer wohlverſtandenen Delicateſſe des Herzens, immer ſich den Anſchein gegeben, als kenne ſie die durch Mariens Briefe ziemlich klar durchleuchtende Melancholie nicht, ſo daß Frau von Bryon, die dieſe Melancholie nicht zugegeben hätte, wenn ihre Freun⸗ din zuerſt davon geſprochen, dieſelbe gerade deßhalb eingeſtand, weil ihre Freundin nicht darnach fragte. Sie ſchrieb alſo an ſie, wie folgt: „Liebe, gute Clementine! „In meinen letzten Briefen haſt Du, ſo fern Du mich immer noch, wie früher, liebſt, einen Anflug von Kummer und Langweile wahrnehmen müſſen. Ich weiß nicht, ob es darum iſt, weil die Tage kalt und regneriſch ſind, aber es ſcheint mir, daß in mein Herz ein wenig von der Traurigkeit der Natur einge⸗ drungen iſt; in dieſem Augenblicke alſo vermiſſe ich Dich hauptſächlich, denn man denkt, wie Du weißt, an ſeine Freunde hauptſächlich in Stunden, wo Einem die Zeit lang wird. Herr von Bryon iſt faſt immer in der Kammer, und ich bin jetzt recht allein. Zwar beſuche ich fleißig meinen Vater, aber immerhin ſind noch die Abende da, während welcher mein Mann ſeit einiger Zeit arbeitet, weßhalb ich dann leſe, und es gewährt nicht immer rechte Luſt, in meinem Alter zu leſen, ſo ſchön und wahr das Buch auch ſein mag. Ohne Zweifel wird das nur eine Uebergangs⸗ zeit ſein. Es regnet an Einem fort; offenbar iſt der Regen die Göttin der Langweile; und wenn Jupiter den Goldregen erfunden, um ein Weib zu verführen, kolge gens, die ende dieſe eun⸗ halb agte. Du fflug ſſen. kalt nein nge⸗ e ich eißt, nem mer zwar ſind tann und Ulter ſein ngs⸗ tder viter ren, 35 ſo hat er offenbar den Waſſerregen erfunden, um die Menſchen zu ſtrafen. „Immanuel iſt gegen mich immer noch gleich lieb, und hat ſich an ihm Etwas verändert, ſo iſt es das, daß ſeine Liebe zu mir noch größer geworden; und doch habe ich eine Nebenbuhlerin, die ich mir ſelbſt gegeben und nun umbringen möchte, nämlich die Politik. Gibt es doch auf der Welt des unaus⸗ bleiblichen Unglücks und der unabwendbaren Unfälle ſo viele, daß man dieſes Unglück nicht noch zu erfin⸗ den braucht. Hat man einen Soldaten zum Mann, ſo ſieht man ihn zwar, ich geſtehe es, nur mit Schmer⸗ zen wieder kommen, wenn er als ein Krüppel, mit nur einem Arme, oder mit nur einem Bein heim⸗ kehrt; aber man hat dann doch wenigſtens den Troſt, daß er nicht mehr in den Krieg ziehen kann, und ſo hat man ihn denn ganz, wenn auch nicht dem Leibe, ſo doch dem Herzen nach. „Rede mir aber nicht von jenen Wortkämpfen, wo das Schlachtfeld eine Tribüne iſt. Der Haß und die Leidenſchaften ſchleichen dort im Dunklen, gleichwie das Murmeln, welches dieſelben erregen, unverſtänd⸗ lich und dumpf iſt. Der Kämpfer iſt bisweilen wohl müde, hat aber nie genug; und jeden Tag fängt er mit gleicher Stärke und gleichem Willen von Neuem an, denn es verzehrt die gleiche Leidenſchaft ſeinen Geiſt. „Auf der Erde gibt es Stücke Paradies, die von Gott vergeſſen ſind: Italien, Spanien, den Orient; im Menſchenherzen wohnen himmliſche Freuden, ge⸗ ſchenkt von Engeln: Freundſchaft, Treue, Liebe, und 36 anſtatt nun dieſe Paradieſe aufzuſuchen, welche den Geiſt erhellen, haben die Menſchen— wie iſt das nur möglich?— Leidenſchaften erfunden, die, wenn ſie nicht gehäſſig, egoiſtiſch ſind; Leidenſchaften, woraus ſie etwas Ruhmwürdiges gemacht, um etwas Häßliches mit einem ſchönen Namen zu bedecken, gleichwie man ein Skelett mit einer goldenen Krone und einem purpurnen Mantel bedeckte. Die Männer ſind unendlich thöricht! Wurde je einer in keuſcher und heiliger Weiſe geliebt; verband ſich je eine Liebe mit einer andern hingebungsvollen und ewigen Liebe, ſo iſt es Immanuel, ſo iſt es ſeine Liebe. Ich habe auch nicht einen Gedanken, der nicht ihm gehört, auch nicht einen Traum, worin er nicht vorkommt, auch nicht einen ehrgeizigen Plan, den er nicht theilt; und anſtatt nun den ganzen Tag bei mir zu bleiben, anſtatt uns, von dem Glücke, das in uns iſt, ge⸗ leitet, nach den Zauberländern zu entfliehen, wo es Einem zu Zweien ſo wohl iſt, geht er in die Kammer. Die Kammer! Der ſchöne Ruhm! Der ſchöne Erſatz! Auf der Rednerbühne die Stimme des Mundes und des Herzens abzunutzen, um ſeinem Namen einen Titel, ſeinem Hochmuth eine Eitelkeit beifügen zu können, während man doch andere uns ſo ſüße Worte ſprechen kann! „Und doch habe ich kein Recht, ihm Vorwürfe zu machen, denn was ich jetzt tadle, hat mich einſt ver⸗ führt; und heute noch bin ich, wenn die Zeitungen von ihm ſprechen, wenn ich dieſen Namen für An⸗ dere ſtrahlen ſehe, ſtolz und glücklich, und vergeſſe, wie manche traurige Stunde ich verlebt, um dieſen Augenblick des Triumphes zu erlangen. Aber ich — den das venn fften, twas ecken, wone nner ſcher Liebe iebe, habe hört, umt, eilt; iben, ge⸗ o es mer. ſatz! und inen 1 zu Jorte e zu ver⸗ igen An⸗ eſſe, eeſen ich 37 bin für's Erſte dieſem Triumphe die Freudigkeit mei⸗ nes Gatten ſchuldig; aber er kommt dann wenigſtens minder träumeriſch und ſorgenvoll nach Hauſe, und wird, was er im Grunde nie aufgehört hat zu ſein, der liebevollſte Gatte, den man ſehen kann. Eines tröſtet mich, obgleich ich, wohlverſtanden, nicht ſo unglücklich bin, um des Troſtes zu bedürfen, nämlich das Kind, deſſen Mutter ich bald ſein werde, und das für ſich allein ſchon ebenſo ſtark ſein wird, als alle Politik der Welt. So oft Immanuel nur da⸗ von ſpricht, erglänzen ſeine Augen in allem Feuer ſeines Herzens. „Auch Du ſcheinſt mir nicht allzu unglücklich zu ſein. Welch herrliche Organiſation iſt es doch nicht um die Deinige! Nach Deinem Ebenbilde wird nun Gott künftig Engel ſchaffen. Du erhellſt Alles, was Dich umgibt, und es darf das Unglück Dir nicht nahe kommen; Du biſt eine zu ſtarke Gegnerin für das⸗ ſelbe. Mach ſo fort, gute Clementine, es iſt ſtets eine Freude, diejenigen glücklich zu wiſſen, welche man liebt; denn hörte man auf, es zu ſein, ſo könnte man ſie aufſuchen, und in ihrem Herzen ſuchen, wie man in der Börſe eines Freundes ſucht. Wie glück⸗ lich muß nicht Dein Mann ſein und wie ſehr muß er Dich nicht anbeten! Ihr müſſet die artigſte Haus⸗ haltung von der Welt bilden. Es däucht mir, ich ſehe, wie Du mit Deiner ſpöttiſchen Miene und Dei⸗ nem ewigen Lächeln ihn in Harniſch jagſt und Deine Poſſen mit einem Kuſſe bezahlſt. „Liebe Frau Barillard, Du darfſt meine Traurigkeit nicht ernſt nehmen, und darfſt davon nur 38 ſo viel glauben, als man gerade glauben muß.— Ich habe etliche Augenblicke, die leerer ſind als die andern, und während jener ſchreibe ich an Dich: Du mußt dafür mir Dank wiſſen. Es iſt ein Beweis der Liebe und des Vertrauens, ſo Du mir einflößeſt. Erinnerſt Du Dich noch der lieblichen Abende, die wir in dem Penſionat verlebten, wo wir uns neben einander ſetzten, die Elbogen auf den Knien ruhen laſſend und zuſehend, wie das Feuer in der Stille und im Schatten allmählig erloſch? Es war das die Zeit der Projekte: nun ſind dieſe Projekte ver⸗ wirklicht. „Wir haben endlich unſere Stelle im Leben ein⸗ genommen. Wie viele Veränderungen innerhalb weniger Monate! Hätte uns im vergangenen Jahre Jemand geſagt, daß wir heute Beide in ehelichem Stande lebten, ſo hätten wir ihm gewiß nicht ge⸗ glaubt, und doch iſt das wahr geworden. Wie doch die Tage, die Monate, die Jahre ſich raſch ausfüllen; wie doch die Kette der täglichen Gemüthsbewegungen ſich raſch fortſpinnt! „Nehme ich die paar Stunden aus, welche Im⸗ manuel in der Kammer zubringt, ſo fliegen die übrigen gleich Minuten dahin. Nur die Abende allein ſind etwas lang. Bedenke nur, daß ich, obgleich ich in⸗ mitten der Vergnügungen lebe, welche Paris bietet, gar nicht Theil daran nehme. Nur höchſt ſelten gehen wir auch in's Theater, am Häufigſten noch in's ita⸗ lieniſche, wohin ich dann und wann meine Mutter begleite; in dieſem Augenblicke aber iſt das italieniſche Theater geſchloſſen. Immanuel grauſet es ordentlich vor der Welt; das unnütze Geräuſch der Theater die Du der ßeſt. die eben uhen btille das ver⸗ ein⸗ chalb gahre ichem t ge⸗ doch llen; ngen Im⸗ rigen ſind h in⸗ ietet, gehen ita⸗ tutter niſche ntlich eater 39 und der Feſte ermüdet ihn, und da er mir immer ein Opfer bringt, indem er mich begleitet, ſo opfere ich ihm lieber dieſes Vergnügen und bleibe mit ihm zu Hauſe. Dann aber, ich muß es Dir wiederholen, arbeitet er, und ich bin, ich geſtehe es gern, dann eiferſüchtig auf jedes Wort, das er ſchreibt, auf jeden Gedanken, der ihn beſchäftigt, auf die Feder, die er in der Hand hält. Daher iſt es mir auch oft, ja ſogar immer widerwärtig, ihn ſo ſehen zu müſſen; ich nehme ihm das Papier weg, worauf ſeine Augen gerade geheſtet ſind, und zwinge ihn, nur noch mich zu ſehen, was er auch, wie ich ſagen muß, in recht lieber Weiſe thut. „Und dann muß man auch den Leuten, die Einen lieben, Etwas hingehen laſſen, und Immanuel liebt mich ſo heiß! Jeden Tag, den Gott gibt, ſind es neue Aufmerkſamkeiten, neue Artigkeiten. Es iſt ſelten, daß er ohne irgend ein Juwel heimkommt, das er mir lächelnd und über meine Ueberraſchung hoch erfreut überreicht. Aber ich mache von dieſen unglücklichen Juwelen lediglich keinen Gebrauch; gleich Verurtheilten ſind ſie in Schubladen begraben und kommen gewiß aus der Mode, ehe noch Jemand ſie geſehen. Zuweilen ſpeiſen wir bei einer Schweſter Im⸗ manuels, die ledig geblieben und überaus fromm gewor⸗ den iſt. Ich kenne nichts Unfreundlicheres, nichts Wider⸗ haarigeres, nichts Steiferes, als dieſes Frauenzimmer. Vielleicht iſt ſieim Grunde recht brav, aber ihre Brav⸗ heit verbirgt ſich hinter eisſtarren Grundſätzen. Sie ver⸗ zeiht Nichts, und ich traue nie ſolchen, die weder Gattin⸗ nen, noch Mütter geweſen, und denen Gott die zwei edelſten Gefühle des Herzens, die Gatten⸗ und Kin⸗ 40 derliebe, verſagt hat. Ich möchte nicht, daß dieſes Frauenzimmer mir Etwas vorzuwerfen hätte. Ohne Zweifel iſt Immanuel, wie ich, denn er ſcheint mehr Achtung, als Liebe für ſie zu hegen. „Warum kommſt Du denn nicht nach Paris? Du wollteſt ſchon im Frühling kommen: nun iſt der Früh⸗ ling vorüber und noch habe ich Dich nicht geſehen. Will Dein Mann Dich nicht begleiten, ſo komme allein: Du wirſt in Paris nicht verloren gehen, und wirſt hier gleich einer Schweſter empfangen werden. Unterdeſſen ſei nicht unruhig über den Anflug von Traurigkeit, der meine Briefe ein bischen verſchleiert; iſt man ja doch im Sommer auch nicht unruhig über die weißen Dünſte, welche unter dem Himmel hinfliegen und weder Regen noch Winter mit ſich führen.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Kommen wir nun ganz auf Julia zurück. Es haben unſere Leſer vielleicht ein wenig Aer⸗ gerniß daran genommen, daß ſie Leon ſich ſo plötz⸗ lich preisgegeben; nicht nur iſt ihnen bekannt, daß die Lovely mit ihrem Körper nicht geizte, daß ſie den⸗ ſelben im Gegentheil gern verſchwendete, ſondern es haben dieſelben auch denken müſſen, es ſei dieſe plötz⸗ liche Veränderung, die hinſichtlich des Marquis bei ihr Statt gefunden, nicht ohne Grund geweſen. In der That, es hatte Julia beim Lichte ihres ſtets auf einen und denſelben Zweck gerichteten Gedankens be⸗ griffen, welchen Vortheil ein geſchickter Kopf aus der ieſes Ohne mehr Du rrüh⸗ ehen. mme und den. von iert; über imel ſich 41 Liebe ziehen könnte, die Herr von Grige bereits für Fräulein von Hermi fühlte, und da ſie Niemand größere Geſchicklichkeit zugeſtand, als ſich ſelbſt, ſo hatte ſie ſich die unter ſolchen Umſtänden zu ſpielende Rolle zugetheilt und war auf letztere muthig einge⸗ gangen, indem ſie die Geliebte Leons wurde, den es vor Allem galt, nicht fortgehen zu laſſen. Wohl hatte ſie vorausgeſehen, daß das myſteriöſe Reſultat, das ſie erreichen wollte, noch lange auf ſich warten laſſe; aber es iſt die Geduld die Tugend der Ewig⸗ keit, und im Grunde ihres Herzens nährte Julia einen ewigen Haß. War dieſer Haß durch Gründe unterſtützt? Nein. Schon viele Männer hatten es ihr wie Immanuel gemacht und doch hatte ſie dieſelben darum nicht ge⸗ haßt, und doch hatte ſie ſich deßhalb nicht an ihnen gerächt. Woher kam es alſo, daß ſie auf Herrn von Bryon ſolchen Haß warf? Ganz einfach daher, daß Herr von Bryon ein hervorragender Mann war; daß ſie in der Einſamkeit ihrer Hoffnungen einen Augen⸗ blick es gewagt hatte, ihr Leben mit dem des jungen airs zu verbinden; daß ſie ſchon ſogar die aus⸗ ſchweifendſten, die unſinnigſten Pläne gemacht, und daß alles das in einer Secunde wieder verſchwunden war unter dem höhniſchen Briefe, der auf die be⸗ wußte Zuſammenkunft gefolgt war, ſowie dann unter der heißen Liebe, die Fräulein von Hermi Immanuel einzuflößen gewußt, und die Letzteren wohl ſelbſt Julia's Name hatte vergeſſen laſſen. — ir haben es ſchon geſagt: Julia war eines jener unheilvollen Geſchöpfe, die durch kein Hinder⸗ niß ſich von Etwas zurückhalten laſſen, und auf jedem 4² Wege mit eiſerner Beharrlichkeit zur Ausführung ihrer Pläne ſchreiten. Julia war eine Geſellſchaft verhaßt, die ſie verſtieß, und zwar mit Recht. Lange hatte ſie nach einer Gelegenheit geſucht, dieſen Haß durch irgend einen großen Skandal an den Tag zu legen,— einen Skandal, der den Beweis liefern ſollte, daß Liebedienerinnen um kein Haar ſchlechter ſeien, als die Frauen der höheren Welt,— ein ge⸗ ſellſchaftliches Paradoxon, das wohl, wie alle Para⸗ dora, zuweilen wahr iſt, ſich aber immer nur ſchwer Geltung verſchaffen wird. Zum Unglück für ſie, wohlverſtanden, hatte ſich ſolche Gelegenheit noch nicht dargeboten bis zu dem Tage, wo ſie in Erfahrung gebracht, daß Immanuel Fräulein von Hermi heira⸗ thete, das keuſcheſte, das ſchönſte, das gluͤcklichſte und vor Allem das geliebteſte von den Mädchen jener für Julia verſchloſſenen Welt. Von dieſem Augen⸗ blicke an hatte der unbeſtimmte Haß der Lovely, wenn wir uns alſo ausdrücken dürfen, einen Zweck gehabt gleich ihrem ſpeciellen Haſſe. Dieſem Muſter von Grazie, von Schönheit, von Jugend, von Liebe und von Tugend unbarmherzig nachzuſtellen, es zu zer⸗ ſtören und zu vernichten, es im Kothe herumzuziehen und zu ſagen: Ich, ich, Julia Lovely, die Liebedie⸗ nerin, ich habe ſolches gethan! das war der ehrgei⸗ zige Plan, den unſere Heldin ſich vorgeſetzt. Fangen unſere Leſer nun an einzuſehen, wozu bei All dieſem Leons Liebe zu Marien der Lovely dienen konnte? Oh! es war hundert gegen eins zu wetten, daß dieß ein unſinniger, ja in der Ausfüh⸗ rung ſchlechterdings unmöglicher Plan wäre, und daß an der Reinheit der jungen Frau Alles ſchmäh⸗ — 43 rung lich ſcheitern würde; aber wo wäre das Verdienſt ſchaft des Triumphes geblieben, wenn dieſer ſo leicht ge⸗ Lange weſen wäre? Haß Von dem Tage an, wo Marie Immanuels Frau ag zu geworden, verlor Julia dieſelbe keinen Augenblick efern aus dem Geſichte, und hätte Jemand in der Seele echter der Letzteren zu leſen gewußt, ſo wäre er vor Schrecken n ge⸗ erſtarrt über das, was er dort erblickt haben würde, Para⸗ nach Art des Reiſenden, der ſich über einen Abgrund chwer beugt, in deſſen Tiefe er myſteriöſe Wildbäche brau⸗ ſſe, ſen und donnern hört. Sie hatte Leon mit jenem nicht Zauber umgeben, den ſie in höchſtem Grade beſaß, prung und der um den Mann her, den ſie liebte oder heira⸗ den ſie zu lieben vorgab, einen Kreis beſchrieb, den und er nicht zu durchbrechen vermochte, wenn er anders jener nicht, gleich Immanuel, mit großer Willenskraft aus⸗ ugen⸗ gerüſtet war. Sie hatte es gar kein Hehl, daß ſie wenn einen neuen Liebhaber angenommen; überall hatte ehabt ſie ſich mit ihm ſehen laſſen; er mußte ſie tagtäglich von beſuchen; ſie hatte mit unendlicher Kunſt es verſtanden, und leidenſchaftliche Liebe zu ihm zu heucheln: kurz, ſie t zer⸗ war äußerlich durchaus Herr über ihn. Im Grunde jehen aber, und was wir da ſagen, könnten wir uns füg⸗ bedie⸗ lich enthalten, hier zu erwähnen, verabſcheute ſie rxgei⸗ Leon, oder vielmehr, ſie verachtete ihn, wie man das Werkzeug verachtet, deſſen man ſich bedient, wie wozu man den Geiſt verachtet, deſſen man bedarf und von ovely dem man fühlt, daß er unter Einem ſteht. Daher 1s zu waren auch nicht alle Tage der Lovely roſenfarbig; sfüh⸗ daher wurde ſie auch oft, zwar nicht von Muthloſig⸗ und keit, denn ſie war nicht das Weib, das ſich ſo leicht mäh⸗ entmuthigen ließ, wohl aber von Furcht gepeinigt, 44 wenn ſie ſah, wie lange ſie noch würde warten müſſen, um ihr Werk des Haſſes und der Zerſtö⸗ rung beginnen zu können. Wäre Julia es vergönnt geweſen, den letzten Brief, den Marie an Clementine geſchrieben, und den wir zu Ende des vorangehenden Kapitels gege⸗ ben, zu leſen, ſo wäre ſie gewiß hoch erfreut gewe⸗ ſen bei Wahrnehmung dieſer erſten Melancholie, die gleich einem Nebel in dem Geiſte der Frau von Bryon aufſtieg. Als Julia in der Zeitung die Notiz geleſen:„Herr von Bryon, Pair von Frankreich, hat zu Dreux ſo eben ſich mit der Tochter des Gra⸗ fen von Hermi copuliren laſſen,“ hatte ſie Leon das Blatt hingeboten und geſagt: „Da lies!“ Und ſie hatte den Eindruck ſtudirt, welchen dieſe Nachricht auf ihren Liebhaber hervorbrachte. „Ich wußte das bereits,“ hatte der Marquis darauf geantwortet.„Was ſoll mich denn dieſe Heirath angehen?“ „Du biſt alſo in das junge Ding nicht mehr verliebt? Du haſt alſo das Rotznäschen ganz ver⸗ geſſen?“ hatte Julia gefragt. „Du kennſt wohl am Beſten den wahren Stand der Sache.“ Offenbar log hier von Grige, jedoch konnte er Julia nicht täuſchen. „Um ſo ſchlimmer dann,“ hatte die Lovely dar⸗ auf verſetzt. „Und warum um ſo ſchlimmer?“ „Weil mir das beweist, daß die Liebe nicht lange zitt abe aue mei lan Mit Tre ben gar ſeine dach hinte C Leon für wovo erten vſtö⸗ tzten und gege⸗ ewe⸗ die von ſotiz eich, Gra⸗ das dieſe quis dieſe nehr ver⸗ tand er dar⸗ unge 45 in Deinem Herzen lebt, und ich darum auch für mich fürchten muß.“ Mit dieſen Worten hatte Julia ſich zu Leons Füßen geſetzt und das Haupt auf ſeine Knie gelegt. „Nur Dich liebe ich, Julia,“ verſetzte Leon, mit den Händen durch die Haare ſeiner Geliebten fahrend. „Auch bin ich recht unklug geweſen,“ fuhr Letz⸗ tere fort. „In wie fern?“ „Du fragſt mich noch? Indem ich Deine Ge⸗ liebte ward, um Dich den Kummer ein wenig ver⸗ geſſen zu laſſen, den die Heirath des Fräuleins von Hermi Dir verurſachte. Und nun, da ich Dich liebe, zittere ich, Du möchteſt mich verachten, vor Allem aber, Du möchteſt mich nicht lieben. Was bin ich auch neben dieſem Kinde, und welchen Erſatz vermag meine Liebe Dir zu geben für die, welche Du bei Fräulein von Hermi gefunden hätteſt? Vielleicht langweile ich Dich ſchon und bleibſt Du nur aus Mitleid noch bei mir, und weil Du weißt, daß dieſe Trennung mir eine meiner ſüßeſten Hoffnungen rau⸗ ben würde.“ „Du irrſt Dich, Julia; ich liebe Dich und denke gar nicht mehr an Frau von Bryon,“ bemerkte Leon, ſeine Lippen auf die der Lovely preſſend. „Es geht Alles erwünſcht; er liebt ſie noch,“ dachte Julia, die in Dingen der Liebe gar ſchwer zu hintergehen war. Julia ließ keine Gelegenheit vorübergehen, mit Leon von der Liebe zu ſprechen, welche Immanuel für ſeine Frau an den Tag legte,— eine Liebe, wovon man in der vornehmen Welt viel ſprach. So 46 gelang es ihr, nicht zwar zu bewirken, daß Leon in Marie ſich noch mehr verliebte, denn es war, im Ganzen genommen, die Liebe, welche er für Fräulein von Hermi empfunden, beſtimmt, eines raſchen Todes zu ſterben, gleich einem Feuer, das aus Mangel an Nahrung erliſcht, wohl aber ihm ein Gefühl des Haſſes wider Immanuel einzuflößen, der ihm ein geträumtes Glück geraubt hatte und daſſelbe nun zerriß. Es gab daher auch Augenblicke, wo Leon, wenn das nicht das lächerlichſte Ding von der Welt geweſen wäre, mit Herrn von Bryon gern angebun⸗ den hätte; und Leon— da ſehe man, wie ſchwach und niedrig unſere arme Männernatur iſt— ſtand ſo blindlings unter Julia's Einfluſſe, daß er, der Julia doch nicht liebte, allmählig eiferſüchtig geworden war auf die Liebe, die ſie, wie ſie ihm geſtand, einmal für Immanuel empfunden,— daß er deßhalb Herrn von Bryon ein wenig mehr verabſcheute und zeit⸗ weiſe ſich überredete, er ſei in Julia ſterblich verliebt. Es hat wohl ein Jeder ſchon eine Katze mit einer Papierkugel ſpielen ſehen. Zuweilen geſchieht es, daß das Thier, in Folge einer allzu ungeſtümen 1 Bewegung, dieſe Kugel unter irgend ein Möbel bringt, und daß es dann letztere auf einen Augen⸗ blick verliert; aber es hat ſo lange keine Ruhe, bis es ſein Spielzeug wieder bekommt, ſei es, daß es unter das Möbel hinunterſchlüpft, oder daß es ganz einfach die Pfote ausſtreckt. Wohlan! jeder Mann iſt in den Händen einer Frau von Kopf gerade das, was eine Papierkugel in den Pfoten der Katze. Ent⸗ wiſchen ſie einander, ſo iſt es reiner Zufall; läßt n in im ilein odes l an des ein nun keon, Welt bun⸗ vach tand ulia war mmal errn zeit⸗ iebt. mit hieht men öbel gen⸗ bis 3 es ganz tann das, Ent⸗ läßt 47 man ſie gehen, ſo kümmert man ſich eben nicht mehr um ſie, weil man ſie zu Nichts mehr benützen kann. Es gab Augenblicke, wo von Grige, wenn er über ſeine Lage nachdachte, auf folgende Gedanken kam, welche von Allen werden verſtanden werden, die, wie er, mit Frauenzimmern wie Julia gelebt haben: „Ich compromittire mich mit der Lovely,“ ſo ſprach er bei ſich ſelbſt;„ich zeige mich überall mit ihr; ich thue, als wäre ich unendlich ſtolz darauf, daß ich ihr Liebhaber ſein und die Frau beſitzen dürfe, die Jedermann ſchon beſeſſen. Wie muß doch Herr von Bryon lachen, indem er mich an ein Weib glau⸗ ben ſieht, das er nur ein einziges Mal gewollt hat! Das heißt, ich ſoll mich mit ſeinen Ueberreſten be⸗ gnügen, und mich glücklich fühlen in dem Beſitz deſſen, was er ſelbſt mit Hohn behandelt. Findet ſich je einmal eine Gelegenheit, Genugthuung zu nehmen, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich dieſelbe ent⸗ ſchlüpfen laſſe.“ Glaubt man, es ſeien alle dieſe geheimen Allein⸗ geſpräche Julia entgangen, die im Gegentheil Alles aufbot, um dieſelben hervorzurufen? Es kannte Julia den Boden, über den ſie zu verfügen hatte, und gar wohl wußte ſie, daß ſie nur ein Wort darein zu ſäen brauchte, wenn der Groll, wenn die Eitelkeit, wenn all' die kleinen Leidenſchaften, die ſich in den Menſchen theilen, dort alsbald keimen und groß werden ſollten.— Inzwiſchen gab Graf von Hermi einen Ball, oder vielmehr ein Feſt auf einem Landhauſe, das er in der Nähe von Paris gemiethet hatte; denn es war beſchloſſen worden, daß man dieſes Jahr nicht 48 8 nach Poitou gehen, oder, wenn man dorthin ginge, erſt dann gehen wollte, wenn Frau von Bryon nie⸗ dergekommen wäre. Für Marie wurde ſo liebevoll geſorgt, daß ihr Vater und ihr Gatte Anfangs die Beſchwerden der Reiſe und dann den Aufenthalt in einem Lande, wo es nicht ſo viele geſchickte Aerzte gab, für ſie fürchtete; ſie meinte, es ließen ſich für de eine Frau in ihrer Lage dort nicht im rechten Augen⸗ blicke alle Hülfsmittel der Kunſt finden. gn Dieſes Feſt fand zu Ville⸗d'Avray Statt. Der Graf, der nicht wußte, was zwiſchen Im⸗ Es manuel und von Grige vorgefallen war, ließ Letzte⸗ gre rem eine Einladung zugehen,— eine Einladung, fer⸗ — welche übrigens auch dann erfolgt wäre, wenn er um die Projecte gewußt hätte, womit der Marquis ſich getragen.„ de Leon hatte große Luſt, ſich bei dieſem Feſte ein⸗ gut zufinden; allein er getraute ſich nicht, ohne Julia's täg Zuſtimmung hinzugehen, da dieſelbe ihn nun ganz mit leitete und er ſie nicht um dieſe Erlaubniß zu fragen ſond wagte, indem ſie von Zeit zu Zeit auf Marie eifer⸗ biet ſüchtig zu ſein ſchien. Es war abermals die Lovely, ſehn welche ſeinem Wunſche entgegen kam. der Die Neuigkeit, daß ein ſolches Feſt gegeben wer⸗ auf den ſollte, gab viel zu reden, denn zu Paris erregt, bitte wenn man will, Alles Aufſehen.. „Der Herr Graf von Hermi gibt einen großen zu d Ball,“ ſprach Julia zu Leon einen Tag vor dem dieſe — beabſichtigten Feſte. dabe „So iſt's,“ antwortete Leon. denn „Hat er Dich nicht eingeladen?“ ſich „Ei, freilich.“ frau Dur inge, nie⸗ evoll die lt in erzte ) für igen⸗ Im⸗ jetzte⸗ dung, in er rquis ein⸗ llia's ganz ragen eifer⸗ vely, wer⸗ rregt, roßen dem 49 „Haſt Du im Sinne hinzugehen?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Ich ziehe es vor, meinen Abend hier zuzubringen.“ Hier ſchaute Julia den Marquis an. „Du mußt auf dieſen Ball gehen,“ hob ſie wie⸗ der an. „Wozu das?“ bemerkte der Marquis ganz ver⸗ gnügt. „Es wäre unſchicklich, wenn Du nicht hingingeſt. Es könnte ausſehen, als ob Du Herrn von Bryon grollteſt, der dann noch glauben könnte, daß ich Dich fern halte.“ „Ganz richtig.“ „Du kannſt mir glauben, Leon,“ bemerkte Julia, „denn ich bin im Stande, Dir hie und da einen guten Rath zu geben,— denn ich bin kein ſo all⸗ tägliches Weib; thu', was ich Dir ſage: Du mußt mit Herrn von Bryon nicht allein nicht ſchmollen, ſondern mußt ihm im Gegentheil noch die Hand hin⸗ bieten; beweis ihm, daß Du Dich nicht nach dem ſehnſt, was Du durch ihn verloren, und daß Du mit der Frau glücklich lebſt, die er verſchmäht. Geh' auf dieſen Ball, Leon, geh' auf dieſen Ball,— ich bitte Dich darum, ich will es!“ Julia beſtand ſo darauf, um ſich das Anſehen zu geben, als glaube ſie wirklich, daß von Grige dieſes Feſt nicht mitmachen wolle. Er fand ſich alſo dabei ein und ſah Marie ſchöner, als ſie je geweſen; denn alle Reize, die ſie als Mädchen beſeſſen, hatten ſich erhöht durch jenes gewiſſe Etwas, was die Jung⸗ frau erlangt, indem ſie zur Frau wird,— durch Dumasd. J., ein Frauenleben. II. 4 50 jenen nicht näher zu beſtimmenden Zauber, durch jene fer Art Mannbarkeit, welche ein Weib zugleich ernſter und A ſanfter macht, ihrer Schönheit Geſchmeidigkeit und Energie, Stärke und natürliche Ungezwungenheit ver⸗ Le leiht. Leon konnte ſich nicht genug wundern. M Es kam Immanuel auf ihn zu. „Es freut mich unendlich, Sie hier zu ſehen, gn Leon,“ ſprach er zu ihm, ihm freundſchaftlichſt die Hand hinreichend und im Tone des ehrlichen Mannes, der es mit einem andern zu thun hat:„hoffentlich werde ich Sie nun öfters ſehen, nicht allein bei dem Grafen, ſondern von Zeit zu Zeit auch in meinem Hauſe. Nächſten Winter empfängt Frau von Bryon, und lad dann kommen Sie,— nicht wahr, Marie?“ ſprach Immanuel, zu ſeiner Frau gewandt, die in dieſem„ul Augenblicke vorüberging, und Leon, den ſie erkannt lau hatte, grüßte. Au „Du ſagſt Herrn von Grige, er ſolle ſeine Freunde ich nicht ſo ſehr vernachläſſigen?“ fragte ſie. mei Ja.“ nich 8 „Du thuſt wohl daran, mein Freund,“ ſetzte Marie mit einer jener lächelnden Mienen hinzu, wie dern Frauen der höheren Welt im Laufe eines Abends ſie der ſo oft haben, und die, alle zuſammengerechnet, nicht eine den vierten Theil des Lächelns aufwägen dürften, das eine Maitreſſe für einen Mann hat, den ſie ſpra wirklich liebt. nicht Leon verneigte ſich. dem „Wie viel Vertrauen dieſer Mann doch hat!“ Her murmelte er. Und er preßte Immanuels Hand. Marie ent⸗ ſehen, ſt die nnes, entlich i dem Hauſe. und prach ieſem kannt eunde ſetzte „wie 8s ſie nicht rften, n ſie hat!“ ent⸗ 5¹ fernte ſich, nachdem ſie ihren Gatten angeſchaut. Alle ihre Liebe lag in dieſem Blicke ausgedrückt. „Wie ſie ihn liebt und wie ſchön ſie iſt!“ ſprach Leon bei ſich ſelbſt. Das Feſt dauerte bis Morgens ſechs Uhr. Der Marquis war der Letzte, der ging. „Nun, haſt Du Dich geſtern Abend recht ver⸗ gnügt?“ fragte Julia am andern Tage Herrn von Grige. „Meiner Treu, nein,“ antwortete Letzterer. „Haſt Du Herrn von Bryon geſehen?“ „Ja. „Was hat er geſagt?“ „Er hat mich zu den Abendgeſellſchaften einge⸗ laden, die er nächſten Winter zu geben beabſichtigt.“ „Nun, es geht ja Alles vortreſſlich,“ dachte Julia, „und ich will, daß Du auch hingeheſt“, ſprach ſie laut;„ich will nicht haben, daß man auch nur einen Augenblick muthmaße, als mache ich den Mann, den ich liebe, und der mich liebt, zum Sklaven, denn mein angebeteter Leon liebt mich doch noch immer,— nicht wahr?“ Indeſſen vergaß Julia ihre Intereſſen nicht, ſon⸗ dern machte noch an demſelben Tage beim Miniſter, der ihr Verhältniß zu Herrn von Grige erfahren, einen Beſuch. „Nun, was wird denn aus Ihnen, liebe Julia?“ ſprach der Miniſter zu ihr;„man ſieht Sie ja gar nicht mehr; und welche verteufelte Liebe plagt Sie denn? Was für ein unnützer Liebhaber— dieſer Herr von Grige!“ „Da irren Sie ſich, Herr Miniſter,“ antwortete 52 Julia:„nie haben wir einen beſſeren Hülfsgenoſſen gehabt. Hätte ich ihn ſonſt genommen?“ „Erklären Sie mir dieſes Geheimniß!“ „Nein, Sie haben an mir gezweifelt und ſollen nun dafür geſtraft werden.“ „Haben Sie Acht, Julia, es wird Immanuel von Tag zu Tag gefährlicher, da er immer volks⸗ thümlicher wird. Einen Augenblick hatte ich gehofft, daß ſeine Ehe ihn auf die Politik würde verzichten laſſen; aber ich ſehe mich getäuſcht. Er iſt ſtärker denn je wieder aufgetreten, und es hat die Rede, die er bei ſeinem Wiedererſcheinen gehalten, ihm mächtig genützt.“ „Er iſt unſer, ſage ich Ihnen. Was wird mir aber dieſer Sieg eintragen? denn, Herr Miniſter, meine Mühe 8 gewiß keine kleine.“ „Sie ſollen bekommen, was Sie immer wollen.“ „Dann machen Sie Ihre Kaſſe nur recht weit auf, denn ich zähle auf Sie: ich will mein Glück vollends machen, und dann ausruhen.“ „Sie wollen ſich zur Ruhe ſetzen, Turteltäubchen, und mit Herrn von Grige leben?“ „Ach nein. Ich reiſe dann.“— „Ich ſchicke Sie nach Rußland. Sie werden eine ſchöne Madame des Urſins geben, Julia.“ „Nun, davon wollen wir ein ander Mal ſprechen; die äußere Politik wird mich von der innern aus⸗. ruhen laſſen.“ rnoſſen ſollen tanuel volks⸗ ehofft, zichten ſtärker Rede, ihm d mir niſter, llen.“ weit Glück chen, eine ccen; aus⸗ 53 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Es kam der Monat Auguſt herbei. Hat nun der geneigte Leſer ein gutes Gedächtniß für Daten, ſo wird er wiſſen, daß der Monat Auguſt in Mariens Leben eine große Veränderung herbeiführen ſollte. In der That, um den zwanzigſten des genannten Monats nahmen die Kindsnöthen ihren Anfang. Die junge Frau unterwarf ſich denſelben gern, und dieſe Qualen, die ſie zur Mutter machen ſollten, er⸗ füllten ihr Herz mit Freude. Immanuel wich keinen Augenblick von ihrer Seite. Es zeigte ſich da ſeine Liebe in ihrer ganzen Stärke. Er lächelte ihr zu wie einem Kinde. Er kniete fortwährend neben dem Bette, aus dem Grunde ſeines Herzens zu Gott flehend, daß er doch das ſchwache Geſchöpf befreien möchte, für das er Nichts zu thun vermochte. Er küßte ihr die Hände, und die holde junge Frau, auf dieſe heilige, hohe Liebe ſtolz, lächelte inmitten ihrer Schreie und ihrer Thränen. Herr von Hermi, der, wie ſich leicht denken läßt, von den Schmerzen ſeiner Tochter Zeuge ſein wollte, war ruhig; aber blaß und mit heftig pochendem Herzen verlor er ſie keinen Augenblick aus den Augen. — Wer am Meiſten ausſtand, war er, und Marie ſah das ein, denn ſie erſtickte in ſeiner Gegenwart die Schreie, die ihre Bruſt ſchwellten, und die ſie vor Allen andern ohne Weiteres hören ließ. Was die Gräfin betrifft, ſo war und blieb ſie ſtets die⸗ ſelbe. Sie pflegte ihre Tochter, weil dieſe Pflicht ihr als Frau zukam. Aber die Schmerzen, die ſie 54 litt, ſchienen ihr das natürlichſte Ding von der Welt, und beunruhigten ſie in keiner Weiſe. Sie ſaß alſo lachend und ganz wie ſonſt plaudernd neben dem Bette, was im Uebrigen die junge Frau in Betreff dieſes unbekannten Schmerzens beruhigte. Je näher der vorausgeſehene Augenblick kam, um ſo mehr hatte Herr von Bryon Furcht. Mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer, ſein Taſchentuch zwiſchen den Zähnen haltend, und als der Arzt hereintrat, folgte er demſelben mit einem flehenden Blicke, ähnlich dem, welchen der Schuldige ſeinem Richter zuwirft. Man fühlte, wie ſein Leben an dem ſeiner Frau hing, und wie, wenn das eine Leben zu Grunde ging, auch das andere vernichtet werden mußte. Es dauerte das volle drei Tage: am Abende des dritten Tages ſtellte ſich endlich eine heftigere Kriſe ein. Es verließ Jedermann das Zimmer, den Arzt ausgenommen, und zwei Stunden darauf war Marie Mutter. Dieſe ganze Zeit hatten Herr von Hermi und Immanuel, fern von einander, mit Beten zu⸗ gebracht; und als man ihnen meldete, daß Alles glücklich vorüber wäre, verſtanden ſie einander und drückten ſich die Hand. Es gibt in der That Schmerzen, denen gegen⸗ über unſere menſchliche Natur völlig unmächtig iſt und nur im Gebete, jenem Boten, den die Menſchen zu Gott emporſenden, Linderung findet. Marie war vor Freude ganz außer ſich und wollte ſich von ihrem Kinde gar nicht mehr trennen. Sobald die Gefahr vorüber war, lachte Alles im Hauſe, von Immanuel bis zu Mariannen, die, wie ſich wohl denken läßt, Welt, ß alſo dem Zetreff kam, Mit „ſein ls der enden einem dem Leben erden e des Kriſe Arzt Narie dermi 1 zu⸗ Alles und egen⸗ g iſt ſchen war hrem fahr nuel läßt, 55 alle Nächte bei der jungen Frau gewacht hatte. Dann trat die Geneſung ein; und endlich vergaß man ganz und gar dieſes Ereigniß, wovon nur ein Glück, das heißt, ein wundernettes kleines Mädchen, noch übrig war. Jedermann lebte nun wieder wie ſonſt. Der Graf und die Gräfin kehrten in ihr Hotel zurück. Immanuel ging wieder in die Kammer und blieb wieder ſeinen anderen Gewohnheiten treu. Nur in Mariens Leben allein fand daher eine Veränderung Statt, denn ſie widmete ſich ausſchließlich ihrem Kinde. Sie hatte Clementinen die Geburt ihrer Tochter mitgetheilt, und Clementine ihrerſeits hatte ihr einige Monate darauf die Geburt eines Knaben gemeldet. Die beiden Frauenexiſtenzen gingen ſo, obwohl getrennt, immer neben einander her; da kam der Winter mit ſeiner Fülle von Feſten. Es ſchien, als wolle Jedermann das Glück der jungen Frau freundlich begrüßen. Clementine ſollte dieſen Winter in der Haupt⸗ ſtadt zubringen. Aber Herr Barillard, der die Pro⸗ vinz liebte, dort ſeine Freunde und Bekannten hatte, und durch die Macht der Gewohnheit dort feſtgehal⸗ ten wurde, rückte ſeine Abreiſe immer möglichſt hin⸗ aus, und dann drängte ihn auch ſeine Frau nicht allzu ſehr. So iſt es. Kommen zwei junge Mädchen, die einander lieben, aus ihrem Penſionat, ſo glauben ſie, ſie werden nie ohne einander leben können, und eines Tages werden ſie, nachdem jede geheirathet, gewahr, daß ſie einander ſchon ſeit einem, ſchon ſeit zwei Jahren nicht mehr geſehen, ſowie daß ſie recht gut leben, ohne einander auch nur zu ſehen. Sie 56 lieben darum einander nicht weniger, und ſind viel⸗ leicht dann nur um ſo glücklicher, wenn ſie einander wiederſehen; unterdeſſen aber ſind ſie von einander getrennt: Es ſtrebt eben immer das Leben, ſich von den erſten angenommenen Gewohnheiten zu iſoli⸗ ren; es erſetzt eben, beim Manne, wie beim Weibe, eine neue Liebe die Freundſchaft, die in den Zuſtand der Erinnerung übergeht, bis ſie wieder zum Be⸗ dürfniſſe wird, wenn die Liebe Einen getäuſcht hat und das Alter da iſt. Es war daher ganz natürlich, daß Clementine und Marie, die Beide ſich den er⸗ ſten Freuden des ehelichen Lebens und der Mutter⸗ ſchaft überließen, in ihren Beziehungen, wenn auch nicht in ihrer Freundſchaft einander vernachläſſigten, und daß Clementine an Marie ſchrieb: Komm doch nach Dreux, während Marie Clementinen mit der Bitte anlag, daß ſie doch nach Paris kommen möchte. Es wäre Beider höchſtes Vergnügen geweſen, wenn ſie hätten einander ſehen können; aber es that keine den erſten Schritt, da ſie durch ihre neuen Eindrücke zu⸗ rückgehalten waren. Es fand ſich Marie in der Welt wieder mit Leon zuſammen. Für jede andere Frau wäre die Gegen⸗ wart des Marquis wohl ein Vorwand zu Befürch⸗ tungen oder Koketterien geweſen; was aber Marie betrifft, die das Leben nur durch ihr Glück und ihre Unſchuld hindurch anſchaute, ſo machte Leons Anwe⸗ 1 ſenheit ſie nicht nur nicht verlegen, ſo fiel es ihr nicht einmal ein, ſich zu fragen: da iſt ein Menſch, der mich geliebt hat und vielleicht mich immer noch liebt, ſondern ſie hätte dem Marquis ſogar durch eine gute, aufrichtige Freundſchaft für ſeine Liebe ſchen ſeine d viel⸗ rander nander h von iſoli⸗ Veibe, iſtand Be⸗ ſt hat ürlich, n er⸗ utter⸗ auch iten, doch der öchte. wenn e den 2 zu⸗ Leon egen⸗ ürch⸗ karie ihre nwe⸗ ihr nſch, noch urch iebe 57 danken mögen. Leon kam nicht ganz zu demſelben Schluſſe. Als er geſehen, wie Marie Herrn von Bryons Frau wurde, hatte er bei ſich ſelbſt geſagt: Von dieſer Seite habe ich Nichts mehr zu hoffen, und verſucht, es dabei bewenden zu laſſen; wie wir aber geſagt, ſo hatte Julia im Geiſte ihres Lieb⸗ habers den Namen und das Andenken Mariens er⸗ halten, und zwar mit ſo vollendeter Geſchicklichkeit, daß Leon nicht hätte ſagen können, er habe Julia vor Frau von Bryon, ſeitdem er ſie kennen gelernt, ſprechen hören. Dann hatte der Marquis Immanuel verabſcheut, der ihm ſeines Glückes zu gewiß und zu vertrauensvoll ſchien, und die Frau aus Haß gegen den Mann ein wenig zu beſitzen gewünſcht; dann hatte er mit Frau von Bryon geſprochen, und es hatte dieſe ihn mit ihrer holden, bezaubernden Naivetät ſo gut aufgenommen, hatte ihn in eine ſo reine Seele blicken laſſen, daß er zu ſich ſelbſt geſagt: Die Liebe dieſer Frau zu gewinnen zu ſuchen, wäre Thorheit, ſich von ihr lieben zu laſſen, eine Niederträchtigkeit; und ſo hatte er denn den feſten Entſchluß gefaßt, an Marie gar nicht mehr zu den⸗ en, und die Hand, die Immanuel ihm geboten, herz⸗ lich und ehrlich gedrückt. Unglücklicher Weiſe waren in von Grige's Leben der leeren Stunden gar viele. Julia ſagte ihm zwar alle Tage, daß ſie ihn liebte; ſie machte ihm zwar, wohl wiſſend, daß er es nicht annehmen würde, das Anerbieten, mit ihm der Welt Lebewohl zu ſagen und auf einem recht einſamen, unbekannten, poeti⸗ ſchen Stück Erde zu leben, aber es fühlte Leon wider ſeinen Willen, wie ſein Leben ſich mit dem ſeiner 58. neuen Geliebten nicht ſo recht vereinigen ließ. Er wagte es nicht, ſie zu verlaſſen, denn ſie hatté ihre Rolle ſo gut geſpielt, daß er alſo ſchloß: Dieſes arme Weib, das von Jedermann und von mir ſelbſt ſo ſehr verleumdet worden, wovon ich ſelbſt immer nur Böſes geſagt, hat ſich mir hingegeben, um mich zu zerſtreuen, um mich über den erſten Kummer zu trö⸗ ſten, den ich gehabt; und nun, da ſie mich liebt, ſollte ich ſie verlaſſen und ihr damit lohnen, daß ich ſie ſitzen laſſe? Es wäre das nicht ſchön. Und was ſollte ich am Ende auch anfangen? Iſt das Leben, das ich mit ihr führe, nicht das glücklichſte, das ich führen kann in der Lage, in der ich mich befinde Trotzdem daß Leon ſich dieſes ſagte, fühlte er gar wohl, daß für ihn das Glück nicht in dem künſtlichen Leben liege, das er bis dahin geführt und mit Julia immer noch fortführte. Während der wenigen Augenblicke, wo er ſich Hoffnung gemacht, daß er Marie würde zur Frau bekommen, hatte er gefühlt, wie Gefühle in ihm erwachten, die er bis dahin nie gekannt, und die ihm mit einem Male das Leben von einer neuen Seite, das Glück von einem neuen Geſichtspunkte gezeigt hatten. Um dieſe Zeit hatte er die Augen auf ſeine Ver⸗ gangenheit geworfen und dieſe über die Maßen düſter und öde gefunden. Er hatte bei ſich ſelbſt geſagt: Wozu All das? Und die Gedanken auf die Zukunft richtend, hatte er ein ruhiges, wohlausgefülltes, azur⸗ nes Leben geſchaut, ähnlich dem Reiſenden, der ſich verirrt hat, in mühſeliger Weiſe kahle Berge auf⸗ und abgeſtiegen iſt und nun gewahr wird, daß er 59 einen ſchattigen Fußpfad hätte einſchlagen können, am Rande eines hellen und ruhigen Baches, worin er glücklicher Weiſe noch Zeit hat, ſich zu baden, um ſich von den Mühen und Widerwärtigkeiten der voll⸗ brachten Reiſe ein wenig zu erholen. Die Unmög⸗ lichkeit, ſeine Träume mit Marien zu verwirklichen, hatte in Leon's Geiſt dieſe neue Gedankenreihe nicht zerſtört. Er hatte das Glück halb und halb geſchaut und konnte nun nicht länger ſich enthalten, daran zu glauben. Stets ſuchte er mit Aug und Herz das Stück Himmel, das ihm erſchienen war, und überließ Julia ſein Leben nur einſtweilen: wenigſtens glaubte er das, ſich dabei verhaltend, wie ein König, der in ſeinen Palaſt zurückkehrt und auf dem Wege in alecht Herbergen ſein Abſteigequartier nehmen muß. Als er Marie bei Immanuel ſo glücklich, von dieſem ſo geliebt, gegen dieſen ſo liebeerfüllt wieder geſehen, hatte er ſich gefragt, ob er nicht auf eine Andere das neue Gefühl übertragen könnte, das ſie ihm eingeflößt, und ob er nicht bei einem andern Mädchen den bei Marien angefangenen Traum fort⸗ ſetzen könnte. Er hatte lange geſucht, hatte aber bei keiner Alles das gefunden, was ihm bei Marien ſo bezaubernd vorgekommen, und hatte ſich, Frau von Bryon anſchauend, geſagt: „Es iſt alſo entſchieden eine Seite meines Lebens mit dieſer Frau verknüpft, und da ich nicht ihr Gatte habe werden können, da ich ferner auch nicht ihr Liebhaber ſein kann, ſo will ich von ihr und ihrem Leben ſo viel nehmen, als ich immer kann, und alſo ihr Freund ſein.“ 60 Als zwei ehrliche Herzen, die ſie waren, hatten Immanuel und Marie dieſe Freundſchaft angenom⸗ men, und es war Leon, der Immanuel offen und einfach von den verſchiedenen Gefühlen geſprochen, welche er für ihn und ſeine Frau verſpürt, mit jener Herzlichkeit aufgenommen worden, die man jedem offenen und edlen Herzen ſchuldig iſt. Indeſſen hatte Leon von all dieſem Julia Nichts geſagt; denn er räſonnirte ganz einfach ſo: Da Julia meine Liebe zu Marien gekannt, ſo wird ſie von Eiferſucht ge⸗ plagt werden, wenn ich ihr ſage, daß ich dieſelbe wieder ſehe. Nun aber hatte Leon keinen Grund, Julia in irgend einer Weiſe wehe zu thun: hinter ihrem Rücken machte er alſo bei Frau von Bryon und Frau von Hermi ſeine Beſuche. Letztere betete ihn an und hätte Herrn von Bay vielleicht noch recht unglücklich gemacht, wenn ſie nicht auf dem Wege geweſen wäre, mit ihrer Vergangenheit gleich⸗ falls zu brechen. Julia aber ſah Alles, wußte Alles und ſagte Nichts; nur gelobte ſie ſich feierlich, daß ſie Leon die lächerliche Rolle, die er ſie ſpielen zu laſſen glaubte, einſt theuer genug bezahlen laſſen werde. Achtundzwanzigſtes Kapitel. So oft Leon von Frau von Bryon wegging und zu Julia zurückkehrte; ſo oft er dieſe beiden, von einander ſo ſehr verſchiedenen Exiſtenzen verglich, und dabei ſich fragte, warum Gott nicht gewollt, daß die Eine ihm gehören, und warum der zufall atten nom⸗ und chen, ener dem eſſen denn iebe ge⸗ elbe und, nter yon tete noch dem ich⸗ lles daß zu ſen ind don ich, llt, all 61 wolle, daß er der Andern gehören ſolle, war er von wirklicher Traurigkeit erfüllt. Dann ging er, es nicht mehr wagend, zu Marien zurückzukehren und nicht mehr bei Julia bleiben wollend, irgend wohin, wenn er nur ſeine Gedanken dahin frei mitnehmen konnte. Gleichwohl begriff Julia, daß ſie die Dinge nicht ſo ganz ruhig ihren Weg gehen laſſen dürfe, wenn ſie nicht eines ſchönen Tages ganz und gar verlaſſen ſein und die Frucht einer geduldigen, in Paris zum Sprüchworte gewordenen Verbindung ver⸗ lieren wolle; denn man ſagte ſchon: Verliebt wie Leon und treu wie Julia, zwei Zuſammenſtellungen, 4 die zwei Jahre vorher wohl nie Jemand gedacht hätte. Der Marquis fing an, immer öfter und länger auszubleiben, und Julia zog daraus den Schluß, daß ſie anfangen müſſe, Vorſichtsmaßregeln zu er⸗ ergreifen. Eine Scene der Eiferſucht konnte Nichts ſchaden; ſie machte daher dieſelbe und verſchaffte ſich dabei das Recht, zu ihrem Liebhaber ſpäter ſagen zu können: Ich hatte es Dir vorhergeſagt. .„Leon,“ ſprach ſie eines Tages zu ihm,„ſeit einiger Zeit vergißt Du mich gar ſehr. Liebſt Du mich denn nicht mehr? Wenn das iſt, ſo ſag es mir nur offen.“ Ein treffliches Mittel, das die Frauen da gefunden, um ſtets zur Antwort zu er⸗ halten, daß man ſie anbete. „Und warum ſollte ich Dich denn nicht mehr lieben, Julia?“ bemerkte Leon. „Du biſt ja faſt gar nicht mehr hier. Wo gehſt Du hin?“ „In den Club.“ 6² „Du verläſſeſt mich alſo, um dem Spiele nach⸗ zulaufen?“ „Nein, ich fürchte nur, Dir langweilig zu wer⸗ den, indem ich immer um Dich bin. Du biſt ein Weib, wie es wenige gibt, Julia; Du mußt geliebt werden, aber zu den Stunden, die Dir genehm ſind, und Hirtenſchauſpiele ſind nicht nach Deinem Ge⸗ ſchmacke.“ „Frei überſetzt: Du haſt nicht ſo viel Herz, wie die andern Weiber.“ „Das habe ich damit nicht ſagen wollen.“ „So habe ich es aber verſtanden; da ich aber errathe, was man mir nicht ſagt, ſo errathe ich auch, mein lieber Leon, daß Du eine andere Geliebte, denn mich haſt.“ „Liebe Julia, ich gelobe Dir, daß dem nicht alſo iſt.“ „Dann liebſt Du eine andere Frau.“ „Cbenſo wenig.“ „Vielleicht dieſe Frau von Bryon.“ „Was denkſt Du da?“ „Wie thöricht ich doch geweſen,“ fuhr Julia fort,„daß ich Dir den Rath gegeben, den Mann wieder aufzuſuchen. Er hat übel von mir geſprochen, nicht wahr? Er hat geſagt, ich ſei es nicht werth, daß man mich liebe,— ich ſei eine Courtiſane, ein gefallenes Mädchen, ein verlorenes Frauenzimmer u. dgl.: und Du, der Du in ſeine Frau verliebt biſt, haſt ein doppeltes Intereſſe, ſolches zu glauben. Ge⸗ ſtehe nur, daß ich die Wahrheit gefunden.“ „Herr von Bryon hat in meiner Gegenwart — H Deinen Namen auch nicht ein Mal ausgeſprochen,“ ſprach Leon. „Es iſt das noch viel verächtlicher. Du ſchwörſt mir, daß Du Frau von Bryon nicht liebſt?“ „Ich ſchwöre es Dir.“ „Warum machſt Du ihr den Hof nicht?“ „Ich ſchwöre Dir, daß ich ſie nur höchſt ſelten ſehe.“ „Nimm Dich in Acht, mein Freund. Ich liebe Dich, wie ich noch nie geliebt; und würdeſt Du mich einmal hintergehen, ſo würde ich dieſe Frau unbarm⸗ herzig zu Grunde richten. In meiner Liebe bin ich voller Hingebung, in meinem Haſſe aber bin ich zu fürchten. Noch iſt es Zeit: liebſt Du mich nicht mehr, liebſt Du in Deinem Herzen ſchon eine Andere, o ſag es mir ganz offen; wir geben uns dann die Hand, bewahren einander treue Freundſchaft, und es iſt dann damit Alles aus.“ „Ich wiederhole Dir, Julia, daß dieſe Deine Muthmaßungen durchaus unbegründet ſind, daß Du närriſch biſt, und daß ich Dich liebe.“ Wir ſind Leon die Gerechtigkeit ſchuldig, hier zu ſagen, daß, wäre er der Liebhaber der Frau von Bryon geweſen, er ſolches Julia nicht allein nicht geſtanden, ſondern es ſogar ihr wie Jedermann ſorg⸗ fältigſt verheimlicht haben würde. „Und ſo haben denn wir Drei es mit einander zu thun!“ ſprach die Lovely bei ſich. Und noch an demſelben Abende ging ſie ans erk. Oh, Julia ſah, oder ahnte vielmehr die Dinge von Weitem! In der Tiefe ihres Wagens verborgen, be⸗ gab ſie ſich zu Leon, der ſie verlaſſen hatte, nach⸗ 64 dem er mit ihr geſpeist, und ins italieniſche Theater gegangen war, wohin ſie ihn nicht hatte begleiten mögen. Sie war daher gewiß, daß Leon nicht zu Hauſe war. Das wollte ſie eben. „Iſt Herr von Grige daheim?“ fragte ſie den Pförtner. „Nein, Madame,“ wurde ihr geantwortet. „Aber ſein Kammerdiener iſt zu Hauſe?“ „Ja, Madame.“ „Das genügt,“ erwiderte Julia und ging hinauf. „Florentin,“ hob ſie, ſich an den Diener wen⸗ dend, an,„wie viel haben Sie hier Lohn?“ „Hundert und fünfzig Franken jeden Monat, Ma⸗ dame.“ „Wollen Sie das Doppelte verdienen?“ „In einer andern Stelle?“ „Nein, wenn Sie dieſe Ihre jetzige Stelle behal⸗ ten, dabei aber thun, was ich Sie thun heißen werde. Vierhundert und fünfzig Franken jeden Monat— das iſt wahrlich eine Summe, die nicht ganz zu verſchmähen ſein dürfte.“ 1 „Sprechen Sie, Madame!“ „Wohin geht Ihr Herr am Oefteſten?“ „In die Rue de Varennes.“ „Zu Herrn von Bryon?“ „Ja, Madame.“ „Und dann noch?“ „In die Rue des Saints-Pères.“ „Zu Herrn von Hermi?“ „Ja, Madame.“ .„Sie wiſſen Alles, was Ihr Herr thut, Floren⸗ tin? Reden Sie von der Bruſt weg!“ beater leiten ht zu e den nauf. wen⸗ Ma⸗ behal⸗ verde. das iſt nähen oren⸗ 65 „Ja, Madame.“ „Sie leſen wohl ein bischen alle Briefe, die er ſo herumliegen läßt, und ein bischen wohl auch die, die er verſteckt, ſo oft Sie Gelegenheit dazu finden.“ Florentin war unſchlüſſig und wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Fürchten Sie Nichts,“ ſprach Julia zu ihm, gich komme nicht hierher, um Sie zu verrathen. Im Gegentheil, ich brauche Sie.“ „Dann hat Madame gut gerathen,“ ſprach Flo⸗ rentin;„ein Bedienter weiß immer gerne, bei wem 8 iſt,“ ſetzte er, gleichſam um ſich zu entſchuldigen, inzu. „Nichts iſt billiger,“ bemerkte Julia.„Damit Sie Ihre dreihundert Franken verdienen, brauchen Sie nur für mich zu thun, was Sie für ſich thun.“ „Die Briefe alſo, die er herum liegen läßt...“ „Brauchen Sie mir nicht zu bringen; wohl aber werden Sie mir die bringen, die er verſteckt.“ „Ja, aber wie ſoll ich das machen?“ „Nichts iſt einfacher, als das. Für ſolcherlei Dinge hat man ſtets ein beſonderes Möbel. Wo ſchließt Herr von Grige ſeine Briefe ein?“ „Er ſchließt ſie nicht ein, Madame, ſondern ver⸗ brennt ſie.“ Julia biß ſich in die Lippen. „Wo ſchließt er ſeine wichtigen Papiere ein?“ hob ſie wieder an. „In dem Möbel dort,“ verſetzte Florentin und deutete zugleich auf einen zwiſchen den beiden Fen⸗ ſtern des Salons ſtehenden Aufſatzſecretär. „Hat er den Schlüſſel ſtets bei ſich?“ Dumasd. J, ein Frauenleben. II. 5 66 „Ja, Madame.“ „Dann müſſen Sie ſich einen zweiten Schlüſſel, einen Nachſchlüſſel verſchaffen.“ „Wie?“ „Indem Sie dem Marquis den erſten nehmen, und ihn glauben laſſen, er habe ihn verloren. Die⸗ ſer erſte Schlüſſel kommt dann in meine Hände. Sie brauchen Nichts zu fürchten, Florentin, es ſteckt da⸗ hinter Nichts, denn eine weibliche Eiferſucht. Ihre Rolle beſteht einzig und allein darin, daß Sie täg⸗ lich zu mir kommen und mir ſagen, wo Ihr Herr geweſen, ob er Briefe bekommen und ob er dieſe ein⸗ geſchloſſen, oder verbrannt hat. Sie verſtehen doch?“ „Ja, Madame.“ „Morgen früh alſo bekomme ich den Schlüſſel?“ „Und morgen Abend den erſten Bericht.“ „So iſt's recht. Da haben Sie dreihundert Franken, die ich Ihnen für den erſten Monat vor⸗ ausbezahle.“ Und Julia überreichte Florentin ihre Börſe. „Kommt einmal ein Frauenzimmer hierher,“ ſetzte Julia hinzu,„ſo muß ich es wiſſen, zehn Minuten darauf, oder zehn Minuten zuvor, wenn es möglich.“ „Verſtehe,“ erwiderte Florentin.„O! Madame braucht nicht gerade Alles zu ſagen: ich werde leicht errathen, was Sie vergeſſen.“ „Sie ſind alſo ein recht intelligenter Burſche?“ bemerkte Julia. „Madame ſoll ſchon ſehen.“ „Vor Allem aber reinen Mund!“ „Madame kann ruhig ſein.“ tine geſe len, zun men ich tigke nicht und ner er m. ich denn lüſſel, hmen, Die⸗ Sie kt da⸗ Ihre 2 täg⸗ Herr e ein⸗ ſtehen ſſel?“ ndert vor⸗ ſetzte nuten lich.“ dame leicht he?“ An dem darauf folgenden Tage war Julia im Beſitze des Schlüſſels. Was that Marie, während man ſich ſo mit ihr beſchäftigte, und Julia den Augenblick vorausſah, wo dieſelbe ihren Gatten hintergehen würde? Ihr Herz gehörte ihrem Vater, ihrer Mutter, Im⸗ manuel und ihrem Kinde. Indeſſen müſſen wir alſogleich hinzuſetzen, daß die keuſche, junge Frau ein wenig zu Gunſten Immanuels und ihres Töchter⸗ chens betrog, ſowie daß, wenn ſie nun an Clemen⸗ tine ſchrieb, in ihren Briefen keine traurigen Worte mehr vorkamen. Ueunundzwanzigſtes Kapitel. Gleichwohl ſchrieb ſie eines Tages an Clemen⸗ tine, wie folgt: „In einem meiner letzten Briefe habe ich Dir geſagt, daß Herr Leon von Grige, dem es eingefal⸗ len, mich heirathen zu wollen, es nicht mehr wage, zu meinem Vater und zu meinem Manne zu kom⸗ men; und erinnerſt Du Dich deſſen noch, ſo ſagte ich Dir, daß er Unrecht habe, und einer Sache Wich⸗ tigkeit beizumeſſen ſcheine, welche ſolche durchaus nicht habe. Wohlan! er hat ſich ein Herz gefaßt, und hat ſich wieder ſehen laſſen. Er iſt einer mei⸗ ner Getreuen geworden, und wie ich glaube, ſo macht er mir den Hof. Du kannſt Dir leicht denken, daß ich Immanuel auch nicht eine Silbe davon geſagt, denn ich brauche Niemand, um mich gegen dieſen 68 jungen Mann zu vertheidigen; und dann wird es mir immer ein bischen Zerſtreuung gewähren, wenn er mir ſo den Hof macht. Sind doch die Männer ſonderbar! Da bilden ſie ſich ein, man müſſe, wenn man anderthalb Jahre verheirathet ſei, an ſeinem Manne ganz genug haben, und ſich alle ihre Prä⸗ tenſionen gefallen laſſen. Vielleicht daß die andern Frauen ſo ſind; dann aber iſt ein himmelweiter Un⸗ terſchied zwiſchen ihnen und mir! Ich rühme mich nicht meiner Stärke; es ruht dieſe nicht in mir ſelbſt, wohl aber in der Liebe, die ich für Immanuel fühle, ſowie in der Zuneigung, die ich zu meiner Tochter habe,— zwei Schildwachen, die Gott an die Schwelle meines Hauſes geſtellt, und die mich beſſer hüten, denn ein ganzes Heer. Im Uebrigen hat er eine überaus hübſche Geliebte,— eine Geliebte, die in Wahrheit weit ſchöner iſt, als ich, und ich weiß nicht, warum er nicht ſtets zu ihren Füßen liegt. „Es verkettet ſich Alles recht ſonderbar in den kleinen Ereigniſſen des Lebens. Du erinnerſt Dich wohl ohne Zweifel noch jener Brünette, die wir im italieniſchen Theater geſehen, und die ein Armband von Diamanten hatte, wodurch wir auf ſie aufmerk⸗ ſam geworden ſind: eben dieſes Frauenzimmer nun iſt die Geliebte des Herrn Marquis von Grige; iſt ſie es nicht, ſo thut ſie wenigſtens Alles, was in ihrer Macht ſteht, um ſolches glauben zu laſſen, denn man ſieht ſie überall mit ihm. „Um nun zu dem zu kommen, was mich betrifft, ſo will ich Dir berichten, was mir geſtern vorgekom⸗ men. Du weißt, wie offen und ehrlich Immanuel iſt. Er hat Herrn von Grige die Hand geboten; ird es wenn tänner wenn ſeinem Prä⸗ ndern r Un⸗ mich ſelbſt, fühle, ochter welle büten, eine ie in nicht, den Dich r im band nerk⸗ nun iſt 3 in denn ifft, om⸗ nuel ten; 69 noch mehr, er hat ihn gebeten, daß er uns doch be⸗ ſuchen möchte, und denkt nicht einmal mehr daran, daß ich einſt dem Marquis vielleicht gefallen, ſowie daß der Marquis vielleicht ein bischen an mich ge⸗ dacht. Im Privatleben ſieht Immanuel das Herz anderer Menſchen durch das ſeinige hindurch. Nur in der Politik iſt er Skeptiker. Kurz und gut, Herr von Grige beſucht mich recht oft, und faſt immer zu den Stunden, wo mein Mann in der Kammer iſt. In der Regel iſt entweder meine Mutter, mein Va⸗ ter, oder Herr von Bay da; bisweilen aber bin ich auch allein, wie, zum Beiſpiel, geſtern. Schon aus der Art und Weiſe, wie der Marquis das Geſpräch eröffnete, erſah ich, daß derſelbe befangen war; in⸗ deſſen glaubte ich noch nicht, daß er mit einer ſo förmlichen Erklärung herausrücken würde. Ich ver⸗ ſichere Dich, ich begreife das Vergnügen, das es ge⸗ wiſſen Frauen machen muß, wenn man ihnen den Hof macht. Es iſt eine Jagd, wo man Jäger und Wild zugleich iſt, und es muß das höchſt intereſſant ſein für Frauenzimmer, die nichts Beſſeres zu thun haben. „Wenn ich aber ſo fortfahre, abzuſchweifen, werde ich nie zur Sache kommen. „Wir fingen, Herr von Grige und ich, eines jener alltäglichen Geſpräche an, die in der Welt zu Nichts dienen würden, wären ſie nicht die Maske eines Gedanken und der Vorwand, um endlich Dinge ſagen zu können, die man nicht gleich Anfangs ſa⸗ gen kann. Und doch gibt es eine Klaſſe von Leuten, die ich erſt ſeit Kurzem kenne, und die gewiß zu dem Abgeſchmackteſten und Entmuthigendſten gehören, * 70 was es geben kann. Es ſind das jene Leute, die Einem ſogenannte Viſiten machen, für die Viſiten eine Gewohnheit, eine Pflicht, ein Bedürfniß ſind, die nur das allein zu thun haben, und nur das al⸗ lein thun. Solche Leute entfernen ſich nie von der allerſtrengſten Etikette; Nichts kann anſtändiger ſein, als ſie, Nichts iſt aber auch langweiliger. Begreifſt Du Leute, die ein Halstuch, Handſchuhe und einen Frack anziehen, um Einem Dinge ſagen zu können, wie etwa folgende: „Sie waren geſtern wohl in der Oper, Ma⸗ dame?“ „Ja, mein Herr.: Was halten Sie von der Vorſtellung? „Es war dieſelbe recht ſchön,— war eine recht gelungene. „Wie man verſichert, ſo bekommen wir von Roſ⸗ ſini bald wieder eine Oper. „Um ſo beſſer!' Man ſpricht viel davon. Kennt man den Gegenſtand?:* „Noch nicht; wie es aber ſcheint, ſo iſt die Oper wunderſchön. „Kann Roſſini andere Muſik ſchreiben?: „Haben Sie auch im Sinne auf den Ball der Gräfin von**rrr zu gehen? „Ich weiß es noch nicht.: „Es wird derſelbe allerliebſt ſein. Die Gräfin empfängt nur die allerbeſte Geſellſchaft. Die hüb⸗ ſcheſten Frauen der Hauptſtadt werden ſich dort alle einfinden: Sie dürfen alſo nicht fehlen.“ „Erlauben ſie ſich ein Compliment zu machen, 7, , 7 * , die iſiten ſind, s al⸗ n der ſein, reifſt einen nnen, Ma⸗ Ul der Bräfin hüb⸗ t alle achen, ſo iſt daſſelbe von ſolchem Kaliber. So dauert es eine Glockenſtunde fort; worauf ſie abſchweben und zu einer Andern gehen, und ſo geht es dann im⸗ mer weiter. Solche Leute nennt man Leute der guten Welt; aus Gewohnheit geht man ſogar ſo weit, daß man ſie geiſtreich findet. Ich frage aber, wozu ſind ſolche Leute auf Erden? Sie lieben alſo Nichts, da ſie ſo die Herren ihrer Zeit ſind, und dieſe ſo unnütz verſchwenden können? Es gibt Frauen, die ohne ſie nicht leben könnten. Ich dagegen ziehe diejenigen vor, die, wie Herr von Grige, mit ihrem Beſuche immer auch einen Zweck zu verbinden wiſſen. Man hat wenigſtens nicht ganz einen Automaten vor ſich. Unſer Geſpräch fing etwa in gleicher Weiſe an, aber es war ſogar mir, die ich mich doch auf dergleichen Dinge noch ſo wenig verſtehe, einleuch⸗ tend, daß, gleich einem ſich einübenden Ballſpieler, Herr von Grige erſt allerlei Kunſtgriffe verſuchte, bevor er ſeine Kugel recht warf. Ich aber wollte ihm alsbald den Vortheil abgewinnen. „Sie waren in der letzten Vorſtellung, welche die Italiener gegeben? fragte er mich. „Ja, mein Herr, und ich glaube ſogar, Sie dort geſehen zu haben.“ „„Ich war wirklich dort.“ „In einer Seitenloge, nicht wahr?⸗ „Es iſt das wahr,“ erwiderte Herr von Grige erröthend. „Ich behauptete gegen Herrn von Bryon, daß Sie es wären, er dagegen behauptete hartnäckig das Gegentheil. Uebrigens konnte man Sie kaum ſehen. 72 Sie nahmen den Hintergrund der Loge ein, während vorn eine ungemein ſchöne Dame ſaß. „Es iſt eine Brünette, bemerkte Herr von Grige in einem faſt verächtlichen Tone, der für die Farbe meiner Haare eine Schmeichelei war. „Oh! verachten Sie die ſchwarzen Haare nicht ſo ſehr, Herr von Grige!' verſetzte ich lächelnd. ‚Es iſt etwas gar Schönes um ſchwarze Haare, und Sie wiſſen das ſo gut wie ich. Halten Sie aber nicht viel darauf, ſo kann das wohl nicht lange her ſein, denn erſt geſtern noch haben Sie in den elyſäiſchen Feldern an Ihrem Kutſchenſchlage mit derſelben Brü⸗ nette geſprochen, der ich oft begegne. Ich habe ſo⸗ gar die Neugierde ſo weit getrieben, daß ich meine Mutter gefragt, ob ſie dieſelbe kenne; da hat mir aber meine Mutter zur Antwort gegeben, es ſei das erſte Mal, daß ſie dieſelbe ſehe.“ „In der That, es iſt dieſe Dame eine Auslän⸗ derin,“ entgegnete Herr von Grige, abermals er⸗ röthend.— „Ich wette, eine Italienerin?⸗ „Getroffen, Madame. „Ich liebe ſolche Frauen; ſie ſind der wahre Schönheitstypus.“ „Sie ſind gegen dieſelben gar nachſichtig, wie eine Frau gegen ihre Untergebenen es ſein ſoll.⸗ „Es war dieß ziemlich alltäglich; ich aber ant⸗ wortete, um zu ſehen, ob Herr von Grige meine Erwiderung auch zu nützen verſtünde: „Sie ſind ein rechter Schmeichler, Herr Mar⸗ quis; Sie verſtehen es meiſterhaft, Frauen den Hof zu machen, und ich wünſchte nur, es wäre Herr von Bryon ein bischen wie Sie. „„ch würde mir den Tauſch gar gern gefallen laſſen,“ antwortete er, ‚und möchte nur ein wenig ſein, was er iſt.⸗ „Nun war es an mir, ſchamroth zu werden. Ich hatte mich auf Etwas gefaßt gemacht, nicht aber auf eine Antwort von ſo ſchlechtem Geſchmack. „Der Marquis wurde ohne Zweifel die üble Wirkung ſeiner Worte gewahr, denn er ſetzte als⸗ bald, dem Geſagten eine andere Bedeutung zu geben ſuchend, hinzu: „Man ſpricht überall nur von Herrn von Bryon, und es wäre Jeder glücklich und ſtolz, an ſeiner Stelle zu ſein.“ „Für mich iſt es zuweilen recht traurig, erwi⸗ derte ich; ‚denn während er ſich in der Kammer einen Namen macht, langweile ich mich hier gar oft.“ „Es war vielleicht Unrecht von mir, daß ich alſo ſprach und den armen jungen Burſchen zu vertrau⸗ lichen Mittheilungen, ſo zu ſagen, herausforderte; in⸗ deſſen that ich es nur aus Intereſſe für ihn ſelbſt, und damit unſere gegenſeitige Stellung alsbald die rechte würde. „Eine Langweile, die durch unwillkommene Be⸗ uche noch vermehrt werden muß?⸗ verſetzte er. „Ich habe geſagt: Gar oft, hätte aber ſagen ſollen: Wenn ich allein bin. Sie ſind ebenſo ſeru⸗ pulös als ſchmeichleriſch, Herr von Grige.⸗ „So werde ich denn, Madame, beeilte ſich der Marquis hinzuzuſetzen, auch ferner fortfahren, einen 74 kleinen Theil Ihrer Langweile für mich zu verlangen, wenn Sie mir es gütigſt erlauben. „Unglücklicher Weiſe verreiſen Sie.“ „In der That hatte mir Herr von Grige bei einem ſeiner letzten Beſuche mitgetheilt, daß er ge⸗ ſonnen wäre, Paris zu verlaſſen. Vielleicht hatte er dabei darauf gerechnet, daß durch den Gedanken an ſeine Abreiſe bei mir Liebe zu ihm erwachen würde. „Es iſt das richtig, erwiderte er mir; ‚wüßte ich aber, daß es in meiner Macht ſtände, Ihnen täglich auch nur eine Stunde die Langweile zu ver⸗ treiben, ſo würde ich hier bleiben.⸗ „Und warum ſollten Sie mir ein ſolches Opfer bringen, wofür die blonden Haare Ihnen nur dank⸗ bar ſein könnten, die ſchwarzen Haare aber Sie viel⸗ leicht ſtrafen würden?“ „Es ſoll dieß heißen, daß ich beſſer daran thäte, auf mein Reiſeproject nicht zu verzichten?“ „Um ſo mehr,“ ſetzte ich mit wahrer Grauſam⸗ keit hinzu, ‚„als ich mich ganz nach Art eines Kindes beklage, das heißt, ohne einen Grund zu Klagen zu haben, und als ich, wenn ich während ſeiner Ab⸗ weſenheit traurig, bei ſeinem Heimkommen nur um ſo glücklicher bin. Und dann wird auch Imma⸗ nuel nicht immer der Kammer alle ſeine Gedanken zuwenden, und wird mit mir auf Reifen gehen können. Warum heirathen Sie nicht, Herr Marquis? Dann könnten Sie mit Ihrer Frau ja reiſen!⸗ „In dieſem Augenblicke kam Marianne herein, um mich mein Töchterchen küſſen zu laſſen. Es war dieß das erſte Mal, daß Herr von Grige das Kind ſah. —, 75 „Das Wetter iſt ſchön,“ ſprach ich zu Mariannen, miimm den Wagen, und laß Clotilde ein bischen ſpazieren fahren.— Ich habe nämlich meiner Toch⸗ ter den Namen meiner Mutter geben laſſen. „Ich küßte das Kind, ließ es auf meinen Knien ein wenig hüpfen, und gab es dann wieder Mariannen. Es ſchien aber dieſes Schauſpiel Herrn von Grige zu betrüben. „Verzeihen Sie mir, daß ich Sie zum Zeugen ſolcher kleinen Familienſcenen mache,“ ſprach ich: zwenn Sie aber einmal verheirathet ſind, werden Sie das Glück der Mutter begreifen. „Marianne entfernte ſich mit Clotilden. „„Heirathen?“ antwortete Herr von Grige. ‚Wo⸗ zu und mit wem?“ „Warum heirathen Sie nicht Ihre ſchöne Aus⸗ länderin?“ „Wer ſteht Ihnen dafür, Madame, daß dieſelbe nicht ſchon verheirathet; und liebe ich dieſelbe ferner ſo, daß ich ſie heirathen möchte?“ „Warum ſollten Sie ſie denn nicht lieben? Sie iſt ja jung, ſie iſt ja ſchön.“ „Sie liebt Jemand,“ bemerkte der Marquis. „Der ſie vielleicht nicht wieder liebt? So iſt es eben immer,“ bemerkte ich in einem eigenthümlichen Tone, der zwiſchen philoſophiſcher Melancholie und ſpöttiſcher Philoſophie die Mitte hielt. „Der ſie nicht mehr liebt,“ verſetzte Herr von Grige. „Iſt ſie daran Schuld?⸗ fragte ich. „Nein; wohl aber ſind in dem Leben dieſes Mannes Dinge vorgekommen, welche der Liebe, die 76 er zu ihr zu haben glaubte, ein Ende gemacht haben.“ 1 „Ganz und gar?⸗ 6 „Ja, und welche dieſe Liebe auf eine Andere übergetragen haben; und das macht denn, daß jetzt nicht mehr zu helfen iſt.⸗ w„Liebt er aber jene Andere?⸗ „Leider muß ich nein ſagen.” „„Vielleicht iſt auch, antwortete ich langſam, und um auf dem neuen Boden, worauf die Unterhaltung gekommen war, keinen Fehltritt zu machen,„vielleicht i*ſt auch die Liebe dieſes Jemands bloßer Eigenſinn.“ „Nein, es iſt wahre Liebe, eine Liebe, woran man ſterben kann.“ „Woran man aber nicht ſtirbt.⸗ „Was ein Unglück iſt, denn der Tod iſt Ver⸗ geſſenheit.“ „Wiſſen Sie auch, Herr von Grige, daß Sie ſolche Schmerzen recht gut zu kennen ſcheinen?⸗ „„Ich habe ſie eben erlitten, Madame, ſehen Sie.“ „„Und Sie kennen den Mann, der alſo leidet?“ „Gar wohl. „Warum bleiben Sie nicht hier, um ihn zu tröſten?⸗ „Er reist mit mir weg.⸗ „vVielleicht hat er Unrecht.“ „Worin?⸗ „Und die Hoffnung?⸗ „Sie iſt nun unmöglich. „Damit huldigen Sie der Tugend der geliebten Perſon.” en 77 „Und doch,' verſetzte der Marquis, ‚würden Sie ihm rathen, hier zu bleiben?“ „Ja. „Wenn er aber, indem er Sie um dieſen Ihren guten Rath fragte, zu Ihnen ſpräche: Madame, ich fühle mich nicht ſtark genug, um ganz kalt an der vorbeizugehen, die ich liebe, ſeit...“ „Bei dieſem Worte zögerte Herr von Grige. „Seit wann?“ bemerkte ich lächelnd, vielleicht ſeit einem Monate?⸗ „Seit faſt zwei Jahren, Madame,“ verſetzte er mit ernſter Stimme.„Wenn er zu Ihnen ſpräche: Sie iſt glücklich, und es macht mich ihr Glück elend; wenn er ferner zu Ihnen ſpräche: Vielleicht kommt noch der Tag, wo ich ſo kühn bin, um ihr zu ſagen, daß ich ſie liebe, und ſtößt ſie mich zurück, ſo muß ich ſterben,— was würden Sie ihm dann rathen?⸗ „Ich würde ihm abermals rathen, er ſolle hier bleiben. Ich würde alſo zu ihm ſprechen: Warum wollen Sie ſich von einer Welt trennen, die Sie zerſtreuen— warum von einer Frau, die ſelbſt Sie von Ihrer Liebe heilen kann? Bleiben Sie hier, ſehen Sie ſie recht oft, ſo wird Ihre Liebe in Folge der Intimität ein br üderliches Gefühl werden. Sie hat Ihre Frau nicht ſein können oder wollen; ſie darf, kann und will daher auch nicht Ihre Geliebte ſein; ohne Zweifel aber kann und will ſie Ihre Freundin werden. Abweſenheit trennt wohl, tröſtet aber nicht. Man kommt zurück und glaubt, man liebe nicht mehr, findet aber zu ſeiner großen Ueber⸗ raſchung, wie die Liebe beim Ausſteigen aus dem Wagen, welcher Einen zurückbringt, auf Einen wartet. 78 Wie ich glaube, ſo iſt das wahre Grab jeder hoff⸗ nungsloſen Liebe die Gewohnheit. „Wenn er aber,“ erwiderte Herr von Grige, noch weiter ſagte: Dieſe Liebe, ſo unglücklich und unmöglich ſie immer iſt, iſt es, die mich am Leben erhält, und ich ziehe ſie der Ruhe vor. Erliſcht einmal dieſe Liebe, ſo iſt mein Herz nur noch ein Aſchenhaufen, und mein Leben nur noch eine Be⸗ wegung ohne Urſache, ohne Grund, ohne Wirkung. Sie rathen mir da zu einem lebendigen Tode, Sie wollen da aus mir einen Leichnam machen, der nur noch den Schmerz fühlt: was würden Sie ihm dann wohl antworten, Madame?“ „Dann würde ich zu ihm ſagen: Gehen Sie fort, kommen Sie aber nie wieder.: „Hier ſtand Herr von Grige auf. „Ich bot ihm die Hand, denn er war wirklich tief bewegt. „Es iſt dieſe Frau verheirathet,“ ſetzte ich hinzu, zwenigſtens haben Sie ſo geſagt; das heißt, es hat dieſelbe einen Namen, den ſie rein erhalten, und ſo wie ſie ihn erhalten, den Kindern überliefern muß, welche ſie hat. Ihr Freund ſollte alſo einſehen, daß, im Falle ſeines ferneren Hierbleibens, allzuhäufige Beſuche ſie compromittiren könnten, denn er muß Jemand zum Vertrauten ſeiner Liebe gemacht haben. Es wäre alſo für ſie eine Verlegenheit, wenn er allzu oft käme. Eine Frau liebt es ſelbſt dann, wenn ſie ihrer ſelbſt gewiß iſt, nicht, ſich allzu oft einem Manne gegenüber zu finden, von dem ſie ſich in ſolchem Grade geliebt weiß. Ihr Freund mag ſie ſo oft beſuchen, als er will, ſobald er nur gewiß V —,—.—.——. ———— —— +—½ —e 3A cch 2— 79 iſt, ihren Gatten anzutreffen; und kenne ich anders die Weiberherzen, ſo wird ſie ſich glücklich ſchätzen, ihn ſo zu ſehen; denn es wird dieß ihr ein Beweis ſein ſeiner Achtung, ſo wie der Reinheit ſeiner Ge⸗ fühle. Sagen Sie ihm das Alles, und vergeſſen Sie nicht, hinzuzuſetzen, daß dieſer gute Rath von einer Frau komme: vielleicht daß dieß demſelben höheren Werth verleiht. Um Vergebung, Herr von Grige, wenn ich Sie ſchon verlaſſe, aber ich muß meinen Mann in der Kammer abholen. „Der arme Burſche wußte gar nicht, was er darauf antworten ſollte; verdutzt küßte er mir die Hand und entfernte ſich. „Das iſt, meine liebe Clementine, der Auftritt, der zwiſchen Herrn von Grige und mir geſtern Statt gefunden. Habe ich recht oder unrecht gethan? An⸗ fänglich hatte ich in dieſer Hofmacherei des Marquis nichts Anderes erblickt, als eine Kinderei, die zu meiner Zerſtreuung dienen konnte; ſobald ich aber gewahr wurde, daß ſeine Dienſtbefliſſenheit einen ernſteren Charakter an ſich trug, wollte ich der Sache mit einem Male ein Ende machen. Indeſſen war er, als er von mir weg ging, ſo traurig, daß er mich wirklich dauerte. Vielleicht liebt er mich: dann beklage ich ihn!“ Auf dieſen Brief erhielt Frau von Bryon eine nnnen⸗ welche nur aus nachfolgenden Worten be⸗ ſtand: „Beklage ihn, ſo Du willſt, ſei aber auf der Hut!“ 80 Dreißigſtes Kapitel. „Sei auf der Hut, ſagſt Du?“ ſchrieb Marie alsbald an Clementine.„Ich ſoll mich hüten! Und wovor denn, mein Gott! Etwa vor der Liebe des Herrn von Grige? Wie närriſch von Dir! Damit dieſe Liebe gefährlich wäre, müßte eine Mitſchuld vorhanden ſein und müßte auch ich dieſe Liebe füh⸗ len. Ich weiß nun aber wahrlich nicht, warum Du auch nur einen Augenblick vermuthen ſollteſt, daß ich Herrn von Grige lieben könnte. Kennſt Du mich nicht mehr, und muß ich Dir erſt meine Ge⸗ fühle und Gedanken ſagen? Ich gebe zu, daß eine andere Frau von dem Namen, von der Jugend, von der Eleganz des Herrn von Grige ſich verführen laſſen könnte; ich aber, habe ich einen Grund vor⸗ her, und hätte ich eine Entſchuldigung nachher? Halten nicht meine Eltern, mein Mann, mein Kind über meinem Haupte einen Schild, der mich unver⸗ wundbar macht? Iſt die Achtung, die ich für meine Familie und mich ſelbſt habe, iſt meine immer gleiche Liebe zu Immanuel in Deinen Augen, in den Augen einer Freundin, die mich ſo gut kennen ſollte, keine genügende Gewähr? Du wußteſt wohl nicht, was Du thateſt, liebe Clementine, als Du mir jene allzu kurzen und doch wieder allzu langen Zeilen ſchriebſt. Gleichwohl verhehle ich Dir nicht, daß ich mich in den müßigen Stunden, die ich durch die tägliche Ab⸗ weſenheit meines Mannes habe, an der Hofmacherei des Herrn von Grige ein wenig ergötzen und ſehen wollte, wie die ſogenannten Wüſtlinge es anfangen, 81 um den Hausfrieden Anderer zu ſtören; allein ich geſtehe, daß man gar große Luſt zum Unterliegen haben muß, um ein Opfer ſo armſeliger Verſuchun⸗ gen zu werden. Es müſſen vor Allem, denn es iſt nicht meine Abſicht, diejenigen zu tadeln, welche nicht ſo ſtark ſind, wie ich,— es müſſen vor Allem, ſage ich, diejenigen, welche unterliegen, nicht gleich mir im Herzen einen Namen tragen, der ſie vor jedem Angriffe ſicher ſtellt, nach Art der Talismane der mittelalterlichen Zauberer. „Dieſe Talismane waren wohl nichts Anderes, als die geliebten Perſonen bewahrte Treue. Die Denkmünze, oder das Kreuz, ſo man am Halſe trug, hatte die Beſtimmung, unaufhörlich an den gethanen Schwur, oder das gethane Gelübde zu erinnern, und am Ende glaubte das leichtgläubige Volk an den phyſiſchen Einfluß des Gegenſtandes, mochte der⸗ ſelbe nun eine Denkmünze, oder ein Kreuz ſein, während man ganz einfach hätte ſich ſagen ſollen: Was einen Menſchen ſtark und unverwundbar macht, iſt der Gedanke, daß ein anderes Daſein mit dem ſeinigen verknüpft, ſo wie daß ſein Tod auch für einen Andern der Tod iſt. Was ihn hütet, was ihn vor Gefahr und Schaden bewahrt, iſt das Ge⸗ bet, das man tagtäglich für ihn zu Gott emporſchickt, und das aus einem Herzen kommt, welches rein ge⸗ blieben, weil es ſich geliebt weiß, welches geliebt ge⸗ blieben, weil es rein war. Ich nun habe einen ſol⸗ chen Talisman. Ich liebe und werde geliebt; alſo habe ich auch Nichts zu fürchten. Ich bin darum nicht ſtolzer auf meine Stärke, noch gegen Andere ſtrenger. Sprechen wir nun aber von Dir!“ Dumas d. J., ein Frauenleben. II. 6 82 „Werden wir denn einander nicht mehr ſehen? Herr Barillard will Dich alſo als ein Egoiſt, der er iſt, immer und ewig zu Dreux laſſen? Er weiß alſo nicht, daß Du zu Paris eine gute Freundin haſt, die ihn gleich einem Bruder aufnehmen würde, da ſie Dich gleich einer Schweſter liebt? Kann er aber nicht mit Dir kommen, ſo biſt Du doch wahrlich groß genug, um die Reiſe allein zu machen und einige Tage bei mir zu bleiben. Sollte Herr Barillard Dir die Schmach anthun, daß er bis zu ſolchem Grade eiferſüchtig wäre? Wahrhaftig, ein Menſch, der uns vor zwei Jahren geſehen hätte, wo wir nie ohne einander ſein konnten, und der nun ſehen würde, wie wir, durch dreißig Stunden Weges getrennt, auch nicht einen Schritt thun, um einander wieder zu ſehen, würde ſeinen eigenen Augen nicht trauen, da das, was er ſähe, ſo ſehr im Widerſpruch wäre mit dem, was er einſt geſehen. Wir, die wir in unſern Träumen unſere beiden Exiſtenzen ſtets mit einander verknüpften, die wir uns das Glück nie anders, als von unſerer Freundſchaft geleitet denken konnten,— wie kommt es, daß wir uns nur ſchrei⸗ ben? Suche doch für dieſes Problem eine Löſung zu finden, Du, die Du einſt für Alles eine Löſung zu finden wußteſt. Im Uebrigen wiſſen wir ja, daß wir glücklich ſind, und das iſt uns genug. Haben wir außer den Augen des Leibes, die nur auf kurze Entfernung ſehen, nicht auch die Augen der Seele, mit deren Hülfe wir den Raum durchdringen? Sehe ich Dich nicht jetzt ſo deutlich, als ob Du mit mir an einem und demſelben Herde ſäßeſt? Ich kenne Deine Gewohnheiten, Deinen Charakter, Dein gan⸗ nNeͤ ́——, —2 ¹— 83 zes Herz; ich habe das Haus geſehen, das Du be⸗ wohnſt; es ſind Deine Züge in mein Gedächtniß ge⸗ graben, wie die meiner Mutter; vermittelſt Alles deſſen ſetzen, wenn ich an Dich denke— was von mir oft geſchieht— mein Herz und meine Phan⸗ taſie Dein Leben wieder zuſammen. Ich ſehe Dich kommen und gehen. Ich höre Dich faſt und bin gewiß, daß Dir nichts Böſes zuſtößt; denn würde Dir auch nur das geringſte Leid widerfahren, ſo würde ich auf der Stelle einen Schmerz empfinden und einen Schrei ausſtoßen. „Mein Mann arbeitet dermalen viel. Ich bin nun in alle Geheimniſſe der Politik eingeweiht. Er⸗ innerſt Du Dich noch der Fragen, die ich an Herrn von Bryon ſtellte, als er uns zum erſten Male be⸗ ſuchte? Jetzt würde ich eine Frau, die ſolche Dinge fragen würde, mit Verachtung anſehen. Ich bin nun ſo weit, daß ich gar wohl Leitartikel für eine große Zeitung ſchreiben könnte. Ich kenne alle In⸗ triguen und Kabalen,— kenne Mittel, Urſachen und Wirkungen; und die großen Worte: Vaterland, Volk, welche ſo viele wackere Herzen klopfen machen, erſcheinen mir in ihrer wahren Bedeutung. Dieſe zwei Worte ſind die Drähte, womit man alle poli⸗ tiſchen Marionetten in Bewegung ſetzt, und zwar ſchon ſeit vielen hundert Jahren. „Große Dinge alſo zergliedert zu ſehen, iſt zuweilen für die Naheſtehenden ein trauriges Schauſpiel; was mich aber glücklich und ſtolz macht, iſt die Geradheit und Chrlichkeit, die Immanuel bei All dem bewahrt. Uebrigens wird dieſe Unabhängigkeit des Charakters vielleicht bald für ihn nutzbringend werden. Man ſpricht 84 nämlich von einem neuen Miniſterium, worein auch Immanuel treten würde. Der König fängt an ein⸗ zuſehen, daß er ehrliche und ſtarke Männer an ſich ziehen muß. Ich ſage Dir das unter dem Siegel der Verſchwiegenheit. Immanuel iſt drei Tage hinter einander in die Tuilerien gegangen. Es iſt ihm officiell ein Miniſterium angetragen worden, er hat jedoch zur Antwort gegeben, daß er ein ſolches nur unter der Bedingung annehme, daß ihm geſtattet ſei, allen Mißbräuchen, von denen er wiſſe, ein Ende zu machen, ſo wie alle diejenigen aus dem Amte zu entfernen, welche das Vertrauen des Landes täuſchen. Wie es ſcheint, ſo iſt es ſelbſt für eine Regierung ſchwer, ſich eben der Menſchen zu entledigen, die ihr am Meiſten ſchaden, und die⸗ jenigen an ſich zu ziehen, die ſie auf ehrliche Weiſe unterſtützen würden. Die Rechtſchaffenheit in poli⸗ tiſchen Dingen iſt eine gar ſchwer anzubringende Waare. Hoffentlich wird Immanuel Miniſter, da dieß ihm Freude machen würde; denn was mich be⸗ trifft, ſo wirſt Du wohl einſehen, daß es mir weit lieber wäre, in der Tiefe eines Schweizerthales, als in dem prächtigſten Miniſterhotel bei ihm zu leben. Es iſt nun aber einmal ſein Ehrgeiz darauf gerichtet; ſeine Wille geſchehe. Wenn er als Pair von Frank⸗ reich mich lieben kann, ſo wird er wohl auch als Miniſter mich lieben. „Im Uebrigen fange ich an, mir von der Natur ſeiner Liebe Rechenſchaft zu geben. Immanuel kann mich nicht lieben, wie ein Florian'ſcher Hirte, oder ein erſter Liebhabrr der komiſchen Oper lieben würde. Sein Geiſt, der von Kindheit an mit politiſchen Ideen — erede eede--9—p———— — —2— 5--6R SO5SD 22z 85 genährt ward, läßt ſich nicht durch mein bloßes Wort zufrieden ſtellen. Seine Seele iſt zu groß, als daß ſie nur für die Liebe Platz hätte. Wollte man Letz⸗ teres verlangen, ſo hieße dieß den Inhalt eines Fluſſes in das Becken eines Oceans gießen. Nur bin ich ihm das Ding, das ihm gefehlt hatte, bis er mich kennen lernte. Er hatte nur den Kampf ohne die Ruhe gehabt; er war nicht vollkommen glücklich; hätte er nur die Ruhe ohne den Kampf, ſo wäre er ganz und gar unglücklich. Ich bin die Moosbank, die er jeden Abend, nachdem er ſeinen Weg zurück⸗ gelegt, findet, worauf er einſchläft, und die ihm wie⸗ der die nöthigen Kräfte für den folgenden Tag ſchenkt. Was iſt da zu machen? Es gibt aber Organiſatio⸗ nen, die immer und ewig Bewegung brauchen. Was müſſen wir Frauen ſolchen Organiſationen ſein? Wir müſſen ſie verſtehen lernen, müſſen ſie bewundern, müſſen ſie aufrecht halten, müſſen einen Troſt und eine Hoffnung aus unſerer Seele zu machen wiſſen. Im Uebrigen iſt dieſes bewegte Leben, das Imma⸗ nuel führt, mir ſichere Gewähr, daß er mich ſtets lie⸗ ben wird. Da er mir jeden Tag nur wenige Stunden ſchenken kann, ſo nützt ſich ſeine Liebe nicht ſo ab, als wenn er mir alle Augenblicke ſeines Lebens widmen könnte. Ich begreife, wie ein Mann und eine Frau, die kein anderes Geſchäft, als ihre Liebe haben, und einander immer ſehen, ſchon nach ein paar Jahren an einander herzlich genug bekommen, gleichwie es nach Verfluß von einer gewiſſen Zeit Einem widerſtehen würde, immer noch das nämliche Lieblingsgericht zu eſſen, wenn man es bei jeder Mahlzeit zu eſſen bekommen hätte. 86 „In den Augenblicken, die Immanuel mir wid⸗ met, iſt er der mittheilſamſte aller Liebhaber. Ich weiß nicht, wie andere Frauen geliebt werden, halte es aber kaum für möglich, daß ſie mehr geliebt ſind, als ich. Damit er mit mir ſprechen kann, wie mit einem Freunde, damit ich ihm etwas Anderes ſei, als ſeine Frau, habe ich mich allmählig von ihm in die zeitgenöſſiſche Politik einweihen laſſen. Sollteſt Du es glauben? Aber zuweilen holt er meinen Rath ein: an ſolchen Tagen bin ich unendlich ſtolz! Wie gütig iſt doch Gott, daß er der Liebe geſtattet, ſich in ſo vielfacher Weiſe auszudrücken, und daß er der⸗ ſelben der Wege ſo viele aufthut! Es hängt dieß ein bischen von dem Verſtändniß des Herzens ab. Um in der Liebe glücklich zu ſein, muß man, wie ich glaube, nicht allein zu lieben, ſondern auch die Liebe der Andern zu erlangen und feſtzuhalten wiſſen. „Die zärtliche Liebe, welche Immanuel für ſeine Tochter an den Tag legt, iſt wahrhaft Etwas, was ſich nicht beſchreiben läßt; freilich muß ich auch hin⸗ zuſetzen, daß ſie eines jener blühenden Engelchen iſt, wie Rubens ſie malte. Welch unglaubliches Ding iſt es nicht um dieſe Uebertragung des Lebens! Wie manchen Schmerz weckt in uns nicht der Anblick unſe⸗ res Kindes! Welch ſüße Gemüthsbewegungen wer⸗ den nicht in uns wach gerufen durch die erſten Worte, die es ſtammelt! Dann wird das Kind groß, es wird ſein Traumleben ein bewußtes, es wird ſein Stottern zur Stimme, es werden ſeine Inſtincte zu Gefühlen und Leidenſchaften; es geht mit großen Schritten auf der Bahn, die wir nun abwärts zu —— 87 gehen anfangen und auf deren Mitte wir nach dem Willen der Natur es verlaſſen müſſen, ohne Zweifel damit ſeinem Herzen die Liebe möglich gemacht werde, deren es bedarf, um glücklich zu ſein, und die unſere ſelbſtſüchtige Liebe ihm nicht geben kann, da wir Nichts mehr zu geben und nur noch zu empfangen haben. Ich verſtehe nun weit beſſer, was mein Vater über dieſen Gegenſtand zu mir einſt geſprochen. Wie unendlich viel liegt nicht in einem Kinde! Be⸗ trachte ich ſo dieſes kleine Weſen, das noch ohne alle Kraft und ohne alles Bewußtſein iſt, das nur in⸗ ſtinctmäßig die Arme nach dem Leibe ausſtrecken kann, der es getragen, ſo kann ich ſelbſt es kaum glau⸗ ben, daß wir ebenſo geweſen, wie es nun iſt. Dann frage ich mich, welche Zukunft Gott dieſem ſchwachen Geſchöpfe aufbehalten haben mag, das einſt alle Dinge und Verhältniſſe des Lebens wahrnehmen und begreifen, das lieben, das vielleicht leiden, das ir⸗ gendwo einen Mann finden wird, welcher zu dieſer Stunde gleich ihm noch ein Kind iſt, deſſen Namen wir nicht einmal kennen, und der mit einem Male zu ſeinem Glücke nothwendig werden wird, wie Immanuel es zu dem meinigen geworden. Dann wird es gleich uns Kinder haben und ebenfalls ſterben, und es wird eine Zeit kommen, wo wir für unſere Nachkommen bloße Namen ſein werden. Un⸗ ſere Bilder— Bilder alter Leute— werden in der Galerie hängen, wo diejenigen ſind, die wir mit einander geſehen; und es wird von unſerer Liebe, von unſeren Träumen, von unſeren Freuden Nichts mehr da ſein; und es werden noch Tauſende von Jahren, wo wir nicht mehr leben, verfließen, und es 88 wird die Erde bis auf die Knochen verſchlingen, was un⸗ ſere Kinder unter Thränen ihr werden anvertraut haben. „So und nicht anders iſt das Leben. Wenn aber ſolche Gedanken in mir aufſteigen, frage ich mich, warum Immanuel, anſtatt mir und meiner Tochter ſeine ganze Zeit zu ſchenken, dieſelbe hingibt an chimäriſche Pläne des Ehrgeizes, die nicht einmal die Dauer unſeres Lebens haben werden. Und dann verſcheucht ein Lächeln meiner Clotilde und ein Kuß von meinem Manne alle dieſe trüben Gedanken wie⸗ der, die Du zu Deinem großen Staunen in meinem Briefe finden wirſt, und denen hoffentlich Deine Thüre ſtets verſchloſſen bleiben wird. Du weißt aber beſſer, als irgend Jemand, daß iſt ſtets ein bischen melancholiſch geweſen: pflegteſt Du mich doch lachend Frau Werther zu nennen! „Du ſiehſt, wie wenig ich Herrn von Grige zu fürchten habe. „Schreib' mir doch einen recht langen Brief, um den letzten wieder gutzumachen.“ Frau Barillard antwortete hierauf: „Wenn ich geſchrieben: Sei auf Deiner Hut, liebe Freundin, ſo rührt dieß daher, daß man nie ſo recht weiß, woran man mit den Männern iſt. Selbſt ſolche, die nichts weniger als verführeriſch ſind, machen zuweilen bei Frauen Glück; um ſo eher dürfen alſo ſolche, die, wie Herr von Grige, jung, ſchön, reich, elegant ſind, hoffen, Eroberungen zu machen. Du weißt, daß ich ſtets für ihn eingenom⸗ men geweſen, im Intereſſe der Ruhe des Herrn Ba⸗ rillard iſt es mir nicht ſo ganz unerwünſcht, daß die⸗ 2 89 ſer junge Mann nicht zu Dreux iſt: ich wäre meiner nicht ſo gewiß, als Du Deiner. Ich glaube, Alles, was ſchon ein Mal vorgekommen, kann auch wieder vorkommen: nun aber lehrt die Erfahrung, daß Frauen, die ihren Mann anbeteten, ſich ſo weit ver⸗ geſſen konnten, daß ſie denſelben hinter's Licht führ⸗ ten. Wir ſind eben auch aus demſelben Stoffe ge⸗ macht, wie andere Frauen, meine liebe Marie, ſeien wir alſo recht auf unſerer Hut! Wir ſind erſt acht⸗ zehn Jahre alt; ſtehen wir nicht für die Zukunft! „Indem Du dieſes lieſeſt, glaubſt Du vielleicht, es gehe mir eine Liebe im Kopfe herum. Enttäuſche Dich aber; Nichts kann einfacher und proſaiſcher ſein, als mein Leben. Ich liebe einzig und allein meinen Mann, der unglücklicher Weiſe nicht, gleich dem Dei⸗ nigen, auf dem Sprunge ſteht, Miniſter zu werden. Sein einziges ernſtes Geſchäft beſteht darin, daß er ſeinen Vater in der Führung ſeiner amtlichen Rech⸗ nungen unterſtützt; ſeine einzige Zerſtreuung darin, daß er die Flöte bläst; ſein einziges Glück bin ich nebſt meinem Sohne, einem gar liebenswürdigen Burſchen, der ſchon ganz verteufelt zu ſchreien an⸗ fängt und einſt für Fräulein von Bryon einen vor⸗ trefflichen Mann abgeben wird, ſofern Fräulein von Bryon, wenn ſie einmal ſo alt iſt, um heirathen zu können, ihn nicht allzu bürgerlich findet. „Um auf das Glück zurückzukommen, das ganz und gar nicht verführeriſche Männer oft bei Frauen machen, ſo habe ich über Herrn Barillard gar ſchöne Dinge erfahren. Denk Dir einmal, liebe Freundin, Herr Adolph war, bevor er in den heiligen Eheſtand trat, einer der größten Lüſtlinge der guten Stadt 90 Dreux. Kannſt Du Dir vorſtellen, wie ein ſlöte⸗ blaſender Lüſtling von Dreux etwa beſchaffen ſein mag? Er hatte ein fünfzehnjähriges Mädchen, eine Arbeiterin, entführt, und war mit ihr durchgegan⸗ gen, nach Paris. Das hat dem Vater des Mäd⸗ chens, der Wegknecht war, nicht gefallen; und Herr Barillard Sohn, dem ein Proceß drohte, der Herrn Barillard Vater ungeheuer geſchadet haben würde, hat dieſen Streich mit einer Summe von zwanzig⸗ tauſend Franken büßen müſſen; der ehrliche Weg⸗ knecht aber lebt nun von den Zinſen dieſes Geldes, zwei Stunden von Dreux, ſo ruhig, wie wenn die zwanzigtauſend Franken die Frucht ſeiner Arbeit wären. Wie es ſcheint, ſo gibt es Väter, welche die Ehre ihrer Töchter zu zwanzigtauſend Franken taxiren; es iſt dieß entweder gar theuer oder gar wohlfeil, was meinſt Du? Aber es iſt Herr Adolph Barillard dabei nicht ſtehen geblieben: er hat der Frau eines hohen Beamten von hier den Hof ge⸗ macht und hat ſo viel Glück gehabt, daß dem Beam⸗ ten Nichts mehr übrig geblieben iſt, als ſeine Ent⸗ laſſung zu nehmen, und daß man ihm das Kreuz der Ehrenlegion verſchafft hat, um ihn einigermaßen zu tröſten. Nun weißt Du, liebe Freundin, welchen Lovelace ich geheirathet. Als ich, nachdem ich Alles dieß in Erfahrung gebracht, mit Herrn Barillard darüber geſprochen, der da glaubte, daß mir ſeine jugendlichen Streiche nie zu Ohren kommen würden, hat er ſo drollig darein geſchaut, daß ich in lautes Lachen ausgebrochen bin, und daß ich ſogar noch in dem Augenblicke, wo ich dieſen Brief ſchreibe, darüber lachen muß. 91 „Ich bin vollkommen überzeugt, daß bei gewiſſen Leuten der Liebesgott ſeine Pfeile aus einem beſon⸗ dern Köcher nimmt, und zu jenen Leuten gehört ge⸗ wiß auch mein Mann. Ich liebe ihn zwar recht ſehr, zweifle aber doch, daß ich, wenn ich die Frau eines Andern wäre, dieſen Anderen ihm zu lieb hin⸗ tergehen würde. Im Ganzen bin ich recht glücklich. Ich nütze das Erlernte beſtmöglich, um von Adolph Alles auszuwirken, was ich will. Im Uebrigen iſt er ſo verliebt, wie ein Turteltäubchen. „Gleichwohl mußt Du nicht glauben, es ſei der⸗ ſelbe ein Ungeheuer. Im Uebrigen ſollſt Du ihn ſchon noch ſelbſt ſehen, da ich es mir in den Kopf geſetzt, mit ihm nach Paris zu gehen, und es daher auch zu dieſer Reiſe kommen wird; aber noch nicht jetzt, da ich glaube, daß mein Sohn bald ein Brü⸗ derchen oder ein Schweſterchen bekommt, oder viel⸗ leicht beides zugleich, da man ja nie weiß, was ge⸗ ſchehen kann. Du haſt recht philoſophiſche, um nicht zu ſagen, recht finſtere Gedanken, die mir gewiß nicht kommen würden. Freilich lache ich immer; beſonders aber ſeitdem ich die jugendlichen Streiche meines Adolph erfahren, kann ich ihn nie mehr anſchauen, ohne zu lachen, und ich ſchaue ihn recht oft an. „Wir haben hier bei dem Unterpräfekten einen prächtigen Ball gehabt. Frau X..., die Du kennſt, hatte ein grünes Atlaßkleid, ſowie eine Art gelben Turban, den ſie auf der Spitze des Ohres ſitzen hatte, und der mit einem Paradiesvogel geſchmückt war. Sie ſah aus wie ein Papagei in großer Gala. Sie war die Beſtgekleidete. Oh, biſt Du je einmal traurig, ſo komm nur hierher: Du wirſt genug zu lachen finden.“ 9²2 Etwa einen Monat nach Empfang dieſes Briefes hätte Marie wohl nach Dreux gehen können, denn ſie war gar traurig; aber es war ihre Traurigkeit eine von jenen, die Nichts zu einem Lächeln zu brin⸗ gen vermag. Es war geſchehen, was wir in nachſtehendem Kapitel erzählen wollen. Einunddreißigſtes Kapitel. Bei Allem dem hatte Frau von Hermi ſich durch⸗ aus nicht geändert. Sie war geblieben, was ſie ſtets geweſen, das heißt, eine Weltdame, welche Bälle, Glanz, Feſte, Blumen und alle Vergnügungen des äußern Lebens liebte. Seit der Verheirathung ihrer Tochter hatte die Gräfin gar oft verſucht, die⸗ ſelbe mit ſich fortzureißen, aber es hatte Marie nur fünf bis ſechs Mal nachgegeben, indem ſie, hierin ganz das Gegentheil ihrer Mutter, die Stille und Ruhe ihres häuslichen Herdes dem Geräuſche der Welt vorzog. Indeſſen ſollte etwa drei Wochen nach den letzten Ereigniſſen, die wir ſo eben erzählt, ein großer Ball Statt finden. Es wurde derſelbe von der Marquiſe von L.. gegeben, und man verſprach ſich Wunder davon. Frau von Hermi hatte ihre Tochter ſo lange geplagt, daß Letztere endlich ſich herbeigelaſſen hatte, mit ihr zu gehen, ſowie daß Immanuel, der ſeiner Frau kein Vergnügen hätte verſagen können, für dieſen Ball ſelbſt zu ſchwärmen ſchien: ſo ſehr war ihm daran gelegen, Marien nicht allein das zu gewähren, was ſie von ihm verlangte, ——*„—.— ————o n 8 d gS ADODͤSoͤ —— 93 ſondern auch ſein Glück darin zu ſuchen, daß er es ihr gewährte. Schon vierzehn Tage vor dieſem Ball hatten Frau von Hermi und Marie mit ihren Einkäufen begonnen; wobei ſie in allen Magazinen herumgin⸗ gen und täglich wohl zwanzig Mal auf andere Ideen kamen. Die Gräfin ſuchte ihrer Tochter begreiflich zu machen, welches Vergnügen es gewähre, in Dingen der Toilette recht oft auf andere Ideen zu kommen. Ganz Paris erinnert ſich noch dieſes Balls, wo ſich Alles zuſammenfand, was irgend einen Na⸗ men hatte, und der zu dem Ausſehen der Stadt einen recht ſonderbaren Contraſt bildete. In der That, es herrſchte eine in den Annalen der Pariſer Thermometer noch wenig vorgekommene Kälte, und es bildete der in großen Flocken niederfallende Schnee über dem Pflaſter von Paris einen halbfußhohen Teppich. Was liegt aber zu Paris am Wetter, wenn man auf den Ball geht? Weiß man auch nur, was für Wetter es iſt? Man ſteigt in einen Wagen, deſſen Fenſter man ſchließt; man kommt an, man tanzt, und kommt in derſelben Weiſe wieder heim. Damit iſt Alles abgemacht, und am andern Tage erinnert man ſich nicht mehr, ob es warm oder kalt war. Auf dem Vendôme⸗Platz ſtanden über dreihun⸗ dert Wagen. Dort wohnte die Marquiſe von L... So lange Marie noch nicht auf einem Balle war, liebte ſie ſolchen nicht; war ſie aber einmal da, ſo ließ ſie es ſich dort recht behagen, und was den Tanz betrifft, ſo hatte derſelbe für ſie etwas wirklich Berauſchendes. Auch Leon hatte ſich eingefunden. Seit einem Monate hatte ſie ihn höchſtens drei bis 8 8 94 vier Mal geſehen, und es hatte geſchienen, als habe derſelbe ganz und gar das Geſpräch vergeſſen, das er mit Frau von Bryon gepflogen, und das wir un⸗ ſern Leſern bereits mitgetheilt. Mit ihm tanzte die Gräfin, gleich nach ihrer Ankunft, und an ſeinem Arme kam ſie zu ihrer Tochter zurück. „Tanz' doch einmal einen Walzer mit Herrn von Grige,“ ſprach ſie zu Marie,„ich kenne keinen beſſeren Tänzer.“ Marie hatte lediglich keinen Grund, mit Leon nicht zu tanzen. Sie ſtellte ſich, als gewahre ſie die Aufregung nicht, in welcher der Marquis ſich befand, als er ihre Hand ergriff, und lächelte beim Walzen Immanuel zu, um welchen ſich eine zahlreiche Gruppe von Bewunderern geſammelt hatte, die auf ſeine Be⸗ kanntſchaft ſtolz waren. In den Salons der Marquiſe war ein Ueber⸗ ſchwang von Licht, Glanz, Diamanten, Blumen, Düf⸗ ten, Harmonien. Es lag in der Luft, die man ath⸗ mete, Etwas, was tauſend Mädchen dem Teufel hätte in die Arme führen können. Für Mädchen iſt ein Ball der kürzeſte Pfad vom Paradieſe zur Hölle,— wenn es eine Hölle gibt— woran ich meines Theils gar nicht zweifle. Es iſt wahrhaft unberechenbar, wie viele Tugenden mit den Flügeln hangen bleiben an allen dieſen Handdrücken, die unter dem Vor⸗ wande von Poulen, Paſtourellen und Walzern er⸗ folgen. Dieſe Reflexionen haben aber gar keine Bezie⸗ hung auf Marie. In jener Nacht drückte gar manche Hand die ihrige; es blieb dieſelbe aber marmorn. v— 95 So ſchön, ſo luſtig aber auch ein Ball ſein mag, ſo muß er denn doch einmal enden. Allmählig wurde es leer in den Salons, und es kam die Stunde, wo man an’s Heimgehen dachte. „Wir wollen nun gehen, liebes Kind,“ ſprach die Gräfin zu ihrer Tochter; denn ſie fand, daß um vier Uhr Morgens, wenn die Toiletten zerkrümpelt ſind, der Ball ferner unmöglich wird, und eilte nun eben ſo ſehr fortzukommen, als es ſie gedrängt hatte, herzukommen. Sie ließ ihren Wagen vorfahren und ging, als man ihr meldete, daß derſelbe auf ſie warte, hinun⸗ ter, nur von der einfachen Peliſſe bedeckt, die ſie beim Kommen gehabt, und unter welcher wir erſtaunt waren, ihre nackten Schulter nicht ſchauern zu ſehen. Es gelang aber einem andern Wagen, ſich unbemerkt vor dem der Gräfin aufzuſtellen, die ſich ſo genöthigt ſah, etwa fünf Minuten lang unter einer Galerie zu warten, wohin von Zeit zu Zeit die eiskalte von Außen kommende Luft drang. Der Graf wollte, ſie ſolle auf einen Augenblick wieder in die Salons hin⸗ aufgehen, konnte ſie aber nicht dazu bewegen; und als ſie endlich in ihren Wagen ſtieg, ſchauerte ſie zuſammen und klapperten ihre Zähne. Bei ihrem Erwachen um vier Uhr Nachmittags konnte ſie ſich ſchon nicht mehr rühren: ein bleierner Schleier hatte ſich über ihr Haupt gezogen, und es verzehrte ſie das Fieber. Sie wollte durchaus nicht zugeben, daß man nach dem Arzte ſchicke, ſagend, es ſei dieſes Unwohl⸗ ſein Nichts als Müdigkeit; aber im Laufe des Abends fing ſie ſchon an zu phantaſiren, und ſo blieb denn Nichts übrig, als nach dem Hausarzte zu ſchicken. 8 1 ” 96 Marie, die wie gewöhnlich zu ihrer Mutter ge⸗ kommen war, und die ſie im Bette gefunden hatte, ließ Immanuel ſagen, daß ſie nicht nach Hauſe kom⸗ men würde, ſowie auch, warum ſie nicht käme. End⸗ lich erſchien auch der Arzt, der, nachdem er ſich er⸗ kundigt, was die Kranke ſeit zwei Tagen gethan, ſich beklagte, daß man ſo ſpät nach ihm geſchickt, und eine Bruſtentzündung conſtatirte. Noch an demſelben Abende erfuhr ganz Paris die plötzliche Erkrankung der Gräfin, und Jedermann kam, um ſeinen Namen einzeichnen zu laſſen. Wie man ſich leicht denken kann, war Leon nicht unter den Letzten, welche dieſe Pflicht erfüllten. Immanuel hatte, als er aus der Kammer kam, Marie aufgeſucht, welche das Bett ihrer Mutter keinen Augenblick verließ. So oft Frau von Hermi wieder phantaſirte, zitterte das arme Kind. Dieſer augenblickliche Wahnſinn, dieſe fieberhafte Geiſtesab⸗ weſenheit erfüllte ſie mit Schrecken, und küſſend und weinend warf ſie ſich über ihre Mutter her; wurde die Kranke wieder ruhig, ſo ging die fromme Toch⸗ ter von Thränen zum Gebet, vom Schrecken zur Freude über. Und doch wiederholte der Arzt, ſo oft er wiederkam, beſtändig: „Warum hat man nicht auf der Stelle nach mir geſchickt?“ Dann ſchaute Marie ihn unruhig an, ihn bittend, daß er ſie doch beruhigen möchte, und es ſagte der arme Mann, der ſie hatte zur Welt kommen ſehen und ſie gleich ſeinem eigenen Kinde liebte, zu ihr: „Seien Sie nur ruhig, es iſt keine Gefahr vorhan⸗ den;“ und doch hatte Marianne geſehen, wie er beim 1 97 Hinausgehen aus dem Zimmer der Gräfin den Kopf ſchüttelte, was ſie ſich wohl gehütet hatte, irgend Jemand zu ſagen, und was ſie nur Gott erzäͤhlt; denn die arme Frau war nach der Kirche gegangen, um zu Ehren der heiligen Jungfrau eine Kerze an⸗ zuzünden und zu derſelben für ihre Gebieterin zu flehen. In der That, es machte die Krankheit raſche und furchtbare Fortſchritte; nach drei Tagen war die Grä⸗ fin nur noch ein Schatten von dem, was ſie geweſen; ihre ſchönen Augen, einige Tage zuvor noch ſo reich an Glanz, leuchteten jetzt nur noch dann und wann, und zwar war es das Fieber, das ihnen ſolchen vor⸗ übergehenden Glanz verlieh; ihre Lippen, die am Tage des Balls roſaroth geweſen, nun aber halbge⸗ öffnet und ganz bleich waren, ließen einen ſchweren Athem hindurchgehen; ihre Wangen waren hohl ge⸗ worden, und ihre feurigen Backenknochen allein zeig⸗ ten jene eigenthümliche kleine rothe Färbung, die den Männern der Kunſt ſo viel ſagt: die Arme waren ab⸗ gemagert, und man fragte ſich, wenn man dieſe ſo entkräftete und veränderte Frau ſah, ob Gott je wie⸗ der aus ihr das machen würde, was ſie vorher geweſen. Marie hatte auch nicht eine Minute geſchlafen: die Augen beſtändig auf ihre Mutter geheftet haltend, ſuchte ſie den Mittelpunkt der Krankheit zu entdecken; ſie ſtudirte die Athmung, den Blick, die Phantaſien der Gräfin, und fand, wenn ſie dieſelbe leiden ſah, nur Thränen und Gebete. Daher nahm auch die arme Frau, der in ihren hellen Augenblicken klar ward, wie ihre Tochter litt, die Hände der Letzteren, und führte den blonden Kopf ihres Kindes auf ihren Dumas d. J, ein Frauenleben. m. 8 ——ꝭ—ꝭ—ʒ—ʒ—ꝭ—᷑ʒ—ʒ--—— 98 Buſen hin, ſie tröſtend und ſie hoffen heißend; dann ging ihr die Kraft aus und verfiel ſie wieder in jene düſtere Abſpannung, die als eine Vorläuferin des Todes erſcheint. So lange man es nicht ſelbſt erfahren, kann man ſchlechterdings nicht wiſſen, welche Qual es iſt, eine Mutter, oder irgend ein Weſen, dem man eine hei⸗ lige Liebe weiht, leiden zu ſehen. Es verſchwindet dann die Welt vor dem Schmerzen; es concentrirt ſich alle Liebe, die man für Andere und Anderes hatte, auf das geliebte Weſen, das man zu verlieren fürchtet, und man würde gern mit ſeinem halben Leben ein einziges Wort der Hoffnung bezahlen; man lacht und weint gleich einem Kinde, je nachdem der oder die Kranke ruhig oder leidend iſt; es ſind die Tage lang oder kurz, je nachdem der Arzt zu⸗ frieden geweſen; nahet die Stunde, um welche der⸗ ſelbe kommen ſoll, ſo zittert man wie der Verbrecher, der ſeinen Richter erwartet, und es klopft Einem das Herz, daß man meint, es wolle Einem die Bruſt zerſpringen; dann möchte man ſelbſt an der Stelle des Leidenden, ſein, der nicht einmal weiß, was um ihn her vorgeht; verſchafft das, was der Arzt ver⸗ ſchrieben, einige Erleichterung, ſo dankt man Gott und liebt ihn; zeigen ſich aber, wie bei Frau von Hermi, alle Mittel und alle menſchliche Hülfe ſtets unmächtig, ſo hüllt man ſich in ſeinen Kummer und iſt nahe daran, Gottesläſterungen auszuſtoßen. In der Nacht war die arme Frau— Marie nämlich— ſchreckenerfüllt, wenn ſie in ihrem großen Lehnſeſſel, in dem ſie wachen wollte, ein bischen ein⸗ ſchlief und mit einem Male wieder aufwachte in die⸗ — ann ene des nan eine hei⸗ ndet rirt eres ren ben len; dem ſind zu⸗ der⸗ her, das ruſt telle um ver⸗ Gott von ſtets und arie oßen ein⸗ die⸗ 99 ſem nur durch den Schein einer kleinen Nachtlampe erhellten Zimmer, zwiſchen ihrem Vater, der, in der Dunkelheit halb verborgen, ſie anſchaute, und ihrer Mutter, deren warmes und verändertes Athmen ſie glücklicher Weiſe noch hörte. Die arme Kleine hatte gar große Furcht; dann ſtand ſie, wir wiederholen es, auf, ſchüttete ein wenig Tiſane in eine Taſſe und goß dieſe Flüſſigkeit in den halb offenen Mund ihrer Mutter, deren Beklommenheit einen Augenblick nachließ, aber nur um bald wieder anzufangen; dann ging ſie zu ihrem Vater hin, um ihn zu küſſen, und ſetzte ſich wieder in ihren Lehnſeſſel, um dem Ge⸗ räuſche eines Wagens, der die Stille der ſpäten Nacht ſtörte, und der abgemeſſenen Bewegung der Pendeluhr zu lauſchen, deren Zeiger jeden Augen⸗ blick eine verhängnißvolle Stunde anzeigen konnte. Kam dann der Tag und drang das erſte Geräuſch des erwachenden Paris zu den Ohren der ſchönen Krankenwärterin, während die Strahlen einer frühen Sonne allmälig das Zimmer erreichten, ſo zog ſie die Vorhänge ein wenig aus einander und ſah, was auf der Straße vorging, denn es hatte ſeit einigen Tagen ihr Daſein ſich ſo ſchmerzlich verändert, daß ſie das Leben der Andern durchaus ſehen mußte, um an ihr eigenes glauben zu können. Um ſieben oder acht Uhr pflegte der Arzt zu kommen, dann Imma⸗ nuel, und dann Herr von Bay, der bei der Gräfin immer ſo lange blieb, als nur der Anſtand es er⸗ laubte, und auf den dieſe Krankheit einen gar leb⸗ haften Eindruck machte. Aber es zeigte ſich im Zu⸗ ſtande der Frau von Hermi lediglich keine Beſſerung. Die Gräfin kam von Zeit zu Zeit immer wieder zu N 100 ſich und aus ihrem fieberiſchen Schlafe heraus; dann pflegte ſie ihre Tochter und ihren Gatten bei der Hand zu nehmen, und Beide anzuſchauen, die Eine ſegnend, den Andern bittend, denn in dem Augen⸗ blicke, wo ſie vor Gott erſcheinen ſollte, hatte ſie als Mutter ein Recht zu ſegnen, mußte aber als Gattin als Flehende auftreten, da ſie auf Erden erſt Ver⸗ zeihung erlangen mußte, um im Himmel freigeſpro⸗ chen zu werden. Was den Grafen betrifft, ſo war für ihn kein Zweifel mehr vorhanden, und ließ er auch ſeine Toch⸗ ter noch hoffen, ſo gab er doch ſelbſt der Hoffnung nicht länger Raum; er ſah die ſchrecklichen Fortſchritte der Krankheit, deren Ende er beinahe ſchon ahnte, und fühlte in dieſer letzten feierlichen Stunde ſich nicht ſtark genug, um noch der Vergangenheit zu ge⸗ denken. Er ſah in dieſer ſterbenden, bleichen und gleichwohl noch ſchönen Frau nur das argloſe Mädchen wieder, das er einſt geliebt; er erinnerte ſich nur, und wollte ſich nur noch erinnern jenes ſüßen Jahres, das ſie mit einander verlebt, und das der einzige Stern ſeiner Vergangenheit geblieben war, über den ſich nun eine Todeswolke ausbreiten ſollte. Er vergab ihr daher mit Blick und Herz und weinte wie ein Liebender, trotzdem daß er in dieſem Ende eine Folge von Clotildens Leben erkennen mußte. Es war ganz logiſch, daß die ſorgloſe, unbeſonnene, leichtſinnige, nur das oberflächliche Leben der Welt lebende, nur Bälle, Feſte, und den Glanz liebende Gräfin an dem ſtarb, was ihr eigentliches Leben ausgemacht. Es läßt ſich die Freude der armen Frau gar nicht ausdrücken, als ſie die Thränen ihres 101 Gatten, jene ſichtbare, aus dem Herzen durch die Augen kommende Verzeihung, gewahrte und hätte ſie ſelbſt in dieſem Augenblicke Hoffnung gehabt, noch länger zu leben, ſo würde ſie gelobt haben, künftig nur ihm zu leben. Marie allein hoffte noch, und die arme junge Frau pflegte ihre Mutter mit der Güte und Liebe eines Engels. Auf die Worte des Arztes vertrauend, glaubte ſie, es befördere Alles, was ſie der Gräfin gebe, die Heilung; und Alles in der Natur, Sonne, Sterne, Menſchen, kurz Alles, was ſonſt lebte, war ſo ganz daſſelbe, daß ſie nicht glau⸗ ben konnte, es werde Gott, der ſie noch ſegnen müſſe, ohne Grund eines der Weſen, ſo ſie auf Erden am Meiſten liebte, von ihr nehmen. Trotz aller ihrer Pflege und trotz alles Betens ging aber das unbeugſame Geſetz des Verhängniſſes doch in Erfüllung. Am zehnten Tage nach dem Be⸗ ginn der Krankheit ſprach Clotilde etwa eine Stunde lang mit dem Baron, mit dem Grafen, mit Imma⸗ nuel und mit ihrer Tochter, die ihr Bett umſtanden; dann erloſch ihre Stimme allmählig und konnte ſie nur noch unbeſtimmte Töne hervorbringen, denen ihre Geberden nur mit Mühe einen Sinn zu geben ver⸗ mochten; reichliche Thränen entſtürzten ihren Augen, und von dieſem Augenblicke an gab Niemand, nicht einmal Marie, der Hoffnung mehr Raum. Es ſchien die Gräfin einzuſchlummern, und Jedermann glaubte, es ſei nun der Tod im Anzuge, aber ein ziemlich ruhiger Schlaf kam über ſie, und es entfernte ſich nun Jedermann mit Ausnahme ihrer Tochter, die ſie nicht verlaſſen mochte und, auf den Knien liegend, ihr ſeit zehn Tagen begonnenes Beten fortſetzte. 10² Beim Heraustreten aus dem Zimmer der Gräfin bot Herr von Bay dem Grafen von Hermi die Hand, der vollkommen begriff, was dieſe Geberde Alles ſagen wollte und, ohne auch nur mit einer Silbe zu antworten, dem Baron die Hand drückte, der weinend zurückblieb und mit großen Schritten auf- und abging. So verging der Tag. Um vier Uhr erſchien der Arzt wieder. „Kommen Sie morgen wieder, Herr Doktor?“ bemerkte der Graf, als er denſelben wieder weggehen ſah, nachdem er nur wenige Augenblicke bei der Kran⸗ ken geblieben. „Es iſt dieß mein letzter Beſuch,“ antwor⸗ tete der Mann der Kunſt;„nun muß der Seelen⸗ arzt kommen.“ 4 Die beiden Männer drückten ſich die Hand, und es trat Herr von Hermi wieder in das Zimmer, wo Marie immer noch betete. Er ging zu ihr hin und berührte ihre Achſel. „Mein Kind, komm mit mir!“ ſprach er zu ihr. „Warum, Vater?“ „Ich muß mit Dir ſprechen.“ „O Gott! Was haben Sie mir zu ſagen?“ Und ganz erſchrocken ſtand Marie auf. „Hab' keine Furcht, mein Kind: es iſt Nichts, was Dich betrüben könnte.“ „Sagen Sie mir es hier, Vater, recht leiſe, da⸗ mit wir Mama nicht aufwecken, und ich ſie nicht zu verlaſſen brauche.“ „Es iſt das unmöglich.“ „Warum?“ e 103 „Es muß Deine Mutter nun allein ſein.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Frau von Bryon und eilte, in Thränen gebadet, in die Arme ihres Vaters. „Komm mit!“ ſprach der Graf, von dieſer Scene gerührt. Und er zog ſeine Tochter mit ſich fort. Marie folgte ihm mechaniſch; an der Thüre aber angekommen, wandte ſie ſich um und lief auf das Bett der Sterbenden zu, die, obwohl ihr Blick ſchon ſtarr war, doch noch athmete. „Dauert das lange, was Sie mir zu ſagen haben, Vater?“ „Nein, meine Tochter, komm, bald ſind wir wie⸗ der hier und dann brauchſt Du Deine Mutter nicht mehr zu verlaſſen.“ Auf ihren Vater geſtützt, und ohne das Bett aus den Augen zu laſſen, entfernte ſich Marie. In dem Augenblicke, wo der Graf die Thüre hinter ſich ſchloß, fing Marianne, ganz in Thränen aufgelöst, leiſe mit ihm zu ſprechen an. Darauf führte Herr von Hermi ſeine Tochter nur noch raſcher weg, bei der ein Geräuſch von Tritten, welches von der Treppe herkam, die ſeltſamſten Gedanken her⸗ vorrief. „Man wird doch meine Mutter nicht fortführen?“ fragte ſie. „Nein, ſei deßhalb nicht in Unruhe!“ „Was gibt es denn aber?“ rief ſie ſchluchzend. „Mein Kind,“ ſprach der Vater, ſie in einem andern Zimmer niederſitzen laſſend,„es müſſen die Menſchen hinausgehen, wenn der Herr kommt.“ 10⁰4 „Die letzte Oelung alſo!“ ſprach ſie. Und ſie ſank auf die Knie nieder. Und es hörten ihre Thränen auf zu fließen, denn ſie litt zu ſehr, als daß ſie jetzt noch hätte weinen können. Wenn aber die Thränen nicht mehr aus den Augen her⸗ auskommen, ſo fallen ſie auf das Herz zurück und überfluthen daſſelbe. Die arme Frau erſtickte faſt vor Schluchzen, und es konnte der Graf ſie gerade noch auf ſein Bett hintragen, das ſie aber beharrlich verlaſſen wollte, um wieder zur Gräfin zu gehen. „Meine Mutter! meine Mutter!“ Das waren die einzigen Worte, die ſie zu articuliren vermochte. Plötz⸗ lich bekam ſie auf dieſem Bette furchtbare Nervenzu⸗ fälle; ſie wurde ganz ſteif, richtete ſich jeden Augen⸗ blick auf, um fortzugehen, und erkannte weder ihren Vater, noch Immanuel mehr, die ſie feſthalten muß⸗ ten; endlich goß der Arzt ihr einige Tropfen Oran⸗ genblüthe in den Mund, worauf ſie zuſammenbrechend zurückſank: die beklommene Reſpiration wurde allmäh⸗ lig ruhiger. Sie hatte nun ſeit zehn Tagen und zehn Nächten kein Auge mehr zugemacht; es gab ihr daher der Arzt ein Schlafmittel, ohne daß ſie wußte, was ſie nahm, und ſo ſchlief ſie denn am Ende ruhig ein. Ohne Zweifel ſchlief ſie lange, denn als ſie wie⸗ der erwachte, war es Nacht. Sie fuhr mit beiden Händen über die Stirn hin, und konnte ſich wieder erinnern, und es war dieſe Nacht und dieſe Stille ihr etwas Schreckliches; ſie wagte es nicht, ihr Bett zu verlaſſen, und rief mit leiſer Stimme ihrem Vater, aber Nichts gab ihr Antwort; ſie war mutterſeelen⸗ allein im Zimmer. Nun ſtand ſie, mit verſtörtem —— 105 Blicke und fliegenden Haaren, auf und ging, gleich einer Schlafwandlerin, nach der Thüre des Zimmers hin, wobei ſie an alle Möbeln ſtieß. Sie ging hin⸗ aus: gleiche Stille draußen wie drinnen. Sie ging durch den leeren und trübſeligen Salon mit ſeinem großen Kronleuchter und ſeinen großen Gemälden hin: Alles ſah dort öde aus, und ſo kam ſie endlich auf der Schwelle des Zimmers ihrer Mutter an. Wie ſchon ſo oft, horchte ſie auch jetzt wieder, hörte aber Nichts; nun öffnete ſie die Thüre ein wenig und gewahrte beim Scheine einer einzigen Kerze, was ſie ſeit zehn Tagen ſchon ſo oft zu ſehen ge⸗ glaubt. Trotz der Kälte und des Regens ſtand Herr von Hermi am offenen Fenſter. Am Bette ſitzend, den Elbogen auf die Betttücher geſtützt und den Kopf in der Hand haltend, weinte Herr von Bay. Immanuel ſaß im Schatten, eine Hand in der Hand des Gra⸗ fen ruhen laſſend. Marianne weinte zu den Füßen des Bettes. Der Arzt hatte ſich eben entfernt. Frau von Hermi war geſtorben. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Gar traurig war der Abend, der auf den Tod der Frau von Hermi folgte; Marie war wie ver⸗ nichtet; man hätte glauben können, es habe die arme Frau mit der einen Hälfte ihres Herzens ihre ganze Vernunſt verloren. Stieren Blicks blieb ſie taub und ſtumm für Alles, was man zu ihr ſagen mochte. Zuweilen antwortete ein blaſſes und trauriges Lä⸗ 106 cheln, antwortete ein naſſer und umſchleierter Blick auf das Lächeln und auf den Blick ihres Vaters; dann verfiel ſie wieder in einen Zuſtand der Er⸗ ſchlaffung, denn es erſchienen ihre Kräfte erſchöpft, ja ſie ſchien nicht einmal mehr leidensfähig zu ſein. Es war dieß der erſte herbe Kummer Mariens, und darum war auch derſelbe tiefgehend. Gleichwohl waren Krankheit und Tod ſo raſch auf einander ge⸗ folgt, daß das arme Kind ſich in gewiſſen Augen⸗ blicken unter der Herrſchaft eines böſen Traumes wähnte. Es iſt ſeltſam, wie ungern ſich der Geiſt an die Idee des Todes gewöhnt, und wie ſchwer es ihm eingeht, daß ein geliebtes Weſen, das man zu ſehen und zu hören gewohnt war, auf ewig bewe⸗ gungslos und gefühllos ſein ſolle; man glaubt im⸗ mer, es hätten ſich Andere geirrt, und es würde daſſelbe, wenn man ihm wieder riefe, die Stimme erkennen und antworten. Dennoch mußte aber auch Marie am Ende ſich von der Wahrheit überzeugen; die, welche ſie umgaben, waren weder leichtgläubiger, noch minder betrübt, als ſie, und ſtets hatte ſie das bleiche Haupt ihrer Mutter, das ſie mit ihren eige⸗ nen Lippen berührt, die lebloſe Bruſt, die ſie mit eigener Hand betaſtet, und das glaſichte Auge, das ſie ſelbſt geſchloſſen,— eine traurige Pflicht, von der ſie wohl wußte, daß ſie ſie einſt würde zu er⸗ füllen haben, die ſie aber nicht ſo bald ſchon erfül⸗ len zu müſſen glaubte,— ſtets, ſagen wir, hatte ſie Alles dieſes vor Augen. Was Immanuel betrifft, ſo litt er, weil auch Marie litt, ſo ergriff er oft ihre Hände; was er aber auch thun mochte, das Herz des armen Kindes war 5 107 zerriſſen, und es blutete die Wunde noch zu ſtark, als daß dieſelbe hätte alsbald vernarben können. Herr von Bay ſeinerſeits begriff ſeine falſche Stellung, und ſchon eine Stunde nach dem Tode der Gräfin hatte er vom Grafen Abſchied genommen, der nicht der mindeſt betrübte Zeuge dieſer peinlichen Scene war. Es gibt lange Nächte, auf die es nie mehr Tag werden zu wollen ſcheint, und es war die Nacht, die nun kam, eine der längſten, die Marie je erlebt: alle Augenblicke ſchien es ihr, als trete ihre Mutter her⸗ ein, ſo daß ſie die vor Müdigkeit und durch das viele Weinen ſchwer gewordenen Augen gar nicht zu ſchließen wagte. An dem darauf folgenden Tage ward der Tod conſtatirt; ſodann wurde zur Leichenöffnung geſchrit⸗ ten, jener letzten Operation, durch welche den Ueber⸗ lebenden vollends der letzte Hoffnungsſchimmer ent⸗ ſchwindet. Alle Freunde des Hauſes hatten ſich ein⸗ ſchreiben laſſen, und unter den treueſten befand ſich auch Herr von Grige, der auch nicht einen Tag hatte vorübergehen laſſen, ohne ſich nach der Kranken zu erkundigen, was Marie bei all' ihrem Kummer genugſam bemerkt hatte, um ihm dafür Dank zu wiſſen. Zwei Tage darauf fand die Begräbnißfeier Statt. Während man die lebloſen Reſte ihrer Mutter nach der Kirche und dem Friedhofe brachte, ſchrieb Marie an ihre Freundin Clementine; ſie mußte ihren Schmerz ſchlechterdings in den Buſen eines menſchlichen We⸗ ſens ausſchütten. Bei Leuten, welche Zeugen ſind deſſen, was man leidet, bleibt der Schmerz ſtumm; 1 108 denn es fände derſelbe keinen Ausdruck, und braucht das auch nicht. Sie erzählte alſo mit ihrem Herzen Alles, was ſeit zehn Tagen vorgegangen war, und was ihre Freundin noch nicht wußte. Sie weinte lange. Nachdem ſie dann ihren Brief verſiegelt, trat ſie in das Zimmer ihrer Mutter, betaſtete alle Gegenſtände, die ihre Mutter geliebt, kniete neben dem Bette nieder, und betete lange, ſo lange, daß ſie immer noch betete, als der Graf und Immanuel düſter und bleich von der traurigen Ceremonie zu⸗ rückkamen, die eben Statt gefunden. Es ſchien das Wetter wie gemacht zum Kummer: es war der Himmel grau, die Straßen ſchmutzig, und es fiel Schnee. Im Hauſe ſah Alles traurig aus, auf allen Geſichtern lag Beſtürzung, und es blieben der Graf, Immanuel und Marie den ganzen Abend beiſammen, ohne auch nur ein Wort zu wech⸗ ſeln. Man hätte glauben können, es würde der Erſte, der in dieſer Stille ein Wort ſpräche, die bei⸗ den Andern vor Schrecken erſtarren machen. Um elf Uhr zog man ſich zurück,— die beiden Männer, nachdem ſie ſich gegenſeitig die Hand gedrückt; Marie, nachdem ſie ihren Vater geküßt. 1 In der erſten Nacht, die ein geliebter Todter auf dem Friedhofe zubringt, fühlt ſich der, welcher ihn geliebt und nun beweint, von einem peinli lichen Gedanken ergriffen,— von einem Gedanken, der ſich alſo ausdrücken läßt: „Wie unbehaglich muß es ihm doch in ſeinem Grabe ſein!“ Man hat ſo wenig Zeit gehabt, ſich an die Fühl⸗ loſigkeit des zu Grabe getragenen Weſens zu gewöh⸗ 109 nen, daß man ſtets glaubt, es ſei demſelben Leben genug geblieben, um zu fühlen, daß es zwiſchen den vier Wänden eines Sarges, daß es in der feuchten Nacht der Erde liege. Dann erinnert man ſich an die glücklichſten Augenblicke desjenigen, den man ver⸗ loren, und ſtets tritt die kalte Maske des Todes an die Stelle des lächelnden Geſichtes, deſſen Bild man heraufbeſchworen. Was Marie betrifft, ſo konnte ſie ſich an die Idee dieſes Todes ſchlechterdings nicht gewöhnen. War ſie doch ſeit zwei Jahren ſo glücklich geweſen. Die geringſten Zwiſchenfälle ihres Lebens, womit Frau von Hermi in irgend einer Weiſe verknüpft geweſen, gingen an dem Auge ihres Geiſtes vorüber, von der Vergangenheit und Gegenwart zwei gar verſchiedene Seiten entlehnend, eine heitere und eine traurige; und mit einem Male rief das theure Kind aus: Es iſt das unmöglich! und brach in einen Thrä⸗ nenſtrom aus. Auch den Grafen hatte dieſer Tod ſchwer getroffen: er hatte ein zu gutes Herz, als daß dieß hätte an⸗ ders ſein können; nicht daß er ſeine Frau ernſtlich geliebt hätte, aber er liebte in ihr die Mutter ſeiner Tochter, und der Schmerz ſeines Kindes verurſachte auch ihm Schmerz. „Vater,“ hatte Marie zum Grafen geſagt,„es muß das Zimmer meiner Mutter für immer ſo blei⸗ ben, wie es im Augenblicke ihres Todes geweſen, auf daß, wenn wir einmal hineingehen, Nichts dem Gedanken an ſie Abbruch thue!“ „Ja, mein Kind,“ hatte der Graf geantwortet, nes ſoll Dein Wille geſchehen. Du ſollſt einen 110 Schlüſſel zu dieſem Zimmer bekommen, damit Du dort wie in einer Kirche beten kannſt. Es ſoll dort Alles ſo bleiben, wie es jetzt iſt, ſo daß man glau⸗ ben kann, es ſei die Gräfin nur abweſend, und daß man zu vergeſſen ſucht, daß dieſelbe auf immer von uns geſchieden.“ An dem Tage, wo dieß geſprochen worden, hatte der Graf ſich im Zimmer der Gräfin eingeſchloſſen, da es eine heilige und geheime Pflicht zu erfüllen galt. Nachdem er ſich vergewiſſert, daß Niemand hereinkommen könne, ging er an ein Möbel hin, wozu die Gräfin zu ihren Lebzeiten ſtets die Schlüſſel gehabt, und ſchloß daſſelbe auf. Es lagen verſchiedene Papiere in den Schubla⸗ den dieſes Möbels. Der Graf nahm ſie heraus, und es fand ſich, daß es Briefe von zweierlei oder dreierlei Handſchriften waren. Man brauchte ſie bloß anzuſehen, um in ihnen Liebesbriefe zu erra⸗ then. Brauchen wir wohl noch alle Gedanken an⸗ zugeben, welche im Geiſte des Grafen dieſe Briefe weckten, die von andern Männern an ſeine Frau gerichtet worden, und die nun durch den Tod dieſer Frau ſein Eigenthum geworden waren? „Die arme Gräfin!“ ſprach er vor ſich hin, in⸗ dem er dieſe Briefe in's Feuer warf, ohne auch nur nachzuſehen, von wem ſie unterſchrieben waren,„ihr ganzes Leben ſtand darin verzeichnet!“ Und er ſchaute hin, wie die Papiere ſich im Feuer krümmten, wie ſie verzehrt wurden und end⸗ lich im Kamine verſchwanden. Nichts iſt ſo anzie⸗ hend, als Papiere, welche man durchſtöbert. Hat man einmal angefangen, in der Vergangenheit zu Aoo ͤE SR E 111 blättern, ſo hat man ſtundenlang zu thun, ehe man wieder aufhört. Von dieſen Briefen, deren Inhalt er nicht hatte kennen wollen, ging der Graf zu den Papieren über, die er kennen durfte. Er fand Rechnungen über allerlei Gegenſtände der Toilette und über all' die Dinge, die einſt das Glück der Gräfin gemacht,— er fand Einladungen auf Bälle, fand Verſe, fand Briefe von Freunden, fand ſogar Liebeserklärungen, här Alles, was ſo zum Leben einer Weltdame ge⸗ hört. „Was iſt nun von All' dieſem noch übrig?“ ſprach der Graf, alle dieſe Seiten der Vergangenheit nach einander in's Feuer ſchleudernd. Der Tod der Gräfin aber machte das Leben des Herrn von Hermi noch leerer und öder, als es je ge⸗ weſen, und knüpfte die Bande des Herzens, die ihn. mit Marien vereinigten, noch feſter. „Wenn nun Gott auch meine Tochter von mir nähme!“ dachte er.„Was würde aus mir werden!“ Clementine war nach Paris geeilt. Dieß Mal hatte Nichts ſie zurückzuhalten vermocht. Was ſie dem Vergnügen zu lieb nicht gethan, that ſie nun dem Schmerze zu lieb. Es war dieß ganz natür⸗ lich. Acht Tage brachte ſie bei ihrer Freundin zu; Beide füllten, am Feuer ſitzend, ihre Zeit damit aus, daß ſie von der Vergangenheit ſprachen und wäh⸗ rend jener melancholiſchen Stunden, in denen die mora⸗ liſchen Leiden ruhen, ihre Erinnerungen austauſchten. Immanuel nahm oft an dieſen intimen Plaudereien Theil und ſuchte mit dem Blicke die Tiefe des Kum⸗ mers ſeiner Frau zu ergründen, ſich dabei fragend, 112 was er wohl thun könnte, um denſelben zu bannen; dieſe aber lächelte ihm zu und reichte ihm die Hand mit einem Blicke, der zu ſagen ſchien: Laß mich weinen, es thut mir das wohl; und ſo gab er ihr denn dieſen ausdruckſamen und ſtummen Troſt im⸗ mer nur mit den Augen, ohne ein Wort beizufügen. Am Morgen des achten Tages reiste Clementine wieder ab, nachdem ſie mit ihrer Freundin eine dritte Pilgerfahrt nach dem Friedhofe gemacht, wo die fromme Tochter immer je den andern Tag, trotz Kälte und Schnee, hinging. Immanuel küßte wie eine Schweſter die, welche er ſo nahe daran geweſen, zur Frau zu bekommen; er dankte ihr nochmals für das Glück, das ſie ihm verſchafft und begleitete in Mariens Geſellſchaft ſie bis an den Wagen, in den ſie ſtieg, um wieder zu Herrn Barillard zu kommen, der ſich ſchon recht unglücklich fühlen mußte, trotz der zwei zu ſeiner Beruhigung geſchriebenen Briefe. Als Clementine wieder fort war, nahm das Le⸗ ben in dem kleinen Hotel wieder den gewohnten Gang. Nun aber müſſen wir geſtehen, daß ſeit dem Tode der Frau von Hermi deſſen Ausſehen etwas Unheilverkündendes hatte. Es hat der Tod einen ſo lange dauernden Einfluß auf Herzen, die nicht ganz zu den gewöhnlichen gehören! Ein ſtets wie⸗ derkehrender Gedanke verdüſterte Mariens Herz und Geſicht zugleich; Immanuel ließ ſie zwar möglichſt wenig allein, ſobald er aber fort war, verſank die arme junge Frau wieder in die gewohnten Träumereien; unwillkürlich verſchleierten ſich ihre Augen durch Thränen, und immer größer wurde die Leere, die ſich um ſie her gebildet hatte; dann pflegte ſie zu 113 ihrer Tochter hinzugehen, eingedenk der Worte ihres Vaters, daß die Wiege über das Grab tröſte. War der Abend gekommen, ſo legte ſich Immanuel wieder wie ſonſt zu ihren Füßen, nahm ihre beiden Hände, und ſah, wie ſie ihn anſchaute mit jenem melancho⸗ liſchen Lächeln, das die Lippen von der Traurigkeit der Seele hernehmen. Dann überließ er ſich Zu⸗ kunftsträumen, und ſprach von Reiſen, von dem Glück, das ihnen noch aufbehalten wäre; Marie je⸗ doch, gleich als hätte ſie ſchon gefühlt, daß ihrem Leben enge Grenzen geſteckt ſeien, pflegte nur die Augen zum Himmel emporzuheben und zu ſagen: Wir wollen das Beſte hoffen. Sie gedachte der Ver⸗ gangenheit, und es füllten ſich ihre Augen mit Thrä⸗ nen; Alles war ihr zuwider; ſie blieb ganze Tage in traurige Niedergeſchlagenheit verſunken; es ver⸗ ſtrich die Zeit, ohne daß ſie darauf merkte, und allein in ihrem Zimmer, gleich Gretchen in ihrer Betrüb⸗ niß, neben einem Feuer ſitzend, das erloſch, ohne daß es ihr eingefallen wäre, daſſelbe wieder anzünden zu laſſen, träumte und träumte ſie. Die düſtere win⸗ terliche Abenddämmerung ließ, wenn ſie einmal in Mariens Zimmer drang, Nichts mehr deutlich ſehen, ſo daß, wenn Immanuel nach Hauſe kam, es bis⸗ weilen geſchah, daß er neben ſeiner Frau ſtand, ohne daß dieſe ſeine Rückkehr wahrgenommen: ſo ſehr war ſie immer in Gedanken verſunken. Zuweilen ging ſie an ihr Pianoforte hin und ließ die Finger über die Taſten hinlaufen; dann ſuchte ihre Seele in der Muſik das Echo ihrer Gedanken; allmählig aber füllten ſich ihre Augen wieder mit Thränen, und dann pflegte ſie wieder auf ihren Dumas d. J., ein Frauenleben. II. 8 3 114 Seſſel hinzuſinken; dann ſchwieg auch das Pianoforte wieder. Um ſich, wenn irgend möglich, zu zerſtreuen, hatte Marie den Beſuchenden wieder ihre Thüren geöffnet. Und während ihre Traurigkeit ſo am Größten war, erſchien auch Leon. Die Vertraulich⸗ keit zwiſchen Beiden war mit einem Male größer geworden, denn er hatte nun bei ihr die nämliche Rolle übernommen, wie ſie ſelbſt einſt bei Herrn von Bryon: er tröſtete ſie, und die arme junge Frau nahm die Gewohnheit an, dieſen Menſchen zu ſehen, ohne den Einfluß zu ahnen, den dieſe Gewohnheit noch auf ihr Leben erlangen könnte. Auch er ſprach mit ihr von ſeiner Mutter, die er verloren, und trö⸗ ſtete Mariens Schmerz mit dem ſeinigen. Leon wußte gar wohl, wie die Seele ſich überraſchen läßt: er benutzte die Trägheit, worein noch ganz friſche Er⸗ innerungen die junge Frau verſetzten, näherte ſich ihr als ein Vater und drückte ihr die Hand als ein Liebhaber; ſie aber ſah den Mann nicht und hörte nur die Stimme, die zu ihrem Herzen ſprach, ſo daß ſie bei ihm die Zeit vergaß, wie ſie ſie vergaß, wenn ſie allein war. Am Gernſten überließ ſich Marie ihrer Traurigkeit vor ihrem Vater, da es ihr ſchien, daß derſelbe mehr denn irgend ein Anderer dieſelbe theilen müſſe. „Willſt Du,“ ſo pflegte der Graf zu ihr zu ſa⸗ gen,„Deinem Kummer hartnäckig nachhangen, ſo wirſt Du für's Erſte Deinen Vater unter den Bo⸗ den bringen, für's Zweite aber wirſt Du Deine Ge⸗ ſundheit untergraben, und eines Tages, wenn Deine Tochter ſchon größer iſt, wenn dieſelbe jener mütter⸗ lichen Liebe bedarf, ohne die ſie jetzt als Kind im S8S .—,—,—— O—ced=-o— ————— orte ien, ren am lich⸗ ßer iche errn rau hen, heit rach trö⸗ keon äßt: Er⸗ ſich ein örte daß enn arie ien, elbe ſa⸗ „ ſo Bo⸗ Ge⸗ eine ter⸗ im 115 Nothfall ſein könnte, die ſie aber, zum Weibe gewor⸗ den, ſuchen wird, würdeſt Du Deinerſeits ſterben und ihr den Kummer verurſachen, den Du jetzt haſt. Denk' an die Zukunft, mein Kind,— denk an die, welche Dich lieben,— denk an das Weſen, das Du lieben mußt, denn Dein Leben gehört Dir ſeit einem Jahre nicht mehr allein.“ Marie befand ſich in jenem Zuſtande, worin ſo⸗ genannte nervenſchwache Frauen oft ſind, wenn kurz vorher ein gewaltiger moraliſcher Schmerz über ſie ergangen; ſie wußte nicht, was ſie thun ſollte; bald wollte ſie Paris verlaſſen und einen Monat bei ihrer Freundin Clementine zubringen; bald wollte ſie, trotz ihrer Trauer, wieder unter die Menſchen gehen, da das ewige Alleinſein ſie umbrachte; dann gab es wieder Tage, wo ſie ſich von Immanuel nicht mehr geliebt glaubte, und wo ſie ſelbſt ihn nicht mehr liebte; endlich gab es auch Augenblicke, wo ſie ſich zu den vielen unglücklichen Frauen zählte, die von der Welt nicht verſtanden würden, und wo ſie, hef⸗ tig in ihrem Zimmer auf- und abgehend, ohne allen Grund zu weinen anfing, bis endlich Immanuel er⸗ ſchien und ihr unverdiente Vorwürfe machte, worauf ſie ſich zu ſeinen Füßen zu ſetzen und ihn um Ver⸗ zeihung zu bitten pflegte. . Eines Tages ging ſie auf den Friedhof, was ſie, wie wir ſchon geſagt haben, oft that: an dem Thore des heiligen Ortes ſtieg ſie aus ihrem Wagen und verlor ſich allein unter den trübſeligen Bäumen, bis ſie bei dem durch Regen und Schnee ſchon alt ge⸗ wordenen Grabe ihrer Mutter ankam. Dort ging 116 ſie in ein Gewölbe hinein und warf ſich auf die Knie nieder. Es war außer ihr kein lebendes Weſen in dem unheimlichen Garten, denn es fiel ein feiner, aber eiskalter Regen vom Himmel auf die Erde herab, und bei ſolchem abſcheulichen Wetter dachte, außer ihr, Niemand daran, die Todten zu beſuchen. Das Opfer von einer Art Fieber, bedurfte ſie gleichſam der Kälte, und während ſie ſo betete, gefielen ſich ihre Hände darin, den Marmor des Grabes zu be⸗ rühren. So blieb ſie eine volle Stunde auf dem Kirchhofe, dann entfernte ſie ſich und ſtieg wieder in ihren Wagen. Die lebende Stadt ſchien nur eine Fortſetzung der todten zu ſein: ſo öde und verlaſſen war dieſelbe durch den Regen geworden. Aufgeregter denn je, kam Marie heim: in ihrem Kopfe brannte es, und ihre Bruſt war beklommen. Es mochten zehn Minuten ſein, daß ſie vor ihrem Feuer ſaß: da trat Leon ein. Sie bot ihm ihre fieberglühende Hand. Leon nahm ihre Aufregung wahr, und fragte ſie, was ihr wäre. „Ich komme eben vom Kirchhofe zurück,“ ſprach ſie zu ihm. „Das war recht unvorſichtig von Ihnen, Ma⸗ dame,“ bemerkte der junge Mann;„bei ſolchem Wet⸗ ter iſt der Kirchhof todbringend: es erliegen ihm Körper und Geiſt zugleich.“ „Ich muß wohl,“ verſetzte die arme junge Frau, „an die Todten denken und zu ihnen gehen, da die Lebenden mich vergeſſen!“ „Und wer kann Sie denn vergeſſen, Madame? ꝭ—ꝭCQC——— 117 Ihr Kummer leitet Sie irre, macht ſie ungerecht, und nie hat es eine Frau gegeben, die heiliger und beſtändiger geliebt worden wäre, als Sie.“ „Aber wer liebt mich denn ſo?“ fragte ſie. „Wer? Nun, für's Erſte, Ihr Vater.“ „Mein Vater?“ verſetzte ſie.„Es liebt ein Vater immer.“ „Aber es lieben nicht Alle, wie er.“ „Nun, mein Vater liebt mich alſo; aber damit iſt es aus.“ „Und Ihr Gatte?“ ſprach Leon ſchüchtern, auf Mariens Antwort ängſtlich wartend. „Mein Mann,“ bemerkte ſie mit einem Lächeln des Zweifels, und mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abgehend,„mein Mann, ſagen Sie, liebe mich? Sie wollen wohl ſagen, daß er mich geliebt. Was thut er aber nun? Er weiß, daß ich allein hier bin, daß ich leide, daß Erinnerung und Fie⸗ ber mich verzehren, und— bleibt in der Kammer; er treibt Politik, verfolgt ehrgeizige Pläne,— was weiß ich, was er nicht thut? Und heute Abend kommt er heim, denn es iſt dann noch bald genug für mich. Ach nein, Immannel liebt mich nicht mehr, du mein Gott!“ Und es preßte Marie ihre Stirn zwiſchen beide Hände, gleich als wollte ſie den Gedanken feſthalten, der ihr zu entfahren drohete. „Sie ſagen, Madame, es liebe Sie Niemand?“ hob Leon wieder an.„Dann ſind Sie aber entwe⸗ der recht vergeßlich, oder recht blind.“ „Ja, Sie lieben mich vielleicht, Sie?“ antwortete Marie offen;„aber, daß ich es Ihnen nur gerade 118 heraus ſage, Sie ſind die einzige Perſon auf der Welt, die ich nicht lieben kann, und dann fragt es ſich erſt noch, ob Ihre Liebe auch wahr iſt.“ „Sie fragen mich das?“ „Ja; Sie ſind ſtets da, wenn ich traurig bin; Sie kommen, um mich zu tröſten; was würde aus mir, wenn ich Sie nicht hätte? Und doch hat Gott nicht gewollt, daß ich Sie liebe. Ja, Sie ſind ein guter, edelherziger Menſch; und wären Sie mein Mann, anſtatt mein Freund zu ſein, ſo ließen Sie mich nicht alſo leiden; denn obwohl Sie jetzt nur mein Freund ſind, thun Sie doch ſchon, was mein Gatte nicht thut; aber ich habe es Ihnen ſchon ge⸗ ſagt, Sie können weder mein Gatte, noch mein Lieb⸗ haber ſein, und ich liebe Sie nicht!— Ach, du mein Gott, wie leide ich!“ „Sie leiden, ſagen Sie? Glauben Sie denn, Madame, ich habe nicht auch gelitten, da ich mit Immanuel von Ihnen ſprach und von ihm erfuhr, daß Sie bald ſeine Frau werden würden? Glauben Sie denn, ich habe nicht auch gelitten, als ich wieder zu Ihnen gekommen, als ich Sie mit dem Manne verheirathet gefunden, der Sie liebte, und den Sie liebten, und als Sie meiner Liebe das Almoſen Ihrer Freundſchaft gewährten? Und glauben Sie, daß ich nicht noch jetzt leide, wo ich Sie traurig und un⸗ glücklich weiß, weil ein Anderer Sie nicht liebt? Denn dieſer Andere kann Sie nicht,— denn Nie⸗ mand auf der Welt kann Sie ſo lieben, wie ich Sie liebe.“ Marie hatte ſich wieder geſetzt. Mit zurückge⸗ worfenem Kopfe hörte ſie Leon an, der vor ihr auf ——„——— 8— der es in; aus bott ein rein Sie nur hein ge⸗ ieb⸗ nein nn, mit ihr, ben der nne Sie hrer ich un⸗ bt? Nie⸗ Sie kge⸗ auf 119 die Knie niedergefallen war, und ihre beiden Hände küßte. „Und doch,“ fuhr er mit leiſer Stimme fort, „wären wir ſo glücklich geweſen, Marie, wenn Sie es nur wüßten: nie, nie hätten wir einander ver⸗ laſſen. Ich wäre Ihr demüthigſter Sklave, Ihr treueſter Liebhaber geweſen: jede Frau würde die Liebe beneidet haben, womit ich Sie umgeben hätte, denn Sie hätten in meinem Herzen keine Neben⸗ buhlerin gehabt,— denn es hätte mein Herz außer Ihnen keine Leidenſchaft gehabt. Wohlan, das Pa⸗ radies, das ich geträumt,— Sie haben eine Hölle daraus gemacht! Einen Augenblick habe ich geglaubt, daß ich Sie würde vergeſſen können; wenn Sie aber wüßten, was in mir vorgeht, wenn ich von Ihnen weggehe,— wenn Sie meine Nächte ahnen könnten, dann würden Sie vielleicht begreifen, was ein Mann iſt, der ſo heiß liebt, wie ich: dann würden Sie mich auch mehr beklagen, als jetzt.“ Marie antwortete keine Silbe. Sie horchte nicht einmal, ſie hörte nicht einmal, was Leon zu ihr ſagte. „Oh, ich will Ihnen jetzt nur Alles ſagen, Marie. Wir ſind allein. Und dann iſt es das erſte und ohne Zweifel auch das letzte Mal, daß ich ſo mit Ihnen ſpreche; denn Sie werden mir nie verzeihen, und morgen wird Ihre Thüre, wie Ihr Herz mir verſchloſſen ſein, denn Sie wiſſen nicht, daß meine Liebe eine jener Leidenſchaften iſt, woran man zu ſterben pflegt.“ 8 „Mein Gott! mein GCott! wie leide ich!“ ant⸗ wortete Marie. 120 Und ſie drückte die Hände gegen die Stirn, während Leon, ſie in den Armen haltend, ihr immer von Neuem wiederholte, daß er ſie liebe. Die arme Frau! Ohne Zweifel vergaß Gott ſie, denn ſie überließ Leon ihre Hand, ohne auch nur zu wiſſen, was ſie that. So viel wußte ſie gewiß, daß es in ihrem Kopfe und in ihrer Bruſt brannte, und daß ſie nicht einmal ſo viel Kraft hatte, um ſich zu vertheidigen. Kaum daß ſie es ſah, wie ein Mann zu ihren Füßen lag, ein Opfer des heftigſten Liebes⸗ wahnſinns, des heftigſten Liebesfiebers. Gleichwohl verſuchte ſie es bisweilen, ſich von ſeinen Armen loszumachen; aber immer ſank ſie wie⸗ der träg und erſchöpft zurück, und begegnete, zurück⸗ ſinkend, den Händen, den Lippen, der Stimme Leons, der die Worte, die ſie hervorbringen wollte, mit ſei⸗ nen Schwüren zudeckte. Nicht alle Weiber geben ſich aus Liebe einem Manne preis, denn es wären alsdann alle Weiber zu ent⸗ ſchuldigen und entſchuldigt. Man frage einmal ſolche, die ihre Zukunft in einem einzigen Augenblicke ge⸗ knickt haben: die meiſten, um nicht zu ſagen, alle werden, wenn ſie offen ſein wollen, zur Antwort geben, daß es ihnen ſelbſt noch unklar ſei, wie ſie zu ihrem erſten Fehltritte gekommen. Es iſt das Weib ein ſo ſchwaches Weſen, deſſen Herzen es ſo gut und zugleich ſo thöricht iſt zu vertrauen. Weiß eine Frau auch nur, was ſie will, und vor Allem, was ſie wollen wird? Alles übt auf ſie Einfluß, nur nicht die Vernunft. Da ſie nicht, gleich dem Manne, große Gedanken hat, welche das Leben zu beſchäftigen vermögen, ſo glaubt ſie, in Stunden der — 0 .- ͤ„-——— 2— irn, mer ſie, zu daß und zu ann bes⸗ von vie⸗ ück⸗ 8us, ſei⸗ nne ent⸗ che, ge⸗ alle vort ſie das ſo eiß em, uß, dem zu der 121 Langweile und verdrießlicher Laune an alle Rath⸗ ſchläge ihrer Schwäche, was ſie ſpäter bereut; denn die große Tugend der Weiber iſt die Reue. Liebte wohl Marie den Marquis? Nein. Sie wußte vollkommen, daß ſie ihn nicht liebte,— ſie hatte es ihm eben geſagt; und eben ſo wußte ſie auch, daß ſie ihn nie lieben würde. Aber es war Marie von Haus aus nervenſchwach, und an dieſem Tage war ſie es noch mehr denn ſonſt; ſie war gewöhn⸗ lich melancholiſch, und an dieſem Tage war ſie trau⸗ rig. Sie liebte endlich Immanuel ſo warm, daß ſie das Leben für ihn gelaſſen hätte, aber an dieſem Tage war ſie auf dem Kirchhofe geweſen; ſie hatte Fieber, ſie war halb verrückt; das Wetter lag ſchwer auf ihr; es war Immanuel nicht da, und bei ihren durch die fortwährenden Küſſe eines Mannes ent⸗ zündeten Sinnen hatte ſie weder ſo viel Kraft, um ſich zu vertheidigen, noch auch ſo viel Stärke, daß ſie hätte um Hülfe rufen können. In dem Zuſtande, in dem ſie ſich befand, hätte der erſte beſte Mann, wenn derſelbe es gewollt, ſie beſitzen können, denn ſie beherrſchte ihre Seele nicht länger. Unglücklicher Weiſe ſind, welches immer die Urſache ſein mag, die Folgen die nämlichen, und zwei Stunden nach dem Eintritte Leons hätten die Engel, wenn Marie ge⸗ ſtorben wäre, ſich das Geſicht verſchleiert und ſie nicht mehr als ihre Schweſter anerkannt. Marie wußte kaum, wie ihr geſchehen,— wußte kaum, was vorgefallen war. Leon küßte keuchend, wahnſinnig vor Liebe, um ſie her rutſchend, ihr die Füße, während ſie, der Raub eines furchtbaren Trau⸗ mes, der ihre Adern heftig klopfen machte und ihr 122 Blut in Wallung verſetzte, den Mann, dem ſie fortan gehörte, nicht einmal zu ihren Füßen ſah. Leon entfernte ſich, ohne daß ſie es gewahr wurde, und ließ ſie halbtodt an der Stelle, wo ſie ſich be⸗ fand. Es ſank die Nacht immer mehr herab. An dieſem Abende kam Immanuel erſt ſpät nach Hauſe; er ſchien ſo glücklich, wie noch nie. Er fand Marie halb eingeſchlummert, mit geſchloſſenen Augen, mit ſchlaff herabhangenden Händen, und doppelt athmend. Sie hatte nicht einmal die Kraft zum Sprechen. Er ging zu ihr hin und ergriff ihre beiden Hände. Da ſchlug ſie die Augen auf. „Nun, liebes Kind,“ ſprach er, ſie auf die Stirn küſſend,„Du haſt mich nicht gehört, da Du eben wieder wie immer in Deine düſteren Gedanken ver⸗ ſunken geweſen.“ Marie hörte ganz mechaniſch dieſe Stimme an, die ſie nicht mehr für die erkannte, welche ſeit vier Stunden an ſie hingemurmelt hatte: ſie fuhr mit beiden Händen nach der Stirn hin, und ſah Imma⸗ nuel, der ſie liebevoll anſchaute. Mit der Raſchheit und der unglückverkündenden Helle des Blitzes zuckte ihr Alles durch den Kopf. Sie ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus und ſank bewußtlos ihrem Gatten in die Arme. tan rde, be⸗ nach and gen, pelt zum ide. tirn ben ver⸗ an, vier mit ma⸗ den pf. ank 123 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Es glaubte Marie einen Traum gehabt zu haben. Als ſie wieder zu ſich kam, lag ſie in ihrem Bette. Neben ſich ſah ſie Immanuel und Marianne. Von Neuem ſammelte ſie ihre Gedanken, und abermals bot ſich ihrem Geiſte die gleiche Erinnerung dar, düſter, unſelig, unheilverkündend wie ein Geſpenſt. Aufmerkſam ſchaute ſie Immanuel an, ihn mit dem Blicke fragend und zu errathen ſuchend, ob ſie in ihrem Schlafe Nichts geſagt, denn ſchon war es bei ihr ſo weit gekommen, daß ſie ſelbſt vor ihren Träu⸗ men Furcht hatte; aber mit einem Lächeln auf den Lippen hatte Immanuel ihr Erwachen erwartet. Es läßt ſich nicht mit Worten ausdrücken, welche Marter, welche Pein für die arme Frau in dem Anblicke ihres Mannes lag; ſie warf ſich in ſeine Arme, und weinte glühende Thränen, aber ohne auch nur ein Wort zu ſprechen: ſo ſehr fürchtete ſie, wider Willen auf die furchtbaren Gedanken zu antworten, die ihren Kopf erfüllten. Sie ſah um ſich, denn es däuchte ihr, daß um ſie her, wie in ihr Alles anders geworden ſein müſſe, aber es war Alles noch an ſeinem Platze: das Bild ihrer Mutter lächelte ſie, aus dem Hintergrunde ihres Bettes hervor, immer noch an, dieſelbe Stille im Hauſe, daſſelbe Geräuſch auf der Straße; es war Nichts anders geworden, als ein Name, das heißt, als ihr ganzes Leben. „Iſt es Dir nun beſſer?“ fragte Immanuel. „Ja, weit beſſer,“ antwortete ſie. 124 „Was war Dir denn, mein Kind?“ „Oh! Nichts.“ „Du biſt wohl wieder auf dem Kirchhofe ge⸗ weſen?“ „Ja.“ „Du bringſt dadurch Dich und mich noch um's Leben.“ „Du liebſt mich alſo immer noch, Immanuel?“ „Ob ich Dich liebe!“ „O mein Gott! mein Gott!“ wiederholte die arme Frau in ſeltſamen Zuckungen. „Werde doch ruhiger, Marie, ich bitte Dich!“ fuhr Herr von Bryon ſort, indem er ſich auf das Bett warf, das Haupt ſeiner Frau in beide Hände nahm, und daſſelbe mit Küſſen bedeckte.„Werde Doch ruhiger: bin ich nicht da? Was iſt Dir denn? ſag' es mir!“ „Oh! es iſt Nichts, durchaus Nichts,“ verſetzte Marie mit ſtierem Blicke;„das Wetter,— das Alleinſein,— meine Mutter.“ „Immer derſelbe Gedanke! Nun ſo denk' doch auch an mich,— denk an Dein Kind, und weine nicht mehr ſo!“ „Ja, ich will an meine Tochter, an meine Clo⸗ tilde denken: Du haſt Recht.“ Und es entſtürzten reichliche Thränen den Augen der jungen Frau. „Wir werden nun,“ fuhr Immanuel fort,„ein⸗ ander nicht mehr verlaſſen,— keinen Augenblick mehr: wir werden nun immer bei einander ſein. Du haſt vielleicht wegen meines öfteren Ausbleibens viel gelitten, denn Du liebteſt mich und liebſt mich 125 noch,— nicht wahr? In Zukunft aber ſollſt Du mir Nichts mehr zu verzeihen haben, denn ich werde mich Dir ausſchließlich widmen. Begreifſt Du dieſe Freude,— begreifſt Du auch, was es heißt, immer um einander zu ſein? Alle unſere Träume,— wir wollen ſie ausführen; wir werden die Reiſen unter⸗ nehmen, die wir einander verſprochen. Es gibt Dinge, die Du nicht verſtehen kannſt: ich konnte die Kam⸗ mer, die ich, ſo Du willſt, fortan fliehen werde, bäl⸗ der nicht verlaſſen; mein Wegleiben durfte nicht wie eine Flucht erſcheinen, ſondern nur wie ein freiwil⸗ liges Verlaſſen.“ Marie litt ſo ſehr, daß ihre Thränen vertrocknet waren, und daß ſie mit der Bläſſe einer Todten und mit dem graſſen Blicke einer Wahnſinnigen ihren Gatten anhörte. Was Immanuel betrifft, ſo konnte er von all dem Nichts verſtehen. Marie wußte nicht, was ſie thun ſollte: gerne hätte ſie Leon geſprochen, denn noch zweifelte ſie; gerne wäre ſie zu ihm gegangen, um ihn zu als⸗ baldiger, unbedingter Abreiſe zu vermögen, und ihn zu bitten, daß er das Vorgefallene durchaus ver⸗ geſſen, daß er auch nicht ein Wort weiter ſprechen möchte, vielleicht daß dann nach vielem Beten Gott auch ſie das Geſchehene würde vergeſſen laſſen. Dann ſah ſie aber ein, daß ſie wohl nicht allein ohne Grund ausgehen könne. Sie zitterte bei dem bloßen Ge⸗ danken, daß am nächſten Tage Leon wieder erſchei⸗ nen werde, und verbarg das Haupt zwiſchen ihren Kiſſen, indem ſie ihre Thränen und ihre Schamröthe unterdrückte. Dann ſtand ſie bleich, entſtellt, mit rothen, naſſen Augen, mit aufgelösten Haaren auf, 126 und öffnete das Fenſter, in der Kälte der Nacht neue Ruhe ſuchend und weder auf Immanuel, noch auf Marianne hörend, die ſich vergeblich fragten, was denn wohl die Urſache dieſes großen Schmer⸗ zes und dieſes großen Fiebers ſein möchte, und die Beide endlich zu dem Schluſſe kamen, daß dieſelbe in dem Kirchhofbeſuche geſucht werden müſſe. Offenbar hatte Marie ihren Gatten nie ſo ge⸗ liebt, wie ſie ihn in dieſem Augenblicke liebte; ihre Liebe ſteigerte ſich noch durch ihre Gewiſſensbiſſe und ihren Fehltritt, wofür ſie gar keinen Vorwand hatte, denn, wir wiederholen es, ſie liebte Leon nicht; hätte ſie ihn geliebt, ſo wäre ihre Stirn heiter geblieben, ſo hätte ihr Mund, beim Nachhauſekommen ihres Gat⸗ ten, wie ſonſt gelächelt, und es hätte ſich die ganz natürliche Reue, die ſie einen Augenblick empfunden, gleich Sommerwolken unter dem Einfluſſe dieſer neuen Liebe gar raſch verwiſcht; was ſie aber peinigte, war der Gedanke, daß ſie einem Manne, den ſie nie lie⸗ ben würde, ihr ganzes Leben, ſowie den ganzen Schatz ihrer reinen Vergangenheit in die Hände ge⸗ geben; daß dieſer Mann von nun an ihr Herr ſei, ſowie daß ſie von ihm jetzt wie in der Zukunft durch⸗ aus abhange. Wie man weiß, wie man ſieht, ſo war Marie noch unverdorben; eine andere Frau hätte einen kühneren Entſchluß gefaßt und hätte, anſtatt wie Frau von Bryon zu weinen und zu klagen, ganz einfach zu ihrer Kammerfrau geſagt:„Wenn Herr von Grige kommt, ſo ſagen Sie ihm nur beharrlich, daß ich nicht zu Hauſe ſei.“ Und hätte ſie der Zu⸗ fall einmal ihrem Geliebten gegenübergeführt, und .-—.——— 127 hätte dieſer ſie an ihr gegenſeitiges Verhältniß er⸗ innert, ſo hätte ſie ihm geantwortet:„Ich kenne Sie nicht.“ Und ſo hätte ſie ihre Ruhe, ihr Glück be⸗ wahrt, und ihre Geſichtsfarbe behalten. Aber ein ſolcher Gedanke bot ſich Mariens Geiſt nicht einmal dar. Die unſchuldige junge Frau maß, über den Abgrund gebeugt, den ſie ſelbſt gegraben, deſſen ganze Tiefe, und dachte, anſtatt zur Unver⸗ ſchämtheit zu greifen, im Gegentheil daran, zum Mitleid ihre Zuflucht zu nehmen. Sie kannte eben die Männer nicht; ſie wußte nicht, daß Leon zwei Gründe haben konnte, um auch ferner ihr Liebhaber ſein zu wollen und ſeine Stellung zu mißbrauchen: erſtens ſeine Liebe, als wahrſcheinlichen Grund, und zweitens ſeine Eitelkeit, als unzweifelhaften Grund. Die arme Unwiſſende alſo, anſtatt Herrn von Grige zu entwaffnen, hatte nichts Eiligeres zu thun, als ſelbſt ihm Waffen in die Hände zu geben. Wie wir geſehen, litt Marie an dem verhäng⸗ nißvollen Abende unendlich; mitten in ihrem Kum⸗ mer aber kam ſie zu einem Entſchluſſe und ſchien ruhiger zu werden. Man muß zum Lobe der Frauen ſagen, daß ſie ſelbſt bei ihren größten Fehltritten naiv zu Werke gehen. Gewiß war der Fehltritt Mariens, ſelbſt und hauptſächlich in ihren Augen, ein ungeheurer; aber ſie liebte Leon nicht und blieb bei dem falſchen Schluſſe ſtehen, den Einige mit Un⸗ recht geheiligt haben,— bei dem Schluſſe nämlich, es könne das Herz allein ſich proſtituiren, und es liege darum kein Verbrechen vor, wenn nur der Leib allein ſich preisgebe. Marie beruhigte ſich alſo bei dem Gedanken, daß ſie am nächſten Tage an Leon 128 ſchreiben und ihn in ihrem Brief bitten würde, er möchte, wenn er ſie wirklich liebe, vergeſſen, was zwiſchen ihnen Beiden vorgefallen; es hange von dieſem Vergeſſen ihr künftiges Glück und ihre künf⸗ tige Ruhe ab, und er ſei ein zu edler Menſch, als daß er die Exiſtenz einer Frau vernichten möchte, die ihm Nichts zu Leid gethan. Die arme Marie! Uebrigens war das Vorgefallene ſo unwahrſchein⸗ lich, daß die junge Frau, allmählig ruhiger geworden, gar nicht daran glauben konnte. Nach vielen Thrä⸗ nen, die ſie vergoſſen, betrachtete ſie die Sache etwas kühler, und da ſie ſah, daß Immanuel an ihrem Bette ihr wie ehemals zulächelte,— ihr, die ihn, wie ehemals, liebte, ſo überredete ſie nach und nach ſich ſelbſt, daß ſie das Opfer eines ſchrecklichen Traums geweſen, aus dem ſie endlich erwache; und dieß um ſo mehr, als Leon nicht zugegen war, um ſie an die Wahrheit erinnern zu können. „Ja,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt,„er iſt edel, er iſt gut; er wird begreifen, was ich leide, er wird abreiſen, wird Paris verlaſſen; dieſer Tag wird all⸗ mählig aus meinem Leben verſchwinden, das wieder ſeinen gewöhnlichen Gang gehen wird. Gott wird mir einen Fehltritt verzeihen, deſſen ich nicht ſchul⸗ dig bin, und deſſen Opfer ich unmöglich werden kann; und noch werde ich glücklich ſein können.“ Dieß verhinderte indeſſen nicht, daß von Zeit zu Zeit, wenn Mariens Geiſt die Möglichkeit des Gegen⸗ theils ſich darbot, eiskalte Schauer über ihre Stirn hinliefen, wie wenn ſie auf dem Punkte geweſen wäre, zu ſterben. Der nächſte Morgen erſchien, wie er immer er⸗ — ti —= SESS=g8 129 ſcheint. Indem Marie in Immanuels Armen er⸗ wachte, hatte ſie rein Alles vergeſſen; nur allmählig kehrte bei ihr die Erinnerung wieder. Da ward es ihr recht eng um's Herz, und abermals erblaßte ſie. Herr von Bryon, der ſie wieder ganz geſund glaubte, war fröhlich und lächelte ſie an. Es reg⸗ nete nicht mehr; der Himmel zeigte ſogar blaue Stel⸗ len; Gott lächelte nun auch wieder auf die Erde her⸗ unter. Wäre es an dem vorangegangenen Tage ſolches Wetter geweſen, ſo hätte Marie ihren Vater beſucht, und ſo wäre dann auch nicht vorgekommen, was ge⸗ ſchehen war. Wovon hängt am Ende doch das Schick⸗ ſal eines Menſchen ab! Marie ſtand auf und küßte ihre Tochter noch mehr denn ſonſt: es war dieſes Kind fortan mehr denn eine Hoffnung,— es war ihre Verzeihung. Bis zwei Uhr blieb ſie ziemlich ruhig. Da ging Immanuel aus, jedoch mit dem Verſprechen, daß er bald zurück ſein würde. Sie blieb allein, das heißt, immer mit dem Worte: Geſtern! vor den Augen, wie Macbeth immer Banquo's Geiſt vorſchwebte. Wohl zwanzig Mal ging ſie an ihren Schreib⸗ tiſch hin, um an Leon zu ſchreiben, konnte aber ſich nicht einmal des erſten Worts des Briefes mehr er⸗ innern, den ſie in ihrer Fieberhitze ſo trefflich, ſo rührend gefunden hatte. Und dann kamen noch weitere Schwierigkeiten: durch wen ſollte ſie dieſen Brief fortſchicken, ohne Verdacht zu erregen? Dann konnte derſelbe in andere Hände fallen, als für welche er beſtimmt war. Was war da zu thun? Es verſtrich die Zeit; Marie horchte auf das geringſte Dumas, d. J., ein Frauenleben. II. 9 * 130 Geräuſch; es war ſchon drei Uhr vorüber, und Leon immer noch nicht da. 3 „Wenn er nun doch nicht käme,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt;„wenn der Tag ſo vorübergehen könnte?“ Beim geringſten Geräuſch fuhr ſie zuſammen. Gegen halb vier Uhr läutete es. Faſt wäre ſie ohnmächtig geworden; es trat der Bediente herein und meldete Herrn von Grige. Marie zerriß die zehn Briefe, die ſie angefangen, und warf ſie ins Feuer in dem Augenblick, wo Leon an der Thüre des Boudoirs ſich zeigte. Sie wollte aufſtehen, es gelang ihr aber nicht. Leon war we⸗ nigſtens eben ſo bleich, wie ſie ſelbſt. Es war für Beide eine gar ſchwierige Stellung. „Madame,“ hob Leon an,„ich befürchtete, daß Sie nicht zu ſprechen wären. Denn wie man mir geſagt hat, ſo ſind Sie geſtern leidend geweſen, und gerade deßhalb habe ich durchaus Sie ſehen wollen, bereit, alsbald mich wieder zurückzuziehen, wenn meine Gegenwart für Sie in irgend einer Weiſe un⸗ angenehm oder ermüdend iſt.“ „Nein, im Gegentheile, bleiben Sie, mein Herr: ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Sie ſcheinen mir böſe zu ſein, Marie,“ fuhr der Marquis fort,„und ſprechen mit mir in einem Tone, der mich mit Schrecken erfüllt; haben Sie denn ſchon Urſache, ſich über mich zu beklagen? Sagen Sie mir, was Sie mir vorzuwerfen haben, auf daß ich Ihnen zu Füßen falle, und Sie mir vergeben.“ „Sie lieben mich, Herr von Grige?“ fragte Marie. ich f eon bei e?“ nen. ſie rein gen, Leon ollte we⸗ für daß mir und ollen, wenn 2 un⸗ Herr: fuhr einem Sie igen? aben, 2 mir — fragte 131 „Mehr denn Alles auf der Welt.“ „Und Sie würden mir alle Opfer bringen, die ich von Ihnen fordern möchte?“ „Alle!“ „Ohne Ausnahme?“ „Ohne Ausnahme.“ „Sie ſchwören mir es?“ „Bei meiner Ehre!“ „Wohlan denn! Wir können ſchlechterdings ein⸗ ander nicht mehr ſehen.“ „Iſt das Ihnen ernſt, und wiſſen Sie auch, was Sie von mir fordern?“ „Sie haben mir es geſchworen.“ „Ja, aber es iſt das ein Verrath.“ „Sie wollen alſo nicht thun, was ich von Ihnen verlange?“ „Sie könnten ebenſo wohl mein Leben von mir fordern.“ „Wenn ich Ihnen aber ſage, daß es durchaus ſein muß?“ „Dann antworte ich Ihnen, daß ich Sie liebe!“ „Aber es iſt dieſe Liebe für Sie ein Verbrechen, für mich ein Unglück!“ „Was liegt mir daran? Jetzt fordern Sie von mir, ich ſolle Sie nicht mehr ſehen; aber, Madame, wiſſen Sie auch, daß Sie auf dem Wege ſind, mich zu einem Verrückten zu machen?“ „Hören Sie! ich hielt Sie für edler. Sie wiſ⸗ ſen alſo nicht, was ich heute Nacht ausgeſtanden! Sie erinnern ſich alſo nicht, daß auf dieſer Welt ein Mann lebt, der das Recht hat, von mir Rechen⸗ ſchaft zu verlangen über mein Leben, und der dieſes 132 Recht von Gott ſelbſt erhalten! Sie vergeſſen alſo, daß ich ein Kind habe, das ſpäter über ſeine Mut⸗ ter wird erröthen müſſen, wenn ſeine Mutter jetzt nicht umkehrt! Wohlan! wenn Ihnen auf dieſer Welt irgend Etwas heilig iſt, im Namen Ihrer Mutter, die Sie liebte, bei meinem Glücke, das Sie zerſtören, beſchwöre ich Sie fußfällig, richten Sie mich nicht zu Grunde! Vielleicht iſt es noch Zeit, und ich werde für Sie und für mich ſo lange zu Gott flehen, daß er uns Beiden vergeben wird. Ueberall hin wird mein Gebet Ihnen folgen; jetzt und immer werden Sie mein Freund ſein; nur ver⸗ geſſen Sie dieſen unſeligen Tag, denn, wenn Sie ihn nicht vergäßen, ſo müßte ich ſterben, ich ſchwöre es Ihnen.“ Leon war aufgeſtanden und ging, die Hand gegen die Stirn gepreßt, mit großen Schritten auf und ab, die Worte murmelnd:„Sie liebt mich nicht!“ „Leon,“ ſprach die arme Frau, vor ihrem Lieb⸗ haber ſich auf die Knie niederwerfend,„ſtürzen Sie mich nicht ins Unglück, ich bitte Sie flehentlich darum! Was kann Ihnen daran liegen, ob Sie eine Frau mehr oder weniger haben? Gibt es doch auf dieſer Welt deren ſo viele, die ſchöner und liebe⸗ erfüllter ſind als ich. Sie ſind gut, Sie ſind edel, und werden daher eine Frau finden, die Sie lieben und Ihnen das Glück ſchenken wird, das Sie bei mir nicht finden würden; auch für dieſe Frau, wer I dieſelbe immer ſein mag, werde ich beten, und es wird meine Tochter den Namen derſelben, ſowie den Ihrigen, in unſchuldigen und ſeligen Gebeten mit den meinigen vermiſchen. Sie thun, um was 133 ich Sie bitte, nicht wahr, Leon? Sie begreifen, was ich Ihnen Alles ſage; Sie gehen fort von hier, nicht wahr, und vergeſſen mich?“ „Warum denn aber, warum?“ wiederholte Leon niedergeſchlagen und beſtürzt. „Warum?“ antwortete Marie auf den Knien liegend und ſich zurückwerfend;„warum? Weiß ich es denn ſelbſt? Wußte ich geſtern, was ich that? Hätten Sie gewußt, was in mir vorging, Sie hätten Mitleid mit mir gehabt. Als ich aus dem Traum erwachte, den wir zuſammen geträumt, da war ich wahnſinnig. Ich wollte ſterben, denn das Geſchehene däuchte mir unmöglich, und immer noch muß ich es für unmöglich halten. Ich habe mir aber geſagt: Er wird meine Thränen, er wird meine Verzweif⸗ lung ſehen, er wird begreifen, was ich leide, und wird mich fliehen. Nicht wahr, Sie gehen morgen— fort von hier, mein Freund? morgen, heute Abend, auf der Stelle.“ „Aber ſagen Sie mir, wo ſoll ich denn hingehen, Marie? Was ſoll ohne Sie aus mir werden? Seit geſtern habe ich meine ganze Zukunft auf ein Wort von Ihnen gebaut, und nun verlangen Sie von mir, ich ſolle dieſe ganze Zukunft zerſtören! Bedenken Sie doch, daß Sie geſtern um dieſe Stunde zu mir ge⸗ ſagt, daß Sie mich liebten, und daß Sie heute mich fortjagen, nachdem ich nur noch Sie auf der Welt habe und Sie bis zum Wahnſinn liebe.“ „Handelte es ſich hier nur um mich, nur um mein Glück, ſo würde ich daſſelbe gerne dem Ihrigen opfern, Leon; aber Sie wiſſen, daß drei Exiſtenzen an meinem Leben hangen,— drei Exiſtenzen, von 134 denen ich einſt werde Rechenſchaft ablegen müſſen, und daß ich dieſe Exiſtenzen nicht ſo ohne allen Grund und ſo niederträchtiger Weiſe vernichten. darf. Seien Sie groß und gut, vergeſſen Sie mich, dann werden Sie nächſt Immanuel und meiner Tochter das ſein, was ich auf dieſer Erde am meiſten liebe.“ „Sie lieben ihn alſo immer noch,— dieſen Mann?“ „Ci freilich liebe ich ihn!“ „Und Sie ſagen mir das ins Geſicht, Du mein Gott! Sie ſagen das mir, der ich Sie liebe, daß ich Ihnen zu lieb dem Böſen meine Seele verſchreiben möchte,— Sie ſagen das mir, dem Sie ſich geſtern preisgegeben; aber was ſind Sie denn für eine Frau, Marie?“ „Gnade! Gnade!“ wiederholte die arme Frau, die nicht mehr wußte, was ſie vorbringen ſollte. „Sie wiſſen alſo nicht, wie meine Liebe beſchaf⸗ fen iſt!“ ſprach Leon außer ſich.„Sie wiſſen alſo nicht, daß dieſelbe mich umbringt, wenn ſie nicht uns Beide umbringt! Sie wiſſen alſo nicht, daß ich ſeit geſtern wie wahnſinnig bin, und daß Sie jetzt und für immer mein ſein müſſen,— und nun kommen Sie im Namen Ihres Mannes, den ich haſſe und verabſcheue, und verlangen von mir, daß ich Sie nicht mehr ſehen ſolle! Ich frage Sie aber: Wer hat Sie mir entriſſen,— wer hat Sie mir ge⸗ ſtohlen? Er, und kein Anderer. Wer hat mir die Freude geraubt, die ich geträumt? Wer hat mich zwei Jahre lang zu einem unglücklichen Menſchen gemacht und zur Verzweiflung gebracht? Er, und kein Anderer. Und wer ſteht mir jetzt, wo Sie mein 135 ſind, wieder auf dem Wege? Er, abermals er, und immer wieder er. Aber begreifen Sie doch einmal, daß ich ihn haſſe, dieſen Mann, und daß ich ihn umbringen muß, wenn Sie ihn lieben, und wenn Sie mich von ſich treiben!“ „Ach, mein Gott! mein Gott! Was habe ich ge⸗ than?“ „Sie kennen das Leben nicht, Marie; Sie wiſ⸗ ſen nicht, daß es Leidenſchaften gibt, mit denen man nicht ſpielen darf; daß es Leidenſchaften gibt, die gleich dem Blitze diejenigen verzehren, welche ſie be⸗ rühren. Unvorſichtige Frau! Nein, Sie ſind mein, Marie, und ich behalte Sie, und Sie bleiben mein, wenn auch meine Mutter aus ihrem Grabe hervor mich verfluchte!“ „Nun gut,“ ſprach Marie kalt, indem ſie ſich erhob,„ſo ſterbe ich!“ In dieſen Worten lag etwas ſo Entſchloſſenes, ſo Willenskräftiges, daß Leon zurückwich. Marie war ruhig. Leon näherte ſich ihr. „Ach, laſſen Sie mich, mein Herr,“ ſprach ſie zu ihm,„ich habe Sie gebeten, habe Sie flehentlich gebeten bei Allem, was auf dieſer und in jener Welt den Menſchen heilig iſt; ich habe mich gleich einer verurtheilten Verbrecherin zu Ihren Füßen gewälzt, — habe unter Thränen und Bitten meine Ruhe verlangt, ſowie die Ruhe meiner Tochter, die Ihnen Nichts zu Leid gethan, das arme Kind, und Sie haben mir niederträchtiger Weiſe meine Bitte ver⸗ ſagt. Es iſt das eine Schmach! Es iſt das ſchänd⸗ lich, ehrlos! Laſſen Sie mich!“ Vernichtet fiel Leon zurück. 136 „Mariel vergeben Sie mir!“ ſprach er nun auch weinend.„Verzeihen Sie mir, daß ich Sie ſo heiß liebe, denn meine Liebe allein iſt es, die mich ſagen heißt, was ich zu Ihnen ſage.“ „Und haben Sie einmal durch Ihr leichtfertiges Spiel mein Leben geknickt, oh dann werden Sie mich gar leicht vergeſſen,— dann werde ich Sie nicht mehr flehentlich zu bitten brauchen, daß Sie doch fortgehen möchten; dann werden Sie mich allein laſſen mit meiner Schande und meiner Verzweiflung, und das, weil ich einen Augenblick des Wahnſinns, weil ich eine Minute ſo ſeltſamen Vergeſſens gehabt, daß es Momente gibt, wo ich an der Wirklichkeit des Vorgefallenen ſelbſt zweifle, bis Sie endlich, ſchamlos genug und ohne alle Gewiſſensbiſſe, wieder kommen und mich daran erinnern, daß dem wirklich ſo iſt. Was habe ich Ihnen zu Leide gethan? Ohne Sie wäre mein Leben noch heiter und rein, während ich nun vor meinem Vater, vor meinem Gatten und vor meiner Tochter erröthe, von Gott gar nicht zu reden, zu dem ich nicht mehr zu beten wage.“ „Verzeihen Sie mir!“ hob Leon wieder an, wie⸗ der demüthig werdend und zu Bitten ſeine Zuflucht nehmend.„Verzeihen Sie mir, ich werde Ihnen gehorchen, nur nicht ſo bald. Sie möchten meinen Tod wohl nicht, und ſterben müßte ich, wenn ich weit von Ihnen fortginge. Aber ich will nicht mehr von meiner Liebe mit Ihnen ſprechen; Sie werden mich eine Minute lang empfangen, ich werde Ihnen die Hand küſſen, und werde für den ganzen Tag des Glücks genug mit mir nehmen; und empfangen Sie mich einmal nicht, ſo werde ich bloß traurig 32 G 2. »——.,—O— S2 nuch deiß gen ges nich icht doch lein ing, ins, abt, keit ich, der lich hne end und t zu vie⸗ ucht nen nen ich nehr den nen Tag gen nrig 137 ſein; Sie ſollen davon Nichts erfahren; nur jagen Sie mich nicht fort, ich beſchwöre Sie!“ Marie antwortete keine Silbe; den Kopf in bei⸗ den Händen haltend weinte ſie. Leon, der ihre Thränen ſah, fiel ihr zu Füßen. „Verzeihen Sie mir?“ fragte er. Und ſie bot ihm die Hand hin. „Ja, ich verzeihe Ihnen, denn nun hange ich von Ihrem Willen und Ihrer Laune ab. Mit einem einzigen Worte können Sie mich zu Grunde richten, Sie ſelbſt haben das geſagt; ich bin daher nur noch Ihre Sclavin. Stehen Sie auf und thun Sie mit mir, wie Sie wollen!“ „Sie thun mir unendlich weh, Marie.“ „Hören Sie, Leon,“ ſprach ſie, ſich die Augen abwiſchend und ihrem Geſichte wieder einige Ruhe zu geben ſuchend,„es iſt nahe an fünf Uhr. Im⸗ manuel kann nicht mehr lange ausbleiben: Sie be⸗ greifen, was ich fühlen müßte, aufgeregt, wie ich bin, wenn er Sie hier fände. Kommen Sie ein anderes Mal,— morgen, wenn Sie wollen; für heute aber laſſen Sie mich allein, wenn Sie mich lieb haben!“ „Leben Sie wohl!“ ſprach Leon. „Leben Sie wohl!“ Und kaum war der junge Mann hinaus, ſo ſank Marie kraft⸗ und athemlos wieder auf ihren Seſſel hin. Solch heftige Gemüthsbewegungen brachten die arme junge Frau um, da ſie nicht daran ge⸗ wöhnt war. Leon mochte etwa eine Viertelſtunde fort ſein, 138 als Immanuel hereintrat. Wie gewöhnlich ſuchte er ſeine Frau auf und küßte ſie. Jetzt aber ſetzte er hinzu: „Iſt nicht Herr von Grige eben fortgegangen?“ „Ja,“ antwortete Marie mit Schrecken. „Ich bin ihm begegnet, und da ich ihn ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen, ſo habe ich ihn gebeten, heute mit uns zu ſpeiſen.“ „Und hat er angenommen?“ „Nein.“ Marie athmete wieder freier. „Er hat aber,“ hob Immanuel wieder an,„für Morgen angenommen.“ Es hatte die arme Frau bei dieſen Worten auch nicht einen Tropfen Blut mehr in den Adern. „Iſt Dir das vielleicht nicht recht?“ fuhr Herr von Bryon fort. „Ich habe gar Nichts dagegen,“ verſetzte ſie, ſich zu einem Lächeln zwingend.„Alles, was Du thuſt, iſt wohl gethan, mein Freund. 3 Und ſich abermals auf ihren Seſſel hinſinken laſſend, ſprach ſie bei ſich ſelbſt: „Mein Gott, wenn ich jetzt ſchon ſo viel leiden muß, was behältſt Du mir erſt in der Zukunft vor!“ Vierunddreißigſtes Kapitel. Es iſt den Weibern die Wuth zu ſchreiben eigen, hat einer unſer geiſtreichſten Schriftſteller geſagt. ich iſt, ken den nft 139 Kaum war alſo Marie am andern Tage allein, ſo ſchrieb ſie an Leon, wie folgt: „Es hat mir geſtern mein Mann beim Nachhauſe⸗ kommen geſagt, daß Sie heute bei uns ſpeiſen wür⸗ den; ich bitte Sie aber inſtändigſt, nicht zu kommen. Ich bin nicht wie andere Frauen, und es verſteht mein Geſicht es noch nicht wie mein Herz, Andere zu hintergehen. Sähe ich Sie bei Immanuel, ſo könnte ich wahrlich nicht für das, was geſchähe, ſtehen. Gewähren Sie mir alſo, um was ich Sie bitte; ich muß durchaus allein ſein und mich zu ſam⸗ meln ſuchen.“ Sodann legte Marie den Brief, ohne ihn zu unterzeichnen, zuſammen, klingelte und fragte nach Mariannen. „Liebe, gute Marianne,“ ſprach ſie zitternd zu ihrer früheren Anna,„da iſt ein Brief, den Du be⸗ ſorgen mußt.“ 1 „Ja, mein Kind.“ „Es darf aber Niemand darum wiſſen.“ „Wem ſoll ich den Brief geben?“ „Herrn von Grige.“ „Herrn von Grige?“ verſetzte die Alte, aus Ma⸗ rien’s Bläſſe errathend, was in deren Seele vorging, und nun gleichfalls zitternd.* „Ja, ja, ihm ſelbſt,“ fuhr Frau von Bryon ver⸗ legen fort. „Schon!“ ſprach die arme Frau. „Oh verfluche mich nicht!“ rief Marie, Mariannen ſich in die Arme werfend, die ſie jeder Zeit als eine zweite Mutter angeſehen, und die ſie ſeit der Gräfin Tod noch mehr liebte. 14⁴0 „Ich habe kein Recht, Dich zu verfluchen, mein Kind; auch will ich hoffen, daß der, beche ein ſol⸗ ches hat, es nie thun wird.“ „Mein Vater?“ „Ja, Dein armer Vater, den Du ſchon ſeit zwei Tagen nicht mehr geſehen.“ „Ohl ich bin recht ſtrafbar!“ „Mein Kind,“ fuhr Marianne fort, indem ſie Marie küßte,„haſt Du auch recht bedacht, was Du thuſt, bevor Du dieſen Brief geſchrieben?“ „Es muß durchaus ſein.“ „Wenn je einmal Dein Mann...“ „Ach, ſprich mir nicht davon!“ „Er liebt Dich ſo ſehr.“ „Er würde mich umbringen, nicht wahr?“ „Und Deine Tochter? Mein Gott!“ „Ich habe ſeit zwei Tagen ſchwer gelitten; geh' aber, liebe, gute Marianne, geh' geſchwind, und bringſt Du mir eine Antwort, ſo halte dieſelbe ja recht verſteckt!“ „Sei ruhig, armes Kind!“ Und es entfernte ſich die arme Frau lächelnd, und ſich die Augen abwiſchend. Dieſes Geſtändniß aber hatte die junge Frau erleichtert, wußte ſie doch, daß es Jemand auf der Welt gab, der ſie beklagte und über ſie wachte. Und darum wurde es ihr leichter um's Herz. Marianne eilte zu Leon, den ſie aber nicht zu Hauſe traf. Sie übergab Florentin den Brief. Leon aber war bei Julia, die wir nun ſeit einiger Zeit vergeſſen haben, die ihrerſeits aber die Leute nicht vergaß. Der junge Mann hatte nicht aufgehört, ſie 141 ſeine alte Geliebte zu beſuchen, obgleich er weit ent⸗ fernt war, dieſelbe noch zu lieben; indeſſen hatte er begriffen, daß er ſeine neue Liebſchaft dadurch ver⸗ heimlichen müßte, indem er ſein früheres Leben fort⸗ führte. Und ihrerſeits hatte Julia, die ſtets von dem Thun und Laſſen Leons unterrichtet war, begrif⸗ fen, welche Rolle er ſie ſpielen ließ; da dieſe aber ihren Projecten diente, ſo ließ ſie ſich dieſelbe gefal⸗ len, und nie hätte man wohl, wenn man ſie ſo lach⸗ luſtig und ſo voll guter Laune gegenüber von ihrem Geliebten ſah, geglaubt, daß ſie die Wahrheit ahnte. Marie ging aus, um auf dem Kirchhof und un⸗ mittelbar darauf bei Herrn von Hermi einen Beſuch zu machen. Es mochte zwei Uhr ſein, als Leon wie⸗ der nach Hauſe kam und den von Frau von Bryon geſchriebenen Brief vorfand. Alsbald ſchrieb er Im⸗ manuel, daß es ihm unmöglich wäre, ſeiner Einla⸗ dung zu folgen, wobei er irgend einen Grund vor⸗ ſchützte, Sodann ging er aus, um Marie wo mög⸗ lich noch auf dem Kirchhofe zu treffen; aber es hatte dieſe die Stätte der Todten bereits verlaſſen. Um fünf Uhr begab ſich Florentin zu Julia. „Etwas Neues, Madame!“ hob er an. „Heraus damit!“ „Ein Brief!“ „Wo iſt er?“ „„Ich habe mir denſelben nicht verſchaffen können; mein Herr hat ihn in den Secretär eingeſchloſſen und den Schlüſſel in die Taſche geſteckt.“ „Wer hat den Brief gebracht?“ „Eine alte Frau.“ „Und woher kommt er?“ 142 „Von Frau von Bryon.“ „Wie wiſſen Sie das?“ „Ich bin der Alten nachgegangen.“ „Hat Ihr Herr dieſen Brief beantwortet?“ „Ja, und zwar hat er an den Mann ge⸗ ſchrieben.“ „Ich begreife nicht recht.“ „Aber ich.“ „So erklären Sie mir es!“ „Als ich meinen Herrn gefragt hatte, wann er wieder heim kommen würde, hatte er geſagt, daß er um ſechs Uhr wieder da wäre, um ſich anzukleiden. Ich wollte nun wiſſen, wo mein Herr hinginge, um Madame es ſagen zu können, und fragte deßhalb: Speist der gnädige Herr auswärts? Worauf er nur mit Ja antwortete. Dann kam dieſer Brief, den er beantwortet hat, und ohne Zweifel iſt Etwas dazwi⸗ ſchen gekommen, da er zu mir geſagt hat: Ich brauche mich jetzt nicht anzukleiden, da ich im Club ſpeiſe.“ „In der That, ich fange nun an zu begreifen. Den Brief muß ich haben.“ „Nimmt Madame denſelben alsbald, ſo wird der gnädige Herr deſſen Verſchwinden gewahr werden. Er jagt mich fort, und ſo wird dann Madame einen Hülfsgenoſſen, oder wenigſtens Zeit verlieren.“ „Ganz richtig,“ bemerkte Julia. „Es läßt ſich aber da helfen,“ ſprach Florentin. „Wie?“ „Anſtatt den Brief zu nehmen, werde ich ihn abſchreiben, und dieſe Abſchrift bring' ich dann Ma⸗ ———* ge⸗ er er hen. um lb: nur er wi⸗ Ich lub fen. der den. nen tin. ihn MNa⸗ dame. Dazu aber muß Madame mir Ihren Schlüſſel leihen.“ Julia ſchaute Florentin mißtrauiſch an. „Es hat Madame Nichts zu fürchten,“ antwortete der Bediente, dem der Blick nicht entgangen war: „ich verrathe ſie nicht.“ „Später aber muß ich das Original haben,“ ver⸗ ſetzte Julia, dem Bedienten Leons den verlangten Schlüſſel einhändigend. „Es ſoll Madame ihn bekommen; will Madame ſich gedulden, ſo bekommt ſie wahrſcheinlich die voll⸗ ſtändige Sammlung, denn es iſt dieſer Brief der erſte, ohne Zweiſel aber nicht der letzte.“ „Florentin, Sie ſind ein Burſche, der Kopf hat.“ „Aber es weiß Madame,“ fuhr der Bediente fort, „daß ich meine Stelle verliere an dem Tage, wo ich ihr die Briefe gebe, oder richtiger, wo ich ſie die Briefe nehmen laſſe.“ „An dem gleichen Tage treten Sie in meine Dienſte.“ „Madame darf auf meine völlige Ergebenheit zählen.“ „Ich hoffe ſo. Morgen werden wir einander wiederſehen.“ „Ja, Madame.“ Solchen Händen war Mariens Zukunft verfallen. Die arme junge Frau ahnete ſolches natürlich nicht, und voller Anerkennung für das Opfer, das Leon ihr gebracht, hatte ſie ihm ſchon am nächſten Tage wieder geſchrieben, um ihm zu danken, und es ver⸗ 1⁴⁴ rieth dieſer Brief all die Unvorſichtigkeit einer neun⸗ zehnjährigen Frau. Marianne hatte abermals dieſe Botſchaft zu be⸗ ſorgen gehabt, und es verſtand die an ſolcherlei Dinge wenig gewöhnte alte Frau ganz und gar nicht, wie un⸗ klug es auch ihrerſeits war, Briefe ihrer Herrin in ſolcher Weiſe an Leon zu überbringen; denn man konnte, wie wir bereits geſehen, ihr nachgehen, und daß dieß bereits geſchehen, dafür haben wir den Be⸗ weis geliefert. Als Herr von Grige dieſe zweite Botſchaft er⸗ hielt, legte er den Brief zu dem erſten, verſchloß den Secretär und ſteckte den Schlüſſel ein. Dann klei⸗ dete er ſich eiligſt an, um recht bald zu Marien zu kommen, und ging aus. Wie will man einen Mann wie Leon, der ſeit ein paar Tagen der Geliebte einer Frau wie Marie iſt, verhindern, die Briefe, die er von ihr bekommt, zu behalten und aufzubewahren! Was aber Florentin betrifft, ſo zog er den bekannten Nachſchlüſſel aus der Taſche heraus, öffnete den Secretär, ſchrieb die beiden Briefe ab, legte ſie wieder an ihren früheren Ort, ſchloß den Secretär wieder und eilte zu der Lovely. Dieſer Florentin war, wie wir ſogleich ſehen werden, ein großer Politiker, aus dem, wäre er kein Kammerdiener geweſen, ein Miniſter hätte werden können, und ſprach, als Julia die Hand ausſtreckte, um dieſe Abſchriften entgegen zu nehmen: „Madame, es ſind dieſe Abſchriften von mir ge⸗ fertigt und Sie begreifen daher, daß dieſelben mich ſchwer compromittiren könnten, wenn man ſie einmal 145 fände. Erlauben Sie mir daher, daß ich Ihnen deren Inhalt dictire, denn Sie haben dabei Nichts zu fürchten.“ Es ſchrieb alſo Julia, wie Florentin ihr dictirte. Und als ſie damit zu Ende war, zerriß der Bediente ſeine Copien und d eniſert⸗ ſich. „Endlich!...“ rief Julia aus, indem ſie dieſe Briefe las. Und ein unbeſchreibliches Lächeln begleitete dieſen ihren Ausruf. Während dieß geſchah, war Leon bei Marien. Letztere fing an, zahm zu werden: ſchon ſeit drei Tagen weinte ſie, und in drei Tagen kann man gar viel weinen! Auch war das Wetter ſchön und Marie jung. Der Fehltritt, der ihr Anfangs als ſo unge⸗ heuer erſchienen war, kam ihr nun ſchon nicht mehr als ein nie wieder gutzumachender vor: und dann war Leon ſo gehorſam, ſo demüthig, ſo beſcheiden, ſo verſchwiegen, und es lag in ſeiner Liebe des Ver⸗ trauens und der Wahrheit ſo viel, daß man ihn wohl oder übel ein bischen für das, was er that, ſowie für das, was man ihn thun hieß, belohnen mußte. Frau von Bryon empfing daher ihren Geliebten nicht mehr, wie Tags zuvor, mit Thränen und Selbſt⸗ anklagen; im Gegentheil, ſobald er auf der Schwelle ihres Boudoirs erſchien, reichte ſie ihm die Hand unter Worten des Dankes. Sodann mußte er neben ihr Platz nehmen, da ſie einſehen gelernt, daß ſie ihn nicht verletzen durfte, wenn er ihr immer gehor⸗ chen ſollte. Darauf ſprach ſie zu ihm: Dumas d. J., ein Frauenleben. II. 146 „Sie ſind mir doch nicht böſe wegen meines geſt⸗ rigen Briefes?“— „Ich erinnere mich nur noch des Briefes von heute Morgen.“ „Wie gut von Ihnen! Ich hatte mich alſo nicht geirrt: Sie lieben mich, nicht wahr?“ „Muß ich Ihnen ſolches noch wiederholen, und wiſſen Sie das nicht eben ſo gut, wie ich, Sie, die Sie für dieſe Liebe keine andere Antwort, denn Thrä⸗ nen und Gewiſſensbiſſe haben?“ „So ſei es darum! Künftig will ich nicht mehr weinen und Nichts mehr bereuen.“ Alſo ſprechend vermochte Marie einen Seufzer nicht zu unterdrücken. 3. „Was ſagen Sie da?“ „Die Wahrheit,“ erwiderte ſie;„ich ſage Ihnen, mein Freund, indem ich geſehen, was ich leide, habe ich errathen, was Sie gelitten. Es thut mir leid, daß Sie durch mich des Kummers ſo viel ge⸗ habt; und ferner habe ich bei mir ſelbſt geſagt, es laſſe ſich das Vergangene nun nicht mehr ungeſchehen machen, und es ſei dieſe kurze, dreitägige Vergan⸗ genheit, in der ich Ihren Namen finde, vielleicht kein Unglück, da Sie zu edelherzig und zu ehrlich ſeien, als daß Sie einen Mißbrauch davon machen könnten; ich ſage nur, Leon, daß ich Sie in Zukunft mit einem Lächeln auf den Lippen und mit freudigem Herzen empfangen, ſowie daß ich, mit einem Worte, die Seele Ihrer Seele und die Vertraute Ihrer Gedan⸗ ken ſein will. Ja, das ſage ich mir, und ſind Sie mir nun noch böſe?“ —, —————.— 147 „Oh, Marie, Sie wollen noch ein Opfer von mir verlangen?“ „Nein, keines, um was ich nicht ſchon gebeten, und das Sie mir nicht ſchon gewährt. Hören Sie mich nur erſt, Leon, und dann urtheilen Sie über mich; was auch die Urſache ſein mag, die mich dazu getrieben, Sie ſind mein Geliebter; ich geſtehe Ihnen, ich glaubte nie, daß ich dieſes Wort je aus⸗ ſprechen würde, denn bis jetzt iſt meine Liebe eine heilige, rechtmäßige Liebe geweſen; aber nun ſind Sie mein Gebieter, mehr als ſelbſt mein Mann es iſt, da Sie durch Nichts ein Recht auf mich hatten, und ich mich preisgegeben habe. Wohlan! mein Freund, wir werden uns jeden Tag ſehen, ſo lange Sie wollen; ich will Ihnen jeden Morgen und jeden Abend ſchreiben, wenn es Ihnen recht iſt. Ich will Ihnen mein Leben Minute für Minute erzählen; aber...“ „Aber!“ „Sie dürfen es nicht ſo weit treiben, daß ich vor Immanuel zu erröthen brauche.“ „Wohlan, ich muß mir's gefallen laſſen; Sie lieben mich nicht, Madame.“ Und es ſenkte Leon den Kopf, und ließ ihn in beiden Händen ruhen. „Ich bin offen, das iſt Alles; ihr Männer glaubt an die Liebe einer Frau nur, wenn ſie ſich Euch preis⸗ gibt. Sie aber, Leon, Sie brauchen dieſe Probe bereits nicht mehr; ſprechen Sie: iſt es denn nicht hundert Mal ſüßer, ſo bei einander zu ſein, wie wir es ſind, ohne Furcht, ohne Gewiſſensbiſſe; ſeine Seele mit einer andern Seele ſprechen zu laſſen und ſich himmliſcher Wonne hinzugeben, einer Wonne, die 148 durch menſchliche Leidenſchaft nicht geſtört wird? Es beruht mein Glück ſchlechterdings darauf, daß Sie mir gewähren, was ich von Ihnen verlange. Leon, werden Sie mir mein Glück abſchlagen? Dann werde ich die Ihrige ſein, mehr denn Sie glauben können; anweſend oder abweſend werden Sie meine Seele und meine Gedanken umſchweben, Sie, der Sie mich gegen ſich ſelbſt ſchützen, und der Sie mich rein er⸗ halten werden; denn nie wird, ich ſchwöre es Ihnen, ein Anderer denn Sie erhalten, was ich Ihnen heute abſchlage. Sie begreifen alſo jene heilige Wolluſt nicht, welche darin beſteht, daß man eine unerwartete Schweſter bekommt und zu ſich ſagen kann: Es iſt Jemand auf der Welt, der an mich denkt, der ſeinem Gebete meinen Namen beifügt, und der für mich die keuſche Liebe hegt, welche Engel für ihre Brüder hegen? Sagen Sie mir, iſt dieſe Liebe nicht die einzig mögliche, und muß dieſelbe nicht länger dauern, als jene Leidenſchaft, welche von den Menſchen mit dem nämlichen Namen bezeichnet worden iſt?“ Hätte Leon alsbald inndas gewilligt, was Marie von ihm verlangte, ſo wäre, da die Weiber nun einmal ſo ſind, ein Tag gekommen, wo ſie, nachdem ſie ſich allmählig an das Leben gewöhnt, das ſie ſich vorzeichnete, ſich überredet hätte, daß Leon gar nie ihr Liebhaber geweſen; aber Leon antwortete Nichts. Geſenkten Hauptes ſuchte er die unmögliche Löſung jenes ewigen Räthſels, das Weib heißt. So heftig auch ſeine Liebe war, ſo wurde ſie doch durch⸗ die ewigen Bitten Mariens ſchon ein wenig kalt; und ſchon fing dieſelbe an etwas berechnend zu werden, 149 da ſein Herz allein nicht ausreichte, um zu über⸗ 58 zeugen. ie Da Marie ſah, daß Leon ihr keine Antwort gab, n, ſo näherte ſie ſich ihm und ſprach, den Kopf über de den ſeinigen hinneigend: n;.„Nun, was iſt Ihnen noch? Sie ſind mir böſe? ele Sie ſind es, der mich nicht liebt, da Sie mich nicht ich verſtehen wollen.“ e⸗.⸗ Und da Leon ſich gar nicht rührte, ſo legten ſich , die Lippen der jungen Frau ſchweſterlich, jedoch mit ite einigem Zwang, auf deſſen Stirn, wie wenn ſie als⸗ uſt bald das erſte Pfand geben wollte, daß der vorge⸗ ete ſchlagene Vertrag getreulich gehalten werden ſolle. iſt„Sehen Sie, Leon,“ hob ſie wieder an,„nun em ſind Sie es, der böſe wird,— nun ſind Sie es, die. der, da ich doch Sie liebe, mich nicht mehr liebt. der Hören Sie, es ſteht der Frühling vor der Thür: die Sie gehen mit uns nach Poitou. Dort ſind wir r, allein; dort haben wir lange Tage vor uns,— dort nit harren unſer lange Spaziergänge; auch werden wir . uns nicht mehr, denn ſonſt, vor den Andern zu ver⸗ rie bergen brauchen, da wir nichts Böſes thun werden.“ Hun Leon ſchwieg immer noch beharrlich. em Da nahm Marie ſeinen Kopf in ihre Händchen ſie und küßte ihn wie ein Kind. War es nicht recht gar ſonderbar, daß dieſe Frau von einem Manne ver⸗ tete langte, er ſolle ſie nicht mehr lieben, und daß ſie che gleichwohl ſolches wieder mit allen Zärtlichkeiten der So Liebe forderte? Das Unglaubliche und gleichwohl rch Wahre bei Allem, was Marie geſagt, iſt, daß ſie alt; endlich es ſelbſt glaubte, daß ſie naiv, aufrichtig Im⸗ den, manuels Liebe mit der Leons verband, trotzdem daß 150 eine von der andern ſo himmelweit verſchieden war! Wenn alſo Herr von Grige die Vergangenheit ver⸗ geſſen wollte, ſo war ſie bereit, dieſelbe ebenſo leicht zu vergeſſen, bis das Verhängniß dieſelbe furchtba⸗ rer und gräßlicher, denn ſie je geweſen, heraufbe⸗ ſchwor. 1 Es war ſechs Uhr. Zu dieſer Jahreszeit, das heißt, im Monate Februar, iſt ſechs Uhr der geheim⸗ nißvolle Augenblick des Tages, wo man, wenn im Kamin das Feuer auszugehen beginnt, wo man, ſo⸗ fern man ſeine Lappe noch nicht hat anzünden laſſen, ſich einer ſüßen Träumerei, ſo lange man allein, und intimen Mittheilungen hingibt, ſobald man zu zweien iſt. Sie waren aber zu zweien. Marie hatte zwar geſagt: Vergeſſen Sie mich, fand aber plötzlich Nichts mehr zu ſagen. Sie wagte es nicht, ihre Hand aus der Leons zurückzuziehen, und dieſer wiederholte, die Augen zärtlich auf ſie geheftet haltend, mit leiſer Stimme: „Oh, Marie, wüßten Sie, wie ich Sie liebe! Nie, nie hat eine Frau, wie Sie, mich geliebt. Oh, vertreiben Sie mich doch nicht aus Ihrem Herzen, ich bitte Sie inſtändigſt! Sagen Sie mir nicht, ich ſolle aufhören, mich zu erinnern, ich ſolle aufhören, zu hoffen..— Marie! hörſt Du mich nicht?“ Und Marie ſagte und dachte Nichts mehr. Sie überließ ſich den Armen eines Mannes, der ſie zu ſich hinzog, und geiſtig und körperlich erſchöpft, war die arme Frau ganz unmächtig gegen ſo ungewohnte Kämpfe. Sie verlangte im Namen ihres Glückes und ihrer Ruhe einfach ein Opfer, und da ſie ſah, — — 151 daß trotzdem ihr Geliebter beharrlich blieb, ſo konnte ſie ihn nicht mehr anders als mit Thränen be⸗ kämpfen. Sie fühlte, wie eine Minute ihres ver⸗ gangenen Lebens ihre ganze Zukunft, ſo er es wollte, an ihn kettete, und nun wollte ſie nur noch zu Gott emporflehen, daß er ſie ſterben laſſen möchte, bevor Immanuel dieſe gräßliche Wirklichkeit erführe. Selt⸗ ſam fürwahr iſt das Schickſal der Frauen, das da will, daß ſie um eines Augenblickes willen, wo ſie ſich vergeſſen, und, wie Marie, ſo zu ſagen, ſich haben überrumpeln laſſen, mit Leib und Seele, und ſo lange ſie ihm gefallen, dem Manne gehören, dem ſie ſich ſo unglücklicher Weiſe hingegeben...... .............. War vorher nur ein Tag geweſen, den Marie aus ihrem Leben auszutilgen gewünſcht hatte, ſo waren es nun ſchon zwei. Nun geſchah, was ge⸗ ſchehen mußte. Da Marie ſah, daß ſie dem Willen ihres Liebhabes abermals unterlegen, ſo wollte ſie ſich vor ſich ſelbſt rechtfertigen. Die einzige Recht— fertigung aber, die ſie finden konnte, war, daß ſie Leon liebte. Sie ſuchte dieſen Rechtfertigungsgrund hervor, gleichwohl aber begriff ſie, da ſie innerlich vom Gegentheil überzeugt war, daß ſie ſich betäuben müſſe, um dieſe geheime Stimme zu überſchreien, wo nicht zum Schweigen zu bringen. Nun ſchrieb ſie Morgens und Abends die zärtlichſten Briefe an Leon; ſie wollte ihn alle Tage ſehen; und ſo kalt ſie bis⸗ her gegen ihn geweſen, ſo glücklich und ſtolz ſchien ſie jetzt, ſich von ihm geliebt zu wiſſen. Zwar müſ⸗ 15²2 ſen wir ſagen, daß Marie gar oft, wenn Leon won⸗ netrunken fortgegangen war, wie eine Wahnſinnige weinte, nicht mehr aus Furcht vor der Zukunft, die ſich ihren Blicken noch nicht darbot, nicht mehr aus Gewiſſensbiſſen wegen der Vergangenheit, ſondern weil trotz Alles deſſen, was ſie thun konnte, Leon ihr nicht allein gleichgültig blieb, ſondern ihr ſogar verhaßt wurde, und weil ſie, da ihre Liebe durch ihren Fehltritt ſich noch ſteigerte, Immanuel mehr denn je liebte. Aber von einem Zurückweichen konnte nun keine Rede mehr ſein; gleich dem Menſchen, der ſich zu einem Fenſter hinausſtürzt und nachdem er ein⸗ mal keinen feſten Fuß mehr hat, das Gethane bereut, mußte ſie die ganze Tiefe des Irrthums ergründen, auf die Gefahr hin, darin jämmerlich zu zerſchellen. Dank jener Eigenliebe, welche Gott dem Men⸗ ſchen aus Mitleid geſchenkt, als ein Mittel zu deſſen Glück, nahm Leon Alles, was Marie ihm ſagte, ernſt und betete dieſelbe wirklich an. Tagtäglich erſchien er, mochte nun Immanuel zu Hauſe ſein oder nicht, im Hotel und zog ſich erſt dann zurück, wenn er durchaus nicht länger bleiben konnte. Es läßt ſich daher leicht denken, wie viel Marie unter ſolchen Umſtänden leiden mußte. Vor der Welt, vor ſich ſelbſt, vor Gott konnte ſie ſich nun einmal ſchlechterdings nicht rechtfertigen. Sie mußte eben die Augen ſchließen, um blind auf der neuen Bahn fortzugehen, worauf ein Unbekannter ſie führte, vor dem ſie erröthete, und dem ſie ſich ohne Liebe und bereits ohne Scham preisgab. Es war wie wenn die Natur eines En⸗ gels durch einen Heiligthumsſchänder ſchmählich ent⸗ weiht worden wäre. uös8s 8B 8S8 3 8SBS 8 Aœ R 1⁵5³ Mas Marianne betrifft, ſo ſah ſie wohl, daß ihre Herrin ſich in's Verderben ſtürzte, aber es wagte die arme Frau Nichts zu ſagen. Sie war eine gute, aber ſchwache, energieloſe Natur. Im Stande, für eine Laune Mariens ſchweigend in den Tod zu gehen, war ſie unfähig, ſelbſt zu deren Be⸗ ſtem einen Willen zu haben, den Frau von Bryon, die ebenfalls ſchwach war, gleichwohl angenommen und dem ſich dieſelbe unterworfen hätte. Und dann ließ ſich auch Marianne durch den Schein beſtechen und wußte, in der Ueberzeugung, daß Marie den Marquis liebe, nur für die junge Frau zu beten, und eine Liebe, von der ſie jeden Tag fürchtete, daß ſie herauskommen möchte, wo nicht zu beſchützen, ſo doch möglichſt zu verſchleiern. 4 Noch war der Graf da, den ſeine lange Erfah⸗ rung Dinge glauben ließ, die ſeine väterliche Liebe für unmöglich halten mußte. Zum Oefteren hatte er bei ſeiner Tochter Leon allein getroffen. Marie hatte, ſo lange ihr Vater da geweſen, ſtets verlegen geſchienen: ſie ſchien nicht mehr jenes Vertrauen zu ihm zu haben, welches ein gutes Gewiſſen gibt. Wohl hundert Mal war der Graf auf dem Punkte geweſen, mit ſeiner Tochter offen über das ewige Zugegenſein Leons zu ſprechen, und ſie auf Etwas hinzuweiſen, was, wie er hoffte, nur unpaſſend und unvorſichtig war; nie aber hatte er gewagt, ſolches zu thun, da er bei dem bloßen Gedanken zitterte, daß durch ſeinen Mund ſeiner Tochter die Möglich⸗ keit eines Dinges enthüllt werden möchte, das ſie in ihrer Unſchuld vielleicht nicht einmal ahnete. Nichts deſto weniger machte ihm die Sache viel zu ſchaffen: 154 er beobachtete Immanuel und bemühte ſich, auf deſſen Geſicht irgend ein Zeichen von Traurigkeit oder Kum⸗ mer zu erſpähen, das ihm bewieſe, daß auch ein Anderer bemerkt, was er ſelbſt wahrgenommen; Immanuel war jedoch ſtets derſelbe, ſtets gleich gut, ſtets gleich glücklich, ſtets unfähig, ſeine Frau im Verdachte der Untreue zu haben. So viel war für Herrn von Hermi gewiß, daß ſeine Tochter, mochte der Grund nun ſein, welcher es wollte, ihm bereits nicht mehr das wäre, was ſie einſt geweſen. In der That, es hatte die arme junge Frau oft geſehen, wie der Blick ihres Vaters verſtohlen ſich auf ſie heftete, und es hatte ihr dabei geſchienen, daß dieſem väterlichen und tiefen Blicke Nichts zu entgehen vermöchte, ſowie daß ihr Herz gleich einem Buche offen vor demſelben da liegen und Alles ſagen müßte, was es geheim halten wollte. Sie hatte daher es immer recht traurig er⸗ rathen, wenn ihr Vater über Leon mit ihr zu ſprechen wünſchte, und ſtets hatte ſie in ihrer ungeſchickten Furcht das Geſpräch auf etwas Anderes gelenkt oder ein Wort dazwiſchen geworfen, das ihren Vater anicht weiter reden ließ, ohne ſelbſt gewahr zu wer⸗ den, daß ſie, anſtatt den Verdacht des Herrn von Hermi zu heben, denſelben im Gegentheile immer tiefer begründete durch die jedem geübten Auge ſicht⸗ bare Beharrlichkeit, womit ſie einer Antwort auswich. Wie natürlich, rief dieſer ewige Schrecken zwiſchen Vater und Tochter eine gewiſſe Kälte hervor. Marie vermied es daher ſo viel wie möglich, bei ihrem Va⸗ ter allein zu ſein, und beſuchte ihn nun faſt gar nicht mehr, da ſie wohl fühlte, daß ſie ihrem Vater 15⁵ Alles bekennen müſſe, ſobald er davon anhebe. Was dann geſchehen wäre, das weiß Gott. Einſtweilen litt der arme Mann entſetzlich. Hundert Mal war er auf dem Punkte geweſen, Leon aufzuſuchen und ihn bei ſeiner Chre aufzufordern, daß er ihm die volle Wahrheit ſagen möchte, um, ſelbſt wenn er ſich ihm zu Füßen werfen müßte, von ihm auszuwirken, daß er Paris verließe, und ſeine Tochter wieder ihre Ruhe bekäme; ſtets aber war er zurückgehalten wor⸗ den von dem ganz väterlichen Gedanken, daß er ſich täuſchen möchte, ſowie daß, da er nicht wüßte, mit wem er es zu thun, und wie Leons Herz beſchaffen, eine ſolche Mittheilung Marien mehr ſchaden, als nützen und zu Immanuels Kenntniß gelangen könnte, der, wie von uns bereits geſagt worden, gar Nichts zu ahnen ſchien und wirklich auch Nichts ahnte. Es lebte aber Jemand, der da wachte und es zu ſeinem Geſchäfte machte, Jedermann aufzuklären. Dieſer Jemand war— Julia! Fünfunddreißigſtes Kapitel. Um jene Zeit hatte die Reform ihren Siegeslauf begonnen, und es ſtand Herr von Bryon in den er⸗ ſten Reihen der Bewegungspartei. Er war, ſo zu ſagen, eine Verkörperung aller edlen und freiſinni⸗ gen Ideen; auch war er dabei nicht bloß von ſeinem Ehrgeize getrieben; er wollte das Wohl ſeines Lan⸗ des aus keiner andern Urſache, als weil es das Beſte war, und nicht um der Stellung willen, welche er ſich durch deſſen Förderung erringen konnte. Wie 156 wir geſehen, ſo hatte die Regierung es verſucht, ihn auf ſeinem Wege aufzuhalten, indem ſie ihm ein Miniſterium hinwarf,— jenen Kuchen, womit man den politiſchen Cerberuſſen das Maul zu ſtopfen ver⸗ ſteht; es hatte aber Immanuel nicht angenommen, weil man ihm mit dem Miniſterium nicht Alles das einräumte, was er in ſeiner Gerechtigkeitsliebe dem Volke zugeſtanden wiſſen wollte. Nähme der direct vorliegende Gegenſtand uns nicht ganz und gar in Anſpruch, ſo würden wir uns über Immanuels po⸗ litiſche Projecte verbreiten, und es würden gar⸗ viele unſerer Staatsmänner neben unſerem Helden recht klein erſcheinen; aber wir machen hier eine bloße Seelenſtudie und wollen uns keineswegs mit der geſellſchaftlichen Reorganiſation beſchäftigen. Nur von Zeit zu Zeit können wir daher auch auf die po⸗ litiſchen Ereigniſſe hinweiſen, welche zu dem Leben des Herrn von Bryon gehören, und zeigen, inwiefern ſie mit ſeinem Privatleben in verhängnißvoller Weiſe ſich verknüpft fanden. Sein Ruf war es, der ihm Julia zuführte; ſein Ruf war es, der ihm Mariens Liebe verſchaffte; ſein Ruf war es, der, indem er ihm einige Stunden ſeines häuslichen Glückes opferte, zu den Ereigniſſen führte, welche wir nun vor dem Auge des Leſers vorübergehen laſſen werden. Eine Reformverſammlung, bei welcher Immanuel als Vorſitzender thätig ſein ſollte, war nach der Stadt Poitiers ausgeſchrieben. Er wurde davon benach⸗ richtigt, ſagte zu Marien, daß ſeine Abweſenheit höchſtens einige Tage dauern würde und reiste ab. Marie aber ſah ihn faſt mit Vergnügen abreiſen: gab ihr doch dieſe Abweſenheit die nöthige Zeit, um 157 ſich zu blicken und in ihren Schrecken einige Ord⸗ nung zu bringen. Kaum war Immanuel einige Stunden fort, ſo war Leon ſchon bei Marien. Für Julia war nun der Augenblick gekommen, wo ſie handeln konnte. Die Abreiſe des Herrn von Bryon war ihr nicht unbekannt, auch wußte ſie, daß Leon bei Marien ſei; ſie ging daher unverweilt in die Wohnung des Mar⸗ quis von Grige und nahm die Originalien der Briefe weg, wovon ſie nur erſt Abſchriften hatte. Kaum hatte ſie die Papiere in Händen, ſo eilte ſie zur Frau von Bryon und verlangte, mit derſelben zu ſprechen. Sie erhielt zur Antwort, es ſei Frau von Bryon nicht zu ſprechen. Sie gab ihre Karte ab und erſchien am nächſten Tage wieder. Da war aber Marie ausgegangen. „Sagen Sie Frau von Bryon,“ ſprach Julia, „daß ſie Unrecht gehabt, mich nicht zu empfangen.“ Es lag in dieſen Worten eine Drohung, worauf der Bediente nicht einging. Als Marie wieder heimkam, ſtellte man ihr die zweite Karte der Lovely zu; zugleich wiederholte der Bediente, was man ihn hatte ſagen heißen. Marie hatte allen Grund, das Schlimmſte zu fürchten. Sie gab Leon die beiden Karten und fan ihn, ob er wüßte, was dieß zu bedeuten ätte. Als Leon Julia's Namen las, überzog plötzliche Bläſſe ſein Geſicht; indeſſen mochte er Nichts ſagen, ja nicht einmal Muthmaßungen anſtellen, bevor er die Lovely nicht geſehen. Er antwortete Marien, daß ihm dieſer Name gänzlich fremd ſei; indeſſen 158 antwortete er ihr ſolches nur unter der Herrſchaft böſer Ahnungen. Um ſechs Uhr ging er nach der Taitbout⸗Straße. Er traf Julia zu Hauſe. Leon kannte den Charakter ſeiner Geliebten, und wollte daher die Frage nicht bei den Hörnern packen, ſondern Liſt gebrauchen. „Ahl“ hob Julia in ihrer bezauberndſten Weiſe an,„ahl Sie ſind es; ei, ei! man ſieht Sie ja gar nicht mehr. Seit ein paar Tagen habe ich von Ih⸗ nen ja gar Nichts gehört, noch viel weniger aber geſehen!“ 1 Und alſo ſprechend drückte ſie die zitternde Hand eons. „Er weiß Alles,“ dachte ſie;„ich will ihn an⸗ laufen laſſen,— will ſehen, wie er die Sache an⸗ greift. Und ſie ſchaute ihren Liebhaber an, gleich als wollte ſie ſich vergewiſſern, daß ſie es nicht mit einem furchtbaren Gegner zu thun hätte. Es folgt nun ein Schweigen, während deſſen die beiden Feinde ihre Waffen bereit machten. Leon nahm zuerſt das Wort. „Nun, Julia,“ hob er an,„ſprechen wir offen! Sind Sie mir aus irgend welchem Grunde böſe?“ „Ich, ich ſollte Ihnen böſe ſein, mein Freund, — und warum denn?— Etwa deßhalb, weil Sie mich nicht mehr lieben?“ Leon machte eine Bewegung, als wolle er die Frage verneinen.. „Werden Sie mir ſagen, daß Sie mich lieben?“ fuhr Julia fort.„In ſolchem Falle würden Sie ſich zum Lügner machen; thun Sie mir wenigſtens die 159 Chre an, offen gegen mich zu ſein. Es iſt nun ſchon lange, daß wir beiſammen ſind; und ich habe Sie zu aufrichtig geliebt, als daß Ihre Liebe noch dauern könnte!“ Alles dieß war in ſo ruhigem Tone geſprochen, daß Leon faſt ſchon zu zweifeln anfing, ob wirklich Julia es geweſen, die ſich bei Marien eingefunden, — er, der bei ſeinem Kommen glaubte, er dürfe dieſe Beſuche nichts Anderem, als der Eiferſucht zu⸗ ſchreiben. „Aber Sie lieben mich nicht mehr wie einſt, Julia!“ „Es wäre eitler Selbſtbetrug, wollte man einen Mann lieben, der Einen nicht mehr liebt.“ „Wenn Sie alſo keine Liebe mehr zu mir haben, ſo werden Sie doch dem Haſſe nicht Raum geben, und hoffentlich Nichts thun wollen, was mir unlieb ſein könnte?“ „Ihnen?“ „Ja, mir,— oder jeder andern Perſon, für die ich mich eben intereſſire.“ „Da haben wir es!“ ſprach Julia bei ſich.„Er⸗ klären Sie ſich näher, mein Freund,“ fuhr ſie laut fort,„ich verſtehe Sie nicht recht.“ „Hören Sie,“ fuhr Herr von Grige fort, der da dachte, es ſei beſſer, zur Vernunft, als zum Zorne ſeine Zuflucht zu nehmen, und die Hände Julia's mit den ſeinigen erfaßte,„Sie wiſſen beſſer, als irgend Jemand auf der Welt, daß man ſeinem Her⸗ zen nicht gebieten kann; Sie ſelbſt haben, ohne es zu wollen, Leuten Schmerzen verurſacht, die Sie 160 liebten, wie Ihr Herz Sie zu Andern hinzog. Und vielleicht habe auch ich Ihnen Schmerz verurſacht.“ „Der Geck, der Einbildling!“ murmelte Julia. „Sie wiſſen aber, daß ich, in Ermangelung der Liebe, Ihnen die heiligſte und hingebungsvollſte Freundſchaft bewahren werde.“ „Sol und was haben Sie mir noch weiter zu ſagen?“ bemerkte Julia in verzweifelt ironiſchem Tone. „Ich ſelbſt habe,“ verſetzte Leon, während eine leichte Bläſſe ſein Geſicht überflog,„es Ihnen nie geſagt, weil es Gefühle gibt, die ich achte, und Em⸗ pfindlichkeiten, die ich nie gerne verletze; wohl aber werden Sie ſchon durch Andere erfahren haben, daß ich eine neue Geliebte habe; und hat man Ihnen berichtet, daß ich dieſe Frau liebe, ſo hat man Ihnen nur die Wahrheit geſagt; wir können uns ſolche Dinge wohl geſtehen, da Sie nun bei kaltem Blute ſind. Vielleicht aber hat man Ihnen nicht geſagt, wie ſehr ich dieſe Frau achte, wie ſehr ſie dieſe Ach⸗ tung verdient, und wie ſehr mir ihre Ruhe am Her⸗ zen liegt.“ „Im Gegentheil, es iſt mir Alles dieß bekannt; und eben ſo iſt es mir bekannt, daß Sie mich nur behalten haben, um dieſe Liebſchaft maskiren zu kön⸗ nen, welche geheim bleiben muß. Sie ſehen nun hoffentlich, daß ich auf dem Laufenden bin.“ Hier warf Julia auf Leon einen Blick, der gar nicht viel Gutes verſprach und den Marquis verle⸗ gen machte. „Ich komme zur Sache,“ hob er wieder an, ohne aber ſich das Anſehen geben zu wollen, als ſei ihm 161 die ganze Wahrheit bekannt.„Ich komme gerade von der Perſon her, von der ich eben mit Ihnen geſprochen; ſie hat mir geſagt, es ſei eine Unbe⸗ kannte ſchon zwei Mal bei ihr geweſen und es habe dieſelbe ihren Namen ſchlechterdings nicht ſagen wol⸗ len; nach der Perſonalbeſchreibung aber, welche man mir von der Unbekannten gegeben, habe ich geglaubt, es müßten Sie es ſein; und nun bin ich hergekom⸗ men, um Sie deßhalb zu einer beſtimmten Erklärung zu vermögen, und Sie, falls Sie bei dieſer Perſon geweſen ſein ſollten, zu fragen, was Sie derſelben wohl mitzutheilen haben.“ „Und es iſt das Alles?“ fragte Julia in mög⸗ lichſt unverſchämtem Tone. „Ja, es iſt das Alles,“ erwiderte Leon, der ſei⸗ nes Zornes bereits nicht mehr Herr zu ſein anfing. „Wohlan, es iſt etwas Wahres daran; nur hat Frau von Bryon, wenn ſie Ihnen geſagt, es ſei eine Unbekannte in ihr Haus gekommen, Ihnen gelogen, wie ſie ihrem Manne lügt, wenn ſie ihm ins Geſicht ſagt, ſie liebe ihn ſo ſehr; denn ich habe zwei Karten dort gelaſſen.“ Julia ſprach ſo, indem ſie mit gleichgültiger Miene mit den Berlocken ihrer Kette ſpielte. Und ohne daß Leon auch nur ein Wort fand, fuhr ſie alſo fort: „Wollen Sie nun aber wiſſen, was ich Ihrer neuen Geliebten zu ſagen hatte? So hören Sie denn! Was ich ihr ſagen wollte,“— hier betonte Julia ihre Worte,„war im Grunde etwas gar Ein⸗ faches. Du mein Gott! ich wollte ihr bloß ſagen, daß ich Julia Lovely heiße,— daß ich nun ſeit faſt Dumas d. J., ein Frauenleben. II. 11 162 zwei Jahren Ihre Geliebte bin,— daß ich Sie liebe, — daß ich weiß, wie Sie mich mit ihr hintergehen, und endlich, daß ich ihrem Manne Alles ſagen werde. Sehen Sie, lieber Leon, das wollte ich ihr ſagen.“ Herr von Grige ſah Julia an. Dieſe aber lächelte, wie wenn ſie von der allergewöhnlichſten Sache geſprochen hätte. „Ahl das wollten Sie ihr alſo ſagen?“ ſprach Leon. „Ja,“ erwiderte Julia, ihrer Antwort eine be⸗ jahende Kopfbewegung beifügend und ihren Liebhaber ſo anſchauend, daß dieſer recht ſehen ſollte, welcher Haß ihr Herz erfüllte. „Und nun?“ fragte Leon in drohendem Tone. „Und nun werde ich Herrn von Bryon Alles ſagen, ohne ſeine Frau vorher zu warnen, da ſie mich nicht empfangen will. Herr von Bryon iſt mein Liebhaber geweſen und hat mich recht übel be⸗ handelt; was Sie betrifft, ſo war ich ebenfalls Ihre Geliebte und liebte ſie ungeheuer,“— hier lachte Julia dem Marquis ins Geſicht—„was haben Sie nun gethan? Sie haben mich hintergangen, indem Sie ſeine Frau zu Ihrer Geliebten gemacht; und nun will ich mich an Ihnen und an ihm zugleich rächen. Es iſt das ſo übel nicht geſpielt, nicht wahr?“ „Und Sie glauben, daß ich das nur ſo geſchehen laſſen werde?“ ſagte Leon aufſtehend. „Hm! Sie werden wohl müſſen!“ erwiderte Julia, gleichfalls aufſtehend. „Julia, thun Sie auch nur ein Wort von dem, was Sie eben geſagt, ſo nehmen Sie ſich in Acht!“ „Ja? und was werden Sie mir denn thun?“ —2 5A nun Sie nun chen. ehen derte dem, cht!“ 2 4 163 „Alles, und müßte ich auch...“ „Und müßten Sie mich auch umbringen,— nicht wahr? So, das thäten Sie? Aber bringt man denn Weiber um! Ich ſage Ihnen alſo, Leon: Alles, was ich geſagt, werde ich thun; Sie können ſich darauf verlaſſen; und da ich offen bin, ſo will ich Ihnen zugleich auch ſagen, warum und wie ich es thun werde. Und für’'s Erſte muß ich Ihnen einen Irrthum benehmen in Betreff einer Sache, die Ihnen einſt Gewiſſensbiſſe verurſachen könnte. Sie müſſen alſo wiſſen, daß ich Sie nie geliebt...“ „Was liegt mir daran?“ „Dann iſt es nur um ſo beſſer. Ich bin aber einmal auf dem Punkte geweſen, Herrn von Bryon anzubeten. Von dem Tage an, wo derſelbe Fräu⸗ lein von Hermi geheirathet, bin ich Ihre Geliebte geworden, und wären Sie nicht die leibhaftige, die fleiſchgewordene Geckerei, ſo hätten Sie die plötzliche Veränderung wahrnehmen müſſen, die, gegenüber von Ihnen, in mir vorgegangen war. Stets waren Sie mir als ein unbedeutender Menſch erſchienen, und dann verliebe ich mich mit einem Male ganz närriſch in Sie. Es war dieß recht unwahrſcheinlich, mein lieber Leon. An Ihnen war es, die Urſache von All dieſem zu ſuchen, denn es war eine ſolche vorhanden, und zwar ſolgende.“ Unterdeſſen hatte Leon angefangen, den Salon mit großen Schritten zu durchmeſſen. 3„Oh! werden Sie mir nicht ungeduldig,“ hob Julia wieder an,„Sie werden ſehen, wie große Freude es Ihnen machen wird, Alles zu erfahren, was ich Ihnen nun zu ſagen im Begriffe bin; denn 164 außer Ihnen und mir wird nur Gott es wiſſen.— Ihre Geliebte bin ich geworden, weil ich wußte, daß Sie in Fräulein von Hermi verliebt waren, und weil ich, nicht an die Tugend der Frauen glaubend, gedacht habe, Sie würden früher oder ſpäter ihr Liebhaber werden; auch durfte ich dieß um ſo mehr hoffen, als ich Ihre Liebe nach Kräften zu ſchüren mir vornahm. Sie hat ſich ritterlich gewehrt, ich muß es geſtehen, und faſt volle zwei Jahre habe ich Sie haben müſſen, Sie, den ich doch nicht liebte; endlich aber iſt es unterlegen, das arme Ding, und es wird die Strafe, wie in den Melodramen, die man auf den Boulevards gibt, dem Fehltritte auf dem Fuße folgen. Sie werden mich nun fragen, welches Intereſſe ich dabei haben könne, daß Frau von Bryon ins Verderben geſtürzt werde. Es ge⸗ nüge Ihnen aber zu wiſſen, daß ich bei dieſem mei⸗ nem Thun mich keineswegs durch Eiferſucht beſtim⸗ men laſſe. Wäre nur Eiferſucht im Spiele, ſo könn⸗ ten Sie ſie meinetwegen in alle Ewigkeit behalten; bei meinem Thun aber treibt mich ein wichtigerer, — treibt mich ein politiſcher Grund. Ich bringe Sie dem Glücke meines Vaters zum Opfer!“ Bei dieſen Worten konnte Julia ſich des Lachens nicht enthalten. „Und Sie glauben,“ verſetzte Leon in verächt⸗ lichem Tone,„es werde Herr von Bryon einer Dirne, wie Sie ſind, glauben?“ „Schwachkopf!... Er wird der Handſchrift ſei⸗ ner Frau glauben, wenn ich ihm die Briefe zeige, die ſie an ihren lieben Marquis geſchrieben. Ja, n. 165 ſchauen Sie, lieber Leon, ſchwarz auf weiß habe ich es.“ Leons Geſicht fing an, eine geſpenſterhafte Bläſſe zu zeigen. „Sie ſind im Beſitze dieſer Briefe?“ rief er aus. „Ja.“ „Sie haben dieſelben alſo geſtohlen?“ „Errathen! Oh! ballen Sie doch die Fäuſte nicht ſo: es würde das zu Nichts führen.“ „Und dieſe Briefe ſind...“ „Da.“ Zu gleicher Zeit deutete Julia auf ihren Buſen. „Ich muß dieſe Briefe haben,— ich muß ſie um jeden Preis haben!“ rief Leon, vor Wuth ſchäu⸗ mend und auf Julia zugehend. „Thun Sie noch einen Schritt weiter,“ verſetzte dieſe mit einer Kaltblütigkeit, die weit furchtbarer war, als aller Zorn,„ſo öffne ich dieſes Fenſter, ſchreie mordio, laſſe Sie feſtnehmen, ſage, warum ich um Hülfe gerufen, und liefere dem königlichen Procurator die Abſchriften der Briefe aus, während ich ſelbſt die Originalien behalte.“ „Schändlich, ſchändlich!“ murmelte Leon, der die Thränen, welche das Gefühl der Unmacht und der Niederlage hervorruft, ſich in die Augen kommen fühlte. „Bedenken Sie doch,“ hob Julia mit jenem ewi⸗ gen Lächeln wieder an, welches Nichts von ihren Lippen zu bannen vermochte,—„bedenken Sie doch, daß ich Alles vorhergeſehen,— daß ich im Voraus für Alles geſorgt. Sie können ſich an Niemand rächen, nicht einmal an Ihrem eigenen Bedienten, 166 den Sie fortjagen werden, ich aber alsbald in meine Dienſte nehme; ja, Sie können ſich nicht einmal an mir rächen, die ich doch in Ihren Augen weniger, denn ein Bedienter, die ich doch eine Liebedienerin bin; aber Sie dürfen nicht vergeſſen, daß in dem Jahrhundert, worin wir leben, eine Liebedienerin mit ihrer Schönheit eben ſo mächtig, ja noch mächtiger iſt, als die größten und vornehmſten Namen. Es gibt unter uns ſo viele, die im Spitale ſterben, daß es wohl auch einige geben darf, die ihr Glück machen.“ Hier gingen dem Marquis mit einem Male die Augen auf. „Es gibt Mittel, dieſe Briefe zu bekommen,“ dachte er. Und er fuhr mit der Hand über die Stirn, gleich als wollte er ſeinem Geſichte Ruhe gebieten. „Hören Sie, Julia,“ ſprach er im Tone der Er⸗ gebung,„es iſt in Ihrer Hand das Leben zweier Männer, die Ehre einer Frau, die Ruhe einer gan⸗ zen Familie, die Ihnen lediglich Nichts zu Leid ge⸗ than.“ „Ich weiß das wohl.“ „Wie viel wollen Sie für Alles das?“ „Zwei Millionen,“ antwortete Julia, immer lä⸗ chelnd. „Ich habe nur noch eine; geben Sie mir die Briefe! Sie ſollen die Million haben.“ „Eben weil ich weiß, daß Sie nur eine Million haben, habe ich zwei verlangt. Ich mag dieſe Briefe nicht verkaufen. Ich trete mein Glück mit Füßen, R OS „— heine l an iger, rerin dem mit tiger Es ben, blück die 4 en, leich lä⸗ die llion riefe ßen, 8 167 indem ich Ihr Anerbieten ausſchlage; vielleicht aber mache ich es bei Jemand anders.“ „Julia,“ ſagte Leon in demüthig bittendem Tone... „Geſtehen Sie nur, daß Sie bereit wären, ein Verbrechen zu begehen, nur um dieſe Briefe zu be⸗ kommen. Sehen Sie nun ſelbſt, wie übel es mit der Ehre eines Mannes beſtellt iſt;— ſehen Sie nun ſelbſt, an welch ſchwachem Fädchen dieſelbe hängt. Wollte ich nun Marquiſe von Grige werden, ſo ſtände dieß bei mir, vorausgeſetzt, daß ich Ihnen dieſes Paket Briefe als Heirathgut zubrächte.“ Leon ſchwieg. „Oh, Sie brauchen keine Antwort zu geben,“ bemerkte Julia:„ich weiß wohl, daß Sie auf der Stelle einwilligen würden. Sie lieben alſo dieſe Frau recht ſehr! Ich aber ſage Ihnen, daß Sie ſie nicht ſo ſehr lieben, als ich Sie verachte. Es iſt ein ſo verächtliches Ding um einen Mann, der ſich von einem Weibe beſiegen läßt und wider daſſelbe Nichts vermag!“ Bei dieſen Worten klingelte Julia. „Was wollen Sie thun?“ ſprach Leon, der vor Zorn gar nicht mehr wußte, was er ſagte. „Ich will die Briefe auf die Poſt thun laſſen. Es ſind dieſelben zur Verſendung ganz bereit. Welche Ueberraſchung für den armen Immanuel!“ „Sie werden das nicht thun, Julia.“ „So hören Sie denn!“ In dieſem Augenblick trat die Kammerfrau ein, worauf Julia ein Paket Briefe aus dem Buſen her⸗ vorzog. 168 „Du ſiehſt dieſes Paket, Henriette?“ ſprach Julia zu dem Mädchen. „Ja, Madame.“ 1 „Du wirſt daſſelbe auf die Poſt tragen und da⸗ bei nicht vergeſſen, daß Du Dich unterwegs durch Nichts aufhalten laſſen darfſt.“ „Wie blaß Sie ſind, Madame!“ bemerkte die Kammerfrau, die zu gleicher Zeit Leon anblickte, wel⸗ cher ſogar noch bläſſer war, als Julia.„Es iſt Johann da,“ fügte ſie ganz leiſe bei. „Schon gut,“ verſetzte Julia,„ich habe Nichts zu fürchten. Geh', geh'!“ Henriette entfernte ſich. In dem Augenblicke, wo ſie den Salon verließ, langte Leon nach ſeinem Hute und machte ſich be⸗ reit, ihr zu folgen. „Oh, es iſt unnütz,“ ſprach Julia zu ihm, indem ſie ſich ſetzte:„Sie bekommen das Paket nicht von ihr, und wenn Sie ihr auch dafür das gäben, was Sie mir ſo eben angeboten. Denken Sie ſich, mein lieber Leon, es hat das wackere Mädchen, das Sie eben geſehen, einmal ein Kind gehabt und daſſelbe umge⸗ bracht. Ich aber habe die Beweiſe des Verbrechens in Händen, und glauben Sie mir, ſie fürchtet das Schaffot noch mehr, als es ſie nach Ihrem Gelde gelüſtet. Ah! der Leute, die mich bedienen, bin ich immer gewiß: ſeien Sie ganz ruhig! Laſſen Sie ſie alſo nur machen. Und zudem befinden ſich nicht alle Briefe der Frau von Bryon in dem Pakete, das ſie⸗ mit nimmt; ich habe noch etliche zurückbehalten für den Fall, daß die erſteren verloren gehen ſollten. Oh, Sie ſehen, ich bin vorſichtig! Laſſen Sie mich — —— d 8SD ———— 169 aber nur machen, denn ich ſichere Ihr Glück. Nach einem Auftritt, der ſo viel Aufſehen machen wird und muß, wird Marie ganz Ihnen gehören; und es werden die Frauen nicht mehr Augen genug haben, um nach Ihnen zu ſehen, nach Ihnen, dem Gelieb⸗ ten der Frau von Bryon, jener vorzugsweiſe tugend⸗ haften Frau. Ich ſage Ihnen, ich mache Sie zu einem Manne, der von aller Welt wird geſucht und bewundert werden.“ „Schon gut, Madame!“ Es war dieß Alles, was Leon hervorbringen konnte. Er erſtickte faſt vor Zorn. Mehr einem Verrückten, als einem mit Vernunft begabten Menſchen gleich, entfernte er ſich. „Der iſt nun der unglücklichſte Menſch von ganz Paris,“ ſprach Julia bei ſich, indem ſie, von ihrem Fenſter aus, ihn in den Wagen ſteigen ſah;„aber es muß die Reihe an Jeden kommen.“ Und flugs nahm Julia einen Bogen Papier und ſchrieb wie folgt: „Madame! —„Zwei Mal bin ich bei Ihnen geweſen, ohne daß Sie mir die Ehre erwieſen, mich zu empfangen. Wohl verzeihe ich es zuweilen, daß man mir Schmerz verurſacht, niemals aber verzeihe ich es, daß man mich ſo grob beleidigt. Ich thue Ihnen alſo hiemit zu wiſſen, daß ich die Briefe, welche Sie an Herrn von Grige, meinen, oder richtiger unſern Liebhaber geſchrieben, ſo eben an Ihren Gatten, meinen frü⸗ heren Geliebten, abgeſchickt habe. „Julia Lovely.“ 170 In dem Augenblicke, wo ſie mit dieſem Briefe zu Ende tann⸗ trat Henriette wieder ein. „Du haſt doch das Paket auf der Poſt abgege⸗ ben?“ fragte Julia im Tone einer Frau, die bereit iſt, einen Ungehorſam ſtreng zu beſtrafen. „Ja,“ antwortete Henriette, jedoch nicht ohne einige Verlegenheit. „Gut! Laß dieſen Brief forttragen und ſage, daß ich für Niemand zu Hauſe ſei!“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Leon war, wie wir geſagt, einem Verrückten ähnlich. „Was anfangen? was anfangen?“ ſprach er bei ſich ſelbſt.„Jede Minute, die ich ungenützt vorüber⸗ gehen laſſe, iſt ein Jahr des Glückes, das ich Ma⸗ rien raube.“ Alle nur erdenklichen Combinationen kamen ihm in den Kopf, aber alle ſtürzten wieder vor dem Worte: „unmöglich“ zuſammen. Sein Vermögen, ſein Leben, ſeine Ehre, Alles hätte er für Marie hingegeben, und immer noch fand er Nichts, was ſie hätte retten können. Jeder Verſuch hätte einen Skandal herbei⸗ geführt, der noch größer geweſen wäre, als der, wel⸗ cher Statt finden mußte, wenn er der Sache ihren Lauf ließ. Wie ſollte er aber Marien Alles dieſes geſtehen? Dazu fühlte Leon ſich nicht ſtark genug. Er irrte in den Straßen von Paris umher und ging, ohne zu wiſſen, was er that, im Laufe des Abends zu ge⸗ reit hne daß 4 171 in den Club, indem er weder heim, noch zu Frau von Bryon zu gehen wagte. Unterdeſſen hatte Johann, Julia's Kammerdiener, den Brief beſorgt, den dieſelbe an Marie geſchrieben, und war wieder zurückgekommen. „Iſt Frau von Bryon zu Hauſe geweſen?“ hat die Lovely den Bedienten gefragt. „Ja, Madame.“ „Allein?“ „Es war ihr Vater bei ihr.“ „Recht gut. Was hat ſie geſagt? „Sie hat die Adreſſe von Madame verlangt.“ „Sie haben dieſelbe ihr gegeben?“ „Ja.“ „Ich bin für Niemand zu Hauſe: vergeſſen Sie das nicht!“ Julia blieb allein. Sie war aufgeregt, denn ſie machte ſich auf einen Beſuch von Marien gefaßt, und ſo ſtark man auch ſein mag, ſo greift man den⸗ noch nicht alſo in das Schickſal einer Frau ein, ohne ſich einigermaßen bewegt zu fühlen. Sie mußte alſo dann und wann an die Gründe denken, die ſie hatte, um ſich an Immanuel zu rächen, wenn ſie ſich in ihren eigenen Augen entſchuldigen wollte; und nicht immer ſtieg ſie dabei in die Tiefe ihres Herzens hinab, denn dort hätte ſie wider ihren Willen frühe Gewiſſensbiſſe gefunden, die ſich ſtets nur noch ſtei⸗ gern konnten. „Warum auch bereuen, was man einmal gethan!“ rief ſie plötzlich aus.„Und zudem iſt es nun zu ſpät.“ Etwa um zehn Uhr trat Johann ein. 172 „Madame,“ ſprach er,„es iſt eine verſchleierte Dame da, welche Sie durchaus ſprechen will.“ „Ich bin für Niemand zu Hauſe.“ „Dieſe Dame läßt ſich aber ſo wenig abtreiben, und ſagt, es handle ſich von ſo wichtigen Dingen, daß ich mir erlaubt, den mir gewordenen Befehl zu verletzen.“ „Und wie heißt denn dieſe Dame?“ fragte Julia, die gar wohl wußte, daß Marie draußen ſtand. „Sie hat mir es nicht geſagt.“. „Sie muß mir ihren Namen ſagen; Unbekannte empfange ich nicht.“ Einige Minuten darauf kam Johann mit einer Viſitenkarte wieder. „Wie! Frau von Bryon in meinem Hauſe!“ rief Julia aus, gleich als wäre ſie darüber erſtaunt, und ſo laut, daß Johann den Namen hören mußte. „Laſſen Sie ſie eintreten!“ Und es trat Marie herein. Durch ihren Schleier hindurch konnte man ihre Todtenbläſſe ſehen. Kaum aber ſtand ſie Julia gegenüber, ſo ließ ſie ſich, den heftigen Gemüthsbewegungen nachgebend, die ſeit ein paar Stunden ſie peinigten, auf einen Seſſel niederſinken, während ſie zugleich in Thränen ausbrach. Wir wollen nun in kurzen Worten berichten, was unterdeſſen vorgefallen war. Wie wir von Johann wiſſen, ſo war Marie in dem Augenblicke, wo ſie Julia's Brief bekam, mit ihrem Vater zuſammen. Es war dieſer Brief ſo unerwartet, ſo furchtbar, daß die arme Frau todblaß geworden war, ſo daß der Graf ſich ihr genähert 173 hatte, um zu erfahren, was ſie in ſolcher Weiſe be⸗ unruhigen könnte; aber es hatte Marie in Folge einer mechaniſchen und raſchen Bewegung den Brief ins Feuer geſchleudert, den ſie nicht zum zweiten Male zu leſen brauchte; denn es blitzten und flacker⸗ ten die Buchſtaben vor den Augen ihres Leibes und ihres Geiſtes. „Verlangen Sie die Adreſſe!“ Das war Alles, was Frau von Bryon hervor⸗ zubringen im Stande geweſen war. „Was ſteht in dem Briefe?“ hatte der Graf gefragt. „Oh, Nichts, mein Vater,“ hatte Marie, ihm die Hand reichend, geantwortet. „Geheimniſſe für mich?“ „Nein, guter Vater.“ „Irgend eine ſchlimme Nachricht?“ „Oh, gewiß nicht, nur ein Geſchäftsbrief.“ „Warum biſt Du denn aber ſo blaß geworden?“ „Erſtlich habe ich mich gefürchtet, als ich klingeln hörte; und dann ließen mich die erſten Worte dieſes Briefes ſo Etwas wie ein Unglück ahnen, und einen Augenblick habe ich für Immanuel gefürchtet, wäh⸗ rend, wie ich Ihnen wiederholen muß, es Nichts als eine Geſchäftsſache iſt, die mich nicht verhindern wird zu ſchlafen.“ 3 Zu gleicher Zeit hatte Marie auf die Uhr ge⸗ ſchaut. „Du treibſt mich fort?“ hatte der Graf wieder angefangen. „Ach, guter Vater, was ſagen Sie da „Jetzt, da Du mich beruhigt, habe ich hier Nichts 1“ 174 mehr zu ſchaffen. Ich verlaſſe Dich; morgen ſehen wir einander wieder.“ „Ja, morgen, lieber Vater.“ Und es hatten der Vater und die Tochter einan⸗ der zärtlich geküßt Herr von Hermi war gleichwohl immer noch un⸗ ruhig; dieſer Brief ließ ihn etwas Myſteriöſes fürch⸗ ten, und doch entfernte er ſich. Marien konnte er nicht geſchwind genug gehen, ſo daß ihre Ungeduld ſogar ſein Staunen erregte. Sie begleitete ihren Vater bis in's Vorzimmer, wo der Graf ſie zum letzten Male küßte, und ging dann in ihr Zimmer zurück. Herr von Hermi hatte aber die Thüre noch nicht recht geſchloſſen, als er ein von innen kommendes heftiges Klingeln hörte. Er glaubte, es läute Marie ihrer Kammerfrau, um zu Bette zu gehen, und ging die Treppe hinunter. Kaum aber hatte er einige Stufen hinter ſich, da hörte er die Thüre, die er ſo eben geſchloſſen, heftig aufgehen, und ſah einen Be⸗ dienten die Treppe herabrennen, auf der er ſelbſt ſich befand. „Wohin, wohin?“ hatte er den Bedienten ge⸗ fragt. „Ich muß in aller Eile anſpannen laſſen, Herr Graf.“ „Madame will alſo noch ausgehen?“ „Ja, Herr Graf.“ „Nur zu, mein Freund, nur zu!“ Herr von Hermi blieb in Gedanken verſunken. Wo mochte wohl zu ſolcher Stunde ſeine Tochter hingehen? Schon wollte er wieder hinaufgehen; nach reiflicherem 175 Hhen Nachddenken ſetzte er jedoch ſeinen Weg fort. Er ſchickte ſeinen Wagen fort, ließ einen Lohnkutſcher mit ſeinem Cabriolet herbeiholen, kauerte ſich, während an- er das Gefährt einige Häuſer weiter weg ſich auf⸗ ſtellen ließ, an einem finſteren Orte zuſammen, wo un⸗ er nicht geſehen werden konnte, und wartete. rch⸗ Es mochte eine Viertelſtunde verfloſſen ſein, als er das große Hausthor aufging, um den Wagen der uld Frau von Bryon hinauszulaſſen. ren Der Graf ſtieg nun in ſein Cabriolet und be⸗ um fahl dem Kutſcher, mit dem voranfahrenden Wagen mer gleichen Schritt zu halten, was nichts Leichtes war; aber Herr von Hermi zeigte einen Louisd’or, und icht nun bekam, wie durch einen Zauber, das Pferd wie⸗ des der Füße, ſo daß es ihm gelang, immer etwa vierzig arie Schritte hinter dem Coupé zu ſein. Der große Wa⸗ ing gen aber fuhr über die Brücke der Saints⸗Pères nige durch den Thorweg des Louvre, ſowie über den Car⸗ ſo ruſſelplatz; darauf ſchlug er die Dauphineſtraße, die Be⸗ St. Rochusſtraße, die Michodiereſtraße ein, durchſchnitt ſich das Boulevard, und hielt in der Taitboutſtraße vor Numer... ge⸗ Herr von Hermi hatte einen Augenblick den gräßlichen Gedanken gehabt, es möchte Marie zu werr. Leon gehen; als er jedoch wahrnahm, daß der Wa⸗ gen den genannten Weg einſchlug, hatte er zu ſeiner großen Freude geſehen, daß er ſich geirrt. Es konnte Marie ihm ja denn doch die Wahrheit geſagt haben; und vielleicht wurde ſie durch eine Sache, deren Laſt W ſie Immanuel abnehmen wollte, bewogen, ſo allein en? und in der Nacht auszugehen. 176 Er ſah, wie ſeine Tochter ausſtieg und in Nu⸗ mer... hineinging. Fünf Minuten darauf klopfte auch er an dem Hausthore, da er ſie aus dem bezeichneten Hauſe nicht wieder herauskommen ſah. Heftig pochte dem armen Vater das Herz. Er ging ins Haus hinein, machte die Thüre des Pförtnerſtübchens auf und ſprach zu dem Manne, den er dort fand: „Es iſt eben eine Dame hereingekommen?“ „Ja.“ „Zu wem geht ſie?“ 1 Der Pförtner wußte nicht, was er ſagen ſollte. Da ließ der Graf einen Louisd'or glänzen, den näm⸗ lichen, der dem Pferde Füße gemacht und nun dem ehrlichen Cerberus ſeine Stimme wieder gab. Kö⸗ nig Philipp von Macedonien hatte wohl Recht, wenn er ſagte, es ſei mit einem goldenen Schlüſſel jegliche Thür zu öffnen. „Wo geht ſie hin?“ ſprach der Graf abermals. „Zu einer Dame.“ „Und wer iſt dieſe Dame?“ „Madame Julia Lovely.“ „Was treibt dieſe?“ Hier lächelte der Pförtner. „Nun, ſo antworten Sie doch!“ „Je nun, es iſt ein Frauenzimmer, das ſich un⸗ terhalten läßt, wenn ich Ihnen die Wahrheit ſagen ſoll. Im Uebrigen iſt ſie eine recht ruhige Perſon; auch haben wir uns in keiner Weiſe über ſie zu beklagen. Sie wiſſen, es kann Jeder thun, was er will.“ Dem Grafen aber trat ein kalter Schweiß auf 477 die Stirn. Es war ihm die Sache immer noch nicht klar; nur ſo viel ſah er ein, daß es irgend etwas Schimpfliches ſein müſſe, was ſeine Tochter in der Nacht und in ſo myſteriöſer Weiſe zu einem Frauen⸗ zimmer ſolchen Schlages führen könne. Indeſſen that er ſich Zwang an, und fuhr alſo fort: „Iſt dieſe Dame ſchon oft hierher gekommen?“ „Wir haben ſie unſeres Wiſſens noch nie hier geſehen,— nicht wahr, Frau?“ ſagte der Pförtner, der ſeine zwanzig Franken auch verdienen wollte. „Noch nie,“ beſtätigte die Frau des Pförtners. „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Oh, ganz gewiß.“ „Ganz gut, mein Freund. Wollen Sie mir nun wieder aufmachen?“ Zu gleicher Zeit warf der Graf den Louisd'or auf den Tiſch des Pförtners, worauf dieſer, ſich ver⸗ neigend und dankend, gehorchte. Nachdem der Graf das Hausthor hinter ſich ge⸗ ſchloſſen, betrachtete der gute Alte den Louisd'or auf⸗ merkſamer. „Von 1815“ ſagte er. Und er ließ das Goldſtück klingeln, indem er es auf den Tiſch hinwarf, um ſich zu verſichern, ob es auch gut wäre. „Und wenn ich bedenke, daß ich ſchlief!“ fuhr der Portier fort. „Es beweist dieß eben, daß man ſein Glück im Schlafe machen kann, Mann!“ Dieſer Spaß machte die beiden Cheleute lachen. Was den Grafen betrifft, ſo ſtieg er, von Schre⸗ cken halb gelähmt und die Augen voller Thränen, Dumas d. J, ein Frauenleben. II. 12 wieder in ſein Cabriolet, und wartete trotz der Kälte und des Nordwinds. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Julia blickte Marie an. Sie war ſtärker, als dieſe; ſie hatte Nichts zu fürchten,— ſie triumphirte. Gleichwohl bewirkte ein leichtbegreifliches Schamge⸗ fühl, daß ſie dieſes Schweigen nicht zuerſt zu brechen wagte. Denn Marien gegenüber konnte ſie nicht mehr, wie bei Leon, ihr ganzes Spiel zeigen; im Gegentheil, es mußte Frau von Bryon von Julia mit der Ueber⸗ zeugung fortgehen, daß dieſe in ihrem Rechte ſei, in⸗ dem ſie ſo gehandelt, ſowie daß ſie ſelbſt nur ſich anklagen könne wegen des Unglücks, das da Statt gefunden. Ihrerſeits war Julia zu geſcheidt, um ſich nicht auf der Stelle mit der Rolle zu identificiren, die ſie nun zu ſpielen hatte; jedoch blieb ſie vor der Hand noch ſtumm. Und die junge Frau anſchauend, konnte ſie nicht umhin, bei ſich ſelbſt zu ſagen: Wahr⸗ lich, ſie iſt ſchön! Es blieb alſo Marien Nichts übrig, als zuerſt das Wort zu nehmen. „Wir ſind doch allein, Madame?“ fragte ſie. „Ganz allein.“ „Sind Sie wirklich Madame Julia Lovely?“ „Ja, ich bin es.“ „Und ſind Sie es, die vor einer Stunde an mich geſchrieben?“ Julia machte ein bejahendes Zeichen. tälte —— 179 „Wiſſen Sie auch, was Sie da gethan, Ma⸗ dame?“ „Ich weiß es.“ jis hoben mich zu Grunde gerichtet.“ u- „Sie haben das Leben eines Mannes gebrochen.“ „Ja.“ „Sie haben die Zukunft meiner Tochter ver⸗ nichtet.“ „Ja.“ „Sie haben das Alles gewußt, Madame, und haben es dennoch gethan?“ Julia begriff, daß ſie grauſam ſein müſſe, um eine Ausrede zu haben. „Ja,“ bemerkte ſie abermals, den Kopf auf eine Hand ſtützend und ihre Nebenbuhlerin ſtarr an⸗ blickend. „Sie haſſen mich alſo gewaltig?“ „Ja, ich haſſe Sie!“ „Und was habe ich Ihnen gethan?“ „Was Sie mir gethan! Sie fragen mich das erſt noch! So will ich es Ihnen denn ſagen. Stets, ſtets ſind Sie mir im Wege geſtanden; nothwendig, in verhängnißvoller Weiſe. Sie waren es, die alle meine theuerſten Hoffnungen knickte. Ich war Im⸗ manuels Geliebte, als er Sie zu lieben angefangen; ich war Leons Geliebte, als dieſer Ihr Liebhaber geworden; und es muß zwiſchen uns Beiden alle Unſchlüſſigkeit aufhören, wenn ein Mann zwiſchen uns zu wählen hat: ſind Sie doch jünger, ſchöner, als ich, und geben Sie ſich doch preis, ohne daß Sie ſich jemals verkauft. Sehen Sie, darum haſſe ich 180 Sie, darum habe ich Alles vernichten mollen, wo⸗ durch Sie über mir ſtehen, Ruf, Familie, Liebe, Tu⸗ gend; um die Statue zum Fallen zu bringen, habe ich das Fußgeſtell weggeriſſen.“ „Mein Gott! mein Gott!“ wiederholte Marie unter Thränen.„Was ſoll aus mir werden?“ „Es wird eben aus Ihnen werden, was aus den Frauen wird, die ihre Männer hintergehen. Oh! Immannel iſt kein gewöhnlicher Gatte; ich kenne ihn, und darum räche ich ihn auch. Wie haben Sie, da Sie doch von dieſem Manne geliebt wurden, es über ſich gewinnen können, ihn einem Andern zu lieb — wer immer dieſer ſein mochte— zu hinter⸗ gehen?“ „Sie ſelbſt ſind ja aber die Geliebte dieſes Andern?“ „Ah! Sie erweiſen mir die Ehre, uns Beide gleich hoch zu ſtellen! Wie! die tugendhafte Marie von Bryon und die Liebedienerin Julia Lovely ſollen von nun an gleichviel gelten,— ſollen von nun an gleichviel werth ſein! Wohl hatte ich mich auf einen Sieg gefaßt gemacht, nie aber, ich geſtehe es Ihnen, hätte ich einen ſo vollſtändigen gehofft.“ „Ich bin unendlich unglücklich!“ wiederholte Marie, vernichtet, erſchöpft, außer Stand, ihre Ge⸗ danken zu ordnen, und jeden Augenblick wähnend, ſie würde nun wahnſinnig werden. „Ja, ich begreife, daß Sie nicht wenig ausſtehen müſſen,“ ſprach Julia.„Wer hätte Ihnen, die auf der Spitze der geſellſchaftlichen Leiter geboren, wohl je geſagt, daß Sie einſt bis auf die letzte Sproſſe herunterkommen würden, um ſich von einer Dirne, —„ —2 8/———aͤ=S—— 752 88SA g5=E=EVAͤs Z 8ͤͤ ——O— — inen nen, volte Ge⸗ end, ehen auf vohl roſſe erne, 181 wie ich bin, Ihre Ehre wieder geben zu laſſen? So hatte ich denn Recht, daß ich euch verachtete, euch Frauen, die ihr den Kopf wegwandtet, wenn man zufällig über uns mit Euch ſprach. Ich that alſo, wenn ich ſo allein war, wohl daran, daß ich euch ewigen Haß ſchwor; ich habe alſo wohl daran ge⸗ than, daß ich mich durch einen Schlag für alle Ver⸗ achtung, die mir geworden, räche. Oh, die Geſchichte wird in unſerm Paris Aufſehen machen!“ „Madame,“ ſprach Marie, die nur noch bitten konnte,„ſagen Sie mir doch im Namen des Him⸗ mels, daß Alles dieß nur ein böſer Traum, daß Sie mich nur einen Augenblick haben quälen wollen; nun aber, da Sie ſehen, wie ich leide, werden Sie mir hoffentlich ſagen, daß Sie mich zum Beſten ge⸗ habt, daß Sie nicht eine Frau haben zu Grunde richten wollen, die Ihnen zwar, ohne es ſelbſt zu wiſſen, Etwas zu leid gethan, die aber Sie ſegnen wird, ſo Sie ſie retten,— die Alles thun wird, was Sie nur immer wollen,— die Ihre Sklavin ſein wird. Oh!l wenn Sie wüßten, Madame, was ich ausſtand! Es war meine Mutter eben geſtorben, meine arme Mutter, die ich ſo warm liebte! Es ging dieſer Mann mir keinen Augenblick von der Seite. Retten Sie mich, Madame, retten Sie mich, im Namen des Himmels, im Namen Immanuels, den Sie geliebt, im Namen meines Vaters, im Na⸗ men meines Kindes, im Namen von Allem, was es wißder Welt Heiliges geben kann! Oh, retten Sie mich!“ „Sie hatten alſo,“ erwiderte Julia kalt, indem ſie ſich auf ihr Bett ſtützte und das arme, zu ihren 18² Füßen liegende Geſchöpf anſchaute,„Sie hatten alſo eine Mutter, deren Andenken Sie anrufen können, einen Vater, der nur in Ihnen lebt, einen Gatten, den Sie ſelbſt gewählt, ein Kind, einen Engel, der Sie Mutter nannte, einen großen Namen, ein großes Vormögen,— und das Alles haben Sie in den Koth geworfen, ehe Sie noch zwanzig Jahre alt ge⸗ worden! Sie lieben ihn alſo ſehr, dieſen Mann?“ „Wer ſagt Ihnen denn, daß ich ihn liebe, Madame?“ „Sie lieben ihn alſo nicht?“. „Nein.“ „Wie, Sie lieben ihn nicht!“ wiederholte Julia, deren Augen mit einem Male von einer entſetzlichen Freude erglänzte.„Sie lieben einen Andern?“ „Ja,“ murmelte Marie ſchluchzend. „Vielleicht gar Ihren Gatten?“ Marie machte ein Zeichen der Bejahung. „Oh!...“ rief Julia mit unheilverkündendem, mit recht unheimlichem Lachen aus,—„ſo ſind Sie denn ein unendlich ſchlechteres, verdorbeneres Weſen als ich! Gehen Sie, Madame! Hätte ich das ge⸗. wußt, ich hätte Sie Ihren Gewiſſensbiſſen allein überantwortet, und hätte die Strafe nicht beſchleu⸗ nigt. Sie lieben alſo Ihren Gatten, mithin können Sie ſich auch mit Nichts entſchuldigen, und dennoch kommen Sie zu mir und verlangen, von mir geret⸗ tet zu werden! Wollen Sie wiſſen, womit ich mich entſchuldigen könnte, ich, die von Ihresgleichen ver⸗ achtet wird? So hören Sie! Meine Mutter ſtarb vor Hunger, mein Vater ſchlug ſie alle Tage; nur ein Mal haben ſie ſich verſtanden, an dem Tage, * ——— 183 an dem ſie mich verkauft; ich war dazumal ſechzehn Jahre alt! Und wollen Sie nun auch wiſſen, Ma⸗ dame, wie ich ſie geſtraft, ich, die das Recht hatte, ſie zu ſtrafen? So hören Sie! Ich habe ſie ge⸗ pflegt, wenn ich ſie auch nicht geliebt; ich habe ſie reich, wenn vielleicht auch nicht glücklich gemacht, und nur ungern ſind ſie geſtorben. Sehen Sie, ſo war meine Kindheit, ſo war meine erſte Jugend, ſo war mein Ausgangspunkt. Noch bin ich jung, und gleich⸗ wohl habe ich vielleicht ſchon fünfzig Liebhaber ge⸗ habt: nicht wahr, es iſt das ſcheußlich? Wohlan! in den Augen Gottes, die auf uns Beide hernieder⸗ ſchauen, halte ich mich für minder ſchuldig, als Sie; neben Ihnen ſtehe ich faſt wie eine Heilige da; ich verachte ſie,— Sie, die das Alter eines unbeſchol⸗ tenen Vaters zu einem verzweifelten gemacht,— Sie, die das Leben eines geliebten Gatten unglücklich ge⸗ macht,— Sie, die das Leben eines Kindes, welches an Ihren Fehltritten unſchuldig iſt, zu einem ver⸗ fluchten gemacht.“. „Sie haben Recht, Madame,“ entgegnete Marie, „und ich gelobe Ihnen, daß ich gehörig geſtraft bin. Was ſoll ich anfangen? Wohin ſoll ich gehen? wiederholte ſie, auf die Blumen des zu ihren Füßen liegenden Teppichs niederſchauend, jedoch ohne die⸗ ſelben zu ſehen.„Ich bin ein widerwärtiges, lang⸗ weiliges Geſchöpf, nicht wahr, Madame?— bin recht verächtlich, wie Sie eben ſelbſt geſagt. Ja, Sie ha⸗ ben Recht: auf einen Schlag habe ich Namen, Glück, Vater, Tochter und Gatten verloren. Ich bin es, die all dieſes Unheil angerichtet,— ja, ich allein bines! — 184 Und doch war ich ſo glücklich! Ach! warum iſt meine Mutter geſtorben?“ Alles dieß war in ſo kläglichem Tone geſprochen, daß Julia ſelbſt Etwas wie Herzbeklemmung ver⸗ ſpürte. „Es iſt alſo Alles aus,“ fuhr Marie fort, in⸗ dem ſie aufſtand.„Verzeihen Sie mir, Madame, daß ich Ihnen Kummer verurſachte, denn Sie lieb⸗ ten Herrn von Grige, und um meinetwillen hat der⸗ ſelbe aufgehört, Sie zu beſuchen, wo nicht, Sie zu lieben, denn Sie ſind ſchön und im Grunde gut; ich allein bin hier die Schuldige: an Ihnen iſt es, mir zu verzeihen.“ Und alſo ſprechend bot Marie der Lovely ihre Hand hin,— eine Hand, welche dieſelbe indeſſen nicht zu nehmen wagte. „Es wird ohne Zweifel ein großes Unglück dar⸗ aus entſtehen,“ ſprach Marie weiter, ihre Hand zu⸗ rückziehend und über die Weigerung Julia's, ihr die ihrige zu geben, ſich täuſchend;„ich bitte Sie aber im Voraus, darüber keine Reue zu empfinden; ich bin es, die an Allem Schuld iſt, und abermals bitte ich Sie um Verzeihung. Leben Sie wohl, Madame!“ Wankend machte Marie einige Schritte. Wider ihren Willen ſtreckte Julia beide Hände aus, um ſie mit ihren Armen aufzufangen, da ſie wirklich glaubte, es würde die arme Frau hinfallen. Marie nahm dieſe Vewogung wahr und dankte ihr mit einem Blick. Als Julia dieſen ſo ſanften und zugleich ſo trau⸗ rigen Blick ſah, ſchämte ſie ſich deſſen, was ſie ge⸗ 185 than, denn man konnte unmöglich einen peinlicheren Ausdruck des Schmerzens ſehen. „Madame,“ ſprach nun Julia,“ hätte ich dieſe Briefe noch, ſo würde ich ſie Ihnen zurückgeben; aber es ſind dieſelben bereits fort.“ „Ich danke Ihnen, Madame, für den guten Willen, den ſie da an den Tag legen,— ich danke Ihnen recht ſehr, aber es geſchehe der Wille Gottes!“ Und mit dieſen Worten legte Marie die Hand auf den Thürgriff. Trotz alle dem war Julia eben doch ein Weib, und ſo verdorben auch das Herz eines Weibes ſein mag, ſo iſt es doch dem Mitleid immer durch dieſe oder jene Fiber zugänglich. Es war ein Augenblick, wo ſie all das Ihre gern hingegeben hätte, um Marie retten zu können. „Vielleicht aber gibt es doch noch ein Mittel,“ ſprach ſie etwas unſchlüſſig, denn nicht nur war es ſonderbar, daß ſie ein Mittel zur Rettung angeben wollte, ſondern ſie begriff auch, daß dieſes ihr Mit⸗ tel Marie in der Würde ihres Schmerzes verletzen würde. „Was für eines?“ fragte Frau von Bryon. „Sie müßten alsbald nach C.... abreiſen und die Sache ſo zu ordnen ſuchen, daß Sie ſelbſt dieſe Briefe in Empfang nähmen und auf die Seite brächten.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Marie, die Augen niederſchlagend, da dieſer Rath ſie wider ihren Wil⸗ len demüthigte;„es iſt wahr, es wäre dieß ein Mit⸗ tel, indeſſen werde ich nie die Stärke haben, dazu zu greifen. Abermals, immer lügen,— wozu das? 186 Beſſer iſt es, auf der Stelle zu ſterben. Gleichwohl bin ich Ihnen verbunden, Madame, denn ich werde mit dem Bedauern ſterben, daß ich Ihren guten Rath nicht befolgt.“ Hier öffnete Marie die Thüre und entfernte ſich, ohne auch nur ein Wort hinzuzuſetzen. Sie mußte ſich an dem Treppengeländer halten, damit ſie nicht fiel; endlich ſtieg ſie wieder in ihren Wagen und bemerkte— ebenſo wenig als beim Herkommen das Cabriolet, das ihr nachfuhr. Julia blieb allein, faſt von Schrecken ergriffen über das, was ſie gethan, denn ihrem Gewiſſen gegenüber wußte ſie wohl, daß es eine Schändlich⸗ keit ſei, die lediglich keinen Grund habe, die ſich nie entſchuldigen, nie verzeihen laſſe. „Ich muß eben die Geſchichte ganz vergeſſen,“ murmelte ſie vor ſich hin. Dann klingelte ſie. „Ein Glas und die Rumflaſche!“ ſprach ſie zu Henrietten. „Madame...“ hob die Kammerfrau, die Etwas zu drücken, und die ein Geheimniß ablegen zu müſſen ſchien, auf’'s Gerathewohl an. „Gehorch' und mach' geſchwind!“ antwortete Julia. „Es geht im Hauſe etwas Neues vor; Madame iſt von Kummer geplagt; ſie trinkt Rum,“ ſprach Henriette zu Johann. Eine Stunde darauf ſchlief Julia, auf ihrem Bette ausgeſtreckt, einen heiſeren und fieberhaften Schlaf. Sie hatte die Hälfte der Flaſche getrunken, die man ihr gebracht. 187 Als Henriette auf den Zehenſpitzen in Julia's Zimmer hineingetreten war und geſehen hatte, was wir eben berichtet, zog ſie ſich zurück mit den Woͤrten: „Nun, ſo ſage ich ihr erſt morgen, was ich ge⸗ than!“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Todblaß, mit ſtarrem Blick, mehr einer wan⸗ delnden Bildſäule, denn einer mit Fleiſch bekleideten Perſon, gleich, kam Marie nach Hauſe. In ihrem Zimmer angekommen, ließ ſie ſich auf einen Seſſel niederfallen; zu Nichts mehr hatte ſie die nöthige Kraft, nicht einmal mehr zum Beten; ihr Kopf. ſchien ganz leer zu ſein. Vergangenheit, Gegenwart, Zu⸗ kunft,— Alles ging bei ihr in einem und demſel⸗ ben Schmerze auf. Sie befand ſich in einem Zu⸗ ſtande, wo man fühlt, daß man unmöglich mehr leiden kann, als man ſchon leidet, wo man aber über das, was man empfindet, weder vernünftig ur⸗ theilen, noch es bekämpfen, noch es analyſiren kann. In einem ſolchen Zuſtande entfährt dem Munde dann und wann ein Wort, das weder aus dem Kopfe, noch aus dem Herzen kommt, und den Lippen nur zu entfallen ſcheint, um den Körper daran zu erinnern, daß er immer noch ſeine Fähigkeiten habe, wenn auch die Seele dieſelben nicht mehr alle beſitzt. .„SSterben, ja, es muß ſein,“ das waren die ein⸗ zigen Worte, welche Marie hervorbrachte, die, die Augen immer auf einen und denſelben Fleck des Bodens geheftet haltend, mit der Hand über die 188 Stirne fuhr und ihr Haar heftig zurückſchob, wie wenn daſſelbe allzuſchwer wäre. „Was iſt Dir denn, mein Kind?“ fragte Ma⸗ rianne, Frau von Bryon ſich nähernd und vor ſie hinkniend. „Ah, Du biſt es, Marianne! Gut, gut! Du weißt wohl, arme Marianne, daß es um mich ge⸗ ſchehen iſt. Es bringt mich Immanuel um, wenn ich nicht vor ſeiner Rückkehr ſterbe.“ „Was ſagſt Du da, Kind? Du wirſt ja ver⸗ rückt! Komm' doch wieder zur Vernunft, ums Him⸗ mels willen!“. „Ahl es iſt wahr,“ hob Marie wieder an,„ich habe Dir noch Nichts geſagt: oh! es iſt recht traurig. Ich, die ich meine Tochter ſo ſehr liebte— du mein Gott! wie hat doch nur Alles das geſchehen können!”“ „Nun, ſo ſag' mir doch Deinen Kummer, mein Kind!“ fuhr die alte Frau fort.„Sag' mir, was Dich ſo ſchwer drückt: bin ich Dir nicht eine zweite Mutter,— kann ich Dir keinen guten Rath geben, — liebſt Du mich nicht mehr?“. „Ja, Du liebſt mich, Alles liebt mich,— und ich, ich habe Jedermann hintergangen, Marianne, liebe, gute Marianne!... Und die arme Frau, die zum Glücke wieder Thrä⸗ nen fand, warf ſich weinend ihrer Amme in die Arme und blieb darin einige Augenblicke, ohne daß ſie den Muth gehabt hätte, mit der peinlichen Ge⸗ ſchichte dieſes Tages zu beginnen. Da ließ ſich in dem Vorzimmer mit einem Male ein heftiges Klingeln hören. 189 Marie ſtieß einen Schrei aus. „Er iſt es!“ ſagte ſie voller Schrecken. „Wer, er?“ fragte Marianne, aufſtehend und unwillkührlich von dem gleichen Schrecken ſich erfül⸗ len laſſend. „Er, Immanuel, der jetzt kommt, um mich um⸗ zubringen!“ Und Marie verbarg ſich eiligſt in der Tiefe ihres Zimmers. Wiederholtes Klingeln. „Es kann das Dein Mann nicht ſein,“ ſprach Marianne;„er kann noch nicht zurück ſein.“ „Mach' auf!“ ſagte Marie mit erloſchener Stimme. „Ich bin auf Alles gefaßt.“ Und Marianne, die allein aufgeblieben war, um ihre Herrin zu erwarten, und die ganze übrige Dienerſchaft hatte zu Bette gehen heißen, ging hin⸗ aus, um die Thüre aufzuſchließen. Es war Leon, der geklingelt hatte. „Iſt Frau von Bryon daheim?“ fragte er. „Ja, Herr Marquis,“ antwortete Marianne. „Ich muß unverweilt mit ihr ſprechen.“ Und der Marquis durchſchritt das Vorzimmer, ohne auf eine Antwort von Mariannen zu warten, welche die Thüre wieder ſchloß mit den Worten: „Was geht vor, und was wird geſchehen?“ Und die würdige Frau ſandte ein ſtilles Gebet zu Gott empor. Leon trat in das Zimmer, in dem Marie ſich befand. „Abermals und immer wieder dieſer Menſch!“ murmelte ſie vor ſich hin. . „Marie, ich mußte Sie durchaus ſehen,“ bemerkte Herr von Grige, auf Frau von Bryon zugehend. „Ich weiß Alles, Sie haben mich in's Verder⸗ ben geſtürzt: weichen Sie von mir! Sie waren der Geliebte einer Frau und haben niederträchtiger Weiſe und mit kaltem Blute eine andere Frau entehrt, die Ihnen Nichts zu Leid gethan hatte, die Sie nicht liebte, die Sie jetzt noch nicht liebt.“ „Marie, Sie ſind recht grauſam gegen mich. Wir ſind die Opfer eines Verhängniſſes, aber ich ſchwöre Ihnen bei meiner Chre, daß Sie mir Nichts vorzuwerfen haben.“ „Was wollen Sie alſo von mir? Ich bin Ihre Geliebte, ich gehöre Ihnen, und Sie kommen zu ſolcher Stunde und ſuchen mich ſogar an der Wiege meiner Tochter auf.“ „Marie, ich habe eben mit Ihrem Vater ge⸗ ſprochen.“ „Mit meinem Vater! Er weiß alſo Alles!“ rief die arme Frau. „Im Gegentheil, er weiß noch Nichts.“ „Oh, möge er die Wahrheit möglichſt ſpät er⸗ fahren!“ „Hören Sie, Marie, ich begreife, daß ich Ihnen in dieſem Augenblicke zuwider bin, da ich es bin, der Sie in's Verderben ſtürzt; indeſſen muß ich Ih⸗ nen wiederholen, daß ich mir lediglich Nichts vorzu⸗ werfen habe, als die unermeßliche Liebe, welche Sie mir eingeflößt; und gerne gäbe ich in dieſem Augen⸗ blicke mein Leben, ja meine Chre hin, wenn ich Ih⸗ nen eine von den Thränen erſparen könnte, die Sie vergießen.“ nen in, Sie en⸗ Ih⸗ Sie 191 „Wo haben Sie meinen Vater geſehen?“ hob Marie wieder an. „An Ihrer Hausthüre, denn ich kam eben her, um Sie zu ſehen,— denn ich mußte Sie durchaus ſprechen,— denn die Unruhe brachte mich um.“ „Was machte er da?“ „Er war Ihnen nachgefahren. Er wußte, woher Sie kamen.“ „Unglückliche, die ich bin!“ „Auch er wollte Sie ſehen, denn er fragte ſich, was wohl Sie, ſeine Tochter, zu jener vermaledeiten Julia habe führen können. Ich habe ihn aber wie⸗ der beruhigt, indem ich ihn getäuſcht. „Was haben Sie zu ihm geſagt?“ „Es galt Sie zu retten, Marie.“ „Nun, was haben Sie denn zu ihm geſagt?“ „Ich habe geſagt, es ſei Herr von Bryon der Liebhaber jenes Weibes geweſen; Sie hätten es er⸗ fahren, und wären eiferſüchtig geworden, und wären durch dieſe Ihre Eiferſucht zu dieſem Schritte bewo⸗ gen worden!“ „Sie haben da gelogen. Viel beſſer wäre es geweſen, wenn Sie mich, die ich ſchuldig bin, ange⸗ klagt hätten, während Sie ihn anklagten, der doch unſchuldig iſt.“ „Er iſt der Liebhaber dieſer Julia geweſen, Marie.“ „„Sie ſind es ja auch, Sie! Seine Vergangen⸗ heit aber geht mich Nichts an.“ „Es galt, Ihren Vater jetzt nicht heraufkommen zu laſſen. Marie, verzeihen Sie mir, es galt, ſeinen Verdacht abzulenken.“ 192 „Und warum haben Sie ihn verhindert, mich zu ſehen?“ „Weil ich ſelbſt Sie ſprechen mußte.“ „Nun, was haben Sie mir zu ſagen, was ich nicht ſchon wüßte? Daß ich Ihnen gehöre, das weiß ich leider; daß ich Ihre Geliebte, daß ich verflucht bin, daß mir Nichts mehr übrig bleibt, als zu ſter⸗ ben,— mein Gott, weiß ich nicht Alles das? Was hatte ich Ihnen zu Leide gethan, daß Sie mich zuerſt in der Tiefe meiner Liebe und dann in der Tiefe meines Schmerzes aufſuchten? Habe ich Sie denn je geliebt,— liebe ich Sie ſogar jetzt? Was wol⸗ len Sie von mir wiſſen? Daß ich Immanuel liebe, iſt wahr; daß ich nur ihn liebe, wiſſen Sie ebenſo gut, wie ich; daß ich Sie verachte, Sie, der zu gleicher Zeit zwei Frauen hintergangen; daß ich Sie verwünſche, Sie, der meine Ehre, der meinen guten Ruf, der mein Leben, der das Theuerſte, was ich auf dieſer Welt habe, der mir Vater, Gatten, Toch⸗ ter gemordet,— will ich Ihnen jetzt ſagen. Oh! möge Gott Ihnen vergeben; ich aber, ich werde und kann Ihnen niemals vergeben,— nein, nein, nim⸗ mermehr!“ Und es ſank Marie, durch ſo viele Gemüthsbe⸗ wegungen erſchöpft, auf ein Canapee hin, indem ſie ſich mit beiden Händen das Geſicht bedeckte. „Was haben Sie gethan, Herr Marquis?“ ſprach Marianne. „Marie, mein liebes Kind, komm' doch wieder zu Dir; der Herr iſt gütig, er wird Deinen Kum⸗ mer ſehen und Dich frei ſprechen.“ „Marie,“ fuhr Leon fort, indem er ſich vor ſei⸗ 193 ner Geliebten auf die Knie niederließ und ihre bei⸗ den Hände ergriff,„klagen Sie mich doch nicht an: ich liebte Sie, daß ich darüber faſt wahnſinnig wurde. Ja, ich habe Ihre Schwäche, habe Ihren Schmerz benützt; ja, denn ich wollte, daß Sie mein ſein ſoll⸗ ten. Iſt es meine Schuld, wenn Sie ſchön ſind? Iſt es meine Schuld, wenn ich Sie liebe? Iſt es meine Schuld, wenn Sie meinen Namen nicht führen? Hören Sie mich an, Marie! Was ich ſchon vor zwei Jahren gewollt, das will ich auch heute noch; ich achte und verehre Sie gleich einer Heiligen. Könnten Sie ſchon morgen meine Frau ſein, ſo wäre es mir die höchſte Wonne, Ihnen als Gatte zur Seite zu ſtehen. Ich weiß, Sie ſind unglücklich, Sie ſind verloren, aber es bleibt Ihnen meine Liebe, — meine Liebe, die ſo groß iſt, daß ſie einſt Alles erſetzen wird, was ſie Ihnen heute raubt. Schauen wir nicht mehr auf die Vergangenheit zurück, es iſt dieſelbe todt; werfen wir ein Todtentuch darüber! Blicken wir auf die Zukunft, die uns Beiden noch lächeln kann!“ „Unmöglich!“ murmelte Marie. „Sie zweifeln an Gott!“ „Ich zweifle an Allem, vor Allem an mir, und. vor Allem an Ihnen!“ „Marie, kennen Sie ein Mittel, glücklich zu ſein, wofür ich Leben, Blut, Seele laſſen müßte? Spre⸗ chen Sie: um Sie zu retten, würde ich ſelbſt den Namen meiner Mutter beſchimpfen!“ „9 Mutter, Mutter, arme Mutter!“ ſprach Marie.„Von Allem dem wäre Nichts goſchehen, 14 Dumas d. J, ein Frauenleben. II. 194 wenn ſie nicht geſtorben wäre! Oh! Gott hatte mich verlaſſen, ich ſehe es nun wohl.“ „Marie, es ſind die Augenblicke koſtbar,“ fing Leon wieder an.„Morgen wird Ihr Gatte Alles wiſſen.“ Ja.“ Wiſſen Sie, was er thun wird?“ „Er bringt mich um.“ „Und was wird aus mir werden?“ „Sie werden mich vergeſſen, werden eine Andere lieben, und damit wird Alles aus ſein.“ „Sie wiſſen wohl, daß das nicht möglich iſt.“ „Und doch wird es ſo kommen.“ „Hören Sie, Marie, Ihr Mann darf bei ſeiner Rückkunft Sie nicht mehr hier finden.“ „So muß ich denn ſterben.“ „Nein, fliehen müſſen Sie.“ „Etwa mit Ihnen?“ „Ja, mit mir.“ „Nie,— nimmermehr!“ „Sie lieben ihn alſo?“ „Ja, ich liebe ihn.“ „Wie wird aber dann die Welt das, was Sie gethan, entſchuldigen?“ „Haben Sie mich das zu fragen?“ „Da ich Sie nun doch einmal ins Verderben ſtürzen muß, Marie, ſo weiß ich ſchon, was ich zu thun habe,“ ſprach Leon, indem er ſich wieder erhob. „Ja, was werden Sie thun?“ „Hier werde ich Herrn von Bryon erwarten und denſelben niederſchießen.“ I 7/ nich ing lles Sie 195 „Wie! ihn?“ rief Marie.„Ihn, Immanuel, wollen Sie umbringen! Oh! machen Sie mit mir, was Sie wollen, mein Herr!“ „Sie wollen alſo mit mir gehen?“ „Mein Gott!“ ſchluchzte die arme Frau, den Kopf in den Kiſſen des Canapees verſteckend,„iſt Alles, was ich ſehe, iſt Alles, was ich höre, iſt Alles, was da kommt, wirklich möglich? Iſt es in zwei Jahren mit mir wirklich dahin gekommen,— mit mir, mir? Was wird mein armer Vater dazu ſagen? Ohl das Unheil, das Sie angerichtet, wird unberechenbar ſein.“ 4 „Denken Sie ein bischen nach, Marie: ſieht man nicht alle Tage, was jetzt geſchieht? Hat das Herz nicht ſeine Verirrungen? Geſchieht es nicht alle Tage, daß man, an einen Mann verheirathet, einen Andern lieb gewinnt und ſeinen Gatten ver⸗ läßt?“ „Die, welche lieben, haben wenigſtens eine Aus⸗ rede,“ murmelte Marie. „Oh! Sie ſind grauſam!“ bemerkte Leon. „Verzeihen Sie mir,“ ſprach Frau von Bryon, ihrem Liebhaber die Hand hinreichend;„verzeihen Sie mir, ich bin verrückt! Ja, ich liebe Sie, ja, ich muß Sie lieben,“ ſetzte ſie mit Nachdruck hinzu;„denn welchen Namen würde man mir geben nach dem, was vorgefallen iſt, wenn ich Sie nicht liebte? Was haben Sie eben geſagt?“ „Daß Herr von Bryon bei ſeiner Rückkehr Sie nicht mehr hier finden dürfe.“ „Sie haben Recht,“ antwortete Marie gleichſam 196 auf's Gerathewohl, indem ſie ſich die Augen ab⸗ wiſchte und wieder einige Ruhe zu gewinnen ſuchte. „Sie müſſen Paris verlaſſen.“ „Ja.“ „Sogar Frankreich.“ „Ginge ich ſelbſt an's Ende der Welt, ſo wäre das immer noch nicht weit genug; denn ich werde meine Gewiſſensbiſſe überall hin mitnehmen.“ „Sprechen Sie doch nicht ſo, Marie!“ „Somit muß ich Alles verlaſſen,— meinen Vater, das Zimmer, wo meine Mutter geſtorben, und das ich hatte gleich einem Heiligthum unver⸗ ſehrt erhalten wollen,— meinen Mann, der mich verfluchen,— meine Tochter, die vergebens nach mir rufen wird.“. „Wir nehmen ſie mit.“ „Und was wird dann er noch haben?“ „Es dauert das Unglück nicht ewig; es wird ein Tag kommen, wo Ihnen Alles, was Sie lieben, wieder gegeben wird.“ Marie ſchüttelte den Kopf zum Zeichen des Zwei⸗ fels. Sie war völlig vernichtet. Sie beſaß nicht mehr die Kraft, ſich gegen den Willen des Mannes zu vertheidigen, der ſie ins Verderben geſtürzt. „Ich werde thun, was Sie wollen,“ ſprach ſie. „Gebieten Sie!“ „Ihr Gatte darf Sie nicht mehr ſehen.“ „Weiter!“ „Auch Ihr Vater darf Sie nicht mehr ſehen; Sie würden ihm Alles geſtehen, und dann wären wir verloren.“ „Armer Vater!“ „Morgen, mit Tagesanbruch, müſſen Sie fliehen.“ „Mit Ihnen?“ „Nein, mit Mariannen.“ „Du gehſt alſo mit mir?“ fragte Marie, zu der alten Frau gewandt, jenem armen Weſen, das un⸗ fähig war, Jemand zu beſchützen, und nur weinen und die, welche ſie ihre Tochter nannte, ſtützen konnte. „Gehe ich mit Dir nicht überall hin?“ „Morgen früh um acht Uhr werden Sie Beide ausgehen, wie wenn Sie eine Spazierfahrt machen wollten; Sie werden ſich nach dem Boulogner Wäld⸗ chen fahren laſſen. In der Allee de la Müette wird eine Poſtchaiſe Ihrer warten. Sie werden darein ſteigen, ohne daß Sie zu dem Poſtillon auch nur ein Wort zu ſagen brauchen. Auf der erſten Poſt, wo die Pferde gewechſelt werden, finde ich mich dann mit einem Paſſe bei Ihnen ein. In drei Tagen ſind wir zu Marſeille, in ſechs zu Florenz.“ „Das iſt gräßlich!“ murmelte Marie. „Sie geloben mir, daß Sie Alles das thun wollen?“ „Ich gelobe es Ihnen,“ antwortete ſie mit ſchwa⸗ cher Stimme.„Nur in dieſem neuen Fehltritte liegt für mich die Möglichkeit einer Entſchuldigung,“ dachte ſie.„Was würde die Welt, was würde Immanuel ſelbſt ſagen, wenn ich, nachdem ich ihn dieſem Men⸗ ſchen zu lieb hintergangen, Letzterem nicht einen glänzenden Beweis von Liebe gäbe? Zwar kann ich ſterben; aber hätte ich den Muth, mich hier um⸗ zubringen, inmitten ſo vieler Dinge, die mir ein einſt ſo glückliches Leben ins Gedächtniß zurückrufen? 198 Ach! könnte ich doch wahnſinnig werden und Alles vergeſſen!“ Leon ſchaute Marie an und errieth, was in ihrem Innern vorging. „Sie liebt mich nicht,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, „aber was liegt daran? Sie gehört nun einmal mir, mir allein, und es wird noch ein Tag kommen, wo ſie mich lieben wird.“ Es gab Augenblicke, wo er Julia wegen deſſen, was ſie gethan, weniger zürnte. Lag nicht in die⸗ ſem Anfang einer Verzeihung einige Eitelkeit? Wer weiß, ob Leon im Grunde ſeines Herzens auf dieſe Entführung nicht ebenſo ſtolz war, als er an dem Tage, wo Marie ſich ihm ergeben, glücklich gewe⸗ ſen. Bei gewiſſen Menſchen ſteigert das öffentliche Geſtändniß des Fehltritts, den man ihnen zu lieb und mit ihnen begangen, noch die Liebe, bis ſie ſich endlich aus dieſem Geſtändniſſe gegen die Frau, die es abgelegt, eine Waffe machen. Marie war endlich wieder allein. „So wird denn,“ ſprach ſie, ſich neben die Wiege ihrer Tochter ſetzend,„mein einſt ſo reiner Name ein Futter für alle böſen Zungen werden. So wird man denn, wenn man von mir ſpricht, ſagen: Die Geliebte des Herrn von Grige. So iſt denn mein ganzes Leben gebrochen. So vermag denn von mei⸗ nem vergangenen Leben Nichts mehr Etwas über mein künftiges Leben, weder meine von lachenden Erinnerungen erfüllte Kindheit, noch das Andenken meiner Mutter, noch die Freundſchaft Clementinens, die um dieſe Stunde in ihrer Keuſchheit als Gattin und Mutter ruhig ſchläft. Was wird ſie wohl von — 199 mir denken, wenn ſie Alles das erfährt? Ohl ſie wird mich verachten, und zwar mit Recht, denn die ſchändliche Handlung, die ich mir habe zu Schulden kommen laſſen, verdient nicht einmal die Verzeihung der Nachſichtigſten. Wo ſeid ihr, ihr erſten Jahre meines Lebens? Wo ſeid ihr, du Penſionatszimmer, du Abendgebet, ihr holde Täubchen, du ſüßes Leben von ehedem,— wo ſeid ihr, ihr erſten Liebesträume, — wo ſeid ihr, ihr erſten Schmerzen? Jetzt leide ich ſo gräßlich, daß ich mich ſogar nach dem Kum⸗ mer ſehne, den der Tod meiner Mutter mir verur⸗ ſacht! Wer hätte mir geſagt, daß es mit mir ſo weit kommen würde? Ja, ich will gehen, ja; ich will mein Verbrechen ſühnen, indem ich mit dem Manne lebe, der mich dazu getrieben, und den ich haſſe; und habe ich dann zwei oder drei Jahre dieſen täg⸗ lichen Tod gelebt, ſo gehe ich gern wieder zu Dir, mein Gott, wenn Du mir unterdeſſen nicht ſchon die Gnade erwieſen, mich zu Dir zu nehmen.“ „Armes, kleines Würmchen,“ fuhr Marie fort, indem ſie ihre Tochter durch ihre Thränen hindurch betrachtete,„Du ſchläfſt, ohne zu ahnen, was um Dich her vorgeht. Armes Kind, dem ich einſt lä⸗ chelnd die Thore des Lebens öffnen wollte: Du wirſt den Namen Deiner Mutter nur erfahren, um ihn zu verwünſchen. Ich hatte Dich Clotilde geheißen, in der Hoffnung, es würde dieſer geliebte Name glückbringend für Dich ſein! Ach! der Herr ſegne Dich, theures Kind, und verachte mich nicht, wie ich es verdiene! O du, mein früheres Leben und frühe⸗ res Glück, nie werde ich ſtark genug ſein, um euch zu verlaſſen!“ 200 Und auf dem Boden ihres Zimmers ausgeſtreckt, litt Marie Qualen, die ſelbſt einem Teufel Mitleid einflößen mußten. 3 Es verſtrich die Zeit. Schon ließ ſich das erſte Grauen des Tages am Horizonte wahrnehmen. Paris erwachte. Marianne verließ Frau von Bryon keinen Augen⸗ blick, und auch die arme alte Frau weinte viel, wäh⸗ rend ſie die nöthigen Reiſeanſtalten traf. „Du hätteſt ein Recht, mich zu verfluchen,“ ſprach Marie zu ihr,„und thuſt es gleichwohl nicht; wie gut biſt Du!“ Sodann warf ſich Marianne ihrem Kinde in die Arme, und vermiſchte ihre eigenen Thränen mit den Thränen Mariens. „Ich muß an ihn ſchreiben, nicht wahr?“ ſprach arie. „An wen, mein Kind?“ „An ihn,— an Immanuel. Ich kann ihn doch nicht nur ſo verlaſſen, ohne eine Silbe zu ſagen, ohne meinen Fehltritt einzugeſtehen.“ Marie wiſchte ſich die Augen ab und ſchrieb mit zitternder Hand wie folgt: „Wenn Sie dieſen Brief leſen, werden Sie die volle Wahrheit wiſſen, Immanuel. „Ich war niederträchtig, das heißt, Ihrer un—⸗ würdig. Ich verlange nicht, daß Sie mir verzeihen ſollen: ein ganzes in Thränen hingebrachtes Leben vermöchte ſolche nicht zu erlangen. Ich verdiene nur Ihre Verachtung, wage es aber nicht, derſelben offen gegenüber zu treten; ich entferne mich daher. Streichen Sie meinen Namen aus Ihrem Herzen ——,——-———— ————,—————————,—. —..——— ickt, leid rſte ris en⸗ äh⸗ ach wie die den 201 aus, wie ich ſelbſt ihn aus der Welt ausſtreiche. Gott, der Sie groß und edel geſchaffen, wird Sie ſtark genug machen, um dieſen Schmerz zu ertragen, und vielleicht werden Sie mich einſt, wenn ich mei⸗ nen Fehltritt geſühnt, wenn mein Leben erloſchen, wie meine Hoffnung bereits es iſt, nicht mehr ver⸗ fluchen, eingedenk, daß ich Ihnen meine Tochter zu⸗ rückgelaſſen.“ Dieſen Brief legte Marie zuſammen und gab ihn dann Clotilden in beide Händchen, gleich als wollte ſie ihren Fehltritt dadurch verwiſchen, daß ſie dieſen Engel mit der Botſchaft betraute. Darauf verſuchte es Marie, gleichfalls an ihren Vater zu ſchreiben; ſie konnte aber ſchlechterdings keine Worte finden, um dieſem großen Schmerze zu begegnen. Um ſie⸗ ben Uhr verließ ſie mit Mariannen das Haus, nach⸗ dem ſie in Immanuels ödem Zimmer ihr Gebet ver⸗ richtet. Marie konnte ſelbſt kaum glauben, was ſie that. Als ſie den Tag und das gewohnte Erwachen von Allem, was ſie umgab, wieder gewahrte, zweifelte ſie faſt an der Wahrheit. Es ſchien ihr, ſie habe einen böſen Traum gehabt, und werde nach einer einſtündigen Spazierfahrt wieder nach Hauſe kommen und dort den mit einem Lächeln auf den Lippen ihrer harrenden Immanuel antreffen.— Der Wagen langte an dem Malllot⸗Thore an. Marie ſtieg aus und Marianne befahl dem Kutſcher, nun umzukehren und heimzufahren, da Frau von Bryon den Morgen ſo ſchön fände und es vorzöge, zu Fuß heimzugehen. 20² An dem bezeichneten Orte wartete die Poſt⸗ chaiſe. „So iſt denn Alles durchaus wahr,“ bemerkte Marie, indem ſie neben Mariannen in dieſem neuen Wagen Platz nahm, der im Galopp auf dem glei⸗ chen Wege dahin fuhr, auf welchem die beiden Frauen hergekommen waren. Marie fuhr an ihrem Coupé vorbei, aus dem ſie vor wenigen Minuten geſtiegen war, und das im Schritte nun heimfuhr. Mit Thränen ſchaute ſie den Wagen an, den ſie ohne Zweifel nicht mehr ſehen ſollte, und worin ſie ruhig, lächelnd und keuſch mit Immanuel ſo oft ſpazieren gefahren war. Neununddreißigſtes Kapitel. Was den Grafen betrifft, ſo hatte er die ganze Nacht nicht ſchlafen können. Was er von Leon er⸗ fahren, erfüllte ihn mit Schrecken. „Es hintergeht Immanuel meine Tochter,“ ſprach er bei ſich;„er hat eine Geliebte, und es iſt Marie unglücklich. So kann es nicht fortgehen. Mein Kind, das Leben meines Herzens ſo leiden ſehen müſſen! Immanuel muß mir Rede und Antwort ſtehen; und gleich morgen in aller Frühe will ich zu meiner Tochter gehen, die keinen andern Vertrauten haben darf, als mich.“ Solches hatte der Graf während der ganzen Nacht ſich geſagt, nachdem er bis an ſein Haus von Leon begleitet worden, der, um für ſeine Anweſenheit in dieſem Theile der Stadt einen Grund angeben zu 203 können, vorgegeben hatte, daß er dort eine Geliebte aufſuchen müßte. Unglücklicher Weiſe war dieſes ſein Vorgeben keine Lüge. Nachdem Leon von Marie weggegangen, war er heimgekommen, um ſeine Reiſeanſtalten zu treffen. Er hatte Florentin zu Hauſe gefunden, der wie ſonſt auf ihn wartete. Leon hatte es allzu erniedrigend geſchienen, ſei⸗ nen Bedienten zur Rede zu ſtellen. „Wie viel bin ich Ihnen ſchuldig, Florentin?“ fragte er ihn. „Nichts, Herr Marquis.“ „Gut, hier haben Sie noch einen Monatslohn; morgen aber, ſobald der Tag da iſt, haben Sie die⸗ ſes Haus zu verlaſſen.“ „Der Herr Marquis ſchickt mich alſo weg?“ ſprach Florentin, der die Urſache dieſes Wegſchickens wohl ahnete. „Nein, aber ich verlaſſe Paris und brauche Sie nun nicht länger. Packen Sie meine Koffer und bleiben Sie auf. Mag kommen, wer da will, ich bin für Jedermann verreist.“ Gleichwohl fühlte Florentin das Bedürfniß, ſich u rehiſernamm, wenn man ihn auch nicht zur Rede ellte. „Madame Julia Lovely iſt im Laufe des Tages hier geweſen,“ ſprach er zu Leon. „Ich weiß es, und im Einverſtändniß mit Ihnen hat ſie hier Briefe geſtohlen.“ „Wie ſagen Sie?“ entgegnete Florentin. „Nun, packen Sie nur meine Koffer und ſagen 204 Sie keine Silbe weiter, ſonſt laſſe ich Sie feſtneh⸗ men.“ Es blieb alſo Florentin Nichts übrig, als zu ge⸗ horchen. Und dieß that er denn auch. Am andern Morgen, um neun Uhr, ließ Leon ſelbſt auf dem Miniſterium der auswärtigen Ange⸗ legenheiten ſeinen Paß viſiren und zu gleicher Zeit darauf bemerken, daß er mit ſeiner Schweſter und der Gouvernante des Fräuleins von Grige auf Reiſen gehe; dann holte er bei ſeinem Bankier Geld, ſowie Wechſel auf Italien, ließ an ſein Coupé Poſtpferde ſpannen, und fuhr im Galopp davon, um ſich mit Marien zu vereinigen. Während dieſes geſchah, war Herr von Hermi zu Frau von Bryon gekommen. Man hatte ihm geantwortet, daß ſeine Tochter ſchon am frühen Mor⸗ gen ausgefahren wäre, um einen Spaziergang zu machen. Er hatte gewartet. Als er um Mittag Marie immer noch nicht zurückkommen ſah, war er unruhig geworden. Bei der Stimmung, worin er ſich ſeit dem vorangegangenen Tage befand, mußte Alles ihm Unruhe einflößen. Er kam alſo auf den Gedanken, Leon aufzuſuchen, welcher der Vertraute ſeiner Tochter zu ſein ſchien, um von ihm über dieſe Liebſchaft Immanuels Näheres zu erfahren. Er ging alſo zu Herrn von Grige. Er traf aber nur Florentin an, der ſeine eigenen Koffer packte, Koffer, die man füglich für die ſeines Herrn hätte halten können: ſo voll waren dieſelben von Dingen, die rechtmäßig oder unrechtmäßig von dem Letzteren herkamen. Der Bediente antwortete, daß der Marquis, ſeit neh⸗ ge⸗ Leon nge⸗ Zeit und eiſen owie ferde mit ermi ihm Mor⸗ a zu ittag r er n er ußte den aute dieſe traf offer errn von dem ſeit 205 einer Stunde, auf ziemlich lange Zeit Paris ver⸗ laſſen. „Herr von Grige hat mir doch von dieſer Reiſe Nichts geſagt,“ dachte Herr von Hermi;„was hat dieſe plötzliche Abreiſe zu bedeuten? Geſtern,“ ſagte er, zu Florentin gewandt,„hatte doch Herr von Grige noch nicht im Sinne, eine Reiſe zu machen?“ „Nein.“ „Und erſt heute Morgen hat er ſich dazu ent⸗ ſchloſſen?“ „Ja.“ „Kennen Sie die Urſache? Iſt etwa eine Krank⸗ heit, oder ſind Geſchäfte Schuld daran?“ Es hatte der Graf zwar lediglich kein Intereſſe, alle dieſe Einzelheiten zu erfahren; aber es trieb ihn ein geheimer Inſtinkt, ſich weiter aufklären zu laſſen. „Sehen Sie, ich glaube, daß eine Liebesgeſchichte dahinter ſteckt,“ erwiderte Florentin, der nun keinen Grund mehr hatte, verſchwiegen zu ſein.„Eine verheirathete Frau, eine Entführung.“ „Eine Entführung?“ ſprach der Graf erbleichend. „Was iſt Ihnen denn?“ fragte Florentin, dem dieſe Bläſſe nicht entgangen war. „Oh! Nichts, mein Freund,— Nichts.“ Eine gräßliche Ahnung hatte das Gehirn des Grafen durchzuckt. „Das iſt unmöglich,“ rief er plötzlich aus.„Er war heute Nacht ſo bewegt,— war in der Straße, ja faſt vor der Thüre Mariens; wenn er mich hin⸗ tergangen hätte, wenn er... wehl weh!“ Und der arme Vater ging ſchreckenerfüllt und 206 verſtört die Treppe hinunter, ſtieg wieder in ſeinen Wagen und ſchrie dem Kutſcher zu: „Zu meiner Tochter!“ 1 „Ich werde ſie nun daheim finden,— ſie wird auf mich warten,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, um ſich zu überzeugen zu ſuchen, daß ſeine Befürchtungen keinen Grund hätten.„Ich bin verrückt,— ich träume.“ Sehen wir nun zu gleicher Zeit, was anderswo vorging. Um neun Uhr war Julia aus ihrem fieberhaften Schlafe erwacht. Sie hatte die Augen geöffnet, um ſich geſchaut, und, da ſie die halbleere Rumflaſche erblickte, des Vorgefallenen ſich wieder erinnert. Darauf hatte ſie geklingelt, und es war Hen⸗ riette erſchienen. „Nichts an mich da?“ hatte Julia gefragt. „Nichts, Madame.“ „Niemand gekommen?“ „Niemand. Wie befindet ſich Madame heute Morgen?“ „Recht gut.“ „Geſtern Abend war Madame recht aufgeregt.“ „Das iſt wahr.“ „Ich bin in das Zimmer von Madame gekom⸗ men, und es ſchlief da Madame, aber ihr Schlaf hatte etwas Beklommenes.“ „In der That, ich war leidend. Warum biſt Du denn aber in mein Zimmer hereingekommen?“ „Ich hatte Madame Etwas zu ſagen.“ Dieſes ſagend, erröthete Henriette. „Nun, heraus damit!“ nen vird ſich gen ich Swo ften um ſche den⸗ eute om⸗ biſt 24 207 „Madame wird mich nicht zanken?“ „Was iſt es denn?“ „Etwas, was ſehr leicht wieder gut zu machen iſt.“ „So ſprich doch!“ hatte Julia im Tone der Un⸗ geduld ihr zugeherrſcht. „Es hat mir Madame geſtern ein Paket Briefe zugeſtellt, um daſſelbe auf die Poſt zu thun.“ „Ja. Und was haſt Du damit gethan?“ „Es ſei Madame nur ohne Furcht! Dieſe Briefe ſind nicht verloren; aber es hatte Madame mit dem Herrn einen heftigen Auftritt gehabt.“ Schon ſeit langer Zeit nannte man in Julia's Hauſe Leon nur den Herrn. „Du hatteſt das gehört?“ „Wider meinen Willen, Madame; und da der Befehl, den Madame mir gegeben, dem Herrn nicht ſo recht gefallen zu wollen ſchien, da ferner Madame bis jetzt alle Gelegenheiten vermieden hat, ihm Kum⸗ mer zu bereiten, ſo habe ich gedacht...“ Hier hielt Henriette inne. „Nun, wirſt Du ſprechen?“ ſchrie Julia. „Sehen Sie, Madame, die Sache iſt die. Ich bin auf die Poſt gegangen. Es war ſchon ſechs Uhr vorbei. Die für die Provinz beſtimmten Briefe— und zu dieſen gehörte auch das Paket— konnten erſt heute abgehen. Da habe ich denn gedacht, es möchte wohl ein Ding von gar großer Wichtigkeit von der Ab⸗ ſendung des Pakets abhangen. Und ſo habe ich denn die Briefe wieder eingeſteckt, indem ich bei mir ſelbſt ſagte, daß es ja heute Morgen immer noch Zeit genug wäre zum Fortſchicken.“ Julia ſchaute Henrietten an. 208 „Ich habe ſo bei mir ſelbſt geſagt,“ fuhr Hen⸗ riette fort,„vielleicht reut es morgen Madame, daß ſie das Paket fortgeſchickt.“ „Du wußteſt alſo, was es enthält?“ „Ja, Madame.“ „Wie haſt Du es erfahren?“ „Ich hatte die Unterhaltung zwiſchen Madame und dem Herrn gehört.“ „Du hatteſt gehorcht, willſt Du ſagen?“ Henriette ſchlug die Augen nieder. „Wo ſind die Briefe?“ fuhr Julia fort. „Hier, Madame. Es iſt noch früh; iſt es immer noch Ihr Wille, daß dieſelben abgehen ſollen, ſo will ich ſie auf die Poſt tragen.“ „Vielleicht daß Gott es nicht haben will,“ mur⸗ melte Julia. „Was ſagt da Madame?“ „Nichts; laß mich allein!“ „Madame behält alſo die Briefe?“ „Ja.“ Es entfernte ſich Henriette. Als Julia wieder allein war, ſtützte ſie den Kopf auf eine Hand, und kehrte das Paket zu wiederholten Malen nach allen Seiten hin um. „Da habe ich das Leben und die Ehre mehrerer Perſonen in meiner Gewalt,“ ſprach ſie.„Ich brauche nur ein Wort zu ſagen, um vier Seelen zur Ver⸗ zweiflung zu bringen. Ich brauche nur eine Ge⸗ berde zu machen, und es ſtirbt dieſes Geheimniß, denen unbekannt, die es umbringen würde. Wenn ich nun auch einmal eine gute Handlung verrichtete! Gott hat es gewollt, daß dieſes Mädchen die Briefe me opf ten rer iche der⸗ Ge⸗ niß, enn ete! iefe 209 behielt, um mir das Mittel an die Hand zu geben, Etwas, was mich vielleicht einſt reuen möchte, nicht zu thun. Wer weiß, wie weit das Böſe gehen mag, das man thut! Nun, es ſoll die arme Frau mir keine Vorwürfe zu machen haben. Da dieſe Briefe nicht fort ſind, ſo ſollen ſie auch nicht fortgehen.“ Hier klingelte Julia, und es erſchien Henriette wieder. „Du haſt wohlgethan, indem Du ſo gehandelt,“ ſprach Julia zu ihr.„Gib mir Feder, Dinte und Papier!“ Henriette gehorchte. Sofort verſah Julia das Paket mit einem neuen Couvert, worauf ſie die Worte ſchrieb: „An Frau von Bryon.“ Auch ſchrieb ſie noch an Marie folgende Zeilen: „Madame! „Der Zufall, die Vorſehung will es ſo, daß Ihre Briefe heute noch in meinem Beſitze ſind. Ich ſchicke ſie Ihnen zurück. Seien Sie glücklich! Julia Lopely.“ „Immanuel iſt noch nicht wieder da; es ſteht alſo nicht zu fürchten, daß dieſe Briefe ihm in die Hände fallen,“ dachte Julia.„Trag' das fort,“ ſprach ſie darauf zu Henrietten;„und ſage ja dabei, man ſolle es nur Frau von Bvryon ſelbſt zuſtel⸗ len! Mach', daß Du fortkommſt, und komme nicht zurück, auch wenn ich Dich wieder rufe. Ich will nicht haben, daß ich ſolle bereuen können, was ich jetzt thue.“ Dumasd. J,, ein Frauenleben. II. 14 210 Und Henriette eilte zu Frau von Bryon. Seit zwei Stunden war Marie weggegangen. Vierzigſtes Kapitel. Eine jener furchtbaren Ahnungen, die aus dem Herzen in den Kopf ſteigen, hatte, wie wir geſagt, Herrn von Hermi erfüllt. Er kam in das Haus ſeiner Tochter zurück und fragte, ob ſie noch nicht heimgekommen wäre. Er bekam aber zur Antwort, es ſei nur der Wagen wieder heimgekommen. Nun ging er in Mariens Zimmer und warf ſich auf einen Seſſel. Tropfen kalten Schweißes kamen an ſeinen Haaren hervor. Alle Befürchtungen, womit ihn Leon erfüllt, erwachten wieder in ihm, und erlangten eine peinliche Wahrſcheinlichkeit durch das Zuſammentreffen ſeiner Abreiſe mit Mariens Verſchwinden. Jeden Augenblick ſchaute er auf die Uhr. Je mehr die Zeit verſtrich, um ſo mehr hielt er ſich überzeugt, daß Marie ihrem Gatten lediglich Nichts vorzuwerfen habe, und daß, was Leon am vergan⸗ genen Tage ihm berichtet, eitel Lügenwerk ſei. Von der Thüre pflegte er ans Fenſter hinzugehen, an die eine das Ohr, an das andere das Auge heftend; aber er ſah eben immer noch Nichts kommen. Hätte er ſeinem eigenen Willen gefolgt, ſo hätte er jeden Augenblick die Dienerſchaft ausgefragt; indeſſen hielt ihn die Furcht zurück, daß die Leute ſeinen Argwohn ahnen und denſelben zu Vermuthungen aller Art benutzen möchten. „Sie kommt wieder, ſie muß wieder kommen,“ 211 ſagte er ſich, das Zimmer der Länge und Quere nach durchmeſſend;„es kann nicht anders ſein.“ Tauſenderlei Geräuſche ließen ſich in dem Hauſe hören, und gerne hätte er zehn Jahre ſeines Lebens hingegeben, wenn es ihm vergönnt geweſen wäre, Mariens Stimme darin zu erkennen. Tauſend und aber tauſend Menſchen gingen, von ihren Launen oder ihren Geſchäften geführt, drunten vorüber, und unter dieſen tauſend und aber tauſend Köpfen ſuchte der arme Vater umſonſt das angebetete Haupt zu finden, das ſein Herz mit den Augen ſuchte. Immer mehr rückte die Stunde vor. Der Graf war mehr todt als lebend. Was er gefürchtet hatte, geſchah. Schon zwei Mal war er von der Diener⸗ ſchaft gefragt worden, wann wohl Frau von Bryon heimkommen würde, indem die Leute entweder den Grafen beſſer unterrichtet glaubten, oder aber ihre Neugierde befriedigen und ſich Gewißheit verſchaffen wollten. Aber es hatte der Graf in der Einfalt ſeines Herzens geantwortet, daß er ſolches nicht wüßte. Es war die Sonne auf der heitern Stirn der Stadt ſtrahlend erſchienen. So lange draußen das Leben übergeſtrömt war, hatte Herr von Hermi im⸗ mer noch eine kleine Hoffnung behalten; als aber die Vorübergehenden immer ſeltener geworden waren, als der Nebel die Stadt wieder in ſein Leichentuch eingehüllt und die Häuſer verſchleiert hatte, als die Nacht endlich erſchienen war, da war der Graf ganz vernichtet hingeſunken und hatte, kalt und ſtumm, gleich einer Statue, angefangen, keinem Zweifel mehr Raum zu geben. 212 Lange Zeit verblieb Herr von Hermi in dieſem Zuſtande; dann mit einem Male fuhr er aus dieſer Art Schlaf auf und gewahrte neben ſich eine auf dem Tiſche brennende Lampe; und neben dieſer Lampe lag ein verſiegelter Brief. In dieſem Augenblick ſchlug es zehn. Als der Graf den Brief ſah, bebte er und fuhr er zuſammen, denn er erkannte die Hand⸗ ſchrift für die ſeiner Tochter. Eine ſchreckliche Stille herrſchte um dieſes troſtloſe Herz her, und nur die Uhr allein ſchien zu leben, indem ſie die Minuten eines Lebens zählte, das dem unglücklichen Vater gar bald recht zur Laſt werden ſollte. Krampfhaft langte Herr von Hermi nach dem Briefe; im Augenblicke aber, wo er das Siegel zu erbrechen im Begriffe war, ſah er die Adreſſe, die in den Worten beſtand:„Für meinen Mann.“ Der Brief entfiel ſeinen Händen. Er klingelte, und es erſchien ein Bedienter. „Noch Nichts?“ fragte der Graf. „Noch Nichts, aber es hat der Herr ohne Zwei⸗ fel einen Brief gefunden.“ „Er iſt für Herrn von Bryon. Wer hat ihn gebracht?“ „Man hat ihn in der Wiege von Fräulein Clo⸗ tilde gefunden, als man das gnädige Fräulein zu Bette gebracht.“ „Sonſt waren keine Briefe da?“ „Nein, Herr Graf.“ „Nichts für mich?“ „Nichts!“ „Es iſt gut: Sie können nun wieder gehen.“ „Sie hat ihren Vater vergeſſen. Du mein Gott!“ u 213 murmelte der arme Mann, zwiſchen beiden Händen das Haupt auf den Tiſch niederbeugend. Dieſer an Herrn von Bryon gerichtete Brief brannte ihm in den Augen und im Herzen; und doch freute es ihn immerhin, daß dieſer Brief nicht für ihn war. Bis zu Immanuels Ankunft konnte er daher immer noch zweifeln oder hoffen, was unter den vorliegenden Umſtänden genau daſſelbe war. Bei dieſem Briefe brachte nun der Graf die ganze Nacht zu. Es galt vor Allem, die boshaften Bemerkungen der Dienerſchaft zu verhindern. „Ich bleibe hier, um Herrn von Bryon zu er⸗ warten,“ ſprach Herr von Hermi zum Kammerdiener. „Es kann nun Alles zu Bette gehen. Frau von Bryon iſt nicht zu Paris.“ Es ſah der Graf den Tag wieder grauen, wie er ihn hatte ſchwinden ſehen. Um ihn her erwachte Alles wieder. Sein Leben allein ſchien trübſelig, düſter, troſtlos. Es verſtrichen die Stunden, denn welches immer unſere menſchlichen Schmerzen oder Freuden ſein mögen, die Stunden gehen kalt und periodiſch an uns vorüber, und bringen uns, was der Zufall ihnen gibt, wiſſen aber nie, was ſie uns bringen. Um zwölf Uhr fragte man den Grafen, ob er nicht frühſtücken wolle, und wirklich hatte Herr von Hermi ſchon ſeit ſechsunddreißig Stunden Nichts ge⸗ noſſen. Mechaniſch nahm er eine Taſſe Fleiſchbrühe zu ſich, und fing dann auf's Neue an zu warten. Wohl zwanzig Male war er ſeit dem vergangenen Tage auf dem Punkte geweſen, ſeine Enkelin aufzu⸗ ſuchen, um ſie zu küſſen; nie aber hatte er es über 214 ſich gewinnen können, dieſes Kind, das ſeiner Mutter wie aus dem Geſichte geſchnitten war, zu ſehen; hätte er ſo die kleine Clotilde den ganzen Tag geſehen, ſo hätte er die Ueberzeugung gewinnen müſſen, daß Marie nicht mehr unter den Lebenden wandle, da der Tod ihm das einzige Ding ſchien, das ſo die Mutter mit einem Male vom Kinde zu trennen im Stande wäre. Es ließen ſich unterſchiedliche Geräuſche hören, es gingen auf der Straße Menſchen vorüber, und es rückte der Abend heran. Endlich, gegen elf Uhr, ließ ſich vom Hofe her das Rollen einer vierſpänni⸗ gen, im Galopp anfahrenden Poſtchaiſe vernehmen. Der Graf horchte; der Wagen ſchien ihm vor dem Thore zu halten. „Sie oder Immanuel iſt es!“ ſagte er ſich. Und ohne Zweifel flüſterte Gott ihm dieß, gleich⸗ ſam als letzte Hoffnung, in's Ohr. „Vielleicht Beide!“ dachte er. Denn ein Lächeln färbte ſeine bleichen Lippen. Stehend wartete der Graf, eine Hand auf dem Sammt des Kamins, die andere auf dem Herzen ruhen laſſend, das jeden Augenblick zerſpringen zu müſſen ſchien. Er hörte Tritte auf der Treppe, er hörte klingeln, und dann hallten im Vorzimmer nur noch die Tritte eines Mannes. Eine Thür ging nach der andern auf, und end⸗ lich ſtand, im Reiſeanzug, Immanuel auf der Schwelle des Boudoirs, bleich und finſter wie der ſteinerne Gaſt. Es war Folgendes vorgegangen: Sobald Immanuel zu Poitiers Nichts mehr zu n-ed SSSSDͤ- —— —˙e 8 ⏑ ʃ⏑ ⏑i σ — „⸗ 215 thun gefunden, war er wieder abgereist, um Marie recht bald wieder zu ſehen. Seelenvergnügt war er in Paris angekommen. Seit zwei Jahren war dieß das erſte Mal, daß er die Hauptſtadt verlaſſen. Nachdem er ausgeſtiegen war, hatte er alsbald nach Frau von Bryon gefragt, der er durch dieſe plötzliche Rückkehr eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten gedachte. Und er hatte zur Antwort erhalten, daß ſie ſchon ſeit zwei Tagen nicht mehr heimgekommen. Da waren alle nur möglichen Schrecken an dem Auge ſeines Geiſtes vorübergegangen, nur allein die Wahr⸗ heit nicht. „Frau von Bryon iſt ſeit zwei Tagen nicht mehr heimgekommen,“ ſagte er im erſten Augenblicke,„und hat nicht geſagt, wohin ſie gehe?“ „Nein,“ entgegnete der Kammerdiener,„wohl aber hat ſie ſich von Mariannen begleiten laſſen.“ Dieſe Worte hatten Immanuel wieder ein wenig beruhigt. „Sie hat ein paar Worte an mich zurückgelaſſen?“ dachte er. „Wir ſind recht unruhig geweſen,“ ſprach der dienſtfertige Bediente, vielleicht abſichtlich. „Was hat Frau von Bryon beim Weggehen hinterlaſſen?“ fragte Immanuel. „Nichts. Nur,“ fuhr der Kammerdiener fort, „hat man ein kleines Paket für ſie gebracht, das ohne Zweifel wichtig iſt, da man mir anempfohlen hat, es nur Madame zu übergeben.“ „Wo iſt dieſes Paket?“ „Hier.“ 216 Immanuel hatte Julia's Brief geleſen und auf der Stelle Alles errathen. Hat der Leſer ſchon etliche Schritte von ſich weg den Blitz einſchlagen ſehen, ſo wird er die Erſchüt⸗ terung begreifen, welche Leib und Seele in einer einzigen Secunde erfahren können. Aber gewiß hat noch nie der Blitz auf Jemand die Wirkung her⸗ vorgebracht, den dieſer Brief auf Immanuel hervor⸗ brachte. „Der Herr Graf iſt droben,“ hob der Bediente wieder an. „Gut,“ erwiderte Immanuel mit jener Seelen⸗ ſtärke, die ihn ſo hoch über die übrigen Menſchen ſtellte.„Im Uebrigen hättet ihr nicht ſo unruhig zu ſein gebraucht, da Frau von Bryon durchaus in keiner Gefahr ſchwebt.“ „Faſt hätte ich vergeſſen, daß Madame einen Brief an Sie zurückgelaſſen. Der Herr Graf hat dieſen Brief.“ „Ganz gut.“ Immanuel ging die Treppe hinauf und erſchien, wie von uns bereits gemeldet worden, auf der Schwelle des Zimmers, worin ſein Schwiegervater ſich befand. Die Thüre wieder ſchließend ſchritt Immanuel auf den Letzteren zu. Herr von Hermi bot ihm Mariens Brief hin, denn er nicht hatte erbrechen wollen. Im⸗ manuel las denſelben. Zwiſchen den beiden Männern war auch nicht eine Silbe gewechſelt worden. Nachdem Immanuel den Brief geleſen, klin⸗ gelte er. Es erſchien ein Bedienter. . 217 „Man mache meinen Koffer vom Wagen los, zuvor aber müſſen Sie mich auskleiden.“ Immanuel ließ den Kammerdiener abſichtlich da⸗ bleiben, damit derſelbe, was nun geſprochen wurde, hören und das Gehörte wiederholen möchte. „Das ſieht ihr wieder recht gleich,— wie erkenne ich darin Marie!“ ſprach Herr von Bryon ganz laut und mit lächelnder Miene.„Das närriſche Kind! Es macht ſie unruhig, daß ſie mich nicht zurückkom⸗ men ſieht, und da nimmt ſie nun, nur von Marian⸗ nen begleitet und ohne einem andern Menſchen Etwas davon zu ſagen, die Poſt, um mich zu überraſchen, und ſchreibt mir dabei, ich ſolle wieder umkehren und ſie da ſuchen, woher ich komme, für den Fall, daß ſie mich verfehle. Welch närriſches Kind haben Sie doch da, mein lieber Graf!“ Und mit einem ſchweigengebietenden Blicke über⸗ reichte Immanuel Herrn von Hermi den Brief ſeiner Tochter. Der Graf las denſelben von Anfang bis zu Ende, ohne auch nur eine Silbe zu ſprechen und reichte ihn darauf dem wieder hin, von dem er ihn bekommen hatte; dieſer aber legte ihn mit zitternder Hand wie⸗ der zuſammen und ſchleuderte ihn in's Feuer. Man denke ſich, was dieſe beiden Männer aus⸗ ſtehen mußten, ſo lange der Bediente noch um ſie war. In dem Augenblicke, wo der Letztere hinaus⸗ gehen wollte, ſprach noch Immanuel: „Thun Sie dem Poſtillon zu wiſſen, daß ich auf morgen Abend präcis elf Uhr vier Pferde brauche. Früher kann ich nicht abreiſen.“ Der Bediente entfernte ſich. 218 Und nun fielen die beiden Männer einander in die Arme. War der Vater beſtürzt, ſo war der Gatte blaß und finſter. „Herr Graf,“ ſprach Immanuel mit ernſter Stimme,„Sie müſſen mich heute Abend verlaſſen, um dieſen Leuten, die nicht wiſſen dürfen, was vor⸗ geht, zu beweiſen, daß ich nur die Wahrheit geſpro⸗ chen. Morgen gehen Sie dann auf Ihr Schloß, und morgen Abend reiſe auch ich ab. Das Uebrige iſt meine Sache.“ Der Graf nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er gehorche. Er hatte nicht mehr die nöthige Kraft zum Sprechen. Immanuel aber zeigte ihm die von Julia hergeſchickten Briefe nicht. „Vielleicht iſt noch nicht alle Hoffnung verloren,“ ſprach er:„nur beten Sie immer zu Gott, Herr Graf, denn Einer wird es immer nöthig haben.“ Der Graf ſchien wie vom Blitze gerührt; ſeine Augen waren todt; ſein Haupt fiel ſchwer auf ſeine Bruſt herab. Ohne ein Wort hervorzubringen, öff⸗ nete er die Thüre und verſchwand, wie ein Schatten fortſchleichend. Hätte Immanuel ihn in dieſem Au⸗ genblicke ſehen können, er hätte einen Schrei des Schreckens ausgeſtoßen. Das Weggehen des Grafen hatte in der That etwas Entſetzliches. Herr von Hermi kam heim, ohne es gewahr zu werden, daß er ohne Mantel war, legte ſich mecha⸗ niſch nieder, verlangte ein Glas kaltes Waſſer und blieb dann allein. Gott allein weiß, was da in der Seele des unglücklichen Vaters vorging. Nachdem die ganze Dienerſchaft zu Bette gegan⸗ gen war, ſtand Herr von Bryon, der ſich gleichfalls —— 219 zu Bette gelegt hatte, wieder auf, ging zur Wiege ſeines Töchterchens hin, und kniete auf der Stelle nieder, wo Marie vor ihrem Weggehen gekniet war. Sein Herz, das ſchon lange ſo voll geweſen, konnte ſich jetzt recht entladen. Er weinte gleich einem Kinde. Er weinte die ganze Nacht, er, der ſtarke, der energiſche Mann, der wider ein ganzes Volk ge⸗ kämpft hätte, und den der Fehltritt eines ſchwachen Weibes auf die Knie niederwarf und vernichtete. Aber freilich, wie liebte er dieſes Weib! Der Tag war ſchon da, und immer betete und weinte er noch; in dieſem Augenblicke verzieh er faſt Marien, denn er wußte noch nicht, daß ſie mit ihrem Liebhaber davon gegangen. Nur glaubte er immer den Verſtand verlieren zu müſſen, wenn ihm dieſer Verrath wieder in den Sinn kam. Er hörte den Kammerdiener kommen, dem er befohlen hatte, daß er ihn bald wecken ſollte, um ihn glauben zu laſſen, daß er ſchlafen wolle; er ging alſo wieder in ſein Schlafzimmer hinein, legte ſich wieder zu Bette und gönnte dem Bedienten die Freude, ſeinen Herrn auf⸗ wecken zu dürfen. Immanuel ſtand auf, kleidete ſich an und früh⸗ ſtückte, oder ſtellte ſich vielmehr, als frühſtücke er wie gewöhnlich. Dann ließ er anſpannen und ſeine Tochter ankleiden, mit der Weiſung, man ſolle alle ihre ſieben Sachen zuſammenpacken, indem er das Kind zu ſeiner Schweſter bringen wolle. Als die kleine Clotilde angekleidet war, und man ſie lächelnd und heiter zu ihrem Vater gebracht hatte, koſtete es Immanuel viele Mühe, ſeine Thränen zu⸗ rückzuhalten; das Kind ſtammelte ſeinen Namen und 5 220 ſtreckte ihm ſeine Engelshändchen entgegen mit jenem himmliſchen Blicke, den die Kinder von dem Himmel auf die Erde bringen. Sein Kind in den Armen tragend, ging Imma⸗ nuel die Treppe hinunter; im Wagen aber nahm er es auf den Schooß, worauf er dem Kutſcher befahl, nach Auteuil zu fahren. Unterwegs weinte das arme Würmchen; er ließ deßhalb vor dem Hauſe eines Spielwaarenhändlers anhalten, füllte das Röckchen des Kindes, das darüber vor Freude ſchrie, mit al⸗ lerlei Spielſachen, und ſtieg dann wieder in den Wagen. Es lag etwas peinlich Rührendes darin, wenn man ſo ſah, wie dieſer große Schmerz mit ſo kleinen Dingen ſich befaßte; er ſelbſt, wenn er ſeine Tochter küßte, fühlte, wie ſeine Thränen dem Kinde auf die Stirn fielen,— dem Kinde, das ihn ganz erſtaunt anzuſchauen pflegte, und dann wieder zu ſpielen fortfuhr. Endlich kam der Wagen zu Auteuil an. Imma⸗ nuel erinnerte ſich, daß er einſt in der Lafontaine⸗ ſtraße beim Vorüberfahren ein weiß und grün an⸗ geſtrichenes Häuschen geſehen, wo an der Thüre ein Kind ſpielte; es hatte dieſes Haus ihm gefallen und es war ihm die Erinnerung davon geblieben, ohne daß er geahnt hätte, daß er es einſt aufſuchen, ſo⸗ wie daß von dem Tage an dieſe Erinnerung für ihn eine theure ſein würde. Vor dieſem Häuschen ließ er ſein Coupé anhal⸗ ten; dann ſtieg er, ſeine Tochter immer in den Ar⸗ men tragend, aus und ging in das Häuschen hinein. Drinnen ſetzte er die kleine Clotilde auf den Boden 9 221 nieder, und es ſchaute das Kind ſich erſtaunt um, da es die gewohnten Wände nicht mehr ſah. Miß⸗ trauiſch, wie alle Kinder, die man an einen fremden Ort bringt, kam ſie inſtinetmäßig immer wieder zu ihrem Vater hin. Dieſer war auf die Frau zuge⸗ ſchritten, die er für die erkannt hatte, welche er frü⸗ her einmal flüchtig geſehen. Als die gute Frau den Wagen und die elegant gekleideten Perſonen ſah, von welchen ſie beſucht wurde, war ſie aufgeſtanden und harrte neugierig der Worte Immanuels. „Madame,“ hob er an,„ich bin einſt vor Ihrem Hauſe vorübergekommen, und habe da ein Kind geſehen, das mir recht glücklich ſchien; jetzt finde ich mich ſelbſt gezwungen, einer fremden Perſon meine Tochter anzuvertrauen, die mich noch nie verlaſſen. Möchten Sie dieſelbe wohl zu ſich nehmen?“ „Das wunderhübſche Kind da?“ fragte die gute Frau. * „Recht gern thue ich das. Die arme Kleine,— ſie hat wohl ihre Mutter verloren?“ „Nein,“ verſetzte Immanuel, der erbleichte, wie ihm immer geſchah, wenn ein ſolches Wort auf ſei⸗ nen noch friſchen Schmerz fiel:„nein, die Mutter dieſes Kindes geht mit mir auf Reiſen, und es iſt die Geſundheit meiner Tochter zu zart, als daß ſie den Beſchwerden einer geſchwinden und andauernden Reiſe gewachſen wäre.“ „Gut,“ antwortete die Frau,„ich fing gerade an, mich zu langweilen; ich hatte das kleine Mädchen, das Sie bei mir geſehen, und das ich wie mein 222 eigenes Kind liebte, aufgezogen; nun aber hat ſeine he Mutter es wieder zu ſich genommen, und ſie war da we in ihrem Recht. Ich ſehe es daher als ein Glück ge an, daß Sie mir als Erſatz für das verlorene Ihr Kind bringen.“ he „Ich ſage nun nicht: Setzen wir die Bedin⸗ gungen feſt, da ich nie mit einer Frau markten werde, ſie welche bei meinem Kinde Mutterſtelle vertreten ſoll; indeſſen mache ich Ihnen folgendes Anerbieten.“ S Die Kindswärterin murmelte etliche Worte, um te zu verſtehen zu geben, daß ſie nicht zu viel fordere; w Immanuel aber fuhr alſo fort: ſo „Dieſes Haus gehört Ihnen?“ de „Nein, Herr.“ S „Wie viel mag es koſten?“ ſe „Sechstauſend Franken.“ d „Sie müſſen es kaufen.“ Hier machte die arme Frau große Augen. NY „Und womit denn? Du mein Gott!“ „Mit den ſechstauſend Franken, die Ihnen mein ho Bankier einhändigen wird.“ ve „Für wen aber ſoll ich dieſes Haus kaufen?“ „Für Sie ſelbſt, ich ſchenke es Ihnen..“ w „ Aber Herr, ſo viele Güte...“ „Hören Sie! Sie müſſen dieſes Haus kaufen, N und ſchon morgen werden Handwerksleute kommen, um im oberen Stocke ein Zimmer zurechtzumachen, te das in allen Stücken dem gleich ſein wird, worin meine Tochter bis daher aufgezogen worden. Es te ſoll dem Kinde an Nichts fehlen: wie viel verlangen fe Sie für den Monat?“ ich „Da ich nun keine Hausmiethe mehr zu bezahlen ne da ück hr in⸗ de, ll; um re; ein en, en, en, rin Es gen len 223 habe, ſo kann ich mit der Kleinen fürſtlich leben, wenn Sie mir für jeden Monat fünfzig Franken geben.“ „Sie ſollen jeden Monat fünfhundert Franken haben.“ Hier ſtieß die Kindswärterin einen Schrei aus: ſie wußte nicht mehr, wen ſie vor ſich hatte. „Alle Tage wird der draußen ſtehende Wagen Sie abholen, und dann können Sie mit meiner Toch⸗ ter zwei bis drei Stunden lang ſpazieren fahren, wohin Sie immer wollen. Brauchen Sie Etwas, ſo verlangen Sie es einfach von meinem Bankier, der es Ihnen auf der Stelle geben wird; prägen Sie ſich aber wohl ein, es muß das Kind ſo glücklich ſein, als nur immer ein Kind es ſein kann, das we⸗ der Vater, noch Mutter mehr hat.“ „Sie kommen alſo nicht mehr, weder Sie, noch Madame?“ „Vielleicht. Will man indeſſen Clotilde wieder holen, ſo geben Sie ſie nur gegen ein paar Zeilen von mir her. Hier haben Sie meine Handſchrift.“ Und Immanuel nahm eine Feder und ſchrieb, wie folgt: „Herr Moreau(es war dieß der Name ſeines Notars) wird Frau...“ „Johanna Boulay,“ antwortete die Kindswär⸗ terin, die ihren eigenen Augen nicht zu trauen wagte. „Frau Johanna Boulay,“ ſchrieb Immanuel wei⸗ ter,„die Summe von ſechstauſend Franken, ſowie ferner jeden Monat fünfhundert Franken geben, bis ich anders verfüge; Alles, was Frau Boulay für 224 den Unterhalt meines Kindes, das ihr anvertraut iſt, verlangt, wird Herr Moreau ihr geben. Immanuel von Bryon.“ „Und nun,“ fuhr er fort,„werden Sie meiner Tochter allmählig ſagen, wie ihr Vater und ihre Mutter todt ſeien; und will man ſie einmal bei Ihnen abholen, ſo wird man Ihnen, ich wiederhole es, einen Brief von mir zuſtellen, der Ihre Zukunft ſicher ſtellt. Nur der Perſon allein, die den Brief über⸗ bringt, dürfen Sie das Kind übergeben.“ „Gut, ich werde thun, wie Sie mir geſagt,“ ſprach die arme Frau, welche ſchlechterdings eine ſo ſeltſame Perſon nicht begreifen konnte, die einer Kindswärterin monatlich fünfhundert Franken zahlte und derſelben obendrein noch ein Haus kaufte. „Und nun, leben Sie wohl!“ „Hen ent geht ſchon wieder?“ „. „Und wann kommt der Herr wieder?“ „Vielleicht heute noch ein Mal, vielleicht nie mehr.“ Immanuel küßte ſeine Tochter und hielt ſie fünf Minuten lang in den Armen. Seine ganze Seele trat ihm in dieſem Augenblick auf die Lippen; end⸗ lich ſetzte er das Kind wieder auf den Boden, an das Feuer hin. „Da iſt der kleine Kleiderpack meiner Tochter,“ ſprach der arme Vater, mit Thränen in den Augen, weiter,„es ſind alle ihre ſieben Sachen darin; Sie werden darauf ſehen, daß ſie immer gut gekleidet iſt, denn ich muß Ihnen ſagen, ſie iſt eine rechte Kokette. v t 9 g n d h b 225 Kurz, ich empfehle ſie Ihnen an, wie wenn ſie Ihr eigenes Kind wäre.“ Mit dieſen Worten legte er eine Börſe hin, durch deren Maſchen hindurch Goldſtücke glänzten; dann küßte er das Kind ein letztes Mal und verſchwand. „Ins Miniſterium***!“ befahl er dem Kutſcher. Und es ſetzte ſich der Wagen in Bewegung. Immanuel war wie vernichtet; er weinte jene vereinzelten und zurückgehaltenen Thränen, welche die Erſtlinge eines großen Schmerzens ſind, denn große Schmerzen näſſen die Augen faſt gar nicht; gleichwohl war die Macht, die dieſer Mann über ſich ſelbſt beſaß, ſo groß, daß ſeine Augen trocken wurden, daß es ihm leichter um's Herz ward, und daß er, als er auf dem Boulevard ankam, wo nicht heiter, ſo doch gleichgültig ſchien. Er ließ ſich bei dem Miniſter anmelden, den wir bereits kennen.— „Was mag Sie hierher führen?“ fragte dieſer ihn. „Ich komme, um einen Paß zu holen.“ „Sie verreiſen?“ „Ja 1 „Jg. 2 „Wo mögen Sie doch jetzt hingehen?“ „Ich gehe auf Reiſen.“ „Sie ſind alſo leidend?“ „Nein, wohl aber iſt es Frau von Bryon.“ „Sie kommen wieder?“ „Vielleicht.“ Der Miniſter ſchien nicht zu begreifen. „Aber,“ ſagte er,„ich glaubte...“ Dumasd. J., ein Frauenleben. II. 15 226 „Daß Ihr Freund Ihr College werden würde?“ „Sie haben es geſagt.“ „Es war dieß wahr.“ „Iſt es aber nicht mehr?“ „Nein.“ „Was ſagen Sie mir da?“ „Daß es Zuneigungen gibt, denen man ſelbſt ſeinen Ehrgeiz zum Opfer bringen muß.“ „Sie werden ganz Paris in das größte Staunen verſetzen.“ „Paris iſt entweder recht curios, oder recht un⸗ erfahren.“ „Sie wollen alſo einen Paß?“ ◻ 471 ael. „Auf welches Land ſoll ich denſelben ausſtellen?“ „Auf's In⸗ und Ausland überhaupt.“ „Auf alle warmen Länder; denn iſt Madame leidend, ſo wird der Frühling ihr gut thun.“ „Meinetwegen.“ „Gehen Sie nach Italien!“ „Recht gern.“ „Sie werden da gerade einen Ihrer Freunde finden.“ „Eil und wer iſt denn dieſer Freund?“ „Herr von Grige.“ Bei dieſem Namen fuhr Herr von Bryon zu⸗ ſammen. 4 „Er iſt alſo abgereist?“ hob er wieder an. „Ja, und zwar mit ſeiner Schweſter. Geſtern hat er hier ſeinen Paß viſiren laſſen.“ „Mit ſeiner Schweſter!“ murmelte Immanuel. „Es ſetzt das Sie in Erſtaunen; auch ich hielt 2 2 me nde 227 ihn für ein einziges Kind; aber wie es ſcheint, ſo hatte er eine Schweſter.“ Immanuel errieth jetzt Alles; er fühlte, wie ſein Blut wieder nach dem Herzen hinſtrömte. „Alſo nach Italien!“ ſprach er, ſich Zwang an⸗ thuend. Es klingelte der Miniſter, und es erſchien ſein Secretär, den wir ebenfalls ſchon kennen. Dieſem händigte der Miniſter ein Papier ein, das er eben unterzeichnet hatte. „Laſſen Sie einen Paß ausſtellen!“ ſprach er. Darauf, zu Immanuel gewandt:„Sie ſind hiemit Specialgeſandter der Regierung; ſo werden Sie, was die Poſtpferde betrifft, jedem Andern vorgehen,— ein Vortheil, der auf Reiſen nicht zu verachten iſt.“ „Ich danke Ihnen für dieſen Dienſt, Herr Mi⸗ niſter.“ Immannuel entfernte ſich. Als die Thüre hinter ihm ſich wieder geſchloſſen hatte, ſprach der Miniſter zum Secretär: „Hat Julia ſich noch nicht ſehen laſſen? „Nein.“ „Dann muß man zu ihr gehen; denn an dieſer Abreiſe kann nur ſie Schuld ſein.“ Immanuel ging nun zu Herrn von Hermi. Der Bediente, der ihm aufmachte, und einer der älteſten Domeſtiken des Hauſes war, ſchien ganz beſtürzt. Ohne auch nur ein Wort zu ſagen, führte er Imma⸗ nuel in das Zimmer hinein, wo ſein Herr ſich be⸗ fand, und ſchloß die Thüre wieder, ohne daß der Letztere den Kopf umdrehte oder die Anweſenheit des Neuangekommenen auch nur wahrzunehmen ſchien. 228 Immanuel ging zu ſeinem Schwiegervater hin, der bleich, mit ſeinem ſtarren Blicke, mit ſeinen Au⸗ gen, worin eine Thräne glänzte, die ewig an ſeiner Wimper haften zu wollen ſchien, wie eines jener armen Weſen ausſah, welche die Vernunft zu flie⸗ hen im Begriffe iſt, und die, auf der Grenzſcheide des Wahnſinns ſtehend, die neuen Horizonte, die ſich vor ihnen öffnen, nicht erkennen, und in jenem ato⸗ niſchen Staunen verharren, das der cerebralen Ka⸗ taſtrophe vorangeht. „Vater,“ ſprach Herr von Bryon vor dieſem Manne niederkniend, den ſein großer Schmerz zu einem heiligen und ehrwürdigen Weſen machte,„Vater, ſegnen Sie mich!“ Und es heftete der Graf ſeine Blicke auf den jungen Mann, und ein wohlwollendes, wenn auch bitteres Lächeln, ähnlich dem Lächeln, das ein Leiden verbirgt, fuhr über ſeine Lippen hin, ohne daß auch nur eine Silbe aus ſeinem Munde hervorkam. „Mein Vater,“ hob Immanuel abermals an, „habe ich je Etwas gethan, was Sie hätten tadeln können?“ Der Graf machte eine verneinende Geberde. „Habe ich ſeit dem Tage, wo Sie mir Ihre Tochter gegeben, irgend Etwas gethan, worauf der liebevollſte Gatte nicht ſtolz geweſen wäre?“ Herr von Hermi machte das gleiche Zeichen wieder. „Ich habe mir alſo Nichts vorzuwerfen, Vater? Ich bin alſo Märtyrer und nicht ſchuldig?“ Der Vater umarmte und küßte den jungen Mann, der zwei brennend heiße und heilige Thränen auf ſeinen Wangen fühlte. — in, Nu⸗ ner ner lie⸗ eide ſich ato⸗ Ka⸗ ſem zu ter, den nuch den nuch an, deln hre der der. ter? unn, auf „So leben Sie denn wohl, Vater,“ fuhr Imma⸗ nuel fort;„denn ehe ich wegging, wollte ich mich dieſes Troſtes verſichern, der, aus Ihrem Munde kommend, zum Worte Gottes wird.“ Immanuel ſtand auf, und es machte der Graf eine Geberde, wie wenn er ihn zurückhalten oder Etwas fragen wollte. Dann ließ er mit ſtierem und Stumpfſinn verrathendem Blicke das Haupt auf ſeinen Seſſel niederſinken und ſeinen Schwiegerſohn weggehen, ohne daß er auch nur eine Silbe zu ihm geſagt. Nun fuhr Immanuel wieder nach Auteuil, wo er ſeine Tochter mit verweinten Augen, aber ſpielend fand. Er blieb volle zwei Stunden bei ihr, küßte ſie, wie man geliebte Perſonen küßt, die man nicht mehr zu ſehen meint, band der Wärterin wiederholt auf's Herz, für das Kind beſtens zu ſorgen, und murmelte bei jedem Kuſſe ein Gebet. Um ſechs Uhr verließ er Auteuil, kam nach Paris zurück, ſpeiste zu Hauſe, oder that wenigſtens der⸗ gleichen, kleidete ſich an und ging in die Oper. Man gab die Favorite. Aus der Tiefe ſeiner Loge hörte er dieſes Wunder von Muſik und Liebe an; dann ging er, als der erſte Act vorüber war, in den Foyer, wo er einige gute Freunde traf, die alle keine Silbe von dem, was ihm begegnet war, wußten, auf ihn zugingen und ihm unter herzlichen Complimenten die Hand drückten; denn ſeine Reiſe nach C...., ſowie der derſelben zu Grunde liegende Zweck waren be⸗ reits allbekannt. Herr von Bryon nahm ihre Glück⸗ wünſche entgegen als ein von der Unbeſtändigkeit menſchlicher Dinge überzeugter Mann, und machte 230 dann in einigen Logen Beſuche; überall fragte man ihn nach Frau von Bryon. Ihre Flucht war alſo noch nicht bekannt geworden. Er antwortete, daß Madame von Bryon leidend ſei, daß er mit ihr zu verreiſen gedenke, und daß ſein Erſcheinen in der Oper ſogar nur den Zweck habe, den Perſonen Lebe⸗ wohl zu ſagen, die er dort zu treffen gewohnt ſei. Als er wieder nach Hauſe kam, ſah er ſchon die ſeiner harrende Poſtchaiſe. Unverweilt warf er ſich in einen Reiſehabit, und bald flog er mit ſeinen vier Pferden auf der nach dem Süden führenden Land⸗ ſtraße dahin. Bevor er aber abreiste, hatte er in einem Schreiben an den König ſeine Pairswürde niedergelegt. Einundvierzigſtes Kapitel. Die Abdankung des Grafen von Bryon erregte in der Hauptſtadt gewaltiges Aufſehen und gewaltiges Staunen. Jedermann wollte die Urſache dieſer plötz⸗ lichen Abreiſe wiſſen; da brachte der Moniteur, die amtliche Zeitung, folgende Zeilen: „Herr von Bryon, Pair von Frankreich, hat eben Paris verlaſſen, nachdem er ſeine Entlaſſung gegeben. Er entſagt ganz und gar der Politik, um— Frau von Bryon, die ſehr leidend iſt, nach Italien zu begleiten.“ Es war dieſe Notiz⸗ dem Amtsblatte von eben dem Miniſter mitgetheilt worden, zu deſſen vornehm⸗ ſten Werkzeugen Julia gehörte; trotz Immanuels wohlbekannter Liebe zu Marien aber konnte man 231 doch kaum ſeine ſo plötzliche Abreiſe durch eine offen⸗ bar freiwillige Krankheit begründet glauben, und es gingen daher allerlei Deutungen über dieſes Ereig⸗ niß um. Julia allein wußte den wahren Sachverhalt. Zuerſt hatte es ihr Staunen erregt, daß ſie auf den an Marie geſchriebenen Brief, der dieſe doch retten mußte, nicht einmal eine Antwort erhalten. „So ſind ſie aber alle,“ hatte ſie ärgerlich, ja mit einem ſtarken Anflug von Reue bei ſich ſelbſt geſagt.„Jetzt, da ſie mich nicht mehr fürchtet, dankt ſie mir nicht einmal für das, was ich für ſie thue.“ Tags darauf war ſie zu Frau von Bryon ge⸗ gangen und hatte erfahren, daß Marie ſchon den Tag vorher eine Reiſe auf's Land gemacht; ſo hatte wenigſtens Herr von Hermi geſagt. Als endlich die Nachricht von Herrn von Bryons Abreiſe ihr zu Ohren kam, begab ſie ſich in deſſen Haus, fragte, was man mit dem Paket gemacht, welches ſie her⸗ geſchickt, und erfuhr da noch, daß man es anſtatt Marien, die nicht zurückgekehrt ſei, Immanuel zuge⸗ ſtellt habe. Nun begriff ſie Alles. „Sie iſt wider meinen Willen nun einmal ver⸗ loren,“ ſprach ſie bei ſich;„da ich ſie nicht retten kann, ſo wollen wir wenigſtens aus ihrem Ruin Nutzen ziehen.“ Hatten wir nicht Recht, wenn wir ſagten, es ſei Julia ein geſcheidtes Weib geweſen? „Meiner Treu, um ſo beſſer!“ ſagte ſie, nachdem ſie einige Zeit über dieſen neuen Zwiſchenfall nach⸗ 232 gedacht, und ging nach Hauſe, wo ſie einige Papiere nahm, und dann in das Miniſterium. „Nun, Herr Miniſter, wie ſind Sie mit mir zu⸗ frieden?“ redete ſie ſeine Excellenz an. „Recht zufrieden, recht zufrieden, liebe Julia.“ „Sie wiſſen, wem Sie das, was geſchehen, zu verdanken haben?“ „Wohl Ihnen?“ „Ja, mir und ſonſt Niemand.“ „Wiſſen Sie auch, Julia, daß Sie kein gewöhn⸗ liches Weib ſind?“ „Ohl das wußte ich ſchon lange.“ „Wie haben Sie aber die Sache angegriffen?“ „Ganz einfach ſo: ich wußte, daß Herr von Grige, den Sie als ein unnützes Weſen anzuſehen pflegten, in Frau von Bryon verliebt war; nun bin ich die Geliebte des Herrn von Grige geworden in der Ueberzeugung, daß die Perſon, die er liebte, innerhalb einer gegebenen Zeit ſich ihm ergeben würde.“ „Solche Meinung hegen Sie alſo von den Frauen?“ „Ach! Du mein Gott, ja; ſie hat ſich ergeben und an ihren Geliebten geſchrieben, wie jede Frau, die ſich ergibt; ich aber habe ſo lange gewartet, bis mehrere Briefe da waren; darauf habe ich dieſe in Leons Wohnung weggenommen und geradezu dem Manne der Frau geſchickt. Es erſcheint dieß als eine ganz natürliche Weiberrache, und es würde die⸗ ſelbe von gar vielen, vollkommen ehrbaren Leuten entſchuldigt werden, wenn ich mich bei ihnen auf die große Liebe beriefe, die ich für Leon gehabt, ſo⸗ ——————.—- r—,——„———,—— ℳ— 233 wie auf den Zuſtand, worein die Eiferſucht mich ver⸗ ſetzt,“ fuhr Julia laut lachend fort, gleich als wollte ſie ihre eigenen Worte noch mehr verleugnen.„Mit einem kleinen Stiche habe ich den gewaltigen Koloß vernichtet; mit einem kleinen Kieſelſteine habe ich den Wagen zum Stehen gebracht. Sie, Herr Mi⸗ niſter, Sie ahneten wohl nicht, daß ich Sie in ſol⸗ cher Weiſe von Herrn von Bryon befreien würde; ſeien Sie ruhig, Sie haben von ihm Nichts mehr zu fürchten; in ihm habe ich einer ganzen Partei den Kopf abgeſchlagen. Ich bin die Judith eines politiſchen Holophernes. Um volle zehn Jahre ſchiebe ich eine Revolution hinaus, die ſpäteſtens in einem halben Jahre da geweſen wäre. Wenn die Welt wüßte, woraus alle dieſe großen gouvernementalen Erſchütterungen hervorgehen,— wie würde ſie ſtau⸗ nen! Und es weiß auch nicht einer von denen, welche die Zeitgeſchicke ſchreiben, ſolches! Und doch wäre das gar intereſſant; allerdings würde der Leſer es nicht glauben wollen.“ „Julia,“ ſprach der Miniſter mit ernſter Miene, „Sie haben uns einen großen, einen ſehr großen Dienſt erwieſen.“ „Wem ſagen Sie das?“ „Ich muß Ihr Glück vollends machen: ſind Sie damit einverſtanden?“ „Sie fragen mich das?“ „Hält Etwas Sie in Paris zurück?“ „Gar Nichts.“ „Sie können alſo abreiſen?“ „Heute noch, wenn Sie es wünſchen. Wir be⸗ treten nun das Gebiet der fremden Politik?“ 234 „Getroffen.“ „Und dabei thut es Ihnen nicht leid, daß Sie meiner los werden: geſtehen Sie es nur.“ „Sie ſind eine rechte Närrin!“ „Sie haben vollkommen recht, daß Sie alſo han⸗ deln; denn ich wäre eine gar zu gefährliche Ver⸗ bündete für die, welche ſich meiner bedienen, wenn Sie mich immer in Ihrer Nähe behielten. Beden⸗ ken Sie doch, daß ich immerhin ein Weib bin, ſowie daß ich in einem Augenblick der Verirrung, wie wir⸗ deren alle haben, die Staatsgeheimniſſe ausplaudern und der Regierung mehr ſchaden könnte, als ich ihr je genützt. Welches Aergerniß, wenn man Alles wüßte, was ich weiß!“— Der Miniſter hörte Julia geduldig an, wußte er doch, daß ſie nicht ſo ſprach, um bloß zu ſagen, was ſie ſagte, ſondern um ihm begreiflich zu machen, welches Intereſſe er hätte, ſie zu ſchonen und ſie nur zu entfernen, um ihr eine exceptionelle Stellung zu verſchaffen. „Sie können ruhig ſein,“ verſetzte der Miniſter; „Sie werden in keiner Weiſe ſich über meine Anträge zu beklagen haben.“ „Sie errathen eben Alles, Herr Miniſter; ſpre⸗ chen Sie!“ „Es lebt in der Welt ein kleiner König, der uns läſtig iſt; es iſt der König von**n k. Dieſer König nun braucht eine Maintenon, weil das Land eine Revolution braucht.“ „Eine Maintenon, was den Einfluß, eine Monte⸗ ſpan, was das Alter betrifft,“ bemerkte Julia. „Ganz richtig.“— 235 „Auf den erſten Blick ſcheint mir das leicht, bei einigem Nachdenken aber gefährlich.“ „Flößt die Gefahr Ihnen etwa Furcht ein?“ „Gewiß nicht.“ „So iſt Ihnen denn dieſe Miſſion anſtändig?“ „Ja. Der König iſt alt, nicht wahr?“ „Er iſt fünfundfünfzig.“ „Fromm?“ „Ungemein fromm.“ „Aus Ueberzeugung?“ „O nein, aus Furcht.“ „Er hat einen Beichtvater, der ihn beherrſcht?“— „Einen Italiener, Namens Gamaldi. Wie gut Sie die Geſchichte unſeres Europa kennen!“ „Geben Sie mir Empfehlungsbriefe an den Beichtvater und ich nehme das Uebrige auf mich.“ „Julia, Sie ſollen, ich verſpreche es Ihnen, noch eine goldene Statue bekommen!“ „Wovon Sie mir die Rente reichen! Wann werde ich abreiſen?“ „Sobald Sie können.“ „In acht Tagen?“ „Vortrefflich!“ „Morgen komme ich wieder, um die letzten Ver⸗ haltungsbefehle bei Ihnen zu holen und mich von Ihnen zu beurlauben.“ „Recht ſo; morgen alſo, Julia!“ „Morgen, Herr Miniſter!“ „Ich gehe alſo fort,“ ſprach Julia, indem ſie wieder in ihren Wagen ſtieg.„Traun! es iſt mir pas en eben ſo lieb; man wei nicht, was geſchehen ann.“ 236 Sofort ließ ſie ſich nach den elyſäiſchen Feldern fahren, und zwar abſichtlich; denn Julia that Nichts ohne beſtimmte Abſicht. Sie wollte ihre demnäch⸗ ſtige Abreiſe ihren guten Freunden verkünden, die um dieſe Stunde größtentheils in den elyſäiſchen Feldern waren; auch mochte ſie nicht eher die Haupt⸗ ſtadt verlaſſen, als bis ſie zuerſt die wahre Urſache von Immanuels Abdankung angegeben. Es war Julia eben an der Erhaltung ihres Rufes gelegen. Im Rond⸗point ſah ſie den alten Grafen von Ca⸗ mül, den wir ſchon ein Mal im italieniſchen Theater haben in Julia's Loge hereinkommen ſehen. „Ah! guten Tag, Wertheſte,“ fing dieſer alte Don Juan an,„wie freut es mich, Sie zu ſehen!“ „Was nich betrifft, ſo könnte mir Nichts ſo große Freude machen, als unſer Zuſammentreffen! Wo gehen Sie ſo hin, lieber Herr Graf?“ „Zu Herrn von Bryon; ich will ſehen, ob er wirklich abgereist iſt.“ „Er iſt abgereist; Sie brauchen ſich darum keine Mühe zu machen.“ „Was hat denn aber dieſe Abreiſe zu bedeuten, da er doch eben in C.... geweſen, und da dieſe ſeine Reiſe einen Umſturz im Staate herbeiführen ſollte?“ „Wirklich!“ bemerkte Julia mit einer Miene, welche Staunen ausdrückte. „Ja, ja; die Provinz war ganz für ihn; er war ein gar gewaltiger Mann! Was hat dieſe plötz⸗ liche Abdankung zu bedeuten? Sollte er ſich haben⸗ beſtechen laſſen? Hel hel das Gerücht will ſolches ſchon wiſſen.“ 237 „Das Gerücht lügt,“ verſetzte Julia. „Wiſſen Sie vielleicht etwas Näheres?“ „Ich weiß Alles, mein lieber Alter.“ „So erzählen Sie mir es!“ „Kommen Sie heute Abend zu mir!“ „Um wie viel Uhr?“ „Nach der Oper.“ „Darf ich den Baron mitbringen?“ „Wen Sie wollen.“ „Wird Leon bei Ihnen ſein?“ „Leon iſt nicht mehr hier.“ „Sapperment! es geht alſo Alles fort?“ „Wie es ſcheint; es iſt auch das eine lange Ge⸗ ſchichte.“ „Was Sie da nicht ſagen! Er, der Sie an⸗ betetel“ „Heute Abend alſo! Da ſehe ich Jemand, mit dem ich ein Wort zu ſprechen habe.“ „Heute Abend, liebe Freundin; ich ſage Ihnen aber im Voraus, daß der Baron Sie immer noch liebt, ſowie daß derſelbe, wenn ich ihn mitbringe, Ihnen den Hof machen wird.“ „Thut mir leid, daß es ihn Nichts nützen wird, da ich in drei Tagen abreiſe.“ „Wie! Aber das iſt wahrlich ſtark! Auch Sie?“ „Auch ich. Heute Abend alſo!“ Zu gleicher Zeit gab Julia einem vorüberreiten⸗ den jungen Manne ein Zeichen, daß ſie mit ihm zu ſprechen wünſche. Es war einer jener jungen Leute, deren es ſo viele gibt, etwa von dem gleichen Schlage, wie der Marquis von Grige, nur etwas mehr rui⸗ nirt. Dagegen war derſelbe einer der größten Neuig⸗ 7 238 keitskrämer, welche die Hauptſtadt beſaß. Julia hatte immer viel Geld gebraucht, und war, ehe ſie hohe Politik trieb und ihr Glück machte, genöthigt ge⸗ weſen, durch alle Mittel, die den Frauen ihres Schlags zu Gebot ſtehen, ſo lange ſie jung und hübſch ſind, ſich ſolches zu verſchaffen. Man darf daher auch gar nicht über die Vertraulichkeit ſich wundern, die zwiſchen ihr und Leuten beſtand, welche in dieſer Geſchichte noch nicht handelnd aufgetreten ſind und auch nur vorübergehend darin erſcheinen werden. „Ei, ſag' doch, Gaſton,“ ſprach ſie zu dem jungen Manne, den ſie eben herangerufen und der ſein Pferd anhielt, um mit ihr zu ſprechen,„wohin gehſt Du?“ „Ich will einen Auftrag beſorgen, den ich von meiner Mutter bekommen.“ „Und der iſt?“ „Ich ſoll mich erkundigen, ob Herr von Bryon wirklich abgereist ſei.“ „Eben bin ich dem Grafen von Camül begegnet, der gleichfalls hingeht.“ „Ahl es iſt das die große Neuigkeit des Tages.“ „Wohlan! Ich will Dir ſagen, was ich bereits dem Grafen geſagt: Herr von Bryon iſt nicht mehr hier.“ „Du weißt das?“ „Ja, und noch viel Anderes, was ich Dir er⸗ zählen will, und was recht beluſtigend ausfallen ſoll, wenn Du heute Abend um elf Uhr zu mir kommſt.“ „Ich werde nicht fehlen. Leon iſt doch wohl auf?“ 2 h. 239 „Leon iſt nicht mehr hier.“ „Ach was!“ „Und Dein Freund Ernſt?“ „Heute Morgen iſt er geſtorben.“ „Woran denn?“ „An einem Degenſtoß; ich war ſein Secundant.“ „Ach! der arme Junge dauert mich. Und wer hat ihm das verſetzt?“ „Karl,— der kleine Karl, der, wie Du weißt, Geliebte der Frau von**n war.“ „Um ihretwillen hat das Duell Statt gehabt?“ „Ja; Du haſt ihn gekannt?“ „Recht gut.“ „Ja, ja, Du wareſt ja in ihn ganz wahnſinnig verliebt.“ „Immerhin war er mir noch ein Pferd ſchuldig.“ „Wenn er Dir es nicht teſtamentlich vermacht, ſo bekommſt Du es nicht mehr. Heute Abend alſo!“ „Heute Abend!“ Es fuhr Julia nun wieder nach Hauſe. Unter⸗ wegs begegnete ſie einer dritten Perſon, die rothe Wangen, einen ſchwarzen Backenbart und ein blaues Kinn hatte. Es war der Mann ein rechter Börſen⸗ typus, mit Burgunder und Trüffeln gefüttert und von dem Lächeln eines in Geſchäften beſtändig glück⸗ lichen Mannes erleuchtet. Sie ließ ihren Wagen anhalten und rief der Perſon zu: „Girard!“ „Ahl Sie ſind's, einzig Schöne! Wie geht es?“ „Ah! mein Lieber, Sie ſprechen ja wie die Lö⸗ wen des Vaudevilletheaters.“ de — 240 Herr Girard hob an zu lachen. Es war dieß ſeine gewöhnliche Antwort, wenn er nicht wußte, „Zu mir.“ „Gibt es ein Spielchen?“ „Spielt man denn bei mir?“ „Ich frage ſo, weil ich nur auf der Börſe zu ſpielen pflege,“ verſetzte Herr Girard, zwiſchen ein kleines befriedigtes Lachen und die Rauchwolke einer Cigarre hinein. „Ich muß auch ſagen, daß Sie recht geiſtreich werden.“ „Habe ich einmal eine Million gewonnen, ſo lege ich ſie zu Ihren Füßen nieder.“ „Nun, das iſt einmal ein Wort. Aber ich will nur gleich gehen, damit Sie nicht ein zweites ſagen müſſen. Heute Abend alſo!“ „Wenn das Theater aus iſt. Sie ſpielt im Variétés⸗Theater,— im letzten Stücke.“ „Es beſteht das Verhältniß alſo immer noch fort?“ „Immer noch.“ 3 Und Julia fuhr weiter, über dieſe Treue lachend, die für den Einen eine gewaltige Selbſttäuſchung, für die Andere aber ein Vermögen war. Endlich langte ſie zu Hauſe an. Als der Abend gekommen war, ging ſie in die Oper; dort ſah ſie auch Herrn von Bay, der in einer andern Loge und neben einer andern Frau die längſt gewohnten Dienſte wieder verſah. Um elf Uhr war ſie wieder daheim. 1 nur eß te, lia 241 „Ich will die ganze Geſchichte erzählen,“ dachte ſie.„Vielleicht ſollte ich ſchweigen. Aber bahl ich habe gethan, was ich thun mußte! Warum hat auch Frau von Bryon ihren Mann hintergangen. Um ſo ſchlimmer für ſie.“ Florentin, der ſeit dem Morgen bei ihr in Dienſt getreten war, meldete den Grafen von Camül, ſo⸗ wie den Baron von** an. Wir werden bald ſehen, wie genau Julia die Geſchichte von Immanuels Ab⸗ dankung erzählte. „Liebe Julia,“ fing der Graf von Camül an, indem er vor dem Spiegel ſeine gefärbten Haare zurecht ſtrich,„Sie ſehen, daß ich Ihnen Wort ge⸗ halten: ich habe den Baron mitgebracht.“ „Hoffentlich ſind Sie immer noch in mich ver⸗ liebt, Baron?“ ſprach Julia. „Immer noch.“ „So iſt's recht. Ich geſtatte Ihnen ſolches aber nur unter einer Bedingung.“ „Ja, und unter welcher?“ „Unter der Bedingung, daß Sie nie davon ſprechen.“ „Ah, ah, der arme Baron!“ bemerkte der Graf, ſein Halstuch ordnend.„Und doch war er nur deßhalb hergekommen.“ „Nun, er wird eben umſonſt gekommen ſein. Ge⸗ ſchieht es nicht oft, daß man umſonſt wohin geht?“ „Das iſt mir erſt heute paſſirt,“ fuhr der Graf fort, indem er ſich an ſeiner Weſte zu thun machte. „Trotz deſſen, was Sie mir geſagt, bin ich zu Herrn von Bryon gegangen, und da habe ich erfahren, daß er nach Poitou abgereist. Im Amtsblatte aber habe Dumas d. J., ein Frauenleben. II. 16 242 ich geleſen, daß er nach Italien gereist, und fer⸗ ner hat mir der Secretär des Miniſters geſagt, daß er ſich auf dem Miniſterium einen Paß geholt, ohne ſelbſt zu wiſſen, wohin er geht.“ „Wenn man bedenkt, daß ich zu dem Allem den Schlüſſel beſitze.“ „Und den Sie uns geben werden.“ „Ach! du mein Gott, ja.“ „Und Sie werden uns auch ſagen, warum Leon die Hauptſtadt verlaſſen?“ „Warum denn nicht?“ „Wiſſen Sie, daß ich Leon für wahnſinnig ge⸗ halten?“ hob der Graf wieder an, indem er ſich mit ſeinen Manſchetten zu ſchaffen machte. „Warum?“ „Wegen ſeines neulichen Benehmens im Club.“ „Und was hat er denn da gethan?“ „Es ſind nun drei oder vier Tage, da iſt er ganz verſtört in den Club gekommen und hat ſich mit mir und noch zwei Andern an einen Whiſttiſch geſetzt. Mitten im Spiel iſt er aufgeſtanden, hat ſeinen Hut genommen und iſt davon gerannt, ohne auch nur eine Silbe zu ſagen. So lange er aber da geblieben, war er unruhig und heftig bewegt ge⸗ weſen. Seitdem haben wir nicht wieder von ihm ſprechen hören.“ „Ohne Zweifel hatte er ein Stelldichein bekom⸗ men,“ verſetzte Julia. „Hier?“ fragte der Baron. „Nein.“ „Vielleicht daß er ein ſolches bekommen hatte,“ ſetzte der Graf mit gleichgültiger Miene hinzu, indem 243 er ein Kämmchen aus ſeiner Taſche hervorzog und ſich mit ſeinem Backenbarte zu thun machte. „Alles das iſt recht ſchön und gut,“ ſprach der Baron,„wußten Sie aber, daß Leon eine Schweſter hatte?“ „Eine Schweſter!“ bemerkte der Graf erſtaunt. „Ja, eine Schweſter, mit der er verreist iſt.“ „Was mich betrifft, ſo weiß ich gewiß, daß er keine ſolche Schweſter hatte,“ erwiderte der Graf. In dieſem Augenblicke meldete man Gaſton und Herrn Girard an. „Sie kommen eben recht, meine Herren,“ ſprach Julia zu ihnen;„es gibt Etwas zu thun.“ „Um ſo beſſer,“ ſprach Girard,„und was iſt das?“ „Es gilt, den Baron aufzuklären, der ſich fragt, wie Leon von Grige mit ſeiner Schweſter verreiſen konnte, da er doch keine ſolche hatte.“ „Das iſt gar leicht zu errathen,“ antwortete Gaſton:„er nimmt eben eine Frau mit, deren wah⸗ ren Namen man nicht wiſſen ſoll, und die er nun für ein Fräulein von Grige ausgibt.“ „Kennen Sie aber auch den Namen dieſer Frau?“ fragte Julia. „Nein.“ „So ſetzen Sie ſich denn! Ich will es Ihnen ſagen.“ „Sie wiſſen,“ fuhr die Lovely fort,„daß ich Leon recht oft ſah.“ „Sieben Mal in jeder Woche,“ bemerkte Herr Girard. 244 „Vierundzwanzig Stunden jeden Tag,“ ſetzte der Graf ſeufzend hinzu. „Ja, ſo Etwas,“ fuhr Julia fort.„Indeſſen ſah ich ihn ſeit einiger Zeit,“ ſetzte ſie mit gekünſtel⸗ ter Gleichgültigkeit hinzu,„in der Woche kaum mehr denn fünf Mal, und jeden Tag kaum länger denn ſechs Stunden.“ „Und mit welchem Augenblicke fingen dieſe ſechs Stunden an?“ fragte Gaſton. „Zuweilen vor dem Theater, nie aber nach dem⸗ ſelben; kurz, es ging, wie Sie ſehen, nicht mehr. Unter Leuten von Verſtand aber quittirt man ſich nicht, und bei ſolchen läßt die Liebe immer ſo viele Krümchen zurück, daß man eine Freundſchaft daraus machen kann; und dann ging mir auch eine gewiſſe Perſon im Kopfe herum, während Leon ſeinerſeits ſich ernſtlich, leidenſchaftlich verliebt hatte.“ „Das iſt mir etwas Neues.“ „Was Sie da ſagen, klingt für mich recht höflich.“ „Doch wir hören.“ „Eines ſchönen Tags alſo geſtanden wir uns gegenſeitig unſere Gefühle. Leon ſagte, er müſſe mich Tags darauf hintergehen, ich aber erzählte ihm, wie ich ihn ſchon den Tag vorher hintergangen; ſo wurden wir Freunde, natürlich mit allen Wohltha⸗ ten der Freundſchaft; das heißt, er ſollte mir ſein Glück immer getreulich berichten, den Namen allein ausgenommen, den er mir ſchlechterdings nicht ſagen wollte, wogegen ich ihm dann meine Liebſchaften und Erfolge erzählen wollte. Von dieſem Augenblicke beteten wir einander an und waren, ſo oft wir ein⸗ ander trafen, ausgelaſſen luſtig. Alles, was ich liel con 245 wußte, beſtand darin, daß die von Leon Angebetete eine Frau aus der guten Geſellſchaft, eine Frau aus der hohen Welt war. Es that mir natürlich unend⸗ lich leid, daß der arme Leon ſich ſo heruntergab; indeſſen genügte es mir nicht, die Gattung zu kennen: ich mußte auch den Namen wiſſen.“ „Sie liebten ihn immer noch?“ „Nein, ich langweilte mich.“ „Und die gewiſſe Perſon?“ „War bloß reich.“ „Daß Sie alſo...?“ „So daß ich ihn einem Fürſten oder Prinzen zu lieb hintergehen wollte.“ „Der bloß ſchön war.“ „Getroffen.“ „So daß Sie alſo bedauerten...?“ „Nein, daß ich wünſchte...“ „Sie Pfiffige.“ „Sie unterbrechen mich immer.“ „Wir wollen Nichts mehr ſagen.“ „Ich wollte alſo wiſſen, wo Leon hinging. So viel wußte ich, daß ſeine Beſuche bei der myſteriöſen Geliebten um zwei oder drei Uhr Statt fanden, denn Abends war er immer im Theater, und was ſeine Nächte betrifft, ſo wiſſen Sie ebenſo gut, wie ich, daß er ſie im Club zubrachte.“ „Nicht alle,“ bemerkte der Bankier lächelnd und Julia anſchauend. „Sie unterbrechen mich ſchon wieder.“ „Dieß Mal geſchah es, um eine Thatſache zu conſtatiren.“ „Sie ſind ein Langweiler.“ 246 „Ich bin nur gewiſſenhaft: wir machen hier Ge⸗ ſchichte. Fahren Sie fort!“ „Eines Tags alſo kam Leon hierher, um die Zeit todt zu ſchlagen, die ihn von der Schäferſtunde bei ſeiner Vielgeliebten trennte; denn in der neuen Welt, die er beſuchte, iſt eine Geliebte ſtets eine Vielgeliebte. Er ſchaute unaufhörlich auf die Stock⸗ uhr, was mich in meiner Meinung noch mehr be⸗ ſtärkte, und endlich verließ er mich um zwei Uhr. Tags darauf ſchickte ich meine Kammerfrau zu Leons Kutſcher, der ihr Nichts abſchlagen durfte, um den⸗ ſelben fragen zu laſſen, wohin er Tags zuvor ſeinen Herrn gefahren, als dieſer von mir weggegangen. Der Kutſcher gab ihr die Adreſſe, die ſie mir brachte.“ „Und dieſe Adreſſe war...“ „Warten Sie doch ein bischen: die Sache geht noch nicht aus. An dem darauf folgenden Tage, Abends ſechs Uhr, fuhr ich in meinem Wagen aus und ließ mich, das Geſicht hinter einem dichten Schleier verbergend, nach dem mir bezeichneten Hauſe fahren. Das Haus aber, vor dem mein Kutſcher anhielt, war ein Privathaus. Ich läutete, ging hinein und fragte den Pförtner, ob das Haus wirk⸗ lich zu verkaufen wäre; er antwortete mir, er glaube nicht. Dann fragte ich nach dem Namen des Haus⸗ beſitzers, da ich, ſagte ich, zur Eſſenszeit nicht hin⸗ aufgehen möchte, um mit ihm von Geſchäftsſachen zu ſprechen, und da ich es vorzöge, an ihn zu ſchrei⸗ ben. Und ſo gab mir denn der Pförtner den ge⸗ wünſchten Namen.“ „Und der war... 2“ „Tags darauf fuhr ich drei bis vier Mal durch 247 die nämliche Straße zu der Stunde, wo ich glaubte, daß Leon den gewohnten Beſuch machen müſſe. Und in der That ſah ich um drei Uhr ſeinen Wagen vor dem Hauſe.“ „Was nun mich betrifft,“ fuhr Julia fort,„ſo glaubte ich Leon in dieſe Frau ſterblich verliebt. Sie wiſſen aber, daß Leon ein Gewohnheitsmenſch war... Seit langer Zeit hatte er die Gewohnheit angenom⸗ men, mit mir zu leben, und aus meinem Hauſe das ſeinige zu machen, ſo daß er, als das erſte Feuer einer ſchwierigen Leidenſchaft etwas verraucht war, wieder den Wunſch bezeigte, wie früher wieder zu leben. Unglücklicher Weiſe ging das bei mir nun einmal nicht an. Mit Recht oder mit Unrecht hatte ich ihn zu ſehr geliebt, als daß ich ihm hätte nur noch eine Art Herbergsmutter ſein mögen. Meine Freundſchaft iſt nicht ſo gaſtfreundlicher Art. Er hatte das begriffen und ſprach nicht einmal mit mir darüber; was er aber bei mir nicht finden konnte, das fand er bei einer Andern, von der ich das habe, was ich nun noch erzählen will, und die, um die Liebſchaft, die er mit unſerer Unbekannten hatte, nicht wiſſend, den unglücklichen Einfall hatte, in ihren neuen Liebhaber ſich leidenſchaftlich zu ver⸗ lieben.“ „Wie ſonderbar!“ „Eines ſchönen Tags alſo fand ſie bei Leon die Briefe der großen Dame und machte die Adreſſe aus⸗ findig; und da der Gatte gerade verreist war, und ſie in Erfahrung gebracht, wo derſelbe ſich aufhielt, ſo ſchickte ſie demſelben unter Couvert die Briefe ſeiner Frau.“ 248 „Die Sache verwickelt ſich.“ „Man wird nun nimmermehr errathen, was geſchah.“ „Fahr' fort, fahr' fort,“ verſetzte Gaſton, wie wenn es noch zu der Zeit geweſen wäre, wo er im Hauſe gewiſſe Rechte genoß,„Dein Bericht intereſſirt mich.“ „Meine Freundin ſchrieb ihrer Nebenbuhlerin, was ſie gethan.“ „Es war dieß recht chriſtlich.“ „Ja ſehen Sie, meine Freundin war eben eine gute Perſon.“ „Man ſieht das wohl.“ „Hier wird nun die Sache ziemlich ſonderbar! Eines Abends war ich allein hier; da kam mein Bedienter herein und meldete... Rathen Sie ein⸗ mal, wen?“ „Zum Teufel mit den Räthſeln!“ „Werd' eine Sphinx; ſeitdem Oedipus das del⸗ phiſche Räthſel errathen, iſt das ein vacanter Platz.“ „So ſollt Ihr denn den Namen erſt am Ende erfahren.“ „Die Sache hat alſo ein Ende?“ fragte Gaſton. „Mein lieber Gaſton, Siewiſſenbeſſer, denn irgend Jemand, daß Alles ein Ende hat; Ihr Notar hat das Ihnen ſchon vor mir geſagt.“ „Wahrlich, das iſt nicht übel; ich mache Ihnen mein Compliment.“ „Man meldete,“ fuhr Julia fort,„Leons Ge⸗ liebte, eine Frau von der allerhöchſten Welt.“ „Und was machte ſie denn...?“ „Auf dieſer Galere, nicht wahr? Sie werden es & ͤS— SAͤ——— ine 249 alsbald hören. Bei Empfang des bewußten Briefes war die arme Frau in die größte Verzweiflung ge⸗ kommen; ich weiß nun nicht, wie ſie mein Verhältniß zu Leon erfahren hat; nur ſo viel iſt mir bekannt, daß ſie glaubte, es beſtände dieſes Verhältniß noch fort, und ich wäre es, die den Brief, welchen ſie eben empfangen, geſchrieben. In dieſer feſten Ueberzeu⸗ gung wollte ſie mich fragen, ob es denn wahr wäre, daß ich eine ſolche Schändlichkeit,— deren ich glück⸗ licher Weiſe unfähig bin—, begangen. Nie habe ich einen Schmerz geſehen, wie den dieſer Frau, die ich faſt für ein Kind gehalten hätte: ſo jung und ſchwächlich iſt ſie. Ich bewies ihr, wie ich in keiner Weiſe dabei betheiligt wäre, ohne ihr indeſſen über die wahre Schuldige Aufklärung zu geben; auch bin ich es, die ihr zur Flucht mit Leon rieth.“ „Ein ſchöner Rath!“ „Was ſollte ſie machen?“ „Da bleiben.“ „Und ihr Mann?“ „Hätte ihr verziehen, wie alle verſtändigen Män⸗ ner thun.“ „Vielleicht, daß ein Anderer alſo gehandelt hätte,“ verſetzte Julia,„wie es aber ſcheint, ſo liebte dieſer ſeine Frau wirklich, ja er betete ſie an; noch mehr, er wurde von ihr angebetet. Was ſie alſo haupt⸗ ſächlich fürchtete, das waren die Vorwürfe ihres Mannes.“ „Warum aber hatte ſie denn ihren Mann hin⸗ tergangen, da ſie ihn doch anbetete?“ fragte Gaſton. „Es iſt Ihnen wohl bekannt, daß es bei Frauen ſtets ein Warum, niemals aber ein Weil gibt.“ 250 „Und dann...?“ „Und dann tröſtete ich die arme junge Frau, ſo gut ich eben konnte; ſie machte mir das Herz bluten; gegen halb ein Uhr verließ ſie mich, und als der Tag da war, floh ſie mit Leon unter dem Namen ſeiner Schweſter.“ „Ganz gut!“ bemerkte Herr Girard.„So weit geht die Sache Leon an; dieſe Geſchichte ſteht doch aber in keinerlei Beziehung zu der Abdankung des Herrn von Bryon?“ „Sie meinen alſo, es ſei da keine Beziehung?“ „Herr Girard ſchaute die drei Zuhörer an, gleich als wollte er ſagen: Habe ich nicht Recht?“ „In der That,“ ſprachen die drei. „Sie errathen alſo nicht?“ ſagte Julia. „Was?“ fragte man. „Den Namen dieſer Frau!“ Die Männer ſahen einander ahnungsvoll an. „Dieſe Frau...“ ſagte der Graf von Camül. „Ei, der tauſend! war... Frau von Bryon!“ „Frau von Bryon!“ riefen die, welche Julia um ſich verſammelt hatte, erſtaunt aus. „Begreifen Sie nun, warum Herr von Bryon abgedankt hat, und warum er verreist iſt?“ „Und Sie ſind deſſen gewiß?“ fragte der Baron. „Ich verſichere es Ihnen. Nur muß ich Sie bitten, daß Sie die Sache um des armen Immanuel willen, den Sie Alle kennen, und der es verdient, daß man ſolche Einzelheiten verſchweigt, recht geheim halten.“ „Zählen Sie auf uns!“ bemerkte der Graf. „Welche Geſchichte!“ rief der Baron aus. — 251 „Wer hätte das geglaubt?“ meinte der Bankier. „Eine allerliebſte Frau!“ wiederholte Gaſton.„Es iſt Leon wahrlich ein glücklicher Kerl!“ „Sie finden?“ „Wer wäre auch nicht glücklich im Beſitze einer ſolchen Geliebten?“ „Und glauben Sie denn, es ſei Herr von Bryon umſonſt verreist?“ „Er iſt verreist, um dem Skandal, den die Ge⸗ ſchichte erregen muß, aus dem Wege zu gehen; denn früher oder ſpäter kommt ſie doch heraus.“ „Er iſt ſeiner Frau und Leon nachgereist: ich möchte eine Wette darauf eingehen.“ „Der Teufel!“ „Und hat er im Privatleben den Charakter, den er im öffentlichen Leben hatte, ſo bedaure ich Leon.“ „Wir bekommen ein kleines Drama,“ meinte Herr Girard, ſich die Hände reibend. „Madame, es iſt ſervirt!“ ſprach der Bediente, die Salonthüre öffnend. „Wenn Sie mit mir ſoupiren wollen, meine Her⸗ ren,“ ſprach Julia,„ſo können Sie mithalten.“ „Meiner Treu’l mich hungert,“ ſprach der Graf, einen Blick der Befriedigung auf ſeine ganze Perſon werfend. „Auch ich habe Hunger,“ verſetzte der Baron. „Ach, der arme Leon!“ „Der arme Immanuel!“ „Die drollige Geſchichte!“ Hier nahm der Baron Julia's Arm und ging mit ihr in den Speiſeſaal. Man ſprach noch eine Zeit lang über dieſe abenteuerliche Geſchichte. Tags 25² darauf erzählte man ſie ſchon im Club; vom Club gelangte ſie in die Salons, von den Salons in die Boudoirs, von den Boudoirs in die Vorzimmer, und von den Vorzimmern kam ſie endlich bis zu den klei⸗ nen Zeitungsblättern. Es war dieſelbe alſo ſchon nach einigen Tagen mit leicht zu erkennenden An⸗ fangsbuchſtaben haarklein in einem jener Tagblätter zu leſen, deren Specialität der Skandal iſt, und die auch das Edelſte und Heiligſte mit Koth bewerfen, indem ſie dieſen Koth wo möglich noch ſchmutziger machen. Es war Immanuel noch nicht über die Grenze gekommen, und ſchon kannte ganz Paris ſeine Schande, die er um ſeiner Tochter willen hatte ge⸗ heim halten wollen. Was ZJulia betrifft, ſo war ſie auf ihren diplo⸗ matiſchen Poſten abgegangen. Sehen wir nun, was aus Leon, Marien und Im⸗ manuel geworden war. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Es waren Leon und Marie zu Florenz angekom⸗ men. Seit dem Augenblicke, da Frau von Bryon Paris verlaſſen, hatte ſie auch nicht eine Silbe mit ihrem Liebhaber geſprochen. Blaß wie eine Mar⸗ morſäule, war ſie in der Tiefe des Wagens geblieben, Marianne zuweilen anlächelnd, mechaniſch, und ohne es zu wollen, lebend. Man hätte ſie für eine todte Perſon halten können, die man aus einem Grabe in ein anderes bringen will. Leon ließ ſie keinen Augenblick aus den Augen; eQ,—.————= 9§—. —= 0 S.üSͤSO S 253 und von Zeit zu Zeit kam er ihr ſo unglücklich vor, daß ſie ihm aus lauter Mitleid die Hand hinreichte. Was ſie in der Erinnerung litt, iſt wirklich unbe⸗ rechenbar. Leichter wäre es, die Tiefe des Oceans, als die eines ſolchen Schmerzens zu ergründen. Sie ließ ſich geduldig überall hinführen, wie wenn Alles, was ihrem Kummer fremd war, ihr gleichgültig ge⸗ weſen wäre. Oft entſtürzten in der Stille der Nacht ihren Augen ein paar Thränen. Es zogen dann der Schatten ihrer Mutter und das Andenken des Herrn von Hermi, oder das Immanuels an den Augen ihres Geiſtes vorüber. Leon begriff, wie er keine Geliebte, ſondern nur ein geduldiges Schlachtopfer mit ſich führte. Zu Florenz angekommen, beſtellte er zwei abgeſonderte Wohnungen in dem Gaſthofe, wo er abſtieg; die eine war für Marie und Marianne, die andere für ihn ſelbſt beſtimmt, ſo lange er kein paſſendes Haus zu miethen oder zu kaufen fand. In dem erſten Zim⸗ mer, in das man ſie führte, ließ Marie ſich auf einen Stuhl nieder, ſtumm umherſchauend und den Kopf in beiden Händen verbergend; endlich weinte ſie reich⸗ liche Thränen. Wohl haben viele Entführungen ſo geendigt, gewiß aber haben nur wenige ſo ange⸗ fangen. „Ich brauche Ihnen Frau von Bryon wohl nicht erſt zu empfehlen,“ ſprach Leon zu Mariannen:„ich geh' nun auf mein Zimmer. Will ſie mich ſprechen, ſo wird ſie die Güte haben, mich rufen zu laſſen.— Da iſt nun mein Leben an dieſe arme Frau geket⸗ tet,“ dachte Leon,„und ſie liebt mich nicht, und ich liebe ſie.“ 254 Auch er ſetzte ſich traurig in ſeinem Zimmer. Welch ſeltſame und verſchiedene Reſultate kann nicht eine Liebe haben, wenn eine Frau ſich einmal preisgegeben! In dieſem Buche begegnen wir vier Frauengeſtalten. Die erſte, Frau von Hermi, hat aus der Liebe einen Zeitvertreib gemacht, der nicht einmal ihre Hautfarbe alterirt, um den die Welt gewußt, und den dieſe hingenommen hat, ohne ſie darüber zur Rechenſchaft zu ziehen, obgleich ſie einen Gatten, einen großen Namen, ſowie ein Kind hatte. Die zweite, Julia Lovely, hat aus der Liebe eine Waare, einen Calkul, einen Handel gemacht, und dafür hat die Geſellſchaft ihr Ruhm, Geld, ja ſelbſt Einfluß gegeben. Sie lebt von ihrer Liebe, wie ein Arbeiter von ſeiner Arbeit. Nur hat ſie es beſſer, als der Arbeiter. Die dritte, Clementine Dübois, hat für ihren Gatten nur eine freundſchaftliche, brü⸗ derliche Liebe, der alle Ueberſpanntheit fremd, die ohne gewaltſame Erſchütterung, ohne alle Gefahr iſt. Sie iſt ihres Herzens gewiß, weil es leidenſchaftslos iſt. Sie wird unter den Vieren die Glücklichſte ſein, weil ſie jenen Seelenfrieden hat, der das gute Ge⸗ wiſſen,— weil ſie jene Ruhe der Sinne hat, welche die Tugend iſt. Die Letzte, Marie, iſt unter allen dieſen Frauen die einzige, die wahre Liebe empfunden, eine Liebe, die noch jetzt ſie beherrſcht,— eine Liebe die ſie gerade deßhalb in's Verderben geſtürzt, weil dieſelbe ſtark, und weil ſie ſelbſt auf den Mann eiferſüchtig war, der ihr dieſe Liebe einflößte. Aus Eiferſucht hat ſie ihren Gatten hintergangen. Nur ein Mal hat ſie gefehlt, und doch iſt ſie unglücklicher als Julia, und härter beſtraft, als die Gräfin, weil ⏑8̈ ½ 8—B—/A—ͤ—— ,———] ͤ— 25⁵ ſie weder die Berechnungsgabe der einen, noch das ſorg⸗ loſe Weſen der andern beſeſſen. Nur ein Mal hat ſie ſich einem andern Manne preisgegeben, und dieſer einzige Fehltritt knickt ihr Leben, brandmarkt ihr An⸗ denken, zerſtört das Glück ihres Vaters und die Zukunft des Mannes, den ſie liebte und nach dieſem Fehl⸗ tritt noch über Alles auf der Welt liebt. Sie wird geſtraft, weil ſie es nicht verſtanden hat, zu lügen, weil ihr Herz, ſelbſt bei ihrem Fehltritte, unſchuldig und rein geblieben. Sie iſt einem unausweichlichen Verhängniſſe erlegen, und es iſt ihr Leben, das nur einen dunklen Fleck hat, der Weg zum Glück gewor⸗ den für ein Weib, das in ihrer ganzen Vergangen⸗ heit auch nicht eine gute Handlung geltend zu machen vermag, diejenige ausgenommen, die ſie nur zu ſpät verrichtet, und ſeitdem wieder gehörig ausgetilgt hat. Woher kommt das? Woher kommt es, daß ein zwanzigjähriges, ſchwaches, aller Erfahrung bares Geſchöpf, um eines einzigen Fehlers willen, ihr gan⸗ zes Leben hindurch der Verachtung und der Ver⸗ zweiflung geweiht werden kann durch eine Geſell⸗ ſchaft, die tauſend Mal ſchlechter iſt als es? Wo⸗ her kommt es, daß das Böſe für die Einen gewinn⸗ bringend, und der Irrthum für die Anderen tödt⸗ lich iſt? Muß denn die Heuchelei die Führerin des Lebens ſein und ſoll man freigeſprochen ſein, wenn man ſich gehörig zu verbergen weiß? Kann Verzeihung nur von denen kommen, welche vom Himmel die Aufgabe erhalten, den Menſchen zu verzeihen, das heißt, von den Prieſtern, und muß eine laſterhafte Geſellſchaft in alle Ewigkeit ſich zur Richterin der begangenen Fehler aufwerfen und deren Beſtrafung 256 auf ſich nehmen, gleichſam um durch die von ihr auferlegten Strafen ſich zu entſchuldigen? Der Sün⸗ derin iſt alſo alle Verzeihung abgeſchnitten, es ſei denn, daß ſie ſolche bei Gott ſucht, und würde ihr auch von dem⸗ oder denjenigen vergeben, die durch ihren Fehltritt gelitten, ſo wird doch die Welt, die das Nichts angeht, nicht vergeben, ſondern im Gegen⸗ theil mit dem Finger auf den Fleck deuten, woraus ſie eine große, offene Wunde macht. Ja, es iſt mit der Geſellſchaft gar ſchlecht be⸗ ſtellt, in ſo fern ſie zum Böſen räth, und das Uebel nicht wieder gut macht, nachdem es einmal geſchehen iſt. Die Geſellſchaft kommt mir wie eine Kupplerin vor, die ihre Töchter verkauft, nicht um, gleich einer gewöhnlichen Kupplerin, Geld damit zu machen, ſon⸗ dern um das, was ſie ſelbſt gethan, zu entſchuldi⸗ gen. Nimmermehr wird eine Frau, die in Erfah⸗ rung gebracht, daß eine andere Frau gefehlt, letz⸗ tere beklagen. Zuerſt ſtößt ſie ſie zurück, und dann bedient ſie ſich ihrer, um ſich zu entſchuldigen, wenn ſie den gleichen Fehler ſich zu Schulden kommen läßt. Wohl findet man Frauen, die für tugendhaft gelten, die es vielleicht auch ſind, und mit einer Chebrecherin umzugehen fortfahren, ſo lange dieſer Ehebruch keinen öffentlichen Scandal in ſeinem Gefolge gehabt hat; indeſſen werden ſie ſolches nur thun, um ihre eigene Tugend ein bischen mehr hervorzuheben, und um Je⸗ mands Partei ergreifen zu können. Unter tauſend, unter zehntauſend Frauen wird man auch nicht eine finden, die unumwunden alſo ſpricht: „Ich gehe mit dieſer Frau um, weil ihr Gatte ihr verziehen hat, weil an ihrer Stelle ich vielleicht 257 ein Gleiches gethan hätte; weil man ſelbſt ohne Sünde ſein muß, um auf einen Sünder einen Stein werfen zu können, und weil ich nicht weiß, was die Zukunft für mich aufbewahrt.“ Wie!l ihr verzeihet einem Kinde, das ſeinen Vater umbringt, und ſprechet: Es wußte nicht, was es that; und verzeihet nicht dem Herzen, jenem ewigen Kinde, das da nie weiß, was es thut? Und man macht Revolutionen, um einen König an die Stelle eines andern, eine Regierungsform an die Stelle einer andern zu ſetzen, und während die ſogenannte Poli⸗ tik ſortſchreitet, macht dieſe große geſellſchaftliche Frage auch nicht einen Schritt, ſondern wälzt ſich fortwährend im Kothe, die Ehre der Gattin, das Glück der Frauen, die Ruhe der Familien, die Zu⸗ kunft der Kinder mit hineinziehend! Die Natur, die nur Eines will, nämlich die Fort⸗ pflanzung alles Lebenden, hat Nichts wider alle dieſe menſchlichen Leidenſchaften, die ihr ihren Zweck er⸗ reichen helfen; aber es lebt die Welt nicht nach der Natur, ſondern nach ihren Launen, ihren Intereſſen, ihren Vorurtheilen; das Kind verflucht ſie um des Fehltritts der Mutter willen, den Gatten entehrt ſie mit dem Fehltritte der Frau, auf eine ganze Familie trägt ſie den Irrthum eines einzigen Gliedes über, und verlangt von derſelben Rechenſchaft, und thut ihr ihre Pforten nicht wieder auf, ohne ihr begreif⸗ lich zu machen, daß ſie dieſelben ihr ſchließen könnte. Muß das ewig ſo bleiben? Wird es der Geſell⸗ ſchaft genügen zu ſagen: Hier iſt das Gute und dort das Böſe, wähle nun: thuſt Du das Gute, ſo wer⸗ den wir Dir nicht viel Dank dafür wiſſen; thuſt Du Dumas d. J., ein Frauenleben. II. 17 258 das Böſe, ſo ſpeien wir Dich an, es ſei denn, daß Du Dich verſteckſt und die Convenienzen achteſt; mach Dir einen Ruf, wir werden nicht unterſuchen, was dahinter iſt. Oh! wüßten die Frauen, welch große Achtung ſie gewiſſen Männern einflößen, ſo lange ſie tugendhaft bleiben, es würden alle die Eitelkeit haben, es auch zu ſein, um von dieſer Minderheit geachtet zu werden. Noch einige Worte zum Behuf einer Abſchweifung, wozu hier ganz der Ort iſt, und welche die gefähr⸗ liche Organiſation der Geſellſchaft darthut, die ſelbſt das Böſe thut, während ſie an das Gute glaubt. Es gibt in unſerem Lande einige Mädchenerzie⸗ hungsanſtalten, wie zum Beiſpiel, die Erziehungsan⸗ ſtalt in Saint⸗Denis, die Logen von Saint⸗Germain, wo die Regierung auf eigene Koſten die Töchter der im Dienſte geſtorbenen oder penſionirten Militärper⸗ ſonen erziehen läßt. Dieſe Mädchen bekommen eine vortreffliche Erziehung und wachſen mit den Kindern der beſten Familien Frankreichs auf. Iſt einmal ihre Erziehung beendigt, ſo glaubt die Geſellſchaft Alles, was ſie thun ſollte, für ſie gethan zu haben. Iſt Bildung nicht die Quelle alles Glücks? Ein Paradoxon, das gäng und gäbe iſt, und dem zum Trotze ſchon viele Gelehrte verhungert ſind. Was geſchieht, wenn dieſe vermögensloſen Mäd⸗ chen aus dieſen Erziehungsanſtalten treten, wo ſie bis zum ſiebzehnten oder achtzehnten Jahre geblieben ſind? Bei vielen iſt es der Fall, daß ſie des Wiſſens, der Bildung zu viel haben, daß ſie an dem Reich⸗ thum und dem Glücke der andern viel zu nahe vorbei⸗ geſtreift ſind, um einen ehrlichen Handwerker heira⸗ daß nach was roße ange elkeit rheit ung, fähr⸗ elbſt t. erzie⸗ san⸗ nain, der per⸗ eine dern mal chaft ben. Ein zum Näd⸗ ſie eben ens, eich⸗ bei⸗ eira⸗ 259 then zu wollen, deſſen Bildung in keinem Verhält⸗ niß mit der ihrigen ſteht und deſſen Arbeit den An⸗ forderungen der erhaltenen Erziehung nimmermehr zu genügen vermag. Andererſeits haben ſie nicht Geld genug, um einen Mann zu heirathen, deſſen Rang und Stellung im Verhältniß wäre mit jener unglücklichen Erziehung, die man ihnen gegeben, in dem Glauben, man werde damit ihre Zukunft ſichern. So geſchieht es, daß dieſe beiden Unmöglichkeiten, in Verbindung mit den Leidenſchaften der Trägheit, dem Hochmuth, der Sinnenluſt, kurz mit Allem, was ein Weib zu beherrſchen vermag, ſolch unglückliche Mädchen allmählig und nothwendig jener Klaſſe von Courtiſanen zuführt, die mit jedem Tage zunimmt, und in der man zu ſeiner großen Ueberraſchung In⸗ telligenzen und Inſtinkte findet, die, etwas länger von der Geſellſchaft unterſtützt, zu deren Wohl bei⸗ getragen hätten, nun aber ſterben, ohne etwas An⸗ deres, als Böſes zu Tage gefördert zu haben. Man könnte ein gar merkwürdiges und intereſ⸗ ſantes Buch ſchreiben über dieſe verhängnißvolle Nothwendigkeit des Laſters, die das Reſultat einer allzu guten Erziehung wird. Unterdeſſen rollte Immanuels Wagen auf der Landſtraße fort. Da er gar nicht zweifelte, daß ſeine Frau und Leon mit der Poſt reiſeten, ſo zog er auf jeder Station Erkundigungen ein und verfolgte bis Marſeille ganz den nämlichen Weg, wie das flüch⸗ tige Paar. Er hielt ſich auch nicht eine Minute lang auf. Noch an dem Tage ſeiner Ankunft ging von Marſeille ein Dampfboot ab; er nahm es. Er 260 ſprach nur ſo viel, als durchaus nothwendig war, um die Reiſe fortzuſetzen, und aß nur ſo viel, daß er nicht Hunger ſtarb. Noch nie nahm wohl auf dem Geſichte eines Menſchen der Schmerz einen er⸗ greifenderen Ausdruck an. Er kam zu Livorno an. Am Abend war er zu Florenz. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Leon und Marie waren drei Tage vor Imma⸗ nuel zu Florenz angekommen. Dieſer begab ſich alsbald nach dem franzöſiſchen Geſandtſchaftshotel, um ſich zu erkundigen, ob nicht Herr von Grige und deſſen Schweſter ihren Paß hätten viſiren laſſen. Man antwortete ihm, der Herr Marquis von Grige ſei in der That mit ſeiner Schweſter angekommen, und man habe deſſen Paß aus dem Hotel York her gebracht. Sofort ging Immanuel nach dem Hotel York. Hier erhielt er aber zur Antwort, es ſeien ſchon den Tag vorher die Neuangekommenen wieder abgereist, ohne zu ſagen, wo ſie hingingen. Und wirklich hatte auch Leon, nachdem er ein einſames Haus gefunden, das ihm ganz anſtändig war, daſſelbe gemiethet, und war mit Marien und Mariannen dorthin gezogen. Immanuel durchſuchte alle Straßen, Häuſer, Spaziergänge, Hotels, ohne die zu finden, die er finden wollte. Unterdeſſen hatte Leon es verſucht, Mariens Kummer und Gewiſſensbiſſe zu beſchwichtigen. Die arme junge Frau hatte Anflüge des Mitleids, nicht dar, daß auf er⸗ an. 261 aber der Liebe für ihren Liebhaber gehabt, und hatte bei ſich geſagt: „Es liebt mich dieſer Mann, und ich bin unge⸗ recht gegen ihn; ich habe mich ihm einmal preisge⸗ geben, und es iſt meine Kälte eine ſchlechte Hand⸗ lung. Sein ganzes Leben hat er mir in einem Augenblicke geopfert, und ich habe nicht einmal ein Lächeln gefunden, um ihm für ſolches Opfer zu danken.“ Sie hatte ſich alſo Zwang angethan, und hatte während einiger Augenblicke getröſtet geſchienen. Leon hatte dieſen Umſtand benützt, um zu ihr zu ſagen: „Marie, vielleicht daß in Zukunft noch glückliche Tage für uns aufbehalten ſind.“ „Vielleicht!“ hatte die junge Frau geantwortet. „Sie werden vergeſſen, denn Sie ſind noch jung! Sie lieben mich nicht, ich weiß es wohl; ich habe wohl einen Augenblick Ihre Sinne und Ihre Ver⸗ nunft verwirrt, habe aber nie Ihr Herz beſeſſen; der Fehltritt, wozu ich Sie verleitet, kettet Sie an mich; ergeben Sie ſich in meine Liebe, die Ihnen einen Erſatz geben wird für alle Liebe, um die ich Sie gebracht, die zärtlich und hingebungsvoll, gleich der eines Vaters, treu und unterwürfig, gleich der eines Kindes, glücklich und erkenntlich, gleich der eines Gatten, ſein wird.“ „Sie ſind recht gut, Leon,“ verſetzte Marie, ihrem Liebhaber zulächelnd und ihm die Hand hinbietend. „Es verrückt Gott gar oft Exiſtenzen, die in die neuen Sphären, worein ſie geworfen werden, ſich nicht finden zu können glauben, und eines Tages nicht wenig ſtaunen, daß ſie darin gelebt. Sie ſind 262 nicht mehr ſo traurig, Marie, nicht wahr? Und vielleicht, nach Jahren, reut es Sie auch nicht mehr. Ich werde Ihnen, ſo lange Sie wollen, bloß ein Bruder ſein, und wollen Sie dann ſpäter, von der Wahrheit meiner Liebe überzeugt, ſich des Bandes erinnern, das uns verknüpft, ſo machen Sie aus mir den glücklichſten aller Menſchen.“ Marie antwortete nicht, ſondern drückte Leon bloß die Hand zum Zeichen ihrer Dankbarkeit, wenn auch nicht zum Zeichen, daß ſie ihm ſolches verſpreche, und verſuchte es, wieder wie die andern Menſchen zu leben, um ihren Liebhaber nicht allzuſehr zu be⸗ trüben. „Sie müſſen, wenn auch nicht ſich zerſtreuen, Marie,“ ſprach Leon zu ihr,„denn es wäre dieß gegenwärtig unmöglich, ſo doch Ihre Zeit ausfüllen und Ihren Geiſt ſo viel wie möglich den Gedanken verſchließen, die Sie ermüden, und die Sie noch um's Leben bringen würden; Sie lieben die Muſik, die Muſik aber weiß den Weg zum Herzen. Ich habe eine Loge im Theater gemiethet; ſo oft geſpielt wird, wollen wir hingehen, damit Sie auch einige Augen⸗ blicke anderswo, als in meiner Geſellſchaft, hinbrin⸗ gen. Es iſt dieſe Loge recht verſteckt; Sie werden Ihren Schleier niederlaſſen, und es wird Niemand Sie kennen, und ſo werden Ihnen die Abendſtunden minder lang vorkommen.“ „Ich danke Ihnen, mein Freund, und will Ihren Vorſchlag annehmen.“ „Noch nie habe ich, Marie, eine Frau ſo geliebt, wie ich Sie liebe; nur für leichte Eroberungen hatte ich früher Zeit und Sinn gehabt. Sie allein haben 263 mein Herz; ich weiß daher auch nicht, wie ich Ihnen meine Liebe beweiſen ſoll; wiſſen Sie aber ein Mit⸗ tel, und wäre dieſes auch mein Tod, ſo ſagen Sie es mir, ich will es anwenden, auf daß mein Name für Sie kein verhaßter ſei. So lächeln Sie mich denn an, und nennen mich Ihren Bruder!“ „Mein Bruder, Sie ſind, ich wiederhole es Ihnen, recht gut, und es wird die Zukunft Ihnen Ihren Lohn bringen,“ verſetzte Marie, die wider ihren Willen tief bewegt war. Am Tage nach Immanuels Ankunft zu Florenz verließen Leon und Marie ihr Häuschen, wo Ma⸗ rianne mit den letzten Einrichtungen fertig werden wollte, und gingen ins Theater. Leons Loge war eine recht finſtere, recht düſtere Parterreloge, in deren Tiefe Marie ſich niederließ, und wo die neugierigen Blicke der Zuſchauer die verſchleierte Frau zu erken⸗ nen ſuchten, die ſich ſo hartnäckig verbarg. Auch Immanuel hatte ſich im Theater eingefun⸗ den. Er wußte nicht, wie Marie mit Ihrem Lieb⸗ haber ſtand. Sie war mit Leon geflohen. Er hatte allen Grund zu glauben, daß ſie ihn liebe, und daß er, ſtolz auf ſeine Geliebte, dieſe überall hinführe. Er ſetzte ſich in eine Loge und ſuchte, gleich den an⸗ dern Zuſchauern, dieſe Frau zu erkennen, welche ſich ſo ſorgfältig verbarg. Nun erkannte er ſie. „Ja, das iſt ſie!“ murmelte er, noch bläſſer wer⸗ dend und in die Tiefe ſeiner Loge ſich zurückwerfend, um von Marien nicht geſehen zu werden;„ſie iſt es, Marie, der ich mein ganzes Leben gegeben,— ſie iſt es, die ſich ſchamlos der Liebe eines Andern hingibt!“ 264 Und es gingen zwei ganze Jahre vor Immanuels Augen vorüber, und jeder Tag dieſer glücklichen Jahre, indem er an dem Geiſte des Herrn von Bryon wieder vorüberging, traf ihn ins innerſte Herz. Brauchen wir noch lange zu analyſiren, was er bei dieſen Betrachtungen litt? Er war bläſſer, denn ein Geſpenſt; ſeine rechte Hand verdeckte ſeinen Mund, und ſein Hut, den er aufbehalten, warf auf ſeine Augen einen Schatten, den die Lampen des Proſce⸗ niums und das Licht des Kronleuchters nur mit Mühe erhellten. So gut er aber auch verborgen war, und ſo ſehr ſich auch ſeine Perſon für Alle in der Dunkelheit der Loge verwiſchte, ſo waren ſeine Augen doch in ſo ſeltſamer Weiſe auf ſie geheftet, daß, früher oder ſpäter, in Folge eines magnetiſchen Einfluſſes, Mariens Blick dem ſeinigen begegnen und ihn erkennen mußte. Und dieß geſchah denn auch. Während eines Zwiſchenacts gewahrte Marie, beim Umwenden des Kopfes, die düſtere, unheimliche Geſtalt. Stieren Blicks, ſtumm, ſchaute ſie hin; ihr Mund war vor Schrecken halb offen geblieben. Da gleichwohl ihr auf eine einzige Erinnerung und einen und denſelben Gedanken gerichteter Geiſt ihre Augen beeinfluſſen konnte, ſo verſuchte ſie es, an eine Viſion, an einen Traum zu glauben und den Blick von die⸗ ſer furchtbaren Erſcheinung abzuwenden. Aber immer wieder kettete jenes Augenpaar, das keinen Augen⸗ blick ſich von ihr abwandte, ſie an ſich.. Mariens Schrecken entging Leon nicht; er neigte ſich zu ihr hin und ſprach: „Was iſt Ihnen denn?“ 265 „Oh, Nichts, Nichts!“ antwortete ſie, ohne den Kopf abzuwenden, da ſie von dieſem Blicke gefeſſelt war,— einem Blicke, ſo finſter wie das Verbrechen, ſo drohend wie Gewiſſensbiſſe.„Er iſt es! ja, er iſt es!“ murmelte ſie; und bezaubert, vernichtet von dieſem Anblicke, fühlte ſie, daß, wenn ſie dieſen Ein⸗ druck nicht gewaltſam abſchüttelte, Immanuel auf ſie zukommen und ſie umbringen könnte, ohne daß ſie auch nur die Arme auszuſtrecken, oder ein Wort her⸗ vorzubringen vermöchte. Und ſich furchtbar Gewalt anthuend, ſprach ſie zu Leon: „Gehen wir, gehen wir!“ „Was iſt Ihnen denn?“ fragte Leon. t„Oh, Nichts, Nichts!“ antwortete ſie mit heiſerer Stimme;„gehen wir aber nur alsbald, und gehen wir nicht bloß, ſondern fliehen wir!“ Man hätte glauben können, es ſeien die leben⸗ den Lippen einer Frau auf dem Geſichte einer Statue. Leon folgte dem Blicke ſeiner Geliebten; da aber Immanuel ſich noch mehr in den Hintergrund der Loge zurückwarf und das Geſicht mit einer Hand verdeckte, ſo verbarg er ſeine Züge vollkommen. Als Leon Marien immer bläſſer werden ſah, warf er ihr raſch ihren Mantel über die Schultern; ſodann nahm er ſie beim Arme und führte ſie oder trug ſie vielmehr fort, ohne daß ſie auch nur einen Augen⸗ blick die Augen von der Richtung abwandte, in der ſie blickten. Nun öffnete auch Immanuel die Thüre ſeiner Loge und es gelang ihm, noch vor Marien die Treppe hinunter zu kommen. Sofort nahm er eines jener 266 Kinder Italiens bei der Hand, denen man überall begegnet, wo es Geld zu finden oder zu nehmen gibt, führte es an einen finſteren Ort, und zeigte ihm Leon und deſſen Begleiterin, die eben in den Wagen ſtiegen. „Schau, dieſem Wagen gehſt Du nach,“ ſprach er zu dem Jungen;„und dann kommſt Du wieder und ſagſt mir, wo er hinfährt. Da haſt Du zehn Silberſtücke.“ Der Junge eilte fort, und in dem Augenblicke, wo der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, konnte Im⸗ manuel ſehen, wie derſelbe auf das Rad kletterte, eine Minute lang neben dem Kutſcher ſaß, wieder herunterſtieg, wie eine Katze von einer Mauer, und wieder nach dem Ort zurückgelaufen kam, wo er Im⸗ manuel verlaſſen hatte. „Schon?“ fragte dieſer ihn. „Ja, Excellenz.“ „Haſt Du die Adreſſe?“ „Jg. „Du kannteſt alſo den Kutſcher?“ „Nein, aber ich habe Bekanntſchaft mit ihm ge⸗ macht. Ich habe ihm drei Silberſtücke gegeben, wor⸗ auf ich die Adreſſe bekam, ohne daß ich länger zu laufen brauchte; ſo ſind Sie bälder befriedigt und brauche ich mich nicht müde zu ſpringen. Und nun das Nähere: Bruder und Schweſter, die man aber für zwei Liebende hält...“ Hier fuhr Immanuel zuſammen. „Seit vier Tagen hier,“ fuhr der Burſche fort, „und wohnhaft Via Paulina Numero 3. Sie ſehen, Excellenz, ich bleibe Ihnen Nichts ſchuldig.“ — rall ibt, eon gen. ach der ehn cke, m⸗ tte, der nd m⸗ 267 „Ich danke,“ verſetzte Immanuel in düſterem Tone. Und er entfernte ſich, indem er dem Burſchen noch einige Silberſtücke hinwarf. „Zu Ihren Dienſten, Excellenz!“ bemerkte dieſer, Herrn von Bryon die Hand küſſend und ſich entfer⸗ nend, um unter einer Straßenlaterne ſeinen ganzen Verdienſt zu zählen. Marie kam heim, ohne auch nur eine Silbe zu ſprechen. Man hätte ſie in der That für einen Schatten halten können. Als der Wagen vor dem Hauſe hielt, durchſuchte Frau von Bryon mit dem Blicke und zwar zitternd, alle Straßenwinkel, mei⸗ nend, ſie würde das furchtbare Geſpenſt wieder fin⸗ den, das ſie eben im Theater geſehen. Aber es war die Straße ganz verödet. Bei jedem Tritte, den ſie auf der Treppe oder in den Zimmern machte, glaubte ſie, es ſtehe der Geiſt ihres Gatten vor ihr auf, und es ſchienen die großen Behänge hinter ihren unheim⸗ lichen Falten die rächende Erſcheinung zu verbergen. Unaufhörlich fragte Leon, warum Marie ſo un⸗ ruhig und ſo todblaß wäre; dieſe aber, die ſchon zitterte, wenn ſie nur ihre eigene Stimme hörte, wandte in ſchmerzlicher Weiſe den Kopf um, ohne auch nur mit einer Silbe zu antworten. Einen Augenblick hatte ſie dem Gedanken Raum gegeben, daß ſie noch an demſelben Abend nach Rom abreiſen wollte; doch hatte ſie, an Immanuel den⸗ kend, ſich endlich geſagt: Gott iſt es, der ihn her⸗ ſendet, und überall wird er mich erreichen, wohin ich auch gehen mag. Sie ſagte daher Leon bloß, daß 268 ſie leidend wäre, und bat ihn, daß er ſie mit Ma⸗ riannen allein laſſen möchte. Als die alte Frau allein bei ihr war, und Leon Nichts mehr hören konnte, ſprach ſie zu ihrer Amme: „Er iſt hier.“ „Wer?“ fragte Marianne. „Er! Immanuel!“ Und Marianne wich zurück, gleich als hätte ſie ihren Fuß auf eine Schlange geſetzt. „Wo haſt Du ihn denn geſehen, mein Kind?“ „Im Theater.“ „Weißt Du das gewiß?“ Marie machte ein Zeichen der Bejahung, da ihr die Kraft zum Sprechen fehlte. „Mein Gott, was wird nun geſchehen?“ ſagte die alte Frau. 4 „Was Gott eben will,“ verſetzte Marie voller Ergebung. „Wir wollen morgen in aller Frühe wegreiſen.“ „Es iſt das unnütz, gute, liebe Marianne; wir würden damit Gottes Gericht nur hinausſchieben.“ „Was iſt dann aber zu thun?“ „Wir bleiben hier, um zu warten.“ „Und zu hoffen.“ Marie ſchüttelte zweifelnd den Kopf und fiel, da endlich die Thränen durch ihre verbrannten Augen hindurch drangen, auf die Knie nieder, und dankte dem Herrn, daß er ſie noch weinen ließ. Sodann kleidete Marianne ſie aus, und es nahm die alte Frau ſie in die Arme, legte ſie wie ein Kind zu Bette, und ſchaute, wie es ſo auf dem Kopfkiſſen lag, 269 voll Liebe und Traurigkeit auf das abgemagerte Ge⸗ ſicht, das ſie einſt ſo lächelnd und ſo roſig geſehen. Die arme junge Frau war an ſo unaufhörliche Schrecken nicht gewöhnt. Kaum lag ſie im Bette, ſo färbten ihre Wangen ſich röthlich, und es bemäch⸗ tigte ſich ihrer ein Fieber, das ſie einem ungleichen und keuchenden Schlafe überantwortete. In ſolcher Weiſe verſtrichen zwei Stunden, worauf Leon, der kein Geräuſch mehr hörte, die Thüre zu Mariens Zimmer leiſe öffnete und mit kleinen Schrit⸗ ten zu dem Bette hinging. Marianne wachte immer, und betete ſogar. „Was iſt ihr doch?“ fragte der junge Mann die ehemalige Amme. „Sie iſt nur müde; ſonſt iſt es Nichts,“ antwor⸗ tete Letztere, der Marie ſtrenges Stillſchweigen an⸗ empfohlen hatte. Leon kniete neben dem Bette nieder und führte eine von den Händen ſeiner Geliebten an die Lippen. Dieſe Hand war brennend heiß. „Sie hat Fieber,“ ſprach er. „Ja.“ „Es iſt heute Abend etwas Außergewöhnliches vorgekommen. Hat ſie es Ihnen nicht geſagt?“ „Nein.“ Marie ſchlug die Augen auf und verſuchte es, mitten in ihrem Fieber Leon anzulächeln. Sodann richtete ſie ſich plötzlich auf, da mit dem Erwachen die Erinnerung bei ihr wiederkehrte, ſtützte ſich auf die Hand, die Leon hielt, und fragte: „Wie viel Uhr iſt es?“ „Zwei,“ antwortete Leon. 270 „Und es iſt Niemand gekommen?“ „Niemand. Wer ſoll denn auch zu einer ſolchen Stunde kommen?“ „Das iſt wahr,“ ſagte ſie, ihr Haupt auf das Kopfkiſſen wieder niederſinken laſſend,„es iſt noch zu bald.“ „Was ſagen Sie da, Du mein Gott! was be⸗ deuten dieſe Worte? Verfallen Sie in Wahnſinn?“ Marie bot Leon die Hand hin und ſchloß die Augen, als wäre es ihr angenehm, wenn er ſich zu⸗ rückzöge und ſie ſchlafen ließe. Auch zog Leon ſich zurück, von Allem, was vorging, Nichts verſtehend und ungeduldig den Tag erwartend, um die nöthige Aufklärung zu erlangen zu ſuchen. Marianne wachte die ganze Nacht, ebenſo auch Leon. Marie allein ſchlief einen fieberiſchen und unruhigen Schlaf. Es erſchien der Tag. Marie wachte auf, und nun ſchlummerte Marianne ihrerſeits. Frau von Bryon ſtieg aus dem Bette und machte, auf den Zehenſpitzen gehend, die Fenſtervorhänge zur Hälfte auf, allein es war jetzt auf der Straße eben ſo wenig Jemand zu ſehen, als Tags zuvor; die Sonne übergoß die Häuſer mit ihren Lichtſtrömen; und ſchon ließen ſich die ſo fröhlichen und ſo häufigen italieniſchen Rufe vernehmen. Marie glaubte, ſie habe geträumt und legte ſich wieder zu Bette. Als Marianne wieder die Augen aufmachte, war Marie mit Arkleiden beſchäftigt. Leon kam zu ihr herein, und es fing der Morgen ganz wie ſonſt an. Nur war die junge Frau, in der Erwartung eines unbekannten Unglücks, wovon ſie aber nicht zu ſprechen wagte, und überzeugt, daß hen das zu be⸗ n 74 die zu⸗ ſich end hige chte lein Es nun von tzen lUlein nand die ſich Rufe ſich igen tigt. rgen mder ſie daß 271 Nichts ſie davor ſchützen könne, in einer ſonderbaren Aufregung; jeden Augenblick überflog eine plötzliche Röthe, von den plötzlichen Erſchütterungen herrührend, die ihr Herz bei jedem neuen Geräuſche erfuhr, ihre Stirn, verſchleierte ihre Augen und verdunkelte einige Minuten lang ihre Denkkraft. Leon ſchaute ſie an und verſtand von dieſem Myſterium ſchlechterdings Nichts; er machte ihr mehr⸗ mals den Vorſchlag, in die freie Luft hinauszugehen, aber ſie zog es vor, zu Hauſe zu bleiben, da ſie fürchtete, es möchte ihr an der erſten Straßenecke die drohende Erſcheinung gegenübertreten, die ſich Tags zuvor ihren Blicken dargeboten. So verſtrich die Zeit. Marie folgte jeder Be⸗ wegung des Uhrzeigers; jede Minute, die dahin flog und für ſie ein Jahrhundert dauerte, ließ ſie wieder hoffen; hörte ſie im Laufe des Tages Nichts von Immanuel, ſo hatte ſie ihn auch nicht geſehen, ſo war er es auch nicht geweſen, ſo konnte ſie ihm noch entgehen; denn war er es, ſo war er, wie ſie wohl wußte, nicht der Mann, der ſein Gericht und ſeine Rache auch nur um einen Tag hinausſchob. Es hatte nach einander zehn, elf, zwölf Uhr ge⸗ ſchlagen, und noch war nichts Außergewöhnliches geſchehen. Es war wieder einige Ruhe in Mariens Herz eingekehrt, und ſie hatte ſich bewegen laſſen, ſich zu Tiſche zu ſetzen, mehr noch, um ſich zu zwin⸗ gen, das materielle Leben wieder zu leben, als um Etwas zu ſich zu nehmen. Es mochten etwa zehn Minuten verſtrichen ſein, daß man am Tiſche ſaß: da ging die Thüre auf. 272 Heftig pochte Mariens Herz, als der Bediente erſchien mit den Worten: „Es will Jemand mit dem Herrn Marquis ſprechen.“ „Er iſt es,“ murmelte Frau von Bryon er⸗ blaſſend. „Wie heißt die Perſon?“ fragte Leon. „Hier iſt ſeine Karte.“ Nun erblaßte auch Leon; ſein Blick begegnete dem Mariens, und in dieſem Blicke errieth er das Geheimniß vom vergangenen Abende, gleichwie Marie den auf der Karte ſtehenden Namen errieth. „Ich komme,“ ſagte Leon zu dem Bedienten, der wieder hinausging. „Nicht wahr, er iſt es?“ ſagte die arme Frau. „.“ „Was haben Sie im Sinne zu thun, Leon?“ „Ich will einmal ſehen, was er von mir will.“ Und er ſtand auf. „Ach, Du mein Gott! Bleiben Sie doch ruhig, Leon; er kommt, um Sie herauszufordern.“ „Ich glaube es auch.“ „Sie werden doch die Herausforderung nicht annehmen?“ „Vielleicht nicht.“ „Wenn Sie ihn umbrächten!“ bemerkte die junge Frau mit einem Schrei des Entſetzens. „Sie lieben ihn alſo immer noch?“ antwortete Leon mit krampfhaft zuſammengepreßten Lippen. „Nein, Sie wiſſen das wohl, Leon; aber er iſt der Vater meiner Tochter, und ich wäre es, der dieſe zu einer Waiſe machte,“ ſprach Marie, auf die 273 Knie niederfallend und die Hand ihres Liebhabers erfaſſend. „Gut, Marie!“ verſetzte Leon.„Laſſen Sie Gott und die Menſchen ihr Werk verrichten!“ Sie ſank zurück, die Augen mit den Händen be⸗ deckend und ſo viel wie möglich die Schluchzer zurück⸗ drängend, die ihr Herz überſtrömten. Was Leon betrifft, ſo hatte er die Thüre geöffnet und war, dieſe wieder hinter ſich ſchließend, Immanuel gerade ge⸗ genüber geſtanden. Die beiden Männer grüßten ſich gegenſeitig und ſchritten auf einander zu. Marie hatte ſich auf den Knien bis an die Thüre hin geſchleppt, denn mitten in ihrem Gebet wollte ſie hören, was draußen vorging. „Mein Herr,“ hob Immanuel an,„um von Ihnen zu erlangen, was ich fordere, hätte ich eigent⸗ lich zwei Secundanten zu Ihnen ſchicken ſollen; es wären aber ſo vier Perſonen in eine Sache verwi⸗ ckelt worden, die nur uns Beide angeht. Ich bin darum ganz allein gekommen.“ Leon verneigte ſich. Marie betete, und Marianne hielt ihr die Hände. „Ein gewöhnliches Duell,“ fuhr Immanuel fort, „hätte eine Frau, deren guten Ruf ich, als ich Pa⸗ ris verlaſſen, zu retten geſucht, vollends compromit⸗ tirt; denn es hat dieſe Frau eine Tochter, die meinen Namen führt, und die, an dem Fehltritte ihrer Mut⸗ ter unſchuldig, nicht deſſen Opfer werden darf. Ihre Mutter muß alſo, wenn Sie oder ich gefallen, mit ihr in der Welt die Stellung wieder einnehmen kön⸗ nen, um die Sie, mein Herr, Beide um ein Haar Dumas, d. J, ein Frauenleben. II. 18 274 gebracht hätten. Ich habe geſagt, wenn Sie oder ich gefallen, weil in dem Duelle, das ich beſchloſ⸗ ſen, nur einer von uns ſterben, aber gewiß ſterben wird.“ Leon erblaßte ein wenig vor dieſer großen Kalt⸗ blütigkeit des Kummers, und verneigte ſich abermals. Immanuel aber hob wieder an: „Hören Sie alſo, was ich gethan! Unweit der von Florenz nach Piſa führenden Landſtraße habe ich ein ganz allein ſtehendes Häuschen gemiethet; es iſt noch kein Bedienter hingekommen, und außer mir kennt daſſelbe noch Niemand. Heute Nacht um vier Uhr wird auf dem Domplatze ein Wagen bereit ſtehen: Sie nehmen denſelben. Er bringt Sie nach dem eben genannten Häuschen, deſſen Thüre Sie offen finden, und wo ich einige Augenblicke vor Ihnen anlangen werde. Frau von Bryon, die Sie auf dieſer Fahrt begleitet, bleibt mit Mariannen in Ihrem Wagen, und Einer von uns Beiden holt ſie dann wieder ab; bin ich es, ſo bringe ich ſie nach Paris, um darzuthun, daß ſie meine Achtung, das heißt, die Achtung Aller, noch verdient; drei bis vier Monate darauf, wenn Niemand mehr daran denkt, daß wir ſo plötzlich verſchwunden, pringe ich mich um, jedoch ſo, daß ich das Opfer eines unglücklichen Zufalls und nicht eines Selbſtmords zu ſein ſcheine. Frau von Bryon wird dann blos Wittwe ſein; Sie ſehen, mein Herr, wie es nicht mein Wille iſt, daß die Liebe, welche Sie für ſie hegen, wegen der Zukunft in Sorgen ſei in dem Augenblicke, wo Sie ſterben werden, wenn ich Sie tödte, und nicht Sie mich.“ Marie, die jedes Wort gehört hatte, konnte einen oder lloſ⸗ rben Rdalt⸗ nals. der habe ; es mir Uhr hen: dem offen hnen auf hrem dann aris, , die onate erben 275 Schrei nicht zurückhalten und ſtieß mit der Stirn gegen die Thüre. Immanuel ahnete ſeine Frau hinter dieſer Thüre und es kam ein kalter Schweiß auf ſeine Stirn, ein dichter Schleier bedeckte ſeine Augen, und es bedurfte dieſer Mann ſeiner ganzen beiſpielloſen Willenskraft, um bei dem von Marien ausgeſtoßenen Schrei nicht, gleich einem Weibe, ohnmächtig hinzuſinken. Naſch ermannte er ſich wieder und fuhr alſo fort: „Tödten Sie aber mich, ſo gehen Sie zu Frau von Bryon zurück, der Sie einfach ſagen, daß ich todt ſei. Sie allein wird dann wiſſen, was ſie zu thun hat. Und da es nicht mein Wille iſt, daß man Sie um dieſes Duells willen beunruhige, das ohne Secundanten, nach einer Chrenconvention Statt fin⸗ det,— einer Convention, welche die Gerechtigkeit nicht gelten laſſen dürfte, ſo wird man ein Papier bei mir finden, welches einen Selbſtmord darthun wird. Iſt Ihnen dieſer Vorſchlag genehm?“ „Ja mein Herr!“ verſetzte Leon mit leicht be⸗ wegter Stimme. „Secundanten würden, wie Sie wiſſen, mein Herr, unſere Sache nicht ſo gut ordnen, als wir ſelbſt es können,“ endigte Immanuel,„und da nun Alles gehörig verabredet iſt, ſo gehe ich wieder.“ Immanuel grüßte Leon und entfernte ſich, indem er einen letzten Blick voll düſterer Traurigkeit nach der Thüre hinwarf, hinter der Marie ſich befand. „Marianne,“ ſprach dieſe leiſe, denn ſie konnte faſt ebenſo wenig mehr ſprechen, als ſich aufrecht halten,„geh' ihm nach und ſag' mir dann wieder, wo er wohnt!“ 276 „Was willſt Du thun, mein Kind?“ „Geh' immerhin!“ Es war hohe Zeit, denn in dieſem Augenblicke machte Leon die Thüre wieder auf. Seine Bläſſe hatte etwas wahrhaft Entſetzliches. „Sie waren da, Marie?“ ſprach er, eine Hand ſeiner Geliebten reichend, welche dieſelbe aber nicht nehmen wollte. „Ja,“ antwortete ſie, in ihre Gewiſſensbiſſe ver⸗ ſunken. „ Sie haben alſo Alles gehört?“ „Alles.“ „Und was haben Sie beſchloſſen zu thun?“ „Was er befohlen?“ „Und bis dahin?“ „Bis dahin darf ich Sie nicht nichr kennen, mein Herr: Sie werden in Ihrem Zimmer, ich in dem meinigen bleiben; bis dahin,“ fuhr ſie, ſich wieder aufrichtend, fort, werde ich Gott bitten, daß er nur mit der ſtreng verfahre, die es verdient,— daß er gegen den Einen gerecht und gegen den Andern gnä⸗ dig ſei.“ Vor dieſer feierlich gewordenen Stimme zog Leon ſich zurück. Er ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Eine halbe Stunde darauf erſchien Marianne wieder. „Nun?“ fragte Marie alsbald. „Hotel de la Victoire.“ „Allein?“ „Allein.“ „Du mußt ihm dieſen Brief bringen.“ In dem Augenblicke, wo ſie zu ſchreiben anfan⸗ um ein em der rur er nä⸗ og ein. une an⸗ 277 gen wollte, zuckte ein neuer Entſchluß durch Mariens Geiſt; denn ſie hielt plötzlich inne, dachte eine Weile nach und ſagte dann, indem ſie den Brief zerriß:. „Nein, es iſt das unnütz, liebe Marianne: an⸗ ſtatt an ihn zu ſchreiben, will ich ſelbſt zu ihm gehen.“ „Und nun,“ fuhr Marie fort, ſich die Augen ab⸗ trocknend und aus dem eben gefaßten Entſchluſſe neue Kraft zu ſchöpfen ſcheinend,„wollen wir unſere Koffer packen.“ „Wir gehen alſo, mein Kind?“ „Ja.“ „Bald?“ „Noch heute Nacht: Du mußt auf morgen früh drei Uhr Pferde beſtellen.“ „Hierher?“ „Nein, auf den Domplatz.“ „Und wir gehen?“ „Dahin, wo meine Tochter iſt.“ „Gott wird Deine Reue ſchauen und Dir verge⸗ ben, mein Kind.“ „Ich hoffe ſo. Nun aber beſtell' Du die Pferde.“ Marie blieb allein. Sie ſetzte ſich nun und fing an, in ihrem kleinen Reiſekoffer ihre Effecten zurecht⸗ zulegen, wobei ſie ſich unter Thränen der gleichen Reiſeanſtalten erinnerte, die ſie einige Jahre früher, jedoch unter weit beſſeren Umſtänden, getroffen hatte an dem Tage, wo ſie ſo luſtig mit Clementinen das Penſionat der Frau Düvernay verlaſſen hatte, um auf das Schloß ihrer Mutter zu gehen. un — 278 Während ſie mit dieſen Reiſeanſtalten beſchäftigt war, fand ſie wieder einige Briefe, die zum Theil von Leon herrührten und die ſie aus Vorſicht mit⸗ genommen hatte, während die andern, die ſie aus Achtung bei ſich behalten, Immanuel zum Urheber hatten; die erſten verbrannte ſie, ohne ſie zu leſen, und in dem Augenblicke, wo ſie die des Herrn von Bryon öffnete, füllten ſich ihre Augen mit einem ſolchen Thränenſtrom, daß ſie dieſe Papiere, die der ſüßen und zugleich traurigen Erinnerungen ſo voll für ſiewaren, nur an die Lippen führen und ſie wieder mit einer Art Andacht in die kleine Brieftaſche legen konnte, woraus ſie ſie genommen hatte. Es war das Herz der unglücklichen Frau faſt gebrochen. Die letzte Scene, wovon ſie am Morgen Zeuge geweſen, geſellte ihren Erinnerungen etwas wie Wahnſinn bei; bald meinte ſie, es werde dieſes Drama einen kläg⸗ lichen Ausgang nehmen; bald hoffte ſie wieder auf eine glückliche Kriſe und glaubte, um ihrer Reue willen, an Verzeihung. So viel war für ſie gewiß, daß Immanuel da war, daß er ſie noch liebte, da er den Mann ums Leben bringen wollte, der ihm ihre Liebe geſtohlen, und in dieſem feindlichen Zuſam⸗ mentreffen am nächſten Tage erblickte ſie noch ein verhängnißvolles Glück, eine Art Sonnenſtrahl, den ſo viele Wolken nicht zu verbergen vermochten; und dann bleibt auch dem troſtloſeſten Herzen, nachdem es alle ſeine Illuſionen vergeudet, noch eine letzte Münze, die man Hoffnung nennt, und womit es den Traum kauft. Es verſtrich der Tag, ohne daß von Leon die Rede geweſen wäre; er hatte begriffen, in welcher Stellung er ſich Marien gegenüber be⸗ ſie Als gin auf und den 279 fand. Dieſen ganz natürlichen Kummer achtend, war es ihm nicht einmal eingefallen, den Befehl zu übertre⸗ ten, den ihm ſeine Geliebte gegeben; nur ahnete er kei⸗ neswegs, was bald geſchehen ſollte, und ſo erwartete er denn geduldig die Stunde, wo er, gemäß der mit Immanuel getroffenen Uebereinkunft, Frau von Bryon bitten ſollte, ihn zu begleiten. Es kam Marianne wieder, nachdem ſie die Pferde beſtellt hatte. Gegen neun Uhr Abends, nachdem ſie alle ihre Sachen hatte in den Wagen bringen laſſen, der, wie man ſich erinnert, um drei Uhr an dem darauf folgenden Morgen auf dem Domplatze bereit ſtehen ſollte, ging Marie mit Mariannen aus. Der Himmel war ſo heiter und durchſichtig, wie eine Sommernacht. Auf der Schwelle des Hotels war Frau von Bryon unſchlüſſig: ſie wußte nicht, welchen Weg ſie einſchlagen ſollte. „Wohin gehen wir?“ fragte Marianne. „In das Hotel de la Victoire.“ „Zu Herrn von Bryon?“ „Ja.“ Schweigend gingen die beiden Frauen fort, bis ſie in der Straße waren, wo das Hotel ſich befand. Als ſie endlich vor dem Hauſe ſtanden, wohin ſie gingen, blieb Marie abermals ſtehen und mußte ſich auf ihre Amme ſtützen. Es klopfte ihr Herz heftig, und todblaß und am ganzen Leibe zitternd, hob ſie den Klopfer des Thores auf. Es öffnete ſich dieſes und Marie ging hinein. „Herr von Bryon?“ fragte ſie einen Bedienten. „Er iſt auf ſeinem Zimmer.“ „Allein?“ 280 „Ja, Madame.“ Immanuel, der zu Florenz keine Seele kannte, und dem es keinen Augenblick eingefallen war, daß er von ſeiner Frau einen Beſuch bekommen würde, hatte daher auch keinerlei Befehl gegeben, Fremde, die ihn beſuchen wollten, abzuweiſen. Faſt einer Sterbenden ähnlich, folgte Marie dem Bedienten. Sie hieß Marianne in einem nahe gelege⸗ nen Zimmer warten und ging ſelbſt auf das Zimmer zu, das Immanuel inne hatte. Der Bediente fragte Marie: „Wen ſoll ich melden, Madame?“ „Herr von Bryon erwartet mich,“ ſprach Marie mit zitternder Stimme;„Sie brauchen ſogar mich nicht anzumelden: machen Sie mir die Thüre auf.“ Und der Bediente öffnete lächelnd die Thüre, wie ein Mann, der erräth, was zu ſolcher Stunde eine Frau, die man erwartet, bei dem Wartenden zu ſchaffen hat, und zog ſich dann zurück. Marie ging hinein, ſchlug ihren Schleier zurück und ſprach, eine Hand auf die Lehne eines Stuhles geſtützt, damit ſie nicht fiel, mit ſchwacher Stimme: „Ich bin es, Immanuel: erkennen Sie mich?“ Herr von Bryon ſtand auf. „Sie hier, Madame!“ antwortete er.„Was haben Sie hier zu ſchaffen?“ „Immanuel,“ verſetzte die junge Frau,„nie wird Ihr Zorn, ich weiß das, auf der Höhe meines Fehltritts ſtehen, ſtets wird Ihre Verachtung hinter meiner Schande zurückbleiben, und doch will ich, als erſte Sühne, Ihren Zorn und Ihre Verachtung her⸗ ausfordern, denn es iſt mir Alles ſüß und heilig, w S w T di 281 was aus Ihrem Munde kommt. Vielleicht werden Sie mir als Erſatz für meine Leiden gewähren, um was ich Sie bitte, das heißt, Sie werden dann vor Tagesanbruch dieſe Schwelle nicht überſchreiten und dieſem tödtlichen Stelldichein keine Folge geben.“ „Ahl Madame, Sie fürchten für Ihren Gelieb⸗ ten, ich begreife das; aber es wird das Fatum gegen mich ſein und nicht gegen ihn; Sie ſollen es ſehen, Madame, beruhigen Sie ſich; Sie ſollen Wittwe werden, und es wird ſich nicht einmal mein Schatten zwiſchen eure Liebe ſtellen.“ „Wenn ich aber nicht für ihn fürchtete, Im⸗ manuel?“ „Dann kommen Sie hierher, um mir den Rath zu geben, ich ſolle mir eine Niederträchtigkeit zu Schulden kommen laſſen, um mein Leben zu behalten! Und was für ein Leben! Ein Leben peinlicher Er⸗ innerungen, ein Leben der Schande und der Gottes⸗ läſterung! Sie haben mir das Herz gebrochen, und kommen zu mir und ſprechen: Leben Sie! Werden Sie mir aber mit dem Leben auch das wieder geben, was mir daſſelbe lieb machte? Sie, das Weib, das ich liebte, das Weib, das mich niederträchtiger, feiger Weiſe hintergangen, kommen her zu mir, um mir ſolches zu ſagen! Hat denn das Glück Sie ganz verrückt gemacht?“ „Das Glück, Immanuel! Sie wiſſen gar wohl, daß ich nicht glücklich bin; hören Sie mich! Ich weiß, daß ich ein niederträchtiges, ehrloſes Geſchöpf war; ich weiß, daß Ihr Herz ebenſo wie die Welt mir verſchloſſen iſt, aber ich weiß auch! daß meine Seele von mehr Gewiſſensbiſſen gepeinigt iſt, als 282 erforderlich ſind, um einen Fehltritt auszutilgen; ich weiß, daß ich Sie hintergangen, aber ich weiß auch, daß ich Sie liebe, ſowie daß ich, wenn ich Ihren Tod zu beweinen und mir vorzuwerfen hätte, mich nicht einmal mehr umbringen könnte; ſo ſehr würde ich fürchten, mit Ihrem Blute befleckt vor Gott zu erſcheinen.“ „Sie ſind die Geliebte des Herrn von Grige, Madame, weil Sie ihn lieben. Ich aber ſchlage mich mit ihm, weil ich mich an Jemand rächen muß wegen der Schande, die Sie mir angethan, oder weil ich ſonſt ſterben muß. Sie ſind kaum erſt zwanzig Jahre alt. Nach zwei bis drei Jahren wird bei Ihnen Alles vergeſſen ſein. Man vergißt gar ſchnell bei denen, die man liebt; und es iſt Gott zu gerecht, als daß ich nicht unterliegen ſollte.“ „Und wer ſagt Ihnen denn, daß ich Herrn von Grige liebe, Immanuel?“ „Sie lieben dieſen Mann alſo nicht?“ „Ach, nein!“ murmelte Marie. „Sie lieben ihn nicht!“ rief Immanuel.„Und um ſein zu ſein, haben Sie mein Glück zerſtört,— haben Sie mein Leben geknickt! Was für eine Frau ſind Sie denn, daß Sie ſich Andern ohne Liebe preisgeben?“ „Immanuel,“ ſchluchzte Marie, Herrn von Bryon ſich zu Füßen werfend und die Hände nach ihm aus⸗ ſtreckend,„nein, ich liebe Herrn von Grige nicht; auch habe ich ihn niemals geliebt, ich habe mich preisgegeben, ohne zu wiſſen, was ich that, in einem Augenblicke des Zweifels, der Undankbarkeit, des Wahnſinns: ohne allen Zweifel hatte Gott mich ver⸗ V ———— 283 laſſen. Von jenem Tage an hat meine Liebe zu Ihnen ſtündlich zugenommen, und habe ich Alles gelitten, was man nur leiden kann, wenn man ein ſchuldbeladenes Gewiſſen hat, und das ſchwöre ich Ihnen, Immanuel, bei dem Grabe meiner Mutter und bei der Wiege unſeres Kindes.“ „Unſeres Kindes!“ verſetzte Immanuel hitzig. „Und wer gibt mir denn die Verſicherung, Madame, daß Ihr Kind auch das meinige iſt?“ 4 Hier ſtieß Marie einen lauten Schrei aus und verbarg ihr Geſicht in beiden Händen; ſie fand keine Worte mehr, um einen ſolchen Zweifel zu bekämpfen. Was Immanuel betrifft, ſo war er ein zu edler, zu ehrlicher Menſch, als daß er es nicht hätte als eine Gottloſigkeit anſehen ſollen, daß er ſeinen Ver⸗ dacht bis auf die erſten Tage ſeiner Liebe und ſeines Glückes ausgedehnt. Er verſpürte eine Regung des Mitleids für die arme Frau, welche dieſer Verdacht vernichtete; er bereute, was er eben geſagt, wie eine Feigheit, wie eine Niederträchtigkeit. Marie ſtand wieder auf und ging, mit der Hand ſich an der Wand haltend, auf die Thüre zu. Sie war ſo ſchwach und taumelig, daß Herr von Bryon befürchtete, ſie möchte auf den Boden hinſtürzen. Er machte, indem er beide Hände nach ihr aus⸗ ſtreckte, einen Schritt. „Ich danke Ihnen,“ ſprach ſie,„oh! ich werde noch ſtark genug ſein, um aus dieſem Hauſe fortzu⸗ kommen; war ich doch ſtark genug, um Sie zu hinter⸗ gehen, und waren doch auch Sie ſtark genug, mir die Dinge zu ſagen, die ich eben gehört.“ Und wie wenn die Anſtrengung, die ſie eben ge⸗ 284 macht, um wieder aufzuſtehen, ſie erſchöpft hätte, fiel Marie, bevor ſie noch die Thüre erreichte, faſt vernichtet auf einen Stuhl. „Sie haben Recht,“ fuhr ſie fort,„ein Mal habe ich Sie hintergangen, mithin konnte ich das auch immer thun. Welch' furchtbare Strafe liegt für mich in Ihren letzten Worten, Immanuel! Nun beſitze ich das Maß deſſen, was die Seele ertragen kann, ohne zu erliegen. Welchen Kummer mir auch die Zukunft vorbehalten mag, nie werde ich ſo viel leiden, als ich eben ausgeſtanden.“ Immanuel betrachtete die Frau und fühlte, wie ſein Zorn und ſeine Rachbegierde ſeinem Schmerze wichen. „Sie liebt ihn nicht!“ wiederholte er ganz leiſe. „Sagen Sie mir, Marie,“ rief er dann plötzlich aus, „ſagen Sie mir, daß Sie dieſen Menſchen geliebt, denn es iſt ein gar zu entſetzlicher Gedanke, daß Sie nicht einmal dieſe Ausrede haben!“ „Nein, Immanuel,“ erwiderte Marie ruhig,„ich liebte ihn nicht, und habe ihn niemals geliebt; Sie liebe ich, ja Sie, und zwar heißer, als in den erſten Tagen unſerer Liebe. Ich bin einen Augenblick wahnſinnig geweſen, weiter Nichts.“ In dem Tone von Mariens Worten lag ſo viel „Wahrheit, daß Immanuel ausrief: „Mein Gott, mein Gott! Warum muß man doch von der Seele Rechenſchaft fordern für die Fehl⸗ tritte des Leibes; denn immer noch liebe ich dieſe Frau, und doch kann ſie nicht mehr die meinige ſein.“ Und gerührt, troſtlos, bitterlich weinend, ſank —————xx;— ——— 285 Immanuel hin, die Elbogen auf den Tiſch ſtützend und den Kopf in beiden Händen haltend. Marie hatte dieſen Augenblick der Rührung wahr⸗ genommen. Leiſe ging ſie zu ihrem Manne hin, ließ ſich auf die Knie nieder und legte ihre Arme auf Immanuels Knie; und dann ſprach ſie, die Hände faltend, mit flehendem Blicke: „Verzeihen Sie mir, Immanuel! Verzeihen Sie mir im Namen Ihrer Mutter, die mir meine Liebe zu Ihnen geoffenbart; verzeihen Sie mir im Namen Alles deſſen, was Ihnen theuer und heilig ſein kann; ich will mein Leben in einem Kloſter zubringen, will Tag und Nacht beten, will in härenem Gewande jede Spur meiner Sünde austilgen, will in den Qualen des Leibes und der Seele lächelnd ſterben; aber im Namen des Gottes, der uns hört, verzeihen Sie mir, Immanuel,— verzeihen Sie mir und ſchla⸗ gen Sie ſich nicht mit dieſem Menſchen!“ „Armes Geſchöpf,“ verſetzte Immanuel, mit der Hand in den blonden Haaren Mariens ſpielend, „armes Kind, Du haſt kaum erſt das Alter eines Weibes und bitteſt ſchon um Verzeihung?“ Marie ſtützte ihre Stirn auf den Arm ihres Gatten und ſchaute dieſen liebevoll an. 7 „Warum kann man doch nicht aus dem Leben die Tage wegſtreichen, die man austilgen möchte?“ antwortete Immanuel.„Ja, ich verzeihe Dir, Kind: habe ich ein Recht, Dich zu verfluchen? Ja, ich ver⸗ zeihe Dir die acht Tage, die ich gelitten, um der zwei glücklichen Jahre willen, die ich Dir verdanke. Zwar werde ich jung und wegen Deiner ſterben, aber mit dem Bewußtſein, daß ich geliebt. Ohne 286 Dich hätte ich wohl noch länger gelebt; jedoch wäre mein Leben nur ein ſchwieriger und krummer Weg geweſen, wo ich unter der Wucht meiner Leiden⸗ ſchaften unaufhörlich geſtrauchelt haben würde, den Du aber durch Deine Liebe mir geehaet haſt.“ „Sterben, Du mein Gott!“ wiederholte Marie, „wer zwingt Sie denn zum Sterben?“ „Es muß ſein, ſiehſt du, um Deinet⸗, um meinet⸗, um unſeres Kindes willen. Lebe ich noch länger, ſo wird das Geſpenſt dieſer unglückli hen Tage wider meinen Willen aus der Vergangenheit auftauchen und ſich zwiſchen uns ſtellen. Ich kenne des Men⸗ ſchen Herz, armes Kind; ſo aufrichtig auch meine Verzeihung ſein, und ſo gern ich auch rgeſſen möchte, immer würde es Tage geben, wo ich hich, Gott und das Leben verwünſchen würde. Ach, nein, ich liebe Dich zu heiß, als daß ich noch länger leben möchte.“ „Sie lieben mich, Immanuel,“ rief Marie,„und wollen, ich ſolle Sie ſterben laſſen, und wollen nicht, daß ich vermittelſt dieſes Wortes Zukunft und Ver⸗ gangenheit wieder zu verbinden ſuche! Sie lieben mich, Sie ſagen das zu mir, jetzt, nach dem Fehl⸗ tritte, deſſen ich mich ſchuldig gemacht, und wollen nicht, daß dieſes Geſtändniß mich gegen Alles kräf⸗ tige, ſtähle! Leben Sie, Immanuel, leben Sie auch ferner, und nach dem, was Sie eben mir geſagt, werden Sie ein Recht haben, mich zu verfluchen, mich umzubringen, ohne daß ich mich beklagen dürfte. Leben Sie auch ferner, und ſo Sie es wollen, ſo will ich für die Welt todt ſein; Sie werden mich wie eine Fremde in irgend einem Winkel bei ſich behalten. Von Zeit zu Zeit werden Sie mich meine Tochter —ce — ne— C, 38 2. 8 8 287 ſehen laſſen, und ich werde für euch zu Gott beten; oder aber behalten Sie, wenn es Ihnen lieber iſt, Ihr Kind ganz allein, denn ich, die ich gefehlt, könnte es verderben, könnte es ſogar mit meinem Blicke vergif⸗ ten. Wir wollen in ein fernes Land ziehen, viele tauſend Stunden weit weg von hier. Dort wird Sie Nichts mehr an die Welt erinnern, die Sie verlaſſen. Man wird nicht eſahren, wer und was ich bin, noch wer und was ih geweſen. Es wird die Zeit verſtreichen. Ich werde alt werden. Es wird von der Frau nur noch ie Mutter leben. Sie werden meinen Fehl⸗ tritt vergeſſen, und einſt werden Sie mir wieder die Hand geben, wenn ich nicht mehr zu erkennen bin, wenn meine Wangen hohl, meine Haare grau ge⸗ worden.“ „Nein, Marie, iſt ein Mann einmal von Dir ſo geliebt worden, wie ich, ſo muß er der Alleingeliebte ſein oder ſterben. Dieſes Duell muß durchaus Statt finden. Sei ſtark, Marie, und höre mich: unterliege ich, ſo läſſeſt Du mir hier ein einſames Grab machen; dann gehſt Du nach Frankreich, nach Auteuil. Dort findeſt Du in der Lafontaineſtraße eine Frau, Na⸗ mens Johanna Boulay, der Du dieſen Brief zuſtellſt. Es enthält derſelbe den Befehl an die genannte Frau, Dir meine Tochter zurückzugeben, denn ihr habe ich die⸗ ſelbe anvertraut. Sag' Deinem Vater, daß ich, be⸗ vor ich geſtorben, Dir verziehen; und um Dich einer Welt zu entziehen, die Dich vielleicht zur Rechenſchaft zöge wegen einer Handlung, von der Du nach mir nur noch Gott Rechenſchaft zu geben haſt, gehſt Du mit Mariannen, mit dem Grafen, ſofern er Dich be⸗ gleiten will, ſowie mit Clotilden auf Reiſen. Du 288 gehſt in die Schweiz; dort kaufſt Du Dir ein Häus⸗ V chen, mit einem See zum Vorder- und mit Bergen zum Hintergrund, mit möglich viel Unendlichkeit umher, auf daß die Seele unſeres Kindes unmittel⸗ bar unter den Augen des Herrn groß werden kann. So wollte ich unſer Leben fortführen, wenn einmal die Träume meines Ehrgeizes verwirklicht oder verſchwun⸗ den geweſen wären. Gott aber will es nicht, und ſo geſchehe denn ſein Wille. Anſtatt zu Fünfen am Herde zu ſitzen, werden es eurer nur noch vier ſein, und rücket ihr die Stühle ein bischen zuſammen, ſo wird man nicht einmal ſehen, daß ein Platz leer ge⸗ worden.“ „Sind die Worte, die ich höre, wirklich möglich?“ murmelte Marie.„Aber,“ ſetzte ſie plötzlich mit jener Hoffnungsbedürftigkeit hinzu, die Gott in die Tiefe jedes Herzens gelegt,„wer ſagt Ihnen denn, daß Sie unterliegen werden?“ „Ohl frage nicht, was ich thun werde, wenn ich am Leben bleibe, denn die Träume künftigen Glücks würden meine Seele im höchſten Grade feig machen; denn ich würde vielleicht meinen Haß vergeſſen, in der Hoffnung, das Leben zu behalten, und vielleicht würde ich ihm wie Dir verzeihen, um kein Blut auf die Vergangenheit zu werfen.“ In dieſem Augenblick ſchlug es drei Uhr. „In einer Stunde,“ ſprach Immanuel aufſtehend, „wird Gottes Wille geſchehen ſein. Und nun, Marie, lebe wohl, denn ich muß jetzt gehen!“ Schluchzend ſtand Frau von Bryon wieder auf. Auf den Ton, in dem Immanuel geſprochen, ließ ſich ſchlechterdings Nichts mehr ſagen.— 289 Immanuel mußte aber dieſen großen Kummer noch tröſten. „Denk' an Clotilde!“ ſprach er zu ihr.„Sei ſtark! In der letzten Stunde des Lebens macht ſich das Alter frei von den Banden und den Vorurthei⸗ len der Erde; hier iſt keine Sünderin und kein Rich⸗ ter mehr, ſondern nur noch ein Mann, der da fühlt, daß er ſterben muß; ſondern nur noch eine Frau, die bald eine Wittwe ſein und mit ihrer ganzen Zu⸗ kunft den Fehltritt eines Augenblicks ſühnen wird. Komm' zum letzten Male in meine Arme, Marie, und ſcheiden wir dann!“ Marie ſtürzte an die Bruſt Immanuels, der einige Augenblicke ſie gegen dieſelbe preßte. „Lebe wohl!“ ſprach er plötzlich. Ohne auch nur eine Silbe hervorbringen zu kön⸗ nen, taumelnd, wie ein Betrunkener oder ein Wahn⸗ ſinniger, ging Marie nach der Thüre hin; kaum aber hatte ſie dieſe geöffnet, ſo fiel ſie mit einem lauten Schrei auf die Knie nieder. Sie hatte zum Gehen keine Kraft mehr. Nun rief Immanuel Marianne herbei, von der er wußte, daß ſie mit Marien gekommen. Die arme Frau warf ſich Immanuel zu Füßen. „Verzeihen Sie mir, Herr!“ ſprach ſie zu ihm. „Sie haben gethan, was Sie thun mußten, Ma⸗ rianne,“ antwortete er, ihr ſeine Hand hinbietend, die ſie an die Lippen führte.„Nehmen Sie ſich Ihres Kindes an, und geben Sie ihm neuen Muth!“ Marie ſtützte ſich auf Marianne und ſchleppte ſich bis an ihren Wagen fort, worein ſie ſich warf und in deſſen Tiefe ſie weinend verſchwand. Dumas d. J, ein Frauenleben. II. 19 290 Vierundvierzigſtes Kapitel. Wer darf ſagen, er kenne die myſteriöſen Gebete der Seele, wenn vielleicht nur noch zwei Stunden ſie von der Ewigkeit trennen? Wer mag wiſſen, wie viele rührende Erinnerungen das Leben dem Manne bieten kann, der den Tod herannahen ſieht,— wie viele goldene Hoffnungen es ihm ver⸗ ſprechen kann? In ſolchen Augenblicken überkommen wohl auch den Muthigſten, überkommen wohl auch den, der kaltblütig und furchtlos der Spitze eines Degens oder der Kugel einer Piſtole entgegentritt, unwillkührliche Schauer und geheime Schrecken, wenn er ſo ſieht, wie das Glück, das er auf Erden hätte finden können, ſeinen ſtrahlenden Glanz noch durch den unbekannten Schatten erhöht, der es umgibt. In ſolcher Lage war Immanuel. Er, der vor wenigen Augenblicken noch ſo ſtark geweſen, der kaum erſt noch den Tod herbeigerufen, fürchtete dieſen nun faſt. Bei ſeiner Ankunft zu Florenz glaubte er nicht mehr an die Möglichkeit einer Freude, und doch hatte der bloße Anblick ſeiner Frau, indem er ſein Herz weckte, ihn ſchon wieder mit Hoffnung erfüllt. Verziehen, war Mariens Fehltritt minder groß; Gegenwart und Vergangenheit ließen ſich vergeſſen; die Zukunft heiterte ſich wieder auf; Alles das er⸗ ſchien Immanuels Geiſt plötzlich als möglich; dann aber mußte er um ſechs Uhr noch am Leben ſein. Es hatten dieſe Gedanken bei Herrn von Bryon die Wirkung gehabt, daß er ſich über ſeinen Stuhl hinbeugte: die Stirn auf eine Hand geſtützt, dachte — bete den ſen, dem hen ver⸗ nen uch nes eitt, enn itte erch vor um nun icht atte erz oß; en, er⸗ inn don uhl hte 291 er an Alles, was in ſolchen feierlichen Augenblicken die Seele in Troſtloſigkeit verſenken oder ſchwach machen kann. Gleichwohl ſtand Immanuel, durch eine ferne Kirchenuhr, auf der es drei Viertel auf vier ſchlug, plötzlich in das wirkliche Leben zurückge⸗ rufen, auf, und wurde, zum letzten Male ſich mit der Hand über die Stirn fahrend, wieder ſtark und ruhig. Sodann ging er zu dem Spiegel hin: er war bleich, lächelte dabei aber. Wie zu einer Trauer oder zu einem Feſte kleidete er ſich ganz ſchwarz; denn unſere wenig vernünftigen Liebhabereien wollen, daß wir uns zu einem Feſte gerade ſo kleiden ſollen, wie zu einer Trauer, gleich als ob die ſtillſchweigende Uebereinkunft beſtände, daß jede Freude einen Kum⸗ mer berge. Sodann warf er ſeinen Mantel um und ging zu Fuß, da die friſche Luft ihm gut that und die Nacht ſchön war, nach dem kleinen Hauſe zu, wo das Duell Statt finden ſollte. Unterdeſſen hatte Leon Marien zum letzten Mal ſprechen wollen; vergebens hatte er jedoch bei ihr geklopft. Sein Bedienter hatte ihm dann geſagt, daß ſie mit Mariannen weggegangen und alles ihr Gehörige mitgenommen; auch habe ſie hinterlaſſen, daß ſie nicht mehr kommen würde. Auf dem Domplatze fand Leon den ſeiner harren⸗ den Wagen, der alsbald wegfuhr, nachdem er in denſelben geſtiegen war. Ein anderer Wagen folgte dem des Marquis. In dieſem zweiten Wagen befand ſich Marie mit Mariannen. Es war dieß für die beiden Frauen eine gar peinliche Fahrt. Gegenüber ihren Erinnerungen, 292 ihren Befürchtungen und ihren mörderiſchen Hoff⸗ nungen,— denn wünſchte ſie, daß Immanuel am Leben bleiben möchte, ſo wünſchte ſie eben damit Leons Tod— fühlte Marie, wie ihr Gewiſſen ſich mit einer ungeheuren Laſt belud. „Und er hat Dir verziehen!“ ſprach Marianne, die Mariens Haupt gegen ihren Buſen drückte. „Leider! Lieber wäre es mir geweſen, wenn er mich auf der Stelle umgebracht hätte, denn ich würde nun nicht mehr leiden, was ich leide.“ Und die beiden Frauen beteten und weinten zu gleicher Zeit, während ſie ſo einander in den Armen lagen. „Und Dein Vater?“ platzte Marianne heraus. „Ach, ſprich mir nicht von meinem Vater!“ ant⸗ wortete Marie, noch bläſſer werdend.„Mein armer Vater! Ich habe es nicht gewagt, beim Weggehen an ihn zu ſchreiben. Eben ſo wenig habe ich es ge⸗ wagt, vor Immanuel ſeinen Namen auszuſprechen; und alle Tage habe ich zuerſt für ihn gebetet, denn was ich leide, iſt Nichts im Vergleich mit dem, was er leiden mußte und noch leiden muß. Glaubſt Du, Marianne, es habe mein Vater mich verflucht?“ „Im Gegentheil, er wird Dir verziehen haben; er hatte Dich ſo lieb. Hoffe!“ „Er hatte mich lieb! Und für dieſe innige, auf dieſer Welt unwandelbare, in der andern aber ewige Liebe habe ich ihm was gegeben? Ich habe ihn verlaſſen, ich habe ihn in Traurigkeit verſetzt, ich habe ihn vergeſſen, gleichwie ich Immanuel für ſeine Liebe mit Unehre und Schande überhäuft habe! O Marianne! Wohl können Immanuel und mein Vater da 1 293 mir verzeihen und vielleicht vergibt mir auch Gott; mir aber werde ich ſelbſt nie verzeihen.“ „Nun, Kind, beruhige Dich doch!“ ſprach die alte Frau. „Siehſt Du, Marianne,“ hob Marie wieder an, „kommt Immanuel wieder, ſo wird er mit mir zu meinem Vater gehen, dem ich mich zu Füßen werfen werde; und dann wird mein Vater mir wohl auch verzeihen, wenn er ſieht, daß Immanuel mir ver⸗ ziehen. Wenn aber Immanuel nicht wieder kommt!“ Und Marie krümmte ſich vor Schmerz, Angſt und Gewiſſensbiſſen in den Armen ihrer Amme. „Wenn er umgebracht würde! Umgebracht! Be⸗ greifſt Du das? Es iſt das gräßlich! Umgebracht durch mich, die ich ihn liebe! Umgebracht um mei⸗ netwillen, die ich ihn hintergangen!... Todt, leb⸗ los, bleich, er, Immanuel,— das iſt unmöglich! Wie! Ich ſoll ihn nicht mehr ſehen! Wie! ſein ſo edler Blick ſoll ſich nicht mehr auf mich heften! Wie! ſein Mund ſoll kalt ſein, ſein Herz nicht mehr ſchla⸗ gen!... O Marianne, ſag, es ſei dieß unmöglich, es könne das nicht ſein, es gebe Gott ſolche Dinge nimmermehr zu!“ Und Marianne keuchte halb wahnſinnig. „Wie lange ſind wir nun auf dem Wege?“ fragte ſie plötzlich. „Etwa eine Viertelſtunde.“ „Schon? Dann können wir aber nicht mehr weit davon ſein?“ Und ſie fing wieder an zu weinen. „Sag, Marianne,“ denn es mußte Marie durch⸗ 294 aus ſprechen, da ihre Gedanken ihr ſo viel zu ſchaf⸗ fen machten,„ſag“,“ und ſie trocknete ſich die Augen ab, um ruhig zu erſcheinen,„Du haſt mich zur Welt kommen ſehen, Du kennſt das Leben beſſer, als ich, glaubſt Du nun, ich könne auf dieſer Welt noch ein⸗ mal glücklich werden? Sag' es mir unumwunden, ſprich mit Deiner Erfahrung, nicht mit Deinem Herzen!“ „Ja, vielgeliebte Tochter: wenn Gott Dir ver⸗ gibt, ſo kannſt Du hienieden noch glücklich ſein.“ „Du haſt alſo noch andere Frauen geſehen, die gleich ſchuldbeladen waren, und denen Gott gleich⸗ wohl verzieh?“ „Gott iſt nur ſtrenge gegen die, welche ihre Schuld nicht bereuen, mein Kind; iſt aber die Reue größer, als die Schuld, ſo vergibt er, und gewiß war nie eine Reue aufrichtiger und größer, als die Deinige. Hoffe alſo!“ „Ja, ich hoffe, weil ich bete; und dann gibt es auch— nicht wahr? dann gibt es auch ein Glück, das nicht ſo plötzlich zerſtört werden kann. Ich war ſo glücklich, und doch iſt mir kaum noch die Erinne⸗ rung davon geblieben: ſo viel habe ich ſeitdem aus⸗ geſtanden. Wenn es mir aber gelingt, die Gegen⸗ wart zu vergeſſen; wenn Gott es geſtattet, daß die Vergangenheit meinem Geiſte wie ein Traum er⸗ ſcheine, ſo kann ich an künftiges Unglück nicht glau⸗ ben. Erinnere ich mich an mein Zimmerchen neben dem Clementinens, bei Frau Düvernay, ſo ſage ich bei mir ſelbſt: Ich habe zu jener Zeit, wo ich eine reine Seele hatte, ſo viel zu Gott gebetet, daß er, die ewige Erinnerung, meiner vergangenen Gebete 295 gedenken und in der Wage der Gerechtigkeit dieſelben in die Schale ſeiner Gnade legen muß, um meine Schuld aufzuwägen. Unſer alter Pfarrer,“ fuhr Marie fort, deren Thränen ein wenig aufgehört hatten zu fließen,„unſer alter Pfarrer hat zu mir geſagt, als er mich zum letzten Male küßte:„Beten Sie, beten Sie, mein Kind, auf daß der Schatz Ihrer keuſchen Gebete ſich zu des Herrn Füßen an⸗ ſammle, und daß er in den Tagen des Leidens ſich Ihrer erinnere.“ Dann kamſt Du, Marianne, und nahmſt uns Beide, Clementine und mich, mit. Sie iſt, ich weiß es gewiß, recht glücklich. Ein argloſes Himmelskind, hat ſie das Böſe niemals geahnt; um ſie her hat Alles ſeine Heiterkeit behalten, während ich, die ich für die Andern betete, nun ſelbſt für mich beten laſſen muß. „Siehſt Du, Marianne,“ fuhr Marie fort,„wenn Gott meinen Immanuel am Leben läßt, ſo gehe ich mit ihm fort; ich führe ihn in die Kirche, wo unſer alter Beichtvater predigte, und iſt dieſer gute Prieſter noch nicht todt, ſo will ich ihn bitten, daß er meinem Manne es ſage, wie ich einſt geweſen, um denſelben vergeſſen zu laſſen, wie ich jetzt bin. Ich will ihn in mein Penſionatszimmer führen; ich will mich allen Kindern zu erkennen geben, und die kleinen Engel werden mich noch für ihre Schweſter halten, und es wird ihr Kuß mich rein waſchen. Ich will an den Erinnerungen meiner Jugend und meiner Reinheit mich läutern, und auf meine Schuld der Gebete und Tugenden ſo viele werfen, daß ſie ver⸗ ſchwinden wird, wie ein Leichnam unter Blumen.“ Etwas ruhiger geworden, warf Marie ſich wieder 296 in die Tiefe ihres Wagens. Sie weinte nicht mehr, betete aber immer fort. „Du ſollſt ſehen, Marianne, wie gut ich ſein, wie ich meine Tochter lieben werde; ich will ein neues Leben anfangen. Ich bin noch jung, bin kaum erſt zwanzig, habe die ganze Zukunft, um meine Schuld zu tilgen, nicht wahr? und dann habe ich auch eine Mutter, die bei Gott für mich ſpricht. Ja, Marianne, Du haſt Recht, vielleicht darf ich noch hoffen.“ Unterdeſſen kam man dem Ziele immer näher. Mechaniſch blickte Marie zum Wagen hinaus. Es goß der Mond, frei von Wolken, über die Felder eine faſt eben ſo große Helle aus, als unſere nor⸗ diſche Sonne, und es waren die Augen und Gedan⸗ ken der Frau von Bryon von dieſer majeſtätiſchen Heiterkeit der Stille und der Einſamkeit ganz in An⸗ ſpruch genommen. Es ſchien ihr, als ſteige, durch dieſe helle Nacht und inmitten der verödeten Ebene, ihr Gebet reiner und unmittelbarer zum Himmel empor, und als ſei Gott ohne Zorn, wie das Fir⸗ mament ohne Wolken; ſie vergaß dabei faſt, woher ſie kam und wohin ſie ging. 8 Mit einem Male däuchte es ihr, es fahre der Wagen langſamer. „Mein Gott!“ ſprach ſie erbleichend und Ma⸗ riannens Hand ergreifend,„wir ſind nun ange⸗ kommen.“ Marianne beugte ſich zum Kutſchenſchlage hinaus und ſah in der Ferne den erſten Wagen halten: es war der Wagen Leons. Dieſes Halten hatte Marien die ganze Wahrheit 297 ins Gedächtniß zurückgerufen. Sie kniete in dem Wagen nieder. „O Herr,“ betete ſie ſchnell, die Hände faltend, damit gleichſam ihr Gebet zu Gott emporſteigen möchte, noch ehe ein Unglück geſchehen,„Du kennſt die Schuldigen und die Unſchuldigen: ſtrafe und tödte nur mich; denn ich allein bin ſchuldig.“ Sodann heftete ſie, die Hände immer noch fal⸗ tend, die Augen auf das umherliegende Feld, und ſah, wie Leon aus dem Wagen ſtieg, mit dem Poſtil⸗ lon ſprach und, in ſeinen Mantel gehüllt, auf ein alleinſtehendes und unter den Bäumen verlorenes Haus zuſchritt. Für Marie war dieſer Schatten, der durch die Nacht hinging, um den Tod zu empfan⸗ gen oder zu geben, ein ſeltſames Schauſpiel. Sie ſchlug ſich auf die Bruſt. Marianne, die auf den Knien lag, weinte und betete wie ſie. Immanuel wartete im Garten, ſtieg die vier Stufen einer Freitreppe hinan, und ſchloß eine zweite Thüre auf, die Leon, wie die erſte, hinter ſich wieder zumachte. Darauf ging Herr von Bryon in ein Zimmer zu ebener Erde, wo ein Tiſch nebſt Dintenzeug und Zubehör, ſowie zwei Stühle und eine Wanduhr ſich befanden. Herr von Bryon ſtellte ſein Piſtolenfutteral auf das Kamin. Leon that ein Gleiches. Herr von Bryon entblößte das Haupt, und einen Augenblick darauf hatte auch Leon den Hut abgenommen. Eine Lampe beleuchtete die Scene. 298 beiden Männern gefallen. Leon brach das Schwei⸗ gen zuerſt. „Mein Herr,“ hob er an,„einen Theil unſerer Uebereinkunft habe ich unerfüllt laſſen müſſen.“ „Welchen?“ fragte Immanuel. „Ich habe Frau von Bryon nicht mitbringen können: ſie war nicht daheim.“ „Ich weiß es.“ „Sie wiſſen es?“ „Ich habe ſie geſprochen.“ Leon erblaßte. „Und darf ich Sie fragen, mein Herr, wo Sie ſie geſprochen?“ „Auf meinem Zimmer. Sie iſt zu mir gekom⸗ men mit der Bitte, daß ich mich doch nicht mit Ihnen ſchlagen möchte, und wie Sie ſehen, ſo hat ſie Nichts ausgerichtet; dann hat ſie mich um Verzeihung ge⸗ beten, und wie Sie vielleicht von ihr erfahren wer⸗ den, ſo iſt ſolche ihr geworden.“ Leon verneigte ſich. „Und nun zu Anderem! Sie erinnern ſich noch vollkommen, mein Herr,“ fuhr Immanuel fort,„der übrigen Bedingungen unſeres Kampfes.“ „Ja.“ „Da iſt das Papier, welches, falls ich umkomme, darthut, daß mein Tod ein freiwilliger iſt, da leſen Sie!“ „Es iſt das unnütz, mein Herr, Ihr Wort ge⸗ nügt mir.“ „Hier ſind auch die zwei Schlüſſel: der kleinere iſt der Hausſchlüſſel, der größere der Gartenſchlüſſel. Auch nicht ein Wort war bis dahin zwiſchen den den vei⸗ rer gen Sie m⸗ ten er 299 Ueberleben Sie mich, ſo werfen Sie ſie weg, nach⸗ dem Sie ſich ihrer bedient. Ich habe noch andere in der Taſche, und ſo wird man denn, wenn man ſie bei mir findet, glauben, ich habe mich hier einge⸗ ſchloſſen.“ Leon machte ein Zeichen, daß er Alles vollkommen verſtehe. „Hier ſind,“ hob Immanuel wieder an,„Federn, Dinte und Papier. Haben Sie noch Etwas zu ſchrei⸗ ben, ſo thun Sie es nun; wir haben noch fünf Mi⸗ nuten vor uns.“ „Ich habe Nichts zu ſchreiben, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte Leon,„und ſtehe zu Ihrem Befehle.“ „Sie haben Ihre Piſtolen?“ „Ja, mein Herr.“ „Nur eine iſt geladen?“ 74 I/ d. „Ich habe auch die meinigen mitgebracht und wir wollen nun looſen, um zu beſtimmen, welcher man ſich bedienen wird.“ Hier zog Immanuel etliche Louisd'or aus der Taſche und legte ſie auf den Tiſch, wobei er ſie mit ſeiner Hand zudeckte. „Sprechen Sie, mein Herr!“ ſprach er.„Bild oder Wappen?“ „Bild,“ antwortete Leon mit bewegter Stimme. Immanuel nahm die Hand weg und ſchaute hin. Es hatte Leon gewonnen. Die Louisd'or blieben auf dem Tiſche liegen. In dem Augenblicke, wo Herr von Grige ſein Piſtolenfutteral aufmachen wollte, ging er zu Imma⸗ nuel hin. 300 „Mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„iſt Ihr Wille unabänderlich?“ „Unabänderlich.“ „Wenn ich Sie nun aber, mein Herr, nicht als einen Gegner, ſondern als einen Richter anſähe; wenn ich zu Ihnen ſpräche:„Ich bin ein niederträch⸗ tiger Menſch geweſen und habe Furcht gehabt, zwar nicht vor dem Tode, wie Sie wiſſen, wohl aber vor einem Morde. Es iſt an einer Schändlichkeit bereits genug, denn ich habe Ihre Freundſchaft hintergan⸗ gen, ich mag ein Verbrechen nicht begehen? was würden Sie mir dann antworten, mein Herr? „Ich würde Ihnen zur Antwort geben, daß Sie wirklich ein niederträchtiger Menſch ſind, mein Herr.“ Leon hielt an ſich. „Wenn ich Ihnen ferner ſagte,“ fuhr er fort: „Ich will Italien, will Frankreich verlaſſen; ich will ſo weit fortgehen, daß Sie mich für todt anſehen können. Komme ich Ihnen je wieder vor die Augen, ſo dürfen Sie mich tödten; nur führen wir dieſes ſeltſame Duell nicht aus, denn würde ich am Leben bleiben, ſo würde ich, mit dieſem doppelten Verbre⸗ chen beladen und mit von Ihrem Blut gerötheten Händen, es nicht mehr wagen, vor Gott zu erſchei⸗ nene: was würden Sie mir dann zur Antwort geben?“ „Gar Nichts, mein Herr.“ „Wenn das iſt, ſo thue ich, wie Sie wollen; Gott aber iſt mein Zeuge, wie ich es geſcheut, nicht getödtet, wohl aber ein Mörder zu werden, und wie ich den Tod, wenn er aus Ihren Händen kommt, mit Ruhe erwarte und als eine Gnade empfangen werde.“ 301 Alſo ſprechend machte Leon ſein Piſtolenfutteral auf, legte beide Waffen auf den Tiſch hin, und ſprach, indem er ſein Taſchentuch darauf warf: „Wählen Sie mein Herr!“ Immanuel nahm auf's Gerathewohl eine und ſchaute auf die Uhr an der Wand. „Es iſt jetzt noch eine halbe Minute bis fünf Uhr,“ ſprach er:„wir wollen uns an dieſen Tiſch, Jeder an ein Ende ſtellen, und mit dem erſten Schlage, den die Uhr thut, geben wir Feuer.“ Nun ſtellten ſie ſich ſo auf, wie Immanuel ge⸗ ſagt. Unterdeſſen horchte Marie, auf den Knien liegend. Da ſchien es ihr mit einem Male, als trage der Wind ihr das dumpfe und verſchleierte Geräuſch eines Knalles zu. Sie ergriff Mariannens Hand. „Haſt Du gehört?“ fragte ſie mit erſterbender Stimme. „Ja,“ antwortete Marianne durch ihre Thränen und ihr Gebet hindurch. „Du mein Gott!“ rief Marie,„was wird nun kommen!“ Es verſtrichen fünf Minuten oder vielmehr fünf Jahrhunderte, während welcher die unglückliche Frau lüt, was ein menſchliches Geſchöpf irgend leiden ann. Als dieſe Zeit um war, däuchte es ihr, als ſehe ſie einen Schatten die Thüre des Hauſes öffnen und dann wieder ſchließen. „Siehſt Du?“ ſprach ſie zu Mariannen. „Ja,“ antwortete dieſe. „Welcher von ihnen?“ 30² „Ich weiß es nicht.“ Und in der That war es trotz der Helle der Nacht unmöglich, in ſolcher Entfernung Etwas deut⸗ lich zu unterſcheiden. Nur blieben Mariens Augen an dieſen Schatten geheftet, der mehr zu fliehen, als zu gehen ſchien. Je näher dieſer Mann kam, um ſo mehr drückte Marie ſich in den Hintergrund des Wagens zurück; zugleich preßte ſie ihre Stirn mit beiden Händen, wie wenn ſie befürchtet hätte, den Verſtand zu ver⸗ lieren. Ein Schleier zog ſich über ihre Augen hin und ſie glaubte, daß ſie nun ſterben müßte; alsbald aber ſchlug ſie dieſelben wieder auf, und in einer Entfernung von zwanzig Schritten ſah ſie nun das bleiche, vom Mond erleuchtete Haupt Leons. Sie ſtieß einen gräßlichen, herzzerreißenden Schrei aus, und fiel rücklings in Mariannens Arme. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Als Frau von Bryon wieder zu ſich kam, fand ſie ſich an einen Baum der Landſtraße angelehnt; es waren die beiden Wagen weggeſchickt worden, damit dieſe Scene keinen andern Zeugen hätte, als die betheiligten Perſonen. Neben ihr ſtand Leon. „Machen Sie, daß Sie fortkommen, mein Herr, — machen Sie, daß Sie fortkommen!“ Das waren die erſten Worte der armen Frau, als ſie die Augen wieder öffnete und den Mörder ihres Gatten er⸗ kannte. „Ich gehe, Madame,“ antwortete Leon mit be⸗ der eut⸗ gen als ckte ück; en, er⸗ hin ald ner das rei 3⁰03 wegter und zugleich ernſter Stimme;„denn ich weiß, daß wir von dieſem Augenblicke an einander nicht mehr ſehen dürfen, einander nicht mehr ſehen kön⸗ nen; zuvor aber muß ich mich wegen des Verbre⸗ chens rechtfertigen, deſſen Sie mich anklagen. Bevor ich die Waffen angerührt, die beim Kampfe dienen ſollten, habe ich gegen Herrn von Bryon mich erboten, fort, weit fort zu gehen, in eine freiwillige Verbannung zu gehen, kurz, Alles zu thun, was er mir befehlen würde, um ihm die Chancen dieſes Duells zu erſpa⸗ ren. Er hat aber nicht gewollt, und auf meine bei⸗ den Vorſchläge mit zwei groben Beleidigungen ge⸗ antwortet. An ſeiner Stelle hätte ich ebenſo gehan⸗ delt. Dann hat er eine Piſtole und ich die andere genommen. In dem beſtimmten Augenblicke hat er geſchoſſen, während meine Hand unbeweglich blieb. Er hatte die ungeladene Piſtole bekommen. Nun habe ich die meinige abgeſpannt und auf den Tiſch hingelegt; zu Ihrem Gatten aber, Madame, habe ich geſagt: ‚Nichts ſoll mich bewegen, Sie zu tödten. Sofort hat er dieſe Piſtole genommen mit den Wor⸗ ten: ‚Wenn man Einen entehren kann, ſo kann man ihn auch umbringen. Das Leben, das Sie mir als ein Almoſen laſſen, wäre eine Schande. Es ſteht in Ihrer Hand, mich nicht zu tödten, in meiner aber ſteht es, zu ſterben.: Und ehe ich noch eine Bewe⸗ gung machen konnte, hatte er ſich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Was ich Ihnen geſagt, Madame, iſt die reine Wahrheit: ich ſchwöre es Ihnen bei dem Grabe meiner Mutter.“ Und ohne ein weiteres Wort hinzuzuſetzen, ent⸗ 304 fernte Leon ſich von Marien und verſchwand auf der Straße. „Er hat nicht den Muth gehabt, noch länger zu leben,“ murmelte Frau von Bryon;„er hat mich alſo nicht geliebt.“ 2 „Im Gegentheil, er hat Dich nur zu viel ge⸗ liebt,“ antwortete die alte Frau. „Folge mir, Marianne!“ Und Marie ging auf das Haus zu, wo das Duell eben Statt gefunden. Schon fing der Tag an zu grauen, und es lief eine weiße Linie über die Ebene hin. Die Luft war friſch, und doch brannte Mariens Stirn. An der Thüre des Hauſes angekommen, blieb Marianne ſtehen. „Ich getraue mir nicht, ihn noch ein Mal zu ſehen,“ ſprach ſie:„laß mich hier allein beten!“ Marie ſchlug nun allein den nämlichen Weg ein, den Leon eingeſchlagen. Man hätte ſie für ein Ge⸗ ſpenſt halten können, ſo düſter ſah ſie aus; man hätte ſie für ein Stück Marmor anſehen können, ſo blaß war ſie. Die Thüre des Zimmers, wo das Duell Statt gefunden, war halb offen geblieben; das Zimmer ſelbſt war von der Lampe erleuchtet. Einen Augen⸗ blick blieb Marie ſtehen. Ihre tiefen Gemüthsbe⸗ wegungen ließen ſie nicht mehr zu Athem kommen. Endlich ſprach ſie bei ſich ſelbſt: Es muß ſein, und ſtieß die Thüre auf. Zuerſt ſah ſie Nichts als den Tiſch, auf den ſie ſich ſtützte; als ſie aber weiter hineinging, ſah ſie Immanuel, der mit dem Kopfe auf einen Stuhl ge⸗ 30⁵ 9 fallen war, und deſſen Arme leblos und bewegungs⸗ los herunterhingen. Keuchend ging ſie zu dem Leich⸗ nam hin, kniete neben demſelben nieder und hob ſchüchtern die Augen zu dem Geſichte auf, das ſie nicht anzuſchauen gewagt hatte. Es hatte die Kugel Immanuel entſtellt: ein wenig Blut war an dem Loche zu ſehen, das ſie gemacht, und die Zuckungen des Todes hatten die Lippen ge⸗ trennt, den Wangen eine grüne Färbung verliehen, den Augen ihren Glanz genommen. Mit einem Muthe, deſſen ſie ſich nicht fähig ge⸗ glaubt hätte, legte Marie eine Hand auf das Herz des Mannes, den ſie einſt ſo warm geliebt hatte. Dieſes Herz, das zwei Jahre lang nur für ſie ge⸗ ſchlagen, war kalt, für immer kalt. „Todt!“ ſprach ſie. Und ſie warf ſich auf den Körper Immanuels, deſſen Kopf auf den Boden hinabrollte und jenes dumpfe Geräuſch von ſich gab, das Leichname hören laſſen, wenn man darauf ſchlägt, und das beweist, daß das Leben nicht länger da iſt, um den Schmerz zu fühlen. Voller Entſetzen wich Marie bei dieſem Geräuſche zurück und rief, auf die Thüre zuſtürzend, aus Lei⸗ beskräften Mariannen, die herbeigelaufen kam und ſie halb todt in die Arme nahm. „Fliehen wir, oh, fliehen wir!“ rief die junge Frau mit geſchwächter Stimme. Und ſie ging auf's Gerathewohl auf das Feld hinaus, konnte aber dabei ſich nicht enthalten, ſich von Zeit zu Zeit umzuwen⸗ den, um zu ſehen, ob das Haus, das ſie eben ver⸗ Dumas d. J, ein Frauenleben. II. 20 2 306 laſſen, und das ein Grab geworden, ihr nicht nach⸗ folge. „Du begreifſt wohl, daß mir jetzt Nichts mehr übrig bleibt, als zu ſterben,“ ſagte ſie zu Mariannen wiederholt in einzelnen abgebrochenen Silben und mit fieberzitternden Lippen. „Und Dein Vater und Deine Tochter!“ ſprach Marianne, die Gott Marien offenbar als Stiütze bei⸗ gegeben hatte. Frau von Bryon ging immer fort, ohne eine Silbe zu antworten. Nach einer Stunde kam ſie endlich bei einem Häuschen an, vor dem Weinreben und Kammerzen ſtanden, und in das ſie, von Müdig⸗ keit und Kummer erſchöpft, trat. Die Bewohner des Hauſes nahmen Frau von Bryon auf und boten ihr bereitwilligſt ihre Dienſte an. Sie bat um ein Glas Waſſer, ſo wie darum, daß man ihr alsbald einen Wagen ſammt Pferden herbeiholen möchte. Es brannte ihr der Boden un⸗ ter den Füßen. Sie wollte die Orte fliehen, wo das Drama ihres Lebens zuletzt geſpielt, wie wenn ſie durch dieſe Flucht auch der Erinnerung hätte ent⸗ fliehen können. Zeitweiſe meinte ſie wahnſinnig zu werden. „Und mein Vater, was iſt aus ihm geworden;“ rief ſie aus;„auch er iſt gewiß geſtorben!“ Sie bot dem Poſtillon ihr ganzes Vermögen an, wenn er ſie in einem Augenblicke an den Ort brächte, wo ihr Herz ſein wollte, denn ſie hatte ſich wieder auf den Weg gemacht. Da aber wollte ſie plötzlich wieder umkehren. „Ich habe ſeinen armen Körper liegen laſſen,“ 307 ach⸗ ſprach ſie, an Immanuel denkend;„was ich gethan, iſt niederträchtig, ſchändlich! Ich habe ſeinem Tode nehr nicht einmal den Troſt eines Grabes gegönnt. So nen hätte er mich nicht liegen laſſen, wenn ich geſtorben mit väre.“ Und Marie deckte ihre Augen zu, denn es ſtand rach Inmmannuel entſtellt, finſter und drohend vor ihr. bei-„Aber, ſiehſt Du, ich wäre geſtorben,“ fuhr ſie fort,„wenn ich dort geblieben wäre,— wäre ge⸗ eine ſtorben, ohne meine Tochter noch ein Mal zu küſſen! ſie Habe ich dieſe beiden Pflichten erfüllt, ſo komme ich ben wieder, ſuche das einſame Grab auf, das man für dig⸗ Immanuel gegraben haben wird, und lege mich dort neben ihn hin!“ von Es verſtrichen mehrere Tage. Endlich kam Frau nſte von Bryon mit Mariannen zu Paris an. Und da um, däuchte es Marien, es kehre ſich, ſo oft Jemand an den ihr vorüberkam, derſelbe um, um mit dem Finger un⸗ auf ſie zu deuten. Sie wollte zu ihrem Vater gehen; das wagte es aber nicht, ſich ihm vorzuſtellen, ſondern ſie ſchickte Marianne zu Herrn von Hermi. Unterdeſſen ent⸗ betete ſie auf dem Grabe der Gräfin, an deren An⸗ zu denken ſie ſich wieder etwas ſtärken wollte. Marianne kam endlich zu Marien auf den Kirch⸗ n;“ hof und hinterbrachte ihr, daß das Haus in der Rue des Saints-Pères ganz verödet ſei, daß ſie dort an, nur noch den alten Pförtner gefunden, der ſie mit hte, unheilverkündender Miene angeſchaut und ihr geant⸗ der wortet habe, es halte ſich der Graf ſeit dem Tode lich ſeiner Tochter in Poitou auf. „Er glaubt mich todt!“ dachte Marie;„wir wol⸗ len auf das Schloß gehen,“ ſprach ſie zu Mariannen. 4 n, 308 Und noch an dem nämlichen Abende reisten ſie ab. Am andern Tage waren ſie ſchon dort. Je näher aber die arme Frau dem Orte kam, der ihre Kind⸗ heit geſehen, um ſo enger wurde es ihr ums Herz; ſchon von ferne gewahrte ſie die hohen, ſchlanken Thürmchen des väterlichen Schloſſes, ſowie die Spitzen der durch die vielen Tauben und Turteltäubchen bunt gefärbten Dächer, von denen dieſe Vögel einzeln weg⸗ flogen, um ſich in der Luft gleich Körnern zu zer⸗ ſtreuen. Sie kam auch an Immanuels Hauſe vor⸗ über; es waren die Läden deſſelben geſchloſſen; und öde und ſchweigſam lag der Garten da: man hätte glauben können, man habe ein rieſiges Grab vor ſich. Wie vor einem heiligen Orte bekreuzte ſie ſich, und ſetzte ihren Weg fort, ohne auch nur ein Mal zurückzublicken, indem ſie befürchtete, es möchte der Schatten ihres Gatten auf der Schwelle des Hau⸗ ſes erſcheinen. Endlich kam ſie auf dem väterlichen Schloſſe an; es war ihr Alles noch bekannt; kaum erſt vor einem Jahre hatte ſie es zum letzten Male geſehen; aber ſie rechnete nach dem Geſchehenen und nicht nach der Zeit, ſo daß ſie glaubte, ſie würde Alles in Ruinen finden. Einen Augenblick blieb ſie an dem eiſernen Gitter ſtehen, um durch die Eiſenſtäbe hin⸗ durch die verſchiedenen Dinge anzuſchauen, von de⸗ nen ſie nie geglaubt hatte, daß ſie ſie noch in ſolcher Weiſe würde anſchauen müſſen. Eine erſte Frühlingstinte lachte, durch einen Son⸗ nenſtrahl vergoldet, in den Bäumen des Parks; Hirſchkühe und Damhirſche graſeten da ruhig, wie 309 wenn ſie begriffen hätten, daß ſie von Niemand mehr geſtört werden würden; zwei weiße Schwäne, die Marie, noch als Mädchen, oft mit einer Hand geliebkost hatte, während ſie mit der andern ihnen das vom Frühſtücke mitgebrachte weiche Brod zu freſſen gab, ſchwammen kokett in dem Teiche umher, ihren ſchneeweißen und an Schlankheit und Biegſam⸗ keit einer Aehre gleichkommenden Hals ſelbſtgefällig im Waſſer ſpiegelnd; aber auch nicht ein menſchli⸗ ches Geſchöpf belebte dieſe Landſchaft, worauf trotz alledem ein Schleier der Traurigkeit und der Oede zu laſten ſchien. Sie läutete an. Ein Diener, der ihr unbekannt war, machte auf, und ſchien die beiden Beſucherinnen mit unruhiger Miene zu muſtern; er hielt die Thüre, wie wenn er dieſelbe hätte wieder ſchließen müſſen, ohne ſie ein⸗ zulaſſen. Dieſer Menſch ſchien es gar nicht begrei⸗ fen zu können, daß man im Schloſſe anläutete. „Was wollen Sie, Madame?“ fragte er. „Ich will zu dem Herrn Grafen von Hermi.“ „Wiſſen Sie denn nicht, Madame, daß der Herr Graf nie empfängt, oder vielmehr, daß er nicht mehr empfängt?“ „Seit wann?“ „Seit dem Tode ſeiner Tochter.“ Hier fuhren Frau von Bryon und Marianne zuſammen; es war zum zweiten Male, daß ſie ſolches zu hören bekamen. „Mein Freund,“ ſprach Marianne,„ſagen Sie Johann, dem Gärtner, er ſolle hierher kommen.“ „Er iſt nicht mehr hier, Madame.“ 310 „Und Peter?“ „Iſt auch nicht mehr hier. Der Herr Graf hat alle Bedienten weggeſchickt, die ſeine Tochter gekannt.“ „Wir müſſen aber durchaus den Grafen ſprechen.“ „Es iſt das unmöglich; zudem geht er um dieſe Stunde im Park ſpazieren.“ „Wohlan, Freund!“ ſprach Marie, dem Bedien⸗ ten ihre Börſe hinbietend und mit ihrer ſanfteſten Stimme zu ihm ſprechend,„laſſen Sie uns hinein, ich beſchwöre Sie beim Namen Ihrer Mutter; denn es ſteht meine und des Grafen Seelenruhe auf dem Spiele.“ Es lag in Mariens Bitte des Schmerzes und des Ueberzeugenden ſo viel, daß der Bediente nun die Thüre vollends aufmachte und, ohne ein weiteres Wort zu ſagen, die beiden auf Beſuch gekommenen Frauen eintreten ließ. Es ſchlug gerade vier Uhr. „Meine Damen,“ ſprach der Bediente,„es iſt jetzt gerade die Stunde, um die mein Herr in's Schloß zurückzukommen pflegt: wollen Sie vielleicht im Salon auf ihn warten?“ „Wo wird er zuerſt hingehen?“ „In das Zimmer ſeiner Tochter.“ „So wollen wir denn dort auf ihn warten.“ „Der Herr Graf hat ausdrücklich befohlen, daß kein Fremder daſſelbe betreten ſolle.“ „Laſſen Sie es gut ſein, mein Freund,“ ant⸗ wortete Marie:„es wird Ihr Herr Sie darum nicht tadeln.“ „So will ich Sie denn hinaufführen.“ it⸗ 311 „Es iſt das nicht nöthig: wir wiſſen den Weg recht wohl, folge mir, Marianne!“ „Marianne!“ ſprach der Bediente.„Sind Sie Jungfer Marianne?“ „Ja.“ „Wenn das iſt, ſo dürfen Sie überall hingehen, wohin Sie wollen, denn die, welche vor mir hier geweſen, haben Ihren Namen ſtets mit großer Ach⸗ tung ausgeſprochen.“ Und es gingen die beiden Frauen hinauf. Marie ging in ihr früheres Zimmer hinein. Alles befand ſich noch in derſelben Ordnung, ihre Zeichenmappen, ihre Malerſtaffelei waren noch da, wo ſie ſie gelaſſen. Dann trat ſie in das anſtoßende Zimmer, welches einſt das Clementinens geweſen: auch dort hatte ſich Nichts verändert. Furchtbare Ironie der todten Dinge! „Mein Vater liebt mich immer noch,“ ſprach Marie zu Mariannen gewandt. Und ſie ſiel auf die Knie nieder und betete in dieſem Zimmer, woraus ihr und ihres Vaters Kum⸗ mer einen heiligen Ort machte. Marie ſchob die Vorhänge zurück und ſchaute zu dem Fenſter hinaus, von wo ſie einſt ihren Vater mit Immanuel hatte auf die Jagd gehen ſehen. Da ſah ſie in der Ferne einen Schatten, der auf das Schloß zugeſchritten kam. „Da iſt er,“ ſprach ſie zu Mariannen und legte die Hand auf ihr heftig pochendes Herz.„O Gott, wie danke ich Dir doch, daß Du mir meinen Vater erhalten!“ Und wirklich war es der Graf, der auf das Schloß zukam; je näher er aber kam, um ſo mehr 312 füllten ſich Mariens Augen mit Thränen: Herr von Hermi war gar nicht mehr zu erkennen. In ſeinen langen Trauerkleidern ſchien er innerhalb eines ein⸗ zigen Jahres um zehn gealtert; ſeine Wangen waren hohl, ſein Haar grau; als er unter den Bäumen hervorkam, entfloh ein ſcheuer Damhirſch, und als er ſich dem Teiche näherte, hielten die ihm entgegen⸗ kommenden Schwäne auf halbem Wege ſtill. Er warf ihnen einige Brodkrumen zu und kam dann an die Freitreppe heran. „Ach, mein armer Vater!“ ſprach Marie.„Wie hat er ſich doch verändert! Marianne,“ fuhr ſie fort, „laß mich nun allein bei ihm!“ Und ſie reichte der Amme, welche ſofort ſich ent⸗ fernte, die Hand hin. Es ließen die Tritte des Grafen ſich ſchon auf der Treppe hören. Da nahm Marie ihren Schleier ab, ſetzte ſich vor die Staffelei hin, und malte an dem angefangenen Aquarellgemälde fort; vor einem Spiegel ſitzend, konnte ſie ihren Vater hereinkommen ſehen. Eine Minute darauf öffnete ſich die Thüre: die arme Frau glaubte und hoffte ſogar, daß ſie ſterben würde. Aber ihr Vater kam ganz ruhig auf ſie zu, und ſprach mit ſanfter Stimme zu ihr: „Was machen Sie da, mein Kind?“ Marie ſtand auf, da ſie glaubte, ſie habe ſich dermaßen verändert, daß ihr Vater ſie nicht mehr erkenne. Des Grafen Blick war zwar ſanft und wohlwollend, hatte aber etwas ſeltſam Fixes. „Verzeihen Sie mir, Vater,“ redete ſie ihn an, — 313 indem ſie vor ihm auf die Knie niederſank,„ich bin „es, ich, Marie, Ihre Tochter.“ Ein Lächeln des Zweifels flog über des Grafen Lippen hin. „Ich ſoll Ihnen verzeihen, mein Kind, aber weß⸗ halb denn?“ ſprach er zu ihr.„Etwa weil Sie Mariens Pinſel angerührt und weil Sie dieſes Ge⸗ mälde haben vollenden wollen, um mich glauben zu laſſen, es komme dieſelbe immer des Nachts, um daran zu arbeiten? Aber, Mädchen, ich bin nicht wahnſinnig, bin kein Narr; ich weiß gar wohl, daß mein Kind todt iſt und nicht wiederkommt.“ Erbleichend wich Frau von Bryon zurück: ſie hatte Furcht. „Mein Vater,“ ſprach ſie abermals mit zittern⸗ der Stimme,„erkennen Sie mich denn nicht mehr?“ Und der Greis machte ein verneinendes Zeichen. „Sehen Sie mich recht an,“ fuhr ſie fort:„ich bin Ihre Tochter!“ „Sie!“ verſetzte der Graf.„Ach, nein, nein; ich hatte einſt eine Tochter, ja, das iſt wahr, aber ſie iſt nun todt.“ Und eine große Thräne rollte über das Geſicht des Grafen herab, der den Kopf ſenkte. „Du mein Gott, Du mein Gott!“ rief Marie, „ich habe Verſtand und Herz bei ihm getödtet. Mein Vater, mein guter Vater,“ fuhr ſie fort, ihm die Hände drückend und ihn zum Sitzen nöthigend, wäh⸗ rend ſie zu ſeinen Füßen kniete,„es hat Ihre Toch⸗ ter Sie allerdings verlaſſen, ſie iſt aber nicht todt; ſie liebt Sie, ſie iſt wiedergekommen, um Ihnen das zu ſagen, ſie liegt zu Ihren Füßen, ſie küßt Ihre Hände; Ihre Tochter bin ich!“ „Sie!“ ſprach der Graf, Marie mit einem fixen Blicke anſchauend, der die junge Frau mit Schrecken und Entſetzen erfüllte,„Sie! ja, Sie gleichen ihr allerdings, aber wie Lebende den Todten und die Materie dem Geiſt; ja, ich kenne Sie, Sie ſind es, die mir in meinen Nächten von ihr erzählen. Sie ſind eine Viſion, ein Traum, aber nicht meine Toch⸗ ter, ich hatte nur eine, und die iſt todt: ich weiß es wohl.“ Marie ſtand auf, der Graf aber rührte ſich nicht. Sodann öffnete ſie die Thüre und ging, die Augen immer auf ihren Vater geheftet haltend und fürch⸗ tend, es möchte derſelbe ſie zurückrufen, hinaus. Alles erſchreckte ſie: ſeitdem Marie den Grafen ge⸗ ſehen, ſchien das Haus ihr eine neue ſonderbare Ge⸗ ſtalt angenommen zu haben; es füllte ſich ihr daſſelbe mit ſeltſamen Schatten; und die arme Frau ging, von dem myſteriöſen Schrecken verfolgt, den der Wahnſinn der Vernunft einflößt, wie träumend fort und fürchtete, es möchte der Gang gar kein Ende mehr, es möchte die Treppe keine Stufen haben. Auch ihr Geiſt war ſeit einigen Tagen dermaßen erſchüttert und verwirrt, daß ſie die Möglichkeit, wahnſinnig zu werden, vollkommen begriff. Den Kopf in beiden Händen haltend, lief ſie davon, gleich als wollte ſie ihren Verſtand zurück⸗ halten, der ſie zu verlaſſen drohte. So langte ſie in dem Zimmer ihrer Mutter an, wo Marianne auf den Knien lag. „Nun?“ fragte die Amme. au we 315 „Ach, ach!“ verſetzte Marie, faſt ganz kraftlos auf einen Stuhl niederfallend. „Er hat Dich fortgejagt?“ „Er iſt wahnſinnig!“ „Wahnſinnig!“ rief Marianne, entſetzt zurück⸗ weichend. „Komm mit mir!“ „Wohin?“ „Zu ihm, ich fürchte mich,“ ſprach Marie mit leiſer Stimme;„und biſt Du nicht da, ſo muß ich⸗ ſterben.“ Marianne begleitete ſchweigend Frau von Bryon. Zitternd öffnete dieſe wieder die zu ihrem Zimmer führende Thüre; ihr Vater hatte ſeinen Platz ver⸗ ändert, hatte das Weggehen ſeiner Tochter nicht einmal wahrgenommen, und nahm jetzt auch ihre Wieder⸗ kehr nicht wahr. Man hätte glauben können, es ſei Marie ihm nur eine Art Erinnerung, eine Art Bild, eine Art Gedanke, der eine feſte Geſtalt angenom⸗ men und ſeinen Augen und ſeinem Geiſte zugleich erſcheine, ohne dieſelben zu beſchäftigen: ſo ſehr wa⸗ ren die Augen und der Geiſt des Wahnſinnigen ſeit langer Zeit an dieſes Bild und an dieſen Gedanken gewöhnt. Es hatte der Graf eines der auf den Park hin⸗ ausgehenden Fenſter geöffnet, und eine Hand auf den Balkon geſtützt, ſchaute er, dem König Lear gleich, hinaus, um zu ſehen, wie die Sonne in ihrem Wolken- und Purpurbette ſich zur Ruhe begab. Das erſte Geflüſter des Frühlings begrüßte, myſteriös⸗ keuſch und in ſeiner Ganzheit ſo poetiſch, die letzten Strahlen des Gottgeſtirns, das, hinter dem Hori⸗ 316 zonte ſich begrabend, unſere Welt zu verlaſſen ſchien, um eine andere zu erleuchten. Auf dieſem rothen, bis in die unbeſtimmten Tinten des Opals überge⸗ henden Hintergrunde hoben ſich die großen Bäume als gewaltige und düſtere Silhouetten ab, die durch den eiſigen Hauch des Winters noch abgemagert erſchie⸗ nen; Raben, die ihre Brut auf den Baumgipfeln hatten, brachten ihren Jungen das auf dem Felde gefundene Futter, und flogen ſchnell dahin, von Zeit zu Zeit einen Freudenſchrei ausſtoßend, mehr ähnlich einem, in die harmoniſche und allgemeine Stille hineinge⸗ worfenen, Tone der Klage; die Schwäne gingen wie⸗ der, gegen die Kälte empfindlich, in ihr Häuschen, und eine Art durchſichtigen Nebels ſtieg aus dem Teiche auf und verdunkelte, indem er ſich mit dem vom Himmel herabkommenden vereinigte, nach und nach den Horizont. Die Sichel des noch blaſſen Mondes, ſowie einige Sterne, vorſichtig wie Lampen mit verſchleiertem Lichte, welche den Schlaf eines Kindes erleuchten, entzündeten ſich bereits am Him⸗ mel unter dem Hauche Gottes, der jeden Abend jenes große Kind, das man Welt nennt, einwiegt und ſchlafen legt. Marie ſchloß die Thüre wieder hinter ſich und betrachtete ihren Vater, der Brod zum Fenſter hin⸗ ausbröckelte. „Was thun Sie da, mein Vater?“ ſprach ſie, zu ihm hingehend. „Wie Sie ſehen, mein Kind,“ antwortete der Graf,„ſo gebe ich den Vögeln zu freſſen: ſind ſie es doch, die des Nachts mir von meiner Tochter er⸗ zählen, indem ſie dieſe Krümchen aufpicken.“ * die au un for rizt die To Es weil Vat 317 „Sie lieben alſo Ihre Tochter?“ bemerkte Marie, Hände faltend. „Ich liebte ſie.“ „Und jetzt?“ „Iſt ſie todt.“ „Wo ruht ſie aber?“ „Hier.“ Und bei dieſen Worten legte der Graf eine Hand auf's Herz. Marie bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Augen, und Marianne weinte. Der Graf ſetzte ſich an das Fenſter hin und fuhr fort, ſein Brod zu zerkrümeln und nach dem Ho⸗ rizonte hinzuſchauen. Marie kniete vor ihm nieder. „Herr Graf,“ hob ſie wieder an, indem ſie auf die fixe Idee ihres Vaters einging,„ich habe Ihre Tochter gekannt.“ Hier ſchaute Herr von Hermi Marien an. „Sis haben ſie gekannt, ſagen Sie?“ 1 „Sie war gar ſchön und liebte mich.“ „Mehr, als ihr eigenes Leben.“ „Ich wußte es wohl, ja; das arme Kind!“ „Sie beklagen ſie?“ „Ja, ſie iſt auf ſo unglückliche Weiſe geſtorben. Es iſt das eine rührende Geſchichte.“ „Wollen Sie mir wohl dieſelbe erzählen?“ „Ja, aber ich ſage ſie Niemand, als Ihnen, weil ich Sie liebe; ſie gleichen ihr ein bischen.“ „Oh, ſprechen Sie, ſprechen Sie doch, mein Vater!“ di α Und Marie ergriff die beiden Hände des Grafen, der ſie mißtrauiſch und mit jenem Blicke eines furcht⸗ ſamen Kindes, welchen der Wahnſinn den Augen des Mannes verleiht, wieder zurückzog. Mit ihrem bleichen und gebeugten Haupte, mit ihren langen, blonden, auf die Schultern herabwallenden Haaren erſchien Frau von Bryon als eine jener ſchwächlichen Sommerblumen, die, von einem Gewitterregen nie⸗ dergeſchlagen, auf einen Sonnenſtrahl warten, um ſich wieder aufzurichten. Der Graf ſchwieg: ſchon hatte er wieder ver⸗ geſſen, was er erzählen ſollte. „Ich höre,“ ſprach Marie mit ſanfter Stimme. „Was wollen Sie hören, mein Kind?“ „Die Geſchichte Ihrer Tochter.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte der Graf, mit den Händen ſich durch das Haar fahrend, gleich als wollte er ſeine Gedanken ſammeln.„Sind wir aber auch allein?“ „d.7 Er kehrte den Rücken Mariannen zu, die, in dem finſterſten Winkel des Zimmers auf den Knien liegend, traurig zuhörte. „Sie wollen alſo dieſe Geſchichte nicht erzählen?“ „Nein, hören Sie, oh! die Welt iſt gar böſe; Sie wiſſen nicht, was ſie ſagte.“ Marie konnte nicht mehr ſprechen. Sie machte eine verneinende Geberde. „Die Welt ſagte, es liebe mich meine Toch⸗ ter nicht, und es habe dieſelbe mich verlaſſen, und es nannte mich die Welt einen armen Vater, wie wenn eine Tochter einem Andern, als Gott 319 zu lieb, ihren Vater verlaſſen konnte. Sehen Sie, es war das nicht wahr. Meine arme Marie liebte mich immer. Ich weiß es, und doch glaubte ich einen Augenblick, was die Welt ſagte; und,“ ſetzte Herr von Hermi hinzu, indem er auf ſeiner Tochter Stirn zwei große Thränen fallen ließ,„da dieſes Kind mein alleiniger Troſt war, mein alleiniges Glück, meine alleinige Freude, ſo wurde ich recht traurig und dann recht krank. Achl ich litt entſetzlich, Sie können es mir glauben; ich bekam das Fieber und phantaſirte; es wurden meine Haare weiß, ich ſelbſt aber wurde wahnſinnig.“ „Mein Gott!“ murmelte Marie,„erbarme Dich meiner!“ „Es dauerte dieß jedoch nicht lange, und gar bald genas ich wieder, als ich die Wahrheit erfuhr. Ich bete daher auch jeden Abend für ſie, denn ich habe ſie einen Augenblick verflucht; aber der liebe Gott vergibt mir, ich weiß es, da ich in jenem Au⸗ genblicke von Sinnen war und gräßlich litt. Auch jetzt leide ich noch und weine an Einem fort, verfluche ſie aber nicht mehr; denn ich weiß, daß ſie mich nicht verlaſſen, ſondern daß ſie todt i*ſt, und daß der Herr, der mich liebt, ihr geſtattet, des Nachts vom Himmel zu mir herniederzuſteigen und mich zu küſſen. Zu⸗ weilen begegne ich ihr dort unten, unter den Bäu⸗ men; ſo oft ich aber zu ihr hinkomme, verſchwindet ſie wieder in der Luft. Gott nimmt ſie eben wieder zu ſich, und es iſt das ganz natürlich, denn ſie ge⸗ hört nun ihm; ich aber muß mich noch unendlich glücklich ſchätzen, daß er in ſeiner Gnade ſie mich ſehen läßt.“ 3²0 Und Herr von Hermi, als wäre ſein Geiſt recht müde geworden durch die Aufmerkſamkeit, die er auf dieſen Bericht verwendet, ließ ſich auf die Lehne ſeines Stuhles zurückfallen und ſchwieg. Mit düſterem Blicke ſaß er da wie ein Menſch, der nachdenkt, aber außer Stand iſt zu ſprechen. „Ja, ſie iſt nun todt!“ murmelte er. „Und wie iſt ſie denn geſtorben?“ fragte Marie, die Hände ihres Vaters ergreifend, der ſie ſie nehmen ließ, und dieſelben an die Lippen führend. „Habe ich es Ihnen denn nicht geſagt, Ma⸗ dame?“ „Nein,“ antwortete Marie, bei dem Namen„Ma⸗ dame“ ſchaudernd, der ihr Herz eiskalt machte und wie eine Strafe ausſah. „Ich will es Ihnen ſagen; der Dichter hat es mir erzählt.“ „Welcher Dichter?“ „Der Dichter Gottes; es verläßt mich daher auch ſein Buch nicht; alle Abende leſe ich darin, denken Sie... Hier hielt er unſchlüſſig inne. „Nun, werden Sie mir es nicht ſagen?“ fragte Marie. „Doch, doch; aber ich darf Ihnen nicht Alles erzählen. Denken Sie, ſie hieß nicht Marie ſondern Ophelia.“ „Ach mein armer Vater!“ murmelte Frau von Bryon.„Lieber möchte ich ihn ſeinen Fluch über mich ausſprechen hören, als Zeuge ſein dieſes Wahn⸗ ſinns.“ „Ophelia!“ fuhr er fort,„ein recht ſüßer NRame, 321 nicht wahr? Es war der ihrige. Das arme Kind! Sie liebte, der Dichter hat es mir geſagt, und ich erinnere mich deſſen noch gar wohl— ſie liebte den Sohn eines Königs, der Hamlet hieß; aber Hamlet war wahnſinnig, wie ich es geweſen bin, und in einer Anwandlung von Wahnſinn hat er mich umbringen wollen. Ophelia glaubte mich todt und wurde nun ebenfalls wahnſinnig, die arme Kleine! Gleich Goldfä⸗ den fielen ihre langen blonden Haare auf ihre Schultern herab; ſie hatte ſich aus Heu und Maßlieben einen Kranz gemacht und ſang mit trauriger, recht trauriger Stimme, und flocht dabei immer Kränze. Eines Tages nun, als ſie wieder einen ſolchen gemacht, wollte ſie ihn an den Baum hängen, der dort neben dem Teiche ſteht. Da glitt ihr Fuß aus, das Waſſer aber, eiferſüchtig auf ihre Augen, welche noch viel reiner waren, als es, verſchlang meine vielgeliebte Tochter und führte ſie ſanft dem Tode in die Arme. Die arme Ophelia! Da, wo ſie geſtorben, lebt nun ein Schwan!— Sie weinen; es betrübt Sie das. Wüßte ich ihr Grab, ſo würde ich Sie hinführen; aber ich weiß es nicht.“ Und der Graf ſtand auf, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Da gewahrte er Marianne, die, als ſie ihn ſo bleich ſah, ihn auf den Knien liegend und ſchreckenerfüllt anſchaute. „Was iſt denn das für ein Schatten?“ „Meine Amme, Marianne.“ „Marianne?“ fragte Herr von Hermi.„Habe ich doch den Namen ſchon gehört! Wo ich ihn aber gehört, weiß ich wahrlich nicht; ich muß ihn gehört Dumas d. J., ein Frauenleben. II., 21 322 haben, als ich noch wahnſinnig war. Und nun leben. Sie wohl, Madame,— leben Sie recht wohl!“ Und es entfernte ſich der Graf, die Melodie einer Ballade ſingend. „Wo gehen Sie hin?“ rief Marie. „Ich gehe in die Gänge des Hauſes; denn es iſt nun bald die Nacht da, und zuweilen irrt meine Tochter im Hauſe nmher; und dann gehe ich in die Kapelle.“ „In die Kapelle?“ „Ja, in früheren Zeiten habe ich dort eine Me⸗ lodie gehört, der ich mich, obwohl vergebens, zu ent⸗ ſinnen ſuche.“ Und es verſchwand der Graf in dem Schatten des Hausganges. „Ich habe noch eine Hoffnung,“ ſprach Marie zu Mariannen,„wenn es anders ein Glück iſt, daß er ſeinen Verſtand wieder erlangt!“ „Welche?“ „Ich will ihm in der Kapelle die Stücke ſpielen, die ich einſt geſpielt, und vielleicht erkennt er mich dann wieder.“ „Thu' das, mein Kind!“ „Ah, ah! aber komm Du mit!“ Die beiden Frauen gingen in die Kapelle. Un⸗ terdeſſen war es faſt finſter geworden. Der Graf irrte immer noch im Hauſe umher. Beim letzten durch die Scheiben dringenden Strahle ging Marie in der Kapelle umher, allenthalben wieder eine Er⸗ innerung findend, und vor dieſen Erinnerungen wie vor einem Altar niederkniend. Sie ſah den Ort wie⸗ der, wo ihr Vater ſich zum erſten Male verſteckt hatte; 323 leben ſah die Thüre wieder, wo ſie ſo große Furcht gehabt, 4 als ſie ihr)e Mutter rufen hörte; ſah den bleichen einer Schatten Immanuels wieder, den ſie nebſt dem Gra⸗ fen durch ihr Orgelſpiel ſo oft zum Weinen gebracht; ſah Immanuels Schatten wieder, wie er furchtbar n es in ſeiner Gnade und ſeiner Vergebung an ihr vor⸗ neine überging. die Mit einem Male däuchte es ihr, als höre ſie Tritte. Marianne hinter einer Säule ſich verbergen laſſend, verſteckte ſie ſich neben der auf die Orgel füh⸗ Me⸗ renden Treppe. ent⸗ Da machte der Graf die Thüre auf. Herr von Hermi ſtieg die zur Orgel führende atten V Treppe hinan, ohne Marie zu ſehen. Im Uebrigen . fingen, wie wir geſagt, die letzten Strahlen des Ta⸗ ie zu ges bereits an, ſich in den erſten Tinten der Abend⸗ ß er V dämmerung vollſtändig zu verwiſchen. Es ſchien der Graf unruhig. Er ſetzte ſich vor das Clavier hin, und es fingen ſeine gedächtnißloſen Finger an, über elen, die Taſten hinzulaufen, während er mit der dem mich Wahnſinn eigenen, traurigen und ſchmerzerfüllten Stimme ſich zu gleicher Zeit der Töne und der Worte des Liedes zu erinnern ſuchte, das ſeine Tochter einſt geſungen. Un⸗ Es war dieſe Melodie dem Greiſe eines jener Graf bezaubernden Muſikſtücke, die an ein geliebtes Land tten erinnern und ganz in den Geiſt übergehen, ohne daß tarie die Stimme das Thema wieder zu finden vermag: Er⸗ man ſchließt die Augen und hört ſelbſt dann, wenn wie Alles ſchweigt, die ferne Harmonie ſo, wie man ſie wie⸗ einſt gehört; dann ſchlägt man plötzlich wieder die atte; Augen auf, glaubt die geliebte Melodie gefunden zu 324 haben, und wird, wenn man ſie zu wiederholen ſucht, gewahr, wie die Töne ſich in's Unbeſtimmte verlieren, ſich verwirren, und wie die Melodie, ungreifbar wie ein Traum, unfühlbar wie die weißen Dünſte der Wüſte, entſchwindet, die der Reiſende in der Ferne für eine Oaſe voller Schatten und voll angenehmer Kühle hielt. Der Graf präludirte: ohne Schwierigkeit fand er die erſten Takte. Mit ihrer Klageſtimme erzählte die Orgel ſie ſeinem und Mariens Herzen wieder; plötzlich aber blieb die Orgel bei einem Tone ſtehen der lange nachzitterte und allmählig erloſch. Da fuhr der Graf mit beiden Händen an ſeine thränen⸗ feuchten Augen hinauf und murmelte die Worte: „Mein Gott, mein Gott! es wird mir alſo nie einfallen!“ Und abermals verſuchte er es mit Händen und Stimme; aber es ſtockte eben die Stimme des Men⸗ ſchen, ſo wie die des Inſtruments auf's Neue, und ſo hob denn der arme Greis, aufſtehend und die Treppe hinuntergehend, an, in der Kapelle um⸗ herzugehen, und ſuchte an Einem fort die Melodie, die er zwar im Geiſte hörte, die aber nie ganz über ſeine Lippen kommen wollte. Beim Altar angekom⸗ men, kniete er vor einem großen Gemälde, Chriſti Kreuzigung vorſtellend, nieder und bat den großen himmliſchen Schmerz, daß er ſich des ſeinigen erbar⸗ men möchte. Nun ging auch Marie die Orgeltreppe hinan und ließ, ſich an den Platz ſetzend, den ihr Vater eben verlaſſen, das heilige Lied hören, das er ſo oft und ſo lange geſucht. 3²⁵ Bei dieſer unvermutheten Harmonie wandte der Graf zuerſt den Kopf um, in ſeinem Wahnſinn glau⸗ bend, es wären bloß die von ihm in der Ferne ver⸗ folgten Töne, die ihm näher kämen, die nun ſtärker würden, und er hörte dieſelben mit dem Gedächtniſſe; aber die Orgel, die unter den Fingern der jungen Frau die vergeſſene Muſik wiederfand, bebte ſo kläg⸗ lich und zugleich ſo bezaubernd— die heilige und reli⸗ giöſe Harmonie, die gleich einer neuen Atmoſphäre ſich in der Kapelle verbreitete, war, ſo zu ſagen, ſo greifbar, die begleitende Stimme ſo voll erſchütternder Traurigkeit und Poeſie, daß es wohl kein Traum mehr ſein konnte, und daß nur ein aus Mariens Seele entſtandener Engel, in Erhörung der Gebete des Grafen, vom Himmel herniederſteigen konnte, um ihm den Troſt dieſer Wirklichkeit zu bringen. Der arme Wahnſinnige horchte, auf den Knien liegend und mit gefalteten Händen; er hatte aufge⸗ hört zu athmen, gleich als fürchtete er, es möchte der geringſte Hauch der himmliſchen Melodie ein Ende machen, die eben wieder erwacht war. Als gewöhnliche Wirkung ſtarker, gewaltiger Ge⸗ müthsbewegungen hatte eine Art Ertaſe ſich des Grafen bemächtigt; die ganze Hirnthätigkeit ſchien ſich bei ihm auf einen einzigen Sinn, das Gehör, hingedrängt zu haben, und es ſchienen alle übrigen Geiſteskräfte einer vollſtändigen Lethargie anheimge⸗ fallen zu ſein: planlos hinausſtierend, horchte Herr von Hermi; und mit ſeinen ſchlaff hangenden Hän⸗ den, und in ſich zuſammengeſunken, erſchien er wie einer jener Märtyrer, denen Gott mitten in ihren Qualen einen nur ihnen allein ſichtbaren Engel zu⸗ 326 ſandte, einen Engel, der, trotz der von den Henkern auferlegten Martern, die Seele ſanft und ohne Schmerz vom Körper des Gotterwählten erlöste; wer ihn ſo geſehen, hätte begriffen, daß in dem Geiſte des ar⸗ men Mannes eine große Umwälzung vor ſich gehen müſſe. Zwar war er immer noch bleich, zwar war ſein Blick immer der eines Wahnſinnigen, aber ſchon war es der Blick eines glücklichen Wahnſinnigen ge⸗ worden; ſchon hatte ſich ein Ausdruck der Heiterkeit und der Wonne auf ſeinem Geſichte gemalt, deſſen lockerer geſpannte Fibern einen Mund ſehen ließen, der durch ein Lächeln des Wohlſeins und der Dank⸗ barkeit halb geöffnet war. Vielleicht koſtete ihm dieſe allzu große Wonne das Leben; vor der Hand aber berauſchte er ſich damit und wollte ſie ganz in ſich aufnehmen, jenen jungen Männern ähnlich, die der Alte vom Berge mit einem Getränke berauſchte, wel⸗ ches ihnen zuerſt ein Paradies erſchloß, neben wel⸗ chem das des Mahomed wie eine Hölle erſchien, und die glücklicher Weiſe ſtarben, nachdem ſie dieſes Glück gekannt, welches ihnen ihr früheres Leben zur Un⸗ möglichkeit gemacht haben würde. Als daher auch Marie mitten unter ihren Thränen, welche die Erin⸗ nerungen und das Schauſpiel ihr entlockten, das ſie vor Augen hatte, den letzten Ton in den Raum hinausgeſchickt hatte, da rief ihr Vater, fürchtend, er möchte in das Schweigen zurückſinken, das ihn wahn⸗ ſinnig gemacht, aus: „ Noch ein Mall noch ein Mal!“ Und Marie, die ſchon aufgeſtanden war, ſetzte ſich abermals an die Orgel hin und fing eine — jene vore Wef unb gege verſ er, bew im Es halt und eine herr der, ſchie ſuch vere jedo fort, ihre Höl ihn ihre ſich Geſ dem 3²7 jener Melodien an, die ſie ſonſt Herrn von Hermi vorgeſpielt. Als der Greis hörte, wie das geheimnißvolle Weſen ihm gehorchte, wollte er aufſtehen, um dieſem unbekannten Schatten, dieſem neuen Wohlthäter ent⸗ gegenzugehen; und mit ausgeſtreckten Armen, mit verſtörtem Blicke, mit halbgeöffnetem Munde machte er, wie ein Schlafwandelnder, einige Schritte. Da fühlte er, von den allzu heftigen Gemüths⸗ bewegungen gebrochen, plötzlich einen großen Schmerz im Kopfe, und fuhr mit der Hand nach der Stirn. Es wankten ſeine Beine; er wollte ſich an der Wand halten, aber ſeine Hand erreichte dieſe Stütze zu ſpät, und ehe er noch ſich hatte halten können, war er mit einem großen Schrei rücklings hingeſtürzt. Bei dieſem Schrei rannte Marie die Orgeltreppe herunter und warf ſich auf den Körper ihres Vaters, der, blaß und leblos, nur noch ein Leichnam zu ſein ſchien. Auch Marianne kam herbeigeeilt, und nun ver⸗ ſuchten es die beiden Frauen, indem ſie ihre Kräfte vereinigten, den Grafen aufzuheben; es wollte ihnen jedoch ſolches nicht gelingen. Jetzt eilte Marianne fort, um Hülfe herbeizuholen; Marie aber, die bei ihrem Vater geblieben war, hob deſſen Kopf in die Höhe, machte ihm aus ihrem Arme ein Kiſſen, bat ihn flehentlich um Verzeihung und wollte ihn mit ihrer Stimme ins Leben zurückrufen. Aber es wollte ſich der Greis nicht rühren, obgleich Marie, nach dem Geſichte das Herz befragend, fühlte, daß das Leben dem Verſtande des Grafen noch nicht gefolgt war. Es kam die Dienerſchaft herbei. Marianne hatte 328 den Leuten ſo ziemlich mitgetheilt, was vorgefallen war, und einer von ihnen war weggegangen, um den Arzt zu holen. Man trug den Grafen fort, man zog ihn aus, ohne daß er auch nur eine Be⸗ wegung machte, und brachte ihn zu Bette. Vor dem Bette kniend, weinte und betete Marie wie die hei⸗ lige Jungfrau zu den Füßen des Kreuzes. So oft ſie auch ihrem Vater rief, ſo oft ſie auch deſſen bren⸗ nend heiße Hände küßte, und ſo oft ſie ihm auch alle jene Dinge ſagte, womit das Herz der Kinder das geliebter Eltern wieder zu wecken ſucht, immer be⸗ hielt der Graf, bei halbgeöffneten Augen, eine ſelt⸗ ſame Unbeweglichkeit und einen troſtlos ſtieren Blick. Es hatte die arme Frau, hauptſächlich ſeit acht Tagen, ſo viel ausgeſtanden und ſo viel geweint, daß ihr Herz zu brechen, daß ihr Geiſt zu erlahmen, daß ihre Augen zu vertrocknen begannen. Es lag alſo der gänzlichen Erſchlaffung der jungen Frau faſt eben ſo ſehr Müdigkeit, als Schmerz zu Grunde. Man hatte die Fenſter geöffnet, und es ließ Marianne den Grafen an einem Fläſchchen riechen, worauf derſelbe eine Bewegung machte. Es ſtießen die beiden Frauen einen Freudenſchrei aus, aber bald verſank der Graf wieder in ſeine peinliche Ruhe. Endlich erſchien der Arzt. „Mein Herr,“ ſprach Marie zu ihm, ohne ihm zu ſagen, wer ſie war,„ſind Sie es, der bis daher den Herrn Grafen von Hermi behandelt hat?“ „Ja, Madame.“ „Und bisher hat die Wiſſenſchaft wider ſeinen Irrſinn Nichts vermocht?“ — 8 329 „Es hätte unſerer Wiſſenſchaft irgend eine uner⸗ wartete Gemüthsbewegung zu Hülfe kommen müſſen; vielleicht daß dann der Kranke ſeinen Verſtand wie⸗ der erlangt hatte.“ „Zum Beiſpiel den Anblick ſeiner Tochter?“ „Oder wenigſtens irgend Etwas, was ihn ganz unmittelbar an ſie erinnerte, da ſeine Tochter nun einmal todt iſt.“ „Wenn nun aber ſeine Tochter noch am Leben, — wenn das Gerücht von ihrem Tode ein falſches wäre?“ „Dann müßte ſie zu ihm kommen.“ „Und wenn er ſie nicht alsbald erkennen würde?“ „Dann müßte ſie ſeinem Gedächniſſe durch ein künſtliches Mittel zu Hülfe kommen.“ „Vielleicht durch ein Lied: es hört das Ohr ſtets gleich hell und es könnte, in Ermangelung der Augen, die Wiedererkennung durch daſſelbe erfolgen.“ „Ohne Zweifel.“ „Wenn aber— halten Sie mir alle dieſe Fra⸗ gen zu gut, mein Herr,“ bemerkte Marie mit ſtei⸗ gender Aufregung, die ſie nur mit Mühe verbarg, „wenn aber der Kranke, mit dem Ohre erkennend, ſo heftig aufgeregt wäre, daß er die Aufregung nicht ertragen könnte und ohnmächtig würde, was geſchähe dann?“ „Es könnte zweierlei geſchehen: erſtens könnte Kranke beim Wiedererwachen curirt ſein.“ „Und zweitens?“ „Könnte der Kranke gar nicht mehr aufwachen.“ „Mein Gott! Was ſagen Sie mir da?“ der ½ 330 „Die Wahrheit, Madame; wie Sie aber ſehen, ſo iſt die Möglichkeit vorhanden, daß er genest!“ „Gegen die Möglichkeit, daß er ſtirbt! Und es verläßt mich Gott ſeit einiger Zeit zu ſehr, als daß er meiner jetzt in ſeiner Barmherzigkeit gedenken ſollte.“ „Sie ſind alſo mit dem Grafen verwandt, Ma⸗ dame?“ „Ich bin deſſen Tochter, Herr Doctor.“ „Seine Tochter!“ 8 „Leider!“— „Sagen Sie mir aber nun auch, Madame, was geſchehen iſt!“ ſprach der Arzt, der Marie noch nie geſehen, und auch nicht wußte, was ihr zugeſtoßen war. „Ich wußte nicht, daß mein Vater wahnſinnig wurde, Herr Doctor, gleichwie auch er nicht wußte, daß ich noch unter den Lebenden wandelte; denn das falſche Gerücht von meinem Tode hat ihn um den Verſtand gebracht. Viel habe ich gelitten, als ich ihn ſo ſah, und ich habe geglaubt, daß er mich wie⸗ der erkenne; allein er iſt dabei geblieben, daß ſeine Tochter Ophelia geheißen, und hat mich nicht erkannt. „Immer die gleiche Idee,“ ſprach der Arzt;„und dann?“ „Und dann ging er nach der Kapelle und ſuchte auf der Orgel eine Melodie, die ich früher zu ſpielen pflegte, er fand dieſelbe aber nicht; und ſo ſetzte ich mich denn, als er von der Orgel weggegangen, an ſeinen Platz und ſpielte die Melodie.“ „Und dann?“ „Dann horchte er in einer heiligen Extaſe; ich aber glaubte an die gute Wirkung dieſes Mittels, denn ich ſah meinen Vater weinen, und weiß aus Erfahrung, daß durch Thränen gar Vieles geheilt wird. Nachdem die Melodie geſpielt war, rief er: Noch ein Mal, noch ein Mal! Und ſo fuhr ich denn zu ſpielen fort. Da ſtand er nun, ſei es, daß er mich wieder erkannt hatte, ſei es, daß er wiſſen wollte, wer ſo das Stück ſpielte, das er in ſeinem Irrſinne ſuchte,— da ſtand er nun, ſage ich, auf, um auf die Orgel heraufzukommen; er hatte jedoch nicht die Kraft dazu und ſtürzte auf den Boden hin mit einem Schrei, der mich mit Schrecken und Entſetzen erfüllte. Darauf ließen wir ihn hierher bringen und Sie holen, Herr Doctor. Seit jenem Augenblicke aber iſt er nicht wieder zu ſich gekommen.“ Es ſchüttelte der Arzt unwillkürlich den Kopf. „Ach, Herr Doctor, ſchütteln Sie doch den Kopf nicht alſo,“ rief Marie;„Sie könnten mich ſonſt vor Schrecken um's Leben bringen.“ „Im Gegentheil, geben Sie der Hoffnung Raum, Madame,“ ſprach der Arzt, dem Kranken den Puls fühlend, demſelben die Hand auf die Stirn legend, und etwas Paſſendes verſchreibend,„der Herr Graf bedarf der Ruhe, in einigen Augenblicken wird er wieder zu ſich kommen, es iſt das keine Ohnmacht, ſondern Schlaf, und der Schlaf, den er ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr geſchmeckt, kann ihm nur gut thun. Bleiben Sie daher um ihn: mein Wiſſen vermag hier Nichts mehr. Nur durch die mora⸗ liſche Wirkung allein kann die Geneſung nun vor ſich gehen: ich kann nur etliche Dinge verſchreiben, die ſo gut wie unnütz ſind. Gleichwohl will ich morgen wieder kommen, nicht als Arzt, ſondern als 332 Hausfreund, um zu ſehen, wie es mit dem Kranken ſteht.“ „Sie ſtehen mir alſo, Herr Doctor, für das Leben meines Vaters?“ „So weit ein menſchliches Geſchöpf für Etwas zu ſtehen vermag, was lediglich bei Gott ſteht, Ma⸗ dame.“ Und der Doctor grüßte Marie und entfernte ſich. „Liebe Marianne,“ ſprach Frau von Bryon, „Du ſchläfſt nun ſeit mehreren Nächten nicht; leg' Dich alſo ſchlafen, wenn Du willſt, während ich wache.“ „Ich bleibe da,“ antwortete Marianne. „Thu’, was Du willſt; aber Du weißt, daß ich nicht ſchlafen werde, denn es haben meine Augen den Schlaf verloren; auch brauche ich Niemand, um bei meinem Vater zu wachen.“ Gleichwohl blieb Marianne im Zimmer. Eine Lampe, die man ſo matt brennen ließ, daß ſie nur noch ein ſchwaches Nachtlicht vorſtellte, wurde auf das Kamin geſtellt, neben welchem Marianne in einem großen Lehnſeſſel es ſich bequem zu machen ſuchte, während Marie, neben des Grafen Bett ſitzend, eine den fieberiſchen Hände ihres Vaters in den ihrigen hielt. Es ſchlug neun. Am Himmel war der Mond aufgegangen und erleuchtete mit ſeinem ruhigen Blicke die Stille der Landſchaft; nur allein das Geräuſch des Springbrunnens, deſſen Waſſer dumpf in den von den Schwänen bewohnten Teich zurückfiel, drang bis zu Marien, und es war dieſes Geräuſch ein ſo unbeſtimmtes, daß es von den Athemzügen des Gra⸗ 333 fen oft heherrſcht war. Die arme Marianne, die ſeit langer Zeit nicht mehr geſchlafen, war endlich, dem Schlafe erliegend, eingeſchlummert. Einige Brände, die von dem abendlichen Feuer noch übrig waren, ſtarben in dem Kamine traurig hin. Es hatte die Stille etwas Feierliches und zugleich Un⸗ heimliches. Durch die von den matten Strahlen des Mondes erleuchteten Fenſterſcheiben hindurch gewahrte Marie die ſchwarzen Schatten der Bäume, die gleich Gipfeln phantaſtiſcher Wälder ſich in die Ferne ausdehnten; von Zeit zu Zeit flogen etliche ſchwarze, vom Nord⸗ winde gejagte Wolken vorüber und verſchleierten für den Augenblick den unbeweglichen Mond. Marie war in Nachdenken verſunken, und wenn man weiß, in welchen Abgrund von Schmerzen ſie ſeit einigen Monaten gefallen war, ſo kann man leicht errathen, in welchem Abgrund von Gedanken ſie ſich begrub zu einer ſolchen Stunde, in einer ſolchen Stille und bei einem ſolchen Schauſpiele. Von Zeit zu Zeit hörte man eine Thüre zu ebener Erde zu⸗ oder aufgehen; es war dann irgend ein Bedienter, der im Hauſe umherlief; dann hörte man auch noch, wenn der Wind von jener Seite her kam, das ferne Bellen eines Hundes, der in einer für jeden ſchon traurigen Geiſt wahrhaft kläglichen Weiſe heulte. In Paris glaubt man nicht an die Nacht, da dort die Nächte geräuſchvoller ſind, als in der Pro⸗ vinz die Tage; auf dem Lande aber, auf einem allein⸗ ſtehenden Schloſſe, in einem verödeten Landhauſe hat die Nacht ein gar ſeltſames Schweigen, unter⸗ 334 miſcht mit einem unheimlichen Gemurmel und Ge⸗ flüſter, das Einen wider Willen beben macht, und eine ungewohnte Helle, die den Feldern, die den Wäldern, die Allem, was da lebt, ſeltſame Tinten und phantaſtiſche Formen leiht. Marie war, wie ſchon geſagt, in Gedanken verſunken und wagte, während Marianne und ihr Vater neben ihr ſchlum⸗ merten, es nicht umherzublicken. Ein geheimer Schre⸗ cken heftete ſie an ihren Platz, und ſie würde nicht aufgeſtanden ſein, weil ſie ſich vor dem Geräuſche gefürchtet hätte, das ſie durch ihr Aufſtehen verur⸗ ſacht haben würde. Sie war, ſo zu ſagen, in das allgemeine Schweigen eingehüllt: auch das geringſte Geräuſch, welches daſſelbe geſtört hätte, würde ſie mit Schrecken erfüllt haben. Sie wurde durch dieſe Nacht an diejenige erinnert, welche ſie an dem Todten⸗ bette ihrer Mutter zugebracht hatte. Schon zu jener Zeit glaubte ſie ſich hoffnungslos, und nun verzwei⸗ felte ſie noch mehr, trotzdem daß ſeit jenem Tode ſo wenig Zeit verfloſſen war. Sie blieb alſo völlig unbeweglich, die Hand ihres Vaters in der ihrigen ruhen laſſend und dann und wann das bleiche Ge⸗ ſicht des Grafen betrachtend, dem das geſchwächte Licht der Lampe in dem Mezzotinto einen neuen Charakter des Schmerzens verlieh. Allmählig waren die Geräuſche des Hauſes ver⸗ ſtummt, hatte das Bellen des Hundes aufgehört, und es hörte Marie nur noch das Blaſen des nächtlichen Windes, der, nachdem er in den Bäumen gepfiffen, ſchwer auf die Wände des Schloſſes niederfiel, und, einen Ausgang ſuchend, in den Gängen brauſete, deren Thüren er krachen machte. Da bemächtigte 335 ſich ihrer ein unwillkürlicher Schauder, und krampf⸗ haft preßte ſie die Hand des Grafen, der gegen die⸗ ſen Druck unempfindlich blieb. Endlich war das Schweigen ſo impoſant gewor⸗ den, daß Marie ſich mehr und mehr in ihre Schre⸗ cken verſenkte, und daß ſie zu wiederholten Malen Mariannen gerufen; jedoch war dieß mit ſo leiſer Stimme geſchehen, daß dieſe, die feſt eingeſchlafen war, es nicht gehört hatte. Sie hatte auch ihrem Vater gerufen, denn noch lieber waren ihr die Worte eines Wahnſinnigen, als dieſes ewige Schweigen; aber eben ſo wenig wie Marianne hatte ihr Vater geantwortet, der in ſeinem lethargiſchen Schlafe ſo unbeweglich war, wie ſie ſelbſt in ihrer Furcht. Nun hatte auch Marie ſich in der Tiefe ihres Lehnſeſſels begraben, und hatte ebenfalls zu ſchlafen verſucht, denn die Hoffnung derer, die da leiden oder Furcht haben, iſt der Schlaf. Zwar ſchloſſen ſich ihre Augen, aber ihr Gedanke, der ſtets wachte, hielt ſie innerlich offen, und anſtatt anhaltend zu ſein, waren die Schrecken der armen Frau jetzt nur plötzliche ge⸗ worden. Brauchen wir wohl erſt zu ſagen, welche Schatten ſie in ihrer Schlafloſigkeit ſah? Am Ende aber ſiegte die Müdigkeit doch allmäh⸗ lig über den Schmerz und die Furcht, und es ſchloſſen ſich Mariens Augen; ſie ſank in einen leichten Schlum⸗ mer, der wenigſtens für ſie das Gute hatte, daß er ihr die Außenwelt entzog. So mochte ſie etwa zwei Stunden lang geſchlafen haben, als ſie mit einem Male wieder erwachte. Da war ihr nun der Kopf ſo ſchwer, daß ſie, ſo zu ſagen, mit ihrer Umgebung erſt wieder Bekanntſchaft machen 336 mußte. Immer noch ſchliefen Marianne und der Graf; nur däuchte es Marien, als habe die Hand ihres Vaters, die ſie immer noch in der ihrigen hielt, die fieberiſche Hitze verloren, die ſeinen Pulsſchlag ſo heftig machte, und als komme in dieſelbe eine eiſige Kälte trotz der Wärme ihrer eigenen Hand. Ein gräßlicher Gedanke durchzuckte das Gehirn der armen Frau; ſie neigte den Kopf möglichſt nahe zu dem ihres Vaters hin, um dieſen athmen zu hören, aber es ſtockte ſein Athem, wie ihr ſchien. Da blickte ſie um ſich und ließ wider Willen die Hand des Grafen fahren, die kraft⸗ und leblos auf das Bett zurückfiel. In dieſem Augenblicke war Marie einem jener Schrecken ausgeſetzt, welche die Zunge lähmen und die Haare grau machen. „Marianne!“ murmelte ſie, ohne den Grafen aus den Augen zu laſſen, in der Hoffnung, es würde die die Amme weckende Stimme auch ihren Vater wieder aufwecken. Aber Marianne gab keine Antwort. Da ſtreckte Marie, die Augen ſtets auf das Bett geheftet haltend, den Kopf zu der alten Frau hin und rief Mariannen abermals. Gleiches Schweigen. Nun erreichte der Schrecken bei ihr die höchſte Stufe, und es fühlte Marie, daß ſie entweder ſchwei⸗ gen oder ſchreien müſſe. Die letzten Kräfte zuſammenraffend, ſtand ſie auf und ſchrie: Marianne! In demſelben Augenblicke wandte ſie auch die Au ſich und auf erfe richt der and elt, ſo ige irn ihe en, die uf en 337 Augen wieder nach ihrem Vater hin; aber es rührte ſich ihr Vater immer noch nicht. Marianne dagegen fuhr aus dem Schlafe auf und fand Marie auf ihren Lehnſeſſel geſtützt und auf dem Punkke, ohnmächtig zu werden. Nun ſtand auch die alte Frau auf und ſprach: „Was iſt Dir, mein Kind?“ „Horch, horch einmal!“ ſprach Marie, ihre Hände erfaſſend, zu ihr. Und Beide horchten. „Nun?“ fragte Marianne, den Kopf in die Höhe richtend. „Du hörſt Nichts?“ „Nein.“ „Nicht einmal einen Athemzug,“ ſetzte die arme junge Frau hinzu, wieder auf ihren Stuhl fallend. Marianne begriff Alles. „Betrübe Dich doch nicht ſo!“ ſprach ſie tröſtend. „Vielleicht irren wir uns.“ Und ſie ging zu dem Bette hin. „Nein,“ ſagte Marie, ſie aufhaltend,„lieber zweifle ich noch; läute und laß den Doctor holen!“ Und Marianne läutete. Es erſchien ein Bedienter, dem man den Befehl gab, eilends den Arzt herbeizuholen. „Ich habe Dir drei Mal gerufen,“ ſprach Marie. „Ich konnte mich vor Müdigkeit nicht mehr hal⸗ ten, mein armes Kind; verzeih' mir!“ „Liebe Marianne!“ 1 „Vielleicht iſt der Graf nur eingeſchlafen, mein Kind; Du weißt, was der Arzt geſagt hat 1 Dumas d. J., ein Frauenleben. II. 22 338 „Ja, aber ich weiß auch, daß der Fluch Gottes auf mir laſtet.“ „Hoffe!“ „Zwiſchen meinem Manne, der todt, und meinem Vater, der am Sterben iſt!“ antwortete Frau von Bryon kopfſchüttelnd. Es verfielen nun beide Frauen in ein dumpfes Schweigen; man hörte nur den draußen wehenden Wind. Marie lag neben dem Bette auf den Knien; Marianne hielt, neben Marien ſitzend, eine von deren Händen feſt. So verſtrich eine halbe Stunde. Nach Verfluß dieſer Zeit hörte man Tritte, die von der Treppe herkamen. Es war der Doctor in Begleitung des Dieners, der ihn herbeigeholt. Es trat derſelbe ein. Frau von Bryon fühlte, wie ein Schreckenſchauer alle ihre Glieder eiskalt machte; es war die Wirklichkeit, die hereintrat. „Was gibt es?“ fragte der Doctor. „Es iſt vielleicht Nichts,“ ſprach Marie, dem Arzte entgegengehend und ſich eine unmögliche Hoff⸗ nung gönnend. „Ich will einmal ſehen, Madame.“ Der Doctor drehte den Knopf der Lampe um und näherte dieſe dem Geſichte des Kranken. „Madame,“ ſprach dann der Doctor zu Marien, „haben Sie die Gefälligkeit, mich allein bei dem Herrn Grafen zu laſſen!“ Und der Arzt gab Mariannen durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ſie bleiben ſolle. Marie aber ent⸗ fernte ſich zitternd und warf ſich in einem anſtoßen⸗ den Zimmer auf die Knie nieder. ſink das Dos muf nun eine zuſt derk gew auft es nich Stit Ma dem derf öttes nem von pfes nden ien; eren die r in ein es dem off⸗ und ten, dem hen nt⸗ en⸗ 339 „Sie liebt ihren Vater?“ fragte der Doctor Mariannen. „Mehr denn ihr eigenes Leben.“ „Dann muß man ſie entfernen.“ „Es iſt alſo keine Hoffnung mehr da?“ „Herr von Hermi iſt todt!“ Marianne ließ das Haupt auf die Bruſt nieder⸗ ſinken; ſo viele raſche Schläge des Unglücks hatten das arme Geſchöpf gänzlich darniedergedrückt. „Leben Sie wohl, Madame!“ bemerkte noch der Doctor.„Es iſt der Arzt hier künftig unnütz; man muß nach dem Prieſter ſchicken.“ Und der Mann, auf den Marie ihre letzte Hoff⸗ nung geſetzt, ging hinaus, während Marianne, gleich einem Kinde weinend und Marie nicht wieder auf⸗ zuſuchen wagend, neben dem Bette des Todten nie⸗ derkniete. Endlich ſtand ſie auf und öffnete die Thüre. Da gewahrte ſie Marie, wie ſie, todblaß, ſich kaum noch aufrecht zu halten vermochte: es hatte die arme Frau es nicht gewagt hereinzukommen, gleichwie ſie auch nicht hinauszugehen gewagt hatte. „Nun?“ fragte Frau von Bryon mit erloſchener Stimme. „Nun, meine Tochter, ſei ſtark!“ ſprach Marianne. „Mein Vater iſt todt, nicht wahr?“ erwiderte Marie noch bläſſer werdend, jedoch mit ruhiger Stimme. Marianne ſenkte den Kopf und ſchwieg. „Wo iſt denn nun aber der vergebende Gott, zu dem ich bete?“ rief Marie ſich auf einen Stuhl nie⸗ derfallen laſſend. „Läſtere nicht Gott, mein Kind!“ antwortete 340 Marianne,„und möge die Seele Deines Vaters, von Gebeten und nicht von Flüchen geleitet, zum Herrn emporſteigen!“ „Arme Marianne, verlaß mich!“ „Dich verlaſſen, Kind?“ „Ja, Du ſiehſt, daß ich Unglück bringe Allem, was mich liebt, Allem, was mich anrührt, Allem, was mir nahe kommt. Da grabe ich nun in acht Tagen zwei Gräber. Laß mich alſo einſam auch das meinige graben in einem von den Menſchen und, wenn das möglich, auch von Gott vergeſſenen Win⸗ kel der Erde!“ „Es hält Dich alſo gar Nichts mehr an der Erde 92 feſt „Nein, Nichts,“ antwortete Marie, die Hände ſinken laſſend und ihre vertrockneten Augen auf den Boden heftend. „Nichts!“ verſetzte Marianne.„Und Dein Kind?“ „Meine Tochter!“ „Ja, armes Würmchen, das ſein Vater mir noch vor ſeinem Tode anvertraut. Du wirſt nun nicht mehr eine Mutterpflicht, ſondern den Willen eines Sterbenden erfüllen.“ „Und Du glaubſt, es werde Gott mitten in ſei⸗ nem Zorne nun inne halten; Du glaubſt, es werde das Kind nicht ſeinem Vater und dem meinigen ge⸗ folgt ſein; Du glaubſt, ich werde eine mir entgegen⸗ lächelnde und die Händchen mir entgegenſtreckende Tochter finden? Nein, nein, Marianne; es iſt meine Tochter, gleich ihnen, todt, und gleich ihr muß auch ich ſterben.“ „Faß doch wieder ein wenig Muth, Marie!“ gebe Mu Got da habe Wor Hab nem lager Und man Hoff man 1 nicht ewig nicht, brech Tocht Dich in d erlebf mein tionen ſeine Mari Verbr größe 7 Maric und e 341 „Und habe ich denn keinen? Kann man gotter⸗ gebener dulden, als ich bisher geduldet? Als meine Mutter ſtarb, ohne daß ich in irgend Etwas gegen Gott geſündigt, habe ich da Gott geflucht, habe ich da aufgehört zu beten? Als Immanuel geſtorben, haben da Mund und Herz bei mir auch nur ein Wort gehabt, das wider den Herrn geweſen wäre? Habe ich endlich in dieſer ganzen Nacht neben mei⸗ nem ſterbenden Vater, von gräßlichen Schrecken um⸗ lagert, etwas Anderes gethan, als zu Gott gebetet? Und Du heißeſt mich neuen Muth haben! Wenn man gelitten, wie ich gelitten, Marianne; wenn keine Hoffnung mehr Einen an's Leben feſſelt, braucht man da Muth zum Sterben?“ „Zum Sterben, meine Tochter! Auf daß Gott nicht einhalte in ſeinem Zorn, und auf daß er Dich ewig ſtrafe? Es vergibt der Herr dem Selbſtmörder nicht, denn es iſt der Selbſtmord das einzige Ver⸗ brechen, das man nicht bereuen kann. Lebe Deiner Tochter, lebe um Deiner ſelbſt willen. Gott, der Dich verlaſſen zu haben ſcheint, behält Dir vielleicht in der Zukunft noch einige ſchöne Tage auf; Du erlebſt jetzt erſt Deinen dritten großen Schmerz, mein Kind, und doch hat der Herr ſelbſt zwölf Sta⸗ tionen gemacht, ehe er bei dem Kreuze ankam, wo ſeine Mutter ihn ſterben ſehen ſollte! Glaube mir, Marie, fluche Gott nicht; denn es hat ſchon größere Verbrechen, als die Deinigen, denn es hat ſchon größeres Unglück, als das Deinige gegeben.“ „Nein, ich kann ihm nicht fluchen,“ antwortete Marie, ſich aufrichtend und mit lächelndem Munde und einem Blicke kindlicher Liebe die Hand Marian⸗ 3⁴² nens ergreifend, die neben ihr ſtand.„Nein, Du haſt Recht, ich darf ihm nicht fluchen; denn hat er mir auch die Mutter genommen, ſo hat er doch Dich bei mir gelaſſen, Dich, eine zweite fromme Mutterſeele; denn nimmt er auch heute den Vater von mir weg, nachdem er Immanuel von mir weg⸗ genommen, ſo läßt er mir doch noch eine Tochter, in der vielleicht mir Vergebung und neue Hoffnung erblüht. Ja, ich danke Dir für Deine guten Worte, Marianne, frommes und ehrwürdiges Herz;— ich danke Dir für den Balſam des Troſtes, den Du in mein wundes Herz gießeſt.“ Und Marie warf ſich Mariannen in die Arme. Darauf ſetzte ſie ſich wieder, denn ſie war leiblich und geiſtig vernichtet. „Was ſoll ich thun?“ fragte ſie Mariannen, „denn ich will Dir gehorchen, wie Gott dem Herrn, und kaum habe ich noch Kraft zum Handeln; Wil⸗ lenskraft aber habe ich gar keine mehr.“ „Mit Tagesanbruch gehen wir weg von hier.“ „Mit Tagesanbruch? Und mein Vater? „Wozu nützt es, meine Tochter, wenn Du Dei⸗ nen Geiſt noch mehr niederdrückſt durch das Schau⸗ ſpiel der letzten Trauerfeierlichkeiten? Du kannſt, nah und fern für den Grafen beten, und nah oder fern wird Gott dieſes Gebet hören. Wir wollen nach Paris, nach Auteuil gehen, wo Deine Tochter iſt; Du bringſt ſie hierher, lebſt von der Welt ganz abgeſchieden, und es wird Gott, wenn er Dich ſo reuerfüllt ſieht, Dich freiſprechen; die Welt aber, wenn ſie Dich ſo fromm ſieht, wird die Kraft haben zu thun, wie Gott thut. Glaube mir, mein Kind; 343 ſchau', ſchon fängt der Tag an zu grauen; ſieh' nur den Himmel an, wie blau er iſt; ſieh' nur dieſen roſarothen und durchſichtigen Morgennebel an; höre nur die Vögel, wie ſie ſingen: iſt es da möglich, daß der Schöpfer, der der Welt ein ſo fröhliches Erwachen ſchenkt, ſeine Geſchöpfe zu ewiger Trauer verdamme? Nein, mein Kind, hoffe; Du haſt ſchon genug geduldet und gebetet, um das thun zu können. In Deiner Seele war es Nacht; aber wie Du ſiehſt, ſo folgt auf die Nacht der Tag, der ſtrahlende, herr⸗ liche Tag.“ „Liebe, gute Marianne!“ „Es iſt nun der Frühling, es iſt nun die Sonne wieder da! Dieſer Blick des Herrn kann über gar Vieles tröſten. Wir drei kehren dann wieder, um dieſes Schloß zu bewohnen. Du wirſt Deine Toch⸗ ter groß werden ſehen da, wo Du ſelbſt groß ge⸗ worden, und Du wirſt in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft zugleich glücklich ſein. Und dann wird die Zeit vergehen, die Zeit, dieſes Univerſalmittel; und einſt wirſt Du nicht mehr die Sünderin, ſondern nur noch die Dulderin ſein. Be⸗ denke, daß Du erſt zwanzig Jahre alt biſt und kaum erſt den dritten Theil Deiner Lebensbahn durchſchrit⸗ ten haſt. Warte alſo fromm und gottergeben, um zu ſehen, was der Himmel Dir vorbehalten!“ Die großen Schmerzen bedürfen der großen Tröſtungen. Und ſo ſchöpfte denn Marie, die einige Minuten zuvor verzweifelt hatte, aus den ſchlichten und wohlwollenden Worten Mariannens neue Kraft. Die Wirklichkeit, die materielle Wirklichkeit verſchwand, um neuen Illuſionen Platz zu machen. Vor ſeinem 34⁴4 Tode hatte Immanuel ihr verziehen, vor ſeinem Tode hatte der Graf ihr nicht geflucht, und nur wenige Stunden von ihr entfernt, ſuchte eine Tochter mit Herz und Lippen das Herz und die Stirn der Mut⸗ ter; ſie durfte daher nicht verzweifeln, da auf Erden noch ein Geſchöpf lebte, das nicht allein ſie liebte, ſondern auch ihrer bedurfte. „Ja, Du haſt Recht, Marianne; gehen wir fort von hier und kehren wir geſchwind wieder mit mei⸗ ner Tochter; es wird dieſe mit mir auf dem Grabe meines Vaters beten, und ohne Zweifel wird uns die Zukunft für die Gegenwart lohnen.“ Marie verließ Marianne, und unerſchrocken die Thüre des Zimmers öffnend, worin der Graf todt lag, gleich als ob die Verzeihung des Vaters den Leichnam des Menſchen verbärge, blieb ſie eine lange halbe Stunde betend auf den Knien liegen. Sodann ſtand ſie auf, legte ihre Lippen auf die Stirn des Todten, ſchloß die Augen, deren Blick für dieſes Erdenleben erloſchen war, und öffnete ein Fenſter, durch das ein Sonnenſtrahl eindrang, welcher, vom Himmel auf das Lager des Todten herabkommend, der Weg zu ſein ſchien, auf dem die Seele des Grafen heimgegangen. Endlich kam ſie zu Marian⸗ nen zurück, um ſich ihr in die Arme zu werfen. Zwei Stunden darauf rollten Beide auf der Land⸗ ſtraße nach Paris hin. 345 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Während Marie, von Mariannen begleitet, nach Paris zurückkam, betete ein Prieſter am Bette des Grafen. Die Abgeſchiedenheit, in welcher dieſer ge⸗ lebt, ſeit ſeine Tochter verſchwnnden war, vermehrte noch die Trauer des Hauſes. Dann erſchienen der Arzt und der Polizeicommiſſär, um den Tod zu con⸗ ſtatiren, und als dieſes geſchehen war, blieb der Prieſter wieder allein. Die myſteriöſe Ankunft Mariens und Marian⸗ nens, der plötzliche Tod des Grafen und die ebenſo plötzliche Wiederabreiſe der beiden Frauen verſetzten die Dienerſchaft in ſtumme Beſtürzung. Sie fühlten inſtinktmäßig, wie ein ſeltſames Myſterium über dem Leichnam ſchwebte, der verlaſſen worden, wie der Menſch es geweſen; ſie konnten nicht begreifen, warum ſo eine Tochter ein paar Stunden nach dem Tode ihres Vaters wieder abreiste, und die Erfüllung der letzten Pflichten Fremden überließ. Gab auch der Arzt noch ſo oft die zu heftige Gemüthserſchütterung als Urſache des Todes, ſowie den allzu großen Schmerz als Urſache der Abreiſe an, immer ſchüttelten die, mit denen er ſo ſprach, ungläubig und zweifelnd den Kopf, und tadelten, den Vater beklagend, die Tochter. Marie, die ihren Weg fortſetzte, vergegenwärtigte ſich Alles, was auf dem Schloſſe vorgehen mußte. „Um dieſe Stunde,“ ſagte ſie ſich,„betet man bei dem Todten.“ Und es ſchien ihr, ſie ſehe unter den Leichen⸗ tüchern das Geſicht und die Glieder des Leichnams 346 ſich zeichnen, unheimlich erhellt von den brennenden Leichenkerzen, während der Diener Gottes die Todten⸗ gebete recitirte und den Todten einſegnete. Es war ein ſchöner Märzmorgen, an dem Marie nach Paris zurückkam. Dieſer Morgen erglänzte, wenn auch kalt, herrlich an Strahlen und in neuem Lichte. Eine bläuliche Tinte lag über den Bäumen, und man ſpürte, wie der Frühling mit Macht her⸗ vorbrechen wollte, und ſah, wie die Ufer des Fluſſes in myſteriöſer Weiſe ſich befruchteten. Nichts in der ganzen Natur war düſter; die allgemeine Freude, wovon Marie ſich umgeben ſah, erſchien ihr als der Anfang ihrer Ausſöhnung mit Gott; ſie ſah, wie der Himmel ſie anlächelte, und wie die durch den Kutſchenſchlag eindringenden Sonnenſtrahlen auf ihrem Trauergewande ſpielten, als eine Hoffnung und eine Verzeihung, welche die Nacht ihrer Seele erhellen ſollten. Und dann iſt auch, ohne daß man es darum der Selbſtſucht und der Trockenheit anklagen dürfte, das Herz des Menſchen ſo geſchaffen, daß es ſich leicht durch die Augen tröſten, und daß es, durch die Erinnerung traurig, durch das Auge ſich erhei⸗ tern läßt.— Marie hatte alſo das Schauſpiel der Einſamkeit und des Todes nicht mehr vor Augen; ſie hörte nicht mehr den Wind, der in der Nacht ſo kläglich in den Gängen des Hauſes pfiff; ſie ſah nicht mehr das phantaſtiſche Licht des Mondes durch die Fenſter⸗ ſcheiben des Zimmers eindringen, während die Lampe ihren zweifelhaften Schein auf das Geſicht ihres Vaters warf. Es hatte die Natur, als der Tag wieder lächelte, ihre nächtliche Traurigkeit verloren, 347 und es ſchmolz ein wenig Mariens Schmerz, wie die letzten winterlichen Eisſchollen unter dem Lächeln der Natur ſchmolzen. Auch hat der Schmerz eine Grenze, und hat er dieſe einmal erreicht, ſo kann er nur noch umkehren, es ſei denn, daß er die Vernunft mit fort⸗ nimmt. Immanuels Tod war für Marie ein ſo großer Schmerz geweſen, daß Nichts denſelben über⸗ ſteigen konnte. Ferner war Marianne da, die, um ſie ihren Vater vergeſſen zu laſſen, ihr von ihrer Tochter erzählte, und, ihre Augen von dem Grabe abwendend, dieſelben wieder der Wiege zuwendete; ſie erinnerte ſie an die Worte, die ihr Vater ſelbſt einſt auf dem nämlichen Schloſſe, das ſie eben ver⸗ laſſen, geſprochen,— die Worte nämlich, daß Gott die Kinder, das heißt, die Zukunft ſchicke, um über die Eltern, das heißt, über die Vergangenheit zu tröſten; ſie ſagte zu ihr, es ſei vom Herrn nicht ſo ganz verlaſſen die Frau, die zwiſchen einer lebenden, ihr die Händchen entgegen ſtreckenden Tochter und einem Vater mitten inne ſtehe, der geſtorben, aber ihr zulächelnd geſtorben ſei; und endlich wiederholte ſie unaufhörlich, es ſei der Graf ſo ſanft hingeſchie⸗ den, daß ſein Geſicht Nichts von ſeinem Wohlwollen verloren, und es habe ſein letzter Gedanke, obwohl er denſelben nicht habe ausſprechen können, ein Ge⸗ danke der Verzeihung ſein müſſen. Es bedurfte Marie herzerwärmender Worte ſo ſehr, daß ſie ihre Qualen durch die Tröſtungen in den Schlaf wiegte, welche Marianne ihr ſpendete. Sie kamen bei Nacht in der Hauptſtadt an und ſtiegen in einem Hotel ab. Am andern Morgen, in aller Frühe, nahm Marie einen Wagen und ließ ſich 348 nebſt Mariannen nach Auteuil fahren. Sie ſuchte das ihr von Immanuel bezeichnete Haus auf. Als ſie zu dem Häuschen hinkam, welches ihr letztes Lebensglück in ſich ſchloß, fühlte ſie, wie ihr Herz gewaltig pochte, und dankte Gott, daß er ſie noch lebend habe an dieſen Ort kommen laſſen. Es war noch früher Morgen, und die Thüre des Hauſes noch geſchloſſen. Sie klopfte an. Es erſchien eine Frau, welche aufmachte. „Wohnt Frau Johanna Boulay hier?“ fragte Marie mit zitternder Stimme. „Ich bin Johanna Boulay,“ antwortete die gute Frau. Marie warf einen Blick umher und es ſchien ihr ſonderbar, daß ihre Tochter nicht das Erſte war, was ſie ſah.. „Ich möchte mit Ihnen ſprechen, Madame,“ fuhr ſie fort. Und Frau Johanna ſchloß die Thüre. „Madame,“ ſprach Marie, indem ſie ſich ſetzte, „es hat Ihnen vor noch nicht langer Zeit Jemand ein kleines Mädchen, deſſen Name Clotilde iſt, an⸗ vertraut; dieſes Kind möchte ich nun holen.“ „Madame, es iſt dieſes Kind nicht mehr hier,“ erwiderte Frau Johanna. „Was ſagen Sie?“ rief Marie erbleichend. „Die Wahrheit, Madame.“ „Und wo iſt das Kind?“ „Ich weiß es nicht.“ „Das iſt unmöglich; was haben Sie mit dem — Ihnen anvertrauten Kinde angefangen, Madame? ſprechen Sie!“ „Ich habe es zurückgegeben.“ „An wen?“ „An ihres Vaters Verwandte.“ „Sie durften ja aber das Kind nur ſeinem Vater ſelbſt wieder zurückgeben!“ „Das iſt wahr, Madame, und darum weigerte ich mich auch, als man, auf die Befehle des Herrn von Bryon ſich berufend, es zurückverlangte; am andern Tage aber wurde ich vom Polizeicommiſſär aufgefordert, das Kind ohne Weiteres zurückzugeben.“ „Und was hat man damit gemacht?“ „Ich weiß es nicht, muß ich Ihnen abermals ſagen.“ „Wie lange iſt es, daß das geſchehen?“ „Zwei Tage.“ „Zwei Tage!“ „Ja, Madame.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Marie.„Was haben ſie mit meinem Kinde angefangen?“ „Mit Ihrem Kinde?“ fragte Frau Johanna. „Sie ſind...“ „Ich bin ſeine Mutter!“ Johanna wich zurück. „Seine Mutter!“ wiederholte ſie. „Sie ſehen es alſo an meinen Leiden?“ „Seine Mutter!“ murmelte die wackere Frau. „Hat man mir doch geſagt, es ſei dieſelbe todt!“ „Todt!“ verſetzte Marie.„Und hat man das auch Clotilden geſagt?“ 350 Kind „Hat geweint. Oh! ſagen Sie mir, Madame,“ fuhr Marie, auf die Knie niederſinkend, fort,„ob mein Kind um mich geweint!“ „Ja,“ antwortete die alte Frau, von dieſer Scene gerührt,„ja, es hat das Kind recht viel geweint, Madame; auch hat es die Spielſachen fallen laſſen, die ihr Vater ihr gegeben, und hat ſolche nicht mehr in die Hand nehmen wollen.“ „Armer Engel! Glauben Sie, Madame, es ſei das Kind noch in Paris?“ „Ja, ich glaube es.“ „Was iſt da zu thun? Sagen Sie mir es, denn ich weiß nicht mehr recht, was ich denke und thue.“ „Sie kommen alſo eben erſt von einer Reiſe an?“ „Ja.“ „Sie ſind noch nicht in Ihrem Hauſe abge⸗ ſtiegen?“ 6 „Nein,“ antwortete Marie erröthend. „Sie haben vor Allem Ihr Kind ſehen wollen, arme Dame! Es iſt das auch ganz natürlich.“ Und es wiſchte die alte Frau eine große Thräne ab. „Sie müſſen heimgehen,“ fuhr ſie fort. „Und dann?“ „Dort wird man Ihnen ohne Zweifel ſagen können, wo das Kind iſt: es muß die Dienerſchaft das wiſſen. Wie kommt es denn aber, daß Sie nicht erfahren haben, was vorgefallen iſt?“ „Ich war auf Reiſen und wurde todt geglaubt.“ „Es iſt das richtig. Sie müſſen alſo an des Kindes Vater ſchreiben.“ „Ja, man hat es ihr auch geſagt, und das arme V 9 44 M 35¹ „Des Kindes Vater lebt nicht mehr!“ antwortete Marie mit dumpfer Stimme. „Arme Kleine!“ ſetzte die brave Frau hinzu. „Sie beklagen ſie? Ohl ich danke Ihnen.“ „Ich liebte ſie. Kann ich Ihnen noch in irgend Etwas dienen, Madame?“ „Nein, beten Sie für mich, Madame; das iſt genug!“ Und halb wahnſinnig ſtieg Marie wieder in den Wagen, wo Marianne ihrer harrte. „Nun?“ fragte dieſe, als ſie Frau von Bryon bleich und allein zurückkommen ſah. „Nun, das Kind iſt eben nicht mehr bei dieſer Frau.“ „Und wo iſt es denn?“ „Weiß ich es? Wohl hatte ich Dir geſagt, daß der Fluch Gottes noch auf mir laſte!“ „Wohin nun?“ fragte der Kutſcher. „Rue des Saints-Pères, Numero7,“ antwortete Marie, das Geſicht mit beiden Händen bedeckend. „Mein Gott!“ ſprach ſie weiter,„Du verläſſeſt mich abermals: ſie haben mir mein Kind genommen!“ Und die arme Mutter mit ihren fliegenden Haaren, ihren rothgeweinten Augen, ihren bleichen Wangen, erſtickte faſt vor Schmerz und Ungewißheit. Endlich kam man an. Es waren ſämmtliche Fenſter des Hotels geſchloſſen. Marie ging hinein. Der Pförtner erkannte ſie nicht mehr. Sie läutete an. Es öffnete ein Diener, der, ſeine Herrin in dieſem Zuſtande nicht wieder erkennend, faſt entſetzt zurückwich. „Wo iſt Clotilde?“ fragte Marie. „Weiß es Madame denn nicht?“ „Nein.“ „Sie iſt bei des Herrn Schweſter.“ „Iſt das auch gewiß?“ „Ja, Madame.“ Einer Wahnſinnigen gleich eilte Marie wieder die Treppe hinunter. Unten angekommen, fand ſie Marianne, die ein Paket Briefe in der Hand hatte. „Sie iſt bei ihrer Tante,“ ſprach Marie, der Hoffnung wieder Raum zu geben anfangend;„Kut⸗ ſcher, Sevres⸗Straße Numero 12, und laſſen Sie Ihre Pferde laufen!“ Die beiden Frauen ſaßen ſchon wieder im Wa⸗ gen, ehe noch der über Mariens Rückkehr höchlich erſtaunte Diener Zeit gehabt hatte, die Thüre zu ſchließen. „Da ſind Briefe!“ ſprach Marianne. „Was liegt mir an dieſen Briefen!“ „Es ſind dieſelben von Dreux,“ antwortete Ma⸗ rianne. „Dann ſind ſie von Clementinen. Die arme Clementine! Sie ahnt nicht einmal, was mir ge⸗ ſchieht.“ Aber es öffnete Marie die Briefe nicht; das Glück ihrer Freundin hätte ſie ſelbſt nur noch un⸗ glücklicher gemacht.. Endlich hielt der Wagen an. Man war in der Sovresſtraße angelangt. Marie ging zu ihrer Schwägerin hinauf, jener nämlichen Schwägerin, von der ſie zu ſagen pflegte, daß ſie ſich von ihr Nichts verzeihen laſſen möchte. ſi 22 —õ——— 353 Frau von Bryon läutete an, und es erſchien eine Kammerfrau. Auf die Frage, ob Fräulein von Bryon zu ſpre⸗ chen ſei, fragte die Kammerfrau nach ihrem Namen und meldete ſie an. Nach einer Weile erſchien ſie wieder, um Marien zu ſagen, ihre Herrin ſei nicht zu Hauſe. „Ich muß ſie ſprechen,“ ſagte Marie. „Madame iſt ausgegangen.“ „Dann will ich auf ſie warten,“ ſprach ſie, einen Schritt machend. „Madame kommt heute vielleicht gar nicht heim; ſie iſt auf dem Lande.“ „Clotilde!“ rief Marie. „Mama,“ antwortete ein Stimmchen, dem man, wie Marien ſchien, Schweigen auferlegte. Nun ſtieß Frau von Bryon die Kammerfrau auf die Seite, öffnete die Thüre, die, wie ihr ſchien, zu ihrer Tochter führte, und ſtand ihrer Schwägerin gerade gegenüber, die herbeikam, um dieſem Lärm ein Ende zu machen. 4 „Was wollen Sie, Madame?“ fragte dieſe. „Mein Kind will ich! Meine Tochter will ich!“ Und Marie ſchloß die Thüre hinter ſich. „Ihre Tochter iſt nicht hier.“ „Das lügen Sie, Madame!“ ſprach Marie.„Da iſt ſie ja!“ Und in der That kam die Kleine, den Händen ſich entziehend, die ſie zurückhielten, ganz in Thränen auf ihre Mutter zugelaufen und ſchrie:„Mama, Mama, nimm mich mit!“ „Das Weib da iſt nicht Deine Mutter!“ ſprach 23 Dumas d. J,, ein Frauenleben. II. 354 ihre Tante, indem ſie ſie aufhielt;„Deine Mutter lebt nicht mehr. Fort mit dieſem Kinde!“ Und trotz der Thränen Clotildens und der Be⸗ mühungen ihrer Mutter, die drohte und zugleich ſich auf's Bitten legte, trug man das Kind fort. „Und nun, was wollen Sie?“ fragte das alte Frauenzimuter. „Ich will, daß Sie mir meine Tochter zurückge⸗ ben,— und Sie ſollen mir ſagen, mit welchem Rechte Sie mir ſie genommen.“ „Kraft des Rechts, das die Familie beſitzt, der Ehebrecherin ihr Kind wieder zu nehmen,— der Ehebrecherin, die daſſelbe ebenſo zu Grunde richten würde, wie ſie ſich ſelbſt zu Grunde gerichtet.“ „Was ſagen Sie?“ „Ich ſage, Sie haben Ihren Namen entehrt und Ihren Mann umgebracht!“ „Meinen Mann umgebracht!“ „Da leſen Sie ſelbſt!“ Und die Tante bot Marien eine Zeitung hin, worin erzählt war, wie man Immanuels Leichnam und bei ihm das Papier gefunden, das ſeinen Selbſt⸗ mord conſtatirte; auch war darin noch geſagt, daß man die Gründe dieſes Mordes nicht kenne. „Sie aber kennen doch dieſe Gründe, Madame, nicht wahr?“ fuhr die Unbarmherzige fort. „Aber es hat Immanuel ſelbſt mir aufgetragen, meine Tochter zu holen.“ „Sie lügen.“ „Er hat mir verziehen, Madame.“ Und Marie zeigte das von Immanuels Hand geſchriebene Papier. — 35⁵⁵ „Sie lügen, ſage ich Ihnen noch ein Mal: es iſt dieſes Papier ein unächtes!“ Marie hatte ſich hart neben ihre Schwägerin geſtellt. „Geben Sie mir meine Tochter zurück, Madame, ſage ich Ihnen!“ „Nimmermehr!“ „Im Namen Ihrer Mutter, Madame, geben Sie mir Clotilde zurück! Ich will ſie ſo unendlich lieben! Sie ſoll jeden Tag Sie beſuchen, ſo Sie wollen; ſie wird für Sie beten; aber im Namen des Himmels, geben Sie ſie mir zurück!“ „Das iſt unmöglich.“ „Unmöglich! ſagen Sie, aber was habe ich Ihnen gethan, und welcher Menſch auf der Welt darf es wa⸗ gen, einer Mutter ihr Kind auf immer zu entziehen?“ „Der königliche Procurator, Madame,— der Mann, welcher der ganzen Geſellſchaft Rechenſchaft zu geben hat von ſeinen Handlungen, der Mann end⸗ lich, der, da er dieſe Geſellſchaft auf ihren ſittlichen Grundlagen zu erhalten hat, es nicht zugeben kann, daß die Frau, die ihre Liebe proſtituirt und ihren Gat⸗ ten umgebracht, nach ſolchen Handlungen die Wäch⸗ terin ihres Kindes ſei, weil ſpäter, wenn dieſes Kind, zur Frau geworden, in die Fußſtapfen ſeiner Mutter träte, die Geſellſchaft ſich an dieſen Mann halten würde. Und jetzt, Madame, machen Sie, daß Sie fortkommen: ich kenne Sie nicht, ich mag Sie nicht kennen, ich darf Sie nicht kennen.“ „Mein Gott! Madame, Sie müſſen der Vergan⸗ genheit und der Zukunft gar gewiß ſein, um eine ſolche That ungeſtraft zu verüben. Ja, der königliche Procurator mußte ſolches thun um der Moral willen, 356 für die er den Menſchen verantwortlich iſt: glauben Sie denn aber, es ſei das, was Sie thun, auch in Gottes Augen recht? Glauben Sie, Gott ſchenke einer Frau ein Kind, laſſe dieſelbe bis zum Gebären neun Monate leiden, und erkenne Andern, als ſich ſelbſt, das Recht zu, dieſes Kind ſeiner Mutter wie⸗ der zu nehmen, wenn dieſes Kind die Hoffnung, das Leben, der Athem dieſer Mutter iſt? Fürchten Sie nicht, Madame, es werde Gott Sie verfluchen, daß Sie mich ſo von ſich jagen?“ „Nein, das fürchte ich nicht, denn wenn ich einſt Gott Rechenſchaft geben muß über das, was ich jetzt thue, ſo werde ich ſagen: Dieſer Frau iſt es erſt dann eingefallen, daß ſie Mutter ſei, als ſie ſchon eine ſchlechte Tochter und eine ſchlechte Gattin gewe⸗ ſen; erſt dann hat ſie ſich erinnert, daß ſie Mutter ſei, als ſie bereits unwürdig war, es zu ſein. Sehen Sie, Madame, ſo werde ich zu Gott ſprechen, und es wird Gott mich freiſprechen.“ „Das iſt gräßlich,“ wiederholte Marie, auf den Knien liegend und ſich zurückwerfend,„das iſt gräß⸗ lich! Meine Clotilde, mein armes Kind! Sagen Sie mir, es geſchehe Alles dieß nur, um mich zu ſtrafen; verdammen Sie mich, ſo Sie wollen, denn ich verdiene es, dazu, daß ich ſie nur alle zwei Mo⸗ nate, nur alle ſechs Monate, nur alle Jahre ein Mal zu ſehen bekomme; ich will dieſe Zeit in der Einſam⸗ keit verleben und für ſie beten; aber wenn dieſe Zeit dann um iſt, ſo bekomme ich Sie von Ihnen, nicht wahr, Madame? Ich beſchwöre Sie, ich küſſe Ihre Hände, ich ſtehe nicht eher auf: geben Sie mir mein Kind zurück!“ —,—-Y— 8GESSoSA— 357 „Madame, Sie ſind für Ihre Tochter, wie für Alle todt. Zum letzten Male ſage ich Ihnen, machen Sie, daß Sie fortkommen, ſonſt muß ich um Hülferufen!“ Und in der That ſtreckte das alte Frauenzimmer die Hand nach der Klingel aus. Nun ſtand Marie wieder auf. „Es iſt gut, Madame,“ ſprach ſie:„Sie ſind unbarmherzig, weil Sie ſelbſt kein Kind haben, und es hat Gott in ſeiner Weisheit wohl gethan, daß er Ihnen Kinder verſagt, denn Sie, die Sie kein Herz haben, um mich zu verſtehen, hätten auch kein Herz gehabt, um ſie zu lieben. Es iſt gut, Madame, ich gehe: an Gott iſt es nun, Sie zu richten, und ver⸗ fluchen wird er Sie, das ſchwöre ich Ihnen, wie ich Sie verfluche.“ Und Marie ging, nachdem ſie einen letzten Blick nach der Thüre hingeworfen, durch welche Clotilde verſchwunden war, weinend aus dieſem Zimmer und aus dieſem unheilvollen Hauſe hinaus. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Zwei Tage nach den eben erzählten Ereigniſſen ſtieg Marie, blaß, abgemagert, unkenntlich, mit Ma⸗ riannen, die ebenfalls in Trauer gekleidet war, aus einer ſtaubbedeckten Poſtchaiſe, etwa hundert Schritte von der Kirche weg, wo ſie acht Jahre zuvor ihre erſte Communion gefeiert hatte. Es hatte ſich Nichts verändert. Immer noch war die große Baumallee da, die zu dem heiligen Orte führte, nur daß, als Marie dieſe Allee zum letzten Male ſah, die Bäume voller Laub und Schatten waren. An dem Tage, 358 wo ſie ſie wieder ſah, war das Laub des vergange⸗ nen Sommers abgeſtorben und zeigten die Bäume kaum erſt die erſten Knospen, welche die Frühlings⸗ ſonne hervorgerufen hatte und die noch wärmere Sommerſonne zum Aufblühen bringen ſollte. Sie ging die Allee entlang, jedem Baume einen Blick und eine Erinnerung widmend. Immer von Ma⸗ riannen gefolgt, trat ſie in die Kirche. Es war zehn Uhr. Da es Sonntag war, ſo ſtand der Prieſter am Altar; das junge Volk der Stadt aber lag, in der Kirche verſammelt, auf den Knien, und lauſchte der Orgel und den Stimmen der Chorknaben, die ihre Geſänge mit den heiligen Worten des Prieſters vermiſchten, welcher das Amt hielt. Marie ſchlich ſich an einen dunkeln Ort und kniete, ihren Schleier niederſchlagend, wie das übrige Volk nieder. Bei ihr war Marianne. Der Prieſter wandte ſich um, und es erkannte Marie den alten und guten Pfarrherrn, der zu An⸗ fang dieſer Geſchichte von ihr Abſchied genommen hatte. Sie dankte Gott. Das Hochamt ging zu Ende; alle Welt verließ die Kirche, ſich bekreuzend und Weihwaſſer nehmend. Die große offene Thür aber ließ die Sonne herein, welche die Blumen, die Steinplatten, die Verzierun⸗ gen des Altars vergoldete. Nachdem die Kirche ſich entleert hatte, ging Marie zu dem Prieſter hin, während Marianne zu beten fortfuhr. „CEhrwürdiger Vater,“ ſprach ſie,„ich möchte beichten.“ „Haben Sie ſich auch auf dieſen Act gehörig vorbereitet, meine Tochter?“ fragte der greiſe Prieſter. SBSS0— S——— 359 „Wenn Alles das, was eine Frau leiden kann als Tochter, als Gattin und als Mutter, eine genü⸗ gende Vorbereitung iſt, ſo bin ich vorbereitet, ehr⸗ würdiger Vater.“ „So folgen Sie mir, meine Tochter!“ Und es ging der Greis zu einem Beichtſtuhle hin, den er aufmachte und dann wieder hinter ſich ſchloß; ſofort hob er das Tablett auf der Linken in die Höhe und wartete. Marie kniete nieder und erzählte, ohne ſich zu nennen, dem frommen Manne ihr Leben. Das konnte für eine Beichte gelten. Der Prieſter erkannte ſie. „Oft habe ich an Sie gedacht, meine Tochter, und recht ſtaunte ich, daß ich Sie immer nicht kom⸗ men ſah. Ich bin da, um Sie zu abſolviren, mein Kind, nicht aber um Ihnen Vorwürfe zu machen. Aber Sie ſind nicht mehr, wie einſt, ein junges, fünfzehnjähriges Mädchen, und eine Sünderin von Ihrem Alter muß länger Buße thun, als ein junges Mädchen, auf daß Gott, der wohl aufgehört hat zu züchtigen, anfange, ihr zu vergeben.“ „Das iſt gerecht, ehrwürdiger Vater.“ „Wohlan, mein Kind, thun Sie jetzt, was Ihre Reue Ihnen zu thun gebietet; ich aber vergebe Ih⸗ nen und abſolvire Sie im Namen Gottes des Va⸗ ters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.“ „Chrwürdiger Vater,“ ſprach Marie mit ruhiger Stimme weiter,„ich habe keinen andern Vater mehr, als Gott, keine andere Mutter mehr, als die Kirche, keine anderen Kinder mehr, als die Armen. Ehr⸗ würdiger Vater, mein Vermögen vermache ich den 360 Armen und den Kirchen, mich ſelbſt aber weihe ich Gott.“ Es war der Greis tief gerührt Angeſichts des Entſchluſſes dieſer ſo jungen, ſo ſchönen Frau, die er einſt ſo keuſch gekannt. „Es iſt gut, meine Tochter,“ ſprach er zu ihr. „Steht dieſer Vorſatz aber bei Ihnen auch recht feſt?“ „Ja, ehrwürdiger Vater.“ „Bedenken Sie, daß das Gelübde Sie auf ewig bindet!“. „Auf dieſer Welt iſt keine Ewigkeit, ehrwürdiger Vater; Gottes Ewigkeit aber will ich erringen.“ „Bedenken Sie, mein Kind, daß Sie Ihr ganzes Leben dem Herrn weihen!“ „Vielleicht iſt es nicht mehr von langer Dauer.“ „Sie zweifeln an Gottes Vergebung.“ „Ich hoffe auf ſeine Gnade.“ „Gut, meine Tochter; es nimmt Gott Sie als ſein Kind an; ich aber, ſein Diener auf Erden, ab⸗ ſolvire Sie nicht allein, ſondern ſegne Sie auch. Kommen Sie, meine Tochter!“ Der Prieſter kam aus dem Beichtſtuhle heraus, erfaßte mit einem väterlichen Lächeln Mariens Hand und ſprach zu ihr: „Gehen Sie hin in Frieden, meine Tochter; den letzten Tag Ihrer Freiheit erleuchtet Gott mit ſeiner ſchönſten und ſtrahlendſten Sonne. Gehen Sie hin und beten Sie, nachdem Sie in der Kirche zu ihm gebetet, ihn nun auch in ſeinen Werken an! Ich aber will die Oberin des Kloſters im Vert⸗Thale, das Sie mir haben gründen helfen, und das Ihnen nun Ihre großmüthige Freigebigkeit vergelten wird, von 36¹ʃ dieſem Ihrem Entſchluſſe in Kenntniß ſetzen. Auf wann darf ich ihr Ihren Eintritt melden?“ „Auf morgen um dieſe Stunde, ehrwürdiger Vater!“ „Gehen Sie, meine Tochter!“ Und der alte Prieſter entfernte ſich. Marie ſuchte nun Maxriannen wieder auf und ging mit ihr nach dem Penſionat der Frau Düver⸗ nay. Auch dort hatte ſich Nichts verändert. Sie trat ein und fragte nach Frau Düvernay, und Letztere erſchien. Marie hob ihren Schleier in die Höhe; aber die Inſtitutsvorſteherin erkannte ihre frühere Schülerin nicht wieder. „Sie erkennen mich nicht mehr, Madame?“ fragte Marie.„Es iſt das auch ganz natürlich,— ich habe ſo viel gelitten! Ich bin Marie von Hermi.“ „Marie!“ rief Frau Düvernay;„ja, ja, nun er⸗ kenne ich Sie wieder. Aber warum dieſes Trauer⸗ gewand?“ „Dreifache Trauer! Mein Vater, mein Gatte, meine Tochter!“ „Todt, alle drei?“ „Todt!“ antwortete Marie. „Arme Frau! Und in Ihrem Schmerze haben Sie an uns gedacht! Das iſt recht, mein Kind, und ich liebe Sie nur um ſo mehr.“ „Ich bin hergekommen, Madame, um Sie um Etwas zu bitten.“ „Und was iſt Ihre Bitte, mein Kind?“ „Daß Sie mir bis morgen das Zimmer ein⸗ räumen, das ich einſt bewohnte, und daß Sie Ma⸗ 36² riannen das Zimmer Clementinens geben. Wollen Sie?“ „Recht gern; es ſind dieſelben zwar im Augen⸗ blicke beſetzt, aber man wird für dieſe Nacht die Pen⸗ ſionärinnen anderswohin legen. Und morgen wollen Sie wieder gehen?“ „Morgen ſage ich der Welt Lebewohl; morgen gehe ich in das Kloſter im Vert⸗Thale.“ „Es iſt das ein Gelübde?“ „Ein unauflösliches Gelübde.“ Dieſem großen Schmerze gegenüber, der in der That noch größer war, als ſie glaubte, blieb Frau Düvernay ſtumm. Von der Inſtitutsinhaberin begleitet, ging Marie in ihr früheres Zimmer hinauf. Es waren noch die gleichen Möbeln, der gleiche Spiegel, das gleiche Bett darin, nur das Porträt von Frau Hermi allein fehlte. Ein großes Mädchen, das die Thüre nicht auf⸗ gehen hörte, da ſie eben am Fenſter damit beſchäf⸗ tigt war, den Vögeln Brodkrumen hinzuwerfen, hatte dieſes Zimmer inne. „Mein Fräulein,“ ſprach Marie zu ihr,„Sie ſind es, die dieſes Zimmer inne hat?“ „Ja, Madame,“ antwortete das Mädchen lächelnd. „Ich möchte Sie bitten, daß Sie mir es auf eine Nacht abtreten. Dieſes Zimmer hatte ich früher inne, als ich noch ſo glücklich war, in dem Penſionat zu wohnen; es iſt für mich der Erinnerungen voll, und gerne möchte ich noch eine Nacht darin zu⸗ bringen.“ „Wie, Madame,“ rief das nämliche Mädchen, —*. 363 „Sie ſehnen ſich in die Zeit zurück, wo Sie noch Penſionärin waren?“ „Ja, ich ſehne mich zurück, und zwar ſehr, recht ſehr!“ verſetzte Marie, die Augen zum Himmel em⸗ porhebend. „Wohlan! ich ſehne mich nur nach dem Augen⸗ blicke, wo ich die Schule verlaſſen darf,— ſehne mich nur nach dem kommenden Auguſt, wo ich mit meiner Mutter werde in Geſellſchaft gehen können. Man ſagt, es ſei das ſo entzückend!“ Gerührt ſchaute Marie das Mädchen an, das alſo ſprach. „Da bin ich nun! Wie war ich noch vor etlichen Jahren hier ſo glücklich!“ dachte ſie.„Und wer weiß, ob Gott nicht dieſem jetzt glücklichen Kinde eine eben ſolche Zukunft vorbehält, wie mir?“ „Ich werde im Saale ſchlafen,“ ſprach das Mäd⸗ chen;„das Zimmer gehört Ihnen, Madame, ſo lange Sie wollen.“ „Erlauben Sie, daß ich Ihnen einen Kuß gebe, mein Fräulein?“ fragte Marie. „Herzlich gern, Madame.“ „Es däucht mir, ich berühre mit den Lippen mein ehemaliges Glück,“ murmelte Frau von Bryon und lächelte noch ein Mal das Mädchen an, das davon⸗ hüpfte und verſchwand. Von ihrem Zimmer ging Marie in das Zimmer Clementinens. Dort war Alles noch in dem glei⸗ chen Zuſtande. Sie ließ ſich inmitten aller dieſer ihrer Erinnerungen nieder, die, Vögeln gleich, ſie umſangen. 364 „Und was iſt aus Clementinen geworden, mein Kind?“ fragte Frau Duüvernay. „Wir werden das bald erfahren, Madame,“ ſprach Marie.„Marianne, gib mir aus dem Paket, das wir von Paris mitgenommen, den letzten Brief Clementinens.“ Marianne ſah die Data der Briefe an, zog dann einen heraus und ſtellte ihn Marien zu. Frau von Bryon erbrach ihn und las, wie folgt: „Gute, liebe Marie! „Was wird denn aus Dir? Was machſt Du denn? Da ſchreibe ich Dir ſchon fünf bis ſechs Briefe, und alle bleiben unbeantwortet. Endlich erſehe ich eben aus einer Zeitung, daß Dein Mann nach Italien abgereist iſt, ſowie daß Deine Geſundheit dieſe Abreiſe veranlaßt; biſt Du denn aber krank? Schreib' mir doch ein paar Worte, um mich zu beruhigen. Wie geht es Deiner Tochter, Deinem guten Vater, unſerem allerliebſten Immanuel? Du biſt doch auf dieſes„unſer“ nicht mehr eiferſüchtig, nicht wahr, großes Kind?“ Hier hielt Marie inne, um die Thränen abzu⸗ wiſchen, welche ſie nicht weiter leſen ließen. Darauf fuhr ſie alſo fort: „Mein Brief trifft Dich ohne Zweifel zu Neapel oder zu Rom, in einem jener Länder, von denen Du ſo oft träumteſt; es ſcheint mir, ich ſehe Dich, wie Du unter einem Pomeranzenbaume oder in einer Gondel im Golfe lieſeſt. Dein Reiſetraum hat ſich alſo endlich verwirklicht. Was mich betrifft, ſo komme ich aus meinem Neſte gar nicht hinaus; aber es iſt auch —2 1—9 SD— 505 365 Adolph ſo lieb, daß ich gar nicht begreife, wie es noch ein anderes Land geben kann, und daß ich einen andern Himmel, als den von Dreux nicht ein⸗ mal ahne. Allerdings thut Gott Alles, was er kann, um mich hier feſtzuhalten. Ich melde Dir hiemit die Geburt eines lieben, ſtarken Mädchens, das die Taufe noch nicht empfangen und vielleicht mit mir nach Paris kommt, um von Dir einen Taufnamen zu verlangen, der Glückbringt,— etwa den Deinigen. Schreibe mir alſo wenigſtens ein paar Worte; ich geſtehe Dir, daß ich ſtolz ſein werde, wenn Dein Schreiben von Neapel kommt; glücklich aber werde ich ſein, wenn es von Paris datirt iſt. „Lebe wohl, liebe, gute Marie! Ich bin immer noch ſo, wie Du mich gekannt,— nur vielleicht ein bischen glücklicher. Küſſe mir Deinen Vater, Deine Tochter, und ſogar Herrn von Bryon! „Deine ewig treue Freundin Clementine Barillard.“, Marie ließ den Brief fallen; ſie litt entſetzlich. Was Marianne und Frau Düvernay betrifft, ſo weinten ſie wider ihren Willen. Marie brachte den ganzen Reſt des Tages in dieſem Hauſe zu; ſie ſpielte mit den Kindern, denen ihre ſchwarze Kleidung anfänglich Furcht gemacht hatte, die aber, als ſie in ihr eine ſo gute Perſon ſahen, allmählig ſich an ſie gewöhnt hatten. Sie ſpeiste mit Frau Düvernay, oder wohnte vielmehr der Mahlzeit der Inſtitutsinhaberin an. Schon um zehn Uhr Abends ging ſie zu Bette. Aber erſt ſpät konnte ſie einſchlafen, und gleichwohl erwachte ſie 366 ſchon in aller Frühe wieder. Gott hatte wenigſtens jetzt der armen Seele einigen Schlaf gegönnt. Die Täubchen kamen immer noch an das Fenſter her, um dort Brodkrumen zu ſuchen. Um elf Uhr nahm Marie von Frau Düvernay Abſchied, die ſo reichliche Thränen vergoß, wie wenn ſie die Mutter von Frau von Bryon geweſen wäre. Dann ging Letztere, nur von Mariannen begleitet, nach dem Vert⸗Thale hin. Das neugebaute Kloſter lachte inmitten der Zit⸗ tereſpen und Pappeln im Sonnenglanze. Marie klopfte an, und es erſchien der alte Pfarr⸗ herr, um ſie zu empfangen. „Ehrwürdiger Vater, hier bin ich!“ „Gut, meine Tochter: folgen Sie mir!“ Und Marie wandte ſich zu Mariannen, preßte ſie in die Arme und ſprach: „Lebe wohl, Du, meine zweite Mutter, Du, die Du mich in allen ſchmerzlichen Prüfungen meines Lebens aufrecht erhalten. Du kannſt jetzt nicht mit mir gehen; geh' aber nach Paris zurück, wach' über meine Tochter und erzähl' dann und wann von ihr meinem letzten und einzigen Beſchützer, der es mir dann wieder ſagen wird, um mich aufrecht zu erhalten.“. Auf der Thürſchwelle küßten Marie und Ma⸗ rianne einander. Die Eine weinte, die Andere war ruhig. „Und nun, ehrwürdiger Vater,“ ſprach Marie weiter,„iſt hier weder Gattin, noch Tochter, noch Mutter mehr, ſondern nur noch eine Sünderin, die — &—ꝙ—,—.,— 367 da leidet, die da Reue empfindet, und die da zu Gott fleht, daß er ſie zu ſich nehmen möge.“ Zum letzten Male wandte ſich Marie um und ſah da Mariannen, wie ſie den nach der Landſtraße hinabführenden Fußweg. hinabging. Noch ein Mal lächelte Marie ihr zu, und nun ſchloß ſich die Thüre, die ſie auf ewig von einander trennte. Zehn Monate nach den hier berichteten Ereig⸗ niſſen war in einer Pariſer Zeitung Nachſtehendes zu leſen: Allerlei Nachrichten. Man liest in der Zeitung von C..: „Zu rr hat ſo eben eine Art Aufſtand Statt gefunden. Es ſind Studenten zuſammengeſtanden und nach dem Hauſe einer Frau gegangen, deren Verhältniß zu einer der mächtigſten Perſonen, um nicht zu ſagen, zu der mächtigſten Perſon der Stadt ſeit einiger Zeit ein ganz intimes geworden war. So heißt es wenigſtens. Es waren Decrete, die, wie man wiſſen wollte, von dieſer Frau dictirt wor⸗ den— denn dieſelbe miſchte ſich in die öffentlichen Angelegenheiten— erſchienen,— Decrete, welche die heiligſten Inſtitutionen verletzten. Ein Studen⸗ tentrupp hat ſich alſo nach dem Palaſte dieſer Frau begeben, um ſie zum Verlaſſen der Stadt zu zwingen. Sie aber hat ſich ihnen entgegenſtellen wollen und hat ihnen vom Balkon aus gedroht. Da iſt ein Steinhagel gefallen, und einer der Steine hat ſie an den Kopf getroffen. Sie iſt todt auf dem Platze 368 liegen geblieben. Dieſe Frau hieß Julia Lovely und war ungemein ſchön.“. Man liest im Akhbar, einem algeriſchen Blatte: „Es iſt ein junger Mann, der Herr Marquis von Grige, der ſeit einigen Monaten als Freiwilliger unter den Spahis Dienſte genommen hatte, in einem der letzten Gefechte, welche dieſes Regiment mit den Ara⸗ bern gehabt, geblieben. Man könnte dieſen Tod faſt wie einen Selbſtmord anſehen, denn ſeit der Zeit, daß dieſer junge Mann bei der Armee ſtand, ſchien er von großer Traurigkeit erfüllt zu ſein, und es hat derſelbe ſo unvorſichtig ſich mitten unter die Feinde geſtürzt, daß man glauben könnte, er habe unter ihnen um jeden Preis den Tod finden wollen.“ In dem Echo d'Eure⸗et⸗Loire liest man fol⸗ ggende Nachricht: „Frau von Bryon, die Gattin des Herrn von Bryon, früheren Pairs von Frankreich, der vor eini⸗ ger Zeit ſich ſelbſt entleibt hat— ein Selbſtmord, deſſen wahre Urſache nie bekannt geworden—, iſt im Vert⸗Kloſter, bei Dreux, an einer abzehrenden Krank⸗ heit geſtorben. Sie hat auf dem Kirchhofe des Klo⸗ ſters eine Grabſtätte gefunden; ſämmtliche Schwe⸗ ſtern, die ihre Frömmigkeit zu bewundern Gelegenheit gehabt, wohnten ernſt und betend der Feierlichkeit an. Frau von Bryon war noch nicht ganz einund⸗ zwanzig Jahre alt. Ihr ganzes Vermögen hat ſie dem Hauſe vermacht, in dem ſie eine letzte Ruheſtätte geſucht hatte.“ Und es ging die Welt auch ferner ihren gewohn⸗ ten Gang. Ende. fffffffffffffffffffſfſnnfſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 4