p Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— uane: auf 1 Monat: 1 Met.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 3 3 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 22⁸ 40 79 M3 71 ₰ 14 0TT 320 808 I 11 391 329 Die Nitter vom Geiſte. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkov. Achter Band. —]— Leipzig: 1 F. A. Brockhaus. 1851. Achtes Buch. Die Ritter vom Geiſte. VIII. 1 — Erstes Capitel. Paul Zeck. Die Entdeckung, die Fritz Hackert in jener abenteuer⸗ lichen Nacht über den Gewölben des Rathskellers ge⸗ macht hatte, beſtand aus einem Dokumente. Es war eine Taufakte, aufgenommen in einer nahegelegenen, zu den Sprengeln der Stadt gehörenden Dorfkirche und lautete: „Am 8. Mai 1825 nach unſers Herrn Geburt empfing durch den Unterzeichneten der in der Nähe bei dem Gehöftbauer Rieding von Urſula Zeck, einer fremden Dienſtmagd, geborne uneheliche Sohn in der wegen dabei obwaltender Umſtände und der Kränk⸗ lichkeit des Kindes unerläßlich gewordenen Nothtaufe den Namen: Paul Franz. Solches wird nach dem im Kirchenbuche eingetragenen Berichte hiermit ab⸗ ſchriftlich beſtätigt. Lattorf, Pfarrer in Seehauſen.“ 1* —————— 4 Hackert betrachtete dieſen Schein von allen Seiten und ärgerte ſich, daß er in dem Glauben, Bartuſch ſuche etwas auf ſeine eigne Geburt ſich Beziehendes, irregeführt war. Als Belohnung für ſein Abenteuer blieb ihm nur der Schreck, den er unfehlbar dem Graurock eingeflößt hatte und nach deſſen Wirkung er ſich bei aller Vorſicht, mit der er ſich gegen Schlurck und ſeine Angehörigen ſeit einiger Zeit benahm, am folgenden Morgen zu erkundigen beſchloß. Das ihm werthlos ſcheinende Dokument verſchloß er mit den Worten: Armer Paul Franz Zeck, zur Noth getauft, zur Noth geboren, wohl längſt geſtorben! Ich wette, daß Bartuſch dein Vater iſt! Die angebliche Urſula Zeck wollte den Vater nicht eingeſtehen. Brave Dienſtmagd Das! Vielleicht wurde ihr die Wahl ſchwer zwiſchen Bartuſch und einigen andern Jünglingen, die jetzt auch graue Röcke tragen und in ſtiller Ruhe des Ge⸗ wiſſens nicht ahnen, daß ihnen dereinſt auf dem all⸗ gemeinen Offenbarungsgrundſchlamm, wenn alle Waſſer der Lüge abgelaufen ſein werden, Paul Franz Zeck ent⸗ gegenhüpft, ihre Knie umklammert und ſie mit dem ſü— ßen Vaternamen begrüßt. Im Grunde ärgerlich über ſeine misrathene Ent⸗ deckung ſchlief er ein. —, ½ — 4 5 Am folgenden Morgen erſt beſann er ſich auf den Zuſammenhang des ganzen Abends. Er lachte über 4 Schmelzing, lachte aber auch über ſich ſelbſt. Das Intereſſe, das er der Verhandlung zwiſchen den fünf Männern unter ihnen geſchenkt hatte, kam ihm jetzt ſehr wenig begründet vor. Er hatte, als ſeine Freunde und Gönner, Siegbert und Dankmar Wildungen, po— litiſche Reden hielten, nur dem Inſtinkte nachgeben müſſen, einen böſen Horcher zu entfernen. Auch daß ein Offizier in der Lage war, über Anſichten belauſcht zu werden, die mit ſeiner Stellung in einem gefähr⸗ lichen Widerſpruche ſtanden, ergriff ihn, aber nur, wie wenn er einen ſich Ertränkenden geſehen hätte, bei dem man, ob er nun zu leben verdiene oder nicht, doch un⸗ willkürlich an Rettung denkt. Er hatte auch mit Theil⸗ nahme und ergriffen von mancher Wahrheit zugehört, allein bald wieder vergeſſen war die erſte Erſchütterung und von dem Abenteuer mit Bartuſch vollends jede ernſte Erwägung zurückgedrängt. Jetzt, indem er ſich ankleidete und nach ſeiner Ge⸗ wohnheit unordentlich und wild hier- und dorthin die Kleider, die Strümpfe, die Stiefeln hinwarf, mußte er in ſeiner menſchenfeindlichen Weiſe vor ſich hin dieſe Worte ausſtoßen: Welche Träumer waren Das! Mich hat Gott ver— 6 dammt, des Nachts auf die Dächer zu klettern, wenn Vollmond im Kalender ſteht, aber Die ſpazieren am hellen lichten Tage auf ihnen herum und ſehen die Schornſteine für Pyramiden an! Den Geiſt wollen ſie zum beſſern Durchbruch bringen! Gebt ihm hölzerne Krücken, dann kann er auf der Welt, wie ſie iſt, wohl ſtehen und gehen! Geld, Güter, Anſtellungen, Titel, Ehren, Das ſind die Krücken, an denen der Geiſt allein ſich aufrecht hält in dieſer verdammten Hetzjagd zwi⸗ ſchen Katzen und Hunden in Menſchenform! Nehmt Euch in Acht, daß Eure goldnen Redensarten ſich nicht in Kohlen zu Scheiterhaufen verwandeln! Hackert war beſorgt, daß Schmelzing doch wol Manches erhorcht haben mochte und beſchloß, ſeinen ganzen Einfluß auf ihren Vorgeſetzten, den Oberkom⸗ miſſair Pax, anzuwenden, um ſeine etwaigen Ausſagen in Frage zu ſtellen. Was er nur bei dem dritten Kreuze, ſagte er ſich, mag nachgekritzelt haben! Ich will nicht wünſchen, daß Menſchen in die Lage kämen, durch Schreib⸗ fehler eines unſichtbaren Stenographen an den Galgen zu kommen, aber lieb wäre mir's doch, wenn Par von der beſchriebenen Eſelshaut Schmelzing's allen Mi⸗ niſtern eine Gänſehaut läſe. Es iſt ſo behaglich, auch die Mächtigen ſich fürchten zu ſehen. — 7 Hackert wohnte neben der Barbierſtube des Herrn Zipfel, den wir als politiſchunterrichteten Raſeur der Brüder Wildungen bereits früher haben kennen lernen. Es iſt nur annäherungsweiſe zu vermuthen, daß Par dieſe Wohnung für ſeinen Liebling Hackert gerade des⸗ halb ausgemacht hatte, um ihn in die Nähe eines ſehr lebhaften Verkehrs mit den Meinungen und Anſichten des Tages und des untern Volks zu bringen. Die Barbierſtuben haben ſich noch aus Römer- und Grie— chenzeiten her die Beſtimmung zu erhalten gewußt, das Bureau der Tagesneuigkeiten zu ſein. Herr Zipfel war in der Lage, ſeiner auswärtigen Kunden wegen, den Mantel nach dem Winde hängen zu müſſen, in ſeiner Barbierſtube aber ging es ungehindert demo⸗ kratiſch zu. Hackert wurde jeden Morgen, ganz wie es Pax gewollt hatte, durch die verworrenen lauten Geſpräche, Verwünſchungen, Drohungen aufgeweckt, die dicht hinter der Breterwand, an der ſein Bett ſtand, durcheinanderſchwirrten, denn die Frequenz bei Herrn Zipfel war groß. Ein Kunde wartete auf den andern. Am Morgen nach den Scenen in und über dem Rathskeller wurden die Gerüchte von einem neuen „demokratiſchen“ Miniſterium, dem des Fürſten Gon von Hohenberg, bei Herrn Zipfel ſo laut beſprochen, ———— 8 ſo lebhaft äußerte ſich in dem aufgewühlten Volke Hoffnung und Mistrauen, daß Hackert nicht einmal der nähern Details bedurfte, die ihm Frau Zipfel mit dem Frühſtücke vorſetzte, um ihn vollſtändiger über die Lage des Morgens zu unterrichten. Er ſteckte ſich eine Cigarre an und hätte faſt den Nothtaufſchein des Paul Zeck dazu genommen, wenn ihm das Papier daran nicht zu gelb und wurmzerfreſſen geweſen wäre. Neben ſeinem dampfenden Kaffee blies er die Ta⸗ backswolken vor ſich hin und ſtreckte ſich auf den mit rothgewürfeltem, ein wenig lange nicht gewaſche⸗ nem Kattun überzogenen holzharten Sopha wie ein Paſcha. Ha, ha, dachte er, wenn der Dutzbruder des Wil⸗ dungen Miniſter wird und der franzöſiſche Tiſchler⸗ geſell, den ich auf der Liſte längſt als verdächtig ſtehen habe, Miniſter der öffentlichen Arbeiten, dann wird Schmelzing mit ſeiner entdeckten Verſchwörung wenig Finderlohn kriegen. Der heimtückiſche Burſch! Wie er nach Louiſe Eiſold ſchleckerte— Dabei ſeufzte der Paſcha doch und ſtützte das Haupt auf. Wäre ſie nur hübſcher! ſagte er in ſeiner gewöhn⸗ lichen Frivolität und ſein Gefühl wegſpottend. Wer Me⸗ lanie— ſieh! ſieh! Geiſtesſchweſter! Oder wie ſagten — 9 ſie unter uns? Arbeiten, ſich tummeln, ſich aufraffen, Etwas werden, vorſtellen und dann vor ſie hintreten: So nimm mich, ſo bin ich deiner werth! Und dann doch: Wie hieß es? Mit einer Zwetſche als Naſe? Oder wie daguerreotypirte ſich der Schwätzer, dem Jagellona ſagte, was Melanie mir würde geſagt ha— ben: Fritz, deine Haare brennen, dein weißer Teint hat zu viel Sommerſproſſen und was du mir bringſt und wär' es ein ganzes Modemagazin voll Liebe, iſt aus deiner Hand nichts Neues mehr für mich! Liebe, was iſt Liebe! Dummes, verſchliſſenes altes Zeug! Nur Das reizt die Weiber, zu ſehen, wie dieſelbe Liebe, dieſelbe althergebrachte langweilige Hingebung wol bei Dem ſich ausnehmen möchte oder bei Dem oder bei Dem.. Dem möcht' ich anſehen, Dem abfühlen, wie er lieben könnte, Der mit ſeinen tiefen Augen, Der mit ſeinem ſchwarzen Bärtchen, Der mit ſeinen kleinen gefirnißten Glanzſtiefelchen! Ha, ha! Oder flattern ſie nur deshalb hin und her, weil ſie wiſſen, daß ihre Gefühle Eintagsblumen ſind, Pilze in einer Sommernacht aufgeſchoſſen, das Glück, das ſie zu ge— währen ſich das Anſehn geben, eine Sternſchnuppe, von der man zu bald inne wird, daß ſie nur optiſche Täuſchung war! Geizhälſe ſind's mit ihrem Herzen, Wucherinnen... Melanie, wie ſeh' ich dich flattern 10 und wirbeln, wie ſchwirrſt du hin und her und fliehſt... wen?... dich nur ſelbſt, deinen innern Tod, deinen tiefſten Menſchenhaß... gegen dich ſelbſt und... mich! Ein Kreuz drüber, ein Leichenſtein, ſo groß, wie ihn... drei todte Pferdeköpfe brauchen. Ja, ja, Louiſe! Singſt du vom Haideblümchen, vom zertretenen Weg und richteſt dich nur auf, wenn ein Thautropfen einer hübſchen gereimten Redensart auf dich fällt, die du aus Leihbibliotheken dir abſchreibſt! Armer, ſtickender Phantaſt, warum biſt du nicht ſchö⸗ ner, nicht leichtſinniger, nicht untreuer! Verriethen deine Formen, daß du auf ſie eitel wäreſt und das Privilegium zu haben glaubteſt, Dutzendweis betrügen zu dürfen, wie würden ſich die Dutzende an dich heran⸗ drängen und ſterben wollen von den grauſamen Dol— chen deiner ſchönen Augen! Den guten Geiſt haſt du! Wer nur den Geiſt umarmen, herzen, küſſen könnte! Aber was haſt du ſchmale Bruſt, was biſt du mager, dünnhaarig und wie waſſerblau ſind deine verſtandeskla⸗ ren, nicht römiſch-, ſondern deutſchkatholiſchen Augen! Während Hackert mit mephiſtopheliſchem Reiz ſo noch für ſich hinmurmelte und jene Blaſen warf, die oft zu teufliſcher Luſt ſelbſt in Beſſeren aufſteigen, ohne daß wir ſie im Grunde für unſre wahren Gedanken halten können, hörte er hinter der Breterwand laut lachen. —— Es klingelte. Einige Kunden des Herrn Zipfel brachen tumultuariſch herein. Nein, rief eine Stimme, erſt unſer buckliger Her— kules! Da, ſetzt Euch! Euer Bart iſt die Nacht vor Kummer um einen Zoll gewachſen. Ha, ha, hal lachte ein Andrer und Der, der eben geſprochen hatte, ſagte wieder: Ein guter Vorſchmack für künftige Zeiten! Herr Zipfel, geben Sie uns Waſchwaſſer. Ich komme mir vor, als wär' ich meiner am ganzen Leibe nicht mehr ſicher. Was haben Sie denn gehabt? Wo kommen Sie denn her, meine Herren! erſcholl Zipfel's Stimme und deutlich konnte man das Plätſchern des Waſſers hö⸗ ren, das er aus einem Kruge in die Schüſſel goß. Vom Profoßamt! Wir haben die Nacht ſitzen müſſen! Alle Drei, wie wir hier ſtehen, lagen wir auf zwei Pritſchen, die wir zuſammenrückten, um uns vor dem menſchlichen und thieriſchen Geſindel zu ſchützen, das in einer ſolchen Warteanſtalt ſich guten Tag ſagt. Warteanſtalt? Wie ſo Warteanſtalt? Und Ge⸗ ſindel? Im Profoßamt, dieſe Nacht, wir alle Drei! Al— berti, ich und da unſer ſtämmig Hochland. Vierzig bis funfzig Fledermäuſe fanden ſich bei'm 12 Kehraus mit ein, aber auch Nachteulen, Zipfel, Schu⸗ hus, die mit einem Halloh empfangen wurden— Meine Herren, ich verſtehe immer noch nicht... Einer der Kunden des Herrn Zipfel erzählte jetzt, ſie hätten geſtern Abend einen Böller aus der Willing'⸗ ſchen Fabrik bei einem ländlichen Feuerwerke benutzt und ihn des Abends längs der Stadtmauer mit ſich wieder zurücknehmen wollen. Der da, ſie zeigten wol auf Danebrand, trug ihn frank und frei auf den Schul— tern. Da hätte ſie an einem Thore die Wache an— gehalten. Ihre Ausſagen wegen ihrer Pulvervorräthe und ihres Böllers wären verdächtig erſchienen. Man hätte ſie arretirt, auf's Profoßamt gebracht und erſt heute Morgen wären ſie von dem Aſſeſſor Müller mit einem Verweiſe entlaſſen worden. Der Böller ſteht noch auf der Thorwache, ſagte der Erzähler. Erſt heut' Abend ſoll er in einem verſchloſſenen Kaſten abgeholt werden. Hackert hatte unwillkürlich während dieſer Erzäh⸗ lung nach ſeinem Verzeichniß verdächtiger Arbeiter gegriffen und ſah neben Alberti, Heusrück, auch Da⸗ nebrand... Er gedachte Danebrand's Hülfe in jener verhäng⸗ nißvollen Nacht. Die beiden andern jungen Männer, die ihn gleichfalls gegen die Knechte Laſally's geſchützt 13 hatten, ſpotteten über Danebrand's Ruhe, der bei ih⸗ ren Verwünſchungen der Regierung, ihren jugendlichen Drohreden und der Erklärung, im Maſchinenbauverein auf Genugthuung anzutragen, ſtill und gelaſſen blieb und nur hörbar wurde, als man den Unterhaltungs— ſtoffſammelnden Herrn Zipfel bezahlte. Hier iſt Ihr Zilbergroſchen! ſagte Danebrand in ſei⸗ ner feinen Küſtenausſprache und ging mit den lachenden Geſellen aus dem Laden des mit Thatſachen befruch— teten Barbiers von dannen. Frau Zipfel, die eben den Kaffee ihres Miethers abräumte und ein inſtructives Geſpräch anknüpfen wollte, bekam von Hackert nur kurze, ſchnöde Antwort. Er gehörte zu den Naturen, die immer nach der Re— gung hin, die ihr Inneres empfängt, ganz hinüber⸗ fallen und indem ſie an einer Stelle heilen und gut⸗ machen wollen, nicht wiſſen, daß ſie inzwiſchen ſchon an einer andern Stelle verletzen. Er wollte die wüſten Reden der Arbeiter nicht denunciren, aber der Frau Zipfel gab er faſt einen Fußtritt. Wenn Hackerten Unmuth überfiel, ſo machte er ihm phyſiſchen Schmerz, für den er ſich am Nächſten rächte. Wenn er ſich ſelbſt züchtigen mochte, züchtigte er Andre. Religion und Grauſamkeit ſind ſeit Jahrtauſenden verwandt. Hier iſt Ihr Zilbergroſchen! wiederholte er ſpottend. 14 Ja, gute Louiſe, ich weiß, ſchon dieſe Ausſprache iſt eine Qual für dich! Du haſt nichts in dir, was nur ſäuſeln und das St. weich ausſprechen hören will. Dir ſoll es donnern, durch alle Wolken wettern, im Sturme willſt du lieben und im Blitze küſſeſt du und ein Gewitter macht dich auch vielleicht ſchön. Louiſen hätt' er die Anweſenheit bei der Stiftung des Bundes der Ritter vom Geiſte gewünſcht, ihr hätte er die Wucht der Worte, ihr den Schwung der Ahnungen gegönnt, die ihm... lächerlich vorkamen. Ihr Geiſteskreuzfahrer! ſagte er. Was wißt Ihr von unſerm Lebensfluch? Wißt Ihr, in welchen Ban⸗ den wir liegen? Was iſt Nachtwandeln? Wer treibt uns aus uns ſelbſt hinaus, während unſre Sinne ſchlafen und läßt uns Handlungen begehen, von de⸗ nen unſer Bewußtſein nichts weiß? Es gibt keinen Geiſt. Materie iſt Alles. Atome, die ſich durcheinan⸗ derwirbeln, kopfübern, auffreſſen, die bilden die Welt. Ihre Friktion, ihr Flimmern, ihr Zittern und Tanzen und Jagen, iſt das Leben. Die Luſt der Bewegung iſt das Leben, der Stillſtand iſt Schmerz und Tod. Wir ſummen und brummen und ſchnurren ſo hin, wie die Käfer! Ein Platzregen und Alles hat ein Ende... Und trotz dieſer Abſpannung konnte Hackert laut lachen, als Zipfel eben zu einem Kunden nebenan ſagte: Nun, wiſſen Sie's ſchon? Es iſt richtig! Die Willing'ſchen Arbeiter— Alles fertig!— Geſtern Abend eine Kanone heimlich mit ſich gefahren— um die Stadtmauer herum... Artillerie in ſolchen Händen... es wird gut werden! Und als ſich Hackert angekleidet hatte und ſelbſt zu Zipfel hinüberging, um ſich ſeine Barthärchen, die nur dünn und ſpärlich von der Natur geſäet waren, abnehmen zu laſſen, fragte ihn Zipfel: Ja, Herr Hackert, Sie haben's wol ſchon gehört von den Willing'ſchen Arbeitern? Nichts hab' ich gehört! ſagte Hackert mit der Selbſtbeherrſchung, die ihm immer zu Gebote ſtand. Was iſt? Ihnen darf man's eigentlich nicht ſtecken, bemerkte Zipfel und ſtrich, um Zeit zu gewinnen, ſeine Meſſer. Was nicht? Warum mir nicht? Wer der Polizei ſo nahe ſteht, wie— Wegen Herrn Pax? ſagte Hackert ruhig. Das iſt meiner Mutter Stiefvetter. Er ſorgt für mich, wie ein Vormund. Deſſentwegen... Ihrer Mutter Stiefvetter? Verwandtſchaft dreizehnten Grades. Zipfel hatte eine Thatſache mehr. Er mußte ſich ausſprechen, damit das Gefäß nicht überfloß. Jal ſagte er, die Willing'ſchen Arbeiter ſind ja geſtern Nacht mit drei Kanonen um die Stadtmauer gezogen. Und wiſſen Sie, wo ſie die hernehmen? Da heißt's immer, es werden Gasröhren gegoſſen. Schöne Gasröhren! Pure Kanonenläufe! Nichts als Kanonenläufe! Auf Lafetten gelegt, ſind die Geſchütze fertig. Sagen Sie aber nichts dem Herrn Stiefoetter! Hackert wünſchte, als die Prozedur des Barbierens vorüber war, Einiges über die Miniſterkriſis zu wiſſen. Heute wird's reif, aber fertig iſt's noch nicht! ſagte Zipfel diplomatiſch, nahm ſein Raſirzeug, band es zu⸗ ſammen, ſetzte den Hut auf und erklärte, Hackerten begleiten zu wollen. Er käme nun erſt an die rechten. Quellen... Wir überlaſſen ihn ſeinen Studien, die ihn auch zu den Gebrüdern Wildungen führten, deren Begegniſſe am Morgen nach jener Nacht im Raths⸗ keller wir kennen. Hackert ſchlug ſeinen Weg zu Schmelzing ein, den er ſchon im Begriff fand, ſeine Bleiſtiftnotizen in's Reine zu ſchreiben. Schmelzing wohnte in ſeinem neuen Logis beſſer als Hackert. Er beſaß nicht die cyniſche Verachtung alles Luxus wie dieſer, der gerade in ſeiner Unfähig⸗ ——+=——=2;e=— ———— 17 keit, ohne Bedienung ordentlich und ſauber zu erſchei⸗ nen, etwas Vornehmes hatte. Schmelzing glänzte ſich ſelbſt ſeine Stiefeln, bürſtete ſich ſelbſt ſeinen Rock, nähte ihn auch zuweilen und war für ſeine Verhältniſſe ſo glatt geſchniegelt wie ſeine Handſchrift. Aber heute fand ihn Hackert doch noch in Unordnung. Dieſe verwirrte Nacht hatte den geriebenen, ſeiner mit ſub⸗ tilſtem Egoismus pflegenden alten Jüngling gelinde außer Faſſung gebracht. Er empfing ſeinen Kollegen heute faſt mit unartikulirten Vorwürfen und erklärte, nie wieder mit ihm gemeinſchaftlich„operiren“ zu können. Was wollen Sie denn? fragte Hackert den Jam⸗ mernden. Ihre Narrenspoſſen haben mich faſt um den Ver⸗ ſtand gebracht. Die Frauen ſind meine ſchwache Seite, und ich muß Sie in der That bitten, wenn wir in Amtsgeſchäften ſind, nie, nie wieder auf das andre Geſchlecht zurückzukommen. Aber Sie undankbarerZurückgekommener! rief Hackert und zeigte auf eine lang ausgebreitete Pergamenttafel voller Notizen, Sie haben ja die beſte Verſchwörung von der Welt auf dem Leder! Was hab' ich denn? An dem einen Kreuz, wo die beiden Damen, die nach Eau de Cologne— 4 Schweigen Sie jetzt, Hackert! Die Ritter vom Geiſte. VIII. 2 18 Die Eine, die Schwarze, die er Aspaſig nannte— wiſſen Sie, Schmelzing, die mit— Ich bringe Sie um! Sie bringen ſich ſelbſt um, wenn Sie Ihre weiße Halsbinde ſo kokett ſchnüren. Wollen Sie ſich Blut in die Wangen lügen? Blaſſer Teint ſteht Ihnen viel intereſſanter. Was wird Pax ſagen! Ich hoffte einmal auf ſeins Empfehlung als Kammerſtenograph! Aber, mein würdigſter Kanzleirath, was bleibt mir denn erſt übrig? Ich habe mit einem Geſpenſt ge⸗ ſprochen! Bei Verſchwörungen ſtatuirt die Polizei keine 1 Geſpenſter! Für Geſpenſter gibt es keine Dääten! Schöne Halsbinde, Schmelzing! Wo laſſen Sie wa⸗ ſchen? Ihre Wäſcherin.. Schmelzing, aufkichernd, brach dies Thema ab und verlangte eine Mittheilung über die ſonderbare Er⸗ ſcheinung des grauen Mannes. Hackert gab ihm nach einigen dämonologiſchen Neckereien zuletzt eine ratio⸗ naliſtiſche Löſung. Er ſprach geradezu von Dieben und von der Nothwendigkeit, dieſe der Stadt ſo wich⸗ tigen Räume unter eine beſſere Aufſicht zu ſtellen. Er ſchloß ſeine Mittheilung damit, daß er nicht mehr in das Archiv mitginge und blickte nun auf Schmel⸗ zing's Errungenſchaft, ſeine beſchriebene Eſelshaut... 19 Sie ſtenographiren nach der ſüddeutſchen Methode? ſagte er. Ich war noch nie in Schwaben und finde mich nicht in Ihrem Gewimmel zurecht... Indem klopfte es ſtark und mit dem Klopfen zu gleich trat in Eile der Oberkommiſſär Parx ein. Schmelzing hätte faſt den Aermel ſeines Fracks zerriſſen, den er eben anziehen wollte, während er auch ſchon nach einem Stuhle griff. Hackert nahm die Ci⸗ garre aus dem Munde, die Hände aus den Bein— kleidertaſchen... ſonſt aber blieb er unerſchrocken und phlegmatiſch. Es ſollte nun Bericht erſtattet werden. 2* Zweites Capitel. Dämmerungen. Aber meine Herren, begann Par, was iſt Das? Ich erwartete Sie längſt! Eine ſo wichtige Miſſion! Wo ſind Ihre Aufzeichnungen! Was haben Sie für Re⸗ ſultate? Schmelzing zeigte mit großer Verlegenheit auf das von ihm beſchriebene Pergament und ſah hülfeflehend Hackerten an, der mit aller Ruhe das Wort ergriff: Denken Sie ſich! Wir fanden ja ſtatt nur eines zuletzt drei Kreuze erhellt, Herr Oberkommiſſär! Ueber jeder der drei Zellen wurden Dinge geſprochen, die des Anhörens werth waren. Der Oberkommiſſär ſchien ſehr erfreut. In der einen ſaßen zwei griechiſche Damen, ſagte Hackert, und ein... ein lateiniſcher Herr— Ich weiß, ſagte Par lächelnd. Die eine Zelle war von dem phantaſtiſchen Pfarrer Guido Stromer beſetzt, war ſdeſetzt 21 der hier jetzt in Begleitung zweier Fräuleins Wand⸗ ſtabler die Wildheit austobt, von der kein Menſch be⸗ greift, wie er Jahre lang auf ſeinem Dorfe ſie hat bändigen können. Es wird nöthig ſein, den Mann zu warnen. Waren es wirklich die Wandſtablers? ſagte Hackert erſtaunt. Ja, fragen Sie Schmelzing, dieſer Herr hat ſich, ſoweit es mit Gefahr, die Augenlieder zu ver— brennen, zu hören möglich war, ſo in wiſſeenſchaftliche Unterſuchungen über die Liebe ergangen, daß Schmel⸗ zing in ſeinen edelſten Grundſätzen wankend wurde und ſich ſelbſt gern ins Türkiſche überſetzt hätte, wenn... Ich will nicht hoffen, unterbrach Pax, daß Sie dies Stelldichein eines unbeſonnenen Mannes, den der Genuß des Reſidenzlebens um Vernunft und Vorſicht zu bringen ſcheint, geſtört hat, an der Haupt⸗ ſtelle Acht zu geben? Nein, fuhr Hackert als Wortführer fort, Schmel— zing verachtet den ſogenannten Pantheismus, den Propſt Gelbſattel an Schlurck's Tiſche proklamirte, wenn der Champagner kam. Ich beredete ihn, weiter entfernt beim dritten Kreuze Platz zu nehmen. Beim dritten Kreuze? rief Par, der Bildung ſei⸗ nes Schützlings ſich freuend, aber doch betroffen. Da, wo General Voland von der Hahnenfeder ſaß, den man wohl erkannt hat, trotz ſeines Mantels, in den er ſich wie in eine Kapuze hüllte... Es war ein Franzoſe mit ihm! ſagte Schmelzing raſch, um ſich zu rechtfertigen. Und Propſt Gelbſattel, deſſen helltönende Deſſert⸗ Stimme ich kenne, verlangte dem General zu Chren Lacrymä Chriſti... ergänzte Hackert. Ein Franzoſe, beſtätigte Pax. Sollte es wirklich Sylveſter Rafflard geweſen ſein? Uebrigens, darauf kommt wenig an. Ich hoffe, daß der Irrthum bald entdeckt wurde und— aha, da liegen Schmelzing's Scripturen. Haben Sie Acht gegeben, was beſonders der Major Werdeck äußerte? O vollkommen, ſagte Hackert, die Frage entſchloſ⸗ ſen auf ſich beziehend. Ich poſtirte mich über der mittleren Zelle, wo ſich etwa fünf Gäſte zu unterhal⸗ ten ſchienen— Sie ganz allein? Sind Das Ihre Aufßzeichnun⸗ gen, Hackert? Sehr unleſerlich! Hackert, ſehr un- leſerlich! Hackert hatte ſeine Brieftaſche hervorgezogen, in der allerlei verworrenes Durcheinander verzeichnet ſtand. Die Herren ſprachen ſehr raſch, entſchuldigte ſich Schmelzing ſtotternd, und der Franzoſe wurde vollends von einem ſo hektiſchen Huſten öfters unterbrochen— 23 Hektiſchen Huſten? Der junge Louis Armand? Ich meine, der Profeſſor— Der Profeſſor? Welcher Profeſſor? An dem dritten Kreuz— Sie haben doch nicht— Schmelzing hat Alles, was die drei Herren unter dem dritten Kreuz über die Jeſuiten und ihren zukünftigen Ein⸗ fluß auf Deutſchland ſagten, hier aufgeſchrieben... Aber mein Gott— Wer will denn etwas von den Jeſuiten wiſſen! Was haben Sie denn gemacht! Die fünf! Was hat denn zum Teufel der Major Werdeck geſagt? Hackert! Erlauben Sie, Herr Oberkommiſſär, ſagte Hackert. Bei den fünfen war ich und habe nur wenig nach⸗ geſchrieben, weil ich beſſere Ohren und beſſeres Ge— dächtniß habe als Schmelzing, dem ich die drei Je⸗ ſuiten ließ, als die wichtigſten. Pax gerieth in den äußerſten Zorn. Er lief im kleinen Zimmer auf und ab, fluchte und wetterte und erklätte, daß ihm mündliche Berichte nichts helfen könnten. Und als Hackert gar anfing, zu erklären, jene fünf hätten ſich Charaden aufgegeben, ſich in geiſthaſchenden Betrachtungen über die Blume der Weine, die ſie tranken, zu überbieten geſucht, Frauen— tugenden analyſirt, Univerſitätsanekdoten ſo breit er⸗ „ 24 zählt, wie ſie Melanie Schlurck immer vom Tiſch des Juſtizraths verjagt hätten, fuhr Pax auf: Hackert, Sie belügen mich! Herr Oberkommiſſär,— ich verbitte mir,— warf ſich Hackert in die Bruſt. Schmelzing, haben Sie nicht gehört, daß man von dem Geiſte der Weine und im— mer über und durch die Blume ſprach? Schmelzing hatte von dem Worte Geiſt eine Er— innerung und behauptete, dies gefährliche Wort ſehr oft gehört zu haben. Pax fixirte Hackerten auf's Schärfſte. Ich verſichre Sie, wiederholte Hackert, daß wir Beide nur gehört haben, wie man von Geiſtern ſo viel ſprach, daß wir Geſpenſterfurcht bekamen. Was, Schmelzing? Nicht wahr? Der Geiſt muß regieren, ſagten ſie und ſetzten alle Könige ab. Das thaten ſie. Einen Thron bauten ſie von Gedanken und be⸗ hingen ihn mit Spinneweben und unſichtbaren Staub⸗ fädchen. Die Armeen ſchafften ſie ab und wollten nur noch Schilderhäuſer, die nicht größer wären, als hohle Krebs- oder Nußſchaalen. Polizei dürfe es gar nicht mehr geben, weil die Diebe nicht zu ſtehlen brauchten, da Allen Alles gehörte— Das iſt Kommunismus, ſagte Par, der ſich über dieſe wichtige Zeitfrage zur Noth durch kleine kon⸗ 25 fiscirte Schriftchen orientirt hatte. Und Schmelzing ſperrte ſtaunend den Mund auf, froh, daß Hackert die Verantwortlichkeit dieſes Dienſtverſehens nun al— lein trug. Fahren Sie fort! ſagte Pax. Sie machten Alles gemeinſchaftlich, dieſe fünf, zuletzt, ich verſichre Sie's, zuletzt auch die Rechnung. Niemand bezahlte für ſich, ſondern die verſchiedenen Geſchmäcke wurden in einen zuſammengezogen, dann mit fünf dividirt und auf jeden kam, einſchließlich mehrerer Beefſteaks, ein Thaler und fünf und zwan⸗ zig Silbergroſchen. Par ſtampfte mit dem Fuß auf und ſchleuderte Ha⸗ ckert's Brieftaſche von ſich. Aber ich verſichere Sie, Herr Oberkommiſſär, die Parole hieß: Geiſt! Hier— Hackert griff in ſeine Brieftaſche— hier ſteht's ja. Der Eine ſagte: Geiſt iſt der Herrſcher des Weltalls und der Meiſter des Teufels und die Dampfkraft in der Lokomotive: Menſch genannt. Erſt greift der Menſch als Wickel-, Win⸗ del⸗, Fallhutkind um ſich und begreift, was er faßt, begreift ſeine Beulen und verſteht, was ihm anſteht, als Eßgegenſtand. Aneignung durch den Mund iſt die erſte Kritik der reiferen Vernunft. Dann... Hackert improviſirte ſo fort... dann trennt das Kind 26 Eins vom Andern, das Naſchbare vom Unnaſchbaren und theilt es und urtheilt. Ueber das Urtheilen machte man Wortwitze, wie ich ſie bei Schlurck hörte, wenn Univerſitäts⸗Profeſſoren gebeten waren und an einer Gänſeleberpaſtete durch die Zunge die Urbeſtandtheile herausſchmecken wollten. Ein berühmter Profeſſor, den Schlurck auf Händen trug, weil er immer ſagte: Alles was iſt, iſt vernünftig, der alte Herr nahm einmal von dieſen Ur-Theilen ſo viel auf einmal in ſich auf, daß er am folgenden Morgen an einer In⸗ digeſtion verſtorben war, worüber Schlurck ſagte: Das erſte Iſt, das doch unvernünftig war! Dann hieß es unter dem mittleren Kreuz: Es gäbe einen wahren Geiſt und einen falſchen, echte Moral und falſche und das innere Geſetz, darin fand ich Gefähr⸗ liches, das innere Geſetz ſtünde über dem äußern. Man bezeichnete grade nicht die Polizei als die Geg— nerin des inneren Geſetzes, allein ſie ſagten, ſie woll⸗ ten einen Liebesbund ſchließen, wo Alle ſich mit gei⸗ ſtigen Waffen ſchlagen ſollten und in Harniſch gera⸗ then nicht mehr aus perſönlichem Intereſſe, nicht mehr aus perſönlicher Leidenſchaft, ſondern nur aus Ueber⸗ zeugung und um des innern Denkens willen. Ich rufe Schmelzing zum Zeugen. Dieſe fünf Menſchen waren mit der ganzen Welt zerfallen und wußten nichts zu —-·„. loben, nichts, gar nichts, als höchſtens des Raths— kellermeiſters Weinkarte. Par durchflog, während Hackert in dieſer Weiſe flunkerte, das Pergament Schmelzing's und deſſen Ab⸗ ſchrift. Er fand hier in der That reellere Dinge, wirkliche Namen, Zuſtände, Beziehungen... Kommen Sie zum Präſidenten, ſagte er endlich. Ich ſehe doch, es ſind wichtige Namen da genannt worden und ſo gewagt es ſein kann, hochſtehende, bei Hofe verehrte Männer, wie den General Voland von der Hahnenfeder und den Propſt Gelbſattel in ihren geheimen Aeußerungen zu belauſchen, ſo weiß man doch nicht, welches Ende unſre Miniſterkriſis nimmt. Der General hat es abgelehnt, mit dem Fürſten von Hohenberg ein Miniſterium zu bilden. Profeſſor Rafflard iſt uns längſt ſchon verdächtig. Der Präſi⸗ dent wird zornig ſein, daß wir über Werdeck nichts Genaueres fiſchten, nichts über dieſen gefährlichen Leidenfroſt; ich hoffe aber, dieſe Notizen machen es gut. Ich nehme ſie mit. Kommen Sie um zehn Uhr zum Präſidenten, Schmelzing, damit Sie Alles de⸗ chiffriren! Schmelzing war glückſelig. Er hatte unfehlbar einen Sieg über Hackert errungen, Dieſem die ver⸗ fehlte Erpedition zugeſchoben, Brauchbares durch Zu⸗ 28 fall entdeckt. Doch nahm Par auch von Hackert, ſeinem jüngſtgeworbenen geheimen Agenten, mit Scho⸗ nung und ſichtlichem Wohlwollen Abſchied. Er bot beiden Schreibern Geld an, das ſie nahmen. Er forderte ſie ſtreng auf, jede nähere Beziehung zur Po⸗ lizei noch für einige Zeit zu verbergen, es würde bald die Zeit kommen, wo ſie vorwärts rücken könnten und, wenn ſie wollten, Dienſtabzeichen tragen dürften. Noch diktirte er ihnen einige Namen zu den Liſten verdächtiger Perſonen, die ſie ſchon bei ſich führten; es befand ſich der eines Engländers Namens Murray darunter. Schließlich gab er ihnen verſchiedene Ein⸗ trittskarten an öffentliche Orte, beſonders in Ausſtel⸗ lungen, in Muſeen, Konzerte, auch eine immerwäh⸗ rende Gaſtkarte in die großen und kleinen Verſamm⸗ lungen des Reubundes, weniger um verdächtige, dort nicht fallende Aeußerungen zu überwachen, als ſich in derjenigen Geſinnung zu ſtärken, die allein der Sta— chel und Sporn wäre, ihrem Berufe mit Eifer und Hingebung zu folgen und beſonders eine innere Scheu des Angebens überwinden zu lernen. Par verließ ſie. Schmelzing war froh, ſo gut davongekommen zu ſein und konnte nicht begreifen, wie Hackert, der doch auch gefehlt hatte, losbrach: Die ewige Angeberei! Hol' die der Teufel! 29 Ich hatte geglaubt, Par würde uns da anſtellen, wo man erfährt, wo heimlich geſpielt, wo der beſte Punſch gebraut wird und die hübſcheſten Mädchen ohne Er⸗ laubniß zu lieben wagen. Das Departement der öffent— lichen Tugend, dacht' ich, würde Ihnen, Schmelzing, anvertraut werden, daß auf dem Trottoir uns die ele⸗ ganteſten Damen im Vorübergehen zuflüſterten: Guten Tag, Schmelzing! Kennen Sie mich um Gottes⸗ willen hier nicht, Schmelzing! Himmliſcher, ſüßer Schmelzing, unter deſſen Kontrole ich ſtehe, der bei mir aus- und eingehen darf, bei Tag und bei Nacht — Süßer, himmliſcher Schmelzing mit der weißen Halsbinde— Schmelzing lachte hellauf vor Wonne über dieſe zuletzt in die ihnen geläufige Fingerſprache übergehen⸗ den Tollheiten. Er hatte ſeinen Hut genommen, drängte Hackerten zur Thür hinaus, ſchloß ſeinen Käfig zu und bat nur, unaufhörlich kichernd, ihn mit dem „andern Geſchlecht“ nicht zu furchtbar aufzuregen. Er müſſe zum Präſidenten, ſich ſammeln... Unten auf der Straße trennten ſie ſich. Hackert war unfläthig genug, ihm faſt.. die Zunge nachzuſtrecken. Er ſchob die Hände in die Beinkleiderta⸗ ſchen, rannte die nächſte rauchende Perſon mit einem Pardon! an, bat um Feuer! und ſchlenderte, wie ein 30 Tagedieb, den lebhafteren Gaſſen zu. Er wollte erſt Siegbert beſuchen, um ihn zu warnen, führte aber dieſe gute Regung nicht aus, da ſie ihm jetzt unnöthig ſchien. Nun wollt' er zu dem alten grauen Hauſe, das Schlurck bewohnte, wollte ſich erkundigen, wie es um Bartuſch ſtünde, wollte einmal den Verſuch ma— chen, Schlurck ſelbſt zu begrüßen, dem er ſeit ſeiner Unterſuchung in Sachen des Bildes der Fürſtin Amanda von Hohenberg imponirte. Er war voll Uebermuth und Trotz. Als er nun wirklich vor dem alten, mit dem Kreuze bezeichneten Hauſe ſtand, blickte er ſchielend zu den Fenſtern auf, hinter denen Melanie wohnte. Wie rannen da alle ſeine chaotiſchen, nicht guten, nicht völlig böſen Empfindungen in dem einen ſtarken mäch⸗ tigen Strom zuſammen: Vergangenheit! Seit jener Nacht, wo ihm Melanie im Wagen verſprochen hatte, Laſally von einer Unterſuchung abzubringen, mit der der ergrimmte Freier ihn bedrohte, hatte er ſeinerſeits das Verſprechen geben müſſen, auch nun für ewig von ihr zu laſſen und ihre Bahnen nicht mehr mit ſeinen ſchreckhaften Erinnerungen an Kinderglück zu durchkreuzen. Hackert, hatte ihm Melanie damals geſagt, du weißt ſehr wohl, daß ich über meine Zu⸗ kunft eine ernſte Betrachtung anzuſtellen habe und mich 31 it F nicht blindlings an den erſten beſten der Vielen, die er mir huldigen, verſchenken kann. Und Hackert ſchwur g damals, was Melanie begehrte. Berauſcht von Lieb⸗ , koſungen, die er ungroßmüthig ertrotzte, war er nach 6 Hauſe geſchwankt, hatte die Brüder Wildungen, Louiſe d Eiſold, Bartuſch im frechſten Uebermuthe verhöhnt, er war auf den Fortunaball geraſt, hatte ſeiner ganzen in verlornen Natur den Zügel ſchießen laſſen, bis ihn 1' der Fluch ſeines Daſeins, wie er ſein Traumwandeln nannte, im Augenblicke der Erſchöpfung ſtrafte und e ihn zum jammervollen Spott der Menſchen auf's Neue n mitten im Glückstaumel niederwarf. Um zu vergeſſen, e war er den Anerbietungen des Oberkommiſſärs gefolgt. t Die feige Verzweiflung, die ihn zuweilen erfaſſen konnte, hatte ihm den Muth gegeben, bis dahin Alles zu thun, was man von ihm verlangte. Nun kamen wohl ſchon lichtere Augenblicke über ihn. Mitten in der wüſten Lebensart, die er nun, wo er doppelt Geld hatte, am wenigſten ließ, überkam ihn wohl ein Gefühl verzweifelnder Wehmuth. Da ſetzte er ſich in Trink⸗ ſtuben hin, warf einen Papierſchein auf den Tiſch, nahm das Geld nicht auf, das er wieder heraus be⸗ G kam: er haſſe das ſchmuzige Metall, ſagte er, es mache ihm Krämpfe in den Fingern. Er trank, kam durch die Aufregung, die der Wein mehrte, in einen —᷑—;—xx—— —;;;’:—— Zuſtand verbiſſener Wuth, verletzte Jeden, der ſich ihm nahen wollte und hatte doch meiſt die Kraft nicht, die Folgen, die ſeine entfeſſelte Wildheit nach ſich zog, auszu⸗ kämpfen. Man warf ihn da, wo er wie ein König eingetreten war, wie einen Bettler zur Thür hinaus. Und es ſprang ihm Niemand bei. Es ſchloß ſich ihm Niemand an. Niemand faßte zu ſeinem Weſen Ver⸗ trauen. Er konnte dann ſtundenlang ſitzen, das Haupt aufgeſtemmt und ergrimmte Gloſſen hin- und her⸗ ſchleudernd. Man kannte ihn ſchon und beluſtigte ſich an ihm. Seine Grundanſchauung war die, Jeden für irgendwie ſchlecht zu halten. Wenn er ganz mit ſich in Verfall gerieth, gin er vor die Thore, ſetzte ſich an die Spielplätze der Kinder, ſah deren Treiben zu und wollte ſich auch ſchon aus Dem die Eitelkeit, die Gewaltthat, den Eigennutz früh heraus⸗ märzen. Wie Timon dann Alle verwünſchend, Alle haſſend, rannte er in die Felder, in die Vorſtadtgaſſeu und endete gewöhnlich damit, daß er ſich zuletzt zu den Verworfenſten ihres Geſchlechtes flüchtete, mit dieſen tobte, fluchte, philoſophirte, grade als wenn er aus dem Schlamm erſt heraus nach Licht und Poeſie rang. In dieſer Sphäre hielt man ihn für verrückt. Dem Schlurck'ſchen Hauſe lag ein Café gegenüber. In dieſem ſaß er ſchon ſeit ſeinem Bruch mit der 33 Familie oft Tage lang und beläſtigte des Juſtizraths Fenſter durch freche Blicke. Auch heute wollte er ſchon in aller Frühe in das Café eintreten und den uner⸗ quicklichen Dunſt und Staub, den eine Herberge am frühen Morgen darbietet, einathmen, als er Jeannetten aus dem Schlurck'ſſchen Hauſe treten ſah. Sie hatte einen der herbſtlichen Jahreszeit entſprechenden Man⸗ tel um und ſah faſt ergrimmt, faſt biſſig, jedenfalls ſehr finſter aus. Trotz dieſer Witterung, die er gleich ſpürte, wagte ſich Hackert an ſeine Feindin, grüßte ſie und ſtellte, die Cigarre halb aus dem Munde neh⸗ mend, mit dem Hut auf einem Ohr, ſich ihr dicht in den Weg. Zwei Menſchen Das, die Gott nur zu Rädern für fremden Willen geſchaffen zu haben ſcheint, zu ohnmächtigen Werkzeugen fremder Kraft, und grade die wollen erſt recht ſelber im Leben regieren, wollen grade im Dienen herrſchen und herrſchen wirklich! Nachtvogel! war Hackert's Gruß und Tagedieb! Jeannetten's Antwort. Blaſ' er ſeinen Qualm nicht ehrlichen Leuten in's Geſicht! Manſell hat Angſt um ihre glatte Haut! Herbſt wird's? Tragen Sie doch einen Schleier! Ihr Teint ſpringt auf trotz Gold⸗Cream, der Ihnen da von der Nacht noch an der Naſe glänzt! Die Ritter vom Geiſte. VIII. 3 —.—— 1 3- 4 1 Arl 4 . I 1 AI 4 4 I 34 Jeannette beſann ſich, ob ſie ſo fortfahren ſollte. Eine Stimme ſagte ihr: Die Feinde deiner Feinde ſoll⸗ ten deine Freunde ſein! Und ſo begann ſie: Hackert, die Zeiten, wo Sie im Hauſe waren, ſind nicht mehr. Hackert war nicht ſentimental. Am wenigſten liebte er die gefühlvollen Kammerzofen. Sie weinen ja? ſagte er. Thränen wie Zwetſchen ſo dick, Thränen, wie Roßäpfel von Ihrem himmliſchen Herrn Laſally! Lumpenvolk! Denken Sie doch nicht mehr an den Abend in der Fortuna, Hackert, lenkte die Kammerzofe ein. Neu⸗ mann hat's bitter empfunden. Sie hatten mich durch Ihre ſchändliche Plauderei wegen dem falſchen Prin⸗ zen um meinen Platz gebracht. Sie hätten den Zorn ſehen ſollen, wie Melanie nach Hauſe kam von Frau von Harder— gleich mir aufgeſagt— Und wir wiſſen doch, Hackert— wir wiſſen doch— Schnurr du und noch ein Spinnrad! äffte Hackert das raſche Plaudern der Zofe nach. Biſt ja im Haus geblieben, edles Weſen! Der ſüße Bartuſch und die Waſſernire, die Frau Juſtizräthin, warfen dich ja nicht zum Tempel hinaus, ließen dich ja bei Neumann, ſeinen Ohrringen und ſeinem Backenbart! Schlurck kann ja auch nicht den Geruch von jedem Frauen⸗ 35 zimmer um ihn her vertragen— So ſind Sie ge⸗ blieben. Was ſtört denn nun jetzt da drinnen die ſchöne Landſchaft? Jeannette zog Hackerten vorwärts in eine minder belebte kleine Seitengaſſe. Hier begann ſie eine Mittheilung über Schlurck's neuerdings erlebte Un— glücksfälle. Die Verwaltung der Hohenbergiſchen Güter wäre ihm genommen, die Adminiſtration der ſtädtiſchen Häuſer wäre vom Magiſtrat neu unterſucht worden und es hieße, ſie käme auch aus Schlurck's Händen. Schlurck laſſe die Flügel ſchrecklich hängen und geſtehe ein... denken Sie ſich, Hackert!... daß er alt würde! Die Juſtizräthin wäre waſſerſcheu... das wollte viel ſagen... Und Bartuſch... Nun? Heut' Morgen in aller Frühe klingelt's und in einem Fiaker bringen ſte den Alten auch todtkrank und elend... Wer weiß, welche Goſſe über ihn ausge— ſchüttet wurde! Hackert forſchte... Es mußte zu Drommeldey geſchickt werden, der gleich beim Eintreten ſagte: Bartuſch, Sie ſchauen ja aus, als hätten Sie Geiſter geſehen! Kurz und gut... Ich ſage Ihnen Hackert, wo iſt die ſchöne 3* ——— —————— 36 Zeit hin, als wir in Hohenberg waren! Die Luſt! Die Seligkeit damals in dem Schloß! So? Ich ſchlief auf der Wieſe unter den Fröſchen... Wer freilich bei Ihnen... Hackert!... Ich ſage Ihnen, Melanie iſt nicht mehr zum Erkennen— Wie ſo? Sie hat ja nun doch den rechten Prin⸗ zen Egon! Sie wiſſen's alſo auch? Alle Leute ſagen's. Ich mag ſie nicht fragen— ſie iſt mir nicht wieder grün geworden. Von Hohenberg will ſie nichts wiſſen... immer ernſt— immer nachdenklich— immer Muſik jetzt und Lektüre und melancholiſch... Und nun begannen dieſe Menſchen eine Kritik der Verhältniſſe Schlurck's, des Prinzen, der bekannten Armuth des Letzteren, bis Hackert mit den Worten einfiel: Ich ſehe unſern Alten noch mit der Priſe in der Hand in Laſally's Cirkus die Honneurs machen und mit ein paar alten ſteifen Mähren das Gnadenbrot um die Wette eſſen. Wie geht's denn Sr. getauften Lordſchaft? Jeannette ſprach in gemeſſenſten Ausdrücken von Laſally, ſeinem ehrenwerthen vielverkannten Charakter, worüber ſie faſt den Faden ihrer Mittheilung verlor. —, 1 1 37 Dazu das Drängen in der engen Gaſſe, die Aufre— gung der Menſchen, das Gewühl eines naheliegenden Frühmarktes. An einer Straßenecke laſen die Leute angeſchlagen, daß Fürſt Egon von Hohenberg Mini⸗ ſter geworden. Hackert griff dieſe Nachricht auf. Hören Sie doch! Prinz Egon Miniſter! Jeannette verwunderte ſich, hielt eine ſolche Beför— derung für eine Degradation, einen wirklichen Beweis der Armuth des Prinzen... O weh!l ſagte ſie. Und heute, heute muß der Juſtizrath zehntauſend Thaler an Laſally zahlen... Das Alles an einem Tage! Hackert erſtaunte über die Zahlung an Laſally. Er kannte Schlurck's Geldverhältniſſe beſſer als ſelbſt die Juſtizräthin. Was für zehntauſend Thaler? fragte er. Jeannette berichtete von einer ſchrecklichen Scene, wo Laſally ſich und Allen den Tod gewünſcht hätte. Er wäre ruinirt, er hätte auf dieſe Heirath gehofft, er hätte ſich lächerlich gemacht durch ſeine Langmuth; er hätte den letzten Beweis ſeiner Geduld in der Sache gegen Hackert gegeben... Ja, Fritz, ſagte Jeannette, er will Sie doch noch an den Galgen bringen. Neumann ſagt, Sie wä— 38 ren's auch werth... man müßte Sie eigentlich auf ein wildes Pferd binden und dann... Doch wol das Pferd peitſchen und nicht mich wie⸗ der? fiel Hackert grimmig ein. Ich rath' Euch Gutes! Ich hab' eine Wuth auf Pferde und Laſally's rath' ich die Hufeiſen verkehrt anzunageln, daß ich nicht weiß, wohin er mit ihnen ausreitet— Laſally's mein' ich. Jeannette ſchauderte vor dem jungen Mann, den ſie jetzt bös, doch tückiſch nannte. Seine Augen zuckten. Seine Geſichtsmuskeln bewegten ſich krampfhaft. Jeannette ſagte ihm raſch, daß Schlurck keinen Kutſcher mehr halten könne und ihr ſelbſt gerathen hätte, zu Laſally zu gehen, bei dem für Neumann zu ſprechen. Laſally würde ſich jetzt ſehr großartig einrichten, würde Leute brauchen. Eben ginge ſie zu ihm, um ihm die Dienſte ihres Verlobten anzubieten... Sie wiſſe zwar... Damit unterbrach ſie ſich ſelbſt, denn Ha⸗ ckert ging faſt taumelnd, faſt abweſend neben ihr her.“ Sie ſprach ſchon nichts mehr, er ſchwieg. So durch⸗ ſchritten ſie faſt die ganze Stadt, zum Schrecken der Zofe, die ſich in der einſamen Thorgegend vor Ha⸗ ckert's plötzlicher Träumerei, wahrſcheinlich der Erin⸗ nerung an ſeinen Laſally zugefügten Frevel, fürchtete. Zuletzt ſtanden Beide vor dem Eingang in die Reit— bahn Laſally's. Hackert erſchrak, als er aufblickte. Jeannette hatte längſt gefürchtet, daß ſich Hackert einer gefährlichen Gegend nahte. Aber er ſammelte ſich und murmelte zum Abſchied ſo hin, ſie würde Laſally in einer türkiſchen Kleidung finden, eine gelbe Meer⸗ ſchaumſpitze im Munde, einen türkiſchen Fez auf dem Kopf, rothe Hoſen an, gelbe Stiefeln, Schlafrock von Sammet mit Schnüren. Wie ein Paſcha würde er ſie empfangen und ſie würde ihm die gelben Stiefeln küſ⸗ ſen dürfen, ſeine Hände, ſeine Ohrzipfel und todt und kalt würde der Paſcha ſagen: Dein künftiger Mann iſt ein Schafskopf, doch ſoll er die Stelle haben, ſetzen Sie ſich, Fräulein! Parlez vous frangçais? Jeannette lachte, huſchte davon. Scheu entfernte ſich Hackert von einem Ort, der ihn an ein Verbrechen erin⸗ nerte. Er floh faſt. Als er ſich in Sicherheit glaubte, ſah er um ſich. Er war erſchöpft. Da ſtand ein Brunnen, der hier in der Vorſtadt in ländlicher Weiſe mit einem Waſſertroge für die Ausſpannungen, die vorüberziehenden Viehheerden verſehen war. Die Bäume hier und dort auf dem großen Vorſtadtplatze waren entlaubt, die Luft ſchnitt kalt und fröſtelnd ge⸗ nug. Herbſtlich ſah's auch in Hackert's Innern aus. Fehler, Irrthümer, begangene Frevel vergibt ſich die 40 ¹ Jugend ſehr bald. Aber um ſo gewaltſamer, je we⸗ niger ſie davon merkt, nagt an ihr die zu frühe Erkenntniß. Daß dieſe Perſon, dieſe Jeannette, nun zu einem Don Juan ging und für ihren Bräutigam um eine Anſtellung bat, durchſchaute er zu offen mit allen Folgen. Die verbitterte Auffaſſung der Men⸗ ſchen überzieht das ganze Leben mit aſchgrauen Far⸗ ben und worin anders wurzelt die verzweifelte Freud⸗ loſigkeit des verdorbenen Großſtädters, ſeine Wuth nach Aenderung ſeiner Lage, ſeine in der Gefahr dann doch wieder elende Geſinnungsloſigkeit, als in dieſem zeitigen Erkennen aller Endlichkeit unſrer Natur, in dem höhniſchen Schlechtnehmen und Schlechtdeuten jeder fremden menſchlichen Regung und Unternehmung? Hackert ſah Alles vergiftet von Selbſtſucht. Die Kin⸗ der auf der Straße ſchienen ihm ſchlecht, die Thiere, die Hühner, die Gänſe um ihn her, die nach dem Futter aus den Kornwägen, den Reſten der Pferde⸗ mahlzeiten haſchten, ſchienen ihm bewußt erbärmlich;, ja ſelbſt dem Waſſer in dem Trog, auf deſſen Rande er ſaß die Beine baumelnd, ſah er mit mistrauiſcher Bitterkeit nach, als wär' es das ewige Symbol der treuloſeſten, dahin rinnenden Flüchtigkeit. So zog er die Liſte der Verdächtigen aus ſeiner Bruſttaſche und ſammelte ſich erſt in dem Bewußtſein, in die— 41 ſem Chaos doch nun auch etwas, wenigſtens ein Po— lizeiagent zu ſein. Aus dieſer gewiß wenig tröſtlichen Betrachtung weckte ihn plötzlich ein lautes Wagenraſſeln. Er blickte auf. Ein Lärmen, Rufen, Johlen, Peitſchenknallen. Er ſah einen Reiſewagen, der langſam von der Ge⸗ gend des Thores daherrollte und von vier Poſtpferden im Schritt gezogen wurde. Der Poſtillon blies und klatſchte, wenn er abſetzte, luſtig mit der Peitſche. Mancher Hieb fiel auf die allzunah herandrängenden neugierigen, lachenden Menſchen, die ſich mehrten, je näher der Wagen in die belebten Gaſſen kam. Hackert ſtand auf, um die Urſache dieſes Auflaufs kennen zu lernen. Das Blaſen des Poſtillons, das langſame Fahren eines großen vierſpännigen Reiſewagens konnte allein nicht die Veranlaſſung dieſes Lärms, dieſes Drängens und Spottens ſein. Er bemerkte auch bald die ſeltſamſte Unterbrechung der gewöhnlichen lang— weiligen Straßenerſcheinungen. Der Poſtillon ritt, ſelbſt lachend, auf dem Sattelpferde, auf dem Bock ſaß an einer Kette ein als Kutſcher gekleideter Affe, der aus einem Korbe Aepfel und Nüſſe unter die Menge warf. Hinten auf dem Bocke ſtanden zwei Mohren in rothen goldbetreßten Livren. Im Wagenſchlage waren zwei Papageyen und einige kleine Makis und Meerkatzen, 42 die an Kettchen zum offnen Schlagfenſter hinaus und hinein ſchlüpften, ſo weit ſie Freiheit hatten. Ein kleiner Herr in mittleren Jahren, ſchwarzem Barte, hochgeröthetem Antlitz, in einem reichbeſetzten Schnur⸗ rock und einem rothen Sammtbarett ſaß ganz allein in dem Fond des Wagens. Er ſchien ſich theils an den Capriolen der Thiere, die ihn umgaben, zu beluſtigen, theils an der Neugier der Menſchen, die er dadurch reizte, daß er ganz neue kleine Silberſtücke zum Kut⸗ ſchenſchlage hinauswarf. Einige zierliche Windhunde bellten gleichfalls aus dem Wagenfenſter und wollten ſogar nachſpringen. Der ſonderbare kleine Reiſende hielt ſte an einer grünen Leine feſt und überließ das Apportiren dem Straßenvolk, dem natürlich nicht ein⸗ fiel, ihm die Silbermünzen zurückzugeben. Dieſe tolle Karavane hielt, als ſie dicht bei Hackert in der Nähe vieler Marktwagen und Wirthshausſchilder ſtand, ſtill. Der kleine poſſenhafte Herr lehnte ſich aus dem Wa⸗ genſchlage und fragte mit heller, ſchriller Stimme hinaus: Welches denn jetzt der beſte Gaſthof in der Reſidenz wäre? Dieſe Vorſtädter wußten wohl Antwort zu geben, aber ſie nannten ein Dutzend Könige und Länder durch⸗ einander. Hackert ſah auf dem Kutſchenſchlage in der Ferne ein adliges Wappen und die Buchſtaben O. v. D. zu ur Der Wirrwarr der Thiere, die Mohren und die jubelnde Straßenjugend zogen ihn an, er trat näher und fragte nach des Herrn Begehr. Welches iſt jetzt das erſte Hotel der Stadt? ſagte mit ſonderbarem fremden Accent der kleine breitſchul⸗ trige Cavalier. Die Stadt London! antwortete Hackert mit mehr Ehrerbietung, als ihm ſonſt eigen war. Alſo wie vor funfzehn Jahren! Und der zweit⸗ beſte? Doch nicht die goldne Eule? Jetzt die Stadt Rom! ſagte Hackert. Geest la meme chose! Alſo iſt Stadt Rom das beſte Hotel; denn, mein Herr, das eine iſt wirk⸗ lich gut und das andre bemüht ſich nur, den guten Ruf aufrecht zu erhalten. Alte Wände, neue Tape⸗ ten. Ich ziehe die goldne Eule vor. Ich danke Ih⸗ nen! Schwager, alſo in die Stadt Rom! Damit fuhr der Wagen des ſonderbaren Dialek⸗ tikers vorüber und jetzt ſo ſchnell, ſo im verhängten Galopp, daß die Menſchenmenge nicht mehr folgen und ihm nur ein lautes Halloh nachſchreien konnte. Man zeigte ſich lachend die Aepfel, die Nüſſe, die kleinen Silbermünzen, die man erobert hatte und zer⸗ ſtreute ſich in der Vorausſetzung, man würde an den Straßenecken bald die Ankündigung eines angekom⸗ 44 menen berühmten Taſchenſpielers oder einer Menagerie oder einer Kunſtreitergeſellſchaft leſen. Lieber O. v. D.! ſagte ſich Hackert, als er allein zur innern Stadt zurückſchlenderte, du biſt bei allem Witz ein Narr und deine Thiere, die wie Menſchen gekleidet ſind, haben ſo viel Verwandtſchaft mit dir ſelbſt, daß ich auch ein Narr wäre, wenn ich mich noch länger hier an Laſally's Reitbahn um drei todte Pferde ängſtigen wollte. Die Tollheit eines Andern hatte Hackert's Grü⸗ belei geheilt. Und es war die höchſte Zeit, daß er ſich auf dem Profoßamte ſehen ließ. Im Vorüber⸗ gehen an der Stadt London fragte er, ob nicht ein Reiſender mit Mohren und Affen eben angekommen wäre? Er fragte grade deshalb dort, weil er ſich ſagte, die Menſchen wären ja alle inconſequent und führten in jeder folgenden Minute grade Das aus, was ſie ſich in der vorhergegangenen widerrathen hät⸗ ten. Um ſo mehr war er überraſcht, daß in der Stadt London Niemand etwas von einem ſolchen Fremden wußte, in der Stadt Rom ihm aber unter Lachen und Verwundern wirklich geſagt werden konnte, der an⸗ gekommene vornehme Sonderling hieße ganz ein⸗ fach: Baron Otto von Dyſtra, kurländiſcher Guts⸗ beſitzer. — 45 Doch einmal Einer, der Conſequenz hat! ſagte ſich Hackert erſtaunt und verwünſchte die dumme neugierige Stadtjugend, die an dem Portal der Stadt Rom ſich anhäufte, um die Affen, die Papageyen, die Wind⸗ ſpiele und die beiden Mohren zu ſehen, die ſchon un— ter der Kellnerſchaft hin und her liefen und von der Lebendigkeit ihres Herrn ſelbſt Trepp auf Trepp ab eskamotirt ſchienen. Aber Koketterie konnte Hackert dem neuen Ankömm— ling doch anhängen. Er will Aufſehen machen, der Hanswurſt! ſagte er ſich und behielt als unverbeſſer⸗ licher Miſanthrop Recht. Mit ſchlottrigem Gang, einen Gaſſenhauer pfeifend, wandte er ſich dann dem Profoßhauſe zu. Drittes Capitel. Ein Nundblick. Vierzehn Tage etwa lebte Hackert in dieſer dämmern⸗ den Stimmung ſo fort, ohne ein beſonderes Ereigniß. Die große Politik, die bewegt genug war, küm— merte ihn nicht. Die kleinen Aufträge, die ihm Par ertheilte, führte er mit der ihm eignen läſſigen Ge⸗ dankenloſigkeit aus oder hatte ſeine Freude daran, andrer Leute Pläne zu durchkreuzen, mit ſeiner Menſchenverachtung andern Unternehmungen in die Zügel zu fallen. Par ſchenkte ihm, da er unendlich anſchlägiger und ſcharfſinniger wie Schmelzing war, alles Vertrauen und veranlaßte ihn auch, da er zu⸗ fällig nach außen hin einen Auftrag zu beſorgen hatte, ſich öfters auf der Polizei und in den Gerichtshäuſern ſehen zu laſſen, als ihm ſonſt lieb war. Eines Abends geſchah es, daß Hackert auch die — ¶———, n e Ankunft jenes von zwei Landjägern und zwei Polizei⸗ dienern geleiteten Murray auf dem Profoßamte be⸗ obachten konnte. Er erinnerte ſich, den Namen auf ſeiner Liſte zu haben. Der Unterſuchungsrichter Müller, derſelbe, für den einſt Hackert den Prinzen Egon ge⸗ halten hatte, als er in der Blouſe neben ihm und Dankmar im ſommerlichen Walde ſchritt, empfing den gebückten alten Mann mit der ſchwarzen Binde im vertraulichſten Tone, den Murray durch Nicken erwiderte. Es iſt ſo gebräuchlich in den Kriminal— gefängniſſen, daß ſich eine ſchadenfrohe Cordialität zwiſchen Inquiſiten und Richter feſtſetzt, wo weder der Hohn für die Gerechtigkeit würdig, noch die Ver⸗ traulichkeit für die Beſſerung herzlich wirken kann, ſon⸗ dern jener nur erbittert, dieſe im Schlimmen beſtärkt. Bald wiedergeſehen! Angenehme Reiſe gemacht! God dam! In No. 4 Mullrich! Mylord Murray werden ſich bald zurechtfinden. Mullrich und Kümmerlein ſchauten nicht wenig ſtolz um ſich und wußten Wunderdinge von ihrer hel⸗ denmüthigen Fahrt zu erzählen. Sie bedauerten nur, daß Par nicht anweſend war und ihnen ſogleich die Diäten anwies, die ſie redlich verdient hatten. Müller nahm das Protokoll über die Ereigniſſe in Hohenberg und dem Forſthauſe auf und bemerkte: 48 So ſind wir doch nicht vergebens veranlaßt wor⸗ den, ein Auge auf dieſen verſteckten, zweideutigen Menſchen zu haben. Hackert hörte die Erzählung der Gerichtsdiener und dachte ſich lebhaft in die Gegend hinüber, die er ſeit dem Sommer ſo wohl kannte. Er erfuhr den Tod jenes Schmieds, an deſſen Werkſtätte er zuweilen vorbeigeſtreift war, ohne ſeinen Namen zu erfahren, er ſah das Forſthaus wieder, dem gegenüber er unter dem Ebereſchenbaume im Graſe geſchlafen hatte. Den Namen Zeck hörte er in dieſer Verbindung zum erſten Male und war erſtaunt, in ihm den Namen wiederzufinden, der auf dem Bartuſchen abgenommenen Geburtsſcheine ſtand. Doch mochte er ſich nicht mit Fragen dazwi⸗ ſchen drängen, ſondern hielt ſich, da Aſſeſſor Müller ihm noch in Parens Namen einige Aufträge zu gebeft hatte, in beſcheidener Ferne von dem Pulteg, wo die Landjäger und Gerichtsdiener ihre vorläufigen Aus⸗ ſagen niederlegten. Hackert ſah zum Fenſter hinaus in den düſtern Hof des unheimlichen Gebäudes, über welchen hin man den ruhig ergebenen Murray in No. 4 abgeführt hatte. Er ſah in ihm ſchon einen Verbrecher, einen Mörder vielleicht und trommelte leiſe an die bekritzelten Scheiben, an denen ſchon Mancher gedankenlos wie 49 er geſtanden haben mochte und ſich in Glas zu ver— ewigen gedachte. Die Diener der Gerechtigkeit hatten ſoeben ihre Ausſagen beendet, als man auf dem Vorſaal dieſer geräumigen Halle lautes Sprechen vernahm. Die Thür wurde aufgeriſſen und ein junger Mann ſtürzte mit dem Rufe herein: Wo iſt er? Haben Sie ihn ſchon abgeführt? Ich beſchwöre Sie... Ahal riefen die Gerichtsdiener. Da, Herr Aſſeſſor! Das iſt der Herr, von dem Sie aufgeſchrieben haben.. Was wünſchen Sie, Herr Louis Armand? fragte der Aſſeſſor Müller den Eingetretenen ruhig und kalt. Mein Herr, durchbrach dieſer mit etwas fremd⸗ artigem Accent jede weitre Bedenklichkeit, Sie haben ſoeben den Engländer Murray eingebracht als einen ehrloſen Verbrecher.. Einer Tödtung überwieſen, deren Zeuge Sie wa⸗ ren! ſagte Müller. Sie ſehen mich hier, mein Herr, fuhr Louis Ar⸗ mand in leidenſchaftlicher Erregung fort, Sie ſehen mich hier, die lautre Wahrheit über dieſen Vorfall niederzulegen und nichts vom wahren Sachverhalte zu verſchweigen. Ich bitte Sie, kann ich Murray nicht ſehen? Die Ritter vom Geiſte. VIII. 4 50 Sie erleichtern uns, bemerkte lächelnd der Aſſeſſor, durch Ihre perſönliche Gegenwart die Unterſuchung eines ſonderbaren Falles. Haben Sie die Güte, uns Ihre Adreſſe zu nennen! Sie ſollen zu rechter Zeit vorgefordert werden. Murray jetzt zu ſehen iſt nicht möglich. Ich beſchwöre Sie, ſagte Louis voll ſchmerzlicher Theilnahme, leiten Sie die Unterſuchung ſchnell ein! Jede Minute, die ein Unſchuldiger ſchmachtet, muß einem gerechten Richter zur Pein werden. Sie wohnen vielleicht noch Wallſtraße No. 13 ſagte Müller ruhig und ſchlau. Sie werden Ihre Citation rechtzeitig empfangen! Als Louis Armand, erſtaunt über die Kenntniß ſeiner Wohnung, ſchon gehen wollte, wandte er ſich noch einmal und wagte die Frage: Sagen Sie mir nur, mein Herr, wenn ich es erfah⸗ ren darf, wie iſt es möglich geweſen, daß dieſer harm⸗ loſe, brave Murray von verkleideten Agenten der öffent— lichen Sicherheit verfolgt, in einer allerdings ſchrecklich geendeten Privatangelegenheit überraſcht werden konnte? Herr Armand, ſagte der Unterſuchungsrichter, ich bin eigentlich nicht befugt, Ihnen auf dieſe Frage eine Antwort zu geben. Allein, wenn Sie das Reſultat bedenken, eine von dieſen Agenten geſtörte Mordſcene, 51 ſo werden Sie wohl einſehen, wie begründet die Spür⸗ kraft war, die den Oberkommiſſair Par beſtimmte, ge⸗ rade dieſer Fährte zu folgen und eine verdächtige Perſön⸗ lichkeit, die Sie, mein Herr, getäuſcht zu haben ſcheint, gründlichſt zu beobachten. Louis Armand überlegte dieſe Antwort mit nach⸗ denklichem Ernſt und entfernte ſich langſam, tiefauf⸗ ſeufzend über die unläugbare Kraft der empfangenen Widerlegung. Als er hinaus war, ſagte der Aſſeſſor ziemlich laut: Wenn man ihn nicht des Premierminiſters wegen ſchonen müßte... Die Polizeidiener und Gensd'armen entfernten ſich. Müller ſchloß ſein Bureau und ertheilte Hackerten, der fern am Fenſter mit abgewandtem und nur etwas ſeitwärts lugendem Antlitz die Scene beobachtet hatte, noch einige Aufträge. Dann ließ er auch ihn hinaus⸗ treten und ſchloß den Saal. Louis Armand, ſagte ſich Hackert, als er allein war, iſt auch Einer von den Rittern vom Geiſte, die vielleicht ſchon auf dem Wege ſind, irgend eine große weltverbeſſernde Thorheit zu begehen! Wer weiß, ob dieſer Alte mit der ſchwarzen Binde mit dem geheim geſponnenen Menſchenbeglückungsplane nicht auch zuſammenhängt und mein Verſuch, gutmüthig 7 4* zu ſein, als ich ſie nicht entdeckte, an ihrer eignen Dummheit ſcheitert. Und ſo kitzelte ihn jetzt wirklich die Luſt, doch irgendwo an geeigneter Stelle ſeine neuliche Entdeckung über eine geheime Verſchwörung auszuſprechen, daß es des ganzen Gegengewichtes der Betheiligung der Gebrüder Wildungen bedurfte, um ihn von dieſem Vorhaben abzubringen. Er war in ſeiner ſchlimmſten Stimmung. Er hatte heute Mittag Melanie neben Paulinen von Harder zu Wagen geſehen, vornehm und ſtolz auf der Promenade an ihm vorüberfahrend Der jüngſtgefallene Schnee war zwar auf dem Stein⸗ pflaſter geſchmolzen, aber in den Bäumen war er feſt geblieben. Gegen dieſes friſche Weiß der Bäume hob ſich Melanie wie die Bürgſchaft des ewigen Frühlings. Daß ſie ihn ſehen, ſich abwenden, verächtlich nach einer andern Richtung blicken konnte, erregte ihn ſo, daß es einen Tag bedurfte, um ihn wieder in das Gleichgewicht ſeines gewohnten ruhigen Phlegmas zu verſetzen. Statt nun irgendwie dem Vorfall im Pro⸗ foßamte weiter nachzugrübeln oder an den Geburts⸗ ſchein zu denken, wo der Name Zeck mit dem im Verhör ausgeſprochenen gleichlautend war, ging er mismuthig wie faſt jeden Abend nach der Anlage vor's Thor, wo Pauline von Harder auch für den Winter wohnte. Da nur das Portal zu ſehen, da nur den Lichtſchimmer zu beobachten, hinter dem Me⸗ lanie ſich bewegte, war ihm wenigſtens eine Zerſtreu⸗ ung und zu Abenteuern reizende Unterhaltung. Heute kamen ihm in jener Gegend die beiden klei⸗ nen Eiſolds mit ihren Zeitungen in den Weg... Das Jahrhundert! Ertrablatt! Das Jahrhundert! ſchrieen ſie. Hackert trat hinzu und kaufte das Extrablatt. Machſt gute Geſchäfte, Line? fragte er. Guten Abend, Herr Hackert! ſagten die Kinder und gaben ihm ein von Regen und Schnee naſſes Exemplar. Habt ja da noch einen ganzen Bettel! Wieviel Nummern ſind das? Dreißig Stück. Das Stück einen Groſchen? ſagte Hackert. Da habt Ihr Eure ganze Auflage bezahlt. Nehmt! Er gab den ſtaunenden Kindern einen Papierthaler. Ei, ſagten ſie, ſo kommen wir noch zum Punſch nach Hauſe. Zum Punſch? Wetter, wird bei Euch Punſch ge⸗ trunken? Louiſe macht Punſch— Karl kommt nach Sieben 54 aus der Fabrik... Gehen Sie mit in die Brandgaſſe, Herr Hackert? Wie kommt Ihr denn zu Punſch? Hat Danebrand Geld vom Meere bekommen? Nein, ſagte Linchen, die viel raſcher antwortete als der ältere Wilhelm, der noch immer den Papier⸗ thaler ſtaunend betrachtete, Danebrand ſoll's nicht wiſſen, aber es gibt Kuchen und Punſch... Der fremde Herr brachte Citronen und Zucker und Rum — ſchon geſtern— geſtern wollte Louiſe nicht— Der fremde Herr? ſagte Hackert erſtaunt und mit dem bitterſten Ausdruck. Ein fremder Herr? Citronen und Zucker und Rum? Und Danebrand darf's nicht wiſſen... Ha! Ha! Die Kinder erſchraken über dies grelle Lachen. Line wurde roth, weil ſie Etwas, was ihr nicht im Min⸗ deſten ſpöttiſch ſchien, unrecht berichtet zu haben glaubte. Was du nur ſo dumm biſt, fiel Wilhelm ernſt⸗ hafter ein. Danebrand's Geburtstag iſt ja heute und er ſoll's nicht vorher wiſſen... So, ſo! Und der fremde Herr? Er war erſt zweimal da. Karl weiß, wie er heißt. Und Louiſe hoffentlich auch, meinte Hackert... Gewiß, ſagte Wilhelm. Der Herr will uns Alle mitnehmen 3 55 Mitnehmen? Alle? Linchen lachte. Warum lachſt du denn, Line? Der Herr will die Louiſe heirathen! ſagte Linchen faſt verſchmitzt und nicht ohne Eitelkeit. Die Louiſe? Punſch? Natürlich und zu Dane⸗ brand's Geburtstag? Da, guter Danebrand, trink! Stoß an! Hat er Geld, der Fremde? Eine ganze Börſe voll. Ha! Hal lachte Hackert. Man denkt, die Men⸗ ſchen ſterben mit Denen, die wir kannten, aus, und immer neue kommen. Kinder, betrinkt Euch nicht im Punſch, damit Euch nicht zu bald die Augen zufallen! Thut's dem armen Danebrand zu Liebe! Schlaft nicht zu früh. Wer wohnt denn jetzt in meiner Stube? Keiner, aber die Stube wird doch bezahlt— Doch bezahlt? Und die andre auch... Von wem denn? Von dem alten Mann, der verreiſt iſt. Er hat ein böſes Auge— Herr Murray! Murray? Der will nicht die Louiſe heirathen— der Andre, er hat einen rothen Bart. Einen rothen Bart! Aber ſagtet Ihr nicht Murray? Der Alte mit der ſchwarzen Binde heißt Murray. Kommen Sie auch, Herr Hackert? fragte Linchen und faßte Hackert's Hand. Kind! Schmieg' dich nicht ſo an die Paletots, auch wenn's friert! Grüße Louiſen und ſag' ihr, der Alte mit der ſchwarzen Binde... nein, ſag' ihr nichts. Wenn er die Miethe bezahlt hat... Hat er ſie bezahlt? Auf ein Vierteljahr im Voraus. So hat die Beſcheerung Zeit bis Weihnachten. Ihr ſchwimmt obenauf! Macht, daß Ihr nach Hauſe kommt! Die Pfannenkuchen werden kalt und ſagt dem Danebrand nicht etwa, daß er ein Eſel iſt. Das würde ſich nicht ſchicken, wenn's auch wahr wäre. Gute Nacht, Kinder! Sagt Louiſen: Nicht zu viel Citrone an den Punſch! Hört Ihr, Citrone macht Kopfſchmerzen! Die Kinder gaben Hackerten die Hand, dankten noch für die raſche Beendigung ihres Abendgeſchäftes und liefen im Regen und Schnee unter den blendenden Gaslaternen hurtig über die naſſen Pflaſterſteine nach einer feſtlichen Ausſicht, wie ihnen eine ſolche mit wahrer Paradieſeswonne wohl noch nie geboten war. Punſch! Wie ſie laufen in's Teufels-Elend! rief Hackert hinter ihnen her und ſchleuderte zornig das Packet Zeitungen in den erſten beſten Straßenwinkel. Louiſe Ciſold, die ihm bisher wie das Bild der reinſten Tu⸗ gend erſchienen war, Louiſe Eiſold, die ihm immer geweſen war wie einem vorübergehenden Zweifler eine offene Kirche, Louiſe Eiſold, wo er immer ge⸗ dacht hatte, die Kirche ſteht ja da, ſie iſt ja gleich in der Nähe, wenn die Erleuchtung über dich kommt, ſieh im Vorübergehen blinzelnd hinein und warte die Zeit ab, wo du dich für würdig hältſt, ihre Schwelle zu betreten!... Und nun... Punſch und ein Mann mit rothem Bart! Hackert hatte oft, wenn ihm zu wehmüthig, zu einſam und verlaſſen zu Muthe war, auf dem Sprunge geſtanden, ſich zu Louiſen zu flüch⸗ ten. Im Neu⸗ und Vollmond faſt immer. Kam der unheimliche Dämon und ſiedelte ſich in ſeinen Nerven an und trieb ihn, Nachts aufzuſtehen ohne Bewußt⸗ ſein, ohne Hüter als Gottes Huld, ſo riefen tauſend innere Stimmen in ihm nach jenem Mädchen, das ſo viel warme, liebevolle Freundſchaft ihm gewidmet hatte und das er floh, weil ſie ihm zu tugendhaft und zu wenig ſchön war. Und nun... Ha! Die Gour⸗ mandiſe der Kleinen ſchien ihm ſchon die kitzelnde Satanspfote zu ſein, die ſich auch nach Brandgaſſe No. 9, dritter Hof zwei Treppen hoch, ausgeſtreckt hatte. Das ſchleckert, das kichert! ſagte er ſich. Dieſem 58 Rindvieh, dem Danebrand, drehen ſie eine Naſe und der Rothbärtige nimmt gleich das ganze Neſt aus und zieht ſich auch die flügge junge Brut für die Zukunft auf!.. Und nun ſchmetterte eine Trompete von einem Tanzſalon herüber. Geputzte Mädchen, lockre Burſche ſchlüpften über den Koth. Hackert folgte und durchraſte die Nacht bis zum Morgen. Als er hohläugig, gliedermatt nach Hauſe wankte, ſchlug es fünf Uhr. Er warf ſich auf ſein Lager, ſchlief bis gegen elf Uhr, ungeſtört von der lebhaften Frequenz in Herrn Zipfels„Atelier“. Erſt nach elf Uhr pochte Frau Zipfel den Nachtſchwärmer aus dem Schlafe. Herr Hackert! Herr Hackert! rief's durch's Schlüſ⸗ ſelloch. Zum Henker, laſſen Sie mich ſchlafen! Es iſt zu wichtig! Stehen Sie auf! Hackert entſchloß ſich, nach langem Bitten aufzu⸗ ſtehen; er ſchlorrte an die Thür, um ſie zu öffnen. Wie ſtaunte er, als er einen feingallonirten Bedienten mit reichen Achſelſchnüren und W zppenknöpfen vor ſich ſah, der ihm ein Billet überreichte mit den Worten: Von Madame Ludmer. Madame Ludmer! Wer iſt Madame Ludmer? Sie irren ſich! 59 Herr Privatſchreiber Hackert? bemerkte der Be⸗ diente, in dem wir den Bedienten Ernſt der Frau Geheimräthin von Harder erkennen. Mein Name Das! Ob ich Privatſchreiber bin, muß ich den Wohnungsanzeiger befragen. Mit dieſen Worten nahm Hackert und erbrach das an ihn gerichtete Billet, in dem er folgende Zeilen fand: „Mein ſehr geehrter Herr, der Herr Oberkom⸗ miſſair Par haben für die Zeit ſeiner längern Ab⸗ weſenheit von hier die Frau Geheimräthin von Harder verſichert, daß Sie ſein ganzes Vertrauen beſitzen und ſich jedem Ihnen gegebenen Auftrage ſo unterziehen würden, als wenn ſie ihn ſelbſt gegeben. Haben Sie die Güte, zum Behuf einer kleinen Kommiſſion ſich heute Abend etwa um ſieben Uhr im Hauſe der Frau Geheimräthin von Harder einzufinden und nach der Unterzeichneten zu fragen, die ſich ein Vergnügen daraus machen wird, Ihnen das Nähere in dieſer An⸗ gelegenheit auseinanderzuſetzen. Ihre ergebenſte Char⸗ lotte Ludmer.“ Die Alte hatte deſen Brief ſicher nicht ohne Hülfe der Verfaſſerin von Amarantha und Nadasdi geſchrieben... Befremdet nickte Hackert, daß er kommen würde. Der Bediente ging und weidete ſich an dem 60 Wohlgefallen, mit dem Frau Ziöpfel ſeine reiche Livree bewunderte. Hackert, den die Ausſicht, mit Menſchen zuſammen— zukommen, die in ſo naher Beziehung zu Melanien ſtanden, in große Spannung verſetzte, zog ſich faſt bewußtlos, wüthend jetzt über die verlorene Nacht, an. Wie hätte er jetzt friſch, lebendig, geweckt ſein mögen! Die Ausſicht für den Abend elektriſirte ihn. Er nahm ſich vor, ſchwarzen Kaffee ſo ſtark zu trin⸗ ken, wie er ihm bei Schlurck gemacht wurde, wenn er des Nachts aufbleiben und bei wichtigen Reviſionen bis in den frühen Morgen arbeiten ſollte... Das Billet der Madame Ludmer führt uns in die lange nicht betretene Salonſphäre zurück... Pau⸗ line von Harder erlebte bereits ſeit länger als vier Wochen das Glück, nach dem ſie ſo lange wie nach einer ſchon zu entſchwindenden drohenden Hoffnung geſchmachtet hatte. Ihre Cirkel, glänzender denn je, waren faſt jeden Abend wieder geöffnet und der Mit⸗ telpunkt der tonangebenden, nun ſogar die Welt be⸗ wegenden Geſellſchaft. Sie war nicht in die„kleinen Cirkel“ gedrungen, aber die„kleinen Cirkel“ mußten ſich vor ihr beugen. Ha, ſie hatte die Achſe der Welt am Drehgriff! Sie hatte eine Zeitſchrift begründet, die man das deutſche Journal des Débats nannte. lee Sie hatte ſich die ganze höhere geiſtige Agitation zur Verfügung geſtellt und beherrſchte die öffentliche Mei⸗ nung um ſo nachdrücklicher, als ſich der in bewun⸗ derungswürdigem Fluge emporgeſtiegene junge Adler, Fürſt Egon von Hohenberg, auffallend genug nur bei ihr ausruhte, nur bei ihr die Schwingen ſenkte, nur bei der Feindin ſeiner Mutter Frieden und Erholung von ſeinen kühnen Flügen zu finden ſchien. Man wollte das Geheimniß dieſer ſonderbaren „Allianz“ oder dieſes warmen Neſtchens, wie Pau— line ſagte, in mancherlei Dingen finden, konnte aber nichts mit völliger Gewißheit als Beweis ſeiner Be⸗ hauptungen anführen. Die Einen ſagten: Es wäre die alte Erfahrung von der Anziehungskraft der Ge⸗ genſätze, während Andre ganz einfach das einflußreiche Organ der Geheimräthin,„Das Jahrhundert“, als den Wegweiſer bezeichneten, der den jungen Numa zu dieſer ſchon bejahrten Egeria führte. Man ſpürte in der Amarantha und dem Nadasdi, den beiden von Frau von Harder herausgegebenen Romanen, ob ſich in ihnen politiſche Blicke fänden und gerade weil ſich deren keine entdecken ließen, ſtieg der Glaube an die politiſche Sehergabe dieſer jedenfalls bedeutenden Frau um ſo höher. Eine noch menſchlichere und jedenfalls phy⸗ ſtologiſchere Auffaſſung der„Allianz“ zwiſchen Pauline 66 und Egon lag darin, daß man an Paulinen eine große Uneigennützigkeit in Betreff ihrer weiblichen Um⸗ gebungen rühmte. Sie war immer von den ſchönſten Erſcheinungen der Mädchen- und Frauenwelt umringt. Man fand darin einen gewiſſen Zug von Hochherzig⸗ keit; denn nichts iſt in dieſer Sphäre ſeltner als die Neigung, ſich zur Folie fremder Anmuth zu machen. Allgemein erklärte man einen Bruch zwiſchen Frau von Trompetta und der Geheimräthin daher, daß jene nicht ſo ſehr an den geänderten politiſchen Anſichten ihrer Freundin Anſtoß nahm— war ſie doch vollends ſeit dem vom Hofe nicht angekauften Gethſemane in die Oppoſition gegangen und wirkte mit Trotz für die deutſche Flotte— ſondern aus der der kleinen runden, gar nicht anſpruchsloſen Frau fatalen Zumuthung, ſich mit einer Menge junger hübſcher Mädchen und Frauen in einem und demſelben Salon bewegen zu ſollen. Von Pauline von Harder war bekannt, daß ſie nur noch eine elegante, phantaſtiſche Toilette liebte, mit Heinrichſon, dem nach Verkauf ſeiner Leda nach Rom verſchollenen Maler, gleichſam die Grenzlinie ihrer Herzenswallfahrt bezeichnete und jetzt nur noch den Gedanken, den Syſtemen, den Begebenheiten lebte. Sie gefiel ſich, das entdeckten ſogar die Spötter ſchon, in der Vorſtellung einer geheimen Rathgeberin eines der merkwürdigſten jungen Genies, das plötzlich an dem politiſchen Horizonte aufblitzte. Nur darüber ſtritt man: Sucht Egon wirklich ihren Verſtand oder ihre Intrigue oder ſucht er nur die ſchönen Frauen, die Paulinen umgeben, dieſe ſchalkhafte kleine Gräfin von Wachendorf mit den hochgezogenen ſchwarzen Augen⸗ brauen, die wie zwei muſikaliſche Fermatenzeichen aus⸗ ſahen, dieſe ſchlanke Baronin von Spitz, die mit einem engliſchen Profil eine franzöſiſche Lebhaftigkeit verband und eine Offenheit des Blickes beſaß, die jeden noch ſo gefaßten Weltmann bei ihrer erſten Frage aus dem Gleichgewicht bringen konnte, oder feſſelte ihn die einer altdeutſchen Madonna ähnliche Frau von Landskrona, die nicht viel Geiſt beſitzen ſollte, aber mit ihrem etwas röthlichblonden Haare und ihrer blendendweißen Haut und der faſt zu ſtarkgeformten Bruſt den Reiz einer Rubens'ſchen Schönheit darſtellte? Auch Fräulein von Flottwitz war Paulinen, ſeit ſo ſchroffe Oppoſitions⸗ männer wie Major von Werdeck, nicht mehr bei ihr angetroffen wurden, treu geblieben und konnte für Die, welche mehr dem Aſchenblond zugethan ſind, noch an⸗ muthig wirken. Alle überſtrahlte aber die reizende Melanie Schlurck, zwar eine Bürgerliche, aber eine Ausnahme von der Regel, die ſich von ſelbſt verſtand. Hier entſchied die künſtleriſche Hand der Natur. Hier entſchieden Witz und Laune. Die Lücken, die hier der fehlende Adel ließ, konnten nicht bemerkt werden; denn Melanie räumte ſie ſelber nicht ein. Sie war ſtolz wie eine Gräfin. Nie kam ihr bei, vor den ſchwarzen Augenbrauenfermaten der Gräfin von Wa⸗ chendorf, nie vor dem engliſchen Profil der Baronin Spitz, vor dem altdeutſchen Madonnenblick der Frau von Landskrona zu erſchrecken; was ſollte ſie gar erſt vor Titeln und Namen zittern? Wenn ſie durch die Flügelthür rauſchte, wehte es einher, wie wenn eine Königin kam und man mußte es Paulinen zum Ruhme nachſagen, ſie ſtützte, ſie hob dieſen Eindruck, ſie ließ Melanie nie ohne Umgebung, ſie wußte ihren Schütz⸗ ling zu placiren. Sie war gegen Alle nur tolerant, gegen Melanie zuvorkommend. Ihr Kuß auf die kleine Stirn des Mädchens, ein ſanfter Strich auf ihr glän⸗ zendes Haar gab ihr die Weihe, doch in dieſen Räumen die Erſte zu ſein. Und Das, was Pauline etwa unterlaſſen hätte, ergänzte Egon, der Fürſt, der Pre⸗ mierminiſter, der große Staatsmann, der zwar niemals lange in dieſen Geſellſchaften blieb, wenn ſie allgemein waren, bald verſchwand— man ſagte, ohne ſich in⸗ deſſen aus dem Hauſe zu entfernen— dieſer und jener Schönheit artig war, aber nur über Melanie hin jene träumeriſch ſinnenden Blicke entſandte, in denen ſo viel verſchwiegene Huldigung, ſo viel verborgene Traulichkeit ſchlummert. Er ſprach mit der ſchönen Baronin von Spitz oft lebhafter, mit der verſchämten Frau von Landskrona oft länger als mit Melanie. Aber jedes ſcharfe Auge errieth, daß er nicht nöthig hatte, ſich an Melanie erſt im Salon anzuſchmiegen. Er ſah ſie viel öfter in dem kleinern Kreiſe der Ge⸗ heimräthin, und ohne Zweifel viel vertraulicher. Wie ſich die uns bereits bekannten großen poli— tiſchen Wagniſſe des Prinzen Egon von Hohenberg in dieſem Hauſe ſeiner Freundin ausnahmen, wie ſie hier widerhallten, kann man ſich vorſtellen. Das war ein Lärmen, ein Fahren, ein Treppauf, Treppab, ein Thürenſchlagen, ein Klingeln, ein Geſchwirr... Es ging jetzt ſo lebhaft in der Villa her, daß man den Entſchluß des Geheimraths, ſeine eigne nicht minder unruhig gewordene Exiſtenz ganz in das in der innern Stadt gelegene alte Wohnhaus der Marſchalks zu verpflanzen, billigen mußte. Herr von Harder war der Intendant des königlichen Hoftheaters gewor⸗ den. Se. Ercellenz hatten ſich dadurch einem ganz neuen Studium zu widmen, bei dem ſie möglichſt wünſchen mußten ungeſtört zu ſein. Er, der die Ein⸗ ſamkeit der königlichen Gärten bisher geliebt hatte und Die Ritter vom Geiſte. VIII. 5 66 nur begleitet vom Inſpektor Mangold zuweilen hier und dort die Schloßkaſtellane und Hofgärtner über⸗ raſchte, auch er war jetzt in den Strom der leben⸗ digſten und rauſchendſten Thätigkeit geworfen. Dich⸗ ter, Künſtler, das Publikum nahmen ihn in Anſpruch. Und was mußt' er ſtudiren, leſen, prüfen, denken! Und auch für Paulinen wäre dieſer an ſich unter andern Verhältniſſen ihr ganz angenehme, aber jetzt ſtörende, gemeine Verkehr von Nachfragenden, Bit— tenden, Widerſetzlichen und was ſonſt zur Bühnen⸗ praxis gehört, unerträglich geweſen. Jetzt ließ ſie ihren Gemahl gern in die Stadt ziehen, wo er ungeſtört, wie er ſagte,„Dichterſtücke“ leſen und junge Schauſpie— lerinnen und Sängerinnen„prüfen“ konnte. 3 Befreit von der Nähe eines beſchränkten und zu⸗ weilen eigenſinnigen Mannes, erfaßt von dem Wirbel— winde der Begebenheiten, denen ſie ſich nicht ohne Grund einbilden konnte, eine Form mit aufdrücken zu helfen, hätte Pauline von Harder jetzt alle Urſache gehabt, ſich nach ihren Bedürfniſſen glücklich zu fühlen, wenn nicht immer noch ihr Herz, das ſich nicht ganz zur Ruhe geben wollte, peinliche Erfahrungen gemacht hätte. Dieſer Heinrichſon, wie undankbar, wie treu⸗ los! Sie verlangte ſo wenig von dem bei allen Welt⸗ damen beliebten, witzigen, in der Kunſtwelt geachteten 67 Manne! Er ſollte ihr nichts als eine Art von be⸗ fliſſener Aufmerkſamkeit widmen! Er konnte neben ihr vielleicht eine Griſette lieben; ein Verhältniß wie mit jener Auguſte Ludmer war ihr im höchſten Grade gleichgültig; allein ſich einer Dame aus der großen Welt geopfert ſehen, wie ihr das mit der„an ihrem Buſen genährten“ wie ſie es nannte, treuloſen He⸗ lene d'Azimont geſchah, Das erſchütterte ſie tief. Von dem Tage an, wo Heinrichſon, uneingedenk der vielen Freundlichkeiten, die ſie ihm gewidmet, ihrer Protektion, der Beförderung ſeiner Gemälde, ja der kritiſchen Abhandlungen, die ſie ihm für einige Kunſtblätter ſchrieb, ſie zu vernachläſſigen ſchien und immer und immer nur bei Helene d'Azimont angetroffen wurde, die ihrerſeits in ihrer Liebe zu Egon ihr nicht mehr wahr und überzeugend erſchien, ſondern nur noch die Stimmungen der verletzten Eitelkeit, die Verzweiflung üͤber den Bruch für Liebe auszugeben ſchien: ſeitdem hatte ſie mit Anſtrengung ihrem Herzen Schweigen gebieten müſſen und im Vollgenuß der übrigen Freu⸗ den, die ihr, wie ſie ſagte,„das Schickſal ſchenkte“, im Vollgenuß der ausſtrömenden Wirkſamkeit, des weltbewegenden Einfluſſes, den ſie üben konnte, ſich entſchloſſen, für den Freund, den der ſonderbarſte Zu⸗ 5* 68 fall ihr ſchenkte, für Egon nun auch nur rein müt⸗ terlich zu empfinden. Der Kampf war gewaltig ge— nug! Als Heinrichſon ſeine Leda verkauft hatte und ihr eines Tages ſagte: Pauline, ich verlaſſe Sie! und ſie die Frage, ob er nach Italien ginge, mit Ja! be⸗ antwortet hatte, fuhren noch tauſend ſpitze Meſſer, wie ſie ſpäterhin der Ludmer erzählte, in das Herz der„fünfzigjährigen“, aller Zärtlichkeit längſt entrück⸗ ten Frau. Gehen Sie, hatte ſie geſagt, gehen Sie, Heinrichſon, nehmen Sie mit dem Reſte vorlieb, den Egon ſtehen ließ! Widerſprechen Sie nicht! Sie folgen Helene! Ich kenne Das. Ich kenne dieſe Verzweiflung einer Frau, die erſt Mitleid, dann Troſt, dann Rache will! Helene wird Egon noch oft zeigen, daß man ſie nicht ungeſtraft verläßt und daß man um ihretwillen noch Alles vergeſſen kann, auch Ihnen, Heinrichſon, wird ſie es zeigen! Auch Ihr Roman wird mit dieſer Liebes⸗ und Gefühlsſchwelgerin einſt vorüber ſein! Hüten Sie ſich nur, Ihr Auge auf das ſchöne Kind zu werfen, das im verblendeten Wahne mit Helenen ihrer Mutter entflohen iſt! Sie finden nicht ſobald eine Pauline wieder, die nur weint, wenn ihr Ge⸗ liebter treulos ſcheidet! Sie könnten einmal doch noch bei irgend einer verrathenen Frau jenen Dolch finden, den alle Ihre Bonmots nicht pariren!... Noch mehr * aber, als dieſe flüchtigeren Schmerzen drückte die Ge⸗ heimräthin die ſeit einiger Zeit ſonderbarerweiſe Alles ſchwarzſehende Laune der Charlotte Ludmer. Sie, die ſonſt immer zur Heiterkeit ſtachelte, keine Gefahr an— erkannte, jedes Wagniß ebnete, ſie ſah jetzt Geſpenſter und erſchreckte ihre langjährige Freundin mit Viſionen. Geſpenſter und Viſionen waren die Worte der Ge⸗ heimräthin. Die Ludmer ſprach von Wirklichkeiten und ſchilderte die Ausſicht noch manches heraufſtei⸗ genden Verdruſſes mit einer Umſtändlichkeit, daß ihr Pauline einmal ſagte: Ich weiß es, Charlotte, du magſt nicht leiden, daß ich wieder an die Oeffentlich⸗ keit appellirte! Du warſt die hartnäckigſte Gegnerin meiner kurzen, ſchriftſtelleriſchen Laufbahn! Du haſt Freude empfunden über jede Bitterkeit, die ich auf ihr erfahren mußte! Du gönnteſt mir die Demüthigungen der Kritik, als Nadasdi erſchien und haſt erreicht, daß ich mehr deinen Wünſchen, als dieſen Impertinenzen nachgab und die Feder niederlegte. Gegen den An— kauf des„Jahrhunderts“ haſt du alle erdenklichen Gründe vorgebracht und kannſt noch jetzt z. B. dieſen Stromer nicht ſehen, weil du glaubſt, ein allerdings im Leben unbeholfener, komiſcher, eitler, unerzogener Mann, den aber, wenn er ſchreibt, Alle bewundern, hätte mich zu dieſem Ankaufe veranlaßt. Die Be⸗ 70 ziehung zu Egon, ſo überraſchend und unerwartet, mis⸗ billigſt du, auch meine Theilnahme für Melanie, die mich erheitert und für die ich fühle, wie für eine Tochter— ja, Charlotte, je älter ich werde, deſto ſchönre Keime entdeck' ich in meinem Herzen. Laß ſie mich doch pflegen! Mit den Jahren ſollen ja aus uns Engel wachſen, ſagte Stromer neulich. Glaube doch nicht, daß meine geſellſchaftliche Stellung darunter leidet, daß ich mich an den großen Fragen der Zeit betheilige! Weißt du wohl, Charlotte, daß du immer ariſtokratiſcher warſt als ich und mir hundertmal die Etikette vorhielteſt, wo meine verſchmachtende Seele nur nach Freiheit rief? Die Ludmer hatte bei dieſer Erörterung zur Ant— wort gegriesgrämelt und„gebrummkatert“. Sie war offenbar tiefverſtimmt, die gute Frau. Sie ſah zuviel neue Menſchen im Hauſe. Dieſe weltbewegenden Abende griffen ſie an. Die Entfernung des Geheim⸗ raths, mit dem ſie gern plauderte wie mit Ihres⸗ gleichen, that ihr zu leid. Der gute Geheimrath! Die beſten munterſten Bedienten des Hauſes nahm er mit ſich in die Stadt. Sie hätte weit lieber gehabt, die Geheimräthin hätte ſich an der„Komödie“ betheiligt und wäre, wie manche Intendantin, die Regentin des Hoftheaters geworden. Da hätte ſie doch für ihre alten Tage eine Zerſtreuung, eine Erholung gehabt. Sie lachte gern, ſie ſah gern tanzen, liebte luſtige, rauſchende Muſik und wer weiß, ob ſie nicht für die ökonomiſchen Erſparniſſe der Verwaltung neue Geſichts⸗ punkte über Sammt⸗ und Seidenſtoffe, Brennholz und Beleuchtung hätte aufſtellen können. Alle dieſe Nei⸗ gungen theilte nun die große Semiramis, Pauline nicht. Die wollte die Welt umformen! Die wollte mit dem Hebel ihres Einfluſſes die Erde aus dem Gleichgewichte bringen! Die Verächter des Nadasdi ſollten ſagen: Welch' ein Weib! Die Oberhofmeiſterin von Altenwyl, dieſer„Cerberus“ der„kleinen Cirkel“ ſollte eingeſtehen, daß in Pauline von Harder eine große, wenn nicht„immenſe“, doch endlos„extenſive Seele“ verborgen läge und der Hof ſelbſt ſollte füh⸗ len, daß er nichts wäre, wenn nicht ein Verſtand wie der ihrige für ſein Wohl dächte und wachte. Sie war zu tief gekränkt, zu oft zurückgeſetzt, zu ſehr in ihrem innerſten Sein von jener romantiſch⸗ſentimentalen Richtung, in der die Königin lebte, verletzt worden, daß ſie ihr jetzt nicht hätte zeigen mögen, was denn doch noch in einer ſolchen„verlornen Seele“ wie die ihrige, lebe, glühe und wirke. Pauline las mit Gier alles Jüngſte und Neueſte; den Kosmos, die Zeit⸗ brochüren, die Schriften über Phyſiologie, Phrenologie, Alles was nur auf— ogie endete, die Schriften über Volkswohl, Gewerbe, ſogar über Freihandel. In ſolchem Bildungsdrange waren ihr die Klagen der Ludmer läſtig. Sie bat ſie, ihre Nerven zu ſchonen. Sie überließ ihr zu thun und zu laſſen was ſie wolle. Sie berief ſich auf das Bild, welches die Memoiren der Fürſtin Amanda an ihren Sohn enthalten hatte, um zu beweiſen, daß ſie wohl wiſſe, wann es Zeit zum Handeln wäre; für jetzt verfolge Charlotte nur Schatten und gefalle ſich in Träumereien. So war Pauline von Harder geſtimmt an jenem Tage, für deſſen Abend die Ludmer Fritz Hackert zu ſich berufen hatte. Sie hatte wieder Entdeckungen gemacht, über die ſie um jeden Preis erſt mit ihrer Gebieterin Rückſprache nehmen wollte; aber dieſe horche Dem, was ſie erzählte, nur halb zu; denn ſie glaubte Egon's Wagen zu hören. Er war es auch. Es war die Livree des jungen Fürſten, die ſie mit ihm ge⸗ meinſchaftlich verbeſſert, neu gemodelt, neu gezeichnet hatte. Aber der Wagen fuhr ja an ihrem Hauſe vor⸗ uͤber und hielt... drüben bei der noch immer in Büchſenſchußweite von ihr entfernt wohnenden Fürſtin Wäſämskoi?... Sie erſchrak darüber nicht. Iſt Das der Beſuch, ſagte ſie, den Egon ſchon längſt bei der grillenhaften Frau macht, die ſich ſeit der Flucht ihrer ☛☛—— Tochter und der Ankunft ihres abenteuerlichen Schwie⸗ gerſohnes vor Niemanden mehr ſehen läßt? In der That kehrte auch Egon's Wagen ſogleich zurück. Die Fürſtin Wäſämskoi hatte ihn nicht angenommen oder war nicht zu Hauſe oder war bei Tiſche, wie ſie eigentlich ſelbſt. Es waren eigenthümliche Diners, die Pauline ſeit einiger Zeit veranſtaltete. Sie be⸗ ſtanden aus einer kleinen gedeckten Tafel mit zwei Couverts in ihrem gelben oſtenſiblen⸗Boudoir. Ein Nebentiſch diente zum Anrichten. Eine große weiß⸗ brennende, geſchliffene Kryſtalllampe ſtand auf der kleinen gedeckten Tafel, deren Gläſer, damaſtne Decken, Porzellanteller und ſilberne Beſtecks einen traulichen Anblick boten. Die im weißen Porzellanofen praſſelnde Flamme, die Decken im Zimmer, die gleichmäßig ſchla⸗ gende Stutzuhr, alles Das erhöhte die Stimmung und um nichts zu vergeſſen, was den Beiden, die hier zu eſſen pflegten, den Genuß werthmachen konnte, erwähnen wir noch den im Eiskühler ſchon frierenden Champagner... So faſt täglich, ſo auch heute... Die Ludmer entfernte ſich und erhielt den Auftrag, daß ſie die am Abend erwartete Geſellſchaft in den großen Sälen empfangen ſollte. Schritte hallten. Der ohne Anmeldung eintretende Fürſt Egon küßte Paulinen die Hand und warf ſich ohne Weiteres 74 ſogleich auf die weichen gelbſeidenen Kiſſen des So⸗ phas. Er benahm ſich als wär' er zu Hauſe und Pauline war glücklich, den Allgefeierten bei ſich zu haben, ihn hegen, ihn pflegen zu können wie ſeine Mutter. Viertes Capitel. Der neue Lykurg. Sie waren bei der Fürſtin Wäſämskoi, Egon? be⸗ gann Pauline und lauſchte behutſam auf die Stim— mung ihres geliebten jungen Freundes, der in ſchwar⸗ zem Frack und weißer Halsbinde zwar erſchöpft, faſt leidend, aber mit der ihm eignen Würde und Haltung an ſeiner gewohnten Stelle ſaß und ſich langſam die Handſchuhe auszog. Ich hielt es für meine Pflicht, einmal wenigſtens meine Karte abzugeben, ſagte er mit faſt tonloſer Stimme, heiſer, angegriffen. Rudhard iſt ſo auf— merkſam gegen mich, beſucht mich, wenn er nur eine Minute erübrigen kann— Sind Das aber auch immer die Minuten, die grade Sie frei haben? Beläſtigt Sie der Mann nicht? Die Geheimräthin ſtrich mit der Hand des Fürſten Stirn. Sie erſchrak über ſeine Abſpannung. 76 Ich höre Rudhard gern. Es gibt mir Muth, meinen weiland Lehrer, den ich ſo hochachte, mit mir in Uebereinſtimmung zu wiſſen. Die Geheimräthin wagte, um den Fürſten zu zer— ſtreuen, an perſönliche Angelegenheiten zu erinnern, ob Olga geſchrieben hätte, ob Helene wirklich in Ita⸗ lien wäre, ob Heinrichſon ſich ihnen ſchon angeſchloſ⸗ ſen hätte... Rudhard ſpräche darüber nicht, ſagte Egon und erwähnte Dyſtra, der Aufſehen mache durch ſeine Sonderbarkeiten. Es wäre ein ſittlicher Poly⸗ theiſt, ein Ideen⸗Gourmand, wie er ſie nicht leiden könne dieſe Allesſchmecker und Nichtsverdauer. Bären, Affen und Hunde ſind, wie ich höre, ihm lieber als die Menſchen. Er ſollte die Bekanntſchaft Ihres Schwiegerpapas ſuchen, den die Menſchen in ſeiner juriſtiſchen Praxis ſo anwiderten, daß er zuletzt we⸗ niger daran verzweifelte, Hunde und Katzen auszuſöh⸗ nen, als die Leidenſchaften unſrer Race. Kommen Sie zu Tiſch, Egon! ſagte die Geheim⸗ räthin, erſchreckend über die tonloſe, faſt krächzende, trockne Stimme des Staatsmannes, der heute viel geredet zu haben ſchien. Sie ſind ermüdet! Stärken Sie ſich an meinen kleinen Mahlzeiten, die Sie noch dieſen Winter liebgewinnen ſollen. Wenn Sie er— ſchöpft ſind van der Politik, Egon, wenn das Cere⸗ 22 moniell des Hofes, ja Ihres eignen Hauſes Ihnen ſelbſt die Freuden der Tafel verleidet, ſo kommen Sie zu mir! Pauline ſervirt ihrem Freunde eine kleine, verſchwiegene, ſtille, trauliche Exiſtenz! Die Ludmer iſt eine Künſtlerin in der Sphäre Vatel's: Harder's einz'ge Region, in der man ſich auf einige Kenntniſſe von ihm verlaſſen kann, iſt ſein Keller... kommen Sie, Egon! Die Bedienten brachten Auſtern, Caviar, geröſtete Brotſchnitte.. Als ſie gingen, ſagte Egon lächelnd und ſich am Tiſche, wo er Paulinen gegenüber Platz genommen, mit laſſen Händen ſelbſt bedienend: Mais à deux? Wer verſprach denn— 2 Ich ſchrieb Melanie und lud ſie ein, ſagte Pau⸗ line, ohne im Mindeſten die Mienen zu einem Lächeln oder einem Spotte zu verziehen, ſondern wie im Drange des aufrichtigſten Bedauerns, daß ihr die Löſung einer ſehr ernſten Aufgabe nicht gelungen; ich ſchrieb Melanie und lud ſie ein. Sie wird erſt den Abend kommen. Zu dieſem Diner nicht, die Gründe ſoll ich mündlich hören. Ohne ſpröde zu ſein, weiß ſie doch gut zu rechnen, ſagte Egon lächelnd. Sie fürchtet die Ver— traulichkeit eines ſolchen kleinen Mahles à la Régence. F 28 Die Bedienten hinderten eine weitre Erörterung dieſes Themas. Sie ſchenkten Madeira ein und boten dem ſonderbaren, ſich hier gegenüber ſitzenden Paare davon in zierlichen kleinen geſchliffenen Gläſern. Nachdem kam eine faſt überkräftige Suppe und überhaupt ein ſo ausgeſuchtes, gewähltes Diner, daß wir die einzelnen Gänge ebenſo wie die Unterbre⸗ chungen durch die Diener mit Stillſchweigen übergehen können. Das Geſpräch, das ſich in den Zwiſchen⸗ pauſen frei ergehen konnte, kam etwa auf folgende Aeußerungen hinaus: Ich habe darüber nachgedacht, ſagte Egon mit träumeriſchem Sinnen, worin ich eigentlich den Zau⸗ ber dieſes reizenden Mädchens finden ſoll. Der Glanz ihrer Schönheit ſcheint dauerhaft, er wird nicht zu bald erblinden. Aber ſelbſt eine ewige Schönheit wäre in dem Falle etwas Vorübergehendes, wenn die Schön⸗ heit nur ihrer Schönheit allein bewußt wäre. Ich finde Das ſo liebenswürdig an Melanie, daß ſie ſich mit einer Leichtigkeit gibt, als wäre ſie nur lachend, nur graziös, nur munter. Sie macht kein ſteifes Weſen von ihrer Schönheit. Zuletzt ein gewiſſer gut⸗ müthiger Zug, eine gewiſſe... Nennen Sie's nur grade zu, ſagte Pauline, wie n 79 es iſt. Melanie gefällt Ihnen deshalb ſo ſehr, Egon, weil ſie bequem iſt. Bequem? Ja, theure Pauline, faſt glaub' ich, daß Sie das rechte Wort ſagen. Wenn man ſo wie ich Jahre lang die Liebe behandelt hat wie die erſte Aufgabe unſres Lebens, wenn man Frauen gefunden hat, die, indem ſie Liebe gewährten, unſern ganzen Menſchen dafür in Anſpruch nahmen und verbrauchten, ſo lernt man ein Weſen ſchätzen, das keine Gefühls⸗ wühlerin iſt, keine Gedankengrüblerin, keine heimliche, verſteckte, ſondern eine offne, gutmüthig ihre Schwä⸗ chen eingeſtehende Kokette. Ich weiß wahrlich, das Kapital, das am Ende ein Weib zu vergeben hat, iſt ſehr klein und allen Frauen liegt daran, daß ſich die Sage von der unendlichen Größe ihrer Schätze erhält. Man lobt und preiſt die Dichter, die Frauenliebe als etwas Unendliches und einem im tiefſten Grunde des Meeres zu ſuchenden Schatze nur Vergleichbares dar— ſtellen. Lieber Himmel, Das iſt eine Verabredung unter dieſen Phantaſten! Die Angelegenheit, um die es ſich zwiſchen Männern und Frauen handelt, iſt eine ſo außerordentlich einfache und ich geſtehe Ihnen, ich bewundere und ſchätze grade die Natürlichkeit, die dieſe Wahrheit eingeſteht. Pauline lächelte und betrachtete ſich jetzt erſt ge⸗ nauer ihr Téte-à-Tete. Egon war ſeit vierzehn Ta⸗ gen Staatsminiſter, dirigirender Chef des Landes; er hatte die Kammern entlaſſen und große energiſche Grundſätze ausgeſprochen. Er ſaß nun da ſo einfach vor ihr, derſelbe Mann, der alle Gedanken in An— ſpruch nahm, alle Leidenſchaften, beſchäftigte. Er aß an ihrem kleinen Tiſch, erholte ſich bei ihr von ſeiner auch äußerlich ſchon ſichtbaren Erſchöpfung! Wie fühlte ſie Das nach! Wie machte ſie dieſe Erholung glücklich! Egon war hoch, ſchlank, wie immer, ſeine Geſichtszüge edel und fein, ſeine Haltung fürſtlich, ſeine Kleidung zwar noch durch keinen Stern geziert, aber doch wie die eines Hofmannes. Wie blaß aber die Mienen des Antlitzes! Wie hoch die Stirn, der oben und zu beiden Seiten Morgens die Haare in Büſcheln entfielen! Wie zuckten die Lippen ſo ſpöttiſch! Wie krampfhaft gereizt waren ſeine Bewegungen, wenn er nach einer Schüſ— ſel griff! Wie bitter der Humor, wenn er den klei— nen Schnurrbart mit der Serviette reinigend und ein Glas Eremitage an die Lippen bringend, ſagte: Ah, Pauline! Dieſer ſüße Genuß, doch wenig⸗ ſtens etwas zu wiſſen, was feſt ſteht und gewiß bleibt! Dieſer feurige Burgunder iſt die einzige feſte That⸗ ſache, die ich ſeit lange unter den Händen gehabt habe. Was hab' ich Schwankendes geſehen und was 81 gleitet mir nicht alle Tage flüſſig und unhaltbar durch die Finger! Dieſe vierzehn Tage, wie reich an Hoff⸗ nungen, wie geſegnet an Täuſchungen! Sehen Sie, auch Das iſt an Melanie ſchön. Man weiß, was man an ihr beſitzt. Sie iſt eitel und geſteht es. Sie will gefallen und ſagt es. Sie verräth uns, daß ſie ſich mir nur unter großen Bedingungen ergeben könne. Auch dieſe Offenheit lernt man ſchätzen, wenn man wie ich in der Lage iſt, nichts, nichts mehr mühelos aufzufinden! O Gott, Pauline, wie oft mocht' ich ſchon in dieſen vierzehn Tagen mit dem Kopf an die Wand rennen! Nichts iſt mühelos, die einfachſte Er⸗ örterung nicht! Bei Gott, es verſtehen mich nur drei oder vier Menſchen, der König, die Königin, Sie und Melanie— Waren Sie heute mit dem Hofe zufrieden? Mit dem Monarchen immer, mit ſeinen Umge⸗ bungen niemals. Dieſe Menſchen fragen nach jedem Begriff, was er bedeute, nach jeder Maßregel, was ſie nützen oder ſchaden könne. Dem Monarchen ſagt' ich: Ich ehre die Monarchie. Der Fürſtin: Ich ehre die Sitte— nun verſtehen mich doch dieſe Beide, in allen Fragen wiſſen ſie, daß ich ihr Beſtes will. Aber die Andern! Die Sitte? bemerkte Pauline lächelnd und befahl 6 Die Ritter vom Geiſte. VIII. 82 den Bedienten, jetzt ſchon den Champagner zu öffnen. Als eingeſchenkt war und die Diener ſich entfernt hat⸗ ten, ſagte Egon: Warum zweifeln Sie an meiner Sittlichkeit? Pauline ſchwieg, warf ungläubig die Lippen auf, Egon aber fuhr fort: Iſt Das unſittlich, daß ich hier Ihnen gegenüber mein Mittagsmahl nehme und mich glücklich fühle, irgendwo einen Ort zu haben, wo ich mich ausruhen darf und wo man mir die Ruhe gönnt? Pauline reichte ihm faſt gerührt die Hand über den Tiſch... Geben Sie mir nicht die Hand, Pauline! ſagte Egon, ſie ſanft zurücklehnend. Ich verdiene es viel⸗ leicht nicht um Sie, denn geſtern Abend, als in den kleinen Cirkeln von Ihnen die Rede war— Von mir? Und nicht in den freundlichſten Andeutungen— In der That? Was erwarteten Sie wol von mir? Daß Sie mich vertheidigten. Ich that es, aber mit Waffen, die Sie vielleicht misbilligen. Nennen Sie ſie! Ich nehme Anſtand... „G 83 Ich muß Alles hören, was man in den kleinen Cirkeln von mir geſprochen hat. Alſo? Nun denn, Pauline! Ich nannte Sie alt. Ich ſagte ferner, Sie hätten das edle Bedürfniß, ſich mit dem Sohne einer Mutter, mit der Sie verfeindet waren, auszu— ſöhnen und ich ſchätzte an Ihnen dieſe Reue und lie Stellvertreterin derſelben. Nicht wahr, Das war eine ſehr liebevolle Impertinenz? Paulinen zuckten in der That die Nerven. Sie bte, da ich keine Mutter mehr beſäße, Sie als die war denn doch von einer ſo heroiſchen Aufrichtigkeit zu ſehr überraſcht. Sie ſtand allerdings ſchon an dem Scheidewege, ſich eine Matrone zu nennen. Aber hindrängen mußte man ſie darauf ſo ſchroff nicht, ſo jäh und abſchüſſig nicht. Sind Sie mir böſe? fragte Egon. Die Geheimräthin faßte ſich erſt allmälig, biß ſich die Lippen und ſagte dann lächelnd: Warum ſollt' ich? Sie haben Recht, ich bin alt. Im Uebrigen glaub' ich, daß Sie ganz gut thun, den Jargon dieſer kleinen Cirkel zu ſprechen, wenn Sie doch einmal an ihnen Theil nehmen müſſen und Je⸗ manden dort nützen wollen. Ich muß, um Doppelpolitik zu hintertreiben. Dann wünſcht' ich aber doch, fuhr Pauline noch 6* — 84 etwas gereizt fort, die Gräfin Altenwyl käme einmal auf Melanie Schlurck zu ſprechen und früge den tugend⸗ haften jungen Premier, den Abgott aller pietiſtiſchen Hofdamen, wie er verantworte, ſeit dem Tage, wo er eine berühmte junge Kokette auf dem Wege nach So⸗ litüde zu Pferde geſehen, ſich ſogleich in ſie zu ver— lieben und bei der chère Maman Pauline von Harder, täglich nach einem Rendezvous, nach einem Téte-à Tete mit ihr zu ſchmachten? Die Bedienten brachten eben ein aus den vollen— detſten Herbſtfrüchten beſtehendes Deſſert. Als ſie fort waren, ſagte Egon, eine Melone pfeffernd: Bitt're Wahrheit! Unſer Magen verdaut das Süßeſte nicht, wenn wir es nicht durch die Vernunft unterſtützen. Ich gebe Ihnen das heilige Verſprechen, daß ich auch in Betreff Melanie's auf jenem Tugend⸗ pfade bleiben werde, den Sie belächeln, Freundin! Der Verhältniſſe, Sie wiſſen, was das Wort bezeich⸗ net, bin ich überdrüſſig. Ich habe mit einer Griſette wie in der Ehe gelebt und habe Luſt, Liebe, Leid im reichſten Maaße genoſſen. Ich hatte dann eine zweite Ehe. Ich bedarf, ich ſeh' es wohl, der Frauen... Pauline drohte ihm ſchalkhaft; denn Egon that, als wäre ſie ſeine dritte Ehe. In der That, fuhr er fort, wenn ich meinen klei⸗ 85 al nen Roman mit Melanie fortſetzen ſollte, würd' ich d⸗ in die Lage kommen können, ſie zu heirathen— m Prinz, welche Thorheit! rief Pauline und ſprang er auf. Fürſt Egon von Hohenberg wird Melanie ⸗ Schlurck, die Tochter eines in ſeinen Vermögens⸗ ⸗ verhältniſſen, wie es ſcheint, zerrütteten Advokaten, r, die ehemalige Verlobte eines Stallmeiſters nicht zur - Fürſtin erheben! Fürſt von Hohenberg! ſagte Egon bitter. Wieder⸗ n— holen Sie dies Wort, ſeit wir die Denkwürdigkeiten rt meiner Mutter laſen, noch mit ſo würdevollem Nach⸗ druck? as f Welche Sorge! entgegnete Pauline mit einem eig— nft nen Anflug von triumphirender Ueberlegenheit. Sie en, ſind trotz der puritaniſchen Buße, die ſich Ihre Mut⸗ n⸗ ter glaubte auferlegen zu müſſen, der Sohn des Für⸗ a/! ſten Waldemar von Hohenberg und werden den Glanz c⸗ Ihres Namens nicht erlöſchen laſſen— tte Doch! Doch! Pauline! erwiderte Egon ſehr ernſt im und trübe. Wenn ich Miniſter bleibe und mir Me⸗ ite lanie ſich als Bedürfniß ſo erhält, wie ſie es zu 3 meinem Entſetzen ſchon geworden iſt, ſo werd' ich ſie dt, heirathen müſſen. Unglaublich! lei Dann gut! Ich will Melanie nicht mehr ſehen, 1 86 nur Sie, Pauline, nur mit Ihnen will ich reden, mit Ihnen debattiren, diniren; aber dieſe jungen Schön⸗ heiten, die Sie um ſich verſammeln, dieſe reizenden Geſtalten entfernen Sie! Ich kann mich nicht mehr an dieſe vorübergehenden Irrthümer, an die eitlen Naivetäten, an die ſentimentalen Koketterieen preis⸗ geben oder ich wähle ein Weib und Sie haben Recht, ich habe allerdings Urſache, eine aus den höchſten Ständen zu ſuchen. Man räumte die Tiſche hinweg. Egon nahm auf dem Sopha Platz und ſtützte das Haupt auf. Sie ſind heute wieder einmal ein Grillenfänger, begann Pauline von Harder und fuhr dem jungen Fürſten durch die Locken, von denen ſie bemerkte, ſie würden ihm immer lichter werden, wenn er ſo ſeinem Trübſinn nachgäbe und dem Beiſpiele einer Mutter folge, die ihm ihr ſelbſtquäleriſches Temperament vererbt zu haben ſchiene. Ach, ſagte Egon, welch' ein drückendes Gefühl bleibt es doch, ſo an ſich ſelbſt nicht mehr glauben zu dürfen und ſich als ein Andrer zu wiſſen, als der man von den Menſchen genommen wird! Seit ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las, iſt mein Innerſtes zerſtört. Dieſe verblendete, von der Leiden⸗ ſchaft der Wahrheit bis zur Grauſamkeit hingeriſſene — Frau! Um Buße zu thun, um ihre Reue zu beken⸗ nen, um ihren Sohn zur Nachfolge Chriſti, zur De⸗ muth zu bewegen, muthet ſie ihm für ſein ganzes Le⸗ ben eine Lüge zu, einen Betrug gegen ſich ſelbſt und die Welt! Man brachte den Kaffee. Pauline winkte den Bedienten, die an raſches Serviren gewöhnt waren, ſich zu entfernen. Laſſen Sie dieſe Erinnerungen! ſagte die nächſt der Ludmer einzige Mitwiſſerin des Geheimniſſes, daß Egon nicht der Sohn des Feldmarſchalls von Hohen⸗ berg war. Es gibt nur ein Weſen, das in die Ge— ſchichte der Verirrungen Ihrer Mutter eingeweiht iſt— Verirrungen! griff Egon träumeriſch das Wort auf. Als ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las, fühlt' ich, ſie kommen, ſo grauſam ſie für mich ſind, doch von einer andern Welt als der, wo wir irren. Pau⸗ line, ich hätte Sie damals tödten können, weil Sie ſich mit ſo verſchlagner Liſt dieſen Beſitz aneigneten— Erlaubte Selbſthülfe, Prinz!* Nein, fuhr Egon geſteigerter fort, ich ſegnete Sie ſchon nachher ſelbſt in meinem Schmerz. Ich war zu Thränen gerührt, als Blatt für Blatt dieſe Geſtändniſſe aufflogen und ich in den Grund eines das Unmögliche ſuchenden, verzweifelnd ringenden Herzens blickte. Ach, als ich heute 84 die Altenwyl in bequemer Behaglichkeit ſo albern reli⸗ giös ſich gebehrden ſah, ſo ſicher in ihrem Chriſten— thum, wie eine Predigthörerin im bequemen Kirchen⸗ ſtuhl, als man mir zumuthete, die Erbſchaft der Jo⸗ hanniter getroſt der Stadt zu überlaſſen und den vom vorigen Miniſterium begonnenen Prozeß zu Gunſten einer pietiſtiſch-jeſuitiſchen Coterie— die ich klar durchſchaue— fallen zu laſſen, wie ging mir da beim Anhören dieſes Nebelns und Schwebelns kindiſch bor⸗ nirter Gemüthsgründe das Bild meiner Mutter auf! Wer iſt unter Euch, der mich einer Sünde ziehe, ſo konnte ſie ſagen ſolchen abſolut Tugendhaften gegen⸗ über! Sie, die ſich, um ſich ganz verachtet zu ma⸗ chen, ſich ganz zu entkleiden, ganz zu ſtäupen und zu demüthigen, ſelbſt anklagte, ſie, die keine gleißneriſche Falte in ihrem Leben dulden wollte und in mir die— ſelbe Demuth, dieſelbe Entſagung und Gottergebung durch irgend einen großen Entſchluß wirken wollte! Ich hatte ſie gekränkt von Kindesbeinen an... Aber, Egon! So entſchuldigen Sie dieſe Mutter? rief Pauline. Sie konnte Jedem ihren Fehltritt, der mich damals namenlos unglücklich machte, beichten, warum Ihnen? Sie hat Ihre Ruhe vergiftet, ſie hat Ihnen den Glauben an ſich ſelbſt genommen... Denken Sie ſich in dieſe Verirrung nicht hinein! —⸗—;—ꝛÿꝛÿ:—·—,.,·...,xnx ʃ—qᷓ‧ꝙ ⁵◻VC——ô — — unterbrach Egon. Sie verſtehen dieſen Trieb nach Wahrheit und dieſe Auffoderung zur Demuth nicht! Ich finde in der Manie der Wahrheit keine Tu— gend mehr. Sie wollte mit keiner Lüge aus der Welt gehen! Sie wollte ganz zerknirſcht ſein, ganz gedemüthigt vor den Menſchen und vor mir, dem ſie die Grenze des Selbſtge⸗ fühls wies! Einmal flammte noch die Angſt in ihr auf. Sie ſchrieb an Rudhard, er ſollte ihre Geſtändniſſe prüfen.. Ihren Namen, den Namen Ihres Vaters ſchänden! Nein! Nein! Pauline! Wenn die Todte Das ſähe! Ich ſitze auf den ſchwellenden Polſtern ihrer Feindin! Was iſt Ihnen, Prinz? Als ich dieſe Denkwürdigkeiten, die unter Thränen geſchrieben wurden, las, dankte ich dem Zufall, daß ſte Rudhard, der Anſprüche darauf machte, nicht erſt geleſen. Sie allein kennen ſie. Sie allein, Pauline, wiſſen, daß die junge Gräfin Hohenberg ihre erſte Freiheit von einem brutalen, rohen, ſinnlichen, ge⸗ wöhnlichen Gatten, dem berühmten Krieger, zu einer Badereiſe benutzt und in dem Jubel einer endlich ein— mal erlöſten Eriſtenz, in dieſer Freiheit von vier Wo⸗ chen ſo ſchwach war, den Schmeicheleien eines liebens— würdigen jungen Mannes nachzugeben, den auch eine Kette band, auch ein Schickſal drückte... 4* 90 Sie ſind ſo grauſam wie Ihre Mutter! Vergeben Sie, Pauline, ich muß es mir oft vor— führen, um es von einer Mutter verſtehen zu können. Ich möchte von Heinrich Rodewald, meinem wahren Vater, eine gute Vorſtellung haben. Die Mutter ſchildert ihn wie einen Gott. Aber die Erinnerung mag verſchönert haben. Iſt es doch ein Frühlings⸗ hauch, der über dieſen Blättern weht! Welche Se⸗ ligkeit, wie ſie ihre Freiheit in der Landecker Badereiſe ſchildert! Die erſte Freiheit! Der erſte Strahl des erwachenden Selbſtbewußtſeins! Sonſt Nacht, ſonſt Nebel, Qual täglich, Pflicht ſtündlich, nur Sklaverei! Und nun dieſer erſte Lichtſtrahl! Und wen verklärt er? Einen Rodewald! Sagen Sie, verdiente er dies Entzücken? Sie ſind ſein Ebenbild! Beſaß er ſeltnen Geiſt? Mehr den Geiſt der Entwickelung als den der Syntheſe. Mehr Denker alſo als dichteriſch. Die Frauen lieben die Analyſe. Ach, ich ſehe Das! Pauline von Ried iſt krank, elend, ſie badet, um zu geneſen. Ihr Freund und Verehrer begleitet indeſſen ſtündlich Pau⸗ linen's Jugendfreundin, findet Gefallen an der rei⸗ zenden jungen Frau, die in Wonne ſchwelgt über ei⸗ —— 91 nen Kieſelſtein aus dem Bache, über eine Blume, ei⸗ nen Käfer. Sie denkt, das Alles wäre der Zauber einer Badereiſe; da müſſe man einſaugen für das ganze Leben, jeden Grashalm genießen, jedes Vögelchen be— wundern, aus allen Schnüren und Bändern die trun⸗ kene Seele erlöſen. Und dieſer junge Schwärmer ſagt ihr, daß er von Pauline von Ried ſich trennen müſſe, um zu leben, ſie quäle ihn, ſie morde ihn... Ha! Wie verwandt ſind Sie ihm! Ja, ja, Das iſt die Sprache eines Don Juan, der kein andres Mittel, Amanda von Hohenberg zu bethören, wußte, als Das, mich herabzuſetzen! Egon lächelte und ſprach faſt in ſich hinein: Heinrich Rodewald iſt wie ich. Er konnte alſo das Glück nicht ertragen! Ha, ha, Euer Glück! Das Glück, Euch und Eure Liebe zu beſitzen. Und Amanda, die glaubt, die liebt zum erſten Male, die jubelt, ei— nen Mann gefunden zu haben, der ihr eine edlere Vorſtellung von unſerm Geſchlechte einflößt als jener rohe, mit Orden behangene Landsknecht! Sie be⸗ ſchließen eine Trennung von dem damaligen Grafen von Hohenberg. Rodewald, ein Gelehrter, ſchien ihr der reinſten Gegenliebe würdig. Sie ſcheidet von dem Badeorte, voll edelſter Vorſätze— Falſch, heimtückiſch gegen ihre Freundin— 9 92 Aber wahr gegen meinen Vater und wahr gegen den Grafen, ihren Gatten. Amanda kommt nach Hohenberg— eben im Begriff, dem General ihre ganze Schuld einzugeſtehen, den Beiſtand eines Rechts⸗ freundes zu einer legitimen Trennung anzurufen, das Band, das ſie an Rodewald knüpfte, kirchlich einſeg⸗ nen zu laſſen... fällt dem zerrütteten Finanzweſen des großen Kriegers jene halbe Million der öſterreichi⸗ ſchen ausgeſtorbenen Linie unſres Hauſes zu! Sie ſtockt nun. Nicht aus Gefallen am Glanze für ſich, ſondern aus Erwägung, Rückſicht, aus Liebe zu dem Kinde, das ſie unter'm Herzen trägt. Verlorne Stun⸗ den bei guten Vorſätzen ſind verlorne Tage, verlorne Tage da verlorne Jahre. Mistrauen gegen Rodewald ergreift ſie. Sie ſieht ihn wieder. Wieder faßt ſie neues Vertrauen. Wieder will ſie ſich dem General entdecken, wieder von ihm die Einwilligung zu einer Trennung begehren, will wieder wahr ſein, tugendhaft, wenigſtens bereuend, da erhebt der Monarch ſeinen Liebling in den Fürſtenſtand. Fürſt Waldemar von Hohenberg! Das Kind, das ſie unter'm Herzen trägt, nun ein Fürſt: reich und ein Fürſt! Ein Kampf der Rückſichten! Gegenſatz auf Gegenſatz! Die Mutter⸗ liebe ſtreitet mit der Liebe zu Rodewald, die Furcht, die Beſorgniß übermannen ſie. Die Entſchließung — — verzögert ſich. Der Augenblick des Geſtändniſſes wird verſchoben, verſchoben die Möglichkeit einer Ehrenret⸗ tung vor der Welt und endlich ganz verſäumt. Die Fürſtin Amanda, damals noch weltlich, noch flatternd wie ein Schmetterling, denkt an die Zukunft ihres Kindes, träumt, daß es eine glänzende, glückliche ſein könnte, und auch Rodewald... nicht wahr, er iſt an ſeine Kette zurückgekehrt? Nein, Sie Grauſamer! unterbrach Pauline den vor ſich hinſtarrenden und dieſe Geſtändniſſe nur kurz ſo ausſtoßenden Egon. Nein, zurückgekehrt an ein Sterbebett! Ich war dem Tode nahe... Ich erfuhr von Rodewald's Untreue, aber ich glaubte nicht. Ich wollte nicht glauben. Noch jetzt, Egon, wenn nicht Heinrich's Auge, ſeine Stirn, ſein Gang, ſein eigen⸗ ſtes Weſen ſich in Ihnen abſpiegelte... In der That? bemerkte Egon ſeufzend und richtete das Haupt zu Paulinen auf, indem er ſagte: Wie bin ich doch gefangen, Pauline! Der ſtolze, ehrgeizige, weltſtürmende, weltſchirmende Egon hat eine Meiſterin über ſich, die ihm, wie Sie einmal ſag⸗ ten, die Hölle werden könnte! Sie ſind der Sohn Ihres Vaters! Baſtard von Hohenberg! Wie mich Das ſchüttelte! Wie mich Das eingeengt hat! Wie bin ich ſogleich 94 ſtolzer, eitler geworden, als in meiner Natur liegen durfte. Ich hatte ſogleich einen ſtillen Mahner in mir, den ich nicht anders betäuben konnte als durch Lurus und adlige Anmaßung. Die Wahrheit der Le⸗ gitimität, die in der Form, im Zugeſtändniſſe liegt, hab' ich erſt jetzt verſtanden, jetzt erſt gewürdigt. Ja, die Thatſachen entſcheiden, nicht die Unterſuchungen. Von dem Tage an, wo ich erfahren mußte, daß ich nicht des Fürſten echter Sohn bin, hab' ich den Für⸗ ſten, meinen ſcheinbaren Vater, angefangen beinahe hochzuehren, beinahe liebzugewinnen, bin den Spuren ſeiner rohen Bildung faſt mit Intereſſe gefolgt: Ich war Fürſt mit Leib und Seele, des Fürſten echter Sohn im Geiſte. Wie räthſelhaft iſt doch Alles im menſchlichen Gemüth! Wenn dieſe Geſtändniſſe Ihrer Mutter, ſagte Pau⸗ line, bewirkt haben, daß Sie Ihres Standes und Be⸗ rufes eingedenk wurden, unpaſſende Freunde und Ge⸗ noſſen aus Ihrem Umgange entfernten, Ihre Stellung behaupteten, ſo haben Sie mehr erreicht, als Amanda beabſichtigte— Ich bin reif in ein Kloſter zu gehen oder den Propheten zu ſpielen und die Welt in Flammen zu ſetzen um meines Glaubens willen... Geben Sie mir die Hand, Egon! Seien Sie be⸗ 9⁵ ſonnen! Was verdank' ich Ihnen nicht? Sie er⸗ en in quicken mein verſchmachtendes Gemüth, Sie ſtillen 1 ch noch einmal den Durſt eines verzweifelnden Gefühles e⸗ der Nichtbefriedigung! Wie leb' ich mit Ihnen! Wie 1 folg' ich Ihrer großen, bewunderungswürdigen Bahn! 4, Wie ſonn' ich mich in Ihrem Glanze! Dieſe Leiden⸗ n. ſchaften, die mich ſonſt darüber unglücklich gemacht d haben würden, daß ich in Ihnen die Züge Heinrich Rodewald's wiederfand, ſchlummern nun... Wie 7 1 können Sie von einer Hölle reden! n Egon ſchwieg, blickte nieder und ſagte zuletzt träu⸗ mend: 6 1 Wo mag mein Vater jetzt weilen? Lebt er wol c noch? Wer iſt das junge Mädchen geweſen, das Sie, Pauline von Ried, ihm ſelber gaben, um zu verhin⸗ 3 dern, daß er zur verhaßten Amanda zurückkehrte?... „ Wie treu Ihr Gedächtniß iſt, Egon! Sie müſſen dieſe Blätter oft leſen! . Ja, Pauline, ſagte Egon gerührt, ich leſe ſie oft, ſte ſind ein Gedicht. Sie ſind die Bekenntniſſe einer wirklich ſchönen Seele. Ein junges, unerzogenes Mädchen, dumpf hinlebend, verheirathet, weil ſie ſchön Vermögen, ohne viel Bildung, ohne viel war, ohne ie Qual ihres 9. 5 Lebensanſprüche, nun gequält und d Looſes für das allgemeine Frauenloos nehmend.. Da . endlich jene Reiſe nach Landeck! Die Stelle, wo die Mutter mir ſchreibt, daß ſie von Heinrich Rode⸗ wald zum erſten Male auf den Schlag der Nachtigall wäre aufmerkſam gemacht worden, leſ' ich täglich; denn ich kann ſie auswendig.„Philomele ſcheidet nun, ſagte Heinrich und auch wir werden uns tren⸗ nen! Unbekanntes Land, das uns die Sängerin des Haines birgt, bis ſie wiederkehrt! Ach, wir kennen unſre Heimat, wir kennen das Land unſres Winters, 1 aber wir werden uns nicht wiederſehen.“ Pauline, dieſe Denkwürdigkeiten... ich leſe ſie oft; ſie ſtärken, ſie erheben mich. Ich begreife jetzt, warum ſich meine Mutter zuletzt in die Fluten einer ungewöhnlichen Andacht warf. Sie wollte nicht blos die Sünde, ſie wollte auch das nur einmal blühende Lebensglück 1 vergeſſen. Sie wollte vergeſſen, wie die Erde ſo ſchön iſt! Und geſtehen Sie, waren Sie nicht er⸗ ſtaunt, daß ich nicht beſchämt ſage, als Sie auch nicht ein Wort der Anklage, nicht eines des vernich⸗ tenden Vorwurfes für Sie in jenen Papieren ent⸗ deckten? Pauline ſchwieg finſter; denn fremde Güte drückt... Ueber die Löſung des Knotens, fuhr Egon fort, — — — — fand ich nichts als die Worte:„Pauline erkrankte „s Neue. In dem Glauben, ſie würde ihrem Uebel auf ſetzung, mein Geliebteſter erliegen, in der Voraus würde ſchonungsvoll und edel meine Schwäche verzei⸗ hen und ſich zu mir, der Treuloſen, die dem Reichthum und Glanz ihres Kindes zu Liebe ihren Schwur brach und Alle, Alle betrog, in Vergebung zurückkehren, gewann ſie eine junge, liebenswürdige, kindliche An— verwandte und beſtimmte ſie zu Rodewald's künftiger Gattin. Ich habe nichts mehr von Beiden, die ſich wirklich verheiratheten und dieſe Länder verließen, gehört, nichts mehr hören mögen, ich wandte mich bald, da ich an dem Fürſten den gehofften Halt ver⸗ lor, zu dem einzigen Hort des Lebens, dem Tröſter aller Leiden, unſerm Herrn und Heiland, der mir Gnade widerfahren ließ, aber auch ſtündlich zuruft: Demuth und Kreuz auf Erden iſt allein Erhöhung zum Himmel!“ Pauline runzelte die düſtren Augenbrauen. Dies ernſte Geſpräch kam ihr zu unerwartet. Es weckte zuviel der ſchmerzlichſten Erinnerungen aus vergang⸗ Sie wollte der Gegenwart leben, den Sie haßte alle Rück— und alle Egon nen Tagen. Augenblick genießen. Vorblicke, ſie floh die Reflerion und behauptete, Die Ritter vom Geiſte. VIII. 4 98 hätte eine verdrießliche Erfahrung gehabt und wäre nicht aufrichtig gegen ſie. Sie haben ein Rencontre mit dem Herrn Voland gehabt, ſagte ſie. Ich weiß es, daß Sie ihn ungern 4 in den„kleinen Cirkeln“ ſehen und ihm nicht ver⸗ zeihen können, daß er das von Ihnen ihm dargebotene Portefeuille ausſchlug. Die Beamten intriguiren? Die Provinzialpräfekten? Nicht? Egon ſchwieg. Er wollte nicht antworten. Er weilte in den Erinnerungen ſeiner Mutter. Man brachte ihm hierher Briefe, Zeitungen. Er ſah ſie noch nicht an. Pauline kannte ſeine ernſte Natur und mußte ihn ſchonen, um ihn nicht zu erzürnen. Sie las in den Blättern. Dann und wann ließ ſie eine Bemerkung fallen, eine Notiz laut werden. Egon antwortete einſylbig. Erſt als Pauline leiſe ging, aus einem Käſtchen an ihrem Schreibtiſch eine Cigarre mit Grazie hervorzog, ſie über dem Cylinder der Lampe behutſam anzündete und mit wirklicher Anmuth ſie dem Träumenden entgegenhielt, lächelte er, ſtand auf, nahm die dargebotene Licenz, ſich es hier ſo bequem wie in ſeinem Hauſe zu machen, entgegen und wurde mit der erſten Wolke, die er hinausblies in das erwärmte, behagliche ſtille Gemach von dem Drucke, der auf ſeinem Herzen laſtete, befreit. väre 99 Was bringen die Blätter? ſagte er. Was fragten Sie mich vorhin über General Voland? Oder von Rochus vom Weſten, dem Geſandten? Oder dem Präſidenten von Flottwitz? Sprachen Sie nicht? Er war zur Gegenwart zurückgekehrt. Fünktes Capitel. Die Hintertreppen. Die Geheimräthin fragte zuvörderſt, wie der berühmte General ſich zu ihm ſtelle. Egon antwortete: Ich weiß jetzt, warum General Voland von der Hahnenfeder ſich ſcheute, in mein Miniſterium ein— zutreten. Ich habe Entdeckungen gemacht, die mich beſtimmen werden, den Hof vor dieſem unklaren Charakter zu warnen. Entſinnen Sie ſich jenes Pro⸗ feſſors Rafflard, der ſich an Helenen ſo gefliſſentlich anſchloß? 3 Die Geheimräthin bemerkte, daß ſie von Helenen ſelbſt erfahren hätte, dieſer Rafflard wäre ein Jeſuit. Helene, ſagte Egon, war leichtgläubig, ein Spiel⸗ ball jeder Schmeichelei. Sie hatte von Rafflard Be⸗ weiſe ſeiner Intriguen genugſam in Paris erfahren. Sie wußte, daß ich alle Urſache zu haben glaubte, mte der ein⸗ nich rren pro⸗ lich enen ſuit. iel⸗ Be⸗ ren. lbte, mich von ihm gehaßt zu wiſſen. Dennoch nahm ſie ihn auf. Und warum? Weil er ihr ſagte, ſie hätte die zarteſten Hände und das weichſte Herz. Helene iſt das Opfer dieſer Unfähigkeit, irgend einem freundlichen Worte zu widerſtehen. Ich finde Das unter allen Um⸗ ſtänden liebenswürdig, aber nicht unter jedem Um⸗ ſtande charakterfeſt. Rafflard ſoll in Verzweiflung über Helenen's Ab⸗ reiſe ſein, bemerkte Pauline. Der gute d'Azimont ſchrieb mir, daß ſeine Mutter dem Jeſuiten den Auf— trag gegeben hätte, zu Gunſten ſeines Vermögens, das der Mutter und durch ſie anderweitigen frommen Stiftungen anheimfallen ſolle, eine Scheidung zwiſchen ihm und Helenen zu veranlaſſen. Deshalb dieſer Eifer, mich mit Helenen zu ver⸗ ſöhnen! Deshalb dieſe Leidenſchaft, die mich zu einer Che zwingen wollte! Ich werde Helenen nie vergeſſen. Wo mir etwas Sanftes, Zärtliches, Weiches, Hingeben⸗ des Bedürfniß iſt, werd' ich an Helene d'Azimont denken. Aber ſie hatte den Fehler aller Frauen, für Liebe einen ganzen Menſchen zu verlangen und nur da praktiſchen Charakter zu zeigen, wo man ihr nicht huldigte. Egon gerieth immer in Feuer, wenn er gegen Helenen ſprechen und weibliche Schwächen analyſiren konnte... Sie ſind blaſirt, Egon, ſagte die Geheimräthin lächelnd. Und ſeit ich weiß, daß Ihnen Rafflard ſo früh den Caſanova zu leſen gab... Pauline hatte ein Bedürfniß, dieſe peinliche Un⸗ terhaltung heitrer zu modeln. Sie verſchmähte dazu ſelbſt ein frivoles Mittel nicht. Und Egon ſagte: Rafflard legte den Grund meiner erſten Leiden. Er pflanzte früh in die Seele des Knaben verbotene Vorſtellungen und lehrte mich Ekel und Ueberdruß an den Freuden, die Andre beglücken. Dieſem Schänd⸗ lichen jetzt ſagen zu dürfen: Sie verlaſſen dies Land binnen dreimalvierundzwanzig Stunden, gewährt mir eine große Genugthuung! In der That? Wollen Sie Das? Er kann Helenen folgen nach Turin, Rom, Paris, wohin er will. Ich habe die ſprechendſten Beweiſe, unwiderlegliche Anzeigen, daß er hier im Intereſſe der Hierarchie zu wirken ſuchte und Sie würden erſtaunt ſein, wenn Sie wüßten, wer ihm Vertrauen geſchenkt hat. Rafflard bewegte ſich zuletzt in den höchſten Cir⸗ keln.... Es fehlte wenig, daß er in die„kleinen“ kam und eine Vorleſung über iſolirte Gefängniſſe hielt. Dieſe wunderliche Hofromantik kommt noch einſt in die Lage, Heilige anzubeten, auf deren Reversſeite 103 ſich Lovelace präſentirt. Wie komiſch iſt doch dies Jagen nach dem Aparten, Excluſiven! Glauben Sie aber, daß General Voland— Ich glaube nicht, daß dieſer kluge Mann irgend⸗ wie ſich an untergeordnete Emiſſaire preisgibt, aber ich weiß, daß das Terrain für den Jeſuitismus bei haltloſen, in allen Widerſprüchen der Zeit hin- und herſchwankenden Naturen gar nicht ſo ungünſtig iſt. Selbſt aus dem Schooße der Freimaurerei, die ſonſt eine geſchworne Feindin Loyola's iſt, hat ſich wieder ein päpſtliches Autoritätsweſen entwickelt, ganz wie im vorigen Jahrhundert... Jetzt verſteh' ich den Artikel, den Stromer vor— geſtern im„Jahrhundert“ lieferte. Er verfaßte ihn nach meinen Angaben und ich beobachtete die Wirkung deſſelben in den„kleinen Cirkeln“. O erzählen Sie! Als ich eintrat, fühlte ich an einer gewiſſen Stille in dem kleinen traulichen Zimmer, daß ich ſelbſt eben der Gegenſtand des Geſpräches geweſen war. Ge⸗ meral Voland ſteckte eben eine Zeitung ein, die er ohne Zweifel vorgeleſen und gloſſirt hatte. Prinz Ottokar, ein Gegner des Generals, ſtand auf und ſagte mit lautem Nachdruck, indem er mir die Hand reichte: Prinz Hohenberg, Sie haben Recht, daß Sie unklare Schleicher abfertigen laſſen! Als er gegangen war, ſprach ich mich auf's Entſchiedenſte gegen die geheimen Geſellſchaften aus... Zitterte da die Altenwyl nicht für unſern geliebten Reubund? Wohl! Man kam wieder mit all dem romanti⸗ ſchen Geflimmer, dem ich nun- und nimmermehr das Wort reden werde. Dies Liebäugeln mit dem Mit⸗ telalter hat den modernen Staat in ſeiner monarchiſch⸗ konſervativen Form faſt zur Unmöglichkeit discreditirt. Ich ließ die Altenwyl, die gutgeſchulten Kammerher⸗ ren, einige gottſelige Präſidenten, die Hofmagier und Zeichendeuter alle reden, was ſie wollten über dieſe Nothwendigkeit des Anſchluſſes gleichgeſtimmter Ge⸗ müther und was ſonſt für die Geſchichte der Kreuz⸗ züge und des Peter von Amiens Brauchbares vor⸗ gebracht wurde, und war zuletzt ſo frei, den General Voland über ſeine Meinung wegen der Jeſuiten zu fragen. Die Königin, etwas gereizt, warf ſogleich die Aeußerung dazwiſchen, daß der General katholiſch wäre. Der König in ſeinem ſcheuen Zartgefühl, in ſeiner Befangenheit vor allen erxtremen Meinungen brach dieſe Debatte durch ein Album ab, deſſen Blätter er mir vorlegte. Es waren... klare war, men bten anti⸗ das Mit⸗ iſch⸗ tirt. her⸗ und dieſe Ge⸗ reui⸗ vor⸗ reral 1⁰0 Doch nicht die Zeichnungen des Gethſemane? fragte Pauline. O nein, ſagte Egon lachend. Frau von Trom⸗ petta iſt ja ſeit ihrer Sammlung für die deutſche Flotte ſo in Ungnade gefallen, daß Frau von Alten⸗ wyl ſie kürzlich ſchon eine der gefährlichſten Hochver⸗ rätherinnen nannte, die man nur ihrer frommen Ver⸗ wandten wegen ſchonen würde. Pauline mußte über dieſe Anſchuldigung der Frau von Trompetta in Lachen ausbrechen. Nein, fuhr Egon fort, jenes Album war eine Sie⸗ gel⸗ und Wappenſammlung, die General Voland ſeit Jahren geordnet hat... Man ſieht, daß wir im Frieden leben und uns nur zum Schein manchmal auf den Krieg berufen! Ich mag etwas Aehnliches in meinen Mienen ge⸗ äußert haben; denn mein Intereſſe an dieſen bunten Malereien war ſehr gering. Die Königin hob viele der in den Wappen enthaltenen Wahlſprüche hervor. Beſonders gefielen ihr die provenzaliſchen, die General Arnheim gut überſetzen konnte. Ich litt, zu ſehen, welchen Ideen und Beſchäftigungen man bei Hofe in dieſer Zeit nachgeht. Man betrachtet Siegel und treibt Wappenkunde! Man läßt ſich erzählen, wie die Alten Glas brannten und wodurch beſonders das 106 glühende Rubin der gemalten Fenſterſcheiben gewon⸗ nen wird! Man ſammelt Autographen und lieſt die Schriften über„innre Miſſion“, die zu Hamburg in der„Agentur des rauhen Hauſes“ erſcheinen. Der König, gegängelt von den Frauen, hat die Liebhaberei des Allwiſſens und ſchlägt, da ſeine eignen großen Kenntniſſe doch immer noch nicht ausreichen, die noch größern des Generals Voland auf. Ruhig gibt dieſer ſeine Antworten, immer poſitiv, immer wie ſich von ſelbſt verſtehend. Wir andern Menſchen machen doch zuweilen einen Fehler, wir wiſſen doch zuweilen auch ſo gut wie nichts, allein der General iſt unerſchütter⸗ lich. Er iſt ein Orakel und die Königin würde, wenn er behauptete, er zähle wie Graf St.-Germain be⸗ reits hundert Jahre, es unbedingt glauben und dieſen Glauben dem Gemahl zu einem Beichtartikel, zu einer unumſtößlichen Thatſache machen. Da ich Beweiſe in Händen habe, daß General Voland mit Rafflard und einem andern Krypto-Jeſuiten vertrauten Verkehr getrieben, ſo zitterte ich vor Ungeduld und hätte dieſe Wappen, dieſe Siegel, dieſe Autographen, dieſe Mi⸗ niaturen vom Tiſche hinunterwerfen mögen, allein ich mußte mich beherrſchen. Die Rede kam auf die ver⸗ ſchiedenen Formen des heiligen Kreuzes. Die Kennt⸗ niſſe des Generals waren unerſchöpflich. Er beſchrieb — won⸗ t die g in Der berei oßen noch dieſer von doch auch ttter⸗ wenn be⸗ ieſen einer weiſe flard kkehr dieſe Mi⸗ ich ver⸗ ennt⸗ hrieb 1⁰7 zu großer Rührung der Altenwyl die Form des Kreu⸗ zes, wie ſie von der heiligen Helena aus Jeruſalem zuerſt überbracht war. Er verfolgte die Geſchichte die— ſer Formationen mit der Gründlichkeit eines Cuvier, der über die Erdrinde und ihre Revolutionen ſpricht. Er nahm einen Bleiſtift und malte das Kreuz nach allen ſeinen abend- und morgenländiſchen Metamor⸗ phoſen. Die Kreuzzüge, die Ritterorden, die Kloſter⸗ geſchichte, bei allen brachte er das ecce signum in andrer Form und erläuterte die Symbolik, alle Ver⸗ änderungen und Ausſchmückungen jener urſprünglichen beiden geſchälten Holzſtämme, an die ich von Herzen glaube, mit wahrer Salbung und einer Rührung für die Gemeinde, als wenn es ſich um die Leidensge⸗ ſchichte der Menſchheit handelte. Ungeduldig beſchleu⸗ nigte ich dieſe Orgelei und ſprach plötzlich von dem proteſtantiſchen Johanniterkreuze, das ſich in unſern Gegenden fände, nicht aber in dem alten Magiſtrats⸗ gebäude, nicht in den kleinen Zellen des Rathskellers, deren obere Wölbungen noch mit dem alten Kreuze geſchmückt wären, deſſen Enden in dem Drei⸗Klee⸗ blatt ausliefen... Pauline fragte erſtaunt, was es mit dieſer von Egon ſo ſcharf hervorgehobenen Anſpielung für eine Bewandniß hätte? 108 Sie hätten des Generals fragenden, ſtarren Blick ſehen ſollen, fuhr Egon fort, als ich eine Oertlichkeit erwähnte, an welcher er jüngſt mit Rafflard Anſichten über den Weltlauf austauſchte, die ich wörtlich vor mix liegen habe! Sein Auge hob ſich. Die große breite Stirn verlor alle myſtiſchen Runzeln. Der dünne ſpärliche Bart auf der Oberlippe ſchien mir zu zittern. Welch' ein Glück für ihn, daß die Königin dieſe Er⸗ wähnung des Rathhauſes zur Veranlaſſung nahm, auf den Prozeß der Gebrüder Wildungen zu kommen und mir Vorwürfe machte, daß ich dieſen Prozeß vom abgetretenen Miniſterium wieder aufgenommen hätte— Pauline ſchaltete hier die Bemerkung ein: Aufrichtig, Egon! Man iſt allgemein darüber er— ſtaunt. Man weiß, daß Ihnen die Wildungen be⸗ freundet ſind. Egon zuckte die Achſeln. Ich habe mir, ſagte er, vom Juſtizrath Schlurck, der die Sache der Stadt führt, die Akten dieſes Pro⸗ zeſſes kommen laſſen und kann mich von den Anſprü⸗ chen, die Dankmar Wildungen ſo leidenſchaftlich und im unbeſonnenſten Eifer geltendmachen will, nicht über⸗ zeugen. Noch weniger aber kann ich jetzt, wo ich auch den proteſtantiſchen Kirchenpapſt, Propſt Gelbſattel, durchſchaut habe— Blick lichkeit ſichten h vor große dünne ſittern. ſe Er⸗ nahm, mmen vom te— er er⸗ n be⸗ lurck, Pro⸗ prü⸗ und über⸗ auch attel, 109 Pauline erfuhr von Egon unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, daß Gelbſattel, Voland und Raff⸗ lard in einem Austauſch eigenthümlicher Ideen von der Polizei belauſcht worden waren— Noch weniger, fuhr Egon fort, kann ich jetzt ruhig zuſehen, daß dieſe oppoſitionellen Elemente ihre Kraft aus dem Eigenthum des Staates ſelber ſchöpfen. Es thut mir leid, Melanie's Vater zum zweiten Male kränken und verkürzen zu müſſen, aber ſeine Deduk⸗ tionen für die Anſprüche der Kommune genügen mir nicht. Die zweite Inſtanz wird von unſerm Staats⸗ anwalte mit Eifer betrieben und vor der Reviſion dieſes Prozeſſes beim Obertribunal iſt mir dann, wenn auch dieſe zweite Inſtanz zu unſern Gunſten ſpricht, nicht mehr bange. Die Bedienten meldeten, daß die Ludmer oben in den Salons bereits empfange und dringend bäte, ſie abzulöſen... Pauline wünſchte aber das Ende der Verhandlung in den„kleinen Cirkeln“ zu hören... Egon ſtand auf und ſagte: Das Ende beſteht in der geſteigerten Erkenntniß, daß ich einen außerordentlich ſchweren Stand habe Auf der einen Seite eine tollkühne Demokratie, auf der andern Seite eine gefährliche Romantik, die ohne Thatkraft iſt. Mit meiner nüchternen Genfer Doktrin zwiſchen Beiden ſtehend, bin ich faſt wie im Traume in die Lage gekommen, einen großen Staat von der Gefahr atomiſtiſcher Auflöſung zu retten. Ich habe keinen andern Bundsgenoſſen, als die materielle Exi⸗ ſtenz der Geſellſchaft und die geſunde Vernunft der guten Bürger. Jeder, der Demagoge, wie der Mon⸗ archiſt, iſt angeſteckt von Träumereien, die im Staate etwas Andres ſuchen als die Garantie der Ordnung, der guten Sitten und jener leidvoll⸗freudvollen Eri⸗ ſtenz, wie Klärchen in Egmont ſingt. Ja! Ich bin auch ein ſolcher Egmont zwiſchen den Alba's und den Vanſen's unſrer Zeit und mein Klärchen will ich jetzt in Ihrem Salon ſuchen. Kommen Sie, verehrte Freundin, vergeben Sie meine Launen! Eine halbe Stunde unter Ihren Damen und dann zur Arbeit bis nach Mitternacht! Pauline mochte noch nicht folgen. Bewegung einer Art Rührung, des tiefſten Intereſſes und noch eine Menge Fragen hielten ſie zurück. Sie erwähnte noch einmal die Erbſchaft, an der Egon's Freunde betheiligt waren und fragte nach dieſen, nach Louis Armand, der von Hohenberg zurückgekehrt wäre, nach den Nachrichten, die er über Ackermann eingeholt hätte... Es ſind die günſtigſten, ſagte Egon. Ich ſprach oktrin aume n der habe Eri⸗ ft der Mon⸗ Staate rnung, Exi⸗ ˖bin ) den ich rehrte halbe it bis einer henge nmal aren von hten, prach Louis nur einige Minuten. Er iſt früher gekommen, als ich wünſchte. Auch Dankmar Wildungen, mein Doppelgänger, iſt da, in tiefer Trauer. Er hat ſeine Mutter verloren. So gern ich ihn ſchonen wollte, mußte ich ihm ſagen, daß ich gegen ſeine Intereſſen auftreten würde. Er lächelte mit Bitterkeit. Ich finde dieſen Freund gereizt über meine politiſche Entwicke⸗ lung, von Louis nicht zu reden, den ich ſogar warnen muß, ſich von ſignaliſirten Perſönlichkeiten fern zu halten. Glauben Sie mir, Pauline, ich bedarf mei⸗ ner ganzen geſammelten Kraft, um den Rückſichten nach allen Seiten hin nicht zu erliegen. Dieſe Freunde, die ich liebgewann, weichen in ihren Meinungen von mir ab. Sie verſtehen eine Poſition nicht, die ihre beſtimmten Pflichten hat. Mit einer ſo nachgiebigen Natur wie Siegbert Wildungen würd' ich mich ver⸗ ſtändigen. Mit Dankmar, ſeinem Bruder, nie. Ich bot ihm eine Stellung in meinem Kabinet. Er hat ſie ausgeſchlagen und mir aufrichtig, weil ich ihn um Aufrichtigkeit bat, die Misbilligung meines ganzen Syſtems ausgeſprochen. Ich habe ihm nur mit einem Seufzer antworten können und ihn vielleicht für immer entlaſſen. Louis vollends iſt ein Schwärmer. Er muß nach Frankreich zurück. Die Erinnerungen, die ſich an ihn knüpfen, hemmen meine Bahn und Gott iſt 12 mein Zeuge, ich will etwas Fruchtbringendes, Feſtes, Großes, mag ich nun mit meinem Werke ſtehen oder ſelber mit ſeinen Trümmern fallen. Eben hatte Egon dieſe mit feierlichem Ernſt und mit dem ganzen Nachdruck eines ſich ſelbſt vertrauen⸗ den ſtarken Willens geſprochenen Worte beendet, als es draußen an der Thür rauſchte, raſchelte, klopfte. Herein! rief Pauline, die ſchon merkte, wer die „Fledermaus“ war... Es war Melanie, die muthwillig hereinſprang und mit einer Neckerei den jungen Fürſten begrüßte. Iſt es erlaubt, ſagte ſie, ihre ſich bauſchenden Kleider hinterwärts zurückſtreifend, die ſchöne Frau von Spitz ſo lange warten zu laſſen, bis Durchlaucht die„Staatsgeſchäfte in ihren blauen Augen ver⸗ geſſen? In braunen Augen nur vergeſſ' ich meine Pflich— ten, Melanie! erwiderte Egon und wollte die ſchlanke Hüfte umfaſſen und das ſchöne Mädchen an ſich ziehen. Himmell ſagte Melanie. Da fällt ein durchlauch⸗ tigſtes Haar auf meine Schulter. Helfen Sie mir es ſuchen, Geheimräthin! Ich ſammle dieſen Herbſt, um der Gräfin Wachendorf einen geheimen Brochen⸗ ſchmuck daraus flechten zu laſſen. Feſtes, oder und auen⸗ als pfte. er die und enden Frau laucht ver⸗ Pllich⸗ glanke ſch auch⸗ e mir erbſt ochen⸗ 1 . Melanie! ſeufzte Egon. Spotten Sie nicht über einen Menſchen, der ſeit drei Wochen täglich nur fünf Stunden geſchlafen hat! Aber nicht Opium nimmt! Hören Sie, Prinz! Man erzählt Das! Um Gotteswillen nicht! Melanie ſprach dieſe Bitte mit wirklicher Theil⸗ nahme und ging auf Egon, dem ſie entflohen war, freundlich zu. Wie bemitleid' ich Sie! ſagte ſie faſt traulich zu ihm. Wär' ich ſo jung und ſchön, wie Sie! warf Pau⸗ line dazwiſchen und hielt ihre Hand feſt, ſo würd' ich Mitleiden mit dieſen umflorten müden Augenlidern haben und ſie küſſen. Ein ſolches Wort konnte nur möglich ſein bei einer ſchon weitgediehenen Vertraulichkeit. Wenn Sie die Augen ſchließen wollen! ſagte Me⸗ lanie, berühr' ich ſie mit meinen Handſchuhen. Ich hörte immer, das Handſchuhleder der Frauen magnetſſirt. Egon ſchloß die Augen. Melanie näherte ſich leiſe und hauchte die Lider mit ihrem Athem an. Egon merkte die Nähe des ſchönen Mundes. Er wollte Melanie im trunknen Taumel haſchen, aber ſie ent— floh ihm. Er ergriff ſeinen Hut um ſie zu verfolgen. So huſchten Beide fort und erſt auf der Emporſtiege nahmen ſie einen gemeſſenen, vernünftigen Schritt... Die Ritter vom Geiſte. VIII. 8 114 Pauline aber machte etwas Toilette. Sie geſtand ſich, daß ſie ein großes Glück genoß. Ein junger, liebenswürdiger, von aller Welt bewunderter Mann war ihr ſeit der Entdeckung, daß er nicht den Fürſten Waldemar von Hohenberg, ſondern einen Unbekann⸗ ten, Namens Heinrich Rodewald, zum wahren Vater hatte, zugethan wie ein Sohn, zuweilen wie ein Ge— fangener. Sie ſchloß ihn wirklich in ihr Herz, das jener enthuſiaſtiſchen Einſeitigkeit, die man nach Rud⸗ hard's Theorie Liebe nennt, im höchſten Grade fähig war. Sie ſchloß ihn da mit aller Vorliebe um ſo inniger ein, als ſie, wie wir geſehen haben, faſt ſpielend, wie im Scherz durch Egon über die wichtigſten Ereigniſſe des Staates in Kenntniß geſetzt wurde und ſich end⸗ lich in jenem Zuſammenhange mit ihrer Epoche fühlte, den ſie ſo lange vergebens erſtrebt hatte. Es war ein hoher triumphirender Stolz, mit dem ſie ihre Ge⸗ mächer verließ, um hinaufzuſteigen in ihre wie es ſchien heute mehr als je gefüllten, jetzt gegen früher ſehr veränderten Salons, die wir diesmal nur vom Standpunkte eines nur mittelbar zu ihnen Eingelade⸗ nen von der Hintertreppe aus belauſchen wollen... Ein Theil der Geſellſchaft war ſchon verſammelt, als Fritz Hackert, der an ihn ergangenen Aufforderung eſtand unger, Mann ürſten kann⸗ Vater n Ge⸗ , das Rud⸗ fähig miger wie igniſſe hend⸗ fühlte, 3 war e Ge⸗ he es frͤher vom elade⸗ 1... nmelt, derung 115 gemäß, ſich in dem Hotel der Geheimräthin von Harder einſtellte. Schon hielten einige Wagen vor der Thür. Er erkannte die Livree des Fürſten und einiger andrer vornehmen Beſucher, die einſtweilen von der Ludmer empfangen wurden. Als er eine Hintertreppe emporgeſtiegen und in einen mit Decken belegten und von Glaskugeln mit milchweißem Lichte erleuchteten Korridor getreten war, gab man ihm den Beſcheid, daß er erwartet würde, ſich aber einige Zeit gedulden müſſe, bis Madame Ludmer zu ſprechen wäre. Man wies ihn in der⸗ ſelben Etage, wo die Geſellſchaft ſich verſammelte, in ein hinteres Zimmer und ſtellte ihm ein Wachslicht hin mit dem Erſuchen, ſich die Zeit nicht lang werden zu laſſen. Es kommt überhaupt darauf an, ſagte er zu dem Bedienten ziemlich vorwitzig, ob ich Zeit habe. Der Bediente beobachtete den Anzug des kühnen Sprechers. Hackert hatte eine gewähltere Toilette ge— macht und einmal an ſein ſtruppiges Haar, dem er keine Sorgfalt widmen mochte, weil er es der Farbe wegen haßte, ſorgſamlichſt die Bürſte gebracht. Der ſchwarze Frack, den er trug, war etwas eng geworden, die Weſte von verſchoſſenem gelben Piquéz ſie hatte 8* 116 früher dem Juſtizrath Schlurck gehört, von dem er überhaupt, ſeiner Stellung zu ihm gemäß, die abge— legten Kleider trug. Seine Handſchuhe waren von weißem, friſchgewaſchenem Banmwollengeſpinnſt. Da es draußen empfindliche Novemberkälte gab, ſo fror ihn in ſeinem leichten Staatsanzuge. Glücklicherweiſe fand ſich ein Ofen. Er ſetzte ſich an die ausſtrömende Wärme deſſelben, gerade einem Spiegel gegenüber, in dem ſich wiederfindend Hackert vor ſich her brummte: Gerade wie ein Junge, der eingeſegnet wird und das erſte Mal das Abendmahl nimmt! Wenn die Dame, die mich ſprechen will, noch hübſch iſt, ſo fürcht' ich, hält ſie mich meines Hemdkragens wegen für einen unſchuldigen Jüngling und wird roth ſtatt meiner. Wenn ich den Hemdkragen aufſtellte! So! Jetzt das ſchwarze Tuch breiter gelegt— Ha! Nun hab' ich das Anſehen eines jungen Engländers aus einer Penſion! Hackert, Hackert! Du hältſt dich für ſchön und die Sorgfalt deiner Toilette wird ſich rächen!, Es währte geraume Zeit, ehe die Stille um ihn her durch irgend etwas Bemerkenswerthes unterbrochen wurde. Er hörte zuweilen einen Wagen rollen, zu⸗ weilen die Hausthür gehen und Etwas die große Treppe, wie er ſagte, heraufknackern. Im Uebrigen war es ſtill. Die zurückgelegte Gardine zeigte den 4 — Hof und einen Blick in den kahlen, winterlichen Gar⸗ ten. Er ſah Remiſen, einen Stall und fand es in der Ordnung, daß in dieſer Einſamkeit auch einige gewaltige Hunde klafften. Bei Alledem, ſagte er ſich, bin ich begierig, was man von mir will. Ich wette, es iſt ein ſilberner Löffel geſtohlen worden und die Herrſchaft hier will, daß ich mit Klugheit entdecke, welcher von den Be⸗ dienten der Thäter iſt. Der impertinente Schlingel, der mir hier nichts als ein Wachslicht vorſetzte, ahnt vielleicht ſein Schickſal nicht. In dieſem Augenblick hörte er nebenan, in einem Zimmer, das gleichfalls nach dem Hofe hinausging und allerdings hintertreppenartig genug ausſah, einige Worte, die ungefähr ſo lauteten: Wohin, wohin, wertheſter Herr Juſtizrath? Laſſen Sie mich, Beſte! Ich kenne dieſe kleine Re⸗ traite— Bleiben Sie in dem türkiſchen Zelt! Spielen Sie, Juſtizrath? Danke! Danke! Ich warte hier, bis Se. Durch⸗ laucht kommen. Ein paar Worte mit ihm, dann iſt mein Geſchäft abgemacht. Wie Sie wollen, Juſtizrath! Ich ſchicke Ihnen den Thee hier herein! Aber, Himmel! Sie ſind ein Ein— ſiedler geworden, menſchenſcheu ſo zu ſagen! Was iſt Das nur? Die Stimme, die dieſe Worte ſprach, gehörte ir⸗ gend einer alten in ihrem Organe verwahrloſten Frau. Sie war krächzend und unmelodiſch. Hackert kannte ſie nicht. Aber Schlurck's Stimme war ihm ſogleich gegenwärtig. Es erregte ihn nicht wenig, dem Manne wieder nahe zu ſein, den er eine ſo lange, glückliche Jugendzeit hindurch gewohnt war wie ſeinen Vater zu betrachten und der ihn erſt dann in Ueberwallung des Zornes aus dem Hauſe entfernte, als er ſich ihm gegenüber rühmte, daß eine Jugendliebe nicht ohne Erwiderung geblieben war. Es wurde Alles ſtill nebenan. In den vordern Zimmern, die zur Allee hinausgingen, merkte man die belebte Geſellſchaft, der der Juſtizrath offenbar ent⸗ fliehen wollte. Nebenan nur huſtete und räuſperte ſich zuweilen derſelbe Mann, der nicht ahnen mochte, daß ihm ſein ehemaliger Pflegeſohn, der Schreiber Fritz Hackert, ſo nahe war. Hackert konnte dem Reize, ſich dem Juſtizrathe be⸗ merkbar zu machen, auf die Länge nicht widerſtehen. Er fing gleichfalls an zu huſten und trällerte leiſe. Er glaubte jetzt damit Eindruck machen zu können, daß man ihn in ein ſo vornehmes Haus beſchieden hatte te und ſtand, da der Juſtizrath ganz allein zu ſein ſchien, mehrmals auf dem Sprunge, zu ihm einzutreten. Nur der Gedanke, daß jeden Augenblick nun doch wol die Dame kommen konnte, die ihn zu ſprechen verlangt hatte, hinderte ihn an der Ausführung. Endlich als dieſe ſogenannte Madame Ludmer in ihrer Rückſichts⸗ loſigkeit auch zu weit ging und immer noch nicht kam und zuletzt gar Kuchen und Wein mit der Bitte ſchickte, nicht ungeduldig zu werden, faßte er ſich ein Herz und entſchloß ſich, den Juſtizrath zu überraſchen und wär' es auch nur, daß er ſo thäte, als hätte er ſich in den Zimmern geirrt und gleich wieder zurück⸗ prallte... Er öffnete die Thür. Ein Lichtſtrahl fiel ihm entgegen aus einem bunten Gemache, das ohne Zwei⸗ fel jenes obengenannte türkiſche Zelt war. Zwiſchen ſeinem Zimmer und jenem geöffneten Zelte lag noch ein einfenſtriger Verbindungsraum, unerhellt. Ein Sopha ſtand hier gegen die Wand ſo geſtellt, daß Hackert den darauf Sitzenden zwar bemerken, aber auch thun konnte, als ſäh' er ihn nicht, während er ſelbſt halb unbemerkt blieb. Schlurck blieb ruhig ſitzen. Er glaubte, ein Be⸗ dienter ſähe nach dem türkiſchen Zelte und ließ Ha⸗ ckerten ruhig gewähren, der auf den Zehen nach vorne ſchlich und dem lauten Geſpräch der vorderen 120— Säle folgen zu wollen ſchien. Ein Seitenblick zeigte ihm Schlurck's Perrücke, ſeine goldne Brille, ſeinen blauen Frack mit den gelben Knöpfen. Hackert ging ſo weit vorwärts, daß er ſchon im türkiſchen Zelte ſtand und ſich grell genug in der Beleuchtung deſſel⸗ ben, von dem kleinen Zimmer aus geſehen, abſchnitt. Nun richtete Schlurck doch den Kopf empor, erkannte Hackert und von dem Gedanken ergriffen, der böſe Dämon wage ſich in dieſe Zimmer, um Melanie zu beunruhigen, ſprang er auf, war mit zwei Schritten in dem türkiſchen Zelte, faßte Hackerten am Arm und riß ihn gewaltſam zurück. Gemach, Herr Juſtizrath! rief Hackert. Was un⸗ terſtehen Sie ſich? Was ſoll Das hier? Hackert! Welche Dreiſtigkeit! Nun, nun— ereifern Sie ſich nicht, Herr Juſtiz— rath... ſtör' ich Sie in Ihren Betrachtungen? Was ſoll Das? Wie kommen Sie hieher, Ha⸗ ckert? Entfernen Sie ſich! Augenblicklich! Hackert lachte höhniſch und ſagte dem Juſtizrath, daß ihn hieher eine Einladung beſchieden hätte und er nachgrade geſtehen müſſe, daß ihm die Zeit lang würde. 6* Da er ſich bei dieſer Erläuterung zurückzog und Miene machte, wieder in ſein Zimmer zurückzutreten, pol der jet 121 polterte der Juſtizrath, der gegen keinen Menſchen in der Welt perſönlichen Muth hatte, nur gegen Hackert, jetzt aber ſchon etwas beſänftigt war: Eine Einladung? Von wem? Von Madame Ludmer! So! ſo! Hackert, hier vorn iſt Geſellſchaft. Warten Sie da, wo man Ihnen Platz angewie⸗ ſen hat. Danke für die Auskunft, Herr Juſtizrath! Guten Abend, Herr Juſtizrath! Damit wollte der Schreiber höhniſch und die wei⸗ ßen Zähne weiſend langſam ſich zurückziehen. Still und voll genoß er die Wonne, ſich hier gezeigt zu haben. Er zog die Thür nach ſich, ohne ſie zu ſchließen. Da ſie aufblieb und ſich der Juſtizrath wieder rück⸗ wärts an die Wand auf ſein Sopha geſetzt hatte, wie Jemand, dem Geſellſchaft zum Ekel iſt und der nur auf eine Veranlaſſung wartet, nach irgend einem voll⸗ zogenen Geſchäfte ſich zu entfernen, trat eine unheim⸗ liche Pauſe ein. Hackert regte ſich nicht. Schlurck ſtützte den Kopf auf und durchbohrte mit den Augen ſeine Brillengläſer. Das kleine Zimmer war nicht ſehr erwärmt. Schlurck mußte nieſen. 122 Helf Gott! rief Hackert nebenan von dem Ofen aus, wo er ſich wärmte. Schlurck blieb das Danke! ſchuldig, ſtand aber nach einer Weile auf und kam in Hackert's Warte⸗ zimmer. Wie geht es Ihnen denn, Hackert? begann er jetzt mit einer Güte, die ihm eigentlich angeboren war, die er aber meiſt hinter äußrer Kälte und negativen philoſophiſchen Maximen verſteckte. Danke, Herr Juſtizrath. Sie ſehen, ich ſtehe auf Wartegeld. Sie ſind ja bei der Polizei eingetreten, fuhr Schlurck in künſtlich barſchem Tone fort. Steht Das im Amtsblatt? fragte Hackert. Ich hab' es von Par. Der Oberkommiſſär iſt unſer beſter Poliziſt. Es macht ihm Ehre, daß er ſich fähige Menſchen ausſucht und jungen anſchlägigen Köpfen den Vorzug gibt. Danke! ſagte Hackert mit einer kalten trocknen Malice. Sie hören nicht gern, Hackert, daß Sie bei der Polizei ſind. Es geht Jedem ſo. Anfangs hat man Gewiſſensſkrupel. Später treten die Erfolge ein, die ſich belohnen und der Wetteifer mit den Kollegen thut das Uebrige. Man gewinnt in ſolchen Fällen ſelbſt ſein Elend lieb. Gelecktes Blut macht wilder... Par benutzt Sie zu geheimen Aufträgen. Auf ſol⸗ chem Wege kann man jetzt Carriere machen, aber ſtellen Sie Ihre Bedingungen ja immer vor den Coups, die Sie ausführen, nie nachher! Hören Sie! Auch muß man Grundſätze haben— Den Grundſatz, keine zu haben. Das iſt Daſſelbe, Hackert! Ich prophezeie Ihnen eine glänzende Laufbahn, wenn Sie ſich an Par an⸗ ſchmiegen, nie mehr anerkannt wiſſen wollen, als was Sie zu ſeiner Zufriedenheit ausführen und über⸗ haupt ſich mit Verſtand unterordnen. Bei dieſen Men⸗ ſchen, die ſelbſt wieder einem Höheren dienen, muß man nur nicht verrathen, daß man ſie in Händen hat oder daß ſie mit Dingen prahlen, die eigentlich den Subalternen gelungen ſind. Sie haben ſich lange von Bartuſch kein Geld geholt. Bekommen Sie einen be— ſtimmten Gehalt, Hackert? Hackert nickte. Kann man fragen, wieviel? Zweihundert Thaler fir und für's Uebrige Gra⸗ tificationen. Priſengelder ſo zu ſagen! fiel Schlurck lachend ein 124 und fuhr dann mit der Behaglichkeit, die er immer fühlte, wenn er ſah, daß es jedem Menſchen in der Welt leidlich gut und flott ging, fort: Hackert, da gratulir' ich! Ihre Anſchlägigkeit wird Ihnen den Weg bahnen. Sie haben bei mir etwas gelernt und wenn Sie auch nichts mit auf die Welt bekamen, als ein paar Windeln in dem Korb, mit dem Sie vor's Waiſenhaus geſtellt wurden, Witz und Raffi⸗ nement hat Ihnen die gütigere Mutter Natur geſchenkt. Wenigſtens hab' ich ihr auch ſchon manches Lehr⸗ geld dafür zahlen müſſen! antwortete Hackert bitter. Sind Sie immer wohl? Geſund, Hackert? Hackert ſchlug bei dieſer Ablenkung die Augen nieder.. Kein Rückfall mehr in das alte Uebel? Hackert ſchwieg. Jedem Andern würde er mit einer Inſolenz geantwortet haben. Schlurck's im Grunde weichliches Gemüth aber kannte er und fühlte die Theilnahme aus der barſchen und äußerlich feindſeligen ſtrengen Art, mit der der Juſtizrath ihn examinirte, hinlänglich heraus. So antwortete er ihm denn auch nach einigem Beſinnen: Manchmal find' ich meinen Stubenſchlüſſel ander⸗ wärts, als wo ich ihn des Abends hingelegt habe. Das iſt Alles, was ich von dem Zuſtand jetzt grade weiß. da Sie wohnen bei einem Barbier, Namens Zipfel? Sollt' ich einmal Unglück haben, ſo iſt Verband in der Nähe... Schlurck fing von ſeinen Unterſtützungen, von Hackert's Stolz, von Bartuſch an... Geſtern beſuchte er die Frau Gerichtsdienerin Spieß im Rathhauſe. Er geht recht klapperbeinig. Was iſt ihm nur? Schlurck meinte geheimnißvoll lächelnd, das käme davon, daß er Geiſter geſehen hätte... Hat Bartuſch Geiſter geſehen? fragte Hackert. Ich erlebe, daß er noch fromm wird! fuhr Schlurck kopfſchüttelnd und frivol fort. Zur Spieß geht er vielleicht, um zu beten... Hackert lachte und ſtellte die Vermuthung auf, daß Bartuſch ſich manchmal der Gefahr ausſetze, von Treppen zu fallen, mit Waſſergeſchirren begoſſen zu werden und ähnliches Unglück zu erleben. Auch Schlurck lachte nun herzlicher. Beide aneinandergewöhnte Menſchen fanden ſich durch Frivolität wieder. Sin⸗ nenmenſchen geht's nicht anders. Sie finden ſich nicht, wenn ſie die Feierkleider der Seele anziehen, immer aber, wenn ſie ſich im Negligée belauſchen. Hackert, ſagte Schlurck und kam ihm zutraulicher entgegen; ich habe Sie manchmal recht nöthig— 125 Warum dutzen Sie mich denn nicht mehr, Herr Juſtizrath? Sie wiſſen doch— Ich weiß, daß ich dich immer gern gehabt habe, Junge, und ein ſolches Ende unſrer Freundſchaft nicht vorausſah. Seit du aus dem Hauſe biſt— Herr Juſtizrath, Sie ſehen recht traurig aus... In der That zitterte Schlurck's Stimme und ſeine Brillengläſer liefen vom umflorten Auge an. Er mußte die Gläſer abnehmen. Hackert'chen, ich bin der Alte nicht mehr, ſagte er, die Gläſer mit ſeinem oſtindiſchen Taſchentuche putzend, ich habe zuviel auf Einmal erfähren müſſen. Es iſt doch wohl, daß ich mich in dieſe Zeit nicht recht ſchicken kann... Alle Geſchäfte gehen ſchlecht... Das wollte weniger ſagen, Kind, obgleich auch— der Trieb, Neues zu beginnen, gehört nur der Jugend. Unſer Fleiß im Alter iſt an die einmal gezogenen Gleiſe gebunden. Ach, uud die Welt iſt ſo verkehrt, die Menſchen rennen ſo toll an Einem vorüber, es iſt kein Frieden, keine Gemüthlichkeit mehr in den Auf⸗ faſſungen! Drommeldey iſt der einzige Philoſoph, der noch übrig geblieben iſt von der alten Zeit und auch Der fängt an, von Syſtemen und einem fertigen Glauben zu reden... ſti ja Sie wollten ja immer nach Kiſſingen, Herr Ju⸗ ſtizrath— Unterleib meinſt du? Hypochondrie? Kiſſingen— ja, ja! Biſt doch ein guter Junge! Die Verdauung... Nicht die Verdauung! Ich bin nicht krank, ich ver⸗ daue! Nur and're Freude hab' ich nicht mehr viel. Die Menſchen ſind ſo verteufelt ernſt geworden, ſo albern⸗ klug, ſo dummgeſcheut, ſo vielſeitigeinſeitig und die Frauen, wo iſt noch eine Frau, die lachen, ſcherzen kann, die Humor hat, die über dumme Dinge wegſieht und alle klugen verſteht? Melanie! Meinſt du? Ich glaube faſt, meine Melanie iſt die letzte, die das Leben zu verſchönern weiß. Ach Hackert, wenn wir früher zuſammenſaßen, die Ritter⸗ gutsbeſitzer kamen, brachten Capitalien, die Bauern hatten Prozeſſe, da gab's Mündel mit großen vor— mundſchaftlichen Depoſiten, es war eine andre Zeit. Man arbeitete mit Luſt, man ſpritzte die Feder aus und ging dann zu einem Freunde, um zu diniren, Anekdoten zu hören, etwas Muſik, etwas Frauenan⸗ muth zu genießen. Man lachte, man ſprach von ei⸗ nem alten boshaften Schriftſteller. Man küßte den Damen die Hände, flüſterte ihnen eine Huldigung in's Ohr, hörte dafür wieder die Beichte der ſchönen Sünde— rinnen... freilich, Hackert, man war jünger... Ich denke aber, Herr Juſtizrath, Sie wollten nie alt werden? Wollt' ich das? Das war Prahlerei, den Aerz⸗ ten gegenüber. Drommeldey vergriff ſich manchmal in ſeiner Apotheke. Er kam eben von einer hyſteriſchen Dame und hatte mit der über den Nervenäther ge⸗ ſprochen, und zerſtreut wie er iſt, kam er dann bei mir auch mit dem Nervenäther. Da hab' ich ſo manchmal eine kräft'ge Renommage dazwiſchen ge⸗ worfen und von noch feineren Dingen als den Ner⸗ ven geprahlt, vom freien menſchlichen Willen, ſtolz ſich hebend in der Atmoſphäre von Sauerkraut und Pökelfleiſch... Es werden wieder beßre Zeiten kommen, die Sie aufheitern, Herr Juſtizrath—* Meinſt du, Junge? Leichte, fröhliche Menſchen, geſunde Zeiten? Glaub's nicht, Kind— du denkſt, Par und ſeine Genoſſen könnten die Unruhe ausfegen wie alten Sauerteig? Unſerm Jahrhundert iſt gar nicht mehr beizukommen und wenn Ihr noch ſo viel Demokraten einſteckt! Die Freude, die Luſt iſt gewichen, die Poeſie des Lebens iſt hin! Eine ſchöne Phraſe! Himmel, was hab' ich früher an einer ſchönen Phraſe — 129 geſchlürft! Wie Melonenſaft floß mir Das um den Mund, wenn ich ſo ein Kapitel von Rochefoucauld oder Cheſterfield las... Du kennſt die kleinen Bücher, die ich zuweilen zwiſchen der Mehlſpeiſe und dem Fiſch von dir aus meiner Bibliothek holen ließ, um meinen Gäſten einen Satz aus der... Philoſophie der Bagatelle, wie Sie's nannten Philoſophie der Bagatelle! Nannt' ich's ſo? Sieh, ich bin ſelbſt Schuld daran, daß du uns Allen über den Kopf gewachſen biſt. Wenn ich ernſt ſein wollte und fragte mich: Wer hat die Verantwortung für Alles, was den Frieden unſres Hauſes, unſre Freundſchaft ſtörte— Laſſen Sie Das doch, Herr Juſtizrath! Wie liebt' ich dich, Fritz! Wie ſchmiegſam, ge— wandt warſt du! Welche Handſchrift! Welche Auf⸗ faſſung, wenn ich dir einen Brief zu ſchreiben überließ! Ich nahm alle Menſchen für ſchlecht. Da hatt' ich's kurz. Ja, ich, ich lehrte dich auch dieſen Cynismus. Biſt ein Cyniker, Junge! Eine reſpektable Philoſophie des Alterthums! Suchſt nichts im Aeußeren! Du hatteſt, was Du begehrteſt. Wie fröhlich ging es bei uns her! Wir haben noch Champagner, Fritz. Die Ritter vom Geiſte. VIII. 9 130 Er ſchmeckt uns aber nicht mehr. Bartuſch grämelt, meine Frau grämelt, Melanie grämelt, Alle möchten gern des Teufels und fromm werden und können's doch nicht— der Durchbruch fehlt! Du mein Him⸗ mel, wenn der Unſinn des Jahrhunderts und die langweilige Ernſthaftigkeit unſrer Epoche ſich auch in meine alte Komthurei einſchliche— Oder Sie gar die Komthurei verlaſſen müßten? Meinſt du? Auch dieſer Prozeß iſt mit an mei⸗ ner Verſtimmung Schuld. Mit dem Schrein in Ho⸗ henberg fing das Trauerſpiel an. Nicht, daß ich fürchtete, den Prozeß zu verlieren. Nein, auch die zweite Inſtanz ſpricht für die Kommune und das Recht des Beſitzes. Aber es ſind dabei Dinge vorgekommen, die mich aufgeregt, erſchüttert haben, Dinge, wo ich mit mir ſelbſt in Widerſpruch gerieth und zuweilen naſſe Augen hatte. Es iſt nicht gut, weich zu werden. Sie weinen doch ſonſt manchmal recht gern, Herr Juſtizrath! 4*. Das iſt's eben! ſagte Schlurck lächelnd, faſt weh⸗ müthig. Es kommt jetzt zu oft. Du weißt, wie ich mich gegen Rührungen ſträube. Dieſe Rührungen ſind die eigentlichen heimlichen Kalendermacher; Rüh⸗ rungen, mein Sohn, ſind die Leichentücher, an denen man ſo ganz ſanft und ruhig allmälig unſern Sarg in V n die Grube läßt! Rührungen weichen den ganzen Menſchen auf, als wär' er von Lehm gebacken und der Frühling käme ſo über Einen und verſetzte uns ſanft und lind in einen auseinandergehenden dünnen Brei, den man das himmliſche Leben nennt. Sonſt wurde bei uns gelacht, geſcherzt— jetzt— Wo Sie Schwiegervater einer Durchlaucht werden können— Schwiegervater einer— Beſſer konnten Sie ſich doch dafür nicht revan⸗ chiren, daß Ihnen die Adminiſtration genommen wurde... Der Juſtizrath beſann ſich. Er fühlte ſogleich, wie dreiſt und vorlaut dieſe Worte waren. Es fiel ihm plötzlich ein, daß im Grunde doch Hackert an Allem Schuld war, was ihn jetzt drückte. Er hatte Laſally, den Verlobten ſeiner Tochter, mit einem Dar⸗ lehn von zehntauſend Thalern entſchädigen müſſen, das gewiſſermaßen à fond perdu geradezu geſagt als Abfindungsſumme gegeben war. Er hatte dieſe Summe nur mit großer Mühe in der jetzigen ſchwierigen Geld⸗ klemme aufgetrieben. Er ſah ein Verhältniß zwiſchen Melanie und dem Fürſten Egon entſtehen, das ihm weit weniger willkommen war, als wenn etwa Me⸗ lanie und Dankmar Wildungen ſich vereinigt hätten, . 9* 132 wie ihm damals vorſchwebte, als ſein Verſtand, ſein juriſtiſcher Scharfſinn, ſeine ungemeine Rechtsgewandt⸗ heit noch nicht dem bekannten Prozeſſe die Wendung gegeben hatte, die der Kommune günſtig war. Er hatte Möglichkeiten geſehen, Dankmar Wildungen ge⸗ winnen zu laſſen. Er hatte Melanie's Liebe zu Dankmar wohl errathen, wohl erwogen, welche Zu⸗ kunft er ſich und ihnen zaubern könnte. Dankmar hatte aber Melanie verſchmäht, ſich für immer ihr entfremdet, ſie nur als eine vorübergehende Epiſode ſeines Lebens betrachtet. Vermögen war dem Juſtiz⸗ rath lieber als jeder Titel. Was lag ihm an dem armen Prinzen Egon, den er gleich bei ſeinem erſten politiſchen Auftreten für einen Narren und Phantaſten erklärte! Konnte er mehr erwarten, als daß Melanie zuletzt, wie dies in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, ſchwach genug ſein würde, auch nur mit einer„Liai⸗ ſon“ zwiſchen ihr und dem Fürſten ſich zufrieden zu geben! Sein Scharfblick ahnte dieſen Ausgang, der ihn bekümmerte, ſogar der Moral wegen. Seine Me⸗ lanie eine Fürſtenmaitreſſe! Er ſchauderte. Und nun dieſer abenteuerliche, verſchuldete, arme Egon! Er wußte, daß ſeine Güter nur noch geringen Werth hatten, daß ſie einem Projektenmacher, für den er Ackermann hielt, überlaſſen waren; er wußte, daß 133 Egon, in plötzlicher ariſtokratiſcher Anwandlung, neue Schulden, ganz wie ſein Vater gemacht hatte. Er wußte, wie tief er ſich mit dem Bankier von Reich⸗ meyer eingelaſſen. Was blühte da ſeiner ehrgeizigen Tochter? Von der ſtrengen puritaniſchen Natur Egon's, der im Stande war, Melanie wirklich zu heirathen, hatte er keinen Begriff. Ein junger offenbar im Banne der Phantaſte und der Sinne ſtehender Fürſt ſchien ihm unmöglich die Anwandlungen einer ſtoiſchen Selbſtkaſteiung haben zu können, von denen wir wiſ⸗ ſen, daß ſie Egon wirklich beſaß. Egon und Schlurck waren zwei diametral entgegengeſetzte Charaktere, beide voll Phantaſie, beide den Frauen ergeben und beide doch ſo völlig anders, wie Süd und Nord, wie Flamme und Eisblume. Der Juſtizrath fuhr ſich über die Stirn, die ſich ihm plötzlich runzelte. Hackert's Dreiſtigkeit, ihn an dieſe Möglichkeiten und Familienverhältniſſe zu erin⸗ nern, war ihm peinlich. Er wollte ſich anfangs raſch entfernen und brach auch das Geſpräch ab, indem er vorſchützte, zur Geſellſchaft zu müſſen. Dennoch blieb er in der Thür ſtehen und wandte ſich noch einmal mit den Worten zurück: Wirſt doch nicht glauben, Hackert, daß Charlotte Ludmer, die dich herbeſtellt hat, eine hübſche junge Kammerzofe iſt? Du Teufelskerl! Warum läuft nur bei dir Alles auf die Weiber hinaus? Ich denke mir, es iſt der alte Drache, der mit Ihnen vorhin ſprach. So haſt du von der Kehle doch auf die Viſage geſchloſſen? Ich denke mir immer, daß die alten Hexren, die Fauſten in Griechenland begegnet ſind, wohin ihn mein göttlicher Goethe reiſen läßt, ſo aus⸗ ſahen wie dieſe Ludmer, und im Vertrauen geſagt, ihre Gebieterin, die Geheimräthin, geht auch ſchon ſtark in das Geſchlecht der einäugigen Phorkys⸗ töchter über. Ich bin nicht neugierig. Was will die Alte von dir? Soll ich erſt hören. Willſt du wiſſen, was es ſein wird? Ein geſtohlner Löffel, den ich bei den Pfandleihern aufſuchen ſoll. Glaub' ich nicht. Hier im Hauſe weiß man die geheime Polizei beſſer zu ſchätzen. Ich denke, die Alte wird die Frage an dich richten, ob es im alten Raths⸗ archive hier wirklich Geſpenſter gibt? Geſpenſter? fragte Hackert erſtaunt und fühlte ſich ſo ſonderbar getroffen, daß er Schlurck groß anſah. Ja, ja! ſagte Schlurck, ohne Hackert's Befremden t n 1 beſonders zu bemerken. Dieſe Menſchen ſind proſaiſch. Sie erfahren von Geiſtern und rufen nicht den Pfar⸗ rer, ſondern gleich die Polizei. Aber ich verſtehe nicht— Die Alte hatte mir einen Auftrag gegeben, in den von unſerm Stadtarchive aufbewahrten Kirchenregiſtern einer kleinen zu unſerm Weichbilde gehörenden Ort⸗ ſchaft irgend ein Dokument, zu irgend einem namen⸗ loſen Zwecke, zu ſuchen. Ich übertrug dieſe Aufgabe, mit der einige delikate Rückſichten verbunden waren, dem im Suchen und Spioniren kundigen alten Maul⸗ * wurfe— Bartuſch! ergänzte Hackert geſpannt. Bartuſch beſucht den genannten Ort, findet den rechten Schrank, das rechte Papier und behauptet, eine Geiſterhand hätte es ihm fortgeriſſen— Das rechte Papier? fragte Hackert. Ja, ſo zu ſagen, ein alter verfallener Pfandzettel! Genug, es ſpukt im Archiv und ich wette, die Alte iſt ein Rationaliſt, wie alle Sünder, ehe ſie auf dem Todbett liegen. Sie wird wiſſen wollen, ob die Po⸗ lizei an Archivgeſpenſter glaubt. Daß im Rathskeller Geiſter ſind, lernt' ich ſchon früh an den Weinfäſſern des alten Kellermeiſters kennen— 136 Wie ſo? Wiſſen Sie nicht mehr, als ich ſo klein war— Junge, rühr' mich nicht! Ich weiß, du willſt mich daran erinnern, daß ich dich oft mit in den Rathskeller nahm, wenn die Sitzungen des hochedlen Magiſtrates zu trocken wurden. Hackert, ich wünſchte, ich hätte dir als kleinem Anfänger von acht Jahren mehr Prügel und weniger Niernſteiner zu koſten gegeben. Ich habe den Peſtalozzi immer ſo affektirt und die Natur wirklich immer im Natürlichen gefunden. Aber thu' mir den Gefallen, gib der Alten nicht nach und ſag' ihr etwa, im Archiv hauſten zuweilen Ratten und Diebe. Sag' ihr, es gäbe Geiſter! Hörſt du! Dieſe Menſchen ſollen und müſſen an Geiſter glauben. Ich ſelbſt glaube dran. Das iſt ja etwas ganz Neues, Herr Juſtizrath, ſagte Hackert, dem die Bartuſchen entriſſene Urkunde über den Taufakt des Paul Zeck plötzlich an Bedeu⸗ tung gewann. Seit wann glauben Sie denn an Geiſter? Seitdem meine Frau nicht mehr in unſerm guten Leitwaſſer, ſondern im Jordan baden will, Hackert. Etwas muß der Menſch haben, an das er ſich hält und das außer ihm liegt. Mögen ſie in die Kirchen ren⸗ nen die alten Sünder und falſche Geſangbuchverſe 8 ſingen: Nr. 814, wenn der Küſter und die Orgel Nr. 514 meint! Mögen ſie zu Jeſu halten, den ich herzlich lieb habe, weil er ſo tolerant war. Ich will auch etwas über mir anerkennen: Ratten, Mäuſe, Geiſter, was man will. Und mit den Geiſtern hat es etwas auf ſich. Voltaire hätte nur noch ein Jahr länger leben ſollen und ich wette, er hätte nicht nur an die Ratten von Ferney, ſondern auch an Geſpen— ſter geglaubt. Alle großen Männer nehmen Geiſter an. Alſo... Hackert wußte nicht, ob der Juſtizrath im Ernſt oder Scherz ſprach. So durcheinander pflegte er bei Tiſch zu plaudern. Nicht wahr, mein Ende iſt nahe, Fritz? ſagte der Epikuräer. Ich werde gläubig, aber es muß pikant, neu, ſchauerlich ſein, was ich glaube. Ich ſchließe jetzt öfters mein Schränkchen, auf das du immer ſo neugierig warſt, auf, binde mein Schurzfell öfters um, als ſonſt und bin ein fleißiger Maurer. Wir haben zwei Sekten in der Maurerei, eine vernunft⸗ aufgeklärte und eine myſtiſche. Ich habe mich an die myſtiſche, an die dunkle angeſchloſſen... Ja, ja, lach' du nur! Ich hab' in meinen jungen Tagen auch ge— lacht, wenn ich las, daß Epikuräer in ihren alten die Beichtväter riefen und die Zauberer. Die Beicht⸗ väter mögen zu Madame Schlurck gehen. Ich möchte Zauberer rufen, Schatzgräber, Todtenbeſchwörer. Wenn ich nicht noch gar Jeſuit werde! Wärſt du klug, Hackert, ſagt' ich dir ein paar Jeſuiten, die gut zahlen... Ich kenne zwei... Propſt Gelbſattel und General Voland von der Hahnenfeder. Junge, biſt du toll? Das wißt Ihr ſchon auf der geheimen Polizei? Ihr ſeid doch mit dem Teufel im Bunde! Aber verurtheile die Leute nicht nach dem gemeinen Standpunkte eines Oberkommiſſärs, Hackert! Jeſuiten, mein Sohn, ſind die einzigen praktiſchen Menſchen der Jetztzeit. Du haſt Verſtand, Umſicht, du kannſt Carriere machen. Affiliire dich! Sie brau⸗ chen Kräfte, Intelligenz und Niemand iſt ihnen will⸗ kommner, als wer zugleich im Dienſte dieſes dummen Zwangsſtaates ſteht, dem ſie ſeit drei Jahrhunderten Feindſchaft geſchworen haben. Denke nicht, daß ich ein Jeſuit geworden bin. Aber werde bei Zeiten katho⸗ liſch, mein Sohn! Nur das Aparte kann einen Mann von Verſtand befriedigen und wär' es auch die Glorie des Unverſtandes! Mit den Beinen oben, Kopf un— ten! Warum nicht? Nur nicht wie die Schuſter und Schneider! Nur nicht wie die dummen Gelehrten, die Staatsmänner, die ehrlichen Leute, die tugendhaften 139 Weiber! Nur nicht die Sonne Sonne nennen! Ich bitte dich, Hackert, wenn die Alte von der Polizei ſpricht, ſprich ihr von Geiſtern. Laßt uns die Furcht und die Ge⸗ ſpenſter leben! Das iſt noch die letzte Poeſie, die uns übrig bleibt und der Tod iſt fürchterlich. Guten Abend, Hackert'chen! Halt dich brav! Guten Abend! Hackerten war es doch wirblich geworden bei die⸗ ſem tollen Humor des Juſtizrathes, der plötzlich wie⸗ der ſeine ganze alte mephiſtopheliſche Färbung bekom⸗ men hatte. So kannte er ihn. So ſaß der Juſtizrath ſonſt beim Champagner bis in die Nacht und warf die luſtigſten Raketen bunt durch alle Weiſe und Phi⸗ loſophen und Spötter, die mit ihm zechten! Wenn ein geiſtreicher Mann ſich ausſpannt aus der gewöhn⸗ lichen Maſchine des Denkens, dem gewöhnlichen Kar⸗ ren der geſunden Vernunft, ſo kommen wunderliche Sprünge zum Vorſchein. Schlurck polterte Alles durcheinander, war an demſelben Abend katholiſch, dann ein Botokude, dann wieder Grieche und ebenſo raſch ſtreitſüchtiger, verſtandesſcharfer Calviniſt. In der Politik ohnehin fand er jede Partei gut oder dumm, je nach Laune oder innerer Regung. Hackert hatte ſich eigentlich nach dieſer Alles ironiſirenden Art ſeines Pflegevaters gebildet, hörte ihm mit Luſt zu und ſah ihn nun ungern zur Geſellſchaft zurückkehren. Noch einmal wandte ſich der Juſtizrath nach ihm um und ſagte zu einem Menſchen, der ihm ſchon viel Kummer bereitet hatte und der ihm dennoch lieb war: Fritz! Ich habe immer gedacht, ich käme doch noch dahinter, welchem leichtſinnigen vornehmen Patron du dein Leben verdankſt und wer die Rabenmutter iſt, die dich in einem Waſchkorbe vor das Waiſenhaus ſtellte! Sie wiſſen gewiß längſt, antwortete Hackert, daß es ein Schneider vom Hofe war, der grade rothe Livreen nähte, in denen ſich meine Mutter verſah und ſie mir an die Haare hexen ließ... Nein, nein— Sie wollen mir nur aus Schonung verſchweigen, daß meine Sucht bei nachtſchlafender Zeit herumzu⸗ tappen wie ein Wachender, von einer armen betteln⸗ den Frau kommt, die des Nachts für die Reinlichkeit— Nichts da! Nichts da, Junge! Du ſtammſt von einem hohen Hauſe— 4 Wo drei Balken einſam ſtehen, auf dem Rad die Raben krähen— Was? Wo? Von da her, wo kein Gras im Grünen wächſt und die drei Pferde, die ich umbrachte, in klappern⸗ 141 den Knochengerüſten wiehern: Hackert's Vater handelte mit rothen Hähnen! Ah bah! Dummes Zeug! Hackert, wenn du einmal ſicher biſt, daß grade meine Leute in der Kirche ſind, Sonntags, wenn Gelbſattel predigt oder du ſonſt glaubſt, daß du mich allein triffſt, komm' zu mir! Ich muß dir noch das Bettzeug geben, in dem du im bewußten Korbe lagſt und ein Stück von einem zerbrochnen goldnen Ring, auf dem ein Buchſtabe eingegraben war— 3. nicht wahr? Hinter'm 3. ſteckt nichts, Herr Juſtizrath! 3. ſagte Schlurck erſtaunt. Nicht Z. mein Junge! Wenn es wirklich Z. wäre? Warum nicht Z.? fragte Hackert. Ein R. iſt es und ich wette, vor dem R. ſtand ein v., als wärſt du— Von Adel ſogar? Juſtizrath, gute Nacht! Sie wollen mich um drei Thaler bringen, die ich heute aus Cavaliervergnügen noch ſpringen laſſe oder Sie erleben, daß ich Ihnen jetzt vor Hochmuth vorn in die Geſellſchaft folge— Schlurck nahm den Scherz für möglichen Ernſt und erſchrak. Bei Leibe nicht! Gute Nacht, Junge! Brauchſt du Geld, ſag' mir's. Und endlich! Einen Sonntag 142 Morgen, wenn ſie in der Johanniskirche am Bret Geſangbuch Nr. 514 ſingen ſollen und die alten Weiber, die trübe Brillen haben, Nr. 814 ſingen und es doch geht, doch zuſammenklingt zu Gottes Herrlichkeit— dann komm' zu mir, Junge, und laß dir den halben Ring zeigen. Z. nicht. Ich glaube v. R. Ein V. gewiß! Verlaß dich drauf! Damit mußte ſich Schlurck entfernen. Denn eben ſchlug man auf dem Vorplatz eine Thür zu und deut⸗ lich hörte man, daß Jemand nebenan in's Warte⸗ zimmer kam. Zugleich hörte man vom türkiſchen Zelt den Frauenruf: Juſtizrath! Hier ſind Se. Durchlaucht! Juſtizrath, wo ſtecken Sie denn? Es war die Ge⸗ heimräthin. Im Nu war die Thür, die zum Zelte führte, geſchloſſen und zu gleicher Zeit trat die Lud⸗ mer ein, auf die in der That die vom Juſtizrath ci— tirten Worte ſeines Lieblingsdichters Wolfgang Goethe paßten: Welche von Phorkys' Töchtern biſt du? Denn ich vergleiche dich dieſem Geſchlechte! Biſt du vielleicht der graugebornen Eines Auges und eines Zahnes Wechſelsweis theilhaftigen Grajen Eine gekommen? Die Alte, geſchmackvoll gekleidet, ließ ſich erſchöpft auf einen Seſſel nieder und bat um Entſchuldigung g 143 wegen ihres langen Ausbleibens. Sie begann dem geheimen Polizeiagenten Hackert, dem Schutzbefohlnen des ſo anerkannt gewandten Polizeioberkommiſſärs Pax, ihres zufällig abweſenden„Neffen“, jetzt ein geheimes dringendes Anliegen vorzutragen. Sechstes Capitel. Geiſterfurcht. Herr Par, fing Charlotte Ludmer mit ſchmunzelnder Freundlichkeit an, Herr Par iſt verreiſt— Ihr Herr Neveu— In Ametsgeſchäften, antwor⸗ tete Hackert, die Alte muſternd... Und wird bald zurückkehren? Unbeſtimmt, Madame... Vortrefflicher Staatsdiener, Par! Ja, mein Neveu— Hat glücklichen Griff— n Die Alte lachte über den humoriſtiſchen Agenten. So liebte ſie die Menſchen. Nur luſtig, luſtig! Sie liebte den Spaß, faſt ebenſo ſehr wie den Schnupf— taback. Ihre Doſe fuhr aus dem Rockſchlitz hin und, her. Sie nahm eben eine Priſe... Par, fuhr ſie fort, hat für die Zeit ſeiner Abwe— ſenheit mir gerathen, etwaige Aufträge Ihnen zu er⸗ theilen, Herr Hackert— 1 der r⸗ Schmeichelhaftes Vertrauen— Ich vermuthe daher, daß Sie über die An—⸗ gelegenheit unterrichtet ſind, die mich mit meinem Neveu— Hackert dachte an die vom Juſtizrath gegebenen Andeutungen über den entwendeten und im Auftrage der Ludmer geſuchten Taufſchein des Paul Zeck— er glaubte daher mit einiger Beſtimmtheit, um die alte Dame ſicherer zu machen, mit Ja! antworten zu dürfen: Ich meine in der bewußten Angelegenheit— wie— derholte die Ludmer. Vollkommen! ſagte Hackert mit der ihm eigenen Dreiſtigkeit. Man hat dieſen zweideutigen Mann eingebracht, einer der dazu verwandten Gerichtsdiener, Herr Küm⸗ merlein war bereits— Aber haben Sie denn nicht getrunken? Biſchof: nach einem Recept von mir ſelbſt. Biſchof! Trinken Sie doch! Bitte— Ihr Auftrag, Madame! Es iſt wahr, ich nahm Ihre Geduld ſchon zu lange in Anſpruch. Alſo, mein Beſter, von dieſem Kümmer⸗ lein erfuhr ich denn vorläufig Alles, was ſich bei ſei— ner Verhaftnahme am Hohenberg zutrug— Die Ritter vom Geiſte. VIII. 10 146 Hackert, ſich ſchnell orientirend, verſtand jetzt, daß nicht von Paul Zeck, ſondern von jenem Manne mit der ſchwarzen Augenbinde die Rede war... Er iſt eingebracht, der falſche Engländer— ſagte er forſchend. Auf unſre Veranſtaltung! Ich weiß, daß dieſer zweideutige Mann erſt mit einem jungen vom Fürſten Egon protegirten Handwerker ſich auf dem Schloſſe verborgen hielt, dann mit einem blinden Schmied, Namens Zeck— Hackert ſtaunte, daß nun doch Zeck genannt wurde. Doch milderte er ſein Befremden. Zeck oder ähnlich! Genug, ich weiß, daß jener Murray mit Louis Armand von der Schmiede mit dem blinden Zeck an das Forſthaus ging, dort mit der alten Haushälterin des Jägers Heuniſch, Urſula Marzahn, der Schweſter des Blinden, in Wort⸗ wechſel gerieth und den blinden Bruder tödtlich ver⸗ wundete— Mit einem Meſſer— ergänzte Hackert, als wüßte er Alles. Mit einem Piſtol— Die kleinen Details ſind unerheblich; verbeſſerte ſich Hackert. Es wird eine ſehr ſcharfe Unterſuchung geben— die Macht der Geſetze iſt zurückgekehrt. 3 147 Hm! Hm!l ſagte die Alte und nahm eine Priſe. Unterſuchung? Hm— hm— Dies Wort war Das, woran ſie Anſtoß nahm. Der Reubundsausdruck: die rückkehrende Macht der Geſetze, ſonſt ihr ſo geläufig, ſchien der Alten nicht angenehm. Wohll ſagte ſie, gewiſſer Zeitungsartikel ſich ent— ſinnend. Es iſt ein Troſt, endlich wieder die Richter in ihren„Funktionen“ zu wiſſen; allein betrübend bleibt es doch immer, wenn bei ſolchen Vorfällen Familienangelegenheiten zur Sprache kommen ſollten, von denen man wünſchen möchte, daß ſie geſchont bleiben— Der Oberkommiſſär iſt in dieſer Hinſicht von einer allgemein anerkannten Diskretion...Die Zeck's können... Bitte! Hackert taſtete etwas zu kühn in ſeinen luftigen Vorausſetzungen herum. Ich bin erſt ſeit Kurzem im Vertrauen des Ober⸗ kommiſſärs— ſagte er, ſich verbeſſernd. Kennen Sie die Fortunabälle, die man hier in der Nähe der Willing'ſchen Maſchinenfabrik gibt? begann die Alte forſchend. 10* 148 Hackert nickte. Dort wurde jener Murray zuerſt feſtgenommen. Er war einer der letzten Schwärmer auf jenen un⸗ ſittlichen Bällen und führte eine Perſon am Arm, der er kurz vorher mehrere Tage lang Geſchenke über Ge— ſchenke gemacht haben ſollte— Hackert hörte faſt nur halb hin. Die Erinnerung an Die, die auf den Fortunabällen die Letzten ſind, überfiel ihn düſter. Jenes Mädchen iſt eine Verwandte zu mir— fuhr die Alte fort— eine Auguſte Ludmer— Sie war ſchön, liebte die Muſik, den Tanz und Alles, was Freude macht. Sie wiſſen. Sie iſt todt. Auguſte Ludmer wurde toll und ſtürzte ſich aus dem Fenſter eines Narrenhauſes. Wiſſen Sie dieſe Geſchichte? Die Drehorgeln ſpielen ſie. Die Alte nahm eine Priſe. Hackert's raſche Ant⸗ worten echauffirten ihren ſo behende nicht denkenden Geiſt. Hackert kam ihr durch eine Artigkeit zu Hülfe. Ich hörte immer, ſagte er, daß bejahrtere Leute wie dieſer Murray, im letzten Aufflackern ihrer Liebe, ehe ſie ganz erliſcht, gefährlich ſind und die oberfläch⸗ — liche und treuloſe Jugend übertreffen. Par iſt auch der Meinung. Er trug dieſe Worte bezüglich vor. Die Alte ſchmunzelte und mußte unwillkürlich ſagen: Herr Hackert! Mein Biſchof! Warum trinken Sie nicht? Er macht mir zu viel Feuer, ſagte Hackert ſo ko— kett, ſo durchtrieben liſtig, daß die Ludmer ihre Doſe verſteckte, ſich gerade aufrichtete und ein Benehmen annahm, als wollte ſie an die Zeiten erinnern, wo man ſie zu den gefährlichen Schönen rechnete und ſie junge Soldaten in die Carriere bringen konnte... Um ſich zu ſammeln, nahm ſie etwas Kuchen vom Teller und ſteckte kleine Brocken in den zahnloſen Mund. Während ſie durch die Bewegung der beiden Kinnladen faſt Aehnlichkeit mit einem Eremplar aus der wiederkäuenden Race empfing, fuhr ſie fort, über ihre Verdachtgründe gegen Murray wegen gewiſſer Aeußerungen über die Verwandten der Auguſte Lud⸗ mer ausführlich ſich zu ergehen. Endlich, ſagte ſie, reiſt er in eine Gegend, wo Menſchen wohnen, zu denen ihn irgend eine auffal⸗ lende Abſicht ziehen muß... Par ſchickte ihm zwei Aufpaſſer nach... Sie wiſſen Das. Der Vorfall im Forſthauſe, das ich ſehr gut kenne, beſtätigt, wie gegründet Ihre Warnung war. Sie kennen das Forſthaus? Einen Wald kenn' ich, der es umgibt, eine Wieſe, an deren Rande es liegt, einen Ebereſchenbaum in ſeiner Nähe... Urſula Zeck kennen Sie nicht? Hackerten brannte es nun auf den Lippen zu ſa⸗ gen: Schon wieder Zeck? Die Mutter Paul Zeck's, der im Jahre 1825 in der Kirche zu Seehauſen vom Pfarrer Lattorf die Nothtaufe erhielt? Doch beherrſchte er ſich und ſuchte durch ſeine harmloſen Aeußerungen aus der alten Dame noch mehr Geſtändniſſe zu locken. Dieſe rückte den Stuhl, auf dem Hackert ſaß, mit ihrem kleinen, beweglichen Kanapee etwas näher, blickte an die Thür und überzeugte ſich, daß die große Ge⸗ ſellſchaft in den vordern Sälen ganz ſich ſelber lebte. Es wurde laut geſprochen, gelacht, muſicirt. Sie waren unbelauſcht.... Iſt es nicht möglich, Herr Hackert, begann ſie, daß Sie den Gefangenen ſprechen? Schwierig... Der Oberkommiſſär würde es können—— Kaum anders als in Gegenwart des Unterſu⸗ chungsrichters— — Gott! wie iſt das Alles ſo weitläuftig! Inzwiſchen beginnen die Verhöre— Wirklich? Schon die Verhöre? Sie fürchten, daß hinter Murray's angenommenem engliſchen Namen ein Deutſcher ſteckt, der Ihnen nicht gleichgültig iſt... Das iſt es... Sein Intereſſe für Auguſte Ludmer ſchien Ihnen verdächtig... er geht nach Hohenberg, hat ein An⸗ liegen im Forſthauſe, vielleicht eine Anfrage an Ur⸗- ſula Zeck... vielleicht iſt es der Vater eines Kindes, das Urſula Zeck einſt geboren, ohne ihn zu nennen... Die Ludmer ſprang faſt auf bei dieſen tollkühnen Worten, riß die weißen unheimlichen Augenwimpern bis hoch an die Stirn und fragte: Wie kommen Sie zu dieſem Verdacht? Ich ſtelle nur Vermuthungen auf, ſagte Hackert ruhig und ſcharf die alte Dame beobachtend. Ich übe mich in der Kunſt des Inquirirens, in der ich kein Neuling bin. Wer weiß, was Murray im Forſt⸗ hauſe wollte! Vielleicht iſt es ein Bruder der alten Urſula... Das war für die Ludmer faſt zu viel. Sie hielt die Doſe krampfhaft in der Hand, wollte aufſtehen, 152 ſetzte ſich wieder und gerieth in eine Unruhe, die Hackerten bewies, daß hier irgend ein intereſſantes Geheimniß auf dem Spiele ſtände, vielleicht eines, wonach dieſe Alte die Mutter jenes Paul Zeck war und es nicht ſein wollte. Um ihr aber kein Mistrauen einzuflößen, ſagte er mit ruhiger Miene: Warum fragen Sie nicht bei dem Franzoſen an? Bei Louis Armand, der ſo viel Theilnahme für Mur⸗ ray zu haben ſcheint, vielleicht in ſeine Pläne einge⸗ weiht iſt, vielleicht nicht ganz zufällig die Veranlaſſung war, daß Murray ihn begleitete, mit ihm das Forſt⸗ haus beſuchte... Wer weiß Das? Die Ludmer lehnte ſich ganz entſchieden dagegen auf, irgendwie noch den Kreis ihrer Vertrauten zu erweitern. Auch war ihr Alles, was ſie von Louis Armand wußte, zuwider. Aber die Aufgabe? drängte Hackert, als ſie zö⸗ gerte.. Würden Sie ſich wol der Aufgabe unterziehen, flüſterte die Ludmer endlich mit gedämpfter, heiſerer Stimme, indem ihr zahnloſer Mund ſüßſäuerlich und verführeriſch ſchmunzelte; würden Sie wol auf irgend eine Art vor der gerichtlichen, wie Sie wiſſen, lang⸗ ſamen Prozedur, zu erfahren ſuchen können, welches Geheimniß hinter dieſem Murray ſteckt... ob es ein wirklicher Engländer iſt... welche Abſicht ihn hier— herführte... welches ſein Intereſſe an Auguſte Lud⸗ mer, meiner Nichte, war... warum er nach Hohen⸗ berg reiſte... was ihn in das Forſthaus führte, in Begleitung des Blinden... welches ſeine Beziehung zu Louis Armand, vielleicht gar zu den Brüdern Wil— dungen und all' den Männern iſt, die nicht werden ertragen können, daß Prinz Egon ſich Paulinen von Harder, meiner Gebieterin und ich kann wohl ſagen, meiner Pflegetochter, anſchließt... warum iſt Mur⸗ ray mit einem Piſtol bewaffnet? Warum das Attentat auf einen unglücklichen Blinden? Warum hat man Murray hier im Hotel garni bei Helene d'Azimont geſehen, bei der ſchönen Gräfin, von der Sie gehört haben werden, daß ſie mit dem Prinzen Egon liirt war? Warum ſchloß ſich Murray mit dem Jeſuiten Raff⸗ lard ein, der ſich zu allen nur erdenklichen Intriguen hergeben ſoll und ſich auch wol nicht wird geſcheut haben, gegen die Geheimräthin, aus Rache für den Bruch mit Helene d'Azimont und dem Prinzen, irgend eine Schlechtigkeit zu unternehmen, kurz, Herr Hackert, die Welt iſt ſo böſe, ſo böſe, und es iſt nothwendig, daß man weiß, wer unſre Freunde und Feinde ſind! 154 Die Laſt war abgeſchüttelt. Die lauernde, grü⸗ belnde Umſicht der Alten ſtand nach dieſen Worten in ſchwefelgelber Glorie da. So hatte dieſe Frau im Stillen über ihre geliebte Pauline gewacht! So hatte ſie beobachtet, zuſammengereimt und ſchweigend die Schärfe ihrer durchbohrenden Augen geübt! Pauline tändelte und phantafirte ſo hin. Die Ludmer wachte und lieh ihr den Verſtand, der der klugen Geheim⸗ räthin, wenn ſie das Eine ganz beſchäftigte, für das Andere ganz fehlte. Sie hatte immer die Kataſtrophe erwartet, die jetzt hereinzubrechen ſchien. Bartuſch's Anzeige, daß ihm der Taufſchein Paul Zeck's, den ſie haben wollte, um ihn zu vernichten, von einer wun⸗ derbaren unſichtbaren Gewalt geraubt worden war, hatte ſie ſchon ſtutzig gemacht. Von Paul Zeck wußte ſie nur ſo viel, daß er todt war. Die Urſula hatte dieſe Verſicherung gegeben, hatte ſich dann verheirathet und war ihr verſchollen. Nun geſchah ſo viel Räthſelhaftes, die Scene, die im Forſthauſe von Kümmerlein und Mullrich überraſcht wurde, war ſo verworren, daß die Ludmer ein andres Licht begehrte, als das die Gerichte aufſtecken konnten, und wenn es das rechte Licht war, das ſie fürchtete, wollte ſie es früher wiſſen! Pauline ſchien ihr allmächtig. Pauline konnte nach ih⸗ rer Vorſtellung, unterſtützt von dem Miniſterpräſidenten 1 — 155 und dem des Obertribunals, ihrem Schwiegervater, Alles zu Stande bringen, was bei Andern an dem Vorbau der neuen„Juſtizunabhängigkeit“ ſcheiterte. Deshalb wollte ſie, ehe ſie Paulinens Ruhe aufſchreckte, raſch und ſicher wiſſen, wer hinter jenem räthſelhaften Fremden verborgen war. Hackert beſaß eine Art von Vertraulichkeit, die jeden Gebildeten und feiner Erzogenen beleidigt haben würde. Bei der Ludmer war ſie ganz am Platze. Sie kicherte, als er ihre Hand faßte und dies alte knöcherne Geripp ſtreichelte. Aber ſo wohl ihr der Kitzel that, ſie ließ ſich mit der Frage, wer jener Murray denn nun ſein ſollte, nicht fangen, ſondern ſagte: Sie ſchlimmer, junger Mann! Sie ſind ein Rech⸗ ter!... Wo hab' ich Sie nur ſchon einmal geſehen .Sie ähneln recht... Warum vertrauen Sie nicht, Madame? bemerkte Hackert wieder mit einer ſchmachtenden Miene. Ich begreife, warum Par ſo große Stücke auf Sie hält! Ihre Handſchrift ſoll wie in Kupfer ge⸗ ſtochen— Sie unterbrach ſich bei dieſen Worten der Schmei⸗ chelei ſelbſt und ſtockte über das Bild, das ſie vom Kupferſtechen brauchte. 156 Worauf ſoll ich forſchen? erinnerte ſie Hackert und rief ſie aus ihren Träumen wach. Und nun flüſterte ſie: Sehen Sie, ob dieſer Mann am Auge, das er verbirgt, wirklich einen Fehler hat oder ob er nur die Binde trägt, um ſeine Züge zu verſtellen? Hackert nickte. Beobachten Sie das Haar, ob es ſchwarz wie die Perrücke, oder ob es mehr röthlichblond, wie das Ihrige... Blondröthlich... warf Hackert bitter ein. Nein, nein, ſo foncirt war es nicht— Legen Sie ſich keinen Zwang an! Ich kenne mich, Madame. Aber ich fürchte, das wahre Haar jenes Mannes wird weiß ſein... Ich weiß nicht, ob Sie dem ſcheinbaren Alter trauen dürfen. Ich höre von gebückter Haltung. Wer weiß, ob dieſer Rücken ſich nicht erheben kann und dann etwa eine Statur herauskommt—. Wie die meinige! ſagte Hackert, da die Ludmer nach einem ungefähren Maße ſuchte. Wie die Ihrige, ganz recht, Herr Hackert! Kein beſonderes Merkmal? Ohrlöcher, an denen vor Jahren, vielleicht als Kind, Ringe getragen wurden... ich, es lter Ver ind net als 15 Keine Narbe? Kein Maal? Vielleicht ſtatt der Augenbrauen ein kahler Fleck— möglich, daß die Binde— Doch kein Feuerarbeiter geweſen? Kein Soldat? Offizier? Madame, ich wette, Sie vermuthen einen Deſerteur, der Ihrer Fahne durchging... Ha, ha! Nein! Spielen Sie auf Ihre eigne ſchöne Handſchrift an! Forſchen Sie, ob er Uhrmacher, Kup⸗ ferſtecher oder dergleichen. Ah ſo! Civil! Und der Charakter, die Art und Weiſe ſich zu geben... Keck, frech, übermüthig— Seines Siegs gewiß? Brutal! Arrogant! Dünkelhaft! Eitel! Wenn er erhört wurde? Aufgeblaſen! Spieler! Lügner! Ein Menſch, der die Verſtellungskunſt auf den höchſten Gipfel ge⸗ trieben hat. Hackert war überzeugt, daß die Ludmer einen ehe⸗ maligen Verehrer fürchtete... Laſſen Sie etwas Geld fallen, klimpern Sie mit Gold und Silber, er kann dem Klange nicht wider⸗ ſtehen... Da, Herr Hackert, nehmen Sie! Bitte, ſagte Hackert und lehnte das Geld, das 138 die Ludmer aus dem Bruſttuche nahm, ab... Bitte! Bitte! So ein paar Dukaten, wie dieſe, ſagte die Alte aufdrängend, werden machen, daß er die Ohren ſpitzt. Beobachten Sie die Wirkung, wenn Sie von Geld ſprechen, von Münzen, vom überhandnehmenden Pa⸗ piergelde.. Sie haben einen ehemaligen Falſchmünzer im Auge. Die Ludmer erſchrak. Sie war zu weit gegangen.. Nein, nein, um Gotteswillen nicht, rief ſie. Das nicht! Aber Sie werden ihn ſchon aus ſeiner Ver⸗ ſtellung herauslocken. Sie haben Verſtand, Herr Hackert. Sie verdienen das Vertrauen des Ober⸗ kommiſſärs. Nehmen Sie! Nehmen Sie! Hackert ſah die eingewickelten Dukaten. Er ſteckte ſte zu ſich und verſicherte, daß er Alles aufbieten würde, dieſer Perſon ſich zu nähern. Sowie Sie Etwas erfahren haben— ſagte die Ludmer im Aufſtehen ſo freundlich und graziös, daßtt die drei ihr noch erhaltenen Zähne ſich in völliger anmuthigſter Iſolirung darboten... Hab' ich die Ehre aufzuwarten... Schon hatte Hackert den Hut in der Hand, ſchon hatte er eine Verbeugung verſucht, die ihm nicht recht ge. ſtehen wollte, ſchon wollte er einen Handkuß verſuchen, als die entgegengeſetzte Thür, die zu dem türkiſchen Zelte führte, raſch geöffnet wurde und eine hohe ſtolze Dame im Turban mit herabhängenden Perlenſchnüren ſtürmend eintrat, um den in dieſem Zimmer befind⸗ lichen Klingelzug zu ergreifen und den Bedienten zu ſchellen, die es vielleicht in der rauſchenden Geſellſchaft irgendwo fehlen ließen. Es war die Geheimräthin ſelbſt. Wie ſie aus dem hellen Lichtmeere ihrer Sa— lons in dieſes ſtille, nur dämmernd erhellte Kabinet trat, wie ſie hier Menſchen ſah, die ſie nicht erwartete und mit dem erſten Blick auf Hackert fiel, ſchrak ſie bebend zurück... Und Hackert ging in dieſem Augenblick... Um Gotteswillen, was iſt denn hier? Was war denn Das für ein Menſch? ſagte die Geheimräthin als ſie ſogleich zu ihrem Troſte die Ludmer entdeckt hatte. Allmächtiger Gott! Ja, du biſt's. Du biſt hier. Ich wollte nach dem Eiſe ſchellen! Ich fühle den Schreck in allen Gliedern... Mein Himmel, wie kann man aber ſo er⸗ ſchrecken— Aber dieſer grinzende, abſcheuliche Kopf? Dacht' ich doch zu meinem Entſetzen, Wer vor mir ſtünde— Das röthliche Haar?... 160— Die Figur, die Geſichtszüge— eine gräßliche Aehn⸗ lichkeit!... Wie wird mir? Es iſt, als hört' ich die Exploſion— Die Ludmer hielt die Freundin, beruhigte ſie und rief dann zur Thür hinaus nach den Bedienten... Mit was für Menſchen du dich zieheſt! ſtöhnte Pauline faſt keuchend. Wer war denn Das? Ein Agent der geheimen Polizei, ſagte die Ludmer nicht ohne Stolz. Aber was iſt denn wieder im Werke? Was haſt du denn vor? Komm', Täubchen! Komm'! ſagte die Alte mit künſtlichem Scherz und zog ihre Gebieterin, ihre Freun⸗ din, ihr Kind durch das Zwiſchenkabinet in das tür⸗ kiſche Zelt. Komm' in deine Sphäre! Laß mir die meine! Du weißt, ich krame gern! Erſt unter den lachenden, rauſchenden, ſtreiten⸗ den, neckenden Eindrücken ihrer heut' überfüllten Sa— lons ſammelte ſich Pauline von Harder, die einen von den Todten Erſtandenen, eine der grauenhaf⸗ teſten Erinnerungen ihres Lebens geſehen zu haben glaubte... Die Ludmer ſorgte für die Bedienung 1 ... Hackert ging, von den Bedienten wegen ſeiner langen Entrevue mit der allmächtigen Frau Ludmer 161 ehn⸗(auch„Hausdrache“ genannt), mit vieler Rückſicht die behandelt... Es war kalt... Er hatte einen Pa⸗ letot unten hängen, den ihm Franz ſelber anziehen und half... Vor'm Hauſe ſuchte er unter den Wägen den des Juſtizraths Schlurck, in den er einſt vor hnte dieſem eiſernen Portal ſo liſtig eingeſchlüpft war... Er fand ihn nicht und beſann ſich, daß Schlurck ſeine dner Equipage abgeſchafft hatte... So wird ſie der Prinz Egon nach Hauſe fahren! haſt dachte er... Er wandte noch einen Blick auf die hellen Fenſter mit zurück, dann ging er der Stadt zu, heute für ſeine teun⸗ träge und gleichgültig geſtimmte Natur faſt über⸗ für⸗ füllt mit Anregungen und den merkwürdigſten That⸗ rdie ſachen... Die Geheimräthin aber hatte für den Abend alle Faſſung verloren und benahm ſich ſo ver⸗ iiten⸗ wirrt, ſo beängſtigt, daß Schlurck hätte ſagen kön⸗ Sa⸗ nen, auch ſie hätte wol Geſpenſter geſehen. Er einen ſagte es aber nicht. Er war ſchon längſt nach nhaf ſeiner geheimnißvollen Unterredung mit dem Premier⸗ aben miniſter aus dem türkiſchen Zelte blaß und ernſt her⸗ nung vorgetreten, hatte einen wehmüthigen, von Melanien eine mitten unter Scherzen wohlaufgefaßten, wohlverſtan⸗ dmeet denen Blick auf ſie geworfen und war in einem ge⸗ Die Ritter vom Geiſte. VIII. 11 mietheten Fiaker in aller Stille nach Hauſe gefah⸗ ren... Melanie folgte ihm eine Stunde ſpäter, nicht im Wagen des Prinzen Egon, ſondern in dem der Geheimräthin, den dieſe ihrer jungen Freundin für dieſe Abende regelmäßig zu Gebote ſtellte. Siebentes Capitel. Zerbrochene Ninge. Louis Armand, der mit Murray und deſſen polizei⸗ licher Eskorte faſt zu gleicher Zeit in der Reſidenz an⸗ gekommen war, ging vom Profoßhaus voll Betrübniß zwar, doch nicht ganz ohne Hoffnung für Murragy's ferneres Schickſal in ſeine beſcheidenen Zimmer zurück, die ſich inzwiſchen nach ſeinem Wunſche durch das von Rafflard innegehabte noch vermehrten. In der Werkſtatt fand er alle ſeine Anordnungen befolgt. Diejenigen Geſellen, welchen er, unterbrochen zwar von den vielen in ſein Leben eingreifenden Begeben heiten, doch mit gründlichſter Anleitung ſeine Art zu arbeiten mitgetheilt hatte, waren in der Befriedigung ſeiner ſtrengen Anſprüche vorgeſchritten. Er fand, daß man die Modelle zu Holzarbeiten, die er aus Thon geformt zurückgelaſſen, wohlgelungen in Holz nach⸗ 11* 164 geahmt hatte und freute ſich, daß ſein auf Märtens' Namen gehendes Geſchäft inzwiſchen einen unerwar⸗ teten Aufſchwung genommen hatte. Waren auch die Zeiten für Kunſttiſchlerei und Modellirarbeit, einen Luxuszweig der Gewerbe, nicht eben günſtig, ſtockten ohnehin bei dem politiſchen Drucke, der auf den Gemüthern laſtete, alle Induſtrieen, ſo waren doch die Leiſtungen, die Louis Armand in ſeinem Fache aus Paris mitbrachte, zu auffallend geweſen, als daß ſie ihm nicht eine reichliche Nachfrage dennoch hätten zuwenden ſollen. Frau Märtens war„kurios“, wie ſie ſagte, wie Fränzchen lebe, ob ſie nicht grüßen laſſe, ob der alte Sandrart nichts dem jungen ſagen laſſe, ob Heuniſch „allegro“ wäre. Louis war ſo raſch, ſo übereilt von Hohenberg abgereiſt, daß er alle dieſe Fragen nur unvollſtändig beantworten konnte. Höchlichſt verwun⸗ dert war Frau Märtens, daß Fränzchen nicht bei'm Onkel, ſondern mit deſſen„Permiſſion“ im Hauſe eines dem alten Sandrart ſo nahewohnenden Oeko⸗ nomen, des Generalpächters der Fürſtlich Hohenber⸗ giſchen Beſitzungen, lebte. Sie malte ſich das Ver⸗ hältniß in großartigſten Umriſſen aus und freute ſich, dem jungen Sergeanten, der ein treufleißiger Be⸗ ſucher der alten Leute geblieben war, eine ſo neue 163 5 Mittheilung ſtecken zu können. Ei, ſagte ſie, in der 3 Küche iſt ſie nicht perfekt, aber einen Böfflamoth, einen fe. Bisſteck und einen Amuleth kann ſie machen. Von n einem Verhältniſſe zwiſchen Louis ſelbſt und dieſem des Boeuf à la mode, des Beafſteaks und der Ome⸗ en letten kundigen Fränzchen war nicht die Rede. Der 3 ſonderbare kleine platoniſche Roman, der ſich zwiſchen s Louis und Franziska angeſponnen hatte, war von Frau 1 Märtens und ihrer Brille völlig unbeachtet geblieben. en Die halbwüchſige Gelehrte bemerkte in Liebesſachen nur das Auffallende, das Hochromantiſche, durchſchlagend Tragiſche und in Holzſchnitten Darſtellbare, ja ſelbſt dem jungen Sandrart„ſchwante“ nur etwas und einige Tage 4 ſpäter, als Louis in der Werkſtatt ſtand, nahte er ſich ſch Dieſem ganz zutraulich mit der Frage nach Heuniſch, 4 ſeinem Vater, nach Fränzchen, dem ganzen Ullagrund 3 und wünſchte zu wiſſen, wie er Alle verlaſſen hätte. ü Louis war tief verdüſtert. Er war bei Egon ge⸗ 3 weſen und hatte ihn nur zwiſchen Thür und Angel 5 ſprechen können. Was hatte er gehört: Da biſt du i⸗ ſchon? Louis du biſt zurück! Was hat dich heimgejagt? d Dein Geſchäft? Deine Beſtellungen? Sieh! Sieh! er Du fandeſt Alles vortrefflich— du ſchriebſt mir, daß 3 Ackermann ein Tauſendkünſtler iſt— Gott gebe ſeinen ge⸗ Segen— nun willkommen, Louis— ah, Louis— wo nehm' ich Tage her, die mehr Stunden zählen als vierundzwanzig! Wann werd' ich dich ordentlich ſprechen können? Siehſt du, Das hab' ich von Eurer politiſchen Laufbahn— nun bin ich mitten im Ge⸗ wühl— vergib die Eile, Louis— Und mit dieſen Worten hatte ſich Egon an Sollizitanten wenden müſſen, deren in aller Morgenfrühe ſchon ein Dutzend im Zimmer ſtanden. Louis war gegangen, einen Pfeil im Herzen... Das iſt aus, dachte er, dar⸗ über mach' denn ein Kreuz! Erſchüttert noch und tiefverletzt ſtand Louis in der Werkſtatt und grübelte über ein Gedicht, das zur Noth ſeine Stimmung ausdrücken ſollte. Er gedachte Ole⸗ ander's, Siegbert's, Murray's und Ackermann's— Alle dieſe edlen Männer hatten den Gedanken an Egon verdrängt und doch hing er an dem Jugend⸗ freund wie an ſeinem Bruder. Er verſuchte zum erſten Male in der Sprache ſeiner Vorfahren, in der deutſchen, zu dichten und wagte, angeweht von Ole⸗ ander's milderen Anſchauungen und doch noch nicht ganz befreit von der bittern Schärfe ſeiner franzöſi⸗ ſchen Reminiscenzen, ein Gedicht in dieſer faſt an die lateiniſche katholiſche Poeſie des Mittelalters er⸗ innernden Faſſung: 167 Welt, wie biſt du weit und groß! Alle Riegel ſind geſprengt, Alle Pforten ausgehängt! Wie ſich's wälzt und wie ſich's drängt! Und was birgt wohl noch dein Schoos? Wolken, weilt! Wie folg' ich euch? Stehe, Zeit, wie halt' ich dich? Raum, du gähnſt ſo fürchterlich! Wo im Chaos rett' ich mich? Bin ich nur der Feder gleich? Wie dereinſt bei'm Weltgericht Hör' ich der Verdammten Chor. Jeder drängt zum Richterohr, Trägt nur ſich, ſein Rühmen vor, Seine Furcht, ſein Hoffen ſpricht! Herzen ohne Harmonie Durcheinander. Jedes' Bruſt Hallt das Echo eigner Luſt Seiner Sprache nur bewußt, Seiner eig'nen Melodie. Tauſend Uhren— Mitternacht Weiſend und die Pendel doch Ungleich ſchwankend, tief und hoch, Keinen hat der Kaiſer noch In den gleichen Takt gebracht! Gern hätt' ich zum Wald hinaus Mich in Einſamkeit gebannt, Hätte an der Quelle Rand Einen ſtillen grünen Stand Mir geſucht, ein friedlich Haus. 168 Gerne hätt' ich mich geſtellt An den Buſch der Nachtigall, An ein Lerchenneſt im Thal, Fliehend jeden Widerhall Dieſer Zeit und dieſer Welt! Doch ich muß, ein treuer Thurm, Wachen an dem Meeresrand Bleiben feſt im alten Stand, Wenn umſpühlt vom Wogenbrand, Wenn umdonnert auch vom Sturm. Die Entſcheidung ſoll ich ſehn, Wenn zerkracht der Wolkenball! In der dumpfen Donner Schall In dem allgemeinen Fall Muß ich ſinken oder ſtehn. Ein ſolches Gedicht, vom Augenblick geſchaffen, blieb in Louis feſt, wenn er es auch ſpäter erſt nie— derſchrieb. Er hatte die wilde Stimmung ſeiner frü⸗ heren Auffaſſungen noch nicht ganz dämpfen können, in der Form aber ſchon jene Natürlichkeit und Ein⸗ fachheit, die er dem Beiſpiele Oleander's verdankte, ſich anzueignen verſucht. Wie er noch ſo ſtand, dichtete, arbeitete, trat der junge Sandrart in die Werkſtatt und begab ſich ſo⸗ gleich an den Winkel, wo vor dem Fenſter, nicht fern vom großen eiſernen Ofen, deſſen Röhren durch die ganze Werkſtatt ſich zogen, Louis' gewöhnlicher Platz 3 169 war. Er hatte von Madame Märtens raſch„aver⸗ tirt“ bekommen, daß Herr Louis Armand wieder„ ri⸗ tour“ wäre und näherte ſich ihm mit der Scheu, die Jedermann fühlen mußte, der Louis' tieferes Streben mit der Zeit aus ſeiner einfachen, faſt ſchüchternen Art ſich zu geben, erkannt hatte. Alles, was er ſchon von der Alten gehört, mußte ihm Louis wiederholen und vernahm es ſo aufmerkſam, ſo überraſcht, als hätt' es ihm Louis zum erſten Male erzählt. Mein Vater erwartet mich zu Weihnachten, ſagte er, aber ich werde keinen Urlaub bekommen; die dritte Kompagnie wird kurz gehalten. Aldenhoven iſt Ka⸗ pitain geworden. Wir werden gefuchtelt. Wie geht es dem Major? fragte Louis. Der Sergeant erzählte von dem immer offner her⸗ vortretenden Bruch in der Armee ſelbſt. Werdeck, ſoweit ſich Das aus ſeiner Sphäre beobachten ließe, wäre düſter und mismuthig, doch hätte er ihm kürz⸗ lich erſt geſagt: Sandrart, Ihr kennt einen jungen Mann, Namens Louis Armand! Haltet Euch an ihn und ſeine Freunde! Sandrart wiederholte dieſe Worte mit Schüchternheit. Wenn Sie wollen, Sergeant, ſagte Louis und reichte ihm die Hand, ohne irgend eine Misſtimmung wegen Franziska's zu verrathen. ——— 170 Der junge Krieger klagte über die Verwahrloſung des innern Menſchen unter den Waffen. Man erer⸗ cire, ſtehe Wache, putze ſeine Montur und Armatur und im Uebrigen hieß' es: Bete oder faullenze! Es iſt bei uns in Frankreich nicht anders, ſagte Armand. Der Soldat ſoll immer eine Maſchine ſein, ſoll immer nur der Disciplin leben. Wer dann ſeine Zeit ausgedient hat, kommt nach Hauſe, hat ſein Handwerk verlernt oder die Arbeit am Pfluge iſt ihm zu gering geworden. Es iſt ein Glück, daß es ehrliche Mädchen gibt... Wieſo Mädchen und ehrliche? Wer heirathen will, muß doch wieder an die Ho⸗ belbank oder auf's Feld zurück; um die Mädchen holt man ein, was man für ſich beinah verlernt hat. Das Geſpräch war von den Geſellen belauſcht worden. Man lachte und Louis ließ ſich eine ſo heitre Störung ſchon gefallen. Er ſetzte das Ge⸗ ſpräch fort, von dem er nicht ahnte, daß es ihm ſpäter als„Soldatenverführung“ ausgelegt werden ſollte. Sandrart erzählte von den Schmeicheleien, mit denen man das Selbſtbewußtſein des Heeres, das nur durch Schlachten gehoben werden könnte, heben wolle und nur einſchläfere. Er erzählte von den Märchen, mit denen man die Krieger erſchrecke, von ung rer⸗ atur gte hine ann hat iſt de holt uſcht e ſo Ge⸗ ihm rden mit das eben den 171 einer neuen Revolution, wo nicht das Kind im Mut⸗ terleibe geſchont werden ſollte. Die Rothen wollten den König, die Prinzen und Prinzeſſinnen morden und kein Soldat ſollte ungeſpießt bleiben... Die Geſellen lachten... Aber es kommt immer nicht, fuhr der aufgeregte Sergeant fort. Wir ſtehen des Morgens auf und gehen des Abends zu Bett mit dem Gedanken: Nun wird's losbrechen! Und kommt dann ein kleiner Al⸗ larm oder eine Schlägerei im Wirthshauſe oder eine Straßenrottirung, ſo können Sie ſich daraus erklären, warum unſre Mannſchaften gleich ſo fuchswild und erbittert zuſchlagen. Die Leute ſind gereizt und denken: Nun geht's an's Leben! Trauriger Zuſtand, wenn in einem und demſelben Staate zwei Kräfte ſo gegeneinander wüthen, bemerkte Louis ruhig; es iſt aber überall ſo. Der Adel und die Bureaukratie haben ſich die Armeen apartgenom⸗ men und dreſſiren ſie nach ihrem Gefallen. Leider hat man da ein ſo gutes Feld für ſeine Intrigue! Die Fahne, der ihr geſchworne Eid, der erlaubte Stolz des Kriegers, die Erinnerungen ſeines Truppenkör⸗ pers, die Achtung vor dem Souverän, das Alles ſind Begriffe, an die ſich für ein ſchwärmeriſches Gemüth ſo vortrefflich anknüpfen läßt! Man fanatſſirt dieſe 172 Menſchen durch ein Verbrechen, das man die Sünde gegen den heiligen Geiſt nennt. Man wünſchte Erklärung dieſer Sünde... Es iſt die Sünde, ſprach Louis ſo laut, daß Alle hörten, die Sünde, die irgend eine richtige Thatſache, eine Wahrheit, die in der Menſchenbruſt wie mit ehernen Buchſtaben eingegraben ſteht, zu einem fal— ſchen Zwecke benutzt. Wer vollends von ſeiner irr⸗ thümlichen Anwendung einer Wahrheit ſelbſt überzeugt iſt, kann kaum Vergebung erwarten. Die Geſellen horchten und blinkten ſich zu. Manche hielten Louis für etwas viel Höheres, als wofür er ſich ausgab. Ich verſtehe wohl, ſagte Sandrart, der ſich auf einige Bretter geſetzt hatte, ich verſtehe, daß Sie den Spektakel mit dem Fahneneid meinen... Ich halte jeden Eid für heilig! bemerkte Louis. Und nun ſprudelte der Sergeant, den ein Aerger mit ſeinem Kapitän gereizt zu haben ſchien, Alles hervor, was für und wider den Fahneneid den Sol⸗ daten offen und heimlich jetzt zugeſteckt zu werden pflegte. Tag ein Tag aus, fuhr Sandrart fort, kom⸗ men Leute in die Kaſernen oder auf den Erercierplatz und predigen uns den heiligen Eid. Der Eine läßt Kaffee aus einem Keller in der Nähe holeng der ünde 173 Andre verſchenkt wollene Strümpfe... die Leute trin⸗ ken den Kaffee, nehmen die wollenen Strümpfe... und immer heißt's dabei: Was wir geſchworen ha⸗ ben, halten wir. Aber... Ein Eid iſt heilig! erwiderte Louis. Ich tadle die Soldaten nicht, die ihn leiſten, ſondern die, die ihn abnehmen. Es muß dahin kommen, daß der Soldat nicht in die Lage verſetzt wird, einen einſeitigen und in die Geſellſchaft den Brand des Aufruhrs ſchleu— dernden Eid zu ſchwören. Er ſoll ſchwören, die öf⸗ fentliche Ordnung des Vaterlandes im Innern und ſeine Größe und Ehre nach Außen zu vertheidigen. Die geſetzlichen Organe dieſer Ordnung und Ehre haben ſich geändert. Es ſind nicht mehr die Fürſten, ſondern die Vertreter der Völker. Wir brauchen keine Fürſten mehr! rief es aus einer Ecke. Wir brauchen keine Soldaten mehr! aus einer andern. Louis wandte ſich eben, um ein lautes St! aus— zuſprechen, als der alte Märtens in ſeiner blauen Schürze und wollenen geſtrickten Ueberjacke hereintrat und dieſer lärmend und ſtürmiſch gewordenen Unter⸗ haltung ohnehin ein Ende machte. Er litt niemals, daß in ſeiner Werkſtatt über Politik geſprochen wurde. 424 Auch der Sergeant, der alle dieſe Geſellen kannte, wußte das Verbot und nahm den verwildert gewor⸗ denen Gegenſtand nicht wieder auf. Er ſprach von Franziska und lagte, daß er zu Weihnachten keinen Urlaub bekommen würde. Der Feldwebel ſähe lieber, daß er ſich ſeine Beſcheerung ſchicken ließe, um ie mit ihm theilen zu können. Und der Major? Der Major— wer weiß, wie lange der noch Majort. Das iſt Einer, der nächſtens ſagen wird: Der Eid drückt mich! Marſch in die Kaſerne! rief der alte Märtens da⸗ zwiſchen. Dien' Er ſeinem König und lob' er Gott den Herrn, Amen! Die Geſellen lachten nun erſt recht. Sandrart ließ ſich nicht ſtören. Er war zu bewegt. Er hatte ſeit der einfachen Begegnung mit den Offizieren auf dem Fortunaball und in dem Worte: Gehorſam außer Dienſt jenen nagenden Quüälgeiſt in ſich, der bei den untern Ständen mehr Unruhe und Schaden im Ge⸗ müthe ſtiftet als bei der Bildung. Das prickelte, das hetzte ihn. Immer derſelbe Refrain, ummer die⸗ ſelbe wunde Stelle, die nicht heilen wollte umd die täg⸗ lich berührt wurde... Endlich ging er. Als er Louis die Hand gab und fragte, ob er bald in den Ulla⸗ unte, wor⸗ von einen eber, emit noch vird: grund ſchriebe, rief eine Stimme ihm nach: Sergeant! Gartenſtraße Nr. 14 alle Abend um acht Uhr iſt Verein— kommen Sie und bringen Sie Kameraden mit, die das Herz auf dem rechten Fleck haben! Wer ſagt Das? Wer verführt hier die Soldaten? rief der alte Meiſter und rannte zu dem Sprecher hinüber, einem kleinen, dicken, wohlgenährten Arbei ter, dem Advokaten der Werkſtatt. Sandrart hielt den zornigen Alten auf und beru⸗ higte ihn. Aber der Meiſter tobte jetzt ſeine patrio⸗ tiſche, alte, deutſche Geſinnung aus nach dem Thema: Gebt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt und Gotte, was Gottes iſt! Er machte ſein Recht als Meiſter und Werkſtattbeſitzer mit ein Dutzend Hammerſchlägen auf den Werktiſchplatten geltend. Sandrart ging. Die Rebellen ſchwiegen. Auch Louis ſchwieg. Da aber manche Anzüglichkeit des alten Mannes ihm ſelbſt geltent ſollte und er ſich ſchwer beherrſchte, ſo zog er vor, eine Weile auf ſein Zimmer zu gehen und dem Alten Zeit zu laſſen, ſich inzwiſchen gründlichſt auszutoben, was auch geſchah, diesmal ſogar mit Fremdwörtern aus dem Lexikon ſeiner gebildeten Ehe hälfte. Eine Woche ging ſo hin. Louis lebte zurückge⸗ zogen. Er ſuchte nur Dankmar auf und fand ihn 4 176 nicht. Zum Major Werdeck wagte er ſich nicht. Ueber Murray's Schickſal wurde ihm keinerlei Beruhigung. Der Drang, ihm zu helfen, die im Forſthauſe vorge⸗ kommenen Dinge in einem Lichte darzuſtellen, wo alle Schuld nur auf ihn falle, war ſo mächtig in ihm, daß er anfangs an Egon's Beiſtand dachte. Allein war Das noch ſein Egon? Er war's im Tone, in der Be⸗ handlung noch geweſen; er hatte ihn nicht lieblos empfangen, ihm täglich ſein Haus angeboten. Aber eine Kluft hatte ſich zwiſchen Beiden aufgethan, wei⸗ ter, als der natürliche Abſtand der Geburt. Die Ro⸗ mantik war vorüber, das praktiſche Leben hatte begon⸗ nen. Louis entſchuldigte Egon, klagte ſich an, zieh ſich ſelbſt der Eitelkeit, daß er von dem Freunde Egon, der einſt in Lyon ſeine Schweſter liebte und mit ihr wie mit ſeinem Weibe lebte, jemals die ſpäter entdeckte Für⸗ ſtenwürde nicht trennte. Er fand es natürlich, daß Alles ſo kam, wie es jetzt gekommen; aber ihm läſtig fallen, eine Audienz erbitten, ihm ſchreiben, eine Bitte vorlegen... dazu war er zu ſtolz, zu verletzt, zu eingeſchüchtert. Dann fiel ihm bei, ob nicht Dankmar Wildungen als Juriſt helfen könnte und eben ſo ſchmei⸗ chelte ſich ihm die Vorſtellung ein, ob er nicht wagen ſollte, den mehrfach genannten Otto von Dyſtra auf⸗ zuſuchen und ihm die Lage eines Mannes vorzuſtellen, Ueber thigung. e vorge⸗ wo alle in ihm, ſein war der Be⸗ lieblos Aber n, wei⸗ Die Ro⸗ begon⸗ n, dieh e Cgon, ihr wie ne Bitte etzt, zu dankmat ſchmei⸗ wagen tra auf üſtelle ray's 177 der aus einem fernen Welttheile ihm nicht unbekannt ſein ſollte. Es war wieder Mittag. Die Arbeiter zerſtreuten ſich. Als ſich Louis nach einem beſcheidenen Mahle in ei⸗ ner nahgelegenen Wirthſchaft in der Vorausſetzung, vielleicht nun heute endlich Dankmar Wildungen und den von Murray erwähnten Gönner, Otto von Dyſtra, aufzuſuchen, beſſer anzog und in ſeinen Ge⸗ räthſchaften ordnete, fielen ihm die Gegenſtände auf, die er im Forſthauſe damals an ſich genommen hatte. Es war ein Geſangbuch, ein Blumenſtrauß und ein zierlicher Mädchenkamm. Er hatte dieſe Dinge an ſich genommen, weil die von Urſula daran geknüpften Reden ihm ſo auffallend klangen, daß er glaubte, vielleicht enthielten ſie Thatſachen, die ſich auf Mur⸗ Bin bezogen... Der Kamm war von Schildpatt und zeigte mit Elfenbein ausgelegt die Buchſtaben H. D. Das Ge⸗ ſangbuch führte auf beſtimmte Namen. Es war in ſchwarzes Leder gebunden und enthielt auf dem Deckel die Notiz über die Geburt und die Verlobung eines jungen Mädchens, von dem Louis wußte, daß es eines Sonntags an der Sägemühle verunglückte. Heu⸗ niſch, ſagte er ſich, hat ſicher dieſe Gegenſtände, auch den Blumenſtrauß, den ſie grade trug, aufbewahrt Die Ritter vom Geiſte. VIII 12 178 und die Alte ſie eingeſchloſſen, um durch ihren ſteten Anblick ihn nicht zu traurig zu ſtimmen. Das Ge⸗ ſangbuch, der Kamm, der welke Blumenſtrauß wur⸗ den Louis faſt unter der Hand zu Tönen und Klän⸗ gen und Reimen eines Gedichtes... Wie er den welken Strauß, der krampfhaft zu⸗ ſammengeballt ſchien, auseinanderfaltete, hörte er ein Klingen, wie von einem fallenden metallnen Gegen⸗ ſtande. Am Boden ſah er einen zerbrochenen Gold⸗ reif blinken. Er hob ihn auf. Sicher hatte dieſer Ring in dem Gewirr des welken, heuartig gewordenen Blumenſtraußes ſchon lange verſteckt gelegen. Der Verlobungsring des unglücklichen Mädchens! dachte er. Wo iſt nur die zweite Hälfte? Er ſuchte und fand ſie nicht. Wer weiß, dachte er, durch welchen Zufall dieſer Ring zerbrach! Die Treue hat ihr Heu⸗ niſch wirklich gehalten... Louis wollte den Ring mit den übrigen Gegenſtänden bei Seite legen, als ihm doch noch einfiel, nach einer möglichen Gravirung innen zu ſehen. Er erſtaunte, nicht die Buchſtaben zu finden, die auf Heuniſch's Geſchichte paßten. Er las in dem Ringe P. und die erſten Züge eines klei⸗ nen v., die ohne Zweifel auf einen adligen Namen ſchließen ließen. Auch ſah er jetzt, daß er keinen Trau⸗ oder Verlobungsring, ſondern einen einfachen goldnen Reifen, deſſen Kopf durch einen Stein ver— ziert geweſen ſein mußte, vor ſich hatte. Die adlige Bezeichnung des Ringes ließ ihm als wahrſcheinlich erkennen, daß er einen Theil jenes Ringes vor ſich hatte, von dem ihm Murray einſt erzählt hatte. Und ſo ſteckte er dies Fragment behutſam zu ſich und ge— dachte, ihn dem unglücklichen Gefangenen bei erſter Gelegenheit, wo er hoffte, ihn ſprechen zu dürfen, zu übergeben. Die übrigen Gegenſtände verſchloß er wieder. Mit einem alten Mantel, den er über ſeinen ge⸗ wählten Anzug warf, ging Louis aus, um auf's Neue zu verſuchen, Dankmar Wildungen zu treffen. Wie groß war ſeine Freude, als er grade beim Ein— tritt in das von den Freunden bewohnte Haus den Geſuchten die Stiege herabkommen ſah! Wär' es Siegbert geweſen, ſo hätt' er ihn umarmt. Dank⸗ marn ſchüttelte er die Hand und freute ſich der herz— lichen Erwiderung. Seit wann ſind Sie zurück? Ueber eine Woche. Wir verfehlten uns. Auch ich fragte nach Ihnen. Wie geht es meinem Bruder? Er ſchreibt ſo ſelten Ich verließ ihn wohlauf, heiter und fröhlich. Heiter? Empfing er— Es erfolgte jetzt die Verſtändigung wegen der 12* 180 7 AÄ/ ò Trauer. Dankmar ſprach über das erlebte Leid. Es 41 waren Worte, die in Kürze die ſchmerzliche Thatſache zuſammenfaßten. Er wünſchte, daß Siegbert, wenn er auf dem Lande Zerſtreuung hätte, nicht in die Re⸗ ſidenz käme, die ihm wenig Troſt bieten würde. Einen Tag bin ich hier und dieſes Chaos von Anmaßung und Lüge! Ich halte Sie auf! Kommen Sie zu mir, Armand... Gegeſſen iſt auch bei mir ſchon. Aber einen Kaffee können wir noch brauen! Frau Schievelbein, Molka, Java, Cheribon! Was ſich findet! Aber ſchwarzen! Denn, Louis, wir trauern. Damit ſchloß Dankmar die Thür der beſcheidenen, noch warmen Wohnung auf, rückte Bücher, Skriptu⸗ ren vom Tiſch und rief noch einmal der Wirthin, die aus ihrem Mittagsſchlafe ſchwer zu wecken war. Wäh⸗ rend er ſelbſt die Vorbereitungen zu einem Kaffee in ſeiner blechernen Maſchine machte, Spiritus anzündete und endlich von der gähnenden Wirthin unterſtützt wurde, einmal häuslich und gemüthlich einen Nach⸗ mittag nicht im Kaffeehauſe, ſondern daheim zuzu⸗ bringen, ſprach er vom Tode ſeiner Mutter, vom Le⸗ ben überhaupt, vom Geheimniß der Weltſchöpfung, vom Gegenſatz zwiſchen Materie und Geiſt, Himmel, von 181 Hölle, Erde, Lampendocht, Spiritus, Filtrirmaſchinen und ſchloß ſeine aus Schmerz und Scherz gemiſchte Plauderei mit der Bemerkung: Ja, lieber Armand, ſeit wir unter dem Kreuze in dem Rathskeller ſaßen, iſt Manches geſchehen; aber was ich auch erlebte und das Schlimmſte iſt aller⸗ dings der Leichenſtein⸗Strich über ein theures Daſein, das ich noch für viel Glück aufgeſpart glaubte, Alles hat mich gelehrt: Wenn man die Grenze des Daſeins fühlt, wenn man ſieht, wie Alles endet und enden muß, ohne Ausnahme, dann, mein Freund, nimmt man das Schwerſte im Leben leichter und ſetzt mit größrer Luſt ſein Leben auch an das Traurigſte. Ich bin nicht etwa entmuthigt, wie Sie mich hier ſehen. Aber ergrimmter bin ich, entſchloßner, gleichgültiger um dieſe ſchönen Fratzen, die uns locken und ſchmei— cheln wollen mit Worten: Ach, wie ſüß iſt dies Le⸗ ben! Schick' dich in dieſe Lügen! Dulde dieſe Irr thümer! Laß dieſe Narren regieren! Laß dieſe Welt gehen, wie ſie geht! Der Tod meiner Mutter war ſo voll Ueberredung für mich, an ein Jenſeits zu glauben. Ihre Geſichtszüge waren verklärter, nach— denklicher, ſtrenger als je im Leben. Man konnte glauben, der im Schauen begriffene Geiſt ließe noch Spuren auf dem theuren Antlitz zurück. Wie ich ſie 182 in die Grube ſenken ſah, wie Alles um mich her Tod nit und doch Unſterblichkeit auf dem Friedhofe flüſterte, erül da empfand ich Liebe für die Geſchiedenen, Haß für ge die Lebenden. Vermeſſene Thoren, rief es in mir, die todt! Ihr Euch einbildet, das Leben beherrſchen zu können! eut Wer ſeid Ihr denn, Ihr zufällig Reichen, Ihr ange⸗ vat maßt Mächtigen, Ihr eingebildet Weiſen! Hier iſt aus Alles gleich, hier unter dieſen welken Trauerpappeln iſt die ganze Komödie aus und da drüben jagt, hetzt 9 Ihr Euch mit Euern Leidenſchaften und ſinnlichen In⸗ gne tereſſen durcheinander! Glauben Sie mir, Louis, man ch muß das Leben verachten, um dem Leben eine große 3 That zu hinterlaſſen. Ich würde mich nicht mehr be⸗ de denken, mein Haupt zu opfern, wenn ich glaubte das ſe Rechte getroffen zu haben, um einer göttlichen Wahr⸗ u heit in unſerm Leben ihre Geltung zu verſchaffen. 2 Louis war von der Aufregung, in der er ſeinen Freund und Gönner wiederfand, erſchüttert... Wie geht es mit Ihren Hoffnungen auf... Er ſtockte, das Wort: die Erbſchaft, auszu⸗ ſprechen.. 1 Ich bin im Begriff, ſie auch in zweiter Inſtanz Aud zu verlieren, ſagte Dankmar und habe dann nur noch Cgo das Urtheil vom Obertribunal revidiren zu laſſen. Meine Hoffnung, der Welt zeigen zu können, wie wir i mit ererbten Rechten verfahren ſollen, wird ſich nicht erfüllen. Indeſſen ſetz' ich Alles daran, wie ein Flü— gelroß bis an die Stelle zu ſteigen, wo es immerhin todt niederſinken möge. Sie können ſich denken, welche Entbehrungen ich leide. Die Koſten des Prozeſſes wachſen in's Unglaubliche. Das kleine Vermögen, das ſich nun noch von der Mutter aus uns ergeben wird, ging theils im Begräbniß, theils in der Ordnung ihres Nachlaſſes ſchon hin. Den Reſt werfen wir in jenen Abgrund, der uns keine Ergebniſſe bringen wird, ich mag auch noch ſo viel in dieſen Büchern ſtudiren! Jetzt vollends, wo meine Hoffnung, daß mindeſtens der eine Concurrent, der Staat, die Ungehörigkeit ſeiner Anſprüche einſehen würde, ſich betrogen ſieht und durch Egon ein neues Leben in dieſe Angelegenheit kommt... Durch Egon? Wiſſen Sie Das... Von ihm ſelbſt. Sie ſprachen ihn? Kürzlich auf der Staatskanzlei, wo ich mir eine Audienz vom Premierminiſter erbat. Zum Menſchen Egon geh' ich nicht. Sie geben ihn auf? In meinem Sinne, ja! 184 Wie war er gegen Sie? Kalt, zurückhaltend? Im Gegentheil; er war offen und ſuchte die in— zwiſchen durch ſeine Maßnahmen ſo weit geriſſene Kluft zwiſchen uns durch entgegenkommende Freund⸗ lichkeit zu verbergen... Sie machten dieſelbe Erfahrung wie ich... Mein Freund, ſagte Dankmar, geben Sie dieſe An⸗ knüpfung auf! Ich denke mit Wehmuth zurück, wie ich Egon fand, wie er mir die Freundſchaft auf offnen Händen entgegentrug, wie er mir den Brudernamen aufdrängte. Dennoch muß ich gegen ihn gerecht ſein. Ich entſinne mich, daß wir mehr in ihn hineingelegt haben, als wozu wir berechtigt waren. Wir hörten ihm zu und fühlten da ſchon die innere Trennung. Da wir ihn aber lieb hatten, wollten wir nicht ſehen. Nun iſt die chemiſche Probe gekommen. Wer verdenkt ihm, daß er uns entgegnet: Ihr habt mich wie Eure Puppe behan⸗ delt, mit Euern Ideen mich ausgeputzt! Die Zeit des Scherzes iſt vorüber. Louis wollte dies Misverſtändniß nicht gelten laſ⸗ ſen und behauptete, ein fremdartiger Einfluß hätte ſich des ſo hoch geſtiegenen Freundes plötzlich bemächtigt und ihn von ihren Anſchauungen hinweggeriſſen... Nein, nein, ſagte Dankmar. Das iſt in der Ord⸗ nung und nicht weiter zu beklagen. Der Dämon, der 185 die Welt regiert— Gott iſt es nicht; der ſteht noch über dieſem Dämon— gibt für ſeine Schlachten dem Menſchen die ihm gebührende Stellung. Der Eine hier, der Andre dort. Wir haben nichts zu thun, als nach unſrer Fahne zu blicken und in den Kampf zu gehen, wenn unſer Signal uns ruft. Es iſt ganz in der Ordnung, daß auch Egon den ihm von dem vo— rigen kaufmänniſchen Miniſterium hinterlaſſenen Pro⸗ zeß fortführt, ganz in der Ordnung, daß ich ihn ver⸗ liere. Sie glauben nicht, was uns der Menſch als eine willenloſe Maſchine, als ein anorganiſches Produkt erſcheint, wenn man es abblühen und ſterben ſieht. Wir ſind nicht frei. Wir glauben es zu ſein und freuen uns nur des Queckſilbers, freier Wille ge— nannt, das doch allein mechaniſch in uns hin- und herrollt und uns alle unſre Bewegungen gibt! Bei allen dieſen Bemerkungen, die Dankmar un⸗ muthig und ungeregelt ausſtieß, unterzog er ſich einer gründlichen, von Frau Schievelbein unterſtützten Vor⸗ bereitung zu einem gemüthlichen Kaffee. Es gibt gar nichts Traulicheres, als wenn im kalten November⸗ ſturm, auf engem, gut erwärmtem Zimmer junge Männer die kleinen Konſequenzen ihrer Garconwirth⸗ ſchaft ziehen, den Frauen in ihre Vorrechte greifen, Haushälter ſpielen, Kaffee filtriren und ihn mit Ci⸗ —* 5 85 1 2 2—— —q—————— 186 garrendampf und guten Einfällen, in eine Sophaecke gedrückt, behaglich niederſchlürfen. Nun, ſagte Dankmar lächelnd, als die Wirthin Taſſen zurechtgeſtellt und erklärt hatte, ſie würde bald das heiße Waſſer bringen, nun, wie iſt es, Louis, haben Sie für das vierblättrige Kleeblatt geworben? Iſt das Korn von jener Nacht aufgegangen? Fanden Sie Menſchen, die würdig ſind, in die kämpfende Brüderſchaft vom Geiſte zu treten? Louis war auf Mittheilungen über Dankmar's großes Unternehmen gefaßt, nicht aber darauf, Bericht zu erſtatten, was er ſelbſt dafür gethan. Er erſchrak faſt und gerieth in Verlegenheit, ob er glejch an Murray, Oleander, Ackermann dachte. Freund, fuhr Dankmar, als er ſein Zögern be⸗ merkte, fort, wir müſſen vorläufig mit den Blicken werben! Das iſt das Prüfzeichen der Wahrheit unſrer Ideen, daß wir vorläufig Menſchen finden, die uns würdig ſcheinen, ſich dem großen, innern Kreuzzuge anzuſchließen. Sonſt lernten wir Menſchen kennen, die an uns vorübergingen und von uns vergeſſen wurden, auch wenn wir ihnen ſchmerzlich nachſahen. Jetzt haben wir etwas, was uns ſolche Begegnungen werther macht. Einen edlen Menſchen finden iſt jetzt für uns eine Eroberung. Wir ſollen es mit ihm ma⸗ chen wie Entdeckungsreiſende, wenn ſie Inſeln im Meere finden, die Niemand kannte. Sie pflanzen das Zeichen ihrer Nation auf, nehmen feierlich im Geiſte von ihnen Beſitz und reiſen weiter. Oder wie man Zugvögeln eine Kette umhängt und ſie fliegen läßt, wohin ſie wollen, in der Hoffnung, ſie würden ir— gendwo über tauſend Meilen durch jenes Symbol doch einen Menſchen erfreuen, der da ſagt: Seht, dieſem Reiher hing ein Araber, ein Hindu eine kleine Kette, einen Ring um mit ſeinem Zeichen und dies Zeichen lautet: Ich grüße dich, Bruder, Menſch, Freund in dem großen Geiſt, ob er nun Gott, oder Allah oder Lama oder Jehova heißt. So ſollen wir jeder uns verwandten edlen Intelligenz unſichtbar das Zeichen der Ritterſchaft vom Geiſte aufheften und dann ihn wandeln laſſen ſeiner Wege. Sie führen ſchon zuſammen zu einem Ziele! Dankmar ſprach dieſe Bemerkung mehr im halben Scherz, doch blickte der Ernſt und die ſichre Abſicht durch, dieſe Werbungen wahr zu machen... Louis nahm keinen Anſtand, ihm zu erklären, daß es auch ihm ſo ginge. Er wiſſe nun immer, was er mit den Menſchen, die er im Leben ſähe, beginnen ſollte. So müßten einſt die Apoſtel gewandelt ſein und ſich ſogleich die Seelen herausgefunden haben, ——ͤꝛ— — 188 denen ſie die Botſchaft vom Menſchenſohne bringen wollten. Früher hätte er geprüft, ohne Zweck; er hätte die werthvollen Menſchen vergeſſen oder ſich ih— rer nur mit jener freudigen Wehmuth erinnert, die wol den Schiffer ergreifen müſſe, wenn auf dem Welt⸗ meer ein Segel an ihm vorüberfahre. Ein Salutſchuß und dann ewige Trennung! Jetzt aber halte er im Geiſte Jeden feſt und möchte ihn dauernd zu dem gro⸗ ßen Werke der Befreiung verbinden. Und wohl müſſe er eingeſtehen, daß ihm auf dieſer kleinen Reiſe ſchon Würdigſte begegnet wären. Nennen Sie ſie nicht! ſagte Dankmar. Es ſoll unſerm Bunde zur Förderung dienen, daß wir nicht wiſſen, wer zu ihm gehört. Jeder ſoll werben, Jeder ſoll an gewiſſen großen Bundestagen Beweiſe dafür bringen, daß er Ritter vom Geiſte gerüſtet und ge— wappnet gefunden hat, aber die Erkennung ſei eine zufällige! Keine Regiſter! Keine Namen!. Louis hatte aber grade recht auf dem Herzen, von Oleander, Ackermann und beſonders von Murray zu reden und Dankmar ſah ihm ſeinen Drang dazu an. Nicht wahr, ſagte er, Ackermann ſcheint Ihnen würdig? Im vollſten Maße! Ein Großmeiſter unſres Ordens! Treu, feſt, wohe Dad pun Man ch ten, da Rit möe ern der ma — 189 wohlwollend, unabhängig. Ja, Louis, unabhängig! Das hab' ich gefunden, das iſt der einzige Stand⸗ punkt, auf dem man denkt, klar denkt und für die Menſchheit etwas in die Schanze ſchlägt. Doch hab' ich auch Viele gefunden, die edel ſind und gern möch⸗ ten, wenn ſie könnten. Da ſollt' ich helfen können! Da ſollte mein Erbe, ausgehend von den geiſtlichen Rittern, den geiſtigen Rittern wieder zufließen! Darum möcht' ich Schätze gewinnen, um die Schwachen zu ermuntern, Witwen, Waiſen, die ihren Beſchützer verloren, zu tröſten, Unmöglichſcheinendes möglich zu machen. Darum will ich Geld zu unſerm Ringe! Darum mein Mühen und Sorgen um den Kitt unſres Gebäudes! Louis entgegnete, daß die Männer, die er gefun⸗ den, auch ohne die Ermunterung und Schadloshaltung durch irdiſche Mittel ſich der Ritterſchaft des Geiſtes widmen, Helm und Harniſch anthun würden für den Kreuzzug der Idee. Um ſo beſſer, ſagte Dankmar. Aber nennen Sie Niemanden! Sammeln Sie, werben Sie im Stillen! Ich bin ſo glücklich geweſen, daß ich wohl ſchon von zwanzig edlen Männern ſagen kann: Sie ſind die Unſrigen. Louis ſtaunte. Von Leidenfroſt und Werdeck hab' ich brieflich gleiche Ergebniſſe. Noch haben wir uns nicht konſti— tuirt, noch fehlt uns die Symbolik, über die ich in nächtlichen Stunden grüble, wie einſt Muhammed mag gegrübelt haben, was er von Zoroaſter, Chriſtus, Sokrates brauchen könne; noch ſind mir nicht die En— gel der rechten Erleuchtung erſchienen und ſchon finden wir ſegensreiche Wirkungen. Leſen Sie nicht ſchon von vielen Orten her, daß die gefangenen Volksfreunde Mittel finden, zu entfliehen? Maucher, der das Schick— ſal einer Unterſuchung nicht ahnt, wird bei Zeiten ge⸗ warnt. Jene Beamte, die kürzlich ihre Aemter nie⸗ derlegten, weil ſie mit ihrer Abhängigkeit in Wider⸗ ſpruch geriethen, wurden ſchon von uns unterſtützt. Es finden ſich Liebesgaben, die wie Waſſer aus einem Felſen ſpringen. Moſes' Zauberſtab wirkt Wunder. Es ſind Herzen verſöhnt worden, unbekannte Freunde zuſammengeführt, Warnungen, Rathſchläge empfängt man von' unbekannter Hand und ſchon ſetzen die Ver⸗ trauten an die Spitze ihrer Briefe vier Punkte, die das vierblättrige Kleeblatt der ſeltenen Freundſchaft bezeichnen. Alles regt ſich ſchon, ein neuer Frühling des Geiſtes, ein Hoffnungslenz der Geſinnung beginnt; nur Siegbert ſchlummert noch. Nicht wahr, den fan⸗ den Sie wohl tief unter Träumen wandelnd? Glau⸗ ützt nem der. nde ingt der⸗ 191 ben Sie, daß uns auch Siegbert Mannſchaften zu⸗ führen wird? Louis ſtaunend über dieſe Schilderung konnte nichts verſichern, bezweifelte es aber faſt, da er ſah, wie Dankmar gewirkt hatte und wie Der glühte vor innerer Befriedigung. Siegbert wird uns Frauen nennen, die er gewin⸗ nen möchte, ſagte Dankmar lächelnd. Er hatte dabei auf dem Herzen, nach Selma zu fragen.. Schon lange lag ihm ein Wort über Selma auf den Lippen. Er wagte es nicht auszuſprechen. Er war von der beklemmenden Vorſtellung gedrückt: Wie, wenn ſich Das, was Du mit Melanie erlebteſt, bei Selma wiederholte?! Siegbert iſt liebenswürdig. Er wird von Ackermann mit Zuvorkommenheit aufgenom⸗ mnen werden. Selma wird ihn ſehen, ihn lieben. Und Siegbert? Kann ſein Herz in Wahrheit bei Olga weilen, jenſeits der Alpen? Kann er einer ſol⸗ chen Phantaſie nachjagen? Auch die Fürſtin Wä⸗ ſämskoi, obgleich ſie in unſrer Abweſenheit faſt täglich hier anfragen ließ, wann wir zurückkämen, kann Die ihn für's Leben feſſeln? Nein, nein, das Schickſal ſpielt unſerm Herzen zum zweiten Male eine Prüfung zu. Siegbert und Selma finden ſich und dieſes Band darf ich nicht löſen, wie ich die Irrung zwiſchen Siegbert und Melanie löſte! Und ſo feſt ſtand dieſe Vorſtellung bei Dankmar, daß er in der That nicht den Muth hatte, nach Selma zu fragen und auch aus Furcht, von ihr zu hören, Louis' Mittheilungen über des Bruders Lebensweiſe raſch unterbrach und ihn nach ſeinen eignen Angele⸗ genheiten fragte. Da hatte denn Louis die Erzählung über Murray und die Bitte um Dankmar's Rath und Beiſtand ſchon eingeleitet, als man die Treppe herauf Männerſchritte hörte. Frau Schievelbein, die eben das heiße Waſſer in einem ſummenden Theekeſſel bringen wollte, öffnete und ein Herr im grauen Militärmantel trat auf den Vorplatz, gefolgt von einem andern, der ſich Schnee und Regen aus einem dicken langzottigen Tüffelrocke abſchüttelte...— 5 Die Kommenden waren Major Werdeck und ſein Freund Marx Leidenfroſt. gbert mar, elma ören, weiſe gele⸗ lung und rauf er in finete den chnee ſrocke ſein Achtes Capitel. Das Wachſen des Bundes. Wann kommen wir All' uns wieder entgegen, Im Blitz und Donner oder im Regen? rief Leidenfroſt, als er Louis erblickte und ſich der Major über das glückliche Zuſammentreffen der vier im Geiſte Verbundenen innigſt zu freuen ſchien. Wenn der Wirrwarr höher ſteigt Und wer Sicger iſt, ſich zeigt! antwortete Dankmar, auch die Macbethhexen parodirend, rückte Stühle heran, nahm dem Major den Mantel ab und ſchüttelte den Freunden, die er noch nicht ge— ſehen, die Hände. Graulieschen! ſagte Leidenfroſt zur Frau Schievel⸗ bein, Graulieschen, was brau'ſt du da für ein namen⸗ loſes Werk? Erlauben Sie, ſagte die Alte, um ſo empfindlicher über dieſe Anrede eines Mannes, deſſen„Komplimente“ Die Ritter vom Geiſte. VIII. 13 194 ſie kannte, als ſie wegen eines hohen Offiziers ihrer Toilette eingedenk wurde, erlauben Sie, ich heiße Eu— lalia und Das wird Kaffee, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Leidenfroſt. Eulalia! Menſchenhaß und Reue! fuhr Leidenfroſt im pathetiſchen Tone fort. Kommt Einer da wol heraus aus ſeinen theatraliſchen Reminiscenzen? Ich ſtudire gerade Goethe's Fauſt ein und komme aus dem Arrangement der Hexenküche. Frau Eulalia Schievelbein brummte auf's Neue über ſothane Anſpielungen, beeiferte ſich aber, die com⸗ fortabelſte Erweiterung ihrer Arrangements möglich zu machen und ſuchte darin wirklich zu hexen. Wir erfuhren, daß Sie wieder da ſind, Wildungen, begann Werdeck. Und in Trauer! Wir kommen, um Sie theilnehmend zu begrüßen... Ihr Verluſt... Nur keinen Grabſermon! fiel Leidenfroſt ein. Ich hab' ihm Alles geſchrieben, was ich über die nothwen⸗ dige Fütterung der Würmer denke und über die Seelen⸗ wanderung. Die Citronen, die die Leidtragenden in der Hand halten, werden am beſten in aller Stille mit nach Hauſe genommen, wo ſie zum Punſch per⸗ wendbar ſind. Dankmar, wenn Siegbert da wäre, würde ich anſtändig condoliren. Da Sie es ſind, denk' ich nur wieder: ihrer ſe Cu⸗ gegen ufroſt wol 2 Ich e aus Neue com⸗ ich zu ungen, n, um . 3c thwen⸗ geelen⸗ den in Stille wäre, ſind, Sie hätte auch gelegner ſcheiden können— es hätte Sich beſſ're Zeit für ſolches Weh gefunden. Das wohl!l ſagte Dankmar und ſetzte nach einer Weile hinzu: Aber Sie ſind ja ſchon im beſten Zuge Ihrer theatraliſchen Carriere, mengen Macbeth und Fauſt zuſammen wie Kaffee und Sahne— bedienen Sie ſich, meine Herren! Das Beiſpiel meines Chefs, der äſthetiſch ſolchen Milchkaffee liebt, ſagte Leidenfroſt, die Cigarrenbüchſe hervorziehend, ſteckt mich an! Herr von Harder, mein gegenwärtiger Schiffspatron, ſteuert immer Nord⸗Nord⸗ oſt, wenn die Bouſſole der Literatur, Kunſt und geſun⸗ den Vernunft Süd⸗Südweſt zeigt. Schiller und Goethe iſt ihm ein- und derſelbe verſchwommene, allgemein klaſſiſche, kaſſenverderbliche Begriff, nur daß er we⸗ nigſtens aus den äſthetiſchen Anfragen der Hofdamen herausfühlt, daß in der grauen Nebelgegend, Schiller genannt, etwas mehr Sittlichkeit herrſcht, als in der grauen Nebelgegend Goethe und umgekehrt, dort mehr Zeitgeiſt, als hier. Es iſt prächtig. Auch Fauſt und Macbeth, die er beide einmal geſehen haben muß, in Wien, München oder Vaduz, rinnen ihm in demſelben Hexenkeſſel zuſammen. Heute auf der Probe des Fauſt erſchien die Excellenz in ſelbſtperſönlichſter Perſon und 13* wollte ſich um das Arrangement der Hexenküche Ver⸗ dienſte erwerben. Wo kommen denn die Könige her, die dem Fauſt erſcheinen, fragte er mich mit dra⸗ maturgiſchem Vorſtudium und die Künſtler lauſchten, ſich auf die Lippen beißend, in demüthiger Entfer⸗ nung. Welche Könige, Excellenz? fragt' ich dienſt⸗ untergebenſt. Nun, ich denke, ich habe Das ſchon ein⸗ mal geſehen, ſieben oder acht Könige, die— wie heißt der Teufel— Mephiſtopheles, Excellenz? Mephiſto⸗ pheles, ganz recht— durch einen Spiegel— vor dem Doktor Fauſt erſcheinen läßt— ich hab's in Wien geſehen— macht ſich ſehr gut— es iſt gleichſam, ſozuſagen, der ganze genealogiſche, der ganze genea⸗ logiſche— Sie meinen, Excellenz, der ganze künftige genealogiſche Kalender von England, Schottland, Ir⸗ land— Ganz recht, von Irland— CEccellenz irren ſich, ſagte der tollkühne, oppoſitionswüthige Regiſſeur, der vortrat, Sie verwechſeln Fauſt mit Macbeth— dies kühne Wort der feindſeligen gegen die Intendanz verſchwornen Regie entrüſtete den Geheimrath und veranlaßte ihn, einen vielſagenden Blick zu mir hin⸗ überzuwerfen, ob ich ihn nicht aus Irland durch aller⸗ hand kleine Seitenwege doch dahin führen könnte, daß er dieſem impertinenten Allesbeſſerwiſſer, den er näch⸗ ſtens ohnehin abſetzen wollte, gegenüber Recht behielt— Ver⸗ ge her, t dra⸗ ſchten, Eutfer⸗ dienſt⸗ n ein⸗ heißt phiſto⸗ r dem Wien hſam, genea⸗ ünftige d, Ir⸗ irren giſſeur, eth— endanz ) und t hin⸗ alle⸗ e, daß näch⸗ hielt= der Spiegel, ſagt' ich, iſt hier zur Rechten, Excellenz. Ich glaube, daß Sie auf Veranlaſſung des Spiegels ... Ein kleines Kind kommt vor, fiel Herr von Har⸗ der determinirt ein, ich weiß es aus Wien, ein klei⸗ nes Kind kommt vor mit einem Spiegel, der Spiegel da iſt zu groß und überhaupt, ſeien wir vorſichtig mit dieſem kleinen Kinde— es iſt gekrönt, ich weiß es ſehr gut— es iſt gekrönt und bedeutet die fruchtbare Dynaſtie von England— Sehr wahr! Aber— bemerkte der über meinen Beiſtand erſchrockene Regiſſeur... Die Dynaſtieen von England, ſagt' ich, ſind ſehr fruchtbar, Herr Döbereiner; aber was wäre daran Gefahr... Ja, ſagte Excellenz, ich muß Ihnen bemerken, daß die jungen königlichen Herrſchaften nicht gern an ihre liebſten Hoffnungen, an die Täuſchung ihrer liebſten Träume— Eccellenz wünſchten die Descendenzan⸗ ſpielung, das gekrönte Kind, fortzulaſſen?... Er: Herr Döbereiner, ſtreichen Sie das Kind weg— es iſt für die Herrſchaften ſtörend! Der Regiſſeur: Aber Kindermord? Ich: Excellenz können ja auch die ganze Genealogie wegſtreichen und blos den großen Spiegel nehmen laſſen, worin Fauſt blos das Bild Gretchens ſieht, nachdem er den Hexentrank zu ſich genommen— Er: Ganz Recht, ganz Recht, Hexentrank! Aber, es müſſen drei Hexen ſein— ich weiß, es waren in 198 Wien drei Hexen— Ja wohl, Excellenz, es ſind drei Hexren, allein man nimmt doch gewöhnlich nur eine; ſie kommt aus dem Schornſtein durch eine Flugma⸗ ſchine, die ich anbringen werde und für die beiden andern Hexen nehmen wir vier oder fünf Meerkatzen, die den Brei kochen, die bekannten breiten Bettelſup⸗ pen— hm, hm, ränuſperte ſich der Intendant und warf dann einen Blick auf den Regiſſeur mit den Worten: Herr Döbereiner, geht Das? Es iſt ſogar vorgeſchrieben, Excellenz, ſagte dieſer mit Entſetzen nach der Uhr ſehende und ſeine Suppe und Hausfrau beden⸗ kende Mann, ſeufzend vor Ungeduld. Meerkatzen? be⸗ merkte der Intendant plötzlich und verfiel in ein nach⸗ denkliches Grübeln; wie machen Sie denn Meerkatzen? Excellenz, ſagte der geplagte Mann, dort die fünf. kleinen Jungen vom Ballet werden in zuſammenge⸗ nähte Felle geſteckt und machen ihre Sache Abends ganz charmant!... Excellenz: Ja, aber, beſter Freund, Meerkatzen! Meerkatzen, Das iſt leicht geſagt. Ich weiß ſehr wohl, das ſind Affen. Ich bin dafür, daß Alles vollkommen iſt und die Kunſt ſoll fortſchreiten. Da iſt hier der Maler Heinrichſon geweſen. Er iſt jetzt in Italien! Der hat die Lady gemalt— wiſſen Sie, die Lady, die mit Apollo oder ſo einem Gott unter einer Decke ſpielte— wiſſen Sie, es war eine * ———,—— nd drei ar eine; lugma⸗ beiden rrkazen, ettelſup⸗ nt und nit den ſogar n nach beden⸗ n? be⸗ nnach⸗ fatzen? ie fünf menge⸗ Abends Freund, Ich , daß hreiten. Er iſt wiſſn n Gott ar eine Muſe— Wir verſtehen Excellenz vollkommen— Alſo dieſe Lady hatte ein Verhältniß, wo Apollo immer in Geſtalt eines Schwanes zu ihr kam— dummes Zeug das— aber gemalt macht ſich's... und dieſen Schwan, den ließ ich aus Dänemark kommen... Und ſo mein' ich faſt, auch die Meerkatzen müßten doch eigentlich... Nun erinnerte ich ihn, da ich ſeine tiefen Abſichten verſtand, an ſeinen Vater und deſſen kleine Menagerie in Tempelheide— nein, ſagte er, mein Papa hält keine Meerkatzen— Meerkatzen ſind Affen— nicht wahr, Affen?— Affen, Excellenz!... Nein, Papa liebt die Affen nicht, der gute alte Herr hat die Ma⸗ nie, Thiere zu bilden, aber die Affen mag er nicht, weil— ich habe den alten Papa Das ſehr oft ſagen hören, weil... weil... Excellenz ſtockten; ich er⸗ gänzte: Weil die Affen an ſich die Karrikaturen der Menſchen wären und nur den tollgewordenen Ver⸗ ſtand der Thiere bezeichneten?— Richtig, brav, Lei— denfroſt; aber ich habe eine andere Auskunft. Da iſt der Baron von Dyſtra angekommen, ein kurioſer Hei⸗ liger, der einige Mohren und unter Andern auch Meer⸗ katzen aus— ich weiß nicht— welchem Welttheile von Auſtralien mitgebracht hat. Zu dem will ich doch wegen dieſer Scene gehen. Ich denke mir doch in⸗ tereſſant, wenn wir— Um Gotteswillen, Excellenz, rief Döbereiner, doch keine natürlichen Meerkatzen auf die Bühne bringen? Der Intendant ſtand ſtill und ſah for⸗ ſchend auf mich. Er hatte ſich in der That im Stillen gedacht, daß eine Hexenküche mit natürlichen Meer⸗ katzen viel Aufſehen erregen, und da er ſehr ehrgeizig i*ſt, vielleicht in der Kunſtgeſchichte ihm einen Namen erwerben würde. Ich konnte aber doch, um die un⸗ glücklichen Schauſpieler zu erlöſen, nicht anders, als ſagen: O auf dem Tanzſaale oben, Ercellenz, laſſen Sie dieſe Jungen nur die Kapriolen der Meerkatzen des Herrn von Dyſtra beobachten und jedenfalls die in der Garderobe für dieſen Zweck vorhandenen Ko⸗ ſtümes nach dieſen gewiß höchſt echten auſtraliſchen Meerkatzen korrigiren, reſpektive ganz neu anfertigen ... Vortrefflich, ſagte der Intendant, ſchob die Vor⸗ ſtellung des Fauſt, obgleich ſchon alle Billets ver⸗ griffen ſind, wieder auf zwei Tage hinaus und begab ſich ohne Zweifel direkt zum Herrn Baron von Dyſtra mit dem erhebenden und gewiß in der Königs- und den Prinzenlogen zur vollſten Anerkennung kommenden Bewußtſein, daß er aus Goethe's Fauſt das in ihm gar nicht vorkommende gekrönte Kind meuchlings weg⸗ gemolcht hatte, dagegen aber die Hexenküche mit treuen, faſt lebendigen, jedenfalls der Natur abgelauſchten Meerkatzen neu bereicherte. nauf die ſah for⸗ rStillen 1 Meer⸗ ehrgeizig Namen die un⸗ ers, als , laſſen erkatzen alls die een Ko⸗ raliſchen nfertigen die Vor⸗ eis vel⸗ d begab Dyſtra 6⸗ und menden in ihm gs weg⸗ treuen, auſchten 01 Dieſe mit dramatiſchem Talente vorgetragene Er⸗ zählung des humoriſtiſchen Malers verſetzte die kleine Geſellſchaft in heitre Stimmung. Man rauchte, man ſchlürfte den braunen Trank und tauſchte ſeine Erleb⸗ niſſe aus. Auch Louis mußte erzählen und wurde von Werdeck beſonders dazu aufgefordert, da der von ihm im Forſthauſe erlebte Vorfall in den Zeitungen, die zu jener Zeit, um ihre plötzlich vergrößerten Spal⸗ ten zu füllen, Alles und Jedes aufrafften, ſchon be⸗ richtet und verkehrt genug entſtellt war. Louis fand dadurch Gelegenheit, über Murray zu ſprechen und ſein Intereſſe an deſſen unglücklichem Schickſale durch eine Schilderung ſeines Charakters zu begründen. Er vermied dabei natürlich jede An⸗ deutung über dieſes Mannes wahre Geſchichte. Für Dankmar war ſeine Erzählung beſonders auch des⸗ halb unterhaltend, weil er die Lokalität dieſes Vor⸗ falles kannte, durch den blinden Schmied und ſeine Beihülfe zur Unterſchlagung des Schreins ſelbſt in die größte Verlegenheit gekommen war und vor jener Urſula Marzahn nach Heuniſch's Mittheilungen ſelbſt Grauen genug empfunden hatte. Freilich fügte er hinzu, daß hier zu helfen ſchwierig ſein würde und daß kaum etwas Andres möglich wäre, als den Gang der Un— terſuchung abzuwarten. Bedenklich bliebe unter allen Umſtänden der Beſitz eines Terzerols, die jähe, viel⸗ leicht übereilte Anwendung dieſer Waffe, die zu einer vollgültigen Zeugenausſage unzurechnungsfähige Ver⸗ ſtandesſchwäche jener Frau, die ihm ſo hexenartig er⸗ ſcheine, daß, ſetzte Dankmar hinzu, Herr von Harder ſie eigentlich noch für den neueinſtudirten Fauſt auch benutzen müßte, wenn dann nur nicht wiederum eine neue Störung des Repertoirs würde einzutreten haben. Da Louis zuletzt jenes Otto von Dyſtra Erwäh⸗ nung gethan und bemerkt hatte, ob ein Mann, der Murray ſo nahe ſtünde und einflußreich ſcheine, nicht auch in das Intereſſe einer Verwendung für den Ge⸗ fangenen gezogen werden ſollte, ſchloß Dankmar ſeine klare und rechtskundige Darſtellung dieſes Falles mit den Worten: Ich billige vollkommen, daß man dieſem die Noth ſeines Freundes anzeigt. Wer die Freundſchaft eines ſo vortrefflichen Menſchen, wie Sie Murray ſchildern, beſitzt, muß für edlere Dinge als die Kapriolen von Meerkatzen Sinn haben. Ich will Sie, da Sie es wünſchen, noch heute Abend zu dieſem Manne begleiten. Louis dankte erfreut. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Auch die Andern lobten ihn für ſeinen war⸗ men Antheil und fanden es freundlich von Dankmar, daß er ſich dieſem Erſuchen nicht entzog. 6, viel⸗ u einer ge Ver⸗ rtig er⸗ Harder ſt auch im eine haben. Erwäh⸗ n, der , nicht en Ge⸗ ar ſeine les mit je Noth t eines zildern, en von Sie es gleiten. n vom n war⸗ mnkmal, Da Louis dieſe Laſt etwas erleichtert fand, hörte er jetzt mit um ſo größerer Aufmerkſamkeit den Er⸗ örterungen zu, die ſich über die gemeinſame Angele⸗ genheit ihrer Ordensſtiftung erhoben. Der Gegenſtand war zu wichtig, zu bedeutungsvoll, als daß er ihm nicht mit Freuden dieſen Nachmittag hätte opfern ſollen. Wir haben uns, begann Dankmar, nach jenem Abend plötzlich getrennt, ſind da- und dorthiu aus⸗ einandergeſtoben, aber der Funke begleitete uns und zündete. Auch am Sterbebett meiner theuerſten An⸗ gehörigen beſchäftigte mich unſer großes Ziel und von Ihnen Allen— Siegbert ausgenommen— hör' ich, daß Sie gewirkt haben. Meine Hoffnung, dem Bunde unſer Erbe zuzuführen, wird immer ſchwankender, ich gebe ſie auf. Dennoch, ob wir gleich noch nicht eine Form gefunden haben, die uns zuſammenhält, obgleich noch kein Eid uns bindet, keine Symbolik in Bücher oder mündliche Tradition niedergelegt iſt, wirkt doch ſchon der Geiſt im Stillen und die Liebe ſehnt ſich mächtig, die Ihrigen zu umfangen. Ich weiß, Leiden⸗ froſt und Sie, beſter Major, haben Würdige gefunden. Die Namen nennen wir nicht. Wir wiſſen nicht, wir glauben nur. Und daß Ihr Vertrauen ſich nicht täuſchte, beweiſt z. B. dieſer Brief, den ich geſtern empfing. Er iſt ohne Namen. Leſen Sie dieſe Worte. 204 Damit zog Dankmar einen Brief aus dem Porte⸗ feuille, das er auf der Bruſt trug, entfaltete ihn und zeigte ihn am Tiſch rundum. Er lautete, eingeführt mit den vier Kleeblattpunkten: .*.„Sie verlieren die zweite Inſtanz Ihres Pro⸗ zeſſes! Dieſer Tage erhalten Sie das Erkenntniß. Wagen Sie den Verſuch der letzten Entſcheidung bei'm Obertribunal! Der alte Neſtor unſres Juſtizweſens, der greiſe Herr von Harder, intereſſirt ſich für dieſen Gegenſtand. Die Stadt rüſtet ſich bereits, die Mög⸗ lichkeit zu erwägen, wenn ſie den Prozeß verlöre. Der Rath hat in geheimer Sitzung diskutirt, ob für dieſen Fall nicht die Verausgabung von zwei Millionen Stadt⸗ kammerſcheinen erlaubt werden dürfte.“ Man freute ſich über dieſe Mittheilung. Sie kam jedenfalls von einer wohlwollenden Perſönlichkeit, die Dankmar vielleicht nicht einmal kannte. Man prüfte die Handſchrift und Niemand wußte, wo er ſie hin⸗ bringen ſollte. So wächſt denn unſre Saat, fuhr Dankmar fort, und die Ernte wird immer größer werden. Ich ge⸗ winne Meinungsgenoſſen, dieſe ſchon Andre und ſo dehnen ſich die Glieder einer Kette aus, die wir nicht mehr ganz überſehen können. Wer weiß, ob dieſe Worte nicht von einem Manne kommen, der uns durch Sie, Major, oder durch Leidenfroſt gewonnen wurde. Leidenfroſt bemerkte, daß er werbe, aber ſchwerlich ſo glückliche Erfolge haben würde wie die Andern. Dennoch hätte auch er ſchon Zeichen empfangen, daß man ihn als einen Bundsgenoſſen kenne; auch er em Porte⸗ e ihn und eingeführt hres Pro⸗ erkenntniß. 1— beim müſſe einen Brief vorlegen, den er mit demſelben ung be— 3 Vi es Symbole der vier Kleeblätter erhalten hätte und offen— ſtiz bar wäre er von einer andern Hand als der, die an Dankmar geſchrieben. Der Brief, den er hervorzog und mittheilte, lautete: für dieſen die Mög— k. d.*.„Werben Sie für unſre große Sache, aber für dexn ſuchen Sie nur Männer zu gewinnen, die in der Ge⸗ en Siade ſellſchaft Ihnen gleich- oder über Ihnen ſtehen! Sie im ſind in der Rangordnung Ihres Verdienſtes vielleicht Sie ka . ein König, nichtsdeſtoweniger werden Sie einräumen, jlei, di doaß in Ihrer geſellſchaftlichen Situation Sie noch hoch an nriffe emporzublicken haben. Vertrauen Sie die Sache des ſe hin⸗ Bundes, die Kennzeichen, den Namen der Betheiligten Keinem, der unter Ihnen ſteht, keinem Handwerker, kei⸗ nar fott, nem Mitgliede der Arbeitervereine, am wenigſten je⸗ Ich e naen Künſtlern, mit denen Sie ſeit einiger Zeit ver— und o kehren. Schauſpieler haben noch immer von ihrer wir nici b alten geſellſchaftlichen Lebensſtellung ſoviel an ſich ob dieſe haften, ſind noch ſo beengt und eingeſchüchtert von der uns 206 dem alten Vorurtheile, das ihren Stand verfolgte, daß Sie in dieſer Sphäre bei jedem Worte des Ver— trauens, das Sie ſchenken, vorausſetzen müſſen, man brüſte ſich mit ihm. Nur die Schauſpieler, die eine unbeſtrittne Meiſterſchaft beſitzen— und wie wenige ſind Deren!— rühmen ſich ihrer Protektionen nicht; auch ſind zuviel unter ihnen Freimaurer, vor denen wir uns aus Gründen zu hüten haben. Wenn Sie den Grundſatz feſtgehalten hätten, daß der Geſell nur einen Meiſter gewinnen ſoll, nie der Meiſter Geſellen, ſo würd' ich nicht nöthig haben, Sie auf's Ernſtlichſte zu warnen. Sie ſtehen auf der Liſte der von den Behörden Beaufſichtigten. Ihre Reden in den Ar⸗ beitervereinen müſſen Sie einſtellen. In dieſer Weiſe wirken Sie nichts und entziehen der guten Sache Ihre friſche Kraft, deren Misbrauch auf der Breter⸗ welt hoffentlich nur ein vorübergehender ſein wird.“ Leidenfroſt trug dieſen Brief ſo komiſch vor, daß er trotz ſeines ernſten Inhaltes Lächeln erregte. Alle Drei ſeiner Bundesgenoſſen geſtanden zu, daß er eine wenn auch einſeitige, doch gute Lektion bekommen hätte. Man rieth, von wem dieſer Brief kommen könnte. Wer weiß, ob nicht von Jagellona Kaminska! ſagte Dankmar und verrieth damit, daß der Major ſeiner Frau wol geplaudert hätte. Leidenfroſt erröthete faſt verfolgte, des Ver⸗ ſſen, man die eine e wenige nen nicht; vor denen Venn Sie Heſell nur Geſellen, enſtlichſte von den den Ar⸗ ſer Weiſe i Sache r Bretel⸗ wird.“ vor, daß e. Alle er eine en hätte, könnte. a! ſagte ot ſeinet hete faſt und Werdeck lehnte jeden Verdacht der Indiskretion ab. Louis Armand aber erſchrak ſo heftig über dieſen Namen, den Dankmar nannte, daß er ſich nicht länger halten konnte, ſondern ſeine Vermuthung ausſprach, wohl gar mit dieſer Polin verwandt zu ſein. Die Ge⸗ nealogie des jungen Franzoſen wurde erörtert, die Fami⸗ lientradition bis auf ihre erſten Urſprünge verfolgt und zu allgemeinſter Ueberraſchung ſtellte ſich über allen Zweifel heraus, daß die Majorin von Werdeck die Tochter jenes Stanislaus Kaminski war, der 1794 nach der Schlacht von Maciejowice von den Ruſſen gefangen, nach Sibirien geſchleppt wurde und auf einem Fluchtverſuche im Jahre 1812 um's Leben kam. Ein Enkel des glücklicheren Thaddäus Kaminski war Louis Armand. Voll Liebenswürdigkeit umarmte der Major ſeinen Anverwandten und drang in Louis, ihn ſeiner Gattin vorſtellen zu dürfen. Nur aus Scho— nung für Leidenfroſt brach man dieſe Erkennungen ab, die den Blick wie auf einen wunderbaren Baum eröffneten, deſſen Aeſte und Zweige, wenn auch vom Blitze geſpalten, doch ſich zu nahen wußten und in inniger, neuer Verſchlingung auf dem uralten Stamm die heiligen Schauer weckten, die wir vor dem geheim— nißvollen Walten in Zeit und Raum empfinden. Wer nun auch dieſer ſtrenge Warner ſein möge, 208 lenkte Dankmar ein, die Schutzgeiſter der Todten oder der Lebendigen, die ſchon aus allen Zeiten und Zonen über uns zu wachen ſcheinen, ſie haben einen Satz aus⸗ geſprochen, den ich denke in unſer Ordensbuch auf⸗ zunehmen. Kein Meiſter ſoll Geſellen, ſondern Ge⸗ ſellen ſollen immer nur Meiſter werben! Darin find' ich, übertragen auf alle Geſellſchaftsſtufen, eine große Bürgſchaft richtiger und zuverläſſiger Wahl. Wie gern kommt der Untergeordnete Dem entgegen, von dem er Beweiſe der Gunſt und Herablaſſung erwarten kann! Im Gebiete der Materie, der phyſiſchen Kraft, mag das ſtärkere Prinzip die ſchwächeren Atome an ſich ziehen. Da, wo der Geiſt walten ſoll, müſſen wir es, wie dereinſt in Galiläa Fiſcher, dahin bringen, daß den Fiſchern Schriftgelehrte folgen. Ich denke, wir erheben dieſen Satz zu einer Ordensregel: Jeder, der in dieſen Bund eintritt, muß von Einem vorgeſchlagen ſein, der nach dem geſellſchaftlichen Maaßſtabe unter ihm ſteht. Dieſer Satz war neu und ſehr ernſt. Leidenfroſt machte auch gleich ſeine gewohnten Schwierigkeiten und ſprach vom Staatskalender, von der vierzehnſtufigen ruſ⸗ ſiſchen Dienſtordnung, allein Werdeck, der in der Ein⸗ ſchachtelung der höhern und geringern Grade aufge⸗ wachſen war und vom Zuſammenhang ſeiner Gattin mit dten oder nd Zonen Satz aus⸗ uich auf⸗ dern Ge⸗ rrin find' ne große Wie gern n dem er en kann! ft, mag an ſich awir es, hen, daß nke, wir eder, der ſſchlagen be unter denftoſt ten und gen ruſ⸗ der Ein⸗ 1b aufge⸗ ittin mit 209 Louis Armand, von den Schickſalen, die dieſer über die Kaminski'ſche Familie erzählt hatte, noch überraſcht war, beſtätigte allmälig auch Dankmar's Aeußerung über die große und immer täuſchende Konvenienz der Ge⸗ ringern gegen Höhere im weiteſten Umfange. Was hülfe es uns, ſagte er, unſer Kapitel mit Theilnehmern und Ordensrittern zu überladen? Die neuen Templer würden keinen Raum finden, der ſie Alle aufnähme! Wir müſſen das Gewinnen von No⸗ vizen ſchwerer machen als das Anwerben von Re⸗ kruten. Wir brauchen ein ganzes Leben, einen ganzen Menſchen, dem wir das Handgeld zahlen, nicht blos einen herablaſſenden Handſchlag und einige gewin⸗ nende Vertraulichkeiten. Unter mir kenn' ich genug, die mir folgen würden; aber dieſe ſollen mich gewin— nen, ſich ſelbſt mir nähern. Ich möchte mich an den Oberſten von Neidhard wagen, einen Mann ohne Vor⸗ urtheile, an den General von Rauten, einen tiefſin⸗ nigen Denker, dem ich nur das Einzige vorwerfe, daß er dem General Voland von der Hahnenfeder zu nahe ſteht.. Dem Krypto⸗Jeſuiten? ſagten faſt Alle einſtimmig. Merkwürdig, fuhr Werdeck fort, wenn über einen Charakter ein ſo allgemeines Urtheil feſtſteht, ſo muß Etwas wahr an dem Gerücht ſein, das ihn verfolgt. Die Ritter vom Geiſte. VIII 14 210 Und doch iſt Poeſie und Schwung in dieſem General, der dem Könige ſo nahe ſteht und ſeine jugendliche Einbildungskraft gefangen hält. Er ſtrebt in Allem nach dem Außergewöhnlichen und gleicht doch einer kalten metallenen Mauer, von der man immer abgleitet. General Rauten vertraut ihm wie einem Evange⸗ lium. Was Voland ſagt, iſt ihm der Ausſpruch eines Sehers. Er vergleicht ihn oft mit den Augurn, die Roms Schickſal aus dem Fluge der Vögel oder dem Appetit gewiſſer Hühner weiſſagten. Vertrauen Sie ſich dieſem General nicht, Major, ſagte Dankmar; er würde Voland zu gewinnen ſu⸗ chen und wir würden plötzlich, ohne es zu wiſſen, von den Jeſuiten regiert, wie es ſo oft die Freimaurer wurden, die nicht ahnten, welcher Wolf in ihren Schaafſtall eingebrochen war und friedlich mit ihnen aus einer Krippe fraß. Werdeck fand ſich aus der Idee, General Voland zu gewinnen, nicht leicht heraus. Man ſah, daß ihn gerade das im militairiſchen Stande noch bewahrte allgemeine menſchliche und höhere Ideelle an Voland feſſelte. Inzwiſchen erklärte Louis, daß er, der auf einer ſo tiefen Geſellſchaftsſtufe ſtünde, offenbar das glücklichſte Feld der Wirkſamkeit hätte, dennoch würde er große Vorſicht anwenden. Voll Sehnſucht dachte General, iugendliche in Allem doch einer abgleitet Cvange⸗ ruch eines gurn, die oder dem „Major, innen ſu⸗ wiſſen, von greimaurer in ihren mit ihnen 1 Voland daß ihn bewahrte Voland der auf nön das cch würde ct dachte 211 er an Oleander. Ihm wollte er ſuchen brieflich immer näher zu rücken. Und was denken Sie zu thun, Leidenfroſt? fragte Dankmar. Sie wiſſen, lieber Wildungen, ſagte Leidenfroſt, ich gehöre zu Denen, die eigentlich an eine Klärung unſrer Zeit erſt dann glauben wollen, wenn ſie einmal recht tüchtig umgerüttelt worden. Indeſſen will ich an Ihren Geiſtesbarrikaden bauen helfen und meine ſchö⸗ nen ſtrategiſchen Kenntniſſe, die ich mir Abends mit Schwefelhölzchen, die meine Truppen vorſtellen, er— worben habe, in die Schanze ſchlagen. Iſt man mir auf den Ferſen, ſo wird es von Nutzen ſein, daß ich mit drei meiner tüchtigſten Arbeiter nach Pleſſen zu reiſen habe, um dem Generalpächter Ackermann die von ihm beſtellten Maſchinen zu überbringen, die den großen Richelieu und Sully, Prinz Egon genannt, aus ſeinen Schulden retten ſollen. Vergeben Sie, Armand, daß ich einen Mann, dem ich nicht mehr über den Weg traue, Ihnen zu Gefallen mit den größ⸗ ten Staatsmännern der Franzoſen vergleiche Louis mußte einräumen, daß der Plan, Egon zum Vertrauten einer ſo ſchwärmeriſchen Einwirkung auf ddie Zeit zu machen, wohl unter den jetzigen Verhält⸗ niſſen aufzugeben ſei.. 14* — 2¹² Um von Cgon abzuͤbrechen, fragte Dankmar den Major, ob denn auch er noch nicht die Einwirkungen der weitern Ausbreitung der Idee von der kämpfenden Geiſtesbrüderſchaft erfahren hätte? Allerdings, ſagte dieſer lächelnd und zog zum Er⸗ ſtaunen der Andern gleichfalls einen Brief hervor. Es iſt, ſagte er, hier ſchon wie mit jener Kugel, von der Wallenſtein ſpricht: Einmal aus dem Laufe— wie heißt die Stelle, Leidenfroſt? Sie mag heißen wie ſie will, Major, ſagte dieſer, ſte paßt nicht mehr, wenn man in der Armee meine neue unverbeſſerliche Zündnadeltheorie einführte. Brin⸗ gen Sie mich nicht auf Theatercitate! Sonſt erleben Sie meine Unterhaltungen mit dem Geheimrath über die Armatur des Dreißigjährigen Krieges und das Kom⸗ misbrot für Wallenſtein's Lager.. O ein andermal! Wir halten Sie bei'm Worte, Leidenfroſt! Gelegenheit durche gachen ſich aufzuheitern werden wir noch oft genug finden. Der Brief, Major! drängte Dankmar. Der Major gab Dankmarn einen Brief, der ſo lautete: .*.„Bereiten Sie ſich auf eine Kataſtrophe vor! Ihre Geſinnung iſt der Armee ein Gräuel! Ein Of⸗ fizier, von Adel, in unmittelbarer Nähe des Hofes, ankmar den nwirkungen kämpfenden g zum E⸗ hervor. ener Kugel, m Laufe— ggte dieſer, mee meine tte. Brin⸗ nſt elleben mrath übe das Kom⸗ ufzuheitern f, der ſ rophe vor! Ein Of es Hoftb⸗ 218 bei einer bevorzugten Truppengattung, aufgewachſen in dem esprit de corps unbedingter Hingabe an die Intereſſen des alten Feudalſtaates, neigen Sie ſich zu den Anſchauungen der Neuzeit, verlangen militairiſche Reformen, verſpotten ehrwürdige Inſtitutionen, be⸗ zweifeln die nachhaltige Schlagfertigkeit der jetzigen Heereseinrichtung und äußern ſich öffentlich über die Stellung des Kriegers, die Sie in der Mitte zwiſchen Disciplinar⸗ und Staatsbürgerpflichten unglücklich nennen! Da man weiß, daß Sie für offne Rügen Ihrer Geſinnung die übliche Genugthuung fordern würden und es die kleinen in den Kafés und auf der Wachtparade ſchimpfenden und bramarbaſirenden Junker vorziehen, ihr Blut nur auf dem Felde der Ehre zu verſpritzen, ſo iſt faſt anzunehmen, daß die Briefe, die auswärtige Flüchtlinge an hieſige Demokraten, in denen Ihrer als eines Bundesgenoſſen und ſchlagfertigen Venſchwörers Erwähnung gethan wird, geſchrieben haben, unechte, untergeſchobene ſind. Ordnen Sie Ihre Papiere! Entfernen Sie Alles, was Sie irgendwie belaſten dürfte! Es iſt nicht un⸗ wahrſcheinlich, daß Sie wegen gewiſſer vorgefundener Briefe binnen Kurzem vor ein Militairgericht geſtellt werden.“ Die Beſtürzung, die dieſer Brief bei den Freunden 214 hervorrief, war nicht gering. Man begriff nicht, wie der Major dabei ſo ruhig bleiben und ſagen konnte: Anfangs hielt ich dieſe anonyme, mit unſerm Zeichen verſehene Mittheilung für einen Scherz. Seit ich aber finde, daß Alles, was man in dieſer Form auch Ihnen mittheilte, auf vernünftigen Grundlagen beruht und von einem wirklichen Wohlwollen einge⸗ geben iſt, ſeh' ich dieſe Warnung ſchon ernſter an. Indeſſen bin ich durch nichts beunruhigt. Die einzige Konſpiration, in die ich mich eingelaſſen habe, iſt die unſrige. Sie beruht auf Ideen und entbehrt jeder Form. Ich erkenne ſchon lange die geheimen Spuren eines mir immer näherrückenden tiefangelegten Planes, der von jenen unglückſelig verblendeten Reubündlern ausgeht, deren Geſinnung überall dahin verzweigt iſt, wo aus einer öffentlichen Kaſſe ein Gehalt gezahlt wird oder durch die neue Umwälzung irgend ein altes Recht verloren ging. Weil ich erklärt habe, daß man vor dem Geiſt der Zeit nicht erſchrecken, ihn zum Durchbruch kommen laſſen und dann erſt aus dieſem Geiſt ſelbſt regeln, dann erſt mit wahrer Liebe zur Freiheit die Freiheit lenken müſſe, bin ich verhaßt, verfolgt und es ſoll mich nicht wundern, wenn man irgend etwas erſänne, um mir, wenn nicht meine Ehre, doch dieſen Rock, den ich im Dienſte des Vaterlandes zu tragen nicht, wie gen konnte: nit unſerm herz. Seit jeſer Form Drundlagen llen einge⸗ ernſter an. Die einzige be, iſt die ehrt jeder en Spuren en Planes, eubündlern tzweigt iſt Ilt gezahlt ein altes daß man⸗ ihn zum eſem Geiſt ir Jreihei folgt und end etwas poch dieſen zll trageln — glaube und auf den ich ſtolzer bin, als dieſe kindiſchen Alten und dieſe jungen Greiſe auf ihre Schnüre und Achſelbänder, vom Leibe zu ziehen. Wehe aber De⸗ nen, die ſich in ihren Intriguen nicht vorgeſehen ha⸗ ben! Ich bin durch die Disciplin nicht entmannt. Ich fühle etwas von jenem ſelbſtſtändigen Soldatengeiſte in mir, der mit dem Degen in der Fauſt ſein Recht vertheidigt und im Grunde nur ſo lange dient, als er dienen will und muß. Die Krieger im Mittelalter waren Männer, ſelbſtſtändig, frei, ſie dienten um Lohn und konnten ſcheiden von ihren Verpflichtungen, wenn ſie kein Geld mehr nahmen. Dieſe neuen Armeen, die das Kabinetsintereſſe geſchaffen hat, ſind die wahren Plagen der Menſchheit. Unglückliche bedrängte Zeiten ſchufen ſie. Sie mußten da ſein, um einige neuere Staaten zu erretten, einige Völker von ihren fremden Unterjochern zu befreien. Damals waren es bewaff⸗ nete Völker, bewaffnete Bürger. Mußten dieſe Armeen nun bleiben? Mußte der Begriff der allgemeinen Volks⸗ wehr für ewige Zeiten feſtgehalten und nur zum Beſten der Kabinete ausgebeutet werden? Dieſe Armeen ſind die gefährlichſten Störungen unſrer Ordnung und ehe ſich nicht alle Völker Europas darüber verſtändigen, was Krieger ſein ſollen, wozu man Armeen unterhält, ehe nicht, da friedliche Verſtändigung hierüber kaum möglich iſt, dies ganze furchtbar geſpannte Verhältniß einmal von ſelbſt zuſammenbricht, eher kommt nicht Friede Freiheit, Glück auf dieſe Erde. Ich bin ein Atom in dieſer Betrachtung. Aber den Muth, der Dummheit der Maſſe gegenüber mit Huſſen's o sancta simpli- citas! auf einem Scheiterhaufen immerhin in furcht⸗ barſter Minorität zu ſtehn, den hab' ich und ſehe den Intriguen dieſer Menſchen, die ihr Lebtag nur den Weibern, dem Spiel, der Trivialität nachjagten, ge⸗ troſt entgegen. Werdeck war von dieſer Erkläruug ſo aufgeregt, daß er, obgleich von ſeiner Ruhe ſprechend, doch mit glühendem Antlitz in dem kleinen Zimmer auf und nieder ging... Ich fühle, fuhr er, als die Freunde beſorgt ſchwie⸗ gen, ich fühle, was an dieſem meinem Aufenthalt unter Ihnen, meine Herren, für meine Poſition be⸗ denklich iſt! Man hält mir jenen Corpsgeiſt entgegen, der mir es unbedingt verbieten ſolle, Andre aufzuſuchen 3 als Meinesgleichen. Wie die Jeſuiten in Freiburg erzogen werden, chineſiſch abgeſchloſſen, ſo ſollen wir Offiziere leben! Warum denn? Warum denn mit gebrochenem Herzen unter der Fahne ſtehen? Ich bin vom Adel, meine Vorfahren bedeckten die Schlachtfel⸗ der vieler Campagnen, ſoll ich die Erbſchaft der alten —— — tniß einmal nicht Friede ein Atom in Dummheit ta simpli- nin farct⸗ d ſehe den g nur den agten, ge⸗ aufgeregt, „doch mit r auf und rgt ſchwie⸗ Aufenthalt oſition be⸗ entgegen, ufzuſuchen Freiburg ſollen wir denn mit ) Ich bin chlachtfe⸗ der alten Vorurtheile übernehmen und dieſe tolle Einbildung meiner Standesgenoſſen dadurch unterſtützen, daß ich meinen Verſtand a priori gefangen gebe und die An⸗ maßungen vertheidige, die immer auf Rechnung der Ordnung und wieder der Ordnung und des göttlichen Rechzes gehen? Nein, ich weiß es leider, ich bin ein weißer Rabe in der Armee und nie auch werd' ich dazu kommen, ein revolutionärer Offizier wie Cromwell oder Napoleon zu ſein, aber dies fühl' ich, wenn ich von der Glorie des Kriegerſtandes träume, denk' ich eher an Cromwell und Napoleon als an unſre Wacht⸗ paradengenerale, die loyale Adreſſen unterſchreiben, jeden Civiliſten ſpießen wollen und ſich mit Frau und Kind bei allen konſervativen Demonſtrationen nur wie für ihren Schlafrock und ihre Pantoffeln betheiligt haben. Dieſer Ergußeines gereizten Wahrheitsdranges wurde auf eigenthümliche Art unterbrochen. Der Briefträger kam und brachte Dankmar Wildungen eine couvertirte Einladung zum nächſten Reubund-Balle. Wie kommt der Glanz in unſre Hütte? ſagte Lei⸗ denfroſt. „Eingeführt durch den Vorſtand,“ bemerkte Louis, die Karte von allen Seiten betrachtend. Dankmar aber ſagte halb ſtaunend, halb lachend: Sonderbar, das iſt bereits die zweite Einladung. 218 Vor vierzehn Tagen erhielt ich die erſte, die ich nicht benutzen konnte. Und auch dieſe wird liegen bleiben. Man rechnet auf Ihre Erbſchaft, ſagte Werdeck. Wenn dieſe in die Bundeskaſſe flöſe, Freund! Sie dürften Ordensſtatuten ſchreiben, welche Sie wollen, nur eine Ausſteuerkaſſe, nur eine Rentenanſtalt damit verbunden... o das Geld! das Geld! So viel iſt klar, bemerkte Dankmar und ſchloß die gegenſeitigen Mittheilungen, wir ſind ſchon von einem räthſelhaften Geſpinnſt bedenklich umwoben. Unſer Schick⸗ ſal haben wir nicht mehr frei in unſern Händen. Beob⸗ achtet wurden wir längſt, aber jetzt merken wir ſogar die thätigen Eingriffe in unſre Entſchließungen. Auffor⸗ derung genug zur Vorſicht! Unſre Bundesidee wollen wir ſich von ſelber fortpflanzen laſſen, noch ohne Form und Verabredung, bis die Zeit da iſt, einmal einen Tag, irgendwo im Auslande oder an einem ſonſt ver⸗ ſchwiegenen Orte auszuſchreiben und da zu ſehen, wer ſich findet, wer ſich ſchon auf uns bekennt. Könnt' ich an einem ſolchen Bundestage ſagen: Hier habt Ihr die elaſtiſchen Springfedern, die leider auch der Gedanke be⸗ darf, um ſich oben zu erhalten! Hier habt Ihr Mit⸗ tel, um dulden zu können, verfolgt zu werden und Die zu tröſten, die um unſertwillen leiden! Hier leg' ich die Erbſchaft der alten Templer den neuen zu Füßen, 219 ie ich nicht die erworbenen Güter des alten Kreuzes den Beken⸗ een bleiben. nern des neuen— e Werdeck Bitte! rief Leidenfroſt, nicht ſo viel Wind! Das und! Sie Papiergeld fliegt davon. Es ging mir jüngſt ſo mit ie wollen, zwei Thalerſcheinen, als ich auf der neuen Brücke ſtalt damit ſtand und in meinem Portemonnaie einen Dreier für einen Armen ſuchte. Ehe der Bügel zuklappte, ſchloß de ſchwammen die Vögel ſchon den Strom der Vergeſſen⸗ von einem heit hinunter. iſer Schick⸗ Dankmar, der ſich nicht ſtören ließ, fuhr aber fort: en. Beob⸗ Wenn ich mir dächte: Man gründete Schulen für wit ſogar freie Religionsbekenntniſſe, ſtiftete Stipendien auf Uni⸗ n. Auffor⸗ verſitäten für beſtimmte Aufgaben unabhängiger Wiſſen⸗ dee wollen ſchaftlichkeit, arbeitete den Jeſuiten entgegen, die ſich ohne Form überall Kirchen kaufen können, um zu predigen, wäh— mal einen rend die ganze deutſch⸗katholiſche Bewegung geſcheitert ſonſt ver iſt an der Armuth ihrer Bekenner! Keine Kirche that ſehen, we ſich auf. Kein großer gefeierter Theolog konnte ſicher⸗ Könnt ich geſtellt werden. Keine neubegründete Schule konnte bt Ihr die Freiunterricht gewähren, während alle alten Inſtitu⸗ danke be⸗ tionen, die ſich überlebt haben, gleichſam ihre dürren 3hr Mit⸗ Arme ausſtrecken und nur um des Mammons willen, und De den ſie in vollen Truhen beſitzen, die Maſſen an er lej ich ſich ziehen!. u Füße b Werdeck ſchüttelte Dankmarn die Hand. Af 220 Verzagen wir nicht! Es kommt ein Geiſtes⸗ frühling! Ergriffen ſchlugen Alle ein. Gedenken wir des Fünften im Bunde, Siegbert's! ſagte Leidenfroſt. Wir Alle ſind zu ſtürmiſch! Louis Armand und Siegbert ſind unſre ſanften Johannes⸗ jünger! Ihre Wege ſind die der Liebe! Sie wirken vielleicht mehr als wir!. Damit gingen die Freunde. Werdeck zu ſeiner Gattin, um ihr den neuen Verwandten anzukündigen und ſie auf ſeinen Beſuch vorzubereiten, Leidenfroſt in die Willing'ſche Anſtalt, um dort den Tag ſeiner Abreiſe zu vernehmen. Dankmar und Louis wollten for⸗ ſchen, wo Otto von Dyſtra wohne. Leidenfroſt konnte es ihnen ſchon ſagen: In der Stadt Rom. Louis und Dankmar gingen in die Stadt Rom. Geiſtes⸗ jegbert's! ch! Louis Johannes⸗ Sie wirken zu ſeiner kündigen eidenfroſt ag ſeiner ollten for⸗ oſt konnte dt Rom. Ueuntes Capitel. Die Stadt Nom. Auf einem ſeidnen Kanapéè, den Kopf in ein Rücken⸗ kiſſen gelehnt, ein großes Kupferwerk durchblätternd, lag ein nicht mehr junger Mann wie ein Taſchenmeſſer zuſammengeklappt. Der faſt haarloſe Kopf war von einer eigenthümlichen ſpitz zulaufenden Bildung. Die hohe Stirn, die freien Schläfe leuchteten faſt chineſen⸗ haft, dagegen war die Pflege des Bartes türkiſch. Die Augen zwinkerten aus mehr ovallänglichen als runden Höhlen und lagen tief verſenkt. Um den Mund, der zuweilen aus einer Bernſteinſpitze eine Cigarre wieder neu anblies, erkannte man trotz des reichen gefärbten Bartwuchſes die zuckenden Schläng⸗ lein der Ironie und Satyre, die ſich zuweilen in große Falten verwandelten, wenn der Sonderling das Buch fortlegen, die Cigarre aus dem Munde nehmen und über irgend etwas, was ihm plötzlich einzufallen ſchien, laut lachen mußte. Ein dunkelblauſammetner Schlafrock mit gelben Schnüren beſetzt hüllte die kleine Figur des kahlköpfigen Schwarz⸗Bärtlings behaglich ein und ver⸗ mehrte den orientaliſchen Typus, der noch durch die Vorhänge des Zimmers und den mit gewirkten Tep⸗ pichen bedeckten Fußboden erhöht wurde. Das große von dem die behaglichſte Sieſta ge⸗ nießenden Manne durchblätterte Kupferwerk waren die Abbildungen der in Niniveh ausgegrabenen Denkmäler. So ſehr ihn dieſe abenteuerlichen Steinmaſſen, dieſe koloſſalen Thier⸗ und Götzen⸗Steinbilder zu intereſ⸗ ſiren ſchienen, ſo friſch und rege mußte doch auch noch ein andrer in ihm nachwirkender Gegenſtand ihn er⸗ greifen. Dieſer war komiſcher Art, zum Lachen rei⸗ zend, zum lauteſten Lachen... Vor ihm, der zuſammengekauerten, mit einem tür⸗ kiſchen Fez auf dem Haupt bedeckten Geſtalt, ſtand auf einem runden Tiſche eine, wie es ſchien, längſt ausgetrun⸗ kene Chokoladentaſſe und eine Karaffe friſchen Waſſers, die ebenfalls faſt ganz geleert war. Der weiße Porzellan⸗ ofen verbreitete eine angenehme Wärme und die Größe der Fenſter bewirkte, daß trotz der Vorhänge und der unfreundlichen düſtren November⸗Witterung das Zimmer noch leidlich hell war, obgleich es ſchon weit über Mittag ſchien. Schlafrock Figur des und ver⸗ durch die rkten Tep⸗ Sieſta ge⸗ waren die Denkmäͤler. ſſen, dieſe u intereſ⸗ guch noch d ihn er⸗ aachen rei⸗ einem tür⸗ ſtand auf ausgetrun⸗ Waſſers, Vorzellan⸗ die Größe änge und ruung das ſchon weit b Der kleine Bewohner dieſer behaglichen, durch Treibhausblumen geſchmückten Räumlichkeit klingelte nun. Ein Schellenzug hing grade über ſeinem et— was zu vollkommenen Rücken. Ein Neger in phantaſtiſchem, doch warmem Anzuge trat ein. Er hatte eng anliegende, rothe Unterkleider, die bis zu den Füßen gingen. Die Füße waren mit gelben Stiefeln bedeckt. Doch über den warmen Unterkleidern hing eine griechiſche kurze Jacke und noch ein eben ſolches ſehr weites, aber kurzes Beinkleid. Die Jacke und das zweite Beinkleid reich mit Gold— treſſen geſchmückt. Um den Hals hing dem Schwar⸗ zen ein ſtark vergoldeter Reifen, der doch wohl inwen⸗ dig weich gefüttert war und eine Cravatte von Metall vorſtellen konnte. Nun, Spartakus, wurde der Neger von ſeinem im Lachen ſich endlich beruhigenden Herrn angeredet, iſt Alles bereit, wenn meine Gäſte kommen und mit mir ſpeiſen werden? Spartakus nickte. Noch immer traurig? ſagte der Andre. Siehſt du nicht, daß ich lachen muß? Damit lachte ſein Herr und rief den Diener näher. Zerſtreue dich, Spartakus, ſagte er und zeigte ihm einige von den Bildern in dem großen Kupferwerke. Siehe, ſo bauten die Menſchen ihre Kirchen, als noch der gute Prophet Jeſus nicht auf Erden war— Spartakus verneigte ſich bei dem heiligen Namen. Damals, Spartakus, als man ſo baute, war vom Taufen noch nicht die Rede. Die Menſchen waren blinde Heiden, wie es du und deine Alten in Angora waren. Aber Prieſter hatten ſie doch und in einer ſolchen Zelle, wie du da ſiehſt, zählten ſie vielleicht, was der Klingelbeutel eingebracht hatte, der ſicher auch bei jenen Götzendienern, wie hier, her⸗ umging. Spartakus nickte ſtumm zu dieſen in engliſcher Sprache geäußerten kirchlich archäologiſchen Bemer⸗ kungen. Iſt Cicero noch nicht zurück? fragte der Freund der babyloniſchen Baukunſt. Spartakus ſchüttelte den Kopf. Du biſt ſprachlos, armer Spartakus! Du haſt unſre treuen Reiſegefährten verloren. Die Papageyen ſind fort, die Affen und die Meerkatzen nun auch. Wer weiß, ob ich nicht auch... Spartakus warf ſich Otto von Dyſtra— denn dies war der humoriſtiſche, kleine Cigarrenraucher, der Türke im Schlafrock— auf dies gezogene:„Ob ich nicht auch“ mit leidenſchaftlicher Gebehrde zu Füßen.. ———— 7/, als noch var— en Namen. aute, war Menſchen ne Alten in doch und zͤhlten ſie hatte, der hier, her⸗ engliſcher en Bemer⸗ der Freund Du haft Bapageyen nun auch. — denn renrauchet, — ene:„Ob u Füßen. 225 Wetter, was ſoll Das? rief Dyſtra und brachte mit geſpitztem Munde einen Laut, etwa wie: Huit! hervor, den man mit dem Klange einer kräftig ge⸗ ſchwungenen Peitſche vergleichen konnte. Die Wirkung war elektriſch. Spartakus ſprang nach dieſem Huit! auf, als wäre er wirklich von einer Peitſche getroffen worden. Da— aqua fresca— Huit! Spartakus hatte die leere Caraffe von ſeinem Herrn bezeichnet erhalten, ergriff ſie und ſprang hinaus wie ein Hund, der zum Apportiren deeſſirt iſt. Wie er die Thür zum Vorzimmer öffnete, ſtand draußen ein Mann in einem mit Pelz verbrämten grünen Schnurrock, eine Mütze in der Hand... Spartakus wollte ihn nicht einlaſſen... Ein kräftig gepfiffenes wiederholtes Huit! aber unterbrach wieder ſeine dienſtfertige Zurückweiſung und der Fremde, der es für Dyſtra nicht war, trat ein. Willkommen! Willkommen! ſagte Dyſtra mit freu⸗ diger Begrüßung und reichte dem Eintretenden, einem ſchlankgewachſenen, nicht mehr jungen Manne mit kräftigem rothem Bartwuchſe die zarte, faſt weiblich weiche Hand. Willkommen, Inſpektor! Meine Vor⸗ Die Ritter vom Geiſte. VIII. 15 1 226 zimmerteufel haben doch ſonſt kein ſo ſchlechtes Ge— dächtniß... Es muß wol der Andre ſein, ſagte der Eintretende, den ich in Buchau geſehen habe... wie ſoll man dieſe beiden geputzten Schornſteinfeger nur unter⸗ ſcheiden— 2 Der Eine, ſagte Dyſtra und nöthigte den Beſucher ſogleich zum Sitzen, der Eine iſt ſo alt wie der Andre, gleicher Wuchs, gleiches Haar, gleiche Nüſtern und Zähne haben ſie auch. Aber der Andre, den Sie von Buchau kennen, hat ein Mahl wie eine Erbſe groß am Kinn, eine ſogenannte Kichererbſe und der zu Liebe nannt' ich ihn Cicero... Cicero! Ganz Recht! Ich glaubte, Sie hätten ihm dieſen Namen ſeiner ſtummen Beredtſamkeit we⸗ gen gegeben. Engliſch macht Cicero ſeinem Namen Ehre, aber das Deutſche will ſich ihm nicht recht abgurgeln. In Deutſchland mag er ſeinem Namen durch die Kicher⸗ erbſe Ehre machen, von der Markus Tullius den Beinamen empfing. Der Schlingel da heißt Spartakus. Ich gab ihm dieſen Freiheitsnamen, als ich ihn von einem Pflanzer in Charlestown loskaufte. Spartakus und Cicero ſind Brüder, Kinder eines Kammerdieners bei Sr. Majeſtät dem Kaiſer irgend eines Negerſtam⸗ hlechtes Ge⸗ Eintretende, e ſoll man nur unter⸗ den Beſucher e der Andre, Lüſtern und en Sie von Erbſe groß det zu Lebe Sy hätten ſamteit we⸗ Ehre, aber urgeln. In die Kicher⸗ ullius den Spartakus ch ihn von Spartatud nmerdienel⸗ Regerſtan 227 mes in Angora. Wenn dieſe Majeſtät gern einen neuen Rock anziehen will, verkauft ſie regelmäßig die Kinder ihrer Lakaien wie junge Katzen. So kamen Beide nach Charlestown, wurden da getauft, gingen zehn Jahre bei der Peitſche in die Schule und wur— den von mir angekauft, weil ich ein ſehr tyranniſcher Herr bin. Ich dachte mir, Lakaienkinder, die die Launen einer afrikaniſchen Majeſtät kennen, werden ſich mit Geduld in die meinen finden. Statt der Peitſche brauch' ich aber nur den Laut davon zu ge⸗ ben und habe dieſelbe Wirkung. Wie geht es Ih⸗ nen, Inſpektor? Ich freue mich, daß Sie ſo bald Wort hielten! Bringen Sie mir die Möglichkeit, daß ich die alte Ruine an dem maleriſchen Strome an⸗ kaufen kann? Herr Baron, wirklich, das alte Steingeröll? Was wollen Sie mit einem ſo unwirthbaren Boden? Ich bin kein Oekonom, Mangold. Ich komme zum erſten Male wieder nach längerer Trennung auf dieſe deutſchen Fluren und bin vom Anblick der lie— benswürdigen feudalen Erinnerungen ſo hingeriſſen, daß ich mir eine ſolche Ritterburg rein als mittelal— terlicher Dilettant ausbauen möchte. Ich denke mir es reizend, in einem mittelalterlichen Gebäude mit 15* allem Comfort und den Gedanken der neuen Zeit zu wohnen. Ein Kapitel von Voltaire, geleſen auf einem Burgſöller, Caviar und Auſtern verzehrt in einem Ahnen⸗ ſaal! Die Zeiten entwickeln ſich ſpiralförmig. Gehen, Kommen, Altes, Neues. Ich finde die Lage jener alten zerſtörten Burg reizend. Der Blick über den Strom, zu den fernen blauen Bergen hin weckt allein ſchon jenen Frieden, den man nicht ſo leicht unter andern geo⸗ graphiſchen Bedingungen erwerben kann. Nein, nein, es iſt mein feſter Ernſt, ich kaufe dieſen Felſen, dieſe Zerſtörung, dieſe Steinmaſſen, und bitte Sie, den Inſpektor der königlichen Gärten, den Aufſeher des königlichen Schloſſes Buchau, Ihren ganzen Einfluß anzuwenden, daß ich jenen Punkt in Deutſchlands äußerſtem Weſten erobere. Ich verſpreche Ihnen, mein Möglichſtes zu thun, Herr Baron. Wie kommen Sie ſo raſch wieder in die Reſidenz zurück, Mangold? Sie erinnern ſich, daß ich, als Sie Buchau be⸗ ſahen und den nahegelegenen Tempelſtein erſtehen wollten, um ihn auszubauen— Sie erinnern ſich, daß ich ſagte: Ich folge Ihnen bald, ich bin ge⸗ zwungen, die Reſidenz, die ich kaum vor vierzehn Tagen verlaſſen, ſchon wieder zu ſehen... z Zeit zu uf einem n Ahnen⸗ Gehen, ener alten n Strom, hon jenen dern geo⸗ in, nein, en, dieſe Sie, den ſchet des n Einfluß uſſchlandẽ zu thun, Reſtd ens ihau be⸗ erſtehen nern ſch bin ge⸗ Hietzehn Dyſtra verfiel jetzt wieder in jenes Lachen, das ſchon vorhin ſeine archäologiſchen Studien über die alten Bauten von Niniveh unterbrochen hatte... Mangold(es war jener Inſpektor des Garten⸗ ſchloſſes Solitude, der Auguſte Ludmer von der Reſi⸗ denz entfernen ſollte, nach Buchau verſetzt und wirk⸗ lich dorthin abgegangen war) Mangold fragte lächelnd nach der Urſache ſeines Humors. Sie wiſſen, Inſpektor, ſagte Dyſtra, daß ich Ih⸗ nen ſchon in Buchau, als Sie von Ihrem frühern Chef, dem Geheimrath von Harder erzählten, be⸗ merkte, ich glaubte gewiß zu ſein, daß dieſer Harder ein ehemaliger Bekannter von mir iſt, als ich noch hier ſtudirte und leider zu ſehr nur mit dem talentlo⸗ ſen Theile der excluſiven Geſellſchaft zuſammenkam. Richtig, es iſt derſelbe. Heute früh, vor wenigen Stunden, hatt' ich die Ueberraſchung ſeines Beſuches. Er umarmte mich mit Förmlichkeit und rückte mit der Bitte heraus, ich möchte ihm meine Affen und Meerkatzen, die ich von Amerika mitgebracht, leihen, um Goethe's Fauſt zweckmäßiger in Scene zu ſetzen. Er iſt Intendant des königlichen Theaters gewor⸗ den und hat mich in dieſer Eigenſchaft per Erpreſſen zum dritten Male auffordern laſſen, hieherzukommen. Ich mußte willfahren.. In dieſer Eigenſchaft? Sollten Sie vielleicht die Gartenſcene in Fauſt arrangiren? Bitte, ich unterbrach Sie, Herr Baron... Sie müſſen wiſſen, ich habe dieſes Gethier aus Amerika mitgebracht, nur um es zu verſchenken. Es iſt mir perſönlich zur Laſt. Ich dachte: du haſt eine Menge Freunde und Bekannte, die ſich inzwiſchen verheiratheten und vielleicht keine Kinder haben. Da verſchenkſt du Papageyen. Einige Mädchen blieben unvermählt, wurden alt und ſehnen ſich nach Gegenſtänden ihrer Zärtlichkeit. Für dieſe bracht' ich einige Eremplare einer vorzüglichen Sorte Windſpiel⸗Pinſcher mit, die in Boſton durch eine Ueber-Kreuzbegattung ſehr gut gezogen werden. Die Affen und Meerkatzen hofft' ich bei einigen alten Junggeſellen, die ſich ſelber raſiren und bei dieſem edlen Geſchäfte ſtundenlang zubringend ohne Unterhaltung ſind, loszuwerden. Die Papageyen bin ich los. Die Boſton'ſchen Windſpiel⸗Pinſcher gleich⸗ falls. Aber meine Affen und Meerkatzen blieben mir auf dem Halſe. Wo ich hinhorchte, um ſie an Kin— desſtatt auszuſetzen, hört' ich: Beſter Freund, das Ab⸗ löſungsgeſetz! Perſonalſteuer! Unſre Grundgefälle! Die Laudemien! Einſchränkungen! Verringerung des Hausſtandes! Drei Stallknechte entlaſſen! Genug die verdammten Meerkatzen blieben mir; da half Ihr leeicht die hier aus 1. Es iſt i Menge eiratheten henkſt du eermählt, en ihrer remplare wit, die ſehr gut hofft ich r raſiren bringend apageyen er gleich⸗ ben mit an Kin⸗ das Ab⸗ dgefälle rung des Genug half Ihr 231 ehemaliger Chef aus der Noth. Er wollte dieſe ver⸗ teufelten Thiere nur haben, damit ſie das Ballet als Modell ſtudirt. Ich habe ihm aber klar und deutlich bewieſen, daß die dramatiſche Kunſt in einer ſolchen Entwickelung überall in Europa, Aſten und Afrika begriffen wäre, daß ſie ohne ein Hülfs⸗ und Ergän⸗ zungsperſonal von lebendem Geflügel und vierbeinigem Gethier nicht beſtehen könne. Er würde ſich ein Ver⸗ dienſt erwerben, wenn er die Zauberflöte, die hoffent⸗ lich in Deutſchland noch nicht vergeſſen iſt, mit einer wirklichen Menagerie neu in Scene ſetzte. Dieſe Idee ſchien ihm im höchſten Grade einleuchtend. Ich ſchil⸗ derte ihm, welches Aufſehen er machen würde, wenn er die unſterbliche Zauberflöte Mozart's neu ausſtat⸗ tete mit Dekorationen, neuen Koſtumes, Waſſerfällen (da ich den Niagara kenne, würd' ich ihn unterſtützen) mit Feuergluten, beſonders aber mit wirklichen leben⸗ den Thieren, höchſtens die Schlange ausgenommen, die dies herrliche ägyptiſche Freimaurermärchen er⸗ öffnet... Excellenz ſind Freimaurer— O ich ſage Ihnen, Mangold, es erſchien ihm im höchſten Grade plauſibel. Die Bewegungen einer ſterbenden Schlange, ſagt' ich ihm, würden ſowol meine beiden Bedienten, wie ich ſelbſt, der ich ſolchen 232 Scenen genugſam beiwohnte, ihm höchſt anſchaulich vor⸗ machen. Dann bewies ich ihm, wie die Thiere, die das Glockenſpiel bändigt, wie die Beſtien, die den Papa⸗ geno erſchrecken, wie die Geſtalten, die dem Tamino zurufen: Zurück! durch ihre Natürlichkeit den Reiz des Abends nur vermehren würden. Genug, es iſt beſchloſſen, daß ich meine Affen und Meerkatzen für immer los bin. Die Koſten für deren dauerndes En⸗ gagement beim königlichen Hoftheater— ich nannte ihm alle alten Stücke, wo ſie könnten angebracht wer⸗ den— hofft er aus Erſparungen bei Dichterhonoraren zu beſtreiten. Ich hoffe, die deutſche Literatur leidet nicht darunter, ſonſt nähm' ich die Thiere, die Cicero eben in den Dekorationsſpeicher des königlichen Thea⸗ ters gefahren hat, gern wieder zurück, ſo unaus⸗ ſtehlich mir auch nachgrade ihre Capriolen und ihre menſchenähnlichen Vertraulichkeiten wurden. Ein lautes Schluchzen im Vorzimmer unterbrach dieſe von dem kleinen im Vorzimmer gravitätiſch auf und abſchreitenden Mann launig vorgetragene Erzählung. Mein Himmel, was iſt denn Das wieder? rief der Touriſt, der ſich gern einen Weltſpaziergänger nannte; heulen dieſe ſchwarzen Kaiſerlakaienſöhne um meinen verringerten Hofſtaat? chhaulich vor⸗ Thiere, die e den Papa⸗ em Tamino t den Reiz nug, es iſt erkatzen für terndes En⸗ ich nannte bracht wer⸗ chonoraren ratur leidet „die Ciceto ſchen Thea⸗ ſo unaus⸗ n und ihre 1 unterbrach ravitätſſ rgetragene jeder? rief ziergänge nſöhne um Damit öffnete er, pfiff ſein: Huit! und fragte auf Engliſch: Was gibt es da? Cicero, was plagt dich wieder? Kommt dir wieder was vom böſen Geiſte vor, den ihr ſchwarzen Engel in Angora als weiß angebetet habt? Obgleich Cicero der Beredtſame hätte ſein ſollen, ſo war es doch Spartakus, der das Wort ergriff und mit untermiſchtem Schluchzen die Worte vor⸗ brachte: Popo fort— Wauwau fort— Zickzick fort— Prinzeß Pompadour fort— Alles fort— Um dieſe Kameraden macht Ihr den Lärm? Ihr Narren! Hol' Euch der weiße Geiſt und noch ein aſchgrauer! Die ganze Stadt Rom hier wird über Euer Heidenthum zuſammenlaufen— Schämt Euch— Nicht die Thiere kneipen uns, ſagte der beredte Spartakus mit der goldnen Ringeravatte(Cicero trug eine ſilberne), nein, Maſſa! Du ſagſt auch: Spartakus fort! Cicero fort! Ah, Das iſt Euer Kummer? Ihr denkt, ich nahm Euch nur mit, um Euch an meine alten Freunde zu verſchenken, wie meine Papageyen und Boſton'ſchen Windſpiel⸗Pinſcher? 234 Spartakus und Cicero ſchluchzten bejahend und verriethen, daß Das ihr ganzer Kummer wäre. Hat Euch vielleicht der Geheimrath von Harder ſcharf in's Auge genommen? Ja, Maſeal ſagte Cicero. O Das iſt einzig, wandte ſich Dyſtra zu Mangold. Die Zauberflöte ſcheint Ihrem Chef zu Kopf zu ſtei— gen. Es iſt ihm etwas von einem Mohren Namens Monoſtatos eingefallen. Geben Sie Acht, er hat es in ſeinem wüthenden Gründlichkeitseifer auf meinen Cicero abgeſehen, um die Vorſtellung vollkommen zu machen. Nein, nein, Ihr ſchwarzen Krausköpfe, ich hatte zwar ſo etwas im Sinne, dich Cicero an die Fürſtin Wäſämskoi, dich Spartakus an Comteſſe Olga zu verſchenken, allein da Ihr doch ſo dumme Teufel ſeid und die Menſchen liebt, die Euch nur ein moraliſches Huit! mit der Zungenpeitſche geben, ſo will ich Mitleid haben und Euch ſo lange bei mir behalten, als wir Alle zuſammen das Klima von Buchau hin— term Rheine vertragen können. Wie die beiden Neger dieſe Troſtesworte hörten, ſtießen ſie ein heulendes Freudengeſchrei aus, küßten Dyſtra's Hände und wollten ſich vor ihm niederwer⸗ fen, was er aber mit den Worten verhinderte: Gut! Gut! Es iſt ſchon abgemacht! Sorgt für unſer ahend und bäre. on Harder Mangold. pf zu ſtei⸗ n Namens er hat es f meinen mmen zu teſſe Olga Lufel ſeid noraliſches will ich hehalten, hau him⸗ e hörten, , küßtn riederwer⸗ te: für unſe Diner und betrinkt Euch erſt, nachdem Ihr ſervirt habt, hört Ihr? Mit dieſen Worten ſchloß Dyſtra die Thür und konnte nicht anders, als Mangolden Recht geben, der über dieſe Scene ſeine Freude äußerte... Welche Dankbarkeit! ſagte Mangold. Welche Hingebung und Liebe! Sie würden lange bei uns ſuchen dürfen, bis Sie ſo viel Anhänglichkeit fänden. Dieſe Treue ſteht hoch und niedrig, wie man es nimmt, antwortete Dyſtra. Es iſt die magnetiſche Gewöhnung dieſer Menſchen an meine Perſönlichkeit und nicht nur die moraliſche Perſönlichkeit, ſondern gradezu die phyſiſche. Wir ignoriren in der That den Körper zu ſehr, wir achten ihn zu gering und ſind darum auch im Geiſte zurückgeblieben. Wenn man die Menſchheit immer nur dem Geiſte nachjagen ſieht, ſo kommt ſie aus der Bahn ihrer Natur und verirrt ſich aus lauter intellectuellem Drange oft in's Grau— ſame und Unnatürliche. Mir iſt dieſer ganze Wirr⸗ warr in Europa ein unnatürlicher, dem innerſten Menſchenthum entrückter. Wir haben uns zu ſehr auf die Potenzirung unſrer Empfindungen verlaſſen, ſind in den feinen Sonnenſtäubchen der idealiſchen Welt zu ſehr verloren! Niemand will irren, Jeder will wahr ſein und Alles lügt. Ich ſuche Menſchen, 236 die das Geheimniß des Daſeins in ſich ſelber ſuchen, in der Entwickelung der Natur, die ihnen die Geburt einmal mitgab, ich finde ſie nicht. Ein Geſpinnſt von Ideologie, das hier Alle in Kirche, Staat, Geſellſchaft beherrſcht, umwickelt die Handlungen dieſer ganzen Generation, die in himmliſchen Leibern ſchon auf Er⸗ den wandeln will und in Zorn und Wuth geräth, wenn ſie an die Bedingungen ihres Daſeins, die Luther doch den alten Madenſack nannte, erinnert wird. Aber was wollte denn mein alter Freund der Intendant? Ich ſtaune, wie gehänſelt und genarrt ich dieſen ehemaligen unanſtelligen Mann verließ und was für ein großes Thier ich in ihm wiederfinde! Dieſem Manne überträgt die unverbeſſerliche Etikette des Hofes die Fürſorge für ein geiſtiges Inſtitut! Das erinnert mich an die ruſſiſchen Generale, die man in Moskau zu Direktoren der ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften macht. Ich habe, berichtete Mangold, zehn Jahre mit dieſem Manne gemeinſchaftlich die Gartenkultur der königlichen Luſtſchlöſſer gepflegt und ihn als einen zwar beſchränkten und in der Erziehung vernachläſſigten, aber dennoch ehrgeizigen und in ſeiner Art wirklich thätigen Menſchen kennen gelernt. Da er das Große nicht faſſen und überſehen kann, hält er ſich an das l ch ſelber ſuchen, znen die Gebur n Geſpinnſt von aat, Geſellſchaft dieſer ganzen n ſchon auf Er⸗ Puth geräth, 3 Daſeins, die annte, erinnert ter Freund der lt und genarrt un verließ und zim wiederfinde! ſerliche Etikette ſtiges Inſtitt. Generale, die ſchönen Künſte en Jahre mil rtenkultur del hn als einen ernachläffigten, r Ant vitli er da Großt 1 ſich an das Kleine und zieht alle Gegenſtände ſeiner Amtsſorge in dieſe geringe Sphäre herab, in der er vermittelſt ſeiner adligen und Hofwürde doch groß erſcheint. Als ge— horſamſt Untergebener ließ ich ihn walten und ſchalten und that doch Das, was gethan werden mußte. Meine Ideen wurden, wenn er ſie mir gegenüber auch beſtritt, andern Menſchen gegenüber die ſeinigen und regelmäßig geſchah es, daß er ſie dann auch mir ge⸗ genüber als ſeine Befehle ertheilte, indem er entweder ſeine früher abweichende Anſicht vergeſſen hatte oder ſich ſeines klugen Handgriffes ſchon bewußt war. Denn ohne Schlauheit iſt er nicht und von der Vor⸗ ſtellung, daß alle Menſchen im Grunde ſchlecht ſind und gegen ihn konſpiriren könnten, entlehnte er noch die ganze Thatkraft, deren er fähig iſt. Ich ſpreche ſcharf über ihn, weil man mir in ſeiner Umgebung übel mitſpielte. Ich dankte meinem Schickſal, von ihm frei zu ſein. Da läßt er mich durch einen Expreſſen von Buchau holen, bezahlt die Eiſenbahn, alle Koſten der Reiſe und bietet mir an... Was denken Sie wol? Daß Sie ihm ſeine eignen Gewächshäuſer vor dem Winterfroſt ſchützen ſollen? Nein, Herr Baron! Ich möchte meinen Poſten, dem ich vorſtehe, aufgeben und mich von ihm in ſei— ner neuen Verwaltung anſtellen laſſen. 238 Hören Sie, ſagte Dyſtra, Das erinnert an die Anhänglichkeit meiner Mohren! Darin find' ich Na⸗ turwärme, Liebe, Geiſtesinſtinkt! Wenn„h wäre! Nein! Er geſtand mir offen, daß er ich nicht ganz ſicher in ſeiner Sphare fühle. Er hätte einen Sachkundigen ſich empfehlen laſſen. Der aber wäre ein Spötter, lache oft ſonder⸗ bar und blinzle den Andern zu, die mit ihm in ei— nem Komplotte zu ſtehen ſchienen. Das Kunſt⸗ weſen lerne ſich! Weg mit dieſen Intriguanten! Ich brauche nur ehrliche Menſchen um mich, Men⸗ ſchen, die nicht hinter meinem Rücken Verſchwörungen machen! Ich bin die Hauptſache an dieſer Kunſtan⸗ ſtalt! Sie kenn' ich, Mangold, Sie ſind treu und brav. Bleiben Sie bei mir. Ich brauche unter die⸗ ſem geriebenen Volke Einen, der es mit dem Chef wahrhaft gut meint, und Das ſehen Sie doch ſelbſt, der Chef muß der Chef ſein, der Chef iſt immer das Ganze, der Chef iſt die Anſtalt ſelbſt! Und was thaten Sie auf dieſe Bitte, die charak⸗ teriſtiſch iſt? Ich ſchlug ſie ab. Sie ſind hartherzig, Manggld! Ich kehre nach Buchau zurück. Dieſe adlige Fa⸗ milie, der ich Treue und Anhänglichkeit genug bewies rrinnert an die find' ich Na⸗ rgeſtand mir ſeiner Sphäre ſich empſehlen he oft ſonder⸗ it ihm in ei⸗ Das Kunſt⸗ Intriguanten! mich, Men⸗ erſchworungen jeſer Kunſtan⸗ ſind treu und ihee unter die nit dem Cſef ſe doch ſelbt z immer das b die chaual⸗ 1 1 e adlige de enug bewic 239 wie ein Hund, hat mich auch mishandelt wie einen Hund. Sie ſind erregt, Mangold? Mit Füßen hat ſie mich getreten— im Herzen fühlbar— o, Herr Baron— ich ſagte ſchon, ich bin ein Menſch ohne Raffinement und paſſe nur nach Buchau. Kaufen Sie ſich den Tempelſtein! Auf dem königlichen Gartenamt hört' ich, daß kein Geld da iſt, jetzt Ruinen auszubauen. Sie bekommen den Felſen, bekommen die Steine, die Wieſen am Berg, auch die Ruinen der alten Tempelabtei, die noch Jeden feierlich ſtimmten— wir leben da ruhig als Nach⸗ barn und Sie erzählen von Ihren Reiſen, den tau⸗ ſend Denkwürdigkeiten, die Sie geſehen... Darf ich nicht wiſſen, Mangold, warum Sie die Menſchen fliehen... ich habe die große Schwäche, an Andern praktiſche Pſychologie zu treiben. Im gewöhnlichen Leben nennt man Das neugierig ſein. Ich fliehe nur die ſchlimmen— vielleicht finden ſich gute, die wir mitnehmen— Mangold ſagte dieſe Worte mit einem vertraulich blinzelnden Auge, ſodaß Dyſtra lachte und ſagte: Mangold, Sie ſind mindeſtens vierzig Jahre, aber ich ſage Ihnen, Schwab, Sie ſind verliebt! So kann nur ein Verliebter blinzeln. 240 Mangold ſtrich ſeinen rothen Bart und die waſ— ſerblauen, klaren Augen leuchteten vor innerer Be⸗ wegung. Sie ſind ein gereiſter und kluger Herr, rathen Sie mir, Herr Baron— ſagte er und erzählte ihm nun zuvörderſt die Anknüpfung ſeines Verhältniſſes mit Auguſte Ludmer und das Ende desſelben. Otto von Dyſtra hörte theilnehmend zu und fand die In⸗ trigue, ihn zur Entfernung einer läſtigen Anver⸗ wandten zu benutzen, abſcheulich, ſeine Leichtgläu⸗ bigkeit aber, wie er ihm oeffen geſtand, komiſch. Ueber das Gewiſſen, das ſich Mangold wegen Au guſten's Selbſtmord machte, tröſtete er ihn mit den Worten: So iſt nun einmal unſer Leben, daß Einer des Andern unbewußter Mörder wird! Die größte Liebe kann ſich zur Veranlaſſung wechſelſeitigen Verderbens werden. Darüber, daß man zum Werkzeuge der Vor⸗ ſehung gewählt wurde, hat der Menſch ſich kein Ge⸗ wiſſen zu machen. Da ich nun doch einmal hier war, fuhr Mangold fort, ſo führte mich's wieder den Spuren des unglück⸗ lichen Mädchens nach. So hört' ich auf einem einſamen Kirchhofe, daß ſie hier eingeſcharrt wurde und ein alter Mann den Sarg begleitet hätte. Mit d die waſ⸗ nnerer Be⸗ rathen Sie zählte ihm zerhältniſes lben. Otto nd die In⸗ n Amver⸗ Leichtgläͤu⸗ komiſch. wegen Au⸗ n mit den Einer des röſte Liebe Verderben e der Vor⸗ kein Ge⸗ r Mangol⸗ es unglic auf einem antt wunde aätte. M einer ſchwarzen Binde? fragt' ich. Ganz recht, hieß es. So war es Derſelbe, den ich an jenem Abende bei ihr traf und mit dem ſie früher gegangen war. Daß er ihrem Sarge hatte folgen können, überraſchte mich doch. Ich beſchloß, den Mann aufzuſuchen. Auf nähere Erkundigungen hört' ich, daß er Murray hieß und ein Engländer ſein ſollte... Wie nannten Sie ihn? fragte Dyſtra aufmerkſam. Murray, wiederholte Mangold und fuhr, da Otto von Dyſtra nichts weiter zu erinnern fand, fort: Ich glaubte, ein ſo leichtſinniger alter Mann, der an ein unglückliches Weſen dieſer Art Ringe und Armſpangen verſchwendete, würde im Glanz und Wohl⸗ leben, wenigſtens anſtändig wohnen. Wie erſtaunt' ich, als ich ihn aufſuchte und mich in die dunkelſten und entlegenſten Gaſſen verlor. Endlich Brandgaſſe Nr. 9 fand ich in einem Hinterhofe über drei ſchwin⸗ delerregenden Treppen, mitten in Armuth und Elend, ſeine Wohnung, aber ihn ſelber nicht. Er war ver— reiſt. Dieſe Auskunft gab mir ſeine Vermietherin, bei der er zwei elende Kämmerchen auf einer offnen Gal⸗ lerie hinter Eiſenſtäben bewohnte. Das Mädchen wußte wenig mehr von Maſter Murray, als daß er ein Geizhals ſein müßte, der in Anfällen von Groß⸗ muth ſchöne Geſchenke mache. Sie zeigte mir einen Die Ritter vom Geiſte. VIlI. 16 242 koſtbaren Ring, den ſie von ihm für ein Glas Waſ⸗ ſer bekommen hätte... Das iſt Diogenes in der Tonne! ſagte Dyſtra. Er zieht ein Glas Waſſer allen Capweinen vor. Man kommt zuletzt dahin. Freilich auch, fuhr Mangold mit einer Art ſcham⸗ hafter Verlegenheit fort, freilich auch dargebracht von ſo weißen, zarten Händen, mit ſo freundlicher Miene, unter ſo rührenden Umgebungen! Dies Mädchen, Louiſe Eiſold iſt ihr Name... Teufel! ſagte Dyſtra; Sie ſind ſehr verliebter Na⸗ tur, Inſpektor! Und die neue Bekanntſchaft ſchlug ein, ſie geht mit nach Buchau und wir ſind vom Frühjahr an zu Drei Nachbarn? Das iſt noch weit im Felde! Neue Schwierigkeiten? Das Mädchen lachte mich aus, als ich ihr gleich nach dem dritten Worte ſagte: Ich möchte ſie hei⸗ rathen... Sie hielt Sie mit Recht für einen Don Juan. Mangold ſeufzte und verrieth, daß er noch nicht am Ziele ſeiner Wünſche war. Leider, ſagte er, iſt ſchon Einer da, der die Hand auf ſie gelegt hat... Laſſen Sie ſich nur nicht wieder wie bei der Auguſte— 8 Glas Waſ⸗ gte Dhſtra. vor. Man Att ſcham⸗ gebracht von ſcher Miene, Mädchen, rliebter Na⸗ haft ſchlug V ir ſind vom c ihr gli chte ſie hei on Juan. T noch nih ſagte er, legt hal.⸗ „ de wie bak Nein! Das hatt' ich gleich weg, ich gefiel ihr beſſer als der... Mangold nahm Anſtand, Danebrand's Wuchs zu erwähnen. Der Baron war eine Miniaturaus⸗ gabe von dem Schleswiger Kanonenträger. Er un⸗ terbrach ſich: Eins, ſagte ſie, gefällt mir an Ihnen! O die Kokette! Ihr Amt, ſagte ſie, Ihr Wohnort, fern von hier, weit weg, in der ſchönen Gottesnatur— weg von die⸗ ſen elenden Menſchen, von dieſen Dachkammern, die⸗ ſen Katzen und Nachteulen— die aber doch noch beſſer als die Menſchen ſind... Sprach ſie ſo? Haben Sie in Buchau auch eine Leihbibliothek, Mangold! Viel Bücher werden Sie für die Dame nöthig haben. Wirklich! Manchmal wie ein Buch! Sogar in Redensarten, die ſich reimen— Mangold, Mangold, vorſichtig! Die Emancipa⸗ tion der Frauen fing bei den Griſetten an und ſcheint jetzt bei ihnen wieder aufzuhören... Vorſichtig Herr Baron? Diesmal bin ich's. Sie ſollten ſie ſehen, unter ihren kleinen Geſchwiſtern— fünf, ſechs Geſchwiſter... wie wir vorgeſtern Abend Alle Punſch tranken... da... 16* —— 244 Was? Schon Punſch? Und doch noch Tugend? Herr Baron, wenn ich wo ſage: hier gefällt's mir, dann muß es luſtig hergehen. Ich legte gleich Hut und Stock ab, die Geldbörſe heraus, Kaffee, Kuchen, Alles herbei!... was konnte ſie machen? Die Kinder ſprangen ja deckenhoch. Sie hungern ja halb. Ich nahm Beſitz von der Familie, als wär's ſchon meine eigne. Sie weinte faſt, erſt vor Zorn, dann vor Scham und zuletzt vor Kummer und Liebe zu den Kindern. Die leckten und ſchleckten! Ich pfiff ihnen Liedchen. Das jüngſte nahm ich auf den Schooß und küßt' es mit meinem garſtigen rothen Bart und küßt' es ganz wund. Aber es ſtrampelte und zauſte mich und ich gefiel dem Würmchen. Die Loͤuiſe weinte und bat mich zuletzt flehentlich, ich ſollte gehen; es käme Einer, den ſie ſelbſt nicht möchte, der ſie aber liebe und den ſie würde nehmen müſſen. Da ging' ich und am Morgen war ich doch wieder da und ſaß wieder bei ihr am Nähtiſch, ſie mocht' es leiden oder nicht und die Taſchen hatt' ich wieder voll Aepfel, voll Nüſſe, voll Birnen. Da wurde denn ausgetheilt, geſprungen, geſungen. Danebrand, ſo heißt mein Nebenbuhler, kam gar nicht. Ich will ihn in der Willing'ſchen Maſchinenfabrik beſuchen und ihm aufrichtig meine Vorſtellung machen. Er wird in ſich gehen, er iſt., h Tugend? ier gefällts legte gleich s, Kaffee, ſie machen? hungern ja wär' ſchon vorn, dann diebe zu den pfiff ihnen zchooß und tund küßt zauſte mich uiſe weinte gehen; 3 der ſie aber da ging da und ſaß 1 oder nicht voll Nüſſ geſprungen ebenbuhle gillinpſchen en, el iſ 4* — er hat... Kurz, Baron, ich bring's ſchon dahin, daß ich ein geſundes, gutes, friſches, ſaubres, ge⸗ ſcheutes Mädchen heimführe und gleich das ganze Neſt mit Kindern auch ausnehme und in Buchau Al⸗ les lebendig damit mache. Halten Sie ſich nur dran! Das Gartenamt ſchlägt Ihnen den Tempelſtein zu. Man braucht Geld, um die Erinnerung an Herrn von Harder's Verwaltung zuzudecken! Dann bauen Sie aus und was die Frau Liebſte anlangt, mein' ich faſt, es wäre nun auch für Sie Zeit, Herr Baron... Dyſtra ſchwieg. Der Jubel des Mannes rührte ihn. Nichts für ungut, Herr Baron... Es wäre Zeit! ſagte Dyſtra. Er nahm den Fez ab. Sehen Sie nur meinen chineſiſchen Kopf, den die Jahre geſchoren haben, vielleicht auch ein wenig der Sonnenſtich von Nubien und Abyſſinien... Cicero trat bei dieſem Akte der Selbſterkenntniß, den Otto von Dyſtra vor dem Spiegel ausführte, be— ſtürzt ein und meldete mit Staunen und Befangenheit, daß es erſt vier Uhr und einer der Gäſte ſchon da wäre. Es war der Pfarrer Rudhard, der dem Schwar⸗ zen folgte. Erſchrecken Sie nicht, Baron— ſagte Rudhardd der in ſchwarzem Frack und noch weißerem gebleichten Haar, als wir früher an ihm ſahen, eintrat— er— ſchrecken Sie nicht, Baron! Ich weiß, Sie diniren um fünf— Beſter Pfarrer, ich habe noch keine Toilette ge— 1 macht... Thun Sie Das in meiner Gegenwart! Legen Sie ſich keinen Zwang an! Ich komme früher, weil ich Sie— Er ſah auf den Inſpektor, der ſchon im Begriff 6 geweſen war, ſich zu empfehlen... Adieu, Herr Baron, ſagte Mangold. Stör' ich? war Rudhard's höfliche Entſchuldigung. Wir waren ſchon nahe daran, grade den Pfarrer A zu brauchen, bemerkte Dyſtra mit Beziehung auf den heirathswüthigen Mangold... Nein, nein, ſagte Mangold, ſo weit ſind wir noch nicht. Aber Sie ſollen's bald erfahren. Noch einige Tage bleib' ich. Wegen dem Tempelſtein kön⸗ nen Sie getroſt oben anfragen. Und nun Adieu, Herr Baron! Damit empfahl ſich der gute Mangold bis auf Weiteres und ließ den ihm ſo wohlwollend geſinkten Baron mit Rudhard und Cicero allein. Schon gut, ſchon gut, Cicero, bemerkte Dyſtra, gebleichten trat— er⸗ Sie diniren Loilette ge⸗ Legen Sie üher, weil im Begriff chuldigung. en Pfarrer ng auf den t ſind wit ren. Noch 12 ſſtein kön⸗ beruhige dich nur! Noch eine Stunde iſt Zeit. Lie⸗ gen da meine Kleider? Gut! Jetzt geh! Cicero ging erleichtert. Die beiden Männer, die uns an die fern in Italien unter Goldorangen ſchwärmende Olga Wäſämskoi erinnern und die ganze Verwickelung einer zu tragiſchen Konflikten reifen Familie zurückrufen, ſtanden ſich allein gegen⸗ über. Otto von Dyſtra ſchlug die großen Kupfer⸗ werke zu, räumte den Tiſch in Ordnung, trug Rud⸗ hard ſelbſt einen Seſſel zu und verrieth, daß er doch nicht moderner Philoſoph genug war, um über Das, was zwiſchen dieſem ehrwürdigen, ruhigen, gefaßten Beſucher und ihm jetzt zu verhandeln ſein mußte, ganz ohne Erregung zu bleiben. Zehntes Capitel. Helenen's Schule. Was bringen Sie, Rudhard? begann Otto von Dyſtra. Nachrichten von meiner kleinen entflohenen Braut? Einen Gruß von der Fürſtin? Sie ſehen ſo trübe und bedenklich aus? Oder ſind Sie unzufrieden, daß ich Sie mit meinen alten Jugendfreunden, dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Ritter Rochus vom Weſten heute zugleich zu Tiſche einlud? Im Gegentheil, ſagte Rudhard in ſeiner gemeſſe⸗ nen, immer ernſten Weiſe. Man hört ſo viel von dieſen beiden Männern, daß ich mich freue, ſie einmal von Angeſicht zu ſehen. Die Fürſtin empfiehlt ſich Ihnen; aber... von Olga erhielt ich heute dieſen Brief. Leſen Sie ihn vor! ſagte Dyſtra, indem er An⸗ ſtalten machte, ſich anzukleiden und durch die Lektüre Rudharden Veranlaſſung geben wollte, ſich zu ſtellen, 1 * ' 81 1 Otto von entflohenen Sie ſehen ſo unzufrieden, eunden, dem d dem Ritter ſche einlud⸗ ner gemeſſ⸗ ſo viel von ſee einmal npfiehlt ſc Heute dieſen dem er An⸗ 249 als bemerkte er ſeine Toilette nicht. Leſen Sie ſelbſt, Pfarrer! Rudhard las, indem er ſich dicht an's Fenſter ſtellte: „Guter Papa Rudhard! Tante Helene hat mir ge⸗ ſagt, daß die Wahrheit über Alles ginge; ich ſollte dir ganz ſo ſchreiben, wie mir's um's Herz wäre und keine weitläuftigen Umſchweife machen. Sie meinte: Die Lüge wäre der Leute Verderben und da du mir Das auch geſagt haſt und es in der Bibel ſteht, ſo will ich auch nicht lügen und Euch nun ſagen, daß ich unglücklich bin, weil ich Keinen von Euch wahr⸗ haft vermiſſe, Keinen mit Sehnſucht entbehre, Paulowna und Rurik ausgenommen.“ Brava! unterbrach, die ſchwarzen Pantalons an⸗ ziehend, Dyſtra den bekümmerten Vorleſer, der nach einer Weile ſo fortfuhr: „Die Tante iſt mein Schutzengel geworden, mein Erlöſer, meine Prieſterin. Wir haben Beide viel ge— weint und da unſre Thränen ſich ineinander miſchten, ſo fühlten wir, wie Georges Sand ſagt, die Annä⸗ herung eines Engels, der—“ Wer ſagt Das, unterbrach Dyſtra, die Tragbänder überſchlagend, wer? Georges Sand? Eine Lektüre, die ich ihr niemals geſtattet habe... *2 b O Rudhard! Sie hätten ſie ihr gönnen ſollen, wenigſtens der Mutter. Da die Tochter die Mutter haßt, die Mutter auf die Tochter eiferſüchtig iſt, ſo würde Olga auch die Lektüre der Mutter verachtet und Paul und Virginie viel ſchöner gefunden haben als Lelia und Conſuelo. Aber ich ſchwelge in die⸗ ſem bizarren neunzehnten Jahrhundert! Fahren Sie fort! Weiter! Weiter! Rudhard fuhr fort: „So fühlten wir die Annäherung jenes Engels, der in einer kryſtallenen Schaale die Thränen der Menſchen ſammelt und damit das Paradies bewäſſert, wo ſie ſich in ſilbernen Thau und in goldne Freuden verwandeln.“ Sehr ſchön geſagt, unterbrach der kleine Elegant, der ſich ſehr raſch und gewandt adoniſirte. Ich liebe alle Phraſen, die uns irgendwie einen Troſt gewäh⸗ ren. Kryſtall,— Gold— Silber iſt ein Service, das immer wohlthut. Da Olga eine Ruſſin iſt, fehlt nur noch Platina. „Die Tante reiſte mit einem gebrochenen Herzen“, las Rudhard. Auf der Reiſe iſt ein gebrochenes Herz viel we⸗ niger gefährlich als eine gebrochene Achſe... er⸗ gänzte Dyſtra. unen ſollen, die Mutter chtig iſt, ſo er verachtet nden haben elge in die⸗ Fahren Sie 8 Engels, hränen der ne Elegani, 3 lebe roſt gewäh⸗ in Serviek, in iſt, fehl „Sie fand zuletzt einen Troſt, den einzigen, der ſie am Leben ließ. Es war der Haß. La haine dans l'amour, c'est un mystère.“ Schreibt ſte Das wirklich, Pfarrer? Wörtlich! Ohne orthographiſche Fehler? Georges Sand hat ein Drama über den Haß in der Liebe geſchrieben. Vortreffliche Lektüre! Ah, meine Braut wird Mühe brauchen, bis ſte an Layard's Alterthümern von Ni⸗ niveh und Humboldt's Kosmos Gefallen findet. Rudhard mußte innehalten. Der Schmerz über⸗ wältigte ihn. Tieferſchüttert war er von dieſen ro⸗ mantiſchen Verirrungen eines jungen ſeiner Pflege an⸗ befohlengeweſenen Mädchens. So war ihm einſt ſchon Helene geiſtig entſchlüpft, als ſie den Grafen d'Azi⸗ mont heirathete! So hatte ihn Olga verlaſſen! So drohte jetzt ſogar die kaltblütigere, phlegmatiſche Adele ſich ihre eigne Welt aufzubauen! Und er, er war ver— antwortlich für dieſe Seelen! Dyſtra, der die Kennerſchaft des Menſchen für ſein Lieblingsſtudium erklärte, hatte etwas auf der Zunge von der Einſeitigkeit des Verſtandes und den Gefahren der Poeſieloſigkeit, aber er verſchwieg es, dem alten Manne zu Liebe, der ſich eingebildet hatte, mit Vernunfttheorieen ließe ſich das menſchliche Herz 252 leiten, mit Geſchichte, Logik, Realien eine weibliche Seele feſſeln, das Romantiſche ließe ſich durch einen Witz entfernen, das Dämmernde, Unbeſtimmte im Menſchenherzen durch mechaniſche Beſchäftigungen erſticken... Fahren Sie nur fort, Rudhard, ſagte er ironiſch. Es iſt ſehr unterhaltend. Rudhard, der wohl fühlte, daß er eine Selbſtkritik vortrug, las: „Dieſelbe Empfindung in der Bruſt, die man Liebe nennt, kann ſich in Haß verwandeln. Die Tante ſagte es und ich glaube es, denn nur Auge in Auge tödtet man den Baſilisk.“ Sieh! Wie war Das? rief Dyſtra laut auflachend. Auge in Auge? Baſilisk? Iſt Das eine naturgeſchicht⸗ liche Reminiscenz aus Odeſſa? Sie meint wohl, ſagte Rudhard mit wehmüthiger Trauer, daß man einem Schmerze ſcharf in's Auge blicken müſſe, um ihn langſam zu tödten. Ich habe wenigſtens dieſe Theorie immer gepredigt. Da hätte ſie das Gleichniß von der Homöopathie nehmen ſollen! bemerkte Dyſtra und ſetzte lachend hinzu: Aber Baſilisken tödten! Tödtezgdurch Menſchen⸗ blicke! Und gleich Baſilisken! Welche Ausſicht für eine weibliche hdurch einen beſtimmte im ſchäftigungen te er ironiſch, ne Selbftkriti je man Liebe Die Tante luge in Auge ut auflachend. maturgeſchich wehmüthigen f in's Auge . Ich habe Homöopalſ ſezte lachn h Menſche Ausſicht ſ v 253 meine künftige Ehe! Meine Braut ſpricht ſo wild wie Eine jener Indianerinnen, die ſich in Amerika mit der gefährlichen Liebkoſung von Schlangen auf öffentlichen Märkten ſehen laſſen.. „Helene“, fuhr Rudhard fort, haßt jetzt den Prin— zen Egon; Das allein kann ſie für ſeine Treuloſigkeit tröſten. Sie haßt ihn, wie der Märtyrer die Sünde haßt, die er überwunden hat. Sie verachtet dieſen Egon wie die Schlange die Haut liegen läßt, deren ſie ſich jährlich entkleidet!“ Dyſtra hielt im Zuknöpfen ſeiner weißen Weſte vor Lachen inne. Braviſſima, rief er, doch etwas Naturge⸗ ſchichte dabei! Beſter Pfarrer, Ihr Zögling wendet ſeine Kenntniſſe doch mit Vortheil an! O und ſie hat Recht: Sie lehrt die Moral aller Weltdamen! Ich fand Das in Petersburg, in Moskau, in Wien, Madrid ganz ſo, ja ſogar die reiche weibliche Handelsariſtokratie von Newyork haßt, wo ſie aufgehört hat zu lieben und geliebt zu werden. Das iſt ganz in der Ord— nung. Ich bin begierig, ob noch mehr aus der Na⸗ turgeſchichte kommt. Baſtlisken, Schlangen haben wir ſchon. Jetzt fehlen nur noch die Hyänen! „Ich bin früh angeleitet und gelehrt worden“, fuhr Nudhard fogt, daß man Weſen wie Tante He⸗ lene haſſen ſoll; allein nun liebe ich ſie und Die, 254 die ich geliebt habe, könnt' ich haſſen, Die, die ich verehrt habe, wie Gott und ſeine Heiligen...“ Dieu et ses saiuts? ſagte Dyſtra. Das iſt eine katholiſche Reminiscenz! Die Tante wird noch ihr Heil in der katholiſchen Kirche ſuchen, obgleich dies jetzt ſchon faſt zu früh iſt. Dieſe Art Damen wird erſt dann katholiſch, wenn naturgemäß die Huldigungen der Männer aufhören und man durch den Uebertritt zur andern Kirche ſich einen Verkehr mit Beichtvätern oktroyirt, der nicht ausbleiben kann und um ſo an— genehmer iſt, als dieſe katholiſchen Geiſtlichen das Bequeme haben, daß ſie unverheirathet ſind und vor allen Familienzerrüttungen ſicherſtellen. Alſo die Menſchen, die ſie liebte, wie Gott und ſeine Heiligen, die haßt ſie jetzt? Nicht wahr? „Die haſſ' ich jetzt. Ja Euch! Euch Alle! Mei⸗ nen lieben Rurik ausgenommen und die gute Pau⸗ lowna, die ich herzlich lieb behalte und oft im Geiſte küſſe, weil ich glaube, ich belauſchte ſie an ihrem Schlummerbettchen. Nur wenn wir ſchlummern, ſind wir gut.“ Doch noch etwas Paul und Virginie neben der Lelia! Du aber, Papa Rudhard, haſt nie geliebt! Dein Herz iſt kalt wie Marmorſtein. Du liebſt nur Bücher Die, die ich 11.. Das iſt eine noch ihr Heil ich dies jett en wird erſt Huldigungen den Uebertrit Beichtvätern um ſo al⸗ ſtlichen das ſind und vot Alſo de ine Heiligen Alle! Mi 3 gute Pau yſt im Geiſt e an ihrel mmern, ſi e neben d t nur 5„ bt! W Bücet 2⁵⁵ und nicht die Menſchen. Du haſt niemals ein menſch— liches Herz brechen, nie Augen von Thränen erblinden ſehen. Du meinſt, der Menſch könnte Alles über ſich gewinnen und haſt auch einſt Tante Helenen geſagt, ſie ſollte immerhin nur Deſire zu lieben verſuchen...“ Wer iſt Deſiré? Graf d'Azimont! Ah ſo! Sie glaubt alſo nicht an die Macht der Gewöhnung? Schlimm für Otto von Dyſtra! „Du haſt gelehrt, der Menſch, der gut wäre, könnte Alles, was er nur wolle. Die unglückliche Helene! Sie liebt den Mann nicht, der ihr Gatte wurde und nun verlangſt du, daß auch ich einem Manne mich vermähle, den ich nicht lieben kann?“ Aber, meine gnädigſte Comteſſe, lernen Sie mich doch erſt kennen! warf Dyſtra dazwiſchen und trat ſeinen Frack anziehend, ſich muſternd vor den Spiegel. Bin ich nicht der faſhionabelſte Elegant? Können Fracks beſſer ſitzen, als an einem ſolchen Oberkörper, wie der meinige? Meine liebe Olga, Sie verletzen mich und meine kleinen Füße, die ſo klein ſind, daß die Firnißſtiefeln nicht einmal meinen Antinous⸗Kopf widerſpiegeln! „Nie werd' ich dieſen Baron von Dyſtra lieben, den ich nicht kenne und von dem mein Vater beſtimmt hat, daß ich ihn heirathen ſoll. Alle die Romane, welche ich unterwegs geleſen habe, fangen damit an, daß ein Mädchen iſt gezwungen worden, Den zu hei⸗ rathen, welchen ſie nicht liebt, und dann iſt Das der Anfang ihres Unglücks geweſen. Kann ich den Ba⸗ ron von Dyſtra lieben, der ſchon zu alt und...“ Nicht geſtockt! zau Vorwärts! „zu häßlich iſt? Wie er angekommen, hab' ich einen Schrei ausgeſtoßen...“ In deed! Das iſt beleidigend! rief Dyſtra mit unerſchütterlichem Humor. Wiſſen Sie wohl, Ma— demoiſelle, daß ich ſtark vermuthe, Sie haben ſich nur vor dem Mohren gefürchtet, der mich anmeldete? Ganz Recht, ſagte Rudhard, dem dieſe kindliche Proteſtation doch zuletzt ein Lächeln abnöthigte, ſie geſteht dies ſelbſt ein.„Ein Mann will mich lieben, der ſich mit Mohren, Affen und Hunden umgibt, weil er glaubt, daß ich eine Närrin bin, ſo dumm, wie Feodorowna Lapuſchin in Odeſſa, die den Titu⸗ larrath Kryloff heirathete, weil er ihr von Petersburg die ganze Krongarde, alle Offiziere und den Kaiſer ſelbſt, in bleiernen Figuren ſchenkte! Ich werde mich niemals ſo unglücklich machen laſſen wie die Tante, je Romane, n damit an, Den zu hei⸗ iſt Das der ch den Ba⸗ Und..“ ab' ich einen D. vſtta mi mit wohl, Na⸗ ben ſich nul weldete? eie kndite nöthigte, ſe mich lieben en umgibe „ſo dumm, e den 2 Petels bur⸗ den Kuiſt werde ni „ Tank e die Ta Titl die, weil ſie lieben muß, jetzt das Schickſal hat, von einem Manne nach dem andern betrogen zu werden— Dyſtra bat hier Rudhard innezuhalten; er fürchtete vor Lachen zu erſticken. Dieſe Feodorowna Lapuſchin, die den Titularrath Kryloff heirathete, weil er ihr das Petersburger Offiziercorps in Bleifiguren ſchenkte— dieſe Helene d'Azimont, die ſich deshalb von allen Männern betrogen ſieht, weil ſie lieben„müſſe“— nein, ſagte Dyſtra, das iſt naive Tollheit oder tolle Naivetät! Ich liebe Olga! Ich muß dieſe Unterhaltung für den ganzen Reſt meines Lebens beſitzen. Ich werde keinen Arzt mehr nöthig haben. Die Komik meiner Frau wird mir das Leben verſüßen. Wer will mir ein Mäd⸗ chen ſtreitig machen, das ich in Gold faſſe und der ich alle Launen hewillige, alle, ſelbſt wenn ſie mich ruiniren! Rudhard fuhr bekümmert fort: „Ich will den Mann, den ich liebe, nicht anders uls ewig lieben. Denn Liebe iſt das ſüßeſte und herr⸗ lichſte Gefühl auf Erden. Sie iſt für unſer Herz Das, was die Sonne für die Erde Nur wo die Sonne ihre Strahlen entſendet. Lance ses rayons... überſehte Dyſtra, um die Reminiscenz anzudeuten. „Nur da ſprießen Blumen auf, und unſre Ge⸗ fühle ſind Blumen.“ Die Ritter vom Geiſte. VIII. 17 Doch hübſch, Rudhard! Ich finde die Stelle beſſer, auch wenn es Plagiate ſind. 1 „Ich bitte dich, Papa Rudhard, ſage Das auch meiner Mutter, die mich nie geliebt hat und ein Herz beſitzt, ſo kalt wie das Eis in Sibirien.“ Sie hat's immer mit den Bildern! Dies iſt weniger gut gewählt. Es iſt in Grönland kälter. „Ich bin ein unglückliches Kind, weil ich meine Mutter nicht kann ſo lieben, wie es die Pflicht eines Kindes iſt. Sie hat ſchon gegen die Tante gehabt ein kaltes Herz. Niemals hat ſie die Tante verthei⸗ digt und doch war Helene unglücklich, als ſie Deſiré mit ſich fort von Odeſſa nahm. Sie muß noch jetzt die Thränen auf ihren Wangen brennen fühlen, ſo zärtlich war der Abſchied der Tante von der Mutter, aber die Mutter kann nicht lieben. Sie hat wenig geweint, als der Vater ſtarb.“ O, Das iſt entſetzlich! Das iſt abſcheulich! rief Dyſtra jetzt ernſt... „Der Vater war ein Engel. Wir Kinder haben den Vater mehr geliebt, als Menſchen dürfen, die da wiſſen, daß es einen Gott gibt.“ Phraſe! Abſcheuliche Phraſe! rief Dyſtra, vor liebevoller Erinnerung an ſeinen Freund, den Fürſten Alexei, faſt zornig... 259 ſe Stelle beſe„Ich liebe meinen Vater, auch wenn dieſer Vater mein Unglück wollte, daß ich die Gattin eines Men⸗ 2 Das aub ſchen werden ſoll, den ich nicht kenne. Er meinte es gut für mich. Er glaubte, daß wir darben würden. Dieſer Otto von Dyſtra iſt ſehr reich. Und ha! wie eitel! Seine Mohren ſollten uns gleich ſagen, daß er nus dem Lande käme, wo das Gold wächſt.“ weil ich men Die Stelle iſt dumm. Abſcheuliche Schwätzerin e Pllich ein du! Oder richtiger geſagt, ſie beweiſt, daß ſie mich Tante gehal doch noch lieben lernen wird. Die Liebe der Frauen Tante gehale und ein Hey 1 dies iſt wenigen er. Lante verthei fängt immer damit an, es für Eitelkeit auszulegen, wenn Lante v die Männer verlangen, daß ſie von ihnen erhört werden. Nur wo man künftig doch lieben wird, macht man die Frais eines ſolchen höhniſchen Ha! Sie denkt doch ſchon an die künftige Livree ihrer Dienerſchaft. als ſie Deſtn muß noch je nen fühlen, zen der Mutten 8 „Er gedachte uns reich zu machen, weil wir arm ſind und er nicht wußte, wie gut Tante Helene ſein kann, die mir geſagt hat, daß Alles, was ſie beſitzt, einſt mein Eigenthum ſein würde, wenn ſie in ein die hat wen zſcheulich! r Kloſter ginge—“ Kinder ha Da lläutet's ſchon! Das Kloſter iſt da! Wald⸗ dürfen, dien kipelle, ſtiller Murmelbach! Büßende Magdalena.. Todtenkopf und vielleicht doch noch... ſelbſt im Kloſter Ohſtra, eine Strickleiter! Verdammte kleine Hexe Capulet! Fürſt 6 , den Fül„Den guten Vater lieb' ich, weil er dachte: So 1 1 12* mach ich die Meinigen, die ich ſo jung verließ, glück lich! Er liebte ſeinen Jugendfreund und beurtheilte ihn nach ſeinem Herzen.“ Darüber ſagt ſte alſo kein Wort, daß ich ein Thor bin und aus reiner Gutmüthigkeit dem kränkelnden Freunde verſpreche, mein fahrendes, abenteuerliches Leben auf⸗ zugeben, mein Vermögen in Ruhe zu genießen und es, meinen Verwandten ein Schnippchen ſchlagend, mit Einer ſeiner Töchter zu theilen? Dieſe Olga müßte es doch nun ſein, die mir dieſe Dummheit möglich machte! Sie iſt ſechszehn Jahre. Von ſiebzehn könnte ſie mein Weib werden. Auf Paulowna kann ich doch nicht mehr warten. Wahrlich, es iſt verletzend! Parbleu, ſo beurtheilt zu werden! So beim beſten Willen en coquin behandelt! Dieſe kleine Amazone! Wenn man Das ſo lieſt, ſo vorgeleſen bekommt, denkt man ſie ſich bei alle Dem allerliebſt. Es iſt die neuromantiſche Emancipationstheorie, aber ein gutes Herz liegt doch zum Grunde. Dieſe Liebe zum Vater rührt mich. Wäſämskoi war ein Pedant, aber ein edler Menſch. Wenn Adele, ſeine Gattin, ſo kalt und indifferent fühlte, wie Olga beſchreibt, thut er mir leid, der brave, gute Alexrei! Ich könnte die Frau haſſen und geſtehe Ihnen, ich bin ganz portirt für meinen kleinen italiäniſchen Deſerteur.. 261 ng verließ, glüt. d beuttheilte ih Trotz dieſes abſcheulichen Briefes? ſagte Rudhard, gerührt von Dyſtra's gutmüthigem Humor, für den Jich ein Thorhi ihm eigentlich das Verſtändniß fehlte. nkelnden Freund Trotz dieſes Briefes, an dem mich nur Wunder liches Leben au, mimmt, daß ſie meinen glücklicheren Nebenbuhler, den zu genießen in Maler Siegbert Wildungen nicht erwähnt. pchen ſchlagend Es kommt noch! ergänzte Rudhard dieſen Ein— dieee Dga miſt wand, der den Beweis gab, daß man im Hauſe der umheit möglit Fürſtin ſo aufrichtig geweſen war, die Eriſtenz Sieg⸗ ſebzehn könn bert's nicht zu verſchweigen. Aber wol nur Rudhard a kann ich doh war es geweſen, der Siegbert in Beziehung auf Olga cehed Pabb Lewähn hatte. Die Fürſtin wäre dieſer Selbſtüber⸗ windung nicht fähig geweſen. nel Wem m Ich will den Kelch zu Ende ſchlürfen, ſagte Dyſtra anſter und ſetzte ſich deii ſa.„Der gute Vater umſchwebt mich oft wie im e waunnan Traume“, las Rudhard,„undſagt zu mir: Olga, wergib, ich glaubte, du wärſt herzlos wie deine Mut— uer! Du würdeſt Den zum Gatten wählen, den du uicht kennſt, nicht liebſt“..... Gegen die Mutter iſt Das ein wirklicher Haßt mit lid,lemerkte Dyſtra kopſſchüttelnd, rau haſſen„Und ich ſage ihm im Draume: Laß mich Den meinen len wählen, Vater, den meine Seele liebt! Und ſein Bild n zerdüſtert. ſich vdr Gram, daß ſein hinterlaſſenes Weib, heſten Willen a Herz liegt d er rührt mie edler Me und indiffen 1 die Witwe Alexei Wäſämskoi's, den Jüngling liebe O kann, den ſein Kind liebt! O Rudhard, ſage Das meiner Mutter! Sage ihr, daß es einen Gott im Him mel gibt, der ſie ſtrafen wird! Der Herr richtet di Schuldigen. Was iſt mehr eine Todſünde, die Nie mand vergeben kann, als wenn...“ Les sept péchés capitaux! unterbrach Dyſtra. Nun ſpringt ſie in Eugene Sue über! „Als wenn eine Mutter ihrem eignen Kinde ihr Kleinod raubt! Ich weiß es, mein Treuer flieht ſie wie ich ſie geflohen bin! Sein Segen folgt mir, ſeine Liebe begleitet mich. Ich will mich bilden, ich will an den heiligen Quellen Italiens ſchöpfen, daß ich mich erfülle mit der hohen Wiſſenſchaft der Kunſt, die er liebt, um ſeiner würdig zu ſein. Ich leſe Bü⸗ cher der Poeſie, aber auch Schriften der Proſa und verweile bei Allem, was zu wiſſen merkwürdig iſt Ich zeichne mir die ſchönen Gebäude ab und erkun dige mich nach Allem, was in einer Stadt lehrreich zu ſehen iſt. Auch frag' ich alle Menſchen an jedem Ort, ob ſie gut und glücklich leben können und welche Früchte bei ihnen wachſen...“ Was? rief Dyſtra. Das noch einmal! Sie fragt Jeden, welche Früchte bei ihm zu Lande wachſen? Das Mädchen gibt entweder eine Närrin vder ein Ideal. Jüngling liehn hard, ſage Dz en Gott im Hir Herr richtet d dfünde, die N 1 ach Dyſtra. ignen Kinde Treuer flieht ſſ ſolgt mir, ſi bilden, ich w chöpfen, daß i ſchaft der Kuuſt n. Ich leſe di der Proſa uu merkwütdig ab und elt 1 Stadt lehre” nſchen an ſe onnen und wee amal! Sie 99 9 ewachſen! pder ein 262 „Von Italien aus, Papa, ſchreib' ich dir wieder. Wir reiſen nun über die Alpen. Wir ſind immer allein. Nur die Bedienten und die beiden Mädchen. Tante will gar keine andre Geſellſchaft. Nur über die Alpen wird es uns recht einſam vorkommen. Aber wir haben Muth und wenn er uns manchmal ent⸗ ſinkt, umarmen wir uns und ſind wieder neugeſtärkt. Leb' wohl, Papa! Denke zuweilen über mein Glück nach! Grüß' unſer liebes Gärtchen, das jetzt ſchon recht welk und kahl ausſehen wird! Grüße den gar⸗ ſtigen Senſenmann auf deinem Zimmer, der uns ewig zugerufen hat: Du mußt ſterben, deine Stunden ſind gezählt! Aber noch leben wir. Erſt Neapel ſehen und dann ſterben! Deine Olga Wäſämskoi.“ Keein Poſtſcript? bemerkte Dyſtra kopfſchüttelnd und ſatyriſch. Wohl, ſagte Rudhard und las, während Dyſtra einſchaltete: Doch ein Frauenzimmer! „Wenn ich ſage, daß ich dich haſſe, Papa, ſo brauchſt du Das nicht ſo ernſt zu nehmen. Es iſt keine Gefahr dabei. Aber dem Baron und der Mutter verſchweige nichts. So lange ſie mein Herz bedrohen, kehr' ich nie zurück und ſollt' ich betteln gehen und vor den Häuſern ſingen. Das ſage ihnen!“ Oder Kunſtreiterin werden oder auf dem Seile tan⸗ 264 zen oder an dem erſten beſten Pariſer Lion in einer Mondnacht in Fraskati zu Grunde gehen! Dyſtra's ſchmerzlicher Ton und ſeine ernſte Miene beſtätigte, was Rudhard fühlte, daß hier in der Er⸗ ziehung ein Verſehen begangen war. Rudhard überreichte Dyſtra den Brief und legte ihn, da dieſer ihn nicht nehmen wollte, auf den Tiſch. Was iſt da zu thun? Ich habe, begann Rudhard, das Buch der Wahr⸗ heit vor Ihnen aufgeſchlagen, gleich als Sie kamen. Ich ſagte Ihnen von Siegbert Wildungen, von der Mutter, von Olga's ſchnellentzündetem Kinderherzen. Helene hat alle Dem, was in dieſer leidenſchaftlichen Natur ſchlummert, den modiſchen, tagesüblichen Aus⸗ druck gegeben, das Kind, ſtatt zurückzuführen zu uns, wie eine Puppe, an der ſie ihre Gefühlständeleien auslaſſen kann, mit ſich hinweggenommen, meine dringende Aufforderung zur Rückkehr mir ſo beant⸗ wortet! Den überſandten Wechſel ſchickte Olga gleich⸗ falls zurück. Sie ſehen den offnen Thatbeſtand. Was läßt ſich thun? Faſſen Sie die Entſchlüſſe, die Ihnen die rechten ſcheinen! Mein natürliches Gefühl, ſagte Dyſtra, der ſich inzwiſchen angekleidet hatte, fordert mich auf, ent⸗ weder unmittelbar dieſen Flüchtlingen nachzureiſen oder Lion in einer en! ernſte Miene jer in der Er rief und legee auf den Tiſch ch der Wahr JSie kamen. gen, von der Kinderherzen denſchaftlichen üͤblichen Aud ihren zu und ühlständeleie umen, mein ir ſo heand 265 Alles auf ſich beruhen zu laſſen und die weitere Ent⸗ wickelung abzuwarten. Ich geſtehe, daß ich erſt jenen Siegbert Wildungen kennen lernen muß, der hier ſo viel heilloſe Verwirrung angerichtet hat. Es iſt ein liebenswürdiger, nur zu weicher Schwär⸗ mer— ſagte Rudhard. Ein edler Menſch, wenn er ſich freiwillig zurückzog. Ich achte Das und ehre es. Mesalliancen erxiſtiren übrigens für mich nicht— Baron— Ich ſage nicht, Rudhard, daß ich aus dieſen Kon⸗ flikten heraustrete... Der Wunſch des Fürſten... Meines guten Alerei... aber ſelbſt wenn ich den andern Ausweg ergriffe und ſeine Witwe heirathete, wie eine Stimme mir zuruft... ich käme ja in die— ſelbe Poſition. Der blonde Maler verrennt mir ja nach allen Seiten den Weg. Ich kann nicht den Gedanken, den Sie eben aus— geſprochen, Baron, befördern helfen, aber was die Stimmung Adelens anlangt, ſo hoff' ich auf Beſin⸗ nung. Ich meine, es war nur eine falſche Form, in der bei ihr ein mütterliches Gefühl der Fürſorge zum Vorſchein kam. 266 ——— Zu künſtlich erklärt, Pfarrer! Wirklich? Doch ſcheint mir über die Mutter ein eignes Weſen gekommen. Sie iſt zurückgezogen, lieſt, ſchreibt, beſchäftigt ſich nur mit ſich allein. Das heißt, ſie liebt, beſter Freund! Das iſt der Frühling, der oft noch nach dem Spätſommer kommt. Es iſt eine ſtille, ſinnige Verklärung in der Für⸗ ſtin! Ich finde Adelen innerlicher, wärmer. Sie ſchließt ſich von oberflächlichen Menſchen ab und ſucht nur tüchtige Naturen, wie Anna von Harder und ähnliche rein weibliche, edle Erſcheinungen. Das iſt die Trauer der Verlaſſenen, das Schlum⸗ mern der Winterſaat, die im Frühling gleich am mäch⸗ tigſten aufſchießt. Sie iſt mütterlicher denn je gegen Rurik und Pau⸗ lowna. Achtungswerth, aber bedenklich... Unverdorbene Frauen wollen das Glück der Liebe durch Güte des Herzens verdienen. Rath' ich Ihnen denn eine Aenderung zu treffen? ſagte Rudhard faſt empfindlich. Geben Sie mir die Hand, beſter Pfarrer! fiel Dyſtra ein. Zürnen Sie mir nicht! Ich trete da in pſychologiſche Konflikte, die ich nicht erwartet habe! Weil ich auf Alles dilettire, liebe ich überall das Be⸗ tter ein en, lieſt, z iſt der rkommt. der Für⸗ e ſchließt icht nur ähnliche Schlum⸗ um mäch⸗ ind Pau⸗ erdotbene guͤte des treffen! trer ſe te da i 267: deutende und Eigenthümliche. Aber ich geſtehe, ich liebe es mehr als Beobachter. Ergriffen mitten inne ſtehen, ſelbſt da eine handelnde und leidende Figur in leidenſchaftlichen Scenen abgeben, ich geſtehe Ihnen, Das iſt etwas, was ein Touriſt, ein flüchtiger, civi— liſtrter Beduine, ein Mann, der den Vorwurf, un⸗ ſchön zu ſein, von ſeinen breiten Schultern nicht ab⸗ ſchüttelt, nicht brauchen kann. Es handelt ſich um den Wunſch eines ſterbenden Freundes, um ein Ge⸗ löbniß, das ich ſelbſt verrichtete, vor allen Dingen um mein Geld, um die beſſre Eriſtenz der Fürſtin, um die Erziehung und künftige Verſorgung der Kin⸗ der. Das ſind philanthropiſche Ideen, die ganz in mein Fach ſchlagen und für die wir nur ſuchen müſſen, eine möglichſt anſtändige, aber auch höchſt bequeme Form zu erfinden. Stoff zu einem Roman will ich unter keiner Bedingung abgeben. Hören Sie! Da— gegen ſträubt ſich meine ganze innre und äußre Na⸗ tur und ich geſtehe Ihnen ſogar, ein Reſt von Eitel⸗ keit, den ich mir von manchen frühern glücklichen Aventüren erhalten habe, wo man mich liebte quand méêéme! Bekümmert reichte Rudhard dem Baron, der dieſe Worte mit liebenswürdiger, ſchalkhafter, aber doch ernſter Freimüthigkeit geſprochen hatte, die Hand und ſchwieg. 268 Die Verſtändigung wird ſchon kommen! ſagte der kleine Kosmopolit. Blicken Sie heiter! Wir wollen gut diniren— es ſchlägt fünf— zwei alte Freunde von mir— hochangeſehene, wichtige Springfedern der Maſchine... Spartakus trat ein und überreichte Viſitenkarten von zwei Herren, die den Baron von Dyſtra bei etwa gelegner Zeit zu ſprechen wünſchten. Die eine war geſtochen, die andre geſchrieben. „Dankmar Wildungen“,„Louis Armand“ las Dyſtra für ſich und bedauerte, die Herren jetzt nicht empfangen zu können... Er wollte, da ihm der Name Wildungen auffiel, ſelbſt in's Vorzimmer. Aber die Fremden ſchienen ſich ſchon eine Antwort gegeben zu haben; denn als ſie einen Offizier in Generalsuniform und bald darauf einen Herrn in Civil mit vielen Orden von den Schwarzen empfangen ſahen, waren ſie nach Abgabe ihrer Karten verſchwunden... Rudhard wurde den beiden vornehmen Größen als ein Geiſtlicher aus Odeſſa vorgeſtellt. Die Ne— benthür öffnete ſich. Ein erleuchtetes Zimmer bot ein geſchmackvoll ſervirtes Diner, das nicht ganz ſo heiter von Statten ging, wie es der Wirth wünſchte. Seine beiden Jugendfreunde, General Voland von der Hah⸗ nenfeder und Ritter Rochns vom Weſten, waren, ob⸗ gleich Beide in ihrer Art auch wahre Ritter vom Geiſte, igte der doch unter ſich nicht auf gleichen Ton geſtimmt und wollen Rudhard litt unter dem Druck ſeiner häuslichen An⸗ Freunde gelegenheiten. Der General führte zwar faſt allein ern der die Converſation, allein ſie knüpfte nur an Amerika, an die bedienenden Schwarzen, an die Pyramiden, enkarten an die Bauten von Niniveh an. Erſt am Schluß ei etwa der Tafel horchte Rudhard auf, als Dyſtra zufällig wieder die Viſitenkarten in die Hand nahm und die Ge⸗ en ſellſchaft fragte, ob ihnen dieſe Namen bekannt wären? las Wie, ſagte der General, dieſe beiden merkwürdigen, t nicht alle Welt intereſſirenden Charaktere? rName Und ehe noch Dyſtra Rudhard an den Namen lber die Wildungen erinnerte, der ihn nun erſt ſelbſt über⸗ eben Fi raſchte, hatte Spartakus angezeigt, daß jene Herren nniform wieder draußen wären, um zu erfahren, wann ſie dielen Maſſa aufwarten dürften? varen General Voland hatte ſchon die Karten, als Samm⸗ 1 ker, zu ſich geſteckt... rößen Ja, ſagte Ritter Rochus, ein feiner, geſchliffener ie Ne⸗ Weltmann, die Gebrüder Wildungen ſind die Löwen des Tages— Und Louis Armand... O, Das iſt bot ei 1 1 1.. 20 jeit ja der intimſte Freund des Premierminiſters— ghe Darauf hin war Otto von Dyſtra ſchon aufge⸗ Fiſ ſprungen, um ſelbſt hinauszugehen... r Haſ⸗ ⸗ en, 1 Soll ich ſie zum Deſſert, zum Kaffee eintreten laſſen? fragte er, der Zuſtimmung faſt gewiß... Rudhard wollte Einwendungen machen und von Louis Armand's Stande ſprechen, aber ſchon hatte der Baron das bedeutſame Schweigen ſeiner diplo— matiſchen Gäſte für Zuſtimmung genommen, ſchon war er hinaus und ſprach durch die geöffnete Thür in das Vorzimmer, wo Rudhard Dankmar's Stimme nicht hören konnte, ohne nicht aufzuſtehen und ihn an der Schwelle zu begrüßen. In einem Hotel ſind die Räum⸗ lichkeiten beſchränkt. Dankmar und Louis waren ſchon veranlaßt, einzutreten, während noch der General und der Ritter überraſcht, verlegen von den Stühlen auf⸗ ſtanden. Man wird Dankmar's Erſtaunen, Louis Armand's Schrecken ermeſſen, als in leichter weltmän⸗ niſcher Weiſe der kleine Baron die Namen: General Voland und Ritter Rochus nannte. Dieſe ſelbſt wa⸗ ren nicht wenig begierig auf die eigenthümliche Si⸗ tuation, die ſich hier für ſie ergab. Seltſames mußten ſie ohnehin ſchon bei Dyſtra erwarten. Rudhard's freundliche Bewillkommnung löſte einſtweilen die wirk⸗ lich ängſtliche Spannung. eintreten nd von n hatte tdiylo⸗ hon war rin das ne nicht an der Räum⸗ n ſchon ral und len auf⸗ Louis veltmän⸗ General löſt wa⸗ ſche S⸗ mußten dhards ie wit Elktes Capitel. Voland von der Hahnenfeder. ₰ Drängt der Gegenſtand, meine Herren, der Sie zu mir führt und mir das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaft gewährt? begann Otto von Dyſtra mit wohlwollend⸗ ſter Bonhommie und mit einem Blicke andeutend, daß die Zahl der Taſſen vermehrt würde. Er nöthigte die Geſellſchaft in ſein Wohnzimmer zurück, als Dankmar mit raſchem Blick ſich orientirend Louis Armand zugeblinkt und geſagt hatte, es dränge nicht und auch ein ander Mal fände ſich Gelegenheit zu ihrer Erörterung. Die in Livreen geſteckte Bedie⸗ nung des Hotels leuchtete zum Nebenzimmer voran. Man nahm Platz, Dyſtra theilte Cigarren aus.. Hier wurde ein Nachmittag unter andern Verhältniſſen gefeiert, als in der Neuſtraße, drei Treppen hoch, bei Eulalia Schievelbein. General Voland hat erklärt, daß Sie Beide, meine 272 Herren, berühmt und intereſſant ſind, ſagte Dyſtra. Ich kann das Letztere erſt als Phyſtognomiker unter⸗ ſcheiden. Warum Sie berühmt ſind, geſteh' ich armer hier in Europa über Nacht aufgeſchoſſener Pilz nicht zu wiſſen— aber General Voland hat Ihre Viſiten⸗ karten eskamotirt und von gewöhnlichen Menſchen thut man Das nicht. Es klang wie eine dämoniſche Satyre, als der General erklärte: Herr Dankmar Wildungen iſt auf dem Wege, der hieſigen Stadtkommune ein bis zwei Millionen durch einen höchſt romantiſchen Prozeß abzugewinnen und Herr Louis Armand iſt jener junge Franzoſe, der mit unſerm jetzigen Chefminiſter, dem Fürſten Egon, durch die engſten Bande der Freundſchaft verbunden iſt. Ritter Rochus hätte ſich die Lippen abbeißen mö⸗ gen, wenn er ſeine meiſt falſchen Zähne nicht zu ſcheuen gehabt hätte und behutſam in ihnen ſtocherte.. Rudhard, der die Verhältniſſe kannte, mußte über die Erklärung des Generals lächeln, die Louis in Verlegenheit ſetzte zur großen Befriedigung des Rit— ters, der ſchon die Feder ſpitzte, um ſeinem Hofe dieſe merkwürdige Begegnung in ſeinem gewählten, nur etwas ſchwülſtigen Style zu ſchreiben. Dankmar erzählte zum lebendigſten Antheil Rud⸗ te Dyſtra. iker unter⸗ ich armer Pilz nicht e Viſtten Menſchen als der Gege, der nen durch unen und ,, der mit on, durch en iſt. eißen mo⸗ nicht zu tocherte. ußte über Louis in des Rit⸗ pofe dieſe en, nun eil Rud⸗ 5 den General, zwei Lichter der Welt, zu muſtern. g 4 ſeine Chefs in Paris, in London, in Konſtantinopel und Athen. Bei dieſen verſchiedenen Stellungen hatte hard's auf deſſen Nachfragen in aller Kürze den Ver⸗ luſt ſeiner Mutter, ſein Erſtaunen über Siegbert's langes Schweigen, die Ergebniſſe ſeines Aufenthalts in Schönau und Randhartingen, ſo weit ſie ihm be⸗ kannt waren und Dyſtra dachte: Siegbert! Das iſt dein Nebenbuhler! Und dieſe Angelegenheit führt die jungen Männer zu mir! Inzwiſchen wurde Louig ſchon vom General Vo⸗ land und dem Ritter Rochus in ein Geſpräch ver— wickelt, bei dem es ohne Ironie über den verlegenen, beſcheidenen Arbeiter nicht ablief. Dyſtra, laut vor ſich hinbrummend: Romantiſch? Romantiſch? Pro⸗ zeſſe ſind nie romantiſch! ſorgte für die Bedienung. Dankmar fand Gelegenheit, den beſternten Herrn und Ritter Rochus vom Weſten war in jungen Jah⸗ ren ein Gelehrter geweſen, dann in die diplomatiſche Laufbahn gekommen, jedoch immer nur als Attaché benutzt worden. Er ſchrieb Berichte ſowol für die Zeitungen, die ſeine Regierung ſubventionirte, wie für den Premierminiſter ſelbſt, beſonders aber die Gemah⸗ lin deſſelben, deren Neigung zu ſcharfen Perſönlich⸗ keiten und zur Moͤdiſance er kannte. Er überwachte Die Ritter vom Geiſte, VIII. er Otto von Dyſtra kennen gelernt, der vor ſeiner Bildung, ſeinen antiquariſchen und philoſophiſchen Studien die größte Hochachtung empfand. Damals war es leicht, ſich einen Anſtrich von Freimuth zu geben. Der Chevalier vom Weſten galt für geiſtreich, fein und witzig. Er imponirte ſelbſt in Florenz den Alterthumsforſchern, in Stambul den reiſenden Orien taliſten, in Paris trieb er Sanskrit und ließ griechiſche Handſchriften wieder neu aufkratzen, trotz Letronne und Villoiſon. Schrieb er ein politiſches Memoire, ſo wurde es in allen Salons ſeiner Hauptſtadt be⸗ wundert und von dem Gemahl der geiſtreichen Frau, die ihn protegirte, an alle Legationen gleichfalls zur Bewunderung überſandt. Das währte bis zur Revo⸗ lution. Die alten adligen Repräſentanten in der Di— plomatie wurden damals geſtürzt. Ritter Rochus vom Weſten wurde erſt in's Miniſterium berufen, dann, als er den verſchiedenen Phaſen der Revolution bald zum Opfer fiel, zu einer großen Legation beordert Hier machte er ſich mit Meiſterſchaft geltend. Er haßte den Staat, zu dem er als Wächter geſtellt wurde, ohne grade den Staat, den er ſelbſt vertrat, beſonders zu lieben. Er hätte Philoſoph genug ſein müſſen, die Erbärmlichkeit der Zumuthungen, die ihm der Gang der Ereigniſſe ſtellte, zu verachten, allein es floſſen tvor ſeine jiloſophiſche d. Damalo Freimuth g für geitrei Florenz dan enden Orien ieß griechiſh otz Letronn z Memoin zupiſtadt be richen Fral leichfalls 1 is zur Reve nin der D itter Rocht eerufen, dan volution b oon beorde geltend. b eſtell wun gat beſotde ſein miſ hm del 3 ein es ſi 275 ihm außerordentliche Summen zu, die ihm eine glän⸗ zende Stellung gaben und ſein natürlicher Hang zur Intrigue fand eine Nahrung, die ihn immer in Athem erhielt. Seine Studien waren zum größten Theil ab⸗ ſpringend und oberflächlich geweſen. Zu ihnen zurück⸗ zukehren war ihm um ſo weniger Bedürfniß, als ein angeborner, gutgeſchulter Geiſt ihn auch der Noth⸗ wendigkeit zu überheben ſchien, nur todte Materialien zu ſammeln. Dieſer ſcharfe Kopf überſah die Zeit vollkommen. Er war vollkommen überzeugt, daß die Welt ein großes Chaos erwarte und daß der ganze Wirr⸗ marr des Tages eigentlich leer und erbärmlich zu nennen ei. Après nous le déluge! war ſeine ſtehende Redens⸗ art. Er erklärte hundert Mal des Tages, daß ihn ein Grauen überfiele, wenn er dächte, daß die Schläuche des Aeolus ſich einſt entladen und über die Welt hin die Stürme der demokratiſchen Bewegung blaſen würden, zund ſo weit ging er ſchon vor Dyſtra, ja vor Voland ſogar, daß er die Berechtigung dieſer Bewegung aner⸗ kannte und welthiſtoriſch auf demſelben Standpunkte ſich befand, den er in Folge ſeiner Stellung bekämpfte. Dieſe Intelligenz ſchrieb dennoch Depeſchen und Cir⸗ (ularnoten in dem Style, wie ihn Metternich und Gentz eingeführt hatten. Sie nannte die Revolution ine Hydra, die Revolutionäre die Sendboten der Hölle 18* und im Stillen konnte es dem Ritter dennoch kommen als wenn Niemand bemitleidenswerther wäre als grade die Fürſten, die angeſtammte Liebe und Treue ver⸗ langten, naiv durch die Städte reiſten, vom guten Geiſt der Unterthanen redeten, Verweiſe ertheilten, Beamte, Magiſtrate brüskirten und nach ſeiner innerſten Idee doch in einem wahrhaft babyloniſchen Irrthume und blinden Wahne lebten. Völlig abweichend von General Voland war er Neolog, las lieber Volney und Payne, als Burke und Haller, und hatte dabei in ſeinem ganzen Weſen das Kleinliche, Verzärtelte, Pedantiſche, Leichtverletzbare der alten Garcons in völligem Gegenſatze zu dem Garcon Otto von Dyſtra, den die Natur verwahrloſt hatte, der ſeiner ſelbſt ſpottete und die Bequemlichkeit nur liebte, um ſich für Entbehrungen ſchadlos zu halten, die er eben ſo gur auch ertragen konnte. Die tiefe Lüge in dieſem Chevalier Rochus vom Weſten wich von der Lüge in dem General Voland außerordentlich ab. General Voland von der Hah nenfeder glaubte an poſitive Möglichkeiten. Seine Phantaſie war ſo ſchöpferiſch, daß er ſogar die Wieder⸗ belebung des Todten für möglich hielt. Er lebte in einem ewigen Flammenſchein und hatte immer Dunkel um ſich, wie ein nächtlicher Adept, der über den Stein ennoch kommen wäre als grade nd Treue ver⸗ n, vom gurn diſe ertheilten, ſeiner innerſten ſchen Jrrthume abweichend vol; lieber Volne nd hatte dale „Verzärtel Gargons i to von Dſſtt er ſeiner ſile te, um ſich f er eben ſo h Rochus ot 1 eneral Vol von der H feiten. Si ar die Wi Er lebte Dun immer über den S V 277 der Weiſen brütet. Er ſuchte eine Tinktur des Lebens auf für die Geſchichte, für die Menſchheit ſelbſt. Er glaubte an Formeln, die wie ein Ecce homo, ein Bild des Gekreuzigten, auf Verdammte wirkten. Er war ein romantiſcher Spätling der Wöllner'ſchen Pe— riode und würde Geiſter citirt haben wie Biſchofs— werder, wenn nicht der Fluch der Lächerlichkeit auf einer ſolchen Nachahmung gelegen hätte, die er origi⸗ neller geſtaltet hätte; denn er hätte ſicher geſagt, wir wiſſen, daß Das Lüge iſt, was wir ſehen, aber un— ſer Schauer, unſre Erwartung, unſer Zittern über das Mögliche iſt keine Lüge und die Dämmerung iſt die eägentliche Poeſte des Geiſtes. Auch ihm ging die Zeit in ganz andrem Lichte auf, als man auf der Rednerbühne und Miniſterbank der Kammern ſagen durfte. Auch ihm war der Glaube der abſoluten Mon⸗ orchie an ihre Unfehlbarkeit eben ſo rococo, wie das kenſtitutionelle Weſen der Neuzeit platt und unroman⸗ iſſch; er wühlte in den Offenbarungen ſeines Jahr⸗ hunderts und lag immer mit dem Ohre auf der Erde, un den Maulwurf des Weltgeiſtes zu hören, immer auszuſpüren, wo er die Wünſchelruthe des Schatzgrä⸗ bers hinlegen ſollte. Eine kurze Zeit hatte man ihn mal in die Lage gebracht, handeln zu ſollen, Ent— ſclüſſe für den nächſten ſchwierigen Augenblick zu —— faſſen. Da war erſt eine entſetzliche Angſt, ein Zit⸗ tern und Zagen über ihn gekommen. Das Regieren in alter Form, bureaukratiſch, war ihm ſonſt eine Ge⸗ ſchmackloſigkeit geweſen. Aber was ſollte er an die Stelle ſetzen? Es ergriff ihn, da er nicht Rath wußte und ſich tief des alten Materials der Regierungskunſt ſchämte, plötzlich die Idee von einem allgemeinen Weltbrand. Tod, Vernichtung, Völkerkampf und aus ihm erſt ein Neues, wie ein Dämon, der ſich aus dem Brande erhebt, jenem Typhon gleich in Calde— ron's wunderthätigem Magus. Großartigkeit der ver⸗ worrenen Anſchauungen ließ ſich dem General nicht abſprechen. Auch bezweifelte man eine gewiſſe Güte des Herzens nicht und fand das Teufliſche, das ihm Viele imputirten, nur in ſeinem Namen, d. h.— ſei⸗ nem Rufe. Er wirkte auf die Vögel der Unbedeutendheit wie der Blick der Schlange. Sie zitterten vor ihm und ſtürzten todt auf ſeine ausgeſtreckte Zunge. Merkwürdig, wie ſolche ſo Ungeheures in ſich ſchließende Naturen ſo ruhig daſitzen, ſo plaudern, ſo erſt Auſtern eſſen, dann Kaffee trinken können! Dank⸗ mar betrachtete darauf den General und den Ritter ſcharf genug. Der Erſte war über funfzig Jahre alt und eher von hoher als mittler Statur, ohne jedoch durch ſeine Größe aufzufallen. Sein Wuchs wal —-—— gſt, ein M das Regiern onſt eine G te er an di t Rath wuß gierungskunf allgemein mpf und ali der ſich al h in Caldd gi General nit geviſſ G che, das 1 d. h.— nbedeutendt reen vor i Zunge. eures in plaudern ennen! 9¹ id den 1 ßig Jühn ohne Puchs keit der ver V breitſchulterig, der Kopf von bedeutendem Umfang. Ein ſtruppiges, faſt negerartiges Haar bedeckte ſeinen Schädel, der ſich durch eine ſehr breite, Verſtand und Combination verrathende Stirn auszeichnete. Die Naſe, die Backenknochen kräftig. Ueber der Oberlippe ſtand ein kleiner Bart, der mit dem hie und da etwas grauen Haupthaare durch ſeine penetrante Schwärze im Widerſpruche ſtand und ohne Zweifel mit dem beſten militäriſchen Hülfsmittel gefärbt war. Die Hautfarbe des Geſichts war eher grau als weiß. Ein gelblicher Schimmer fuhr über die faſt erſtarrten und todten Züge, die ſich immer gleich blieben, immer eine ſcheinbare innere Regungsloſigkeit bezeichneten, in Wahrheit aber nur von der großartigſten Selbſtbeherr⸗ ſchung und einer wühlenden, lauernden Beobachtung herrührten. Die Augen, die aus kleinen Höhlen fun⸗ kelnde Blitze ſchoſſen, widerſprachen der kirchhofähn⸗ lichen Ruhe dieſes Antlitzes. Der Mund bewegte ſich, wenn der General ſprach, nur mäßig. Es ſchien ihm unbequem, daß die Lippen die Reſerve dieſer Geſichts⸗ züge ſtören ſollten. Selbſt wenn der General etwas Heitres äußerte, bewegten ſich die Flächen um die Mundwinkel nicht im Mindeſten in jene mephiſtophe— liſchen Falten hinüber, die oft die gutmüthigſten Men⸗ ſchen ſatyriſcher erſcheinen laſſen, als ihr Herz denkt. Man kann nicht ſagen, daß der General nur etwas Unheimliches hatte. Im Gegentheil flößte ſein beob⸗ achtendes Weſen Vertrauen ein, er war zuvorkom⸗ mend, ohne zudringlich zu erſcheinen; er wollte ge⸗ winnen und gewann oft. Nur in den Augen lag eine unheimliche Glut und das hochaufgebäumte wirre Haar gab ihm etwas Aengſtliches. Er bewegte ſich in der Uniform, die neu und ſehr geſchmackvoll war, mit etwas beklommener Haltung. Man ſah ihm an, daß er nur durch Zufall, nicht aus beſondrer Leiden⸗ ſchaft Militär war und daß er ſich im Frack, den er auf ſeinen vielen offnen und geheimen Miſſionen trug, freier bewegte. In bürgerlicher Kleidung mußte General Voland noch einen bedeutenderen Eindruck machen. Dankmar, Louis und Rudhard wußten, daß der General, der zufälligerweiſe Katholik war, in dem Rufe ſtand, der Hierarchie Vorſchub zu leiſten und eine große Vorliebe für das Mittelalter zu hegen. Er war der Erzieher des jungen Königs geweſen und hatte wohl verſtanden, ihm jene träumeriſche Richtung und jene Neigung zu aparten Liebhabereien einzuflö⸗ ßen, durch welche man Zeitlebens einen einmal auf ſo hohe Herrſchaften errungenen Einfluß auch dauernd behaupten kann. Der König ſammelte ſchon als Kind nur etwad ſein beob⸗ zuvorkom⸗ wollte ge⸗ en lag eine umte wirre ewegte ſich ikvoll wan, ih ihm an, rer Leiden⸗ ac, den et jionen trug, ung mußte n Eindrut n, daß de t, in dem leiſten und hegen. b weſen un ze Richtunt en einzuſt mmal auff ch dauer n als Fn Käfer und Schmetterlinge, als Jüngling Siegel und Wappen, als Fürſt Münzen, Waffen, Urkunden, Manuſcripte, Glasmalereien. Gab es keine politi⸗ ſchen Meinungen auszutauſchen, ſo tauſchte man alte Siegel und Gemälde aus. Jedes Miniſterium, das mit Verzweiflung ſeine Maßnahmen von dem Spiritus familiaris der„kleinen Cirkel“ durchkreuzt ſah, war in ſeinen Vorwürfen und Anklagen dadurch widerlegt, daß der General Voland mit dem Könige ja nur über wiſſenſchaftliche und künſtleriſche Zwecke korreſpondire. Schon oft war es geſchehen, daß eine Berechnung des Generals nicht zutraf, ſeine politiſchen Rathſchläge Mistrauen erregten; eine ſtreng lutheriſche Partei, die immer daran Anſtoß nahm, daß man einen Katholiken ſo nahe an die Perſon des Monar— chen herantreten ließ, unterließ niemals, jede Blöße, die ſich der allweiſe und allberechnende Rathgeber doch oft genug gab, ſchonungslos aufzudecken(und in frü⸗ heren Jahren that dies Niemand rückſichtsloſer als Propſt Gelbſattel), allein der General war nicht zu entfernen; denn wer durfte dem Fürſten zumuthen, ſeine kleinen Neigungen und harmloſen Studien auf⸗ zugeben? Voland reiſte auch wohl, wenn ihm irgend eine Berechnung misglückt war, auf irgend einen au⸗ ßerordentlichen Botſchafterpoſten oder mit einem militäri⸗ ſchen Auftrag, den man ihm nach Außen hin gab, allein wer konnte hindern, daß er ein altes Brevia⸗ rium fand mit ſchönen Miniaturen, das er der Kö⸗ nigin ſchickte oder an den König ſelbſt ein paar alter— thümliche eiſerne Sporen, deren der König enicht ge⸗ nug ſammeln konnte? So erhielt ſich immer der ver⸗ traulichſte Verkehr. General Voland war niemals abgenutzt und bei allen ſeinen geſcheiterten Plänen und Rathſchlägen immer neu, immer intereſſant, im⸗ mer dem Hofe nach tiefſter Neigung willkommen. Ritter Rochus vom Weſten, eine glatte Salonfi⸗ gur, mit reizbar beweglichen Mienen, ſtechenden Au⸗ gen verſchwand neben dem General, der ſeit einiger Zeit über den allgemeinen Weltbrand grübelte. Man konnte beide berühmte Männer ſo unterſcheiden: Jeder glaubte an den Untergang aller Dinge; aber Voland durch Feuer und Ritter Rochus durch Waſſer. Der myſtiſche Krieger war in dieſer Art Vulkaniſt, der ſkeptiſche Diplomat Neptuniſt. Après moi Penfer! ſagte der Eine. Apreès moi le déluge! der Andre. Die genauere Angabe, in wiefern Dankmar hoffen könne, von der Stadt eine ſo gewaltige Summe, wie Voland eben geſagt, zu gewinnen, führte den General gleich mitten auf ein Terrain, wo er heimiſch war und wo ihm Niemand gleichkommen konnte. Er hatte n hin gal, tes Brevia⸗ er der Ko⸗ paar alter⸗ g kricht ge⸗ ger der ver⸗ zar niemals ten Plänn eſſant, im⸗ mmen. te Salonfr⸗ henden Au⸗ ſeit einige zäte. Nm aniſt, da oi pentel Andre. tmar hoff zumme, n en Genan eimiſch w E ha die genaueſte Kenntniß über den Dyſtra ſo überra⸗ ſchenden Wildungen'ſchen Prozeß und ſchien ſogar die Akten zu kennen, ohne dies jedoch einzugeſtehen. Er beſaß die Gabe einer fließenden Darſtellung und war mit einem milden wohltönenden Organe ausgeſtattet. Man hörte ihn gern reden. Er ſprach ohne Leiden⸗ ſchaft, immer anregend und aus der Fülle der That⸗ ſachen heraus, die ihm wie Keinem zu Gebote ſtan— den. Er ſprach ſogleich über die Templerei und die Johanniter wie ein Eingeweihter und veranlaßte ſei⸗ nen Jugendfreund Otto von Dyſtra, mit dem er zu⸗ ſammen in der Schweiz(nicht bei den Jeſuiten, ſon⸗ dern in Hofwyl bei Fellenberg) erzogen war, zu der Frage: So wäre wol auch bei dem königlichen Schloſſe Buchau im Weſten die alte Ruine, der Tempelſtein genannt, im Zuſammenhang mit... Der Tempelſtein iſt eine alte Kommende des im „Jahre 1310 in Deutſchland de jure, aber nicht de facto aufgehobenen Tempelherrenordens, begann der General ſogleich im ſicherſten Vollgefühl der Thatſa— cheu. Jener Tempelſtein diente mehr der ritterlichen Beſtimmung des Ordens, während die an ſeinem Rücken gelegenen Trümmer einer Abtei angehörten, an die ſich die kirchliche Beſtimmung deſſelben ſchloß. Der Tempelſtein lieferte die zahlreichſten Contingente nach dem gelobten Lande und entſprach in dem im Ganzen ſchon damals geiſtig trägen weſtlichen Theile Deutſch— lands noch am Meiſten der Beſtimmung der Tempel— höfe, nämlich nur Werbeplätze zu ſein für die Kreuz⸗ züge. Da ſollte die Trommel mit der Predigt, das Exercitium auf dem Waffenplatz mit der Meſſe ab⸗ wechſeln... Der Ritter Rochus lachte über die beginnende Salbung des Vortrags und die Fährte der Ideen, in die hier der General gerieth... Ganz ſo wie manche fromme Generäle es jetzt bei Euch hier halten wollen, bemerkte Otto von Dyſtra zu nicht geringem Erſtaunen des fein lächelnden Dank⸗ mar, der entweder bei ihrem ſonſt ſo freundlichen Wirthe eine offenbare ſatyriſche Abſicht auf den Ge— neral vorausſetzte oder annehmen mußte, daß Otto von Dyſtra die gegenwärtige ideelle Stellung ſeines Jugendfreundes nicht kannte... Vom Beten, bemerkte Rudhard, mag damals doch wol nicht viel geworden ſein, ſoviel Breviere die Rit— ter auch in ihrem Sattelzeuge verſteckt haben mochten. Die Templer ſind als übermüthige Kumpane im ganzen Mittelalter verſchrieen geweſen und das Sprichwort ging überall: Er trinkt, wie ein Templer! gente nach n Ganzen Deutſch⸗ rTempel⸗ die Kreuz digt, das Meſſe ab⸗ eginnende zdeen, in es jett bei on Dyſtra den Dank⸗ eundlichen den Ge⸗ daß Oin ng ſeines nals doc die Rit mochten in gazen Sprichwon — ²5 Dieſe rationell⸗kritiſche Bemerkung ſtreifte natür⸗ lich den Duft ſehr von den Erinnerungen ab, auf die General Voland mit beſondrer Vorliebe einging. Ausnahmen! ſagte er, den dunkelſchwarzen Kaffee ſchlürfend. Späterer Verfall! Unter den Johannitern ſchlummerte leider der große welthiſtoriſche Zweck die⸗ ſes Ordens immer mehr ein und zur Zeit der Refor— mation waren ſeine Beſitzungen nur eine Beute der Habgier und Gewiſſenloſigkeit von Seiten der untreuen Ritter ſelbſt. Ihr Ahn, Hugo von Wildungen nur, blieb mannhaft und ſtät... Wir ſind hier in der Stadt Rom, bemerkte Dyſtra, der die Genealogie der Wildungen'ſchen Anfprüche nun kannte. Stocken Sie nicht, Voland! Man darf hier Das ſcheinen, was man iſt. Die Weine des Hotels ſchienen. auf ein gewiſſes Negligé der Verhältniſſe und Aeußerungen gewirkt zu haben. Doch nicht Jeſuit? ſagte Rudhard gereizt. Ich gönne unſern Freunden Dankmar und Siegbert alle Schätze dieſer alten Verlaſſenſchaft aus dumpfen und geiſtesunfreien Zeiten, aber im Grunde ſtammen Ihre Anſprüche von der jeſuitiſchen Pfiffigkeit her, daß Rom ſagte: Hugo von Wildungen hat mannhaft und ſtät gehandelt, wie der Herr General ſagen, allein die Klugheit gebeut, in partibus infidelium, unter den Ketzern, feſten Fuß zu behalten. Wir dispenſiren ihn von dem Ordensgelübde perſönlichen Nichtsbeſitzes und geſtatten ihm, ſein Theil zu nehmen, wie die andern Räuber auch. Ritter Rochus, der im Cigarrendampf ſich etwas unbehaglich fühlte, horchte auf. Dieſer Erguß ſprach ſeine Anſicht aus, er kam ihm nur etwas zu ſcharf ſtyliſirt vor. Er war ſolcher Derbheiten im Urtheilen entwöhnt und hatte ſie früher nur als Gelehrter oder in Korreſpondenzen an Zeitſchriften gekannt. Ich bezweifle, ſagte General Voland mit der ihm eignen Ruhe, daß dieſe Licenz des päpſtlichen Stuhles eine jeſuitiſche Einflüſterung war. Ich bezweifle es nicht, ſagte Rudhard mit Nach— druck; aber der General erwiderte: Mein Grund iſt der, daß jene Licenz des Kom⸗ thurs Hugo von Wildungen aus dem Jahre 1539 ſtammt, die Bulle aber, die den Orden der Jeſuiten beſtätigte, vom Jahre 1540 herrührt, dem 27. Sep⸗ tember 1540. Dankmar ſtaunte theils über die Bekanntſchaft mit ſeinen Angelegenheiten, theils über des Generals viel⸗ ſeitigſte Kenntniſſe, und Dyſtra mußte über dieſe unter den penſiren ihn Leſitzes und die andern f ſich etwas erguß ſprach as zu ſcharf in Urtheilen lehrter oder l. mit det ihm hen Stuhles mit Nach z des Kon zaſte 1ö9 kt Jeſuite n N. Sch untſchaft 9 enerals v über N treffende Widerlegung lachen. Er bat den Pfarrer, ſich mit dem General, der ſehr wenig gegeſſen hatte, an dem Brete mit Deſſertweinen zu verſöhnen, das eben Spartakus voll kleiner geſchliffener Gläſer ſervirte und damit den ganzen Beifall des Ritters Rochus fand, der über Weine und Süßigkeiten ſo ſcharfſinnig ſpre⸗ chen konnte wie ein Philolog über verſchiedene Lesarten. Rudhard war aber in ſeinem Fahrwaſſer. In ſol— chen Ideengängen gab er ſich nicht zufrieden und ſtieß mit Niemand gleich verſöhnt an. Er behauptete, es hätte Jeſuiten gegeben, lange vor der förmlichen Anerkennung des Ordens. Der Jeſuitengeiſt, ſagte er ſogar mit Paradorie, iſt älter als Loyola. Hildebrand und In⸗ nocenz waren ſchon Jeſuiten... Wenn Sie es ſo meinen, Herr Pfarrer, bemerkte der Chevalier vom Weſten, ſo haben Sie Recht. Ge— ben Sie nach, Herr General! Bei einem Glaſe ſo vortrefflichen Curagao kann man die Jeſuiten nur deshalb leben laſſen, weil ſie ſich um die Bodenkultur Amerikas verdient machten. Der General war aber in ſeinem Vortheil. Sieg⸗ reich wie ein Wörterbuch, majeſtätiſch wie ein Con— verſations⸗Lexikon, äußerte er Folgendes: Loyola nahm die Idee der geiſtlichen Ritterorden * wieder auf, aber in andrer Geſtalt. Er wollte mit den Waffen des Geiſtes kämpfen. Der Geiſt jener Zeiten war der Glaube. Loyola, ſelbſt Soldat, von unbeſtrittner Tapferkeit, iſt— ich theile ſeinen Fana— tismus ſonſt nicht, ob ich gleich Katholik bin— Loyola iſt deshalb ein ſo merkwürdiger Menſch, weil er im Stande war, als Krieger die Macht der gei— ſtigen Waffen anzuerkennen. Es verräth viel Einſicht, daß er fühlte, wie ſehr das Ritterthum der Waffen im Abnehmen war. Er ahnte ſchon das Schickſal des Don Quixote, den Cervantes zum letzten Ritter des Mittelalters machte, und zog für ſich ganzzallein nach dem gelobten Lande, um die Türken nicht mit dem Schwerte, ſondern durch den Glauben zu bekehren. Er war ein Kreuzfahrer auf eigne Hand. Als er ſich natürlich überzeugt hatte, daß es ihm unmöglich war, einen Türken zu bekehren(aus Rückſicht auf unſre Bedienung, ſagen Sie wol nicht: Einen Mohren weiß zu waſchen? ſchaltete der Chevalier unruhig ein und ſetzte ſeinen Curacao auf den Tiſchazurück), kehrte Ignaz nach Europa zurück und beſchloß, das Kreuz unter den Chriſten ſelbſt zu predigen. Die inzwiſchen eingetretene Reformation bot ihm für dieſe eigenthüm⸗ liche Auffaſſung der Kreuzzüge— ſpäter haben die Freimaurer ſehr geiſtlos dieſes nach innen gewandte r wollte mi Geiſt jene Soldat, von ſeinen Fana holik bin— Menſch, wei acht der gei viel Einſich der Waffu Schickſal dei n Ritter der nz'allein nal icht mit der zu bekehren . Als er ſ möglich we cht auf unſ Mohren we hig ein un rüch, d , das Fn ji inzwiſt e eigent ir hata nen genn 289 — Tempelbauen und Tempelpflegen nachgeäfft— bot ihm, ſag' ich.... Rudhard biß ſich auf die Lippen und räuſperte ſich. Ich ſage, fuhr der General fort, ſpäter bot ihm die Reformation ein günſtiges Schlachtfeld und wie⸗ derum ehrte es den Krieger, daß er geiſtige Waffen vorzog— Gift und Dolch! ſchaltete Rudhard heftig ein. Voland ließ ſich nicht aus ſeiner Ruhe bringen. Nennen Sie Das Gift und Dolch, ſagte er, daß Ignaz, ein drei und dreißig Jahre alter Soldat, in Barcelona ſich in eine kleine Knabenſchule ſetzte, un⸗ ter Kindern ein Fibelſchütz wurde und lateiniſch lernen wollte? Ignaz zog nach Alcala und Salamanca als alter bemooſter Burſch, in der einen Hand den heiligen Auguſtinus, in der andern ſeinen alten Hieber, der ihm noch manche ſchlimme Händel zuzog und manchen Rückfall in die alte Landsknechtsſitte zu verantworten gab. Ueberall zog der alte lateiniſche Knabe ein con- silium abeundi und wanderte mit ein paar Commili⸗ tonen nach Paris, wo er endlich mit den Wiſſenſchaf— ten Ernſt machen mußte und in ſeinen harten, des Denkens ungewohnten Kopf wenigſtens ſo viel Logik und Scholaſtik hineinbrachte, daß man ihm bei den Jakobinern die Magiſterwürde ertheilte. Die Ritter vom Geiſten VIII 19 Bei den Jakobinern? bemerkte der Ritter Rochus künſtlich erſchreckend. Er war aus ſeinen Depeſchen und Zeitungsnachrichten her gewohnt, mit dieſem Na— men jede Debatte abzuſchließen. Bei den Jakobinern, General? Schlimme Vorbedeutung! Ignaz, fuhr aber Voland unbekümmert fort, Ignaz behielt ſeinen Zweck, einen neuen geiſtlichen Ritteror⸗ den, einen Orden des damaligen Geiſtes, zu ſtiften, im Auge, fand jedoch üble Aufnahme bei den bequemen Profeſſoren der Sorbonne, die lieber in Ruhe ihre Pfründen verzehrten und die Ketzer mit Traktaten wi⸗ derlegen wollten. Man drohte ihm oft mit Ruthen⸗ ſtreichen. Dennoch fand er Anhänger. Nicht viel. Ihrer fünf bis ſechs. Fünf bis ſechs? fuhr faſt unwillkürlich Dankmar auf, der geſpannt zuhörte und den bekannten That⸗ ſachen, die er von dieſer Seite aus ſonſt nie beurtheilt hatte, ein neues Licht abgewann. Nicht mehr, Herr Wildungen! erzaͤhlte der Ge⸗ neral. Mit dieſen wenigen Männern verabredete ſich der alte lateiniſche Haudegen zu einem Bunde, der ſpäter ſo allmächtig wuchs. Sie gingen aus Paris in ein entlegenes Kloſter, ſtiegen dort in unterirdiſche Kapellen, nahmen das Abendmahl und ſchwuren, ent⸗ weder nach Jeruſalem zu wallfahrten oder nach Rom, 2₰ ditter Rochus en Depeſchen it dieſem N Jakobinern tt fort, Igna chen Ritteror s, zu ſtiften den bequemen n Nuhe ihr Traktaten wi wit Ruthen Nicht vie lich Dankma annten That je beutthel nie 4 hlte der 6 Y rabredete ſt Bunde,”O n aus Pan V tunteritdſt chwuren, er nach R V um ſich dem heiligen Vater zu Füßen zu werfen und ihre Dienſte ihm anzubieten. Sie zogen die kürzere Reiſe nach Rom vor, be⸗ merkte Rudhard nicht ohne Bitterkeit. Nicht ohne anderswo erſt jene Anerkennung zu ver⸗ dienen, ſagte Voland, die ſie ſpäter in Rom allerdings fanden. Sie gingen nach Venedig und andern Städten Oberitaliens, wo ſie predigten, eine Art innerer Miſ⸗ ſion trieben und von Viſionen ſprachen, die ihnen ge— Man hat dieſe Viſionen für Lügen Ich glaube wohl, daß ſich die jungen ſpa⸗ niſchen und franzöſiſchen Schwärmer ſelbſt belogen. Aber ich weiß nicht, ob es nicht aufrichtiger, jedenfalls poetiſcher iſt zu ſagen: Ich ſah die Mutter Gottes und hörte ihre Worte, die mir Ermunterung zuſpra⸗ chen, mich im Dulden ſtärkten, mich mit der künftigen Märtyrerkrone tröſteten, oder, wie dies bei den Frei⸗ maurern der Fall iſt, mit geheimnißvollem Grauen und eleuſiniſchen Enthüllungen zu locken und das Nichtsſagende, oft Triviale in ein Gewand allegori— ſcher Bedeutſamkeit zu hüllen. Das Auge ſieht den Himmel offen! So ſpricht der Menſch vermöge ſeiner worden wären. erklärt. höhern Inſpiration und ſeiner Ahnung eines großen Jenſeits. Aber das Auge ſieht einen Vorhang offen, eine Gardine, einen Lappen offen— welche Thorheit! 19* Dieſe Aeußerung verrieth eine innere glühende Schwärmerei, die ſich hinter Kälte und weltmänniſcher Glätte verbarg. Wie kommen Sie zu dieſer Polemik gegen die Frei⸗ maurer? fragte der Ritter Rochus. Die Freimaurer haben ſich in jüngſter wilder Zeit außerordentlich bewährt! Und ich fürchte faſt, ſagte der Wirth, der ſeine kurzen Beine übereinanderſchlug und in einer Sophaecke faſt verſchwand, Rudhard iſt ſelbſt ein Freimaurer... Ich muß in dieſem Falle um Entſchuldigung bit⸗ ten, bemerkte angeregt der General. Ich bewege mich auf dieſem ganzen Gebiete religiöſer Wirren und Streitfragen nur als Dilettant und Geſchichtsfreund. Allein das Kapitel von den geheimen Geſellſchaften führt unwillkürlich auf Vergleiche und ich weiß den Orden der Jeſuiten mit keiner andern hiſtoriſchen Er⸗ ſcheinung in Analogie zu bringen, als daß ich ihn an die alten geiſtlichen Ritterorden anknüpfte und endlich andeutete, wie der letzte Verſuch, die Templerei wie⸗ der in Schwung zu bringen, eben die Freimaurerei iſt. Laſſen Sie uns alle Ausartungen des Jeſuitenordens bei Seite ſtellen, vergleichen Sie, was dieſer Orden, der, als ihn der Papſt beſtätigte, zehn, ſage zehn Mitglieder zählte und was die Freimaurerei bewirkte! ere glühend eltmänniſche egen die Fii le Freimaun ußerordentlt er ſeine kun pophaecke fo aurer... uldigung di bewege mie Wirren un ſchichtsfreun Geſellſchaf ich weiß d ſſtorſchen d aß ich ihn! e und end emplerei m eimaufeti geſuitenon dieſer D. in, ſage ewitt rerei b 293. Ich bin, nahm Rudhard jetzt das Wort, kein lei⸗ denſchaftlicher Maurer. In Rußland ſind alle gehei⸗ men Geſellſchaften verboten und mit Recht. Die Menſchheit ſoll in offner Form leben und ihr Licht da leuchten laſſen, wo es die Finſterniß bedarf. Sie hören daraus nochmals, daß ich kein leidenſchaftlicher Maurer bin. Aber Sie ſind ungerecht, Herr General! Die Jeſuiten hatten in ihrer Art trefflich gewirkt. Der Kreuzzug gegen die Ketzer war mit Blut, Scheiter— haufen, Folterqualen bezeichnet. Ganze Länder fielen in die Nacht des Irrthums, in die Fallſtricke Roms zurück. Die Rückbekehrung hat z. B. Böhmen zu einem düſtern tückiſchen Czechenlande gemacht, wäh⸗ rend es ein freiblickendes, edles Huſſitenvolk ſein konnte. Der jeſuitiſche Geiſt pflanzte ſich in die Kir— chenverbeſſerung über. Pfaffenthum überall! Nirgend ein freier Lichtſtrahl mehr und keine Tugend außer im chriſtlichen Gewande der Demuth. Da trat die Frei⸗ maurerei auf. Sie kam von England, dem Lande der klaren Begriffe. Ich will nicht leugnen, daß ſie eine Frucht jenes Freigeiſtes war, der damals von England ſich auf den Kontinent verpflanzte. Man wollte die Lehren von Bolingbroke und Locke zu einer neuen Religion erheben, man fand eine Symbolik, die man von äußern Zufälligkeiten hernahm, von einer 22 Art von Reſſource oder Caſino und übertrug in ein heitres geſelliges Zuſammenleben allegoriſche Wahr⸗ heiten. Wir ſind in der That an Bruderliebe nicht ſo geſegnet in unſerm Daſein, daß wir nicht eine ſyſte⸗ matiſche Beförderung derſelben gern begrüßen ſollten. Ich verwerfe jeden alten Urſprung der Maurerei. Es iſt Thorheit, ſie an die Tempelherren anzuknüpfen. Es iſt ſehr fraglich, ob die Baugilden des Mittelal⸗ ters irgend etwas mit ihr gemein haben. Allein wenn ſie auch nur aus dem veredelten Prinzipe der Geſel⸗ ligkeit entſpringt und ſich mit affektirtem Ernſte ſpie⸗ lende Formen gab, die ſie ſelbſt bei ihrer erſten Stif⸗ tung belächelte und die nur ſpäter wie Geheimniſſe erfaßt und fortgepflanzt wurden, ſo hat ſie Segens— reiches gewirkt. Ich will von den geſpendeten Wohl⸗ thaten und beförderten Humanitätszwecken nicht reden. Ich will nur darauf hindeuten, was ſie in der Ge⸗ ſchichte der Kultur und der freien Geiſtesentwickelung geweſen iſt.... Ja, rief Ritter Rochus vom Weſten plötzlich wie elektriſirt und von Eiferſucht gegen den General an⸗ geregt. Ja, ich bin ſicher kein Maurer. Aber beſten General, die Logik, die geſunde Vernunft hat die Ma⸗ connerie befördert. Sie hat den Menſchen als Men⸗ ſchen erfaßt und ihn vom Gängelbande der Konfeſſion rtrug in ä iſche Waht liebe nicht t ͤt eine ſyſte üßen ſollten Taurerei. E anzuknüpfe des Mittelal Allein wenn e der Geſel Ernſte ſpi elſten Sti Geheimniſ ſie Segene Mg ndeten V nnicht n jin der 6 gentvickelu 1 plötzlich General Aber bdl hat de en als I der Konffäſ und der Vorurtheile der Stände befreien helfen. Sie arbeitete allerdings der franzöſiſchen Revolution, aber der guten und lobenswerthen Phaſe ihrer Entwickelung vor. Sie hat das Gemeingefühl der Geiſter geſtärkt, die die Aufklärung fördern wollten und ohne die Un⸗ terſtützung der Logen allein geſtanden hätten und bald verzweifelt wären. Die Logen waren eine Ergänzung der hiſtoriſchen Geſellſchaft, wie ſie einmal geworden iſt und ohne blutigen Umſturz, den wir verabſcheuen, nicht geändert werden kann. Sind die größten Gei— ſter der Literatur ohne den Zuſammenhang mit den Logen zu denken? Leſſing, Herder, Wieland, Goethe waren Logenbrüder. Der hohe Geiſt, der in ihnen wirkt, pflanzte ſich durch die geheime Verbrüderung gleichgeſtimmter Seelen raſcher fort als auf der freien Arena des Marktgewühles, wo die Kritik und der Neid der Schulen ihr Wirken begeiferte... Der General blickte lächelnd auf den Ritter, in dem ſich der alte, vorurtheilsloſe Gelehrte regte. Alle ſtaunten, Niemand mehr als Dankmar, der, ein ein⸗ facher Referendar, ſo in die Lage kam, einen berühmten Diplomaten einmal friſch von der Leber weg reden zu hören. Man ſah die Wirkung der Tafel, der Natür⸗ lichkeit des Wirthes. Die Reſerve war aufgehoben. Es regte ſich in dem Geſandten„wie der Wein im Faſſe, wenn die Reben blühen.“ Er vergaß, welche That⸗ ſachen er in der Welt zu vertheidigen hatte und welche Grundſätze ihm bezahlt wurden. Dyſtra hielt es ſeiner Wirthspflicht für angemeſſen, den Ernſt dieſer Unterhaltung, die für Louis und Dankmar grade in den Gegenſätzen ſo ſpannend war, etwas zu mildern und ſagte: Ich verſichre Sie, meine Herren, wenn ich den Tempelſtein accaparire— ich hoffe, Freund Voland, Sie verwenden Ihren Einfluß, daß mir dies Vorha⸗ ben gelingt— ſo werd' ich dort weder einen Jeſuiten⸗ ſitz noch eine Freimaurerloge etabliren, ſondern auf die alten Zeiten zurückkehren und mich an das Sprich— wort halten, das Rudhard vorhin erwähnte: Er trinkt wie ein Templer! Man lächelte.... Dieſe alten Templer waren viel vernünftigere Per⸗ ſonen als Eure Loyoliten und Eure Salomoniſchen Meiſter vom Stuhle! fuhr Dyſtra fort. Sie liebten die Freude, den Wein, den Geſang, die Weiber! Sie bauten ſich Werbeplätze für den Sarazenenkrieg, exercirten die Mannſchaften und blieben zuletzt zu Hauſe! Sie wähl⸗ ten ſich die beſten Ausſichten zu ihren Burgen und Abteien. Sie hatten Geſchmack für natürliche Veduten. Die Sünden, die ſie als Ritter begingen, konnten ſie welche That und welche rangemeſeen Louis und dannend wan genn ich dei und Voland dies Vorha nen Jeſuiten ſondern al n das Spric nte: Er trint ünftigere Pe zalomoniſch die liebten Sie baute erereiten el Sie vi Burgen! iich Vedu n, bonnie b 1 ſich als Prieſter gleich ſelbſt wieder vergeben. Ich finde, daß die Wiederherſtellung dieſes Ordens im uralten Sinne mir eine liebe Aufgabe auf dem Tem— pelſtein ſein könnte. Ich baue die Ruine aus, trotz Rheinſtein und Stolzenfels. Die Erker, Thürmchen, gezackten Mauern behalt' ich bei. Der Burggarten mit Springbrunnen, die Altanen, Söller, das Alles waren ſehr amüſante Ideen des Mittelalters. Nur in dem Burgverließe würde ich vorziehen, meinen Champagner kühl und petillant zu erhalten. Die ſtei⸗ nernen Fußböden würd' ich mit wärmern Parquets vertauſchen. Die Oefen würd' ich mir in neueſter Konſtruktion ausbitten und vielleicht, um mich ganz mit dem Mittelalter zu befreunden, eine Petersburger Luftheizung verſuchen. Hinten auf der Abtei mach' ich eine bequeme Neuſiedelei mit engliſchem Comfort. Eine Bibliothek ſoll da ſein für Sie Alle! Alle Kir— chenväter, alle Streitſchriften der Jeſuiten; aber auch alle Werke Voltaire's, Hume's, Locke's und wiederum alle Predigten Boſſuet's. Ich wette, Freund Voland lieſt da nicht einmal die Kirchenväter! Ebenſowenig, wie ich Ihnen geſtehe, lieber Rochus, daß ich die Maurerreden in den deutſchen Klaſſikern... immer überſprungen habe. Mit einem ganz natürlichen Inſtinkt, lieber Dyſtra, nahm der General den Gegenſtand wieder auf. Sie haben wahrſcheinlich immer gefühlt, daß dieſe Mau— rerreden in der That Dasjenige, was wir an Herder und Goethe bewundern, nicht ausdrücken. Wahrlich, durch dieſe Reden iſt Das nicht hindurchgegangen, was an unſern deutſchen Klaſſikern ſo groß, ſo be⸗ fruchtend war. Ich will nicht von der romantiſchen Schule ſprechen und den Nachdruck darauf legen, daß man ſich Tieck, Schlegel, Brentano, Novalis, Schen⸗ kendorf nicht als Maurer denken kann. Aber auch Jean Paul, Herder, Goethe! Jean Paul, der Herr⸗ liche, Geiſtesreiche, trug in Alles ſeine bedeutſame, kindliche Auslegung hinein. Herder iſt nur befruch⸗ tend und anregend geweſen in den Beſtrebungen, die ihn uns als den Erwecker der verſtummten Völker⸗ ſtimmen zeigen. Goethe vollends als Maurer hat ſich im Großkophtha ſelbſt perſiflirt, wie er ſich im zweiten Theil des Fauſt als Miniſter perſiflirte. Der große allgewaltige Olympier, den wir in ihm bewundern, hat mit der Loge nichts gemein. Man zeigte mir einmal in Weimar Goethe's Schurzfell; es hat mich nicht erbaut. Ebenſowenig, bemerkte Rudhard, wie mich der Franziskanerſtrick erbauen würde, den Zacharias Wer⸗ ner in Wien trug. der auf. E. jdieſe Mau ir an Hende n. Wahrlit urchgegangen groß, ſo b „romantiſcher uf legen, i valis, Schu Aber au al, der Henl nur befruc rebungen, umten Völt Mauret wie er jer perſiftu wit in i emein. N Schurfal wie mich— „ M achariae 2 bedeutſam Dieſe Entgegnungen waren wieder herausfordernd. Der General warf einen ſcharfen Blick auf den Ritter, der ſich inzwiſchen beſonnen zu haben ſchien und ſeiner öffentlichen Funktionen eingedenk wurde. Rochus von Weſten, der mit Voltaire'ſchem Esprit Zacharias Wer⸗ ner'ſche Zeitauffaſſung vertreten mußte, ſchwieg... Sehen Sie, wandte ſich Dyſtra jetzt zu Louis Ar— mand, Das ſind die Gegenſätze, die uns dies ſonder⸗ bare Deutſchland ſo verworren erſcheinen laſſen! Ich bin durch die halbe Welt gereiſt, habe die Pyramiden Aegyptens und die heißen Fontainen in Island ge⸗ ſehen, überall ſtreitet man ſich, aber nirgends ſo viel wie in Deutſchland und nirgends ſpukt noch das tolle Ritter⸗ und Mönchsweſen wie bei uns, während unſre ganze Tournierfähigkeit jetzt kaum noch darin beſteht, daß wir im Leſekaſino. wiſſen Sie, Rochus, worin wir uns im Kaſino als die letzten Ritter erſcheinen müſſen? Man horchte geſpannt... Unſer letztes Ritterthum beſteht in dem Reſt der Kunſt des Ringelſtechens, vermöge deſſen wir die Journale, die wir geleſen haben, wieder an die Haken hängen, von wo wir ſie herabgenommen. Meine Ahnen fönnen nicht künſtlicher in den Karrouſſels nach dem Ring geſtochen haben, wie ich jedesmal angeln muß, um die Times wieder an ihren Riegel Nr. 1 zu hängen. — 1 1 1 300 Während man dieſem Einfall applaudirte, fragte Dyſtra Louis: Sie ſind aus Lyon gebürtig? Aus Lyon, mein Herr! Sie ſprechen vortrefflich deutſch. Es iſt die Sprache meiner nächſten Verwandten Louis litt unter der Vorſtellung, daß Otto von Dyſtra vielleicht nicht wußte, daß er die Ehre ſeiner Einladung einem in der Geſellſchaft ſo tiefſtehenden Arbeiter hatte zu Theil werden laſſen. Rudhard, Dankmar, ſelbſt Voland fürchteten dieſelbe Aufklä⸗ rung. Sie wußten wohl, daß Dyſtra keine Vorur⸗ theile hegte, dennoch würde er ſeiner Gäſte wegen ſich vielleicht betroffen gezeigt haben. Deshalb ergriff Dankmar ſogleich das Wort und lenkte das Geſpräch auf Egon, den Beſchützer Armand's, hinüber. Als dieſer Name ausgeſprochen wurde, wandte General Voland ſeine durchdringenden Augen zu Dank⸗ mar und hörte mit Spannung, was über den jetzt die Geſchicke des Landes lenkenden jungen Fürſten würde geſprochen werden. Rudhard ertheilte aber dem neuen Premierminiſter ſogleich die entſchiedenſten Lobſprüche. Er beſitze ganz jene zähe Ausdauer, ſagte er, ohne welche man jetzt nicht Politik treiben könne. Er hätte der Hydra der Revolution auf den Nacken getreten, udirte, frag Verwandte aß Otto dl ee Ehre ſeine tiefſtehende Rudhan ſelbe Auffkl „ Arn keine Vorut Gäſte wege deshalb eig das Geſpt jnüber. urde, wan ugen zll Dr den jebt irſen ni er dem nen hiſſtoriſche Luft zu athmen. Wo genöſſe man dieſe 301 er werde es bändigen, das Ungethüm, das in ſeinen Verheißungen die Sprache der Engel rede, in Wahr⸗ heit aber eine blutige Wolfsnatur wäre. O wie ſtimmten die beiden vornehmen Gäſte bei! Wie überſchüttete man Rudhard mit Dank, mit Be⸗ wunderung! Aber gerade in dem Uebermaaß lag der Mangel an Aufrichtigkeit.. Man ſtockte ſogleich. Man ließ Rudhard reden, preiſen. Man ſchwieg, bis Ge⸗ neral Voland zu Louis ſagte: In Lyon machten Sie des Fürſten Bekanntſchaft? Wie ſchön dies Lyon! Wie eigenthümliche hiſtoriſche Luft weht in jenen ſüdlichen Abdachungen, die von da mit den großen Strömen ſich zum Meere hinunter— ſenken! Lyon iſt eine der älteſten Städte Frankreichs. Der Zuſammenfluß der Saone und der Rhone bietet dem Auge ein gefälliges Schauſpiel. Noch ſind hier die Ueberbleibſel der alten römiſchen Niederlaſſungen ſichtbar. Mancher römiſche Kaiſer hat in Lyon ge⸗ wohnt, manches chriſtliche Märtyrerblut iſt dort ge⸗ floſſen, wofür denn freilich dieſe Stadt die Ehre ge⸗ nießt, von ſich rühmen zu dürfen, daß ſie die erſte chriſtliche Kirche Galliens aufzuweiſen hat. Ich kenne nur zwei Empfindungen, die mich bei Wanderungen und Reiſen ganz erfüllen können. Die eine iſt Die: Wonne in größeren Zügen als im Süden Europas? Wie ich in Lyon war, ſah ich Königreiche vor mir wieder neu erſtehen, die nun mit dem Schutt der Vergeſſenheit bedeckt ſind. Ich ſah das Arelatiſche Reich, das hier blühte, ich ſah Burgund, deſſen Kraft an den Morgenſternen der Schweizer bei Murten zer⸗ ſplitterte— 1476— Wie weht da ein Geiſt der Kraft, der Auferſtehung, der Verjüngung! Wie ſieht das Auge reiſige Geſchwader herniederkommen von den Bergen und Alles drängt ſich dem Mittelpunkte der großen Weltbegebenheiten zu, dem Mittelländiſchen Meere, um das herum doch eigentlich allein nur wahre Geſchichte gemacht wird! Das zweite nicht minder er— habene Gefühl hab' ich beim Anblick jener Uranfänge des Chriſtenthums, die uns aus alten Mauern und Kapellen noch entgegentreten. Die großen Münſter, die aus der Blütezeit der Kirche herrühren, machen mir lange nicht den Eindruck, als wenn ich jene klei— nen, oft ganz verſteckt liegenden, niedrigen Kapellen und Kirchen mit Kreuzgängen ſehe, die noch faſt das Anſehn alter Kaſtelle haben und ſozuſagen die cyklo⸗ piſche Zeit der Kirchenbaukunſt bedeuten. So empfand ich in Mailand bei jener entlegenen Kirche, die einſt der heilige Ambroſtus vor dem Kaiſer Theodoſius ſchloß und ihm nicht geſtattete, früher den heiligen den Europas eiche vor m n Schutt de as Arelatſſ deſſen Kui i Murten ze ein Geiſt d 9g! Wie ſi rkommen dl Mittelpunt aittelländiſche ein nur wahe icht minder i ner Uranfän Mauern l Münſt mach oßen ühren, ich jene ſ igen Kapt noch fſtn gen die G So enlhſ icche, die er Thende f den helt 303„ Boden zu betreten, ehe er ſich nicht von dem in Theſſalonich vergoſſenen Märtyrerblute geſühnt hatte. Wie jung war damals die Chriſtuslehre! Wie neu und friſch der Eindruck einer Begebenheit, die in die alte erſtorbene Welt der Heiden wie ein junges Reis hinein ſich rankte und bald lebenskräftig die ganze gebildete Welt der Erde mit grünem Laube umzog! Auch in Pavia, Genua, vor allen Städten aber in Rom folgt man mit Wonneſchauern dieſen allererſten Fußtapfen der Kirche und kann ſich mit etwas Phan⸗ taſie aus ſchwarzen, niedrigen, byzantiniſch gerundeten Bauten die ganze Vergangenheit zuſammenſetzen, die wir kgum kennen würden, wenn nicht irgendwo doch ein ſinniger Mönch in einem Kloſter die Erzählungen durchreiſender Pilger als Schreib⸗ und Stylübung ver⸗ zeichnet hätte. Wahrlich, fiel Otto von Dyſtra, des Ritters iro⸗ niſches Niederblicken bemerkend, lachend ein, ich muß ſagen, Voland, Ihre poetiſche Spürkraft hat ſich merk— würdig ausgebildet. Für einen Offizier iſt ſo viel Studium heterogener Dinge aller Ehren werth! Aber 3 iſt wahr, Sie ſchmachteten ſchon in Hofwyl unter dem Druck der rationellen Erziehung Fellenberg's und ſihnten ſich zu jenen jungen Fürſten und Grafen hin, de in Freiburg erzogen wurden... Das nicht, Dyſtra, ſagte der General, der auch im Pädagogiſchen ſattelfeſt war. Aber ich fand früh heraus, daß Fellenberg uns Alle täuſchte. Fellenberg gab ſich die Miene, zwiſchen Peſtalozzi und den be⸗ ſtehenden Kaſtenanſprüchen der Geſellſchaft hindurch⸗ ſegeln zu können und wollte gleichſam Jeden für ſei nen von dem Zufall ihm vorgezeichneten Stand er⸗ ziehen.⸗Ich will nicht ſagen, daß ich ſchon damals die Einſicht beſaß, dieſen Widerſpruch zu durchſchauen, aber ich fand, daß die Jeſuiten in Freiburg mit mehr Wahrheit, mit mehr Gleichheit in beſſerem Sinne erziehen. Sie ſtellten die Stände gleich und gaben dem Fürſtenſohne, wie dem künftigen Prieſter dieſelbe Erziehung... Das iſt ja grade das Gewagte, Herr General, erlaubte ſich Dankmar dem in allen Standpunkten ſeiner Zeit⸗ genoſſen dilettirend Herumtaſtenden zu bemerken. Wit erhalten aus jener Gegend her Prieſter, die wie Fürſten regieren wollen und Fürſten, die wie Pfaffen denken Sehr wahr, ſehr wahr, bemerkte Dyſtra. Schelten Sie mir nur unſern alten Fellenberg nicht Voland! Sie machen unſrer Schweizererziehung auch durch Ihren Appetit keine Ehre! Sie ſcheinen von Nichts zu leben. Sie laſſen mir jede gute Schüſſel, jedes Glas aus Küche und Keller der„Stadt Rom“ vor⸗ neral, der aue rich fand ſii hte. Fellenbe t und den! ſchaft hindun Jeden füt ſeten Stand ſchon dama u durchſchaue burg mit me deſerem Sin eich und gü Preſer diſt General ellu C.or 2 kten ſeiner bemerken. ⁴ die wie Fül affen denkn ſſtra. S nicht Wul w auch ig 6 1 gen von Schüſſl 4 unt Ren übergehen. die alten Mönche tranken Wein, wenn ſie auch noch ſo fromm waren. Otto von Dyſtra war völlig unbekannt damit, daß der General der Mann der Fabel hieß. Er ver⸗ ſtand des Ritters halb verlegenes, halb ſchadenfrohes Lächeln nicht, verſtand nichts von der eigenthümlichen Ruhe, mit der Dankmar ſeine Cigarre rauchte und gewiſſermaßen Louis Armand ermunterte, nur auszu⸗ harren und ſich nicht einſchüchtern zu laſſen. Er ahnte nicht, daß Ritter Rochus vom Weſten, modiſant, anekdotenhaſchend, negativ wie er war, ſich auf die Lippen biß, um die Bemerkung zu unterdrücken: Wiſſen Sie denn nicht, daß General Voland in dem Rufe ſteht, wie der Graf St.-Germain durchaus nichts zu genießen und nur von einem himmliſchen Manna zu leben, das er zuweilen aus einer in ſeiner Uniform verborgenen Doſe nimmt? Der Ritter trennte ſich gewaltſam von dem Gelüſt, dieſen Gedanken auszuſprechen und fragte den Baron, wie lange er in Europa bleiben würde und ob er nicht Kalifornien geſehen hätte? Kalifornien war dem Ge— rieral ſo gleichgültig, wie z. B. Rudharden die Kirche San Ambrogio in Mailand. Aber dem Ritter Rochus war Kalifornien die eigentliche wahre Errungenſchaft ves Zeitgeiſtes. Die Ritter vom Geiſte⸗ VIII. 20 Otto von Dyſtra ſprach von dem Verſuche, in Deutſchland zu leben, wenn er hoffen dürfte, ſein Ver⸗ mögen aus Rußland herauszuziehen und gewiſſe Fa⸗ milienfragen auf deutſchem Boden zu löſen. Dankmar wollte etwas von den Schwierigkeiten ſolcher ruſſiſchen Prozeduren bemerken und fand bei den hochgeſtellten Herren, die ſich zum Gehen rüſteten, eine Beiſtimmung, die ihn überraſchte. Rudhard aber nahm Veranlaſſung, wiederum die ſtrenge, gegliederte Ordnung des ruſſiſchen Militairſtaates und den un⸗ romantiſchen, aber beglückenden Abſolutismus zu prei⸗ ſen. Die Diplomaten nickten, ſuchten nun aber doch da⸗ vonzukommen. Eben im Begriff, die Hüte zu ergreifen und ſich zu empfehlen, hörte man draußen auf der Straße plötzlichen Lärm. Man ſtutzte. Die Bedienten hatten ſchon lange nach den Fenſtern geſehen und durch ihre Bewegungen die Aufmerkſamkeit der Herrſchaften auf die Vorgänge lenken wollen, die ſie in den Straßen be⸗ obachteten. Erſt ein Murmeln, dann ein Sauſen, immer hörbarer anwachſend und an den Häuſern des Platzes, an welchem die Stadt Rom gelegen war, widerhallend. Ein Rauſchen und Brauſen. Das Getümmel wuchs⸗ Man hörte rufen, man hörte ſchreien, die Geſellſchaft, ſtatt ſich aufzulöſen, eilte an die Fenſter. Der Plat wimmelte von Menſchen... rſuche, in ſein Ven ewiſſe de 4 47. wierigkeite Hfand be en rüſtelen dhard abe geglieden hden une 3 zu prei et doch de u ergreif der Stra nten hallt ſ durch i hjaſien! straßen! ſen, imm 1s Plahe derhall mel wut Geſelſte Der! Was iſt Das? Man drängt ſich an jenes Haus— Ein Auflauf— Wer wohnt dort? Bediente aus dem Hotel waren von den Vor— gängen unterrichtet. Sie ſagten, dort an dem um⸗ ſtandenen Hauſe pflegten Maſchinenarbeiter ihre Ver⸗ ſammlungen zu halten. Ihr Verein wäre heute aufge⸗ hoben, weil man wieder drohende Reden gehalten. Die Polizei überwache die Sitzungen und ſchlöſſe ſte jedes⸗ mal, wenn etwas Anſtößiges geſprochen würde. Heute hätte man nicht auseinandergehen wollen. Indem kam ſchon eine Kolonne Militair und trieb erſt die neugierigen Maſſen auseinander, dann rückte ſie auf das Haus ſelbſt zu. Die Agenten der Poli⸗ ſei waren in voller Thätigkeit und ſoweit die nur matte Erleuchtung des Platzes die Ueberſicht geſtattete, ſah man, daß unter Geſchrei, Pfeifen, Lärmen, zahlreiche Verhaftungen vorgenommen wurden. Das iſt ſo ſchon das dritte Mal! berichtete der Bediente und Voland ſagte mit einem eignen ſardo⸗ ſüſchen Lächeln: Man gewöhnt ſich an dies Chaos. Es ſtört Nie⸗ nanden mehr in ſeiner Abendruhe. 20* Der Ritter Rochus vom Weſten aber zitterte. Er hatte in einem ſolchen Sturm vor wenigen Monaten ſein Portefeuille verloren. Er wußte an Beiſpielen, daß man dabei auch ſein Leben verlieren konnte, trotz der Privatverehrung von Voltaire und Bolingbroke. Abſcheulich, ſagte Dyſtra, einen Staat in ſolchen ewigen Kriege gegen ſich ſelber zu wiſſen! Hören Sie nur das Pfeifen, dies Höhnen, das Zertrümmern der Fenſterſcheiben! Die Trommel wirbelt. Es kann nicht lange währen, ſo hört man eine Salve und wir ſehen Todte und Verwundete. Ritter Rochus gerieth außer ſich. Meinen Sie? rief er und trippelte hin und her... Das iſt modernes Staatsleben! ſagte Voland faſt triumphirend. Im Mittelalter war es nicht beſſer! rief Rochus ärgerlich— Ehe man Macchiavelli kannte! warf Rudhard da⸗ zwiſchen. Allerdings, ſagte Voland, den Militairmantel über werfend, allerdings in kleinen Staaten. Man hat ge⸗ zählt, daß in Piſa allein vom Jahre 1320 bis 15²⁰ über dreihundert Aufſtände vorgekommen ſind... Hal ſchrie Ritter Rochus. Es trommelt! Eine Salve krachte. Verzweiflungsruf, eine al itterte. E i Monaler Beiſpielen konnte, ni lingbroh in ſolche Hören 8 ümmernd kann nic wir ſeht Sie A demen Voland rief Roch endhand! mantel i Nan hal 20 bi? 1 ſind melt! üf, iin 309. gemeine raſende Flucht. Der Platz leer. Ein paar Verwundete, ein Todter, den man der Polizei übergab. Die Ruhe ſchien auf dem Platze hergeſtellt. Erxaltirte Köpfe rannten durch die Straßen und riefen: Waffen! Die Thoren! ſagte Dankmar. Waffen! Sie wiſſen nicht, was Das für ein Anachronismus iſt! Die Zeit der paniſchen Begeiſterung und die der paniſchen Furcht iſt auf lange vorüber. Die Regierungen gewinnen da nur an Kraft, wo ſich die Demobkratie einbildet, mit dem alten Apparate, Waffen und Barrikaden, noch kämpfen zu können... Und iſt es nicht ein Glück, daß ſie an Kraft ge⸗ winnen? ſagte Rudhard ſtreng. Mein Beſter! Die Ruhe der Welt dankt Ihnen für Ihren Zögling! rief der Ritter Rochus und ſchüt⸗ telte Rudhard's Hand. Das Miniſterium Hohenberg bezeichnet eine Epoche der Geſchichte. Nur Ruhe! Wie würden Sie dieſe Verwirrung löſen, General? ſagte Dyſtra, indem er einen ſchwachen Verſuch machte, ſeine Gäſte wieder zum Sitzen zu bringen— Sie ſtehen über dem Momente, Sie haben die Jahrhun⸗ derte vor Augen, was erwarten Sie von dieſer Zeit? Eine Droſchke! rief der Ritter, wenn mein Wagen nicht da iſt! Die Bedienten ſagten, er wäre in's Thor des Ho⸗ 310 tels gefahren, weil man draußen Barrikaden fürchtete ... Jetzt wäre alle Gefahr vorüber. O ſehr gut! Sehr gut! Guten Abend, Baron! Dankmar und Louis, obgleich im höchſten Grade aufgeregt von dem Vorfall vor dem Wirthshauſe, wo ſich der Maſchinenarbeiterverein verſammelte, ängſtlich ohnedies um die Verwundeten und den Todten, horch⸗ ten geſpannt, was der General antworten würde, allein dieſer lehnte freundlichſt ein längeres Bleiben ab. Er berief ſich auf ſeine gemeſſene Zeit, ſeine Be⸗ rufspflichten, ſeine beſetzten Abende. Sein Abſchied, ſein Dank für die Bewirthung war einfach und wohl V wollend. Er ſagte Dankmarn und Louis gleich Ver⸗ bindliches, bewahrte aber bei aller Freundlichkeit einen ſo eigenthümlichen Ernſt, daß man unwillkürlich ſtau⸗ nend hinter ihm herſagen mußte: Er ſagt faſt Alles, was er weiß und von Dem, was er nicht weiß, muß man doch noch glauben, daß er es nur verſchweige! Der General ſchloß ſich dem Ritter an. Rudhard, der das Anliegen Louis' und Dankmar's bei Dyſtra nicht ſtören wollte, ging mit den Worten: Baron, Sie ſind ein Neuling in Europa! Sie werden Ihre Jugendfreunde kaum wieder erkann 5 haben. I Dyſtra lachte und ſagte: i fürchte Baron! ſten Grad Shauſe, u e, ängfllt teen, holch ten würde es Bleiben B. ſeine N 1 Abſchied und wch gleich Va ürlich ſu faſt Ale weiß, R erſchwei 311 Der General hätte Prieſter werden ſollen. Ich ſagte es ihm ſchon bei Fellenberg. Wer weiß, ob er es nicht iſt! meinte Rudhard. Rußland hat ganz Recht, daß es die Freimaurer und die Jeſuiten verbannt. Ich möchte dem General Vo— land nicht das Schickſal dieſes Staates anvertraut wiſſen und finde es ganz in der Ordnung, daß Egon vor einem Manne, der ſich des Wirrwarrs zu freuen ſcheint, auf der Hut iſt. Es iſt kein Jeſuit, eher iſt es Ritter Rochus, der die Jeſuiten beſtreitet, ſagte Dyſtra. Glauben Sie mir! Ich fange an, Europa zu begreifen! Mein al— ter Kamerad von Hofwyl lebt nur zum Schein vom Geiſte; er ißt nicht, er trinkt nicht. Dieſer Mann ſcheint eine Abſtraction geworden zu ſein. Aber ich wette, daß er eben einige Beafſteaks gegeſſen hatte, ehe er zu mir kam. Jetzt geht er ſchlafen und um zehn Uhr iſt er bei Hofe, um bis ein Uhr nach Mit⸗ ternacht mit dem Könige Gold zu kochen. Mein alter Freund aus Athen und Stambul, der Ritter Rochus, fährt jetzt nach Hauſe und chiffrirt unſre ganze Un⸗ terhaltung nach ſeiner Hauptſtadt, wo ſie nicht die Miniſter, wohl aber deren Frauen allenfalls intereſſi— ren könnte. Rudhard ging mit einigen Fragen nach Siegbert kopfſchüttelnd. Dyſtra, aufhorchend wegen Olga's, doch ſich zurückhaltend, begleitete ihn... Als der Baron zurückkehrte, zog er Louis und Dankmar zu ſich auf das Sopha nieder und hörte nun von ihnen mit Erſtaunen, daß jener Murray, von dem ihm ſchon Mangold ſo Sonderbares erzählt hatte, der ihm wohlbekannte Morton aus New⸗York war. Er hielt Morton für verſchollen, für todt. Er erklärte ſich mit Freuden bereit, ſeine Bemühungen mit denen der Freunde zu verbinden, um Murray, deſſen deutſcher Urſprung ihm kein Geheimniß war, aus einer ſo gefährlichen Lage und jedenfalls einem, wie es ihm vorkam, vorgefaßten Misverſtändniſſe über ſeine Perſon zu erlöſen. Er erklärte ſich bereit, jede nur irgend verlangte Caution zu hinterlegen, damit Murray auf freien Fuß geſtellt würde. Die Verab⸗ redung, morgen in der Frühe gemeinſchaftlich auf das Profoßamt zu gehen und ſich für den Gefangenen zu verbürgen, war ihm ganz genehm. Er trennte ſich von ſeinen neuen Bekannten mit der Bitte, ihm fer⸗ ner ihr Vertrauen zu ſchenken und ihm zu geſtatten, ihre Zeit zuweilen in Anſpruch zu nehmen. Dankmar fand an dem offnen, gentlemännlichen Benehmen des von der Natur vernachläſſigten und doch durchaus nicht ungefälligen Barons große Freude Olgas ouis und und horte Murra es erzähl New⸗No todt. E Murray, miß wal, s einem 69 driſſ u ereit, ja en, dam die Vera h auf de ngenen! rennte ſ ihm fe wgeſtat „ männlch nühungen 313 und ſchlug in die dargebotene Rechte herzlich ein. Louis aber zog ſeine Hand zurück und ſagte, um end— lich ein ihn peinigendes Gefühl los zu werden, in franzöſiſcher Sprache, ſicher und feſt: Herr Baron, wir ſind Ihrer Einladung gefolgt, ſind geblieben, wir wußten nicht wie. Ich für mein Theil mit großem Widerſtreben. Verzeihen Sie mir meine Dreiſtigkeit! Sie hat mich während des gan⸗ zen Abends genug gefoltert. Ihre Güte haben Sie einem Manne gewidmet, der darauf nach den Regeln der Geſellſchaft keine Anſprüche hat. Sie haben die⸗ ſſen beiden großen Staatsmännern durch meine Schuld eine Unannehmlichkeit zugefügt. Ich bin ein einfacher Handwerker. Ein Handwerker? Dyſtra blickte wirklich erſchrocken auf. Glauben Sie Das nicht, fiel Dankmar ein, niein Freund Louis Armand iſt ein Philoſoph, ein Dichter. Aus Laune der Natur und des Zufalls lernte er das Handwerk eines Tiſchlers, das er in— deſſen zu einer Kunſt erhoben hat und alle Welt weiß, daß ihn Bande der innigſten Freundſchaft an Fürſt Egon feſthalten... Mein Herr, antwortete Dyſtra, der ſich raſch ge— ſummelt hatte, wenn Sie nur der Freund des Herrn 314 Wildungen ſind, ſo brauchten Sie nicht einmal eine Merkwürdigkeit zu ſein, die den General Voland in⸗ tereſſirte, ich würde Sie ſchon mit offnen Armen auf⸗ genommen haben. Der Ritter Rochus, ſeien Sie ver⸗ ſichert, ſchreibt in dieſem Augenblicke an die Fürſtin..: „Das neue Miniſterium läßt zwar auf der Straße die Emeute bekämpfen, aber in den Salons iſt die Emeute ſiegreich. Ich habe bei einem Diner Veranlaſſung gehabt, zum Nachtiſch mit einem Handwerker Kaffee zu trinken. Es iſt dies der bekannte„Ouvrier“, der in keinem modernen Miniſterium fehlen darf und dem auch hier das Portefeuille der öffentlichen Bauten oder der Gewerbe würde übertragen werden, wenn er nicht zufällig ein Ausländer wäre.“ Bei Alledem morgen auf Wiederſehen! Auf Wiederſehen! widerholte Dankmar lachend. Die Freunde ſchieden. Dyſtra aber, innerlichſt bewegt, aufgeregt ſogan durch dieſen Abend,„revoltirt“ durch das Geſpräch, durch die Scene auf dem Platze, durch den Ge danken an die Familie Wäſämskoi und den ihm durch den Bruder nun ſchon ſo naherückenden Nebenbuhler Siegbert Wildungen, an das Schickſal Murray's, ſprach, den Arm aufſtützend, vor ſich hin: Du biſt doch ein Neuling in dieſer modernen Welt, einmal ei Voland i Armen alf ien Sien te Fürſtin rStraßen die Eme geranlaſun erker Kaf vrier“, erf und de Bauten venn el dem mol ar lachen geregt ſl Dyſtra! Du haſt viel verſäumt, viel nachzuholen oder viel zu vermeiden! Bau' dir den Tempelſtein aus und vergrabe dich dort als Einſiedler! Kosmopoliten ſucht jetzt Niemand. Mit dieſer Welt werden bald Baſchkiren und Mongolen reden müſſen! Noch trinkt Aſien Opium oder Stutenmilch; aber bald werden wir das furcht— bare Pferdegetrappel von den Steppen des Oſtens hören. Bis nach Chalons kommen ſie wieder, dieſe Hunnen⸗ güge, bis nach Chalons, wo der Champagner wächſt! Da muß es ſich entſcheiden, ob das neue Weltalter von der Natur, der ewig wiederkehrenden, oder dem Geiſte, dem endlich durchgerungenen, ſiegend wird be⸗ ſtimmt werden! Die beiden Schwarzen wünſchten ein Urtheil über das Diner zu hören und eine Anſicht über die Scene nuf dem Markte. Dyſtra merkte Das an den Frage⸗ weichen, die auf ihren glänzenden Geſichtsfratzen ſtan⸗ den, als ſie ſo leiſe heranſchlichen... Alles gut geweſen, bis auf den Todten draußen! Laßt anſpannen! Hut und Stock! Ich will noch für einige Akte in die große Oper fahren. Beglei⸗ tet mich! Spartakus und Cicero eilten, die Befehle ihres Herrn zu vollziehen. Er hatte ja dem Intendanten 3 rſprochen, ſich von ihm ſagen zu laſſen, wie ſeine 316 ihn umgebende arttiſtiſche Verſchwörung die Idee von der Mitwirkung lebendiger Meerkatzen im Fauſt und der neuen Scenirung der Zauberflöte durch eine ent⸗ ſprechende Menagerie aufgenommen hätte! Dyſtra bedurfte heute dieſer Anknüpfung an Herrn von Harder, um wieder zu ſeinem gewohnten Humor zurückzukommen und glücklicherweiſe hatte der Vorfall auf dem Platze am Hotel de Rome die Vorſtellung in der großen Oper nicht geſtört. Die Zeit war eiſern geworden. Die Nerven gewöhnten ſich ſchon. He ng an H 4 hnten Hum der Volſt orſtellung war eiſe hon Zwölktes Capitel. Zwei Todte. Seit vierzehn Tagen hatte Hackert vergebens verſucht, den gefangenen Murray zu ſprechen und ſich der von Madame Ludmer ihm gegebenen Aufträge zu entle⸗ digen. Aſſeſſor Müller war ſtreng. Er anerkannte Hackerten nicht offiziell, da er ihm nur eine Privatbezie⸗ hhung zum Oberkommiſſär Par einräumen konnte. Pax kehrte noch immer nicht zurück. Ohne deſſen Vermit⸗ telung litt das Unterſuchungsamt keine Konfrontation rnit einem Manne, der allerdings durch ſeine ruhige end ergebene Haltung, ſeine gebildeten Antworten, ſeine Auslegung des Vorfalles im Pleſſener Walde vie Juſtiz faſt ſchon entwaffnete. Die über den Schmied Zeck eingezogenen Nachrichten lauteten alle ungünſtig. Herr von Zeiſel ſtellte Murray ſchon um Louis Ar⸗ mand'’s und des Prinzen Willen im günſtigſten Lichte 3¹⁸ dar. Die Ludmer erfuhr dieſe Wendung. Ungedul⸗ diger, immer dringender wurde ihr Erſuchen an Hackert. Da aber Pax nicht zurückkehrte, konnte von dieſer Seite ihrer geängſteten Wißbegier nicht geholfen werden. Wie ſich heute, an einem Sonntage, Hackert dem Profoßhauſe näherte, bemerkte er Menſchen, die zahl⸗ reicher als ſonſt durch die Thür des alterthümlichen Gebäudes aus- und eingingen. Eine öffentliche Gerichtsſitzung, dachte er, oder was gibt's da? Indem läuteten die Glocken; er beſann ſich, dags Sonntag war. Und dennoch dieſe Bewegung? Wie er das Profoßhaus betrat und in eine große ſteinerne Halle zur Linken eintrat, bemerkte er, daß ſich die Menſchen um einen dort aufgeſtellten Gegen⸗ ſtand verſammelten. Es iſt geſtern Abend geſchoſſen worden, ſagte er ſich. Wahrſcheinlich einer von Denen, die dabei blaue Bohnen gegeſſen haben! In der That war es der Leichnam eines jungen Handwerkers, der geſtern, wie er hörte, bei der Sprengung des Maſchinenbauervereins entweder zu⸗ fällig oder als ein Opfer ſeiner Widerſetzlichkeit ge⸗ fallen war. Unged an Hade von dieſe t gehole Hackert de rthümlich a ſich, d gung? eine gi kte et,d lten Ge n, ſagi dabel N. nes 1 4 bei ntwede ſlichkel 1 4 te, 319 Viele Andre, hörte er, wären verhaftet, noch Ei— nige verwundet worden... Wie er noch ſo in der Ferne mit einer Miene voll Gleichmuth und achſelzuckend zu der Gruppe hinblickte, die ab- und zugehend ihre Theilnahme nicht auszu⸗ ſprechen wagte, da Schildwachen und Polizeidiener genug in der Nähe ſtanden, ſieht er mit ängſtlichem worſichtig behendem Schritt Louiſe Eiſold über den Marktplatz ſchreiten, an dem das Profoßhaus liegt. Sie hat vier ihrer Geſchwiſter an der Hand, Wilhelm und Karoline, die Zeitungsträger, und die noch klei⸗ meren, Friederike und Heinrich... Wie Louiſe in das gewölbte Portal des Profoß⸗ wauſes tritt, wendet ſie ſich fragend nach der Halle und ſieht die Gruppe der Neugierigen... Ein ſo junges Blut! heißt es. Sie hört Das... Sie tritt näher... Die Geſchwiſter wollen ſie der Menſchen wegen zurückhalten. Sie reißt ſich von ihnen los, drängt ſth heran, beugt den Kopf über die Tragbahre, hält ſth wie ſchwindelnd an einem der ihr naheſtehenden Menſchen, blickt noch einmal auf die Leiche und ſtößt emen Schrei des Entſetzens aus. Karl! rufen die Kinder und brechen in ein herz⸗ ſerreißendes Weinen aus. z. Karl! ruft Louiſe und faßt die Leiche, um ſie em⸗ porzurichten; die Halle war niedrig, ſpärlich durch kleine runde Fenſter erleuchtet, vom trüben Wetter faſt düſter... Sie hält den Kopf des Todten wie gegen das Licht, ſtreift an den Kleidern entlang, ſieht die Züge des kalten Angeſichts noch einmal prüfend durch und hat von dem an der Bruſt geronnenen Blute die Merkmale ſeiner tödtlichen Wunde in der Hand.. Der Todte war Karl Eiſold, ihr Bruder. Sie mußte es ſo hinnehmen. Es war ſo. Gott hatte Das ge⸗ geben. Gott oder Wer? Es war ſo. Ihr Bru⸗ der Karl war todt. Die Theilnahme der Umſtehenden zeigte ſich freilich als die innigſte; aber was half Das? Louiſe lag über die Leiche hingeſtreckt und betrachtete ſie ſtier. Dann redete ſie wie im Wahnſinn mit dem Todten, als wenn er lebte, als wenn er ſelbſt Auskunft ge⸗ ben könnte. Karl hörſt du nicht? Karl! Sie ſchluchzte nun wenigſtens und ſprach doch wie der. Erſt ſchien ſie ſelber leblos. Der Todte kalt und ſtumm. Das Blut quoll noch ein wenig aus der Wunde. Es war in größeren Maſſen die Nacht über auf eine Strohmatte gerieſelt, die man unter die Bahre gelegt hatte. Das blaſſe „ um ſie n ſͤrlich de en Wetter ſi ten wie ge⸗ ang, ſieht! prüfend du enen Bluten der Hand, er. Sie m zatte Das Ihr I gie ſich fu »2 Louiſe htete ſie tden L9 Auskuni prach doc as Blut ar in g matte 19 Dad 1 2 Antlitz des ſechzehnjährigen Jünglings war milde und vie verklärt. Er ſchien zu ſchlafen. Das blonde Haar hing ſchlicht, blutdurchronnen über die Stirn. Die Mütze, die er zu tragen pflegte, mit einer kleinen ſchwarz⸗roth⸗goldnen Cokarde, lag neben ihm. Der graue Tuchrock mit weißen Metallknöpfen war von Blut und Schmuz beſudelt. Es war da nichts mehr zu ändern. Karl Eiſold war das Opfer jener erſten energiſchen That des neuen Miniſteriums geweſen. Hackert, hinter einem von den kurzen Gewölbe⸗ pfeilern der Halle verborgen, beobachtete mit ſich ver⸗ düſternden Blicken die herzzerreißende Scene. Er hatte den jungen Arbeiter ſo gut gekannt. Wie rüſtig war e, wie ernſt und ſtreng in ſeinem Berufe! Wie ſtreng gegen ihn, den trägen Tagedieb! Er ſah ihn, wie er zeitiger aufſtand als alle Andern, die in jenem Hauſe beiſammen wohnten! Er hörte ihn nebenan in der Küche ſich ſchon waſchen, während er im Bett ſich noch wälzte und zum Frühſchlummer ſich auf die andre Seite warf! Er ſah ihn an ſeinem Gitterfenſter auf der Galerie vorbeigehen in die Willing'ſche Maſchi⸗ nenfabrik.. Er ſah ihn nach Hauſe kommen, Abends, ermüdet, nur nach ſeinem Nachteſſen fragend, des mit Ernſt und ſchweigſam verzehrend und dann held zur Ruhe gehen... Dies gegen zwanzig Mil⸗ Die Ritter vom Geiſte. VIII.* 21 lionen Seelen im Staate ganz unbedeutende, über⸗ flüſſige Leben war nun beendet. Und doch war der Jüngling die Hoffnung, die Stütze einer Familie ge⸗ weſen. Auf ihn bauten dieſe armen, verlaſſenen, el⸗ ternloſen Kinder ihre Hoffnung. Eine kleine Rauch⸗ wolke war's. Nun verzogen! Hackert mußte ſich unwürdig fühlen, die wahre Trauer um dieſen Jüng⸗ ling auszuſprechen; doch grollte er mit dem Schickſal und erſchrak faſt vor der Majeſtät des Todes. An Louiſe war es herzzerreißend zu ſehen, wie die Phantaſie des Mädchens ſich in den ſchrecklichen Mo⸗ ment nicht finden konnte. Mullrich, ihr Vizewirth,⸗ der Polizeidiener, ſtand daneben und erzählte den Leuten, daß ſie geſtern Abend im Hauſe herumgeſucht und gefragt hätte, daß ſie eine jammervolle Nacht ausgeſtanden und am frühen Morgen ſchon wieden geſucht, ſchon in die Willing'ſche Fabrik geſchickt hätte — wo aber am Sonntag Niemand arbeitete— Er hätt' ihr gerathen, hier in's Profoßamt zu gehen. Bei dem Kommentar ihres Leids aus dieſem Munde ſchwieg Louiſe und ſah den Bruder ſtarr an, als wenn ſie ſagen wollte: Das iſt unſer Loos! Nicht Eures, nicht das Loos der Reichen und Vornehmen, es iſt das Loos der Armen und Verfolgten! Kümmerlein, der neben Mullrich ſtand, erzählte tende, übe och ward Familie kaſſenen, leine Raut mußte ſ dieſen Jün em Schich odes. hen, wien clchen N r Vizewit erzäͤhlte d herumgeſt ryolle N. ſchon wit geſchict eitete— t zu 1 eſem N n, als Nicht b men, 6 n nd, 1 325 den Vorfall von geſtern Abend und berichtete, daß noch einige Verwundete und Viele gefangen wären. Auch der große Breitſchultrige, ſagte er mit Be⸗ ziehung, wißt Ihr Mullrich, damals vom Fortuna⸗ ball, der den Hackert heraushieb? Er war erſt vor vierzehn Tagen entlaſſen... Danebrand! ſagte ſich Hackert in ſeinem Verſteck. Er kämpfte mit ſich, ob er näher treten ſollte... Zum erſten Male fühlte er, daß er unwürdig war, ſich dem heiligen Unglück zu nähern. Louiſe, die auf der Leiche lag, ſah nicht, daß die ſchluchzenden Kinder von den Umſtehenden Gaben der Liebe empfingen, hörte nicht, daß Danebrand ſaß.. Der Verein ſollte geſchloſſen werden, erzählte Küm⸗ merlein, da ging's wieder her wie gewöhnlich. Lärmen, Toben, Schreien. Einem von uns griffen ſie an den Säbel. Da pfiffen wir. Es kam Hülfe. Da ſie den Aufrührern gegenüber zu ſchwach war, wuchs ihnen der Kamm. Sie warfen die Gensdarmen zum Hauſe hinaus. Nun aber: fliegende Kolonne! Vor'm Hauſe ein Geſchrei, Reden, Winkelzüge, Fluchen, Hohnge⸗ lächter. Drei Mal Auseinander! Nichts Auseinan⸗ der. Ratſch! Zwölfe, brannten los. Der Arme da war nicht der Schlimmſte. Er ließ die Andern rä⸗ ſonniren und ſtemmte nur die Hände in die Hoſen— 21* 324 taſchen und ſah an der Thür zu. Die Rädelsführer riſſen gleich beim erſten Trommelſchlag aus. Der hat nun in's Gras gebiſſen... Louiſe richtete den Kopf auf und ſah ſich im Kreiſe um. Alle redeten ihr zu, ſich zu faſſen, nach Hauſe zu gehen und ſich in das Unabänderliche zu finden. Und wie ſie ſo die ſanften und gutgemeinten Worte hörte, fragte ſie mit leiſer Stimme den Mann, der eben ſo laut geſprochen: Wo iſt Danebrand? Wo Danebrand wäre? wiederholten die Umſtehen⸗ den faſt einſtimmig. Die geringen Leute ſind dem Schmerz ſo aufmerkſam, dem Leid ſo hülfreich... Danebrand! meinte Kümmerlein. Den haben ſie bei den Ohren feſtgehalten, meine Beſte! Er ſah den armen Jungen da fallen, rannte grade auf ihn zu, hob ihn auf die Schulter und wollte fort damit. Da tritt die Kolonne gegen ihn an und ſtreckt ihm die Ba⸗ yonnete entgegen. Er legt die Leiche— Der war gleich todt— legt ſie auf die Erde, brüllt wie ein Stier und packt zwei, drei Gewehre und will ſich Luft ma⸗ chen. Sie traten ihn aber doch nieder und haben ihm dann mit Schnupftüchern die Arme gebunden und fort geführt. Wie er gebunden war, gab er nach. Hackert wußte, daß Danebrand für Karl Eiſolt arbeiten half und ſich dem Wohle dieſer unglücklichen Familie ganz gewidmet hatte. Gern wär' er nun doch fortgeſchlichen... Aber jetzt grade ſchien Louiſe von der ſtarren Be⸗ täubung des erſten Schreckens freigelaſſen. Sie brach in ein lautes Lachen und Weinen aus und rief: Haben ſie dich gemordet, Karl? Dich nun auch, wie ſo Viele, die in den zwei Jahren hingingen? Biſt auch gefallen, wie ſchon die Tauſend? Mamſell! ſagte Mullrich, gehen Sie nach Hauſe! Lügt Ihr Menſchen? fuhr ſie fort, verſteckt Ihr Euch hinter Eurer Furcht! Ihr Alle zittert und bebt vor dem Fluch, der über uns gekommen iſt! Was haben wir Armen? Geht, geht, Mamſell! drängte Kümmerlein... Die Halle füllte ſich von Menſchen... Die Kinder und die Alten, fuhr Louiſe mit bitter⸗ ſter, aus ihrem Innerſten hervorbrechender Wehklage fort, die Kinder und die Alten holt die Krankheit, die uns Arme dahinrafft, die Jungen, unſre Brüder und Söhne, trifft die Kugel... Laßt's jetzt gut ſein! ſagte Mullrich. Geht Kin— der, geht nach Hauſe! Die Halle füllte ſich immer mehr... Hinaus 326 da! riefen ſchon einige Polizeidiener. Zurück da! hier gibt's nichts! Aber die Leute drängten... Louiſe ſchluchzte mit den Kindern laut und wollte ſich von der Leiche des Bruders nicht trennen. Klag' ich Euch denn allein an? ſagte ſie und lachte faſt wie im Irrſinn. Ich, ich hab' ihn ja gemordet, Ihr nicht! Ich bin Schuld an deinem Tod, Karl! Karl! Ich bin Schuld! Sie ſank dabei ſo ſchwer nieder, daß die Leute ſie aufgriffen und forttragen wollten... Ich habe den Großvater umgebracht, ſtöhnte ſie und murmelte nun Worte fort, die Niemand verſtand. Hackert hörte Alles hinter ſeinem entlegenen Pfei⸗ ler. Er verſtand ſie in der Halle von den hundert verſammelten Menſchen ganz allein. Auch fiel ihm der Mann mit rothem Barte und das Wort vom Punſch ein. Er konnte ſich denken, daß Karl, der ſittenſtreng war und Danebrand liebte, dieſe Bekannt⸗ ſchaft nicht billigte. Vielleicht war er geſtern deswe⸗ gen nicht nach Hauſe gegangen, vielleicht deswegen nur in den Verein gegangen, den er ſeiner Jugend wegen und als Lehrling ſonſt nicht beſucht hatte. Hackert, hinter dem Pfeiler ſchielend, ſah das An⸗ ſchwellen der Menge.. ick dal hi hluchzte vi rLeiche dei e und lacht 1 gemorde Tod, Kal je Leute ſi ſtöhnte ſ nd verſtan genen den hunde ch fel in Port ve ner Juh ſucht h ah das 327 Louiſe gab dem Drängen der Polizeidiener, ſich zu entfernen, nicht nach. Erſt als der Aſſeſſor Müller erſchien, die Wache herausrief und mit dem Bayonnet die Halle räumen zu laſſen drohte, zogen ſich die Neu⸗ gierigen und offnen Tadler der Gewaltſcene zurück. Kümmerlein mußte einen Fiaker für die Geſchwiſter holen, die, um alles Aufſehen und alle Aufwiegelei, wie der Aſſeſſor ſagte, zu vermeiden, ſich im Wagen entfernen ſollten. Die Leiche wird heut Abend in das Todtenhaus auf den neuen Kirchhof gefahren! hieß es. Und nun fort! Fort hier! Keinen Auflauf! Somit gingen auch allmälig die Menſchen... Die Geſchwiſter, die ſich plötzlich in der Halle faſt allein ſahen, zogen die Schweſter von der Leiche fort... Müller ſprach von Leichenbeſchau, Begräbniß, Be⸗ kleidung, neuem Kirchhof, ungeſtörtem Beſuche da⸗ ſelbſt, Armenrecht, Armenbehörde... Louiſe erwiderte mit den ihr ſo liebgewordenen Verſen Louis Armands: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Du biſt nicht arm, was auch dein Elend ſpricht... Gehen Sie jetzt! Da fährt der Wagen vor! Ge— ben Sie keinen Anlaß zum Zuſammenlauf! Fort Kin⸗ der, in den Wagen! Auf die Straße will ich, rief Louiſe, auf dem 328 Markt will ich ausſchreien: Rache! Rache! Ihr habt meinen Bruder gemordet! Was that er Euch? Man wollte das Mädchen mit Gewalt hinaus⸗ führen. Ein Fiaker wartete. Das aus der Halle getriebene Volk mehrte ſich nun draußen zu dichten Haufen am Eingang... Laßt mich! ſchrie Louiſe und warf ſich wieder auf den Bruder. Karl! Nicht einmal eine arme Hütte haben wir, in die wir dich tragen dürfen, wo du drei Tage bei uns bleibſt, bis ſie dich unter die Erde ho⸗ len! Aber an deinem Grabe ſollen ſie zittern; da ſollen ſie's hören, die Feigen, die dich gemordet haben! An die Mauer ſollen ſie dich nicht werfen, wie einen todten Hund. An deine Grube ſollen die Freunde treten, die freie Gemeinde ſoll ſingen, der Prediger reden und die Frauen werden Blumen bringen! Laßt mich, Schändliche! Wer gibt mir meinen Bruder wieder! Karl, ich laſſe dich nicht! Schon drängten vom Volke Muthigere herein, um das jammernde Mädchen, das da Allen das un⸗ verſtandene Weh der Nichtbefriedigung im Volke aus⸗ tobte, vor der Polizei zu ſchützen, die ſie mit Gewalt entfernen wollte. Die Wache im hintern Hofe, trat in's Gewehr und entſandte eine Verſtärkung zur Thor beſatzung. Louiſe aber ſchleuderte ihren Zorn heraus dache! J at er Eud alt hinaue s der Hal n zu dicht wiedet a arme Hüt wo du d ie Erde h züttern; nordet habe n, wie ein nunde tlei ldiger n Laßt nn uder wied herein, 8 1 329 Und wenn Ihr Euch rüſtet mit Kanonen und Mordfackeln gegen Weiber und arme Kinder! rief ſie. Euer Tag wird hereinbrechen! Eure Haare ſind ge⸗ zählt, nicht blos von Gott, auch von uns! Hetzt uns nur, jagt uns nur wie das Wild! Stört uns zur in unſerm reinen Glauben! Euer Glanz wird düſter werden, wie Sturmgewitter! Eure koſtbaren Gewänder werden Euch wie Spinnweben zerriſſen werden und Euer Purpur wird Euch von den Schul⸗ tern fallen! Auch unſer Gott iſt langmüthig, aber ſein Gericht wird ſchrecklich ſein, Ihr Tyrannen, Mein⸗ eidigen, Gottesleugner! Eben warf man krachend die Thorflügel zu, um vie zuſtrömende Menge zurückzuhalten. Louiſe wurde von den Händen der Polizei ergriffen. Aber Rieſen— kraft fühlend, wand ſie ſich los, nahm die Geſchwiſter mit Gewalt unter ihren Schutz und flüchtete ſich zu der Säule hin, hinter der eben Hackert hervortrat. Hackert! rief ſie ſchaudernd... Das Gefühl, einem Mädchen, das ihn ſo hoch erehrte, beizuſpringen, hatte den faſt kalten Beobachter ſervorgetrieben. Die Aufwallung eines edlen Zorns kennte. Hackert nicht, aber eine Vernunftreflexion, Mahnung zur Beſonnenheit, ſtand ihm vollkommen Gebote. Was iſt denn? ſagte er ruhig, die Hände aus den Taſchen ziehend und wandte ſich, da er Louiſen's vor— wurfsvollen Blick nicht ertragen konnte, zu den Po⸗ lizeidienern und Soldaten. Laßt doch die Arme ſich ausjammern! Injurien von Unzurechnungsfähigen ſteckt man nach Landrecht Theil 3, Titel ſo und ſo, geduldig ein! Ja, liebe Louiſe, das iſt Malheur. Der arme Karl! Faſſen Sie ſich! Ich wünſchte, ich könnte ihn mit einer Rede aufwecken; aber Sie wiſ— ſen wohl, ich kann ſchlecht tröſten. Guten Tag Riel⸗ chen! Guten Tag Wilhelm! Ja, Das iſt ſchlimm! Es iſt nun aber. Faßt Euch! Kommt! Hier! Geht hier heraus! Hier iſt eine Seitenthür! Kommen Sie, Louiſe! Wenn Eins helfen könnte! Aber es iſt ſo. Man verwindet's wieder. Was iſt Leben? Nichts, als daß man weiß, daß man lebt. Wenn der Kall wüßte, daß er nicht lebt, und nichts Beſſeres hätte, Das wäre ſchrecklich;z aber in Dem iſt Nacht, da iſts dunkel. Sie glauben ja, Louiſe, an's Paradies; 8s läutet jetzt eben von allen Kirchen ganz feierlich. Hier auf Erden iſt der Himmel und die Hölle beiſammem dacht' ich mir. Aber die Glocken draußen ſingen dem guten Karl ein beſſer Grablied. Kommt, Kinder, der Gang da! So! Die Droſchke fährt uns ſchon nach. 331 inde aus d Ich führe mit Ihnen, liebe Louiſe, wenn ich ein Trö⸗ Couiſen's ſter wäre.. zu den! Und ſo ſprach Hackert blaſirt durcheinander fort und die Arme Louiſe ſchwieg und die Kinder faßten ihn bei der nungsfäh Hand und ſie waren von dem Schauplatz des Jam⸗ el ſo und miers entfernt, ſie wußten nicht wie. Und für Louiſe... ſt Maha für ſie lag in Hackert's Art doch ein Troſt. Er wie⸗ wünſcht, derholte ihren Schmerz nicht, er unterſtützte ihre Ver⸗ bber Sien krweiflung nicht durch gleiches Entflammen. Und grade en Tag J dadurch bot er eine wirkliche Anlehnung. Louiſe itt ſchlu mochte nicht nach ſeiner Lage fragen. Sie konnte es nuch nicht, da ihr dazu die Sammlung fehlte. Der 1 Gier! 6 uwa. Vagen war an eine entgegengeſetzte Thür des weit⸗ ber 6s it ͤufigen Gebäudes gefahren, wo ſie jetzt das Gebäude ,9 Rt verlaſſen mußten, die Menſchen hatten ſich verlaufen... der 3 Sekht, Ihr Kinder, ſagte Hackert ruhig mit ge⸗ genn del wagter Wirkung, als Louiſe einſtieg, Euch tröſtet 4 Beſſeres.—„ Beſe ſ on die Gelegenheit, einmal fahren zu können! Das mnaß naß Euch erſt geſchehen, wenn Euer Karl todt iſt! rirlich Kandgaſſe Nr. 91 dwie DSackert bezahlte den Kutſcher, die fünf waren un⸗ le laſu⸗ egebracht, der Wagen fuhr fort. Louiſe ſah nicht gen ſine nlhr zu dem Polizeiagenten auf. Die Kinder ſchluchz⸗ n, Kuh ſſe noch, aber ſchon nur noch deshalb, weil die Schweſter ns it vünte. Das Fahren war ihnen in der That., ein Troſt! n 332 Hackert, der die ſchwache Menſchennatur ſo traurig gut kannte, kehrte in die Halle zurück, die inzwiſchen leer geworden war. Der Thorweg blieb geſchloſſen. Es ſah düſter, faſt furchterregend in der Halle aus. Er trat an die Tragbahre, auf die blutige Strohmatte Unwillkürlich war's ihm, als ſollte er zu dem blaſſen wachsgelben Antlitz ſagen: Karl, ſtehen Sie auf! Es ſchlägt fünf Uhr! Großvater huſtet ſchon, wie er immer thut, wenn der Hahn kräht und die Uhren auf gezogen werden ſollen... Er kannte den grauen Roch mit weißen Knöpfen, die ſchwarze losgeknöpfte Hals binde, die Mütze mit der kleinen Cokarde... De Kugel war durch die Gegend der oberen Rippen ge fahren... Stumm und nachdenklich ſah Hackert auf dar arme Opfer politiſcher Aufregungen, die ſeinem Sinne fremd waren. Es war eine andre Welt, in der Kall Eiſold gelebt hatte, eine andre, in der ſich Hackent tummelte. Wie die Sonntagsglocken drauß ſe dumpf läuteten, war's ihm, als flüſterte ihm eine Stimme zu: Fehlt dir Elenden nicht die Liebe? Du biſt nicht ein mal werth, ſo wie Der zu ſterben! Es gibt ein Jenſeits wo die Rollen ſich umtauſchen und dieſer Jüngling in weißen Gewande mit der Märtyrerpalme in die Hallen atur ſo ten die inzwi geſchloſſen Halle aus ige Strohn zu dem la tehen Sie t ſchon, w die Uhren en grauen geinöpfte 6 barde.. eren Rippe zackert T ie ſeinemé elt, in da 3 ſich 9 en drauff üſterle üe du biſt N gi ibt ein. 1 eſer 7 me in 2 der Seligen tritt! Was iſt dieſe Welt? Was ſind dieſe Anmaßungen? Was ſind dieſe Häuſer, dieſe Bayonnete dort, dieſe Eiſenſtäbe vor den Fenſtern? Höre die Glocken! Sie mahnen dich an eine andre Welt! Es überkam Hackerten wirklich ein geiſtiger Zuſtand wie der ſeiner phyſiſchen Krankheit. Er wandelte wie im Traum. Er fühlte, daß er wachte, aber er war ſei⸗ mer nicht mächtig. Er verließ die blutige Strohdecke, die einſame Halle, das Profoßhaus. Er dachte nicht mehr an den Aſſeſſor, nicht an ſein Anliegen, endlich Murray zu ſprechen. Er irrte ſo über die Straßen hin. Erſt im Gewühle der lebhafteſten Stadttheile iam er zu ſich und mußte ſich's von den Augen weg⸗ wiſchen, ſo ſtand's ihm wie ein Bild vor ihnen. Der graue Novemberhimmel tröpfelte. Es fror ihn. Er lah ſich um, wo er war. Er ſtand grade vor des aſtraths Wohnung. Die Glocken läuteten in nahen und ernen Stadttheilen. Die hinter dem alten Tem⸗ uah ſe gelegene Johanniskirche war ſchon lebendig em brauſenden Orgelſtrom. Da gedachte er der nenlichen Aufforderung ſeines ſin egevaters, ihn zu beſuchen, wenn Sonntags in er Kirche gepredigt würde. Er ſchellte alſo an dem Hauſe ſeiner Jugend. Es 334 öffnete ſich. Er trat ein. Niemand da. Er klopfte an die Geſchäftsthüren. Sie waren verſchloſſen. Er ging an die hintere Thür, wo Schlürck arbeitete. Auch ſie verſchloſſen... O, ſagte er ſich, wenn du nur nicht irgend Einem begegneteſt, der dich aus deinem Traume riſſe! Nur Bartuſch, nur Jeannette nicht! Nur nicht Menſchen! Nur nicht Erinnerungen von ſonſt! Wär's Melaniel ... Ganz wohl that ihm, daß Alles ſo öde und ein⸗ ſam in dem Hauſe war. Die Treppen zu erſteigen wagte er nicht. Er ſah die alten bekannten Bilder, die auf den Wänden der Treppen hingen. Er hörte Niemanden. Daß die Hausthür aufgegangen wan auf ſein Schellen, war wie von Geiſterhand geſchehen. Aber zuletzt war es doch Jeannette, die die Treppe herunterrief: Wer iſt da? Hackert ſtand zur Hälfte oben und fragte nach dem Juſtizrath. Staunen, Verwundern, Zögern— Er hat mich beſtellt— Wie geht's? Was ſagte der Stallmeiſter? Neumann iſt bei Laſally— ich zieh' auch zu ihm, Fritz! Hier wird's ſtill— öde— die Juſtizräthin iſt in der Kirche— Melanie lieſt den ganzen Tag Bü⸗ 335 t klopffe an cher und ſpielt Harfe wieder und Klavier— Hören in. Er ging Sie— da— da ſpielt ſie... e. Auchſ Melanie, die im Klavierſpielen ſonſt ſo Träge, ſpielte ein träumeriſches Adagio. Auch ſie ſchien die Predigt gend Enn in der Kirche durch die Wahl des Muſikſtücks zu ehren... tiſel üu Er hat Sie beſtellt? ſagte Jeannette ſtaunend. Menſba Hackert, iſt's auch wahr? Haben Sie doch nichts s Mela Schlimmes im Sinn—? de und 0 Hackert lauſchte den Tönen und blinzelte nur mit zu erſteig den grauen Augen— ten Bid Bartuſch iſt auch in der Kirche und die Juſtiz⸗ Er hi räthin— Hackert, ſoll ich Sie wirklich melden? Hackert nickte. e Man hörte einen Schlafrock rauſchen. Er kam die d von oben her. Es war der Juſtizrath, der raſch, 4 ſcheinbar in großer Aufregung, mit Papieren in der Hand, von einer Corridorthür oben in die von Jean⸗ 5u netten geöffnete eintreten wollte. gi in V Herr Juſtizrath— Was iſt? rief Schlurck auffahrend, faſt wild... P Hackert iſt da... 1 Wer? Was? rief Schlurck und blickte um ſich wie 49 irrſinnig und ſah den auf der Treppe ſtehenden Pfle⸗ d Was wollen Sie? fuhr er mit plötzicch leichen⸗ b blaſſer Miene den ihn auf ſeine eigne Aufforderung Beſuchenden an und doch erſtarb ihm das Wort auf der Zunge. Er war von Hackert's Begegnung an dieſer Stelle, um dieſe Stunde ſo betroffen, wie da⸗ mals, als er ihn auf dem Heidekrug um Mitternacht hatte ſchlafwandeln ſehen. Hackert, befremdet über dieſe Aufnahme, mit dem ihm immer gegenwärtigen Zorne auflodernd, ließ die tonloſen Worte fallen: Es iſt ja Sonntag Vormittag, Herr Juſtizrath! Die Glocken läuten ja! Aus der Johanniskirche hört man die Orgel Schlurck beſann ſich auf ſeine eigne Aufforderung und ſuchte ſich zu faſſen. Er ſchien zu bereuen, daß er ſich auf einem ſo heftigen Erſchrecken über Hackert's Anweſenheit hatte ertappen laſſen. Ich ſtöre Sie! Ein ander Mall ſagte Hackert und wollte gehen... Nun aber ſchien über den Juſtizrath eine neue Gedankenreihe zu kommen. Er rückte die goldne Brille in die Höhe, ſtrich ſich die ſpärlichen grauen Haare und ſagte: Nein, nein, ich beſinne mich ja! Ja wohl, jn wohl! Jeannette geh' Sie! Was lauert Sie! Fork! Aber daß Sie Melanie nichts ſagt! Hört Sie? Aufforderung 1s Wort auf gegnung an fen, wie da Mitternach me, mit der rnd, leß d Juſtizrath iskirche ho Lufprdenn bereuen, d ber Hade 337 Jeannette hielt dieſe Aufregung des Juſtizrathes für völlig in der Ordnung. Sie wußte, wie gewagt es von Hackert war, in dieſem Hauſe zu erſcheinen. Sie wandte ſich nach den Zimmern, die zum Hofe hinaus lagen... Daß du auch grade heute— begann Schlurck und ſchien wiederum zu überlegen, ob er Hackert in die Zimmer laſſen ſollte oder nicht. Melanie ſpielte am Klavier. Das beruhigte ihn wenigſtens... es klang ſo wehmüthig, ſo ſchmelzend, ſo ſanft aus den vordern Zimmern her... Ich wollte nur wegen des Rings, von dem Sie neulich ſprachen, ſagte Hackert, als der Juſtizrath ihm zuwinkte, leiſe aufzutreten, und ihn auf die Thür⸗ ſchwelle nöthigte. Welcher Ring? Ah ſo! Ja! ja! Das kann ja geſchehen. Komm, mein Sohn! Leiſe! Leiſe! Sie ſpielt.. Alle dieſe Worte ſprach Schlurck durcheinander wie Jemand, der ſeiner ſelbſt nicht bewußt war... Was iſt ihm nur? dachte Hackert und trat in die Uihn ſo traulich begrüßenden Räume... hier auf 8 gebohnte Fußböden, dort auf bunte Teppiche. Er ſah vie überwinternden Blumenſtöcke, die Porzellananhäu⸗ ungen hinter Glasſchränken, die Gemälde, die Vaſen Die Ritter vom Geiſte. VIII 22 338 in den kleinen niedrigen, aber koſtbar austapezierten Zimmern. Ein Papagey in einem großen Meſſing⸗ bauer kreiſchte auf, als wenn er Hackerten erkannte.. Schlurck ging voran. Sein Auftreten war ſchwan⸗ kend. Er hielt ſich zuweilen und blieb wieder ſtehen, ſah Hackerten an und rückte die Brille hin und her.. Sind Sie krank, Herr Juſtizrath? Schlurck hörte nicht, ſondern brummte nur vor ſich hin: Der Ring! Warum auch grade heute... was ſagſt du Hackert? Nein, nein, rede nicht! Sei ſtill! Sie könnte hören... Damit waren ſie an jenes Zimmer gekommen, von wo aus eine Wendeltreppe in die untere Arbeits⸗ ſtube des Juſtizraths führte. Beide Gemächer gehör⸗ ten ihm ſelbſt an. Er ſchien in der Meinung zu ſein, den Ring in dem obern Zimmer zu finden... Er ſchloß einen Schrank auf und ſuchte überall, indem ſeine Hände zitterten... Hackert kannte ſeinen Pflegevater hinlänglich, um ſich zu ſagen, daß eine ſolche Aufregung nur mit ei⸗ nem ſeltſamen, ganz unerhörten Vorgange in Verbin⸗ dung ſtehen konnte. Noch vor wenig Tagen war ihm Schlurck ſo nicht entſtellt, ſo todtenbleich, ſo abgefallen lotapezietten en Meſſing⸗ erkannte., bar ſchwan jeder ſtehen n und her. tee nur vo te... wal gekomme tere Arbeit icher gehi ung zu ſ n.. hte üben 339 nicht erſchienen. Er erklärte auch, ſich entfernen zu wollen und ein ander Mal wieder zu kommen... Nein, nein, Hackertchen, ſagte der Juſtizrath, es liegt ſo viel auf mir. Deine Stelle iſt noch immer nicht würdig beſetzt. Der Ring! Ich entſinne mich doch... ein rothes Etui war's, worin ich ihn auf— bewahrte... ich gratulire, wenn du deinen Stamm⸗ baum entdeckſt. Ich habe mir Mühe genug gegeben, dir einen beſſern Vater zu verſchaffen, als ich bin, Fritz... Und während der Juſtizrath noch ſo plaudernd und ſeine Erregung bergend ſuchte und ſuchte, hielt er plötzlich inne, ſah Hackerten mit einer Miene faſt des Mitleids an, ſchlug ſich an die Stirn und ließ die Worte fallen: Nein aber, daß grade Du... Ich? Was iſt? Eben ſo raſch wollte Schlurck den Eindruck ſeiner Worte verwiſchen. Warum ich? Nichts! Nichts! Sie finden den Ring nicht! Er liegt unten.. Unten? Nein! In dem Depoſitenſchrank... Was weißt du? fuhr Schlurck auf. 340 Ein rothes Etui! Im Fach Nr. 13 links liegt ein rothes Etui! Du irrſt, du irrſt! lenkte ungeduldig, faſt zitternd der Juſtizrath ein, wühlte noch einige Augenblicke in dem Sekretär, erklärte das Etui nicht finden zu kön⸗ nen und wollte eben zuſchließen und Hackerten wieder zurücklaſſen nach vorn, als er hörte, daß Melanie mit dem Klavierſpiele aufgehört hatte. Thüren gin⸗ gen. Schlurck's Unruhe verrieth, daß er annahm, ſeine Tochter ſuchte ihn vielleicht und könnte den ihr ſo tödt— lich verhaßten Hackert hier finden... Er winkte faſt mechaniſch dem Beſuch, näher an die Wendeltreppe zu treten, hielt ihn dort aber zurück und bedeutete ihn zu ſchweigen. Er flüſterte, er wollte ſelbſt hinuntergehen, um unten nach dem Etui zu ſuchen. Sonntags pflegte dies untere Kabinet durch die vorgelegten und geſchloſſenen Fenſterläden dunkel zu ſein. Heut' war es hell. Um ſo auffallender mußt! es Hackerten erſcheinen, daß der Juſtizrath ein weiteres Nachfolgen auf der Wendeltreppe entſchieden verbot... Bleibſt da! Bleibſt dal ſagte er faſt ſchnarrend und heftig. Ich kann ja unten gehen, wenn ich doch. Bleibſt da! Bleibſt da! Hackert begriff nicht, was hier vorging. Unten höͤrte ks liegt ei faſt zittemn genblice i den zu kin erten wiede ß Melan Thüren gin nahm, ſein ihr ſo tod „nähet 0 er zurüch un wollte ſal wluchen. et durch n dunkel eender miſ ein weit n velbol ſt ſchnann er den Juſtizrath rumoren. Er ſelbſt blieb erſt oben, dann auf der viertel, zuletzt auf der halben Treppe. Schon entdeckte er eine ſonderbare Unordnung in dem Kabinet, eine Verwirrung, die ſonſt nie in ihm herrſchte. Papiere mit Siegeln lagen auf der Erde. Die Schub⸗ läden ſonſt verſchloſſener eichner Schränke waren auf⸗ gezogen, ein Seſſel umgeſtürzt, die Fenſterläden nur leiſe angelehnt, Geld klimperte, wie wenn es auf der Erde läge und der nach dem rothen Etui Suchende darüber ſtolperte. Endlich ſchien Schlurck das Käſt⸗ chen gefunden zu haben, ſah ſich um und bemerkte, daß Hackert gefolgt war. Er erſtarrte darüber. Bleibſt oben! rief er tonlos. Verdammter. Und wie Schlurck eben ſo fluchend hinaufſtieg, hörte man ganz in der Nähe Thüren gehen und Klei⸗ der rauſchen. Jemand ſchien den Juſtizrath zu ſuchen. Vielleicht Melanie. Unwillkürlich trat Hackert trotz des Verbotes niedriger und war mit ſeinem Kopf ſchon in ebner Linie mit der erſten Stufe der Treppe, ſo zurtig, ſo behend, daß ihn die etwa eintretende Me⸗ ſanie nicht ſehen konnte. Und im ſelben Augen⸗ hlick erſcholl ihre Stimme: Papa! Schlurck konnte nicht hindern, daß Hackert nun nit zwei Sprüngen unten war. 342 Papa! rief es wieder von oben. Ich kann ja hier unten gehen, ſagte Hackert und wollte durch jene Thür ſich entfernen, durch welche damals der Juſtizrath dem draußen lärmenden Bello des Fuhrmanns Peters Ruhe gebot. Er wußte, daß der Schlüſſel von innen ſtak. Doch fehlte dieſer Schlüſſel und Schlurck ſtand da, rathlos, wie vom Donner gerührt, wohl lächelnd, aber wie in wahnſinniger Verlegenheit. Zum Glück hörte man Melanie nicht wieder, aber die Unordnung, die hier unten herrſchte, war doch nicht mehr zu verbergen. Durch die nichtgeſchloſſenen Fenſterläden brach ein Lichtſchimmer, hell genug, um den ohnehin an das Dunkel inzwiſchen ſchon ge⸗ wöhnten Augen Dinge zu zeigen, die befremdlich ge nug waren. Aber, zum Teufel, Juſtizrath, brach Hackert aus. Hier möchte man ja meinen, hier iſt Einer eingebrochen! Wie? Wass? ſtotterte Schlurck und verſuchte, auf⸗ athmend, daß wenigſtens Melanie fernblieb, einige Scherze in ſeiner alten Art. Hier iſt der Ring, ſaägte er zu dem dämoniſch aufblickenden Hackert und ſtieß zu gleicher Zeit, während er dieſem ein Etui reichte, einige Schluͤſ ſel und eine eiſerne Stange hinterrücks von ſich Hackert un urch welch enden Bele wußte, da ic ſtand d ichelnd, ah vieder, albe „war do geſchoſſen genug, n ſchon fremdlich! Hackettd ingebrot rſuchte, blieb, 1 m dämol liche 9 ℳ nige 9 3 vol fe Siehſt du? jetzt hinauf! Laſſen Sie doch noch! Ihr Fenſterladen iſt ja offen... Hackert trat an's Fenſter und hatte durch eine zer⸗ brochne Scheibe nur nöthig, den Laden zurückzuſtoßen. Da ſah man denn den Zuſtand des Zimmers. Nur eines einzigen Ueberblicks bedurfte es für den gewand⸗ ten jungen Spürkopf, die Situation zu überſehen. Der furchtbarſte Verdacht wurde ihm zur augenblick⸗ lichen Gewißheit. Schlurck wollte die Miene anneh⸗ men, als wär' er an dieſem ſtillen Sonntagsmorgen durch Einbruch beraubt worden. Das ſtand ihm im Nu feſt. Und eben ſo raſch ſchoß ihm wie mit einem Tigerſprunge der Gedanke durch den Kopf: Wärſt du nicht hier unten, dem Juſtizrath gegenüber, nun ſelbſt geweſen, ſo hätteſt du in die Lage kommen können, für den Dieb zu gelten! Und darum hergelockt an einem Sonntag Vormittag? Darum die Verſuchung mit dem Ring? Darum... Er riß das Etui an ſich mit krampfhafter Wuth, ſprang auf Schlurck zu, daß dieſer zurücktaumelte und rief: Schlurck! Was iſt? Ein durchbohrender, tief in alle Falten der Seele Dieſes zerbrochene Stück... Komm 344 wie mit tauſend Pfeilen zugleich zielender Blick aus Hackert's ſtarren Augen auf den Juſtizrath... Aber zu ſagen wagte er doch nicht, was er dachte... Schlurck aber verſtand ihn ſogleich, bebte und meinte nur: Welche Unordnung! Hilf mir aufräumen, Fritz! So, ſo! Wie müde bin ich! Schon frühmorgens! Hilf doch! Aber denke nur nicht, ich wäre gewiſſen— los. Ich habe viele Clienten verloren! Da lagen ſonſt Tauſende, jetzt ſind's Papierſchnitzel. Haſt den Ring! Sieh nach! v. R. v. R. Weiter nichts, aber viel geſagt! Prinzeſſin von Rudolſtadt, von Rußland... hol ho! Junge! Siehſt du, hier haſt du oft genug geſeſſen und die Feder gekaut. Die Welt, mein Sohn, iſt ein Dudelſack, bei dem der Wind die Hauptſache iſt. Nur Luft, nur Wind, dann pfeift ſich's und tanzt ſich's! Haſt den Ring? Adieu, mein Sohn! Adieu! Mußt oben gehen! Leiſe! Leiſe! Hier fehlt der Schlüſſel! Leiſe! Leiſe! Und dies„Leiſe!“ war's, was Hackert nicht er⸗ tragen konnte. Er hätte ſich in Alles gefunden, jeden Verdacht niedergeſchlagen, er hätte mit Schlurck Mitleid haben können, ſich ſelbſt überwunden, aber jetzt: leiſe? Immer leiſe? Ewig leiſe? — Blick au h.⸗ t, was und meine mmen, Fiih ühmorgene re gewiſſe Da lagen Haſt d ater vicht olſtadt, v u, hirrh Die W. der Wind! dann 1 Adieu, ue eiſe! d ert nicht unden, 1 lurck M t jebte 345 Und doch ſagte er noch nichts, ſondern hielt an ſich und lugte nur zu den Schränken und ſprach: Juſtizrath, ich weiß noch Alles! Da lagen die Mündelgelder der minorennen Grafen Werdenbach; da lag eine Erbſchaft, die ſo viel Prozeſſe koſtete; iſt ſte nun entſchieden? Da weiß ich, in Nr. 9, die an⸗ geſammelten Zinſen und Kapitalien der polniſchen Aebtiſſin Sybille im Kloſter zum Herzen Jeſu, die für die Nachkommen eines gewiſſen Kaminski ausgeſetzt waren, der nach Frankreich floh... Recht! Recht, mein Junge! Warſt ein Genie! Kennſt Alles: Jetzt aber leiſe! Leiſe! Leiſe! Zum Teufel! wandte ſich Hackert. Vor wem hab' ich mich denn zu fürchten? Fritz, misbrauche meine Gutmüthigkeit nicht! Gutmüthigkeit, daß ich hierhergelockt wurde, wäh⸗ rend hier Alles vorbereitet wird, zum Schein, als wär' ich's, der hier geſtohlen... Hackert! ſtieß Schlurck halb ohnmächtig heraus. Seine Lippen bebten, ſein Auge blickte ſtarr. Er mußte das Geländer der Wendeltreppe faſſen, um ſich zu halten. Er begriff jetzt doch erſt ganz, was in Hackert's Seele vorging. Von dem Gedanken: der Unglückliche glaubt, ich wollte ihn zum Verdächtigen eines Ver⸗ vrechens machen, das vielleicht in ſeiner eignen Bruſt noch ſchlummerte und vielleicht eben erſt halb ausgeführt war, war er bis zur Ohnmacht überraſcht und über— wältigt... In dem Augenblick ging oben eine Thür. Ge⸗ wänder rauſchten. Melanie rief... Väterchen! Sie war an der Treppe. Sie kam. Hackert ſpringt in eine Ecke des Zimmers, wo jener Schirm ſtand, hin⸗ ter welchem einſt Dankmar's Schrein mit dem Kreuze geſtanden. Melanie beugte den Kopf über das Geländer der Treppe... ein paar Sprünge... ſie war unten... Schlurck wie todt taumelte in einen Seſſel. ausgefüh t und üͤbe Thuͤr. 6 echen! S t ſpringti ſtand, hi dem Kreu zeländer d unten. Seſſel. Dreizehntes Capitel. Auferſtehung. Wie dumpf und ſtickig das hier iſt! ſagte Melanie, als ſie beim Vater unten war und ſich ſtaunend umblickte. Und eine Scheibe zerbrochen! Ei welche Nachläſſigkeit! Du arbeiteſt, Vater? Schlurck hatte ſich in der Vernichtung, die ihn auf den Seſſel geworfen, wenigſtens das Anſehen gegeben, als läſe er in den durcheinander geworfenen Akten. Hackert blieb in ſeinem Verſteck unbeweglich. Die Kirche dauert lang, ſagte Melanie etwas auf⸗ räumend, und ich glaube faſt, die Mutter wird noch Beſuche machen. Schlurck nickte. Er hatte ſich noch immer nicht ſammeln können. Väterchen, es iſt recht lange her, daß wir uns micht im Stillen geſprochen haben! Schlurck ſeufzte und ſchauderte grade über die Todtenſtille im Zimmer. Warum ſind wir nur ſeit geraumer Zeit ſo un⸗ glücklich! Mit dieſem letzten Sommer ſind alle unſre Freuden abgeblüht. Schlurck ſammelte ſich, griff mechaniſch nach der goldnen Doſe und ſtotterte, ſich zu künſtlichem Humor zwingend, den Vers: Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder— Hackert hätte dazwiſchen ſpringen und rufen mö⸗ gen, daß dies Wort auf Melanie nicht paſſe. Ihr ſchien ein ewiger Mai zu blühen. Wol ruhte auf der edlen Stirn eine Wolke von Melancholie, wol ſchie— nen die Formen des Antlitzes etwas herabgezogen, etwas in jenes Oval geſenkt, das den Kummer der Seele verräth; aber ein geminderter Schönheitsglanz war darum doch nicht ſichtbar. Es war die alte ſylphi— diſche Geſtalt, es waren die gewölbten Schultern, der ſtolze Nacken, das reiche, kunſtvoll verſchlungene dunkle Haar, die vollen Arme, die unter einem leichten Haus⸗ pelzüberwurfe in ſchöner Rundung hervorſchimmerten und ſich über den Seſſel des Vaters lehnten... Hackert hielt den Athem an. Darf ich dir eine Neugier verrathen, Väterchen? Was haſt du kürzlich mit dem begann Melanie. ſ6 de über die Zeit ſo un d alle unſte ſch nach dee chem Huno rufen mo aſſe' paſſe. 2 rihte aiff , wol ſch herabgezoge Kummer! gönheitsg jalte ſ cultern, ngene d ichten H 349 Fürſten bei der Geheimräthin in dem türkiſchen Zelt verhandelt? Schlurck's erſter Gedanke war nun, zu erwidern, ſie wollten hinaufgehen. Doch hinderte ihn die Angſt vor Hackert. Er kannte ihn genug, um ſich zu ſagen, daß ſeine tückiſche Natur zu ſchonen war. Aber nicht nur Furcht vor dem verſteckten Lauſcher, ſondern auch Mitleid beſtimmte ihn, nicht vom Hinaufgehen zu re⸗ den. Er malte ſich Alles aus, was in Hackert's In⸗ ſiern vorgehen mußte und gleichviel, welches der Grund ſeiner vorherigen Aufregung geweſen war, gleichviel welches Verbrechen der zerſtörten, jetzt leidlich wieder⸗ hergeſtellten Ordnung des Zimmers zum Grunde lag, die Vorſtellung war ihm fremd geweſen, Hackert zu ſich zu locken und ihn in der Art, wie der Mistrauiſche es andeutete, verdächtig zu machen! Er litt ernſtlich ebenſo unter dieſer Vorſtellung, wie er ohnehin halb verzweifelnd ſich ſchon vor Schaam fühlen mußte. Und ſo ſagte er nur: Ah! Bah! Laß dieſe Sachen! Erzähl' mir heitre Geſchichten! Was hat dich denn plötzlich ſo muſika⸗ iſch gemacht? Ich habe dich abonnirt auf die Sym— honieſoireen. Siehſt du! Wo ſind nur die Billete? Hier, hier... Er ſuchte... 350 Das iſt ſehr ſchön von dir, ſagte Melanie. Aber jetzt weiche mir nicht aus, Väterchen, ſondern ſprich: Was hatteſt du ſo lange mit dem Fürſten? Frag' ihn Das ſelbſt! ſagte Schlurck und faßte das Kinn ſeiner Tochter, es noch zitternd em⸗ porhebend. Nein, Vater, antwortete Melanie ernſt und unter dem Pelz die Arme zuſammenſchlagend; nein, ich frage den Fürſten nie nach ſolchen Dingen, die er mir nicht ſelbſt erzählt. Ich habe gefunden, daß dies ein Mann iſt, der ſeine eigne und höchſt wunderliche Behand⸗ lung erfordert. Unter andern Umſtänden hätte Schlurck zu dem Lächeln ſeiner Tochter ſelbſt mitgelächelt. Diesmal ſtanden ihm ſeine Mienen, die er zu einer feinen An⸗ erkennung der Philoſophie ſeines Kindes verzog, mehr ſchmerzlich als erfreulich. Melanie wiederholte ihre Bitte und Schlurck, faſt die Gelegenheit ergreifend, vor der anweſenden, ſo ge— fährlichen, ſo tief ihn durchſchauenden dritten Perſon eine Rechtfertigung zu verſuchen, antwortete: Mein gutes Kind! Ich war kürzlich unten in meinem Keller, dem einzigen Orte, wo wir Männer uns ſorglos der Gefahr ausſetzen, den Schnupfen zu bekommen. Wie ich auf den Geſtellen die umgelegten lanie. Aber ꝛdern ſprich 17 k und faßt zitternd en ſt und unte ein, ich ftag er mir nich z ein Man che Behand urck zu de t Diesn er feinen! verzog, M Zchlurc, enden, ſ ritten 1 tete: ich und wit N Schnuxi je un Sorgenbrecher ſah, ſchlanke, lange, kleine, kurze, die geſchmackloſen Boxbeutel aus Würzburg und was ſonſt dort zur Anſprache an Herz und Gemüth ausgelegt iſt, überfiel mich recht der Kummer, daß der alte Rap— vort zwiſchen mir und meinen Zöglingen da unten hin iſt. Wie behaglich wählt' ich ſonſt aus, was die Ta— fel ſchmücken, die Gäſte erfreuen ſollte! Wie ſchwelgte ich in den langen ſpaniſchen und portugieſtſchen Eti⸗ ketten, die unſre Leute beim Serviren meiner Koſtbar— keiten den Gäſten gravitätiſch zuflüſtern mußten! Jetzt ſagen alle dieſe Herrlichkeiten: Don Ranudo de Coli— brados! Zu meiner Zeit war Das ein beliebtes Thea⸗ erſtück, Kind, in dem ein pauvrer Edelmann vorkam, der auf ſeine Würde hielt, aber ſich die Löcher ſeiner Kleider mit Tinte verſchmierte. Liebes Kind, auf meine Würde fühl' ich leider, werd' ich in unſrer ſetzigen Lage nicht viel halten können. Die Emporkömm⸗ klinge haben nichts von der Grandezza des gebornen Aldels. Ich nun vollends, meine gute Melanie, bin um Komödianten in einem Grade untauglich, daß ich un Stande wäre, aus der einfachſten und leichteſten Rolle zu fallen. Deine Mutter hätte wol allerdings has Talent, alle Welt glauben zu machen, daß wir rur in Folge unſrer veredelten Grundſätze, in Folge anſrer geiſtlichen Umkehr und Einkehr uns einzuſchrän⸗ ken anfingen. Sie könnte die Rolle einer aus himm⸗ liſchen Rückſichten ſich beſchränkenden irdiſchen Glück⸗ ſeligkeit vortrefflich durchführen. Ich kann Das nicht. Ich war früher in meinen guten Zeiten wahr, prahlte nie, ſondern gab und freute mich des blauen Son⸗ nenſcheins; jetzt, wo mir ſoviel verloren gegangen iſt, wo die Papiere m Werthe ſanken, meine Adminiſtra⸗ tionen neu geordnet werden und wohl ganz eingehen dürften... Vergiß dein letztes Opfer nüchtn warf Melanie trübe den Kopf aufſtützend dazwiſchen, Laſally! Es kam Eins um's Andre, Kind! Genug... Nein, grade dieſe Summe in jetziger Zeit ſo baar auf den Tiſch gelegt, ohne deshalb Anleihen machen zu dürfen, die du deines Credits wegen vermeiden mußteſt... Zehntauſend Thaler ſollten eine Bagatelle für mich ſein... Und ſind es nicht, wenn ſie plötzlich da ſein mußten... 4 Da ſein mußten! Ah! Ja, ja! Ich fand es in der Ord⸗ nung, daß ſich dies Verhältniß ſo loͤſte. Es iſt ja erbärm⸗ lich, einen Bewerber ſeiner Tochter dulden, der von der Vorausſetzung großen Vermögens ausgeht und ihm hernach ſagen: Da haſt du nun mein Kind! Das iſt ein . 353 aus hinn Kapital! Im Uebrigen findeſt du reinen Tiſch! Ich ſchen Glüt verurtheile Laſally nicht, daß er die Summe forderte. 1m Das rith Er iſt Philoſoph wie ich. Er gehört einer andern aahr, prahlt Sekte an als ich; aber Syſtem war immer in ſeinen lauen en Demoönſtrationen. Sie waren ruhig, kalt bis zum Prügelnswerthen, aber in ſeiner Vorausſetzung, daß ich reich wäre, hatte er Recht, ſich nur mit jener An⸗ ſeihe, wie er es nennt und ein Paar von deinen ge⸗ aragenen langen Handſchuhen abfinden zu laſſen.. Hackert empfand eben ein Gelüſt, als hätte er in der Ottokarſtraße mögen Feuer anlegen... gegangen iſe 1 Adminiſter anz eingete uf 2 Melant gſally!. 3 gſal Genug, lenkte Schlurck, der ſich vor ſeinem Pfle⸗ Genug 4 gekind in dieſen Dingen um ſo weniger Zwang aufer⸗ Jeit ſo ban..„—„ Zeit ſ legte, als er ſich rechtfertigen mußte, wieder ſeufzend ein, eihen mach genug ich beſitze das Talent nicht, mit dem Gefühl der Beengung Komödie zu ſpielen. Nur aus der Fülle deraus kann ich fröhlich ſein. Wohl gibt es einen zagatele ausweg, den große Geiſter in ſolchen Fällen oft mit Geſchick eingeſchlagen haben. Es gibt bewunderungs⸗ lich du würdige Genies des Schuldenmachens. Auch zu die⸗ ſen gehör' ich nicht. Die Elaſticität, die zum Lügen es in der b gehört, kann ich mir nicht geben. Ich kann nicht bei en vermeſt ittja al Suden und Wucherern herumfahren, große Manieren, n, der unt uugenblickliche Verlegenheiten affectiren, ich kann Das eht md Nlricht. Ich habe zeitlebens auf meine guten Eigen⸗ dl Dasi Die Ritter vom Geiſte. VIII. 23 354 ſchaften gehalten und meine ſchlechten nie verdeckt. Ging' es nach mir, Herzlieb, ich ſpielte jetzt die Rolle des Paraſiten, dem ſeine Gönner gekündigt haben, ich ginge in Lumpen über die Gaſſe... Vater! unterbrach Melanie den ſchmerzlichen, von Thränen untermiſchten Humor des leichtſinnigen, ſo ſchlaff und doch wehmüthig haltloſen Juſtizrathes. Gut, gut, gut! ſagte er beſchwichtigend. Ich thu' es nicht, ich weiß, daß die Rückſicht auf Euch mir den Uebergang von der Schule Ehikur's zur cy⸗ niſchen verbietet. Da ich alſo konſequent ſein ſoll, was that ich neulich bei der Geheimräthin? Geh⸗ weg, der Fürſt wird dir davon nicht geſprochen haben! Nein, nein, Vater! Aber Kind, du willſt geheimnißvoll gegen deinen Vater ſein! In Schlurck's Blicken— die Brille lag vor ihm oder wurde in gewaltiger Aufregung mechaniſch mit ſeinem oſtindiſchen Taſchentuche geputzt— ſpielten die kleinen Schlangen der Friyolität mit den Merk⸗ malen der Trauer durcheinander. Er zupfte Melanie flüchtig am Ohr und da ſie ſchwieg, ſagte er, troh Hackert, der athemlos lauſchte: Wirſt doch mit deinem Vgter nicht ſchäkern? nie veddec jetzt die Ral indigt haben erlichen,u V htſinnigen,) ſſttzrathes⸗ htigend.— ht auf Gü kur's zur ent ſein ſä ächin? 6 ht geſpruc lag vor! echaniſc t— ſp it dn J uyſte M ſagte el, cln! Schlurck wußte, wie Hackert zu Melanie ſtand. Tief durchſchaut von einem jungen leichtſinnigen Manne, den er im Grunde liebte wie ſeinen Sohn, wollt' er ihn wieder, wie ſonſt, in die ganze Lage ſeines Hauſes ein⸗ blicken laſſen. Er wußte, wie Menſchen nie ſo ver⸗ wildert und gewiſſenlos ſind, daß ſie nicht dem Ge— fühle der Großmuth noch zugänglich blieben. Er ahnte, daß Hackert von ihm in Güte ſcheiden, ſich mit ihm ausföhnen, ihn, komme was da wolle, nimmer verderben würde, wenn er ihn Zeuge dieſer Geſtänd⸗ niſſe bleiben ließ. Jetzt hinaufgehen— Das hätte den Lauſcher gefährlich gemacht. Melanie begann mit ſchmerzlichem Ausdruck: Papa, dies Verhältniß iſt ein närriſches Buch, in dem Vielerlei zu leſen iſt und doch weiß man nicht, was der Verfaſſer eigentlich will. Schlurck ergriff die Doſe und horchte auf. Seine Blicke waren auf en dunklen Winkal gerichtet, wo Hackert mit einer rückhaltung, die den Juſtizrath ermuthigte, lauſchte. Ich ſah dieſen Egon zum erſten Male auf einem Ritt nach Solitüde. Neben ihm ſaßen die beiden Wil⸗ Dungen... Dankmar Wildungen... Der Vater ſeufzte. Melanie ſchlug die Augen nieder. 23* Es hätte Dankmarn herabdrücken ſollen, ein Ge⸗ ringerer neben einem Vornehmen zu ſitzen. Und ich hatte den Abend doch nur Augen für ihn! Für den Abſcheulichen, ſagte Schlurck, der in die ſem Raume, dort auf deinem Seſſel einſt ſaß und. Er brach ab, um Melanie nicht zu verwunden und nicht zu viel zu verrathen. Die Liebe für Dank⸗ mar war bei Melanie das heilige Kleinod, die wun derbare Reliquie, die im Schreine ihres Herzens, wenn auch mit hundert Gehäuſen umſchloſſen, unent⸗ weiht ruhen geblieben. Die Sommertage von Hohenberg und Pleſſen konnte ihr kein Glanz überblenden. Keine Fürſtenhuldigung, keine Anbetung des wirklichen Egon konnte jenem magiſchen Zauber gleichkommen, der dieſen Erinnerungen geblieben war. Mit Dankmatt hätte Melanie ihres eigenſten Weſens ſich entklei⸗ den können, wie es der ſo heiß Geliebte nur von ihr ſ fordern mochte! Der Vater kannte dieſen Schmeiz⸗ kannte dieſe Anbetung, dieſe feſte, unausrottbare Wurzel eines einmal empfangenen Eindrucks. Er ſagte einmalt Mit dieſem Dankmar bricht die Poeſie meiner Toch⸗ ter zuſammen! Er wußte nicht recht, was er damit bezeichnete. Die Schönheit, die Anmuth, die Wirkung, auch der Leichtſinn, auch die Tändelei, jede flüch⸗ tigſte Neigung blieb ihr; aber das Eine, das letzte allein llen, ein 6 zen. Undi eu! f, der in d iſt ſaß und zu verwunde ebe für Da nod, die wu gres Herz loſſen, und on Hohent lenden. K irtlichen 6 kkommen, Mit Dank 3 ſich enl e nur bon eſen Sch ottbare W ſagte dn meinet 1 was ek , die Wf ei, jae das lebie 357 mächtige Wort des Lebens lag doch nur in jener ihr erſt den innern Halt gebenden Liebe, die wie auf verbor⸗ genem Meeresgrunde gebettet war und für dieſe Erde nun nicht mehr ſein ſollte! Damals nach den poetiſchen Tagen von Hohenberg hatte Schlurck Nächte daran geſetzt, Dankmarn für ſeinen ſpröden Uebermuth in jener Frühſtunde zu züchtigen. Er hatte mit einem Fleißaufwande, der ihn alle ſeine andern Angelegenheiten vernachläſſigen ließ, daran gearbeitet, daß Dankmar den Prozeß mit der Stadt in beiden Inſtanzen faſt ſo gut wie ſchon verloren hatte. Und dennoch, ihm gegenüber Sieger zu bleiben, ſchmerzte ihn faſt um Melanie, die Dankmarn ihre ſtille, ge⸗ heimnißvolle Liebe bewahrte und um einen Augenblick wie jenen, als ſie in der Mondnacht an der Mar⸗ morvaſe im Hohenbergiſchen Garten von Dankmar's Arm ergriffen eine Weile an ſeinem Herzen ruhte, mit Freuden all' die Huldigungen hingegeben hätte, die ihr jetzt von einem wirklichen Fürſten ſo überra⸗ ſſchend zu Theil wurden. Sie erzählte: Bei der Geheimräthin ſah ich den Fürſten einige Tage nach dieſer Begegnung auf dem Solitüder Wege. Ich erkannte ihn kaum wieder. Er war ſehr artig, ſeehr zuvorkommend. Als ich ihm dann auf's Neue 38.— begegnete, ſchien er ſich über mich orientirt zu haben. Er beklagte die Misverhältniſſe, die ihn von dir getrennt hätten. Er erwähnte Dankmar Wildungen, Hohen⸗ berg und lachte über meine Täuſchungen mehr, als mein Stolz ertragen mochte. Sein Selbſtvertrauen, mich um meiner Eitelkeit willen ſchneller erobern zu können, reizte mich. Ich war ablehnend, ſpröde ſogar bis zur ungnädigen Rüge der Geheimräthin, die mich faſt zu benutzen ſcheint als ein Mittel, ihre Häuslichkeit dem plötzlich ſo ergebenen Prinzen behaglicher zu machen.. Die Verbindung des Fürſten mit Pauline von Harder war genugſam ſchon im Schlurck'ſchen Hauſe ihrer Seltſamkeit wegen beſprochen worden. Schlurck ermunterte durch ſein Schweigen zum weitern Bericht., Er prüfte dabei ſtill für ſich, wie das Alles auf den nicht zu entfernenden Lauſcher wirken mußte. Als ich Egon ſah, ſeinen Bruch mit jener Gräfin Helene aus Paris erfuhr, ſein Bedürfniß, wie die Geheimräthin es nannte, mich jeden Abend bei ihr zu finden, beobachtete, entſtanden bei mir Reflexionen, deren Ernſt mich mögen recht langweilig gemacht ha⸗ ben, Väterchen! Sie legte den Arm überden Nacken des Juſtizraths.. Laſally wurde entfernt und ich begann mit Egon von Hohenberg zu philoſophiren. Ich wollte ihn nie zu haben. 6 dit geen genn, Hahe en mehr, d elbſtvertraun er erobern! röde ſogar die mich ſ uslichkeit d zu machen Pauline de Fſchen Ha Schlu en. ttern Berih Alles auf! ußte. jener G niß/ wie nd bei ihr Reflerin gemac zuſtat n mit 9 jhd wollt 359 anders ſehen als in Gegenwart der Geheimräthin. Ich duldete von ihm nie eine Wildheit. Mag es nun ſein, daß die meiſten Frauen in der Ablehnung von Zärtlichkeiten es verſehen oder... Melanie ſtockte faſt erröthend. Der Vater ergriff ihre Hand und half nach. O, ſagte er, kein Oder! Das nur allein iſt's! Die gewöhnliche Sprödigkeit der Frauen iſt ja gleich abkühlend wie Eis. Ich glaube, daß mein Kind tugend⸗ haft ohne Pedanterie war... Das Lachen, in das Melanie ausbrach, dauerte nur kurz und war recht liſtig... Hackert ſpitzte die Ohren... Drei frivole Menſchen, die ſich hier ſo bald verſtanden!... Melanie fuhr ernſter fort: Dieſer Egon iſt ein wunderlicher Heiliger und nach meinem Gefühl durch und durch unliebenswürdig. Die wahnſinnige Liebe einer Griſette und die noch tollere einer Gräfin haben ihn ſo verhätſchelt, ſo verzärtelt, daß in ihm jede Fähigkeit eines leidenſchaftlichen Auf— flammens faſt erſtorben iſt. Das iſt ein Pedant, Vater, ein langweiliger, phraſenhafter, durch und durch von ſich eingenommener Menſch, dem ich verſucht bin, jeden Abend eine Douche zu geben aus allen Fontainen des Witzes, wenn ich ihn beſäße, oder ſogar aus allen Waſſer⸗Karaffinen der Geheimräthin, die man ihm in 360 einer Stunde dreimal füllen muß. Aber ich halte an mich, ich ſchone Se. Durchlaucht und langweile mich an den quälenden Geſprächen über Politik und Partei⸗ weſen, die dort bis in die Nacht geführt werden... Schlurck lächelte ein wenig... Wenn Ritter Rochus vom Weſten, ſagte er, auf die Doſe klopfend, uns eine Summe zahlte, daß du Egon's langweilige Geſpräche ihm mittheilteſt, ich glaube, wir würden ſie durch Dich nicht einmal ver⸗ dienen können... Nein! Ich behielte nichts. Ironie, Schalkheit, Scherz ſind dem Fürſten gänzlich fremd. Er faßt Alles im Ernſte auf, geht an Jedes mit einer um⸗ ſtändlichen, ſyſtematiſchen Vorbereitung und iſt dabei von einer Grauſamkeit auch gegen ſich ſelbſt, daß er ſich um alle Freuden des Lebens bringt und billiger— weiſe in einem Kloſter und zwar in einem von der ſtrengſten Regel endigen müßte. Schlurck warf nur dazwiſchen: Die Ehe wird doch nicht ein ſolches Kloſter ſeine Da würden ſeine Geißelhiebe immer gleich zwei Men⸗ ſchen treffen. Melanie ſeufzte... und lachte doch auch. Sie lachte ſo ſchalkhaft, ſo aus ihrer innerſten ſchadenfrohen Schlauheit heraus, ſo ſich auf den Vater mit über⸗ ich halten ngweile m und Pane werden. ſagte er, hlte, daß ttheilteſt einmal v Schalkhe d. Erf it einer und iſt d elbtt, di und bill mnem von Kloſter „ Mh. ich zwel— c. Sie la ſchodenn rter mi 361 müthigem Triumphe lehnend, daß ſie in dieſem Au⸗ genblicke eine hinreißende Liebenswürdigkeit entfaltete. Was haſt du nur? fragte der Juſtizrath, der ſich in dieſem Augenblicke ſagte: Hackert hat hundert ſol⸗ cher Scenen beigewohnt! Er war mein Sohn, Me⸗ lanie's Bruder, ſah, hörte Alles, er kann dieſe Ge— ſtändniſſe nicht misbrauchen! Warum lachſt Du? wiederholte Schlurck... Papal ſagte Melanie. Ich habe dir oft meine künftigen Männer geſchildert. Laſally war eigentlich das Modell. Männer ohne Vorurtheile, die mich lieben um meiner ſelbſt willen! Fürſt Egon von Hohenberg iſt keiner von Denen, die auf dies Modell paſſen. Er wird dich... Schlurck unterbrach ſich ſelbſt. Er wollte ſagen: Er wird dich zu ſeiner Geliebten machen wollen!... Er beſaß bei aller Leichtigkeit ſeiner Denkungsart die Kraft nicht, N vernichtenden Worte auszuſprechen. Melanie verſtand aber ſchon vollkommen, was er ſagen wollte. Sie ſchwieg. Nach einer Weile ſchüt⸗ telte ſte das Haupt und flüſterte: So nicht! Wie nicht? Träumeriſch wiederholte Melanie: So nicht! ———— ——— ʃ— —— Und als Schlurck ungläubig über die Idee, der Fürſt könnte Melanie zur legitimen Gemahlin erheben, aufſchaute, die Brille, die er ſich wieder aufgeſetzt hatte, auf die Stirn zog und ſein Kind mit den waſſer⸗ glänzenden Augen firirte, brach Melanie in eine Weh⸗ muth aus, die ihn zum Tod erſchreckte... Was haſt du? rief er und hielt das plötzlich um⸗ gewandelte Mädchen, das ſich auf die Kante des Schreibtiſches beugte und ihr Antlitz unter den ge— kreuzten Armen verbarg... Noch verſtand er nicht recht, was ſie bewegte. Unmöglich! ſagte er haſtig. Wie kann dieſer Kalte, Feindſelige eine ſolche Ausſicht im Ernſte bieten! Ich war an jenem Abend mit ihm allein. Ich bat ihn um einige vertrauliche Worte. Er war die Sprödig— keit, die Feindſeligkeit ſelbſt. Voll Mistrauen begrüßte er mich. Wie ſo gern hätt' ich das Geſpräch ſogleich auf dich gelenkt, ſeine Geſinnungen über dich erforſcht! Vergebens, er wich mir aus und blieb bei dem Schlurck, der ſeinem Vater diente, den er im Heidekrug hatte in einer Nacht Champagner trinken, Trüffeln eſſen ſehen. Ich ſagte ihm: Durchlaucht, Sie irren ſich, wenn Sie glauben, daß ich in der Verwaltung Ihrer Güter leichtſinnig verfuhr. Schreiben Sie die heilloſe Verſchleuderung nur Ihrem Vater zu! Mein Vater Idee, der in erheben geſetzt halt den waſſe⸗ eine Wat lötzlich um⸗ Kante de er den g d er nicht diſer Kall bieten! I 36 la en begrit räch ſoglit ich erforſch in Schlun ekrug 5 füffeln eſt e irren ſ ltung I die heil Mein 2e war brav! fuhr er auf. Durchlaucht, ich denke nicht daran, ihn herabzuſetzen. Mein Vater war der edelſte der Menſchen, er wurde betrogen, getäuſcht, hinter⸗ gangen von aller Welt und von Keinem mehr als De⸗ nen, die ihm am nächſten ſtanden! Einen ſolchen Zorn⸗ ausbruch zu beſtreiten, war unmöglich. Ich mußte mildere Saiten außziehen. Ich mußte ihm ſagen: Durchlaucht, die Adminiſtration Ihrer Güter war die Hauptaufgabe meiner geſchäftlichen Thätigkeit! Ich habe um ihretwillen meine Praris vernachläſſigt. Die Gläubiger ſchenkten mir ihr ganzes Vertrauen. Ich war faſt der Miniſter dieſer kleinen Beſitzungen, deren ſchwie⸗ rige finanzielle Verwickelung ich in einer Reihe von Jahren zu löſen hoffte. Nun iſt Das hin! Abge— ſchnitten mit einem Scheerenſchnitt! Ein Fremdling erntet die Vorbereitungen meines Fleißes! Geben Sie mir dieſe Adminiſtration zurück!— Der Fürſt überlegt ſich den Antrag eine Weile, eine düſtre Wolke lagert ſich auf ſeiner Stirn, er ſchüttelt das ſtrenge, kalte, blaſſe Haupt. Nein! ſagt' er. Nun dann, ſagt' ich, Durchlaucht, dann ein Andres! Sie ſind Miniſter. Laſſen Sie den Prozeß des Staates wegen der Jo⸗ hannitererbſchaft fallen! Ich komme an den Rand des Abgrundes, geſtand ich ihm, wenn mir auch dieſe Hülfs⸗ quellen verſiegen. Melanie, daſſelbe Wort braucht' ich! Einem Menſchen zum erſten Male dieſes Wort! Dieſes Geſtändniß der elendeſten Situation, in der ſich meine Angelegenheiten befinden, ihm! Und? warf Melanie geſpannt ein, um den in ſtiere Abweſenheit und träumeriſches Brüten verſin⸗ kenden Vater aufzurichten. Schlurck erſchrak faſt über dieſes Und? Er ſchlug mir auch dieſe Bitte ab. Kalt wünſchte er mir einen guten Abend! Kalt entließ er mich! O, Melanie, wie es da in mir gährte! Ach, ver⸗ dammt! Nicht zu einer großen und edlen Handlung gährte es. Wo hätt' ich die Kraft dazu! Aber an das Aeußerſte... an den Tod dacht' ich— Vater! Vater! Melanie war hier aufgeſprungen. Sie warf ſich, erſchüttert von der Andeutung... vielleicht eines Selbſtmordes... über den Unglücklichen, der nicht arm ſein konnte. Sie ſtreichelte ſeine Wange, liebkoſte ſie, lachte unter Thränen... Nein, nein, ſo nicht! ſprach ſie zärtlich. So nicht, Vater! Ich ergründe dieſen Egon nicht. Die Grau⸗ ſamkeit gegen dich und ſeine Liebe zu mir! Nach je⸗ ner Scene im türkiſchen Zelt kam er blaß und kalt in den Saal zurück und würdigte mich keines Blickes. Am folgenden Tage ließ er die Worte fallen: Ihr es Wont „in dei den i n verſt faſt über wünſcht er mich lch, vel dandlun Aber d warf ſi cht ein nicht u bkoſte So iů die Gi Nach 365 habt ſo recht Eure Fäden um mich geſponnen und wißt Euch Alle im Preiſe zu halten! Daraus entnahm ich, daß ihn Euer Geſpräch verſtimmt hatte. Und nun bitt' ich, Vater, um Eines! Es iſt hier ein Ziel zu erreichen, das uns wenigſtens vor der Welt nicht gering erſcheinen darf. Aber es gehört Weisheit und Selbſtbeherrſchung dazu! Jede Andeutung eines per⸗ ſönlichen Vortheils, den wir etwa ſuchten, jede Gier der Eroberung, jedes marktende und ſchachernde Selbſt⸗ gefühl wäre hier ein heißer Stein, auf dem alle Mög— lichkeiten in Dampf auseinander ziſchten... Welche Möglichkeiten? Daß ich den Mann, der mich einſt tyranniſiren, quälen, morden würde, wirklich fände, aber ich müßte ihn doch wol nehmen, weil er— ein Fürſt iſt. Schlurck erhob ſich. Er begriff nicht ganz den Zu⸗ ſammenhang dieſer verworrenen Kombination. Wie iſt Das? fragte er, ſich an ſeinen Seſſel lehnend. Dich morden? Egon von Hohenberg liebt mich, Vater! ſagte Me— lanie ruhig. Ich verrathe ihm, daß ich meinen Werth zu hoch halte, um ihn ohne Bedingung zu erhören. Er ſinnt über die Möglichkeit einer Ehe. Zu werben um ebenbürtige Geſchlechter iſt er zu träge, zu lebensdüſter geworden. Er haßt die Frauan ſogar, vollends, da ſich 366 ihm jetzt Alle, Alle aufdrängen. Auch Pauline von Harder hat Angſt vor der Anknüpfung neuer Verbindun⸗ gen, die ihr den angebeteten Mann entführen. Als er dir ſo rundweg alle deine Bitten abſchlug, war es erſt der Zorn über eine Konſpiration, der ihn ſo reden ließ; dann aber auch, ich ahn' es, ein edleres Ge⸗ fühl. Er denkt, an mir gutzumachen, was er gegen dich ſeinem ſonderbaren Pflichtgefühl, ſeiner ſtaats⸗ männiſchen Würde ſchuldig zu ſein glaubte. Eine ſolche Idee würde Schlurck unter andern Verhältniſſen nach ſeiner, etwas Großes und Stoiſches nicht begreifenden Philoſophie für Narrheit erklärt haben. Jetzt war er zu zerknirſcht glücklich dafür. Er athmete auf, wie wenn tauſend Laſten von ſeiner gequälten Bruſt fielen. Und nur das Eine noch preßte ihm die unendliche Wonne zurück: Aber warum ſollte dich Egon denn tyranniſiren, dich ſo mit Füßen von ſich ſtoßen, daß dir nichts bliebe, als der in ſolchem Falle erbärmliche Titel einer Fürſtin? Es war todtenſtill im düſtern Gemach... Hackert wußte, was Melanie ſagen wollte... Als Melanſe eine Weile ſchwieg und dann in heiße Thränen aus⸗ brach... ahnte es Schlurck. Vaterzorn gegen Hackert brach ſo furchtbar jetzt 367 uline von in Schlurck hervor, wie damals, als er den aufge⸗ erbindun⸗ nommenen, wie einen Sohn behandelten und ſo früͤh ren. M verwilderten Findling faſt mit Füßen trat und aus dem „war t Hauſe warf. Es wallte in ihm auf wie ſiedende Glut. uſ reden Er fühlte die Kraft, in den Winkel zu ſpringen und leres G den Lauſcher, der ſo früh die Ehre ſeines geliebten Kindes er ge zerſtört hatte, zu erwürgen; aber ein Blick auf die zerbro⸗ r ſtaat chene Scheibe, auf die unter den Schrank geſtoßene Brech⸗ ſtange, die Beſinnung über die That, die er an die⸗ anden ſem Sonntagvormittage wollte zu einem ſcheinbaren Stoiſhe Ausbruch kommen laſſen— Simulation eines Ein— uthrbe bruchs in ſein Comptoir— lähmte ſeine Kraft. Er b cimn konnte nichts, als ſich über Melanie beugen, ihr Haupt 3 Wi erheben, ihre Stirn küſſen, mit ihr weinen... Taund Da ſchellte es am Hauſe. Melanie erhob ſich.„ eihn Raſch gefaßt ſagte ſie zum Vater: 4 3 d Papa, nur noch einige Wochen Muth und Selbſt⸗ unniſ peherrſchung! dir Ins So war ſie geſchwind wie eine Gazelle auf die ſche 2 Wendeltreppe geſprungen und hinauf zum oberen Zim⸗ — ner verſchwand ſie... 1 Nooch vergeblich nach Faſſung ringend wandte ſich Mam Schlurck, als er Hackerten ſchon vor ſich ſtehen ſah. inen“ Er erwartete von dem Elenden, der den Werth ſeines Kin⸗ b des ſo tief herabgeſetzt, ein Verbrechen an ihr begangen hlbar du 6 368 hatte, ein höhniſches, boshaftes, teufliſches Grinſen Er fand dies aber nicht. Ruhig ſchlug Hackert die Arme unter und eher furchtſam, nicht drohend war ſein Blich. Dieſer Blick ermuthigte doch den von den inner⸗ ſten Qualen zerriſſßnen Mann und ſtachelte ihn zu der Anrede: Bube! Haſt du nun Alles gehört, was ich dir danke? Hackert fuhr nicht auf. Er ſah ſich nur ruhig im Zimmer um... Einen Fürſten als Schwiegerſohn, ſagte er dann mit der ihm eignen heiſeren, kalten Tonloſigkeit. Iſ Das ſo wenig? Aber es iſt wahr. Sie hätten mich lieber im Waiſenhauſe laſſen ſollen, Juſtizrath! Ich wil gehen. Durch dieſe Thür kann ich's nicht. Das Schloß iſt ja prächtig verdorben. Na! Ich will mich oben durch⸗ ſchleichen. Ich denke, Sie ſchicken heute noch nicht auf die Polizei, um den Einbruch anzuzeigen. Sonſt, Schlurck, legen Sie ſich keinen Zwang an! Ich glaube, daß Sie nur ſich, nicht mich in's Unglück bringen wollten. Vom nächſten Sonntag an will ich jeden Mor⸗ gen daran denken, daß ich für mein Alibi Zeugen habte Sonſt können Sie thun, was Sie wollen! Es iſt wahle ich habe nichts in Ihrer Schule getaugt, Juſtizrath! In Ihrer! Ihrer! Aber Eins kennt auch Melanie 8 Giſa an mir, ich bin diskret. Ja, Schlurck! Ihre ver⸗ 1 diedm dammte Doſe da, aus der Sie bei jedem Beſuche eine ſein Bit Priſe nahmen und Witze nieſten. Ich naſchte aus den inn derſelben Doſe und war zu jung mit meiner Naſe, ich elte ihn mußte nur Dummheiten nieſen. gabt mir Wein ſtatt Milch. Juchhei am Morgen. Juchhei am vas ich! Abend. Des Nachts lief ich ſogar im Schlafe um und konnte aus dem Jubel nicht mehr herauskommen. r mhig Melanie kam einſt mit mir von einem Kinderball. Siie war grade vierzehn Jahre! Ich hatte getanzt, te er da daß ich trotz meiner Haare der Abgott der— Kinder ſgieit— war! Das vierzehnjährige Kind... Genug! Juſtiz⸗ hätten m rath, weinen Sie nur nicht! Sonſt thaten Sie's ja nur, thl Ich vvenn Ihr Geburtstag war und Melanie Ihnen ein Paar ds Sh Hauspantoffeln geſtickt hatte! Oder bei Ihren Jugend⸗ oben du erinnerungen weinten Sie... Jetzt... ſammeln Sie ch nicht ſich! Verſuchen Sie's noch zu guter Letzt, ein Herz von a. Et Stahl zu haben! Adieu, Juſtizrath! Alibi oder nicht... Ich 0 Laſſen Sie unterwegs, was Gefahr bringt. Ich dd li möchte nicht, daß Sie auf Ihre alten Tage... Ju— joa ſuzrath, lieber keine Seide mehr ſpinnen, als... en ll Volle! Wir ſehen uns wieder, wo's der Teufel be⸗ eugen 1 Gün ſcheert; nur nicht in... Bielau! auſim Schlurck blickte nieder, wollte Hackert's dargereichte I Fand nicht nehmen und ſagte nur: Die Ritter vom Geiſte. VlII. 24 2* ſel- cN 370 Haſt den Ring? Ich hab' ihn; antwortete Hackert faſt hohnlächelnd und triumphirend. Dann ſchlich er wie eine Katze über die Wendeltreppe und durch die Zimmer, die er wie ſeine Taſche kannte, zum Hauſe hinaus. Schlurck folgte vernichtet. Er ſann darüber nach, wie er bis zu einer Entſcheidung über Melanie's ſeltſame Andeutung den Zuſtand ſeiner Angelegenheiten verdecken ſollte. Zum zweiten Male verdankte er ſeinem ge⸗ liebten Kinde einen großen moraliſchen Sieg über ſich ſelbſt! Vor Hackert hatte er niemals Furcht gehabt., Hackert ſchwankte ſeiner kaum ſelbſt bewußt durch die Straßen. Er war nicht im Stande, zum Profoß⸗ hauſe zurückzukehren. Es war ihm, als ſprächen Stimmen mit ihm aus der Luft. Was ihn ſonſt von ähnlichen bewegten Regungen auf frivole Stimmun gen gebracht hatte, verfehlte heute ſeine Wirkung. Wie malte er ſich aus, was er erlebt hatte! Erſt den blutigen Tod, die Trauer, dann ein Verbre chen, erſtickt wol nur im erſten Keime, dann Me⸗ lanie und ihre Geſtändniſſe! Wie einſam, wie jammervoll ſah es in allen dieſen Herzen aus! Zum erſten Male kam es ihm, daß er ſich ſelbſt faſt ohne Schuld, ohne Reue erſchien. Ein junger Lebensmuth konnte ſich über Das, was Melanie be⸗ ohnlächen Katze ii die er w grüber nau je's ſelſſan en verdet ſeinem eg über i ht gehate ewußt di zum Puoi lls ſplätt ön ſonſt e Wift hattel ein W damn! 371 klagte, keine Vorwürfe machen. Es rührte ihn, aber es peinigte ihn nicht. So bracht' er den Tag bis zum Abend hin, wo in den Straßen die Zeitungen ausgeboten wurden, die die Geſchichte vom geſtern geſprengten Maſchinen⸗ arbeiterverein erzählten. Am Schloß des Königs ſtan⸗ den die kleinen„fliegenden Buchhändler“, unter ihnen trotz der Trauer, trotz ihres häuslichen Leids, Wil⸗ helm und Karoline, die eignen Geſchwiſter des Ge⸗ tödteten. Sie riefen ihres eignen Bruders Tod aus... Und Hackert kaufte ihnen ihre Blätter ab und hörte, daß ſie eigentlich deshalb weinten, weil ſie heute zum letzten Mal die Zeitungen auf der Straße ver⸗ kaufen durften. Und Euer guter armer Bruder Karl? Darauf ſagten ſie nichts, als weinend die Worte: In der heutigen Zeitung ſteht Alles... Es iſt aber die letzte... Und indem verkauften ſie ihr Leid. Daß die Regierung den Straßenverkauf der Zeitungen heute zum letzten Male geſtattete, war ihnen faſt größerer Kummer... Hackert wollte bitter werden. Er fand im Men⸗ 24* ſchen Etwas, was vom Uranfange an zum Schlim⸗ men zieht. Er ſagte ſich, daß die Lage, in der wir uns der Materie gegenüber befinden, unſre Tugen⸗ den und unſre Laſter bedinge. Der Mann mit dem rothen Barte! ſpottete er. O! O, Louiſe! So leicht bizarre Aeußerungen bei Hackert den Uebergang zu ſeinem genkößſüchtigen, gedankenloſen Leichtſinn bezeichneten, heute verlockten ſie ihn nicht recht. Er ergab ſich nur der Verachtung aller Lebensver⸗ hältniſſe und beſchloß, am Montag zu Aſſeſſor Müller zu gehen und ihn zum letzten Male, da Madame Ludmer ihm wiederholt geſchrieben hatte, um Einlaß bei Murray zu bitten. Wie er am Montage in der Frühe an das Pro⸗ foßhaus kam, ging eben eine Gruppe von Men⸗ ſchen aus dem Hauſe tretend an ihm vorüber. Die Menſchen ſchienen ihm bekannt. Der, welcher ihm am meiſten auffiel, war Murray ſelbſt; er er⸗ kannte ihn an der ſchwarzen Binde. Die Uebrigen waren Dankmar Wildungen, der von Melanie ſo Heißgeliebte; jener wunderliche, verwachſene Fremde, den er in die Stadt hatte einfahren ſehen und ein ihm Unbekannter, wir kennen ihn, Louis Armand. Louis hatte den gebückten, lächelnden Gefangenen un⸗ ter'm Arme gefaßt und führte ihn wie im Triumph. Auch um Schlim in der wi iſre Tuga nn mit de Hackett de edankenlſ nicht rech Lebensve ſſor Mül a Madan um Cinl Melanie ene Nre s Am angenen umph. mmer an der 373 Otto von Dyſtra ſchien den Befreiten wie einen längſt Be⸗ kannten zu begrüßen und Dankmar betrachtete ihn ſo forſchend, daß er Hackerten überſah, obgleich dieſer dicht an ihm ſtehen blieb und verwundert den Vieren nach⸗ ſah. Am Portal des Profoßhauſes erfuhr er, daß man auf eine perſönliche Bürgſchaft jenes Herrn im Schnurrock und die Niederlegung einer großen Summe eingewilligt hätte, Murray während ſeiner Unterſu⸗ chung, die ſich ohnehin ſchon zu ſeinen Gunſten ge⸗ wandt hätte, auf freien Fuß zu ſtellen... Zu ſpät gekommen! ſagte er und gedachte des üblen Eindrucks, den er mit dieſem ſo geſcheiter⸗ ben Auftrage bei der Verwandten ſeines Vorgeſetz⸗ ien Par machen würde. Dieſe Entdeckung war ihm nicht gleichgültig; ja, als er lauernd jenen Vieren folgte und Murray's Ruhe, die Freundſchaft und Zuvor⸗ kommenheit jener Chrenmänner für den Verdächtigen beobachtete, witterte er ſchnuppernd die Fährte neuer Ligen und Laſter. Doch zu nahe wagte er ſich den ruhig Dahinſchreitenden nicht. Es war ihm, als könnte ſich Dankmar wenden und ihm ein Wort zurufen nie einſt auf dem Hohenberg. Wenn er dich einen elenden Spion hieße, was könnteſt du erwidern? Die Möglichkeit mehrte doch ſeine Pein. Louiſen's Leiche ihres Bruders, die ſittliche — 374 Gefahr des Juſtizraths, Melanie's Thränen hatten ſein Inneres nicht erweicht, aber ein wenig erhellt. Er wurde Andern ein Licht, wie ſollte es in ihm ſelber dunkel bleiben! Er ſah ſich wenigſtens wie im Spiegel und war aus der brütenden Ruhe ſeiner Unmittelbar⸗ keit aufgeſchreckt. Da überfiel ihn eine ſolche Angſt, daß er jener Frau, die ihm ſo viel Vertrauen ge⸗ ſchenkt hatte und beunruhigt einmal über das andre in ſeine Wohnung ſchickte, ob Herr Hackert nicht ſo— gleich zur Geheimräthin von Harder kommen wollte, keine Anzeige von Murray's Freiheit zu machen wagte, ihm aber nachſchlich und außerhalb des Gefängniſſes, in das ihn die Richter nicht hatten einlaſſen wollen, ſich ihm irgendwie zu nähern ſuchte. Am Mittwoch früh fand das Begräbniß des Karl Eiſold ſtatt unter Umſtänden, die die ganze Bevölke⸗ rung in Bewegung ſetzten und Veranlaſſung wurden, daß Hackert den Privatauftrag erhielt, die am Grabe gehaltenen Reden zu überwachen. Die Sicherheits⸗ behörde hatte keinen feierlichen Leichenzug dulden wol⸗ len und deshalb ſogleich den Todten auf den neuen Kirchhof ſchaffen laſſen, wo er bis zum Begräͤbniß im Leichenhauſe beigeſetzt blieb. Die Arbeiter der Willing'ſchen Fabrik aber hatten den Todten bei Nacht aus jenem Hauſe mit Gewalt entfernt und ordneten inen haue erhellt, 6 ihm ſelt im Spieg Unmittelbe ſolche Angi ertrauen r das ande ett nicht men wel achen wah gefängiſ affen mal niß det nze Bei dung wu e anO Sichen dulden f den! m Belt Arbelle ten be— ol und 375 ein Begräbniß an, das durch die ganze Stadt gehen ſollte. Es war eine eigenmächtige Handlung, die ſpäter einer ſtrengen Unterſuchung verfiel. Ein Mi⸗ niſterrath verbot das öffentliche Begräbniß, bis bei Hofe jene religiöſe Scheu vor Allem, was Leben und Sterben berührte, entſchied und man von dorther wünſchte, es ſollte dem Drange jener Menſchen, die⸗ ſen Todesfall in ihrer Weiſe außzufaſſen, kein Hin— derniß geſetzt werden. So fand denn jenes Begräbniß unter Vortragung von Inſignien aller Art und mit Begleitung einer Trauermuſik unter dem Zuſtrom von Tauſenden Statt. Alle Maſchinenarbeiter folgten. Sogar einige elegante Trauerkutſchen ſchloſſen ſich an. Am Grabe wurden Reden gehalten, Choräle geſungen. Man bemerkte überall die Zeichen einer an dieſem Trauergepränge ſich ausſprechenden Demonſtration der erzürnten Gemüther. O, rief ein junger Redner, der auf die feuchte gelbe Erde der Grube trat, das Haupt entblößte und die zuckenden Mienen ſeines blaſſen Antlitzes kaum vor innerer krampfhafter Erregung bemeiſtern konnte. O, ſo kommen ſie denn immer näher die Boten des Sturmes, der bald uns Alle wie Staub aufwirbeln nnd durcheinander treiben wird! Noch eine kurze Ruhe und die Zornſchaalen der Prophezeiung werden aus⸗ — gegoſſen werden! Bis dahin, Brüder, wankt und verzagt nicht! Der Tod hält ſeine Ernte. Wie ein Schnitter fährt er dahin und mäht mit ſeiner Sichel ſchonungslos und grauſam! An das Leben muß ſich nun ſchon Niemand mehr klammern. Die Zeiten ſind vorüber, wo ein Jeder ſich hütete, unter den Dächern der Häuſer zu gehen, um nicht von einem fallenden Ziegel erſchlagen zu werden. Die Zeiten ſind vor⸗ über, wo man ſeines Leibes und Lebens ſchonte und pflegte und ſich vornahm, gebeſſert, reich an Tugen⸗ den und geſammelt vor den Thron des ewigen Rich⸗ ters zu treten. Jetzt geht es im Fluge. Das Leben iſt nichts. Die Kugeln werden Niemanden ſchonen. Eine Leiche? Hunderte werden wir begraben ſehen, Tauſende! Die Wuth der Menſchen, die es ahnen, daß ihre Stunde ſchlug, iſt grenzenlos. Nicht mehr Könige und Könige bekämpfen ſich, nein, alle Mon— archen, alle Reichen, alle Großen werden Frieden unter einander ſchließen und die Armeen ſind nurnoch da, um Schlachten den Brüdern zu liefern. Unſre Plätze und Straßen, unſre Stuben und Kammern werden die Schlachtfelder werden, wo künftig die gro ßen Feldherren ihre Lorbeern ſammeln. Tod iſt nichts mehr, Brüder! Wo wir hinblicken, krachen die Flin⸗ ten der Executionen. Die Diplomaten ſchreiben die wankt un 2. Wie t einer Sich en muß Zeiten ſ den Däche em fallene in ſind v ſchonte m an Tuge vigen Ri Das Li den ſchon raben ſu e es ahl Nicht n „alle NM den Fn ind nul ern. l d Kuns fig di od iſ en del ſchril Bluturtheile auf ihren ſeidnen Polſtern, ihre Choko⸗ lade ſchlürfend. Die Maſchinen dieſer Menſchen voll⸗ führen es und jeder Soldat ſieht auf ſeine Büchſe, ſein Pulverhorn, drückt los; was geht ihn die Kugel und ihr Ziel an! O Brüder, verzagt nicht! Zittert nicht, daß Ihr Euch erſcheint wie zuſammengetriebenes Wild in einem Walde. Alle Wege ſind umſtellt. Un⸗ ſer Denken, unſer Fühlen, unſer Reden iſt ein Ver⸗ brechen! Wir ſtören den Staat, wenn wir uns ver— ſammeln. Wir ſollen nur arbeiten. Hört Ihr, nur arbeiten! Arbeite und iß dein Brod im Schweiße deines Angeſichtes, Das iſt der Fluch, mit dem du in die Welt getreten biſt! Aber die Stunde wird ſchlagen mit ehernem Glockenſchlag, furchtbar dröhnen wird ſie durch alle Lande die Sonntagsfrühe der Er⸗ löſung... Weiter konnte der Redner nicht ſprechen. Denn eine Anzahl der Polizeidiener, die in der Nähe ſtand, trat auf den Hügel und zog mit lärmender Unterbre⸗ hung den jungen Mann von ihm herunter. Dies wurde das Signal eines allgemeinen Tu⸗ multes, der mit der Ruhe des Friedhofes und mit dem Schmerz der auf dem Sande knieenden Louiſe und ihrer Geſchwiſter in ſchreiendem Widerſpruche tand. Man entriß den Häſchern ihre Waffen, man 378 tobte, ſchrie, ſtieß Verwünſchungen aus. Die Häſchen ließen ihre Nothpfeifen ertönen, um von der Wache eines nahegelegenen Thores Hülfe zu bekommen. Die Wächter der öffentlichen Ordnung waren ſo bedrängt, daß ihnen faſt nichts übrig blieb, als ſich an den durch dieſe Scenen entweihten Sarg zu flüchten, der auf den Brettern über der Grube ſtand und eben hin⸗ abgelaſſen werden ſollte. In dieſem Tumult rief eine donnernde Stimme: Ruhe! Friede am Grabe! Achtung vor den Todten! Es war Leidenfroſt, deſſen Autorität unter dieſen Menſchen Wunder wirkte. Seine gewöhnlich nun polternde Art hatte ihn ganz verlaſſen. Der Augen⸗ blick begeiſterte ihn. Er war nur bei der Sache und ganz von ihr durchglüht. Wenn mein Wort unter Euch etwas gilt, rief en, ſo ſteht von Aufruhr und Empörung ab! Ehret den Schmerz der Leidtragenden, die dort auf dem kalten Boden verhindert ſind, ihre Andacht zu verrichten Schreckt den Schlummer des gebrochenen Auges nicht auf! Wir kommen ſo nicht fort, wie Ihr meint, wit nützen uns nichts und Denen nicht, die nach uns kommen werden! Glaubt doch nicht, daß Ihr allein daſteht mit Eurem Kummer um dieſe Zeit! Gebt dies weichliche Jammern um Eure Lage auf und ei⸗ Die Häſtt der Wau ömmen. 7 ſo bedrir ſich an d flüchten, ind eben e Stimm den Todi unter die öhnlich! Der Aug rSache! gilt, rie 1 Ehre f dem vertit Auges! r meint ſe nac 6 Itt zeit auf MM 379 ſchließt Euern Geiſt einer höhern Betrachtung. Es arbeiten mehr, als Ihr denkt, wenn auch nicht mit Schwielen in der Hand. Aber es denken auch mehr und hoffen auch mehr. Ihr ſeid nicht die Einzigen und ſeid nicht verlaſſen! Ihr fahrt nicht wie dieſer Jüngling in die Grube und düngt nur die Erde! Haltet Schritt mit dem Allgemeinen! Folgt nicht dem nächſten Gelüſt Eures Zornes, ſondern glaubt an den im Stillen arbeitenden Weltgeiſt, der uns mit Schö⸗ pfungen überraſchen wird, von denen Ihr keine Ah⸗ nung habt. Eine Ordnung in dieſem Leben muß ſein! Sie beruht nicht auf der Vertheilung der Gü⸗ ter, die nur Mord und Brand erzeugen würde, ſie beruht auf dem geänderten Begriffe vom Staat. Da⸗ hin arbeitet! Nicht zur Auflöſung, ſondern zur neuen Bildung hin! Gehorchen wollen wir, dienen, uns beherrſchen, Das iſt das Ziel, das wir nur im Siege des Geiſtes, nicht dem Siege der Materie finden kön⸗ nen. Die rechte Freiheit und die rechte Begrenzung! Darin liegt Glück, darin die Bürgſchaft neuen Frie⸗ dens. Die Römer wußten, was ſie wollten; die erſten Chriſten wußten, was ſie wollten; wir wiſſen noch nicht, was wir wollen. Deshalb entwaffnet die materielle Kraft, die Euern Forderungen gegenüber ſteht, ent⸗ waffnet ſie nicht durch die ſchwache, ſogleich beſiegte 380 Fauſt, ſondern durch den milden Sonnenſchein des Geiſtes und der Verſtändigung. Der Sonnenſchein blies dem Wanderer den Mantel ab, den der Sturm nicht abblaſen konnte. Gebt Ruhe, Friede den Todten! Scheidet von dieſem Grabe mit der Hoffnung auf einen neuen Frühling und werfe Jeder eine Handvoll Erde dem edlen Jünglinge nach, als Zeichen, daß wir Erde werden, wie er und uns verſöhnen wollen mit unſerm Looſe, das uns dieſe Welt gab als einen Schauplatz der Entſagung und eine dunkle Kammer räthſelvoller Hoffnung! Dieſe wie ein Strom hervorquellenden Worte ver⸗ fehlten ihre Wirkung nicht. Einer nach dem Andern trat an die Grube und warf eine Handvoll Erde über den Sarg. Louiſe und die Kinder ſchütteten Blumen. Die Frauen vieler Arbeiter umringten die Weinenden und führten ſie an das Thor des Fried⸗ hofes zurück, wo einer der ſchönſten Wagen, dem ein zweiter, in welchem Mangold ſaß, folgte, ſie aufnahm. Die verſtärkte Thorwache machte Spalier. Die Ar⸗ beiter gingen ruhig auseinander. Leidenfroſt erhielt den Handſchlag Dankmar's und jenes kleinen mit dem Offizier der Wache ſich unterhaltenden Fremden, in dem Hackert wieder den vornehmen Reiſenden erkannte, den er in die Stadt Rom gewieſen hatte. enſchein Sonnenſch der Smu den Todd offnung ne Handue en, daß w ſ wollen! als eil le Kamm Worteb dem Ande dvoll 6 er ſchütt riingten des en, dem te aufne Die froſt in kleinen n Jrn JNeſia eſen ha 381 Als der Kirchhof von dem Menſchengewühl ſich entleerte und nur noch die Todtengräber thätig wa⸗ ren und das Grab zuſchütteten, bemerkte Hackert in einiger Entfernung einen einſamen, zurückgebliebenen Wanderer. Es war Murray, der Alte mit der ſchwar⸗ zen Binde. Er ſah, daß er die Hände über den Rücken zuſammenſchlug und von Grab zu Grab trat trotz der Kälte, trotz der ſchon ſchneidenden trocknen Winterluft. Er hatte ihn ſchon vorher im Auge gehabt und nur im Tumult nach der erſten Grabrede verloren. Jetzt ſchlich er ſich ihm nach. Jetzt ſpornte ihn Neugier und die Eitelkeit, ſich das Haus einer Geheimräthin verbindlich zu machen... Doch im⸗ mer ſtand der Alte, wenn er dicht an ihn heran kam, an einer Grabſchrift und las ſie, was ihm ſchwer zu werden ſchien, da er ſich nur eines Auges bedienen konnte. Hackert fühlte, daß er über den Tod, über dieſe Grab⸗ ſchriften mit ihm reden mußte, wenn er ihn anſpre⸗ hen wollte. Dazu konnte er ſich trotz der auch in ihm durch die Grabesſcene hervorgerufenen Erſchütterung nicht entſchließen. Religiöſe Empfindungen waren lan fremd. Murray las unter dem feuchten, modernden Blät⸗ rabfall hinſchreitend zuweilen die Grabſchriften halblaut. 382 Derſelbe Mann, den er als zweideutigen Gauner im Gefängniſſe beſuchen ſollte, der ihm als hochfah— rend, anmaßend, frech bezeichnet war, ſprach, indem er bei einer entblätterten Trauerweide ſtand und en ihm von ferne zuhörte: „Sanfter Schlaf halte dich umfangen bis zum Tage des Wiederſehens.“ Es war eine Grabſchrift auf ein junges Mädchen., Hackert blickte zu Murday hinüber, der weiterging und ſprach vor ſich hin: 8 Es iſt kein Engländer!„Das hör' ich doch wol ſchon... Murray ſtand vor einem Kreuze und las wiede halblaut: „Seit ich entbehre, glaub' ich.“ Murray ſtand nachdenklich, überlegte offenbar dieſe Worte und ging wieder weiter. Hackert vergegenwärtigte ſich die Kennzeichen, die ihm die Ludmer genannt hatte. Das Haar iſt nicht echt, ſagte er ſich und las nun ſelbſt die Inſchrift, die Murray vor ihm ge— leſen hatte... Murray war inzwiſchen weiter gegangen und flü⸗ ſterte vor einem andern Denkſtein die Inſchrift leſend tigen Gan Hackert bemerkte, daß ſich das Haar verſchob und als hoch unter ihm ein helleres ſichtbar wurde. ſprach, in Er iſt's! ſagte er ſich. ſtand und V Indem murmelte Murray vor einem Kreuze von Gußeiſen: gen bis l Anbetung Ihm, der die große Sonne Mit Sonnen und Erden und Monden umgab, es Mädche Der Geiſter erſchuf, Ihre Seligkeit ordnete, Die Aehren hebt, der dem Tode ruft, Zum Ziele durch Einöden ährt und den Wandrer labt, t doch 1 Anbetung Ihm! ich doh Finden Sie nicht, ſagte nun Murray, ſich ſelbſt zu dem nahegetretenen jungen Manne wendend, der wie er an den Gräbern Intereſſe zu nehmen ſchien, finden Sie nicht, daß alle dieſe Denkſteine ſich recht an den eoffenba Tod anklammern wie an den einzigen Enthüller des großen Lebensräthſels? Es iſt doch ſchlimm damit. unzeiche 4 Man glaubt erſt, wenn man an die Schwelle unſres DOaſeins tritt und in der Stille, die um einen Ster— ſich u ſenden waltet, es doch ſo gar ſonderbar raſcheln und füſtern hört, grade wie Sie immer ſo hinter mir her raſchelten, ohne daß ich Sie ſah. Hackert konnte nicht recht antworten. Er bemerkte, während Murray ſprach, die Ohrlöcher, von denen der weiten nd las W vor hn ngen nſchiñ 384 ihm die Ludmer geſagt hatte. Sie waren verwachſen, aber unverkennbar. Murray ging ohne die Antwort abzuwarten wei⸗ ter und ſprach, halb leſend, an einem kleinen ſehr ge⸗ ſchmackvollen Denkmal von Marmor: Ein Kind von drei Jahren? Der kurze Traun eines Schmetterlings! Sehen Sie die Idee des Künſt lers! Ein Kind mit einem Schmetterling? Wie es fürchtet, daß eben der Schmetterling von der erhobe⸗ nen linken Hand fliegen will! Es will ihn haſchen! Knabe, die Seele entfliegt dir nicht! Tröſte dichl Aber nach mußt du ihm! Hackert bemerkte, daß Murray faſt keine Augen brauen hatte. Und damit er doch nicht zu lange ſchwieg, äußerte er kalt: Ganz hübſch! Haben Sie die Reden an dem Grabe gehört! fragte Murray den ihm ſonderbar nun ſich anſchließenden jungen Mann mit den magern Gliedern, dem durch⸗ glaſten Auge, dem blaſſen Geſicht, dem rothen Haar, in einfacher Tracht mit ſchäbigem Paletot... In zu großer Entfernungl ſagte Hackert. Die Scene war ein Bild unſrer Zeit, fuhr Mur ray fort. Noch Kampf am offnen Grabe! Der beſänftigende Redner fand gute Wendungen, aber die n verwachſen suwarten i einen ſehr kurze Tun dee des Kin nc! We n der erhe ihn haſch Tröſte d keine A icht zu Grabe 9. anſchleß dem! r, dem rothen tot.. ckert. N,ſuht, Grabe! 4 gel/ M 385 Wechſel, die er ausſtellte, haben zu lange Sicht. Da werden die Zinſen ſo groß wie das Kapital. Hackert, in der ſichern Ueberzeugung, daß die Ver⸗ muthung jener Frau über dieſen Mann vollkommen zuträfe, konnte natürlich ſolche Art, ſich zu äußern, ſolche ſtille Ergebung und philoſophirende Ruhe nicht begreifen. Von einer Verſtellung, ihm gegenüber, konnte doch wol kaum die Rede ſein. Er mußte ſich geſtehen, daß er hier ja ein ganz kindlichgeſtimmtes, frommes, ergebenes Gemüth vor ſich hatte, von dem Schlim⸗ mes zu denken er ſich ſchämen mußte... Murray wanderte immer ſo fort. Hackert folgte ihm und hörte forſchend zu, wenn er ſprach oder Grab⸗ ſccriften las. Manche ſchrieb ſich Murray auf. Er zog ſein Portefeuille und merkte ſich manchen Gedanken, manches tröſtende Bild. Hackert wurde davon faſt ergriffen. Er hörte keinen Frömmler ſprechen, keinen phraſenhaft Gläu⸗ igen, ſondern einen Mann, der das Leben und die Welt als ein Geheimniß nahm und deshalb, weil er mit zu dieſem Geheimniß der Welt gehörte, ein hö⸗ heres Walten, eine Harmonie des uns nur unhar— moniſch klingenden Lebensſpieles vorausſetzte. Und doch verließ Hackerten noch immer nicht die ſthlimme Vorſtellung, die ihm die Ludmer eingeflößt Die Ritter vom Geiſte. VIII. 25 386 hatte. Er ſah, daß Murray ſchön ſchrieb und bemerkte dies, ihm über die Schulter ſchielend... Ich bin ein Kupferſtecher, antwortete Murray in aller Ruhe und ſteckte den Bleiſtift durch die Löchen die ſein Portefeuille zuſammenhielten. Auch dieſe freiwillig eingeſtandene Beſchäftigung paßte... Murray ſchien von dem heftig brauſenden Novem berwind, der die Blätter aufwirbelte, nichts zu fühlen. Hier und da hatte ſich noch ein Blumenſtock von den vielen, die hier auf den Raſenhügeln welkten, friſchen erhalten. Er verweilte dann bei ihm und lobte ſeinen Widerſtand gegen den Sturm. Halt aus! Halt aus! ſagte er. Aber noch zwei Tage, ſo mußt du dich auch ergeben! Dann wandte er ſich an Hackert mit den freund lichen Worten: Glauben Sie denn an ein Wiederſehen nach dem Tode, junger Mann? Hackert war betroffen, faßte ſich raſch und ſchul⸗ telte entſchieden den Kopf. Ich kann Sie nicht widerlegen, mein Lieber, nahm Murray ſein Bekenntniß entgegen; allein denken Sie ſich doch einmal, als wäre die Menſchheit vielleicht ein Baum oder ein großes Wachsthum, will ich ſe Und benneii e Murray ch die Luch Beſchäftig enden Nove hts zu füht ſtock von! Atten, frſt dlobte ſi ber noch t den fii hen nach ch und diebet n denke heit 5 V wil t gen, das immer ſteigt, immer neu anſetzt, immer drängt und drängt und irgend etwas werden will— was, weiß ich nicht. Aber es iſt ein Geheimniß damit. Ich glaube, unſer phyſiſches Leben iſt der Durchgang eines großen räthſelhaften Naturtriebes, eines Dranges zur Unſterblichkeit. Sehen Sie, es iſt mir faſt, als wenn dieſe Erde, deren beſte Produkte wir doch ſind, etwas aufhat, ein Thema, nämlich das, uns ſo vollkommen hinzuſtellen als nur möglich, mög⸗ licher Weiſe unſterblich. Die Erde kann Das nun nicht vollbringen. Da ſinkt Einer hin, da und dort. Meinen Sie nun wirklich, daß der unglückliche Knabe, der ſo mit ſechszehn Jahren ſterben mußte, nun rein ausgeblaſen iſt? Hier iſt er's. Das, was in ihm irdiſch war, iſt hin. Aber wenn Einer ſo ſtirbt an einem ererbten Uebel, an der Schwindſucht, an un⸗ verſchuldeten Fehlern der Organiſation, bei einem Ei⸗ ſenbahnunglück— kommt da der ſchwachen Erde, die uns ſo gibt, wie ſie eben kann, nicht vielleicht doch ein höherer Geiſt zu Hülfe und nimmt Die in ſeine rettenden Arme, die die Erde nicht fertig brin⸗ gen konnte und führt uns in andern Verhältniſſen, andern Bedingungen fort und hinüber in andere Subſtanzen? Hackert hörte ruhig zu. ‿ ³◻☛ * Ich philoſophire ſtümperhaft, ſagte Murray. Was kann man auch anders, als ſich hier der Natur ge⸗ fangen geben und ſagen: Da haſt du mich mit ge— feſſelter Vernunft! Liefre mich dem Tode aus auf Gnade oder Ungnade! Wenn man aber doch ein Bild für dieſe Hoffnungen haben möchte, ſo mein' ich immer, man nimmt getroſt die chriſtlichen Bilder und überantwortet ſich einem liebenden Vater, einer allwaltenden Fürſorge und ſagt: Durch Chriſtus, durch ſeine Lehre iſt dafür geſorgt, daß wir nicht zu Staub verwehen! Es ſammelt uns ſchon Jemand irgendwie in dem Schooße Gottes. Alsdann ſprach Murray ein altes Lied, von dem er ſagte, daß man es zu ſeiner Zeit geſungen hätte. Es war Salis' ſchönes Lied:„Das Grab iſt tief und ſtille.“ Murray ſprach alle Verſe ohne Pathos, ohne Uebertreibung, melodiſch und weich. Als er mit dem Verſe geſchloſſen hatte: Das arme Herz, hienieden Von manchem Sturm bewegt, Erlangt den wahren Frieden Nur, wenn es nicht mehr ſchlägt— war es Hackerten doch, als wühlte eine Geiſterhand ſonderbar ſein Inneres um. Thränen, die, wie er oft geſagt hatte, nicht in ſein Herz wären geſäet worden, Lurray. Wa eer Natur g mich mit o ode aus u ber doch i ſo mein t lichen Bü Vater, eine hriſtus, du ht zu Sta nd irgende led, von d ſungen hit Grab iſt hne Palt Aset Erörtern des im Schranke der Jägerwohnung Gefun⸗ 389 meldeten ſich freilich nicht, leiſe quillend und unwill⸗ kürlich, aber er mußte doch zu Murray ſagen: Sie ſind ein Prieſter von der Art, wie wir keine haben! So wär's mir ſchon recht. Jeder müßte ei⸗ gentlich ſeinen eignen... Hackert ſtockte; aber Murray verſtand und fuhr raſch fort: Seinen eignen Erlöſer finden... So etwas! ſagte Hackert; wenigſtens Einen, der ihn hinausführte in die Natur und ihn durch Milde bekehrte! Junger Mann, ſagte Murray... Suchen Sie nur die Einſamkeit, dann iſt der Prieſter immer bei Ihnen. Hackert dachte an den ſchönen Julitag, wo er zu Tempelheide im Korne unter den blauen Blumen lag und ſich an Siegbert anſchließen wollte, aber nicht konnte, da es noch viel zu wild in ihm damals tobte... Indem feſſelte Murray eine neue Inſchrift. Er zog ſein Portefeuille, um ſie aufzuſchreiben. Indem er es aufſchlug, klang etwas auf dem Grabſtein, vor dem er ſtand. Etwas Metallenes war ihm entfallen. Hackert hob es auf. Es war ein halber goldner Ring... Wie Murray dieſen halben goldnen Ring, den hm Louis Armand nach dem Wiederſehen und dem 390 denen gegeben hatte, von Hackert empfing und wieden in das Portefeuille legen wollte, ſah er in dem jun gen Manne eine ſeltſame Bewegung. Was iſt Ihnen? fragte Murray. Unwillkürlich griff Hackert in ſeine eigne Rocktaſche und zeigte mehr wie zu ſpielendem Zufall die andre von Schlurck empfangene Hälfte eines Ringes. Murray erſt ſcherzend, hielt ſeine Hälfte an dieſe, ſagte aber nun plötzlich erſchreckend, während ſeine Hand zitterte: Gott! Sie paſſen ja! Hackert, wirklich nicht minder bewegt, blickte in den innern Rand. Wie er die Buchſtaben P. v. R. deutlich zuſammengefügt erblickte, mußte er ſich an einem Kreuze halten, ſo erſchütterte ſeine ſchwachen Nerven dies Zu ſammentreffen... Und Murray rief mit ſchon erſterbender Stimme Was iſt Das? Woher haben Sie die Hälfte die ſes Ringes? Dabei ſtreifte er mit der Hand die Binde zurück, ſein Hut entfiel, die Binde entfiel, die Geſtalt hob ſiche.. Ich bin ein Findelkind, ſagte Hackert. Wie man mich an der Thür des Waiſenhauſes dieſer Staht ausſetzte, fand ſich in dem Korbe, in dem ich ſchlief die Hälfte dieſes Ringes.. g und wie in dem gne Rockt all die and Ringes. ilfte an de aährend ſe blickte in) v, R. deu einem Ku erven dies: Stin der ie Halſt e zurü thob ſt † Wi dieſer em ich b 391 Und Murray ſank ſchon halb auf einen Leichen⸗ ſtein, halb hielt er Hackert's Arm, bohrte ſeine Augen in die des jungen Mannes, hob die Lippen, als wollte er ſprechen, wiſchte die Augen, als wollten ſie weinen, lachte, griff nach ſeiner Stirn, betrachtete den Ring— PaulW? rief er endlich. Nicht Paul... ſagte Hackert... Gütiger Heiland, nicht Paul Zeck... ſtammelte Murray erblaſſend. Paul Zeck? Paul Zeck?.ö. rief Hackert ſich beſinnend. Und ſchon wühlte er in den Papieren ſeines Portefeuille. Der Schein, den Hackert in jener Nacht Bartuſchen abgenommen, zitterte in Murray's Händen... Dann ſammelte ſich Der aber und ſprach, indem er krampfhaft Hackert's Hand ergriff: Dieſen Ring gab ich einſt meiner Schweſter Ur⸗ ſula Zeck. Paul Zeck iſt nicht ihr Kind; es iſt mein Sohn und der Sohn dieſer Frau, deren Name P. v. R. lautete. Es ſind jetzt drei Fälle! Entweder: Paul Zeck iſt durch Naturgeſetze todt, oder Urſula Zeck hat ihn ermordet, oder ſie ſetzte Paul Zeck am Waiſen⸗ hauſe dieſer Stadt aus und machte den Urſprung des Kindes kenntlich durch die Hälfte dieſes Ringes, die andre wurde bei ihr gefunden... 392 Hackert blickte bald auf die Ringtheile, bald auf Murray und ſagte dann leiſe: Ihr Sohn? Sie? Und ich? Ja, ich bin ja dieſer ausgeſetzte, erſt im Waiſenhauſe erzogene Findling.. Es war das erſte reine Gefühl der gebrochenen Eiſeskälte des Herzens, das erſte Herzensbeben dieſes jungen Mannes, indem er dieſe Worte ſprechen mußte. Murray betrachtete den Sprecher, die Geſtalt, die Züge des Antlitzes... Auch das Haar ging ihm plötzlcch wie in Flammen auf... Hal ſagte er. Daher! Daher! Von jener Nacht! Lichterlohes Haar! Du biſt's! Biſt— mein Sohn? . Die Todtengräber überraſchten eine Gruppe. Sie wollten das Thor ſchließen, das auf zwei Schritte in der Nähe war. Unwiſſentlich hatten der Vater und der Sohn dieſen Weg genommen... Sie halfen Hacker— ten, der ſich bald ſammelte, den ohnmächtigen Mann, der ſeinen Sohn gefunden und ſeine Freude nicht auszujubeln wagte, an das Thor führen, wo noch Miethwägen hielten... Die beiden verſpäteten Theilnehmer des Leichen⸗ zuges fuhren, wie Hackert dem Fiaker zugerufen, nach der Brandgaſſe Nr. 9, wo Murray ja noch wohnte., Die Todtengräber fanden die Scene, die Ausru— fungen, die Umarmungen ſeltſam. An der Stelle, wo le, bald au bin ja diſſ e Findling. gebrochene sbeben die rechen muß Geſtalt, ir ging ij a ſagte e Lichterloh 2 Gruppe, 6 i Schrite Vater alfen Hat tigen M Freude n, wo des Lil 393 alles Das vorfiel, fand ſich nichts zur Aufklärung, kein Leichenſtein, kein Denkmal, nur ein Blättchen Papier, auf dem mit Bleiſtift eine der Grabſchriften ihres Friedhofes in der Nähe aufgeſchrieben ſtand. Sie lautete: „Den Lebenden iſt Nacht. Den Todten bricht, Den Schlummernden ein neuer Morgen an.“ Vierzehntes Capitel. Wolken. Der umſichtige, thätige Oberkommiſſär Pax ſaß eines Morgens bald nach dem Begräbniß des Karl Eiſold noch im Schlafrock und blätterte in gemiſchten Papie⸗ ren. Sieht es bei alten von Frauen verwöhnten Junggeſellen ohnehin ſchon in ihrer Behauſung be— haglich und mit pedantiſcher Ordnungsliebe gepflegt aus, ſo hat ein hochgeſtellter Diener der öffentlichen Sicherheit vollends Gelegenheit, ſich eine comfortable Exiſtenz zu begründen. Herr Par ſchlüpfte über Tep⸗ piche, lehnte die Arme auf Stickereien, den Rücken an ſchwellende Kiſſen, die ihm von ſeinen Verehrern, den reichen Bürgern der Stadt, Sollicitanten und ſelbſt dann und wann Contravenienten zum Geſchenke ge macht wurden. Da waren die Glasſchränke voll Porzellan, voll Gold und Silber. Koſtbare Blumen⸗ —2 ſaß el rarl Gie ten Pan 5 verwat auſung he ge öffen vomfor übel Rüt hrenn und ſchen 496 rän G 395 löpfe beſchatteten die Fenſter, die mit Ampeln und hängenden Rankengewächſen geziert waren. Selbſt ein Papagey, vor Allen aber Schooßhunde und Katzen fehlten nicht, wie bei einer alten Jungfrau, die ihren reichen Schatz an Liebe zuletzt doch mit irgend Je⸗ mand in der Welt theilen muß. Charlotte Ludmer hatte den ehemaligen derbauftretenden Wachtmeiſter doch zum verweichlichten Junggeſellen erzogen, und die halbe Stadt wußte, wann Herr Par ſeinen Geburts⸗ tag feierte. Die guten Bürger erdrückten ihn dann mit Ueberraſchungen, von denen ihn die Naturalge⸗ ſchenke trotz ſeines guten Appetits oft in Verlegenheit ſetzten, da ſie zur Verköſtigung für Monate ausrei— chen konnten. Eben trug ihm eine junge Haushälterin in ſilbernem Service den Kaffee herein, als ihn Hackert freundlich begrüßte und ihm Glück wünſchte zu den wahrſcheinlich ſehr reichen Fängen, die er auf ſeiner Rundreiſe gemacht hätte. Par lächelte mit dem Bewußtſein eines Mannes, der das Wohl des Staates an ſeinen Fingern hat nnd, wenn er nicht Acht gäbe, das ganze Gewebe der öffentlichen Ordnung fallen laſſen könnte... Er rückte einen koſtbaren Fauteuil ſeinem Proteͤgẽ zu und fragte ihn, ob er ſchon gefrühſtückt hätte. Die Sahne war ſchäumend. Das Weißbrot war das zarteſte. Der Mocca vom ſchönſten Rothſchwarz. Die Haushälterin allerliebſt. Doch lehnte Hackert ab. Schmelzing hat mir ſchon geſtern Abend mancherlei erzählt, ſagte der Oberkommiſſär. Was haben denn inzwiſchen Sie erlebt? Hackert zog ſeine Liſte verdächtiger Perſonen und die Notizen noch verdächtigerer Zuſtände hervor und bat den Oberkommiſſär, ihm nur auf den Zahn zu fühlen. Er würde ihm dann eine reiche Ernte mit⸗ theilen können. Das iſt ja charmant. Die Zeiten ſind ſchlimm! Die Umtriebe wachſen immer gefährlicher. Setzen Sie ſich, Hackert. Wirklich? Haben Sie ſchon gefrüh⸗ ſtückt? Damit wollte der freundliche Herr, der wie Man⸗ cher erſt im Schlafrock Gemüth hatte, an einem koſtbar geſtickten Schellenzuge klingeln und hatte ſchon den kryſtallnen Ring in der Hand... Hackert lehnte ab... Wie Sie wollen! ſagte der freundliche Wirth und lenkte zu den Geſchäften ein. Schmelzing erzählt mir ja Wunderdinge von dem Karl Eiſold'ſchen Be⸗ gräbniß. Er hat alle Namen aufgeſchrieben, die er erkannte— Ich ſah Schmelzing nicht— thſchwan dackert l manchelt aben da onen n rvor un Zahn ernte ul ſchlimn 397 Er war zugegen. Es iſt erſtaunlich, was ſich für Menſchen kompromittirt haben. Der Staatsanwalt wird zu thun bekommen. Es iſt viel geſprochen worden, ſagte Hackert ruhig, aber Aufregendes? Hackert, entgegnete Par herablaſſend, aber doch drohend. Sie haben keine Neigung für politiſche Fragen. Sie ſind Schmelzing überlegen in der Auf⸗ faſſung, aber Schmelzing beobachtet ſchärfer... Ohne hören und ſehen zu können? Pax lächelte und ſchlürfte ſeinen Mocca, den er ſtark trank, da es ihm an Bewegung nicht fehlte... Sie wiſſen doch, ſagte er, daß es in der Gauner⸗ ſprache der Revolutionärs ein Auf⸗ und Abwiegeln gibt. Nichts iſt gefährlicher als das Abwiegeln. Da werden die Leidenſchaften zurückgedrängt und brechen nur um ſo gefährlicher in unbewachten Augenblicken hervor... Aha! ſagte Hackert ruhig. Leidenfroſt ſoll in dieſer Art am Grabe abgewie⸗ gelt haben. Er iſt, berichtete Hackert, mit einer Sendung von Naſchinen auf die Güter unſres Premierminiſters, 8 um ſie dem dortigen Generalpächter Ackermann zuzu⸗ 398 führen. Zwei Arbeiter, Heusrück und Alberti, be gleiten ihn... Der dritte im Bunde, Danebrand, ſoll ſitzen... Man beſchuldigt ihn, den Karl Eiſold durch eine Heldenthat haben rächen zu wollen, die an die be— kannte Geſchichte von Arnold von Winkelried erinnert Kennen Sie dieſe Geſchichte, Herr Oberkommiſſär? Der ehemalige Wachtmeiſter ſchien die Geſchichte der Schweiz nicht ſtudirt zu haben, ob er gleich mit ihr in naher Verbindung ſtand und einen lebhaften Briefwechſel über das„Treiben“ der Flüchtlinge da ſelbſt unterhielt. Die Geliebte Danebrand's hat einen andern Ver ehrer gefunden, fuhr Hackert fort; einen Inſpektor auf dem königlichen Schloſſe Buchau. Es iſt derſelbe Mann der jene Auguſte Ludmer heirathen wollte... Apropos, Hackert, unterbrach Par die unange nehme Erinnerung an ſeine Pſeudo-Schweſter, ich habe ein Briefchen von der Familie des Geheimrathe von Harder vorgefunden. Man dankt mir ſehr für Ihre Empfehlung; aber Sie haben ſich einem Auf trage nicht unterzogen, den man Ihnen daſelbſt er⸗ theilte—. In Betreff jenes zweideutigen, falſchen Eng⸗ länders— Albern ſitzen, durch an die ted erinn mmiſſät! e Geſchi gleich 1 lebhe htlinge! ndern! nſpehd ſelbeI die un weſter ehein ir ſ inem 399 Ganz Recht! Das Briefchen iſt ſchon einige Tage alt. Dieſer Menſch... Den man auf Caution freigelaſſen hat.. Etwas voreilig— Aſſeſſor Müller ließ ſich von hohen Perſonen imponiren— Die Identität des Individuums, das jene char— mante Dame, Madame Ludmer, zu erkennen wünſcht, vaßte nicht auf dieſen Murray— es ſind völlig ver⸗ ſchiedene Perſonen... auch wollte mich Müller in keiner Beziehung zur Juſtiz anerkennen. Hm! Ich meine denn doch, der Fall war wich⸗ tüg. Ich habe in Hohenberg dieſen Mann mit gro⸗ ßem Aufwand beobachten laſſen und ſeine Gefangen⸗ nehmung iſt mit einem Verbrechen verbunden geweſen. Gegen alles Das hat ein ehemaliger Diplomat, Baron von Dyſtra, durch ſein Zeugniß und eine enorme Kaution den Beweis beſſeren Sachverhalts geführt. Hab' ich gehört und beauftrage Sie auch, d dieſen Dyſtra in's Auge zu faſſen. Alles, nachgrade Alles wird verdächtig! Einſtweilen weiß ich, daß dieſer Sonderling ſich beim königlichen Schloſſe Buchau ankaufen will und etie gewünſchte Parzelle dazu erhalten hat. Er in⸗ tereſſirt ſich für das Unglück der Eiſold'ſchen Familie und hat Louiſen vorgeſchlagen, ſie möchte in ſeinem — 400 Auftrage mit ihren Geſchwiſtern nach Buchau gehen und ihm dort Vorbereitungen treffen, dem Bau, den er auf der Ruine Tempelſtein für den Sommer vor— bereitet, mit Bequemlichkeit anwohnen zu können. Sie ſind gut unterrichtet— ſagte Par. Doch find' ich darin nichts Staatsgefährliches— wenn nicht dieſe Nähe von Demokraten bei einem königlichen Schloſſe... Ich meine, ſagte Hackert mit bittrer Ironie, es iſt ſehr nützlich, daß eine neue Tochter Jephtha's, eine Jeanne d'Arc der Arbeiter, von hier entferm wird— Parx ſchwieg bedeutungsvoll. Er ſtellte ſich, als verſtünde er die geſchichtlichen Anſpielungen ſeines Volontairs, der eigentlich mit ihm wie die Katze mit der Maus ſpielte. Das Mädchen wird ſchon dieſer Tage gehen, er zählte Hackert. Mangold iſt voraus und Baron von Dyſtra hat den Tempelſtein gekauft. Er wird ihn im Frühjahr ausbauen laſſen. Einſtweilen ſammelt er Handſchriften, was bedenklich iſt... Wie ſo? Er ſammelt Handſchriften! wiederholte Hackerttrocken Ich fürchte, er wird einmal einen gewiſſen Brief des Majors Werdeck finden und dann einen Brief von zuchau g im Bau, Sommer ue können. Par. 1 8— M im königlic ronie, ei htha's, ier entf elte ſich ungen ſ ie Kah 6 gehen und Er wie len ſa ackell en Be Brie 1 2¶£2 401 Schmelzing's Hand mit ihm zuſammenlegen und einen Kenner fragen, ob beide Hände Aehnlichkeit miteinander haben oder nicht. Hackert hatte dieſe Worte ruhig hingeworfen. Par aber blickte groß auf und ſchien überraſcht... Was iſt Das? Schmelzing, Werdeck? Ich wollte nur bemerken, ſagte Hackert ruhig und ſehr einfach, daß Schmelzing zwar ein durchtriebener Spitzbube iſt und die Kunſt, falſche Handſchriften nach⸗ nahmen, aus dem Grunde verſteht, aber er ſoll ſein Geſchäft vorſichtiger betreiben und nicht Aldenhoven, Lieutenant Flottwitz, Major Türk und ähnliche Mit— glieder des Reubundes zu oft beſuchen— Hackert! Hackert! ſagte Pax erſtaunt. Sie haben Katzenaugen! Iſt gegen den Major von Werdeck— Was iſt denn?— Hackert ſchwieg... Werdeck iſt ein eid- und pflichtvergeßner Offizier, fuhr Pax heraus. Er hat einen Umgang, den ein Mann in ſeiner Stellung nie haben darf— Dank⸗ urr Wildungen, Louis Armand, Leidenfroſt— Dieſe Nenſchen! Was iſt Das für ein Brief? Es circulirt, erzählte Hackert, ſeit einigen Tagen unter den Offizieren ein aufgefangener Brief, den man Die Ritter vom Geiſte. VIII. 26 4 402 zuerſt bei einer Parade, als die Parole ausgetheilt wurde, mit Erſtaunen herumreichte. Dieſen Brief ſoll der Major Werdeck an einen im Auslande lebenden Flüchtling geſchrieben haben. Er bietet ihm darin die Ergebenheit einer großen Partei in der Armee an und wünſcht die genauere Angabe der Zeit, wann man hoffen könne, loszuſchlagen. Eine Unterſuchung wird ſpäter folgen. Vorläufig iſt dem Major von Werdeck der Degen abgefordert worden... Iſt es möglich! Aber Schmelzing? Einige Reubündler leiden an dem Wahn, ſich perio diſch für Dichter zu halten. Schmelzing ſchrieb ihnen holprige Verſe ab, aber geſtem fand ich bei Schmel zing ein Billet des Majors, das unverfänglich und echt und irgend Jemandem, der es von dem Majei empfangen hat, entwendet war. Schmelzing entiiſ mir den Fetzen, dem ich anſah, daß er ihn durch Fließpapier durchgezeichnet hatte, um ſich— in des Majors Handſchrift einzuüben... Hackert! Sie ſind ein Hauptfänger! rief Par und ſtand aus ſeinem ſchwellenden Kiſſen auf. Aber auf dieſem Gebiete laſſen Sie weitres Forſchen! Die Armee wird ſchon Grund haben, Werdeck zu üben wachen. Leſ' ich doch in dieſen Papieren, daß der Kommuniſt Louis Armand, den der Fürſt Hohenberg diſte ausgethe i Brief de lebend zm darin mee an n wann u uchung w Wenh von 403 jetzt gänzlich von ſich entfernt hält, ſogar mit Wer⸗, deck's Familie verkehrt, Zutritt in ſeinem Hauſe hat— Er iſt verwandt mit der Frau des Majors. Und mit einem Pfarrvikar in Pleſſen bei Hohenberg, Namens Oleander.. Das ſchwarze Kabinet in der Poſt überwacht die Korreſpondenz, die an Louis Armand ein⸗ trifft. Dieſe Verfügung ſoll von hoher Stelle ausgehen. Man traut ſelbſt Egon, dem gegenwärtigen Premiermi⸗ niſter, nicht und kann der Beſorgniß noch immer nicht entledigt werden, daß Fürſt Hohenberg auf ein doppeltes Spiel ſetzt! Da iſt an Louis Armand ein Brief aus Pleſſen gekommen, worin jener Pfarrvikar ihm ſozu⸗ ſagen politiſche Aufſätze ſchreibt. Selbſt von einem Bunde iſt darin die Rede... Hackert gedachte des Bundes der Ritter vom Geiſte, brach raſch ab und bemerkte auf Veranlaſſung des Pfarrvikars: Guido Stromer ſteht auch auf meiner Liſte. Streichen wir ihn nicht? Er ſoll den Titel eines Hofraths von einem kleinen Fürſten an der Donau erhalten haben. Der Miniſter dieſes Fürſten iſt von Jrau von Harder darum angegangen worden. Auf der Straße ſieht man den Hofrath Stromer in ſeinem ſruen koſtbaren Biberpelze nun wie einen Narren. Je⸗ 26* 404 1 des Mädchen macht ihn ſtutzig. Die Augen verdreht er wie ein Kalb und über die einfachſten Dinge ſoll er einen Schwall von Worten gießen, wie ein Ueber⸗ ſpannter... In der Provinz wird Guido Stromer bewundert, ſagte Par. Seine Aufſätze im„Jahrhundert“ lieſt alle Welt. Jedermann will wiſſen, ob man ihm nichts von Guido Stromer erzählen könne— beſonders die Damen— O erzählen Sie ihnen doch, ſagte Hackert, der in der That über Alles unterrichtet ſchien, daß dieſer Hochfliegende die Seinen daheim in einem armſeligen Dorfe ſitzen hat, ſein Amt von Oleander verwalten läßt und hier eine prächtige Wohnung bezog, die für ihn zwei Damen Wandſtablers gemiethet haben— Sie kennen ſie— Die Wandſtablers... vom Fürſten? Die Dore iſt im Palais geblieben— die Lore aber und Flore haben ein Stockwerk für ſich allein gemiethet. Köſtlich meublirt vermiethen ſie es nun ſcheinbar an Hofrath Stromey dem ſeine Ideen mit Gold aufgewogen werden. Er hat drei mit Sammttapeten ge⸗ ſchmückte Zimmer der beiden Damen gemiethet und wohnt bei ihnen, man ſagt, mit unverſchloſſener Verbin⸗ dungsthüre. Sie müſſen ihm jeden Morgen den gen verdre Dinge ſol e ein Uebe bewunde indert“ lit ihm nicht eſonders d kert, der daß die arnſeli r verwal og, die t haben die ſcch ſie es en mitl ttapele tundn ur W folge Kaffee in idealiſcher Tracht bringen, bald griechiſch, bald orientaliſch. Das Gefäß iſt von Silber und es iſt ſchon vorgekommen, daß er ſich des Morgens an der Wellenlinie einer neuen Milchkanne geſtoßen und aus beleidigtem Schönheitsgefühl lieber kein Frühſtück genoſſen hat. Die beiden Wandſtablers müſſen dann vor ihm knieen und mit einem eignen Tonfall bitten: Trink, Guido! Dann hält er ſeinen rothen Pantoffel füber den Nacken der Flora, legt ſie in eine Attitüde, wünſcht ſich Bildhauer herbei und möchte die Gruppe ausgehauen haben— O, rief Pax, der ſich vor Lachen kaum halten konnte und etwas Sardanapaliſches in ſich ſelber auf⸗ geregt fühlte, Das iſt ja auch prügelnswerth— wo⸗ her wiſſen Sie denn dieſe Tollheiten? Die Leute ſind ſehr unvorſichtig, ſagte Hackert. Sie wechſeln alle acht Tage mit ihren Dienſtboten. Der ſchwärmeriſche Er-Geiſtliche will nur Ideale zur Umgebung haben und doch ſind die Wandſtablers eifer⸗ ſüchtig. So gibt es ewig Zank, unaufhörlich Ab⸗ ſchied, folglich Geſchichten. Wenn dieſer große Mann ſich nicht bei Zeiten beſinnt, kann es noch dahin kom⸗ men, daß ihn die beiden Demoiſelles jeden Abend ge⸗ meinſchaftlich durchwalken, während Hunderttauſende bewundernd ſeine Artikel leſen. Par hatte an dieſen Schilderungen, die Hackert mit aller Anſchaulichkeit fortſetzte, ſeinen Spaß. Er mußte nun aber in ſeinen Dienſt und ſich ankleiden. Er lobte Hackerten für ſeine eben ſo reichhaltigen wie amüſanten Mittheilungen. Er hatte Stoff, nun wie⸗ der ſeinen Vorgeſetzten zu unterhalten. Dieſer unter⸗ hielt dann wieder ſeinen Vorgeſetzten. Dieſer wieder den ſeinen und ſo fehlt es in einem geordneten Staats⸗ weſen nicht an harmoniſchem Zuſammenhang und prächtig ſchließenden Kettengliedern. Geld lehnte Ha ckert heute wieder ab. Er ſagte, er hätte deſſen noch hinlänglich... Hackert's heit're Laune, die acht Tage lang von dem wundärztlich Zipfel'ſchen Ehepaar bewundert wurde, ſchien nur einigermaßen getrübt, als er nach Hauſe zurückkehrte und die Frau Wirthin etwas ſchmollend von— durchnäßten Fußböden anfing. Durchnäßt waren die Fußböden in Hackert's Zimmer durch naſſe Tücher, die er ſich Abends wieder um Sein Vater hatte ihn nach den Eiſenſtäben der früher von ihm be wohnten Zimmer gefragt und mit Schaudern und Wehmuth von ſeiner Mondſucht gehört... O⸗ hatte er ihm ſeufzend geſagt, mein Sohn, auch darüber ſollſt du Aufſchluß haben, wenn es Zeit ſein Bett legen mußte... die Hadt Spaß. b anklede altigen me , nun wi jeſer unte teſer wie ten Staat thang m lehnte 9 ätte deſ e lang! bewund t, ald tthin ei en auf bs Jü wiede hat iſm audern iſt, dir Die zu nennen, die dir das Leben gab! Ich bin Schuld auch an dieſem grauenvollen Uebel! Und als der Sohn darüber erſtaunte, hatte Zeck erklärt: Dunkel und tief iſt das Reich der Natur. Wie ich dich ſo wiederfinde, mein Sohn, biſt du wie unmittelbar erſt aus der Hand der Schöpfung hervorgegangen. Du biſt noch wie ein Kind vor Angſt und Gelüſt. Ein Zauberer würde dich erziehen mit Hülfe eines reinen Lichtweſens, das unter Muſik aus den Wolken ſteigen und dich ſänftigen müßte. Ach, deine Eltern ſind dein Schickſall Wo anders her kann es kom— men, daß dich ein ſchlimmer Geiſt der Unruhe mitten im Schlafe befällt und dich dir ſelber unbewußt von deiner Schlummerſtätte treibt, woher anders, als daß deine Mutter in jener Nacht, als ſie dich unter dem Herzen trug, von einem Entſetzen ergriffen war— einem Entſetzen — doch genug—!... Hackert hatte auch nicht forſchen mögen. Er ehrte den Wunſch ſeines Vaters, ihm mit allen ſeinen Enthüllungen Zeit zu laſſen. Und einſtwei⸗ ſen hatte der wunderliche Alte mit dem Sohne faſt einen ähnlichen Pakt eingegangen, wie mit Auguſte Ludmer, die er nach ſeinem feſten Glauben zu einem Engel umgewandelt hätte, wenn ihm nicht Mangold und die Intrigue ſeiner Feinde den Rettungsplan zerſtört hät⸗ ten. Auch ſo, ſagte er ſich oft zum Troſte, auch in 8 1 † 4 1 14 6 4 dieſem Irrſinn, der ſie dahin raffte, war ſie reiner denn vordem. Was iſt Irrſinn? Wer deutet dies Dunkel? Auguſte kam ihm immer nur wie im weißen reinen Gewande vor die Seele, nicht als die verwor⸗ fene Sünderin. Grade daß ihr der Himmel den ir⸗ diſchen Verſtand nahm, machte ihm in der Erinnerung den Eindruck, als hätte ſie eben die Sprache des Ur⸗ geiſtes ſchon reiner verſtanden als die vernunftklaren Menſchen. An Paul, ſeinem Sohne, entdeckte Zeck freilich bald alle moraliſchen Fehle und ſchauderte vor ſeinem geiſtigen Tod. Er hatte gefürchtet, in ſeinem Kinde, wenn es noch lebte, vielleicht einen gemeinen Verbrecher zu fin⸗ den. Das war Hackert nicht. Er hatte aber, wie Zeck ſagte, an ſeiner Seele tiefen Schaden gelitten und be⸗ wies ihm dies, als Hackert ihm geſtand, in welchem Incognito, vor aller Welt verborgen, er lebte. Ein Spion, hatte er ihm geſagt, allmächtiger Gott! Ein Spion iſt nach meinem Begriffe eines der elendeſten Geſchöpfe der Welt! Du biſt in dieſe Bahn gerathen aus ſittlichem tiefſtem Verfall. Du liebteſt nur ſinn⸗ lich. Dieſer Schlurck hat durch ſeinen Leichtſinn und ſeine Schwäche, die er Herzensgüte nannte und die es wohl auch iſt— denn, ewiger Gott, ſchaltete Zeck ein — die Geheimniſſe der Seele ſind unergründlich!— durch t ſie ren deutet de in weiß die verwon mel den i Erinneru he des l runftklare reilich bal :m geiſtg 6, wenn cher zuf r, wie ten und in wel lebte, Gottl elend n genc 1 nut chiſinn und N tte 3 hl= dieſe Miſchung von Gut und Böſe hat er dich um dein wahres geiſtiges Wachsthum gebracht. Deine Seele, mein Sohn, kommt mir vor wie jenes Tuch, das einſt dem Apoſtel Petrus in der Stadt Joppe vor den Augen vom Himmel nieder gelaſſen wurde. Da⸗ rin ſah er allerlei Gethier der Erde, ſchlimmes Ge— würm, aber auch Vögel des Himmels. Und er hörte eine Stimme, die ſprach zu ihm: Stehe auf, Petre, ſchlachte und iß! Petrus aber ſprach: O nein, Herr; denn es iſt nie Gemeines noch Unreines in meinen Mund gegangen. Aber die Stimme antwortete Petro jum andern Male vom Himmel: Was Gott gerei⸗ nigt hat, Das ſoll dir nicht gemein ſein. Das ge⸗ ſchah aber dreimal und als Petrus vom Geiſte ge⸗ trieben war, eben der Stimme zu folgen, da ward Alles in dem Tuche wieder hinauf gen Himmel gezogen. Hackert hatte dieſe und ähnliche Reden ſeines Va⸗ ters, die er von einem Andern nicht ohne Lachen mürde haben vernehmen können, ruhig und befremdet hingenommen. Er fühlte, daß grade ſein Herz ein ſelches Tuch voll unheimlicher wimmelnder Unruhe und ängſtlichſten unreinen Lebens war. Murray aber nahm ihn noch, wie er war und ohne daß er ein— ſrräumen brauchte, er ſollte ſich verachten oder haſ⸗ ſen. Der Vater beſchloß, ihn gewähren zu laſſen, ſo lange er wollte und wie er wollte. Fahre in deinem Leben ſo fort, ſagte er. Verlange Geld von mir! Ich bin nicht reich und würde die große Bürgſchaft des edlen Otto von Dyſtra nicht ſogleich haben leiſten können, aber ich habe ſo viel, um leidlich auszukom⸗ men. Und verſprich mir, jeden Morgen aufrichtig zu erzählen, was du am Tage vorher gethan, wofür du Geld ausgegeben, was du mit Pax verhandelt haſt! Ich werde dich über Nichts tadeln, ich verſichre dich, mein Sohn, über Nichts. Ich werde auch Nichts verrathen. Aber die Nothwendigkeit, dich auszuſpre⸗ chen, wird dir lehrreich ſein. Du wirſt dadurch, daß du nicht Alles in dir erſterben, erſticken läſſeſt, dein Herz zum Gegenſtande deiner längeren Betrachtung wählen und dir ſelbſt in's Auge ſehen. Wo ein Geiſt der Spiegel des andern iſt, findet ſich der Eingang zur Wahrheit... Und für ſeinen ängſtlichen Zuſtand des träumenden Wandelns und Aufſtehens gab ihm der Vater den einfachen und praktiſchen Rath, ſein Lager mit jenen Tüchern zu umlegen, die Frau Zipfel ſo är⸗ gerten. Lächelnd und milde ſagte der Vater: Sieh, Fritz— ich nenne dich ſo lieber, als Paul— ſieh, Fritz, da erſchrickt ſogleich der nackte Fuß und es be⸗ zu laſſen, ſe re in deinen don mir! J ürgſchaft de haben leiſte ch auszukon aufrichtig n m,, wofür di gFandelt haſt erſichre dich, auch Nichte h auszuſote dadurch, d läſſeſt, del Betrachtmn Wo ein Gi der Eing rZuſtand gab ihm „, ſein Ai zipfel ſo gater: 9 ſl 9 gaul= Fund 45 — 411 darf der eiſernen Riegel und Stangen nicht, die ja an ein Gefängniß erinnern. Unmuthig über die Neugier ſeiner Wirthsleute ging Hackert eben in die Brandgaſſe zu ſeinem Vater. Er hatte, ihm gegenüber, ein Beichtbedürfniß bekommen, das ſeine ganze Seele erweiterte und leichter athmend machte. Er reflectirte zuweilen ſchon ohne Spott. Er ur⸗ theilte objectiv nach üblichen Vorausſetzungen. Murray konnte erwarten, daß er ſich bald von ſelbſt von ſei⸗ ner gegenwärtigen Bahn abwenden und ganz an ſei⸗ nem warmen Vaterherzen vielleicht aufthauen würde. In der That war Louiſe Eiſold im Begriff, in den dem Schloſſe Buchau nahe gelegenen Ort gleiches Namens zu reiſen und ihre Geſchwiſter mitzunehmen. Es drängte ſie fort von hier und ſelbſt der rauhe Winter ſchreckte ſie nicht. Sie hatte Hackert wie⸗ dergeſehen, ihn weicher, ſanfter gefunden— von ſei⸗ nem Verhältniß zu Murray erfuhr ſie nicht die volle Wahrheit— ihre Neigung für den dämoniſchen Jüng⸗ ling war trotz ſeiner Beziehung zu Pax geſtiegen. Da ſie aber ſah, daß nur Mitleid, nicht Liebe für ſie in dieſem Herzen ſchlug, nahm ſie den Vorſchlag Otto von Dyſtra's an, der ſie beſuchte, die Kinder kleiden, reichlich ausſtatten ließ, ihr Mittel, ſoviel ſie nur wünſchte, zu Gebote ſtellte. Auch Dankmar Wildun⸗ — 412 gen gehörte zu Denen, die ihr zuſprachen, nach Bu⸗ chau zu reiſen. An eine Erfüllung der Wünſche des innigſt betrübten Mangold dachte ſie nicht. Auch ſaß ja noch der gute Danebrand... Dankmar und Hackert trafen nicht zuſammen. Je⸗ nen machte die zweite verlorne Inſtanz ſeines Prozeſ⸗ ſes menſchenfeindlich und düſter. Er bedurfte recht der endlichen Ankunft ſeines Bruders Siegbert, um von ſeiner eiſigen Verſtimmung aufzuthauen. War auch die erſte Stunde ihres endlichen Wiederſehens durch das Andenken an die verſtorbene Mutter getrübt, ſo heiterte ſich doch Dankmar's Stirn auf, als Sieg⸗ bert von Pleſſen, von Randhartingen und vor Allem vom Ullagrunde erzählte. Seine Angſt, der Bruder möchte von Selma liebend befangen ſein, hatte ſich gemildert, ſeit ihm Dyſtra den Brief zeigte, den Sieg— bert ihm über Olga und die Fürſtin ſchrieb. Es leuch⸗ tete aus ihm unverkennbar das Intereſſe für Olga, den naiven, leider in eine gefährliche Schule gerathenen ſchönen Flüchtling hervor. Dankmar fragte nach Selma und hörte das Erfreulichſte; der Zuſatz, daß Selma ihm, dem Erzähler, abgeneigt wäre, machte ihn lachen und er geſtand dem Bruder, daß in all ſeine innere Finſterniß der Gedanke an dieſe Begegnung mit Ackermann und dem Knaben Selmar ihm doch wie an n' freili Selm viellei eſanr en, nach Bu Wünſche de ht. Auch ſa ſammen. J ſeines Prohi bedurfte reth. Siegbert, un gauen. Wal Wiederſehen! ruttet getrütt uf, als Sit nd vor Alle , der Bui in, hatte ſ ge, den Ei jeb. Es leud ſe für Du ul gerathen fragte 1 wujah, 413 ein mildes Sternenlicht flöſe. Erſtaunen erregte ihm freilich anfangs die Mittheilung, daß Ackermann und Selma nie lange von ihm geſprochen hätten, ihn vielleicht gar nicht gründlicher kannten. Dann aber beſann er ſich und ſagte lachend: Himmel, das iſt ja natürlich! Sie halten mich für den Fürſten Egon! Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Dankmar kein Recht zu haben glaubte, irgendwie Selma, die ihm als Ackermann's Tochter völlig Fremde, an ſich zu erinnern. Auch Siegbert ſchrieb wol nach Hohenberg, aber nur an Oleander, mit dem ſich ein inniger und gedankenreicher, wie wir ſahen, leider ſchon bewachter Briefwechſel entſpann. Louis Armand, der faſt nur in ſeiner Werkſtait zu treffen war, tauſchte mit Oleander nicht nur Gedichte und äſthetiſche Anſichten, ſondern auch die Freude, ihn in den Kreis der Ideen eintre⸗ ten zu ſehen, der die Freunde verband. Je länger Oleander die Geiſtesleere und eitle Geſtnnung der Vornehmen beobachtete, mit denen ihn die Winterzeit zuſammenführte, je mehr er ſich an Ackermann's kla⸗ rer und ruhiger Objectivität ſtärkte und erhob, deſto bekehrter fühlte er ſich zu jenen Anſichten, die er frü⸗ te, macht ee allſh lher mehr mit Gründen des Gemüths, ja wie er ſich 3 m Meſtand, auch mit dem Vorurtheile eines gewiſſen Ge— Begeg iim dot lehrtenſtolzes bekämpft hatte. 414 Während Dankmar ungetheilt ſtrebſam arbeitete, wollte Siegbert auch wieder bei Profeſſor Berg ſei⸗ nen alten Platz im Atelier einnehmen, wurde aber freilich durch die Beziehung zu Otto von Dyſtra, zu Rudhard und vor Allem zur Fürſtin Wäſämskoi in ſeinem Schaffen oft geſtört... Die Fürſtin Adele Wäſämskoi hatte in der That mehr durch den Gegendruck ihres Kindes, das ihr plötzlich unter der Hand ſo jungfräulich ſich entwickelte, als durch eigne bewußte Gefühlswärme für Sieg⸗ bert Wildungen eine leidenſchaftliche Neigung gefaßt. Im erſten Augenblick der Abreiſe Siegbert's gerieth ſie in Verzweiflung. Sie glaubte, dieſe Abreiſe ſtünde im Zuſammenhange mit Olga's Flucht. Als ſie aber gewiß war, daß Olga bei ihrer Schweſter, Siegbert auf dem Lande war, kämpfte ſie mit dem Plan, ihn zu überraſchen. Ihre Briefe, in denen freilich ihr Stolz und ihr Schicklichkeitsgefühl ſich nichts vergab, waren voll Neckereien, ſie werde ihm folgen, ſein Treiben unterſuchen, ſeine neuen Bekanntſchaften pru fen. Dann aber zerſtreute ſie Otto von Dyſtra's Ankunft und das Studium dieſes ſonderbaren Charak⸗ ters. Das innerſte Weſen dieſes Mannes war, ſchien es, die Univerſalität. Ein echter Sohn des neunzehnten Jahrhunderts begrüßte er jede nur irgendwie über das ſam arbeita ſſor Berg ſii 1, wurde ahe du. Dyſtra, 1 Wäſämstoi in der J) des, das iſ ich entwickel e für Sie (gung gefaß gberts geit Abreiſe ſtin As ſie d eſtr, Siegt em Plan, en freilich nichts veig folgen/ niſchaften 1 von Ohft baren Chui war, ſchi s Neunde h dwie ibe b 415 Gewöhnliche hervorragende Lebensäußerung wie ein Phänomen, das ſein ganzes Intereſſe in Anſpruch nahm. Mit Leidenfroſt, den er einſt aus Polen als Bedienten entführt hatte und den er als ſo vielſeitig gebildeten Geiſt wiederfand, konnte er die bizarrſten Ideenſprünge verſuchen, mit Rudhard philoſophiren, mit Dankmar über Rechtsfragen, mit Louis Armand über die Gewerbe reden, er war die verkörperte geiſtige Gour⸗ mandiſe dieſer Zeit. Er ſchlürfte Alles ein, was die Zeit an ſeltſamen Geſtaltungen bot. Er ſammelte Kupferſtiche mit Gelbſattel, Autographen mit Voland, Münzen, phrenologiſche Abgüſſe, Alterthümer mit ei⸗ ner Menge von alten und neuen Bekanntſchaften, die ihm alle ſelbſt wieder von pſychologiſchem Werthe waren. Sein Ideal waren Kongreſſe, große Indu⸗ ſtrieausſtellungen, gemeinſchaftliche Reiſen, Vereins⸗ wirkſamkeiten aller Art, wobei ihm ſelbſt der Sozia⸗ lismus Bedeutung gewann und überhaupt die Ideen der Neuerung nichts Schreckhaftes boten. Sein Tiſch war von Proſpekten, Aktien, Cirkulären zu Unter⸗ ſchriften nie leer. Jede angekündigte Schauſtellung mußte er ſehen, jede berühmte Perſönlichkeit ſprechen und ſollte er ſie mit ſeinem verwachſenen, aber behen⸗ den Körper erſt unter einem Dache aufſuchen. Dyſtra war ein liebenswürdiger Menſch, voll Gemüth und 416 Verſtand, duldſam, theilnehmend an jedem Schmerz, hülfreich, wo er konnte. Für jeden Angriff hatte er eine Vertheidigung, für jeden Irrthum eine Ent⸗ ſchuldigung. Die Frauen ſtritten um ihn, weil er witzig, voll treffender und doch Niemanden verwun⸗ dender Einfälle war. Man machte ihm Geſchenke, neidete ſich um ſeine kleinen Billets, die immer einen witzigen Einfall brachten, und dennoch verſank er nicht in Egoismus, ſondern gehörte dem Allgemeinen. Auch gegen die Fürſtin war der Freund ihres verſtorbenen Gatten voller Aufmerkſamkeit und ließ ſie nicht im Mindeſten fühlen, daß Rudhard, im Drange der Auf⸗ richtigkeit, ihn, als einen edlen Menſchen, den man nicht täuſchen durfte, über den Stand der ganzen Fa⸗ milie au fait geſetzt hatte. Auch Anna von Harder, die den Winter in der Stadt wohnte, lernte Dyſtra kennen, obgleich die Muſik das Einzige war, deſſen Organ ihm zu fehlen ſchien. Dennoch trug er viel dazu bei, daß die Fürſtin ſich Anna immer inniger anſchloß. Anna weckte wieder die muſikaliſchen Talente der jungen Frau, die eingeſchlummert waren. Sie gab ihr Anknüpfungen für das Bedürfniß, aus einer gewiſſen geiſtigen Ohnmacht herauszukommen und ſich in klaren Empfindungen zu ſtärken... Anna von Har⸗ der hatte nichts, was im Mindeſten an das Beſtre⸗ dem Schmen, gif hatte m eine En ihn, weil nden verwul zm Geſchent immer einn erſank er nih neinen. Aut verſtorbene ſie nicht i kange der Au gen, den ma er ganzen von Halh lernte Diſt ewm, di h trug er! mmer in iſchen Lie waren. iß, us nmen un H0- 9 nna ven Gene n das ben erinnerte, für ihre, allerdings mehr religiöſe, als poetiſche Weltauffaſſung Proſelyten zu machen, aber dieſe Proſelyten kamen von ſelbſt. Ihre Ruhe, ihre erprobte Kraft im Dulden, ihre heitre Gottergebenheit zund das emſige Walten um den weltſcheuen, nur ſei⸗ nem Berufe und ſeinen Liebhabereien lebenden uralten Greis, ihren Schwiegervater, den wir bald näher kennen lernen werden, gaben ihr das Weſen eines ſo feſten Mittelpunktes, daß ſie unwillkürlich magnetiſch anzog und ſich eine Menge Tnerer, ſchwächerer Na⸗ turen an ſie anſetzten. Die Fürſtin Wäſämskoi gefiel ſich alle Mal darin, von ihr wie ein Kind behandelt und wie neu erzogen zu werden und Rudhard, ſo ſehr er der Geiſtesrichtung Anna von Harder's abgeneigt war, ließ Das gehen. Er ſtörte ſie nicht. Sah er doch, wie beruhigend dieſer Umgang wirkte, wie der aufge⸗ negte Vulkan ihrer Gefühle nachließ zu kochen und zu drohen. Er ſah, wenn er an die Verirrung von dieſem Herbſte dachte, ſchon nur noch die Aſche davon. Nun kam freilich Siegbert zurück! Er war durch den Trauerfall, durch den Aufenthalt unter bedeuten⸗ den Menſchen und die Abwechſelungen der Reiſe männlicher, gereifter geworden. Er hatte immer et⸗ . g.„ has von jenen ſanften, beſtrickenden Männernaturen, die man mit den Chriſtusköpfen vergleicht und ſah Die Ritter vom Geiſte. VIII. 27 1 418 dem Heilande, wo er mit blondem Haar dargeſteltt 1 wird, in der That ſo ähnlich, daß ihn jede am Manne Gemüth und Nachgiebigkeit, nicht Witz und Thatkraft allein ſchätzende Frau hochverehren und lieben mußte 1 Aber nun war er männlicher denn je. Otto von d Dyſtra erkannte ſeine ſiegende Wirkung auch ſogleich und machte ſich ihrer in Siegbert's Gegenwart kein Hehle ih O mein Himmel, ſagte er ihm mit der größten hü Aufrichtigkeit, als er neben ihm im Hotel de Rome G um einen Kopf niedriger auf dem Sopha ſaß(Dank— 1 mar'n, der ihn einführte, gegenüber), o mein Him mel, was iſt Das für ein ungleicher Wettkampf! Cs gab Zeiten, wo ich den anſprechenderen Erſcheinungen meines Jahrhunderts beigezählt wurde. Sie ſind noch nicht gar zu lange vorüber; aber ich habe in dem Sande Arabiens und in Nubiens Wüſten zu ſchlechte Haar⸗ und Hautpflege gehabt. Ich bin eine etwas lederne Mumie geworden und kokettire eigentlich ſchon mit meiner Glatze à la père Enfantin. Ich verdenk es Olga nicht, daß ſie Geſchmack hat und jedenfalls iſt die jetzige Chance, daß ſie ſich in Sie, Wildungen, verliebt hat, doch noch viel vortheilhafter für die Fa⸗ milie, als wenn wir in Odeſſa erlebt hätten, ſie hätte ſich liebend für irgend einen jungen tſcherkeſ⸗ ſiſchen Häuptling erklärt und ihrem Kaiſer die Schmach kar dargeſte de am Man und Thatt lieben muf Otto c ſogleich rt kein Hel 2 r. 1 do de d ptel de Ro 4 1 ſaß(a o mein H. gettkanpf! Eſſcheinun Sie ſind in dem So ſclechie He cwas lede lich ſchon ih verden d jedenfal „ Wildung er füt d bt hätten, ngen ſſchent 2 „ Sicll. er dd 419 angethan, mit irgend einem Schamyl in den Kaukaſus durchzugehen. Siegbert ſprach ſich auf dieſe Selbſtperſiflage offen dahin aus, daß er kaum annehmen dürfte, Olga würde in den Zerſtreuungen Italiens und bei den ei⸗ genthümlichen Auffaſſungsweiſen ihrer Tante lange ihm die Geſinnung erhalten, deren ſie ihn hier gewürdigt hätte. Und Dankmar meinte gradezu, es ginge das Gerücht, der Maler Heinrichſon wäre der Freund und Begleiter der Frau Gräfin d'Azimont und noch ſtünde es dahin, ob nicht ſein gewählter Geſchmack dabei ei⸗ gentlich Olga im Auge hätte. Doch wurde dieſe vor⸗ ſchnelle Aeußerung Veranlaſſung, daß Dyſtra ſagte: Nein, nein! Man irrt in allen dieſen Voraus⸗ ſetzungen. Leſen Sie, was Olga hierüber an Rud⸗ hard geſchrieben hat. Es iſt ihr zweiter Brief, ori⸗ ginell wie der erſte und in der feſtgerannten eigen⸗ thümlichen romantiſchen Auffaſſung wiederum komiſch genug. Ich geſtehe dabei freilich, daß das Burleske in dem Gegenſatz zu dem proſaiſchen nüchternen und aller Schwärmerei baaren und abholden Erzieher liegen mag. Lieber Papa Rudhard, ſchreibt ſie, leſen Sie!... „Lieber Papa Rudhard, dein Brief wurde uns nach Rom geſandt, in dieſe große und allmächtige Stadt, die Gott der Herr mit allen ſeinen himmli— 27* * ¹ 1 4 1 4 ſchen Heerſchaaren ſelbſt erbaut zu haben ſcheint. Hier iſt nichts Gemeines! Hier iſt Alles groß und un— ſterblich! Ach, Papa, ich las deine Warnungen und guten Lehren mit der Geduld, die man fühlt, wenn man Menſchen reden hört, die Italien nicht geſehen haben. Es iſt grade, als wenn du mir vom Nutzen eines transportablen Ofens ſprächeſt und mir Vor⸗ würfe machteſt, daß ich nach Rom trotzdem, daß wir eine Espece von Winter auch hier haben, keine nor⸗ diſche Feuerung mitgenommen hätte. Ich bin, ſeit ich Italien ſehe und alle dieſe herrlichen Kirchen, dieſe Villen, dieſe Paläſte und den Baldachin des blauen Himmels und die dunkle Azurfläche des großen Mee⸗ res, mit Euch Allen eigentlich verſöhnt und fühle nur noch Mitleid, keinen Haß mit Euch. Mein Tagebuch wird Euch vielleicht einſt die Empfindungen ſagen, die ich an jeder berühmten Statue, an jedem bewun⸗ derten Bilde, das ich ſehe, in meinem Herzen be⸗ lauſchte. Ich ergreife alle Gelegenheiten, etwas zu lernen und antworte den dummen Stutzern, die uns beſuchen und den Hof machen— es drängen ſich in allen Städten beſonders die Engländer und Nuſſen an uns— immer mit antiquariſchen Gegenſtänden, wodurch ſie ſich ſogleich entfernen, wie Ungeziefer vor ſcharfen Gerüchen, Ich finde, daß ich dadurch vielen jeint. Hien 3 und un⸗ ungen und ihlt, wenn ſcht geſehen dom Nutzen mir Vor⸗ 1, daß wir keine nor⸗ in, ſeit ich hen, dieſe des blauen oßen Mee⸗ fühle nur Tagebuch gen ſägen em bewun⸗ Hetzen b etwas i 1, die und gen ſich u nd Nulſel genſtänd” riin ſon wen 1 Vien zurc Vortheil vor andern Mädchen voraus habe, die ſich nur darin gefallen, von hundert Männern immer die⸗ ſelben faden Schmeicheleien zu hören. Dieſe Frauen ſprechen immer nur von Muſik, von ſchönen Gegenden, von guten Gaſthöfen, ich aber leſe Homer und Virgil und ſpreche dann auch darüber, was die Elegants nicht gut vertragen können. Natürlich wollen ſie dann nicht ganz dumm erſcheinen, aber ſie wiſſen nur über Eng— land und ſeine Staatsverfaſſung, über Rußland, den Kaiſer und das Militär zu ſprechen, was ich ruhig, aber kalt anhöre. Baron Krutuſoff führt mich jetzt durch die Muſeen und muß mir Alles ſagen, was er über die Muſeen von Paris und Wien gelernt hat. Ich er⸗ ſtaune oft, wie unterrichtete Menſchen, und ein ſolcher iſt Krutuſoff doch ſchon, dennoch ſo fade ſein können und einer jungen Frau gegenüber immer ſogleich ihren Verſtand verlieren. Die Tante hört, weil ſie ſchon ſehr viel weiß, dieſe Schmeicheleien ruhig mit an.“ Weil ſie ſchon ſehr viel weiß! unterbrach Dyſtra lachend die Naivetät auch dieſes Briefes. Dankmar und der Baron mußten Siegbert um Verzeihung bit— ten, der lächelnd erwiderte: Wie könnt' ich über dieſen Spott empfindlich ſein! Ich habe Olga nie anders betrachtet, als wie ein — 422 gutgeartetes Kind, dem man nur Zeit laſſen muß, ſeinen Weg zu gehen. Darauf hin, ſagte Dyſtra Beifall nickend, iſt Ihr Bruder ſo gütig und fährt fort. Dankmar las: „Die Tante wird, weil ſie ſchön und gut iſt, von den eitlen Männern ſehr beläſtigt, aber ſie lebt nur ihren Erinnerungen und ihrem Schmerze. Oft beobacht' ich ſie im Traume und höre, daß ſie ſtill für ſich hin— ſeufzt und ruft: Mein Egon! Mein Egon! Dann weint ſie und ich weine mit ihr, weil ich ſie ganz verſtehe und ihr Schickſal in dem Leben ſelbſt, in der Natur und in der Kunſt wiederfinde. Denn alles Schöne iſt traurig, ihr Menſchen! Immer, wenn ich ſehe, daß Andre bewundern, möcht' ich weinen. Die ſchönſten Madonnen und die edelſten Phyſiognomieen unſres Heilandes ſagen alle: Unſer Erbtheil iſt der Schmerz und auf den weiten Ebenen, wo Kirchen, Kapellen, Ströme, Felder und Wälder ſichtbar ſind, liegt eine Melancholie ausgebreitet, die mich an meine früheſte Kindheit erinnert, wo mir innerlich etwas wehe that, ich wußte nicht was, wo ich weinen mußte, ich wußte nicht wie, und wo ich nur Eines klar verſtand: Deinen Tadel, Papa Rudhard, deine ſchneidenden Pro⸗ teſte gegen meinen ſtillen Hang zur Einſamkeit!“ aſſen muß, n, iſt Ihr zut iſt, von ſie lebt nur ſt beobacht Irſch hu⸗ Dann ann ſie gaunz löſt, in der Denn alles „ wenn ich inen. Die ſognomiern Heil iſt der vo Kirchen, ötbar ſind, an meine lich etwas nen mußte⸗ jr verſtand enden Pio nkeit!“ Dankmar mußte inne halten und voll Ueberra⸗ ſchung Dyſtra und den Bruder anblicken... Charmant! charmant! ſagte Dyſtra beiſtimmend und faſt von aufwallender Liebe bewegt. Drei Män⸗ ner, ſo die Entwickelung eines Mädchens kritiſirend, bo⸗ ten Siegbert faſt den Stoff eines Gemäldes. Er ſelbſt blickte tief innenwärts und gedachte des Augenblicks, wo dies träumeriſche Kind einſt an ſeine Bruſt ſank und mit den großen braunen Augen ihn wie in eine unergründ⸗ liche Tiefe blicken ließ. Dann horchte er dem Fol— genden: „Viel Belehrendes über das Schöne erfuhr ich auch von Heinrichſon, der ein berühmter Maler iſt und uns in Matiland begegnete, weil er auch nach Rom reiſt. Dieſer Mann iſt ſehr ſchön und ich höre ihn gern reden, weil er Kenntniſſe und Witz beſitzt. Auch lieb' ich an ihm, daß er...“ Leſen Sie's nur! rief Dyſtra dem ſtockenden Dank⸗ mar zu, der Siegbert ſich entfärben ſah... „Ich liebe an ihm, daß er der Freund meines Freundes iſt“... Das geht doch noch! ſagte Dyſtra und nickte Siegbert zu. Siegbert fand, um auszuweichen, es vollkommen im Charakter Heinrichſon's, ſich bei Olga unter 424 dem Schutze einer Lüge einzuführen. Mein Freund! ſagte er ſtaunend. „Die Tante, fuhr Dankmar zu leſen fort, iſt ge⸗ gen Herrn Heinrichſon kühl und gleichgültig. Er muß uns jetzt in Rom, wo wir ihn wiedergefunden haben, oft den Shawl und die Operngläſer tragen. Ich glaube, daß er dies, ſo lächerlich es iſt, gern thut, weil er die Tante liebt. Aber die gute Helene wird nie mehr lieben. Ihr Andenken iſt dem unvergeßli⸗ chen Egon geweiht, den ich doppelt und dreifach haſſe, weil er ſo viel Zärtlichkeit mit Geringſchätzung erwi⸗ dern konnte. Oft weint meine gute Helene, nimmt mich dann auf den Schooß und erzählt mir, worin Alles Egon ſo liebenswürdig geweſen iſt. Seine Seele war kindlich und rein, ſpricht ſie dann, er tändelte durch's Leben und Alles, was er wie im Spiele er— griff, hatte hohe Bedeutung. Ich weiß es auch, wenn ihn jetzt der Beifall eines ganzen Volks begrüßt und ſein König ihm geſtattet, alle Orden der Welt zu tragen und ihm den beſten, den er ſelbſt beſitzt, um⸗ hängen mag, ſein Herz wird nicht Ruhe haben. Ich weiß es, ſelbſt im Beſitz der ſchönen Melanie wird ihm oft weh um ſein Inneres werden und in ſtillem Schmerze wird er ausrufen: Helene! Helene! Und dann tröſt' ich ſie, ſo gut ich es kann, indem ich ihr Mein Freund fort, iſt ge ültig. Er muſ funden haben tragen. ſt, gern thu Helene winn n unvergeßl dreifach haſſe hätzung erwe elene, nimme t mir, wor Seine Se wer tändelt m Spiele di zauch, wen begrüßt un der Welt! beſitzt, un haben.—; Velanie ul nd in ftile delene! ho) ndem ich 425 von den Schickſalen Valentinen's, Indianen's, Fau⸗ ſtinen's erzähle. Auf alle dieſe edlen Frauen, deren Leiden Georg Sand und die deutſche Gräfin beſchrie⸗ ben haben, ſenkte ſich das himmliſche Manna der Er⸗ gebung und Erlöſung herab. Ach, Papa Rudhard! Warum zürnſt du ſo den Mönchen und Nonnen! Klöſter hab' ich geſehen, Klöſter... mit Gärten, mit kleinen Cellen, mit heiligen Kirchen, in denen die Lichter brennen und Weihrauchdüfte die Seele empor⸗ ziehen. Ach! ſo einen ſtillen Platz wie in Florenz und Genua oft die frommen Schweſtern haben, Weinran⸗ ken um das kleine Fenſter, jeder Schweſter ein Blumen⸗ beet gehörend und das Alles jetzt, wo bei Euch der Winter ſchon tobt, noch ſo frühlingsfriſch, ſo maiblühend... ich bin gewiß, die Tante bliebe in einem ſolchen Klo— ſter, wenn ſie nicht in Paris noch gebunden wäre“... Aha! ſagte Dyſtra, Das iſt das bekannte Ende! Das arme Kind wird methodiſch ruinirt! Aber Bittel ſagte Siegbert. Das noch einmal! Gebunden in Paris? Dankmar und Dyſtra mußten geſtehen, daß der Ausdruck:„Wenn ſie nicht in Paris noch gebunden wäre“ für eine eheliche Verpflichtung ein Triumph der modernen geſellſchaftlichen Freigeiſterei war. Sieg⸗ bert aber im Stillen war über die Kloſterſchwärmerei ſeiner Olga doch tief ergriffen; denn er fühlte, daß dieſem Triebe alles Das zum Grunde lag, was ihn ſelber beſeligte, mochte er auch mit Klöſtern nur in äſtheti— ſcher und kunſtidealer Verbindung ſtehen. Wir ſind ſogleich zu Ende, ſagte Dankmar und ſchloß die Vorleſung: „Ich wünſche Rurik und Paulowna die beſten Weihnachtsgeſchenke und bitte dich, Papa Rudhard, aus meiner Sparbüchſe etwas für ſie zu kaufen. Herr von Dyſtra hat ſie, wie ich höre, ſehr reich beſchenkt. Es iſt die Art der Menſchen, die“.. Leſen Sie nur! ſagte Dyſtra, als Dankmar ſtockte... „Es iſt die Art der Menſchen, die nicht durch ſich ſelber Intereſſe einflößen können“... Abſcheulich!... Dyſtra trat vor den Spiegel, ſeine Toilette muſternd und auf den Fußſpitzen ſich er⸗ hebend... „Sich auf die Wirkung ihrer Geſchenke zu ver⸗ laſſen. Wenn dieſer Herr glaubt, dadurch auf mich vortheilhaft zu wirken, ſo bedaur' ich die Verblendung. Nach Allem, was ich von dem Baron höre, glaubte er in mir ein Kind zu finden, das ihm für ſeine Liebe die Hand küſſen würde. So habt ihr mich ihm dar⸗ geſtellt... nein, ich will dieſe Zeilen mit keinem Mis⸗ Alann lte, daß dieſen un ſchließen. Sie kommen aus dem Lande der Har⸗ as ihn ſiha nonieen! Grüßt Die, die mich verſtehen! Und wo zur in äſthei Dankmar un na die beſte pa Rudhan faufen. Hel eich beſchenkt ls Dankm icht durch ſi Spiegel ſen itzen ſich 3 henke zu d uch auf u Verblendui höre, glau „—19 Ll für ſeine d nich ihn keinem M neine Seele weilt, weißt du, Vater Rudhard! Ein hott und eine Liebe! Das iſt der Wahlſpruch Eu⸗ ſr Olga Wäſämskoi.“ Als Dankmar geendigt hatte, bemerkte Dyſtra, zu iegbert gewandt, der nachdenklich das Haupt ſtützte: Sie werden geſtehen, daß mich dieſe kleine Eman— ſvirte ſehr falſch beurtheilt, wenn ſie glaubt, daß ich ur gemeiner Empfindungen fähig bin! Gibt es et⸗ das Heroiſcheres, als den Reiz, den mir dieſer aller⸗ lebſte Flüchtling verurſacht, unterdrücken und dem Nanne, dem ſie ihr Herz ſo offen und frei anträgt, in ganzen Einblick in ihr Inneres zu gönnen, ja uſſelbe ihm darzubieten? Ich bitte mir aus, daß Sie inen Dichter für dieſen Gegenſtand intereſſiren! Herr Baron, ſagte Siegbert und drückte dem wirk— lch trotz der Ironie bewegten Dyſtra die Hand, ich jlbſt werde volle Kraft beſitzen, dieſe Neigung in mir aàl erſticken. Wenn Olga unter allen Schmeicheleien, dmen ſie ſich durch ihren gewagten Schritt ausgeſetzt hat, de Aegide einer ihr heiligen Neigung durch mich ſich ſchmiedete, ſo iſt Das auf dem gefährlichen Boden, Hein⸗ uchſon gegenüber und in der Umgebung der erxcen⸗ tiſchen Helene, vorläufig vortheilhaft. Ich bin der 428 Stab, an dem das Pflänzchen aufwachſen mag Iſt es erſtarkt, ſo wird es Ihnen ohne mich blühen. Warum ſollten Sie nicht der Gatte Olga's werdenffſe, Es wird ſo kommen, nicht anders und ſeien Sie ver— ſichert, Ihre Güte, Ihr Vertrauen iſt an keinen Un⸗ würdigen verſchwendet... Dyſtra ſchien nicht ohne Trauer. Offenbar warm ſeine Scherze über dies Verhältniß nur Deckmäntel ſeiner wahren Geſinnung, die in der That in ale Dem, was der dem Sonderbaren geneigte Mann ven Olga erfuhr, einen lebhaften Stachel ſeines Intereſſes fühlte. Er hörte aber darum nicht auf, den Brüdem Wildungen mit voller Seele anzugehören und wure nicht nur ihr„Freund“, wie der oberflächliche Aus⸗ druck der großen Welt wohl lautet, ſondern ihr gi heimſter Vertrauter und ihnen auch der Geſinnung nach wenigſtens gleichgeſtimmt, wenn auch ſein Skep— ticismus keine politiſche Schwärmerei aufkommen ließ Schwieriger war Siegbert's Begegnung mit der Fürſtin. Die mußte doch endlich auch ſtattfinden. Die mußte doch irgendwie eingeleitet werden. Rudhard fühlte dies ſelbſt, obgleich er inſtändigſt bat, das Wiederſehen nicht zu übereilen und Siegbert's Rückkehr ſo lange geheim zu halten als nur möglich. Der rationaliſtiſche Kopf, der in ſeinem Prieſteramte nur im Grunde einen Be⸗ nufwachſen zne mich bli Olgass wen nd ſeien Sien ſt an keinen! Offenbar we nur Deckmi er That int eigte Mann! ſeines Intene uf, den Brid zören und w erflächliche ſondern ihr der Geſtnn auch ſein 6 aufkommen ſegnung mi ſttattfinden. Rudhand us Wün rſo langegi onalſſtſce 1 unde einet 429 nf ſah, die Menſchen aus unklaren religiöſen Stim⸗ nungen aufzuſtören und Das für Religion gelten zu uiſen, was Begriff, logiſche Thatſache war... ihm uſchah die wunderliche Nothwendigkeit, Siegberten zu athen, am zweiten Adventsſonntage in die Stadtkirche u gehen und dort nicht weit von dem Stuhle, der Anna von Harder gehörte, die Fürſtin zuerſt flüchtig und vorläufig zu begrüßen. So vertraute er ſchon dem nildernden Gegendruck der religiöſen Stimmung. Sieg⸗ tert war nicht abgeneigt, die Fürſtin auf dieſe Art zierſt zu ſehen. Propſt Gelbſattel predigte und dieſem kntte er ohnehin der Schönau'ſchen Empfehlung we⸗ gen zu danken. Anna von Harder und die Fürſtin, i Pelze gehüllt, waren unter dem immer gefüllten Auditorium, das der gefeierte Kanzelredner trotz ſeiner Dppoſition gegen die Zeit und ihre Strebungen ver⸗ ſummelte. Siegbert grüßte ſie, als die wie immer giſtreiche, aber innerlichſt unwahre Predigt vor⸗ iber war. Die Fürſtin erblaßte und wartete den Segen nicht ab, ohne den Anna von Harder nicht ghen wollte. Auch Anna erkannte Siegbert und gußte mit der ganzen Huld, die ihr immer in jeder Lige eigen war... Nun ſah Rudhard freilich mit Schrecken, daß die Fürſtin, kaum nach Hauſe gefah⸗ um— die Livrée Grün mit Gold trug noch immer 430 — 1 „ 4. 2. † 2 1 Peters— in einen heftigen Weinkrampf ausbrach, 1 nicht zu Tiſch kam, die Kinder von ſich wies, ſich einſchloß und mit allen Leidenſchaften ihrer aufgereg⸗ ten Bruſt kämpfte; allein es war doch, als Siegbert dann einige Tage ſpäter wirklich kam und nun vor ihn ſaß, der erſte Sturm glücklich vorüber und gefaßte t und würdiger konnte ihm Adele Wäſämskoi die Hand reichen und mit ihm über ihr Leben, ihren mannich⸗ 1 fach veränderten Umgang, über ſeine inzwiſchen a⸗ fahrenen Schickſale ſprechen... Dann kam Weihe nachten heran... Die Kinder ſchmiegten ſich wieda dem alten Freunde an... Rudhard zwar zuckte di Achſeln und die Fürſtin nahm Siegberten wie frühen als ein Element, das zu ihrem Leben gehörte, wem auch ohne Leidenſchaft, ohne irgend eine Zumuthun ihrer ſchlummernden Gefühle. Doch von Olga durfte nicht geſprochen werden, auch von Dyſtra nicht viel, der ihr, wie ſie ſich auch ſchon ausdrückte, nicht „ſympathiſch“ war. Rudhard blinkte Siegberten bei dieſem Worte zu und ſagte ihm ſpäter im Vertrauen, daß dies eines jener Wörter wäre, die Adele hier nun auch ſchon aufgriffe und gegen die er vergebens den Don Quixote, den Gil Blas, Tauſend und eine Nacht und ähn⸗ liche, wenn auch altbackne, doch bewährte Lectüre em⸗ pföhle, deren Wirkung ſich bei Peters noch immer ſichthi 331 rampf aud zeige, denn Der ließe ſeine Frau ruhig ſchalten und walten ſich wies, in dem Etabliſſement der Herren Hitzreuter und Nie⸗ ihrer aufge mand ertappe ihn mehr auf melancholiſchen Schei⸗ c, als Si dungsgedanken, im Gegentheil ſpekulire er, wenn ſeine und nun dol Katherine einige Tauſend Thaler zuſammengebracht hätte, ſich irgendwo auf eine ſolide Oekonomie zurück⸗ zuziehen... Von Dankmar berichten wir noch, daß er ge⸗ gen Weihnachten mit Siegbert eine jener Ausſtel⸗ unn ka lungen, die um dieſe Zeit die vornehme Welt zur ten ſich wi Unterſtützung wohlthätiger Zwecke veranſtaltete, be⸗ zwar zuckt ſuchte und dort auch Fräulein Friederike Wilhelmine erten wie f von Flottwitz wiederſah. In einem großen Saale, wo Gräfinnen und Baroneſſen vor zierlichen klei⸗ nen Boutiken die eingelieferten Gegenſtände verkauf⸗ von Olga! ten, behauptete ſie einen Stand, der dicht an einer vyſtra nich großen Blumendecoration errichtet war, die dem Gips⸗ ustridk, bbruſtbilde des Königs galt. Dankmar, der ſich dieſer e Siegbern Begegnung nicht verſah, grüßte lächelnd. Das Fräulein Vemn erwiderte hocherröthend. Der Saal war nicht übermäßig eli gefüllt, doch auch nicht leer. Die Mode dieſer Verkäufe n gehörte, eine Zumut .Jde une wuar ſchometwas im Abſterben, ſie erſchien als ein zu welt⸗ wAut licher Vorläufer der„innern Miſſion.“ Es fand ſich Gele⸗ aautüt genheit, daß Dankmar an den Verkaufstiſch des Fräu⸗ tiummſſ 3* ſn treten konnte, wie dieſer grade leer war— ſei⸗ 432 8 nen Bruder Siegbert feſſelte Frau von Trompetta an einem andern Stande— zum Schrecken für ſeine Börſe, die nicht ausreichte für die Fülle von jolis riens, die Frau von Trompetta ſchmetternd an⸗ zupreiſen wußte. Die Trompetta wollte um je⸗ den Preis das reichſte Ergebniß der Ausſtellung er⸗ zielen. Ihre Kaſſe mußte die einträglichſt geweſene ſein und dadurch verfiel die gute Frau förmlich ig ein Locken, Zwitſchern und Verführen jedes Vorübergehenden, ſodaß man in ihr wirklich ein Talent für den Handels⸗ ſtand entdeckte und es von den andern verletzten vor⸗ nehmen Damen vielfach rühmen hörte, wie gut ſie„ſcha⸗ chern“ könne. Den armen Siegbert ließ die Trompetta unter fünf Thalern wenigſtens nicht von dannen. Das war ein Preiſen, ein Schäkern, ein Kichern und dabei ein Predigen über Liebe und Wohlthätigkeit, Das war ein Forſchen, ein Fragen nach den Schickſalen des ſo lange nicht Geſehenen! Und als ſie ihm nun gar noch mit Gewalt einen bunten Lappen zum Tinteaus⸗ ſpritzen um einen Thaler empfehlen wollte, kam ihm glücklicherweiſe die Fürſtin Wäſämskoi, mit der er ſich hier ein Rendezvous gegeben hatte, zu Hülfe und kaufte ſo ſtark, ſo guten Humors, daß die Trom⸗ petta alle Chronique scandaleuse über ihre guten Ge⸗ ſchäfte vergaß und im Jubel über die gefüllte Kaſſe ld Trompetta cken für ſein ülle von ſole hmetternd m pollte um ſe lusſtellunge lichſt geweſer förmlich in u e gut ſie iſch die Trompei dannen. 2 ern und du feit, Das n d —— Q—— 8 6 ſ alle ſittlichen Irrthümer der Welt mit dem Schleier der Vergeſſenheit bedeckte... Dankmar'n aber ging es nicht ſo gut. 8 Fräulein Wilhelmine, hocherröthend über dieſe ihr trotz der entgegengeſetzten Meinung ſo theure Be⸗ gegnung, hätte von den Offizieren, die bei ihr hatten kaufen wollen, vielleicht nicht einmal viel eingenom⸗ men. Sie hielt ſie aber auch nicht feſt, ſelbſt wenn ſie gefülltere Börſen hätte vorausſetzen dürfen. Dank⸗ mar'n aber ließ ſie nicht, was ihm Geld koſtete. In ihrem feſſelnden Geſpräche mußte er doch wol Falzbeine, Briefbeſchwerer, Börſen, Federputzer, eins nach dem an⸗ dern erſtehen. Das politiſche Thema war dabei ſo⸗ gleich im Gange, ſogleich mußte ſie den kleinen Scherzen Dankmar's über die Gypsbüſte des Kö⸗ nigs in ihrer Nähe Rede ſtehen und ihm die Lehre geben: Sie Unverbeſſerlicher! Spotten Sie ſchon wieder? In dieſem Bilde liegt der allmächtig ausſtrömende Zauber einer Perſönlichkeit, die der Träger unſrer theuerſten Begriffe iſt! Für mich knüpft ſich an die⸗ ſen edlen Jünglingskopf, der ſo traurig auf ſeine ernſte Lebensaufgabe herniederzublicken ſcheint, doch die ganze Geſchichte unſres Vaterlandes, die Vergangenheit und die Zukunft und der regelmäßige Gang unſres frü⸗ Die Ritter vom Geiſte. VIII. 28 434 heren Staatslebens und der Schmerz um die geſtörte Ordnung dieſes Ganges und die Verzweiflung über die neuen Bahnen, die er jetzt wandeln ſoll und die, wir ahnen es, zu ſeinem Verderben führen werden. Ja! Ja! Sie Böſer! In den wogenden Schwankun⸗ gen des öffentlichen Lebens was bleibt ſicherer, als die geheiligte Perſon des Monarchen, der da ſagen kann: Ich, der Fürſt und der Herr? Wo iſt denn auch ein Weſen, das öffentlich wirkt und von uns mit ganzer Liebe erfaßt werden kann? Sie ſprechen viel⸗ leicht von Ihrem Freunde Egon von Hohenberg, wenn er noch Ihr Freund iſt? Er iſt lobenswerth, ſeit er ſeinem Könige und Herrn dient, aber wer kann ſich an ihm wie an einem Anker halten? An dieſem Bilde halten wir uns. Wo der Herr und König ſteht, da ſtehen unſre theuerſten Güter, da ſteht das Vaterland, die Ehre der Monarchie, der Ruhm des Kriegsheeres, Güter, die Sie gering achten mögen, die aber in den Zeiten der Gefahr die einzige ſittlichberechtigte Entſcheidung geben. Dankmar zog die Börſe und zahlte ſchon den drit⸗ ten Thaler für einen kleinen Wandhaken, um eine -9 Uhr daran zu hängen. Seine Finanzen waren ſeit geraumer Zeit ſo ſchwierig, daß ihm dieſe Uhr ſelbſt in Gefahr ſcheinen durfte, nun trotz des Wandhakens. m die geſtön weiflung üde ſoll und de ihren werden n Schwankan ſicherer, gi der da ſage Wo iſt den von uns m werth, ſeit wer kann ſe rdieſem Bü jnig ſteht, a5 Vaterlall Kriegsheul die abet llichberechi hon den d ken, um! en waren iſe Uhr ſt eine Sünde gegen Gott iſt. Sie ſind eine Schwärmerin, mein Fräulein, mußte er ſagen, als ſie ihm den Haken in eine reaktionäre Zeitſchrift wickelte. Sie huldigen Ihren Göttern wie eine geweihte Prieſterin. Ich ehre Ihre Weihe, fliehe aber Ihre Altäre. Dieſe Altäre verlangen Menſchen⸗ und Begriffsopfer. Dieſer Kultus gibt verbrecheriſch Alles hin, was ſeit Jahrhunderten von der Menſchheit für die Menſchheit erſtrebt wurde. Ihre Freunde ſind mir grauenvoll; ich haſſe ſie. Verrathen Sie mich da dem Rathe, dort jenem Oberſten, dem Kammerherrn... ich mache Platz; ich hindere Sie am Verkaufen. Nein, bleiben Sie!... Alſo keine Abhängigkeit, keinen Gehorſam, keine Liebe mehr? Abhängigkeit, Gehorſam, Liebe! Auch dieſe Em⸗ pfindungen ſollen in's öffentliche Leben zurückkehren, ja ſogar ſeine Stütze werden. Aber da— dieſe Reu⸗ bündler, ſie wollen ja nur vom Fürſten und ſeinem Glanze abhängig ſein, um in der Sonne der Maje⸗ ſtät mit zu glänzen. Dieſe abſcheuliche royaliſtiſche Citelkeit! Zu tief in das feudale Europa hat ſie ſich eingeniſtet! Sie ſind auf dem Wege, daß der Glanz der Dynaſtieen zu einer allgemeinen Landes⸗ und Volksſache erhoben werden ſoll und in gräßlicher Ueberſpannung ein Staatsleben geſchaffen wird, das 436 So gereizt war Dankmar ſeit einiger Zeit, daß er ſelbſt bei ſolcher Gelegenheit nicht mehr ſpielen und tändeln konnte. Die Gruppe der Blumen und des Monarchen war von vornehmen Damen und Herren umſtanden und mit Entzücken betrachtete man den Einfall, auch das Landeswappen aus einigen Kränzen darzuſtellen. Sie ſehen, ſagte Fräulein von Flottwitz, Sie kom⸗ men mit Ihrer deſtruktiven Kälte hier nicht durch. Ein Ewiges, das in die Herzen der Menſchen gepflanzt wird, widerlegt Sie. O, ich kenne dies Ewige und ehr' es, antwortete Dankmar, der ſich gereizt entſchloß, noch einen halben Thaler an einen bunten Kalender für's neue Jahr zu wagen. Ich will die Beſcheidenheit, das Abhängig— keitsgefühl, die Hingebung nicht ausrotten; aber es ſoll hinübergelenkt werden in Gebiete, die unſrer wür⸗ dig ſind. Da! Dies iſt ein reicher Leinenhändler, der dem Hofe das Tiſchzeug liefert. Er kauft eine Ko⸗— karde bei Gräfin Mäuſeburg! Er zahlt einen Louis⸗ dor. Guter Hoflieferant! Du widerlegſt den Rouſſeau nicht mit deinem Louisdor! Das da iſt der Meiſter von Tiſch und Stuhl im Reubund; er iſt Seifenlie⸗ ferant der Prinzen und muß ſich gut ſtehen mit dem Tiſchzeughändler. Einer verräth des Andern ſchlechte Zeit, daß ſpielen wn en und d und Herten te man da igen Kränze 6, Sie kon tdurch. En zen gepflang s, antwolte einen halbe neue Jält' a5 Abhänge tten; abel e unſter w enhändler, nuft eine einen Lol den Kouſſ ſtt der M iſt Seifel tehen mitd „ ech indern ſc Waare nicht. Sie geben ſich den brüderlichen Handſchlag! Kennen Sie jenen Regierungsrath? Er iſt von Adel, hat aber kein Vermögen. Dem iſt Alles gleichgültig, Geſchichte, Philoſophie, Politik, Alles iſt thm dummes Zeug, nur am erſten jedes Quartals ſein Gehalt vom Kanzleidiener gebracht, das Uebrige kümmert ihn nichts. Denken Sie, wenn dieſe Menſchen fürchten ſollten, fürchten zu müſſen! Sie kämpfen für den Heerd, das Leben ihrer Familien! Sehen Sie jetzt die Sicherheit jener Frauen! Wenn ſolche Ober- und Vice⸗ und wirkliche Geheime je etwas entbehren ſollten, wenn einſt der Mann ſagen ſollte: Kind, von Neujahr an müſſen wir uns einſchränken! Die Demokratie ſetzt die Gehalte herab, beſteuert ſie, wie jedes Einkommen beſteuert wird! Ich ſehe da Furien, nicht Weiber mehr. O mein Fräulein, nicht Alle ſchwärmen, wie Sie! Blicken Sie auf jenen Profeſſor! Er trägt einen berühmten Namen, iſt aber auf die Orden, die ſeine Bruſt ſchmücken, eitler als auf die Werke, mit denen er die Wiſſenſchaft bereicherte. Jener Geiſtliche! O dieſen veracht' ich vollends. Die Polizei ſchickt ihn in die Volksverſammlungen und Clubs, um ſich der Debatte zu bemächtigen. Hören Sie dies Organ, dieſe Lunge, dieſe Stentorſtimme und dieſe Grobheit bei aller ſcheinbaren Artigkeit, mit der er eben eine —— — ——— õmm——— — — Streuſandbüchſe von Frau von Trompetta erhandelt. Leſen Sie doch ein wenig in den Mienen jener ge⸗ ſchmeichelten Pfahlbürger und Rentiers, die jetzt ein⸗ treten, um hier ſo nahe bei Excellenzen und Beamten weilen zu dürfen. Dort jene Gruppe! Hohe Offi⸗ ziere, dicht nebeneinander. Ich wünſche ihnen den Ruhm der beſten Schlachtfelder, aber ich beſtreite, daß dieſe alten Herren berechtigt ſind, Meinungen über den Staat auszuſprechen. Sie haben Söhne, ſte haben Enkel zu verſorgen. Der Staat, wie er jetzt einmal iſt, gibt ihnen die Bürgſchaft leidlicher Erfüllung ihrer Hoffnun⸗ gen, warum ſollten ſie das dumme ideale Zeug denn nicht haſſen, das jetzt in den Menſchen ſich einzuniſten droht? Kennen Sie jenen Mann mit dem Schnurr⸗ bart? Er vertritt mir jene jungen Beamten, die Car⸗ rièere machen wollen und den auf den Univerſitäten eingeſogenen Corpsgeiſt auf das gemeine Leben über⸗ tragen und grob und malitiös fortpflanzen. Ach, mein Fräulein! Soll jener Spekulant da die Zeit nicht haſſen, die ihn zwang, ſeinen Wagen und ſeine Pferde abzuſchaffen? Und jene Offiziere, die dort Wühlhuber's und Robert Blum's Bildniſſe aus Dra⸗ gee kaufen! Ich gönne ihnen allen Humor und alle Genüſſe der Jugend; aber welcher Uebermuth ſpricht aus ihren ſchlechten Witzen! Wie raſſeln ſie mit tka er rhande en jener ge die jetzt ei Ba und B mal iſt, qibt nal iſt, 3 ter Hoffnun le ch ei inz zuniſt ſſt ſte m Schnun n die C Univerſitä d geben übe Zeug denn 439 ihren Friedensſäbeln! Wie erſetzen ſie das beſcheidene Nachdenken, das ihnen ſchön ſtehen würde, mit der Prahlerei einer ultra⸗konſervativen Geſinnung! Es ſind Offiziere von der Garde, alle ſind ſie adlig, ihre Vä— ter und Onkel ſind Offiziere, Beamte, Landräthe.. Mein Fräulein, wenn ich mir ſagen muß, daß die Zeit noch mit dieſen Elementen fertig werden ſoll, ſo ge⸗ rath' ich in Verzweiflung. Ich ſehe hier nur einen Kampf auf Leben und Tod. Ich begreife, wie es in Frankreich bis zur Guillotine kommen konnte. Sagen Sie mir, welche Ausſöhnung ſoll es noch geben, wenn die Monarchie dieſe Idolatrie duldet, die Miniſterien ſie geſtatten, hervorrufen, ſich auf ihre Demonſtrationen ſtützen? Oder wo wird der Begriff herkommen, der ſich einſt vom hohen Himmelsthron herabſenken müßte, um hier eine friedliche Ausgleichung zweier Ertreme in einem höheren Dritten möglich zu machen? Es wird keiner kommen oder es iſt der Begriff der Barbarei, die Invaſton der orientaliſchen Horden oder die ent⸗ feſſelte Wuth der ſozialen Gleichmacher. Wir ſtehen hier unter Blumen, Glaskronen, umrauſcht von einer verſteckten ſanften Muſik, aber ich ſage Ihnen, in zwanzig Jahren wehen hier Trauerfahnen und wir Alle ſind weggemäht vom Schnitter, deſſen Sichel — —— —— 5 8 8 — 440 ich ſchon in furchtbarſter Arbeit ſehe, ohne zu wiſſen, wo ſie Alles einſt hinfahren wird und von wannen ſie einſt kommt! Dankmar ergriff, um ſeine Aufregung zu ver⸗ decken, einige der ausgeſtellten Gegenſtände... Wilhelmine ſchwieg. Sie war ſo erſchüttert, daß ſie das Auffallende dieſes langen Verweilens eines jungen Käufers an ihrem Stande nicht merkte und die über den ganzen Saal hinübergeſchoſſenen Blicke der im Verkaufe glücklichen Trompetta nicht ver⸗ ſtand... Alle ſeine heftigen Aeußerungen verband Dankmar dann wieder mit ſcheinbar gleichgültigen Fragen und Erwiderungen, die er über den Tiſch hinweg wegen entfernter oder näherer Spielereien that. Niemand im Saale, außer Friederike Wilhelmine konnte ahnen, wie bewegt er war... Sie können ſich ſo mäßigen, Herr Wildungen! ſagte ſie. Sie können ſo den Ton treffen, der immer der gute iſt! Wie oft hab' ich Sie beobachtet! Alle Welt kennt Ihre Geſinnung und ſonderbar, Nieman⸗ den verletzt ſie. Und ich nenne Das an Ihnen ari ſtokratiſch. O, Sie wiſſen gar nicht, wie ariſtokratiſch Sie ſind. Dankmar mußte lachen... zde zu wiſe von wanne gung zu ver unde... rſchüttert, d weilens eine t merkte und oſſenen Bi a nicht ve vand Dankme n Fragen nn hinweg wege Niemand! fonnte ahn r Wildung en, der jm bachtet! 1 bar, Nim an Ihnell frat je griſto Lachen Sie nicht! Ich wünſchte wol, Jeder wüßte ſich zu beherrſchen... Sie haben Takt— Takt iſt eine der ſchönſten Tugenden des Menſchen! Ich wie⸗ derhole ein Wort der edlen Anna von Harder: Takt iſt der Verſtand des Herzens. Den Verſtand des Verſtandes kennen wir, den haben Tauſende! Den Verſtand des Herzens haben Wenige; Wenige dies ſichre Gefühl, was Andern wohlthun, was ſie ver— letzen könnte. Der echte, wahre Takt iſt keine kalte Welttugend, keine bloße Formenglätte des Benehmens. Der Taktvolle kann im Grunde nur ein guter Menſch ſein und ein beſcheidner. Wie hab' ich bei der Für⸗ ſtin Wäſämskoi Ihren Takt bewundert! Sehen Sie! Sie kommt daher... Dankmar zahlte eben den vollen vierten Thaler für einen Scherz, den er Armand verehren wollte und wollte nun gehen, da er die Fürſtin zu vermeiden wünſchte. Doch feſſelte noch eine andere„Boutike“ die Fürſtin... Noch Eins! ſagte Fräulein von Flottwitz. Beru⸗ higen Sie mich, daß Sie ſich nicht in Gefahren be— geben. Vermeiden Sie dieſen Louis Armand, dieſen Leidenfroſt, den verrätheriſchen Major von Werdeck— ich beſchwöre Sie— es ziehen ſich Ungewitter über Ihnen Allen zuſammen— Wildungen! Laſſen Sie 442 von dieſer entſetzlichen Verblendung Ihrer Geſinnun⸗ gen! Werdeck hat ſich nicht vertheidigen können. Er behält den Hausarreſt, ſeine Papiere ſind in Beſchlag genommen... Dankmar wollte erwidern. Sie wurden von Of⸗ fizieren geſtört, die ihre Freiſchärler und Wühlhubers von Chokolade und Dragee durch den Saal wie Siegstrophäen trugen und die Bäärte dieſer wilden Kerle analyſirten... Sie blieben bei Fräulein von Flottwitz ſtehen. Dankmar ging. Mit flüchtigem Gruß huſchte er an der Trompetta, die ihn doch auch noch ausbeuten, wenigſtens nach ſeinem Prozeß fragen wollte, vorüber. Wehmuth ergriff ihn über die Welt, die Zeit, auch über dies vielbewunderte und vielverſpottete Mädchen. Ob ſeine Einwände auf Friederike Wilhelmine von Flottwitz Eindruck gemacht und ihre Anſichten berich⸗ tigt hätten, mußte er bezweifeln. Solchem Fanatis⸗ mus gegenüber war keine Verſtändigung möglich, ſelbſt durch die Liebe nicht und wahrhaft ſchmerzlich ergriff es ihn, daß ein Weſen ſo reiner, lichtreiner Natur, ſo liebenswürdig, ſo aufopferungsfähig, ſo heroiſch und charaktervoll, ein Weſen, vielleicht ganz geſchaffen, auch ihn zu verſtehen, ihn ſelbſt glücklich hrer Geſinm gen können. ind in Beſchl zpurden von d nd Wühlhuber den Saal u e dieſer wid Fräulein u pruß huſchte noch ausbeul wollte, vorüt die Zeit, A ottete Mädch pilhelmine! Anſichen be dlchem Fan igung mäh haft ſchmn ne, lißn rungefüähi vielleict wſabſt gin 443* zu machen, doch durch den Zwieſpalt der Zeit ewig von ihm getrennt und für ein Andersdenken völlig unem⸗ pfänglich war... Ein Weib in ſeinen Armen zu halten, das eine von ſeinem innerſten Menſchen ge⸗ trennte Selbſtändigkeit beanſpruchte, wäre ihm fürch⸗ terlich geweſen. Dies Mädchen, ſo reizend, ſo poe⸗ tiſch, ſo weihevoll geſtimmt... es liebte ihn... er ſah es... und ihn ſelbſt durchzuckte es, als er ei— nen Augenblick beim Berichtigen ſeiner Einkäufe leiſe ihre Finger berührte. Er konnte ſich denken, wie nreu, wie hingegeben, wie ſeelenvoll Wilhelmine an ihm hängen konnte; er fühlte die Kraft ihres Wil⸗ ſens, ihrer hohen Weiblichkeit in ihn überſtrömen durch dieſe einzige Berührung, durch den wehmüthigen Abſchiedsblick und doch getrennt— doch furchtbar getrennt!— Es überrieſelte ihn kalt, als er ſolcher Geheimniſſe der Zeit gedachte und es bedurfte meh⸗ ter Tage, bis er ſich von dem ſchmerzlichen Ein⸗ druck dieſer Begegnung erholen konnte. Ein weib⸗ liches Bild, das ihm da dann immer lächelnd und oöſtend entgegentrat, blieb Selma. Wie ſehnte er ſich nach dieſer Geſtalt, nach dieſem Wiederſehen! Doch nahm ihn der Ernſt des Augenblicks zu ſehr i Anſpruch... Ueber Werdeck's Brief las man in 444 allen Zeitungen das Empörendſte. Und Dankmar wurde ſogar von dem halbgefangenen Major erſucht ſich ihm eine Weile fern zu halten... In we— nig Tagen hofften die Freunde die Berichtigung die ſer gefahrdrohenden Irrungen. Und Dandn rMajor erſu ... In Berichtigung Füntzehntes Capitel. Stürme. Fürſt Egon von Hohenberg ging auf der Bahn, die er ſich einmal vorgezeichnet hatte, unerſchrocken weiter. Das ſichre und feſte Auftreten, das jeden ſeiner Schritte bezeichnete, verlieh ihnen eben ſo vielen Er⸗ folg, wie die allgemeine Abſpannung einer Zeit, die nach manchem Sturm und Wirbelwinde ſich auf dem moch ſo haltloſen Platze, wo ſie ſich grade befand, doch erſt zurechtfinden und mit dem nächſten Bedürf⸗ niſſe wieder vermitteln wollte. Major von Werdeck bezeichnete Das in ſeiner Weiſe einſt unter den Freun⸗ den, die voll Kummer die über ihn verbreiteten fal⸗ ſchen und lügneriſchen Berichte vernahmen, mit den Worten: Es muß doch nun Jeder erſt wieder ſehen, was in— wiſchen aus ſeinem Kraut⸗ und Rübenacker geworden ſt! Die gekündigten Kapitalien müſſen doch erſt wie⸗ 446 der neu angelegt werden, die Staatspapiere ein wenig höher auf der Skala des Vertrauens ſteigen. So raſch geht Das nicht Alles! Wenn man marſchitt, macht man immer nur ſo lange Tour, bis die Ar⸗ rieregarde, das Bagage⸗ und Trainweſen in Ordnung iſt. So lange ruht man. Dann geht's weiter. Und... ſetzte er in ſeinem noch ungeſtörten Hu⸗ mor damals hinzu. Die vielen Mädchen, die inzwi⸗ ſchen mannbar geworden ſind! Für die muß doch auch erſt wieder ihre Zeit kommen. Es müſſen doch erſt wieder Hochzeiten gemacht werden. Der große Lebenszweck darf doch nicht ausſterben. Das geht nicht, daß ſich Alles ewig und immer in prekärer Un⸗ klarheit ſo fortwälzt und nicht mehr Bälle und Ver⸗ lobungen ſtattfänden. Nein, da ſorgen ſchon die Mütter für. Die ſtemmen ſich mit Rieſenkraft gegen den rollenden Wagen der Zeit und legen ſeinen Rä⸗ dern ihre Hauspantoffeln als Hemmſchuhe unter. Die eigentliche Aufgabe des Menſchengeſchlechts, die Fa⸗ milie und ihre Verſorgung, darf nicht zu kurz kommen und die Kaufleute und Krämer und Handwerker wol⸗ len doch auch einmal erſt ihre Handlungsbücher wie— der revidiren und ihre Kundſchaft begrüßen; hernach mag's weiter gehen! Werdeck behielt ſeinen Gleichmuth trotz drohenden apiere ein w is ſteigen. n man marſ ur, bis die heſen in Ord eht's weiter ungeſtölten h chen, die in r die muß d Es müſſen d den. Der N eben. Das r in prekäret! Bälle und! orgen ſchon Rieſenkraft g eegen ſeinen huhe untel. hlechts/ die zu kurz kon Handwerkat! egrüßen; h Froh h troß d 447 Vorboten einer Kataſtrophe, die ihn gegen das Früh— jahr vernichtend traf. Man hielt ihm mehre Briefe entgegen, in denen ſeiner als eines Vertrauten und Eingeweihten fremder Emiſſäre Erwähnung geſchah. Ja von einem Briefe war die Rede, den er ſelbſt an Flüchtlinge geſchrieben hätte. Zwar bekam der Ange⸗ ſchuldigte namenloſe Zuſchriften, die ihm anzeigten, daß es ſich hier um ein boshaftes Komplott und eine großartige, weitverzweigte Fälſchung handelte, aber ein Eklat war doch grell genug gegeben und Werdeck mußte ſich einſtweilen zur Dispoſition ſtellen laſſen. Er ſchied mit Schmerz von ſeinen Kriegern, aber auch voll Bitterkeit. Die Unterſuchung wurde parteiiſch ge⸗ führt, aber es fanden ſich doch Zeichen, daß Werdeck's Berbindung mit irgend einem Geheimweſen nicht aus der Luft gegriffen war— ein Bund war da— Wer— deck war das erſte Opfer des Kleeblattſymboles— er mußte ſeinen Degen geben und, als er ihn ſpäter wieder empfangen ſollte, ſich einen Hausarreſt gefallen liſſen. Im Zorn zerbrach Werdeck dieſen Degen und verſchlimmerte dadurch ſeine Sache. Man nahm ſeine Papiere in Beſchlag; man fand Aufſätze über Veränderung der Heerverfaſſung, Tagebücher über Dienſtverhältniſſe, die alle nur dazu beitragen konn⸗ um, den Triumph ſeiner Gegner zu erhöhen. Die 1 u Ahr. s 1 1 ganze Schmach, die über einen aus dem Bann ſeiner Dienſtetikette herausgeriſſenen Krieger von den üblichen feudalen und kriegsrechtlichen Vorurtheilen verhängt werden konnte, lag ſchwer auf dem unglücklichen Manne, der nach der Befürchtung ſeiner Freunde leicht damit enden konnte, ſich eine Kugel vor den Kopf zu brennen. Werdeck konnte ſich nicht gang vertheidigen. Er war in der That Mitglied eines Bun⸗ des, über den er jede Auskunft verweigerte... Auch den Freunden drohte Gefahr. Ihre Verbin⸗ dung mit Egon war für immer abgebrochen. Einmal noch hatte Egon, der Allmächtige, an Louis Armand im alten Tone geſchrieben und ihn gebeten, zu einen beſtimmten Stunde ſich bei ihm einzufinden, ſich mit ihm zu verſtändigen. Er hatte ihn gewarnt vot Verbindungen, die er nicht näher angeben wollte. En hatte ihn nicht ohne Herzlichkeit bei der alten Freund⸗ ſchaft beſchworen, zu ihm zurückzukehren und ſich durch den Weg, den er als Staatsmann genommen, nicht beirren zu laſſen. Louis Armand hatte ihm herzlich, aber ablehnend gauntwortet. Du haſt, mein Egon, ſchrieb er ihm, den Traum deiner Jugend ausgelebt! Er war ſchön... und heilig bleib' uns die Erinnerung! Deine Fußtapfen werd ich einſt in Frankreich wiederfinden und Thränen ſollen dem Bann ſin von den üblic theilen vanhin em unglückic ſeiner Freun Kugel vor! ſich nicht ge dingungen hat. Du beſttzeſt einen hohen Bildnergeiſt. glied eines B eigerte. Ihre Verb prochen. Einn n Louis Amma gebeten, u d einzufinden, ihn gewarnt geben valt der alten Fue en und ſich! genommen, atte ihm hel 449 ſie benetzen. Ich denke mir, es iſt nur der irdiſche Stoff, der unſre Seelen auseinander trieb. Unſer Ideal iſt vielleicht noch immer daſſelbe, nur daß ich mit einer Handvoll Arbeiter und einigen unabhängigen Denkern philoſophire, du aber mit einem mächtigen Thron, einer ſtattlichen Kirche, einem gerüſteten Heere— ich glaube wohl, daß die poſitive Welt ihre eignen Be⸗ Du willſt ſchaffen und achteſt des Materials nicht viel, wenn es nur die Spuren deiner Hand annimmt. Die find' ich reichlich in deiner Regierung und die Art, wie du willſt, macht dir alle Ehre, wenn auch Das, was du willſt, mich anweht, wie das kalte gräßliche Wort: Wir haben uns furchtbar aneinander hetäuſcht! Ein Fürſt, der die Laune hatte, Arkadien zu ſpielen, konnte in arkadiſchen Zeiten ewig der Freund des armen Ziegenhirten bleiben, den er in den Bergen liebgewann. Jetzt aber, wo die Ziegenhirten, barfuß und in Lumpen, ſelber aus den Bergen hervor⸗ ktiechen und die Anmaßung beſitzen, über die Welt, nicht blos über eine Panflöte, eine Meinung zu haben, ſjetzt hält ſich ein ſolches Arkadien nicht lange, ſeine Oelbäume hängen trauernd ihre Zweige und ſeine Gipfel ſind in Schnee gehüllt.. Egon hatte auf dieſe theilweiſe in Verſen geſchrie⸗ Die Ritter vom Geiſte. VIII. 29 bene Epiſtel immer noch warm und bittend geantwor⸗ tet. Louis verſtummte. Später ſchrieb ihm der Fürſt noch einmal, er müſſe ihn wegen ſeines Umgungs mit Leidenfroſt, Dankmar, Werdeck, beſonders aber wegen ſeiner Beſuche in der Willing'ſchen Fabrik und ſeiner Einwirkungen auf die Arbeiter warnen, er ſchickte ſo⸗ gar Agenten und Vertraute zu ihm. Louis erklärte, er wäre ſich keines Misbrauchs der ihm hier bewil— ligten Gaſtfreundſchaft bewußt, ja er hätte Beziehun⸗ gen ſeines Urſprungs entdeckt, die ihm Heimatsrechte Tags darauf bekam er die Ausweiſung aus Es war dies gäben. der Stadt und der ganzen Monarchie. dieſelbe Zeit, wo Werdeck ſchon vor dem Kriegsgericht ſtand. Louis war zu ſtolz, Einſpruch zu thun. E. nahm Abſchied von Dankmar, Siegbert, Dyſtra, der ſich den Freunden theilnehmend erhielt, wollte auch zu Leidenfroſt, erfuhr aber, daß dieſer, der ſchon ſeit ſeiner Rückkehr vom Ullagrunde ſeiner Grabesrebe wegen unaufhörlich verfolgt und natürlich auch ſogleich von der Excellenz von Harder aus ſeiner offiziellen So Sphäre verbannt war, bereits gefangen ſäße. blieb ihm nur Zeit, noch die uns bekannten Zeilen an Franziska Heuniſch zu ſchreiben, Jagellong Wer⸗ deck zu tröſten, die heldenmüthig jeden Troſt abe: lehnte, von Murray Abſchied zu nehmen, der abſicht⸗ A 4 14 bittend geantua lich die Wohnung der Louiſe Eiſold behielt, ſich un⸗ eb ihm der din ter ſeinem engliſchen Namen als Kupferſtecher be— nes Umgengs m hauptete und über das Vorhandenſein eines Paul Zeck ers aber wegn unter dem Siegel der Verſchwiegenheit an Louis überra⸗ auin und ſein ſchende Mittheilungen machte, ſeine geſchäftlichen Angele— en, er ſchickete genheiten zu ordnen und eine Stadt zu verlaſſen, die er Louis eklän unter ſo völlig entgegengeſetzten, Gemüth und Geiſt ſo ihn hier ben pöllig anders ergreifenden Verhältniſſen begrüßt hatte. hätte Beziehn Er begab ſich vorläufig nach Belgien mit einer Empfin⸗ n Heimatsrech dung, an die ſich unſre Zeitgenoſſen gewöhnen müſſen. Ausweſung a Es iſt dies das plötzliche Entrücktwerden aus einer im e. Es war di vollen Gange begriffenen Lebensthätigkeit, mitten aus dem Kriegsgeti dem angefangenen Worte, mitten aus dem kaum ſich e thun. ſelbſt klar gewordenen Gedanken heraus, mitten aus ic z im der liebenden Einwurzelung und Verrankung in theuerſte bet, Dſm, Herzen, in häusliches Glück. Dankmar und Siegbert waren gefaßt auf's Aeu⸗ herſte. Weichen wollten ſie nicht. Sie lebten in ru⸗ higer Pflichterfüllung eine Weile hin, wirkend zwar ielt, wolle a er, der ſchon einer Grabest rli an ſ für den großen Bundeszweck der Brüder und Ritter net uſi vom Geiſte, wirkend und werbend für deſſen immer angen ſiß. größre und in der That wunderbar wachſende Ver⸗ h dinnr 4 reitung, aber beſonnen, emſig beſchäftigt mit Kunſt, Juglon Viſſenſchaft und der Aufgabe, nun noch den letzten jeden Tn Lerſuch zu machen, ob nicht vor dem Obertribunal, men, A 29* ——jÿyÿy— — 45² vor jenem geheimnißvollen Oberprieſter des Rechts, dem uralten Greiſe von Tempelheide, jener Anſpruch geltend gemacht werden konnte, an den ſich Dankmar jetzt ſchon krampfhaft klammerte nicht als Anker für ſich, ſondern als Steuerruder für das Fahrzeug ſeines Ordens vom vierblättrigen Kleeblatt. Wie war's damit? Wie man auf die Wieſe geht und ſieht in den Millionen Kleeblättern gleichſam die eine, große, ganze Menſchheit, ſo harmlos, oberflächlich, einig, gleichbedeutend war den Uneingeweihten der Anblick des Lebens. Dankmar aben und ſein Bund ſah in den Millionen Dreiblättern die heimlichen Vierblätter der Verſtändigung, dieſe verkörper⸗ ten Heurekas der Liebe, dieſe idealen Gefundenen, der nen hier und dort, ohne daß ſie von ihm geworben wa⸗ ren, zu begegnen, ihn oft mit Bewunderungsſchauern vor der Macht einer Idee erfüllte. Der Tempelſtein im Weſten trat in Verbindung mit dieſer Erfahrung. Dankmar hatte den Plan, den erſten großen Bundes⸗ und Erkennungstag dorthin auszuſchreiben. Siegbert⸗ der am unangefochtenſten ſchien, bezweckte zum Früh— jahr eine Reiſe nach Buchau und dieſem Tempelſtein, um mit Dyſtra gemeinſchaftlich die großen dort projel— tirten Bauten zu beginnen. Die Wolken mehrten ſich freilich. Immer düſtrer drohte der Horizont. Unter dem Symbol des vierblättrigen Kleeblattes erhielt Dank⸗ er des Nech jener Anſpe n ſich Danine als Anker Fahrzeug ſein gie war's dam in den Millionn anze Menſche deutend ward Dankmar al Dreiblättern! z, dieſe verkön Gefundenen, m geworben! nderungsſchal Der Tempelſ jeſer Erſhe großen„ ¹ iben. Sil veckte zum ſem Tenp oßen dont lten mehnt t. Unde rhiel“ izon 66 453 mar eine ernſte Warnung nach der andern. Er ſollte ſein Heil in der Flucht ſuchen. Siegbert's Rath, Egon, dem doch einſt ſo edel erfundenen Egon ſich noch einmal anzuvertrauen, verwarf Dankmar als eine unwürdige Reminiscenz. Der folge ſeiner Bahn! Wir gehen die unſrige. Aber ich müßte doch an irgend einem ſichern Rückhalt, wie ein Luther auf der Wartburg, die Entwirrung dieſes Knotens abwarten... Siegbert ſprach von Angerode. Dyſtra, der der ängſtlichen Berathung beiwohnte, rieth, zu Mangold, Louiſe Eiſold, zum Tempelſtein zu fliehen. Dankmar aber, wie von einem Offenbarungsgedanken ergrif⸗ fen, rief: Ich gehe grade in die Höhle unſrer Gegner ſelbſt, mitten in die Gefahr! Ich gehe nach dem Ullagrund! Dort wohnt ein Ehrenmann... und zu Selma zieht es mich, wie zu meinem Schutzgeiſte. Ackermann war in Amerika! Er lauſcht dem Leben der Natur! Er b wird ſich dem Geſetz der Freiheit nicht entziehen. Dort kenn' ich Weg und Steg. Selige Erinnerung! Der Frühling iſt da! Ich fliehe in den Ullagrund— Und als die Freunde Bedenklichkeiten äußerten, ſagte Dankmar: Man ſoll mich für einen jener Arbeiter halten, die kermann um ſich verſammelt— eine Jacke her, eine — ———— 454 Blouſe, ein Wanderſtab! Ich will nach Hohenberg wandern, wie Egon einſt wanderte; aber reineren Herzens, treuer der Sache des Volkes hingegeben, kein ſich zum Volk herablaſſender Ariſtokrat, nicht ha⸗ ſchend nach dem Scheine, nicht weglügend die eigne innere Leere— dort unter den Arbeitern, die dieſem Undankbaren den Acker beſtellen, will ich ſelbſt für ihn arbeiten und Selma, ihr Vater werden mir Bürge ſein, daß ich unter dieſer Wahl eines ſchweren Beru⸗ fes nicht zuſammenbreche... So entwich Dankmar nach dem Ullagrunde, kurz vor jenem wirklich in den Zeitungen hervortretenden Steckbrief... Und Murray, den ſo viel Gefahren umgeben hat⸗ ten, grade Der blieb unter all den Bedrängniſſen, die ſeine Freunde und Gönner trafen, faſt allein unver⸗ ſehrt. Er hatte, als Louiſe Eiſold mit ihren Geſchwi⸗ ſtern nach Buchau gezogen war, deren ganze Wol— nung, mit all' ihrem armſeligen Hausrath, für ſich behalten und lebte nur der abwartenden Beobachtung über die Entwickelung ſeines Sohns. Dem Drängen deſſelben nach den näheren Umſtänden ſeiner Gebunn gab er zur Zeit nicht nach. Er bat ihn ſelbſt um ein großmüthiges Aufgeben jeder weiteren Forſchung, der nächſte Zweck ſeiner Rückkehr von Amerika war ei⸗ nach Hohente ; aber reine lkes hingegen ſokkat, nicht! üügend die di itern, die dieſ ich ſelbſt füti den mir ſchweren Ber Ullagrunde, z hervortretent tn umgeben zedrängniſen, aſt allein un it ihren Geſth ren ganze 1” nusrath, füt den Beobach Dem Di en ſeiner 0 ihn ſelbſt l b a Forſchun Amerika Büt reicht. Er hatte ſein Kind lebend und, wie er erwartete, in der Irre gefunden; er hatte genug zu thun, Körper und Geiſt bei ihm auf die Bahn zu lenken, die ihm die allein geſunde ſchien. Die einzige Störung ſeiner Ruhe, die den Apoſtel einer eigenthümlichen, heitern und menſchlich milden Religioſität noch zuweilen traf, war die fortgeſetzte Unterſuchung über die noch immer dunkel bleibenden Vorfälle im Forſthauſe, die indeſſen, da Murray ſich ſo ganz in der großen Stadt verlor, ohne Mistrauen und mit Bequemlichkeit geführt wurde. Dyſtra, der dem wunderlichen Heiligen ſeine an allen Curioſitäten Geſchmack findende Theilnahme erhielt, forderte ihn vielfach auf, zu ſeiner in Amerika mit Meiſterſchaft geübten Kunſt zurückzukehren und gab ihm mehr zu thun, als Murray aus Furcht vor Ent⸗ deckung ſeines wahren Urſprungs und des noch im⸗ mer nicht beruhigten, noch immer ihn umſchleichenden Mistrauens der Ludmer übernehmen mochte. Murray arbeitete wie der erſte Künſtler ſeines Faches, unterhielt ſich im Verkehre bald mit Louis Armand, bald mit Dyſtra und nur die Erholung erlaubte er ſich, daß er manch⸗ mal weite Spaziergänge machte, am liebſten nach der zwei Meilen entfernten kleinen Feſtung Bielau, wo er mit Wehmuth den Fluß, das Zuchthaus, die von ihm durchbrochene Mauerwand in der Ferne betrachtete. In — 456 die Feſtung ſah er dann luſtig und fröhlich zuweilen Soldaten ziehen— die Garniſon wurde von den in der Hauptſtadt liegenden Truppen in beſtimmten Zwi⸗ ſchenräumen ergänzt— ſah auch wol einmal einen verſchloſſenen, von Gensdarmen geleiteten Wagen über die Fallbrücke fahren; verglich fremdes Loos und eignes, verglich den Strom des Fluſſes und den der Welt... und kehrte dann ſpät Abends heim, nicht ohne bei der Wohnung ſeines Sohnes zu horchen und zu ſpähen, ob er wol ſchon zur Ruhe wäre oder ſchwärme... er hatte beſchloſſen, ihn noch mindeſtens ein Jahr gang allein ſich entwickeln und ihn an ſeiner ihm täglich bewieſenen Liebe allmälig aufthauen zu laſſen. Mitten in dieſe Auflöſung einer Menge von bisher ſo traulich beiſammen beſtandenen Beziehun⸗ gen kam eine Botſchaft von Olga Wäſämskoi, die neue Sorgen wecken mußte. Als Dyſtra eines Abends zur Fürſtin kam, hörte er, daß Rudhard trotz ſeiner Jahre und zunehmenden Schwäche ſich eben aufge⸗ macht hatte, um ohne Abſchied in höchſter Eile nach Wien zu reiſen. Die Fürſtin vermied Auskunft zu geben, da Siegbert zugegen war. Sie ſchützte eine Veranlaſſung vor, die Siegbert nicht kennen konnte. Sie war aber ſo unruhig, ſo bewegt, ſie wandelte in dem Garten, den ſie nach langem Winterſchlafe wie⸗ röhlich zuwel rde von den beſtimmten z ol einmal ein ten Wagen in Loos und eigne den der Welt ht ohne bei d und zu ſpähe ſchwärme z ein Jaht go ner ihm täg zu laſſen. r Menge! eenen Bezeg Wäſämskoi, ra eines Abei zard trob ſe ſich eben all chſter Eile! ed Auskunſ zie ſchühle kennen b ſe wandel interſchl 57 der zum erſten Male begrüßte, ſo unſicher an ſeiner Seite, daß er irgend eine neuerſtandene Schwierigkeit fürchtete. Einige Tage darauf las er bei Dyſtra ei⸗ nen Brief, den ihm der treue Gönner und im inner— ſten Herzen vielbedrängte Freund nicht vorenthalten zu dürfen glaubte. Olga ſchrieb an Rudhard: „O Vater Rudhard, ich ergreife mit Zittern heute die Feder und möchte ſie ſtatt in Tinte, in Blut und Thränen tauchen. Wie bin ich betrogen worden! Welchen Schmerz hat mir die Tante bereitet! Ich kann nicht mehr in ihrer Nähe bleiben, ich haſſe nun die treuloſe Verrätherin. Ach, Himmel und Erde! Helene iſt ja nicht was ſie ſcheint. Gott! Gott! Daß Engelzüge lügen können! Du weißt, wie wir litten, Papa! Du weißt, wie wir den Mond und die Sterne beſchworen haben und unſerm Schmerze einen ewigen Kultus widmen wollten. Ach, Helene hat ihren Schwur gebrochen. Es war eine Lüge, daß ſie ſich nach den Zellen der Klöſter umſah, Lüge, wenn wir Kirchen beſahen, daß ſie ſich in die Beichtſtühle ſetzte, bis ein Kirchendiener kam und ihr ſagte: die Patres hörten grade keine Beichte oder ob ſie ſie ru⸗ fen ſollten? Dann ſprang ſie unmuthig auf und ich glaubte, ſie würde die Religion unſrer Väter wechſeln. Es iſt Täuſchung geweſen, Papa! Helene liebt wie⸗ der! Sie liebt! Wie an einem erſtarrten Baume, ſagte ſie mir, als ich ihr zornig gegenüber trat, ge⸗ ſchieht an mir das Wunder, daß er einen neuen Keim trieb. Nein, ſagt' ich, Tante, dein Herz iſt ein Po⸗ lyp. Er lebt im Sterben und wächſt durch den Tod, er bedarf der grauſamen Zerſtückelung, um zu wach⸗ ſen. Aber was hilft's! Du entſinnſt dich jenes Hein⸗ richſon. Ich ſprach nicht mehr von ihm, weil ſeine Huldigungen mir nicht gefielen und ich den Schein vermeiden wollte, als rühmte ich mich meiner Erfolge. Dieſen Heinrichſon liebt die Tante! Ich entdeckte ei— nes Abends, daß ich betrogen bin... Vor dieſem An⸗ blick ſchauderte mich's. Ich nahm meinen Hut, einen Mantel und floh von dem Landhauſe, das wir ſo ſchön, ſo reizend an einem kleinen Waſſerfalle unter Oliven⸗ und Kaſtanienbäumen gemiethet hatten. Ich wußte nicht, wohin ich fliehen ſollte. Aber Das wußte ich, zurück zu Helenen, die den Schmerz um Egon in den Armen eines Heinrichſon zu erſticken ſucht, kehrt' ich nicht wieder. Mein Inſtinkt trieb mich auf unſre Geſandtſchaft. Ich warf mich der Baronin von S. zu Füßen— Der Geſandtin in Rom, erklärte Dyſtra... „Und flehte ſie an, mich zu beſchützen. Sie nahm dieſe Bitte gnädig auf, unter der Bedingung, daß ich mit einer befreundeten Familie nach Wien reiſe und ſtarrten Baum enüber trat, g einen neuen Kein Herz iſt ein e durch den To g, um zu wach dich jenes Hei ihm, weil ſein ſch den Schel meiner Erfolge Ic entdeckte e Vor dieſem Ar inen Hut, eine das wit ſo ſch lle unter Olive te Das wußtei um Egon ind ht, kehrt ich n ſre Geſandtſt zu Füßen Dyſtta. Shen ützen. Sie 1 dingung, Wien tul en. Ich wußt V b dort von dir, Papa, mich abholen laſſe. Ich mußte dieſe Bedingung eingehen, ſo entſetzlich mir der Ge⸗ danke iſt, ein Land wiederzuſehen, wo dieſer Teufel Otto von Dyſtra wohnt. Ich werde kommen, aber ich ſchwöre Euch beim ewigen Gott, eher durchbohrt mich eine Dolchnadel, die ich auf meinem Herzen trage, eh' ich in eines Eurer grauſamen Verlangen willige. Die Tante iſt außer ſich. Sie will mich nicht laſſen. Sie fährt vor. Ein gewiſſer Herr Rafflard, den ich ſchon bei Euch geſehen, ihr zur Seite. Sie wollen die Baronin ſprechen, mich— ich höre Alles— der Kurier geht ab. Ich fliehe! Ich fliehe! Ich muß ſchließen. Olga.“ Das ſind ja entſetzliche Zuſtände! ſprach Siegbert, als er den ſo abgeriſſen endenden Brief ſtaunend noch einmal überflog... „Ein Land wiederſehen, wo dieſer Teufel Dyſtra wohnt“, wiederholte der ſo ſchlimm Angefeindete. Wo denken Sie, daß dieſer kleine Grobian jetzt ſchon iſt? Rafflard in Rom! Sie iſt doch in Rom geblieben; ſie iſt Zeuge dieſer... O nein! Die Konſequenzen der Freiheit bringen dies tolle Mädchen zur ſkrupulöſeſten Tugend, ſagte Dyſtra. Kann eine Dame, die in einer Penſionsan⸗ ſtalt mit lauter Gefühl, Bibelſprüchen, Muſik, Gold⸗ * —— — — 460 ſchnittlyrik, Sonntagsmoral und ſogenannter edler Weiblichkeit aufgezogen iſt, prüder denken als dieſe kleine Emanzipirte, die durch die Konſequenz ihrer un⸗ moraliſchen Ideen über Liebe und Weltſchmerz ſtreng⸗ moraliſch wird? Wenn da nicht eine Eiferſucht wegen Heinrichſon's im Spiele iſt— Nein, rief Siegbert mit innigſter Wärme und zit⸗ ternd vor Sehnſucht, Olga wiederzuſehen; darin wi⸗ derſprech' ich Ihnen auf das Feierlichſte. Ich glaube in der That, daß Olga leidet bei dem Gedanken, dieſe Helene d'Azimont, in der ſie die ewige Reſignation unglücklicher Liebe zu erblicken glaubte, könnte wieder lieben, könnte einen Heinrichſon für einen Egon wäh⸗ len und alle ihre Thränen Lügen ſtrafen... es iſt wirklich die ſittlichſte Entrüſtung, die Olga von Rom treibt! Wenn Das wäre, Freund, ſchieß' ich mich mit Ihnen! Ich liebe Olga! Dyſtra ſagte dieſe Worte ſcherzhaft, aber mit heim⸗ lichen Spuren des Ernſtes... Siegbert entdeckte dieſe Spuren wohl und ging trotz aller Zureden des Barons mit wehmüthigem Nachdenken von ihm. Ihm war Olga ein Ideal ge⸗ worden, der Sammelpunkt aller ſeiner zerriſſenen Ge⸗ fühle. Wie es den Bruder zu Selma trieb, ſich ein genannter Al enken als di ſequenz ihrer u eltſchmerz ſtren Eiferſucht wege Wärme und zi ehen; darin w te. Ich glan dies Gedanken, vige Reſtgnati e, könnte wied einen Egon w rafen... es Olga von R p ich mich 1 her mit hel „aber wohl und t wehmüt ein vc rz Lariſand Jtrieb, ſch — 1 3 12 berten nach der Gegend hin, wo Olga weilte. Aſyl zu ſuchen, da am Herzen eines edlen Mädchens auszuruhen von ſeinem unermüdeten Streben, da in's Auge ſeiner Geliebten blickend die Wunden zu heilen, die das Misgeſchick ihm ſchlug, eben ſo drängte es Siege Wie gern wär' er in Rom geweſen! Um wieviel lieber hätt' er am Strande des Meeres mit ihr Muſcheln geſucht und die Brandungen der Wogen gezählt, als hier in das Faß der Danaiden Hoffnungen und Wünſche zu füllen und ſich am tiefſten Weh des Lebens zu verzehren... Dyſtra rief ihm zwar noch nach: Siegbert, Siegbert! Bleiben Sie doch! Sie ſoll zwiſchen uns wählen! Allein grade das Beiſpiel Helenen's zeigte ihm, welcher Metamorphoſen, welcher Gewöhnungen die Herzen fähig ſind. Er mied Dyſtra voll Trauer, voll ſichrer Erwartung Deſſen, was ihm ſchien nun kom⸗ men zu müſſen. Der unermeßlich Reiche, der durch ſeinen Geiſt ſeine äußere Unförmlichkeit bei längerer Bekanntſchaft ganz vergeſſen ließ, ſuchte ihn zwar auf. Er beſchwor ihn, kein Mistrauen zu hegen. Er bot ihm ſcherzend ſogar an, ihm zu Liebe, um recht ab⸗ ſchreckend zu erſcheinen, eine lockige blonde Perrücke zu tragen und in dieſer Olga zu begrüßen, wenn ſie ankäm und nicht der Jeſuit Rafflard, die verletzte Eitelkeit Hele⸗ 462 nen's und hundert dunkle Räthſel ſie zurückhielten... Sieg⸗ 3 bert nahm dieſe komiſchen Anerbietungen für Erleich⸗ terungen und Uebergänge zu Dem, was nicht zu än⸗ dern wäre und verſicherte Dyſtra, daß er ſeine Träume ſchon würde beherrſchen lernen. In dieſen edlen Wettſtreit kam ein Brief von ankmar aus dem Ullagrunde. Sie fanden ihn, als Siegbert Dyſtra eines Tages 4 in ſeine Wohnung zurückbegleitete. Er war der Vorſicht wegen an Otto von Dyſtra adreſſirt und lautete: „Dieſe vier Punkte ſollen Blumen ſein! Keine Kugeln, Bruder! Nicht Kugeln in's Herz, nicht Ku⸗ geln an den Fuß, wie ſie die Züchtlinge tragen! Nicht Tod, nicht Gefängniß, nein Freiheit und Liebe! Sieg⸗ ß 1 bert, der Baron und wer ſonſt noch dieſen Brief lieſt und wär' es ein Agent am geheimen Dechiffrir-Bu⸗ D reau, wo man im Angeſichte Europas und der Ge⸗ ſchichte des neunzehnten Jahrhunderts falſche Briefe ſchmiedet, die Ehrenmänner in die Gefängniſſe füh—⸗ ren... leſt und hört es Alle, ich halte mich für geborgen und glücklich! Du weißt es, Bruder, wo ich bin: du weißt, was mich glücklich macht. Ich anenne keinen Namen, bezeichne die Gegend nicht: nimm die Landkarte und ſchreibe„Arkadien“ über den Platz, wo ich ackre und die Kühe hüte! Das goldne —y Vei ſeine Träͤl n Brief p eines Tag der Vorſit lautete a ſein! Kei ez, nicht d tagen A Liebe! E. ſen Brief! echftir⸗ und der mte N falſche? 463 Zeitalter kehrt wieder, Bruder. Ich bin ein Hirt und ſitz' im Haberrohr und weide Schafe. Ich ſchrieb dir einſt von hier: Lies den Arioſt, um dich auf meine Abenteuer vorzubereiten. Jetzt ſchreib' ich: Lies den Virgil, den Theokrit, Bruder! Nicht Geßner! Nein, Bruder, in rothſeidenen Bändern tanz' ich nicht und meine Phyllis iſt durchaus nicht des Reifrocks würdig und ſchreitet nicht in bemalten Stelzenſchuhen— wir ſind ein echtes, wirkliches bukoliſches Paar und alle Hecken an dem kleinen Bach, der ſich durch unſern Grund zieht, wiſſen von uns zu plaudern, wiſſen von uns zu flüſtern. Ich liebe, Bruder und ich darf lie— ben! Man nahm mich für etwas Andres, als ich — bin. Man nahm mich für Den, der uns ein großer Feind geworden iſt und ſich ſelbſt ein noch größerer — man liebte und haßte mich— eine Locke meines Haares blieb der myſtiſche Schlüſſel der Verſöhnung, des Glaubens, der Hoffnung auf mich und mein nicht zu tief verlornes Herz! Da kam ich und bin Der, der ich nicht bin, ein Andrer und doch ich ſelbſt— Was ſchwatz' ich— was plaudr' ich dir in Räthſeln! Löſe ſie dir nur ganz einfach mit der Gewißheit: dein Bruder hat Urſache, an der Welt noch nicht zu ver⸗ weifeln. Eines Mädchens treueſte Liebe umfän hn. Er ward zum Kinde an ihrem Herzen. Ver⸗ 464 ſtand, Zweifel, kalte Berechnung, Alles iſt aus der Deichſel gegangen und graſt nun unter Blumen, Kraut, Rüben, Raps, Sommer⸗ und Winterſaat and neckt ſich nur noch mit den Bienen. Wenn ich ſonſt aus⸗ ſpannte, Bruder, d. h. die Waffen, mit denen man die böſe Welt bekämpft und ihren Angriffen Widerſtand leiſtet, ſo kam ich mir wunderlich vor. Ich ſagte dann: Dankmar, das Kindiſche ſteht dir nicht! Jetzt ſteht es mir prächtig, wenigſtens nach meinem eignen Ge⸗ ſchmack; ich lache nicht mehr über mich, ich habe keine ſpöttiſchen Falten mehr um den Mund, ich glaube, ich liebe in Liebe liebend. Und nicht nur für Augen— blicke hab' ich zu danken; nein für ein ganzes Leben, das mir neu geſchenkt wird. Die Liebe, die ich ſonſt empfand, Alter, war ſo ein blitzendes Streiflicht, das einen Wonnemoment übergoldete. Jetzt iſt aber meingan⸗ zes Daſein in Verklärung getaucht: ich kann dieſe Liebe unterbringen bei meiner Vergangenheit und Zukunſt. Ich kann ſie mir denken, wie ſie mir in Glück und Freude, wie ſie in Noth und Elend mir folgt. Ich kann mir denken: dies Mädchen iſt jung und lieblich; aber ſie wird dir auch werth ſein, wenn es ein altes Mütterchen geworden iſt und du ſelbſt graue Haare trägſt! Das ſpringt um mich, Das athmet Luſt und Leben, Das iſt gut und gefällig, heiter und dienſtben ffen Hiſt aus! umen, Kna gat und nech ich ſonſt aut denen mand n Widerſtan ſch ſagte dann ¹ Nett ſt meignen G. ich habe keit ich glaub ir für Auge ganzes Lele „die ich ſ streiflicht 1 aber meinhe unn dieſe d und Zuh in Glück t folgt und lieh nes ein! graue duſt un zmet und dehſt — es 465 fliſſen, Das ſchmollt ein Viertelſtündchen, zankt ein Wellchen, fährt auf und will Recht haben und küßt dann och wieder alle Launen weg und geſteht dir offen, es könne nur ſein und fühlen durch Unſereins, auch wenn wir Unrecht hätten. Da widerſtehe nur und wirf nicht deine ganze Lebensphiloſophie wie al⸗ ten Plunder über den Heckenzaun! Und denke nur nicht, Bruder, daß ich darum im Idylliſchen wie markloſe Poeten zu Grunde gehe! Ich behalte mein Auge klar und den Verſtand offen. Das iſt eben das Weſen einer geſunden und reinen Liebe, daß ſie uns nichts von unſerm Beſten nimmt, ſondern daß ſie Alles zum Schüren ihres eignen Brandes brauchen kann. Mein Mädchen fühlt das Alles mit klopfendem Herzen mit, was mich bewegt und ſo wachſen wir Beide zum Hönen und Sehen, und lehnen und tröſten uns recht aneinander. Unſern Bund, den des Herzens und den andern, den des Geiſtes, hab' ich dem Vater natür— lich verrathen. Der Hohe, Edle nahm beide ernſt und ſinnend auf. Dem erſten gab er ſelbſt den Se⸗ gen, für dieſen zweiten erfleht er ihn. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß wir nun ſchon weit über einige hundert Bekenner haben, die 4 7 gemeinſames unſichtbares Band verbindet, ein Ge⸗ danke, eine Führung, die Niemand kennt, die auch Die Ritter vom Geiſte. VIII. 9 30 nirgends da iſt, als in dem Bewußtſein, dem Glauben einer Führung. Der Geiſt iſt es, der fort— wirkt und eine Stunde wird kommen, wo ſeine Werke, die jetzt noch in der Stille ſich vorbereiten, an das Tageslicht treten. Noch in dieſem Jahre, jedenfalls im nächſten, hoff' ich auf den erſten großen Bundes⸗ tag, wo wir uns durch Abgeordnete begrüßen und eine Form für das bewußte Fortſchreiten unſrer Ent⸗ wickelung aufzuſtellen hoffen. Könnt' ich dann dieſer Schöpfung gegenüber treten und mit dir ſagen: Hier ſchütt' ich aus dem Füllhorn Fortunens auch jene ir⸗ diſchen Güter, die uns den Kitt für den geiſtigen Bau geben ſollen! Könnt' ich dann ſagen: Hier iſt eine kräftige Hand, die über die Länder und Völker hin das Flammenſchwert des Erzengels Michael zücken und den ewigen Sündenfall aus dem Paradieſe jagen will! Ich verzweifle nicht; ſo wie ich mich rühren kann, beginnt die letzte Entſcheidung. Der Vater mei⸗ nes Mädchens behauptet, zum Präſidenten des Ober tribunals, zu unſerm greiſen Rhadamanthus von Tem⸗ pelheide, in einem eigenthümlichen Verhältniſſe zu ſtehen, das uns nützen ſoll. Mit ſeinen Raben und Adlern kommt mir dieſer letzte Richter vor wie der greiſe Johannes auf Pathmos, neben dem der Adler horſtet, wenn er über Meere hinweg die Geſichte der Offenba⸗ 8 ßtſein, da es, der fon o ſeine Weit eiten, an d hre, jedenfal oßen Bunde begrüßen u n unſter En h dann diee ſagen: H Hauch jene den geiſtg gen: Hier er und W Michal t zaradieſe ſ h nich r der Vater! nten des? us von? gerhälnſ en Nabe wie di rAtle 1 rung ſchaut. Viel Perſönliches, was ich ſonſt auf dem Herzen habe, muß ich laſſen, bis ich weiß, ob der Weg, den ich wähle, um mich dir verſtändlich zu machen, ſicher iſt. Tauſend Grüße von und an! Von De⸗ nen, die du dir denken kannſt, auch Oleandern, der zum Dichter auch ein Denker geworden iſt, und an Die, die unſre Grüße verdienen!“ Während Siegbert mit bebender Freude dieſe Zei⸗ len für ſich geleſen hatte und ſich einen Augenblick beſann, ob er wol wagen könnte, ſie Dyſtra zu zeigen und ihn in das Geheimniß eines Bundes der Ritter vom Geiſte zu ziehen, warf dieſer eine neueſte Zeitung, die er eben geleſen, auf den Tiſch und rief: Gott! Gott! Der unglückliche Mann! Ich beſchwöre Sie, ſagte Siegbert erſchreckend, ſetzt keine Hiobspoſt! Was iſt? Dyſtra ging im Zimmer auf und ab. Siegbert ergriff die Zeitung.. Eine Meuterei in Bielau! Eine Militärrevolie! In Bielau? Siegbert durchflog die Zeitungen. Die Darſtellung mag noch hinter der Wahrheit zurückbleiben, ergänzte Dyſtra. Der Geiſt dieſer Mann— ſchaften ſoll wild, ganz unzuverläſſig ſein, wie mich Boland noch kürzlich verſicherte. Man läßt dieſe kleine 30* — G 1 b 3 1 1 468— Feſtung der Reihe nach von der hieſigen Garniſon h beſetzen und die dritte Compagnie des Leibregimentes— Es iſt dieſelbe, die zu Werdeck's Bataillon ge⸗ hört... Kaum dort angekommen... und der Major... Siegbert hatte ſich von dem Vorgefallenen unter⸗ richtet. Er war ſo erſchüttert, daß er ſich auf einen 1 Seſſel niederlaſſen undzu Worten erſt ſammeln mußte.. 3 Das Vorgefallene beſtand in einem Vorgang, der dem ſeit einigen Tagen wirklich kaſſirten und wegen An⸗ theilnahme an einer„Verſchwörung“ für mehre Jahre auf die Feſtung Bielau geſchickten Major von Werdeckeine Flucht hatte erleichtern ſollen. Die Nähe dieſer Feſtung 3 begünſtigte das Einvernehmen der Soldaten, die in Wer⸗ deck's Verhaftung nur einen, ihren eignen Intereſſen ge⸗ führten Schlag ſahen. Bei dem erſten Spaziergange, den Werdeck, um ſich zu erholen, auf dem Walle der Fe⸗ ſtung machte, war eine Wache, aus zwölf Soldaten 12 beſtehend, zufällig von ſeinen eignen früheren Leuten beſetzt geweſen. Bielau's übrige ſtehende Beſatzung war nur ein Invalidenkorps. Die Ergänzungen deſſelben u kamen der Reihe herum an die in der Reſidenz befind⸗ — lichen Truppenkörper. Viele hatten, des demnächſt abzu⸗ führenden Gefangenen von Werdeck wegen, wider⸗ rathen, ſein eignes Bataillon nach Bielau zu ſchicken; G2 gen Garnic regimentes Bataillon g Major.. fallenen unter ſich auf ein meln mußte. Vorgang, N ind wegen An mmehre Jah on Werdeckt dieſer Feſtn W. en, dieit jIntereſſen! aziergangen Walle det! wölf Soldo rüͤheren Beſatzung deſſe Lel ngen Reſiden d emnächſ u wegen, m au zu ſhi g 469 doch da die Reihe einmal an dieſen Truppentheil kam, wollte man am wenigſten einen öffentlichen Beweis von Unzuverläſſigkeit der ſo hochgeprieſenen Armee geben. Ein Komplott zur Befreiung des wegen Mitgliedſchaft eines Geheimbundes, Korreſpondenz mit auswärtigen Revolutionären und Zerbrechens ſeines Degens kaſ⸗ ſirten und zu ſteben Jahren Feſtung verurtheilten Ma⸗ jors machte ſich wie von ſelbſt. Das Loos traf eine Wache, die dem Spaziergänger das Thor freilaſſen, alle Ausgänge öffnen konnte. Ein Sergeant war mit der Ausführung beauftragt. Werdeck kommt, tumultua⸗ riſches Geſchrei begrüßt ihn, man gibt ihm die Gelegenheit zur Flucht. Aber Werdeck weigert ſich. Der Major er⸗ mahnt ſeine alten Krieger ſelbſt, ihrer Pflicht treu zu bleiben. Aber ſchon hatte der Kapitänvon Aldenhoven von dem Vorfall an dem ſogenannten Sternwall Kunde. Die Sternwall-Wache wird vom Invalidenkorps abgelöſt, einige der verzweifelnden Soldaten verſuchten Gegenwehr, andre die Flucht... Der Sergeant wird verhaftet... Verdeck in einen engeren Gewahrſam geführt... So viel ließ ſich den Zeitungen entnehmen. Es entſpann ſich zwiſchen Siegbert und Dyſtra ein Geſpräch über die möglichen Folgen dieſes Vor⸗ falles, über die Urſachen des Unglücks, das den Ma⸗ (ſer betroffen, über den Geiſt der Pflicht und die Ge⸗ * — fahren der freien Selbſtbeſtimmung. Der ſchnell ge— wonnene Freund und Gönner zeigte ſich ſo voll An— theil, blickte ſo frei uͤber die Widerſprüche des Lebens hinweg, hatte ſo von jeder Meinung und Ueberzeu⸗ gung, die in ihm lebte, die ſchroffen Kanten und Ecken des Vorurtheils und des Egoismus abgeſchliffen, daß ihn Siegbert den Brief ſeines Bruders leſen ließ und in das Geheimniß des, Bundes vom vierblättrigen Kleeblatt einweihte. Dyſtra erſtaunte. Er gedachte ſeines eignen Tem⸗ pelſteins und wie er an deſſen Ruinen das dreiblättrige Kleeblatt am Kreuze oft genug beobachtet hätte. Er war erfüllt von der Bedeutſamkeit dieſer Mittheilung und äußerte, ehe er zuſtimmte, faſt erſchrocken: Ein Vierblatt iſt ſelten, mein Freund! Selten iſt alles Neue und Große! antwortete Sieg⸗ bert, von dem Wirken ſeines Bruders ergriffen, er⸗ ſchüttert von Werdeck's Schickſal, das ihm Thränen abgewann... Ernſt und in Gedanken verloren prüfte Otto von Dyſtra die empfangene Mittheilung. Schon zitterte Siegbert, daß er hier eine Uebereilung zu bereuen hätte, ſchon wollte er Dyſtra beſchwören, ihm, wenn nicht Uebereinſtimmung, doch Verſchwiegenheit zu ge⸗ loben, als der Baron das Wort ergriff: der ſchnell h ſo voll A ſche des Leben und Uebene nten und Eih geſchlifen, d leſen ließ un vierblättrie zeignen Te as dreiblättt btet hätte. d ſer Mitthein ſchrocken: nd! ntwortete ergtiffn, ihm Thii rüfte Oiu Schon zl ng nu bel en, ihm, egenhei I ff. 471 Ich bin, ſagte er, durch Sie und Ihre Freunde etwas ſtark aus meinem bisherigen geiſtigen Schlum— mer geweckt worden. Ich intereſſirte mich bisher für Alles und deshalb im Grunde für Nichts. Ich ſchlug heute das wirkliche Buch der Natur, morgen Kupfer⸗ werke auf, die mir Das ergänzten, was ich noch nicht kannte. Ich glaube, ich bin in der Lage mit vielen, vielen Tauſenden, die ſich von der Zeit und der Wirk⸗ lichkeit, ſo gut es geht, fernzuhalten ſuchen und ſich mit ihren Abbildern begnügen laſſen. Uns intereſſirt erſt dann Alles, wenn es hiſtoriſch geworden iſt. Wir ſind gerecht ſogar gegen Das, was uns widerſtrebend iſt und dennoch wären wir ſelbſt für Das, was uns zuſagt, nicht im Stande einzuſtehen, ſo lange es im Entſtehen, im Werden begriffen. Ein Haus ſoll uns, wenn wir mit ihm in Berührung kommen, gleich fertig ſein. Staub, Schutt, Mörtel, der Lärm des Schaffens, des Niederreißens und Aufbauens iſt uns widerwärtig und wir genießen Jedes, nur in Ruhe, nur in Behaglichkeit, auf einem Sopha, unter Tep— pichen, unter Polſtern. Das iſt die Stellung der ſo— genannten Bildung zu den Fragen der Gegenwart! Aber wohlan! Es ſoll nicht ſo ſein. Es kommt die Reihe nun auch an uns! Wir ſollen mit an— greifen, auch wir ſollen Partei halten und uns ſchämen, immer nur zu reflectiren und unſern ein— ſiedleriſchen geiſtigen Genüſſen zu fröhnen. Wenn ich erſt erſchrak über Das, was Ihr Bruder da an— gelegt hat und was ich nun ſchon ſo im Keimen und Wachſen ſehe, ſo fühl' ich wol die Bedeutung ſeines Gedankens. Ich finde Europa zerrüttet. Ich ſehe einen Welttheil, der nicht leben, nicht ſterben kann. Irgendwie muß ihm geholfen werden, dem Verlebten zur Baͤhre, dem Neuen zur bequemeren Wiege. Ich will es mir noch einen Tag überlegen, Wildungen, was ich von Ihrem Bunde des Geiſtes denken ſoll. Weigr' ich meinen Beitritt, ſo ſtirbt das Geheimniß mit mir. Tret' ich aber bei, ſo gehör' ich ihm mit ganzer Seele und ſollt' es auch ſein, wie Byron einſt ſeine letzten Flammen aus einem zweckloſen Leben zu⸗ ſammenraffte und ſich läuternd im Brande Griechen⸗ lands zu Grunde ging. Siegbert dankte für dieſe offne, unter Dyſtra's Verhältniſſen bedeutſame Erklärung... Beide erhoben ſich. Der Baron, um ſich nach dem Schickſal des gefangenen armen Leidenfroſt zu er⸗ kundigen, in dem er ſo frühe ſchon eine künſtleriſche Entwickelung geahnt hatte und den er mit innigſtem Bedauern in einem allgemeinen Scheitern ſeiner Fä⸗ higkeiten und Lebensentwürfe antreffen mußte. Das 473 d unſem m Leben dieſes ſo vielſeitigen Genies lag vor ihm auf— b hnen. Vm geſchlagen wie das Werk eines Dichters, der vom Bruder da n Himmel die prometheiſche Flamme nur entwandt hat, n Keimen m um ſich in ihr ſelbſt zu verzehren. Er kannte den deutung ſint wirren vielverſchlungenen Lebenslauf des Max Brü⸗ tet. Ich ſii ning, mit dem er die Verwandtſchaft einer großen ſteben kan Seele und einer gewöhnlichen, ja abſtoßenden Hülle dem Verlen derſelben gemein hatte. Er kannte das Band der Wiege. M. Wehmuth, das dies Soldatenkind an Werdeck knüpfte... „Wildunge Siegbert aber eilte zu Jagellona von Werdeck, ei⸗ s denken ol ner Frau, die über zwei Männer, die ſie zu gleicher as Geheime Zeit, wenn auch mit tiefſtverſchiedenen Organen der r ich ihm n Seele, liebte, das dunkelſte Loos geworfen ſah. fie Byron eln oſen Leben! unde Griech unter Dyſ um ſich ſ denfroſt ne künſlen mit innig. enn ſänen mußte.? Sechszehntes Capitel. Ein Nachtgemälde. Es warf auf offner Gaſſe eine Löwin Und Grüft' erlöſten gähnend ihre Todten. Wildglüh'nde Krieger fochten auf den Wolken In Reih'n, Geſchwadern und nach Kriegsgebrauch Wovon es Blut geſprüht auf's Kapitol. Das Schlachtgetöſe klirrte in der Luft; Es wiehern Roſſe, Männer röcheln ſterbend Und Geiſter wimmerten die Straßen durch. Julius Cäſar. Daß wir den Vorhang könnten fallen laſſen über ein dunkles Grauenbild! Aber die Zeit iſt eiſern. Unheildeutende Raubvöo⸗ gel ſieht der Augur zur Linken fliegen. Er ſieht die unglücklichen Zeichen. Er ſieht in nächtlicher Stille rothe Flammen am Himmel. Darf er verſchweigen, was er ſah? Ein ſtiller Junimorgen. Tiefe Ruhe, morgenrothe laſſen uhe ende Raui Er ſui chtliche 5 verſchwe e, morga 475 Dämmerung auf den Fluren. In der kleinen Veſte Bielau ein ſchauerliches Schweigen. Die Sonne naht. Es künden die purpurnen Wolkenboten erſt ihr Kom⸗ men an. Es ſingt ihr auf dem Lindenbaum am Wall entgegen die wachende Nachtigall. Die Sängerin iſt's der Liebe und der Sehnſucht! Es iſt der blühende, der duftende Lindenbaum— Aber auf dem Glacis graben zwei Männer ſtumm und traurig eine Grube— Sie tragen die bunten Röcke des Kriegers... Die Erde blinkt und funkelt unter dem Spa— ten von Glaskörnchen, von Metallſtückchen, von Schnecken, von Kieſelſteinen— was iſt da zu weilen! Einen Hügel nur von Erde ſoll es geben und neben ihm eine Grube, ſo tief, wie die beiden Krieger in ihr ſtehen... Sie iſt fertig. Die Spaten liegen auf der friſchen Erde... Die Krieger gehen traurig. Die Sonne nähert ſich. Es iſt, als rauſchte ſie empor mit Donnerton. Und doch iſt Alles ſtill, nur die Nachtigall ſingt, der Lindenbaum ſäuſelt und nur die Welle des Fluſſes, an dem die kleine Veſte ſich erhebt, kann man plätſchern hören. Da Männertritt... In gleicher Ordnung... aus einem verdeckten Gange, der zu den Kaſematten führt, zwanzig, dreißig Mann... wozu ſie zählen! 1 Sie umſtehen die Grube. Nur dem aufgeworfenen Hügel bleibt der Rücken frei.... Ein metallner Klang— ein Klingeln faſt— die ſ Ladſtöcke fahren in die Musketen— Acht Krieger ha⸗ T ben geladen. — Die Nachtigall ſingt Liebe und Sehnſucht... O ſänge ſie Muth dem Armen in leinenem Kit— tel, der aus dem verdeckten Gange tritt! Ein Jüng— ling, gebräunten Antlitzes, ſpärlich der Bart, blond dn das Haar, das Auge voll Wehmuth, aufgeſchlagen ſnd gen Himmel, zum erſten Lichtſtrahl der Sonne, der ihm grade über den Scheitel fährt wie ein Glorien⸗ der ſchein! Umſchlungen hält ihn eine lange Geſtalt im und 1 Prieſterkleide, ein ernſtes liebevolles Haupt, nieder⸗ di 68 gebeugt zu dem ſchwankenden Wandrer, der ſich in den Reihen der Krieger umſieht und ſie voll Trauer nen und Ergebung begrüßt... 1 Der Jüngling ſchreitet den Todesgang— 1 Ein Bauer, in greiſem langem Haar, liegt in den Armen eines rüſtigen Jägers mit rothem Barte, 4 der ihn führt. Wie kann er ſich halten, wie noch ſ leben— es iſt ja ſein Sohn, ſein Stolz, ſeine Chre, 1 die ihm geraubt wird— ſeine Knie wanken. Er 1 h ſtammelt Gebete, die er ſelbſt nicht hört— Mein Sohn! Mein Sohn! nufgewotfen in faſt—d ht Kriegerhe nſucht.. leinenem Ein Jun Bart, blo aufgeſchlag Sonne, ein Glotie ge Geſtalt! aupt, nidd der ſich 1 voll Tral- ng— gar, lieg qa tothem ;t en, wie W 3, ſeine G wanken. — Der junge ernſte Prieſter tröſtet. Er redet laut. Seine Stimme klingt wie Orgelklang, wie Cherubs⸗ tröſtung... Der Jüngling, der zum Tode geht, er klammert ſich feſt an ſeine willensſtarke Hand... Vater und Sohn umarmen ſich zum letzen Male. Die Sonne verklärt den Abſchied. Alles weint und auch die Nachtigall ſchweigt nun. Sie läßt die Menſchen ſtill ihr)e Fragen an das Jenſeits richten: Muß Das ſein? Soll Das ſein? Was lohnt uns dafür? Was finden wir dort? Der Sohn ſpricht die letzten Worte zum Vater. Der Alte hört ſie nicht mehr. Er ſank ſchon zuſammen und liegt in den Armen des guten treuen Jägers, dein die Thränen den rothen Bart befeuchten, und der keine Hand frei hat, ſich ihn zu trocknen. Er muß ſie rin⸗ nen laſſen... Der junge Geiſtliche vernimmt des Sohnes letzte Wünſche, hört ſeine letzten Grüße— ein Vermächt⸗ niß ſeines ganzen Erbes an ein Mädchen, das er liebt, ein Vermächtniß aller ſeiner fahrenden Habe an eine arme Tiſchlerfamilie in der Stadt, das Andenken eines einfachen Inſtruments, einer Flöte, an einen in der Ferne jetzt weilenden Fremdling, Namens Louis Armand... Der junge Geiſtliche kennt die ſo leid voll Bedach⸗ ten Alle und ſegnet den milden Geber, zu dem ein Kamerad tritt, ihm die Augen zu verbinden... Noch ein Blick! Der letzte! Dort an jenem Fen⸗ ſter hoch über den Kaſematten ſteht ein Mann mit wehmüthigem Auge. Hinter Eiſenſtäben winkt er mit ſeinem Tuche. Ach, es iſt kein Tuch der Gnade! Er ſelbſt iſt ja gefangen... Der Jüngling weiß es wohl. Die Liebe zu ihm gibt ihm ja den Tod. Er kniet nieder. Acht Schüſſe ſtrecken ihn zu Bo⸗ den. Er hat ausgelebt. Den ohnmächtigen Vater führt der Waidmann hinweg, der kaum ſich ſelber hält. Solch Wild ſah er nie! Der Geiſtliche bleibt.. bleibt auch bei der Leiche, ſorgt für ihre Ehre, ihre Beſtattung... Und der Gefangene, der oben mit dem Tuche Ab— ſchied winkte, muß er nicht ausrufen: Gott im Himmel! Erfindet Das eine grauſame Phantaſie, nur um mich zu martern, oder iſt Das Wirklichkeit? Iſt's ein Traum odber iſt's Leben und heißt jetzt ſo die Ordnung dieſer raſenden Welt? Wer iſt der Dämon, der uns dieſe Grauenbilder ſchuf? Welchem erbarmungsloſen Moloch bringen wir dieß furchtbaren Opfer eines kalten rückſichtsloſen Ideen geſetzes? Nur wegen der Worte: Meuterei im Heer Beſtand der eiſernen Ordnung! Ein Beiſpiel!( „zu dem nden... an jenem di in Mann n winkt er m er Gnade! weiß es wi en ihn zu ichtgen V um ſich ſi ſſliche blal we Chre, dem Tuche! eine gralſ er it oder 1 iſrs Leben! en Welt? 2 enbildet ſü ngen wir deſſt „ qdeen Goſn Iuen erei im Heel derft. Beippiel Beiſpiel! Wie ein Denkmal hingeſtellt die grauſe Warnung! Was iſt Euch, die Ihr ſo ſprachet, ſo zu Gericht ſaßet, ſo die Kugeln zur Abſtimmung zähltet, die Feder ergriffet zur Unterſchrift, was iſt Euch eine Perſon? Eine Null! Ein Nichts, gekleidet bei dieſem Fall in eine bunte Jacke, die Hunderttauſend tragen! Sind wir nicht mehr Menſchen, nicht eingebürgert auf der Erde zur Erfüllung irgend eines hohen Zweckes, den wir doch ahnen? Und welche Sitten, welche In— ſtitutionen, welche Einrichtungen treiben uns hinweg von der friedlichen Vorbereitung auf dieſe unſre ſtillgeahnte Beſtimmung! In mein Ohr tönt es wie eine Dis— harmonie von tauſend durcheinander fahrenden In⸗ ſtrumenten! Mußte Das ſein, du gutes, treues, be— ſcheidnes Herz, das da unten für mich, zum Jammer für Menſchen, deren Exiſtenz auf dem großen Markt kalt ignorirt wird, verblutete! Was löſt dieſe Diſſonanzen in einen reinen Akkord? Was gießt wieder Wohllaut iin dieſe friedlichen Herzen, Oel über dieſe ſtürmiſchen Fluten? Worin begegnen wir uns zu unſrer wah⸗ den, ſittlichen Menſchenaufgabe? Da liegen Bücher vor mir. Ich denke nicht mehr an die Lüge eines falſchen Briefes, die mich hierher gebracht hat, an die Richter, vie ſte nicht glaubten, die mich aber doch verurtheilten, voeil ich verurtheilt ſein ſollte. Ich ſchlage dieſe Bücher auf, die die Geſchichte erzählen. Wo ich hinblicke, Diſſonanz! Menſchen, die man liebt, niedergeſchmet⸗ tert von jenem Blitzſtrahl des Himmels, den frevelnde Menſchenhände wie einſt Prometheus meiſt nur ge⸗ ſtohlen haben, um das Schickſal nachzuäffen. Nero, Alba, Philipp, Das iſt bekannt, Das iſt von Allen verflucht— nein aber auch die glücklichſten Zeiten wimmeln von Schmerzen und grauſamen Irrthümern. Soll Das ewig bleiben? Ewig? Nichts uns gewiß, als der ungewiſſe Blick empor und das dunkle, räth ſelvolle, ewig ſtille Grab? So klagt der Gefangene... Sein Auge kann das gräßliche Bild nicht mehr bannen. So lieblich die Sonne ſcheint, ſo blau der Himmel, ſo troſtreich ihm anfangs der Blick über Wall, Fluß und Städt chen war, er konnte nicht mehr an's Fenſter treten. So blieb er den Tag über... Gegen Abend erinnert ihn der täglich wechſelnde Gefängnißwärter, heute ein ſteinalter Invalide, an ſeinen vergeſſenen Spaziergang Der Major lehnt ihn ab. Der Wärter ſoll gehen. Es iſt Abend geworden... Der Alte im weißen Barte, die Bruſt mit Ehrenbändern geſchmückt. bleibt ſtehen... Es wünſcht Sie Jemand zu ſprechen, Herr Ma jor— oich hinble niedergeſchm 4 meiſt nurg näffen. Ni iſt von A klichſten Ji n Irrthüme ts uns get dunkle, n el, ſo troſt uß und E Fenſter ie Abend elin irter, heln n Spazjell r ſoll gehe llte im w ſchmütt geſch den frevei 481 Und ſchon war ein Offizier eingetreten in Mantel, in Uniform, mit Federhut— Der Major wendet ſich. Der Greis zieht ſich zu⸗ rück. Der Beſucher ſchlägt den Mantel auf... Ein kurzer prüfender Blick des Auges... eine Umarmung hervorſtürzende Thränen... Jagellona! Werdeck! Der Invalide hatte ſich entfernt. Die Thür war ins Schloß gefahren... Der abgelegte Hut, der weggeworfene Mantel ent⸗ hüllt eine zierliche Geſtalt, der unter der ſchützenden Ver⸗ kleidung die Bruſt vor wildmächtigſter Erregung klopft. Die Mienen des entſchloſſenen Antlitzes todtenbleich. Die Augen zitternd vor glühendem Eifer. Jede Muskel des Halſes, jede Sehne der Hand heldiſch geſpannt und doch zittert der ganze Körper vor Fieberangſt. Das kurzgeſchnittne ſchwarze Haar ſteht dem edlen Haupte jugendlich ſchön. Dieſe Frau, nicht mehr in erſter Jugend, hat ſich die Jugend des Charakters erhalten und wenn ſie auch zittert, ſo hat ſie recht zu ſagen: Werdeck, es ſind die Nerven, die zittern; mein Herz zittert nicht. Du mußt fliehen. Weißt du, daß der Sergeant, der dich retten wollte, zum Beiſpiel Die Ritter vom Geiſte. VIII. 31 für den gefährdeten Geiſt der ganzen Armee erſchoſſen werden ſoll? Werdeck zeigte zum Fenſter... Die Blutſpuren im Sande auf dem Glacis wären noch ſichtbar ge⸗ weſen. Aber es war inzwiſchen Nacht geworden... Wieder ſang ſchon die Sängerin im Lindenbaum... Der Major beſaß die Ruhe und Ergebung, die ſich in Gefängniſſen ſo von ſelbſt findet. Die Ange⸗ hörigen ahnen kaum dieſe ſchmerzlichſte Umwandlung des Gemüths. Aber jetzt die Flucht ablehnen, dem heldenmüthigen, geliebten Weibe, ihr, ihr— dieſen kühnen Eingriff in ſein Schickſal abſchlagen? Es iſt ein Bund des Geiſtes, ſagte er, den man mir als Verſchwörung auslegte! Ich werde jene Ehre, die unter meinen Standesgenoſſen gilt, nicht wieder gewinnen, wol aber einſt die Freiheit... die mich rechtfertigen wird. Laß mich bleiben, dulden.. Und auch, wie könnten wir fliehen? Die muthige Frau ſpricht nicht von der Möglich⸗ keit, ſondern von der Nothwendigkeit. Sie weint, ſie klagt. Ihn auch ſchon erſchlafft, ergeben, demüthig zu finden, ihn, den ſie in den vollen Flammen des Zorns und der Begeiſterung der Unſchuld, in der lodernden Gluth der Rache zu finden gehofft hatte! Iſt Das denn wahr, was man von den Gefängniſſen erzähit! ——— mee erſchoſſ ie Blutſpurn j ſichtbar g geworden.. denbaum.. ergebung, N Die Ange Umwandlun dlehnen, den hr— dieſ hlagen er, den ma werde jen n gilt, mi reiheit. n, dulden. der Möglü jie weint, demüthig en des Jn er lodern ſſen elze Da ermannt ſich Werdeck... Er verläßt die Zelle, den Corridor, den Wall, die Veſte, ſtolz, emporge⸗ richteten Ganges, den Mantel ſeines Weibes umge⸗ ſchlagen; ſie, als Offizier gekleidet, neben ihm. Er unkenntlich im Mantel... Sie ſind beſchützt. Es folgt ihnen Jemand... Es iſt der Invalide... Er folgt nicht bis zum Thor.. er folgt weiter... weiter als die Parole gefragt wird... die Parole, die alle drei kennen... Der Strom rauſcht. Es iſt derſelbe, auf dem einſt Murray entflohen... Ein Kahn ſteht am Ufer... Raſch gleitet er die Strömung hinunter... Der Alte rudert... 4 Wer iſt dieſer Retter, Jagellona? Wer fährt uns da? Die Heldin ſchmiegt ſich an die Bruſt des Gat— ten und ſagt nur: Dieſer Alte hat mich ſchon einmal vom Tode ge⸗ rettet... Werdeck ſann hin und her. Vom Tode ſchon Ein⸗ mal? Wer iſt der Alte? Eine halbe Stunde vorüber... Die Flücht⸗ linge ſteigen an einer einſamen Fiſcherhütte aus... betreten die menſchenleere aber erleuchtete Hütte und finden Kleider, die für ſie beſtimmt ſind. 31* 5 1 484 Wer iſt der Greis? fragt Werdeck wiederholt, als er ſein muthvolles Weib nun in Frauentracht in die Arme ſchließt. Wir brauchen einen Zeugen für unſre Erzählung, ſagte ſie. Komm nur! Damit folgen ſie dem Alten, der eine Blouſe über⸗ geworfen hat, folgen über ein ſandiges Ufer, dann einen Wieſenrain, zuletzt ſtehen ſie auf der Landſtraße. Ein Wagen mit zwei Pferden, deſſen Zügel Jemand, unkenntlich in der Nacht, wartend in der Hand hält... Der Major tritt näher... forſcht... Es iſt Lei— denfroſt? Aber raſch! Raſch! Der Invalide ſpricht's, ergreift die Peitſche, ſpringt mit noch jugendlicher Kraft auf den obern Sitz und während Leidenfroſt, Werdeck und Jagellona, die drei im Geiſt Verbundenen, raſch in den Wagen ſteigen, ſpricht die muthige Frau endlich mit erleichtertem Her⸗ zen, weinend in ihrer Freude, erlöſt vyn den ban— gendſten Gefühlen: Wir ſind in Sicherheit. Die Schläge des Ge⸗ ſchickes, das ſo geſpenſtiſch mit uns redete, machen endlich eine Pauſe. Die zerriſſenen Bruchſtücke dieſer Tage, wo der Eine hier, der Andre dort die grau⸗ jederholt, als tracht in die te Etzählung, Blouſe über⸗ Ufer, dann er Landſtraßt. igel Jemand Hand hält. .Es iſt Ki ſilſche, ſpring ern Siz und ona, die dee agen ſteigen htertem He on den bal äge des( 4 dete, mach oſtücke die tt die g ſarne Hand eines uns wahrlich zuweilen wahnwitzig erſcheinenden Verhängniſſes fühlte, bilden doch ein Ganzes, ein Großes, die Einheit eines Zieles, an das wir nun wol werden Alles geben müſſen. Frei⸗ heit höre! Die Liebe will dir erzählen! Ende des achten Buches. 1 4 n 6 12 1 Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. A 44 1 Inhalt des achten Bandes. Achtes Zuch. Seite Erſtes Capitel. Paul Zeck.......ͤ..!/....... 3 Zweites Capitel. Dämmerungen............... 20 Drittes Capitel. Ein Rundblick............. 46 Viertes Capitel. Der neue Lykurg............ 75 Fünftes Capitel. Die Hintertreppen............... 100 Sechstes Capitel. Geiſterfurcht............... 144 Siebentes Capitel. Zerbrochene Ringe....... 183 Achtes Capitel. Das Wachſen des Bundes......... 193 Neuntes Capitel. Die Stadt Rom.............. 221 Zehntes Capitel. Helenen's Schule............... 250 Elftes Capitel. Voland von der Hahnenfeder....... 271 Zwölftes Capitel. Zwei Todte............... 317 Dreizehntes Capitel. Auferſtehung!............... 347 Vierzehntes Capitel. Wolken............... 394 Funfzehntes Capitel. Stürme.................... 445 Sechszehntes Capitel. Ein Nachtgemälde......... 47 —=————2—— 85 4.⸗ Hed Magenta , 1