Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— —————— 8 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 1 Mk.— Pf. „ 5„„ 5 9,„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das. zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Hangen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 5 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2— 55 — Ausgewählte Werke von Alerander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Diana von LCys. Roman von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. AᷓS Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Gewiß biſt Du ſchon, verehrter Leſer, in Geſell⸗ ſchaft wenigſtens einer jener unbeſtreitbaren Schön⸗ heiten begegnet, die ihrer ſelbſt gewiß und ſo ſind, wie man ſich Königinnen vorzuſtellen pflegt; denn die Phantaſie des Menſchen liebt es, die Majeſtät des Rangs durch die Majeſtät des Geſichts zu vervoll⸗ ſtändigen. Kommen ſolche Frauen in einen Salon herein, ſo ſagt man unwillkührlich zu ſeinem Nach⸗ bar: „Sehen Sie einmal den ſchönen Kopf!“ Und der Nachbar, an den man ſich wendet, ant⸗ wortet, da er faſt immer nur ein gewöhnlicher Menſch iſt, mit jener herkömmlichen Phraſe, welche ihm alle Bewunderung enthält: „In der That, es iſt dieſer Kopf eine wahre Studie.“ Eine wahre Studie! Mit andern Worten, eine gerade Naſe, große Augen, ein regelmäßiges Profil, ein halboffener Mund mit bogenförmig gekrümmten Lippen, weiße Zähne, ein Hals ſo rund wie eine Marmorſäule, und irgend eine Draperie über den Reſt her; Alles das recht ruhig, recht kalt, recht empfindungslos, recht ſeelenlos, recht leidenſchafts⸗ los, recht geiſtlos und in Wahrheit recht geeignet, als Modell zu einer mit zweierlei Stiften auszufüh⸗ renden Studie zu dienen, wie man ſie gewöhnlich in Gymnaſien und Mädcheninſtituten findet. Du haſt ſolche Köpfe auf einem eben ſo vollkom⸗ menen Rumpfe geſehen und haſt bei Dir ſelbſt ge⸗ ſagt: Es iſt dieſes Frauenzimmer ſchön, ſo ſchön als man nur ſein kann; wie kommt es nun aber, daß dieſe Schönheit mich nicht anzieht, ſo unleugbar ſie iſt, und warum werde ich dieſes Frauenzimmer ge⸗ wiß nie lieben, während ich vielleicht in Liebe ent⸗ brennen werde für jene Andere, Magere, mit den kleinen Augen und der Stülpnaſe, die von Niemand angeſehen wird? Es kommt dieß daher, daß ſolchen Frauenzim⸗ mern Etwas abgeht. Faſt immer findet es ſich, daß ſie entweder nie geliebt oder nie gelitten— was ſo ziemlich ſynonym iſt, da Eines kaum ohne das An⸗ dere ſein kann,— und daß dieß auf ihrem Geſichte deutlich zu leſen iſt. Warum aber haben ſie nicht geliebt? wirſt Du mich fragen. Weil die Schönheit weſentlich egoiſtiſch iſt, ſich ſelbſt genügt, Alles abſorbirt und Nichts zu⸗ rückgibt; weil ein unbeſtreitbar ſchönes Frauenzimmer kein anderes Bedürfniß fühlt, als ſich ſagen zu laſſen, daß ſie ſchön ſei, und einem einzigen Manne dieſe Schönheit nicht gönnt, worauf derſelbe eiferſüchtig wäre, ſo daß er ſie verhindern würde, ſie vor aller Welt ſehen zu laſſen. Weil ein ſolches Frauenzim⸗ mer das Murmeln der Bewunderung, das ſie em⸗ pfängt, ſobald ſie in ein Theater oder auf einen Ball kommt, allem Andern vorzieht; weil ihr ſtalzes Weſen ſie ſchlechterdings nicht an die Liebkoſungen und Schmei⸗ cheleien der Intimität zu gewöhnen vermöchte, da ſie 2ͤ—-— —— dN 5 9. 7 ja von den Höhen ihres Hochmuths herabſteigen müßte; mit einem Worte, weil ſie nicht zu lieben verſtände und bei dieſem Geſchäfte ſich recht linkiſch zeigen würde. Die Marquiſe Diana von Lys, unſere Heldin, war nun eine von dieſen Frauen. Um die Stunde, wo wir ihre Bekanntſchaft machen, ſaß ſie am Fen⸗ ſter, in einem allerliebſten Boudoir des von ihr be⸗ wohnten, auf dem Kai Voltaire gelegenen Hotels; ſie hatte eben ein Buch auf den Knien liegen und feilte an ihren roſenrothen Nägeln. Woran ſie dachte, hätte wohl ſchwerlich Jemand errathen; vielleicht daß ſie ſelbſt es nicht wußte. b Es war dieß im Monat September, und es mochte acht Uhr Abends ſein. Die Marquiſe lag alſo dem eben beſagten Ge⸗ ſchäfte ob, als ein Diener die Thüre des Boudoirs öffnete und Madame Delaunay meldete. Sofort kam eine allerliebſte Frau zum Vorſchein, die, in einem Alter von etwa dreißig Jahren ſtehend, mit blonden Haaren braune und unendlich ſanfte Augen verband, einfach und doch elegant, wie man zu ſagen pflegt, gekleidet war, und in ihrer ganzen Erſcheinung jenes gewiſſe Etwas hatte, das ein ruhi⸗ ges, durchſichtiges, regelmäßiges eheliches Leben verräth. „Ahl Du biſt es, Marcelline?“ ſprach die Mar⸗ quiſe zu der jungen Frau.„Wie ſchön, daß Du kommſt! Ich langweile mich entſetzlich.“ „Wo iſt der Marquis?“ „Weiß ich es denn?“ „Wie Du doch das ſagſt!“ 8 „Du liebſt alſo Deinen Mann, Marcelline?“ „Ja, und Du?“ „Auch ich liebe den meinigen,“ antwortete die Marquiſe in einem Tone, wie wenn ſie geſagt hätte: „Eil! es regnet.“ „Wohlan! Ich bringe Dir einen Brief.“ „Gib her!“ Es ſtand einige Augenblicke an, bevor die Mar⸗ quiſe ſich entſchloß, das Papier aufzumachen. „Weißt Du auch, daß der kleine Maximilian von recht alter Familie iſt?“ ſprach ſie, das Siegel faſt eben ſo gleichgültig erbrechend, wie wenn es gegolten hätte, die Rechnung einer Kleidermacherin oder einer Modehändlerin anzuſehen.„Kennſt Du ihn?“ „Nein.“ „Er iſt ein allerliebſter Burſche.“ „Was thut er?“ „Er macht mir den Hof.“ „Seit langer Zeit?“ „Seit einem Jahre.“ Und die Marquiſe durchlief den Brief, den Mar⸗ celline ihr ſo eben zugeſtellt. Unterdeſſen hatte Marcelline Diana's Buch ge⸗ nommen und blätterte darin. „Er iſt traurig, er iſt unglücklich,“ ſprach die Marquiſe. „Warum?“ „Weil ich ſeinen erſten Brief nicht beantwortet habe.“ „Und haſt Du im Sinne, dieſen zu beant⸗ worten?“ „Ich muß wohl.“ —-—— —8— ——————-—.— 9 „Was will er? Denn er verlangt gewiß Etwas?“ „Er bittet mich um eine Unterredung unter vier Augen.“ „Und Du willſt ihm ſeine Bitte gewähren?“ „Ich langweile mich ſo gräßlich.“ „Bedenk' aber, daß das ein folgeſchwerer Fehl⸗ tritt wäre.“ „Ach! liebe Freundin, wir Frauen können es uns wohl geſtehen, daß das, was die Welt einen Fehltritt nennt, keineswegs die Wichtigkeit hat, die man der Sache beimißt. Wäre ich von meinem Manne ſo geliebt, wie Du von dem Deinigen, ſo würde ich einen Fehltritt begehen, wenn ich thäte, was ich thue; aber es liebt mich mein Mann nicht. Es hat derſelbe mein Vermögen aufgezehrt und dabei zugleich ſein Herz abgenützt. Er hat mich geheirathet, weil ich zwei Millionen mitbrachte; mein Vater aber hat mich ihm gegeben, weil er einen ſchönen Namen hatte. Mit der Regelmäßigkeit eines Chronometers folgen bei mir die Tage auf einander. Ich habe Alles, wornach Andere ſich ſehnen, und doch plagt mich immer eine tödtliche Langweile. Bin ich recht viele Jahre ſpazieren gefahren, auf den Ball und in's italieniſche Theater gegangen, ſo werde ich alt, ſo wird meine Stirn mit Runzeln bedeckt, ſo werden meine Haare grau ſein; und in den Augen der Welt werde ich dann tugendhaft geweſen ſein, in meinen eigenen Augen aber nur aus Liebe zum Putz oder aus Vergeßlichkeit. Werde ich dann es nicht be⸗ dauern, daß ich mir die Emotionen nicht gegönnt, die ich mir hätte verſchaffen können, und die dann auf immer für mich verloren ſein werden? Ich bin 10 noch jung und ſchön: wozu dieſe Schönheit, wenn ich Niemand liebe?“ 3 „Und zum Anfang haſt Du dieſen jungen Mann erkoren, der Dir ſchreibt?“ fragte Marcelline mit dem Staunen, das ſolche Reden bei ihr hervorrufen mußten. Die Marquiſe machte eine Geberde, die ſo ziem⸗ lich für bejahend gelten konnte. „Und glaubſt Du, daß er mich liebe?“ „Er wäre gar difficil, wenn er das nicht thäte.“ „Bedenk' auch, was Du thuſt.“ „Würde ich erſt lange darüber nachdenken, ſo würde ich es nicht thun.“ Und Diana erhob ſich, ſchloß ein roſenholzenes Pult auf und fing an zu ſchreiben. „Gibt es etwas Schwieriges bei der Sache,“ ſprach ſie,„ſo iſt es gewiß der Brief.“ „Warum?“ „Weil, wenn man zu viel ſagt, man ſich com⸗ promittirt, und weil, wenn man nicht genug ſagt, man Gefahr läuft, nicht verſtanden zu werden.“ „In der That, die Sache iſt kitzelig; was mich betrifft, ſo ſchätze ich mich glücklich, daß ich in keiner ſolchen Verlegenheit bin, noch je darein zu kommen hoffe.“ „Vielleicht kommt es aber doch noch.“ „Nein,“ verſetzte Frau Delaunay; und man konnte leicht fühlen, wie dieſes Wort bei ihr nicht bloß von den Lippen, ſondern aus dem Herzen kam. Die Marquiſe ergriff nun eine Feder und ließ die Hand über das Papier hineilen. Unterdeſſen ſah Ab wie an n. eß en 11 ſah Marcelline, auf die Fenſterbrüſtung geſtützt, den Abendſpaziergängern zu, wie ſie vorübergingen. ſaach Verfluß von einigen Minuten war Diana wieder bei ihrer Freundin. „Er iſt geſchrieben,“ ſprach ſie. „Darf man ſehen, was darin ſteht?“ „Ja, Du mußt mir ſagen, ob es ſo recht iſt.“ „Sie ſtaunen über mein Schweigen,“ las die Marquiſe;„Sie ſollten aber einſehen, daß eine Frau nicht gern auf einen erſten Brief antwortet, insbe⸗ ſondere dann nicht, wenn dieſer Brief ſolche Dinge enthält wie der Ihrige. Ich will gern glauben, was Sie mir ſagen; indeſſen ſcheint es mir, trotzdem daß es mir ein gewiſſes Vergnügen machen würde, Sie zu ſehen, ganz und gar unmöglich, daß wir einander an einem anderen Orte treffen, als in meinem Hauſe, wo ich Ihnen die Unterredung verſprechen könnte, um welche Sie mich bitten, da meine Thüre Allen denen offen ſteht, die an dieſelbe klopfen. Haben Sie gleichwohl etwas Phantaſie, dann habe ich viel⸗ leicht etwas Nachſicht.“ „Wie findeſt Du das?“ „Gut genug für das, was es iſt.“ „Es iſt alſo Nichts mehr übrig, als den Brief zu ſiegeln.“ Diana ſiegelte ſofort das Billet, ſchrieb die Adreſſe darauf und gab es ihrer Freundin in die Hände mit den Worten: „Wirf es in die Brieflade, wenn Du von hier weggehſt.“— „Das will ich eben jetzt thun,“ antwortete Mar⸗ celline,„mein Mann wartet daheim auf mich.“ „Der ganze Unterſchied zwiſchen uns Beiden, ſiehſt Du, liebe Freundin, iſt, daß, wenn Du ausge⸗ gangen biſt, Dein Mann auf Dich wartet, und daß, wenn mein Mann fort iſt, ich nicht auf ihn warte. Soll ich anſpannen und Dich heimfahren laſſen?“ ge„Ich danke Dir ſchön, ich gehe lieber zu Fuße eim.“ „Wann ſehe ich Dich wieder?“ „Morgen Abend, es wird dann ohne Zweifel ein Brief da ſein.“ „Du kommſt alſo nur deßwegen?“ Und es küßten ſich die beiden Frauen. „Wie närriſch biſt Du doch!“ ſprach die Mar⸗ quiſe.„Du weißt wohl, daß ich Dich ſtets gern ge⸗ habt habe.“ Marcelline ging die Treppe hinab. Die Marquiſe blieb noch einige Augenblicke am Fenſter, dann klingelte ſie ihrer Kammerfrau, nahm das Buch, das ſie zu leſen angefangen hatte, und verſchwand in ihrem Schlafzimmer. Sie machte ihre Nachttoilette und riegelte ihre ſämmtlichen Thüren zu. Als ſie allein war, ging ſie an ihren Spiegel hin. Sich ſo ſchön ſehend, lächelte ſie ſich ſelbſt an; ſodann nahm ſie den Leuchter, ſtellte ihn auf ein Nachttiſchchen, ſtreifte ihre Atlaßpantoffeln ab, ſprang fröhlich auf ihr Bett hinauf und fing an zu leſen. Anfänglich liefen ihre Augen über das offene Buch hin; indeſſen wendete ſie, ſei es daß das Buch nicht intereſſant genug war, ſei es daß etwas An⸗ deres ihr im Kopfe herumging, auch nicht ein ein⸗ ziges Blatt um; und es ſtand nicht lange an, ſo ver⸗ 13 wirrten ſich die Buchſtaben, Geſtalt und Sinn zu⸗ gleich verlierend, in der Unbeſtimmtheit ihres Blickes. Nun warf die Marquiſe den Kopf zurück und ſtützte ihn auf ihren weißen runden Arm; eine ſüße Träu⸗ merei bemächtigte ſich ihres Geiſtes, und einige Augenblicke darauf fiel, ohne daß ſie ſelbſt es gewahr wurde, das Buch auf den Teppich. Diana ſchlief. Unterdeſſen war Frau Delaunay wieder nach Hauſe gekommen, nachdem ſie den Brief ihrer Freun⸗ din ganz einfach in eine Brieflade geworfen. Frau Delaunay war mit Diana in einem und demſelben Penſionate geweſen, und es hatte Letztere für ihre Kamerädin, wie ſie eben ſelbſt ihr wieder geſagt, eine jener erſten Zuneigungen empfunden und bewahrt, welche die Welt trotz ihrer Gewohn⸗ heiten und Anforderungen nicht zu zerſtören vermag. So kam es, daß die Marquiſe, als ſie Briefe zu bekommen hatte, die ſie daheim nicht vor Jedermann zu empfangen wagte, zu der verſchwiegenen Freund⸗ ſchaft Marcellinens ihre Zuflucht nahm. Nicht als ob die Marquiſe vor der Eiferſucht oder dem Zorne des Marquis Furcht gehabt hätte,— ſie wußte, was ſie hievon zu halten hatte; gleichwohl vermöchte Nie⸗ mand im Voraus anzugeben, was aus einem Brief Alles entſtehen kann, und ſo war dieß denn für Diana ein weiterer Grund, lieber eine Freundin, als eine Perſon von ihrer Dienerſchaft in's Vertrauen zu ziehen. Anfänglich hatte ſie Frau Delaunay ge⸗ ſagt, es kämen dieſe Briefe von einer Verwandten, die ihrem Gatten unangenehm wäre; ſodann hatte ſie ihr die Wahrheit zugeſtanden, das heißt, daß 14 ſie dem jungen Baron von Ternon Erlaubniß ge⸗ geben, ihr ſchriftlich den Hof zu machen. War dieß das erſte Mal, daß Frau Delaunay mit einer ſolchen Mitſchuld ſich belaſtete? Ja, und noch weiter können wir die Verſicherung geben, daß die Marquiſe ſolchen Dienſt noch nie von einer an⸗ dern Perſon verlangt, ſowie daß Maximilian der erſte Mann war, der ihr in dieſer Richtung ſchrei⸗ ben durfte. „Es war alſo die Marquiſe noch recht jung?“ werden die Skeptiker ſagen. Die Marquiſe war achtundzwanzig Jahre alt, ſchön, reich, eine Brünette, gänzlich unbeſchäftigt, und— verheirathet. Ihr Vermögen hatte ſie von ihrem Vater ererbt; an ihrem müſſigen Leben aber war ihr Vermögen, an ihrer Langweile endlich ihre Heirath Schuld. Es hatte die Marquiſe alle Ge⸗ nüſſe des Luxus, alle Zerſtreuungen der Welt, alle Freuden und Vergnügungen gehabt, die ſich mit Geld kaufen laſſen. Zwar hatten ihr ſchon viele Männer den Hof gemacht, da ihr Gatte ziemlich gleichgültig gegen ſie zu ſein ſchien; und ferner beſaß ſie Augen und Haare, die mit der ganzen Energie ihrer Farbe gegen eine ſolche Gleichgültigkeit zu proteſtiren ſchie⸗ nen; aber, wir wiederholen es nochmals, es hatte die Marquiſe, ſei es Trägheit des Herzens, ſei es phyſiſche Trägheit, bis dahin keinen Liebesanträgen Gehör geſchenkt, von wem dieſelben immer aus⸗ gegangen ſein mochten. Woher kam es aber dann, daß ſie endlich Maxi⸗ milian angehört hatte? War Maximilian vielleicht ein außergewöhnlicher ge⸗ nay und daß an⸗ der prei⸗ g2“ alt, tigt, von aber ihre Ge⸗ alle Beld iner ltig gen urbe hie⸗ atte es gen lus⸗ axi⸗ cher 15⁵ Menſch, oder aber war ſie von einer unüberwind⸗ lichen Liebe zu ihm ergriffen? Nichts von alledem; nur war, wie wir eben ge⸗ ſagt, die Marquiſe achtundzwanzig, und es grauſete ihr bei dem Gedanken, daß ſie in nicht langer Zeit dreißig ſein würde, ohne Jemand geliebt zu haben. Maximilian war daher keineswegs der Gegenſtand irgend welchen Vorzugs, ſondern hatte einzig und allein die Beſtimmung, eine Vergeſſenheit des Her⸗ zens möglichſt ſchnell wieder gut zu machen. Es hatte Diana ſich in ihrer Umgebung umgeſchaut, um zu ſehen, ob ſich nicht in derſelben Jemand fände, von dem ſie ſich ohne allzu große Furcht, ohne allzu großen Skandal, ohne allzu große Veränderung in ihrer Lebensweiſe den Hof machen laſſen könnte, und da war ihr dann unter allen ihren Hofmachern der Baron als derjenige erſchienen, der die gewünſchten Eigenſchaften am Vollkommenſten in ſich vereinigte. Es war derſelbe noch jung; ſie durfte mithin auch glauben, daß er noch einige Illuſionen habe und ſie liebe, wie man in einem Alter von zwanzig Jahren liebt; ferner war ſie ſelbſt ſchön und hatte von Ne⸗ benbuhlerſchaften kaum wohl Etwas zu fürchten; und endlich war der junge Baron von einem Vater und einer Mutter überwacht, denen er wie ein kleines Kind gehorchte. Alle dieſe Gründe ſagten ihr, daß ſie ihre Frei⸗ heit nicht mehr, denn nöthig ſei, bloßſtelle. Es konnte. dieſe Liebe eine ziemlich angenehme Beſchäftigung ſein, und anders ſah die Marquiſe die Sache auch gar nicht an. Wie dem nun auch ſein mag, ſo viel ſteht feſt, 16 daß Marimilian, der Frau von Lys oft in Geſell⸗ te ſchaft geſehen, derſelben den Hof gemacht hatte mit ei jener Schüchternheit, welche ſo viele Frauen beſticht. ih Es hatte geſchienen, als hörte ſie ihn lachend an. ol Er aber hatte darum den Muth nicht verloren. N Dann war auf das Lachen ein ermuthigendes Schwei⸗ tu gen gefolgt, auf die Gleichgültigkeit halbe Blicke, auf E die halben Blicke halbe Vertraulichkeiten, und endlich ſo hatte die Marquiſe dem jungen Manne zu verſtehen V gegeben, daß ſie ſchriftlich Alles annehmen würde, ſo was er ihr nicht zu ſagen wagte, und was ſie nicht w anhören durfte. ri Was Frau Delaunay betrifft, ſo war ſie we⸗ V der reich, noch Marquiſe, ſondern, wie von uns vi 4 ſchon geſagt worden, einfach von ihrem Gatten ge⸗ je 6 liebt und in denſelben verliebt. Sie hatte dieſem N im Vertrauen von der myſteriöſen Correſpondenz ge⸗ de ſagt, und hatte derſelbe ſich anfänglich auch der m Sache widerſetzen wollen, ſo hatte er doch endlich ſeine Zuſtimmung dazu gegeben, Dank jener Ge⸗ ar wohnheit, zufolge welcher ihm eben Alles recht war,. w was ſeine Frau wollte. an „Die Briefſtellerin iſt eine gute Freundin von kor mir,“ hatte Marcelline, von Diana ſprechend, zu no ihrem Manne geſagt;„ſie iſt unbeſonnen, und neh⸗ au men wir ihre Briefe nicht an, ſo wird ſie ſie von me Jemand anders annehmen laſſen, der ſie dann aber ſch compromittiren wird. Im Uebrigen ſind es ja nur Briefe, und die ſind nicht ſo gefährlich.“ no Hier müſſen wir uns eine Bemerkung erlauben, ſei die Bemerkung, daß man nicht ſelten ſieht, wie eine ſei Frau, die nicht im Stande iſt, ihren Gatten zu hin⸗ ge 17 tergehen, ganz einfach darum, weil ſie ihn liebt, einer Freundin den ihrigen hintergehen hilft und ihre Freude findet an Gefahren, die für ſie ſelbſt ohne Gefahr ſind. Dieſe Geſinnung iſt es, die aus Müttern und Schweſtern, mögen dieſe oft noch ſo tugendhaft ſein, ſo gefällige Vermittlerinnen macht. Es iſt aber auch der Erſatz vorhanden, daß die Per⸗ ſon, welche die Vertraute der Freuden, ebenfalls die Vertraute der Traurigkeit und des Kummers iſt, die ſolcherlei Liebſchaften hervorrufen, ſowie daß ſie, wenn ſie in ihrem Gewiſſen dieſe Freuden und Trau⸗ rigkeiten ſorgfältig gegen einander abwägt, bei dem Vergleiche ſich noch glücklicher findet. Und dann iſt vielleicht auch, wer weiß? der Erſatz der Tugend, jenes Schatzes, der etwas ſchwer zu tragen iſt, die Nichttugend des Andern. Selbſt die heiligſten Lei⸗ denſchaften haben ihren Egoismus und ihren Hoch⸗ muth. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß Maximilian auf die Antwort der Marquiſe mit höchſter Ungeduld wartete; daher ſchlief er auch nur wenig und wachte am andern Tage, nachdem Diana ſeinen Brief be⸗ kommen, und wo er ſelbſt aller Wahrſcheinlichkeit nach einen bekommen mußte, ſchon in aller Frühe auf. Raſch ſtand er auf, ließ ein Pferd ſatteln und machte einen Spazierritt, um ſeine Ungeduld einzu⸗ ſchläfern. Maximilian war erſt zwanzig. Im Ganzen ge⸗ nommen war er ein recht artiges Barönchen mit ſeinen ſchwarzen Haaren, ſeinen feurigen Augen und ſeinen weißen Zähnen; und ferner war er gut erzo⸗ gen, ſanft, und gut gekleidet; ſtützte er an Empfang⸗ 2 Dumas d. J., Diana von Lys. 18 tagen einen Elbogen auf die Ecke eines Kamins oder plauderte er mit einer Frau über den Lehnſtuhl hin, ſo nahm er ſich wirklich recht gut aus. Angekleidet, war der Baron immerhin ſeine dreitauſend Franken werth, ohne die Baarſchaften mitzurechnen, die ſich in ſeiner Taſche finden mochten. Stock von Verdier, Vorſtecknadel von Janinch, Uhr ſammt Kette von Maclé, Hemd, Cravate und Handſchuhe von Boivin, Kleider von Staub oder Humann: man addire Alles dieß, ſo wird man die ebenerwähnte Totalſumme finden. Hatte er auch des Geiſtes nicht allzu viel, ſo beſaß er doch genug zu dem Geſchäfte, das er trieb. Hätte er auch keinen zu verkaufen gehabt, ſo brauchte er auf der andern Seite auch nicht eben welchen zu kaufen. Er war Baron, und hatte einen hiſtoriſchen Namen, deſſen Geſchichte er zwar nicht kannte, den er aber nützte, um auf ſein Schreib⸗ papier, ſeine Viſitenkarten und ſeinen Wagen, einen thurmhohen Phaëton, den er gern ſehen ließ, und der ſich auch recht bemerklich machte, Wappen ſetzen zu laſſen. Man glaube doch ja nicht, daß es unſere Abſicht ſei, den Baron herunterzuſetzen und an deſſen Ver⸗ dienſten zu mäkeln. Es iſt das entfernt nicht unſer Gedanke. Er war gewiß das Beſte dieſer Art, was gefunden werden konnte. Wir verlangen von einem Apfelbaume nicht, daß er Pfirſiche oder Pflaumen tragen ſolle, und darum dürfen wir denn auch von einem Manne der feinen Welt nicht verlangen, daß er etwas Anderes ſei, als was er eben iſt. Iſt derſelbe elegant, weiß er mit Anſtand in einen Salon zu treten, hat er einen guten Kammerdiener, reitet er gut, ſchön ſpielt hübſe Mor Uhr! als ſehen es, e eines lange lich ( eine erſche ſicher: der 2 wend ſchlec allerl oder wöhn C Zweck total das möcht was von d ja nic Bewe⸗ aus i oder hin, det, aken ſich dier, von vin, Ulles nme viel, 3 er dabt, nicht datte war reib⸗ inen und etzen Lſicht Ver⸗ inſer was inem imen von daß ſelbe n zu et er 19 gut, iſt er ein guter Wagenlenker, hat er einen ſchönen Namen, gehört er einem guten Cirkel an, ſpielt er hoch, zahlt er in Gold, unterhält er ein hübſches Frauenzimmer, iſt er ſchön, geht er erſt Morgens um zwei Uhr zu Bette, um erſt um drei Uhr Nachmittags aufzuſtehen, verzehrt er etwas mehr, als ſein Einkommen, hat er Baden und Italien ge⸗ ſehen, kauft er ſeine Pferde bei Tony, verſteht er es, ein Bouquet zu beſtellen und über die Schultern eines Frauenzimmers ein Peliſſe zu werfen, ſo ver⸗ langen wir nicht weiter von ihm; auch iſt das wahr⸗ lich ſchon genug. Ein ſolcher Weltmann mag manchen Leſern als eine rechte Null und als ein gar unnützer Menſch erſcheinen. Solche Leſer aber können wir ver⸗ ſichern, daß ſie ſich gewaltig täuſchen. Elegants wie der Baron ſind nothwendige, unumgänglich noth⸗ wendige Menſchen. Die Geſellſchaft bedarf ihrer ſchlechterdings, und ich ſelbſt habe deren gekannt, die allerliebſte Perſonen waren und bei ein bischen Elend oder bei einigem gezwungenen Nachdenken außerge⸗ wöhnliche Menſchen geworden wären. Ein Mann, der ſeinem Leben einen fehlerhaften Zweck gegeben und die ſo eben von uns geſchilderte, total äußerliche Erziehung vernachläſſigt hat, bedauert das ſicherlich ein paar Mal in ſeinem Leben und möchte, wenigſtens auf einige Augenblicke, thun können, was dieſe Herrchen thun. Im Uebrigen werden ſie von den Frauen geliebt, allerdings nicht von Herzen, ja nicht einmal immer ſo weit, daß ſie thatſächliche Beweiſe erhalten; wohl aber wiſſen die Frauen ſich aus ihnen einen beſtändigen Hof zu bilden, wobei 20 die Worte dieſer Süßherrchen ihnen als ſchmeichelnde und ſprechende Spiegel dienen, worin ſie ſich immer wieder ſchön finden. Endlich müſſen auch dieſe Süß⸗ herrchen, ohne es ſelbſt zu wiſſen, zuweilen ſich zu Masken für ernſtere Liebſchaften hergeben: auch das iſt noch eine Utilität; indeſſen gelingt es ihnen doch auch bisweilen, wie wir bei Maximilian ſehen, daß ſie ſich in das weichliche, unthätige Leben einer Frau einniſten, die ſie aus reiner Müdigkeit, und weil ſie nichts Beſſeres hat und kennt, bis an's Ende anhört. Maximilian kam vom Boulogner Wäldchen zu⸗ rück. Es war noch Nichts an ihn da. Er fragte den Bedienten: „Iſt mein Vater ſchon auf?“ „Schon ſeit einer Stunde.“ Sofort durchſchritt Maximilian das Vorzimmer, das Speiſezimmer, das nur noch der Gäſte harrte, und klopfte an die Thüre des väterlichen Zimmers. „Herein!“ antwortete eine Stimme.„Ei, guten Morgen, Maximilian!“ hob der Graf an, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, groß, hager, kerzengerade, dürr.„Woher kommſt Du?“ „Aus dem Boulogner Wäldchen.“ „Schön Wetter?“ „Schön Wetter, Vater.“ „Wem biſt Du begegnet?“ „Niemand.“ „Wann biſt Du geſtern Abend zu Bette ge⸗ gangen?“ „Um elf Uhr.“ „Das iſt ſpät.“ Der junge Mann antwortete keine Silbe. ſchw Fra Ande umer Süß⸗ h zu das doch daß Frau Il ſie hört. zu⸗ ragte mer, errte, ners. zuten Kann rade, ge⸗ 21 „Haſt Du heute Morgen Deine Mutter ſchon geſprochen?“ hob der Graf wieder an. „Noch nicht. Ich weiß nicht, ob ſie ſchon zu ſprechen iſt.“ „Du kannſt ſie ſprechen. Geh' zu ihr und gib ihr den Morgenkuß!“ Wie man ſieht, ſo war das Geſpräch zwiſchen Vater und Sohn ziemlich kurz und einfach. Wenn Maximilian Morgens in das väterliche Zimmer trat, folgte er mehr einer Pflicht als einem Vergnügen. Nun ſuchte der junge Baron ſeine Mutter auf. Die Gräfin aber war eine Frau von vierzig Jahren, groß, hager, kerzengerade, dürr, mit einem Worte ein genauer Reflex der Perſon des Grafen. Man hätte meinen können, Vater und Mutter ſeien unſerem Süßherrchen nach einer und derſelben Patrone zugeſchnitten worden. „Schon ausgeweſen, Maximilian?“ fragte Frau von Ternon ihren Sohn, als ſie deſſen Stiefeln mit Staub bedeckt ſah. „Ja, Mutter.“ „Allein?“ „Nein, Mutter: Florentin war bei mir.“ „Wo biſt Du geweſen?“ „Im Boulogner Wäldchen.“ „Wann biſt Du geſtern Abend heimgekommen?“ „Um elf Uhr.“ „Du wirſt unordentlich,— fängſt an auszu⸗ ſchweifen.“ Wie man ſieht, ſo hätte man die mütterlichen Fragen und Bemerkungen für ein Echo der väter⸗ 22 lichen halten können. Unter ſolchen Leuten aber mußte der Baron leben. Endlich ſetzte man ſich zu Tiſche. Kalte Speiſen, kalte Leute.— Nach dem Frühſtück ging die Gräfin auf ihr Zimmer, der Graf auf das ſeinige, und was den Baron betrifft, ſo verließ er die elterlichen Zimmer, um ſeine eigene Wohnung aufzuſuchen. In dieſem Augenblick wurde ihm von dem Pfört⸗ ner ein Brief zugeſtellt. Es war der Brief Diana's. Wie ein Tiger ſprang Maximilian auf den Brief zu und las ihn im Fluge, gleichwie ein vor Durſt Verſchmachtender ein Glas Waſſer auf einen Zug leert. Die Zuvorkommenheit des Pförtners aber, ſowie der Inhalt des Briefes waren wohl einen Louisd'or werth. Der Pförtner ſtieg alſo, um zwanzig Fran⸗ ken reicher, wieder die Treppe hinab, um ſeine Be⸗ hauſung wieder aufzuſuchen. Nachdem Maximilian das Billet der Marquiſe zwei, drei Mal geleſen, ſprach er, ſich auf ſein Bett niederſetzend, bei ſich ſelbſt: „Offenbar nimmt ſie ein Stelldichein an. Ebenſo offenbar aber iſt auch, daß ſie mich weder in meiner, noch in ihrer Wohnung ſprechen mag; ich muß daher einen Ort ausfindig machen, wo ſie ganz ſicher iſt und Nichts zu fürchten hat.“ Und es zerbrach ſich Maximilian den Kopf. „Ich hab' es, ich hab' es!“ Eilends kleidete er ſich an, ging die Treppe hin⸗ unter, ſprang in ein Cabriolet hinein und ſagte zum Kutſcher: aber eiſen, ihr den imer, Ffört⸗ na's. Brief Durſt Zug ſowie Sd'or Fran⸗ Be⸗ quiſe Bett benſo einer, daher er iſt hin⸗ ezum 23 „Martyrerſtraße, Numero 67!“ Es wohnte Maximilian in der Rivoliſtraße; aber ſchon eine Viertelſtunde darauf war er in dem Hauſe, das er dem Cabrioletkutſcher bezeichnet hatte, und ſchritt durch einen kleinen Garten hin, nachdem er dem Pförtner den Namen der Perſon geſagt, zu der er gehen wollte. Endlich klopfte er an der Thüre eines Maler⸗ ateliers an. Es ließen ſich Tritte hören, und es machte end⸗ lich ein junger Mann auf, der fünfundzwanzig Jahre alt ſein mochte und in einem ſammtenen Wammſe, ſowie in Beinkleidern mit Socken ſtak. Dieſer junge Mann war von hoher Statur, hatte ſchwarze Augen und dergleichen Haare, ſowie weiße Zähne, und ſah dabei ehrlich, wohlwollend und feingebildet aus. In einer Hand hielt er eine Palette und einen Maler⸗ ſtock, in der andern eine Cigarette. „Du hier!“ rief er, als er Maximilian erblickte. „Ich ſelbſt.“ „Was zum Teufel machſt denn Du hier?“ fragte der Maler, deſſen Namen Aubry war, indem er die Thüre wieder ſchloß und ſeinen Freund in das Atelier treten ließ. „Ich bin gekommen, um Dich um einen Dienſt zu bitten.“ „Mich?“ „Ja, Dich.“ „Sprich, lieber Freund, und nimm Platz, wenn Du einen leeren Stuhl finden kannſt.“ Es folgte Maximilian ſeinem Freunde in die wahre Straße nach, welche in dem Atelier von den 24 Staffeleien und Gemälden aller Art gebildet wurde. Dieſe Werkſtätte war eine ganze Welt; es war ein ganzer Tag erforderlich, um deren Einzelheiten, die wir hier nicht anzugeben verſuchen werden, kennen zu lernen. Wer die Gemälde nur von hinten ge⸗ ſehen hätte, dem hätten dieſelben als die Couliſſen eines großen Theaters erſcheinen können. Mitten unter Wappen, welche aller Herren Länder angehör⸗ ten, hingen an den Wänden Skizzen von allen Künſt⸗ lern, die einigen Ruf haben mochten, während Glie⸗ dermänner mit Binden, Echarpen und Coſtümen der verſchiedenſten Art drapirt waren. Halbkreisförmige Bretter trugen Statuen, Akademien und Muskel⸗ männer. Namen und Adreſſen von Modellen waren mit Kreide auf eine Wand von gräulichem Tone, ſowie auf ein Ofenrohr geſchrieben, das durch eine der Scheiben des großen Fenſters hinausging; und endlich ſtand noch ein offenes Clavier da, das voller Bleiſtifte, Albums und Muſikalien lag. Aubry ſelbſt ſetzte ſich wieder vor das Gemälde hin, woran er vor dem Hereintreten des Barons gearbeitet hatte, und von dem die erſten Töne im Sonnenſchein luſtig glänzten. „Ich ſtöre Dich doch nicht?“ fragte Marximilian, und ſetzte ſich auf einen breiten Divan, der unter dem Fenſter ſtand, und durch geſchickt angebrachte damaſtene Vorhänge vor der Tageshelle geſchützt war. „Ganz und gar nicht.“ „Es iſt Niemand hier?“ „Niemand.“ „So höre denn, um was es ſich handelt.“ „Ich höre.“ fer urde. ein die nnen 1 ge⸗ liſſen itten ehör⸗ ünſt⸗ Glie⸗ der mige 1skel⸗ varen Tone, eine und voller nälde arons ie im ilian, unter rachte war. 25 Und alſo ſprechend machte ſich der Maler wie⸗ der an ſeine Arbeit. „Denke Dir einmal, ich kenne eine Perſon, mit welcher ich zuſammenzukommen wünſchte. Unglücklicher Weiſe aber kann ich ſie nur in ihrem Hauſe ſprechen oder ſehen, was ſo viel iſt, als ſähe ich ſie nicht.“ „Dieſe Perſon iſt eine Frau?“ „Natürlich.“ „Hat ſie Dir aber erlaubt, mit ihr zuſammen⸗ zukommen?“ „Gewiß.“ „Nun! ſo ſoll ſie zu Dir kommen.“ „Unmöglich, meine Eltern wohnen auf einem Boden mit mir! Ich ſollte, wie das bei Vermitte⸗ lungen zwiſchen verſchiedenen Ländern der Fall iſt, einen Ort haben, der zum Gebiete keines der beiden Intereſſenten gehört.“ „Miethe ein Zimmer in einem Hotel.“ „Das Hausgeſinde iſt gar zu neugierig, und da dieſe Perſon eine Weltdame, ja eine Dame von ſehr hoher Welt iſt, ſo mag ich ſie nicht compromittiren.“ „Das iſtrecht; wie willſt Du es aber dann machen?“ „Ich habe an Dich gedacht.“ „An mich?“ „Ja. Deine Wohnung kann der Ort der Con⸗ ferenzen werden.“ „Die Perſon käme alſo hierher?“ „Ei, warum denn nicht?“ „In das abſcheuliche Atelier eines abſcheulichen Malers?“ „Warum denn nicht?“ „Sie liebt Dich alſo ſehr?“ 26 „Warum denn nicht?“ „Weil, ich muß es Dir abermals ſagen, meine ſogenannte Wohnung ein abſcheuliches Loch iſt.“ „Lieber Freund,“ entgegnete Maximilian,„es iſt Dein Loch ein allerliebſter Ort, recht abgelegen, recht myſteriös, recht iſolirt, kurz eben das, was ich brauche. Ich habe lange geſucht und alle meine Freunde, an die ich mich wenden könnte, Muſterung paſſiren laſſen; Dir aber habe ich entſchieden den Vorzug gegeben.“ „Ein Vorzug, den ich mir erklären kann, nachdem Du mir alle Localitätsgründe auseinandergeſetzt.“ „Es iſt das aber noch nicht Alles.“ „Was mußt Du ſonſt noch haben?“ „Die allerſtrengſte Verſchwiegenheit. Sollteſt Du der fraglichen Perſon einmal begegnen und in Ge⸗ ſellſchaft mit ihr zuſammentreffen, ſo darfſt Du ſie ſchlechterdings nicht kennen.“ „Du kannſt ruhig ſein: ich werde mich der größ⸗ ten Discretion befleißigen. Aber erlaub' mir noch eine Frage: Um welche Stunde wird ſie kommen?“ „Abends, denke ich.“ „Dann macht es ſich prächtig. Auf dieſe Weiſe kann ich den ganzen Tag arbeiten; und da ich jeden Abend von ſechs bis zwölf Uhr ausgehe, ſo wird meine Wohnung frei ſein.“ „Es könnte nicht beſſer ſein. Du verzeihſt mir doch?“ „Was denn?“ „Daß ich Dich, einen alten Schulkameraden, erſt dann aufgeſucht, als ich Dich gebraucht.“ Und Aubry bot Maximilian die Hand hin. neine nes egen, 3 ich neine rung den ddem 4 27 „Und nun wollen wir uns vollends verſtändigen,“ hob der Maler wieder an.„Zuerſt ſollſt Du meine ganze Wohnung einſehen, damit Du auch Alles weißt.“ Die beiden jungen Leute verließen lachend das Atelier und traten in ein Zimmer, deſſen Thüre dem Pianoforte gerade gegenüber war. „Es iſt das mein Schlafzimmer, und nebenan findeſt Du ein geräumiges Ankleidecabinet. Hier iſt dann das Atelier, und das Vorzimmer kennſt Du ja. Da haſt Du Alles. Hält die Gegenpartei über die Maßen auf Ordnung?“ „Daheim ohne Zweifel; hier aber wird ihr, wie ich glaube, nicht ſo gar viel daran liegen.“ „Siehſt Du, einem Künſtler iſt es nur wohl, iſt es nur behaglich in— der Unordnung. Das Erſte, was ich, wenn ich ausgehe, thue, iſt, daß ich ſtreng befehle, mir ja Nichts aufzuräumen. Du begreiſſt leicht, in welchem Zuſtande ich mich befinden würde, wenn es meinem Pförtner einfallen wollte, meine Farben, Pinſel und Skizzen in Ordnung zu bringen. Tags darauf wüßte ich nicht mehr, wo ich die mir nöthigen Dinge wieder finden ſollte, gar nicht davon zu reden, daß die Farben an den Skizzen, ſo wie auch die Zeichnungen verwiſcht und verdorben wür⸗ den. Es iſt und bleibt alſo ausgemacht, daß mir Nichts angerührt wird. Höchſtens darfſt Du die Un⸗ ordnung noch ein bischen größer machen.— Doch gehen wir nun zu etwas Anderem über, was ich Dir anempfehlen muß!“ „Was iſt das?“ „Ich will die in Frage ſtehende Perſon nicht kennen; Du würdeſt mir alſo, wenn dieſelbe einmal 28 Luſt bekäme, den Tag über hierher zu kommen, das Vergnügen machen, daß Du mir vorher ein paar Zeilen ſchriebeſt; ich würde euch zu lieb dann den Platz räumen. Iſt Dir das recht?“ t„Ja, ſo iſt mir's ganz recht.“ „Auch mußt Du meiner unbekannten Beſucherin ja recht anempfehlen, daß ſie kein Stück weiblichen Flitterkrams hier zurücklaſſe.“ „Warum?“ „Weil, wenn ſo Etwas von einer andern Hand, als der meinigen gefunden würde, dieſe andere Hand mir die Augen ausriſſe. Du wirſt darüber wachen, daß dieſe Bedingung ſtreng erfüllt wird.“ „Ja.“ „Wenn das iſt, mein Lieber, ſo biſt Du jeden Abend, von ſechs bis zwölf Uhr, hier wie zu Hauſe.“ „Wie ſoll ich es aber anfangen, um mir den Schlüſſel zu verſchaffen?“ „Du ſollſt das ſogleich ſehen.“ Und Paul ging zum Zimmer hinaus, blieb vor der Thüre ſtehen und rief mit voller Lungenkraft: „Papa Fremy!“ „Da bin ich,“ antwortete eine Pförtnerſtimme. „Kommen Sie doch, ich habe mit Ihnen Etwas zu reden.“ „In einem Augenblicke ſtehe ich Ihnen zu Dien⸗ ſten, Herr Aubry.“ Und der Maler trat wieder in ſein Atelier, wo unterdeſſen ſein Freund ſich vor das Gemälde, an dem Aubry gerade arbeitete, hingeſetzt hatte und das⸗ ſelbe mit vielem Intereſſe betrachtete. Im Vorbei⸗ gehen ſei auch bemerkt, daß Aubry viel Talent beſaß. an das vaar den derin ichen and, Hand chen, eden iſe.“ den 29 „Weißt Du auch, daß Alles das wunderſchön iſt?“ ſprach Maximilian zu ihm. „Oh, gut, gut! Was Du da ſagſt, iſt eben auch ſo eine Art, mir zu danken.“ „Ganz und gar nicht, ich ſpreche ganz im Ernſte. Geht die Malerei auch?“ „Ja, ſie geht... herzlich ſchlecht. Sieh einmal, Freund, es haben die Künſtler es zu thun: erſtens, mit Collegen, zweitens, mit Spießbürgern, drittens, mit Händlern, und endlich viertens, mit den reichen Leuten. Die Collegen kaufen keine Gemälde; die Spießbürger ziehen Gemälde mit Uhren vor; die Händler beuten uns aus und machen Bankerott, und die reichen Leute kaufen nur von den Händlern. So kommt es denn, daß Plutus fortfährt, der Gott der Künſtler, und vor Allem der Maler nicht zu ſein.“ In dieſem Augenblicke trat ſchon Papa Fremy ein. „Ahl da ſind Sie?“ ſprach Aubry, die Thüre zumachend, nachdem der Pförtner hereingekommen war. „Hören Sie einmal! Sie ſehen den Herrn da?“ Und mit dieſen Worten deutete er auf Maximilian. „Ja,“ verſetzte der Greis. „Wohlan! Es wird dieſer Herr Abends zuweilen hierher kommen. Sie geben ihm meinen Schlüſſel, wenn er ihn verlangt, und ſagt er, Sie ſollen mei⸗ nen Schlüſſel Jemand anders geben, ſo geben Sie ihn der Perſon, die er Ihnen bezeichnet.“ „Ganz recht, Herr Aubry.“ „Wenn der Herr hier iſt, ſo dürfen Sie Niemand an die Thüre klopfen laſſen.“ „Sie können ruhig ſein.“ „Dieſem habe ich nun noch beizufügen, Papa 30 Fremy, daß, wenn Sie discret ſind, hundert Sous⸗ ſtücke, und daß, wenn Sie blind, taub und ſtumm ſind, zwanzig Frankenſtücke bei der Sache für Sie abfallen, Haben Sie mich recht verſtanden?“ „Vollkommen.“ 5 „Wenn das iſt, ſo gehen Sie wieder zu Frau Fremy, die Ihretwegen vielleicht beſorgt iſt.“ „Und nun, lieber Freund, haſt Du nur noch der betreffenden Perſon mitzutheilen, daß Du alles Nöthige gefunden; auch kannſt Du, wenn es Dir gut däucht, ſchon heute Abend kommen.“ „Ah! Du biſt der Retter meines Lebens; und kann ich Dir je in irgend Etwas dienen, ſo vergiß ja nicht, daß ich Dein Schuldner bin. Und nun verlaſſe ich Dich, damit ich noch rechtzeitig beim Diner erſcheinen kann.“ „Alſo immer noch unter Vormundſchaft? „Leider, ja, mein Lieber; es haben meine Eltern mich allmählig bis zu einem Grade bevormundet, der wahrhaft lächerlich iſt: jeden Tag, den Gott gibt, verlangen ſie Rechenſchaft über das, was ich gethan, und muß ich mich wie ein Kind examiniren laſſen.“ „Heute aber wirſt Du hoffentlich nicht ſagen, wo Du geweſen?“ „Ci, freilich werde ich das; nur ſage ich ihnen nicht, warum ich zu Dir gekommen.“ Manximilian drückte ſeinem Freunde noch ein Mal die Hand, ging, hocherfreut über den Erfolg ſeines Beſuchs, heim und ſchrieb alsbald an die Marquiſe: „Madame! „Schon lange beſchäftige ich mich mit Wahr⸗ ſagerei, und es iſt mir gelungen, in der Zukunft zu ous⸗ imm Sie tern ndet, gibt, han, en.“ wo den Mal ines tiſe: ahr⸗ t zu 31 leſen. Darum kann ich Ihnen auch ſagen, was mor⸗ gen Abend in der Martyrerſtraße, vor dem mit Nu⸗ mero 67 bezeichneten Hauſe, geſchehen wird: „Es wird dort ein Mann ſtehen, der Sie liebt, und dem Sie die Erlaubniß gegeben, Sie zu lieben. Dieſer Mann wird von acht bis neun Uhr dort auf⸗ und abgehen. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, wen er erwarten wird. Nur möchte ich Ihnen hie⸗ mit zu wiſſen thun, daß er einige Phantaſie gehabt, ſowie daß er gar ſehr zu beklagen ſein wird, wenn Sie keine Nachſicht haben.“ Es war das für ein zwanzigjähriges Barönchen ſo übel nicht. Tags darauf, in aller Frühe, erhielt Maximilian ein Billet, das alſo lautete: „Warten Sie von acht Uhr bis ein Viertel auf neun, hoffen Sie von ein Viertel auf neun bis halb neun; zweifeln Sie von halb neun bis neun; denn iſt dann die, welche Sie erwarten, noch nicht da, ſo iſt es ihr eben unmöglich geweſen zu kommen. In⸗ deſſen läßt Alles hoffen, daß eine ſolche Unmöglichkeit ein Wunder wäre.“ Maximilian legte die beiden Briefe der Marquiſe in eine Schublade, ſteckte den Schlüſſel dazu in die Taſche und war, als er einige Augenblicke darauf ausritt, offenbar der glücklichſte Menſch von ganz Paris. Unterdeſſen dauerte der Tag ein ganzes Jahr. Um halb acht Uhr nahm Marximilian einen Wagen, und um drei Viertel auf acht Uhr war er ſchon vor Aubry's Hauſe. Um acht Uhr zwanzig Minuten 32 hielt neben ihm ein Fiaker, woraus ſofort eine ver⸗ ſchleierte Frau ſtieg. „Wo führen Sie mich hin?“ war das erſte Wort dieſer Frau.“ „In dieſes Haus.“ „Zu wem?“ „Zu einem Freunde.“ „Einem zuverläſſigen Freunde?“ „Sie können auf ihn zählen.“ „Wir werden ihm nicht begegnen?“ „Nein, er kommt vor Mitternacht nicht nach Hauſe.“ „So gehen wir denn hinein!“ Maximilian läutete an. Es ging die Thüre auf. „Laſſen Sie Ihren Schleier nieder und gehen Sie ganz gerade zu!“ ſprach Maximilian zu der Marquiſe. „Bis wohin?“ „Bis hinten in den Garten.“ „Was für ein Geſchäft hat Ihr Freund?“ „Er iſt ein Maler.“ Und Marximilian ging zu Papa Fremy hinein, der, ohne dabei auch nur eine Silbe zu ſprechen, dem Baron den Schlüſſel und ein brennendes Licht gab. Was die Marquiſe betrifft, ſo war ſie bereits an der Thüre des Ateliers angekommen. Bei einem erſten Beſuche ſolcher Art waltet im⸗ mer eine gewiſſe materielle Verlegenheit ob, die bei einem zweiten Beſuche in der Regel ſchon ganz ver⸗ ſchwunden iſt. Dieſe Verlegenheit iſt noch weit mehr für den Mann, als für die Frau vorhanden, da letztere ſich mit keiner der vorbereitenden Einzelhei⸗ nach auf. ehen der 33 ten zu beſchäftigen hat. So geſchah es denn, daß Maximilian, der gewaltig aufgeregt war, ſich nicht getraute, Etwas zu ſagen. Schweigend ſchloß er das Zimmer ſeines Freundes auf, ließ Diana hineingehen und folgte nach, wobei er die Vorſicht gebrauchte, den Schlüſſel abzuziehen und die Riegel vorzuſchieben. Im Atelier angekommen, blieb Diana ſtehen, da ſie nicht wußte, wie ſie weiter gehen ſollte; denn wie wir oben geſagt, ſo war dieſes Zimmer ein wahres Labyrinth. Der Baron aber, der beſſer Beſcheid wußte, führte ſie an's Canapee hin, auf das ſie ſich niederließ; ſodann ſchlug ſie ihren Schleier zurück und reichte Maximilian die Hand hin. Letzterer ſtellte ſeinen Leuchter auf einen Tiſch und bedeckte, der Marquiſe zu Füßen fallend, die weiße Hand, die „Was malt Ihr Freund, Landſchaften, Portraits oder Geſchichte?“ „Wie Sie ſehen, ſo treibt er Alles ſo ein bis⸗ chen; Alles aber treibt er recht.“ „Wie heißt er?“ „Paul Aubry.“ „Es iſt das ein Name, den ich noch nie gehört. Sie haben ihm von mir geſagt?“ Dumas d. J., Diana von Lys. 3 34 „Ja: ich mußte wohl.“ „Sie haben mich genannt?“ „Großer Gott! Er weiß nicht, wer Sie ſind...“ „Auch iſt keine Gefahr vorhanden, daß er ſo bald kommt?“. „Was das betrifft, ſo können Sie ruhig ſein.“ Neugierig ſchaute die Marquiſe umher; auch hef⸗ teten ſich von Zeit zu Zeit ihre Blicke auf den jun⸗ gen Mann, der zu ihren Füßen lag. Bei einem erſten Stelldichein, das ſich zwei Liebende geben, iſt die Unterhaltung ſowohl für den Mann, als für die Dame ziemlich ſchwierig. Für die Dame in ſo fern, als ſie nicht allein weiß, welchen Gefahren ſie ſich ausſetzt, ſondern auch ihrer Schamhaftigkeit das Ver⸗ dienſt eines weiteren Kampfes gönnen will; für den Mann, weil er, ſo überzeugt er auch ſein mag, daß die Dame ihm keinen langen Widerſtand leiſten werde, gleichwohl alle ſeine Delicateſſe, ſo wie allen ſeinen Geiſt aufwenden muß, um ſeiner Mitſchuldigen den Fall ſo ſanft und weich zu machen, daß ſie gar nicht fühlt, wie ſie ausgleitet, und ſolches erſt dann ge⸗ wahr wird, wenn es zu ſpät iſt. Da iſt denn Alles ein Vorwand zu Plaudereien; es wird das Wort zur Maske des Herzens; nur die Blicke allein und ein unwillkührliches Zittern der Stimme widerſprechen den alltäglichen Phraſen, die gegenſeitig ausgetauſcht werden, und woran der Verſtand keinen Theil hat. Es konnte die Marquiſe eine Gemüthsbewegung nicht beherrſchen, die im Grunde ſo natürlich war, da ſie ſich zum erſten Male in die Lage verſetzte, dieſelbe zu verſpüren. Daß ſie von Gewiſſensbiſſen frei bleiben würde, deſſen war ſie zwar gewiß; ſie —-ã———— — Ee—,=——,—— ,..—,—, 35⁵ fragte ſich aber ganz leiſe und unruhig, ob dieſe Liebſchaft, die nun beginnen ſollte, ihrer Langweile hinreichende Nahrung und ihrem Müſſiggange wirk⸗ liche Zerſtreuung auch böte. Darum zögerte ſie auch ſo viel wie möglich mit der Antwort auf dieſe Frage. Sie wußte gar wohl, in was ſie ſich einließ, aber es lag für ſie ein größerer Reiz darin, einen abge⸗ legenen Fußpfad zu verfolgen, als ſofort den großen, breiten Weg einzuſchlagen. Und obgleich ſie keines⸗ wegs ſich zu wehren gedachte, ſo wäre ihr doch etwas weniger Wirklichkeit und noch etwas mehr Zweifel lieber geweſen. Sie ſchaute den Mann an, der ſie zu lieben vor⸗ gab, und ſtellte dabei die ganz einfache Reflexion an, daß derſelbe ſo jung ſei, daß man das, was er ſage, für wahr halten könne, daß er aber zu gleicher Zeit zu jung ſei, als daß dieſe Liebe lange Dauer ver⸗ ſpreche. Dann begriff ſie, daß früher oder ſpäter ein Bruch Statt finden müſſe, ein Bruch, auf den ohne Zweifel eine neue Liebſchaft folgen würde; denn ſie fühlte gar wohl, daß man nur mit Mühe ſtehen bleibe, wenn man einmal eine ſolche Bahn betreten. Kurz, ſie war höchlich erſtaunt, daß ſie da war und fragte ſich, wie ſie an den Ort gekommen; denn wenn ſie ihre Liebe ſo recht unterſuchte, ſo fand ſie dieſelbe vielleicht nicht ſo tiefgehend, daß dieſelbe hätte einen genügenden Entſchuldigungsgrund abge⸗ ben können. Endlich aber wies ſie gleich allen Frauen, die aus einem Wahrſcheinlichkeitskreiſe nicht anders hinauskommen können, als indem ſie darüber hinwegſpringen, alle dieſe Reflexionen, die es nun ſchon zu ſpät war anzuſtellen, weit von ſich. 36 Was Marimilian betrifft, ſo hätte er ſich von ſeinen Eindrücken noch weit weniger Rechnung zu geben vermocht, als die Marquiſe. Im Punkte der Weiber waren ſeine Erfahrungen noch nicht ſehr ausgedehnt; auch war es das erſte Mal, daß er mit einer Frau von Diana's Rang eine Liebſchaft anzu⸗ knüpfen hoffte. Seine Emotion war alſo zuſammen⸗ geſetzt aus Verlangen, Stolz und Liebe, und dieſe Emotion hielt er für reine baare Liebe, in dem ſtreng⸗ ſten Sinne des Worts; und ſo oft ſeine Augen ſich auf die Marquiſe hefteten, fühlte er, wie alles Herz⸗ blut ihm in den Kopf ſtieg. Frau von Lys ſtand auf, ging an das offene Fenſter hin, von wo der Blick über die Gärten hin⸗ ſchweifte und athmete die Luft in langen Zügen ein. Maximilian ging zu ihr hin. Es war eine herrliche, mit Frühlingsdüften ge⸗ ſchwängerte Nacht. An dieſem Abende, wie in allen andern, gingen gar viele Leute vor dem Hauſe Numero 67 in der Märtyrerſtraße auf und ab, hin und her, die Einen in Geſchäften, die Andern ihren Vergnügungen nach⸗ jagend, die Einen glücklich, die Andern traurig; und es entſtanden in der Straße gar viele Geräuſche, ohne daß dieſelben Diana und Maximilian daran erinnert hätten, wie die Zeit verſtrich. Und ſo war es denn kein Wunder, daß, als die beiden Liebenden kaum erſt eine halbe Stunde in der Wohnung des Malers zu ſein wähnten, es mit einem Male auf der Stockuhr elf ſchlug. „Elf Uhr!“ rief Frau von Lys, ihre Haare wie⸗ der zuſammenrollend, die, ohne daß ſie ſelbſt es wahr geworden, aufgegangen waren. Was Maximilian betrifft, ſo ſchaute er das ſchöne Geſchöpf an, das da lächelte, als ob es nicht durch Annahme dieſes Stelldicheins das begangen, was die Welt den größten Fehltritt nennt, deſſen eine Frau ſich ſchuldig machen könne. Einige Augenblicke darauf ſprach die Marqguiſe, deren Wangen brennend heiß waren, indem ſie dem Baron einen offenen Wandſchrank bezeichnete, worin dickbäuchige Flaſchen, die von der zuvorkommenden Gefälligkeit Pauls zeugten, funkelten: „Maximilian, nehmen Sie doch eine von den Flaſchen, und laſſen Sie uns auf das Wohl unſeres Wirthes trinken!“ 2 Der junge Mann entkorkte eine Flaſche Madeira und füllte ein Glas mit dem Safte an, der gleich einem flüſſigen Topaſe in dem Lichte glänzte. Die Marquiſe trank die Hälfte und gab dann das Glas dem Baron hin, der es leerte und dabei natürlich die Stelle ſuchte, worauf die Lippen der Marquiſe ſich gelegt hatten, um nun auch die ſeini⸗ gen darauf zu legen. Sodann ſchauten ſie einander lächelnd an. Es gibt offenbar eine Klaſſe von Leuten, für die ſolcherlei Fehltritte nicht mit dem Vorgefühle des Uebels, das dieſe anrichten können, verbunden ſind; und in der That darf man, wenn dieſelben ſich von einer gewiſſen Seite zeigen, ihnen nicht zürnen, daß ſie ſo luſtig und ſo voller Selbſtvertrauen ſind. In das Atelier tretend, nahm Maximilian ein 38 auf dem Ofen liegendes Stück Kreide und ſchrieb damit an die Wand: „Heute, den 15. September 1845, elf Uhr Abends, haben zwei dankbare Glückliche auf das. Wohl ihres Wirthes getrunken.“ „Haben Sie Nichts dawider?“ fragte der Baron Diana,„oder ſoll ich nur hinſchreiben: ‚Ein Glück⸗ licher?““ „Laſſen Sie ſtehen, was Sie nun einmal hinge⸗ ſchrieben,“ antwortete die Marquiſe;„denn was Sie hingeſchrieben, iſt wahr. Nun aber wollen wir ma⸗ chen, daß wir fortkommen.“ „Und wann werde ich Sie wieder ſehen?“ „Sobald ich wieder kommen kann, werde ich Ihnen ſchreiben.“ „Werden Sie aber auch es bald können?“ „Zählen Sie auf mich!“ Mit der einen Hand hielt Maximilian die Thüre, mit der andern drückte er den Kopf der Marquiſe gegen ſeine Bruſt. Es gingen Beide hinaus. Sie ſtieg wieder in den Wagen, der ihrer harrte, und Maximilian wollte ſie heimbegleiten; ſie aber widerſetzte ſich dem, als Grund der Furcht anführend, daß Jemand ſie um dieſe Stunde beiſammen ſehen möchte. Der Baron bedeckte alſo die Hände ſeiner Ge⸗ liebten mit Küſſen, worauf der Wagen wegfuhr. Es war der Marquis noch nicht heimgekommen, als Diana wieder über die Schwelle ihres Zimmers ſchritt. Der Marquis pflegte nie vor ein Uhr Mor⸗ gens heimzukommen. Geſtehen wir nun die Wahrheit! Es war die 39 Marquiſe ſchön, und es nahm Maximilian von die⸗ ſem erſten Stelldichein ein Andenken mit, das für ihn des Entzückens voll war. Und er war nicht wenig erſtaunt, daß die Vorübergehenden, trotz der Dunkelheit, auf ſeinem Geſichte ſeinen Triumph nicht laſen und ihn nicht neid⸗ und bewunderungerfüllt anſchauten. „Es liebt mich alſo die Marquiſe, die ſchöne Diana von Lys, ja,“ ſprach er bei ſich. Und ſo oft Maximilian ſich dieß ſagte, däuchte es ihm, als werde er um eine ganze Elle größer, und als ſei Niemand auf Erden je glücklicher ge⸗ weſen, und als würde nie Jemand auf Erden ſo glücklich ſein, wie er. Hätte in dieſem Augenblick Jemand ihm geſagt: Es kommt ein Tag, wo Sie dieſe Frau nicht mehr lieben werden, ſo hätte er den Menſchen, der alſo geſprochen, wie einen Wahnſin⸗ nigen geflohen. Als Maximilian wieder auf ſeinem Zimmer war, verſuchte er es, wie alle Liebende zu thun pflegen, Diana die ſüßen Empfindungen ſchriftlich mitzuthei⸗ len, welche die paar Stunden in ihm hervorgerufen, welche er mit ihr verlebt; es ſtiegen aber der Ge⸗ danken ſo viele in ihm auf, daß er, nachdem er et⸗ liche Phraſen geſchrieben, die er recht alltäglich fand, die drei oder vier angefangenen Briefe wieder zerriß, und ſich damit begnügte, von ſeiner neuen Liebſchaft zu träumen. Ihrerſeits hatte die Marquiſe ſich in ihr Zimmer eingeſchloſſen, ohne es zu dulden, daß ihre Kammer⸗ frau ſie auskleide. Dann hatte ſie ſich geſetzt und gefragt, ob ſie denn auch, wie ſie noch vor fünf 40 Stunden gehofft, das rechte Mittel für ihre Lang⸗ weile gefunden. Hätte in dieſem Augenblicke der vertraute Ge⸗ nius der Marquiſe ſich an ihr Ohr hingeneigt, und hätte derſelbe das einzige Wort geſprochen: „Nun?“ ſo würde ſie ihm geantwortet haben: „Nun, ich bereue meinen Schritt zwar noch nicht; hätte ich aber ſchon heute Morgen gewußt, was ich heute Abend weiß, ſo wäre ich vielleicht heute nicht ausgegangen.“ Als am andern Tage die Marquiſe erwachte, entſann ſie ſich nicht alsbald wieder deſſen, was am vergangenen Abende vorgegangen; indeſſen fiel es ihr nach einigen Augenblicken doch ein, und da ſprach ſie bei ſich ſelbſt: „Alſo habe ich einen Liebhaber!...“ Und in dem Spiegel neben ihrem Bette ſich be⸗ ſchauend, fuhr ſie fort: „Es iſt doch ſonderbar, daß dieſes Wort in mei⸗ nem Leben keinen größeren Raum einnimmt. Liebe ich denn Maximilian nicht, und iſt dieſes Wort nur dann erſchreckend, wenn man liebt? Ja, ſo iſt es ohne Zweifel, denn dann fürchtet man, nicht geliebt zu werden, und allein zu lieben, muß eine fürchter⸗ liche Qual ſein. Zum Glücke ſteht es bei mir nicht ſo. Am Ende kommt vielleicht auch die Liebe nicht auf der Stelle, und es iſt ja möglich, daß ich Maxi⸗ milian noch lieben werde.“ Zu gleicher Zeit aber machte Frau von Lys mit den Augen ein Zeichen, welches einer ſolchen Mög⸗ lichkeit gar ſehr widerſprach. Nun klingelte ſie ihrem Ka wa Ha rech nac Ma ruhe Mo⸗ Läch Ged der vier; verb dam Mun Naſe war des dahit ang⸗ Ge⸗ und 41 Kammermädchen und ſprach, als daſſelbe erſchienen war: „Um wie viel Uhr iſt der Herr geſtern nach Hauſe gekommen?“ „Heute Morgen um ein Uhr.“ „Weißt Du, ob er ſchon wach iſt?“ „Ich will fragen, wenn es der gnädigen Frau recht iſt.“ „Joſeph ſoll ihn in meinem Namen bitten, gleich nach dem Aufſtehen zu mir zu kommen.“ „Ja, gnädige Frau.“ „Mach' das Fenſter auf!“ Das Kammermädchen gehorchte, und es ließ die Marguiſe ihren allerliebſten Kopf auf dem Kopfkiſſen ruhen. „Ich will doch ſehen, wie mein Mann heute Morgen mir vorkommt,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt. Und von Zeit zu Zeit flog über ihre Lippen ein Lächeln hin als Reflex von etlichen jener ſeltſamen Gedanken, die ſo oft ihren Geiſt erfüllten. Eine halbe Stunde darauf wurde an die Thüre der Marquiſe geklopft. Es trat der Marquis ein. Der Marquis war ein Mann von etwa fünfund⸗ vierzig. Er hatte einſt blonde Haare gehabt und verbarg jetzt ſorgfältig die grauen, die ſich bereits damit vermengten. Seine Augen waren blau, ſein Mund fein und ſinnlich. Er hatte eine ariſtokratiſche Naſe und trug ſeinen Bart nach engliſcher Art. Er war ein Weltmann in dem ausgeſuchteſten Sinne des Worts. Das Alter und das Leben, das er bis dahin geführt, hatten ihm eine gewiſſe Wohlbeleibt⸗ 4² heit verliehen. Man fand in ihm noch einen ſchönen Ueberreſt von dem Manne, der glückliche Liebesaben⸗ teuer beſtanden. Und dieſe waren ſehr zahlreich ge⸗ weſen: man hätte das ſchon aus der Eleganz ſeiner Sprache und dem Skepticismus ſeiner Theorien ab⸗ nehmen können. Er war mehr geliebt worden, als daß er verliebt geweſen, und war aus dieſem Leben, das er zu ſeinem Glücke mit einem trefflichen Magen, einem ſchönen Vermögen und einem großen Namen begonnen hatte, als Sieger hervorgegangen; das heißt, er hatte ſeinen Namen rein, ſeinen Magen ziemlich gut erhalten, und nur ſein Vermögen allein hatte Schiffbruch gelitten. Er hatte Mutterwitz, ſchöne Zähne, Hände, ſo weiß wie ein Frauenzimmer, und einen anerkannten Muth; kurz und gut, er war das, was Maximilian etwa in fünfundzwanzig Jahren ſein mußte. „Sie haben mit mir zu ſprechen verlangt, Diana?“ ſprach der Marquis beim Hereintreten. „Habe ich Sie geſtört?“ „In keiner Weiſe, und wäre das auch der Fall, ſo würde es mir nicht einfallen, mich darüber zu be⸗ klagen.“ „Man kann unmöglich liebenswürdiger ſein. So ſetzen Sie ſich denn zu mir her, Marquis!“ „Was haben Sie denn heute, liebe Freundin? Habe ich doch nie Sie ſo lieb geſehen.“ „Soll das ein Vorwurf ſein?“ „Im Gegentheil.“ „Was iſt denn ſo Erſtaunliches darin, daß eine Frau einige Augenblicke mit ihrem Mann zu ſpre⸗ chen verlangt?“ türl ſeit Geſ ſolle Opf nich verl Nich ges auft Her ihr Une darr zu t gew opfe zufa chönen saben⸗ ich ge⸗ ſeiner en ab⸗ u, als Leben, tagen, Kamen ; das Nagen allein ſchöne , und r das, gahren ana?“ Fall, zu be⸗ . So ndin? eine ſpre⸗ 43 „In der That, es iſt das nur etwas höchſt Na⸗ türliches.“ „Hauptſächlich dann aber, wenn ſie, wie ich, ſchon ſeit drei Tagen ihren Mann nur zur Eſſenszeit zu Geſicht bekommt.“ ful„Iſt es Ihr Wille, daß ich nicht mehr ausgehen olle?“ „Es wäre das denn doch ein gar zu großes Opfer, und ſo viel von Ihnen zu fordern, fällt mir nicht ein.“ „Was verlangen Sie aber dann? Denn gewiß verlangen Sie Etwas.“ „Ich will Sie ſehen, ſage ich Ihnen, und ſonſt Nichts; ich ſchwöre es.“ Und gleich als wenn ſolches wirklich ihr alleini⸗ ges Verlangen wäre, ſchaute Diana den Marquis aufmerkſam an und fing an zu lächeln. „Marquis,“ beeilte ſie ſich hinzuzuſetzen, damit Herr von Lys keine Erklärung dieſes Lächelns von ihr verlangen ſollte,„Sie wiſſen, ich bin für alles Unerwartete ganz närriſch eingenommen; ich will darum, daß Sie mir heute Alles opfern, was Sie zu thun gedachten: fordere ich zu viel?“ „Ich hätte gewollt, daß Sie einen andern Tag gewählt hätten, da ich heute Ihnen lediglich Nichts opfere.“ „Dann brauche ich ſpäter eben nur wieder an⸗ zufangen. Sie gehören mir alſo heute?“ „Mit Leib und Seele.“ „Bis morgen?“ „Bis morgen? Wir gehen alſo auf den Ball?“ „Nein.“ 44 „Dann bleiben wir hier?“ Diana machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. „Welchem Umſtande verdanke ich ſolch' hohe Gunſt?“ „Was kann Ihnen daran liegen, wenn ſie Ihnen nur zu Theil wird? Es iſt Ihnen alſo recht?“ „Ganz recht?“ „Wenn das iſt, Marquis, ſo haben Sie die Güte und laſſen Sie mir ſo viel Zeit, daß ich mich an⸗ kleiden kann.“ Der Marquis küßte ſeiner Frau die Hand und ging dann wieder auf ſein Zimmer. Dort nahm er einen Bogen Papier und ſchrieb, wie folgt: „Theures Kind! „Etwas Unvorhergeſehenes verhindert mich, heute zu Ihnen zu kommen; morgen früh aber gedenke ich, Sie zu überraſchen.“ Er unterzeichnete, ſiegelte den Brief und klin⸗ gelte ſeinem Bedienten. „Du gehſt aus,“ ſprach er zu dem Letzteren, und mietheſt auf heute Abend eine Loge im Va⸗ riété⸗Theater; das Theaterbillet aber beſorgſt du an. die Adreſſe dieſes Briefes,— natürlich mit dem Briefe zugleich.“ „Soll ich eine Antwort verlangen?“ „Nein.“ Und ihrerſeits hatte Diana alſo geſchrieben: „Mein Freund! „Es iſt mir durchaus unmöglich, heute auszu⸗ gehen, da ich den ganzen Abend Geſellſchaft bei mir ſie au e 22 . 9 2 2 1/ 2 2 2 dem hohe hnen Güte ) an⸗ und rieb, heute ich, klin⸗ ren, Va⸗ an dem zu⸗ mir 45 habe. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, wo mein Herz und meine Gedanken ſein werden. Viel⸗ leicht ſehen wir uns morgen.“ Die Marquiſe unterzeichnete nicht, ſondern ver⸗ ſiegelte einfach den Brief und ſchrieb dazu einen zweiten, in den ſie den erſten einſchloß, und den ſie an Marcelline mit der Bitte adreſſirte, daß ſie den für den Baron beſtimmten Brief an ſeine Adreſſe gelangen laſſen möchte. Sodann gab ſie Alles ihrem Kammermädchen mit dem Bedeuten, es auf der Stelle zu Frau Delaunay tragen zu laſſen. Es verging der Tag, wie Frau von Lys es wünſchte. Um zwei Uhr fuhren der Marquis und deſſen Frau in einem Halbwagen aus, um im Boulogner Wäldchen eine Spazierfahrt zu machen. Um ſechs Uhr dinirten ſie; um acht Uhr waren ſie in der Oper; um Mitternacht waren ſie wieder zurück. Am andern Tage, um zwölf Uhr, kam Marcelline zu ihrer Freundin, die noch ſchlief. Dennoch ging Marcelline in Diana's Zimmer hinein, da ſie das Recht hatte, zu jeder Stunde zur Marquiſe zu gehen. Als Diana die Thüre aufgehen hörte, wachte ſie auf. „Biſt Du es?“ ſprach ſie zu Frau Delaunay. „Ja, träges Ding!“ „Warum denn träges Ding?“ „Es iſt zwölf Uhr!“ „Schon!“ „Du biſt wohl recht ſpät zu Bette gegangen?“ „Nein, ich habe geplaudert.“ 46 „Mit wem?“ „Mit dem Marquis.“ „Ganz allein?“ „Ganz allein.“ „Ich kann mir das nicht ſo recht erklären.“ „Was iſt denn daran ſo Ungewöhnliches?“ „Biſt Du geſtern Abend nicht ausgeweſen?“ „Ei, freilich.“ „Du haſt den Baron geſehen?“ „Nein.“ „Biſt Du denn nicht allein ausgegangen?“ „Ich bin mit meinem Manne ausgegangen.“ „Und ihr ſeid dann mit einander wieder heim⸗ gekommen?“ „Und habet hier geplaudert?“ „Ja, hier?“ „Bis wann?“ „Bis heute Morgen um vier Uhr,“ lachte die Marquiſe.„Oh! der Marquis iſt noch ein recht geiſtreicher Mann.“ „Iſt er es, der Dich um dieſe Unterredung ge⸗ beten?“ „Nein, ich bin es.“ „Nun, da haſt Du Dich ja einer wahren Un⸗. treue gegenüber von dem Baron ſchuldig gemacht!“ Die Marquiſe antwortete keine Silbe. „Du liebſt alſo den Marquis?“ Die Marquiſe hob an zu lachen. „Ich will des Todes ſein, wenn ich von All dem auch nur ein Wort verſtehe.“ 7 gerad ten O e die recht g ge⸗ Un⸗. icht!“ dem 47 „Hör' einmal,“ verſetzte die Marquiſe, ſich halb aufrichtend,„ſoll ich offen gegen Dich ſein?“ „d. „Den vorgeſtrigen Abend habe ich in der Geſell⸗ ſchaft des Barons zugebracht, der erſt zwanzig iſt.“ „Gut.“ „Den geſtrigen aber in der Geſellſchaft meines Mannes, der fünfundvierzig und noch obendrein mein Mann iſt.“ „Nun?“ „Nun, meine Liebe, mein geſtriger Abend iſt mir lieber, als mein vorgeſtriger.“ „Barmherziger Gott!“ „Meine Liebe, ich habe gehörig über die Sache nachgedacht,“ erwiderte Diana,„und es iſt ſo, wie ich Dir ſage.“ „Dann komme ich ungeſchickt.“ „Warum?“ „Weil ich Dir einen Brief vom Baron bringe.“ „Im Gegentheil, gib ihn geſchwind her; er hat gerade noch Zeit, Genugthuung zu nehmen.“ Frau von Lys nahm den Brief, warf ihre Haare zurück und fing an zu leſen. „Was ſagt er?“ fragte Marcelline. „Daß er mich liebe.“ „Sonſt Nichts?“ „Und daß er mich heute Abend an dem gewohn⸗ ten Orte zu ſehen wünſche.“ „Und Du gehſt hin?“ „Ohne Zweifel.“ „Nach dem, was Du mir eben geſagt?“ „Es kann das nur ein weiterer Grund für mich 48 4 ſein. Seit ich Maximilian kenne, gefällt mir der Marquis, nach dem Geſetze der Contraſte. Um des Marquis willen ſehe ich den Baron wieder.“ „Soll nun auch ich offen gegen Dich ſein, Diana?“ „Sprich!“ 1 „Wohlan! Nie habe ich Dich ſo geſehen, wie Du ſeit einiger Zeit biſt; Du kommſt mir wie jene Kranken vor, die ſich erſt lange in ihrem Bette her⸗ umwälzen, ehe ſie das Plätzchen finden können, das ihnen behagt. Ich habe mich überzeugt, daß Du, nach langer Unſchlüſſigkeit, ernſtlich lieben wirſt.“ „Es wäre das ein Unglück,“ verſetzte Diana lachend;„gleichwohl kann ich Dir die Verſicherung geben, daß mich das nicht wundern würde. Vor der Hand aber ſei ſo gut, mir Feder, Dinte und Papier zu geben, damit ich an Maximilian ſchreiben kann.“ Man wird uns ohne Zweifel entgegenhalten, daß wir hier einen unmöglichen Charakter zu zeichnen ſuchen; daß wir die Unſittlichkeit eigentlich aufſuchen, ſowie, daß es keine Frau wie die Marquiſe gibt. Darauf erwidern wir aber, daß alle müſſigen Frauen im Stande ſind zu thun, was Diana that. Es gibt ein Sprichwort, das da ſagt:„Müſſig⸗ gang iſt aller Laſter Anfang.“ Unter allen Sprichwörtern, die man fabricirt hat, iſt dieß eines der ganz wenigen, die vollkommen Recht haben. In der That, iſt, wenn man zum phyſiſchen Müſſiggange noch den moraliſchen hinzu⸗ fügt, wenn eine Frau, die mit ihrer Zeit Nichts an⸗ zufangen weiß, zu gleicher Zeit auch nicht weiß, was ſie mit ihrem Herzen anfangen ſoll,— iſt, ſagen wit ſer Ge blie die hen ſiel zeil mit Mo daß ſteh Ver den ſie gebe der Sta ſchle kom dabe thur die juge Fra als ir der m des ſein, „ wie jene her⸗ „das Du, . diana erung r der apier inn.“ . daß chnen ichen, gibt, auen üſſig⸗ ricirt mmen zum inzu⸗ an⸗ was agen 49 wir alſo, eine Frau in ſolcher Lage nicht, gleich un⸗ ſerer Heldin, der Gefahr ausgeſetzt, Zerſtreuungen in Gefühlen ſuchen zu müſſen, die ihr unbekannt ge⸗ blieben? Wenn ſie in ihrer Umgebung Frauen ſieht, die mit ihren Fehltritten ſtolzer geſchmückt einherge⸗ hen, als andere mit ihren Tugenden; wenn ſie ſo ſieht, wie die Welt ſolchen Frauen nicht allein Ver⸗ zeihung angedeihen läßt, ſondern denſelben ſogar mit ihrem Skepticismus und ihrer allzu gelinden Moral zu Hülfe kommt,— iſt es da zum Erſtaunen, daß ſie von jenem Durſte, dem Eva nicht zu wider⸗ ſtehen vermochte, verzehrt wird, das heißt, von dem Verlangen, das Gute und das Böſe zu kennen? Heirathet ein Frauenzimmer einen Mann wie den Marquis; hat ſie weder einen Vater, der über ſie wachen, noch eine Mutter, die ihr guten Rath geben könnte; hat ſie kein Kind, das ſie keuſch auf der Schwelle des ehelichen Hauſes zurückzuhalten im Stande wäre; hat ſie vollkommene Freiheit, jene ſchlechte Rathgeberin der Weiber; hat ſie Alles be⸗ kommen, was ſie ſich nur wünſchen mochte, iſt ſie dabei noch keine dreißig Jahre alt, was ſoll ſie dann thun? Was ſoll ſie jener Neugierde entgegenſetzen, die aus ihrer Schönheit, ihrer Unthätigkeit und ihrem jugendlichen Alter entſteht? Man bemerke wohl, daß wir hier nicht von den Frauen ſprechen, die plötzlich für einen andern Mann, als ihren Gatten, Liebe empfinden und am Ende der Verſuchung dieſer Liebe erliegen, welche ſie um ſo mehr beherrſcht, je länger ſie dagegen angekämpft haben. Solche Frauen dürften, nach unſerer Anſicht, ſchon eher, wo nicht ganz zu entſchuldigen ſein. Dumas d. J., Diana von Lys. 4 50 Ihre Entſchuldigung liegt in ihrer Liebe ſelbſt, und in den allermeiſten Fällen folgt die Strafe dem Fehltritte ſo ſchnell auf dem Fuße nach, daß man ſie, ohne ſie zu bemerken zu ſcheinen, auf dem ſchwierigen Pfade fortwandeln laſſen muß, ſo zwar, daß man ſich be⸗ reit hält, ihnen die Hand zu bieten an dem Tage, wo ſie auf die Knie niederfallen. Die Frauen, von denen wir jetzt ſprechen, ſind ſolche, welche, wie die Marquiſe, aus purem Mangel an Beſchäftigung ſündigen. Solche kümmern ſich zwar wenig um den Mann, den ſie lieben ſollen; was ſie lockt, iſt eben das Neue. Solche Frauen ſind ebenſo vorhanden und ebenſo zahlreich, als die andern. Sie ſind jene ſchönen, ſtets lächelnden Geſchöpfe, für welche das Leben keine wahre Traurigkeit, die Liebe keine ern⸗ ſten Kümmerniſſe, ein Fehltritt keine Gewiſſensbiſſe hat. Sie ſind die Perſonen, die, Niemand liebend, auch Niemand hintergehen. Ihre Liebe iſt flüchtig und voll ſüßer Düfte, wie die Blumen, leicht wie Gaze, durchſichtig wie Kryſtall. Kommen ſie in's Weinen hinein, ſo rührt dieß eben daher, daß ſie nervenleidend ſind. Sehnen ſie ſich nach Etwas, bedauern oder vermiſſen ſie Etwas, ſo liegt der Grund darin, daß ſie allein ſind; dann aber geht es ihnen wie Trunkenbolden, die, wenn ſie den Wein nicht mehr vertragen können, den ſie früher lieb⸗ ten, zu einem andern greifen, weil die Trunken⸗ heit bei ihnen ſo ſehr zur Gewohnheit geworden, daß ſie lieber minder guten Wein, als gar Nichts trinken. Dieß ſind die Frauen, zu denen die Mar⸗ quiſe bis daher gehört hat; ſie bilden vier Fünftel der Weiber, die ihre Männer hintergehen, und ſind nd in ſttritte ie ſie Pfade h be⸗ Tage, von 2 die gung um ockt, nden jene das ern⸗ iſſe nd, tig wie n's 51 ſie überhaupt zu entſchuldigen, ſo ſind ſie es in ſo fern, als ſie nirgends eine Stütze und einen Zufluchtsort fin⸗ den, und als Erziehung, Religion und Moral, welche bisweilen ein Weib vor dem Kummer oder vor der Leidenſchaft zu ſchützen im Stande ſind, daſſelbe nie gegen die Rathſchläge der Langweile ſicher ſtellen. Da ſei Gott vor, daß wir jemals ein Buch gegen die Weiber ſchreiben ſollten. Wir halten ſie ebenſo wenig für abſolut ſchlecht, als für abſolut vollkom⸗ men. In unſern Augen ſind ſie jenen Vögeln gleich, die wir in ein Käfig thun; die uns Schnabelhiebe geben, ſo oft wir ſie greifen wollen; deren Geſang aber ſo ſüß, deren Gefieder ſo allerliebſt iſt, daß wir, wenn ſie uns entfliegen, um ſie weinen, ohne länger daran zu denken, daß wir die Spuren ihres Schna⸗ bels an den Händen tragen, und ohne uns einfallen zu laſſen, daß ihr Entfliegen eine Undankbarkeit wäre, wenn ſie nicht jenen unüberwindlichen Freiheitstrieb beſäßen, den Gott allen ſeinen Geſchöpfen mitgegeben. So viel iſt gewiß, daß die Marquiſe ganz ſo war, wie wir ſie beſchrieben haben; daß ſie, nachdem ſie ihre Eindrücke ſo gewiſſenhaft gemuſtert, wie ein Handelsmann ſich von dem Beſtande ſeiner Kaſſe zu vergewiſſern pflegt, im Punkte ihrer Hoff⸗ nungen ein ziemlich großes Paſſivcapital entdeckte. Gleichwohl mochte ſie, wie ſie ſchon zu Marcel⸗ linen geſagt, mit dem Baron nicht auf der Stelle brechen, Maximilian war in ihren Augen zwar nur ein Kind, aber es konnte dieſes Kind ſie lieben; auch konnte ein Bruch ihr wehe thun, und um Nichts in der Welt hätte Diana irgend Jemanden einen Kummer bereiten wollen. 52 Es dauerten alſo in dem Hauſe der Märtyrer⸗ ſtraße die Beſuche regelmäßig fort, ſo zwar, daß voon drei Tagen immer je zwei ausfielen. Nach fünf oder ſechs ſolchen Beſuchen traf die Marquiſe(die, um Marximilian zuvor zu benachrichtigen, daß ſie kom⸗ men würde, erſt an Marcelline ſchreiben, oder auch ſelbſt ausgehen mußte, um ihr Billet in eine Brief⸗ lade zu werfen— denn ſie wagte es immer noch nicht, offen an den Baron zu ſchreiben)— nach fünf oder ſechs ſolchen Beſuchen alſo traf ſie, ſagen wir, mit ihrem Geliebten die Verabredung, daß er, um alle dieſe Schwierigkeiten abzuſchneiden, ganz einfach allabendlich von acht bis neun Uhr in der Wohnung ſeines Freundes auf ſie warten ſolle; ſie ſelbſt wollte kommen, wenn es ihr irgend möglich war, ſo daß er eben immer nur eine Stunde verlor, wenn ſie ſelbſt nicht ausgehen konnte. Und ferner wurde noch verabredet, daß ſie, falls ſie vor ihm käme, von Papa Fremy ſich den Schlüſſel geben laſſen, dabei den Schleier ſorgfältig niederſchlagen, und auf den Baron in dem Atelier des Malers warten ſollte, das der Zerſtreuung genug bot, um im Nothfalle auch eine Viertelſtunde allein hinbringen zu können. Und in der That zeigte ſich jeden Tag auf Pauls Staffelei irgend eine neue Skizze, ſo daß der Baron und Diana dieſer täglichen Arbeit immer einige Mi⸗ nuten der Bewunderung widmeten. Weniger waren ſie auf jeden Fall ihrem Wirthe nicht ſchuldig. Unterdeſſen hatte nun Aubry das Gemälde fer⸗ tig gemacht, das er beim erſten Beſuche Diang's anfing, und da kam dieſer ein Gedanke, den der Baron nicht hatte. Allerdings kann nur Frauen “ 53 allein ſo Etwas einfallen, da nur bei ihnen der Verſtand auch Herz hat. „Es iſt das etwas Wunderſchönes,“ ſprach ſie zum Baron, ſich vor das Bild hinſetzend.„Bei ſolchem Talent muß Ihr Freund viel verdienen.“ „Ich glaube nein, und unglücklicher Weiſe muß er ganz allein davon leben.“ „Der arme Burſche! Iſt er noch jung?“ „Er iſt fünfundzwanzig.“ „Wo haben Sie ihn kennen gelernt?“ „Er iſt ein Schulkamerad von mir.“ „Kommen Sie oft mit ihm zuſammen?“ „Nein, ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich erſt da an ihn gedacht, als ich ihn um den Dienſt bitten wollte, den er mir erweist.“ „Man muß dafür ſorgen, daß er ſeine Bilder verkauft.“— „Ich habe wohl auch ſchon daran gedacht, aber es iſt Paul ein ſo ſeltſamer Burſche.“ „Wie ſo?“ „Ganz einfach darum, weil ich einer ſeiner alten Kameraden bin und eine Verbindlichkeit gegen ihn habe, würde er ſich tödtlich verletzt finden, wenn ich ihm das Offert machen wollte, ihm eines ſeiner Bilder abzukaufen.“ „Es ließe ſich aber die Sache vielleicht ſo machen, daß er lediglich Nichts davon erführe.“ „Aber wie?“ „Wenn man durch einen Andern das Bild kau⸗ fen ließe.“ „Das iſt wahr: ich hatte hieran nicht gedacht.“ „Ich aber denke daran, und nehme die ganze 54 Sache auf mich. Ich will, daß Ihr Freund ſein Glück mache. Je mehr Geld er bekommt, um ſo beſſer werden wir aufgenommen. Der Marquis iſt ein großer Liebhaber von Gemälden.“ „Der arme Marquis!“ „Oh, beklagen Sie ihn nicht!“ konnte Diana ſich nicht enthalten, lächelnd zu bemerken. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich meine ſo, er wird nicht zu beklagen ſein, da er allerliebſte Bilder bekommt.“ Und Frau von Lys ſtand auf und betrachtete der Reihe nach die andern Bilder, die entweder an den Wänden des Ateliers hingen, oder auf Staffe⸗ leien ſtanden. Dann ging ſie, nachdem ſie ſich überall umgeſehen, wieder zum Atelier hinaus, wo ſie zwei Stunden geblieben war. An dieſem Abende kam Diana um elf Uhr wie⸗ der nach Hauſe und ſchlief, nachdem ſie ſich zu Bette gelegt, jenen Schlaf, den der Weiſe nur einem reinen Gewiſſen zuzuſchreiben pflegt. Mitten in ihrem Schlafe aber ſchien es der Marquiſe, es ſuche Jemand ihre, wie immer, zugeriegelte Thüre aufzu⸗ ſtoßen; ſie ſchlug die Augen auf und hörte den Bo⸗ den unter den Tritten eines Mannes krachen, der doch auf der Spitze der Zehen herankam. Dieſer Mann war— der Marquis. „Es folgen ſich die Nächte, ohne einander zu gleichen,“ dachte die Marquiſe und ſchlief, das Haupt auf dem Kopfkiſſen ruhen laſſend, lächelnd wieder ein. Am andern Tage alſo, als man beim Frühſtuͤck ſaß, ſprach Diana zu ihrem Manne: „Mein Freund, ich habe einen Wunſch. Geſtern che 55⁵ habe ich bei einer meiner Freundinnen ein allerlieb⸗ ſtes Bild von einem jungen Maler geſehen, der Paul Aubry heißt: ein ſolches möchte ich nun auch haben.“ Um zwei Uhr fuhren der Marquis und Diana mit einander aus, und einige Augenblicke darauf traten ſie in die Bude eines Händlers auf dem Boulevard des Italiens, von dem Herr von Lys ſchon Mehreres gekauft hatte. Der allen Künſtlern wohlbekannte Händler machte die Thüre weit auf, ließ unter einer Menge von Bücklingen die beiden Beſuchenden ſich ſetzen und fragte ſie nach ihrem Begehren in jenem einnehmen⸗ den und honigſüßen Tone, der für ihn charakteri⸗ ſtiſch iſt. „Wir möchten einmal auch,“ ſprach der Mar⸗ quis,„ein Stück von einem Maler ſehen, der Paul Aubry heißt.“ „Sehr talentvoller junger Mann,“ ſprach der Händler,„gewiſſenhafter Maler, der wahre Wun⸗ derwerke macht; deßhalb reißt man ſich auch darum.“ „Könnten Sie wohl eines herausſchlagen?“ „Was will der Herr Marquis ausgeben?“ „So viel, als die Sache eben werth iſt.“ „Sie müſſen wiſſen, daß Paul Aubry ſeine Sa⸗ chen ſehr theuer verkauft.“ Hier ſchaute die Marquiſe den Händler an. „Sehr theuer?“ fragte ſie den Mann. „Ja, gnädige Frau.“ „Man hat mir aber doch beſtimmt geſagt, es befände ſich dieſer junge Mann nicht eben in den beſten Umſtänden.“ 56 „Die Frau Marquiſe weiß eben nicht, wie die Künſtler ſind; verdienten ſie auch alles Geld, das in der franzöſiſchen Bank liegt, ſo würden ſie es doch immer noch möglich finden, Schulden zu machen.“ „Im Uebrigen thut der Preis Nichts zur Sache.“ „Iſt es der Wille des Herrn Marquis, daß ich mich noch heute mit der Sache beſchäftige?“ „Ja.“ „Wenn das iſt, ſo gehe ich, ſobald der Herr Marquis von hier weggegangen, zu unſerem Maler.“ „Wir gehen; bringen Sie uns die Antwort, ſo⸗ bald Sie ſolche haben.“ „Der Herr Marquis kann auf mich zählen.“ Und immer unter den gleichen Bücklingen gelei⸗ tete der Händler die beiden Beſuchenden bis an ſeine Thüre; darauf langte er ſeinen Hut hervor und ſprach zu ſeiner Frau:. „Liebe Freundin, weißt Du, wo dieſer Paul Aubry wohnt?“ „Noch nie habe ich dieſen Namen ausſprechen hören.“ „Auch ich nicht.“ „Such' einmal im Muſeumskatalog!“ „Cil du haſt Recht.“ Und es blätterte der Händler in dem Buche, bis er die Adreſſe unſeres Freundes Paul fand. Nun gab er als ein guter Gatte, der er war, ſeiner beſſeren Hälfte einen Kuß, und entfernte ſich. Schlag vier Uhr ſtand der Händler ſchon bei der Marquiſe. „Ich habe den jungen Mann geſehen, Frau Marquiſe,“ ſprach er beim Hereintreten. 1 V e die as in doch n.“ ſche.“ ß ich chen che, nd. ner der au „Sie haben ſich mit ihm verſtändigt?“ „In dieſem Augenblicke macht er ein allerliebſtes Bild, das in einigen Tagen fertig ſein wird: es ſind Zigeuner in einem Hohlwege.“ „Wie viel will er für das Bild?“ „Tauſend Franken.“ Die Marquiſe erhob ſich, zog die Schublade eines Arbeitstiſchchens heraus und händigte dem Händler eine Banknote von tauſend Franken ein. „Sie ſagen alſo, man reiße ſich um die Bilder dieſes Malers?“ „Ja, gnädige Frau.“ „So gehen Sie denn alsbald zu ihm zurück und bringen Sie ihm dieſe Banknote, damit der Kauf ab⸗ geſchloſſen iſt und das Bild wirklich mir gehört. So⸗ bald es aber fertig iſt, laſſen Sie mir es einrah⸗ men und ſchicken es dann her.“ „Der Wille der Frau Marquiſe ſoll geſchehen.“ Der Händler zog ſich zurück, trat in die Bude eines Geldwechslers, nahm bei dieſem zwei hundert Franken in Gold, eine Banknote von fünfhundert Franken, ſo wie dreihundert Franken in Silber, und ging, in die eine Taſche das Gold und die Bank⸗ note, in die andere das Geld ſteckend, die Märtyrer⸗ ſtraße hinauf. Paul Aubry gab er die Banknote und das Gold, ſeiner Frau aber brachte er die drei⸗ hundert Franken in Silber heim. Es war der Mann, wie man ſieht, nicht ganz links. Als der Abend gekommen war, verlangte es die Marquiſe zu wiſſen, ob die tauſend Franken in dem Hauſe des Malers nicht irgend welche Aenderung — —— 58 bewirkt hätten. Sobald daher ihr Gatte ausgegan⸗ gen war, begab ſie ſich nach der Märtyrerſtraße. Es war acht Uhr. Maximilian war noch nicht erſchie⸗ nen. Diana ſchlug daher ihren Schleier nieder, nahm den Schlüſſel und das Licht des Papa Fremy, und ging nach dem Atelier hin. Dort hatte ſich aber Nichts verändert, nur daß das Bild die letzten Pinſelſtriche erhalten hatte und zur Ablieferung bereit ſtand. Die Marquiſe be⸗ trachtete es einige Zeit. Da ſie aber auch neugierig war, da Maximilian immer noch nicht kam, und da ſie nicht wußte, was ſie anfangen ſollte, ſo ſchritt ſie, anſtatt ſich, wie bisher, mit der Beſichtigung der Wände zu begnügen, zur Beſichtigung der Dinge. Wie wir wiſſen, ſo hatte Paul Aubry lediglich keine Ordnung; auch wäre ihm wohl nie eingefallen, daß zwei Liebende, denen er ſein Zimmer lieh, in ſeinen Schubladen herumſtöbern, oder ſeine Möbel durchſuchen würden. Er hatte den Fall, der jetzt gerade eintrat, nicht vorausgeſehen, den Fall nämlich, daß die Frau zuerſt kommen würde: ſonſt hätte er vielleicht den Schlüſſel zu ſeinen Geheimniſſen mit⸗ genommen. Es ſtand alſo ganz bei Frau von Lys, bei die⸗ ſem jungen Manne, der dazu noch ein Künſtler war und ein einer Frau, wie ſie, gänzlich unbekanntes Leben führen mußte, Allem auf den Grund zu kommen. Nachdem ſie die Zeichenmappen unterſucht, welche von Studien und Skizzen jeder Art ſtrotzten, öffnete Diana die Schublade eines truhenartigen Behälters von Cichenholz, worauf allerlei Figuren angebracht war Feu⸗ d'or, fünf Mor entſe tete hälte Stat klein und Grei recht wie dacht auße wied Etwo lehnt ſter; ſie a Thür aber zu h 8 auf da, d egan⸗ e. Es ſchie⸗ nahm und daß und be⸗ llian was wie gen, glich len, in bel jetzt ich, er nit⸗ ie⸗ var tes en. che ete rs cht 59 waren. Sie fand darin mitten unter Cigarren, Feuerſtählen, Feuerzeugen, Pfeifen, fünfzehn Louis⸗ d'or, was Paul allein noch geblieben war von den fünfzig, die der Händler ihm doch gebracht. „Sieben hundert Franken ausgegeben ſeit heute Morgen!“ dachte die Marquiſe.„Unſer Wirth iſt entſchieden ein lockerer Vogel.“ Diana machte die Schublade wieder zu und hef⸗ tete die Augen auf die über dem truhenartigen Be⸗ hälter angebrachten Bretter. Mitten unter den paar Statuetten, welche ſie dort erblickte, ſtand auch eine kleine Schachtel. Die Marquiſe machte dieſelbe auf und fand zwei Portraite darin. Das eine ſtellte einen Greis, das andere eine alte Frau vor. Beide ſahen recht gemüthlich und wohlwollend aus, und waren wie Landleute gekleidet. „Ohne Zweifel ſein Vater und ſeine Mutter,“ dachte die junge Frau, und ſtellte die Schachtel, die außer den beiden Portraits noch Buchsblätter enthielt, wieder auf das Brett hinauf. Sie fühlte darüber Etwas, was einem Gewiſſensbiſſe ähnlich ſah, und lehnte ſich dann, des Barons harrend, an das Fen⸗ ſter; nach Verfluß von zehn Minuten aber ſchaute ſie abermals im Atelier umher und machte ſogar die Thüre auf, um zu ſehen, ob Maximilian nicht käme; aber es war auf der Treppe Niemand zu ſehen und zu hören. Als Frau von Lys zurückkam, ſah ſie einen Brief auf dem Boden liegen. Sie hob ihn auf und ſah da, daß er an Paul Aubry adreſſirt war. Sie öffnete ihn mechaniſch. Der Brief aber enthielt folgende Worte: 60 „Mein Herr! Frach „Ich gebe mir die Ehre, Sie hiermit daran zu Nicht erinnern, daß Herr Dürand ein Urtheil erwirkt hat, 9 ſowie daß ich, wenn Sie nicht noch heute bezahlen, was Sie ihm ſchuldig ſind, mich gezwungen ſehen werde, eine Beſchlagnahme bei Ihnen vorzunehmen. „Sie hatten wenigſtens eine Abſchlagszahlung liehte verſprochen. etwa enthi Zwei „Erſparen Sie uns die Widerwärtigkeit, Ihre dor Habe mit Beſchlag belegen zu müſſen. Paul „Empfangen Sie meinen höflichſten Gruß.“ Men Und darunter ſtand der Name eines Gerichts⸗ ich di boten. Frau nicht „Der arme junge Mann!“ dachte die Marquiſe,„es U werden die tauſend Franken eben recht gekommen Pake ſein, und er hat wohl das Geld dieſem Manne ge⸗ 6 bracht.“ wollt Und Diana ſuchte, wohin ſie wohl wieder das wiſſer Papier legen könnte, das ſie eben geleſen; denn, warf chend ſie es wieder auf den Boden hin, ſo mußte Paul rakter daraus erſehen, daß es geleſen worden. Da ge⸗ und wahrte ſie einen Frack, den der Maler in der Eile wiede nur über einen Stuhl hingeworfen hatte, und woraus Mare ohne Zweifel der Brief gefallen war. Sie ſteckte aufge ihn alſo wieder in die Bruſttaſche dieſes Fracks, fühlte dabei aber noch andere Papiere, ſowie eine ihm. Brieftaſche. Man muß geſtehen, daß die Verſuchung eine ſtarke war. Es horchte die Marquiſe, ob noch immer Nie⸗ daß mand die Treppe heraufkäme, und leerte, als ſie gar auf kein Geräuſch hörte, die Bruſttaſche des fraglichen v ran zu kt hat, zahlen, ſehen ehmen. rhlung Ihre 2 richts⸗ e,„es mmen ie ge⸗ r das warf Paul a ge⸗ Eile praus ſteckte— racks, eine hung Nie⸗ e gar ichen 61 Frackes aus, fand aber nur ſolche Papiere darin, die Nichts zu bedeuten hatten. Nun machte ſie auch die Brieftaſche auf, die etwa ein Dutzend Briefe, ſowie ein Frauenportrait enthielt. „Das iſt wahrſcheinlich das Porträt ſeiner Ge⸗ liebten,“ ſprach Diana bei ſich.„Sie iſt hübſch. Ohne Zweifel iſt es eine Weltdame, ſonſt würde er ihr Porträt nicht ſo ſorgfältig verbergen. Ah! Herr Paul Aubry ſieht mir aus, wie ein recht ſentimentaler Menſch: da ſind auch getrocknete Mausöhrlein. Wenn ich die Briefe läſe! Es müſſen dieſelben von dieſer Frau herkommen. Wenn doch nur Maximilian noch nicht kommt!“ Und es nahm Diana auf's Gerathewohl aus dem Paket einen Brief heraus und machte denſelben auf. In dem Augenblicke, wo ſie das erſte Wort leſen wollte, hörte ſie ein Geräuſch, und ohne recht zu wiſſen, was ſie that, aber jener Neugierde gehor⸗ chend, welche der vorherrſchende Zug in ihrem Cha⸗ rakter war, verbarg ſie den Brief in ihrem Buſen, und ſteckte die anderen, ſowie die Brieftaſche, eiligſt wieder in die bewußte Bruſttaſche. Noch war die Marquiſe von der Furcht, ertappt zu werden, ganz aufgeregt, als der Baron hereintrat. „Sie haben mir Furcht gemacht,“ ſprach ſie zu ihm. „Sie erwarteten mich alſo nicht?“ „Doch, doch, und als Beweis dafür mag gelten, daß ich ſchon ſeit länger, denn einer halben Stunde auf Sie warte.“ „Es haben meine Eltern mich zurückgehalten. 62 Einen Augenblick habe ich ſogar geglaubt, daß ich delt gar nicht würde abkommen können.“ wer „Es iſt das um ſo bedauerlicher, als ich heute aber bald wieder daheim ſein muß.“ „Wie viel Uhr iſt es denn?“ „Nicht mehr weit von neun Uhr. Heute alſo Wer bleiben wir nicht lange beiſammen; um ſo mehr Zeit Mu aber haben wir morgen. Es verreist der Marquis.“ beſſe „Geht er weit fort?“ mich „Er bleibt wenigſtes vierzehn Tage aus; heute— hat er mir beim Eſſen ſeine Abreiſe angekündigt.“ beſſe Sofort nahm Diana ihren Shawl und ihren eine Hut, und verließ das Atelier. Was man leicht begreifen wird, wenn man den. Charakter der Marquiſe im Auge behalten will, iſt„es ihr Verlangen, recht bald nach Hauſe zu kommen und: allein zu ſein, um den Brief, deſſen ſie ſich eben be: datir mächtigt, leſen zu können. Die arme Marquiſe!— Schon brauchte ſie Zerſtreuungen für die Zerſtreuung, von die ſie in der Märtyrerſtraße geſucht hatte. Als ſie endlich wieder auf ihrem Zimmer war, ſchloß ſie ſich ein, zog aus ihrem Buſen den Brief ganz hervor und machte dieſen auf. wart „Wenn er nur nicht merkt, daß ich den Brief biſt? genommen!“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt in dem Augen⸗— ſo ſe blicke, wo ſie die Augen darauf warf, um ihn zu ſo al leſen;„was ich gethan, iſt gar nicht ſchön, und was Du ich zu thun im Begriff bin, iſt noch weit unſchöner.“ mir Und ſie ſtand auf dem Punkte, das Papier wie⸗ und der zuſammenzulegen. Nein „Wer wird darum wiſſen? Jede andere Frau. Meir hätte unter ſolchen Umſtänden wohl eben ſo gehan⸗ 1 aß ich heute 2 alſo —r Zeit quis.“ heute It.“ ihren n den l, iſt n und n be⸗ zuiſe! lung, war, Brief 63 delt. Es wird Nimand darum wiſſen. Morgen werde ich den Brief wieder zu den anderen thun; er aber wird gar nichts merken.“ Und ſie machte den Brief wieder auf. „Vielleicht, daß ich hinter ein Geheimniß komme. Wenn ich es aber weiß, werde ich dann auch den Muth haben zu ſchweigen? Um ſo beſſer, um ſo beſſer, wenn es ein Geheimniß iſt: die Sache wird mich ſo nur um ſo mehr intereſſiren.“ Und Diana rückte den Leuchter zu ſich her, um beſſer ſehen und leſen zu können. Der Brief zeigte eine feine Handſchrift und füllte drei ganze Seiten. Diana ſchaute alsbald auf die Unterſchrift. „Bertha!“ ſprach ſie, nachdem ſie dieſelbe geleſen; „es iſt das ein hübſcher Name.“ Der Brief war vom fünfzehnten September 1843 datirt. „Es iſt alſo ſchon zwei Jahre her,“ ſagte Frau von Lys bei ſich ſelbſt und hob alſo zu leſen an: „Mein Freund! „Eben hat es ſechs Uhr geſchlagen; ich bin die ganze Nacht aufgeblieben, weil ich Dich immer er⸗ wartete. Wie kommt es, daß Du nicht erſchienen biſt? Wie kommt es, daß Du mich ſeit einiger Zeit ſo ſehr vergiſſeſt und daß Du mich acht lange Tage ſo allein läſſeſt? Vorgeſtern hatteſt Du mir, als Du mich ganz in Thränen zerfloſſen ſaheſt, gelobt, mir keinen ſolchen Kummer mehr machen zu wollen, und da verfällſt Du nun, ſchon am Tage nach Dei⸗ nem Verſprechen, wieder in die alte Gleichgültigkeit. Mein Gott! was wird aus mir werden! „Du kannſt an meiner Liebe wohl nicht zweifeln, es aber nicht ſo gewollt: warum?“ 64 Paul; Dir zu lieb habe ich Alles verlaſſen, Familie, Freunde, Welt; all' mein Sinnen biſt nun Du; nur Dich habe ich noch. Soll denn eine Frau von einem Manne immer um ſo weniger geliebt werden, je mehr ſie demſelben Beweiſe ihrer Liebe gibt? Laß mich doch nicht in dieſer Betrübniß, ich beſchwöre Dich bei der Liebe, die Du zu mir gehabt! Vielleicht daß ich Dich mit meinen Vorwürfen und meinen Thränen langweile und daß ich Dir läſtig werde; das iſt ohne Zweifel der Grund, daß es Dir keine Freude mehr gewährt, zu mir zu kommen. Wohlan! Ich ſchwöre Dir, den Kummer, den ich in Deiner Abweſenheit gehabt, ſo gut zu verbergen, daß Du, wenn Du kommſt, davon Nichts merken ſollſt: nur mußt Du auch kommen. Du haſt gewollt, daß ich auf dem Lande wohne; Du wollteſt mich alſo ent⸗ fernen? Nun bin ich in Saint⸗Mandé; Du aber⸗ kommſt nicht, unter dem Vorwande, daß Deine Ar⸗ beiten Dich zu Paris feſthalten. Könnten denn Deine Arbeiten nicht auch hier gemacht werden? Du hätteſt es hier ſo gut! Erinnere Dich doch noch der Zeit, Freund, wo Du Dich nicht entſchließen konnteſt, mich zu verlaſſen, und wo wir nur mit Thränen in den Augen uns trennten. Jene Zeit exiſtirt für mich immer noch. So oft Du Dich von dieſem Hauſe entfernſt, blutet mir das Herz und wird es leer in meiner Seele. Du hätteſt es hier ſo gut! Ich hatte Dir ein ſchönes, herrlich erleuchtetes Zimmer zurecht gemacht, wo Du ganz allein und frei hätteſt arbeiten können. Wie ſonſt hätte ich bei Dir geleſen. Schnell wie Secunden wären die Tage verfloſſen. Du haſt nilie, nur inem —, je Laß wöre leicht einen erde; keine han! einer Du, nur ich ent⸗ aber. Ar⸗ deine itteſt Zeit, mich den mich auſe r in datte recht eiten nell haſt 65 „Die arme Frau!“ murmelte die Marquiſe. „Dahin führt alſo die Liebe?“ Und ſie fuhr fort zu leſen: „Noch iſt es Zeit, Paul; komm wieder zu mir! Haſt Du mich einer Andern zu lieb hintergangen, ſo verzeihe ich Dir. „Was ſoll ich machen? Du biſt eben die erſte Liebe meines Lebens und biſt kein gewöhnlicher Menſch. Es würde mich der Gedanke überaus ſtolz machen, daß Du Dein Talent und Deinen Ruhm mir ver⸗ dankeſt. Laß mich doch den guten Genius Deiner Arbeit, die Wächterin Deiner Zukunſt ſein! Glaub' an mich, ſo wirſt Du glücklich ſein. „Wenn Du es nur wüßteſt! Geſtern hatte mir ein Vorgefühl geſagt, daß Du kommen würdeſt; deßhalb hatte ich in unſerem kleinen Zimmer für uns Beide ein Abendeſſen hergerichtet. Ich hatte Weine ge⸗ wählt, die Du am liebſten trinkſt, und hatte mich an das Fenſter gelegt, um Dich ſchon von Weitem kom⸗ men zu ſehen. Es iſt der Tag hingeſchwunden, Du aber biſt nicht gekommen. Dann bin ich wieder in mein Zimmer gegangen; es war acht Uhr; dort habe ich abermals gewartet, habe aber am Ende die Ueber⸗ zeugung gewinnen müſſen, daß es unnütz ſei, länger auf Dich zu warten. Es iſt das Kammermädchen herein gekommen mit der Frage, ob ſie nun ſerviren ſolle, denn die Hoffnung, Dich zu ſehen, hatte mir Appetit gemacht: ich hatte mich auf dieſes Souper ordentlich gefreut. Ich habe aber zu dem Mädchen geſagt, ſie ſolle nur Alles wieder abtragen, was ſie ſchon aufgetragen, und habe zu weinen angefangen.“ Dumas d. J, Diana von Lys. 5 Thräne und fiel auf das Papier, das ſie las. Sodann las ſie noch in dem zu Ende gehenden Briefe: „Dann bin ich zu folgendem Entſchluſſe gekom⸗ men, Paul: Schreib mir unumwunden, was Du mit mir zu machen gedenkſt. Ich habe mich Dir nicht preisgegeben, ohne zu wiſſen, welchen Dingen ich mich ausſetzte. Liebſt Du mich nicht mehr, ſo geſtehe mir es. Es iſt mein Entſchluß gefaßt. Ich werde abreiſen und eine unüberſteigliche Scheidewand zwi⸗ ſchen die Welt und mich ſtellen. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich Dir in dieſem Falle verzeihe, ſowie daß ich aus der Tiefe meines Zufluchtsorts für Dich zu Gott beten werde.“ So ſchloß der Brief. „Was iſt aus dieſer Unglücklichen wohl gewor⸗ den? Wenn man bedenkt,“ fuhr die Marquiſe fort, „daß ich nie ſo Etwas ſchreiben werde!“ Zu gleicher Zeit legte ſie Bertha's Brief wieder zuſammen, wiſchte ſich die Augen ab und ſprach noch bei ſich ſelbſt: „Morgen muß ich die Fortſetzung dieſer Geſchichte haben. Wenn ich nur auch das Paket noch an dem gleichen Platze finde! Wie ſoll ich es aber nur gleich anfangen, um von Marximilian nicht geſtört zu werden? Das Ding geht ganz leicht: ich brauche ihm ja nur zu ſchreiben, daß er erſt um neun Uhr kommen ſolle, während ich ſelbſt um acht Uhr hingehe.“ Am andern Tage ſchrieb die Marquiſe in aller Frühe an Marimilian, daß er erſt um neun Uhr in der Märtyrerſtraße erſcheinen möchte. Hier entſtürzte den Augen der Marquiſe eine 67 Wie Diana ſchon Tags zuvor dem Baron ange⸗ kündigt hatte, reiste der Marquis im Laufe des Tages ab; und als es Abend geworden, begab ſich die Marquiſe um drei Viertel auf acht Uhr in Pauls Wohnung. Sie war von der Furcht geplagt, es möchte der⸗ ſelbe ihrer Neugierde auf die Spur gekommen ſein, und war ganz darauf gefaßt, ſämmtliche Schubladen und Thüren geſchloſſen zu finden. Aber Alles war noch in dem gleichen Zuſtande wie an dem vergan⸗ genen Tage. Der erſte Blick Diana's galt dem Stuhle, worauf ſie den Frack gefunden hatte. Aber der Frack lag nicht mehr darauf. „Er wird den Frack angethan und die Briefe mitgenommen haben,“ dachte ſie. Nun ging ſie ganz gerade auf das Ankleidecabinet des jungen Mannes zu und durchſuchte dort alle Taſchen, die ſie irgend finden konnte. Sie erkannte den Frack wieder, denn ſie fand das Schreiben des Gerichtsboten wieder darin; was aber verſchwunden war, war die Brieftaſche. Nun war die Marquiſe wirklich in Verlegenheit: nicht allein hätte ſie gern das Ende von Bertha's Correſpondenz gehabt, ſondern es lag ihr auch daran, Paul den Brief zurückzuſtatten, den ſie ihm genom⸗ men; denn wie ihr ſchien, ſo mußte ihm an dieſer Sammlung gelegen ſein, und fand ſie das Paket nicht wieder, ſo wußte ſie nicht, wie ſie es angreifen ſollte, daß er Nichts merkte. Aber Frau von Lys war nicht die Frau, die ſo leicht den Muth verlor: ſie durchſtöberte und durchwühlte ſämmtliche Schub⸗ laden, Schachteln und Schränke dermaßen, daß es ihr endlich gelang, die Brieftaſche wieder zu finden, die Paul in ſeiner Commode unter einem Haufen Wäſche ſorgfältigſt verborgen hatte. Wie wir bereits geſagt, ſo kannte Paul gar kein Mißtrauen; es iſt daher auch nicht verwunderlich, daß er den Schlüſſel in dem Möbel ſtecken ließ, das dieſe Brieftaſche enthielt. Die Marquiſe unterſuchte das Paket, um zu ſehen, ob ſeit dem vergangenen Tage Jemand dahinter geweſen; es war aber offen⸗ bar, daß die Brieftaſche nur ſo hingeworfen worden war, ohne vorher durchſucht worden zu ſein. Nun öffnete ſie die Briefe und ſuchte diejenigen heraus, welche ein ſpäteres Datum, als den 15. Sep⸗ tember 1843 führten. So fand ſie einen vom fünfundzwanzigſten deſſelben Monats batirten Brief, der nachſtehende Zeilen enthielt: „Ich danke Dir, mein Freund, für das Opfer, das Du Dir auferlegt haſt; es entgeht mir indeſſen nicht, daß es über Deine Kräfte geht. Soll die Liebe einer Frau in dem Herzen deſſen, den ſie geliebt, ein gutes Andenken zurücklaſſen, ſo muß derſelben noch die Reſignation zu Hülfe kommen. Du haſt acht Tage in meiner Nähe zugebracht; weiter konn⸗ teſt Du nicht thun. Nun biſt Du wieder fort. Wer weiß, wann Du wieder kommſt? Ich brauche Dir nicht einmal zu verzeihen: ich verſtehe Dich. Dein Künſtlerleben erheiſcht Ruhe und Zerſtreuung zugleich; ich aber bin unvermögend, Dir ſolche zu verſchaffen. Ich kann Dir eben nur von meiner Liebe ſagen, und das thue ich nun ſchon ſo lange, daß es Dich jetzt langweilt. „Ich habe gar wohl geſehen, daß Du mit mei⸗ nden, aufen kein rlich, das uchte enen ffen⸗ rden igen Sep⸗ lben ielt: pfer, eſſen eebe iebt, lben haſt onn⸗ Wer Dir dein eich; fen. gen, Dich nei⸗ 69 nem Kummer Nitleid hatteſt; allein meinem Herzen kann das Mitleid nicht länger genügen. Lebe wohl, Freund, Du ſiehſt mich nicht mehr. Mach' Dir nur keine Vorwürfe darüber! Das Glück, deſſen ich ge⸗ noſſen, verdanke ich Dir; mein Unglück hat ſeinen Grund einzig und allein in mir ſelbſt, ſowie in den allzu großen Anforderungen meines Herzens. Einſt wirſt Du eine Frau finden, die Dich liebt, denn Du biſt jung, edel und gut. Mach' dann, daß ſie nicht leidet, wie ich leide, und haſt Du ihr einen Kummer bereitet, ſo lies meine Briefe von Neuem, da ſie Dir das Mittel, denſelben wieder gut zu machen, angeben. Wer immer dieſe Frau ſein mag, die Dich lieben wird, ohne zu wiſſen, wie Du von mir geliebt wor⸗ den, ich ſegne ſie im Voraus um des Glücks willen, das Du ihr verdanken wirſt. „Noch ein Mal, mein Freund, lebe wohl!“ Die Marquiſe verfiel, nachdem ſie das letzte Wort dieſes Briefs geleſen, in eine ungewohnte Träumerei. „Es hat dieſe Frau gelitten,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt, „jedoch iſt ſie glücklich geweſen; iſt ein ſolcher Kum⸗ mer nicht einer Unthätigkeit des Herzens vorzuziehen? Aus Allem dieſem geht mit Gewißheit ſo viel her⸗ vor,“ fuhr Diana fort, indem ſie die Brieftaſche wie⸗ der zumachte und die Briefe wieder in der Ordnung auf einander legte, in der ſie gelegen hatten,„daß Herr Paul Aubry in ſeinem Leben ſchon eine große Paſſion eingeflößt hat. Es iſt alſo ein recht außer⸗ ordentlicher Menſch, dieſer Herr Paul Aubry? Viel⸗ leicht daß ich mich Gefahren ausſetze, indem ich zu ihm gehe,“ ſetzte die Marquiſe lachend hinzu. Frau von Lys ſtand auf, ſchaute auf die Uhr 70 und ſah, daß ſie noch eine gute halbe Stunde zu warten hätte. Da verlangte ſie es zu wiſſen, wie viel Geld wohl noch dem Maler geblieben. Sie zog daher die Schublade heraus, worin ſie Tags zuvor fünfzehn Louisd'or gefunden; jetzt waren es nur noch drei. Neben dieſen drei Louisd'or lag ein Bogen Stem⸗ pelpapier. Diana machte ihn auf. Es war das Protokoll über die Beſchlagnahme, womit Paul bedroht worden, und die im Laufe des Morgens vorgenommen wor⸗ den war. An ſolcherlei Dinge war die Marquiſe nicht ge⸗ wöhnt; es koſtete ihr alſo nicht wenig Mühe, die Handſchrift des Gerichtsboten zu leſen. Als ſie bei der Stelle ankam: „Zur Vergleichung der genannten Möbeln mit vorliegendem Protokoll wird Samstag den 18. dieß geſchritten werden, auf daß genannte Möbeln auf dem Börſeſtplatze, um die Mittagsſtunde, in dem Hauſe der amtlichen Taxatoren verkauft und dem Meiſt- und Letztbietenden zugeſchlagen werden...“ da ſprach ſie bei ſich ſelbſt: 1 „Er hat alſo ſein Geld nicht dieſem Gerichts⸗ boten gegeben? Was wird er nun aber anfangen? Es bleiben ihm noch ſechzig Franken, und doch hat er nicht weniger als fünfhundert zu zahlen. Wir haben jetzt den neunten, mithin hat er nur noch neun Tage, um dieſes Geld zu verdienen; und verdient er es unterdeſſen nicht, ſo verkauft man ihm ſeine Möbeln, ja ſogar das Porträt ſeines Vaters und ſeiner Mutter! Und es fällt ihm nicht ein, ſich an ſeinen Freund zu wenden! Ja, er hat ein edles Herz. Zum Glücke bin ich da. Aber er iſt auch ein rechter Thor; wem mag er dieſes Geld gegeben haben? Vielleicht irgend einem Frauenzimmer, das ihn nicht liebt! Vor Allem aber gilt es nun, ihn aus dieſer fatalen Lage herauszureißen. Ich will an Marcelline ſchreiben und ſie bitten, daß ſie mich morgen früh beſuche. Sie iſt es, die meinen Auf⸗ trag ausführen muß.“ Sodann fing die Marquiſe an, Papier und Fe⸗ dern zu ſuchen; lange Zeit aber vergebens. Weiß man ja doch, daß bei Malern nie Papier und Federn, noch ſonſtige Schreibrequiſiten zu finden ſind. Nach langem beharrlichem Suchen aber fand ſie endlich dennoch eine Schreibmappe. Es lag darin unbeſchriebenes Papier, ſowie ein Brief, deſſen Unter⸗ ſchrift ſie anſchaute. Unter dem Briefe abe ſtanden die Worte: Paul Aubry. „Ah! da werde ich abermals etwas Neues er⸗ fahren,“ ſprach Diana. Mit jener herrlichen Neugierde, die ſie nie ver⸗ ließ, las ſie: „Liebe, gute Mutter! „Geſtern habe ich den Brief meiner Schweſter bekommen, woraus ich erſehe, daß es mit Deiner Ge⸗ ſundheit beſſer ſteht. Ich brauche Dir nicht erſt zu ſagen, welche Freude mir dieſe frohe Nachricht ge⸗ macht hat. Cäcilie ſagt mir, Du macheſt Dir immer über meine Lage ſo viele Sorgen, liebe, gute Mut⸗ ter, und Du glaubeſt, daß ich mir um Euretwillen Opfer auferlege. Darin aber irrſt Du Dich, liebe Mutter; was ich allein bedaure, iſt, daß ich nicht ſo viel Zeit habe, um einige Tage in Deiner Nähe zuzubringen; aber ich bin dermalen mit Arbeit über⸗ bürdet. Es hat Dein Brief mir Glück gebracht: kaum hatte ich ihn erhalten, als ein Händler zu mir kam und mir ein kleines Bild abkaufte, wofür er mir zwei Stunden darauf ſiebenhundert Franken bezahlte.“ „Siebenhundert Franken!“ ſprach die Marquiſe. „Warum lügt er ſeine Mutter an? Es iſt das nicht ſchön.“ Dann fuhr die Marquiſe fort zu leſen: „Es hat dieſer Mann mir Hoffnung gemacht, daß ich noch andere Bilder an ihn würde verkaufen können. Wir wollen ſomit hoffen, daß wir endlich glücklicher ſein werden, liebe, gute Mutter, ſowie daß ich einſt im Stande ſein werde, Dir für alle Opfer einen Erſatz zu geben, welche Du für mich gebracht haſt. Sag' Cäcilien, daß ſie Dich nur recht pflegen ſolle, ſowie daß ich nie aufhören werde, für ſie nach Kräften zu ſorgen. Ich habe auf der Stelle der Briefpoſt vierhundert Franken übergeben, welche Du bei Empfang dieſes Briefes ſchon in Händen haben wirſt. Pflege Dich ja recht, liebe, gute Mutter, und brauchſt Du Etwas, ſo laß es mich durch Cäcilie alsbald wiſſen. „Ich gehe aus und werde wohl beim Heimkom⸗ men dieſen Brief ſiegeln. Ich muß für Cäcilie einige Putzgegenſtände kaufen, um die ſie mich ge⸗ beten. „Meine herzlichſten Küſſe. „Dein Sohn „Paul Aubry.“ ähe ber⸗ um am mir e. iſe. icht Während die Marquiſe ſo weiter geleſen hatte, waren ihr Thränen in die Augen gekommen. Sie ſprach bei ſich ſelbſt: „Es iſt unmöglich, daß dieſer Menſch ſeine Mut⸗ ter anlügt. Er hat nicht mehr denn ſiebenhundert Franken bekommen, das Uebrige aber hat der Händ⸗ ler für ſich behalten. Ich werde das aber ſchon er⸗ fahren; zuerſt aber will ich Marcellinen ſchreiben, daß ich ſie ſprechen müſſe. Sie wird wenigſtens, deſſen bin ich gewiß, bei den Aufträgen, die ich ihr gebe, keinen Gewinn machen wollen, ſo daß das Geld, das ich ihr zuſtelle, an den rechten Mann kommt.“ Und Diana fing an zu ſchreiben, trotzdem daß ihr die Thränen immer noch in den Augen ſtanden. Als ſie einige Worte zu Papier gebracht, ſiel es ihr ein, daß es wohl beſſer wäre, wenn ſie im Laufe des Abends ſelbſt zu Frau Delaunay ginge, da ſie ja über ihre Zeit frei verfügen könnte. Sie zerriß alſo den angefangenen Brief, legte die Schreibmappe wieder an ihren Ort und ſchickte ſich an, das Atelier zu verlaſſen. „Und Maximilian, den ich faſt vergeſſen hätte, und der doch heute Abend kommt!“ dachte ſie.„Nun! um ſo ſchlimmer! Er wird mich eben nicht finden. Was wird er davon denken? Doch was liegt mir im Grunde daran? Heute würde es mir doch keine Freude machen, ihn zu ſehen. Er iſt ein recht egoiſti⸗ ſcher Menſch, ſo viel iſt gewiß: er ſpricht von Liebe bei einem Freunde, dem man ſein Hausgeräth zu verkaufen im Begriffe iſt; er verlangt einen Dienſt von ihm und läßt ſich nicht einmal einfallen, daß auch er demſelben einen ſolchen erweiſen könnte.“ Und alſo ſprechend ging Diana aus dem Zimmer hinaus, ſchloß die Thüre und ſchritt durch den Gar⸗ ten hin. An Papa Fremy's Stübchen vorübergehend, warf ſie dem Hauscerberus den Schlüſſel hin und verſchwand. Eben ging ein leerer Wagen am Hauſe vorüber. Die Marquiſe ſtieg alſo in denſelben und ließ ſich zu dem Bilderhändler fahren. „Haben Sie ſchon das Bild, das ich von Ihnen verlangte?“ fragte ſie den Händler.. „Nein, Frau Marquiſe, noch nicht.“ „Drängen Sie doch den Maler, daß er es vol⸗ lends fertig macht!“ „Er hat mir es auf morgen verſprochen.“ „Haben Sie ihm die tauſend Franken zugeſtellt?“ „Ja, gnädige Frau.“ „Und hat er Ihnen dafür einen Empfangſchein gegeben?“ Es lag dieſe Frage ſo ganz außer den Gewohn⸗ heiten der Marquiſe, und es war der Bilderhändler ſo wenig darauf gefaßt, daß dieſer einen Augenblick nicht wußte, was er antworten ſollte. „Hat er Ihnen einen Empfangſchein gegeben?“ ſprach Diana abermals, aber jetzt in befehlendem Tone. 3 „Nein, gnädige Frau.“ „Wohlan! Sie müſſen ſich von ihm einen ſolchen geben laſſen.“ „Es kommt ſolches aber bei Künſtlern ſo gar nicht vor.“ pfa mu Bil die die Eit W pfl he gi daß 2. 474 mmer Gar⸗ hend, und über. ſich hnen vol⸗ Ilt?“ hein ohn⸗ dler blick n?“ dem hen gar 75 „Möglich, aber ich muß nun einmal dieſen Em⸗ pfangſchein haben; morgen Mittag um zwölf Uhr muß er in meinen Händen ſein.“ Als die Marquiſe wieder fort war, ſchaute der Bilderhändler ſeine Frau an. 1„Wie willſt Du es nun machen?“ fragte ihn ieſe. „Sei ganz ruhig: ich will das ſchon machen.“ Nun ließ Diana ſich zu Frau Delaunay fahren, die zu Hauſe und ganz allein war. „Hör' einmal,“ ſprach ihre Freundin gleich beim Eintreten,„Du mußt mir einen Dienſt erweiſen.“ „Welchen?“ „Du weißt, daß ich mit Maximilian in der Wohnung eines ſeiner Freunde zuſammen zu kommen pflege.“ „Der Paul Aubry heißt.“ „Und Märtyrerſtraße Numero 67 wohnt.“ „Und dann?“ „Dieſer junge Mann braucht alsbald Geld.“ „Wie weißt Du das?“ „Ich weiß es, weil ich in ſeinen Briefſchaften herumgeſtöbert habe: man will ihm ſeine Möbeln verkaufen.“ „Nun?“ „Nun, Du mußt Dich von ihm malen laſſen.“ „Ich ſoll mich malen laſſen?“ „Ja, Du ſollſt Dich malen laſſen; und dafür gibſt Du ihm tauſend Franken.“ „Biſt Du verrückt?“ „Ganz und gar nicht. Du kommſt morgen früh zu mir, und ich gebe Dir die tauſend Franken, die 76 Du ihm vorausbezahlſt. Es iſt das ein Geſchenk, das ich Dir machen will.“ „Was für ein Intereſſe haſt Du aber dabei?“ „Das Intereſſe, daß man dem armen jungen Mann ſeine Möbeln nicht verkauft.“ „Du kennſt ihn alſo?“ „Ich habe ihn noch mit keinem Auge geſehen.“ „Warum willſt Du denn aber Dich ſelbſt nicht malen laſſen? Es wäre das wohl das Einfachſte.“ „Und wenn er erführe, daß ich dieſelbe Frau bin, der er Abends ſeine Wohnung leiht? Ich würde es nicht mehr wagen, ihm unter die Augen zu treten.“ „Da haſt Du Recht.“ „Und dann...“ Hier zögerte die Marquiſe. „Und dann was?...“ verſetzte Marcelline. „Und dann möchte ich eben ſo gern dieſen jun⸗ gen Mann nicht ſehen.“ „Warum?“ „Aus vielerlei Gründen. Es bleibt alſo dabei?“ „Wenn mein Mann damit einverſtanden iſt.“ „Es wird Dein Mann ſich damit einverſtanden erklären; will er doch Alles, was Du willſt. Im Uebrigen ſagſt Du ihm, es ſei das eben wieder ſo einer meiner Einfälle.“ „Wie ſollen wir aber die Sache anſtellen, um zu dem Maler zu kommen.“ „Ihr ſaget ihm, man habe ihn euch als einen vortrefflichen Porträtmaler bezeichnet; Du ſelbſt aber fügſt dem noch bei, daß Du nicht mehr denn tauſend Franken auf Dein Porträt verwenden wolleſt, damit weg lieg ſelb kam verl kerz henk, 12“ ngen en.“ nicht e.“ Frau ürde zu 77 er alsbald weiß, wie viel er dafür verlangen darf; denn er würde es nie wagen, ſo viel zu fordern.“ „Morgen Mittag um zwölf Uhr bin ich bei Dir.“ „Es hätte dieſer armen Mutter ſo viel Kummer gemacht, wenn ihr bekannt geworden wäre, daß man die Möbeln ihres Sohnes öffentlich verkaufen wolle,“ ſprach Diana bei ſich ſelbſt. Es war, wie man ſieht, die Marquiſe aller Lie⸗ besdienſte fähig. Eben hatte Diana Pauls Haus verlaſſen, als Maximilian dort erſchien. „Iſt die Dame gekommen?“ fragte er den Pförtner. „Ja, mein Herr.“ „Iſt ſie in der Wohnung des Herrn Aubry?“ „Nein, ſie iſt vor etwa fünf Minuten wieder weggegangen.“ „Sie hat Nichts an mich hinterlaſſen?“ „Nichts.“ „Droben werden wohl ein paar Zeilen für mich liegen,“ dachte der Baron. Und er ſuchte überall, fand aber Nichts. „Sie wird wieder kommen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt. Und er wartete. Es verſtrich eine ganze Stunde; wer aber nicht kam, war die Marquiſe. „Was ſoll all' das ſein?“ fragte ſich Maximilian. Es ſchlug gerade zehn Uhr, als Paul das Haus verließ. Einige Augenblicke darauf erſchien ein großer, kerzengerader, dürrer und decorirter Mann bei Papa 78 Fremy. Es war dieß der Graf von Vernon. Er hatte Jemand ſeinem Sohne nachgehen laſſen und erfuhr nun, vermittelſt dreier Goldſtücke, vom Pfört⸗ ner nicht allein die täglichen Beſuche des Barons, ſondern auch die Urſache dieſer Beſuche, Diana's Namen aber natürlich nicht, weil der gute Mann ſelbſt ihn nicht wußte. Am Namen aber war im Grunde wenig gelegen. Es war ein Frauenzimmer was den Baron hierher zog: weiter wollte der Graf nicht wiſſen. Als Paul Abends heim kam, hütete der Pförtner ſich, ihm von dem Beſuche zu ſagen, der dageweſen. Und ſchon wollte am andern Morgen der Maler wieder an ſeine Arbeit gehen, als der Bilderhändler bei ihm erſchien. „Sie ſehen,“ hob Paul an,„ich habe für Sie gearbeitet; das Bild trocknet eben.“ „Ich komme noch wegen einer andern Sache,“ verſetzte der Bilderhändler. „Wollen Sie wieder Etwas bei mir beſtellen?“ „Vielleicht. Sie wiſſen, daß dieſes kleine Bild nicht für mich iſt, Herr Aubry.“ „Ich weiß es.“ „Die Perſon, die es kauft, kann ſiebenhundert Franken darauf wenden; wir Händler aber ſetzen uns einem großen Riſico aus und können nicht ſo ſplendid bezahlen.“ „Ich finde das ganz in der Ordnung.“ „Ich komme alſo her, um Sie zu fragen, ob nicht unter den ſchon fertigen Bildern ein kleineres wäre, das Sie an mich verkaufen könnten. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ein Maler nicht auf den ken Er und fört⸗ ons, na's tann im mer Graf tner eſen. aler dler höchſten Gaul ſitzen darf, wenn er bekannt werden will. Es ſind die Zeiten hart.“ „Sehen Sie einmal nach, ob Sie darunter nicht Etwas finden, das Ihnen anſtändig wäre.“ Mit dieſen Worten deutete Paul auf die an der Wand hängenden Bauſen. „Von all' dem iſt noch Nichts fertig; es iſt das Schade!“ verſetzte der Händler in honigſüßem Tone, „denn ich ſehe da ein Bild, das mir recht anſtändig geweſen wäre.“ „Das darf Sie nicht abhalten: ich mache das Bild fertig. Wie viel geben Sie mir dafür?“ .„ Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß der Handel in dieſem Augenblicke herzlich ſchlecht geht.“ „Ich weiß das Alles.“ „Sie machen mir es fertig?“ G „Ja. „Recht bald?“ „Sobald dieſes da fertig iſt.“ „Nun gut! Ich gebe Ihnen dreihundert Fran⸗ ken dafür.“ „Sie ſollen das Bild haben.“ „Hier ſind die dreihundert Franken.“ „Sie zahlen voraus! Wirklich, ich kenne Sie gar nicht mehr, Herr Leopold.“ „Sie wiſſen, daß, wenn ich Geld habe, ich mich nicht lange bitten laſſe und es ſogleich wieder weggebe.“ „Morgen Abend, oder ſpäteſtens übermorgen ſoll das Bild fertig und in Ihren Händen ſein.“ „Ich hätte nun aber Sie noch um Etwas zu bitten.“ „Um was denn?“ 80 „Ich habe einen Mittheilhaber und muß, damit Alles in gehöriger Ordnung iſt, für das Geld, das ich ausgebe, Quittungen verlangen.“ „Es iſt das ganz natürlich.“ Und Paul nahm ein Stück Papier und ſchrieb darauf: b „Von Herrn Leopold die Summe von dreihundert Franken heute erhalten zu haben...“ „Nein, nein! ſchreiben Sie tauſend!“ ſprach der Händler.„Mit den ſiebenhundert, die Sie vorgeſtern von mir bekommen, macht es tauſend.“ „Da ja aber die ſiebenhundert Franken von vor⸗ geſtern nicht für Ihre Rechnung ſind...“ wendete Paul ein. „Immerhin habe ich dieſelben vorgeſchoſſen, denn erſt dann, wenn ich Ihr Bild in Händen habe, komme ich wieder zu meinem Gelde. Wenn Sie nur wüß⸗ ten, wie mißtrauiſch die Käufer ſind! Auch habe ich Ihnen die Summe nur darum vorgeſchoſſen, weil ich weiß, daß die Herren Künſtler nicht immer Ueber⸗ fluß an Geld haben.“ „Da dem ſo iſt, ſo will ich Ihnen zwei Quittun⸗ gen ausſtellen; es wird dann die Sache nur um ſo geſchäftsmäßiger behandelt ſein.“ „Nein, ſtellen Sie nur Eine aus, der Einfachheit wegen.“ Und Paul ſchrieb, wie der Händler verlangt hatte, ganz einfach eine auf tauſend Franken lautende Quittung. Der Händler ſteckte ſie in die Taſche, band dem Maler auf's Herz, daß er ſein Verſprechen doch ja halten möchte, und ging die Treppe hinunter, hoch⸗ erft Pa die Vol zu? einz Bar am gleie celli 1 den, laun den Weg der mehr 7 7 am C ten Narr darei 7 von Du imit das rieb dert der tern vor⸗ dete denn nme 81 erfreut, daß er dieſes Mittel gefunden, ſowohl an Paul, als an der Marquiſe zu gewinnen. Um zwölf Uhr ſtand er ſchon bei Diana, der er die Quittung einhändigte. Im Augenblicke, wo er das Haus auf dem Quai Voltaire verließ, erſchien dort Marcelline. „Ehe ich zu Herrn Aubry gehe, wollte ich noch zu Dir kommen, um Dir einen Brief von Maximilian einzuhändigen,“ ſprach ſie. Es öffnete die Marquiſe dieſen Brief, worin der Baron ſich eine Erklärung ausbat über das, was am vergangenen Tage vorgefallen war, und ſie zu⸗ gleich erſuchte, am Abende ja nicht zu fehlen. „Haſt Du im Sinne hinzugehen?“ fragte Mar⸗ celline. „Ja.“ Diana händigte, wie Tags zuvor beſchloſſen wor⸗ den, Marcellinen die tauſend Franken ein; Frau De⸗ launay aber ſchlug mit ihrem unten wartenden Manne den Weg nach der Märtyrerſtraße ein. „Hör' einmal,“ ſprach Herr Delaunay auf dem Wege zu Marcellinen:„in Zukunſt mußt Du von der Marquiſe keine Geſchenke und keine Aufträge mehr annehmen.“ „Warum?“ „Weil die Marquiſe ein närriſches Weib iſt, das am Ende Dich noch in unangenehme, dumme Geſchich⸗ ten verwickeln wird. Mögen die großen Damen ihre Narrheiten ſelbſt ausführen: wir wollen uns nicht darein miſchen.“ „Was wir jetzt thun, iſt ja das einfachſte Ding von der Welt. Sie will einem armen jungen Bur⸗ Dumas, d. J., Diana von Lys. 6 82 ſchen zu Hülfe kommen und ſchenkt mir zu gleicher Zeit mein Porträt. Wem ſchadet das?“ „Bei Deiner Freundin geht Nichts ohne Winkel⸗ züge ab. Verſprich mir daher, daß es nun zum alkerletzten Mal iſt, daß Du Dich mit Dingen be⸗ faſſeſt, welche die Marquiſe ſelbſt nicht ausführen kann oder mag.“ „Ja, ich verſpreche Dir das, mein Freund.“ Zwei Stunden darauf war Narcelline bereits wieder bei Frau von Lys. 3„Nun, haſt Du meinen Schützling geſehen?“ fragte dieſe. „Id. „Wie ſieht er aus?“ „Das kann ich Dir, meiner Treu! nicht ſagen, da ich ihn nicht ſo recht angeſchaut.“ „Hat er zufrieden geſchienen?“ „Ungemein zufrieden; nur wollte er kein Geld voraus haben.“ „Haſt Du ihn aber bewogen, daß er es ange⸗ nommen?“ „Mein Mann hat das auf ſich genommen.“ „Und wann fängſt Du an, ihm zu ſitzen?“ „Schon morgen.“ „Vortrefflich! Wüßteſt Du, wie ſehr dieſer junge Mann es verdient, daß man ſich für ihn intereſſirt! Säheſt Du den allerliebſten Brief, den er an ſeine Mutter geſchrieben!“ „Mit welcher Begeiſterung Du von ihm ſprichſt!“ „Was willſt Dul ich hatte immer ſagen hören, daß Künſtler herz⸗ und ſittenloſe Leute wären.“ 3 „( t n er * 4⁴ ſe Zeit nkel⸗ zum be⸗ hren reits junge eſſirt! ſeine chſt!“ bören, 83 „Wer ſteht Dir dafür, daß er ein ſtreng ſittlicher Menſch iſt?“ „Auf jeden Fall hat er ein edles Herz, und es iſt das viel. Du weißt, daß er ſchon eine Paſſion eingeflößt?“ „Das wäre!“ „Ja, und zwar eine gewaltige Paſſion.“ „Hat der Baron Dir das erzählt?“ „Ich habe die Briefe der Frau geleſen, die ſich in ihn verliebt hat, und ebenſo habe ich deren Por⸗ trät geſehen.“ „Wo denn?“ „In ſeiner Wohnung.“ „Wie haſt Du das angegriffen?“ „Ich habe in ſeinen Schubladen herumgeſtöbert, wie ich Dir bereits geſagt.“ „Und das wußte er?“ „Nein, er weiß es nicht.“ „Biſt Du deſſen gewiß?“ „Vollkommen gewiß.“ „Und was iſt aus der Frau geworden?“ „Ich weiß es nicht, werde es aber ſchon noch erfahren.“ „Wie wirſt Du das anfangen?“ „Ich werde noch mehr ſuchen.“ „Damit beſchäftigſt Du Dich alſo, wenn Du in ſeiner Wohnung biſt?“ „Ja.“ „Gut! aber der Baron?“ „Ohl der Baron!“ „Wie Du von ihm ſprichſt!“ 84 „Aber ſag' mir, wozu iſt dieſer junge Menſch da?“ „Das weiß ich natürlich noch weniger, als Du.“ „Was thut er? Welche Stellung hat er? Womit füllt er ſeine Zeit aus?“. „Ei, ei! was haſt Du denn aber heute?“ „Ich habe ſo viel, daß ich einen jungen Menſchen von zwanzig Jahren vollkommen unnütz finde, deſſen ganzes Verdienſt darin beſteht, ſein Halstuch an⸗ ziehen zu können und ein guter Reiter zu ſein.“ „Es wäre Dir alſo vielleicht lieber, wenn er ein Maler wäre?“? „Meiner Treu, ja! Ich geſtehe, daß, was ich ge⸗ ſehen, mich mit den Künſtlern ausſöhnt. Es haben dieſelben wenigſtens Etwas in ihrem Kopfe. Es können wenigſtens die Frauenzimmer, die ſie zu ihren Ge⸗ liebten erwählen, ſtolz auf ſie ſein, und es iſt ihre Liebe ein Vorzug, während die Liebe von Leuten, wie der Baron, etwas Alltägliches iſt. Was gewinne ich auch, was Geiſt und Herz betrifft, bei Maximilians Liebe? Der erſte beſte Mann würde mich lieben, wie er. Schau', es gibt Augenblicke, wo ich ihm ſchreiben möchte, daß ich ihn nicht länger ſehen kann.“ „Wer und was hält Dich zurück? Es wäre das beſſer. Wer weiß, wie die Sache noch endet? Du läufſt Gefahr, Dich zu compromittiren, und das einem Menſchen zu lieb, den Du ſchwerlich liebſt.“ „Du haſt Recht. Ich will Dir aber Etwas ſagen, was Dich gewiß in Erſtaunen ſetzen wird.“ „Was denn?“— . 3 4 8 Sŕͤ SS= V 85 „Wenn ich nämlich den Baron immer noch ſehe, ſo hat dieß ſeinen Grund darin...“ Hier zögerte Diana. „So hat dieß ſeinen Grund darin?...“ wie⸗ derholte Marcelline. „Du wirſt mich auslachen.“ „Sprich immerhin!“ „Nun gut, wenn Du es denn doch wiſſen willſt, ſo will ich Dir nur geſtehen, daß es für mich eben einen Reiz hat, in die Wohnung ſeines Freundes zu gehen.“ „Ah, Du ſiehſt den Baron, um in das Haus von deſſen Freund zu kommen? Nimm Dich in Acht.“ „Wovor?“ „Wenn Du Dich in Herrn Paul Aubry ver⸗ liebteſt?“ „Ich?“ „Warum denn nicht?“ „Ich habe ihn noch mit keinem Auge geſehen und werde ihn wahrſcheinlich auch nie zu ſehen be⸗ kommen. Nein, es liegt die Gefahr nicht darin. Was mich anzieht, iſt, daß ich mich in das Leben dieſes jungen Mannes einweihen kann, ohne daß er mich kennt,— iſt, daß ich ihn protegiren kann, ohne daß er mich ſieht,— iſt, daß ich in ſeinem Leben die Rolle ſpielen kann, welche die myſteriöſe Fee übernehmen würde, die ihn aus der Taufe gehoben. Die tauſend Franken alſo, die Du ihm heute zuge⸗ ſtellt, die er mir aber nicht vollſtändig zu danken haben wird, da er ſie durch ſeine Arbeit verdienen muß, laſſe ich ihm mit größtem Vergnügen zukommen, 86 da ich nun weiß, welchen Gebrauch er von ſeinem Gelde macht. Vielleicht verdankt er mir einſt ſeine Stellung, ſeinen Ruf, ſein Glück. Es iſt das eine Zerſtreuung, ſo gut, wie eine andere; nur iſt es eine ſolche, die dem Herzen wohlthut, und immerhin werde ich dadurch ein wenig Gutes gethan haben.“ Während die hier verzeichnete Unterredung zwi⸗ ſchen Marcellinen und Dianen Statt fand, ſprach Maximilianens Vater zu ſeinem Sohne: „Heute habe ich den Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten geſehen, und es hat mir derſelbe das Verſprechen gegeben, daß er Dich, wie Du ſelbſt von mir verlangt, nächſtens einer Geſandtſchaft beigeben wolle. Bis dieß aber geſchieht, wirſt Du jeden Tag in dem Cabinet des Miniſters arbeiten.“ Der junge Mann antwortete, an einen paſſiven Gehorſam gewöhnt, auch nicht eine Silbe. „Heute Abend,“ fuhr der Vater fort,„wirſt Du Deine Mutter in die Oper begleiten, wohin ich nicht gehen kann.“ Und ohne ein weiteres Wort hinzuzuſetzen, ging der Graf wieder auf ſein Zimmer. Um acht Uhr fand die Marquiſe ſich am ge⸗ wohnten Orte ein; denn es hatte Maximilian, wie man ſich erinnert, ihr anempfohlen, doch ja nicht zu fehlen. Als ſie aber ankam, fand ſie bei Papa Fremy einen Brief vor, den der Baron hingeſchickt hatte, und worin er ſie benachrichtigte, daß es ihm unmöglich ſei, zu kommen. „Um ſo beſſer!“ ſprach Diana und ging hinein, als ob Maximilian hätte kommen ſollen. Dieſe Polizei, welche der Graf gegenüber von 87 ſeinem Sohne übte, dauerte mehrere Tage, ſo daß Maximilian den Stelldichein in der Märtyrerſtraße keine Folge mehr geben konnte. Diana aber achtete in keiner Weiſe auf dieſe Unmöglichkeit, ſondern fuhr fort, nach wie vor jeden Abend in Pauls Wohnung ſich einzufinden. Dort blieb ſie in der Regel immer über eine Stunde; was ſie aber that, das hätte ſie ſelbſt wohl ſchwerlich ſagen können. Seit einiger Zeit verſpürte die Marquiſe inſtinct⸗ mäßig ein Bedürfniß nach Iſolirung. In ihrem Hauſe aber ging das kaum an. Es iſt die Träumerei eine Beſucherin, bei der man allein ſein muß, und die immer ſcheu wird, ſobald ſie eine Thüre aufgehen hört. Nun aber ging die Thüre des Zimmers, wo Diana ihre meiſte Zeit zubrachte, jeden Augenblick auf, ſei es, daß man Befehle von ihr zu empfangen, ſei es, daß man ihr einen Brief zu überbringen, ſei es, daß man bei ihr Jemand anzumelden hatte. In Paul Aubry's Wohnung war es anders. Nichts von Allem, was ſie umgab, wenn ſie einmal des Malers Schwelle hinter ſich hatte, erinnerte ſie an ihr gewöhnliches Leben. Da war kein Bedienter, da war kein Geräuſch, da waren keine zudringlichen Menſchen. Dieſes große Zimmer, wo in dem Halb⸗ ſchatten ſich Bilder und Statuetten zeichneten, war die Wohnſtätte der Einſamkeit, der Arbeit, der Ge⸗ müths⸗ und Gedankenſammlung, ja ſogar einer Art von Melancholie. Dort trat Diana immer in ein neues Leben ein. Ohne den Mann zu kennen, der ſie ſo gaſtlich aufnahm, machte ſie ſich mit deſſen Leben bekannt, lernte ſie alle Gewohnheiten deſſelben kennen. 88 Dieſer Mann, den ſie noch nie geſehen und der, neben Marcellinen, der einzige Vertraute des erſten Fehltritts war, den ſie ſich zu Schulden kommen ließ, war ihr kein Fremder, und was dieß bewies, war, daß ſie ſchon zwei Mal die Widerwärtigkeiten von ihm abwendete, denen er ohne ihren Beiſtand wohl nicht hätte ausweichen können. Trotzdem aber war ſie immer noch ſeine Schuldnerin, da ſie ihm Em⸗ pfindungen verdankte, die ſie bis daher nie gekannt. Sie, die vorzugsweiſe ſorgloſe Frau, verſenkte ſich mit einem Male in tiefe Betrachtungen, und wenn ſie einmal ſo weit war, wäre es ihr wahrhaft pein⸗ lich geweſen, den Baron eintreten zu ſehen, während es ihr— und hätten auch ihre Schamhaftigkeit, ſo⸗ wie ihr Ruf darunter gelitten— ſchien, daß, wenn Paul Aubry heimgekommen wäre, ſie ihm wie einem Freunde die Hand geboten und die intime Unterre⸗ dung mit ihm fortgeſetzt hätte, die ſie mit ſich ſelbſt pflog. Aus den beiden Briefen Bertha's, ſowie aus dem von Paul an ſeine Mutter geſchriebenen hatte Diana erſehen, daß ihr Wirth ein ganz vorzüglicher Menſch war; alle Arbeiten, die ſie um ſich her ſah, zeugten von außergewöhnlichem Talent, und natürlich fiel, wenn ſie zwiſchen dieſem arbeitſamen Manne und dem Barone einen Vergleich anſtellte, letzterer keineswegs zu Gunſten ihres Geliebten aus. Nie hätte man geglaubt, daß dieſe Frau, die, den Kopf in den Händen haltend und an dem Fenſter ſitzend, in Pauls Atelier ſich ihren Träumen überließ, die⸗ ſelbe Diana ſei, deren bisheriges Leben inmitten rauſchender Feſtlichkeiten und Vergnügen verſtrichen 89 war. Und ſo ließ ſie ſich denn immer von der Zeit überraſchen; ſchlug es zehn Uhr, ſo fuhr ſie, ſo zu ſagen, immer mit einer Art Schrecken aus ihren Träumereien auf. Eines Abends war Diana noch bälder, denn ge⸗ wöhnlich gekommen. Was ihr gleich beim Eintreten auffiel, war das an dem gleichen Tage angefangene Porträt Marcellinens. Es waren nicht weiter, denn die erſten Umriſſe zu ſehen, und dennoch erkannte die Marquiſe darin den allerliebſten Kopf ihrer Freundin. „Es wird dieß recht ähnlich,“ ſprach ſie, rollte den Lehnſeſſel vor das Stück Leinwand hin, fing an, daſſelbe von allen Seiten zu betrachten und erſetzte durch die Erinnerung, was an dem Bilde noch fehlte. Sodann hefteten ſich ihre Augen ganz vag auf die Leinwand, und da däuchte es ihr denn, als lächle die Geſtalt ihrer Freundin ſie an. Es ſchlug neun Uhr. Diana ſtand auf, ſetzte ſich an das Klavier und ſpielte eine Arie; dann hielten ihre Finger inne. In das Schlafzimmer tretend, brach ſie ſich eine Blume ab von denen, welche der Blumentiſch enthielt und blätterte in einem Buche, das auf der Commode lag. Nachdem ſie einige Worte geleſen, legte ſie das Buch wieder an den Ort, wo ſie es genommen, ließ ihre Blicke planlos umherſchweifen und gewahrte einen kleinen Wandſchrank, der ihren Augen bis dahin ent⸗ gangen war. Dieſen Wandſchrank ſchloß ſie auf. Es war derſelbe mit Frauenzimmerſachen, mit allen jenen Gegenſtänden angefüllt, welche man bei einem un⸗ verheiratheten jungen Manne, und vor Allem bei 90 einem Maler finden kann. Was die Aufmerkſamkeit vor Allem in Anſpruch nahm, war ein wundernettes Pantoffelpaar, von dem man hätte glauben können, daß es zur Fußbekleidung eines Kindes beſtimmt ſei. Eine Zeit lang betrachtete die Marquiſe die Pan⸗ töffelchen, die ihr je länger je zierlicher vorkamen, ſo daß ſie dem Verlangen, die Sohle eines der bei⸗ den Pantöffelchen an der Sohle einer ihrer eige⸗ nen Stiefeletten zu meſſen, nicht zu widerſtehen ver⸗ mochte. Es waren beide gleich lang. Das genügte ihr aber noch nicht; ſie ſchnürte ihre Stiefelette auf und probirte das Pantöffelchen, das, wie es ſich zeigte, etwas groß war. Ohne zu wiſſen, wie ihr geſchah, däuchte ſich Frau von Lys die glücklichſte Perſon von der Welt. „Es hat dieß Frauenzimmer einen hübſchen Fuß,“ dachte ſie, das Pantöffelchen wieder ausziehend und es von Neuem betrachtend. Sodann ſtellte ſie die Pantoffeln wieder in den Wandſchrank und nahm ein Paar Handſchuhe her⸗ aus, mit den Worten: „Wollen nun ſehen, wie die Hände ſind.“ Sie zog ihre Handſchuhe aus und probirte die, welche ſie eben aus dem Schrank genommen. Es hatte aber die Marquiſe einen Ring, der ihr nie von den Fingern kam, und da die Handſchuhe, welche ſie aus dem Schranke hervorgeholt, ihr ſehr knapp waren, ſo zog ſie dieſen Ring aus und legte ihn auf die Commode. Wir müſſen geſtehen, daß es Diana etwas ſchwer wurde, ſich zu behandſchuhen, was für die Geliebte von Paul Aubry kein kleines 6 Lob mind es il nige dien beha Paa eine taſie kenn wen wend ihre Pau läng wied war ſie g Möl der es ſt gege Pau mit cher ſein. Man 91 Lob iſt, denn es war Diana auf ihre Hand nicht minder ſtolz, als auf ihren Fuß. Indeſſen gelang es ihr doch. „Es ſind dieſe Handſchuhe kleiner als die mei⸗ nigen; in Zukunft aber ſollen ſie mir als Muſter dienen.“ Und es warf die Marquiſe, die Handſchuhe an⸗ behaltend, die ſie eben angezogen, das ausgezogene Paar auf das Bett hin. Da ſehe man nun, womit eine hübſche Frau ihre Zeit ausfüllen und ihre Phan⸗ taſie beſchäftigen kann! Wir, die wir die Marquiſe kennen, halten uns vollkommen überzeugt, daß ſie wenigſtens einen Tag lang traurig geweſen wäre, wenn ihr Fuß für die Pantöffelchen zu groß, wenn ihre Hand für die Handſchuhe von der Geliebten Pauls zu ſtark geweſen wäre. Es ſchlug halb. Diana konnte nun unmöglich länger bleiben; raſch ſchnürte ſie daher ihre Stiefelette wieder zu und eilte weg. Erſt als ſie wieder daheim war und ihre Handſchuhe ausgezogen hatte, wurde ſie gewahr, daß ihr ihr Ring fehlte. Da fiel es ihr ein, daß ſie denſelben auf einem Möbel von Pauls Schlafzimmer liegen gelaſſen. Einen Augenblick hatte ſie im Sinne, wieder nach der Märtyrerſtraße zu gehen, um ihn zu holen; aber es ſtand einem ſolchen Vorhaben das Bedenken ent⸗ gegen, daß es bereits ſpät geworden. Es konnte Paul unterdeſſen heimgekommen ſein, vielleicht ſogar mit einem Frauenzimmer: ein ſolcher Beſuch, zu ſol⸗ cher Stunde, konnte entweder unnütz oder gefahrvoll ſein. Es begnügte ſich daher Diana damit, an Maximilian zu ſchreiben, daß er gleich am nächſten Morgen in aller Frühe ſeinen Freund fragen ſolle, ob er nicht einen Ring in ſeinem Zimmer gefunden. Maximilian that, wie Diana wünſchte, und eilte am andern Morgen, da er nur Abends überwacht war, zu dem Maler.. „Haſt Du keinen Ring gefunden?“ lauteten die erſten Worte des Barons. „Doch,“ ſprach Paul;„gehört er etwa Dir?“ „Nein, wohl aber einer Perſon, die mir den Auftrag gegeben, ihn von Dir zurückzuverlangen.“ „So will ich Dir ihn geben. Er hat etwas Schönes angerichtet, Dein Ring!“ „Ja, und was denn?“ Denk' Dir einmal,“ fuhr Paul fort, aus einer Schublade ſeiner Commode den Ring der Marquiſe. hervorholend,„denk' Dir einmal, geſtern komme ich, auch mit Jemand, um Mitternacht heim. laubſt mir doch, fortzuarbeiten?“ „Thu'’, wie wenn Du ganz allein wäreſt.“ „Ich komme alſo mit Julien heim, einer im Uebrigen recht netten und luſtigen Brünette, die, ehe Du hierherzukommen pflegteſt, die Gewoh allabendlich zu mir zu kommen.“ arum haſt Du denn das mir nicht vorher Ich hätte Dich in keiner Weiſe beläſtigen † „Nicht allein haſt Du mich nicht beläſtigt, ſon⸗ dern haſt mir im Gegentheile einen Dienſt erwieſen: Weibergewohnheiten, ſiehſt du, arten am Ende immer in Tyranneien aus. An dem Tage, wo ich Deinen Beſuch erhalten, habe ich Julien geſagt, Abends nun arbeiten, und daß ſie daher, anſtatt Aber ſchier Da den ſtark. 7 ben 7 von mich 1 mir. 1 . 7 Händ des en. hönes einer quiſe e ich, u er⸗ r im „ehe datte, orher tigen ſon⸗ ſen: mer inen ich ſtatt 93 Abends nun Morgens kommen müſſe. Dieſen Grund ſchien ſie ſo ganz befriedigend nicht eben zu finden. Da ich mich aber hartnäckig weigerte, ihr einen an⸗ dern Grund anzugeben, ſo mußte ſie, wohl oder übel, ſich in ihr Schickſal ergeben und ſo abſpeiſen laſſen. Geſtern bin ich nun zu ihr gegangen, und da hat ſie denn durchaus mich nach Hauſe begleiten wollen. Um Ruhe zu haben und ihr Vergnügen zu machen — denn ſie iſt im Grunde eine gute Haut—, bringe ich ſie hierher. Und hier beginnt das Drama. Wir treten in das Zimmer. Sie hatte den Leuchter in der Hand. Sie geht in mein Schlafzimmer hinein, ich folge nach. Das erſte, was ſie bei ihrem Hin⸗ eintreten ſieht, iſt— ein Ring. „Der Ring gehört Dir?“ fragt ſie mich. „Nein. „Wem denn? „Ich weiß es meiner Treu nicht.“ „Wie, Du weißt nicht, wem ein Ring gehört, den ich bei Dir finde? Das iſt doch ein bischen ſtark.“ „Es iſt ein Frauenzimmerring,“ fuhr ſie, denſel⸗ ben anprobirend, fort. „Alsbald begreife ich, daß das Juwel Jemanden von Deiner Bekanntſchaft gehören muß, und will mich in den Beſitz deſſelben ſetzen. „Du bekommſt den Ring nicht,“ ſagte Julie zu mir. „Das wollen wir einmal ſehen.“ „Und mit dieſen Worten nehme ich ihre netten Händchen in meine Hände, um wieder in den Beſitz des Ringes zu kommen. Als ſie dieß ſieht, ſtrengt 94 ſie ſich gewaltig an, macht ihre Hand frei, worin ſie das Juwel hält und will letzteres zum Fenſter al hinauswerfen. Der Ring zerbrich t eine Scheibe, hi fällt aber in das Zimmer herein. Ich hebe ihn auf und ſtecke ihn in die Taſche. „Du wirſt mir nun ſagen, wem der Ring ge⸗ hört,’ ſchreit ſie, ſonſt demolire ich hier Alles. ihr „Ich muß Dir nämlich ſagen, ſchlechte Erziehung bekommen hat. daß Julia eine „„Herzallerliebſtes Julchen, zerbrichſt Du hier— auch nur das Mindeſte, ſo bleibt mir Nichts übrig, nie als Dich ganz höflich vor die Thüre zu ſetzen. „Auf dieſe Drohung will ſie die würdevolle Dame kon ſpielen. b „Mein Herr, zwiſchen uns Beiden iſt es nun an ganz aus. gef „Hätte ſie mich artig gefragt, woher der Ring komme, ſo hätte ich ihr vielleicht, jedoch ohne Deinen. Namen zu nennen, die Wahrheit geſagt nebſt meinen ſie eigenen Muthmaßungen, und dieß um ſo eher, als ner das Mädchen Füße und Hände hatte, wie ich ſie noch nie geſehen, und weil die Füße und Hände mir zuweilen als Modell dienten. Sie aber ſchlug einen Fre ſolchen Ton an, daß ich ſprach: pre w So ſei es denn! So ſei es denn zwiſchen uns da Beiden ganz aus!' nu „Sofort öffnete ſie einen Wandſchrank, worin aus etwas Wäſche und einige Effecten waren, welche ihr far gehörten, und legte auf dem Bette das Paket zurecht, Ku das ſie machen wollte, und das ſie wohl ohne einen gut zweiten Zwiſchenfall nicht gemacht hätte.“ tro „Noch einen!“ ſprach Maximilian. worin eenſter cheibe, n auf g ge⸗ eine hier ibrig, Dame nun Ring einen einen als ſie mir inen uns*† orin ihr echt, nen ¹ 95 „Ja, noch einen, mein Lieber. Womit hat denn aber die Eigenthümerin des Rings geſtern ihre Zeit hier zugebracht?“ „Was weiß ich!“ „Wiel Du weißt es nicht?“ „Wie ſoll ich es denn wiſſen, da ich nicht bei ihr war?“ „Sie iſt alſo allein gekommen?“ „Es ſcheint ſo.“ „Hatteſt Du ihr ſchon vorher geſagt, daß Du nicht kommen würdeſt?“ „Ja, und ich weiß wahrlich nicht, warum ſie ge⸗ kommen iſt.“ „Ohne Zweifel in der Vorausſicht, daß Du Dich anders beſinnen würdeſt. Dann kann ich mir das geſtern Vorgefallene ſchon beſſer erklären.“ „Was iſt vorgefallen?“ „Da ſie das lange Warten verdroß, ſo ſtöberte ſie in den Wandſchränken herum.— Sie iſt alſo neugierig?“ „Ich muß ſo glauben.“ „Und ſo hatte ſie denn unter Anderem ein Paar Frauenzimmerhandſchuhe gefunden, welche ſie an⸗ probirte und mitnahm. Die ihrigen aber ließ ſie dafür auf meinem Bette liegen. Ich überlaſſe es nun Dir, Dir die Pfauenſchreie vorzuſtellen, die Julie ausſtieß, als ſie Handſchuhe von einer andern Frau fand, und ſah, daß man ihr die ihrigen genommen. Kurz und gut, mein lieber Freund, es machte die gute Julie einen ſo hölliſchen Spektakel, daß ich, trotzdem daß die Stunde eine ſo ganz ungebührliche 96 war, ſie fortſpediren mußte, und daß wir nun ent⸗ zweit ſind.“ „Was für ein Abenteuer! Und ich bin Schuld an Allem dem!“ „Mach' Dir darüber keine Vorwürfe; was mich betrifft, ſo bin ich herzlich froh, daß es ſo gegangen iſt. Die Hauptſache iſt und bleibt, daß der Ring nicht verloren gegangen, und zum Glücke iſt er da. Mein Lebenlang werde ich an ihn denken, an die⸗ ſen Ring,“ endigte Paul. Und er händigte dem Baron den Fingerring ein, nachdem er ihn noch ein Mal ſich angeſehen. „Armer Freund! Es thut mir das unendlich leid!“ „Da haſt Du ſehr Unrecht und es verdient die Geſchichte ſolches wahrlich nicht.“ Trotz dieſer Antwort aber meinte der Baron, daß es gerathen ſein dürfte, zu einem andern Thema überzugehen. „Was haſt Du da für ein Porträt?“ fuhr er, zu Paul gewendet, fort, wobei wir bemerken müſſen, daß der Maler an Marcellinens Porträt fortarbeitete, trotzdem daß das Modell nicht da war. „Es iſt das Porträt einer Frau, die geſtern zum erſten Male geſeſſen iſt.“ „Und Du arbeiteſt ſo aus dem Kopfe?“ „Ja.“ „Du kannteſt alſo dieſe Frau ſchon?“ „Vor zwei Tagen habe ich ſie zum erſten Male geſehen; es hat aber ihr Kopf einen ſo ſanften und feinen Ausdruck, daß ich dieſes Porträt recht wohl vollenden könnte, ohne ſie hier zu haben.“ mit mar Por Du habe ken das gen kan Gel Gel ſo a lieb mac dand blick aber ärge Gel mich mili Er was entz d ₰̈ α T — 97 „Wie iſt ihr Name?“ „Ich kann Dir das nicht ſagen, da ſie geſtern mit ihrem Manne hergekommen iſt; ſie hat geſagt, man habe mich ihr empfohlen, und ſie wolle für ihr Porträt nicht mehr, als tauſend Franken ausgeben. Du begreifſt leicht, daß ich auf der Stelle zugegriffen habe; nun aber gefiel es ihr, mir die tauſend Fran⸗ ken in blanker Münze hinzulegen. Es iſt dieß ſogar das erſte Mal, daß das Geldeinnehmen eine unan⸗ genehme Wirkung auf mich hervorbringt.“ „Warum denn das?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht ſo recht; nur ſo viel kann ich ſagen, daß es mich einigermaßen demüthigte, Geld von dieſer Frau nehmen, hauptſächlich aber Geld im Voraus nehmen zu müſſen. Ich fand ſie ſo allerliebſt, ſo reizend, ſie ſah ſo gemüthlich und lieb aus, daß ich ihr ihr Porträt gern umſonſt ge⸗ macht hätte, auf daß ſie mir verbunden geweſen wäre.“ „Du haſt das Geld doch aber angenommen?“ „Ja, weil mich ihr Mann dazu aufforderte, und dann zweitens auch, weil das Geld in dieſem Augen⸗ blicke weit entfernt war, mir unnütz zu ſein. Es iſt aber eins, die Sache hat mich den ganzen Tag ge⸗ ärgert. Ich liebe es gar nicht, von Frauenzimmern Geld zu bekommen; von dieſer Frau aber ließ ich mich noch ungerner bezahlen, als von jeder andern.“ Als der Abend gekommen war, gelang es Marxi⸗ milian fortzukommen: er fand die Marquiſe bei Paul. Er händigte ihr den Fingerring ein und erzählte ihr, was ſein Freund ihm am Morgen berichtet. „Der Maler hat ſich alſo mit Fräulein Julie entzweit?“ fragte Frau von Lys. Dumasd. J., Diana von Lys. 7 „Ja.“ „Meinethalben?“ „Ja, Ihrethalben.“ „Und er hat keine andere Geliebte?“ „Nein.“ Die Marquiſe ſagte auch nicht ein Wort weiter und fing unwillkührlich zu träumen an, ſo daß der Baron zu ihr ſprach: „Worüber machen Sie ſich denn ſo Gedanken?“ „Ich? Ueber Nichts,“ verſetzte ſie. Und ſie lächelte lieber Maximilian an, als daß ſie ihm geſagt hätte, wovon ſie träumte. Es verſtrichen einige Tage, ohne daß dieſelben andere Ereigniſſe in ihrem Gefolge gehabt hätten, als: Einen Brief vom Marquis, worin gemeldet war, daß ſeine Abweſenheit noch länger dauern würde; Maximilians Inſtallation im Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten; Raſche Förderung von Marcellinens Porträt. Je näher aber das Porträt ſeinem Ende kam, um ſo langſamer arbeitete nun Paul, der, als er es anfing, ſo große Eile gehabt hatte, daß er ſogar in Marcellinens Abweſenheit daran arbeitete. Es war ihm ſogar paſſirt, daß er einen ganzen Theil des Porträts wieder ganz auswiſchte, nur um das Vergnügen zu haben, ihn noch ein Mal zu malen, wobei er Frau Delaunay als Grund angab, daß an dem Bilde ſchlechterdings Nichts ſein dürfe, womit er ſelbſt nicht vollkommen zufrieden ſein könne. Auch muß hier bemerkt werden, daß das Porträt wirklich ein Wunder von Aehnlichkeit, von Stellung, von Geſchmack und Farbe war. Paul gefiel ſich in ſeinem 3 Wer Zwe kom Es Stü fact ihre Sch Wer ohne taſie eben weiſ daſſe Frer einer lang dafü Geſe lang Mär Mal Nur haft, ſo le man werd Abſe Forr zu v ſes deiter der en?“ daß lben als: vwar, 2; der * 99 Werke und ſah, gleich allen wahren Künſtlern, ohne Zweifel nur höchſt ungerne den Augenblick heran⸗ kommen, wo er ſich würde davon trennen müſſen. Es ſind die Maler und die Bildhauer in dem Stücke zu beklagen, daß ſie, wenn ihnen die Satis⸗ faction der Farbe und der greifbaren Form bei ihrer Arbeit wird— eine Befriedigung, die einem Schriftſteller nicht wird— an dem Tage, wo ihr Werk fertig iſt, dieſes aus den Händen geben müſſen, ohne zu wiſſen, was aus dieſem Kinde ihrer Phan⸗ taſie werden wird. In Wirklichkeit wiſſen ſie das eben ſo wenig, ja noch weniger, als eine Savoyardin weiß, was aus dem Kinde ihres Leibes wird, ſobald daſſelbe die heimathlichen Berge verläßt, um in der Fremde ſein Brod zu ſuchen. Marxcelline, die in dieſem Porträt anfänglich nur einen Act der Willfährigkeit gegen ein neues Ver⸗ langen ihrer Freundin erblickt, hatte allmählig ſich dafür intereſſirt und war ganz entzückt über das Geſchenk, das Diana ihr machte. Ohne ſich daher lange bitten zu laſſen, erſchien ſie alle Tage in der Märtyrerſtraße, und es hatte allmählig zwiſchen dem Maler und ihr eine Art Intimität Platz gegriffen. Nur mit ſolchen Frauen, die weder vollkommen tugend⸗ haft, noch vollkommen liederlich ſind, wird man nicht ſo leicht intim. Solche Frauen befürchten immer, man möchte die Ungleichheiten ihrer Tugend gewahr werden, ſobald ſie den ceremoniöſen Formen den Abſchied geben, hinter welchen ſie ihre zweifelhaften Formen verbergen. Sie ſind ſolchen Frauenzimmern zu vergleichen, die, in einem Atlaßkleide ſteckend, die⸗ ſes auf der Straße nicht aufzuheben ſich getrauen, 100 damit man nicht bemerke, daß ihre Strümpfe nicht eben im beſten Zuſtande ſind. Dagegen ſind ſolche Frauen, die rein geblieben,— ſind ſolche Frauen, welche die Achtung der Andern durch ihre Selbſtachtung erzwingen,— ſind ſolche Frauen endlich, denen, ſo oft ſie wohin gehen, ihre Vergangenheit zur Vorläu⸗ ferin dient,— dagegen ſind, ſagen wir, ſolche Frauen⸗ zimmer gegen die Andern lieb und nachſichtig, da ſie gegen ſich ſelbſt nicht nachſichtig zu ſein brauchen. Solche gehen leicht auf einen intimen Verkehr mit Leuten von Geiſt und Herz ein, weil Nichts von dem, was die andern Frauen verletzt, ſie berührt, weil die Rüſtung, die ſie ſchützt, unſichtbar und unverwund⸗ bar iſt, wie die, welche die Zauberer den fabelhaften Romanhelden gaben. Zu dieſen Frauen gehörte Marcelline. Daher hatte ſich auch Paul ſo ſehr daran gewöhnt, ſie zu ſehen, daß er für den Augenblick, wo er ſie nicht mehr ſehen würde, ſchon einen Schmerz ahnete. Die Arbeiten, die er nach Beendigung des Porträts machen ſollte, kamen ihm trocken und unnütz vor. Da bereuete er, daß er das Geld angenommen, weil es ihn Marcellinen gegenüber in die Stellung eines Händlers, ſie aber in die eines Käufers verſetzte. Kein Künſtler macht ſich ein Gewiſſen daraus, von einem langweiligen, widerwärtigen Spießbürger, oder einer lächerlichen Weibsperſon, die ihre werthe Per⸗ ſon gemalt ſehen wollen, eine Summe anzunehmen, welche den Werth ſeiner Arbeit vier Mal überſteigt; denn es läßt ſich nimmermehr die Widerwärtigkeit, einen häßlichen, dummen und von Anmaßung ſtrotzen⸗ den Kopf vor Augen zu haben, nach ihrem vollen 101 Werthe mit Geld zahlen. Aber ein reizendes und graziöſes Geſchöpf zu malen und ſich in Einem fort ſagen zu müſſen, daß man von dieſer Frau bezahlt worden, daß man für ſie nicht mehr thut, als für die dummen Spießbürger,— das kann einen Künſtler unglücklich machen. „Geſetzt,“ dachte Aubry, während er ſo fortar⸗ beitete,„es fällt mir ein, dieſer Frau den Hof zu machen, ſo könnte ich dann das nicht einmal. Ihr bin ich kein Menſch, ſondern ein bloßer Maler. Ich bin kein Weſen wie ein anderes, ſondern bloß eine Maſchine, um ihre Züge nachzumachen,— weiter Nichts. In die linke Hand drückt man mir ein Stück Geld, und mit der rechten arbeite ich; ich habe nur noch ein Recht, das Modell ähnlich zu machen, das vor meinen Augen iſt. Kurz, ich muß mein Honorar verdienen. Schlägt mein Herz vor meinem Modell, ſo muß ich daſſelbe zur Unbeweglichkeit verdammen. Zittert meine Hand, ſo muß ſie feſt werden. Ver⸗ ſchleiern ſich meine Augen, ſo muß ich damit klar ſehen. Gefällt es dieſer jungen und ſchönen Frau, mich Arme und Buſen ſehen zu laſſen, ſo muß ich eben Alles das malen, ohne darnach zu begehren; denn ſie könnte, wenn ich auch nur ein Wörtchen ſagte, mir antworten: Ich habe bezahlt; was wollen Sie weiter? Kurz und gut, ich gehöre ihr, während ſie nie mein ſein kann.“ Es gab Augenblicke, wo Paul, wenn ſolche Ge⸗ danken in ihm aufſtiegen, gerne noch die tauſend Franken gehabt hätte, die er bekommen, um ſie Mar⸗ cellinen zurückgeben und ſie um Erlaubniß bitten zu können, daß er ihr Porträt umſonſt oder gar nicht 10² machen dürfe. Unglücklicher Weiſe hatte der. Ge⸗ richtsbote einen ſchönen Theil des Geldes mit fort⸗ genommen; Fräulein Julie ihrerſeits hatte ſich ſo ziemlich wieder mit ihm ausgeſöhnt, um auch ein bischen davon an ſich zu reißen, und endlich hatte Paul wenigſtens den vierten Theil ſeiner Mutter geſchickt. Sei es Inſtinkt, ſei es, daß ſie die Ge⸗ danken des jungen Mannes ahnete, immerhin ſteht ſo viel feſt, daß Marcelline Paul ſeine Stellung möglichſt erleichterte. Konnte Paul es nie vergeſſen, daß man ihn bezahlt, ſo ſchien ſie das vollkommen vergeſſen zu haben. Jeden Augenblick ſtand ſie auf, kam zum Bilde her, um es zu beſchauen, und drückte ihre Verwunderung über deſſen Schönheit aus, dabei verſichernd, daß ſie nie etwas ſo Vollſtändiges geſehen, und in graziöſer Weiſe ſich als die Schuldnerin des Malers hinſtellend. Alles das aber genügte Paul noch nicht. Er hatte einen Augenblick der Hoffnung Raum gegeben, daß Marcelline ihn zu ſich einladen würde, nicht als Mann, ſondern als Maler; aber es hatte Marcelline eben immer geſchwiegen, ja Paul wußte nicht einmal ihren Namen und ihre Adreſſe. Nicht als ob Marcelline in affectirter Weiſe dieſelben ihm verheimlicht hätte, wohl aber weil ſie ganz einfach es für unnöthig hielt, dieſelben ihm mitzutheilen, und weil ſie befürchtete, er möchte, wenn er dieſelben erführe, früher oder ſpäter auch erfahren, daß ſie Diang's und Maximi⸗ lians Freundin wäre, und welchen Umſtänden er dieſe ſo rechtzeitig gekommene Arbeit zu verdanken hätte. Wie man ſieht, ſo war dieß von Marcellinens Seite mehr als discret:— es war dieß delicat. 5 cre — — Ge⸗ fort⸗ ch ſo ein hatte utter Ge⸗ ſteht lung ſſen, men auf, ückte abei hen, des Er ben, 103 Indeſſen hatte eines Tags Paul, dem dieſe Dis⸗ cretion übertrieben vorkam, wiſſen wollen, woran er ſich zu halten hätte, und hatte zu Marcellinen ge⸗ ſprochen: „Wohin ſoll ich, wenn das Bild fertig iſt, es ſchicken, Nadame?“ „Es wird es Jemand holen, um es einzurahmen, und es dann mir bringen,“ hatte Marcelline in völlig ungekünſtelter Weiſe geantwortet. An dieſem Tage hatte Paul an dem Kleide einen ganzen Aermel, ſowie auch einen Theil des Leibes wieder ausgewiſcht. Jeden Tag erſchien Herr De⸗ launay mit ſeiner Frau, was für Aubry ein kleiner Troſt war. In der That, es ſchien dieß anzuzeigen, daß Herr Delaunay den Maler als einen Mann be⸗ handle und ſeine Frau bei ihm nicht allein laſſen wolle. Allerdings konnte daraus auch hervorgehen, daß Herr Delaunay eine Freude daran habe, Aubry arbeiten zu ſehen, ſowie daß er nichts Beſſeres zu thun wiſſe; indeſſen zog es der Maler vor, bei dem erſteren Gedanken ſtehen zu bleiben. Eines Tags läutete es um die Stunde, wo Mar⸗ celline mit ihrem Mann zu erſcheinen pflegte. Es machte Paul auf, und da ſtand Marcelline allein vor der Thüre. „Wie, Ihr Gatte iſt nicht bei Ihnen, Madame?“ fragte Aubry. „Nein,“ antwortete Marcelline:„er kann heute nicht kommen.“ „Gutl! ich hatte mich geirrt,“ dachte Paul. Und ohne ein Wort zu ſagen, ging er an die Arbeit. 104 Als er aber ſo Marcellinens ſanftes Geſicht an⸗ ſah, entrunzelte ſich allmählig ſeine Stirn; er fing ein Geſpräch an, das, eben weil der Gatte der Dame nicht da war, jenen Charakter größerer Intimität annahm, welchen jedes Geſpräch annimmt, das zwi⸗ ſchen zwei jungen Perſonen Statt findet, deren Herz gleichfalls noch jung iſt. Es verſtrich dieſe Sitzung wie eine Minute, und ſchon ſchlug es ſechs Uhr, ohne daß es Frau Delaunay eingefallen wäre, ſich zu ent⸗ fernen, obgleich ſie ſonſt immer ſchon viel früher wegging. Als ſie fort war, ſetzte ſich Aubry wieder auf ſein Tabouret gerade vor das Bild hin, und be⸗ trachtete es lange Zeit. „Hier iſt die Kunſt unmächtig,“ ſagte er;„nie werde ich in dieſen Kopf Alles hineinlegen, was ich darin ſehe.“ Und er fuhr fort, das Bild, das ihn anlächelte, noch eine Zeit lang zu betrachten. Darauf kleidete er ſich an, um auszugehen; allein er war zerſtreut, und ohne zu wiſſen, wie ihm geſchah, fing er plötz⸗ lich an zu träumen, während er ſeine Beinkleider und ſeine Stiefeln in der Hand hatte. Es war nicht mehr weit von acht Uhr, als er ausging. Es war hohe Zeit. Zehn Minuten darauf ſtieg die Marquiſe vor ſeinem Hauſe ab. Schon ſeit einigen Tagen war es Maximilian nur zwei Mal möglich geweſen, ſeinen Eltern zu ent⸗ wiſchen, und um auch nur dieſes bewerkſtelligen zu können, hatte er mehr diplomatiſche Kunſt außbieten müſſen, als er in ſeiner Eigenſchaft als Geſandtſchafts⸗ 105 ſecretär bald aufzubieten haben ſollte. Diana aber hatte das Nichtkommen des Barons, ſo zu ſagen, gar nicht bemerkt. Schon weiter oben haben wir geſagt, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war und welches Vergnügen es ihr machte, zwei Stunden lang in einem Atelier zu träumen, wo Niemand, nicht einmal deſſen Bewohner, muthmaßen konnte, was ſie machte. An dieſem Abende hefteten ſich die Augen der Frau von Lys lange Zeit auf das Porträt der Frau Delaunay: ſie konnte ſich nicht enthalten zu ſagen: „Es iſt doch ſonderbar! Nimmermehr hätte ich geglaubt, daß Marcelline ſo hübſch wäre; und doch iſt das Porträt ungemein ähnlich. Ich bin aber doch noch hübſcher!“ ſetzte die kokette junge Frau hinzu, in einem Spiegel ſich betrachtend und ſich anlächelnd. Und es war Diana in der That hübſcher und ſogar ſchöner als Marcelline; indeſſen hatte ſie in ihren Zügen den ganzen Stolz einer unbeſtreitbaren und vielgerühmten Schönheit, während ihre Freundin die Sanftheit und Beſcheidenheit der Reize beſaß, die ſich ſelbſt nicht kennt. Ein Dichter des achtzehnten Jahrhunderts würde die Eine mit der ſtolzen Roſe, die Andere mit dem anſpruchsloſen Veilchen verglichen haben. Man ſtaunt ohne Zweifel über dieſe neuen Ge⸗ danken und Stimmungen der Marquiſe; aber es war Diana auf einem Punkte angelangt, wo ſie ihre Em⸗ pfindungen gar nicht mehr hätte ſagen können, ſie, die ſich bis dahin davon Rechenſchaft gegeben mit der Klarheit müſſiger Köpfe, die als gleichgültige Zuſchauer dem Schauſpiele ihres eigenen Lebens an⸗ 106 wohnen. Was uns betrifft, ſo wäre es uns ſo gut wie unmöglich, zu analyſiren, was in Diana's Seele vorging. So viel kann indeſſen faſt als gewiß gelten, daß eine totale Umwandlung mit ihr vor⸗ ging, und daß, wie Marcelline ihr geſagt hatte, ſie in ihren Gefühlen ſich herumwarf, wie ein Kranker in ſeinem Bette, der einen paſſenden Platz ſucht und ihn nie zu finden vermag. Es hat wohl ſchon Jeder Kinder ohne alle und jede Urſache weinen ſehen: es bietet ihnen ihre Mut⸗ ter Spielſachen an,— ſie aber ſchlagen dieſelben aus; es ſchlägt ihnen dieſelbe einen Spaziergang vor,— ſie aber wollen Nichts davon wiſſen; es küßt ſie dieſelben, um ſie zu beruhigen,— ſie aber ſchreien nur um ſo lauter; endlich fragt ſie ſie, was ſie denn wollen,— und ſie antworten, noch heftiger weinend, daß ſie es nicht wiſſen. Ebenſo ſtand es bei der Marquiſe. Sie kam alle Abende in Pauls Wohnung! Was wollte ſie dort aber thun? Sie ſelbſt hätte hier⸗ auf keine Antwort geben können. Wartete ſie dort auf Maximilian? Nein. Hätte ſie gern Aubry geſe⸗ hen? Aber wäre dieſer hereingekommen, ſo wäre ſie geflohen. Wollte ſie bleiben oder gehen? Alles, was ſie hätte ſagen können, war, daß das, was ſie thue, unter Allem, was ſie thun könne, ihr noch am Liebſten ſei. Hätte Jemand an Diana die Fragen geſtellt, die ſie ſelbſt noch nicht an ſich ge⸗ richtet, ſei es, daß ſie dieſelben nicht beantworten zu können fürchtete, ſei es, daß ſie inſtinktmäßig begriff, wie das Myſterium in den Worten lag:„Liebſt Du Aubry?“— ſo hätte ſie zur Antwort gegeben: „Es wäre das recht wohl möglich; ich habe zwar ——y —————-——,——o—————— — Knn— 107 noch nie geliebt, habe aber auch noch nie empfunden, was ich empfinde.“ „Du haſt ja aber dieſen jungen Mann noch nie geſehen?“ „Das iſt allerdings wahr. Aber warum, ſo frage ich, macht es mir ſo große Freude, in ſeiner Wohnung zu ſein? Und warum beſchäftige ich mich immer mit ihm, wenn ich ſeine Wohnung verlaſſen habe? Warum ſummt es in meinen Ohren, wie wenn man ſeinen Namen beſtändig ausſpräche, ſo⸗ bald ich mich zu Bette lege und einſchlafe? Warum wäre es mir der größte Kummer, wenn er einen Kummer hätte? Und warum fand ich endlich meinen Troſt darin, daß ich dieſen Kummer mit ihm theilte?“ „Es kommt dieß ganz einfach daher, Frau Mar⸗ quiſe,“ hätte ich Diana zur Antwort gegeben, wenn ſie dieſe Fragen an mich gerichtet hätte,„daß Nichts einen Mann in den Augen einer Frau mehr her⸗ vorhebt, als die Gewißheit, daß dieſer Mann von einer jungen, hübſchen Frau viel geliebt worden, ſo wie daher, daß Sie den Beweis haben, daß Bertha ſchön war und Aubry liebte. Es kommt dieß ferner daher, daß die Weiber Nichts lieber thun, als pro⸗ tegiren, ſowie daher, daß es in Ihrer Macht geſtan⸗ den, Paul zu protegiren zu einer Zeit, wo es Nie⸗ mand einfiel, ihm zu Hülfe zu kommen. Es kommt dieß daher, daß Sie, die theoretiſch ſkeptiſche und aus Gewohnheit gleichgültige Frau, indem ſie einen vom Maler an ſeine Mutter geſchriebenen Brief geleſen, auf dieſen Brief haben eine Thräne fallen laſſen,— eine Thräne, die bei Ihnen nicht allein aus den Augen, ſondern aus dem Herzen kam, und weil in 108 der Seele jene Blume, welche man Liebe nennt, Nichts ſo geſchwind zum Wachſen bringt, als jener Thau, der unter dem Namen Thränen bekannt iſt. Es kommt dieß daher, daß die Liebſchaft, die Sie mit Maximilian angeknüpft, Ihrem Geiſte nur eine arm⸗ ſelige Nahrung gegeben, ſowie daher, daß Sie gewahr werden, wie ein Weib früher oder ſpäter anders, denn aus Zerſtreuung lieben muß. „Und nun,“ würde ich noch beigefügt haben, „wäre ich an Ihrer Stelle, Frau Marquiſe, ſo würde ich wiſſen wollen, was ich von dieſen neuen Ein⸗ drücken zu halten habe; und ferner würde ich auf Mittel und Wege ſinnen, Aubry einmal zu ſehen, ohne daß er wüßte, wer ich bin; denn es wäre gar leicht möglich, daß Sie Etwas für Liebe anſähen, was Nichts als Neugierde wäre.“ Es waren etwa ſechs Wochen verfloſſen ſeit dem Tage, wo Manximilian Pauls Gaſtfreundſchaft in Anſpruch genommen, als der Baron eines Morgens bei Aubry erſchien. „Ich komme, um Dir zu danken, ſowie um Dich wieder zum alleinigen Herrn Deiner Wohnung zu machen,“ ſprach er zum Maler. „Du haſt alſo Streit gehabt?“ „Nein, ich verlaſſe Paris.“ „So!* „Ja, ich gehe als Geſandtſchaftsattaché nach Rußland. Es iſt das ſo eine Idee meines Vaters, der Alles in Erfahrung gebracht hat.“ „Durch wen?“ ₰— 109 „Durch Deinen Papa Fremy, der ein alter Spitz⸗ bube und Verräther iſt.“ „Und wann hat Dein Vater Dir das geſagt?“ „en Verrath Deines Pförtners?“ Deieem Abend. Biſt Du alſo, lieber Freund, mit Deiner Julie wieder ausgeſöhnt und liegt der⸗ ſelben daran, Abends zu Dir zu kommen, ſo kannſt Du ihr nun wieder zu Willen ſein. Du biſt nun von uns befreit. 4 „Wir ſind immer noch ſo ziemlich entzweit; in⸗ deſſen hat ſie an mich geſchrieben, was mich nicht verhindert, ihrer überdrüſſig zu ſein.“ „Du haſt ihr eine Rhhfalgerin gegeben?“ „Nein. 1 „Eine neue Liebſchaft.“ „Vielleicht. 6 „Nun, Glück k auf!“ „Was ſagt Deine Geliebte zu Deiner Abreiſe?“ „Sie weiß noch Nichts davon.“ „Wie wird ſie das aufnehmen?“ „Die arme Frau!“ antwortete Maximilian, der, obgleich er vom Gegentheil ſo ziemlich überzeugt war, ſeinem Freunde dennoch weis machen wollte, daß man ihn anbete.„Die arme Frau! Ich weiß in der That nicht, wie ich ihr die Sache nur mittheilen ſoll. Du verzeihſt mir doch die Indiscretion, deren ich mich ſchuldig gemacht?“ ſetzte der Baron hinzu. „Ich bin Dir nur über Eines böſe, und dieſes Eine iſt, daß Du Paris verläſſeſt.“ Es küßten die beiden Freunde ſich gegenſeitig und nahmen dann von einander Abſchied. 110 Nun ging Maximilian zu der Marquiſe. Schon ſeit langer Zeit war er nicht mehr in ihrem Hauſe geweſen; nun aber wußte er, daß der Marquis nicht in Paris war; und dann war ſein jetziger Beſuch auch von der Art, daß er wohl hingehen konnte. Diana nahm dieſe Abreiſe ſchwerer, als Maxi⸗ milian gedacht. Sie weinte. Und hier wollen wir nur gleich geſtehen, daß unter den Thränen, welche ſie vergoß, auch einige für Maximilian floßen. Es iſt um eine Abreiſe ſtets etwas ſo Trauriges, daß es Einen ſchon rührt und aufregt, wenn man nur Freunde abreiſen ſieht. Indeſſen war dieſe Tren⸗ nung für die Marquiſe gleichbedeutend mit Freiheit des Herzens,— einer Freiheit, deren Bedürfniß ſie inſtinctmäßig fühlte, und es blühte daher ſchon eine geheime Freude unter ihren Thränen, von denen ſie wohl wußte, daß ſie nicht lange fließen würden. Was Manimilian betrifft, ſo weinte auch er; gleichwohl war ſein Kummer nicht ſo groß, als man hätte glauben können. Zur Schande unſerer armen Menſchennatur müſſen wir geſtehen, daß Maximilian, der nur einer jener unbedeutenden Menſchen war, wie man ſie in der Welt ſo oft findet, eine Zeitlang geglaubt hatte, es würde die mit Frau von Lys an⸗ geknüpfte Liebſchaft einen großen Platz in ſeinem Leben einnehmen, und er wäre in die Marquiſe wirklich verliebt: als aber der erſte Liebesſchwindel vorüber war, hatte der Baron, ohne anfänglich es glauben zu wollen, bemerkt, wie Frau von Lys, wenn ſie auch eine Marquiſe und bis dahin ganz ſittſam geweſen war, ihn ebenſo kalt ließ, wie die andern, minder züchtigen, minder edlen und minder 111 ſchönen Frauen, die er geliebt oder zu lieben ge⸗ glaubt. Im Herzen des Barons war nur noch ein Fa⸗ den, welcher die Liebe zurückhielt, und dieſer Faden war abgeriſſen. In der That, hätte Maximilian Jemand erzählen können, wie er bei Diana Glück gemacht; hätte er ſie in ihrem eigenen Hauſe beſucht, anſtatt ſie allabendlich in Pauls Atelier in myſteriö⸗ ſer Weiſe zu ſehen; hätte man in einem Salon auf ihn gedeutet, als auf ihren Liebhaber; hätte man ihn mit Fragen ſo weit beſtürmt, daß er ſich die Geckerei der Discretion hätte gönnen können, ſo hätte des Grafen Wille von Seiten ſeines Sohnes vielleicht mehr Widerſtand gefunden. Nicht nur aber ſchien der Marquiſe nicht gar viel an Maximilian zu liegen, ſondern es zog der Letztere auch für ſeine Eigenliebe keinerlei Gewinn aus dieſer Liebſchaft, und ſo wurde denn vom Geſichtspunkte des Barons aus, für den, wie für noch ſo viele Andere, die Liebe einer Frau, wie die Marquiſe, das einzige wahre Verdienſt war in der Welt, worin er lebte, dieſe Liebſchaft eine vollkommen unnütze. Es blieb Maximilian der Troſt, an dem Tage, wo Diana einen Andern lieben würde, ſich ſagen zu können: „Ich war der erſte, den ſie geliebt,“ ſowie mit Brie⸗ fen dienen zu können, die er von ihr bekommen. Dieſer Hintergedanke barg zwar eine gar große Un⸗ zartheit; aber es iſt ja wohl bekannt, daß die Welt von ſolchen Unzartheiten voll iſt. Was Diana betrifft, ſo betrübte, wie wir eben geſehen, dieſe Abreiſe ſie in ſo fern, als ſie dadurch alle Tage um ein paar Stunden lieber Einſamkeit und Träumerei kam, die ihr allmählig zur Gewohn⸗ heit, ja ſogar zum Bedürfniſſe geworden waren. Es war daher auch die Marquiſe ziemlich traurig und niedergeſchlagen, als Marcelline gegen fünf Uhr ihr einen Beſuch machte. 4„Was iſt Dir denn?“ fragte Frau Delaunay ihre Freundin, als ſie ſie in tiefe Melancholie ver⸗ ſunken ſah. „Es iſt Maximilian nicht mehr hier.“ „Auf wie lange iſt er fortgegangen?“ „Ich kann es Dir nicht ſagen.“ n das ſtimmt Dich ſo traurig?“ „. „Wer hätte das je geglaubt?“ „Und Du biſt immer luſtig?“ „Ja, wie Du ſiehſt.“ „Woher kommſt Du?“ „Ich komme von Deinem Maler her.“ „Und geht es mit Deinem Porträt voran?“ „Es wird nun bald fertig ſein. Willſt Du mor⸗ gen mit mir gehen und Dich ſelbſt davon überzeu⸗ gen?“ „Begleitet Dich Dein Mann?“ „Nein.“ „Und Du gehſt ſo allein zu dieſem jungen Manne?“ „Warum nicht? Auch muß ich Dir ſagen, daß er, wie ich glaube, mir ein bischen den Hof macht, ohne Zweifel aber nur, damit ihm während meines Sitzens die Zeit nicht ſo lang wird.“ „Ah!“ ſprach Diana, indem ſie Marcelline an⸗ ſchaute;„er macht Dir den Hof?“ „Wie alle Männer Frauenzimmern den Hof zu ma ſo der gen biſt mie 113 Warum ſchauſt Du mich denn machen pflegen. ſo an?“ „Oh, wegen Nichts. Es iſt auch gar kein Wun⸗ der, daß der Herr Dir den Hof macht: Du biſt hübſch genug dazu.“ „Was iſt Dir denn? Wie widerwärtig Du heute biſt!“ „Ich habe Dir den Grund ſchon geſagt.“ „Nun, willſt Du morgen mit mir gehen?“ „Nein.“ „So lebe denn wohl: mein Mann wartet auf mich.“ Und Marcelline verſchwand. Was aber nicht verſchwand, war die üble Laune der Marquiſe. Im Laufe des Abends wurde die ganze Dienerſchaft der Reihe nach ausgeſcholten. Und endlich ſchlief Diana gar nicht gut. An dem darauf folgenden Tage ſchrieb ſie in aller Frühe an Marcelline: „Ich habe reiflicher nachgedacht: laß mir ſagen, wann Du hingehſt, um zu ſitzen; ich hole Dich dann ab.“ Frau Delaunay antwortete Diana, daß ſie um ein Uhr ſie erwarte. Die Marquiſe zog drei verſchiedene Kleider an, ehe ſie eines ganz nach ihrem Geſchmacke finden konnte. Papa Fremy war ungeheuer ſtolz, als er eine mit einem Wappen verzierte Kaleſche vor dem Haus⸗ thore anhalten ſah, und erkannte in einer der beiden abſteigenden Frauen gewiß die verſchleierte Dame Dumas d. J., Diana von Lys. 8 114 nicht, der er mehrere Male Aubry's Schlüſſel einge⸗ händigt hatte. Diana durchſchritt mit ihrer Freundin den ſeines letzten Laubs baren Garten. Vor Pauls Thüre angekommen, klopfte der Mar⸗ quiſe das Herz ſo heftig, daß ſie Marcellinens Arm Einhalt that in dem Augenblicke, wo dieſe anläuten wollte. „Laß mich doch erſt zu Athem kommen;“ ſprach ſie zu ihr.„Ich bin ſo geſchwind gegangen, daß ich ganz außer Athem bin.“ Eine Minute darauf läutete Marcelline an. Es erſchien Paul, um aufzumachen. Paul war nicht mehr, wie gewöhnlich, mit einem Wammſe bekleidet; auch hatte er keine Beinkleider mit Socken mehr an; ſeitdem Marcelline ihm ſaß, war er weit eleganter geworden; ja es hatte ſogar ſein Negligé etwas Geſuchtes. Bei ſchönen ſchwar⸗ zen, leicht gekräuſelten Haaren beſaß Paul einen ſanften und zugleich ſtolzen Blick, ſowie einen zierli⸗ chen Bart; kurz, es war Paul, was man ſo einen ſchönen jungen Mann zu nennen pflegt; es hatte ſein Auge etwas tief Melancholiſches, ſein Lächeln aber etwas ungemein Sanftes. Diana erfaßte alle dieſe Einzelheiten mit dem erſten Blicke, und es ſcheint, daß der Maler ſo war, wie ſie ihn ſich vorgeſtellt; denn als ſie ihn ſah, ſprach ſie bei ſich ſelbſt: „Ja, das iſt er, und kein Anderer!“ Aubry war es nicht ganz recht, als er Marcel⸗ line mit einer Fremden hereintreten ſah. In gra⸗ ziöſer Weiſe machte er den beiden Beſucherinnen die 115 Honneurs ſeines Ateliers, das Diana faſt ebenſo gut kannte, wie er ſelbſt. „Es hat meine Freundin mir dieſes Porträt ſo gelobt, mein Herr,“ ſprach ſie zu Paul,„daß ich es nicht habe ſo lange anſtehen laſſen können, bis es bei ihr war, und daß ich, auf die Gefahr hin, indiscret zu erſcheinen, ſie heute habe hieher beglei⸗ ten wollen. Paul verneigte ſich auf dieſes Compli⸗ ment hin und befliß ſich der möglichſten Beſchei⸗ denheit. Diana aber that, als ſehe ſie das Porträt jetzt zum erſten Male. Und da ſie dem Verlangen nicht widerſtehen konnte, Auhry zu beweiſen, daß er, auch ohne ſie zu kennen, ihr doch ſchon zu einigem Dank verpflichtet ſei, ſo ſetzte ſie noch hinzu: „Und es freut mich um ſo mehr, daß das Por⸗ trät ſo gut ausfällt, als ich es bin, die meiner Freundin den Rath gegeben, ſich von Ihnen malen zu laſſen.“ „Und welchem Umſtande verdanke ich dieſe hohe Gunſt, Madame?“ „Ihrem Talente, mein Herr, das ich kannte; denn obgleich Marquiſe, geben wir uns doch auch ein bischen mit Kunſt ab. Ich beſitze ſogar ein allerliebſtes Gemälde von Ihnen, das ich vor Kur⸗ zem gekauft habe.“ „Ah! Sie ſind es, Madame, die das Bild haben?“ ſprach Aubry und ſchaute die Marquiſe an. „Ja, mein Herr; auch gedenke ich, nicht dabei ſtehen zu bleiben. Mein Mann iſt ganz begeiſtert für Ihre Leiſtungen; und gefällt uns dieſe Arbeit, ſo laſſe ich von Ihnen vier große Felder in meinem 116 Speiſeſaal malen. Vorher aber müſſen Sie zu mir kommen und das Maß von dieſen Feldern nehmen: nicht wahr?“ Die Marquiſe ſprach faſt wider ihren Willen alſo. Etwas, was ſtärker war, als ſie, trieb ſie, ſo zu ſprechen. „Ich ſtehe zu Ihren Dienſten, Madame.“ „Nun, Du wirſt morgen wohl nicht ſitzen wollen?“ ſprach Diana zu Marcellinen,„und es kann dann der Herr zu mir kommen, wenn es Dich nicht ſtört.“ Aubry ſetzte ſich und fuhr fort, an dem Porträt der Frau Delaunay zu malen. Obgleich er aber bei dieſem unerwarteten Beſuche gewann, ſo ſchien er doch über die Anweſenheit der Marquiſe ärgerlich zu ſein. Dieſe ſtudirte ihn und ſah ſeinen Blick ſich feuriger auf Marcelline heften, als der Blick eines Malers ſich in der Regel auf ſein Modell heftet. „Er liebt ſie,“ dachte ſie. Und Diana konnte ſich von den Gefühlen, die ſie bei dieſem Gedanken erfüllten, nicht Rechenſchaft geben. Sie warf ſich vor, daß ſie Marcellinen einen Auftrag gegeben, den ſie ſelbſt hätte ausführen kön⸗ nen, und war auf Augenblicke ſchon im Begriffe, ihre Freundin zu haſſen, ſobald ſie zwiſchen ihr und Aubry das geringſte Zeichen eines Einverſtändniſſes gewahrte. Fing ſie alſo an zu begreifen, was ſie wollte? Soviel iſt und bleibt gewiß, daß ſie auf den jungen Mann eiferſüchtig war, daß derſelbe ihre Gedanken beſchäftigte, ſowie daß ſie ihm böſe war, weil er nur auf Marcelline zu achten ſchien. „Ich will ſie überwachen,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt das — 2 habe 5 beide Mal men holt Uhr ſchie man Wor ſie e Ged dieſe ohne liner reut Brie gew⸗ ihren Ner Abe ſage dete Danr aber gege ſelbſt;„ſollte ſie ihren Mann hintergehen, ſo wäre das ſchändlich.“ Herr Delaunay konnte keinen treueren Spion haben, als die Marquiſe. Nach beendigter Sitzung beurlaubten ſich die beiden Frauen von Paul, Marcelline, indem ſie dem Maler ſagte, daß ſie zwei Tage darauf wiederkom⸗ men würde, Diana aber, indem ſie Aubry wieder⸗ holt bemerkte, daß ſie ihn am andern Tage um zwei Uhr erwarte. Als die Marquiſe wieder in ihrem Wagen ſaß, ſchien ſie in Träumerei verſunken, ſo daß ſie, als man an Marcellinens Haus ankam, noch nicht ein Wort für Letztere gefunden hatte. Gleichwohl war ſie ein paar Mal auf dem Punkte geſtanden, ihre Gedanken derſelben mitzutheilen; aber es waren dieſe Gedanken faſt vertrauliche Mittheilungen, und ohne zu wiſſen, wie es kam, mochte Diana Marcel⸗ linen Nichts mehr im Vertrauen ſagen; ja, ſie be⸗ reute es ſogar ſchon, daß ſie ſie in Maximilians Briefe, ſowie in ihre Liebſchaft mit dem Baron ein⸗ geweiht. Sie ahnte, daß ihr erſter Schmerz ihr von ihrer beſten Freundin kommen würde. Etwas leidend kam ſie heim. Es waren ihre Nerven angegriffen; ſie aß Nichts. Im Laufe des Abends weinte ſie ein bischen. Sie ließ anſpannen, ſagend, ſie wolle ausfahren; und als man ihr mel⸗ dete, daß angeſpannt ſei, ließ ſie wieder ausſpannen. Dann kamen langweilige Beſuche. In der Nacht aber ſchlief Diana ebenſo ſchlecht, wie in der voran⸗ gegangenen. Dieß der Eindruck, den ihr erſter Beſuch bei ihr 118 hervorbrachte. Sehen wir nun auch, wie der Ein⸗ druck bei Aubry war. „Liebe, gute Cäcilie! „Gott iſt unſer Beſchützer. Heute iſt eine vor⸗ nehme, ja ſehr vornehme Dame zu mir gekommen, zu der ich morgen gehen ſoll, und die eine große Arbeit bei mir beſtellt hat. Sag' der Mutter, wenn das ſo fortgehe, ſo bekomme ſie ſchon in einigen Mo⸗ naten das Häuschen, woran ihr ſo viel gelegen. „Ich küſſe euch Beide herzlichſt.“ Tags darauf um zwei Uhr ſtand Paul vor Diana's Thüre. „Wenn doch nur ihre Freundin bei der Marquiſe wäre!“ dachte er und läutete an. Pauls bevorſtehender Beſuch ging mit Diana unaufhörlich herum. Der Zuſtand, worin ſie ſich ſeit einiger Zeit befand, war ihr ein ſo neuer; ſie war auf dieſe Träumereien, dieſe ſchlafloſen Nächte, dieſe Gedanken, dieſe unaufhörliche Befangenheit, woran ein Fremder, ja ſogar ein Unbekannter Schuld war, ſo wenig gefaßt, daß es Augenblicke gab, wo ſie ſich verrückt glaubte. Es hatte ſie gedrängt, endlich den Mann von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, womit ihr Geiſt ſich unaufhörlich beſchäftigte. Sie hatte ihn geſehen, Nichts hatte ihm in ihren Augen ſeinen poetiſchen Anſtrich genommen, und nun verabſcheute ſie ihre Freundin bei dem bloßen Gedanken, daß Paul die⸗ ſelbe lieben könnte, und nun befragte ſie, die Schön⸗ heit, die Ihresgleichen faſt nicht hatte, unaufhör⸗ lich ihren Spiegel und fand ſich nicht mehr ſchön genug für den, den ſie erwartete. Im Uebrigen 2 Ein⸗ vor⸗ men, roße venn Mo⸗ vor quiſe iana ſich ; ſie ichte, cheit, chuld „ wo von t ſich ehen,⸗ ſchen ihre die⸗ chön⸗ fhör⸗ ſchön rigen 119 ſtand Diana’s Entſchluß feſt: ſie wollte um jeden Preis aus dem Zuſtande der Bangigkeit herauskom⸗ men, der ſie folterte. Aubry war weit entfernt, dieſes Alles zu ahnen. Er warf einen raſchen Blick umher, ſah aber die Perſon nicht, die er ſuchte. Die Marquiſe grüßte den Maler mit einem aller⸗ liebſten Kopfnicken und ſprach die Worte: „Ich bin Ihnen recht dankbar für Ihr pünkt⸗ liches Erſcheinen, mein Herr.“ Paul verneigte ſich und Diana hieß ihn Platz nehmen. Frau von Lys war eines jener Weiber, die, un⸗ fähig, der Langweile zu widerſtehen, mithin auch einem Verlangen nicht zu widerſtehen im Stande ſind. Je mehr ſie daher Paul anſchaute, um ſo mehr däuchte es ihr, daß ihr Glück von dieſem Manne abhange, und mit der Ungeduld der Weiber, die da wollen, daß man ihnen in ihren kleinſten Launen willfahre, wäre es ihr faſt erwünſcht geweſen, daß er ſich ihr zu Füßen würfe und ihr ohne Weiteres ſeine Liebe geſtände,— woran der Maler natürlich entfernt nicht dachte. Indeſſen hatte die Marquiſe Aubry nicht in der Abſicht kommen laſſen, ihm die Felder ihres Speiſe⸗ ſaals zu zeigen und ihn dann wieder gehen zu laſſen; darum ſprach ſie auch nicht ſogleich von der Arbeit, die ſie ihm Tags zuvor angetragen. Mit einem für ſie ganz jungfräulichen Vergnügen gab ſie ſich dem aufregenden Genuſſe hin, den Mann ſprechen zu hören und ſich von ſeinem Verſtande, ſeiner Bered⸗ ſamkeit und ſeinem Talente zu überzeugen. 120 Zu Anfang des Geſprächs hatte ſie der Furcht Raum gegeben, es möchte Paul ſich lächerlich oder verlegen zeigen. Sie wußte nicht, daß der Künſtler ein Weltmann war, und höchſt ſchmerzlich hätte es ſie wahrlich berührt, wenn der Maler irgend einen Atelierswitz vorgebracht, oder ſich in ihren Augen in irgend einer Weiſe entwerthet hätte. Paul aber unterhielt ſich mit der Marquiſe über alle Gegenſtände, welche dieſe auf's Tapet brachte, nicht allein in gewandter, ſondern ſogar in ausge⸗ zeichneter Weiſe. Nachdem dieſe Art Maurerprobe vorüber, und Paul für einen Mann von Geiſt und Geſchmack erkannt war, galt es, in deſſen Vertrauen noch tiefer einzudringen und auf jenen ewigen Gegen⸗ ſtand des Herzens zu ſprechen zu kommen, worauf ein junger Mann und eine junge Frau ſtets zu kom⸗ men pflegen, die eine Stunde lang mit einander ſprechen. „Sie arbeiten alſo recht viel?“ hob die Marquiſe wieder an. „Recht viel, Madame; ich habe ſogar wahrge⸗ nommen, daß die tägliche Arbeit, anſtatt eine Lang⸗ weile, eine Widerwärtigkeit zu ſein, die Zerſtreuung erfordert, im Gegentheil eine ewige Zerſtreuung iſt für alle und jede Langweile und Widerwärtigkeit, der man ausgeſetzt ſein mag.“ „Sie ſchließen doch aber die Zerſtreuung, die Sie ſo gering anzuſchlagen ſcheinen, nicht ganz aus. Sie haben doch Freunde?“ „Keinen.“ „Es muß doch aber jeder Menſch, wenn er kein Ego dann die zu! dieſe ben auch doch mir die won aber imm Her⸗ kann etwe mit ſcher wen verſ ſcher pfle⸗ 121 Egoiſt ſein will, irgend ein Herz haben, worein er dann und wann das ſeinige ausſchütten kann.“ „Dafür habe ich meine Mutter!“ „Wohnt ſie bei Ihnen?“ fragte die Marquiſe, die recht wohl wußte, woran ſie ſich in dieſem Stücke zu halten hatte. „Ich bitte um Verzeihung, Madame, es wohnt dieſelbe auf dem Lande, wo auch mein Vater geſtor⸗ ben iſt. Ich ſchreibe ihr oft, und ſollte ich darum auch als ein Kind erſcheinen, ſo muß und will ich doch geſtehen, daß ich nur an den Tagen, wo ſie mir ſchreibt, eine Freude habe.“ „Es zeugt dieß von einem guten Sohne,“ ſprach die Marquiſe, wider Willen gerührt von dem Tone, womit Aubry von ſeiner Mutter ſprach;„es ſchließen aber dieſe kindlichen Eigenſchaften, ſo entwickelt ſie immer ſein mögen, die übrigen Anforderungen des Herzens nicht aus,“ fuhr ſie lächelnd fort.„Man kann ſeine Mutter lieben und daneben doch noch etwas Anderes.“ „Das iſt wahr, Madame.“ „Hauptſächlich bei Künſtlern.“ „Sie glauben alſo, Madame,“ entgegnete Paul mit einem Lächeln,„es ſeien die Künſtler keine Men⸗ ſchen wie andere?“ „Man ſagt es.“ „Und man irrt. Abgerechnet das Geld, das ſie weniger, und die Phantaſie, die ſie mehr haben, verſichere ich Ihnen, daß ſie gar ſehr den Men⸗ ſchen gleichen, die Sie in Ihren Salons zu ſehen pflegen.“ „Und die Sie gar ſehr zu verachten ſcheinen, 122 wenn ich an die wegwerfende Weiſe denke, mit der Sie ſie behandeln.“ „Ich verachte ſie nicht, Madame: ich kenne ſie nicht.“ „Die Künſtler, und vor Allem die Maler ſind alſo Puritaner?“ „Das ſage ich nicht.“ „Es haben dieſelben alſo keine Liebſchaften mehr, ſeit Raphael ſeine Fornarina gehabt?“ „Geſtehen wir uns nur, daß das Reſultat die⸗ ſer Liebe Andere hätte vielleicht zum Nachdenken bringen können; da ich aber kein Raphael bin, ſo liegt in dieſer Geſchichte für mich keine Lehre. Ich weiß nun nicht, was die Andern gerade thun; was ich aber weiß, iſt, daß ich nur eine Art Liebe be⸗ greife.“ „Und welche denn?“ „Die wirkliche, die rechte Liebe.“ „Sehr ſchön das. Indeſſen haben Sie wohl auch ſchon andere Liebſchaften gehabt?“ fuhr die Marquiſe fort, ſich der Pantoffeln Juliens erinnernd. „Ja, aber es waren da, in Ermangelung der ſittlichen Eigenſchaften, phyſiſche Schönheiten; und es ſuchte ſie in mir der Künſtler, nicht der Menſch, die Augen und nicht das Herz.“ „Von ſolchen trennten Sie ſich dann ohne Be⸗ dauern?“ „Ja, ohne Bedauern.“ „Wenn dieſe Perſonen aber Sie liebten, ſo mußte es ihnen wehe thun?“ „Was mich betrifft, ſo glaube ich nur wenig an die Liebe der Weiber im Allgemeinen; vollends gar 123 nicht aber glaube ich an die Liebe der Perſonen, wo⸗ von wir reden.“ „Warum glauben Sie denn nicht an die Liebe der Weiber?“ „Weil mir nie eine vorgekommen iſt, welche einen Mann geliebt hätte, wie derſelbe geliebt werden ſoll. Die Weiber lieben immer nur als Egoiſtinnen. Alles, was ſich nicht auf ſie bezieht, iſt Etwas, was man ihnen raubt, was man ihnen ſtiehlt. Sie ſind auf Alles eiferſüchtig, auf den Gedanken, den wir haben, auf die Zeit, die wir ihnen nicht widmen, auf die Werke, die wir ausführen. Anſtatt den Künſtler in ſeinem Geiſtesleben nicht zu ſtören, und anſtatt ihm den Weg, der ihn zum wirklichen Leben zurück⸗ führen ſoll, ſanft und angenehm zu machen, dadurch, daß ſie ihm die Hand reichten, bringen ſie ihn faſt immer dahin, daß er aus ſeiner Arbeit eine Zer⸗ ſtreuung für ſeine Liebe macht, anſtatt daß ſie ihm aus ſeiner Liebe eine Zerſtreuung für ſeine Arbeit machen ſollten. Es iſt ein Weib ein anbetungswür⸗ diges Weſen; ſie iſt der gedrängte Inhalt aller Schönheiten und aller Phantaſien der Natur; aber offenbar geht den Weibern, welche lieben, der Ver⸗ ſtand ab. Man ſollte faſt meinen, es bemächtige ſich ihr Herz, da es zu eng geworden, um die Liebe faſſen zu können, der Hirnorgane. Sehen Sie, Frau Marquiſe, es lieben die Weiber zwar, wiſſen aber nicht zu lieben.“ „Sie müſſen wohl ſo geliebt worden ſein, ſonſt könnten Sie nicht den Theorien huldigen, die Sie da preisgeben,“ ſprach Diana, welche Paul auf Bertha zu ſprechen bringen wollte. 124 „In der That, Madame, ich habe einmal eine Frau gefunden, die mir mit allen Eigenſchaften aus⸗ gerüſtet ſchien, welche Weiber irgend haben können. Sie war jung, ſie war ſchön, ſie war ſanft und wohl⸗ wollend. Sie genügte den Anforderungen des Her⸗ zens und der Phantaſie zugleich. Als Menſch und als Künſtler fühlte ich mich zu dieſer Frau hinge⸗ zogen. So oft ich einen Typus jungfräulicher Auf⸗ richtigkeit oder keuſcher Liebe brauchte, erſchienen ihre Züge vor den Augen meines Geiſtes, und wider meinen Willen fanden ſich unter meinen Händen die Linien wieder, die ihr Andenken mir vergegenwär⸗ tigten. Kurz und gut, ich liebte dieſe Frau, und dieſe Frau liebte mich. Mir zu lieb verließ ſie Alles: mir zu lieb verließ ſie ihren Gatten und brach mit ihrer Familie. Wohlan! es hat dieſe Frau mich ſo unglücklich gemacht, als nur eine Fran hätte thun können, die mich gehaßt und es ſich zur Aufgabe ge⸗ macht hätte, mich zu foltern. Stets mißtrauiſch, war ſie ſtets traurig. Sie begriff nicht, was ich eben ſagte, daß es nämlich Augenblicke gibt, wo ein Künſt⸗ ler, ſo verliebt und ſo geliebt er auch ſein mag, ſei⸗ nem Gedanken allein leben muß, der auch eine Ge⸗ liebte iſt, aber eine Geliebte, unendlich eiferſüchtiger, als alle die, welche dieſe Welt hat,— aber eine Ge⸗ liebte, die unbarmherzig davon geht, wenn man ſie nicht empfängt, ſobald ſie ſich einfindet. Kam ich eine Viertelſtunde vor der beſtimmten Zeit zu dieſer Frau, ſo fand ich ſie in Thränen gebadet; ſie trock⸗ nete ſich dann eilends die Augen ab, ohne mir irgend einen Vorwurf zu machen; aber es waren ihre Augen eben doch ganz verweint, und es ſchaute unter ihrer 125 ſcheinbaren Luſtigkeit eben immer doch die Unruhe, oder der Argwohn hindurch. Die Zeit, die ich bei ihr zubrachte, ward mir zuerſt zu einer Strapaze und dann zu einer Qual:; ich arbeitete gar nicht mehr. Endlich nahm ich, trotzdem daß ich verſichert war, daß das Glück meines Lebens mir hätte von ihr kom⸗ men können, das Opfer an, das ſie mir gebracht. Sie hat Frankreich, ja ſelbſt Europa verlaſſen, um zwiſchen ihre Liebe und mich eine möglichſt große Entfernung zu ſtellen; ich habe ſie nicht zurückzuhal⸗ ten geſucht.“ „Sie lieben alſo nicht mehr?“ „Nein, Frau Marquiſe; in ihr iſt mir, wie ich glaube, die treueſte Freundin geblieben; nach dieſem Liebesverhältniſſe möchte ich keines mehr haben.“ Diana ſchaute Paul an; er hatte ſeine Seele bloßgelegt, wie wenn er die geheimen Gedanken der Marquiſe begriffen hätte. „Und doch,“ hob Letztere wieder an,„will es mich bedünken, daß es gar leicht ſein muß, den Mann glücklich zu machen, den man liebt, vor Allem aber, wenn dieſer Mann ein Mann von hohem Geiſte iſt, und wenn man fühlt, daß ihm nicht allein die Liebe, ſondern auch Genie und Inſpiration von der kommt, die er ſich erkoren.“ „Es iſt das wahr, Madame; dieß iſt etwas gar Leichtes, und doch trifft es nur höchſt ſelten zu.“ „Dieſe Liebe iſt alſo die einzige, welche ſie je empfanden?“ „Die einzige.“ „Und ſeitdem?“ „Seitdem habe ich Liebſchaften gehabt, wie man 126 ſolche in der Regel hat, wenn man ſie haben will, — Liebſchaften, ſo gehorſam und unterwürfig wie Hunde; ſeien wir treu, wie dieſe, die auf den erſten Ruf herbei kommen.“ „Ich muß Ihnen recht unbeſcheiden vorkommen, nicht wahr? Aber es intereſſirt mich dieſe Einwei⸗ hung in ein Leben, welches nicht das unſere iſt, in höchſtem Grade. Ich, die ich doch noch jung bin, die ich faſt wider meinen Willen habe heirathen müſſen, die ich bis auf dieſen Augenblick alle Freu⸗ den genoſſen, nur die des Herzens allein nicht,— ſehen Sie, es gibt Tage, wo ich hätte arm, aber frei geboren werden mögen, wo ich hätte frei wählen können; wie mir ſcheint, ſo hätte ich den Mann, der mich geliebt, zu einem glücklichen gemacht.“ „Oh, wünſchen Sie ſich nichts Anderes, als was Sie haben, Frau Marquiſe; und dieß um ſo mehr,“ fuhr der Maler lächelnd fort,„als Sie Alles, was Sie wünſchen, haben können, ohne darum arm oder frei zu ſein.“ „Wer weiß?“ „Wer könnte es über ſich gewinnen, Sie nicht zu lieben, Madame?“ „Gerade der, den ich vielleicht lieben möchte. Doch ſprechen wir nicht von mir,“ ſagte plötzlich Diana,„ſondern von Ihnen; denn ich intereſſire mich für Ihr Glück, ohne zu wiſſen warum. Sie haben alſo mit allen ernſtlichen Liebſchaften gebrochen?“ „Ah! das habe ich nicht geſagt.“ „Könnten Sie wohl noch ein Mal lieben, trotz der Erfahrung, die Sie da gemacht?“ „Ich fürchte ſo.“ ſond da mei 127 „Kann das Herz alſo zwei Mal ernſtlich lieben?“ „Warum ſollte das Herz nach einer Täuſchung, die ihm widerfahren, nicht auf's Neue blühen, wie die Natur nach dem Winter?“ „Sie haben Recht. Und es iſt Ihre Wahl viel⸗ leicht ſchon getroffen?“ Paul ſchwieg. „Nun,“ fuhr die Marquiſe mit einer gewiſſen Aufregung fort,„ſagen Sie mir offen, wie es um Ihr Herz ſteht; ich bin ein Weib, ich kenne die Wei⸗ berherzen: vielleicht daß ich Ihnen einen guten Rath geben könnte.“ „Nein, Madame,“ entgegnete Paul,„ich liebe noch Niemand.“ „Das lügen Sie,“ verſetzte Diana lächelnd;„Ihr Schweigen ſtrafte ſo eben Lügen, was Sie mir ge⸗ ſagt.“ „Wahrlich, ich liebe Niemand.“ „Ich aber wette Etwas,“ fuhr Diana fort, deren Stimme ſchon zitterte. „Und was wetten Sie denn, Madame?“ „Ich wette, daß Sie nicht allein verliebt ſind, ſondern auch, daß ich weiß, in wen Sie verliebt ſind.“ „Sie, Frau Marquiſe?“ „Ja, ich.“ „Dann wiſſen Sie mehr, als ich ſelbſt.“ „Und dazu habe ich nicht viel Zeit gebraucht, da ich Sie erſt ſeit geſtern kenne. Gehen Sie auf meine Wette ein?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil ich befürchten würde, Madame, daß Sie 128 geſehen, was ich zu ſehen fürchte; und hätten Sie einmal es geſehen, ſo dürfte ich nicht länger zweifeln. NRun aber iſt mir der Zweifel lieber, als die Ge⸗ wißheit.“ Es konnte ſich die Marquiſe eines Anflugs von Haß gegen Paul nicht enthalten. „Glauben Sie denn, daß ſie Sie liebe?“ ver⸗ ſetzte ſie laut. „Ach nein, ſie liebt mich nicht, und eben darum iſt mir der Zweifel lieber. Im Uebrigen,“ fuhr Paul fort,„muß ich Ihnen wiederholen, daß ich ſelbſt des Gefühls nicht ſo recht gewiß bin, das ſie mir einflößt. Seit zwei Jahren iſt es die erſte Frau, die mich an die erinnert, wovon ich Ihnen ſo eben geſagt.“ „Wie wollen Sie es aber anfangen, um ſie zu ſehen?“ fragte Diana. „Wann?“ „Wenn ihr Porträt fertig iſt.“ Als Paul dieſe Phraſe hörte, fuhr er unwillkühr⸗ lich zuſammen. „Ich werde ſie eben nicht mehr ſehen, Madame.“ „Es will mich aber bedünken, daß Sie ihr einen Beſuch machen könnten.“ „Ich weiß weder ihren Namen, noch ihre Adreſſe, und es iſt das vielleicht nur um ſo beſſer.“ „Sir hat ſie Ihnen nicht geſagt?“ 7. „Sie hat das eben vergeſſen,“ verſetzte Diana, die vor Aufregung nur noch mit Mühe zu athmen ſchien.„Ich bin verſichert, daß Sie dieſe Adreſſe und mir 129 und dieſen Namen gern erführen. Geſtehen Sie mir es nur!“ Paul wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Nun?“ hob Diana wieder an, ſich zu einem Lächeln zwingend. „Nun, ſo will ich es nur geſtehen.“ Es erblaßte die Marquiſe. „Dieſer Menſch iſt eben ein Dummkopf,“ dachte ſie einen Augenblick. Und Paul heftete die Augen auf ſie, wie ein Verurtheilter ſie auf den Richter heftet, der im Be⸗ griffe iſt, ſein Urtheil zu fällen. „Wohlan denn! Ihre verſchwiegene Beſucherin heißt Marcelline Delaunay, und wohnt in der Vau⸗ girard⸗Straße Numero 3.“ „Ohl ich danke Ihnen, Madame.“ Bei dieſen Worten ſtand die Marquiſe auf, wie von einer Springfeder emporgeſchleudert. „Und nun,“ bemerkte ſie mit zitternder Stimme, „will ich Sie nicht länger zurückhalten, da Sie hier nichts Angenehmeres erfahren könnten, als was ich Ihnen eben geſagt.“ Und Paul erhob ſich ſeinerſeits. „Ich war ja aber doch nicht um deſſentwillen hierher gekommen, Madame,“ ſprach er. „Sie haben Recht,“ erwiederte die Marquiſe, „ſondern um der Felder willen, die für den Speiſe⸗ ſaal zu malen ſind. Ich hatte das ganz vergeſſen.“ Und ihr Boudoir verlaſſend, trat ſie in den Speiſeſaal. „Hier ſind die vier Felder,“ ſprach ſie, die Hand nach den vier Stellen ausſtreckend. Dumas, d. J., Diana von Lys. 9 130 Paul folgte der Richtung der Hand; anſtatt aber auf die Wand zu ſchauen, heftete ſich ſein Blick auf Diana's Hand. Es hatte ihm geſchienen, als ſehe er an einem Finger der Marquiſe den Ring wieder, den er eines Abends in ſeiner Wohnung gefunden, den Ring, der ſeinen Bruch mit Julien veranlaßt, und den Maximilian Tags darauf, als ſeiner Ge⸗ liebten zugehörig, bei ihm geholt hatte. „Ich verſtehe, was Sie wollen, Madame,“ ſprach der Maler mechaniſch;„aber es ſind dieſe Felder gar groß, und ich ſelbſt kann nicht das Maß davon nehmen. Ich möchte Sie alſo höflichſt gebeten haben, daß Sie es durch den nehmen laſſen möchten, der mir die Leinwand liefert.“ Und alſo ſprechend, ſchaute Paul immer noch auf Diana's Hand, welche dieſe geſenkt hielt. „Ich weiß, was Sie wollen, Frau Marquiſe,“ fuhr Paul nach einer Weile fort;„es ſind Felder wie bei dem Vater eines meiner Freunde, des Barons Maximilian von Ternon.“ Als die Marquiſe den Namen Maximilian hörte, machte ſie eine unwillkührliche Bewegung und ſchaute ihrerſeits Paul an, ſich dabei fragend, ob er ſie wohl erkannt und ob er Maximilian abſichtlich genannt. „Sie iſt es wirklich,“ ſprach Aubry bei ſich ſelbſt, nahm aber eine gleichgültige Miene an, ſo daß Diana glaubte, es habe der Zufall allein ihm den Namen in den Mund gegeben. Als Paul fort war, klingelte ſie ihrer Kammer⸗ frau. „Wer macht auf, wenn angeläutet wird?“ fragte ſie das Kammerkätzchen. aber auf ſehe der, den, aßt, Ge⸗ rach lder wvon ben, der auf iſe,“ Ader rons örte, aute vohl nt. lbſt, iana men mer⸗ agte 131 „Dominik, Madame.“ „So ſag' denn Dominik, er ſolle dem Herrn, der eben fortgegangen, wenn derſelbe wieder kommt, be⸗ harrlich antworten, ich ſei nicht zu Hauſe. Kommt Frau Delaunay, ſo ſag Du ihr, ich ſei ausgegan⸗ gen. Kurz, ich bin für Niemand zu Hauſe,“ ſetzte Diana hinzu;„und nun kannſt Du wieder gehen.“ Es gehörte die Marquiſe zu jenen Perſonen, die ihre ganze Energie damit verbrauchen, daß ſie einen großen Entſchluß faſſen, und denen dann keine mehr bleibt, um den gefaßten Entſchluß auszuführen. Als ſie ihr Kammermädchen weggeſchickt, ſchrieb ſie, ohne ſich von ihren Empfindungen Rechenſchaft zu geben zu ſuchen, gleichwohl aber begreifend, daß ſie für dieſe unbekannten Eindrücke einen raſch wirkenden Ableiter brauche, an ihren Gatten, daß ſie in Bälde bei ihm ſein würde, ließ den Brief auf die Poſt thun und befahl, die Koffer zu packen. Als dann die Marquiſe keine Befehle mehr zu geben hatte und doch nicht auf der Stelle abreiſen konnte, ſo that ſie, ſich auf einige Zeit zur Unthätig⸗ keit verdammt ſehend, das Einzige, was ihr zu thun übrig blieb, das heißt, ſie dachte über das Vorge⸗ fallene nach. „Mir ſo geſtehen, daß er in Marcelline verliebt ſei; ſich von mir ihren Namen und ihre Adreſſe geben laſſen! Dazu diene ich alſo Herrn Paul Aubry!“ murmelte Diana.„Er iſt nun glücklich; ohne Zwei⸗ fel ſucht er ſie nun auf. Vielleicht daß die Sache zwiſchen Beiden ſo abgekartet war. Er braucht mir nun nur noch für den ihm erwieſenen Freundesdienſt zu danken. Warum habe ich ihm aber auch Mar⸗ 132 cellinens Adreſſe und Namen gegeben? Das iſt meine Schuld.“ Und es glänzte eine Thraͤne des Zornes in Diana's Augen. Was Weiber den Andern nie verzeihen können, ſind die Dummheiten, die ſie ſelbſt begangen. „Warum,“ dachte die Marquiſe weiter, indem ſie mit großen Schritten in ihrem Zimmer auf und abging,„warum hätte ich ihm indeſſen dieſen Namen und dieſe Adreſſe nicht geben ſollen? Was liegt mir daran, ob Herr Paul Aubry in Marcelline Delaunay verliebt iſt oder nicht? Was geht das mich an? Bin ich die Geliebte des einen, oder der Gatte der andern? Da mögen Herr Delaunay und Jungfer Julie zuſehen! Meine Rolle beſteht hier darin, daß ich Herrn Paul Gemälde abkaufe. Was kann ich weiter verlangen? Es iſt das ſchon genug. Aber ich werde noch Genugthuung nehmen!“ Und ſchon fing Diana, wäͤhrend ſie ſo mit ſich ſelbſt ſprach, an, ſich an ihrem Taſchentuche zu rächen, das ſie zwiſchen ihren Fingern zerriß, und woran die Spitzen ſchon in Fetzen verwandelt waren. So weit war die Marquiſe in ihren Reflexionen gekommen, als ihre Kammerjungfer hereintrat. „Was iſt es wieder?“ „Ein Brief.“ „Gut! leg' ihn auf das Kamin.“ Und die Kammerjungfer entfernte ſich wieder. Diana nahm nun den Brief und ſah ſich die Adreſſe an. „Die Handſchrift iſt mir einmal bekannt; ich habe ſie ſchon geſehen,“ ſprach ſie. zuer ein Güt wid ren anz’ Tra Sie eine eine iſt Hät Arl gem Alr ich Ihr Ver em der wu 2 es die abe 133 Sie erbrach das Siegel des Couverts und ſah zuerſt nach der Unterſchrift. „Paul Aubry!“ In dieſem Augenblicke verſpürte die Marquiſe ein heftiges Herzklopfen. Sie las, wie folgt: „Frau Marquiſe! „Ich vermag dem Wunſche, Ihnen für all' die Güte zu danken, die Sie für mich gehabt, nicht zu widerſtehen, und ewig wird meine Dankbarkeit wäh⸗ ren; aber es iſt mir unmöglich, dieſelbe fernerhin anzunehmen.“ „Was ſoll das heißen?“ „Als ich zu Ihnen gekommen, war ich glücklich. Traurig bin ich von Ihnen weggegangen. Wiſſen Sie, woher dieß rührt, Madame? Es rührt von einem Ringe her, den Sie am Finger haben, von einem Ringe, der mir geſagt, wer Sie ſind, denn es iſt derſelbe mir, ohne daß ich es gewollt, durch die Hände gegangen. Es rührt dieß daher, daß ich eine Arbeit zu übernehmen glaubte, und daß ich gewahr geworden bin, wie ich auf dem Punkte war, ein Almoſen zu empfangen. Nichts deſto weniger bin ich Ihnen, ich wiederhole es, Frau Marquiſe, für Ihre viele Güte höchſt dankbar, und bitte Sie, die Verſicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung zu empfangen.“ Und die Marquiſe ſchaute auf ihre Hand. „Wahrlich,“ ſprach ſie,„ich hatte dieſen Ring an der Hand..., wie vergeßlich ich doch bin! Er wußte alſo,“ fuhr ſie fort,„wer ich war. Hat er es aber gleich Anfangs, oder erſt gegen das Ende 134 unſeres Geſprächs gewußt? Ohne Zweifel gleich An⸗ fangs, und vielleicht hatte er meine Empfindungen errathen. Vielleicht hat er abſichtlich von Marcellinen geſprochen, um mich zu quälen. Vielleicht ſchreibt er endlich an mich, nur um ſich zu vergewiſſern, daß ich ihn liebe. Wäre dem alſo,“ endigte Diana lächelnd,„ſo wäre ihm meine Verzeihung gewiß, und würde ich nicht abreiſen. Wie aber ſoll ich mich deſſen vergewiſſern?“ Hier ſchaute Diana auf die Uhr. „Sechs Uhr,“ ſprach ſie;„er iſt nun ſchon nicht mehr zu Hauſe.“ Nun klingelte ſie. „Wer hat den Brief gebracht?“ fragte ſie. „Ein Eckenſteher.“ „Hat derſelbe Nichts geſagt?“ „Gar Nichts, gnädige Frau.“ „Hat er auch auf keine Antwort gewartet?“ „Sobald er den Brief übergeben hatte, iſt er wieder fortgegangen.“ „Gut!“ „Es iſt Dominik nun wieder da, Frau Marquiſe.“ „Wo iſt er geweſen?“ „Auf der Poſt.“ „Was weiter?“ „Morgen um zehn Uhr werden die Poſtpferde hier ſein, gnädige Frau.“ „Ich brauche ſie nun nicht mehr. Man beſtelle ſie wieder ab, da ich Paris nicht verlaſſe.“ „Und die Koffer?“ „Müſſen nun wieder ausgepackt werden.“ Für Diana ſtanden die Sachen alſo: entweder 135 An⸗ ſteckte hinter dem Briefe Nichts, und war derſelbe gen nur der offene Ausdruck der Gefühle und Eindrücke nen des jungen Mannes,— dann wußte ſie ihm Dank für ſeine ſtolze Empfindlichkeit; oder aber enthielt er daß derſelbe den eben angedeuteten Hintergedanken,— ma und dann konnte er Diana nicht verletzen, da er ind b ihrer Unſchlüſſigkeit einen Weg bot. Die Marqauiſe iich nahm alſo ein Blatt Papier und ſchrieb wie folgt: „Frau von Lys erſucht Herrn Paul Aubry, mor⸗ gen Nachmittag zwiſchen zwei und vier Uhr bei ihr icht vorzuſprechen. Sie möchte ihn um nähere Aufſchlüſſe pitten über einen Brief, den ſie eben erhalten, und deſſen Sinn ihr nicht recht klar iſt.“ Sie ſagte die Wahrheit. Sodann ſchrieb ſie an den Marquis, daß ſie ihren Entſchluß geändert, und daß er nun nicht mehr auf ſie warten dürfe. Der an Paul geſchriebene Brief wurde durch er einen eigenen Boten beſorgt, und nun harrte ſie un⸗ ggeduldig des kommenden Tages. Tags darauf, um zwei Ühr, ließ ſich der Maler e.“ bei der Marquiſe anmelden. „Sie haben mich ſprechen wollen, Madame,“ ſprach er:„hier ſteh' ich, bereit, Ihnen zu dienen.“ ¹„Für dieſen Gehorſam bin ich Ihnen recht ver⸗ rd bunden, mein Herr; wie ich Ihnen aber geſchrieben,“ fuhr die Marquiſe fort,„ſo möchte ich mir eine kleine elle Erklärung ausbitten über eine für mich noch dunkle Stelle in dem Briefe, den Sie geſtern mir zuge⸗ ſchickt.“ „Ich bin ganz Ohr, Madame,“ ſprach Paul, der der die Marquiſe anſchaute, und, da er ſah, wie kalt⸗ 136 blütig dieſelbe ſprach, an dem, was er mit eigenen Augen geſehen, ſchon zu zweifeln anfing. „Sie haben ſich geirrt, mein Herr, wenn Sie glaubten, daß ich Ihnen ein Almoſen zukommen laſſen wollte. Und dann ſprechen Sie von einem Ringe, der Ihnen bewieſen haben ſoll, wer ich ſei. Aber es ſcheint mir, mein Herr,“ fuhr Frau von Lys lächelnd fort,„Sie wußten recht gut, wer ich war, als Sie hierher gekommen.“ „Das wollte ich nicht ſagen, Madame.“ „Was wollten Sie dann ſagen?“ „Hören Sie, Madame: darf ich offen ſein?“ „Sprechen Sie!“ „Sie werden mir verzeihen?“ „Er zweifelt,“ dachte Diana.„Ja, gewiß,“ ſprach ſie laut. „Wohlan, Madame,“ verſetzte Paul, die Mar⸗ quiſe ſcharf anſchauend,„es iſt einmal ein Freund zu mir gekommen, um mich zu fragen, ob ich ihm nicht meine Wohnung leihen wolle.“ „Und wozu?“ „Um dort Jemand zu empfangen, den er in ſeiner eigenen Wohnung nicht empfangen konnte.“ „Ich ſehe aber nicht recht, welche Beziehung der Dienſt, den Ihr Freund von Ihnen heiſchte, zu einem meiner Ringe und zu mir haben mag.“ „Sie ſollen das bald ſehen, Madame.“ „Nun, ich höre.“ „Mein Freund alſo kam allabendlich in meine Wohnung und empfing dort dieſen Jemand. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß dieſer Je⸗ mand ein Frauenzimmer war. Eines Abends aber ließ Wol mir Fine allm gebe Erze wen Sac Rin⸗ das ich kann Wol Dan reich kom mac ſie heit ein fort ſche nen Sie nen lem ſei. von ich V V V 137 ließ dieſes Frauenzimmer einen Ring in meiner Wohnung zurück, den mein Freund Tags darauf bei mir holte. Und eben dieſer Ring ſteckt an Ihrem Finger, Madame.“ „Sie ſind deſſen gewiß?“ fragte Diana, die ſich allmählig ein ſo ruhiges und würdiges Ausſehen zu geben gewußt hatte, daß Paul, je weiter er in ſeiner Erzählung kam, dem Zeugniſſe ſeiner Sinne immer weniger traute und immer unſchlüſſiger wurde. „Ja, ich bin deſſen ſo gewiß, wie man nur einer Sache es ſein kann.“ „Und dann?“ „Dann habe ich, Madame, als ich ſo dieſen Ring an Ihrem Finger ſtecken ſah, gedacht,— und das eben müſſen Sie mir verzeihen,— dann habe ich alſo, ſage ich, gedacht, Sie ſeien das mir unbe⸗ kannte Frauenzimmer, welches mein Freund in meiner Wohnung zu empfangen pflegte, und ſie hätten, zum Dank für die gewährte Gaſtfreundſchaft und als reiche Frau, dem armen Burſchen ein Almoſen zu⸗ kommen laſſen wollen, der es Ihnen leichter ge⸗ macht, den Mann zu ſehen, welchen Sie liebten.“ Bei dieſem Schluſſe erblaßte die Marquiſe leicht; ſie ſchlug die Augen nieder und ſprach: „Sie ſind im Irrthum geweſen, mein Herr.“ Paul verneigte ſich, nicht wie ein von der Wahr⸗ heit ganz und gar überzeugter Mann, ſondern wie ein Mann, der eine Frau nicht Lügen ſtrafen mag. „Sie ſcheinen noch zu zweifeln?“ fuhr Diana fort, die über Pauls ſtumme Antwort ſich nicht täu⸗ ſchen konnte. „Da ſei Gott vor, Madame! Nur gleicht dieſer 2. 138 Ring dem von mir gefundenen auf ein Haar, ſo daß unß neien Stelle jeder Andere ſich geirrt hätte, und daß...“ „Und daß...2“ „Und daß ich mich noch jetzt irren würde.“ „So muß ich Sie denn überzeugen. Dieſer Ring gehört nicht mir, ſondern einer meiner Freun⸗ dinnen, die mir ihn geliehen, damit ich einen ähnli⸗ chen beſtellen kann.“ „Und ſeit wann, Madame, hat Ihre Freundin Ihnen dieſen Ring geliehen?“ „Seit zwei Tagen.“ „So verzeihen Sie mir denn, Frau Marquiſe; werden Sie mir nun aber noch, da wir einmal an dieſem Kapitel ſind, erlauben, Sie zu fragen, von wem Ihre Freundin dieſen Ring hat?“ „Von ihrer Mutter.“ „Von ihrer Mutter! Es ſtimmt dieß ganz zu dem, was mein Freund geſagt, als er zu mir kam, um mich zu fragen, ob ich keinen Ring gefunden,“ dachte Paul.— Dann fuhr er mit lächelnder Miene und laut alſo fort: „Wenn das iſt, ſo ſind wir beide bei einem Ge⸗ heimniſſe betheiligt, das ich ganz unwillkührlich ver⸗ rathen habe.“ „Und kommt meine Freundin Abends immer noch in Ihre Wohnung?“ fragte die Marquiſe, die Paul dahin bringen wollte, daß er ſie um den Namen dieſer Freundin fragen ſolle. „Nein, Madame, es hat der Baron Frankreich nun verlaſſen.“ „Wenn nur auch der Gatte von— faſt hätte Nich dri ſte 139 ich ſie genannt— von dieſem Liebesverhältniſſe Nichts erfährt!“ verſetzte ſie laut. „Er iſt eiferſüchtig?“— „Ungeheuer eiferſüchtig. Auch hat er vollkommen Recht, da ſie ſehr hübſch iſt.“ In dieſem Augenblick läutete es an der Thüre. Diana hörte, wie der Diener aufmachte, und es däuchte ihr, ſie erkenne die Stimme Marcellinens, die man wieder gehen hieß. Denn es hatte Diana, wie man ſich noch erinnern wird, ein Verbot ergehen laſſen, das ſie nur zu Pauls Gunſten aufgehoben hatte. Nun klingelte auch ſie. Es war ihr ein böſer Gedanke durch den Kopf gefahren. „Wer iſt draußen?“ fragte ſie ihre Kammer⸗ jungfer. „Frau Delaunay,“ antwortete dieſe. „Warum kommt ſie nicht herein?“ „Madame hat verboten, irgend Jemand her⸗ einzulaſſen.“ „Es geht aber das Verbot ſie nicht an.“ Und die Marquiſe ſtand auf, eilte ſelbſt in das Vorzimmer hinaus und rief die bereits auf der Treppe ſtehende Marcelline zurück. „Komm' doch herein!“ ſprach ſie zu ihr.„Für Dich bin ich immer zu Hauſe.“ Und ſie küßte ſie und ſprach: „Du ſiehſt den Ring hier?“ 8/ 4 a. „Wohlan! Du mußt mich vor der Perſon, die drinnen iſt, fragen, ob ich ſchon einen ähnlichen be⸗ ſtellt: ich antworte Dir mit ja; dann verlangſt Du 140 dieſen zurück und ſteckſt ihn, wie wenn er Dein Eigenthum wäre, an den Finger: Du verſtehſt doch?“ „Vollkommen, aber erklär' mir doch auch dieſes neue Myſterium!“ „Später ſollſt Du Alles erfahren. Jetzt aber wollen wir hineingehen.“ Bewegt ſtand Paul auf, als er Frau Delaunay hereintreten ſah. „Eben wollte ich zu Ihnen gehen, mein Herr,“ ſprach ſie zu ihm. Paul verbeugte und ſetzte ſich. Letzteres geſchah auch von Seiten der beiden Frauen. Natürlich ſprach man nun von etwas Anderem, als von dem Gegenſtande, der auf dem Tapet ge⸗ weſen war, als Marcelline angeläutet hatte. Da gab die Marquiſe ihrer Freundin ein Zeichen. „Eil ſag' doch, Diana,“ ſprach Marcelline,„haſt Du den Ring ſchon beſtellt?“ „Ja; geſtern.“ Mit Schrecken heftete Paul die Augen auf Frau Delaunay. Man hätte glauben können, es hange ſein Leben an Marcellinens Lippen. „So brauchſt Du den meinigen nicht länger,“ ſetzte Marcelline hinzu, die nicht wußte, welche Rolle ihre Freundin ſie dabei ſpielen ließ, und, wie immer, ganz naiv that, was die Marquiſe ſie thun hieß. „Nein,“ erwiederte Diana;„ich gebe Dir ihn deßhalb zurück.“ Und Marcelline ſteckte den Ring an ihren Finger. Was Paul betrifft, ſo lief ein kalter Schweiß ihm über die Stirn herab. Todblaß ſtand er auf, um von den beiden Frauen ſich zu beurlauben. — ę—— 141 „Madame,“ ſprach er noch, zu Marcellinen ge⸗ wandt, mit einer Stimme, die faſt feſt war.„Sie brauchen ſich nun nicht länger ſtören zu laſſen, um mir zu ſitzen. Ich kann jetzt das Porträt recht gut allein fertig machen. In zwei Tagen können Sie es bei mir holen laſſen.“ Und nach den üblichen Begrüßungen verließ er das Boudoir mit Thränen in den Augen. „Haſt Du nicht auch bemerkt, wie traurig Herr Aubry beim Weggehen war?“ fragte Marcelline. „Ja, ich habe auch ſo Etwas bemerkt.“ „Was war ihm denn?“ „Ich kann es Dir nicht ſagen. Es macht Dir das viel zu ſchaffen?“ „Keineswegs. Ich fragte aus bloßer Neugierde. Er⸗ kläre mir nun aber, warum Du haſt haben wollen, daß ich in ſeiner Gegenwart den Ring wiederverlangen ſolle, der mir doch nicht gehört. Da haſt Du ihn wieder.“ Ziemlich verlegen, bemühete ſich Diana, in Er⸗ mangelung beſſerer Gründe zu antworten: „Es iſt das ein närriſcher Einfall von mir, den ich Dir ſpäter mittheilen werde, und der ſich auf Maximilian bezieht.“ Inzwiſchen ging Paul nach Hauſe. „So war denn,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, indem er nach der Märtyrerſtraße hinging,—„ſo war denn Marcelline wirklich Maximilians Geliebte! So war denn ſie und keine Andere die Frau, die jeden Abend mit ihm in meine Wohnung kam! So hätte ich mich denn faſt in ſie verliebt, ich, der ich ihr meine Woh⸗ nung geliehen, damit ſie einen Andern, als mich, dort ſehen konnte!“ 142 Und es fühlte Paul, wie in ſeinem Herzen ein wirklicher Schmerz im Wachſen begriffen war. Als er wieder in ſein Atelier trat und Marcellinens Porträt erblickte, ſagte er: „Wer hätte, wenn er dieſe ruhige und lächelnde Frau mit ihrem Manne hereinkommen ſah, je ge⸗ dacht, es trete dieſelbe in ein Zimmer, wo Alles ihr ihren Fehltritt ins Gedächtniß rufen mußte? Es hat dieſe Frau alſo weder Herz, noch Scham mehr! Ja, ſo iſt es: ſie hat mir meine Gaſtfreund⸗ ſchaft damit vergelten wollen, daß ſie ſich von mir ma⸗ len ließ. Und ich hatte die Marquiſe im Verdacht!“ Wir überlaſſen es billig dem Leſer, ſich die übrigen Klagen zu denken, welche der Maler in Be⸗ zug auf den gleichen Gegenſtand an den Himmel richtete. Diana hatte, wie man ſieht, ganz gut calculirt. Da indeſſen Aubry ein Mann war, ſo ſah er ein, daß er den Muth nicht verlieren dürfe, und machte ſich wieder an die Arbeit, um recht bald das Por⸗ trät fertig zu bringen, deſſen Anblick unaufhörlich ſeine Erinnerungen wach rief und ſeinen Schmerz erneuerte. Und es war ſein Schmerz ein tiefer, ernſter; denn es leidet ein Mann wirklich, wenn er an einem und demſelben Tage gewahr wird, wie er eine Frau liebt und ſie doch nicht länger lieben kann. Zwei Tage ſpäter ſtand das Porträt fertig da, und man war gekommen, um es zu holen, da es eingerahmt werden mußte. In den letzten Tagen war Paul faſt nie zu Hauſe geweſen. Als aber Marcellinens Porträt fort war, fragte er ſich, was er nun thun ſollte. ein Als ens nde ge⸗ lles 3te? ham ind⸗ ma⸗ ht 1“ die Be⸗ mel lirt. ein, cchte Cor⸗ lich nerz fer, 1 er er inn. da, es zu trät lte. —.,— 143 In ſeinem Leben däuchte ihm Alles öde und leer. Nun fiel ihm ſeine Mutter ein. Da beſchloß er raſch, ſie wieder einmal zu beſuchen, damit ſein Schmerz doch für Jemand von einigem Nutzen wäre. Er ließ für den folgenden Tag einen Platz im Poſt⸗ wagen beſtellen. Im Augenblicke ſeiner Abreiſe aber ſchrieb er an die Marquiſe nachſtehendes Billet: „Madame! „Ich verlaſſe Paris auf einige Zeit, kann mich aber nicht entfernen, ohne Sie nochmals wegen des ſonderbaren Irrthums um Verzeihung zu bitten, deſſen ich mich neulich ſchuldig gemacht, und ohne Ihnen nochmals die Verſicherung meiner Dankbar⸗ keit und Hochachtung zu erneuern.“ Als Diana dieſen Brief bekommen hatte, eilte ſie zu dem Maler. Für den Fall, daß ſie ihn zu Hauſe fand, hatte ſie für dieſes ihr Erſcheinen den ſo ziem⸗ lich natürlichen Vorwand, daß ſie ſelbſt ihm die Kunde ſeiner Begnadigung habe überbringen, ſowie daß ſie nochmals wegen der Feldergemälde, die ſie bei ihm beſtellt, habe mit ihm ſprechen wollen. Paul hatte ihr ſeinen Brief erſt in dem Augenblicke zuge⸗ ſchickt, wo er in den Poſtwagen ſtieg, und Papa Fremy konnte der Marquiſe nur ſoviel ſagen, daß der Maler zu ſeiner Mutter nach Tours gegangen ſei. Diana empfand Paul gegenüber genau, was dieſer Marcellinen gegenüber empfand. Je mehr Aubry gewahr wurde, daß er eine Frau liebe, die, unter den bewußten Umſtänden, einen Andern ge⸗ liebt und vielleicht noch liebe, um ſo ſchwerer fand er es, die Liebe aus ſeinem Herzen auszureißen. 1⁴⁴4 Je mehr Diana überzeugt war, daß Paul nicht an ſie denke, ſondern Frau Delaunay liebe, um ſo mehr fühlte ſie, wie die Liebe ihres ganzen Herzens ſich bemächtigte. Iſt die Liebe mit Schwierigkeiten verbunden, ſo gleicht ſie ſo ziemlich einem Feuer, das man auslö⸗ ſchen möchte, indem man es mit ungeheuren Holz⸗ ſtücken bedeckt. Es käme ein Augenblick, wo das Feuer die Hinderniſſe, die man ihm entgegengeſtellt, verbrennen und ſich in einen gewaltigen Brand ver⸗ wandeln würde. Diana war frei, da ihr Gatte abweſend war; ſie kam daher einen Augenblick auf den Gedanken, ſelbſt nach Tours zu gehen. Was wollte ſie dort thun? Sie wußte es ſelbſt nicht; aber was that ſie zu Paris? Gleichwohl blieb ſie in der Hauptſtadt; denn ging ſie nach Tours, ſo ſetzte ſie ſich der Ge⸗ fahr aus, Paul zu ſehen; und ſah ſie ihn, ſo ge⸗ ſtand ſie ihm vielleicht,— wer weiß? was ſie ſich ſelbſt nicht zu geſtehen wagte. Rechnet man nun auch die inſtinctmäßige Schamhaftigkeit ab, die eine Frau, wie die Marquiſe, ſtets zurückhält, und zwar bisweilen wider ihren Willen, ſo iſt noch weiter in Anſchlag zu bringen, daß Diana vollkommen be⸗ griff, wie ſie dann ein gar zu kühnes Spiel ſpielte und gar zu ſchnell eine Entwickelung hervorrief, die vielleicht nicht ſo ausfiel, wie ſie erwartete. Es hatte die Marquiſe noch nie geliebt; ſie wußte daher auch nicht, wie ſie die Sache anzugreifen hatte. Sie verfiel nun von einem Extrem in das an⸗ dere und ſuchte ſich zu überzeugen, daß ſie, wenn ſie nur einige Tage lang nicht mehr an Paul dächte, nun eine var iter be⸗ elte die Es her an⸗ ſie hte, 145 gar bald jener ſonderbaren Befangenheit ledig wer⸗ den würde, die ſie in Beziehung auf ihn fühlte, und dieß um ſo mehr, als der Maler abweſend war. Auch that die Marquiſe Alles, was ſie konnte, um dieſen Zweck zu erreichen. Sie veranſtaltete Geſell⸗ ſchaften, ging in's Theater, kaufte, beſtellte, gab Geld aus, und ſo weiter; kurz, ſie that Alles, was ſie irgend thun konnte, und gewahrte endlich, daß ihr Herz ein Bedürfniß fühlte, welches demſelben bis dahin fremd geblieben war. Es ſtudirte Diana die geſuchteſten, gewiegteſten jungen Leute, welche man wegen ihres Geiſtes und ihrer glücklichen Lie⸗ besabenteuer allenthalben nannte; nichts deſto weniger aber kam ſie immer wieder auf Aubry zurück, und, was ihr Herz wollte, war nun entſchieden jene Liebe, die Bertha einen Augenblick eingeflößt, und die ſie ſich gewiß glaubte, nie zu empfinden, als ſie in dieſelbe eingeweiht wurde. Wozu noch kommt, daß die Eigenliebe der Marquiſe mit im Spiel war. Es war Paul an ihr vorübergegangen, ohne daß er auch nur zu merken ſchien, wie ſchön ſie war, ohne daß er ſah, wie er geliebt wurde. Bis dahin hatte die Marquiſe durch Aubry, er ſelbſt aber nur durch Marcelline gelitten. Er war Diana Genug⸗ thuung ſchuldig. Die Marquiſe, jung, ſchön, angebetet, launen⸗ voll, anſpruchsvoll, wie ſie war, vermochte ſich nicht an den Gedanken zu gewöhnen, daß es auf dieſer Welt einen Mann geben könne, den ſie geliebt, ſie, die nie Jemand lieben zu können glaubte, und daß dieſer Mann ſie nicht einmal beachtet. Unterdeſſen war Paul zu Tours angekommen Dumas d. J., Diana von Lys. 10 146 und von ſeiner Mutter mit jener Freude aufgenom⸗ men worden, die jede Mutter empfindet, ſo oft das Kind ihres Herzens unvermuthet zurückkommt. Es war die Traurigkeit des Malers keineswegs dem wachſamen Scharfſinn der alten Frau entgangen, die alsbald begriffen hatte, daß ſie nicht allein ihren Sohn lieben, ſondern daß ſie ihn auch tröſten müßte. Das Haus von Aubry's Mutter ging auf das Feld hinaus; man war aber in den erſten Tagen des De⸗ cembers, und es flogen die letzten vergilbten Blätter beim Hauche des Windes davon. Es hatte die Na⸗ tur die poetiſche und goldene Tinte des Herbſtes ganz und gar verloren. Die großen Bäume ſchauer⸗ ten wie Kranke, die Nichts mehr auf ihre abge⸗ magerten Glieder zu legen haben, und es ſuchte an dem ganzen ungeheuren Horizont das Herz vergebens ein Plätzchen, wo es hätte ausruhen können. Der moraliſche Schmerz iſt dem phyſiſchen darin ähnlich, daß der, welcher ihn empfindet, ihn unauf⸗ hörlich reizt und verſchlimmert, anſtatt ihn zu beruhi⸗ gen zu ſuchen. Die Natur hat ſogar in das Ueber⸗ maß des Leidens eine gewiſſe Wolluſt gelegt, gleich⸗ wie ſie dem Uebermaße des Vergnügens ein Leiden beigeſellt hat. So war denn auch Paul, der einige Zeit vorher ſich noch gefragt hatte, ob er Marcelline liebte, gewiß, daß er ſie liebte, ſeitdem er glaubte, daß ſie Maximilians Geliebte geweſen. Gleich einem gewöhnlichen Menſchenkinde hatte er bei ſich ſelbſt ſagen können: Da dieſe Frau nun einmal einem Andern gehört hat, ſo kann ſie wohl auch die mei⸗ nige werden, und das um ſo leichter, da ich Herr ihres Geheimniſſes bin. Aber es hatte Paul ein —ͦ— m⸗ das em die ren zte. eld De⸗ ter Na⸗ tes ger⸗ ge⸗ an ens rin nuf⸗ ihi⸗ ver⸗ ich⸗ den nige line bte, nem lbſt nem mei⸗ Herr ein 147 viel zu ehrliches Herz, als daß er hätte ſo denken können; und ohne daß er es ſich auch nur hätte ein⸗ fallen laſſen, ſo zu calculiren, gefiel er ſich in der Unmöglichkeit, die er in ſich ſelbſt und nicht in ihr ſuchte. Ohne den Zwiſchenfall mit dem Ringe, ohne Diana's Lüge hätte Paul in Marcellinen immer noch das erblickt, was ſie wirklich war, das heißt, eine rechtſchaffene Frau in dem einfachſten und bürger⸗ lichſten Sinne des Wortes; er hätte ihr Porträt fertig gemacht und ſich früher oder ſpäter, über den Eindruck ſiegend, den ſie auf ihn hervorgebracht, ſich geſagt: Dieſe Frau hätte ich aber recht lieben können! Die Natur, welche Paul umgab, war, wir wieder⸗ holen es, nicht geeignet, ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Die Natur war in dieſem Augen⸗ blicke ein düſterer Rahmen zu einem düſteren Ge⸗ mälde. Und weder ſeiner Mutter noch ſeiner Schwe⸗ ſter konnte er ſeine Seelenkrankheit vertrauen, ſo daß er dieſer zweifachen Liebe weh that, ohne ſelbſt zu geſunden. Eines Abends hatte Paul die Zeit länger gefun⸗ den und war trauriger denn ſonſt geweſen; es hatte der Regen keinen Augenblick aufgehört, und ſo war er denn, Arbeit vorſchützend, oben im mütterlichen Hauſe auf ſeinem Zimmerchen geblieben. In einem jener Augenblicke, wo die Vernunft über die Raſch⸗ heit des Herzens Nichts vermag, wo das an einem immer wiederkehrenden Gedanken ſich verzehrende Herz nach einem Trunke lechzt, und wäre auch die Quelle, an der es ſeinen Durſt ſtillt, vergiftet, fühlte Paul 148 mit einem Male das Bedürfniß, nach Paris zurück⸗ zukehren, ſowie ein brennendes Verlangen, Marcel⸗ line wieder zu ſehen, was immer daraus entſtehen möchte. Sodann fragte er ſich muthlos, was es ihm nützen würde, daß er dieſe Frau wieder ſähe; und doch mußte er um jeden Preis mit ihr in irgend einer Weiſe wieder in Verbindung kommen. Kurz, ohne je dieſer Frau geſagt zu haben, daß er ſie liebe, konnte er dem Verlangen nicht widerſtehen, ihr Vor⸗ würfe darüber zu machen, daß ſie einen Andern ge⸗ liebt, wie wenn er ein Recht gehabt hätte, ſie über ihre Aufführung zur Rechenſchaft zu ziehen. Man ſieht leicht, daß das Herz des jungen Man⸗ nes zu voll war, als daß es nicht hätte ſuchen ſollen, ſich auszuſchütten. Ganz mechaniſch zog er ſo einen Bogen Papier zu ſich her, und während der Regen an ſeine Fenſterſcheiben ſchlug, ſein Kopf auf die linke Hand geſtützt und von der Wucht jener unbe⸗ ſtimmten Traurigkeit niedergedrückt war, deren die Seele ſich um jeden Preis zu entledigen ſucht, fing er beim Schein einer Lampe zu ſchreiben an: „Madame! „Verzeihen Sie mir, daß ich ſo an Sie zu ſchrei⸗ ben wage; aber ich leide, und es ſcheint mir, ich werde einige Erleichterung finden, wenn ich mich bei Ihnen über Sie ſelbſt beklagen darf. „Nenlich haben Sie in meiner Gegenwart von der Marquiſe von Lys einen Ring zurückverlangt, den Sie ihr geliehen hatten. Jenes Wort, das Sie ausſprachen, ohne den Einfluß zu ahnen, den es auf mich haben mußte, hat mir ein Myſterium geoffen⸗ bart, das ich noch nicht kannte und um das ich nie 1⁴9 hätte wiſſen mögen. Jenen Ring haben Sie in mei⸗ ner Wohnung liegen laſſen; Tags darauf haben Sie Marimilian zu mir geſchickt, um ihn zu holen. Ohne Zweifel haben Sie dieſe ſo kleine Sache ſchon längſt vergeſſen; aber als ich ſo hörte, wie Sie den Ring zuruͤckverlangten, und als ich ſo in Ihnen die Per⸗ ſon erkannte, welche Maximilian in meiner Wohnung zu empfangen pflegte, da fühlte ich mich recht un⸗ glücklich. „Warum haben Sie doch geliebt und ich es er⸗ fahren? Warum hat Gott es zugegeben, daß ich Ihrer Liebſchaft förderlich war, und warum hat er mich darum wiſſen laſſen, nur um mich zum Opfer zu machen? „Hätte ich, als ich Sie zum erſten Male ſah, gewußt, wer Sie waren, ſo hätte ich mein Herz nicht den Weg verfolgen laſſen, der es zu Ihnen hinzog; ich hätte Sie nicht geliebt, denn ich würde in Ihnen nur eine gewöhnliche Frau erblickt haben, während ich Sie nun liebe und das unglücklichſte der Geſchöpfe bin, die in dieſem Augenblick leiden. Was will ich mit dieſem Briefe? ich weiß es ſelbſt nicht. Wozu dieſes mit Vorwürfen untermiſchte Geſtändniß? ich weiß es nicht. Nur geht daraus hervor, Madame, daß ich unendlich leiden muß, da ich ſo an Sie ſchreibe. „Ohl wenn Sie es wüßten! Ich habe Paris verlaſſen, ich habe mein Zimmer geflohen, wo ich unaufhörlich die Spuren Ihrer Liebe zu einem An⸗ dern fand. Ich weiß weder was ich will, noch was ich thue, indem ich an Sie ſchreibe. Nur glaube ich, daß ich mich vielleicht unendlich glücklich ſchätzen 150 würde, wenn plötzlich einige Zeilen von Ihnen in meine Einſamkeit drängen, und wenn Sie meinen Kummer ſo weit begriffen, daß Sie mir ſchrieben, und wären es auch nur einige Worte des Tadels.“ Aubry's Brief war, wie man ſieht, etwas när⸗ riſch; als er damit fertig geworden, ſchaute er ihn an, jedoch ohne ihn noch ein Mal zu leſen. Inſtinkt⸗ mäßig fühlte er, daß, wenn er ihn noch ein Mal läſe, er ihn nicht abgehen laſſen würde; in aller Eile ſchrieb er Marcellinens Namen und Adreſſe auf den Umſchlag; dann ſiegelte er den Brief und trug ihn, trotz des ſtrömenden Regens, ſelbſt auf die Poſt, da⸗ mit er gleichſam keinen Grund mehr hätte, ihn nicht abzuſchicken. Erſt dann, als er auf das, was er gethan, nicht mehr zurückkommen konnte, begriff er die ganze Größe ſeines Fehlers. Anfangs, als er ſich der Ausdrücke ſeines Briefes zu entſinnen ſuchte, wollte ihm ſolches nicht gelingen; wenn er ſie aber auch allmählig wie⸗ der fand, ſo mußte er ſich doch geſtehen, daß ſein Brief das Werk eines Wahnſinnigen ſei; dann ſagte er ſich auch noch, daß es gar nicht edelmüthig von ihm ſei, Marcellinen die Röthe der Scham auf die Wangen zu treiben, und ſo einen Platz einzunehmen und eine Rolle zu ſpielen in einem Liebesverhältniſſe, das ſie ſo geheim gehalten und das ſein Freund ſelbſt nicht ihm enthüllt. Und nun blieb ihm nichts Anderes mehr übrig, als auf ein Pferd zu ſpringen, nach Paris zu jagen und den Briefträger an Frau De⸗ launay's Thüre zu erwarten, um dieſen dummen Brief wieder heraus zu bekommen. Unterdeſſen war der Brief auf dem Wege nach 151 Paris, und zwar ſo ruhig und ſtill, als ob er ein ganz einfacher Geſchäftsbrief geweſen wäre, und als ob nicht zwiſchen deſſen vier Falten die Ehre und der Frieden einer Frau geſteckt hätten. Zwei Tage darauf trat der Briefträger in ein Haus der Vaugirardſtraße, welches mit Numero 3 bezeich⸗ net war. „Ein Brief von Tours, an Frau Delaunay,— acht Sous,“ ſprach er. Gerade in dieſem Augenblicke kam Herr Delaunay die Treppe herab. Er nahm den Brief, den man für ſeine Frau gebracht. „Ein Brief von Tours!“ ſprach er, Poſtzeichen und Couvert betrachtend.„Wen, zum Henker, ken⸗ nen wir zu Tours?“ Und wieder die Treppe hinaufgehend, trat er in das Zimmer ſeiner Frau. „Schau“,“ ſagte er zu ihr,„da iſt ein Brief an Dich.“ Marcelline nahm den Brief und ſchaute ihn einige Augenblicke an. „Du kennſt alſo zu Tours Jemand?“ fragte der Gatte, zwar ohne alles Mißtrauen, aber doch mit einem Gefühle ganz natürlicher Neugierde. „Lediglich Niemand,“ antwortete Marcelline, den Brief entſiegelnd,„es iſt mir ſogar die Handſchrift unbekannt.“ Und alsbald ſah ſie nach der Unterſchrift. „Ei, ſieh doch! er iſt von Herrn Paul Aubry, der mich gemalt hat. Was mag er wohl uns zu ſagen haben? Lies doch!“ Marcelline reichte Herrn Delaunay das Papier 152 hin. Wir glauben das Staunen des Letzteren nicht erſt ſchildern zu müſſen, als er dieſen Brief geleſen. Er ſah ſeine Frau an, die ganz ruhig ſich wieder an ihre Straminſtickerei gemacht hatte. „Wer iſt der Herr Maximilian?“ fragte er. „Es iſt der junge Mann, der an Diana zu ſchreiben pflegte. Iſt in dem Briefe von ihm die Rede?“ „Da lies Du ſelbſt!“ verſetzte Herr Delaunay, das Papier ſeiner Frau überreichend. Dieſe ſchlug die Augen auf und ſah, wie ihr Mann marmorweiß war. „Was iſt Dir denn?“ ſagte ſie zu ihm. „Ohl Nichts. Lies aber ſelbſt!“ Und Marcelline nahm den Brief und las. „Was ſoll das heißen?“ rief ſie plötzlich mit Thränen der Scham in den Augen.„Die vermale⸗ deite, die unverſchämte Epiſtel!“ „Du ſchwörſt mir,“ ſprach Herr Delaunay weiter, „daß Du dieſem jungen Manne lediglich keinen An⸗ laß gegeben, alſo an Dich zu ſchreiben?“ „Ich ſchwöre es, mein Freund.“ „Was iſt denn das für ein Ring, wovon er in ſeinem Briefe ſpricht?“ „Diana iſt auch daran Schuld.“ „Was hatte ich Dir geſagt! Hatte ich Dir nicht prophezeit, daß Du noch Deine allzu große Gefällig⸗ keit zu bereuen haben würdeſt?“ „Es wußte aber Diana offenbar nicht, was ſie that.“ „Was hat ſie gethan? Sag' mir es doch!“ Und es erzählte nun Marcelline ihrem Manne, 153 wie die Marquiſe ſie gebeten, vor Herrn Aubry einen Ring, als ihr gehörig, zurückzuverlangen. „Wie kannte denn aber Herr Paul Aubry dieſen Ring?“ „Wie es ſcheint, ſo hatte Diana ihn einmal in ſeiner Wohnung liegen laſſen.“ „Sie ging alſo zu ihm?“ „In ſeiner Wohnung pflegte ſie mit Maximilian zuſammen zu kommen.“ „Du hatteſt mir das nie geſagt. Wie dem nun aber auch ſein mag, ſo viel ſteht feſt, daß dieſer junge Mann Dich liebt.“ „Es ſcheint ſo,“ antwortete Marcelline im natür⸗ lichſten Tone von der Welt. „Du aber, liebſt Du ihn?“ Marcelline blickte ihren Mann lachend an. „Du biſt närriſch,“ ſprach ſie. „Es konnte alſo nie ein Wort von Dir Herrn Aubry zu dem ermächtigen, was er in dieſem Augen⸗ blicke thut?“ „Nie; im Uebrigen iſt das aus ſeinem Briefe leicht erſichtlich.“ „Du weißt, daß ich Dir immer blindlings glaube, Marcelline,“ ſprach Herr Delaunay, die Hände ſei⸗ ner Frau ergreifend und ihr einen Kuß gebend,„und ein großer Theil meiner Liebe hat ſeinen Grund in meinem Vertrauen. Du mußt aber wohl einſehen, daß von heute an alle Beziehungen zwiſchen Dir und Deiner Freundin aufhören müſſen. Soll ich Dir ſagen, was eben jetzt geſchieht?“ „Sprich!“ „Nun, es iſt Frau von Lys, deren Liebhaber 154 vor acht Tagen abgereist iſt, in Herrn Paul Aubry verliebt.“ „Das iſt unmöglich.“ „Herr Paul Aubry wird den von ihm gefunde⸗ nen Ring am Finger der Marquiſe geſehen, und, da⸗ mit ihr neuer Liebhaber ihr Nichts vorzuwerfen habe, wird ſie Dir das Abenteuer aufgebürdet haben. Du wirſt, eben als Herr Paul dort war, gekommen ſein, und um ihn noch mehr zu überzeugen, wird ſie Dich haben ſagen laſſen, was Du geſagt.“ „Warum ſchreibt dann aber Herr Paul an mich?“ fragte Marcelline treuherzig. „Weil,“ verſetzte Herr Delaunay,„die Marquiſe vielleicht in ihn, er aber in Dich verliebt iſt. Für jetzt haben wir noch Nichts, als Unklugheiten zu be⸗ dauern; ſpäter aber könnte Dein Ruf unter dieſer Berührung leiden. Mag Deine edelgeborne und ſchöne Freundin ſich ſo viele Excentricitäten zu Schulden kommen laſſen, als ſie immer will, miſch' nur Du Dich nicht mehr darein!“ Marcelline küßte ihren Mann mit den Worten: „Sei ganz ruhig!“ „Und nun,“ ſprach der Letztere, indem er nach ſeinem Hute griff,„gehe ich, denn, wie Du weißt, ſo ſollte ich heute ſchon früh ausgehen.“ Herr Delaunay ging aus, ſeiner Frau eben ſo gewiß, als er vor einer Stunde, als er ſtets es geweſen. Als Marcelline allein war, ſprach ſie bei ſich ſelbſt: „Ich kann mit Diana nicht brechen, ohne ihr die Gründe dieſes Bruchs anzugeben, Gründe, die 15⁵ ſie zu würdigen wiſſen wird, da ſie gut, wenn auch ein bischen närriſch iſt.“ Sie ſchrieb alſo an die Marquiſe, und wie man ſogleich ſehen wird, war ihr Brief ſo, wie er ſein ſollte. „Liebe Diana!“ ſagte ſie,„faſt hätteſt Du, ohne es zu wollen, viel Unheil angerichtet mit dem Ringe, den ich, vor Herrn Aubry, von Dir zurückverlangen mußte. Ich habe es gethan, ohne die Sache zu verſtehen, und ſelbſt noch jetzt verſtehe ich ſie nicht, trotz des Briefes, den ich eben erhalten, und den ich beiſchließe. So viel iſt gewiß, daß Herr Delaunay, dem der Brief in dem Augenblicke, wo er ankam, in die Hände fiel, mich, wenn auch nur kurze Zeit, beargwohnen konnte. Du weißt, liebe Diana, wie ſehr ich Dich liebe, denn ich weiß, wie gut Dein Herz iſt; aber ich darf nicht vergeſſen, daß ich einen Mann habe, den ich glücklich machen, und dem ich zuweilen alles Andere, was mir lieb und theuer ſein kann, opfern muß. Du wirſt mir daher nicht böſe ſein, wenn Du mich von nun an nicht mehr ſo oft ſiehſt, wie bisher. „Meine herzlichſten Küſſe.“ Marcelline fügte noch ihren Namen bei und ſchickte den Brief, welchem ſie noch den Pauls bei⸗ legte, der Marquiſe. Dieſe begriff alsbald die üblen Folgen, welche ihre Unbeſonnenheit hätte haben kön⸗ nen und ſchrieb in einem plötzlichen Anfluge von Reue und mit derſelben Unbeſonnenheit, welche ein Grundzug ihres Charakters war, an Paul, ihn bit⸗ tend, daß er ſie, ſobald er wieder nach Paris zu⸗ 156 rückkäme, beſuchen möchte, indem ſie ihm eine wich⸗ tige Mittheilung zu machen hätte. Aubry, der, ſeit er an Marcelline geſchrieben, voller Unruhe war, ſprang vor Freude auf, als er den Brief der Marquiſe bekam. „Sie wird es nicht gewagt haben, mir zu ant⸗ worten,“ dachte er;„ſie wird ihre Freundin in's Vertrauen gezogen und dieſelbe gebeten haben, an mich zu ſchreiben.“ Und auf der Stelle ſuchte er ſeine Mutter auf, um ihr anzukündigen, daß er nicht mehr länger bleiben könne. „Du haſt alſo einen Brief von ihr bekommen?“ fragte ihn ſeine Mutter, ihm einen Kuß gebend. „Du wußteſt alſo...?“ „Erräth denn eine Mutter nicht Alles? Nun geh' immerhin, lieber Sohn! Möge der Herr Dir alles geben, um was Du ihn bitteſt; und vergiß nie, daß man, wenn man traurig iſt, bei ſeiner Mutter Troſt ſuchen muß.“ Eine Stunde darauf war Paul ſchon auf dem Wege nach Paris. Als die Marquiſe den letzten Brief an den Ma⸗ ler geſchrieben, hatte ſie ſich nicht allein von den Rathſchlägen ihrer Reue leiten laſſen, ſondern hatte auch ein bischen dem Wunſche, Paul wieder zu ſehen, nachgegeben. „Es bleibt mir noch ein letztes Mittel,“ hatte ſie bei ſich ſelbſt geſagt,„und dieſes iſt, daß ich ſo offen bin, wie nur immer eine Frau es ſein kann. Da es mir mit der Lüge nicht geglückt iſt, ſo wird es mir vielleicht mit der Wahrheit glücken.“ in mackh ren Gru Aub ſich beke der dare bei eine „gr eine ähn dieſ quif wol dan lieb mil 157 In Paris angekommen, ging der Maler alsbald in ſeine Wohnung, wo er ſich ankleidete. Dann machte er der Marquiſe ſeine Aufwartung. Es wa⸗ ren Beide bewegt, jedoch nicht aus dem gleichen Grunde. „Hören Sie mich einen Augenblick an, Herr Aubry,“ hob Diana an, indem ſie den Maler neben ſich Platz nehmen ließ:„ich habe Ihnen Etwas zu bekennen.“ Es zitterte die Stimme der Marquiſe. „Ich bin ganz Ohr, Madame,“ antwortete Paul, der alsbald wiſſen wollte, wie er mit Marcellinen daran wäre, und ſich überzeugt hielt, daß ſein Brief bei dem Geſtändniſſe, wovon die Marquiſe ſprach, eine große Rolle ſpiele. „Sie hatten neulich,“ fuhr Frau von Lys fort, „großen Kummer, als Sie hörten, wie Marcelline einen Ring von mir zurückverlangte, welcher dieſem ähnlich war.“ Zu gleicher Zeit zeigte ſie Paul ihren Ring, den dieſer für den Ring halten konnte, welchen die Mar⸗ quiſe nach dem Muſter des andern beſtellt haben wollte. „Es iſt das wahr, Madame.“ „Sie lieben alſo Marcelline.“ „Ich bin unglücklich, ſonſt weiß ich Nichts, Ma⸗ dame; denn es gibt Tage, wo ich ſie wirklich nicht liebe.“ „Und welches ſind dieſe Tage?“ „Die Tage, wo ich mich erinnere, daß ſie Mari⸗ milian geliebt.“ 158 Diana fuhr zuſammen und wußte nicht, ob ſie fortfahren ſollte. Nach einer Pauſe hob ſie wieder an: „Nun, hier eben beginnt mein Bekenntniß: Mar⸗ celline hat Maximilian nie geliebt.“ „Nie!“ rief Paul voller Freude. „Nie. Sie hat ihn ſogar nie geſehen.“ „Wie verhält es ſich dann aber mit dem Ringe, den ſie von Ihnen zurückverlangte?“ „Der Ring gehörte ihr nicht, denn hier iſt er.“ „Dieſer Ring alſo... 2“ „Gehörte mir.“ „Ihnen, Madame?“ „Oh! Sie täuſchen mich, Frau Marquiſe, und opfern ſich für Frau Delaungy.“ „Welches Intereſſe hätte ich aber, mich für Mar⸗ celline zu opfern?“ „Wenn Letztere Sie darum gebeten hätte, Ma⸗ dame.“ „Glauben Sie denn, es ſei der gute Ruf einer Frau ſo wenig werth, daß ſie geſtehe, einen Andern, denn ihren Mann, geliebt zu haben, wenn die Wahr⸗ heit ihr nicht eine Pflicht aus dem Geſtändniſſe machte? Ich ſage es Ihnen noch ein Mal, mein Herr: Marcelline kennt Maximilian nicht.“ „Alſo...2“ fragte Paul unſchlüſſig und Diana anſchauend. „Alſo hatten Sie ſich nicht geirrt, mein Herr, als Sie zum erſten Mal hierher kamen und an meinem Finger den Ring wieder erkannten, den Sie in Ihrer Wohnung gefunden.“ „Verzeihen Sie mir alle dieſe Fragen,“ ant⸗ ſie tar⸗ 159 wortete Paul;„warum legen Sie denn aber dieſes Geſtändniß ab, um das ich Sie nicht gebeten?“ „Weil Sie eine unſchuldige Frau jenes Liebes⸗ verhältniſſes beſchuldigten.“ „Frau Delaunay hat Ihnen alſo geſagt...24 2 dai Sie ihr geſchrieben; und da liegt Ihr rief. „Und ſie hat ſonſt Nichts beigefügt?“ „Nichts, als dieſen andern Brief, den ſie an mich gerichtet und den Sie leſen können.“ Aubry las Marcellinens Brief. „Herr Delaunay iſt alſo,“ ſprach er,„hinter die Sache gekommen?“ „Glücklicher Weiſe,“ ſetzte Diana hinzu,„weiß derſelbe, daß ſeine Frau ihn nie hinter's Licht füh⸗ ren wird.“ Es hatte Frau von Lys dieſe Phraſe in einem Tone ſo entſchiedener Ueberzeugung geſprochen, daß der Maler alle die Träume, denen er unterdeſſen ſich hingegeben, mit einem Mal dahinſchwinden ſah. Es trat ein Schweigen von etlichen Minuten ein, während deſſen Diana mit brennender Neugierde die Augen auf Aubry geheftet hielt. „Es bleibt mir alſo nur noch übrig, Sie um Verzeihung zu bitten, Madame,“ hob Paul wieder an. „Und weßhalb?“ „Daß ich Sie mit Ihrer Freundin entzweit. Aber ſagen Sie mir doch noch: warum verlangte Frau Delaunay in meiner Gegenwart den Ring von Ihnen zurück?“ „Weil ich, als ich ihr bis an die Thüre entge⸗ genging, ſie darum gebeten hatte.“ „Und welches Intereſſe hatten Sie, Madame, mich glauben zu laſſen, daß der Ring Frau Delaunay gehöre?“ d „Ich dachte eben, daß Sie mich nicht mehr im d Verdachte hätten, ſobald Sie das glaubten.“ m „Warum aber lag Ihnen ſo viel daran, Ma⸗ dame, die Feldergemälde durch mich machen zu d laſſen?“ S Und nun war es an Paul, die Augen brennend 5 auf die Marquiſe zu heften. „Weil,“ antwortete Diana, die trotz ihrer Ge⸗ d müthserregung ihr Herz nicht ganz auſſchließen 1 wollte,„weil ich wußte,— zürnen Sie mir nicht wegen deſſen, was ich jetzt ſage,— daß Arbeit Ih⸗ d nen erwünſcht ſein müßte.“ 3 Paul erröthete bei dieſem Worte, das er kaum* erwartet hatte. p „Es war alſo, Madame, ganz ſo, wie ich gedacht, he das heißt, Sie wollten mir meine Gaſtfreundſchaft 6 bezahlen?“ „Nein,“ beeilte ſich die Marquiſe zu ſagen; fe „Sie irren ſich, mein Herr: es war nicht das.“ „Was war es dann?“ im „Die Sympathie, die ich für Sie fühlte, gepaart da mit dem Wunſche, daß Sie mich zu Ihrer Freundin machen möchten. Ich weiß, daß Sie ein edles Herz de haben, und es lag mir an Ihrer Achtung, wie an wi Ihrer Freundſchaft.“ ſie Hierauf ließ ſich natürlich Nichts antworten. Ein ver ſcharfſichtigerer oder eitlerer Menſch, als Paul, hätte V ſor ſogar den Gedanken der Marquiſe errathen, der unter den Worten dieſer Phraſe verborgen lag. 161 Aubry ſtand auf, ergriff Diana's Hand und ne, ſprach: ay„Ich danke Ihnen, Madame, für das Vertrauen, — das Sie mir in dieſer Sache bewieſen. Sobald ich dieſe Thüre hinter mir geſchloſſen, weiß ich Nichts —„ mehr davon.“ 9 Sodann nahm er auf dem Kaminſimſe den Brief, den er an Marcelline geſchrieben, und warf ihn in's Feuer. end„Und was werden Sie nun thun?“ fragte Diana. He⸗„Ich will die Hoffnungen zu vergeſſen ſuchen, denen ich Raum gegeben, und will machen, daß man zen mir das Unheil, das ich angerichtet, verzeiht.“ cht„Werden Sie mich auch ferner beſuchen?“ fragte Wb⸗ die Marquiſe in ſchüchternem und faſt flehendem Tone. um„Ja, Madame, aber erſt ſpäter,“ antwortete Paul, der nun anfing zu begreifen, um was es ſich die handelte;„denn ich glaube, es könnte das jetzt einem von uns, ja vielleicht uns Beiden Unglück bringen.“ 4 Es küßte der Maler Diana's Hand und ent⸗ en; fernte ſich. Zehn Minuten darauf trat die Kammerjungfer in das Boudoir, zog ſich aber alsbald wieder zurück, art da ſie die Marquiſe in Thränen gebadet ſah. din Was Paul betrifft, ſo ſchrieb er, ſobald er wie⸗ erz der zu Hauſe war, an Marcelline einen rückhaltloſen, an würdevollen Brief, worin er ſie inſtändig bat, daß 4 ſie ihm den Fehler, deſſen er ſich ſchuldig gemacht, Ein verzeihen möchte. Er verlangte keine Rückantwort, ätte ſondern erſuchte Frau Delaunay bloß, daß ſie das iter Dumas d. J., Diana von Lys. 11 162 Geſchehene vergeſſen möchte. Sodann fing er wieder an, vom Morgen bis an den Abend zu arbeiten. Was Diana betrifft, ſo ſpielte ſie nicht mehr mit ihren Gefühlen, denn ſie war nun nicht länger auf dem Punkte, ſich erſt zu fragen, ob ſie Paul liebe. Alle Gefühle, welche einem Weibe als Rath⸗ geber zur Seite ſtehen, hatten ſich vereinigt, um der Marquiſe zu rathen, daß ſie Aubry lieben ſollte, und es war bei ihr die Liebe zu einer wahren Leiden⸗ ſchaft geworden, einer Leidenſchaft, welche noch ge⸗ ſteigert wurde durch die Beharrlichkeit, womit Paul ſie nicht begreifen zu wollen ſchien, ſowie durch die Beweiſe von Biederkeit, die er tagtäglich lieferte. Diana ſah ein, daß ſie in einem ſo bangen Zu⸗ ſtande entſchieden nicht länger leben könne, ſowie daß dieſe ihre Liebe, wenn ſie ſie nicht heftig be⸗ kämpfte, ſie noch zu irgend einem Acte der Thorheit treiben würde. Sie reiste alſo ab, um ſich mit dem Marquis wieder zu vereinigen, hinterließ jedoch, daß man den Namen aller Perſonen aufzeichnen ſollte, welche während ihrer Abweſenheit nach ihr fragten. Durch die Langweile eine Leidenſchaft bekämpfen wollen, heißt ein gar ſchlechtes Mittel wählen, um den Sieg über dieſelbe davon zu tragen. Schon nach vierzehn Tagen kam die Marquiſe mit Herrn von Lys wieder zurück. Noch vierzehn Tage, und ſie wäre in dem großen, im Berri gelegenen Schloſſe geſtorben, das den Marquis mit einem Mal die Luſt angekommen war, wiederherſtellen zu laſſen. Diana durchlief die Liſte der Perſonen, die un⸗ terdeſſen ſie hatten beſuchen wollen. Sie fand dar⸗ unter aber Pauls Namen nicht. —;— 4 „- —— ¼—+½ - 163 Es fingen die Abendgeſellſchaften und die Bälle an. Frau von Lys empfing jeden Mittwoch. Sie ließ auch dem Maler ein Einladungsſchreiben zu⸗ gehen; derſelbe gab aber immer nur ſeine Karte ab und erſchien beharrlich nicht. Es geſtaltete ſich dem⸗ nach die Sache zu einem wahren Kampfe. In den Augen der Marquiſe verrieth Aubry's Benehmen mehr denn Gleichgültigkeit: es verrieth Geringſchätzung. „Ich will, daß er mich liebe, und ſei es auch bir eine Stunde lang!“ ſprach ſie endlich bei ſich ſelbſt. So weit waren die Sachen gediehen, als die Bälle der großen Oper wieder anfingen und Paul nachſtehendes Billet bekam: „Finden Sie ſich heute, den 10. Januar, auf dem Ball der großen Oper, zwiſchen zwölf und ein Uhr, ein. Gehen Sie im Gange der zweiten Ga⸗ lerie auf und ab: es wird Sie dort Jemand ſuchen, den Sie vielleicht froh ſein werden, wieder zu ſehen.“ Um ein Uhr redete eine Dame in einem Do⸗ mino von ſchwarzem Atlaß und mit einer Maske, woran Sammtbänder waren, Paul an dem bezeich⸗ neten Orte an; er ſelbſt ſprach mit ihr in jener vertraulichen Weiſe, welche die ganze Originalität ſolcher Reunionen ausmacht und eine Frau von Stand noch beſſer maskirt, als alle Capuzen und Masken. „Du biſt pünktlich,“ ſprach alſo die maskirte Dame mit zitternder und unkenntlicher Stimme. Paul ſuchte das dreifache Myſterium der Maske, 164 des Domino's und der Stimme, wenn auch ver⸗ gebens, zu ergründen. „Ich will Dir nur gleich ſagen,“ antwortete Paul, den Arm der Unbekannten nehmend,„daß ich nie auf die Bälle der großen Oper gehe.“ „Und warum ſagſt Du das?“ „Damit Du mir verzeihſt, wenn ich mich da dumm anſtelle.“ „In der That, Du ſcheinſt Dich zu langweilen. Soll ich Dich verlaſſen?“ „Keineswegs. Aber ſehen wir nun, was Du mir mitzutheilen haſt! Wer biſt Du?“ „Wie geſchwind es bei Dir geht!“ „Sag' mir wenigſtens Eines!“ „Du ſollſt Beides erfahren; aber kannſt Du nicht ſchon jetzt errathen, wer ich bin?“ „Nein, ſo wahr ich lebe.“ „Such' einmal recht; ſchau' mich an!“ „Ich ſchaue Dich an.“ „Nun?“ „Nein, ich kenne Dich nicht.“ „Gib mir die Hand!“ Und es legte die Unbekannte Pauls Hand auf ihr Herz. „Was fühlſt Du da?“ fragte ſie. „Dein Herz, das heftig ſchlägt.“ „Welches iſt die Frau, deren Herz ſo in Deiner Nähe ſchlagen kann?“ „Es lebt nur Eine auf dieſer Welt,“ antwortete Paul, der Etwas zu muthmaßen anfing;„die aber iſt jetzt weit fort.“ „ ——— cht auf tete ber 165 „Kann man denn nicht zurückkommen, ſelbſt wenn man weit fort iſt?“ „Bertha!“ rief Paul. „Wer weiß?“ „Das iſt unmöglich.“ „Würde es Dir Freude machen, ſie wieder zu ſehen?“ „Ja. Unter allen Frauen, die ich kenne, iſt ſie diejenige, deren Hand ich am Liebſten berühren möchte.“ „Es iſt das recht höflich gegen mich, wenn ich nicht Bertha bin.“ „Wer biſt Du dann?“ „Julie.“ „Oh nein!“ „Wohlan! ich bin Jemand, der Dich liebt, der aber, bevor er Dir ſagt, wer er iſt, wiſſen will, was er von Dir zu halten hat, und ob Du ſonſt Nie⸗ mand liebſt. Sprich frei heraus, wer immer mit Dir ſprechen mag, die Vergangenheit oder die Zu⸗ kunft!“ „So frag'!“ „Liebſt Du Bertha immer noch?“ „Das weiß ich nicht. Vielleicht ja, vielleicht nein.“ „Meinen Dank für dieſes Wort! Haſt Du ſeit⸗ dem eine andere Liebſchaft gehabt?“ „Ich glaubte es eine Zeit lang.“ „Und wer war die Perſon?“ „Ohl es iſt das ein wahrer Roman.“ „So erzähl' mir ihn; Romane liebe ich über alle Maßen.“ 166 Und der Maler erzählte, jedoch ohne Anführung eines Namens, was der Leſer bereits weiß. „Wie mir ſcheint,“ ſprach die Unbekannte, als er zu Ende war,„ſo exiſtirt eine Marquiſe, die in dieſem Roman eine gewiſſe Rolle ſpielt?“ „Ja.“ „Was iſt aus ihr geworden?“ „Ich weiß es nicht.“ „Du haſt ſie alſo nicht mehr geſehen ſeit dem Tage, wo ſie Dir die Wahrheit geſtanden?“ „Nein.“ „Was hat Dich daran verhindert?“ „Das mag ich Dir nicht ſagen.“ „Warum?“ „Weil Du mich auslachen würdeſt.“ „Ich ſehe nun vollkommen, daß Du mich nicht kennſt.“ „Du biſt alſo nachſichtig?“ „Vor Allem gegen Dich. Nun?“ „Nun,“ verſetzte Paul, die Augen ſeines Do⸗ mino's ſcharf fixirend,„ich glaubte eben Etwas wahrgenommen zu haben.“ „Was denn?“ „Daß dieſe,Jrau verliebt ſei in...“ „I...2 „Aber ich werde, wenn ich es ſage, wie ein Geck erſcheinen.“ „Heraus damit!“ „In mich.“ „Es wäre das nicht zum Verwundern. Du biſt jung, Du haſt Geiſt und Herz, alſo mehr denn ge⸗ nug, um ſogar die Eroberung einer Marquiſe zu 4 167 ng machen. Ich, glaub' es mir, ich liebe Dich gar warm. Jedoch ſcheint mir, daß eben das, was Du als vermutheteſt, hätte ein weiterer Grund für Dich ſein in ſollen, die Marquiſe auch ferner zu beſuchen.“ „Nein, denn ich liebte die Frau nicht.“ 2„Was thut das?“ entgegnete der Domino mit einer gewiſſen Gemüthserregung, die eben ſo wohl von Freude als von Unruhe zeugen konnte. em„Ich ſehe ſchon, Deine Moral iſt eben keine ſehr ſtrenge.“ „Du liebteſt alſo die Frau nicht?“ „Nein. Und doch...“ „Ahl es kommt ein doch?“ „Doch muß ich ſagen, daß dieſe Liebe mir ſchmei⸗ chelte; und es fehlte wahrlich wenig, ſo hätte ich ſie cht pf geliebt. Du ſiehſt, ich bin offen.“ „War ſie ſchön?“ ◻ο 44 „Ja. „Jung?“ do„. as„Da hätteſt Du öfter hingehen ſollen.“ „Ich habe gar oft daran gedacht, aber ſchau', ich habe einen gar ſeltſamen Charakter: ich hätte die Frau unglücklich gemacht.“ 4.„Warum?“ eck„Ich hätte das Schauſpiel jener Zuſammenkünfte, die ſie mit ihrem Liebhaber hatte, ſtets vor Augen gehabt.“ „Das iſt wahr; und dann liebteſt Du auch die iſt Andere.“ 1„Ich glaubte mehr, ſie zu lieben, als ich ſie zu wirklich liebte.“ 168 „Iſt das Dein Ernſt?“ „Welches Intereſſe hätte ich, Dich zu täuſchen? Uebrigens,“ fuhr Paul fort,„hatte ich noch einen Grund, auf ein Liebesverhältniß mit der Marquiſe mich nicht einzulaſſen.“ „Darf ich denſelben vielleicht wiſſen?“ „Mein Gott! ja; es war die Verſchiedenheit un⸗ ſerer beiderſeitigen Stellung. Die Marquiſe war eine zu vornehme Dame; nimmermehr hätte ſie die Vertraute meines Künſtlerlebens werden können, und vielleicht wäre am Ende ihre Liebe zu einer De⸗ müthigung für mich geworden. Ganz davon zu ſchweigen, daß, wenn dieſes Liebesverhältniß bekannt geworden wäre, man gewiß behauptet hätte, es ſei von meiner Seite bloße Spekulation. Man muß die Leute in ihren gegenſeitigen Sphären ſich lieben laſſen. Ich bin zu arm, als daß ich der Geliebte einer Marquiſe ſein könnte.“ „Dieſer Gedanke verräth eine edle, ſtandhafte Seele; Du biſt der Alte geblieben.“ Und zu gleicher Zeit drückte die Unbekannte un⸗ ſerem Maler die Hand. „Du haſt wohl gethan,“ fuhr ſie nach einigen Secunden fort,„und es freut mich, Dich alſo ſpre⸗ chen zu hören.“ „Du liebſt mich alſo?“ „Ja, und zwar von ganzer Seele.“ „Und Du wirſt mir das beweiſen?“ „Sobald ich gewiß bin, von Dir geliebt zu werden.“ „Wohlan dennl ich liebe Dich.“ „Nicht wahr, wie man auf einem Maskenball * 2121228————„dSee— 7—, u 169 eine junge Frau eben liebt, die man kennen möchte? O nein, ich ſpreche von wirklicher Liebe.“ „Du erſchreckſt mich.“ „Scherze nicht, ich bitte Dich. Was ich da ſage, iſt ſo ernſt, als wenn es, anſtatt auf einem Balle geſprochen zu ſein, in einer Kirche geſprochen wäre. Ich liebe Dich, wie ich nie lieben zu können glaubte, und Du haſt mein Schickſal in Deiner Hand. Ver⸗ ſprich mir alſo, weder der Eigenliebe noch dem Mit⸗ leid zu folgen, wenn Du mich einmal kennſt; lieber leide ich alsbald, denn ſpäter, denn allzu ſpät. Schwör' mir alſo, daß Du offen und nur allein dem Zuge Deines Herzens folgen willſt, wozu daſſelbe immer Dir hinſichtlich meiner rathen mag.“ „Ich ſchwöre es.“ „Du verläſſeſt nun den Ball und gehſt heim?“ In einer halben Stunde bin ich wieder zu Hauſe.“ „Du willſt mir nicht nachgehen?“ Nein.“ „Morgen wirſt Du von mir Etwas bekommen,— Etwas, woran Du mich gewiß erkennen wirſt, und das Du auf jeden Fall behalten mußt als ein An⸗ denken von derjenigen, die es Dir geſchickt: ich will es.“ „Ich werde es behalten.“ „Wenn Du dann glaubſt, mich lieben zu können, ſo ſchreib mir, und zwar nur ein Wort,— das Wort Ja. Im anderen Falle brauchſt Du Nichts zu ſchreiben, und es iſt dann Alles aus.“ „Was wirſt Du dann thun?“ „Ich gehe fort, oder vielmehr, gehe wieder fort.“ „Auf lange?“ „Auf immer.“ „Warum willſt Du mir nicht gleich jetzt ſagen, wer Du biſt?“ „Es kann das nicht ſein. Morgen ſollſt Du es erfahren. Ueber Nacht kommt guter Rath.“ „Morgen alſo.“ Der Domino entfernte ſich raſch, als wenn er eine allzu heftige Gemüthserregung vermeiden wollte. Paul ſah ihn weggehen und murmelte: „Es iſt Bertha. Nun, iſt ſie es, ſo iſt es um ſo beſſer: ſie ſoll mir willkommen ſein; denn es iſt mein Herz zu leer und zugleich zu voll; und ich will von der Vergangenheit verlangen, was die Gegen⸗ wart mir verweigert hat.“ Sodann ging Paul nach Hauſe, konnte aber die ganze Nacht nicht ſchlafen: er dachte an ſeine frühere Geliebte, er las ihre Briefe wieder, und als der Tag erſchien, glaubte er, überzeugt, daß ſie die Maske geweſen, mit der er geſprochen, in ſeinem Herzen der Liebe noch genug wieder zu finden, um mit der Vergangenheit wieder eine Zukunft machen zu können. Wie oft hat nicht der Menſch den Reiz der Erinnerung für ein neues Bedürfniß ſeines Her⸗ zens angeſehen! Am andern Tage erſchien, um zehn Uhr Mor⸗ gens, Papa Fremy beim Maler. Der ehrliche Pförtner hielt ein Paket in der Hand und fing alſo an: „Das hat man ſo eben für den Herrn ge⸗ bracht.“ „Geben Sie her!“ —· e⸗ 171 „Ich muß die Sache ſo ausrichten, wie man mir befohlen.“ „Ich höre.“ „Der Herr iſt geſtern Abend auf dem Ball der großen Oper geweſen?“ „Ja.“ „Der Herr hatte auf dieſem Balle ein Stell⸗ dichein?“ „Ja. Wer hat Ihnen denn aber dieß geſagt?“ „Ich muß bitten, daß der Herr mich die Ord⸗ nung meiner Fragen einhalten läßt; es iſt das durch⸗ aus nothwendig, damit der Herr das Ende deſſen, was ich zu ſagen habe, verſteht.“ „Machen Sie geſchwind.“ „Der Herr weiß noch nicht, wer ihm das Stell⸗ dichein gegeben?“ „Nein.“ „Wohlan denn! Es iſt heute eine verſchleierte Dame da geweſen, die mir befohlen hat, Ihnen die⸗ ſes Paket zuzuſtellen, nachdem ich die Fragen gethan hätte, die ich eben die Ehre gehabt, an Sie zu richten.“ Und zu gleicher Zeit händigte Papa Fremy im ſtolzen Bewußtſein, daß er ſeines Auftrags ſich ſo gut zu entledigen gewußt, Paul das fragliche Pa⸗ ket ein. Der Maler erbrach das Siegel und zerriß das Papier. Letzteres enthielt ein Schächtelchen; im Schäch⸗ telchen aber lag Diana's Ring. „Die Marquiſe von Lys!“ rief er. Und es verſank Paul in tiefe Träumerei. Endlich ſprach er, aller Umſtände der bei der 172 Marquiſe gemachten Beſuche ſich erinnernd und den Schritt hinzudenkend, den ſie in der eben verfloſſenen Nacht gethan: „Es liebt mich dieſe Frau; deſſen bin ich nun gewiß. Warum ſollte ich nicht auch ſie lieben?“ Dann nahm er, einer erſten Regung ſeines Her⸗ zens zu gehorchen glaubend,— ein Umſtand, der beweiſen dürfte, daß dieſes Herz in einer Minute ſich zwei Mal täuſchen kann— einen Bogen Papier und ſchrieb das Wort: Ja darauf. Nachdem dieß geſchehen war, ſtand er auf und ſchickte ſich an, den Brief ſelbſt an ſeine Adreſſe zu befördern. Und nun ſehe man, wovon die wichtigſten Dinge des Lebens abhangen können! Paul brauchte nur noch den eben geſchriebenen Brief zu ſiegeln. Er nahm auf ſeinem Tiſche ein Zündhölzchen und ging an die Wand hin, um es daran zu reiben. Es wollte der Zufall aber, daß dieß gerade an der Stelle ge⸗ ſchah, wo Maximilian einige Monate vorher nach⸗ ſtehende Worte hingeſchrieben hatte, die unausgelöſcht geblieben waren: „Heute, den 15. September 1845, elf Uhr Abends, haben zwei dankbare Glückliche auf das Wohl ihres Wirthes getrunken.“ Bei der Erinnerung, welche dieſes Datum her⸗ vorrief, hielt Paul inne. Er gedachte der Worte Diana's:„Ich verlange weder Mitleid noch Eigen⸗ liebe.“ Dann irrten ſeine Augen einige Zeit von der Wand und den angeführten Zeilen auf den Brief, den er in der Hand hielt, und der zwar nur ein einziges Wort enthielt, aber ein Wort, das ſeine —- m 8— 173 Zukunft nicht mehr frei ließ und ihm zu ſagen ſchien: Bedenke wohl, was Du thuſt! Er ſetzte ſich wieder, dachte noch einige Augen⸗ blicke nach und zerriß mit der Feierlichkeit aller jener Handlungen, bei denen der Menſch nur ſich ſelbſt zum Zeugen hat, den Brief trotz des noch immer in ſeinen Ohren ſummenden Geſtändniſſes der Marquiſe, warf die Papierfetzen in's Feuer, und ſchrieb einen zweiten Brief, den er ſiegelte und Papa Fremy mit dem Befehle, ihn an ſeine Adreſſe zu befördern, übergab. Und als er den Pförtner weggehen ſah, ſprach er bei ſich ſelbſt: „Es iſt recht ſo. So iſt es ehrlicher und beſſer. Sie ſelbſt wird es mir einſt Dank wiſſen.“ Ich kann indeſſen den Leſer verſichern, daß Paul's Ehrlichkeit da einen ſchweren Sieg davon getragen hatte. Was Diana betrifft, ſo glaubte ſie, als ſie, laut der getroffenen Verabredung, einen Brief kommen ſah, anfänglich, es enthalte derſelbe das Wort, wor⸗ auf ihr Leben allmählig ſeine ganze Hoffnung ge⸗ ſetzt. Sie erbrach ihn daher auch mit einem Aus⸗ rufe der Freude. Plötzlich aber wurde ſie todblaß. In der That, es enthielt der Brief nur nach⸗ ſtehende Zeilen: „Eben hatte ich dem erſten Rathe meines Her⸗ zens gemäß Ihnen geſchrieben; da habe ich an der Wand meines Ateliers den Wunſch geleſen, den Sie und Maximilian am 15. September 1845 ſo gütig waren, für das Wohl Ihres Wirthes auszuſprechen. ———,—— 174 Es lag in meinem erſten Briefe ein Unglück. In meinem zweiten liegt nur ein Kummer.“ Noch an demſelben Abend war Diana abgereist: unter welchen Eindrücken, brauchen wir nicht erſt zu ſagen. Ein Jahr lang reiste ſie mit ihrem Gatten; ſie ſah Rom, Neapel, Venedig; anſtatt aber ſich zu verändern, nahm die Traurigkeit, die ſie von Paris mitgenommen, fortwährend zu. Sie glaubte dieſelbe nicht anders bannen zu können, als indem ſie zurück⸗ käme. Dieß that ſie denn auch. Kaum war ſie wieder in der Hauptſtadt ange⸗ langt, als ſie die Märtyrerſtraße aufſuchte, ohne recht zu wiſſen, was ſie dort thun wollte. Vor Pauls Hauſe angekommen, mußte ſie einige Augenblicke ſtehen bleiben: ſo heftig pochte ihr Herz. Endlich aber ging ſie doch hinein. Papa Fremy war immer noch Pförtner. „Iſt Herr Paul Aubry zu Hauſe?“ fragte ſie den guten Alten, ohne daß dieſer ſie erkannte. „Herr Paul Aubry wohnt nicht mehr bei uns, Madame,“ ward ihr geantwortet. „Was iſt aus ihm geworden?“ ſetzte Diana un⸗ ruhig hinzu. „Er iſt auf einige Zeit zu ſeiner kranken Mutter nach Tours gegangen. Es ſind nun zwei Tage, daß er fort iſt.“ „Dann ſteht ſein Atelier leer?“ „Ja, Madame.“ „Zeigen Sie mir es!“ Diana ſchritt durch den Garten hin, der ihr ſo wohl bekannt war, und es that ihr in der innerſten Seele weh, als ſie Pauls Wohnung ſo leer, ſo öde, —,——————9 2—9— „———— ———— ſo trübſelig ſah, wie ihr eigenes Herz. Es hatte der erſte Blick der Marquiſe der Stelle der Wand gegolten, worauf Maximilian die Worte geſchrieben, welche ſie ſeit einem Jahre zu einer ſo unglücklichen Frau gemacht hatten. Die Worte ſtanden immer noch dort, und lange blieb Diana's Blick auf dieſel⸗ ben geheftet, was Papa Fremy nicht entging, indem er an die Wand hinging, die bekannten Zeilen mit ſeiner Schürze wegwiſchte und dabei ſprach: „Jetzt muß ich aber doch alle dieſe Dinge ent⸗ fernen, da ſie unnütz geworden.“ „Wer weiß,“ ſprach Frau von Lys bei ſich ſelbſt, als ſie den Pförtner die verſchiedenen Schreibereien an den Wänden auslöſchen ſah,„wer weiß, wie ganz anders mein Leben ſich geſtaltet hätte, wenn es dieſem Manne eingefallen wäre, die paar Zeilen an dem Tage, nachdem ſie geſchrieben worden, weg⸗ zuwiſchen, anſtatt bis heute damit zu warten? Nun iſt Alles aus, für immer aus; es wird ein anderer Miethmann das Atelier bewohnen, und keine Spur wird mehr übrig ſein von meinem Fehltritte und meinem Glücke. Nur die Gewiſſensbiſſe wegen des erſten und die Erinnerung an das andere werden mein Leben bis an deſſen Ende erfüllen.“ Es gab die Marquiſe Papa Fremy ihre Börſe. Der gute Pförtner aber konnte ſolche Freigebigkeit gar nicht begreifen und machte ſeine Bücklinge wohl noch zehn Minuten, als Diana das Haus ſchon ver⸗ laſſen hatte. Es waren etwa zwei Jahre verfloſſen, ſeit Diana von ihren Reiſen zurückgekommen war, und es hatte —;— 176 ihr Kopf, jener herrliche Studienkopf, wovon wir zu Anfang dieſeés Buches geſprochen, jenes reizende melancholiſche Ausſehen bekommen, das ein Seelen⸗ leiden verräth, und wobei die Seele bis an den Rand der Augenlider und Lippen tritt, wie ein zahmer Vogel, der an den Eiſenſtangen ſeines Käfigs ſich zeigt. Eines Tages ließ ſich Maximilian bei ihr melden. Aus dem Baron war unterdeſſen ein voll⸗ kommener Diplomat geworden; es hatte derſelbe ein ſchwarzes Schnurrbärtchen und einen Backenbatt nach engliſcher Art, während an ſeinem Knopfloche ein wahrer Regenbogen von Bändern zu ſehen war. Freundlich reichte Diana ihm die Hand, ſprach aber mit ihm, wie mit einem Fremden, das heißt, ſie fragte ihn nach ſeiner Familie und ſeinen Reiſen. Der Graf und die Gräfin waren geſtorben, und Maximilian hatte, nachdem er nun gleichfalls Graf geworden, die ſtrenge Erziehung, die er erhalten, trefflich genützt, in ſo fern er bereits einen ſchönen Theil ſeines Erbes glücklich durchgebracht hatte. „Sagen Sie, Marquiſe,“ bemerkte Maximilian, näher zu Diana hinrückend, deren Schönheit durch einen ſanften, fortwährenden Ausdruck von Melan⸗ cholie an Poeſie gewonnen hatte,„denken Sie auch noch an die Märtyrerſtraße?“ Bei dieſen Worten fuhr Frau von Lys zuſammen, und es trennte ein Lächeln ihre Lippen; eine Ant⸗ wort erfolgte jedoch nicht. „Wie! Sie haben dieſelbe ſo ganz vergeſſen?“ fügte der junge Graf hinzu. „Ohl nein,“ antwortete Diana mit einem Aus⸗ drucke, der Maximilian täuſchte. 177 3n„Wenn wir nun wieder einmal dahin pilgerten?“ de„Nein.“ en⸗„Ich liebe Sie aber immer noch, Marquiſe.“ ind„So wie früher?“ ner„Ja.“ ſch Frau von Lys konnte ſich eines Lächelns nicht 1 5 enthalten. oll⸗„Wohlan! mein lieber Graf, Sie müſſen auf ein Ihre Liebe verzichten, wie heftig dieſelbe immer ſein ach mag.“ ein„Warum?“ „Weil für mich die Zeit vorüber iſt, wo ich die ach Liebe zu einem bloßen Zeitvertreib machte; nun weiß ßt, ich, daß es um dieſelbe etwas Bitter⸗Ernſtes iſt, was en. in einem Augenblicke das ganze Leben einer Frau md umgeſtalten kann. Ich bin für unſer Liebesverhält⸗ raf niß ſchwerer beſtraft worden, mein lieber Maximilian, en, als die Sache es verdiente, Sie dürfen es mir glau⸗ den ben; und wenn ich ſeit Ihrer Abreiſe mich um zehn M Jahre verjüngt habe, ſo bin ich nun fünfzig älter dch geworden. Ich habe geliebt!“ an⸗ uch Ende. en, nt⸗ 7* Dumas, d. J., Diana von Lys. ————