3 * 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und efranzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. A 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ G. den angenommen. ſe 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 188 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt. 3— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 NTt r 3 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene. und — . defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſt —--—— 5A — 2 —— 11.891.799 8 UCH-NRo. — 011 320 309 1 11 891 799 Neunter Band. V — — Die Nitter vom Geiſte. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkoy. Neunter Band. Zweite Auflage. ——ᷣ—ᷣ—nao—J——— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1852. Ueuntes Buch. Die Ritter vom Geiſte. IX. Erstes Capitel. Tempelheide. Des Herbſtmorgens erſte Friſche war vorüber. Die Nebel, die der Sonne Aufſteigen umſchleierten, ſanken auf die große Ebene nieder, in deren breiter Ausdeh⸗ nung die Hauptſtadt hingegoſſen lag mit ihren Kirch⸗ thürmen, ihren Rieſenſchornſteinen, dem Dampf der Eſſen, dem aufgewirbelten Staub der Straßen und Plätze, einer Hülle, die den ſchärfſten Pfeilen des Sonnengottes Widerſtand leiſtete und mit ewigem Grau, zu jeder Jahreszeit, ſelbſt gegen die reinſte Bläue des Himmels Einſpruch that. Rings aber um die große Ebene und ihr Gewühl zog ſich ein grüner Rand, unentweihter, je entlegener von der Berührung mit den Menſchen des Trottoirs. Am weſtlichen Ende Solitüde mit ſeinem Park, ſeinen Niederungen, ſeinen Eichenhainen; am öſtlichen eine Aufdachung von Sand⸗ und Kalkſteinbergen, dicht bewaldet, von Stra⸗ . 1* * 4 ßen, von Eiſenbahnenkerfen durchſchnitten. Tempelheide dieſes Aufganges Beginn. Wie eine Hüterin lag die alte Kirche mit ihren Linden oberhalb der Landſtraße, die an Lebendigkeit gewonnen hatte, ſeit der allmäch⸗ tige Fürſt Egon von Hohenberg ſich von den Mühen eines nun faſt einjährigen Regimentes für einige Wo⸗ chen auf ſeinem väterlichen Schloſſe ausruhte. Wie ruhig liegt die Stadt da unten, die Egon gebändigt hatte! Nach Solitüde, wo jetzt die königlichen Herr⸗ ſchaften wohnten, ſprengten nicht ſo viel Kuriere, Gendarmen, reitende Boten, wie hier an der alten Kirche mit dem Dreiblattkreuze, dem Gartenpavillon und dem Tannenparke des alten Obertribunalspräſi⸗ denten von Harder vorüber nach Hohenberg. Doch da es hier bergauf ging und Alles langſamer fahren und mäßiger reiten mußte, ſo wurde der Friede der ländlichen Beſitzung nicht zu ſehr geſtört. Anna von Harder war ohnehin keine krankhafte Einſiedlerin. Sie liebte den Zuſammenhang mit der Welt, wenn ſte auch nicht an die Welt verloren gehen mochte. Sie ſaß gern unter dem kleinen Schirmdache, von dem herab ſie einſt Siegbert Wildungen in der heißen Julihitze einen Becher Weins geſpendet hatte. Sie erwiderte gern jeden Gruß, den man ihrer würdevollen hohen Geſtalt mit den einfachen Trauerfarben ihrer 5 ſchlichten Kleidung bot. Zuweilen ſtand, ein ſtolzes Rad ſchlagend, der von glänzenden Farben überſäete * Pfau aus dem Hühnerhofe hinter ihr, wie neben der Juno; aber die edle Frau hatte nur die Haltung, nicht den Stolz der Beherrſcherin des Olymps. Sie dachte auch von dem majeſtätiſchen indiſchen Vogel anders als die Kinderlehre. Sie gab dem gekrönten Thiere mit dem klugen ſchüchternen Auge freudig Kör⸗ V ner aus ihrer Hand— im Schlitz des Kleides war eine nie leere Vorrathskammer für die Thierwelt ih⸗ res greiſen Pfleglings— und fand den ſtolzen, wie⸗ genden Gang des ſchönen Thieres, während das em-— * porgehaltene mit blaugrünen Augen eingefaßte Rad in der Sonne funkelte und wie ein Fächer ſchwankte, ſich hob und ſich ſenkte, eben ſo würdig wie lehrreich, und oft genug hatte ſie die kleine Paulowna Wäſämskok auf den Pfauengang aufmerkſam gemacht, als eigent⸗ lich den Gang, der ſich in Geſellſchaften, Vorſtellun⸗ gen, bei Hofe und mit geſenktem Haupte auch in der Kirche zieme. Die gewöhnliche Thiermoral eriſtirte nicht in Tempelheide. Hier vertrug ſich Reh und „ Hund, Hund und Katze, ja hier war ſchon vorge⸗ kommen, daß eine Katze die Jungen eines Mäuschens aufgezogen hatte. Für den Tannenhain, der die einfache Beſitzung * 6 mit ihren grünen Rabatten, dem kleinen Gemüſe⸗ und Blumengarten, dem einem Jagdſchloſſe ähnlichen, ge⸗ drückten Hauſe und die großen Räumlichkeiten des Hofes rings umgab und ſie von dem unmittelbar daran ſtoßenden großen Walde trennte, hätte man freilich lieber ein Gehölz von Buchen, von Linden und Eichen wünſchen mögen. Anna ſelbſt hätte dieſe rau⸗ ſchenden vollen Blätterwipfel ſicher lieber über ſich ſchwanken gehabt als dieſe ewig gleichen, ewig dü⸗ ſtern Tannen, unter denen man oft, wenn die Nadeln reichlich gefallen waren, wie auf dem ihr ſo wenig mehr geläufigen glatten Parkett der Salons wandelte. Tannenzapfen, hölzerne, trockne, kleine Schuppenpy⸗ ramiden waren ihre einzige Belohnung für die Liebe, mit der ſie dennoch auch die Hut dieſes Haines führte. Und der alten Erzellenz war grade dieſe durchſichtige Baumwelt die genehmſte. Wie durch einen Maſten⸗ wald im Seehafen ſah er durch dieſe lichten, oben röthlich, unten grau ſchimmernden Stämme. Wie mit ſtaubigen Kamaſchen, wie aus der ſchmuzigſten Straße in die Stadt gekommen, ſeht ihr aus, ihr ſchlanken, hölzernen Grenadiere, ſagte Anna wol, wenn ſie mit dem Alten durch den Park ſchritt und er ſich an ih⸗ rem Arme führte. Aber er lobte für ſeine Zwecke grade dieſe Durchſichtigkeit. Sein zahmes Reh konnte 1 — * 7 nicht die jungen Eichenblätter freſſen, ſeine Hühner konnten ſich hier nirgend verſtecken, ſeine Katzen nicht auf lauernden Raub gehen, ſeine Hunde witterten und ſchnoberten hier nicht wie auf den Anſchlag, und fremdes Gevögel, fremde Maulwürfe, Iltiſſe, Mar⸗ der waren leicht beobachtet und aus dem offnen Be— reich entfernt. An Singvögeln fehlte es auch in den Tannenwipfeln nicht. Die alte Erzellenz liebte grade die Kreuzſchnäbel und die Holzheher, die unter Tan⸗ nen am liebſten weilen. Für das ſüße Rauſchen und Flüſtern der grünen unzähligen Blätterwelt hatt' er ja ſeiner guten, bei ihm ſo liebevoll ausharrenden Schwiegertochter am Ende des Parks auf einer künſt⸗ lichen Erhöhung von Felsſteinen, alten Baumrinden, durchbrochenem Mauerwerk, gleichſam wie in einem alten gothiſchen Thurmgemäuer— denn das Ganze war auch vom treuen Zeitenbegleitenden Epheu umrankt — harmoniſch geſtimmte Windharfen aufhängen laſſen, die ſie für das ewige Gekrächz, Gebelfer, Geſchmetter, Gegurr und Gegacker im Vorderhauſe ſchadlos halten mußten. An dieſer melancholiſchen künſtlichen Ruine, die den Blick zunächſt auf einen grünen Wieſenplatz und dann in den dichten Tannen⸗, hier und da von wei⸗ ßen ſchimmernden Erlen unterbrochnen Wald ſtreifen ließ, ſuchte eben Anna von Harder ein junges Mäd⸗ chen auf, das auf einer Bank von ungeſchälten Baum— äſten an einer Lehne von ſtarken geflochtenen Weiden ſaß, ein Buch in der Hand und bald in die düſtre Waldung, bald zum blauen Himmel, bald zu jenem Raben aufſehend, den wir ſchon als den treuen Be⸗ gleiter des hier waltenden wunderlichen alten Philo⸗ ſophen kennen. Die Luft war ſo ſtill, daß die in ihr aufgehängten Leiern nur zuweilen einen ganz leiſen, aber auch dann unendlich wehmüthigen Ton erklingen ließen. Wie blau iſt der Himmel! rief Anna ſchon von unten herauf, die Hand auf die epheubewachſene Treppenlehne ſtützend. Hier weilſt du und lieſt? Die Bücher über Italien, die aus den Bibliotheken nicht endigen wollen! Komm und zerſtreue dich an dem Pavillon! Das iſt ein Reiten, ein Fahren nach dem Schloſſe Hohenberg! Die ſchöne Fürſtin wird ihre Flitterwochen nicht in Ruhe genießen können. Statt aller Antwort drückte das junge Mädchen Anna neben ſich nieder, legte den Arm um ihre Schul⸗ ter und preßte ſie an ihr Herz. Ein ſanfter Akkord der Luftmuſik begleitete den ſtummen Gruß... Sieh! Draußen ſteht unſer Mentor und wartet, -—— ———— 9 daß er folgen darf! ſagte Anna lächelnd und zeigte die Ruine hinab an die erſte Stufe der ſteinernen Treppe auf einen magern, grauen, ſtelzbeinigen Vogel mit gewundenem Hals und ſpitzem Schnabel, der hin und her ſprang, bald auf das eine, bald auf das andre Bein ſein Gewicht legte ünd ſich wie ein Tan⸗ zender geberdete. Als das junge Mädchen ſchwieg und nur Anna'n inniger die Hand drückte, ſagte dieſe: So froh ſollteſt du ſein wie unſre Thiere! Das ſpringt heute und freuet ſich des ſommerlichen Tages! Biche und Alkmene jagen ſich und ſpielen wie wilde Buben! Hektor hat Luſt, ſeiner alten Dreſſur ſich zu erinnern, die ihm doch Großpapa um jeden Preis austreiben will. Er zauſt die Hühner faſt über die Gebühr. Unſer Jupiter kann nicht Räder genug ſchlagen und ſich dem Vorüberfahrenden in ſeinem be⸗ ſten Staate zeigen. Und das Wetter wird ſich halten. Die Laubfröſche ſitzen auf der oberſten Sproſſe ihrer kleinen Leitern im Glaſe. Iſis und Oſiris putzen ſich den Bart und ſelbſt der geſpenſtiſche alte große Ba⸗ fomet, vor dem du ſonderbarerweiſe nicht die geringſte Furcht hatteſt, als du zu uns kamſt, ſelbſt Der be⸗ ſinnt ſich in ſeiner majeſtätiſchen Würde, daß er den Schöpfer loben muß und ſpinnt, ſpinnt, was er ſeit Jahren nicht gethan hat und was uns Glück bedeu⸗ ten muß. Komm! Unſer ſtelzfüßiger Lakai wartet draußen. Wollen wir Solitüde beſuchen? Wollen wir anſpannen laſſen und einmal an die Terraſſe fah⸗ ren, die du ſo liebſt? An den Teich, wo man Schwäne füttert, die wir leider nicht halten können, wär' es auch nur, um zu ſehen, was wol an dem Schwa⸗ nengeſang vor'm Sterben Wahres iſt! Ach, ich Ab⸗ ſcheuliche! Ich wünſche doch immer auch noch Thie⸗ ren den Tod, um Experimente zu machen! Wenn Das Großpapa hörte! Er hielte mir gleich eine Vor⸗ leſung über das Naturrecht! Komm! Komm! Wenn du geſprächig wirſt, wie ich, die ich heute wie unſre Elſtern plaudere, ſo erzähl' ich dir auch, was mir den heutigen Tag ſo ganz beſonders lieb und werth macht. Das junge Mädchen ſtand ſchweigend auf. Sie drückte der guten Anna, die ſo viel Worte ſeit Jahren nicht in einer einzigen Rede verbunden hatte, mit ei⸗ ner gewiſſen Feierlichkeit wieder die Hand und ging dann, an ihren Arm ſich hängend, die ſteinernen Stufen hinab, begleitet von dem Nachruf eines Al⸗ kords aus den Lüften... Anna von Harder wandte ſich und ſah zu den Schallöffnungen, die den Wind zum Muſiker machen, noch einmal ſtehenbleibend empor... 11 Ja! Ja! Ich kenne den Zauber dieſer ſtillen Warte, ſagte ſie zu dem jungen Mädchen. Wie gern hab' ich auch ſonſt ſtundenlang hier geweilt und bei'm Erwachen der Abendwinde, die meiſt mit dem Unter⸗ gang der Sonne eine Weile lebendiger wehen, bis gleichſam die Sterne Kraft gewinnen und wieder Ruhe auf der Erde gebieten, wie oft hab' ich da den Tö⸗ nen gelauſcht, in denen die Luft hier zu uns ſpricht! Ich wußte freilich, es iſt das Alles nur künſtlich her⸗ vorgerufen, es kommt nicht von ſelbſt, eine menſchliche Vorrichtung eroberte ſich dieſen Gruß der Winde. Und doch iſt der Ton als ſolcher ſo ſelbſtändig, als Gewordenes doch ſo ein Ureignes, ſo ein von Men— ſchenhänden gar nicht zu ſchaffendes Geſchaffenes. Wir können das Licht abſperren, ab- und zulaſſen, anzünden, auslöſchen, aber wir können das Licht ſelbſt nicht machen. Kein Seifenſieder, kein Kerzenzieher erſchafft das Licht. Auch den Ton macht kein In⸗ ſtrumentenmacher. Man erobert ihn nur, man fängt ihn ein, man läßt ihn hinaus, man gewinnt ihn ſich und Andern. Das blaſſe junge Mädchen hörte und ſchwieg. Der Vogel, ein Kranich war's, ſprang voraus mit ſeinen wunderlich tanzenden Sprüngen. Ach, ſagte Anna, des Mädchens träumeriſche Em⸗ 12 pfindungen unterbrechend, wie gut es unſer armer Lakai meint! Der gute Vogel! Sein Tanzen iſt keine angeborne Freude. Großpapa kaufte ihn von einem Vogelabrichter, der das arme Thier zum Tän⸗ zer für Jahrmärkte gezogen hatte. Auf einen Fuß⸗ boden von heißen Blechplatten hatte er das Thierchen, als es jung war, eingeſperrt. Entſetzt von der Hitze, die ſein an Sümpfe und Moor gewöhnter Fuß nicht verträgt, fing es an zu hüpfen und hüpfte und hüpfte ſo lange, bis es nicht mehr gehen konnte. Armer Schelm, wie bin ich froh, wenn ich dich vor wirkli⸗ cher Freude tanzen ſehe und nicht an die glühenden Kohlen denken muß, die deinen Schmerz zu einer nur ſcheinbaren Freude machten! In die ernſten, faſt unbeweglich ſtarren Züge des jungen Mädchens ſchlich ſich bei dieſen Worten jetzt ein außerordentlich feines, faſt bittres Lächeln. Es war als wollte ſie ſagen: Das iſt die Luſtigkeit der Weltbildung, des Zwanges, der Konvenienz! Das ſind die Bewegungen des ſcheinbaren Tanzes, die nur von den brennenden Kohlen unter uns kommen! Anna verſtand dies Lächeln und ſeine Bedeutung ſehr wohl. Sie wollte aber, daß Heiterkeit waltete... Nein, ſagte ſie, man ſoll nicht lügen! Man kann in der Freude und auch im Schmerze zu unwahr ſein! 13 Ich mache mir Vorwürfe, daß ich viel zu oft unter meinen Windharfen ſaß und mich zur Sklavin ihrer traurigen Töne machte! Dann und wann! Wenn die Seele nicht übervoll, ſondern wenn ſie leer iſt! Wenn die Alltäglichkeit uns übermannt, das tiefſte Leid, die heiligſte Pflicht vergeſſen iſt, dann ein ſol— cher Akkord und gleich haben wir uns wieder gefunden! Ich würde nicht immer in den Büchern über Italien leſen, um mich in Italien heimiſch zu fühlen. Ich würde vorziehen, der Gegenwart, der nächſten Um⸗ gebung anzugehören und dann und wann plötzlich ei⸗ nen Lichtſtreifen, einen ſolchen goldnen, daß er gleich ganz Rom und alle Seen des Südens uns vorzau— bert, über mich fallen laſſen. An einen einzigen Licht⸗ ſtrahl knüpft ſich eine ganze Welt! Ich brauche nur einen gewiſſen Akkord zu hören und gleich weckt er mir eine ganz beſtimmte Empfindung. Ich ſchlage auf dem Klavier einige Töne in A-Moll an und ich ſehe gleich aus den Fluthen und Nebeln ein wunder⸗ bares Eiland ſteigen, das Land meiner Jugend, mei⸗ nes Glückes, meiner ſeligſten Hoffnungen. Faſt glaub' ich, daß das Uebermaaß der in dieſen Ton ge⸗ ſetzten Rhythmen das Bild verſcheucht, den Zauber der Erinnerung abſtumpft. Ich bin viel zufriedener mit mir, ſeit ich Pflichten der Gegenwart habe und 14 meinem ſtillen Kultus der Trauer um die Vergangen⸗ heit nur manchmal lebe. Das junge blaſſe Mädchen hörte ruhig dem be⸗ züglichen Wort zu und erwiderte den Handdruck, den ſie von Anna empfing, die ihren rechten Arm in ih⸗ rem linken trug. Sie lächelte ein wenig, als Anna beim Hinausſchreiten aus dem Parke, ſich umſehend, ſagte: Der grillenfängeriſche Rabe iſt uns nicht gefolgt! Der Schelm trauert, daß man ihm ſeine Sucht zu ſtehlen abgewöhnte. Ihm ziemt es, unter den Tannen zu philoſophiren. Unſer Kranich aber hüpft zum Pa⸗ villon. Er weiß, daß wir dort mehr Zerſtreuung finden. Sieh, ſieh, er iſt doch vergnügt der Schelm! Er wirft kleine Steine in die Luft und fängt ſie auf! Der Herr Balletmeiſter amüſiren ſich, obgleich Sie penſionirt ſind! Ich habe dem Großpapa erſt glau⸗ ben mögen, daß die Thiere der Erziehung fähig ſind, als ich ſah, daß ſie ſpielen. Gibt es einen redenderen Beweis für eine gewiſſe Freiheit auch innerhalb der ſonſt gebundenen Thierſeele? Hunde und Kätzchen ſpielen, Haſen treiben die tollſten Poſſen, Goldfiſche mögen ſich langweilen, wie alle Vornehmen, aber Fo⸗ rellen wahrlich nicht! Forellen tummeln ſich. Und was ſpielen nicht die Vögel! Auch Pferde ſpielen 15 und reiben ſich mit den Köpfen, ſelbſt wenn ſie vor den Häuſern der Reichen bis tief in die Nacht frieren müſſen und eigentlich ungeduldig und zornig über uns ſein ſollten. Nein ſieh, ſieh, Olga! Sieh den Kra⸗ nich! Jetzt wirft er ein Hölzchen empor und duckt ſich unter ihm weg, daß es ihn im Fallen nicht trifft! Du närriſcher Patron du! Olga Wäſämskoi war es, die eben mit der ſo freundlich ihr zuredenden und wie wir wol bemerken werden, mit Abſicht ſie erheiternden Anna von Har⸗ der auf den kleinen Raſenhügel ſtieg, wo jenes Schirm⸗ dach ſtand, unter welchem man im heißen Sommer einigen Schutz vor den Sonnenſtrahlen fand. Olga hatte ſich zur vollkommnen Jungfrau entwickelt. Zwar nur klein waren alle ihre Formen geblieben, doch zeugten ſie von vollendeter Reife; der Bau ihrer Schultern war kraftvoll, der Nacken ſicher, das Ant⸗ litz von einer Beſtimmtheit, die leider, um noch kind— lich erſcheinen zu können, zu ſehr vom auffallendſten Ernſte beherrſcht war. Die Haut zart, von jenem braungelben Schimmer, wie das Inkarnat des Sü⸗ dens. Die Augen noch ſchwärzer beſchattet als im vorigen Jahre. Die Hüften wölbten ſich im ſchwar⸗ zen, ſehr langen Atlaskleide, in der Sonne glänzend, von der nicht ſehr engen Taille ab. Sie bot das 16 Bild einer ſüdlichen Schönheit, die von unſrer nor⸗ diſchen wespenartigen Grazie kein Merkmal hat. In dichten Flechten war das ſchwarze Haar im Nacken feſtgebunden ohne Gefallſucht. Ihr ganzes Weſen ſchien innerlich und nur zu ſehr vergeiſtigt, nur zu ſehr der Wirklichkeit entrückt, von der man nicht wußte, verachtete oder bemerkte ſie ſie nur nicht. Das Weſen Olga's ſeit ihrer Rückkehr von Wien, bis wohin ihr Rudhard im Frühjahr entgegengereiſt war, hatte ſich als das ſeltſamſte von der Welt an— gekündigt. Ihren Briefen zufolge hätte man die leb⸗ hafteſte Empfänglichkeit für alle ihre Umgebungen, ein gewiſſes Aufthauen aus ihrer früheren oft eiſigen Le⸗ thargie, eine große Luſt der Mittheilung erwarten ſollen. Von dem Allen fand ſich nichts. Olga war nicht nur ganz in ihre frühere träumeriſche Art zurück⸗ geſunken, ſie war viel weiter zurückgegangen, ſie zeigte einen apathiſchen Zuſtand, der an Starrheit grenzte. Sie war krank, nervenkrank. Sie litt an ſich ſelbſt, ohne ſich in ihrem Schmerze äußern zu können. Sie bot einen erſchreckenden Anblick. Schön, feſſelnd, träumeriſch, in jeder Beziehung ein weibliches Ideal, entſetzte an ihr eine tödtliche Kälte, die faſt wie ein Krampf, wie eine Starrſucht zu nehmen war. Rud⸗ hard brachte ſie ſo von Wien zurück. Sie hatte die 17 abentheuerlichſte Fahrt von Rom aus gehabt und Rud⸗ hard deutete an, daß ihr Zuſtand mit Erlebniſſen zu⸗ ſammenhing, die er verſchwieg. Er hätte von Sieg⸗ bert die einzige günſtige Einwirkung auf die in ſol— chem Zuſtand Wiedergewonnene hoffen müſſen. Aber Siegbert Wildungen war bald nach der Flucht ſeines Bruders durch geheime Warnungen, denen er Glau⸗ ben ſchenken durfte, veranlaßt worden, ſich von der Hauptſtadt und ganz aus dem Lande zu entfernen. Er war erſt mit Otto von Dyſtra nach dem Schloſſe Buchau, an die im äußerſten Weſten Deutſchlands liegende Tempelſteiner Ruine gereiſt, die in voller Wiederherſtellung, begriffen war. Dann hatte ſich Siegbert zu Louis Armand nach Belgien begeben. Beide lebten in Antwerpen, wo ſich Siegbert mit er⸗ neutem Eifer auf ſeine Kunſt warf und zu gleicher Zeit für die Zwecke des Bundes ſo wirkte, wie ihm ſein Bruder Dankmar die briefliche Anleitung gab. Als Dyſtra zurückkehrte, fand er zwar Olga, aber „ icht mehr Rudhard. Dieſer hatte ſich, da die Für⸗ ſtin Wäſämskoi nicht im Stande war, ſich irgendwie mit ihrer Tochter zu verſtändigen, entſchließen müſſen, ſie und die jüngeren Kinder gleichfalls nach Weſten u begleiten, zum großen Aergerniß der Welt, die, Die Ritter vom Geiſte. IX. 2 —— —— — wir wiſſen noch nicht, mit welchem Rechte, behaup⸗ tete, Siegbert Wildungen wäre die Veranlaſſung die— ſer Reiſe. Aber Anna von Harder hatte den Einfluß, den ihr die Fürſtin auf ſich zugeſtand, ſelbſt dahin be⸗ nutzt, ihr dieſe Reiſe anzurathen, ihr ſogar Paris als künftigen Aufenthaltsort umſomehr vorzuſchlagen, als die Gräfin d'Azimont wieder aus Italien zurück war, in Paris lebte und es ſich ihrem verſöhnlichen Herzen als eine Möglichkeit einſchmeichelte, dieſe Schweſtern würden ſich eher verſöhnen, als es ihr mit der ih⸗ rigen, Paulinen, möglich war. Und Olga hatte ſie für ſich behalten. Jetzt vollends, wo Olga Liebe, Schonung, Pflege verlangte! Olga war von einer Reizbarkeit der Nerven, die die Mutter nimmermehr würde geſchont haben. Adele war ergebener gewor⸗ den, beruhigter durch Anna; ſie hatte ſich den jüngern Kindern angeſchloſſen, aber vom Herzen kam ihr der pflegende Muttertrieb nicht. Wie hätte ſie Geduld gehabt mit Olga, die jetzt Geduld bedurfte! Im Laufe des Sommers kehrte Dyſtra, der in ſeiner Gewiſſens⸗ pflicht, Olga zur Gattin zu wählen, von dem ſich be⸗ herrſchenden Siegbert nicht gehindert wurde, vom Tempelſtein, der im großartigſten Style hergeſtellt wurde, nach der Reſidenz zurück und ſah nun Olga zuweilen. Er hatte von ihrem ſo plötzlich verwandel⸗ 19 ten Weſen gehört. Als er ſie in Tempelheide zuerſt begrüßte und von ihr mit der Geringſchätzung, die er vorausſetzen konnte, behandelt wurde, erſchrak er, ſie in einem Grade abſtoßend zu finden, der ihn gleich zu der Bemerkung veranlaßte: Das hat ſich gut ge⸗ troffen! Ein Weſen dieſer Art mußte in eine Anſtalt kommen, wo man wilde Thiere bändigt!... Er begriff nicht, wie von dieſem Mädchen jene Briefe hatten herrühren können, die ihn ſo feſſelten. Er hatte noch auf der Reiſe nach dem Tempelſtein zu Siegbert ge⸗ ſagt: Wildungen, wir führen zuſammen einen pſy— chologiſchen Konflikt auf, an dem mir nur ſtörend iſt, daß er zu ſehr an die Gefühlswelt des achtzehnten Jahrhunderts erinnert! Sie wiſſen, ich halt' es mit dem neunzehnten und erlebe auch noch die zeitgemäße Ummodelung, daß Sie von Olga vergeſſen werden oder daß Sie ſie ſelbſt vergeſſen!... Nun aber Olga wirklich ſehend, fand er es auch unmöglich, daß ſie noch Siegberten feſſeln würde. Er ſchrieb ihm nach 3 Antwerpen, er wiſſe nicht, was er von dieſem erſtarr⸗ ten Zuſtande denken ſollte. Er hätte ein Leben voll Beweglichkeit, Geiſt, Phantaſie, auch manche Thor⸗ heit erwartet und fände nun ein todtes, kaltes Mar⸗ morbild! Dyſtra konnte die Geduld, die Anna von 4 2* 20 Harder hier entfaltete, nicht genug rühmen. Und doch zeigte er dieſelbe Geduld, ohne ſein Verdienſt zu wiſſen. Er fuhr alle drei, vier Tage nach Tempelheide, brachte immer etwas Anregendes, etwas Ueberraſchendes mit und begnügte ſich, nach Olga zu fragen. Sie ſelbſt ſah ihn nicht. Wie ſie nur des kleinen, aber elegant ſich haltenden, mit Grazie ſich bewegenden Mannes an⸗ ſichtig wurde, entfernte ſie ſich, was Dyſtra immer auf Rechnung ſeiner Mohren ſchrieb. War es Liebe, war es Pietät für ſeinen verſtorbenen Freund, den Fürſten Wäſämskoi, war es der Reiz ein Räthſel zu löſen, er konnte ſich der Hoffnung, in Olga wieder einen Lebensfunken geweckt zu ſehen, nicht erwehren, ſo ſehr er auch zugeſtehen mußte, daß eine Heirath mit einer ſo eigenthümlichen Organiſation ein Opfer war, für das man nicht Dank, ſondern Spott ernten mußte. Drommeldey, der vielgeſuchte, Alles begut⸗ achtende Arzt der Mode, hatte geſagt: Bei dieſer Krankheit heißt es: Ge m'est que le premier pas, qui coute! Dies Mädchen muß heirathen, dann wird ſich das Uebrige finden. 4 Starr wie jene Brunhild der Sage, die Jedem, der ſie freien wollte, einen Ringkampf anbot und die Männer an dem Gürtel aufhenkte, den ſie ihr löſen wollten, ſaß Olga neben der zutraulichen, durch ſie 21 ganz aus ihrer bisherigen Gewohnheit gekommenen Anna, die von dem Mädchen, trotz des Scheines ih⸗ res liebevollſten Antheils für ſie, nicht einmal die Frage abgewinnen konnte: Was wollteſt du mir von der Wichtigkeit des heutigen Tages für dich ſagen? Sich aufdrängen mit einem innerſten Herzensintereſſe war Anna's Art nicht. Sie nahm das Körbchen mit Handarbeiten, das ſie hier oben zurückgelaſſen und begann Spitzenbeſätze zu nähen, während Olga ihren Worten ruhig zuhörte und nur die Zwirnrolle zu⸗ weilen ergriff und mit ihr ein gedankenloſes Spiel trieb... Daß hier die Stelle war, wo Siegbert Wildungen einſt Anna von Harder zuerſt geſehen, wußte Olga. Sie kannte aus dem Skizzenbuche ihres Freundes dieſe Kirche, den Friedhof mit der unregelmäßigen, zerfal⸗ lenen Mauer und den ſchon längſt wieder abgeblühten weißen Fliederhecken. Sie kannte die Stelle, wo in der Skizze Hackert im Korn liegend angedeutet war. Es waren ihr das Alles heilige Plätze, ſchon lange, lange geweiht; denn Siegbert beſaß eine Gemüthlich⸗ keit guter Herzen, die von ihren angenehmen Erinne⸗ rungen erzählen und Jeden, den ſie lieb haben, gern in den ganzen Zuſammenhang ihres Lebens verſetzen. Er hatte längſt ſchon im vorigen Jahre Olga auf —— — 2—— — dieſen Punkt aufmerkſam gemacht, wo man die ge⸗ waltige Ausdehnung der Stadt am reichſten überſehen und ihr inneres Leben gleichſam wie einen fernen un⸗ ſichtbaren Waſſerfall rauſchen hören konnte. Ob ſie jenen Erinnerungen nachhing? Sie verrieth nicht eine Spur von Dem, was in ihrem Herzen lebte. Anna hatte grade heute wieder eine ihrer muſika⸗ liſchen Akademieen. Dann wurde ausnahmsweiſe um zwei Uhr gegeſſen, um drei Uhr kamen die Mitglieder des Geſangvereins, der bis fünf, ſechs Uhr dauerte, weil es mit der Regelmäßigkeit des Kommens ſehr ſchlimm ausſah. Jene gelüfteten Fenſter des Par⸗ terre gehörten zu dem Muſikzimmer, das Anna ſchon geordnet hatte. Da waren die Tiſche und Stühle ſchon aufgeſtellt, ſchon mit den Noten belegt, die heute geſungen werden ſollten. Sie ſprach davon, wie ſie immer in bangſüßer Erwartung einer ſolchen Uebung, in Freude und Furcht zugleich, entgegenharre und be⸗ klagte, daß Olga weder Freude an dieſen Muſiken empfand, noch ſelbſt an ihnen Theil zu nehmen verſuchte. Du erinnerſt mich darin, ſagte ſie noch heute wie⸗ der, an die ſchöne Melanie, die jetzige Fürſtin von Hohenberg! Dieſe von vielen Frauen verabſcheute, aber nicht ſo ſchlimme gefeierte Schönheit war ohne 23 Stimme, ohne muſtkaliſches Gefühl, aber ſie nahm Antheil an unſern Uebungen und nützte durch ihr vor⸗ treffliches Pauſiren. Sie, die ein Recht hatte, die Zerſtreuteſte von Allen zu ſein, zählte am beſten. Olga hätte nun Gelegenheit gehabt, lebendig zu werden. Jene Melanie wurde erwähnt, die ſie ſelbſt in ihren Briefen als letzte Zuflucht jenes von ihr in ſo grellen Farben geſchilderten Egon bezeichnet hatte. Sie hätte doch ausrufen müſſen: Alſo wirklich iſt Melanie die Fürſtin von Hohenberg? Wie kam Das? Wie war Das möglich? Um Melanie dieſe Bewe⸗ gung hier auf der Landſtraße? Um ſie dieſe trap⸗ pelnden Pferde, dieſe rollenden Reiſewägen, dies De⸗ tachement Dragoner, das ſich auf der Straße bis Hohen⸗ berg vereinzelt zu poſtiren ſcheint? Um Melanie dieſer Staub, der glücklicherweiſe uns hier unter dem Pa⸗ villon nicht erreicht? Nichts von alle Dem. Sie hörte nur, wickelte an der Zwirnrolle, las eine Weile im Buche, hörte den Verhandlungen Anna's mit der zuweilen Raths erholenden Dienerſchaft zu, folgte alle Dem, was ſie da vernehmen konnte, aber ſelbſt ſchwieg ſie. Sie ſchwieg zur lauten Erörterung manches Bil⸗ lets, das von der Stadt kam. Frau von Dahlen entſchuldigte ihr Ausbleiben bei der Akademie. Frau Gräfin Mäuſeburg im Gegentheil verſprach nächſtens 24 eine junge Diakoniſſin, die eben erſt vom Rheine ge⸗ kommen war, mitzubringen und ſie für die Akademie vorzuſchlagen. Aktien, Looſe, Unterſchriften wurden angeboten oder von Anna gewünſcht, wie Das im Leben eines mildthätigen Weſens den ganzen Tag nicht ab⸗ reißt. Schriftchen wurden geſchickt von Geiſtlichen, von Vereinen, ſogar zwanzig⸗, dreißigfach kleine Trak⸗ tätchen, die Anna befördern, verbreiten ſollte. Eine Geſindebelohnungsanſtalt ſchickte Rechnungsabſchlüſſe. Und dann das Klingeln am großen Hofthor, wenn der Aktenwagen vom Obertribunal kam und für die greiſe, in der Stadt befindliche Erzellenz die Akten repoſitorienhoch hereinfuhr und dieſe Ballen abgeladen wurden in der großen Aktenſammlung rechter Hand beim Eintritt in das zweiſtöckige Wohnhaus! Und wieviel kleine Miethswägen fuhren nicht vor und brachten nichts, als von jungen angehenden Rechts⸗ praktikanten, neubeförderten Unter⸗ und Hülfsarbeitern, jungen beim Obertribunal zugelaſſenen Advokaten Vi⸗ ſitenkarten, um ſich dem Chef der Landesjuſtiz zu em⸗ pfehlen! Dazu dann der ewig bewegte Verkehr mit dem lebendigen Hofe, ſeinen Ställen und kleinen Kä⸗ figen! Auch heute mußte Anna lachen, wie ſie ſchon von der Straße her einen Mann mit einem Tragkorbe auf dem Rücken erkannte, einen Thüringiſchen Vogel⸗ händler, der regelmäßig des Jahres einmal bei ihnen vorſprach und dem alten Herrn ſeine neueſten Ge⸗ ſangskünſtler aus dem Harze vorführte. Der Mann ſchwang ſchon in der Ferne die Mütze und grüßte mit ſeinem Vogelgeſichte. Er hatte ſelbſt die Phyſiogno⸗ mie ſeiner Vögel angenommen, war zum Thiere her⸗ abgeſtiegen, während bei ihm die Thiere emporſtiegen. Dem allbekannten Papageno aus Thüringen ging Anna ſelbſt entgegen, empfing ihn im Vorhofe, hob die Decke von ſeinem Vogelkaſten, in dem es hin⸗ und her zwitſcherte und luſtig auf⸗ und niederhüpfte, ließ ihm von dem älteſten Bedienten, der in jungen Jahren ſelbſt ein gelernter Jäger war und über die⸗ ſen Gruß aus dem Walde ſeine innigſte Freude hatte, — war er doch die rechte Hand des Präſidenten bei ſeinen Lieblingserperimenten— ein vollſtändiges Früh⸗ ſtück vorſetzen und vertröſtete ihn, ſeinen vieljährigen Gönner, der ihm immer abkaufte und noch lieber ſich mit ihm unterhielt und von ſeinen Beobachtungen in der Vogelwelt ſich erzählen ließ, nach zwei Uhr ſpre⸗ chen zu dürfen... Der Vogelhändler ſtellte ſeinen Kaſten in die Hausflur, dicht neben ein großes Drahtgitter, hinter dem es unten von Kaninchen, im zweiten Stock⸗ werke von Dohlen und Raben, im dritten von klei⸗ 26 nen Singvögeln luſtig genug wimmelte. Biche und Alkmene, zwei hohe wie die ſchönſten engliſchen Miſ— ſes ſchlanke Windſpiele, umhüpften den Wohlbekann⸗ ten freudig. Die drei Hauskatzen, Iſis, Oſiris und der große augenfunkelnde Bafomet, ein Kater, wie ihn die Egyptier mochten verehrt haben, ſchlugen mit ih⸗ ren langen Schweifen hoch auf voll Gelüſt und Er⸗ regung über die appetitliche gefiederte Zufuhr des Käfigs. Aber ſie bezähmten ſich, da der alte Diener Sorge trug, ihnen grade im erwachenden Gelüſt ihre Mittagsration vorzuſetzen. Der Vogelhändler bekam auf einem Tiſch in der ſteingepflaſterten Hausflur ſeinen Imbiß... Es ſchlug eben ein Uhr; eben wollte Anna die Begleitung der Muſikſtücke, die heute in dieſem wil⸗ den Bereich, faſt wie Amphion that vor den Thieren, die er durch die Leier zähmte, aufgeführt werden ſollten, noch einmal durchſpielen, eben trieb der alte Diener eine kleine Schildkröte, die ſeit Jahr und Tag im Hauſe frei herumlief und von Muſik wie die Spinnen nahe gelockt wurde, zum Saale hinaus — die Akademie hatte die Bedingung jeder Sicher⸗ heit vor etwaigen thieriſchen Ueberfällen in der Luft oder wol gar vor kriechendem Auditorium auf der Erde— als zwei raſch daher fahrende Wägen An⸗ 27 na's Aufmerkſamkeit feſſelten, ſie ſich erheben und dem Sanitätsrath Drommeldey und Otto von Dyſtra, die eben zuſammen durch das von den beiden herab⸗ geſprungenen Mohren ſchon geöffnete Hofthor eintra⸗ ten, entgegen gehen mußte. Zweites Capitel. Die Natur und das Wunder. Anna von Harder empfing ihren Beſuch im Muſik⸗ ſaale, einem geräumigen Eckzimmer, das trotz ſeiner vier Fenſter etwas Düſtres hatte, denn das Glas der Scheiben war nicht das weißeſte, die Fenſterrahmen, wie am ganzen Landhauſe, waren grün angeſtrichen. Dyſtra und Drommeldey hatten ſich erſt auf der Chauſſée getroffen. Seit Drommeldey die Vermuthung des Barons, man könnte mit Olga vielleicht eine magnetiſche Kur beginnen, entſchieden abgelehnt hatte, war zwiſchen ihnen die Crörterung ihres offenbar krankhaften Zuſtandes nicht mehr zur Sprache ge⸗ kommen... Dyſtra, der Anna einen großen Strauß der aus⸗ gezeichnetſten Blumen überreichte— die Gärtnerei wurde in Tempelheide vernachläſſigt— erklärte ſo⸗ gleich, er wiſſe, daß Drommeldey irgend etwas Ge⸗ — heimnißvolles mit der Frau Landräthin von Harder zu verhandeln hätte. Er wäre heute gekommen, um auf längere Zeit ſich zu einem Ausfluge nach dem Tempelſtein, zu einem Beſuche der Fürſtin in Brüſſel zu empfehlen. Wo Olga wäre? Er müſſe ſie doch wenigſtens zum Abſchied ſehen. Und Drommeldey beſtätigte zum Schrecken Anna's, die etwas Unglückliches erwartete und auch von Ab⸗ ſchieden immer ſehr bewegt war, wie vielmehr an dieſem Tage, den ſie ſo hoch erhob, eine geheime Ab⸗ ſicht. Sie wußte kaum, was ſie erwiderte, als ſie ſagte, Herr von Dyſtra würde Olga unterm Pavillon finden. Der Baron, in ſchwarzem Schnurrock, weißem Kaſtor, die citronengelb gantirten Hände in die mäch— tige Bruſt ſteckend, wandte ſich dem Pavillon zu, um einen Verſuch zu machen, mehr als jenes halbdutzend Worte von Olga herauszubekommen, das er bis jetzt erſt aus ihrem Munde gehört hatte. Während wir ihn ſeinem guten Glück überlaſſen, ſah ſich Drom⸗ meldey, als er allein mit Anna von Harder war, lächelnd in dem Zimmer um, betrachtete mit ſaty— riſchem Wohlgefallen die aufgeſchlagenen Notenblät⸗ ter und ſagte mit einer faſt verſchmitzten Vertrau⸗ lichkeit: Gnädige Frau, nicht wahr, Sie haben heute Akademie? Pergoleſe, Bach und ein Hallelujah von Händel. Sehr gut! Rüſten Sie ſich auf Beſuch! Beſuch? Wir ſchließen jeden Beſuch aus, Sani⸗ tätsrath! Es ſind unſre Statuten— Es gibt Perſonen, die über Ihre Statuten erha⸗ ben ſind! Sanitätsrath! Liebe Landräthin, ich kann Ihnen nicht verſchwei⸗ gen— um drei Uhr beginnt Ihre Akademie— ge⸗ gen halb vier Uhr werden gewiſſe Herrſchaften vor⸗ überfahren— man wird die Klänge von Pergoleſe, Bach und Händel hören— dieſe Herrſchaften werden ausſteigen— rüſten Sie ſich, von Ihren Statuten eine Ausnahme zu machen! Anna von Harder war faſt auf einen Seſſel zu⸗ rückgeſunken. Ihren gereizten Nerven bot dieſe Nach⸗ richt zuviel. Was jede Andre mit Jubel, mit freude— ſtrahlendem Enthuſiasmus aufgenommen hätte, warf ſie nieder; ſie konnte nur vorwurfsvoll, faſt bittend zu dem Arzte, dem Seelen-Diplomaten des Hofes, emporblicken, als wollte ſie ſagen: Drommeldey, wie konnten Sie mir Das thun! Sie ſind ſelbſt Schuld an dieſem Ueberfall, ſagte ————ÿ—ÿ—ÿ—— 31 das kleine magere Männchen, rückte an ſeiner weißen Halsbinde und wiſchte ſich von dem Jabot einige Reſte der letzten Priſe, die er unterwegs Jemandem, vielleicht Schlurck, abgenoemmen— Drommeldey trug ſelbſt keine Doſe, weil er Fälle hatte, daß ihm ner— venſchwache Damen bei ſeiner ihn nun genug foltern⸗ den Liebe zum Schnupfen die Praris gekündigt hatten — Sie ſind ſelbſt Schuld daran, liebe Frau Land⸗ räthin! Sie wiſſen, wie Sie der Hof verehrt! Sie wiſſen, wie man es Ihnen nahe gelegt hat, Sie ſollten der Königin die Freude einer näheren Bezie⸗ hung gönnen! Sie glauben nicht, wie ſehr man in dieſer Sphäre nach Gründen ſucht, warum ſich der Menſch täglich zwei, drei Stunden der Nothwendig⸗ keit, über Toilette ſprechen, Kleider an- und auszu⸗ ziehen, Proben mit neuen Muſtern machen zu müſſen, auszuſetzen hat! Alle Tage drei Mal umkleiden, das erfordert ein bedeutendes geiſtiges Gegengewicht! Seit Frau von Altenwyl am Hofe im vorigen Jahre von der Mauerſchwalbe, von Shakeſpeare, von Ihrem Tempel⸗ heide, der Thierſeele, Pergoleſe, Bach und Händel erzählte, wuchs die Sehnſucht, Sie kennen zu lernen, bis zur Ungeduld. Der ſchlimme Winter, die poli— tiſche Gährung dieſes Frühjahrs, die mancherlei herbe bittre Erfahrung auf und an dem Throne trotz ſeiner ——-— —— 32 erhöhten Sicherheit kam ſtörend dazwiſchen. Nun aber i*ſt der Wunſch dieſer reſpektablen Menſchen auf's Neue rege geworden. Entziehen Sie ſich ihm nicht... Was kann ich... was ſoll dieſe ſchwache Muſik... und der alte Herr... unſre ſtillen Gewohnheiten... dieſe Unordnung... Laſſen Sie das Alles gut ſein, meine Beſte! ſagte Drommeldey. Ich kann Ihnen, ohne Sie erröthen zu machen, den Reiz nicht analyſtren, den Sie auf die Herrſchaften ausüben! Es liegt Das ſehr tief und geht bis in die magnetiſchen Strömungen. Wenn ich bei meinem alten Freunde, dem Juſtizrath Schlurck wäre und er nicht ſeit dem glänzenden Avancement ſeiner ſchönen Tochter einen Hang zur Schwermuth bekommen hätte, ſo würden wir über dieſe magneti⸗ ſchen Strömungen, ihren Zuſammenhang mit dem Zeitgeiſte, über Hofromantik und die chriſtliche Staats⸗ theorie ſehr viel humoriſtiſche Knallbonbons wie beim Deſſert eines guten Diners gegenſeitig aufziehen. Allein Ihnen ſelbſt gegenüber, die Sie dieſen Zauber ausüben, Ihnen kann ich nur als Arzt ſagen, daß Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie geduldig abwarten, was dieſer Nachmittag über Sie verhän⸗ gen wird— Das war das rechte Wort! ſagte Anna von Har⸗ ———x — y der und ſeufzte tief auf und ſprach die Worte aus der Bibel, die Johannes der Täufer zu den Neugie— rigen ſagte: Was ſeid ihr in die Wüſte gekommen, um einen Mann zu ſehen, der von Heuſchrecken lebt? Ich bin nicht werth, Denen, die wirkliche Anerkennung verdienen, die Schuhriemen aufzulöſen. Drommeldey, der die Bibel kannte, wie Voltaire und Kaunitz, aber nur um ſie zu komiſchen Bildern zu benutzen, Drommeldey lächelte und warf eine Be⸗ merkung dazwiſchen, die Anna nicht einmal verſtand: Brav! Bleiben Sie bei Johannes dem Täufer! Wäre nur der Papa Methuſalem zu bewegen, auch Stand zu halten. Der König hat die Abſicht, ihn nach dem Prozeß über die Johannitererbſchaft zu fra— gen, die jetzt auf ſeiner Entſcheidung beruht! Ge— neral Voland iſt voll von den neuen Geſichtspunkten, die der alte Herr für dieſe Angelegenheit gefunden haben ſoll und ſtudirt alle alten Turnierbücher, um ſich zu überzeugen, was propinqui equites ſind und hat wie gewöhnlich fünf bis ſechs Standpunkte dar⸗ über, die er bei Hofe ſonderbarerweiſe alle zugleich vertritt. Auch Das noch! ſagte Anna tonlos und fügte hinzu, daß den Präſidenten Erörterungen über Ge⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 3 rechtigkeitsfragen, ſelbſt dem Landesherrn gegenüber, verſtimmen würden... d Nur Muth! Nur Muth!l rief Drommeldey und ⁵ reichte Anna die Hand. Nur unbefangen! Die Mit⸗ glieder der Akademie dürfen kein Wort von der Ueber⸗ raſchung wiſſen! Verſtehen Sie? Befangenheit würde den ganzen Eindruck ſtören— Aber warum unterrichten Sie mich zuerſt ſelbſt,“ lieber Mann?— Das will ich Ihnen ſagen, Frau von Harder. Ihr Tempelheide kommt den Menſchen wie ein ver⸗ zaubertes Schloß vor. Der Hof möchte es gern auch nur als verzaubertes Schloß auffaſſen und gefällt ſich darin, drei Tage lang von Nichts als von einem f verzauberten Schloß zu ſprechen. Sie ſind ſchlimmer als die Demakraten, Sani⸗ tätsrath! Beſte! Ich gehöre nur einer andern Philoſophie an als der des Hofes! Ich bin kein Pythagoräer wie Ihr alter Schwiegerpapa, ich bin kein abſoluter Epikuräer wie Schlurck, kein relativer wie Otto von Dyſtra, kein Neuplatoniker wie Voland von der Hah⸗ nenfeder, kein dialektiſcher Eleat wie Rochus oder Stromer, ich bin meiner Stellung gemäß Ellektiker. Dieſer Beſuch bei Ihnen thut den mannichfach ve —,—— — 3⁵ ſtimmten, an wahrer Befruchtung armen Gemüthern dieſer hohen Perſonen wohl. Doch, fürcht' ich, denkt man ſich Ihre Eriſtenz romantiſcher und fabelhafter, als ſie iſt. Als Katharina von Rußland nach der Krim reiſte, ließ ihr Potemkin gemalte Städte in die Ferne als Vexirproſpekte ruſſiſcher Volkswohl⸗ fahrt ſtellen. Belügen wollen wir die Herrſchaften weder mit der Muſik noch mit den gezähmten Thie⸗ ren, aber nothwendig wird es ſein, daß Ihr hieſiges Gewimmel und Gekrabbel, das Gebelfer und Ge— zwitſcher nicht gefährlich erſcheint. Den Tanzmeiſter mein' ich, die drolligen Puterhähne, die Windſpiele Biche und Alkmene— Sie wiſſen nicht, wie unbeliebt ohnehin alle Erinnerungen an Friedrich den Großen ſind— auch die gebeſſerten Raben müſſen in Obhut bleiben und beſonders hoff' ich, daß die Schildkröte, obgleich ſie dem Apollo heilig iſt und die erſte Ver— anlaſſung der Muſik wurde, ja ſogar von Phidias für ſeine berühmte Statue der Aphrodite als Piede⸗ ſtal benutzt wurde— worin mein Freund Schlurck einen gewiſſen Zuſammenhang zwiſchen Venus und den Mokturtelſuppen entdecken würde— ich ſage, daß Sie dieſe ſchreckliche Beſtie gleichfalls nicht als Wirk— lichkeit in den ſchönen Traum, der hier geträumt werden ſoll, hineinkriechen laſſen. 3* 36 4 Anna von Harder war nicht ſo reflektiv und po⸗ litiſch geſtimmt, daß ſie etwa hier eingeſchaltet hätte: Alſo würden die Großen bedient, ſo würden ihnen die romantiſchen Täuſchungen erleichtert, ſo würde in den Waiſenhäuſern die Suppe erſt kräftiger gekocht, wenn ſie eine Prinzeſſin koſten ſollte... Sie erin⸗ nerte nur an die Statuten, die ſchon die Sicherheit aller Sänger und Sängerinnen vor den Liebhabereien des Großpapas bedingten; genug, Drommeldey konnte ſchließen: Alſo ſammeln Sie ſich! Es bleibt dabei! Gegen vier Uhr kommen die Herrſchaften und verrathen Sie uns Niemanden! Damit erhob ſich Drommeldey, fragte noch flüch⸗ tig nach Olga, wollte keine Begleitung dulden und eilte aus dem Muſikzimmer, verfolgt von dem bitten⸗ den, vorwurfsvollen Blick der in Erſchöpfung nieder⸗ geſunkenen, von ſolcher Ausſicht auf ihr ſo nahe be⸗ vorſtehendes„Glück“ faſt vernichteten Anna... Draußen aber hielt Dyſtra den ſchnell dahineilen⸗ den Eklektiker mit einer Entſchiedenheit auf, die ihn verhinderte, nur an eine kleine Plauderei zu denken.. Was? Eine Konſultation? ſagte der Arzt. Dyſtra zog Drommeldey vom Hofe über die Ra⸗ ſenbeete zu dem Pavillon hinauf... Spartakus und ——— 37 Cicero, ſeine Mohren, unterhielten ſich inzwiſchen mit dem zahmen Reh, lachten über den Kranich und er⸗ kundigten ſich in der Kuͤche nach etwaigen Rum⸗ und Arracvorräthen. . Wie mich meine Verlobte an dieſer Stelle ſah, berichtete Dyſtra, ergriff ſie die Flucht. Zwar würde⸗ voll, majeſtätiſch, aber ſo entſchieden negativ, daß ich die Lächerlichkeit ſcheute, ſie zu verfolgen. Sie huſchte unter die Tannen, wie die Pfauen da, die ein häß⸗ liches Geſchrei verführen... Sie werden magerer, Baron! Dieſe Liebe ruinirt Sie... Ich kenne jetzt, antwortete Dyſtra, Drommeldey auf einen Gartenſtuhl drückend, ich kenne jetzt die Geſchichte der Rückreiſe Olga's von Rom und muß ſie Ihnen andeuten, damit Sie eine Anſicht ausſprechen. Wohlan! ſagte nach der Uhr ſehend, der ärztliche Rathgeber, der in der Kenntniß der geheimen Ver⸗ wickelungen des Lebens von keinem Beichtvater der Welt übertroffen wurde. Aber ſchade, daß Sie nicht ſchnupfen, Baron! Und in der That ſprach Drommeldey, der mit allen Geruchsnerven ſeiner gehobenen Naſe Schnupfer war, den alten Bedienten des Hauſes, der um die Erlaubniß bat, Wein oder Waſſer auftragen zu dür⸗ 38 fen, nur um ſeine Doſe an und regalirte ſich im Vorrath mit einer ſolchen Befriedigung an dieſem pi⸗ kanten Blätterdünger, wie ſie ſeine ganze Natur, auch ſeine geiſtige, zu bedürfen ſchien. Dyſtra erzählte nun, daß er von Rudhard aus Brüſſel einen Brief erhalten hätte, der ihm den Schlüſſel dieſes ſonderbaren Benehmens der aus Ita⸗ lien heimkehrenden Olga gegeben. Die Familie, der man Olga in Rom anvertraut, hätte aus mannich⸗ fachen Elementen beſtanden. Statt Schutzes hätte ſie von Seiten einiger jüngerer Mitglieder jene quälende Huldigung erfahren, die zuletzt ein Mädchen, das auf die begehrte Hinneigung nicht einginge, wahrhaft er— ſchöpfen und in einem Grade abſpannen könne, daß ſie einen Ekel und Ueberdruß an ſich ſelbſt empfände.“ In Venedig hätte Olga die unausgeſetzten Galanterien zweier jungen Söhne der Herrſchaft, mit der ſie reiſte, nicht mehr ertragen mögen und das Leiden eines ſelb⸗ ſtändig in der Welt auftretenden weiblichen Weſens, da ihr die Waffen des Humors fehlten, ſo läſtig ge⸗ funden, daß ſie mit Freuden auf den Vorſchlag eines älteren Mannes eingegangen wäre, ſie bis Wien in ſeinen Schutz zu nehmen. Ohne Abſchied von der Familie zu nehmen, rückſichtslos, frank und frei, ganz in Olga's Art, die das Tragiſche hätte, daß ſie aus N 39 dem empfindlichſten Zartgefühl für Tugend leichtſinnig erſchiene, wäre ſie von jenen Menſchen geſchieden und hätte den Vorſchlag eines älteren Mannes, ſie nach Wien zu führen, angenommen. Sie kannte dieſen Mann als zuverläſſig von Rom aus: es war ein Je⸗ ſuit, der Profeſſor Sylveſter Rafflard... Himmel! unterbrach Drommeldey erſchreckend... Kennen Sie ihn? Erzählen Sie! Das Mädchen iſt die neue Cla⸗ riſſe Harlowe... Dyſtra fuhr fort, nach Rudhard's Mittheilungen zu berichten, daß Olga dieſen Mann nur von Rom und dem Hauſe der Gräfin d'Azimont gekannt hätte. Sie hätte mit Freuden von ihm vernommen, wie er immer gegen den Fürſten Egon geſprochen, wie er der damals noch von ihr verehrten Helene die Charakter⸗ loſigkeit dieſes Treuloſen unbarmherzig vorgehalten, bis Helene ſelbſt„charakterlos“ geworden. Damals ſchon hätte ſie zu jenem gefälligen Hausfreund ihre Zuflucht nehmen, ſeinen Rath begehren wollen. Nun fand ſie ihn in Venedig auf dem Balkon eines Ho— tels, wo ſie ſchwermüthig in den großen Kanal blickte und ihn für einen Retter vor den Unarten zweier jun⸗ gen modern erzogenen Söhne der ſchwachen Dame, mit der ſie reiſte, anſah... Sie kam aus dem Regen in die Traufe! unter⸗ brach Drommeldey mit proſaiſcher Wahrheit einen Zuſtand, der in der auf den gefährlichſten Bahnen wandelnden Olga tragiſch genug zum Bewußtſein ge⸗ kommen ſchien. Dieſer gefährliche Menſch! Ich lernte ihn bei Helene d'Azimont kennen und wurde ſo mit der Beſchleunigung des Wiederſehens zwiſchen ihr und dem damals fieberkranken Prinzen Hohenberg gedrängt, daß ich, um dieſe Kriſis minder gefährlich zu machen, zur Liſt und Verſchlagenheit greifen mußte. Noch iſt mir ein Räthſel, welche Rolle jener Faun in dieſem Verhältniſſe ſpielen wollte. Und dieſen Mann, ſagte Dyſtra, hab' ich von bedeutenden Notabilitäten der Reſidenz rühmen hören, habe Rochus vom Weſten entrüſtet geſehen, als es hieß: Ein Jeſnuit iſt ausgewieſen. Auf dem Wege nach Wien, wohin ihn wol geheime Aufträge führten, muß er ſeiner ganzen Natur die Zügel haben ſchießen laſſen. Das argloſe Mädchen wollte ſich von den Nadelſtichen kindiſcher Huldigungen befreien und ver⸗ fiel in eine Gefahr, die Sie ermeſſen können, wenn Sie Rudhard's Geſtändniß hören, das ungefähr in der Thatſache beſteht: Er kam nach Wien, fand Olga nicht in dem Gaſthofe, wo die aus Rom rückkehrende Familie hatte abſteigen wollen. Dieſe Familie traf ——,— ———„ 41 endlich ein. Olga blieb aus. Wie bebte ſein Herz, als er den Namen Rafflard nennen hörte! Der alte Pädagog, ewig geneckt von den Exrtremen der Zeit! Sein Zögling in ſolcher Gefahr! Die Taube in den Krallen des Geyers! Was ſollte er thun? Bleiben, reiſen? Er ſuchte den Beiſtand der Regierung. Er bot Alles auf, zu einer genauen Kenntniß der Route zu kommen, die Sylveſter Rafflard mit Olga genom⸗ men hatte. Oft wär's ihm, dem beſonnenen, kalten Manne geweſen, als hätt' er mit der Stirn gegen die Wand rennen müſſen! Endlich hätte er erfahren, daß ein älterer Herr mit einem jungen Mädchen von Trieſt über Udine nach Steiermark gereiſt wäre. Aus ſpä⸗ tern fragmentariſchen Berichten ergab ſich, daß Raff⸗ lard die katholiſche Schwärmerei Olga's zu irgend. einem Lebensplane mzte, ihr eine Nundreiſe durch Klöſter und Abteien als eine romantiſche Verſchöne⸗ rung ihres nächſten Reiſezweckes vorhielt und gradezu auf eine Eroberung nicht nur für die Kirche, ſondern vielleicht gar für die Heiligengeſchichte zuſteuerte. Drommeldey blickte fragend auf... In der That, Doktor! ſagte Dyſtra. Es iſt ſchau⸗ dervoll, wie weit die mittelalterlichen Rückfälle gehen. Man wird mit ihnen grade wieder bei Thümmel's Reiſen ankommen. Rafflard hatte in Rom die Lei⸗ 3* 42 denſchaft Olga's für die katholiſche Kirche bemerkt. Der Kriticismus ihres Erziehers hatte ihr keine Waffen in die Hand gegeben gegen den verführeriſchen Reiz der Muſik und des entzündeten Weihrauchs. Da findet er in Venedig das Kind wieder, das ſich ihm mit ſeinem ganzen ſchwärmeriſchen Unbedacht in die Hände liefert. Weit entfernt, ſich ihr durch ſeine ſchlimme Natur verdächtig zu machen, legt es Raff— lard darauf an, Olga's Ueberſpannung bis zum Vi⸗ ſionären zu ſteigern und ſich in der hierarchiſchen Sphäre, wie man das jetzt ſehr gut durch Ertreme kann, einen Namen zu machen. Er ſpricht bei Geiſt⸗ lichen mit ihr vor, die die Sehnſucht des Mädchens nach dieſen Extremen ſteigern. Hier und da eine aus den höheren Ständen in den geiſtlichen getretene Nonne muß Olga in dem Vertrauen auf innere Offenbarun⸗ gen ſtärken. Sie wiſſen, daß jetzt überall Wunder der katholiſchen Kirche wieder auftauchen! Bilder ſchwitzen Blut, an viſionären Mädchen auf dem Lande zeigen ſich die Leidensmale Chriſti, es iſt, als ſchwank⸗ ten wieder alle feſten Normen und Naturgeſetze, als ergriffe die Menſchen in gewiſſen Gegenden der St.⸗Veitstanz der Ideen, die Alles im Wirbel mit ihnen umdrehen. Dieſer Rafflard ſoll alle Stadien eines pädagogiſchen Abentheurers durchgemacht haben 4 42 4 43 und als wahrer Seelenverwüſter nun damit enden wollen, Heilige zu ſchaffen. Er fand in jenen mit Geiſtlichkeit jedes Ordens geſegneten, zur Donau aus⸗ laufenden Bergthälern Hülfe genug, Olga zu feſſeln, bei ihrem aus Liebesgründen nicht geſteigerten Ver⸗ langen nach der Rückkehr zu den Ihrigen ſie planlos umherzuführen, bis ſie in einen Zuſtand kommen mußte, den ich mit jener Zähmung der Schlangen in den Käſten der indianiſchen Zauberer vergleichen möchte, mit jener Erſtarrung durch umhüllende Decken, die eine Lethargie, eine Geiſtesohnmacht, eine Willen⸗ loſigkeit zurücklaſſen, an welcher man erlebt hat, daß Frauen für heilig galten, ſie wußten nicht wie und daß ſie ſich inſpirirt glaubten, ſie wußten nicht von Wem, wohl aber an ſich ſelber glaubten, an ihre eigne Geiſtesverwirrung wie an ein Evangelium, das Unſichtbare ihnen zuriefen, ja daß ſie ſtigmatiſirt wa⸗ ren, ohne es zu wiſſen... Drommeldey ſprang auf. Er hatte erſt gelächelt, erſt wirklich an Thümmel's Reiſen, die er und Schlurck ausnehmend liebten, gedacht. Nun aber überwältigte ihn der Zorn. Er erging ſich in Verwünſchungen eines wahnſinnigen Zeitalters— und hatte doch eben ſelbſt dieſem wahnſinnigen Zeitalter ſich zum Opfer dargebracht, ſeine Logik, ſeinen klaren Verſtand, ſei⸗ — 44 nen Voltaire dem Mittelalter und einer am Throne doppelt gefährlichen Romantik preisgegeben! In Linz, fuhr Dyſtra fort, entdeckte endlich Rud— hard die Flüchtlinge. Die Jeſuiten, die oben auf der ſchönſten Ausſicht über die Donau und die Steier⸗ märker Berge wohnen, mögen Rafflard angezogen haben. In der Wohnung einer beſonders bigotten vornehmen Sternkreuzordens⸗Dame war Olga wie eingebürgert und wurde von dieſer und einem Dutzend hoher Geiſtlicher gleich einer Heiligen behandelt. Ich zweifle gar nicht, daß es darauf abgeſehen war, das Kind in einen magnetiſchen Zuſtand zu verſetzen. Rudhard fand ſie, wie ſie ſchlummernd auf einem Ruhebett lag, die Bruſt mit einem Kreuze bedeckt... Das Kreuz war ein Magnet! Das vermuthet Rudhard ſelbſt und beklagt ſich, deſſelben ſich nicht bemächtigt zu haben. Er wäre im Hotel abgeſtiegen, ſchreibt er mir, hätte ſich bald von Olga's Anweſenheit unterrichtet, wäre ohne lange zu forſchen, ohne ſich um die hohen Titel jener bigotten Frau zu kümmern, in die Zimmer eingetreten, hätte in ſtürmiſcher Haſt nach Olga verlangt, ſie im Ne⸗ benzimmer entdeckt, aus einem Schlafe wachgerufen, der ſie, ſelbſt als ſie die Augen aufſchlug, noch nicht zu verlaſſen ſchien. Sie wäre ihm gefolgt, hätte ſeine 8 3 — 45 Anſprüche auf ſie ruhig anerkannt, hätte mit ſich ge⸗ ſchehen laſſen, was geſchah. Rafflard wagte ſich, als er Rudhard's Namen hörte, oben von den Jeſuiten nicht wieder in die Stadt hinunter. Auch hätte Olga nicht nach ihm verlangt. Mit einer an Starrſucht grenzenden Ergebung wäre ſie Rudhard gefolgt und mit ihm über Prag und Dresden hierher zurückgekehrt, wo er neue Verwirrungen, neue Pflichten genug ge⸗ funden hätte und dem Ewigen danken wolle, wenn es Anna von Harder gelänge, in die phantaſtiſche Nacht, die um Olga zu ſchlummern ſcheine, einen Lichtſtrahl der Erleuchtung und wiederkehrenden freien heitren Selbſtbeſtimmung innerhalb der ſittlichen Schranken zu wecken. Ihnen, Sanitätsrath, ſchloß Dyſtra, konnte ich, da ärztliche Anknüpfungspunkte hier nun endlich gegeben ſind, dieſe Geſchichten nicht verſchwei⸗ gen, bitte Sie aber, Drommeldey, bewahren Sie den Vorfall wie ein Geheimniß, das die Chre einer gan⸗ zen Familie betrifft. Drommeldey, düſter blickend, ernſt geſtimmt, dankte für das ihm geſchenkte Vertrauen und verſprach über den empörenden Vorfall nachzudenken. Er zweifle gar nicht daran, daß man, wie man hier in Tempelheide die Thierwelt dem Menſchen näher brächte, ſo es in Klöſtern und bigotten Konventikeln jetzt mehr wieder 46 denn je verſtände, den Menſchen aus dem Bewußtſein ſeines klaren Ichs, ſeines unſterblichen Cogito ergo sum, hinunter zu drücken zu einer rein animaliſchen Vege⸗ tation, wo nur die Schauer des Erdenlebens durch die Seele ſpukten und ſtatt Offenbarung eines höhern Lebens, die man von der geſtörten Ordnung der Sinne erwarte, nur die Verdunkelung unſrer Sehn⸗ ſucht und Hallucinationen abgeſtumpfter Sinne em— pfinge. Ja, fuhr er, begeiſtert ſich erhebend, fort, ja, mein guter Baron, wenn hier etwas helfen kann, ſo iſt es wol zunächſt ein Umgang, wie der Anna's von Harder, nicht, weil dieſe Frau ſelbſt geſund iſt, ſondern weil auch ſie geiſtig kränkelt. Es iſt hier ein Fall, wo ſozuſagen die Homöopathie hilft. Lächeln Sie nicht, Baron! Nur die Tollheit unſrer Menſchen zwingt den Arzt zur Charlatanerie. Wenn Sie wüß⸗ ten, was ſich Alles Hülfe begehrend dem Arzte zu⸗ wendet, Sie würden erſtaunen, daß wir nicht noch weit öfter auf unſre Rezepte ſchreiben: Aqua fon- tana! O tolle, tolle Zeit! Hat die gleichartige Schwärmerei Anna's wie ein Impfſtoff auf Olga ge⸗ wirkt, ſo muß dann freilich noch ein Element hinzu⸗ treten, ich meine eines, das alle Organe des Men⸗ ſchen hebt, alle Sinne veredelt, alle Gedanken zum Lichte emporzieht, die Liebe! Beſter Baron, Sie blicken 1 47 ernſt. Vergeben Sie mir! Wenn Olga gezwungen wird, die Baronin von Dyſtra zu werden, ſo erleben Sie eine Zukunft, die von der Hölle nicht viel Un— terſchied haben wird, oder Sie müßten eine Philoſo⸗ phie beſitzen, wie jener gute Graf Deſiré d'Azimont in Paris. Die Liebe iſt dies allmächtige Gefühl, das im Menſchen die wahren und einzigen Wunder wirkt! Die Liebe erhebt zum ſittlichen Stolze und drückt auch wieder herab zur gern gehorchenden Demuth. Die Liebe iſt jenes dritte Höhere, das zwiſchen den beiden Gegenſätzen Gift und Gegengift, Krankheit und Re⸗ medium in der Mitte liegt, ſcheinbar wieder Krank⸗ heit weckt und doch zu einer göttlichen Geſundheit er— hebt. Der Goldregen Jupiters wirft alle metalliſchen Reſte jenes Kreuzes, das auf dem Nervengeflechte Olga's lag, hinaus aus dem mishandelten Körper dieſes armen närriſchen kleinen liebenswürdigen Kin— des! Jupiter, beſter Baron! Nicht Pluto's Gold⸗ regen! Geben Sie dem Mädchen Jemanden, den ſie liebt, lieber jetzt, als erſt dann, wenn ſie Ihre Frau iſt. Nichts aus der Apotheke kann hier helfen, Ba⸗ ron, ſondern Weisheit, die ſich Jeder ſelbſt verſchrei— ben muß. Damit reichte Drommeldey, wahrhaft erſchüttert, dem Baron die Hand, und entfernte ſich zu ſeinem 48 Wagen, der den in äußerſten Fällen alle Diplomatie über Bord werfenden Mann raſch die Anhöhe hinab entführte. Dyſtra aber war bewegt. Er mußte Siegbert's gedenken, der ſich aus Rückſicht auf ihn und die Für⸗ ſtin der Hoffnung, jemals Veranlaſſung einer ſo auf⸗ fallenden Mesalliance zu werden, entſchlagen hatte, ſo lebendig in ihm das Bild Olga's auch fortlebte. Olga war unglücklich ebenſowohl über den geringen Muth des Freundes, dem ſie ihr ganzes Leben ge— widmet hatte, wie über ſein nahes Verweilen bei der Mutter. Sie vergab ihm nicht, daß er nichts, auch gar nichts gethan, eingedenk ſich zu zeigen jenes Abends unter den Hängeweiden, wo ſie ihm ein Herz für's ganze Leben geſchenkt hatte. Ihre Begriffe von Schwärmerei und waghälſiger Liebe verſtanden nicht, wie Siegbert ihr nie ſchreiben, nie ihr ein Anerbieten von Hülfe in ihren bedrängten Herzensgefahren ma⸗ chen konnte. Daß er ſich bekämpfte, der unpaſſenden Verbindung auswich, keinen Anſtoß in der Geſell⸗ ſchaft erregen wollte, verſtand ſie nicht. Als ſie in Venedig erfahren, daß Siegbert und die Mutter nach Belgien gegangen waren, gab ſie die Hoffnung auf irgend noch ein Glück des Lebens auf und folgte Raff— lard, der ſie zur Nonne machen wollte, aus Verzweiflung. — — 49 Nach der gefährlichen Schule, in der ſie zum Leben erwacht war, nach der Schule Helenen's, mußte Siegbert alle Rückſichten aufgeben, ihr auf Wolken⸗ flügeln entgegeneilen, ſeinen ſtarken Arm um ſie ſchlin⸗ gen und dieſe gemeine Erde wie mit den Füßen von ſich ſtoßen! Siegbert, der der Politik, der Kunſt, ſeinem Prozeſſe leben konnte, erſchien dem Mädchen ſchon wie Egon, das Prototyp alles männlichen, herz⸗ loſen, blutſaugenden Vampyrismus, der in allen Ro⸗ manen, die ſie geleſen hatte, ſchrecklich genug geſchil⸗ dert war. Und ehe Olga, ſagte ſich der durch väter⸗ lichen Willen ihr beſtimmte Verlobte, neue Thorheiten begeht, wieder ausfliegt, wieder in die Hände eines Höl⸗ lenſohns geräth, ſollte da nicht die Tochter eines Fürſten lieber einmal einen Maler heirathen? Oder gar, wenn die Brüder jenen Prozeß gewännen, der ſie faſt ſo reich macht, als ich es bin! Wenn es wahr wäre, was man ſich erzählt, daß der alte Obertribunalspräſident an dieſem Prozeſſe einen ſo auffallenden Antheil nähme?... Längſt ſchon hatte Dyſtra auf den Lippen, Anna von Harder um dieſe Angelegenheit zu befragen. Aber das eine Mal, daß er von der Familie Wil⸗ dungen anfing, befremdete ihn, wie ſchnell die ſonſt jeder Frage gern ihr Ohr leihende und ſich immer um eine ausführliche und gründliche Antwort faſt be⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 4 * kümmernde Frau, dem Gegenſtande auswich. Er er⸗ fuhr inzwiſchen, daß ein Oheim der Wildungen die Tochter der Landräthin Anna von Harder wider ihren Willen geheirathet hatte. Da gab er es auf, mit ihr über einen Gegenſtand zu ſprechen, der in ihr ſchmerzliche Erinnerungen weckte. Aber ihrem alten Schwiegervater hoffte er ſich zu nähern und wie ſehr auch Anna hervorheb, daß er völlig ungeſellig wäre, keinen Umgang liebte, er kam immer wieder auf den Wunſch zurück, ihm vorgeſtellt zu werden und heute war es der letzte Moment. Indem kam Olga mit ihrem Buche über Italien aus dem Tannenparke zurück; der Kranich begleitete ſie, ohne daß ſie auch nur über ſeine Sprünge die Miene verzog. Sie hatte nur die eine Abſicht, Dyſtra zu fliehen, ihn nicht zu ſehen, kein Wort der Ankede von ihm zu vernehmen... Dieſer entſetzliche Ernſt! ſagte er ſich. Dieſe Lei⸗ denſchaft, Alles ſo zu nehmen, wie es iſt! Kein Hu⸗ mor, kein Lachen, keine Abweichung von der Regel! Sie kommt mir da vor wie ein Zugvogel, der plötz⸗ lich, ehe wir's uns verſehen, ſich in die Lüfte hebt und indem ſie eben noch vielleicht mit den Täubchen ſpielt, die ſie füttert, ein Locken, ein Schwärmen in der Luft hört von Vögeln, die wir kaum kennen 51 und auf und davon iſt ſie, man weiß nicht wie und wohin. Olga hatte auf's Gefliſſentlichſte den Baron ver⸗ mieden und war an den demüthig ſich verneigenden Mohren vorüber in den Hof gegangen, um ſich auf ihr oben gelegenes Zimmer zu flüchten... Der Wei⸗ ſer der Kirche zeigte bald auf zwei Uhr. Anna in ihrer Beklemmung ſchien den Beſuch Dyſtra's faſt vergeſſen zu haben. Wie ſie eben Befehle gab, die Hausflur in noch größere Ordnung zu bringen, als ſie ohnehin für die Tage der Akademie ſtatthaben mußte, ſah ſie den Baron erſt wieder. Und nun gar zu hö⸗ ren, daß Der auch bleiben wolle, ſich ſcherzhaft ſelbſt zu Tiſche lud, mit jeder Koſt ſich befriedigen zu wol⸗ len erklärte, nur müſſe er den Präſidenten heute ken- enent lernen, mit Olga die Füße unter einen Tiſch ſtellen, dieſem Zuſtand der Entfremdung ein Ende machen und als er ſagte: Ich erzähle dem Greiſe über Löwen und Panther. Ich war auf einer Tigerjagd in Bengalen. Ich kann über die Wandertauben am Miſſouri wie ein Stratege ſprechen; denn die Züge dieſer Thiere ſind marſchirende Armeen... ich feßle den Greis ſo, daß er mich dableiben heißt... Da blieb ihr nichts übrig, als ihm zu ſagen, er möchte in Gottes Namen thun, was er wolle, ſein Heil ver⸗ 4* 52 ſuchen und einſtweilen in die oberen Zimmer gehen und auf den Präſidenten warten, den ſie eben ſchon von unten her anfahren hörte. Das Lärmen und Bellen der Hunde, das Flattern des Federviehs im Hofe, das Springen und Hüpfen der Vögel, das freudige Radſchlagen der Pfauen bezeichnete den wirk⸗ lichen Moment der Ankunft des alten Herrn. An dem thüringiſchen Papageno mit dem freudeſtrahlenden Zei⸗ ſiggeſichte vorüber betrat Dyſtra die mit einem grauen Teppich belegte Treppe und ſtieg zu dem erſten Stock⸗ werk eines Hauſes empor, das ihm wie ein altes verwunſchenes Jagdſchloß vorkam... Zunächſt ſuchte er oben Olga— Er hörte eine Thür zuſchlagen... Mais Mademoiselle! Mais Olga!... Die Bitten des Barons, ihm Gehör zu geben, wurden von einer oben in ein Zimmer Gehuſchten durch einen Riegel abgeſchnitten, deſſen raſches Vor⸗ ſchieben laut hörbar wurde. Vous me traitez en loupcervier— Keine Antwort... On croirait, que je mange les petits enfans... Tiefe Stille... Dyſtra trat in das erſte beſte offne Zimmer. Es war dunkel wie das ganze Haus. Die Fenſter, auch von innen grün angeſtrichen, waren nur in kleine Scheiben getheilt. Rings an den Wänden hingen alte Familienportraits, in denen er hie und da eine ge⸗ wiſſe Aehnlichkeit auch mit dem Intendanten der kö— niglichen Schauſpiele und ſeiner ſtolzen adelsbewußten Haltung zu erkennen glaubte. Es waren hier die Harder's zu Hardenſtein ſo recht unter ſich. Eine alte bronzene Uhr, braungebeizte Schränke boten die ein⸗ zige Abwechſelung an den Wänden. Die Schränke waren mit ausgeſtopften Thieren, Vögeln, kleinen Vierfüßern, Käfern und Reptilien, angefüllt. Im dunkelſten Eck ſtand ein Bücherrepoſitorium, das ein grünſeidner Vorhang verhüllte. Es waren alte Ganz⸗ franzbände, die hier ſtanden, Schriften des vorigen Jahrhunderts, meiſt in franzöſiſcher und engliſcher Sprache. Les Oeuvres de Frédéric le Grand fehl⸗ ten nicht. Dyſtra ſetzte ſich auf einen der ſauber gepflegten, urſprünglich weißlakirten und vergoldeten Seſſel. Durch und durch ein moderner Menſch, hatte ihm dieſe ganze Wirthſchaft hier auf Tempelheide etwas Komiſches und doch war er befangen, wie er ſich nun mit die⸗ ſem alten Herrn, der hier im Style ſeiner verſcholle⸗ nen Zeit wie es ſchien mit majeſtätiſchem Selbſtge⸗ fühle lebte, vermitteln ſollte. Er zupfte an ſeinen 54 gelben Handſchuhen, er roch an ſeinem parfümirten Taſchentuche, er ſpiegelte ſich in ſeinen gefirnißten Stiefeln und gefiel ſich offenbar in der Beobachtung ſeines zierlichen kleinen Fußes. Den ſauber gefärbten Kinnbart konnte er ſeiner Handſchuhe wegen nicht ſtreicheln. Er hätte gern die Thüren rechts und links aufgeklinkt, um nach Olga zu ſehen. Sie mußte doch in der Nähe ſein. Es war ihm, als huſchte bald da, bald dort etwas an den Wänden. Zuletzt entdeckte ſich die geſpenſtiſche Geſellſchaft. Zwei Katzen, die das Mittageſſen zu wittern ſchienen, ſtanden plötzlich vor ihm mit langniederhängenden Schweifen. Er hatte ſie auf ihren ſammetweichen Pfoten nicht hereinſchlei⸗ chen hören. Er ſah, daß ſie durch die eine Thür, die nicht ganz feſt zugeklinkt geweſen, gekommen ſein mußten. Die Thiere ſahen ihn mit Befremden an. Sie waren ſchön geſtreift, der Rücken tigerartig, der Bauch weiß. Ihre Schnurrbärte ſtanden ihnen hu⸗ ſarenartig keck, während ſie im Uebrigen etwas weib⸗ lich Gelaſſenes, Sanftes, Unaufgeſchrecktes hatten. Dennoch wagte ſich Dyſtra nicht recht an die Thür, um in das Arbeitszimmer des Präſidenten zu blicken, denn offenbar aus dieſem waren die beiden Katzen, die wir unter dem Namen Iſis und Oſiris kennen, hereingekommen. Dyſtra fühlte etwas von der Ap⸗ 5⁵ prehenſion, die wir dieſen ſchleichenden Haus- und Küchenhüterinnen gegenüber empfinden. Es rieſelte ihm über den Rücken. Sein Muth, von bengaliſchen Tigern und Löwen zu prahlen, entfiel ihm vollends, als ſich zu den beiden Katzen noch ein ungeheurer, ſchwarzer, grüngelbblickender Kater geſellte. Dieſer dritte Geſellſchafter war faſt ſo groß wie die beiden andern zuſammengenommen. Aber auch dieſer war ruhig und ernſt und duldſam über den Beſuch und ſchien ſogar an deſſen blanken Stiefeln ſo viel Wohl⸗ gefallen zu finden, daß er ſich Doſtra bedenklich nä⸗ herte. Jetzt hier ſo allein zu ſtehen mit den drei un— heimlichen Katzen, erfüllte den Baron mit leiſem Schauder. Wetter, dachte er, du haſt doch Schakals heulen hören und in gemeſſenen Diſtanzen auf dem Nilſande Krokodille ſich ſonnen ſehen, aber dieſe drei zahmen Katzen in unmittelbarſter Nähe machen dir mehr Angſt als die Schrecken der Wildniß! Die Thür, die offen blieb, ließ das Arbeitszimmer da noch räth⸗ ſelhafter erſcheinen, als noch auf dem Fußboden ein Vogel hereinſprang, ſchwarz mit gelben Pünktchen ge⸗ zeichnet, mit klugen Augen, beweglich munterm Schwanze, eine Amſel. Ohne daß die Katzen nach ihr haſchten, ſetzte ſich die Amſel traulich auf den Rücken des großen Katers, der ſich nach ihr umwandte mit 3 56 einer gelaſſenen Ruhe, die eines Philoſophen wür⸗ 1— 1 dig war. Dyſtra ſcheute ſich, einen Blick in das offne Zimmer zu werfen. Er dachte ſchon an die Möglich⸗ keit, darin plötzlich noch irgend etwas ganz Ungeheu⸗ res zu ſehen, als auch in der That wieder ein Hund hereintrat, ein Hühnerhund, von derſelben ru⸗ higen und nicht einmal neugierigen, ſanften, ſchleichen⸗ den Ergebenheit wie die übrigen Thiere. Dyſtra kam ſich jetzt in der That wie Aeſop unter ſeinem moraliſirenden Vieh vor und dachte ſich irgendwo die ſpottende Olga, die ihn belauſche oder ihm wohl gar dieſe Beſtien alle auf den Hals ſchickte. Es war für ſeine in der That ergriffenen Nerven die höchſte Zeit, daß Anna von Harder eintrat und ihn erſuchte, ihr zu folgen. An eine ceremonielle Vorſtellung war jetzt nicht zu denken. Sie würden, ſagte ſie, den Großvater unten in der 1 Hausflur bei dem thüringiſchen Vogelabrichter findenz 1 vorbereitet hätte ſie ihn ſchon auf einen berühmten 1 Reiſenden, der für Olgas Beaufſichtigung Rechte in Anſpruch nehmen dürfe; ſein ferneres Glück müſſe er nun ſelbſt verſuchen. Alh Drittes Capitel— Die Akademie. Dagobert von Harder, der Obertribunalspräſident, war von kleiner gedrungener Figur, ganz im Gegen⸗ ſatz ſeines zweiten Sohnes, des langaufgeſchoſſenen Kurt Henning Detlev. Der große Kopf ſaß tief in dem gewaltigen Bruſtumfange. Hände und Füße wa⸗ ren zierlicher, erſtere beſonders weiß und zart gepflegt, faſt ſammetweich. Den Schädel bedeckte kein Härchen mehr. Ein ſammtnes Käppchen ſchützte das glänzende, mit Aederchen unterlaufene Haupt. Das Antlitz zeigte die Spuren des hohen Alters. Es war wie ein durch⸗ furchtes Feld, wie eine Netzzeichnung, ſo in tauſend kleine Quadrate getheilt, die alle länglich von den Schläfen herab ſich ſenkten. Die Augen quollen, wie von Hautſäcken umgeben, etwas hervor und hatten einen Anflug von Blödſichtigkeit. Die Lippen waren faſt mit den Zähnen verſchwunden und ganz in die 58 Höhlung zwiſchen Backenknochen und Unterkiefer ver⸗ loren gegangen. Der Kopf ſenkte ſich ein wenig über. Ein Diener mußte immer in der Nähe ſein, dem über Achtzigjährigen den Arm zu bieten und ihn zu führen. Bei dem Vogelhändler ſtand der Präſident. Die Erörterung ſchien ihm Elaſtizität zu geben. Der Ab⸗ richter hob wol an dreißig kleine hölzerne Käfige auf einem Tiſche auseinander und pries unter ſteter Wie⸗ derholung der Anrede: Erzellenz! die Leiſtungen ſeiner Kanarienhähne, Dompfaffen, Zeiſige, Rothkehlchen und Stieglitze. Daß ſich Erzellenz aus den kleinen Späßen mit dem Aufßziehen eines Futterkarrens und dergleichen nicht viel machten, wußte der Thüringer ſchon, aber mit den Vögeln, die ihm Melodien nach⸗ pfiffen, legte er mehr Ehre ein und erwarb ſich mit Fug den Thaler, den ihm die alte Erzellenz jährlich ſchenkten, wenn er vom Harze kam und ſeine neuen Virtuoſen vorführte. Gekauft wurde nichts mehr in Tempelheide, der Präſident erklärte ſich für zu alt, um noch in ſeine ſchon vorhandene Geſellſchaft neue Elemente einzulaſ⸗ ſen; denn ſein Zähmungsprinzip war grade die all⸗ mälige Gewöhnung und für dieſe blieb ihm, der ſtünd⸗ lich die Augen zuſchließen konnte, keine Muße und Ausſicht mehr. Mit einer weichen, ſehr leiſen, von 59 8 vielen Räuspern unterbrochenen Stimme lobte er den Thüringer, warnte ihn vor Anwendung grauſamer Mittel und entließ ihn mit dem üblichen Thaler, zu dem er noch die für Dyſtra und ſein Anliegen ſpan⸗ nenden Worte fügte: Kommt Er auch durch Angerode? Angerode, Erzellenz? Ja wohl, Erzellenz, An⸗ gerode! Grade von da bin ich. Keine weitere Frage. Papageno mit dem Zeiſig⸗ geſichte war entlaſſen... Nun erſt wandte ſich der alte Herr an der Hand des zweiten Bedienten, der mit ihm aus der Stadt gekommen war, zu Dyſtra und wiederholte, die weiß⸗ ſchimmernden Augen aufziehend, das leichte Kopfnicken, mit dem er den von oben herabkommenden Dyſtra be— grüßt hatte... Baron eſſen mit uns? wandte ſich der Alte fra⸗ gend zu Anna, die über dieſe unerwartete Wendung noch in Schrecken war, da ſie Dyſtra's Gourmandiſe kannte und nicht wußte, wie ſich bei einer ſolchen Aenderung der ſonſt ſo einfachen Tafelordnung Olga benehmen würde. Der Alte wurde langſam die Treppe hinaufge⸗ führt. Anna bot ihm ſelbſt den Arm. Dyſtra flüſterte, folgend, dem Bedienten zu, man möchte etwas für ſeine Mohren ſorgen, damit deren menſchliche Unge⸗ duld von der Zahmheit der hieſigen Thiere nicht be⸗ ſchämt würde... Von einer weitern Unterhaltung, längern Vorſtel⸗ lung war keine Rede. Der Greis wurde ſogleich in's Eßzimmer geführt. Er nahm Dyſtra für einen Be⸗ ſuch bei Olga, den man Anſtandshalber, der Ent⸗ fernung von der Stadt wegen, dabehalten müſſe und begann ſeine Suppe aus einem mächtigen halben Vor⸗ legelöffel mehr zu ſchlürfen, als zu eſſen. Anna winkte Dyſtra, ſich des Olga'ſchen Couverts zu bedienen. Denn der tzweite Diener hatte ſchon angezeigt, die junge Comteſſe ließe ſich entſchuldigen. Punktum! ſagte Dyſtra leiſe und biß ſich auf die Lippen. Nach einer Weile erſt bemerkte der Greis die Ab⸗ weſenheit einer ihm liebgewordenen, immer ſtillen Ge⸗ ſellſchafterin und fragte: Comteſſe Olga? Nicht wohll ſagte Anna, deren Geduld heute auf die großartigſten Proben geſtellt wurde. Die Bedienten nahmen den Suppenteller fort. Dyſtra hatte das kräftige Conſommé nicht verſchmäht. Man ſchenkte Wein ein, dem Greiſe in einem gro⸗ — 61 ßen ſilbernen Becher, den er mit beiden Händen er⸗ faßte... Onkel von Comteſſe? fragte er Dyſtra nach einer Weile, als man kleine Paſteten aufſetzte. Dyſtra, der nur horchte, beobachtete, ſich umſah, ſtaunte, erwiderte mit einer Dreiſtigkeit, die Anna er⸗ röthen machte: Vergebung, Erzellenz, Couſin! Dieſe Unwahrheit konnte Anna kaum dulden und nicht ohne Schärfe bemerkte ſie, als ſie die kleinen, weichen, gar mürben Paſteten austheilte: Großväterchen liebt alle Namen, in denen der A⸗Laut liegt; er behauptet, daß alle Menſchen ge⸗ wiſſermaßen aus einem Vokale komponirt ſind und im A läge— die Wahrheit! Dyſtra! ſagte keck der Getroffene und betonte die Endſylbe. Der Name thut's allein nicht, ſagte der Greis mit einem leiſen Aufflammen des Auges, der Charakter, der ganze Ton des Weſens und Redens muß es machen. Die gute kleine Olga iſt noch zu ſehr in O und U geſetzt... 1 Dyſtra verſtand noch nicht recht, was Das für kurioſe muſikaliſche Schlüſſel ſein ſollten und bat um genauere Erläuterung. Anna gab ſie dahin, daß nach dem Präſidenten alle Menſchen ſich aus einem beſtimmten Laute zu geben pflegten, je nach ihrem Charakter; bei den Sanguiniſchen hörte man nichts als J⸗Laute, bei den Choleriſchen, Mäkelnden, Nergelnden ein ewiges wi⸗ derliches E, bei den Melancholiſchen und Hypochon⸗ dern die klagenden für ſie wahrhaft herzzerreißenden Unkentöne in U... Und den A⸗Laut? Liebt Großpapa als den klaren Ton der Wahr⸗ heit, des echten Maaßes und der richtigen Mitte... Anna von Harder, geborne von Marſchalk! ſprach der Greis, langſam die A hervorhebend, mit einem An⸗ flug von alter ritterlicher Galanterie. Es ſchien, als wenn der Präſident bei einem ge⸗ dankenmäßigen Geſpräche recht aufthauen konnte. Dyſtra aber wagte kaum zu ſprechen, aus Furcht, zu den J⸗ und E⸗Menſchen zu gehören. Alle ſeine Bekannten, beſann er ſich wirklich, beſonders die Ruſſen, waren meiſtens in J und E geſetzt, wie die ewig zwitſchernden und zankenden Vögel. Voland von der Hahnenfeder war tief in U. Dumme Menſchen meiſt in O, z. B. der eigne Sohn des Greiſes, der Intendant von Harder. Klare, beſonnene, rüſtige, konſequente, wohlwollende wie Rudhard, Siegbert, * 63 Dankmar, Leidenfroſt, wenn nicht im Namen, doch im Weſen alle aus dem A. Es ärgerte ihn faſt, daß ihm ſein ganzes Weſen wie eine Reſonanz von J und E klang. Der Greis erſchöpfte ſich jetzt in freundlichen Be⸗ trachtungen über Olga und beſchämte Dyſtra mit der Vorausſetzung, daß er ihm verpflichtet ſei, von An— na's Pflegebefohlener zu erzählen. Der Greis hatte die Natur derſelben ſehr wahr erkannt. In kurzen abgeriſſenen Sätzen ließ er ſo viel treffende Andeutun— gen über Erziehung und Mädchencharakter fallen, daß Dyſtra im Hinblick auf den Intendanten erſtaunte, wie die Praxis hier hinter der Theorie zurückgeblieben war.. Das beſcheidene Gemüſe, das er jetzt ver— zehren konnte, wenn er Appetit gehabt hätte, ließ ihm Zeit, über ein Mittel nachzudenken, wie er wol, ohne abſichtlich zu erſcheinen, auf den Prozeß der Gebrüder Wildungen kommen konnte. Ueberraſcht mußte Dyſtra ſein, als der Greis von den Thieren anfing, die Herr von Dyſtra ſeinem Sohne für die königliche Bühne verehrt hätte. Als er die Ueberraſchung über dieſe ſeine plötzliche Bekannt⸗ ſchaft bei dem Greiſe ausſprach, erwiderte Anna: Wir leſen mit Aufmerkſamkeit die Zeitungen. Wenn die große Welt ſich in den Theatern und Salons be⸗ wegt, holen wir nach, was die Menſchen alles unſrer Lektüre zu Gefallen Schönes oder Häßliches an⸗ ſtellen. So hat uns auch Ihre Unterſtützung der dar⸗ ſtellenden Künſte ſehr unterhalten. Alle Blätter er⸗ wähnten den Vorfall mit den Meerkatzen. Das Feld war für die Thierliebhaberei des Grei⸗ ſes nun offen. Angeregt durch den Beſuch und eine kurze Mittheilung der Reiſen, die Dyſtra gemacht hatte, ſprach Dagobert von Harder ſich dahin aus, daß ihn ſeine Väter und Ahnen, die alle im Forſt⸗ fache dienten, früh auf die Naturbetrachtung hätten führen müſſen. Dann, ſagte er, kam mir als Ju⸗ riſten das Naturrecht in der alten römiſchen Definition entgegen. Sie wiſſen, mon cher Baron, daß das Natur- oder Völkerrecht bei den Alten das Recht alles Lebenden war. Was da athmet, was zu dem gro⸗ ßen ſchönen Bau der Erde, zu dem herrlichen Kos⸗ mos des Daſeins gehört, hat ein Recht der Pflege, der Schonung, ſoweit ſeine Freiheit die Freiheit der Andern nicht beſchränkt. Das Recht iſt ſozuſagen der unſichtbare Genius, der ſeine ſchützenden Fittiche über Alles, was iſt, ausbreitet. Von der Natur fängt es an und wo es in der Natur nicht iſt, wird's im Geiſte nicht ſein. So hab' ich ſchon früh als Juriſt gedacht und wenn wir weiſe werden wollen, wo kön⸗ 3 65 nen wir denn auch anders anfangen, als mit dem Leben der Natur? Die Brücken, die ein Kind, hab' ich noch jüngſt zu Ihrer Couſine geſagt, Herr Ba⸗ ron, die Brücken, die du dir bauen willſt in das un⸗ endliche Leere, ſind wie Regenbogen, an deren Ende ich als Knabe immer glaubte Gold zu finden. Die Leute ſagten's. Ich lief und lief, um die Stelle zu errei⸗ chen, wo der Bogen, der bunte, ſchöne Reif ſich end⸗ lich zur Erde ſenkt; ach und ein Sonnenblick und die ganze täuſchende Phantasmagorie war mit dem Golde verſchwunden! Nicht in's Leere baue, ſondern in das Gegebene! Wenn ich nun Ordnung und Geſetz, Har⸗ monie und Verſtändniß in den Weſenſtufen der vor⸗ handenen, unſern Sinnen zugänglichen Schöpfung entdecke, ſoll mich Das nicht mit Ehrfurcht vor dem Räthſel des großen Weltplanes erfüllen? Und je⸗ mehr ich Seele, Seelentrieb, Bewußtſein entdecke, deſto geringfügiger kann mir doch die innere, ſie belebende Flamme der Materie nicht erſcheinen? Nein, im Ge⸗ gentheil! Je mehr Millionen dieſer kleinen Flämm⸗ chen ſelbſt im Sturme, in Inſekten und Fiſchen leben, deſto höher wächſt mir das große Centralfeuer der ſich ſelbſt erkennenden Gottheit. Was ich in Allem finde, muß ein Großes, ein Lichtgeborenes, Ewiges ſein. Und wenn ich dem Aſtronomen, Geologen, Die Ritter vom Geiſte. IX. 5 466 Botaniker überlaſſen will, in ſeinem Bereiche die Har⸗ monie der Geſetze, das Streben nach Individualiſi⸗ rung und nach kosmiſcher Schönheit in den oft ſo bewundernswürdigen Gattungsregeln zu entdecken, ſo hab' ich mit Liebe mich der Thierwelt angeſchloſſen und ein Myſterium darin gefunden, daß in ihr ge⸗ bunden dieſelbe Seele ſchlummert, die uns für Halb⸗ götter hält, während die ganzen Gottheiten wol wie⸗ der über uns Thiermenſchen lächeln. Anna von Harder zerſchnitt eben in kleinſte Stück⸗ chen die Portion Braten, die der in's Redefeuer ge⸗ rathene Greis mit dem Löffel aß, da das Aufſtecken auf die Gabel der zitternden Hand nicht geſchwind genug gelang... Sie verrieth eine innerſte Genug⸗ thuung über dieſe Worte des Alten, die ſo bedeutungs⸗ voll waren, daß ſie Dyſtra mit ſeiner Moquerie be⸗ ſchämten. Ich dachte, Erzellenz, ſagte Dyſtra trotzdem witz⸗ haſchend, ich dachte, Erzellenz wären ein Pythago⸗ räer und enthielten ſich des Fleiſches, wie noch jetzt die Hindus. Ah bah! Ah bah! antwortete der Greis. Daß ich ein Narr wäre! Zur Sentimentalität ſoll uns die Liebe zum Geſchaffnen nicht verführen. Das Vollge⸗ fühl der Race, das Bewußtſein und der Erhaltungs⸗ 4* 67 8 trieb der menſchlichen Gattung erfordert die Thier⸗ nahrung. Grade weil wir Raubthiere ſind, haben wir Geiſt. Die Wiederkäuer, die Schafe, die Rin⸗ der ſind von geringem Geiſte. Verloren gehen ſoll der Menſch an das Thier nicht, wenn wir auch mehr als dünkelhaft ſind in dem blinden Ignoriren alles Deſſen, was um uns fliegt, kriecht, ſchwimmt, hüpft und bellt. Es liegt hierin eine Offenbarung, die in tauſend Zungen ſo vernehmlich ſpricht, daß wir ſelſt verwildern, wenn wir zu unſern Füßen nur Verwil⸗ derung ſehen. Die dumme Lehre vom Inſtinkt hat uns der ganzen unermeßlichen Pflicht des Niederblickens mit einer Phraſe überheben ſollen. Wo iſt mehr von dieſem mechaniſchen Inſtinkt als beim Menſchen? Der Inſtinkt lehrt uns, auf zwei Beinen gehen und den Kopf hochtragen. Der Inſtinkt lehrt uns, des Nachts ſchlafen und nicht am Tage. Der Inſtinkt lehrt uns die Furcht und die Bewaffnung gegen Alles, dem unſre Kräfte nicht gewachſen ſind. Unſre Paa⸗ rung, unſre Kindesliebe, unſre Todtenbeſeitigung iſt Inſtinkt, wie auch das Grundprinzip unſrer Staaten, unſrer Rechtspflege, unſrer meiſten Sitten und Ge⸗ bräuche. Was uns die Vernunft erfunden zu haben ſcheint, iſt der Trieb der Gattungserhaltung. Wüchſe 5* 68 nur die Liebe zu allem wahrhaft Lebendigen, wir würden nicht ſo viel geiſtig Todtes haben, nicht ſo viel verblendete mochante Hypotheſen aufſtellen und uns nicht ſo ſehnen, aus dieſem Chaos von Lüge und Irrthum, Misbrauch der Vernunft, Umgehung der Natur, bei Zeiten herauszukommen! Anna, noch bewegt von dem Stolze, wie der edle Greis Dyſtra's geringe Meinung von der ihm gebüh⸗ renden Rückſicht beſchämte, erſchreckt von der dem Präſidenten eignen Todesſehnſucht, die er oft äußerte, ergriff die zarte kleine Hand, ſie bittend und liebevoll ſtreichelnd... Großväterchen, ſagte ſie, will mich einmal wieder mein Vielliebchen nicht gewinnen laſſen und wir haben doch gewettet, daß die hundert Jahre voll werden!— Da ſei Gott für! antwortete der Greis und ſah ſich, weil man das Deſſert brachte, Früchte und Bis⸗ quit, nach ſeinen gewöhnlichen Deſſertgäſten um. Die Thüren wurden geöffnet und Noah's ganze Arche ſchien ſich zu entleeren. Selbſt die Schildkröte wurde auf Anna's beſondern Befehl von dem Bedienten in den obern Stock getragen... Der Greis fütterte ſeine Gäſte. Man hatte ihm Schüſſeln mit Körnern hingeſtellt. Er gab reichlich, ——— 9' 69 ſtrafte aber jeden Näſcher und gab jedem Gehorſamen mit Schmeichelreden... Es iſt die Liebe, ſagte er zu dem erſtaunt blicken⸗ den Dyſtra, den ſeine Beklommenheit verließ, es iſt die Liebe, die die ganze Thierwelt nur zu ſehr an uns vermißt. Wenn wir uns vor Dem, was außer uns lebt, fürchten, ſo geht Das noch, es iſt eine Idioſynkraſie der Gattung; aber wir haſſen die Thiere; wir toben unſre Leidenſchaften an ihnen, wie nur zu oft auch an unſern Kindern aus. Kein Wunder, daß Alles um uns her dann tückiſch, zornig, rachſüchtig wird und nun auch wieder ſeine Leidenſchaft gegen das noch Schwächere austobt! Wodurch ver⸗ bind' ich Hund und Katze? Dadurch, daß ich ſie nicht aufeinanderhetze, nicht Gefallen an ihren Unar⸗ ten finde. Ich verweiſe Sie auf den Blick des Thie⸗ res. Finden Sie da in meinem großen ſchwarzen Bafomet— der Greis nahm den rieſigen Kater und ſtellte ihn dicht vor ſich auf den Tiſch— nicht einen Ausdruck der ſtillen Ergebung, des geduldigen Tra⸗ gens dieſer Erdenhülle.. 2 Daß man faſt an die Seelenwanderung glauben möchte? ſagte Dyſtra forſchend, ob nicht dies alte ägyptiſche Dogma in dem etwas ketzeriſch ſich äußern⸗ den Alten zum Vorſchein käme... Da erhob ſich aber eben Anna. Sie hatte es drei Uhr vom Kirchthurme ſchlagen hören und ſchon erblickte ſte einen Wagen, der von der Landſtraße ab⸗ lenkend zum Hauſe herauffuhr... Vielleicht der der Frau von Trompetta, die immer die Erſte war. Sie wiſſen, Baron, ſagte ſie mit hocherröthenden Wangen, daß wir heute unſte muſikaliſchen Uebungen haben; aber ich bedaure, daß die Anweſenheit unge⸗ ladner Zeugen... Das ſind ſtrenge Geſetze, warf der Greis, ſich erhebend, ſcherzend ein, aber ich zeige Herrn von Dyſtra einen Winkel, wo wir unbelauſcht zuhören können oder... Unſern Mittagsſchlaf halten, ergänzte Dyſtra mit Beziehung auf den Greis. O nein! O nein! lehnte dieſer ab. Mein Ohr hört nie ſchärfer, als wenn die Augen zufallen. Ich ſchließe die Augen, Baron, in dem kleinen.Winkel, den ich Ihnen zeigen werde, aber wenn man Bach und Händel ſingt, ſchlaf ich nicht. Dyſtra war weder für Bach noch für Händel be⸗ ſonders eingenommen, aber er ſah, daß die Erzellenz geſprächig werden konnte. In der Hoffnung, daß eine Erörterung, die ſchon bei der Seelenwanderung angekommen war, ſich auch noch auf das Mittelalter, —,— 4 71 das heilige Grab und die Tempelherren würde aus⸗ dehnen laſſen, erklärte er, die Winke der Frau Land- räthin nicht zu verſtehen und ſich ganz im Verborgenen halten zu wollen. Sein Spartakus und Cicero ſäßen hoffentlich bedacht in der Küche... Die Nachricht von den Mohren machte dem Alten große Freude. Er wünſchte ſie ſpäter zu ſehen... Hätte Dyſtra ahnen können, was Alles die arme Kapellmeiſterin beſtürmte, er würde ſie mehr geſchont haben! Sie ſollte ihm jetzt ſagen, was Olga triebe, warum ſie nicht gekommen wäre, ob ſie bei Tiſch immer ſchwiege, ob ſie vor den Thieren nicht Appre⸗ henſionen empfände, oder er wagen dürfe, ſie in ihrem Zimmer zu überraſchen, wo hinaus es läge, ob ſie jetzt äße... Alle dieſe Fragen erwiderte ſte mit dem einfachen Beſcheide, Olga male, ſie würde zu ihr ge⸗ hen und ihr leider wol wiederholt die Verſicherung geben müſſen, daß man ſie betrachten wolle wie eine Enſiedlerin Alſo nach Norden liegt ihr Zimmer! ſagte Dyſtra und wollte trotzdem folgen, wenn nicht der Greis ſich erhoben hätte, ihm jetzt den Verſteck zu zeigen, aus dem er gewohnt wäre, den Akademieen zuzuhören. Dyſtra mußte ihm ſchon den Arm bieten. Sie gingen 72 über den Corridor, eine kleine verſteckte Treppe hin⸗ unter... Inzwiſchen hatte ſich die Zahl der Wägen, die vorfuhren, anſehnlich vermehrt... Anna hatte Olga erſucht, an der Akademie Theil zu nehmen... Sie ſchlug die Aufforderung aus... es bebte ihr durch's Herz, als das träumeriſche Mädchen, ihr faſt ſtereo⸗ types Schweigen brechend, geſagt hatte: Dein Haus iſt wol ein Gefängniß für mich; aber die gefiederten Sänger der Luft wohnen gern in ihm. Ich gehöre zu den Stillen, die man nur muß ge⸗ hen laſſen, wenn ſie Jeden erfreuen ſollen. Ich weiß, jener Dyſtra iſt bei Euch, dem ſie mich vermählen wollen, weil er Schätze beſitzt. Ich fliehe vor ihm, wie vor der Klapperſchlange die Thiere fliehen, über die ich dem Großpapa zuweilen vorleſe. Deine Welt, in der du lebſt, liebe Anna, iſt wunderbar. Weißt du, daß ich manchmal Muth bekomme, weit, weit über die Thiere und Menſchen hinaus, die ſich vor Schlangen fürchten? Ich bin gar nicht erſchrocken vor den Mädchen, die, wie Großpapa erzählt, mit Schlan⸗ gen ſich umringeln, kleine Vipern als Halsſchmuck, große als Shawls tragen! Ich möchte ſo mitten inne in der Wildniß ſitzen, ich wüßte, ihre Bewohner ſchonten mich. Ach, ſind denn die Menſchen nicht — 73 viel ſchrecklicher? Von dieſem Dyſtra mit ſeiner gecken⸗ haften. Eleganz, ſeinen parfümirten Redensarten, ſei⸗ ner Eitelkeit auf ſeine kleinen Füße red' ich nicht. Er iſt nur lächerlich und ich würde mich ſchämen, wenn ich ein Wort mit ihm redete. Aber es gibt größere Ungeheuer! Laß mir die Einſamkeit, gute Anna! Ich habe ſo viel erlebt, ſo viel in meinem innerſten Herzen zurecht zu legen, daß ich dieſes verzauberten Schloſſes recht bedarf, um mich zu ſammeln. Es iſt mir bei Euch, wie ich von der Höhle des Trophonius geleſen habe, in der man die Stimme des Erdgeiſtes hörte. Dabei zeigte Olga rund herum auf ihr gemüthlich eingerichtetes Zimmer, das immer für fremden Beſuch auf Tempelheide eingerichtet war und in Nebenkäm— merchen noch Raum für zahlreichere Gäſte bot. Die Meubles waren hier moderner als im übrigen Hauſe, die Bilder zeigten auch einmal andre als naturhiſto— riſche Gegenſtände, und an den nach Norden gelegenen Fenſtern gediehen in kühlem Schatten einige Blumen— ſtöcke von ausgeſuchterem Werthe. Auf einem dicht ans offne Fenſter gerückten Tiſche malte Olga in Aquarellfarben, deren Anwendung ſie von Siezgbert Wildungen gelernt hatte, eine italieniſche Fernſicht. Das dunkelblaue Meer und einen einzigen darüber 74 hinweg ſchwebenden Vogel erklärte ſie für das Abbild ihres eigenen Lebens. Und als Anna ſie nicht bewe⸗ gen konnte, der Verſammlung unten, deren bevorſte⸗ hende Ueberraſchung ſie freilich verſchweigen mußte, beizuwohnen und gehen wollte, rief ihr Olga plötzlich wie aufthauend noch nach: Und dein heutiges Freudenfeſt? Anna drückte das Mädchen bewegt an ihr Herz und erwiderte: Viele Jahre hindurch, ich kann ſagen wieviel, ſiebzehn Jahre hindurch war der heutige Tag ein Freudentag. Dann hab' ich länger als zwölf Jahre an dieſem Tage bitter geweint, vor aller Welt mich abgeſchloſſen, Niemanden ſehen mögen, als die Bil— der, die vor meinem innern Auge lebten. Zuletzt, je näher ich dem Ziele unſrer allgemeinen Pilgerſchaft komme, hab' ich von dieſem Tage nur noch die alte Freude behalten und feiere ihn ſtill innerlich wol, aber mit Ergebung, wie wenn Alles ſo wäre, wie es nicht iſt. Olga wußte nun, daß Anna von dem Geburts⸗ tag ihrer Tochter ſprach, über deren Leben oder Tod Anna ſeit Jahren nichts mehr vernommen hatte... Schon war die würdige Frau gegangen. Auf der Stiege ſich ſammelnd, den Dienern jede nöthige Auf⸗ 75 merkſamkeit einſchärfend, das Vorzimmer des Muſik⸗ ſaales im Vorübergehen noch etwas aufräumend trat 8 ſie zu mehren ſchon unten anweſenden Damen und Herren ein. Der Chor ſchien heute beſonders ſtark zu werden. Das unverändert ſchöne Wetter lockte jedes Mitglied, die Veranlaſſung einer ſo angenehmen Spazierfahrt nicht zu verſäumen. Nur ein Billet, das ſich vorfand, war ein abſagendes, grade von der Trompetta! Dieſe ſchrieb, ihr ſtünde der überraſchende Veſuch ihres Vetters, wie ſie ſagte,„des Chefpräſi— denten von Trompetta Erzellenz“ bevor, einer bekann⸗ ten, in der Provinz im Sinne der äußerſten Reaktion wirkenden Perſönlichkeit, die man ſchon oft als eine Miniſterchance genannt hatte, ebenſo wie einen Ver⸗ wandten des Fräuleins von Flottwitz, den Oberprä⸗ ſidenten von Flottwitz, der gleichfalls in der Provinz zu den letzten Trümpfen gehörte, die die Aeußerſten gern ausgeſpielt hätten, wenn nicht Egon von Ho— henberg zur Zeit noch unerſchütterlich erſchien. Die arme Trompetta! Die Bedauernswerthe! Wenn ſie ahnen konnte, was ſie heute verſäumte! Wagen an 4 Wagen fuhr vor. Bediente ſprangen von den vordern Böcken und öffneten die Schläge. In der Hausflur ſaßen ſchon faſt ein Dutzend gallonirter weißer Skla⸗ ven, die bald die Nähe der ſchwarzen in der Küche 6 gewittert hatten und ihr Uebergewicht zu Hänſeleien benutzten, grade wie ſie der alte Oberpräſident im Umgang der Menſchen mit der Thierwelt als die Quelle der Verwilderung derſelben bezeichnet hatte. Die Kammerdienersſöhne der Majeſtät von Angora nahmen die Späße, die man ſich mit ihnen erlaubte, nicht zu übel auf, ſondern genoſſen ihr Vorrecht, ſich mit den Speiſeſchränken auf Tempelheide vertrauter geſtellt zu ſehen, als die Europäer, in einem Grade, der den Neid der letzteren, deren Herrſchaften alle erſt um ſechs dinirten, ſehr rege machte und ſie um ſo mehr verſtummen ließ, als die beiden alten Diener des Hauſes, die ihre beſte blaugelbe Livree angezogen hatten, auf Ruhe und Ordnung hielten in dem Augen— blick, wo vom Muſikſaale her die erſten Töne des Pianos erklangen. Vor dem Schloſſe eines Fürſten, wenn ſeine höch⸗ ſten Räthe bei ihm verſammelt ſind, kann es nicht belebter ausſehen als jetzt vor dem kleinen Landhauſe von Tempelheide. Die gewählteſte Geſellſchaft wurde an den Wappen von mehr als zwanzig Wägen er⸗ kennbar. Auch die Männer gehörten nicht alle dem beſcheidenen Stande der jungen Offiziere und Referen⸗ dare an, ſondern mancher Rath, mancher jüngere Präſident übte noch die Fertigkeit ſeiner Stimme und '¹ 77 —⏑:⏑—— hielt treu bei dieſen faſhionablen Tonübungen aus. Die Dorfbewohner, ja ſtädtiſche Luſtwandelnde horch⸗ ten zu vom Hügel der Kirche, vom Friedhofe und den beiden Linden herüber. Die Jugend ſtaunte der Wä⸗ gen, der ſtolzen Roſſe und Bedienten. Dies wunder⸗ reiche kleine Schloß, ſonſt ſo ſtill, wie belebt war es heute! Die Thiere wurden eingehalten oder ihr Gackern und Lärmen erſtickte in den entfernten Stäl⸗ len oder der häßliche Schrei des Pfauen in den ho⸗ hen Wipfeln des Tannenparks... Es ſchlug halb vier Uhr. Die Akademie begann... Fräulein von Flottwitz kam noch in einem unſcheinbaren Wagen etwas verſpätet. Wahrſcheinlich hatte ihr die Trom— petta den Streich geſpielt, ihr die Mitbenutzung ihres Wagens unmöglich zu machen. Dadurch hatte ſie ei⸗ nen Miethwagen nehmen, ſich ängſtigen müſſen... Aber welche frohe Botſchaft brachte ſie auch mit! Sie hatte den Hof über die Felder hinausfahren ſehen, die um Tempelheide lagen, die königlichen Wagen ſechsſpännig mit Vorreitern und mit zwei Wägen voll Kammerherren und Hofdamen. Und nun, wie geho⸗ ben konnte ſich die junge Ariſtokratin fühlen ſchon durch den Anblick der andern Wägen, die vor Tem⸗ pelheide ſtanden! Welch' Gefühl der Erkluſivität, ſo in einen Saal zu treten, wo es nur Mitglieder der höhern Geſellſchaft gab, ja ſogar unter ſechs bis acht Gräfinnen eine Fürſtin, vielleicht eine Fürſtin von Sein⸗Haben⸗Werden! Sie kam grade zurecht, in ein Miſerere mit einzuſtimmen, dem es gut that, bei der Stelle dele iniquitatem meam durch ihre helle hochliegende Stimme in der rechten Lerchen⸗Wirbel⸗ Schwebe gehalten zu werden. Anna dirigirte mit Feuer und Begeiſterung. Was auch kommen und drohen mochte, in der Muſik hoben ſich ihr alle Schwingen. Da hörte der kleine Flug über die Erde auf, da wurde nicht mehr mit den Fit⸗ tichen über die Rückſichten leiſe hinweggeflattert, da ſchlug ſie Akkorde, die die Seele entfeſſelten und em⸗ portrugen in die Welt der Ahnungen und des leben⸗ digſten Gottvertrauens. Sonſt ihre Stimme im Reden ſo weich und faſt tonlos, jetzt markvoll und ſchmet⸗ ternd Befehle ertheilend! Cis! Cis! Cis! ſo durchge⸗ donnert durch die falſchgreifenden Baroneſſen und Grä⸗ finnen, ein Zu früh! den Räthen, Präſidenten, Ka⸗ pitäns, Aſſeſſoren, Sekondelieutenants und Kadetten — wieder einem Flottwitz hatte ſich endlich die Stimme geſetzt zu einem recht brauchbaren Falſett⸗Tenor— ſo ein Zu früh! das war wie der Tuba⸗Ton eines Jahrhunderts, der dieſen Herrſchaften ſonſt gewöhnlich nur zuzurufeu pflegt: Zu ſpät! Freilich auch Zu 79 ſpät's! kamen genug vor, beſonders bei den etwas nachmittagsſchläfrigen Bäſſen, die ihr exultabunt ossa mea ganz im Gegenſatz zur Bedeutung dieſer Worte et— was gar zu ſehr wie wiederkäuendes bequemes Hornvieh hervorbrummelten. Am meiſten Noth hatte die gute Anna mit der Fürſtin Sein⸗Haben⸗Werden, die die Muſtk leidenſchaftlich liebte und die heilige vollends mit Auszeichnung, aber an einer für Menſchen faſt inſtinktwidrigen muſikaliſchen Gehörloſigkeit litt und im Vergreifen des Einſetzens im Laufe der Uebung es in der That für den Zuſammenhang der Töne zu⸗ weilen zu einem wirklichen kompletten Miſerere brachte. Dyſtra inzwiſchen litt nicht nur an ſeinem höchſt geringen Intereſſe für geiſtliche Antiphonieen und Re— ſponſorien, ſondern in noch erhöhterem Grade in ſei— nem ganzen, von dem Lokale, wo er ſich befand, in Belagerungszuſtand geſetzten Nervenſyſtem. Der ihm ſo wohlwollend zugewandte Greis hatte ſich von ihm die klene Haustreppe hinunter in ein Gemach führen laſſen, das zwar eine ſehr angenehme Kühle verbrei⸗ tete, aber bald für ihn ein Gegenſtand des Schreckens werden ſollte. Der Alte hatte es die Spinnſtube ge— nannt. Dyſtra folgte in Bewunderung vor der länd⸗ lichen Patriarchalität dieſer Wohnung, wo noch ge— ſponnen wurde, wie im Zeitalter der Königin Bertha. Wie erſchrak er aber, als er ſich auf einen Stuhl neben einem Seſſel, in den ſich der Alte niederließ, warf und entdeckte, daß dies nicht die Spinn-, ſon— dern die Spinnenſtube war! Wirkliche Spinnen wa⸗ ren es, die hier ſpannen, und welche Ungeheuer, welche achtbeinigen Arachniden, welche Netze! Quer über das ganze Zimmer hingen die Fäden und junge und alte Kreuzſpinnen ſchaukelten ſich auf ihnen. Es iſt wahr, der Greis ſprach ſehr ſchön über den Ton und deſſen Einwirkung auf die Thierwelt. Er ver⸗ glich den Ton mit dem Lichte und erklärte, daß Ton und Licht dem Thiere zuſammenflöſſe, dem Fiſche, dem Käfer, der Spinne. Es iſt wahr, man konnte bei den erſten Takten, die in dem Muſikſaale nebenan angeſchlagen wurden, die Bewegung ſehen, wie die Spinnen ſtutzten und der Thür ſich zuwandten. Aber der unheimliche Eindruck blieb doch und wurde ge⸗ ſteigert, als der Präſident auf ein kleines Loch am Fußboden zeigte und ſagte: Geben Sie jetzt Acht! Er gab Acht und errieth faſt, daß aus dieſem Loche noch ein Freund der Muſik erwartet wurde, aber am liebſten hätt' er ſich einen Kehrbeſen und eine muthige Magd gewünſcht, die hier die Wände rein gefegt hätte. Es half nichts, er mußte die Spannung des Alten theilen, der aus dieſem Loche den Beſuch einer kleinen „ —᷑—᷑—ꝛ—˖—B—V—ꝛ—ꝛ—ꝛ—— — 81 Maus erwartete, die nie ausblieb, wenn die Akademie im Gange war. Es dauerte heute lange. Der Alte bekam ſchon Bedenken, fürchtete für die Rückfälle ſei— ner Katzen, ſchalt über die Hunde, die Mägde, die Ratten, die Diener, Alles in einem Tone. Er hörte nichts von den majeſtätiſchen Hymnen, die nebenan mit allen Unterbrechungen eines möglichſten Strebens nach Korrektheit geſungen wurden, bis endlich wirklich zu ſeiner innigſten Freude ein kleines graues Mäus⸗ lein ſich hervorwagte, klug die Aeuglein um ſich warf, den Boden prüfte, den Schweif ringelte und ſich den an der Thür wie verzaubert lauſchenden Spinnen als al— ter bekannter Muſikfreund hinzuzugeſellen ſuchte. Schon längſt hatte man nebenan einen Verſuch in mehr un⸗ ſerm Jahrhundert ſich annähernder Muſik gemacht, ſchon längſt hatte Dyſtra ſo viel gewonnen, daß er mindeſtens eine durchgebildetere Verſchlingung der von den einzelnen Stimmen getragenen Tonfiguren zu be⸗ merfen glaubte, als dem Greiſe ſein Experiment ge— lungen ſchien und er ſein Mäuschen wie einen alten Bekannten begrüßte. Nur dauerte die Freude nicht lange. Denn. plötzlich ſtockte der Geſang, die Spinnen bewegten ſich erſchrocken auf den hohen Stelzbeinen, das Mäuschen ſtutzte, eine kräftige Hand pochte an die Thür, ein Bedienter öffnete... eine Ueberraſchung Die Ritter vom Geiſte. IX. 6 82 ... der Hof... Was?... Der König... Wie?... Die Königin... Himmel!... Anna näherte ſich ſchon dem Papa— es iſt ja nicht glaublich! Doch! Doch! Der Hof eben vorübergefahren, ſchon bei dem Magnifikat ſtill gehalten... jetzt wo es an Händel ginge, ließe man fragen, ob ein Beſuch der Herrſchaf⸗ ten erlaubt und Zuhörer geſtattet wären... Stau⸗ nen, Bewegung, Unentſchloſſenheit... endliche Faſ⸗ ſung... zwei Minuten darauf hatte ſich die Scene merkwürdig geändert... dem Schloſſe von Tempel⸗ heide war großes Heil widerfahren. Viertes Capitel. Die beiden Jahrhunderte. Im Vorzimmer des Muſikſaales zu Tempelheide bei geöffneten Thüren ſitzt das Monarchenpaar, andächtig lauſchend einem mit unendlich geſteigertem Eifer wie⸗ der begonnenen Händelſchen Pſalm, einem Muſikſtücke, auf das ſich die im Innerſten bebende Anna verlaſſen konnte... Die Altenwyl, freudeſtrahlend über den gelungenen Ueberfall, denn grade in dem Plötzlichen, dem Unvorbereiteten lag der Reiz, lag der Zauber, der allein die Herrſchaften in dem Glauben erhielt, ſie beglückten ſehr die Menſchheit und verſtünden ſie in ihrem tiefſten und geheimſten Walten... Eine An⸗ kündigung dieſes Beſuchs, wen hätte ſie nicht Alles verletzt, wie viel Neid hätte ſie erweckt und wie leicht hätte ſie das Zuſtandekommen vereiteln können, da Anng ſo ſchwer zugänglich war... Nun aber war der kühne Wurf gelungen... Der Monarch blickt gläu⸗ 6* big, ſeine Gattin erbaut ſich an der Sache ſelbſt und an der Andacht des Gemahls... Zwei Kammer⸗ herren in beſcheidner Entfernung, zwei Hofdamen ſitzend hinter der Herrſcherin und alle mit denſelben Mienen wie dieſe, dieſelben Achs! Dieſelben Os! wie jene, ja als ſich die Augen der Königin bei einem Adagio mit Thränen füllten, weinten auch die weib⸗ lichen Umgebungen... Die Kammerherren waren etwas ſelbſtändiger; ſie fühlten dem Monarchen nach, daß ſeine Empfindung eine getheilte war. Halb war ſie der altklaſſiſchen Muſik, halb dem greiſen Ober⸗ tribunalspräſidenten zugewandt, der von ſeinem Gaſte, dem ruſſiſchen Staatsrathe Otto von Dyſtra, geführt, neben den Majeſtäten ſaß und mit ſicherm ruhigen Bewußtſein, ja mit einer gewiſſen vornehmen Faſſung die Ehre entgegennahm, die ſeinem Hauſe ſo über⸗ raſchend widerfuhr... Dyſtra war längſt dem Hofe vorgeſtellt und ſeiner halbverwachſenen Figur wegen ſogleich als der Sonderling erkannt, von dem man glücklicherweiſe ſeine Bekanntſchaft mit gewiſſen zwei— deutigen Elementen der Geſellſchaft noch nicht in Er⸗ fahrung gebracht hatte... Die Königin irrte ſich gar nicht, wenn ſie bei ihrem Gemahl vorausſetzte, daß ihm dieſe unmittelbare Annäherung an den Chef der Gerechtigkeit in ſeinen Staaten außerordentlich 8⁵ wohl that und er ſich in dem Bewußtſein betraf: Du lehnſt dich da an das Gute und das Edle, an das von Gott Eingeſetzte und ewig Gewollte, an den Wi— derſchein der himmliſchen Ordnung und du biſt in der Weiſe, wie du nun einmal regierſt oder regieren läſ⸗ ſeſt, nicht nur in deinem göttlichen Rechte, ſondern auch in der wahren Bahn deiner urweltlich prädeſti⸗ nirten Pflichten!... Und nun dazu dieſe Muſtk, dieſe alte bewährte Tonſchöpfung eines großen Meiſters! Welche Sicherheit gewährte ihm dieſe Anlehnung an eine Jakobsleiter, die gleichſam in den Himmel ſelber führte! Ach, es ſah ſo düſter auf dem Gebiete der täglichen Erfahrung aus. Die Ruhe war hergeſtellt, aber theilweiſe mit gewaltſamen Mitteln. Man hatte in Egon von Hohenberg eine ſeltene Kraft des Wil⸗ lens, der Durchführung, des Vertrauens ſogar ge⸗ wonnen, aber ſelber wollte man nicht vertrauen. Man fühlte ſich einſam, leer, beängſtigt wie immer. Man hatte einen Staat, aber kein Volk mehr. Man ſah Gehorſam, aber ſo wenig Begeiſterung bei Denen, die gehorchten, weil ſie mußten. Man hatte Beiſpiele von Strenge geben müſſen. Bis in das Heer, das man den Kern und die Blüthe des Volkes zu nennen pflegte— der Kern und die Blüthe des Volkes iſt die Schule, hatte dagegen Egon ſelbſt einmal eines 86 Abends in den kleinen Cirkeln mit Reizbarkeit geſagt — bis in das Heer war das„Gift der Neuerung“ gedrungen. Es waren Beweiſe von Verrath gegeben worden, die man zum abſchreckenden Beiſpiele hatte mit buchſtabenſcharfer Rückſichtsloſigkeit ſtrafen„müſſen“. Noch beunruhigend genng war die Sage von einem großen geheimen Bunde, der bis in die weiteſte Ver⸗ zweigung aller Stände griff und den Boden, auf dem man täglich wandelte, unſicher machte. Egon ſelbſt, der nicht blos das Land, ſondern auch zuweilen den Hof, wenigſtens deſſen liebſte Angehörige, tyranniſirte, der Premierminiſter, dies allbewunderte, ſtrahlend auf⸗ gegangene Geſtirn, das weithin am europäiſchen Him⸗ mel leuchtete, Egon von Hohenberg ſelbſt hatte eines Abends, als von gewiſſen ſtrafenden Worten die Rede war, die ein Prinz des Hauſes in der Provinz zu einem Gemeinderathe geſprochen, geſagt: Hüteten ſich doch die Fürſten, mit ihren perſönlichen Anſprüchen auf die Empfindungen der Menſchen jetzt noch zu weit ſich hervorzuwagen! Es kann eine Zeit kommen, wo das Fürſtenweſen von Allen, vom Bürger, Bauer, Adel und der Bureaukratie umgangen worden iſt und es plötzlich in einer Vereinſamung daſteht, die es vor der Treuloſigkeit ſeiner beſten Freunde wird erſchau⸗ dern laſſen! Solche Egon'ſchen Worte waren längſt 87 die Veranlaſſung einer geheimen Hofverſchwörung ge⸗ gen den Staatsretter geworden, wie man ihn öffent⸗ lich nannte. Die Königin ſtand ſelbſt an der Spitze dieſer Oppoſition, die zunächſt eine ſittliche war und von der Gräfin Altenwyl von dem Augenblick offen bekannt wurde, als ſich der Fürſt mit dem ſchönſten Mädchen der Reſidenz vermählt hatte, dem man die bürgerliche Abkunft nachgeſehen hätte, wenn nicht Melanie's Ruf, der Ruf jener Pauline, unter deren Auſpicien dieſe Ehe zu Stande kam, Anſtoß hätte er⸗ regen müſſen. Es war eine Demonſtration gegen Pauline und gegen Egon ſelbſt, daß man Anna von Harder heute beſuchte, ſittliche Elemente ſchützte, die ſeelenreinigende Muſik verehrte und in dem uralten Chef der Juſtiz gleichſam jenen alten Staatsorganis⸗ mus, durch den das Land groß geworden, an Macht und wahrem Glücke gewonnen hatte, ſelbſt der kon⸗ ſervativen Neuerung gegenüber in Ehren hielt. Und das Alles ſchwamm ſo in den Tönen Händel's mit! Das Alles floß ſo ſanft in den Strom der Harmo⸗ nieen über, die auch unter der Direktion eines Pia⸗ nos an ihrer rauſchenden Würde und Feierlichkeit nichts verloren!„Jauchzet dem Herrn alle Lande und ſinget dem König der Ehre!“ Es fehlten hier nur noch einige bunte Kirchenfenſter, einige Kartons etwa zum Heilande in der Vorhölle, die Sammlun⸗ gen und diskurſiven Erörterungen Voland's von der Hahnenfeder, und der ganze Apparat war beiſammen, mit dem aus dieſer Gegend her gegen die Stürme der Zeit ein Zion voll Kraft und Herrlichkeit erbaut werden ſollte. Und die Sprache der ſuchenden Empfindung blieb auch nicht zu lange aus. Nach Beendigung des ſehr gelungenen präciſen Vortrags erhob ſich der Hof, be⸗ trat nun den Muſikſaal ſelbſt, rühmte die Kraft, die Ausdauer, den Geſchmack der Führung und ließ ſich von der in der Muſik nun recht erſtarkten und geho⸗ benen Anna die Damen und Herren vorſtellen, meiſt bekannte, hoffähige Namen, deren Jedem ein aner⸗ kennendes Wort, eine Frage, eine jener kleinen Nipp⸗ ſachen der Konverſation, die eine Cour für die Gro⸗ ßen zu einer Aufgabe macht, zu Theil wurde. Dann aber wurde doch der Greis der Hauptmittelpunkt. Ihn ſelbſt verjüngte die Spannung und erhielt ihn frei, ohne Unterſtützung des beobachtenden und vielbeobach⸗ teten Dyſtra... Fräulein von Flottwitz ſagte auch den hohen Herrſchaften, als an ſie die Reihe des Lo⸗ bes und der Anerkennung kam und ihre„Geſinnung“ und die ihrer Anverwandten und ihrer Onkel, ihrer Brüder, ihrer Vettern, namentlich des auch in der — 4 Preſſe wirkſamen Oberpräſidenten geprieſen wurde: Welche ausſtrömende Kraft in der Nähe eines gelieb⸗ ten Herrſcherpaares liegt, beweiſt das Lazaruswunder an dem Greiſe da! Wie erſtunden iſt er vom Tode! Alle Krücken ſind gleichſam weggeworfen! Sein König ſagt: Stehe auf und wandle!... Man belächelte dieſe etwas pathetiſchen Worte der Flottwitz, aber ſie ſagten Das, was man ſo gern hörte in dieſem Kreiſe. Ja, wie manche Bittſchrift wurde nicht erhört, die man ſtatt an den Landesfürſten an ſeine Gemahlin richtete! Man fand damit ein Prinzip der perſönlichen Huldigung ausge⸗ drückt, das leider zu ſehr abhanden kam. Ein junger Sänger, der ein Gedicht ſchrieb:„Die Farben mei⸗ ner Königin“, erhielt für dieſe Huldigung im alten troubadouriſchen Style eine ganz moderne Wechſelan⸗ weiſung zu einer Reiſe nach Italien. Kurz man ſteuerte jener Egon'ſchen Prophezeiung von der poe⸗ tiſch⸗vomantiſchen Iſolirung des Monarchenthums mit vollen, rauſchenden Segeln zu und hätte, wenn die heute ſo unendlich verkürzte Trompetta dageweſen wäre, zwar nicht von ihrem Album, nicht von ihrem zweideutigen Kanonenboot, wol aber ſchon von dem Chefpräſidenten geſprochen, der zu der Richtung der Perſönlichkeit im Staate ſich hielt und kürzlich ſogar 90 gegen Egon eine Oppoſition in Steuerfreiheitsſachen des Grundbeſitzes mit angeführt hatte. Konnte es da fehlen, daß nun durch die Alten⸗ wyl auch die Thierſeele, auch die Mauerſchwalbe, auch die Aeolsharfe im Tannenparke zur Sprache ge⸗ bracht wurde? Ach, dieſer vorſchnelle neologiſche Dyſtra!... Der platzte mit ſeinen Beobachtungen über die Spinnen und die kleine Maus hervor. Er wurde belächelt, aber dies Lächeln war nur gnädig, nicht ganz zuſtimmend. Die Thierſeele! Die Thier⸗ ſeele! Man ſollte darüber viel zarter, viel milder, viel duftender ſprechen. Der alte Herr begann ſchon ſelbſt davon, Anna unterſtützte ihn, man horchte, man lauſchte, man geſtand zu, es wäre wol das Rüh— rendſte, was die Thierwelt darböte, wenn eine Katze die Jungen einer von ihr gebiſſenen Ratte aufſäugte. Aber da errötheten doch immer noch Einige der Da⸗ men. Man wollte die Wiſſenſchaft, die Wahrheit, aber nur nicht zu wiſſenſchaftlich, nicht zu wahr. Man ſuchte etwas mehr Dämmerndes, Umflortes und da hatte die Gräfin Mäuſeburg, die an der Spitze einer großen Anzahl von Vereinen ſtand, den Muth, auf die Hunde des St.⸗Bernhard zu kommen, jene edlen Neufundländer, die die in den Lawinen verſchütteten Unglücklichen im Schnee aufſuchten, aus dem Körb⸗ . 91 chen, das ſie um den Hals trügen, ſogleich mit Speiſe und Trank erquickten, bis die Mönche kämen und das Werk der Liebe und Rettung vollendeten. Das war denn ein Wort! Das öffnete gleich das ganze Ge⸗ biet, auf dem man der Menſchheit hier Wunder glaubte zu nützen, das große herrliche Gebiet der in⸗ nern Miſſion. Die St.⸗Bernhard's⸗Hunde auch in ihrer Art innere Miſſionäre! Nun ſtrömten alle losgelaſſe— nen Schleuſen der Uebereinſtimmung über das See⸗ liſche und ſo rauſchend quollen ſie, daß die Gräfin Altenwyl faſt Mühe hatte, mit dem Anlisgen durch⸗ zudringen, den edlen Greis möchte man doch über die Mauerſchwalbe fragen, die Shakeſpeare ſo ſchön be⸗ ſchrieben in Verſen, die General Voland damals ſo⸗ gleich, wie Alles, auswendig gewußt hätte. Aber o Jammer! Der alte rationaliſtiſche Herr aus Fried⸗ rich's des Großen Zeit zerſtörte den ſchönen Traum von der an Mauern ſchmiegſamen Mauerſchwalbe und nannte ſie friſchweg nur die Maurerſchwalbe, weil ſie maure wie mit Kelle und Mörtel, nicht Mauer⸗ ſchwalbe, weil ſie ſich liebend an Mauern ſchmiege.“ Und was er auch nun Rührendes erzählte von der Schwalbe und ihrer Anhänglichkeit an ihre Jungen, von jenem Schiff, an deſſen Maſten ſich einſt im Ha⸗ fen eine Schwalbe ne hätte, die ihre Jungen 92 durch vom Lande geholten Proviant ernährte, von jenem Schiff, das dann in See gegangen wäre und von der Schwalbe, die bald zum Lande, bald zum Schiffe flog, um Nahrung zu holen, bis ſie todt nie— derſank im Meere, weil die Entfernungen zu weit wurden, ja was er auch von der kunſtvollſten Me⸗ thode des Neſtbauens durch Schwalben erzählte, die Maurerſchwalbe war Das nicht, was man wollte. Die Maurerſchwalbe, ach, die ſtand ja gleichſam im Schurzfell, mit Kalk beſpritzt und die Kelle in der Hand vor dieſen Damen, deren Phantaſie nur das abſolut Schöne und das engliſche Lovely wollte, die Natur gleichſam in Goldſchnitt gebunden wie eine Ge⸗ dichtſammlung über die Sonntagsfeier oder über die Märchenwelt oder was ſich der Wald erzählt!... Nur der Monarch gehörte nicht zu den„Desilluſionirten.“ Er wußte, daß die greiſe Erzellenz Chef aller Landes⸗ logen war und in der Maconnerie hoch verehrt. Ihn brachte grade doch die Maurerſchwalbe auf ein ſtil⸗ les Nachſinnen.. die Maconnerie... und ſchon ſchwebte ihm, ſchon im Voraus geſtachelt vom wunderſüchtigen Voland, die Bemerkung auf den Lippen, daß die Welt auf die Entſcheidung des großen Johanniterprozeſſes ſehr geſpannt wäre... als die junge Gemahlin den Wunſch... wieder nach Muſtk, jetzt nach Pergoleſe, * ———— 93 äußerte, man ſich wieder ſetzte und Pergoleſe ſang. Man ſang Pergoleſe. Die weichen Töne'des Stabat mater nach des alten Hiller Inſtrumentirung zum Klavier wurden in ſanfteſter Modulation, ſchwellend und abſteigend, in den Tuttis und den Solis vollkommen ſicher vorge⸗ tragen. Es war eine der fertigen Kompoſitionen, die Anna von ihrer Akademie zu jeder Zeit und auch Jedem darbieten konnte. Dieſe Töne waren gewiß ſchmelzend. Gewiß, Baron Dyſtra, hätte ihm eine Stimme ſagen ſollen, wen der Schmerz Mariens, die am Kreuz des Sohnes ſtand, in dieſen Tönen nicht rührte, verdient den Antheil nicht am geſitteten Men⸗ ſchenbund. Der Baron gloſſirte auch wirklich nicht die Thränen der Frauen. Ergriff ihn doch ſelbſt das Verhallen des auch dichteriſch ſo wohlgefügten Liedes, dies ſanfte, ſtille Ausathmen der Kompoſition, nach dem man nur abbrechen, gehen, knieen, predigen, beten, nichts Gemeines mehr beginnen kam. Die Damen wären auch zerknirſcht ſo am liebſten nun gegangen, ſo mit feuchten Augen am liebſten von der bewegten und ruhig gewordenen Anna geſchieden, aber den Monarchen feſſelte es an den greiſen Obertribunals⸗ präſidenten. Es that ihm ſo wohl, ſich durch ihn im Zuſammenhange mit der Geſchichte ſeines Hauſes zu — wiſſen. Er begann, um nur noch zu bleiben, jetzt von den Windharfen und bedauerte den für den Greis zu entlegenen Weg. Doch dieſer machte dem Worte der Flottwitz Ehre. Er ſtand und ging wie der Rü— ſtigſten Einer und als der Fürſt ſogar ſelbſt ſeinen Arm ergriff, ihn ſelber führte, gab er ſeine bereitwil⸗ ligſte Abſicht zu erkennen, ſeinem Herrn und Könige auch mit Freuden jene Zähmung der Luftgeiſter zu zeigen. Nun war Alles wieder erfriſcht, wieder er— quickt nach dem ſchmerzlichen Drucke Pergoleſe's. Der König will noch bleiben! Alles athmete beſeligt. Draußen vollpulſirende Bewegung. Hunderte von Menſchen, die an den Spalieren ſtanden und leidlich ehrerbietig gafften. Die ganze Akademie folgte, weil es gewünſcht wurde. Die Diener machten Spalier. Es ging in den Tannenpark. Auch Dyſtra folgte mit den Kammerherren, die er obenhin kannte. Anna blickte zu Olga hinauf, die hinter ihren Blumen ſtand, ſich getroſt das Alles entgehen ließ und ſich vor einem Schauſpiel, das ihr wenig Intereſſe einflößte, ſtill verbarg. Als im Gehen der Großpapa eine Erzäh⸗ lung begann, die ſie ohne Erſchütterung nie hören konnte, die Geſchichte der beiden Schweſtern Philomele und Prokne, erſchrak ſie recht... Der Greis kam ſehr einfach auf dieſe Geſchichte. 95 Der König hatte ihn nach den allgemeinen religiöſen Reſultaten ſeiner Lieblingsneigung gefragt. Dagobert von Harder antwortete darauf: Manchmal, Majeſtät, wünſcht' ich, die Chriſtus⸗ lehre hätte die Menſchen nicht zu ſehr auf das Reich der unſichtbaren Geiſtigkeit verwieſen. Es iſt nicht gut, wenn wir uns zu ſehr aus den Banden der gegebenen Sinnengrenze entfernen. In den heidniſchen Vorſtel⸗ lungen über Religion hat mir immer gefallen, daß ihnen eine allbelebende Phantaſie in der Natur be— ſtimmte Ruhepunkte anwies, die unmittelbar anzubeten freilich eine blinde Abgötterei war, während leider. auch wir in unſerm Glauben vom Hylozoismus nicht ganz frei ſind. Die Alten haben ſich ſelbſt gehoben, als ſie die Thierwelt zu Mittelſtufen der Götterlehre machten. Jedem Gotte war irgend ein gefiederter Be⸗ wohner der Lüfte oder das ſchnaubende edle Roß oder die wilden, von des Gottes Bedeutung gebändigten Einſiedler der Wüſte beigegeben. Der Lehre von den Verwandlungen liegt ein Prinzip zum Grunde, das im Thiere eine Offenbarung anerkannte. Und wie artig ſind die Sagen der perſönlichen Auffaſſung des Welt⸗- und Erdenlebens! Schiller ſingt: Wo jetzt nur, wie unſre Weiſen ſagen, ſeelenlos ein Feuerball ſich dreht, lenkte damals ſeinen goldnen Wagen Helios in 96 ſtiller Majeſtät. Gibt es eine ſchönere Sage als die von Philomele und Prokne? Der Monarch, der mit dem General Voland die Beleſenheit gemein hatte, kannte ſie, doch nicht voll— ſtändig genug, um ſie den Damen mitzutheilen. Philomele und Prokne, erzählte der Greis, waren Schweſtern, Beide Töchter eines Königs von Athen. Prokne an einen benachbarten kleinen Fürſten ver⸗ mählt, Namens Tereus. Tereus wurde ſeiner Gat⸗ tin überdrüſſig. Es verlangte ihn auch nach Philo⸗ melen. Er beredete bei einem Beſuch in Athen den Schwiegervater, ihm die Schwägerin auf die Reiſe mitzugeben, da Prokne, feine Gattin, ſich zu ſehr nach ihrer Schweſter ſehne. Man gab ihm Philomelen mit und ſetzte ſie ſeinen böſen Gelüſten aus. Da Philomele tugendhaft widerſtand, ließ der rachſüchtige Mann ihr die Zunge ausſchneiden und warf ſie in einen einſamen Thurm. Durch eine Stickerei verrieth ſich aber Philomele ihrer Schweſter Prokne, die ſie zu retten wußte. Prokne voll Wuth über ihren Gemahl tödtete ihm den eignen Sohn, ließ ihm dieſen als Speiſe für ſeine Tafel zurück und entfloh mit ihrer Schweſter. Beide wären von der Rache des Tereus unfehlbar ereilt worden, wäre Philomele von den Göttern nicht in eine Nachtigall verwandelt worden. — die 97 Prokne aber wurde die Schwalbe. Ihr ängſtliches Flattern rundum im Kreiſe deutet auf die Reue über ih⸗ ren begangnen Frevel; ſie ſucht das Kind wieder, das ſie ſo grauſam gemordet hatte. War bei dieſer mit Intereſſe vernommenen Erzäh⸗ lung das Auge Aller, die die Verhältniſſe kannten, auf Anna von Harder gerichtet, deren Beziehung zu einer Schweſter und zu einem verlornen Kinde zur Chronik der Welt gehörte, ſo machte es nach dieſer trüben Anwendung faſt einen komiſchen Eindruck, als in dieſer Fabel gewiſſermaßen auch eine Anſpielung auf den Intendanten der Bühne, den utarteten Sohn des Redners ſelbſt, zum Vorſchein kam; denn der Kö⸗ nig ſelbſt war es, der da ſagte: Und jener Tereus, Schwager der Prokne, wurde ja wol in einen Wiedehopf verwandelt? Man forſchte, ob man lächeln durfte. Dieſe Men⸗ ſchen hatten Alles in Bereitſchaft, Lächeln, Weinen, Ernſt, je nachdem es auf dem Zifferblatt der Uhr, nach der ſich hier Jeder richtete, ausſah... Aber Kurt Henning Detlev von Harder als Wiedehopf? Alle lächelten diesmal von ſelbſt. Otto von Dyſtra erlaubte ſich nun die Bemerkung, daß doch ein letzter Reſt der Chrfurcht vor den Thie⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 7 98 ren die Heraldik wäre, und hatte mit dieſer Anmer⸗ kung ſeinem Freunde, dem General Voland, eben ſo viel Ehre gemacht, wie dem Fürſten Vergnügen, der dies Thema als Kenner verfolgte. Alle Ritter- und Wappenbücher wurden gleichſam in dem Gange über die Kiefernadeln nun auch aufgeſchlagen, während Pfauen⸗ geſchrei den Damen nach Pergoleſe wehe that. Man ſchritt des Greiſes wegen ſo langſam, daß bis zur künſtlichen Ruine und zu den Windharfen dieſer noch mit einer gewiſſen Feierlichkeit ſagen konnte: Vergebung, Majeſtät! In die Wappen hat man die Thiere in ihrer ganzen Wildheit aufgenommen. Aber iſt es nicht ſchön, wagte eine Damenſtimme — es war wieder die der Flottwitz, die allgemein heute bewundert wurde— iſt es nicht ſchön, die Thiere ſo zu nehmen, wie ſie die Natur geſchaffen hat, das Pferd ſo ſtolz wie in Arabien, den Adler ſo königlich, wie er auf den Felſen horſtet? Die ganze Geſellſchaft murmelte Beifall. Alles war entzückt. Die Wappenthiere aller Anweſenden rührten ſich. Jeder verrieth, daß er ſeinen Habichten, ſeinen Falken, ſeinen Auerhähnen auf den Wagen— ſchlägen draußen Ehre zu machen hätte. Der Präſident blieb ſtehen und ſah ſich im Kreiſe um. Die Königin erſchrak vor dem Blicke, der aus den zuſammengefallenen Runzeln ſchoß; ſie fürchtete eine Polemik, die ihr in neueſter Zeit reizbarer ge⸗ wordene Gemahl liebte, ja herausforderte. Sie hatte eigentlich ſchon an dem Ausdruck des Präſidenten „Chriſtuslehre“ genug gehabt und fürchtete Konflikte. Nun, Erzellenz, reden Sie! ſagte der König. Sie laſen die Sibylliniſchen Bücher! Wir ſollten öfter auf die Sprache der Erfahrung hören. Majeſtät, erwiderte der Greis ſich ehrerbietig ver⸗ neigend, ich wünſchte nur das Eine nicht, daß unſer Jahrhundert in ſeinem friſchen und kräftigen Selbſtge⸗ fühl zu wild, zu zornig ſich zuweilen gebehrdete. Ich kümmere mich wenig um die Händel des Tages, aber was davon in meine Klauſe dringt, flößt mir zu⸗ weilen den Schrecken ein, daß wir wol glauben möch⸗ ten, auch alle unſre Zähne wären für die Verzehrung der Thiere beſtimmt. Etwas mehr Pflanzenkoſt, et⸗ was mehr indiſche Brahminenlehre würde dieſer Zeit nicht ſchaden. Man lachte... Aber der Greis, den, da der König bewegt ſchien, Otto von Dyſtra führte, ließ ſich nicht irre machen. Halbſcherzend und des Fußes auf dieſem neuen Zeit⸗ boden nicht ganz gewiß ſagte er: Ja! Ja! Lachen Sie nur! Ich gehöre noch zu den * 7* 100 alten Heiden, Majeſtät, zu den Heiden, die bei Ew. Majeſtät Vorfahren das Recht hatten, ſich für Weiſe zu halten. Jetzt freilich wird uns bewieſen, daß wir damals ganz dumme, oberflächliche Narren waren. N'importe! Es iſt möglich. Aber ungläubig waren wir eigentlich doch nicht! Wir glaubten mehr, als jetzt die Leute glauben, nur Anderes. Ich hatte eine Jugend, wo ich nur an die Götter glaubte, die im Barden⸗ haine Thuiskon's verehrt wurden. Klopſtock war mein edler großer Sänger. Dann ſchlug ich, beſonnen ge⸗ worden, um. Ich fand, daß mein Odin und die holde Freya meine Beförderung auf dem Kammergerichte nicht recht in Gang bringen wollten. Da ging ich zu den Griechen über und habe mit meinem Homer in der Hand zum Vater Zeus gebetet, wenn blauer ioniſcher Himmel auf der Erde lag, und zu Poſeidon, wenn es regnete, und zu Ceres und Bacchus, wenn die Arbeit gethan war und der grüne Römer winkte... Dann wurde die Welt wieder was Anderes, nämlich indiſch. Ein wenig macht' ich dieſe Religion auch noch mit, aber die Indier in Aſien und München führten mich zu tieſ in die Katakomben des Myſticis⸗ mus. Da blieb ich draußen und kam glücklicherweiſe weder in Herrnhut noch in der Siebenhügelſtadt wie der ans Tageslicht. 101 Man lachte wieder, zum Schrecken der Gräfin Altenwyl. Die Akademie ſchien nicht zu wiſſen, daß nur der erſte Theil dieſer humoriſtiſchen Rede bei Hofe komiſch ſein durfte, die Schlußbemerkung aber bedenk⸗ lich. Es fehlte wirklich jetzt eine Trompetta, um hier die Grenze zu ziehen, bis wieweit das bekannte, viel⸗ beſprochene, nun ſich deutlich herausſtellende Heiden⸗ thum des alten Obertribunalspräſidenten unterhaltend gefunden werden durfte. Die Gräfin wechſelte nicht unbedeutende Blicke mit Anna von Harder und flü⸗ ſterte ihr zu: 4 Ich wette doch! Er glaubt an die Seelen— wanderung. Die hohen Herrſchaften waren in einer eignen Lage. An einem Manne, den ſie ſeines Alters und ſeiner Stellung zur Monarchie wegen hochverehr⸗ ten, entdeckten ſie eine Geiſtesrichtung, die ihnen nicht nur völlig rococo, ſondern ſogar gefährlich erſchien. Dies war wirklich noch der alte Neolog der„Zopf⸗ zeit,“ der unverbeſſerliche Rationaliſt, der an dem Re⸗ volutionszeitalter wahrlich auch ſein Schuldtheil trug. Wo war nun die Thierſeele, die Mauerſchwalbe, der Nachſchauer des Stabat mater hin? Glücklicherweiſe hatte man die Ruine erreicht. Gott ſei Dank, dieſe war im Geſchmack des ritterlichen 10² Mittelalters! Da gab es doch Mauerzacken und Rundformen, eine Altane, und das Prächtigſte war, ein leiſer Wind beſtrich die im ſchönſten Lichte ſich noch immer ſonnenden Tannenwipfel und wie zum Gruße des hohen Beſuches kamen die Luftgeiſter ge⸗ flogen und breiteten ihre klingenden Schwingen aus. Wie hallte Das in dem ſtillen Walde wider! Wie ſanftes Moll bebte und ſchrillte es in der Luft! Man ſöhnte ſich mit Tempelheide aus, man hatte die An— knüpfung wieder an die letzten geſungenen Worte gefunden: Quando corpus morietur, fac, ut animae donetur paradisi gloria! Befriedigt wollte die Königin nach einigen noch mit Dyſtra aus Veranlaſſung des gothiſchen Geſchmacks über ſeine Tempelſteinbauten gewechſelten Worten ſich em⸗ pfehlen. Sie hatte viel Sachgemäß⸗Architektoniſches über Buchaus Umgebung und die Tempelſteinruine geſprochen... Aber ihr hoher Gemahl beſaß zwei treffliche Eigenſchaften, denen nur nicht immer die Gelegenheit zur vollkommnen oder richtigen Anwen⸗ dung gegeben wurde. Er liebte erſtens die Gerech⸗ tigkeit und beſaß zweitens einen unergründlichen Schatz von Pietät. Die zwiſchen ihm und dem alten, von ſeinen Vorfahren ſo gefeierten und noch ſo geiſtes⸗ friſchen Herrn obwaltende Meinungsverſchiedenheit reizte ihn. Er brachte auf dem Rückwege von den Windharfen das Geſpräch wieder auf jene Idealität des Greiſes, die gewiſſermaßen am Eingange der Ka⸗ takomben ſtehen geblieben war und grübelte darüber, wie er, da ihm Scherzformen nicht gegeben waren, es anzuſtellen hätte, auf General Voland's Aeußerung einzulenken, derzufolge der Johanniterprozeß mit den Lieblingsneigungen des Greiſes, der Freimaurerei und der Thierſeelenkunde, zuſammenhinge. Gradezu, wußte der König wohl, konnte er weder von der Freimau⸗ rerei noch von jenem Prozeß und der Meinung des oberſten Gerichtshofes, ohnehin vor ſo vielen Zeugen, beginnen; doch wagte er den kleinen Scherz: Die aufgeklärte Zeit war gezwungen, weil ſie Gott den Herrn nicht erkannte, ſich andre Götter zu ſchaf⸗ fen. Voltaire ſoll vor ſeiner Katze mehr Reſpekt ge⸗ habt haben als vor den Heiligen. Ja wenn ich Vo⸗ land glauben darf, ſo beteten die Tempelherren die Katzen wirklich an und hatten ein Idol, das ſie den Bafomet nannten, eine Art von Götzen, toller als die Kalmücken, dieſelben Tempelherren, die die Keime der Freimaurerei nach England verpflanzten! O Majeſtät, erhob ſich jetzt der Greis in ſeiner ganzen gebückten Geſtalt und warf ſeine hellblauen Augen in die Höhe des Lichts, daß ſie wie verklärt 104 ſchimmerten, o Majeſtät, wer ſagte Ihnen Das? Wenn der Herr General Voland die Akten der Ketzer— richter, die den edlen Jakob von Molay durch Feuer hinrichteten, für vollgültige Beweiſe nehmen will, ſo hat er Recht, Mährchen für Wahrheit auszugeben. Aber die Geſchichte hat jenen elenden Papſt verur— theilt, der aus der ſchmählichſten Erniedrigung des apoſtoliſchen Stuhles zu Avignon auf Geheiß jenes tyranniſchen Philipp von Frankreich einen Orden zer⸗ ſtörte, der nur einer Reform bedurfte, um der Ge— ſchichte eine andre Bahn vorzuzeichnen, als ſie die der Staaten und der Religion ſpäter gegangen iſt. Man fand in den Tempelhöfen Thierſymbole, man ſpricht von einem im Pariſer Tempel gefundenen metallenen Kopf, den man Bafomet nannte. Aus Scherz hab' auch ich einen alten treuen Kater Bafomet genannt. Die Templer zogen in den Orient als fanatiſche Chri⸗ ſten, ſie kamen tolerant zurück. Sie hatten in den Moslem Brüder, Menſchen, Helden kennen gelernt. Sie hatten ſo viele Beiſpiele von Großmuth der Emirn erfahren, daß ſie mit Achtung vor jeder Religion, die den Menſchen veredelt, von der Küſte Aſiens ſchieden. O Mahomet liebte die Thiere! Er war der Apoſtel einer nicht übergeiſtigten Religion, der Prophet einer Lehre, die den Menſchen an die Sinnenſchranke bin⸗ 105 det, damit er im geiſtigen Fluge nicht taſte, luftige Wolken für feſte Eilande halte, nach Sternen haſche und ſich die Blüthen der Erde in der Hand verwel⸗ ken laſſe. O Majeſtät, Mahomet war ein ſehr wei⸗ ſer Geſetzgeber, ein ſehr großer Staatsmann und er liebte die Thiere. Was iſt der Araber ohne ſein Pferd? Warum hielt Mahomet die Katze hoch? Weil er den Hund nicht kannte und weil er in der Ge⸗ wöhnung der Katze ein mildes Prinzip des Hauſes ſah. Die Tempelherrenbauten— dort drüben jene Kirche vom uralten Tempelheide— haben überall Spuren von Anwendung der Thiere zu Ausſchmückun⸗ gen der Architektur. Die Uebergeiſtigung hielt ſich an die Blumen, die Menſchenreligion an die Thiere. Und wohl uns, wenn wir Duldung lernen und die gezo— gene Grenze unſrer Sinne! Ach, das Gebiet der Nacht iſt ſo groß, ſo unheimlich, ſo gefahrvoll. Die Tempelherren mußten dem Islam weichen; ſie muß⸗ ten das Grab des Erlöſers im eignen Herzen finden und der Menſchheit die Lehre von den in ihr ſelbſt ruhenden Heiligthümern predigen. Richard Löwenherz kam mit einem gezähmten Löwen heim. Der Blick erweitert ſich, wenn man die Natur belauſcht und die ſtumme Sprache ſelbſt des Thieres zu verſtehen ſich müht. Kein großer Naturforſcher hat einem Tyran⸗ 106 nen ſchmeicheln können. Das Recht, das ewige Recht leitet ſeine Quelle von Dem her, was allem Leben⸗ den gemeinſam iſt, von der Luft, dem Feuer, dem Waſſer und der Erde. O wehe, wehe einem Zeit⸗ alter, das ſich von der Duldung entfernt, wehe De⸗ nen, die um der falſchverſtandenen oder innerlich nie gefühlten Liebe willen Haß predigen! Wehe Denen, die eine Wahrheit, die nicht Alle erkennen, auf irgend einen Thron der Welt ſetzen! Daß wir Menſchen ſind, ſchwache, endliche Werkzeuge eines großen uns nur ahnungsweiſe faßbaren Weltenplanes, das iſt die einzige Wahrheit und dieſe macht uns demüthig, to— lerant, nachgiebig gegen Andersdenkende, zugänglich dem Beſſern und den Keimen neuer geſchichtlicher Re⸗ gungen! Ich weiß es nicht, ob die Maurerei durch flüchtige Tempelherren nach England verpflanzt wurde, aber ich wünſchte, es wäre ſo. Ob Jude, ob Chriſt, ob Muſelmann, es iſt ein Gott, der uns Alle er⸗ ſchaffen hat, erhält, zerſtört, zu neuem Leben verwen⸗ det, verklärt, erlöſt, wie man es nennen will. O, o dieſer General mit ſeinen Katzen! Mein Bafomet ſagt mir keine Myſterien, nichts über den Stein der Weiſen, nichts über die Quadratur des Cirkels, er ſagt mir: Liebet Euch untereinander, duldet Euch und beſſert Euch durch die Erkenntniß Eurer irdiſchen 107 Schwächen und einer ſelbſt in Thieren durch Men⸗ ſchenliebe möglichen Vollkommenheit! Die Wirkung dieſer mit Begeiſterung geſprochenen Worte des Greiſes, die ihn trotz ſeiner kleinen Figur zum Seher erhoben, war verſchieden. Die Frauen empfanden etwas, das halb aus Spott, halb aus Mitleid zuſammengeſetzt war; nur als ſie die Liebe er— wähnt hörten, blickten ſie auf die Herrſcherin, um gleichſam die Verhaltungsregel ihrem Antlitz abzumer⸗ ken. Die junge, hohe, ſchlanke Frau blieb aber ſtreng. Sie war von der neuen Zeit und ihren Wirren, von den Gefahren des Königthums zu ſehr gereizt, ſie er— kannte nur gefährliche Irrthümer in dieſer kühnen Rede eines Achtzigjährigen... Ihr Gemahl jedoch war erſchüttert. Seine Bildung ſagte ihm, daß er die Theorie Leſſing's, Mendelsſohn's, jenes Reimarus, der in der That über Vernunftreligion und Thierſeele zugleich geſchrieben hat, vor ſich hatte, er ſah Nathan, Saladin, den Tempelherrn aus Leſſing's ſchönem Ge⸗ dichte, er gedachte der Thränen, die ihm die Erzäh⸗ lung von den drei Ringen als Knaben gekoſtet hatte, wenn er ſie von einem großen Künſtler geſprochen hörte und dargeſtellt ſah. Trotzdem, daß ſeine Ge⸗ mahlin ein andres Geſpräch, ein leichteres und wie— der über den Tempelſtein und die Nachbarſchaft des Herrn von Dyſtra bei Buchau anknüpfte, umarmte er beim Abſchiede den Greis voll Rührung, Zerknir⸗ ſchung; denn es waren zwei Seelen in ihm... Die eine wollte ſich manchmal zum Entſetzen der Ultra⸗ partei von der andern trennen... Dann überſchli⸗ chen ihn Entſagungsgedanken. Wie ſollte er auch jetzt die Achtung vor der philoſophiſchen Größe des acht— zehnten Jahrhunderts vermitteln mit der leidenſchaft— lichen, ſich allein weiſe dünkenden Staatstheorie der Abſolutiſten, die in der Kammer, der Preſſe, auf dem Richterſtuhle Egon's von Hohenberg Schleppe trugen oder gar noch weiter als dieſer gingen? War nicht ſchon ſo viel Blut gefloſſen für dieſe Gegenſätze alter und neuer Zeit? Was konnte nicht noch kommen?... Der Monarch brach ab. Kein von der Altenwyl in Anregung gebrachtes Sanctus, kein Dies irae mehr konnte ihn halten... er war erſchüttert, er umarmte den Präſidenten, ſagte Anna von Harder das Ver⸗ bindlichſte, grüßte dankend die Uebrigen, entſchuldigte den Ueberfall und fuhr ernſt und ergriffen raſch von dannen. An eine Wiederaufnahme der Akademie war heute nun nicht mehr zu denken. Das war ein Ereigniß geweſen, das gleich in alle Welt mußte! Man küßte, man herzte Anna. Man ſchüttelte, unbekümmert über — te er knir⸗ Die ltra⸗ ſchli⸗ jetzt acht⸗ haft⸗ der dem ugen chon und 199 Das, worauf ſie gedeutet hatte, die Hand der greiſen Exzellenz. Man hatte eine unendliche Chre genoſſen. Ja, die Flottwitz, die die Gegenwart, die Praxis im Auge hatte, rief ſogar, ob aus Liebe zu Dankmar oder einen Augenblick die Demokratie vergeſſend aus: Erzellenz, gewinnen denn die Wildungen den Pro⸗ zeß? Iſt es denn wahr, daß es ſich nur noch um einige wenige Buchſtaben in einer alten Urkunde handelt? Der Greis lächelte nur mild, ſchwieg und entfernte ſich an Dyſtra's Hand... Dyſtra hatte ihn verſtanden. Der ſonſt ſo ſpöt⸗ tiſche Dilettant, der Alles von der Seite der bloßen Kurioſität, nur als Sammler für das Herbarium ſei⸗ nes Gedächtniſſes auffaßte, war ergriffen von der Le⸗ benswahrheit, die ihm hier, auch aus einer Liebha⸗ berei, entgegenſprang. Das waren auch Allotrien, auch Nebenſtunden, auch Sammlungen und wie ho⸗ ben ſie die geiſtige Thatkraft, die ſittliche Ueberzeu⸗ gung! Er kannte hinlänglich dieſe neuere vornehme Geiſtesrichtung der Politiker, die bei Hofe ſo maß⸗ gebend waren. Er kannte Voland's thatloſe Remini⸗ ſcenzendoktrin und ſein objektives Meinungskaleidoſkop, kannte Rochus vom Weſten in ſeiner geſinnungsloſen Skepſis, kannte die Loyalitätsdoktrin junger Publiziſten, die Carriere machen wollten und den Staat auf die Säbelſpitze oder das Bayonnet ſteckten, er kannte den Geiſt des neunzehnten Jahrhunderts als einen tieferen, bedeutenderen als den dieſes Greiſes, und doch wie wenig Liebe und Gerechtigkeit in dieſem Geiſt! Auch Dyſtra's Fragen über jenen Prozeß wich der hochge⸗ ſtellte Richter als einem Amtsgeheimniß aus, aber Dyſtra ſchied doch mit dem geſteigerten Gefühle der Anhänglichkeit an die Brüder Wildungen und den mit ſo vielen Gefahren bedrohten Bund der Ritter vom Geiſte. Noch heute wollte er in den Ullagrund an Dankmar und nach Antwerpen an Siegbert ſchreiben... Als er von Anna Abſchied nahm, fand er ſie allein. Er ſagte zwar nur: Erzellenz waren charmant, waren ſüperbe! aber er meinte etwas unendlich Größeres damit. Er plauderte Späße mit Spartakus und Ci⸗ cero, er nickte zu den Fenſtern Olga's hinauf, er moquirte ſich über die Hofdamen, über die Spinnen, über Pergoleſe's langweiligen Styl, über die Blicke, die die Fürſtin von Sein⸗Haben⸗Werden auf ihn geſchoſſen hätte, als von Verwandlung des Tereus in einen Wiedehopf die Rede geweſen wäre, als wenn ſte nicht viel eher Urſache hätte, den Vortrag einer Geſchichte der Verwandlungen in eine Schnepfe oder eine Gans zu fürchten, kurz er verſteckte ſein Gefühl in ein Hanswurſtkleid, das ihm, wie er dachte, beſſer * ſtand als der Ernſt. Anna ſeufzte über die„Geſellſchaft“ Olga's wegen... Erſchüttert in allen Nerven ging ſie erſt zur alten Erzellenz, die ſchon in ihren Arbeiten vertieft war und ſich mit Behagen die merkwürdigen Scenen noch einmal vergegenwärtigte, dann aber rief ſie Olga, um ihr zu erzählen, was ſie verſäumt hatte und zu ſtaunen, als ſie vernehmen mußte, daß ihr die Fortſchritte, die ſie inzwiſchen an ihrem Bilde ge⸗ macht hätte, lieber wären als alle Schauſpiele der Verſtellungskunſt bei Hofe. Du haſt Recht! ſagte Anna, betrachtete das Bild, ergriff Olga's Arm, nahm einen großen runden ita⸗ lieniſchen Hut, den ſie ihr ſanft auf das ſchwarze Haar legte und zog ſie mit ſich die Stiege hinunter in die freie Luft... Sie hätte es in den ſchwülen niedrigen Zimmern nun nicht aushalten können. Ihr Blut wallte. So heiß war es ihr ſeit Jahren nicht durch die Adern gerollt. Jetzt hätte ſie einer liebe⸗ vollen Kindesſeele bedurft, die ſie zärtlich umfangen, ihr die Stirn geküßt, das Haar, die Wangen, die Hände geſtreichelt hätte. Sie ſagte es auch der nicht ſo wie ſie angeregten und ſie nicht verſtehenden Olga. Sie ſagte ihr: Ach, hätt' ich meine Selma jetzt! Auf dem kleinen Hügel ſammelte ſich Anna. Die 112 Sonne war im Sinken begriffen. Die fernen Thürme der Stadt wie erleuchtet von ihren letzten rothen Strahlen. Erſt Alles ringsumher ſo geräuſchvoll, nun wieder die alte, ihr ſo wohlthuende Stille... Es ging dem Winter zu. Wie doppelt genießt man den freundlichen Abſchied des Herbſtes! Man möchte ihn feſthalten, mit ihm ringen, daß er bleibe, aber in dem Kampfe fallen vom Haupte des gebräunten Kna⸗ ben aus ſeinem Erntekorbe erſt die Früchte, die Bir— nen, die Aepfel, die rothbraunen und grünen Trau⸗ ben, zuletzt aber auch die Blätter ſelbſt... Olga aß von einem Teller Trauben. Sie hatte Tage, wo ſie nichts genoß als Früchte. Sie hielt Anna's Hand, fühlte ihre Pulſe klopfen, aber ſich ihr hinzugeben, ſie wie das Kind zu umarmen, das Anna'n heute vor mehr als dreißig Jahren geboren war, das vermochte ſie nicht, in der Vorausſetzung der ſie umgebenden proſaiſchen Dinge. Doch einmal ſagte ſie: Warum ſoll denn Selma todt ſein? 1 Ein Akkord wehte grade herüber vom Tannen⸗ parl... Sie iſt todt! ſagte Anna. Ich mußte ſie hingeben ſchon damals, als ich dem Manne ihrer Liebe ſie verſagen wollte! Es war ein mächtiger Geiſt, um den ſie flatterte, wie der Schmetterling um die Licht⸗ Thürme rothen ſchvoll, le. t man möchte aber in Kna⸗ e Bi⸗ Trau⸗ ga aß wo ſie Hand, n, ſie te vol nochte enden innen⸗ geben he ſie um 1 lich⸗ flamme. Ich ſagte ihr, daß er ſie verzehren würde. Sie glaubte es nicht. Ich ſchilderte ihr ſein regel⸗ loſes, kometenartiges Leben. Sie liebte ihn doch. Ich tadelte ſie in ihrer blinden Wahl, ich enthüllte ihr Alles, was ihr dieſen Geliebten verdächtigen konnte. Sie haßte mich dafür; denn ſo lieben Liebende! Sie folgte ſeiner Werbung, in weite Fernen. Wohin? Wer weiß es? Nie ſchrieb ſie mir. Ich war todt für ſie, ſie todt für mich. Und ich weiß es, in Worten, geſchriebenen Worten, ließ ſich nicht ſagen, was mein verlornes Kind mir zu ſagen hatte. Ihr Gatte war ihr ein Gott. Ihn betete ſie an. Konnte ſie ſo treulos ſein, nachdem ich ihn als den Verab⸗ ſcheuungswürdigſten ihr hingeſtellt hatte, vor ſeinen Augen ſich mit den Frevlern an ihrem Heiligthume auszuſöhnen? Erſt war ich trotzig, dann wurd' ich zaghaft, zuletzt weint' ich, und als ich nicht mehr weinte, weiß ich, war ſie geſtorben. Eine Stimme ſagt mir's. Das hört ſich. Das ſieht ſich auch. In ſtillen Nächten kommen die Bilder. Ich weiß, Selma iſt nicht mehr. Olga brach ſich Blumen und wand einen Kranz; dieſer Ton hatte ihr gefallen. Ihren geiſtigen, poeti⸗ ſchen Stolz überwand ſie etwas, ſie gedachte, der alten Die Ritter vom Geiſte. IX. 8 Dame, die ſo überfliegend und ätheriſch ſprechen konnte, mit einem Kranz zu huldigen... Es ſchlug ſchon ſieben vom Thurme... im Hofe war Alles ruhig... auf der Straße unten dann und wann ein Wagen noch, ein Reiter... der Greis zün⸗ dete Licht an. An ſeinem Fenſter wurd' es hell. Er ſtudirte... Der Abend war nicht kühl. Es war eine verſpä⸗ tete Sommernacht; aber das Dunkel kam früh... Olga's Kranz war fertig... Von den Tannen wür⸗ ziger und melodiſcher Hauch... Eben will Anna Olga's Arm ergreifen und ſich dem Hauſe zuwenden, um Abends, wie ſie gewohnt, dem Greiſe beim Thee noch etwas vorzuleſen, als ein kleiner Wagen, ein Einſpänner, von der Chauſſee aus dem Walde herkommend, zum Landhauſe ein⸗ lenkt... Welcher ſpäte Beſuch? fragt Anna und wendet ſich der Eingangspforte zu. Der Wagen fährt näher. Er iſt halb offen. Ein älterer Herr, eine verſchleierte Dame ſitzen im Hin⸗ tergrunde. Sie beugen ſich vor. Die Dame iſt jung... ſehr jung... ſie ſchlägt den Schleier zurück... es iſt noch ein Mädchen. Anna kann nicht genauer forſchen, der Wagen wendet raſch und hält vor'm Thore... 115 Der Herr ſteigt aus. Groß und ſtattlich ſeine Ge⸗ ſtalt; das Antlitz bleich. Seine Hände zittern, als er den Schlag hält und dem jungen Mädchen den Arm zum Ausſteigen bietet... Dieſe hüpft von dem Fußtritt zur Erde nieder... ein bewegtes Auge ſchaut unter dem Strohhute empor... Der Beſuch nähert ſich dem Thore... An der Pforte zu klingeln iſt nicht nöthig... Anna öffnet ſchon ſelbſt.. Die hohe Dame von vornehmer Haltung, in ſchwarzem Seidenkleide, die reiche Spitzenhaube auf dem Haupte, blickt fragend... Der Herr hatte den Hut ſchon in der Hand, als er ausſtieg; das junge Mädchen zieht den ihrigen, da die Schleife losgegangen, mit einer einzigen Handbewegung herab... die prächtigſten braunen Ringellocken fallen von einem Engelskopf herab, der freudeſtrahlend und mit feuchtem Auge die edle Dame zu erkennen, aus ihr ein unendlich Liebes herauszufinden ſcheint... Anna, zum Tode erſchrocken, hält ſich an dem Gitter der geöffneten Thür... Die alten Diener nähern ſich.., ein leiſes Ach! das Anna's Bruſt entfährt, ein fragender Blick auf einen der Die⸗ ner, der ihre Tochter kannte... eine Ahnung, ein Zucken des Auges nach jenem Manne hin, der ſtumm und ruhig auf dies Mädchen, wie auf ein ihr opfernd Dargebrachtes zeigt... Anna verſteht, beſinnt ſich auf 8* 116 zwanzig entſchwundene Jahre, die ihr entfallen ſchie⸗ nen bei dem erſten Gedanken, Das iſt ja dein Kind, deine Selma! Selma's Tochter? ruft ſie. Rodewald? Ackermann beugt bejahend das Haupt und ſpricht: Selma's Erbſchaft an ihre Mutter... Thränen füllten ſein Auge.. Olga hebt den Hut des Mädchens von der Erde und muß nach Anna greifen, der Großmutter, die vor Schmerz und Freude im Anblick ihrer Enkelin weinend zuſammenbricht. nd, ht: de die glin Fünktes Capitel. Don Juan und Fauſt. Der Ernteſegen war ja eingetrieben. Jubelnde Men⸗ ſchen, von hochaufgethürmten Kornwägen herab mit geſchwungenen, bebänderten Hüten grüßend, hatten ja in die Scheuern des Ullagrundes, von Randhartingen, Schönau, Pleſſen die erſten Erfolge eingefahren, die Ackermann für ſeine Betriebſamkeit lohnten... Die Fruchtbarkeit des Jahres hatte ſich mit dem Eifer der Kultur in Wettlauf geſetzt, um ein überraſchendes Re⸗ ſultat zu erzielen. Ein neuer Geiſt wehte über dieſe Landſtrecken hin, die ſo viel pflegende Hände, ſo viel wartende und hütende Augen nie gekannt hatten. Von der erſten Ernte der ölbringenden Rapsſaat bis zur Kartoffelfrucht, die den Schluß der Einſammlung machte, hatte ſich Ceres in ihrer ganzen reichſten Gunſt gezeigt. Sie ſchien Ackermann ihre eigne Sichel in die Hand gedrückt zu haben. 118 Zwar noch nicht am Ziele ſeiner Wünſche war Heinrich Rodewald angelangt, doch ſteuerte er ihnen mit glücklichem Winde nach. Zuviel Sternennächte, wo er im Abendwinde hätte träumeriſch ſeines wun⸗ derbaren Lebens gedenken können, fand er nicht; er arbeitete ſelbſt und erlag dann auch den Geboten der Natur, die ihre Tribute verlangte. Es war ihm ja bei jedem Gang durch's Feld, bei jedem Liedchen, das er pfiff, bei jedem Gruße Selma's, bei jedem Hand⸗ ſchlag eines jungen ihm zugeſellten Arbeiters im leich⸗ ten Kittel, gelbem Sommerhut, bartloſem Kinn, eines halben Feld⸗, halben Stubenarbeiters, in dem wir Dankmar Wildungen wiederfinden, gegenwärtig, w ihn daher geführt hatte, die Hunderte von Meilen zurück, durch die er wie jener Knabe im Märchen, um den Weg wieder zu finden, wenn er zurück wollte, doch eigentlich nichts Andres geſtreut hatte, als was die Vögel— wegnaſchen konnten. Dachte er an Wieder⸗ kehr?.. Ein jugendlicher Heros, rüſtig an geiſtiger und körperlicher Kraft, war ſeine Entwickelung in jene Zeit gefallen, wo die Wiſſenſchaft dem Leben dienen ſollte, die Begeiſterung für die Muſen die geheime Waffen⸗ übung halten für den einſt hervorbrechenden Angriff auf die franzöſiſche Uſurpation des Vaterlandes. Er hatte ſein Elternhaus, die Wohnung eines kleinen Stadtrich⸗ — 119 ters am Fuße des Harzes, einſt als Schüler verlaſſen, ſpäter einer ſchönen Schweſter, die mit den Eltern in Leipzig und Halle, wo er ſtudirte, ihn beſuchte, unter einer großen Zahl von Freiern den Faden der Ariadne in die Hand gegeben, ſie von ſolchen ſeiner Genoſſen wie Gelbſattel entfernt, aber auch vor dem kränklichen träumeriſchen Wildungen ſie gewarnt, den ſie dann doch wählte, um mit ihm ein in damaliger Ueber⸗ ſchwänglichkeit nicht geahntes Leben voller Mühen zu theilen. Von Halle folgte Heinrich dem Aufruf zu den Fahnen, als die Rückkehr Napoleon's von Elba einen neuen Kampf der Völker in Ausſicht ſtellte. Die Schlacht bei Belle Alliance war die ein- zige, an der er Theil nehmen konnte. Bis in das Jahr 1816 blieb er in Frankreich und kehrte mit ei⸗ nem Ehrenzeichen und dem Entlaſſungspatente als Offizier zurück an den Heerd der Muſen. Aber die⸗ ſen Heerd fand er nicht ſo ſtill, wie ihn die Eule Minervens liebt. Das aufgeregte Kampfblut wallte— ſtürmiſch in den Adern der damaligen Jugend. Auch ein neues Volksleben, eine Wiedergeburt des Vater⸗ landes wollte man erkämpft haben. Rodewald, Of⸗ fizier, mit einem Ehrenzeichen geſchmückt, fügte ſich nicht den engen Schranken, die die bureaukratiſche Inquiſition der Kabinette den Akademieen ſtecken wollte. 120 Er ſtudirte Philoſophie und die Rechte. Er trieb ſein Studium in der damaligen weltſtürmenden Titanen⸗ haftigkeit, zugleich aber doch als Forſcher; er zielte auf einen Lehrſtuhl. Der Gegenwart entzog ſich dabei ſein freier unerſchrockner Sinn um ſo weniger, als ihn, wie alle Edlen damals, der Drang beſeelte, die gewonnenen Ergebniſſe des Wiſſens in die offnen Furchen des mit Blut gedüngten und neugeackerten Vaterlandes zu werfen. Wenn eine Zeit günſtig war, den Völkern Freiheit und Einheit zu geben, war es nicht dieſe? Heinrich Rodewald beendete ſeine Stu⸗ dien mit einer ſehr ehrenvollen, durch bizarre, damals beliebte Paradoren auffallenden Promotion. Er war der Liebling, ja der Beherrſcher Halles, er war der mit Jubel empfangene Gaſt in Jena geworden; ja in Würzburg, Gießen, Marburg holten ihn Komitate der Studentenſchaft ein, wenn er die Kreiſe des neu erwachten höheren Jugendlebens beſuchte, wo man in die jungen politiſchen Doktrinen die Sätze Hegel's, Steffens', Schelling's, Baader's miſchte. Bald aber verwandelten ſich dieſe Olympiſchen Kränze in pro⸗ ſaiſche Dornen. Die bekannten Verfolgungen began⸗ nen. Schon ſtand Rodewald als Gelehrter den klei⸗ nen Quälereien der Jugend entrückt, doch bezeichnete auch ihn die gemeine Servilität der damaligen meiſt 121 neueingeſetzten Behörden mit ihrem gefährlichen Hic niger est! Rodewald lebte jetzt in der Hauptſtadt. Seine erſte Schrift über einen Gegenſtand des römi⸗ ſchen Rechtes im Mittelalter erregte Aufſehen. Man bemühte ſich, ihn für jene bald um ſich greifende ab⸗ ſolutiſtiſch myſtiſche Theorie zu gewinnen, die von obenher ſo begünſtigt, ſo reich mit Auszeichnungen belohnt wurde, dieſe Philoſophie vom objektiven Ge⸗ danken, dieſe befliſſene Wiedererweckung der alten Kunſt und Literatur, dieſen neuen Kultus vor den großen Ge nien der vergangenen Literaturepoche, beſonders dem weltbezwingenden, aber höfiſchen Goethe, in deſſen weſt⸗öſtlichem Divan auch Rodewald ebenſo ſchwelgte, wie ihn Fauſt und Taſſo umſtrickten. Der junge, ſchöne, hochgewachſene Gelehrte mit dem feurigen Auge, dem braungelockten Haare, den feinen, weltmän⸗ niſchen Manieren, der gewaltigen einſchmeichelnden Rede wurde faſt gegen ſeinen Willen vom politiſchen Makel befreit, in die genial⸗-künſtleriſchen Cirkel ge— zogen, den Räthen der Krone vorgeſtellt. Rodewald gewann eine Profeſſur, wie man dem wilden Roſſe der ungariſchen Ebene eine Schlinge über den Kopf wirft. Andre ſah er zurückgeſetzt, ihn, den nicht mehr Verdächtigen, hob man. Andre wurden verfolgt, ihn, den vom burſchenſchaftlichen Standpunkt auf den phi⸗ 122² loſophiſch⸗äſthetiſchen Uebergeſprungenen, zog man her⸗ vor. Rodewald gerieth in Widerſprüche mit ſeinen Freunden, mit ſeinem eignen Schwager Wildungen, in deſſen Hauſe er nie mehr genannt werden durfte, er gerieth in Widerſprüche mit ſich ſelbſt. Die Ver⸗ haftungen, die Abſetzungen— erſchreckten ihn endlich. Er ſann ernſter über die Zeit nach und hoffte einen Ausweg in dem Syſtem der konſtitutionellen Politik zu finden, deren Lehre damals neu war. Aber nun kam er wieder in Konflikte mit den Miniſtern und Räthen, die ihm ſeiner wiſſenſchaftlichen Richtung wegen ſo wohlwollten. Um ein gefährliches Element zu entfernen, gab man ihm auf drei Jahre die Mit⸗ tel, in Italien zu reiſen, Handſchriften zu vergleichen, Klöſter und Abteien zu durchſtöbern, den Wandelungen des alten Rechts in den italieniſchen Municipalinſti⸗ tutionen nachzuforſchen. Rodewald, einen Bruch ah⸗ nend, nahm dieſen Vorſchlag an. Die Frauenwelt, die Luſt, das Leben ergriffen ihn. Auf der Reiſe an den Ufern des Oberrheins, im Kanton Grau⸗ bündten, im Abteigarten von Ragaz, an dem Sturz der von Pfäffers herabſchäumenden wilden Tamina lernte er Pauline von Ried, eine leidende, aber in⸗ tereſſante und ſehr reiche junge Wittwe, eine geborne von Marſchalk, kennen. Die Roſen- und Epheukränze, 123 mit denen ſich Fauſt ſchmücken wollte, als ihm das Studirzimmer zu eng wurde, wand ihm die Hand einer poetiſch geſtimmten, bizarren Frau. Drei Jahre blieb Rodewald mit der reichen, leidenſcha aftlichen, in Allem excentriſchen Pauline in Italien, bald in Rom, bald in Florenz, bald in Neapel wohnend. Charlotte Ludmer ſorgte für die großartigſte Bequemlichkeit, die das liebende Paar mit Poeſie und Schwärmerei ge⸗ noß. Rodewald konnte ſich ſagen, daß er damals ein Weſen unendlich glücklich machte, Pauline hätte er⸗ widern müſſen, daß ſie es nicht immer verdiente. Ihre Launen und Kapricen waren die einer Frau, die in einem Augenblick zu ſterben fürchtet und im andern eine Lebensluſt zeigt, die ſie zum Trotz, zur Citelkeit, zu hundert kleinen Konflikten mit der Geſellſchaft hin— riß. Es iſt ein unverwüſtlicher Trieb vieler Frauen, die bedeutendere Natur der Männer ſich gleich zu ma⸗ chen, die allzuhohen Thürme und Dächer in der Manneskraft abzutragen und die Stockwerke des ge— genſeitigen Baues zu nivelliren, wenn nicht gar den Mann ganz auf das Erdgeſchoß zu verweiſen. Sie ruhen nicht, bis derſelbe Mann, den ſie zu lieben vorgeben, klein, endlich, geringfügig vor ihnen ſteht. Sie ruhen nicht, bis es nicht den Anſchein hat, daß ein Mann mit all ſeinen irdiſchen oder geiſtigen Vor⸗ — 124 zügen, mit allen ſeinen Erfahrungen und ſeinem ge⸗ reifteren Wiſſen doch ihrer als tief⸗bedürftig und vor ihnen pygmäenhaft klein erſcheint. Daſſelbe Gefühl, das hochherzige Frauen treibt, den Mann ihrer Liebe zu ſchmücken, ihn zu erheben, ſein Weſen zu ver— ſchönern, ihn bedeutend ſelbſt im Kleinen, liebens⸗ würdig ſelbſt in Schwächen zu finden, wird bei An⸗ dern durch das Streben erſetzt, die Gegenſtände ihrer Liebe hülflos, arm, pedantiſch, komiſch, kleinlich dar— zuſtellen... bis dann endlich die Vergleichung eintritt, bis der Schleier der Selbſtlüge fällt und erkannt wird, was man verlor, vergleicht, was man beſitzt und be⸗ ſaß, bejammert, daß man ſich den ſchönen Traum des Glückes, das Ideal der möglichen Vollkommen⸗ heit, muthwillig zerſtörte... Pauline kehrte nach drei Jahren mit Rodewald in den Norden zurück. Der Erfolg dieſes Wiederſehens des vaterländiſchen Bodens und ſeiner Verhältniſſe war kein glücklicher. Heinrich Rodewald fand in den officiellen Meinungen und herrſchenden Thatſachen nichts, was ihm wohlthun konnte; doch verſuchte er eine Anknüpfung an ſeinen alten Lebensberuf, der ihm unter dem italieniſchen Himmel faſt abhanden gekommen war. Darauf blickte Pauline von Ried mit Mistrauen, ſah ſeinen Fleiß ſogar mit Neid an. Während ſie an Bruſtkrämpfen — 8 125 auf ihrem Sopha, im innerſten Athem zuſammenge⸗ ſchnürt, lag und ſtöhnte, litt ſie noch qualvoller an der Vorſtellung: Dein Angebeteter weilt jetzt in die⸗ ſer Geſellſchaft, wird bewundert, verehrt, hervorgezo⸗ gen in jener! Sie konnte nicht hören, daß man ſei— nen Geiſt, ſeine Schönheit rühmte. Alle Frauen er⸗ ſchienen ihr Feindinnen, die ihr den Tod geſchworen hatten. Sie feſſelte Niemanden, ſie war nie ſchön. Nur ihre Geſtalt hob ſie und ihr Reichthum; und da ſie kränkelte, konnte ſie weder jene, noch dieſe geltend machen. So endete die Kriſis damit, daß die Aerzte ihr einen dauernden Aufenthalt im Süden vorſchrie⸗ ben. Von Heinrich Rodewald wurde ſtillſchweigend vorausgeſetzt, daß er ſie begleite. Als er zögerte, welche Scenen! Welche Thränen, welche Kämpfe! Er widerſtand dieſem Jammer nicht. Ohnehin in keiner der Vorausſetzungen des damaligen politiſchen und religiöſen Lebens ſich zurechtfindend, folgte er Paulinen willenlos. Welche qualvollen vier Jahre! Eben der Anblick irgend eines reizenden oder majeſtä⸗ tiſchen Schauſpiels der Natur, dann Eiferſucht, phy⸗ ſiſche Leiden, lange Reiſepauſen in kleinen elenden Städten, um nur Paulinen Ruhe zu gönnen, bis ſich ihre unverwüſtliche Natur erholt hatte. Er war in Paris, in Spanien ſogar, in der Schweiz, in Italien und Griechenland mit dieſer Frau, die ihn nicht hei— rathete, eingeſtandenermaßen, um ihrem Adel nicht zu entſagen. Es folgten ihnen immer zwei Fourgons mit Geräthſchaften, zwei Bediente, zwei Kammerzofen außer der Ludmer und einem Kurier. Es war die Zeit der großen Reiſen. Die Friedensepoche, der Sturz und Tod Napoleon's hatten wie nach einem Gewitterregen das ganze Erdreich lebendig gemacht. Es wimmelte von Anmaßungen, Verſchwendungen, Tollheiten und dazwiſchen ſtand Abſolution ertheilend eine Religion, die den unbedingten Glauben lehrte, und eine Philoſophie, die, Auſtern und Gänſeleber⸗ paſteten verzehrend, vor Geheimrathspolitik ſich beu— gend, behauptete:„Alles was iſt, iſt vernünftig.“ Zu Paulinen's Eigenthümlichkeiten gehörte ein aus⸗ gedehnter Briefwechſel. Sie hatte große Befriedigung davon, mit aller Welt in Verbindung zu ſtehen. Da ſie wußte, daß das beſte Mittel, Briefe zu ernten, Das iſt, Briefe zu ſäen, ſo war Rodewald froh, ſie ſich doch am Schreibtiſch ſammeln, da ſich bilden und beruhigen zu ſehen. Ihre Nerven bedurften der Scho⸗ nung. Ihr Leben war nicht ohne Gefahr. Sie be⸗ fand ſich in jenen Kriſen eines Körpers, der lange mit drohenden Uebeln kämpft, bis die Natur ſich gleichſam gefunden hat und nach ſolchen Störungen 127 hei⸗ oft ein wunderbar gutes Befinden zurückläßt. Aus 6 ͤt zu dieſen Briefen ergab ſich eine ſehr zärtliche Beziehung gons zwiſchen Paulinen und Amanda von Bury, einer jun⸗ ofen gen, ſchönen Adligen, die das Glück hatte, man nannte die es Glück, den Liebling der damaligen Monarchenwelt, der den tapfern Haudegen Grafen von Hohenberg, zu feſ⸗ nem ſeln und ſeine Gemahlin zu werden. Wir kennen je⸗ acht. nes Glück! Die junge Gräfin hatte einige Jahre der gen, Qual durchgelitten, als ſie es bei den für ſie immer beſchränkten Mitteln ihres Gatten durchſetzen konnte, eine Schweizerreiſe mit einem Aufenthalt in Landeck ber⸗ zu verbinden und ihre geliebte Freundin, Pauline von beu⸗ 1 Ried, dort wieder zu ſehen. Wir kennen die Geſchichte dieſes Wiederſehens... Der menſchliche Geiſt hat llend ehrie, u ſeine geographiſchen Bedingungen. Was ihm unter gung einer deutſchen Eiche zu faſſen, zu empfinden unmög⸗ da lich iſt, weht ihm die Luft unter einem italieniſchen nen Orangenbaume zu. Heinrich Rodewald lernte eine ſe vornehme, aber gedemüthigte, mishandelte, ihre Hand an hülfeflehend nach Schutz und Rettung ausſtreckende zi junge Frau kennen; ein gutes, ſanftes, ſchwärmeriſches be Herz, aber einen wenig gebildeten Geiſt. Ihm that ang dieſe Miſchung wohl, er liebte Amanda von Hohen⸗ ſc berg⸗ Pauline wurde getäuſcht. Sie hatte das Recht, urn in ihrer Sprache von Dolchen zu ſprechen, ſie dachte 128 an Gift, Mord und Verrath und doch glaubte ſie nicht. Sie war zu ſtolz dafür, anzunehmen, daß in vier Wochen, während ihr das Wiederſehen der Freundin durch ein Krankenlager verdorben wurde, ſich ein ſo folgenreicher Roman anſpinnen konnte wie der zwiſchen Rodewald und der Gräfin Hohenberg, die in dem ſtolzen Manne einen Unglücklichen, einen nach Erlöſung von ſich ſelbſt Schmachtenden antraf. Es ſtand zwiſchen ihnen feſt, daß ſie das damals nicht ſeltene Schauſpiel einer Eheſcheidung und einer Mesalliance aufführen wollten. Und bald ſollte Das geſchehen, in kürzeſter Friſt, mit offnem Geſtändniß aller dabei nothwendigen Rückſichten. Amanda reiſte ab. Der erſte Brief ſchon kommt verſpätet: der Graf — iſt ein Millionär geworden! Der zweite kommt noch verſpäteter: der Graf— iſt Fürſt geworden! Pauline ahnte... triumphirte... Rodewald bekämpfte ſeinen Schmerz und brütete über einen Entſchluß. Schon jetzt hätt' er ihn ausgeführt, ſchon jetzt ſich losge⸗ wunden, aber Pauline war krank, wurde bedenklicher, mußte nach Haus zurück, glaubte zu ſterben. Die Entdeckung, die ſie über Landeck machte, ſtieß ihr das Herz ab. Das Verlangen nach Rache zerwühlte die Eingeweide. Sie ſah, daß die Fürſtin Amanda ſich mit Rodewald verſtändigen, nach ihrem möglichen e ſie Tode oder ſelbſt wenn ſie noch ſiechte, mit dem Vater ß in ihres Kindes ſich ausſöhnen und ſich die Anlehnung der an eine bedeutende ihr ſo naheſtehende Perſönlichkeit urde, nicht würde entgehen laſſen. Da fiel ſte auf den Ge⸗ wie danken, ein junges Mädchen, das zu ihrer Pflege berg, nach Ems gekommen war, das von ihrem Leben, ih⸗ einen rem Vermögen abhing, die Nichte ihrer armen Schwe⸗ ttraf. ſter, einer Wittwe des jung verſtorbenen Landraths mals von Harder, zu Rodewald's Frau zu machen. Die⸗ einer ſer in ſolchen äußerſten Lagen oft vorgekommene Plan Das gelang ihr. Dem jungen ſechszehnjährigen Kinde dniß wurde Rodewald als das Ideal eines Mannes ge⸗ reiſte ſchildert, als eine in menſchlicher Geſtalt auf Erden Graf wandelnde Gottheit... Rodewald, erſchöpft und noch lebensüberdrüſſig, zwiſchen Fauſt und Don Juan ſchwan⸗ uline kend, ließ ſich die Liebe dieſes reinen Kindes gefallen.. ſcinen Egon von Hohenberg wurde inzwiſchen geboren. Pauline Schon ſah Rodewald's Bewegung, zitterte vor ſeiner Unruhe, lsge⸗ die Ludmer entdeckte Briefe der Fürſtin, er ſchien ihnen ſiche verloren für ſie und ihre maßloſen Bedürfniſſe... die er grübelte ſo verdächtig, er brütete ſo wehmüthig, er das ſchloß ſich ſo oft ein, er ſah ſo ernſt auf Karten, die de vor ihm ausgebreitet lagen... Wenn er ſich mit rſch Amanda wiederfände? Nein! Selma von Harder iche mußte ihn umſchweben wie ein neckender Luftgeiſt, Die Ritter vom Geiſte. IX. 9 1 130 der ihn in heitre Regionen zog. Er ſah des Kindes Verehrung, des Mädchens reine Liebe. Selma er⸗ kannte, daß dieſer Mann von acht und zwanzig Jah⸗ ren wie ein hohes Standbild unter dem gemeinen Geſtrüpp der Alltäglichkeit emporragte. Sie liebte den Mann, den auch ihre Tante— ſo hoch verehrte. Der Einſpruch ihrer Mutter, die in der Ferne von dieſen Wirren erfuhr, war der entſchiedenſte. Selma wurde zurückgefodert, aber von Paulinen nicht gegeben. Anna kam ſelbſt. Sie verrieth ihren tiefſten Abſcheu vor Rodewald, einen Abſcheu, den er unter Umſtän⸗ den bis zur Vernichtung begründet erkannte. Aber Selma blieb von ihm bezaubert. Feſtgebannt von ſei⸗ nem Auge, von ſeinem Ernſt, von ſeinem ganzen Weſen gebunden, blieb ſie in der Reſidenz nur bei Paulinen. Anna hatte alle Mutterrechte verloren. Damals jünger, eifriger, noch nicht gebrochen wie jetzt, noch nicht geknickt in ihren Aufflügen zu einem freien eignen Willen, benutzte Anna alle Mittel ihrer natürlichen Autorität. Sie verfehlten aber ihren Zweck. Die Verbindung zwiſchen Rodewald und Selma hatte Pauline einmal als Mittel erfaßt, ſich dieſen Mann auf immer zu ſichern, ihn wenigſtens nicht Denen preiszugeben, die ſie betrogen hatten. Die Furſtin von Hohenberg, noch nicht wiederge⸗ indes g er⸗ Jah⸗ heinen e den ehrte. von Selma geben. hſcheu mſtän⸗ Aber n ſei⸗ anzen ur bei loren n wie einem ihret ihren und ſt gſtens Hatten. ederge⸗ 131 boren, noch nicht verſöhnt mit ihrem Erlöſer, lechzte nach Ausſöhnung mit dem Vater Egon's. Sie ſchrieb, ſie bat, endlich war der Augenblick einer Wahl über die Zukunft ſeines Herzens ſo dringend vor ſeinen nächſten Willen geſtellt, daß er tief über ſich ſelbſt er— ſchaudernd den Entſchluß faßte, dieſem Elend ein Ende zu machen, ſich zu einem neuen Leben zu ſammeln, mit Selma von Harder über die Meere in einen neuen Welttheil zu ziehen. Das reine, hingegebene Herz hatte keinen an⸗ dern Willen als den des geliebten, angebeteten Mannes. Sie entfloh mit ihm. Anna, ihre Mutter, glaubte die Spur in Frankreich ſuchen zu müſſen, ſie verlor ſie und konnte ſich nur tröſten in der Ergebung an das Unabänderliche. In Amerika begann der Vater Egon's von Ho⸗ henberg jene Läuterung, zu der empor ſich nur Derje⸗ nige ſchwingen kann, der einſt nicht aus Armuth, ſondern aus Ueberfülle des Herzens fehlte. Ein kar⸗ ges Gemüth, eine leere Phantaſie kann nie anders als nur einmal leben. Ein reicher glühender Geiſt ſetzt wie der Baum Ring an Ring und baut auf Trümmer neue Welten. Rodewald war ein Sieger, wo er auftrat. In ſeinem alten Sinne wollte er nicht mehr ſiegen, er wollte kämpfen und ſah im 9* 132 Siege nur den Lohn der Mühe. Menſchenfeindlich war allerdings ſein Herz geworden; Das mußt' er ſich zum Vorwurf machen und an dieſem Uebel krankte er lange. Er ſuchte die Einſamkeit, er floh die Men⸗ ſchen, er haßte ſie. Amerika bot ihm die Fülle neuen Lebens, aber den Egoismus ſah er grade hier in ſei⸗ ner vollſten Blüthe und ſo erfüllt von Poeſie und Romantik war noch ſein Herz, daß er ſich in die neuen Formen des Staates, der Geſellſchaft, der Sitten hier nicht finden konnte. Die Schauer der Natur ſuchte er, die hoben ihn. Dem Urgeiſt ſich nahend, der in den Wäldern, an den wallenden Strö⸗ men rauſchte, beugte er ſein Knie und ſein Haß mil⸗ derte ſich, da er Manchen ſah, den es wie ihn ge⸗ trieben hatte, ſich in dieſe Uranfänge des Lebens zu flüchten. Manches Jahr blieb ſeine Ehe kinderlos. Dann wurde ihm Selma geboren, er nannte ſie wie die Mutter. Er ſagte ſich: Du biſt zuweilen noch zornig, zuweilen noch aufbrauſend, du willſt dein Kind nennen wie die Mutter; ſo wirſt du erſchrecken, wenn du mit dem Kinde ſanfter ſprichſt wie mit dei⸗ nem Weibe, oder ſanfter mit deinem Weibe wie mit deinem Kinde; alſo ein Ton für Beide!... Rode⸗ 4 wald kaufte nach manchem geſcheiterten Erperiment, nach mancher harten Erfahrung eine Niederlaſſung 133 am Miſſouri. Dieſe erweiterte ſich. Hier begünſtigte ) in ihn das Glück. Er fand gute Nachbarn, die ihm Ge— gufß ſchäftsgenoſſen wurden. Es bildete ſich eine Kolonie hen⸗ von Freunden, die das Glück in guter Laune erhielt.. enen Auch die Herzen trüben ſich ſo, wenn der Himmel trübe ſi⸗ wird. Dieſen Genoſſen blieb er heiter. Sie verkauf⸗ und ten Bauholz, Getreide, Thierhäute; ſie erwarben Alle. di Es war ein Landſtrich von einigen Meilen; zwiſchen de jeder Niederlaſſung ein Stück Wald und Feld; aber der meilenweit machte der ganze Bund ſich verſtändlich. ſc Sie hatten Zeichen, die immer den Zuſammenhang zri⸗ ſicherten. Viele Bürger der Union, viele Reiſende beſuchten Miſſouri⸗Garden, wie die Kolonie ſich nannte, nil⸗ 4 1 und Meiſter Harry war der Gärtner dieſes Gartens 1 ge oder in ihm die majeſtätiſche Baumkrone. Hier war s 31 es, wo Otto von Dyſtra zuweilen vorſprach, zuweilen aios jener Morton aus Newyork, in dem ſich ein Deut⸗ ewie ſcher vermuthen ließ, ohne daß der doch gleichfalls nuch deutſche Farmer Harry forſchte. Harry erwarb, wurde dein wohlhabend, für den Kontinent vermögend. Aber ecem, Selma ſtarb und mit ihrem Tode bedrängte den Va⸗ dei ter der Gedanke an die Zukunft ſeines Kindes. Er e mit hatte dem Chaos der eignen Bruſt genug gethan. Mit Rode⸗ dem Tode der Frau, die er ſich durch eine Um⸗ ment, wälzung der Seele gewonnen, war ein alter Ring— nſſung 134 ſeines Lebensbaumes abgeſetzt, ein neuer drängte. Er wollte zurück um ſeines Kindes willen. Er hatte der Mutter verſprochen, ſich mit Anna von Harder aus⸗ zuſöhnen und ihr Selma zu bringen, falls ſie ſie be⸗ ſitzen, die Enkelin anerkennen wollte. Er rechnete auf eine harte Prüfung. Er wollte ſie tragen. Amanda's Tod hatte Rodewald erfahren, auch Paulinen's neue Heirath mit Anna's Schwager. Dieſe Verbindung ſchien bedenklich. Er beſchloß, erſt— unter dem Namen Ackermann den Kontinent wieder⸗ zuſehen. Der Pächter Harry verpachtete ſeine Nie⸗ derlaſſung in Miſſouri⸗Garden, nahm nicht für im⸗ mer von dort Abſchied, erhielt mancherlei Aufträge für Europa, auch jenen von dem unglücklichen Mor⸗ ton und kehrte auf den Boden der Heimat zurück mit ſeinem Kinde, das ihn als Knabe begleitete. Er ſah die Reſidenz ſpäter als Schloß Hohenberg. Er war in Pleſſen, betrachtete das Denkmal der heimgegangenen Fürſtin; wir ſahen ſeine Rührung. Er erfuhr die Wendung aller der Verhältniſſe, die einſt hier ge— herrſcht hatten, er entdeckte Irrthümer, Wahn, Ver⸗ blendung, Elend ſogar und Armuth da, wo ſein Herz ſo betheiligt ſchlug. Er lernt Dankmar Wildungen kennen. Der junge Mann feſſelt ihn; er feſſelt ſein Kind. Sie liebt ihn ſchon, als er mit bebendem ☛————·— 135 Entſetzen erfährt, damals am gelben Hirſch erfährt, dies wäre Prinz Egon. Faſt beſinnungslos folgt er dem Zuge, der vom Schloſſe in die Reſidenz fuhr, nach dem Heidekrug. Er will ſeinem Sohne, wenn er es wäre, ſich zu nähern ſuchen. Er kommt zu ſpät in der Herberge an. Es iſt ſchon Nacht... es iſt Mondſchein... Alles ſchläft. Daß Egon unter dieſen zuſammengewürfelten Menſchen der Alltäglich⸗ keit, dieſen Gläubigern des Fürſten Waldemar, im Incognito lebte, ſchien ihm ſo natürlich! Wie lockte ihn der Familienzug, der in Dankmar Wildungen, ſei⸗ nem Neffen lag, ſchon mit natürlicher, blutsverwandter Gewalt! Er kommt in die Lage, Abends, als er Geräuſch auf dem Korridor hört, im Mondſchein ſich Dankmar's Schlafzimmer zu nähern, er empfängt von dem ſchönen, vor dem unheimlichen Störenfried Ha⸗ ckert erſchreckenden Mädchen ein Bild, das er bedeutet wird, in jenes Zimmer zu tragen. Sie entſchlüpft. Er betrachtet das Bild. Es iſt die Fürſtin Amanda! Zitternd nähert er ſich dem nun gewiß gefundenen, ſchlummernden Sohne, legt das mit ſeinen Küſſen be⸗ deckte Bild unter Dankmar's Haupt und nimmt eine Locke von ſeinem Haupte. Dieſe Locke, wie hielt er ſie hoch! Wie verehrte er ſie als das Einzige, was er von Egon beſitzen durfte, von Egon, auf den er Dankmar's Männlichkeit und Adel übertrug! Daß er ſich ent⸗ ſchloß, ſeine Kenntniſſe von der Pflege des Bodens der Rettung ſeines Kindes zu widmen, war ein Ge⸗ danke, der ihn mit blitzſchneller Begeiſterung ergriff. Da iſt mein Geld, da meine Hand, nimm, mein Sohn, dein Vater wird für dich ſorgen! So hätte er ſprechen mögen zu dem kranken Prinzen im Schloſſe, als er dieſen Schlurck faſt vor Zorn niederwarf. Aber konnte er ſo ſprechen? Konnte er ſich verrathen, als Louis Armand die Nachricht brachte: Dein Wunſch iſt erhört! Wie glücklich war er in der Werkſtatt der Maſchinenbauer in jener Nacht, als er bei Willing und Leidenfroſt die Hülfsmittel ſeines ihm liebgewor⸗ denen Berufes beſtellte! Wie freudig griff er ſeine ſchwere dem früheren idealiſchen Leben ſo fremde Auf⸗ gabe an, wie ergeben räumte er die ſich ihm bald darſtellenden Schwierigkeiten aus dem Wege! Es gilt deinem Sohne, dachte er, deinem Sohne, der dir ge⸗ hört vor Gott und Amanda's unſichtbarem Genius! Kein Menſch auf Erden kann wiſſen, welcher innern Mahnung du hier folgſt und welches der wahre überſchwengliche Lohn deiner Mühen, die gottgefällige Himmelsblüthe deiner Arbeit iſt! Freilich bekümmerte ihn nun Alles, was er von Egon erfuhr. Er erlebte das Verletzendſte. Nichts konnte ſo gefährlich ſein als die Entdeckung, die er über Selma und des Mädchens liebende Neigung machte. Schaudervoll ergriff es ihn, als er dies keimende Re⸗ gen und Wachſen in des Mädchens Bruſt beobachtete. Die Tragödie der alten Welt, der Fluch des Schick⸗ ſals ſchien mit dunkeln Fittichen über ihn niederzu⸗ ſchweben. Welcher Beherrſchung bedurfte er damals, als Louis Armand zum Beſuche kam, die Anklagen gegen Egon wuchſen und Selma, ſein Kind, immer parteiiſcher, immer gereizter für das Ideal aufloderte, das einmal von ihrem Auge nicht weichen wollte. Ein qualvoller Winter für ihn, der ihn unfähig machte, irgend etwas zu beginnen, was nicht in nächſter Ver⸗ bindung mit ſeiner Pachtung ſtand. Er hätte doch nun ſeinen wahren Namen ſagen, Verbindungen mit Anna von Harder anknüpfen, Erkundigungen einziehen müſſen; er war nicht im Stande ſich zu ſammeln, nicht fähig, den geringſten auf die Löſung dieſer Her— zensaufgabe bezüglichen Entſchluß zu faſſen. Dann aber— die Wonne— die Erleichterung der beſchwer⸗ ten Bruſt! Dies ſelige, jauchzende Aufathmen des gepreßten Herzens, als Selma in den Armen eines jungen Mannes lag, der ſie zu umarmen den Muth beſaß, weil er ſie nur für den Knaben nehmen wollte und ſie, ſie nahm ihn für ein Wunder; denn Egon, der Verfolger ſeiner Freunde, konnte ja nicht der Ver⸗ folgte ſelber ſein, es war ein Wildungen, Dankmar, der Sohn der eignen Schweſter des Vaters, Dank⸗ mar, des Vaters Neffe! Der Flüchtling wurde auf die leichteſte Art ver⸗ borgen gehalten. Der entfernte Bart, die geſtutzten Haare, eine ſommerliche ländliche Tracht, ein großer, breitrandiger Strohhut gaben ihm bald ein Anſehen, das Niemanden an den im vorigen Sommer hier ſo räthſelhaft aufgetauchten Doppelgänger des Fürſten er⸗ innern konnte. Die Zahl der Menſchen, die vom Generalpächter zu ſeinen Unternehmungen verwandt wurden, war über Hundert gewachſen. Unter ihnen verlor ſich Dankmar um ſo mehr, als er nicht etwa im Ullagrunde bei Ackermann wohnte, ſondern in dem entlegeneren Randhartingen, wo er für einen jungen Oekonomen galt, der ſich beſonders im Schrei⸗ berfach dem Generalpächter nützlich erwies. Glück⸗ licherweiſe hatte Dankmar eine Wohnung gefunden, die ihm geſtattete, faſt in allen ſeinen Bedürfniſſen für ſich ſelbſt zu ſorgen. Mehr, als er wünſchen konnte, fühlte er ſich allerdings im Verkehr mit Selma gehemmt. Allein ohnehin lag es ſchon in der noth⸗ wendigen Rückſicht auf den Vater begründet, daß zwiſchen ihnen, gleichfalls ſtill und verborgen, mehr 139 die verwandtſchaftlichen Bande, als die der Liebe gel⸗ tend gemacht wurden. Rodewald hatte die Freude, als er ſich Dankmarn in ſeiner Eigenſchaft als jener ſchlimmberufene Oheim zu erkennen gegeben hatte, in dieſem Verwandtſchaftsſinne die zwiſchen den jungen Liebenden herrſchende Vertraulichkeit mehr deuten zu dürfen, als in dem leidenſchaftlichen Charakter eines die Andern ausſchließenden zärtlichen Beſitzes. Es iſt ein ſo wehmüthiges Gefühl für einen Vater, der ſei⸗ nes Gemüthes einzige Befriedigung in der Liebe ſei⸗ nes Kindes fand, dieſe plötzlich mit einem Eroberer theilen, ja wol ganz an ihn verlieren zu ſollen. Ein Vater, der einzige Schutz und Hort ſeines Kindes, ſieht, iſt dies Kind ein Sohn, dieſen plötzlich nur für das Wohl und Wehe einer fremden Familie, deren ſchönſtes Kleinod er liebt, erglühen, oder es geſchieht, daß ſeine einzige Tochter, das Pfand der Liebe eines dahingeſchie⸗ denen Weibes und die letzte Erinnerung an ſeine eigne Jugend, ihm an einen Mann verloren geht, der un⸗ ter ſeinen eignen Augen die reinen Lippen, die nur ihm ſonſt in kindlicher Liebe ſchmeichelten, mit ſeiner Leidenſchaft beſtürmt. Manche Väter, manche Mütter wiſſen oft nicht, daß das Gefühl, das ſie gegen einen Bewerber um die Gunſt ihres Kindes hart erſcheinen läßt, eine in ihnen tief wurzelnde Eiferſucht iſt. 140 Dankmar, mit dem in allen Dingen ihm innewoh⸗ nenden Takt, erkannte dies Gefühl. Wo ihn nicht Ort und Stunde begünſtigten, verlangte er für ſeine heiße Liebe nie die Linderung durch ſichtbare Zärtlich⸗ keit. Und weil Rodewald dieſe Schonung fühlte,— wurde ihm der wackre Sinn des neugewonnenen Soh⸗ nes nur um ſo ehrenwerther und mit wahrer Freund⸗ ſchaft ſchloß er ihn in ſein Herz. Es gibt auch wenig ſo gefällige Verhältniſſe im Leben, als in dem myſtiſchen Bunde, dem vielver⸗ ſpotteten und zur Proſa des Lebens herabgewürdigten Schwieger- und Schwäherbunde, Gleichartigkeit der Geſinnung und Stimmung. Rodewald hatte die Freude, in Dankmar einen Sohn zu gewinnen, der neben ihm ſtand wie das jüngere Abbild ſeiner ſelbſt. So faſt nahm er ſelbſt einſt das Leben, ehe ſeine Bahn von Andern durchkreuzt wurde. So faſt ging, ſtand, hielt er ſich, wie Dankmar! Welche ruhige Erörterung mit ihm über die nächſte und entferntere Zukunft! Welches Maß in der richtigen Abſchätzung des Möglichen! Welche beſonnenen Zumuthungen an das Leben, welche richtigen Vorausſetzungen über die Charaktere, ihren Egoismus, ihre Schwächen, wenn es ſich um Perſonen handelte! Dankmar war durch Natur, durch Studium und frühe Lebenserfahrung voh⸗ der Philoſoph, der ſein Oheim erſt durch die bitterſten nich Prüfungen und jene läuternde edle Reue wurde, die ſeine Dankmar nicht in ſich mit Beklommenheit zu hegen iich⸗ brauchte, da er, was er begann, immer beſonnen über⸗ ilte dacht und auf ein ehrliches Gelingen angelegt hatte. oh⸗ Es iſt ein Himmelsſegen für einen Mann in den Jah⸗ und⸗ ren Rodewald's, ſein Kind unter der Leitung eines Charakters zu wiſſen, wie Dankmar Wildungen war. in Wol gab es auch zwiſchen ihnen manche Differenz. et⸗ Die noch jugendliche Auffaſſung mancher Dinge, be⸗ gten 4 ſonders der Gefahr, der lebendigere Farbenſinn für der das Kolorit und die Poeſie des Lebens, die Pläne die über den Abſchluß einer Verbindung mit Selma ga⸗ der 1 ben noch Gelegenheit zu manchem Widerſpruch. Doch lbſt. hoben dieſe ſtreitigen Ausnahmen nur die herrſchende Regel des Friedens. Einer verſtand den andern; ene u) beide lebten ſich wie in eine Seele ein. Selbſt der hige Prozeß, ſelbſt die Sache des Bundes gab keinen An⸗ ntere laß zu einem Scheidewege. Dankmar ſprach über ung beide Angelegenheiten mit der dem Juriſten eignen an kritiſchen Prüfung aller Möglichkeiten. Die Entgeg⸗ de nungen Rodewald's widerlegte er nicht durch einen enn blinden, den Thatbeſtand überſehenden Enthuſiasmus, urch ſondern ließ Das, was unwiderleglich war, gelten ung und geſtand es zu, wenn ſein Suchen nach Abhülfe vergeblich geweſen war. Rodewald kannte die Fami⸗ lientradition und lobte Alles, was Dankmar zu ihrer Geltendmachung verſucht hatte. Der Prozeß ſchwebte nun in dritter Inſtanz beim Obertribunal. Ein räth⸗ ſelhaftes Dunkel umſpann eine Angelegenheit, die um ſo verwickelter wurde, ſeit Dankmar und ſein Bruder Flüchtige, Verfolgte waren. Doch wußten Beide, daß darum eine civilrechtliche Frage nicht ſtocken konnte. War ſie doch aus dem trüben Sumpf der erſten Ge⸗ rechtigkeitsſtadien, wo die polizeiliche Gewalt an der Waagſchale der Themis nur zu oft die Gewichte zu verfälſchen ſucht, glücklicherweiſe herausgetreten zu ei⸗ ner Region, wo man ein Europäéiſches Aufſehen wol fühlen mußte und eine Entſcheidung zu geben hatte, ähnlich der, wie über die bekannte Mühle bei Sansſouci! Bedenklicher konnte die Anwendung ſcheinen, die Dankmar einem möglichen Gewinne beſtimmt hatte. Es war die Ueberzeugung in den Brüdern feſt, daß mit Ehren dieſe Güter nur zum Beſten einer Idee verwandt werden konnten und dieſe Idee, wie war ſte gewachſen, wieviel Blüthen und Früchte trieb ſie nicht ſchon, wie konnte ſie ſich entfalten, wenn das Erbtheil des Komthurs Hugo von Wildungen in den Bund zurückfloß, der ſich an die Ritter vom Grabe zu Je⸗ ruſalem anſchließen ſollte! Aber Rodewald folgte auch ami⸗ ihrer ebte ath⸗ um uder daß dieſem Labyrinthe von Träumen und gefährlichen Hoffnungen nicht mit der platten Logik der Alltags⸗ überlegung, die hier unbedingt geſagt haben würde: Ihr ſeid Thoren! Er dachte ſich in den Zuſammen⸗ hang der Ideen Dankmar's hinein, ſtaunte, daß er ſelbſt die Veranlaſſung gegeben, dieſe Gedanken⸗ reihe einſt anzuſpinnen, bewunderte, wie weit ſchon ein nur ſo flüchtig in einige Gemüther geworfener Funke gezündet hatte... War ihnen Beiden doch ge⸗ ſchehen, daß ſie bei einem kleinen Ausfluge in nahe⸗ gelegene Ortſchaften Spuren entdeckten, daß der Bund der Ritter vom Geiſte da lebte und wirkte, wo ſie den Weg der Verbreitung kaum ahnen konnten! Es iſt damit, ſagte Rodewald, wie mit dem Entſtehen von Wäldern an Orten, wo ſie Niemand ſäete. Die Vögel tragen den Saamen durch die Luft! Eine ei⸗ genthümliche auf das vierblättrige Kleeblatt deutende Handbewegung hatte Beide, Rodewald und Dankmar, ſchon mit Begegnungen in Verbindung gebracht, die ſonſt die flüchtigſten geweſen wären. Sonſt ſtumm und kaum grüßend an ihnen vorübergegangene Men⸗ ſchen waren ihnen durch ein einziges Wort vertraut geworden. Man ſprach allgemein von einem weit⸗ verzweigten Bunde, deſſen Obere Niemand kannte, deſſen Statuten noch ungeſchrieben waren, der aber 144 mächtiger hervortreten würde, wenn eine gewiſſe Höoff⸗ nung, über die verſchiedene Verſionen liefen, ſich er— füllen würde. Nicht einmal, daß dieſe Hoffnung der Prozeß der Gebrüder Wildungen war, ja nicht ein⸗ mal, daß Dankmar Wildungen für den Stifter des neuen Templerordens gelten mußte, war Jedem außer der forſchenden Regierung bekannt. Dennoch blieben die Pflichten des Bundes kein Geheimniß. Die Theil⸗ nehmer wußten Alle, daß er auf den Grundſatz ge⸗ ſchloſſen war: Du ſollſt Gott mehr dienen, als den Menſchen! Du ſollſt die grade Straße deiner Ueber⸗ zeugung gehen, nicht Noth, nicht Ueberfall und Ge— waltthat auf ihr fürchten, ſondern in jedem Looſe auf die Hülfe warten, die dir zur rechten Stunde von Denen wird, die über dir wachen! Rodewald, ſeit lange ſchon ſo wenig Idealiſt, wie es ein auf Erde, Regen und Sonnenſchein angewie— ſener Arbeiter nur ſein kann, Rodewald ging in ſeiner Uebereinſtimmung mit Dankmar ſo weit, daß er gradezu von unſrer Zeit zugab, ſie wäre reif zu ei— ner neuen Meſſiasoffenbarung. Was würden denn die Mächtigen der Erde beginnen mit einer Perſön⸗ lichkeit, die alle Bedingungen eines großen Propheten trüge? Sei er nur rein in ſeinen Anfängen, achtbar in ſeiner Bildung, begabt mit der Macht der Rede, ————— . 145 ſei er nur tief in ſeinen Studien, um vor dem Dün⸗ kel der Gelehrſamkeit nicht erſchrecken zu dürfen, ſei er nur ſittenrein in ſeinem Wandel, enthaltſam, be⸗ ſcheiden, feßle er den Menſchen durch eine gewinnende Perſönlichkeit und ſei er ein großer Dichter des Le⸗ bens, der würdig iſt, ſein eigner Gegenſtand zu ſein, wer wollte ihn dann in Banden halten, feſſeln, ver⸗ nichten, mürbe machen durch die kleine Quälerei unſrer Civiliſation? Er würde nur zu lehren brauchen: Ich komme als ein andrer Chriſtus, der Das der Welt ſein muß, was dieſer den Juden war! Ich komme als ein Richter und Strafredner über den Phariſäis⸗ mus dieſer Tage, der mit den Unterdrückern des gei⸗ ſtigen Lebens buhlt, ſtatt die Menſchen von der Ge⸗ ſchichte zu befreien, das Individuum von der Geſell⸗ ſchaft, die Geſellſchaft vom Staate, den Staat von den Perſonen und den Vorrechten der Geburt! Was würde man ihm denn Höheres thun können als ſein Leben nehmen? Würde dieſer Tod, freudig ertragen nicht grade zu den Merkmalen gehören, die ein neue Erlöſer der Menſchen tragen müßte? Es iſt eine Stille in den Seelen der Menſchen eingetreten, die das Ohr ſchärft, das Wehen und Nahen der Gottheit zu vernehmen. Die Ritter vom Geiſte. IX 10 146 Und wenn Dankmar fortfuhr, daß jetzt nicht mehr ein Individuum allein Das vermöchte, was ein Mär⸗ tyrer vor zweitauſend Jahren, ſondern daß ſich wol der rein und klar herausgeſtellte Begriff der Menſchheit an ſich ſelber zum Befreier würde, ſo widerſprach Rodewald nicht, ſondern dachte nur darüber nach, wie man den Bund der ſtreitenden Brüder vom Geiſte zum möglichen Abbild der reinen Menſchheit, zum Sammelplatze aller wahren Lebenskeime der Geſchichte erheben und man nach Abzug der endlichen Bedingungen, die allerdings jede irdiſche Unternehmung verkürzen, mit der Zeit diejenigen Wohlthaten ſegnend über die Jahrhunderte ausgießen könnte, die nicht mehr in der Macht eines einzelnen Meſſias liegen würden. Die ſtillen Abendſtunden und der Sonntag wurden dem Austauſch von Gedanken und Vorſchlägen für dieſen Zweck gewidmet. Die Erfahrungen der Politik, der Theologie, der Seelenlehre, des Rechtslebens wurden zwiſchen ihnen ausgetauſcht. Dankmar, der für den Schreiber des Generalpächters galt, las und ſchrieb genug, aber es waren Studien über die Geſellſchaft. Was er von Büchern brauchte, verſchaffte Rodewald aus Bibliotheken, ſelbſt entfernten. Er entlieh für ſich, was für Dankmar beſtimmt war. Auch der Briefwechſel, den Dankmar zu führen hatte, nahm 147 ſeine Zeit in Anſpruch. Auf Umwegen, mit ſchützen⸗ den Adreſſen kamen ihm Nachrichten von den Freun⸗ den, vom Bruder zu. Die Rettung Leidenfroſt's und des Majors von Werdeck, herbeigeführt durch Jagel⸗ lona, die auf der Veſte Bielau einen greiſen Invali⸗ den entdeckt hatte, Mar Brüning, den Vater Leiden⸗ froſt's, jenen Bayer, der nach franzöſiſcher Gefangen⸗ ſchaft und langem Krankenlager in der Fremde die Spur der im Kloſter zum Herzen Jeſu niedergelegten Kinder, jenes auf den Eisfeldern Rußlands dem ſter⸗ benden Stanislaus Kaminski abgenommenen Mäd⸗ chens und ſeines eignen ihm von ſeinem in Gneſen geſtorbenen Weibe hinterlaſſenen Sohnes, nach Polen hin verloren hatte und für eine Befreiung des Ma⸗ jors leicht zu gewinnen war, nachdem ſie ſelbſt mit Hülfe des von Schlurck endlich erhobenen Geldes Lei⸗ denfroſt's Feſſeln zu ſprengen gewußt hatte, dieſe fern⸗ weilenden Menſchen vergrößerten den Kreis Derer, mit denen Dankmar in Beziehung bleiben konnte. Man drängte in ihn, jetzt ihnen nachzufolgen, man fand ſein längeres Verweilen auf einem Boden, den der reaktionäre Terrorismus Egon's von Hohenberg ſo gefährlich gemacht hatte, für Vermeſſenheit. Er ſchrieb den Freundelt, er fände ſchwerlich im Auslande die Muße, ſo im Zuſammenhange der Aufgabe zu . 10* bleiben, die er ſich zunächſt hätte ſtellen müſſen, die Vorarbeiten zu zeitigen zum erſten großen Bundestag, den er auf den September des nächſten Jahres anſetzte. 1 Rodewald freilich hatte einen andern Grund, Dankmar'n oft an die Nothwendigkeit, nun doch in's Ausland zu gehen, zu erinnern. Die Zeit rückte heran, wo er über Selma einen Entſchluß faſſen mußte. Er fühlte, daß an ſeiner einmal feſtgehaltenen Abſicht, ſein Kind zu Anna von Harder zu führen, nichts ge— ändert werden durfte. Auch entging ſeiner Erinnerung an die Sitten und die Bildung der großen Welt kei⸗ neswegs, wie ſehr Selma noch die nachhelfende Hand einer höhern weiblichen Erziehung bedurfte. Zwar ſagte Dankmar auf ſolche bang' ihn erſchreckenden Worte: Du wirſt mir den Blüthenſtaub von meinem Mädchen ſtreifen! Du wirſt ihr nehmen, was grade ihr ſchönſter Schmuck iſt! Aber bei aller Freude an der Selma eignen, heitern kindlichen Naivetät ſchüt⸗ telte der Vater das Haupt und blieb dabei, ſie hätte erſt noch eine Prüfungszeit zu überſtehen unter den Augen ihrer Großmutter, wenn ſie ſie annehmen will, Es iſt das Haus, wo ich um ein lateiniſches Wort: propinqui equites den Prozeß verliere! ſagte Dank⸗ mar. Und Rodewald erwiderte: Wenn ſie Selma 149 die wie ihr Kind begrüßt und mir vergibt, ſo laß' es uns 39 ein gutes Zeichen ſein, daß wir beweiſen: Hugo von res Wildungen trat die Erbſchaft ſeiner ganzen Familie und nicht den im Orden befindlichen Verwandten ab, nd, die du in den Verzeichniſſen von Angerode nicht haſt nrs entdecken können, falls in der That die Equites geiſt⸗ an, liche Ritter ſein ſollen und nicht vielmehr Adlige und Er Ritterbürtige überhaupt, denen allein die Erbfolge in it, großen Lehnen geſtattet ſein konnte... So miſchte ge ſich auch der alte Sachſen- und Schwabenſpiegel in ung die Idylle des Herzens. ti⸗ Selma ſah mit Bangen den Tag heranrücken, wo and ſie vom Vater und Geliebten zugleich ſcheiden ſollte. uar Jenen konnte ſie doch wiederſehen! Dieſer aber, auf den die Verborgenheit angewieſen, verbannt in die Ferne, d verſchwand ihr, wie die rettende Hand einem Ertrin⸗ kenden verſchwinden mag, ſie glaubte ohne ihn ver⸗ mie gehen zu müſſen. Dankmar! Dankmar! So bebend, 1 ſo jammernd konnte ſie dieſen Namen rufen, als wenn hüt ſie ſich auf ewig nun von ihm hätte trennen ſollen f und ſie jener Königstochter gliche, die, von den Göt⸗ d tern als Opfer für die glückliche Fahrt der Griechen ml. gefordert, von den herzloſen Eltern auch auf den Al⸗ 5 tar der Diana hingegeben wurde! Ihre Seele war ant in dem letzten trüben Winter zu ſchwer belaſtet ge⸗ 150 weſen. Es waren Klänge durch ihr Herz gezogen, wunderbar traurige Klänge, die das Glück der Täu⸗ ſchung, des wunderbaren Entdeckens eines ihr ver⸗ wandten, ſie liebenden Mannes wol mit leichten Me⸗ lodieen verdeckte; nun aber brachen ſie melancholiſch, klagend genug wieder hervor und oft ſagte ſie zum Vater: Laß uns ewig Ackermann heißen, laß uns bleiben, was wir ſind, die Mutter ſegnet das Glück ihrer Tochter! Nur du, nur Dankmar haben An⸗ ſprüche auf mich!... Es war ein ernſtes Sinnen, das nach dieſem im Spätſommer faſt täglich wieder⸗ holten Drängen ſeines Kindes den Vater überfiel, aber immer entſchied für die alte Verabredung das Gelöbniß an die ſterbende Mutter, der Hinblick auf Selma's nicht ausreichende Bildung und ein Ahnen, das der Vater in den Worten ausſprach: Ich weiß nicht, was mich in die verſchwiegene Behauſung zieht, die Anna von Harder vor den Thoren der Reſidenz bewohnt! Wir fuhren zwei Mal an ihr vorüber. Weißt du, einmal mit jenem unheimlichen Begleiter, dem Nachtwandler, der uns den Namen Tempelheide und die Bewohner nannte und dann, als wir von der Maſchinenfabrik kamen, von der rauſchenden Muſik des wilden Balles? Jedes Mal klang ein melodiſcher Lufthauch von dem dunklen Gehöfte her. Du ſchliefſt. gen, Läu⸗ ver⸗ Me⸗ liſch, zum uns Nlück An⸗ nen, eder⸗ rfiel das auf nen, weiß ieht, ldens über. eiter, heide von Nuſit ſcher liefſt 151 Aber mir war's, als mahnten mich die Töne, die ich hörte, als riefen ſie: Du gehſt hier vorüber, richteſt nicht die Grüße deines ſterbenden Weibes aus? Hörſt ſie nicht, wie ſie dich mahnt? Es muß ſein, Selma! Die Liebe wird ſich bewähren. Es hindert mich nichts, nichts, Rodewald zu heißen. Dankmar wird in zwei Jahren dich heimführen in eine Welt, die bis dahin in tauſend Dingen kann eine andere und unendlich beſſere Geſtalt gewonnen haben. So blieb es bei der Trennung. Sie konnte nichts auflockern, was zwiſchen den Liebenden feſtſtand. Selma war Dankmar'n gleich anfangs als das Abbild jener Weiblichkeit erſchienen, die dem ſtarken und geſunden Mannesgeiſt allein genügen kann. Fern von jeder grellen, berechnenden Gefallſucht hatte ſie ihr gut Theil Evanatur, wie alle aus der Rippe Adam's Gebornen. Sie ſah weit lieber, daß ſie gefiel, als daß ſie abſtieß oder gleichgültig ließ. Aber ſie eroberte ihren Beifall nicht durch unerlaubte Mittel. Sie gab ſich kein Air von Empfindungen, die ihr fremd waren. Sie ſchlug die Augen nicht auf, um ſchwärmeriſch zu erſcheinen, ſie lächelte nicht ſüß, um ihre blendenden Zähne zu zeigen, ſie kämpfte ihre Wallungen, ihre Meinungen, ihre kleinen Reizungen ſogar nicht nieder, ſondern gab ſich, wie ſie dachte und wie ſie oft nur zu natürlich empfand. 152 Da fehlte es an Thorheiten gar nicht, beſonnener Zuſpruch fand bei ihr immer zu thun. Nur kam es auf den Redner an, auf ſeinen Ton, ſeine Lehre, ſeine Abſicht. Selma ſprang mitten in eine Predigt ihres Vaters und erſtickte ſie mit Küſſen und Thränen. Wie flogen da die braunen Locken, wie glänzten die dunkelblauen Augen, wie lieblich klangen die Schmei⸗ chelworte und wie konnte ſie dann bitten, ſie nur ja nicht an Dankmar zu verrathen! Grade verrathen! Grade, weil du den Freund täuſchen willſt! ſagte dann Rodewald. Nein Vater, weil er ſchon ſoviel ſelbſt an mir zu dulden hat und weil ich ihm keinen Abſcheu vor mir einflößen will; ſprach ſie. Aber Dankmar duldete und trug gar nicht, wie ſie fürchtete. Wenn er in ſeinem kurzen Sommerrock und unter ſeinem breitrandigen Strohhut ſo ſpät Abends mit ihr die Ulla hinauf ſchritt, dem ſtilleren Waldrücken zu, und die Cigarre weggeworfen hatte, um am Duft ſeiner Lippen nicht unwürdig zu erſcheinen einer flüch⸗ tig erhaſchten Zärtlichkeit, lächelte er nur. Er hatte eine Ruhe Selma gegenüber, die ſie oft Phlegma nannte und wegen der ſie ihn durch tauſend kleine Neckereien in Harniſch zu bringen ſuchte. Es gelang ihr aber nicht. Dankmar ſetzte allen ihren Seiten⸗ ſprüngen von der geraden Straße der Langenweile und nei⸗ r ja fen! agte viel nen lber tete nter ihr zu, Dduſt üch⸗ jatte jun leine lang ten⸗ und Monotonie, an der die ſogenannten gediegenen Frauen⸗ naturen oft bis zum Nichts zu Grunde gehen, nur ein ruhiges ergebenes Lächeln entgegen, nicht etwa das träge Lachen des Phlegma, ſondern ein Lächeln, von dem Selma einmal in wirklichem Zorn ſagte: Und meinem glühendſten Behagen ſtreckſt du die kalte Teufelsfauſt entgegen!(Sie hatte eben Göthe's Fauſt zum erſten Male kennen gelernt;) aber der Vater nannte dies Lächeln der Ueberlegenheit den höchſten Sieg, den die Majeſtät der Leidenſchaft, die Löwen⸗ hoheit einer bedeutenden Natur, über ſich ſelbſt gewin⸗ nen könnte. Da zerfloß ſie denn in Liebe und ſchmieg⸗ ſame Anmuth. Dankmar beſaß in Selma eine Natur. Von der Lüge der Salons, von der Prüderie der üb⸗ lichen Erziehung war ihr nichts angeweht. Sie ſtand im unmittelbarſten Verkehr mit den Dingen, wie ſie ſind. Und viele hüteten ſich vor ihr; die Schlechten, die Trägen, die Lügner gewiß. Gewiſſe Mittlere ſchwankten noch. Aber die Guten trugen ſie auf den Händen, nannten ſie einen Engel und prieſen Den glücklich, der ſie einſt gewinnen würde. Daß dies ſchon des Generalpächters hübſcher Schreiber war, ſah man nicht. Das Glück dieſer ſtillen, verſchwiegenen Liebe und eines ſüßen, heimlichen Troſtes für manche grobe äußere Mühe, der ſich Dankmar des Scheines wegen unterziehen mußte, wurde nur geſtört durch den Hin⸗ 1 V blick auf die Zeit und Egon's Art ſie zu lenken. Ver⸗ ſchiedenartig wirkte dieſe ſchmerzliche Erfahrung. In Dankmar war es der beleidigte getäuſchte Freund, der die Möglichkeit eines ſolchen Irrthums, ſolcher trügeriſchen Vorausſetzungen, wie ſie bei dem Fürſten Egon ſtattgefunden, in einem Menſchen kaum begreifen konnte. In Rodewald dagegen war es noch ein her— berer Schmerz. Er konnte wohl zu Dankmar ſagen: Sieh da die Macht der Umſtände, den furchtbaren Zwang der Stellungen! Aber was er ſelbſt innerlich fühlte, war noch ein Anderes. Egon von Hohenberg ſtand ihm durch die dunkelſten Verirrungen ſeines Lebens ſo nahe! Er bereute jene Tage nicht, in de⸗ nen dieſem jetzt gereiften jungen Manne das Leben gegeben wurde; ſie waren ihm nur von Weh⸗ muthsſchleiern überwoben. Könnten dieſe Schleier je ſich heben! hatte er gedacht, könnte je das helle Licht der Sonne und der Wahrheit beſcheinen und an den Tag bringen, wer du dieſem jungen, ſo rauh über die Erde fahrenden Staatenlenker ſein könnteſt! Er dachte ſich, wenn du nun einſt einmal vor ihn hinträteſt! Wenn er dich empfangen wird, hier im Schloſſe oder in der Reſidenz, falls er deine Gegen⸗ ́nxx:E wart wünſcht, und nun ſteht er gnädiglächelnd, leidlich wohlwollend, vielleicht aber auch gereizt, vielleicht ſtreng vor dir? Wenn er wüßte, daß du Dankmar Wildun⸗ gen bei dir aufnahmſt? Wenn er wüßte, warum du dich jetzt Rodewald nennſt und wie du auf dieſe Wan⸗ delungen deines Weſens gekommen biſt? Pauline von Harder,(die einzige, deren Leben Rodewald fürch⸗ tete) dieſe dir jetzt ſo Verbundene, ſte wird nie, nie ſagen, daß du mein Sohn biſt, aus Haß gegen die Mutter nicht! Und ſonſt kennt keine Seele die Tage von Landeck vor dreißig Jahren. Ich und du! Du und ich! Wir Beide durch ein Geheimniß verbunden! Wenn ich es ausſpräche, wenn ich im Zorn über deinen Stolz, deinen Hochmuth, deinen Dünkel, deine Unſitt⸗ lichkeit, deine Herzloſigkeit, deine männliche Schwäche, die eine Melanie Schlurck zur Fürſtin von Hohenberg erheben konnte— und dieſe That kommt nicht aus meinem Blute, nicht aus dem Blute des Plebejers, der mehr Stolz hat als du— wenn ich mich hin⸗ reißen ließe und Vaterrechte geltend machen wollte, wenn auch nur unter vier Augen... Und dann? dann?... Wenn dieſer junge Tyrann dich von ſeinen Dienern zur Thüre hinauswerfen ließe... ha, und du griffeſt in deine Bruſttaſche und zögeſt die Pa⸗ piere hervor, die deine Behauptung beweiſen, die 7 1 156 Briefe der Fürſtin.. Und dann? dann?... Wenn er die Säcke Geldes nähme, die du für ihn erwarbſt, in hingebender, nur vom Himmel erkannter Liebe und Aufopferung für ihn ſammelteſt, um der innerſten Pflicht zu gehorchen, und er dies Geld vor dir hin— ſchüttete und riefe: Da behalte, Elender, aber ſchweige! Schweige oder meine Rache iſt gränzenlos... Dieſe Gedankenreihe, furchtbar peinigend für ſeinen Stolz und für ſein Herz, verließ Rodewald nicht mehr, ſtei— gerte ſich ſogar, als der Herbſt nahte, alle ſeine Pläne reiften, geſegnete Früchte ſanken und Egon ihm ſchrieb, er würde bald ſelbſt auf ſeinem Schloſſe erſcheinen, ſich eine Weile von ſeinen Mühen ausruhen und ihm für„die guten Geſchäfte,“ die er mache, danken... Rodewald kannte bei allen dieſen Vorausſetzungen die Natur Egon's, die ohne Zweifel tiefe und bedeutſame Entwickelung auch dieſes Charakters noch nicht. Aber des Fürſten eiſernes Walten war nicht hin— wegzuläugnen. In nächſter Nähe ja ſah Rodewald die traurigſten Spuren davon. Sein Nachbar, der Bauer Sandrart, der Reiche, Ueberzufriedene, Stolze, der auf ſeinen Sohn ſo ſtolze Vater, wie ſchlich der Aermſte, zum Tod gebeugt, an einem Stabe von Haus zum Bach, vom Bach zum Hauſe, und blickte kaum auf, wenn man ihn grüßte: Vater Sandrart, wie — 157 geht's? Was macht die Ernte? Thut Euch der Son⸗ nenſchein gut? Ihm that nur gut, wenn er ſich die Augen wiſchen und Niemanden ſehen konnte, als zwei Menſchen, die ihm nun die liebſten auf dieſer Erde geworden waren, den Jäger Heuniſch und Fran⸗ ziska, des Jägers Nichte. Der Dritte von Denen, die er liebte, auf die er alle ſeine Sehnſucht nach dem einzigen, unglücklichen, unwiederbringlich geopferten Sohn übertragen hatte, der Vikar Oleander, war nicht mehr in Pleſſen. Es hieß, er hätte die Stelle eines Gefängnißpredigers in der Reſidenz übernommen. Der hatte ſich recht das Schwerſte unter den Aemtern der Diener am Worte auserleſen... Und nicht, weil es der Sohn ſo geheißen in ſeiner letzten Stunde, ſon⸗ dern der innere Drang ſchon machte, daß der unglück⸗ liche, um ſeine liebſten Hoffnungen betrogene Vater Heuniſch, den Guten und Sorgloſen, und Fränzchen, die Bewährte, auch beim Nachbar Treuerfundene, wie die Seinigen annahm und erbenlos den Beſitz des Sohnes ihnen vermachte. Franziska war zwiſchen dem Generalpächter und dem Bauer, der ſie liebte wie ein Kind ſeines Kindes, faſt ſo getheilt, wie einſt zwiſchen Louis Armand und Heinrich Sandrart. Je⸗ ner ſchrieb zuweilen von der Fremde. Der immer wiederkehrende Schmerzenston ſeiner Briefe lautete: 158 Ein Meer iſt zwiſchen uns! Ich darf nicht in das Land, wo Sie weilen, Franziska, und Sie bindet die Pflicht, ja ſelbſt das Glück an ein Unglück, das Sie tröſten ſollen und Sie mit Schätzen belohnt, die Ihre Flügel ſchwer macht: Gold iſt ſchwer... Die reiche Erbin denkt wohl des fernen Freundes nur mit Scho⸗ nung. O Franziska, dieſe rauhe Welt! Dieſe elenden Götzen der Pflicht, denen zu Liebe man ſo kalt mor⸗ den konnte! Das Bild ſteht unverwiſcht vor meinen Augen. Der Gute, der ſterben mußte, weil ihn für Andere das Loos traf und ein Beiſpiel gegeben wer⸗ den ſollte, ein Beiſpiel der Abſchreckung für Menſchen... Menſchen! Alle Bitten an Egon, alle Briefe der Beſten blieben unerhört. Das Kriegsrecht hatte ſeinen Lauf, wie die Kugel! Ich denke des Tages, wo ich in der Werkſtatt bei Märtens mit ihm über den Eid ſprach! Und was muß uns tröſten? Daß das Un⸗ glück nicht allein ſteht, daß es eine täglich wachſende Reihe von Gräbern gibt, eines neben dem andern. Vergeben Sie, Franziska, wenn ich Ihnen, der Reichen, ſolche Worte ſchreibe! Vergeſſen Sie das Loos der Armen nicht!— Louis ſchrieb dieſen Brief aus Ant⸗ werpen, wo er bei Siegbert verweilte und für die Ein⸗ richtung des Schloſſes Tempelſtein thätig arbeitete. Franziska hielt auf dieſe Empfindungen, deren en zweifelnden Theil ſie mit ihrer Feder widerlegte, wie auf ein Evangelium, aber Der, der es lehrte, war jetzt ihr verloren. Im Ullagrunde feſſeelte ſie die ernſteſte Pflicht. Das große Hausweſen des Generalpächters hatte aus der kleinen Nahterin ein Verwaltungstalent hervorgelockt, das zwar manche Perſonen, die um Ackermann feſten Fuß zu gewinnen gehofft hatten, ſehr verletzte, dieſen ſelbſt aber aufs angenehmſte überraſchte. Fränzchens Herzensgüte im Verkehr mit dem gebro⸗ chenen, an ſie voll Wehmuth ſich anklammernden Sandrart rührte alle Herzen. Und Onkel Heuniſch, der taumelte gar wie in der Irre! Die„gute“ Ur⸗ ſchel war ihm nun hin, aber ſeine Hunde waren ihm doch geblieben und es hieß ſogar, wenn der Winter käme und er mit einem Burſchen, den er ſich nahm, im Amt nicht fertig werden könne, ſollte ihm Droſſel die beſte ſeiner Töchter, das flinke Linchen, geben zur Führung ſeiner Wirthſchaft! Aber nur Franziska gab ihm rechten Erſatz für eine Lebensgewohnheit, deren Schattenſeiten ſeinem gläubigen Sinne nie eingehen wollten; ihm ſcharrte ſich nichts aus der Erde heraus, unter der Jakob und Urſula Zeck ſchliefen, ihm kam der Glaube an den Doppelmord, den Jakob Zeck und Urſula Marzahn an ſeinen beiden Verlobten begingen, indem ſie auf dem Gelben Hirſch Feuer anlegten und 160 an dem Waldbache die zur Kirche gehende Tochter des Sägemüllers vom Felſen ſtürzten, nie zu klarem Gemüth. Die Beweiſe fehlten. Die Unterſuchung wegen Tödtung des Schmied's im Forſthauſe wurde von der Reſidenz aus, wo man mehr, als man wiſſen wollte, zu entdecken fürchtete, plötzlich abgebrochen, und Herr von Zeiſel, der bequeme, ſeinen Garten, ſeinen Schlafrock, ſeine Whiſtpartieen liebende Juſtiz⸗ direktor, an dem auch glücklicherweiſe die Gefahr einer nicht verbeſſernden Verſetzung vorüberging, Herr von Zeiſel war nicht der Mann, der ſolchen Dingen à tout prix auf den Grund zu kommen trachtete. Nur Pfan⸗ nenſtiel, Droſſel, der Sägemüller grübelten. Die lärmten, die drohten, aber nicht im Einverſtändniß. Die Polizei ging mit der Demokratie nicht Hand in Hand. Onkel Heuniſch mit der Meerſchaumpfeife und dem rothen, nun recht winternden Fuchsbarte genoß in vollen überfließenden Zügen das Glück ſeiner Nichte, ſo ſchmerzlich es erkauft war. Er hatte die Hinrich— tung mit angeſehen, war voll Jammer über ſie, aber doch wurde er faſt eiferſüchtig auf den alten Bauer und grämelte mit ihm. Er ſah nur Das, was auf ſein nächſtes Behagen ging. Seine Hunde, ſein Wild, ſeinen Wald kannte er. Aber mit Menſchen konnte er reden, die er kennen ſollte und er hätte geſchworen, von out an⸗ Die niß. in und noß hte, ich⸗ abet luer auf dild, unte 161 daß er ſie nie geſehen. So mit Dankmar, der oft an derſelben Stelle mit ihm ſtand, wo er ein Jahr vorher mit ihm geplaudert hatte. Aber den Verän⸗ derten und Umgeſtalteten für den Doppelgänger Sr. Durchlaucht zu nehmeu, wäre ihm nicht im Traume eingefallen. Er war für ihn ein völlig Anderer, als der er jetzt, ein ahnungsreicher Juriſt, die Data über die in Liebe zu einem ſo guten Waidmanne ent⸗ brannte Urſula und ihren heimtückiſchen Bruder wohl am klarſten in Händen hatte, ohne daß er jedoch in der Lage und Laune ſein konnte, ſie öffentlich zu ver— knüpfen und von Andern ſeinen Scharfſinn prüfen zu laſſen. In dieſe Zuſtände der Ruhe, des Schmerzes, der Freude, des Harrens und Hoffens kam dann die An⸗ kunft des Fürſten auf dem Schloſſe. Rodewald hatte die Sammlung nicht, ſie abzuwarten. Auf einem Wege, wo er ihm zu begegnen vermied, entſchloß er ſich, Selma ihrer nächſten Beſtimmung entgegen zu führen. Der Abſchied von Dankmar war der ſchmerz⸗ lichſte. Denn auch ihn mußte es drängen, von einem Orte ſich zu entfernen, wo ihm die Luft nun den Athem abpreſſen mußte. Melanie als Fürſtin Hohen⸗ berg, Egon ſelbſt, Selma von ihm hinweggenom⸗ men— er wartete nur des Vaters Rückkunft ab, um Die Ritter vom Geiſte. IX 11 162 ſich nach dem Weſten nun auch zu entfernen. Hatte er doch hier und da ſchon Verdacht erregt und glaubte er doch von einer Perſon, die noch dazu nicht die beſte von Sinnesart war, halberkannt zu ſein, von jener Lieſe, die früher im Heidekrug bei dem jetzt ſchmollen⸗ den konſtitutionellen Patrioten Juſtus diente und zu Fränzchen Heuniſch's Erhebung immer nur ſcheel genug geſehen hatte. So war denn Rodewald von ſeinem Hauſe endlich frei geworden und hatte die in Schmerz zerfloſſene Selma mit der Zukunft getröſtet, mit jenem Zauberbalſam, der ſich kühl und linde auf alle Wun⸗ den legt. Anna von Harder nahm die ihr ſo wunderbar Geſchenkten nicht wie eine Genugthuung des Schick⸗ ſals, ſondern wie eine Mahnung, ſich zu demüthigen, auf. Die Freude und der Schmerz, die Wonne, in Selma ein Abbild zu beſitzen von der, deren Tod ſie zu bitterſter Gewißheit nun beſtätigt ſah, alle dieſe Empfindungen machten ſich in denſelben Thränen geltend und jede Betrachtung, jeder erörternde Rück⸗ blick blieb ausgeſchloſſen von den erſten Schrecken und Wonnen dieſer Begegnung. Rodewald wollte ſogleich ſcheiden, Anna ließ ihn nicht. Sein Pferd wurde von den Dienern verſorgt, doch wollte er zur Stadt, Selma ſollte da bleiben, wenn Anna ſie zu behalten ) zu enug nem merz enem Lun⸗ erbat chick⸗ igen, in d ſie dieſe ränen. Rück und glich vurde Stadl, Halten gedächte. Anna war keiner Anordnung fähig, nur Das wußte ſie, daß ſie das jetzt Gewonnene nur mit dem Leben wiedergeben wollte. Die edle Frau um⸗ halſte Selma und hielt ſie gegen das Sternenlicht, gegen den Lampenſchimmer im Hauſe, um ſich an den Aehn⸗ lichkeiten, deren ſie Hunderte mit ihrem Kinde ſchon ent⸗ deckte, zu erheben... aber daß dies Kind wirklich todt war, daß es auf fremder Erde, zerſtoben und ver— weſend ſchon, ruhte, Das umwehte ſie mit Geiſter— hauchen, als müßte ſie nun bald ſelbſt hingehen in die Wohnungen des Friedens und könnte ſich nicht mehr zurechtfinden in dieſer ſchmerzlichen Sinnenwelt. Olga nahm ihr etwas von den nächſten Pflichten, die ſie fühlen mußte, auffallender Weiſe ſchon ab. Olga begrüßte den Ankömmling mit einem Ton, der ihrer geiſtigen Vornehmheit ſonſt nicht eigen war. Sie bewirkte ſogar, daß man die Geräthſchaften abpackte, erinnerte an Vergeſſenes, reichte dar, was ihr Selma entgegenzunehmen zu wünſchen ſchien, Dinge, die ſie kaum nennen konnte. Sie ſchlang zuletzt ſogar ihren Arm um Selma und führte ſie mit einem allerdings ſonderbaren, ſtummen Willkommen an der Hand ihren Zimmern zu, wo ſie hoffte, die Enkelin Anna's als Nachbarin zu gewinnen. Anna ließ Alles geſchehen und Selma hatte nur Augen für den Vater, der ihr 11* 164 ſo tief zu leiden ſchien und der von Abſchied ſprach. Ich ſehe Dich morgen früh wieder! beruhigte er, aber ihre erſte Freude zeigte ſich bald als die Erregung des Momentes; die aufgeſpannten Nerven ließen nach und die Luſt verwandelte ſich in Wehmuth. Wie war dies Haus ſo düſter, ſo einſam, wie dunkel dieſe Wände, wie fremdartige Töne vernahm ſie da und dort... die alten Bedienten, das leiſe Sprechen, um den Greis nicht zu ſtören, den man morgen erſt langſam vorzu⸗ bereiten gedachte, alles Das erfüllte ſie mit einer Be— klommenheit, die faſt den Wunſch auszuſprechen ſchien: Laßt mich beim Vater bleiben, hier wohnt der Tod und ich will dem Leben angehören! Anna ſammelte ſich mit Olga's Hülfe. Olga ſchien ein wenig aufgeweckt aus ihrer Traumwelt. Sie ſah etwas, was ſie verſtand, mit der höheren Poeſie ihrer Empfindungen vergleichen konnte, wenn auch Kaktus, Pinien, Palmen und das Meer dabei fehlten. Aber die Enkelin Anna's kommt aus Amerika und bringt ſich ſelbſt für die todte Mutter! Sie fühlte eine ſolche Erfahrung fremden Lebens wie ihre eigne nach und war ſo voll Eifers, das Rechte und Noth⸗ wendige zu treffen, daß Selma ſchon die ſie umſchlin— gende und nur ruhig neben ihr hingehende Groß⸗ mutter fragen mochte: Welches ſeltſame Weſen haſt 165 du nur da bei dir? Und wem hab' ich da gleich an Werth für dich und Vollkommenheit nachzueifern? Dyſtra, hätte er die Scene beobachtet, würde geſagt haben: Comteſſe Olga iſt wie die Memnonsſäule, à Pordinaire kalt und ſtarr, wohllautend aber doch, wenn nur die rechten Sonnenſtrahlen auf ſie fallen! Während ſich Selma in der für ſie vorläufig be⸗ ſtimmten Lokalität zurecht fand, wollte Rodewald gehen, aber Anna zog ihn in den ſtillen klaren Abend, zog ihn unter den Pavillon und drückte ihm voll Ver⸗ gebung die Hand. Er wollte ſprechen, erzählen. Anna duldete es,nicht, weil er ſich ſelbſt anklagte. Ich bin Schuld, ſagte ſie, ich, daß ich an der unverwüſtlichen ſittlichen Kraft eines edlen Mannes zweifelte! Welcher Hochmuth war es, der mich trieb, Sie zu verurtheilen, Rodewald! Alle Steine, die die Welt auf Sie warf, hätten ſich mir ſelbſt in Blumen verwandeln ſollen, da mein Kind Sie liebte. Pauline konnte nichts erfinden, als ſie vor Selma von Ihnen wie von einem Ideale ſprach! Ich zerſtörte es, aber mit ohnmächtigen Werk⸗ zeugen. Jeder Fehler, den ich Ihnen nachſagte, verwan⸗ delte ſich vor dem einmal bezauberten Kinde in eine Tugend. Ich war ſo durchdrungen von Paulinens Verrätherei, ich glaubte nichts Anderes, als, ſie bin⸗ det, wie Das täglich geſchieht, den Mann ihrer Liebe 166 an ein unbedeutendes Mädchen, um ihn ſtets in ihren Feſſeln zu behalten, nie mehr zu verlieren, denn ſelbſt die Rechte der Verwandtſchaft mußten Sie zuletzt in ihre Nähe bannen. Ich ſah Das vor mir, ſah Ar⸗ rangement, ſah Verabredung frivoler Gemüther. Ich habe nie ſo in Flammen geſtanden wie damals, als ich in meinem Zorn mich ſelbſt verzehrte und all mein Lebensglück. Ich danke Ihnen, Rodewald, daß Sie mir verziehen und mir auf die letzten Tage meines Lebens dieſe überſchwängliche Gnade ſchenken, Ihr Kind bringen, Selma's Kind, und daß Sie's Selma nannten! Thränen erſtickten die Stimme der Vielgeprüften, die ſeit dem frühen Tode eines jungen, gutmüthigen Gatten ihr Leben zu einer Schule der Entſagung ge⸗ macht hatte. Rodewald geſtand ihrer Abneigung ge⸗ gen ihn jede Berechtigung zu. Das Tragiſche unſe⸗ rer Lebenserfahrungen, ſagte er, beſtünde eben in dem Zuſammenſtoß von Intereſſen, wo jedes auf ſeinem Standpunkt rein und wohlbegründet wäre, und das ſeinige wäre es nicht einmal im Anfange geweſen, ſondern erſt geworden durch die Hingebung, die un⸗ ausſprechliche Güte und das kindliche Vertrauen jenes Mädchens, das er zur Gattin wählte und dem er kein beſſeres Angebinde hätte verehren können als ihren ſelbſt ett in h A⸗ Ich , als mein ß Sie neines „Ihr Selma üften thigen ig ge⸗ ig ge⸗ unſe⸗ n dem ſeinem d das weſen, je un⸗ jenes em er n als einen neuen Menſchen. Fort von dieſem Boden der Lüge, fort aus dieſen Fallſtricken ewig wiederkehrender Gefahr— denn, beſte Mutter, ſagte Rodewald, Das werden Sie auch als nothwendig im Leben anerkannt haben, die Verſuchung darf nicht zu nahe ſtehen, wenn zweifelnde Augenblicke über uns kommen. Oft hatt' ich ſelbſt noch in Amerika, nachdem wir Frankreich, England bereiſt hatten, irgend eine kleine Irrung mit Selma, irgend einen nicht ſtimmenden Akkord, aber wir mußten ihn unter uns auflöſen, wir konnten nicht mit unſerm Kummer falſche Tröſter finden, die die Wunde ſtatt zu heilen, nur weiter aufriſſen, wir muß⸗ ten uns ſelber wieder erkennen und es ging. Dieſe Ehe hat mir nach vielfach zerfahrner, oft poetiſcher Irrung— ich will nicht wie ein Büßender ſprechen— die Sammlung meiner ſelbſt gegeben. Ich wurde zu⸗ frieden und lernte die Grenze würdigen, die dem Leben gezogen iſt. Anna hielt Rodewald's beide Hände und ſaß ſo ruhig neben ihm unter den Sternen. Noch ſprach er von der nächſten Zukunft, Anna billigte Alles, wenn ſie nur Selma behielt. Ihr will ich mich widmen, ihr die letzte Kraft meines Lebens geben! ſagte ſie und erſt nach längerm Träumen kam ihr die Frage: Und Sie, Rodewald? Der Vater, der höhere Rechte hat, als ich? Vergeben Sie, wenn ein Jahrelang ſo ungeſtilltes Sehnen unerſättlich iſt! Wie ſtaunte Anna, als Rodewald von ſeiner Pachtung der Hohenbergiſchen Güter ſprach! Sie wußte nichts von Rodewald's Beziehung zur Fürſtin Amanda, die ihr eine theure Freundin in erſter Jugend geweſen, aber ſeit der Heirath des Generalfeldmar⸗ ſchalls entrückt war. Sie konnte mit ſtiller Freude vernehmen, daß Selma's Vater in ehrenvollen Ver⸗ hältniſſen ihr ſo nahe bleiben würde und als ſie von ſeinem vorläufig angenommenen Namen Ackermann hörte, als ſie ſich beklagte, daß ihr über ein Jahr lang Selma entzogen war, wo AOckermann ſchon in Deutſchland weilte, hatte ſie jetzt nur die eine Sorge noch auszuſprechen, die ſich in dem Namen Schweſter Pauline! kundgab. Wie lebt Pauline? fragte Rodewald. Sie lebt, wie ſie als Kind lebte! ſagte Anna. Nach jedem zerbrochenen Spielzeug ein neues. Es verſchenken, verlieren, oder ſelbſt zerſtören, gleichviel, nur raſch ein Erſatz! Ihr Leben liegt wie ein auf— geſchlagenes Buch vor der Welt. Ich mag Ihnen nicht darin blättern, Rodewald! Leſen Sie es bei Andern. Manches hat ſie ſelbſt verrathen, im günſti⸗ geren Lichte darſtellen wollen, ſie hat die Feder er⸗ 169 griffen und geſchrieben. Ich konnte mich erſt nach Jahren, wo alle Welt ihre Bücher vergeſſen hatte, ent— ſchließen, ſie zu leſen. Da fand ich mehr in ihnen, als Bosheit und der Neid in ihnen hatte wollen gel— ten laſſen. Ich fand ein wirklich unglückliches, nur durch die Eitelkeit und früheſte Verwöhnung verdor⸗ benes und unverbeſſerliches Herz. Mich rührte das Meiſte von Dem, was Andere belachten. Ich haßte ſie weder, noch verachtete ich ſie, aber ich mußte ſie meiden. Ihre Nähe wirkte auf mich, wie die Nähe der Mörder auf die Erſchlagenen wirken ſoll. Die Wunden fangen wieder an zu bluten. Ich mied ſie nur. Sie war zu ſtolz, zu ſchwindelnd hoch in ihrer wilden Lebensphiloſophie, als daß ich jemals auf das Anerbieten einer Verſöhnung hätte rechnen können. Jetzt, wo ſie auf's Neue eine große Rolle ſpielt.. Rodewald wußte, daß Egon ihr ganz gehörte... Jetzt ſucht man ſelbſt von Seiten des Hofes mich für eine Annäherung zu gewinnen; ich weiche aus. So lange Dämonen wie jene Charlotte Ludmer in ihrer Nähe weilen... Lebt die Ludmer noch? ſagte Rodewald gelaſſen ſtaunend... O die iſt zäh wie Schlangen, die auch zerſtückt noch nicht ſterben können, ſagte Anna. Ich tröſte mich 1270 immer, wenn ich von dem Vielen, was die Welt Be⸗ denkliches über Paulinen ſich erzählt, die Schuld auf jenes Weſen werfen kann, das wohl zu tief mit Pau⸗ linens Vergangenheit verwachſen iſt, als daß ſie je— mals wagen könnte, ſich von ihm zu befreien. Rodewald kannte Paulinens Lage und Verhält⸗ niſſe. Von der Irrung, die der ſeinigen folgte, von der Geſchichte des Baron Grimm, den er ſo oft am Miſſouri in der Perſon jenes Morton erblickt hatte, während Morton in ihm den engliſch gewordenen Maſter Harry, jetzt nur den Generalpächter Ackermann kannte, wußte er nichts. Anna fühlte ſich nicht ver⸗ anlaßt, über das Leben ihrer Schweſter dem Manne Enthüllungen zu geben, den ſie in dieſem Augenblick froh und glücklich ſehen wollte. Sie geſtand zu: Es wird Aufſehen machen, großes Aufſehen, wenn es heißt, jener einſt von der ſchönen Welt ebenſo wie von den Staatsmännern und Gelehrten bewunderte Heinrich Rodewald iſt zurückgekehrt, iſt ein einfacher Oekonom geworden, hat die Güter des Fürſten von Hohenberg gepachtet, hat der alten Landräthin von Harder auf Tempelheide ein Abbild ihrer hingeſchie— denen Tochter, eine Enkelin, überbracht... ja, Rode⸗ wald, ſagte ſie, als dieſer lächelte, ja man hat das Gedächtniß für die alten Tage nicht ganz verloren von am ltte, enen annl ver⸗ nne blick Es 65 wie erte ſcher von 121 und ſpricht Das, deſſen man ſich fernher erinnert, mit großer Schonungsloſigkeit aus.. Nein, nein, unterbrach Rodewald, die neue Frei⸗ heit Deutſchlands macht nur, daß ſolche Verhältniſſe geringfügig erſcheinen.. Anna aber ließ ſich nicht nehmen, daß noch Tau⸗ ſende lebten, die da ſtaunen, die Köpfe zuſammenſtecken würden.. Und ſchon die einzige Pauline, die Ludmer! ſagte ſie. Erſchrecken Sie nicht, ihnen wieder zu be⸗ gegnen? Meine Wege ſind nicht die ihren... Aber Selma! Ich geſtehe, daß ich mich rüſten muß! Die überfallen mich gewiß und geben ſich das Anſehen, dies Kind mit ihrer Liebe erdrücken zu müſſen! Wenn Das wäre— ha, ich werde bitter... Kommen Sie, Rodewald! Anna wollte aufſtehen, aber eben kam Selma und Olga Arm in Arm aus dem Hauſe ihnen entgegen. Raſch benutzte Anna die noch übrige Zeit, dem Schwiegerſohne zu ſagen: Dies blaſſe Mädchen iſt die Tochter einer Fürſtin Wäſämskoi, die mir dies Kind, weil es aufmerkſamer Führung bedarf, zur Pflege hinterließ. Ich bin er⸗ ſtaunt, welchen Eindruck Selma ſchon auf dieſe eigne Natur gemacht hat! Ich wäre glücklich, wenn ſich 172 dieſe Mädchen verſtänden und jede zu ihrem Guten noch das Gute der Andern ſich hinzuthäte. Indem noch Rodewald lächelnd ſagte: an Schlacken, die dann ausgeſtoßen werden müßten, würd' es auch bei Selma nicht fehlen, kamen die Mädchen und ga— ben die Abſicht zu erkennen, durch das offen darge— ſtellte Bild ihrer ſchnell gewonnenen Vertraulichkeit die Aeltern zu erfreuen. Selma ſagte, daß ſie ſchon wiſſe, wo ſie nun der erſte Morgenſtrahl wecken würde, aber ſie wäre unruhig und würde ihre Nachbarin viel plagen, von der ſie hörte, daß ſie bis neun Uhr ſchliefe. Mit der Möglichkeit zu ſcherzen war hier ſchon viel gewonnen. Rodewald lehnte jede weitere Gaſtfreund⸗ ſchaft ab, trat an ſeinen Wagen, mit dem er in der Reſidenz einzukehren gedachte und verließ Tempelheide mit dem Verſprechen, morgen in den erſten Stunden wieder bei den Frauen zu ſein. Drei Tage hatte Rodewald für dieſe Reiſe be⸗ ſtimmt. Er fühlte die Nothwendigkeit, ſich bei Zeiten am Fuße des Hohenbergs einzufinden und dem Für⸗ ſten ſeine Aufwartung zu machen. Dennoch hinderte ihn daran eine unüberwindliche Befangenheit. In Tempelheide hob ihn Alles, auf dem Hohenberg hätte ihn Alles erniedrigen müſſen. Dort konnte er ſein Haupt erheben und im Licht der Wahrheit verklärt * uten cen, auch ga⸗ ge⸗ hkeit hon lde, viel 173 wandeln, hier hätte er die Augen niederſchlagen, ſich vor ſich ſelbſt entwürdigen müſſen. So wurden aus drei Tagen fünf, aus fünf acht. Es feſſelte ihn außer Oleandern wenig in der großen Weltſtadt. Er ſah ſich wohl die neuen Denkmäler und Bauten, die Sammlungen der Kunſt an, aber die Eindrücke konnte er erſt bei Anna und den Kindern zurecht legen. Auch dem Obertribunalspräſidenten wurde er vorgeſtellt und, wie ſich von dem Humanitätsfreunde erwarten ließ, mit Nachſicht beurtheilt. Die Urenkelin ſtand dem Greiſe bald näher als Olga, nicht durch die Ver⸗ wandtſchaft allein, ſondern auch durch die leichtere Art, aus ſich herauszugehen. Wie aufmerkſam lauſchte Rodewald dem weiſen Freunde der Natur und des Lebens! Wie ſchnell fand er ſich in die wunderliche Neigung zu den Thieren! Er verg lich dieſe Richtung einer auf die allgemeine Seelenlehre ſich gründenden Weltauffaſſung mit den herrſchenden D Doktrinen des Tages, dieſer größeren Fülle an Material, ſtrikteren Form der Beweisführung, aber geringeren Rückwirkung auf die Bildung des Herzens. Da Rodewald zufällig in der amerikaniſchen Union Freimaurer geworden war, konnte er ſich bald überzeugen, daß in der alten Ercellenz der Naturalismus ſeiner Anſchauungen nicht ohnmächtig als todtes Pfund in der Erde lag, ſondern 174 oft genug nach außen hin auch über die Grenze ſeines nächſten durch die Geſetze gebundenen Berufes gewirkt hatte. Der Greis klagte über die Richtung der Loge. Er hatte ſie ganz an Gelbſattel, Rodewalds Schul⸗ pforter Genoſſen, überlaſſen müſſen. Sie hat, ſagte er, einen Trieb zur Nüchternheit, zur leerſten Ver⸗ ſchönerung des Lebens bekommen, der mich abſchreckte, länger für ſie zu wirken. Ich weiß wohl, die tiefere und geheimnißvolle Richtung der Loge iſt zu unwür⸗ digen Zwecken misbraucht worden, die ſich in Lug und Trug verloren. Aber ſo ganz dieſen Bund auf Nichts zu ſtellen, wie es jetzt eingeriſſen iſt, ſo ganz ihn alles Zuſammenhanges mit großen geſchichtlichen Ideen entkleiden und ihn nur in eine Art feinerer Lieder⸗ tafel umzuwandeln, wer möchte da noch mitgehen? Man hat Diejenigen ſteinigen wollen, die wie einſt Bruder Krauſe und Moßdorf unſere Geheimniſſe ver⸗ riethen, aber man iſt hinter dieſen, die nur zur Re⸗ form unſres Bundes Oeffentlichkeit wollten, weit zu⸗ rückgeblieben. Wohl weiß ich, daß das graue Alter unſrer Kunſturkunden nicht zu ermitteln iſt, aber der Geiſt, der ſich in der Loge ſammelte, war jener immer landflüchtig gewordene Geiſt der Johanneslehre, die vor Chriſtus ſchon bei Plato, Sokrates, Virgil chriſtlich dachte, d. h. jener Lehre der überall vorhandenen t zu⸗ Alter r der nmer e vol iſtlich denen Chriſtlichkeit, wo reines Menſchenthum waltet. Das iſt der Angelpunkt der Welt und der Geſchichte. Die Humanität beginnt mit Duldung gegen Alles, was außer uns lebt, mit dem Thiere, der Pflanze. Was iſt der Menſch? Ein Urſachenthier, ſagt Lichtenberg. Die andern Thiere ſind Wirkungsthiere. Wir ſehen, was da wird, blüht und vergeht. Wir fragen, warum iſt die Schöpfung? Aber daß wir keine Auskunft wiſſen, ſtellt uns allem endlich Lebenden gleich. Dieſer allgemeine Glaube iſt der, der immer parallel ging mit den rohen und brutalen Erſcheinungen der Ge⸗ ſchichte, der Theologie, der Politik, der Sittenlehre. Neben dem Heiden- und Chriſtenthum, neben den Staaten der Griechen, Römer, Franken, zog ſich doch dieſer einige Faden der reinen Menſchheits⸗ lehre von Pythagoras und Thales herab bis auf diejenige Philoſophie unſerer Tage, die des Na⸗ mens würdig iſt. Für dieſe Lehre iſt der Menſch⸗ heitsbund die größte Geſchichtsthat. Zu ihr gehörte Jeder, der Humanität übte. Die Loge wollte die Lehre vom wahren Tempel wieder aufnehmen. Wie oberflächlich hat ſie es gethan! Sie konnte Größeres wirken. Das Chriſtenthum war erſt auch ein Geheim⸗ bund. Es war erſt auch eine Religion bei verſchloſſenen Thüren. Das Chriſtenthum war auf Logen begrün det, die man Agapen nannte. Man ſpeiſte zuſammen und feierte ſeine Erinnerungen. Die Loge hat viel gut zu machen, wenn ſie nicht zerfallen will. Als ſie vor vierzig Jahren in Deutſchlands wüſteſter Zeit ſich weigerte, ihre Miſſion zur Heranbildung eines Men⸗ ſchenbundes anzuerkennen und ſich nur der Lehre von einer laren Brüderlichkeit und gegenſeitigen Förderung innerhalb der gegebenen Lebensverhältniſſe ergab, hatte ſie ihre Bedeutung für die Geſchichte verloren und wird in Apathie, Ueberſchuldung und bei vielen Ein⸗ zelnen in Mangel an Appetit zu Grunde gehen. Der Greis hatte ſeine Rüge ſcherzhaft geendet, zum Bedauern Rodewald's, der von einer Annäherung an Dankmar's Ideen überraſcht war und faſt ver⸗ ſtummte über die wunderbare Fügung, daß der Prä⸗ ſident, er wußte es ſelbſt nicht, die Gelegenheit in der Hand hatte, ſeinen Traum von einer großartigeren Entwickelung der Freimaurerei wahr zu machen. Gern hätte er Dankmar'n Kunde von etwaigen Ausſichten ſeines Prozeſſes gebracht, aber Otto von Dyſtra, den er in ſeiner Wohnung in der Stadt Rom begrüßte, bemerkte ihm ſogleich, daß ihr gemeinſchaftliches In⸗ tereſſe für die Gebrüder Wildungen von dieſem in Amtsſachen drakoniſch ſtrengen und gewiſſenhaften Greiſe nichts hervorlocken würde. Dyſtra's Beziehung men viel ſie ſich ſen⸗ von⸗ ung hatte und Ein⸗ ndet, ung ver⸗ Prä⸗ dei geren Geru ichten „den küßte, In⸗ m in zaften ehung 177 zur Comteſſe Olga ſchien Rodewald, der an die anorga⸗ niſchen Verbindungsgeſetze der großen Welt gewöhnt war, nicht ſo komiſch wie dem Touriſten ſelbſt. Von Siegbert's Beziehung zu Olga wußte Rodewald nichts. Dankmar hatte ſich wohl gehütet, ſeinem im Ulla⸗ grunde nicht ſehr empfohlenen Bruder noch die Bürde einer ſolchen in der Luft ſchwebenden Liebe aufzuhän⸗ gen. Dyſtra war in der Hauptſache der Alte, an Allem intereſſirt und für nichts auch nur einen Tro⸗ pfen Bluts, dafür mit Freuden einen Beutel Geld laſſend, ganz wie es in der Oberflächlichkeit einer Zeit liegt, die auf Kommunikation und Beſchleunigung der Mittheilungen, auf den leeren Formalismus der Gedankenwelt, auf Stenographie, Autographie, Licht⸗ bildnerei u. ſ. w. ihr größtes Gewicht legt; doch über⸗ raſchte ihn Dyſtra eines Abends durch das Zeichen der Ritter vom Geiſte. Sind Sie Mitglied des Bun⸗ des? fragte Rodewald erſtaunt. Ich baue vorläufig dem Bundk eine Kapelle, ſagte Dyſtra, ich baue ihm ein Archiv für ſeine Statuten, im Nothfalle Kaſemat⸗ ten für ſeine Märtyrer. Sie werden ſtaunen, wenn wir den erſten Bundestag halten. Am Ufer eines majeſtätiſchen Stromes erhebt ſich, in der Nähe des Königlichen Schloſſes Buchau, ein bewaldeter Berges⸗ rücken, auf deſſen Mitte der Tempelſtein eine Warte 12 Die Ritter vom Geiſte. IX. 178 des ſchon ſtaunenden Reiſenden iſt! Schon erheben ſich Mauern und Thürme. Arkaden verbinden die Höfe, die vom Schutte gereinigt ſind und neu wieder ſprudelnden Quellen Raum laſſen mußten. Die Som⸗ merhalle und die Winterhalle harren ſchon des wohn⸗ lichen Schmuckes, den ich in Belgien, Holland, am Mittelrhein und in Franken für ſie fertigen laſſe. Park⸗ anlagen ſchafft ein königlicher Gärtner, er weiß es nicht, welche Orakel unter dieſen Bäumen geſprochen werden ſollen. Rodewald, es war ſchön unter Ihren rothbraunen Urwaldsbäumen! Aber es iſt ſchöner, ſich einen Garten zu zaubern, wo uns nicht Wilde, höchſtens die Häſcher der weltlichen Hermandad über⸗ fallen können. Komme, was kommen mag! Ich er⸗ öffne im nächſten Jahre zum September Nachts um zwölf Uhr meinen Tempelſtein. Unten an meiner in⸗ terimiſtiſchen Wohnung melde ſich wer kommen will, Ritter oder Knecht, Mönch oder Laie, vermummtes Viſir oder offnes, eine Reiterſtandarte in der Hand oder eine Oriflamme oder eine Orlogsflagge! Von meiner untern Villa ſchreitet man über eine Brücke, die ich zwiſchen zwei Abgründen aufführen laſſe mit hochgeſchwungenen Bögen, dem Untenwandelnden ſcheinen ſie ein Thor. Dann hinauf zur Burg! Die Zacken, die Mauern, die Verzahnungen ſollten Sie ſehen, die unter hundert 179 hämmernden und klopfenden Händen ſchon aufwachſen! Die Säulen dann umwunden mit Kränzen, von Al— tane zu Altane Guirlanden wie zu einem Sängerkriege, die Fahne mit dem vierblättrigen Kleeblatt hoch vom Söller wehend... Sie lachen? Genug Meiſter Harry! Vorläufig fühl' ich mich nur verpflichtet, für den Kom⸗ fort dieſer neuen Inſtitution zu ſorgen und es den Geiſtern der alten Ritter, die bei uns zur Nacht ſpeiſen werden, auch nach Rumohr's Geiſt der Koch⸗ kunſt bequem zu machen. Sorgen Sie nur dafür, daß Dankmar endlich ſein Arkadien bei Ihnen aufgibt und ſich an die Sicherheit der Grenze begibt, die mein Tempelſtein faſt ſelber iſt. Auf waldiger Höhe, zu— gänglich nur den Schmugglern und Grenzwächtern, liegt eine einſame Grenzhütte, bewohnt nur von einem Greiſe in weißem Bart! Halte man ihn für einen Verwandten Rübezahl's oder einen Gnomen andrer Seitenlinien, der Alte vom Berge empfängt Beſucher, deren Namen nur in Steckbriefen zu leſen. Dankmar wird von dem Greiſe längſt erwartet; längſt hat er das Wort, das ihm oben an der Tannenhütte Einlaß verſchafft bei'm Alten am Kaffeetopf, den er immer ſieden hat, man ſagt, um den fernen Gäſten durch den Rauch die faſt unzugängliche Lage der Hütte zu verrathen. Es iſt Zeit, den Alten mit dem Wort aufzujagen und 12* ſer eglenſaſ Dankmarn alle kleinen Bequemlichkeiten zu verſchaffen, die die Gäſte der Hütte vom Tempelſtein geliefert erhal⸗ ten. Sie ſollten unſre kleine romantiſche Exiſtenz dort unter den Eulen und Füchſen kennen! Ich nehme Ab⸗ ſchied, weil meine Anweſenheit dort nöthig wird; ich reiſe, um die Zimmer zum Empfang der Baronin Dyſtra herzurichten. Rodewald würde ſchon, gedrängt von dieſem neuen Beweis der wachſenden Idee des Bundes, beruhigt über Selma's nächſte Zukunft und Anna's ſorgfältig mit ihm beſprochenen weitern Bildungsplan der Toch⸗ ter, zurückgereiſt ſein, hätte ihn, nach einem Beſuche bei dem in Trauer um Selma's ihm abgewandtes Herz vom Ullagrund geſchiedenen und in Liedern und dem ſchwerſten Lebensberuf ſich tröſtenden Oleander, nicht Murray gefeſſelt, den er zu ſeinem wunderbarſten Erſtaunen von Dyſtra als jenen todtgeglaubten Mor⸗ ton bezeichnen hörte. Sie leben, alter Freund? rief er Murray zu. Sie leben als Geizhals in dieſer Mördergrube? Sie ſtellen ſich todt, um von Ihren Verwandten bei Ihrer Rückreiſe nicht geplüͤndert zu werden? Was treiben Sie hier? Wer iſt um Sie? Wer ſorgt für Sie? Erfuhren Sie, daß ich Ihr Geld richtig abgegeben, an Menſchen, die ſie für Ihren Bruder erklärten? Sind Sie der Bruder jenes fen, hal⸗ dort Ab⸗ ich nin euen higt ältig och⸗ uche dies und der, rſten Mor⸗ rief dieſer hren tt zu Sie Ihr e für jenes Schmieds, der von der Hand eines Fremden tödtlich getroffen wurde? Und Sie waren wirklich ſelbſt dieſer Fremde, Sie ſelbſt das Werkzeug dieſer Strafe, die einen Menſchen traf, der, wie Louis Armand be⸗ ſchworen hat, eben die eigne Schweſter tödten wollte? Sie heißen Friedrich Zeck, nicht Morton, nicht Murray, wie ich nicht Harry, nicht Ackermann, ſondern Ro⸗ dewald? Die Folge dieſer Begegnung, die Wirkung dieſer Fragen war für Murray, der an einer Kupferplatte ſaß und wie aus Träumen auffuhr, ſo furchtbar, daß ſich zwiſchen ihm und Rodewald dieſelben Stunden wiederholten, die im vorigen Herbſt zwiſchen ihm und Louis Armand auf dem Schloſſe von Hohenberg nur der Sturmwind, der an den Fenſtern raſſelte, die kniſternde Flamme des Ofens, das ſingende Heimchen im ſiedenden Theetopf belauſcht hatten... Sie jener Rodewald, auf den Baron Grimm folgte? ſagte Friedrich Zeck faſt ſprachlos. Rodewald wußte nichts vom Baron Grimm... aber was er von ihm, über und durch ihn jetzt erfuhr, ließ ihn ſchaudern. Dieſe Pauline! rief es in ihm wie im wildeſten Aufruhr aller Seelenkräfte. Und Ihr Sohn? Iſt gefunden... Lebt! 182 Die Thür ging auf. Hackert trat ein... Das iſt er! ſagte der Vater, der ihn vor Rode⸗ wald nicht verläugnen wollte. Rodewald ſtand wie erſtarrt. Er erkannte dieſen blaſſen, jungen, verdrießlichen Mann. Er erkannte dies röthliche Haar, dies hellblaue Auge, dieſes fragende, bittre Lächeln... Es war der Gefährte von der Land⸗ ſtraße, der Nachtwandler vom Heidekrug... Hackert erkannte auch den Fremden und grüßte ihn mit dem Scheine, als wollte er ſagen: Was ändert denn nun Das? Ihr hättet mir die Theilnahme, die ich jetzt finde, auch früher ſchenken können, denn ich denke doch, ich bin derſelbe Menſch! Aber Rodewald erkannte mehr in ihm, er erkannte Paulinen... er ſah ſich Egon, dem Fürſten von Hohen⸗ berg, gegenüber, Paulinen dieſem Hackert... er unter⸗ drückte, was er empfand. Er mußte ſprachlos ſcheiden von dieſer ihm jetzt aus Friedrich Zeck's Mittheilungen über den mit dem Sohn befolgten Erziehungsplane erklärlichen armſeligen Raume, er mußte ſcheiden voll innigſten Jammers, herzzerreißenden Schreckens, er bedurfte der ganzen friedlichen Sammlung, die in Tempelheide über ihn kam, um ſich endlich, gehoben nur durch das Gefühl, daß das Gute in der Welt mit dem Böſen zwar mit ungleichen Waffen, aber doch nicht ganz ohne ſieg⸗ reiche Erfolge kämpfe, auf den Weg zu machen, die verhängnißvolle Rückreiſe nach dem Schloſſe Hohen⸗ berg zu dem Ullagrunde anzutreten zur Meldung bei dem Fürſten Egon. Sechstes Capitel. Die Meldung. Gravitätiſch, wie ein Uhu im Walde, rings von Elſtern, Dohlen, Krähen, andrem vorwitzigen Ge⸗ vögel umflattert, gefürchtet zugleich und verſpottet, vom Jäger ausgeſtellt zur Lockung, wenn er zahm iſt, oder in der Wildniß ſich ſelbſt preisgebend, wenn ihm die blöden Augen Tageshelle blendet,— ſitzt auf dem Korridor des Schloſſes Hohenberg bei Pleſſen unter muthwilligem, hin- und hergejagtem, ſich und Andre neckendem Dienſtperſonale, unter betreßten Jä⸗ gern, bunten Heiducken, weiß verhangenen Köchen, Küchenjungen, die wie junge Kakadus den alten nach— ſpringen, unter Kammerzofen und alten borſtigen Scheuerfrauen der von der Reſidenz mit Sr. Durch⸗ laucht gleichfalls angekommene Haushofmeiſter und Er⸗Huſarenwachtmeiſter Wandſtabler. Strohmatten trennen ſeine ſchon in aller Frühe 185 eines Seſſels bedürftige Perſon von dem ſteinernen Eſtrich der Korridore, die trotz der den ganzen Som⸗ mer hier betriebenen Reparaturen und Vorbereitungen zum würdigen Empfang ihres Herrn nicht jenen luft⸗ dichten Thür⸗ und Fenſterſchluß haben wie das hoch⸗ fürſtliche Palais in der Reſidenz. Da lagen zwar viel neue Teppiche auf den Treppen, die Wände wa⸗ ren friſch getüncht, die Plafondsſtukkaturen in ihren Defekten ergänzt, Blumen und Vaſen zierten nach den Angaben der jungen Fürſtin jede unſchöne Niſche, je⸗ den harten Winkel, jedes kahle Fenſter, aber die ge⸗ brannten Geiſter zwickten und zwackten ſchon in aller Frühe an der menſchlichen Aufſchwemmung, die da im ſchwarzen Frack, in Schuh und Strümpfen im Seſſel ſitzt mit gewichstem Schnautzbart, wie in die⸗ ſes Fürſtenthums militäriſchen Zeiten, und ſich bei je⸗ dem Klingeln in und außer dem Schloſſe erhebt, um der Würde, die ihr der junge Fürſt aus Gnaden ge⸗ laſſen hatte, doch einigermaßen noch zu entſprechen. Aber es zwickte hier, es zwickte dort in den alten Gliedern. Alle Kriegsthaten, alle Kriegsſtrapazen regten ſich und wenn auch Doktor Reinick erklärte, in dieſen Schultern, den Armen und den Füßen rumorte weit mehr die behagliche und frohgenoſſene Metter⸗ nich'ſche Friedensepoche, die verſchiedene Erklärung der Urſachen hob die Wirkung nicht auf. Die beſte Be⸗ handlung hatte Drommeldey in dieſem Falle in der homöopathiſchen gefunden. Hier ließ er die Wirkung durch die ihm wahrſcheinlichere Urſache bekämpfen. Er rieth, den Schrank nicht zu vergeſſen, in dem Wandſtabler die Schlüſſel des Reſidenzpalais bewahrte, und Dore Wandſtabler, die Aelteſte, verſtand den Wink; die gebrannten Geiſter folgten nach Hohenberg und hiel⸗ ten die rheumatiſchen Störungen noch in der That am beſten ab, eine Methode, die Herr von Sänger, Wandſtabler's früherer Ritt-, jetzt Rentmeiſter, als er bei Sr. Durchlaucht zu Tiſche und faſt jeden Abend zum Thee, aber mit vielem Rum, geladen war, dem treuen Wachtmeiſter als die beſte für den Fall zugeſtand, daß man nicht in der Lage wäre, auf die zarten Ner⸗ ven und die empfindliche Laune eines drittgeheiratheten Weibes Rückſicht zu nehmen. Dore, die Allwaltende in der Reſidenz, war es auch ſeit den raſch vorübergeſchwundenen acht Tagen hier auf Hohenberg. Schon vierzehn Tage war ſie von der jungen liebenswürdigen Fürſtin(die bei Egon Alles nahm, wie ſie's fand) vorausgeſchickt worden, um einen Komfort herzurichten, wie ihn auf dem Schloſſe ein Herbſtaufenthalt, Egon's erſter offner Beſuch ſeiner Herrſchaften, bedingte. Die Fürſtin Ve⸗ det etung pfen. dem hrte, Link; hiel⸗ That inger, ls et ſbend dem tand, Ner⸗ heten ar es Lagen ar ſie Egon rden, dem offner ürſtin 187 hatte nur Komfort verlangt, Pauline von Harder aber, die leider ſelbſt zu kommen ſich nicht entſchließen konnte, Pauline hatte Pracht beſtellt. Der Fürſt hielt eine Mittelſtraße. Er wünſchte viel Menſchen um ſich her, viel Leben und Bewegung, Zerſtreuung, Ueber⸗ tänbung vielleicht, wenn man ſeine Gedanken ganz errieth. An Einſamkeit fehlte es dem jungen Staats⸗ mann ſchon nicht. Sein ganzes Herz war ſchon einſam genug. Es fror ſchon recht auf den höchſten Gipfeln ſeiner Wirkſamkeit. Er fand dort oben an den Glet⸗ ſcherrändern die Alpenroſe Melanie, die durch Selbſt⸗ beherrſchung, klügſte Berechnung aller Umſtände und die Förderung der mit Egon wie mit einem Sohne verbundenen Geheimräthin von Harder es dahin ge⸗ bracht hatte, unter legitimen Bedingungen dem Ver⸗ fechter alles Legitimen für das Leben anzugehören; aber die Gletſcher ſtarrten doch und todtes Schweigen ruhte doch auf ihnen, tiefe urweltliche Stille. In Hohenberg wollte Egon Leben, Bewegung, Zerſtreuung, und ſo war bei ſeinen geringen Mitteln doch nichts geſpart worden, um den Sommer über dies verfallne Schloß, den verwüſteten Garten leidlich wieder herzuſtellen und den Mittelpunkt der Beſitzungen auch zum würdigſten Haupte jener Umwälzungen und neuen Bildungen zu machen, die ſich von des Generalpächters geſegne⸗ 188 ter Hand hervorgerufen hier überall erſichtlich dar⸗ ſtellten. Dorette Wandſtabler war ein Genie des Dienens. Den Vater, ſo lächerlich und ſo gefährlich ſein Bei⸗ ſpiel dem ganzen Hausgeſinde, das ihn verſpottete, blieb, duldete man theils aus Pietät, theils aus Dank für das Talent der Tochter, das ſelbſt die junge Für⸗ ſtin anerkannte. Es will viel ſagen, von einer neuen Herrſchaft bewährt erfunden werden, geduldet blei⸗ ben nicht aus vorläufiger Politik, ſondern aus nach⸗ haltiger Ueberzeugung. Dorette diente und liebte das Wohlergehen Derer, denen ſie diente. Florette und Laura, vulgo Flore und Lore, die beiden jüngeren Schweſtern, genoſſen die Früchte der Mühen ihrer älteren Schweſter und konnten mit ihr in Nichts ver⸗ glichen werden. Die Zeiten der Dore, Flore, Lore waren im Palais des Fürſten von Hohenberg vor⸗ über. Die letzteren wohnten nicht mehr in dieſem Palais. War nicht ohnehin der geiſtreiche Hofrath Stromer im Begriff, vielleicht gar eine von Beiden zu ſeiner neuen Gemahlin zu erheben? War nicht die ſchwierigſte Aufgabe eines Familienrathes der Wandſtablers geweſen, zu entſcheiden, wer, wenn Hofrath Stromer den glänzenden Anträgen des Rit⸗ ters Rochus vom Weſten nach der ſüdlichen Haupt⸗ dar⸗ nens. Bei⸗ ttete, Dank Für⸗ euen blei⸗ nach⸗ das und eren ihrer ver⸗ Lore vor⸗ leſem frath eiden nicht der venn Rit⸗ aupt⸗ 189 ſtadt folgte, die oſtenſible Gemahlin des gefeierten, weder dem Islam, noch dem Katholicismus abge— neigten Enthuſiaſten in der dortigen Geſellſchaft und für die Eröffnung ſeiner projektirten„Cirkel“ vorſtellen ſollte? Man erzählte ſich, daß Hofrath Stro⸗ mer oft von den Diskuſſionen über die Wahl der ei⸗ gentlichen künftigen Hofräthin handgegriffne Spuren davontrug. Man ſetzte ſeinen phantaſievollen Ver⸗ mittelungen der Gegenſätze, ſeinen Blumenkränzen der Rhetorik, die er um die Schwierigkeiten, zwiſchen As⸗ paſia oder Diotima zu wählen, verſöhnend hing, meiſt nur Rückfälle in die alte unvermittelte Menſchennatur entgegen und ſtellte ihn, den zwiſchen ſilbernen Aepfeln in goldnen Schaalen oder zwiſchen goldnen Aepfeln in ſilbernen Schaalen verlegen Wählenden, eher wie Buridan's Eſel hin, der zwiſchen zwei Bün⸗ deln Heu in zwei Krippen in der Mitte verhungerte. Aber glücklicherweiſe rettete ihn und ſein ergrauendes flatterndes Haar der Ritter Rochus vom Weſten, der ihm als erſte Bedingung zum Eintritt in die höchſte, wieder weltbewegende Sphäre ſeines Staates die Ehe⸗ loſigkeit vorſchrieb. Und von einer CErörterung dieſer eigenthümlichen, von der älteſten Wandſtabler voll⸗ kommen ſtandesgemäß erfaßten Wendung der Schick⸗ ſale des vielgeſuchten Halb-Schwagers kam eben die Lore, als ihr Vater wie eine Vogelſcheuche unter dem Geſchwirr des Schloſſes ſtand und eigentlich nur ſo lange mitfühlender Menſch war, als ſein Ohr die verſchiedenen Klingeln unterſcheiden konnte, die des Fürſten Durchlaucht, die des vortragenden Rathes erſter Klaſſe, des vortragenden Rathes zweiter Klaſſe, des erſten und zweiten Sekretärs, des Expedienten A., des Exrpedienten B.; die drei Supernumerare nicht zu vergeſſen und die Kanzleiboten, die hier nicht zu lau— fen, ſondern nur zu ſiegeln hatten, kurz der ganzen komplizirten Maſchinerie, die dem Staatsminiſter auch hierher hatte folgen und von ihm würdig untergebracht werden müſſen. Dorette kam vom Amtshauſe, war nur eine Stunde fortgeblieben und was fand ſie nicht gleich wieder zu ordnen, zu befehlen, zu verhindern! Zwei Kuriere angekommen, einer ſogleich abzufertigen; der Staat betraf Doretten nicht, aber es gebührte ſich doch ein Frühſtück, bis die Depeſchen herunter kamen von der Kanzlei... und dieſe Beſuche, dieſe Anfragen! Ein Diner von dreißig Kouverts für die mitgebrachte Bu⸗ reaukratie und den Adel der ganzen Umgegend täg⸗ lich! Frau von Zeiſel und von Sänger, Das ginge noch, die ſind zufrieden mit ihren Tiſchnachbarn und der Ehre... aber Graf Bensheim, die Sengebuſch's, r dem ur ſo zr die e des athes Llaſſe, en A., cht zu lau⸗ zanzen auch bracht eine gleich Zwei 3 der hdoch on del Ein Bu⸗ täg⸗ ginge n und uſch'⸗ 191 die von Buſche's täglich, täglich ein Geſandter, der hierher kommt, ſeine Aufwartung zu machen, täglich ein Attache, ein Präſident und dann wol gar wieder ein⸗ mal Einer, wie Ritter Rochus ſelbſt, der, wie die Sage ging, ſelbſt kochen konnte, ſelbſt, wie jene Abbé's der alten Schule, in den Geſellſchaften die Schürze vorband und einen Salat, eine italieniſche Olla Po⸗ trida anrührte... alle dieſe Möglichkeiten und Wirk⸗ lichkeiten durcheinander und doch keinen rechten Schutz, keine Anlehnung an den Vater, ja noch hindernde Ueber⸗ flüſſigkeiten, wie dieſe alte Beſchließerin Brigitte, der halbtaube Gärtner Winkler! Dorette hatte Mühe, die verſäumte Amtshausſtunde einzuholen. Und nun nicht einmal eine Seele, der man ſich über das dort oben Vernommene ausſchütten konnte? Köchen, Bedienten, Kanzleiboten ſagen, was ſie er⸗ lebt hatte? Das ging nicht. Herr Parx, der Ober⸗ kommiſſär, der politiſche Spürer, der in der Nähe des Premierminiſters nicht fehlen durfte, Herr Pax war der Einzige, der würdig ſchien, wenigſtens die Mit⸗ theilung zu empfangen: Dreihundert Thaler, Herr Oberkommiſſär, finden Sie Das zu wenig? War man nicht zufrieden? lautete im Vorüber⸗ ſchießen die Antwort. 192 Die Frau wol, ſie weinte nur... aber Herr von Zeiſel blieb bei vierhundert und rechnete an den Fin⸗ gern die Kinder vor... Der Hofrath kann's geben... Aber die Schei⸗ dung... Die Frau will nicht, will nicht klagen... Ihre Ausſagen werden ſie dazu zwingen.. Wenn Sie die Briefe zeigen, die Ihre Schweſtern vom Hof⸗ rath beſitzen, wenn ich ſelber bezeuge, daß dieſe Ehe längſt gebrochen iſt... Länger dauerte dieſe Unterredung nicht. Pax wurde von Gendarmen, Dorette von den Wäſcherinnen ab⸗ gerufen... nur die Worte bekam ſie zu ihrem Er⸗ ſtaunen von Par noch in das Kellergeſchoß nach⸗ gerufen: Machen Sie, daß die Sache fertig wird! Ich glaube faſt, Durchlaucht bleiben nicht lange. Die Ge⸗ ſchäfte in der Reſidenz ſind zu dringend... Pax ſah die über ſeine Meldung erſtaunte Miene nicht mehr, ſondern wandte ſich dem Amthauſe zu. Mit der Aufgabe, ſich immer in der Nähe eines Staatsmannes zu halten, der mit Dem, was ihm an der Geſellſchaft ſchädlich erſchien, kurzen Prozeß machte, verband Par Zwecke, auf die ihn eigner Inſtinkt führte. Er war allein hier, ohne Hackert, ohne Schmelzing, rvon Fin⸗ Schei⸗ Wenn Hof⸗ Ich ie Ge⸗ Miene ſe zu. eines hm an nachte, führte elzing 193 ohne Mullrich und Kümmerlein. Aber er forſchte mit doppelten Fühlhörnern nach zwei Richtungen hin. Einmal hatte er von dem Aſſeſſor Müller und Frau Charlotte Ludmer, ſeiner Gönnerin, den Auftrag, zu erforſchen, ob man ſich dabei beruhigen könnte, daß jener Engländer, Namens Murray, für den ſo große Summen und ſo ehrenvolle Zeugniſſe deponirt waren, in der That den Schmied Zeck nur niedergeſchoſſen, weil dieſer in der Abſicht betroffen wurde, deſſen Schwe⸗ ſter Urſula Marzahn bei Beraubung ihres geheimen Schrankes zu tödten? Zweitens, ob der Inhalt jenes Schrankes in nichts als alten mediziniſchen Rezepten beſtanden hätte, was der Blinde, der Geld vermu⸗ thete, nicht wiſſen konnte? Drittens, ob jener Murray, deſſen mögliches Inkognito in der Reſidenz keine Macht der ſchlaueſten Inquiſition lüften konnte, nie⸗ mals von einem Friedrich Zeck geſprochen hätte, dem Bruder des Schmieds, der in der Fremde, wahrſchein⸗ lich in England, wenn nicht in Amerika lebte oder einer von den Zeck's erhobenen Erbſchaft zufolge ge⸗ ſtorben wäre? Viertens, wie ſich der Förſter Heu⸗ niſch, der taube junge Zeck und die alte Magd des Schmieds Annelieſe über dieſe Vorfälle ausließen und ob Louis Armand in der That nur zufällig bei dem Forſthauſe mit ſeinem Freunde dem Engländer erſchie⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 13 194 nen wäre, weil er ein flüchtiges Intereſſe an der Nichte des Jägers gehabt hätte und bei ſolcher Gelegenheit den Schmied überraſchte?... Mit dieſer Kriminal⸗Auf⸗ gabe verband Par dann noch eine politiſche Nachfor⸗ ſchung. Es war den Behörden nicht entgangen, daß über das Poſtamt zu Pleſſen und zu Schönau hin ſich gewiſſe Briefe kreuzten, die oft in räthſelhafteſten Formen des Styls jenem großen Geheimbunde anzu⸗ gehören ſchienen, auf deſſen Sprengung die Behörden alles Gewicht legten. Ja es war vorgekommen, daß eine Zeit lang dieſe Korreſpondenz mit adligen Wap⸗ pen, längere Zeit ſogar mit dem eignen Siegel der Polizeibehörde geſchloſſen war. Und grade die gefähr⸗ lichſten Mittheilungen von einer nun bald bevorſte⸗ henden großen Zuſammenkunft dieſer Geheimbunds⸗ glieder waren über Pleſſen und Schönau mit dem Siegel derjenigen Polizeiabtheilung geführt worden, der Par ſelber angehörte, ſodaß Pax ſchon auf den Schreiber Schmelzing, deſſen Käuflichkeit aus dem Briefverfälſchungsbubenſtück gegen den Major von Werdeck ſattſam bekannt war, Verdacht faßte, wenn nicht gar auf Hackert, der doch ſonſt ſein ganzes Ver⸗ trauen beſaß! Ueber die Sache der Ludmer hatte Par nur ge⸗ ringfügige Ergebniſſe gewonnen. Urſula Marzahn - Nichte egenheit al⸗-Auf⸗ Nachfor⸗ en, daß au hin afteſten e anzu⸗ ehörden en, daß 1 Wap⸗ gel der gefäͤhr⸗ evolſte⸗ bundẽ⸗ it dem worden, uf den 6 dem or von wenn es Vel⸗ nur ge⸗ darzahn 195 war todt. Der taube Sohn des Zeck war im Augen⸗ blick der Forſthausvorfälle grade im Ullagrunde ge⸗ weſen, nur die einzige Magd des Schmieds hatte ausgeſagt, daß Louis Armand den Schmied, um mit ihm in den Wald zu gehen, abgeholt hätte, ſonſt wäre zwiſchen ihm und dem Fremden nichts weiter verabredet worden, als ein Ding zu ſchmieden, das auf jene Stimmſchraube hinauskam... Ergiebiger war Paxren's Forſchung auf dem politiſchen Gebiete. Hier ergab ſich Droſſel's, des Gelben Hirſchenwirths, trotzigſte Geſinnung, die ſich vermehrt haben ſollte, als er die Vortheile der Mitverwaltung des Heidekrugs ſo allzukurz nur genießen konnte und Juſtus dafür eine Art Kompromiß in politiſchen Dingen mit ihm geſchloſſen hatte. Ein Geldvorſchuß von Heuniſch, dem Droſſel gradezu die Veranlaſſung des Todes ſeiner Schweſter Schuld gab, rettete ihn, wie auf einige Zeit den eben ſo„wühleriſch“ geſinnten Sägemüller, der gleichfalls unheimliche Sagen benutzte, den leicht ein⸗ geſchüchterten, ſeit dem Tode Heinrich Sandrart's und dem Gluͤcke Franziska's von jeder Willenskraft ver⸗ laſſenen alten Junggeſellen Leberecht Heuniſch zu ſchrau— ben und gleichſam über den Löffel zu barbieren. Ja Parx ging ſoweit, in den Generalpächter, ſo ſehr er von dem ganzen Fürſtenthum angebetet und vom Miniſter mit 13* 196 wahrem Bedauern vermißt, ja auf das Ungeduldigſte erwartet wurde, Mistrauen zu hegen und es wenig— ſtens vorläufig höchſt ſonderbar zu finden, daß dieſer ohnehin für einen Republikaner geltende Einwanderer ſich grade in dem Augenblick von ſeinem Sitz im Ullagrunde entfernte, wo der Chef der Regierung, ſein Herr, ſein Patron, ſein Richter, der Fürſt er⸗ wartet wurde. Und nun der murmelnden Misſtim⸗ mung zu ſchweigen, die Pax überall wegen des jun⸗ gen Sandrart antraf, deſſen Schickſal man im erſten Augenblick ſtreng, aber unvermeidlich und nach den Geſetzen gerecht, im Verlaufe der Zeit aber viel zu grauſam und von dem Geiſte, der jetzt im Lande herrſchen ſollte, viel zu rachſüchtig diktirt gefun⸗ den hatte. Wie mußte ſich der thätige, jeder Ehre, die der Staat nur zu verleihen hatte, würdigſte Sicherheits⸗ agent auf das Angenehmſte überraſcht fühlen, als er auf dem Amtshauſe Zeuge einer Scene wurde, die ſeine kühnſten Erwartungen übertraf! Beim Juſtiz⸗ direktor in ſein Verhörzimmer eintretend, vernahm er den wüſten Lärm eines Bauernmädchens, das ge⸗ wählter gekleidet als üblich, keckerer Zunge, als ihrem Stande geziemte, vor den Schranken einem jungen, ſchönen, in Schwarz gekleideten weiblichen Weſen duldigſte zwenig⸗ aß dieſer vanderer Sitz im gierung, ütſt er⸗ Misſtim⸗ des jun⸗ n erſten aach den viel zu Lande gefun⸗ die der erheits⸗ als er de, die Juſti⸗ ahm el ds ge⸗ zihrem jungen, Weſen 197 eine Menge von jähzornigen Reden anzuhören gab, die der Herr Aktuar Weiße ſchon mit dem runden Befehl abſchnitt: Ruhe hier! Fräulein wird Sie gehen laſſen, wo⸗ hin Sie will! Unverſchämte Perſon! Hat Sie die Redensarten bei dem Heidekrüger gelernt? Man ſah, der ſonſt ſo untergebene Aktuar war derſelbe Despot von Oben, wie er ſelber Knecht von Unten war. Dieſe Stufenfolge iſt ganz hergebracht. Und als der Juſtizdirektor vom Seitenzimmer, wo er eben Butterſchnittchen gefrühſtückt hatte, eintrat, be⸗ kam er vom Aktuar in draſtiſchen Umriſſen den Be⸗ richt: Die Magd da, Lieſe Dammler oder Ramm⸗ ler, was wiſſe er, diene beim Generalpächter, hätte ſich dem Fräulein Franziska Heuniſch da ungehorſam erwieſen und wolle mit Gewalt fort. Sie behauptete ſogar vom Schreiber des Generalpächters geſchlagen zu ſein. Wie Dem ſei, Fräulein Franziska beſtehe darauf, daß ſie bliebe. Sie wiſſe wohl, daß es das aufſätzige böſe Mädchen zöge, wieder beim klüger ge⸗ wordenen Heidekrüger Juſtus ihren alten Dienſt an⸗ zutreten, aber vor der Rückkehr des Herrn Ackermann ließe ſie Niemanden vom Hofe und ſie müſſe ihrem Dienſt vorſtehen bis nach ausgemachter Sache mit dem Herrn. — 195 Herr von Zeiſel fand dieſen Beſcheid ganz in der Ordnung, lobte Fränzchen's tapfern Zuſammenhalt ihres großen, ihr jetzt ſchon ſeit länger als acht Ta— gen ganz allein überlaſſenen Wirthſchaftsweſens, er⸗ kundigte ſich voll Antheil nach der Rückkehr des Ge⸗ neralpächters, den Se. Durchlaucht mit einer unglaub⸗ lichen Ungeduld erwarteten, und entließ Fränzchen mit dem Beſcheide, daß die Magd ihr zu gehorſamen hätte bis zum Ablauf ihrer Dienſtzeit und daß ihr wieder, nämlich der Lieſe Dammler oder Rammler, unbe⸗ nommen bliebe, ſich wegen etwaiger Ohrfeigen oder ſonſtiger Denkzettel von der Hand des Schreibers beim Generalpächter, im äußerſten Falle einer satisfactio denegata, hier beim Amte Genugthuung zu holen. Fränzchen ging nun. Sie empfahl ſich voll Ar— tigkeit. Sie hatte die Pfarrerin am Fenſter weinen ſehen, ſie wollte zu dieſer Armen... Die Magd aber polterte ſich nun erſt recht aus und wäre leicht nach Requiſition Pfannenſtiel's mit Gewalt entfernt worden, wenn Pax nicht, der den ſtummen Zuhörer und Beobachter eines ländlichen mündlichen Verfahrens abgab, auf gewiſſe höhniſche Bezeichnungen des Schreibers aufmerkſam geworden wäre und nach mehren leichthingeworfenen Fragen herausbekommen hätte, daß jener Schreiber wol längſt z in der mmenhalt acht Ta⸗ ens, er⸗ des Ge⸗ nglaub⸗ chen mit ten hätte wieder, , unbe⸗ gen oder ts beim tislactio olen. voll Ar⸗ weinen icht aus els mit der den nlichen ohniſche eworden Fragen ellängſ — 199 ſeine Aufmerkſamkeit verdient hätte. Die Lieſe nannte ihn gradezu einen Vagabunden, der ſich ſchon im Heidekrug einmal für den Prinzen ausgegeben. Man horchte, man forſchte, Herr von Zeiſel kam auf die Zeit des Inkognitos Sr. Durchlaucht, der grade eintretende Pfannenſtiel auf den Doppelgänger, den Beſuch im Thurme, es fehlte nur noch der Name Dankmar Wildungen, um hier eine Identität herzu⸗ ſtellen, die der überraſchendſte und glücklichſte Fund war, der dem Oberkommiſſär nur gelingen konnte. Gensdarmen wurden ſogleich gerufen, wurden inſtruirt, zum Ullagrund vorausgeſandt, Parx folgte, begleitet von der jetzt plötzlich vom Sonnenſchein der Huld be— gnadigten Lieſe Dammler oder Rammler; Pfannen⸗ ſtiel ſtaunte und rieb ſich mehrere: War mir's doch immer mit dem Schreiber! hinter den Ohren heraus; Herr von Zeiſel lief zu ſeiner Frau und theilte ihr eine wunderbar überraſchende Möglichkeit mit, die tauſend andre Möglichkeiten in ſich ſchloß. Der Schreiber beim Generalpächter Dankmar Wildungen? Der Freund des Prinzen auf den Gütern des Prin⸗ zen verborgen? Aber mein Gott, wie iſt Das nur? Herr von Zeiſel fühlte, daß hier beſonders zwei Möglich⸗ keiten waren, entweder der Miskredit des Generalpächters als eines Flüchtlinghehlers oder wiederum eine furcht⸗ 200 bare Betiſe ſeinerſeits, indem er einen Flüchtling auf⸗ ſtöberte, der, weil er einſt der Freund des Fürſten war, von dieſem ſelbſt in alter Anhänglichkeit grade bei den Seinen am ſicherſten verborgen bleiben ſollte.. Frau von Zeiſel fühlte dieſelbe entſetzliche Alternative, ſah das Grauengeſpenſt einer neuen aufſteigenden Dienſt⸗ gewitterwolke und erholte ſich nur erſt durch die Ein— ladung, die eben vom Schloſſe kam: Heut' Abend um acht Uhr Thee. Die Liſte des gallonirten Lakaien, die ſie ſich zeigen ließ, war ſo lang, daß ſie vor Er— wägung ihrer Toilette nun keine andern Gedanken mehr hatte als die: Wie vertret' ich mich und die Nutz⸗ holz⸗Dünkerkes! Geh' mir weg, Zeiſel, mit deinen Bedenklichkeiten! Ich habe für mich und meine Ge— burt zu ſorgen! Fränzchen aber, in ihren um das Leid des Adop⸗ tiv⸗Vaters, den ſie ſeit dem Frühjahr gefunden, noch nicht abgelegten Trauerkleidern, genug auch trauernd im Herzen über Anlaß und innere Folge dieſes äu— ßeren Glückes, wandte ſich während dieſer Enthüllun⸗ gen und ihrer gefährlichen Folgen zum Pfarrhauſe, wo ſie am Fenſter unter den ſchon herbſtlich welken Linden Thränen geſehen hatte. Sie wußte, was dieſe Thränen bedeuteten. Es that ihr wohl, als ſie ein⸗ tretend und von dem Leide dieſer Frau beginnend von g auf⸗ Fürſten grade dienſt⸗ Ein⸗ nd um kaien, —r E⸗ mehr Nutz⸗ deinen Ge⸗ Adop⸗ noch nernd 3 äu⸗ illun⸗ auſe, zelken dieſe ein⸗ von 201 ihr aufgefordert wurde, um der Kinder Willen mit ihr hinauszugehen in den Garten. Dieſer Garten lag am Friedhofe. Sonſt hatte Guido Stromer hier Roſen geſchnitten für Melanie Schlurck, die ihn auf dem Gewiſſen hatte, den unglücklichen, aus Rand und Band gekommenen Genius. Noch blühten Aſtern, da und dort dunkle Georginen, trauernde Blumen des Scheidens und des Lebewohls, noch einmal zuſam⸗ menfaſſend alle bunten Farben des Frühlings, kalei⸗ doſkopiſch durcheinander würfelnd von jeder Blume Etwas, aber duftlos, keine ganzen Veilchen, keine Mai⸗ blumen, keine Roſen mehr... Alle hatten dies Ende des Stromer'ſchen Hauſes kommen ſehen nach Dem, was man vom wildgewordenen Guido erfuhr. Nun war es da und es kam ſo grauſam wie doch unerwar⸗ tet. Was hätte die Frau nicht vergeben, vergeben um dieſe Kinder ohnehin, vergeben auch um ſich! Sie wußte, wie wenig ſie Guido bot, ſie hatte immer ge⸗ litten unter dem Schmerz, daß ein Ehrgeiziger ſich in ihrer Wahl vergriff und daß die Quellen ſeiner höhern Erquickung ihr nicht entſtrömten. Warum aber ſo en⸗ den, ſo gewaltſam, ſo grauſam? Stromer hätte ſelbſt am liebſten die geräuſchloſeſte Trennung gewünſcht. Er hatte wirklich einen Schwall von glänzenden Wor⸗ ten dem Weibe geſchrieben von der unwiderſtehlichen 202 Macht des Berufes, dem innern Orakel, dem Drei— fuß der Sibylle, die über dem hohlen Herzen throne, er hatte ſich mit dem heiligen Patriarchen verglichen, der auf Gottes Geheiß Hagar in die Wüſte ſandte, hatte ſeine Kinder eine Ismael-Bürde der Mutter ge⸗ nannt, hatte von der Feigheit des Entſchluſſes ge⸗ ſprochen, an der ſein ganzes Daſein gekränkelt, von dem Geyer des Prometheus, der einzig und allein einen Titanen ſtrafen könne, und dieſer Geyer wäre die auch ihm gewiß noch einſt kommende Reue,— die Reue hacke wahrhaft dem Großen die Leber aus, daß es nicht leben, nicht ſterben könne,— noch aber fühle er ſie nicht, noch müſſe er langen nach dem Sitz der Götter, wo dieſe ihr heiliges Feuer hütheten... all dies Durcheinander wurde von den Bethelligten, von Manchen, bei denen die Frau Raths erholte, ganz ſo feierlich genommen, wie es da ſtand, bei Jenen aus Verehrung, bei Dieſen aus Schonung; aber die Quinteſſenz, die etwa, wenn z. B. Doktor Reinick wäre gefragt worden, gelautet hätte und die auch bei Ackermann im Stillen lautete: Dieſer Mann iſt ein echt deutſcher Lumpen-Titan, in deſſen Gefolge ſich eine große Erbärmlichkeit unſrer Nation zieht! regte ſich nun allmälig doch auf dem Grunde des Für und Wider ſelbſt auch bei ſeiner Geopferten. Herr von Drei⸗ throne, glichen, ſandte, ter ge⸗ s ge⸗ , von allein wäre e,= r aus, aber Sißz I... ligten, ganz en aus er die ſeinick ih bei ſt ein ſich te ſich und J vonl 203 Zeiſel hatte jährlich vierhundert Thaler für ſie und die Kinder verlangt. Sie ſelbſt wollte, da Hofrath Stromer in eine auswärtige deutſche Staatskanzlei zog, in die Reſidenz, wo ihr Oleander, der Gefäng⸗ nißprediger, verſprochen hatte, väterlichſt die Erziehung der Kinder zu überwachen... Und Franziska Heu⸗ niſch hatte ſo an Umſicht, Lebensblick, Erfahrung ge⸗ wonnen, daß ſie die jetzt weinende Frau durch man⸗ ches treffende Wort erheben konnte. Sie pries ſie ſo⸗ gar glücklich, von ſolchem Misverhältniß freizukommen und beklagte nur die Umſtändlichkeit des Scheidens, wo immer etwas Schamloſes erſt gerichtlich zur Sprache gebracht werden müßte, bis die Trennung erfolge, die doch wie mürber Zunder ſich von ſelber ergäbe. Das war grade der Pfarrerin ein Kummer. Sie hatte klagen ſollen! Sie hatte die Beweiſe führen ſollen! Man gab ihr den Beweis der Eheſcheidungsgründe in die Hände und zwang ſie faſt, ſich um das Leben des Vaters ihrer Kinder zu bekümmern, wie ſie gar nicht mochte! Sie war eine wirkliche Gläubige. Sie wollte nichts Böſes von Guido wiſſen. Wozu denn? ſagte ſie. Was quält man mich? Warum iſt die Geſellſchaft und das Geſetz liebloſer als der Menſch ſelbſt!. Fränzchen entfernte ſich und tröſtete die bedrängte 204 Frau mit der Nachricht, daß Herr Ackermann ſicher noch heute Abend zurückkäme und von Oleander'n Grüße wie ſeine eignen Rathſchläge ihr bringen würde... Streng hatte auch Franziska geſprochen, aber ſo ſtreng doch nicht, wie eben ein Mann zur Pfarrerin ſprach, der ſie vom Kirchhofe her über die niedrige zerbröckelte Gartenmauer anrief und den ſie nicht kannte, obgleich ſie die Dame kannte, die an ſeinem Arme hing. Dieſer Mann war hoch, ſchlank gebaut, aber gebückt im Gang, hinfällig in der Haltung. Er ſchien jung und dennoch hing ſein Haar nur ſpärlich von den Schläfen und wo es im Nacken ſaß, war es ergraut. Er trug einen Oberrock und fröſtelte faſt. Sein Schritt war ſicher, aber das Auftreten ſchien den ganzen Körper zu erſchüttern. Die Reizbarkeit ſeiner Nerven ſprach ſich in einem lauten faſt ſchreien⸗ den Tone aus. Die ihn faſt überragende, weibliche Begleiterin in graugerippter, hochzugehender, ſeidner Herbſtrobe mit ſeidnen Schnüren und eben ſolchen Knöpfen auf der Bruſt, mit dem weißen kleinen Hüt⸗ chen, dem feinen Battiſttaſchentuche und dem ſchwe⸗ benden ſylphidenartigen Gange kannte die Pfarrerin wohl— und ſo war es denn der Fürſt, der, eben aus dem Mauſoleum ſeiner Mutter tretend, den Kopf em⸗ porhob, ſein blaſſes Antlitz über die niedrige Mauer ſicher dern rde.. r ſo rerin drige vicht inem baut, Er ärlich ir es faſt. chien ukeit eien⸗ hliche ldner ſchen Hüt⸗ richtete und etwas ſehr barſch, etwas ſehr rauh die Frage an ſie ſtellte: Sind wol die Frau Pfarrerin? Und noch ehe die Eingeſchüchterte, den Fürſten Egon jetzt vorausſetzend, ſich ſammelte, hatte mit freundlichem Tone, mildem Gruße, die ſilbergraue Glacehandſchuhhand über die Mauer reichend, ſchon die junge, ſchöne Fürſtin geſprochen: Guten Tag, liebe Frau Pfarrerin! Wie geht es Ihnen? Es iſt ein Jahr her, daß wir uns ſahen. Faſt hätt' ich ſo ohne Begrüßung von dannen müſſen! Der Fürſt ſpricht von einer nothwendigen Beſchleunigung der Rückreiſe. Vergeſſen Sie uns nicht! Wie geht es Ihren Kindern? Grüßen Sie ſie beſtens! Sie hätten uns doch oben beſuchen ſollen! Adieu, Frau Pfarrerin! Und ſo wäre die Fürſtin Melanie am liebſten raſch über eine Erinnerung, die ihr peinlich war, hinweg— gekommen, hätte gern den von dem Kirchhof und dem Mauſoleum der Mutter verſtimmten Gemahl von die⸗ ſen Gräbern hinweggezogen— eben ſtanden ſie an Gräbern, wo die einfachſten Menſchen begraben wa⸗ ren, der Schmied Zeck, Lene Droſſel vor Jahren, Nantchen von Sägemüllers, Urſula Marzahn, die Müllerin, Alle ſtill, ſanft und auf Gott wartend — 206 beiſammen— aber der Fürſt blieb ſtehen und ſagte zu der den Handdruck der Fürſtin zaghaft erwidernden Frau: Thut mir leid, daß Sie die Wohnung verlaſſen ſollen! Dem Hofrath hätt' ich vor einem Jahre ſa⸗ gen müſſen: Ihr Genius iſt da, wo Ihre Kinder ſind! Der Mann hat viel Geiſt, hat aber auch ſchon viel Verwirrung damit angerichtet und wird deren noch mehr anrichten... Die Pfarrerin ſchlug die Augen nieder... Die Fürſtin trat verlegen etwas zur Seite... Egon zu hindern, daß er etwas that, was er thun wollte, war ihre Sache nicht. Der Hofrath iſt in der Lage, ſprach der Fürſt in ſeinem kurzen, polternden Tone weiter, für Sie ſor⸗ gen zu können, liebe Frau! Faſſen Sie dieſe Sache von ihrer beſſeren, nützlicheren Seite! Sie werden, hör' ich, in die Stadt ziehen, die Kinder werden einen geregelten Unterricht erhalten. Wieviel Kinder haben Sie? Die Pfarrerin nannte die Zahl... Die Fürſtin trat noch mehr bei Seite... Der Hofrath iſt ein reichbegabter Kopf, der eine umgekehrte Entwickelung macht, wie Andre, die von der Wildheit anfangen und im Zahmen aufhören. te zu nden aſſen ſa⸗ nder ſchon noch Die i zu war ſt in ſor⸗ gache rden, erden inder rſtin eine von öten. 207 Das wird nicht hindern, ihn noch in vielerlei Wirr⸗ niß und zuletzt in die katholiſche Kirche eintreten zu ſehen. Wäre Das möglich? konnte erſchreckend die Ver— laſſene doch nun nicht umhin zu erwidern und ihren Schmerz noch deutlicher in den Mienen auszudrücken. Sie werden bald davon hören, gute Frau! ſagte Egon. Ohne Ertrem geht es bei dieſen Naturen nicht ab. Das iſt die übliche deutſche Entwickelung, die Genialität, der Univerſitätsdünkel des aparten Gei⸗ ſtes, dem die gegebene Welt nicht genügt und der ſich luftige Bahnen baut, auf die leider, wie unſre ganze deutſche Geſchichte zeigt, Kirche, Staat, Wiſſenſchaft, Schule und Leben mit in die Lüfte nachgeſchleppt werden! In Kunſt und Poeſie derſelbe Dünkel, die⸗ ſelbe Kritik, die nur Das für genial hält, was ent— weder im Irrenhauſe endet oder ſich eine Kugel vor den Kopf ſchießt. Zittern Sie nicht, liebe Frau! Dieſer Phantaſt endet ſo nicht, der endet behaglicher. Die ewig unbefriedigte Sehnſucht wird bei ihm zuletzt durch Würden, durch äußern Glanz, durch eine Art von Ruheſtand, in den ſich auch das Denken verſetzt, befriedigt werden. Danken Sie Gott, liebe Frau, daß Sie von dieſen Feſſeln erlöſt ſind. In allen halben Dingen iſt reine Rechnung das Sicherſte. ——— Sich hinſchleppen zwiſchen der Erkenntniß und der Furcht vor ihr, hinſchleppen zwiſchen Dem, was man ſieht und nicht ſehen will, ſich das Leben verbittern durch ewige Befangenheit, die den Muth nicht hat, das für beſſer Erkannte wirklich zu wagen, das heißt den ſchönſten Theil des Lebens gradezu verlieren. Er⸗ greifen Sie dieſe Nothwendigkeit des Bruches mit Heroismus! Geben Sie Ihre gerichtlichen Depoſitio⸗ nen mit der ganzen Würde einer tiefverletzten Frau! Ich verſichre Sie: Sie gewinnen ſich ganz und ver⸗ lieren nur Halbes. Mit dieſen Worten trat der Fürſt von der Mauer zurück und glaubte die überraſchte Pfarrerin mit einer innern Erhebung, mit gewonnenem Muthe zurückgelaſſen zu haben. Und in der That! Hätte er nur liebevoller geſprochen, die Wahrheit ſeiner Worte fühlte ſie ſchon; ſie erwartete Ackermann, um ſie ihm wiederzuerzählen und vielleicht nach ihnen zu handeln. Als Egon ſeinen Arm der Fürſtin wieder gereicht hatte und mit ihr den Friedhof verließ, um ſich dem Schloßgarten zuzuwenden, brach er, dann und wann hüſtelnd und wie es ſchien, in einer andauernden Reiz⸗ barkeit, in die Worte aus: Dieſer Elende! Wenn mir irgend etwas den Geiſt der Konfuſion, der in der ganzen Welt die Köpfe und der das man erbittern icht hat, 1s heißt en. Er⸗ zes mit epoſttio⸗ n Frau! und ver⸗ Mauer it einer gelaſſen bevoller eſchon; erzählen gereich iß un wann. en Neif 3 Küpft 209 verwirrt, vergegenwärtigt, ſo iſt es dieſer wildgewor⸗ dene, von Dünkel und lächerlicher Selbſtüberſchätzung aufgeblaſene Halbpoet! Unfähig, nur eine einzige dauernde Schöpfung hervorzubringen und wär' es ein Gedicht von einigen Verſen, zerſchlägt er die ganze Welt in Trümmer und macht dieſe jeder Halbheit, jedem Verbrechen zu einer beſchönigenden Anlehnung. Jede Partei, die ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte, hatte ihn. Eine Zeit lang wünſchte man, daß er die Kritik der ſchönen Künſte übernahm. In jeder Schöpfung ſah der Schwätzer nur den Verſtand, nur die Kombination, immer ſchrie er: Offenbarung, Genie, Genie! Jeder ſich ſeiner Kraft bewußte und mit ihr harmlos ſpielende Geiſt war ihm ein Rechnenkünſtler. Alles, was Lo⸗ gik und Zuſammenhang hatte, wies er mit dem Wort zurück: Poeſie fehlt! Ah, dies Guido⸗Stromeriſiren iſt die deutſche Erbſünde. Der Kerl war dabei voll CEitelkeit wie ein Komödiant. Jede Schauſpielerin, die ihn beſuchte, jede Tänzerin, die ihm geſtattete, ihre Hände zu küſſen, wurde im„Jahrhundert“ dafür ge⸗ prieſen. Man mußte ihm, weil er vor Eitelkeit halb wahnwitzig wurde, dieſe Branche förmlich mit Gewalt nehmen. Er wollte nun zur Politik, zu mir, zu Pauline'n zurückkehren. Aber keine einzige poſitive Die Ritter vom Geiſte. IX. 14 Thatſache war ihm anzuvertrauen. Er hatte nichts, was ihm treu blieb, nichts als ſeinen Styl. Eine Miſchung von Naivetät und Erhabenheit, von Bil⸗ dern und von Abſtraktionen war ihm immer das ein⸗ zig Gegenwärtige, wie einem Arzt ſein Latein, auch wenn er noch gar nicht weiß, welche Krankheit er vor ſich hat. Mit dieſem Styl, den zuletzt auch Pauline wegen ſeiner Indiskretionen verwarf, lief er in allen Zirkeln, die ſich ihm durch uns eröffnet hatten, wie ein herrenloſer Hund umher, der ein Halsband ſucht, und klagte uns der Undankbarkeit an, drohte ſogar. 5 Seinen Styl bot er dem Meiſtzahlenden an und in der That hat der Ritter Rochus vom Weſten gut daran gethan, ihn für die Sophiſtik ſeines Kabinets zu gewinnen. Er wird dort viel Geld verdienen, es durchbringen mit den Frauen, deren Schönheitslinien er ſeit Jahren zu ſtudiren vorgibt, mit Bildern, die er vielleicht kauft, mit Gourmandiſe und wird im Uebrigen jede Sache mit ſcheinbarer Gluth vertheidigen, ſie mag noch ſo ſchlecht ſein und innerlichſt ihn noch ſo kalt laſſen. Ah pfui! Die Lüge dieſer Menſchen iſt fürch⸗ terlich und vielleicht fängt bei dieſem Stromer für die Welt und ihr Urtheil die Wahrheit damit an, daß er uns, die wir ihn emporzogen, nun haßt, nun ver⸗ folgt, nun in verzerrten Schattenriſſen an die Wand nichts, Eine n Bi⸗ as ein⸗ , auch er vor Jauline n allen n, wie ſucht, ſogar. und in en gut abinets en, es slinien „die el lebrigen ſie mag o falt fürch⸗ für de daß er un ver⸗ Pand malen wird. Meine Feinde, die Aeußerſten, haben ihm auch ſchon Offerten gemacht. Sie würden ihn gewonnen haben, wenn dieſer Präſident von Flottwitz, dieſe Excellenz von Trompetta in der Provinz nicht ſo arm wie die Kirchenmäuſe wären und der Hof ſich zur Zeit noch ſchämte, Geld herzugeben, um mich bekämpfen zu laſſen. Rochus hat mit ſeinen Dukaten mehr Glück gemacht und nur Schade, daß man dem Hofrath unſrerſeits nun nicht noch offen mit dem Staubbeſen ein Buon viaggio! nachrufen kann. Melanie erwiderte auf dieſen Zornausbruch nichts. Sie gedachte, zum Schloſſe aufblickend, jenes Abends, wo ſie durch eine ihrem Haar entnommene Roſe, die ſie von den kleinen Ohren des Intendanten zuletzt als Preis gewinnen ließ, in Guido Stromer die Geiſter des irren Schönheitsdranges und einer noch einmal vor dem Ende ſich ſammelnden Idealität weckte und ſie ſelbſt es war, die ihn, ohne es zu wollen, in die Reſidenz lockte. Mit den Gedichten hatte ihr Gemahl Unrecht. Melanie beſaß einen Stoß gereim⸗ ter Verherrlichungen ihrer Schönheit von dieſem Mu⸗ ſenprieſter; ſelbſt nach ihrer Verheirathung noch em⸗ pfing ſie anonym, doch mit leicht erkannter Hand⸗ ſchrift, Apotheoſen ihrer Vollkommenheit, z. B. dieſe 14* 212 humoriſtiſche, als ſie ſich lange nicht hatte im Theater blicken laſſen, mit der doppelſinnigen Aufſchrift: An eine Schönheit erſten Nanges. Von einem jetzt gehaßten kritiſchen Opponenten Wie Venus ſtieg aus weißem Wellenſchaume, Vom Roſenlicht Auroren's überhaucht, Halb noch den Fuß in Meeresfluth getaucht, Halb ſiegend ſchon auf feſtem Muſchelraume, So ſchienſt du mir, als ich am rothen Saume Der Loge(leider iſt der Sammt verbraucht, Die Muſchel viel zu Lampenrußbehaucht!) Dich endlich wiederſah faſt wie im Traume! O ſtrahlte mir gleich Licht aus gold'nen Thoren Entgegen doch aus Deiner Formen Hülle Wie einſt der hold'ſten Zaubereien Fülle! O könnt' ich wieder Deinen Lippen lauſchen! Wie wollt' ich, Schaumgeborne, Dich umrauſchen Als Welle, fließend, ewig ſo verloren! Die Fürſtin hütete ſich wol, Guido Stromer's Dichterehre zu retten. Sie hätte ſonſt fürchten müſſen, Egon ſo zu reizen, daß er wie Plato alle Poeſie aus ſeinem Staate verbannte. Litt ſie nicht genug an ſei— ner ſcharfen Kritik des Lebens, an ſeiner zerſetzenden, wenn auch oft ſehr wahren Auflöſung aller Charak⸗ tere! Sie hatte ſeit dem Jahre, daß ſie Egon kannte, ſeit den drei Monaten, daß ſie ſeine Gattin war, die Marime angenommen, ihm nur dann zu widerſpre⸗ chen, wenn er zum Scherze aufgelegt war. Dieſe Lheater omer's müſſen, ſie aus an ſei⸗ zenden, harak⸗ kannte, ar, die erſpre⸗ diſſ 213 Stimmung kam ſelten bei ihm. Sie ließ den reizba⸗ ren, von Nachtwachen, von Krankheit, Gemüthszer⸗ rüttung geſchwächten Fürſten in ſeinen heftigen In⸗ vectiven ſich nach Luſt ergehen und gab nur zuweilen eine ſcherzende Ergänzung zu Dem, was ihn mit bit⸗ term Ernſt erfüllte. So jetzt, indem ſie aufſteigend zum Schloſſe, an dem Pavillon, an den Marmorva⸗ ſen, an der Springkaskade vorüber, wo ſie bebend Dankmar's gedenken mußte, plauderte: Ja! Ja! Der Hofrath wäre, wenn du ihn nicht ſo tragiſch anſäheſt, die ſpaßhafteſte Epiſode eines Luſtſpiels. Ich will von ſeinen Umgebungen nicht ſprechen, die er eben ſo wunderlich zu bilden ſucht, als wenn wir den Verſuch machen wollten, Doretten die Schönheiten von Goethe's Fiſcher beizubringen oder den weſtöſtlichen Divan zu erklären, den ſie jetzt noch für ein Tapeziererhänden entſtandenes Möbel halten würde. Er läßt ſich ſeine Mühe nicht verdrie⸗ ßen. Aber drollig iſt gewiß, daß Stromer im Win⸗ ter heimlich tanzen lernte. Er wollte auf den Bällen nicht zurückſtehen und den lateiniſchen Zuſchauer ma⸗ chen. Whiſt zu ſpielen unter den Herren und geſetzten Damen ſchien ihm mit Recht langweiliger, als ſich unter den tanzenden Paaren zu tummeln und ſchon Wochen lang vor einem Ball bei jungen Damen durch Huldigungen aller Art ſich eine Francaiſe, eine Polka zu erbitten. Mit größerem Triumph hat Guido nie auf ſeine neueſten Artikel geblickt wie auf die Tourenkarte, die er beim Eintreten in die Säle, alle jungen Män⸗ ner faſt umreißend, triumphirend vorzeigte; denn jede Tour war ihm beſetzt. Man denke ſich Hofrath Stromer auf ſeinen heimlichen Tanzübungen! Der Balletmeiſter des Hoftheaters, den er dafür überrüh⸗ mend anerkannte, mit der Violine, die dieſer glück— licher Weiſe ſelber ſpielte— ſonſt hätte ſich der ſtrenge Recenſent auch bei der Kapelle kompromittirt— der Balletmeiſter Befehle gebend: Glissez! Marchez! En avant! und unſer Guido mit den langen blondgelben Haaren und der ganzen Wucht ſeines gelehrten Wiſ— ſens hopſend, walzend, chaſſirend, ſpringend bis zum Entrechat! Die Fürſtin lachte ſelbſt. Egon ſchüttelte nur den Kopf... Inzwiſchen aber waren ſchon Diener, Sekretäre, ihnen entgegengekommen. Wo man des Allgewaltigen nur erſichtlich wurde, gab es ſogleich zu fragen, Befehle zu holen, Mittheilungen zu machen. Eben ſo ging es der Fürſtin, die ſchon einige Damen der Umgegend vorfand, die ihre Aufwartung zu machen wünſchten. Ohne zu wiſſen wie, war das hohe Paar auseinan⸗ Polka ie auf nkarte, Män⸗ n jede ofrath Der errüh⸗ glück⸗ ſtrenge — der 2! En gelben Wiſ⸗ 3 zum ur den kretäͤre, altigen Beſehle ing es gegend nſchten zeinan⸗ der und Jedes in die Zimmer getreten, die in ge⸗ wähltem Geſchmack für ſie neu hergeſtellt waren. Die Fürſtin bewohnte die ſo verhängnißvoll gewordenen Zimmer der Mutter Egon's und fand ſich in der ge⸗ bliebenen gothiſchen, kirchlichen, ihren Neigungen ſonſt nicht entſprechenden Ausſchmückung bald zurecht, da ſie ſchon nach ihrem Sinne befriedigt war, wenn ſie nur Eignes, Ungewöhnliches, Gepflegtes ſah. Da gab es denn Viſiten und kleine Plaudereien, Glückwünſche und Verheißungen, verſicherte Hingebung und lau⸗ ſchende Prüfung genug. Von dem forſchenden Blicke, wie dieſe Standeserhöhung hätte kommen können, warum ſie kam, ob ſie ſich zum Guten anließ, ob nicht, war Niemand frei und die Fürſtin hielt ihm mit ruhiger Selbſtbeherrſchung Stand. Sie war die unruhige, von ſich ſelbſt hin— und hergejagte Melanie nicht mehr. Ihr Gemahl aber, dem es ſchon zur andern Natur geworden, nach ſolchen Dingen, die ihn quälten, immer mehr zu ſuchen, als nach ſolchen, die ihm wohlthaten, hatte ſich von ihr bis zur Tiſch⸗ zeit mit dem täglich wiederholten Bedauern entfernt, daß ihn nichts ſo verſtimme wie die Abweſenheit des Generalpächters, eines Mannes, deſſen Rückkehr er mit Ungeduld erwartete und deſſen ſo unendlich werthvolle Bekanntſchaft, da er Alles, was Ackermann hier unternahm, bewunderte, ihm wol gar verloren gehen könnte, wenn ihn, was er nicht hoffe, dringende Depeſchen zeitiger vom Schloſſe Hohenberg abriefen, als zu bleiben ſeine Abſicht geweſen war. Die Fürſtin fand nach den mannichfachen Konver⸗ ſationen über Nichts, in denen ſie bei ſolchen Stan⸗ desbeſuchen Meiſterin war und nur zu lange, zu be⸗ zaubernd die Menſchen feſſelte, kaum noch Zeit, ihre Mittagstoilette mit Muße und Umſicht herzuſtellen. Sie hatte neue Umgebungen. Von jener Jeannette, die einſt hier gewaltet hatte und bei dem jetzt arran⸗ girten Laſally Faktotum geworden ſchien, war hier keine Rede mehr. Neue Verhältniſſe, neue Menſchen. Und neue Kleider! Die Putzſucht war Melanien geblieben. Der Fürſt beſtärkte ſie darin, da ihm ihre Metamor⸗ phoſen gefielen. Sie verrieth auch durch ihr Weſen nie, wenn ſie ein neues Kleid trug. Sie kam mit Stof⸗ fen, die eben noch faſt ſchon am Körper von den Nä⸗ therinnen fertig geworden waren und wo noch mög⸗ licherweiſe irgendwo zum Entſetzen der Kammerjungfern ein Seidenfädchen konnte unausgezogen geblieben ſein, aber ſie kam ſo in den Salon, als wenn dieſe neue Tracht ſchon längſt mit ihr verwachſen war, ja als wäre ſie mit ihr auf die Welt gekommen. Dieſer letztere Ausdruck gehörte ihrer guten Mutter, Johanna verloren ringende abriefen, Konver⸗ Stan⸗ zu be⸗ eit, ihre uſtellen. kannette, tarran⸗ ar hier enſchen. blieben. etamor⸗ ſen nie, Stof⸗ den Nä⸗ h mäg⸗ ungfern n ſein, e neue ja als Diſſer hanna Schlurck, gebornen Arnemann. Dieſe brave Frau war in der Erziehung ihrer Tochter immer nach dem Prinzip verfahren: Einem Mädchen muß man es anſehen können, ob es mit Glaceehandſchuhen auf die Welt gekommen! Dieſe guten Juſtizraths! Sie exiſtirten für Ho⸗ henberg nicht. Fürſt Egon ſchloß ſie von allen Be⸗ ziehungen zu ſich, zu ſeinem Palais, zu ſeiner Exiſtenz radikal aus. Die Mutter litt darunter und zwar furchtbar, entſetzlich. Nicht deshalb, weil ihre Toch— ter eine Fürſtin war: an alles Außerordentliche ge⸗ wöhnt ſich der Menſch ſehr raſch; ſondern weil die Fürſtin nicht mehr, wie ſonſt, ihre Tochter ſein durfte. Aber Franz Schlurck fand dieſe Trennung ganz in der Ordnung. In dem Briefe, den ſeine Tochter nach abgehaltener Tafel z. B. heute von Hauſe vorfand, ſagte er ihr:„Mein gutes Kind! Dein Leben wird von tauſend vereinzelten Kleinigkeiten ſo in Anſpruch genommen ſein, daß du ſolche Gedankenſtriche und Ausrufungszeichen, wie ſie in deinem letzten Briefe vorkamen, ganz aus deinem Syſteme der Interpunk⸗ tion entfernen ſollteſt. Du haſt nie gegrübelt, wa⸗ rum willſt du es jetzt thun? Du biſt die Fürſtin von Hohenberg, Durchlaucht. Baſta! Den Groll der Mutter, die nach ihrem ſonſt vernünftigen Naturell 218 ſich mit der Zeit in ihre Zurückſetzung finden wird, ertrage als eine vorübergehende Frauenlaune und ſei verſichert, daß ich dich in dem großen und wahrhaft philoſophiſchen Lehrgange, den du mit deinem hohen Herzens⸗ und Pflegebefohlnen befolgſt, immer unter⸗ ſtützen werde. Den tiefern Sinn deines Wahlſpru⸗ ches: Entweder ein Bettler oder ein Fürſt! hab' ich nie ergründen mögen, die Alternative war ſo ſchroff geſtellt, daß ich jedenfalls lieber der zurückgeſetzte Schwiegervater eines Fürſten, als der geliebkoſte eines Bettlers bin. Alſo! Weiter im Text! Die Gedan⸗ kenſtriche, die bei der Stelle über meine Lage ſtehen, hab' ich eher verſtanden. Doch waren deren drei nicht nöthig. Ich hielt ſchon den einen für überflüſſig. In meiner juriſtiſchen Praxis, wenn ich alte Brief⸗ ſchaften und Familiennachläſſe zu durchſtöbern hatte, waren mir als die gemeinſten Briefe immer die er⸗ ſchienen, wo Väter und Mütter an ihre gutverheira⸗ theten Kinder um Unterſtützung ſchreiben. Du wirſt ſie auch in keinem gedruckten Brieſſteller verzeichnet und in etwaigen Schematen dazu vorgemerkt finden. Und doch werden ſie unglaublich oft geſchrieben, was wiederum nicht für die Armuth mancher Eltern, wol aber für die Herzloſigkeit vieler Kinder ein ſchlimmer Beweis wäre. Bei uns iſt Das anders. Ich weiß, meine Melanie ließe mich, wie es irgendwo heißt, mit Kapaunen und Nichtsthun auffüttern, ſelbſt wenn beide, weil ſie zu fett machen, überhaupt meine Sache wären. Herzenskind, laß das Alles gehen, wie's geht! Ordne dein überraſchendes Verhältniß, wappne dich gegen die neidiſche Welt, ſchmiege dich unter dei— nen erzwunderlichen Gatten, ohne ſeine Sklavin zu werden und lauſch' ihm die kleinen Lichtſchimmer ſei— ner mir eigentlich wie der Saturn ſo dunklen, aber ohne Zweifel doch großen Natur ab, für das Uebrige müſſen unſre unfreiwilligen guten Grundſätze ſorgen. Die Mutter war von jeher für das Waſſer und ein gewiſſer Pindar ſchon, ein alter Odenſänger, der die irdiſche Belohnung der Dichter bereits zu kennen ſchien — trotz Guido Stromer's neulicher Anſtellung im Süden mit 5000 Silbergulden— Pindar ſchon ſagte: Waſſer bleibt immer das Beſte! Er hatte Recht. Der Menſch iſt Erde und nichts iſt der Erde nothwendiger als Waſſer, wenn ſie nicht— Staub werden ſoll. Sieh, die verdammten Gedankenſtriche! Da mach' ich eben ſelber einen und einen recht kläglichen. Noch aber iſt Das nichts als dumme Koketterie von mir. Ich denke nicht an's Sterben; ich lebe, wenn auch nicht vom Waſſer, wie die Mutter, doch von der Luft. Die Luft iſt klar und blau und hell, ich gehe 220 viel ſpazieren. Schulden machen will ich nicht. Meine Prozeſſe haben abgenommen. Entweder iſt die Welt friedlicher geworden oder die jungen Advokaten ver⸗ ſtehen noch mehr Einreden als in den Pandekten und im Schmidt ſtehen. Mit meiner mündlichen Ver⸗ theidigung hab' ich Fiasko gemacht. Meine Jungfern⸗ rede vor den Aſſiſen war Kinderlallen. Ich weinte, als ich nach Hauſe kam, obgleich mein Klient freige— ſprochen wurde. Die Qual, die ich letzten November ausſtand, als die angeſchwollenen, polniſchen Zins— auf-Zins⸗-Summen der Aebtiſſin Sibylle vom Kloſter zum Herzen Jeſu da ſein ſollten, dieſelben Summen, die Jahre lang entweder Mar Leidenfroſt oder Jagellona Kaminska heben konnten, aber nicht heben wollten, weil Einer ſie ganz dem Andern gönnte, Werdeck arm iſt und der tolle Maler, der dich einmal verſpottet hat, nicht reicher— lebendiges Beiſpiel, daß Groß⸗ muth und ſchrankenloſe Tugend nur Unheil in der Welt ſtiften— ich ſage, die Qual, die ich ausſtand, weil dieſe Summe nicht da war und doch nur mög⸗ licherweiſe, furchtbare Hypotheſe! möglicher Weiſe ge⸗ ſtohlen ſein konnte— Melanie, als Alles verkauft werden mußte, was man ſich entziehen kann, ohne daß es die Menſchen ſehen und darüber mit häßlichen ſchwarzbeflorten Redensarten kondoliren, wie man mir — 222— bei Abſchaffung unſrer Equipage kondolirte und ich mit Anſpielung auf Laſally ſagte: ich habe das Ka⸗ pitel des Pferdeſtalles ſatt und will nicht mehr an den Hufbeſchlag erinnert werden, da— ſieh, meine Perioden verwickeln ſich— immer wenn vom Gelde die Rede iſt, verläßt mich die Kraft des Styles— ganz im Gegenſatz zu Hofrath Stromer, dem der Styl grade recht erſt kommt, wenn das Geld im Kaſten klingt — damals, damals, Melanie, als alles Das da war und nicht da war, damals hab' ich mir eine Empfind— ſamkeit zugezogen wie einen nicht endenden Katarrh. Ich bin wehmüthig geſtimmt, ſelbſt wenn ich Prozeſſe gewinne. Den Johanniterprozeß hab' ich halb und halb verloren, noch nicht für die Stadt— denn pro— pinqui equites bleiben ein Räthſel.„Ritter und Reiſige als Verwandte!“— aber verloren für mich. Die Ad miniſtration wird neu beſchaffen und wer weiß, was in Tempelheide jetzt aus dem großen Straußenei ſchlüpft, das dort von einem Kater, Namens Bafo— met, ausgebrütet werden ſoll! Wenn die Wildungen wirklich gewönnen?... Denkſt du noch an den Morgen damals in meinem Zimmer?... Neueres aus dieſer Reſi⸗ denzwelt weiß ich nicht, als daß man ſagt: Unter ſchlagen in dieſem Prozeſſe wurden von Schlurck viel— leicht einige Kommata, aber kein einziges Dokument benutzt hat er ſie und manchen abſichtlichen Sprach— ſchnitzer ſich zu Schulden kommen laſſen, der alte La⸗ teiner... ſagt die öffentliche Meinung! Was öffent— liche Meinung! Frage den Fürſten, was öffentliche Meinung! Von Politik nichts— du ſttzeſt ja in ih— rem Centrum. Rathe dem Fürſten, ſich mit dem Heidekrüger Juſtus und ſeiner Sorte auszuſöhnen! Die Politik der Landwirthe, die nicht mehr und nicht weniger als circa 100 Morgen haben, entſcheidet die Welt, d. h. die Mittelſorte! Oder darfſt du nicht über das Rad ſprechen, mit dem dein Irion ſich quält, es den Berg hinan zu wälzen? Neues? Unſre Katze hat wieder Junge und die Mutter ſträubt ſich jetzt gegen das Erſäufen. Ach, Kind, wo ſind die Zeiten hin? Wenn Mietz ſonſt Junge hatte! Das Laufen und Rennen im Hauſe! Dieſe Freude und dieſer Kummer! Es war als ſollt' es Kindtaufe geben und als zankte man ſich über die Namen und die Pathen. Jetzt aber— Mutters alte Art, dieſe Strei⸗ tigkeiten durch einen Kübel Waſſer und ein gründliches erſtes und letztes Bad der jungen Brut zu enden, hat uns verlaſſen. Frau von Trompetta will die Mutter für einen Thierquälerverein gewinnen, in den die Mit⸗ begründerin der deutſchen Flotte ſich zu ſtürzen beab⸗ fehlte— ich küſſe deine ſüßen Hände, Kind— verſchmitzt ſichtigt, ſeitdem ſie eine Anweſenheit des Hofes in Tempelheide verpaßte und ihr Vetter immer noch nicht Miniſter iſt. Der Hof beſuchte die Akademie in Tem— pelheide, an einem Tage, wo grade Frau von Trom⸗ petta abweſend war! Das ſagt Alles, was ein Le— ben in Verzweiflung ſtürzen und zum Thierquäler— verein reifmachen kann. Sie hat ſich erkundigt, was Alles die Königin in Tempelheide äußerte. Man hatte von der Thierſeele geſprochen. Das war ihr genug, ſich mit Propſt Gelbſattel zu vermitteln, der kürzlich erſucht worden iſt, die Initiative eines Vereines zum Schutze der Thiere zu übernehmen. Da man ihn über Nichts mehr um Rath frägt, den guten Propſt, da er ſelbſt beim Kunſtverein das Präſidium verloren hat, ſo wurde er um ſo eher Präſident jener Verbin⸗ dung, als die bevorſtehende Entſcheidung des Johan⸗ niterprozeſſes ihn um die von der Stadt ihm gehaltene Equipage und ſelbſtredend dadurch allein ſchon um die Gelegenheit, Pferde zu quälen, bringen wird. Bar⸗ tuſch hat eine Anſtellung im Rathhauſe. Der Alte iſt bei der Statiſtik der Getauften, Gebornen und Verſtorbenen angeſtellt. Sein Sprichwort:„Allerlei Gemenſchel“ kommt in glorreiche Anwendung. Seit ihm nicht gelang, den Taufſchein eines gewiſſen Paul Zeck aufzufinden, der in der Biographie deiner hohen 224 hen Gönnerin, deines Glücksſchmieds Pauline eine* Rolle ſpielt— ich kitzelte ſie ſchon oft mit dem Na— Nin men Zeck, da ich weiß, daß Das ein Blitz über ihre Ma dunkelſte Lebensphaſe war— ſeitdem hat auch unſre dri Verbindung mit den Geheimniſſen der hohen Ariſto⸗ gu 6 kratie aufgehört. Sie wendet ſich an jüngere Rechts⸗ Ma 1 beiſtände, die nichts erlebt haben, nichts von den An— W tecedentien wiſſen und blindlings glauben, wenn Ma⸗ re tronen die Hände falten und von dem Rufe ſprechen, Ke wie von einem Spiegel, den ein Hauch trüben könne. O der Ruf! Dieſer unſichtbare Galgen, an dem die de zarteſten Hände nach Herzensluſt die Menſchen ſtran⸗ de guliren und luſtig von unten nach oben rädern! Von de wem willſt du ſonſt hören? Von der Mutter? Sie⸗ u projektirt, dir ein Opfer zu bringen. Sie will, daß br wir auf's Land ziehen und dort Kinderzeug nähen. ſ Wäre dein Gatte ſo grauſam, unſre Verbannung zu W wünſchen? Es thäte mir leid, wie ein alter Penſio⸗ 1 när in die Provinz zu ziehen. Aber ſprich es aus, w wenn es ſein muß! Es iſt auch viellecct beſſer, ich 1 läſe nicht mehr an den Läden die nun erſt gar mit ha den Eiſenbahnen friſch angekommenen Auſtern und u ſähe nicht auf den Straßen ſogar, denke auf unſern ſ Straßen!— Seefiſche, die man auch ſonſt nur in unſrer 1 Komthurei zuzubereiten verſtand! Von Hackert erfuhr d eine Na⸗ ihre jnſre iſto⸗ hts⸗ An⸗ Ma⸗ hen, nne. ich lange nichts. Ich hätt' ihn gern nach einem gewiſſen Ringe gefragt. Er lebt meiſt in der Brandgaſſe, jagt Mäuſe und Ratten. Parx wird ihn ſo lange an ſein Herz drücken, bis er ſich ſeinen Henker und Nachfolger in ihm großgezogen hat. Der Lauf der Welt iſt ſo. Auf dem Markt ſeh' ich immer in die Körbe der Krebsfiſcher! Wie's darin wimmelt, ſo iſt die ganze Erde. Aber was Krebſe! Der September hat ein R! Es gibt jetzt keine Krebſe. Adieu, mein Kind! Amor ſchütze dich!“ Wehmuthsvoll, das Haupt gebeugt, zerriſſen von dem in dieſen Zeilen durch tiefen Schmerz aufſchreien⸗ den Humor, angekettet an ein freudenarmes Loos, das der Welt ſo beneidenswertheerſchien, ſaß Melanie und hing den trübſten Empfindungen nach. Es war ihr ſchon lange manchmal wie einem Wandrer auf ein⸗ ſamer felſiger Höhe, den nie von ihm geſehene dunkle Vögel umkreiſen und ihm zuzurufen ſcheinen: Wende um, du findeſt in dieſem Trümmermeere keinen Aus⸗ weg und die Nacht wird dich überfallen! Was zur Fürſtin ſie erhoben, ſah Melanie wohl im Zuſammen⸗ hange vor ſich, aber räthſelhaft blieb ihr die Folge dieſer Umſtände, die Kette dieſer Zufälle doch. Sie konnte ſich ſagen, daß ſie die Männer feſſelte, blendete, aber nie hatte ſie Vertrauen faſſen dürfen auf die Dauer der Neigungen, die ſie einflößte. Sie hatte mit zu Die Ritter vom Geiſte. IX 15 bittrer Erfahrung erlebt, daß man ſich in der Liebe zu ihr beherrſchen, bekämpfen, ſich ganz überwinden konnte ſelbſt dann, wenn man ahnen mußte, daß ſie ſelbſt liebte. Immer nur der Augenblick hatte ihr wie ein flüchtiger Genius, ein lachender Engel mit Schmetter⸗ lingsflügeln ſchwankend auf einer Blume oder gar ei⸗ ner großen bunten Seifenblaſe, unſichtbar zur Seite geſtanden. Weil ihr der innere Glaube an ſich ſelbſt fehlte, weil ſie ſich eines Nirenlooſes, eines gebun⸗ denen Sirenenſchickſals faſt mit Wehmuth bewußt war, hatte ſie ſich von dem Bedeutenden, das ſie fürchtete wie das ihren Zauber löſende zerſtörende Beſchwö⸗ rungswort, faſt ängſtend entfernt gehalten. Nun war ihr ein Schickſal gekommen, das ſie äußerlich, ihre kühnſten Hoffnungen überflügelnd, emportrug, und in⸗ nerlich ſchien ihr doch der Tod ihr Verhängniß zu ſein, der Untergang ihr Schickſal. Sie hatte dieſen Fürſten Egon, dieſen ihren Beſchwörer, bei der Geheimräthin kennen gelernt. Nie würde er ſie gefeſſelt haben. Es fehlte ihm die herausfordernde neckende Elaſticität, die die Frauen, ſelbſt wenn ſie wiſſen, daß ſolche Män⸗ nerſcherze und Männerſpiele nicht immer und zu Hauſe am wenigſten getrieben werden, dem Charakter, der Solidität und den Tugenden der aufrichtigſten Ehrbar⸗ keit vorziehen. Sie wollen nun einmal umflattert ſein, ſie wollen den Schein der Freude, ſie wollen ſogar die Verſtellung, wenn ſie nur nichts Anderes lügt als Ergebenheit und Huldigung. Dieſer Egon von Ho⸗ henberg aber tändelte und ſcherzte ſo ſelten, er war ſo ernſt, dabei doch ſo ſiegesgewiß, ſo kalt und dann doch zuweilen ſo ſeltſam heiß. Der Heiterkeit Maaß fehlte ihm dann. Sie hatte kein Vergnügen an ſeiner Bewerbung. Lange freilich währte es, bis ſie dieſen Eindruck ſelbſt errieth. Sie gab ſich Egon, wie ſie ſich Dankmar Wildungen, als ſie ihn für Egon hielt, gegeben hatte. Der Unterſchied war nur der, daß Egon gefeſſelt blieb, während Dankmar mistraute. Egon war der Fürſt von Hohenberg, warum ſollte er an Enttäuſchung glauben? Er war in der That nur glücklich bei Paulinen von Harder, der Feindin ſeiner Mutter, nur glücklich, wenn es hieß: Iſt Melanie noch nicht da, wann kommt ſie, wie bleibt ſie ſo lange, jetzt rollt ein Wagen, das iſt ſie nicht, das iſt ſie! Und dann ließ er dieſe beiden Frauen um ſich le— ben und weben, walten und ſchalten, genoß mit Be⸗ hagen, daß ſie für ihn lebten und webten, für ihn walte⸗ ten und ſchalteten. Er ruhte ſich bei ihnen von ſeinen gewaltigen Geiſtes-Anſtrengungen aus. Die geſcheu— teſte und die ſchönſte der Frauen in der Reſidenz ge⸗ hörten ihm. Und für immer wollte er Beide an ſich feſ⸗ 15* 228 ſeln, nie wollte er Melanie in eines Andern Armen wiſſen. Aber ſeltſam! Sein Ideal ſchwang ſich, grade weil ſie nicht liebte, zum Charakter auf. Sie verweigerte jede Gunſt, die über die Grenze einer leich⸗ ten Koketterie hinausging. Sie war, allein, gegen Egon nur ſo, wie ſie es im Beiſein Paulinen's ſein durfte. Lange beſann ſich der Fürſt, was da zu thun. Er wählte den Ausweg einer Standeserhöhung. Die viel⸗ gefeierte, allerdings für verlobt, verlobt mit einem zweideutigen Charakter geltende Melanie, Tochter ei⸗ nes ſeither hochangeſehenen ſtadt- und landbekannten Mannes, konnte dieſes Vorzugs nur gewürdigt wer⸗ den, wenn damit zugleich ein glänzendes Zeugniß für Melanie's Sittlichkeit ausgeſprochen wurde. Man würde eine illegitime Verbindung ewig verurtheilt ha— ben, während man ſich an die legitime in Kürze ge⸗ wöhnte und ſich ganz einfach ſagte: Fürſt Hohenberg iſt arm, er will eine Häuslichkeit ohne ein Haus zu machen. Er hat eine Frau genommen, die er Nie⸗ manden zu zeigen nöthig hat und macht dabei die beſten Geſchäfte, er ſpart und hält die Hausfreunde ab. So die Welt. Egon aber? Ob wol in ihm der Gedanke lebte: Nach Louiſon und Helene, nach der Poeſie deines Lebens, jetzt nur keine Etikette mehr, jetzt nur keine Ehe mit anſpruchsvollen, dich in mo⸗ Die viel⸗ nit einem kochter ei⸗ bekannten digt wel⸗ mniß für Man heilt ha⸗ kürze ge⸗ bohenberg Haus zll dabei die sfreunde in ihm ne, nach tte mehl, in mo⸗ 229o raliſche Koſten ſetzenden Frauen, nur keine wirkliche, dich beunruhigende Fürſtin! Sein„Egoismus“ er— trug eine ebenbürtige Ehe nicht. Vielleicht auch eine ihn in ſtillen Stunden durchſchauernde Pietät des Herzens für die Vergangenheit? Das äußere Glück war alſo für Melanie ſelten und groß, aber das innere fehlte. Die Fürſtin Ho⸗ henberg hatte ſich nicht umſonſt ſo beſonnen gehalten, als ſie ſich an die Bewerbung eines Fürſten nicht ſo— gleich wegwerfen wollte. In flüchtige und leichtſinnige Herzen zieht die Tugend oder diejenige Reflexion, die we— nigſtens wie Tugend ausſieht, nicht ohne große Kraft ein. Die äußere Würde genügte ihr nicht, ſie wäre ſo gern wahrhaft glücklich geweſen. Ihr Gatte war nicht leichtſinnig genug, ſich in Schulden zu ſtürzen. Ihr Vater entbehrte nicht nur, ſondern gerieth auch, was ſie wohl durchſchaute, in die bedenklichſten Schwan— kungen ſeines Kredits, wenn nicht gar in Schwan⸗ kungen ſeiner Ehrlichkeit. Es war ihr wohlbekannt, wie furchtbar der Juſtizrath darunter litt, daß alle Welt die bei ihm aus dieſen oder jenen geſchäftlichen Vertrauensgründen niedergelegten Summen jetzt plötz⸗ lich ſehen, jetzt plötzlich kontroliren, wiederhaben wollte. Dies Flüſſigmachen von Kapitalien, die er nicht un— ter ſieben Siegeln gehalten hatte, ſagte Schlurck einmal, ſchwemmt mich noch eines ſchönen Morgens ſelbſt in die— er nannte den Fluß, an dem die Reſidenz liegt, und Weib und Kind ſchrieen auf, ſie wußten längſt, was manchmal in ihm vorging... Egon's Abneigung gegen die Eltern war eine große Qual für Melanie. Er hätte die Familie hundert Meilen weit entfernt ſehen mögen. Ihm darin widerſprechen hätte ihr un⸗ würdig und unklug geſchienen. Die Macht der Ehe nach dem Altar ungroßmüthig anwenden widerſprach ihrem Charakter, widerſprach ihrem freien Weltblick, den ſie in der That der Philoſophie ihres Vaters verdankte. Es war dies nichts Geringes in ihr. Der Fürſt ahnte es ſogleich, erkannte ſie, ſchenkte ihr den unbedingteſten Glauben, liebte ſie. Sie ſelbſt wußte es, ſie hatte Beweiſe ſeiner ihr allein gewidmeten Herzlich⸗ keit, er kannte ihr Leben, ihre Vergangenheit, ſogar ihre Jugendverirrungen und entſchuldigte ſie. Was ſie auch erzählte, Egon hatte Alles geahnt, er entſetzte ſich nicht, dachte ſich in ihre Erziehung hinein, hatte ihren Thränen unbedingtes Vertrauen geſchenkt und da ſie tief, tief ihm zu danken hatte, ſo war ſie glücklich unglücklich. Die ſelige Uebereinſtimmung mit Egon's Natur fehlte und ſie mußte ihn doch nehmen, wie er einmal war. Mehrere Stunden hatte die Fürſtin in trüber Schwermuth ſo für ſich hingebracht und bei Allem, ſelbſt in nz lieg, wlängft neigung Velanie. entfernt ihr un der Che erſprach Leltblick, ter De r ſie auch ſch nicht, Thränelt jef, tief (lückich. r fehlte al wal. trübet Allem, 231 was ſie vielbefragt anzuordnen, vielbeſchäftigt vorzu⸗ nehmen ſchien— die Frauen können Das— immer doch einem und demſelben Gefühle nachgehangen. Sie war für den Abend in einer andern Toilette, als die ſie am Mittag getragen hatte... Es boten ſich oft Tagelang keine Gelegenheiten, mit ihrem Gemahl ein einziges trauliches Wort zu ſprechen. Hier in Hohen⸗ berg hatte ſie darauf gehofft; hier hatte ſie ſich ſogar möglich gedacht, Egon's tieferer Natur etwas näher zu kommen. Er war von Paulinen befreit, er befand ſich in jener Gegend, an die ſich ſeine Jugend knüpfte und wo ihm ſelbſt in jüngſter Zeit noch Abenteuer, ja Vorfälle komiſcher Art begegnet waren; ſie hoffte auf Heiterkeit. Vergebens! Egon blieb überhäuft mit Geſchäften, verſtimmt, abſorbirt, und die wenige Muße, die er ſich geſtattete, verwandte er in dem ihm ange⸗ bornen und anerzogenen Inſtruktionseifer auf ſeine gutsherrliche Lage, auf die Beſichtigung ſeiner Güter und die Prüfung der ihn wahrhaft überraſchenden, ja faſt beſchämenden Thätigkeit jenes Generalpächters Ackermann, den er auf Empfehlung des ihm geiſtig verloren gegangenen Dankmar Wildungen zum Wie⸗ derherſteller, wenn nicht ſeines Glücks, doch ſeiner Ehre gewählt hatte. Die Abweſenheit dieſes Mannes, den er bewunderte, peinigte ihn. Er kam zu Melanie, als ſie eben mit ihrer Abendtoilette fertig war und ſagte: Es iſt leider ſehr wahrſcheinlich, daß ich aus der Stadt Briefe über Hofintriguen empfange, die wenig⸗ ſtens meine Anweſenheit hier abkürzen. Es wäre mir das widerlichſte Begegniß, wenn ich Ackermann nicht mehr ſehen ſollte. Er würde mich, da die Ernte über— ſtanden iſt, jetzt in der Stadt beſuchen können, aber ich hätte ihn hier ſprechen mögen, hätte ſo gern von ihm hier mich führen, mir Alles, was er unternimmt, zeigen und erklären laſſen. Glücklicherweiſe war ich vorhin im Walde dem Förſter begegnet, der von Briefen ſpricht, die für heute Abend ſeine Rückkehr ankündigen. Egon erklärte nun mit der ihm eigenen Vollſtän⸗ digkeit Alles, was er von Ackermann's Einrichtungen ſchon zu überſehen glaubte. Er wiegte ſich in der Vorſtellung, daß dieſem Manne, der ſo uneigennützige, faſt fabelhafte Bedingungen geſtellt hätte, gelingen könnte, das Erbe ſeiner Väter wieder herzuſtellen und Melanie'n das Loos, ſeine Frau zu heißen, auch wahr⸗ haft zu einem fürſtlichen zu machen. Melanie hielt dieſen auch heute von ihm beliebten Uebergang feſt und malte alle die Pläne aus, die ſie mit dem ge⸗ ſteigerten Ertrage dieſer Beſitzungen verbinden wollten. & 8 — — aus der e wenig⸗ väre mir im nicht nte über⸗ en, aber gern von ernimmt, war ich der von Rückkehr 3 llſtan⸗ btungen Hin der nnützige, gelingen len und Hwahr⸗ iie hielt ang feſ dem ge⸗ wollten. 2² Dieſe luftigen, natürlich nur ſcherzweiſe vorgetragenen Träume waren ihr willkommener als die Rundblicke Egon's auf die ihm ſo wiſſenswerth vorkommende Syſtematik Ackermann's und ſeine Fragen, die er an Melanie, die Ackermann doch geſehen hatte, glaubte richten zu dürfen: Wie iſt ſein Wuchs? Iſt er alt? Warum trug ſich wohl ſein Kind in Knabentracht? Wie lange mochte er von Deutſchland entfernt ge⸗ weſen ſein? Geſprochen haſt du nie mit ihm? Er iſt doch ein geborner Deutſcher? Was trieb ihn wohl von dem heimathlichen Boden? Wie kam er nur auf den Gedanken, ſich grade an meine verlorenen Beſitzun⸗ gen zu wagen? In dieſe für den Fürſten ſich immer mehr ſtei— gernde Aufregung fiel bald dieſe, bald jene Meldung. Die wichtigſte war die, daß man einen politiſchen Verfolgten, deſſen Spur ſeit einem halben Jahre ver⸗ loren gegangen wäre und die man ſelbſt im Auslande nicht wieder gefunden, unter den Dienſtleuten des Ge⸗ neralpächters entdeckt hätte und ihn eben zur Haft brächte. War die Meldung vorläufig auch nur eine gerüchtsweiſe, ſo war ſie doch ſchon ſtörend genug und die Räthe des Fürſten, die ſich ſchon zur Thee— ſtunde verſammelten, hatten alle Urſache, befremdet zu ſein, wie der Generalpächter zu dieſer Wahl ſeines 234 Hülfsperſonals käme. Noch kannte man den Namen des Gefangenen nicht. Die Erwähnung des Thur⸗ mes in Pleſſen, die Nothwendigkeit, Verbrecher ſo nahe am Schloſſe, wenn auch nur ſo lange beherbergen zu müſſen, bis der Befehl zur Abführung nach einem nahegelegenen Landgerichte oder der Reſidenz gegeben war, war Allen drückend und Niemanden mehr als der Fürſtin, die die unangenehme Wirkung der Er⸗ wähnung des Thurmes in ihrem Gemahle, deſſen Beziehung zu ihm ſie ſehr wohl kannte, deutlich genug bemerkte. Die vorfahrenden Abendgäſte brachten ſchon Kunde von der durch dieſe Verhaftnahme verurſachten Aufregung in Pleſſen. Und nun kam einer der Se⸗ kretaire mit dem ſoeben vom draußen harrenden Oberkommiſſär gemeldeten Namen: Dankmar Wildun⸗ gen! Dieſer ſelbſt! Der Vielbeſprochene, der Allen Bekannte, der nach ſo entgegengeſetzten Seiten hin die Welt in Anſpruch Nehmende! Dieſer jetzt hier und ver⸗ haftet! Egon erblaſſend tritt hinaus und will Par ſelber ſprechen. Herr von Zeiſel begegnet ihm, noch erſchöpft von ſeinem ſchwierigen Vorverhör und ſchon gedrängt von ſeiner Gemahlin. Auch die Fürſtin erfährt den Namen. Ihr Erblaſſen wird von der Gerichtsdirek⸗ torin wohl erkannt, wohl verſtanden. Der General⸗ pächter als Hehler politiſcher verbotener Feuerſtoffe war ſam Me kam dun, Kett früͤh ſam eine Namen Thur⸗ ſo nahe rbergen einem egeben der Er⸗ deſſen hgenug en ſchon 235 war bald durch die ganze Geſellſchaft wie ein ſelt— ſames Fragezeichen tauſend Auslegungen preisgegeben. Melanie hörte nur, zitterte nur, ſchwankte... Egon kam zurück... ja, es war in der That Dankmar Wil⸗ dungen, derſelbe, von dem Alle wußten, daß eine Kette von Zufälligkeiten und Abenteuern ihn mit dem früheren Leben des Miniſters in den ſeltſamſten Zu⸗ ſammenhang gebracht hatte... Dieſer Abend wurde eine Folter. Geſpenſtiſche, ſchattenähnliche Begegnun⸗ gen von allerlei Menſchen unter einander, deren Ja und Nein, deren Ercellenz! Durchlaucht! Ja wohl! Ganz gewiß! Haben Sie von dem Waſſerfall im Gebirge ſchon gehört? O Sie ſollten einmal die Wanderung nach dem Felſengrund verſuchen! Kennen Sie Randhartingen bei Abendbeleuchtung? Alles nur wie um der Worte willen geführte Geſpräche ge— miſcht mit Theetaſſengeklapper, Kleiderrauſchen, Kom⸗ men und Grüßen, o eine Phantasmagorie des Nich⸗ tigſten und Leerſten... und Das nun aushalten zu müſſen, Das ſchüren zu müſſen, wenn der Funke zu verglimmen ſcheint, Das erſticken zu müſſen, wenn die Flammen eines Streites vielleicht zu heftig auf— lodern... Die Fürſtin ſaß hinter ihrem Theetopf in Verzweiflung. Der Fürſt konnte doch ab und zu. Es wurden doch Thüren geſchlagen, Pferde trappelten, Säbel klapperten, ſie wußte doch, daß Egon, der ſo oft ihr ſchon geſagt hatte: er hielte es für die glück— lichſte Gunſt des Zufalls, daß er nicht in die Lage gekommen wäre, dieſem ihm einſt und noch jetzt als Charakter und Menſch gleich werthvollen Dankmar Wildungen in unmittelbarer perſönlicher Feindſeligkeit gegenübertreten zu müſſen, ſeine ſchmerzlichſte Auf⸗ regung durch Fragen, Erklärenlaſſen, Befehlegeben, verbergen, wenn nicht mildern durfte... ſie aber, die in Dankmar mehr als den Freund ihres Mannes ehrte, ſie, die in dieſem Schloſſe an ſeinem Arme gezittert hatte, ihn liebte, noch liebte, wie faſt jeder Menſch ein ſtilles, wenn auch entſagendes Sehnen in ſich trägt, ſie ſollte ſchweigen, ſollte von gewöhnlichen Dingen reden, Jeden bezaubern, Jeden gewinnen, den Adligen ſich verſöhnen... Sie hielt es nicht länger aus. Gegen halb zehn Uhr ſprach ſie von unerträg⸗ lichſtem Kopfweh. Die Damen bemerkten, daß ſie das Haupt aufſtützte. Die Fürſtin iſt angegriffen! Durch den Saal flog die Trauerkunde von der Mi— gräne der Fürſtin. Aber o Himmel, man iſt auf dem Lande. Man iſt hier ſo natürlich, ſo theilnehmend oder ſo intereſſirt zudringlich, daß man von allerhand Mitteln ſpricht gegen Kopfweh; von einem flachen Meſſerrücken an die Stirn gedrückt, von Citronenſaft, von einem Cgol verw konn dies und die eine ner⸗ als der ehe beid und bei Sc ihn Jal ſind wi Re wi 237 7, der ſo zu öffnenden Fenſter... erſt die Räthe aus der Stadt ie glü⸗ gaben den rechten Rath, Aufhebung der Soiree. die Lage Nach einigen Minuten war die Fürſtin allein. jetzt als Egon beſtätigte die Verhaftung, erklärte die Identität, dankmar verwies vorläufig auf den Thurm. Retten, helfen ſeligkeit konnte er nicht. Es war zu ſpät. Melanie fühlte ſte Auf⸗ dies Zuſpät! nicht ſich, wohl aber der Pflichtenlehre glegeben, und dem Charakter ihres Mannes nach. Er erklärte aber, die die Anweſenheit Dankmar's grade bei Ackermann für es ehrte, eine Folge der Liebe Dankmar's zur Tochter des Ge⸗ geiitet neralpächters. Melanie beſtätigte dieſe Vermuthung Menſch als die wahrſcheinlichſte Auslegung eines Aufenthaltes, in ſich der der erſte trübe Flecken auf dem von Egon ſo hoch— anlichengehaltenen Bilde des Generalpächters war. Sie ſahen beide Alles, wie es wohl war und wie es ſein konnte en, den länger und ſchieden voll Schmerz. Egon, der noch zu ar⸗ nerträg⸗ beiten und ſein Schlafzimmer im andern Flügel des daß ſie Schloſſes hatte, die Fürſtin, die mit Schrecken von agiffe ihm hörte: „. Mi⸗ Es wird dieſe Unbeſonnenheit ihm leicht einige Jahre Gefängniß koſten können, die nicht abzuwenden uf dem 1d oder ſind, falls die Genoſſen ſeiner Verſchwörung nicht da⸗ liteln zwiſchen treten. Wenn die Wildungen den Prozeß J 4. lken gegen die Stadt gewinnen ſollten, erleben wir Ver⸗ mi wickelungen, die eine Stellung wie die meinige leicht zu einem Kampf gegen Geiſter und Zaubereien machen dürften. Ich weiß nicht, ob man nicht von Glück ſagen darf, daß bis dahin vielleicht die Partei Trom⸗ petta⸗Flottwitz am Ruder iſt. Der Hof war in Tem⸗ pelheide, hat ſich von Windharfen und Naturmyſtik unterhalten laſſen; General Voland lieſt jeden Abend die Kapitel ſeines neuen Werkes über die alchymiſti— ſchen Vorſtellungen, die das Mittelalter mit der Natur der Steine verband; die frommen Präſidenten drängen aus der Provinz herein. Wohlan! Man kann bald Gelegenheit finden, die Politik zu behandeln, wie jene Helden, die im Zauberwalde Armidens ihre Schwert⸗ ſtreiche auf Feinde richteten, die vor ihnen wie die Luft zerrannen! Die Fürſtin, die ein Großes und Gewaltiges im Leben nur ertragen und durchführen konnte, wenn eine erwiderte Liebe ihren Muth beflügelte, ihren Arm ſtärkte, Melanie begab ſich zur Ruhe. Zum Thurme gehen, eine Befreiung zu wagen, Liſt, Verſchlagenheit anzuwenden, wie damals im Heidekrug... Dieſe Zeiten waren vorüber. Sie ging zur Ruhe... Egon aber, als Alles im Schloſſe ſtill geworden und er allein war, öffnete das Fenſter und blickte zu den Sternen auf.. Nie haben wir ihn mit ſich ſelbſt beobachtet. Nur ſeine Worte im Geſpräch mit Andern, en machen on Glück tei Trom⸗ rin Tem rurmyſtit en Abend llchymiſti⸗ der Natur drängen fann bald wie jene Schwert⸗ wie die lttiges um. e, wenn hren Arm m Thurme glagenhei Dieſe geworden blickte zu ſich ſebt Andern, nur ſeine Thaten ließen wir für ihn reden. Es ge⸗ bührte dieſe Zurückhaltung dem Bilde einer Perſön⸗ lichkeit, die Alle als den lebendig gewordenen Egois⸗ mus nehmen. Dieſer Charakter, faſt von Allen ver⸗ urtheilt, die mit ihm in nähere oder entferntere Be⸗ rührung traten, konnte nur durch die Andern geſchil⸗ dert werden. Aber dennoch dürfen wir an die zer⸗ riſſenen Empfindungen glauben, mit denen Egon an das geöffnete Fenſter ſeines Schlafzimmers trat, die ſchon kühlere Nachtluft an ſeine heiße Stirn wehen ließ und voll Wehmuth auf den Garten des Schloſſes hinunterblickte, auf die Bäume und Boskette, hinter denen der Gerichtsthurm des Dorfes Pleſſen verſteckt lag. Wenig über ein Jahr war vorüber und was hatte ſich Alles ſeitdem begeben! Nur die Jedem, wieviel mehr einem Hochbegabten ſich aufdrängende Ueberzeugung, daß wir in einer Zeit der gewaltigſten Umwälzungen inner- und außerhalb der Menſchenbruſt leben, konnte die Wandlungen glaublich erſcheinen laſſen, die ſeit eem Tage, wo Dankmar in die Ge⸗ fängnißzelle des Fürſten trat, die er nun ſelbſt be⸗ wohnte, dieſem geſchehen waren! Egon war ſich ſelbſt kein Räthſel, aber er fühlte es mit Schmerz, daß er ein furchtbares Andern ſein mußte. Jener Stunden, die ihn im Thurme um die Freundſchaft 240 eines jungen, unternehmenden Kopfes werben ließen, gedachte er jetzt mit ſolcher Lebhaftigkeit, daß er auf einen Seſſel niederſank, an der Brüſtung des Fenſters ſein Haupt aufſtützte und ſich in Empfindungen wie dieſen kaum zu ſammeln wußte: Du Aermſter! ſagte er ſich. Würde Alles ſo ge⸗ kommen ſein, wenn das Geheimniß des Bildes, das Geſtändniß der Denkwürdigkeiten deiner Mutter dich nicht in deiner Bahn plötzlich an einen entſetzlichen Abgrund geführt hätte, wo du die Beſinnung verlorſt und dich an die einzige dir naheſtehende Hand klam— merteſt! Dieſe Mutter, die ſich einbildete, mich De— muth zu lehren und mich die Lüge lehrte! Hoffte ſie, daß ich von meiner weltlichen Stellung herabſteigen, mein Leben der innern Beſchaulichkeit, der entſagenden Demuth widmen würde? Sie hat ſich vielleicht nicht getäuſcht. Sie hat vielleicht den Punkt getroffen, der meine Zukunft, wenn ich noch eine haben werde, mehr be dingt, als die Liebe, die Bewunderung oder der Haß, den ich in meinem gegenwärtigen Mühen ernte! Aber im erſten Augenblick des Schreckens verlor ich die Beſin⸗ nung. Die Lüge war hier eine nothwendige, eine erlaubte Selbſthülfe. Der Makel der Geburt brannte ſo auf meinen Stolz, der Zorn des Sohnes über eine durch die Religion verblendete Mutter wallte ſo ſiedend in eben ließen, er auf Fenſters ungen wie lles ſo ge⸗ ildes, das Nutter dich entſetzlichen rabſteigen, ntſagenden eicht nicht roffen, der e, mehr be⸗ r Haß, den Aber in die Beſtu de erlaubte üe ſo auf ine durch nd il don ſiede mir auf, daß ich gerade mit Leidenſchaft Das ſein wollte, was ich nicht bin. Die Sitte iſt auch hier das Geſetz. Die Sitte heiligt auch hier die Unſitte. Es iſt wie im Staat, ſeine Mängel geben nicht das Recht, ihn ſelbſt zu zerſtören. Ich bin der Fürſt von Hohenberg. Aber daß ich es ſein wollte, daß ich mit einem Schrei der Verzweiflung gegen die Entdeckungen, die mit dieſer Pauline hätten entſchlummern können, mich ſträubte, mich gegen mein Schickſal bäumte, Das wurde der Anfang aller Leiden meiner Seele und es iſt mir wie ein Bild der Zeit, denn dieſe Ertreme, die mich ſtürzen werden, verrathen noch mehr als ich, daß in ihr etwas morſch und faul iſt und man die Prozedur einer ſittlichen und ſtrengen Reviſion mit dieſen Zu— ſtänden nicht mehr wagen darf! Es ſchlug ſchon eilf Uhr vom Dorfthurme her— über... Nächtliche Vögel ſchoſſen, raſch im Kreiſe mit hängenden Flügeln ſich wendend, an den Fenſtern des Schloſſes vorüber... Egon träumte fort: Auch Dankmar Wildungen wird dieſe Schläge der Uhr hören, er wird ſie zählen wie ich, er wird auf mich vielleicht rechnen! Oder nein! Er war mir an Einſicht ſchon damals überlegen, als ich ihm ſo zerfloſſen, ſo aben⸗ theuerlich und in der Gefahr feige erſchien! Wie war Die Ritter vom Geiſte. IX. 16 ich haſtig, unſicher, von meiner Lage faſt bis zu tra— giſcher Beſinnungsloſigkeit überraſcht! Wie ſchäm' ich mich, als dieſer Poſa ſeinem Carlos erwiderte:„Gibt es denn noch Freundſchaften?“ Du haſt Recht. Es gibt keine, Dankmar Wildungen! Und doch iſt es eine Wahrheit, daß grade wir Menſchen, die die Welt als Götzendiener des Ich's verurtheilt, die unendlichſte Sehnſucht nach Liebe haben! Grade wir Egoiſten, wir Kaltgeſcholtenen ſchmachten nach dem Thau des Verſtändniſſes, grade wir leiden unter der Einſamkeit, die ſich um uns her wie eine wüſte Steppe ausbreitet, leiden wie etwa die großen Männer leiden müſſen, die man nur in ehrfurchtsvoller Ferne bewundert und denen aus Scheu Niemand ſich zu nähern wagt, wie den höchſten trauernden Schneeſpitzen der Alpen. Ich hoffte einen neuen, deutſchen Armand in dir zu finden und dachte mir darunter einen Bewunderer meines Werthes, einen Diener meiner Launen, ein Werkzeug meiner ſchon damals gehegten wenn auch nicht aus⸗ geſprochenen Plane. Der feine Kopf verſtand die Abſicht, die ich ſelbſt nicht fühlte. Er ſah an Louis Armand, was ich mir unter ihm wohl dürfte gedacht haben und mistraute der aufdringlichen Zärtlichkeit eines Hochgeſtellten, der in der That die Probe nicht beſtand. Ich verlor ihn, mit ihm Louis Armand, — — ͦ— — 243— bis zu bra⸗ mit ihm Helenen, ich verlor die ſelbſtändige Liebe und ſchäm' ich gewann vielleicht nur die ſklaviſche... es iſt nicht gut, erte:„Gibt die Liebe Derer nicht ertragen zu können, die ſich doch Recht. Es auch ein wenig ſelber achten. iſt es eine Der Fürſt Egon von Hohenberg war wie ſeine Welt als Mutter. Er wühlte in den eignen Eingeweiden und mendlichſte beſtätigte auch darin eine Erfahrung, die man oft an Cgoſſten, großen Männern gemacht haben will, daß ihr Denken Thau des nicht ihr Handeln iſt. Ihr Denken iſt ein Auflockern Einſamkeit, der ganzen Innerlichkeit, ihr Handeln nur Eines, ein entſchloſſener Aufſchwung, eine energiſche That. Die nüſſen, die weiche Empfindſamkeit der Größe würde kein Geheim⸗ und denen niß der Seelenlehre ſein, wenn die großen Menſchen ihre Gedanken belauſchen ließen und die Fülle von ausbreitet, „wie den ven. Id Erwägungen bloßgäben, die ſie im Zuſtande der Ruhe u finden anſtellen und die ſie nur in dem Augenblick bannen, wo irgend eine Gefahr ruft, irgend ein Entſchluß mit er meines Blitzesſchnelle gefaßt ſein muß. Egon ſprach klein, Werkzeug Weriz Se 3. üit aus⸗ ohnmächtig, zagend von ſich und in dieſem Augenblick nicht dus 2 3 3 4 zand die hätte das Poſthorn eines Kuriers ertönen, eine De⸗ rſti peſche hätte ihm überbracht werden dürfen, die einen raſchen Entſchluß erforderte, er würde ſich nicht fünf Minuten beſonnen haben, den Befehl zu ertheilen, der an Louis fte gedach zartlichkt 1. edhn d rich ihm der nothwendige und den Verhältniſſen ange⸗ grobe nich. 4 und naeſſene erſchien. Armand, 16* 244 Doch blieb es ſtill. Nur ein ſchärferer Nachthauch fuhr durch die herbſtlichen Blätter... der Fürſt ſchloß das Fenſter... Noch floh ihn der Schlaf. Noch drückten zu viel der Laſten die Bruſt eines Mannes, der bei der eiſigen Athmoſphäre der Politik doch noch nicht ganz in ſei⸗ nem innerſten Herzen erſtarrt war. Was trennt mich denn von Euch, ſagte er noch hinausſtarrend durch die geſchloſſenen Fenſter in die Nacht und die Hände zuſammengefaltet im Schooße ruhen laſſend, was hat denn unſere Bahnen ſo unter— brochen, daß ſie nicht mehr zuſammengehen konnten? Standesvorurtheile? Die Verſchiedenartigkeit der In⸗ tereſſen? Ihr denkt ſo, ich weiß es und eine Weile, als ich mit Eurer Hülfe an jenem ſtürmiſchen Abende in Paulinens Villa das Teſtament der Mutter erobert hatte, dachte ich ſelbſt nicht anders. Aber ſchon hatte ich den Träumen widerſprochen, mit denen Ihr die Welt zu beſſern gedachtet, ſchon mein Syſtem der Pflichten aufgeſtellt Euerm Syſtem der Rechte gegen— über. Was iſt zu thun, wenn zwei ſtreitende Ge⸗ danken plötzlich auseinandergeriſſen werden von dem Leben, das dem Einen ſagt: Laſſe Das! und dem An⸗ dern: Thue Das! Die Aufforderung zum Handeln kommt, ſo lange die Erde ſtehen wird, wohl an jeden achthauch ürſt ſchloß in zu viel der eiſigen g in ſei⸗ eer noch ter in die Schooße ſo untel⸗ konnten? der In⸗ ne Weilt, en Abende er erobelt —òO 245 Gedanken zu früh. Immer wird ihm noch etwas an ſeiner Reife fehlen, immer wird ein Moment ihm noch zu gewinnen ſein, die allgemeine Uebereinſtimmung, und ſchon ſoll er handeln, ſchon das Leben umgeſtalten, ſchon ſich in der Welt, wie ſie gegeben, feſt bewähren. Da hatt' ich keine Möglichkeit mehr, mit Euch zu wandeln. Die große Aufgabe des Staatsmannes traf mich überraſchend, aber nicht unvorbereitet. Ich hatte Das, was Genf, was Bonn und Göttingen mich lehr⸗ ten, nicht vergeſſen, in Paris hab' ich nicht aufgehört, mein theoretiſches Rüſtzeug zu mehren, es zu ſchärfen, rein zu erhalten vom Roſte der Alltäglichkeit. Das Denken, das Lernen, das Aufſpeichern war mir, als ich mit dem Volke lebte, eine klöſterliche Vorbereitung auf einen Beruf, den mir der Zufall ſchenkte, denn ſuchen konnt' ich ihn nicht, in dieſer ſüßträgen Lethargie nicht, die wir unter Büchern und Frauen empfinden. Es gibt keine gefährlichere Wonne, als die Liebe einer ſchönen Frau verbunden mit dem Lurus der Ideenbereicherung durch bloßes geiſtiges Aufnehmen aus Büchern, Reiſen, allen erdenklichen Wiſſensquellen, nur nicht dem Born des eignen Arbeitenſollens, des eignen Schaffens! Joniſcher Himmel, die Liebe Kleo⸗ patrens und die Bibliothek von Alerandria... an dieſer höchſten aber gefährlichen Seligkeit des Lebens, zugleich⸗ genoſſen, ſind die größten Genies zu Grunde gegangen.. ich wollt' es nicht, ohne darum ein Genie zu beanſpruchen. Die unwillkürliche Erinnerung an Helenen trieb Egon vom Seſſel empor. Es ſchauderte ihn hinüber⸗ zublicken auf die Fenſter, wo eben Melanie's Licht er⸗ loſch... Helene blieb ein Akkord in ſeiner Seele, der, ſelbſt wenn ſie einem Maler Namens Heinrichſon ge⸗ hören und jetzt mit dieſem in Paris weilen konnte, ihm einen Schmerz verurſachte, wie wenn er ſich plötz⸗ lich in einem Gefängniß erblickte. Er trat auf mit ſchallendem Fußtritt, er fühlte ſich elektriſirt, er wußte nicht, ob vor Wonneſchmerz oder vor Wuth, er hätte an Eiſenſtäbe greifen, an ihnen rütteln mögen... er konnte ſich nicht beruhigen, ehe er nicht die kühlen feuchtanſetzenden Scheiben des Fenſters an ſeiner Stirn fühlte. An dieſe lehnte er ſich und dachte mit Klagen: Was wär' es nun, wenn ich den Mantel nähme, dieſe Zimmer verließe, den Berg hinunterſchritte, an den Thurm träte und, der Wachen nicht achtend, die ihn hüten werden, zu dem Fenſter emporriefe: Schläfſt du, Wildungen? Fürchte nichts! Mich ſchwindelt auf der Bahn, die ich wandele! Dein Märtyrerthum iſt größer als meine Freiheit! Und wenn du Freiheit willſt, ich will ſie dir geben, will mit dir fliehen, hin⸗ aus in die Welt, in ein Felſeneiland, will dies künſt 247 egegangen. liche Gewebe, das mich umſponnen hat, zerreißen, dies anſoruchen Gehäuſe zertrümmern... ich will ein Genoſſe deines elenen triet Bundes ſein, dieſer furchtbar anwachſenden, wie das ihn hinüben Erzgeäder in einem Bergſchacht verbreiteten und dich z Licht er vor uns verurtheilenden Ritterſchaft vom Geiſte... Seele, der Es war ein Augenblick, der ihn ſo überflog, ſo aus der künſtlichen Selbſtbeherrſchung und der Auf⸗ eilen konnte gabe, die er für die Welt durchführte, hinausſchleu— „ Nlth⸗ dern konnte... Melanie, Pauline, Amanda, das waren giichſon ge Namen, die ihn immer nur ſtarr machten, kalt, ent⸗ ſchloſſen... Bei Helenens Namen aber überwehte es rr. er wußte 1 Kn. ihn wie einer jener weichen Südweſtwinde, die wie auf e feuchten Schwingen mild und lockend uns plötzlich — ciller anhauchen nach langer trockner Witterung... Die — Sti Verführung dauerte aber nicht lange. Sie hörte mit dem Anruf der Wachen auf, die er vom Thurme al Klagen 2.. hörte. Es waren Gendarmen, die die Poſten wech⸗ lnähme 2. m ſelten... morgen in der Frühe ſollte der Gefangene eicuee in einem verſchloſſenen Wagen in die Reſidenz ge⸗ achind 1 führt werden. iſe Szui Ahl der Fürſt ſtrich ſich gleicſjam das Haar von bta der Stirn zurück. Er vergaß, daß ſich der Scheitel vrerthult g Ahui nach ſeiner Krankheit völlig gelichtet hatte, während Freihen.... 26 der Reſt, der ihm geblieben, ſchon graue Spitzen zeigte. ſiehen, Ne Er runzelte die Augenbrauen und ſtellte die Lichter ſo, ldies künl 248 daß er nicht in Verſuchung gerieth, ſich im Spiegel zu erblicken. Er war zerfallen wie ſchon ein welken⸗ der Mann, während er etwa dreißig zählte. Aus jeder Kammerſitzung kam er erſchöpfter. Wenn er bei ſich anfuhr, ſchlich er die Treppe hinauf, warf ſich in ein Kanape und verlangte eine halbe Stunde Ruhe um ſich her, da er nicht ſprechen konnte und vom leiſeſten Geräuſch gereizt wurde. Oft zuckten ihm Muskeln des Geſichts, ohne daß er es ſelber merkte. Wie todt ſtreckte er ſich dann, ließ die Arme hängen und ſtaunte tief in ſich ſelber, daß dieſe ohnmächtige Hülle ein ihm ſelbſt noch fühlbares Bewußtſein enthielt. Durch narkotiſche Mittel hatte er oft ſchon auf Schlaf ge⸗ hofft. Die Natur wurde aber dadurch nur noch mehr gebrochen. Die Geſichtsfarbe wurde gelb, ein Beweis, daß die Leber litt bei einem Aerger, den ihm nicht etwa der Widerſtand der oppoſitionellen Elemente ver⸗ urſachte, ſondern die Treuloſigkeit ſeiner eignen Bundes⸗ genoſſen und die Undankbarkeit Derer, für die er wirkte. Egon ſtritt gern über Prinzipien. Eine Rede gegen die Demokratie hob ihn, erheiterte ihn. Eine Rede gegen die Parthei der reinen Konſtitutionellen, gegen die Fractionen Juſtus und Aehnliche verurſachte ihm Appetit für den Mittag, denn er gab Diners, bei denen er kaum mehr als einige Löffel Suppe aß. kuhe um leiſeſten Muskeln Wie todt d ſtaunte ülle ein Durch hlaf ge⸗ och mehr Beweis, m nicht ente vel⸗ Bundes⸗ el wirkte. de gegen ne Rede 249 Aber Das, was an ſeiner Leber nagte, war die Ueberzeugung von der tiefen innern Verdorbenheit des Staates, den er vertheidigte, und ſeiner Organe ſelbſt. Der Ehrgeiz der Beamten, die heimlich den Boden unter ihm durchwühlten, konnte ihm Anfälle von Ra⸗ ſerei machen. Er ſah da Menſchen, die in ſtillen Zeiten emporgekommen waren, nie ein Prinzip hat⸗ ten als das der Beförderung, auch nie um ein an⸗ deres gefragt wurden, da die alte Zeit alle Be⸗ rufung an die Gewiſſen der Menſchen ausſchloß, Menſchen, die nun auf bedeutenden Poſten ſtehend ſich bei dem großen Kampfe, den er auszufechten hatte, wie müßige Zuſchauer gebehrdeten. Man beneidete ihm hier ſeine Stellung, die rein eine Folge des parla⸗ mentariſchen Lebens war. Ohne für das Beamtenthum gebildet geweſen zu ſein, war er Staatsmann gewor⸗ den. Seine Jugend, ſein Mangel an Bekanntſchaft mit dem gewöhnlichen Geſchäftsgange der Reſſorts, die er durch Miniſterialvorſtände verwalten ließ, wäh⸗ rend er ſich die Prinzipien vorbehielt, nach denen die einzelnen Fälle entſchieden wurden, ſein Terrorismus, der in der That von Monat zu Monat zugenommen hatte und in eine brüske Reizbarkeit ausartete, alles Das hatte angefangen, ihm ſeine Stellung ſehr ſchwie⸗ rig zu machen. Er nannte die neutrale Gleichgültigkeit —— hochgeſtellter Beamten Buhlerei mit der Revolution. Er ſprach von der mephiſtopheliſchen Bosheit der ge⸗ weſenen Miniſter, die Gott und dem Genius des Vaterlandes hätten danken ſollen, daß er das ihnen mislungene Werk vollführte, die Hydra der Revolution bändigte, und die ſtatt deſſen in den Kammern und der Geſellſchaft eine gravitätiſche Ruhe affektirten, jeden ſeiner Anträge erſt prüften, in den Commiſſionen die gründlichſten Ausweiſe verlangten und ihn ſo hin⸗ ſtellten, als wenn er zwar die Ausübung der Macht, ſie aber die Macht ſelber wären. In der That hatte ſich bei Hofe und in der Adelskoterie auch ſchon die Meinung feſtgeſtellt, daß dieſe ganze Politik des Für⸗ ſten Egon von Hohenberg nur von der Gnade der großen durch die Umſtände zum Feiern gezwungenen Köpfe lebe, die ſich wie Pairs des Reiches im alten cataloniſchen Sinne gebehrdeten. Die Art Stände⸗ vertretung, die Egon ſelbſt früher bezweckt hatte, war eine Idee geweſen, die man, als er ſie den nächſten Rathgebern des Königs vorſchlug, erſt bewunderte. Als aber die Emeuten beſiegt waren, als man einige Beiſpiele von Kraft auf der Straße und in den Veſtungen gegeben hatte, als ſich tonangebende ſelbſt hochgeſtellte Demokraten nicht mehr aufrecht erhalten konnten, ſondern im Auslande lebten oder ſich durch ————Q—— 251 tevolultion einen Bund nur ſtärken konnten, der in dieſem Augen⸗ eit der ge blicke die einzige Beunruhigung der Geſellſchaft war, da enius des drang auch Egon mit ſeiner Th eorie der Arbeit nicht mehr durch und war ſchwach genug, verwöhnt genug ſchon durch die Macht, gereizt genug ſchon durch den Zorn, ſeine übrigen Werke den Nachfolgern überlaſſen zu ſollen, daß er ſich anbequemte und Gedanken annahm, die eben auch in der konſervativen Sphäre die üblichen n ſo hin⸗ Allerweltsgedanken waren. Die Freunde, Dankmar er Macht, an der Spitze, der nun in ſeine Hand Gegebene, hatten That hatte ihm dieſe Wendung vorausgeſagt. Er konnte ſie nicht ſchon die vermeiden, haßte darum aber auch nicht wenig die des Für⸗ Urheber dieſes Zerwürfniſſes mit ſich ſelbſt und dieſe nade der Urheber ſaßen dicht in der Nähe des Monarchen, wungenen buhlten um ſeine Gunſt, waren die tägliche Genoſſen— in alten ſchaft der auch ihm unzerſtörbaren kleinen Cirkel. Der Hof genoß die Ruhe, die Egon dem Lande ſchaffte, Itte, wan in bruſterlöſenden, athembefreienden Zügen. Das war lächſten eine Seligkeit, ſo die Gefahren allmälig verſchwinden zu ſehen, wie verrollende Donner. Die großen Mächte hatten ſich wieder gefunden, die Höfe ſich ausgeſöhnt, in den die nationalen Reibungen wurden für falſche Deck⸗ ſt mäntel der Revolution ausgegeben. Die Monarchen wollten ſich unter ſich ſelbſt verſtehen, ſie ſchloſſen ſo— rag die Miniſter aus und erklärten, wohl zu verſtehen, Stände⸗ wunderte. an einige ende ſe erhalten ſch durch — —; 252 worauf es in Enropa ankäme, nämlich lediglich auf ihre Selbſterhaltung. Sie wollten nur Armeen, nur Soldaten, nur Kanonen, nur Orden, nur Geld. Das Uebrige, ſelbſt an den ihnen ergeben ſcheinenden und doch nicht ganz ſpezifiſch geläuterten Staatsmännern, war überflüſſig und nicht ſelten verdächtig. Ganz be⸗ ſonders war es die junge Königin, die genug mit tonangebenden Fürſtinnen dieſer Zeit korreſpondirte, um dieſe Idee energiſch zu vertreten. Es koſtete Mühe, wenigſtens dem Könige noch den General Voland und ſeinen weltträumeriſchen, ſentimental haltloſen Stand⸗ punkt zu retten. Die Königin verdächtigte Alle, ausge⸗ nommen einige Kammerherren, einige Offiziere, einige Präſidenten und Räthe, einige Profeſſoren, einige Zeitungsſchreiber. Sie erklärte, daß im Augenblick der Gefahr ſich im Grunde Niemand bewährt hätte, und als der König erwiderte: Aber General Voland würde es, wenn er nicht gerade auf Reiſen geweſen wäre! widerſprach ſie zwar nicht, bemerkte aber, der Staat käme ihr vor wie ein ſchwankendes Schiff, Alles renne auf ihm hin und her, Jeder wolle helfen und grade von dem Rennen, grade von dem Helfenwollen verlöre das Fahrzeug das Gleichgewicht und ſchlüge über; es ſolle daher nur Jeder ruhig auf ſeinem Platze ſitzen bleiben, dann würden Alle gerettet werden. W glich auf So konnte ſie auch an Fürſt Egon zwei Dinge durch⸗ nen, nur aus nicht ertragen. Einmalv ſeine mangelnde„Sitt⸗ d. Das lichkeit“ und zweitens die geringe patriotiſche Schwär⸗ den und merei. Grade das Tiefſittliche in Egon, grade das gegen den Hang der Natur in ihm fortwährend Re⸗ nännern, Ganz be⸗ bellirende verſtand ſie nicht. Sie wollte die De⸗ nug mit monſtration der allgemein herrſchenden Sittlichkeits⸗ Grundſätze. Sie wollte Kirchenbeſuch, Adelsgefühl, die Theilnahme an dem Esprit de corps jenes mora⸗ liſchprüden Weſens, wie man es einmal eingeführt und feſtgehalten wünſchte. Egon paßte in dieſe Kategorieen nicht. Er beſuchte die Kirche nicht, dirte, um e Mühe, land und Stand⸗ nnnt er that nichts für die innere Miſſion, er heirathete eing ein ſchönes, den verſchiedenartigſten Urtheilen ausge⸗ genblick ſetztes Mädchen. Er führte dieſe Frau zwar nirgends t hätte ein, muthete Niemanden zu, ihr zu huldigen, ließ ſie Aord nur da gelten, wo man ſich ihr zu nähern ſich ſelbſt gedrungen fühlte; aber auch in dieſem Stolz lag etwas gede Verletzendes für die hochgeſtellten Menſchen, die un— ber, de bedingt einmal nicht wollen, daß ſie in irgend einem fj Alls Vorfall der Welt umgangen, in irgend Etwas unbe⸗ fen und rückſichtigt, vermieden bleiben. Dieſer Stolz des Fürſten nwolln wurde vollends beleidigend für die Sphäre des Hofes, ́ſſchlige wenn Egon von Hohenberg gar ſo that, als wäre n Plaze der Staat ein Erſtes und die Monarchie doch erſt ein Zweites und nun gar dies Königshaus wohl ſelbſt erſt ein Drittes. Die reaktionäre Wildheit und Blind⸗ heit hatte grade umgekehrt nicht nur die Monarchie, ſondern grade dieſe Monarchie, dies Herrſcherhaus grade mit ſeinen Erinnerungen, ſeinem hiſtoriſchen Gepränge, ſeinen Wappen und ſeinen Bannerfarben für das Erſte im Staate und den Staat ſelbſt erſt als das Zweite erklärt und in einer ſolchen Ideenwelt ſtand Egon trotz ſeiner Demokratenverfolgung, trotz ſeiner rückſichtsloſen Bekämpfung der ihm anarchiſch ſcheinenden Geſellſchaftselemente, gradezu wie ein Fremdling da. Und ſonderbar, Pauline von Harder hatte Recht, als ſie ihm einmal, da er bei irgend einem Anlaß von ſeinem wahren Vater Heinrich Ro⸗ dewald geſprochen hatte, erwiderte: Im Gegentheil, Egon! Sie beſitzen ja einen Adelſtolz, wie ich ihn bei keinem Marſchalk, keinem Harder angetroffen habe! Sie ſind ja das ganze Bild jenes unabhängigen Adels⸗ geiſtes, den die Fürſten im Grunde ſo ſehr fürchten, wenn er nicht zu Hofe hält und von der Sonne ihrer Huld ſich beſcheinen läßt! Wiſſen Sie denn, daß Amanda von Bury ſtolz war und ihren Adel höher hielt als den der Hohenbergs, bis in der That die Fürſtenkrone ſie ganz verwirrte? Ihr tiefes Körper⸗ leiden, ihre geringen geſellſchaftlichen Erfolge unter⸗ wohl ſelbſt und Blind Monarchie rſcherhaus ziſtoriſchen anerfarben ſelbſt erſt Ideenwelt ſuung, kroh anarchiſch wie ein on Harder ei irgend nrich Ro⸗ gegentheil ch ihn bei fen habe igen Adels⸗ ar fürchten onne ihtel denn, daß Adel höher rThat d e6 Kötpel untel olge gruben ſie. Voll Schmerz und Zorn floh ſie auf die ländliche Zurückgezogenheit ihrer Güter und ich kann mir's denken, daß trotz aller Selbſtkaſteiung, trotz alles Beichtbedürfniſſes ſie eine eigenthümliche Befriedigung darin gefunden hat, Ihnen zu ſagen, daß Sie ihr Sohn, nicht der des gefürſteten Grafen Waldemar von Hohenberg ſind!... Egon lehnte dieſe Vermuthung, lehnte ſeinen Adelsſtolz ab und nannte ſich nur einen Staatsphiloſophen, der an ſeiner eignen Geſchichte er— kenne, was eigentlich den modernen Staat wurme und an ihm zehre; es wäre dies das tiefe Gefühl ſeines eignen innerlichſten Irrthums! Am Hofe mußte er bei ſolchen offnen und verſchwiegenen Auffaſſungen längſt für einen Grillenfänger gelten, den man nur noch zu ſchonen hatte. Man ſchonte ihn, weil man noch keinen Nachfolger hatte und erſt allmälig die Menſchen, die beſonders die Königin ihm aus den Reihen der frömmelnden und ſervilen Beamten oder der bramarbaſirenden Junker gern ſubſtituirt hätte, von ihren niedrigen Stellungen in der Beamten⸗ Hierarchie emporſteigen laſſen mußte. Egon er⸗ kannte dieſe Politik ſehr wohl und unterſchrieb die Beförderungspatente von Legationsſekretären, Subal⸗ tern⸗Offizieren, bisherigen Landräthen, reaktionären Zeitungsredakteuren einſt mit einem Worte, das man am Hofe ſehr abſcheulich fand: Jeder Menſch ernährt mit ſeinem beſten Lebensblut die Würmer, die ihn tödten, die aber dafür auch zuletzt den hohen Genuß haben, an ſeinem Leichnam ſich ſelber todt ſpeiſen zu dürfen. Mit düſtrer Verbitterung ſich in alles Das ergebend, was ſich in ſeinen Verhältniſſen zu den früheren Freun— den nun einmal ſo und nicht anders geſtaltet hatte, ging der Fürſt gegen zwölf Uhr endlich zur Ruhe. Hatte ihn gleichſam die eigne Schuld Dankmar's an deſſen Looſe beruhigt, hatten ihn wieder die Papiere verſöhnt, die er über Ackermann's Verwaltung neben ſeinem Bette liegend fand, er ſchlief beſſer als jemals und hörte am Morgen ſpät erwachend mit ruhiger Gelaſſenheit, daß der Gefangene ſchon in aller Frühe in einem Wagen zur Reſidenz abgeführt war. Er fährt einer Ueberraſchung entgegen, ſagte einer ſeiner in der Frühe mit ihm arbeitenden Räthe, er wird den Prozeß gegen uns und die Stadt vielleicht gewinnen! Der Generalpächter ſoll geſtern Abend die Nachricht mitgebracht haben, daß zwei kleine Pünktchen in den alten lateiniſchen Urkunden die Ent⸗ ſcheidung herbeigeführt hätten. Iſt Ackermann alſo da? fragte Egon, trotzdem, daß ſich Dankmar bei dieſem verborgen gehalten, von der Nachricht ſeiner Ankunft angenehm berührt. Er hoffte, ſich gegen ihn ausſprechen zu dürfen. Er hoffte, die 1 en Genu ihm ſagen zu können, daß er ſeine Nachſicht aus dt ſpeiſe Liebe zu Selma, ſeinem Kinde, verzeihlich finde. Er hoffte, Verſicherung geben zu können, daß gegen bend Dankmar nur der Verdacht vorläge, Stifter eines ge⸗. rän. heimen, den Staat bedrohenden Bundes, keiner eigent⸗ 1 ute hatte lichen Verſchwörung zu ſein... er hoffte auf eine, ur Nuhe ſeine Bruſt erleichternde Unterredung mit dieſem Land⸗ nimar's an wirth, der ihm unter ſo vielen Querköpfen, mit denen de Papier er zuſammenſtieß, ſeit lange die gediegenſte und tüch⸗ ndt nebuj tigſte Natur erſchien... ſe jencl Er hatte die Abſicht, im Laufe des Tages das uhig Schloß zu verlaſſen und in die Reſidenz zurückzukehren, 1 r Frül wo ſeine Gegenwart bei der wühleriſchen Unruhe der le Königin und ihrer Partei nothwendig ſchien... unn Eine Anfrage an die Fürſtin, ob ſie geneigt wäre, „ſagle bi für heute ſchon die gemeinſchaftliche Rückreiſe zu ge⸗ Nic, V ſtatten, brachte die Antwort: Mit Freuden! adt vicle b Egon fühlte, daß Melanie unter Dankmar's Schick⸗ ſtern e ſal litt. Er wußte nicht, daß ſie ihn geliebt hatte, er 4 Per lin wußte nicht, wie ſie ihm jenes Bild der Mutter erobern 4 en di Gn half, aber er wußte, daß er ihr werth war und zu ſeiner Philoſophie gehörte es, einem Weibe, das man 4 noßder liebt, nicht die Vergangenheit vorzuhalten. Er hatte 1 Die Ritter vom Geiſte. IX. 17 17 258 Das auch bei Helenen nie gethan und bei Melanie dafür neue Beweiſe gegeben. Um neun Uhr wollte er die Fürſtin ſprechen... es hieß, ſie hülfe räumen, einpacken... Um zehn fragte er ungeduldig, wann denn endlich Ackermann käme... Um halb eilf kam Herr von Zeiſel und berichtete über Dankmar Wildungen und ſeine ruhige Ergebung in das ihm widerfahrene Geſchick. Ueberraſchend war die Mittheilung, daß der Generalpächter ſchon geſtern Abend, als er Herrn von Zeiſel mit dringender Theil⸗ nahme wegen des Gefangenen im Amthauſe befragte, die ſonderbare Enthüllung über ſeine Perſon gegeben hätte, daß er bisher von Verhältniſſen gedrungen ge⸗ weſen wäre, einen andern Namen zu führen, als der ihm eigentlich gebühre. Er bäte davon Act zu neh⸗ men. In der Reſidenz hätt' er ſich aus Urſachen ſeinen Verwandten erſt jetzt entdecken können und bäte ihn nun... zu nennen... aber wie? Egon fand es ſehr in Herrn von Zeiſel's Art, daß er den zu ſeinem neuen Befremden erſt jetzt angege⸗ benen wahren Namen des Generalpächters nicht be⸗ halten hatte. In demſelben Augenblicke aber wurde von dem Bedienten der Generalpächter Rodewald genannt, als 259 bei Melanie derjenige, den Se. Durchlaucht jetzt in der That ſpre— chen könnten, er ſtünde im Vorzimmer... ſprechen. Wer? fragte der Fürſt und glaubte nicht recht ge⸗ hört zu haben... denn endlich Richtig! Rodewald! ſagte Herr von Zeiſel und gab nun mehrmals den Namen an, der ihm entfallen war. und berichtete Rodewald! Der Generalpächter erzählte mir in der ige Ergebung Theilnahme für das Geſchick ſeines vermeintlichen rraſchend war Schreibers, den er duldete, weil er ſeine Tochter liebte, ſchon geſtern daß er vor dreißig Jahren auswanderte, der Sitten und Beziehungen der Heimath unkundig, nicht ahnend, daß er die Verantwortlichkeit einer Schuld auf ſich lade, die auch vielleicht geringer wäre, als ſie die Ge⸗ ſetze darſtellten... Welcher Name? ſagte der Fürſt faſt ſchon tonlos... Rodewald! wiederholte der Juſtizdirektor. Ich werde die Verdienſte und das Genie dieſes Mannes nie in Abrede ſtellen. Er hat ſich eine Aufgabe geſtellt, die über meine Kräfte gegangen wäre. Es iſt ein Ka⸗ meraliſt in der beſten Bedeutung des Wortes. Nach ſeinen Mittheilungen glaub' ich zu ſchließen, daß dieſe Uebernahme der Güter Ew. Durchlaucht ihm rein eine Sache der Liebhaberei und dabei ein heiliger, ja edler Ernſt iſt und ich möchte bitten, meinem guten Nach⸗ b bar das Verſehen... enannt, alo 'n.. 17* 5. gender Thei⸗ uſe befragte, ſon gegeben drungen ge⸗ ren, als der „ Act zu neh⸗ us Urſachen nen und bäte * ls Att, daß jett angege⸗ s vicht bef dem. 4 e vonl „ 260 Aber Herr von Zeiſel mußte eine eigenthümliche Wirkung ſeiner freundlichen Rede bemerken. Er ſah, daß der junge Fürſt ſchwankte, ſich zum Herzen griff, nach ſeinem Stuhle langte... Um's Himmelswillen, was iſt Ihnen, Durchlaucht? rief der gutmüthige Mann und wollte klingeln. Der Bediente entfernte ſich raſch, wollte Waſſer holen, rief ohne Zweifel dem wahrſcheinlich noch meh⸗ rere Zimmer entfernten Rodewald zu, er möchte ſpäter kommen... Der Sekretair des Fürſten begegnete aber dem Be⸗ dienten ſchon und hatte eine Karte in der Hand, die er dem Fürſten von dem Harrenden noch übergeben ſollte... Egon erholte ſich etwas und vernahm, was ihm unter Fragen nach ſeinem Befinden gemeldet wurde... Der Generalpächter hätte dieſe Karte abgegeben, die den vollſtändigen Namen enthalte, den er ſeit acht Tagen führe... er bäte Se. Durchlaucht um Ver⸗ zeihung über ſein langes Ausbleiben.. Familienver⸗ hältniſſe hätten ſeine Rückkehr verzögert... Indem las Herr von Zeiſel die Worte: Heinrich Rodewald, Generalpächter der Beſitzungen Sr. Durchlaucht des Fürſten von Hohenberg. Egon griff nach der Karte, überflog ſie... man nthümliche Er ſah erzen grif, chlaucht? te Waſſer noch meh⸗ chte ſpäter dem Be⸗ Hand, die ibergeben ihm unter bgegeben, ſeit acht um Vei⸗ nilienver⸗ 261 „Er ſchien ſich aber erholt zu haben. brachte Waſſer.. ig. Der Juſtizdirektor Die Hülfe war nicht mehr nöth glaubte ſagen zu dürfen: Es nimmt allerdings gegen eine Perſönlichkeit ein, wenn ſie gleich Anfangs nicht offen und wahr uns entgegen tritt und dennoch glaub' ich, dieſes kleine aus Familienrückſichten beobachtete Stratagem des Herrn Heinrich Rodewald doch der Nachſicht Ew. Durch⸗ laucht anempfehlen zu müſſen... Dieſe Vermittelung des wohlwollenden Diplomaten war aber nicht nöthig. Egon hatte ſchon entſchieden. Ein furchtbarer Verdacht, nicht mehr Herr ſeiner ſelbſt, außer Paulinen von Harder, nicht einziger Beſitzer ſeines Geheimniſſes zu ſein, hatte ihn wie ein Blitz ergriffen. Das erſte Gefühl bei dem Namen Rodewald war das des Entſetzens, der Furcht, der Liebe, der Rührung. Als er aber wieder hörte: Heinrich Rodewald, als er Dankmar Wildungen mit Dem, der ohne Zweifel Der war, der ihm das Leben gegeben hatte, in Verbindung ſich dachte, ergriff ihn die entſetzliche, ihn nicht zu Boden ſchmetternde, ſondern zum Zorn, ja zur Wuth aufſtachelnde Vorſtellung von einem geheimen ihn umſpinnenden Netze einer böſen verrätheriſchen Ab⸗ ſicht... und nun gar das Wort: Generalpächter der Beſitzungen Seiner... 262 O ſagen Sie dem Generalpächter... Der Name erſtickte auf der Zunge. Dennoch raffte er ſich auf und fuhr zu dem Sekretair fort: Sagen Sie Herrn Heinrich Rodewald, daß ich ihn jetzt nicht mehr ſprechen kann. In einer Stunde reiſ ich ab. Nach der Reſidenz würd' ich ihm den Tag melden laſſen, wo ich ihn zu ſehen wünſche, falls ihn der Ruf der Gerichte nicht früher dorthin vor die Schranken fordern ſollte. Der Sekretair ging mit dieſer den Umſtänden an⸗ gemeſſenen Antwort. Herr von Zeiſel wurde leidlich freundlich entlaſſen... Keiner Beſinnung mehr fähig, gab Egon die Be⸗ fehle zur Abreiſe. Er war wie ein zur Flucht Ge⸗ hetzter... Melanie erſtaunte... begriff den Zu⸗ ſammenhang nicht... Nur fort! fort! herrſchte der Fürſt in dem ihm eignen kalten und unerbittlichen Tone, wenn ein Gedanke ihn einmal mit dem Drang der Nothwendigkeit ergriffen hatte. Er aß nichts. Er ſtand Niemanden Rede. Jedermann glaubte, nur ein Staatsgeheimniß könnte ihn ſo erſchüttern, ſo aufregen. Man gehorchte ſeinen Befehlen. Aus einer Stunde wurden aber doch zwei, drei, vier, fünf... trotz Do⸗ rette Wandſtabler, die Wunder wirken konnte, wenn man ihr etwas aufgab, wie eine ſolche plötzliche Ab⸗ och raffte daß ich Stunde ihm den che, falls vor die nden an⸗ e leidlich Be⸗ die Be⸗ icht Ge⸗ den Zu⸗ ſchte der bittlichen n Drang hts. Er nur ein ufregen. Stunde ot Do⸗ e, wenn iche Ab⸗ 263 reiſe. Um ein Uhr fuhr man in der That erſt vom Schloſſe ab. Zuerſt wenigſtens Fürſt Egon und ſeine Gemahlin, die in die Reſidenz zurückkehrten nach einem Aufenthalte, der ſtatt drei beabſichtigter Wochen wenig über zehn Tage gedauert hatte. Alle hatten ſich dies Wiederſehen anders gedacht, ſelbſt der alte Winkler und Mutter Brigitte, die von den Zeiten des Feld⸗ marſchalls her ſich viel ſchöne Erinnerungen an Trink⸗ ſtbarkeiten erhalten hatten. gelder und allerhand Luſ Selbſt ihre Frömmigkeit hätten Beide dem neuen Regi⸗ s doch nur auch eini⸗ mente zum Opfer gebracht, wenn e alter fürſtlicher Art und Hoheit her⸗ gegangen wäre. Es war aber nicht geweſen und Allen blieb ein Erſtaunen, ein tiefſtes Befremden, ein Kopfſchütteln, ein Rathen und Klagen über gute alte, nie rückkehrende Zeit zurück. Die größte Beſtürzung ſetzte man aber im Ullagrunde voraus bei dem neuen Herrn Rodewald!... Fränzchen Heuniſch ſah auch bei ihm nur Thränen und deutete ſie auf den guten, immer ſo heitern, freundlichen, gerechten Dankmar Wildungen und ſein Schickſal. Sie war es, die darüber an Selma ſchrieb. ſtillen, Allen jetzt erſt zwiſchen ihr und dem unglück Als ſie den Brief geendet hatte, germaßen nach Sie war die einzige Vertraute dieſes ſich aufklärenden Verhältniſſes lichen Dankmar geweſen. fragte ſie den tief in 264 Gedanken verſunkenen Generalpächter, ob er nicht ſelbſt noch ein Wort beifügen wollte... Er hörte nicht... Sein Kopfſchütteln nahm ſie für eine Verneinung. Sie ſchloß ſelbſt den Brief an Selma Rodewald auf Tempelheide und trug ihn nach Pleſſen, von wo die Briefe auf das Poſtamt zu Schö⸗ nau befördert wurden. Siebentes Capitel. Der Spruch des Obertribunals. Zu einer für die Sitten der höhern Stände außeror⸗ dentlich frühen Stunde fuhr am Palais des Fürſten von Hohenberg in der Stadt ein Wagen vor, dem eine hohe, ſchlankgewachſene, ſchon ältere weibliche Er⸗ ſcheinung entſtieg. Sie fand die Dienerſchaft in vol⸗ ler Bewegung. So ſchnell hatte man die Rückkunft der Herrſchaften nicht erwartet. Um Mitternacht wa⸗ ren ſie angekommen nach einer Fahrt ohne Aufenthalt, faſt wie vom Sturmwinde dahergeführt... Es war ein regneriſcher Tag. Die Ausſteigende achtete kaum des Schirmes, den der Bediente über ſie hielt. Mit raſchen Schritten war ſie unter dem Säu⸗ lenportal, die Stiegen hinauf, an die Zimmer der Fürſtin gekommen, wo ſie trotz der frühen Stunde Einlaß fand. Die Kommende war eine Frau, der 266— das ganze Palais wie ihre eigne Wohnung offen ſtand, Pauline von Harder. Die Fürſtin, eben erſt nach der ermüdenden ſo plötzlich anberaumten Rückfahrt von Hohenberg von ihrem Lager erſtanden, ordnete in einer Anzahl von Paketen und Zuſendungen aller Art, die ſie auf dem Hohenberg nicht hatte empfangen wollen. Sie war in ihren Räumlichkeiten etwas beſchränkt. Das große Palais trug überall die Spuren des langen Allein⸗ beſitzes durch den Generalfeldmarſchall. Das hier den Frauen gebührende untere Stockwerk war vernachläſ⸗ ſigt und bedurfte eines Umbaues, zu dem dem Für⸗ ſten jetzt die Mittel und die Muße fehlten. So war ſie auch auf kaum drei Zimmer und eine Anzahl Ka⸗ binette beſchränkt, deren Ausſtattung nach den Anfor⸗ derungen des neueſten Komforts viel zu wünſchen übrig ließ. Die übergroßen, hohen, oben gerundeten Fenſter hatten etwas Peinlich-Feierliches, in das ſich Pauline von Harder am wenigſten finden konnte. Jedes Mal, wenn ſie zur Fürſtin kam, war ihr erſtes Wort eine Anklage ihrer Zimmer. Nein, dieſe Reit⸗ ſäle, nein, dieſe Kirchenfenſter, nein, dieſe Laternen⸗ Exiſtenz! Ihr müßt bauen laſſen, dieſer alte Palaſt⸗ Styl iſt zu rococo geworden, zu unbequem! Alle Zimmer wie Eßſäle in den Kaſernen, wie die Räume 4 fen ſtand, enden ſo derg von aahl von auf dem Sie war as große Alein⸗ hier den machlaͤſ⸗ im Für⸗ So war ahl Ka⸗ Anfor⸗ Fünſchen undeten das ſich konnte. r erſtes Reit⸗ ternen⸗ Palaff⸗ Ale Näume 267 — eines anatomiſchen Muſeums! Hier könnt' ich nicht leben! Wie Das hier zieht! Nein, treten Sie hier⸗ her, Melanie, wie hier die Fenſter wackeln! Halten Sie die Hand dahin! Und dieſe Parketts, dieſe Thüren, dieſe Plafonds! Hier brecht Ihr einmal förmlich durch oder die Decke fällt Euch eines ſchönen Morgens gradezu auf den Kopf! Heute machte die Geheimräthin eine Ausnahme von dieſer faſt ſtereotypen Regel. Sie überraſchte die Fürſtin auf ihrem gewöhnlichen Etabliſſement, einem an ein großes Fenſter gerückten Durcheinander von Stühlen, Halbſophas, Chaiſeslongues,„Balzacs“, die rings um einen Tiſch gerückt waren und ſo ſtanden, daß man auf ihnen ſitzend oder liegend ein volles Licht genoß. Die Fürſtin war nach ihrem häuslichen Winkelwerk in der alten Komthurei ſehnſüchtig nach dem Lichte geworden und lebte hier wie eine Blume dem hellen Tage zugewandt. Und die Geheimräthin tadelte beim Eintreten gewöhnlich auch dieſe Niederlaſ⸗ ſung. Immer trat ſie mit dem zweiten Theile ihrer Predigten ein: Aber, Beſte! Sie ſitzen ſchon wieder auf der Straße! Ich ſehe Sie ſchon wieder zum Fenſter hinausfallen! Sie haben nun das Einzige, was dieſe alte Kommode von Palais noch brauchbar macht, die dunkeln Winkel und dennoch— rücken Sie doch die 268 Etagere da fort und ſtellen Sie das Kanape dahin — Himmel, wie könnt' ich ſo aushalten! Ich würde die Chaiſe longue umwenden, ſo fällt das Licht beſ⸗ ſer, hier die Tabourets, da der Spiegel! Die Konſo⸗ len müſſen drüben hin an den Blumentiſch, mit dem würd' ich die Chaiſe longue maskiren und den Bal⸗ zac, den würd' ich dorthin ſchieben, wo der Fürſt das Licht auf ſich fallen hat! Welche Frau läßt denn immer das Licht auf ſich fallen und die Männer im Dunkeln ſitzen! Grade umgekehrt! Aber auch dieſe zweiten ſtereotypen Eintrittsworte der Geheimräthin fielen heute fort. Sie hatte nie ein Beſſerwiſſen bei ihnen im Sinne, ſondern nur ein Beſſerwollen, wirkliche Abſicht ſich nützlich zu erweiſen. Der Fürſt war ja faſt ihr Sohn geworden und die Fürſtin noch mehr, ihr Bijou. Sie hatte dieſe zwei Menſchen von der ganzen übrigen Welt wie losgelöſt und gleichſam für ſich adoptirt. Geſellſchaftlich exi⸗ ſtirten ſie nur für ſie und Diejenigen, denen ſie ge— ſtattete, ſich ihnen zu nähern. Und regelmäßig auch, wenn Pauline die Bauart des Palais und die Anordnung des Komforts getadelt hatte, bewun⸗ derte ſie die Toilette der Fürſtin und ihre Schön⸗ heit. Das ſtand ſo feſt. Erſt der Ausfall auf dieſe Treppen, dieſe Fenſter, dann ſogleich eine Polemik es longues und die Balzacs, aber zur aben freilich das Hell— Sie ſind ein pe dahin gegen die Chaiſ Ausſöhnung dann auch: Sie h ſcch würde iicht beſ⸗ dunkel der petits coins nicht nöthig! Konſo⸗ Edelſtein, der immer à plein jour geſehen werden mit dem muß! Und dieſe allerliebſte gelbe Kapotte, wie lange en Bal⸗ tragen Sie die? O wie lieb hab' ich die natürliche Seide! Sie erinnert mich immer an die zarten Co⸗ cons von Italien... charmant, dieſe Morgenrobe! Wie allerliebſt das Gewebe dieſer Brandenbourgs! fürſt das ßt denn inner im O wie bewundr' ich Ihren Geſchmack, Sie ſind ſchon ttsworte die Tonangeberin der Geſellſchaft geworden und Alles uſeein richtet ſich nach Ihnen! nur ein Heute wurde aber auch dieſe Anerkennung der weiſen. Schönheit, des Geſchmackes und der Morgentoilette Ind die nicht ausgeſprochen, obgleich grade dieſe neu war und ſe zwei für den Herbſt hier ſchon die Fürſtin erwartete. usgalſt Es war nur das Einzige: Warum ſind Sie ſchon ich er⸗ da? Was treibt Sie zurück? Wo iſt der Fürſt? Ich ſe ge muß ihn ſprechen. Verrieth er Nichts? Sagt' er Nichts? Hat man Nichts entdeckt? Was wiſſen lmäßfig— 3 und Sie? Was weiß Egon? Reden Sie doch! Ich be— benun⸗ 2 ſchwöre Sie! Slhuu⸗ Die Fürſtin ſchwieg jetzt vollends erſt, ſie war be⸗ f riſe troffen genug über die plötzliche Abreiſe von Hohen⸗ berg. So wie ſie einſt eine ganze Geſellſchaft von polemik 4 - h l 3 ¹ ¹ r 1 270 jenem Schloſſe mit dem Machtworte: Wir reiſen! ent⸗ führt hatte, ſo war ſie jetzt ſelbſt entführt worden und unmöglich konnte es wie damals Dankmar Wildungen ſein, der wenn auch unter traurig veränderten Um⸗ ſtänden die Veranlaſſung dieſer Eile war. Einfach berichtete ſie: Wir ſind Kurier gefahren. Von ein Uhr geſtern Mit⸗ tags bis dieſe Mitternacht, ohne Aufenthalt. Egon ſchien bewegt, gereizt, ja voll Zorn. Sie wiſſen, daß ich in ſolchen Fällen meine alten Arien trällere und durch meine ſchlechte Stimme ſein zum Tadeln geneigtes Gemüth auf einen Gegenſtand ablenke, den ich von Herzen gern dem Spott und einem Ausrufe: Ver⸗ ſchone meine Ohren! preisgebe. Pauline von Harder kannte dieſen eigenthümlichen Pflichtenkultus, der den Frauen geſtellt iſt, ſich in ein fremdes Männerweſen, das zufällig mit uns verhei⸗ rathet wird, ohne Sympathie des Herzens hinüberleben zu müſſen. Sie nannte dieſe Aufgabe eine von den mehreren Märtyrerſchaften der Frauen. Sie wußte, daß Melanie den Fürſten nicht mit der Innigkeit des ſeligſten Einverſtändniſſes liebte, ſondern daß ſie in Furcht und Zagen, dabei dieſe Furcht verbergend und hinter guter Laune verſteckend, ſo hintaſtend in dem fremden, ſeltſamen Manne ſich feſtzuwurzeln ſuchen iſen! ent⸗ orden und gildungen rten Um⸗ Einfach eern Mit⸗ t. Cgon daß ich nd durch geneigtes ich von . Ver⸗ imlichen h in ein verhei⸗ berleben von den wußle, feit des ſie in nd und in dem ſuchen —————— — 271 mußte. Es iſt Das unſer Aller Loos, ſagte ſie ſonſt wol ſchon, wir müſſen Alle dieſen Schauder überwin⸗ den, ein durch Zufall an uns gekommenes Weſen unſer zu nennen und nun zu forſchen, wie ſich wol dieſer dunkeln Perſönlichkelt menſchlich beikommen läßt, bis dann gewöhnlich uns die eingefleiſchten Teufel an⸗ grinſen, lügneriſche, gemeine Naturen erkenntlich werden, Betrüger, oft falſche Spieler, ja Räuber... kurz, Pau⸗ line von Harder, wenn ihr die Ludmer damals nicht zugeblinkt und gleichſam gerufen hätte: Aber Pauline! würde zur Beſtätigung dieſer einen von den mehreren Märtyrerſchaften der Frauen vielleicht gar die Geſchichte des Barons Grimm erzählt haben. Sie bewunderte immer an Melanie dieſe große Kunſt, mit der ſie ſich in ein ihr fremdes und innerlichſt antipathiſches Le⸗ ben eindachte und Egon ſelbſt einmal zu der etwas dunkeln Bemerkung veranlaßte: Ich fühle Das ſo, liebe Pauline, daß ich glaube, Melanie mit mehr be— lohnen zu müſſen als nur mit meinem Fürſtentitel! Heute aber verließ die Geheimräthin ſogleich das Feld der Reflerionen und wollte Thatſachen. Sie ſprach von der ſchon in aller Frühe durch Par und die Ludmer ihr bekannt gewordenen Verhaftung jenes Dankmar Wildungen, deſſen frühere Beziehung zu Egon, beſonders aber zu Melanie und die dem Für⸗ ——— O 22 ſten unbekannt gebliebene Theilnahme deſſelben an der dunkelſten Geſchichte der Eroberung des Bildes ſeiner Mutter ihr geläufig genug war. Es gab ein Geheim⸗ niß über Egon, das die Geheimräthin Melanie ver⸗ ſchwieg, den Inhalt jenes Teſtamentes der Mutter, und es gab wieder ein Geheimniß von Melanie, das die Geheimräthin Egon verſchwieg, die Art, wie Dankmar Wildungen zu dem Bilde, das jene Denk⸗ würdigkeiten enthielt, gekommen war. Die Diskretion über ſo gewaltige Lebensfragen gehörte bei dieſer in vielen Dingen einzigen Frau zu ihrer Natur. Sie machte nicht einmal Anſpruch, daß ihr dieſe Diskretion als eine Tugend angerechnet wurde, Pauline wollte ſogleich von Dankmar reden, aber wichtiger war ihr doch, ein furchtbares Wort von der Zunge zu löſen: Sprach der Fürſt ſeinen Generalpächter? Nein, erwiderte Melanie. Geſchäfte hielten dieſen fern und als er zurückkam, hatte der Fürſt ſchon den Plan zur ſchnellen Rückreiſe gefaßt. Sagte er nichts von ihm? Nannte er ihn nie? Wen? Sie ſind ſo ruhig, Melanie! Nannte er nie— Was iſt nur? Der Fürſt ſprach ihn nicht? Saßh ihn nicht? wo en an der ꝛdes ſeiner n Geheim⸗ lanie ver⸗ r Mutte, Diskretion dieſer in atur. Sh lreu dieſen V ſchon den ihn nie? et nie— nicht? 273 Dankmar Wildungen? O Sie Gute! Woran denken Sie? Ich glaube wol, daß Sie nur an ihn denken... Sie ſprechen von jenem Ackermann— doch nein, er heißt... Sie wiſſen?... Egon weiß? Mein Gott, was ſind Sie aufgeregt! Sagen Sie mir, Beſte... was red' ich denn? O, ich kann nicht da ſitzen, ich kann nicht da ſtehen... ich habe den Fürſten zu ſprechen... Die Fürſtin begriff die Aufregung der Geheim⸗ räthin nicht, die im Zimmer auf und ab ſchritt und zuletzt abbrach, um ſich zu den Zimmern des Fürſten zu wenden, die ihr offen ſtanden zu jeder Zeit. 4 Schon hatte ſie den Drücker in der Hand, als ein Bedienter mit Papieren eintrat, Rechnungen, Büchern... Durchlaucht zu ſprechen? Melden Sie mich ihm! ſagte Pauline. Excellenz, Bankier Reichmeyer ſind drüben... Reichmeyer? So wie er geht, ſagen Sie, ich bäte um einen Augenblick. Der Diener ging. Pauline ſank auf einen Seſſel. Melanie fragte nach der Urſache ihrer Aufregung. Nichts, Beſte! Nichts! Aber Sie ſagten, der Die Ritter vom Geiſte. IX 18 274 Fürſt weiß, daß der unter dem Namen Ackermann bei ihm in Dienſte getretene Oekonom ſeines wahren Na⸗ mens Rodewald heißt! Rodewald! antwortete Melanie, die den Namen nicht hatte behalten können. Der Fürſt ſchien unge⸗ halten über ihn, ſprach oft vor ſich hin jenen Namen, zog eine Viſitenkarte, die den Namen, richtig, Heinrich Rodewald, enthielt... Heinrich Rodewald! Aber was haben Sie nur mit dieſem Namen? Er ſprach ihn nicht? Der Fürſt den Verwalter? Nein! Er vermied ihn? Er ſchien erzürnt auf ihn. Das Auftreten mit einem falſchen Namen ſchien ihm zu misfallen. Seine lange Abweſenheit, während wir in Hohenberg waren, ohnehin. Und wenn ich recht verſtanden habe— Was? So empörte es ihn, daß Wildungen, ein Ver⸗ folgter, ein Kompromittirter ſich auf ſeinen eignen Gütern hatte aufhalten, bei ſeinen eignen Beamten hatte Schutz finden können... Wildungen iſt ja der Neffe jenes Rodewald... In der That? Das entſchuldigt den Generalpäch⸗ ter. Der Neffe! Man ſollte nicht zu ſtreng ſein in ermann bei aahren Na⸗ en Namen jen unge⸗ n Namen, „Heintich Namen? treten mit en. Seine erg waren, gabe— 1 Beamten wald. enerabä⸗ ng ſe in in ſa 275 der Art, wie man jetzt die Verläugnung der natür⸗ lichſten Gefühle verlangt. Und Sie wiſſen doch, daß Wildungen die Tochter dieſes Rodewald liebt... alſo ſeine Couſine! Meine Nichte! Ihre Nichte? Selma! Selma Ihre Nichte? 4 Ha! Was ſag' ich! Ich vergeſſe, daß ich in der Sphäre der Großmütter lebe. Die galante Sprache hat für die Großtanten keinen Namen, der mit dem Begriff Enkel korreſpondirt. Selma Nodewald iſt die Tochter meiner Nichte, die Enkelin Annen's. Sie iſt draußen in Tempelheide...„ Weiter kam Pauline nicht in Aufklärungen, die die Fürſtin überraſchen mußten. Der Diener war zurück⸗ gekehrt. Bankier Reichmeyer konnte nicht hindern, daß Pauline ſogleich zum Fürſten eintrat. Hatte doch, wie man zugleich erfuhr, eben angeſpannt werden ſollen, damit der Fürſt grade zur Geheimräthin fuhr! Sie verſchwand. Die Fürſtin war allein und blickte bewegt der Eilenden nach. Sie kannte keinen Zuſam⸗ menhang, ſuchte ihn auch nicht, forſchte auch nicht. Sie begnügte ſich, einen ſchönen vollen Blumenſtrauß, 18* 276 den ihr eben Dorette Wandſtabler hereintrug, in zwei Hälften zu theilen und die größere ſauber mit einem Bändchen zu umwickeln, ſie in einen feinen Briefbo⸗ gen zu hüllen und in die Komthurei als Morgen⸗ gruß an ihre Eltern zu ſchicken. Den Reſt betrachtete ſie voll Nachdenken. Sie mußte ſich Selma's Rode— wald erinnern, die ſie ein einziges Mal flüchtig als Knaben geſehen hatte. Sie mußte der Freude geden⸗ ken, die dies Mädchen empfand, als ſie bisher im Ulla⸗ grund Dankmar vor Gefahren ſchützen konnte, des Schreckens jetzt, wenn ſie in Tempelheide das Schickſal des Geliebten erfuhr. Sie mußte ſich ſagen: Ich bin eiferſüchtig auf ihr Glück und ihr Unglück. Egon aber kam Paulinen ſchon auf halbem Wege entgegen. Sie brauchten ſich nichts zu ſagen. Beim erſten Blick wußten ſie, was ſie in dieſer Stunde zu⸗ ſammenführte. Sie zogen ſich, Reichmeyer war ge⸗ gangen, in das entlegenſte Kabinet zurück. Dort er⸗ zählte Pauline, wie ſie erſt vor wenig Tagen von den Vorfällen auf Tempelheide wäre unterrichtet worden, wie ſie erſt von Gerüchten die Ankunft einer Enkelin ihrer Schweſter, dann durch die Nachforſchungen der Ludmer den genaueſten Zuſammenhang in Erfahrung gebracht hätte. Jener Ackermann, der des Prinzen Güter mit unbeſtreitbarem Glücke zu bewirthſchaften ug, in zwei mit einem en Briefbo⸗ s Norgen⸗ betrachtete na's Rode⸗ chtig als eude geden⸗ er im Ulla⸗ onnte, des 5 Schickſal -: Ich bin done bem Wege Beim rwar ge⸗ Dolt el⸗ en von den et worden, er Enkelin ungen del Erfahrung 5 Prinzen dhſchaften 277 begonnen hätte, wäre Rodewald! Ihr wär' es ge⸗ weſen, als öffneten ſich die Gräber! Aber, fuhr ſie fort, Rodewald ein Oekonom, ein Schaafzüchter, ein Wollhändler, ich mocht' es nicht glauben. Dennoch iſt es ſo. Ich bin gefaßt, Egon. Aber Sie? Ein Blick auf Egon zeigte ihr deſſen tiefſte Er⸗ ſchütterung. Er hatte die Hand auf die Sophalehne geſtemmt und ſtützte das bekümmerte Haupt. Pauline fuhr fort haſtig zu erzählen, von Selma, von dem Glück der Schweſter, von dem Antheil, den alle Cirkel an dem Vorfall nähmen. Egon erwiderte immer noch nichts. Er kannte alle Perſönlichkeiten, die Pauline erwähnte, ſetzte ſich aus ihren Verwickelungen ihre Verhältniſſe und gegenwär⸗ tigen Situationen zuſammen und ließ Pauline reden, die ſich neben ihn auf das Kanape ſetzte und ge⸗ ſpannt lauſchte, welche Entſchließungen ſich auf ſeinem Antlitz kenntlich machen würden. Man erzählt ſich, fuhr ſie fort, wie die Mädchen Selma und Olga ſich und ihre nahverwandte Neigung zu den beiden Wildungen erkannten. Im Tannenpark auf Tempelheide hängen Aeolsharfen. Eine überraſchte die Andre öfters unter den melodiſchen Klanggrüßen aus unbekannten Luftreichen. So wußten ſie bald, daß in ihren jungen Herzen gleiche Flammen ſchlugen, gleiche Sehnſucht ſie in's Weite und Unendliche zog. Nun tauſchten ſie ihre Ideale aus und nannten ſie nicht. Im Scherze aber beſchrieben ſie ſie und da Olga eine Malerin iſt und Selma von allen Talenten ihres Va⸗ ters auch das einer raſchen Handhabung des Crayons ſich aneignete— auf Reiſen welche unſchätzbare An⸗ nehmlichkeit!— ſo ſagte Eine zur Andern: Zeichne mir Den, den du liebſt! Und Beide begannen Den zu zeichnen, den ſie lieben! Welch' ein Schrecken nun, als ſie ihre Blätter ſich zeigten und eine das Bild des Freundes der Andern getroffen hatte! Die erſte Angſt und Ueberraſchung löſte ſich in Jubel auf, die Neuverbun⸗ denen liefen zu Anna, machten ſie zur Vertrauten ihrer Neigung zu zwei ſich ähnlichen Brüdern und die böſe Welt ziſchelte ſchon geſtern, daß es nun kein Wunder wäre, wenn die juriſtiſche Logik des alten Präſidenten eine Entſcheidung des Prozeſſes befördert hätte, die einer Komteſſe, wie Olga, ſtatt des Narren Dyſtra die Hand eines plötzlich wie in Tauſend und einer Nacht bereicherten Künſtlers böte. Kurz, alle dieſe Menſchen, ſchloß ſie, kennen ſich, alle treten ſie in Wechſelwirkungen und ziehen um uns Beide geheim⸗ nißvolle Kreiſe zu Zwecken, die wenigſtens bei Rode⸗ wald noch ganz im Dunkeln liegen. Dieſe mit der Andeutung einer bedenklichen Gefahr zog. Nun n ſie nicht. Olga eine ihres Va⸗ 3 Crayons zbare An⸗ n Zäichne annen Den recken nun, 1 Bild des eAngſt und keuverbun⸗ uten ihrer d die böſe n Wundel gräſtdenten hätte, die ren Dyſtra und einer alle dieſ ten ſie i de gehein⸗ bei Rode hen Gefah betonten Worte ſchnellten den Fürſten, der nur halb zugehört hatte, empor. Nein! rief er; ich ſollte dies elende Leben führen und vor der Enthüllung eines illegitimen Urſprungs zittern? Tollkühne, verbrecheriſch-leichtſinnige Men⸗ ſchen, die mir das Leben gaben, ſollten mich im Wir⸗ bel kreiſeln, willkürlich wie Spreu im Winde jagen und hetzen können? Dies Ich, dies feſtgewurzelte Ich, ſollte unterwühlt werden dürfen von Menſchen, die mich wie einen ihrer Gnade Ueberlieferten über dem Waſſer hielten und drohend ausriefen: Ich kann dich jetzt, wenn ich will, fallen und ertrinken laſſen? Egon! unterbrach Pauline... Ich ſpreche nicht von Ihnen. Ich ſpreche von dieſem Revenant Rodewald, der mich mit dem Blicke eines Dämons betrachten wird, als gehörte ich ihm! Wüßte er, wie ich im Grunde ihn haßte! Und kann ich ihm ſagen, was ich ſo über ihn fühle? L'eamour dans la haine? ſagte Pauline forſchend. Aber Egon erwiderte: Liebe? Ich will die Sitte, das Geſetz, das ewig Bindende der Tradition im großen Ganzen vertheidi⸗ gen und ſoll in mir ſelbſt den Makel der nagenden Lüge fühlen? Ich ſoll die Karikatur eines Jahrhun⸗ derts ſpielen, das ſich auf den ewigen Zuſammenhang der Zeiten, den wellenförmig gleichen Strom der Ueber⸗ lieferung beruft und in ſich ſelbſt nur Lüge bärge? Mitten auf der Tribüne, wenn ich von der Bedeutung des Adels, wenn er recht verſtanden wird, ſpreche, wird mich ein innerer Fieberfroſt ſchütteln und eben wenn ich von Quaderſteinen und der grandioſen Ar⸗ chitektur der Sitte und des Geſetzes reden will, um— tanzen mich tauſend Larven, äffen mich und rufen mir den Abend zurück, wo ich ſchon einmal in der Kam⸗ mer nach drei ſchlafloſen Nächten plötzlich ein Rieſen⸗ bild im Dämmerlicht auftauchen zu ſehen glaubte, ei— nen Teufel in rother Tracht, der auf ein Wappen zeigte, wo Fuchs und Löwe ſich begatten und dabei ſprach: Wir zeugen die Legitimität! Um Gotteswillen, rief Pauline, Egon, was haben Sie? Sie ſprechen irre! Geben Sie mir Ihre Hand! Ich klingle... Egon wehrte Paulinen ab. Ohne ſich zu beru⸗ higen, fuhr er fort: Ich ſpreche meine Qualen aus. Laſſen Sie mich reden! Wüßten es Alle, es würde mich erleichtern... Hohenberg! Pauline hatte ſoviel Aufregung an dem Fürſten ſelbſt an jenem ſchrecklichen Abende nicht geſehen, wo er ihr das Teſtament ſeiner Mutter abgezwungen... der Ueber⸗ ge bärge! Zedeutung „ſpreche, und eben poſen Ar⸗ vill, um⸗ rufen mir der Kam⸗ n Rieſen⸗ aubte, ei⸗ Wappen nd dabei as haben re Hand! zu berl⸗ Sie mich eichtern. ſten feltt 4 1 wo el ih Wie iſt das Leben ſo toll zuſammengeſetzt, fuhr er fort, wie iſt man Seiltänzer zwiſchen Wahnſinn und Verbrechen, Lüge und Fratze und Jeder gibt ſeine Narrheit für Wahrheit aus. O Pauline, überzeugt ſein von dem Richtigen und verhindert werden es aus⸗ zuführen! Ich kann mir die Thaten des Tiberius, des Philipp von Spanien und der Alba's erklären. Ja, ich verſtehe, was es heißt: Alles zerſtampfen laſſen, zertreten dieſe Widerſprüche, die uns an jedes Dummen Meinung binden, der ſich Menſch nennt und deshalb geſchont ſein will! Was bleibt zuletzt denn übrig? Ich kann die Schädelkränze begreifen, die die Paläſte der orientaliſchen Dynaſten ſchmücken. Man muß ja grauſam ſein, wenn man nützen will... Pauline war ſprachlos. Sie hatte oft bemerkt, daß Egon von Hohenberg in allmäliger Folge ſeiner Berufung zum Miniſter eines großen tonangebenden Staates ſchon Anfälle von Geiſteserſchütterungen, von förmlicher Seelenſtörung gehabt hatte. Sie hatte ſich in Egon's Intereſſe von Drommeldey warnen laſſen. Die Pathologie des Genius, ſagte dieſer oft zu ihr, bietet die ſchaudervollſten Erſcheinungen. Ich bitte Sie, Geheimräthin, ſuchen Sie dieſen Vulkan zu mildern. Er will durch ſein Feuer die Welt zerſtören; er wird ſich zerſtören! Denken Sie an Caſtlereagh, der ſich das Leben nahm, an Canning, der an den Folgen ſeiner aufgeregten politiſchen Leidenſchaft ſo früh ſtarb! Pauline that auch ſeitdem Alles, was Egon nur be— ſchwichtigen konnte. Aber dies Auftauchen eines Todt— geglaubten! Dies dreiſte, raſche Eingreifen Rodewald's in das nächſte Schickſal ſeines Sohnes! Sie entgeg⸗ nete, um die wahre Urſache der Aufregung des Für⸗ ſten zu mildern: Rodewald kann nicht geglaubt haben, daß die Für⸗ ſtin von der Erde nicht hat ſcheiden wollen, ohne das Maaß der tiefſten Erniedrigung mit ſich zu nehmen. Er hat Hohenberg geſehen, den Leichenhügel Aman⸗ da's, er hat in der Nähe dieſer Erinnerungen bleiben wollen aus Liebe für Sie, Egon... Der Teufel! ſchrie Egon. Liebe für mich? Ich erwidre dieſe Liebe nicht. Ich würde, wenn ich ihm begegnete, nicht den mindeſten Schauer von Ehrfurcht empfinden. Ich finde ſeine Handlungsweiſe, wie ſchön ſte die Mutter auch zu entſchuldigen wußte, von ſei⸗ ner Seite verbrecheriſch unter allen Umſtänden und vollends— Sie ſagen, er würde das Geheimniß ehren? Finden Sie darin Diskretion, daß er ſich ſo dicht, ſo unmittelbar ohne Weiteres ſchon an meiner Exiſtenz niederläßt? Pauline ergriff die Hand des Tobenden und zog den Folgen früh ſtarbl n nur be⸗ nes Todt⸗ odewald's ſe entgeg⸗ des Für⸗ die Für⸗ ohne das nehmen. [Aman⸗ bleiben 9? Ich ich ihm Ehrfurcht vie ſchön von ſei⸗ den und heimniß er ſic meiner und zog 283. ihn zu ſich nieder. Sie ſuchte den Sturm ſeiner Em⸗ pfindungen zu mildern... Egon, ſagte ſie, am Abend, wenn die Sonne ſinkt, werfen die Menſchen und die körperlich irdiſchen Dinge Schatten über die Erde, rieſengroß, erſchreckend anzu⸗ ſchauen. In der Mittagshöhe ſind die Schatten klein, geringer als ſie ſollten, lügneriſch, ſchmeichelnd unſern Fehlern, Alles verkürzend und vermindernd. Ach, mein junger Freund, ich wünſche oft, ich hätte die Abend⸗ ſchatten ſchon in meiner Jugend geſehen, dem Alter würden die Rieſenſchatten jetzt wie die der Zwerge erſcheinen. Aber dennoch, wenn wir nur Eines, nur irgend ein uns ganz beglückendes Streben noch am Abend des Lebens erreichten, legt ſich allmälig die Furcht vor Menſchlichem. Nennen Sie meinen Zu⸗ ſtand, wie Sie wollen, ich bin ruhiger geworden, ich könnte Rodewald begegnen und ihm die Hand bieten zur Verſöhnung; ich könnte mein ganzes vergangnes Leben wie ein in Falten gelegtes Tuch grade ziehen, ich könnte ſegnen, wo ich einſt fluchte, wenn nach dem Fluche unſrer Thaten nicht jede Reue zu ſpät käme. Ja, ich bereue meine Verblendung, meine Haſt, meine immerwährende fieberhafte Sucht nach Bewährung meiner ſelbſt und Erlebniß durch Andere; nein, ich ent⸗ ſchuldige nicht Alles, was auf meinem Herzen laſtet... 284 ach, Egon, ſeit ich glücklich bin im Bunde mit Ihnen, möcht' ich viel Gutes thun, alte Wunden heilen, alte Verſäumniſſe nachholen. Es iſt aber gut, daß ich es nicht thue, mein eignes zerfloſſenes Gemüth nicht in den Dingen ſelbſt, denen es ſich nähern möchte, auch vor⸗ ausſetze; es gäbe nur neue bittre Erfahrungen; denn nichts rächt ſich mehr, als wenn wir da gut ſein wollen, Egon, wo einmal vorausgeſetzt worden iſt, daß wir ſchlimm ſind. Was red' ich Ihnen? Was will ich? Ich möchte Sie beſtimmen, gleichgültig zu ſein. Ich möchte aus den langen Schatten des Abends und den kleinen Schatten des Mittags die Lehre zie⸗ hen, daß beide unwahr ſind, nichts uns übermäßig ſorglos, nichts uns übermäßig ſchreckhaft ſtimmen ſoll. Gott, Gott, könnt' ich mir die Vergangenheit zurück— rufen und meine vergangenen Thorheiten durch dieſe im Alter gewonnene Philoſophie ungeſchaffen machen! Was wollen Sie ſo verzweifeln, ſo tief auf den Grund aller Dinge ſehen, ſo ſich von Ungeduld verzehren, daß nicht Alles eine aufgehende Rechnung gibt! Sie ſind bewundert von der Welt, Sie haben ſich einen Namen im Buche der Geſchichte geſchrieben, Sie ha⸗ ben Freunde, die Ihnen Gerechtigkeit werden widerfah⸗ ren laſſen und ſollte es auch erſt dann ſein, wenn Andre nach Ihnen kommen werden, was, will's Gott! lange nit Ihnen, eilen, alte daß ich es cht in den auch vor⸗ en; denn gut ſein orden iſt, 1? Was ggültig zu 3 Abends ehre zie⸗ ermäßig nen ſoll. zurück⸗ rch dieſe machen! n Grund 28⁵ dauern ſoll! Sie haben philoſophiſche Bedürfniſſe, nach denen Sie ſich Ihr Leben einrichten können.. Der Fürſt wollte widerſprechen... Nein, Egon, mach' ich Ihnen Vorwürfe? Soll ich deun dies Prinzip der Selbſterhaltung, das bei Ihnen in der größten und weihevollſten Form zur Geltung kommt— Ich bin kein Egoiſt, ſchaltete der Fürſt mit Nach⸗ druck ein. Ich bin nur in der Lage, wie alle Men⸗ ſchen, die nach einer gewiſſen Vollkommenheit ſtrebten. Was Ihr Euch Egoismus nennt, iſt uns die Gerech⸗ tigkeit und Strenge gegen uns ſelbſt. Wir würden Euch nicht Egoiſten ſein, wenn wir Alles thäten, was Euch gefällig wäre und gegen unſre eigne tiefſte Würde ſtritte. Wären wir ſchwach, würdet Ihr uns die Liebe ſelbſt nennen! Nun gut, Egon, räumte Pauline ein, die ihr Glück, mit dem wichtigſten und erſten Manne des Tages ſo zu ſtehen, wie ſie mit ihm ſtand, in langen und ſeligen Zügen genoß und die aus dieſem innig⸗ ſten Behagen fließende Sorgloſigkeit wieder eine„Läu⸗ terung“ nannte; wie Sie wollen, Egon, aber gewöh⸗ nen Sie ſich nur an das Unabänderliche! Laſſen Sie Allegorieen, die Sie mit ſich ſelber anſtellen, dieſe hy⸗ pochondriſchen Parallelen, die Sie zwiſchen Ihrer Auf⸗ —— gabe, Ihrer Zeitauffaſſung und Ihrer perſönlichen Lage ließs ziehen. Warten Sie ab, was kommt! Mit dem ven 3 8 Stolze, den Sie auf Ihren Namen haben dürfen, ſind mas Sie gewappnet gegen jede Anmaßung, jede zweideu— tige Einmiſchung in Ihre Exiſtenz. Iſt Ihnen der Pa Gedanke läſtig, iſt die Nähe dieſes Mannes Ihnen ſich ſtörend an ſich, ſo könnten Sie ihn ja entfernen. Oder di . glauben Sie, daß ſeine Verwaltung— Ich gebe ſie ungern auf, fiel Egon ein, allein ich opfre lieber mein ganzes Beſitzthum, als in dieſem 6 geheimnißvollen, mich drückenden, meine Unbefangen⸗ g heit ſtörenden Verhältniſſe ausharren. Bankier Reich⸗ 1 meyer war auf meinen Wunſch ſchon in aller Frühe ü bei mir. Ich will alle meine Beſitzungen verkaufen, wenn es irgendwie geht... Der Entſchluß iſt raſch, Egon... Oft erwogen! Mein Stamm wird ausſterben. Für Melanie's Zukunft wird ſich ſorgen laſſen.. Ich gebe dieſen Beſitz auf. Ueberlegen Sie! Grade meinen Gegnern gegenüber, die auf den Boden baſiren und Steuerbefreiungen haben wollen, geb' ich mein Beſitzthum auf. Ich wäre nicht mehr Miniſter, wenn wir Allodial- und Majoratsvertretun⸗ gen in unſerm Staatsorganismus einführten, ich ver⸗ lichen Lag Mit de e zweiden Ihnen de — nes Ihnen — non Hder nen. Obel „allein ich in dieſem nbefangen⸗ fier Reich⸗ ller Frühe verkaufen, ausſterben ſen.. Id auf den n wollen nicht mehr zverttetulh u, ich ver ließe Deutſchland. Ich will kein Pair des Hofes ſein, wenn erſt die mittelalterliche Reaktion bis zum Pairs⸗ machen wieder angelangt ſein wird... Eine Unterbrechung ſtörte dieſe Auseinanderſetzung. Pauline wußte, daß Egon von Hohenberg keine Ab⸗ ſicht hatte, ſich durch Rodewald's Rückkehr aus Ame⸗ rika von ſeiner Bahn des Ruhmes ſtören zu laſſen. Sie fand ihn ſo erfüllt vom Standes⸗ und Kaſten⸗ geiſt, wie es ihr in der Ordnung ſchien. Für die Sentimentalität der Mutter war hier kein Raum ge⸗ geben. Trotz ihrer ſchönen Redewendungen über lange Abend⸗ und kurze Mittagsſchatten, trotz ihrer melan⸗ choliſchen Schleier, die ſie auf ihre jüngere, richtiger mittlere Lebensepoche warf, hätte ſie nichts dagegen gehabt, wenn der Fürſt irgend eine gewaltſame Ent⸗ fernung ſeines eignen natürlichen Vaters beantragt hätte. Sie hörte voll Zufriedenheit, daß ſich der Fürſt begnügen würde, das Pachtverhältniß des Ankömm⸗ lings rückgängig zu machen, lobte Egon's Entſchluß, dies Vorhaben ſchon innerhalb der nächſten vierzehn Tage in Ausführung zu bringen, bat den Sohn ihrer Liebe, wie ſie ihn gern nannte, zur Erörterung ſo vieler Dinge, die ſeit der Abweſenheit des Miniſters vorgefallen, heute bei ihr wie ſonſt ohne ſeine Ge⸗ mahlin ein trauliches Diner einzunehmen, erhielt die Zuſtimmung und verließ den Fürſten, an den inzwiſchen bereits auch ſchon wieder die mächtige Woge und durch die kurze Abſtauung nur ſtürmiſcher gewordene Bran⸗ dung der Geſchäfte anſchlug, mit vollſter Zufriedenheit. Er fuhr zum König, ſie ging zu Melanie. Dieſe war mit ihrer Toilette beſchäftigt und unter⸗ hielt ſich mit ihr nur zum Abſchied durch eine ſpaniſche Wand. Sie hörte die Beſtimmung, daß Egon bei Paulinen äße und öffnete nur, um das ſchöne unfri⸗ ſirte Haupt hinauszuſtrecken mit der leiſe geflüſterten Frage: Wurde von ihm geſprochen? Von wem? Dem Gefangenen? Beſte! Das muß ſeinen Lauf gehen. Dieſem Glück⸗ lichen winken ſo viel Lebensfreuden, blühen ſo viel große Hoffnungen, daß ihm für ſeine geheime Ver⸗ bindung eine Haft von einem oder zwei Jahren— ich kenne das Strafmaaß für Verſchwörungen nicht— keine ſo grauen Haare machen wird, wie er und das Treiben ſeiner Genoſſen ſchon dem Fürſten gemacht haben. Damit, faſt ſtrafend, ging die große, ſchlanke, ſtolze Frau von Dannen. Die Fürſtin aber drückte die Tapetenthür zu, voll⸗ — ———Q—— inzwiſchen e und durch dene Bran friedenheit. und unter⸗ ne ſpaniſche Egon bei höne unfri⸗ geflüſterten ſem Glück⸗ en ſe vie 4 ime Ver⸗ Jahren— en nicht— r und das gemacht mke, ſtol zu, vol⸗ 289 endete ihre Toilette und benutzte die nun bis ſpät ge⸗ gen Abend dauernde Abweſenheit des Fürſten zu ihrer liebſten Erholung. Durch Dorette Wandſtabler, die ſich ihr, mit klugem Takte, unbedingt ergeben hatte, ließ ſie in einem der kleinen Kabinette des Gartenſa⸗ lons heizen, eine ausgezeichnete Tafel zu drei Cou⸗ verten herrichten und die Eltern, die ſo theuern, ſo ge⸗ liebten Eltern für heute zu ſich einladen. Nach einer halben Stunde ſchon wußte ſie, daß die Mutter, ſchmollend, wie ſeit der ganzen Heirath, da Melanie keine„Ehepakten“ dulden wollte, nicht kommen würde, aber der Juſtizrath, hieß es, würde kommen... Schlurck kam. Es war daſſelbe Palais, in dem er früher als Herrſcher gewaltet hatte, daſſelbe, das er mit der Bezeichnung eines Schurken einſt hatte ver⸗ laſſen müſſen; jetzt würde er es, als Vater der Für⸗ ſtin, mit dem alten ſichern Selbſtgefühl wieder haben betreten dürfen, aber les jours de fête sont passés, ſagte er oft ſelbſt. Er war zuſammengefallen, älter geworden, nachläſſiger in ſeiner Kleidung ſogar. Zwar trug er noch keine ſchwarzen Fräcke, er war bei ſeinen blauen mit Metallknöpfen geblieben, aber es ſaß ihm Alles weit und ſchlottrig. Es fehlte die alte Elaſti⸗ zität. Sein Weſen hatte einer ironiſchen Gelaſſenheit Platz gemacht... Seine Plaudereien über den Pa⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX 19 villon, die kleinen Gemächer, die ſervirte Tafel waren ganz im alten Geſchmack, er begrüßte die Fürſtin mit Innigkeit, entſchuldigte den mit den Jahren und ſeit den Prüfungen des Geſchicks über die Mutter gekom⸗ menen Trotz mit allem Humor, meinte dann aber doch, dieſe ihm ſo von ſeiner Tochter in aller Stille geſpendete Liebe hätte etwas dermaßen Rührendes für ihn, daß er fürchte, die Speiſen würden nicht von ſeinem Appetit die Anerkennung finden, die der Koch des Palais' verdiente. Doch ermunterte ihn Melanie, ſetzte ſich ihm gegenüber und genoß die Freude, den Vater eine Weile glücklich zu ſehen. Die Weine machten ihn beredter. Er fragte nach dem Hohenberg, nach Frau von Zeiſel, ſeiner letzten Herzensverirrung, über die er zu ſeiner Tochter wie zu ſeinem intimſten Freunde ſcherzte, er wollte von Henrietten's von. Sänger ge⸗ genwärtiger Neigung hören, ob Civil, ob Militär, ob Geiſtlich, ob Weltlich, er wollte von Ackermann hören, über deſſen Metamorphoſe er nicht unterrichtet war. Melanie erzählte ihm Alles. Er kannte Rodewald nur aus dunkelſter Erinnerung; er beſann ſich, ein⸗ mal den Namen in jüngern Jahren gehört zu haben. Von Dankmar's Verhaftung wußte er nichts. Er las keine Zeitungen. Er begegnete zu ſehr in ihnen einem Leben, das ihm zu beweiſen ſchien, daß die Welt in Tafel wara ſe Fürſtin mi hren und ſei kutter gekon dann aban aller Stile uhrendes füͤt ht von ſeinem er Koch des NRelanie, ſetz e, den Vate ine machten nberg, nach artung, über iſten Freunde Sanger ge⸗ Milttäͤr, ol mann hoten rrichtet war „ Rodewald n ſich, ein⸗ rt zu haben, hts. Et las ihnen einem die Welt in der That aus Nichts geſchaffen wurde. Noch ehe die Fürſtin, aus Rückſicht auf die Bedienung, von jenem ſie und den Fürſten ſo nahe berührenden Vorfall ſpre⸗ chen konnte, hatte er geäußert: Dieſe neue plötzliche Erhebung hat jede Narrheit mündig gemacht! Die Blätter ſind weißes Papier, die nach Füllung lechzen und womit füllt man ſie? Das geringſte Faktum wird mit einem Schwall von Worten breitgetreten und dehnt ſich immer gleich ſo aus, als wenn es beſtimmt wäre, die ganze Geſchichte des Alterthums, der Hohenſtaufen, Schiller und Goethe zu erſetzen. Ich mußte früher über dieſe Politik la⸗ chen, jetzt ärgr' ich mich über ſie. Glaubt man, irgend eine Frage in dem großen Durcheinander der Menſchen und Meinungen mitbeſtimmen zu können, meldet man ſich gleichſam um's Wort, ſo hat es ſchon ein Dutzend Andrer und mit Jedem von dieſem Dutzend ſcheint der Gegenſtand allein auf die Welt gekommen zu ſein. Es iſt ja ein Egoismus im Schwunge jetzt, Kind, der alle Schönheitsregeln über Bord geworfen hat! Frü⸗ her waren wir auch egoiſtiſch, wir thaten im Durch⸗ ſchnitt immer mehr für uns als für Andre, aber ſo malhonett wie jetzt ging es dabei doch nicht her. Jetzt ſtößt man ſich auf die plumpſte Art vom Brunnen weg, um Waſſer zu holen, früher wartete man doch, 19* unterhielt ſich doch, plauderte, ſchwatzte durch gute Witze die Mägde vom Schwengel weg und ging mit ſeinem gefüllten Eimer lachend davon, wenn jene noch auf die Pointe warteten und das Maul aufſperrten. Ach, mein beſtes Kind, dieſe ſchrankenloſe Emanzipa⸗ tion nicht etwa der Preſſe, ſei die frei, nicht etwa der Juden, mögen die ohne ſich taufen zu laſſen jetzt Kir⸗ chenvorſtände werden, nicht der Frauen, eine Eman⸗ zipirte haßt die andre ſo, daß ſie ſich unter einander ſelbſt aufheben; aber die furchtbare Emanzipation der Dummheit, ſiehſt du, die iſt ſchrecklich! Auf dem Ka⸗ ſino und in der Loge hielten ſonſt vier Fünftel der Mitglieder immer das Maul. Denn warum? Die Zeit⸗ fragen waren damals gleichſam eine Art Lateiniſch oder Hebräiſch. Jetzt ſollteſt du dies Geſumme hö⸗ ren! Jeder kommt um's Wort ein und Jeder weiß auch etwas zu ſagen; denn eben das Redenswerthe iſt jetzt nur noch der alltägliche Zeitungsſchnack... Nun kommt man mir oft und will von den Maß⸗ nahmen des Miniſteriums hören. Ich kann mit Fug und Recht fragen: Wer iſt jetzt Miniſter? Denn wer z. B. unſre Finanzen verwaltet, das weiß ich in der That nicht. Ich erſtaune über Aufſtände, die längſt unter⸗ drückt ſind und weiß wirklich nicht, ſind die Schles⸗ wig-Holſteiner in Kopenhagen oder ſind die Dänen durch gute d ging mit njene noch zufſperrten. Emanzipa etwa del jetzt Kir⸗ ine Eman⸗ reinander pation der f dem Ka⸗ ünftel der Die Zeit⸗ Lateiniſch umme hüö⸗ eder weiß enswerthe chnack. den Maß⸗ mit Fug Denn wer ich in dei ngſt unter⸗ „Schles je Daͤnen wieder in Altona? Oft bereu' ich, daß ich damals nicht mit dem Uebergang in die Politik Ernſt machte. Ich glaubte nicht an die Möglichkeit, daß ich jemals meine Adminiſtrationen verlieren würde. Was ich jetzt wäre, weiß ich nicht. Vielleicht bankrott, wie jetzt eben faſt auch, aber eine Nationalſubſkription hätte mir vielleicht ein Landhaus gekauft, hätte meinen Wagen, meine Pferde gerettet und ich könnte auf hundert Ko⸗ mités Wechſel ziehen. Wer weiß, ob ich nicht einige Miniſter zu Tode geärgert hätte! Wer weiß, wenn es geheißen hätte: Nun fehlt nur noch eine Stimme, die des Juſtizraths und Obertribunalprokurators Franz Schlurck, und nun hätt' ich mich in Preis geſetzt, ich hätte für mein Ja! den Zuſchlag mindeſtens einer Eiſenbahn oder die Anwartſchaft auf ein zum halben Preiſe zu verkaufendes Staatsetabliſſement oder eine feſte Anſtelllang verlangt, etwa im Steuerfache, wo einem die Sportel⸗Delikateſſen verfaulen, weil man die Menge nicht unterzubringen weiß und doch damit keinen Handel eröffnen kann. Warum nicht? Meiner Familie zu Liebe hätt' ich vielleicht alle Bürgerkronen der Welt ausgeſchlagen, falls man mir eine fire An⸗ ſtellung von 5000 Thalern als Aequivalent geboten hätte. Dann— ah bah!— dann— dann hätt' ich immer noch manchmal ein bischen rebelliſch werden können und auf Zulage, Gratifikationen hin meine Pandekten anders interpretiren als die Miniſter. Denn Das weißt du doch noch, liebes Kind, daß der beſte Kommentar über die Pandekten aus dreißig Bänden beſteht und der Verfaſſer deſſelben Glück heißt? Das Glück iſt unſer wahrer Profeſſor der Rechte! Das Glück legt die Pandekten immer am Bequemſten aus, nur das Unglück weiß gleich den Sinn zu finden, der hinreicht, Einem den Hals umzudrehen. So hör' ich z. B., daß jetzt in unſerm Johanniterprozeſſe... Leider wurde der Juſtizrath an dieſer für ſeine Tochter feſſelnden Stelle durch die Bedienung unter⸗ brochen... Die Speiſen, die Melanie ihrem Vater bei dieſen kleinen geheimen Diners zu ſerviren pflegte, waren ſo kunſtvoll zubereitet, ſo auf ſeinen feinſten Kennergeſchmack berechnet, daß er ſich bei der Wür⸗ digung derſelben, wenn ſie eben aufgetragen wurden, von jeder Erörterung abſtrakter Fragen entfernte und den Faden derſelben in der Analyſe von Zubereitungen verlor, wo er jedem Pfefferkörnchen, jeder Kaper, je⸗ der zerriebenen Sardelle nachſpürte und die Kompo⸗ ſition und ihre Beſtandtheile in die Zeit des Kochens, des Röſtenlaſſens, des Durchſeihens u. ſ. w. fach⸗ kenneriſch auflöſte. Der Champagner floß dabei und die Tochter ließ den Vater ruhig durcheinander reden. zin meine ter. Denn der beſte Bänden ßt? Das te! Das iſten aus, inden, der hör' ich 6... für ſeine ig unter⸗ m Vater n pflegte, feinſten der Wuͤr⸗ wunden, ernte und reitungen aper, je⸗ Kompo⸗ Kochens, w. fac⸗ abei und 295 Sie gönnte ihm dieſe ſtillen Augenblicke ſeines ver⸗ kürzten Lebensglückes. Endlich gegen Ende der Tafel, die zuletzt doch wieder alle Lebensgeiſter Schlurck's geweckt hatte, fand ſie Gelegenheit, ihm das neueſte Erlebniß auf dem politiſchen Gebiete, das er nicht kannte, die Verhaftung Dankmar Wildungen's, mit⸗ zutheilen. Dieſe würde Schlurck wenig intereſſirt ha⸗ ben, ſie würde ihm ſogar eine Genugthuung für all' das Unglück geweſen ſein, das ſeit dem Schrein mit dem vierblättrigen Kleeblatt⸗Kreuze über ſein Leben gekommen war, aber er wußte, wie Melanie für den kühnen, entſchloſſenen, kalten jungen Mann fühlte, dem er damals vergebens die Hand des ſchönſten Mädchens der Welt anbot, er ſah beſtürzt in ihr Auge, er wußte, daß ſie litt, daß ſie Egon, dieſen ihm aus tiefſter Antipathie verhaßten Schwiegerſohn, nur aus Pflichtgefühl in Ehren hielt und voll Wehmuth ihr die Hand reichend, ſagte er nach einem Rückblick auf die erſte Bekanntſchaft mit Dankmar: Mit dieſem abenteuerlichen jungen Manne würden wir uns in Strudel geſtürzt haben, bei denen ſelbſt das größte Glück der Erde uns keinen Genuß bereitet hätte! Schon im Heidekrug damals verrieth ſich die Idee einer ſolchen Verſchwörung, wie ſie jetzt zum Schrecken aller Gewaltigen geſchloſſen ſein ſoll. Dieſe &☛ 13l 1 1 1 4 3 6 1 6 4 8 11 nl 296 neuen Propheten des Geiſtes thun ſchon Wunder, die Todten ſtehen ſchon auf, die Blinden ſehen und die Tauben hören. Sie gehören gewiß auch zu dieſem merkwürdigen neuen Bunde? ſagte mir kürzlich der Propſt Gelbſattel und wollte die geheimen Zeichen der Verſchwornen wiſſen. Ich ſagte ihm, ich wiſſe nicht mehr davon als die Kühe, von denen mir unbekannt wäre, ob ſie im Klee Dreiblätter von Vierblättern unterſchieden. Aber nun biß er erſt recht an. Sagen Sie mir nur, rief er in ſeiner Geheimnißſucht, wie und wo bringen die Ritter vom Geiſte ihr Symbol, das vierblättrige Kleeblatt, an? Machen Sie das Zeichen auch mit den Fingern am Halſe, wie wir Freimaurer oder drücken Sie ſich auch die Hände auf unfre Art? Haben Sie einen verborgenen Kultus, höhere und niedere Grade? Iſt es wahr, daß Sie ſich in Höhlen verſammeln und von den alten Templern Ceremonieen entlehnten, die an unſre Kunſt anknüpfen? Auf alle dieſe wundergläubige Geheimnißſucht konnt' ich nur erwidern, daß ſich die geheime Vehme noch bei mir nicht hätte blicken laſſen; man erzähle ſich aber, ſie klopfe bei Jedem an, der irgend eine kühne That unternähme, irgend eine Lanze mit den Fürſten breche, irgend ein Dogma der Kirche umzuſtoßen wage, beſonders wenn er dabei ein Amt zu verlieren nicht Wunder, die en und die zu dieſem ürzlich der Zeichen der wiſſe nicht unbekannt Vierblättern an. Sagen ſucht, wie ar Symbol, Sie das wie wir Hände auf 1 Kultus, z Sie ſich Templern anknüpfen? ucht konnt hme noch zähle ſich ine kühne in Fürſten ßen wage, eren nicht 297 achtete; ſolchen freiwilligen Märtyrern geſchähe es augenblicklich, daß Nachts etwas an ihr Fenſter poche und wenn ſie hinausſähen, ſtänden gewöhnlich drei Vermummte auf der Straße, riefen mit Beziehung auf den in der Schlafmütze zum Fenſter hinausblickenden abgeſetzten Regierungsrath oder disziplinirten Appella⸗ tionspräſidenten oder nicht mehr zu Hofe geladenen Kir⸗ chenprälaten: Ein Vierblatt! Und augenblicklich, ſagt man, hebt ſich ein Stock in der Form eines Pilger⸗ ſtabes in die Höhe, an deſſen krummem Endſchnabel ſich ein Sack mit vollwichtigen neueſten Doppel⸗ friedrichsd'oren befände! Gelbſattel lachte ungläubig. Aber ich ſagte, er möchte es nur einmal verſuchen, er möchte nur einmal der Regierung den Fehdehand⸗ ſchuh hinwerfen für den Beweis, daß unſre Verfaſſung mit der Macht der Oberkonſiſtorien in keinem Einklang ſtünde und überhaupt die Wiederherſtellung einer Menge von organiſchen Inſtitutionen nur dazu verſucht würde, um allmälig die Verfaſſung aufzulockern und in die inzwiſchen erſtarkten andern Inſtitutionen, als da ſind: Kreistage, Kirchentage, Provinziallandtage u. ſ. w. aufzulöſen, er möchte nur einmal ausrufen: Chriſtus würde auch die Deutſchkatholiken für Menſchen erklärt haben! Da ſtutzte der Mann, erſchrak, zitterte, grü— belt aber doch, ich wette, Tag und Nacht, welchen 298 kleinen Handſchuh er dem Miniſterium Hohenberg in's Geſicht werfen könnte, ohne dabei 1) die Gunſt des Hofes, 2) ſeine Propſtei zu verlieren und 3) wo mög⸗ lich doch den nächtlichen Beſuch der Ritter vom Geiſte und ein Exemplar der Statuten zu gewinnen, die auf einem merkwürdigen Papiere geſchrieben ſein ſollen, nämlich auf einem Papiere, das man das Papier der Liebe nennen ſollte... Melanie horchte voll Spannung dieſen Expektora⸗ tionen der ihr bekannten Champagner- und Deſſert⸗ laune des Vaters... Papier der Liebe, gutes Kind, antwortete er auf die Frage ſeiner Tochter nach dieſem eigenthümlichen Handelsartikel, Papier der Liebe iſt eine Art... Asbeſt! ſagte die Fürſtin. Unverbrennlich, ſelbſt im Feuer... Im Gegentheil! ſagte Schlurck. Papier der Liebe kann unmöglich etwas Andres ſein als eine Art von Daguerreotypie, ein ſo zartes Gewebe, ja nur ein Hauch, ein Material, das zerſtiebt, verweht in dem Moment, wo das Auge ſeinen Inhalt geleſen hat. Freilich würden wir Advokaten wenig Eheſcheidungs⸗ klagen durchführen können, wenn dies Papier der Liebe patentirt würde; denn wo ſollten die Beweisdokumente, die ſchönen Reſultate erbrochener Kaunitze, die glor⸗ teiche herkon Geiſte piere mand ſind, von wenn erg in's nſt des o mög⸗ Geiſte die auf ſollen, Papier ektora⸗ Hdeſſert⸗ er auf glichen ſelbſt Liebe tt von Ir ein dem hat. ungs⸗ Liebe nente, glol⸗ 299 reichen Trophäen, die man den Briefträgern abjagt, herkommen? Allein die Statuten der Ritter vom Geiſte, ſagt man, ſind in der That auf einem Pa⸗ piere gedruckt, das in dem Augenblicke, wo von Je⸗ manden die Paragraphen der Verbrüderung geleſen ſind, in Sonnenſtäubchen zerſtiebt und nur den Duft von Märtyrer⸗Roſen zurückläßt. Hab' ich Recht, wenn ich ſolches Papier das rechte Material der Liebe nenne? Melanie ließ lächelnd den Vater ſo fort plaudern.. Auch Drommeldey, ſagte er, wollte mich neulich damit necken, daß er auf meine Zurückgezogenheit an⸗ ſpielend ſagte: Sie ſind wol auch ſchon ein Ritter vom Geiſte geworden? Als ich ihn, auf ſeinen Wa⸗ gen deutend und auf meine beſtäubten Füße, einen herzloſen Spötter nannte, fing er in allem Ernſte von dem Bunde an und verrieth, daß man innerhalb ſei⸗ ner ariſtokratiſchen Praxis von dieſer Chimäre dächte wie von einer den furchtbarſten Ausbruch drohenden ſizilianiſchen Vesper. Nur am Hofe, fügte er hinzu, nur die näheren Umgebungen des Generals Voland von der Hahnenfeder witterten etwas von einer That⸗ ſache, die allerdings zunächſt getroſt die Polizei zu verfolgen hätte, die aber denn doch auch die Samm⸗ ler, die Kurioſitätenitner, die Freunde des Mittelal⸗ —— 300 ters, die Schwärmer für Symbolik und byzantiniſche Geſchichte, ja auch die Sammler unſrer Zeitrichtungen um ſo mehr intereſſiren dürfte, als ſelbſt der Kommu⸗ nismus bei Hofe manchmal als etwas urſprünglich doch Chriſtliches nicht unangeſehen wäre, wenn man nur wüßte, wie man ihn mit der innern Miſſion und dem jährlichen Millionenbedarf für die verſchiedenen Mi⸗ niſterien in Verbindung bringen könnte. Einſtweilen, fuhr mein kluger Sanitätsrath fort, behaupte man, wäre ſelbſt die alte Ercellenz von Harder auf Tempelheide für den Bund ſchon gewonnen, denn nach ihren neulichen, dem Monarchen gegebenen freimaureriſchen Lehren wäre es keinem Zweifel unterworfen, daß dieſer alte Herr in dem Bunde der Ritter vom Geiſte die wahre Blüthe der Templerei und der Loge entfaltet ſähe und ihr zu Liebe würden auch der Paulus und Johannes dieſes neuen Evangeliums, die Gebrüder Dankmar und Siegbert Wildungen, den Prozeß gewinnen und dem Bunde wirklich möglich machen, jene Fabel von den in nächtlicher Stille an die Fenſter der Märtyrer hin⸗ aufgelaſſenen Säcken mit Doppelfriedrichsd'oren zu bewahrheiten. Und in der That, wir wollen ſehen. Man bringt mir ja da ein Billet... Ein Diener brachte ein Billet an den Herrn Ju⸗ ſtizrath vom Obertribunal. Ein Kollege ſchrieb ihm, tiniſche tungen ommu⸗ ünglich man i und n Mi⸗ n, fuhr eſelbſt de für lichen, waͤre err in glüthe ihr zu dieſes und d den n den hin⸗ n zu ſehen. 301 daß der oberſte Gerichtsſenat ſoeben der Meinung ſei⸗ nes Präſidenten beigetreten wäre und den Prozeß zu Gunſten des Klägers entſchieden hätte... Zu Gunſten? warf die Fürſtin dazwiſchen. Der Vater hatte laut geleſen. Schlurck ſtaunte eine Weile, lächelte dann, zog die goldne Brille von der Stirn und ſagte: Die beſten Feldherren waren meiſt die, die geſch⸗ gen wurden.. Die Tochter wünſchte Aufklärung, um welche Summen es ſich handelte, ob dieſe Entſcheidung auf Dankmar's Gefangenſchaft einwirken würde und wie die Beweisführung für die Brüder endlich wirklich hätte ſo günſtig ausfallen können? Die Beweisführung? ſagte Schlurck. Ich ſagte dir ja ſchon, der Kommentator der Pandekten heißt Glück. In jenen Dokumenten, die du damals dem Glücklichſten aller Gefangenen gegen mein Wiſſen kopf- und herzüber nachwarfſt, liegt der Nerv des ganzen Handels. Ich hätte, Bartuſch und der Mut⸗ ter folgend, vielleicht jene Papiere verbrannt und mich dem Schickſal ausgeſetzt, daß mein Leben nicht etwa mit Mollakkorden wie jetzt, ſondern mit ſchreienden Diſſonanzen geendet hätte; in zwei Inſtanzen hab' ich, eigentlich nur auf den Grund von zwei Pünktchen * — 302 oder Kommaten, jedes Mal den Prozeß gewonnen, von zweien Kommaten, die ich ehrlicher Eſel nicht ausradirte, trotzdem, daß Herr Dankmar Wildungen ſie in ſeiner Abſchrift überſah. Erſt die halbblinden Augen jenes Greiſes haben die beiden Kommata wie— der entdeckt; ſeine Liebe zu dieſem Prozeß kam hinzu, er kannte die Geſchichte des Ordens der Templer, die der St.⸗Johannesritter, er wußte zu beweiſen, daß es im Ordenshauſe zu Angerode niemals Verwandte des Ritters Hugo von Wildungen gab... er hatte ſeit Jahren über dieſen Gegenſtand Sammlungen an— geſtellt und bewies bei der Stelle des Komthurs Hugo, wo er in der Ceſſionsurkunde ſagt: Cedo propinquis meis equitibus... Vater, was verſteh' ich von dieſen Dingen! Iſt es möglich! Alſo Wildungen Erbe dieſer unermeß— lichen Güter? Die Stadt wird vom Staate die Erlaubniß zu einer Anleihe begehren müſſen und auf die Ameliora— tionen der Güter rechnen, die die Summe verkleinern dürfte. Läßt ſich leugnen, daß z. B. die Komthurei, die wir bewohnen, viele Spuren unſrer glücklichen Tage zeigt und daß ich allen Grund habe, ſie binnen Kurzem mit Leidweſen zu verlaſſen... Das Haus gekündigt? rief die Fürſtin voll Schmerz. vonnen, el nicht ldungen blinden ta wie⸗ hinzu, ler, die n, daß wandte r hatte gen an⸗ Hugo, inquis 1 I ermeß⸗ niß zu reliora⸗ leinern thurei, klichen binnen merze Aber Schlurck hatte ſchon angefangen, ſich in ſein Er ſagte nur: Ich verlaſſ' es arm, ich könnte ſagen mit dem Bewußtſein, ehrlich geweſen zu ſein, wenn die Grab⸗ ſchrift: Ueb' immer Treu und Redlichkeit! nicht gar zu trivial wäre. Oft mach' ich mir Vorwürfe, daß ich den Einſatz nicht wagte, keine entſchloſſene That beging, auf dem Wege nicht fortfuhr, wie damals, als ich den Schrein an der Schmiede in Pleſſen fand und ihn aufraffte... Das Wagniß gab mir Rieſenkräfte; ich hatte nur nöthig, dem Schmied Schweigen zuzu⸗ rufen; ich wußte, daß er an einer alten Falſchmün⸗ zerei betheiligt war, die auch Frau Pauline von Har⸗ der berührt... tragen konnt' ich ſchwacher Mann den Schrein ſelbſt, ſo rieſenkräftig macht die Entſchloſſen⸗ heit, wie Goethe ſagt: Muth ruft die Arme der Göt⸗ ter herbei! und wenn ich bedenke... Nichts, nichts, Vater! beſchwichtigte Melanie den immer mehr ſich nun vor Mismuth aufregenden Va⸗ ter, der ſich jetzt von ſeiner Tochter entfernte, nach⸗ dem er noch einen Akt kindlicher Liebe mit dieſen Wor⸗ ten von ihr entgegengenommen: Vater, nach dieſer Nachricht über Dankmar treibt es mich hinaus nach Tempelheide zur guten Anna von Harder. Da ſind zwei Kinder, die ich tröſten, um⸗ Loos zu finden... 303 armen muß. Beide lieben ſie die Brüder Wildungen! Vater!... Du haſt neue Prüfungen zu überſtehen. Du ſollſt das Haus meiner Jugend verlaſſen. Ich bin nicht reich, du weißt wohl, wie ärmlich dieſer Glanz iſt, der einen großen Namen trägt. Aber ich beſchränke mich, ich kann ſparen, ich will nicht mehr! in Allem glänzen, ich lernte entbehren. Da! Nimm, Papa! Es ſind meine erſten Erſparniſſe! Schlage ſie nicht aus! Du machſt mich glücklich, wenn du ſie nimmſt. Verſchweig' es der Mutter oder ſag' es ihr, wie du willſt! Du darfſt dich nicht unglücklich füh⸗ len! Weiche nicht den Leiden, die dich beſtürmen! Du gingſt unverſehrt aus den Gefahren der Verſu⸗ chung; Vater, ich kenne die Verſuchung! Nimm! Nimm! Ich höre Geräuſch... wenn es Egon wäre! Leb' wohl! Auf Wiederſehen! Sei nachſichtig mit dem Anfang! Es ſoll beſſer kommen! Damit verſchwand die Fürſtin. Schlurck hatte ein Päckchen in der Hand, das ſie aus ihrer Bruſt ge⸗ zogen hatte. Es war eine Anzahl von Banknoten, nicht viel, aber man ſah die Liebe. Ein tiefes Ge⸗ fühl der Schaam überſlog den zurückgekommenen, mit⸗ ten im Genuß plötzlich auf Entbehrungen verwieſenen Epikuräer. Fröſtelnd, wie immer nach einem Diner, aber nie ſo mit Unbehaglichkeit wie jetzt, ſchlich er ſich dungen! erſtehen. n. Ich h dieſer Aber ich zt mehr Nimm, Schlage n du ſie es ihr, ſch füh⸗ ürmen! Verſu⸗ Nimm! wäre! ig mit atte ein uſt ge⸗ kmoten, s Ge⸗ aus dem Pavillon, ſah nieder wie ein Verbrecher, hatte all' die guten Einfälle ſeiner heitern Laune vergeſſen und ging aus dem Hauſe wie ein zum Tode Geknickter. Dieſe dreihundert Thaler von ſeiner Tochter, die ſie ihm als eine Art Taſchengeld für ſeine Vergnügungen geſchenkt hatte, dieſe Summe, bei der ſie vorausſetzte, er brauchte davon der Mutter nichts zu ſagen, ſondern könnte mit ihr heimlich die alten ſtillen Wege ſeiner Laune wandeln, entwürdigten ihn nicht etwa, ſie rührten ihn nur, ſie untergruben ſeine Philoſophie, ſie waren bei ihm der Anfang einer ernſtli⸗ cheren Betrachtung über Das, was die Erde bietet und verſagt und was der Tod auf alle Fälle ſicher gibt... Aber damals, an jenem erſten Tage, wo die Für⸗ ſtin ſo eine dauernde Aufopferung für die Ihrigen be⸗ gann, war dieſe hinausgefahren nach Tempelheide. Sie fand Selma über Dankmar's Schickſal in Thrä⸗ nen, Olga beſtürzt. Die Romantik ſolcher Gefahren gehörte nicht in die Welt der phantaſtiſchen Träume, aus der Olga durch Selma's Natürlichkeit immer mehr zu erwachen anfing. Anna von Harder, überraſcht von Melanie's, der ſo hoch Geſtiegenen, Güte, ver— mittelte zwiſchen ihrem ungeahnten Beſuche und den beiden charakterſtarken, auf Egon von Hohenberg wie auf das böſe Prinzip erzürnten jungfräulichen Mäd⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 20 — 306 chenherzen wenigſtens den Waffenſtillſtand, daß ſie den Worten der ſchönen jungen Frau Gehör gaben: Nehmen Sie dies Schickſal nicht ſo ernſt! Sie lieben jungen Engel können nur gewinnen, wenn Sie Denen, die Sie lieben, gleich Erſatz für ein ernſtes Leben ſind! Sie, holde kleine Selma, die Sie mir noch gar nicht die Miene machen, die ich mir im Lauf der Zeit von Ihnen zu erobern gedenke, Sie, weiß ich recht gut, entbehren in Dankmar mehr als nur den Vetter. Und Komteſſe Olga hat ja das Gedicht ihres Herzens vor aller Welt aufgeführt. Zu deuten wag' ich's nicht, nicht will ich Namen nennen, die wie weiße Wölkchen in blauen Lüften ſchweben, aber Herrn von Dyſtra möcht' ich doch ſagen, daß er dieſe holde träume⸗ riſche Waſſerlilie des Schwarzen Meeres nicht nach dem Tempelſtein entführen wird. Die Wildungen haben den Prozeß gewonnen durch zwei kleine Pünktchen, die Sie wol ſelber ſind, meine Damen! Wäre die Excellenz ſchon aus der Stadt zurück, ich nähme la⸗ teiniſche Stunde bei ihr. Die beiden kleinen Kommata müſſen Sie ſein! Bedenken Sie dieſen Triumph ei⸗ nes Eingekerkerten und eines Flüchtlings. So lebten die alten Märtyrer in Kerkern und trugen ihren Hei⸗ ligenſchein um die Schläfe, daß er durch die Eiſenſtäbe leuchtete! Sie konnten mit ihrem eignen Abglanz alle ch gar er Zeit ht gut, Und ens vor nicht, ölfchen Dyſtra taäume⸗ ch dem haben iüchen, aäre de me la⸗ mmata ph. ei⸗ lebten er Hei enſtäbe nz alle 307 Ketten ſchmelzen und wandelten frei. Denn Das wiſſen Sie doch, daß die Ritter vom Geiſte Nieman⸗ den untergehen laſſen und alle Kerker öffnen, ob nun Fee'n oder junge liebende Mädchen, Engel oder Ko⸗ bolde dabei helfen. Die Fürſtin war ſo angeregt, daß die Mädchen Vertrauen faßten und wenigſtens nicht mehr ſcheu zur Seite ſtanden, wenn Anna, die Melanie immer gern gehabt hatte, mit ihr ſprach. Es war faſt Abend, als die Fürſtin von Tempelheide ſchied und drei Men⸗ ſchen zurückließ, die auch jetzt erſt, nach dieſem Be⸗ ſuche, wagten, in der ihnen ſelbſt ſeit Mittag bekann⸗ ten Entſcheidung des Prozeſſes einen Lichtſchimmer am Rande der Nacht zu erblicken, die ſie Alle um— hüllte. Sie hatten Dankmar's Gefangennehmung nicht nur erfahren, ſondern ſie ſelbſt geſehen, ſelbſt erlebt, daß vor Tempelheide ein Wagen vorüber— fuhr, aus dem ein blaſſes Männerantlitz ſie grüßte und eine Hand hinterwärts zeigte, gleichſam nach Hohenberg zu, oder wie Olga ſagte, nach dem Le— ben, dem Glück, der verlornen Freiheit hin... Sogleich hatten ſte anſpannen laſſen, waren nach der Stadt, dem Profoßamte gefahren, hatten gehört, was ihnen, als ſie, ohne Dankmar ſehen zu können, ver⸗ zweifelnd flach Tempelheide zurückkehrten, ein inzwi⸗ ** 20* 308 ſchen angekommener Brief von Franziska Heuniſch und einige Zeilen von Rodewald ausführlicher berich⸗ teten; aber doch auch die wunderbare Nachricht über den Prozeß brachten ſie zu einſtweiligem Troſt aus der Stadt mit. Der alte Obertribunalspräſident kam erſt am Abend ſpät nach Tempelheide zurück. Er war ſeit Jahren zum erſten Male wieder in der Loge geweſen, deren oberſte Würde er für das ganze Land bekleidete. Auf die ihm dort gemachte Mittheilung vom Schickſal der Männer, die durch ſein eignes theilnehmendes und begeiſtertes Erforſchen dieſer Angelegenheit eine ſo große Summe gewonnen hatten, auf das Forſchen und Lauern über ſeinen perſönlichen Antheil an den Brü⸗ dern Wildungen erwiderte er: Mein Studium galt nicht den Perſonen, ſondern der Sache. Und jede weitere Erörterung ſchnitt er durch das bekannte feierliche Wort ab: Die Loge iſt gedeckt. Achtes Capitel. Eine Maurerarbeit und ihre Folgen. Die Kunde von der endlichen Löſung eines ſeit ſo langen Jahren ſchwebenden Rechtsverhältniſſes hatte ſich mit Blitzesſchnelle verbreitet. Alle Stände nahmen Antheil. Jeder war von der unerwarteten Wendung überraſcht, ja ſogar befriedigt. Man war durch das ſtrenge Regiment des Fürſten von Hohenberg geneigt, dieſem drakoniſchen Syſteme denn auch nicht jeden Erfolg zu wünſchen. Die Kommune war unbeliebt ihrer immer ſchmeichleriſchen, geſinnungsloſen, im Glücke übermüthi⸗ gen, in der Gefahr feigen Haltung wegen. Dieſe ſtädtiſche Verwaltung hatte nichts gemein mit jenem feſten, ſichern Bürgertrotz, jener unwandelbaren Selbſt⸗ genüge, an der im Mittelalter die Willkür der Fürſten ſich öfters tüchtig den Schädel einrannte. Die Schöffen und Bürgermeiſter zerfloſſen in Verſicherungen einer Ergebenheit, die doch in keiner wahren Prüfung Stand * hielt, ſondern in Augenblicken der Gefahr die perſönliche Selbſterhaltung zum einzigen Ziele ſteckte. Warum ſollte man das Ergebniß jener zweihundertjährigen Streitfrage nicht zweien jungen Männern wünſchen, die allerdings die öffentliche Meinung in bedenklichſter Art in Anſpruch genommen hatten? Waren ihre Un⸗ ternehmungen für den Beſtand der Ruhe und Ordnung, wie man im Kreiſe der Begüterten ſagte, gefährlich, ſo hatten ſie ſich doch mitten in ihren verbrecheriſchen Handlungen vom Arme der Gerechtigkeit ſchon müſſen aufhalten laſſen. Man verrieth auch darin die ſich immer gleichbleibende Thatſache des menſchlichen Ge⸗ müthes, daß man Dem, der auf irgend eine Art das öffentliche Urtheil befriedigt hat, die ganze Herbigkeit der Sühne gern erläßt, ſich mit ſeiner allgemeinen Demüthigung begnügt und noch mehr von ihm einzufor⸗ dern zuletzt ſogar eine beklkommene Scheu hat. Dies plötzliche nun in die Verbannung und in einen Kerker gerufene Glück hatte ſogar etwas Romantiſches für die Welt, die im Grunde das Regelwidrige dem Re⸗ gelmäßigen vorzieht, nur darf ſie es in ihremnächſten Intereſſen nicht berühren und ihr nicht irgend welche Opfer auferlegen. Noch eine größere Genugthuung der öffentlichen Meinung, von der Freude der Partheigenoſſen der nliche arum rigen nung, hrlich, iſchen rüſſen e ſich Ge⸗ das igkeit einen sufor⸗ Dies Kerker 6 für Re⸗ chſten welche llichen n de 311 Brüder nicht zu ſprechen, lag in der Verkürzung der den Erben des Komthurs Hugo von Wildungen zahl— baren Summe. Das Obertribunal hatte im ermuthi⸗ genden Gefühle ſeiner Beweisauffindung doch die Grenze der Mäßigung nicht überſchritten. Es hatte durch eine Verringerung der beanſpruchten Summen jenem Verlangen nach dem Mittelweg entſprochen, das ſich niemals abweiſen läßt, wenn man erhitzte Gegner lange und hartnäckig auf ihre vermeintlichen Rechte beſtehen ſieht. Die Gründe, die das Obertribunal für ſeine Ermäßigung der ſtreitigen Werthe auf eine Million, allerdings jenes ſchweren im Norden üblichen Geldes, anführte, konnten von keiner billigen Einſicht getadelt werden. Man ſchlug vor allen Dingen nicht nur den Genuß eines dreihundertjährigen Beſitzes, ſondern ebenſo auch die Mühewaltung an, die dieſen Beſitz doch immer zuſammengehalten hatte. Man konnte zwar nicht in Abrede ſtellen, daß die Liegenſchaften der St.⸗Johanniter von Angerode, wenn man die Güter und Gebäude nach ihrem jetzigen Werthe veranſchlagte— denn eine Entäußerung der Beſitzungen ſelbſt war kaum möglich— eher im Preiſe zu vergrößern, als zu ver— mindern waren; dennoch brachte man rechtliche Be⸗ denken genug vor, die erwieſen, daß eine faſt in Ver⸗ jährung gekommene Erbſchaft aufhöre, ihre urſprüng— liche Integrität zu behalten, wenn ihre Erträgniſſe öffentlichen Zwecken zugefloſſen waren, bei denen, wie z. B. die Armenpflege, es unmöglich war, ſich an Die zu halten, die eben entweder todt waren oder, wenn ſie lebten, nur das Beneficium inventarii, Schulden, Kummer und Elend anbieten konnten. Dieſe beweis⸗ kraftige Verringerung der Summe auf eine Million war in der That eine Verſöhnung mit allen Partheien und trug nicht wenig dazu bei, die faſt abgöttiſche Verehrung vor den Entſcheidungen des höchſten Ge⸗ richtshofes zu erhalten und den erſchreckten, in dieſer Zeit der Willkür und der Rechtsverfälſchung über des Lebens allgemeine unſichere Schwankung zitternden Gemüthern das Hochgefühl zu erhalten, daß es in allen dieſen Wirren doch noch einen feſten Anker der Hoſffnung, ein unentweihtes, den Himmelswolken näher als dem Erdendunſt thronendes Aſyl des Rechtes gäbe. Niemand war befriedigter als der Hof und in der That konnte man Egon von Hohenberg und etwa den Probſt Gelbſattel nur die einzigen Wider⸗ ſacher nennen. Egon's mathematiſche Natur ſträubte ſich gleich anfangs gegen das Vorhaben der Brüder Wildungen, noch als ſie ihm befreundet waren. Seinen Studien zufolge weniger Juriſt als Kameraliſt äußerte er oft, — ägniſſe 0 /, wie n Die Nillion rtheien öttiſche n Ge⸗ dieſer r des rnden es in er der näher dechtes f und z und gder⸗ ungen, tudien dr oft daß nichts ſo ſehr die Auflöſung der Geſellſchaft und den Theorieenſchwindel befördere als die Vorſtellung, daß es ein ewiges, der Zeit und ihren Bedingungen völlig entrücktes Recht gäbe. Er hatte in ſeinem „Jahrhundert“, dem er die ſchärfſten Dialektiker ge⸗ wann und aus Staatsfonds theuer bezahlte, oft genug ſchon gegen die Juriſten polemiſiren laſſen, als dieſe kalten, aalglatten Zwiſchenweſen, die nicht Fiſch nicht Schlange wären und doch auf dem Lande und im Waſſer zugleich leben könnten. Fiat justitia, pereat mundus, war ihm die Deviſe einer Welt, die für jedes Verbrechen einen Entſchuldigungsgrund und wenn auch nur aus der Sentimentalität herzuleiten wiſſe, und von den Juriſten ſtand ihm die Geſinnungsloſigkeit vollends ſo feſt, daß er bei jedem Morde, bei jeder Cause célèbre, die zur öffentlichen Debatte kam, wet⸗ tete, die Advokaten würden doch wieder Alles thun, um dem einfachſten nächſten ſittlichen Gefühle mit Hundert Truggründen ſein Sühnopfer zu entreißen. Er war deshalb ſonderbarerweiſe ein Freund der Ge— ſchwornengerichte, ſelbſt wenn ſie politiſche Verbrecher freiſprachen. Er ſagte ſich wohl, daß es ſchlimm in den Gemüthern ausſehen müſſe, wenn man Feinde der öffentlichen Ruhe ſtraflos haben wolle, aber er hob doch die Wohlthat hervor, wenn ſich die Geſſell⸗ 314 ſchaft das Recht erhielte, ſelbſt zu beſtimmen, was ihr Recht ſchiene. Er bewies, daß die Abſchaffung der Todesſtrafe immer nur von Grüblern, nie von dieſem Volksgefühle der Selbſterhaltung und des Rechtes als Nothwehr gegen Verbrecher wäre beantragt worden. Dieſe Entſcheidung des Obertribunals, grade in ihrer Unabhängigkeit von den Perſönlichkeiten der Gewinner ſo bewundert, ſchien ihm im Gegentheil das verderb— lichſte Zeichen einer Zeit, die ſelbſt nicht wiſſe, was ſie wolle und in der Vergötterung von Abſtraktionen an den faktiſchen Beſtänden zu Grunde gehen müſſe. Bitter genug war auch die Art, wie er den Vorfall an die von ihm und der Hoſfpolitik in's Leben ge— rufene Volksvertretung brachte und die Ermächtigung verlangte, der Reſidenz die Anfertigung von einer Million Stadtkämmereiſcheinen zu geſtatten. Die Freude, die alle Welt theilte, daß zwei halb⸗ blinde Augen zwei kleine Punkte in einer alten Ur⸗ kunde entdeckt haben konnten, kannte der Fürſt nicht. Er war eines Abends empfindlich genug, ſein Er⸗ ſtaunen auszudrücken, als er Propſt Gelbſattel in den kleinen Cirkeln des Hofes eingeladen fand und er von dieſem die Auseinanderſetzung hören konnte, um derentwillen er grade auf Veranlaſſung des Generals Voland citirt worden war. Man hatte in Erfahrung ds ihr gg der dieſem 5 als orden. ihrer winner erderb⸗ „was ktionen müſſe. vorfall en ge⸗ tigung einer jhalb⸗ en Ur⸗ nicht⸗ in Er⸗ in den und el te, un eneral zahrung ’ gebracht, daß die alte Excellenz grade an dem Tage des Urtheilsſpruches ſeit Jahren zum erſten Male wieder die Loge beſucht hatte. Die junge Excellenz, die gleichfalls anweſend war,(man gab im Hof— theater ein klaſſiſches Stück) wußte den Tag anzu⸗ geben, wo Papa vor zehn Jahren zum letzten Male in die Loge fuhr. Das Ereigniß ſchien ſo myſtiſch, daß man den Vorſchlag des Generals annahm und den ſeit Jahren fallengelaſſenen Propſt zum Thee befahl. Man denke ſich Gelbſattel's Entzücken! Hätte man ihn gradezu um eine Enthüllung angegangen, er würde das ganze Handwerkszeug ſeiner Tempel⸗ bauten an den Stufen des Thrones oder auf die Präſentirteller des etwas ſpärlich dargereichten mürben Gebäckes niedergelegt haben. So aber ſprach er, da man grade wie immer nur ein leiſes Lüften des Iſisſchleiers wünſchte, etwa nur andeutend Folgendes: Dieſer Rechtsfall hat den würdigen Mann wie um zwanzig Jahre verjüngt. Ich will nicht die Ge— wiſſenhaftigkeit des Obertribunals antaſten, aber ein ſo genaues Studium des vorliegenden Falles war nur möglich, wo die Lieblingsideen des Präſidenten mit ihm in Berührung kamen. Er hat die Ge— ſchichte der Maurerei bis in die kleinſten Details er⸗ forſcht und leitet ſie von den älteſten Tagen her. Es iſt ihm die Geſchichte der Geheimbünde derſelbe Strom, der bald offen bald verſteckt unter Felſen, bald gar durch Felſen ſelber hindurch Allen unſichtbar dahinflöſſe. Wie Seen auf Meilenweite mit den Waſſerfällen eines großen Gebirgskammes zuſammenhingen, ſo wäre auch die Maurerei derſelbe Gedanke, der ſchon den Geheimbünden Indiens, Egyptens, Großgriechen⸗ lands zum Grunde gelegen hätte. Die Menſchen hätten ſich immer aus den herrſchenden Thatſachen und deren Zwangsverbande in einen freien unſichtbaren Verband höherer Wahrheiten geflüchtet. Wie die Na— turreligion ihn auf die Thierwelt führte, iſt bekannt. Er ſieht in den Thieren, die am Basler, Freiburger, Strasburger Münſter in der Architektur angebracht ſind, Symbole der Maurer und Architekten, die über ihrer Zeit geſtanden hätten, wie gleichſam alle Künſt⸗ ler, ja beſonders die Dichter und Schauſpieler ge⸗ wiſſermaßen ein Arbeiten vor und eines ja auch hin⸗ ter den Couliſſen hätten.... Man blickte lächelnd auf den geſchmeichelten Sohn des Vaters, der für Tempelheide nicht eriſtirte, und ſich, weil es der alte Herr wünſchte, nur jährlich ein⸗ mal, nämlich an deſſen Geburtstage dort ſehen ließ.. Gelbſattel fuhr nach dieſem theatraliſchen Seiten⸗ blicke fort: Strom aldd gal inflöſſe erfällen en, ſo r ſchon riechen ſenſchen atſachen chtbaren die Na⸗ gekannt. lburger, gebracht ie über Künſt eler g. h hin Sohn n ee, und lich ein 1 ließ⸗ Seiten⸗ 34 Man hat in Böhmen Tempelherrnburgen und Tempelherrnkirchen gefunden, bei denen eine faſt egyp⸗ tiſche Thierſymbolik als Verzierung angebracht war. Im Prozeß gegen Jakob Molay wurden als Beweis⸗ mittel ſeiner Ketzerei Spuren von Thierverehrung der Templer gebraucht und unwiderleglich iſt die Ge⸗ ſchichte von dem Idol, einem Kopfe, den man im Tempel zu Paris fand, einem Amuleth ohne Zweifel, das man Bafomet nannte, Mahomet's Name in ſy⸗ riſcher Ausſprache. Die Templer brachten orientaliſche Verwilderung mit und wurden ſogar beſchuldigt, der Lehre von der Seelenwanderung zu huldigen. Der Präſident läugnet dieſen Götzendienſt und vertheidigt die Templer nur als Anhänger der Lehre von der Duldung, die durch dieſe Orientalismen bewieſen wäre. Nach ihm flüchteten ſich die Templer nach England und erwachten im Jahrhundert der Toleranz zum öffentlichen Leben als Freimaurer. Die Templer wurden in Deutſchland Johanniter. Den Tempelſtein bei Buchau, den Herr von Dyſtra wunderbar ſchön ausbauen laſſen ſoll... Man beſtätigte dies Urtheil und hatte ſeine Freude an der Nachbarſchaft einer neuerſtehenden Burgruine... Den Tempelſtein warfen vielleicht die Bannbullen des Papſtes nieder; doch in's Innere Deutſchlands zogen die Erben der Templer. Ueber Angerode machte der Präſident ſeit Jahren Forſchungen. Als die Ge⸗ brüder Wildungen in erſter Inſtanz verloren hatten und die dunkle Kunde des wieder aufgenommenen Prozeſſes an den Präſidenten kam, ſoll er geſagt haben: Der Staat hat nicht Recht, die Kommune hat nicht Recht, ſchafft die Ceſſionsurkunden des Komthurs Hugo von Wildungen und ſeiner Erben, dieſe können den Ausſchlag geben! Und grade beide hatten ſich gefun⸗ den. Dennoch trug die eine Ceſſionsurkunde in keiner Inſtanz den Sieg davon, da die Interpretation des ſcharfſinnigen Herrn Juſtizraths Schlurck... Fürſt Egon von Hohenberg ertrug ruhig, aber finſterblickend die flüſternde Wirkung dieſer Namens— nennung... Es zu beweiſen ſchien, daß Hugo von Wildungen entweder für ſich die ihm gemachte Quote der Theilung antreten wollte oder für ſeine„nächſten Ritter“ pro⸗ pinqui equites entſagte, worunter man auch ſeine Verwandten hätte verſtehen können, wenn ſich Ver⸗ wandte des Komthurs unter den Rittern gefunden hätten. Dankmar Wildungen, ein Abentheurer wie er iſt, reiſte in Folge dieſer Interpretation nach An⸗ gerode, hoffte dort die Verzeichniſſe der Ordensmit⸗ glieder vom Jahre 1550 zu finden, kehrte aber un⸗ machte die Ge⸗ hatten mmenen haben: t nicht 3 Hugo en den gefun⸗ keinet jon des abel amens⸗ dungen heilung — Dr. h ſeine h Vel efunden rer wie nch Ar⸗ eensmil- ber un verrichteter Sache zurück. Er wagte nun die letzte Inſtanz. Wie groß war das allgemeine Erſtaunen, als der Präſident ſich dieſes Prozeſſes mit Liebe an⸗ nahm! Den Gedanken an die Beziehungen ſeiner Familie, beſonders der herrlichen Anna von Harder zu den Wildungen, muß man ganz fallen laſſen, ihn trieb zum Studium dieſer Sache nur ſeine Schwär⸗ merei für die Geſchichte der geheimen Toleranzbünde... Und iſt es wahr, ſagte die Königin, die von der Toleranz nichts wiſſen wollte, iſt es wahr, daß zwei Interpunktionszeichen den Ausſchlag gegeben haben? Allerdings, Majeſtät! erklärte Propſt Gelbſattel und fiel dem General Voland in's Wort, dem der Propſt in ſeiner offenbar etwas ausgeplauderten ſpäteren Maurerrede des Präſidenten faſt ſchon zu lange ſprach. Allerdings! Die Stelle in der Originalurkunde, datirt aus Venedig, lautet: Ich bekenne, daß ich die mir beſtimmte Theilung in Beſitz nehmen werde, adhuc vivus, ſo lange ich lebe, oder wenn ich früher ſterben ſollte, bewillige ich ſie, cedo propinquis equitibus, wie man bisher überſetzte, den nächſten Rittern, d. h. den mir an Range Nächſten, alſo dem Orden wieder ſelbſt, das heißt, den Erben von Angerode, Staat oder Stadt. So Juſtizrath Schlurck. Dankmar Wildungen aber ſagte: die Stelle hieße: meinen anverwandten Rittern! 320 Er forſchte in allen möglichen Annalen, ob die Wildun⸗ gen verwandte Ritter im Kapitel gehabt hätten, würde aber auch ſelbſt, wenn er deren gefunden hätte, nicht durchgedrungen ſein, da doch immer wieder dann die Or⸗ denseigenſchaft über die Berechtigung zur Beerbung ent⸗ ſchieden hätte. Auf eine andere Erklärung konnte Dank⸗ mar Wildungen nicht kommen, da er die Abſchrift, die er von der Urkunde nahm, zu flüchtig gefertigt hatte und ſie für gleichlautend mit der Urſchrift hielt. Der Prä⸗ ſident erſt entdeckte in dem ächten Original zwei Punkte vor und nach equitibus und erläutert: Ich cedire meinen Verwandten, Rittern, d. h. Adligen, die das Recht der Ritterguts- und Dominialerbſchaft haben und demnach vollkommen berechtigt waren, in meine Rechte einzutreten, dieſe Theilungsquote. Er wies aus gleichzeitigen Quellen nach, daß der Ausdruck equites für nobiles öfter vorkäme, wenn unter ihm adlige Patrizier der Städte und Grundbeſitzer des flachen Landes zuſammengefaßt wurden, und an Be⸗ weiſen, daß die Agnaten der Wildungen grade in den Städten Thüringens als Patrizier wohnten, fehlte es nicht. Eben durch ihre Wohnſitze in Bürgerkommunen verlor ſich mit der Zeit ihr Adel. Die Entſcheidung iſt nun völlig klar, hängt mit dem Sinne der ganzen Urkunde zuſammen und es fehlt jetzt nur noch das mut Wildun wünde e, nicht die Or ng ent Dank⸗ die ei atte und der Pri⸗ Punkee h cedire die das haben n meine Er wies Nusdruch met ihm ded H an Be ſitze ein den fehlte 6 mmunet ſcheidund ane er g noch d 321 baare Geld, wofür die Stadt und ihr Credit, Se. Durch⸗ laucht Fürſt Hohenberg und ein guter Kupferſtecher zu ſorgen haben. Man fühlte ſich außerordentlich angeregt und be⸗ friedigt von dieſem Vortrage, der offenbar aus der Loge kam. General Voland hatte eine Menge von ähnlichen Entſcheidungen zur Hand, zeichnete Wappen und ließ die Herrſchaften rathen, was die Rebus der⸗ ſelben zu bedeuten hätten. Es währte lange, bis der Premierminiſter mit der Bemerkung hervortreten konnte: Ich will wünſchen, daß die Ritter vom Geiſte eine ſo harmloſe Fortſetzung der Freimaurerei ſind, wie der würdige Chef unſerer Juſtiz dieſe aus dem Kopfe des Muhamed und der Toleranz gegen die Thiere herleitet. Ein Zuſammenhang mit den Jeſuiten wäre ſchon bedenklicher. Man muß die Unterſuchung abwarten, die leider umſtändlicher ausfallen wird, als mir im Intereſſe dieſer Gebrüder Wildungen lieb ſein kann, die zwei reichbegabte, an ſich ſehr edle und ſonſt des vollſten Genuſſes ihres Glückes würdige junge Män⸗ ner ſind. Es lag eine ſolche düſtre Wahrheit in dieſen kräf⸗ tig betonten Worten, deren Beziehung man wohl ver⸗ ſtand, daß das Thema verlaſſen wurde und Propſt Gelbſattel Zeit fand, ſich zu ſeinen Antworten über Die Ritter vom Geiſte. IX. 21 322 die innere Miſſion zu ſammeln, über die er ange— legentlichſt befragt wurde. Früher entſchiedenſter Geg⸗ ner derſelben hatte er ſich vielleicht erſt unterwegs in der Kutſche, die ihn zu Hofe fuhr, eine Brücke gebaut, um nun als ihr Verehrer aufzutreten und mit Ge⸗ neral Voland und andern Elementen der kleinen Cir⸗ kel jene Dialoge aufzuführen, in welchen man die Wahrheiten und Irrthümer der Zeit von allen Seiten beleuchtete, ohne die Kraft zu beſitzen, davon irgend etwas Anderes im Leben auszuführen, als was eben der raſtloſe Drang des Adels⸗, Beamten⸗ und Militair⸗ egoismus als einzige politiſche Richtſchnur vorſchrieb... Fürſt Egon aber konnte nicht anders erwarten, als daß die Stände ihre Zuſtimmung zur Emiſſion von einer Million Stadtkämmereiſcheinen geben würden. Die Bedingung wurde nur geſtell, daß die Stadt nun das ihr verbleibende alterthümliche Erbe auch einer neuen Verwerthung unterwürfe und die öffentliche Kontrole geſtattete. Die Häuſer in der Brand⸗ gaſſe ſollten niedergeriſſen, neugebaut, neuorganiſirt werden. Man wollte, daß nun auch alle alten Her⸗ bergen proviſoriſcher Zuſtände gelüftet, die Spelunken lichtſcheuer Bettlerexiſtenzen gereinigt würden. Dabei traf ſich der eigne Fall, daß gerade ein Mann, der ſtatt Bartuſch's, des Blutſaugers, des böſen Drängers r ange⸗ er Geg⸗ in der gebaut, nit Ge en Cir⸗ nan die Seiten n irgend eben del Militat hrieb.. ten, al on von würden adt nun uch einel ffentlice Brand rganiſt ten He pelunt Dah ann, Dränge und Quälers der Brandgaſſe, ein Wohlthäter, Ret⸗ tungsengel und milder Richter dieſer Höhlen gewor⸗ den war, nun in die Lage kam, an der materiellen Befriedigung der beiden Männer, die ſich als die eigentlichen Herren der Brandgaſſe jetzt ergeben hatten, an dem Abkaufe dieſer Erbſchaft betheiligt zu werden. Es war zuerſt im November des vorigen Jahres geweſen, als ſich die verdächtigen Wolken, die die Erſcheinung Murray's begleitet hatten, allmälig ver— zogen. Ein reicher, angeſehener Fremder, dem die heimiſchen Bekanntſchaften den Glanz ſeines Namens mehrten, erbot ſich in demſelben Augenblicke zu einer anſehnlichen Kaution für ihn, als er durch die Zeug⸗ niſſe Louis Armand's faſt gezwungen war, einzuge— ſtehen, daß er im Forſthauſe bei Pleſſen nur von einem in Amerika verſtorbenen Bruder des Schmieds Jakob Zeck und ſeiner Schweſter Urſula Aufträge zu überbringen hatte und bei dieſer Gelegenheit in die Lage kam, einen tückiſchen, mörderiſchen Schlag, den der Blinde auf ſeine Schweſter ausführen wollte, durch jedes nächſte ihm zu Gebote ſtehende Mittel zu hinter⸗ treiben. Dieſe Ausſagen blieben unwiderlegt, da Louis Armand damals noch in dem Anſehen ſtand, ein Jugendfreund des Miniſters zu ſein. Die Anf⸗ träge, die Par ſpäter von Charlotte Ludmer für ſeine 21* . Hohenberger Reiſe bekommen hatte, waren nicht auf eine Gewaltthat gerichtet. Vermuthete ſie Friedrich Zeck in jenem Engländer, der ſich ihrer Nichte ſo eif— rig angenommen hatte, ſo konnte ihr nur an deſſen Beobachtung, geräuſchloſer, vielleicht durch Geld oder durch ſtille Gewalt vermittelter Entfernung, nicht aber an einer Verhaftung liegen, die zuletzt Geſtändniſſe zu Tage gefördert hätte verletzendſter Art für lebende, in ſorgloſe Sicherheit eingewiegte Perſonen. Deshalb hatte ſie von Fritz Hackert nur unter der Hand erfah⸗ ren wollen, ob nicht dieſer Murray ein Gauner und an dieſen und jenen Merkmalen erkennbar wäre. Be⸗ ſorgniß genug erweckte ihr Hackert's Schweigen, noch größere die Freigebung des Gefangenen auf ein be⸗ deutendes Löſegeld. Endlich aber erhielt ſie die Nach— richt von Hackert, daß jener Fremde ein wirklich harm⸗ loſer Emiſſär amerikaniſcher religiöſer Vereine wäre, der am liebſten auf Kirchhöfen weile und ſich mit dem Schickſale der Armen beſchäftige. Gern hätte ſie ihn ſelbſt geſprochen, gern von ihm gehört, wann, wo, unter welchen Umſtänden jener Friedrich Zeck geſtorben wäre, auf deſſen Veranlaſſung er die ſchlimme Be⸗ gegnung im Pleſſener Forſt hatte, allein der gern und öfters bei ihr geſehene Hackert brachte ihr darauf hin eine wunderlich zuſtimmende Antwort des Sonderlings, der ſie ſcht auf Friedrich o eif deſſen ld oder ht aber niſſe zu ende, in Deshall d erfah⸗ mer und / en, noch ein be ſe Nach ch harm ne wäle mit del te ſie iſ w0 ann, zeſtorbe .8 mme WI Be⸗ entnehmen konnte, daß hier in der That einer jener Bußprediger vorhanden war, der dieſe Gelegen⸗ heit benutzen wollte, nun auch ihr recht in's Ge⸗ wiſſen zu reden. Auf die Gefahr hin, daß ihr dieſer Mann von einer jenſeitigen Welt ſprechen konnte, ſchlum⸗ merte ihre Abſicht, Murray kennen zu lernen, und ihre Furcht ein. Sie mochte ſolche„Quäker“ nicht ſehen. Friedrich Zeck hatte nie die Abſicht gehabt, ſich etwa an Pauline von Harder und Charlotte Ludmer zu rächen. Es war eine wirkliche Frömmigkeit, die ihn erleuchtete. Es lag ihm im Leben nur noch an dem Looſe des Knaben, den aufzuſuchen ihn daſſelbe Pflichtgefühl trieb, das die frömmelnde Fürſtin Amanda einſt ihr Teſta⸗ ment hatte niederſchreiben laſſen. Wie er Hackerten finden mußte, erfüllte ihn freilich mit Schmerz genug. Er fand doch zuletzt einen verwilderten, trotzigen, aller Innerlichkeit baaren Sinnenmenſchen, mit dem er ſich, um ſein beſſeres Gefühl zu wecken, wohl hütete, zu verfahren wie mit Auguſte Ludmer. Die gewaltſame Unterwerfung unter ſeinen eignen edlen Geiſt hätte er wohl ausgeführt, er hätte nur ſeine Geſchichte, die Namennennung der Mutter Hackert's anwenden dürfen, um den Hochmüthigen ganz in der Gewalt zu haben, aber er lehnte dieſe Gewalt ab, er fürchtete, etwas Künſtliches in ſeine Entwickelung hineinzutragen. Er wollte ſeinen Sohn gewähren laſſen und ihm ſelbſt nur als eine Anlehnung ſeines eignen Wachsthums dienen. Die Erfolge dieſer Erziehung waren im Beginn wenig ermuthigend. Er entſetzte ſich genug, wie verworren, ja grundverdorben dieſe Seele war. Vor dem tiefein⸗ gewurzelten Peſſimismus derſelben ſchauderte ihn. Alles wäre ſchlecht, Jeder ſähe nur auf ſeinen Vor⸗ theil, Alles löge und die Tugend wäre Maske, die nur die Dummen blendete! So lauteten ſeine ſtehenden Sätze, die er ſelbſt mit der Nachwirkung der Gefühle verband, die ihm die Freude geweckt hatte, ſeinen räthſelhaft verborgenen und ſich ihm noch nicht ganz enthüllenden Vater damals auf dem Kirchhofe zu fin⸗ den. Seine Menſchenverachtung ging ſoweit, daß er ſelbſt am Vater zu bohren, an dem zu wühlen, zu untergraben anfing und ihm gleichſam Fallen ſtellte, um die Schadenfreude zu genießen, auch ihn ſtraucheln zu ſehen, auch ihn auf Prahlerei und Eitelkeit zu er— tappen. Er konnte nicht begreifen, warum Murray in der Brandgaſſe wohnen blieb und die drei Zimmer der Louiſe Eiſold behielt. Er vermittelte manche Be⸗ ſtellung, die vom Vater für Kupferſtecherarbeiten wie⸗ der übernommen wurde; aber wenn er ſie nur lang— ſam ausführte, wenn er hören mußte, daß den Vater dieſer oder jener Vorfall in den Familienhäuſern, bald lbſt nun dienen n wenig worren, tiefein⸗ te ihn. en Vor⸗ die nut ſehenden Gefühle ,, ſeinen icht galt zu fin 3 daß ei hlen, zi n ſtellte frauchell eit zu dl Murta Zimmen nuche 2 eiten wi nur lal den Val ſern, b auf Nr. 30, bald auf Nr. 50 in Anſpruch genommen hatte, ſo konnte er das ſchadenfroheſte Gelächter aufſchlagen und alle Bemühungen, dieſer Bande, wie er ſie nannte, nützlich zu ſein, als rein verlorene Mühe verſpotten. Dieſem Vieh, ſagte er, iſt ſein Schmuz ſo behaglich wie dem Reichen ſeine Eiderdaunen. Kein Champag— ner gibt dem Schlemmer die Wolluſt, wie Dieſen hier der erwärmende, ſcharf alle Nerven ergreifende und die Sinne in eine exaltirte Spannung verſetzende Branntewein! Seht nur dies wonnige Ueberbeißen der Lippen, wenn dieſe Männer und Weiber aus ihrer Flaſche getrunken haben! Seht dies Schmunzeln des Mundes und Runzeln der Augenbrauen, als wenn der Genuß brenne und Uebelbehagen erwecke, aber es iſt nur die Maske der ſüßeſten Empfindung, die ſte hebt und alle Phraſen von Entſagung und wahrem Menſchenglück verlachen macht. Hört nur die zärt⸗ lichen Namen, mit denen die Flaſche benannt wird, wie erwärmt ſie von Taſche zu Taſche im Kreiſe um— herwandert, wie treu ſie mit auf die Arbeit, mit auf den Spaziergang genommen wird und wie ſie immer die Le⸗ bensgeiſter wach erhält, wie ſie zu hoffen, zu haſſen, zu lieben lehrt. Ha! So ein Fluch, aus ganzer Seele losgelaſſen über die Welt und Alles, was in ihr lebt und krabbelt, kann aus keinem Dichtermunde bei aller 328 Begeiſterung kräftiger kommen wie aus dem mit Spiritus ſtimulirten Zuſtand dieſer Menſchen, die zu⸗ letzt, wenn die Spannkraft der Nerven nicht mehr aushält, erſt Morgens in ein Zittern verfallen, dann Mittags über Magendrücken wimmern und zuletzt Abends überall Mäuſe, Ratten ſehen, Wanzen, Flöhe, Ungeziefer und dabei heulen und ſchreien: Es will mich was freſſen, Hüͤlfe! Hülfe! Ha, Papa, das iſt dann der Säuferwahnſinn und die Geſchichte iſt aus. Die Kerle kommen in's Tollhaus; aber luſtig, die Jungen machen's doch den Alten immer wieder nach! Man müßte die Neſter alle ausnehmen, wenn die Brut noch halb in den Ciern ſitzt, müßte ihnen allen den Kopf eindrücken oder ſie in eine Anſtalt zuſammenthun, wo ſie dann freilich wieder andere Laſter lernen, die auch zu keinem ſeligen Ende führen. Vater, es gibt für dieſe Ca⸗ naille der Wonnen, die dabeiauch nichts koſten, garzuviel! Das war dann freilich eine Schilderuug, grauen⸗ haft genug und leider nur zu wahr! Aber der Vater hatte den wenig ausreichenden Troſt, daß ſolche und ähnliche Aeußerungen ſeines Sohnes noch mehr aus deſſen immer mehr zunehmender Hinfälligkeit herrühr⸗ ten. Die Mondſucht hatte ihn nicht verlaſſen. Jede Anfrage bei erprobten Aerzten führte auf das Ergeb⸗ niß, man müſſe die Jahre abwarten und ſich mit Flöhe, Es will das iſ jſt aus. ſtig, die er nach! die Brut en Kopf un, wo die auch diſe Ca nzuvil grauenn 9 eer Valet 329 äußern Schadenverhütungen begnügen. Hackert blieb, da der Vater ſein Inkognito nicht aufgab, in ſeiner Wohnung bei Zipfels. Friedrich Zeck wünſchte nicht, daß ſie zuſammenzogen. Er fürchtete, daß dann Einer vom Andern beherrſcht würde und die Alltäglichkeit bald den Reiz verdränge, den es doch für den Sohn hatte, einen Ort zu wiſſen, wo er ſich in reineren Lebensfluthen manchmal baden konnte, führte ihn auch der Weg an Schmuz und Schlamm vorüber. Der Ekel, mit dem Hackert regelmäßig bei Zeck eintrat, that dieſem wohl und immer hoffte er, es würde ſich endlich in ihm der Entſchluß zu einer That regen, zu irgend einem Aufſchwunge, zu irgend einem ihn erhebenden Berufe. Sein Verhältniß zu Parx hatte Hackert kei⸗ neswegs aufgegeben. Er gefiel ſich zu ſehr in den Zerſtreuungen, die der Wandel eines ſolchen geheimen Agenten mit ſich brachte. Da durfte er in aller Leute Karten ſehen, über Stutzer lachen, die auf den Pro⸗ menaden ſtolzirten und das ihnen gleichſam von der Polizei umgehängte Halsband unter der ſeidnen Cra⸗ vatte verbargen, er durfte alle Spelunken des Elends, der Gaunerei, des zügelloſen Vergnügens beſuchen. Er war ſeit Jahren an dieſe Orte wie gebannt. Früher zog ihn da der Trieb der Theilnahme an den Aus⸗ ſchweifungen hinein, jetzt brauchte er ſie nur in höherm Auftrage zu beſuchen, aber magnetiſch zogen ſie ihn. Wenn er eine dumpfe Trommel in der Ferne hörte, das Schmettern einer Trompete, wenn die Geigen ſo weinerlich lockend ſtrichen, behauptete er, nicht wider⸗ ſtehen zu können. Wenn die eigne Kraft zur Sünde aufhört, regt ſich der Trieb, Andere zu verführen. Alte Buhlerinnen kuppeln, ehemalige Verbrecher geben an. Von allen dieſen Erfahrungen wiederholte ſich etwas an Hackert, nur daß er durch einen gewiſſen, man möchte ihn philoſophiſchen Standpunkt nennen, be— wahrt blieb, dabei in das völlig Gewöhnliche und Gemeine zu verfallen. Wenn er acht Tage in der Brandgaſſe beim Vater nicht geweſen war, fing dieſen an zu bangen; er wußte, daß Fritz dann auf ſchlimme Rückfälle gekommen war, irgend einer Verlockung folgte, kein gutes Gewiſſen hatte; aber das beſſere Gewiſſen überhaupt bei Hackert anzunehmen war ſchon ein Gewinn und immer hatte Zeck die Genugthuung, daß er endlich doch kam, matt und müde zwar, an— geekelt von ſich ſelbſt, mismuthig, verſtimmt und meiſt Geſchichten mitbringend, die Murray zur An— knüpfung ſeiner Lieblingsbeſchäftigung benutzte, den Werken der innern Miſſion, wie ſie von ihm in ganz anderm Sinne als von den Modevereinen verſtanden wurde; aber er kam doch, ruhte ſich beim ſie ihn ne hörte, eigen ſo t wider⸗ Sünde ch eiwas en, mau nen, be— ſche und ein der 9 dieſen ſchlimme erlockung z beſſere var ſcho gthuung var, an umt und zur Ar⸗ ötte, del ihm il evereinel ſich bel Vater doch aus, ſeufzte doch und wünſchte ſich nicht ſelten den Tod. Otto von Dyſtra hatte vor ſeinen Reiſen nach dem Tempelſtein Sorge getragen, ſeinen alten Schützling mit Perſönlichkeiten und Inſtitutionen bekannt zu machen, die ihm nach zwei Seiten hin nützlich ſein konnten, ſowohl ſeine alte Kunſtübung wieder aufzu⸗ nehmen, wie die ihm eigne Bekehrungsmethode unter den ſittlich Verwahrloſten ungeſtört zu betreiben. Im Beſitz eines ausreichenden Vermögens arbeitete Murray nach Neigung. Da er nur die ſchwierigeren Aufträge annahm und ſie mit großer künſtleriſcher Vollendung ausführte, ließ er ſich in ſeinen Leiſtungen Zeit. Die Mußeſtunden, die er ſich reichlich gönnte, verwandte er darauf, von den Vereinen, deren Mitglied er ge⸗ worden war, Aufträge anzunehmen. Anfangs fügte er ſich der Methode, die hier allgemein in dieſem Fache der Seelſorge ſchon galt. Er brachte Notizen, em⸗ pfahl die Hülfsbedürftigen, zeigte bald den Behörden, bald den Vereinen auffallende Misſtände an, aber bald ſah er, daß das Alles nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein war. Man gab und die Wirkung ziſchte auf und ließ nichts als ein wenig Rauch von Dank zurück. In den ſtatiſtiſchen Tabellen der Ver⸗ eine, ihren Programmen und Berichterſtattungen nah⸗ men ſich dieſe Thatſachen freilich Wunder wie groß⸗ artig aus. Da hieß es: Achtzig armen Wöchnerinnen Leinenzeug gegeben, dreihundert Kranke gepflegt, dreißig begraben und ſo und ſo und ſo vielen Waiſen oder Witwen dieſe oder jene vorübergehende Wohlthat er— wieſen! Murray ſah bald ein, daß dieſe Methode auch zu dem ſcheußlichen Lügennetze der Zeit gehörte. Nur zu wahr traf in den meiſten Fällen die Spott⸗ rede ſeines Sohnes ein, der dieſen Theil der Menſch⸗ heit in ſolcher auf die Symptome kurirenden Art für unverbeſſerlich erklärte. Gern hätte er die Macht des Chriſtenthums zu Hülfe gerufen, aber zu ſeinem tief⸗ ſten Leidweſen erkannte er, daß in Europa das Chriſten⸗ thum eine dviel unreinere geſellſchaftliche Geſtalt an⸗ genommen hat als jenſeit des Meeres, wo ſich nicht ſoviel kirchliche und politiſche Verwirrung und irdiſche nichtswürdige Entſtellung in die reine Chriſtuslehre gemiſcht hat. Wenn er den Armen und ergrimmten Nothleidenden mit Chriſtus als dem Waizenkorn und dem wahren Brote des Lebens kam, ſo fand er ſelten einen guten Boden für dieſe Ausſaat und mußte in hundert Fällen neunzigmal erleben, daß man ihm das Chriſtenthum als eine durch die Weltlichkeit der Kirche, den Lurus der Geiſtlichen, die geheuchelte Frömmigkeit der Großen, der Armuth über und über verdächtig ge⸗ wordene Inſtitution darſtellte und ihm mit einem Un⸗ glauben antwortete, der an die abſolute Nichtslehre erinne ve ſeines Sohnes für ihn ſchaudernd genug erinnerte. n odel Eines Tages kam ihm ein Lichtſtrahl beſſrer Hoff⸗ hat nung, Er hatte, es war im Frühjahr ſchon, bei einer delhode Verſammlung einen jungen Geiſtlichen reden hören, dhörte der als Prediger des Gefangnenhauſes erſt vor Kurzem Suol, eingetreten war. Er entſann ſich des Namens Olean⸗ Menſch⸗ der ſehr wohl. Er erinnerte ihn an Louis Armand, an füt dieſen liebenswürdigen jungen Freund, der vor einigen 2 Monaten hatte aus einem Lande entfliehen müſſen, in. das er mit ſo viel Hoffnungen betreten durfte. Fried⸗ keßte rich Zeck war mit Louis Armand in Verbindung ge⸗ blieben, hatte manchen Brief von ihm an Dyſtra, von Dyſtra wieder Einlagen an ihn bekommen; Zeck hatte Kunde von dem Bunde der Ritter vom Geiſte und durfte vermuthen, daß auch Oleander zu ihm ge⸗ hörte. Man rühmte die Standhaftigkeit, mit der Oleander auf der Feſtung Bielau einen jungen, wegen Meuterei erſchoſſenen Soldaten zum Tode begleitete. Seine Predigten fanden den allgemeinſten Beifall und ſegensreich ſollte ſich auch ſein Wirken in den Zellen des Gefangnenhauſes erweiſen. Briefe, die Friedrich Zeck von Armand für Oleander erhielt, brachten ihn dieſem jungen Geiſtlichen näher. Er ſah ihn öfter, verſtand ſich mit ſeinen Meinungen über die Zeit und über die Menſchen und zweifelte nicht, daß auch er zu dem vielbeſprochenen Geheimbunde gehörte; denn er rühmte von ſich, daß er durch Siegbert Wil⸗ dungen und Louis Armand eine große Umwälzung ſeines Innern erfahren. Doch rückte das eigentliche Geheimniß des Bundes Zeck ſelber nicht näher, er wünſchte es auch nicht. Zeck ſah zu ſehr ſeine Unwürdigkeit und trug dieſe Erkenntniß voll De⸗ muth. Er war in demſelben Falle wie Dyſtra. Beide wurden von dem Bunde benutzt, ohne daß ſie in ihm lebten. 5 Wie erſtaunte Friedrich Zeck im Laufe des Som⸗ V mers, als nach längerm Zuſammenwirken auf dem Gebiete der innern Miſſion Oleander eines Tages ihm doch ein ſonderbares Zeichen machte, das er nicht verſtand! Oleander hatte den Kupferſtecher anfangs für einen reſpektablen Mann angeſehen, von dem er nicht vorausſetzen konnte, daß er mit dem Geheimniß, in das ihn Siegbert brieflich eingeweiht hatte, bekannt— war. Später, als er ſich bedeutender und charakter⸗ feſter entwickelte, hatte er prüfend auf ihn geblickt, endlich im Laufe des Sommers gewagt, ihn mit dem Bundeszeichen zu begrüßen. Als Murray den Gruß nicht erwiderte, ſagte Oleander: die Zei cht, daß gehörte ert Wi⸗ wälzung gentliche näher, ehr ſeine voll De⸗ J. Beide e in ihm 6 Som⸗ auf dem Tages er nicht anfangs n dem e heimniß bekanne harakter geblic mit den en Gei 33⁵5 Sie dienen den Rittern vom Geiſte und gehören nicht zu ihnen? Murray beſtätigte dieſe Vermuthung und lehnte genauere Eröffnung ab... Oleander aber ſagte: Dieſe Ablehnung hilft Ihnen nichts, liebſter Mur⸗ ray! Sie werden gewonnen, ohne daß Sie wollen. Noch muß ich nun ſelbſt Anſtand nehmen, mich zu offenbaren. Laſſen Sie mir nur noch einige Wochen Zeit und ich will Ihnen dann ſagen warum? Aus den Wochen wurden Monate. Der Herbſt war da, Ackermann hatte ſich in der Reſidenz als Rodewald enthüllt. Abſchied nehmend von Olean⸗ der hatte Rodewald des Begeiſterten ſoviel von Mur⸗ ray geſprochen, ſo ſehr gerühmt, daß in ihm eine große ſittliche That verkörpert wäre, ſo ſehr die Mä⸗ ßigung geprieſen, mit der er noch jetzt eine ernſte Auf— gabe beherrſche und verwalte, daß Oleander ſich ſei— nes Verſprechens entſann und eines Abends, als er mit Friedrich Zeck durch die Laſter- und Elendshöhlen der Brandgaſſe ſich müde gepilgert hatte und da, wo man früher die Sendboten der Liebe die Treppe hin— unterwarf, wenigſtens die perſönliche Sicherheit des guten Nachbars im dritten Hofe antraf(der ſchon in die Lage gekommen war, beraubt zu werden und Die, die ihn hatten nächtlich überfallen, in ſeiner Wohnung knebeln wollen, nicht angezeigt, ſondern ſie zu Freunden ge⸗ wonnen hatte), zu Murray ſagte: Aber Sie, Mann des Friedens, wenn es wahr iſt, daß Sie dieſe eiſernen Stäbe— es war in Mur⸗ ray's Wohnung— hier vor Verbrechern ſchützen müſſen, die Sie zu Ihren Freunden zu erheben vor⸗ ziehen, ſtatt in die Gefängniſſe zu ſchicken, ſo muß ich auf mein Verſprechen zurückkommen, Sie mit dem Bunde der Ritter vom Geiſte bekannt zu machen! Warum thun Sie Das erſt jetzt? fragte Fried⸗ rich Zeck. Weil ich an der unverbeſſerlichen Eitelkeit der Stu⸗ dirten leide; ſagte Oleander. Es iſt ein Geſetz unſres Bun⸗ des, nur Die zu gewinnen, die über uns ſtehen. Es hieß anfangs, die geſellſch aftlicch über uns ſtehen, doch hat Dankmar Wildungen die Vorſchrift verbeſſert und jede andre Superiorität, auch die der Sitte und der Bildung, des Geiſtes und des Herzens zugeſtanden. Ich darf alſo nur Menſchen gewinnen für den Bund, von denen ich mir ſagen muß, daß ſie irgendwie über mir ſtehen. Und ich Eitler, ich war faſt ſo eitel wie ſonſt Propſt Gelbſattel. Ich ſage: ſonſt! Denn ſeit⸗ dem dieſer große Mann erfahren hat, Ritter vom Geiſte könnte man nur durch einen Menſchen werden, wahr iſ r Mur⸗ ſchützen eben vor⸗ muß „ſo muß e mit dem achen! gte Riie ſres Bun ehen. 6 ehen, doch eſſett un e und d geſtandan en Bund dwie ih eitel d' Denn ſi eitter vo n werde 337 der unter uns ſtünde, bemüht er ſich, die Demuth ſelbſt zu ſein. Er duckt ſich gegen Jedermann, ſieht überall auf die Erde wie nach einem verlornen Groſchen, möchte Jeden ermuntern, ſich ihm zu nähern. Aber er macht, ſagte neulich der Doktor Drommeldey in Tempelheide, er macht die ſonderbare Entdeckung, daß er nicht nöthig hätte, zu den unter ihm Stehenden herabzuſteigen. Niemand denkt daran, ihn für einen Größeren zu halten, als ſich... Friedrich Zeck war in der Prüfung des Satzes, man müſſe immer von den unter uns ſich Fühlenden geworben werden, noch ſo verloren, daß er kaum daran dachte, die ihm von Oleander angethane Ehre abzulehnen. Oleander aber theilte ihm Geſchichte und Beſtand des Bundes mit, gab ihm die Erkennungs⸗ zeichen, deutete ihm die Symbolik und wollte ihm ſchon das Gelöbniß abnehmen, den näher bezeichneten ge⸗ heimen Pflichten des Bundes ſich zu unterwerfen. Staunend hatte Friedrich Zeck zugehört. Erſt jetzt fiel ihm ein, er, ein Falſchmünzer, ein entſprungener Verbrecher ſollte ſich in dieſen Bund der edelſten Men⸗ ſchen ſtehlen? Unruhig ſprang er auf und lehnte ſeine Betheiligung ab, indem er im Uebrigen die heiligſte Ver⸗ ſchwiegenheit über das bereits Vernommene gelobte. Billigen Sie die Idee nicht? fragte Oleander. Die Ritter vom Geiſte. IX. 22 Ich bin ihrer nicht würdig, meine Kraft iſt zu ſchwach. Laſſen Sie! ſagte Zeck. Ihre Kraft zu ſchwach? erwiderte der junge Geiſt⸗ liche. Fühlen Sie denn nicht, daß im Grunde erſt durch dieſe Schöpfung Das, was man innere Miſ⸗ ſion nennt, ein Ziel und einen Zuſammenhang erhält? Wenn irgend etwas zur Glorie des Chriſtenthums ge⸗ than werden kann, ſo bin ich gewiß keiner der Letzten, der freudig Hand an's Werk legt. Aber aus dem Geiſte des Chriſtenthums allein ſind dieſe Thaten der Liebe nicht mehr zu fördern. Sie müſſen, wie die Kreuz— züge einſt, damit enden, daß wir das Grab und die Wiege des Heils in der ganzen Welt finden, nicht blos in dem ungläubig gewordenen Paläſtina. Die alten Templer waren zu der Erkenntniß gekommen, daß ſich die Miſſion einer rein äußerlichen Fortpflan⸗ zung des Chriſtenthums, die Miſſion der Heidenbe⸗ kehrung, überlebt hat. Man ſprach nun von innerer Heidenbekehrung, von Ketzerverfolgung, von Urchri⸗ ſtenthum, man ſtiftete Sekten, Brüdergemeinden. Es waren falſche Wege zum rechten Ziel. Die Wahrheit iſt die, daß eine vereinzelte Pflege des Unheils in der Welt nur wenig hilft. Das ganze Leben muß er⸗ griffen werden von dem Geiſte der Erneuerung und Wiedergeburt. Wir können die Schäden der Geſell⸗ ft iſt zu ge Geiſ⸗ nde eiſt ere Mi⸗ erhäͤlt⸗ ums ge⸗ rLetzten, emn Geiſte der Liebe le Kreul⸗ und die n, nicht ga. Di kommen, orpflan⸗ Hedenbe⸗ innerel Urchii⸗ den. E— Gahthei ls in de muß e ung und Geſel 339 ſchaft nur heilen, wenn wir neue Luftſtrömungen durch die verdumpfte Erxiſtenz der Zeitgenoſſen ziehen laſſen. Licht der Sonne, Blau des Himmels, Friſche der Luft, was gibt es beſſere Hülfsmittel bei Heilung leiblicher Schäden? Und mit den geiſtigen beginnen die leiblichen. Ich habe ſonſt über die Zeit geträumt. Ich bin ihr Walten geflohen. Ich habe verurtheilt, was mich aus meinem behaglichen Dämmerleben auf⸗ ſchreckte. Aber durch die Lehre von einer Religion des freien Geiſtes iſt mir ein Stern aufgegangen. Ich ſehe ſchon Tauſende ſich die Hände reichen auf wenige große Wahrheiten des Einverſtändniſſes und der fel⸗ ſenfeſten Ueberzeugung. Man handelt nach dieſen Wahrheiten, Jeder nach ſeiner Fähigkeit, ſeinem Be⸗ rufe, ſeinem Triebe. Nehmen wir, mein Freund, das Gebiet der Armuth und des geiſtigen Elendes! Arbei⸗ ten wir nicht für das Reich Gottes im Allgemeinen, nicht auf den unnützlich geführten Namen des Hei⸗ lands, ſondern für das Reich des heiligen Geiſtes, der nach den Tagen der Apoſtel uns als letzte Ent⸗ hüllung der Offenbarung verheißen iſt! Schaffen wir Menſchen, freie, bewußte, die Erde zu lieben ſich ge— drängt fühlende Menſchen und machen wir die Erde dieſer Liebe werth! O ich möchte mit Engelzungen reden, um der Menſchheit zu ſagen, was die wahren 22* Unholde ſind, die uns an hellem Tage auf Erden Nacht machen und dieſe Gebrechen der Geſellſchaft, dieſe Armuth und dies Elend anwachſen laſſen ſo un⸗ gebührlich, daß es keine Fabel mehr ſcheint, wenn man ſagt, der Herrſcher der Erde trägt eine dunkel⸗ glühende Krone und ſein Reich iſt das des Feuers und des ewigen Todes. Aus dieſer Stunde ergab ſich für Friedrich Zeck eine erneute Ermuthigung, aber auch manche ernſte Pflicht, mancher Schmerz. Sein Sohn, der die Be⸗ theiligung des Vaters an dem verfolgten Bunde wohl merkte, hatte dagegen das Bitterſte zu ſagen. Er war es geweſen, der der Zeuge der erſten Einſetzung des⸗ ſelben geweſen, er hätte dieſes raſch erblühte Wachs⸗ thum ja im Keime erſticken können! Der Vater, ohne das Geheimnißvolle an dem Bunde zu verrathen, er⸗ ſtaunte. Schmerzlich berührte ihn, wie Hackert auch auf dieſe Erfahrung ſeines Lebens hin nur mephiſto⸗ pheliſche Lichter fallen ließ. Dennoch erbot er ſich zu der ſcharfen und ihn ganz erfüllenden Ironie, die wichtigſte Korreſpondenz des Bundes mit dem eignen Wappen der Polizei zu befördern. Hackert drückte auf die Briefe der Bundesglieder bald das Siegel Paxen's, bald das des Aſſeſſors Müller, bei dem er ſich in gutem Kredit erhielt, bald das des Gerichtes ſelber. 341 Erden Glücklicher Weiſe waren die Briefcouverte, die man lſchaft bei Dankmar hätte finden können, von dieſem regel— ſo un⸗ mäßig vernichtet worden. wenn Friedrich Zeck ſollte nicht aufhören, in Verbindung zunkel⸗ mit den Schickſalen der Gebrüder Wildungen zu blei⸗ geuers ben. Ihm, dem von den Vornehmſten der Geſellſchaft ſeines für„fromm“ erklärten Wirkens wegen beſchütz⸗ h ech ten Künſtler, vertraute man den Stich der Kupfer⸗ ernſte platte, von welcher die Stadtkämmereiſcheine abgezogen je Be⸗ werden ſollten. An derſelben, vom Tageslichte hell⸗ ewohl beſchienenen, Dächern gegenüber gelegenen Fenſterbrü⸗ Fr war ſtung, wo einſt Louiſe Eiſold unter ihren Geſchwiſtern Jdes⸗ genäht und geſtickt hatte, ätzte der Engländer Murray achs⸗ in ſtädtiſchem Auftrag die Kupferplatte, die Fritz ahne Hackert oft mit dem ihm eignen Humor der Schaden⸗ freude betrachtete und ſagte: en, el⸗. 1 3 Vater, nun erkenn' ich erſt meine Vorliebe für Pa⸗ 4 uus piergeld! Die Pfaffen ſagen, Gott hat die Welt aus aäi Nichts erſchaffen. Es war Das jener Jehovah, dem „ 8 Das alle ſeine Juden noch jetzt nachthun. Bei Schlurck 6 3 aßen die Philoſophen, die aus Sein, Werden, Nichts eſe und Deſſert-Tortenkrumen und Käſerinden die Welt r ſchnitten! Hätt' er nur jetzt recht viel von Denen zu wr Freunden, die aus Nichts Papier und aus Papier ſich“ Geld machen! Der Kredit kann zum Teufel noch faben mehr als das Denken. Eine Million! Das gibt Thalerſcheine, Fünfthalerſcheine, Funfzig-, Hundert⸗ thalerſcheine! Dann nimmt man die alte gelbe Blech⸗ büchſe aus der Spittelkirche und ſteckt die ganze Beſchee⸗ rung da hinein. Die Nachmittagskollekte von Kupfer⸗ pfennigen iſt ſchwerer als die Bundeskaſſe der Ritter vom Geiſte. Haha! Vater, wie können Sie ſich nur von dem Hokuspokus foppen laſſen! Es kann Ihnen noch ſcharf zu Leibe gehen, wenn der Tempelherr Dankmar Wildungen zu beichten anfängt. Dem ſtol⸗ zen, eingebildeten Zwickelbart gönn' ich's. Sie ſetzen ihm ſcharf zu. Aſſeſſor Müller bietet ihm eine Cigarre nach der andern an im Verhör, aber die alten Uni⸗ verſitätsfreunde rauchen zuſammen und wenn das Pro⸗ tokoll gemacht werden ſoll, ſteht nichts auf dem Bo— gen. Der Aſſeſſor ſagt: Alter Junge, es hilft nichts, ſo wirſt du lange im zweiten Hof Nr. 23 ſitzen, was unſer Staatsgefängniß, aber auch das feſteſte iſt. Ein Mal warf ich dem Ritter hundert Thaler in's Geſicht, weil er mir kein Pferd anvertrauen wollte! Er würgte lange an dem großen Gedanken, daß ich ſie geſtohlen hätte. Dann, als er merkte, daß ich blos ein elender Kerl bin, höchſtens vor Deſperation fähig zu Allem, ging er in ſich und wollte meinen innern Menſchen rühren, um meine Bettelpfennige oder Dukaten aus gibt ndert⸗ Blech⸗ eſchee⸗ upfer⸗ Ritter h nur Ihnen elherr ſtol⸗ ſeten garre Uni⸗ Pro⸗ Bo⸗ ichts, was Ein eſicht ürgte ohlen lender Allem, nſchen aus der Gewiſſens⸗Sparbüchſe herauszuluchſen... Ich war erſt breiweich; denn, weiß der Henker, ich habe vor nichts ſo viel Furcht als vor dem Brummen— müſſen im Loch. Ich könnte das Hängen beſſer ver⸗ tragen als das Sitzenmüſſen. Er wollte mir damals einen Gefallen thun und ich that ihm wieder einen, als er im Rathskeller mit allen Geiſtern der Wein⸗ karte ſeinen Bund machte und Schmelzing ſchon Ten⸗ denz gerochen hatte. Nun ſind wir quitt! Wenn Ei⸗ ner ſich merkte, Papa, wo du die geheimen Kniffe bei der Platte anbringſt, die Haken und Striche, die für Falſchmünzerei Fußangeln ſind! Verdient ſo ein Schnauzbart, daß um ihn ſich Einer zwanzig Jahren Zuchthaus ausſetzt und ſo eine Platte anſehen muß wie eine Tigerkatze in der Menagerie, die ihr Fleiſch vor ſich liegen hat und nicht freſſen darf, weil der Wärter die Gabel drauf hält? Vater, wir ſollten Geld machen! Aber Das hülfe uns nichts. Wenn wir's hätten, bliebſt du hier doch auf 86 und ver⸗ heirathet'ſt dich mit der Brandgaſſe und brächteſt mit deinem wohlthätigen Siebſchöpfen mein Erbe durch. Nur gut, daß die Landkarte hier bald geſprengt wird! Pulver müſſen ſie dazu nehmen, wenn die Brandgaſſe in die Luft ſpringen ſoll, tauſend Centner Minenpul⸗ ver! Das wird eine Beſcheerung geben, wenn ein⸗ mal die Dächer hier herunterfliegen und nichts übrig bleibt als ein paar alte Hausſchlüſſel von Frau Mull⸗ rich und die Nachttöpfe von Madame Klapperfuß. Die unausgelöſten Pfandzettel, die hier herumliegen, geben allein ſchon ein Feuerwerk für nächſten Königsgeburts⸗ tag. Wie lange dauert denn die Million, bis ſie fertig iſt? Zeck war an ſeinem Sohne dieſe Ausbrüche von Schadenfreude gewöhnt. Sie mit Gewalt in ihm zu zerſtören, wagte er nicht; denn bei jedem Gedanken, das Recht des Vaters anzuwenden und ſeinen Sohn die Uebermacht eines reinen Herzens empfinden zu laſſen, kam ihm die Erinnerung an die Folgen des Tages mit Auguſte Ludmer. Er begnügte ſich auch jetzt, lächelnd zu erwidern: Wir werden gegen Oſtern fertig ſein... Auch mit dem Druck? fragte Hackert. Grade mit dem Druck. Ich ſteche ſechs Wochen an dieſer Platte, dann zwölf an den größeren, der Druck iſt langſam, da er kontrolirt wird und für je⸗ des Blatt eine neue Nummer geſetzt werden muß... Mit Ausnahme der Zwanziger und Funfziger? Die wieder ihre eigne Reihenfolge haben... ich will wünſchen, daß der Empfänger dann auf freien Fuß geſtellt iſt... —— alte ma dah von m zu inken, Sohn n zu des auch 345 Das könnte leicht fehlgehen. Aber Siegbert iſt der älteſte... er hat die Vorhand... Als Flüchtling? Ich glaube nicht, daß man Je⸗ manden, der in Unterſuchung iſt, eine Erbſchaft aus⸗ zahlt... Das müßte Schlurck wiſſen... Hackert kam auf ſein Steckenpferd, das Rühmen und Preiſen der Kenntniſſe ſeines Pflegevaters... Murray ließ ihn reden. Er wußte, daß dem Men⸗ ſchen nichts förderlicher iſt, als ſich gegenſtändlich zu machen. Er hatte den ganzen Entwickelungsgang ſei⸗ nes Sohnes vor ſich liegen, kannte auch ſeine Bezie⸗ hung zur jetzigen Fürſtin Hohenberg und hoffte auf Kriſen, wo ſich im menſchlichen Gemüthe Gut und Böſe in Kampf ſetzt und Eins ausgeſchieden werden muß. Dafür, daß das ſchlimme Element in Hackert nicht die ausſchließliche Oberherrſchaft gewann, glaubte er geſichert zu ſein und wär' es nur die dazwiſchen tretende Anhänglichkeit des Sohnes an den Vater und die Spannung, in der er ihn über ſeine Mutter er⸗ hielt, die einen Wall gegen das Böſe abgaben. Um dieſen Wall in Vertheidigungszuſtand zu erhalten, mußte Zeck nur Sorge tragen, daß ihn der Sohn nicht zu ſich herabzog. Denn darauf legte es Hackert an. Durch Späße, Schilderungen, Vertraulichkeiten hoffte er, die ſittliche Grenzwand zwiſchen ſich und dem Vater nicht ſelten niederzureißen. Aber Zeck war in einem ſol⸗ chen Augenblicke wie taub oder er nahm die Bibel und las ſo lange laut in ihr, bis Hackert erſt vor unauf— hörlichem Lachen darüber zum Aerger kam, dann mit dem Fuße ſtampfend vom Aerger zur boshaften Pa⸗ rodie, zuletzt zum Schweigen und, wenn der Vater doch nicht aufhörte, in aller Stille ſich von ſeinem Zimmer entfernte... Dieſen Geiſtern abſoluter Ver⸗ neinung imponirt bekanntlich Nichts ſo ſehr als die Konſequenz.. In der That zog ſich das Verfahren gegen Dank⸗ mar in die Länge. Entweder hatte man die Vorſtellung eines großen Gewinnes, wenn man ſich ſeines unterneh⸗ menden, jetzt ohnehin gereizten Wagemuthes verſicherte oder man beſorgte vollends, daß die Brüder, wenn ſie die von ihnen erworbenen Mittel zu freier Ver⸗ waltung erhielten, dem Gemeinweſen unberechenbare Gefahren bringen würden. Die Weigerung Dank⸗ mar's, ſich über die von ihm geſtiftete„Verſchwörung“ auszulaſſen, ſeine abſichtliche aber aufrichtige Erklä⸗ rung, daß er die Mitglieder derſelben nicht kenne, zo⸗ gen die Verhöre in die Länge. Man fand im täg⸗ lichen Volksleben immer neue Thatſachen, denen man eine Verbindung mit der großen Verſchwörung zurech⸗ nete dieſ Lau gehe neb Ade Jater 347 nete. Der Fürſt von Hohenberg an ſich war allen dieſen Prozeduren fern. Er konnte weder gegen den Lauf der Gerechtigkeit etwas unternehmen, noch die geheimen Kanäle aller der Parteien durchkreuzen, die neben ihm im Lande mitregierten. Am Hofe, beim Adel, in der Bureaukratie gab es ein Drängen zu gewiſſen Zielen hin, dem er ſich vergebens würde ent⸗ gegengeſtemmt haben. Er behielt ſich das Maaß von Macht vor, das für ihn in der Initiative der großen Politik lag, aber im Kleinen fand er täglich, daß auch er den Geiſtern, denen zu Nutzen, wenn auch nicht zu Liebe, er geredet und gehandelt hatte, ſich unterordnen mußte. Er bedauerte, erzählte man, Dankmar's Schickſal, tadelte ſeine Hartnäckigkeit und fand es einſtweilen ganz in der Ordnung, daß man die endlich auch vollendete und möglich gewordene Emiſſion der Stadtkämmereiſcheine nicht in des Gefan⸗ genen oder ſeines flüchtigen Bruders Hand gab, ſon⸗ dern ſie in der ſcharfbewachten Kaſſe des Juſtizamtes, das Dankmar zu verhören hatte, im Profoßhauſe ſelbſt noch bis auf Weiteres aufbewahrte. Murray und Oleander ſahen in den Briefen, die ſie ſelbſt empfingen oder zu befördern hatten, welchen Antheil der Bund an dem Schickſale ſeines Stifters nahm. Was ſie von dem Generalpächter Rodewald, von Dyſtra an Klagen und Beileidsbezeugungen em⸗ pfingen, waren Beweiſe perſönlichſten Antheils. Mur— ray erfuhr von Rodewald im Laufe des Winters, daß ihm Fürſt Egon zum Dank für die ſo umfaſſend an⸗ geordnete Wiederherſtellung ſeines Kredits durch die unverhohlene Abſicht lohne, ſich aller ſeiner Güter zu entäußern! Seine Bemühungen, die zehn Jahre lang allerdings an ſich nicht geſtört werden durften, ſollten durch einen Verkauf zum Nutzen irgend eines Andern, wahrſcheinlich des Bankiers von Reichmeyer, ein für alle Mal abgeſchnitten werden!... Oleander'n ſchrie— ben Siegbert, Louis, Armand, Leidenfroſt unausge⸗ ſetzt. Dankmar's verſuchte Befreiung war eigentlich eine Bewähr der gegenſeitigen Hülfe, die in den Satzungen der Ritter vom Geiſte gefordert war. Gelb⸗ ſattel, Voland, die Wundergläubigen oder Wunderbe⸗ dürftigen, die Sternenſeher am Tage, die Eulen im Sonnenglanz warteten auf dieſe Befreiung des neuen Propheten wie einſt die Juden auf die Wunder des Heilandes. Sie wollten Zeichen ſehen, ehe ſie glaub⸗ ten. Aber man kam dem Wunder darum doch nicht entgegen, man mehrte die Zahl der Riegel und Schlöſſer, man wollte wol, wie einſt Egon am Hofe über Voland's Koketterie des Stillſtandes mit der Be⸗ wegung bitterlächelnd ſagte, man wollte wol„der Zauberkünſte ſtärkſte Proben.“ Endlich, als Murray die Vollendung ſeiner Platten durch den gelungenſten Druck gekrönt ſah, als man in den Schränken der Gerichtskaſſe auf dem Profoßamte ſie niederlegte und er von ſeinem Sohne des Spottes genug über den Magierſtab eines Bosco, den er nun dem Gefangenen wünſche, hören mußte, war ihm, als merkte er hier und da die Annäherung eines endlichen Verſuches, Dankmar Wildungen die ihm ſo hartnäckig vorent⸗ haltene Freiheit wiederzugeben. Friedrich Zeck war er⸗ ſtaunt, eines Tages in ſeiner Wohnung einen uner⸗ warteten Beſuch zu finden. Es war im Monat Mai. Er glaubte zu träumen, als er auf derſelben Galerie, auf die er ſich, wie ſonſt, an dem glatten Stricke „hinaufleierte“ von einem freundlichen Gruße bewill⸗ kommt wurde und Louiſe Eiſold, ſeine frühere junge Wirthin es war, die ihm ein herzliches Guten Tag! Guten Tagl entgegenrief. Der Diamant, den er ihr einſt für ein reines Glas Waſſer geſchenkt hatte, fun⸗ kelte an ihrer Hand, aber blitzender noch leuchtete ihr Auge, als ſie ihm wiederholt: Vater Murray! Vater Murray! Kennen Sie mich noch? zurief und er, als er endlich oben war und ſeine gleichgefaßte Vermu⸗ thung beſtätigt fand, obenein ſich noch ſtürmiſch um⸗ armt fühlte und von dem liebevollſten Kuß begrüßt. Ueuntes Capitel. Knappen und Laienbrüder. Louiſe Eiſold kam von Buchau, wo ihre Geſchwiſter vom Inſpektor Mangold wie ſeine Kinder erzogen wurden, während ſie ſelbſt verſucht hatte, dem nahe⸗ gelegenen Tempelſtein und ſeinem Wiederaufbau, be⸗ ſonders aber der Bequemlichkeit des einſtweilen in der Nähe angeſiedelten Dyſtra, von Nutzen zu ſein. Dem Bande der Ehe, das ſie mit Mangold umſchlingen ſollte, hatte ſie ſich entwunden, aber ſie war dem treuen Manne ein tägliches Wallfahrtsbild, zu dem er pilgern mußte, wenn ſein Tag der rechten Weihe nicht entbehren ſollte. Das reizend gelegene Schloß Buchau war auf eine Stunde Weges von einem Flecken ent⸗ fernt, wo Dyſtra ein Gaſthaus ſchnell in eine an⸗ muthige Villa hatte umwandeln laſſen und ſich an dem zauberhaft ſchnellen Aufſteigen ſeines großen Tempelſteinbaues erfreute; ja er ſagte oft, wenn er —õx raſtlos mit den Architekten und Werkmeiſtern gearbei⸗ tet hatte: Ich verſtehe jetzt das Sprüchwort, daß man ſeinen Tod verrathe, wenn man zu bauen an⸗ fange. Es wird mir ganz ägyptiſch räthſelhaft zu Muthe und wenn ich meine Pyramiden aufſteigen und dann in einen Spiegel ſehe, möcht' ich ſchwören, daß ich ſchon zur kompletten Mumie und Muſeumsmerkwür⸗ digkeit zuſammenſchrumpfe, ehe ich noch Olga in die⸗ ſen Tempel einführe. Louiſe Eiſold gab Zeck keine klare Auskunft über den Grund ihrer Anweſenheit in der Reſidenz. Seit anderthalb Jahren war ſie entfernt geweſen. Sie ſprach von dem Grabe ihres Bruders, das ſie beſucht und wie von unſichtbaren Engelshänden mit den friſcheſten Blumen geſchmückt gefunden hätte. Sie ſprach von einer Unſumme von Aufträgen, die ſie für Mangold und Dyſtra auszuführen hätte, von Einkäufen und Beſtellungen aller Art. Sie erwähnte Tempelheide, wo ſie ſchon bei den jungen Damen, auch der trauern⸗ den und weinenden Selma Rodewald, geweſen wäre. So kam ſie auf Dankmar Wildungen, auf Hackert endlich und fragte Murray: Sehen Sie Hackert noch? Beſucht er Sie oft? Iſt er wohl? Dient er noch dem abſcheulichen Par? Friedrich Zeck kannte ſeines Sohnes Achtung vor 84 dieſem einzigen Mädchen. Er hätte ihr gern geſagt, daß ſie einen wiedergebornen, neuen Menſchen in ihm finden würde. Doch mußt' er die Wahrheit ehren und erwidern: Sein Beſtes iſt ein Schimmer von Dankbarkeit. Er ſpricht mit Wärme von Ihnen. Louiſe verfiel über dies Wort in Nachdenken. Eine ſichtliche Unruhe ſogar ſuchte ſie hinter Rückblicken auf die Vergangenheit zu verbergen. Sie betrachtete die Wände dieſer Wohnung, in der ihr ſo viel Leidvolles einſt begegnet war! Wie ſie ſich ſelbſt dieſem alten, ihr ſo liebgeweſenen armen Hausrathe gegenüber ver⸗ ändert hatte, ſah ſie an dem kleinen Spiegel, der auch noch von ihrer früheren Zeit geblieben. Wie warf er ihr jetzt ein ſo braunes ſonnenverbranntes Antlitz entgegen gegen das frühere kreideweiße, ſtuben⸗ bleiche! Murray rühmte ihr Ausſehen und glaubte ihr den überraſchendſten Eindruck verſprechen zu dürfen, den ſie auf Hackert machen würde, der ihn oft beſuche und die Anhänglichkeit an dieſe alten Wände behal⸗ ten hätte. Murray erzählte, was Louiſen von ſeinem Leben werthvoll ſein konnte. Ueber Fränzchen Heuniſch war ſie unterrichteter als er. Ja er erkannte ſehr bald, daß irgend etwas auf ihrer Bruſt lag. Sie ſprach wol Tauf ſchwe Scha bewa ſchläͤr gen lang ihren den, ray ſie eines ſtad Ne ma eig ſie geſagt, in ihm ehren barkeit. „Eine fen auf tete die dvolles malten, er vel⸗ 1, der Wie anntes ſtuben⸗ ubie ihl dürfen, beſuche hehal⸗ Leben ſch wal zr bal wol von dem Ausbau des Tempelſteines, von den Tauſenden, die Dyſtra an dies Wunderwerk ver⸗ ſchwende, von den Ruinen der Tempelabtei, den Schauern des Waldes um ſie her, dem hohen tannen— bewachſenen Bergrücken, über den hinweg auf ſich ſchlängelnden, nur dem Schleichhandel bekannten We⸗ gen man in das Land des fränkiſchen Nachbars ge⸗ lange, ſie ſprach von ihrem religiöſen Glauben, von ihrem Verharren bei den vielverfolgten freien Gemein⸗ den, bekämpfte hartnäckig, was der chriſtlichere Mur⸗ ray darauf entgegnen wollte, aber unter Allem, was ſie ſagte, lag etwas verborgen, was wie der Drang eines ſich gern löſenden Geheimniſſes war. Endlich brach ſie auf. Sie wohne in der Vor⸗ ſtadt, ſagte ſie, in einer ſchlechten Ausſpannung, dem Pelikan auf dem Wege nach Tempelheide... ein ehe⸗ maliger Kutſcher Namens Peters hielte den jetzt auf eigne Rechnung und würde ihn vielleicht ganz kaufen.. ſie müſſe doch Dieſen und Jenen noch beſuchen.. Und Hackert? fragte Murray. Geht er noch mit Par, antwortete ſie raſch, ſo ſagen Sie ihm, daß ich ihn nur beklagen kann.. ich mag ihm dann nicht wieder begegnen. Dem Mädchen koſtete dies entſchiedene Wort ſo viel Kampf, daß Murray vor Bewegung, ſeinen von Die Ritter vom Geiſte. IX. 23 oöoöoöoöööööö—————— F 6 — — 1 354 aller Welt gehaßten und verachteten Sohn doch ir⸗ gendwo freundlicher gehegt zu ſehen, aufwallte, ihre Hand ergriff und ſie bat, doch morgen wieder zu kommen... 1 Würden Sie Bedenken tragen, auch mit Hackert zu ſein? fragte er in der Meinung, daß dieſem Mädchen vielleicht gelänge, aus ſeinem Herzen die Töne zu locken, die ihm ſeit dem Tage, wo Karl Eiſold be⸗ graben wurde, in ſeinem Sohne zu ſelten wieder⸗ kehrten. Louiſe beſann ſich... Plötzlich wie von einem Gedanken ergriffen, ſagte ſie: Ich will ihn allein ſehen. Morgen! Wollen Sie? Aber allein! Murray erſchreckend und doch überraſcht von die⸗ ſem Vertrauen auf ſeinen Sohn verſprach, die nöthige Veranſtaltung zu treffen... Sie trennten ſich nach genommener Abrede und am Nachmittag des folgen⸗ den Tages ſaßen Hackert und Louiſe Eiſold an der Stelle, wo früher jeden Abend eines ihrer Schweſter⸗ chen dem Urgroßvater den gelbweißen Zopf aufgelöſt hatte... es war in dieſem Zimmer ſtiller, als in dem nach der Galerie zu gelegenen. Kein Wand⸗ nachbar horchte, kein Gegenüber ſtörte. Hackert, über⸗ raſcht von Louiſen's Friſche und weltkundiger Ge⸗ doch ir⸗ lte, ihre vieder zu ackert zu Mädchen ſold be⸗ wiedet⸗ n einem wandtheit, hatte ihre Hand in der ſeinen. Nicht etwa, daß er ſich beherrſchte. Sie hatte genug zu wehren, ſeinem Ungeſtüm auszuweichen und nur die Worte konnten ihn zähmen: Sie wiſſen, ich bin Danebrand's Verlobte. Danebrand! rief Hackert. Ich ſah ihn ja ge⸗ ſtern... Wie? ſagte Louiſe befangen und entfärbte ſich. Sie irren ſich wol! fügte ſie hinzu und ſtand auf, um ſich in der Küche etwas zu ſchaffen zu machen, denn um ganz die Erinnerung an die alte Zeit wachzurufen, hatte ſie von Murray die Erlaubniß erbeten, einen ſo ſtarken Kaffee zu ſieden, wie ihn Hackert liebte. Ich ſah Danebrand, beſtätigte Hackert, dieſe Zu⸗ rüſtung mit Behagen wahrnehmend, und wenn ich Schmelzing wäre, würd' ich ihn anzeigen... Sie irren ſich! rief Louiſe aus der Küche von der Stelle her, wo einſt ihr Bruder Karl geſchlafen hatte... Doch! Doch! Die hohe Schulter wird ihn verra— then, wenn er außerhalb der Vorſtadt ſich ſehen läßt. Die Willing'ſche Fabrik wimmelt von Spionen. Er iſt für immer ausgewieſen. Sie huthen ihn wol im Pelikan? Was? Der Fuhrmann Peters hat ihn wol dort auf der Kegelbahn im Garten untergebracht, 23* ———— grade da, wo Dankmar Wildungen an den Jo⸗ hannisbeerhecken einſt den Verluſt ſeines Schreines erfuhr? Warum nicht beſſer, entgegnete Louiſe mit Schärfe, am Heck der Fortuna, wo Danebrand einſt mit der Schürſtange lauerte? Peters' Frau, die die Fortuna des Herrn Hitzreuter regiert, würde ihn vielleicht nicht ſobald erkennen wie Ihr Spione! Hackert ſchwieg. Die Erinnerung ſchmerzte ihn, ſchmerzte ihn noch tiefer, als Louiſe, ihren Vortheil wahrnehmend, fortfuhr: Ich glaube, in den Ställen Laſally's wär' er auch ſicherer. Die Jockeys, die ſeinen Arm fühlten, wür⸗ den ihn nicht verrathen, ſelbſt Neumann und Jean⸗ nette nicht, die ja hoch auf bei den Bereitern leben ſollen! Schämen Sie ſich, Danebrand zu erkennen! Wer verräth' ihn denn? brauſte Hackert auf. Was will er hier? Ein Menſch, der ſeinen eignen Steck⸗ brief auf den Schultern Jedem zu leſen gibt? Sie lieben die pittoresken Schweizergegenden, Louiſe! Dyſtra hat auch ſo etwas Hochland im Rucken. Was will denn Danebrand hier? Man verſteht keinen Spaß mit den Leuten, die hier nicht ſein ſollen und wiederkommen, wenn auch blos aus Neugier. Sie haben etwas vor? — G2 Gn —„ — = — den Jo⸗ ſchreines Schärfe, mit der Fortuna ht nicht zte ihn, Vortheil er auch „wür⸗ Jean⸗ n leben ennen! Ba Stet⸗ t Sie Louiſe! W keinen len und g r. Et Wer? Sie und Danebrand! Die Polizeikünſte verſtehen Sie perfekt. Hackert, ſchämen Sie ſich! Ihr Kaffee bleibt der beſte, Louiſe, den ich ſeit Schlurck's getrunken habe... Sie wiſſen doch von Schlurck's? Ja, Hackert! ſagte Louiſe, jetzt ſanfter einlenkend. Melanie iſt die Fürſtin Hohenberg. Das iſt ſie! erwiderte Hackert bitter und ſpöttiſch. Der Hof kommt dieſen Sommer nach Buchau. Leicht möglich, daß wir dann auch den Beſuch der ſchönen Durchlaucht haben... Thut ſie Ihnen nicht leid? Eine Fürſtin mir leid? Mir? Ich grinſe ſie je⸗ des Mal an, wenn ich ſie ſehe. Ha, ha! Muß ſie nicht einen hinfälligen Mann unter'm Arm halten, wie wenn ſie ſeine Krücke wäre? Ich ſah ſie neulich in eine Kirche gehen. Ich hätte fromm werden kön⸗ nen um ſo viel jämmerliche Demuth— bei Melanie! Ich wünſchte ihr, Gott nähme ihr bald die Laſt ab, die ſie trägt, ſagte Louiſe. Oder nein, beſſer iſt's, daß Alle ſehen, wie elend dieſer ſcheußlichſte aller Ver⸗ räther hinſiecht, dies tückiſche, herzloſe Scheuſal, dieſer Egon von Hohenberg! 358 Oho! Gibt es einen Elenderen als dieſen Menſchen, der aus der Lüge ſeiner Jugend ſich zum Volke flüch⸗ tete, das Volk in ſeiner Liebe, Treue und Hochher⸗ zigkeit achten lernte und es dann verrieth, dieſer Ju⸗ das, der noch einſt eine Armenſünderreue empfinden und an einem Strick enden wird! Oho! Oho! Warum ſo viel Unglück des Landes? Dieſe Ver⸗ folgungen? Dieſe Einkerkerungen? Betrogen wurde das Volk, als es glaubte, ſein Freund, ſein Wohl⸗ thäter ergriffe das Ruder und kämpfte am Throne für die Arbeiter... ich kenne keine Strafe, die groß ge⸗ nug wäre für Den... ja, daß er dieſe Melanie zur Frau bekam, das iſt Strafe genug! Ohol Louiſe! Der Fürſt nahm auf, was Fritz Hackert wegwarf! Der Teufel! Hackert ſprang auf, lief im Zimmer umher, nicht zornig, ſondern gekitzelt, ſchadenfroh, lachend... die Hände in die Beinkleider ſteckend... er verbarg nicht, welche Luſt ihn erfüllte. Louiſe fuhr fort: Welche jämmerliche kleine Rolle ſpielen Sie, Ha⸗ ckert! Sie, der Sie Alle am Bändel haben, quälen, denſchen, ke flüch 5 ochher⸗ eſer Ju⸗ pfinden eſe Ver⸗ n wurde Wohl⸗ rone für ß ge⸗ oß anie zur vegwalf er, nicht di ct rg nich vernichten könnten! Schleichen ſich gebückt durch's Le⸗ ben, krumm und feig, lachen, grinſen und begehen nur im Geheimen einmal einen ſchlechten Streich, wenn Sie vorher Einer mit Ruthen peitſchte! Hackert lachte fort und drohte nur: Louiſe! An Thieren rächten Sie ſich, nie an Menſchen! Das laſſen Sie nur! lenkte er jetzt ernſter ein. Ich begreife Sie nicht, Hackert! Wie ich von hier ging und in der Ferne von Ihnen hörte, daß man Sie verurtheilte, elend und ſchlecht nannte, vertheidigte ich Sie immer und ſagte: Laßt dieſen Hackert gehen, beur— theilt ihn nicht vor der Zeit! Die Aepfel wollen bis lange zur Reife, die Trauben hängen noch in den er⸗ ſten Schnee hinein; aber wie verloren Sie ſich, wie bin ich Lügen geſtraft, wenn ich daran denke, was ich von Ihnen noch Alles verhieß und nun höre! Einen Mord? Einen Diebſtahl? Das nicht, Das danken Sie Vater Murray, der einen Heiligen aus Ihnen machen will! Sie werden ein Heuchler werden! Beſuchen Sie noch immer das Theater nicht? Sie ſprachen ja von der Kirche? Nein, vom Theater! Nie haben Sie ſich früher ein gutes Stück anſehen können, über Scherz nicht lachen, über Ernſt nicht weinen können! Wer nicht gern in's Theater geht, iſt kein guter Menſch. Ah? Denn warum? Weil Eure Att ſich fürchtet, ihren Spiegel vorgehalten zu bekommen. Kein Tyrann, kein Mörder, kein Lügner geht in's Theater. Immer ſchrickt er zuſammen, ſein Bild zu ſehen. Ich wünſchte, Sie fingen Ihre Religion lieber mit dem Theater an, als mit den kleinen Gebetbüchelchen, die ich hier bei Murray liegen ſehe... Hackert lachte wieder laut auf. Es bedurfte we⸗ nig Worte, dies eigne Mädchen zu überzeugen, daß ihn die Religion mit Murray nicht verbände. Uebri— gens, ſetzte er ſchon etwas verdrießlicher hinzu, jeder Menſch hätte ſeine eigne Religion... Es gibt keine andre Religion, wallte Louiſe auf, als die, die wahren Feinde Gottes zu haſſen. Die Feinde Gottes ſind die Tyrannen, die Blutſauger, die Rechtsbrecher! An welcher Leine laſſen Sie ſich gän⸗ geln, Hackert! Der alte Mann iſt gut, ich weiß nicht, was er für Sie gethan hat und warum Sie ihn nicht fliehen, wie Sie alle Menſchen geflohen ſind, außer Melanie. Aber daß er Ihnen nicht einmal die Schaam über Ihr elendes Handwerk, das Par Ihrer tollen Eitelkeit aufdrängte, nehmen kann, iſt Das nicht das 361 Ohnmächtigſte von der Welt? Wozu denn Ihre Voll⸗ kommenheit für den Himmel? Taug' etwas für die Erde und du haſt den Himmel gewiß! Hackert ſchwieg eine Weile. Dann ſie ſcharf fixi⸗ rend ſagte er: Louiſe, ich habe für Ihre Lehre mehr gethan, als Sie wiſſen. Ich habe den Rittern vom Geiſte gedient, wie die Mehlſäcke in der Teufelsmühle, die ich doch noch vom Puppenſpiel her kenne. Louiſe erröthete über die Erwähnung des Bundes. Ich weiß, ſagte ſie, daß Sie nicht warm und nicht kalt ſind. Aus Schadenfreude haben Sie Ihre eignen Herren betrogen, Katze und Hund zuſammengehetzt und ſie wieder auseinandergetrieben, wenn ſie ſich ohnehin aus Müdigkeit ſchon verſöhnen wollten... O Hackert, daß ein Funke von Geſinnung in Ihnen wäre! Daß Sie in dieſem elenden Hauſe des Schlurck je ein Wort des wahren Lebens mitten im Ueberfluß des Lebens in ſich aufgenommen hätten! Denken Sie an Karl, wie er ſein junges Leben dahin geben mußte für den grauſamen Teufel und Götzen dieſer gottver⸗ dammten Ordnung, die jetzt die tauſend Menſchen⸗ opfer jährlich fordert— denken Sie an Danebrand, der Ihnen ſelber half, ob er Sie ſchon haſſen ſollte.. was ſag' ich! unterbrach ſie ſich... haſſen! Louiſe! Sie ſchmeicheln mir! lenkte Hackert frivol ein. Geben Sie mir die Hand! Noch mehr— Fort! Fort von mir! rief Louiſe. Es iſt kein rei⸗ ner Tropfen Bluts in Ihren Adern! Sie ſind nicht krank, Sie ſind vergiftet in Ihrem innerſten Leben! Ja, Sie thun das Unglaublichſte, wenn Ihr Auge geſchloſſen iſt, Sie ſind ein von Gott erwählter Menſch, wenn Sie ſchlummern und Sie ausführen, was allen Lebenden verſagt bleiben ſoll. Aber Siegbert Wil⸗ dungen hat Recht, wenn er das Wort ſeines großen herrlichen Bruders wiederholt: Sie ſind grade die ſchlechte, bewußtloſe, in Sinnentaumel hindämmernde Maſſe, das Mittelvolk in der Erbärmlichkeit, die zu allen Jahrhunderten den Aufſchwung wahrer Größe hinderte, das Edelſte verkümmert, es beſchnitten hat und das Beſte nur, ſogleich in ſeiner wahren Bedeutung ver⸗ ringert, in's Leben treten ließ... o wie elend, Hackert, als Sie die Hand der liebſten und treueſten Menſchen der Erde von ſich ſtießen und ſich aus dem Sumpfe Ihrer Sinne nicht zu den Regionen des Lichts erheben konnten. An Jedem zu mäkeln, an Jedem Etwas zu finden, Nichts anerkennen, kein größeres Verdienſt, keinen edleren Willen, kein froher Geſchick, ſchadenfroh lachend, wenn ein kühner Fußtritt ausgleitet oder eine edle Begeiſterung ihr Ziel verfehlt! Sie, Hackert? Viſe ſten, hand in de telſche dem je Necht ders Cs Nich könn Eiſo für bol! den läu ſcho dem est ftüt des Gii 88 363 Wiſſen Sie, was Sie tragen ſollten? Den vornehm⸗ ſten, anſtändigſten Rock vom feinſten Tuch, Glacee⸗ handſchuhe auf den Fingern, ein tänzelndes Stöckchen in der Hand. Dann wären Sie ſo der rechte Mit⸗ telſchlag dieſer erbärmlichen Welt, der uns Alle regiert, dem jeder ſchlimme Ausgang zu Gute kommt, der immer Recht behält, wenn ein Genie unterliegt. Ich dachte an⸗ ders von Ihnen. Jener Abend hier nebenan, Hackert! Es war Ihre Sterbeſtunde, Ihr Untergang vor dem Richterſtuhl Gottes, Ihr ewiges Todesurtheil! Sie können nie mehr zum Lichte kommen. Hackert ſchwieg und ſchien nun ernſt... Louiſe Eiſold hatte aus dem Geiſte jener Religion geſprochen, für die Dankmar Wildungen ein noch höheres Sym⸗ bol und Band ſuchte, als ſich bei den freien Gemein⸗ den und ähnlichen Verſuchen einer modernen Religions⸗ läuterung bisher hatte zeigen wollen. Sie ſank er⸗ ſchöpft von einem Aufwande von Beredſamkeit, zu dem ſie den ganzen Sprachſchatz ihrer raſtlos fortge— ſetzten Lektüre verwandt hatte, auf einen Seſſel und ſtützte das glühende Haupt auf den Tiſch, wo ſonſt des„alten Mannes“ Uhren ſchlugen... Es war auch faſt, als ſchlug eine Uhr... die Erinnerung weckte Beiden die Vorſtellung, als wär' es hier noch ſo wie einſt... ‧2————————ö————— 364 Und was ſoll ich denn nun? ſagte Hackert ruhiger und mit gedämpfter Stimme. Geben Sie mir einmal eine Aufgabe! Ich will ſehen, ob ich ſie ausfüh⸗ ren kann! Louiſe ſchwieg. Es führt Sie doch irgend eine Abſicht her... ich weiß es ja, das Alles ſollte nur eine Vorrede ſein, Kapitel Eins, nicht wahr? Louiſe antwortete nicht. Sie war zu erſchöpft von ihrer Aufregung und hätte eigentlich ſagen mögen: Schon wieder legſt du mir eine Abſicht unter? Und grade weil du's thuſt, möcht' ich ſchweigen. Aber dennoch drückte ſie eine Abſicht. Danebrand iſt nicht umſonſt hier... fuhr Ha⸗ ckert fort. Sie ſind ein Spion! war Louiſens kurze und ab⸗ weiſende Antwort. Sagen Sie das dumme Wort doch nicht! fuhr Hackert auf. Ich kenne mein Leben, ich weiß, was ich zu verantworten habe. Sie? Verantworten? lachte Louiſe bitter und blickte voll Hoheit zu dem gereizten jungen Manne hinüber. Ich bin Spion aus demſelben Grunde, warum der Fürſt ſind di Alle a eigente die Si dds S glleſen ſich E Ich lo wit ſt lanie Schw 8 iiß ij ihrer tert ſtüm lerie benel ſch„ bater fühnt ſezt 5 dung ruhiger einmal ausfüh⸗ ich de ſein, pft von er und Name um del Fürſt Hohenberg Ihnen ein Tyrann iſt. Wir, ich und Der, ſind die beiden einzigen vernünftigen Menſchen der Erde. Alle andern ſind Narren, die eigentlichen Verbrecher, eigentlichen Verrückten, Sie ausgenommen, Louiſe, die Sie immer im Sommer Noth haben, zu vergeſſen, was Sie im Winter für Unſinn aus der Leihbibliothek geleſen haben. Egon tritt die Volksbeſtie nieder, die ſich Engel dünkt, weil ſie nicht auf vier Füßen kriecht. Ich lache dazu. Wir kennen uns Beide nicht, aber wir ſtehen in geheimer Verwandtſchaft. Ha! ha! Me⸗ lanie wird ihm wol geſagt haben, warum ich ſein Schwager bin... Bei dieſen boshaften Worten ſprang Louiſe auf, riß ihren Hut an ſich, drückte ein Tuch, das ſie in ihrer Aufregung fortwährend auf dem Tiſche zerknit— tert hatte, an die Stirn, lief zur Thür, öffnete, ſtürmte durch die Küche und war ſchon auf der Ga⸗ lerie, um die Gemeinſchaft mit einem ſo grundverdor⸗ benen Manne für immer zu verlaſſen. Da aber fühlte ſie ſich plötzlich von Hackert ergriffen, fühlte ſich mit furcht⸗ barer Muskelkraft von ihm zurückgehalten, zurückge⸗ führt in die Küche, in das Zimmer und vernahm ent⸗ ſetzt die Worte von ihm: Sie ſind hier, um mit Danebrand Dankmar Wil⸗ dungen zu befreien! 366 Starr mit weißem Auge blickte Louiſe den Spion wie einen Allwiſſenden an... Sie kommen im Auftrage nicht des Geheimbundes, denn er wird ſich nicht an Frauen wenden, und was Jagellona von Werdeck that, kam von ihr; aber Sie kommen im Einverſtändniß mit den Mädchen auf Tempelheide... Franziska Heuniſch machte die Ver⸗ mittlerin zwiſchen Ihnen und Selma Rodewald... Louiſe blieb in ihrem feſten ſichern Blick, aber doch zitternd... Dankmar wird Sie auslachen! krächzte Hackert. Hö⸗ ren Sie, er wird von Weibern keine Thür geöffnet haben wollen! Was kann hier eine zerfeilte Eiſenſtange nützen? Was ein erbrochner Riegel, wenn er zu erbrechen wäre! Das Palladium iſt nicht der Apoſtel, ſondern ſeine Wunderbüchſe. Sprengt die Kaſſe, wo die Truhe mit den Papieren ſteht! Stehlt die Million! Das iſt der Mantel, in den ſich ein Freund Fortunatus hüllen muß! Sein Seckel! Sein Seckel! Mit dem davon! Der Kerl allein verlohnt ſich der Mühe nicht. Das Mädchen verſtand nicht, wie ſie dieſe an ſich wahren und durch ihr mächtiges Gewicht erdrückenden Worte deuten ſollte... aber was ſollte ſie ſagen, als Hackert ruhig eine Cigarre zog, ein Streichfeuerzeug aus der Taſche nahm, die Eigarre ſich anzündete und ſagte: 78 d brauch hänge mache an d Gebi tröy eine don volle Gen wie und Re Sie G. Die Million! Allenfalls auch Dankmar! Wir brauchen keine Feilen. Ich weiß, bei Wem die Schlüſſel hängen und wünſche nur, daß in der Nacht, wo wir's machen wollen, nicht die Katzen zu verliebt ſchreien. Hackert! rief Louiſe außer ſich vor Erſtaunen. Nun ja, ſagte Hackert, ſo wird's doch endlich recht ſein! Soll mir der große bucklige Kerl immer zuvor trotten? Danebrand ſtiehlt Dankmar'n, ich ſtehle die Million und Louiſe gibt mir den erſten ordentlichen Kuß, bei dem ich die Uhr ziehe und zählen darf: Fünf Mi⸗ nuten! Was? Louiſe hatte ſich ſchon aus freiem Triebe an Hackert's Bruſt werfen wollen, aber das Wort: Ich ſtehle die Million! erinnerte wie mit einem Schlage an die Erſcheinung, wie wenn an einer Stelle im Gebirge, wo von den Felſen nur gering das Waſſer tröpfelt, eine plötzlich gehobene, unſichtbare Schleuſe einen Waſſerſtrom in majeſtätiſchem Sturze nieder⸗ donnern läßt, nur umgekehrt! Hier ſtaute plötzlich der volle Strom und wie im Nu waren die brauſenden Gewäſſer zum unheimlichen Schweigen gebracht. Oder wie im Dunkeln an der Wand Nachts ein ſuchender und unverhofft anprallender Schädel, ſo ſtand Louiſe getroffen. Sie wußte nicht, was ſie gehört hatte. Sie kannte die Wichtigkeit jener Erbſchaft. Sie wußte, 368 daß ſie den Brüdern vorenthalten wurde. Sie be⸗ griff, daß Hackert in der Lage war, die einzige hier mögliche Hülfe zu bieten und daß Dankmar's Flucht ohne jenes Geld jetzt von geringer Bedeutung ſcheinen durfte. Aber das Wort: Die Million ſtehl' ich! verglichen mit Dem, der es ſprach, mit der Art, wie es Hackert ſprach, war wie der Einſchlag eines Blitzes. Der Gedanke, daß ſeine Theilnahme eine Maske, ſeine wahre Abſicht ein Verbrechen war, das ſeiner Abſicht nach dann auf ſie, auf Danebrand fallen ſollte, lähmte ihr die Zunge. Ein Blick, wie die funkelnde Spitze eines Speers fiel aus ihrem Auge auf Hackert. Sie durchbohrte ihn. Der Spion erſchrak, ſtutzte, beſann ſich und ver⸗ ſtand erſt allmälig dieſen Blick. Jetzt ſchlug er die Augen nieder. Er dachte an jene Sonntagsfrühe bei Schlurck. Er ſah, daß man ſein Wort misverſtanden, ſein Anerbieten verdächtig gefunden, und ſo überwäl⸗ tigend wirkte auf ihn die Vorſtellung dieſes ewigen Mistrauens in ſeine Ehrlichkeit, daß er mit dem Aus⸗ rufe: Nun ſoll mich Gott verdammen! die glühende Cigarre von ſich warf, das Feuerzeug hinſchleuderte, den ſchon ergriffenen Hut mit Füßen trat und mit ei⸗ ner Bläſſe, die ihn von der Weiße der Wand kaum unterſcheiden ließ, in dem nächſten Seſſel niederſank. — Sie be zige hier s Flucht ſcheinen erglichen Hackert Der ke, ſeine rAbſich „lähmte de Spitze t. G er die rühe bei rſtanden überwäl — ewigen em Aus g lühende leudelt mit d nd fal anf derſan Louiſe ſah dieſen Schmerz, dieſen Krampf, ver⸗ ſtand ihn und rief: Hackert, nein! Ich glaube ja! Er hörte nicht. Sie trat zu ihm heran, ergriff zitternd ſeine kalte Hand, ſprach ihm die mildeſten, ſanfteſten Worte der Tröſtung und gab ihm damit einen ſo wehmüthigen Schauer ſeiner Empfindungen, wie ihn ſeit dem Tage nicht überrieſelt hatte, als man den Bruder dieſes edlen Mädchens in den winterlichen Schooß der Erde ſenkte... Die Thür ging auf.. Friedrich Zeck, ſein Vater, trat ein, betrachtete die Scene, ſtaunte, forſchte und fragte: Ihr ſcheint über Etwas einig zu ſein? Wir ſind es, Papa Murray! ſagte Louiſe, nahm ihren Hut, nannte noch einmal den Pelikan als ihre Adreſſe und ließ Vater und Sohn in einer räthſelhaf⸗ ten Spannung zurück, die um ſo heilſamer auf Letz⸗ tern wirkte, je weniger er angegangen wurde, ſich aus⸗ zuſprechen und durch Worte zu erklären, was als eine faſt bewußtloſe Stimmung, als ein Unausgeſprochenes und wie durch Offenbarung Gekommenes nun in ihm bebte. Es gibt eine gehobene Stimmung im Menſchen, ſchon die ihm ſein kann, wie der Tod. Willſt du ſie heirathen, Junge? ſagte der Vater Die Ritter vom Geiſte. IX 24 ſcherzend, ſo denk' ich, werd' ich dich anſtändig aus⸗ ſteuern können! Hackert blickte über dieſe Vermuthung zur Erde und ſagte nur, ſie wären noch nicht— aufgeboten,— was freilich auch bei den Spähern in dieſem Hauſe nicht nöthig wäre. Er wolle gleich einmal hören, was Frau Mullrich unten aus dieſer Kaffeeviſite für Geſchichten prophezeie! Damit ging er und ließ den Vater in Zweifeln, Befürchtungen und Hoffnungen zurück, die er ſich aus dem Benehmen ſeines Sohnes und Louiſen's ſchneller Entfernung nicht enträthſeln konnte.. Zehntes Capitel. Bewähr. Dreißig Wochen und mehr ſchon ſaß Dankmar un⸗ muthsvoll und in ſich ſelbſt verſunken im Kerker. Was des Zufalls Gunſt ihm überraſchend genug wie einen goldnen Regen und wundergleich wie aus der kahlen Decke der Mauer, die ſich über ihm wölbte, hernieder— ſtrömen ließ, den Gewinn des altergrauen Rechtshan⸗ dels... er nahm ihn einige Tage hin wie das Selt⸗ ſamſte und Troſtreichſte, r ihm in dieſer Lage grade hätte kommen können; aber wie bald gewöhnt man ſich nicht grade auch an das Glück und verbirgt ſeine Freude grade da auch ſogleich hinter den Sorgen, die das Glück in ſeinem Gefolge hat! Man will Den, der ein Glück gewonnen, mit allen Bezeugungen unſrer Freude überſchütten und er erwidert ſchon grämlich, ſchon verdrießlich, er hat entweder das Glück nicht ganz erobert, er hat es theilen wüſſen, oder kann 24* 372 es nicht unterbringen und wie dieſe Grillen ſonſt ſpre— chen, mit denen wir ſchlimmen Menſchen gleichſam vor der Welt zeigen wollen; daß uns das Glück mehr plage als erſ. Ein ſolche⸗ Winzer, der da nun laut geklagt hätte, daß er für ſeinen Herbſtesſegen gar nicht einmal Fäſſer genug hätte, war freilich Dankmar Wildungen nicht. Ihn mußte ohnehin die Sorge reizen, daß man das Errungene ihm jetzt vorenthielt. Aber auch ohne dieſe neue Gefahr würde ſich gegenüber ſeinem perſönlichen Looſe und der Betrachtung der Zeit ſeine Freude ge⸗ mildert haben. Daß er ſie im erſten Augenblicke groß und mächtig genoß, bewieſen die Worte, die er zu Oleander, dem ihn vielbeſuchenden Prediger der Ge⸗ fangenen ſprach: So hätt' ich es dennerreicht, mein neuer Freund. Das dunkle Ziel, nach denn Generationen in meiner Familie ſteuerten wie nach einem Fabellande, für das es keinen aus irdiſchen Stoffen gezimmerten Nachen gäbe, verwandelt ſich nun in ein wirkliches Eiland, ſchroff und ſchwer im Anfang zu erklimmen, aber an dem brandenden Ufer merk' ich durch Felſenritzen die grüne Vegetation und glaube ſelbſt Vögelſtimmen und Spuren von Leben auf dem eroberten Lande ſchon zu unterſcheiden. Denk' ich zurück, was mußte Alles ge⸗ 4 meinen ür dab Nachen ſchehen, bis es dahin kam! Nicht kann ich reden wollen von Dem, was vor meiner Zeit liegt, nein, ſeit ich ſelbſt in Angerode die Entdeckung jenes Schreins machte, welche Wanderungen durch„as Leben, durch die Herzen der Menſchen, welche Fülle von erheben⸗ den und beſchämenden Erfahrungen in mir ſelbſt und in Anderen! Und woran hing das Schickſal dieſer Croberung, die ich hoffe für eine große Sache ge⸗ macht zu haben? Zwei kleine Striche, überſehen, faſt ausgelöſcht, entſcheiden Sinn und Werth, Auffaſſung und Anwendung! Stubenfreude des Gelehrten wird Saatkeim für die Welt! Ich überſchätze dieſen Han— del nicht, aber mir ſelber darf er bedeutungsvoll ſein. Ich habe an ihm meine Kraft erprobt, ein Ziel zu erringen gelernt, das Maaß der Tage verlängern, den Luxus der Nächte verkürzen, ich bin bewahrt geblieben vor der unbeſtimmten Leet, in der jetzt die Empfin— dungen der Jugend hin und her taſten. Viele rufen durch dies Chaos mit mächtigerer Stimme als die meine und man glaubt, Homeriſche Helden ſchritten zur Schlacht, und nur das Echo war es, der Wider⸗ hall der Leere, der ihrem Worte die ſcheinbare Größe gab, die Thaten blieben aus und nach den vorweg⸗ gegebenen Prahlereien ſinken die Recken nieder und ihr Leben ſiedelt ſich am nächſten beſten Heerde an, wo 374 ſie dem Weibe die Holzſcheite zum Feuer tragen, das ihnen beiden die armſelige Suppe kocht. Oleander war wohl berechtigt, Dankmar'n zu er⸗ innern, daß er trotz der von ihm geprieſenen Studien der Gelehrtenkammer doch nicht vergeſſen hätte, grade auch dem Ideealismus der Zeit zu opfern... Nun wohll Laßt uns dazu auch dieſe luftige Welt! ſagte Dankmar. Mein Bund! Dies große Verbre⸗ chen, das mich an dieſen Ort geführt! Dieſe Wol⸗ kenbilder, die ich den Menſchen in die Hand gegeben! Dieſe Sternenſchrift, die ſie auch ſchon entziffert haben wollen! Sie wird mindeſtens nichts ſo Geringes ent⸗ halten wie die Inſchriften der viel ehrwürdiger gehalte⸗ nen alten Hieroglyphen. Ich gab kürzlich zu Protokoll: Betrachtet uns wenigſtens als Das, was Ihr ja ſel— ber ſeid, als Freimaurer! Wieviel habt Ihr die nicht geſchmäht, die Euren s, Eure Symbole, Eure Urkunden an die profane Menge verriethen! Habt Ihr auf den Univerſitäten, in Euren Schulſtuben, auf einſamen Spaziergängen mit befreundeten Genoſſen nicht hundertmal darüber geklagt, daß in unſern Ta⸗ gen kein Meſſtas mehr erſtehen könnte, er würde an der polizeilichen Organiſation unſrer Epoche zu Grunde gehen und ſich nicht lange in den Wolken bergen kön⸗ nen, in denen ſich alles Große und Bedentende an Cure Habt aulf n/ pnoſſen. end n TM- urde al nf Grunke fon on lo! gen ihm zur Mythe verwandelte? Nun, ſo laßt doch we⸗ nigſtens einem armſeligen Vorläufer künftiger Gottes⸗ ſöhne, einem Täufer mit gewöhnlichem Waſſer, einem Heuſchreckenfreſſer der Wüſte, das Vergnügen, von Euch behandelt zu werden wie ein Wunderdoktor, dem Ihr das Handwerk nicht grade legen, aber erſchweren wollt nach den und den Paragraphen der Medizinal⸗ ordnung! Sucht meine Straffälligkeit aus dem Land— rechts⸗Kapitel über Traumdeuter, Zauberer herzuleiten, ſeht, ob noch ein alter Paragraph über die Hexen auf mich paßt, Zigeuner, verbotene Kollektanten, fahrende Gaukler, was weiß ich! Aber eine Verſchwörung! Fragen über Kommunismus, Maſchinenarbeitervereine, Hand⸗ werkervereine, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Mi⸗ litärverſchwörungen, Schil derhebungen, Flüchtlings⸗ Umtriebe! Menſchen, ſag' ich, das iſt ja Alles mein Kreuz und Leiden ſo gut wie Eures! Ich finde, daß in dieſen Erſcheinungen die edelſten Kräfte ſich zerſplittern, Leidenſchaften der zweideutigſten Ichſucht genährt werden. Ich war in Handwerkervereinen und ſprach, ja ich ließ durch Louis Armand eine neue Re⸗ gelung der Klubs verſuchen, indem ich die großen Verſammlungen auflöſte und nur kleine Sektionen von drei, fünf, ſieben Menſchen ſchuf, die ſich in wö— chentlicher Vereinigung mehr nützen, als wenn ihrer 376 dreihundert zuſammenſitzen und berauſcht jeder bom— baſtiſchen Phraſe Beifall brüllen... Aber... Dankmar war ſelbſt Schuld an der Verzö⸗ gerung ſeines Prozeſſes. Er gefiel ſich eben darin, Ant⸗ worten zu geben, die die Richter irre führten. Seine Abſicht war den Freunden in der Nähe und Ferne kein Geheimniß. Er wollte ſich ſo nicht vertheidigen, wie er ſich einzig vertheidigen konnte. Er wollte den Bund der Ritter vom Geiſte nicht herabſetzen zu einem bloßen Phantome erhitzter, polizeilicher Einbildung. Er wollte nicht geringfügig ſprechen von einer That⸗ ſache, die ſo tiefe Wurzeln in den Gemüthern geſchla⸗ gen hatte. Er ſah, auch durch die Riegel ſeines Ge⸗ fängniſſes hindurch, die ſegensreiche Ausbreitung ſeines Wirkens. Er erhielt Andeutungen, daß dieſe Stiftung weit über die Grenzen Deſſen hinausging, was man in neueſter Zeit an Piusvereinen, innern Miſſions⸗, Märzvereinen, Friedensvereinen erlebt hat. Sollte er von einem Advokaten, der ihm gegen ſeinen Willen vielleicht bei den Aſſiſen beigegeben wurde, hören müſſen, daß dieſer das Schreckphantom in eine Gaukelei auf— löſte und den Spott und die Ironie zu Hülfe rief, um die Sache ſeines Klienten als gefahrlos darzu⸗ ſtellen? Dankmar hielt es für ſeine Pflicht, groß und ſtolz von Dem zu denken, was man in ihm fürchtete. r bom⸗ Verzö⸗ , Ant⸗ Seine Ferne eddigen, lie den einem ildung. . That⸗ geſchla es Ge⸗ Willen müſſe n, ei auf⸗ fe rief, darzl z und roß u jrchtele Er erbitterte das Gericht durch ſeine Hartnäckigkeit, er führte es irre durch ſeine Ausſagen, die mehr zu⸗ geſtanden, als man fragte. Er wollte der Träger aller der Schreckengebilde ſein, mit denen ſich die Feinde der Freiheit ängſtigten, er wollte ſo lange nicht an perſönliche Freiheit denken, als ſein Gefängniß da⸗ zu diente, den Saamen, den die Freunde ausſtreuten, zum Aufgang zu bringen. Denn die Macht, die Lei⸗ dende auf höhere Fragen der Sittlichkeit ausüben, iſt größer als die Macht der Glücklichen. Freilich litt der junge Kämpfer ſelbſt am ſchwerſten unter dieſem Opfer, das er brachte. Eine geläuterte reine Flamme der Liebe loderte in ſeinem Herzen für Selma, nun ſeine eigne Verwandte. Längſt hatte ſich ihm Ackermann in ſeiner wahren Herkunft als Rodewald enthüllt, wenn er mit ihm Abends beim Leuchten der Johanneswürmchen an den Weidenufern der Ulla entlang ſchritt und Dankmar ſeine nächtliche Lagerſtatt in einem einſamen Gehöft aufſuchte. Als er ſpäter Rodewald's Kummer erfuhr über des Fürſten Egon Abſicht, ſich ſeiner Güter zu entäußern und ihn aus ſeinem Pachtverhältniſſe zu entfernen, konnte er freilich nicht begreifen, was den Oheim ſo tief dabei verletzte. Dieſer ſchrieb ſelten, deſto eifriger Selma. Oleander war es, der den Vermittler dieſer zärtlich ſchmerzlichen Grüße machte. Er ſelbſt hätte, da Dankmar die Briefe nicht verbrennen mochte, die der Sicherheit wegen zurückgegebenen leſen können, er ſelbſt, der Selma liebte und ſeinen Schmerz in der Dicht⸗ kunſt und dem ernſten Berufe eines Seelſorgers der Gefangenen und Tröſters der Leidenden zu vergeſſen ſuchte. Jungen Liebenden kann ja nichts Glücklicheres geboten werden, als nach dem erſten aufflammenden und die Herzen entzündenden Erkennen ihrer Neigung die Trennung und in ihrem Gefolge die Nothwendig⸗ keit eines längeren Austauſches ihrer Empfindungen auf dem Papiere. Die Lüge wird hier reine Herzen nie beſchleichen. Die Sehnſucht wird um den Aus⸗ druck ihres Verlangens nie verlegen ſein. Aber dazu, daß ein Verkehr der Gedanken, wie er bei dem ſüßen Gekoſe der unmittelbaren Nähe ſelten ſtattfindet, den Verkehr der Gefühle nun ablöſe, bietet ſich ſo die reichſte Gelegenheit. Nun wird Das, was unbewußt und wie im Traum gekommen ſchien, nach ſeiner ir— diſchen Möglichkeit noch einmal durchgedacht; die mag⸗ netiſche Kraft, die ohne Erklärung um ſo wirkſamer feſſelt, ſtärkt ſich nun durch die ſittliche Begründung V Doffen, was da ſo eng zuſammenhielt, und ſtählt die Herzen für eine Zeit, wo auch das Urtheil und die 4 Ber dazu, 1 ſüßen weiſere Erwägung ſich ſagen ſollen: Du haſt das gute Theil erwählt! Das Leben ſelbſt in ſeinen tauſend Erſcheinungen, in ſeinen oft grade dieſer Liebe ſich feindſelig genug zuwendenden Stacheln wird in ſeinen drohenden Gefahren dann früh erkannt und die ganze Höhe ſchon überſehen, bis zu der die zärtliche Ver⸗ ſchlingung der liebenden Arme ausdauern, ſich ſtützen, ſich fortgeleiten ſoll. Sieht man nach ſolchem Brief⸗ wechſel ſich dann wieder, ſo kommt es wohl, daß man ſich völlig neu und anders erſcheint. Man hat ein altes Bild verloren, aber ein neues gewonnen. Es währt eine Weile, bis man ſich rein menſchlich wie— derfindet, aber es währt nicht lange, das Befremden iſt nur das des größeren Glückes, und man hat ſich größer gewonnen, größer gefunden, geſtärkter für des Lebens ganze Dauer und die ernſten Klippen aller ſeiner kommenden Prüfungen. Selma erwartete mit krankhafter Ungeduld des Freundesſchickſals endliche Entſcheidung. Sie erzählte in ihren Briefen an Dankmar von Anna von Har⸗ der, von Oleander's treuen Beſuchen, ſeinem fortge⸗ ſetzten Unterricht, von Olga Wäſämskoi... Von dieſer Letztern beſtätigte ſie, was alle Kreiſe über die Freundſchaft der Mädchen erfahren und ſelbſt beobachtet hatten. Selma nannte Olga einen ſtillen See, den träumeriſch der Mond beſchiene und von dem man Märchen erzähle, die uns erſchrecken ſollten, wenn ſie auf Wirklichkeit begründet wären. Da wären gleich⸗ ſam Götzenbilder einſt wie von den erſten Chriſten in dieſen See geworfen worden und nächtlich am erſten Tage des Mai rühre und reg' es ſich in dem See und die Heidengötter blickten aus dem aufgewühlten Gewäſſer mit düſtern Augen empor und ſähen ſich die Welt an, wie ſie nach ihrem Reiche inzwiſchen geworden. Aber nie wären es bei Olga doch ſolche Jungfrauen, die dann auftauchten mit falſcher Liebe und jene Knaben in die Tiefe lockten, denen ſie mit Waſ⸗ ſerlilken gewinkt hätten oder gar böſe und ſpukhafte Fratzen. Nein, Olga wäre wohl eine ſchlummernde Tragödie voll Leidenſchaft, ja Zorn, ja Wildheit zu⸗ weilen, wenn ſie ein ſchriller Ton wecke, aber ebenſo auch könnte ſie dem Idyll gleichen, wenn ihr ein Süßes, die Nachtigall, ein Schönes, die Kunſt, riefe. Helene d'Azimont hätte dem armen reichen Mädchen den Glauben an die Menſchen genommen und doch liebe ſie Helenen und weine auch um deren Irrthümer! Sie hätte von Rafflard einſt in Venedig das Schlimmſte über Siegbert gehört, da hätte ſie wollen wahnſinnig werden, ſterben, hätte ein Kloſter geſucht, aber— an der Hand des Teufels. Selma erzählte, daß Olga ſich ſelbſt gemalt hätte auf wilder Alpenhöhe, als Pilgerin herabblickend zu einem Kloſter im Thale und der Teufel hätte ihr die Stufen gezeigt, die ſie hätte betreten ſollen, um hinüber zu kommen zu dem locken⸗ den Glöcklein im Thale. Da hätte ſie denn Rudhard ergriffen, gerettet vom Wahnſinn. Einer Todten gleich wäre ſie nach Tempelheide zurückgekommen und Sel⸗ T ma erſt hätte ſie zum Leben, wie es iſt, geweckt, ſie ühen ſh an Siegbert Wildungen wieder glauben gelehrt, den ſie liebe, aber wie einen Verlornen. Olga Wäſämskoi, obgleich eine Fürſtentochter, würde ſich zur Königin Liebe und erhoben fühlen durch die Liebe eines Künſtlers und nit Wa nie, nie würde man von Olga etwas Anderes ver⸗ ſpukhaft nehmen, als daß ſie die Liebe ſelbſt wäre und das Abbild nmernde der Treue. Und Siegbert ſchweige und thäte nichts heit zu und ließe Alles ſchlummern! dr ebenſe Oleander, Siegbert's Freund, billigte Siegbert's ihr ei Handeln. Oleander hatte ſich recht in dieſen Bund ver⸗ loren. Er ſprach nie von Siegbert, wenn er in Tem— Mädche pelheide war und Olga ſeine Lehren mit denen Rud— und doe hard's verglich. Siegbert konnte ja nicht, wollte ja rrthümen nicht, daß dieſe Leidenſchaft durch ihn genährt wurde! zchlmmi Er war zu ſelbſtbeherrſchend, Rudharden zu ſehr ver⸗ ünſinn pflichtet. Er hatte ſich von Brüſſel, wo die Fürſtin ber= weilte, wohl ferne gehalten, aber auch nichts gethan, em man n, wenn was den Plan, aus Olga zuletzt doch die Baronin Dyſtra zu machen, ſtören konnte. Olga ſah darin Schwäche, geringen Lebensmuth, das einzige Unpoe⸗ tiſche an Siegbert. Sie ließ ſich einmal ihre Welt nicht nehmen und Oleander legte, ob er gleich wie Siegbert dachte, doch ihren Empfindungen gern Gedichte unter, die er Dankmarn vorlas, wie dieſes: O laßt mich zieh'n, ich kenne meine Straße! Was frag' ich viel! Ihr wißt nur was Ihr wißt! Von Eurer Liebe nicht, von Eurem Haſſe Lern' ich den Weg, der mir der rechte iſt! Mir duften Blumen nicht, im Staub ergraut! Und muß ich über Strom und Felſen wandern, 3 Will ich die Brücken nicht, die Ihr gebaut! Am Rand der Alpen, wo die Gletſcher ragen, Ward meinem Herzen groß und weltenweit! Da will ich Adler, will die Gemſen fragen: Wo geht der Weg zur awrgen Enſamfeite 1 Dankmar freilich, in ſeinem unverwüſtlichen Hu⸗ mor, ſagte, er ſähe doch, daß Siegbert ſich noch ein— mal Muth faſſe und zu den Adlern und Gemſen nach⸗ klettere. Ich wünſch' es dir, rief er aus, Siegbert! Olga würde deine Phantaſie werden! Olga! Das iſt die Königin der Kunſt im Strahlenglanz, der dir gefehlt Die Pappeln und die Weiden laß' ich Andern! 4₰ * ————· ‚—, ⏑— — Baronit ah darin e Unpoe⸗ hat, guter Bruder! Dies Mädchen würde dich um— ſchweben wie ein ewiges Madonnenbild, ſelbſt wenn ſie eine Langſchläferin wäre und Morgens Federn in den Haaren hätte! Denn, beſter Oleander, darauf kommt es an, daß eine Frau eine Göttin bleibt, auch wenn ſie unſre Strümpfe ſtopft! Siegbert, dieſe Olga wird als dein Weib vielleicht in niedergetretenen Hausſchuhen, etwas ſalopp in ihrem Negligé, mit ungeordnetem Haar in der römiſchen Villa walten, die das Ziel deiner Wünſche iſt, aber ſie würde immer eine Hebe, eine Pſyche ſein, immer die Poeſie ſelbſt und deine wahre Erhebung, Bruder, auch wenn Ihr Schulden hättet und Eure Kinder halb nackt mit den Gänſen im Hofe um die Wette ſchrieen. Ja, ja, ſo käm' es! Wenn man Euch beſuchte, würde kein Stuhl zu haben ſein. Da liegen deine Kleider, dort die Nähtereien der Frau, hier die Spielſachen der Kinder, Alles iſt voll Farbe, voll Zeichnungen, voll poetiſchen Schmuzes, aber deine Bilder werden genial ſein, dein Weib wird dich den Muth lehren, an die Götter der Schönheit und der Liebe zu glgauben! Sie wird uns lachen machen, wenn es heißt, ſie ginge ſelbſt in die Küche und ſorgte für Salat mit Eiern und holte den Wein aus dem Keller, aber wenn ſie käme im blauen oder rothen Gewande, wie eine junge Römerin, wenn ſie den Krug erhöbe 384 mit ſchöngerundetem Arm und den Wein uns in die Gläſer göſſe, die wir uns inzwiſchen ſelber ausge⸗ waſchen haben, dann, Bruder, würd' es doch ein Bild zum Malen werden und wir ſelber würden mitten in dem Rahmen von Epheu, Myrthen und am Fenſter zum Trocknen hängenden Kinderwindeln uns ſchön erſcheinen durch Olga, dein poetiſches Weib! Aber Siegbert's Briefe ſprachen nicht von Olga. Es kamen viel Briefe an Dankmar von Siegbert aus Antwerpen, von Leidenfroſt vom Tempelſtein, von Werdeck aus Paris, von Louis Armand bald da⸗ bald dorther. Dankmar lebte im lebendigſten Verkehr. Auch Dyſtra ſchrieb und ſprach von ſeinen Bauten und dem entſcheidenden Ja oder Nein! das zwiſchen ihm und Siegbert wählen ſollte, wenn die Ritter vom Geiſte zum erſten Male in ſeiner Tempelabtei im Walde tagen oder turneien würden... Oleander lächelte über die Theilnahme eines Dilettanten, der ſich durch ſein Vermögen und ſeine Bizarrerie über die üble Nachrede der vornehmen Welt hinwegſetzte und ſeit dem glücklichen Verkaufe ſeiner Güter in Rußland vor der Macht des Czaren geborgen waree aber Dankmar rief aus: O wäv ich frei, frei! Oleander rieth zu einem Worte mit Egon von s in die ausge⸗ ein Bild nitten in Fenſter z ſchön d. Ogga. Siegbert tein, von da⸗ bad Verkeht Bauten zwiſchen te vom abtei im Oleanden de ber nien, erie u nwegſett Hüter i n wal Egen 385 Hohenberg. Er wollte ſelbſt zu ihm gehen, er wiſſe, daß er einer Erörterung zugänglich wäre, die Fürſtin brächte wöchentlich Troſt und Hoffnung nach Tempel⸗ heide, ja er hatte ſelbſt ſogar durch ein Gedicht eine ſon⸗ derbare Beziehung zum Fürſten gewonnen, ein Gedicht, das Olga mit grauſamer Bitterkeit„Cypreſſen am Grabe Helenen's, gepflanzt von Egon“ nannte... Oleander, der ſich in die Stimmung aller dieſer Seelen verſetzte, hatte es eines Abends faſt ſcherzhaft in Tem— pelheide improviſirt, Olga ſchrieb es ſich ſogleich ver— ſtohlen ab und ſchickte es anonym nach Paris; Helene, wahrſcheinlich auf's Tiefſte verletzt, ſchickte es zurück an Egon, als wenn es doch wohl nur von Dieſem ge⸗ kommen wäre. Egon ſtaunend zeigte das Gedicht Melanie und Melanie erkannte der zu ſolchen roman⸗ tiſchen Umtrieben über und über geneigten Olga Hand, wodurch Egon dann die Autorſchaft Oleander's erfuhr und dieſen veranlaſſen mußte, die ausführliche Er⸗ läuterung eines ſchlimmen Misbrauchs zu geben, den man mit ſeinem poetiſchen Intereſſe an fremdem Seelen⸗ leid getrieben hatte. Dies eigenthümliche Gedicht, das in Egon in der That wach rief, was er zuweilen über den Maler Heinrich Heinrichſon empfand, hatte gelautet: Die Ritter vom Geiſte. IX. 25 386 — Wehe! Welche Lippen läßt du ſchlürfen Wieder deiner Liebe Taumelwein? Iſt es denn dein innerſtes Bedürfen, Andern Alles, Nichts dir ſelbſt zu ſein? Nichts der Frauen größtem Liebesruhme, Nichts, Helene, dem Entſagungsſchmerz? O du ſtamm⸗- und blattlosarme Blume, Wirbelnd um dich ſelbſt gejagtes Herz! Eine luftgetrag'ne Orchidee, Schwankſt und rankſt du ohne ſichern Wuchs, Fühlſt, ob hold die Welt dich leben ſähe, B Doch den Tod des tiefſten Selbſtbetrugs. Noſematräumſt du? Ach nur aufgeriſſen Bluten deine Wunden, wie ſich kalt 3 Auf des Nordpols eiſ'gen Finſterniſſen 4 Scheidend dunkelroth die Sonne malt. Opfre! Doch im Leidenſchaftgeloder Opfert ſelber ſich ein Genius. Armes Lamm, das eine Schlachtbank oder Einen neuen Hirten finden muß! Dies, wenn Helene es ſelber las, entſetzlich grauſame Gedicht hatte Oleander als einen ein⸗ fachen„Schmerzensruf der ſchwachen Seele an die' ſchwache“ niedergeſchrieben. Für Olga war es aber ein wahrer Triumphgeſang geworden. Sie konnte dieſe Verſe mit einer Gebehrde vortragen, als hätten ſie ihre Tante erdolchen ſollen. Oleander berichtete, der Fürſt hätte ihm gütig, ſogar heiter auf ſeine ängſt⸗ 53 -5 387 liche Entſchuldigung erwidert; aber Dankmar erklärte, er könnte die faſt komiſche Veranlaſſung dieſer Be⸗ kanntſchaft zu ſeinem tragiſchen Falle nicht benutzen. Carlos und Poſa würden ebenſo geendet haben, wenn nicht Philipp zu früh zwiſchen ſie getreten wäre! Er iſt nicht klein, dieſer Egon! ſagte Dankmar. Hätte ihn Philipp leben laſſen ſeinen Carlos, deſſen erſtes Wort wäre auch Ausſöhnung mit Alba geweſen, Carlos wäre ſelbſt nach den Niederlanden gezogen, hätte Egmont ſelbſt Rinrichten laſſen, hätte ſelbſt ſich von ihm ſagen laſſen, was Egmont dem milchbärtigen Ferdinand ſagte: Du wirſt ſie nicht verachten, weil ſte mein war.. Ja! Ja! Oleander! Sie frommer, übel mitgeſpielter Frühlingsſänger, was iſt Das für eine Welt! Welche Menſchen wetteifern mit dem Weſen, das ſie geſchaffen hat! Welche Titanen möch⸗ ten den Himmel ſtürzen und von ihm Rechenſchaft fordern für ſeine dunkle Geheimnißkrämerei... ich habe Mitleid mit Egon. Er wird herabfallen von ſeiner Höhe, wie in ſeinem Gartenpavillon der gemalte Phaeton. Alle Bernſteinſpitzen des Pfeifenkabinets ſeines Vaters werden nicht hinreichen, ihm noch einmal eine einzige Cigarre zu verſüßen. Er wird ein elendes Leben führen, wenn er geſtürzt iſt und nur noch ſich und Melanie quälen kann. Sie werden erleben, daß 25* 388 Melanie von Hohenberg nicht etwa in die Kirche geht, aber für ſich in ihrem Kabinet fromm wird und eine gewiſſe Ausgabe des Thomas a Kempis mit wirk⸗ lichen Schmerzensthränen benetzt. Das nenn' ich doch Herzen durcheinandergerüttelt!„O ſchnöde Welt!“ Sagt das nicht Shaksſpeare? In ſolchen und ähnlichen Betrachtungen und Un⸗ terhaltungen, verbunden mit der Nutzung von Büchern, Federn und Papier lebte Dankmar bis in den Monat Mai. Das Erbe hatte man ihm in feierlicher Sitzung überwieſen und ihm die Gründe angegeben, warum es noch unter dem Verſchluß der Richter bleiben müßte. Seine ganze Antwort war geweſen, daß er ſich ein Protokoll dieſer Prozedur ausbat und die Angabe eines eiſernen Schreines machte, in dem die leichte Papier⸗ ſumme verwahrt werden ſollte; es ſollten auf dem Deckel vier kreuzförmig verſchlungene vierblättrige Klee⸗ blätter von Silber ausgeprägt werden. Bis zur Anfer⸗ tigung dieſes Schrankes blieben die Stadtkämmerei⸗ ſcheine, von denen man ihm vorläufig nur den mäßig⸗ ſten Gebrauch geſtattete und eingeſchloſſen in jener höl— zernen Truhe, in der einſt Dankmar zu Angerode die Dokumente gefunden hatte, im Gewahrſam der ſtrengbewachten Kaſſe des Gerichts, die mit ihren eiſernen Thüren und Schränken nur einen Hof ent⸗ — erche geht, und eine mit witk⸗ ich doch Welt!“ und Un⸗ Büchern, en Monat er Situng , warum en müßte. ſich ein abe eines Papier⸗ urArfr ammerei⸗ n mäßig⸗ ener häl Angerod, tſam der nit ihren — ³³⁷ fernt von Dankmar's Gefängniß lag. Oleander, als er einmal Eintauſend dieſer Scheine in der Hand hatte, die er nach Dankmar's Wunſch an Arme geben ſollte, ſprach die etwas umgemodelten Verſe aus dem alten bekannten Gedichte: Nun möget ihr von dem Horte Wunder hören ſagen: Soviel zwölf ganze Wagen allenfalls mochten tragen In vier Tagen und Nächten vom Berge zu Thal, Und ihrer jeglicher mußte fahren an jedem Tag dreimal. So war der Hort nichts Andres als Geſtein und pur Gold Und ob die Welt man hätte damit genommen in Sold, Es wäre nicht einmal vermindert um eine Mark Werth, Es hatten wahrlich die Könige ſeiner ohne Urſach nicht begehrt! Wie von den Nibelungen ſich da in Burgunden Die drei Könige des Hortes unterwunden, Da dachten ſie Land und Burgen und Recken, die viel kühnen; Durch Furcht und Gewalten ihnen ſollten damit dienen. Aber den Wildungen allein gehörte der Hort noch im Land, Da kamen viel fremde Recken; ihnen gab ihre Hand, Daß man ſo große Milde nimmermehr geſeh'n; Sie pflogen vieler großen Tugend, das mußte man den Brüdern geſteh'n. Den Armen und den Reichen begannen ſie da zu geben, Daß man anfing zu ſorgen, ob man ſie ſollte laſſen leben. Da ſie durch ihre Güte ſo manchen Mannen, Der den Königen ſchadete, für ihren Dienſt gewannen. Egon⸗Hagen ſprach zu dem König: Es ſollte ein weiſer Mann So große Schätze nimmer Einem Einzigen län; Der bringt es mit ſeinem Gelde ſicher noch zu dem Tag, Daß es wohl gereuen die ſtolzen Burgunden mag. Und nun ſchützten keine Eide des Erbes ſichre Hut, Sie nahmen Dankmar'n das viel kräft'ge Gut,“ Egon ſich der Schlüſſel aller unterwand, 4 Sodaß der König ſogar zürnte, als er das geſchehen fand. Der König ſogar ſagte viel lieber: Eh' Wir immer Müh' und Pein Haben mit dem Golde, ſollten Wir's lieber in den Rhein Alles heißen ſenken, daß ſein Niemand hat Gewinn! Da geſchah es auch alſo, daß ſie gingen zum Rheine hin. Und wie nun der grimme Egon den Hort im Rheine barg, Hatten die Könige ſich gelobet, mit Eiden alſo ſtark: Daß er wohl verhohlen bliebe, ſo lang ihrer Einer möcht’ leben. So konnten ſie ſich ſelber und keinem Andern ihn geben. Gegen Ende Mai war es dem nun erſt recht’ in Aufregung gekommenen Gefangenen in einer Nacht, als hörte er ein ſonſt ungewöhnliches Ge⸗ räuſch. Es kam von der Verbindungsthür eines Vor⸗ platzes ſeines Gefängniſſes mit einem großen von Mi⸗ litairpoſten bewachten Korridor her. Dankmar glaubte, als er deutlich die Zeichen zu unterſcheiden anfing, die ſonſt den Beſuchen des Kerkermeiſters, des Richters oder Oleander's vorherzugehen pflegten, an einen Irrthum in der Zeit. Es war ihm oft genug ſchon geſchehen, daß ihm Tag und Nacht zuſammenrannen und er in der im Winter dunklen Zelle Eins mit dem Andern verwechſelte. Aber ein Blick an die Oeffnung, die hoch oben am Ende einer in die Mauer gehenden es Vor⸗ von Mi⸗ glaubte, ffing, die ters oder Irrthum ichehe nd er in V Andern. ung, die gehenden — 391 Rundung einen Lichtſchimmer zeigte, bewies ihm die Nacht, denn dieſer Schimmer kam von den grellen Gaslampen des Korridors, auf den dieſe Fenſter eng⸗ vergittert hinausgingen. Plötzlich erloſch draußen das Gaslicht. Sein Zimmer war dunkel. Er ſtand auf, machte ſich Licht. Und zugleich war es ihm, als ſuchte im Korridor Jemand den Schlüſſel, der zu den Einläſſen führte, und erprobte bald dieſen, bald jenen. Brachte Dankmar die Dunkelheit, die auf dem Korridor eingetreten ſein mußte, mit dieſer unſichern Kenntniß der Oertlichkeit in Verbindung, ſo mußte die Ahnung ge⸗ rechtfertigt erſcheinen, die ihn plötzlich überfiel, ob nicht irgend eine böſe Abſicht ſich ihm nähere, irgend ein ungeſetzlicher Befehl oder wohl gar— ſein Blick fiel in dieſem Moment auf ein Portefeuille, in dem er eine ihm neuerdings zugeſtandene Summe von min⸗ deſtens mehreren hundert Thalern aufbewahrt hielt. Wenn es unter dem Schutze der Geſetze, unter dem Deck⸗ mantel der Gerechtigkeit auf dieſen Beſitz wäre abgeſehen geweſen? Sein Verdacht verließ ihn, als er in der That die Vorplatzthür geöffnet hörte und in der tiefen nächtlichen Stille das Knirſchen des Sandes unter dem Fußtritte eines ſich Nähernden unterſcheiden konnte. Jetzt glaubte er auf's Neue an einen Irrthum in der Zeit und ſah auf ſeine Uhr. Aber ſie zeigte Eins. Er hielt die Uhr gegen das Ohr, ſie ging. Es war Eins in der Nacht. Man holt dich, um dich in irgend ein anderes Gefängniß abzuführen; dieſe Zelle bietet nicht Sicherheit genug oder man hat ſie einem Andern beſtimmt, da man glaubt, daß ich nun erſt recht nicht entweiche ohne das Erbe... Aber dieſe mit Beklom⸗ menheit angeſtellten und von der Vorſtellung, es wäre wohl ein Traum, was er erlebe, unterbrochenen Ver⸗ muthungen ſteigerten ſich zur fieberhafteſten Unruhe, als wiederum jetzt an der zweiten Thür mit Vorſicht ein Schlüſſel nach dem andern erprobt wurde wie aus einem großen Vorrathe von Schlüſſeln. Das war der Gefangenwärter nicht! Dieſer konnte ſelbſt in nächtlicher Verſchlafenheit nicht unſicher ſein in der Wahl des rechten Schlüſſels. Und da dieſe Verſuche nicht endeten, eine ſtille, faſt geiſterhafte Hand an dem Schlüſſelloche immer mit neuen Schlüſſelbärten kratzte b und wenn ſie eingingen, vergebens an den Federn drückte, ſo konnte er entweder nur an Befreiung oder an einen böſen Ueberfall denken. Was ſollte er thun? War es ein Befreier, wie konnte Dankmar da in der Beſorgniß eines Ueberfalls rufen, das Werk fremden „Muthes, vielleicht einen Auftrag des Bundes zerſtören! Und doch ſammelte die Bruſt von dem ſtockenden Athem ſo viel Spannung, daß ein Schrei nach der Oeffnung des Es war in irgend elle bietet Andern ꝛcht nicht Beklom⸗ des wäre nnen Ver⸗ Unruhe, Vorſict urde wie Das war ſelbſt in min der Verſuche an dem en krahte n Federn ung oder e thun? a in der fremden erflören! n Alhem 3 fnung des 393 Fenſters zu, ein donnerndes: Wer da! ſchon auf ſeinen Lippen ſchwebte. Dankmar wagte ihn nicht aus Befan⸗ genheit. Er konnte nicht an ein Verbrechen glauben. Der Gedanke der Befreiung erfüllte ihn plötzlich mit einem ſo aufwallenden Lebensmuthe, daß er ſich wohl für den Fall des Irrthums vorzuſehen beſchloß, ſich aber auch auf den Empfang jedes beſſern Beſuches von Herzen rüſtete. Das Licht ſtellte er entfernt, um es vor dem Auslöſchen zu ſchützen. Er ergriff den hölzernen Sche⸗ mel, auf dem er ſaß, ſteckte das Portefeuille in ſeine Bruſt und wandte ſich eben zur Vertheidigung gerüſtet gegen das unheimliche Walten der Thür, als dieſe aufſprang und im fahlen Dämmerlichte ein Menſch vor Dankmar ſtand, den in dieſem Augenblicke wie⸗ derzuſehen ihm das Haar emporſträuben mußte. Es war Friedrich Zeck's Sohn. Hackert! rief Dankmar, und hob den Schemel, um dieſen unerwarteten Gaſt beim erſten Schritte vorwärts niederzuſchlagen. Hackert hob die Hand abwehrend und zum Still— ſchweigen bedeutend; mit der Linken ſtreckte er einen gewaltigen Schlüſſelbund dem möglichen Angriff ent⸗ gegen. Es war in der That Hackert mit offnen Augen⸗ lidern, nicht träumend, wie Dankmar, in Erinnerung 394 an den Heidekrug, im erſten Augenblick glauben konnte. Sein zweiter Gedanke war eine Beſtätigung ſeiner Befürchtung, die er in den halblaut ausgeſtoßenen Worten ausſprach: Was wollen Sie? Aber ſchon hatte Hackert die Finger an die Lip⸗ pen gelegt und ſo entſchieden die Gebehrde des Schweigens gemacht, daß Dankmar keinen Zuſam⸗ menhang begreifen konnte, ſeine Waffe ſenkte und nur im Rücken das Licht zu ſchützen ſuchte... Hackert winkte... Dankmar ſah nur den Ueberfall, nur die böſe Ab⸗ ſicht, nur den Angriff auf ſein Geld, er ahnte einen Hinterhalt und blieb ſtehen. Hackert winkte dringender und zog ſich faſt in das dunkle Vorzimmer zurück... Dankmar wollte ihm nicht folgen. Spitzbubel flüſterte er, ſoll ich ſchreien? Dich an den Galgen bringen? Hackert verzog ſeine blaſſen Geſichtszüge zu einem bittern Lachen. Er hätte mit jener Sprache reden mögen, in der er ſich Schmelzingen zu verſtehen gab, als er ſchon einmal dieſem Ungläubigen einen Liebes⸗ dienſt erwies. Er konnte nur winken, nur die Zeichen der dringendſten Eile machen... en konnte. ig ſeiner geſtoßenen die Lip⸗ 1.5 6 hrde des n Zuſam⸗ enkte und enkle Dich an au einem ehen gab m Liebes j Zeichen — 395 Dankmar ſah die geöffneten Thüren, aber das Dunkel ſchreckte ihn. Hackert wird ſich wie eine Katze auf dich werfen! Was ſollſt du thun? Die Poſten ſcheinen verändert. Auf dem Korridor iſt Alles ſtill. Dennoch, wie von der magnetiſchen Kraft der Situa⸗ tion überwältigt, hätt' er ſich jetzt entſchloſſen, vorzu⸗ gehen, wenn ihm nicht, da ſein Auge ſich inzwiſchen an die Dunkelheit ſchon gewöhnt hatte, plötzlich auf fünf Schritte von Hackert im Korridor entfernt eine hohe, ſtämmige Rieſengeſtalt, verwachſen und doch wie ein Hüne anzuſchauen, aufgefallen wäre. Nun ſtand in ihm feſt, daß Hackert im Bunde mit Helfers⸗ helfern ihn überftel und nichts hielt ihn ab, ihm jetzt zuzurufen: Denkſt du, Böſewicht, daß ich ſo leicht wie Pferde zu morden bin?... Aber weiter konnte er nicht reden. Hackert ſprang auf ihn zu, zeigte, um Dankmar's Aufmerkſamkeit abzuwenden, auf die Fenſterrundung in der obern Mauer und ſprach mit heiſrer, nachdrucksvoller Stimme: Soll ich wieder hundert Thalerſcheine auf's Pflaſter werfen? Kommen Sie in Teufels Namen—! Dankmar blickte ihn ſtarr an. Der große Unge— ſchlachte in der Dunkelheit war verſchwunden... Wir haben noch drei Thüren zu öffnen, fuhr Hackert heiſer und leiſe fort. Die Schlüſſel, die zu Ihrem Gelde führen, kenn' ich. Die ſind's! Und auf drei gewaltige Schlüſſel, die er aus der Rocktaſche zog, deutend ging er voran. Dankmar folgte. Wie konnte er jetzt zurückbleiben! War es auf einen Diebſtahl ſeines Vermögens abge⸗ ſehen, warum ſollte er den Anlaß nicht benutzen, da nun gewiß zugegen zu ſein? Er fühlte Hackert's knöcherne feuchte Hand. Sie hatte ihn mit krampfhafter Auf⸗ regung ergriffen; er folgte willenlos. Halten Sie ſich an mich, ſprach Hackert. Die Pantoffeln aus! Auf den Zehen! Einen Schnupfen iſt die Abreiſe ſchon werth. St! Reden Sie nichts! Dankmar ließ mit ſich geſchehen, was geſchah. Die Erinnerung an Hackert's Rechtfertigung damals mit dem Pferde Laſally's hatte ihn entwaffnet. Er folgte und bewunderte die Gewandtheit, wie Hackert mit der einen Hand ihn, mit der andern den Unbe⸗ kannten führte, der ſich im dunkeln Korridor ihnen wieder zugeſellte. Dieſer tappte und trat ſo ungeſchlacht auf, daß ihn Hackert einen Bären und Elephanten über dem andern ſchalt. Wer iſt Das? fragte Dankmar. Vorgeſehen! war Hackert's Antwort. el, die zu 6! er aus der ückbleiben! gens abge⸗ en, da nun z möcherne gafter Auf⸗ kert. Die Schnupfen bie nichts! fntt. Er die Hacert den Unbe⸗ ſdor ihnen auf, daß über dem —— 397 Die Wanderung dauerte mehre Minuten. Endlich ſtand man ſtill. Hackert flüſterte: Das iſt die Verbindungsthür! Still! Die Wache wird im Hofe abgelöſt... Es ſchlug grade ein Uhr von den nahegelegenen Rathhaus⸗ und Johanniskirchenthürmen. An die Wand gedrückt, wartete man das Verhallen der mili⸗ täriſchen Tritte ab, die über den ſteinernen Fußböden der Höfe hörbar waren. Durch ein Fenſter glaubte Dankmar, der dieſe Räumlichkeiten kannte, wol un⸗ terſcheiden zu können, daß die Schildwache auch eben an dem Eingang der Gerichtskaſſe erneuert war. Doch auch die Thür, die Hackert eben aufſchloß, führte in das ſcharfbewachte Nebengebäude. Jetzt verſagten ihm die Schlüſſel nicht. Der Große, deſſen Konturen Dank⸗ marn allmälig an irgend eine ihm ſchon vorgekom⸗ mene Perſönlichkeit erinnerten, trappte ſchweigend, nicht einmal auf Socken, ſondern mit bloßen Füßen dem Führer nach, der endlich eine Stiege herab, dann wieder eine hinaufſchritt. Alles war hier dunkel, ſtill und ſchauerlich einſam. Aber Hackert kannte jeden Gegenſtand. Einige Stufen empor blieb er ſtehen und begann die noch zwei übrigen Scllüſſel erſt an einer eiſenbeſchlagenen Thür zu prüfen. Der eine paßte. Nach kurzer Weile trat man in den Kaſſen⸗ — 8 398 raum. Ein großer Schrank wurde vom zweiten Schlüſſel geöffnet. Jetzt hörte Dankmar nur die an den Andern gerichteten Worte: Taſten Sie nach dem hölzernen Kleeblatt! Richtig! Da! Die Silberarbeiter ſind mit dem Luxus noch nicht fertig. Aufgehoben! Und der Dritte bückte ſich und Hackert half einen Gegenſtand den mächtigen Schultern aufladen. Dank⸗ mar wußte nicht, wo ihm die Beſinnung blieb. Er fühlte den hölzernen Schrein, in dem einſt ſeine Do⸗ kumente von Angerode gelegen hatten. Er fühlte das Kreuz auf dem Deckel. Er wußte ja, daß man zu 4 den Dokumenten die Stadtkämmereiſcheine gelegt hatte. Die Truhe war trotz des papiernen Inhaltes ihrer plumpen Geſtalt wegen nicht leicht. Nun zurückl flüſterte Hackert, lehnte die Schrank— thüre nur eben an, ließ den Schlüſſel ſtecken und tappte vorwärts. Aber krachend ſtieß der Träger mit ſeinem Schrein an die Wandecken. Donner! Wenn wir nicht Licht haben, rennt Der noch eine Säule um... V Und Licht verräth dich! flüſterte Dankmar. Und † Licht zeigt mir den Kameraden! Wer iſt's? Hackert, I ich folge wie ein Taumelnder; aber Gott ſei deiner Gurgel gnädig, wenn Ihr die Frechheit habt, mich weiten 399 mit dem Schein einer Spitzbüberei, die nur Ihr, nur Ihr begangen habt, entfliehen zu laſſen... Nur keine Reden gehalten, Herr! Es ſchallt hier! war Hackert's ganze Antwort. Man ging denſelben Weg zurück, den man ge⸗ kommen war... Jetzt galt es die Korridore zu vermeiden, in denen die vielen andern Gasflammen noch brannten und die Schritte der Wachen hörbar waren. Sie befanden ſich wieder im Profoßhauſe. Dankmar begriff nicht, wie man Die Ausgänge deſſelben gewinnen, wie man mit einem ſo auffallenden Gegenſtande, dem Schrein, ſich aus ihm entfernen konnte. Hackert lenkte aber in einen Seitengang. An dem äußerſten Ende war ein kleines Fenſter, das auf die Straße führte. Es war nur ein Luftloch, ein ſchma⸗ ler Streifen in der Wand. Hackert ſchien Dankmar'n toll, als er die Miene machte, durch dieſe kaum hand⸗ hohe, aber breite Oeffnung müßte man nun auf die Straße gelangen. Der Schrein und wir? Hierdurch? Der Dritte ſetzte den Schrein ab. Hackert deutete nur auf Stillſchweigen. Unwillkürlich ſchauderte Dankmar wieder vor einem Gedanken zurück, der ihn plötzlich berührte. Er kam ihm mit Stricken, die er fühlte. Wo dieſe Stricke her⸗ kamen, ſah er nicht. Er fühlte ſie nur, hörte nur das Auseinanderwinden... er dachte ſich die Folgen gefährlicher Prozeduren, die Hackert wagte, zu ſeinem Vortheil wagte und ihn dann allein kompromittirt zu⸗ rückließen... Hier ſoll bald Licht werden, flüſterte Hackert. Wir haben vorgearbeitet. An dieſer Säule machen wir die Stricke feſt. Sie iſt ſtark genug und die Stricke rei⸗ chen zehnmal bis hinunter. Hinter der Johanniskirche faſt an der Ecke, die zu Schlurck's führt— Sie ken⸗ nen die Gaſſe— ſteht ein Wagen... Daß wir ja zuſammenbleiben! Hören Sie? Und während Dem ſchon öffnete ſich die Lücke. Ein Stein wich unter Hackert's Hand vom andern, immer größer, immer weiter, immer heller wurde der Raum. Bald war er ſo groß, daß ein Körper hin⸗ durch konnte, bald ſo groß, daß der Schrein ſich konnte einfugen laſſen, bald ſo, daß Dankmar ſchon die Jo⸗ hanniskirche ſah und das Scharren von Pferden auf dem nächtlich ſtillen, einſamen Straßenpflaſter hörte... Jetzt hieß es, Dankmar ſollte zuerſt durch dieſe im Stillen längſt gebrochene Oeffnung und an dem Seile, das um den Pfeiler geſchlungen war, hinuntergleiten. 1 wir ja Lüͤcke. andern, ide der et hin⸗ konnte die Jo⸗ gferden pflaſte eſe im Seile/ gleiten —— 401 Ich zuerſt? ſagte Dankmar zögernd und auf's Neue voll Mistrauen... Keine Komplimente! Raſch! Raſch! Die Wachen, ſeh' ich, ſind gar nicht ſchläfrig— Hackert! ſprach Dankmar mit letzter zuſammenge⸗ nommener Kraft. Wenn das Alles ein Bubenſtück wäre— Aber Hackert drängte ihn an die Mauerlücke mit der Antwort: Zum Teufel! Sie ſehen ja, es iſt bloße Höf— lichkeit. Ich bleibe zuletzt, ſagte Dankmar entſchloſſen, ich ſteige nicht, ich bleibe bei meinem Schrein... Eine Fluth der ſcheußlichſten Verwünſchungen kam nun aus dem Munde des von Schweiß triefenden Paul Zeck, der am liebſten dem ewigen Zweifler an die Gurgel geſprungen wäre und ihm die Halsbinde zugeſchnürt hätte. Der Dritte, der mit ſeinem Schrein auf dem Kopfe ruhig wie eine Karyatide des Alter⸗ thums ſtand, dieſen freiſchwebend und doch ſo feſtge⸗ klammert hielt, wie Etwas, das er nur mit ſeinem Leben laſſen würde, flüſterte in einer eigenthümlichen weichen Lispelſprache: Steigen Sie! Steigen Sie! Die Runde kommt... Ich gehe nicht... erwiderte Dankmar. Die Ritter vom Geiſte. X 26 2 Wir kommen aber doch vom Tempelſtein! ſprach der Fremde jetzt mit kräftigerer Betonung und gleich⸗ ſam ihren Beiſtand beglaubigend. Dankmar erſtaunte über dies Wort. Der Tem⸗ pelſtein war das Erkennungswort des Bundes für die Zeit bis zu den nächſten Solſtitien... Vom Tempelſtein? fragte er betroffen und nun glaubte er den Träger ſeines Schreines zu erkennen.. Sie ſind... Danebrand! flüſterte Hackert. Hören Sie denn drüben nicht die Pferde aus dem Pelikan? Sie wit⸗ tern Ihre Nähe! Peters kann ſie nicht beruhigen... es geht direkt nach Angerode zu. Hoffentlich iſt Bello im Stall geblieben. Und nun war Dankmar ſchon in der Lücke, ſchon preßte er ſich auf die von Hackert nächtlich zum Zweck der Flucht mühevoll gelockerten Steine, ſchon glitt er das glattgeſtrichene Seil hinab.. Aber die Ahnung Danebrand's, daß die Runde käme, war keine Täuſchung... Dankmar, unten auf dem Straßenpflaſter angelangt, hörte Geräuſch. Hackert's Kopf ſah er ſchon durch die Breſche. Er folgte in der That. Er war nicht von ihm betrogen, aber die Eile, mit der Hackert katzengleich herunterſchoß, er⸗ ſchreckte ihn. Hackert war unten. ——; n' ſprach nd gleich⸗ der Tem⸗ 6 für die und nunn erkennen. Sie denn Sie wir Ihigen. jſt ello ſcke, ſchon ztlich zun ne, ſchn die Runde 4 unten al folgte in aber die ſchoß el 403 Die Rundel flüſterte er drängend. Fliehen Sie! Fort! Fort! Dankmar blieb aber. Er ſah eben den Schrein durch die Lücke gedrängt, ſah eine Hand um die Pran⸗ ken des Holzes geklammert, ſah das Seil ſchwanken hin und her von der gewaltigen Laſt... Da donnerte oben ein vielſtimmiges Wer da? Hackert ſtößt Dankmarn faſt gewaltſam fort und zeigt auf die Johanniskirche und ihre majeſtätiſchen Schatten... Der Schrein iſt heraus aus der Lücke, Dane⸗ brand's Kopf wird ſichtbar, die linke Hand hält den Schrein ſchwebend in der Luft, während die rechte halb ſich ſtemmend in der Mauerlücke, halb das Seil ergreift... Da kracht ein Schuß... Der Schrein ſtürzt hin— unter, Hackert ruft: Fort! und man müßte die paniſche Gewalt des Schreckens und den Einfluß der Situa⸗ tionen auf die Seele ſelbſt des Muthigſten verkennen, wenn man nicht natürlich finden wollte, daß Dank⸗ mar im Augenblick des Schuſſes hinübereilte zu dem Wagen. Auf halbem Wege hielt er jedoch ſchon inne. Er ſah, daß Hackert den Schrein, den man hätte in tauſend Stücke zerkracht glauben ſollen, wie mit über⸗ menſchlicher Gewalt auf ſeine ſonſt ſo ſchwachen 26 404 Schultern lud. Nun floh er an den Wagen, fand dieſen, fand ihn ſchon geöffnet, es war Peters, der ihn bebend grüßte und während er kaum den Schlag mit der Hand gefaßt hatte, ſchon die Pferde anpeitſchte.. Hackert taumelte herüber, ihm nach... Aber Danebrand! Danebrand!... hätte Dankmar rufen mögen.. Da er⸗ ſchallt ein Trommelwirbel in dem Profoßhauſe, Fen⸗ ſter werden erleuchtet, Stimmen hörbar, die Pferde ziehen an... Hackert! Hackert! ruft Dankmar von dem nur halb betretenen Tritt herab. Er ſieht ihn plötzlich nicht mehr, er hört ihn plötzlich nicht mehr... Hackert! Hackert!... Der Trommelwirbel wird ſtär⸗ ker. Die Thüren des Profoßhauſes öffnen ſich ſchon. Halt! Halt! hört man rufen. Da läßt Peters die Zügel ſchießen und hohl und dumpf widerhallend in der nächtlichen Stille brauſt der Wagen davon, geſchützt von den rieſigen Schatten der gewaltigen Gebäude, die in dieſem altergrauen Viertel faſt ge⸗ ſpenſtiſch nebeneinander ſtehen. Eilktes Capitel. Die Richtung Trompetta⸗Flottwitz. Ermuthigt vom Glück wagt man die größere Gefahr. Fröhlich, heiterbewegt ſchritt ein Gaſt von der Tempelheider Anhöhe nieder, ſah noch oft rückwärts, grüßte noch oft die Frauen, die ihm mit Tüchern nachwinkten. Die Zeit der Sorgen war noch nicht vorüber. Sie ſollten erſt noch recht in ihrer bedrän⸗ genden Schwere kommen; aber eine war doch abge⸗ ſchüttelt: Dankmar Wildungen war in fremden Landen geborgen vor der Qual dieſes Kerkerlebens, das ſelbſt dem Muthigſten vor der Zeit den Glanz des Haa⸗ res bleicht, vorzeitige Furchen in die kühnſten Stir⸗ nen gräbt! Rodewald hatte ſeit dem Tage, wo ihn Fürſt Egon in Hohenberg abwies, ein nach Außen vielbewegtes, in ſich ſtilles Leben geführt. Das, was er von Mur⸗ ray beim Abſchiede von der Reſidenz erfahren, über Pauline von Harder, über den Baron Grimm, über einen Paul Zeck, der leben ſollte, war Stoff genug, um zuſammenſchmelzend mit Dankmar's Schickſal ihm in jede freudige Erinnerung an Anna von Harder, in jede Nachricht von Tempelheide bittern Wermuth zu miſchen. Die Nachricht von dem Gewinn des Pro⸗ zeſſes hob auf einige Zeit ſeine gedrückte Stimmung, aber lähmend vollends wirkte die Nachricht, die er von Herrn von Zeiſel erfuhr, daß der Fürſt beabſichtige, alle ſeine Güter zu verkaufen. Mitten in den Zurü⸗ ſtungen, die er auf eine zehnjährige Pachtung hin glaubte wagen zu dürfen, dieſe Nachricht! Mit wel⸗ cher Liebe hatte er ſich der Hoffnung einer Wieder⸗ herſtellung der Glücksumſtände Egon's gewidmet! Wie verklärt ſchien die Abendſonne des Lebens auf dies ſein emſiges Mühen und Walten, dem er eine irdiſche An⸗ erkennung niemals wünſchen, nie von Denen erwar⸗ ten konnte, denen zu Liebe er ſich mühte und arbei⸗ tete! Rodewald war über die Beziehung ſeines Le⸗ bens zu weltlichen Erfolgen hinaus. Er war längſt in jene geweihteren Hallen der Betrachtung getreten, wo der auch nicht feierlich emporgerichtete Blick des Auges doch immer das Ende und ſchon den Ausweg aus dieſem Labyrinth aller Erdenräthſel zu ſuchen ſcheint und an jede That ſich der Maaßſtab nur noch des eignen Genügens legt. Er billigte ganz, daß der gute, ſich ſelbſt in den Andern lebende Oleander ihm einſt mit der Aufſchrift:„An meinen Abendſtern“ ein Blättchen gegeben, auf dem es hieß: Bei einem Ziele bin ich angekömmen, Ob auch am rechten?... weiß ich nicht zu ſagen. Zwar mit dem Strome bin ich nie geſchwommen, Doch war's die Welle, die mich ſo getragen! Geſcheitert hab' ich manches Riff erklommen Und manchen Preis erwarb ſich kühnſtes Wagen. Doch muß von den erträumten ſchön'ren Lagen Mir dieſe wol als jetzt die beſte frommen. Das Höchſte ſuchend bald im Thatendrange, Bald im Genuß, wo ich die Perlen wollte, Fand ich— nur Schaalen! Ach, der Dämon grollte, Er grollt noch jetzt und will mir Wunder lügen, Die nöch erreichbar—! Solchem Ueberſchwange Laß ich genügen jetzt mein ſtill Begnügen. Darin, daß Egon von Hohenberg für die Legiti⸗ mität ſtritt und ſein Sohn war, ſah er ein Räthſel. Ein teufliſcher Gedanke hätte ihm rathen können, hohn— zulachen dieſer tollen Welt des Irrthums und der Lüge. Ihm war dieſer teufliſche Gedanke nie gekom⸗ men; ihm ſchilderte ſein Verhältniß zu Egon das Ver hältniß der ganzen Zeit zu ihren Verfechtern oder Anklägern. Er ſagte ſich: Das iſt Euer Adel, Eure Erbberechtigung, Eure Monarchie, Eure Kirche, 2* Eure Sitte, Euer Glaube, Eure Konvention! O die Konvention, dies Angenommene, dies einmal gelten Sollende! Und ſo bitter dieſer Ausruf, ihn reizte er nicht, dem Teufel zu dienen, der dieſe Lüge ſchuf. Er dachte, grade in dieſem Misverhältniß von Zweck und Mittel, von Abſicht und Einſicht bewege ſich die ganze Zeit und das Jahrhundert und ſtill trug er die Rolle, die ihm gleichſam eine andre Ordnung des Weltenplanes auferlegt hatte, ſtill arbeitete er auf eine innere, gei⸗ ſtige Ausgleichung des Ungleichartigſcheinenden und doch ſich Angehörenden hin. Feierlich bewegt war er an die Aufgabe gegangen, jener höhern, unſichtbaren mora⸗ liſchen Weltordnung zu dienen, indem er für Egon vä⸗ terlich handelte. Ja, er dachte ſich: So wirkt ja die Gott⸗ heit ganz ſtill und unſichtbar für ſich nach ihrem Plan und verkehrt die Pläne der Menſchen, und was ſollte kommen, wenn die wahre geſellſchaftliche Religion nicht eben die wäre, daß das Reich des Guten und Schönen dem Walten der Materie und der Leidenſchaft immer entgegen arbeitete und ſich ſchon auf Erden eine Harmonie erzeugte, die dem einſt brechenden Auge wie ein Regenbogen des Friedens erſcheinen, dem nicht mehr Irdiſches hörenden Ohre wie Sphärenklang er⸗ tönen wird? Ach, und da nun von der Materie ge⸗ ſtört zu werden, da nun hören zu müſſen: Du wirſt ———— aus dieſem ſtillen Zuſammenhang deiner höhern Pflich— ten geriſſen, wirſt die Werke der Liebe aufgeben müſ⸗ ſen! Es that ihm ſo weh, füllte ſein Herz ſo mit Trauer, ſo, daß Franziska Heuniſch, jetzt die Pflegerin ſeines Hauſes, Sorge um den Edlen tragen mußte und der Tochter gern ſie ausgeſprochen hätte, wenn dieſe nicht ſelbſt des Kummers genug hätte zu tragen gehabt. Nun kam nach einem neuen herben Winter die dreifache Botſchaft: Egon verkauft die Herrſchaft, Dankmar hat das Erbe, Dankmar iſt entflohen! Da hielt es Rodewald nicht länger. Er mußte in die Stadt, wenn auch nur auf einige Tage. Er wollte Selma's Freude ſehen, wollte den Verſuch wagen, den Fürſten zu ſprechen, ihn über ſein wahres In⸗ tereſſe aufzuklären. Frohbewegt war Alles in Tem⸗ pelheide, nur den Greis hätte er gewünſcht muntrer anzutreffen; er kränkelte ſeit der letzten Loge und ſchien bedenklich der Auflöſung nahe... auch über Dankmar's Verluſt, den nicht aufgefundenen Schrein, war man in erklärlichſter Sorge, trotzdem, daß Dankmar ſelbſt geſchrieben hatte: Ihn hätte ein edles Mädchen, Louiſe Eiſold, verſichert, daß er in Hackert Vertrauen ſetzen dürfte... doch wollte er zu Egon gehen, wollte den beklemmendſten Schritt ſeines Lebens wagen, wollte — * dem Manne in's Auge blicken, den er faſt haßte, ob er gleich ſo mahnend berufen war, ihn zu lieben. Rodewald hatte ſich in der bekannten ehrerbietigen Aufwartungstracht gekleidet, war an der Pforte des Palais geweſen... der Fürſt, hieß es, iſt nicht an⸗ weſend, iſt ausgefahren... er hatte ſich nicht nennen mögen... aber nach Tiſch, hieß es, um fünf Uhr, dann wäre eine gelegene Stunde... Er benutzte die Zwiſchenzeit, in dem wilden Volks⸗ gewühl der Brandgaſſe Friedrich Zeck aufzuſuchen. Er fand ihn leicht wieder heraus aus dieſen Winkeln und Gaſſen; denn Jeder kannte den Alten mit der ſchwar⸗ zen Binde, Jeder zog vor ihm den Hut, Jeder fand Gehör, wenn er ſich dem ſtillwirkenden Freund der Armen nahte... Rodewald fand„Murray“ in Trauer um das Schickſal ſeines Sohnes Hackert, der Sohn Paulinen's war verſchwunden. Sein Antheil an der Befreiung Dankmar's zeigte ſich dunkel, aber unwiderleglich. Der Einzige, der den ſicherſten Ausweis hätte geben kön⸗ nen, Danebrand, lebte nicht mehr. Ein Schuß der Patrouille hatte ein Leben voll Aufopferung geendet. Man zog, als Licht kam, den Getroffenen aus der Breſche und fand von der beſten, edelſten, gutmü⸗ ble, thigſten und treuſten Seele der Welt nur einen Leich⸗ nam... Rodewald entſann ſich von der Willing'ſchen Fabrik des großen ungethümgeformten Arbeiters, der damals in Verdacht kam, ſein Portefeuille genommen zu haben und ſogleich gerechtfertigt wurde. Er ſtand für ei⸗ nes ſolchen Menſchen beſte Abſicht und verbürgte nun faſt auch Hackert's redlichen Antheil. Dann iſt mir aber meines Sohnes Verſchwinden räthſelhaft! erwiderte Zeck. Niemand weiß für ſicher, daß er mit jener Flucht zuſammenhing, ich ahnte es nur und von Ihnen erſt hör' ich, daß jenes Mädchen, das ihn zu dieſem Abentheuer veranlaßt zu haben ſcheint, den Namen Hackert's in Verbindung mit Dankmar's Befreiung nennt. Verdacht iſt genug aus⸗ geſprochen worden. Pax war hier. Alle Welt iſt befrem⸗ det über Hackert's Verſchwinden. Man will auch einige Kennzeichen ſeines Antheils an jener Flucht wol ge⸗ funden haben. Man behauptet, nur ihm hätte ge⸗ lingen können, ſich mit den Schlüſſeln zu verſehen, ihm nur wäre die Liſt und Verſchlagenheit zuzutrauen, ſich durch tauſend Vorſpiegelungen und tollſte Künſte in Beſitz der einzigen Befreiungsmittel zu ſetzen. Aber der Schrein! fuhr Zeck fort. Soll ich wirklich glau⸗ ben dürfen, daß ihn eine vollkommen gute Abſicht be⸗ ſtimmte, an ſeiner Entwendung behülflich zu ſein? In dieſem Falle, wo weilt Paul, warum erfährt Wildungen nichts, was ſoll man von dem Allen denken? Rodewald verhieß eine tröſtliche Löſung. Wäre auch das Zeugniß jenes Mädchens zweifelhaft, von dem er ſich damals auf dem Fortunaball überzeugt hätte, mit welcher Leidenſchaft ſie an Hackert hinge, der Keim des Beſſeren ſchiene doch durch den Va— ter in ihm aufgegangen... und nun erzählte die⸗ ſer von der Vergangenheit und half Rodewald über die Stimmungen hinweg, die allzu ſtürmiſch auch in ihm wogten und wallten. Zuletzt dem Schickſal Dankmar's ſich wieder zu⸗ wendend, ſagte Rodewald: Es nimmt mich Wunder, ſchon Kämmereiſcheine der von Ihnen gefertigten Art im Verkehr zu ſehen.. Sie waren von Dankmar ausgegeben für perſön⸗ liche Zwecke, ſagte Zeck. Tauſend Thaler für die Ar⸗ men, andre Tauſend ſind perſönlich bewilligt worden. Ohnehin durfte er nur von drei zu drei Jahren Einhunderttauſend in Verkehr bringen... Wenn ein Verbrechen hier ſtattfände, ein Un⸗ glücksfall, ſo müßte die Amortiſationsklage zuläſſig ſein... Ich zweifle... Wie? Das wäre ja ein entſetzliches Unglück... Man ſieht mehr Scheine bereits in Umlauf, als Dankmar ausgegeben hat... Falſche? Aechte! So wäre der Schrein in die Hand eines Betrü⸗ gers gekommen... Murray ſtand voll Bewegung auf. Das furcht⸗ barſte Mistrauen in ſeinen Sohn überfiel ihn wie⸗ der auf's Neue und vor Schmerz rief er: Was iſt dieſe Welt! Was iſt all' unſer Müh'n und Suchen! Oft fühl' ich, daß ich mich dem Wahn— ſinn nähern könnte! Nein, nein, ſprach Rodewald beruhigend. Es kann nur jenes Geld in Umlauf ſein, das Dankmar ſelbſt verausgabte... Viel, viel mehr iſt in Umlauf... Und Dankmar beſitzt den Schrein nicht? Hackert i*ſt verſchwunden, Danebrand todt, Dankmar weit ent⸗ flohen. Wer löſt dieſen Zuſammenhang? Wenn die böſen Mächte der Regierungsgewalt ſelbſt— Glauben Sie daran nicht! Der Schrein iſt in die Hände eines Mannes gekommen, der ihn eröffnete und gewiſſenlos ſeinen Inhalt verſchleudert! 414 Dann muß die Amortiſation zuläſſig ſein, ſagte Rodewald aufſpringend; die Papiere müſſen augen⸗ blicklich entwerthet werden. Ich wende mich an den Rath der Stadt. Dieſe Anzeige wird Ihnen nichts helfen. Man wird Sie immer darauf hinweiſen, daß mit Verbre⸗ chern, mit Landesflüchtigen, mit Räubern in ſolchen Dingen keine Verhandlung möglich wäre, die echten Scheine, ſie mögen kommen, woher ſie wollten, wür— den an den Kaſſen der Stadt in Zahlung angenom⸗ men, vorausgeſehen, daß die unbekannten gegenwär⸗ tigen Beſitzer die Termine der Emiſſion einhalten. Voll Sorgen über dieſe neue quälende Erfahrung verließ Rodewald den bangen Freund, ließ ſich von Wechslern und Kaufleuten dieſelben Worte, die eben Murray geſprochen, wiederholen, beſuchte Oleander, der gleichfalls von Dankmar beruhigende Nachrich⸗ ten hatte und im Pelikan ſich nach dem Fuhrmann Peters hatte erkundigen ſollen, dort aber erfuhr, daß dieſer in Angerode noch weile, um ein dortiges klei⸗ nes Beſitzthum zu veräußern. In Erörterungen über die Hoffnungen der Zukunft ging der Vormittag mit Oleandern hin... Zu Mittag ſpeiſte Rodewald dann in Tempelheide, wo er außer großer Beunruhigung über das zunehmende üble Befinden des alten Präſi⸗ denten mancherlei andre Nachrichten fand. Daß er den Fürſten noch nicht geſprochen, befremdete nicht, denn Frau von Reichmeyer wäre in Tempelheide geweſen und hätte erklärt, der Fürſt beeile ſich, ſeine Verhältniſſe abzu— wickeln, es ſtünde eine große Kriſis in der Politik be— vor, die ihn vielleicht beſtimme, ganz abzudanken... Von Dankmar waren Briefe gekommen, in denen ſich un— ter Anderem die Stelle befand: Ueber unſer Erbe ſollten wir einſtweilen noch leidlich beruhigt ſein. Wir empfingen einige Tauſend von unbekannter Hand aus dem durch den Fall wahrſcheinlich geſprungenen Schrein. Der Briefſteller iſt ohne Zweifel Hackert. Er verſi— chert das ihm anvertraute Gut zu hüthen, ſoweit es ſeine Wunden zuließen; denn daß der Schrein nicht ganz in Trümmer gegangen wäre, hätte man ſeiner Schulter zu verdanken, die nur noch wenige Stunden lang Kraft genug behalten hätte, das Aeußerſte zu wagen. Man möchte Geduld haben; er hätte die Looſung bekommen: Zum Tempelſtein! und vor Louiſe Eiſold würde er den Fund niederlegen, vielleicht zu ihrem Hochzeittage mit Mangold, da Danebrand ja hätte„dran glauben“ müſſen... Beruhigt durch dieſe, wie Dankmar erzählte, ſelbſt von einem Verwundeten noch ſchön geſchriebene, aus einem kleinen Provinzſtädtchen gekommene Botſchaft, wo man unter der Hand fruchtloſe Nachforſchungen an⸗ geſtellt hätte, machte ſich Rodewald auf's Neue auf den Weg, um nun den Fürſten zu ſprechen. Seine Mittel reichten nicht aus, mit Herrn von Reichmeyer in einen Wettkampf zu treten. Nur die Hoffnung trieb ihn, den Fürſten ermuntern zu können, daß er an der Zukunft ſeines Erbes nicht verzweifelte und ihn in einer Lage, einem Berufe walten ließe, den er nun einmal, fern vom Treiben der Städte, als den letzten ihm zukom⸗ menden, hätte erkennen wollen... Rodewald ver⸗ ſprach, ſogleich zurückzukehren und in dem leichtmög⸗ lichen Falle, daß der greiſe Präſident in Anna's pfle⸗ genden Armen ausathme, mit den in Eile gerufenen Aerzten männlichen Beiſtand zu leiſten. Es war fünf Uhr. Ein heißer Junitag. Im Park hinter dem Palais des Fürſten Egon ſäuſelte ein küh⸗ lender Luftzug in den Ulmen und Linden, die grade ihre duftigen Blüthen entfalteten. Der ſpät ſich be⸗ laubende Ahorn, die vor der Blüthe dünn beblättaärten Akazien bildeten den Uebergang aus den dichtzern Baumpartien in die jetzt gepflegtere Ordnung hes Gartens, wo Roſen und Nelken mit üppigſter Fa benpracht grade im Beginn des ſchönen Blüthenſ traumes waren, der den edelſten Pflanzen nur zu/ kurz geſtattet iſt. pv zald vet eichtmog 1'5 pfle erufenen Im Palt ein küh dir glade ſich d blättärten dichten 417 Egon und die Fürſtin wandelten im Garten... Nach Tiſch pflegten die guten Geiſter ihm näher zu ſein als ſeine ſchlimmen. Nicht daß er, mit Menenius bei Shakſpeare zu reden, bei„vollem Magen mehr Milde und Erbarmen hatte als bei leerem“; aber die Fürſtin kredenzte ihm von den ſüdlichen Weinen, die er liebte, er wurde geſprächiger, angeregter, bedürfti⸗ ger der Zärtlichkeit, die uns nachgiebig macht auch in anderen Dingen als nur den tändelnden... Egon ſtocherte ſich die Zähne, ſetzte ſich auf jene Bank, auf der er einſt ausgeruht hatte, als er von ſeiner Krankheit genas und er die Briefe von Helene d'Azimont nicht mehr leſen mochte... Das Kiſſen, das ihm damals Louis Armand ausbreitete, legten auf die ſteinerne Bank jetzt zwei Bediente, die ſich in gemeſſener Entfernung hielten... Die Fürſtin war in guter Laune; denn Cgon ſchien s zu ſein. Er lobte die Blumen, die Luft, die Speiſen, die Käfer, die Weine, die Kiſſen, Alles durcheinander, er, der ſonſt ſo wenig lobte, Alles ta⸗ delte, Alles gebeſſert wünſchte... Ob ſeine Freude eine wahre oder nur eine erkünſtelte warg kümmerte die Fürſtin nicht. Sie erzählte in ihrer alten Art Komiſches und Spöttiſches durcheinander, Eins drolliger als das Andre, und ſchien dabei ſorg⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 27 los, ſo blau und wolkenleer, wie der Himmel über ihnen. Hatte ſie doch kürzlich erſt ein großes Leid glücklich überſtanden... eines Morgens war bei ihr angefragt worden, ob ſie nichts vom Vater wiſſe? Der Juſtizrath, hieß es zu ihrem tödtlichſten Schrecken, müſſe in der Nacht die Komthurei allein verlaſſen ha⸗ ben, wäre nirgends zu finden, hätte vielleicht ein Un⸗ glück erlebt... Der Schrei ihrer Angſt erſtickte in der ſchaudernden Gewißheit, daß ſich der Vater viel⸗ leicht ein Leids angethan hätte; die Mutter, zu der ſie flog, war ſtarr und ſtumm... der Vater, hieß es, hat eine Zahlung zu machen... er wird ſich den Tod gegeben haben. Doch bald klingelte es am Hauſe und der Vater kam, heitrer denn je, wohlgemuth, aufgelegt, ſprach von dem Sonnenaufgang, den er hätte im Walde an der Jägerei, an dem bekannten Cierhäuschen, beobachten wollen, leiſtete die Zahlung aus Mitteln, über die in der Freude der Erlöſung von einer ſchrecklichen Vorſtellung Niemand grübelte.. es war dies ſonderbarer Weiſe derſelbe Tag, an wel⸗ chem man Dankmar's Flucht und den Raub des Schreins erfuhr... Genug, Melanie forſchte nicht, ſie lebte dem Augenblick und ſuchte Egon zu erhetern, wo ſie nur konnte. Abgegebene Viſitenkarten vekan⸗ laßten ſie zu folgendem komiſchen Bericht: 4 dſich den im Hauſ zlgemuth „, den el bekannie Zahlur Erlöſun grübelle an we Raub! 419 Seit Frau von Trompetta den Hof in Tempelheide verſäumt hat, verliert die Gute um ſo mehr ihr Gleich⸗ gewicht, als ihre Formen ſich immer mehr denen eines weiblichen Falſtaff nähern. Aus allen Kämpfen, die uns ſeither bewegten, iſt auch ſie nicht ohne ihren Kummer hervorgegangen, aber das öffentliche und das eigne Leid bekamen ihr ſo wohl, daß ihr gegen die Blut⸗ fülle nichts als Kiſſingen übrig bleibt. In der Ideenwelt ſcheint ſie ſich erſchöpft zu haben. Das Kanonenboot iſt geſcheitert wie die deutſche Flotte und von den Künſtlern und Dichtern, die für ihre eigne Erxiſtenz zu ſorgen haben, iſt gratis jetzt nichts mehr her⸗ auszubekommen. Die Zeit der freiwilligen Albums iſt vorüber. Auch ihre Stimme hat bei dem Embonpoint gelitten. Dennoch wagt ſie jetzt den letzten Verſuch, die Liebe des Hofes zu attakiren. Sie hat gehört, daß die Gräfin Altenwyl äußerte: Die Königin fände es auf⸗ fallend, daß ſoviel hochgeſtellte Damen ſich um die Neuerung der ſogenannten Kindergärten kümmerten; ob ſte denn nicht wüßten, daß dieſe Kindergärten zu der innern Miſſion der Demokratie gehörten? Wenn die edlen Damen Etwas für die Kinder thun wollten, ſaollten ſie ſich an den Krippen oder ſogenannten CfSches betheiligen. Niemand war von dieſer Aeuße⸗ ungg betroffener als Frau von Reichmeyer, der ſie 27* hinterbracht wurde in einem Augenblick, wo ſie eben für die Kindergärten eine Sammlung zur Anſchaffung von dem darin üblichen Gedanken⸗Spielzeug eröffnen wollte. Die ärmſte Millionärin hatte ſich in der Wahl des Mittels, um die Gunſt des Hofes zu gewinnen, ſo entſetzlich vergriffen! Nun entwand ſie ſich ſogleich feurigſt den Armen der Demokratie, fuhr zu Frau von Trompetta und hinterbrachte ihr das Wort der Alten⸗ wyl. Jetzt haben es Beide höchſt enthuſiaſtiſch mit den Milchfläſchchen für Säuglinge und mit den Krippen. Gelbſattel iſt dabei auch gewonnen worden, alle frommen Geiſtlichen, die Mäuſeburg, die Fürſtin von Sein⸗Haben⸗ Werden, Alle, Alle wollen ſie jetzt die kleinen Milch— fläſchchen füllen und Krippen bauen. Der Anblick der Trompetta und der Reichmeyer unter den Windeln der Creches ſoll höchſt tragikomiſch ſein. Die Königin hat ſämmtliche Creches unter ihre Protektion genom⸗ men und der katholiſche Heiligenſchein um die Köpfe der vornehmen Damen nimmt in der That ſo zu, daß ich mir manchmal wie eine Heidin vorkomme und nicht mehr weiß, an was man nun eigentlich jetzt noch recht glauben ſoll. Egon lächelte zu dem Humor der Fürſtin, di ie verlegen war, ihn zu erheitern, aufzurichten, in ſeiner öden Vereinſamung zu tröſten... ſie eben ſchaffung eröffnen er Wahl winnen, ſogleich au von er Alten⸗ mit den Krippen. frommen „Haben⸗ Milch⸗ blic der ndeln der Königin genom⸗ ie Koyſe zu, daß und nicht och nch diea 1 o ſein 421 Ich ſehe, ſagte er, daß meines Sylveſter Rafflard Wirken für den deutſchen Norden nun doch von beſtem Erfolg geweſen iſt. Die Intrigue gegen Helene war nicht ſeine einzige Aufgabe. Er hat überall ſchlau die Leer⸗ heit und Abſpannung der Gemüther hier benutzt, um ihnen die Panacee des römiſchen Glaubens anzubieten. Wir bauen ſchon Kirchen für Rom, wir werden bin⸗ nen wenigen Jahren hier einen römiſchen Biſchof ha⸗ ben und das Frohnleichnamsfeſt öffentlich feiern ſehen unter dem Schutze von Militär und Gendarmen. Die Krankenpflege erzeugt Inſtitutionen, von denen man nicht mehr recht weiß, wurzeln ſie noch in Luther oder ſchon wieder in Rom. Man ſteht Schweſtern mit wunderlichen Kopftrachten durch die Straßen ge⸗ hen, als wäre man im tiefſten Süden. Man zeigt dem Volke die Uneigennützigkeit der katholiſchen Kirche in der Heil-, Schul- und Seelſorge. Die Kunſt ent⸗ ſchieden, die Literatur allmälig ſeh' ich ſchon hinneigen wieder zu einer gewiſſen unreellen Auffaſſung des Le⸗ dens, wie in der alten romantiſchen Epoche. Die Damen leſen nur Süßliches, Dämmerliches, Träu⸗ fieriſches. Von dem offnen Uebertritt vieler Gebilde⸗ ſen nicht zu reden... Die Fürſtin verſtand, warum ſich Egon unterbrach. Er dachte hier an Helene d'Azimont, die den neueſten Nachrichten zufolge nach Paris zurückgekehrt war, dort ihren Gatten ſterbend gefunden, ihn begraben hatte und nun auch zur katholiſchen Kirche übergetreten war. Man hatte erfahren, daß ſie ſogar mit der alten Mutter Deſiré's ſich ausgeſöhnt hatte, auf dem Quai d'Orſay gemein⸗ ſchaftlich mit ihr betete und in Notre⸗Dame, während Rafflard vor den Thüren ſtände und mit den Shawls auf Beide an der Equipage wartete, in der Magda⸗ lenen-Kapelle mit zerknirſchten Reuethränen oft hör⸗ bar ſchluchze. Heinrichſon war Helenen nicht treu ge⸗ blieben. Eine millionenreiche Engländerin, die für eine Malerin gelten wollte, hatte ihn geheirathet. Helene war um den Glauben an ſich und die Welt gekom⸗ men... Das grauſame Gedicht des ſonſt ſo wei⸗ chen Oleander hatte auch ſein gut Theil Schuld daran, daß Helene für alle ihre Schmerzen auf eine letzte Ab⸗ hülfe dachte und ſich vor Egon, vor Olga, ihrer Schwe⸗ ſter Adele, vor Rudhard gleichſam einen Panzer und Harniſch des neuen Lebens umſchnallte, der ihr zu—⸗ gleich erlaubte, über alles Vergangene, wenigſtens ſcheinbar, eine ſouveräne Verachtung auszuſprechen. O dieſe bemitleidenswerthe Haltloſigkeit der weib⸗ lichen Seele, rief jetzt Egon kopfſchüttelnd aus. Wenn, die Klänge der Orgel brauſend ſtrömen, die Klingel des Hochamts ertönt, der Prieſter im geſtickten Kleide 423 die Ränder des Altars küßt, fühlen dieſe Frauen wol eine Linderung ihrer Qual, ihres heißen Durſtes nach Wahrheit oder Schönheit? Ich glaube nicht. Ich glaube, daß Helene im katholiſchen Glauben nur die— ſelbe Anregung findet, die Pauline von Harder bei uns in meiner Politik fand. Dieſer katholiſche Glaube beſteht nicht aus der Meſſe, der Beichte und dem Ro— ſenkranz allein. Es iſt eine ſo merkwürdig unterhaltende Inſtitution, wenn man in ihr inneres Getriebe treten darf und die reichſte, ja leidenſchaftlichſte Erregung für jeden übrigen Lebens⸗Augenblick gewinnt, auch außer der Gottesandacht. Kann etwas lebensvoller organi⸗ ſirt ſein als das Ziel und Streben der katholiſchen Kirche? Iſt ſie nicht mit rüſtigem Muthe wieder in den Wettkampf mit der Zeit getreten, hat ſich an allen Vorgängen der Staaten, der Kultur, der Kunſt, ja ſelbſt der Wiſſenſchaft um ſo mehr betheiligt, als wir für uns überall auf dieſem Gebiete nur Niederlagen ſehen? Das Palais eines Erzbiſchofs iſt jetzt wie das eines Mi⸗ niſters. Boten gehen und kommen. Ueber Alles wird berichtet, für Alles ein Votum abgegeben und die Fürſten, die ſchon ihren nahen Untergang vor Augen erblicken, klammern ſich an dieſen Einfluß mit tiefſter Unterwerfung, fördern ihn, folgen ihm, ſelbſt wenn ſie nicht zur katholiſchen Kirche gehören. In dieſem 424 Kirchenleben herrſcht ein ewiges Kommen und Gehen, eine ſtete Anregung auch durch Männer, die den gro⸗ ßen Vortheil bieten, daß ihnen häusliche und Fami— lienbeziehungen nicht auf den Ferſen folgen. Nie klappen dieſe Menſchen gleichſam in ihren Hauspan— toffeln, nie hört man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensſtellung, auf das Loos von Weib und Kind. Meine arme Helene vielleicht ſucht Gott, vielleicht ſogar Chriſtus, aber ſie wird auch, in Ermangelung des rechten Heilandes, vorläufig ſoviel Apoſtel finden, daß ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen muß und ihre liebeglühende, in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhält, noch an das Vergangene zu denken. Sie iſt reich, ſie wird ſich das Leben nach allen Dicht— gattungen, tragiſch, idylliſch geſtalten, wie ſie es be— darf. Die Elaſtizität ihres Willens, die Dehnbarkeit ihres Bedürfniſſes wird nie ein Ende finden. Ueber Gründe, Motivirungen wird ſie, die im Ewignoth⸗ wendigen lebt, nie in Verlegenheit ſein. Geb' ihr der Himmel die reichſten Züge aus dem Quell des Ver⸗ geſſens und netze ihre heiße Stirn mit irgend einem Thau und wär' es das Weihwaſſer des Aberglau⸗ bens an den weihrauchduftenden Kirchthüren! Die Fürſtin lenkte, da Egon's Stimme vor weh⸗ müthiger Erregung zitterte, auf Pauline ein und be⸗ hen Gal de Sor alle abh⸗ liau ri Uden. kecu wen deſalö 425 richtete über die Beſuche, die heute die Geheimräthin ſchon in der Frühe gemacht hatte, aus Furcht, Egon wolle dem Hofe offen, nicht verſteckt weichen, wolle eine Kabinetskriſis eintreten laſſen... Egon aber fuhr ausweichend fort: Dieſer tollkühne, ſo liebenswürdige und ſo gefähr⸗ liche Dankmar Wildungen hatte Recht, als er mir eines Tages, da von dem Uebertritt einer berühmten Frau die Rede war, ſagte: Dieſe Frau handelte ſehr inkonſequent oder ſie weiß nicht, daß die Nachtigall ein Männchen iſt. Ueberlegte ſie, daß Gott es ſo geordnet hat, daß die Männchen im Walde die Her⸗ ren, die Männchen nur ſchön ſind und nur die Maͤnn⸗ chen ſingen, wüßte ſie, daß nur eine ihr ſonſt ſo ſeltene Galanterie der deutſchen Sprache aus dem Sproſſer, der allein ſchlägt, eine Nachtigall machte, aus der Sonne, die in allen Sprachen männlich iſt, bei uns allein eine Dame und den überall weiblichen, überall übhängigen Mond bei uns zum Herrn, zum Masku⸗ Unum, ſo hätte ſie in dem konſequenten Streben nach Freiheit und Frauengröße eigentlich dem Weltenſchöpfer den Handſchuh zum Kampfe hinwerfen und in die Schule der neuen Atheiſten gehen müſſen. Aber von den Regierungen verfolgt werden, mit der Geſellſchaft ſefallen, von der Ariſtokratie verdammt und verketzert werden, Das entſpricht freilich nicht den Allüren die⸗ ſer Aeſthetik und ſo wählte ſie ſtatt der genialen Ma⸗ lice auf die Weltordnung, die eine charakteriſtiſche Konſequenz geweſen wäre, eine ihr gar nicht natürliche demüthige Unterordnung, ſtatt Byron's den ihr im Stillen höchſt langweiligen Thomas a Kempis, ſtatt des unſcheinbaren Doktors Feuerbach bei Nürnberg den freilich pompöſeren Papſt in Rom. Das Paar ſtand nun auf... Die Fürſtin wußte, daß ſie dieſe Art von Erinnerungen, wenn Egon feſt dabei blieb, nicht durch Scherz ſtören durfte. Sie wußte, wie Egon litt unter dem Druck ſeiner Ueber⸗ zeugungen und Pflichten. Er terroriſirte ſich ja ſelbſt und weil ſie die Einzige war, die ſeine Wahrheitsliebe mit ſchaudernder Verehrung anerkannte, ſo that es ihm wohl, ſich, wenn ſie ganz ſtumm war, an ſie zu ſchmiegen und ſich mit ihr allein im beruhigten Ein⸗ verſtändniß zu fühlen. Pauline, ſagte er im Gehen, Pauline iſt grade wie Helene, Dieſe ertrug nicht, daß ich handelte, Jene wird nie ertragen, daß ich liebe und nur dem Leben lebe. Erſt war ich ganz der Sklave des Herzens, nun bin ich ganz der Sklave des Geiſtes. Ich ſoll mich beugen unter dieſe kleinen Zirkel! Ich ſoll eine Lüge in die wenigſtens mir erwieſene Wahrheit meines Herzens 427 aufnehmen! Ich ſoll die Religion, die Schule, die Wiſſenſchaft einer Richtung überantworten, die nicht die meine iſt! Und warum? Um Miniſter zu bleiben? Um Paulinen nicht von ihrer Höhe herabzuſtürzen? .. Ich habe dieſen Staat gerettet. Ich begab mich in Gefahren, opferte meine Freunde, diente der Geſell⸗ ſchaft, indem ich die Ruhe, Ordnung, den Fleiß, die Mäßigung, die Ergebung, das Vertrauen anbahnte. Und immer die Vorwürfe, daß ich die hiſtoriſchen Be⸗ dingungen vergäße? Grade dieſe Monarchie wäre ein Andres als der allgemeine Staat der Vernunft? Grade hier gälte es, Alles in den Perſonen, nichts in den Dingen zu ſuchen? Ich ertrug dieſen tollen Widerſpruch, ſo lange ich ihn für ungefährlich erklä⸗ ren konnte. Aber jetzt ſoll ich, da dieſe Fanatiker des Rückganges ſich unentbehrlich gemacht haben und ich auch von den Mittelparteien umgangen bin, mir Elemente aufdrängen laſſen, die ſich mir nur heuch⸗ leriſch unterwarfen, weil ich Muth hatte und nur war⸗ teten, bis ich von ihrem ſchlingpflanzenartigen Wachs⸗ thum umrankt bin und in ihren Umarmungen erſticken muß! Ich kenne jetzt den leitenden Gedanken des Hofes. Ich war gut für das Zeitalter der Polizei. zwei Jahre galt es unterdrücken, hemmen, ablehnen. Jetzt träte die Zeit der Organiſationen ein! Es iſt die 1238 Contrerevolution der Adligen und der Pietiſten, denen ſelbſt Voland zu allgemein und zu phraſenhaft geworden iſt. Wenn die jetzt erledigten Miniſterien des Kultus und des Auswärtigen in die Hände jener Männer kommen ſollen, aus deren Liſte ich nicht Einen wäh⸗ len würde, während der Hof nicht Einen aus der meinen mochte, ſo hab' ich meinen Weg vollendet und danke dem Himmel, daß Reichmeyer's Vorſchlag einer Parzellirung meiner Güter und deren ſucceſſiver Ver⸗ kauf mir möglich macht, dieſe Bahn zu verlaſſen und Rudhard's Vorſchlag, meiner Geſundheit wegen mich im ſüdlichen Rußland, gradezu in der Krimm oder ſonſt wo niederzulaſſen, auszuführen... Dieſe unmuthsvoll ausgeſprochenen Phantaſieen wurden von drei Briefen unterbrochen, von denen einer in röthlicher Enveloppe der wichtigſte war; Briefe von dieſer Farbe kamen vom Hofe... Der Fürſt erbrach ihn zuerſt. Aus dem Kabinet des Königs wurde gemeldet, das Intereſſe der Dy— naſtie verlange unbedingt die Uebergabe der erledigten Portefeuilles an die Männer der vom Hofe aufge⸗ ſtellten Liſe. Man ſähe um ſo weniger Schwierig— keiten, als ſich ja alle der Präſidentſchaft des Fürſten fügen wollten... Der zweite Brief war von Herrn von Reichmeyer, 429— der die endliche Möglichkeit einer großen Verkaufsope⸗ ration für die nächſten Tage beſtimmt zuſicherte... Der dritte endlich war von Paulinen und lautete: „Zweimal war ich bei Ihnen, Egon, zweimal wollt' ich Sie beſchwören: Opfern Sie dieſe entſetzliche ſten, denen ft geworden es Kultus r Männer 4 4 Hartnäckigkeit! Ich habe Gäſte zu Tiſch, ſonſt wär' ich ſelber da, um Sie fußfällig zu bitten: Richten Sie lewe zn nicht Alles zu Grunde! Sie zwingen den Hof nicht! clag i Die Partei der Königin iſt zu ſehr erſtarkt. Sie lehnt eſſiver 6 ſich an die große öſtliche europäiſche Politik und hat rlaſſen u das Einverſtändniß mit allen Kabinetten im Rücken. vegen nic Sie ſelbſt, Egon, haben die Verfaſſung für ein Kon⸗ rimm Odel glomerat von Unſinn und Verbrechen erklärt; darin iſt . man mit Ihnen einverſtanden. Aber Sie haben hin⸗ zhantaſieen zugefügt: dies Konglomerat drücke für den Augenblick denen eitt die Bürgſchaft der Ruhe und Ordnung aus, man Biiefe vn dürfe ſie den Mittelparteien, die den Ausſchlag gäben, nicht entziehen, dürfe nicht an ihr rütteln, müſſe ſie em Kabine als Popanz regieren laſſen, um die größeren Güter e der DYh pes Vertrauens, die Rückkehr zu den Gewerben, die erledigten Verſchmelzung der Gehorchenden und Regierenden da⸗ dofe aufge fär zu gewinnen, bis die Zeit käme, wo die Zungen Schwieii der Engel oder die Poſaunen des Weltgerichtes wie⸗ des Fürſe der einmal mit der Menſchheit reden würden. Dies Wweideutige Wort iſt das ſtündliche Thema der kleinen 6.1Ar jeyel Reich 1 43⁰0 Zirkel. Man geht ſo weit, Sie des Einverſtändniſſes mit der Revolution zu bezichtigen. Ich beſchwöre Sie, Egon, laſſen Sie dieſe Hartnäckigkeit! Wenn Flott— witz aus P. und Trompetta aus S. in's Miniſterium kommen, ſo haben wir in der Preſſe und der Kammer die Mittel, dieſe uns aufgedrungenen Ultra⸗Elemente bald genug auszuſtoßen. Geben Sie dieſe Erpro⸗ priation Ihres Eigenthums auf! Sie wollen das Land verlaſſen! Sie haben idylliſche Ideen wie einſt Helene d'Azimont. Sie ſind muthlos geworden, Fürſt! Sie beneiden Ihre alten Freunde um das Glück ihrer Märtyrerſchaft! Sie finden die Schickſale dieſer Wil⸗ dungen wunderbar. Sie ermatten im Kampfe für Ihre unendlich wahreren Ideale! Soll ich, ein Weib, Ihnen Kraft und Ausdauer predigen? Egon, was iſt Ihnen Rodewald? Seit deſſen Rückkehr ſind Sie ein Schatten, ſind nicht der Widerſchein mehr Ihrer früheren Größe! Finden Sie Rodewald ab! Ich biete Ihnen zur Löſung ſeines Pachtvertrages mein Ver⸗ mögen! Verweiſen Sie ihn auf Grund ſeiner ver⸗ lornen Heimathsrechte, auf Grund des Schutzes, den er dem Staatsverbrecher lieh, auf Grund des Vor⸗ ſchubes, der von Pleſſen und Tempelheide aus doch unwiderleglich der Flucht Wildungen's geleiſtet wurde, des Landes— Egon, haben Sie Muth, Vertrauen! Kammer lemente 5 rpro⸗ Nochmals, ich biete Ihnen die Benutzung meiner eignen Mittel! Befreien Sie mich von dem Verdachte, daß Sie nicht ertragen können, von mir abhängig zu ſein... An dieſer Stelle zerriß Egon das Billet, warf es zur Erde und würde die mit dem Fuße getretenen Fetzen aus Zorn unbedacht haben liegen laſſen, wenn die Fürſtin ſie nicht geſammelt und ihm zurückgeſtellt hätte, ohne einen Blick hineinzuwerfen... Ohne ein weiteres Wort durch hſchritt Egon den Gar— ten, verließ ihn, ging über die kleine Hoftreppe in ſeine Zimmer. Der Diener folgte... Die Fürſtin hielt ſich zurück, treu ihrem Syſteme der Nichteinmi⸗ ſchung in Dinge, für die ihr Luſt und Beruf fehlten. Zwei Worte genügten dem Fürſten, um dem Hofe anzuzeigen, daß er ſich heute a gegen Abend definitiv ausſprechen würde... Es ſtand bei ihm feſt, Das, was er war, ganz oder es nicht zu ſein... Pauline von Harder hante Recht, ſeit Rodewald's Rückkehr war Egon ein Tyrann der Konſequenz... das Wort„abhängig ſein“, von die— ſer Frau geſprochen, wühlte ihm wie ein Dolch in der Bruſt. Der Bediente wollte gehen, das Billet zu Hofe ragen... Noch zögerte er und meldete: 432 Der Generalpächter Herr Rodewald wünſche Se. Durchlaucht zu ſprechen... Egon hörte nicht... Er war in zu fieberhafter Be⸗ wegung... Herr Rodewald... Wer?... Der Schrecken des vorigen Jahres im Schloſſe Hohenberg wiederholte ſich erſt. Der Bediente ſprach die Meldung noch einmalz der Wunſch Rodewald's, jetzt vorgelaſſen zu werden, war der dringendſte. Die Wirkung dieſes Namens auf den Fürſten ken⸗ nen wir... Daſſelbe Erblaſſen, daſſelbe Beben... wie auf dem Schloſſe Hohenberg... aber die Samm⸗ lung war nach faſt einem Jahre der Gewöhnung und 3 Ueberlegung vorbereiteter... Der Fürſt faßte ſich, winkte und ließ den Generalpächter eintreten... Heinrich Rodewald trat ein... 4 „ “—— 8 K 8 vbünſche Se. erhafter Be⸗ Jahres im och einmal; zu werden, Fürſten kel⸗ Beben. die Samnmn bnung und faßte ſich reten. Zwölktes Capitel. Vater und Sohn. Rodewald hatte in denſelben Zimmern gewartet, wo er einſt von Louis Armand die frohe Botſchaft von dem vermeintlichen Eigner jener Locke empfing, die auf ſeinem Herzen ruhte... er hatte voll Trauer die alabaſternen Bildſäulen betrachtet, von deren Anblick er damals gern den Knaben Selmar zurückgehalten hätteN.. er war bangend über die Teppiche auf und nieder geſchritten, die damals jenen dem Juſtizrathe zu⸗ geſchleuderten„Schurken“ in ſeinem Widerhall mil⸗ derten... dieſelbe Welt und wie verändert durch die Zeit! Wie Rodewald eintreten ſollte zu Egon von Ho⸗ denberg, dem Sohne Amanden's, ſchlug dem Vater das Herz, er hätte es hören können, wenn nicht ſein Ohr betäubt geweſen wäre. Nur unwillkürlich griff e mit der Linken nach der klopfenden Bruſt... in jer Rechten hielt er mit der Ehrerbietung, die ſei⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 28 ——. ner Stellung zukam, den Hut... Er war ſchwarz gekleidet, gab ſich von Natur würdevoll und überragte weit ſeine Stellung. Egon ſtand vor ihm mit dem Stern auf der Bruſt.. Er hatte in der Frühe ſchon einer Repräſentation beige⸗ wohnt... Er trug dieſen Stern jetzt faſt wie eine Waffe. Stumme, lautloſe Begrüßung... Herr Rodewald? begann der Fürſt mit einem un⸗ willkürlichen Schauer. Er hatte dieſe Geſtalt, dieſe imponirende Würde, dieſe edle Bildung des Hauptes nicht erwartet... er wollte ſeinem Tone Barſchheit geben.. er konnte nicht; der leiſe am Vater ſchim⸗ mernde Silberglanz des Scheitels milderte ſeinen ſtren⸗ gen Vorſatz... Durchlaucht... zu Befehl... war Rodewald's faſt zitternd vorgetragene Antwort. Habe Urſache Ihnen ſehr dankbar zu ſein... Ihre Verwaltung verſpricht... oder vielmehr Sie leiſten ſchon, was Sie verſprochen haben.. Rodewald gewann an Sicherheit der Unſicherheit des Fuͤrſten gegenüber. Dieſer Empfang mußte ihn, wenn er ſchon von Egon's Herzen eine geringe Mei⸗ nung hatte, vollends erkälten. Wozu dieſe kurzen, abgeſtoßenen Sätze! dachte er. Soll Das als Vor⸗ nehmheit gelten? Soll Das Strafe für meine Be⸗ ziehung zu Dankmar ſein? Warum mir dieſe Un⸗ freundlichkeit? An eine Bekanntſchaft mit ſeinen Be⸗ ziehungen zur Mutter dachte er nicht. Er wußte, daß die einzige Verrätherin nur Pauline ſein konnte und wo⸗ rin grade ihr Stolz, ihre Eiferſucht ſich gegen Amanda geſträubt hatte, wußte er nicht minder... Die zehn Jahre, begann er, die mir Ew. Durch⸗ laucht anfangs geſtattet haben, ſind grade nur das Maaß der Zeit, das ich brauchen würde, um Soll und Haben einigermaßen in Einklang zu bringen. Auf Gewinn würde erſt nach dieſer Friſt zu rechnen ſein. So? ſagte Egon kalt, wandte ſich zum Fenſter und blickte mistrauiſch nur mit halbem Blicke zu dem u Sprecher, der fortfuhr: Durchlaucht haben aber, wie ich von Herrif von Zeiſel höre, über Ihre Beſitzungen einen andern Ent⸗ ſchluß gefaßt... Egon hörte kaum. Er dachte nur an das Wort Paulinen's in dem zerriſſenen Brief: Man ver⸗ weiſt Rodewald des Landes! Er prüfte und forſchte. Er wollte in die Stimmung zurück, die ihn einſt ver⸗ anlaßt hatte auszurufen: Du biſt von Fallſtricken umgeben, man wühlt in deinen gefährlichſten Geheim⸗ niſſen! Was will dieſer Menſch? Warum kommt er zurück? Was drängt er ſich in deine Nähe? 28* ——— — — f * Und nun ſtand der Gefürchtete vor ihm. So ru⸗ hig, ſo ernſt, ſo würdevoll... Ja, ſein ſcharfes Auge entdeckte den Wehmuthsſchleier über Rodewald's Augen und nur darin noch fühlte er ſeine Kraft ſich ſammeln, daß er dachte: Sollte er wagen, dir ver— traulich zu thun? Wäre Dies, ſo hätte ihm ein Ge⸗ danke kommen können, der nicht viel anders gelautet hätte, als: Du könnteſt ihn erwürgen! Rodewald fuhr fort: Durchlaucht werden als Staatsmann wiſſen, daß in keinem Dinge eine plötzliche Reform möglich iſt. Die Güter ſind vernachläſſigt, überſchuldet, aber ihr Ertrag iſt noch nicht zu ermeſſen. Die Bodenkraft ſcheint größer, als man vorausſetzte. Ich fand keine gute Haushaltung und ich bringe noch mehr als ehr⸗ lichen Willen, ich bringe Kenntniſſe und Erfahrungen, die ſich bewähren dürften... Sie haben Auslagen gehabt, ſagte der Fürſt; ich weiß, Sie haben Maſchinen bauen laſſen— und die Gebäude, die Sie errichteten, ich ſah ſie ſelbſt mit Ver⸗ gnügen— ſie werden den gegenwärtigen Kaufpreis nur erhöhen... Sie werden ſchadlos gehalten werden. Ein Verkauf, dem man eine gerichtliche Nothwen⸗ digkeit zu Grunde legt, hebt mein Pachtverhältniß auf... So w⸗ ſcharfes dewald Fraft ſich dir ver⸗ ein Ge⸗ gelautet iſſen, daß üglich iſt aber ihr zodenkraft fand keine tals ehl⸗ ahrungen, zurſi ic und die mit Vel⸗ gaufprei werden. Nolhwan t erhältni 437 Sie arrangiren ſich vielleicht mit Herrn von Reich⸗ meyer... Ich glaube nicht. Die Landwitthſchaft iſt ſo ſehr meine Leidenſchaft nicht. Es müſſen ſich die Verhält⸗ niſſe ſchon ganz beſonders nach meinem Wunſche ge⸗ ſtalten, wenn ich mir als Oekonom gefallen ſoll... Egon, der faſt nur zum Fenſter hinausſah, biß ſich auf die Lippen. Es lag in dieſen Worten Das, was er fürchtete, der Schein von Vertraulichkeit des ihm unheimlichen Mannes und doch war die Beto⸗ nung nicht auf ihn gerichtet, ſie war ſtreng, ohne Weichlichkeit, ohne Zuthunlichkeit, ſie ging in's All— gemeine. Der Ueberſchuß, fuhr Rodewald fort, der Ueber⸗ ſchuß der Aktiva, wenn die Paſſiva getilgt ſein wer⸗ den, kann nicht ſo groß ſein, daß der Werth einer dauernden Zukunftshoffnung aufgehoben würde. Ueber⸗ eilen Sie dieſen Entſchluß nicht, Durchlaucht! Egon brachte jetzt polternd eine Menge von Gründen vor, die in dieſen Tagen gegen den Beſitz von Län⸗ dereien ſprächen. Es waren darunter ſogar welche aus der Zeit und dem Regierungsſyſteme hergenom⸗ men, ſodaß Rodewald lächelnd einfiel: Durchlaucht werden bei einer ſolchen Motivirung dem Beſitzadel das Signal eines allgemeinen Sauve — — 438 qui peutl geben. Was bliebe von dem Grundbau des Staatsgebäudes übrig, wenn dieſe Abneigung ſich mehrte! Es würden neue Arbeitsquellen geſchaffen, ſprach der Fürſt jetzt raſcher; es kämen die Käufer in die Nothwendigkeit, den Boden zu mehr als nur zur Un⸗ terſtützung einer geſelligen Repräſentation zu benutzen. Die großen Güterkomplexe ſind eine mittelalterliche Idee, die ich bekämpfe. Je mehr wahre Arbeit durch die Parzellirung erzielt wird, deſto mehr beſchäftigte Hände und zufriedene Köpfe. Ich hatte früher auch die Profeſſorengrillen vom Adel, dem ungetheilten Gü⸗ terbeſitz, den engliſchen Spleen von Majoraten. Ich habe mich auf der Tribüne und im Büreau überzeugt, wohin wir mit dieſer Reform vom Adel kommen. Es i*ſt beſſer, der Adel vermittelt ſeine Kräfte mit denen der modernen Arbeit und Grund und Boden wird et⸗ was Beweglicheres als bisher. Gern hätte Rodewald vielleicht erwidert: Und iſt die Liebe zu dem väterlichen Boden nicht auch ein Bindemittel der Ordnung? Iſt die pflegende und hü⸗ thende Pietät nicht in deinem Staate unterzubringen? Aber in der Nothwendigkeit zurückhalten zu müſſen, vermied er Erörterungen wie dieſe, die wol ſeinen al⸗ ten romantiſchen Doktrinen entſprochen hätten. So kam er nur auf das Wort zurück, das er ſchon ge⸗ 439 ſagt hatte: Er würde ſich mit einem Käufer des Gan⸗ zen oder Einzelnen nicht einigen. Der Fürſt wandte ſich und wagte die halb lächeln⸗ den, halb verweiſend ernſt vorgetragenen Worte: Das klingt ja faſt, als ſollte ich allein nur die Ehre haben, der Auserwählte Ihres Fleißes zu ſein! Rodewald verwand dieſe böſe Rede mit Schmerz. Er hätte erwidern können: Allerdings! Ich kannte Ihre Mutter, ſchätzte ſie... er that es nicht, er verſuchte auf dem geſchäftlichen Standpunkte ſtehen zu bleiben. Eine Zerſtückelung, ſagte er, hebt meine Hoffnun⸗ gen auf. Wenn ich durch den Gewinn des Waldes nicht decke, was ich an der Sterilität des Feldes ver⸗ liere, wenn nicht eine Lokalität der andern in die Hände arbeitet, ergibt ſich kein großes Reſultat. Für ein kleines hab' ich bereits zu bedeutende Anſtrengun⸗ gen gemacht. Durchlaucht erklären, daß ich entſchä⸗ digt werde. Ihr Entſchluß ſteht feſt. So hab' ich nichts weiter zu ſagen. Und ſchon wollte Rodewald, tief erkältet, durch⸗ fröſtelt bis in's innerſte Herz ſich zum Gehen wenden.. Da ſagte Egon, überraſcht von dieſer Entſchieden⸗ heit und durch die Abweſenheit aller weitern Wünſche des ihm ſo naheſtehenden Mannes faſt beſchämt: 1 1 Bleiben Sie doch noch! Gefällt es Ihnen denn in Europa wieder? Sie waren viele Jahre in Ame⸗ rika... Faſt dreißig Jahre... Sie haben eine liebenswürdige Tochter zurückge⸗ bracht, eine Enkelin der Frau von Harder... Rodewald ſchwieg. Aber was er dachte, war der Wunſch: Wüßteſt du, was ich gelitten, als ich glaubte, du wäreſt dieſem Kinde, deiner Schweſter, nicht fremd, dieſem geliebten Kinde, das ich mein nennen darf vor der Welt und an deſſen Leben ſich keine Reue knüpft! Sie haben die Ausſicht, einen ſehr reichen Schwie⸗ gerſohn zu gewinnen, Dankmar Wildungen... fuhr Egon fort; hatte ſein Aufenthalt bei Ihnen keine ge⸗ richtlichen Folgen für Sie? Wir haben ſtrenge Geſetze für die Hehler von Dieben und Mördern, ſagte Rodewald. Die waren hier nicht anwendbar. Im Uebrigen ſtand Dankmar Wildungen im Begriff, ſein Verhältniß zu meiner Ver⸗ waltung aufzugeben... zuletzt bin ich ſein Oheim. Ich habe einige Monate lang mit dieſem Brüder⸗ paar einen vertrauten, geſelligen und ſehr wohlthuen⸗ den Verkehr unterhalten, begann Egon, jetzt etwas ſich erwärmend. Den Jüngſten lernt' ich in einer Zeit ken⸗ 441 hnen denn nen, wo ich der Freundſchaft bedurfte, um nicht un⸗ e in Ame⸗ terzugehen. Ich habe die Idealität ſeines Strebens immer getadelt, aber im Uebrigen ſeinen Charakter, ſeine Diskretion, ſeine vortreffliche Haltung in jedem zurücige⸗ Lebensverhältniſſe anerkannt. Mein Leben war aben— theuerlich. Manches lernt' ich aus Büchern, das Meiſte war der aus dem Leben. Ich bin ſtreng geweſen gegen die als ich früheren Freunde, weil ich an derſelben Grenze unſrer Schwefter Beobachtungen mit ihnen ſtand und ſie mir doch immer ich mein einräumten, daß wir etwas in's Volk hineintragen, was ben ſic nicht in ihm lebt. Ich liebe das Volk, ich bin kein Staatsmann der Studierſtube, der Antichambres, ich Scwie⸗ ſchmeichle Niemanden. Ich ſchmeichle aber auch dem 87 fuhr Volke nicht. Ich kenne die gefährlichſten Feinde der Geſellſchaft, es ſind die Lüge und die Trägheit. Frü⸗ ., feine ge aus her ſprach ich Das in Scherzen aus. Oft genug mit üler vur den Wildungen und mit einem gewiſſen Louis Ar⸗ waren mand. Lieber Himmel, wir führten das wolkenloſeſte ankma Leben, wir waren glücklich, wenn unſre Scherze 4 ger nicht weiter reichten als der Dampf der Cigarre, die wir dhen fauchten. Was kommt auf den Zwieſpalt der Theo⸗ Zride rieen an, wenn man in der ſchönen Natur lebt, wenn litur man von Pferden, von ſchönen Frauen, von Geiſt 4 it und Poeſte im Allgemeinen ſpricht! Ich würze gern an der Tafel meinen Appetit mit guter Unterhaltung ——O˖QO—O—ÿ—’B:OO—B’O˖O⁊Bmm— und immer die gleichen Meinungen, das gibt keine gute Unterhaltung. Alſo ich liebte dieſe Wildungen! Und Lollis Armand! O mein Gott, was hab' ich die Freunde gewarnt und gebeten, was ihn und die Brüder an die mir ſchmerzlichen neuen Pflichten er⸗ innert— aber, wenn es einmal zu einer Entſcheidung kommen ſoll, wenn man durch den Zufall in eine Po⸗ ſition geſtellt wird, wo es ganz unermeßlich heilige Zwecke zu verwalten gibt, dann bleibt nichts Andres übrig, als es zu machen wie die Helden im Homer. Man prallt mit Schild und Speer an dieſelben He⸗ roen, denen man vor der Schlacht über ihre Nobleſſe, ihre Armatur, ihre gute Haltung, ihre Geuealogie die anſtändigſten Komplimente gemacht hat... Es lag in dieſen raſch herausgepolterten Worten ſo viel Natürlichkeit, daß Rodewald unwillkürlich lä⸗ cheln und an ihnen eine Art Gefallen finden mußte... Ich habe die Halbheit nie leiden können, fuhr Egon fort. Ich lebte in Genf als junger Menſch cribblé de dettes, von Schulden faſt aufgefreſſen. Ich hatte es ſatt, unter ſolchen Verhältniſſen mich zu kom⸗ promittiren. Ich trieb nicht Romantik, ſondern es war mein bittrer Ernſt, als ich in die Verborgenheit flüchtete und lieber verſchollen ſein wollte, als unter elenden Bedingungen einen großen Namen tragen. ich die und die llichten er⸗ He⸗ eſelben re Nohleſſe Ich habe in der Politik immer dieſelbe Looſung ge⸗ habt. Koalitionen und Fuſionen, wie dieſe Quack⸗ ſalberei der neuern Staatsweisheit heißt, ſind mir zu⸗ wider. Ich wollte einen Staat der Pflichten auf⸗ bauen. Einen Staat der Arbeit nach jeder Richtung hin. Ich habe Das Ihrem Neffen hundertmal ge⸗ ſagt. Dankmar hat meine Theorie beſtritten und mir nur negative Dinge angerathen. Man kann nicht re— gieren mit Negationen. Luftige Utopismen ſind in den meiſten Fällen Gelegenheiten zur Ausbeute für die Charlatane. Ihre Neffen haben das horrible Phan⸗ tasma eines Bundes aufgeſtellt, der von den Gerich⸗ ten wie eine Verſchwörung aufgefaßt worden iſt. Ich weiß ſehr wohl, was er will und was er den Ge⸗ richten verſchwieg. Ich ſah die erſten Keime die— ſer Gedanken in ihm aufblühen. Hier, hier, an die— ſen Tiſch, da an jenen Thomas a Kempis knüpften wir unſre erſten Gedankengänge an, von denen ich nicht ahnte, daß ſie ihn ſo in die Region der Lüfte führen würden. Es iſt wahr, es iſt Alles geſchehen, um ihn in ſeinem Idealismus zu ermuthigen. Er hat hurch zähe Beharrlichkeit einen Prozeß gewonnen, ver ihm eine wunderbar glänzende Zukunft ver— ſoricht... Sie wiſſen, unterbrach Rodewald dieſe aufwallende Mittheilungsluſt, Sie wiſſen, daß dies unglaubliche Glück ſo gut wie verronnen iſt... Man ſagt, der Bund hätte die Flucht befördert, die ein Theilnehmer mit dem Leben büßte. Aber die Scheine werden doch ausgegeben, werden doch von den weſtlichen Provinzen her verbreitet, ich verſichre Sie, die Mitglieder des Bundes ſind ohne Sorge um dieſe Errungenſchaft, die ja, wie bekannt iſt, nicht einmal den Brüdern allein, ſondern der großen Chi⸗ märe von der neuen Templerei allein zu Gute kom⸗ men ſoll... Können Sie denn eine ſolche Verwen— dung billigen? Was ſagt Fräulein Selma dazu? Und Olga Wäſämskoi, die Ihnen, dieſe ſchlimme kleine Intriguantin, die Ehre verſchaffen wird, eine Fürſtin zur Nichte zu haben?...— Egon konnte ſo nicht weiter; bei jeder neuen Thatſache trat er wie auf Fußangeln und dabei dieſe ruhige Auf⸗ merkſamkeit des würdigen Mannes, der nur hörend vor ihm ſtand, dies leuchtende Feuer, das in Rodewald's Augen zuckte, dies ſichtliche Behagen in der Annähe⸗ rung an Egon's menſchlichere Regungen... er mußte ſich ſelbſt unterbrechen und ließ Rodewald ruhig ge⸗ währen, als dieſer ſagte: Ich freue mich des warmen Antheils, den Durch⸗ laucht noch an den perſönlichen Schickſalen geringerer unglaubliche ht befördert, Aber die n doch von ch verſichre Sorge um nt iſt, nicht großen Chi Gute kom, che Verwen elma dazu! ſchlimme 8 gn wird, ein en Th atſach ruhige Auf r hörend ve kodewald r Annäh er mußf d ruhig 445 Menſchen nehmen. In dem Bunde der Ritter vom Geiſte und was mit ihm zuſammenhängt, liegt nicht die größte Gefahr unſrer Zeit. Verkleinern will ich die Bedeutung dieſes Bundes nicht. Ich glaube, daß es ſchwierig iſt, die Thatſachen der Gegenwart ſo zu verwalten, wie ſie ſind und dabei den Geiſt gegen ſich zu haben. Dieſer Geiſt, Durchlaucht, iſt keine doktrinäre Wahrheit, etwa irgend eine neue Philoſophie, ſondern nur das Gefühl der furchtbarſten Entmuthigung, die plötzlich Jeden doch in ſeinem Wirken überfallen muß, wenn ihm Etwas ſagt: Du irrſt dich, die Geſchichte hat zu allen Zeiten etwas Andres gegeben, als was ſelbſt Die, die dem Neuen am nächſten ſtanden, ahnten! Und Jeden ſchreckt ſo dieſe Vorſtellung, den Geiſt gegen ſich zu haben, zuſammen. Selbſt den Nüchternſten, den Er⸗ bärmlichſten der Sinnenmenſchen, den Reaktionär aus Eriſtenzintereſſe, überkommt die Vorſtellung, daß der Geiſt gegen ihn wäre, wenn auch nur unter der Vor⸗ ſtellung: Wenn ich todt bin, mag kommen, was da will, aber ſo lange ich lebe, ſoll Das und Das u. ſ. w. — und überall in alle Karten, die gemiſcht werden ſollen, in alle lauten, in alle geflüſterten Geſpräche niſcht ſich dieſer räthſelhafte Dritte, dieſer große Un⸗ jekannte, der hineinſieht in Jedes und immer das Ge— zentheil von Dem lehrt, was grade begonnen und 446 betrieben werden ſoll. Daher dieſe Schwankungen. Die Pole ſah noch Niemand, aber die Magnetnadel, die zittert, die fühlt die Pole. Auch Sie, Durchlaucht, werden Verbindungen eingehen, die Ihrer Natur nicht gleichartig ſind, auch Sie werden, um Alle für ſich zu haben, den Kreis Ihrer Theorieen erweitern müſſen und wenn das Gerücht wahr ſpricht... Nimmermehr! Nein, nein! unterbrach Egon und übertönte durch die Heftigkeit dieſer Ablehnung ein Geräuſch wie von einer nebenan geöffneten Thür, die Rodewald hörte, aber nicht Egon. Nimmermehr! Ich weiß, was Sie ſagen wollen. Dies Herrſchen um jeden Preis haſſ' ich. Sie kommen aus Amerika. Ich ſage Ihnen, dies Herrſchenwollen um jeden Preis wird bei uns vielleicht noch einſt die Monarchie ſtürzen. Wir werden natürlich von der Republik immer wieder zur Monarchie zurückkehren, bis ſie durch dies Herr⸗ ſchenwollen um jeden Preis nach Jahrhunderten doch unmöglich ſein wird und ſich eine Staatsform gebildet hat, die jetzt noch Niemand begreift... Denken Sie Das, Fürſt, ſagte Rodewald erſtau⸗ nend, ſo gehören Sie zu den Rittern vom Geiſte und jener geheimnißvolle Dritte iſt auch bei Ihnen und Ihren Gedanken gegenwärtig. Es iſt uns Allen, als trügen wir ein großes Geheimniß in uns, das wir chwankungen Magnetnadel, Durchlaucht, Natur nicht efür ſich zu ttern müſſen ch Egon und glehnung elin ten Thür, di nermeh r! zerrſchen un! - merika. Iü n Preis win rchie ſtüͤrzen mmer wiede H dies Hel Inderten dot form gebid ewald erſta 1 Geiſle l Ihneu 1 Allen, 31 dd 15 2 us, 447 nur noch auszuſprechen nicht wagen und das mit unſrer Geueration noch vorläufig in die Erde geht... Cgon blickte auf, denn er erſchrak. Dieſe Worte ſchienen abſichtlich, aber ſie waren es ſo wenig, daß Rodewald vielmehr aufhorchend ſagte: Durchlaucht werden geſtört... Ich gehe... Nein, nein, ſagte Egon, wir ſind allein... Es entwaffnete ihn, daß Rodewald, ſein eigner Vater vor Gott, vor der Welt von einem Geheimniſſe ſprach, das man zu Grabe trage und ruhig von dan⸗ nen gehen wollte, indem er ſich ernſt und beſcheiden vor ihm, dem Höhergeſtellten, noch ſeinem Herrn, ver⸗ beugte. Es überflog ihn eine Ahnung von Dem, was dieſen Mann bewogen haben konnte, ſich ſeines irdi⸗ ſchen Looſes anzunehmen und nochmals wiederholte er: Bleiben Sie doch! Was Sie von meiner Aenif heit zu Koalitionen gehört haben, iſt falſch! Wenn ich mich meiner Güter entledigen wollte, ſo war es nur, um mich frei zu machen und dann für immer dieſes Land zu verlaſſen. Aber, ſagte Rodewald, angezogen von dieſen wär⸗ meren Worten, wenn Sie ſich ſelbſt bewahren wollen, Fürſt, wenn Sie das Ideal von Politik, das Sie im Herzen tragen— es iſt nicht das meine— nicht entweihen wollen durch Vermiſchung mit Fremdarti⸗ 5 — — 4 4 — —— — 448 gem, das Sie haſſen, warum können Sie auch ſo nicht frei von dannen gehen? Laſſen Sie Ihr Erbe einem Mann zurück, der es Ihnen erhalten wird! Sind Sie von meinem uneigennützigen Willen denn nicht überzeugt? Es lag in dieſen Worten eine ſo ſchmelzende Ue⸗ berredung, daß Egon einen längern Blick auf den Sprecher richtete, einen fragenden, faſt flehenden, als ſollte ſein ganzes Daſein ihm ſagen: Was willſt du mir denn, du wunderbarer Mann? Das Schweigen, das einen Augenblick eintrat, er⸗ ſchütterte Niemanden mehr als die Perſon, die in der That im Nebenzimmer ſtand und von Rodewald ge⸗ hört worden war. Es war Pauline von Harder. Zu heftig gefoltert von ihrer Unruhe über Egon's Entſchluß, benutzte ſie ihr Vorrecht, im Palais Ho⸗ henberg jede Thür für eine offene zu halten, überall einzutretten, den Fürſten in ſeinen entlegenſten Ar⸗ beitskabinetten ohne Anmeldung zu überraſchen. Die Diener hatten ihr geſagt, wer beim Fürſten war. Sie ſchrak zuſammen, als ſie den ihr einſt ſo theuren, jetzt im Gewühl der Welt, die ſie umtobte, ihr gleich⸗ gültig gewordenen Namen erfuhr. Dennoch hätte ſie aus Neugier Rodewald erblicken mögen, hätte ſehen mögen, wie er wol geworden durch die Zeit, wie der Hardel r Cgon s H hera ten, übe ſen A egenſten 3 en. 2 ſten wa „ eutl ſo theul ihr gleit b hätte sätte ſi ſwie 449 Fürſt den Verräther an ihrem Herzen wol aufnahm, wie Vater und Sohn ſich wol begegneten.... Sie öffnete das Vorzimmer. Sie hörte Egon's laute, gellende, an Wohlklang täglich einbüßende Stimme. Sie kannte dieſe reizbare Sprache, ſie wußte ſogleich, daß er in Crörterungen begriffen war, die ſich auf ſeinen Entſchluß bezogen, das Miniſterium niederzu⸗ legen. Ihr wäre mit dieſem Schritte die ſchmerzlichſte Erfahrung, ja eine Niederlage bereitet worden, von der ſie ſich in dieſem Leben nicht wieder erholen konnte. In die elende kleine Theaterwelt ihres Gat⸗ ten einzutreten, da zu intriguiren, da Fäden zu len⸗ ken? Welch ein Abfall von der Rolle, die ſie jetzt unter den Parteien, in der Preſſe, im Miniſterium, in der Welt ſpielte! Nein! Nachgeben, akkommodiren! Das iſt unerläßlich! ſprach ſie vor ſich hin und lauſchte auf Rodewald's Worte, auf Egon's Erwi⸗ derungen. Die Wendung des Ge präches hatte eine mildere Tonlage angeſchlagen. Es traten Pauſen ein. Man ſprach leiſer. Egon hatte etwas in der Stimme, wie Kleinmuth, Rodewald etwas wie zutraulich Rathen⸗ des, Tröſtendes. Man ſchien ſich zu nähern, ſich beſſer zu prüfen. Sie begriff nicht, welchen Vortheil ſie von einem offenen Austauſch der beiderſeitigen Ge⸗ Die Ritter vom Geiſte. IX. 29 450 heimniſſe ziehen ſollte, aber ſo viel hörte ſie, daß Egon wie ein gebeugtes Rohr daſtehen mußte, das im Winde wehte. Rodewald ſprach von der Sorge, die er den Gütern widmen wollte, ihr war dieſe Feſſel ſchon recht, aber Egon ſprach von Entſagung. Ent⸗ ſagung! Dies immer ihr ſo fürchterlich geweſene Wort! Sie hörte, daß Egon an den Tiſch getreten ſein mußte, auf welchem noch das verblaßte Paſtellbild ſeiner Mut— ter ſtand. Was wird geſchehen? dachte ſie und über⸗ legte einen Entſchluß... Sie kannten alſo meine Mutter? hieß es drinnen mit ſchwacher Stimme. Rodewald's Antwort blieb aus. Sie hörte es nur nicht, das leiſe hingehauchte, ernſte Ja! Finden Sie die Züge ähnlich? Rodewald erkannte das Bild aus der Mondnacht im Heidekruge... ſprach auch etwas... Sie aber hörte wieder keine Antwort... Egon ſprach von Landeck, wo Rodewald die Mutter zum erſtenmale ſah... Landeck? Wie endet Das? flüſterte ſie faſt zu laut, erbebend, vor ſich hin. Man verließ jedoch drinnen dieſe gefährlichen Er⸗ innerungen, man kehrte auf die Abdankung des Fürſten zurück, auf eine von ihm bezweckte Reiſe im ſüdlichen e ſie, daß nußte, das der Sorge, dieſe Feſſel Ent⸗ ie Wortl mußte, einer Mut⸗ und über⸗ drinnen es s nur 451 Europa, man ſprach von Melanie, der Fürſtin, Egon rühmte die edle Selbſtloſigkeit ſeiner Frau, er ſprach von Freiheit und Erlöſung von drückenden Feſſeln, Pauline durfte jeden Augenblick erwarten, daß ſein zitternder Ton, der die bewegte Rührung des Herzens verrieth, ſich gänzlich der Wahrheit gefangen gab und wol gar eine Umarmung hier die Stelle der Worte ver⸗ treten konnte. Doch trat dieſer Moment nicht einz wohl aber war es ihr, als rafften ſich Beide, ſo ge⸗ geneinanderſtehend, aus ihren Träumen auf und deut⸗ lich hörte ſie nun den Fürſten ſagen: Leben Sie für heute wohl, Nodewald! Ich fahre zum König, um meine Abdankung eben einzureichen. Man wird, ich weiß, ſie jetzt mit Freuden annehmen. Es liegt im Weſen der Monarchie, daß ſie allen De— nen, die ihr Maaß im Dienen voll haben, die ſich des Haſſes und der Verfolgung für den Beſtand der hohen Herrſchaften nachgerade zu viel zugezogen haben, gern erlaubt, ſich mit ihrem Uebermaaß von Makel und kompromittirendem Rufe vom Throne zu entfernen, um Neue heran zu laſſen, die, wenn wieder deren Maaß voll iſt, wiederum das Weite ſuchen mögen, und ſo fort! Sagen Sie Herrn von Reichmeyer, daß ich alſo die Güter behalte, daß ich ſie Ihnen dauernd über⸗ laſſe. Sagen Sie Allen, daß ich reiſe, dieſen Schau⸗ 29* 452 platz meines Wirkens verlaſſe, müde bin einer Stel⸗ lung— Weiter ließ aber Pauline von Harder dieſe Sin⸗ nesänderung nicht anwachſen. Die Eiferſucht auf Rodewald überfiel ſie wie in der alten Zeit die Eifer⸗ ſucht auf Amanda. Die Fürſtin Amanda war ihr in dieſem Augenblicke faſt wie ein Schatten entgegen⸗ getreten, der ihr den Sohn entriß und zurück in die Arme des Vaters führte. Wie? Entſagung dieſem wunderbaren Wollen und Wirken? Nein. Sie trat ein... Die Männer ſtaunten. Rode⸗ wald erkannte Paulinen ſogleich, ob ſie gleich furcht⸗ bar gealtert war. Doch ihre Hoheit verrieth ſie ſo⸗ gleich. Er erkannte das düſterblitzende Auge, er ſah die Momente der Eiferſucht aus alten Zeiten wieder. Das iſt Paulinel ſagte er ſich. Fürſt, die Ungeduld treibt mich... Haben Sie einen Entſchluß gefaßt? Herr Rodewald! ſagte der Fürſt, den Dritten gleichſam vorſtellend... Ich weiß, ſagte ſich abwendend Pauline. Rode⸗ wald! Ich bin Pauline! Sie kennen mich? Rode⸗ wald! Was wollen Sie, Rodewald? Warum ſind Sie hier? Hier in dieſem Hauſe? Was miſchen Sie ſich in Verhältniſſe, Rodewald, die keinen Bezug auf dieſe Sin⸗ rſucht auf die Eifer⸗ m war ihl mentgegen⸗ rrück in die a dieſem en Rode⸗ h furcht⸗ 453 Ihr Leben haben können— wenn Sie ein Mann von Ehre ſein wollen! Egon überſah, daß Pauline, die ſo losbrechend Rodewald für eine Wahnſinnige hätte halten können, gelauſcht hatte... Die Möglichkeit unzeitiger Aus⸗ brüche von Drohungen und Enthüllungen dieſer Frau war ihm peinlich genug. Aber es war Egon's Art nicht, wenn er fürchtete, gleich feige zu ſein. Er ſtampfte faſt mit dem Fuße und fragte: Was iſt? Hängen meine Entſchließungen nicht von mir ſelbſt ab? Durchlaucht! rief Pauline in bitterm und drohen⸗ dem Tone. Dann ſich zu Rodewald wendend, ſprach ſie herrſchend: Was wollen Sie mit den Gütern? Gehen Sie! Sie haben noch keine Aufträge vom Fürſten empfan⸗ gen. Herr pon Reichmeyer wünſcht keine Unterhänd⸗ ler... Gehen Sie, gehen Sie, Herr Generalpächter! Man vermißt Sie vielleicht in Tempelheide... ich glaube, Ihre Angelegenheit mit Sr. Durchlaucht iſt im Reinen... Die Wirkung dieſer ſchneidenden Worte war auf die beiden Männer die verletzendſte. Sie hatten ſich ja Beide nichts zu geſtehen, hatten ſich ja nichts zu ſagen, was ihre Stellungen geändert hätte. Aber wie ſich denn doch ein Drittes da ſo gewaltſam zwi⸗ ſchen ihre zart in Eins geſponnenen Lebensfäden warf, zuckte es in ihren Nerven wie mit einem einzigen Schlage; ſie waren verbunden und handelten überein⸗ ſtimmend, ſie wußten nicht wie... Doch mäßigte ſich Rodewald. Er ſagte nur, ſich zum Gehen wendend: Frau von Harder, ich bin hier, um die Befehle meines Herrn zu vernehmen... Ich bin der Pächter Rodewald, ich trage die Spuren der Mittagsſonne auf meiner Stirn und meine Hände faſſen ſich härter anf als einſt, obgleich ſie doch noch keine Schwielen haben und mich nicht zum Bauern und Knechte entwürdigen.. Vergeſſen Sie nicht! rief Egon dem Scheidenden nach. Was ich von Herrn von Reichmeye ſagte... es bleibt dabei... Und Sie, gnädige Frau, die Zeit drängt. Ich will zum Könige.. Damit deutete Egon an, daß er allein in ſeine Zimmer zurück und auch Paulinen entlaſſen wollte. Dieſe faßte aber ſeine Hand... Er lehnte ſie ab und rief mehrmals: Ich habe Eile, ich muß zum König! Pauline ertrug aber dieſe Abweiſung nicht. Eine ſolche Form ihres Verhältniſſes zu Egon, Rodewald zur Schau geſtellt, ließ den Zorn in ihr überſchäumen. ltſam zwi⸗ äden warf, einzigen überein⸗ nur, ſich die Befehle er Pächter zſonne auf härter an⸗ deen haben jgen. cheidenden ſagte. die Zeit ſeine n in ſe wollte 455 Sie war die Allmächtige geweſen, ſie hatte ſich ge— wöhnt, Egon zu beherrſchen, ſie wußte, einzig, außer der Ludmer und Rodewald, welches Geheimniß auf dem Urſprunge des Fürſten laſtete und in dieſem Au⸗ genblicke verließ ſie die Großmuth. Sie rief dem Fürſten, der ſchon an der Thür ſtand, nach: Was iſt hier beſchloſſen worden? Bleiben Sie! Rodewald! Ich bewundere Sie, Fürſt, daß Sie mich zwingen, den Abſchied zu ſtören, den Rodewald von den Zügen jenes Bildes zu nehmen ſcheint... Rodewald hatte ſich in der That dem Bilde der Fürſtin zugewandt, hatte in der That ihm gleichſam allein den Anblick ſeines Schmerzes in der Stille an⸗ vertraut... Frau von Harder! rief Egon zuſammenzuckend... Die Erinnerungen erwachen— hüthſen Sie ſich, Egon! antwortete dieſe leiſe und dann ſteigernd. Zwei⸗ mal hat dieſer Mann, der in Amerika ſeine Vergan⸗ genheit hätte begraben ſollen, das Vertrauen der treue— ſten Menſchen betrogen... ich kenne in dieſem Hau ſe des Fürſten Waldemar von Hohenberg keine Thür, die mich zurückführt! Fürſt Egon, ſeien Sie beſon⸗ nen... ich meine, dem König gegenüber! Dieſe zuletzt grelllauten Worte kamen wie aus der Hölle. Egon verſtand ſie ſogleich, Rodewald errieth ſie. Der Fürſt erblaßte. Er ſah die wuthgeborene ſchäumende Rache, die ihm drohen konnte: Vergiß nicht, wer du biſt und wer da weiß, wer du biſt! Rodewald aber, vor der Betonung des Fürſten Waldemar, des Fürſten Egon ſchaudernd, bebend ſelbſt vor dem Blicke des Hoh⸗ nes und der Superiorität, die in den Worten der in der Leidenſchaft ihrer ſelbſt nicht mächtigen Frau lag, überſchaute ſogleich das ganze Verhältniß mit einem Schlage und mit blitzſchnell in ihm auffahrender Ge⸗ wißheit: Allmächtiger Gott, Egon kennt ſein Verhält⸗ niß zu dir und dies Weib iſt die Einzige, die es ihm verrathen hat! trat er entſchloſſener vor, ergriff den rechten Arm der wilden Frau, hob dieſen empor und rief feierlich: Pauline von Harder!„ Rodewald! erwiderte die Unbeſonnene wie im Echo, höhnend, trotzend ſich losreißend und den Für⸗ ſten ſo kalt, ſo herzlos von Unten nach Oben meſſend, daß Egon zitterte, Rodewald aber ſich nicht länger hielt, ſondern wie ein Seher in flammendem Zorn, dicht auf ſie zutretend, hervorbrach: Pauline von Harder! Ich betrachtete in dieſem Augenblicke die Engelzüge Amanda's von Hohenberg! Sie flüſterten mir zu: Es gibt ein Weib, das der na⸗ menloſe Drang des Ehrgeizes verführt hat, von Er⸗ ſchäumende wer du biſt er, vor der rſten Egon des Hoh⸗ ten der in Ftau lag, mit einem ender Ge⸗ in Verhält⸗ die es ergriff den pol e wle d den n me cht! hl in dieſe ihm und im Für⸗ ſſend änge Jorn Joll Hol enbelg z der i vh „G trem zu Extrem beſinnungslos zu taumeln! Ein Weib, das ein Erdendämon ſogar den Irrweg zum Herzen meines Sohnes führte! Rodewald, ſagen Sie dieſer Frau, flüſtert mir die Fürſtin zu, ſagen Sie ihr, daß Sie in Amerika wirklich Ihre Vergangenheit ließen, wirklich vergaßen, an Das zu denken, worauf Pau⸗ line noch meinem Sohne gegenüber mit giftigem Stachel deuten kann; ſagen Sie ihr aber auch, daß in Amerika noch eine zweite Vergangenheit begraben liegt, die Vergangenheit Paulinen's von Harder! Ein Friedrich Zeck hat gelebt und an dem Ufer des Hud⸗ ſon, in dem er ſich das Leben nahm, ein Geheimniß hinterlaſſen, das einzig auf der Welt nur Sie und mein Sohn wiſſen ſollen! Nicht genug, daß der Falſch— münzer Baron Grimm auf zwanzig Jahre durch Pau⸗ linewon Harder und ihre Helfershelferin Charlotte Lud— mer in einen Kerker geworfen wurde, in dem der Un⸗ glückliche ſchon nach dem erſten Jahre hätte ſterben müſſen, wenn nicht Zeck, genannt Baron Grimm, die Mittel zur Flucht vor ſeinem gewiſſen Tode gefunden hätte; auch das Kind, das Pauline von Ried, geborne von Marſchalk, jenem falſchen Spieler und Abentheu⸗ rer, dem Kupferſtecher Zeck, geboren, Paul Zeck, ge⸗ tauft in der Stille zu Seehauſen vom Pfarrer Lattorf, wurde von ihr den ruchloſen Verwandten des Betrü⸗ 1 1 gers übergeben, verkauft, von dieſen, Mördern und Gaunern, ausgeſetzt und wuchs herauf zur abſchreckend⸗ ſten Aehnlichkeit mit ſeiner Mutter! Noch lebt Paul Zeck, lebt unter uns, in dieſer Geſellſchaft, ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren, voll Lug und Trug, verſchmitzt, verworfen, zu jeder Gewaltthat fähig und nichts, nichts, als den Namen ſeiner Mutter ſuchend! Jetzt geh' ich zu dem Mäkler Reich⸗ meyer, der Fürſt aber geht zum König, und Sie, Pauline, ſollten gehen und Paul Zeck ſuchen, einen Fund, deſſen Verdienſt in ſeiner Unermeßlichkeit ich Ihnen nicht ſchildern kann. Denn Paul Zeck muß leben, darf nicht auf's Neue Mördern anvertraut werden, darf nicht auf's Neue um ein Judasgeld von dreitauſend Thalern von der Erde weggeweht werden, Paul Zeck darf ſeine Mutter nur unter dem Schutze der Gerichte finden, damit er nicht verſchwindet, ge⸗ mordet von Charlotte Ludmer, Pax und den Helfers⸗ helfern Paulinen's von Harder! Wenn Rodewald nach dieſen Worten das Zimmer hätte verlaſſen wollen, würde er durch die Art, wie die Geheimräthin dieſe Enthüllung aufnahm, daran verhindert geweſen ſein. Denn jedes ſeiner entſetzlichen Worte hatte ihm gleichſam Pauline abgeſchnitten, jeder neuen Thatſache hatte ſie ſich gleichſam körperlich ent⸗ ördern und bſchreckend⸗ lebt Paul chaft, ein ug und altthat nen ſeiner äfler Reich⸗ chen, einen zeck muß anvertraut sgeld von bt werden, u Scuß windet, ge en Helfeld 3 gimme Att, wle gegengeworfen. Sie ſuchte ſich dem furchtbaren Spre⸗ cher bei jedem Athemzuge zu nähern, wollte ſeinen Arm ergreifen, verſuchte vor Verzweiflung faſt mit ihm zu ringen. Als er aber dennoch geredet, dennoch geendet und ſchon längſt die geöffnete Thür in der Hand hatte, ſtürzte Pauline, die vor ihm auf der Schwelle ſtand, ihn zurückhalten wollte, von dannen und rannte wie eine von den Furien Gepeitſchte auf die Ausgänge der Zimmer und der Etage des Hauſes zu, ſank wie Eine, die in der Luft dieſes Palaſtes zu erſticken fürchtete, faſt die Stiegen hinab... Die draußen harrenden Bedienten mußten ſie für wahnſinnig halten, als ſie die Treppe niedertaumelte und beſinnungslos vor dem Portal in ihrem Wagen verſchwand. Wie ſie ſchon davonrollte, lag Egon noch danker⸗ füllt, zum Himmel aufblickend in Rodewald's Armen. Er war auf den Vater, wie befreit von Harpyenkrallen, zugeſtürzt, hatte in ſtürmiſcher Ueberwallung ſeiner er⸗ löſten Gefühle ihn an ſein Herz gezogen, ihm Stirn und Wangen ſchon mit Küſſen bedeckt... ſchon das Wort auf den Lippen.. das entſcheidende, das ent⸗ ſetzlich geheimnißvolle... aber Rodewald ließ Nichts davon geſchehen... er nahm kein Recht in An⸗ pruch, verrieth keines zu beſitzen, gebot der Stimme der Natur, blieb demüthig, zog ſich zurück, wollte ) fliehen, ſchwieg, indem er ſeine Thränen für ſich reden ließ. Hinaus! hinaus! hauchte er leiſe... Nein, einen Augenblick, Vater! rief Egon mit be⸗ bender Stimme, riß ſich los, ſtürmte in ſein Neben⸗ zimmer und kehrte nach wenigen Sekunden mit einem verſiegelten Pack Papiere zurück. Lies! ſagte er. Es iſt das Teſtament der Mutter! Rodewald nahm ſchweigend und ſtaunend die Pa⸗ piere, wollte ſie mit abgewandtem Antlitz ablehnen, hielt ſie mit der linken Hand feſt und bedeckte ſich zugleich mit ihr die Augen, mit der Rechten ſtreichelte er des Fürſten Wange, abgewandt, faſt blind taſtend nur, wie in den heiligen Büchern jener Erzvater that, als er die rauche oder glatte Haut ſeines Sohnes fühlen wollte, um den rechten Liebling zu erkennen... Da mehrte ſich die Scene. Die Fürſtin trat hin⸗ zu... ſtaunend über die Scene, betroffen von Pau⸗ linen's ſchneller Entfernung... Herr Rodewald? ſprach ſie, den Mann prüfend und die Bewegung dieſer beiden Männer nicht ver⸗ ſtehend... Egon begrüßte ſein Weib... Rodewald ſich ſammelnd ſagte mit feſter Stimme: Durchlaucht ſind zu gnädig! Ich werde dieſe Be⸗ dingungen leſen! Ich gehe zu dem Bankier, um ihm ir ſich reden gon mit be⸗ ſein Neben⸗ mit einem der Mutter! nend die Pa⸗ z ablehnen, bedeckte ſich en ſteihelt glind taſtend woater that 13 Sohne erkennen. in trat hin n von Pal ann prüfel 3 nicht 2 ſer Stin teſe? ne dieſ jer/ um 461 die Befehle des Fürſten von Hohenberg ſelbſt zu über⸗ bringen. Damit ging Rodewald in der That, der Fürſtin ſich achtungsvoll verbeugend... Die Fürſtin, ſich nicht zurechtfindend, fragte, als ſie allein waren: Aber hattet Ihr Scenen? Was war Das? Nur eine Verſtändigung! ſagte Egon. Ich gebe mein politiſches Amt auf. Die Güter behält Rode⸗ wald. Wir Beide reiſen. Jetzt zum König und das glänzende Elend auf immer geendet! Egon rang ſich von ſeinem zitternden Weibe liebe⸗ voll los... Ueber Melanie blitzte ein Schimmer von Glück, ein Strahl von Hoffnung, von dem ſie ſich ſagte: Endlich die Wärme des Gemüths? Was iſt ihm? Was bricht da das Eis dieſes ewig kalten Ver⸗ ſtandes? Iſt er denn auch der Liebe fähig und wärſt du dann noch würdig, ihn zu beſitzen? Ein Glück für ſie, daß ſie den Namen nicht wußte, der gleichſam von Nodewald hier als ein triumphi⸗ rendes Paroli gegen Egon geboten war, den Namen Fritz Hackert's, Paulinen's Sohn!... So blieb die Freude... ungetrübt. Dreizehntes Capitel. Der Tempelſtein. An dem äußerſten Ende eines der vielen kräftigen Nebenarme unſres großen, meergrünwallenden Stro⸗ mes bilden die Uferwände einen Ausgangspaß auf fremde Länder, neue Sprachgebiete. Düſter blicken wie Grenzwarten die tannengeſchirmten Gipfel des Gebirgskammes, der Deutſchlands natürliche Grenze iſt und der im Süden uns noch Lothringen zuweiſt und das Elſaß. Auf dieſen Höhen horſten noch Ad⸗ ler. Die Noth des Winters treibt noch Wölfe von ihren waldigen Schluchten herab. Niederwärts ſich ſenkend, erheitert ſich aber die Flur und dem Strome zu wächſt die Rebe und der Nußbaum und volkreiche Städte, Weiler, Kirchen, Kapellen und Schlöſſer ver— rathen, wie traulich es ſich am mäandriſchen Ver⸗ ſteckſpiel ſeines Pfades wohnen läßt, unbekümmert um den Wolf und den Adler, die dem Grenzjäger oder en häffigen enden Stro⸗ gavaß auf ſtter blicken Gipfel des che Grenze gen zuweiſ n noch Ad Wälfe von wärls ſi m Strom 9 volkreih hlöſſt de ſchen Ie mmert” ode hl zjägel 463 Schmuggler begegnen mögen und Denen, die in der Höhe über Geklüft und Dickicht die verſteckteſten Wege kennen. Sonſt waltete hier die milde Herrſchaft des Krummſtabes. Noch ſind die Alleen von Buchau le⸗ bendige Zeugen der Weltherrſchaft des Geſchmackes von Verſailles, noch hat des treuen Mangold eng⸗ liſche Naturkunſt die Kunſtnatur der erzbiſchöflichen Gärten nicht ganz austreiben können. Und zu den geſchweiften Formen des Schloſſes, zu dieſen chineſt⸗ ſchen Pavillons, zu dieſen Frieſen und Kannelirungen gehört ja auch die alte Gartenſcheere, gehört ja auch der Zopf Lenotre's, der Puderſtaub auf Blätterwuchs und Baumgeheg. Schloß Tempelſtein, das ſich auf eine Stunde Weges vom ebengelegenen Buchau und der Krüm⸗ mung des Stromes wegen doch ihm faſt gegenüber erhebt, ragt ſchon mit Thürmen und Altanen aus Baumgruppen, Felsvorſprüngen, Waldumkränzungen frei und zwanglos empor. Noch iſt der Bau nicht vollendet, den Dyſtra mit ſeltenen Hülfsmitteln ſich in dieſer abgeſchiedenen Gegend zu einem engliſchen Ka⸗ ſtell mit Jagdgeheg und Boulingreen, zu einem Al⸗ hambra mit Springquellen aus Löwenmund, Bogen⸗ gängen und Blumenterraſſen zaubert. Es wird lange vähren bis zu ſeiner ganzen Vollendung. Aber ilt * 464 dieſem Sommer iſt die alte Ruine ſchon nicht mehr aus ihrer neuen Umkleidung zu erkennen. Der Weg empor iſt ſchon gebahnt. Ein untres Wohnhaus für den Winter, ſelbſt dem verwöhnteſten Lebemann, be⸗ wohnbar. Bis zur Brücke, die zwei Felſen verbin⸗ det und an ihren Rändern geſtattet, auf ihnen die Spitzen von tief aus der Schlucht aufragenden Bu⸗ chen und rothen Blutfichten mit der Hand berühren zu können, iſt Alles eben, links und rechts mit großen Gewächsvaſen aus gebranntem Thon geziert. Dann kommen Stufen, die ſchon ſicher und bequem zu be— treten, wenn auch noch nicht geſchmückt und eingefaßt ſind. Oben ſchon ſprudelt die Fontaine, die das große Plateau zieren wird. Auf dieſem Plateau will Dyſtra die Dorfjugend tanzen laſſen, wenn er in ſeinem Ge⸗ ſchmack immermehr, wie er ſagt, den„Roſen des Herrn von Malesherbes“ näher käme. Wie glatt mußte die⸗ ſer Marmor alſo geſchliffen ſein! Die Platten lagen ſchon im Vorrath und wurden ſchon bearbeitet. Das Burgthor öffnet ſich. Das Wappen Dyſtra's hatte ſich hier als eine verzeihliche Konſequenz ſeines Ah⸗ nenſtolzes eingefunden, da er meinte, man ſollte ihm dieſen Stolz auf die Vorfahren laſſen, da es doch ſchiene, als wenn ihm ſchwerlich noch etwas nachfahren würde. Die Zugbrücke war von Ketten und Eiſen⸗ mnicht mehr Der Weg ohnhaus füt nann, be⸗ verbin⸗ n die agenden Bu⸗ d berühren und z mit großen ert. Dann gzuem zu be d eingefaß groß will Dyſtii ſeinem Ge en des Heln drähten. Alle Mauern hatten Niſchen zu Statuen, Blumen, Springquellen oder, ſagte Dyſtra, zu ewigen Lampen, wenn entweder Olga oder Paulowna oder ihre Mutter, denn Einer droht das Glück, Baronin Dyſtra zu werden, in Verzweiflung darüber auch katho⸗ liſch würde. Nur einen Nepomuk auf die Zugbrücke, ſagte er zu Rudhard, der ihn von Brüſſel oft beſuchte, nur den würd' ich mir verbitten; dieſer Heilige macht mir bei jeder Brücke erſt recht den Schwindel, den er vertreiben ſoll. Der dritte Theil des Schloſſes war ſchon bewohnbar. Die ausgeſuchteſte Einrichtung zierte vom Dollond eines Belvedere herab bis zur praktikabel⸗ ſten Kochmaſchine des Kellergeſchoſſes den linken Flügel, deſſen nächſte Umgebung bereits jetzt von Kalk, Mör⸗ tel und dem Lärm der Maurer und Steinmetzen ver⸗ ſchont war. Wild und wüſt freilich ſah es in der Mitte und am rechten Flügel noch aus, der theilweiſe in einen Felſen hineingebaut wurde und einen ſchroffen, jähen Abhang darbieten ſollte, für etwa verzweifelt Liebende, wie Dyſtra ſagte, oder für Blaubärte, die ſich hier ihrer neugierigen Frauen entledigen wollen, falls der unterirdiſche Gang, der hinten in den Wald und die Tempelabtei führt, nicht von ſtrengen Ehe⸗ männern zu den Marterkammern und lebendigen Ein⸗ mauerungen lieber benutzt wird. Dieſe Abtei war als Die Ritter vom Geiſte. IX. 30 1 466 Ruine ganz im alten Style gelaſſen und nur vom Schutt und Gerölle befreit und an zu ſchadhaften Stellen durch Ergänzungen unterſtützt. Ein ſchöner Reſt mittelalterlicher Kirchenbaukunſt lag die Abtei faſt ſchon im Walde und bot einen heiligen, das innerſte Herz bewegenden Anblick. Dyſtra lebte nun faſt ein Jahr ſchon am Fuße des Schloſſes Tempelſtein, das ſelbſt er nur zuerſt von ſei⸗ ner Schickſalsverhängten aus der Familie Wäſämskoi bewohnt haben wollte, in der eleganten Villa am Aufgange, dicht am Fluſſe, nicht tauſend Schritte weit entfernt von dem Dorfe Buchau, das den Tempelſtein vom Schloſſe Buchau trennt. Der Verkehr mit ge⸗ gen Hundert Arbeitern bot ihm die angenehmſte Zer⸗ ſtreuung. Im Uebrigen hing er auf's Lebendigſte mit allen den Beziehungen zuſammen, die durch die Namen der Brüder Wildungen vertreten ſind. Dankmar flüchtete ſich zu ihm und wohnte drüben jenſeits des Gebirgs⸗ kammes. Siegbert kam zuweilen von Antwerpen. Rud⸗ hard kam mit den Kindern Rurik und der heranwachſen⸗ den Paulowna. Leidenfroſt war immer zugegen; denn er war es, der den Tempelſtein ausbaute. Niemand kannte ihn. Er galt für einen fremdherverſchriebenen Architekten. Auch Werdeck, der in Paris lebte, ließ ſich zuweilen mit Vorſicht ſehen. Louis Armand lieferte am Fuße des eiſt von ſei Wäſämskoi a Villa am Schrüte wel Tempelſtein mit ge hmſte Jer endigſte m die Namel Niema rſchrieben 467 die Ausſtattung der Zimmer, die Boiſerie, die Ver⸗ goldungen, das Glas. Er machte ſeine Einkäufe in Belgien und den Niederlanden. Man kannte die Hun⸗ dert von Menſchen nicht, die hier ab⸗ und zugingen. Dyſtra machte nur die Bedingung der Vorſicht und ſie wurde ihm gewährt, noch gewiſſenhafter befolgt. Siegbert's Zeichnungen für die Glasfenſter, die Lei⸗ denfroſt in einer nahegelegenen Glashütte ſelber bren⸗ nen laſſen wollte, erregten die Bewunderung der Laien und Kenner. Es hieß, ſie kämen von belgiſchen Malern aus Antwerpen. Wer forſchte da weiter? Die Fürſtin Adele wäre gern von Brüſſel gekommen, um die Fenſter zu ſehen, wie ſie dann wirklich fertig waren und in den koſtbaren Gemächern hingen, aber Dyſtra ſagte: Die erſte Frau, die außer Louiſe Eiſold ſein Schloß beträte, wäre ihm verfallen; wäre ſie ver⸗ heirathet, ſo müßte der Mann mit ihm hier die erſte Lanze brechen, wäre ſie Jungfrau oder Wittib, ſo dürfte nur ein Lindwurm ſie ihm ſtreitig machen und auch an den würde er ſich wagen. Kurz er ſcherzte über eine Bedingung, die die Fürſtin ſo ernſt nahm, daß ſie ſich überwand nicht zu kommen und, wie einmal bedungen war, Olga die Vorhand ließ. Durch Dankmar Wildungen erfuhr Dyſtra die neueſten Vorfälle des Jahres, ſeine Flucht, den Ver⸗ 30* 468 luſt des Schreins. An Louiſe Eiſold ſah er die Wir⸗ kung ſowol des Erfolgs wie des Mislingens auf ein leidendes und in Leiden erſtarktes Gemüth. Sie hatte die Flucht geordnet. Franziska Heuniſch hatte ihr An⸗ erbieten dazu mit Selma Rodewald vermittelt. Sie war in Tempelheide geweſen, hatte Peters im Pelikan ge⸗ wonnen, hatte von Danebrand, der ſonſt am Baue ar⸗ beitete, ſich begleiten laſſen, hatte das Unglaubliche er⸗ reicht durch Hackert's einzig zum Ziele führenden über⸗ raſchenden Beiſtand. Danebrand war ein Opfer dieſer kühnen That geworden, die gute, treue, uneigennützige Seele... Louiſe ſchauderte bei dem Gedanken, daß von den Beiden, die im Wege ſtanden, Mangold's Wünſche zu erhören, der Eine vom Tod hinweggerafft war und der Andre... Was iſt nur mit ihm? Wo weilt Hackert? Hatte er Alle, auch ſie betrogen? Sie allein ſah an Hackert die ſchlimmſten Seiten nicht, ſie hatte ſich aus ſeinem Leben wie jenes Huhn im Hofe aus dem Dünger einen Edelſtein geſcharrt, ſie glaubte feſt und heilig daran, daß hier nichts als nur der Son⸗ nenſchein der Liebe gefehlt hätte. Als Hackert ihr die That gelobte und Beiſtand verſprach, in ſeiner Weiſe ohne Emphaſe, ohne Begeiſterung, aber ſicher, ſchlau, pfiffig Alles berechnend, was allein zum Ziele führte, als er ihr andeutete, daß er genugſam vertraut wäre die Vir⸗ zauf ein Sie hatte ihr An⸗ Sie war kan ge⸗ Baue ar⸗ übliche er⸗ den über⸗ feer dieſer mit allen Perſönlichkeiten des Gerichtshauſes, um ſich durch verliebte Frauen, näſchige Kinder, ſchwachſinnige Greiſe, trunkene Männer, die Schlüſſel der Gefäng— niſſe und Kaſſen anzueignen, da hatte ſie zwar nicht geſagt, nicht ſagen können: Hackert, ich belohne dich für alles Das mit meinem Herzen! Aber die ſtürmi⸗ ſchen und kecken Liebkoſungen, mit denen ſie der nie rein Denkende ſogleich überſchüttete, hatte ſie doch faſt mit den Worten abgelehnt: Laſſen Sie! Laſſen Sie, Hackert! Vielleicht wenn es gelungen iſt, dann! Und nun hatte die Flucht dieſe Wendung genom⸗ men! Danebrand das Opfer, ſo geſtorben wie einſt ihr Bruder! Der Schrein und Hackert verſchollen... ein unermeßliches Glück der Brüder Wildungen ver⸗ loren, trotz des Briefes, der von Hackert's Hand einſt mit dem Poſtzeichen eines kleinen Städtchens, wo alle Nachfrage nichts fruchtete, an ſie gekommen. Noch glaubte, noch hoffte ſie. Sie ſagte zu Dankmar, als er eines Auguſttages über den waldigen Bergwipfel kam, ſcheinbar als Schmuggler kam, da er ſo mit den Grenzwächtern— am beſten ſtand und Siegbert gerade mit Louis Armand und dem Bruder zugleich anweſend war, um die Wirkung der Fenſter zu ſehen: Glauben Sie mir, Sie können vertrauen! Hackert iſt zu eitel, irgend einem Menſchen, der ihn für ſchlecht hält, Recht zu geben. Er wird ehrlich ſein nicht aus Liebe zur Tugend, ſondern um Sie und uns Alle zu täuſchen, zu verhöhnen, nicht einmal um mich zu erfreuen. Er liegt irgendwo krank, hat ſich verletzt am Tage der Flucht. Mit genauer Noth nur wird er ſich ir⸗ gend wohin geflüchtet haben, vielleicht zu Schlurck, der in der Nähe des Profoßhauſes wohnt. Er wird langſam uns folgen, denn ich ſehe ja in den Zei⸗ tungen, wie man Sie und den Schrein mit Steckbrie⸗ fen verfolgt. Zu kenntlich iſt Hackert und die große Lade wäre gleich verrathen, wenn er auf gewöhn⸗ lichem Wege käme. Vertrauen Sie! Die Freunde hörten gern ihre Ermuthigungen, hielten es indeß für hoch an der Zeit, daß etwas ge⸗ ſchah, um über dieſen unermeßlichen Verluſt Gewiß⸗ heit zu haben. Ihre Zuſchrift an die Behörden war ſchnöde und ablehnend beantwortet worden. Um ſo mehr, hieß es, könnte die Amortiſation nicht geſtattet werden, als auch der Stecher der Platte zu den Stadtkämmereiſcheinen ſeit einiger Zeit verſchwunden und es entdeckt wäre, daß dieſer mit Hackert, dem wahrſcheinlichen Beförderer der Flucht, auf das Ver⸗ trauteſte bekannt war. Man verwies die Brüder auf die feierliche Uebergabe, den eignen Frevel der Flucht und der Wiederaneignung, man erklärte ſich nur vor einem Qiohe mr. Liebe zur täuſchen erfreuen. im Tage ſich ir⸗ Er wird den Zei⸗ Steckbrie⸗ die gooße gewöhn igungen, twas 90 Gewiß rden wal Um ſe geſtatte 1 de — wunden 471 Nichteinhalten der Emiſſionstermine wahren zu wollen und verwies die Bittſteller auf die Folgen ihrer Un⸗ ternehmungen, die ſie ſich ſelber zuzuſchreiben hätten. Am Tage des Nikodemus, den 15. September, ſollte der erſte Bundestag auf dem Tempelſtein gefeiert werden. Der Königliche Hof war zufällig zu gleicher Zeit in Buchau zugegen. Leidenfroſt richtete es im Intereſſe der Sicherheit der Verſammlung ſo ein, daß ſchon den 8. September alle Arbeiter des Baues auf zwölf Tage entlaſſen wurden. Die Löhnung wurde gezahlt, als wenn ſie arbeiteten, aber die Pauſe ſollte, hieß es, benutzt werden zu künſtleriſchen Arbeiten, zu denen fremde Steinmetzen, fremde Maler, fremde Bild⸗ hauer kämen, die man einige Tage allein auf dem Bau wollte walten laſſen. Den 20. wieder ſollten alle Ar⸗ beiter, die bisher in Thätigkeit geweſen waren, zurück⸗ kehren und bis in den Winter an einem Werke ſchaffen, das Jahre brauchte, um ſo vollendet zu werden, wie Dyſtra und Leidenfroſt es im Geiſte vor ſich ſahen und Dankmar Wildungen es für die Schleier, die er lange auf die hier zu haltenden Verſammlungen des Bundes werfen wollte, für nöthig halten mußte. Sein Herz bebte bei jedem Tage, den er näher zum Ziele kam. Alles fügte ſich nach Wunſch, jede ſelbſt unerwartete günſtige Wendung traf überraſchend —ᷣ——:-Qñ—— 472 ein, nur der Schrein blieb aus. Hackert war ent— A 1 weder todt oder verſchollen oder entflohen. Dankmar's u A Verzweiflung gränzte an völlige Troſtloſigkeit. Er hatte gerade dieſen Beſitz für unerläßlich zu der nächt⸗ 1 lichen Verſammlung auf der Tempelabtei im Walde ſa gehalten, er hatte nichts zurückgenommen von den ii hochherzigen Verheißungen, die er und ſein Bruder w der Zukunft des Bundes gegeben. Hatte der Erfolg g des Prozeſſes auch hinter den Erwartungen zurück ho 1 bleiben müſſen, es war genug gewonnen worden, um R ſeine Abſicht zu unterſtützen, dies Erbe des Johan⸗ niter⸗ und Templerordens den neuen Rittern vom Geiſte 1 als ein Eigenthum zuzuführen, von dem er für ſich und den Bruder nur ſo viel beanſpruchte, um als Ver⸗ er walter deſſelben gegen Sorge und Noth ſichergeſtellt d zu ſein. Er wollte auf halbem Wege nicht mehr ſtill 1 ſtehen. Was er einſt verheißen, mußte erfüllt werden f und jedes Bundesglied, es mochte ſo uneigennützig ir fühlen, wie die Brüder ſelbſt, mußte doch zugeſtehen, n daß ohne äußere Mittel ein Wettkampf mit den in 8 Gold und Eiſen gebetteten Irrthümern und That⸗ 1 ſachen dieſer Zeit nicht möglich war. w Am 10. September, als Dankmar Wildungen A ſchon einen Aufruf um das unwiederbringlich verlorene 1 Vermögen für alle Zeitungen geſchrieben, kam Louis er Erfolg n zurück den 473 Armand mit der frohen Botſchaft: Noch drei Tage und Murray, Hackert und der Schrein ſind da! Er zeigte einen Brief, den er durch Dyſtra empfan⸗ gen. Murray ſchrieb Louis Armand von einem ein⸗ ſamen Fährhauſe am Rhein einen ausführlichen Be⸗ richt, von dem nicht Alles auf die Freunde berechnet war. Er las nur Das vor, was ihnen Beruhigung geben mußte. Der Hort iſt da! rief Dankmar und halb ſpottend ſetzte Leidenfroſt hinzu: Der Nibelungen Noth hat ein Ende. Der Brief, der in ſeiner ganzen Ausdehnung nur für Louis Armand berechnet war, lautete ſo: „Mein theurer junger Freund! Seit einem Jahr erfuhren Sie nichts von mir! Ich benutze die Adreſſe des Herrn von Dyſtra, mit dem Sie wie mit Ihren Freunden verbunden geblieben ſind, um Sie mit Vor⸗ fällen bekannt zu machen, die ich Sie bitte, ſogleich irgendwohin und irgendwie den Brüdern Wildungen melden zu wollen. Ich weiß von Louiſe Eiſold, daß Sie Alle um den Tempelſtein verkehren und ich ſchreibe lieber Ihnen, weil ich mehr ſagen muß, als was den Andern verſtändlich iſt. Kurz vor Ihrer Ausweiſung aus der Reſidenz hatt' ich den Sohn gefunden, deſſen Geſchichte ich Ihnen unter Sturm und Regen in dem Eckzimmer des Schloſſes Hohen⸗ berg in mir unvergeßlichen Stunden erzählte. Ja, Theurer, Ihnen dank' ich dieſen Fund! Jener zer— brochene Ring, den Sie mir, als Sie aus dem Gefängniß mich erlöſten, übergaben, dies Andenken an die düſtre Vergangenheit, grauenhaft noch durch die letzte Erinnerung an das Forſthaus im Walde und den Tod, den ich dem eignen Bruder geben mußte, dieſer Ring führte mir den Sohn zu, den ich ſo an⸗ traf, daß ich ihn zu bergen hatte, nicht jubelnd mei⸗ nen Freunden darſtellen konnte, ſelbſt wenn ich vor Ihnen hätte wagen wollen, was ich ſelbſt bei einem Engel an Güte und Liebe, der mein Sohn wahrlich nicht war, vor der Welt nicht wagen durfte. Ich zog mich in meinen Schmerz zurück. Ich ſah in Hohenberg, wie ich verfolgt wurde. Ihr Zeugniß, das mich des Läugnens überhob, rettete mich, wenn ich Rettung dieſe Freiheit nennen darf, die mir die bitterſten Erfahrungen zuzog. Meinen Sohn fand ich nur in dem Augenblicke bewegt, wo er einen Vater auf dem Friedhofe gefunden hatte. Nur zu bald ſank er in jene ſittliche Nacht zurück, die ich da⸗ mals ſchon in Hohenberg ahnte. Gewaltſam wollt' ich dieſe Nacht nicht erhellen. Ich erfuhr an Auguſte Ludmer, wie das Auge des Geiſtes nur allmälig an den Glanz der Tugend ſich gewöhnt. Ich zitterte vor iß Zeugni h., wenn dem Gedanken, noch einmal ein Gefäß der göttlichen Gnade durch gewaltſamen Eifer zu zerſprengen. So ließ ich den Sohn gewähren und war nur froh, daß es ihm in meiner Nähe wenigſtens— wie dem Hund am Ofen war... Ich kehrte zu meiner Kunſt zurück, fand in Oleander, jenem Vikar aus Pleſſen, ein treues Herz, wirkte mit ihm für die Armen und Elenden und machte damit ſogar ein thörichtes Auf⸗ ſehen, ob ich es gleich vermied, von meinem Wirken zu ſprechen und mich der Erfolge zu rühmen, die nur zu oft auf dieſem Felde täuſchende ſind. Ich erhielt den Auftrag, die Scheine zu ſtechen, die die Verwirk⸗ lichung der Erbſchaft Ihrer Freunde wurden. Den⸗ ken Sie mein Gefühl! Denken Sie an den Baron Grimm, an ſeine geheime Kammer, an ſeine falſche Kunſt und jetzt derſelben Geſellſchaft, der ich noch meine Strafe ſchuldig bin, meine nun in Wahrheit dienende Hand! Sie kennen die Flucht Dankmar's, den Raub des Schreins, in dem ſo große Schätze aufbewahrt wurden. Der Räuber und Förderer der Flucht war mein Sohn. Man nannte ihn Fritz Hackert, nur mir galt er bisher allein für Paul Zeck; der Mutter hatte ich die Gelegenheit zu neuem Frevel nicht geben wollen, auch ihm ſelber nicht, ich verſchwieg ihm ſeine Abkunft und bei ſeinem Sinn reicht' es hin, daß 476 er ſagte: Ich wußt' es ja immer, geſtohlen hab ich mich in die Welt, ein Baſtard bin ich, ungerufen nur gekommen! Den Aufſchwung meines Sohnes zu dieſer That hab' ich erſt verſtanden, ſeit ich weiß, daß er damit viele ſeiner Leidenſchaften hat befriedigen wollen. Ich weiß, der Stolz, die Eiferſucht, ja ſinnliche Liebe haben dieſe That geweckt. Stolz, daß ihn die Freunde bewundern ſollen, die Eiferſucht, daß ein Andrer Namens Danebrand mehr thun ſollte als er; die Liebe— für ein edles ſeltenes, wenn auch zu weltliches und zu überreizt im Haſſe lebendes und den Haß für Religion nehmendes Mädchen. Zwei Frauen waren zu allen Zeiten die, die den Sohn regieren konnten, beide muthvoll, beide dem Seltſamen und Ungewöhnlichen zugethan, jene ſchön, dieſe kaum ihr Schatten, aber ſchön durch Heroismus und eine ama⸗ zonenhafte Tugend. Sie werden meinen Sohn ſehen; Sie kennen Louiſe Eiſold! Prüfen Sie, ob da nun Feuer und Waſſer oder Stahl und Stein zuſammen⸗ kommen würden! Mein Sohn erfand dieſe Flucht und wurde, als Danebrand vom Blei der Wächter getroffen in dem Durchbruch der Mauer ausathmete, von dem ſtürzenden Schrein faſt erſchlagen. Das Schlüſſel⸗ bein der rechten Schulter fand ſich ſpäter gebrochen. Dennoch rafft' er ſich auf. Er hört den Lärm mhab' ich ungerufen Sohnes ch weiß, efriedigen ſwcht, daß ſollte als n auch zu Hund den eij Frauen regieren men und faum iht eine amo⸗ hu ſehen b da nul ſammen der Wachen, winkt, daß Dankmar ſein Heil in der Flucht ſuche, ladet in der Erregung des Augenblicks die an einer Seite geborſtene Truhe auf die linke Schulter, flüchtet in das Dunkel der Johanniskirche, irrt auf dem Platze um ſie her, ſieht Schlurck's Woh⸗ nung, will dort Hülfe ſuchend an der Klingel ziehen und hofft ſich in der Komthurei bergen zu können. Da entdeckt er einen Mann, der eben bei Schlurck's das Haus verläßt. Er wankt näher, er blickt hin. Er erkennt ſchon den Schreitenden. In der Nacht um ein Uhr, verläßt Jemand— und Dieſer!— das Haus? Was iſt Das? Statt an der Komthurei ſich zu verweilen, folgt Paul dem in nächtlicher Stille dahinſchreitenden Mann. Was bezweckt der Mann in ſo tiefer Nacht? Die Spannung der Neugier gibt ihm den Muth, ſeine Bürde weiter zu tragen. Ohnehin ohne Schuhe auftretend folgte er dem taumelnden, wie bewußtlos ſchwankenden Wanderer. Das Raſſeln des Wagens, mit dem Dankmar entflohen, iſt längſt ver⸗ hallt, die Verfolger, die er wohl anfangs auf ſeinen Ferſen merkte, verloren die Fährte, er folgt dem Mann, der einem Thore zuſchreitet. Das Thor iſt wie immer nächtlich nur angelehnt, man öffnet ſich es ſelbſt. Hinaus ſchreitet der Taumelnde in einen Wald, der am Rande des Fluſſes liegt; ſonſt war er dicht und 1 1 1 478 voll von Bäumen dieſer Wald, jetzt iſt er durchſichtig und ſeines beſten Schmuckes beraubt. Der Mann ſelbſt da vor meinem Sohn, als Adminiſtrator der alten Stadt⸗ Waldungen, hatte ihn ſo lichten laſſen. Nichts merkt er von Hackert, der zum Tode erſchöpft mit dem Schrein ihm folgt, ſtill ſteht, wenn Jener ſteht, wei⸗ ter ſchleicht, wenn Jener vor ihm hintaumelt. End⸗ lich ſtehen ſie am Ufer des Fluſſes. Eine verſchwie⸗ gene, düſtere Stelle. In einiger Entfernung das Jagdhaus, in deſſen Nähe mein Sohn einſt einen böſen Frevel an Pferden verübte. Ihn ſchauderte, je näher er der Stelle kam, die ihm die unheimlichſten Erinnerungen weckte. Der Schrein ſchien ihm jetzt ſchon gezogen wie am Lenkſeil des Schickſals oder ſeines Gewiſſens. Er war durch die Brandgaſſe, an Laſally's Reitbahn vorüber zu dieſem Jagdhaus dem Manne ächzend nachgeſchlichen. Des Mannes Vor⸗ haben war ihm ſogleich bei dem erſten Erkennen kein Räthſel. An eine Eiche beim Waſſer lehnt ſich der nächtliche, den Lauſcher nicht ahnende Wanderer. Er blickt nach der Gegend des Sonnenaufgangs, noch liegen dunkle Schatten auf dem Waſſer, das ruhig dahinwogt und durch hohes Schilf ſich hin⸗ durchwindet, geheimnißvoll ſtill. Mein Sohn ahnt, was geſchehen wird. Die letzte Kraft, deren ſein rchſichtig nn ſelbſt n Stadt⸗ ts merkt t dem wei⸗ End⸗ erſchwie⸗ ng das ſt einen derte, je nlichſten 1 jett 79 Arm noch fähig iſt, wendet er an, dem Schrein mit den Händen eine Vertiefung in der Erde zu graben. Er kratzt mit den Nägeln, gräbt mit den Füßen, er preßt den Schrein in eine Oeffnung, die er mit Gras verſtopft, mit Laub bedeckt und mit Zweigen, ſtill von den Bäumen gebrochen, überbreitet. Jetzt wagt er ſich dem am Ufer Brütenden, am Eichbaum Niederge⸗ ſunkenen näher. Der ſitzt, ſieht in den rothen Oſten und grübelt. Endlich erhebt er ſich. Eine Stunde ernſten Nachdenkens ſchien vorüber. Immer mehr röthet ſich der Horizont. Schon manches Vögelchen regt ſich im Aſt über ihm. Der Grübler erhebt ſich, bindet ſein Halstuch los, wirft ſeinen Rock von ſich, tritt dem Ufer näher, ſpäht um ſich und iſt eben im Begriff, in der ſtillflutenden, morgenrothüberſchie⸗ nenen Welle ſeinem Leben ein Ende zu machen, als ihm aus dem Gebüſche ſein Name zugerufen wird. Er ftutzt. Paul reißt das Strauchwerk, das ihn ſchützt, nit letzter Anſtrengung auseinander und ſchwankt dem Ufer näher, halb in den Sand ſinkend, halb am Fichbaum ſich haltend, wo das Tuch, der Rock, der Hut liegen. Hackert! ruft der Selbſtmörder und ver⸗ kert den Muth zu einer entſetzlichen That, deren Schein ich mir einſt, wie Sie wiſſen, ſelbſt am Hudſon Lab. Er ſchwankt zurück aus dem Waſſer, das ſchon ſeinen Fuß benetzt hatte, erkennt einen ihm wohlbe⸗ kannten jungen Mann, findet ihn hülflos, erſchöpft, ſtöhnend, hört die Vorwürfe, die ihm für ſein Begin⸗ nen von einem Menſchen gemacht werden, der eben ſelbſt zu ſterben ſcheint. Eine Erörterung, zu der mein Sohn keine Kraft mehr hatte, erſetzte ihm ein Gegen⸗ ſtand, den er halbbewußtlos ſtumm dem Selbſtmör⸗ der darreichte. Es war ein Packet von den aus der Lücke des geborſtenen Schreins entglittenen Stadt— Kämmereiſcheinen. Was dann mit Paul geſchah, weiß er ſelbſt nicht. Er kam erſt zur Beſinnung in jenem Jägerhauſe, hörte, daß ihn dorthin ein Mann in früher Morgenſtunde zur Verpflegung übergeben, ſich entfernt hatte, wiedergekommen wäre und daß er ſchon ſeit acht Tagen hier in dieſem Hauſe verpflegt würde und meiſt im Fieber läge. Ihn aber quälte nur der Schrein unter den Zweigen, auf den er ſich bald beſonnen. Er forſchte. Man ſprach unverfänglich. Dennoch ließ ihm die Gefahr ſeines Kleinods keine Ruhe. Ohne Zweeifel trieb ihn die alte Sinnenſtö⸗ rung, die Mondſucht, von ſeinem Lager, wo man ihm aus Rückſicht auf den vornehmen, wohlbekannten Mann alle Sorgfalt widmete, trieb ihn hinaus in den Wald, in's Gebüſch, wo der Schrein von ihm verborgen unter Moos und Zweigen ruhte. Dort ſchnupperten ihn an b wohlbe⸗ erſchöyft, in Begin⸗ der eben der mein Ge gen⸗ innung in in Mann bergeben nd daß verpfleg ber quält den er ſih erfänglic 3 kell Zinnenſſ 481 einem Morgen Jagdhunde auf, denn auf dem Schrein war er eingeſchlafen. In der zweiten Nacht dieſelbe unwillkürliche Angſt im Traum, wieder findet man ihn an jener Stelle. Er ahnt, daß man Verdacht ſchöpft. Da treibt ihn wie raſend empor die Vorſtel⸗ lung der Entdeckung. Der, den er vom Selbſtmorde ret⸗ tete, war auf's Neue da geweſen, hatte mit ihm freund⸗ lich geredet; er beſann ſich wohl im Fieber der Worte: Hackert, du haſt den Schrein geſtohlen! Gib ihn heraus! Die Scheine, die du mir gabſt, betrugen mehr als fünftauſend Thaler! Was beginnen wir damit, Junge? Wo iſt der Schrein? Du haſt ihn? Und als Paul Zeck ſich im Bett wälzte, drohte ihm, er wußte nicht ob wirklich oder nur in Phantaſieen, der Gerettete, ſprach von Gerichten, wollte den Wald von Oben zu Unterſt kehren laſſen— da war, erwachend zur Beſinnung, ſein Entſchluß gefaßt. Unbekannt mit dem Bruch des Schlüſſelbeines, einem Schaden, den man lange tragen, lange nicht merken kann, ſchleppt er ſich endlich davon, holt den Schrein und wagt ſich mit ihm in Richtungen weiter, die nach Weſten gehen. Er fin⸗ det da und dort einen Träger, einen Bauer, einen Burſchen, Leute, die ihm helfen. Vorläufig nach dem Harze, nach Angerode zu! war ſeine Looſung, venn er einen Bauernwagen traf und um Aufnahme Die Ritter vom Geiſte, IX 31 —“†jjj———— 482 bat. Aus Wald und Nacht wagte er ſich nicht mehr hinaus. Hinter der Elbe trifft er auf einem Kreuzweg einen Mann, der traurig und nachdenklich auf einem Karren ſitzt, auf dem er große Käſten voll kleiner belebter Vogelbauer fuhr. Warum ſeid Ihr traurig, Mann? fragte mein Sohn, ſich mit ſeiner Bürde mühſam hinſchleppend. Mein beſter Freund und Gön⸗ ner iſt geſtorben, ſagte der Vogelhändler. Er nannte den Präſidenten des Obertribunals, den greiſen, faſt neunzigjährigen Dagobert von Harder. Er liebte die Thiere mehr als die Menſchen! ſagte der Mann. Wenn ich zu ihm kam mit meinen Vögeln, nahm er mich auf wie einen Freund, es wird die letzte Fahrt von Ange⸗ rode ſein. Paul, mein Sohn, wußte, daß dieſem Greiſe die Entſcheidung des Johanniterprozeſſes ge⸗ bührte. Iſt der Rabenvater todt? fragte mein Sohn. Er faßte aber den Vater der Raben nicht wie der Vogel— fänger auf, ſondern im Bezug auf den Rabenſtein. Höre, ſagte Paul, laß den Schrein da auf deine Karre zu den Vögeln thun: ſie kommen alle aus dem⸗ ſelben Reich der Luft und die alte Erzellenz wird um uns ſein und unſre Habe beſchützen! Der Vo— gelhändler betrachtete befremdet das ſeltſame Stück. Plaudernd erreichte der Kranke ſeinen Zweck. Der Schrein wird aufgeladen. Um den Buchfinken und nicht mehr Kreuzweg auf einem 483 Zeiſigen den Wald auch auf der ſtaubigen und ſonnigen Landſtraße zu zaubern, belegte ihn Paul behutſam mit abgebrochenen Zweigen, die den Schrein verdeckten. Man ſah nur die hüpfenden Vögel, nicht den Schrein; der Vogelhändler ſchob den Karren. Paul ſchleppte ſich hinter her. Fiebernd, elend, hinkend, mit aufgeſchwolle⸗ ner Entzündung der Bruſt, aber ungefährdet kam er in Angerode an, wo der Fuhrmann Peters ſeine Loo⸗ ſung war. Er fand ihn auch, den neuen Wirth vom Pelikan, der Dankmar bis Angerode gefahren hatte und dann in der Stadt verblieb, bis er da ein kleines Beſitz⸗ thum verkaufen konnte. Die ſchmerzende Schulter hielt Peters erſt nur für verrenkt. Er nahm Paul, hob, reckte ihn, wie Fuhrleute pflegen, wenn ſie einen Fall erlebten. Paul ſchrie ſo laut, daß er in dem Stall, wo ihn Peters barg, kaum ſicher war. Mitleidig, ſagt' er mir, ſchauten ſich ſogar die Pferde um. Im Fieber war's ihm, als wären ſie alle todte Gerippe und ſauſten durch die Luft mit klappernden Gebeinen, bohrten die Köpfe an Cichenſtämme und in die Erde und ſpran⸗ gen wieder empor, daß ſte auf den Hinterfüßen über⸗ ſchlugen. Den Schrein kannte Peters wohl. Er hatte den wol hüten gelernt, er und ſein Hündchen Bello, den vorbeiſauſend bei der Flucht am Pelikan ihnen die dort harrende Louiſe Eiſold noch nachwarf. Er wäre 31* 484 vor vierzehn Tagen vom Profoßhaus lieber mit Dank⸗ mar und dem Schrein zugleich zurückgefahren. Paul galt nun bei ihm für einen verunglückten Pferdeknecht. Aerzte kamen, erkannten den Bruch, preßten die Knochen in Verbände und kühlten den Brand, den ſie fürchteten. Paul lag bei den Pferden über der Futterkammer und ächzte. Vor dem Niederlegen im Verband raffte er die letzte Kraft zuſammen und ſchrieb mit der lin⸗ ken Hand an Louiſe Eiſold. Peters konnte nicht ſchreiben, nur ein Packet Geld legte er aus dem jetzt von dem treuen Fuhrmanne feſter verſchloſſenen Schrein für Dankmar Wildungen bei. Peters blieb noch in Angerode. Es war ſein altes Häuschen, ſein alter Stall, den er verkaufen wollte. Der Brief wurde irgendwo auf dem Lande zur Poſt gegeben. Peters hütete den langſam Geneſenden, der nie würde haben ruhen können, wenn ſeine ausgeſtreckte Hand neben ſich unterm Stroh nicht das Holz, das Kreuz, das Kleeblatt des Deckels gefühlt hätte. So bekam ich endlich Nachricht von meinem Sohn durch dritte, vierte Hand. Es war die höchſte Zeit, daß ich mich entfernte. Rodewald, mein alter Freund, kam eines Tages voll Erregung und geſtand mir, daß er nicht anders gekonnt hätte, als der Mutter meines Sohnes das Leben wenn nicht des Vaters, doch ihres Kindes 485 wie eine Drohung von jenſeits des Grabes zuzurufen. Seine Gründe waren gerecht. Mein Entſchluß mußte aber gefaßt ſein. Schon lange hatte die Unterſuchung der Flucht auch meine Perſon gefährdet; nun konnt' ich neue Schrecken ahnen. Ich wußte, wo Hülfe nöthig war. So ging ich heimlich nach Angerode, lebte dort verborgen, bis Paul zur Reiſe nach dem Tempelſtein ſich ſtark fühlte. Dorthin rief ja die Looſung. Louiſe Eiſold ſoll den Schrein von ihm ſelbſt empfangen, den unverſehrten und nur in Dem, was ihm an jenen Mann, der ſich das Leben nehmen wollte, verloren ging, an Werth verringerten. In drei Tagen, Freund, ſind wir am Tempelſtein. Ich hüte den Schrein am Tage, Paul des Nachts. Sein Uebel iſt in alter Gewalt entſtanden, aber des Vaters Auge wird ihn ſchützen. Dieſe Hingebung jetzt an ein Einziges, dieſe Mühe und Sorge um ein verpfändetes Wort wird ſeine Gedanken reinigen. Ich werde nicht er— röthen, Ihnen den Sohn zu zeigen, den ich Ihnen verdanke, Ihrer treuen Aufopferung, Ihrer Liebe. Empfangen Sie uns mit dem alten Herzen— darum drauch' ich kaum zu bitten— aber empfangen Sie uns auch mit Freude— das muß vom Himmel ſommen.“ Sorglos, überglücklich, ſahen nun die Freunde 486 dem Tage der Entſcheidung entgegen, der endlich be⸗ deutungsvoll genug herankam. Feuerraketen ſtiegen von den Bergen auf, um den Einzug der Mächtigen auf das Schloß von Buchau zu verkündigen. Die Umwohner des Tempelſteins hörten die Boller löſen, hörten das Nollen der vielen langſpännigen Staatswägen, hörten die Ruderſchläge auf goldgeſchmückten Feſtesgondeln von den blauen Wogen her. Es war die alte Welt, die ſieggebläht zur Herbſtesfreude vom Oſten einzog. Es kam der Abend des fünfzehnten Septembers, der Tag des Nikodemus... Schon um ſieben Uhr Abends vergoldete des Mondes Licht den Wald, die Flur, den Strom, Berg, Schloß, die Ruine... das Vergangene, das Beſtehende und das Werdende... Ich will ein Kind ſein, ſagte ſich Dyſtra, ich will dieſe Nacht für ein Märchen nehmen. Ich weiß, daß dort drüben heut in Buchau Leuchtkugeln ſteigen. Die Raketen und die Schwärmer werden praſſeln. Aber ich will das Zaubervolle näher ſuchen. Die Fäden, die das Wunder am Drahte natürlich lenken, kenn' ich wohl, weiß auch, daß unter dem Menſchen⸗ ſtrom, der heut nach Buchau zum Feuerwerk der Könige wallt, die Maurer und Zimmerleute nicht auffallen werden, die ſich zum Schloſſe Tempelſtein endlich be⸗ wenden, an der Brücke vor dem Meiſter Leidenfroſt die Kundſchaft ſagen, emporſteigen und hinten in die , um den Ruinen treten, wo Dankmar Wildungen ſehen will, Brim wer ſich nun meldet, wer ſich enthüllt, wer zu ſeinem anvelſtein Bund gehört, den ich ſelber nur belauſche. Ich nehme wvielen das Seltſame, wie es iſt. Ich nehm' es als eine neichlin Phantaſie dieſer wunderlichen deutſchen Nation und 8 blauen will von einem alten Leichenſtein des Kreuzganges ieggeläht aus dem Herbſtnachtstraume zuſehen, wie ich in den u9 Sagen leſe, daß einſt Hirtenknaben ſich verirrten in den Untersberg oder den Hörſelberg oder den Kyffhäuſer und Tlh die Felſen geöffnet ſahen und das Treiben der Zwerge . und Kobolde belauſchten. Ich will für Märchen neh⸗ 6 1 men, was ich ſehe und froh ſein, daß ich nicht mehr nöthig habe, mir über die Feuerwerke der Höfe den Hals aus⸗ hende 5 zurecken, was freilich für meinen Wuchs nützlicher 3 Fune wäre, wär' es nicht zu ſpät. Dieſer Nacken bleibt leider Ich 34 in den Schultern ſitzen und gehört zu meinem Bild: 4 tenn Der Narr des neunzehnten Jahrhunderts. praf 3 Das Märchen wurde in der Nacht geträumt, viel⸗ 3 leicht erlebt... Es war wie die Sage erzählt... Ein Knabe verirrt ſich in die Berge, die Nacht beſchleicht n Menſch ihn, ſein Auge ſpäht durch eine Felſenritze, er ſieht, emetk N was ſich begibt... Und was begab ſich?... Hoch ragt das gewölbte Rund der alten Tempel⸗ Por en. zlenken rlich len ————— kirche, maleriſch vom Mondlicht umwoben. Zitternd 4 blitzen die Sterne hernieder. Die Tannenwipfel rauſchen, d leiſe vom Winde bewegt. Jeder Stein, den uraltes 3 Moos wie eine Inſchrift überzieht, ſpricht von ver⸗ d gangenen Jahrhunderten und ſingt in ſich erklingend 7 noch das Sanctus nach, das einſt in dieſen Hallen 1 tönte. Wer pflanzte den Hollunderſtrauch in jene d Niſche, wo einſt die Heiligen aus bunten Farben in den f Fenſtern prangten? Wer ſäete Heidekraut auf dieſe d Stufen, wo einſt der aus Felſen gehauene Altar ſtand? Noch iſt die Schaale da, in der geweihtes Waſſer floß; ſie und der Taufſtein ſind gefüllt vom letzten 1 Regen, der an der Luft verdünſtete. Sichtbare Höh⸗ 1 lungen noch auf den Schwellen, wo einſt der Prieſter d die Meſſe las. Die Vögel niſten in den Blättern 1 von Stein, die die obern Fenſterrundungen ſchmücken, g in den Roſen von Granit, die an den Pforten noch 1 in einigen Reſten erkennbar ſind. Essiſt als blühten ſie e 1 neu wieder auf. Es rauſcht von den Wänden, als ſpränge aus den Steinen die Orgel hervor, es lebt und T ruft den frommen Wallern... Sie kommen! Nicht um zu beten nur! Sie ſind in Werkeltagstracht, Arbeiter im Schurzfell, gedungen der Kelle, angeſtellt bei dem Richtmaaß und dem Cirkel, ſie ſind Architekten, d Steinmetzen, Maurer... wie klatſchen die ledernen 1 Schurzfelle an den Füßen, wie trägt das Antlitz Spuren des Fleißes von Kalk und Mörtel und groß muß ihr Ziel ſein, denn ihrer wol an Hundert ſind es, die ſich durch den Kreuzgang der Kirche zudrängen! Hier werden Looſungen zugerufen; man verſteht, man erkennt ſich. Wer die Männer? und Von wo des Landes? Namen, gefeierte und dunkle; Mienen, freudige und hoffnungsvolle. Um die Stelle, wo einſt der Prieſter Meſſe las, ſchaaren ſich die Männer des geiſtigen Rütli. Etliche beſteigen die Stufen. Wo— von reden ſie? Sie enthüllen Pläne, Zeichnungen, Pergamente mit Siegeln. Sie zeigen ſich unter ein— ander die Rollen, die im Kreiſe wandern und Einer ergreift das Wort und ihm antwortet der Nachbar und Alle hören und Jeder ſpricht und räth und Allen gefällt, was auch nicht Jeder ſelbſt erſann und zuerſt gerathen. Einige Blätter ſind in Jedes Hand. Sie enthalten des Bundes geheime Symbolik. Hundert Zeugen! Die Kubikwurzel einer Million! Wir ſind Boten vom vierblättrigen Kleeblatt, dem Symbol des ſeltenen Fundes! Vier zu vier geſellt und viermal vier zu viermal vier und ſo hinauf in Gruppen, Sippen, Abſtufungen, wo das Band des außeren Zuſammenhanges aufhört und die Ordnung der Natur anfängt, die dem Kryſtall überall ſein eig— —— 4 — — 1‧ — 490 nes Achteck lehrte. Hat ſich das ſo fortgeſponnen? Von ſelbſt? Wodurch? Wer biſt du? Und du? Wer ſandte dich? Dort kennt man uns? Auch uns? Dich gewiß! An der Donau? An der Oder? Am Neckar? Hinaus in die Alpenwelt und ſchon auf fremdem Boden an der Rhone und an dem Themſe— ſtrand? Willkommen, willkommen, Streiter für ein unſichtbares Palladium, das über unſern Häuptern ſchwebt! Willkommen Ihr Ritter und Reiſige vom Geiſt! Hört Ihr die Feſte der Großen, hört Ihr von untenher den Donner der Geſchütze, ſeht ihr die leuch— tenden Funken, die da unten von Buchau aus den Mond erreichen wollen? Ihr habt Eure Wehr und Waffen in der Bruſt, die da fühlt, im Haupt, das denkt! Es iſt die Ordnung dieſer Welt zur Ernte reif! Nicht ſtürze ſie die ſchwache Menſchenhand! Ge⸗ ſtorben iſt die Aehre längſt, wenn ſie der Schnitter mäht! Seht Ihr die gelben Felder? Seht bald die Stop⸗ peln! Dem feſtverſchlungnen Bund der neuen Templer gehört die Wiege und das Grab der Menſchheit! Und einer der Maurer, von den Jüngſten Einer, trat auf und entrollte die Schrift, die er das Buch des Geiſtes nannte... Es war die Symbolik des Bundes... Man hörte ſie, beſchwor ſie mit geho⸗ benen Händen... dann trat derſelbe Sprecher zum geſponnen? du Wer uch uns? Oder? Am chhon auf Themſe⸗ üt ein n Häuptern 491 zweiten Mal auf die Stufe und ſprach von einem Hort, den er das Gold Fafner's nannte. Elfen hät⸗ ten ihn gewoben in den tiefſten Schachten der Zeiten. Er ſollte ihnen dienen als Schild im Kampfe, als Lanze zum Angriff, als Schwert des Wettkampfes. Es traten Sprecher auf, die gegen dieſen Hort rede— ten, Andere für ihn, Alle bewunderten die Eigner und eine Selbſtloſigkeit, die aber zuletzt nicht mehr allein ſtand, denn an Opferſpenden wurde Großes verſprochen nach ſolchem Beiſpiel, noch Größeres ſchon von Einigen geleiſtet. So ſcholl es fort in dem todten Schiff der Kirche, lebendig wieder, lebenweckend. Es ſchienen nur ein⸗ fache Maurer und Steinmetzen, die da ſprachen, aber ihre Münſter, die ſte zu vollenden gedachten, ragten über die Ruine hinaus und von ihrem Wirken in Nord, Süd, Oſt, Weſt blitzte es jetzt ſchon hin⸗ und herüber, als ſähe man plötzlich eine Hülle von der ganzen Welt genommen und ecblickte Säulen eines Zaubertempels, der dem Lauſcher die Augen blendete... War es ein frommer Hirtenknabe, war es der Schalk Dyſtra, der lauſchte, war es ein Engel des Glaubens oder der ewige Dämon der Ironie und Verneinung... um zehn war es auch ihm todten— ſtill unter den moosbewachſenen Steinen... wo 492 waren ſie hin, die gekommen und mit dem Rufe: Morgen! Morgen! gingen? Sie waren verweht wie die Schwärmer und Raketen, die inzwiſchen in dem Schloſſe von Buchau platzend und ſchnurrend ſich ab⸗ gemüht, viel tauſend Gaffer, viel tauſend Staunende gefunden hatten, aber nicht ein Auge von Denen, die durch den Kreuzgang in die Tempelkirche ſchritten, nicht ein Auge, das ſich auch nur nach ihrem ohnmächtigen Freudenfeuerwerk zurückgewandt hätte... Morgen! Morgen! Aber ach! Ein einziger Funke! Ein einziger Funke vielleicht war von dem Feuerwerk doch ein Thatenkeim geweſen, ein einziger Funke, der in das Dorf, das menſchenleere, in den kleinen Zwiſchenort Buchau, von dem Feuerwerk der Großen und Mächtigen niederge— fallen war und ſtill ſich vielleicht in dem Schindeldach einer armen Herberge verlor. Alles war zur Ruhe, Alles träumte oder ſchlief mit ermüdeten Thieren um die Wette. Da lebte der verſprengte Funke vielleicht in dem Schindeldache auf, verbreitete ſich. Um eilf Uhr ſank vielleicht ein glimmender Spahn vom Dache in den Boden. Um zwölf Uhr rauchte es vom wenigen Heu, deſſen Flamme einen Ausweg ſuchte. Um eins we⸗ nigſtens rief man auf eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt Feuer!... Feuer! Schrecklich pflanzte ſich der llel nmächtigen iiger Funte 1 atenkeim 493 Ruf von Hütte zu Hütte fort. Um zwei Uhr ſtand das Wirthshaus zum St.⸗Georg im Dorfe Buchau in lich⸗ ten Flammen... Von dem Funken aus dem Feuerwerk der Könige? Wer weiß es! Wer kennt die Macht eines einzigen Funken! Menſchen riefen, die Glocken heulten, Pferde ſprengten... hinaus, heran,... Feuer! hallte es zum Ufer hinüber, vom Ufer herüber. Fürſt, Bauer, Päch⸗ ter, Soldat, Jäger, Weiber, Kinder, Greiſe durchein— ander... Feuer! Feuer!...Rettet! Es brennt! In Buchau! Die Herberge zum St.⸗Georg! Die Hütten nebenan ſind von Stroh, von Lehm, ſie bren⸗ nen... von dem kleinen Funken?— Die Flammen züngeln zum Kirchthurm— von dem kleinen Funken? Wild rennt das Vieh aus den Ställen, ſtürzt ſich ſum Feuer, die Vögel umkreiſen die Flammen.. Nur der Ruf: Niederreißen! Nicht löſchen! Nur retten, ſetten, was ſich erhalten läßt... und von dem klei⸗ nen Funken? Ha! Zünden ſo vielleicht auch eure Fun⸗ ken, ihr nächtlich Tagenden in der Tempelabtei? Schwarze Wolken wallen wie Helmbüſche der Reiter im Sturm, die Flammen züngeln wie zur Umarmung ſich entgegen... ſie ſuchen ſich, gierig, zuckend, liebe⸗ oder heſſesvoll... es gelingt... eine einzige Rieſenſäule hat ſih gebildet, heiß jubelnd ſpringt ſie hoch empor, um⸗ ſchlungen in ſich ſelbſt wirft ſie ſich wie gepeitſcht von ihrer eigenen Leichtigkeit, wie tanzend, wie im Kreiſel hin und her und küßt dieſes Dach, berührt jenes und aus jeder Berührung, aus jedem Kuſſe wächſt eine neue Flammengeburt und die Saatkörner auf den Scheunen fangen neue Funken auf und kniſtern ſchon ſelbſt und umhüpfen die große Flamme wie ein nie⸗ derperlender Feuerthau, wie ein Lichtregen, viel ſchöner, als vor drei Stunden im Schloſſe der künſtliche... und Alles von dem kleinen Fußken? Wir wiſſen es nicht, ob von ihm... Aber es fehlen ſchon Men— ſchen... Man ſucht ſie... man hört Stimmen dder Frauen, der jammernden Kinder... Vater! Mutter! Um Gott! Es fehlen ſchon Menſchen... Rettet! Rettet! ruft eine verzweifelnde Stimme... Man blickt empor zu den brennenden Hinterge⸗ bäuden des Gaſthofs zum St.⸗Georg... Da! Durch die flatternden im Rauch ſich geiſterhaft ab⸗ ſchneidenden weißen Tauben, durch die ſchwarzen ſtrö⸗ mend hinwallenden Wolken hindurch ſieht man, zwiſchen zwei brennenden Scheunenfenſtern auf einem noch nicht vom Feuer ergriffenen, aber ſchon rußge⸗ ſchwärzten Verbindungsſtege, der aus jenen Fenſtern Thüren macht, die ſich auf dieſem Stege erreichen laſſen, einen jungen Mann halb nackt, im Hemde, epeitſcht von n Kreiſel hin t jenes und wächſt eine er auf den ſtern ſchon wie ein nie⸗ viel ſchöner, künſtliche.. ir wiſſen 15 ſcon Men art Stimmel Vater 495 niedergekauert an der einen Thür, einen großen alter— thümlichen Schrein neben ſich auf dem Stege und eingeſchlafen... oder wacht er? Oder träumt er, daß er, des Gewühles nicht achtend, der Flammen und des Rauches nicht gewahrend, auf jenem Balken da kauert, der ihm nur den Ausweg zu verkürzen ſchien und ihn zu einer geſchloſſenen Thüre führte? Man drängt ſich ihm zu helfen, aber ſo ſicher ruht er auf dem Schrein und hält ein Licht in der Hand. Ein Licht in dieſem Flammenmeer? Ein ſicht, ein Gluttropfe in ſolchen Glutſtrömen? Von dieſem Lichte— wenn von ihm die Glutſtröme gekommen wären? Nicht von der Freude der Könige? Wenn ein Frevler— nein, nein, das iſt die Haltung eines Frevlers nicht! Er ſitzt ja mit dem Licht in der Hand auf dem Schrein, den Rücken an die Thür gelehnt, die er offen erwartete, geſchloſſen fand, er iſt erſtickt, er ſuchte Rettung oder . gräßliche Ahnung, die ſchon einige Menſchen durchzuckt, wenn er lebte, von allen dieſen Schrecken ſchlummernd nichts ahnte, dieſen ſchwindelnden Steg on vor dem Brande geſucht, den Brand veranlaßt wlätte— wenn er ein Nachtwandler wäre— Das war ein Wort, das Alle auf einmal ergriff... Ein Mann in ſchon zerriſſener Tracht ruft durch den ſhwärzenden Qualm— Er bricht ſich durch die Flam— 496 men Bahn, er erklimmt die innern Stiegen des ver⸗ ſchloſſenen Hauſes, reißt die Fenſter auf, langt mit der Hand faſt hinüber zu dem Steg, auf dem der junge halb Geopferte, auf ſeiner Bürde ſchlafend, noch nicht erſtickt ruht, den Rücken gelehnt an die geſchloſſene Thür. Er ruft: Paul! Paul! Die Flammen ſchlagen von unten heran auch ihm in's Antlitz. Noch einmal blickt er empor. Paul! Paul! Er ſieht nichts mehr. Nur Rauch, Aſche, Staub, Flamme... Ein Schrei der hülflos Zuſehen⸗ den weckt ihm die ſchaudervollſte Ahnung... er ſchwankt zurück, kräftige Hände tragen ihn, retten den Rettenwollenden vor dem ſichern Tode. Ein Mädchen frägt er ächzend, das ihm nachgeflogen war, ihn mit Amazonenkraft getragen hatte, er frägt Burſchen, die ſie an Muth heldiſch überflügelte, nach dem Schlummern⸗ den, nach dem Schrein— in dieſem Schrecken iſt keine Beſinnung möglich, keine Auskunft, es iſt wie eine große entſetzengepeitſchte Flucht, wo Jeder ſein Heil für ſich ſelber ſucht, betet, daß Gott den Andern wahren möge, für ſich aber nur nach Faſſung ringt für Das, was Ruhe, Sicherheit und iſt es Nacht, der hereinbrechende Morgen dem Auge Grauenvolles wird enthüllen. n des ver⸗ gen des vei langt mit der er junge noch nicht geſlaſen ran auch ihm por. Paul gauch, Aſche ſuss Juſehe⸗ nung.. n, retten den ein Mädchen r, ihn mit d. die ſte ſchen, die ſ 1 Schlummern Zchrecken 1, 6s iſ u geder ſe den Andel gaſſung ti 4 s Nac 4 es Grauenbol Vierzehntes Capitel. Die Elemente. Unabſehbar war in der Reſidenz das Trauergefolge geweſen, das die ſterblichen Reſte des greiſen Ober⸗ tribunalspräſidenten zur Ruhe beſtattet hatte. Kein Stand, kein Alter hatte ſich ausgeſchloſſen, die letzte Huldigung einem Manne zu bringen, der durch faſt zwei Menſchenalter die Waage der Gerechtigkeit nach ſeinem menſchlichen Ermeſſen gerecht und weiſe ge⸗ halten und noch in ſeinem letzten Lebensjahre durch unpartheiiſche und ſcharfſinnige Entſcheidung eines großen Rechtsfalles die Abendſchimmer einer faſt ſchon irdiſchen Verklärung um ſich verbreitet hatte. Tau⸗ ſende von Fußgängern, faſt hundert Wägen, voran das Sechsgeſpann des nicht grade anweſenden Königs, folgten von Tempelheide dem an dem nächſten Stadt⸗ hor gelegenen Friedhof, wo glücklicherweiſe, wenn Die Ritter vom Geiſte. IX. 32 498 auch zum Schmerze Anna's, vermieden war, den Ze⸗ lotismus der Geiſtlichkeit wachzurufen, die ohne Zwei— fel an den von dem Verſtorbenen ausdrücklich bedunge⸗ nen Freimaureremblemen auf dem Sarge Anſtoß genom⸗ men und, wie anderswo ſchon geſchehen iſt, den un⸗ chriſtlichen Sinn des Hingeſchiedenen gerügt hätte. Gelb⸗ ſattel trat vor und ſprach als Maurer, nicht als Geiſt⸗ licher. Er konnte nicht umhin, dem Gefühl der Ehr— furcht, das Alle empfanden, den Ausdruck der Weihe zu geben. Der Moment riß ihn fort, er trat aus dem künſtlich gegrabenen Bett ſeiner Rhetorik diesmal heraus. Er ſprach nicht ſo gut, als er wollte und darum eben diesmal beſſer. Er ſchien zu fühlen, daß dieſer Hingegangene Das ſicher beſaß, was taſtend er ſelber ſuchte. Rührung, die ihm nur in jungen Jah⸗ ren über ſeine eignen Worte gekommen war, befiel den Redner mit einer Wahrheit, die den anweſenden Gegnern ſeines ſchwankenden und ehrgeizigen Sinnes ſchonende Achtung abgewann. Man ſang am Grabe. Die erſten Künſtler der Bühne hatte ein Wort der „jungen“ Exrzellenz vermocht, dem Vater dieſe Hul⸗ digung zu bringen. Der Intendant war ſelbſt zugegen, war ſelbſt bewegt, daß es faſt ſchien, als wenn er die vielen Gelegenheiten, wo er dem Grab, dem Sterben, ja ſelbſt dem Krankſein der Menſchen aus dem var, den ge— Wege ging, in dieſem einen Male nun nachholen e ohne Zwei⸗ mußte.. lich bedunge⸗ Der Präſident war in ſeinem Jahrhundert⸗Glau⸗ nſtoß genom⸗ ben, dem der Duldung und der einfach ergebenen t, den un⸗ Ehrfurcht vor dem großen Baumeiſter der Welten ge⸗ tbätte. Gell⸗ ſtorben. Die Prieſterrede hatte er ausdrücklich ver⸗ t als Geiſ⸗ beten. Kein Kreuz ſollte ſein Grab kenntlich machen, ähl der Ehr nur ein einfacher Obelisk von Granit, deſſen Inſchrift⸗ t der Weihe ſeite nach Oſten lag, um immer von der Morgenſonne † tnt aus begrüßt zu werden. unk diesma Anna, Selma, Olga ſtanden am Grabe. Rode⸗ vufß und wald bot ſeiner Schwiegermutter den Arm. Den Vtien daß jungen Mädchen ſtanden die alten Diener von Tem⸗ R inſtd 3 pelheide zur Seite. Die junge Exzellenz dankte be⸗ 7 u aal wegt den ihm verwandten Leidtragenden. Der Name jungen 6 Rodewald war ihm wie eine wildentlegene Gegend, er wal, ende orientirte ſich mit Mühe in dieſer ohnehin nicht ade⸗ n ligen Beziehung. Für die viele Liebe, die ſeine Schwä⸗ igen— gerin dem hingeſchiedenen Vater gewidmet, hatte er leicht gam 1 danken. Den Zoll der Ehrfurcht hatte Anna aus eignem Wort l. 2,„. n We 6 Trieb für Alle entrichtet, die ihn demn Greiſe ſchuldeten r dieſe 9 5 ſ Albſt zugeg wenn 7 Stell dem n all 32* 500 wie ein irres Inſekt, das auf einer Fläche hin- und herrennt und nicht weiß, wo aus, wo ein. Sie hatte zuletzt von Reiſen geſprochen und vom ewigen Begra⸗ benſein in irgend einem Winkel, natürlich einem ſchönen Winkel der Erde. Manche Frauen ſchon hatten von dem Beiſpiele Helenen's in Paris geſprochen und von Pau⸗ linen geſagt: Auch ihr kommt nun die letzte Läuterung; ſie wird katholiſch. Rodewald ſtand in der Nähe, als Herr von Har⸗ der, rückkehrend vom Grabe an die Wägen, vor'm Kirchhofe nicht dieſe, aber ähnliche Winke über das Befinden ſeiner Gemahlin gab, über Zuſtände, die er „körperlich“ nannte. Se. Erzellenz bedauerten noch, daß Anna nun von den Weitläuftigkeiten der Erbſchafts⸗ prozeduren ſehr würde beläſtigt werden, bat ſie, Tempel⸗ heide ganz als ihr Eigenthum zu betrachten, lobte die Sänger, die ſich in ihrem De profundis und:„Wie ſie ſo ſanft ruhen!“ höchſt wacker gehalten, flüſterte einem nun wirklich neu angeſtellten Regiſſeur noch zu, ob auch für heute Abend im Ballet keine Störung ſtattfinden würde— er ſelbſt dürfte doch wol nicht kommen und müßte ſich ohnehin rüſten, dem Hofe, der noch auf Reiſen war, in Buchau die Aufwartung zu machen— und gab dann, als der Wichtigſte und Erſte aller Leidtragenden ſich ſammelnd, das Zeichen einer Auf⸗ löſung Tempe di Die T betrübt, Kirchhe die Ve und S Diener hatten So wo raih g Neunſche Für kehr, n Dlgos zin⸗- und Sie hatte Begra⸗ ſchönen on dem n Pau⸗ uterung; on Hal⸗ 1, vor'm über das e, die er noch, daß bſchafts⸗ Lempel⸗ lobte de d:„Wie rte einem ol auch attfinden men und noch Al nachen 7 ſel lſte al Nuf 501 löſung des Zuges, die raſcher erfolgte, als er ſich in Tempelheide gebildet hatte. Die Frauen mit Rodewald kehrten dorthin zurück. Die Thiere des Verſtorbenen begrüßten ſie mit faſt betrübteren Mienen, als ſie zuletzt am Ausgang des Kirchhofes ſein Sohn gezeigt hatte. Wie ließen die Vögel ihre Fittiche, die Vierfüßler ihre Ohren und Schweife hängen! Ein Glück, daß die alten Diener ſich an die Liebhaberei des Herrn gewöhnt hatten und in Tempelheide das Gnadenbrot behielten. So war für dieſe große Familie auch aus dem Thier⸗ reich geſorgt, bis ſte Alle zuſammen, Thiere und Menſchen, ausſtarben... Für Anna von Harder war mit Rodewald's Rück⸗ kehr, mit der Erziehung Selma's, der Freundſchaft Olga's für ihre holde Enkelin, mit den Sorgen um die Gebrüder Wildungen und ihre vielbewegten Schick⸗ ſale noch einmal ein neues Leben aufgegangen. Sie hätte nie geglaubt, daß ihr ſo die Bande, die an dies Daſein feſſeln, noch einmal angezogen werden, ſo noch das Gefühl einer letzten Kraft in ihr wecken konnten. Nun erſchrak ſie wohl über die kurze Spanne, die ihr noch zu durchwandern übrig blieb, aber ſte beſchloß ſie zu nutzen, ſich aus dämmernden, unklaren Stim⸗ mungen aufzureißen, ſelbſt die Muſik fing ſie an, in froheren Rhythmen und bewegterem Takte zu begehren. Das politiſche Misgeſchick ihres künftigen Schwieger⸗ enkels Dankmar, der drohende Verluſt ſeines wunderbar gewonnenen Vermögens bekümmerte ſie wie eine ju⸗ gendlich Fühlende. Sie hatte mehr Sorge und Eifer für die Wiederherſtellung ſeiner Exiſtenz und der un⸗ erwartet gekommenen ſeltenen Mittel, als ſelbſt die Mädchen um ſie her, von denen Olga vollends immer nur wie ein Weſen ſich gab, das auch vom Thau des Himmels, vom Staube der Blumen leben konnte. Ihr grade hätte die Armuth gefallen. Ihr ſchienen die Briefe, die vom Tempelſtein über die Pracht der dor⸗ tigen Einrichtung kamen, nur geeignet, die Phantaſie ihrer Mutter anzuregen. Sie ſelbſt bedurfte nur des Mannes ihrer Liebe, eine Hütte und ein Herz; aber Siegbert blieb ſtumm, ſchrieb nicht, gab kein Zeichen, daß er wagte, in ihre Lebenskreiſe zu treten! Olean⸗ der, der Olga's Stolz und Schwermuth erkannte und ſich nach ihrer Indiskvetion mit dem Schmerzensruf Egon's an Helenen erſt allmälig mit ihr wieder aus⸗ geſöhnt hatte, Oleander ſchrieb Siegberten über r dieſe Stimmungen wohl: Ich trug ihn allen Lüften auf, Den Gruß des treuſten Lieben, Ich hab' ihn in der Sterne Lauf, In Wolken und Wellen geſchrieben. Abe hard b für ein nen Ne die nächſe Adle J eaehren Ich habe den Blumen den Blüthentraum g Des Herzens zugeflüſtert, hwieger⸗ Am Meer dem einſamen Palmenbaum underbar Und ſeinem Leid mich verſchwiſtert. eine ju⸗ Nichts brauſte ſo wild, nichts hauchte ſo mild, d Eifer Ich nannt ihm die theuerſten Namen, der un⸗ Ich ſchloß um das geliebteſte Bild be— Die Welt als goldenen Rahmen. elbſt die z immer Und wen ich unter den Weiden einſt fand, Sie lauſchten und hörten es Alle! z 1 1 hau des Nur Einem, Einem zog's unbekannt te. Ihr Vorüber mit leerem Schalle! nen die Ihn jagt des Windes Melodie, der don Kein Traum von der Schlummerſtätte, Hantaſte Ihm iſt, als wenn der Frühling nie ˖ Die Erde umfangen hätte! nur des rz; abel Als wenn der Seele ihr Gedicht 9 Die Wahrheit des Lebens nicht ware! Zeichen, Als krönte die Liebe allein uns nicht Oleal⸗ Mit allerhöchſter Ehre! e und 4 1— üü Aber Siegbert erwiderte mit Schmerz, daß er Rud⸗ rensru 2. tjeneln hard verſprochen hätte, den Schatz dieſer Poeſte nur r aus„. 3. 1 C d für ein Allgemeines zu halten, nicht für ein dem eig⸗ der die nen Bedarf des Herzens Dargebotenes. Die Löſung dieſer Verwickeſungen war Anna's nächſte Sorge. Ein ernſter Briefwechſel zwiſchen ihr, Adele Wäſämskoi, Rudhard und Dyſtra hatte ſich ent⸗ 504 ſponnen. Von einer Beziehung Siegbert's zur Fürſtin war ſchon lange keine Rede mehr, wenn auch die Verbindung zwiſchen Mutter und Tochter ſich nicht hatte wiederherſtellen laſſen. Dennoch mußte endlich eine Ausſöhnung ſtattfinden, mindeſtens eine An— näherung. Sie ſollte auf dem Tempelſtein ſtattfinden. Dyſtra lud die Frauen von der Reſidenz und von Brüſſel bei ſich mit Förmlichkeit ein und Rodewald begleitete die von Oſten Kommenden mit noch einem Ankömmling, Franziska Heuniſch, die nach dem im Gram um den Sohn erfolgten Tode des alten San⸗ drart ſeine Erbin geworden war und einſtweilen den guten überglücklichen Onkel Heuniſch im Ullagrunde zurückließ. Für Rodewald's großes Landweſen mußten 4 inzwiſchen, wo der Beſitz des Pachtes ihm geſichert blieb, neugewonnene rüſtige Hände ſorgen. Als Anna mit Olga und Selma, mit Rodewald und Fränzchen Heuniſch dem Weſten zureiſten in zwei großen, reichbepackten Wägen, ließen ſie Tempelheide in der Obhut der Gerichte und der Diener zurück. Sie ließen die Stadt wie den Staat gleichſam als Schlummernde hinter ſich, die man mit dem Abſchied in der Frühe nicht gerne ſtört und, während man ſchon im luſtigen Zuge dahin ſprengt auf der Land⸗ ſtraße, noch in den Federn fortträumen läßt... Es ſah ſtill Fürſt Entſch gebänd Aufgat wie K von die ſchwine nach ſ gewidt gen, y der M dem( Erinne und C gefalle nach ſeines i Fürſtin auch die ich nicht endlich An⸗ finden. jlen den arunde mußten geſichert ndewal in zwei pelheide zuriück am alh Abſchied d ma. Qand ſtill und traurig aus im öffentlichen Leben. Der Fürſt Egon, der zwei Jahre hindurch das Ruder mit Entſchloſſenheit geführt, den Geiſt des Widerſpruchs gebändigt, eine warme, glühende Begeiſterung für ſeine Aufgabe mit Hintanſetzung ſeines eignen Lebensglückes wie Kohlen noch zum Feuer getragen hatte, ſchien von dieſem Feuer wie ſelbſt verzehrt. Er ſchien zu ver⸗ ſchwinden, wie gr gekommen. Er hatte dem Staate nach ſeiner Auffaſlung die letzten Reſte ſeiner Jugend gewidmet. Die gewaltige Sphinr hatte ihn verſchlun⸗ gen, wie Alle, die ihr Räthſel mit der wahren Löſung: der Menſch! nicht begreifen. Dem hiſtoriſchen Staate, dem Gemeinweſen alter Stände, den militäriſchen Erinnerungen, dem Junkerthum und ſeinem Dünkel und Egoismus, der Beamtenmacht war er zum Opfer gefallen, wenigſtens erwartete man von ſeiner Reiſe nach Buchau die noch immer verzögerte Uebergabe ſeines Portefeuilles. Nur ſeine Gattin begleitete ihn. Dieſe hinterließ das Andenken einer der ſeltſamſten Me— tamorphoſen, die ein weibliches Herz je durchmachen kann. Aus der tändelnden, leichtbeſchwingten Syl⸗ phide war ſie eine ernſte pflichterfüllte Frau geworden, die ihr Loos, einen hinfälligen, ſiechen, lebensmüden, zergrämelten Mann zu pflegen, mit ruhiger Ergebung trug. Pauline von Harder bot lange nicht das gleiche 206 Schauſpiel der Reſignation. Sie ſchien die ihr doch ſonſt immer gegenwärtige Beſinnung verloren zu haben. Sie konnte den Gedanken, geopfert zu ſein, auf Nichts zurückgeführt, verlaſſen von ihrem Einfluß, nicht er— tragen. Die Menſchen, die ihr früher huldigten, gin⸗ gen zu den neuen Machthabern über. Das Journal: Das Jahrhundert verlor ſeine beſten Kräfte an die Blätter des neuen Syſtems, ſie mußte es verkaufen und gab alles hin, nur um vor einem Dämon zu fliehen, den Alle in ihrer Bruſt ſuchten, in ihrer Un— fähigkeit, auf ſich ſelbſt bezogen zu bleiben. Rodewald, Egon aber allein wußten, daß dieſer Dämon weit mehr in der Furcht vor Friedrich Zeck und ihrem Sohne lag. Die Ludmer hatte ſomit die glänzendſte Genugthuung für ihren ſchon lange gehegten Verdacht erhalten! Sie mußte nach ihrer Geſinnung rathen, nun alle Minen ſprin⸗ gen zu laſſen. Pax wurde mit ganzem Vertrauen bedacht, ſogar Schlurck, ſelbſt Bartuſch wurden wieder um Rath angegangen. Die Entdeckung, daß der Sohn Paulinen's wohl gar ſelbſt dieſer Hackert, Murray jedenfalls der ehemalige Baron Grimm war, lag jetzt vollkommen nahe. Pax verfolgte die Spur des Einen, der ſchon ſeit dem Mai, des Andern, der jetzt eben erſt ab⸗ handen gekommen war. Wie dieſe Jagd, die die Lud⸗ mer anſtellen zu müſſen glaubte, auch endete, Pauline I von§ reiſen, an, di ſchrieb kommen chenvät faſt ei jett, w ahmten nachal dieſer beſchlo Sie h dinige ſempſeh dachte die H ſand ſchſte punkte wir wi lage au der wie alle de wie ve ihr doch zu haben. uf Nichts nicht er⸗ ten, gin⸗ ämon zu ihrer Un⸗ Kodewald, it mehr in Die uung für die mußte en ſprin⸗ Vertrauen n wieder del Sohn Murrah lag jest zinen, del von Harder wollte ſie nicht abwarten. Sie wollte reiſen, ſie knüpfte in der That mit Helene d'Azimont an, die ihr wie eine Wiedergeborne und Erleuchtete ſchrieb und ſie aufforderte, nach Enghien bei Paris zu kommen, wo ſie zuſammen lateiniſch lernen und die Kir⸗ chenväter ſtudiren wollten. Es bildete ſich in der That faſt ein Bund von römiſchgeſinnten Frauen, die ſich jetzt, wie ſie ſich früher in ihren ſtarken Gefühlen nach⸗ ahmten, eine der andern in der katholiſchen Bekehrung nachahmten. Einſtweilen wollte Pauline nur aus dieſer Stadt, nur aus dieſem Lande heraus. Aber ſte beſchloß, es mit Aufrechthaltung aller Formen zu thun. Sie begleitete ihren Gemahl nach Buchau, wo ſie einige Tage zu bleiben und ſich dem Hof feierlich zu empfehlen beſchloß. Die Ludmer folgte ungern. Sie dachte an den dortigen Inſpektor Mangold. Doch die Hülfe ihres Erben und„Neffen,“ des Herrn Par ſtand ihr ja zur Seite. Zur Sicherung der Herr⸗ ſchaften war auch dieſer nach jenem äußerſten Grenz— punkte abgereiſt. So drängte es Alle nach Weſten; wir wiſſen nicht, ob auch Oleander'n, der am Nikodemus⸗ tage auf dem Tempelſtein vielleicht nicht fehlte, Oleandern, der wie ein Harfner, wenn auch vielleicht unſichtbar, um alle die Geſtalten, die wir in dem Schutt ihres Lebens wie vergraben finden, den Epheu ſeiner Poeſie ranken 508 ließ, einer Poeſie, die, in den meiſten Menſchen unbe⸗ wußt, als Stoff nur für den Seher lebt. Oleander führte Buch über die Seelen, die da an ſich ſo wild vorüber⸗ jagten, ſich niederwarfen oder vielleicht nur Einmal und dann nicht wieder berührten. Oleander war im Stande, die Empfindungen des Fräuleins von Flottwitz, wenn ſie Dankmar's gedachte, ebenſo nachzudichten, wie er auch, nachdem er ſchon die Veranlaſſung eines neuen Mis⸗ verſtändniſſes zwiſchen Egon und Helenen durch Olga geworden war, ſich ſelbſt in dieſen unheilbaren, ewigen Bruch hinein fühlte mit einer Melancholie, die in gewiſſen Momenten ſicher auch in Egon, zuweilen in Helenen auftauchte bei aller Trennung durch die Welt und das Leben. Oleander dachte wenigſtens nur an Helenen und Egon, als er einſt ſchrieb: Wer glaubt an Rieſen, die den Himmel ſtürmen, An Götterſöhne, frevelnde Titanen, Die Berg auf Berg zum Wolkenſitz der Ahnen, Ja ihre Leiber, ſich erwürgend, thürmen! Und doch raſt dies der Erde Urgewimmel Zu jeder Stunde noch im Menſchenherzen, Das über Schädelſtätten fremder Schmerzen Erklimmt des Wahn's und ſeiner Träume Himmel. Die Gräber werden Spielplatz, heiße Thränen Wie aus dem Thonrohr ſteigen bunt wie Blaſen, Gehaſcht, gejagt auf dem zertretnen Raſen Des heiligſten Erinnerns! Und warum?... Ein Waͤhnen S SA di Geweil den iſt Vider elnen in wel elſchein Allem, ſolcher ſpricht fann. vir die chen unbe⸗ nder führte vorüber⸗ mal und Stande, wenn ſie ie er auch, euen Mis⸗ urch Olga n, ewigen e, die in eilen in die Welt nur an Hängt Haut an Haut, wie Schlangen thun, an Bäume! Jetzt biſt du frei, jetzt ſteigſt du auf mit Flügeln, Nun kann dein Arm die Sonnenroſſe zügeln, Nun trittſt du ſchon auf roſ'ge Wolkenſäume! Ihr Thoren! Ob Titanenfäuſte einen Dem Oſſa Pelion, ob dieſer Welt nie Frieden Der Menſchengenius bietet— die Kroniden Verhüllen ſich und lächeln nur und weinen. Die Harmonie im Menſchenchaos iſt nur dem Ohre Geweihter vernehmbar. Was Poeſte dem Allblicken⸗ den iſt, iſt Dem, der ſie erlebte, oft davon das baarſte Widerſpiel. Ihn macht dieſelbe That ergrimmt, die einen Andern hebt und tröſtet. Der Dichter nur ahnt, in welchem Endergebniß Aller Daſein den Sternen erſcheint. In Oleander's Gemüth ſammelte ſich von Allem, was wir erlebten, erfuhren, mit einſahen, ein ſolcher Sternenwiderſchein, den das Leben nicht aus⸗ ſpricht und die Darſtellung des Lebens auch nur andeuten kann. Den Oleandergemüthern unſrer Leſer überließen wir die Ergänzungen der harten und ſchroffen Unmit⸗ telbarkeiten und Wirklichkeiten, die wir ſchildern mußten. Der treue Sänger, ſelbſtentſagend, fühlte, was Siegbert Olga auf ſeine Klage antworten mochte, fühlte, was der Flottwitz ſtumme Liebe dachte, als Dankmar in Banden ſaß, er ſammelte ſich Das, was Niemand geſagt bekommt und was doch für die Sterne ewig 240.— geſprochen und empfunden iſt. Auch in dem Märchen auf der Tempelabtei fehlte er gewiß nicht. Er war dem lau⸗ ſchenden Dyſtra gewiß ein Sänger mit der Harfe, der hoch über den Trümmern ſtand und Andrer Loos verknüpfte, ſeines eignen ſo wenig gedenkend. Er hatte Selma an die männliche Geſtalt Dankmar's abgetreten, fand lange nicht das einfache und ihn beglückende Herz, das er ſuchte und hatte wohl Recht, in ſein altes lateiniſches Kollektaneenbuch zur einſtigen Mittheilung an Louis Armand und zum Gegenſatz gegen deſſen weltumfaſſen⸗ des Sehnen zu ſchreiben: Ein Häuschen auf grünen Matten In's Silber des Mondes getaucht, Von friſchen Waldesſchatten Freundnachbarlich milde umhaucht— Ein Stübchen eng nur gezimmert, Beſcheiden das Hausgeräth, Nur Lampenlichtdurchſchimmert, Nur Blumenduftdurchweht— Ein Schrank, ein Tiſch, zwei Seſſel, Ein Weib dazu, an ihrer Hand Der Ehe goldene Feſſelae Die erſt ein Jährchen ſie band— Der Mann im Liederbuch blättert, Sie ſtrickt beim Lampenſchein, Vom Lindenbaum draußen ſchmettert Die Nachtigall herein— d. er das blick de Ungepft Gaſſen du giß Und hau fiſonden 511 Kärchen auf Horch! ruft das Weib nach der Kammer. Was Nachtigall! Liederbuch! r dem lau Sie öffnet dem ſüßeſten Jammer fe, der hoch Im Gehen ihr Buſentuch. verknüpfte Hold Kindlein wacht, ruft wieder! Im die Gib allen Dichtern den Lauf! lma and) Ein Trunk aus Mutter⸗Mieder fand ge.. fand lang Wiegt Hippokrenen auf! z, das er.— 1 5 jöe Dem Mann, nicht leſend weiter jateiniſches Legt gleicher glücklichſter Trieb an Louis Eine ganze Jakobsleiter faſfen Als Zeichen in's Buch, wo er blieb. tumfaſſel Ob im Walde die Wipfel rauſchen, Ob die Nachtigall lockt und ſchlägt, Sie fitzen nur Beide und lauſchen Dem Kind, ob's im Schlummer ſich regt... O Bild der ſeligſten Feier! Ein Schattenſpiel an der Wand! An meiner Dichter⸗Leier Bin ich Saite nicht— ach! nur die Hand. Oleander ſang nicht ſich, ſondern Andere, wenn er das Glück ſchilderte. Jahrelang wird er den An— blick des Poeten der Dachkammer bieten, deſſen lange, ungepflegte Geſtalt, ſchlendernd, träumend durch die Gaſſen ſchreitet, an Fremde denkend und die Nächſten zu grüßen vergeſſend, voller Liebe dem Einen zugewandt zund kaum bemerkend den Andern, wenn dieſer auch hül⸗ fefordernd die Hände nach ihm ſtreckt. Er wird immer 512 die Aufforderung zur That erſt dann vernehmen, wenn die Gelegenheit, ſich zu bewähren, ſchon vorüber. Vielbe⸗ wundern wird man ihn und viel verſpotten und ſchon mit bleichenden Haaren wird man ihn noch ein Kind nennen. Bei der allgemeinen Theilung des Glücks dieſer Erde wird er mit leeren Händen ausgehen und ſich mit dem Troſte begnügen müſſen, daß Zeus zu ihm ſprach: Willſt du in meinem Himmel mit mir leben: So oft du kommſtz, er ſoll dir offen ſein. ... Grade am Morgen nach dem Brande im Dorfe Buchau fuhren die beiden Reiſewägen Anna's von Harder zum Tempelſtein hinauf, während rechts und links um ſie her Roſſe und Reiter ſprengten, noch die rauchende Stätte des Brandes zu ſehen. Der Hof im Schloſſe war voll gnadenreichſter Theilnahme geweſen. Er hatte Wäſche, Betten, Geld geſchickt, um die nächſte Noth zu mildern. Alle ſeine Umgebungen wetteiferten im Antheil an dem unglücklichen Vorfall, bei dem in der That Menſchenleben verunglückte und im Gaſthofe zum St.⸗Georg manche werthvolle, ja außerordentlich hochgeſchätzte Gabe einiger unbe⸗ kannter Reiſenden zu Grunde ging... Anna war mit ihrer Begleitung am Orte des Schreckens ange⸗ langt, als Fränzchen Heuniſch ein junges Mädchen zu erkennen glaubte, das auf der Trümmerſtätte, an der ſte die Ha vor ſie einem Gegenſ falls al ſeinen mit der der St Ridch Murra merkſan ihm au Neſt ei Näͤche und da Kekom der Schat Feuer! zen wo verbtan nig ſie von Ta und Die Ri nen, wenn r. Vielbe⸗ ſchon mit dnennen. r Erde ſich mit 513 der ſteinernen Schwelle einer ausgebrannten Thür, die Hand in den Schoos geſtemmt, auf der Erde ſitzt, vor ſich einen von vielen Menſchen umgebenen mit einem Tuch bedeckten, von Allen ſcheu vermiedenen Gegenſtand und in ihrer Nähe einen Alten, der gleich⸗ falls auf dem Boden an dem Tuche kauert und in ſeinen Mienen eine Aehnlichkeit mit jenem Manne mit der ſchwarzen Binde darbietet, der ſie einſt von der Stadt nach Hohenberg begleitet hatte. Jenes Mädchen war Louiſe Eiſold, der Alte ohne Zweifel Murray... Fränzchen machte ſogleich Rodewald auf— merkſam. Dieſer trat hinzu und erfuhr von den vor ihm ausweichenden Menſchen, daß unter dem Tuche der Reſt eines in der Nacht Verbrannten läge, eines dem Mädchen und jenem Manne ſehr werthen Verwandten und daß ſchon in der Nacht vom Tempelſtein Leute gekommen wären und das ſeltſamſte Schauſpiel der Beſtürzung geboten hätten. Von einem großen Schatze, den jener Unglückliche entweder hätte vor dem Feuer bergen oder ſchon vorher vielleicht allzuſehr ſchü⸗ ten wollen, wäre nichts übrig geblieben als die halb⸗ verbrannten Splitter, mit denen der Alte da wie irrſin⸗ nig ſpiele... in dem Schrein ſollten hundert Tauſender von Papiergeld gelegen haben... aber wer wiſſe es . und wer könnte es glauben.... Die Ritter vom Geiſte. IX. 32 — 1 2 514 Schaudernd ahnte Rodewald die Möglichkeit, daß Dankmar's Schrein verunglückte... Er trat näher... Fränzchen folgte.. Murray! rief Rodewald... Fränz⸗ chen legte ſchon die Hand auf Louiſen's Schulter... Jener blickte auf und erkannte Rodewald, lächelte bitter, zeigte auf das Tuch, auf die verbrannten Splitter... Louiſe Eiſold ſtarrte Fränzchen an, wußte erſt kaum, wo ſie das blühende, gewachſene, holdentwickelte Mäd⸗ chen hinbringen ſollte, dann errieth ſie, ſtand auf und ſagte: Franziska!... Die Freundin aber erwiderte entſetzt: Wer verbrannte? Louiſe ſchien gefaßt. Sie hatte in der Schule der Leiden gelernt, das Schwerſte zu tragen. Dennoch ſagte ſie mit noch zuckendem Schmerz: Weißt du Fränzchen? Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Das iſt da— Hackert unter dem Tuch! Fränzchen zuckte zuſammen. Aber Friedrich Zeck beſtätigte den Nähergetretenen: Ja, dieſe Splitter ſind der Reſt vom Erbe der Wil⸗ dungen! Sie wiſſen es ſchon oben auf dem Tem—⸗ pelſtein, ſie grübeln, wie man Papier wieder le⸗ bendig macht, aber Menſchen, amortiſirte Menſchen lebendigmachen— das wird fehlſchlagen, Freunde! Ah! Seht nur! Ro fallen De inne, un unter d men, un Libe a wurde eand, h Polize lebhaft Friedric ſchkeit, daß t näher.. ., Fränz⸗ chulter... lte bitter, plitter... etſt kaum, kelte Näd⸗ dauf und erwiderte 515 Rodewald hatte das Tuch gelüftet und es ſogleich fallen laſſen. Der Anblick war zu grauenhaft... Der Nachtwandler! ſagte er und eben hielt er inne, um das Wort: Sein Sohn! zu unterdrücken, als unter den Herrſchaften, die vom Schloſſe Buchau ka⸗ men, um die Brandſtätte auch zu ſehen und Gaben der Liebe auszutheilen, ein Wagen auffiel. Der Schlag wurde geöffnet. Eine Dame trat heraus, ſchwarz, trau⸗ ernd, hoch, ſchlank, nach ihr eine gebückte Alte... Die Polizei, beritten, ſprengte heran... Die Scene wurde lebhaft.. Menſchen drängten ſich an Menſchen... und Friedrich Zeck folgte wehmüthig dem Auge des hier in ſolchem Augenblick gefundenen Rodewald. Starr kehrte ſich aber plötzlich das Weiße in dem ſeinen. Er ergriff Rodewald's Arm, zeigte auf einen der Wägen, auf die ihm entſtiegene Dame... es war Pauline von Har⸗ der, ſchon erkannt von Anna, ihrer Schweſter, die ſich zurückzog und die Begegnung vermeiden wollte. 5 Friedrich Zeck ſchien bei dieſem Anblick die Faſſung verloren zu haben, nicht die Beſinnung, ſondern die Selbſtbeherrſchung. Seine Demuth hatte ihn plötzlich verlaſſen. Er ſah einen Fingerzeig des Himmels, er „richtete“, wie ſein Ausdruck war, ſtatt Gott rich⸗ ten zu laſſen, er ſprang von dem grauenvollen Tuche auf, warf die verbrannten Splitter des Schreins im 22 0 — ³16. Kreiſe umher, ſtürzte ſich vor und ſtand faſt unmittel— bar vor Paulinen, die— vor Anna's Nähe allein ſchon zum Tode erſchrak... Rodewald war es, der diesmal Großmuth übte. Rodewald rettete Paulinen vor einem Augenblick, der ihr vielleicht wirklich den Tod gegeben hätte... Murray! rief er mit der männlichſten Ueberredung, hielt den wie von Raſerei über Paulinen's Anblick Ergriffenen mit dem linken Arm zurück und wandte ſich mit der Rechten der erblaſſenden, taumelnden Pau⸗ line zu, die drängenden halblauten Worte ſprechend: Steigen Sie ein! Fliehen Sie! Es iſt Ihr Sohn, der da verbrannte! Fliehen Sie! Fort! Fort! Aber Friedrich Zeck hörte nicht mehr auf des Freun⸗ des Zuruf. In dem Augenblick fielen ihm alle Hüllen, alle Masken und Verſtellungen von ſeiner Perſon, die ihm nichts mehr werth war, ſeit der Zweck ſeiner Rück⸗ kehr von Amerika mit dieſer fürchterlichen Nacht ein Ende hatte. Er ſah nur Flammen um ſich, nur Zerſtörung, hörte nur das Hülfeſchreien der Menſchen, ſah Hackerten nur unter den züngelnden Feuerſäulen eingeſchlummert auf dem Schrein, den er krampfhaft hüthete, als könnte in ſtiller Nacht— ein Käfer ihn ſtehlen; er hörte nur, daß Alles um ihn her zuſammenkrachte, Sohn und das fremde Eigenthum in einer Zerſtörung unterging, die Hacke Licht nicht. Nlam Ni dlls, n M orge ſoch, r den I dem 8 Muth lichen do ſentfern geſtieg ſie, di t unmittel⸗ ellein ſchon th übte. ick, der eberredung, vs Anblick 517 Hackert vielleicht als Traumwandler ſelbſt durch das Licht in ſeiner Hand veranlaßt hatte, vielleicht auch nicht—! was ſollte er zögern, ſich und Alle in die Flammen zu ſtürzen und unterzugehen wie Simſon! Nicht Murray, rief er auf Paulinen zuſchreitend aus, nein, Der, den deine Helfershelfer ſuchen vom Morgen bis Abend, Der, der Euren Mörderhänden ent⸗ floh, nicht in den Wellen des Hudſon ſchläft, nein Der, den Ihr ahntet ſeit dem Fortunaball, feſthieltet ſeit dem Forſthauſe im Walde und nicht zu erkennen den Muth hattet, Friedrich Zeck, der Vater dieſes unglück⸗ lichen Sohnes... Doch ſchon war Pauline mit Rodewald's Hulfe entfernt, losgeriſſen von dem Wüthenden, geſichert ein— geſtiegen... Zeck ſprang den Pferden in die Zügel, hielt ſie, die ſchon anſprengen wollten, zurück und rief: Hackert! Hackert! war der Name meines Sohnes! Ich bin Zeck! Der Bruder einer Mörderin, der Bru⸗ der eines Mörders! Kennt mich Niemand? Kennſt du den Falſchmünzer nicht, den Vater dieſes Nacht⸗ wandlers, der dieſen Brand entzündete? Wir ſind Schuld an dieſen Lichtfunken! Ha, ha, Pauline— Aber ſo maaßlos ſollte der Strom der Selbſtan⸗ klage nicht enden, denn ſchon hatte Par, vom Pferde ſpringend, den wilden Sprecher erkannt, ihn von hinten — — — ———— —— 518 ergriffen und ſeinen Begleitern, die mit angriffen, als einen glücklichen Fund zugeſchleudert... Die Ludmer, wie ein verwundeter Vogel hin- und hertaumelnd, konnte aus Furcht und Beſinnungsloſig⸗ keit den Wagen nicht gewinnen. Sie flatterte faſt hin und her und ſuchte ſich zu bergen vor ſolchem Ruf aus den Gräbern... Ihr half aber die Großmuth Rodewald's nicht. Paulinen's Roſſe waren ſich bäu⸗ mend ſchon davon geſprengt, ohne die Ludmer. Kein Wagen ſtand bereit, auch ſie zu entführen, ſie mußte die Schaalen des Zorns eines Mannes, den ſie nun ſchaudernd ſelbſt erkannte, bis zur Neige leeren, mußte ſe⸗ hen, daß Mangold, jener Gärtner, in der Nähe ſtand und nicht half, nicht hinderte... Aber auch die Mishand⸗ lungen der Bewaffneten hinderten Zeck nicht auszurufen: Charlotte Ludmer! Kennſt du mich, den Baron Grimm, deſſen Trinkgelder du ſo elend vergolten haſt! Komm, Unhold, leuchte mir die Treppe hinunter! Sagt' ich Das nicht in Ems drüben und ſonſt hun⸗ dert Mal und gab dir meine erſpielten, noch nicht falſchen Dukaten? Und doch ſteckteſt du über uns Allen die Welt an, läßſt uns Alle verbrennen, nur weil Paul Zeck die rothen Haare verſtecken ſollte, die an den Abend erinnern, wo ſchon einmal Jemand im Feuer der Sünde aufging und Einer ſich nur die Augen Menſc das E Das d ſein, wi gelaſſen dert we ſterben Pa ſie ford Unhold ſahen, iddit der Sti Aodewa 6s gebens. duf Erd 519 riffen, als Augen verbrannte? Mörderin du, die aus Rache Menſchenleben wie unreines Waſſer ausgoß! Elende, hin⸗ und das Eine deiner Opfer ſtürzte ſich vom Narrenthurm, ngsloſiy⸗ Das da deckt ein Leichentuch und ich will der Dritte faſt hin ſein, will wieder Ketten tragen, will nicht von Euch los⸗ bem Ruf gelaſſen, nicht mit Gold und Gut nach Amerika beför⸗ 4 Orcßmuh dert werden, will bleiben und reden, nur damit du einſt ſch bäu⸗ ſterben ſollſt, ohne ein ehrliches Begräbniß zu gewinnen! Kein Par ſchützte jetzt die ohnmächtige Freundin, ließ 4 4 mußte ſie fort tragen, die Menſchen wichen ihr wie einem 3 N ſie nun Unhold aus. Die Bedienten, Hofleute, Bauern, Alle rußte ſe⸗ ſahen, Alle hörten ſchaudernd und lauſchten noch, als ſtand und Friedrich Zeck ſich ſammelnd und den Schweiß von 1 Mishand⸗ der Stirne trocknend zuletzt zu dem mitleidbewegten 4 nfm Rodewald ſprach: 1 Es iſt geſchehen! Alle Selbſtbeherrſchung war ver⸗ Paron d ahn gebens. Den wilden Teufel in der Bruſt bindet ganz kenuntu auf Erden kein Engel. Zürnen Sie mir nicht, daß ich 46 huw wie ein Inſekt um die Flamme irrte, und nun doch 4 4. nich hineinſtürzte! Es iſt ein Inſtinkt, der von mir ver— 39 In langte einmal noch ſo zu reden, dann zu enden. Man übet r wird in der Reſidenz in mir drei Menſchen, Zeck, — men, Grimm und Murray erkennen. Vielleicht, daß Einer ol für den Andern ſprechen wird und ſich die Gelehrten nd l.„.„„, emand mühen, zu beweiſen, daß Einer unmöglich der Andre — nut 520 ſein konnte. Zu dem Inſtinkt gehört auch, daß ich möglich mache, das Unglück des für immer verbrann— ten Schreines zu hintertreiben. Würd' ich, der ſeinen Inhalt ſchuf, nicht unter dem Auge des Richters le⸗ ben, ſo würden Sie nicht die Bürgſchaft finden, daß von jenem Schrein auch wirklich nur noch jene ver⸗ brannten Spähne übrig ſind, mit denen ich mein eig⸗ nes Leben vergleichen möchte. Ich werde offen aus— ſagen, wie Alles gekommen. Grüßen Sie die Be⸗ wohner des Tempelſteins nicht von mir! Ich ſagte immer, daß zwiſchen jener reinen Sphäre und mir die ewige Verdammniß, wenigſtens der Erde, liegt! Zeck wurde ſo abgeführt... Anna von Harder hatte längſt ſchon in den Wagen flüchten müſſen, die Mäd— chen folgten, Rodewald, nach ſchmerzlichem Abſchied von dem nun wol für immer Gefangenen. Man fuhr zum Tempelſtein empor. Die Menſchen verlie⸗ fen ſich, nur Fränzchen Heuniſch, die mit Louiſe Ei— ſold zum Schloſſe zu Fuß gehen wollte, blieb. Man— gold, der die Demüthigung der Ludmer ohne Mitleid nachempfand, half den Mädchen und einigen Burſchen das Tuch zuſammenraffen und es in ein Haus tra⸗ gen, wo der Reſt von Hackert bis zu ſeinem Begräb⸗ niß blieb... Es ergab ſich bald, daß Hackert an dem Verſuch einen däme die war Käni den 6 von e ſichte im T fand entſch und, ter, Juſan dentur diſche Nen nem Volk dthſe uſch Wfſe hei, bei d ein— ), daß ich verbrann⸗ der ſeinen chters le⸗ offen alls⸗ Ve⸗ 1 egt! der hatte die Mäd⸗ m Abſchied en Man hen verli⸗ Louiſe E Mall Niüll 521 einer einzigen guten That, die er in ſeinem kurzen und dämoniſchen Leben gewagt hatte, zu Grunde gegangen. Die Urſache des Brandes, der den Schrein zerſtörte, war in der That nicht der Funke vom Feuerwerk der Könige, ſondern die ſchlafwandelnde Sorge geweſen, die den Schrein im überfüllten Gaſthof zum St.⸗Georg von einer Scheune zur andern trug und gerade mit dem Lichte dem Stroh unterm Schindeldach, das Hackert im Traum hatte verlaſſen wollen, zu nahe kam. Er fand die Thür auf dem Verbindungsſtege verſchloſſen, entſchlief auf dem Schrein, den er niedergeſetzt hatte und erwachte zum Leben nicht wieder... Ein Dich⸗ ter, wie auch wieder Oleander, ſah ſpäter in dieſem Zuſammenhange einen ernſteren Sinn und tiefere Be⸗ deutung. War der Schrein und ſein Inhalt die ir⸗ diſche Hoffnung edleren Strebens für das Wohl der Menſchheit, war Hackert, wie einſt Dankmar an je⸗ nem Abend vor dem Fortunaball geſagt hatte, das Volk in ſeiner dämoniſchen, nicht guten, nicht böſen, räthſelhaften und unheimlichen Sinnennatur, war der Aufſchwung zu einer endlich reinen That in dieſem Weſen Krankheit eher, als die edle Blüte der Geſund⸗ heit, ſo lagen die Gedanken nahe, die ſich halb ſchon bei Oleander in Klängen austönten, daß der Geiſt ein Phönix wäre, der nur aus den Flammen eines 522 irdiſchen Neſtes zur reinen Sonnenhöhe aufſteigen könne, und daß da ſterben müſſe der Schlacke, was zum Lichte wolle. Wie in der Natur Das, was ſeinen Dienſt verrichtete, ſogleich verginge, wie der Wurm in der Seide ſtürbe, die er aus ſeinem Leibe und Leben ſpönne, wie die höchſte Luſt die Organe des Lebens ſpränge, ja ein Bettler nicht lange zu blei⸗ ben vermöchte in einem allzugeſchmückten Hauſe, ſo ſäh' es auch immer ſchlimm aus, wenn man den großen Kaliban, das Volk, einmal aus ſeiner thieriſchen Ve⸗ getation aufweckte, aus einem Dämmerleben, dem das Gute und Beſſere ſich nur im nächtlichen Wandeln nahe! Auch erwachend würd' es dann handeln wie im Traum, würde ſtatt eines einfachen Lichtes Fackeln, ſtatt Fackeln Feuerbrände geben, würde wie einſt Ma⸗ ſaniello über das Maaß ſeiner Kraft hinauswachſen und entweder im Irrſinn oder Selbſtmorde enden.... Dieſe Auslegung gab Oleander Friedrich Zeck, als er ihn als Gefangenen wiederſehen mußte! Man hatte verſucht, den Engländer Murray, den Freund der Ar⸗ men, den Wohlthäter der Brandgaſſe für den Baron Grimm ſprechen zu laſſen, man hatte die Bibeln reden laſſen wollen, die Morton ſonſt in ſeiner Armuth zu verkaufen pflegte, aber Friedrich Zeck kam dem Ver⸗ langen, ſich offen, vor aller Welt in phariſäiſcher Chri bat! et ein Gefan des L geweſe Urheb der V einſt einma d licher Kreiſe jenes der K. As D ſchi Irun volle, der de und d nacht ſeinen, ſehnlch nach i aufſteigen acke, was as, was wie der 1 Leibe deln wie 3 Fackeln, einſt Ma⸗ 1sw achſen enden..., geck, als mn halle der Ar Baron eln reden Irr nuth il 31¹' 2234— Chriſtlichkeit zu gebehrden, nicht entgegen, flehte nicht, bat nicht, bereute nicht, er ertrug die Wirklichkeit, der er einſt entflohen war und trug ſein Kreuz unter den Gefangenen, bei denen er vielleicht für ſeine Auffaſſung des Lebens jetzt mehr Gutes that, als wär' er frei geweſen. Nicht lange nachher ſtarb Friedrich Zeck, der Urheber der Schuld ſo vieler andren Menſchen, auf der Veſte Bielau, an demſelben Fluſſe, deſſen Ufer er einſt in einem Rettungsnachen erreichte, wie ſpäter einmal auch Werdeck... Die Welle des Fluſſes war ihnen Allen freund⸗ licher geweſen als einem letzten endenden Leben unſres Kreiſes, das wir nicht verſchweigen dürfen, dem Leben jenes nächtlichen Wanderers, dem Hackert einſt von der Komthurei vor die Thore der Stadt gefolgt war. Als Der denn doch zuletzt, wie angezogen von ſeinem Ge⸗ ſchick, das wie die Magnetnadel keine Ablenkungen und Irrungen, wie noch zuletzt wieder durch Hackert, dulden wollte, nach Bielau wanderte, dieſer ſtill Verzweifelnde, der den Tod mit Ekel und Ueberdruß an ſich ſelbſt und der Welt nicht auf natürlichem Wege erwarten mochte, rief ihm Niemand mehr in nächtlicher Stille ſeinen Namen zu, Niemand ſchützte ihm mit einer an⸗ ſehnlichen Summe Geldes noch einmal gleichſam die nach ihm verlangende Woge ab. Zuletzt zog ſie ihn — — — 524 nieder, wie das Meerweib den vom Sang Verlockten. Dieſe Stimmung konnte nicht enden, wie Alle. So entbehren, ſo zuletzt krank auf dem Lager liegen, äch⸗ zen, ſo den letzten Ballaſt der Bagatell-Philoſophie auswerfen, Epikur, Epiktet, Rochefoucauld, Hippel und Lichtenberg opfern, ſo immer leichter, luftiger, ohnmächtiger, ja kläglicher zu werden für Charon's Nachen... Das ertrug Franz Schlurck nicht... Man fand ihn eines Morgens im Uferſchilfe unter⸗ halb Bielaus, nachdem man ihn Tagelang geſucht und ſich wol geſagt hatte, daß man Schlurck's letztes Wort an Drommeldey: Beſter Freund, Montaigne hat Recht, das Leben iſt von allen Handwerken, die wir zu lernen haben, das ſchwerſte! nicht anders als auf den ſelbſtgeſuchten Tod deuten konnte. ds K zut e ſie d, wieder nicte Verlocken. Alle. So jegen, äch⸗ ghiloſophie „Hippel „luftiger, Charon's nicht... zilfe unter⸗ ung gefucht rch's letztes naigne hat u, die wir 8 als auf Letztes Capitel. Die Morgenröthe. Auf dem Tempelſtein löſten ſich Schmerz und Freude, bangende Unſicherheit und endliche Entſcheidung... Dankmar's ſtarres Brüten über den Verluſt, konnte es andauern, als er Selma ſah?... Und Olga, wäre ſie erſtarrt geweſen wie Niobe, da ihr die Söhne ſtarben, konnte ſie auch noch nicht beim Anblick der Mutter, die ſich ſtreng und ernſt von ihr abwandte, zum Leben er⸗ wachen, konnte ſie da, als Siegbert vom bekümmerten Bruder ſich losreißend in den Saal der Villa des Barons trat, da, als der Geliebteſte vor Olga's ent⸗ falteter Schönheit ſtaunend bebte, eine Jungfrau ſtatt des Kindes fand, ihre Hand zitternd ergriff und ſie zur Verſöhnung in die Hand der Mutter legte, konnte ſie da, die ſeit Jahren nicht geweint hatte, die Thränen wieder fortſchleudern und ihnen ſagen: Ich kenne Euch nicht?... Und konnte, als Rudhard, ein gebückter, alter 526 Mann, gefurcht, gebleicht von Kummer eintrat und er und Anna von Harder der Mutter ſie zuführten, konnte Dyſtra, als Olga nun doch davon ſtürzen wollte, Siegbert aber ſie zurückhielt und ſie in ſeinen Armen faſt ohnmächtig an's Herz drückte, etwas And⸗ res thun, als ſagen: Chère enfant, Ihrem Vater, dem Fürſten Alexis Wäſämskoi, hab' ich einſt verſprochen, Rurik's Schwa⸗ ger zu werden! Ja, ja, Rurik! Papa Rudhard lehrte dich vielleicht aus den Alten, daß die delphiſchen Ora⸗ kel vieldeutig waren. Ich that Alles, um dies Schick⸗ ſalswort zu umgehen; ich wollte liebenswürdig, ſchön ſein, ich hoffte irgend eine große Dame würde mich entführen. Ich wollte ſterben und fing deshalb zu bauen an. Aber Alles vergebens. Was iſt zu thun? Komteſſe Olga hat eben, wie das dem Charakter unſrer Zeit entſpricht, ſelbſt gewählt, Paulowna zieht jedem Eheglück noch die Kunde vor, welche Torte es heute Mittag geben wird, und wo ſoll ich dieſe Gäſte all' herbergen, wo anders meine Diners und Soupers nun veranſtalten, als in dem fertigen linken Schloß⸗ flügel, wohin ich wiederum gelobt habe, nur die Dame zuerſt zu führen, die einſt die Meine ſein wird? Alles blickte auf Olga, auf die Fürſtin... Anna von Harder nahte ſich aber Beiden, die ſich abwan⸗ deen, Adele wilde eine geſehel die ihr riſche blühen können pfindu voll ſe zum 2 Nlor dci d'ad deraise par NV qa re eintrat und zuführten, on ſtürzen n ſeinen as And⸗ n Alexis bs Schwa⸗ dhard lehrte ſchen Ora⸗ dies Schick⸗ 1 g, ſchön uürde mich deshalb zu ſt zu thun? dten, liebevoll... Es war ein mächtiger Eindruck für Adelen geweſen, als ſie nach ſo langer Trennung ihr wildes Kind wiederſah. Sie war ihr erſchienen wie eine ihr faſt Fremde, wie eine Jungfrau, die ſie nie geſehen, nie gekannt hatte und doch war dieſe Geſtalt die ihrer eignen Olga, das hoheitsvolle, ſchwärme⸗ riſche Auge war das Auge ihres Kindes, deſſen Er⸗ blühen zur Selbſtändigkeit ſie nicht hatte ertragen können. Gedemüthigt durch Siegbert, der ſeiner Em⸗ pfindungen jetzt kein Hehl mehr machte, ſich würde⸗ voll ſammelnd vor Anng's ſittlicher Hoheit ſprach ſie zum Baron: Mon cher Baron, outre mes enfans il s'en trouve lci d'autres encore, parmi lesquels vous étes le plus deraisonnable. Pour vous empécher de vous ruiner par vos mille folies il vous faudrait une gouvernante, qui reglàt un peu vos penchants dangereux. Und Dyſtra erwiderte: Madame, je suis ravi de vos bonnes intentions bour moi. Depuis bien longtemps il fallait un mariage de raison, comine celui que j'aurai l'honneur de con- racter avec vous, pour en compléter ma collection le mille et une ſolies, les curiosités du siècle. Damit gab Dyſtra mit der ihm eignen Grazie den Arm der Fürſtin, die ſich von ihm zum Schloſſe hin— aufführen ließ, während die Andern frohbewegt folg⸗ ten. Spartakus und Cicero ſchritten aus Rückſichten heute in Tſcherkeſſentracht voran... Das die Freude!... Und auch Louis Armand hatte Fränzchen liebevoll begrüßt. Auch er war erlöſt von ſeinem früheren ohnmächtigen Träͤumen, auch er hatte durch den Umgang mit bedeutenden Männern, die ihn zu ſich emporzogen und zu einem großen Wirken ver⸗ wandten, das einſeitig nagende Iſolirungsgefühl des begabten höherberufenen Handwerkers verloren und an ſeinem Beiſpiele gezeigt, wie alle Gefahren des Kommunismus verſchwinden würden, wenn der Staats⸗ bau auch die regſte Theilnahme des heraufdrängenden vierten Standes an ihm zuließe, ordnete und regelte; auch er hätte froh ſein dürfen. Aber... die Männer kamen vom Herzensglück bald auf das Leid des Allge⸗ meinen zurück, auf den Tod Hackert's, den Untergang des Vermögens. Dankmar gab jede Hoffnung auf. Er ſagte, daß aus Rückſicht der vielen zweideutigen Umſtände, die den Verluſt begleiteten, keine Hoffnung auf den Erfolg eines Amortiſationsprozeſſes und der Erneuerung der ſchon theilweiſe in Umlauf bagriffenen Zahlung da wäre. Rodewald's rechtskundige Mei⸗ nung ſollte befragt werden. Man ſuchte ihn, rief ihn. Er fehlte, war eben verſchwunden, hatte aber die fümme Hacert That berraſ ingen das er Fürſtin Einfri fräntiſ ge La noch tre 3 Bildune 9” Wweiſer and hatte löſt von hatte in, die ihn Wirken vel⸗ gaefühl des rloren und fahren des der Staats⸗ drängenden d regelte; die Männet des Alge⸗ Untergang fnung auf — ³2²9 Bitte, ſeinetwegen nicht bekümmert zu ſein, ſelbſt wenn er bis morgen ausbliebe, beruhigend zurückgelaſſen. Man rieth, daß er ſich wol um das Schickſal Murray's kümmerte. In Murray den Vater des unglücklichen Hackert wiederzufinden— die Mutter blieb denn in der That Jedem unbekannt— war den Freunden eben ſo überraſchend wie ſchmerzlich geweſen. Ihre Blicke gingen in die Zukunft. Jeder gedachte des Looſes, das er gezogen... Dyſtra blieb vielleicht mit der Fürſtin und den Kindern auf dem Tempelſtein, deſſen Einfriedigung den Baron halb zum deutſchen, halb zum fränkiſchen Bürger machte; denn noch tief in das jenſei⸗ tige Land ging ſein Beſitzthum. Rudhard blieb ſicher noch treu in ihrem von Frohſinn, Glücksgütern und Bildung gehobenen Kreiſe. Leidenfroſt vollendete ohne Zweifel den Bau. Vor Entdeckung ſeines Namens ſchützte die Rückkehr zu ſeinem wahren: Max Brüning. Sein Vater, der greiſe Invalid, bewohnte eine Grenz⸗ hütte auf dem jenſeitigen Abhang des Gebirges. Wer⸗ deck fehlte in dieſen Tagen nicht in der Tempelabtei. Aber er kehrte nach Paris zu ſeinem Weibe zurück. Unterricht in der Mathematik von ſeiner, die Kunſt, Blu⸗ mnen zu machen von ihrer Seite friſteten das Loos zweier Menſchen, die dem Kreiſe der Anſchauungen, in denen ſie erzogen waren, ſich mit einem Heroismus entwunden Die Ritter vom Geiſte. IX. 34 ——— 530 hatten, der Bewunderung verdiente. Wir haben von 3) dieſem Ehebund, der kinderlos blieb, den Vorhang 3 nur dann und wann gelüftet geſehen. Bedurfte das fen feſte treue Ausharren an einer einmal erfaßten Idee zur der gleichen Schilderung, wie die in Krümmungen Se irrende allmälige Entwickelung ſich langſam läuternder uul Herzen? Was bedarf es auch jetzt mehr, von dieſen det . Edlen zu ſagen, als daß Werdeck die Theorie der jer 1 Curven und Gleichungen in Paris lehren wird, Ja⸗ eit gellona Blumen macht, wie ſie in dem Kloſter gefer⸗ bil tigt wurden, das ſie und Mar Brüning erzog? Dieſe Br Flüchtlinge lebten zu Paris im fünften Stock, ent⸗ d behrten, hatten Sorgen genug, aber unter dem früh⸗ lüu gebleichten Haar glühten die alten Hoffnungen, die unverſöhnten Nemeſisgedanken der Geſchichte. Jagel⸗ W lona ertrug den Widerſpruch ihres Herzens mit dieſer kalten Erde nicht lange. Ein Grab auf dem Pere la d Chaiſe, in der Nähe des Denkmals von Abälard und d Heloiſe, nicht zu fern von Ludwig Boͤrne, von Foy, 8 Lafayette, Armand Carrel ſchmückten Immortellen⸗ 1 kränze einen Hügel, auf dem ſich Werdeck und Leiden⸗ lle⸗ froſt zuweilen des Jahres die Hände reichten und nur vand beklagten, daß Jagellona's Heldenſeele in dieſem mat⸗ kn d ten Frieden, nicht im Donnerrollen großer Thaten aus⸗ falen hauchte.. Und Louis Armand? Was konnte ihm die 44 haben von en Vothang durfte das — Adop faßten Jee immungen auternder von dieſen Theorie der g⸗ wird, Je lloſter gefer⸗ a¹? Dieſe og? Stock, ent⸗ 531 Zukunft Schlimmes bringen? Er nahm nur für einige Zeit in Frankreich mit ſeinem begüterten Weibe den Au⸗ fenthalt, er hoffte die Rückkehr auf einen Boden, der ihm zur zweiten Heimat geworden war... Und Dankmar und Siegbert? Sie, die in der Grenzhütte des alten In⸗ validen auf fremdem Boden zu übernachten pflegten, verbanden ſie ſich nicht bald durch die Ehe mit den Mäd⸗ chen ihrer Liebe? Jener rüſtete ſich gewiß auf die erſten großen Wirkungen des Bundes, an deſſen Aus⸗ bildung er fortarbeitete; dieſer beſchloß, begleitet vom Bruder bis zur Schweiz, weiter zu ziehen— mit Olga— in das Land der Ideale und zu einer Kunſt⸗ übung, zu der ihm Oleander einſt als Regel ſchrieb: Wie lieb' ich, wenn ein Mädchen auf ſich hält, Nicht jeden Tänzer nimmt, nicht jeder Fiedel tanzt! So auch der Künſtler, der nicht ſchmeichelt aller Welt Und gegen Vortheil ſich zumeiſt verſchanzt! Deshalb iſt Gunſt und Kunſt verwandt und Gönnen Können, Weil Können ſoll die Gunſt dem Rechten gönnen. Anna ließ ſich doch wol Selma nicht nehmen? Sie blieb doch wol bei Dankmar, dem die Schweiz ein Aſyl werden ſollte bis zum Tage, wo die erſten Schran⸗ ken der künſtlichen Ordnung, die uns jetzt regiert, einſt fallen würden. Ihm und Rodewald, der ſicher nach Hohenberg zurückkehrte, ſchien dieſer Tag nicht zu fern. 34* 532 Selbſt Louiſe Eiſold blieb hinter Denen nicht zurück, die auch von ihr eine Zukunft prophezeien wollten. Die Einigung mit Mangold wurde ein Liebesopfer für ihre Geſchwiſter, wenn ſie auch dann und wann wehmüthigſt an Danebrand dachte und an Hackert, der ihr kein Begriff wie Oleander'n, ſondern ein Menſch war, ein Menſch mit einem verhängnißvoll beklagenswer⸗ then Leben! Ein Menſch, der, wenn all' unſer Da⸗ ſein ein Verſuch zum Lichte aufwärts ſich zu ſchwin⸗ gen zu nennen, in dieſem Fluge ſo früh ſcheitern mußte! Ein Menſch, wunderlich wie jene Pflanze, die auch halb ein Thier iſt, wie jener Stein, der auch Pflanzenform angenommen, aber fühlend auch und, hätte er Liebe gefunden, nicht doppellebig! Ein Menſch, der, weil er zu früh die ſchönſten Blüthen des Lebens zu flüchtig abgeſtreift, den Reſt des Da⸗ ſeins ſchaal und nichtig finden mußte! Damals aber beim Dämmerlichte des verſchleier⸗ ten, hinter den Tannenwipfeln aufſteigenden Mondes verſammelten ſich Abends nach dem Brande aus den ringsumliegenden Weilern, Gehöften, Dörfern und Schlöſſern die geheimnißvollen Maurer des Tempel⸗ ſteins noch einmal und eines Jünglings Stimme ſprach: Der Bund... er iſt geſchloſſen! Der Segen icht zurück, n wollten. Liebesopfer und wann ackert, der denſch war, lagenswer⸗ unſer Da⸗ zu ſchwin⸗ 8 ſcheitern gflanze, die der auch uch und 1Ein n Blüthen ₰ t des Da⸗ veiſchleie⸗ „Mondes 11 aus del tfern un z Tempe „ Stim 3 G 2˙3 aber, den irdiſche Mächte darüber ſprechen ſollten, iſt be— droht und für jetzt verloren. Der Hort— verſunken! Ob Kunſt der Rede, ob Auslegung der Geſetze ihn wieder heraufbeſchwören werden aus den Fluthen, ich weiß es nicht. Der Bund des Geiſtes, ich ahn' es, ſoll ganz vom Geiſte ſein. Nicht können wir kämpfen mit goldenen Waffen, nicht mit dem Klang des Silbers locken und mit metallener Muſik aufſpielen, wenn wir Märtyrer ermuntern und belohnen wollen. Sie müſſen leiden um ihrer ſelbſt willen. Die Wahrheit ſelbſt muß ſie lohnen, die Dornenkrone ihr Geſchmeide ſein. Hunger, Entbehrung, Verachtung... wer nennt die grauen Trabanten des Genius, die ihm das Geleite geben durch dieſe Erde, dieſe Vorſchule irgend eines Him⸗ mels! Klingt mir nicht nach ein Wort aus der Jugend, ein Wort, das einſt auch in dieſen Räumen widerhallte, wenn die Templer hier belehrt wurden, daß das Kreuz auf ihrem Mantel das größte Lebensgut wäre, klingt mir's nicht nach, daß einſt ein großer Heiland ſprach: „Das Reich Gottes iſt eine köſtliche Perle und beſſer denn Silber und Gold ſind ſeine Schätze. Das Reich Gottes iſt in uns; der verborgne Menſch des Her⸗ zens, unverrückt im ſanften ſtillen Geiſt, der iſt koſt⸗ bar vor dem Herrn!“ Sanft und ſtill kann der Geiſt dieſer Zeit nicht ſein, Ihr Brüder! Ach, daß die Zeit 534 der Langmuth nichts gefruchtet hat zwei Jahrtauſende lang und daß nicht mehr des Geiſtes Symbol die Taube ſein darf! Wie die Möve flattert vor dem Sturme, ſo irrt das Denken der Gerechten hin und her und ſucht und klagt und ſtößt Schmerzenslaute aus. Wer kann ſchlafen? Will es die endliche Na⸗ tur auch des Geiſtes, ſo ſei's mit der Hand an dem Griff des Schwertes. Wirket! Werbt! Sucht auf den Gemeinplätzen der Alltäglichkeit die Vierblätter der Ge⸗ ſinnung! Krieger, Gelehrte, Dichter, Künſtler, Staats⸗ männer, Handelnde, Gewerbfleißige, daß wir Opfer bringen wollen, daß wir irdiſchem Lohn entſagen, daß wir nur mit dem Gedanken wirken können, kann es Euch ſchrecken? Bleibt Ihr heute Die, die Ihr geſtern waret? Feierlich widerhallte die Ruine von der einſtimmi⸗ gen Betheuerung. Es war wie der Schlag einer ein⸗ zigen großen Welle, die kommt und ſo wie ſie kam, auch wieder vom Ufer weicht. Zwölf ſchlug es von den Thürmen aus dem Thal. Man hatte ſich ſpät verſammeln müſſen, weil der Brand von Buchau manche Herberge entlegener ge⸗ rückt hatte. Die Ritter vom Geiſte trennten ſich mit der Looſung der neuen Verſammlung im nächſten zweiten Jahre und dem Vorſatze, auf die Zeit zu wirken mit der Lehre: Wächſt nur das ſchnellere Einverſtändniß der ahrtauſende Symbol die t vor dem n hin und errenslaute nliche Na⸗ nd an dem icht auf den tter der Ge⸗ er, Staats⸗ wir Opfer en, daß wir mes Cuch urn wantt einftimmi⸗ geiner ein⸗ legenet g ach mit ten ſch m gſten zweite rken it d 6 del dndniß d 535⁵ Edlen und Guten, zielen wir nur auf einen ſolchen majeſtätiſchen Akkord der Uebereinſtimmung, wie wenn gleichſam ein Naturphänomen am Himmel von Mil⸗ lionen um dieſelbe Minute beobachtet wird, mit den— ſelben Empfindungen, demſelben elektriſchen Schauer über die halbe Welt hin, ſo fallen die Feſſeln des Geiſtes von ſelbſt und ſind wie Spinnenweben! Man ſtaunte in allen Fremdenbüchern der Umge⸗ gend, grade in dieſem Herbſt ſo viel hochgefeierte Na— men zu leſen... man pries deshalb die bisher faſt unbe⸗ kannte Gegend, das grüne ſonnenwarme Thal zwi⸗ ſchen rauhen, hohen Bergebenen, die Geſchichte dieſes Thales, die in erwieſenſten Thatſachen zurückgeht auf die Römerzeit, pries den Fluß, der, ſich ringelnd wie eine gezähmte Schlange, von den Uferwänden nicht loskommen, ſich nicht trennen könne von dem frohen Leben dieſer Städte und Weiler und von einer Be⸗ wegung vorwärts immer wieder eine rückwärts ver⸗ ſuche, man rühmte den klaren, perlenden hier gezo⸗ genen Wein und wie er mit Emſigkeit gewonnen würde auf den künſtlich gepflegten und durchbauten Abhän⸗ gen, man ſang Lieder auf den Fluß, ſeine milde Rebe, rühmte Buchau, Dyſtra's Bauten... Das Auge der Uneingeweihten wußte nichts von den beiden Mond— nächten innder Abtei der alten Templer. 536 Nach Mitternacht ſtiegen Siegbert, Dankmar, Louis Armand, Werdeck und Leidenfroſt zu der Höhe empor, wo ſie auf fremdem Gebiet in der Hütte des greiſen Invaliden übernachteten... Die Sonnenroſſe waren faſt ſchon ſichtbar an dem rothen Glanz, den ihre Nüſtern ausſprühten und ihre Hufen auf das öſtliche Thor des Himmels ſchlugen, als die Freunde von dem Alten, der ſie bewirthete wie bei ihm Eingemiethete, für heute Abſchied nah⸗ men... Werdeck wollte nach Paris. Wäre der Verluſt des Schreins, das entſetzliche Ende Hackert's, die Ungewißheit über die Folgen ei⸗ nes Verlangens um Wiederherſtellung der Stadtkäm⸗ mereiſcheine nicht geweſen, ſie hätten fröhlich blicken, glücklich ſich trennen können. Aber auch ſo ſagte Dankmar: Freunde, mit meinem Erbe war mir's immer wie mit einem Traume! Die Wirklichkeit der Entſcheidung zieh' ich allen halben und ſchwebenden Lagen vor. Man bindet die jungen Bäume an einen Stab, den ſpäter ihr Wachsthum und Gedeihen von ſelbſt entfernt. So iſt der Prozeß, der all' unſer Streben und Wol⸗ len emporhielt, ein ſolcher jetzt überflüſſig gewordener Stab geweſen. Nur wenn die Kinder Geſchichte noch nicht faſſen, naht man ſich ihnen mit Mährchen. der rch dl ten nen man Inte Dre zun ſellſ lge 6 Noch nung iß, wie mterte dung Ander Nun döuar J degen ausge Dantmar, zu der Hohe r Hütte des tbar an dem ten und ihre dls ſchlugen, je bewitthete lſchid nah⸗ 5 entſeliche e Folgen ei⸗ Stadtkäm⸗ hlch blicen, uch ſo ſagte immer wie Lagen vor. Stab, den bſt entfernt n und Vol⸗ gewordenel de us ührchen⸗ 537 Die Freunde aber trennten ſich, auf die Wie— derherſtellung hoffend. Leidenfroſt kehrte zum Bau zu⸗ rück, um deſſen wirkliche, heute rückkehrenden Arbeiter als Meiſter zu begrüßen. Werdeck ſchlug einen Sei⸗ tenweg ein, um im Thal zur nächſten Poſt zu kom— men. Die Brüder wollten eine Strecke Louis Ar⸗ mand begleiten, der nach einer andern Richtung im Intereſſe des Baus Geſchäfte hatte. Jeder von ihnen Dreien hatte nun ſein Lieb gewonnen, ſah die Welt zu neuen Bahnen geöffnet. Die drei Stände der Ge⸗ ſellſchaft waren in ihren Mädchen vereinigt, die Ad⸗ lige, die Bürgerliche, das Mädchen aus dem Volke. Sie hatten hinunterzuſchreiten in den Tannenwald. Noch ſprachen ſie von Rodewald's plötzlicher Entfer⸗ nung, ſeiner Meinung als Juriſten, Murray's Zeug⸗ niß, als ſie auf einer grünen Stelle zwei Männer wie auf ſie wartend erblickten. Ein Fahrweg ſchim⸗ merte durch die Tannen. Abſeits getreten in die Wal— dung ſchien ihnen der Eine Rodewald zu ſein; den Andern, der in der herbſtlichen Morgenkühle einen Mantel trug, erkannten ſie nicht, da er das Antlitz abwandte. Indem kam ihnen Rodewald ſchon grüßend ent⸗ gegen, fragte, ob ſie ſich drüben geſammelt, gefunden, ausgeſprochen hätten? Als er leidlich wohlgemuthe 538 Mienen fand, er auch Siegberten zu Olga's ihn nicht überraſchendem Beſitze Glück gewünſcht hatte, ant⸗ wortete er auf die Frage nach ſeiner Entfernung, ſei⸗ nem nächtlichen Aufenthalt und dem abgewandten, dort im Grünen ſtehenden Gaſte: Auf Eurem Tempelbau hattet Ihr dieſe Nacht ei⸗ nen Zeugen, den Ihr vor einem Jahre kaum frei aus Eurer Mitte hättet ſcheiden laſſen... Statt Templer, ſagte Dankmar, wären wir Aſ⸗ ſaſſinen geworden? Seht ihn Euch an, ſagte Rodewald und zeigte auf den Fremden, der näher tretend den Mantel ausein⸗ anderſchlug. Das Unerwartetſte geſchah den Freunden Es war Egon... Nur an ſeinem Auge, nur an ſeinem Gruß er⸗ kannten ſie den Fürſten. Sonſt erinnerte in Haltung, Friſche und Lebendigkeit nichts mehr an den alten Egon, den ſie zum letzten Male den Ihrigen genannt hatten, als er mit ihnen im Pavillon ſeines Vaters ſpeiſte und von Helenen ſich losreißend zum Könige fuhr. Euer Kleeblatt, ſagte Rodewald zu den Erſtaunen⸗ den, ſoll vier Blätter tragen.. Begrüßt Euch ohne Groll und denkt, ſich ſo wiederzufinden iſt ein Weihe⸗ augenblick! S 9 cen, alten Nreun Vand genan ihe 6 Roder nur, hätter E de§ Lor dfd dalt, dürſte den ſ derbun traut 1 s ihn nicht zjatte, ant⸗ mung, ſei⸗ gewandten, Nacht ei⸗ um ftei aus en wit A⸗ n zeigte auf uU*0 „„ ausein⸗ Cs n Guß er in Haltung, n n den alten genannt ineẽ Könige fuhr. n Erſtaunen⸗ 1 Euch b Nein Weih hne 539 Rodewald ſelber trat, als er dieſe Worte geſpro⸗ chen, zurück, wandte ſich dem Gebüſche zu, wollte die alten, von ihrem Glauben auseinandergeriſſenen Freunde nicht ſtören. Die Gewißheit: Dieſer einſame Wandrer da im Dickicht der Landesgrenze iſt der viel⸗ genannte, vielbewunderte und vielverwünſchte allmäch⸗ tige Egon! hatte etwas Ueberwältigendes. Wie kam Rodewald zu dieſer nahen Verbindung? Man wußte nur, daß ſie ſich in jüngſter Zeit erkannter gefunden hätten. Die ganze Nähe ahnte Niemand. Cgon ergriff zuerſt das Wort. Er reichte Jedem die Hand und ſprach: Louis Armand, Siegbert, Dankmar Wildungen! Auf dem Schloſſe Buchau hab' ich geſtern die Ge⸗ walt, die ich zwei Jahre bekleidete, in die Hände des Fürſten zurückgegeben und ſtehe nun wieder Euch eben ſo frei gegenüber wie damals, als wir ſo eng verbunden nach dem Schloſſe Solitüde fuhren. Mis⸗ traut Dem nicht, was ich Euch zu ſagen habe, Euch ſagen muß, um mit erleichtertem Herzen die Wieder⸗ herſtellung meiner zerrütteten Geſundheit in ſüdlichen Ländern zu ſuchen. Wiſſet zuvörderſt, ich war Zeuge Eurer beiden Nächte auf dem Tempelſtein! Die Freunde erſtaunten, ſchraken faſt zurück... Beim Brande erkannte ich Euch und bewunderte die Großherzigkeit, mit der Ihr das Geſchick Eures Erbes ertruget! Und nicht die Furcht der Entdeckung allein vor den ringslauſchenden Späheraugen war es, was Eurem Schmerz die laute Sprache raubte, es war die gefaßte Ergebung. In der Reihe von Wä⸗ gen, Reitern, die beleuchtet vom Flammenſchein in der Ferne ſtanden und das Schauſpiel, wo Rettung vergebens, betrachteten, wurde Euer Muth bewundert, wie Ihr Drei noch überall waret, überall noch an⸗ griffet, den Nachtwandler ſuchtet, der ſchon Aſche war, ihn ſuchtet, nicht das Eurige... ein Unglück, das Nie⸗ mand ahnte. Nach Abgabe meines Portefeuilles ſprach ich Rodewald, erfuhr Alles, was geſchehen, ſprach in dieſer Nacht auf Dankmar's Frage das majeſtätiſche Ja! das feierlich in den Ruinen widerhallte— Iſt's möglich? konnte Louis Armand nicht um— hin, den alten Freund, den Geliebten ſeiner Schwe⸗ ſter Louiſon, zu unterbrechen... Ja, Louis, ſagte Egon, ſich zu ihm wendend. Da bin ich nun von meinem Feldzuge zurück! Seht in mir den müden Kämpfer, der aus tauſend Wun⸗ den blutend ſein Haupt auf jenen Stein legt, den man Undank nennt. Sagt nicht, daß ich der Erſte war, der auf Euch, die Ihr mich emportrugt, dieſen Stein warf... ger! gewe Mi Über ſaft ſchlun Himn und 541 Dankmar runzelte die Stirn... eſchi Gure Dankmar, unterbrach Egon die Erregung des ſtren— Euddenung ger Urtheilenden, Dankmar, wär' es meiner würdig geweſen, ein Anderer zu ſein, als ich ſein konnte? 906 1, Mit Euch in den Hainen der Akademie wandeln und e bon W über Gott, Freiheit, Unſterblichkeit, Staat und Geſell⸗ ſchaft unter den von Epheu und Asphodelos um⸗ ſchlungenen Arkaden der Philoſophie, unter dem blauen Himmel der Idealität, Sokratiſche Anſichten tauſchen und dieſe feudale Welt regieren, das ſind zwei Gegen⸗ gen war es, menſchein in wo Rettung h bewunder, all noch an⸗ Aſche war 63 n Aſche mn, ſätze wie Süd und Nord. Konnt' ich Euch von 5 Nie⸗ œ. n„ 9¼ ück, das 3 der Tribüne des modernen Staates in Eure luft'gen 15 5 ſyr.) 2 uilles hai Träume folgen? ſprach in Dankmar begann die Erwiderung, daß der oben im Tempelſtein geſchloſſene Bund ein von der ſonſti⸗ llte— gen möglichen Einwirkung auf die Zeit völlig unab— d richt um⸗ hängiger Traum wäre. Aber Siegbert, der milder iiner Schbe⸗ Geſtimmte und von Egon's Anblick Gerührte, ſchnitt die ſtrafende Rede des Bruders ſogleich ab und winkte 1 wendend nur Egon zu ſprechen. rück Sehl Haltet mir nicht entgegen die Zerrbilder, wie Ihr uſend Wun mich auffaßt! ſagte der Fürſt. Adelsſtolz zuvörderſt? in legt, de Ich kenne die Geſchichte des Adels 4... Was Euch die 3 der Erſt plötzlich in mir erwachte ariſtokrati che Regun ien c V gung. rugt dieſe var nur mein Erſtarren über die Nothwendigkeit, die 542 Geſchichte der Grundſäulen, auf denen die einmal ge⸗ gebene Geſellſchaft ruht, nicht lange erſt unterſuchen zu dürfen, den Blick abwenden zu müſſen von dem Werden und nur das Gewordene feſtzuhalten, das Wie zu opfern, um das Was zu ſchützen... Freunde, Ihr ſprachet dann von Rechten, ich von Pflichten, wir waren ehrlich gegen einander und ich bin es noch jetzt, daß ich nicht die mir gewordene Offenbarung verſchließend und mein Haupt verhüllend davonziehe, ſondern Euch ſage: Dieſer Zeit muß wohl etwas kom⸗ men, wie Euer Bund oder wenigſtens der Geiſt Eures Bundes, ſonſt bricht dieſe Geſellſchaft in Trümmer! Rodewald war näher getreten und hörte ruhig der Erörterung zu, die ſich im langſamen Gehen über die Rückblicke auf die Vergangenheit ergab. Egon erklärte, daß eine Zeit, wo die Könige auf den Egois⸗ mus mehr hörten als auf die Stimme einer ſich ſelbſt⸗ beherrſchenden, auf Geſchichte begründeten Weisheit, in ihrer gegenwärtigen Ordnung verloren ſei. Egon war mehr Republikaner als ſelbſt Louis Armand, der den um ihn geſchlungenen Arm des alten Freun⸗ des an ſein Herz drückte und die Thränen ſeiner Rührung nicht verbergen konnte. Dankmar aber er⸗ freute Alle, indem er zugeſtand: 4 Egon uns alſo wiedergewonnen! Nie ſchätzte ich, ie einmal ge⸗ t unterſuchen ſen von dem uhalten, das Freunde, Pfüchten, wir bin es noch Offenbarung d davonziehe, letwas kom⸗ r Geiſt Eures . in Trümmer. b rte ruhig „Gehen über rgab. Egon uf den Egoi ner ſich ſabſ ten Weishein n ſei. Ggol 8 4 rmand, 11 Arn Freun alten Fleu gränen ſeine fmar aber e ie ſchätzte 1 543 — dich mit dem Maaße geringer Naturen! Du haſt verſucht, ein Staatsmann zu ſein, der die Geſellſchaft vor dem Schickſale einer regelloſen, wilden Auflöſung bewahren wollte. Du ſuchteſt das Prinzip der Er⸗ gebung in das Beſtehende, der Ordnung, der allmä⸗ ligen Beſſerung, der Legitimität ſelbſt bis in die Werk⸗ ſtatt auf, wo du patriarchaliſche alte Gliederung ver⸗ langteſt. Du haſt geſehen, daß dies Syſtem der abſoluten Ordnung an dem wühlenden Zorn des ſich Gott gleichmachenden Königthums und ſeines ſchlim⸗ men Gefolges von Egoismus und falſcher Lehre ſelbſt ſcheitert. Die Machthaber wollen keine Begriffe ſein, ſondern nur Perſonen. Ich gebe dir die beiden Mond⸗ nächte auf dem Tempelſtein Preis! Du biſt noch zu erfüllt von den Mitteln, mit denen du regieren mußteſt, die ganze Maſchine der üblichen Geſellſchaftspraris tönt dir noch in ihrem ewigen groben Gehämmer zu dröhnend in's Ohr, du ſiehſt deine Gendarmen, deine Richter, deine Soldaten, deine Kanonen noch zu metallen... Nein, nein, unterbrach Cgon, dieſe Waffen ſind nichts ohne ein ſtrahlendes Banner, das über Aller Häuptern weht! Deine Reiſige vom Geiſte brauchen nicht einmal zu kämpfen. Sie haben nichts nöthig, als den Blick empor zu richten, in ein Buch, das ſie ſtudiren, zu ſehen, in eine Harfe zu greifen, wo ſie ihre Empfindungen austönen, in ihr Herz, das ſie reinigen und läutern wollen. Sie haben nichts zu thun als nur dieſer Geſellſchaft der ewigen Lüge ſich abzuwenden, ihr nicht zu dienen, ihr zu fehlen, ſtumm zu bleiben, wenn ſie reden ſollen, das Haus zu ſchlie⸗ ßen, wenn man ſie um Hülfe ruft. Dann wird ſich die furchtbare Iſolirung dieſer herrſchenden Geſellſchaft bald zu Tage geben, die ſchaudererregende Minorität, in der ſich plötzlich der Stolz und die Anmaßung be⸗ treffen müſſen. Ich habe ſo tief in die Abgründe der Zukunft geblickt, daß ich ſchweige, um Euch nicht zu ermuthigen, mehr zu wagen als jetzt ſchon ge⸗ ſchehen iſt. So wechſelte man die Meinungen, legte die Hände ineinander, fand ſich in den überraſchenden Augenblick, ergriff ihn mit Liebe, mit Vorſätzen für die Zukunft, auch mit dem Austauſch der gegenwärtigen Lebens⸗ ſchickſale. Egon ſprach von der ihm zuläſſig ſcheinenden Wiederherſtellung des Vermögens, von den geſchloſſenen Liebesbünden, von ſeiner Reiſe und machte die Freunde auf einen Wagen aufmerkſam, der langſam mit ihnen zugleich bergab gefahren war auf der durch den Wald nicht ganz verdeckten tiefer liegenden Straße. Jetzt wurde das große Coupe ſichtbar. Egon ſtand ſtill vo ſie das ſie ichts zu ige ſch ſtumm ſchlie⸗ d ſich ſeelſchaft o do ründe der uch nicht hon ge je Hände u genblic Zutauft 4 Lebens⸗ heinenden ſchloſſenen 4 Freunde nit ihnen 8 Wald he. J dand ſtil und umarmte Jeden der Anweſenden zum Abſchied mit Herzlichkeit. Und zu Louis Armand ſagte er: Auch du willſt dir eine Hütte bauen mit einem deutſchen Mädchen! Nach einigen Jahren hoff' ich dich wieder und dein Weib zu begrüßen. Nenne dei⸗ nen erſten Knaben: Egon! Nicht um Meinetwillen! Nein! Es iſt gut, daß man an ſein Ich ſo oft erinnert wird, daß man ſchon darum die Welt ſich ewig zu—⸗ rufen hört: Vergiß auch mich nicht! Louiſon, Helene, Ihr Alle nanntet mich das Prototyp des Egoiſten und Jedes der Beklagenden hatte Urſache, ſich verletzt zu fühlen. Dennoch wollt' ich zu allen Zeiten nur wahr gegen mich ſelber ſein. Denkt über die Grenze dieſes Wahrheitstriebes nach! Mir zeichnet ſie leider nur meine kranke Ruhe und die Ergebung— Man blickte auf den Wagen und vermuthete in ihm die Fürſtin... Die Umarmung Rodewald's durch Egon, der zitternd ſtille Abſchied zwiſchen dieſen Beiden blieb im Forſchen nach der Fürſtin faſt unbe⸗ merkt. Mit tauſend Glückwünſchen für das Leben, Abſchiedsworten für die nächſte Trennung und den Hoffnungen des Wiederſehens ſchieden endlich die ſo wunderbar ſich Wiederfindenden. Als der Wagen dahinrollte, grüßte aus ihm ein Die Ritter vom Geiſte. IX. 35 1 44 ¹ Frauenantlitz. Es war die Fürſtin, die nicht ahnte, was ihr nach Nizza, wohin die Reiſe zunächſt ging, für eine Schmerzenskunde über den Vater würde geſchrieben werden... Es iſt Melaniel ſprachen die Brüder, bewegt genug durch Das, was ihnen Beiden einſt, ehe ſie die feſten Sterne: Selma und Olga fanden, dieſer leuchtende, irrende Komet geweſen war. Dankmar gedachte der Empfindungen, die Melanie bei der Nachricht über Fritz Hackert's Ende überrieſelt haben mußten... Er konnte nicht umhin zu ſagen: Seit ich nun weiß, daß Egon in Nizza für eine entſchwundene Jugendkraft und ein wilddurchkoſtetes Leben letzte Sammlung und Ruhe ſucht, verſteh' ich dieſen Bund und begreife, daß es eine Stimmung im Manne gibt, wo er von den Frauen nichts, nichts als nur noch ein ſchönes, heitres, ihm dankbar ergebenes Umwehen und holdes, ſtilles Umwalten beſitzen will! Von Rodewald nahm nur Louis Armand Abſchied, den die Verſicherung beglückte, daß er in Franziska Heuniſch ein bewährtes, treues, ſinniges, deutſches Weib ſich gewonnen. Die Brüder ſahen Rodewald heut' Abend wieder und trugen ihm einſtweilen an Selma und Olga, an Anna von Harder, Dyſtra, Rudhard und die ſo plötzlich in die Bahn der Beſinnung und nte, was für eine ſchrieben g genug ie feſten uchtende, achte der cht über . E für eine gkoſtetes ſieh' ich rung im „richts rgebenes en will Abſchied, ranziöla es Weih d heut Selma dudhard ing und 547 des ſittlichen Taktes eingelenkte Fürſtin Adele die liebevollſten Grüße auf. Hinunterſteigend zu dem fränkiſchen Städtchen, wo ſie von Louis Armand ſchieden und wo ſie im Gaſthofe an Freunde, Bundesgenoſſen, auch an den Wohlweiſen und Wohledlen Rath der königlichen Re⸗ ſidenz Briefe und Eingaben ſchreiben und zur Poſt befördern wollten, blickten ſie noch einmal aufwärts und ſahen Rodewald mit dem Tuche winken... Sie wußten nicht, galt dieſer Gruß ihnen oder galt er Egon, deſſen Wagen in den Krümmungen des abſteigenden Weges noch eine Weile ſichtbar blieb, bis er ſich in dem Staub und den Sonnennebeln der großen nach Süden führenden lothringiſchen Landſtraße verlor. Rodewald's Grüßen hatte aber— dem Sohne gegol⸗ ten. Wie er ſo einſam den Gebirgskamm überſtieg, über⸗ ſchlich ihn der wehmüthige Gedanke: Du haſt ihn zum letzten mal geſehen! In ihm hat ein vulkani— ſches Feuer gebrannt und die Hülle ſeines Geiſtes iſt wol für immer zerſtört. Erſt in den Umarmungen Selma's, in den frohen Grüßen der Jungen und Alten auf dem Tempelſtein, deren regierendes und berathendes Haupt er bald ge⸗ worden war und nun bleiben ſollte, ſammelte ſich Rode⸗ 35* ½ 548 wald zu ſeinem offen dargelegten und der Welt bekann⸗ ten Leben wieder, von dem wir, da die Gränze der Ge⸗ genwart wol von uns ſchon längſt überſchritten iſt, auch nur noch ahnen können, daß es reich an ernſten Pflichten und von mancher Sorge getrübt verlaufen ſollte, aber doch vieler eignen Freude und des erheben⸗ deren Blickes auf die Freude Anderer ſicher nicht entbehrte. Und Oleandern einſt begrüßend in deſſen kleinem Erkerſtübchen, alles Nahe und Ferne, Lebende und noch Webende, Abgeſchnittene und doch wie die Wiederher⸗ ſtellung des verbrannten Schatzes hoffnungsvoll neu ſich Anknüpfende, überfliegend, klagend über die durchein⸗ anderlaufenden Fäden des Menſchengeſchicks und die unbefriedigend plötzlich oft durchſchnittene Löſung des Momentes, vernahm er von dieſem die beruhigen⸗ den, faſt lächelnd geſprochenen Worte: 1 Ein Faden, ewig ausgeſponnen, Iſt jedes Stäubchen Sonnenlicht! Die Ewigkeit hat nie begonnen— Was nie begonnen, endet nicht! —— Ende des Romans. bekann⸗ de h; u,. ritten iſt 2 ef 7— 27 mm —— 2 ernſten— zelaufen M. M 24 —— A,, u 3 erheben⸗ nich Mn, lleinem M b 3 — 1 73 8 und noch 27 4 giederher⸗ Y Uneuſich naßs al. Druck von F. A. Brockhaus i und die aus in Leipzig ſung des eruhigen⸗ Seite Erſtes Capitel. Tempelheide 3 Zweites Capitel. Die Natur und das Wunder...... 28 Drittes Capitel. Die Academfm. 57 Viertes Capitel. Die beiden Jahrhunderte.......... 83 Fünftes Capitel. Don 3 Juan und Fauſt............ 117 Sechstes Capitel. Siebentes Capitel. Achtes Capitel. Neuntes Capitel. Zehntes Capitel. Elftes Capitel. Zwölftes Capitel. Dreizehntes Capitel. Vierzehntes Capitel. Letztes Capitel. Inhalt des neunten Bandes. die Meldung......... 184 Der Spruch des Obertribunals.. 265 Eine Maurerarbeit und ihre Folgen 309 J ahen und Laienbrüder........ 350 . 371 Die Richtung Trenedetta⸗ Flottwitz... 405 Mgter und Sin....... 433 Her Tempelſtein........... 462 Die Elemente⸗.......... 394 Cyan Green vellow Hed Magenta