Leihbibliothe ſdeeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ] 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen muſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthse deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: 8. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 38 5* —— ²— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — —— Ausgewählte Werke von Alerander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. Ein Frauenleben. Roman von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. Erſter Band. — a Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Vorwort des Verfaſſers. Du haſt wohl, verehrter Leſer, ſchon oft Frauen gefunden, die weder in ihrem Gange, noch in ihren Gewohnheiten, noch in ihrem ganzen Gebaren Etwas hatten, was an eine Romanheldin erinnerte, und die zu Dir ſagten: —„Wollte man mein Leben ſchreiben, ſo würde man gewiß ein merkwürdiges Buch bekommen.“ Dieſe Phraſe habe ich ſo oft gehört, daß mich eines Tages die Luſt ankam, dieſelbe ernſt zu neh⸗ men, und daß ich nach den Mittheilungen einer Frau— einer alten Haushälterin, die indeſſen in dieſem Drama nur eine untergeordnete Rolle ſpielt— die zeſchichte niederſchrieb, die man auf nachſtehen⸗ d Blättern verzeichnet findet, wenn anders ich es 6 verſtanden habe, den verehrten Leſer wenigſtens ſo weit zu feſſeln, daß er aus Langweile nicht ſchon gleich zu Anfang das Buch weglegt. Erſtes Kapitel. Kennſt Du wohl, verehrter Leſer, die Stadt Dreux? Kennſt Du ſie nicht, ſo kennſt Du ohne allen Zweifel irgend eine andere Provinzialſtadt. Es genügt dieß vollkommen; denn alle Provinzialſtädte haben einen und denſelben Charakter, haben dieſel⸗ ben Lächerlichkeiten, haben dieſelben Vorurtheile. Dreux hat nur eine Specialität,— ſeinen Speck⸗ und Wurſthandel; da aber dieſe Specialität für das Intereſſe unſeres Buches ganz und gar unnütz iſt, ſo wollen wir davon abſehen, auf die Gefahr hin, daß wir uns mit den Speck⸗ und Wurſthändlern dieſer Unterpräfectur, und ſomit auch mit deren Kund⸗ ſchaft überwerfen. Nie verzeiht es Einem die Pro⸗ vinz, daß man ſie kritiſirt. Die Provinz ähnelt jenen alten Weibern mit greller Stimme und krummer Naſe, die, in Brocat gekleidet, mit unmöglichen Ju⸗ welen bedeckt, dürr, ausgetrocknet, anſpruchsvoll, bös⸗ artig, allen jungen und hübſchen Frauenzimmern der Salons, wo ſie Zutritt haben, Böſes nachſagen und Ketlben im Nothfalle verleumden; jenen Geſchöpfen, hoch zu Roß auf einer fünfzigjährigen Tugend, die noch Niemand hat angreifen wollen, oder hinter den Vorhang ihrer Geſchicklichkeit, bisweilen auch ihrer Frömmigkeit verſteckt, der gar mancherlei er⸗ zählen würde, wenn die Vorhänge ſprechen könnten, Alles, was ſchön und jung iſt und ſich ſelbſt ver⸗ traut, unbarmherzig herabſetzen, da ſie ſelbſt hinter dem Küraſſe, den ſie ſich gemacht, ſich unverwundbar wiſſen. Man greife aber einmal ſolche Frauen auch an, und man wird ſehen, ob ſie Einem verzeihen. Man kann ſchlechterdings nicht wiſſen, was der Haß eines alten Weibes zu bedeuten hat, wenn das Alter dem, was ſie ſagt, Autorität verleiht, wenn der Ruf, wenigſtens der, den ſie herauskehrt, ihren Urtheilen Recht gibt. Was mich betrifft, ſo verabſcheue ich ordentlich die Provinz, welche Paris gegenüber genau das iſt, was dieſe alten Weiher gegenüber von den jungen Frauen ſind. Wenn wir aber von der Provinz ſpre⸗ chen, ſo ſchweben uns keineswegs jene großen Städte vor, welche ein hundert bis zweimal hunderttauſend Menſchen zählen und durch ihren Handel, durch ihre Induſtrie, durch ihre Intelligenz mit Paris in di⸗ rectem Verkehr ſtehen. Es haben zwar dieſe Städte auch ihre Lächerlichkeiten, wie Paris die ſeinigen; aber es verſchwinden dieſe Lächerlichkeiten in dem Geräuſche, das ſolche Städte machen. Die Städte, die für uns ein Gegenſtand des Abſcheues ſind, die wir ſtets ſo viel wie irgend möglich fliehen wer⸗ den, ſind ſolche, welche zwölf bis fünfzehn tauſend Seelen zählen, der Sitz eines Unterpräfecten und eines Staatsprocurators ſind.— Aber, wird man mir entgegenhalten, Pa⸗ St. Johann das Erſte, was man von Dreux zu 2 0 Nichts als eine große Stadt, die mehrere kleine Städte in ſich ſchließt, mit denſelben Fehlern und denſelben Sitten, nur daß dieſe minder ſichtbar ſind, weil der Schauplatz ein größerer und die Schauſpieler zahl⸗ reicher ſind. Ich gebe dieß zu, aber Paris hat wenigſtens, wenn es das Uebel hat, auch einen Erſatz dafür; denn hat es große Leidenſchaften, ſo hat es auch hohe Bildung; denn hat es große Laſter, ſo hat es auch hohe Intelligenzen, welche dieſe züchtigen und verbeſſern; denn hat es, gleich der Sonne, ſeine Flecken, ſo wirkt es auch befruchtend, wie dieſe. Im Uebrigen weiß ich wahrhaftig nicht, warum ich mich ſo angreife, um über die Provinz und die Hauptſtadt kritiſche und philoſophiſche Bemerkungen zu machen; es haben dieſe lediglich Nichts zu ſchaffen mit dem, was ich hier zu erzählen habe. Wir wollen alſo auf Dreux zurückkommen. Du magſt, verehrter Leſer, die eben genannte Stadt nun kennen oder nicht, ſo will ich Dir in paar Worten die Topographie derſelben geben. Kommt man von Paris her, ſo iſt die Vorſtadt ſehen bekommt; dann geht man über die Blaiſe, einen kleinen Bach, der zwiſchen ſeinen beiden Armen eine Promenade enthält, und dann immer gerade fort, bis man in die Rüe Pariſis kommt, an deren Ende man den Paradiesplatz findet. Hier macht der Weg einen ſtumpfen Winkel. Man gehe noch ein wenig weiter, ſo befindet man ſich in der St. Martins⸗Vor⸗ ſtadt, deren Ende die große Landſtraße von Chartres lichen Inwohnern und Inwohnerinnen, die jeden Au⸗ bildet. Dort bleibe man ſtehen, denn wir ſind nun am Ziele unſerer Reiſe angekommen! Das vorletzte Haus der St. Martins⸗Vorſtadt iſt, oder war wenigſtens im Jahre 183., ein Penſionat für Mädchen. Eine große Mauer umſchloß dieſes. Die Thüre war grün bemalt, das Schild ſchwarz, und die Aufſchrift:„Penſionat für Mädchen“ gelb. Hinter dieſer Thüre Nichts als Bäume, durch welche hindurch man hie und da ein munteres und ſtilles Fenſter mit ſeiner grauen Jalouſie und ſeinem Rahmen von Rebenlaub oder Geisblatt unterſchied. Im Uebrigen war es ein Haus, ſo gut nur eines zu finden war, ſei es, daß man die Studien, ſei es, daß man die Vergnügungen der Mädchen, welchen es zur Wohnung diente, in Anſchlag brachte; von der Stadt war es auf der einen Seite hinreichend iſolirt, um durch deren Geräuſch nicht geſtört zu werden, und auf der andern derſelben doch wieder ſo nahe, daß von Zeit zu Zeit ein Gemurmel hier⸗ her drang, welches alle dieſe jungen Seelen daran erinnerte, daß es auf der Welt noch andere Leute, als ihre Unterlehrerinen, und noch andere Häuſer, als das ihrige gebe. Zur einen Seite iſt das Häus⸗ chen des Pförtners mit einer angemeſſenen Anzahl von Kanarienvögeln in ihren Käfigen, mit Reſeda⸗ pflanzen in ihren Töpfen, und Allem, was das Glück dieſer ehrenwerthen Menſchenklaſſe ausmacht; zur andern Seite haben wir den Geflügelhof vor uns, deſſen Gäſte, moraliſcher als die der Stadt, ſchon lange ſchlafen gegangen ſind. Darüber gewahren wir einen Taubenſchlag mit ſeinen vielen vertrau⸗ 11 genblick in die Spiele der Kinder hineinfallen und, ſo oft eine Mahlzeit vorüber iſt, von allen Händen, die ſie liebkoſen, Brodkrümelein verlangen. In der Mitte befindet ſich ein Grasplatz mit Blumen; in den Ecken Tannenbäume, und zu den beiden Seiten des Hauſes eine doppelte Lindenallee voll Schatten und voll ſüßer Träumerei. Was das Innere des Hauſes betrifft, ſo iſt es mehr bequem als angenehm, ſo verräth es mehr Vorſicht als Poeſie. Wir ſchreiten alſo ohne Wei⸗ teres durch daſſelbe hin und werfen im Vorbeigehen einen raſchen Blick auf den Salon, der als Sprech⸗ zimmer dient,— einen Salon, der ſich durch ſeine rothen und weißen Vorhänge, ein klaſſiſches Piano, eine den Sonnenwagen vorſtellende Pendeluhr und Candelabern bemerklich macht, welche Nichts vor⸗ ſtellen. Wir öffnen ein bischen eine Thüre, welche in das Privatcabinet der Inſtitutsinhaberin führt, worin ſich eine der Neugier der Kinder jeden Tag zugängliche Bücherſammlung befindet; es iſt wohl unnütz, daß wir ſagen, welcher Art die Bücher ſind: ein Jeder erräth es. Noch eine Thüre müſſen wir öffnen, welche in das Speiſezimmer von Madame Düvernay, der Vorſteherin, führt. In Nichts unterſcheidet ſich dieſes Zimmer von den andern: ſteif in ſeinen Vorhängen, gezwungen in ſeinen Möbeln, hat es in ſeiner ganzen Haltung etwas Kaltes,— und doch iſt dieſes Zimmer der Zielpunkt des Ehr⸗ geizes der Mädchen, denn diejenigen, welche die Woche hindurch gut gearbeitet haben, dürfen Sams⸗ tags mit Madame an ihrem Tiſche ſpeiſen, und kön⸗ nen mit Ironie ſehen, wie die Uebrigen ſich nach 12 dem gemeinſamen Speiſeſaale hinbegeben, während ſie ſelbſt, die Stunde der bevorrechteten Mahlzeit er⸗ wartend, entweder die Kupferſtiche im Salon muſtern oder in den Büchern der Bibliothek blättern. Wie köſtlich die Jahre, welche damit hingehen, daß man nach einer ſo naiven Belohnung geizt, oder eine Strafe fürchtet! Wie glücklich das Alter, wo man von ſeiner Mutter noch gezankt wird, und wo das junge Mädchen, die Sache beim Lichte beſehen, zu Ende jedes Tages nach verrichtetem Gebet ein⸗ ſchlafen kann, ohne daß ein böſer Traum ihre Nacht⸗ ruhe ſtört oder ein trauriger Gedanke ihr Wieder⸗ erwachen quält! Kommt man mit irgend einem oder einer nahen Verwandten einmal in das Sprechzim⸗ mer eines Mädchenpenſionats, ſo kann man— was kann es Entzückenderes geben?— durch die Fenſter⸗ ſcheiben hindurch ſehen, wie auf dem grünen Raſen und inmitten von Blumen die munteren Geſchöpfe ſich mit Leib und Seele allerlei Spielen hingeben. Man könnte Tage lang ſtehen bleiben und zuſehen, wie dieſe kleinen roſafarbenen, weißen und blonden Schatten der Erholung pflegen, die, ſorglos lächelnd, unſtät, ebenſo wenig wiſſen wollen, was hinter den erſten Jahren ihres Lebens liegt, als was hinter der Mauer ihres Gartens liegen mag. Wir wollen daher auch, nachdem wir durch das Erdgeſchoß hingeſchritten ſind, uns möglichſt geſchwind, jedoch ohne uns ſehen zu laſſen, unter dieſe ſchönen Kinder machen, die, wenn ſie uns bemerken könnten, wie die Gazellen der Wüſte fliehen und ihr bezauberndes Ausſehen verlieren würden, das wir ſo gerne kennen lernen möchten. Wir werden daher dem erſten Stocke die Ehre eines 13 Beſuchs nicht anthun. Hier wollen wir denſelben bloß anführen. Dort iſt die Wohnung von Madame Düverngy, ſowie auch die Krankenſtube des Penſio⸗ nats. Im zweiten Stocke wird die Wäſche aufbe⸗ wahrt, und hier befinden ſich zugleich die Privatzim⸗ mer der Großen. Es iſt der fünfzehnte Auguſt, Abends halb acht Uhr; morgen fängt die Vacanz an; darum findet auch in den Spielen gar keine Zurückhaltung, in der Freude gar kein Zwang mehr Statt. Man müßte ſich einen gar groben Verſtoß wider die Regeln des Hauſes zu Schulden kommen laſſen, wenn man mor⸗ gen nicht, von der Mutter abgeholt, weggehen dürfte. Die Studirſäle, die hinten im Garten ſich befinden und mit den Schlaf⸗ und Speiſeſälen ein eigenes Gebäude bilden, ſind der Arbeiterinnen bar, welche ſie gewöhnlich beherbergen, und wir werden dort höchſtens einige vorſichtige Mädchen finden, welche im Voraus die Bücher zuſammenpacken, die ſie in die Vacanz mitnehmen ſollen, wobei ſie der Inſti⸗ tutsvorſteherin heilig und theuer verſprechen, ſie leſen, ſich ſelbſt aber, ſie auch nicht mit einem Finger an⸗ rühren zu wollen. Die Uebrigen laſſen, in Grup⸗ pen geſammelt, welche Madame Düvernay von Zeit zu Zeit beſucht, dem Herzen ſeine Illuſionen ent⸗ fliegen, die, leicht wie Vögel, denen man den Käfig öffnet, unbekannte Geſtade aufſuchen und, gleich der Taube der Arche Noah's, mit einigen Zweigen der Hoffnung und des Friedens im Munde von da zu⸗ rückkommen. Inmitten der fröhlichen Gruppen findet ſich nothwendig auch hie und da ein armes Kind, das, eltern⸗ oder vermögenslos, das Glück der Uebri⸗ 14 gen durch ſeine Verlaſſenheit hindurch ſchaut, wie ein Gefangener durch Eiſenſtangen hindurch die Frei⸗ heit. Die armen Kinder, die vor der Freude die Traurigkeit gekannt, und die in ihrem jungen Herzen, das noch zu naiv iſt, um Zweifeln Raum geben zu können, nichts deſto weniger an Gott die Frage ſtellen, warum er denn wohl dieſe Unregelmäßigkeit zulaſſe, — dieſe Unregelmäßigkeit, die da macht, daß ſie, gleich jung, gleich hübſch, gleich ſittſam, nicht ſo glücklich ſind, wie ihre Geſpielinnen, und daß ſie, nachdem ſie in demſelben Penſionat gelebt, nicht in derſelben Welt werden leben können! Die armen kleinen Weſen, denen der Herr, gleich den Uebrigen, Augen gegeben zum Sehen und ein Herz zum Lieben, und die gleichwohl, ſobald ſie ihre Händchen aus⸗ ſtrecken, nur ein Unglück oder eine Täuſchung be⸗ rühren! Ein Penſionat, das heißt, eine Vereinigung mehrerer Exiſtenzen zu einem und demſelben Kreiſe und zu einem und demſelben Leben, hat das Gräß⸗ liche, daß es eine gewiſſe Zeit hindurch diejenigen einander gleichſtellt, welche ſpäter die geſellſchaft⸗ lichen Abſtufungen trennen müſſen. Es entſteht dar⸗ aus zweierlei: für die Einen die Selbſtſucht, für die Andern der Neid; und Gott weiß, was ſpäter aus dieſen zwei Dingen hervorgeht! Zum Glück haben wir in dieſem Augenblick keine ſchon unglückliche Exiſtenz zu malen,— zum Glück haben wir hier keinem ſchon traurigen Schatten zu folgen, und da wir noch nicht ganz in dem Garten herumgekommen ſind, wo unſere Geſchichte anfängt, „ ſo wollen wir auf einen Augenblick dieſe blonden Köpfchen und dieſe naiven Träume verlaſſen und uns n zu arten ängt, nden duns 15 unter eine große Pappelallee machen, wo der Schatten dichter, die Schülerinnen aber ſeltener ſind. Dort werden wir alsbald zwei große Mädchen treffen, die, ſich den Arm gebend, den Weg entlang gehen. Und obgleich es, wie bereits geſagt, ſchon etwas dunkel wird, ſo wird es uns doch möglich ſein, ihre Züge zu unterſcheiden. Die jüngere iſt eine reizende Brünette, während die andere eine herrliche Blon⸗ dine iſt. Bei dieſen Beiden wollen wir ſtehen bleiben, und obgleich wir den Ring Aladdin's nicht beſitzen, um uns unſichtbar zu machen, ſo wollen wir ihnen doch folgen. Du haſt, verehrter Leſer, wohl ſchon jene Frauen von Diaz geſehen, die, weiß, roſafarben, und lächelnd inmitten einer reichen, blauen Natur, mit tief im Mooſe und in Blumen begrabenen Füßen, gleich den Göttinnen des Alterthums einen Lichtkreis um ſich her ziehen; auch haſt Du wohl ſchon die Paſtell⸗ malereien von Müller geſehen, jene poetiſchen und verliebten Geſtalten mit ihrem rubinartigen Lächeln, ihren himmelblauen Augen und ihren goldenen Haa⸗ ren: wohlan! verlange von dem Erſten die ganze Kraft ſeiner Palette, von dem Zweiten alle Geheim⸗ niſſe ſeiner Stifte, ſo haſt du die wundervolle Blon⸗ dine, von der ich Dir ſo eben geſagt. „Schon ewig lange ſtreitet man, und wohl lange wird man noch ſtreiten darüber, ob blonde Haare ſchöner ſind, als ſchwarze, und ob ein weißes Ge⸗ ſicht ſich beſſer ausnimmt in einem Rahmen von Ebenbolz, als in einem Goldrahmen. Was uns be⸗ trifft, die wir uns drei Typen der Schönheit und 16 der Poeſie geträumt, nämlich Eva, die heilige Jung⸗ frau, und Magdalena, und die wir ſie von der Hand Gottes ſelbſt gemacht, das heißt, die wir ſie voll⸗ kommen glauben, ſo finden wir ſie immer wieder mit blonden Zöpfen, mit blonden Flechten, mit blonden Locken, ſei es, daß wir die Augen ſchließen und ſie in einem Traum wieder ſehen, oder daß wir die großen Meiſter ſtudiren und dieſe drei Geſtalten auf die Leinwand bannen. Fürwahr, wir werfen uns nicht zu Gegnern der ſchwarzen Haare auf, ſondern erklären uns bloß für Bewunderer der blonden; wir ſagen, es gibt in der Natur ſtarke Töne, die Einen in Erſtaunen ſetzen, und ſanfte Töne, die Einen träu⸗ men machen; wir ſagen, das erſte weibliche Weſen, das man in der Phantaſie vorübergehen ſieht, die erſte Geſtalt, die man im tiefſten Herzen ſkizzirt, iſt hager, ſentimental, ſanft, und nie, nie leiht man einer ſolchen ſchwarze Haare. Mit einem Worte, wir ſagen, die Leidenſchaft iſt brünett, die Liebe aber blond. Da wir nun einmal im Garten von Madame Düvernay und bei den zwei Mädchen ſind, ſo wollen wir, wenn es Dir recht iſt, verehrter Leſer, der Blondine am Aufmerkſamſten folgen. Vielleicht daß wir auf deren Geſicht poetiſche, oder von Schmerz zeugende Linien finden, was ſo ziemlich das Gleiche iſt,— Linien, die wir auf dem Geſichte der Andern nicht finden dürften; vielleicht daß wir, von unſerer Vorliebe ganz und gar abgeſehen, in dieſen blauen Augen Blicke errathen, die wir in den ſchwarzen ver⸗ gebens ſuchen würden; vielleicht daß wir endlich in dieſem ſeltenen Lächeln, worein Perlen wie Sterne ng⸗ and oll⸗ mit den ſie die auf uns dern wir nen täu⸗ ſen, die „iſt nan orte, aber ame llen der daß nerz eiche dern ſerer Wen ver⸗ h in erne 17 hineinleuchten, eine unbeſtimmte Traurigkeit, wenn nicht als Ausdruck der Gegenwart, ſo doch als eine Ahnung der Zukunft begreifen,— eine Traurigkeit, welche die Lippen ihrer Geſpielin wohl nie gekannt und ohne Zweifel nie kennen werden; immerhin aber intereſſirt uns wider unſern Willen das künftige Leben dieſes weiblichen Weſens, und wir wollen ſehen, was Gott aus dieſer jungen Exiſtenz machen wird. Wir laſſen alſo die Kinder, deren Gruppen wir durchſchritten, ihre Luftſchlöſſer ruhig fortbauen, an denen in einer halben Stunde der Schlaf fort⸗ arbeiten wird, und wollen in myſteriöſer Weiſe den beiden Schatten ſo nahe folgen, daß wir hören kön⸗ nen, was ſie einander zu ſagen haben. „Um wie viel Uhr gehſt Du morgen fort?“ fragte die Brünette ihre Geſpielin. „Du willſt ſagen, um wie viel Uhr gehen wir fort?“ erwiderte dieſe. „Ja.“ „Der Wagen wird um eilf Uhr da ſein.“ „Und wann werden wir in Deinem Hauſe ſein?“ „Neun Stunden darauf.“ „Welches Glück! Auch werden wir zu unſerer Reiſe das herrlichſte Wetter von der Welt haben; ſieh' nur, wie viele Sterne! Ach, Du biſt recht glücklich!“ „Und warum bin ich denn ſo glücklich?“ „Du fragſt mich das erſt noch! Wie! Du gehſt morgen fort, um nicht mehr hierher zu kommen, Du verläſſeſt auf immer unſere Bänke, worauf man ſo ſchlecht ſitzt, unſere Betten, worin man ſo ſchlecht liegt, um Paris, um Schlöſſer, um, was weiß ich, Dumas d. J, ein Frauenleben. I. 2 18 zu bewohnen? um bei Deinem Vater und bei Deiner Mutter zu bleiben, und um in eine Welt einzutreten, von der man ſo viel Böſes ſagt und von der ich ſo viel Gutes denke,— und Du fragſt mich noch um die Urſache Deines Glückes? Aber, meine Liebe, Du biſt entweder gar zu anſpruchsvoll, oder biſt Du recht Vergefßrih 4 „Du haſt Recht, aber es wird die Reihe auch an Dich einmal kommen.“ „Ach, das iſt ganz und gar nicht daſſelbe. Und fürs Erſte muß ich noch ein volles Jahr warten, bis die Reihe an mich kommt; zweitens bin ich keine Millionärin, wie Du. Du, Du trittſt in das Leben ein durch ein goldenes Thor, während mein Thbor höchſtens ein vergoldetes iſt. Wenn ich ein⸗ mal die Anſtalt verlaſſe, ſo komme ich in die Pro⸗ vinz zu einer Tante, die gar nicht zu den Luſtigen gehört, ich werde einen Notar oder ſo Etwas heira⸗ then müſſen, während Du einen Herzog oder einen Fürſten bekommſt! Was mich betrübt, ſchau', das iſt der Gedanke, daß uns einſt die Vorurtheile tren⸗ nen werden,— vielleicht mehr noch, als die Ent⸗ fernung.“ „Biſt Du verrückt?“ „Es wäre das gar nicht gut, denn ich darf es wohl ſagen, ich bin, ſeitdem wir uns kennen, ſtets eine gute Kamerädin, ja ſogar eine gute Freundi geweſen; und dann, ſiehſt Du, liegt auch in dieſen Freundſchaft zweier Herzen, in dieſer Vereinigumg zweier nur durch den Zufall, nicht durch die Bande des Bluts befeſtigten Sympathien etwas Religiöſſs r 3 Deiner utreten, der ich ch noch e Liebe, biſt Du auch an 2. Und en, bis h keine n das d mein ich ein— ie Pro⸗ Luſtigen heira⸗ r einen ?, das le tren⸗ ie Ent⸗ darf es , ſtets reundin dieſer nigung Bande ggiöſch. 19 was nicht zerſtört werden darf. Du wirſt mich alſo immerfort lieben?“ „Wie Du mich liebſt.“ Die beiden Mädchen küßten einander. „Wenn ich ſo bedenke,“ antwortete das freude⸗ trunkene Kind,„daß ich weit weg von hier und in Deiner Nähe zwei ganze Monate verleben werde! Aber ſag' mir einmal, iſt Dein Vater ein lieber Mann?“ „Er iſt ein trefflicher Menſch,— und meine Mutter!“ „Oh, die kenn' ich ja.“ „Wie wir da lachen wollen!“ „Und keine Madame Düvernay!“ „Ah, darin beſteht unſer wahrer Gewinn! Aber ſag' mir einmal aufrichtig, welchen Eindruck bringt es auf Dich hervor, daß Du die Anſtalt verläſſeſt?“ „Einen peinlichen.“ „Iſt es Dein Ernſt?“ „Ich ſchwöre es Dir.“ „Und warum?“ „Weil ich nun einem Leben entſagen muß, das, wenn auch kein glückliches, ſo doch ein regelmäßiges war; weil ich bis auf dieſe Stunde keine andern Schmerzen gekannt, als die Strafen, die man mir gab, und weil ich ſeit den zwei Jahren, daß ich ein großes Mädchen geworden,“ fuhr Marie lächelnd fort,„ſogar dieſe Schmerzen nicht mehr kenne; weil ich, mit Einem Worte, weiß, was ich verlaſſe, nicht aber weiß, was ich dafür bekomme.“ „Ah, das iſt mir ein ſchöner Grund! Ich will Dir ſagen, ſo Du willſt, was Du bekommſt. Du 20 bekommſt zu Paris ein Haus mit Möbeln, die ein klein wenig von denen Deines Zimmers in der An⸗ ſtalt verſchieden ſind, mit Domeſtiken, mit Pferden und allem nur erdenklichen Luxus. Du bekommſt einen Vater und eine Mutter, die Dich für Nichts anbeten, anſtatt einer Madame Düvernay, die Dich für jährliche zweitauſend Franken anlächelt. Du be⸗ kommſt für den Sommer ein herrliches Schloß mit Waldungen, Ebenen, Horizonten, und einem gan⸗ zen Himmel, und zwar ganz allein für Dich, wäh⸗ rend wir hier immer nur ein ganz kleines Stück Himmel zu ſchauen bekommen. Für den Winter bekommſt Du Schauſpiele, Bälle, Toiletten,— bekommſt Du die berauſchenden Vergnügungen der großen Welt,— bekommſt Du die Bewunderung der Männer und den Haß der Weiber, was nicht wenig iſt, und inmitten aller dieſer Männer das Recht, den eleganteſten, den edelſten, den geiſt⸗ reichſten für Dich auszuwählen, weil Du das ele⸗ ganteſte, das edelſte, das hübſcheſte weibliche Weſen biſt, das man nur ſehen kann, was unter keinen Um⸗ ſtänden zu verſch näßen iſt,— nicht einmal im Glücke. Kurz und gut, Du bekommſt die Freiheit, jenes Ding wofür man ſich ſchon ſo lange ſchlägt: das iſt die einzige kleine Veränderung in Deiner bisherigen Exiſtenz. Ich finde es zwar unendlich lieb von Dir, daß Du noch Etwas vermiſſeſt; was mich aber be⸗ trifft, die ich gewiß nicht das zu hoffen habe, was auf Dich wartet, ſo würde ich lediglich gar Nichts vermiſſen.“ Marie lächelte, indem ſie ihrer Freundin lauſchte. „Ah!“ fuhr Clementine fort,„ich würde dennoch allen langt ich b die L man mind eben werde zu lie laufe fürcht wir i komm Dein ſchrei haben mer wenig wohl dem unſer 7 T ie ein r An⸗ ferden ommſt Nichts Dich du be⸗ 3 mit gan⸗ wäh⸗ Stück Linter ,— n der erung nicht das geiſt⸗ 3 ele⸗ Weſen Um⸗ Zlücke. Ding, ſt die rrigen Dir, er be⸗ was Nichts iſchte⸗ nnoch 21 Etwas vermiſſen;— ich würde nämlich eine gute Freundin vermiſſen, die ich vielleicht nie wieder fin⸗ den werde, und die ihr Leben für mich gäbe.“ „Wohlan! Das eben vermiſſe ich.“ „Ich gehe aber mit Dir.“ „Ja, aber nur auf zwei Monate.“ „Bah! Du wirſt bald genug haben.“ „Ah!“ „Es würde nur noch fehlen, daß ich Dir auf allen Tritten folgte; da würde ich Dich entſetzlich langweilen. Hör' einmal, liebe Marie! Du weißt, ich bin recht luſtig; wohlan! glaub' mir es, durch die Luſtigkeit hindurch ſieht man die Welt am Beſten, man iſt mehr mitleiderfüllt für ihre Mängel und minder betrübt über ihre Undankbarkeit. Es muß eben Alles den vorgezeichneten Weg gehen. Wir werden zwei volle Monate haben, um einander recht zu lieben, wie rechte Närrinnen im Walde umherzu⸗ laufen, ohne Etwas zu vermiſſen, ohne Etwas zu fürchten. Nach Verfluß dieſer zwei Monate trennen wir uns dann; Du, Du gehſt nach Paris, ich aber komme hieher zurück. Du wirſt mir eine Zeitlang Deine neuen Freuden und Deine neuen Triumphe ſchreiben; dann wirſt Du nicht mehr ſo viel Zeit haben, um mir zu ſchreiben; ich aber werde Dir im⸗ mer ſchreiben, weil ich mich jeden Tag, ſo Gott gibt, wenigſtens zwölf Stunden langweilen werde; gleich⸗ wohl aber werde ich glücklich und zufrieden ſein, in⸗ dem ich Dich glücklich weiß.— Wenn wir nun aber unſere Koffer packten?“ „So ſei es denn!“ Die beiden Mädchen ſchritten durch den Garten 22 —— hin und gingen in ihre Zimmer hinauf, welche neben einander waren. „Nehmen wir das Inventar auf!“ ſprach Marie. „Ich verlange, daß man freiwillig ſämmtliche Bücher vergeſſe, die von Geſchichte und Geographie handeln,“ meinte Clementine. „Ich ſtimme bei.“ „Ferner verlange ich, daß man alle Lehrbücher der engliſchen und deutſchen Sprache, ſowie der Arith⸗ metik vergeſſe.“ „Ich ſtimme abermals bei.“ „Nun,“ fuhr Clementine fort,„will ich die Thüre zwiſchen unſern Zimmern öffnen, damit wir, wäh⸗ rend wir unſere Koffer packen, zugleich plaudern können.“ Mariens Zimmer war eines der reizendſten und jungfräulichſten, die man ſehen konnte; es befand ſich in der Ecke des Hauſes, und öffnete dem Son⸗ nenlichte jeden Tag drei, durch weiße Vorhänge ver⸗ ſchleierte Fenſter; die Wände waren mit einer grauen Tapete voll kleiner, blauer Blumen bedeckt, was ganz naiv ausſah und an den Frühling erinnerte. In dieſem Zimmer gab es für Alles Platz, und es hatte das Mädchen Wege und Mittel gefunden, ein Piano⸗ forte, eine Commode, eine Malerſtaffelei und endlich einen Tiſch dort aufzuſtellen. Allerdings war der leer gebliebene Raum nicht gar groß, und zwar um ſo weniger, als noch zwei Stühle da waren, von denen man nie wußte, wo man ſie hinſtellen ſollte, und die, da ſie keinen beſtimmten Platz hatten, alle Plätze einnahmen; zum Glücke ſtand das Bett in einem geſchloſſenen Alkoven, ſonſt wäre es rein un⸗ e neben Marie, intliche graphie rbücher Arith⸗ Thüre „wäh⸗ audern en und befand n Son⸗ ge ver⸗ grauen 4s ganz e. In 3 hatte Piano⸗ endlich ar der ar um 1, von ſollte, n, alle zett in in un⸗ 23 möglich geweſen, unter dieſen Möbeln umherzugehen, und gleichwohl athmete Alles jenen lieblichen Duft, den ein Frauenzimmer von dieſem Alter um ſich her verbreitet: das offene Piano ſchien noch von der Harmonie des Tags zu beben; ein Gemälde, das im Entwurf fertig war, lächelte auf der Staffelei; Muſikalien, ein Spiegel, ein Crucifix und Blumen vollendeten das Bild dieſes Zimmers, des verſchwie⸗ genen und geheimnißvollen Aſyls der Gedanken und Träume des ſchönen Kindes. Dieſe Blumengerüche einathmend, vor dieſem Chriſtus betend, in dieſem Spiegel ſich anſchauend, überließ ſie ſich ihren Hoff⸗ nungen, ihren Träumereien, ihren kleinen weiblichen Eitelkeiten. Wer in dieſem jungen Herzen zu leſen vermocht hätte, hätte da ein überaus köſtliches Buch gehabt. Marie rückte einen Stuhl zu der Commode hin, ſetzte ſich, öffnete die Schubladen, eine nach der an⸗ dern, und legte auf den Tiſch, was ſie mitnehmen wollte. Es iſt ein reizender Anblick um die Com⸗ mode eines Mädchens: Alles iſt darin mit einer ge⸗ wiſſen einfachen Koketterie geordnet und zurechtge⸗ legt. Es ſind noch nicht die reichen Spitzenſtickereien, noch die prächtigen Kaſchemirſhawls, welche einſt der Frau zu Gebot ſtehen werden, wohl aber kleine von dem Penſionat autoriſirte mouſſelinene Kleider, über⸗ aus ſorgfältig gemachte ſeidene Schürzen, wunder⸗ ſchöne kleine Hauben mit ihren einfachen blauen, oder roſenrothen Bändern, die man Abends vor dem Spiegel aufſetzt, zu der Stunde, wo man für die Wände keine Geheimniſſe mehr hat,— für die Wände, die nicht alle Augen haben, was auch Ra⸗ 24 line dgegen ſagen mag. Wer kann die Gedanken wiſſen, welche um dieſe Stunde in dem weiblichen Herzen aufſteigen? Wer weiß, wie geſchwind die Flügel jenen Vögelein der Einſamkeit wachſen, die man Träume nennt, und die, von der Hoffnung aus⸗ gebrütet, in der Seele plötzlich ausſchlüpfen? Wer weiß zum Beiſpiel, woran Marie dachte, wenn ſie, in ihr Zimmer zurückgekommen, ſich an das Fenſter legte, dem Getöſe der Stadt horchte, wie es allmählig verſtummte, und inmitten des Schweigens nur noch den Schein der Nachtlampen in den Schlafſälen ſah? — Was uns betrifft, ſo halten wir uns überzeugt, daß die balſamiſchen Frühlingsabende nicht ſowohl den Wohlgerüchen, welche der Wind dem Felde ent⸗ führt, als den unbeſtimmten Gedanken der Mädchen, welche dort luſtwandeln, ihren Urſprung verdanken, — jenen Gedanken, welche die Mädchen dem Winde überlaſſen, der ihre Stirne küßt.— Dieſes Zimmer nun, das ſeit zwei Jahren Zeuge ihrer keuſcheſten Hoffnungen geweſen, ſollte Marie verlaſſen. Nach Verfluß von einigen Augenblicken erſchien Clementine wieder bei ihrer Freundin. „Ich bin fertig,“ ſprach das Mädchen;„ich komme nun, Dir zu helfen.“ „Beeilen wir uns ein bischen!“ antwortete Marie, durch die Gegenwart ihrer luſtigen Geſpielin der Wirklichkeit wieder geſchenkt. „Zuerſt die Wäſche, dann die Kleider. Ich ver⸗ ſtehe mich meiſterlich darauf, wie ein Koffer ſchnell zu packen iſt, hauptſächlich, wenn es gilt, von hier fortzukommen; wenn es gilt, hierher zurückzukommen, vertre ſich e ganze Ding gern wir ausſe hervo Es m. daß wenn wenn darun U lin a⸗ Luſtig brach ſind: der 2 mond danken blichen nd die n, die g aus⸗ 2 Wer nn ſie, Fenſter nählig r noch n ſah? rzeugt, ſowohl de ent⸗ idchen, anken, Winde immer cheſten rſchien komme vortete pielin ) ver⸗ ſchnell hier nmen, 2⁵ da iſt es freilich anders, dann weiß ich nicht, wo ich anfangen ſoll.“ „Was den Hut betrifft,“ fuhr ſie fort,„ſo ver⸗ lange ich, daß er bis zum Augenblicke der Abreiſe ſtets ſichtbar bleibe, um die düſtern Gedanken zu vertreiben, die uns etwa kommen könnten. Kann man ſich einen ſolchen Hut auch nur denken? man könnte ganze Familien hineinbringen; ſieh mir doch das Ding an; ei!l wenn wir Sonntags mit ſolchen Din⸗ gern auf dem Kopfe in die Meſſe gehen, ſo müſſen wir etwa wie eine Pflanzung von Erdſchwämmen ausſehen. Was für eine Wirkung werden wir nicht hervorbringen, wenn wir zu Deiner Mutter kommen! Es müſſen wohl ſchon ſechs bis ſieben Jahre ſein, daß man Hüte von ſolcher Form nicht mehr trägt, wenn dieſe Form überhaupt einmal exiſtirt hat; und wenn man bedenkt, daß ich noch ein ganzes Jahr darunter zubringen muß. Ach, Du arme Marie!“ Und das ſchöne Kind ſetzte den Hut der Geſpie⸗ lin auf, die nicht umhin konnte, dieſe zwitſchernde Luſtigkeit zu theilen, beſchaute ſich im Spiegel und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Gehen wir nun zu den Büchern über!“ „Willſt Du alle mitnehmen?“ „Alle, ich will ſie behalten.“ „Zum Studiren?“ „Ach nein, als Andenken.“ „ Packen wir alſo die Bücher zuſammen; hier ſind: Exercices sur la langue française, Lehrbuch der Arithmetik und Grammaire française de Lho- mond. Das ſind drei Bücher, die ich Dir ganz 26 beſonders empfehle: angenehmer Styl und mächtiges Intereſſe.“ „Gib nur her!“ „Aber ich glaubte, es ſei ausgemacht worden, daß man dieſe Unglücklichen der Einſamkeit über⸗ laſſen wolle, die ihnen von nun an ſo wohl an⸗ ſteht.“ „Ich verzeihe ihnen,“ ſprach Marie,„werde ſie aber nie aufmachen.“ Es war ein reizendes Schauſpiel, dieſe Mädchen zu ſehen, wie ſie ſo bloß von dem Scheine einer Lampe beleuchtet waren, die ihr blaſſes und ſanftes Licht über ihr Geſicht ausgoß, indem ſie einen Theil der Züge in einer Halbtinte ließ, welche der Pinſel allein wiederzugeben vermochte. „Wir gehen nun vom Ernſten zum Sanften über,“ fuhr Marie fort;„da iſt die Geſchichte der berühmten Seemänner, und hier ſind die Fabeln von Lafontaine.“ „Und vom Luſtigen zum Strengwiſſ enſchaftlichen,“ machte Clementine fort;„hier Robinſon Cruſoe und die Geographie von Frankreich.“ „Verſtecken wir recht geſchwind dieſen da!“ ſagte Marie.. „Wie heißt der Schuldige?“ „Telemach.“ „Er muß verbrannt werden.“ „Ganz und gar nicht.“ „Liebe Marie, laß mich ihn doch verbrennen; ich bitte Dich darum.“ „Und warum denn?“ „Weil er mein perſönlicher Feind iſt.“ 7 „ Du i alle, Aufle der 4 7 7 ment Lamn wohl ¹ verbr ſchul er ni 7 1 7 Mar und wie men mein bewe mein ächtiges vworden, t über⸗ ohl an⸗ erde ſie Nädchen e einer ſanftes en Theil Pinſel Sanften chichte ſind die Klichen,“ Cruſoe ¹“ ſagte nen; ich 27 „Und warum haſſeſt Du ihn?“ „Ich kann ihn auswendig.“ „Nun erkläre ich mir Deinen Haß; da haſt Du ihn.“ „Das iſt nun ſeit einem Vierteljahre der zwölfte; alle, die ich finde, müſſen ſterben!“ „Aber, Du Unglückliche, Du wirſt eine neue Auflage nothwendig machen!“ Nichts deſto weniger brachte Clementine das Buch der Lampe nahe. „Halt ein!“ rief Marie lächelnd. „Legt etwa der Verurtheilte Appellation ein?“ „Ach nein, aber der Verurtheilte iſt in Perga⸗ ment gebunden, und verbrennſt Du ihn an der Lampe, ſo iſt es hier nicht länger auszuhalten.“ „Der Leib eines todten Feindes riecht immer wohl.“ Und der unglückſelige Band wurde unbarmherzig verbrannt. „Nehmen wir nun andere vor! Den Haupt⸗ ſchuldigen haben wir beſtraft; vielleicht aber hatte er noch Mitſchuldige.“ „Suchen wir: Paul und Virginie.“ „Freigeſprochen!“ „Die Mährchen von Perrault,“ ſprach Marie, eines jener alten Bücher mit kleiner Schrift, und in Kalbleder gebunden, aufſchlagend.„Ich hatte, wie ich ſehe, wohl Recht, alle meine Bücher mitneh⸗ men zu wollen, um für eine vielleicht traurigere Zeit meine Erinnerungen aus einer beſſeren Zeit aufzu⸗ bewahren. Da iſt eines, vermittelſt deſſen ich in meine Vergangenheit zurückgehe. Dieſes Buch iſt 28 für mich meine ganze Kindheit,— iſt für mich meine alte Großmutter, die mir es gab, als ich kaum fünf Jahre alt war. Allabendlich gingen wir, wenn das Eſſen vorüber war, in den Salon; ſie ſetzte ſich in ihren großen Lehnſeſſel, während ich zu ihren Füßen Platz nahm. Das Alter und die Kindheit lieben es, ſich gegenſeitig zu ſuchen, ihre Erinnerungen und Hoffnungen mit einander zu vermiſchen; da ſtützte ich denn den Kopf auf ihre Knie, ſie aber erzählte mir den Hans Däumling, oder den Blaubart, die arme Frau! Ohne Zweifel hatte ſie, gleich allen, ihre Illuſionen und Schmerzen gehabt; und nun hatte ſie, die Vergeſſenheit auf ihr vergangenes Leben, wie ein Leichentuch über einen Leichnam, werfend, ſonſt keine Freude mehr, als mir, dem Kinde, Feen⸗ mährchen zu erzählen. War dann die Erzählung zu Ende, ſo gab ſie mir einen Kuß; das Kammermäd⸗ chen brachte mich zu Bette, und ſo fing jeder Tag, den Gott gab, wieder an. Als ich leſen konnte, ſchenkte mir meine Großmutter dieſes Buch, und es iſt mir nicht bewußt, daß ich je eine größere Freude gehabt, als jene. Jeden Abend ſetzte ich mich neben ſie; ich las und war ſtolz, denn bald erzählte auch ich ihr, was ich geleſen hatte. Als ich das Buch auswendig wußte, colorirte ich die Kupferſtiche; da dieß aber bei Licht geſchah, ſo nahm ich, wie Du ſiehſt, nicht immer die rechte Farbe, und es iſt zum Beiſpiel der blaue Vogel zu einem grünen geworden; es waren köſtliche Abende mit jener Glückseinförmig⸗ keit, die man nur in den erſten Jahren ſeines Lebens kennt. Und dann ward eines Tags das Haus ſchwarz ausgeſchlagen,— der erſte Kummer meines Lebens, 7 und Alles Penſ als d die mich C es ir rung Thré I ſchen ſtand verg daß gleie die 1 Perf gege und meine n fünf n das ich in Füßen en es, n und ſtützte rzählte bart, allen, dnun Leben, erfend, Feen⸗ ing zu ermäd⸗ Tag, konnte, ind es Freude neben e auch Buch he; da ſie Du ſt zum orden; örmig⸗ Lebens chwarz kebens, 29 den ich anfänglich nicht verſtand; denn meine gute Großmutter war, nachdem ſie mich, wie gewöhnlich, geküßt, in ihrem Lehnſeſſel eingeſchlafen, ohne wieder aufzuwachen, und ſo ganz ſanft, und ohne allen Kampf, vom Leben zum Tode, von der Erde in den Himmel gekommen, als eine gerechte Seele, die ſie war,— als eine Seele, die hinter ſich Nichts zu be⸗ dauern, vor ſich aber Nichts zu fürchten brauchte. „Der große Lehnſeſſel blieb leer; ich weinte viel, und dann ward Alles vergeſſen, denn man vergißt Alles. Ich wurde groß, man brachte mich in ein Penſionat, und ich bewahrte ſorgfältigſt dieſes Buch als das Echo einer Liebe auf, die ich verloren, und die gleichwohl, ſo hoffe ich wenigſtens, noch über mich wacht.“ Das ſchöne Kind küßte fromm das Buch, welches es in den Händen hielt, und blieb in ihre Erinne⸗ rungen verſunken. Clementine aber hatte ihr mit Thränen in den Augen zugehört. „Du weinſt, Marie,“ ſagte ſie zu ihr. Und mit ihrer weißen Hand wiſchte ſie die zwi⸗ ſchen den goldenen Wimpern ihrer Freundin ent⸗ ſtandenen Thränen ab. „Es ſind das gute Thränen, und man kann ſolche vergießen, ohne daß die Augen müde werden, ohne daß das Herz vertrocknet; es ſind ſolche Thränen gleichſam ein Gebet, aber auch Du weinſt ja!“ „Ja, Du haſt mit Deinen Erinnerungen auch die meinigen geweckt, und wenn Du eine der lieben Perſonen Deiner Kindheit verloren, ſo habe ich da⸗ gegen die zwei Stützen meines Lebens nicht mehr; und Du biſt immer noch glücklicher, als ich, da Du 1 6 30 Deine Eltern haſt, die für mich nicht mehr vorhan⸗ den ſind. Den Tagen, an denen Du mich ſo luſtig ſiehſt, ſind bisweilen Tage großer Betrübniß,— ſind bisweilen Tage großer Traurigkeit vorhergegangen. Wenn ich Dich Abends verlaſſe und ſo ganz allein in meinem Kämmerlein bin,— wenn ich, um ver⸗ geſſen zu können, Deine ſchönen Augen und Deine ſanfte Stimme nicht mehr habe, ſo denke ich an die Vergangenheit, denn in den Stunden der Einſamkeit und der Ruhe ſtehen die unſerem Herzen theuren Schatten vor uns auf; auch weine ich dann vor je⸗ nem unauslöſchlichen Bilde der Eltern, von dem Gott will, daß die Kinder es in ihrem Herzen wie in ei⸗ nem Heiligthume bewahren, auf daß es ſie über das Böſe tröſte, das ihnen wiederfährt, und ſie in dem Guten ſtärke, das ſie thun. Halt' alſo dieſe Thrä⸗ nen, die von Zeit zu Zeit der Seele entſtürzen, vor mir nicht zurück; erſchließ' mir Dein ganzes Herz, auf daß ich Dir in Deiner Freude zulächle, in Dei⸗ ner Betrübniß Dich tröſte und Dich immerfort liebe.“ Clementine neigte ſich über Mariens Stirn und küßte dieſe. Sofort erfaßte ſie ihre Hände und ſah ihr mit einem Lächeln voll ruhiger Heiterkeit ins Geſicht. „Ach!“ fuhr Clementine fort,„iſt es nicht när⸗ riſch von uns, daß wir, die wir ſo eben noch ſo luſtig waren, uns in ſolcher Weiſe betrüben?“ Dieſes ſagend, lachte ſie durch ihre Thränen hin⸗ durch, und es hatte dieſes Lachen Etwas von dem Sonnenſtrahl, der durch den Regen dringt. „Packen wir Alles?“ „Nein, wir haben morgen wohl noch Zeit.“ dem zurü ſtets orhan⸗ luſtig — ſind angen. allein n ver⸗ Deine an die amkeit beuren vor je⸗ Gott in ei⸗ r das n dem Thrä⸗ 1, vor Herz, Dei⸗ iebe.“ nund d ſah t ins när⸗ och ſo hin⸗ dem 31 „Gut, ſo legen wir uns ſchlafen; ich will zu träumen verſuchen, daß ich nicht mehr in die Anſtalt zurückkomme.“ „Was mich betrifft, ſo will ich zu träumen ver⸗ ſachen, daß ich zurückkomme: jeder Traum iſt ja eine üge.“ „Nun iſt ja die alte Luſtigkeit wieder da!“ „Es iſt dieß wohl nothwendig.“ „Morgen früh ſehen wir uns alſo wieder.“ „Ja.“ Die beiden Mädchen verließen einander, nach⸗ dem ſie ſich geküßt. Clementine ging in ihr Zimmer zurück und ließ ihre Thüre halb offen; Marie, die ſtets etwas nachdenkſam war, entkleidete ſich. Da ent⸗ blößte ſie denn den weißeſten, beſtgeformten und mit dem übrigen Körper zierlichſt verknüpften Hals, den man ſehen konnte, runde Schultern, einen weißen, frühreifen Buſen, feine fleiſchige Arme, ein weißes, biegſames, gewölbtes Füßchen; ſodann öffnete ſie die Thüre des Alkovens, in dem ſie zum letzten Male ſchlafen ſollte, nahm ihre Lampe und ein Buch, und ſtellte dieſe beiden Gegenſtände auf einen Tiſch, zog aus einer Schublade ein weißes und roſafarbenes Häubchen heraus, das ſie dort abſichtlich gelaſſen hatte, ſetzte ſich daſſelbe kokett auf, nachdem ſie die goldenen Fäden ihrer Haare ſolid befeſtigt, und ſchlüpfte in ihr Bett hinein, nachdem ſie an das Medaillon ihrer Mutter, das ihre Nacht ſchützte, mit Herz und Blick ein letztes Gebet gerichtet hatte. 8 hörte ſie die Stingne Clementinens, die ihr zurief: „Biſt Du im Bette?“ „Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Marie verſuchte es zu leſen, aber ihre Augen wandten ſich unwillkürlich von dem Buche ab, das auf dem Betttuche halb offen lag, und es folgte ihr Geiſt ihren umherſchweifenden Gedanken. So blieb ſie einige Zeit inmitten der tiefen Stille, welche ihre ſanften und wohlriechenden Athemzüge allein caden⸗ zirten, ihr Zimmerchen betrachtend, wo ſie nun nicht mehr ſchlafen und von morgen an nicht mehr auf⸗ wachen ſollte. Dann ſchloſſen ſich allmählig ihre Augen; das ſchöne Kind ſtreckte nachläſſig die Hand nach der Lampe hin aus, deren Knopf ſie langſam umdrehte; das Licht erloſch, und kaum zehn Minuten ſpäter ſchlief Marie jenen transparenten Schlaf, den Gott den Vögeln und den Mädchen ſchenkt. Zweites Kapitel. Schon früh wachte Marie auf und öffnete der reinen Morgenluft ihr Fenſter zur Hälfte. Die Bäume, welche ſie umgaben, waren der herrlichſten Concerte voll, wie wenn die Vögelchen, dieſe Freunde ihrer Kindheit und dieſe Gefährten ihrer gehobenen und ernſteren Stimmung, ihr, indem ſie ſie ſcheiden ſahen, hätten ein letztes Lebewohl ſagen wollen. Der Himmel war blau, und in der Ferne ſah man auf dem Felde die rothen Schnitterinnen, rieſigen, inmit⸗ ten des Korns aufgegangenen Blumen ähnlich; es war ein l diſche triun die tägli chen um d ten 2 J ſo re den Herb und dieſe natür einföt etwas Schm Seit wohn Um ſ öffnet oder, Mon für C eilf L zu fri ten ſi den u wiede Freun ſiciren Du Augen , das gte ihr blieb e ihre caden⸗ nicht r auf⸗ ihre Hand ngſam nuten f, den ee der Die chſten eunde benen heiden Der n auf nmit⸗ war 33 ein herrliches, prächtiges Erwachen, wie unſere nor⸗ diſche Natur es ſo ſelten hat. Im Hofe krähete der triumphirende Hahn, indem er ernſt einherſtolzirte; die weißen und geſprenkelten Tauben fingen ihre täglichen Wanderungen wieder an, und Turteltäub⸗ cen kamen auf den Fenſterſims der Penſionärin her, um die von dieſer befreundeten Hand dort hingeleg⸗ ten Brodkrümchen aufzupicken. Man begreiſt leicht, wie das im Schooße einer ſo reichen Natur aufgewachſene Kind, das jedes Jahr den Frühling von deſſen erſtem Athem an, und den Herbſt bis zu deſſen letztem Lächeln genoß, keuſch und träumeriſch groß werden mußte, indem es alle dieſe herrlichen Düfte, die es umgaben, und alle dieſe natürlichen Poeſien in ſich aufnahm. Dieſes zwar einförmige, aber ſüße Leben verließ ſie daher auch etwas ungern. Bis zu dieſer Stunde hatte kein Schmerz, hatte kein Kummer ihre Seele berührt. Seit den zwei Jahren, daß ſie dieſes Zimmer be⸗ wohnt, hatte ſich in ihrem Leben Nichts verändert. Um ſieben Uhr Morgens ſtand ſie in der Regel auf, öffnete während der ſchönen Monate des Jahres, oder, richtiger geſprochen, an den ſchönen Tagen des Monats, ihr Fenſter, nahm ein Buch, wo ſie ſtets für Geiſt und Herz einige Nahrung fand, ging um eilf Uhr zu Madame Düvernay hinab, um mit ihr zu frühſtücken, ging mit Clementinen dann im Gar⸗ ten ſpazieren, oder nahm zuweilen auch an den Freu⸗ den und der Erholung der Kleinen Theil, ſtieg dann wieder in ihr Zimmer hinauf, um dort neben ihrer Freundin zu leſen, zu ſticken, zu malen, oder zu mu⸗ ſiciren; ſo ging es fort bis zur Stunde, wo die Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 3 34 Hauptmahlzeit eingenommen wurde. War dieſe dann vorüber und hatte man einen ſchönen Abend, ſo fing man wieder an, ſpazieren zu gehen, worauf man plauderte, dann betete, und endlich ſich ſchlafen legte. Es war gleichſam ein Reflex vom Leben der Engel. Dabei müͤſſen wir jedoch bemerken, daß Marie nicht zu jenen glühenden Naturen gehörte, die ſtets nach einem unbekannten Glücke dürſten, und deren Herz Leidenſchaften und Excentricitäten braucht, um leben zu können. Ihren Wünſchen genügten die häufigen Briefe ihrer Mutter, die angeborne Luſtigkeit ihrer Geſpielin, Gottes ſchöne Natur, und hierin glich ſie vollkommen jenen beſcheidenen Blumen, die nach dem Schatten nur ein bischen Sonnenſchein und nach dem Sonnenſchein nur einen Tropfen Regen ver⸗ langen. Der Winter wäre für ſie gar düſter und ein⸗ förmig geweſen ohne die unſchuldigen Zerſtreuungen, woran die Inſtitutsvorſteherin ſie Theil nehmen ließ. Abends verſammelte man ſich im Salon des Erdge⸗ ſchoßes, und muſicirte ein wenig. Dann und wann wurde die Luft des Penſionats durch etliche Papas und Mama's erneuert, die man unter andern Um⸗ ſtänden recht langweilig und widerwärtig gefunden hätte. Dieſe Papa's und Mama's gaben ſelbſt einige Abendgeſellſchaften, ja zuweilen etliche Bälle, wo Madame Düvernay auch erſchien, ſtets begleitet von ihren zwei großen Schülerinnen, für welche dieſe ein⸗ fachen Feſtlichkeiten immer große Ereigniſſe waren⸗ In der That, ſo wenig ceremoniös auch dieſe Abend⸗ geſellſchaften waren, ſo gab es doch zu Anfang des Jahres, bei der Rückkehr aus der Vacanz, immet um jung ſelbe dieſe das vorh Sub Leut Läch dinn war ſtrich imm unge Tag 6 ſchon ihre Erw Kind fuhr Was Luſti erſcht ihren ihnen Früh rin l wäre C zimm den ſe dann ſo fing uf man legte. Engel. ie nicht ts nach i Herz n leben äufigen t ihrer glich ſie uch dem d nach en ver⸗ nd ein⸗ nungen, en ließ. Erdge⸗ d wann Papas en Um⸗ efunden t einige le, wo ttet von eſe ein⸗ waren. Abend⸗ ung des immer 3⁵ um ihretwillen gewiſſe Dinge zu kaufen, und die junge Koketterie der beiden Freundinnen konnte die⸗ ſelben nie bald genug zeigen. Ein großer Vorzug dieſer Abendgeſellſchaften war der Umſtand, daß für das Herz der beiden Mädchen lediglich keine Gefahr vorhanden war. Die ernſte Geſtalt eines königlichen Subſtituts oder eines Präfecten, Tanten, einige junge Leute, welche durch ihr prätentiöſes Weſen und ihre Lächerlichkeiten glänzten, und von den beiden Freun⸗ dinnen beharrlich ausgelacht wurden,— ſolcher Art war die Geſellſchaft, die ſie überall trafen. Es ver⸗ ſtrich alſo der Winter ſo übel eben nicht, und es war immer bald wieder der Sommer da. Dieß war die ungetrübte Exiſtenz, welche Marie bis auf dieſen Tag gehabt hatte. Wie wir bereits geſagt, ſo war das Mädchen ſchon früh aufgeſtanden; das ungeduldige Verlangen, ihre Mutter wieder zu ſehen, hatte zu dieſem frühen Erwachen nicht wenig beigetragen. Das fromme Kind erwartete alſo die verabredete Stunde, und fuhr einſtweilen fort, die Koffer vollends zu packen. Was Clementine betrifft, ſo hatte ſie die gewohnte Luſtigkeit bewahrt, als ſie halb angekleidet vor Marien erſchien. Es waren die beiden Freundinnen mit allen ihren Vorbereitungen eben fertig geworden, als man ihnen meldete, daß Madame Düvernay ſie beim Frühſtück erwarte. Die vorſichtige Inſtitutsvorſtehe⸗ rin hatte die Stunde dieſes Mahls vorgerückt, ſonſt wäre dieſelbe gewiß auch die der Abreiſe geweſen. Ddie beiden Mädchen gingen alſo in das Speiſe⸗ zimmer hinunter, wo ſie Madame Düvernay und den alten Pfarrer trafen, welcher den Penſionärinnen 36 Religionsunterricht zu geben hatte. Der Greis er⸗ faßte die Hand Mariens, die er ſtets beſonders lieb gehabt, und drückte auf ihre Stirn den heiligen Kuß, womit Gott vergibt, und der eine Abſolution ge⸗ weſen wäre, wenn die Seele des ſchönen Kindes eine ſolche bedurft hätte. Ebenſo küßte er auch Clemen⸗ tine, und dann ſetzte man ſich zu Tiſche. Es iſt doch ſeltſam, wie die Gegenwart des Ge⸗ ſalbten des Herrn, der Einen hat groß werden ſehen, dem man ſeine erſten kleinen Sünden vertraut, und der Einem mit ſeiner ruhigen und feierlichen Stimme ſtets vergeben hat, das Herz erfreut. Man liebt es, den greiſen Mann zu ſehen, deſſen Leben an den menſchlichen Leidenſchaften vorbeigeſtreift iſt, ohne auch nur eine Spur davon, ja ohne auch nur eine Erinnerung daran zu bewahren, und der im Gegen⸗ theil durch dieſe bloße Berührung Solche, die, von der Laſt dieſer Leidenſchaften darniedergedrückt, vor⸗ übergingen, geheiligt und freigeſprochen hat. In ihren früheſten Erinnerungen fand Marie dieſes edle, ehrwürdige, liebliche Haupt wieder, und immer ſah ſie daran dieſe ſchönen weißen Haare, welche ihm Gott früh gegeben zu haben ſchien, um die Ehrfurcht derer, welche ihn vorübergehen ſahen, noch zu er⸗ höhen, und die Vergebung, die ſein Mund ausſprach, noch feierlicher zu machen; er war es, der Marie zur erſten Communion vorbereitet hatte, und es war dieſer Tag ſowohl für den Greis, als für das Kind ein ſchöner geweſen. Man konnte unmöglich keuſcher, ſittſamer ſein, als ſie; ein Engel hätte dieſe erſte Beichte über eine kurze und durchſichtige Vergangen⸗ heit hören können; und dann hatte man das Sakra⸗ ment haft Mäd Herr ſauft durch tigen ſteln, Seele der L Alle, warer ſänge dem Prieſt der B der T und c eben T nerun Prieſt guten hingen denen weil e mählig ſpäter in Tri Marie klar ge daß er reis er⸗ ers lieb en Kuß, ion ge⸗ es eine Clemen⸗ des Ge⸗ m ſehen, it, und Stimme jebt es, an den ,ohne ur eine Gegen⸗ ie, von t, vor⸗ t. In 's edle, ner ſah he ihm rfurcht zu er⸗ ſſprach, Marie es war s Kind euſcher, e erſte angen⸗ Sakra⸗ 37 ment empfangen. Unter den gewaltigen und ſchmerz⸗ haft klingenden Tönen der Orgel hatten ſich die Mädchen in ihren weißen Kleidern dem Tiſche des Herrn genaht, mit frommer Extaſe im Herzen und ſanften Thränen in den Augen. Der alte Prieſter, durch die Kirchenſcheiben hindurch von einem mäch⸗ tigen Sonnenſtrahl beleuchtet, der ihm, wie den Apo⸗ ſteln, einen Heiligenſchein verlieh, hatte dieſen jungen Seelen das Brod der Hoffnung, des Glaubens und der Liebe gereicht, woran Jeder Theil hat, und das Alle, wie der Dichter ſpricht, ganz haben! Sodann waren, nach beendigter Meſſe, die Kinder unter Ge⸗ ſängen aus der Kirche weggegangen, geleitet von dem Lächeln der Umſtehenden und dem Segen des Prieſters, und hatten draußen die Sonne inmitten der Blumen ſtrahlend gefunden, gleichſam als Folge der Vergebung, die ihnen eben zu Theil geworden, und als Anfang des ewigen Lebens, das man ihnen eben verheißen. Dieſe für jedes edle Herz unauslöſchliche Erin⸗ nerung fand Marie alſo in der Gegenwart des alten Prieſters wieder; ſie liebte ihn, weil er ſie zu einem guten Weſen herangebildet, weil er ſie auf die Dinge hingewieſen, die man lieben muß, ohne ihr je von denen zu ſprechen, die verabſcheut werden müſſen; weil er in ihrem Herzen und in ihrem Geiſte all⸗ mählig den Samen der Religion ausgeſtreut, der ſpäter keimt, wenn die Hoffnungen des Kindes ſich in Tröſtungen für das Weib umkehren. Als daher Marie den Greis bei Tiſche ſah, war ihr alsbald klar geworden, daß er um ihretwillen gekommen, und daß er, um ihre Abreiſe wiſſend, ſie nicht habe weg⸗ 38 gehen laſſen wollen, ohne ihr die letzten guten Rath⸗ ſchläge ſeines Herzens zu geben. Sie dankte ihm da⸗ her von ganzer Seele, und warf auf ihn von Zeit zu Zeit ihren Engelsblick, den er mit einem Lächeln und einer Kopfbeugung beantwortete, welche zu ſagen ſchien: Du haſt es errathen; um Deinetwillen bin ich hierher gekommen. In der That, kaum war das Mahl vorüber, ſo nahm der Pfarrer Marie bei der Hand, und ließ ſie, ſie in den Salon führend, neben ſich Platz nehmen. „Mein Kind,“ hob er mit ſanfter Stimme an, „Sie ſind nun im Begriffe, dieſes Haus gegen das ihrer Eltern, ihr bisheriges Leben gegen ein neues zu vertauſchen; ſie ſind nun im Begriffe, auf der Schwelle jenes andern Hauſes auch andere Gewohn⸗ heiten anzunehmen, andere Pflichten zu übernehmen; Sie treten in eine Welt, für die Sie ſtark genug ſind; doch aber erinnern Sie ſich ſtets der frommen Freuden Ihrer Kindheit; es werden dieſe die Wäch⸗ terinnen Ihres Glückes ſein. Sprechen Sie mit Gott, ohne der Vergebung zu bedürfen; häufen Sie zu den Füßen ſeiner Gnade der Gebete ſo viele an, daß er in den Tagen Ihres Unglücks ſich Ihrer er⸗ innert, und daß Ihr Herz in der Verzweiflung und im Zweifel nicht bricht; ehren und fürchten Sie ihn gleich Ihren Eltern, und lieben Sie Ihre Eltern, wie Sie ihn lieben; ſie ſind bei Ihnen auf Erden die Dolmetſcher des Herrn, und Sie werden dieß noch beſſer begreifen, wenn Sie ſelbſt einmal Gattin und Mutter ſind. Vergeſſen Sie nicht, daß das Unglück oft nur eine Prüfung iſt, und daß Golt hinter jeder Prüfung eine Belohnung bereit hält 5 5 Verg ſam eine ſich der die beru⸗ ſere dene nähe einm prüfe hierk gen noch tröſt imm dieſe Lebe dern Lebe daſſe auf Klipe Ihre mus mein 3 Mäd aufs ab, Seg Rath⸗ m da⸗ n Zeit ächeln ſagen in bin r das ei der neben ne an, n das neues uf der wohn⸗ hmen; genug dmmen Wäch⸗ ie mit en Sie ele an, rer er⸗ ug und bie ihn Eltern, Erden n dieß Gattin 1ß das 3 Gott t hält, 39 Vergeſſen Sie nicht, daß Sie Ihren Eltern Gehor⸗ ſam ſchulden, ſowie daß jedem mütterlichen Willen eine Liebe zu Grunde liegt. Endlich erinnern Sie ſich auch inmitten der Freuden Ihrer Familie, mit der Sie ſich nun wieder vereinigen, ein wenig derer, die Sie hier laſſen; denken Sie inmitten der Bezau⸗ berungen und Genüſſe einer unbekannten Welt an un⸗ ſere ſchlichten Abendunterhaltungen, an unſere beſchei⸗ dene Kirche, wo der Herr Sie zum erſten Mal ſeines näheren Umgangs gewürdigt hat; und haben Sie je einmal Anfechtungen, und will Gott Sie durch Leiden prüfen und reif machen, ſo kommen Sie doch ja wieder hierher, denn Nichts tröſtet ſo ſehr, wie die Erinnerun⸗ gen der Kindheit und der Frömmigkeit. Bin ich dann noch nicht todt, ſo will ich Sie durch meinen Mund tröſten; lebe ich aber nicht mehr, ſo wird doch Gott immer noch da ſein. Und nun gehen Sie, mein Kind; dieſe wenigen Worte wollte ich Ihnen bei meinem Lebewohl ſagen. Ich bin hier kein Prieſter mehr, ſon⸗ dern nur noch ein Freund, der im Begriffe iſt, das Leben zu verlaſſen in dem Augenblick, wo Sie in daſſelbe treten, und der, einen ruhigen, ſicheren Blick auf das vergangene Leben werfend, Sie vor den Klippen bewahren kann, welche man nicht ſieht in Ihrem Alter, wo die Vernunft durch den Enthuſias⸗ mus getäuſcht wird. Und nun leben Sie wohl, mein Kind!“ Und der Greis nahm den blonden Kopf des Mädchens zwiſchen beide Hände und küßte denſelben aufs Neue. Marie wiſchte eine verſtohlene Thräne ab, und dann trat ſie, nachdem ſie den prieſterlichen Segen erhalten, wieder in das Speiſezimmer, wo ſie 40 Clementine wieder ſah. Der Prieſter aber nahm ſeinen Hut und ſeinen Stock, und ſagte, nachdem er den beiden Freundinnen noch Verſchiedenes anem⸗ pfohlen: „Und nun, meine Kinder, müſſen wir ſcheiden; lebet wohl, lebet wohl!“ Und er entfernte ſich. Marie trat an's Fenſter, ſah, wie der heilige Mann das große Thor öffnend, ſich entfernte, mit der Hand zum letzten Mal winkte und dann für im⸗ mer verſchwand. Einige Augenblicke darauf hielt eine Poſtchaiſe vor dem Penſionat. Marie, welche den Wagen hatte kommen hören, ſprang der guten Marianne entgegen und warf ſich ihr in die Arme. „Wie geht es meiner Mutter?“ lauteten die, erſten Worte des Mädchens. „Recht gut, mein Fräulein.“ 6 „Wie,“ rief Marie,„Du nennſt mich Fräulein! Du liebſt mich alſo nicht mehr!“ „O ja, o ja, aber Sie ſind nun ſo groß!“ „Wohlan! heiß' mich immer Deine kleine Marie, wie zu der Zeit, wo Du mich zankteſt; ſo wirſt Du vergeſſen, daß ich groß geworden.“ „Sie ſind ein Engel!“ „Wie, Du machſt ſo fort?“ „Du biſt ein Engel, meine kleine Marie!“ ver⸗ ſetzte die alte Frau mit Thränen in den Augen. „Und mein Vater befindet ſich auch wohl?“ „Ebenfalls ganz wohl.“ „Und wo gehen wir hin?“ 1 Du neh nen Me ver den eini dief erſt ſah lief Ant nahm em er anem⸗ eiden; eilige „mit r im⸗ chaiſe bören, ef ſich n die llein! karie, t Du ver⸗ 41. „Nach Paris.“ „Auf lange?“ „Auf zwei oder höchſtens drei Tage.“ „Ganz gut. Ich ſtehe zu Deinen Dienſten.“ „Ich warte auf Dich.“ „So iſt's recht. Ah, daß ich's nicht vergeſſe, Du weißt, daß ich eine meiner Freundinnen mit⸗ nehme?“ „Madame hat mir das geſagt.“ Unterdeſſen ging der Bediente, der mit Marian⸗ nen gekommen war, hinauf, um die Koffer der beiden Mädchen herunterzubringen. Clementine und Marie verabſchiedeten ſich bei Nadame Düvernay, die trotz⸗ dem, daß ſie an ſolche Scenen gewöhnt war, doch einige Thränen nicht zurückhalten konnte, ſo daß an dieſem Tage der Freude Jedermann weinte. In dem Augenblicke, wo unſere Heldin durch den erſten Hof hinſchritt, um ihren Wagen zu erreichen, ſah ſie alle die kleinen Mädchen, welche ihr nach⸗ liefen mit dem Rufe: „Lebe wohl, Marie!“ „Lebet wohl, ihr kleine Engel!“ lautete ihre Antwort. Sodann trat ſie in das Stübchen des Pförtners, um dem Mann fünf Louisd'or in die Hand gleiten zu laſſen. Der Alte dankte ihr, indem er ſeine Mütze ein wenig lüftete, und ſprach: „Wünſche Ihnen recht viel Glück, mein Fräulein.“ Endlich küßte ſie Madame Düvernay zum letzten Male und ſtieg in ihren Wagen. Es ſchloß ſich das Thor, und ſie konnte noch hören, wie die Inſtituts⸗ vorſteherin hinter demſelben rief: 42 „ und nun, Kinder, in den Garten zurück!“ Der Wagen fuhr im Galopp davon. Marie war freudeſtrahlend: ſie ſollte nun endlich ſich mit einer ſtets geliebten Familie wieder vereinigen und mit der Welt Bekanntſchaft machen; es fingen daher auch die Träume an, in ihrem Geiſte zu ſchwinden, und ein unwillkürliches Lächeln, welches das Geſicht des Mädchens erleuchtete, bewies, daß irgend eine ſüße Hoffnung in ihrem Herzen einkehrte. Marie hätte, geſtehen wir es nur, einen gar ſchlechten Charakter haben müſſen, wenn ſie nicht wenigſtens ſich ſelbſt ein wenig vertraut hätte. Sie beſaß in ſich das Princip aller Schönheit, aller Liebe, aller Freude; ſie war ſo ſchön, daß Engel hätten auf ſie eiferſüch⸗ tig werden können, daß andere Frauen neben ihr als häßlich erſcheinen, daß ſie den Männern den Kopf verrücken mußte. In dem erſten Salon, in den ſie trat, mußte ſie, einer antiken Gottheit ähn⸗ lich, alle Anweſenden blenden. Alles ſtrahlte um ſie her, und durch ſie; ſie brauchte daher nur, gleich⸗ wie die Vögel ihr Köpſchen unter den Flügel ſtecken, ihr Herz hinter ihre Hoffnung zu bergen und in ihrem Traume einzuſchlafen, ſie, die die Zukunft nicht zu fürchten brauchte, da ſie noch keine Vergangenheit hatte. Und dann zweifle man noch an Etwas, halte man noch Etwas für unmöglich, wenn man von einer Natur umgeben iſt, wie die, welche Marie ſah. Die Sonne goß Lichtſtröme aus, und überſäete Raſen und Bäume mit Rubinen, Diamanten und Smarag⸗ den; die ſchon fertigen Schober erhoben ſich auf den Feldern wie goldene Pyramiden. Der Himmel war ſaphirblau und Alles ſo prächtig, ſo herrlich, daß die war einer mit auch um leich⸗ ecken, hrem ht zu nheit halte einer Die Raſen arag⸗ f den war ß die 43 Vögel ſelbſt ſchwiegen, gleich als wollten ſie einem geheimnißvollen, unſeren menſchlichen Ohren unbe⸗ kannten Concerte horchen. Der Wagen fuhr mit ſeinen vier Pferden im Galopp durch all' dieſe irdiſche Freude, durch all' dieſe Wohlthaten Gottes hin. Wie könnte man da traurig ſein, wenn man durch ſolche Bezauberungen hindurch einem neuen Glücke entgegenzugehen im Be⸗ griffe iſt! Einſtweilen neigte ſich die Sonne auf der Ebene dem Weſten zu, indem ſie ſich zu langen rothen Streifen ausſpann; die Felder verödeten nach und nach: kaum daß unſere Reiſenden, wenn ſie ſich einem Dorfe naheten, dann und wann einigen Schnit⸗ tern begegneten, die ſich verſpätet hatten; dann zogen am Himmel die Sterne auf und Alles ſchwieg. Der Wagen hielt vor dem beſten Gaſthauſe an, das man finden konnte, und das, wie immer, eine abſcheuliche Kneipe war; in Clementinens und Mariens Alter aber ſind ſolche Dinge nicht nur keine Widerwärtig⸗ keit, ſondern im Gegentheil Gegenſtände der Erhei⸗ terung und der Zerſtreuung. Sie nahmen alſo das abſcheulichſte Mittagsmahl ein, das man ſich nur denken kann, was ſie aber nur überaus heiter ſtimmte; darauf nahmen ſie laut lachend ihren Platz wieder ein. Ein friſcher Wind war auf die Hitze des Tages gefolgt. Die zwei ſchönen Kinder hüllten ſich in ihre Mäntel ein und warfen ſich in ihren Wagen, der den gewohnten Galopp wieder anſchlug. End⸗ lich, gegen neun Uhr, ſtanden die Pferde an dem Stadtthor. „Ah, jetzt ſind wir in Paris!“ rief Clementine. „Paris!“ murmelte Marie, die Augen öffnend; 44 „wer weiß, was in Paris mir vorbehalten iſt?“ fuhr ſie mit einem Seufzer des Mißtrauens fort. „Meine Liebe, Paris behält denen, die in einer Poſtchaiſe und in Deinem Alter hinkommen, und ſich dort mit geliebten Weſen vereinigen, ſtets Gutes und Schönes vor.“ Der Wagen fuhr bis zur Rue des Saints-Pères links den Kaien hin. Da ſtieg der Bediente vom Bock herab und ließ die beiden Flügel des Thores eines Hauſes öffnen, das mit Nro.) bezeichnet war. Der Wagen fuhr in den Hof hinein, worauf das Thor ſich wieder ſchloß. Drittes Kapitel. Frau von Hermi, als ſie hörte, wie der Wa⸗ gen ſtill hielt, war ihrer Tochter entgegengegangen. Letztere war alſo ihrer Mutter auf der Treppe be⸗ gegnet, und einige Stufen weiter oben öffnete Herr von Hermi Marien, welche ihren Eltern Clementine vorſtellte, die Arme. „Mein ſchönes Kind,“ ſprach die Mutter zu der jungen Penſionärin,„es iſt recht lieb von Ihnen, daß Sie meine Tochter begleitet haben, und wir, der Herr Graf und ich, ſind Ihnen dafür ungemein ver⸗ bunden.“ Sofort küßte ſie dieſelbe; und einen Augenblick darauf führte ſie ſie, ihre Hand erfaſſend, während Marie ihrem Vater zulächelte, in den Salon, wo ſich ein fremder Herr befand, der während dieſer Fami⸗ lienſcene allein geblieben war. Worten Manne ten, ſie trachtet, Clement nate bei Und küßte, n Die etwas 1 empfang finden h Augenbl dervereit blick ein zu antw 45 „Sie verzeihen, mein lieber Herr von Bay“, ſprach der Graf, als er wieder hereintrat;„aber es iſt ſchon ein Jahr, daß wir das Kind nicht mehr ge⸗ ſehen!“ „Ich finde das allzu natürlich,“ antwortete der Gaſt, indem er ſich verbeugte. „Erlauben Sie mir, daß ich ſie Ihnen vorſtelle,“ fuhr der Graf lächelnd fort;„von heute an bleibt ſie im Hauſe.“ Ein gewiſſenhafter Beobachter hätte bei dieſen Worten ſehen können, wie auf dem Geſichte des Mannes, dem die Worte des Herrn von Hermi gal⸗ ten, ſich ein Lächeln malte, das, mikroſkopiſch be⸗ trachtet, als eine Grimaſſe erkannt worden wäre. „Herr Baron von Bay“, ſagte der Vater zu Marien, indem er ihr nun auch den Fremden vor⸗ ſtellte. Marie machte den hergebrachten Knicks und nahm neben dem Grafen Platz. „Und ich“, fuhr die Gräfin fort,„ſtelle Ihnen Clementine, meine zweite Tochter, vor, die zwei Mo⸗ nate bei uns bleiben wird.“ Und ſie ließ Clementine, indem ſie ſie abermals küßte, neben ſich ſitzen. Die Anweſenheit des Unbekannten hatte Marie etwas unangenehm berührt, die im Familienkreiſe empfangen zu werden, nicht aber einen Fremden zu finden hoffte, deſſen Gleichgültigkeit ſtets die erſten Augenblicke einer ſeit einem Jahre erwarteten Wie⸗ dervereinigung froſtig macht. Anſtatt jeden Augen⸗ blick einander zu küſſen, einander zu fragen, einander zu antworten, und dann einander wieder abermals zu küſſen, hatte ſie ſich ſteif hinſetzen müſſen, und hatte nur mit einigen Worten an der Unterhaltung Theil nehmen können, welche durch die Ankunft der beiden Mädchen unterbrochen worden war. Im Uebri⸗ gen begriff Herr von Bay, daß er den Hauswirth und die Hausfrau der Freude überlaſſen müſſe, welche die Wiederkehr ihres Kindes ihnen machte. Er nahm ſeinen Hut und ſagte, indem er aufſtand: „Mein lieber Graf, ich überlaſſe Sie den Fa⸗ milienfreuden und ziehe mich, da ich Sie nun glück⸗ lich weiß, zurück.“ Marie dankte im Grunde ihres Herzens dem Baron für den glücklichen Gedanken, der ihm da kam; Herr von Hermi aber bat Herrn von Bay, ſich wieder zu ſetzen, indem er ihm ſeinerſeits ſagte: „Nur noch eine Minute: Sie wiſſen wohl, daß Sie hier nie läſtig ſind.“ Herr von Bay ſetzte ſich wieder, indem er dem Mädchen einen Blick der Reſignation zuſchickte, wel⸗ cher zu ſagen ſchien: „Sie ſehen, mein Fräulein, daß man mich zwingt, noch länger da zu bleiben.“ „Im Uebrigen,“ fiel plötzlich die Gräfin ein, wie wenn ſie dem Blicke des Barons antworten wollte, „wollen wir das Feld räumen und Sie Ihrem po⸗ litiſchen Geſpräche überlaſſen, das durch unſere beiden 1 Kinder ſo plötzlich unterbrochen worden. Kommt mit mir!“ fuhr ſie, ſich zu Clementinen und Marien wendend, fort. Die beiden jungen Mädchen erhoben ſich mit einer Haſt, welche keinen Zweifel darüber ließ, was ihnen am Liebſten war, und benützten als wahre 1 und tung der ebri⸗ virth rüſſe, achte. and: Fa⸗ glück⸗ dem n da Bay, ſagte: „daß c dem „wel⸗ wingt, n, wie wollte, m po⸗ beiden Kommt Narien ch mit 3, was wahre 47 Penſionärinnen auf der Stelle die gegebene Er⸗ laubniß. 1 Der Graf und der Baron blieben beiſammen. „Was iſt denn das für ein Herr, Mama?“ fragte Marie ihre Mutter. „Es iſt ein Hausfreund.“ „Kommt er oft?“ „Jeden Tag. Dein Vater kann nicht ohne ihn ſein.“ Obgleich dieſe Phraſe gar einfach war, ſo konnte doch Frau von Hermi nicht umhin zu erröthen, indem ſie ſie ausſprach. Man konnte Frau von Hermi und ihre Tochter füglich für zwei Schweſtern halten. Die Eine war brünett, die Andere blond: das war der ganze Unter⸗ ſchied; im Uebrigen gleicher Liebreiz, gleiche Jugend, gleiche Schönheit. Die Gräfin war keine jener Frauen, von denen man ſagt, ſie ſeien für ihr Alter ſchön; nein, ſie war ſo ſchön, wie nur irgend eine Frau es hätte ſein wollen. Schwarze Haare be⸗ ſchatteten herrlich eine weiße, aller Runzeln bare Stirn; die blauen Augen hatten eine perlmutter⸗ artige und wollüſtige Klarheit; der roſafarbene Mund öffnete ſich gerade weit genug, um Zähne ſehen zu laſſen, ſo weiß wie Milch; dann ließen die Falten des Rockes griechiſche Formen ahnen, gegen welche mehr denn ein Mädchen ihre ſechszehn Jahre gegeben hätte, denke man ſich endlich noch hinzu eine vollen⸗ dete Koketterie, eine angeborene Grazie, einen wahr⸗ haft bezaubernden Geiſt, ſo hat man ſo ziemlich Frau von Hermi. Es war dieſelbe die Salondame im ganzen Sinne des Wortes, der ſich bei ihrem Ein⸗ 48 treten Aller Augen zuwenden und der alle Huldi⸗ gungen gelten. Seit dem Augenblicke ihrer Heirath hatte ſie ſich in Nichts verändert; ſie hatte einen andern Namen angenommen— das war Alles. Im Uebrigen gehörte zu dieſer äußeren Ruhe auch das innere Glück, und dieſes war in einem Grade vor⸗ handen, daß man es nirgends hätte beſſer finden können. Und doch war Frau von Hermi ſchon ſeit ſiebzehn Jahren verheirathet; ſah man ſie allein, ſo war Nichts verzeihlicher, als ſolches nicht zu glauben, bald aber konnte man wohl nicht mehr daran zwei⸗ feln, da Marie nun in die Welt eintreten ſollte. Wohlan! Frau von Hermi war ihrer Schönheit ſo gewiß, daß ſie, weit entfernt, gleich ſo vielen Müt⸗ tern auf die Erfolge eiferſüchtig zu ſein, die ihre Tochter feiern ſollte, und auf die Galane, die die⸗ ſelbe ihr abtrünnig machen mußte, im Gegentheil auf ſie ſtolz war und ſich die höchſte Freude aus deren Vorſtellung machte. Nun aber war ſechzehn Jahre früher der Herr Graf von Hermi einer der elegan⸗ teſten jungen Männer, die man ſehen konnte, gleich⸗ wie Fräulein Clotilde von Herblay. eines der hübſcheſten Mädchen war, die man finden konnte. Es gibt höhere Exiſtenzen, die Gott fern von einan⸗ der geſchaffen, und die es ihm gefällt, eines Tags zuſammenzuführen; wir nennen dieß Zufall, was im Grunde nur unſern Atheismus beweist, denn wir ſollten Vorſehung ſagen. Es fand ſich ein Salon, wo dieſe zwei reichen und bevorrechteten Naturen ſich trafen. Herr von 3 Hermi fühlte ſich zu Fräulein von Herblay hinge⸗ zogen wie das Eiſen zum Magnet. Herr von Hermi 4 war dahe gewi Salt ſucht kann und Gra dahe jung Clot Gra liche eine gebe recht geſp den um ſchlie gehe und zurü Son von Wel bei hant fand einſt triff D 5 uldi⸗ rath linen Im das vor⸗ nden ſeit n, ſo iben, zwei⸗ ollte. eit ſo Müt⸗ ihre die⸗ l auf deren Jahre egan⸗ lleich⸗ 3 der onnte. inan⸗ Tags as im wir eichen r von hinge⸗ Hermi 49 war allbekannt wegen ſeines Glücks bei den Damen; daher blickte man ihn auch allenthalben mit einer gewiſſen Bewunderung an. Sah man ihn in einem Salon einem Frauenzimmer den Hof machen, ſo ſuchte von der Stunde an jeder Mann deren Be⸗ kanntſchaft; man konnte getroſt die Augen zumachen und ſich verſichert halten, daß die Auserwählte des Grafen hübſch, elegant und geiſtreich ſei; es war daher ein entzückendes Schauſpiel, als die beiden jungen Perſonen ſich einander gegenüber ſahen. Für Clotilde verſchwanden alle andern Männer, dem Grafen exiſtirten keine andere Frauen mehr; unglück⸗ licher Weiſe gehörte Clotilde nicht zu Jenen, die eine Zeit lang ſich wehren, um dann ſich zu über⸗ geben; ſie wollte keinen Uſurpator, ſondern einen rechtmäßigen König. Es wurde alſo vom Heirathen geſprochen. Die Heirath kam zu Stande. Die bei⸗ den Gatten hatten des häuslichen Glücks genug, um ſich von den Vergnügungen Anderer auszu⸗ ſchließen: ſie reisten weg und zogen ſich in ein recht geheimnißvolles, recht iſolirtes, für eine romanhafte und einſame Liebe ſo recht wie geſchaffenes Schloß zurück. Das dauerte ein Jahr,— einen ganzen Sommer und einen ganzen Winter. Nach Verfluß von einem Jahr kam Marie auf die Welt. Frau von Hermi wollte ſich wieder in der großen Welt ſehen laſſen; ein Verlangen, worein der Graf, bei dem die früheren Gewohnheiten wieder die Ober⸗ hand zu gewinnen anfingen, leicht willigte. Man fand die Gräfin noch reizender und entzückender, als einſt Fräulein von Herblay; was den Grafen be⸗ trifft, ſo feierte er eben darum, weil er verheirathet Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 4 50 war, nun der Erfolge mehr denn je, und bald war das einſame Schloß ganz und gar vergeſſen. So⸗ bald die beiden Gatten in der großen Welt wieder erſchienen, lieferten ſie den Beweis, daß das Allein⸗ ſein ihnen zum Ueberdruſſe geworden, und ſobald ſie dieſes Alleinſeins müde waren, war auch die Möglichkeit vorhanden, daß die erſte beſte Zerſtreuung ihnen willkommen war. Die Männer häuften alſo für die Gräfin Vorräthe von Complimenten, die Frauen aber für den Grafen Vorräthe ſüßen Lä⸗ chelns. Schon einen Monat nach ſeiner Auferſtehung hatte der Graf eine Geliebte, und ein halbes Jahr darauf die Gräfin einen Geliebten. Nun geſchah, was ſtets geſchieht, das heißt, der Graf verlangte, trotzdem, daß er eine unrechtmäßige Verbindung ein⸗ gegangen, es ſolle ſeine Frau fein züchtig und ehr⸗ bar bleiben, während die Gräfin, ſelbſt von einer 2 neuen Liebe träumend, haben wollte, es ſolle ihr Gatte ihr treu bleiben. Solches will man immer und ewig auf beiden Seiten. Es erſchien ein Tag, an dem dieſe beiden For⸗ derungen feindlich an einander geriethen, und da gab es denn ein Donnerwetter. Da aber Beide Leute von Verſtand waren, ſo endigte das Donnerwetter, wie alle andern, mit Regen und Sonnenſchein. Von Vorwürfen kam man zu Erklärungen, und von Er⸗ klärungen zu vertraulichen Mittheilungen; man ge⸗ ſtand ſich gegenſeitig, daß man ſich mehr mit dem Verſtand als mit dem Herzen geliebt, daß man ſich zu Romanhelden habe machen wollen, und daß es lächerlich wäre, ein Opfer davon zu werden; und uung alſo die Lä⸗ hung Jahr chah, ngte, ein⸗ ehr⸗ einer e ihr nmer For⸗ d da Leute etter, Von Er⸗ — ge⸗ dem ſich ß es und 51 endlich geſtattete man ſich gegenſeitig volle Freiheit, jedoch unter der Bedingung, daß der Name und die Convenienzen reſpectirt blieben. Dann zog ſich Je⸗ des auf ſein Zimmer zurück und ſchloß die ganze Nacht kein Auge, indem man ſich ſagte: Mich täu⸗ ſchen! mich, die ich ihn ſo ſehr liebte; mich, der ich ſie ſo ſehr liebte; iſt das nicht abſcheulich? Bald wurde indeſſen Alles wieder ruhig, und man konnte keine dem Anſcheine nach glücklichere Ehe ſehen, als die des Grafen und der Gräfin. Nichts deſto weniger trug ſich von Zeit zu Zeit Etwas zu, was ziemlich wunderlich ſcheinen mochte. So oft der Graf eine neue Geliebte hatte, und die Gräfin es erfuhr, entbrannte ſie in leidenſchaftlicher Liebe für ihren Gatten, und ebenſo erging es Herrn von Hermi gegenüber von ſeiner Frau, ſo oft dieſe einen neuen Galan um ſich hatte. Nun aber fanden, ſei es Zu⸗ fall, ſei es Berechnung, die Liebeserneuerungen faſt ſtets zu gleicher Zeit Statt, ſo daß der Graf wieder anfing, ſeiner Frau den Hof zu machen, wie er ihn einſt Fräulein von Herblay gemacht, und vierzehn Tage oder drei Wochen lang blieben dann der neue Mitbewerber und die neue Geliebte vergeſſen, worauf es dann wieder ganz wie ſonſt ging. Im Uebrigen nie auch nur eine Anſpielung, nie auch nur ein Vor⸗ wurf, nie auch nur der geringſte Streit. Was die Welt betrifft, die ſo gut zu errathen verſteht, wenn ſie nicht ſehen kann, ſo ſagte ſie Nichts. Dieſe Gewohnheiten hatten alſo ſeit etwa fünf⸗ zehn Jahren gedauert, als Marie aus ihrem Inſti⸗ tut heimkam; daher fingen dieſelben auch an, ſich ein wenig zu mäßigen. Der Graf war etwa fünf⸗ 52 undvierzig, und es machten die Liebesgedanken in ſeinem Geiſte anderen Platz. Ihrerſeits war die Gräfin vierunddreißig, und ſie hatte eingeſehen, daß die größte Zurückhaltung nöthig ſei, bis Marie einen Mann gefunden. Man hätte daher auch gar bös⸗ willig ſein müſſen, wenn man ihr hätte die Ver⸗ bindung verargen wollen, die ſie im Augenblick der Wiederkehr ihrer Tochter hatte. In der That, Herr von Bay war kahlköpfig, aber verſchwiegen, nur wenig geiſtreich, aber höchſt liebenswürdig; war er der Frau nicht ſehr angenehm, ſo gefiel er wahrhaft dem Manne, und es war wirklich nicht allzuviel ge⸗ fordert, wenn Frau von Hermi ſich dann und wann für den Grafen opfern ſollte. Clotilde hatte alſo keine Unwahrheit geſprochen, als ſie ihrer Tochter geſagt, es könnte ihr Vater nicht ohne den Baron ſein. Im Uebrigen kommt ein Alter, wo die Vorurtheile ſich verwiſchen und die Leidenſchaften ruhiger werden. Herr von Hermi und Herr von Bay ſtanden auch beiderſeits in die⸗ ſem Alter; daher war denn der Graf voller Zuvor⸗ kommenheit für den Baron, der ſeinerſeits durch ein überaus kluges Benehmen ſich auszeichnete und ſei⸗ nen Vortheil in keiner Weiſe mißbrauchte. Alles, was er wollte, war ein Haus, wo er ſo vertraut wäre, um zu jeder Stunde hinkommen und dort von dem alltäglichen Salonsgeſchwätze und den mit⸗ — telmäßigen Clubfreuden ausruhen zu können. Bei dieſem lieben Baron war das Herz, wo nicht ganz erloſchen, ſo doch ſehr erkaltet, und er wollte eine Liebſchaft haben, etwa in der Weiſe, wie man eine Tante hat, das heißt, um dort zum ermi die⸗ vor⸗ ein ſei⸗ lles, raut dort mit⸗ „wo d er Jeiſe, zum 53 Eſſen kommen und den Abend zubringen zu können. Was die Gefühlsſeite betrifft, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß zwiſchen der Gräfin und ihm dieſelbe nur höchſt ſelten in Frage kam; und nachdem Marie ein⸗ mal angekommen, war es keineswegs die Furcht, mit ihrer Mutter nicht mehr allein ſein zu können, was das von uns erwähnte grimaſſenhafte Lächeln verurſacht hatte, wohl aber der Aerger, daß er in ſeinen Gewohnheiten geſtört wurde. Im Uebrigen war die zwiſchen ihm und der Gräfin beſtehende Verbindung eine durchaus anſtändige und paſſende; wenn Frau von Hermi noch ſehr ſchön war, ſo er⸗ mangelte auf der andern Seite der Baron nicht eines gewiſſen Verdienſtes. Er war zwar ſechsund⸗ vierzig, hätte aber auf ſein Alter eher eitel ſein können, als daß er ſich deſſelben zu ſchämen ge⸗ braucht hätte, weil er wirklich nicht ſo alt ausſah; und wenn wir auch geſtanden haben, daß derſelbe kahl geweſen, ſo müſſen wir andererſeits doch auch der Billigkeit gemäß ſagen, daß die wenigen wun⸗ derſchön blonden Haare, die ihm noch übrig geblie⸗ ben, ſich geiſtreich über ſeine Stirne legten und die⸗ ſen Fehler, ſoweit es angehen mochte, verdeckten: ſeine Augen ſchienen fein, während ſein Mund et⸗ was Spöttiſches hatte. Außerdem hatte er auch ſei⸗ ner Zeit bei etlichen Damen Glück gemacht, und dieſe glücklichen Liebesabenteuer hätte er auch jetzt noch, Dank ſeiner Stellung und dem Rufe, den er ſich durch ſeine früheren Verdienſte erworben, er⸗ neuern können. Man machte ſich alſo beiderſeits Conceſſionen, denn auch für die Gräfin wäre Nichts leichter geweſen, als einen jungen ſentimentalen Liebhaber zu finden, der ihr die erſten Capitel ihres Lebens in's Gedächtniß zurückgerufen hätte. Aber ſo iſt es nun einmal in dieſer Welt: man muß ihr von Zeit zu Zeit auch Etwas opfern. Warum hätte ſie ihren Ruf und vielleicht ihr Herz jungen Leuten anvertrauen ſollen,— jenen Schmetterlingen der Liebe, die auf allen Blüthen herumfliegen und ſich an jedem Feuer die Flügel verbrennen? Sie brauchte eine ſolide Verbindung, die ſie, ſo zu ſagen, geſte⸗ hen durfte, bis zu dem Tage, wo die Leidenſchaften den Gefühlen Platz machten, und Frau von Hermi gewahrte, daß der Graf ebenſo gut war, wie ein anderer Mann, und der Graf, daß die Gräfin beſſer war, als die andern Frauen; wo alſo Beide über die Vergangenheit den Mantel der Verzeihung und der Vergeſſenheit warfen und wieder mit einander ſo lebten, wie man vor der Kirche zu thun verſpro⸗ chen hatte. 3 Was Herrn von Hermi betrifft, ſo war er ein Edelmann in der ganzen Ausdehnung des Wortes, und hatte den Geiſt und die Philoſophie des acht⸗ zehnten Jahrhunderts geerbt. Man merkte ihm ſeine hohe Ariſtokratie auf eine Stunde weit an, und Nichts, wenn man ſein Wort ausnahm, war ſo fein wie ſein Blick. Er war verliebt, ohne vielfor⸗ dernd zu ſein, geiſtreich ohne Prahlerei; je nach Um⸗ ſtänden wußte er zu lieben wie Faublas, oder zu ſeufzen, wie ein Tircis. Sein Herz war, Dank dieſer Erziehung eines entſchwundenen Jahrhunderts, eines jener Camäleone geworden, die alle Farben annehmen, ein Proteus, der bald in dieſer, bald in jener Geſtalt ſich zeigte; er verſtand es meiſter⸗ 5⁵ haft, wie viel Liebe eine Herzogin braucht, und zählte das Geld nicht, das er einer Tänzerin gab: ſowohl theoretiſch, als praktiſch wußte er, daß man bei Liebedienerinnen elegant ſein, bei großen Damen durch nachläßige Kleidung glänzen muß. Er hinter⸗ ging ſeine Geliebten auf ſo geiſtreiche Weiſe und be⸗ zeugte ſeine Reue auf ſo liebenswürdige und ent⸗ zückende Art, daß man ihm ſtets verzieh und man ihn ſtets liebte. Auch müſſen wir noch ſagen, daß mit dieſem bewundernswürdigen Grundſtock eine ſehr verführeriſche Oberfläche ſich verband. Herr von Hermi war groß, ſchön gebaut, voll edler Gewandt⸗ heit und Haltung, er hatte einen Fuß, womit er eine Frau demüthigen, eine Hand, womit er eine Königin erröthen machen konnte. Seine kaſtanien⸗ braunen Haare bildeten einen wundervollen Rah⸗ men zu dem anſprechendſten Geſichte, das man nur ſehen konnte,— zu einem Geſichte, das für Seines⸗ gleichen würdig, für Untergeordnete wohlwollend war. Mit einem Worte, man brauchte den Grafen nur ein einziges Mal zu ſehen, um zu begreifen, daß er keiner jener Männer war, die man, wie einen Georges Dandin hintergeht, wohl aber einer von jenen, die ſich, wie ein Richelieu, hintergehen laſſen. Gleichwohl hatte der Graf eingeſehen, daß dieſe für ihn und ſeine Frau ſo glückliche Lebensweiſe es für ſeine Tochter vielleicht nicht ſo ganz wäre. Er hatte daher nicht zugeben wollen, daß das keuſche Kind in dieſer etwas verdorbenen Atmoſphäre aufwüchſe, und hatte, als das Kind alt genug war, um das, was in ſeiner Nähe vorging, zu ſehen und zu ver⸗ ſtehen, zu Clotilden geſagt: 56 „Ich denke, wir müſſen Marie anderswohin bringen.“ Dieſes Mal, wie immer, waren die beiden Gat⸗ ten einer und derſelben Anſicht geweſen, und es war Fräulein von Hermi den Händen von Madame Düvernay, zu Dreux, anvertraut worden, wo um jene Zeit eine Schweſter der Gräfin, die ſeitdem aber geſtorben war, lebte. Alles war nach und nach ruhiger geworden; Marie kam in das elterliche Haus zurück, das ſie, wie einſt, glücklich fand, und, das ſie nicht anders denn rein glauben konnte. Was für ſie gewiß war, war das, daß ihr Vater ſie im⸗ mer noch liebe, daß ſie von ihrer Mutter angebetet werde, daß ſie zwei volle Monate in der Geſellſchaft einer Freundin zubringen dürfe, die ihr eine Schwe⸗ ſter war, daß man das ſchönſte Wetter habe, daß die Sonne herrlich und Gott von unendlicher Güte ſei. Sie war daher auch voller Freude über ihr neues Zimmer und die tauſenderlei kleinen Dinge, womit ihre Mutter daſſelbe geſchmückt. Daher küßte ſie auch ein Mal um das andere Frau von Hermi, die, wenn es darauf angekommen wäre, gerne alle Vergnügungen der Welt hingegeben hätte gegen den Hochgenuß eines Kuſſes von ihrer Tochter, welche ſie liebte, wie leirrnibaftiche Frauen zu lieben wiſ⸗ ſen, die weder in den Gefühlen, noch in den Lei⸗ denſchaften eine Grenze kennen. Das Zimmer war alſo voll der köſtlichſten Plaudereien, wie etwa die Vogelneſter beim Erwachen der Natur, man hatte ſich ſo Vieles zu ſagen, hatte ſo viele Eindrücke ſich zu erzählen, hatte von ſo Vielem zu träumen. Die junge Mutter fühlte ſich glücklich durch das naive ohin Gat⸗ war dame jene aber nach Haus das Was im⸗ betet ſcchaft hwe⸗ daß Güte ihr inge, üßte ermi, alle den elche wiſ⸗ Lei⸗ war die hatte ſich Die aive 57 Entzücken der beiden Mädchen, das ſie an ihre Ver⸗ gangenheit erinnerte und in der Zukunft ein bis dahin ungekanntes Glück ahnen ließ. Nachdem end⸗ lich alle Erinnerungen, alle Fragen, alle Küſſe be⸗ antwortet waren, küßte Frau von Hermi auf's Neue diejenigen, welche ſie ihre Kinder nannte, und ſprach zu ihnen: „Ihr ſeid, meine lieben Kinder, müde von der langen Reiſe; ihr bedürfet der Ruhe,— ich will euch Marianne ſchicken.“ Und ſie ging wieder in den Salon zu dem Ba⸗ ron und dem Grafen, die als die beſten Freunde von der Welt mit einander plauderten. „Schlafen die Kinder ſchon?“ ſagte Herr von Hermi, als er ſeine Frau hereintreten ſah. „Nein,“ erwiderte die Gräfin,„die Kinder eſſen zu Nacht.“ „Wenn das iſt, ſo will ich ihnen eine gute Nacht wünſchen.“ Der Graf ſtand auf und klopfte vorſichtig an die Thüre des Zimmers, in das er trat. „Was iſt Ihnen denn, Baron? Sie ſcheinen von irgend einem Kummer geplagt,“ ſprach während dieſer Zeit Frau von Hermi zu Herrn von Bay. „Ich muß geſtehen, daß Sie mir als eine gar gute Mutter vorkommen,“ antwortete dieſer. „Und Sie ſind darüber erſtaunt?“ „Ach nein, es ſtimmt mich nur traurig.“ „Und warum?“ „Weil Sie, während Sie an die denken, welche von Ihnen geliebt werden, diejenigen vergeſſen, welche Sie lieben.“ 58 „Wie, Baron, Vorwürfe!“ hie „Ach nein; Reflexionen,— ſonſt Nichts.“ daß „Sie ſind eiferſüchtig?“ W „Warum denn nicht?“ gri „Auf meine Tochter!... Sie werden zugeben,„ daß das ein bischen viel gefordert iſt.“ mit „Je unmöglicher es iſt, die Liebe zu bekämpfen, ver die man fürchtet, um ſo mehr Grund iſt da, darauf eiferſüchtig zu ſein. „Sie haben heute keinen ſehr guten Tag, Ba⸗ und ron; dennoch laſſe ich Ihnen Verzeihung ange⸗ deihen.“ „Es iſt das im Augenblick Ihrer Abreiſe gewiß das Wenigſte, was Sie thun können, und es gleicht dieſe Verzeihung gar ſehr dem Mitleiden.“ ten „Wiſſen Sie auch, daß mir das wie ein rechter Streit zwiſchen Liebenden vorkommt? Nun, machen Sie immer fort, Baron, es macht uns das Beide wa⸗ jünger.“ „Es erinnert Sie das an die Zeit, wo Sie geg liebten.“ von „Und wo man mich liebte.“ Hier trat eine kleine Pauſe ein. „Nun, laſſen Sie einmal ſehen,“ hob Frau von Hermi wieder an,„was haben Sie mir vorzu⸗ einl werfen?“ „Wie, ſie fragen mich noch? Ich komme heute es ſ Abend, verlaſſe Alles, um ein paar Stunden bei⸗ 1 Ihnen zuzubringen, und Sie bleiben auch nicht eine lich Minute bei mir; ſo oft Sie einen Wagen hören, ſtehen Sie auf und verlaſſen mich, um zu ſehen, ob. es Ihre Tochter iſt, die kommt, und kommen zuletzt 1 59— hierher zurück, um mir mit kahlen Worten zu ſagen, daß Sie in. zwei Tagen mit ihr von Paris abreiſen. Wahrlich, liebe Gräfin, ich habe ein Recht, etwas griesgrämiſch zu ſein.“ eben,„„Ich muß ſogar geſtehen, daß Sie dieſes Recht mißbrauchen; ſprechen wir aber dennoch ein wenig pfen, vernünftig!“ arauf„Nichts ſoll mir lieber ſein.“ „Was Sie betrübt, iſt, daß ich Paris verlaſſe, Ba⸗ und daß Sie mich verlaſſen ſollen.“. ange⸗„Gewiß.“ „So gehen Sie denn mit uns!“ ewiß„Sie wiſſen ja wohl, daß ich nicht annehme.“ leicht„Wie, Groll? O Baron, das verräth ſchlech⸗ ten Geſchmack.“ ꝛchter„Aber der Graf?“ achen„Der Graf thut, was ich will, und ich thue, Beide was Sie wollen.“ „Ich muß geſtehen, Sie ſind bezaubernd,“ ent⸗ Sie gegnete der Baron, die Hand küſſend, welche Frau von Hermi ihm hinhielt. 8„Endlich werden Sie vernünftig.“ „Ich kann nicht anders.“ von„Der Graf wird Sie morgen in eigener Perſon orzu⸗ einladen, und dann beſuchen Sie uns.“ „Ein paar Tage nach Ihrer Abreiſe? Iſt heute es ſo?“ 1 bei„Ach, welche Mühe koſtet es nicht, ſich verſtänd⸗ eine lich zu machen!“ ören,„ Und was wird Marie denken?“ 1, ob„Worüber?“ uletzt„Ueber meinen Aufenthalt im Schloſſe.“ 60. „Sie wird gar Nichts denken. Marie iſt ein Mädchen, das eben aus ihrem Inſtitut kommt, und nicht nur nie Etwas erräth, ſondern nicht einmal Etwas ſieht.“ „So bleibt es denn dabei.“. In dieſem Augenblicke öffnete der Graf die Thüre des Salons. „Mein lieber Graf,“ ſagte Herr von Bay auf⸗ ſtehend,„ich wartete auf Sie, um mich bei Ihnen zu verabſchieden.“ „Morgen alſo ſehe ich Sie, Baron, nicht wahr?“ „Morgen,“ entgegnete der Baron, einen Hand⸗ druck austauſchend. „Frau Gräfin,“ fuhr er fort, indem er ſich ver⸗ neigte und nach der Thüre hinging,„ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Frau von Hermi antwortete durch ein Lächeln und einen Knicks. Herr von Bay ging hinaus. „Sie haben wohl die nöthigen Befehle zu unſe⸗ rer Abreiſe gegeben?“ ſprach der Graf zu Clotilden. „Schon ſeit geſtern.“ „Und wir reiſen?“ „Uebermorgen.“ „Gute Nacht, Gräfin.“ „Gute Nacht, Graf.“ Herr von Hermi küßte ſeiner Frau die Hand, und entfernte ſich ſeinerſeits. Was Clotilde betrifft, ſo öffnete ſie ihr Fenſter, gab mit der Hand einem Schatten ein Zeichen, der verſchwand, indem er das gleiche Zeichen zurück⸗ ſchickte. Sofort ſchloß ſie wieder das Fenſter, klin⸗ . Es zerſ Her mon Graä ter ren geſa wur ten, Mã ſtand ihren aufſt nun grün Herz nung unter ſtückt gütig . 5 die auf⸗ hnen ir?“ Hand⸗ ver⸗ e die icheln unſe⸗ ilden. 61 gelte ihrer Kammerfrau und legte ſich zu Bette, nachdem ſie Marie, die bereits ſchlief, ein letztes Mal geküßt hatte. Viertes Kapitel. Es ging Alles, wie man es verabredet hatte. Es gibt weibliche Combinationen, welche kein Zufall zerſtören kann; an dem folgenden Tage alſo lud Herr von Hermi Herrn von Bay ein zu einem zwei⸗ monatlichen Beſuche in der Bretagne. Herr von Bay nahm die Einladung an, die Gräfin machte ihrer Tochter begreiflich, wie ihr Va⸗ ter den Baron auf dem Lande ebenſo wenig entbeh⸗ ren könne, wie in der Stadt, und damit war Alles geſagt. Die zwei Tage, welche der Abreiſe vorangingen, wurden zu verſchiedenen Einkäufen, zu Spazierfahr⸗ ten, zu Theaterbeſuchen verwendet. Für die beiden Mädchen war Alles neu und wunderbar. Morgens ſtand die Gräfin früh auf und beſuchte Marie auf ihrem Zimmer, wie Marie, das Kind, ihre Mutter aufſuchte. Dann ſetzte ſie ſich neben das Bett, und nun fingen zwiſchen den drei Frauenzimmern jene gründlichen und allerliebſten Plaudereien an, welche Herzensſachen, die Toilette, Erinnerungen und Hoff⸗ nungen betreffen. Clementine und Marie ſtanden unter Mariannens Aufſicht auf, und dann früh⸗ ſtückte man. Dann erſchien Herr von Hermi, ſtets gütig und lächelnd. Nach dem Frühſtück kleidete man ſich wieder um, denn Lie Toilette iſt, wie männiglich bekannt, das große Geſchäft der Frauenzimmer, und ließ dann anſpannen. Um drei Uhr fuhren die Gräfin, Cle⸗ mentine und Marie aus, um im Boulogner Wald einige Stunden zuzubringen. Hier fing die Bezau⸗ berung an. Da hatte man herrliche Wagen, herr⸗ liche Pferde, allerliebſte Kleider, Welt, Geräuſch, Leben, Sonne. Die Neugierigen unter den Frauen⸗ zimmern ſtreckten den Kopf zur Hälfte aus ihren Wagen heraus, um die zwei ſchönen Mädchen in dem Wagen von Frau von Hermi zu ſehen; die Reiter kehrten wieder um, um ſich dieſe zwei aller⸗ liebſten Köpfchen anzuſchauen, und die, welche die Gräfin kannten, machten ihr tiefehrerbietige Compli⸗ mente. Und dann traf man im Walde Herrn von Bay zu Pferd oder zu Wagen: man plauderte einige Augenblicke mit ihm, lud ihn auf den Abend ein, und endlich um ſechs Uhr kehrte der Wagen mit ſeinen zwei Rothbraunen in ſtarkem Trabe nach der Rue des Saints-Pères zurück, der günſtigen und bos⸗ haften Bemerkungen und der ehrgeizigen Wünſche gar viele hinter ſich laſſend. Clementinen gehörte die eine Hälfte dieſes Paradieſes, denn, gleich gekleidet, war ſie nicht minder jung und ſchön, als ihre Freundin; und hätte man am zweiten Tage die beiden Pen⸗ ſionärinnen um ihre Meinung befragt, ſo würden ſie, obgleich Paris ſchon ganz verödet war, doch einſtimmig für eine Verſchiebung der Abreiſe gewe⸗ ſen ſein. In der That, iſt einmal der Sommer da, ſo hat das Land der Reize gar viele für die, welche der Geſchäfte und der Vergnügungen des Winters müde v mac wien hätt nen entſe war ford er ſ auße wen annt, dann Cle⸗ Wald ezau⸗ herr⸗ äuſch, auen⸗ ihren en in ; die aller⸗ he die mpli⸗ von iderte lbend n mit h der dbos⸗ de gar e eine „war indin; Pen⸗ ürden doch gewe⸗ a, ſo de der müde v 63 ſind, und in der Feld⸗ und Waldluft für den kom⸗ menden Winter ſich neue Geſundheit holen wollen; den zwei ſchönen Kindern aber, welche das ganze Jahr auf dem Lande zugebracht haben, erſcheint Paris, ſo verödet es auch iſt, wie eine Zauberwelt, wie eine Welt voll ſüßer Träume und Verſuchun⸗ gen, die es peinlich iſt zu verlaſſen. Die Abende, in der Provinz ſo einförmig, ergänzen zu Paris die Tage ſo gut. Zu Gunſten der Neuangekommenen wich die Gräfin von ihren Gewohnheiten ab, und ging während zweier Abende in das Theater, das den Provinzbewohnerinnen ſo gut wie unbekannt bleibt, ſo daß die beiden Freundinnen am dritten Tage, wo man abreiſen mußte, es bereits liebten. Während dieſer Zeit hatte Herr von Bay den beiden Mädchen den Hof gemacht, und zwar mit ſo vielem Glück, daß Marie ihn bezaubernd, Clemen⸗ tine aber ihn jung fand, und daß ſie hocherfreut waren in der Hoffnung, ihn beim Grafen in der Bretagne bald wieder zu ſehen. Was Herrn von Hermi betrifft, ſo war er ſtolz auf die Rückkehr ſei⸗ ner Tochter. Dieſe jungfräuliche, dieſe reine Liebe machte ſein Herz wieder jung, und heiterte daſſelbe wieder auf. Vom moraliſchen Standpunkte aus hätte man an dem Grafen gar Manches tadeln kön⸗ nen, was indeſſen die Erbſchaft einer andern Zeit entſchuldigte; in Allem aber, was Marie betraf, war er wieder der keuſcheſte Rathgeber und der viel⸗ forderndſte Führer, den man finden konnte. Wenn er ſo in dieſe zwei ſchönen blauen Augen blickte, die außer ihm noch kein anderer Mann angeſchaut hatte, wenn er ſo dieſe weißen Händchen erfaßte, wenn 4 64 er ſo auf dieſes Lächeln antwortete, worauf bis jetzt nur er und Clotilde einen Anſpruch hatten, ſo ſtie⸗ gen in ſeiner Seele edle Regungen und gute Ge⸗ danken auf, die gar Vieles zu ſühnen vermocht hät⸗ ten; es däuchte ihm, daß er den Reſt ſeines Lebens in dieſem heiligen Anſchauen verleben könne. Und in der That, es liegt der herrlichſten Poeſie ſo viel darin, wenn ein Mädchen am Arme ihres Vaters oder ihrer Mutter ſchwebend vorübergeht, gleichgül⸗ tig gegen alle menſchlichen Leidenſchaften, die auf ihrem Wege ſich bekämpfen und durchkreuzen, daß es eine wahre Wohlthat wäre, wenn man ihr dieſe Unſchuld und dieſe Unwiſſenheit des Herzens be⸗ wahren könnte, welche ſie zu einer ruhigen und ſchönen Erſcheinung machen. Herr von Hermi war gleichſam eiferſüchtig auf ſeine Tochter; gerne hätte er ſie auf immer bei ſich behalten, und es wäre ihm ein Leben, wo er ſie hätte ſtets glücklich und ſorg⸗ los ſehen können, und einzig und allein damit beſchäftigt, ihn zu lieben und an ihre Toilette zu denken, als das ſüßeſte erſchienen, das er irgend hätte führen können. Zum Unglück wußte er gar wohl, daß er, trotz aller ſeiner Liebe, dem Glücke Mariens nicht genügen könne, es war ihm wohl bekannt, daß einſt der Tag erſcheinen mußte, wo das Mädchen zur Frau wurde, wo die Leidenſchaf⸗ ten der Welt auf die Liebe zu ihren Eltern folgen, wo irgend eine unbekannte Liebe dieſe ſchönen Augen in neuem Glanze erſtrahlen laſſen, und vielleicht dieſelben durch die erſten Thränen trüben mußte: das war es, was er fürchtete. Er war weit ent⸗ fernt, das Leben, das er für ſich und Clotilde in imme werd Du jetzt ſtie⸗ Ge⸗ hät⸗ bens Und viel der, gül⸗ auf daß dieſe be⸗ und war hätte ihm ſorg amit te zu gend gar lücke wohl wo chaf⸗ gen, ugen leicht ißte: ent⸗ de in . 65 etwas ſonderbarer Weiſe begriffen, ſo auch für Marie zu verſtehen; wäre der Gatte ſeiner Tochter gewe⸗ ſen, wie er ſelbſt, ſo hätte er denſelben umgebracht. Alle dieſe Gedanken waren es, die den Geiſt des Grafen beſchäftigten, wenn er, neben dem ſchönen Kinde ſitzend, es lächeln ſah, und wenn er hinter dem Azur ihrer Augen den Azur ihrer Seele ahnte. Was uns betrifft, ſo geſtehen wir gerne, daß wir nichts Schöneres kennen, als ein junges Mädchen; auch glauben wir nicht, daß unter allen Herrlichkei⸗ ten, welche das Daſein Gottes beweiſen, der All⸗ mächtige einen ſchlagenderen Ausdruck ſeines göttlichen Weſens geſchaffen. Verläßt man die Welt falſcher Eindrücke und erheuchelter Liebe, inmitten deren man zu leben anfängt, ſobald man achtzehn Jahre alt iſt, und findet man ſich plötzlich in eine andere Welt verſetzt, die vielleicht nicht beſſer iſt, aber we⸗ nigſtens ſo viel wie möglich verdeckt, daß ſie ſchlecht iſt, ſo iſt Nichts ſo troſtreich, als der Anblick eines Mädchens, das da noch glaubt, es gebe auf dieſer Erde Nichts als den Tanz, als ſchöne Kleider, als lumen, deren Mund noch jungfräulich iſt an Küſſen, deren Herz noch jungfräulich iſt an Liebe, die den Kummer tröſtet, ohne nach deſſen Urſachen zu fragen, das jedes Lächeln für wahr, jede Freund⸗ ſchaft für wirklich, jede Liebe für aufrichtig hält, deren Augen, für den Verdacht geſchloſſen, die Mög⸗ lichkeit des Böſen nicht einmal ahnen, und das, wenn zes ſich in einem Theater, oder auf einer Prome⸗ nade einer jener Frauen nahe findet, welche auf immer verloren ſind, weil ſie die Reue nie kennen werden, dieſe, wenn ſie ſchön iſt, in naiver Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 5 * 66 Weiſe bewundert, vielleicht ſogar beneidet, ohne die Entfernung zu ahnen, welche ſie Beide trennt. So war Marie, das heißt, ſie war einfach ein Engel; ihre Augen und ihre Seele konnten die bö⸗ ſen Gedanken Anderer ſehen, oder darauf ſtoßen, ohne den geringſten Eindruck davon zu bewahren; es war dieß ihr ein in einer fremden Sprache ge⸗ ſchriebenes, aber mit ſchönen Stichen verziertes Buch, das ſie anſchauen konnte. Man begreift alſo die Befürchtungen des Herrn von Hermi, da er ein reiner Verſtandsmenſch war; auch machte ihm die Zukunft ſeiner Tochter nicht wenig Sorge.— Laſſe ich ſie ſelbſt w ſagte er zu ſich ſelbſt, ſo nimmt ſie mir einen wie ich, der nach und ſie zu dem me Jahr ſie nicht mehr liebt ozu ich Clotilde gemacht; vielleicht wäre das eein Glück für ſie, da Clo⸗ tilde glücklich ſcheint; für mich aber wäre das gräß⸗ lich, und ich würde ſie umbringen, wenn ich ſo ſe⸗ hen müßte. Wähle ich ſelbſt ihr einen Gatten, ſo gebe ich ihr einen Mann von vierzig Jahren, der ein Greis iſt, wenn ſie ſelbſt kaum erſt zu einem Weibe geworden, und den ſie nicht lieben kann; und dann hat ſie ein Recht, von mir Rechenſchaft über ihre Zukunft zu fordern, die ich zerſtört, und über das Unglück, das ich ihr gebracht gegen die Freude, die ſie mir bereitet. Und der Graf ſtand dann auf, ſuchte ſeine Tochter, die er lachend bei ihrer Mutter tem in oder ihrer Freundin fand; er pflegte ſie dann zu küſſen und ſagte bei ſich ſelbſt: warten wir noch ein bischen!*. agen Burſchen, der es macht, Vielleicht erſcheint es etwas ſonderbar, daß Herr 8 inem und über über eude, auf, dutter in zu noch Herr 67 von Hermi, der bis dahin nur mit ſeinen Liebſchaf⸗ ten beſchäftigt geweſen, ſo urplötzlich mit der Zu⸗ kunft ſeiner Tochter faſt ausſchließlich ſich beſchäf⸗ tigte; aber es hat Gott, ſo gleichgültig, ſo liederlich auch die Welt einen Menſchen gemacht, dieſem doch ſtets in einer unverwundbaren und geheimen Falte des Herzens eines jener Gefühle bewahrt, das ter der myſteriöſe und wohlthuende Schutzort wird, wo er ausruht und ſeinen Durſt ſtillt; aber der Graf kannte durch ſeine bisherigen Liebſchaften die weibliche Welt, und nie hatte er bei einem weib⸗ lichen Weſen den Blick, die Unſchuld, die jungfräu⸗ liche Seele gefunden, die er bei Marien fand; aber er fing an, die Männer zu kennen, und zitterte bei dem Gedanken, daß er an das Leben ſeiner Tochter das Leben eines der Menſchen binden ſolle, mit denen er jeden Tag zuſammentraf. Im Uebri⸗ gen war der Graf ſtets der gleiche geweſen: ſtets hatte er Marie angebetet; als ſie noch in der Wiege lag, machte es ihm Freude, ihm, dem gefeiertſten, geſuchteſten Mann der Pariſer Welt, ganze Abende mit den Händchen zu ſpielen, die ihn an den Haa⸗ ren zogen, das Mündchen zu betrachten, das ihm zulächelte, und die großen Augen, welche von dem hübſcheſten blauen Blick erleuchtet waren, den man ſehen konnte. Solcher Augenblicke gab es zwar nicht viele, aber doch waren ſie vorhanden; und es wa⸗ ren die Nächte, die auf ſolche Abende folgten, wahr⸗ lich nicht die ſchlimmſten, welche der Graf verlebte. „Er hatte alſo ſeine Zukunft auf die Hoffnung dieſer Liebe gebaut, was ihn nicht wenig ermuthigt hatte, andere Dinge leicht anzuſchlagen. Was Clo⸗ tilde betrifft, ſo theilte Herr von Hermi ihr nicht einmal die Gedanken mit, mit denen er ſich ſeit eini— ger Zeit trug. Sie hatte ſich nicht im Mindeſten verändert, und ſah im Leben ihrer Tochter eben ſo wenig klar als in ihrem eigenen; nicht nur combi⸗ nirte ſie für Marie keine Zukunft, ſondern ſchien nicht einmal zu denken, daß man ſich mit dieſer Zu⸗ kunft beſchäftigen müſſe. Sie liebte ihre Tochter bis zu einem Grade, der es ihr möglich gemacht hätte, derſelben Alles zu opfern, was ſie ſelbſt glücklich ma⸗ chen konnte, ja, das Leben für ſie zu laſſen; gleich⸗ wohl iſt es wahrſcheinlich, daß Marie, hätte ſie nur ihre Mutter gehabt, ſich entweder gar nie geheira⸗ thet, oder aber eine klägliche Heirath getroffen hätte, indem die Gräfin ſie hätte den erſten beſten Mann heirathen laſſen, von dem ſie geglaubt hätte, daß ihre Tochter ihn liebe. Marie, die ſo zwiſchen eine zwiefache Liebe ſich geſtellt ſah, welche ſo gleichartig und wieder ſo ver⸗ ſchieden war, beſchäftigte ſich mit der Zukunft ledig⸗ lich gar nicht, ſondern nur allein mit der Gegen⸗ wart,— beſchäftigte ſich nicht mit Wahrſcheinlich⸗ keiten, ſondern mit Gewißheiten. Die Gewißheiten waren nun aber ihr Austritt aus dem Inſtitut und ihr Eintritt in die Welt, ihr Reichthum, ihre Schön⸗ heit, und die Wirklichkeit aller Träume des Herzens. Zwei Tage lang war ſie wohl der Gegenſtand von gar vielerlei Geſprächen geweſen; einem Spiegel ähnlich aber, hatte ſie nichts von den Schatten be⸗ halten, die an ihr vorübergeſchwebt waren. Sie hatte zwar viele junge Männer geſehen, welche ſie natürlich, im Ganzen genommen, minder lächerlich Näl 69 gefunden hatte, als die, welche ſie auf den Bällen ihrer Provinz ſah; ſo ſentimental und romanesk ſie aber auch hätte ſein mögen, ſo müſſen wir doch ge⸗ ſtehen, daß auch nicht Einer ſo viel Einfluß gehabt, ihre Augen länger als einen Augenblick auf ſich zu ziehen, oder ihren Geiſt zu beſchäftigen, ſowie daß ſie nach der Promenade und dem Theater ſtets ſo zu ihrer Mutter zurückgekommen war, wie ſie früher zu Madame Düvernay zurückkam. Was ſie alſo mit Bedauern zu Paris zurückließ, war lediglich das neue und geräuſchvolle Leben, das ſie übrigens zwei Monate ſpäter noch geräuſchvoller wiederfinden ſollte. Was Clementine betrifft, ſo war es ihr ziemlich gleichgültig, ob man in der Hauptſtadt blieb, oder ob man aufs Land ging: ſie war überall glücklich. Es wurde alſo gethan, wie geſagt worden war: am dritten Tage nach Mariens Ankunft machten vier Poſtpferde, welche an einen eleganten Reiſewagen geſpannt waren, im Hofe ihr gewohntes Geräuſch. Die beiden Mädchen ſprangen luſtig und munter, wie junge Rehe, hinab und nahmen auf dem Rück⸗ ſitze der Berline Platz, der Graf und die Gräfin auf dem Hinterſitze; Marianne ſtieg mit einem alten Diener des Hauſes auf den fliegenden Bock. Die Poſtillone ſchwangen ſich in den Sattel, und dahin flogen die vier Schimmel. Fünftes Kapitel. Das Schloß, welches Herr von Hermi in der Nähe von Poitiers beſaß, war wunderſchön. Luſtig erhob es inmitten des Ginſters ſeine Backſteinthürm⸗ chen und ſeine ſpitzen Dächer; ein Zeitgenoſſe Lud⸗ wigs des Dreizehnten, hatte es das ganze Weſen und den ganzen Charakter jener Zeit bewahrt. Es war daher auch wirklich zu bedauern, daß man Leute in ſchwarzen, dunkelfarbigen, armſelig ausſehenden Fräcken und Röcken deſſen Freitreppen hinan⸗ und hinabſteigen ſah; denn ſah man es, ſo bevölkerte die Phantaſie es nur mit eleganten Cavalieren in ſamm⸗ tenem Wamins und Mantel, die, mit langen, wallen⸗ den Federn auf dem Filzhute, ſtolz, kerzengerade, die Hand auf dem Griffe ihres Rappiers, einher⸗ ſchritten. Im Uebrigen gefallen uns immer die Coſtüme der vergangenen Zeiten beſſer, als die jetzi⸗ gen, warum, weiß ich wahrlich nicht zu ſagen. Viel⸗ leicht machten diejenigen, welche dieſe Coſtüme tru⸗ gen, eine gar jämmerliche, tölpiſche Geſtalt darin; vielleicht wußten ſie nicht, wo ſie ihren gewaltigen Filzhut hinlegen ſollten, und ſtießen ſie überall mit ihren langen Degen an, und es iſt daher leicht denk⸗ bar, daß ſie, wenn ſie heute wieder auf die Welt kämen, hoch erfreut ſein würden, Menſchen zu fin⸗ den, welche die Beine in langen Hoſen, den Körper in Säcken ſtecken haben, und deren Kopf unter mehr oder minder langen Röhren, in der neueſten Zeit Angſtröhren genannt, geborgen iſt. Immerhin iſt aber ſo viel gewiß, daß das Coſtüm, wenn auch vielleicht unbequem, ſo doch ſchön war, und es iſt wirklich zu bedauern, daß ein Volk, wenn es einmal den Degen getragen, ſo weit herabſinken kann, daß es einen Stock trägt. Wir geſtehen alſo ohne Anſtand, daß wir unter 1 rm⸗ bud⸗ eſen Es eute aden und die mm⸗ llen⸗ ade, nher⸗ die jetzi⸗ Viel⸗ tru⸗ arin; tigen mit denk⸗ Welt fin⸗ örper mehr Zeit in iſt auch es iſt inmal „daß unter Ludwig dem Dreizehnten gar gern einem Feſte in dem herrlichen Parke angewohnt hätten, der ſich, dichter als ein Adlerhorſt, ganz um das Schloß her ausdehnte. Da waren Wieſen, ſo groß, daß man zu Fünfhundert darauf ſpazieren gehen, und Winkel, wo man zu Zweien ſprechen konnte; man verlor ſich in den Gehölzen, wo ein erſtauntes Reh verſtohlen an Einem vorübereilte, und in einem Ginſter, ſo glän⸗ zend wie goldene Garben, und ſo dicht wie ein Wald. Hatte man alle dieſe Blätter⸗, Schatten⸗ und Blüthen⸗ pracht geſehen; hatte man dieſe ungeheuren Alleen durchſchritten, durch hundertjährige Bäume für ver⸗ ſchwundene Rieſen gebildet; hatte man die Thüren der myſteriöſen, da und dort wie Oaſen verſtreuten Häuschen halb geöffnet, und war man die ſchmalen und mit Sand überſtreuten Alleen entlang gegangen, welche Einen, man weiß nicht wohin führen, welche Schritte und Gedanken zugleich von der übrigen Welt abſondern, welche der Wohlgerüche und der Geſänge genug bergen, um einen auf dem ganzen Wege zu berauſchen, und deren dicht gedrängte Blät⸗ ter die ſie vergoldende Sonne wie durch ein Sieb hindurchlaſſen, ſo kam man auf das Feld. Da ſtand der Pachthof mit ſeinem gewohnten Geräuſche; dann ſah man unter der brennenden Sonne Schnitter je⸗ der Art, ihre Garben tragend, unruhige Kühe, beim geringſten Geräuſche ſtillſtehend, und muntere Heer⸗ den mit ihren eben durch ihre große Monotonie me⸗ lodiſchen Glocken: ſo hatte man nach der Einſamkeit Leben, nach der Stille Lärm. War die Außenſeite entzückend, ſo war die Innenſeite himmliſch ſchön, voller Leben durch Pferde, Pflüge und Menſchen, voller Vögel, die als wahre Schmarotzer auf Koſten derer leben, welche ihnen lauſchen, voll gleichgültiger Enten, voller Hähne, Tauben, Hühner, und dieſe tauſend beflügelten und unruhigen Stimmen bildeten das tägliche Concert, das auf Bauerhöfen um fünf Uhr Morgens anfängt und bis ſieben Uhr Abends fortdauert. 3 Das Erſte, was Clementine und Marie thaten, als ſie am Tage nach ihrer Ankunft im Schloſſe auf⸗ wachten, war, daß ſie aufſtanden und dieſes einer von ihnen ganz neue, für Marie aber ſchon der Ju⸗ genderinnerungen volle Gebiet in Augenſchein nah⸗ men. Sie hatten alſo, die Freiheit in langen Zügen ſchlürfend, Park, Wieſen und Wald in jeder Richtung durchforſcht, die mißlichſten Fußpfade nicht gefürchtet, ſich mit Gelächter ausſchüttend und dabei doch nicht die lieben Vögelchen verſcheuchend, welche in ihnen Schweſtern erkannten; ſo waren ſie, von Allee zu Allee, auf dem Pachthofe angelangt, wo ſie von der Pächterin und dem Pächter mit Freuderufen, von den Hühnern und Enten aber mit Angſtſchreien em⸗ pfangen worden waren. Darauf hatten ſie Alles beſucht und unterſucht, überall einen Reflex ihrer angebornen Grazie zurücklaſſend, dieſe wackeren Leute über ihre gute Wirthſchaft und das ſchöne Ausſehen des Pachthofes becomplimentirend, Alles bewundernd, Milch trinkend, Früchte eſſend, und wie wilde Ziegen herumſpringend; dann hatten ſie, nachdem ſie die blonden und vor der Thüre ſpielenden Kinder ge⸗ liebkoſet, die einen allerliebſten Teint gehabt hätten, hätten ſie nicht die Hände in das Waſſer, worein die Enten ihre Füße ſtecken, und von da in's Geſicht 73 gethan, ihre Pferde wieder beſtiegen und waren, da in ihrem Magen die Stunde des Frühſtücks ſchlug, eiligſt nach dem Schloſſe zurückgekehrt. Das Früh⸗ ſtück war in einem jener prächtigen Speiſeſäle aus den alten Zeiten ſervirt, wo man ſtets irgend einen ſtreng ausſehenden und gaſtfreundlichen Ritter der alten Legenden erſcheinen zu ſehen glaubt. Zwei coloſſale Truhen von Eichenholz ließen durch ihre Scheiben hindurch ſilberne Schüſſeln, Teller und Gefäſſe jeder Art ſehen, die, alte Erbſtücke, wie ein Sonnenſtrahl glänzten; längs der mit einem ſchweren und dunklen Stoffe behängten Wand waren die Stühle von ſchwarzem Holz aufgeſtellt, welche die moderne Bequemlichkeitsliebe mit gewiſſen ſammtenen Kiſſen beſchenkt hatte, denen ſelbſt unſere Väter An⸗ erkennung gezollt hätten. Die durch das große, halb offene Fenſter eindringende Sonne hob auf den Vor⸗ hängen die goldenen Arabesken hervor, welche ſie zierten; von der Decke des Speiſeſaals, die von ſchweren Balken durchzogen war, hing eine lange Lampe herab, welche ſo alt und zugleich ſo bequem wie möglich war, und unten breitete ſich, was, wir müſſen es geſtehen, zu der Stunde, wo die beiden Mädchen zurückkamen, ihre Augen am Meiſten be⸗ ſchäftigte, auf dem viereckigen Tiſche das tägliche Frühſtück aus. Nach beendigtem Mahle führte Marie ihre Freun⸗ din Clementine im Schloſſe herum. Hinter dem Speiſeſaale war eine große ſteinerne, mit einem ei⸗ ſernen Geländer verſehene Treppe; oben an dieſer Treppe dehnte ſich ein langer Gang aus, der von kleinen Fenſtern erhellt wurde. Hier hingen die Bilder aller Familienglieder, ſeit den Tagen des heiligen Ludwig bis auf unſere Zeit,— alle ſteif wie Leute, die da ſitzen, um ſich für die Zukunft malen zu laſſen; die einen, gerade und kalt in ihrer Rüſtung; die andern, ſtolz und trotzig in ihrem Wamnſe; hier ſahen einige kriegeriſch aus, dort wie⸗ der andere recht beſcheiden, je nachdem ſie Regimen⸗ ter oder Abteien beſaßen; dann kamen die Bildniſſe derer, welche unſerer Zeit minder fern ſtanden. Hier fröhliche Daten, dort blutige; hier Ludwig der Fünf⸗ zehnte, dort die Revolution. Im Uebrigen ſah in dieſer Galerie Alles impoſant aus. Hinter dieſen Coſtümen, Rüſtungen, Wämmſern, Röcken ahnete man edle Herzen und gute Eingebungen; man be⸗ griff den Stolz, wovon der letzte Sproſſe dieſes ed⸗ len Ahnen beſeelt ſein mußte, indem er auf dieſe Bilder hinwies und ſprach: Schaut, von dieſen ſtamme ich ab! Die beiden Freundinnen blieben indeſſen nicht allzu lange vor dieſen ſchönen Geſtalten ſtehen, ſon⸗ dern ſuchten, die Galerie verlaſſend, die übrigen Zimmer des Schloſſes auf. Jede Zeit hatte dieſem ſchönen Schloſſe ihr eigenthümliches Gepräge aufge⸗ drückt und unverkennbare Spuren, daß ſie einmal geweſen, zurückgelaſſen. Von dem Jahrhunderte, welches das Schloß hatte entſtehen ſehen, waren die dunkle Tapete und die ſchweren Möbeln übrig ge⸗ blieben, welche man in dem Speiſeſaale gewahrte. Von Ludwig dem Vierzehnten und Ludwig dem Fünf⸗ zehnten waren noch vergoldete, mit mythologiſchen Gemälden überladene Boudoirs da; vom Kaiſerreich aber hatte es geiſtreicher Weiſe Nichts als einen 75——nSRS Ǵ nn —2 o Aᷣ—— des ſteif unft hrer grem wie⸗ nen⸗ niſſe Hier fünf⸗ h in ieſen onete be⸗ 3 ed⸗ dieſe ieſen nicht ſon⸗ rigen ieſem ufge⸗ nmal derte, n die J ge⸗ ahrte. Fünf⸗ iſchen rreich einen 4 3 75 weißen, mit Gold⸗ und Purpurfarben bemalten Sa⸗ lon behalten, verzichtend auf die ſo ſchlechten Ge⸗ ſchmack verrathenden Porzellane, Möbeln und Ver⸗ zierungen, welche dieſe kriegeriſche Epoche charakteri⸗ ſiren. Endlich hatte Frau von Hermi ſich dort das wundervollſte Neſt geſchaffen, das eine Frau nur träumen kann,— ein Neſt von Atlaß und Spitzen, das ein einziger Funke vernichtet hätte, in das die Sonne roſenroth drang, wohin kein Wind kam, wo man Nachts einen parfümirten Schlaf ſchlief, wo ſeidener Sammt die Tritte dämpfte und die trägen Füße ſchützte, und wo endlich, wenn das Piano unter den weißen Fingern der Gräfin ſang, die Harmonie ſo ſanft, ſo ſüß, ſo gedämpft war, daß ſie mehr das Echo einer himmliſchen Melodie, als der Ausdruck einer menſchlichen Muſik ſchien. Die zwei Zimmer unſerer ſchönen Kinder ſtießen an einander und waren mit einem friſchen perſiſchen Stoffe behängt; auf den Park hinausgehend, wurden dieſelben von der Sonne und den Vögeln zuerſt be⸗ grüßt. Endlich war ein unterer Theil des Schloſſes von einer Kapelle eingenommen. Clementine und Marie blieben dort einen Augenblick ſtehen, und fingen an, die religiöſe Stimme der Orgel hören zu laſſen. Wir jungen Leute alle, welche das Glück zu Skeptikern machte und ſchon ein Schein von Schmer⸗ zen ſo gläubig gemacht haben würde, haben vom Glauben der Andern mehr oder weniger. Wir Alle ſind ſchon in eine Kirche getreten, ohne dort etwas Anderes zu ſehen, als ein Symbol ohne Grund, und eine Tradition ohne Wahrſcheinlichkeit. Wir Alle haben ſchon, uns in den Atheismus hüllend, den wir von gewiſſen Leuten aushängen ſahen, geſagt, es bedürfe das Leben weder des Gebets noch des Glaubens; und doch folgten wir, ohne uns ſelbſt davon Rechenſchaft zu geben, irgend einer Religion, die nur eines derjenigen Mittel war, welche die Kirche verlangt. In der That, Jeder, wenn er thut, als zweifle er an Gott, hat im Herzen ſtets irgend eine andere Liebe, die er anbetet, die er ver⸗ ehrt, und die ihn allmählig zu der Wahrheit zurück⸗ führt, woran er zweifelt; als Kind hat er eine Mut⸗ ter, als junger Mann hat er eine Geliebte, deren Namen er in Augenblicken der Verlaſſenheit und des Leidens ausſpricht, um ſich wieder zu beruhi⸗ gen, ohne dabei zu merken, daß hinter dieſem Namen Gott iſt, und daß er, gleich dem Seemann, anſtatt geradezu an den Herrn, ſich an einen Stern wendet: das iſt Alles. Und nimmt man dann an, daß er wahrhaft zweifle, ſo muß er doch, wenn er diejeni⸗ gen leiden ſieht, die er liebt, wieder zum Gebete ſeine Zuflucht nehmen; beten lernen muß und wird er, wenn er ſich einem Schmerze gegenüber ſieht, den Menſchen nicht zu heilen vermögen; wenn er am Bette eines oder einer geliebten Kranken ſteht; wenn er den Tod ohne Erbarmen über den Schatz ſeiner Liebe herfallen ſieht. Dann muß er an jene höhere Macht denken, die allein zum Tode wie zum Meere ſprechen darf: Bis hieher und nicht weiter, und die in einer der Falten ihrer himmliſchen Güte ſtets das Almoſen der Vergebung für den bereit hält, der da Reue fühlt. Wohl iſt es ſüß, ſich ſagen zu können: Wenn ich in meinem Kummer keine Stütze, keinen Freund, keine Familie habe; wenn Niemand meine — 77 Thränen theilt; wenn, mit einem Worte, meine Seele in keinem der irdiſchen Horizonte ein Echo findet, ſo kann ich, ohne von den Menſchen Etwas zu verlan⸗ gen, in einen jener Tempel treten, welche Chriſtus ins Leben gerufen hat und die in gewiſſen Entfer⸗ nungen wie ebenſo viele Raſten für den Kummer offen ſtehen; ſo kann ich, vor dem Altare nieder⸗ kniend, dem Gebete horchen, das ohne Aufhören um mich her zum Himmel emporſteigt, und habe ich dann einige Augenblicke mein Herz und meine Stimme mit dieſem frommen Gemurmel vermiſcht, ſo werde ich, aller Klagen und Leiden bar und angethan mit Hoffnung, mich wieder erheben, ſo werde ich mein Kleid, das da voll iſt des Schmutzes und der Leiden, mitten auf dem Wege weggeworfen und meine Seele in dem Waſſer des Herrn gebadet haben; während des, wenn auch noch ſo kurzen, Augenblicks, den ich in dieſer Kirche zugebracht, wird mir der Himmel Dinge zugeflüſtert haben, die er nur denen ſagt, die da leiden, und die in ihrem Leiden an ihn denken; wenn ich aus dem Gotteshauſe trete, werde ich ein beſſerer Menſch ſein, als in dem Augenblicke, wo ich hineingegangen, werde ich ſtärker ſein, als mein Kummer, und werde ich glauben: das ſpricht die Orgel mit ihrer Stimme, ſo voller Seufzer, wie die Reue Magdalenens, ſo voll freudiger Geſänge, wie Auferſtehung. Marie und Clementine, berauſcht von dieſer Mu⸗ ſik, die unter ihren Fingern entſtand, und ihnen Herz und Kopf dergeſtalt zuſammenpreßte, daß ſie ſchier außer ſich kamen, ließen das heilige Inſtrument bald klagen, bald lachen, ſo daß es in der Kapelle ſchon dunkel geworden war, als ſie noch an derſelben Stelle waren, ähnlich jenen unſichtbaren Genien der Nacht, welche dieſe ſo viele Menſchen entzückende Muſik der Natur über die Erde verbreiten. Plötzlich ſchwieg die Orgel; der letzte Ton flog bebend in der Kapelle her, wie jene Vögel, die, einmal in ein Zim⸗ mer hereingekommen, ſich jeden Augenblick an den Wänden ſtoßen, ohne zu wiſſen, wo ſie ihre Flügel ſchließen ſollen. Endlich verſank Alles in tiefes Schweigen. Die beiden Mädchen ſahen einander an, wie wenn ſie zu gleicher Zeit aus einem und demſelben Traume erwacht wären. Sie faßten einander in⸗ ſtinktmäßig bei der Hand, denn ein nubeſtimmtes Gefühl der Furcht bemächtigte ſich ihrer. „Es iſt ſpät,“ ſprach Clementine. „Ja,“ erwiderte Marie. „Wir wollen gehen.“ „Gehen wir!“ Aber weder die Eine noch die Andere verließ ihren Platz; es ſchien ihnen, als würde, wenn ſie in der Dunkelheit, die ſie umgab, aufſtänden, ſich eine der bleichen Geſtalten vor ihnen aufrichten, welche ihre Harmonie wach gerufen, und deren Er⸗ ſcheinung etwas Furchtbares ſein mußte. Da näher⸗ ten ſie ſich einander und ſprachen, Mund gegen Mund, naiv zu einander: Ich habe Furcht. 1 Zugleich ſchlugen ſie heftig auf die Orgel hinein, gleichſam um nicht mehr allein zu ſein; und wäh⸗ rend des augenblicklichen Geräuſches, das ſie ſo hervorgerufen, rannten ſie die Orgeltreppe hinab, und es pochte ihnen das Herz ſo heftig, wie wenn * lben der ende zlich der Zim⸗ den lügel iefes wie elben v in⸗ imtes erließ un ſie „ſich lhden, ſie ſo hinab, wenn ſie ſich etwas Böſes hätten zu Schulden kommen laſſen. Unten an der Treppe angekommen, blieben ſie ſtehen, hörten, wie ihr letzter Schrei allmählig verhallte, und gingen nach der Thüre hin. Aber in dem Augenblick, wo ſie dieſe berührten, vernah⸗ men ſie ein Geräuſch, ähnlich dem Rauſchen eines Frauenkleides, ſowie einige mit leiſer Stimme ge⸗ wechſelte Worte. Nun konnten ſie nicht länger zweifeln: es waren noch andere Menſchen in der Kapelle. Athemlos blieben ſie ſtehen, ohne auch nur einen weiteren Schritt zu wagen, ſich bei der Hand haltend und einander anblickend. Noch viel ärger war es aber, als dieſe geheim⸗ nißvolle Stimme ſtärker ward, näher kam und das Wort„Marie“ murmelte. Jetzt war das Mädchen überzeugt, es müſſe der Schatten eines ihrer Ahnen ſein, der in dem Saale umgehe; und mit der inſtinktmäßigen Hoffnung der Kindev, welche die, die ſie am Meiſten lieben, in großer Noth zu Hülfe rufen, rief ſie aus: O Mutter!“ „Ja, ich bin es!“ antwortete dieſelbe Stimme, die keine andere war, als die der Gräfin. „Ah, Du biſt es, Mutter! Ah, Sie ſind es, Mavame!“ ſprachen die zwei ſchönen Kinder, endlich wieder athmend. „Ich habe Euch Furcht pemacht,“ hob Frau von Hermi wieder an. „Ich glaube es wohl,“ ſprach Marie, ihrer Mut⸗ ter einen Kuß gebend. „Wir, der Graf und ich, wußten nicht, was aus 80 euch geworden. Seit zwei Stunden ſuchten wir euch im Garten und in dem Gehölze.“ „Es iſt alſo ſchon ſpät?“ „Es iſt acht Uhr.“ „Ach Gott, und biſt Du ſchon lange hier??„ „Wir ſind ſeit einer Stunde da. „Mein Vater iſt alſo auch da?“ „Jl.“ „Und was macht er?“ „Er verſteckt ſich.“ „Warum?“ „Weil er weint.“ „Und wer hat ihn zum Weinen gebracht?“ „Du, oder vielmehr ihr.“ „Jd. „Und wie denn?“ 6 „Mit eurer Muſik.“ „Guter Vater!“ „Wir ſuchten euch im Hauſe, da wir euch draußen nicht finden konnten, und indem wir an der Kapelle vorbeigingen, wo wir euch nicht vermutheten, haben wir die Orgel gehört und ſind in Folge deſſen herein⸗ gekommen. Ich nun wollte Dich alsbald rufen; denn ich ſtarb faſt vor Hunger; aber Dein Vater hat ge⸗ 5 ſagt: Hören wir einen Augenblick zu! Da ſind wir denn ganz ſachte hinter eine der Säulen geſchlice und haben gehorcht. Wir haben uns geſetzt, un es iſt wahrſcheinlich, daß wir nicht müde geworden wären, zu horchen, wenn ihr nicht müde geworden wäret, zu ſpielen. Dieſe Muſik, bis zu ven Grade- vergeſſen, daß ſie Deinem Vater durchaus ißen pelle aben rein⸗ denn t ge⸗ wir ichen und drden Prade rden war, 2 81 hat, hauptſächlich weil von Dir kommend, ſolchen Eindruck auf ihn gemacht, daß er wie ein kleines Kind weinte, und daß mir ſelbſt die Thränen in den Augen ſtanden. Als ihr heruntergekommen ſeid, da hat er zu mir geſagt: Ich mache mich fort, denn wenn ſie meine rothen Augen ſehen, ſo lachen ſie mich aus. Und ſo iſt er zu der Thüre hinausge⸗ gangen, welche in die kleine Sakriſtei führt. Aber jetzt wollen wir eſſen, und wenn ihr wieder einmal anfanget, ſo machet, daß ihr die Glocke höret, welche zum Eſſen ruft; denn es iſt die Orgel zwar für das Herz etwas Herrliches, für den Magen aber etwas Abſcheuliches.“ Und Frau von Hermi ſtieg, die beiden Mädchen mit fortziehend, raſch die Treppe hinab, und erſchien mit ihnen in dem Speiſeſaale, wo der Graf auf⸗ und abging. Marie warf ſich ihm in die Arme. Nach dem Eſſen ging man im Garten ſpazieren: die Grä⸗ fin mit Clementinen, der Graf mit Marien. Clemen⸗ tine und die Gräfin ſprachen mit einander über Klei⸗ der und Modeſachen. „Lieber Vater,“ ſagte Marie zu Herrn von Hermi, „ich muß Sie vielmal um Verzeihung bitten.“ „Und weßhalb denn, mein liebes Kind?“ „Weil ich Sie zum Weinen gebracht.“ „Und wer hat Dir denn das geſagt?“ „Die Mutter.“ „Deine Mutter iſt eben eine Schwätzerin; ich wollte, daß Du den Eindruck, den Du auf mich her⸗ vorgebracht, nie erfahren ſollteſt, weil ich, als ein rechter Egoiſt, daraus Nutzen ziehen wollte, ohne daß Du darum wußteſt; ich wollte Dich noch öfters hö⸗ Dumas d. J, ein Frauenleben. I. 6 ren, in einem Winkel verſteckt, wie heute,— und ſiehe, nun kann ich das nicht mehr.“ 4 „Weil, ſo oft Du wieder in die Kapelle kommſt, ei darin.“ „Glauben Sie, ich werde darum ſchlechter 4 ſpielen?“ „Lieber Engel,“ verſetzte der Graf, ſeine Tochter küſſend,„und wann hatteſt Du im Sinn, wieder in die Kapelle zu gehen?“ „Ich weiß es wahrlich nicht; ich habe heute ſo Furcht gehabt!“ 4 „Ah, Du haſt Furcht gehabt?“ „Ja, als ich geſehen habe, daß es dunkel wurde; und nach dem Geräuſche, das ich gemacht hatte, wagte ich es nicht mehr, meinen Platz zu verlaſſen, da ich mich wieder inmitten dieſer großen Stille fand.“ 3 „Nun aber wirſt Du keine Furcht mehr haben, da ich da ſein werde?“ „O nein.“ „Und Du wirſt auch ferner Oegel ſpielen?“ „So viel Sie immer wollen.“ „Und was kann ich Dir dafür geben?“ „Sie küſſen mich einmal mehr, und werden da⸗ durch mein Gläubiger.“ „Liebes Kind, ich muß irgend einmal in meinem Leben eine gute Handlung verrichtet haben, deren ich mich nicht mehr entſinne, da Gott mir einen Enge an die Seite gegeben hat, wie Du einer biſt.“ „Sie lieben mich, Vater, und weiter braucht Gott nicht, um mich bei Ihnen zu laſſen. Uebrigens 1 irde; datte, aſſen, Stille aben, en da⸗ teinem deren Engel 7 raucht rigens 83 geht dieſes Glück, von dem Sie ſprechen, nicht von mir zu Ihnen, ſondern von Ihnen zu mir über; und wenn Eines von uns Beiden Gott danken muß, ſo bin ich es, Vater.“ „Du wirſt ſo denken bis zu dem Tage, wo Du für einen Andern beten wirſt.“. „Und für wen werde ich dann zu Gott beten, wenn nicht für meine Mutter und für Sie?“ „Für Deinen Mann.“ „Für meinen Mann?“ „Ja, wirſt Du Dich nicht auch heirathen und uns verlaſſen müſſen?“. „Das iſt wahr. Ich hatte hieran nie gedacht; muß ich denn aber durchaus heirathen? Mir wäre es lieber, immerfort ſo um Sie zu bleiben.“ „Es iſt das ein Ding der Unmöglichkeit, liebes Kind; es kennt das Herz Wechſel, die von Gott ſelbſt vorgeſchrieben ſind. Die Liebe, die Du für uns hegſt, wird Dir bald nicht mehr genügen; und dann mußt Du wohl auch, wenn Gott uns einmal zu ſich nimmt, auf dieſer Erde irgend Etwas zu lieben haben, und es müſſen die Lebenden die Todten tröſten.“ „Mein Vater, was ſagen Sie da?“ „Die Wahrheit, mein Kind. Ich ſagte, Du müſſeſt für Andere das ſein, was wir, Deine Mut⸗ ter und ich, für Dich ſind. In ſeiner Allgütigkeit läßt Gott es zu, daß eine im Herzen erloſchene Liebe durch eine andere erſetzt wird, die nur auf den lee⸗ ren Raum wartet, welche die erſte durch ihren Tod läßt, um den ganzen Platz einzunehmen; und Du wirſt ſinden, meine liebe Marie, wie die Liebe, die 84 Du für Deine Kinder hegen wirſt, unendlich ſtärker ſein wird, als die Liebe, ſo Du je zu uns gehabt. Ich ſelbſt habe mich beim Tode meiner Mutter, ob⸗ gleich ich viel gelitten und viel geweint, durch den Gedanken an Dich getröſtet. Denn ſiehſt Du, zu jeder Zeit wird die Hoffnung über die Erinnerung, wird die Wiege über das Grab tröſten.“ „Sie täuſchen ſich, Vater,“ verſetzte das Mäd⸗ chen, in ihrem Vertrauen, gleichſam wider ihren Willen, zu heiligen Mittheilungen hingeriſſen;„denn oft, wenn ich in meinem Inſtitute ſo allein war und ſo an Alles dachte, was mich glücklich oder traurig machen konnte, ſah ich nur in unſerer Doppelliebe Glück, und gewahrte ich nur von dem Augenblick an Kummer, wo dieſe Liebe aufhören würde; und ſeit⸗ dem bin ich ſtets dieſer Anſicht geblieben. Heute Morgen, als ich in der Kapelle Orgel ſpielte, waren meine Mutter und Sie die Schatten, die vor meinen Augen vorüberſchwebten, die Gedanken, die durch meinen Kopf zucken; mein erſtes Gebet, wenn ich einſchlafe, mein erſter Gedanke beim Erwachen ſind für Euch Beide. Ach, mein Vater,“ fuhr das Mäd⸗ chen, ſich an den Hals des Grafen hängend, fort, „ich verlange von Gott ſonſt Nichts, als daß er mich ſtets ſo leben laſſe.“ „So höre denn, mein Kind! Vielleicht denkſt Du immer ſo, weil Dein wunderbar gutes und keuſches Herz ſchon eine Ausnahme iſt; ſollteſt Du aber ein⸗ mal, merke wohl auf, nicht mehr ſo denken, ſo ver⸗ ſchweig es mir nicht aus falſcher Scham; glaube nicht, weil Du jetzt nur Deine Mutter und mich lie⸗ beſt, ſo dürfeſt Du nie Jemand lieben, und müſſeſt Dir 85 vor Allem das Opfer auferlegen, mir ſolches nicht zu geſtehen. Sollteſt Du in der Welt, in die Du zu treten im Begriff biſt, ſollteſt Du auf dem neuen Wege, den Du nun gehſt, und deſſen Freuden und Leiden Du noch gar nicht kennſt, den Mann zu fin⸗ den glauben, von dem einſt Dein Glück abhangen muß, ſo ſag' es mir, mein Kind; zeig mir dann die⸗ ſen Feamn⸗ und iſt derſelbe werth, daß ich ihm mein Theuerſtes auf dieſer Erde anvertraue, ſo ſollſt Du glücklich werden. So oft der Herr eine Seele er— ſchafft, erſchafft er ihr zu gleicher Zeit eine andere, gleiche, denn jede Seele hat irgendwo ihre Schweſter; dann trennt er die beiden und ſtellt bisweilen eine ganze Welt zwiſchen ſie, bis der Zufall, wie die Menſchen ſagen, bis die Vorſehung, wie die Weiſen ſich ausdrücken, dieſe zwei Naturen zuſammenführt, die, für einander geſchaffen, ſich an himmliſchen, be⸗ ſonderen Zeichen erkennen, und da ſie von demſelben Vaterlande mit einander ausgegangen, mit einander auch dahin zurückkehren müſſen. Solches iſt, ſiehſt Du, des Herren Wille; ſich ihm widerſetzen, heißt nicht allein ſich unglücklich machen, ſondern auch gottlos ſein. Alles, was ich alſo von Dir verlange, mein Kind, iſt, daß Du offen ſeieſt, daß Du mich zum Vertrauten Deiner erſten Gemüthsbewegungen macheſt, denn Niemanden, Du ſiehſt es wohl ein, liegt Dein Glück ſo ſehr am Herzen, als mir. Wie Du ſiehſt, ſo ſpreche ich mit Dir, wie mit einem Freunde; denn das Herz des Weibes iſt bälder fer⸗ tig, als das des Mannes, und Alles, was ich Dir jetzt ſage, muß Deine zukünftige Ruhe ſichern. Gehen wir dann zu den materiellen Dingen dieſes Lebens 86 über, ſo biſt Du beſtimmt, ſo glücklich zu ſein, wie nur Eine: Du biſt jung, Du biſt ſchön, Du biſt reich, und unſer Name kann ſich den größten beigeſellen. So wird denn, meine liebe Marie, Dein Wille ohne Zweifel der Wille Gottes ſein, gewiß aber wird er der meinige ſein. Inzwiſchen bleibe bei. uns, ſo lange es irgend möglich, und vergiß, ſo lange wir hier ſind, die Freude nicht, die Du mir heute Abend bereitet, und vergiß nicht, wie Du mich auch ferner ſolchen Glücks theilhaftig machen kannſt.“ Und es drückte der Graf einen Kuß auf die Stirn ſeiner Tochter, die ganz nachdenkſam blieb. Dann kamen ſie Beide nach einigen letzten Gängen, ver⸗ trieben von der Nacht, die bereits kalt zu werden anfing, ins Schloß zurück, gefolgt von der Gräfin und von Clementinen. Die beiden Kinder küßten Herrn und Frau von Hermi, und gingen dann auf ihre Zimmer.. Im Augenblick, wo ſie die Thüre aufmachten, ſprach Clementine zu Marien: „Wir haben, Deine Mutter und ich, über Gegen⸗ ſtände der Toilette geſprochen. Welch' feinen, ſiche⸗ ren Geſchmack ſie hat!“ Und nun hob ſie an, ihrer Freundin Alles haar⸗ klein zu erzählen, was die Gräfin ihr geſagt hatte. Während dieſer Zeit hörte Marie, vor ihrem Spiegel ſitzend, nachdenkſam zu. Marianne öffnete, wie gewöhnlich, die Thüre, um das Mädchen aus⸗ kleiden zu helfen. „Ich danke Dir, liebe Marianne,“ ſprach Marie zu ihr, indem ſie ſie küßte;„wir wollen heute Abend 38 allein zu Bette gehen.“ wie eich, Uen. hne der ſo wir dend rner tirn ann ver⸗ den äfin errn ihre ten, gen⸗ iche⸗ aar⸗ atte. rem rete, aus⸗ arie vend 3 „Was iſt Dir denn?“ bemerkte Clementine, nach⸗ dem Marianne die Thüre wieder geſchloſſen hatte. „Während ihr über Gegenſtände der Toilette mit einander geſprochen,“ erwiederte das fromme Kind,„haben wir von der Zukunſt geſprochen, und wenn meine Mutter viel Geſchmack hat, ſo hat mein Vater, ich kann es Dir ſagen, viel Herz.“ „Dann haben ſie,“ verſetzte Clementine lachend, „zuſammen Alles das, was erforderlich iſt, um Dich zum glücklichſten weiblichen Weſen auf Erden zu machen; und biſt Du das nicht, ſo wird es ein Zeichen ſein, daß von Deiner Seite böſer Wille vor⸗ handen.“ Sechstes Kapitel. Der Baron von Bay war zu Paris geblieben. Wie man ſich noch erinnern wird, war verabredet worden, daß er erſt ein paar Tage nach dem Gra⸗ fen und der Gräfin abreiſen würde. Der Baron war in Wahrheit wie ein Leib, dem ſeine Seele ab⸗ handen gekommen, und vergebens ſuchte er ſeine augenblickliche Einſamkeit abzuſchütteln, indem er ſich wie andere Menſchenkinder zu zerſtreuen ſuchte. Er ging in den Zirkel, wo er ſich etwas mehr langweilte, als wenn er zu Hauſe geblieben wäre; er verließ ihn um neun Uhr, erinnerte ſich, daß man die Jüdin gab, und ging in das Opernhaus hinein. Das Haus war vollge⸗ pfropft. Der Baron fand auch nicht einen freien Sperrſitz, was ihn nöthigte, eine Loge zu ſuchen, wo er etwa eine bekannte Perſon ſähe, die er um 88— gaſtfreie Aufnlahme bitten könnte. Der Zufall wollte es, daß dem Baron alle Geſichter unbekannt waren, und ſchon wollte er wieder gehen, als er, nachdem er eine ganz allein in einer Parterre⸗Loge ſitzende Perſon lorgnettirt, ausrief: „Ah! endlich habe ich's gefunden.“ Und eiligſt ließ er ſich die Loge aufſchließen. „Ei, Sie ſind es?“ ſprach der Zuſchauer, indem er den Baron eintreten ſah. „Ja, mein lieber Immanuel, ich bin es!“ ſprach Herr von Bay, indem er ſeinem Freunde die Hand hinbot.„Ich komme hierher, um Sie um einen Platz in Ihrer Loge zu bitten.“ „Sie ſind beſtens willkommen; ſetzen Sie ſich!“ „Aber wie kommt es denn, daß man Sie, den ſtrengen, ernſten Mann, im Theater ſieht?“ „Meiner Treu, ich hatte gar nicht die Abſicht, hierher zu kommen. Es iſt Ihnen bekannt, unter welchen Beſchäftigungen mir das Leben verſtreicht, ſowie daß mir niemals ein ſolcher Gedanke gekom⸗ men wäre, nicht als ob ich die Muſik und die Lite⸗ ratur verſchmähete, Gott bewahre! wohl aber, weil meine Tage dermaßen ausgefüllt ſind, daß ich Abends lieber ausruhe, wenn ich müde bin, oder arbeite, wenn ich es nicht bin. Heute aber,“ fuhr der Mann, den der Baron Immanuel genannt hatte, und den wir nur erſt unter dieſem Namen kennen, lächelnd fort,„heute aber opfere ich dem Myſte⸗ riöſen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß ich heute Morgen — einen Brief bekommen, dem ich anfänglich keine ve eit ni⸗ un vollte aren, chdem Bende 1. ndem prach Hand einen ich!“ den ſicht, inter eicht, kom⸗ Lite⸗ weil ich oder fuhr atte, nen, jſte⸗ gen eine 89 große Aufmerkſamkeit geſchenkt, deſen Rath ich aber kefolgt habe, da ich nicht wußte, was ich thun ſollte. Der Brief aber enthielt nachſtehende Worte: „„Gehen Sie heute Abend in die Oper: man gibt die Jüdin. Es iſt das eine ſchöne Muſik, die Ihnen Erholung gewähren wird, ganz abgeſehen davon, daß ſich im Hauſe Jemand einfindet, den es höchlich freuen wird, Sie dort zu ſehen.““ „Das iſt Alles?“ „Sonſt Nichts.“ „Und ſo ſind Sie denn hierhergekommen?“ „Wie Sie ſehen.“ „Wie war die Handſchrift?“ „Fein.“ „Eine Frauenhand?“ „Offenbar.“ „Nun, ſo iſt es ein Glücksfall, hinter dem ein verliebtes Abenteuer ſteckt.“ „Auf jeden Fall,“ ſprach Immanuel,„iſt das ein Glücksfall, der für mich ganz und gar un⸗ nütz iſt.“ „Warum denn?“ „Für's Erſte, weil ich nicht an Glücksfälle glaube, und zweitens, weil ich verreiſe.“ „Und wohin gehen Sie denn?“ „Nach L.... eine Stunde von Poitiers.“ „Sie gehen allein?“ &As“ 6 „Ja. „Wollen Sie die Reiſe mit mir machen?“ „Herzlich gerne. Sie gehen alſo auch dorthin?“ „Ich gehe zu dem Grafen von Hermi.” 99 „Wirkee s i*ſt daſſelbe faſt ein Landnachbar von mir; ſein Schloß liegt nur drei Viertelſtunden von meinem Hauſe weg.“ „Sie kennen ihn?“ „Nur dem Namen nach. „Wohlan, mein lieber Freund, Sie ſollen ihn näher kennen lernen, und Sie werden alle Urſache haben, über die neue Bekanntſchaft hoch erfreut zu ſein.“ „Ich muß Ihnen im Voraus ſagen, daß ich dorthin gehe, um zu arbeiten.“ „Aber Sie werden doch auch ein bischen jagen?“ „Ei freilich!“ „Wenn das iſt, ſo werden Sie bei dem Grafen jagen; ich lade Sie in deſſen Namen hiermit ein.“ „Sie ſind alſo mit ihm ſehr vertraut?“ „So vertraut man nur ſein kann. Und wann ſind Sie geſonnen abzureiſen?“ „In ein paar Tagen.“ „Wie ich.“ „Wie reiſen Sie?“ „In meinem eigenen Wagen.“ „Iſt derſelbe geräumig?“ „Wie ein Zimmer.“ „Und weich?“ 8„Wie ein Bett.“. „Wirklich! Ach, mein Lieber, ich ſchätze mich unendlich glücklich, Sie hier getroffen zu haben. Aber nun keine Thorheiten!“ „Ich verſtehe nicht.“ „Büibe Sie mir nicht zu Paris „ ſollte mich hier zurückhalten?“ 11 1“ b 91 bar„Die Brieſſtellerin.“ den„Sind Sie verrückt? Und dann kenne ich ſie ja nicht einmal.“ „Sie können ſich wohl denken, daß ſie es nicht „ hiebei bewenden laſſen wird.“ ihn„Was liegt mir daran! Habe ich nicht geſagt, ache daaß ich nicht an ſolche Glücksfälle glaube?“ t zu„Möglich, vielleicht aber glaubt ſie daran, ſie. . Denn, mein lieber Freund, Sie ſind ein Glücksfall, ich Sie.“ „In wie fern?“ — 1 2n?„In Allem.“ 1„Sie ſcherzen.“ kafen„Keineswegs. Sie ſind jung, Sie haben einen n. ſchönen Nanien, den Sie in würdiger Weiſe führen, und ſind in dieſem Augenblick der Mann, der die vann Aufmerkſamkeit der Pariſer am Meiſten beſchäftigt.“ „Ach, mein Lieber, es wäre mir lieber, man hätte meinen Namen nie ausgeſprochen! Sie kön⸗ nen nicht glauben, wie herzlich müde ich aller dieſer Kämpfe bin. Es gibt Tage, wo ich gerne Allem entſagen möchte, und der beſte Beweis iſt, daß ich Paris nun verlaſſe.“ „Um ruhiger arbeiten zu können. Gehen Sie, ich kenne Sie, mein lieber Immanuel, und glaube weder an Ihre Entmuthigung, noch an Ihr Ver⸗ mich langen nach einem anderen Leben. Wiſſen Sie auch, daben. daß Sie dem Miniſterium gewaltig zu ſchaffen machen?“ 3 „Es muß und wird fallen!“ ſprach Immanuel energiſch. „Sie ſehen nun wohl ſelbſt,“ antwortete Herr von Bay lachend,„daß Sie des Kampfes nicht müde ſind.“ „Wohlan! lieber Freund, ſprechen wir nicht länger von dieſen Leuten, ſpreche ich doch in der Kammer genug von ihnen; lauſchen wir lieber dem herrlichen Gebet, das von Düprez ſo wunderſchön geſungen wird. Ach, wie glücklich ſind nicht die Leute, welche nur dieſe Seite des Lebens ſehen, mein lie⸗ ber Baron! Wenn man ſo bedenkt, daß man es ſich angelegen ſein läßt, ein Miniſterium zu ſtürzen, während man ſolche Muſik hören könnte! Schauen Sie, es ſind die Menſchen eben Narren, wenn ſie nicht bösartig ſind. Horchen wir!“ Und Immanuel warf ſich in den Hintergrund ſeiner Loge, ſtützte den Elbogen auf ſeinen Stuhl, den Kopf aber auf die Hand, und hörte zu. Während einiger Augenblicke that der Baron ein Gleiches, dann aber ſah er ganz mechaniſch ſei⸗ nen Freund an, der von der gehörten Muſik in eine Ekſtaſe verſetzt worden zu ſein ſchien. Wider ſeinen Willen betrachtete Herr von Bay den Kopf, den er vor ſich hatte, aufmerkſam. Und es war in der That ſchwer, einen feineren, intelligenteren, ed⸗ leren, ſtärker charakteriſirten Geſichtstypus zu ſehen. Immanuel von Bryon hatte einen kleinen, bart⸗ loſen Kopf, denn er gehörte nicht zu denen, welche da glauben, es beruhe die Originalität des Geſichts im Barte. Im Gegentheil hielt er ſich, und zwar mit Recht, überzeugt, daß in den Zügen des Man⸗ nes auch nicht eine unnütze Linie ſei, ſowie daß der Bart von der Phyſiognomie ſtets Etwas weg⸗ nehme. Er ſah blaß aus, und es hatte dieſe ange⸗ 93 borne Bläſſe etwas Sanftes, Edles, Vornehmes; ſeine Augen waren blau, ſtolz, und dabei doch wohl⸗ wollend; an ſeinem Blicke ſah man, daß Immanuel zu⸗ gleich umgänglich und unbezähmbar war; ſeine Augen ſpiegelten ſeine Seele ſo, wie dieſelbe war, das heißt, edel⸗enthuſiaſtiſch und edel⸗ehrgeizig; zwei perpen⸗ diculare Runzeln zeichneten auf dieſe noch junge Stirn den feſten Willen. Ein leichtes Blinzen mit den Augen ließ Einen glauben, daß er, bei Be⸗ trachtung eines Gegenſtands, dieſen nicht alsbald beurtheile, und daß er wiederholt auf denſelben zu⸗ rückkomme, um deſſen Form zu begreifen, oder deſſen Idee genau zu erfaſſen. Ein Menſch, der in dieſer Art des Schauens etwas Unverſchämtes geſehen hätte, wäre ein Thor geweſen. Die Naſe war ge⸗ rade, und wirkte zum Ganzen und zum typiſchen Cha⸗ rakter dieſes Geſichtes gut mit. Der Mund erhob ſich auf der rechten Seite ein klein wenig, und hätte man vom Kopfe des Herrn Bryon auch nur dieſen Theil geſehen, ſo hätte man ihm Geiſt, Grazie und Energie zuerkannt; die Zähne waren klein und weiß, die Lippen dünn, durch vieles Sprechen etwas aus⸗ getrocknet, durch vieles Studiren etwas blaß gewor⸗ den. Herr von Bryon war ſchwarz gekleidet, nicht etwa daß er in Trauer geweſen wäre, ſondern weil dieſe Farbe zu gleicher Zeit zu ſeinem Geſichte und zu ſeinen⸗Gewohnheiten am Beſten paßte. Zu dieſem Porträt denke man ſich hinzu Van⸗ Dyckſche Hände, fleiſchig, mit roſenrothen Nägeln und langen ſpitzigen Fingern, Hände, deren Pflege Immanuel offenbar ſich nicht wenig angelegen ſein laſſen mußte, trotz des Abſcheus, den er vor Allem 94 hatte, was den Mann dem Weibe nahe bringt; man bedecke ein volles Dritttheil dieſer Hände mit einer eleganten, ungefältelten, battiſtenen Manſchette, ſo hat man Immanuel, insbeſondere, wenn man nicht ver⸗ gißt, daß er von gewöhnlicher Statur iſt, und die Ariſtokratie ſeines Fußes der Ariſtokratie ſeiner Hand entſpricht. So oft Herr von Bay ſeinem Freunde Imma⸗ nuel begegnete, oder denſelben ſah, wurde er es nie müde, die phyſiſche Seite dieſer Natur zu bewun⸗ dern, die ſo vollſtändig war, als die menſchliche Natur es irgend ſein kann, und zu der er ſich in ganz eigenthümlicher Weiſe hingezogen fühlte. Was Im⸗ manuel betrifft, ſo hatte die Muſik ihn allmählig, ſo zu ſagen, magnetiſch angezogen, ſo zwar, daß er, mit den beiden Händen auf der Brüſtung der Loge und mit dem Kinn auf den beiden Händen, aufmerkſam zuhörte, daß er lauſchte mit einem ſo naiven Vergnügen, mit einer ſo ungekünſtelten Freude, als wäre er noch ein Kind geweſen und als hätte er dieſes Schauſpiel zum erſten Mal in ſeinem Leben geſehen. Nachdem der Baron dieſe phyſiſche Unterſuchung vollendet, die er ſchon ſo oft angeſtellt hatte, und die ihm ſo ſchön bewies, daß bei ſeinem Freunde das Phyſiſche mit dem Moraliſchen vollkommen im Einklang ſtehe, wandte er von Immanuel die Augen ab, in dem freudigen Bewußtſein, in den Zeichen dieſes ſympathiſchen Geſichtes keine Veränderung wahrgenommen zu haben; und da er die Jüdin auswendig wußte, und eine innere Stimme ſie ihm. ſang, noch ehe der Sänger heraustrat, ſo nahm er man einer dhat ver⸗ die Hand nma⸗ 3 nie wun⸗ hliche ganz Im⸗ ihlig, ß er, der nden, em ſo eude, hätte Leben cung und eunde en im lugen eichen erung üdin e ihm hm er 95 ſeine Lorgnette und fing an, die Frauenzimmer zu lorgnettiren, welche im Hauſe waren. Unter den Damen befand ſich nun eine, welche Immanuel, von dem ſie nur das Poofil ſehen konnte, ſo beharrlich lorgnettirte, daß Herr von Bay ſie gleich Anfangs zu erkennen ſuchte; da dieſelbe aber eine jener gewaltigen weißen Lorgnetten vor den Augen hatte, die dazumal aufkamen und den Kopf des Lorgnettirenden vollſtändig verbargen, ſo blieb ihm eben nichts Anderes übrig, als geduldig zu warten, bis die Lorgnette ſich ſenkte. Endlich ge⸗ ſchah dieß auch. Und nun fing der Baron ſeiner⸗ ſeits eine genaue Unterſuchung an, welche dieſer Dame keineswegs entging, ja die ihr nicht einmal unangenehm zu ſein ſchien, denn ſie that lediglich Nichts, um ſich ihr zu entziehen. In dieſem Augenblick fiel der Vorhang, während der letzte Ton des vierten Acts verklang, und es war das Beifallklatſchen im Hauſe ein allgemeines. „Ei, ſagen Sie doch, Immanuel,“ hob da Herr von Bay an, indem er mit dem Finger Herrn von Bryon berührte, der noch in Bewunderung verſun⸗ ken war,„kennen Sie dieſe Dame?“ „Was für eine Dame?“ „Die Dame, die Sie dort unten in der dritten Vorderloge, vom Eingang zur Linken an gezählt, ſehen.“ „Die Dame, die ganz weiß gekleidet iſt?“ „Ja.“ „Mit einem ungeheuren Blumenſtrauß auf der Brüſtung der Loge?“ „Ja, ja, die eben meine ich.“ 96 „Nein, die kenne ich nicht. Warum fragen Sie mich das?“ „Weil ſie nicht aufgehört hat, Sie während des ganzen Actes zu lorgnettiren. Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn....“ „Wenn....“ 3 „Wenn es die Dame wäre, die Ihnen geſchrieben.“ „Warum das?“ „Erſtens muß doch Jemand den Brief geſchrie⸗ ben haben, und zweitens läßt auch die Beharrlichkeit, womit ſie Ihre Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen will, vermuthen, daß ſie es iſt. Wünſchte die Brieſfſtelle⸗ rin, daß Sie heute Abend hierher kommen ſollten, ſo mußte dieſelbe doch wohl auch hierher kommen: nicht wahr?“ „Einverſtanden.“ „Wohlan! Ich möchte eine Wette eingehen, daß der Brief von dieſer Dame kommt.“ „Es iſt das wohl möglich,“ ſprach Immanuel nachläſſig. „Und das kümmert Sie ſo wenig?“ „Was ſoll ich mich darum kümmern? Ich bin ihr nur für Eines dankbar, nämlich dafür, daß ich wegen ihrer die Jüdin gehört, die es mir in mei⸗ ner mühevollen Trägheit nie eingefallen war zu ſehen.“ „Sie ſind einmal ein curioſer Patron! Dieſe Dame iſt wahrhaft bezaubernd,“ fuhr der Baron fort, der zu glauben anfing, daß er ohne allen Scru⸗ pel die geheimnißvolle Zuſchauerin lorgnettiren könne, und die Gelegenheit reichlich nützte.„Sie hat wun⸗ derſchöne ſchwarze Haare, zwiſchen denen dieſer kirſch⸗ — 97 rothe Sammt von ſehr guter Wirkung iſt; prächtige Zähne, ein Lächeln von Korallen und Perlen, wie die Herren Dichter ſich auszudrücken belieben, eine matte Geſichtsfarbe, und vielverſprechende Augen⸗ brauen. Der Teufel! lieber Freund, ich ſage Ihnen, es iſt das eine wunderhübſche Dame. Sehen Sie doch nur dieſe Schultern, dieſen Arm, dieſe Hände, und dieſen goldgeſtickten, rothen Kaſchemirſhawl, worauf ſie ſich ſtützt, und der mit ihrem weißen Kleide einen glücklichen Contraſt bildet! Welche Künſtlerin! So in ihrer Loge eingerahmt, könnte ſie für ein Gemälde von Tizian gelten. Sie ſind ein glücklicher Menſch, Immanuel.“. Alles dieß ward in halb überzeugtem, halb ſpöt⸗ tiſchem Tone geſprochen, der Herrn von Bryon lä⸗ cheln machte. „So lorgnettiren Sie ſie doch auch einmal!“ hob Herr von Bay wieder an, Immanuel die Lorgnette hinbietend. Die Dame, die mit jenem bewundernswürdigen, den Frauenzimmern eigenthümlichen Inſtincte begriffen hatte, daß in Immanuels Loge von ihr geſprochen werde, ſah die Bewegung des Barons und ſuchte, welche Stellung ſie annehmen ſollte, um ſich der Lorgnette des Herrn von Bryon möglichſt gut zu präſentiren. Von Allem dem entging dem Baron Nichts. Er ſagte daher, mehr und mehr überzeugt, zu Immanuel: „Dieſe Dame und Ihre unbekannte Correſpon⸗ dentin ſind eine und dieſelbe Perſon; halten Sie ſich davon überzeugt, mein lieber Freund! Im Uebri⸗ gen werden wir bald ins Klare kommen, denn eben Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 7 98 ſehe ich den kleinen Marquis von Grige in ihre Loge treten. Ich will ihm ein Zeichen geben, daß er zu uns herunterkommt.“ „Solche Dinge amüſiren Sie alſo, mein lieber Baron?“ verſetzte Immanuel, die Lorgnette wieder auf die Brüſtung der Loge legend. „Meiner Treu, ja.“ „Ich möchte wohl ſein können, wie Sie.“ In dieſem Augenblick grüßte der Baron mit der Hand den jungen Mann, der in die Loge der Un⸗ bekannten getreten war, und gab ihm ein Zeichen, daß er herunterkommen ſolle,— ein Zeichen, das der Marquis mit einer bejahenden Kopfbewegung beantwortete.. Siebentes Kapitel. Einige Augenblicke darauf kam der Marquis von Grige in die Loge Immanuels herunter. Er reichte Herrn von Bay die Hand und grüßte Herrn von Bryon, dem der Baron ihn vorſtellte. „Was iſt denn das für ein bezauberndes Ge⸗ ſchöpf, mit dem Sie ſo eben geplaudert haben?“ ſprach der Baron zu dem eben Eingetretenen. „Wie! Sie kennen die Dame nicht?“ verſetzte Letzterer mit erſtaunter Miene, und ſich ſetzend, wäh⸗ rend Immanuel dieſem Zwiegeſpräche nur wenig Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien. „Nein.“ „Es iſt die ſchöne Julia Lovely.“ „Es iſt ja dieß ein zugleich engliſcher und itg⸗ ken von ichte von Ge⸗ rach ſetzte väh⸗ enig ita⸗ 99 lieniſcher Name. Welchem Lande gehört ſie denn an?“ „Sie iſt eine Franzöſin,“ antwortete der Mar⸗ quis lächelnd,„aber eine originelle Franzöſin. Schauen Sie ſie einmal recht an; es iſt unmöglich, daß Sie ſie nicht ſchon irgendwo geſehen.“ Und der Baron lorgnettirte Julia von Neuem. „In der That,“ ſprach er,„es iſt mir dieſer Kopf nicht unbekannt.“ „Sie iſt in allen erſten Vorſtellungen der großen Oper zu ſehen, und hat im italieniſchen Theater eine Loge.“ „Richtig, ich kenne ſie nun. Aber ſagen Sie mir, iſt ſie nicht eine Frau, die ſich unterhalten läßt?“ 8 „Ja, ſo ziemlich.“ „Sie iſt die Maitreſſe des Herzogs von Pol..... geweſen.“ „Getroffen, getroffen!“ „Ah, ich will meinen, daß ich ſie kenne! Wenn das iſt, mein Lieber,“ ſetzte der Baron, ſich zu Im⸗ manuel wendend, hinzu,„ſo iſt wirklich ſie es, die Ihnen geſchrieben.“ „Ein Brief ohne Unterſchrift?“ fragte der Mar⸗ quis. „Ja,“ antwortete Immanuel mit einem Lächeln. „Höchſtens drei bis vier Zeilen?“ „Getroffen.“ „Ein Stelldichein?“ „Hier, und heute Abend.“ „Sie iſt es! Zweifeln Sie nicht daran; ich kenne ihre Weiſe.“ 100 „Solcherlei Briefe zu ſchreiben liegt alſo in ihren Gewohnheiten?“ „Ich wiederhole Ihnen, mein lieber Baron, ſie iſt ein exceptionelles Weſen. Sie muß in der Po⸗ litik, in der Kunſt, in der Literatur den Mann ha⸗ ben, der alle Andern überragt, und dieß überzeugt mich vollends, daß ſie und keine Andere es iſt, die Ihnen geſchrieben, mein Herr,“ antwortete Herr von Grige.„Sie lebt auf ſehr vornehmem Fuße, iſt höchſt launenhaft und hat keine Schulden. Sie iſt ſieben⸗ undzwanzig bis achtundzwanzig, wird von den Frauen verwünſcht, und hat ſich aus den ausgezeichnetſten Männern eine Umgebung geſchaffen. Sie ſoll recht böſe ſein.“ „Sie ſind alſo ihr Liebhaber geweſen?“ fragte der Baron. „Nie. Ich kenne ſie ſeit der Zeit, daß ſie die Geliebte unſers großen Malers von D... war, den ich zu meinen Freunden zählen durfte. Sie haben —x es nicht lange mit einander ausgehalten; ich aber habe ſie fortwährend beſucht. Ahl ich muß Ihnen ſagen, Herr von Bryon, daß die Verbindungen, die ſie mit Einem eingeht, von keiner langen Dauer ſind; ſie hat Liebhaber, wie man eine Bibliothek oder ein Herbarium hat. Was ſie von den Celebritäten will!, iſt nicht deren Liebe, ſondern nur deren Name. Hat ſie einmal zwei, drei, vier Liebesbriefe von Ei⸗ nem, ſo umwindet ſie dieſe mit einem roſarothen Bande, und weist dann dem, der ſie geſchrieben, die Thüre. Zwar darf derſelbe immer noch als Freund kommen, und es iſt am Tiſche ſeiner ehe⸗ maligen Geliebten ſtets für ihn gedeckt. Ich muß =S= S—, 101 * ren Ihnen aber ſagen, daß, ſoviel ich ihren Charakter kenne, ſie ein furchtbares, und was noch mehr iſt, ſie gefährliches Weib wäre, wenn ſie einmal wirklich ſich Po⸗ in einen Mann verlieben, und dieſer ſie quittiren a⸗ würde, wie ſie die Andern quittirt hat; denn ein E 1 Tugt Weib, dem alle Mittel gut genug ſind, um ſich einen die Liebhaber zu verſchaffen, muß auch, wie Sie ſich leicht von denken können, alle Waffen gut finden, um ſich an chſt ihm zu rächen, ſobald er ſie verſchmäht.“ ben⸗„Sie erſchrecken mich,“ ſprach Immanuel in halb uen ſpöttiſchem Tone. ſten„Wohlan denn! Soll ich offen mit Ihnen recht ſprechen?“ „Ja,“ erwiderte Herr von Bryon. agte.„Ich möchte nicht an Ihrer Stelle ſein.“ „Warum?“ 4 6 die„Weil nothwendig Eines von Zweien eintreffen den wird: entweder bekommt ſie Sie, oder aber be⸗ aben kommt ſie Sie nicht. Bekommt ſie Sie, ſo iſt, da Sie, aber beſonders ihr, ein Mann ſind, der über allen denen hnen ſteht, welche ſie bis jetzt gehabt, die Möglichkeit vor⸗ ,die handen, daß Sie ihr eine wirkliche Leidenſchaft ein⸗ ſind; flößen; widerſtehen Sie ihr aber, ſo iſt, da ſie noch oder nie bei Jemanden ſolchen Widerſtand gefunden, tau⸗ täten ſend gegen eins zu wetten, daß ihre Laune ſich in ame. Liebe, ihre Liebe in Haß, und ihr Haß in Rache ver⸗ 1 Ei⸗ wandeln wird. Sie werden nun zwar ſagen: Was othen kann mir eine ſolche Frau anhaben? Aber, Du eben, mein Gott! will einmal ein Weib einen Mann, ſo ) als ſtark derſelbe immer ſein mag, zu Grunde richten, ehe⸗ ſo kann ſie das immer, ſo ſchwach ſie auch iſt. Ich muß habe es Ihnen alſo geſagt: Sie ſchweben in großer Gefahr, und was dabei das Gräßlichſte, iſt, daß Sie nur Ihrem Verdienſte und Ihrem Rufe die Schuld beimeſſen können.“ 1 „Ich danke Ihnen für dieſe Warnung, mein Herr, glaube aber dieſer großen Gefahr ganz gewiß zu entgehen,“ verſetzte Immanuel. „Darf ich Sie um das Wie fragen?“ „In zwei Tagen bin ich nicht mehr hier.“ „Und auf wie lange gehen Sie denn?“ „Zum Wenigſten auf zwei Monate; und iſt ſie ſo veränderlich, wie Sie ſagen, ſo denke ich, ſie werde während dieſer Zeit ſich ſchon einen Andern auser⸗ ſehen haben.“ Glauben Sie das ja nicht; ihre Veränderungs⸗ 2 iebe macht ſich erſt dann geltend, wenn ſie Einen eſeſſen hat. Bei ihrem Luxus iſt ſie doch ein Weib, die Ordnung liebt und ihre Kleider erſt dann wegwirft, wenn dieſe nicht länger tragbar ſind. Viel⸗ leicht hat ſie während Ihrer Abweſenheit andere Liebhaber; Sie können ſich aber verſichert halten, daß ſie nur Sie liebt, und daß ſie Sie bei Ihrer Rückkehr verfolgen wird.“ „Zum Glück iſt Immanuel ein großer Politiker,“ fiel Herr von Bay ein. „Bei Männern,“ verſetzte Herr von Bryon, „nicht aber bei Weibern. Ich geſtehe meine Un⸗ wiſſenheit in dieſem Punkte, aber wir raiſonniren da über bloße Vermuthungen. Wer ſteht dafür, daß der Brief wirklich von Fräulein Julia iſt; wer ſteht dafür, daß es kein Scherz iſt, wenn der Brief wirk⸗ lich von ihr iſt; wer ſteht dafür, daß es, wenn es kein Scherz, mehr denn eine Laune iſt, deren augen⸗ — — N—2 —* 103³ blicklicher Ge eenſtand ich für ſie geworden? Wie dem aber imme r ſein mag, ich habe gar keine Furcht, und möchte wohl nis in größerer Gefahr ſchweben, als die iſt, von der Sie mir ſprechen. Und muß ich durchaus unterliegen, nun gut! ſo unterliege ich eben.“ „Und Sie werden wohl daran thun. So wird wenigſtens, wenn irgend ein Uebel daraus entſteht, anfänglich ein Vergnügen damit verbunden geweſen ſein; denn es läßt ſich nimmermehr leugnen, daß ſie ein reizendes Geſchöpf iſt.“ „Meiner Treu, ja! meiner Treu, ja!“ murmelte der Baron;„und ich möchte wohl an Immanuels Stelle ſein.“ „Auch ich,“ verſetzte der Marquis. „Haben Sie Ihrer ſchönen Julia geſagt, daß Sie in dieſe Loge heruntergehen würden?“ fragte der Baron den Marquis. „Idl.“ „Ohne Zweifel iſt es deßhalb, daß ſie jetzt noch beharrlicher, als zuvor, hierher blickt. Laſſen Sie ſich doch ein bischen ſehen; man ſollte meinen, ſie wolle Sie rufen, könne aber Sie nicht erſpähen.“ Der Marquis ſtreckte den Kopf zur Loge heraus, und wirklich ſah es Julia, die ihm, ſobald ſie ihn erblickte, ein Zeichen gab, daß ſie mit ihm zu ſprechen wünſche. „Es wird von Ihnen geſprochen werden,“ ſprach von Grige, ſich zu Immanuel wendend.„Erfahre ich etwas Neues, ſo komme ich, um es Ihnen zu ſagen.“ Er öffnete die Logenthüre, ſchloß ſie wieder leiſe, 49 104 denn ſeit einigen Augenblicken hatte der fünfte Act begonnen, und ging zu Julia hinauf.— „Was hatte Herr von Bay Ihnen zu ſagen?“ fragte ihn dieſe, nachdem er ſich geſetzt. 4 „Sie kennen alſo Herrn von Bay?“ „Recht gut.“ „Er aber kannte Sie nicht,— wenigſtens dem Namen nach nicht.“ „Er iſt der Geliebte der Gräfin von. Hermi.“ „Er 2, „Er ſelbſt und kein Anderer.“ „Wiſſen Sie das gewiß?“ „Ganz gewiß.“ „Woher wiſſen Sie es? Niemand weiß es, ja, es ſagt es ſogar Niemand.“ „Ah! ich beſitze ein Geheimniß, um Myſterien zu ergründen.“ „Und worin beſteht daſſelbe?“, „Ich bediene mich meiner Augen.“ „Und wenn Sie nicht ſehen?“ „So errathe ich.“ „Das iſt denn aber doch gewagt.“ „Enttäuſchen Sie ſich, es iſt gewiß, ſicher, und zum Beweiſe, daß dem ſo iſt, will ich Ihnen ſagen, daß ich mich nie täuſche. Und was hat denn Herr von Bryon Ihnen geſagt?“ 4 „O! Nichts. Er thut den Mund nur in der Kammer auf.“ „Er iſt ein Puritaner, nicht wahr?“ „Warum fragen Sie mich ſolches?“ „Um es zu wiſſen.“ „Ihr Geheimniß reicht alſo dieſes Mal nicht aus?“ —— ein Act 12 ien 2 105 6„Schlechter Witz! Ich kenne ihn beſſer, als Sie.“ „Ganz abgeſehen davon, daß Sie, wenn ich mich nicht täuſche, ſeine Bekanntſchaft cultiviren werden.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß Herr von Bryon Ihnen nothwendig ge⸗ fällt, und daß Sie ihn ohne Zweifel bald zu Ihren Freunden zählen werden.“ „Warum nicht?“ „Es ſei denn, daß derſelbe von etwas Anderem ganz und gar in Anſpruch genommen iſt, wie, zum Beiſpiel, von einer Liebe.“ „Iſt er verliebt?“ „Nein, aber er könnte es werden.“ „Es iſt das Nichts, als eine Vermuthung.“ „Ja, aber eine Vermuthung, die bereits auf einem erſten Schritte beruht, der gethan worden.“ „Von ihm?“ fragte Julia. „Nein, von einem Frauenzimmer.“ „Iſt daſſelbe jung?“ „So alt, wie Sie.“ „Hübſch?“ „Wie Sie.“ „Zum Henker! Geiſtreich?“ „In Ihrer Art.“ „Und wie heißt ſie?“ „Julia Lovely.“ Trotzdem, daß Sie an ſolcherlei Dinge gewöhnt war, konnte Julia ſich nicht enthalten, zu erröthen, und es entging dieſes dem Marquis von Grige nicht. „Und was bringt Sie denn auf dieſe Vermu⸗ thung?“ 106 „Ein Brief.“ —„Den Sie geſehen?“ n „Ja.“ „Unterzeichnet?“ „Nein; aber die Hand iſt der Ihrigen täuſchend„ ähnlich.“ d „Sie faſeln.“ „Um ſo beſſer!“ „Warum?“ 3 „Weil die Perſon, die an Herrn von Bryon ge⸗ li ſchrieben, Gefahr läuft, nicht angehört zu werden.“ „Sie iſt aber doch heute Abend angehört worden.“ „Sie wiſſen alſo, was in dem Briefe ſtand?“ „Sie ſehen wohl, daß ich bisweilen Etwas er⸗ 41 „Vortrefflich, ich glaube jedoch, daß im Wieder⸗ da begehungsfall es der ſchönen Ungenannten nicht mehr nu ſo glücken würde.“ na „Das wollen wir ſehen.“ me „Sie werden ſich auf ſeine Seite ſtellen?“ ter „Vielleicht.“ „Dann müſſen Sie ſich beeilen.“ „Warum?“ ſaf „Weil Herr von Bryon ſchon in zwei Tagen verreist.“ BI „Marquis, wollen Sie meinem Bedienten im del Vorſaale ſagen, er ſolle vorfahren laſſen?“ „Sie bleiben alſo nicht bis ans Ende da?“ der „Nein.“ Vo „Fehlt Ihnen Etwas?“„, „O nein. Ich habe nur Eile.“ ſein „Es ſoll augenblicklich geſchehen, was Sie befohlen.“ hend 107 Fünf Minuten darauf ſtand von Grige ſchon wieder in Julia's Loge. „Ihr Wagen wartet Ihrer,“ ſprach er zu ihr. „Begleiten Sie mich?“ „Nein, ich bleibe noch.“ „Um den Feind zu warnen?“ „Oder beim Vertrage behülflich zu ſein.“ „Deſſen ſind Sie nicht fähig.“ „Wer weiß,— wer weiß? Ich ſehe gern Glück⸗ liche.“— „Wann ſehe ich Sie wieder?“ „Nach dem Siege.“ „Alſo bald.“ „So leben Sie denn wohl!“ Julia und ihre Freundin, die auch nicht ein Mal das Wort genommen hatte und von der Lovely offenbar nur mitgenommen wurde, um nicht allein zu ſein, nahm vom Marquis Abſchied, der, Immanuel aber⸗ mals in ſeiner Loge aufſuchend, bei ſeinem Eintre⸗ ten zu dieſem ſprach: „Seien Sie auf der Hut! Sie iſt es wirklich.“ Als die beiden Frauenzimmer in ihrem Wagen ſaßen, ſprach Julia's Freundin zu dieſer: „Warum haſt Du denn geſtanden, daß Du den Brief geſchrieben? Du haſt nicht geſcheidt gehan⸗ delt; Herr von Grige wird Dich verrathen.“ „Ich weiß das wohl,“ erwiderte Julia, ſich in dem Spiegel ſelbſtgefällig betrachtend, den ſie an der Vorderſeite ihres Wagens hatte anbringen laſſen; paber wer ſagt Dir denn, daß ich nicht verrathen ſein wollte?“ 108 Achtes Kapitel. Das Erſte, was Immanuel beim Heimkommen von ſeinem Bedienten zugeſtellt wurde, war ein Brief. Es war die nämliche Hand, wie im erſten, nur daß dieſer Brief nun als Unterſchrift den Na⸗ men Julia Lovely trug. Es ſtand darin, daß, da Immanuel einem erſten Wunſche ſich ſo raſch gefügt, man am nächſten Morgen erſcheinen würde, um ihm zu danken. So ſehr Herr von Bryon auch Politiker war, ſo zweifelte er doch keinen Augenblick an Julia's Ab⸗ ſichten, und hätte ſeine Citelkeit ſich durch ſolcherlei Dinge geſchmeichelt finden können, ſo hätte er beim zu Bettegehen ſich ſagen dürfen, daß er eine Leiden⸗ ſchaft eingeflößt. Immanuel aber warf den halb⸗ geöffneten Brief wieder auf den Kaminſims und be⸗ gnügte ſich, zu ſeinem Bedienten zu ſagen: „Kommt morgen früh eine Dame, die nach mir fragt, ſo laß ſie nur herein und meld' es mir, ſei es, daß ſie ihren Namen ſagt, oder nicht.“ Herr von Bryon hieß ſeinen Bedienten gehen, worauf er, anſtatt ſich ſchlafen zu legen, wie man hätte glauben können, indem er Halstuch, Rock und Weſte auszog, ſich an ſeinen Tiſch ſetzte und, eine durch ſeinen Ausgang unterbrochene Arbeit wieder vornehmend, ſich ganz und gar in ſeine Gedanken vertiefte. Zehn Minuten darauf dachte er ſchon nicht mehr an den Brief, den er eben erhalten. Von Zeit zu Zeit ſagte er ganz laut, was er ſchrieb; dann folgte wieder auf dieſe Alleingeſpräche ein langes ſo 109 Schweigen, während deſſen man nur ein Geräuſch hörte, nämlich das der Pendeluhr, ſowie das der über das Papier hinlaufenden Feder. Zuweilen fuhr ein Wagen in der Straße vorüber; aber ohne Zwei⸗ fel war der Schreibende an ſolche Unterbrechungen gewöhnt, denn ſie konnten ihn von ſeiner Arbeit nicht abziehen. Eine Perſon, die Immanuel nur ſeinem Charakter und ſeinem Rufe nach gekannt, hätte die Möbeln des Zimmers, wo er arbeitete, mit einigem Staunen geſehen; eine Perſon aber, die ihn auch nur ein einziges Mal geſehen gehabt und an ihm die ari⸗ ſtokratiſchen Inſtincte hätte wahrnehmen können, wor⸗ auf wir ſo eben hingewieſen, hätte es gar nicht ge⸗ wundert, daß dieſe Inſtincte für die Eleganz und den Comfort ſeiner Wohnung maßgebend geweſen. Immanuel war franzöſiſcher Pair und ein recht⸗ ſchaffener, ehrlicher, aufrichtiger Mann. In ſeinen Sitten lag all' die Strenge, die beim Denken und bei ernſtlichen Arbeiten nothwendig iſt. Er gehörte der vorgerückteſten Oppoſition an, und war mit den wichtigſten und ernſteſten Fragen vollkommen vertraut. Er war nicht allein ein ſtarker, ſondern auch ein gelehrter Politiker, und ſeine Vertrautheit mit der Vergangenheit trug nicht wenig bei, ſeine Ueberzeugungen in Betreff der Zukunft noch mehr zu befeſtigen. Wer alſo, wie wir ſo eben geſagt, von ihm nichts Anderes gekannt hätte, als ſeine Reden und ſein Talent, hätte ſich ihn als einen kahl⸗ köpfigen, fünfzigjährigen Mann in einer, gleich ſeinen Sitten, einfachen und ernſt ausſehenden Wohnung denken können, und hätte dieſer Jemand 110 unſeren großen Redner beſuchen dürfen, ſo würde er höchlich erſtaunt ſein, ſich in eine wahre Damen⸗ wohnung voller Gold, voll weicher Seidenſtoffe, vol— ler Wohlgerüche, und warm wie ein Grasmückenneſt, verſetzt zu ſehen. Woher kam das? Daher, daß Immanuel in Allem, in den Möbeln, wie in der Politik, in der Kunſt, wie in der Moral, das Schöne und Große verſtand. Er hielt ſich ſo ſehr überzeugt, daß ſein Ruf Nichts zu fürchten habe, daß er ſeinen Liebhabereien ganz freien Lauf ließ. Er ſchlief Nachts zwar nur drei bis vier Stunden, aber in einem weichen, ele⸗ ganten, weißen Bette. Er gehörte nicht zu denen, die da glauben, es müſſe die ſtrenge Lebensart ſo⸗ gar in der Ruhe noch ihren Ausdruck finden. Er lebte nur ſelten das Leben Anderer, da er von ſei⸗ nen eigenen Gedanken und Arbeiten ſo ganz in An⸗ ſpruch genommen war; that er es aber einmal, ſo ſollte auch Alles zu ſeiner Zerſtreuung beitragen. Er beſaß Gemälde von unſeren größten Meiſtern, ſo⸗ wohl alte, als neue, und aß aus ſilbernen und ver⸗ goldeten Schüſſeln Rindfleiſch und Kartoffeln; denn er hielt ſich nicht für verpflichtet, etwas Anderes zu eſſen, als was er liebte, und ſich von Ortolanen und Ananas zu nähren. Ferner gab er nicht zu, daß man, weil man ein hervorragender Mann ſei, die Beſuchenden das Vergnügen, Einen zu ſehen, dur irgend eine Beſchwerde, oder Widerwärtigkeit be⸗ zahlen laſſen dürfe. Die Leute, die er empfing, welchen Kreiſen ſie immer angehören mochten, Künſt⸗ ler, Edelleute und Andere, ſollten ſich daher bei ihm e finden, ſollten bequem ſitzen, und ſoll⸗ wie zu Hauſ & A=——S——— 111 erde ten im Bereich ihrer Augen und Hände nur Schö⸗ nen⸗ nes haben. vol⸗ Man wird nun vielleicht glauben, es ſei dieſe eeſt, elegante und ſeidenreiche Wohnung dann und wann von einer myſteriöſen, verſchleierten Dame beſucht in worden, welcher Immanuels hohe Stellung eine der ehebrecheriſche Leidenſchaft eingeflößt? Aber es war roße dieß durchaus nicht der Fall. Immanuel hatte keine Ruf Geliebte, nicht als ob er das Weibervolk verachtete, teien im Gegentheil, er liebte die Weiber zu ſehr und nur fürchtete ſie. Nach ſeiner Ueberzeugung konnten zwei ele⸗ große Leidenſchaften nie in einem und demſelben nen, Herzen Raum finden, ohne daß die eine die andere t ſo⸗ verzehren mußte. Immanuels große Leidenſchaft war Er„ ddie Politik, ſie beſchäftigte ihn ausſchließlich und ließ ſei⸗ ihn, ſo zu ſagen, nie zu Athem kommen. Es war ihm da⸗ An⸗ her auch die Liebe bis daher nur wie eine Zerſtreuung, , ſo oft ſogar nur wie ein Bedürfniß erſchienen. Zum Oefte⸗ Er rean hätte er bei den reizendſten und geiſtreichſten damen ſo⸗ Glück machen können, aber er hatte ſolches ſtets ver⸗ ver⸗ ſchmäht, zum Erſten, weil er die Herrſchaft fürch⸗ denn tete, welche ein außergewöhnliches Weib über ihn s zu hätte ausüben können, zum Zweiten, weil er die anen Lüge verabſcheute, und weil er, wenn er fühlte, daß t zu, er ein Weib nicht lieben konnte, es nie hatte über ſich i, die gewinnen können, ihr zu ſagen, daß er ſie liebe. durch Für ihn gab es daher keine Geliebten, ſondern nur t be⸗ Weiber. Er liebte ſie, wie der Kaiſer ſie liebte, wie ffing, alle großen Geiſter ſie lieben, die ſich mit etwas hünſt⸗ Großem beſchäſtigen und bald gewahr werden, wie i ihm die Liebe ein Hinderniß für allen Ehrgeiz und das ſoll⸗ Geleiſe aller ſchwierigen Wege iſt. Gleichwie ein 112 Reiſender, der Eile hat, das Ziel aber noch nicht ſieht, an dem er anlangen muß, und der auf ſei⸗ nem langen Wege von Zeit zu Zeit eine Blume pflückt, deren Duft er einzieht, eben ſo ſchloß Im⸗ manuel hie und da ſich mit einem Frauenzimmer ein; anſtatt von ſeinem Namen Gebrauch zu machen, um eine Laune einzuflößen, gebrauchte er nur die An⸗ ziehungskraft des Geldes, oder des Vergnügens, und entfernte ſich an dem darauf folgenden Morgen das Frauenzimmer, ſo nahm ſie vielleicht ein Andenken mit, ließ aber keines zurück. Und doch hatte er, gleichwie er ſonſt das Schönſte beſaß, die ſchönſten Frauenzimmer, aber, wohlverſtanden, aus jener Claſſe, wo man von Weibern nur phyſiſche Schön⸗ heit verlangt. Da nun unſere Leſer Immanuel etwas beſſer kennen, ſo werden ſie ſich noch leichter die Gleich⸗ gültigkeit zu erklären vermögen, die er für Julia Lovely an den Tag legte. Als daher Julia an dem darauf folgenden Mor⸗ gen ſich bei ihm einfand, hatte ſie es nicht bloß mit einem Feinde, ſondern mit noch etwas Schlimmerem, nämlich mit einem Gleichgültigen zu thun. Und doch war ſie ſchön. Immanuel hatte ſie bis daher nur von Weitem und bei Licht, faſt in Balltoilette, in einer Opernloge, von Blumen umgeben, geſehen, und nun ſah er ſie einfach gekleidet, in einen Ka⸗ ſchemirſhawl eingehüllt, ohne irgend Etwas von dem Beiweſen des vergangenen Abends, und mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß ſie immer gleich ſchön ſei. Er hieß ſie alſo mit einem Gefühle naiver Bewun⸗ derung Platz nehmen, und ſetzte ſich ſelbſt neben ſie. „ „Ich erſcheine Ihnen wohl recht kühn und un⸗ beſcheiden,“ bemerkte Julia, ohne alle Verlegenheit, plaudernd, ſich ſetzend und ſich es bequem machend, gleich als hätte ſie Immanuel ſchon ſeit zehn Jah⸗ ren gekannt. Indeſſen that ſie dieſes Alles weit mehr mit der Grazie einer Frau der höhern Welt, als mit der Ungezwungenheit eines unterhaltenen Mädchens. „Und worin ſollten Sie denn unbeſcheiden ſein, Madame?“ verſetzte Immanuel.„Im Gegentheil, ich ſehe in Ihrem Beſuche Nichts, als Güte und Nachſicht gegen einen armen Einſiedler, der es nie gewagt haben würde, Sie aufzuſuchen.“ „Alles aus einem guten Grunde,— weil Sie näm⸗ lich mich nie Ihrer Aufmerkſamkeit gewürdigt haben würden. O, ich kenne Ihre Gedanken in Betreff der Weiber!“ „Aber ich habe die ſchmeichelhafteſten Begriffe von den Weibern.“ „Vielleicht phyſiſch, aber Sie ſprechen Ihnen allen moraliſchen Einfluß ab.“ „Zuweilen, ich geſtehe es, indeſſen warte ich nur auf eine Gelegenheit, meine Anſicht zu ändern,“ ant⸗ wortete Immanuel, indem er Julia anſchaute, und ſich ſagte, daß die Complimente in Marivaux' Art, die bei der erſten Unterhaltung, welche man mit einem ſchönen und hübſchen Frauenzimmer hat, un⸗ vermeidlich vorkommen, nie zu Etwas verpflichten. „Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie da lügen, und zu glauben, daß, wenn Sie eine wahrhaft ausgezeichnete Frau fänden, Sie dieſelbe nicht allein nicht lieben, ſondern ſogar fliehen würden.“ Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 8 114 „Wie kommt es denn aber,“ verſetzte Immanuel, „daß Sie hier ſind? Denn täuſche ich mich nicht, ſo wären Sie jene wahrhaft ausgezeichnete Frau, die ich fliehen würde.“ „Vielleicht.— Herr von Grige iſt geſtern in 5 Ihre Loge hinabgekommen?“ Ja 11 „d. „Er hat Ihnen von mir erzählt?“ „Ja. 4 0 „Und was hat er Ihnen denn von mir rgeſagt?“ 8 „Was ich bereits wußte, daß Sie nämlich eine g hübſche Frau wären; nun weiß ich aber noch weiter, 1 daß Sie auch eine geiſtreiche Frau ſind.“ „Und das war Alles?“ ſj „Ja, Alles.“. „Wir plaudern erſt ſeit fünf Minuten, und doch er haben Sie bereits zwei Mal gelogen; es iſt dieß ſelbſt bei einem Diplomaten, und vor Allem einer Frau gegenüber, zu viel.“ ge „Was ſoll er mir denn noch weiter geſagt wi haben?“. Pe „Er hat Ihnen geſagt, daß ich ſchon ziemlich loc viele Liebhaber gehabt.“ geſ „Wollen Sie das verheimlichen?“ Es „Ei, gewiß nicht.“ à wel „Dann durfte er mir es wohl ſagen.“ BVel „Auch bin ich ihm darum nicht böſe. Ferner auf 6 hat er Ihnen geſagt, daß ich es ſei, die Ihnen ge⸗ gar ſchrieben.“ ten. „Er hat das bloß vermuthet.“ iind „Sie ſehen, daß er Recht hatte.“ er e⸗ —— 115 „Was er über Sie geſagt, war mehr eine Schmei⸗ chelei, als eine Kritik.“ „Hat er Ihnen noch mehr geſagt?“ „Nein.“ „Ich will Ihrem Gedächtniſſe, das Sie biswei⸗ len im Stiche läßt, ein wenig zu Hülfe kommen. Daß Sie bisweilen etwas vergeßlich ſind, iſt übri⸗ gens ganz natürlich, da eine Frau, wie ich, ein gar unbedeutendes Creigniß iſt in dem Leben eines annes, wie Sie ſind. Er hat Ihnen alſo wohl geſagt, daß ich alle Celebritäten leidenſchaftlich ſuche, und daß ich daher auch Sie liebe.“ „Er hat Ihnen wiederholt, was er mit mir ge⸗ ſprochen?“ „Nein, aber ich kenne ihn hinlänglich, um zu errathen, was er über mich geſagt.“ „Nun gut! Sie haben es errathen.“ „Nun will ich Ihnen auch ſagen, was Sie ſich geſagt. Sie haben gedacht: Dieſes Frauenzimmer will mich zu ihren Liebhabern zählen können, weil Paris ſich mit mir beſchäftigt, und gerade ſo wie ein lockerer Menſch der Liſte ſeiner Geliebten eine viel⸗ geſuchte und bewunderte Frau beizufügen wünſcht. Es wird dieß ein Liebesverhältniß ſein, wie alle die, in welche ich mich eingelaſſen, und daher auch ein unnützes erhältniß, womit ich nur meine Zeit verliere und auf meinem Wege aufgehalten werde. Sie ſind ſo— gar unſchlüſſig geweſen, ob Sie mich empfangen ſoll⸗ ten. Iſt dem alſo? Sagen Sie die Wahrheit: Sie ſind jetzt nicht in der Kammer.“ „Ja, es iſt dem alſo.“ „Und wenn Sie mich jetzt empfangen haben, ſo 116 kommt dieß daher, daß Sie ſchon in zwei Tagen ab⸗ reiſen, und ſo mir entgehen zu können glauben. Dieß habe ich nicht errathen, ſondern es iſt mir ge⸗ ſagt worden.“ „Gleichwohl iſt es wahr.“ „Sie empfangen mich alſo jetzt,“ fuhr Julia fort, indem ſie ihre großen ſchwarzen Augen auf Immanuel heftete,„aus Höflichkeit, und vielleicht wäre es Ihnen lieb, wenn ich recht bald wieder ginge.“ „Was Sie mir da ſo eben geſagt, war vielleicht noch vor einer Stunde wahr, iſt es nun aber nicht länger.“ „Geben Sie mir Ihr Edelmannswort, oder Ihr Diplomatenwort darauf?“ „Mein Edelmannswort.“ „Sprechen wir nun frei: nachdem die Fragen zu Ende ſind, wollen wir zu Anderem übergehen. Ich will Ihnen nur ſagen, daß ich Sie ſchon ſeit einem Vierteljahre liebe, aber ſo liebe, daß ich darüber den Kopf verliere. Es ſcheint Ihnen wohl ſeltſam, daß eine Frau alſo zu Ihnen ſpricht und Ihnen eine Liebeserklärung macht, wie kaum ein Mann ſie machen würde: bedenken Sie aber, daß, wenn ich wegen meiner Schamhaftigkeit nicht eben berühmt bin, meine Offenheit doch von Jedermann anerkannt iſt. Wenn ich Sie nicht ſchon früher aufgeſucht, ſo rührt dieß daher, daß ich fühlte, wie ich dieſes Mal weder meinen Sinnen, noch meiner Phantaſie, ſon⸗ dern meinem Herzen gehorchte. Und dann habe ich mich einer Prüfung unterwerfen wollen. Ich habe mich von der Welt abgeſondert, habe mit meinem 4 O Secp Ś—„. +—— 117 Liebhaber gebrochen, den ich bis dahin anzubeten geglaubt. Ich habe ſehen wollen, ob die Lang⸗ weile mich wieder zu meinen früheren Zerſtreuungen treiben, oder aber ob meine Liebe zu Ihnen meine Exiſtenz dermaßen ausfüllen würde, daß die ganze übrige Welt mir gleichgültig wäͤre. Ich habe mir,“ ſchloß Julia lächelnd und mit einem ſchwarzen Blick, der bewies, daß dieſe Prüfung zuweilen hatte eine peinliche ſein müſſen,„ich habe mir ein dreimonat⸗ liches Wittwenleben auferlegt, und geſtern war der letzte Tag meiner Prüfung, ohne daß ich auch nur ein Mal unterlegen wäre. Jetzt bin ich meiner ge⸗ wiß: ich liebe Sie!“ Immanuels Lage war nun eine ziemlich ſchwie⸗ rige geworden. Blindlings Alles glauben, was Julia ſagte, wäre wohl abgeſchmackt,— ſie, wie alle Weiber behandeln, die er bis dahin beſeſſen, wäre feig, gemein geweſen, denn vielleicht ſprach ſie ja doch die Wahrheit. Und dann fühlt ein junger Mann, ſo ſehr er auch gegen die Liebe gepanzert ſein mag, die Jugend und die Eitelkeit, jene ewige Jugend des Herzens, trotz Allem, was er dagegen thun mag, in ſich kochen; er fühlt, wie ſie ſeine Entſchlüſſe beeinfluſſen. Und wenn er weiter nach⸗ dachte, ſo mußte er ſich ſelbſt ſagen, welches Intereſſe Julia dabei haben könne, daß ſie etwas Solches ſo naiv ſage, wenn ſie es nicht auch gedacht, und zu dieſem Geſtändniſſe nicht durch die Ungeduld ihres erlangens und ihrer Liebe hingeriſſen worden. Zwar hatte von Grige ſchon geſagt, daß ſolcherlei Geſtändniſſe bei Julia gewöhnlich vorkämen; was Immanuel aber eben gehört, war in ſo aufrichtigem 118 Tone, mit ſo geiſtreicher und von entſprechenden Blicken und einem vielſagenden Lächeln ſo ſchön be⸗ gleiteter Offenheit geſprochen worden, daß er wider ſeinen Willen plötzlich fühlte, wie Geiſt und Sinnen ſich ihm entflammten, und daß er dieſer Frau die Hände hinbot. „Was auch geſchehen mag,“ ſo ſprach er bei ſich,„ſo übernehme ich, ich mag mich irren oder nicht, keine große Verantwortlichkeit, und nie werde ich etwas Anderes gewollt haben, als das, was ſie von mir verlangt.“ Und Immanuel betrachtete, während er ſolchen Gedanken Raum gab, Julia, und je mehr er ſie betrachtete, um ſo ſchöner fand er ſie: ja, er fand ſie wirklich verführeriſch. Sie wurde es alsbald gewahr, welche Wirkung ſie auf ihn hervorbrachte, denn ſie hob alsbald wie⸗ der an: „Hören Sie Immanuel! Sie ſtehen ganz allein in der Welt da; Sie haben weder Familie noch Freunde, denn Bewunderer ſind keine Freunde; Sie lieben Niemand, es ſei denn Ihren Ehrgeiz, denn Sie ſind ehrgeizig; aber es iſt der Ehrgeiz eine jener Geliebten, die gleich Meſſalinen zwar wohl müde werden, nie aber genug bekommen können; es iſt derſelbe eine jener Leidenſchaften, die Einen beherr⸗ ſchen, die man aber nicht beherrſcht. Sie müſſen alſo außer Ihren Freunden und Ihrem Chrgeize, ſo zu ſagen dazwiſchen, Etwas haben, das Sie liebt, das Sie bewundert, das Ihnen gehorcht, und das Sie beherrſchen; ein Weſen, das ganz Ihnen ge⸗ hört, das Ihr Sklave, Ihr Hund wird,— ein —O—C—O—C—C—C—⸗—ꝭ—·——·—Q— ———,——— 119 Weſen, das Sie nach Belieben verlaſſen und wieder haben können, das Sie zerſtreut und das Sie tröſtet. Mit einem Worte, Sie müſſen eine wirkliche Geliebte haben. Wohlan! ich werde das Alles ſein; iſt es Ihnen recht?“ Und da Immanuel nur durch einen Blick ant⸗ wortete, ſo ſetzte ſie noch hinzu: „Ich weiß wohl, daß Sie mich nicht ſo auf der Stelle lieben können, vielleicht wird ſogar der Schritt, den ich heute gethan, Ihrem Vertrauen und Ihrer Liebe zu mir eher hinderlich, als förderlich ſein; legen Sie mir aber irgend eine Prüfung auf, hei⸗ ſchen Sie von mir irgend ein Opfer, und ich werde, was Sie verlangen, nicht allein mit großer Freude, ſondern ſogar dankerfüllt thun.“ „Wohlan! Ich verlange von Ihnen nur Eines,“ erwiderte Immanuel, die weißen Hände Julia's an ſeine Lippen führend. „Und das iſt?“ „Das iſt die Erlaubniß, Ihnen heute Abend, und in Ihrem Hauſe wieder ſagen dürfen, was Sie mir ſo eben hier geſagt.“ „Und übermorgen reiſen Sie ab?“ „Wenn Sie mich begleiten.“ Julia's Auge glänzte vor Freude. „Kommen Sie heute Abend,“ ſprach ſie. „Um welche Stunde?“ „Um neun Uhr; ſagen Sie mir aber ja nicht, daß Sie mich nicht lieben!“ „Ich werde bis morgen früh bei Ihnen bleiben, um Ihnen das Gegentheil zu ſagen: iſt Ihnen das recht?“ 7 120 Statt aller Antwort näherte Julia ihre Lippen den Lippen Immanuels, deſſen Herz heftig pochte; denn es hatte dieſes Weib Etwas, was das Ver⸗ langen hervorrief und eine Zeit lang das Herz durch die Sinnen täuſchen und es glauben laſſen konnte, daß es wirklich Liebe fühle. „Ja, ſo iſt es recht,“ ſprach ſie.„Sie ver⸗ ſtehen recht gut.“ „Sehen Sie einmal, wie ſchwach wir Männer ſind!“ murmelte Immanuel, Julia in ſeine Arme preſſend und durch den Kaſchemirſhawl hindurch, der ſie umhüllte, die krampfhaften Regungen ihres gan⸗ zen Weſens fühlend.„Ich, der ich mir gelobt, nie ein Weib zu lieben und für den Fall, daß mir dieß wiederführe, es ihr wenigſtens nicht zu ſagen! Bis auf dieſe Stunde hatte ich Wort gehalten.“ „Es kommt dieß eben daher, daß Du noch keine Frau gefunden, die Dich ſo geliebt, wie ich Dich liebe, mein Immanuel,“ erwiderte Julia, die den Rathſchlägen ihrer Sinne nicht mehr widerſtehen zu können ſchien;„es kommt dieß daher, weil kein Weib Dir es noch ſo geſagt, wie ich es Dir ſage und vor Allem“— hier ſchloß ſie in Erwartung der verheißenen Wolluſt, die Augen—„wie ich Dir es heute Abend ſagen werde.“ Julia mußte ſowohl in der Theorie, als in der Praxis alle diejenigen phyſiſchen und moraliſchen Mittel beſitzen, welche einen Mann augenblicklich zu um⸗ ſtricken und denſelben ganz der Leidenſchaft dienſtbar zu machen vermögen, wie der Sperber das Repp⸗ huhn oder den Sperling umkreist, die ihren Platz nicht zu verlaſſen vermögen und gleichwohl das weite e& 2———,-——- — — 121 Feld und die Freiheit vor ſich ſehen. Immanuel glaubte, ſeiner Sinne ſtets dermaßen Herr zu ſein, daß er über den Auftritt, der eben Statt gehabt, ſo zu ſagen, erſchrak, als Julia weggegangen und er wieder allein war. Durch einen unwiderſtehlichen Zauber fühlte er ſich zu dieſem Weibe hingezogen; und was das Demüthigendſte war, daß er ſich von ſeinen Gefühlen vollkommen Rechenſchaft gab, daß er ſich von dem Reize der Luſt gefangen fühlte, er, der Mann der großen Studien und der ſtrengen Nachtwachen. Es blieb ihm von dieſem Beſuche, wogegen er ſich ſo ſtark gerüſtet geglaubt, jene mo⸗ raliſche Müdigkeit, die dem Geiſt nicht länger die Energie des Entſchluſſes läßt. Es verbreitete Julia einen ſolchen Duft von Wolluſt um ſich her, daß die Luft, ſo zu ſagen, ſich damit ſchwängerte, und daß der Auserwählte bis zu dem Augenblicke, wo er ſie wiederſehen ſollte, nur noch Feuer athmete. Julia hatte Immanuel in jenem Zuſtande der Lei⸗ denſchaft gelaſſen, wo der Mann ſich überzeugt hält, das Weib, das er am Heißeſten geliebt, oder das er am Heißeſten lieben werde, ſei dasjenige, das er eben in den Armen gehabt. Sie hatte ſich Immanuel ſo weit hingegeben, daß dieſer wiſſen konnte, mit welcher reichen, herrlichen Natur er es zu thun hatte, daß er die Formen, mithin auch die Wolluſt⸗ ſchätze zu ahnen vermochte, welche dieſes Weib beſaß und die ihr Kaſchemirſhawl gefangen hielt; aber ſie hatte ſich nicht ganz hingegeben, und ließ im Geiſte ihres künftigen Liebhabers ſo viel Realität zurück, daß er den ſchönen Traum vollends ausſpinnen konnte. „Wenn ich mich in dieſes Weib verliebte!“ dieß waren die erſten Worte des Herrn von Bryon, als Julia fort war. Was Letztere betrifft, ſo war, als ſie wieder in ihren Wagen ſtieg, die Unordnung ihrer Toilette wieder vollſtändig beſeitigt; ihr Geſicht war ruhig, wie wenn ſie eben von ihrer Modehändlerin gekom⸗ men wäre, und mit einer Stimme, welche auch nicht die leiſeſte Aufregung verrieth, ſprach ſie zu ihrem Kutſcher:. „In's Miniſterium des Innern!“ Eine Viertelſtunde ſpäter hielt der Wagen vor dem Hotel des Miniſters, und Julia übergab ſelbſt dem Thürhüter einen Brief, den dieſer alsbald zum Privatſekretär Seiner Excellenz hinauftrug. Neuntes Kapitel. Immanuel blieb bis an den Abend unter der Herrſchaft des empfangenen Beſuchs und in Erwar⸗ tung der Dinge, die daraus entſpringen ſollten. Wie ſchnell merkt nicht ein Mann, ſo ſtark derſelbe im⸗ mer ſein mag, daß ſeine Kraft vor dem Willen eines Weibes ſchmilzt, wie das Wachs vor der Hitze des Feuers! So wurde es denn Immanuel— und eben dieß erfüllte ihn mit Schrecken— klar, daß auch er eine verwundbare Seite habe, die jenen Regungen des Herzens zugänglich ſei, welche er bis daher fern gehalten, weil er, wie er geſagt, bei ſei⸗ nen augenblicklichen Liebſchaften bis daher keine Natur gefunden, die der Natur Julia's nahe kam. Es war das erſte Mal, daß das Andenken an ein „ als in ette hig, om⸗ icht rem vor Abſt zum „ 123 Weib ſich ſo hartnäckig in ſeinen Geiſt eingrub, und er lag im Kampfe mit zwei Gefühlen, nämlich mit dem Bedauern, daß er ſie empfangen, und mit der Hoffnung, ſie wieder zu ſehen. Gleichwohl konnte jener Willensſchatz, den Immanuel mit ſo vieler Ge⸗ duld geſammelt, nicht alſo den erſten Verſprechungen eines Weibes ganz zum Opfer fallen und ihm ver⸗ loren gehen; und doch, wir müſſen es geſtehen, ſah er nur ein Mittel, Julia zu vergeſſen, und dieſes Mittel war, daß er ſie beſaß. Er ſchrieb, was er fühlte, auf Rechnung eines rein ſinnlichen Verlan⸗ gens, und vertheidigte ſein Herz noch gegen die An⸗ griffe der Liebe. „Sind einmal die Sinne befriedigt,“ ſagte er ſich,„ſo wird mir dieſes Weib nicht mehr ſein, als was alle Andern mir bis jetzt geweſen ſind.“ An dem Abend deſſelben Tages war er Schlag neun Uhr bei Julia, die er ganz ſo, wie er ſie verlaſſen, wieder fand. Nur hatte den Kaſchemir⸗ ſhawl und das ſeidene Gewand ein Pudermantel er⸗ ſetzt, der ſtets zu rechter Zeit ſich halb öffnete und Alles das ſehen ließ, was das Auge nur zu erra⸗ then vermocht hatte. Es wohnte Julia in der Tait⸗ bout⸗Straße, wo ſie eine lange Reihe von Gemächern inne hatte, und in ganz Paris war ihre Wohnung wegen ihrer Eleganz und ihres Comforts berühmt. Im Uebrigen verſtand ſie ſich trefflich auf Dinge der Liebe. Es war ihr wohlbekannt, daß ein Mann, der ſein erſtes Stelldichein bekommen, hinter dem Weibe, das er nun bald beſitzen ſoll, immer mehr ſucht, ſie umgab alſo ihren Fall mit Allem, was dem⸗ ſelben einen poetiſchen Reiz verleihen konnte. Sie 124 war die Liebedienerin, aber die Liebedienerin des Alterthums, die nicht allein auf die Reize ihres Körpers vertraut, ſondern auch die Hülfsmittel des Geiſtes, ſowie die Anziehungskraft des Luxus zu Hülfe ruft. Kam der Mann, der nun ihr Liebha⸗ ber werden ſollte, zu ihr herein, ſo fand er ſich plötz⸗ lich von der Welt und den andern Weibern iſolirt, die er etwa ſchon beſeſſen. Er athmete eine neue Atmoſphäre, und hatte ſich einmal die Thüre des Schlafzimmers hinter ihm geſchloſſen, ſo hätte er nicht gewußt, wie er wieder hinauskommen ſollte, und hätte er das auch gewußt, ſo hätte er gewiß nicht dieſen Vorſatz auszuführen geſucht. Blumen, Spitzen, Teppiche, Wohlgerüche, Alles das vereinigte ſich zu einem und demſelben Zwecke. Man fühlte, daß man hingekommen, um ſich mit irdiſcher Luſt zu berau⸗ ſchen. Kein Geräuſch drang von Außen bis zum glücklichen Eingeweihten, und das echoloſe Zimmer wiederholte auch nicht eine Silbe von den ſonderba⸗ ren Worten, die es ſo oft gehört, und die zu einer gewiſſen Stunde aus den Falten des Behangs, der ſie erſtickt, hervorzukommen und ihr Concert mit den aufregenden Wohlgerüchen dieſes Aſyls zu vermi⸗ ſchen ſchienen. Julia's Coſtüm entſprach dem ganzen Zimmer. In dem Augenblick, wo Immanuel ankam, lag ſie auf einem Canapee, ſo weich wie ein Bett, ausgeſtreckt und hatte ſtatt aller andern Kleidung nur ein Hemd und einen weiten, weißbatiſtenen Pudermantel an, der in Folge der Bewegungen, welche ſie in dieſer Stellung gemacht, ſich ein wenig heraufgeſpielt hatte, und ihre Füße, ſowie einen Theil ihrer Beine ſehen 1 8 des hres des zu oha⸗ lötz⸗ lirt, neue des e er llte, nicht ten, ) zu. man rau⸗ zum mer rba⸗ iner der den rmi⸗ mer. g ſie reckt demd an, ieſer atte, ehen 125 ließ. Julia's Beine waren nun aber, ſei es Koket⸗ terie, ſei es Gewohnheit, nackt, und ſie hielt mit der Fußſpitze ihre Atlaßpantoffeln zurück, die immer den Füßen entfallen zu wollen ſchienen. Sie hatte, und zwar ohne alle Prätention, die träge Stellung der Frauen des Orients angenommen. Wir brauchen wohl nicht erſt zu ſagen, daß ihre Füße allerliebſt und milchweiß, ihre Beine aber gebildet waren wie die Beine der Weiber, welche dieſelben gerne ſehen laſſen. Als Immanuel ſich Julia näherte, bot ſie ihm eine fieberhaft brennende Hand hin, und er glaubte durch den Druck der Hand die Urſache des Fiebers zu begreifen. Wir enthalten uns, hier zu erzählen, was von dieſem Augenblicke an bis zu der Stunde des fol⸗ genden Tages, wo Immanuel wieder heim kam, vorging, Alles was wir ſagen können, iſt, daß ſein Schrecken noch größer war, ſeitdem ſein Traum zur Gewißheit geworden. Eine Stunde nach ſeiner Rückkehr meldete man bei ihm Herrn von Bay. „Ah, guten Morgen, lieber Freund!“ ſprach der Baron, indem er hereintrat.„Schon fürchtete ich, daß ich Sie nicht zu Hauſe treffen würde.“ „Warum?“ bemerkte Immanuel, ſeinem Freunde die Hand hinbietend. „Weil ich geſtern Abend gegen halb zehn Uhr hier geweſen bin, und Ihr Bedienter mir nicht hat verſchweigen können, daß Sie nicht heimkommen, ſondern auswärts ſchlafen würden.— Es iſt alſo ſchon geſchehen? Es iſt die ſchöne Julia Lovely un⸗ terlegen, oder richtiger geſprochen, Sie ſind der ſchö⸗ nen Julia unterlegen?“ „Leider!“ „Was zum Teufel ſagen Sie da? Sie iſt ein bewundernswürdiges Geſchöpf. Eben bin ich ihr begegnet, und ſie iſt Ihrer wahrhaft würdig.“ „Wie, Sie ſind ihr eben begegnet?“ „Ja, vor einem Augenblick.“ „Das iſt doch ſonderbar! Es iſt kaum eine Stunde, daß ich von ihr fortgegangen.“ „Und doch war ſie es; ich ſtehe Ihnen dafür.“ „Zu Fuß?“ „Nein, im Wagen.“ „Wo mochte ſie doch hingehen?“ „Meiner Treu! Das weiß ich nicht. Eil ſagen Sie mir doch, wären Sie etwa eiferſüchtig?“ „Gewiß nicht.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, lieber Freund; denn wären Sie eiferſüchtig, ſo hätten Sie nach dem, was ich gehört, gar viel zu ſchaffen.“ „Wie wiſſen Sie das?“ „Ich habe im Club von ihr geſprochen.“ „Man kennt ſie alſo dort? „Jedermann. Vielleicht bin ich im ganzen Club der Einzige, der ſie nicht genauer kennt.“ „So iſt ſie denn ganz und gar ein Mädchen, das ſich unterhalten läßt?“ „Ja, nur ſind Alle darin einſtimmig, daß ſie unter allen Pariſer Liebedienerinnen weitaus die in⸗ telligenteſte, begehrungswürdigſte und reichſte ſei.“ „Sie hat alſo Vermögen?“ „Es muß dem wohl alſo ſein, ſonſt könnte ſie Gri eine Gal was trau ſie t tig habe der ſie an ihnen gethe in al ſten ſo ei winn einer wird, ihr T 127 nicht auf ſolchem Fuße leben. Hätte ſie kein Ver⸗ mögen, wie hätte ſie es denn machen ſollen, um während des Vierteljahrs, daß ſie keinen Liebhaber mehr hat, zu leben?“ „Sie lebt alſo ſeit einem Vierteljahre allein?“ „Ja.“ „Somit hätte ſie mich nicht angelogen?“ „Uebrigens iſt an ihr das bemerkenswerth, daß ſie ſich aus allen ihren Liebhabern Freunde gemacht hat, und da ſie ihre Liebhaber ſtets in der ganz ho⸗ hen Welt geſucht hat, ſo iſt die Folge, daß, wie von Grige uns ſchon geſagt, es keine Herzogin gibt, die eine gleich angenehme Umgebung und gleich eifrige Galane hätte. Es iſt aber an dieſem Weibe Etwas, was mir, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Miß⸗ trauen einflößen würde.“ „Und was wäre das?“ „Sie iſt mir zu gelehrt für das Handwerk, das ſie treibt, zu beſcheiden, zu verſchwiegen, zu vernünf⸗ tig für die Stellung, die ſie hat. Von ihren Lieb⸗ habern weiß ſie Alles; Nichts iſt ihr verborgen, we⸗ der deren Familienverhältniſſe, noch deren Anſichten; ſie analyſirt ſie Einem nach einander, und keiner von ihnen vermag zu ſagen, woher ſie kommt, noch was ſie gethan, ſo lange ſie ſeine Geliebte geweſen. Sie iſt in alle Fragen eingeweiht, die ſelbſt den vornehm⸗ ſten Frauen durchaus unzugänglich ſind. Sie hat o eine eigene Art, das Vertrauen Anderer zu ge⸗ winnen, wodurch es geſchieht, daß ſie nach Verfluß von einer gewiſſen Zeit allzuſehr zu einer Vertrauten wird, und keine Geliebte mehr iſt. Man behauptet, ihr Vermögen komme von Geheimniſſen her, die ſie 128 ihren Liebhabern geſchickt entlockt und an ſolche ver⸗ kauft, welche dieſelben intereſſiren mochten; und was das Sonderbarſte, iſt, daß diejenigen, welche ſie alſo ausgebeutet, ihre wärmſten Freunde und aufrichtig⸗ ſten Anhänger ſind. Nehmen Sie ſich in Acht, Immanuel! Dieſes Weib beſitzt einige der antiken Zaubergewalten. Sie hat von der Aſpaſia, von der CEirce, von der Meſſalina und von der Cleopatra Etwas an ſich. Bei All dem iſt ſie ſchön; ſeien Sie alſo auf Ihrer Hut! Sie wird durch die Wolluſt und durch ihren Geiſt Sie gefangen nehmen, und ein Mann in Ihrer Stellung darf nicht in der Macht einer ſolchen Zauberin ſein.“ 3 „Sie haben Recht, mein lieber Baron, und ich danke Ihnen für Ihren guten Rath. Was Sie mir da geſagt, hatte ich wohl ſchon gefühlt, und ich ge⸗ ſtehe, es iſt an dieſem Weibe Etwas, was ich bei Keiner von denen, ſo ich gekannt, je gefunden habe. Was ich fürchte, iſt nicht, daß ſie mir meine Ge⸗ heimniſſe entlocke, denn ich habe keine ſolche, und dann bin ich von Natur verſchwiegen; was ich aber vielleicht fürchte, iſt, daß ſie mich allzuſehr an ſich zieht, und daß ſie mir meine Zeit und meine Ge⸗ danken raubt. Glücklicher Weiſe iſt es noch nicht zu ſpät, und morgen hat die ganze Sache ein Ende.“ „So iſt es recht, lieber Freund. Schicken Sie ihr hundert Louisd'or und vergeſſen Sie ſie! Sie darf nicht einmal wiſſen, daß Sie ſie je anders be⸗ urtheilt, denn als ein gewöhnliches Freudenmädchen. Einverſtanden?“ Ja 474 7/* „Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie liebe,“ fügte der Z. 0HC2(00 2. 2 n= S, 129 Baron, Immanuel freundſchaftlich die Hand reichend, hinzu,„und ich bin heute Morgen in keiner andern Abſicht hierher gekommen, als um Ihnen dieſen gu⸗ ten Rath zu geben. Es möchte dieſes Liebesverhältniß übel gedeutet werden von jenen Leuten, die ein In⸗ tereſſſe haben, ſelbſt die geringſten Handlungen Ihres Lebens übel zu deuten, mit einem Worte, von Ihren Feinden, und es darf das nicht ſein. Sie haben eine große, herrliche Laufbahn vor ſich; vergeſſen Sie das nicht! Der kleinſte Kieſelſtein kann Sie zu Falle bringen. Sehen Sie daher ja recht zu, wo Sie den Fuß hinſetzen, und lieben Sie nur ſolche Menſchen, die Ihrer Liebe würdig ſind, wenn Sie ſich nicht enthalten können, zu lieben, was gewiß das Beſte wäre. Zudem reiſen wir ja mit einander ab: nicht wahr, es iſt Ihnen immer noch ſo?“ „Gewiß.“ „Morgen?“ „Morgen.“ „Recht gut. Sie ſind mir alſo nicht böſe?“ „Was faſeln Sie da?“ „Morgen iſt alſo der Wagen bereit.“ „Um wie viel Uhr?“ „Um zehn Uhr, wenn es Ihnen recht iſt. Haben Sie gegen die Stunde Nichts einzuwenden?“ „Lediglich Nichts.“ „Sie gehen alſo nicht ungern?“ „Seien Sie ruhig! Ich gehe um ſo gerner, als ich bereits entſchloſſen war, abzureiſen, wie Sie kamen.“— Herr von Bay drückte Immanuel noch einmal die Hand und verließ ihn.. Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 9 130 Wenige Augenblicke darauf trat der Bediente des Herrn von Bryon ein, um dieſem einen Brief zuzu⸗ ſtellen, der eben überbracht worden war. Imma⸗ nuel erkannte die Hand. Der Brief kam von Julia, und enthielt nachſtehende Worte: „Zwiſchen geſtern und heute Abend liegt für Sie ein ganzer Tag des Zweifels, für mich aber der Befürchtungen. Um welche Stunde werden Sie kommen, um mir zu ſagen, daß Sie nicht mehr zwei⸗ feln, und daß ich nicht länger fürchten darf?“ „Wartet man auf eine Antwort?“ fragte Im⸗ manuel ſeinen Bedienten. „Nein, ich habe geſagt, Sie wären ausgegangen, wie mir von Ihnen befohlen worden iſt.“ „Gut, Sie können gehen.“ Und Immanuel las zum zweiten Male Julia's Billet, hinzuſetzend:. „Es läßt ſich nicht leugnen, daß diejenigen, welche die Freiheit ihrer Eindrücke haben, und Nie⸗ manden Rechenſchaft davon zu geben brauchen, glück⸗ liche Leute ſind.“ Zehntes Kapitel. Damit der Leſer ſich noch leichter die plötzliche Gewalt erkläre, die Julia über Immanuel erlangt, müſſen wir demſelben etliche Einzelheiten aus Herrn von Bryons Jugendzeit mittheilen. Der alte Graf von Bryon war, wie wir bereits geſagt zu haben glauben, von Ludwig XVIII. zum Pair ernannt worden. Nun aber war um jene Zeit ———,— —.—-ds-——, ———+½——— — 55 SE SSSͤ DO 8 ngt, errn eits zum ,— 131 die Pairswürde mehr eine Belohnung, denn eine Miſſion, und die vollkommene Unfähigkeit des Herrn von Bryon hätte man leicht erkennen müſſen, wenn Ludwig XVIII. ſich hätte die Mühe nehmen wollen, irgend Etwas zu erkennen. Immanuel war alſo wie ein Edelmann erzogen worden, der beſtimmt war, Nichts zu thun, und nach dem Tode, ganz wie in der Weiſe ſeines Vaters, franzöſiſcher Pair zu ſein. Gern hatte er ſich dieſer Art Erziehung gefügt, die für einen jungen Men⸗ ſchen ſo verführeriſch iſt, und um Weiteres hatte er ſich nicht bekümmert. In jener Zeit ſeines Lebens hatte er ſich den Vergnügungen hingegeben, denen ſein Vater auch noch nicht Lebewohl geſagt hatte, nämlich dem Spiele, den Weibern und den Pferden. Von Zeit zu Zeit aber fiel ihm ein, wie er einſt eine politiſche Miſſion zu übernehmen und dieſes Mandat gewiſſenhaft zu vollziehen hätte, da daſſelbe nicht, wie bei ſeinem Vater, der Lohn geleiſteter Dienſte und bewahrter Treue wäre. Er hatte begriffen, daß dieſes Erblichkeitsprinzip ein Vorrecht wäre, das zum Mißbrauche und daher eines Tages aufgehoben wer⸗ den müßte, wenn die damit Bekleideten nur eine Sinekur darin erblickten und dieſen Titel einfach ihrem Namen beifügten, ohne den Anforderungen des Titels zu genügen. Von dieſem Augenblicke an hatte Immanuels Entſchluß feſtgeſtanden: ohne daß es ihm viel Ueberwindung gekoſtet, hatte er ſeiner früheren Lebensweiſe Lebewohl geſagt, und, noch ganz jung, den dürren Pfad der Politik, das heißt, der wirklichen Menſchen und der wirklichen Dinge, betreten. Daher zugleich jene Willenskraft, welche 13² die Grundlage ſeines Lebens bildete, und jenes Be⸗ dürfniß des äußeren Luxus, wovon er ſich nicht hatte frei machen können und wovon er ſich nicht einmal frei zu machen brauchte. Immanuel war alſo, wir wiederholen es hier, in Gewiſſensſachen ein Puritaner, nicht aber in Dingen der Liebe. Er erklärte das Wort Herz, wie einſt Boufflers es gedeutet, und geſtand ihm die Anſprüche zu, die man dem Gehirn und dem Magen zugeſteht, weiter Nichts. Wie wir bereits geſagt, ſo waren die Weiber ihm Nichts, als hübſche. Dinge, und nie hatte er ſich damit abgegeben, die Politik ihres Herzens zu ergründen, jene andere Politik, die unendlich geheimnißvoller und ſchwieriger iſt, als die Politik der Reiche und der Völker. Kurz, er las alle Zeitungen, alle Nationalökonomen, alle ernſten Bücher, vom erſten bis zum letzten Buchſtaben; er brachte hiemit ganze Nächte zu, und wäre ſchon über dem erſten Kapitel eines Balzacſchen Romans ein⸗ geſchlafen, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, einen ſolchen zu leſen; zum Glücke für Balzac aber hatte er dieſen Gedanken nie gehabt. Und doch glaubte er das menſchliche Herz zu kennen. Thor, der er war! Er wußte nicht, daß man die Männer kennen lernt, indem man die Weiber ſtudirt. Es hatte alſo Julia für einen Augenblick Imma⸗ nuels verſtändige Theorien total über den Haufen geworfen, und um dieſen Zweck zu erreichen, hatte ſie nur ein einziges Mal mit ihm zu plaudern ge⸗ braucht. Julia hatte, ſei es daß ſie Immanuel wahrhaft liebte, was wir bald ſehen werden, ſei es daß ſie irgend ein Intereſſe hatte, ſeine Liebe zu * ——„-·————————-—— —2,— ———,———————,—— 2—8—. -— 133 gewinnen, alle phyſiſchen und moraliſchen Mittel auf⸗ geboten, womit Natur und Civiliſation ſie begabt, um ihm zu gefallen. Eine erſte Liebesnacht, ſo be⸗ gierig man ſie auch erwartet, ſo feurig ſie auch ſein mag, verſtreicht zwiſchen zwei nicht ganz geiſtes⸗ armen Liebenden nie ganz damit, daß man ſich in roher Art beweist, wie man einander liebt, und daß man darauf ſchläft. Iſt einmal das erſte Feuer vorüber, ſo liegt ſogar eine neue Wolluſt darin, daß man bei dem blaſſen Scheine einer verſchleierten Lampe mit dem Weibe, das man liebt, leiſe plau⸗ dert, und mit dem immateriellen Theile ſeiner Ge⸗ liebten innigere Bekanntſchaft macht. Hat einmal ein Weib ſich hingegeben, ſo hat ſie mehr Expanſion im Herzen, größere Offenheit in der Sprache, größere Sanftheit in der Stimme. Sie begreift, daß ſie ſich ganz hingegeben, und daß ihr Geiſt, in gewiſſen Fällen, den Sinnen zu Hülfe kommen muß. Da ſtützt ſie ſich denn, mit purpurglühenden Backenbei⸗ nen, halb erloſchenen Augen, unordentlichen Haaren und entblößter Bruſt, auf die Hand, und den Mann anſchauend, dem ſie ſich hingegeben, und, den ſie, wie ſie wohl fühlt, hiedurch einen Augenblick zu ihrem Herrn gemacht, hat ſie einen Augenblick des Trium⸗ phes und der Freude, weil ſie ihn eben ſo ſchwach ſieht, wie ſie ſelbſt iſt. Dann erfaßt ſie ſeine Hände und ſtellt an ihn mit einer Stimme, die zugleich voller Erinnerung und voller Verſprechungen iſt, jene lieben und geheimnißvollen nächtlichen Fragen, die in allen Sprachen der Welt gern leiſe geſpro⸗ chen/werden. In dieſem Augenblicke glaubt der Mann, er werde ſein Lebenlang die, welche alſo mit ihm ſpricht, lieben. Er mag jetzt nicht mehr ſterben, mag nicht mehr von ihr getrennt werden. Sein Herz führt ihm ſeine Illuſionen vor, jene bunt gefiederten Vögel, die ewig hin⸗ und herflattern, und findet er in ſeiner Sprache keine Worte mehr, ener⸗ giſch genug, um ſie zu überzeugen, ſo kommt dieß daher, daß die Energie ſeiner Umarmungen ihm genügt. Die erſte Nacht, die Immanuel bei Julia zuge⸗ bracht, war etwa in ſolcher Weiſe verſtrichen. Und wenn man dann bedenkt, daß einmal eine Zeit kommt, wo man den Namen des Weibes, neben dem man ſo ſüße Träume geträumt, bisweilen mit Verachtung, bisweilen haßerfüllt, faſt immer aber gleichgültig ausſpricht! Und doch gäbe es, wenn die Männer und Frauen es wollten, ein Mittel, dieſe Zeit nie eintreten zu laſſen, wenn man nämlich dieſen Traum nur einmal träumen und ſich gegenſeitig mit der erſten Probe genügen laſſen wollte. Dann läge in dieſem Verlaſſen noch etwas Myſteriöſes, und dann würde es immer noch einen Reiz gewähren, daran zu denken. Das Weib hätte ſich ſo weit hingegeben, daß man verſichert wäre, ſie beſeſſen zu haben, und daß, ſo oft ſie und ihr Liebhaber einander begegne⸗ ten, zwiſchen ihnen Beiden eine Erinnerung beſtände, die um ſo ſüßer ſein müßte, als ſie faſt ein Zweifel wäre; man hätte ſie aber nicht lange genug beſeſſen, um beim Ueberdruſſe anzulangen, und die Natur ſelbſt will doch, daß dieß geſchehe. Hat man Durſt, ſo verurſacht Einem das erſte Glas Waſſer, das man trinkt, unendliches Wohlſein, die Hälfte des zweiten Glaſes macht Einem Vergnügen, während ſchon der Gedanke, ein drittes trinken zu müſſen, 135⁵ Ekel hervorruft. Was iſt aber die Liebe Anderes, als ein Durſt des Herzens? Du, der Du mich lieſeſt, wenn Du mich anders ſo weit geleſen, iſt es Dir in Deinem Leben noch nicht vorgekommen, daß Du ein Weib geſehen, daß Du ſie geliebt, daß Du von ihr ein Stelldichein be⸗ kommen, daß Du ſie beſeſſen? Am andern Tage trennte Dich von dieſem Weibe die Eiferſucht eines Gatten, eine Furcht, die man Tags zuvor nicht ge⸗ kannt, eine Abreiſe, mit einem Wort, irgend ein Hinderniß. Es blieb Dir von ihr Nichts, als eine Blume, als ein Fetzen, vielleicht Nichts, als die Erinnerung. Sage mir nun, haſt Du dieſem Weibe nicht das ſüßeſte und zärtlichſte Andenken bewahrt? Sucht, wenn Du allein biſt, ihr Name nicht zuerſt Deine Einſamkeit, die Stunden auf, wo Du gerne träumſt? Läßt Dich das, was ſie Dir gegeben, nicht ewig an das denken, was ſie Dir noch zu geben vermocht hätte? Iſt ſie Dir nicht, was dem Wanderer die Frucht, die er nur ein Mal gekoſtet, die Gegend, die er nur einen Tag geſehen, und nie mehr ſehen wird? Haſt Du nicht, in welcher Stel⸗ lung und Lage Du Dich immer befinden magſt, plötz⸗ liche Regungen, die Dich wieder zu ihr hinführen, und gleichſam ein unermüdliches Bedürfniß, ſie wie⸗ der zu ſehen und noch ein Mal zu lieben? Glück⸗ licher Weiſe wird dieſes Bedürfniß nicht befriedigt, ſo zwar daß die gemeine Wirklichkeit den ſüßen Traum einer Nacht nicht zu Ende bringt, und daß das Grab, das ſie in Deine Seele gegraben, ſtets mit neuen Blumen bedeckt iſt. Stellt Dich aber, nach Verfluß von einigen Jahren, der Zufall dieſem 136 Weibe gegenüber, iſt die Schranke weggenommen, die Dich von ihr trennte, ſo nimm ihre Hand wie die einer Freundin, ſuch' aber nicht die Wirklichkeit mit Deiner Erinnerung zu verknüpfen. Es hieße dieß etwas Entzückendem eine alltägliche Entwickelung geben. Liebe an ihr nur das frühere Weib, liebe an ihr Deine poetiſche Liebe. So oft Du ihr be⸗ gegneſt, wirſt Du fühlen, wie Dein Herz voll jugend⸗ licher Kraft hüpft; ſie wird das ewige Lächeln ſein, worauf Du ſtets antworteſt. Sie wird altern, ohne daß Dein erſter Eindruck altert. Deine Augen, die nicht geſättigt worden, werden in ihr auch ferner nur das friſche und ſchöne Geſchöpf erblicken, das ſich Dir ein Mal hingegeben. Sie wird gleichſam die Blume ſein, die an einen glücklichen Tag erin⸗ nert; es können deren Blätter vertrocknen, es kann deren Wohlgeruch verſchwinden; ein Wohlgeruch aber, den ſie nie verliert, iſt der der Sache, woran ſie erinnert. Solche Erinnerungen ſind gleich Diaman⸗ ten: die Faſſung, die ſie feſthält, mag alt werden, die Diamanten aber bleiben ewig jung. Biſt Du, wenn Du ſie wieder ſiehſt, ſtark genug, um dem Verlangen zu widerſtehen, das Dich natürlich zu ihr hinzieht, ſo wirſt Du nie alle Deine Illuſionen ver⸗ lieren. Stets wirſt Du gewiß ſein, in der Wüſte Deines Lebens eine grüne Oaſe zu finden, wo Du ausruhen kannſt, in der Leere Deiner Seele einen troſtreichen und ſüßen Namen. Dieſe Geliebte eines Tages wird Dir Nichts an Friſche und Neuheit ver⸗ lieren. Mag ſie auch andere Männer lieben, ſich ihnen preisgeben, ja ſogar ſich proſtituiren, immer⸗ hin iſt in ihrem Herzen ein Winkel, den Nichts er⸗ — ——————————--— ———— ——-—— — v 137 reichen kann, immerhin iſt an ihr eine erſte Frau, von der die zweite Nichts zu fürchten hat; und es iſt dieß ſo wahr, daß Du, ſo tief ſie auch fallen mag, Dich ihr nur zu nähern und in ihrem Herzen jene eingeſchlafene Erinnerung wieder zu wecken brauchſt, um ſie zum Lächeln oder Weinen zu brin⸗ gen; ſo lange aber eine Frau noch lächeln oder weinen kann, ſoll man an ihr nicht verzweifeln. Würde man daher freiwillig thun, was zuweilen der Zufall thun läßt, ſo würde man das gleiche Re⸗ ſultat erreichen. Indeſſen geſtehe ich gerne, daß es etwas ſchwer halten möchte, einem Weibe begreiflich zu machen, daß man, um ſie ſtets lieben zu können, ſie alsbald wieder verlaſſen müſſe. Den Mann, der einen ſolchen Handel mit ihr ſchließen wollte, würde ſie der Gleichgültigkeit und der Undankbarkeit an⸗ klagen, ja, ſie würde ihn verachten, denn ſie würde meinen, es behandle derſelbe ſie wie ein gewöhnliches Freudenmädchen. Und doch wäre, was ein ſolcher Mann wollte, nur ihr Glück. Sehe man doch nur, wie Neigungsheirathen endigen! Da wir nun ſchon einmal, ſo zu ſagen, einen Liebescurs angefangen, ſo wollen wir uns ange⸗ legen ſein laſſen, denſelben vollſtändig zu machen; da wir uns zu einer Abſchweifung haben hinreißen laſſen, ſo wollen wir den Gegenſtand lieber ganz er⸗ ſchöpfen. 4 Das große Princip und die große Triebfeder der Liebe iſt die Neugierde.„Wird dieſer Mann mich anders lieben, als mein Gatte?“ ſprechen bei ſich die Frauen, ſo oft ſie einen Liebhaber annehmen wollen.—„Wird dieſes Weib ſo zu mir ſprechen, 138 wie die anderen zu mir geſprochen?“ fragt ſich der Mann, der eine neue Verbindung ſucht. Beiden könnte man ſtets antworten: Es läuft auf eines und daſſelbe hinaus: für das Weib iſt der Reiz des Myſteriöſen da, für den Mann der der Veränderung. Sobald man nun im Princip zugibt, daß Män⸗ ner und Weiber nur aus Neugierde täuſchen,— und es iſt dieſes Princip ein unbeſtreitbares, da die heilige Schrift nur dieſer Sünde allein Eva unter⸗ liegen zu laſſen gewagt hat,— ſo iſt es auch leicht, daſſelbe zu bekämpfen, und zwar mit Mitteln, die für das Weib und den Mann ganz dieſelben ſind. Es liebt Deine Geliebte die Veränderung, und Du, Du liebſt Deine Geliebte. Wohlan, ſchmeichle ihrer Liebhaberei, indem Du nie derſelbe biſt! Stell' Dich ihr immer von einer neuen Seite dar; mache, daß ſie Dich nicht alsbald ganz kenne. Halte Haus mit Deinen Eigenſchaften, gleichwie ein haushälte⸗ riſcher Mann ſein Geld ſpart. Habe ſtets eine un⸗ durchdringliche Seite. Setze ſie in Erſtaunen, nimm alle Formen und Varietäten an, die ihr Charakter verlangt. Mach Dich aus Liebe zu einem Proteus. Mach, daß ſie an Dir findet, was ſie bei einem An⸗ dern ſuchen würde. Folge mit Aug' und Herzen den Bedürfniſſen ihrer Organiſation. Mit einem Wort, ſuche ſie ſtets zu errathen. Habe ſo viel Vertrauen zu ihr, daß Du ihr Deine Achtung beweiſeſt, und habe Eiferſucht genug, um ihr Deine Liebe zu be⸗ weiſen. Halt von ihr ohne Barſchheit und Heftigkeit die Gelegenheiten fern, die ſie in Verſuchung führen könnten. Sei nie allzu ernſt, ſonſt würde ſie ſich —,— — 139 langweilen, noch zu leichtſinnig, ſonſt würde ſie eine üble Meinung von Dir bekommen. Bedenk gleich⸗ wohl zuweilen, daß das Weib Etwas vom Kinde an ſich hat, und daß ſie der Spiele, wie des Schutzes bedarf. Laß ſie geſchickt wiſſen, daß ſie kein herz⸗ loſes Geſchöpf ſei, und frage ſie nur vorſichtig über ihr vergangenes Leben. Gewöhne ſie an den Ge⸗ danken, daß ihre Zukunft mit der Deinigen werde verknüpft ſein. Schmeichle ihr in ihrer Toilette, wie wenn Du ihr noch den Hof machteſt; es wird die Liebe oft durch die dünnſten Fäden im Herzen zu⸗ rückgehalten. Stell' nicht viele Theorien vor ihr auf, denn es würde ſie freuen, dieſelben zu Schanden machen zu können. Mit einem Worte, laß Dein Leben tragen von dem ihrigen, und hintergeht ſie Dich trotz alle⸗ und alledem, ſo liefert ſie eben den Beweis, daß ſie entſchieden ein herzloſes Geſchöpf iſt. Aber, wirſt Du ſagen, was man mir da räth, würde das Geſchäft jedes Augenblicks werden. Man iſt da kein Liebhaber mehr, ſondern wird zu einer Schildwache und darf ſonſt Nichts zu thun haben. Ich wende mich daher auch an die Leute allein, welche aus der Liebe die große Frage ihres Lebens machen, und ſolche werden mich verſtehen. Was diejenigen betrifft, die in der Liebe nur ein Ver⸗ gnügen, eine Zerſtreuung, oder ein Bedürfniß er⸗ blicken, ſo brauchen ſie keinen Rath: ſie haben ihre Jugend, oder ihr Geld,— und was brauchen ſie weiter? Es iſt leicht zu begreifen, daß Immanuel weit entfernt war, in Sachen der Liebe den Grundſätzen zu huldigen, die wir eben ausgeſprochen, da er die 140 dem Leſer ſchon bekannten Theorien zu den ſeinigen gemacht; man konnte ihn ſogar in die Kategorie der⸗ jenigen zählen, wovon wir zuletzt geſprochen; wir müſſen aber geſtehen, daß die erſten Reflexionen, die wir gemacht, ſich ihm dargeboten, ſowie, daß er die⸗ ſelben angenommen hatte als ein allerliebſtes Mittel, der Gefahr, die er fürchtete, aus dem Wege zu gehen. „Julia,“ ſo ſagte er ſich,„iſt das einzige Weib, das mir ſinnliches Verlangen eingeflößt und meine Gedanken gefeſſelt, nachdem dieſes Verlangen einmal befriedigt geweſen. Sehe ich ſie auch ferner noch, ſo kann ich in ſie verliebt werden, und da ein ſolches Verhältniß früher oder ſpäter doch aufgelöst wer⸗ den müßte, ſo würde ich mir alſo nur Qualen oder doch Widerwärtigkeiten bereiten. Ich will ſtark ſein. Julia iſt ein Weib von Geiſt, das einen originellen Bruch ſich gefallen laſſen wird. Brechen wir als⸗ bald, und ſo lange wir einander noch Nichts vorzu⸗ werfen haben! Sie hat alle ihre Liebhaber hinter⸗ gangen, wie man mir geſagt hat, wohlan! ich werde der Erſte ſein, bei dem das nicht der Fall geweſen, und einſt wird ein Tag kommen, wo wir uns dieſer mit einander verlebten Nacht mit Vergnügen erin⸗ nern werden. Und dann reiſe ich morgen ab; meine Abweſenheit wird alſo das Uebrige thun. Immanuel zählte ſtark auf den letztern Grund, den er für den beſten hielt; gleichwohl ahnete er, daß nicht Alles ſo ausgehen würde, wie er zu glau⸗ ben ſchien, ſowie daß in dieſer oder jener Weiſe das ſinnliche Verlangen, dem er unterlegen war, früher oder ſpäter auf ſein Leben Einfluß haben möchte. . V 141 Vielleicht war dieß nur ein chimäriſches Vorgefühl, vielleicht rührte dieß daher, daß Julia das erſte Weib war, die ihn einen Augenblick von ſeiner Arbeit und ſeinem Lebenszweck abzuziehen vermocht. Im⸗ merhin iſt ſo viel gewiß, daß er ernſtlich über Brief, den er als Antwort auf den empfangenern ſchreiben wollte, ſowie über die Gründe⸗ nachdachte, die er dem Bruche leihen wollte. Wir wollen ihn den Reflexionen jeder Art überlaſſen, die auf ihn einſtürmten, und wollen ſehen, was unterdeſſen Julia that, und warum dieſelbe nach dem Weggang ihres neuen Liebhabers ſo geſchwind ausgefahren war. Es dürfte dieß nicht ganz ohne Intereſſe für unſere Leſer ſein. Eilftes Kapitel. Wie man ſich noch erinnern wird, ſo war Julia, als ſie Tags zuvor Immanuel verlaſſen, nach dem Miniſterium des Innern gefahren, wo ſie einen Brief abgegeben hatte, der alsbald dem Secretär des Mi⸗ niſters zugeſtellt worden war. Es enthielt dieſer Brief, wenn man es wiſſen will, nur nachſtehende Worte: „Heute Abend. Morgen.“ Es war dieß ziemlich myſteriös, und doch genügte es ihr, um ſich verſtändlich zu machen; denn der Mini⸗ ſter ſchien ziemlich zufrieden, nachdem er dieſes Billet geleſen, das er ins Feuer warf, ohne daß er es ein zweites Mal zu leſen gebraucht hätte. Am andern Tage alſo ſtand Julia, nachdem Im⸗ manuel weggegangen war, eilig auf, ließ anſpannen und begab ſich abermals ins Miniſterium. Auf dem Wege aber war ihr der Baron begegnet. Es ſchlug zehn Uhr, als ſie die Schwelle des Hotels des Miniſters überſchritt. Sie ſtieg die Treppe hinan als eine Frau, die alle Theile des Hauſes kennt, in dem ſie iſt, und öffnete die Thüre des Zimmers, worin die Canzleidiener ſich aufhalten. Dieſe ſtanden auf, als ſie ſie hereinkommen ſahen, und grüßten ſie ehrerbietigſt. „Befiehlt Madame, daß ich Sie anmelde?“ ſprach Einer von ihnen.. „Es iſt das unnütz,“ antwortete Julia, und ging weiter. In vertraulicher Weiſe öffnete ſie eine der Thü⸗ ren, die auf den Gang herausgingen; es war die⸗ jenige, welche in das Cabinet des Secretärs führte. Der Letztere, ein junger Mann, hob den Kopf in die Höhe, als er ein Geräuſch hörte, und ging, Julia erkennend, auf dieſe zu, indem er ihr beide Hände entgegenſtreckte, und ſprach: „Wie befindeſt Du Dich, ſchöne Frühaufſteherin?“ „Wohl, und Dein Miniſter?“ „Mein Miniſter wartet auf Dich.“ „Melde mich alſo.“ „Haſt Du denn ſo große Eile?“ bemerkte der junge Mann, die Hände Julia's drückend und die⸗ ſelbe in einer Weiſe anblickend, daß ſie verſtehen konnte, was er nicht mit Worten ausſprach. „Ahl heute Morgen habe ich keine Zeit zu ver⸗ lieren,“ antwortete ſie, ihn mit einem Lächeln ſanft zurückſtoßend. 143 „Iſt das Dein letztes Wort?“ „Mein letztes Wort.“ „Und die Nachrichten?“ „Lauten gut.“ „Herr von Bryon?“ „„Du ſollſt dieß ſpäter erfahren. Aber geh' und melde mich unverweilt bei dem Herrn Miniſter.“ Der junge Mann öffnete eine Thüre und ver⸗ ſchwand darin. Mechaniſch ſchaute Julia an, was er im Be⸗ griffe war, zu ſchreiben, als ſie gekommen, und da ſie ſah, daß es unwichtige Dinge waren, ſo ſetzte ſie ſich vor den Spiegel und beſchaute lächelnd ihre Schönheit. Sodann ließ ſie das Haupt auf eine ihrer Hände ſinken und fing an, ſich ihren Gedanken zu überlaſſen, was, beiläufig geſagt, oft vorkam, wenn ſie allein war. Was mochte wohl der Gegenſtand ihrer Reflexio⸗ nen ſein? Woran hätte wohl jedes andere Weib gedacht, dem ſeit vierundzwanzig Stunden begegnet wäre, was Julia begegnet war? War es dieſe neue Liebe, oder vielmehr dieſer neue Liebhaber, was ſie alſo beſchäftigte? Wir wiſſen es nicht. Alles, was wir ſagen können, iſt, daß ſie beim Wiedereintreten des Secretärs dermaßen in Gedanken vertieft war, daß ſie ihn gar nicht hörte. „Geh' nur hinein!“ ſprach er zu ihr, ihre Achſel berührend, und ſetzte, ſie ſo befangen ſehend, hinzu: „dum Teufel, an was denkſt Du denn?“ „Das geht Dich Nichts an,“ antwortete ſie. „Sollteſt Du etwa verliebt ſein?“ „Wer weiß!“ „Du mußt mir das erzählen.“ „Wir wollen ſehen.“ „Kommſt Du wieder hier durch?“ 44 „J.. Und Julia trat in das Cabinet des Miniſters, den ſie ſitzend fand. Der Miniſter war ein Mann von fünfundfünfzig. Seine Haare ſpielten in's Graue. Sein Geſicht war ernſt und ſtolz, ſeine Augen lebhaft und fein, ſein Mund trocken, ſeine Zähne weiß und klein. Es lag Ruhe, Chrgeiz, Willenskraft und Schlauheit in den Zügen dieſes Mannes ausgeſprochen. Auf den erſten Blick konnte man ſehen, daß man es mit einem höhe⸗ ren Menſchen zu thun habe. „Guten Morgen, Julia!“ hob er an, den Riegel vorſchiebend. an einer andern Thüre ſeines Cabinets „Guten Morgen, Herr Miniſter!“ bemerkte Letz⸗ tere, ohne Weiteres Platz nehmend, wie wenn ſie in ihrem eigenen Hauſe geweſen wäre.„Sie ſehen heute Morgen recht fröhlich aus „Sie wiſſen wohl, Julia, daß ich ſtets fröhlich bin, wenn ich Sie ſehe.“ „Und warum denn?“ „Weil Sie mir ſtets gute Nachrichten bringen.“ „Und es ſind gute Nachrichten bei Ihnen ſelten, nicht wahr? Sind Sie mit Ihrem Privatſecretär immer noch zufrieden?“ „Immer noch.“ „Geſtehen Sie nur, daß ich Ihnen da ein wah⸗ res Geſchenk gemacht.“ „Ich geſtehe es gern.“ 44 . —— G 145 „Wiſſen Sie auch, daß es für den armen Jun⸗ gen ein rechtes Glück war, daß er mich kannte?“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ bemerkte der Mi⸗ niſter lächelnd. „Ei, hätte er mich nicht gekannt, ſo hätte er jetzt keine Stelle mit fünfzehntauſend Franken Be⸗ ſoldung.“ „Ja; hätte er Sie aber nicht kennen gelernt, ſo wäre er jetzt nicht ruinirt.“ „Glauben Sie? Er hätte ſich mit einer Andern ruinirt, die ihn dann ganz einfach hätte ſpringen laſſen; denn eine Andere hätte weder meine Dank⸗ barkeit, noch auch meine hohen Gönner gehabt,“ fügte Julia hinzu, ſich zum Zeichen des Dankes vor dem Miniſter verneigend. „Nun, was haben wir gutes Neues?“ fragte der Miniſter, der alsbald zu erfahren wünſchte, was Julia zu ihm geführt. „Wollen Sie Neuigkeiten, die das Ausland be⸗ treffen?“ „Nein, Inländiſches.“ „Sie wiſſen alſo genau, was bei unſern Nach⸗ barn vor ſich geht?“ Ja.“ S . „Sind Sie deſſen ſo gewiß?“ „Ganz gewiß.“ „Wie befindet ſich der König von Sardinien?“ „Recht wohl.“ „Da irren Sie ſich, Herr Miniſter: er iſt im Gegentheil auf den Tod krank.“ „Wer hat Ihnen ſolches geſagt?“ „Aurelia.“ Dumas d. J, ein Frauenleben. I. 10 146 „Und wer iſt denn dieſe Aurelia?“ „Die Geliebte des ſardiniſchen Geſandten. Nun aber iſt, wie Sie wiſſen, dieſer arme Geſandte ſtein⸗ alt, ſo daß er geglaubt hat, eine Maitreſſe halten zu müſſen, um zu beweiſen, daß er noch nicht ſo alt ſei. Jeden Tag bleibt er von neun Uhr Abends bis Mitternacht bei ihr, in allen Ehren, Sie dürfen es mir glauben. Während dieſer drei Stunden aber muß man doch Etwas thun; um nun... wie ſoll ich nur gleich ſagen? ſein... Schweigen zu entſchul⸗ digen, ſagt er ihr, er ſei von den Angelegenheiten ſeines Landes ganz und gar in Anſpruch genommen, und erzählt ihr, überzeugt, daß ſie davon Nichts verſteht, haarklein und in recht ſchwülſtigen Phraſen Sardiniens Geheimniſſe. Am nächſten Tage erzählt ſie, noch gähnend, mir dann Alles das wieder, und von mir erfahren Sie es. Dafür gibt der Geſandte Aurelien jeden Monat dreitauſend blanke Franken. Ohl die Polizei, welche die Weiber in Händen haben, iſt die allerbeſte, ſeien Sie deſſen verſichert, Herr Miniſter.“, „Iſt dieſe Aurelia noch jung?“ „Sie iſt zwanzig Jahre alt.“ „Dann langweilt ſie ſich aber gewiß gehörig?“ „Nein, ſie hat einen andern Liebhaber, um ſich zu entſchädigen.“ „Und der wäre?...“ „Der erſte Secretär der engliſchen Geſandt⸗ ſchaft.“ „William S.... 2⸗ „Ganz richtig?“ 147 „Erzählt ihr auch die Angelegenheiten ſeines Landes.“— „Aus Unvermögen, wie der Andere?“ „Nein, aus Leichtſinn, und ohne zu wiſſen, was er thut.“ „Was geht bei unſern Nachbarn jenſeits des Canals vor?“ „Nichts, was Sie nicht beſſer wüßten als ich, Herr Miniſter; denn wenn meine Freundinnen bei der engliſchen Geſandtſchaft Liebhaber haben, ſo haben dafür Sie eine Maitreſſe in England, und zwar eine Maitreſſe, die für ſich allein mehr Be⸗ ſcheid weiß, als alle Geſandten. Es iſt etwas Schö⸗ nes, die Maitreſſe eines Miniſters zu ſein.“ „Und doch haben Sie mir das gar oft abge⸗ ſchlagen.“ „Weil Sie es nur aus Höflichkeit von mir ver⸗ langten. Ich bin keine ſo große Dame, daß ich die Rolle ſpielen könnte, welche Ihre Maitreſſe da drü⸗ ben ſpielt; habe aber zu viel Verſtand und Mutter⸗ witz, um bei Ihnen die Rolle zu ſpielen, welche Aurelia bei ihrem Geſandten ſpielt.“ „Sie glauben alſo, ich gleiche Letzterem?“ „Alle Diplomaten gleichen einander in der Liebe, wenn ſie einmal fünfzig auf dem Rücken haben.“ „Sie täuſchen ſich in meinem Betreff.“ „Möglich. Jedenfalls aber iſt mir mein Irr⸗ thum lieber, als die Wirklichkeit. Kommen wir zu ernſteren Dingen! Wiſſen Sie auch, Herr Miniſter, daß die Miſſion, die ich übernommen, zuweilen keine leichte iſt?“ 8 „Bah, für Sie gibt es keine Schwierigkeiten.“ 6 148 „Ich verrathe alle meine Freunde.“ „Laſſen Sie mich zuerſt fragen: Hat man Freunde?“ „Sie haben Recht; man hat aber Liebhaber, wenn man ein Weib iſt.“ „Wohlan! Würden Sie ſie auch ein bischen ver⸗ rathen, ſo würden Sie ihnen doch nur zuvorkommen; das iſt Alles.“ „Es iſt das aber nicht recht.“ „Wie kommen denn Ihnen aber ſolche Gewiſſens⸗ biſſe, die Ihnen bis daher fremd geblieben?“ „Weil es Männer gibt, die nicht ſind, wie die Uebrigen.“ „Von wem wollen Sie denn ſprechen?“ „Sie wiſſen es wohl; denn auch Sie, Herr Mi⸗ niſter, ſind vollkommen überzeugt, daß er nicht wie die andern Männer iſt.“ „Darum habe ich auch nur in Ihnen die Perſon erkannt, die ihn zu beſiegen vermöchte.“ „Und wenn ich nun ſelbſt zum Feinde überginge? Wie dann?“ „Deſſen ſind Sie unfähig.“ „Und doch wäre das leicht möglich. Er hat noch keine fünfzig Jahre auf dem Rücken.“ „Er liebt Sie alſo, dieſer Mann, der, wie es heißt, noch nie Jemand geliebt?“ „Das nicht gerade.“ „Alſo lieben Sie ihn?“ „Man kann zwar nie für die Zukunft ſtehen, aber es wäre das leicht möglich.“ „Zum Teufel! das wäre ein Unglück für mich.“ „Und für mich wohl auch.“ 14⁴9 „Nun laſſen Sie einmal hören! Sie haben Im⸗ manuel geſehen? 2 „. „Iſt er zu Ihnen gekommen?“ „Ja.“ „Wann?“ „Geſtern.“ „Und wann iſt er wieder fortgegangen?“ „Heute Morgen.“ „Es iſt eine ſchöne Partie?“ „Er ſpielt kaltblütig, und ich habe Furcht.“ „So hat denn dieſer Menſch Alles für ſich?“ „Ja; und dann gleichen wir Frauen dem Pul⸗ ver! Es iſt nur ein Funke nöthig, um uns zu ent⸗ flammen.“ „Sie erſchrecken mich, Julia; ſo habe ich Sie noch nie geſehen.“ „Kurz, Herr Miniſter, ich werde mein Möglich⸗ ſtes thun, um Wort zu halten; dieſer Sieg aber wird mir für zwei zählen: denn triumphire ich über ihn, ſo habe ich mich ſelbſt beſiegt.“ „Hören Sie, Julia, ſprechen wir ernſt, denn die Lage iſt es. Dieſer Mann iſt ſtark,— dieſer Mann iſt ſtärker als ich. Vergebens habe ich alle Mittel verſucht, um ihn zu verderben; jetzt baue ich nur noch auf Sie. Immanuel muß Sie lieben, ſage ich, ſonſt ſind wir verloren!“ „Er wird mich lieben. Hören Sie gleichwohl, Herr Miniſter: ich will zwar Sie nicht verrathen, glaube aber, daß ich nie ſo viel Muth finde, um ihn zu verrathen. Ich werde mein Möglichſtes thun, um ihn verliebt zu machen, um ihn von den öffent⸗ 150 lichen Angelegenheiten fern zu halten, um ihm die Politik zu verleiden. Ich werde ihn bewegen, auf Reiſen zu gehen, werde ihn, wenn erforderlich, um⸗ bringen, wie eine Geliebte einen Liebhaber umbringt, den ſie liebt. Sie aber nützen dann die Gelegenheit und beſiegen ihn in ſeinem Schlafe. Vielleicht werde ich in der Abſicht Ihre Mitſchuldige geweſen ſein; bei der That aber werde ich es nicht ſein. Imma⸗ nuel hat nie geliebt. Die Liebe iſt alſo ſeine einzige verwundbare Seite, da er ihr mißtraut hat. Er wird mich lieben, das iſt Alles, was ich für Sie thun kann.“ „Es genügt dieß.“ „Ach, wenn Sie wüßten, Herr Miniſter, was er für ein Mann iſt!“ „Ich weiß es, beim Himmel! wohl.“ „Welche Feinheit der Gefühle! welche Zartheit des Herzens!“ „Oh! ich ſehe das eben ſo gut mit den Augen der Furcht, wie Sie mit den Augen der Begeiſte⸗ rung.“ „Er wird einſt Ihr College werden.“ „Ich wäre herzlich froh, wenn er nur mein Col⸗ lege wäre; was ich aber fürchte, iſt, daß er an meine Stelle kommt. Im Uebrigen verlangt ſchon Ihr Intereſſe, daß er nicht Miniſter wird.“ „Warum, wenn ich fragen darf?“ „Weil es, wenn er meine Stelle bekommt, mit Ihrem Glücke aus iſt.“ „Sie wollen ſagen, daß daſſelbe dann nur um ſo größer iſt.“ Der Miniſter biß ſich in die Lippen. die auf um⸗ ngt, heit erde ein; ma⸗ zige Er Sie er heit gen iſte⸗ Lol⸗ eine Ihr mit um 151 „Glauben Sie denn, er vergeſſe es mir, wenn ich Sie verrathe, um ihn an's Ruder zu bringen?“ „Wenn das iſt, ſo liegt vielleicht ebenſo viel Ehrgeiz als Liebe in dem, was Sie für ihn fühlen.“ „Es wäre das wohl möglich. Habe ich vor Ihnen je meine ſchlimmen Leidenſchaften geleugnet? Auf der andern Seite aber bin ich dankbar, wie Sie wiſſen, und nie werde ich vergeſſen, was ich Ihnen ſchulde. Sie haben den Grafen von C....., mei⸗ nen frühern Liebhaber, zum Conſul ernannt, und ſeitdem zahlt er mir eine Rente von tauſend Thalern; Sie haben eine Generaleinnehmersſtelle Herrn M.... gegeben, und von dieſem habe ich fünfzigtauſend Franken erhalten; Sie haben es ſo weit gebracht, daß der kleine Heinrich von......, der mir zwar Nichts gegeben, für den ſich aber mein Herz intereſ⸗ ſirte, zum Geſandtſchaftsſecretär ernannt wurde; Sie haben jenem dicken Vicomte den Orden verſchafft, jenem Edelmann, der da glaubt, oder vielmehr, der bei Andern den Glauben erwecken will, daß er von unſern erſten Königen abſtamme, und von ihm habe ich für dieſes Kreuz fünfundzwanzigtauſend Franken in Diamanten bekommen, Diamanten, die er, wohl⸗ verſtanden, auf Borg gekauft, aber es geht mich das Nichts an; Sie haben zu Ihrem Privatſecretär einen Mann angenommen, den ich geliebt hatte, und zah⸗ len ihm jetzt die Zinſen des Capitals, das ich ihm verthan; Sie haben ausgewirkt, daß mein erſter Lieb⸗ haber mit einer Eiſenbahnconceſſion bedacht worden, wofür ich, am Tage vor dieſer Verleihung, zweihun⸗ dert Actien erhalten, die ich Tags darauf mit einem Gewinn von vierhundert Franken auf jede Actie wie⸗ 15⁵² der verkauft habe; Sie ſelbſt ſind ſo galant und ſchicken mir von Zeit zu Zeit etliche tauſend Franken, die Sie aus Ihren geheimen Fonds nehmen; Sie haben meinen Bruder angeſtellt; ich bin Ihnen faſt nothwendig geworden und verdanke Ihnen mein der⸗ maliges Gluͤck: von All' dem vergeſſe ich Nichts. Immanuel von Bryon machte Ihnen zu ſchaffen, er iſt ein allzu gewaltiger Feind; Sie brauchen einen Hülfsgenoſſen, um ihn zu beſiegen; Sie haben an mich gedacht und haben zu mir geſagt: ‚Werden Sie die Geliebte dieſes Mannes und machen Sie ein Mittel ausfindig, wodurch er für uns unſchädlich wird. Lieben Sie ihn, wie Meſſalina den Chäreas liebte,— um ihn zu verderben. Entlocken Sie ihm ſeine Geheimniſſe, ſo er deren hat; machen Sie, daß er deren hat, ſo er noch keine hat.“ Ich habe Ihnen, ich geſtehe es, das Alles verſprochen, denn ſeit lan⸗ ger Zeit gehöre ich Ihnen; und da ich einmal mich verkauft, ſo ſoll meine Proſtitution auch zu Großem dienen. Es iſt das eine Eitelkeit, wie eine andere. Ich bin nun Immanuels Geliebte, der erſte Schritt iſt gethan; aber, ich wiederhole es Ihnen, es liegt ein ſolcher Zauber in dieſem Manne, es iſt für ein Weib ſo berauſchend, ſich ſagen zu können, ſie werde von einem ſolchen Manne geliebt, daß ich mich jetzt nicht mehr anheiſchig mache, auch den andern Theil meines Verſprechens zu halten; und hat er irgend ein großes Geheimniß, das Sie gegen ihn kehren könnten, und das es mir gelänge, ihm zu entlocken, ſo fürchte ich ſehr, daß ich Ihnen daſſelbe nicht mit⸗ theile.“ E de 153 „Wohlan, ich verlange von Ihnen nur das Eine, daß Sie ihn lieben, Julia. Wird er Sie lieben?“ „Ich glaube es.“. „Sollte je ſeine Geſundheit leiden,“ ſetzte der Miniſter mit einem vielſagenden Blick hinzu,„ſo machen Sie ihm begreiflich, wie gut eine Reiſe für ihn wäre und entführen Sie ihn uns; Ihr Triumph als Weib wäre unendlich größer, Julia, wenn Sie dieſen Mann ganz und gar der Politik entzögen,— dieſen Mann, der bis jetzt nur für die Politik gelebt hat. Was für ein Sieg für die Liebe!“ „Sie ſpotten, Herr Miniſter; aber man kann auf Nichts ſchwören.“ „Verſuchen Sie es einmal!“ „Er iſt alſo ein ſo furchtbarer Mann... für Sie, wohlverſtanden!“ „Ja, das iſt er.“ „Und warum denn?“. „Weil er zu gleicher Zeit ehrgeizig und tugend⸗ haft iſt, und die Tugenden ſeiner Leidenſchaften hat. Solche Menſchen ſind wahrhaft furchtbar.“ „Es iſt dieß das erſte Mal, daß ich einen Ge⸗ winn für mein Herz in den Dienſten finde, die ich Ihnen leiſte.“ „Es iſt das unheilverkündend,— es verſpricht das nicht viel Gutes.“ „Was mich betrifft, ſo kann ich dabei nur ge⸗ winnen, wen ich immer verrathe.“ „Es ſei denn, daß es Immanuel trotz Ihrer Verräthereien nicht glückte.“ „Darum werde ich Sie auch nie mehr denn halb verrathen.— Leben Sie wohl, Herr Miniſter, und 154 zählen Sie auf mich. Ihm ſchenke ich vielleicht mein Herz, Ihnen aber bleibt mein Kopf.“ „Leben Sie wohl, Julia: auf baldiges Wieder⸗ ſehen!“ Der Miniſter küßte der Lovely die Hand, die das Miniſterium verließ, nachdem ſie mit dem Herrn Privatſecretär noch fünf Minuten lang geſprochen. Es hatte Julia wahr geſprochen: ſie empfand für Immanuel, was ſie noch nie für einen Mann empfun⸗ den. Sie war daher auch, da ſelbſt die verdorben⸗ ſten Weiber zuweilen einer erſten Bewegung ganz folgen, hochvergnügt, indem ſie nach ihrer Wohnung zurückkehrte; denn ſie hatte, wie man ſich noch erin⸗ nert, beim Ausgehen an Immanuel geſchrieben, und hoffte bei ihrer Rückkehr eine Antwort zu finden. Es war aber Nichts da. Julia wartete bis an den Abend, und konnte dieſes Schweigen ſchlechterdings nicht begreifen. Etwa um acht Uhr bekam ſie einen Brief ſammt einem Käſtchen. Letzteres enthielt eine Armſpange von Diamanten; der Brief aber ſchloß nachſtehende Worte in ſich: „Meine ſchöne Julia! „Ich verlaſſe Paris.— Nach dem, was geſtern vorgekommen, würde eine gewöhnliche Frau mich gleichgültig glauben; Sie aber, die Sie mich kennen, haben Urſache zu glauben, daß die Furcht es iſt, die mich forttreibt. Würde ich Sie nicht lieben, ſo blibe ich da. 5 gl 7 155 „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen beifolgende Armſpange verehre. Es ſoll dieſelbe kein Geſchenk, ſondern ein bloßes Andenken ſein.“ Immanuel von B..... „Und ich— ich liebte ihn!“ murmelte Julia er⸗ bleichend, indem ſie das Billet las.„Ah, Herr von Bryon, Sie wiſſen nicht, mit wem Sie es zu thun haben!“ Julia ließ anſpannen, fuhr eiligſt zu dem Secre⸗ tär des Miniſters, und ſagte zu ihm: „Siehſt Du heute Abend noch den Miniſter?“ „Ja. „So zeige ihm dieſen Brief, und ſag' ihm zu⸗ gleich, er könne fortan auf mich zählen!“ „Und was ſoll ich mit dem Briefe anfangen?“ „Bring ihn mir morgen wieder, ſo Du willſt.“ Zwölftes Kapitel. An dem darauf folgenden Tage holte der Baron ſeinen Freund Immanuel ab, der ſchon am verfloſ⸗ ſenen Tage Befehl gegeben hatte, Jedermann zu ſagen, daß er abgereist wäre;— eine im Uebrigen ganz und gar unnütze Vorſichtsmaßregel, da Julia ſich in ſeinem Hauſe nicht blicken ließ, ja ihm nicht einmal ſchrieb. Herr von Bryon und Herr von Bay reisten mit einander ab. Es war Immanuel überaus froh über die Art und Weiſe, wie er mit Julia ge⸗ 456 brochen. Das Wetter war ſchön, die Wege gut, der Wagen bequem; ſie machten eine herrliche Reiſe. „Ich werde Sie beim Grafen einführen,“ ſprach err von Bay zu Immanuel;„es wird ihn freuen, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Sie werden da ein allerliebſtes Haus finden, einen geiſtreichen Mann, eine anbetungswürdige Frau und zwei kleine Mäd⸗ chen, die wie Vögel zwitſchern, Bürſchjagd und Renn⸗ jagd.“ 3 So oft auch Immanuel ſagen mochte, er gehe auf's Land, um ungeſtört arbeiten zu können, ſo mußte er am Ende eben doch thun, was der Baron haben wollte, und es wurde abgemacht, daß er den Tag nach ſeiner Ankunft vorgeſtellt werden ſollte. Der Baron begab ſich zu Herrn von Hermi, während Immanuel auf ſein kleines Schloß ging, das etwa eine halbe Stunde von dem des Grafen entfernt lag. Herr von Bay wurde mit Freude em⸗ pfangen, ſogar von den zwei Mädchen, und theilte dem Grafen mit, daß er ſo frei ſein würde, ihm an dem nächſtfolgenden Tage Immanuel vorzuſtellen. Den ganzen Abend war von Nichts die Rede, als von Herrn von Bryon, von deſſen Stellung, Vermögen, Familie, Talent, Rechtſchaffenheit, Muth, kurz und gut, von allen Tugenden, die man an einem Manne lobt, für den man viel Sympathie hat. Am nächſten Tage, um eilf Uhr, meldete man Immanuel, Graf von Hermi hatte, benachrichtigt, daß Herr von Bryon ihm vorgeſtellt werden ſollte, einen ſei⸗ ner Bedienten zu Pferde weggeſchickt und Herrn von Bryon einen Brief überſandt, worin er ihn zum der 3 rach uen, ein ann, Näd⸗ enn⸗ gehe „ ſo aron den e. rmi, ging, afen em⸗ eilte nan llen. als ggen, und anne man Herr ſei⸗ von zum 157 Frühſtück einlud; zugleich benachrichtigte er ihn, daß er Pferde für eine Rennjagd bereit halten laſſe. Es fand die Vorſtellung Statt, und man ſetzte ſich zu Tiſche. Der Graf und die Gräfin betrachte⸗ ten aufmerkſam das Geſicht dieſes Mannes, von dem ſie ſo viel hatten ſprechen hören, und es fiel, wie unter ſolchen Umſtänden ſtets zu geſchehen pflegt, das Geſpräch auf die Fragen, welche Immanuel ganz beſonders beſchäftigten, und worüber der Graf den⸗ ſelben ſprechen zu hören wünſchte. „Was haben Sie geſtern gethan?“ fragte ihn Herr von Bay. „Ich habe gearbeitet,“ erwiederte Immanuel. „Schon!“ „Ach, mein Gott, ja. Ich habe— Worte,— Worte geſchrieben, wie Hamlet ſagt.“ „Ja, aber nützliche Worte.“ „Wer weiß? In der Politik ſind die Worte, die geſtern noch nützlich waren, morgen ſchon unnütz.“ „Aber nicht für die, die, gleich Ihnen, in der Vergangenheit triumphirt haben, und Herren der Zukunft ſind.“ „Fürwahr, ein herrlicher Triumph;— ich bin ſtark, weil ich allein bin,“ verſetzte der junge Pair. „Weil ich jung bin, bin ich auf die Illuſionen mei⸗ ner Jugendzeit geſtiegen,— und weil der Welt, die mich auf einem Fußgeſtell erblickt, es gleichgültig iſt, ob daſſelbe aus Altarſteinen oder dem Marmor eines Grabes gemacht iſt,— darum triumphire ich;— ich weiß aber, was dieſer Triumph mich koſtet, und wie viele zarte Gefühle und heilige Tugend ich habe opfern müſſen, um es ſo weit zu bringen.“ 158 „Nun, mein lieber Immanuel, Sie beklagen ſich da wahrlich mit Unrecht.— Es iſt der politiſche Ruhm nichts ſo Verſchmähenswerthes, und da iſt der Herr Graf, der ihn ſchon oft beneidete, wie ich mit eigenen Ohren gehört.“ „Wohlan! Wollen Sie einen guten Rath be⸗ folgen, ſo verzichten Sie auf ein ſolches Leben, das Sie nur erſt von einer Seite betrachten,“ ſprach Im⸗ manuel zu Herrn von Hermi.„Laſſen Sie den Ehrgeiz, der mehr denn eine Leidenſchaft, der ein Laſter iſt,— Solchen, die weder Familie, noch Freund, noch Vermögen haben;— Solchen, welche das Fa⸗ tum allein auf die Erde geworfen, und die, da ſie nicht lieben können, wenigſtens haſſen wollen, denn es beruht jede Leidenſchaft, und insbeſondere dieſe, auf einem Haſſe.— Nur indem man zu Boden wirft, erhöht man.— Es ſchrumpft Einem allmäh⸗ lig das Herz zuſammen, bis daſſelbe endlich ganz und gar verſchwindet, und man an der Stelle, gleich dem Adler des Nordens, ein Wappenſchild und einen Wahlſpruch trägt.— Glauben Sie mir, Herr Graf, behalten Sie Ihre Ruhe, Ihr Vermögen, Ihre Fa⸗ milie; Sie haben eine Frau und eine Tochter, die Sie lieben,— Sie haben ein königliches Schloß, was können Sie ſonſt noch lieben? Feinde? Eifer⸗ ſüchteleien? vielleicht Gewiſſensbiſſe... Oh, glau⸗ ben Sie mir, es iſt die Seele verloren, wenn ſie einmal jenes Neſſusgewand angezogen, das man Ehr⸗ geiz nennt, das da glänzt, aber brennt.“ „Und doch...“ „Und doch werden Sie ſagen,“ fuhr Immanuel fort,„warum entſagen Sie ſelbſt nicht einem Leben, 159 wovor ſie Andere bewahren wollen? Ich frage aber: Warum hilft ein Menſch, der in's Meer fällt, ſich nicht alsbald heraus? Weil er kein rettendes Ufer erblickt, und weil er da, wo er in das Meer gefal⸗ len, kämpfen oder ſterben muß; weil man, hat man einmal den Fuß in dieſe brennende Atmoſphäre ge⸗ ſetzt, dieſelbe nicht mehr verlaſſen kann, und weil man die Luft der andern Menſchen für ſich ſelbſt un⸗ genügend findet; weil das Herz ſich an dieſe tägli⸗ chen Aufregungen, dieſe ehrgeizigen Pläne, dieſe Eiferſüchteleien, dieſen Haß gewöhnt, und weil man am Spleen ſterben müßte, wenn man auf dieſe Le⸗ bensweiſe verzichtete. Hätte ich aber nicht die ehr⸗ geizigen Gedanken meines Vaters geerbt, hätte ich nicht ſchon früh allein gewacht, hätte ich eine wirk⸗ liche Liebe gekannt,— ach! nie hätte ich dann in dieſes Labyrinth von Leidenſchaften eintreten mögen. Zum Unglück gehörte ich zu jenen Menſchen, die, ganz für den Schein lebend, ſich durch eine ſchöne Phraſe begeiſtern laſſen. Lauſchte ich unſern großen Rednern, ſo ſagte ich bei mir ſelbſt, daß ich eines Tages dieſelbe Rednerbühne beſteigen würde, wie ſie: ich brannte vor Begierde, die gleiche Beredtſamkeit zu erlangen. Nun verbrachte ich wachend meine Nächte, mit Leſen und Studiren beſchäftigt. Die Jugendzeit, die Andere, welche man Narren zu nen⸗ nen pflegt, welche das aber weniger waren, als ich, in luſtiger, leichtfertiger Geſellſchaft verbrachten, ver⸗ geudete ich ganz obſcur hinter einer Lampe und einem Buche. Mein für alles Große offenes Herz verſchloß ſich auf der andern Seite Allem, was wohl thut, und verzehrte ſich am eigenen Feuer, ohne Je⸗ 160 mand Licht gegeben zu haben, und ohne ſich ſelbſt zu erwärmen. Ich war nicht lebensluſtig genug, um einen Freund zu haben, und ſtand zu ſehr allein, um eine Freundin zu haben. Unaufhaltſam, wie der von Gott verfluchte Jude, ging ich auf einen Gedanken los, und ich glaube, daß ich an dem To⸗ destage meines Vaters ausrief: Endlich! „In der That, von dieſem Augenblicke an nahm mein Traum eine feſte, greifbare Geſtalt an. Ich ſollte nun Etwas ſein, nachdem ich lange genug nur ein Jemand geweſen. Die Staatsfragen, die ich fern von den Debatten ſtudirte, ſchienen mir gar übel beurtheilt und entſchieden zu werden. Ich hatte furchtbare Kämpfe zu beſtehen. Zum Glück war bei mir das Gewiſſen nicht minder ſtark, als die Stimme. Ich blieb Sieger. Was dieſer Triumph aber mir gekoſtet, wie viele Nachtwachen,— wie viele ſchlaf⸗ loſe Nächte, wie viel ich in meinem Herzen und in meinem Kopfe habe anſammeln müſſen, vermag ich nicht zu ſagen, und ſo ſehr man mich ehrte, ſo ge⸗ ſtehe ich Ihnen doch gerne, daß ich der ſchönen Stellung, welche die Menſchen mich einnehmen ließen, diejenige weit vorgezogen hätte, welche Gott bereit hält für das unabhängige und freie Kind, das fröh⸗ lichen Muthes mit ſeiner Braut am Arme und ſei⸗ ner Liebe im Herzen vorübergeht.“ „Ich habe es Ihnen ja geſagt, mein lieber Graf,“ fiel der Baron lächelnd ein,„Immanuel iſt ein Mi⸗ ſanthrop geworden.“ „Mit nichten, lieber Freund! Die Menſchen verabſcheut man nur zu Anfang, wenn man ſie ken⸗ nen lernt. Kennt man ſie aber vollkommen, ſo ver⸗ 161 gißt man ſie. Es ſind dieſelben eeher Thoren, als bösartig. Daher haſſe ich ſie auch nicht. Bei mei⸗ nen Kämpfen greife ich nie einen Menſchen, ſondern immer nur eine Idee an. Nie beſchuldige ich das Herz, wohl aber den Kopf. Im Uebrigen iſt unſere Natur ſo veränderlich, ſind unſere Gedanken ſo wan⸗ delbar, ſo beweglich, daß man Gott in eigener Per⸗ ſon ſein müßte, um ein Recht zu haben, ſich über die Andern zu beklagen. Und dann ſehen Sie, das wirklich Große und Schöne in der Welt iſt nicht jener künſtliche Ruhm, dem man nachläuft, die Einen auf ſchmalen Fußwegen, die Andern auf breiten Straßen; iſt nicht jener Ruf, der da macht, daß die andern Menſchen, wenn man an ihnen vorbeigeht, ſich umdrehen und Einen vielleicht mit Bewunderung, vielleicht aber auch mit neidiſchen Augen anſchauen; iſt nicht das, daß man im Knopfloche ein rothes Band trägt, woran die Eiferſucht überall zerrt, in der Hoffnung, es werde ihr gelingen, Dir zugleich ein Stück vom Herzen auszureißen. Wahrhaft groß auf dieſer Welt iſt Alles, was Gott ſelbſt geſchaffen; iſt dieſe lebendige und ſtille Landſchaft, die ſich vor unſern Augen entrollt; ſind dieſe Blumen, dieſe Fel⸗ der, dieſe Vögel, die alle ein Ton ſind in dem herr⸗ lichen Concerte, wovon man Nichts hört, ſo lange man in dem Chaos der Stadt lebt. Ohl ich ſage Ihnen nochmals, Herr Graf, behalten Sie Ihr ruhiges Leben; ſehen Sie, in welcher Natur Sie le⸗ ben. Wohlan! ahnen Sie etwas noch Schöneres, indem Sie dieſen blauen Horizont ergründen? Was liegt Ihnen daran, ob dahinter noch andere Men⸗ ſchen leben, die ſich für verſtändiger halten, als dieſe 11 Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 162 armen Bauern, die ihr Lebenlang in der Erde ſchar⸗ ren, und von der Erde nur verlangen, was ſie zu geben vermag? Was kümmert Sie das Geſchrei des großen Haufens? Dringt Etwas davon bis zu Ih⸗ nen, und hat ſich drüben irgend ein großer ehrgei⸗ ziger Plan verwirklicht, wird dort irgend ein großer politiſcher Kampf aufgeführt,— gewahren Sie da Abends eine Veränderung in der Natur und im Horizonte? Iſt der Himmel dann minder ſchön, die Sterne minder glänzend, die Luft minder rein? Ach nein, ach nein, drüben iſt alles Eitelkeit, hier Alles Glück; und doch kann ich das Glück nicht genießen, wozu ich rathe, denn ich habe Niemand, mit dem ich es theilen könnte, und gleich Schwindſüchtigen er⸗ halte ich mich nur noch durch das Fieber. Anſtatt alſo jeden Tag aufzuſtehen und Augenzeuge von Gottes Erwachen zu ſein, verlange ich meine Zei⸗ tungen, die ich verſchlinge. Ich warte auf Briefe; ich zweifle; ich fürchte; ich hoffe. Was weiß ich, was ich noch thue? Und wahrſcheinlich werde ich ſterben, ohne zum Werke der Andern Etwas hinzu⸗ gethan zu haben.“ „Ich bitte aber um Verzeihung, meine Damen,“ fuhr Immanuel fort;„ich entwickle da überaus lang⸗ weilige Theorien und höre damit ein bischen ſpät auf, denn ich habe mich wider meinen Willen fort⸗ reißen laſſen.“ Marie, die mit großem Staunen dieſem Manne zugehört hatte, der von Dingen ſprach, welche ihr ſo neu waren, konnte ſich nicht enthalten, leicht er⸗ röthend zu ihm zu ſagen: 163 „Im Gegentheil, mein Herr, fahren Sie fort. Ich möchte wohl wiſſen, was Politik iſt.“. „Oh, mein Fräulein,“ ankwortete Immanuel, nes wäre die Politik ein gar langweiliges Ding für ein Mädchen, wie Sie.“ „Was iſt denn aber dieſelbe?“ Marie und Clementine blickten einander lächelnd an, und ſelbſt Herr von Bryon konnte ſich nicht enthalten, über den Ausdruck dieſer naiven Neugierde zu lächeln. „Wohlan, mein Fräulein,“ verſetzte Immanuel, „ich will Ihnen ſagen, was die Politik mir iſt, und was ſie Ihnen ſein ſollte, wenn Sie Politik trieben. Wenn Sie auf den Feldern des Herrn Grafen ſpa⸗ zieren gingen, haben Sie wohl ſchon oft einen Sper⸗ ber geſehen, der eine Viertelſtunde lang im Kreiſe herumflog und endlich auf ein armes Rebhuhn nie⸗ derſtürzte, das, von ihm magnetſſirt, ſich nicht zu retten vermocht hatte, und dem er den Leib zerriß. Die Politik nun beſteht den Einen darin, daß ſie den Sperber machen, den Andern aber darin, daß ſie das Rebhuhn vertheidigen; mit andern Worten, ſchlech⸗ ten Naturen beſteht die Politik darin, daß ſie die Gewalt gegen die ärmeren Claſſen mißbrauchen, den guten aber darin, daß ſie die Schwachen beſchützen. Letztere Politik wäre die Ihrige, mein Fräulein, und ſie habe ich zur Grundlage meines Lebens zu machen geſucht.“ „Sie behandeln mich ja ganz wie ein kleines Kind, mein Herr,“ entgegnete Marie,„und Sie geben da eine Parabel preis, wie Jeſus ſie für die geiſtig Armen hatte. Von der großen Politik möchte 164 ich Sie einmal ſprechen hören, von der Politik der Könige und der Völker, von den Nationen und der Welt, von der Civiliſation und dem Fortſchritte. In den Blättern meines Vaters habe ich dieſe großen Worte ſchon geſehen, und ich möchte wohl wiſſen, was dieſelben denn eigentlich bedeuten.“ „Die Närrin!“ murmelte Herr von Hermi. „O Kind!“ ſprach die Gräfin, ihrer Tochter einen Kuß gebend. „So will ich denn, mein Fräulein,“ ſetzte Herr von Bryon hinzu, den dieſe Unterhaltung mit dem neugierigen Mädchen zu intereſſiren ſchien, und dem ſogar dieſe Beharrlichkeit ſchmeichelte,„ſo will ich denn nun, mein Fräulein, es verſuchen, Sie in die großen Myſterien des großen politiſchen Schauplatzes einzuweihen. Es ſind da drei große Prinecipien, welche die Angelpunkte der Welt bilden: Gott, die Könige und die Völker. Im Jahre 1793 wollte das Volk, das franzöſiſche Volk, das wir nicht um⸗ hin können, zum Muſter zu nehmen, da es jederzeit das Volk der Initiative und der Action geweſen iſt, — es wollte alſo, ſage ich, das franzöſiſche Volk im Jahre 1793 zwei dieſer großen Principien leugnen, glaubend, allein ſich genügen zu können. Es ſchaffte das Königthum ab und ſchlug zugleich dem Könige den Kopf ab. Es ſchaffte ſeinen Gott ab und ſchlug zugleich den Prieſtern die Köpfe ab. Früher Miß⸗ brauch oben, nun Mißbrauch unten. Jetzt, nachdem ſie vorüber, dürfen wir wohl ein bischen ſagen, daß dieſe Revolution etwas Großes und Nothwendiges geweſen. Gott, das unendliche und ewige Princip, ſteht wieder feſt, denn es vermochte der Menſchen 165 Hand ihn nicht zu erreichen; aber der Thron iſt ſtark erſchüttert. Bei jeder Bewegung, welche das Königthum ſeit dem Jahre 1793 macht, fühlt es, wie es dem Falle nahe iſt. Das Volk droht ewig, denn es iſt das Volk nicht mehr unwiſſend, und fängt an, von ſeinem Könige und ſeinen Miniſtern Rechen⸗ ſchaft zu verlangen über ſein Clend und ſeine Ver⸗ nachläſſigung. Hier fängt die Politik an. Für die Einen handelt es ſich darum, das Volk zur Geduld zu mahnen und den Königen guten Rath zu erthei⸗ len; für die Andern, das Volksmeer auf den Thron zu heben, und anſtatt des monarchiſchen das Gleich⸗ heitsprincip zu Chren zu bringen, das diejenigen pre⸗ digen, welche man Socialiſten nennt. „Wer von Beiden hat nun Recht, der, welcher da will, es ſolle das Volk einen Herrn haben, der es leite, wie Kinder einen Vater haben, der ſie führt, oder aber der, welcher da will, es ſolle das Volk ſein eigener Herr ſein und ſich ſelbſt leiten? Die Völker ſind Menſchen zu vergleichen. Gar ſelten ſieht man einen majorenn gewordenen Mann das Erbe ſeiner Familie klug gebrauchen und die Freiheit nützlich anwenden, welche ſeine einundzwanzig Jahre ihm geben. Fängt früher oder ſpäter, was unvermeid⸗ lich iſt, das Volk ſeine Revolution wieder an, glaubt es ſich endlich majorenn, ſo wird es große Thor⸗ heiten begehen und dennoch wieder auf einen König, das heißt, auf eine Einheit zurückkommen müſſen, und je unumſchränkter dieſer König, um ſo glück⸗ licher wird das Volk ſein. „Es ſind die Revolutionen, die man ſtets im Namen der Ideen macht, doch nie etwas Anderes, 166 als Fragen des Magens. Das Volk hungert, und das Volk ſchlägt ſich. Man mache, daß das Volk, daß der Arbeiter ſtets genug habe, um mit ſeiner Familie anſtändig zu leben; zugleich bringe man ihm die Kenntniſſe bei, die es haben ſoll, dann werden die revolutionären Traditionen ſich verlie⸗ ren. Es will das Volk nicht eine Regierung lie⸗ ber, denn eine andere; es will, daß man es frei ar⸗ beiten, frei denken, frei leben laſſe. Ob das Haupt der Regierung ein Bourbon der alten, oder ein Bourbon der jüngeren Linie iſt, daran liegt ihm wenig, wenn nur dieſes Oberhaupt ehrlich iſt und das Volk daſſelbe liebt. „Was die Republik, jenes Utopien betrifft, das einige Thoren in Frankreich noch ausbeuten, ſo iſt ſie unmöglich, in der Zukunft, wie bisher in der Vergangenheit. Es wird unſer Land, ehe es das Wohlſein erringt, das es ſucht, vielleicht mit dieſer Regierungsform eine Probe machen, gleichwie ein Kranker es mit allen bekannten Heilmitteln verſucht; aber gar bald wird es dieſelbe wieder verwerfen, weil die Regierung in die Hände ehrgeiziger Dumm⸗ köpfe fallen wird, welche das Volk auf allerlei Ab⸗ wege führen werden. Es gibt Leute, die Renten haben, und Leute, die vor deren Thüre Hungers ſterben. Was haben, ſo frage ich, die Einen gethan, um reich zu ſein, was die Andern, um arm zu ſein? Darum dreht ſich die ganze Frage. So lange dieſe geſellſchaftliche Ungerechtigkeit beſteht, werden wir uns auf einem Vulkan befinden, und unglücklicher Weiſe wird dieſelbe noch lange Zeit beſtehen.“ „Warum denn aber?“ fragte Marie.„Es ſcheint 1 9 IeͤEéͤSS=EͤͤEͤRE& L=o x—-— 3—9. + 22 2 78=82 167 mir doch ganz einfach, daß diejenigen, die da haben, geben ſollten denen, die da nicht haben.“ „Es ſcheint Ihnen gar einfach, mein Fräulein, Ihnen, die Sie ein gutes Herz haben, daß die Rei⸗ chen mit den Armen theilen ſollen; es ſieht aber nicht Jedermann die Sache alſo an. Und dann muß man auch die Leidenſchaften in Anſchlag bringen. Unter dem Volk gibt es intelligente Männer, die ihr Verſtand und ihr Wiſſen nur mit Haß und Ehrgeiz erfüllt. Dieſe Menſchen ſagen immerdar zu den Leuten, die da leiden: es iſt Gott ungerecht, und es ſind die Menſchen bösartig. Während die Rei⸗ chen im Luxus leben, lebet ihr im Elend; es darf das nicht ſein, und da ſie euch nicht geben wollen, was ſie haben, ſo muß man es ihnen eben nehmen. Dieſe wenigen Zeilen ſind der Kreis, worin alle Re⸗ volutionen ſich bewegen. Unglücklicher Weiſe will, wenn Einer gern nimmt, der Andere für ſich be⸗ halten; und wer leidet unter dem Allem? Das Volk und immer wieder das Volk, das nicht gewahr geworden, daß es nur ein Werkzeug des Haſſes und des Ehrgeizes geweſen, ſowie daß es durch ſolche gewaltthätige Mittel die Sympathie und das Ver⸗ trauen von ſich fern hält.“ „Was iſt dann aber anzufangen?“ „Das iſt es, worum ſich Alles dreht. Wüßte man es, mein Fräulein, ſo wäre man gar glücklich. Wie ſoll man es anfangen, um nach Außen die CEhre und die hohe Stellung eines Landes zu wahren, wie es anfangen, um im Innern Vertrauen und Ruhe zu erhalten? Diejenigen, welche das Sprüchwort: So glücklich wie ein König, gemacht, wußten offen⸗ 168 bar nicht, was ſie ſagten. Die Aufgabe iſt keine kleine, und vielleicht ſind unſere lebenslangen Mühen, ſind alle unſere Nachtwachen vergebens. Was mich betrifft, ſo liebe ich das Volk, wie ich den Ocean liebe, das heißt, mehr um ſeiner Stürme, als um ſeiner Ruhe willen; denn es ſcheint mir, es iſt der Seemann größer, wenn er gegen die Wellen an⸗ kämpft, als wenn er in heiterer Nacht ruhig ſingt. Ich bin ſo ehrgeizig, daß ich glaube, es werde mir noch gelingen, alle dieſe Leidenſchaften zu beruhigen, alle dieſe Unterſchiede gleich zu machen, all' dieſen Haß zu zähmen. Es wäre das etwas Schönes und Großes; und ohne Zweifel werde ich, gleich den An⸗ dern, dieſer Aufgabe unterliegen. Gleichwohl werde ich mit all' meiner Kraft, mit all' meinem Willen die Löſung derſelben verſuchen.“ „Ich wußte nicht, daß die Sache ſo erſchreckend iſt,“ bemerkte Marie lächelnd;„es iſt ein Unglück, daß es den Frauen nicht vergönnt iſt, ebenfalls Po⸗ litik zu treiben: Sie ſprechen mit ſolcher Begeiſterung davon, daß ich mich auch ein bischen damit befaſſen möchte.“ „Es haben die Frauen eine weit angenehmere und leichtere Politik, denn es kommt dieſelbe aus ihrem Herzen. Alle Politik eines Weibes be⸗ ſteht in ihrer Güte und in ihrer Liebe. Es hat Gott die Frage für Sie vereinfacht, und dieſe Politik trieben Sie ſchon in Ihrer Kindheit, mein Fräulein.“ So lange dieſe Unterhaltung gedauert, hatte Marie die Augen auf Immanuel geheftet. Dieſe Welt, die ſie nicht einmal ahnte, und in deren Arm⸗ ſeligkeiten und Größen alle Herr von Bryon ſie * SChr SSSS S —X— 169 einen Blick thun ließ,— dieſe Revolutionen, die ſie bis daher nur als einfache Thatſachen betrachtet hatte, und die nun plötzlich mit ihren Urſachen und Reſultaten, ihren Zwecken und ihren Folgen vor das Auge ihres Geiſtes traten, forderten das ſorgloſe Mädchen zum Nachdenken auf. Und dann dürfen wir nicht vergeſſen, daß, wenn ſie an der Geſchichte Freude, ſie auch am Geſchichtſchreiber ungemein viel Geſchmack fand; denn die klangvolle und ſanfte Stimme deſſelben war eine wahre Melodie. Vermöge jener Uebertreibung, welche das Vor⸗ recht junger Geiſter iſt, erhöhete Marie noch die Ver⸗ dienſte des Herrn von Bryon. Es däuchte ihr, ſie ſehe ihn von dem blaſſen Scheine ſeiner nächtlichen Lampe erleuchtet, Tag und Nacht arbeitend, von Feinden umgeben, ohne Unterlaß kämpfend; und es intereſſirte ſie dieſes von dem ihrigen ſo weit ab⸗ liegende Leben, wie Einen Alles intereſſirt, was man noch nicht kennt, und wovon man fühlt, daß man es weder ergründen, noch die Dunkelheit davon durch⸗ dringen könne. Die wenigen Blitze aber, welche Im⸗ manuel dieſem Chaos entlockte, hatten Dinge beleuch⸗ tet, die für Marie ſo neu waren, daß ſie nicht um⸗ hin konnte, den Mann zu bewundern, der ewig in dieſer brennend heißen Atmoſphäre der Politik und der Revolutionen lebte. Dennoch ſtand man trotz der Luſt, womit, außer Clementinen, Jedermann Immanuel anhörte, vom Tiſche auf und ſchickte ſich an, ſich zur Jagd fertig zu machen. Der Graf, Immanuel und der Baron plauderten noch mit einander, während die Gräfin, Clementine und Marie ihre Amazonenkleider anlegten. 170 „Hat Dich denn Alles, was dieſer Herr geſagt, intereſſirt, unterhalten?“ fragte Clementine ihre Freundin. „Ja, recht ſehr,“ antwortete Letztere. „Da biſt Du recht glücklich. Was mich betrifft, ſo war die Luſt zu gähnen bei mir ſo ſtark, daß ich darüber ſchier verging. Ich finde die großen Män⸗ ner recht langweilig, ich muß es ſagen.“ Bald kamen die Gräfin und die beiden Mädchen wieder zum Vorſchein, um ſich zu Pferde zu ſetzen, während der Graf und der Baron ihnen wiederholt Vorſicht einſchärften. Die beiden Letzteren waren einige Augenblicke darauf gleichfalls bereit, mit Immanuel wegzureiten. Von den Rüdenknechten zurückgehalten, heulten die Hunde. Das Wetter war wunderſchön. Endlich ſetzte ſich die kleine Schaar in Bewegung. Voran ritt der Graf mit Immanuel; dann kam der Baron mit der Gräfin; den Nachzug bildeten Cle⸗ mentine und Marie, wie zwei närriſche Kinder, die ſie waren, lachend. Die Rüdenknechte drangen mit den Hunden in das Gehölz ein, und ſchon eine Viertelſtunde darauf gaben ſie mit dem Horn das Zeichen, daß Wild in Sicht ſei.— Aufmerkſam hielten die Reiter an. Marie und Clementine, die ſolche Dinge zum erſten Mal ſahen, waren ganz aufgeregt. Mit der Geſchwindigkeit des Windes flog der Hirſch vorüber; der Graf drückte ſeinem Pferde die Sporen in den Leib; Immanuel that ein Gleiches, und Alles, Rüdenknechte, Hirſch und Reiter, verſchwand in einer Wolke goldfarbigen Staubes unter wiederholten Freudenſchreien und Hörnerſchall. Mit Immanuel ſchien ſein Pferd durch⸗ agt, hre ffft, ich än⸗ hen hen, holt nige nuel ten, ön. ng. der Lle⸗ die mit eine das und den, des ckte wel rſch gen und rch⸗ 171 zugehen, deſſen Beine von ſtahlartiger Gelenkheit kein Hinderniß kannten. In dreifachem Galopp ſetzte er über Gräben und ſprengte er Hügel hinab; man hätte ihn für einen jener phantaſtiſchen Reiter deut⸗ ſcher Balladen halten können, deren Roſſe Feuer ſchnauben und ſo geſchwind dahin fliegen, daß ſie nicht einmal den Boden zu berühren ſchienen. Auch der Graf von Hermi ritt bewundernswürdig, und doch konnte er Herrn von Bryon nur mit Mühe nach⸗ kommen. Es kam dieß daher, daß für den Erſteren das Pferd etwas Gewohntes, während es für Im⸗ manuel noch ein Vergnügen war, Man erkannte in ihm den in Allem feurigen Mann,— den Mann, der in allen phyſiſchen und moraliſchen Kämpfen die gleiche Kraft und zugleich dieſelbe Grazie zeigen mußte, die er in der Führung ſeines Pferdes bewies. Von dieſem Rennen war er gleichſam berauſcht, und gewiß hätte er lange nicht gewußt, was man von ihm wollte, wenn man in dieſem Augenblick mit ihm von Julia Lovely geſprochen hätte. Es bewies dieß ſo viel, daß dieſer Mann, der ſeit zehn Jahren inmitten der Leidenſchaften gelebt, welche ſeine Augen ausge⸗ höhlt und vielleicht auch ſein Herz in Betreff gewiſſer Gefühle ausgetrockget, das expanſive Weſen und die naiven Liebhabereien eines Kindes, das er nie hatte ſein können, bewahrte. Mit einem Worte, er be⸗ luſtigte ſich, und als man zum erſten Male Halt machte, troff er, gleich ſeinem Pferde, von Schweiß; und während er ſich mit einer Hand das Geſicht abwiſchte, bot er Herrn von Hermi die andere hin mit den Worten: 172 „Ich danke Ihnen, Herr Graf; ſchon lange bin ich nicht mehr ſo glücklich geweſen.“ Der Graf drückte Immanuel die Hand und er⸗ neuerte ſeine Einladung. Unterdeſſen kam auch der Baron, der, vorſichtiger, die Rolle übernommen hatte, die Frauenzimmer zu hüten, im kleinen Jagdgalopp daher, begleitet von den drei lachenden Amazonen, denen in ihrem unordentlichen Anzuge die Haare aufgegangen waren, und die ſich ihre tauſend, zum Glücke reſultatlos gebliebenen Unfälle erzählten. Immanuel hatte wahrhaft Eindruck gemacht auf den Grafen, der in ihm eine ſeiner eigenen entſpre⸗ chende Natur gefunden, und bei ihm das höhere Talent und die höhere Stellung anerkennen mußte. Es bewunderte daher auch Herr von Hermi ſeinen Gaſt, und zugleich fühlte er ſich ganz geneigt, einen Freund aus demſelben zu machen. Während der ganzen Dauer der Jagd verließen ſie einander keinen Augenblick. Unterdeſſen endete der Hirſch, wie jeder ordent⸗ liche Hirſch enden muß. Als die Stunde vorgerückt war, blieb dem armen, nun ſchon ſeit fünf Stunden hin und her gejagten Thiere Nichts mehr übrig, als ſich gegen die Hunde zu werfen, die gleich einer lebenden Fluth ihn bedeckten. Da kam ein Wald⸗ ſchütz zum Grafen heran und überreichte ihm eine Büchſe. Der Graf gab dieſelbe an Immanuel ab, der ſie langſam an die Achſel legte, nachdem er zum Zeichen des Danks ſich verneigt. Der unglückliche Hirſch hob den Kopf in die Höhe, und kaum ließen die Hunde der Kugel einen freien Raum. Alles heftete die Augen auf Herrn von Bryon. er⸗ der atte, opp nen, lare zgum auf ore⸗ dere ßte. nen nen der nen ent⸗ ückt den als ner ild⸗ ine ab, um iche zen les Es knallte; dem Hirſch ſtak die Kugel mitten in der Stirn. Marie ſtieß einen Schrei der Bewunderung und des Schreckens aus. Man gab den Hunden das Jägerrecht, warf das Opfer auf einen Karren, und dann bewegte ſich die kleine Schaar nach dem Schloſſe hin, das man bald auf den gewaltigen rothen Linien der Abend⸗ ſonne ſich kräftig zeichnen ſah. Dreizehntes Kapitel. Am Abende herrſchte zwiſchen dem Grafen und Immanuel eine wahre Intimität,— nicht eine In⸗ timität der Worte, die oft nur der übertriebene Aus⸗ druck eines Gefühls iſt, welches nicht exiſtirt, ſon⸗ dern jene Intimität des Herzens, welche ſich ſogar im Blick und in der Stimme offenbart. Nach ein⸗ genommenem Mahle gingen daher auch Beide in's Freie, die müden Mädchen und die müde Gräfin bei dem Baron laſſend, und iſolirten ſich unter den großen Baumgängen des Parks. Hier ſpann ſich, wie man leicht begreift, das Geſpräch vom Morgen fort. Fragen von Seiten des Grafen, guter Rath und Worte des Bedauerns von Seiten Immanuels. „Ich verdanke Ihnen einen der glücklichſten Tage meines Lebens, Herr Graf,“ ſprach der junge Mann. „Bahl Sie ſchmeicheln mir,“ verſetzte Herr von Hermi.„Geſtehen Sie nur, daß, wenn die Pairs⸗ kammer gefüllt iſt und Sie vor einer mitfühlenden und begeiſterten Menge die Rednerbühne beſteigen, — geſtehen Sie, daß Sie da einen glücklicheren Tag verleben, als der heutige war.“ „Nein, denn es iſt das nur ein Feſt der Eitel⸗ keit, während es heute, erlauben Sie mir, es Ihnen zu ſagen, ein Feſt des Herzens war. Sie haben mir eine ſo herzliche Gaſtfreundſchaft gewährt, daß ich wirklich gerührt bin. Bei der Stellung, die ich mir errungen, ſehen die Menſchen in mir nur noch einen Staatsmann; auch nicht einer iſt unter ihnen, der es ſich einfallen ließe, daß ich auch ein Herz habe. Ich bin nur noch eine Art Automat, aufgezogen und im Gang erhalten vom Chrgeiz. Für Jedermann bin ich, mit einem Worte, Herr von Bryon, fran⸗ zöſiſcher Pair; Niemanden aber bin ich Bruder, Va⸗ ter, Freund. Man achtet mich, aber liebt mich nicht; man erwartet mich, aber vermißt mich nie; vielleicht daß man zu der Stunde, wo ich mit Ihnen ſpreche, meinen Namen nennt; unter Allen aber, die ihn nennen, iſt auch nicht Einer, der ihn mit Liebe nennt.“ „Nun,“ entgegnete Herr von Hermi lachend,„es lebt alſo nicht in Ihres Herzens Grund das Anden⸗ ken an einen Namen? Iſt in der großen Stadt, von der Sie ſo viel Böſes ſagen, auch nicht ein einziges bewohntes Haus, wo Abends Ihr Name wie ein Gebet wiederholt wird, wenn derſelbe vielleicht auch Niemanden genannt wird? Gehen Sie! Hat Ihre ſo edle und ſo große Seele nicht irgendwo eine Schweſter? Sie lieben nicht! Es iſt das unmöglich.“ „Und doch iſt dem alſo.“ „Sie lieben Niemand, ſagen Sie?“ „Niemand auf der Welt.“ * 4 175 „Sie ſind entweder gar beſcheiden, oder gar ver⸗ ſchwiegen.“ „Niemand, Herr Graf; ich ſage es Ihnen aber⸗ mals.“ „Wenn das iſt, ſo beklage ich Sie.“ „Und Sie haben Recht.“ „Zum Glücke ſind Sie noch jung, und was das Leben Ihnen nicht in der Gegenwart bietet, behält es Ihnen vielleicht noch für die Zukunft auf.“ „Vielleicht.“ 1 „Es iſt das das Wort der Hoffnung.“ „Und des Zweifels.“ „Sie ſind entſchieden ein Miſanthrop. Ich muß Sie curiren.“ „Da werden Sie eine Wundercur machen, Herr Graf; und an dem Tage, wo ich in der Geneſung begriffen bin, ſollen Sie einen weitern ergebenen Freund zählen.“ „Wir wollen es verſuchen. Ich kenne ſchon den Zuſtand meines Kranken und deſſen Charakter, was viel iſt. Bis jetzt habe ich nur über die Gegenwart mit Ihnen geſprochen, nun muß ich Sie auch über die Vergangenheit ausfragen. Iſt dieſe Melancholie das Reſultat eines Kummers, oder die Unkenntniß eines liebevollen Verhältniſſes?“ „Die Unkenntniß eines liebevollen Verhältniſſes.“ „Sie haben alſo nie geliebt?“ „Nie.“ „Weil der gute Wille nicht vorhanden geweſen?“ „Ganz richtig, aber nicht von meiner Seite. Ich habe Liebſchaften gehabt, aber unnütze. Und doch glaube ich, daß, hätte ich eine aufrichtige Liebe ge⸗ 176 funden, ich Alles ihr geopfert hätte; ſoll ich es Ihnen aber offen geſtehen, ſo waren dieſe Weiber mit einer Liebe, ſo leicht wie Gaze, mit ihrem reizenden Ge⸗ ſichte, mit ihrem falſchen Herzen, es nicht werth, daß ich ihnen eine ſeit den Tagen meiner Kindheit ge⸗ träumte Zukunft opferte. Nein, nie habe ich ge⸗ liebt!“ „Aber Freunde haben Sie doch?“ „Freunde!— das iſt ein aus meinem Herzen geſtrichenes Wort. Freunde!— aber ein Mann wie ich hat keine Freunde. Wohl habe ich Leute geſehen, deren ehrgeizigen Plänen mein Vermögen diente, und die mir die Hand ſo lange drückten, als ſie Et⸗ was darin fanden. Wohl habe ich Leute geſehen, die mir in meinem Salon ſchmeichelten und mich in ihren Zeitungen angreifen ließen; Andere, und ſol⸗ chen verzieh ich am Geſchwindeſten, entlehnten bei mir Geld und ſtahlen mir meine Geliebten. Alle die Leute, von denen ich ſpreche, nannten ſich Freunde, weil ſie Etwas dabei gewannen, daß ſie dieſen Titel ſich beilegten; wie Sie ſich aber leicht denken können, ſo habe ich nie an ihre Worte geglaubt.“ „ und das Reſultat?“ „Iſt, daß ich blaſirt bin, ohne gelebt zu haben, — theoretiſch und nicht praktiſch; iſt, daß eine ein⸗ zige Leidenſchaft mein Herz ſo kalt gemacht, daß es für alles Andere kalt geworden, worin gewöhnliche Menſchenkinder ihr Glück finden.“ „Sie müſſen lieben.“ „Wen?“ „Das erſte beſte Frauenzimmer, und ſich lieber für dieſelbe ruiniren, als ſich ferner einem ſolchen gen — 177 Leben überlaſſen, das Ihr Herz und Ihren Verſtand zu Grunde richten muß.“ „Sie können das leicht ſagen, Herr Graf,— Sie, der Sie glücklich ſind,— Sie, der Sie eine anbetungswürdige Frau, eine engelgleiche Tochter, ein koloſſales Vermögen, Geſundheit, keine jener tödtenden Leidenſchaften mehr, und alle erhebenden Gefühle haben; Sie, der Sie überall, wohin Sie blicken, Jemand finden, welcher Ihre Traurigkeit und Ihre Freude theilt, und der Sie endlich wiſſen, daß jeden Morgen und jeden Abend auf der Erde ein reiner Mund und ein Engelsherz iſt, die zu Gott von Ihnen reden. Im Uebrigen weiß ich nicht, warum ich vor Ihnen alle dieſe Thorheiten preisgebe, denn ich kann mich nicht wahrhaft un⸗ glücklich nennen. Ich ſpiele hier den Werther und thue Unrecht daran. Es iſt die melancholiſche abendliche Natur, die mich ſo ſprechen läßt; weil ich heute glücklicher denn ſonſt geweſen, bin ich auch heute Abend außergewöhnlich traurig, gleich jenen Leuten, die zu viel lachen und am Ende weinen. Sehen Sie, Herr Graf, ich bin ein Verrückter, den Sie auslachen, nicht aber beklagen müſſen.“ „Nichts deſto weniger bleibe ich Ihr Arzt.“ „Wie Sie wollen.“ „Und werden Sie ſich auch meinen Verordnun⸗ gen fügen?“ „Pünktlich.“ „Da haben Sie die erſte.“ „Ich höre.“ „Morgen ſpeiſen Sie wieder bei uns.“ „Aber, Herr Graf...“ Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 12 „Wenn Sie auch nur ein Wort ſagen, ſo ver⸗ dopple ich die Doſis und ſetze: Zum Frühſtück und Diner.“ „So ſei es drum!“ „Sie ergeben ſich alſo darein?“ „Ich will es meinen. Aber die zweite Verord⸗ nung?“ „Sollen Sie morgen bekommen.“ „Ich gehe eine Wette ein.“ „Und welche denn?“ „Daß die morgende ganz wie die heutige ſein wird.“ „Vielleicht. Sie wiſſen, daß chroniſche Krank⸗ heiten lange, einfache und gleichförmige Behandlung verlangen. Ich curire Sie, laſſen Sie mich machen: es fehlt Ihnen an Zerſtreuung, ich werde für ſolche ſorgen; es fehlt Ihnen eine Familie, ich werde Ihnen die meinige geben; es fehlt Ihnen ein Freund, ich werde der Ihrige,— Ihr aufrichtiger, Ihr ewiger Freund werden. Zum Henker! Wenn Sie durch all' dieſes nicht curirt werden, ſo iſt es Ihre Schuld.“ „Wie gütig Sie ſind!“ „Ach, mein Gott, nein! Ich thue nur, was ich thun ſoll; auch liegt Allem dieſem ein bischen Egois⸗ mus zu Grunde; denn unterſuchen wir unſere guten Handlungen, ſo werden wir ſtets im Grunde ſolchen finden. Sie ſind eine reiche, gewaltige Natur, zu der ich mich hingezogen fühle: ich kenne Sie erſt ſeit heute Morgen und weiß daher nicht, ob Sie mich vermiſſen würden, wenn wir uns trennten; jedenfalls aber würde ich Sie vermiſſen. Mithin ſind Sie es, der mich verpflichtet, nicht ich, der Sie 3 8— SSSD — — es und vord⸗ verpflichtet. Der Baron iſt zwar ein trefflicher Mann, aber immer müde; er liebt die Ruhe, und dann liebt er auch die Gräfin mehr als mich, dieſer liebe Baron. Wohlan, wir wollen ſie beiſammen laſſen und un⸗ ſerſeits allenthalben herumſchweifen; wir wollen reiten, jagen, in der Umgegend Excurſionen machen, mit einem Worte, Alles thun, was Sie wollen; und da Sie dieſen Winter noch nicht ganz curirt ſein könnten, ſo wollen wir zu Paris die Behandlung fortſetzen. Iſt's Ihnen recht?“ „Ich überlaſſe mich ganz und gar Ihrer Füh⸗ rung.“ „So iſt's recht. Und nun wollen wir, ſo Sie Nichts dagegen haben, wieder hineingehen, um zu ſehen, was die Kinder thun, denn es wird ſpät.“ „Herzlich gern.“ Und es gingen die beiden neuen Freunde nach dem Saale hin, wo der Baron mit den beiden Mäd⸗ chen und der Gräfin ſich befand. Sie blieben ſtehen und betrachteten von Weitem, was im Salon vor⸗ ging. Clotilde und Herr von Bay ſaßen plaudernd neben einander, während Clementine und Marie muſicirten, die Eine ſitzend, die Andere neben dem Clavier ſtehend. „Sie ſind ein glücklicher Mann!“ ſprach Im⸗ manuel, dieſes Gemälde betrachtend, zum Grafen. „Glauben Sie?“ bemerkte dieſer. „Gewiß.“ „Vielleicht wäre ein Anderer an meiner Stelle es nicht.“ „Dann würde er eben allzu viel fordern.“ 180 „Oder aber nähme er es nicht allzu genau,“ be⸗ merkte Herr von Hermi lächelnd. „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Aber ich verſtehe mich. Sehen Sie, das Glück iſt da, wo man es eben finden will; es beruht in der Sache, worein man es eben ſetzt; das eigentliche Glück exiſtirt nicht.“ „Nun, nun, Herr Doctor, wollen Sie krank wer⸗ den? Ich geſtehe Ihnen, daß ich mir nicht getrauen würde, Sie zu heilen.“ „Seien Sie ruhig. Hätte ich an meiner Krank⸗ heit ſterben ſollen, ſo wäre ich ſchon längſt unter dem Boden.“ Und der Graf folgte lächelnd Immanuel, der in den Salon trat. Als Herr von Bay ſie erblickte, erhob er ſich. „Laſſen Sie ſich doch nicht ſtören, mein lieber Baron!“ ſprach der Graf. Der Baron ſetzte ſich wieder; Marie aber lief ihrem Vater entgegen, um ihm einen Kuß zu geben. „Du mußt recht müde ſein, armes Kind,“ fuhr der Graf fort. „Auch haben wir nur auf Ihre Rückkehr gewar⸗ tet, um Sie um Erlaubniß zu bitten, uns zur Ruhe begeben zu dürfen.“ „Die ſollſt Du bald genug haben; vorher aber.. „Vorher?“ „Du weißt,“ erwiderte Herr von Hermi ganz leiſe lund indem er ſeine Tochter küßte,„daß wir heute nicht in der Kapelle geweſen; Du biſt mir alſo eine Entſchädigung ſchuldig.“ „Ganz richtig.“ Immanuel. 181 „Setze Dich an Dein Clavier und ſpiele uns Etwas.“— „Ich bin bereit: was ſoll ich ſpielen?“ „Was Du willſt.“ Marie ſetzte ſich und präludirte, während ihr Vater im Hintergrund des Salons neben Immanuel Platz nahm. Es will die Muſik in der Dunkelheit gehört ſein. Das Mädchen ſpielte das Gebet aus Moſes, und es war ihr Spiel ſo ſeelenvoll, daß es ihr ſelbſt weich um's Herz wurde, und daß, als ſie, beklatſcht von den anweſenden Perſonen, ſich dem Grafen in die Arme warf, eine Thräne ihren Augen entſtürzte, die halb geſchloſſen waren, um dieſelbe zurückzuhal⸗ ten. Selbſt Immanuel hatte dem Schauer nicht zu widerſtehen vermocht, der ſich aller derjenigen be⸗ mächtigt, welche dieſes wahrhaft einzige Muſikſtück hören, und als das Mädchen zu ihm hinkam, machte er ihr, wahrhaft bewegt, ſeine Complimente. Dann betrachtete er ſie aufmerkſamer, als er bisher gethan. Er hatte ſie nur wie ein Kind angeſehen, und merkte nun an dem Ausdruck, den ſie in ihre Muſik gelegt, daß ſie ein Weib war. Er fing alſo an, ſie ſich ge⸗ nau anzuſchauen, und es fügte dieſer neue Eindruck, in Immanuels Geiſt, Mariens Schönheit neue Reize bei; ſo daß er ihr, als ſie mit Clementinen den Salon verließ, mit einem von zärtlicher Bewunderung erfüllten Blicke folgte, und, ſich zu dem Grafen hin⸗ wendend, ſprach: 1 „Welch bezauberndes Kind!“ 1 „Sie lieben die Muſik?“ ſprach der Graf zu 182 „Ja, die Muſik, die Einen zum Weinen bringen kann: Thränen ſind der Seelenſchweiß, der Einen immer von Etwas heilt.“ „Gut, morgen ſollen Sie die Muſik hören, die Sie lieben.“ „Wo?“ „Hier.“ „Und wer wird der Muſiker ſein?“ „Meine Tochter.“ „Nun glaube ich entſchieden, Herr Doctor, daß Sie mich curiren.“ „Ich will Ihre Seele erneuern, wie man das Blut erneuert; ich will Sie alle Traurigkeit aus⸗ weinen laſſen, die Sie im Herzen haben, bis dieſes ganz ſo iſt, wie an dem Tage, da Gott es Ihnen gegeben. Marie ſoll mir dabei helfen.“ „Da nehmen Sie eben einen Engel zum Hülfs⸗ genoſſen, gleich jenen großen Helden des Alterthums, die ohne die Dazwiſchenkunft eines Gottes oder einer Göttin nicht kämpfen konnten. Hätte ich ein Kind, wie das Ihrige,— Du mein Gott!“ „Heirathen Sie ſich!“ „Und mit wem?“ „Mit dem erſten beſten Mädchen, das Sie finden.“ „Zuerſt entſteht aber die Frage, ob dieſes Mäd⸗ chen mich haben will.“ „Das wäre wahrlich etwas Schönes, wenn man einem Manne, wie Sie, einen Korb geben wollte.“ „Und wenn es mir einfiele, meine Frau zu lieben?“ „Es wäre das ein Unglück, das Sie gar bald wieder gut machen würden, und wovor ſie Sie wahrſcheinlich zu bewahren wüßte. Wenn ich ſage, Sie ſollen ſich gen nen die 183 heirathen, ſo ſage ich nicht, Sie ſollen Ihre Frau lieben; Sie denken, was ich Ihnen ſage, ſei unrich⸗ tig. Heirathen Sie ſich, um eine Famillie, Zerſtreuung, Kinder, hauptſächlich aber, um ein geregeltes Leben zu haben.“ 3 „ Sie haben Recht; ich will darüber nachdenken.“ „Gleichwohl verſchreibe ich Ihnen dieſes Mittel nur als das allerletzte.“ „So verſtehe ich es auch. Nun, Herr Graf, die erſte Conſultation iſt gut geweſen, und ich be⸗ wahre davon das glücklichſte Andenken. Erlauben Sie, daß ich moh bis morgen, das heißt, bis zur zweiten Conſultation verabſchiede.“ „Nein, nein, Sie bleiben hier.“ „Ich kann das wahrlich nicht annehmen.“ „Ihr Pferd iſt müde und ſteht im Stalle; es wäre Schade, es in ſeiner Ruhe zu ſtören. Ich habe ſchon Befehl gegeben und Ihnen neben mir ein Zim⸗ mer bereit machen laſſen.“ „Man muß eben immer thun, was Sie wollen.“ „Sie ſind ganz zu Hauſe, das heißt, können ſich zurückziehen, wann Sie immer wollen.“ „Wenn das iſt, Herr Graf, ſo werde ich dieſe Erlaubniß mißbrauchen. Ich bin nicht an Tage ge⸗ wöhnt, wie der heutige war, und brauche die Ruhe nothwendig.“ „Ich will Sie ſelbſt auf Ihr Zimmer führen.“ Immanuel empfahl ſich der Gräfin und dem Baron, und entfernte ſich mit Herrn von Hermi. Am folgenden Morgen, um ſechs Uhr, verließ Immanuel das Schloß, wo er um vier Uhr wieder 184 erſchien. Der Graf bot ihm die Hand mit den Worten: „Ich habe auf Sie gewartet.“ Immanuel begrüßte Frau von Hermi und folgte dann dem wartenden Grafen. „Wohin führen Sie mich?“ ſprach Immanuel. „Sie vergeßlicher Mann! Sie ſollen nun Muſik hören, wie Sie ſie lieben.“ Und nun ging es in die Kapelle, wo ſie hinter den Altar ſchlüpften. Einige Augenblicke darauf kam auch Marie, und überzeugt, daß ihr Vater irgendwo verborgen, ließ ſie die Orgel ſprechen und vermiſchte von Zeit zu Zeit ſogar ihre Stimme mit den Schluchzern des Inſtruments. Immanuel horchte, den Kopf gegen die Wand geſtützt, die Augen unbeſtimmt auf die ſtille Land⸗ ſchaft heftend, die er durch das Fenſter hindurch ſehen konnte. Des Mädchens Stimme war ſo wun⸗ derbar ſanft, daß ſie, gleich einem Dufte, ſich in die Seele einſchlich. Stundenlang hätte der junge Pair in dieſer ſtummen Ekſtaſe verharrt, hätte er ſich nicht plötzlich inmitten des Schweigens wieder gefunden, erſtaunt wie ein Menſch, der vom Himmel geträumt und auf Erden nun wieder aufwacht. Er ging mit dem Grafen zu dem Rädchen hin und küßte ihr, mit Thränen in den Augen, die beiden Hände. Herr von Hermi küßte Marie, die ganz ſcham⸗ roth war, daß ſie außer ihrem Vater von noch Je⸗ mand gehört worden, auf die Stirn. Von dem Tage an wurde Immanuel der Tiſch⸗ genoſſe des Hauſes. Der Graf konnte nicht mehr — —— 185 ohne ihn ſein, und es ging dies ſo weit, daß Herr von Bay eiferſüchtig zu werden begann. Im Uebri⸗ gen ging die von Herrn von Hermi vorausgeſagte Cur von Statten, und es trat eine Metamorphoſe ein. Immanuel war zwar immer noch träumeriſch, aber nie traurig, und dabei glich noch ſeine Träu⸗ merei gar ſehr der Beſchauung; er arbeitete zwar immer, aber fröhlich. Was den Grafen betrifft, ſo ſchrieb er ſich die Ehre dieſer Veränderung ganz allein zu; und da zwiſchen der ganzen Familie des Herrn von Hermi einer⸗ und Immanuel anderſeits eine Art Vertraulichkeit Platz gegriffen hatte, ſo war der Baron nicht mehr weit entfernt, für ſeine Liebe zu fürchten. In der That war die Gräfin mit ihrem lebhaften, munteren Geiſte und ihrer ungekünſtelten Grazie wahrhaft bezaubernd in ihrem Betragen gegen ihren Gaſt: ſie ließ es ſich angelegen ſein, ihm die Gaſtfreundſchaft, die ſie ihm bot, ſo angenehm, wie nur immer möglich, zu machen. Es gab alſo Augen⸗ blicke, wo Herrn von Bay es reuen wollte, daß er Immannuel in dieſes Haus eingeführt. Man hatte eines Tages beſchloſſen, dem jungen Manne auf ein Mal alle Beſuche heimzugeben, die er gemacht. Man war alſo nach Immanuels kleinem Schloſſe gefahren, und es führte der Pair die Gräfin darin ſelbſt herum. Clementine und Marie blieben eine Zeitlang im Garten, um die elegante Bauart dieſes Schlößchens zu betrachten, das mit ſeinen Thürmchen und Statuetten die Arbeit eines Bau⸗ meiſters aus den Zeiten Karls IX. zu ſein ſchien. Nachdem ſie lange genug es ſich angeſehen, gingen ſie hinein, um ſich mit der übrigen Geſellſchaft wie⸗ 186 der zu vereinigen. Im erſten Stock fanden ſie einen Salon von ernſtem und zugleich reichem Geſchmack, und blieben von Neuem ſtehen, um ſich Gemälde von Delacroix und Decamps anzuſchauen, die um jene Zeit in der Blüthe der Jugend, und doch ſchon in ihrer ganzen Kraft daſtanden. In einer der Ecken des Salons ſtand eine Thüre offen, die in ein Zim⸗ mer führte, worin eine blaſſe und geheimnißvolle Helle herrſchte. Während Clementine die tauſender⸗ lei Dinge beſchaute, womit der Salon bereichert war, ging Marie zu dieſer Thüre hin unb ſtreckte neugie⸗ rig das Köpfchen hinein. Das Zimmer war leer, ſie ging hinein. Es war Immanuels Schlafzimmer; was aber Marie aufgefallen war und ſie veranlaßt hatte, hineinzugehen, waren nicht die herrlichen grü⸗ nen Tapeten, welche die Wände bedeckten, noch die alterthümlichen Scheiben, welche die Fenſter zierten, noch das Geräth von geſchnitztem Eichenholz, welche für dieſes Zimmer einen majeſtätiſchen Schmuck bil⸗ deten, wohl aber ein im Hintergrunde des Bettes befindliches Bild, das eine Frau von unglaublicher Schönheit darſtellte. Marie hatte ſich alſo dieſem Bilde möglichſt ge⸗ nähert und betrachtete es ſchweigend, ſich dabei fra⸗ gend, wer wohl dieſes ſchöne Weib, offenbar ein Gegenſtand ganz beſonderer Verehrung, ſein möchte. Noch ſchaute ſie es an, als ſie hinter ſich Tritte hörte. Raſch wandte ſie ſich um, ganz ſchamroth, daß man ſie über ihrer Neugierde ertappt. Es war Nie⸗ mand anders, als Immanuel. „Ich ſuchte Sie, mein Fräulein,“ ſprach er zu ahr.„Die Frau Gräfin fragt nach Ihnen.“ nen ack, lde um hon ken im⸗ olle dr⸗ ar, gie⸗ eer, eer; aßt rü⸗ die en, lche bil⸗ tes her ge⸗ ra⸗ ein hte. rte. daß ſdie⸗ — 187 „Da bin ich, mein Herr,“ entgegnete das Mäd⸗ chen etwas verlegen.„Ich ſchaute dieſes Bild an und ſagte ſo bei mir ſelbſt, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, demſelben zu gleichen.“ 3 „Es war das ein unnützer Wunſch: Sie ſind ſchöner, als dieſes Bild.“ „Oh, mein Herr, Sie ſchmeicheln mir, indem Sie mich mit einer Perſon vergleichen, deren Andenken Ihnen theuer zu ſein ſcheint.“ Es lag in dieſen Worten ein halber Vorwurf. „Es iſt das Bild meiner Mutter, mein Fräulein,“ ſagte Herr von Bryon. 2— „Als ſie noch jung war?“ 4 „Ein Jahr vor ihrem Tode.“„ „Sie waren dazumal noch eim ganz kleines Kind?“ „Ich war kaum erſt ein Jahr alt.“ „So haben Sie ſie alſo nicht gekannt?“ „Nein.“ In dieſem einfachen Worte lag eine Welt von Schmerzen ausgedrückt, was ſeine Vergangzubeit be⸗ traf. 3 „Oh, verzeihen Sie mir, mein Herr, daß ich mir es herausgenommen, in dieſes Zimmer zu treten, das mir, einem Heiligthum gleich, hätte heilig ſein ſollen,“ ſprach Marie. Und Immanuels Arm nehmend, ging ſie, ohne auch nur ein Wort beizufügen, mit ihm bis an den Ort hinunter, wo ihre Mutter ſich befand. 188 Vierzehntes Kapitel. Der Umſtand, den wir ſo eben erzählt, hatte zwiſchen Immanuel und Marien einen electriſchen Sympathieſtrom hergeſtellt. Die Weiber beklagen Einen gern, was ſie veranlaßt, Einen zu tröſten, und Letzteres thun ſie noch lieber; unſere Hel⸗ din aber unterſchied ſich in dieſem Stücke durchaus nicht von den übrigen Weibern. Sie hatte in den von dem jungen Manne geſprochenen Worten: Es iſt meine Mutter, einen ſolchen Ton des Bedauerns und des Schmerzens gefunden, daß ſie ſich geſagt hatte: Ein Mann, der ſo leidet, und dem Etwas ſo leid thun kann, hat ein edles Herz; und ſie hatte ihr Möglichſtes gethan, um ihn die Traurigkeit vergeſſen zu laſſen, die gleich einer Wolke von Zeit zu Zeit über ſeine Stirn einen düſtern Schatten warf. Im Uebrigen beſitzen die Weiber, und insbeſondere Mädchen, bei ihrer angebornen Grazie einen wun⸗ derbaren Takt, und ſtets wiſſen ſie die Worte, welche Troſt bringen. Gott hat ihnen zarte Finger und eine ſanfte Stimme gegeben, damit ſie die Wunden des Leibes und der Seele verbinden können, ohne Einem dabei wehe zu thun.. Immanuel, der nun faſt der ſtete Gaſt und der ſtets willkommene Freund des Hauſes geworden war, blieb jeden Tag ganze Stunden bei Clementinen oder Marien. Da richtete nun Fräulein von Hermi immer einige jener zarten Fragen an ihn, die man in keiner andern Abſicht ſtellt, als um ein Recht zu haben, eine Hoffnung daran zu knüpfen. Immanuel ſuchte 189 gern ſeine Erinnerungen hervor, jene unermeßliche Leiter, der jeder Tag eine neue Sproſſe einfügt, und vermittelſt welcher das hohe Alter wieder in die Kind⸗ heit herunterſteigt. Er erzählte dem Mädchen die erſten Schmerzen und Gemüthsbewegungen ſeines Lebens; er ſagte ihr, wie er, ſchon ganz jung ſeiner Mutter beraubt, mit vagem Inſtinct um ſeine Wiege her und in ſeiner ganzen Jugendzeit Etwas geſucht, ohne zu wiſſen, wie er das Ding heißen ſollte,— wie er, mit einem Worte, die Liebe geſucht, die ihm ge⸗ fehlt; er ſagte ihr ferner, wie er, als er etwas mehr Verſtand bekommen und mit andern Kindern zu leben angefangen, auch angefangen habe, zu leiden und ſeine Kameraden zu beneiden. Dieſe andern Kinder hätten faſt alle jene Hälfte des Herzens gehabt, die Gott ihm vorenthalten, und ſo oft er in ſeiner Schule geſehen, wie eine Mutter ihren Sohn geküßt, habe er ſich ganz allein in einen Winkel zurückgezogen, um da zu weinen. So oft er ausgegangen und bei ſeinem Vater die Vacanzzeit zugebracht, ſei er daher auch vor dem Bilde, das Marie geſehen, in ekſtati⸗ ſchem und betendem Anſchauen ſtehen geblieben. Ferner ſagte er dem Mädchen, was er gefühlt, als ſein Vater ihn zum erſten Male auf den Kirchhof und an das Grab geführt, das neben ſeiner Wiege ſich geöffnet; jenen Tag habe er, armes Kind, gar bitterlich geweint, während er, mit den Augen des Geiſtes, durch den kalten und fühlloſen Marmor hin⸗ durch die Züge zu erkennen geſucht, welche die Lein⸗ wand ihm vergegenwärtigt. Es läßt ſich nicht ſagen, welche Wonne für Im⸗ manuel darin lag, wenn er mit Marien plaudern — 190 konnte. Er, der ſtets Jedermann mißtraut hatte, weil es ſeine Beſchäftigung ſo mit ſich brachte und er ſich allmählig daran gewöhnthatte, fand endlich ein Herz, worein er ohne alle Furcht ausſchütten konnte, was das ſeinige drückte. Was er mit jenem melancho⸗ liſchen Lächeln, das ſtets ein Reflex der Vergangen⸗ heit iſt, erzählte, waren lauter Dinge, die das Herz des Fräuleins von Hermi begriff. Nun kamen ver⸗ trauliche Mittheilungen, und Beide ließen ſich mit dem Vertrauen reiner Seelen gehen und theilten einander in naiver Weiſe alle ihre Eindrücke mit. Ihre Herzen ſchütteten ſich aus, wie ihre Augen, denn gar oft glänzten, während der junge Mann ſprach, verſtohlene Thränen unter den Wimpern des Mädchens. Es hatte Immanuel, wir wiederholen dieß hier, hinter dem Ehrgeize und den Leidenſchaften des Man⸗ nes die Gefühle und Einfalt des Kindes bewahrt, ſo daß es nur eines Wortes bedurfte, um denſelben Leben zu geben; gewöhnlich iſt es die Mutter, die dieſes Wort ſpricht; iſt es nicht die Mutter, ſo iſt es ein geliebtes Weib; Immanuel aber hatte, wie wir wiſſen, nie ein ſo reines Weib gefunden, daß deren Blick, deren Stimme, oder deren Liebe die einge⸗ ſchlafenen Saiten ſeiner keuſchen Erinnerungen be⸗ rührt hätte. Marie war alſo das erſte Frauenzim⸗ mer, die der Zufall als einen lebenden Troſt auf ſeinen Lebensweg ſtellte. Glaube man darum aber nicht, es habe Immanuel ſich zu ihr hingezogen ge⸗ fühlt, wie zu einem Weibe, woraus man ſeine Mai⸗ treſſe machen will. Er liebte ſie ſo, wie er ſeine Tochter oder ſeine Schweſter geliebt haben würde, datte, nd er Herz, was ncho⸗ igen⸗ Herz ver⸗ mit eilten mit. igen, Nann des hier, Man⸗ ahrt, elben die iſt es wir deren inge⸗ be⸗ zim⸗ auf aber n ge⸗ Mai⸗ ſeine ürde, und es war dieſe Liebe untermiſcht mit Dankbarkeit für das Vergnügen, womit Marie ihn anhörte, und für die ſüße Unterhaltung, die er ihr verdankte. Ohne es gewahr zu werden, eignete ſich Imma⸗ nuel eine jener Herzensgewohnheiten an, denen man ſich ſo gern hingibt, und die, wenn ſie einmal zer⸗ ſtört werden, Einem ein Stück vom Leben mit fort⸗ nehmen. So war es bei ihm allmählig ſo weit ge⸗ kommen, daß er Kammer und Menſchen faſt ver⸗ gaß; ſeine Zeit brachte er damit zu, daß er Fräu⸗ lein von Hermi zuhörte, wie ſie muſicirte und ſang; und hatte er dann, ihr zuhörend, ein paar Stunden lang geträumt, ſo küßte er ſie auf die Stirn, und damit hatte die Sache dann ein Ende. Und doch war Immanuel ein junger Mann; aber es gibt Männer, welche die Vernunft vor dem Alter gereift hat, ſo daß er auf dem Schloſſe für Jedermann ſo alt war, wie Herr von Hermi. Was den Grafen betrifft, der es unternommen hatte, die angeborene Melancholie Immanuels abzuleiten, ſo war er über⸗ aus froh über die Fortſchritte ſeiner Cur; und da er mit einem Blick die ganze Rechtſchaffenheit des jungen Pairs errathen, ſo ließ er ihn ohne alle Furcht in Mariens Geſellſchaft, und dieß um ſo eher, als Clementine, wie wir bereits geſagt, ſehr oft um ihre Freundin war. War Clementine anweſend, ſo war die Unterhal⸗ tung durchaus nicht mehr dieſelbe; es machte ſich die Luſtigkeit des närriſchen Kindes inmitten der ge⸗ wohnten Träumerei geltend, und es trat dann das ungezwungenſte Lachen immer wieder für einen Au⸗ genblick an die Stelle der ſentimentalen Phraſen, 192 welche Marie ſo ſehr liebte. Die beiden Mädchen ergänz⸗ ten einander, und Beide liebte Immanuel, Beide riefen in der That bei ihm Eindrücke hervor, die er bis dahin noch nicht gekannt, nur daß er mit Cle⸗ mentinen wie mit einem Kind ſpielte, mit Marien aber wie mit einer Frau plauderte. Die unbeſonnene und lachluſtige Clementine ſchien ihn ſchon ſeit vie⸗ len Jahren zu kennen; er mußte ihr laufen, reiten, ſpringen, kurz, ſie betrug ſich als eine wahre Penſionärin, die den Widerſchein ihres unſchuldigen Leichtſinns auf ihre ganze Umgebung fallen läßt. Clementine war ein mannigfaltiges, täglich neues, reizendes Schau⸗ ſpiel, worauf der Blick eines Denkers wie Immanuel gerne ausruht. Man konnte keine fünf Minuten mit ihr plaudern, ohne daß ihre unſtete Phantaſie an Allem herumkam und von der größten Luſtigkeit zur höchſten Traurigkeit überging, ohne allen Grund, ohne alle und jede Erinnerung, ohne alle und jedelogiſche Verbindung. Im Geſpräche war ſie ganz ſo wie im Gar⸗ ten,— bald ſprang ſie dahin, bald dorthin, und kam doch immer wieder auf den Ausgangspunkt zurück, das ſorg⸗ loſe Ding! In ihrer Geſellſchaft war es alſo nie mög⸗ lich, traurigen Gedanken nachzuhängen, und ſobald ſie ſah, daß Immanuel und Marie jener intimen Plauderei ſich hingaben, die nie zu Ende gehen will, trat ſie luſtig in den Salon, küßte ihre Freundin, nahm ihren Arm, lud Immanuel ein, ſie zu begleiten, worauf alle drei gewöhnlich im Park herumliefen, das Ge⸗ flügel fütterten oder Blumen pflückten. Auf dieſe zwei jungen Weſen lenkte alſo Immanuel, wenn er erwachte, ſeine Gedanken. Durch die Macht der Gewohnheit hatten ſie in ſeinem Leben allmählig inz⸗ eide er Sle⸗ ber ene vie⸗ ten, rin, uns tine au⸗ zuel tten aſie keit nd, ſche dar⸗ och rg⸗ ög⸗ ſie erei ſie ren auf Ge⸗ uel, acht lig — 193 einen Platz angewieſen erhalten, und er konnte nur noch die Luft athmen, die ſie ſelbſt athmete. Er kam in der Regel ſchon früh auf's Schloß, und fand ſie entweder im Garten, oder ſtickend. Zuweilen be⸗ merkte er auch ſchon aus der Ferne ihre graziöſen Köpfchen am Fenſter und errieth ihr Lächeln; er ſah ihre grüßenden Geberden, und dann ſetzte er ſein Pferd in Galopp, ohne die Augen von ihnen abzu⸗ wenden, und ließ damit nicht eher ab, als bis er an der Thüre war. Auch das Betragen der Gräfin gegen den Pair war ein überaus liebes. Die Gräfin wollte, wie alle Frauen, die ſich nach Verhältniß ihrer Unabhängig⸗ keit glücklich fühlen, als poetiſch, ſentimental und träumeriſch gelten. Gab es aber auf der Welt eine Natur, der dieſer dreifache Character abging, ſo war es gewiß der ihrige. Nichts deſto weniger nahm ſie oft Immanuels Arm an und entwickelte ihm, ſich mit ihm unter den Bäumen verlierend, allerlei Axiome und Theorien über unſer armſeliges Daſein. Der junge Mann aber hatte alsbald bemerkt, wie das, was bei der Tochter Natur, bei der Mutter etwas Gemachtes war, und hatte ſich bei ihr nie ſo weit gehen laſſen, wie bei der erſteren. Was den Grafen anlangt, ſo ſah er Alles, ohne auch nur ein Wort zu ſagen; er hatte, oder ſchien wenigſtens einen Gedanken zu haben, den er im Grunde ſeiner Seele verfolgte, und beobachtete mit dem ſicheren Blicke und dem hellen Verſtande eines Mannes, der ſich weder in die Leiden, noch in die Freuden anderer Menſchen miſcht. Noch war der Baron da, der, wir wiederholen es, es ein bischen Dumas, d. J., ein Frauenlebeu. I. 13 194 bereuete, daß er Immanuel vorgeſtellt. Der Baron nahm die Spaziergänge der Gräfin und ſeines Freun⸗ des recht ernſt, und ſchon ſah er mit Zittern und Bangen den Augenblick kommen, wo Clotilde gewahr wurde, welch himmelweiter Unterſchied zwiſchen ihm und Immanuel war. Wie wir wiſſen, ſo fürchtete Herr von Bay hauptſächlich, daß er einer nun ſchon ſeit einem Jahre angenommenen Gewohnheit entſa⸗ gen müſſe, und wohl zwanzig Mal war er im Be⸗ griffe geweſen, den jungen Mann zu fragen, wie er mit Frau von Hermi ſtehe, und ihm Halt zu gebie⸗ ten, wenn es noch nicht zu ſpät war. Allein er hatte reiflicher nachgedacht und geſchwiegen, was be⸗ weist, daß er wohl gethan, reiflicher nachzudenken. Im Uebrigen wäre ein Bekenntniß von ſeiner Seite ganz und gar unnütz geweſen, denn Immanuel hatte Alles errathen, ſowohl die Liebſchaften der Gräfin, als die Gleichgültigkeit des Grafen. In gewiſſen Blicken des Barons hatte er Etwas wie Ueberwachung und Eiferſucht gefunden, und er hatte geſchwiegen, ohne ſich erſt zu fragen, ob er ſchweigen ſolle. Er ließ daher Jedermann ganz wie früher fortleben und genoß in aller Ruhe des unerwarteten Glückes, das ihm geworden. So ſtanden die Dinge, als man eines Abends nach dem Eſſen in den Garten hinausging, um dort ſpazieren zu gehen, ganz ſo wie man bisher jeden Abend und zu derſelben Stunde gethan. Der Baron bot der Gräfin ſeinen Arm an, der Graf nahm den Immanuels, und die beiden Mädchen blieben beiſam⸗ men. Es ſcheint, daß dieſe ſechs Perſonen einander Etwas zu ſagen hatten, was Präliminarien erheiſchte, nron Lun⸗ und vahr ihm ztete chon ntſa⸗ Be⸗ e er ebie⸗ n er 5 be⸗ nken. Seite hatte äfin, iſſen hung -gen, Er und das ends dort eden aron den ſam⸗ nder ſchte, 195 denn man ging etwa zehn Minuten lang ſpazieren, ohne daß von einer oder der andern Seite auch nur ein Wort gewechſelt worden wäre. Am Ende ſonderte ſich, ſei es zufällig, oder abſichtlich, jede Gruppe ab, und nun begann die Unterhaltung. Es iſt wohl unnütz, daß wir dem Baron und der Gräfin zuhören. Man erräth leicht, was ſie einan⸗ der zu ſagen haben. Der Baron ſprach von ſeinen Befürchtungen, und die Gräfin beruhigte ihn. Von einer andern Seite des Gartens kamen, mit verſchlungenen Armen, der Graf und Immanuel her. „Und die verſprochene Heilung?“ fragte Herr von Hermi. „Sie geht vor ſich, Graf, und zwar raſcher, als ich geglaubt.“ „Hatte ich es Ihnen doch geſagt!“ „Unglücklicher Weiſe fürchte ich einen Rückfall.“ „Und warum?“ „Weil wir nun bald dieſe Gegend verlaſſen.“ „Gehen Sie nicht, wie wir, wieder nach Paris?“ „Ei freilich, aber es hat Paris ſeine Anforde⸗ rungen und ſein Vorurtheil. Dort kann ich nicht immer bei Ihnen ſein, wie jetzt; was hier etwas ganz Einfaches iſt, wäre dort etwas Unſchickliches; und indem ich allein bliebe, werde ich wieder ſo trau⸗ rig werden, wie früher.“ „Es gäbe wohl ein Nittel, nicht allein zu ſein.“ „Was iſt es für eines?“ „Heirathen Sie ſich!“ Immanuel ſchaute den Grafen an. 196 „Sie ſelbſt haben mir geſagt, es ſei dieß das allerletzte Mittel,“ entgegnete der junge Pair. „Ich ſehe ſonſt keines mehr, und zwar um ſo weniger, als die Sachen heute gar nicht mehr ſo ſtehen, wie zu der Zeit, als ich mit Ihnen davon ſprach. Wollten Sie nun eine Frau nehmen, ſo wäre ſogleich eine da.“ „Von wem wollen Sie ſprechen?“ „Nun, ſeien Sie offen: kommen Sie nicht beſon⸗ ders einer gewiſſen Perſon zu lieb hierher?“ Und alſo ſprechend, blickte der Graf den Pair an. „Nein, Graf, ich komme um Jedermanns und hauptſächlich um Ihretwillen hierher.“ „Nun, nun, Sie wollen eben, wie ich ſehe, den verſchwiegenen Mann ſpielen; ich durchſchaue aber Alles.“ „Wenn das iſt, ſo möchte ich Sie bitten, mir zu erklären, was Sie denn durchſchauen.“ Wer hat Sie hier ſo luſtig gemacht? Wer beſitzt die Macht, daß Sie, der ernſte Mann, Schmetter⸗ lingen nachlaufen und gleich einem Kinde ſpielen?“ „Fräulein Clementine.“ „Mit wem gehen Sie am Oefteſten im Garten ſpazieren?“ „Mit ihr.“ „So heirathen Sie ſie denn; vielleicht iſt das keine flotte Heirath, immerhin aber iſt es eine gute Handlung. Clementine liebt Sie oder wird Sie noch lieben. Sie iſt ein treffliches Mädchen, und jeden⸗ falls werden Sie dann nicht mehr allein ſein.“ Immanuel ſchaute den Grafen an, um auf deſſen — —— — 56=gͤ 75 197 Geſicht den Hintergedanken zu leſen zu ſuchen, der ihm dieſen Rath eingab. „Iſt das Ihr Ernſt, Graf?“ ſprach er zu ihm. „Mein voller Ernſt.“ 1 „Ich, ich ſoll mich heirathen!“ „Warum denn nicht? Ich glaube auf Ehre, daß Clementine das Weib iſt, das für Sie paßt.“ „Sie meinen?“ wiederholte mechaniſch Imma⸗ nuel, der, ſich ganz einem neuen Gedanken über⸗ laſſend, Herrn von Hermi nur noch wenig anhörte. „Clementine hat einen dem Ihrigen gerade ent⸗ gegengeſetzten Charakter. Sie ſind ein Mann des Studiums und träumen gern; ſie dagegen iſt lebens⸗ luſtig. Sie wird von Ihrer Melancholie, Sie aber werden von ihrer Luſtigkeit annehmen. Und Sie werden glücklich ſein, daran zweifle ich keinen Augen⸗ blick. Im Uebrigen weiß ich nicht, warum ich Ihnen Alles dieß ſage, da Sie es eben ſo gut wiſſen, wie ich ſelbſt. Nach der Art zu urtheilen, wie Sie ihr Abends beim Weggehen die Hand küſſen und wie Sie ihr Morgens, wenn Sie wieder kommen, zulä⸗ cheln, iſt es klar, daß ſie es iſt, welche die vorher⸗ geſagte Metamorphoſe bei Ihnen bewirkt, ſowie daß Sie ihr zu lieb hierherkommen, ſei es aus Dankbar⸗ keit, ſei es ſchon aus Liebe.“ Hatte Immanuel ſich auf Etwas gefaßt gemacht, ſo war es gewiß weder eine ſolche Mittheilung, noch ein ſolcher Rath von Seiten des Grafen. Als er dieſen hatte ſagen hören: Heirathen Sie ſich, da hatte ihm das Herz gewaltig geklopft, und ein ande⸗ rer Name, als der Clementinens, war auf ſeine Lip⸗ pen gekommen; als er aber gehört hatte, wie Ma⸗ 198 riens Vater ihm allen Ernſtes rieth, Clementine zu heirathen, ſo hatte er keine Antwort gefunden und ſelbſt an dem Gefühle gezweifelt, das Fräulein von Hermi ihm einflößte. Anfänglich hatte er geglaubt, es ſchlage der Graf einen Umweg ein, um ihn zu einem Geſtändniſſe zu bewegen, und darum hatte er, wie bereits geſagt, das Geſicht deſſen zu ergrün⸗ den geſucht, der mit ihm ſprach; das Geſicht aber ſtrafte die Worte in keiner Hinſicht Lügen, und es ſchien offenbar, daß der Graf von dem, was er ſagte, wirklich überzeugt war. Hätte der Graf dieſe Erklärung nicht hervorge⸗ rufen, ſo wäre der junge Mann höchſt wahrſcheinlich noch lange im Zweifel geblieben, und ſo wäre der Gedanke, daß Marie ſeine Frau werden könnte, ihm noch gar nicht gekommen; einen Augenblick aber hatte er gedacht, es hätte der Graf ſeine Gefühle errathen; und plötzlich hatte ſich ihm die Hoffnung, das Mäd⸗ chen zur Frau zu bekommen, enthüllt. Dann war dieſe Hoffnung eben ſo geſchwind wieder entflohen, als ſie gekommen war, und es hatten ſich Immanuel und Herr von Hermi ſchweigend unter den Bäumen begraben. Nun erſchienen Clementine und Marie. „Marie,“ ſprach Clementine,„was denkſt Du von Herrn von Bryon?“ „Warum dieſe Frage?“ „Warum antworteſt Du mir nicht?“ „Weil Du in ganz ungewöhnlichem Tone mich das fragſt.“ „Antworte immerhin.“ bal miſ iſt Tas Br die Die getr 199 zu„Nun, ich denke, er iſt ein herrlicher Mann,— nd ein Mann, der mir ſehr lieb iſt.“ on„Und wie liebſt Du ihn?“ bt.,„Als einen Freund, wohlverſtanden, weniger als hn Dich.“ tte„Da lügſt Du!“ bemerkte Clementine lachend. in⸗„Ich— lügen!“ ber„Ja.“ es„Und welches Intereſſe hätte ich zu lügen?“ te,„Darfſt Du mir ſolche Dinge verheimlichen?“ „Aber ich verſtehe Dich nicht, liebe Clementine!“ ge⸗„Warum biſt Du traurig?“ lich„Bin ich es nicht immer ein bischen geweſen?“ der„Und nun biſt Du es noch mehr.“ hm„Es iſt das ganz natürlich: müſſen wir doch itte bald von einander ſcheiden.“ en;„Du Schmeichlerin, wirſt Du wirklich mich ver⸗ äd⸗ miſſen?“ var„Ich verſtehe Dich gar nicht mehr.“ den,„Höre, Marie, Du verbirgſt mir Etwas, und es uel iſt das gar nicht recht. Mit wem plauderſt Du den nen Tag über? Neben wem muſicirſt Du?“ „Mit Herrn von Bryon,— neben Herrn von Bryon.“ Du„Wem erzählſt Dualle die Herzensangelegenheiten, die Du ſonſt mir erzählteſt, und bei wem habe ich Dich wohl zwanzig Mal mit Thränen in den Augen getroffen?“ nich„Bei ihm, ich leugne es nicht.“ „Nun!“ „Nun?“ „Nun, Du liebſt ihn und damit baſta.“ 200 „Du irrſt Dich.“ „Ich irre mich!“ „Ich ſchwöre es Dir; Herr von Bryon iſt mir ein Bruder, und ſonſt Nichts. Ich weiß nicht, wie das zugeht, aber es fühlt mein Herz ſich zu dem ſeinen hingezogen in dem, was Traurigkeit betrifft. Es macht mir Freude, ihn zu ſehen, und glücklich, ihn zu tröſten, weil ich glaube, daß er einen Kummer hat. Seinerſeits liebt er mich wie eine Schweſter; daraus darfſt Du aber keineswegs ſchließen, daß ich ihn liebe; denn das iſt nicht der Fall, ich muß es nochmals wiederholen.“ „Sprich für Dich ſelbſt, wenn Du willſt, aber nicht für ihn, denn er— er liebt Dich.“ „Du irrſt Dich abermals.“ „Mit nichten; ich bin ſogar gewiß, daß er nur um Deinetwillen hierher kommt.“ „Ich weiß aber wahrlich nicht, woran Du heute Abend denkſt.“ „Ich denke an Dich, liebe Marie!“ „Iſt Herr von Bryon nicht der Gleiche für uns Beide? Hat er nicht die gleichen Rückſichten, die gleiche Zuvorkommenheit, die gleiche Freundſchaft für Dich, wie für mich? Wahrlich, Du biſt verrückt; und wer ſagt Dir denn, daß er Dich nicht liebt?“ „Ich bin vom Gegentheil vollkommen überzeugt.“ „Und warum das?“ „Weil er mit mir nur lacht, während Du mit ihm weinſt, und weil bei der Liebe die Traurigkeit eine gar mächtige Bundesgenoſſin ſein ſoll. Geſtehe es nur, es macht Dir Freude, ſo oft Du ihn kom⸗ men ſiehſt.“ br t mir , wie einen Es „ihn mmer eſter; aß ich äß es aber 201 „Ich kann Dir das wohl geſtehen.“ „Geſtehe, daß Dich der Gedanke betrübt, Du werdeſt ihn bald nicht mehr ſo oft ſehen. 4 „Das iſt wahr.“ „So liebſt Du ihn denn auch.“ „Ich aber ſage Dir, daß Du entweder verrückt, oder eiferſüchtig biſt. Liebſt Du ihn vielleicht?“ „Ich liebe ihn, wie Jedermann,— nicht anders.“ „Auch ich.“ „Um ſo ſchlimmer!“ „Warum um ſo ſchlimmer?“ „Weil es beſſer für Dich wäre, daß Du ihn liebteſt; würdeſt Du ihn lieben, ſo würdeſt Du ihn hei⸗ rathen, und würdeſt Du ihn heirathen, ſo wäreſt Du glücklich.“ „Wie weißt Du das?“ „Es iſt das unſchwer zu ſehen: er iſt der Mann, eine Frau wirklich glücklich zu machen. Er iſt gut, edelmüthig, reich, von Adel: ſo viel verlange ich für meinen Theil nicht.“ „Warum heiratheſt Du ihn alſo nicht?“ „Was Dir da nicht einfällt! Kann ich denn zu dieſem Herrn ſagen: Mein Herr, ich finde, daß Sie eiinen wunderguten Chemann abgeben werden, hei⸗ rathen Sie mich?“ „Wenn er aber um Dich anhielte?“ „Dann würde ich auf der Stelle einwilligen.“ „Und Du würdeſt ihn lieben?“ „Mein Lebenlang.“ „Wenn das iſt, ſo geht er an ſeinem Glücke vorüber.“ „Nein, denn ich bin nicht das Weib, das er braucht. Ich bin ihm von zu menſchlicher Natur; 202 was er braucht, iſt eine ideale und poetiſche Liebe; auch ſage ich nicht, daß er mich haſſen würde: nur würde ich ihm gleichgültig werden, und endlich würde ich ihn langweilen.“ Marie überlegte ſich die ganze Nacht hindurch, was ihre Freundin Clementine geſagt. Fünfzehntes Kapitel. Das Reſultat dieſer Reflexionen war, daß ſie in Zukunft gegen Immanuel kälter und zurückhaltender ſein müſſe, da ihr Benehmen bei ihrer Freundin Vermuthungen geweckt, auf welche der geübtere Geiſt des Grafen vielleicht ſchon lange gekommen. Als daher an dem darauf folgenden Tage Immanuel, nur an das mit Herrn von Hermi am vergangenen Tage gepflogene Geſpräch denkend, auf dem Schloſſe erſchien, war er höchſt erſtaunt, daß Marie ſein ge⸗ wöhnliches Lächeln durch den ceremoniöſeſten und ungewöhnlichſten Gruß erwiderte. Er fragte ſich nach der Urſache dieſer Kälte, und als er bei dem Mädchen allein war, fragte er auch ſie darum; ſie aber antwortete ihm, ſo ſei ſie immer geweſen, und ſo müſſe ſie in Zukunft ſein. Obgleich Marie wahrhaft bewegt war und ſich offenbar Zwang anthat, um alſo zu ſprechen, glaubte doch Immanuel an die Worte und ſuchte den Ge⸗ danken nicht tiefer zu ergründen. In politiſchen Dingen war der junge Pair ein überaus ſchlauer Mann, der errieth, was er nicht ſehen konnte; in Dingen der Liebe aber ließen ihn dieſe Schlauheit 203 und dieſe Gabe des Doppelſehens vollkommen im Stich. Wer die Herzen der Männer kennt, kennt darum noch lange nicht die Herzen der Weiber: hat ja doch Lavater, der die erſteren zu kennen glaubte, ſelbſt geſtanden, daß er über die letzteren lediglich Nichts ſagen könne. Nun aber glaubte Herr von Byron Alles, was das Mädchen ihm ſagte, und es ward ihm eng ums Herz. Da ſie ihm zu verſtehen gegeben, daß ihr häufiges Zuſammenſein unter vier Augen bemerkt werden könnte, ſtand er auf, verließ den Salon, wo ſie war, und ging in den Garten hinaus. Marie war hierauf nicht gefaßt, ſo daß, als Immanuel mit bekümmertem Herzen hinausging, dem Mädchen Thränen in die Augen kamen. Mit jener Selbſtbeherrſchungsgabe aber, welche die Weiber hinter ihrer phyſiſchen Schwäche ſo gut zu verbergen verſtehen, that das Mädchen ihren Thränen Einhalt, ſtand gleichfalls auf, und ſchaute, den Vorhang halb aufmachend, wo Immanuel hin⸗ ging. Sie ſah ihn den Garten entlang gehen, nach dem Fenſter heraufſchauen, wo ſie war, was dem Vorhang ein gewiſſes Zittern verlieh, das er glück⸗ licher Weiſe nicht bemerkte, und unter den Bäumen verſchwinden, nachdem er, ſich unbeachtet glaubend, ſich wohl zwanzig Mal umgekehrt hatte. „Clementine irrte ſich,“ ſprach Marie, ſich wieder ſetzend;„er liebt mich nicht.“ „Ich hatte mich geirrt,“ ſagte Immanuel bei ſich ſelbſt:„das Mädchen denkt nicht an mich. Ich war ein rechter Narr!“ Allerdings war Fräulein von Hermi nicht, gleich 204 Julia, in ſeine Arme geeilt und ihm um den Hals gefallen mit den Worten: Ich liebe Dich. Aller⸗ dings hatte ſie nicht an ihn geſchrieben; hatte ſie aber auch nicht dem jungen Manne ſo bedeutungs⸗ volle Beweiſe gegeben, ſo waren doch nicht minder gewiſſe Beweiſe vorhanden, Beweiſe, die nur ein Blinder nicht zu ſehen vermochte. Er war jung, und Marie war Stunden lang allein bei ihm geweſen und hatte mit leiſer Stimme von allerlei Angelegen⸗ heiten des Herzens geſprochen; ſie hatte ihn zum Vertrauten ihrer jugendlichen Gedanken und ihrer erſten Erinnerungen gemacht, hatte mit ihm ge⸗ trauert, hatte ihm die Hand gereicht, und der junge Pair hatte Nichts errathen. So oft er kam, hatte er ge⸗ ſehen, wie ſie ſich ans Fenſter ſtellte, ihm zulächelte, und zuweilen eine ganze halbe Stunde neben ihm blieb, ohne auch nur ein Wort zu ſprechen, aus Furcht, es möchte ihr Wort, oder auch mnur ihre Stimme, gegen ihren Willen ſtörriſch, ihr Herz ver⸗ rathen,— und er hatte von All' dem Nichts ver⸗ ſtanden. Endlich ſah er, wie ſie plötzlich von einem Tage auf den andern eine ganz Andere wurde, wie ſie aus Furcht vor ihrer Schwäche zwiſchen ſich und ihn die Schranke der Convenienzen ſtellte, und wie ſie zuerſt gewahr wurde, daß ihre Vertraulichkeit etwas zu weit ging,— und blieb überzeugt, daß Marie gar nicht an ihn denke. Genau genommen aber wußte Marie vielleicht ſelbſt nicht, daß ſie Immanuel liebte. Wiſſen es Mädchen, wann und wie ſie lieben? Denn das Herz des Weibes iſt ein ſolches Labyrinth, daß die Weiber ſelbſt oft deſſen Windungen nicht kennen: ſie verf plötz dara Weg alſo dem dem ſind kenn niß daſſe zwar was Nutz von Hätt ſo z1 ſo w mich täuſe ein weni ihn ihm den Hatt wiß ſtimn wiß ſchaff gewe Hals Aller⸗ te ſie ungs⸗ ninder r ein jung, weſen legen⸗ zum ihrer n ge⸗ Pair er ge⸗ chelte, 1ihm aus ihre ver⸗ ver⸗ einem , wie ) und d wie ichkeit daß lleicht en es das ß die n: ſie — verfolgen darin bisweilen einen Gedanken, verlieren plötzlich deſſen Spur, und finden ihn erſt lange Zeit darauf, erſtarkt nach Maßgabe des durchlaufenen Weges. Nun aber iſt es gar gut, daß das Weib alſo geſchaffen iſt. So dient es dem Thoren und dem Weiſen. Dem erſten iſt es eine Leidenſchaft, dem andern ein Gegenſtand des Studiums. Zwar ſind es oft die Narren, die das Weib am Beſten kennen; allein da ſie, nachdem ſie einmal dieſe Kennt⸗ niß erlangt, weiſe werden, ſo kommt es genau auf daſſelbe heraus. Ich habe das, wie ich glaube, zwar irgendwo ſchon geſagt; jedoch was thut es? was ſich mit Nutzen ſagen läßt, läßt ſich auch mit Nutzen wieder ſagen. So entfernten ſich denn die beiden Liebenden von einander; Immanuel, bei ſich ſelbſt ſagend: Hätte ſie ein wenig Liebe zu mir, ſo hätte ſie nicht ſo zu mir geſprochen; Marie aber: Liebte er mich, ſo würde er ſich nicht ſo leicht darein ergeben und mich nicht in ſolcher Weiſe verlaſſen. Und Beide täuſchten ſich. Ein Kind von ſechzehn Jahren und ein großer Politiker ſind in Dingen der Liebe gleich wenig erfahren. Der arme Immanuel! Hätte man ihn an jenem Tage ſehen können, ſo hätte man in ihm gewiß nicht länger den ernſten Mann erkannt, den wir zu Anfang dieſes Buches ſkizzirt haben. Hatte je ein Mann einen feſten Willen, ſo war ge⸗ wiß er es. Gab je dieſer Wille dem Leben be⸗ ſtimmte Grundlagen und Schranken, ſo war es ge⸗ wiß der ſeinige. Seitdem er das Alter der Leiden⸗ ſchaften erreicht, war er gegen dieſelben auf der Hut geweſen und ihnen nie unterlegen. 206 Julia war das einzige Weib, deren Einfluß er einen Augenblick gefürchtet, und wir haben geſehen, wie er mit derſelben plötzlich gebrochen und wie er ſie raſch wieder vergeſſen. Mit einem Worte, gab es einen ſtarken Mann, der ſeiner ſelbſt gewiß war, ſo war es ſicherlich Immanuel. Ein Thor, ein tauſendfacher Thor iſt der Mann, der da denkt, wie Immanuel, der da glaubt, er werde die Natur und die menſchlichen Leidenſchaften beherrſchen können. Er wird ſeine Opfer, oder viel⸗ mehr ſeine Siege zählen; er wird, um ſeine Theo⸗ rien zu ſtützen, Beweiſe haben, die ſich über fünfzehn Jahre erſtrecken; gleich Ulyſſes wird er den Sirenen widerſtanden haben, ſo geſchickt und zauberiſch auch dieſelben geweſen ſein mögen; er wird, gleich Im⸗ manuel, einmal Julia, das heißt, dem Vorbild weib⸗ licher Liſt und ſinnlicher Lüſte, entgangen ſein; und eines ſchönen Tages wird er ſich, gleich einem Schü⸗ ler, fangen laſſen von der argloſen Naivetät eines b ſechzehnjährigen Mädchens, die ihn mit ihren großen blauen Augen anſchaut, die ſonſt Nichts für ſich hat, als die Grazie einer Penſionärin und die, indem ſie ſich in ihn verliebt, ebenſo wenig weiß, was ſie thut, als er weiß, wohin es mit ihm kommt, indem er ſie anhört. Die gefährlichſte Waffe der Weiber iſt ent⸗ ſchieden ihre Jungfräulichkeit. Unterdeſſen dachte Mariens Herz nach, und ſo⸗ bald das Herz nachdenkt, ſo iſt das ein Beweis, daß es gefangen iſt; denn es denkt nie an etwas An⸗ deres, als daran, wie es ſich vertheidigen, oder ſich übergeben ſoll, was, beiläufig geſagt, bei Weibern ſo ziemlich auf das Gleiche hinausläuft. ſein nu⸗ ent zeu ihn lich bes daf gun ver ſich die neu nue das ſein den her ſteh aus ben Stri uß er ſehen, ie er gab war, Nann, t, er daften viel⸗ Theo⸗ rfzehn renen auch Im⸗ weib⸗ und Schü⸗ eines roßen hat, m ſie thut, er ſie t ent⸗ nd ſo⸗ , daß An⸗ r ſich eibern 207 Immanuel trieb ſich im Garten hin und her, ſeine arme Seele marternd und derſelben, von Mi⸗ nute zu Minute, eine Illuſion und eine Hoffnung entreißend. Er trieb dieß ſo weit, daß er ſich über⸗ zeugte, oder zu überzeugen glaubte, es liebe Marie ihn entſchieden nicht. Ihrerſeits that Marie natür⸗ lich ein Gleiches. Wie hatte aber Immanuel dieſes plötzliche Lie⸗ besbedürfniß bekommen? Wer weiß, ob er nicht dafür ganz reif war durch die erſten ſinnlichen Re⸗ gungen, welche Julia in ihm geweckt? In der Liebe verkettet ſich Alles, und, wider ſeinen Willen, ſtellte ſich in ſeinem Geiſte Julia's Geſtalt gar oft neben die Mariens. Der Vergleich hatte aber das völlig neue Gefühl nur noch geſteigert, das Imma⸗ nuel auf einmal in ſeinem Innern entdeckte, und das, ſei es in Folge wirklicher Liebe, ſei es in Folge ſeiner Einſamkeit, ihm ein Seelenbedürfniß gewor⸗ den war. Während der junge Pair im Garten hin und her ging, begegnete er dem Grafen. „Sehen Sie einmal!“ ſprach Herr von Hermi, ſtehen bleibend, und den Arm nach der Wieſe hin ausſtreckend. „Nun!“ „Wen ſehen Sie?“ „Ich ſehe Clementine, die Blumen pflückt.“ „Wie finden Sie dieſelbe?“ „Anbetungswürdig.“ „Kann es auf der Welt etwas Reizenderes ge⸗ ben? Sehen Sie ſie doch nur mit ihrem großen Strohhute, ihren ſchwarzen Haaren, ihrem feurigen 208 Blicke und ihrem hübſchen Füßchen! Welch reizen⸗ des Weib muß ſie nicht einmal werden!“ „Sie glauben?“ „Ich bin deſſen gewiß. Geſtehen Sie nur, daß Sie ſie lieben.“ „Ja, ich liebe ſie ſehr, doch aber iſt meine Liebe nur die eines Freundes.“ „Ein weiterer Grund, ſie zu heirathen, denn es iſt ſtets ein Unglück, in ſeine Frau verliebt zu ſein, wenn man ſich heirathet.“ „Und warum denn?“ „Weil in dieſe Liebe ſich eine Sinnenfrage miſcht, und weil, ſind einmal die Sinne befriedigt, die Frau gerade das wird, was die Geliebten waren: dagegen iſt eine bloße Freundſchaft dauerhafter und ſicherer, ganz abgeſehen davon, daß es Einem ſtets frei ſteht, auch die andere Liebe damit zu verbinden.“ „Sie haben Recht,— haben immer Recht.“ „Heirathen Sie Clementine: folgen Sie mir!“ „In der That, ich glaube, daß es das Geſcheidteſte iſt,“ murmelte Immanuel, den der Graf mit ſeinem freien und ſcharfen Blicke ſtudirte. „Ich werde das ſchon ordnen, ſeien Sie ruhig!“ verſetzte Herr von Hermi. Immanuel antwortete auch nicht eine Silbe. „Ja, ich will dieſes Kind heirathen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt:„Das Mädchen wird mir Alles ver⸗ danken, und mich daher aus Dankbarkeit lieben; ſo muß man geliebt werden. Zum Henker! warum bin ich hieher gekommen? Ich kenne mich gar nicht mehr. Was geht in mir vor? Ich habe nicht einmal ſo 209 viel Kraft mehr, dem Grafen die unnütze Heirath abzuſchlagen, die er mir vorſchlägt.“ Es war keine Zeit zu verlieren. Das Ende der Vacanz war nahe, und es mußte Alles in Ordnung gebracht ſein, bevor Clementine in ihr Penſionat zu⸗ rückging. Was das junge Mädchen betrifft, ſo ahnte ſie auch nicht im Entfernteſten, was um ſie her vor⸗ ging. Herr von Hermi konnte mit Clementinen nicht über dieſes Heiratsproject ſprechen. Er wandte ſich alſo an die Gräfin. Er ſagte ihr, Immanuels Glück hange von dieſer Verbindung ab, und gab ihr den Auftrag, zwiſchen dem jungen Pair und dem ſchönen Kinde die Sache zu vermitteln; zugleich bat er ſie, ernſter denn ſonſt zu ſein, da das Glück zweier Menſchen von ihr abhange.. Frau von Hermi nahm eine feierliche Miene an und ſprach, ſich an Clementinen wendend: „Mein Kind, ich muß mit Ihnen ſprechen: wir wollen in Ihr Zimmer hinaufgehen.“ Wie man ſieht, ſo theilte Jedermann im Schloſſe den gleichen Irrthum, oder ſchien denſelben wenig⸗ ſtens zu theilen. Der Graf, die Gräfin, Immanuel und Marie ſahen, was da nicht war, und ſahen nicht, was da war. Clementine allein hatte einen Augenblick die Wahrheit geahnt; wie wir aber ge⸗ ſehen, ſo hatte ihre Freundin ſie alsbald eines Beſ⸗ ſeren belehrt, denn man kann ſchön, reich, ein Mann von Geiſt und von Adel ſein, ohne gewiſſe Dinge auch nur zu ahnen: man kann, gleich einem Erobe⸗ rer, eine ganze Welt in Bewegung bringen, ohne darum im Herzen eines Weibes leſen zu können. Es gibt ungeheure Kräfte, die vor dieſer unergründlichen Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 14 210 Schwäche unmächtig ſind, wie der Menſchen Wiſſen vor dem Räthſel der Sphinx: man wird, ſei man Greis, oder ein noch junger Mann, ſei man auf ſeine Jugend, oder ſeine Erfahrung eitel, von den⸗ ſelben Blicken und demſelben Lächeln getäuſcht. Clementine ging der Gräfin voran, und Beide gingen in das Zimmer der Erſteren hinauf. „Mein Kind,“ hob Frau von Hermi an, indem ſie ſich ſetzte, ihr reizendes Geſicht eine vollſtändige Metamorphoſe erleiden ließ, und endlich ernſt wurde, „ich will mit Ihnen über Ihre Zukunft ſprechen.“ „Ich höre, Madame.“ „Sie ſind nun in einem Alter, daß man mit Ihnen wie mit einer Frau ſprechen kann. Bei Ent⸗ ſchlüſſen, welche das ganze Daſein umfaſſen, muß man meines Erachtens vor Allen diejenige befragen, die dabei intereſſirt iſt. Im Uebrigen haben Sie weder Vater noch Mutter mehr, ſondern nur noch eine Tante, die Alles thun wird, was Sie ſelbſt be⸗ ſchließen,— nicht wahr?“ „Ich glaube ſo.“ „So hören Sie denn! Ein Mädchen muß früher oder ſpäter einen Mann nehmen; Sie lächeln hier⸗ über und meinen, früher ſei beſſer, denn ſpäter, und wenn Sie zum Beiſpiel ſich nun verheiratheten, ſo würden Sie nicht allein einen Mann bekommen, ſondern auch kein weiteres Jahr mehr in dem Penſionat zu bleiben brauchen.“ „Handelt es ſich denn wirklich von mir, Nadame?“ „Ja, mein Kind, von Ihnen.“ „Ohl ſprechen Sie!l ich höre.“ „Wohlan, mein liebes Kind, antworten Sie mir, ¹ 211 iſſen wie einer Mutter; denn wie Ihre eigene Mutter Ihr man Glück gewollt hätte, ſo will auch ich es. Haben auf Sie ſchon, gleich allen Mädchen, von einem unmög⸗ den⸗ lichen Gatten geträumt, und würden Sie wohl den wahren aus Liebe zum idealen zurückweiſen?“ zeide„Nein, Madame,“ verſetzte Clementine lächelnd; „ich habe ſogar Marien gar oft geſagt, es würde ddem der Mann, auf den ich mir Hoffnung machte, ein dige Mann aus der Provinz, ein recht menſchlicher und irde, ohne Zweifel recht materieller Gatte ſein.“ .„Sie würden alſo ſich einen jungen, adeligen, reichen Mann gefallen laſſen, der Sie liebte, und mit würden die Aufgabe übernehmen, ihn möglichſt glück⸗ Ent⸗ lich zu machen?“ muß„O ja, Madame.“ agen,„So glaube ich denn, mein Kind, daß Sie nicht Sie mehr zu Madame Düvernay zurückkehren.“ noch„Was ſagen Sie da?“ t be⸗„Nichts, als die Wahrheit.“ „So ſagen Sie es noch einmal, Madame!“ „Ich wiederhole Ihnen, mein ſchönes Kind, daß, üher wenn Sie keinen Mädchentheorien huldigen, wenn hier⸗ nicht ſchon ein älterer Entſchluß da iſt, und wenn und endlich Ihre Tante Nichts dagegen hat, Sie ſchon , ſo in einem Monat verheirathet ſein werden.“ dern„Und kenne ich meinen künftigen Gatten?“ at zu„Ic. „Iſt, er jung?“ ne?“„d.“ „in hübſcher Mann?“ 212 „Ja.“ „Und wird er ſeinen Wohnſitz in Paris haben?“ lich „Ja.“ gen O Madame, dann bin ich damit einverſtanden, ohne Weiteres einverſtanden.“ „Ferner iſt derſelbe reich, was nicht ſchaden daß kann.“ „Aber ich bin es nicht.“ „Was thut es, da er es iſt?“ zu „Und wie heißt er?“ „Rathen Sie einmal.“ „Ich kann nicht rathen.“ Mo „Wie? Es iſt Jemand, den Sie alle Tage ſehen.“ „Herr von Bryon?“ Ser „Derſelbe.“ „Aber er liebt mich ja nicht?“ Hex „Er betet Sie an.“ „Er hat mir ſolches nie geſagt.“. „Ihnen hat er es allerdings nicht geſagt, aber Gre dem Grafen, von dem ich den Auftrag habe, Sie zu fragen.“ „Ach, wie gütig ſind Sie! Auch ich liebe ihn ſehr.“ „Weiter wollte er nicht wiſſen. Und nun ſchwei⸗ gen Sie, thun Sie, als wüßten Sie keine Silbe von Allem, was ich Ihnen eben geſagt, und warten Sie, bis er bei Ihrer Tante um Sie anhält. Sie ver⸗ ſprechen mir, daß Sie Nichts ſagen wollen?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Selbſt Marien werden Sie Nichts ſagen?“ Selbſt Marien nicht. t „Sie begreifen, mein Kind, daß, was ich thue, Ueb ihre 213 zu Ihrem Glücke iſt. Herr von Bryon iſt eine herr⸗ n2“ liche Partie; vor Allem aber Geduld und Verſchwie⸗ genheit! Und nun geben Sie mir einen Kuß!“ den Das Mädchen that, wie ihr geſagt worden, und 7;. ,25..;„ es ging die Gräfin wieder hinunter, ſeelenvergnügt, nden daß ihr ein ſo wichtiger Auftrag geworden, und ganz ſtolz, daß ſie ſich deſſelben ſo gut entledigt. „Nun?“ fragte der Graf ſeine Frau, als er ſie zu ſich herkommen ſah. „Nun, ſie liebt ihn auch.“ „Um ſo beſſer: Immanuel wird ein glücklicher Mann werden.“ en.“„Wer weiß?“ bemerkte die Gräfin mit einem Seufzer. „Das iſt ein recht fatales Wer weiß!“ verſetzte Herr von Hermi lächelnd. „Hat man doch ſo viele Ehen alſo anfangen—“ „Und anders enden ſehen; nicht wahr?“ fiel der aber Graf ein. le zu„Die Männer ſind der Liebe ſo wenig fähig!“ „Und die Frauen vergeſſen ſo leicht!“ ihn„Soll das ein Vorwurf ſein, Graf?“ „Nein, Gräfin.“ wei⸗„Du haſt mich nie geliebt?“ von„St! machte Herr von Hermi. Sie,„Was iſt Dir?“ ver⸗„Da iſt der Baron.“ „Was liegt mir am Baron?“ „Undankbare!“ — Während dieſer Zeit konnte Clementine von ihrer Ueberraſchung gar nicht zurückkommen: ſie ging in thue, ihrem Zimmer auf und ab, beſchaute ſich in ihrem 214 Spiegel, machte die ausſchweifendſten Pläne, und ſtig ihre Phantaſie ging zugleich mit ihrem Herzen durch. ſich Als ſie zur Eſſenszeit ſich neben Immanuel bei Tiſche gen ſah, klopfte ihr das Herz. Abwechslungsweiſe wurde heit ſie roth und blaß, und es wollte ihr ſchon übel wer⸗ tine den. Herr von Hermi aber warf ihr einen Blick hac zu, den ſie allein verſtehen konnte, und dann ſetzte Ta⸗ ſich das Mädchen wieder, von der erſten Aufregung ihre ſich wieder erholend. laſſ Immannuel, der nicht um den Schritt wußte, den die Gräfin bei Clementinen gethan, war wie ſonſt; Ha von Zeit zu Zeit blickte er verſtohlen Marie an, die ein wenig ſorgenvoller ausſah, denn gewöhnlich, und ihr Möglichſtes that, um fröhlich zu ſcheinen. Was die Gräfin betrifft, ſo war ſie noch nie ſo freude⸗ ſtrahlend geweſen. Der Graf und der Baron waren Se bei beſter Laune. Als der Abend gekommen war, nahm Herr von Hermi den jungen Pair beiſeit und theilte ihm mit, was ſeine Frau gethan. Marie ſchaute Herrn von Bryon an, wohl ahnend, daß im Schloſſe etwas Un⸗ gewöhnliches vorgehen müſſe. Seinerſeits ſah auch der Immanuel ſie an, gleich als wollte er ſich zum letz⸗ ten Male verſichern, daß ſie ihn nicht liebe, und da ſah er denn, wie ſie ſich zu Clementinen hinneigte und mit derſelben lachte. „Die Frau Gräfin hat wohl gethan;“ ſprach Im⸗ manuel. Marien pochte das Herz, daß es ihr faſt die ha Bruſt zerſprengte. Man trennte ſich ſchon früh. Marie und Clementine gingen mit einander in ihre Zimmer hinauf. Clementine zeigte eine ausgelaſſene Lu der 215 ſtigkeit. Marie war träumeriſch, und nachdem ſie ſich den ganzen Tag über Zwang angethan, verbar⸗ gen ihre Augen Thränen, die nur auf eine Gelegen⸗ heit warteten, um denſelben zu entſtürzen. Clemen⸗ tine brannte vor Begierde, ihrer Freundin Alles haarklein zu erzählen, und nachdem ſie einen ganzen Tag geſchwiegen, wartete ſie nur auf ein Wort, um ihren Lippen das große Geheimniß entſchlüpfen zu laſſen. „Gute Nacht!“ ſprach Marie, Clementinen die Hand reichend. „Schon!“ bemerkte Letztere. „Ich bin müde.“ „Es iſt kaum erſt zehn Uhr.“ „Du ſcheinſt mir in der That keine Luſt zum Schlafen zu haben.“ „Ich bin auch ſo froh!“ „Du biſt es ſtets.“ „Heute aber bin ich es noch mehr.“ „Und was iſt Dir denn ſo Gutes begegnet?“ „Ah, Etwas,“ verſetzte Clementine in einem Tone, der da ſagen wollte: Das iſt mein Geheimniß. „Ich will es nicht wiſſen.“ „Du wirſt böſe?“ „Durchaus nicht.“ „Ich würde Dir es gerne ſagen, aber.. 5 „Aber?... „Du mußt mir geloben, daß Du reinen Mund halten willſt.“ „Ich gelobe es Dir.“ „Denk' Dir einmal,“ fuhr Clementine fort, in⸗ dem ſie näher zu Marien hertrat, bei der die Neu⸗ 216 gierde die Oberhand über die Traurigkeit gewann, und die ganz Ohr war,„denk' Dir einmal, ich ſoll mich heirathen!“ wi „Wirklich, und wann das?“ „Schon in einem Monate.“ „Hat Deine Tante Dir das geſchrieben? „Nein, meine Tante weiß noch Nichts davon.“ „Wo heiratheſt Du Dich denn?“ „Zu Paris.“ „Madame Düvernay alſo?...“ „Vergeſſen.“ „Oh, welches Glück!“ rief Marie,„da bleiben ja bei einander! Aber wen heiratheſt Du?“ „Rath' einmal!“ „Kenne ich Deinen Mann?“ „Ja.“ Es hatte Marie gleichſam ein Vorgefühl; jedoch wagte ſie es nicht, den Namen auszuſprechen, der ihr auf die Lippen kam. „Ich weiß es wahrlich nicht.“ Such'!“ „Iſt es Jemand, der hierher kommt?“ fragte ſie zitternd. Ja 1 „„. „Kommt er oft hierher?“ „Jeden Tag.“ „Der Baron von Bay?“ „Du Närrin!“. „Herr von Bryon?“ ſagte Marie erbleichend. „Der iſt's und kein Anderer,“ rief Clementine. Es fehlte nicht viel, ſo wäre Marie umgefallen. der nocl Dei eber hüte Alle tar Mei Ged Wel Frer theil ann, ſoll iben doch der ſie „Du liebſt ihn alſo?“ hob das Mädchen wie⸗ der an. „Ja.“ „Du liebteſt ihn ja aber vor ein paar Tagen noch nicht?“ „Es ſcheint, daß ich ihn jetzt liebe.“ „Aber er?“ „Er liebt auch mich.“ „Er hat Dir das geſagt?“ „Nein.“ „Wer hat es Dir denn aber geſagt?“ „Er ſelbſt hat es Deinem Vater geſtanden, und Deine Mutter hat es mir heute wiederholt.“ „O mein Gott!“ ſprach Marie. „Was iſt Dir denn?“ „Nichts; nur die Freude über das, was Du mir eben geſagt...“ „Er wird meiner Tante ſchreiben, die ſich wohl hüten wird, nein zu ſagen. Deine Mutter bringt Alles das in Ordnung; ſag' aber bei Leibe Nichts!“ „Sei ganz ruhig.“ „Und ich, die ich irgend einen abſcheulichen No⸗ tar heirathen zu müſſen glaubte! Was mich am Meiſten freut, liebe, gute Marie, ſieh, das iſt der Gedanke, daß ich Dich nicht mehr verlaſſen werde. Welches Glück!“ Und es warf ſich Clementine in die Arme ihrer Freundin, die zu träumen glaubte. „Dieſe Neuigkeit ſcheint Dich traurig zu ſtimmen.“ „Im Gegentheil, meine liebe Clementine: ich theile von ganzem Herzen Deine Freude.“ 218 MNarie ſetzte ſich, ihre Thränen nur mit Mühe zurückhaltend. „Es macht das Dich alſo recht glücklich?“ fing Letztere wieder an. „Du fragſt mich das noch?“ „Ah, um ſo beſſer!“ „Und ich— ich glaubte, Herr von Bryon ſei in Dich verliebt! Was ich doch für eine Närrin!“ Marie litt Höllenqualen. „Gute Nacht!“ zwang ſie heraus. „Haſt Du immer noch Luſt zu ſchlafen?“ & 74 „Ja. „Gute Nacht alſo!“ Clementine küßte hier ihre Freundin, die mit ſtieren Blicken auf dem Rande ihres Bettes ſaß. Ganz fröhlich ging dagegen die Erſtere in ihr Zimmer. Als ſie fort war, ſchloß Marie mechaniſch die Thüre und fing, mitten in ihrem Zimmer auf die Knie niederfallend, an, die ganze Thränenfluth auszuweinen, die ihr Herz ſeit dem Morgen bewahrt hatte. Sechzehntes Kapitel. Marien dauerte die Nacht gar lange. Man er⸗ räth leicht, wie viele Schmerzen in der erſten ſchlaf⸗ loſen Nacht eines Mädchens liegen. Oft entſchwand ihr ſogar der Gedanke; und dann erinnerte ſie ſich gar nicht mehr an die eigentliche Urſache ihres Wei⸗ nens. Dann ſtand ſie auf, öffnete ihr Fenſter und fragte ſich, inmitten der Stille und der Heiterkeit der tete wel. reit⸗ der See ſchli Um man dieß ihre ſah, dur ſie hint ratl böſe auf Fen Ma athr und Der Blu ſow chen und mur dieſ taſt 1. lich Nühe fing ei in mit ſaß. mmer. die f die fluth bahrt n er⸗ chlaf⸗ vand ſich Wei⸗ und erkeit 219 der Nacht die Augen auf die geheimnißvoll beſchat⸗ teten Bäume geheftet haltend, ob das das Glück ſei, welches das Leben biete; dann verzweifelte ihre be⸗ reits an der Gegenwart verzweifelnde Seele auch an der Zukunft und wurde noch trauriger, denn die Seele findet ſich nie traurig genug, und gierig ſchlürft ſie, ſo zu ſagen, die Wolluſt des Schmerzens. Um Marien zu enthüllen, nicht etwa, daß ſie Im⸗ manuel liebe, ſondern, wie ſehr ſie ihn liebe, war dieß nothwendig geweſen. Indem ſie die Hoffnung ihres Lebens auf das Leben eines Andern übergehen ſah, fing ſie an zu verſtehen, was ſie empfand, denn durch die Eiferſucht kam ſie zur Liebe. Dann warf ſie bei ſich ſelbſt Herrn von Bryon vor, daß er ſie hintergangen: ſie beſchuldigte ihn, daß er nicht er⸗ rathen, was ſie ihm verborgen; ſie war ihm deßhalb böſe und ging, bitterlich weinend, in ihrem Zimmer auf und ab. Es dauerte die Nacht immer noch. An ihrem Fenſter, in den Zwiſchenacten ihres Kummers ſuchte Marie die Ruhe der ſie umgebenden Natur einzu⸗ athmen; man hätte glauben können, daß nur ſie und ihr Gedanke allein unter dem Himmel lebten. Der Mond beleuchtete in maäjeſtätiſcher Weiſe große Blumen, die am Fuße der Mauer emporſtrebten, ſowie die große Wieſe, die vor den Augen des Mäd⸗ chens ſich entrollte; aber es ließ derſelbe nur hie und da einen verſtohlenen Strahl in die langen, murmelnden und finſteren Alleen dringen. Hinter dieſem Strahl ſah man Nichts mehr, als den phan⸗ taſtiſchen Schatten, worin der Geiſt jene übermenſch⸗ lichen Weſen entſpringen läßt, die beim erſten Mor⸗ 220 genſtrahl ſterben. Dann und wann glitt durchſichti⸗ ges Gewölk unter der Mondſcheibe hin, und ver⸗ ſchleierte eine Minute lang die blaſſe Helle des Ge⸗ ſtirns. Alles ſchlief den impoſanten Schlaf, der Einen endlich erſchreckt, wenn man Zeuge deſſelben iſt, ſo daß Marie, von einem unbeſtimmten Schrecken erfaßt, ihr Fenſter wieder zumachte und ſich wieder in's Bett legte. Sie zündete ihre Lampe von Neuem an und horchte, denn ſchlafloſe Nächte bringt man gewöhnlich mit Horchen zu; ſtets glaubt man, es werden, weil es Nacht iſt, Dinge vorkommen, die den Tag über nicht vorkommen. Marie hatte ſich alſo, nachdem ſie recht viel ge⸗ weint, wie bereits geſagt, wieder in ihr Bett begeben, und fing, an ein glückliches Leben gewöhnt, an, an ihrem Kummer zu zweifeln, und dennoch konnte ſie nicht ſchlafen. Es däuchte ihr ſo ſeltſam, ihr, dem ſorgloſen Mädchen, das erſt ſeit ſechs Wochen die Schule verlaſſen, wo es nach dem allabendlichen Ge⸗ bet jede Nacht ruhig geſchlafen, daß ſie ſchon für Jemand anders, als ihre Eltern wachen ſollte: die⸗ ſer Gedanke allein ſchon erhielt ſie wach. Im Uebrigen wachte ſie nicht allein ſo. Auch Im⸗ manuel hatte, als er wieder daheim war, nicht ſchla⸗ fen können; allein er war die Nachtwachen gewohnt: nur war es an dieſem Abend nicht mehr, wie ſonſt, der Gedanke, daß er ſtudiren müſſe, der ihn an ſei⸗ nem Tiſche wach erhielt, und kam ihm auch der Ge⸗ danke, daß er arbeiten wolle, ſo ſollte dieß eigentlich nur ein Ableiter für den Gedanken ſein, der ihn verfolgte. Es war leicht zu ſehen, daß derſelbe immer wiederkehrte; denn jeden Augenblick ſtand Immanuel auf Zim Fen die dieſ Nur geſe Bile ſein hine und ſtür dach und Tiſe es, lung kam gen ben das in ſ alle lüft brir nich dan ſein geſſ fäng die von ſichti⸗ ver⸗ Ge⸗ der elben tecken ieder euem man „ es eden l ge⸗ eben, , an e ſie dem n die Ge⸗ 1 für die⸗ Im⸗ ſchla⸗ öhnt: onſt, t ſei⸗ Ge⸗ tlich ihn umer nuel 221 auf und durchmaß, mit der Hand auf der Stirn, ſein Zimmer. Ganz wie Marie, öffnete auch er das Fenſter; ganz wie ſie, athmete auch er die Luft ein, die ſie geathmet; dabei ſagte er zu ſich ſelbſt: Um dieſe Stunde ſchläft ſie, wie ſie zu ſich geſagt hatte: Nun ruht er. Dann hatte er das Fenſter wieder geſchloſſen und, ſich umkehrend, im Halbſchatten das Bild ſeiner Mutter erblickt, das ihm zulächelte und ſeine Nacht ſchützte. Er war zu dem Bilde näher hingegangen, und es war ſeinen Augen eine Thräne und ſeinem Herzen ein Gebet zu gleicher Zeit ent⸗ ſtürzt. Nachdem er eine Weile an ſeine Mutter ge⸗ dacht, hatte ſein Geiſt ſich wieder Marien zugewendet, und es war vergebens, daß er ſich wieder an ſeinen Tiſch geſetzt, um zu arbeiten. Aber, wir wiederholen es, es hatte in Immanuels Seele eine große Wand⸗ lung ſtattgefunden. Seitdem er zu Herrn von Hermi kam, ſpielte, ſo oft er ſich mit den ernſten Angele⸗ genheiten beſchäftigen wollte, die ſein bisheriges Le⸗ ben ausgemacht, der Schatten des ſchönen Kindes, das er den Tag über geſehen, in munterer Weiſe in ſeine wichtigen Geſchäfte hinein, und jagte ſie nach allen vier Wänden hin auseinander, wie Sommer⸗ lüfte auf den Tiſchen Papierblätter in Unordnung bringen und entführen. Dann nahm ſich Immanuel nicht die Mühe, die unterbrochene Kette ſeiner Ge⸗ danken wieder zuſammenzufügen; er warf ſich auf ſeinen Stuhl und träumte, Welt und Menſchen ver⸗ geſſend, von Marien,— von Marien, in der er an⸗ fänglich nur eine Seelenſchweſter erblickt hatte, und die er nun zur Lebensgefährtin ſich gewünſcht hätte; von Marien, die ihm als die wieder auf die Erde 222 verſetzte Seele ſeiner Mutter und als der lebendige, von ihr vom Himmel herabgeſchickte Schutz erſchien; von Marien, in der er, ſchon als er ſie zum erſten Male geſehen, den Engel ſeiner Zukunft zu erkennen geglaubt hatte; kurz von Marien, die er liebte, die ihn aber nicht liebte. Und ſo oft er auf dieſen pe⸗ riodiſchen und fatalen Gedanken zurückkam, ward ihm das Leben zum Ekel, und waren ihm die Menſchen verächtlich. „O, die Menſchen, die Menſchen!“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„verwünſchtes Pack, das nur unter der Bedingung Ruhm ſpendet, daß derſelbe das Herz mit fortnehme! Und um ſeinen Namen von menſch⸗ lichen Lippen ausſprechen zu hören, begräbt man ſein Glück und ſeinen Frohſinn lebendig, da es doch ſo ſüß wäre, daß dieſer Name nur von einem ein⸗ zigen Munde, in der Dunkelheit, zwiſchen Gebet und Schlaf, zwiſchen der Seele und Gott ausgeſprochen würde! Oh, ich ehrgeiziger und ſelbſtſüchtiger Menſch — ich, der ich bis jetzt aus Nichts, denn aus Hoch⸗ muth und Eitelkeit beſtand,— ich, der ich geglaubt, ich würde mein Leben mathematiſiren können, ich⸗ möchte gern alle meine bisherigen Arbeiten, alle meine Glücks⸗ und Zukunftshoffnungen dafür geben, wenn zu dieſer Stunde Marie wachte, wie ich wache, und an mich dächte, wie ich an ſie denke. Hätte ſie mich geliebt, ſo hätten wir Beide, uns in unſerer Liebe iſolirend, dem Treiben der Welt entſagt. Ich hätte Paris und die Menſchen verlaſſen, hätte die Welt gehen laſſen, wie ſie eben will, und es wäre dabei Nichts verloren geweſen; denn was vermag meine kleinliche Eitelkeit auf ihre großen Schickſale 3 dige, hien; rſten nnen , die n pe⸗ ihm ſchen r bei r der Herz enſch⸗ man doch ein⸗ und ochen enſch Hoch⸗ aubt, ,ich alle eben, ache, te ſie ſerer Ich e die wäre rmag ckſale 223 beſtimmend einzuwirken? Ich bin bis daher ein gro⸗ ßer Thor geweſen. Aber ſie liebt mich nicht, und ich werde eine Andere heirathen, und frage mich ſelbſt noch, warum ich denn dieſes Kind heirathe? Hätte ich doch noch meine Mutter! Meine arme Mutter! Sie würde mir rathend zur Seite ſtehen. Als Weib würde ſie mir die Dinge ſagen, die mein Herz nicht erräth, und könnte ſie mir Nichts ſagen, ſo würde ſie mit mir weinen, und dann würde ich nicht ſo viel leiden; denn indem man in zwei Herzen leidet, leidet man weniger. Aber ich habe ſie nicht einmal ge⸗ kannt, und bin in Beziehung auf alle Liebe im Vor⸗ aus enterbt. Wenn ich an Marie ſchriebe und ihr Alles geſtände?“ Und er fing einen für das Mädchen beſtimmten Brief an, den er aber immer wieder zerriß, da er immer recht unverſtändig war. So brachten alſo Immanuel und Marie dieſe Nacht zu, jedes in ſeiner Weiſe. Es war noch eine dritte, in dieſes Familiendrama verwickelte Perſon vorhanden, nämlich Clementine. Dieſe hatte ſich, als ſie Fräulein von Hermi verließ, auf ihr Zimmer zurückgezogen und ſich ganz ver⸗ gnügt und ſtolz zur Ruhe gelegt. Etwas, was ſie ſich nicht einmal hätte im Schlaf einfallen laſſen, ſollte in providentieller Weiſe Statt finden, und es waren ihre Gedanken nur Gedanken der Liebe und der Dankbarkeit. Sie gelobte ſich ſelbſt, ſie wolle den Mann, der ihr ſeinen Namen geben werde, recht glücklich machen, und ihre naive Seele gab ſich den keuſcheſten und allerliebſten Projekten hin. Bei einem ſechzehnjährigen Mädchen iſt die Phan⸗ 224 taſie nicht träge; und es war Clementine inmitten ihrer neuen Hoffnungen lächelnd eingeſchlafen, wie ein Kind inmitten neuen Spielzeugs. Zum Unglücke, oder vielleicht auch zum Glücke macht die Freude ſo gut wie der Schmerz den Schlaf leicht, ſo daß das holde Kind in ihren goldenen Träumen, jenen Vögeln mit holdem Gefieder, die in ihre Nacht hineinſangen, Etwas vernahm, das dem Geräuſch eines ſich öff⸗ nenden Fenſters gleich kam. Sie fuhr aus dem Schlafe auf, horchte und hörte Nichts mehr. Sie legte ſich alſo wieder zu Bette. Da ſchien es ihr, es ſei ihr Zimmer erleuchtet; und wirklich ſah ſie unter ihrer Thüre einen Lichtſtrahl durchdringen, der von Mariens Zimmer herkam. In dieſem Augenblicke ſchlug es zwei Uhr. Sie rief: „Marie, Marie!“ Keine Antwort. Nun ſtand ſie auf, öffnete ganz ſachte die Thüre, und ging, alle Kraft ihrer Augen und Ohren zu Hülfe rufend, auf der Spitze ihrer weißen Füßchen hinein. „Sie ſchläft neben ihrer brennenden Lampe, die Unvorſichtige!“ dachte ſie. Und ſie trat immer näher, um die Lampe aus⸗ zulöſchen. So langte ſie endlich bei dem Bette an und ſah Marie, die, auf eine Hand geſtützt, mit thränengerö⸗ theten Augen, ſtier und verſtört ausſah, wie man ausſieht, wenn man immer von einem und demſelben Gedanken verfolgt wird. „Was iſt Dir denn, Marie?“ ſprach das Mädchen. Scl etw abt alle itten wie lücke, de ſo das ggeln igen, öff⸗ dem Sie ihr, ſie , der 225 Als Marie eine Stimme hörte, ſtieß ſie einen Schrei aus. „Ich bin es,“ antwortete Clementine.„Haſt Du etwa Furcht?“ „Ah! Du biſt es,“ verſetzte Marie, ſich die Augen abwiſchend. „Du haſt mich nicht gehört?“ „Nein.“ „Ich habe Dir zwei Mal gerufen.“ „Ich ſchlief.. „Du lügſt, Du haſt nicht geſchlafen. Was in aller Welt iſt Dir denn?“ fuhr ſie fort, indem ſie Marie küßte und ſich neben ſie auf das Bett ſetzte. „Es fehlt mir Nichts.“ „Du haſt geweint.“ „Nichts, als ein böſer Traum.“ rautn) Du verbirgſt mir Etwas; es iſt das nicht „Wie kommt es aber, daß Du wach biſt?“ „Ich habe Dich das Fenſter auf⸗ oder zumachen hören.“ „Du haſt Dich da geirrt.“ „Nein, ich bin meiner Sache gewiß. Nun, ſo ſage mir doch, was Dir iſt.“ „Aber ich ſage Dir, ich habe Nichts: es iſt durch⸗ aus nur kindiſches Zeug. Iſt es Dir nicht biswei⸗ len begegnet, daß Du im Schlafe weinteſt und plötz⸗ lich aufwachteſt?“ „Ja; Du aber haſt nicht geſchlafen.“ „Wer ſagt Dir das?“ „Deine Lampe, die noch brennt.“ Dumasd. J., ein Frauenleben. I. 15 226 „Ich habe ſie wieder angezündet. Und zudem, was kann Dir daran liegen, ob mir Etwas fehlt?“ „Wie, was mir daran liegen könne? Weißt Du auch, daß, was Du da ſagſt, recht unartig und böſe iſt?“ „Du für Deine Perſon biſt glücklich.“ „Du auch.“ 1. „Das iſt wahr.“ „Und doch weinſt Du?“ „Hat man nicht zuweilen traurige Gedanken, die Einem blutige Thränen auspreſſen? Ich leide an den Nerven, das iſt Alles.“ „Geh, Du verheimlichſt mir Etwas. Ich bin Dir böſe. Leb' wohl!“ „Du gehſt?“ „Ja. „Warum?“ „Weil Du mich nicht mehr liebſt.“ „Bleib' doch, ich bitte Dich darum!“ „Herzlich gern; dann aber mußt Du mir ſagen, warum Du weinſt.“ „Das iſt unmöglich.“ 81 iſt alſo eine recht ernſte, wichtige Sache?“ 2„Dül. „Weiß Deine Mutter darum?“ „Nein, nur ich allein.“ „Du ſcheinſt mir wirklich ſeit einigen Tagen noch ſorgenvoller. Du langweilſt Dich.“ „Vielleicht.“ „Morgen wird das Alles vorüber ſein..“ „Hoffentlich.“ „Gib mir einen Kuß.“ , die e an bin agen, e?“ noch —— 227 „Du gehſt?“ „Ja. Du mußt ſchlafen und ebenſo ich. Wir wollen ein anderes Mal von Deinem Kummer ſpre⸗ chen,“ verſetzte Clementine, indem ſie ſich entfernte. „Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Clementine zog ſich auf ihr Zimmer zurück; an⸗ ſtatt aber ſich zur Ruhe zu legen, blieb ſie hinter ihrer Thüre ſtehen. Einige Augenblicke darauf ſah ſie Mariens Lampe ausgehen; ſie vermuthete, es wolle ihre Freundin nun endlich ſchlafen, und ging zu Bette. An dem darauf folgenden Morgen hatte Marie ganz rothe Augen; indeſſen ſchien ſie ruhiger. „Sag' meiner Mutter ja nicht, daß ich geweint habe,“ ſprach ſie zu Clementinen. „Recht gern, aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Unter der Bedingung, daß Du mir ſagſt, wa⸗ rum Du geweint haſt.“ „Später.“ „Wann?“ „Wenn Du verheirathet biſt.“ Und es begleitete Marie dieſe Morte mit einem blaſſen, traurigen Lächeln. Wie gewöhnlich kam Herr von Bryon, und es wurde dieſer Mariens Bläſſe gewahr. Letztere aber gewahrte nicht die ſeinige, ſo gewöhnlich war dieſe. Sie blieben bei einander. „Sie ſcheinen mir leidend zu ſein, mein Fräu⸗ lein,“ ſprach Immanuel. „Ach nein, mein Herr; ich habe nur einen Theil * 228 der Nacht mit Clementinen durchplaudert, und viel⸗ leicht hat mich das lange Wachen etwas ermüdet; indeſſen darf man wohl ein Mal ein bischen wachen, um das Glück einer Perſon zu vernehmen, die man liebt.“ „Fräulein Clementine iſt alſo glücklich?“ „Sie fragen mich das?“ „Ja.“ „Das müſſen Sie doch beſſer wiſſen, als irgend Jemand, da ihr Glück von Ihnen ausgeht.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Wollen Sie ſie nicht heirathen?“ „Das iſt richtig; Herr von Hermi iſt es, der dieſe Heirath ſich in den Kopf geſetzt.“ „Geſtehen Sie nur, daß Sie ein bischen deſſen Mitſchuldiger ſind.“ „Ich geſtehe das.“ „Ich wünſche Ihnen Glück dazu; Clementine iſt ein gutes, edles Mädchen.“ „Das mich vielleicht lieben wird.“ „Sie liebt Sie ſchon.“ „Sie hat es Ihnen alſo geſagt?“ „Den ganzen Abend.“ lein?“ „Es macht mir Freude um Clementinens willen, die ich liebe, und um Ihretwillen, den ich achte, mein err. Bei dieſen Worten zog über Herrn von Bryons Augen eine Wolke hin. Immanuel ſtand auf, Marie deßgleichen. „Clementine iſt im Garten,“ ſagte ſie zu ihm. „Und Sie billigen dieſe Heirath, mein Fräu⸗ Ant viel⸗ udet; chen, man gend dieſe deſſen ne iſt Fräu⸗ vwillen, mein ryons Marie ihm. 229 „Ich danke Ihnen,“ verſetzte er, ſich verbeugend. Und er entfernte ſich. Wir überlaſſen es dem geneigten Leſer, die Ge⸗ danken zu errathen, welche während des übrigen Tages Immanuel und Marie bewegten. Was Clo⸗ tilde betrifft, ſo ahnte ſie gar Nichts. Der Baron ſeinerſeits beſchäftigte ſich nur mit Clotilden. Cle⸗ mentine plauderte und zwitſcherte wie ein Vögelchen, und war nur vor Herrn von Bryon etwas ernſter geſtimmt. Der Graf ſchien glücklich. Man ſetzte ſich zu Tiſche, um das Hauptmahl einzunehmen. Es be⸗ gann die allgemeine Unterhaltung. Immanuel heu⸗ chelte die größte Ruhe und zwang ſich ſogar zu ei⸗ nem Lächeln. Marie wollte ein Gleiches thun; aber es ging dieß über die Kräfte des armen Kindes, und wohl hundert Mal kamen ihr die Thränen in die Augen. Sie that ſich Zwang an; gleichwohl konnte man leicht ſehen, daß Etwas in ihrem Kopfe herumging. Ihr Vater fragte ſie mit jenem un⸗ ruhigen Auge, das vom Herzen ſeinen Blick borgt; das Mädchen aber wich dieſem Blicke aus, wohl füh⸗ lend, daß ſie beim geringſten Worte in Schluchzen ausbrechen würde. „Was haſt Du denn?“ ſagte Clementine ganz leiſe zu ihr. „Ach! Nichts,“ antwortete Marie„Laß mich in Frieden.“ „Wie blaß Du doch biſt!“ ſprach die Gräfin zu ihr.„Es fehlt Dir Etwas.“ „Es fehlt mir Nichts, liebe Mutter.“ Man begreift leicht, daß alle dieſe e Fragen und Antworten, daß dieſer Zwang für Marie eine Qual 230 waren, aber man beſchäftigte ſich wenigſtens mit ihr, und es war dieß gleichſam ein Troſt. Endlich achtete man nicht mehr auf dieſe kleine Schmolllaune, und ſo fiel denn das Geſpräch auf einen andern Gegen⸗ ſtand. „Er hat nicht einmal gefragt, was mir fehle,“ dachte Marie. Clementine allein fuhr mit jener unbeſonnenen Hartnäckigkeit junger Mädchen fort, ihre Freundin ganz leiſe zu fragen. Marie, die nicht mehr wußte, was ſie ſagen ſollte, ſtand auf und entfernte ſich. „Wohin geht ſie wohl?“ fragte die Gräfin. „Ich glaube, es fehlt ihr Etwas; ich will ihr nachgehen,“ ſprach Clementine. „Thun Sie das, ich bitte Sie darum,“ verſetzte Clotilde. Immanuel hätte Alles auf der Welt darum gegeben, wenn er Clementine hätte begleiten dürfen. Letztere fand Marie auf ihrem Zimmer, auf dem Bette liegend und ſchluchzend. „Aber ins Himmels Namen, ſo ſag' mir doch, was Dir iſt!“ rief Clementine, ebenfalls bereit zu weinen. „Laß mich doch, geh, ich will mit meiner Mutter ſprechen,“ antwortete Marie. Clementine ging wieder hinunter und richtete der Gräfin den ihr gewordenen Auftrag aus. Clotilde ſtand auf, und Herr von Hermi fragte nun eben⸗ falls Clementine. „Oh, es hat die Sache Nichts zu bedeuten,“ ſprach das Mädchen,„es ſind die Nerven Mariens ein bischen angegriffen.“ ſie Cli ihr, htete und egen⸗ hle,“ tenen indin ußte, ch. lihr ſetzte arum erfen. dem doch, it zu tutter e der otilde eben⸗ ten,“ riens 231 „Liebe Mutter!“ rief Fräulein von Hermi, indem ſie ſich ſchluchzend der Gräfin in die Arme warf. „Mein Kind, ſag' uns doch, was Dir iſt!“ ſagte Clotilde. „Du liebſt mich, nicht wahr?“ „Du weißt es wohl, lieber Engel; es liebt Dich hier Jedermann. Du biſt leidend?“ „Nein, Mutter.“ „Willſt Du einen Arzt haben?“ „Nein, weinen will ich; das wird mich erleich⸗ tern.“ „Die Luft iſt eben auch drückend,“ meinte Ma⸗ rianne. „Ja, gute Marianne, Du haſt Recht,“ erwiderte Marie, indem ſie der wackern Frau die Hand reichte. 9„Leg' Dich ins Bett, mein Kind, leg' Dich ins ett!“ „Ja, Mutter, aber ich⸗mag nicht allein ſein.“ „Clementine wird Dir Geſellſchaft leiſten.“ „Ich möchte Clementine jetzt nicht um mich haben.“ „So will denn ich bei Dir bleiben; wir wollen ein bischen plaudern.“ „Das iſt mir lieb, gute Mutter; gib mir einen Kuß.“ Und Marie warf ſich abermals der Gräfin um den Hals,— der Gräfin, die dieſen plötzlichen Schmerz ſchlechterdings nicht begreifen konnte. Man entkleidete Marie und brachte ſie zu Bette. „Du haſt Fieber,“ ſprach die Gräfin zu ihr, „Du brennſt ja; deck Dich recht zu!“ 232 „Ja, Mutter. Sei ruhig; es wird die Sache ohne Zweifel nicht von Bedeutung ſein.“ Clementine war bei Herrn von Bryon geblieben. Der Baron ging allein ſpazieren. „Mein Fräulein,“ ſagte Immanuel zu Clemen⸗ tinen,„was hat denn Marie,— ich will ſagen, Fräulein Marie?“ „Oh, Nichts mein Herr.“ „Sie iſt nicht krank?“ „Nein.“ „Ah, um ſo beſſer, Du mein Gott!“ Clementine ſchaute Immanuel an, der, ſichtlich bewegt, dieſe Frage an ſie richtete. „Das iſt ſonderbar,“ dachte ſie;„und Marie will mich nicht um ſich haben!“ Gedankenvoll entfernte ſich Clementine, und den ganzen Abend ſtudirte ſie Immanuel. Endlich wurde Marie ruhiger; und da die Natur die Oberhand ge⸗ wann, ſchlief ſie allmählig ein, oder ſtellte ſie ſich vielmehr, als ſchlafe ſie ein. Frau von Hermi ging alſo wieder hinunter. Einige Augenblicke darauf trat Clementine in das Zimmer ihrer Freundin; dieſe öffnete die Augen. „Biſt Du mir immer noch böſe?“ fragte Cle⸗ mentine, ſie küſſend.. „Ich bin Dir nie böſe geweſen; ich war krank, und wie Du weißt, ſo iſt man böſe, wenn Einem Etwas fehlt. Verzeih' mir und ſetz' Dich dort hin. Aber Du biſt ja ſelbſt ganz blaß.“ „Es iſt das wohl möglich.“ „Warum?“ „Seit einer Stunde habe ich viel nachgedacht. mi un des lie gen bache eben. men⸗ agen, htlich Narie d den purde d ge⸗ e ſich ging ne in ugen. Cle⸗ krank, Linem hin. acht.“ 233 „Und worüber?“ „Ueber die Zukunft.“ „Du wirſt ernſt, Clementine?“ „Ich muß wohl.“ „Du haſt Recht; Du heiratheſt dich wohl bald?“ „Nein, ich heirathe mich nicht.“ „Wie, Du heiratheſt Dich nicht?“ rief Marie mit einem unwillkürlichen Anflug von Freude.“ „Nein.“ „Und was thuſt Du denn?“ „Ich bleibe in meinem Penſionate.“ Clementine betrachtete aufmerkſam ihre Freundin und ſurhie zu errathen, was in ihr vorging. „Du wareſt über dieſe Heirath doch ſo vergnügt?“ „Jch habe mich ſeitdem anders beſonnen.“ „Du liebteſt Herrn von Bryon?“ „Ich glaubte es.“ „Liebt er Dich?“ „Nein.“ „Und wer hat Dir das geſagt?“ „Er liebt eine Andere.“ Marie erblaßte, fühlte aber, wie die Gewißheit des geträumten Glückes näher und näher kam. „Und wer hat Dir geſagt, daß er eine Andere liebe?“ fragte ſie zitternd. „Ich hab' es errathen.“ „Dann irrſt Du Dich.“ „Nein, denn dieſe Andere liebt ihn gleichfalls.“ „Meinſt Du?“ „Ich meine es nicht, ſondern bin meiner Sache gewiß. Es iſt Dir nun beſſer, Marie; es kommt Deine Farbe wieder. 234 „Ja, es iſt mir wirklich beſſer.“ „Ich will Dich nun verlaſſen.“ „Schon ſo bald!“ „Morgen in aller Früh wird er ſelbſt kommen, um ſich nach Deinem Befinden zu erkundigen.“ „Wer?“ „Du fragſt es noch?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will damit ſo viel ſagen, daß Herr von Bryon noch nicht fort und der Mann iſt, bis morgen auf dem Schloſſe zu bleiben, ohne den Muth zu haben, es zu verlaſſen.“ „Theuerſte Clementine, Du biſt ein Engel.“ „Du geſtehſt es alſo?“ „Ich kann nicht anders.“ „Und Du liebſt ihn?“ „Mehr denn Alles auf der Welt.“ „So ſei denn glücklich!“ „Es kommt Jemand; es iſt meine Mutter. Schweig', auch nicht ein Wort, ſie darf von dem Allem Nichts wiſſen; es bleibe dieß unter uns Beiden Geheimniß!“ „Sei ruhig!“ In der That traf die Gräfin ein, die im Zimmer ihre Tochter hatte ſprechen hören. Clementine ging zum Fenſter hin, um eine Thräne abzuwiſchen, und kehrte ſich, mit einem Lächeln auf den Lippen, wieder um. „Nun?“ ſprach Clotilde. „Nun, liebe Mutter,“ antwortete Marie,„ich hatte Dir ja geſagt, daß es nicht von Bedeutung wäre. Clementine hat mir geholfen.“ nen, von rgen ) zu 235 Und Marie reichte eine Hand ihrer Freundin, die andere ihrer Mutter hin. Siebzehntes Kapitel. „Willſt Du wohl wieder in den Salon herabkom⸗ men?“ fragte Frau von Hermi ihre Tochter, als ſie dieſe wieder ganz ruhig ſah. „Nein, liebe Mutter,“ antwortete Marie,„ich will den Reſt des Abends Clementine um mich haben.“ „Soll vielleicht Dein Vater ein bischen zu Dir heraufkommen?“ „Es iſt mir dieß ganz recht.“ „Herr von Bryon wird wohl nicht mehr lange bleiben, dann iſt Dein Vater frei.“ „Willſt Du ſo gut ſein, ihn zu beruhigen, Mut⸗ ter,“ ſagte Marie, indem ſie die Gräfin küßte,„und mich bei Herrn von Bryon entſchuldigen?“ fuhr ſie, Clementine anſchauend, fort. „Auf der Stelle ſoll das geſchehen, liebes Kind,“ antwortete Frau von Hermi, die auch nicht entfernt die wahre Urſache von Mariens Unwohlſein ahnete. „Sag',“ rief Letztere, ihrer Freundin ſich in die Arme werfend, als hinter der Gräfin die Thüre ſich wieder geſchloſſen,„ſag', daß Du mir nicht böſe iſt!“ „Ich ſollte Dir böſe ſein! Ja, und weßhalb denn, Du mein Gott? Weil Du Herrn von Bryon liebſt? Aber es freut mich dieß im Gegentheil un⸗ endlich, da Herr von Bryon Dich liebt.“ „Du haſt dieß wahrgenommen?“ 236 „Du weißt, daß ich Dir's ſchon lange geſagt.“ „Das iſt wahr,“ erwiderte Marie, Clementinen die Hand reichend;„Du biſt mehr denn gut, Du ſiehſt voraus, Du erräthſt mit Deinem trefflichen Herzen, was in Anderer Herzen vorgeht; es iſt da⸗ her auch, theure Clementine, mein Wille, daß Du recht glücklich werdeſt. Es iſt das meine Sache. Herr von Bryon und ich werden Dir ſchon einen Mann finden.“ „Du ſprichſt von Herrn von Bryon, als ob Du ſchon deſſen Frau wäreſt.“ „Werde ich das nicht ſein?“ „Du weißt, daß ich ſelbſt es um ein Haar ge⸗ worden wäre. Du haſt ſogar wohl gethan, mich noch zu rechter Zeit zu benachrichtigen. Weißt Du, daß wir Zwei ein gar trauriges Paar gemacht hät⸗ ten? Wie hätte ich dieſen armen Herrn von Bryon gelangweilt! Dagegen wäre ich eine Pairsfrau ge⸗ weſen, und es iſt das Etwas.“ „Geſtehe nur, Du bedauerſt, daß Du das nun nicht ſein ſollſt.“ „Ich kann Dir das wohl geſtehen; bedauerte ich nicht ein bischen, daß dieſe Heirath in's Waſſer ge⸗ fallen, ſo würde ich Dir kein Opfer bringen, und ich will den Stolz haben, denken zu können, daß ich Dir ein ſolches gebracht; ich will mir einſt ſagen können, daß ich es ſei, der Du Dein Glück verdankeſt.“ „Das Glück meines ganzen Lebens, ſiehſt Du,“ entgegnete Marie;„denn nun fühle ich, daß daſſelbe von dieſer Heirath abhängt.“ — ſl.“ inen Du ichen da⸗ Du Herr kann Du v ge⸗ mich Du, hät⸗ ryon u ge⸗ nun te ich r ge⸗ und daß einſt Glück Du,“ ſſelbe 237 „Biſt Du auch gewiß, daß Du Dich nicht täu⸗ ſcheſt? In unſerem Alter folgt man ſo leicht den erſten Rathſchlägen ſeines Herzens, und es wäre überaus ſchmerzlich, wenn Du Dein Leben an ein Gefühl gekettet hätteſt, das kein ernſtes wäre. Wenn Du einſt gewahr würdeſt, daß Du Herrn von Bryon nicht liebteſt?“ „Es ſteht das nicht zu befürchten: ich liebe ihn, herzige Clementine. Vor ihm hat noch Niemand meinen Schlaf geſtört und meine Gedanken verwirrt; vor ihm hat noch Niemand ſo viel vermocht, daß ich Dich einen Augenblick haßte.“ „Du haſt mich alſo verabſcheut?“ „Eine ganze Nacht.“ „Du Kind! Du hätteſt mir die Wahrheit ſagen ſollen.“ „Was willſt Du? Ich glaubte, er liebe mich nicht; am Tage Eurer Heirath aber wäre ich vor Verzweiflung geſtorben.“ „Was wird Dein Vater ſagen, der mit dem, was Du gethan, ſo zufrieden war?“ „Sag' ihm Nichts davon!“ „Mir däucht indeſſen, daß es beſſer wäre, ihm den wahren Sachverhalt nicht länger zu verſchwei⸗ gen, nachdem die Sachen einmal ſo weit gediehen ſind, und die Gräfin uns die bewußten Mittheilun⸗ gen gemacht hat.“ „Warte noch eine kleine Zeit.“ „Du verlangſt es durchaus?“ „Ja; es iſt noch nicht lange genug, daß ich meinen Vater verſichert, wie ich ihn nie verlaſſen würde.“ 238 „Dein Vater, liebe Marie, hat, wie Du mir ſelbſt geſagt, über Deine Zukunft viel und liebevoll mit Dir geſprochen. Er hat Dir ſelbſt Dein Glück anheim gegeben. Er hat Dir geſagt, Du könneſt den Mann wählen, der Dir am Beſten gefalle, über⸗ zeugt, daß ein ſo edles Herz, wie das Deinige, nicht irre gehen könne. Dieſe Liebe aber wird Deinen Vater glücklich und ſtolz machen.“ „Ohne Zweifel; aber es wird im Hauſe dann Alles erfahren, daß ich Herrn von Bryon liebe, und alsbald wird dann von der Heirath die Rede ſein. Jetzt, da ich keine Nebenbuhlerin mehr habe, iſt es mir lieber, dieſes Geheimniß noch ein bischen für mich behalten zu können; ich ſage, für mich, weil Dein Herz wie das meinige iſt, und Du mich nicht ver⸗ rathen wirſt. Es iſt mir lieber, Herr von Bryon zweifelt noch einige Zeit an meiner Liebe, da ich nun verſichert bin, daß er mich liebt. Ich will meine Mädchenpolitik gegen ſeine Staatsmannspolitik ſpie⸗ len laſſen. Ich will einmal ſehen, ob dieſer Diplo⸗ mat, der in den Herzen der Männer und in den Schickſalen der Reiche ſo leicht liest, auch in meiner Seele das Wort zu leſen verſteht, das ihn intereſſirt. Ich will über ſeinen Ehrgeiz den Sieg davon tra⸗ gen, denn er iſt zum Glück ehrgeizig. Es heißt, es ſei eine edle, ſchöne Leidenſchaft um den Chrgeiz, wenn derſelbe in einem großen und edlen Herzen wohne. Ich will machen, daß er ſeine Arbeiten, ſeinen Endzweck, ſeine Berechnungen, ſeine Theorien, daß er das ganze Gerüſt vergißt, worauf er bis jetzt ſein Leben gebaut, und deſſen Stütze ihm ſo ſicher ſcheint. Du erinnerſt Dich unſerer abendlichen von litike in e ſiebz naiv Dich hört hinzz Frät wand 1 Glüc erwi habe von mir voll lück neſt ber⸗ nicht nen ann und ein. mir nich dein ver⸗ von ich eine pie⸗ plo⸗ den iner ſirt. tra⸗ „ es geiz, rzen tten, rien, bis 1 ſo chen Geſpräche,— Du weißt, mit welcher Unfehlbarkeit er gegen uns behauptete, daß er die Grundlagen zu ſeiner politiſchen Zukunft gelegt. Er ſchien, ohne das uns indeſſen offen zu ſagen, ſo kleinen Herzens⸗ ſachen nur eine höchſt geringe Bedeutung beizumeſſen, und denſelben nur einen höchſt mittelmäßigen Ein⸗ fluß auf die Eriſtenz eines Mannes, der zu ſein er vorgibt, zu gönnen. Ich will ihn für ſolche Ver⸗ meſſenheit ſtrafen. Ich will es, da ich die ſtärkere bin; denn Du ſtehſt mir dafür, daß er mich liebt?.. „Ich ſtehe Dir dafür,“ lachte Clementine. „Er ſoll mir das Anerbieten machen, daß er be⸗ reit ſei, mir Alles zu opfern. Ich will aus dieſem Talleyrand einen Tircis machen, auf die Gefahr hin, ihm ſeine Freiheit ſpäter wieder geben zu müſſen. Welcher Triumph für mich, wenn man ſagte: Herr von Bryon, unſer junger Pair, unſer ſtrenger Po⸗ litiker, ſagt der Kammer Lebewohl und begräbt ſich in einem Thale der Schweiz mit ſeiner Frau, einem ſiebzehnjährigen, recht blonden, recht ſanften, recht naiven, recht ſentimentalen Mädchen! Würde es Dich nicht beluſtigen, wenn Du eines Tages ſolches hörteſt?“ „Ei, freilich, hauptſächlich aber, wenn man noch hinzuſetzte: Der armen Clementine Dübois verdankt Fräulein von Hermi es, daß ſie dieſe große Um⸗ wandlung hat bewirken können.“ „Ei, das habe ich vergeſſen! Was doch das Glück ſelbſtfüchtig iſt. Im Uebrigen mußt du wiſſen,“ erwiderte Marie,„daß, was ich zu thun im Sinne habe, mir gar nicht ſchwer auszuführen ſcheint. Herr von Bryon beſitzt unter dieſer politiſchen Außenſeite 240 die Empfindſamkeit eines Mädchens. Als er mir von ſeiner Mutter erzählte, da ſtanden ihm die Thränen in den Augen. Eines weiß ich gewiß, daß nämlich Herr von Bryon mehr Liebe in ſeinem Her⸗ zen hat, als irgend ein Menſch, und dieß um ſo mehr, als er nie Gelegenheit gehabt, dieſelbe zu be⸗ thätigen, und auf irgend ein Weſen überzutragen. Ein Beweis hiefür iſt die Bereitwilligkeit, womit er unſern Umgang und unſer häusliches Leben ange⸗ nommen hat. Haſt Du ihn an dem Tage geſehen, wo die Rennjagd Statt fand? Da war er kein Mann, ſondern ein wahres Kind. Clementine, Du mußt meine Brautjungfer werden.“ „Ach! ich werde bei Madame Düvernay ſein, wenn die Copulation Statt findet.“ „Dann laſſe ich mich zu Dreux copuliren.“ „Das wirſt Du thun?“ „Warum denn nicht? Es wird dieß ein gar natürlicher Aberglaube, eine gar gerechte Dankbar⸗ keit, eine gar ſüße Pflicht ſein.“ „Was das für eine Wirkung zu Dreux hervor⸗ bringen wird!“ „Es wird die ganze Stadt auf den Beinen ſein.“ „Welch' große Chre für das Penſionat von Ma⸗ dame Düvernay!“ „Welch glückliches Ding iſt es nicht um das Le⸗ ben, liebe Clementine!“ „Geſtern haſt Du nicht ſo geſprochen.“ „Von heute an aber werde ich ſtets ſo ſprechen.“ „Ich bitte Gott darum, liebe Marie; aber wen, zum Henker! ſoll nun ich heirathen 2 241 „Laß Dir darüber keine grauen Haare wachſen; das werden wir Dir ſchon finden.“ In dieſem Augenblick wurde an die Thüre des Mädchens geklopft. „Sprechen wir über Putzſachen,“ ſprach Marie; „es iſt mein Vater. Nur herein!“ rief ſie mit ihrer ſanften Stimme. Und es trat der Graf lächelnd in die Thüre. „Wohlan!“ hob er an,„Du biſt alſo krank ge⸗ weſen, armes Kind?“ „Es iſt nun vorüber, lieber Vater.“ „Deine Mutter ſagt mir ſo eben, Clementine habe dieſe ſchöne Cur bewirkt.“ Und ſolches ſprechend, ſchaute der Graf Fräulein Dübois mit einem faſt vertraulichen Blicke an, den das Mädchen ſich nicht recht zu erklären vermochte. „Ja, Vater,“ antwortete Marie;„aber wie lange Du nicht gekommen biſt!“ „Ich konnte Herrn von Bryon gar nicht fort⸗ bringen.“ „Ahl was hatte er Ihnen denn ſo Dringendes zu ſagen?“ „Oh! Nichts. Nur machte Dein Zuſtand ihm Unruhe. Er ſagte zu mir, daß er ein bischen Me⸗ dicin ſtudirt; er bot ſeine Dienſte an, fragte mich dieſes und jenes, und wollte ſchlechterdings wiſſen, was Dich mit einem Male ſo unwohl gemacht; kurz und gut,“ endigte Herr von Hermi im natürlichſten Tone von der Welt,„er ſagte Alles, was ein Welt⸗ mann unter ſolchen Umſtänden zu einem Vater ſa⸗ gen kann.“ „Und Sie haben ihn vollkommen beruhigt?“ Dumasd. J, ein Frauenleben. I. 46 242 „Ja, es wird ihn dieß aber, wie er mir geſagt, nicht verhindern, morgen ſchon in aller Frühe her⸗ zukommen, um ſelbſt nach Deinem Befinden ſich zu erkundigen.“ Es ſtudirte der Graf das Geſicht ſeiner Tochter, Marie wurde ein bischen roth, indem ſie Clementine verſtohlen anſchaute, ſchwieg aber. Herr von Hermi ſetzte ſich an das Bett ſeiner Tochter und ergriff deren Hand. Bald erſchien auch Frau von Hermi bei ihrem Gatten und den beiden Mädchen. Einige Augenblicke durfte endlich der Baron gleichfalls im Schlafzimmer Mariens bleiben, und gegen eilf Uhr trennte man ſich. „Kommen Sie morgen bald herunter; ich habe mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte der Graf ganz leiſe zu Clementinen, indem er ſie küßte. „Ganz gut, Herr Graf,“ antwortete das Mäd⸗ chen;„um acht Uhr werde ich im Garten ſein.“ Marie hatte weder die Frage ihres Vaters, noch die Antwort ihrer Freundin gehört. „Geſtehe es nur, heute Nacht wirſt Du gut ſchlafen,“ ſagte Clementine zu Marien, als ſie end⸗ lich allein waren. Statt aller Antwort küßte Fräulein von Hermi abermals ihre Freundin, die ſich auf ihr Zimmer zurückzog und ſich zu Bette legee. Am folgenden Morgen ging Clementine, treu dem gegebenen Verſprechen, und ſich ſelbſt fragend, was der Graf ihr wohl mitzutheilen haben möchte, in den Garten hinunter. Um ſolches thun zu können, mußte ſie durch Mariens Zimmer gehen; dieſe aber, welche die Freude lange wach erhalten, war erſt 4 2⁴3 ſpät eingeſchlafen; ſie ſchlief nun noch mit halb offe⸗ nem Munde und mit lächelnder Miene, während ſie den Kopf auf dem rechten Arme ruhen ließ. Wäre es Immanuel vergönnt geweſen, ſie ſo zu ſehen, ſo getraue ich mir nicht zu ſagen, daß er der Verſu⸗ chung widerſtanden wäre, dieſe weiße Stirn und dieſe runde Achſel zu küſſen, welche das Betttuch nicht ganz bedeckte. Clementine ging auf den Zehenſpitzen durch das Zimmer und dann die Treppe hinunter. Marie hatte ſich nicht gerührt. Was Herrn von Hermi be⸗ trifft, ſo ging er ſchon ſpazieren in Begleitung ſeiner beiden Lieblingshunde, welche dieſen Favoritismus nützten, um die Rabatten zu verwüſten. „Da bin ich, Herr Graf,“ ſprach Clementine, Herrn von Hermi's Arm nehmend. „Wie pünktlich Sie ſind, liebes Kind!“ erwiderte Mariens Vater, indem er dem Mädchen einen Kuß gab.„Sprechen wir nun ohne weiteren Aufſchub von ernſten Dingen!“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Es hat die Gräfin jüngſt mit Ihnen geſprochen,“ hob der Graf in ganz väterlichem Tone an; zugleich nahm er die weiße Hand, welche Clementine auf ſeinen rechten Arm ſtützte, in ſeine Linke. „Oh, ich weiß ſchon, was Sie mir ſagen wollen,“ unterbrach ihn das ſchöne Kind. „Ah, Sie wiſſen es?“ „Ja, ich weiß es: Sie wollen über meine Hei⸗ rath mit Herrn von Bryon mit mir ſprechen.“ „Richtig.“ „Ich verzichte darauf.“ 244 „Und warum das?“ „Weil ich ihn entſchieden nicht liebe, und zwei⸗ tens, weil ich glaube, daß auch er mich nicht liebt.“ „Und ſonſt haben Sie keinen Grund?“ „Keinen.“ „Sie ſchwören mir es?“ „Es kommt darauf an, worauf ich ſchwören ſoll.“ „Ah, Sie ſind eben ein Engel! Es iſt aber un⸗ nütz, daß Sie mich zu täuſchen ſuchen. Ich weiß Alles.“ „Was wiſſen Sie denn?“ „Daß Marie Herrn von Bryon liebt.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Sowie daß Immanuel Marie liebt.“ „Wo haben Sie das erfahren?“ „Ich habe es geſehen.“ „Geſtern?“ „Schon den zweiten Tag, als Immanuel hierher kam, habe ich geſehen, daß das ſo kommen würde, und ſeit mehr den vierzehn Tagen bin ich gewiß, daß es wirklich ſo gekommen iſt.“ „Das verſtehe ich nicht mehr,“ ſprach Clemen⸗ tine.. „Was verſtehen Sie nicht mehr?“ „Wie es kommt, daß Sie, dieß wiſſend, mich Herrn von Bryon heirathen laſſen wollten? Es iſt alſo nicht Ihr Wille, daß er Marie heirathe?“ „Im Gegentheil. Ich wünſche das von ganzer Seele.“ Clementine ſchaute den Grafen mit einer Miene an, welche ſagen wollte: „Wer von uns Beiden iſt verrückt?“. zei⸗ ebt.“ ſoll.“ un⸗ weiß erher ürde, ewiß, men⸗ mich Es iſt anzer Niene 245 „Und um Ihnen Alles dieſes zu erklären,“ fuhr der Graf fort,„habe ich Sie gebeten, heute morgen herunter zu kommen und mit mir allein zu ſprechen. Ich wußte, daß Marie Herrn von Bryon, und daß Herr von Bryon meine Tochter liebt; aber ich wußte auch, daß ſie ſich ihre Liebe nicht geſtehen würden; denn unſer großer Politiker iſt in Dingen des Her⸗ zens ein großes Kind, und gewiß hätte Marie nicht zuerſt mit ihm davon geſprochen. Es verging die Zeit; wir mußten bald nach Paris zurückkehren, wo der Verkehr natürlich nicht mehr ſo häufig iſt. Mir war und iſt noch an dieſer Verbindung viel gelegen, denn ich glaube, daß Immanuel unſere Marie glück⸗ lich machen wird; es war daher eine Kriſe nöthig, welche die beiden Liebenden zwang, ſich gegenſeitig auszuſprechen. Sie verſtehen doch das Alles, mein liebes Kind?“ „Ganz wohl.“ „Ich habe Immanuel gerathen, Sie zu hei⸗ rathen.“ „In der Hoffnung, daß er Ihnen ſeine Liebe zu Marien geſtehen würde?“ „Ganz richtig. Immannuel aber, der nicht ganz gewiß war, daß man ihn liebe, und der vielleicht ſich noch nicht gehörig Rechenſchaft gibt von dem, was er empfindet, nahm meinen Vorſchlag an.“ „Wahrlich, da hätte ich eine ſchöne Heirath ge⸗ macht!“ „Es ſtand nicht zu befürchten, daß dieſe Heirath zu Stande kommen würde. So mußte denn die Gräfin mit Ihnen ſprechen,— die Gräfin, die für ihre Perſon gar Nichts ahnt, und glaubt, es ſei Im⸗ 246 manuel ſterblich in Sie verliebt. Ich war feſt über⸗ zeugt, daß Sie trotz des mir gegebenen Verſpre⸗ chens, ihr davon Nichts ſagen zu wollen, dieſe Reuigkeit Marien mittheilen, und dieſe dann Alles geſtehen würde. Sie hat nun Nichts geſtan⸗ den, aber der geſtrige Auftritt hat mir genug geſagt, und die Verwirrung Immanuels, als er ſie krank ſah, beweist mir hinlänglich, daß ich mich nicht geirrt hatte. Aus Mariens Fröhlichkeit erſah ich geſtern Abend, daß Sie Ihnen Alles mitgetheilt, oder daß Sie Alles errathen, ſowie daß Sie auf dieſe Hei⸗ rath verzichten.“ „Es iſt dieß Alles wahr. Wie ſcharf Sie doch ſehen!“ „Ich liebe eben Marie, ſehen Sie, über allen Begriff.“ 44 „Wenn ich ſelbſt nun aber in Herrn von Bryon verliebt geweſen wäre,— wie dann?“ bemerkte Clementine lachend. „Aber Sie waren es nicht.“ „Hatten Sie auch das geſehen?“ „Ja. Mein ſchönes, theures Kind, ich habe Sie nun gebeten, einen Augenblick herunterzukommen, um Ihnen für das, was Sie für Marie gethan, danken und ſagen zu können, wie ich das als ein Opfer anſehe, das ich nie vergeſſen werde. Ich bin Ihnen einen guten Mann ſchuldig, und den werde ich Ihnen verſchaffen.“ „Oh, das darf Ihnen keine Sorge machen, Herr Graf; ich werde den ſchon zu finden wiſſen, wenn Sie ihn nicht finden.“ vor kon alſ und ſie über⸗ eſpre⸗ dieſe dann eſtan- eſagt, krank geirrt eſtern r daß Hei⸗ doch allen Bryon nerkte de Sie nmen, ethan, s ein h bin werde Herr wenn 247 „Soll ich Ihnen erſt anempfehlen, Marien Nichts von dem zu ſagen, was ich Ihnen hier mitgetheilt.“ „Es iſt das unnütz, ich würde es ihr dennoch erzählen.“ „Aber Immanuel, der Gräfin und Herrn von Bay gegenüber?“ „Werde ich ein unverbrüchliches Schweigen beob⸗ achten.“ „So iſt's recht: das Glück, meine theure Clemen⸗ tine, iſt eine Blume, die Schatten braucht, um auf⸗ gehen zu können. Wir allein, Marie, Sie und ich, dürfen wiſſen, daß Marie glücklich ſein wird.“ „Seien Sie ruhig, Herr Graf, ich werde ſchwei⸗ gen. Herr von Hermi küßte Clementine. „Aber,“ hob Letztere wieder an,„wie iſt es nun anzufangen, daß ich von Herrn von Bryon wieder frei werde?“ „Fürchten Sie Nichts; Sie ſollen ihn nicht be⸗ kommen. Ich nehme das auf mich. Marie liebt alſo Herrn von Bryon?“ fragte Herr von Hermi. „Sie hat die ganze vergangene Nacht geweint, und Sie ſelbſt haben geſehen, in welchem Zuſtande ſie geſtern beim Diner war.“ „Sie glauben alſo, ſie werde glücklich mit ihm ſein?“ 3 „Ich kenne Marie, und bin deſſen daher gewiß.“ „Sie verzeihen mir alſo?“ „Nun, was denn?“ „Daß ich mich Ihrer bedient, liebes Kind.“ „Iſt Marie mir nicht gleichſam eine Schweſter, Herr Graf? Sind Sie mir nicht gleichſam ein Vater? 248 Nicht allein verzeihe ich Ihnen, ſondern bin ſogar noch ſtolz darauf, daß es mir möglich geweſen, Ma⸗ riens Glück ſichern zu helfen. Im Uebrigen hat mir Marie Etwas verſprochen, was meinem Leidweſen vollends ein Ende machen müßte, wenn ein ſolches überhaupt vorhanden wäre.“ „Was hat ſie Ihnen denn verſprochen?“ „Daß ſie ſich zu Dreux würde copuliren laſſen.“ „Und ſie wird ihr Verſprechen halten, ſeien Sie deſſen gewiß.“ „Nun, Herr Graf, wie befindet ſich heute Mor⸗ gen Fräulein von Hermi?“ ließ ſich hinter ihm eine Stimme hören, die Herr von Hermi für die des Herrn von Bryon erkannte. .„Meinen Dank, lieber Immanuel,“ antwortete Mariens Vater, ſich umwendend und die Hände des jungen Pairs herzlich preſſend:„meinen Dankz; ſie befindet ſich recht wohl. In einem Augenblicke ſollen Sie ſelbſt ſie ſehen.“ Nun zog Immanuel ein Taſchentuch hervor und trocknete ſich die in Schweiß gebadete Stirn ab. In ſcharfem Trab war er hergeritten, und hatte eine halbe Stunde in nur zehn Minuten zurückgelegt. Clementine und der Graf ſchauten einander lä⸗ chelnd an. Achtzehntes Kapitel. Unterdeſſen war es November geworden; es wurde kalt, es entlaubten ſich die Bäume. Es fing der Park an, mager zu werden, wenn ein ſolcher Aus⸗ irde der us⸗ 249 druck erlaubt iſt, und es ſchauerten die gelben Blätter unter dem Einfluſſe der erſten Herbſtwinde. Man ging Abends nicht mehr aus, und verſammelte ſich ſchon um ein großes Feuer her. Marie und Cle⸗ mentine machten Muſik. Herr von Bay ſpielte mit dem Grafen Billard. Herr von Bryon aber blieb gewöhnlich bei Marien zurück, um ihr zuzuhören, unter dem Vorwande, die Gräfin nicht allein zu laſſen. Eines Tages hatte Herr von Hermi zu Imma⸗ nuel geſagt: „Es hat die Gräfin an Clementinens Tante ge⸗ ſchrieben, um deren Anſicht über die beabſichtigte Heirath zu vernehmen.“ „Und?...“ hatte Immanuel mit einer Unruhe gefragt, welche er nicht ganz zu verbergen vermocht hatte. „Und,“ fuhr der Graf fort, dem die Bewegung des Herrn von Bryon nicht hatte entgehen können, „es hat die Tante zur Antwort gegeben, es ſei ihr Wille, daß Clementine noch ein Jahr in ihrem Pen⸗ ſionat bleibe.“ 3 Wir brauchen wohl nicht erſt zu ſagen, daß Im⸗ manuel nicht weiter auf der Sache beſtanden hatte. Es ſollte die Eröffnung der Kammern nun bald Statt finden. Und doch ſprach Herr von Bryon, der nach Paris zurückkehren mußte, mit keiner Silbe davon. Er wollte warten, bis die ganze Familie des Herrn von Hermi abreiste. Bei ihr war ſein Herz. Hätte ſie den Winter auf dem Schloſſe zu⸗ gebracht, ſo hätte er die Kammer geopfert. Es war wiederum Marie, die das errieth. 250 „Vater,“ ſprach ſie eines Morgens, in Immanuels Gegenwart, zum Grafen,„ich möchte wohl der Er⸗ öffnung der Pairskammer anwohnen; ich habe Herrn von Bryon ſo oft über Politik ſprechen hören, daß ich nun auch von nah ſehen möchte, was das iſt.“ „In acht Tagen wird die Kammer eröffnet,“ ſprach Immanuel,„und dann werden Sie noch hier ſein.“ „Nein,“ antwortete der Graf, der Mariens Ab⸗ ſicht begriff;„morgen reiſen wir ab.“ Immanuel dankte Marien mit einem Blicke. An dem darauf folgenden Tage, um zwölf Uhr Mittags, ſtieg die Gräfin mit den beiden Mädchen in den Wagen, um nach Paris zurückzukehren. Eine zweite Poſtchaiſe folgte nach: darin war der Graf mit Immanuel und Herrn von Bay. Man kam in der Hauptſtadt an, das heißt, man trennte ſich. Der Graf, die Gräfin, Clementine und Marie ſtiegen in ihrem in der Rue des Saints-Pères liegenden Hotel ab, und Immanuel und der Baron nahmen von ihnen Abſchied. Der Baron mußte den ganzen Abend bei Im⸗ manuel bleiben; man hätte glauben können, er wolle ſtets Jemand um ſich haben, der ihn an das wäh⸗ rend zweier Monate genoſſene Glück erinnere. Ein Blick auf ſeine Wohnung warf ihn, ſo zu ſagen, in das wirkliche Leben zurück. Was ihm zuerſt auf⸗ fiel, war Julia's Brief, den er hatte auf dem Tiſche liegen laſſen, und der dort ſo während dieſer ganzen Zeit liegen geblieben war. Indem er dieſen Brief wieder las, ſchien es ihm, als ſeien es ſchon zehn Jahre, daß das Abenteuer, woran er erinnerte, Statt 251 gefunden. Er warf ihn in's Feuer. Dieſe Woh⸗ nung, in die er früher immer ſo befangenen Geiſtes trat, wohin die Arbeit, jener egoiſtiſche Gaſt, keinen andern Gedanken dringen ließ, erſchien Herrn von Bryon als eine ungeheure Einöde. Die auf dem Schloſſe des Herrn von Hermi angenommene Ge⸗ wohnheit, die zwei herrlichen Schatten, die ſeit zwei Monaten ſein Leben erheiterten, hin⸗ und hergehen zu ſehen, fehlte ſeinem Herzen eben ſo ſehr, als ſei⸗ nen Augen. Es däuchte Immanuel ſogar, als wäre Clementine bei ihm nicht überflüſſig. Die Luſtigkeit des ſchönen Kindes hätte ihn ein wenig getröſtet über das Gefühl der Traurigkeit und der Sehnſucht, das in ſein Herz eingezogen war, ſobald er wieder ſein eigenes Haus betrat und wieder ſein eigenes Leben lebte. Was er vorausgeſehen, trat ein. Es ward Im⸗ manuel und der Familie des Herrn von Hermi un⸗ möglich, ſich ſo oft zu ſehen, wie auf dem Lande. Ein Beſuch wurde in Paris faſt zu einer großen Sache, während ein ſolcher früher ein tagtägliches und leichtes Vergnügen geweſen war. Es gewährt die Stadt nicht die Bequemlichkeiten, die man auf dem Lande findet, und doch hatte der Graf Imma⸗ nuel gebeten, daß er der auf dem Schloſſe angenom⸗ menen Gewohnheit auch zu Paris treu bleiben möchte. Gleichwohl wunderte Herr von Bryon ſich über die⸗ ſes, neue Gefühl, das ſich plötzlich ſeines Herzens bemächtigt hatte, ſeit ſeiner Rückkehr dermaßen, daß er, nun wieder ganz allein, nun wieder ganz ſeinen früheren Gewohnheiten gegenüberſtehend, ſich von dieſem Gefühle durchaus vernünftige Rechenſchaft 25² geben wollte. Er ſagte ſich, es hätten wohl die be⸗ ſtändige Anſchauung der Natur, die Ruhe, das All⸗ einſein, das intime Zuſammenleben mit einer neuen Familie für ſein Leben ein Bedürfniß geſchaffen, dem ſeine Rückkehr nach Paris, das heißt, zu den Geſchäften, ohne Zweifel würde wieder ein Ende machen, wenigſtens in Hinſicht auf die ſentimentale Seite, die es haben möchte. Seiner theoretiſchen Exiſtenz gegenüber, und ſo viele Beweiſe in Händen habend, ſuchte Immanuel ſich ſelbſt zu überzeugen, daß ſeine Natur den lauen Freuden des ehelichen und Familienlebens widerſtrebe. Er ging ſogar ſo weit, daß er ſich ſagte, es wäre wohl lächerlich, wenn er den alltäglichen Weg einſchlüge, und eine kleine, ſechzehnjährige Penſionärin heirathete, er, der Mann, der ſeinem politiſchen Leben geſchworen, es durch Nichts von ſeinem Zwecke abziehen und es ſtets unabhängig erhalten zu wollen. Er fragte ſich wirk⸗ lich, ob er Marie auch liebe, und wünſchte ſich Glück, daß er bei ihrem Vater noch nicht um ſie ange⸗ halten. Unter ſolchen Gedanken ſchlief Immanuel ein. Am folgenden Morgen ſtand er ſchon in aller Frühe auf, verlangte die Tagblätter, hüllte ſich in ſeinen Schlafrock, ſetzte ſich an ſein Feuer, wie er vor ſei⸗ ner Abreiſe nach Poitou gethan, und nahm gewiſſen⸗ haft die Stellung und Miene eines Mannes an, der mit ernſten Dingen ſich zu beſchäftigen im Be⸗ griffe iſt. Er machte ſeine Zeitungen auf, deren Buchſtaben vor ſeinen Augen hin⸗ und herhüpften, da er an etwas ganz Anderes, als an's Leſen dachte; und mechaniſch, wider ſeinen Willen, kleidete er ſich an, 253 und ging nach der Rue des Saints-Pères, ohne recht zu wiſſen, wie ihm geſchah, und gleich als wäre er ſeinem vorausgehenden Herzen nachgefolgt. Als er in das Hotel des Grafen trat, war es erſt neun Uhr. Es ſchlief noch Alles. Immanuel kannte die Leute vom Hauſe noch nicht ſo genau, daß er es ſich hätte erlauben dürfen, das Erwachen des Herrn von Hermi in vertraulicher Weiſe abzuwarten. Er ver⸗ ließ alſo wieder die Rue des Saints-Pères, ſich faſt ſchämend, daß er einer ſo unwiderſtehlichen Anziehungs⸗ kraft unterlegen, die ihn doch zu Nichts führte. Es war kaltes, aber ſchönes Wetter. Anſtatt nun wie⸗ der heimzugehen, ging Immanuel auf den Kaien umher, ohne beſtimmten Zweck, ohne eine beſtimmte Abſicht; nur ſo viel war ihm dabei klar, daß er, ſo lange er Marie nicht geſehen, lediglich Nichts zu thun vermöge. Indem er über den Pont⸗Royal ging, ſah er einen jungen Mann auf ſich zukommen, der ihm bekannt vorkam, und in der That ſich ihm mit einer überaus reſpectvollen Miene, worin für den jungen Pair viel Schmeichelhaftes lag, näherte. Der junge Mann fragte ihn nach ſeinem Be⸗ finden. „Ich bin der Marquis von Grige,“ ſetzte der junge Mann hinzu, als er bemerkte, daß Immanuel, wenn er ihn auch von Geſicht kannte, doch ſeines Namens ſich nicht zu entſinnen ſchien,„und habe die Ehre gehabt, Ihnen in der großen Oper durch Herrn von Bay vorgeſtellt zu werden.“ „Es iſt mir das noch recht wohl erinnerlich,“ antwortete Immanuel, dem jungen Marquis in 254 freundſchaftlicher Weiſe die Hand reichend und nun ſeinerſeits ſich nach deſſen Befinden erkundigend. „Sie haben, wie Sie im Sinne hatten, ein paar Tage nach dem Abende, an dem ich Sie in der großen Oper ſah, Paris verlaſſen?“ fragte Leon. „Ja; ich bin in Poitou geweſen.“ „Und,“ lächelte der Marquis,„darf ich Sie fra⸗ gen,„wie Ihr Abenteuer mit der ſchönen Julia ab⸗ gelaufen iſt?“ „Recht gut.“ „Sie haben Widerſtand geleiſtet?“ „Nein.“ „Und ſind weggereist?“ „Mit Herrn von Bay an dem Tage und zu der Stunde, die zwiſchen uns verabredet worden.“ „Was hat ſie dazu geſagt?“ „Ich weiß es nicht; ich habe ſie ſeitdem nicht mehr geſehen, und ſie hat nicht an mich geſchrieben.“ Immanuel ging dann nach dem Kai Voltaire hin. „Sie gehen nach der Vorſtadt Saint Germain?“ fragte von Grige. „Ja; ich gehe nach der Rue des Saints-Pères.“ „Wenn Sie Nichts dagegen haben, ſo begleite ich Sie, da ich in die Jakobsſtraße gehe. Ah! Sie haben von Julia nicht mehr ſprechen hören!“ ſetzte Leon hinzu, in deſſen Miene Staunen ausgedrückt lag, und der neben Immanuel herging. „Mit keiner Silbe. Wie Sie ſehen, ſo ſtellten Sie ſich ihre Liebe zu mir, ſowie die Wichtigkeit, dis ſie derſelben beimaß, übergroß vor.“ „Es iſt noch nicht Alles aus.“ „Da irren Sie ſich; es iſt im Gegentheil Alles, Alle der ich Aug ſie Ma ihr eine als einn und risk ihre wär Sie Im Par bin mor und zuge aus iſt Bru Abſt ich Ihn man un rar der ra⸗ ab⸗ 25⁵ Alles aus,“ erwiderte Immanuel in einem Tone, der da ſagen wollte: Auf ſolcherlei Liebſchaften habe ich keine Zeit mehr zu verwenden. „Von Ihrer Seite iſt wohl, ich zweifle keinen Augenblick daran, Alles aus; aber glauben Sie mir, ſie iſt nicht das Weib, das einen Bruch mit einem Manne, wie Sie ſind, ſo leicht hinnimmt. Sie wären ihr mehr denn ein Liebhaber,— Sie wären ihr eine geſellſchaftliche Stellung geweſen. Julia Lovely als Herrn von Bryons Geliebte! Stellen Sie ſich einmal vor, welchen Effect das in Paris gemacht, und wie ſehr ihr Ruf dadurch gewonnen hätte. Sie riskiren nur Eines, nämlich daß Sie ſie zugleich in ihrer Liebe und in ihrer Eigenliebe verletzen; denn es wäre am Ende gar nicht zu verwundern, daß ſie Sie liebte.“ „Hat ſie Ihnen die Geſchichte erzählt?“ fragte Immanuel. „Seitdem habe ich ſie nicht geſprochen. Ich habe Paris faſt zu gleicher Zeit, wie Sie, verlaſſen, und bin erſt ſeit einigen Tagen wieder zurück; es iſt aber morgen im italieniſchen Theater große Vorſtellung, und da wird ſie denn nicht fehlen. Da ich auch hin⸗ zugehen im Sinne habe, ſo muß ich ſie ein bischen ausfragen, um ihre Abſichten zu erfahren; denn es iſt ſchlechterdings undenkbar, daß dieſer plötzliche Bruch ihr ſo ganz gleichgültig iſt. Hat ſie kriegeriſche Abſichten, und muthmaße ich ſolche bei ihr, ſo rechne ich es mir zum Ruhme an, ſie zu verrathen, und Ihnen davon Kunde zu geben.“ „Ich verſichere Sie, mein Herr,“ erwiderte Im⸗ manuel, der ganz gedemüthigt ſchien, daß man eine 256 Sache, die ihm ſelbſt ſo geringfügig ſchien, ſo wich⸗ tig nehmen könne, ‚„ich verſichere Sie, daß die Kriegs⸗ erklärungen von Fräulein Lovely ebenſo wenig zu fürchten ſind, als deren Liebeserklärungen. Es ſollte mir unendlich leid thun, wenn dieſes Abenteuer be⸗ kannt würde, und wenn man glaubte, daß ich auch nur entfernt noch daran denke, oder demſelben auch nur die geringſte Wichtigkeit beimeſſe.“ „Verzeihen Sie mir, mein Herr,“ ſetzte von Grige hinzu,„aber ich lebe in einer Welt von müſſigen Leuten, für welche ſolcherlei Abenteuer lauter große Ereigniſſe ſind, und vergeſſe ſtets, daß Sie, zu Ih⸗ rem Glücke, nicht in einer ſolchen Welt leben.“ Nun ging man plöͤtzlich auf andere Dinge über. Man ſprach von der Jagd, von Pferden, von Politik. So plaudernd kamen die beiden Spaziergänger endlich in der Rue des Saints-Pères an. Vor dem Hauſe Nr.) blieb Immanuel ſtehen. „Sc,dehen da hinein?“ fragte Leon. 7 6 „Sie gehen zu Herrn von Hermi?“ „Errathen! Kennen Sie ihn?“ „Nein; aber ſchon lange ſollte ich ihm durch Herrn von Bay vorgeſtellt werden, der mir geſagt hat, es ſei ein recht angenehmes Haus. Bis jetzt hat ſich das nicht ſo recht gefügt; nichts deſto weni⸗ ger aber möchte ich den Grafen kennen lernen.“ „Ich nehme es auf mich, Sie einzuführen,“ be⸗ merkte Immanuel,„und werde mein Verſprechen beſſer halten, als der Baron. Der Graf und die Gräfin ſind erſt ſeit geſtern wieder hier. Sie wer⸗ den wieder ihre Tage haben, wo ſie empfangen. Ich hole Adr ſich ſchie reich läche wurd 1 1 7 7 O 88 7 habe gehör 11 dem“ ich ih Es ſo einfül 2 nen ſ wiede 8 2 auch manu es der Dun urch ſſagt jetzt deni⸗ be⸗ ꝛichen die wer⸗ Ich — 257 hole Sie dann ab und ſtelle Sie vor. Ihre Adreſſe?“ „Sie ſind in der That allzu gütig,“ ſprach Leon, ſich verneigend und Herrn von Bryon, der von ihm ſchied und in das Hotel hineinging, ſeine Karte über⸗ reichend. Der Graf war unterdeſſen aufgeſtanden. „Sie ſind ſchon ein Mal da geweſen?“ ſagte er lächelnd zu Immanuel, als er deſſelben anſichtig wurde. 2eR. „Warum ſind Sie nicht dageblieben?“ „Es ſchlief noch Alles.“ „Sind Sie denn hier nicht zu Hauſe?“ Immanuel drückte Herrn von Hermi die Hand. „Meiner Treu!“ hob Erſterer wieder an,„eben habe ich gehandelt, wie wenn ich zu Ihrem Hauſe gehörte.“ „Was haben Sie gethan?“ „Ich habe einem allerliebſten jungen Manne, dem jungen Marquis von Grige, verſprochen, daß ich ihn Ihnen vorſtellen wolle.“ „Thun Sie das, thun Sie das, lieber Freund! Es ſollen überaus willkommen ſein Alle, welche Sie einführen. Sie frühſtücken doch mit uns?“ „Nein, in der That. Ich wollte bloß nach Ih⸗ nen ſehen, habe Sie nun geſehen und gehe daher wieder.“ „Von All dem, was Sie da ſagen, denken Sie auch nicht ein Wort. Ihr Herz, mein lieber Im⸗ manuel, iſt der Politik noch fremd, und kann, was es denkt, nicht verheimlichen. Es wird nicht mehr Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 3 47 258 lange anſtehen, ſo werden die Kinder aufwachen und erſcheinen.“ „Wie gut Sie mich doch kennen! Ich bleibe alſo.“ In der That ſetzte ſich Immanuel zu dem Gra⸗ fen hin. „Iſt Ihr morgender Abend noch frei?“ fragte der Letztere. „o. „So können Sie denn uns denſelben widmen?“ „Mit größtem Vergnügen.“ „Wir gehen in's italieniſche Theater. Es fin⸗ det dort große Vorſtellung Statt; die Gräfin hat ihr Logenbillet, und wir wollen Clementine, un⸗ ſere arme Penſionärin, hinführen, die uns in ein paar Tagen verläßt, um wieder nach Dreux zu gehen.“ „Ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten,“ wiederholte Immanuel. Man behauptet, man habe gar oft vom Unglück eine Ahnung. Immanuel, der nicht minder ein Fa⸗ taliſt war, als Andere, vermuthete gleichwohl nicht, daß dieſer morgende Abend auf ſein Leben von großem Einfluß ſein würde. Ueunzehntes Kapitel. Auch Marie hatte die erſte Nacht nach ihrer Rückkehr nicht zugebracht, ohne viel und lange nach⸗ zudenken; für ſie aber gab es keine Ungewißheit; ſie war gewiß, daß ſie Immanuel liebte. Seit der An⸗ kun eine als Sch Im grif hölz ahn dort Im lieb künd und wech men begr verc gege deſſe früh mit Gra lend geſa⸗ gewi nach Fure gewe Krei wied Tage Uhr und eibe Gra⸗ agte n?“ fin⸗ hat un⸗ mein r zu holte glück Fa⸗ nicht, von ihrer nach⸗ it; ſie 259 kunft des Herrn von Bryon war in ihrem Leben eine zu große moraliſche Veränderung eingetreten, als daß ſie noch daran hätte zweifeln können. Das Schloß, das ſie eben verlaſſen, däuchte ihr ohne Immanuel traurig, öde und unbewohnbar; ſie be⸗ griff nicht, wie ſie in dem damit verbundenen Ge⸗ hölze bis daher hatte luſtwandeln können, ohne zu ahnen, daß ein Tag kommen würde, wo ſie mit ihm dort luſtwandelte; mit einem Worte, die Gegenwart Immanuels an allen Orten, die ſie bis daher ge⸗ liebt, ſchien ihr das unerläßliche Zubehör ihres zu⸗ künftigen Glücks zu ſein. Es war zwar zwiſchen ihr und Herrn von Bryon noch kein Wort der Liebe ge⸗ wechſelt worden; allein von dem Tage an, wo Cle⸗ mentine auf ihre Heirath verzichtet, war Marie, die begriffen hatte, daß ihre plötzliche Kälte Immanuel veranlaßt, auf dieſe Verbindung einzugehen, in ſich gegangen, hatte ſich, um ihn für das, was er unter⸗ deſſen ausgeſtanden, zu entſchädigen, wieder auf den früheren intimen Fuß mit ihm geſtellt, und hatte mit jener Kunſt, welche die Weiber in ſo hohem Grade beſitzen, Immanuels Herz und Kopf ſich vol⸗ lends erobert. Kurz, ſie hatten ſich zwar noch nicht geſagt, daß ſie einander liebten, waren aber deſſen gewiß. Gleichwohl war es Marien vor der Rückkehr nach der Hauptſtadt bange geweſen. Sie hatte der Furcht Raum gegeben, daß Politik und frühere An⸗ gewohnheiten um den Mann, den ſie liebte, ihren Kreis ſchlößen und ihn von einer zufälligen Liebe wieder abzögen. Daher hatte ſie auch, als ſie, am Tage nach ihrer Ankunft, ihn hatte ſchon um neun Uhr kommen und um elf wieder gehen ſehen, wieder 260 friſchen Muth gefaßt und ſich geſagt: Er liebt mich ganz gewiß. In der Liebe, welche Marie fühlte, lag ein ge⸗ wiſſer Stolz, was im Grunde auch ganz natürlich war. Ohne Zweifel würde ein jüngerer, ſchönerer, mittheilſamerer Mann als Immanuel weniger Ein⸗ druck auf ſie gemacht haben. Was an Herrn von Bryon ſchon im erſten Augenblicke ſo verführeriſch geweſen, war die Seltſamkeit und Berühmtheit ſeines Lebens. Den Geiſt eines ſolchen Mannes zu be⸗ ſchäftigen, war ihr eine Art Herausforderung ge⸗ weſen, die ihr Herz an ſie ergehen ließ, und wie ſie ſelbſt zu Clementinen geſagt, ſo hatte ſie es ſich in den Kopf geſetzt, dieſe gewaltige Natur, der bis da⸗ hin die großen parlamentariſchen Kämpfe nothwendig geweſen waren, zu zähmen und nur ihrem Willen allein zu unterwerfen. Es war ihr das gelungen, Immanuel gehörte ſich ſelbſt nicht mehr an. Wie ſie dieß bewirkt, hätte ſie ſelbſt nicht zu ſagen ver⸗ mocht. Sie hatte ſich auf ihr Herz zurückgezogen, demſelben gelauſcht, und gethan, was daſſelbe ihr geboten. Die Vorſtellung im italieniſchen Theater, welcher Immanuel in einer und derſelben Loge mit ihr bei⸗ wohnen ſollte, war für Marie ein großes Ereigniß. Ihr ſchien es, als würde Jedermann auf ihrem Ge⸗ ſichte das Glück leſen, wovon ihr Herz erfüllt war, — als würde Jedermann die Liebe ahnen, die ſie Herrn von Bryon einzuflößen gewußt, und als würde an dem darauf folgenden Tage die Hauptſtadt ſich nur noch mit der großen Tagesneuigkeit beſchäftigen, daß Herr von Bryon ſich verliebt. Die ſeit 261 Marie theilte alle dieſe Träume Clementinen mit und wiederholte ſie ihr ohne Aufhören. Cle⸗ mentine ihrerſeits erſchien beinahe bekümmert, da ſie Tags darauf abreiſen und auf das ſüße Leben ver⸗ zichten ſollte, das ſie ſeit zwei Monaten führte, um nun wieder in der Provinz und in einem Penſionat zu leben. Wir wollen geſtehen, daß es Augenblicke gab, wo ſie ſich nicht enthalten konnte, ein wenig zu bedauern, daß der ſchöne Traum, den ſie einen Augenblick geträumt, ſich nicht verwirklicht oder nicht wahr geworden, und daß ſie ihrer Freundin ſo be⸗ reitwillig ein ſo großes Opfer gebracht. Wenn ſie an das Zimmerchen dachte, in dem ſie nun bald wieder allein ſein ſollte, konnte ſie ſich eines Anflugs wirklicher Traurigkeit nicht erwehren, den aber die durch ihr Glück ſorglos und gleichgültig gewordene Marie nicht einmal wahrnahm. „Ich werde mich zu Dreux recht langweilen,“ ſprach Clementine. „Arme Freundin,“ ſagte dann Marie, die, ſobald die Langweile und die Sorgen ihrer Kamerädin ſich durch Worte ausdrückten, damit ſympathiſirte; „ſoll ich vielleicht auf etliche Tage mit Dir zu Madame Düvernay zurückkehren?“ „Ach, Du weißt ja wohl, daß ich ſo Etwas nicht annehmen möchte.“ „Warum nicht?“ „Hätte ich denn den Muth, in dieſem Augenblicke Dich von Paris wegzuziehen?“ „Ohl ich würde Dir Paris gern opfern.“ „Ja, aber würdeſt Du mir auch die opfern, die ſeit geſtern dort ſind?“ * 262 Statt aller Antwort drückte Marie Clementinen die Hand. Es kam die Stunde heran, wo man nach dem italieniſchen Theater fuhr. Es hatte die Gräfin dort eine große Frontloge mit Salon, wo es ſelten vor⸗ kam, daß der Baron, ſo oft er ſich dort einfand, nicht wenigſtens einen Act hindurch ſchlief. Der Eintritt der Frau von Hermi, der beiden Mädchen und Herrn von Bryons in eine und dieſelbe Loge erregte großes Aufſehen. Alle Lorgnetten richteten ſich auf ſie, und Marie ſchlug wider ihren Willen die Augen nieder, da ſie dem Klopfen ihres Herzens kaum Einhalt zu thun vermochte. Unter den Augen, die ſich auf dieſe Loge hef⸗ teten, befanden ſich auch zwei große, die Niemand anders gehörten, als einer alten Bekannten von uns, nämlich Julia Lovely. „Er iſt es wirklich,“ murmelte ſie, indem ſie Herrn von Bryon erkannte, und eine leichte Bläſſe überflog einen Augenblick Julia's Geſicht. „In der Loge des Herrn von Hermi ſind zwei hübſche junge Perſonen,“ ſprach Leon zu Julia, in deren Loge er ſich befand. Wir wollen alsbald hinzuſetzen, daß dieſe Loge eine Parterre⸗Loge war, ſowie daß Leon dort nur dann geſehen werden konnte, wenn er es wollte. „Zwei kleine, ziemlich unbedeutende Penſionärin⸗ nen,“ antwortete die Lovely, nachdem ſie lorgnettirt hatte.—„Er hat mich erblickt,“ ſetzte ſie plötzlich hinzu. „Wenn das iſt, ſo kommt er gewiß herunter.“ „Nein, denn er thut, als ſehe er mich nicht.“ * im lä dem dort vor⸗ and, Der chen Loge teten illen zens hef⸗ rand von n ſie läſſe zwei u, in Loge nur 263 „Ich muß doch wiſſen, was das für zwei Mäd⸗ chen ſind,“ hob Leon wieder an. „Ohne Zweifel ſind es die Töchter der Gräfin.“ „Sie ſind bezaubernd, insbeſondere die blonde.“ „Was thut denn Immanuel in der Loge?“ fragte Julia. „Er thut, was ich in der Ihrigen thue: er iſt im italieniſchen Theater.“ „Er kennt alſo Herrn von Hermi?“ „Genau.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Er ſelbſt.“ „Sie haben ihn alſo geſprochen?“ „Geſtern.“ „Wo denn?“ „Auf dem Pont⸗Royal.“ „Hat er auch von mir geſprochen? „Er hat geſagt,“ antwortete von Grige nach⸗ läſſig,„Sie ſeien ein bezauberndes Geſchöpf.“ „Das war Alles?“ „Alles. Was ſollte er denn auch weiter ſagen?“ „Ich finde Sie heute Abend recht unartig, mein lieber Leon.“ Leon, der die Augen immer auf einen und den⸗ ſelben Punkt geheftet hielt, ſchien nicht zu hören, was Julia ſagte, und antwortete nur mechaniſch. „Nun, was haben Sie denn ſo zu ſchauen?“ bemerkte Julia. „Ich betrachte jenes Mädchen: es iſt daſſelbe wahrhaft bezaubernd.“ „Da werden Sie ſchon ganz leidenſchaftlich!“ 264 „Und warum nicht? Nie habe ich einen herr⸗ licheren Kopf geſehen.“ „Abermals ein Compliment, das Sie mir da machen!“ „Es iſt ſchon lange, daß ich Ihnen keines mehr mache. Es nützt mir ja doch Nichts.“ „Vielleicht ſoll das eine neue Art ſein, mir den Hof zu machen?“ „Meiner Treul nein; darauf habe ich verzichtet.“ „Und Sie haben wohl daran gethan.“ Hier trat eine Pauſe ein. „Ich glaubte doch,“ hob Leon nach einigen Augen⸗ blicken wieder an,„es habe die Gräfin von Hermi nicht mehr als eine Tochter.“ „Mein lieber Freund, Sie bringen mich mit Ihrem Fräulein von Hermi vor lauter Langweile um. Es ſind ihre Eltern bei ihr; gehen Sie alſo alsbald hin, halten Sie um das Mädchen an, hei⸗ rathen Sie es während des Zwiſchenacts, und laſſen Sie mich ungeſchoren!“ Es hatte Julia offenbar die Geduld verloren, jedoch war es nicht Leon, der ſie ſo ungeduldig machte. Von Zeit zu Zeit ſchaute ſie nach der Loge hin, in der Immanuel ſich befand, ſtellte ſich aber dabei, als lorgnettire ſie anderswohin. Herr von Bryon ſchien etwas ſorgenvoll. In der That, Julia's Anblick war ihm unangenehm, nicht daß er dem, was zwiſchen ihr und ihm vorgefallen, beſondere Wichtigkeit beigemeſſen hätte, aber doch war es ihm erwünſcht, den Gelegenheiten, wo er mit ihr hätte zuſammentreffen können, möglichſt auszuweichen. Er hatte ſich alſo ganz in den Hintergrund der Loge 265 geſetzt und tröſtete ſich mit dem Anblick Mariens, deren Stolz und Herz in gleich glücklicher Weiſe be⸗ friedigt waren, denn ſie konnte eine Wette darauf eingehen, daß im ganzen Hauſe kein ſchöneres und geliebteres Frauenzimmer als ſie wäre. Und dabei ſang noch die Sängerin Griſi. „Es iſt da unten eine Dame, die immer hierher lorgnettirt,“ ſprach Marie zu ihrer Mutter, ihr mit den Augen Julia's Loge bezeichnend.„Kennſt Du ſie?“ „Nein.“ „Und Du?“ fuhr Marie, an ihren Vater ſich wendend, fort. „Nein,“ antwortete der Graf. „Sie iſt ſchön und hat ein ſchönes Armband von Diamanten; vielleicht lorgnettirt ſie nur deßhalb immer, damit ſie es recht ſehen laſſen kann.“ Immanuel fuhr wider ſeinen Willen zuſammen bei dem Gedanken, daß Marie in Erfahrung bringen könnte, wie er ſelbſt, und warum er dieſes Armband Julia gegeben. Indeſſen beruhigte er ſich wieder, indem er ſich, und zwar mit Recht, fragte, wer denn wohl einem jungen Mädchen ſolches ſagen möchte. Es kam der Zwiſchenact, und Leon erhob ſich, um Julia's Loge zu verlaſſen. „Wohin gehen Sie?“ fragte dieſe ihn. „Ich will Herrn von Bryon aufſuchen, der ſo eben aus der Loge des Herrn von Hermi wegge⸗ gangen.“ „Bringen Sie mir ihn ja nicht hierher!“ „Seien Sie ruhig. Zudem hat er, ſo viel ich weiß, gar keine Luſt dazu.“ 266 „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Ich weiß es wohl.“ Leon, der noch nie Julia's Geliebter geweſen und ſie in keiner Weiſe fürchtete, ſchonte ſie auch keineswegs. Im Uebrigen that er es unabſichtlich, was indeſſen Julia dieß Mal nicht verhinderte, ſich in die Lippen zu beißen. „Sie laſſen mich alſo allein hier?“ ſprach ſie. „Nein, denn da iſt der alte Vicomte von Ca⸗ mül, der Sie beſuchen will.“ „Ich glaubte, er ſei an Altersſchwäche geſtorben.“ „Ah! hätte er daran ſterben müſſen, ſo wäre er ſchon längſt nicht mehr am Leben,“ bemerkte Leon, ſich bedeckend. Im Foyer traf Leon unſern Freund Immanuel. Wider ſeinen Willen zeigte ſich Herr von Bryon, gleich allen hochſtehenden Männern, die das Vor⸗ recht haben, daß die Vorübergehenden ſich umkehren, um ihnen nachzuſehen, gern an öffentlichen Orten. Es war ihm gleichſam Bedürfniß, ſeinen Namen in ſeiner Nähe murmeln zu hören, und zwar an dieſem Theatertage noch mehr als ſonſt, da er ſchon zwei Monate von Paris fort war. Er ging mit dem Grafen im Saale auf und ab, während Herr von Bay bei der Gräfin geblieben war. „Ich kann keine ſchönere Gelegenheit finden,“ ſagte Immanuel, Leons Hand ergreifend.„Mein lieber Graf, ich ſtelle Ihnen hier den Herrn Mar⸗ quis von Grige vor, der ſchon lange Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen wünſcht. Es iſt dieß ein Vergnü⸗ gen, das ich dem Baron ſtehle.“ Leon verneigte ſich. eine noc fra⸗ bei Dre ſehr wier 267 „Vom fünfzehnten November an empfangen wir jeden Donnerstag,“ ſprach der Graf,„und hoffent⸗ lich werden Sie ſich bei uns ſehen laſſen, mein Herr. Sie werden bei der Frau Gräfin ſtets Herrn von Bryon finden. Ich ſage Ihnen ſolches, um Sie noch mehr zum Kommen aufzumuntern.“. Leon antwortete mit einigen Worten und einer Verbeugung. „Ich möchte Sie gern Etwas fragen,“ ſagte er ganz leiſe zu Immanuel. „Unter vier Augen?“ „Mein lieber Graf,“ bemerkte Immanuel,„in einem Augenblicke bin ich wieder bei Ihnen.“ Der Graf und der Marquis grüßten einander nochmals. „Die Gräfin von Hermi hat alſo zwei Töchter?“ fragte Leon. „Nein, nur eine einzige.“ „Iſt es die Brünette oder die Blondine?“ „Die Blondine.“ „Ich hatte ſie noch nie bei dem Grafen oder bei der Gräfin geſehen.“ „Sie kommt eben erſt aus ihrem Penſionat zu Dreux.“ „Sie iſt, meiner Treu, recht hübſch.“ „Ja, das iſt ſie. Aber auch die Brünette iſt ſehr ſchön,“ beeilte ſich Immanuel hinzuzuſetzen. „Iſt es eine Verwandte von ihr?“ „Nein; es iſt eine Schulkamerädin, die morgen wieder fortgeht.“ 268 „Mir gefällt Fräulein von Hermi am Beſten. Und Ihnen?“ „Auch mir,“ ſprach Immanuel, ohne ſich eines kleinen Lächelns enthalten zu können. „Warum lächeln Sie?“ „Ohl wegen Nichts.“ „Eil ich muß Ihnen auch ſagen, daß Julia, in deren Loge ich bin, immer und ewig von Ihnen ſpricht.“ „Mag ſie das thun!“ „Sie haben alſo keine Luſt, ſie zu beſuchen?“ „Gewiß nicht.“ „Aber es iſt der Vorhang ſchon wieder in die Höhe gegangen. Auf baldiges Wiederſehen. Meinen Dank für Ihre gütige Vorſtellung!“ Immanuel und Leon tauſchten einen Händedruck aus, und es ging der Erſtere wieder in die Loge der Gräfin, der Andere aber in die Loge Julia's. „Die Blondine iſt Fräulein von Hermi,“ ſprach Leon, neben der Lovely wieder Platz nehmend, die eine Bewegung der Ungeduld machte, als ſie hörte, wie von Grige ſie von einer Sache unterhielt, die ihr ganz und gar gleichgültig war.„Herr von Bryon ſelbſt hat mir das geſagt.“ „So, Sie haben das von ihm ſelbſt? Und hat er Ihnen ſonſt Nichts geſagt?“ „Er hat mich auch dem Grafen vorgeſtellt, der alle Donnerstage empfängt, und bei dem er immer zu treffen iſt.“ „Vielleicht iſt er der Liebhaber der Gräfin.“ „Vielleicht.“ Liel Jul dahi und heit Sie, gekü auf, kehrt thun insb inde jung ter 1 Gatt 7 1 nen die nen ruck der rach die örte, die von hat der mer 269 „Dieſe Politiker haben eben immer unmögliche Liebſchaften.“ „ Ich werde das bald erfahren.“ „Wie wollen Sie das angreifen?“ „Ich gehe in die Abendgeſellſchaften des Grafen.“ „Um hinter die Schliche der Mutter zu kommen?“ „Nein, um die Tochter zu ſehen.“ „Ihr Platz iſt im Orcheſter, nicht wahr?“ fragte Julia. 4 „In.⸗ „So thun Sie mir denn den Gefallen, wieder dahin zu gehen,“ bemerkte Julia in halb lachendem und halb ernſtem Tone,„denn ich habe in Wahr⸗ heit noch nie etwas ſo Langweiliges geſehen, als Sie, wie Sie heute Abend ſind?“ „Ich gehe, ich gehe,“ erwiderte Leon lächelnd. Und er entfernte ſich, nachdem er Julia's Hand geküßt. Während des folgenden Zwiſchenacts ſtand Leon auf, und that, indem er der Bühne den Rücken zu⸗ kehrte, was die jungen Leute im Orcheſter faſt ſtets thun, das heißt, er muſterte das ganze Haus und insbeſondere die Logen. „Schau,“ ſprach Clementine ganz leiſe zu Marien, indem ſie ihr Leon bezeichnete.„Dort lächelt der junge Mann der Dame zu, welche Du Deiner Mut⸗ ter vorhin gezeigt haſt.“ „Ja, und?“ „Ich ſage nur ſo viel, daß, dürfte ich meinen Gatten wählen, ich einen ſolchen nehmen würde,“ „Da hätteſt Du einen ſchlechten Geſchmack.“ „Warum?“ „Weil er ein zu hübſcher Junge iſt, als daß ein guter Chemann aus ihm werden könnte.“ Nach beendigtem Schauſpiel holte Leon ſeine Freundin Julia ab, die, wie es bei ihr oft vorkam, ganz allein gekommen war, und brachte ſie an ihren Wagen. „Darf ich vielleicht bis morgen früh bei Ihnen ſoupiren?“ fragte er ſie. „O nein!“ „Nichts für ungut!“ Und lachend entfernte ſich der junge Mann. So oft er Julia ſah, fragte er ſie, gleichſam aus Gewohnheit, ob er nicht ihr Liebhaber werden dürfe, und oft geſchah es, daß er, während er ſie ſo fragte, an etwas ganz Anderes dachte. Bwanzigſtes Kapitel. Am folgenden Tage reiste Clementine in Ma⸗ riannens Begleitung ab. Letztere ſollte ſie zu ihrer Tante bringen, bei der ſie verabredeter Maßen noch einige Tage zu bleiben hatte, bevor ſie zu Madame Düvernay zurückkehrte. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß dieſe Abreiſe untermiſcht war mit Kla⸗ gen, mit Küſſen, mit Thränen, mit Verſprechungen, daß man einander ſchreiben wolle, ſowie mit Schwü⸗ ren ewiger Freundſchaft. Endlich fuhr die Poſtchaiſe weg. Ein letztes Mal ließ Clementine an der Ecke der Rue des Saints-Pères und des Kais ihr Ta⸗ ſchentuch wehen, und dann verſchwand der Wagen für immer. Marie machte das Balkonzimmer wieder ein eine am, ren nen nn. aus rfe, gte, 271 zu, das ſie geöffnet, und aus dem ſie ihrer Freundin hatte ein letztes Lebewohl ſagen wollen. Es iſt ein ſo egoiſtiſches Gefühl um die Liebe, daß Marie ſich über Clementinens Abreiſe faſt freute, denn nun konnte ſie ſich ja ganz frei allen Gedan⸗ ken überlaſſen, welche die Einſamkeit eines geliebten und liebenden Weibs erfüllen. Sie analyſirte das Gefühl, welches die abweſende Clementine in ihr weckte, nicht, nahm es aber ohne alles Sträuben an. Wir haben nicht im Sinne, alle die kleinen Er⸗ eigniſſe von Mariens Leben hier einzeln zu erzählen, und ebenſo wenig wollen wir ihr Stunde für Stunde folgen. Indem wir ſie ſelbſt ſprechen laſſen, werden wir ihren Seelenzuſtand unendlich beſſer ſchildern. Etliche Tage, nachdem Clementine Paris ver⸗ laſſen, erhielt Marie von ihr einen Brief, der alſo lautete: „Liebe Freundin! „Wider meinen Willen bin ich gar traurig, und wider Deinen Willen biſt Du Schuld daran. Ich bin drei Tage bei meiner Tante zu Rieuville geblie⸗ ben, einer entzückenden Gegend, die Du kennſt, und wo die Häuſer im Frühlinge ausſehen wie Roſen⸗ körbchen. Jetzt aber ſtehen die Roſenſträuche, welche die Häuſer bedecken, ganz kahl da, und wenn auch unſer armes Dorf immer noch einem Blumenkörb⸗ chen gleicht, ſo ſind doch die Blumen daran ver⸗ welkt. Meine Tante wohnt immer noch in dem Dir bekannten Häuschen, wo Du ſo freundlich geweſen, etliche Male die Oſterferien zuzubringen. Dieſes Häuschen iſt mir unendlich öde und melancholiſch 272 vorgekommen, weßhalb ich gar bald den Wunſch zu erkennen gab, wieder zu Madame Düvernay zu kom⸗ men. Du biſt es, die mich veranlaßt, ſolches als eine Zerſtreuung zu wünſchen. Seit heute Morgen bin ich nun wieder in unſerem Penſionat. Hier fand ich mich aber wo möglich noch mehr enttäuſcht. In dem Hauſe meiner Tante haſt Du nur wenige Augen⸗ blicke zugebracht, während Du bei Madame Düver⸗ nay Jahre lang gelebt haſt. Mein Zimmerchen habe ich ganz ſo wieder gefunden, wie ich es ver⸗ laſſen, und länger als zwei Stunden habe ich es nicht über mich gewinnen können, in das Deinige hineinzugehen, da ich gewiß war, Dich dort nicht zu finden. Unſere alte Weißzeugverwalterin, der wir den Beinamen ‚Mutter Unterrock gegeben hatten, hat es mir aufgeſchloſſen mit der Gleichgültigkeit jener Leute, denen es nicht einfällt, daß man einem ſo einfachen Ding eine gewiſſe Wichtigkeit beilegen könne. Sie wollte dieſes Zimmer lüften, und da ſie mir ſagte, ich ſolle von den zwei Zimmern eines wählen, ſo habe ich, wie natürlich, das Deinige ge⸗ nommen. „Den ganzen Tag haben wir mit Madame Dü⸗ vernay von Dir geſprochen. Es liebte Dich dieſelbe wirklich recht ſehr, denn ich habe etliche Male geſe⸗ hen, wie ſie ſich die Thränen aus den Augen wiſchte, wenn ich ihr die lachende Zukunft ſchilderte, die ich für Dich hoffe. Hier ſieht Alles recht traurig aus, die Bäume ſind entlaubt, die Felder, die man von dem Fenſter aus gewahrt, öde. Deine ſo zahmen Täubchen ſcheinen herausgefunden zu haben, daß Du nicht mehr da biſt. Es iſt kalt, die Erholungszeit 273 wird in den Klaſſen zugebracht, weil es im Garten feucht iſt. Um fünf Uhr iſt es bereits Nacht. Ich ſchreibe Dir beim Schein einer Lampe. Was ſoll ich ſo mutterſeelenallein hier machen? Schreibe mir, es wird das meine einzige Erholung ſein; ſchreibe mir recht oft, immer; ſage mir, daß Du glücklich ſeieſt. Empfiehl mich dem gütigen Andenken Deiner Eltern. Denken ſie ein wenig an mich? Welch gute Zeit habe ich nicht in Poitou verlebt, und wie ge⸗ ſchwind iſt dieſelbe verſtrichen! „Ich weiß nicht, warum das Leben mir mit einem Male ſo düſter vorkommt. Mein Herz iſt ſo voll, wie wenn ich meine Eltern zum zweiten Male verloren hätte. Ich ſtelle mir vor, es werde das Glück mir wiederkehren. Vergiß ja nicht, daß Du Dich zu Dreux copuliren laſſen mußt; vergäßeſt Du das, ſo würde ich krank. „Und Herr von Bryon? „Jedermann hat ſich hier bei mir nach Dir er⸗ kundigt. Unſer alter Pfarrherr iſt immer bei guter Geſundheit. Er iſt vor Freude faſt außer ſich, weil unter ſeiner Leitung ein Frauenkloſter gegründet wird. Es wird dieſes eine entzückende Lage haben, indem es das Vert⸗Thal beherrſchen wird, wohin uns ſo oft unſere Spaziergänge geführt haben. „Lebe wohl, liebe Marie; ich ſchreibe Dir im Augenblick nicht mehr, weil ich befürchte, Dir läſtig zu fallen; dafür aber mußt Du mir einen recht lan⸗ gen Brief ſchreiben, worin Du nur von Dir ſprichſt. „Deine wahre Freundin „Clementine Dübois.“ Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 18 274 Marie war von dieſem Briefe ganz gerührt, da derſelbe ſie in eine Zeit zurückverſetzte, die ſie ſchon, als ſie das Penſionat verließ, als die glücklichſte Zeit ihres Lebens betrachtete. Sie erſchrak faſt über die Raſchheit, womit ſie gelebt hatte, da ihr Leben innerhalb dreier Monate einen Zweck bekommen und ſich für ein beſtimmtes Glück entſchieden hatte. „Die arme Clementine!“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt, „ich bin Schuld an der Einſamkeit ihres Herzens und der Iſolirung ihres Lebens.“ Unter dieſem Eindrucke nahm ſie ſich vor, ihrer Freundin zu antworten; allein es weiß das Herz eines jungen Mädchens ſeine wahren Gefühle nie lange zu verbergen, und es überließ ſich, wie wir ſogleich ſehen werden, Marie gar ſchnell dem Ver⸗ gnügen, von ſich ſelbſt und von der Zukunft zu reden, die ihr bereits lächelte. „Gute Clementine“, ſo ſchrieb ſie,„ich habe Deinen herrlichen Brief erhalten; und damit ich Alles das fühle, was Du fühlſt, bedurfte es Deines Briefes nicht. Ich verſetze mich leicht an Deine Stelle und begreife die peinliche Traurigkeit, die ſich Deiner bemächtigen mußte, als Du die Mauern des Penſionats wieder zwiſchen Dich und die Welt ſtellteſt; glücklicher Weiſe wird das nicht lange dauern. Alle Abende ſprechen wir von Dir, von Deinem aufge⸗ räumten Weſen, von Deiner ſchönen Sorgloſigkeit, von den herrlichen Schätzen Deines Geiſtes und Herzens. Mein Vater liebt Dich wahrhaftig, Cle⸗ mentine iſt ein Engel, ſagt er, ſo oft man es hören will; ich mache daher auch ihr Glück zu meiner Sache. Es iſt nur ein Glück, daß meine gute, treff⸗ dent , da hon, ichſte über eben und lbſt, und hrer Herz nie wir Ver⸗ t zu habe ich ines deine ſich des lteſt; Alle ufge⸗ gkeit, und Cle⸗ ören einer treff⸗ 275 liche Mutter noch lebt, ſonſt würde ich glauben, daß Du noch meine Stiefmutter wirſt. „Warum will Deine Tante Dich durchaus noch ein Jahr in dem Penſionat laſſen? So ſehr ich ihr auch in meinen letzten Briefen mit Bitten ange⸗ legen, daß ſie Dich bei uns laſſen möchte, ſo hat ſie doch immer ihre Zuſtimmung verweigert. Sie meint, Du ſeieſt nicht reich genug, um nicht eine durchge⸗ bildete Frau ſein zu müſſen, und rechnet auf Deine Erziehung, um Dich gut zu verheirathen. Glaubt ſie denn, man nehme eine Frau, um immer ein Wörterbuch in der Nähe zu haben? Will ſie eine Unterlehrerin aus Dir machen? Was ſie, glaube ich, ſehr bedauert, iſt, daß Du nicht griechiſch ver⸗ ſtehſt. Im Uebrigen muß ich Dir ſagen, daß Deine große Gelehrſamkeit nicht eben der geringſte Grund der Liebe iſt, die mein Vater Dir geweiht hat. Ich ſelbſt ſchäme mich ein bischen, ich, die ich ſo unwiſ⸗ ſend bin, natürlich im Vergleich mit Dir. „Immanuel kommt jeden Tag zu uns. Ich fürch⸗ tete, es möchte unſere Rückkehr nach Paris ſeine Ge⸗ wohnheiten ändern; es fehlt aber gar viel, daß dem alſo wäre. Fürwahr, ich weiß nicht, wo er die Zeit zum Arbeiten hernimmt; alle ſeine Abende bringt er in unſerer Geſellſchaft zu. Ich bin überzeugt, daß mein Vater um unſere Liebe weiß; und ich möchte eine Wette eingehen, daß Du bei dem Ver⸗ rath einigermaßen betheiligt biſt. Nur meine Mut⸗ ter ſieht Nichts; auch muß ich Dir geſtehen, daß meine Mutter ein noch größeres Kind iſt, als ich. Sie ſpricht von Nichts, als von Kleidern und Putz, denkt mit Wonne an alle die Bälle, die wir dieſen Winter mitmachen werden, und ſpricht mit mir unab⸗ läſſig davon. Ihr Kopf und Herz ſind zuſammen kaum ſechzehn Jahre alt. Immanuel ſcheint an der äußeren Stille unſerer Liebe ſeinen Gefallen zu fin⸗ den; er weiß, daß ich ihn liebe; und er, der beredte Redner, gebraucht bei mir nur die Beredtſamkeit der Seele und der Augen. Man ſollte meinen, all ſein Wiſſen vermöge ihm nicht die entſprechenden Worte an die Hand zu geben, um das auszudrücken, was er empfindet und gerne ſagen möchte. Er iſt gleich⸗ ſam erſtaunt, verblüfft über das, was er fühlt; er, der große Politiker, läßt ſich Fiber um Fiber von einer kleinen Penſionärin analyſiren. Indeſſen wird er ſich doch nun bald ausſprechen müſſen. So ma⸗ teriell auch das eheliche Ja und der traditionelle Notar ſein mögen, ſo führen ſie doch, wenigſtens für mich, zu unendlichem Glück. Sie ſind ein gemein⸗ ſchaftlicher Schlüſſel, der, wie Antitheſenmacher ſich ausdrücken würden, die Pforte eines Paradieſes öffnet. „Die Abendgeſellſchaften meiner Mutter haben ihren Anfang genommen, und ich finde dieſelben recht unterhaltend. Man macht Muſik und tanzt ein bischen.— Ach, warum biſt Du nicht da, theure Clementine! Ahl faſt hätte ich vergeſſen, Dir Etwas zu ſagen. Du erinnerſt Dich doch noch des jungen Mannes, den Du mir im italieniſchen Theater ge⸗ zeigt, und deſſen Erſcheinung Dich zu den Worten veranlaßte: So möchte ich einen Mann haben? Wohlan, meine Liebe, er hat ſich in unſern Abend⸗ geſellſchaften eingefunden: Immanuel hatte ihn meinem Vater vorgeſtellt. Er iſt recht liebenswürdig, nab⸗ imen der fin⸗ redte tder ſein Vorte was leich⸗ Ger, von wird ma⸗ nelle S für nein⸗ ſich dieſes aben elben t ein heure twas ngen r ge⸗ orten ben? bend⸗ ihn irdig, 277 vor Allem aber recht elegant. Ich möchte ihn wohl zu Dreux in einem Salon ſehen; dort müßte er ſich ausnehmen, wie ein blauer Vogel in einem Eulen⸗ neſt. Er hat lange mit mir geſprochen; er plaudert recht angenehm. Er ſah mich als ein Ereigniß an. „Geſtern bin ich zwei ganze Stunden allein bei Immanuel geweſen. Wie ich glaube, ſo hatte mein Vater dafür geſorgt, daß wir ſo unter vier Augen mit einander ſprechen konnten. Ich glaube in Wahr⸗ heit, daß es meinem Vater noch mehr preſſirt, als mir, und daß er es gerne ſähe, wenn Herr von Bryon ſich alsbald erklärte. Was mich betrifft, ſo halte ich, wie ich Dir bereits geſagt, die Unterhal⸗ tung möglichſt fern: ſtets habe ich der Wirklichkeit den Traum vorgezogen. Ich weiß zwar wohl, daß ich von dem Tage meiner Heirath an glücklich bin, aber ich weiß auch, daß ich dann glücklich bin, wie Jedermann, und daß Jeder darum weiß, während ich jetzt, ſo zu ſagen, mein Glück in den Händen habe und Niemand darum weiß. Ich beſchwöre es, ſo oft es mir beliebt, und ſtets antwortet es mir. Es kommt unverſehrt zu mir, denn es iſt noch auf Niemands Lippen geweſen, und hat noch nicht den Zuſtand einer Thatſache erreicht. Es hat ſeine Stelle noch nicht in der Chronologie; es ſteht noch in keinem Buche geſchrieben; es hat noch kein Circular aus⸗ gehen laſſen. Es weiß noch Niemand um meine Liebe zu Immanuel. Niemand weiß noch um ſeine Liebe zu mir, wenn ich etwa Dich und meinen Vater abrechne, zwei Herzen, die ganz mir gehören, zwei heilige Tabernakel, worin ich getroſt alle Schätze meines Lebens verſchließen würde. Ich brauche nur die Hand auszuſtrecken, ſo wird mein Traum greif⸗ bar; aber es däucht mir das Glück ein ſo gebrech⸗ liches Ding, daß ich befürchte, ich möchte, indem ich das meinige erfaſſe, die Blüthe deſſelben zerſtören, wie Kinder, indem ſie Herbſtfrüchte pflücken, den gol⸗ denen Staub und den jungfräulichen Sammt zerſtö⸗ ren, der darauf liegt. „Geſtern alſo habe ich, um auf das, was ich Dir ſagte, zurückzukommen, zwei lange, oder vielmehr zwei minutenkurze Stunden bei Immanuel zugebracht. Wie voll waren nicht dieſe zwei Stunden, und wie wenige Worte haben wir doch geſprochen! Meine Mutter war mit Ankleiden, mein Vater mit Schrei⸗ ben beſchäftigt; ich war im Boudoir; dort hat Im⸗ manuel mich allein gefunden und ſich zum Feuer hingeſetzt. „Man hatte mir geſagt, daß Herr von Hermi hier wäre,“ hob er an, gleichſam um ſeinen Beſuch zu entſchuldigen, gleich als ob ſein Beſuch einer Ent⸗ ſchuldigung noch bedürfte. „Es wird mein Vater alsbald erſcheinen: wollen Sie nur ein wenig warten!“ habe ich mich beeilt hinzuzufügen, aus Furcht, er möchte allzu geſchwind wieder gehen. „So verſtrich eine Viertelſtunde, ohne daß auch nur ein Wort zwiſchen uns geſprochen ward. Wie viele Worte hätten nicht die Luft durchflogen, wenn unſer Mund Alles wiederholt hätte, was unſere Her⸗ zen ſagten! Ich ſtickte und fühlte, indem ich die Augen auf meine Arbeit heftete, daß Immanuels Blicke fortwährend auf mir ruheten. Endlich habe ſpro für Verl wie ner nicht als nicht unu Imn die einf vom mir ang zu ſing wen ſchre mich ich! fron 279 ich den Kopf emporgerichtet, und da habe ich denn Thränen in ſeinen Augen geſehen. „Was iſt Ihnen denn? habe ich zu ihm ge⸗ ſprochen, in einem Tone, der alle meine Gefühle für ihn in ſich ſchloß. „Mir iſt, hat er geantwortet, ‚als ob ich den Verluſt meiner Mutter nie ſo bitter gefühlt hätte, wie heute. „Warum? Sind Sie etwa unglücklich? „Nein; ſondern weil dieſelbe Ihnen anſtatt mei⸗ ner Alles das geſagt hätte, was ich ſelbſt Ihnen nicht zu ſagen wage.“ „Sagt mir Ihr Schweigen es nicht eben ſo gut, als ſie es hätte ſagen können? Sie müſſen jetzt nicht mehr mit mir, ſondern mit meinem Vater reden.: „Man konnte unmöglich ein verſtändlicheres und unumwundeneres Geſtändniß ablegen. Da hat nun Immanuel meine Hand ergriffen, dieſelbe zwiſchen die ſeinigen gepreßt, ſie an die Lippen geführt, einen einfachen, von ſeiner Mutter ererbten goldenen Ring vom Finger gezogen und, ohne ein Wort zu ſagen, mir an den Finger geſteckt. Wir haben einander angeſchaut und dann Nichts mehr geſprochen.“ „Nun, liebe Clementine, ich glaube, es werden zu Dreux die Chorknaben bald eine Hochzeitsmeſſe ſingen. Ich verrichte mein Gebet jetzt immer erſt, wenn ich Immanuels Ring geküßt. Und doch er⸗ ſchreckt mich die Zukunft: es iſt dieſelbe gar zu ſchön. „Küſſe für mich Madame Düvernay, empfiehl mich unſerem trefflichen Pfarrer, und ſage ihm, wie ich hoffe, ihn am Tage meiner Copulation in ſeiner frommen Kloſterſtiftung unterſtützen zu können.“ 280 An dem Tage, wo zwiſchen Immanuel und Ma⸗ rien der Auftritt Statt gefunden, den dieſe an dem darauf folgenden Tage Clementinen mittheilte, hatte Herr von Bryon in dem Augenblicke, wo er das Hotel der Rue de Saints-Peères verließ, Leon von Grige begegnet. „Wo gehen Sie ſo hin?“ hatte er ihn gefragt. „Ich will bei der Gräfin von Hermi einen Be⸗ ſuch machen. Und Sie?“ „Ich komme von ihr her.“ „Mein lieber Herr von Bryon,“ ſprach alsdann Leon zu Immanuel, ihm freundſchaftlichſt die Hände drückend,„glauben Sie, ich verdiene einiges Intereſſe?“ „Gewiß,“ erwiderte Immanuel;„und kann ich Ihnen in irgend Etwas dienen, ſo ſtehe ich, glauben Sie mir es, ganz zu ihren Dienſten.“ „Sie vermögen bei dem Grafen Etwas?“ „Es liebt mich der Graf recht ſehr.“ „Es wäre mir Ihre Protection bei ihm nöthig.“ „Wovon handelt es ſich?“ „Von einer Sache, die ich Ihnen heute Abend mittheilen werde, wenn Sie die Güte haben wollen, mir zu ſagen, wo ich Sie treffen kann.“ „Sie werden mich zu Hauſe finden, und es wird mich freuen, Sie dort empfangen zu können.“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte Leon, Immanuels Hand drückend und ihm Lebewohl ſagend;„ich danke Ihnen, und heute um neun Uhr werde ich mich bei Ihnen einfinden.“ Immanuel entfernte ſich, indem er ſich fragte, was von Grige ihm wohl mitzutheilen und worum derſelbe ihn wohl zu bitten haben möchte. ſter die ohr ohr mer Ma⸗ dem hatte das von agt. Be⸗ dann ände ſe 2* ich uben —ig. u bend llen, wird uels anke bei agte, drum 281 Was den Marauis betrifft, ſo blieb er wenig⸗ ſtens eine Stunde lang bei der Gräfin. Während dieſer Zeit ließ Marie es im Boudoir dunkel werden, ohne daß es ihr einfiel, ein Licht zu verlangen, und ohne daß ſie in den Salon trat, den Leon noch träu⸗ meriſcher verließ, als er ihn betreten hatte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Seitdem Immanuel Paris verlaſſen, war kein Tag vergangen, daß Julia ſich nicht erinnerte, wie ſie ſich an ihm zu rächen hätte. Es war Julia eine von jenen Weibern, deren Haß die Zeit noch ſteigert, anſtatt ihn zu beſänftigen. Ein Gedanke wurde bei ihr zu einer Gewohnheit, zu einem Bedürfniſſe, und früher oder ſpäter mußte derſelbe, ſei es, daß es ein Liebes⸗ oder ein Rachegedanke war, zur Aus⸗ führung gebracht werden. Man ſprach in der Welt von den furchtbaren Repreſſalien, womit ſie Leute verfolgt, über die ſie geglaubt hatte, ſich beklagen zu dürfen, und Nichts war leichter, als ſie zu verletzen, denn kein Weib war anſpruchsvoller, als ſie. Seit einem Viertel⸗ jahre war ſie alſo jeden Morgen mit eiſerner Zähig⸗ keit auf den Gedanken zurückgekommen: An dieſem Menſchen muß ich mich rächen! Ihre Eigenliebe, ja ſogar ihr äußeres Glück war dabei im Spiele. Julia hatte, ſo zu ſagen, nur aus Pflichtgefühl Immanuels Geliebte ſein wollen, da ſie dem Miniſter das Ver⸗ ſprechen gegeben, als Gegenleiſtung für das, was er ihr gab, für ihn Alles zu thun, was nur immer in — 282 ihrer Macht wäre. Nun widerſtrebte Julia Nichts weniger, als einen neuen Geliebten anzunehmen. Aber der Zufall hatte es ſo gewollt, daß ſie es mit einem exceptionellen Menſchen zu thun bekam, der ſich alsbald ihres Geiſtes bemächtigt, und für den ſie, wider ihren Willen, Etwas gefühlt hatte, was ſo mächtig war, daß ſie dem Miniſter das Geſtänd⸗ niß ablegte, das wir unſeren Leſern bereits mitge⸗ theilt. Dieſer Mann aber hatte ſie wie das erſte beſte Freudenmädchen behandelt, hatte ihr die Nacht bezahlt und war hinweggegangen, ſich ihr gegenüber mehr denn quitt glaubend. So fand ſie ſich denn in ihrer Eigenliebe und in ihrem neuen Gefühle zu ſehr verletzt, als daß ſie je hätte verzeihen können. Von dem Augenblicke an, wo ſie den Brief des Herrn von Bryon bekom⸗ men, hatte ſie demſelben einen Krieg auf Leben und Tod erklärt und ihre ganze verfügbare Macht ge⸗ muſtert. Gleichwohl war der Kampf ein ſchwieriger, und es hatte die Ueberzeugung, die ſie jeden Tag erlangte, daß nämlich Immanuel unverwundbar wäre, im Herzen Julia's dieſes Rachebedürfniß nur noch tiefer wurzeln laſſen, das ſie vielleicht vergeſſen hätte, hätte ſie es mit einem gewöhnlichen, leicht zu bezwin⸗ genden Gegner zu thun gehabt. Wir wir in einem früheren Kapitel geſagt, ſo hatte Julia überall Bekannte und ſelbſt Freunde. Es hatten viele Leute, die ſie kannte, ihr oft gedient, ohne daß ſie es ſelbſt geahnt, und mit unſichtbarer Gewandtheit hatte ſie deren Einfluß ausgebeutet. Man fragte ſich, wie Julia im Stande geweſen, hin⸗ ter gewiſſe Geheimniſſe zu kommen, die Gott allein beka zähl einn geſch Leut ſein Va⸗ der jung tige ſeine ſie i er h wen geſu weſe könn ſchaf ner von der war dieſe wür was gere nicht 283 bekannt bleiben zu müſſen ſchienen, und hätte ſie er⸗ zählt, wie ihr das gelungen, ſo hätte man ihr nicht einmal geglaubt. In dem Haſſe, den ſie Immanuel geſchworen, hätte ſie ſo weit gehen können, daß ſie Leute aufgeſtellt hätte, ihn umzubringen, obgleich ſie ſein Leben nicht eigentlich hätte antaſten wollen. Was ſie gerne untergraben, vernichtet hätte, war der Ruf der Loyalität, der Ehrlichkeit, welcher dem jungen Pair überall vorausging, war die durchſich⸗ tige Reinheit ſeines vergangenen Lebens,— waren ſeine Zukunftsträume. In ſeinem Theuerſten hätte ſie ihn angreifen mögen: in ſeiner Familie, für die er heilige Achtung bewahrt hatte; in ſeiner Liebe, wenn er eine ſolche gehabt hätte. Lange hatte ſie geſucht, von welcher Frau er wohl der Geliebte ge⸗ weſen ſein möchte, um dieſelbe compromittiren zu können; aber ſie hatte nur von alltäglichen Lieb⸗ ſchaften Kenntniß erlangt, denen Immanuel, in ſei⸗ ner Weiberverachtung, Julia's Liebe gleichgeſtellt. Einſt hatte ſie einen alten Edelmann aus Herrn von Bryon's Heimath, der ein geſchworener Feind der Meinungen und Anſichten des jungen Pairs war, ausgefragt; ſie hatte Alles aufgeboten, um mit dieſem Manne bekannt zu werden, und noch mehr würde ſie gethan haben, um ihm Etwas zu entlocken, was Immanuel auch nur entfernt hätte zur Unehre gereichen können. „Sie haben Herrn von Bryon's Vater gekannt, nicht wahr?“ hatte ſie ihn gefragt. &“ „Ja. „Was für ein Mann war er?“ — 284 „Ein herrlicher Mann, ein Mann voll Hingebung und Muth. 4 „Hat er die Sache der Bourbonen nicht ein bis⸗ chen verrathen?“ „Nie.“ „Und ſeine Frau?“ „War ein Engel an Tugend, Reſignation und chriſtlicher Liebe.“ „Hat man nicht auch ein bischen von ihren Lieb⸗ ſchaften geſprochen?“ „Nie hat ſie außer ihrem Manne einen Andern geliebt.“ „Iſt das ganz gewiß?“ „So gewiß, daß ich, der ich doch der Gegner ihres Sohnes bin, den Menſchen auf der Stelle um⸗ brächte, der auch nur ein Wort gegen ſie ſpräche. Unſere Bauern verehren Frau von Bryon immer noch wie eine Heilige.“ So hatte Julia an die Thüre aller Gefühle des Haſſes geklopft, welche Immanuel auf ſeinem Lebens⸗ wege etwa geweckt, und dennoch bei, allen ſeinen Feinden ſtets die gleiche Antwort gefunden. Nun hatte ſie ſich an die Freunde gewendet; aber ein ſon⸗ derbarer Zufall fügte es ſo, daß Freunde wie Feinde Herrn von Bryon hatten Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Bei Julia war alſo der Haß durch die Ehr⸗ lichkeit des Andern noch geſteigert worden, und mit höchſter Ungeduld hatte ſie Immanuels Rückkehr er⸗ wartet, ſich dabei gelobend, daß ſie ſich ganz von den Umſtänden leiten laſſen wollte. Unterdeſſen hatte ſie Zeitungsartikel gegen ihn ſchmieden laſſen, Artikel, wovon Immanuel in Poitou zwar Kenntniß erhalten, gege als die wer! fern theil Aus Glü Her: ſcher verle ſo m daß ſicht Zwe verſt die rühr einen faſt gem verſ imm aber tet, iſt? Ehre jung laſſe Ang ing is⸗ und ieb⸗ ern ner um⸗ che. mer des ens⸗ nen Nun ſon⸗ inde pren Ehr⸗ mit er⸗ von atte ikel, 285 gegen die er aber völlig gleichgültig geblieben war, als ein kampfgewohnter Mann, der ſchon im Voraus die Waffen kennt, deren ſeine Gegner ſich bedienen werden. Im Uebrigen ließ er ſich auch nicht ent⸗ fernt träumen, daß Julia bei dieſen Angriffen be⸗ theiligt ſein könnte; und hatte er dann nicht als Ausgleichung für dieſe kleinen Widerwärtigkeiten das Glück, das jeden Tag an der Thüre des Herrn von Hermi ſeiner wartete? Gleichwohl fühlte ſich, wie alle biederen Men⸗ ſchen, ſo auch Immanuel durch Verleumdungen ſtets verletzt. Griff man ihn an in dem, was er that, ſo war das ein Recht, das er Jedem zuerkannte; daß man aber ſeinen Handlungen eine andere Ab⸗ ſicht unterſchob, als die er gehabt, einen andern Zweck, als den er ſich vorgeſetzt,— daß man es verſuchte, den Prieg, den er führte, ſowie die Waffen, die er gebraucht, zu unehrlichen zu ſtempeln, das rührte ihn wirklich an. Einſt hatte Julia vermittelſt einer gewiſſen Summe einen ziemlich geſchickten Schmierer gefunden, der, faſt vor Hunger ſterbend, ehe er ihre Bekanntſchaft gemacht, ſich ihr ganz zur Verfügung geſtellt und ihr verſprochen hatte, daß er Alles thun würde, was ſie immer wünſchte. Er ſchrieb in ein Blättchen; iſt aber die Waffe, der man ſich bedient, einmal vergif⸗ tet, was liegt dann daran, ob ſie klein oder groß iſt? Es war ein Artikel erſchienen, in welchem die Ehre von Immanuels Vater angefochten war. Der junge Pair hatte alsbald Satisfaction verlangen laſſen, was der gemeine Lump, von welchem der Angriff ausgegangen war, wohl kaum erwartet hatte, 286 ſo daß er am ganzen Leibe zitterte, als er die Zeu⸗ gen des Angegriffenen ſah, beſonders aber, als er dieſelben hörte, und daß er Tags darauf in ſeinem eigenen Blättchen in der demüthigſten und demüthi⸗ gendſten Weiſe ſeine Verleumdungen zurücknahm. Gleich einem Lakaien ließ Julia ihn zum Hauſe hinauswerfen, und als ſie ſah, daß ihre Angriffe zu nichts Anderem gedient hatten, als zur Erhöhung von Immanuels Ruhm, bekam ſie einen gewaltigen Wuthanfall, während deſſen Leon von Grige ſich bei ihr melden ließ. Es war gerade an dem Tage, wo der Marquis bei der Gräfin von Hermi einen Be⸗ ſuch gemacht hatte. An den veränderten Zügen des jungen Weibes konnte man leicht ſehen, daß etwas Ungewöhnliches in ihr vorging. „Was haben Sie denn?“ fragte eon. „Ich habe Nichts,“ antwortete Julia, der es gar nicht daran lag, Andern die Urſachen ihres Zornes mitzutheilen. „Sie ſind ja ganz blaß!“ „Sie irren ſich.“ „Sie ſehen aus, wie wenn Ihnen etwas Wider⸗ wärtiges zugeſtoßen wäre?“ „Ganz und gar nicht.“ „Ich bin Ihnen vielleicht nicht angenehm?“ „Heute nicht mehr, denn ſonſt.“ „Recht höflich das.“ Julia antwortete nicht. „Soll ich wieder gehen?“ bemerkte Leon. Julia dachte, daß ſie, wenn ſie allein wäre, wahr⸗ ſcheinlich ſich noch mehr langweilen würde, und ſprach zu Leon: zu Ne⸗ ter Un flöf ſeh her, und ter chen ich grif der⸗ ahr⸗ rach zu 287 „Sie können bleiben, wenn Sie mir etwas Neues ſagen haben.“ „Leider weiß ich nicht viel, und was ich Ihnen Neues zu ſagen hätte, dürfte für Sie nur von un⸗ tergeordnetem Intereſſe ſein.“ „Und was wiſſen Sie denn?“ „Ich bin verliebt.“ „In der That, das iſt mir ziemlich gleichgültig. Und wer hat Ihnen denn dieſe neue Liebe einge⸗ flößt?“ „Ein junges Mädchen.“ „Die Blondine, die Sie unlängſt im Theater ge⸗ ſehen?“ her, und ter chen „Dieſelbe.“ „Wohin wird Sie das führen?“ Wozu führt die Liebe?“ „Gewöhnlich dazu, daß man geliebt wird.“ „Das iſt aber nicht immer der Fall.“ „Haben Sie das Mädchen heute geſehen?“ „Nein, aber ich komme eben von ihrer Mutter die eine herrliche Frau, eine Frau voller Geiſt Anmuth iſt.“ „Aber wen lieben Sie denn eigentlich, die Mut⸗ oder die Tochter?“ „Die Tochter.“ „Haben Sie ihr den Hof gemacht?“ „Man macht nicht nur ſo den Hof einem Mäd⸗ , wie ſie iſt. Ich wußte in der That nicht, wie ich die Sache angreifen ſollte.“ „Nun, wie haben Sie die Sache bei mir ange⸗ griffen?“ „Oh, es iſt das nicht einerlei.“ 288 „Sehr verbunden!“ „Und dann wäre das nicht aufmunternd, da Sie mich abgewieſen; indeſſen habe ich einen Hülfsge⸗ noſſen, der mich bei Fräulein von Hermi unterſtützt.“ „Wer iſt dieſe Perſon?“ „Herr von Bryon.“ „So iſt er denn entſchieden ein Hausfreund?“ „Ich ſchwöre nicht höher, als bei ihm.“ „Und Sie lieben Herrn von Bryon?“ „Von ganzem Herzen.“ „Sie haben ihn zum Vertrauten Ihrer Liebe ge⸗ macht?“ „Noch nicht; allein es wird das nicht mehr lange anſtehen. Ich werde ihn heute Abend unter vier Augen ſprechen.“ „Wo?“ „In ſeinem Hauſe,“ „Hat er neulich nicht eine widerwärtige Geſchichte gehabt?“ „Ja, mit einem elenden Schmierer, der ihn aber demüthigſt um Verzeihung gebeten.“ „Wollen Sie ihm ſagen, daß ich bis zur Berei⸗ nigung dieſer Geſchichte keine Ruhe gehabt? Sie ver⸗ ſprechen mir das?“ „Ich werde nicht ermangeln.“ „Um nun aber auf Ihr junges Mädchen zurück⸗ zukommen, ſo wollen Sie Ihrem Junggeſellenleben ein Ende machen?“ „Warum nicht?“ „Sie wollen heirathen?“ „Mein Gott! ja.“ „Nur ſo auf den erſten Blick?“ Sie ge⸗ 3t.1 1¹ „So bin ich nun einmal; auch iſt keine Zeit zu verlieren für den, der ſich melden will: ein ſo vor⸗ nehmes, ſo reiches, ſo hübſches Mädchen wird der Freier genug finden.“ „Unter denen, die ſich um ſie bewerben, werden aber wenige ſein von ſo vornehmer Geburt, und, verzeihen Sie mir, faſt hätte ich geſagt, von ſo großem Vermögen, wie Sie.“ „Sie dürfen das wohl ſagen. Ich habe nicht über eine Million verjubelt, und jetzt bleibt mir noch eine übrig; es iſt alſo nebſt dem, was ſie bekommt, genug. „Sie glauben alſo, man werde ſie Ihnen geben?“ „Ich will das nicht behaupten, ſondern ſage nur, daß ich um Sie anhalten werde, oder vielmehr, daß ich durch Herrn von Bryon, der mit dem Grafen über meine Familie, mein Vermögen, und meine Abſichten ſprechen wird, um dieſelbe für mich werde anhalten laſſen: ſolcher Geſtalt werde ich alsbald wiſſen, wo⸗ ran ich mich zu halten habe.“ „Und wenn Sie einen Korb bekommen?“ „So gehe ich fort von hier, weil ich wohl ſehe, daß ich immer verliebter werden muß, je länger ich bleibe.“ „Die Sache iſt alſo ernſt?“ „Oh, ſehr ernſt!“ „Von welch zündbarem Stoffe Sie ſind!“ „Da bedauern Sie nur, daß Sie gegen mich ſo ſtreng geweſen,“ verſetzte Leon lächelnd. „Glauben Sie das ja nicht!“ „Wenn Sie Ihre Strenge alſo bereuen wollen, ſo müſſen Sie ſich beeilen, denn es iſt jett gerade Dumas d. J.,, ein Frauenleben. I. 290 noch Zeit,— wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ge⸗ rade noch vor Thorſchluß.“ „Für wen halten Sie mich?“ erwiderte Julia, die durch die unartige Weiſe Leons ſich verletzt fühlte, — Leons, der alle Gelegenheiten ſuchte, um für die Zeit, die er bei ihr mit Hofmachen verloren, Genug⸗ thuung zu nehmen.“ „Nun, nun, werden Sie mir nicht böſe: ich gehe ja.“ „Was fangen Sie heute Abend an?“ fragte Julia aufſtehend und ihre Bandeaux glatt ſtreichend. „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich mit Herrn von Bryon zuſammenkomme. Und Sie?“ „Ich bleibe hier.“ „Wird es nicht zu ſpät, ſo komme ich noch ein⸗ mal, um Ihnen eine gute Nacht zu wünſchen.“ „Oh, laſſen Sie ſich nicht ſtören: es liegt mir nicht ſehr viel daran.“ „Welch allerliebſte Herzlichkeit in unſern Bezie⸗ hungen!“ verſetzte Leon lachend und der Lovely die Hand küſſend.„Wir ſtreiten uns ja, wie wenn wir einander ſchon geliebt hätten.“ „Nun gebe man noch Etwas auf den Schein!“ „Leben Sie wohl!“ „Sie ſind alſo nur gekommen, um mir von Ihrer neuen Liebſchaft zu berichten?“ „J0,⸗ „Schönen Dank für Ihr Zutrauen! Grüßen Sie mir Immanuel vielmals.“ „Sie haben ihn ſonach ſeit ſeiner Rückkehr noch nicht geſehen?“ „Nein. Sagen Sie ihm ſogar, daß ich ihm böſe ſei. meir begr brin und „nic Kräf komn 291 ſei. Es hätte guten Geſchmack verrathen, wenn er mein Freund geblieben wäre: ſuchen Sie ihm das begreiflich zu machen.“ „Was geben Sie mir, wenn ich ihn Ihnen bringe?“ „Alles, was Sie nehmen können.“ „Es iſt das nicht genug,“ ſprach Leon lachend und zum letzten Male ſich von Julia verabſchiedend, „nichts deſto weniger werde ich thun, was in meinen Kräften ſteht, um ihn zu bewegen, daß er hieher kommt.“ „Verſuchen Sie es!“ „Sie lieben ihn alſo noch?“ „Vielleicht.“ „Soll ich ihm das ſagen?“ „Nein, es hieße dieß ihn nöthigen, hierher zu kommen.“ Und alſo ſprechend, hatte Julia Leon auf die Flur hinausbegleitet. Der Marquis ſtieg wieder in ſeinen Wagen und fuhr davon. Wider ihren Willen konnte Julia nicht umhin, von Zeit zu Zeit bei ſich ſelbſt zu ſagen: „Wenn er nur käme!“ Dieſer Gedanke verſetzte ſie in wirkliche Auf⸗ regung, und ſo oft es klingelte, ſchlug ihr Herz heftiger. Es war zehn Uhr, als Leon wieder in ihr Zim⸗ mer trat. „Allein!“ murmelte ſie, indem ſie Herrn von Grige erblickte.„Oh, wie komiſch ſehen Sie doch aus, mein lieber Leon!“ ſprach ſie, indem ſie in den 292 Zügen des jungen Mannes eine ganz ungewöhnliche Verwirrung gewahrte. „Man könnte wohl ſo ausſehen, wenn Einem weniger paſſirt wäre,“ erwiderte Leon, ſich in einen Lehnſeſſel fallen laſſend. „Was iſt Ihnen denn paſſirt?“ „Ich habe Herrn von Bryon geſehen.“ „Und?“ „Und wiſſen Sie, was er mir geſagt hat?“ „Er hat Ihnen vielleicht geſagt, es ſei Fräulein von Hermi bereits verſprochen.“ „Getroffen! Wiſſen Sie aber auch, wen ſie heirathet?“ „Nein.“ „Rathen Sie einmal; ich glaube aber, daß Sie es nicht ſo leicht errathen werden.“ „Wohl möglich! Wie ſollte ich auch ſo Etwas errathen können?“ „Denken Sie einmal; ſie heirathet... Herrn von Bryon.“ „Ihn!“ rief Julia mit einer Art wilder Freude. „Ja, ihn, und keinen Andern.“ „Innerhalb welcher Zeit?“ „Späteſtens in einem Monat.“ „Deßhalb,“ verſetzte Julia in bitterem Tone, „flieht er ohne Zweifel unſere ſchlechte Geſellſchaft.“ „Ohne Zweifel,“ bemerkte Leon wie ein ſorgen⸗ voller, mechaniſch antwortender Menſch. „Ah! Herr von Bryon!“ murmelte da die Lo⸗ vely,„ich täuſchte mich ſehr, wenn Sie jetzt nicht mein wären!“ lein ſie Sie was von ude. one, aft.“ gen⸗ Lo⸗ nicht 293 Bweiundzwanzigſtes Kapitel. Wäre in Julia's Zimmer Jemand verſteckt gewe⸗ ſen und hätte derſelbe ſehen können, was nach den zuletzt ausgeſprochenen Worten dort vorging, ſo hätte er gewiß ein ſeltſames, merkwürdiges Schauſpiel ge⸗ wahrt. Damit aber dieſes Schauſpiel einen wirkli⸗ chen Reiz für dieſen Jemand gehabt hätte, ſo hätte derſelbe auch ebenſo gut, wie wir, wiſſen müſſen, was Julia bis auf jenen Tag von Leon gehalten. Leon that ſich vor der Lovely keinen Zwang an; er dachte daher auch, die beiden Beine vor dem Feuer ausgeſtreckt haltend, und den Kopf auf eine Hand ſtützend, über das, was ihm ſo eben begegnet, ſowie über den Traum, der faſt ebenſo geſchwind wieder verſchwunden, als er entſtanden war, ziemlich ernſt, ja ſogar ziemlich düſter nach. Eine Zeitlang betrach⸗ tete ihn Julia und ließ ihn in dieſer Stellung, ohne auch nur eine Silbe hervorzubringen. Man konnte glauben, ſie denke nach über das, was ſie ihm ſagen wolle, da ihre Worte eine gewiſſe Wichtigkeit haben ſollten. Als ſie endlich ihren Plan gehörig entwor⸗ fen und überlegt glaubte, näherte ſie ſich dem Mar⸗ quis von Grige, erfaßte deſſen Hand und ſprach mit faſt mütterlicher Stimme: 7 „Nun, Freund, nehmen Sie die Sache doch nicht ſo ernſt, und tröſten Sie ſich!“ „Sie bedauern mich da, Julia.“ „Warum ſollte ich Sie nicht bedauern?“ „Es iſt das ſonſt Ihre Gewohnheit nicht.“ „Man ſieht wohl, daß Sie mich nicht kennen.“ 294 „Uebrigens iſt das Unglück, das mir zugeſtoßen, nicht von der Art, daß es nicht wieder gut zu ma⸗ chen wäre.“ „Gewiß nicht, immerhin aber iſt der Verluſt einer Hoffnung ein Schmerz.“ „Was zum Henker habe ich auch eine ſo leiden⸗ ſchaftliche Zuneigung zu dem kleinen Ding gefaßt!“ „Es wird das auch vorübergehen.“ „Natürlich, wie ſo vieles Andere; einſtweilen aber muß ich Paris Verlaſſen. „Wozu das? Die Vernunft kann hier mehr thun, als das Reiſen. Sie werden aber bedenken müſſen, daß Sie noch nicht ſo recht Zeit gehabt, in Fräulein von Hermi ſich ernſtlich zu verlieben, und es wird die Geſellſchaft Ihrer Freunde Sie dieſe Kinderei vergeſſen laſſen; denn es iſt in Wahrheit nichts Anderes.“ „Aber, meine liebe Julia, ſo mitleidig habe ich ja Sie gar nie geſehen.“ „Sehen Sie, Sie hatten eben früher niemals einen Kummer, wenn Sie zu mir kamen. Sie ha⸗ ben alſo geglaubt, wie viele Leute noch glauben, ich ſei Nichts weiter, als ein gewöhnliches Mädchen, mit dem ſich ſo all tägliche Verbindungen anknüpfen ließen, vielleicht etwas geiſtreicher, als die andern. Sie haben alſo nie begriffen, daß in meinem Herzen es eine ſenſible und ſympathiſche Saite geben könne, die unter dem Schmerz der Leute, welche ich liebe, ertöne! Und doch gehören Sie zu letzteren Leuten. Glauben Sie etwa darum nicht, daß ich Sie liebe, weil ich noch nie Ihre Geliebte geweſen? Es haben alſo die Männer kein anderes Mittel gefunden, einem Wei ſein bin viel hab nüg woh lieb⸗ meh Wir Fre hab ich Sie als vor thet lich Har in! Es gen ich mir nich dal ſell 295 Weibe ihre Liebe zu beweiſen, und ſich vom Weibe ſeine Liebe beweiſen zu laſſen! In der That, ich bin die Geliebte von Leuten geweſen, die nicht ſo viel werth waren, als Sie. Habe ich Unrecht ge⸗ habt, zu glauben, Ihnen würde nicht die Liebe ge⸗ nügen, womit jene ſich begnügten? Bewies ich Ihnen wohl dadurch meine Gleichgültigkeit, daß ich Sie nicht liebte und daß ich Ihnen die Ehre anthat, bei Ihnen mehr Verſtand, als bei den Uebrigen vorauszuſetzen! Wir ſtreiten uns unaufhörlich, aber nach Art guter Freunde. Jetzt ſehe ich, daß Sie einen Kummer haben; ich reiche Ihnen die Hand und ſpreche: Kann ich Ihnen in irgend Etwas dienen, Leon? Verfügen Sie über mich, wenn ich auch nicht weiter thun könnte, als Ihnen Zerſtreuung zu gewähren.“ Julia hatte Alles das in faſt gerührtem Tone vorgebracht; ſie hatte in ihrer Stimme gewiſſe pa⸗ thetiſche Töne wiedergefunden, die ihr nun ſo treff⸗ lich zu Statten kamen, daß Leon die ihm dargereichte Hand küßte, und ſprach: „Verzeihen Sie mir, theure Julia; aber es macht in Wahrheit dieſes Abenteuer mich recht widerwärtig. Es wird das höchſtens ein paar Tage dauern. Uebri⸗ gens will ich Sie von meiner Geſellſchaft befreien; ich gehe.“ „„Nein, bleiben Sie noch einige Augenblicke bei mir: wir wollen zu Nacht ſpeiſen.“ „Oh, ich danke Ihnen recht ſehr, mich hungert nicht.“— „Möglich, ich aber ſpeiſe zu Nacht, und da ich dabei nie allein ſein mag, ſo werden Sie mir Ge⸗ ſellſchaft leiſten.“ 296 Zu gleicher Zeit klingelte Julia. „Serviren Sie!“ ſprach ſie zu ihrem Diener, der nach einigen Augenblicken ein bereits mit Speiſen beſetztes Tiſchchen in das Schlafzimmer hereinbrachte, wo Leon und Julia ſich befanden. Julia ſetzte ſich. „Ohne Zweifel war dieſe Heirath bei der Fa⸗ milie von Hermi und bei Herrn von Bryon ſchon längſt eine beſchloſſene Sache?“ ſprach ſie.„Es mußte das wohl eine abgemachte Sache ſein, als Herr von Bryon Paris verließ?“ „Nein,“ bemerkte Leon.„Erſt in Poitou iſt das beſchloſſen worden.“ „Er kannte alſo Fräulein von Hermi nicht?“ „Er hatte ſie noch nie geſehen.“ „Und er hat ſich in ſie verliebt?“ „Sterblich.“ Julia biß ſich hier in die Lippen. „Alles das hat er Ihnen ſelbſt erzählt?“ hob ſie wieder an. „Jd. 3. „Es iſt das wohl eine recht ſentimentale Ge⸗ ſchichte?“ „Während ich ſo zuhörte, vergaß ich ganz, daß es Herr von Bryon war, der mit mir ſprach: ſo wenig gleicht das, was er mir ſagte, der Idee, die ich mir von ihm machte.“ „Und ſo hätte denn er, der ſtarke Mann, er, der ernſte Mann, ſich von einem Kinde fangen laſſen? Ein Adler, der von einem Täubchen ſich fangen läßt, iſt fürwahr ein merkwürdiges Schauſpiel.“ „Und doch iſt es ſo,“ ſeufzte Leon. der iſen hte, Fa⸗ hor „Es als das „Ohne Zweifel hat er Ihnen anempfohlen, daß Sie die Sache geheim halten ſollen?“ „Ach nein; er war ganz liebenswürdig, behan⸗ delte mich ganz wie einen Freund, und ſagte mir, ich ſei der Erſte, dem er ſeine neuen Eindrücke mit⸗ getheilt.“ „Aber es lag gewiß Stolz in dem, was er Ihnen ſagte? Er war ſtolz auf die Liebe, die er einflößt?“ „In keiner Weiſe. Er hat zu mir geſagt: ‚Fräu⸗ lein von Hermi iſt ſo ſchön und verdient ſo ſehr ge⸗ liebt zu werden, daß ich, wenn Sie dieſelbe ernſtlich lieben, wohl begreife, was Sie leiden müſſen; aber', hat er hinzugeſetzt, ‚Sie kennen ſie erſt ſeit kurzer Zeit, und es hat dieſe Liebe wohl noch keine tiefe Wurzeln geſchlagen. Sie ſind jung und ſind ohne Zwei⸗ fel von der Schönheit von Fräulein von Hermi mehr, als von etwas Anderem beſtochen worden. Hoffent⸗ lich ſind Kopf und Sinne bei Ihnen mehr im Spiele, als das Herz. Vielleicht hat er Recht. Auf jeden Fall aber iſt er ein glücklicher Menſch.“ „Sein Glück datirt nicht von dieſer Liebe her,“ bemerkte Julia abſichtlich. „Es iſt das auch meine Meinung,“ lächelte Leon, dem Julia's Abſicht nicht entgangen war. „Sie müſſen für Zerſtreuung ſorgen, mein lieber Leon,“ verſetzte Julia, aufſtehend und neben dem Marquis Platz nehmend. „Wodurch?“ eh„Dadurch, daß Sie ſich nach einer Geliebten um⸗ ehen.“ 298 „Kann ich eine finden, die Fräulein von Hermi gleich käme?“ „Wer weiß?“ erwiderte Julia, abermals klingelnd. „Nehmen Sie dieſen Tiſch fort!“ ſprach ſie zu dem Bedienten, der dem ihm gewordenen Befehle nach⸗ kam.„Ich brauche jetzt weder Sie, noch meine Kam⸗ merfrau mehr. Gehen Sie. Sagen Sie drunten, man ſolle Niemand herauflaſſen.“ Leon ſchaute Julia faſt mit Staunen an. „Erſchreckt Sie etwa dieſes unſer Zuſammenſein unter vier Augen?“ ſagte ſie zu ihm. „Im Gegentheil, ich fühle mich dadurch recht glücklich.“ „Sie glauben ſich genöthigt, mir zur Beruhigung Ihres Gewiſſens, und weil wir jetzt allein beiſam⸗ men ſind, den Hof zu machen. Wozu das? Sie lieben mich ja nicht!“ „Auf wen fällt die Schuld?“ „Auf Sie.“ „Auf mich! Ich war im Gegentheil ganz ge⸗ neigt, Sie zu lieben,“ verſetzte Julia, ihre Man⸗ ſchetten ausziehend.—„Wollen Sie mir mein Kleid aufmachen?“ „Recht gern.“ Und Leon ſtand auf und fing an, die Haken an dem ſeidenen Kleide Julia's nach einander aufzu⸗ machen. „Sie gehen zu Bette?“ fragte er. „Ja. „Dann zieh' ich mich zurück.“ „Macht Ihnen denn eine Frau, die im Bette liegt, Furcht?“ die Leh Leo ſchie hint Hel dur Leor eine fuhr Fuß ſchn mit aus chen Lipy ziehe zu ſ nich vorg Zette „Nein; aber ich könnte einer Frau läſtig ſein, die ſich zu Bette legen will.“ Hier zog Julia ihr Kleid aus, das ſie auf einen Lehaſeſe warf. ll ich nun das Corſett aufſchnüren?“ fragte Seur,5 des an ſolcher Arbeit Geſchmack zu finden ſchien. „Es iſt das nicht nöthig,“ erwiderte Julia, die hinten ein Fiſchbein auszog. Es fiel das Corſett. Julia ſtand vor dem Feuer, und es zeichnete die Helle des letzteren durch ihr battiſtenes Hemd hin⸗ durch wundervolle Formen, in deren Anſchauung Leon wider ſeinen Willen ſich verlor. Die Wirklichkeit eines Dings kann zuweilen von einem geträumten Dinge abziehen. „Da, ziehen Sie mir dieſe Stiefeletten aus!“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich ſetzte und Leon ihren Fuß hinſtreckte. Von Grige fing an, die Stiefeletten aufzu⸗ ſchnüren. „Und die Strümpfe?“ ſagte Julia, nachdem er mit dieſer Arbeit zu Ende war. Nun zog Leon ihr auch die ſeidenen Strümpfe aus, und führte die weißen und roſafarbenen Füß⸗ chen, worauf Julia ſich ſo viel zu gut that, an die Lippen. Seitdem Julia angefangen, ſich vor ihm auszu⸗ ziehen, hatte er Zeit genug gehabt, die Einzelheiten zu ſtudiren, die er vor Augen hatte, und wäre ihm nicht gegenwärtig geweſen, was bei Herrn von Bryon vorgegangen, ſo wäre er auf beſtem Wege geweſen, 300 ſich darüber zu verwundern und zugleich zu bedauern, daß er Julia mit ſo weniger Beharrlichkeit den Hof gemacht. „Ich danke Ihnen,“ ſagte die Lovely, indem ſie Leons Kopf in beide Hände nahm und ſich, um ihn auf die Stirn zu küſſen, in der Art bückte, daß das Hemd ein bischen aufging, und Leon zwei feſte und runde Brüſte, ähnlich denen der Venus von Milo, ſehen konnte. „Iſt gern geſchehen,“ ſtotterte Leon, das Auge immer noch auf das, was er ſah, heftend. „Wenn man bedenkt,“ ſprach Julia, der Leons Verwirrung nicht entging, bei ſich ſelbſt,„wenn man bedenkt, daß man alle Männer auf dieſelbe Art fan⸗ gen kann!“ Sodann lief ſie nach ihrem Bette hin und ſteckte ſich darein, wie eine Perſon, die es friert. „Nun,“ ſprach ſie dann,„kommen Sie doch näher und laſſen Sie uns plaudern!“ „Wovon, zum Henker! ſoll ich denn jetzt noch ſprechen?“ bemerkte Leon. „Von dem nämlichen Gegenſtande, wovon ſo eben die Rede geweſen.“ Leon ſchwieg. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte Julia. „Eilf Uhr,“ antwortete Leon. „Schon!“ bemerkte Julia. „Es klingt dieſes Wort recht bezaubernd für mich.“ „Nun, habe ich mich je in Ihrer Geſellſchaft ge⸗ langweilt?“ „Heute Abend aber bin ich nicht recht drollig.“ ern, Hof ſie ihn das und dilo, luge vons man fan⸗ teckte äher noch n ſo 301 „Was wollen Sie! Sie ſind eben verliebt. Es iſt das eine Prüfung, die Sie eben einmal durch⸗ machen müſſen. Wiſſen Sie auch,“ fuhr Julia fort, „daß, wenn Sie an Fräulein von Hermi eine herr⸗ liche Frau verlieren, derſelben in Ihrer Perſon gleichfalls ein herrlicher Mann verloren geht.“ „Wiſſen Sie auch,“ verſetzte Leon, Julia's Hande erfaſſend,„daß, wenn Herr von Bryon durch ſeine Heirath mit Fräulein von Hermi eine herrliche Frau bekommt, derſelbe eine anbetungswürdige Geliebte verliert, indem er Sie nicht mehr beſucht?“ „Ich wäre nicht ſo eitel, mich mit Fräulein von Hermi in eine Linie ſtellen zu wollen.“ „Sie ſind ſchöner, als ſie.“ „Nein, für's Erſte; dann habe ich nicht mehr ihre ſechzehn Jahre; und ferner geht mir ab, was den Jungfrauen eigenthümlich iſt: ich meine jenen großen Reiz, wodurch ſo viele Männer ſich fangen laſſen, ohne zu begreifen, daß die wahre Jungfräu⸗ lichkeit der Weiber mehr in der Seele, mehr im Ge⸗ müthe liegt, als im Körper.“ „Was Sie da ſagen, iſt die reine Wahrheit.“ „Hat je ein Menſch mich ſo geliebt, wie Imma⸗ nuel dieſes Kind liebt? Wohl habe ich Liebhaber, aber keine Liebe gefunden. Und doch bin ich jung, bin ich ſchön, habe ich eine Seele, habe ich Gemüth, wie Andere. Alle Tage fühle ich mich bereit, den Mann zu lieben, der rückhaltlos ſich mir hingeben und aus ſeiner Liebe etwas Anderes machen wollte, als eine Rohheit und einen Austauſch,— einen Mann, der mich um ſeinet⸗ und nicht um meinetwillen liebte, der mich nicht bezahlen zu müſſen glaubte, und dem 30² ich Alles ſagen könnte, was ich noch Niemand zu ſagen gewagt, alle meine Träume und alle meine Kindheitserinnerungen, die, noch ſo jung und ſo ſüß, unter der Aſche meines verbrannten Lebens begraben, ſterben werden. Sehen Sie,“ endigte Julia, Leons Hand drückend,„ich fühle, daß ich einen Mann recht geliebt hätte, von dem ich verſtanden worden wäre.“ „Es iſt noch nicht zu ſpät.“ „Ci, freilich! Und doch glaubte ich noch vor einem Vierteljahre das Gegentheil. Ich kann es Ihnen wohl ſagen, aber einen Augenblick glaubte ich, es würde Immanuel mich lieben. Noch nie habe ich einen Mann kennen gelernt, der in der Liebe feuriger und fähiger geweſen wäre, Sinne und Ver⸗ nunft eines Weibes zu verwirren; und doch liebte er mich nicht. Wie muß er nun erſt ſein, wenn er liebt? O! Fräulein von Hermi wird recht glücklich werden. Ich habe zwar nicht mehr denn eine Nacht bei dem Manne zugebracht, den ſie nun heirathen wird, und doch vergeht kein Tag, daß die Erinnerung an jene Nacht mich nicht verzehrte.“ Hatte Julia, indem ſie dieſes ſprach, irgend eine Abſicht gehabt, ſo hatte ſie den rechten Fleck getroffen. Mit einem Male fühlte ſich Leon von Haß gegen Immanuel erfüllt, und es zuckte ihm das Bild von Moriens und Herrn von Bryons Liebe durch den Kopf. Julia betrachtete Leon. Man hätte glauben können, ſie ſtudire deſſen geheimſte Gedanken. „Ich will Sie nun nicht länger zurückhalten,“ hob ſie wieder an. „Das heißt, ich ſolle nun gehen?“ der „Mit nichten; aber man wartet vielleicht irgend⸗ auf Sie?“ „Wer ſoll denn auf mich warten?“ „Ihre Geliebte.“ „Ich habe keine. Aber Sie warten ohne Zweifel auf Jemand?“ „Habe ich nicht befohlen, man ſolle Niemand herauflaſſen?“ „Sie hätten alſo keinen Geliebten?“ „Nein.“ „Seit langer Zeit?“ „Seitdem Immannel bei mir geweſen.“ „Und woher kommt das?“ „Daher, daß ich noch keinen Mann gefunden, ſo viel werth war, als er.“ „Worin?“ „In Allem.“ Leon ſchwieg. „Und doch,“ ſagte er nach einer Weile,„werden Sie nicht immer alſo leben?“ „Es iſt das wahrſcheinlich.“ „Wäre ich nicht ſo ganz ungenügend, ſo würde ich mich jetzt noch anbieten.“ „Sie?“ „Warum denn nicht?“ „Sie möchte ich am Allerletzten.“ „Woher kommt bei Ihnen dieſer große Wider⸗ wille?“ bemerkte Leon, der wider ſeinen Willen durch dieſe Antwort ſich verletzt fühlte. „Nicht Widerwille iſt es, was mich beſeelt, wohl aber Furcht.“ „Sie fürchten mich?“ 304 „Vollkommen.“ „Erklären Sie ſich näher.“ „Es bedarf das keiner langen Erklärung. Ich brauchte mich nur leidenſchaftlich in Sie zu ver⸗ lieben!“ „Es iſt das gar zweifelhaft.“ „Und doch iſt es dieſe Furcht, die mich bis da⸗ her abgehalten, Sie zu meinem Geliebten zu machen.“ „Sie wollen ſich auf meine Koſten luſtig ma⸗ chen.“ „In wiefern denn? Wie ich Ihnen eben geſagt, ſo bin ich ganz und gar bereit, zu lieben; es gibt nicht leicht ein Weib, das mich in dieſem Stücke überträfe. Wäre ich nun Ihre Geliebte, und würde ich Sie lieben, ſo wäre ich recht unglücklich. Sie aber ſind jung, und wechſeln gar oft mit den Wei⸗ bern! Nein, nein, ich mag nicht. Und dann wollen Sie mein Liebhaber werden, eine halbe Stunde nachdem Sie mir von Ihrem Kummer erzählt, weil Sie nicht eine Andere heirathen können. Da würde ich einen ſchönen Handel machen 44 „Wohlan, Julia, Sie können es nun nehmen, wie Sie wollen, aber ich ſchwöre Ihnen, Sie ſind das einzige Weib, das ich jetzt lieben könnte.“ „Wiſſen Sie auch, warum Sie ſolches glauben?“ „Sprechen Sie!“ „Weil Sie ſich gern ein bischen an Herrn von Bryon rächen möchten, und weil Sie vielleicht glau⸗ ben, es denke derſelbe noch an mich.“ „Gewiß nicht, und ich bin ſogar vom Gegentheil überzeugt.“ Bei dieſem Worte erblaßte Julia. V 305 „Hören Sie,“ hob ſie wieder an,„Sie ſchwören mir, daß Sie keine Geliebte haben?“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Sie geſtehen mir, daß Sie außer Fräulein von Hermi kein Weib liebten?“ „Es iſt das nur die Wahrheit.“ „Nun!...“ Hier hielt Julia inne. „Nun?“ fragte Leon, ſich ihr noch mehr nähernd. „Nein, ich mag entſchieden nicht: gehen Sie!“ „Wer wird es wiſſen?“ ſprach Leon ganz leiſe. Oh, das iſt es nicht, was mich abhalten könnte; im Gegentheil, wären Sie mein Geliebter, ſo wollte ich, daß alle Welt es wüßte.“ „Warum?“ „Weil ich ſtolz auf Sie wäre! aber es iſt das nicht möglich, es darf das nicht ſein.“ Und indem ſie alſo ſprach, preßte Julia Leon die Hand, gleich als wollte ſie ihm begreiflich ma⸗ chen, daß ſie dem Rathe ihrer Sinne widerſtehe. „Alſo ſeit einem ganzen Vierteljahre?“ ſprach Leon ganz leiſe, indem er neben dem Bette nieder⸗ kniete uud Julia's Schulter mit dem Kopfe berührte. „Ich ſchwöre Ihnen,“ verſetzte die Lovely,„daß ſeit einem ganzen Vierteljahre kein Mann auch nur meine Hand in der ſeinigen gehalten hat, und“, ſetzte ſie hinzu,„es hat mich dieß einige Ueberwindung gekoſtet; denn ich bin eben doch noch jung und habe italieniſches Blut in den Adern.“ „So laſſen Sie mich denn den Erſten ſein,“ ſprach Leon,„und fühlen Sie morgen, daß es Ihnen all⸗ Dumas d. J., ein Frauenleben. I. 20 306 zu ſchwer fällt, mich ein bischen zu lieben, ſo ſagen Sie mir es ohne Weiteres.“ „Und darauf zählen Sie vielleicht?“ „Wie können Sie ſolches denken?“ ſagte Leon im Tone des Vorwurfs; denn von ſinnlichem Ver⸗ langen erfüllt, glaubte er offen zu ſprechen und Julia lieben zu können. „Ich wäre gar zu eiferſüchtig,“ verſetzte Letztere. „Auf wen?“ „Auf alle Weiber!“ „Ich bleibe immer bei Ihnen.“— Es wäre, ſagte Leon bei ſich weiter, wirklich recht thöricht, wenn ich fortginge. Muß ich doch immer eine Ge⸗ liebte haben; und dazu iſt dieſe dann eben ſo gut, als eine andere.„Nun, Julia,“ fuhr er laut fort, „lieben Sie mich ein bischen!“ Und bei dieſen Worten umſchlang er die Schul⸗ tern des jungen Weibes mit beiden Armen. „Wie gut Sie es doch verſtehen, ſich nothwendig zu machen!“ erwiderte die Lovely, deren Auge vor ſinnlicher Luſt brannte, und die bei der Berührung der brennendheißen Hände Leons gleichſam unwill⸗ kührlich zuſammenſchauerte.„Gehen Sie, gehen Sie; ich will meinem Bedienten klingeln, daß er Ihnen leuchte.“ Und Julia ſprang aus dem Bette, und lief nach dem Kamin hin, um den Griff des Glockenzuges zu erfaſſen. In dem Augenblicke, wo ſie denſelben beinahe erreicht hatte, umſchlang Leon ſie mit den Armen, und da fühlte der junge Marquis, wie dieſer ſchöne en 307 Leib, der nur durch ein batiſtenes Hemd geſchützt war, vor Wonne und Liebe ſchauerte. Hätte Leon in ſeinem Zuſtande überhaupt über Etwas nachzudenken vermocht, ſo würde es ihm ein⸗ gefallen ſein, daß Julia ihren Domeſtiken beſohlen, zu Bette zu gehen, ſowie daß dieſelbe ihnen vergeb⸗ lich geklingelt haben würde. 3 Leon verließ ſie erſt um die Mittagsſtunde des folgenden Tages. Faſt zur gleichen Stunde ſchrieb Marie an Cle⸗ mentine: „Immanuel verläßt mich eben. Endlich hat er bei meinem Vater um mich angehalten. In vier⸗ zehn Tagen bin ich ſeine Frau. Ich bin allzu glück⸗ lich! Bete für mich!“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Gar rührend war die Feierlichkeit, die vierzehn Tage nach den eben berichteten Begebenheiten in der Sanct Peterskirche zu Dreux Statt fand. Es war die Kirche voll von Neugierigen aus allen Thei⸗ len der Stadt, denn Alles wollte die beiden Braut⸗ leute auch in der Nähe ſehen. Jedermann wußte, wer Fräulein von Hermi war, da ſie zu Dreux er⸗ zogen worden, und ebenſo bekannt war auch Herrn von Bryon'’s Name. Der Himmel ſelbſt hatte dem Glücke der beiden jungen Eheleute zugelächelt, denn anſtatt, wie ſonſt, kalt zu ſein, war der Dezember gelind und heiter geworden. Es haben ſchon Viele vor uns glückliche Heira⸗ then beſchrieben, wir können uns daher enthalten, in längere Einzelnheiten einzugehen. Eine volle Kirche, Blumen, Geſänge, Lächeln, Wünſche, Gelübde, Samm⸗ lung der Gemüther, und Liebe, das iſt Alles, was wir hier ſagen wollen. Das Amt hielt der alte Pfarrherr, mit dem wir ſchon zu Anfang dieſes Bu⸗ ches Bekanntſchaft gemacht, und es ſtanden dem wür⸗ digen Manne die Thränen in den Augen, ſo gerührt war er von dem frommen Aberglauben, der das junge Mädchen getrieben, in der Stadt und in der Kirche ihren Ehebund einſegnen zu laſſen, wo ſie zum erſten Male zum Tiſche des Herrn gegangen. Was Clementine betrifft, ſo war ſie ganz freude⸗ ſtrahlend, glücklich, ſtolz. Nach der Meſſe ſtellte Marie dem Pfarrherrn eine Summe von zehntauſend Franken zu. „Es iſt dieß für Ihr Kloſter im Vert⸗Thale, mein Vater,“ ſprach ſie zu ihm. „Schönen Dank, mein Kind,“ erwiderte der Greis;„Sie können aber für dieſes Kloſter noch mehr thun.“ „Sprechen Sie, mein Vater „Sie können beten für die, welche dort eine Zu⸗ fluchtsſtätte ſuchen, und es wird Gott ihnen ſeinen Segen gehen, denn Ihr Gebet wird das eines En⸗ gels ſein.“ Herr von Bryon gab zu demſelben Zwecke eine gleich große Summe, und der Leſer mag ſich ſelbſt denken, ob die Stadt Dreux von dieſer doppelten Freigebigkeit lange ſprach. Madame Düvernay hatte bei der Feierlichkeit nicht gefehlt, und ſämmtliche große Mädchen ihres Penſionats waren gleichfalls 1 78 8=DͤASSS ¼% AͤSe ——₰ — —————— SSSS 309 gekommen. Es ſchienen die Herzen zu klein, um die Begeiſterung und die Freude zu faſſen, wovon dieſer Tag voll war. Die Armen gingen hinweg, wenig⸗ ſtens auf acht Tage reich, und ſämmtliche Opferga⸗ ben und ſämmtliche Geſchenke, welche von der Neu⸗ vermählten kamen, zeugten von ſo viel Anmuth und Schamhaftigkeit, daß keine Hand ſich ſchämte, das von ihr Angebotene anzunehmen. Im Laufe des Tages nahm Herr von Bryon Clementine bei Seite. „Nun,“ ſprach er zu ihr,„es ſcheint dieſer Tag Sie recht glücklich zu machen.“ „Ja,“ antwortete Clementine,„und zwar um ſo glücklicher, als ich mich noch wohl erinnere, daß Marie ihn mir verdankt,— womit ich indeſſen Nie⸗ mand einen Vorwurf gemacht haben will,“ ſetzte Fräulein Dübois, zugleich erröthend und lachend hinzu. „Ich kenne Ihr Benehmen in der ganzen Sache, mein Kind,— erlauben Sie mir, daß ich Sie ſo nenne, und Gott weiß, ob ich Ihnen dafür dankbar bin. Wollen Sie mir, der ich beinahe Ihr Vater ſein könnte,— wollen Sie mir, der ich für immer Ihr Freund bleiben will, erlauben, daß ich Ihnen ein kleines Andenken an dieſen Tag zurücklaſſe? Was ich Ihnen anbiete, hat in meinen Augen nur darum einen Werth, weil es von meiner Mutter herkommt; das Andenken aber, das Sie von mir er⸗ halten ſollen, muß etwas Anderes, denn einen Geld⸗ werth,— es muß daſſelbe einen Herzenswerth ha⸗ ben, obgleich es mein Wille iſt, daß Ihre junge und einfache Koketterie dadurch erfreut werde. Nehmen Sie alſo dieſes Käſtchen, liebes Kind, geſtatten Sie 310 mir, daß ich Sie gleich einer Schweſter küſſe, und wenn Jemand dieſen Tag vergißt, ſo werde gewiß ich es nicht ſein. Ich wagte es nicht recht, Ihnen dieſen Schmuck ſelbſt anzubieten, aber Marie,— aber Madame von Bryon,“ ſetzte Immanuel mit einem unbeſchreiblichen Lächeln hinzu,„hat es ſchlech⸗ terdings ſo gewollt.“ „Und ich habe wohl daran gethan, gute Cle⸗ mentine, nicht wahr?“ rief Marie, die bei den letz⸗ teren Worten hereintrat und ihrer Freundin unge⸗ ſtüm um den Hals fiel. Die beiden Evatöchter, wovon die älteſte ſeit einer Stunde eine junge Frau geworden, küßten ſich mit jenen Thränen der Rührung, welche an einem Tage, wie der von uns beſchriebene, die Augen fort⸗ während netzen. Clementine hielt ihr Schmuckkäſt⸗ chen in der Hand, wagte daſſelbe aber nicht aufzu⸗ machen, obgleich ihre Neugier ihr dazu rieth. Es entging dieß Marien nicht, die das Schmuck⸗ käſtchen nahm, es aufmachte, eine prächtige Schnur mit Smaragden und Diamanten aus demſelben her⸗ vorzog, dieſe Garnitur auf Clementinens Leibe zu⸗ recht legte, und zu Letzterer ſprach: „Sieh, ſo legt man es an.“ Dieſer Schmuck war wenigſtens dreißigtauſend Franken werth. Clementine war ganz geblendet und wäre gerne mit ihrem Schmuck am hellen Tage auf die Straßen von Dreux hinausgegangen, damit Je⸗ dermann ſie ſehen und gleich ihr davon geblendet werden möchte. Es ſtanden Poſtchaiſen bereit, und gegen vier Uhr Nachmittags reisten der Herr Graf und die 3 1 t 311 Gräfin von Hermi, ſowie Immanuel und deſſen Frau nach Paris ab. Es hatte alſo die Heirath ganz im herkömmlichen Style Statt gefunden, da nach Beendigung der Meſſe die beiden Neuvermähl⸗ ten weggereist waren. Clementine blieb bei ihrer Tante, ſeelenvergnügt über ihre Smaragden und Diamanten, aber recht traurig über die Abreiſe ihrer Freundin. Immanuel war mit ſeiner Frau allein in einem Wagen. Solche, die durchaus wiſſen wollen, was die beiden Neuvermählten ſich zu ſagen hatten, mö⸗ gen entweder rathen, oder ſich erinnern! ſfſſnſſſſf 14 15 16