3 9% 5 rarataracaLocaCacacarac= -—-———— ſ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen,. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. N eih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr 39 Abends 8 hr offen.) 3 3 3 4 „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1Nr. Ff. 1 Nr. 55 f 2 N. f der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, terriſene, verlorene und „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und wird. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Leiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diesfaigen, welche die⸗ en. 1 —— 01I 320 8507 fI 11 891 310 5— 41 Die Ritter vom Geiſte. Roman in neun Büchern von Aarl Gutkow. Siebenter Band. Inhalt des ſiebenten Bandes. Siebentes Buch. Seite Erſtes Capitel. Die erſten Winterſchauer........... 3 Zweites Capitel. Morton............:..... 16 Drittes Capitel. Der Falſchmünzer................ 49 Viertes Capitel. Der Ullagrund........:.... 84 Fünftes Capitel. Deutſche Liebe, deutſches Leben.... 127 Sechstes Capitel. Waldeinſamkeit im Winter....... 172 Siebentes Capitel. Ein Land⸗Diner mit Honoratioren 195 Achtes Capitel. Die beiden Geſellen.............. 233 Neuntes Capitel. Die Stimmſchraube!............. 275 Zehntes Capitel. Der geheime Schrank............ 308 Elftes Capitel. Unter'm Schnee............. 341 Zwölftes Capitel. Sankt Nikolaus............... 379 Dreizehntes Capitel. Der Häckſelſchneider......... 418 Vierzehntes Capitel. Berichte aus der Reſidenz..... 436 Funfzehntes Capitel. Des Sohnes Locke........... 159 Die Ritter vom Geiſte. VII. F Siebentes Buch. — Die Ritter vom Geiſte. VII. Erstes Capitel. Die erſten Winterſchauer. Der Vorwinter war da. An die Fenſter deſſelben Eckzimmers im Schloſſe Hohenberg, wo die uns be⸗ kannten Sommergäſte ihre fröhlichen Abendgeſellſchaf⸗ ten gehalten hatten, ſchlug jetzt der Regen eines mür⸗ riſchen, naßkalten Herbſtes. Der Sturmwind rüttelte die ſchlechtverwahrten Jalouſieen und machte ſich pfei⸗ fend auch durch die Ritzen der Fenſter Bahn, auf deren innerem Simſe ſogar ſich die hellen Regentropfen ſam⸗ melten. Der Blick in den Garten fand die Bäume entlaubt, die Wege unſauber, regenglatt. Hier und da krachte ein Zweig, der dem plötzlichen Stoße des Nordweſt nicht widerſtehen konnte. Der Blick, ſelbſt am Tage, ging nur bis zum Dorfe Pleſſen hinunter, das mit ſeinem Kirchthurme wie im magiſchen Nebel ſchwamm. Von Wald, Berg und Flur waren ſelbſt 1* 4 dem ſchärfſten Auge nur einige matte, graugrüne Um— riſſe erſichtlich. Dennoch war es in dem hohen Eckzimmer, wo in der Mitte noch das Piano ſtand, auf dem Melanie damals die Tanzanklänge geſpielt hatte, nicht ganz ungemüthlich. Ein alterthümlich geformter Ofen von Gußeiſen, in Form einer Pyramide, verbreitete die Behaglichkeit der erſten winterlichen Zimmerwärme. Der alte Winkler trug das Holz herein, Brigitte warf es von der Mitte des Ofens hinunter gerade durch die mit einer Jahreszahl verſehene eiſerne Denktafel der Pyramide, die nur die Thür des Ofens war. Der Alte ſchleppte ſchon den zweiten Korb herein und packte ihn ſorgſam in der Nähe des Ofens unter das Ka⸗ napé. Waren doch er und die alte Brigitte jetzt die einzigen Diener des Hauſes, die einzigen Wächter des Schloſſes, alt und müde, wie konnten ſie zu oft dieſe Treppen ſteigen, zu oft durch dieſe Zimmer die ſchwe— ren Trachten Holz ſchleppen! Da mußte eine Tracht für zwei Tage ausreichen. Freilich mochten ſie gern in der Nähe ihrer Gäſte ſein. Sie hätten ſo gern gehört, wie es denn nun werden ſollte in Zukunft mit den hochfürſtlichen Beſitzungen! Ob ſich denn keine junge Fürſtin einſtellen und, da doch einmal das Alter geht und das Junge kommt, mit einem luſtigen Ge⸗ — folge hier im nächſten Sommer wohnen würde? Ob Sr. durchlauchtigſten Gnaden, von dem der diploma— tiſche Herr von Zeiſel nicht zu verbreiten wagte, daß er dieſen Sommer im Incognito ihn in den Thurm geſperrt hatte, nicht einmal ſelbſt kommen und das Erbe ſeiner Väter betrachten würde? Das zurückge— kehrte Mobiliar der ſeligen Fürſtin gab faſt Hoffnung dazu. Das hatten Heuniſch und Herr von Zeiſel im Triumph heimbegleitet und mit einer Art Stolz blick⸗ ten die Seſſel, die Divans, die Gebetpulte, die Tiſche und Schränke wieder in den Zimmern um ſich, die ſie zu ſchmücken hatten. Aber die weiteren Schickſale, die ihnen und dem Schloſſe bevorſtanden, waren den beiden alten Leuten denn doch für die kurze Zeit ihres Lebens noch zu ſehr verſchleiert. Nun freilich hatte ſich das Seltſame ereignet, daß ein alter Mann und ein junger ſich durch einen Brief des Fürſten als rechtmäßige Bewohner des Schloſſes auswieſen und von dem Gerichtsdirektor Herrn von Zeiſel mit großer Aufmerkſamkeit empfangen wurden. Wer waren dieſe beiden neuen Ankömmlinge? Vor— nehme Gläubiger gewiß nicht! Sie gingen ſo einfach, ſo ſchlicht, daß Winkler manchmal das Grüßen ver⸗ gaß, was wohl auch an den immer ſchwächer wer⸗ denden fünf Sinnen der alten Haut lag, die noch 6 immer vergebens auf die Beförderung durch den vor⸗ nehmen Herrn wartete, der einmal zu ihr ſo gnädig geäußert hatte: Gut geharkt! Schöner Strich! Kenne Das! Die Brigitte war ſogar verſtimmt, daß dieſe Herren, die nur der Alte und der Junge hießen, auch nicht einen einzigen Dienſtboten mitgebracht hatten. Nicht wegen der Arbeit. Denn die Gäſte waren ſehr anſpruchslos, ſondern nur wegen der Nachfrage und der Unterhaltung. So lange die alte Brigitte denken konnte, daß hier in den Tagen des Glanzes auf Ho⸗ henberg Beſuche ein- und ausgingen, hatte es eine reiche Chronik von Geſchichten und unterhaltenden Thatſachen gegeben. Dieſe zwei Menſchen aber ka⸗ men ganz nüchtern, ganz unbekannt, ſprachen nichts, befahlen nichts, baten nur und nahmen mit der ein— fachſten Koſt vorlieb. Da ſaß der Eine auf dem Kanapé und erſuchte die alte Brigitte ſehr höflich um Licht. Und Ihr Abendbrot, Herr? fragte ſie raſch. Der Angeredete war ſchwarz gekleidet und hatte über dem einen Auge eine Binde von gleicher Farbe. Höflich ſagte er: Wie geſtern, liebes Mütterchen. Thee trink' ich und etwas Brot, wenn man es haben kann. Aber die Frau Directorin läßt ſich's nicht nehmen, Ihnen vorzuſetzen, was Sie wünſchen. Befehlen doch die Herrſchaften etwas Braten, Schinken! Wir haben ja Alles oder wenn Sie's befehlen, muß es da ſein. Danke für mich, Mütterchen. Freilich mein jun⸗ ger Freund und Begleiter. Murray, denn er war es, ſah eben auf den Al⸗ ten, der das Holz unter das Ende des Kanapes packte, auf dem er ſaß. Er wollte helfen. Brigitte litt es nicht und ſprach von Schinken, Hammelkeulen und ähnlichen Myſterien ihrer Gnaden der Frau Gerichtsdirektorin von Zeiſel... Murray, der das Feuer in der Ofenpyramide be⸗ haglich kniſtern hörte, brach ihre Mittheilungen ab mit den Worten: Licht, Mütterchen! Und die Hammelskeule immer⸗ hin, wenn mein Reiſegefährte kommt. Es iſt dunkel. Ich hoffe, daß er bald da ſein wird. In der That ging es auf ſechs Uhr und ſchon war es ſtichdunkel. Murray beſann ſich, wie lange er ſchon ſo geſeſſen und ſtill vor ſich hin geträumt hatte. Es war ſo finſter, daß das offene Zugloch der großen Pyramide leuchten mußte. So ſchritt er, als ſeine Bedienung gegangen war, auf den Flügel zu, der in der Mitte des großen Zimmers ſtand. Er öffnete ihn und ſchlug die Taſten an. 8— Wir kennen dieſe Taſten. Es war ein altes, dün⸗ nes Inſtrument, das mehr wie eine Cither klang. Ohnehin war es verſtimmt und was fehlte nicht an Saiten! Dennoch hatte ſich Murray ſeit den drei Ta⸗ gen, daß ſie hier auf Hohenberg eingekehrt waren, ſchon oft an den nothdürftigen Tönen erfreut. Und da ein längerer Aufenthalt vorauszuſehen war, hatte Murray ſogar eine Stimmſchraube ſich in der Dorf⸗ ſchmiede wollen, wenn auch roh nur und plump, an⸗ fertigen laſſen, um damit die Wirbel der Saiten faſ⸗ ſen und ſie beſſer anziehen zu können. Als man ihm freilich den Namen des Schmieds Zeck nannte, hatte er den Plan wieder aufgegeben. Der Name der Zeck's ſchien ihn zu ſehr zu befremden. Er ſpielte nun auch ſo auf dem verſtimmten Inſtrumente; auch ſo ſchien ihn zu erfreuen, Reminiscenzen an eine alte Kunſtfertigkeit herauf zu beſchwören, die freilich aus den ſteifgewordenen Fingern etwas verſchwunden ſchien. Brigitte brachte langſam und vorſichtig eine große Aſtrallampe mit einem Gazeſchirm, die ſie ſchon geſtern ihren Gäſten angekündigt hatte, als ſie ihnen Lichter gab. Es war die Zimmerlampe der ſeligen Fürſtin, lange nicht gebraucht und ſo altmodiſch, daß... Sie ausgehen wird! bemerkte Murray. — — — ——:— —— Verſuchen Sie's einmal damit, meinte die Alte. Wenn ſie nicht brennen ſollte, ſo liegt's am Docht.... In dem die Motten ſitzen werden? Seht, ſeht, da geht ſie ſchon aus! ſagte Murray geduldig lächelnd. In der That erloſch die Lampe mit unfreundlichem Duft. Murray wünſchte die Leuchter von geſtern. Brigitte ſchüttelte den Kopf, trat an die Thür, die nicht ganz geſchloſſen war, und ſprach hinaus: Na ja, Zeck! Die Lampe hier muß er auch in die Kur nehmen... Murray hörte kaum dieſe Worte, als er Brigitte feſthielt, die Thür zuwarf und fragte: Wer iſt da draußen? Der alte Zeck und der Junge, ſagte Brigitte, die ſich auf Alles verſtehen, Pferde und Vieh und Oefen und Lampen. Was ſollen Die? ſagte Murray in peinlichſter Un⸗ geduld und die Thür zuhaltend. Der junge Herr hat ſie ja beſtellt wegen dem Klavier! O, ſagt den Leuten nur, daß es keine Noth da— mit hätte! Laßt ſie nicht kommen! Nein! nein! Schickt die Leute fort! Holt den Leuchter, alles Andre, was ich nicht beſtimmt beſtelle, laßt gut ſein. Hört Ihr, liebe Frau! Geht raſch, ich kann im Dunkeln bleiben. Murray ſprach dieſe Worte in einer Aufregung, 10 als ſtünde ihm die unangenehmſte, gefährlichſte Be⸗ gegnung bevor. Er drängte Brigitten von ſich, pro⸗ teſtirte jetzt lebhafter gegen den Duft der ausgegan⸗ genen Lampe und riegelte die Thür zu, als Brigitte brummend hinausging. Murray überzeugte ſich an ſchweren, plumpen Schritten, die er draußen hörte, daß die Zeck's ſich gleichfalls entfernten und ſchob den Riegel nun wieder zurück und gab die Thür frei. Erſchöpft warf er ſich auf das Kanapé. Tief holte er Athem, wie nach einer großen Anſtrengung. So ſaß er nachdenklich, erſchüttert, eine Weile. Dann ging er an eins der Fenſter, die auf den Garten ſehen ließen, und drückte die Stirn an die Scheiben. So bewegt ſchien er, daß er kaum merkte, wie die Tropfen von außen an das Glas ſchlugen und wie der Sturm die Bäume und Sträucher peitſchte. Die Dorfhunde heulten in der Ferne. Es war doch einſam, ſchauer⸗ lich hier oben. Er ſah nach den Sternen. Kein einz'⸗ ger war in dem dicken Nachtnebel ſichtbar. Er ſuchte ſo lange, bis er erſtaunt war, ſich umſehend, die bei— den Lichter ſchon anzutreffen, die ihm Brigitte, ohne daß er es merkte, hereingetragen hatte. Da er ihr den Rücken kehrte und auf ihr Räuspern und Fragen nicht antwortete, war ſie wieder gegangen, umſomehr, 11 als ſie in das Amtsgebäude hinunter mußte, um ſich von Frau von Zeiſel, gebornen Nutzholz⸗Dünkerke, die bewußten animaliſchen Vorräthe auszubitten. Murray wandte ſich jetzt einem Tiſche zu, den er an einem andern Fenſter des großen Zimmers für ſich hergerichtet hatte. Hier lagen Papiere, Zeichnenmate— rialien, feine kleine Inſtrumente durcheinander. Er ſetzte ſich, nahm einen grünen Schirm, der auf dem Tiſche lag, noch über die Binde und ſetzte ſich zur Arbeit, die keine andere war, als daß er auf eine Kupferplatte Buchſtaben ätzte. Das Licht der beiden Talgkerzen war wol zu ſchwach für ſeine Arbeit. Einige kleine Gläſer, die am Fenſter ſtanden, verriethen, daß Murray ſonſt mit allen Hülfsmitteln der Kupferſtecher— kunſt ausgerüſtet war. Er ſtellte die Lichter dicht vor die Platte, über die er ſich mit ſeiner Aetznadel beugte; er wollte arbeiten. Doch mußt' er bald aufhoͤren. Das Licht war zu flackernd, zu düſter. Er ſchüttelte den Kopf und gab ſein Werk, an dem er den Tag über gearbeitet hatte, für jetzt auf. Indem hörte er kommen. Raſch warf er einen größeren Papierbogen über die Kupfertafel und erhob ſich. Ich bin es, Murray, rief draußen im Vorzimmer eine Stimme, die er ſogleich als die Louis Armand's erkannte. 12 Da Louis nicht eintrat, ging ihm Murray mit Licht entgegen. Hinausleuchtend begrüßte er den Ankömmling mit den Worten: So ſpät? Und in dieſem Wetter? Himmel, wie ſind Sie durchnäßt! Das bin ich! ſagte Louis und ſchwenkte den naſ⸗ ſen Hut im Vorzimmer und trat heftig mit den Füßen, ſich ſchüttelnd, auf. Sie müſſen ſich umkleiden, Freund! Ich fühl' es wohl; ich bin naß bis auf die Haut. Ein Wetter wie in den Ardennen, wo ich einmal einen Vetter auf einem Eiſenhammer beſuchen wollte. Nur die Wölfe fehlen. Die werden ſich hier mit dem Schnee auch einſtel— len, ſagte Murray. Aber kommen Sie doch an den Ofen! Trocknen Sie ſich! Ich will nur ein Hemd und Kleider aus meinem Koffer nehmen. Murray leuchtete und geleitete ſeinen neuen jun⸗ gen Freund an den warmen Ofen. Darf ich, Papa? fragte Louis Armand und deu⸗ tete auf ſeine Abſicht hin, ſich ganz friſch umzu⸗ kleiden.„* Ich helfe, verſteht ſich! antwortete Murray. Die ———ꝛ—ꝛ—ꝛ—— Wäſche muß gewärmt ſein. Geben Sie her, ich halte ſie gegen dieſe Pyramide, die unſer Heiligthum wer— den wird, als wären wir Aegyptier. Die hatten Küh⸗ lung von ihren Pyramiden, wir Wärme. Grund ge⸗ nug zur Verehrung. Louis kleidete ſich in wenig Augenblicken um und würde ſchon begonnen haben, Murray's Verlangen nach Mittheilung ſeiner Erlebniſſe im Walde zu be— friedigen, wenn nicht Brigitte jetzt in pünktlicher Auf⸗ merkſamkeit mit dem Thee und dem Zubehör erſchie— nen wäre. Der alte Winkler trug das Kohlenbecken und die heiße Kanne, ſie ſelbſt die Theebüchſe, Brot, Butter und zwar nicht den ganzen Hammelsbraten der Frau von Zeiſel, wohl aber eine anſehnliche 2 n⸗ zahl von glatt ihr entſchnittenen Scheiben. O Das iſt angenehm, ſagte Louis, dem es ganz wohl und behaglich in ſeinen erwärmten Kleidern wurde und der ſich ſagen konnte, daß er im Auftrage des Fürſten hier faſt wie in ſeinem Eigenthum woh⸗ nen durfte. Danke, danke, Mütterchen! Wie behag⸗ lich, wie gaſtfrei! Das ſoll uns gut ſchmecken. Murray, der hier von Louis Armand's Flügeln geſchützte Gaſt, würde freudig in dieſes Lob mit ein⸗ geſtimmt haben, wenn nicht Brigitte mit einem Blick auf Louis wieder von den Zeck's angefangen hätte, 14 die wegen dem eiſernen Ding das er beſtellt hätte, doch nun wieder draußen warteten.. Ja, ſagte Louis, die Stimmſchraube glaubt der Alte liefern zu können. Nein, nein, fuhr Murray wie vorhin auf, ich ſagte's ſchon. Es iſt gut ſo. Ich ſpiele zu wenig! Murray gerieth wieder in Aufregung. Der Alte meinte, er verſtünde mich vollkommen. Ich mußt' es ihm handgreiflich beſchreiben, da er blind iſt; ſagte Louis. Iſt er blind? ſiel Murray mit einiger Bewe⸗ gung ein. Der Vater iſt blind, antwortete Louis, und der Sohn taub. Und nun lehnte Murray entſchieden den Dienſt ab. Heute nicht! Genug von der Sache! Guten Abend, Frau Brigitte. Morgen! Morgen! Gebt ihm die Lampe! Laßt die von ihm repariren, er kann es, es iſt ein Tauſendkünſtler oder— vielleicht kann er's. Guten Abend! Damit drängte Murray die Alte hinaus und ſchob noch den Riegel vor. Dann knüpfte er, ſeine Auf⸗ regung zu verbergen, ſogleich ſeine Bemerkungen an Louis' Appetit an und forderte ihn auf, Platz zu ——— nehmen auf dem Kanapé neben ihm und zu erzäh⸗ len, wie er nun im Forſthauſe Alles angetroffen. Den Einen drängte es ebenſo zu reden, wie den Andern zu hören. Das Feuer im Ofen praſſelte, das Waſſer in der Maſchine ziſchte, draußen regnete es. Der Gegenſatz weckte die gemüthlichſte Behaglichkeit. ECECEC—C00 éég,⁊ĩ⁊U₰»URUꝑR&ſmm— Zweites Capitel. Morlton. Nun zuerſt einen Gruß von Fränzchen, begann Louis Armand und nochmals tauſend Dank für die freund⸗ liche und ſorgſame Art, wie Ihr ſie hierherbegleitet habt! Sie hat mir geſtanden... Hundertmal, daß ſie Euch liebt! ſchaltete Murray ſcherzend ein. 4 Nein! Daß ſie Euch fürchtete... Mich! Anfangs! Nun? Ich hätt' es kaum gedacht, fuhr Louis fort. Als ich ihr ſagte: Fränzchen, wir haben Feinde, die uns Böſes wollen, nehmen Sie die Bitte des Onkels an, gehen Sie auf dieſen Winter zu ihm. Ich werde in Ihrer Nähe ſein; denn ich muß nach Hohenberg und wie ſie gleich freudig einſtimmte: Darf ich denn mit wo 44.— Ihnen reiſen? Da hatt' ich ihr von Ihnen das Beſte und Schönſte geſagt... Weil Sie ſelbſt nicht daran glaubten, ſo fehlte wol die Wirkung? Louis nahm die Taſſe Thee, die ihm Murray ent⸗ gegenhielt, ſtellte ſie auf den Tiſch und legte ſanft die Hand über Murray's Schulter. Ich nicht daran glauben, Papa? ſagte er. Weiß ich doch nur wenige Augenblicke meines Lebens, die mir ſo denkwürdig bleiben werden wie der, wo ein ganz fremder Herr zu mir tritt und ſagte: Lieben Sie Franziska Heuniſch? Haha! Sie ſagten nicht Ja! Sie waren nicht aufrichtig oder Ihr Gefühl ſchwankte, während das arme Herz des Kindes wie ein Anker felſenfeſt im Meere ſtand. Ich ſagte leider nicht mehr, als daß ich Franziska mit meinem Leben ſchützen und daß ich ſie nur Dem abtreten würde, von dem ich überzeugt wäre, daß er ſie glücklicher machen würde, als ich noch bis jetzt im Stande wäre... Haben Sie ihr Das ſo wörtlich wiedererzählt? Ein Mädchen hört das einfache Wort Liebe viel tau⸗ ſendmal lieber als die prächtigſten Umſchreibungen deſſelben. Die Ritter vom Geiſte VII. 18 Franziska kennt mich, fuhr Louis fort. Sie ver⸗ traute mir ſogleich, als ich ihr ſagte: Freundin, Ihre Ruhe iſt bedroht. Glauben Sie Feinde zu haben? Und als ich die Andeutungen wiederholte, die ich von Ihnen gehört hatte, erſchrak ſie heftig und wiederholte Namen... Die ich Ihnen doch nicht genannt hatte? bemerkte Murray. Sie waren geheimnißvoller, als ich wünſchen mußte. Aber ich vertraute Ihnen. Ich glaubte Ihnen, daß die Nachſtellungen, die der Eine verweigern würde, bei einem Andern leichteres Gehör finden konnten und geſteh' ich's nur, da ich ſelbſt nach dieſem Schloſſe ſollte... So glaubten Sie meinem Märchen und haben ſich mit Ihrem guten Herzen fangen laſſen. Louis nahm eben einen Imbiß, den ihm Murray, der ſelbſt ſehr wenig genoß, zurecht gemacht hatte... Sie haben mir kein Märchen erzählt, ſagte Louis Armand ernſt und blickte in das eine, unruhige, offene Auge, das Murray niederſchlug und nicht wollte prü⸗ fen laſſen. Wenn Sie mir eine Reihe von großen Verdienſten aufgezählt hätten, o ja! Dann würd' ich gezweifelt haben. Aber Sie haben nur Schlimmes von ſich geſagt. e ver⸗ Ihre aben? h von rholte merkte nußte. aß die e, bei und cloſſe haben rrray, 6.. Louis yffene prü⸗ roßen ' ich von 19 Was Sie Franziska wiederholten? Nun begreif ich freilich, daß das Mädchen in mir nur den Beſucher des Fortunaballes finden wollte und recht ſcheu, recht in den Tod erſchrocken war, als ich ſie in dem Wä⸗ gelchen abholte, um mit ihr hierher zu reiſen. Das hat ſie mir erzählt, ſagte Louis, aber auch hinzugefügt... daß Sie Thränen im Auge hatten... Ich kam vom Kirchhof... Wo Sie jenes Mädchen beſtatteten, das Fränzchen in jener Nacht an Ihrem Arme geſehen... Die! Sie ſprachen ſtundenlang kein Wort und ſeufzten nur... Grabesſtimmung. Und dann fingen Sie von der Natur an, die nun ſcheidet, von den Blättern, die ſchon gefallen waren und vom Tode, der uns Allen Ruhe geben wird. Verhaltene Predigten. Wir möchten Alle am lieb⸗ ſten Fürſten oder Prieſter ſein. Iſt's nicht ſo? Schon recht! Ich war bewegt! Ich ganz allein ſtand an dem Grabe einer Unglücklichen! Ach! Ich ganz allein! Der Kirchhof, wie war der noch neu, noch ohne Bäume und Blumen! Wie froſtig wehte der Wind darüber und fand nicht einmal Halme zum d 20 8 Niederbeugen. Die Gräber ohne Schmuck. Die Todten der öffentlichen Krankenpflege... wer feiert ihr Ange⸗ denken? Wer ſieht ihnen mit Liebe in die gelbe Grube nach? Ein Handwerker lag da im Todtenhaus... fern ſind ſeine Aeltern, die vielleicht gar nicht wiſ⸗ ſen, daß er ſchon nicht mehr unter den Lebenden. Sie ſagen nur: Wie lang er nicht ſchreibt! Was iſt ihm nur! Da liegt er. Da ein Dienſtbote— da ein Verunglückter, der nicht einmal in die Erde, nein, zu den jungen Aerzten dort kommt, die ihn zer⸗ ſtückeln und präpariren werden! Welche Mühe hat es mir gekoſtet, meine arme Todte aus ihren Hän⸗ den zu retten! Wie war ſie ſchön noch auf der Bahre! Die Meſſer der Aerzte zuckten recht nach die⸗ ſen Formen! Das blutſchwarze Mahl an der Stirn, auf die ſie beim Sturze aus dem Fenſter gefallen war, entſtellte ſie nicht. Ich ſtrich eine Locke darüber her; nun war's verdeckt. Aus dem Todtenhauſe trugen ſie den Sarg. Ich folgte allein und betete ein Vater⸗ unſer. Dann drei Handvoll Erde, die Spaten thaten das Uebrige. Adieu! Murray blickte nieder. Der Lebenslauf von Tauſenden! ſagte Louis be⸗ wegt und ſein Nachtmahl eine Weile leiſe zurückſchie⸗ bend. Ein ſchönes Mädchen, arm, ohne Freunde, 4 Todten Ange⸗ Grube 6... zt wiſ⸗ denden. Was da ein nein, n zer⸗ he hat Hän⸗ uf der ch die⸗ Stirn, i wal, r her; trugen Vatel⸗ thaten iis be⸗ iſti reunde, 1 verführt, wahnſinnig... wer ſieht auf all' die Opfer, die auf unſrem Lebenswege liegen! Das Alles geht ſo ſtill vor ſich hinter Mauern und verſchloſſenen Thüren. Wer ſucht das eigentliche Myſterium des Lebens auf den Kirchhöfen! Sich aufraffend fuhr aber Murray fort: War es nicht gut, daß ich trauerte? Franziska hätte ſich ſonſt vor einem Manne entſetzt, der vor ihren Augen in's Gefängniß geführt wurde. Eine Thräne wirkt ſoviel? Nein! Nein! ſagte Louis. Ich hatte ſie vorbe⸗ reitet auf einen jener Philoſophen, die die Weihe des Geiſtes nicht durch die Wiſſenſchaft und ihr Studium, ſondern durch das Leben empfangen ha⸗ ben! Ich hatte ihr geſagt, daß Sie Gründe hätten, dieſe Umgebung des Schloſſes Hohenberg zu beſu⸗ chen und ein Geheimniß ſogar an ſie und ihren Namen Sie kette. Ein Geheimniß, das ich ihr leider nicht auf unſrer Reiſe erzählen konnte, ſagte Murray, aber Geheim⸗ niſſe, die man nicht nennt, knüpfen gerade nicht an— einander. Ich ſah es ihr an, daß ſie frohlockte, hier endlich Sie wiederzuſehen. Sie waren ſchneller ge⸗ reiſt, als wir. Wie findet ſie ſich denn nun in dem Walde zurecht? 22 Louis erzählte. Der Förſter, ſagte er, rührte mich geſtern, wie liebevoll er ſie empfing. Er fuhr ſie ſelbſt in ſeine Wohnung, die nicht zu weit von uns entfernt iſt. Dort angekommen, zeigt' er ihr das Stübchen, das er ihr eingerichtet. Es iſt ſo ſtill und traurig hin⸗ auszuſehen in den entlaubten Forſt, aber ſo lebendig im Zimmer, als wär' der Wald hier ſo lange ein⸗ quartiert bis zum Frühjahr. Da ſingen Vögel in Käfigen, da ſtehen große Blumen in Töpfen, da hängen Hirſchgeweihe an den Wänden und wenn es recht ſtill iſt und der Sturm einmal nachläßt, hört man die Thurmuhr von Pleſſen nach dem Jägerhauſe deutlich hinüberſchlagen und das iſt ja gerade, als ſprächen wir miteinander ſo weit zuſammen. Und Urſula Marzahn? fragte Murray mit for— ſchendem Blick. Liegt krank im Bett. Bedenklich?— Der Onkel gibt ſie auf. Ich hörte ſie ächzen in einer obern Kammer über Fränzchen. Ich wollte auf einen Arzt dringen. Da hilft nichts, ſagte Heuniſch. Sie hat ihre Kräuter, ihren Thee, den ſie ſich ſelbſt bereitet. Sie ſtudirte bei Doctor Lehmann, ſagte er. Sie nimmt nichts und will nur Ruhe haben. 1, wie ſeine int iſt. 1, das g hin⸗ bendig he ein⸗ gel in in, da enn es , hört erhauſe 6, als it for⸗ 23 Murray ſtand auf. Die Nachricht ſchien ihn zu ängſtigen. 3 Was haben Sie? Sie ſind bewegt? fragte Louis. Und wie! Und wie! rief Murray. Hängt doch dieſe Frau mit meinem Geheimniß zuſammen, ohne daß ich mich ihr entdecken möchte... Wenn ſie aber ſtürbe... Sie iſt die Schweſter des blinden Schmieds... Ich weiß es, die Tante des Tauben! Erwähnen Sie dieſe Menſchen nicht wieder! Die Zeit iſt noch nicht günſtig, um mich in das Andenken dieſer beiden Geſchwiſter zurückzurufen. Ich verhehle Ihnen nicht, ſagte Louis, daß der Ruf dieſer Geſchwiſter kein guter iſt. Franziska hat mir anvertraut, daß ſie vor Urſula Marzahn Grauen em⸗ pfände und dem blinden Schmied weicht Jeder aus... Murray ſchwieg nachdenklich. Neuerdings haben ſie, fuhr Louis fort, aus Ame— rika eine Erbſchaft empfangen von einem dort verſtor⸗ benen Bruder... Haben ſie? ſagte Murray lebhaft... Und ſonderbar, der dieſe Erbſchaft überbrachte, er— zählte mir der Förſter, iſt jener Ackermann, der nun dieſe Beſitzungen Egon's in Pacht genommen und über deſſen Anſtalten ich die Urtheile einziehen ſoll... 24 „Wer? ſagte Murray und blieb erſtarrt ſtehen. *Wer brachte das Geld? fragte er dringender. Der jetzige Generalpächter drüben... Ackermann! Ich ſelbſt überbrachte ihm Egon's Genehmigung zu ſeinem Anerbieten, kurz ehe des Fürſten Krankheit in ein gefährliches Stadium überſchlug... Ackermann! Ackermann! wiederholte Murray. Befremdet Sie dieſer Name? fragte Louis. Ich kenne ihn nicht, ſagte Murray, und dennoch erfahre ich nun von Ihnen Dinge, die mich beſtimmen, hier wie ein Einſiedler zu leben. Ich komme auf Das, mein Freund, was ich Ihnen vor acht Tagen ſagte, zurück. Ich nannte mich damals einen Schatten, der über die Erde, in der er einſt als Menſch lebte, fehlte und büßte, noch einmal hinſtreift und keine Anſprüche mehr auf eigenes Glück, ja nicht einmal mehr auf das Glück der richtigen Beurtheilung macht. Ich ge⸗ ſtand Ihnen, daß ich einſt der ſittlichen Welt entrückt war, durch den Drang des Ehrgeizes entrückt, von Liebe geblendet. Das Verbrechen, das ich beging, ſen ich es Ihnen nennen? Nein, nein, ſagte Louis. Schließen Sie in Ihr Herz ein, was Sie gebüßt haben! Sie ſind ein Weiſer, den ich hoch verehre. Ich will nicht wiſſen, wie Sie es geworden ſind. 2 1 n. Wiſſen Sie wol, ſagte Murray, daß das Bedüxf⸗ 4 r. niß der Beichte ein tiefes Myſterium iſt? mann! Ich bin Katholik! antwortete Louis. ing zu Das ſagt Alles! Es iſt eine der feſteſten Stützen heit in des alten römiſchen Glaubens. Es iſt eine Stütze, die ſich auf die menſchliche Natur gründet. Das Ge⸗ ) heimniß der Beichte iſt die Zauberformel, die den Laien an den Prieſter bindet, die Bürgſchaft einer über alle ennoch menſchlichen Umgangsformen hinausgehenden Vertrau⸗ mmen, lichkeit, eine Ehe der Herzen. Das Bedürfniß der Das, Beichte iſt der Wahrheitsdrang des Menſchen, ja oft die ſagte, einzige Ermuthigung zur Tugend. Nur wer ſich in n, der einem Andern darlegen kann, in einem Andern aus⸗ ſehlte rruhen mag, fühlt wahre Reue und, iſt der Andre edel prüche und gut, ein ſanfter Prieſter auch ohne Prieſterrock rr auaf und Weihe, wahre Ruhe. G ge⸗ Ich kenne, ſagte Louis, zwei Prieſter, die würdiger ntrückt wären als ich, Sie zu höreu. von Wer wären dieſe? „ ſol Louis nannte die Brüder Siegbert und Dankmar b Willdungen und freute ſich innerlichſt, mit kräftiger Jhr* Betonung dieſer Namen gleichſam Zeugniß ffür den eſſe ggrroßen Werth dieſer beiden Menſchen abzulegen. Sie 5 Ich kenne ſie nicht, ſagte Murray. Ich darf die . Kette der guten Menſchen, denen ich mich vertraute, 26 nicht zu weit ausdehnen. Ich darf aber auch nicht länger ſchweigen. Ich bedarf einer Unterſtützung der letzten Abſichten, die mich noch an dies Leben knüpfen. Ich darf nicht länger ſo hinſchleichen und ſuchen und muß es wagen endlich einmal aus mir herauszutreten. Wiſſen Sie, daß das Bedürfniß der Beichte mich ſchon oft trieb, jenem Manne mich anzuvertrauen, der den Geſchwiſtern Zeck eine Erbſchaft aus Amerika brachte? Er iſt in der Nähe! Vertrauen Sie ſich ihm, Murray. Wie kommt er zu dem Namen Ackermann? Wäre dies nicht ſein rechter? Murray ſchwieg und überlegte... Er gedachte ſeines eigenen amerikaniſchen Namens Morton. Acker⸗ mann hatte anders geheißen. Nein, nein, ſagte er endlich, auch für ihn darf ich nichts als Murray ſein. Auch ihm muß ich ver⸗ borgen bleiben... und doch... und doch... Louis ſtand auf und ergriff Murray's Hand. Sie leiden, ſagte er. Hab' ich etwas, das Ihnen würdig ſcheint, Ihr Vertrauter zu werden, ſo mis⸗ trauen Sie wenigſtens nicht meiner Jugend. Ich kann verſchwiegen ſein und verſtehe die Irrgänge der Herzen. Wer dem Volke nahe lebt, lernt mit Schmerz die wunderbaren Verwandtſchaften kennen zwiſchen Gut h nicht ung der nüpfen. en und utreten. h ſchon der den rachte? h ihm, 27 und Bös, Muth und Verbrechen, Größe und ſittlichem Elend. Recht! ſagte Murray, als Louis zögerte, die Ge— genſätze ſo ſchnell auszuſprechen. Recht! Ich darf kein Schatten bleiben. Ich muß einen Körper haben. Ich brauche einen Freund, der mich unterſtützt, um noch einmal aufzuleben. Sie ſtehen den Menſchen, bei denen ich zuerſt zu fragen, zuerſt zu ſuchen und zu forſchen habe, am nächſten. Hören Sie alſo, Sie müſſen hören, Sie, Sie— und ſchaudern Sie vor mir! Louis ging an die verriegelte Thür, öffnete und ſah in's Vorzimmer. Es war Alles ſtill. Er kehrte zurück und ſchüttelte den Kopf, als fürchtete er nicht das Mindeſte, was er hier hören ſollte. Als er ſich geſetzt hatte, wandte ſich Murray an den Tiſch, an dem er zu arbeiten verſucht hatte. Er hob das Papier ab, nahm die Kupferplatte, die es bedeckt hatte, hielt die Platte gegen Louis hin und zeigte ſie ihm. Sie ſind ein Künſtler! ſagte Louis. Schon geſtern ſah ich's an den Zeichnungen auf dem Tiſch. Leſen Sie! ſagte Murray ruhig. Louis betrachtete die Platte. Es iſt verkehrte Schrift! ſagte er. Ich will ver⸗ ſuchen, ſie zu leſen. Er buchſtabirte: „Louis Armand, Kunſttiſchler und Vergolder“. Ich wollte Sie überraſchen, ſagte Murray zu Louis, der von dieſer Aufmerkſamkeit angenehm berührt war; ich wollte Ihnen ein Geſchenk machen und hoffe, dieſe Viſttenkarten auch noch zur Ausführung zu bringen. Sie ſehen daraus mit wenig Worten, daß ich eigent⸗ lich ein Kupferſtecher bin. Louis betrachtete die Platte mit großem Wohl— gefallen und freute ſich der Verwandtſchaft des Ar⸗ beiterberufes. Murray aber mit jenem ſichern Gefühle der An⸗ lehnung, das uns in dieſer Welt zu ſelten zu Theil wird, mit jenem anſchmiegſamen Behagen an eine völlig intereſſeloſe und doch tief wohlwollende und rein hingegebene Natur, fuhr fort: Ich bin der Sohn gewöhnlicher Eltern. Es gibt aber gewöhnliche Menſchen, die alle Keime beſſerer Entwickelung in ſich tragen. So war es bei dem Chepaar, das mir, einem Bruder und einer Schweſter das Leben gab. Nun geht Das aber ſo, das Bedeu⸗ tende kommt, wo es ſeine wahre Richtung, geſund und ungehindert aufwachſend, nicht findet, verkehrt zur Welt. Der innere Gehalt kann die äußre Form nicht verklären, nicht veredeln. So wuchert das Be⸗ 29 deutende in Misgeſtaltung auf und es kommen ſtatt er“. guter, ungeſchlachte Dinge zum Vorſchein. Meine Louis, Eltern, rohe Menſchen, wenn man's ſo nehmen will, t war; gingen in Selbſtplage, Verſchwendung, wenn ſte etwas e, dieſe beſaßen, Schulden, wenn ſie darbten, verworrenen ſitt⸗ tingen. lichen Begriffen zu Grunde. Ihr wirres Weſen ver⸗ eigent⸗ erbte ſich zumeiſt auf die Schweſter, die älteſte von uns Dreien, die wie ein wildes Gewächs aufſchoß Vohl⸗ und keine andre Schranke ihrer Begierden hatte als es Ar⸗ die immer erneute Begierde ſelbſt. Sie hatte gute Keime, Hingebung, Aufopferung, Großherzigkeit, aber er An⸗ da ſie nur ihrem Inſtinkte folgte, ſo ergriff ſie, um Theil dieſen Regungen zu genügen, jedes Mittel und war im Laſterhaften faſt tugendhaft, in der Regelloſigkeit den wahrhaft ſtrebſam und treu, in der Verachtung jeder Rückſicht großartig wie einer jener Verbrecher, die die s git Geſchichte zu Helden machte, weil ihnen irgend ein eſere großes verbotenes Wagniß gelang... Doch ich ſtöre dem Ihr Abendeſſen mit dieſen Reflexionen! unterbrach ſich Murray. weſter.— Bedeu⸗ 1 Nein, nein, ich genieße ſchon! ſagte Louis, be— uund diente ſich wieder ein wenig der Vorräthe, die vor geſu ihnen ſtanden und hörte einer Auseinanderſetzung zu, atbst die er gerade ſehr lehrreich nannte. Murray erſchien 43, ihm wie ein Weiſer. So ruhig, ſo klar blickte dieſer 30 ſeltſame Mann auf die Vergangenheit zurück, ſo tief waren die Gänge angelegt, die er ſich durch das Men⸗ ſchenherz zu bahnen wußte. Er mußte viel gelitten, viel beobachtet haben. Dieſe Schweſter, fuhr Murray fort, war natürlich (denn ich ſpreche von den gewöhnlichſten Menſchen) nur ein Dienſtbote und dennoch, trotzdem, daß ſie ohne Bildung und Form war, gibt ſie mir Anlaß, ſowie ich vorhin andeutete, über ſie nachzudenken. Der äl⸗ tere Bruder war roh, von gewaltiger Muskelkraft, gewinnſüchtig, heimtückiſch und nicht ohne Anſchlägig⸗ keit zu mancherlei Fertigkeiten. Er wählte das Hand⸗ werk des Vaters und wurde Schmied, wie mein Vater war. 4 Louis' Blick fiel zufällig auf das Fenſter und ſah durch Regen und Nebel einen kleinen glühenden Schein in der Ferne und ein gewaltiges klingendes Aufpochen der Hämmer wie im Takte... Es kam von der Zeck⸗ ſchen Schmiede. Ohne näher anzugeben, daß der blinde Zeck ſein Bruder war, folgte Murray dem Blicke Louis' und erkannte, was ihn feſſelte. Er mußte einen Augen⸗ blick ſchweigen, ſo ergriff ihn die Vorſtellung, daß der Schlag des Hammers, den ſein Bruder ſchwang, ſeine Erzählung von ihm begleitete, und anregend genug iſt „ſo tief s Men⸗ gelitten, natürlich denſchen) ſie ohne i ſowie Der aͤl⸗ skelkraft, ſchlägig⸗ Hand⸗ ie mein und ſah n Schein ufpochen er zec⸗ zeck ſein is und Augen⸗ daß der gg ſeine genug ſt eine Schmiede, ſo in der Herbſtnacht glühend, ſo fernhin hörbar und an ihrem Scheine durch den Nebel leuchtend! In einer Schmiede, fuhr Murray fort, verkehrt viel Volks und zu allen Zeiten hatten die Söhne Vulkans ihr apartes Weſen. Ein Hauptkunde meines Vaters, der dicht an dem Thore der Stadt ſein Ge— ſchäft trieb, war ein berühmter Pferdearzt, der aus nicht ſeltener Liebhaberei auch das Amt eines Scharf⸗ richters nicht weit vom Thore bekleidete. Zu dieſem zog meine Schweſter Urſula und lebte eine Reihe von Jahren mit ihm, bis ſie einen Soldaten kennen lernte, den ſie ſpäter geheirathet hat, als er eine Förſters⸗ ſtelle beim alten Fürſten von Hohenberg erhielt. Früh ſchon entfernte ich mich von den Meinigen und hatte das Glück in gute Hände zu gerathen. Anfangs war ich Uhrmacher bei einem franzöſiſchen Schweizer aus La Chaud de Fonds, einem wunderlichen Kauze, der mir viel von der Philoſophie Rouſſeau's und Vol⸗ taire's beibrachte, das lange in mir ſitzen blieb, aber auch ſein Franzöſiſch blieb ſitzen. Ich lernte von ihm denken und ſprechen; aber mit dem Parliren und dem leichten Philoſophiren meines Schweizers begannen auch meine Irrthümer. Die Zuſammenſetzung der Uhren machte mir keine Freude mehr. Ich bemerkte, daß ich ein Talent beſaß, auf den Gehäuſen Chiffern 32 einzukratzen, ſogar falſche, denn dieſe Uhren ſollten oft für Breguets gelten und waren keine. Da blieb ich auf dem Wege zu der Kunſt, von der ich Ihnen hier eine Probe zeigte. Ich wurde Kupferſtecher und vervollkommnete mich bis zum Künſtler. Ein Auftrag führte mich nach England. Ich ſollte dorthin einen hohen Polizeibeamten begleiten, der falſchen, in Eng⸗ land angefertigten Treſorſcheinen unſres Staates nach⸗ zuſpüren hatte. Wir entdeckten die Quelle des Be⸗ trugs, ernteten große Anerkennung und konnten ehren⸗ voll zurückreiſen. Ich blieb aber in England und führte ein wildes, genußſüchtiges Leben. Schon war ich über dreißig Jahre, aber von vortheilhaftem Aeu⸗ ßern. Sie lächeln, Freund? Verurtheilen Sie meine Eitelkeit nicht zu raſch! Ich beſitze Toilettenkünſte, um die mich Schauſpieler beneiden könnten. Wiſſen Sie, ſagte Louis, daß Sie mir oft vor⸗ kommen wie ein jugendlicher Held, der nur die äußern Formen des Alters angenommen hat? Ich wette, unter dieſer dunklen Perrücke ſteckt ein Haar, das nicht ein einziges graues zählt. Wollen wir es unterſuchen? ſagte Murray und nahm die ſchwarze Binde und ſeine Tour ab. Louis erſchrak, ein kurzgeſchornes, dickes, volles, aber ganz weißes Haar zu ſehen.. llen oft Nicht wahr, ich bin eitel? ſagte Murray lächelnd. blieb ih Der Adonis weiß ſich herzuſtellen. h Ihnen Louis ſah dies weiße Haar und den plötzlich ge⸗ cher und änderten ehrwürdigen Kopf eines kräftigen Greiſes nicht Auftrag ohne Rührung. Doch mußte er hinzufügen: in einen Ich nenne Sie doch keinen Greis! Ich ſehe weißes in Eng⸗ Haar, aber ein viel jugendlicheres Antlitz, viel mehr es nach Kraft, als unter der abſcheulichen Binde, die Sie des Be nicht einmal nöthig haben, da ich nicht die geringſte in ehren⸗ Verletzung an dieſem Auge bemerke. and und Doch! Doch! ſagte Murray. Ich ſehe ſchlecht an pon war dieſer Stelle. Eine Exploſion hat hier die Sehnerven— en Aeu⸗ dieſes Auges geſchwächt. Dieſelbe Erploſion, die mei⸗ ie meine nem Bruder ganz das Augenlicht raubte! 3 eiſte um Louis ſtaunte und ſah nichk ohne ein Art von a un Grauen, das ihn durchrieſelte, wie Murray wieder iſt vvr die Tour auf den Kopf drückte, die Binde wieder auf⸗ e außen ſetzte und unwillkürlich mit dieſer Bewegung auch den d ter Rücken wieder krümmte und zuſammenſank. 4 Aa Murray indeſſen fuhr fort: nich Von London kam ich als vollendeter Gentleman zurück. Ich ſprach fertig zwei fremde Sprachen und hatte mir durch die großartigen Eindrücke des Auslandes Anſchauungen erworben, die mich für die Heimat hier weit über meinen Stand erhoben. Seit früheſter Kind⸗ Die Ritter vom Geiſte. VII. 3 rray und . 1 volles/ 3, 34 heit litt ich an einer grenzenloſen Eitelkeit. Nichts V lieber trug ich als koſtbare Ringe an den Fingern, Uhren, Ketten auf der Weſte, Sporen, Reitgerten. Ich hatte in England das Spiel liebgewonnen und mit ihm Einnahmen gemacht. In vollendeter Fertig⸗ keit des Pharo kam ich nach Deutſchland zurück und ſchlenderte wie ein Gentleman mit voller Börſe durch die Bäder, deren Saiſon gerade in Flor war. Mein Hochmuth litt nicht, daß ich mich als den ehemaligen Kupferſtecher Zeck zu erkennen gab. Ich nannte mich Baron Grimm und wußte mich durch Toilette, ein⸗ nehmende Geſtalt, Fortüne im Spiel, Sücces in der großen Geſellſchaft ſo zu behaupten, daß ich mehre Jahre lang in meinem Incognito verharrte und die glücklichſten Eroberungen machte. Mein Spiel am grünen Tiſch war ehrlich, Alles, Alles an mir war damals ehrlich, kühn, unternehmend, nur mein Name war eine Lüge. In derſelben Reſidenz, wo wir uns kennen lernten, junger Freund, ſetzt' ich das Glück fort, das ich in den Bädern bei den Frauen gemacht hatte. Ich war kein gewöhnlicher Stutzer. Gerade weil ich mir mein Leben ſelbſt beſtimmte, wandte ich allen Fleiß auf die Möglichkeit, es auch geiſtig be⸗ haupten zu können. Ich las ſogar, nahm Unterricht in allen Wiſſensfächern und bildete mich mit Leiden⸗ t. Nichts Fingern, geitgerten. anen und ter Fertig⸗ urück und örſe durch ar. Mein hemaligen unte mich lette, ein⸗ ces in der ich mehte und die Spiel am mir war ein Name wir uns as Glück gemacht Gerade vandte ich geiſig be⸗ Unterxiht nit Leiden⸗ 3⁵ ſchaft für Jemand aus, der ich nicht war. Bildung zu erwerben, mein lieber Freund, ſoll eine Religion, ein Cultus ſein. Ich trieb dieſen Cultus. Kann es aber etwas Blasphemiſcheres geben als die Entwei⸗ hung, die ich mit den Wiſſenſchaften trieb? Ich lernte, ja lief in öffentliche Vorleſungen, ich brachte die Nächte mit Lectüre zu. Aber nicht etwa um der Bildung ſelbſt willen, ſondern um eine Lüge möglich zu machen, eine Verſtellung durchzuführen, den falſchen Namen, die erlogene Exiſtenz eines Barons Grimm. Ich las, nicht um zu wiſſen, was ein Autor wollte, ſondern um ſagen zu können, daß ich Das kannte, was Andre der Sache ſelbſt wegen laſen. Aus Ehrgeiz füllte ich mich mit Thatſachen, die ich nicht um ihrer ſelbſt willen liebte. Dies iſt jene Bildung, mein Freund, die uns niemals Segen bringt. Ein einziges Buch, tief aufgenommen, dem Verfaſſer nachgefühlt und nachgelebt, ſtiftet in unſrer Bruſt größre Umwäl⸗ zungen als ganze Bibliotheken, die man nur aus Eitelkeit und ohne ſittlichen Halt durchlieſt. Mein Glück bei den Frauen war nicht gering. Beſonders gelang es mir, das Intereſſe einer Dame zu ge— winnen, die... Hören Sie nicht Geränſch? unter⸗ brach ſich Murragy. 4 Die Thür ging draußen... Man horchte. Es war die alte Brigitte, die ſich meldete, ob ſie das Theegeſchirr wegnehmen dürfe. Laßt Das nur, Mütterchen! ſagte Louis. Wann geht Ihr zu Bett? Gewiß fallen Euch ſchon die Au— gen zu. Sorgt Euch nicht um dieſe Gegenſtände! Das Feuer brennt. Holz iſt da. Habt gute Nacht und wünſcht nur, daß wir morgen beſſeres Wetter haben. Die Alte ſchlief ſchon halb zu all' dieſen Ermun⸗ terungen, antwortete nichts und ging ſtaunend über Gäſte, die ſich ſelbſt bedienten. Louis rief ihr noch nach, daß man, wenn es ſo fortführe zu regnen und zu ſtürmen, morgen für ein Wägelchen ſorgen möchte. Er würde Vormittags in den Ullagrund fahren, zum Herrn Ackermann. Die Alte rieb ſich die Augen, raffte ſich auf und wandte ſich mit den Worten: Daß ich's faſt vergeſſen habe! Herr Oleander fährt nach dem Ullagrund. Jeden Morgen um elf Uhr. Wollen Sie nicht mit ihm? Wer iſt Herr Oleander? fragte Louis doppelt in⸗ tereſſirt. Der Name Oleander fiel ihm auf, wie kürz⸗ lich der der Jagellona. Der Herr Pfarrverweſer, der unten bei der Frau Pfarrerin wohnt, erklärte Brigitte... 7 die ſich dürfe. Wann die Au⸗ enſtände! te Nacht zWetter Ermun⸗ end über un es ſo für ein ttags in 3 37 Nun wohl, ſagte Louis träumeriſch, ſo bittet Herrn Oleander in meinem Namen, daß er mich mit ſich nimmt, wenn er in den Ullagrund fährt. Oleander! ſetzte er dann wieder leiſe hinzu... Herr Oleander gibt dem Fräulein im Ullagrunde Lektionen! ſagte die Alte. Schön! Und damit waren die beiden ſchnell ſich vertrauenden Freunde wieder allein. Sie werden Ackermann morgen ſehen... ſagte Murray. Begleiten Sie mich! Unmöglich! Wie bin ich eingeengt! ſeufzte Murragy. Wie ſehr bedarf ich eines Freundes, der meine letzten Pflichten mir erleichtert und mich dann allein zu Grabe geleitet, ſowie ich jenes Mädchen! Nicht ſo, Papa! ſagte Louis. Keine Trauer! Die Erzählung erleichtert Ihren Kummer! Fahren Sie fort, wenn ich Ihres Vertrauens würdig bin! Die vornehme Dame alſo. Murray drückte Louis die Hand und fuhr fort: Ich lebte in der großen Welt und verſtand mich Itrefflich auf ihren Ton. Ehrgeiz und Liebe ſind die eibeiden Haupthebel aller Rührigkeit in dieſer Sphäre. b Ich lernte Verhältniſſe von unglaublicher Zerrüttung ſokennen und verſtand mich vortrefflich auf die Philo⸗ 38 ſophie, mit der Untreue und Leichtſinn ſich hier zu entſchuldigen wiſſen. Eine Dame, die ich nie nennen werde, lernt' ich kennen. Sie fand an meiner Per⸗ ſönlichkeit Gefallen. Sie war nicht mehr jung, nie⸗ mals ſchön. Sie hatte ein Verhältniß mit einem Rechtsgelehrten, einer, wie ich für beſtimmt weiß, ſehr energiſchen Perſönlichkeit gehabt. Dieſer war ihr un⸗ treu geworden aus Gründen, die ich wohl begreifen kann. Sie gehörte zu den Frauen, die früh alle Bande der gewohnten Ordnung abgeworfen und ſich ihr Le⸗ ben ſelbſt zu beſtimmen geſucht hatten. Sie reiſte als junge Witwe für ſich, ſie nahm das Leben umſomehr nach ihrer bequemſten Art, als ſich eine zerfallene Stimmung ihrer bemächtigt hatte über ein Körperleiden, das mehr auf Einbildung, als in der Wirklichkeit be⸗ ruhte. Jener Freund hatte lange in ihrer Nähe ge⸗ duldet und jenes elende Joch der Abhängigkeit von einem Weſen, dem die ächte Weiblichkeit fehlte, mit ſich hingeſchleppt. Da lernte er in einem Badeorte eine ſehr unglückliche Frau kennen, die Freundin ſeiner Geliebten. Sie war jünger, lieblicher, reizender, dul— dender, weiblicher. Was man von ihr weiß, was ſie ſelbſt an Spuren ihres Daſeins hinterlaſſen hat. Murray blickte ſich um und ſchüttelte den Ko wie über etwas Wunderbares, das ihn kenaf Crin dieſe war annter hier zu nennen er Per⸗ g, nie⸗ einem i ſehr ihr un⸗ egreifen Bande ihr Le⸗ zſte als ſomehr fallene leiden, keit be⸗ ihe ge⸗ it von e, mit neorte ſeiner dul⸗ as ſie t. Kc 1 39 Erinnerung an Amanda bedünken mußte, hier, in dieſen ihren Zimmern, auf ihrem Schloſſe! Murray war über Alles, was ſich uns allmälig entſchleiert, unterrichtet... Louis bemerkte ſeine Erregung und dies Erſtaunen. Was fällt Ihnen hier ſo auf? fragte er. Murray, der ſich vorgenommen hatte, nur über ſich ſelbſt nichts zu verſchweigen, erwiderte: Ich glaubte, es rauſchte etwas an der Decke, an den Wänden. Es iſt nur der Wind, der ſich meldet, daß er auch zuhorcht. Laß mich nur reden, du wilder Mahner draußen! Ich entweihe dieſe Räume nicht. Louis wußte nicht, worauf dieſe Worte gingen und hörte nur. Ein verlaſſenes Weib, fuhr Murray fort, denkt, wenn ſie einen ungebändigten Charakter hat, erſt an Rache, dann verſinkt die Rache in eine Art von inne⸗ rer Vernichtung, dann die Vernichtung in neue Hoff⸗ nung. Das dreißigſte Lebensjahr iſt überſchritten. Der Vorhang der Anſprüche auf Huldigung wird bald für immer fallen. Noch einmal rafft ſich das durch Entbehrung nur geſteigerte Bedürfniß der Liebe empor und blindlings ſtürzt die Sehnſucht eines un⸗ befriedigten Herzens Dem in die Arme, der, ich muß ſo grauſam ſein und Dies ſagen, am nächſten ſteht. 8 40 Der Zufall wollte, daß ich in dem Bade Ems, das jene Dame regelmäßig beſuchte, ihr nahe ſtand. Mein gewandtes Weſen, der Schein von Esprit, den ich mir zu geben wußte, meine anſcheinend glänzende Situation, in die ich vom Spielen gekommen war, führte mich, den Baron Grimm, den ſüddeutſchen Adligen, in die vertrautere Beziehung zu einer Er⸗ oberung, die ich mit leichter Mühe machte. Eine Zwiſchenhändlerin, die Alles raſch zum Ziele führte, war die Begleiterin meiner neuen Freundin. Ich er⸗ fuhr ihre früheren Lebensverhältniſſe, ihren Jammer über eine erlittene Untreue, ihren Haß gegen eine Jugendfreundin, die ihr das ſtolzeſte Herz der Erde entriſſen hätte und wie es zu geſchehen pflegt, mein lieber Freund, die Frauen werden mit den Jahren in einigen Punkten beſſer, in andern ſchlimmer. Schlim⸗ mer wurde bei meiner in der Welt hochgeſtellten, ad⸗ ligen Gönnerin der Stolz, die Weltverachtung, das Bedürfniß der Intrigue; beſſer ihre innere Erkenntniß des Wenigen, was ſie am Ende einem Manne zu bieten hatte. Wie einſt bei dem verloren gegangenen erſten Freunde die Rede von einem Chebunde war, den man, der geiſtigen Vorzüge jenes Mannes wegen, keine Mesalliance nennen konnte, war nun auch bei Baron Grimm von einer dauernden Verbindung die 41 ims, das Rede. Baron Grimm war ſo tollkühn, mit ſeiner d. Mein Eroberung offen in der Geſellſchaft zu prahlen. Er den ich liebte ſie ſogar, da ſie doch von vielen ſtarken und glänzende bedeutenden Eigenſchaften gehoben wurde. Sie war nen war, zärtlich, aufmerkſam; alles Gute der Frauennatur kam deutſchen in der Hingebung an den Mann ihrer Wahl zum einer Er⸗ Vorſchein, während ſie Jedes, was außer dieſer Wahl te. Eine lag, mit Geringſchätzung behandelte. Ach, mein Freund, l führte, Das iſt das Tragiſche an einer Schuld, daß man ſie Ich el⸗ liebgewinnt und es für tugendhaft hält, ſie bis auf's Jammer Aeußerſte durchzuführen. Ich war gerührt von jener gen eine Frau und mochte ihr durch Entdeckung meines Stan⸗ der Erde des nicht wehe thun. Ich hatte von meinen Gütern t, mein ſprechen müſſen und wurde doch täglich mittelloſer. ahren in Da ich bei meiner Geliebten war, konnt' ich nicht Schlin⸗ mehr in den Spielgeſellſchaften ſein. Sie beſaß Ver⸗ ten, ad⸗ mögen, großes Vermögen, durch ihren erſten Mann; gg, das aber ich war zu ſtolz, ihre Mittel in Anſpruch zu kenntniß 4 nehmen. Woher aber meine verſiegte Kaſſe neu fül⸗ len? Woher den Muth nehmen, meine tollkühne Rolle anne zuͦ angenen durchzuführen? Entdeckung fürchtete ich noch nicht. de war, Jener Polizeibeamte, den ich nach London begleitet wegen, hatte, war geſtorben. Meine Eltern lebten nicht mehr. uch bi Urſula ſtand auswärts in Dienſten, nur den einzigen ung die Bruder hatt' ich einmal geſehen, wie er vor der 2 Schmiede unſres Vaters ſtand und ich vor ihm zum Thore hinausritt. Ich gab dem Pferde die Sporen und ritt dem Hochgericht zu, unter dem Urſula einſt in Dienſten ſtand... Wie lange waren Sie in England geweſen? un⸗ terbrach Louis, da es Murray ſchauderte... Faſt acht Jahre, ſagte Murray. Ich hatte mich ſehr verändert und dennoch erkannte mich vielleicht mein Bruder. Er ſah mir nach. Ich bin überzeugt, jetzt, wo er blind iſt, noch jetzt würde er mich am Tone meiner Stimme erkennen.— Louis blickte um ſich. Es war ſo einſam, ſo ſchauerlich ſtill auf dem Schloſſe. Der Regen ſchoß in tauſend Tropfen unaufhörlich an die Fenſter, der Sturm ſauſte. Das Feuer drüben in der Schmiede war erloſchen. Der Gedanke, daß ſie nicht allein wären, ergriff Louis ſo, daß er einen der Leuchter nahm, in das Vorzimmer ging, dies durchſuchte und es nach dem Corridor zu, auf dem er Alles dunkel und ſtill fand, abſchloß. Als er zurückkehrte, ſagte Murray: Ich danke Ihnen, mein Freund, für Ihre Vorſicht; denn Sie ahnen wohl, daß ich mich der dunkelſten Stelle meines Lebens nähere. Louis ſetzte ſich und ſtützte trauernd über Das, 43 n zum was ihm Murray jetzt ſagen wollte, den Kopf auf die poren Lehne des Kanapes. einſt Ja, mein Sohn! fuhr Murray fort. Das waren ſechs ſchlimme Monate, die ich nicht aus meinem / un⸗ Daſein auslöſchen kann! Sie brennen auf der Seele, wie die Buchſtaben, die man dem Leibe einäzt. Oft mich hab' ich gedacht und damals ganz gewiß, was ich elleicht that, wäre nur ein Wagniß, kein Verbrechen. Wer zeugt, hat denn den Staat berechtigt, ſagte ich mir, den h am Werth der Dinge zu beſtimmen? Wer hat ihm denn nach der ſittlichen Ordnung der Dinge allein zu⸗ geſtanden, daß er lügen darf? Denn Lüge iſt es — 1, ſ ſchoß doch, dem Papiere einen Nennwerth zu geben, dem „der nur eine conventionelle Thatſache als Realiſation miede zum Grunde liegt? Verſtehen Sie, wovon ich rede, allein Louis? ühter O, ſagte dieſer mit lächelndem Schmerz und gro⸗ und ßer Aufregung, nur zu gut verſtehe ich! Sie haben Das gethan, was der verzweifelnde Arbeiter jeden Tag kel 4 thun möchte, wenn er das Werk ſeines Fleißes vor ſicch ſtehen ſieht, es zur Ausſtellung in einem Gewölbe ſihtz trägt, wochen⸗, monate⸗, jahrelang wartet, bis es ſtee ſich verwerthet! Sie haben Das gethan, was die Noth in verzweifelten Momenten hundertmal erfunden Das, hat, wo man Stücke Papier nahm und darauf ſchrieb: * h 44 Das ſind fünf Sous! Dieſe nimmt der Bäcker und gibt mir Brot! Mag ſie mein Schuldner einlöſen! O, mein Freund, unterbrach ihn Murray. Ent⸗ weihen Sie nicht eine Frage der Armuth und der Arbeit mit meinem frivolen Beginnen! Ich habe Geld gemacht, nur weil ich es zu machen verſtand! Wohl begreif' ich, wovon Sie ſprechen. Wohl verſteh' ich die Verzweiflung des Arbeiters, der einen Werth in Händen hat, den er durch ſeinen Fleiß erſchuf und der den Ausdruck für dieſen Werth erſt bekommt, wenn das Werk verkauft wird. Auch ich ſage, die Geſell— ſchaft hat hier ein Recht der Selbſthülfe. In der That, hat ſie Das? fragte Louis begeiſtert. Sie hat es, aber unter geſetzlichen Bedingungen! antwortete Murray. Geld iſt Das, was gilt. Was kann, was ſoll mehr gelten als die Arbeit? Die Ar⸗ beit iſt ſchon Geld. Die Arbeit, vollendet, iſt ſogleich Geld. Daß ſie warten muß, bis ſie durch Zufall Geld wird, iſt der ſchaudervollſte empörendſte Mord der Menſchheit, den leider täglich unſere Geſetzgeber verüben. Fluch der Geſellſchaft, die das Geld nur zum Ausdruck des Bedürfniffes und der Fähigkeit, Be⸗ dürfniſſe zu befriedigen, gemacht hat! Adam Smith hat den alten Glauben geſtürzt, daß Geld Geld iſt, das heißt Metall, Gold, Silber. Adam Smith hat icker und löſen! y. Ent⸗ und der abe Geld d. Wohl Iſteh' ich Werth in chuf und nt, wenn Geſel⸗ egeiſtert. gungen! t. Was Die Ar⸗ ſogleich Zufall e Mord ſetzgeber eld nur eeit, Be⸗ Smith Geld iſt nith hat das Geld als Waare verworfen und geſagt: Geld iſt der Credit, das Tauſchmittel des Verkehrs, die Ab⸗ kürzung des Verkehrs, das Triebrad der Cirkulation. Aber dieſer Grundſatz eines handeltreibenden Volkes mochte für das verfloſſene Jahrhundert ausreichen. Un⸗ ſer Jahrhundert ſoll ſagen: Geld iſt Arbeit. Nicht auf Bergwerke ſoll man Geld aufnehmen, ſondern auf ein Magazin der Arbeit. Der Staat muß das Geld zum Ausdruck der moraliſchen Lebensthätigkeit und des Fleißes machen. Ehe wir nicht dahin kom— nien, ehe wir nicht frei werden von den Tyrannen, die das Geld immer und immer wieder zur Waare, zum ſich aufhäufenden Nennwerth für Nichts machen, ehe wir nt mit dem Geldmachen auch das Geld— tilgen unter die Garantie des Staates ſtellen, eher hört auch das Elend der Menſchheit, das Unrecht und der Fluch unſres Daſeins nicht auf. Louis war ſo von dieſem Ausbruch einer tiefen Ueberzeugung und dem Gefühl der Uebereinſtimmung hingeriſſen, daß er in ſeiner ſüdlichen Glut aufſprang, durch das Zimmer ſchritt und dem bewegten Sprecher die Hand ſchüttelte mit den Worten: Murray, verurtheilen Sie ſich nicht! Sie ſind kein Verbrecher! Mordeten Sie? Was thaten Sie? Ihre Schuld iſt gebüßt.— 46 Murray, Louis' Hand zurücklehnend, erwiderte: Ach, verwechſeln Sie dieſe Ergebniſſe meiner ſpä⸗ teren Betrachtungen nicht mit dem unreinen Geiſte, aus dem ich damals mir ſagte: Warum ſollſt du nicht Das thun dürfen, was ſich der Staat erlaubt? Ich philoſophirte damals wie jetzt, aber, ich Elender, wo waren denn die Werthe von Fleiß und Arbeit, denen ich die geſellſchaftliche Benennung:„Geld“ gab? Darf ich mein Haupt in die reine Sphäre erheben, in der Sie leben, Louis, wenn Sie über das Wohl der tugendhaften Menſchen nachdenken? Nein! ſagte Louis, der ſeine alte Gedankenreihe noch nicht aufgeben mochte, hat denn der Staat das Recht, willkürlich Nennwerth auf Neniwerth zu ſchaf⸗ fen und größtentheils nur zu frivolen Zwecken anzu⸗ wenden, zu Krieg, zum Glanz, zum Beamtenlurus? Kommen Sie heraus aus Ihrem Himmel! ſprach Murray. Hier iſt ein Unwürdiger, der dieſe Recht⸗ fertigung nicht verdient. Ich weiß es, der Staat hat gegen das Verbrechen, das ich meine, kein Naturrecht, kein Recht, dem es gelänge, die Gründe irgend eines alten römiſchen Rechtslehrers zu entkräften, er hat nur ein fiskaliſches, ein Recht der Nothwehr. Allein man braucht nur in ſein Inneres zu greifen und den kate⸗ goriſchen Imperativ des Herzens zu fragen. Der ſagt: viderte: iner ſpä⸗ Geiſte, du nicht bt? Ich nder, wo it, denen b? Darf 1, in der Vohl der kkenreihe aat das u ſchaf⸗ en anzu⸗ nlurus? ſprach Recht⸗ taat hat turrecht, nd eines hat nur ein man en kate⸗ er ſagt: Mögen die Menſchen nicht erröthen, die an dem gro⸗ ßen Prägſtempel der Münze ſtehen und in's Gelag hinaus Geld ſchlagen und noch dazu aus Papier, Der, der dem Staate dieſe gedankenloſe Fabrikation nach⸗ macht, iſt ebenſo unmoraliſch wie oft der Staat. Der Staat ſagt: der Werth, den ich hier benenne, iſt das öffentliche Vertrauen! Geſtattet es das öffentliche Ver⸗ trauen, daß man auf ſeinen Werth hin Geld macht, wohlan! Das große Sündenregiſter der öffentlichen Anleihen und des Papiergeldemittirens wird ſich einſt furchtbar rächen; aber der Einzelne, der nicht einmal die Chimäre jenes Vertrauens, den Credit, den Glau⸗ ben auf Ruhe und Frieden und allgemeinen Wohl⸗ ſtand für ſich hat und nur zu ſeinem Gelüſten Geld ſchlägt, iſt ein Elender und Das war ich, Louis, ent⸗ ſchuldigen Sie mich nicht! Louis bekämpfte ſeine Aufregung, ſetzte ſich und ſah voll Theilnahme milde und liebevoll auf Murray, der ſo ſtrenges Gericht über ſich hielt. Als ſich Murray von dem Zittern, das ſeine Stimme befallen hatte, erſt allmälig erholte, fragte ihn Louis, ob er denn im Stande geweſen wäre, ſo eine ſchwie— rige Aufgabe allein durchzuführen? Jemand half mir, ſagte Murray und wollte ihn nicht nennen. 48 Aber Louis ſagte: Ihr Bruder half! Sie ſprachen von einer Erplo⸗ ſion, die ihn blendete. Sollte ſie nicht von Ihren gemeinſchaftlichen Arbeiten herrühren? Murray ſchwieg eine Weile, dann fuhr er geſam⸗ melt fort: Ich muß Ihnen die volle Wahrheit ſagen, Louis, denn nur wenn Sie Alles wiſſen, können Sie mir ſo helfen, wie es mich für den Reſt meines Lebens be⸗ ruhigen ſoll. Ich habe viel zu vollenden, viel zu wa⸗ gen. Ihren Beiſtand will ich mir durch Aufrichtig⸗ keit verdienen. Louis gelobte nochmals jede Hülfe und vor Allemn die heiligſte Verſchwiegenheit. heu⸗ war Explo⸗ Ihren geſam⸗ „Louis, mir ſo dens be⸗ zu wa⸗ frichtig⸗ Allem — Drittes Capitel. Der Falſchmünzer. Es war an einem ſtürmiſchen Oktoberabend, wie der heutige, erzählte Murray. Nur ſpäter ſchon. Die Nacht war ſchon angebrochen. Ich wohnte in demſelben Hauſe wie jene Frau, die mich liebte. Wir waren im Begriff, die Stadt nächſtens zu verlaſſen und uns nach Italien zu begeben. Den Grund ſollen Sie bald er— fahren. Sechs Monate lang hatt' ich in aller Stille ſchon ein Verbrechen getrieben, zu dem mich wahn⸗ ſinniger Ehrgeiz verleitet, frivole Philoſophie ermun⸗ tert hatte. Im obern Stockwerke hatt' ich eine Kam⸗ mer, in die ich Niemanden einließ als meinen Bru⸗ der, den ich ſelbſt aufſuchte und, da er in zerrütteten Umſtänden lebte, für meinen Anſchlag leicht gewon⸗ nen hatte. Er baute in jener Kammer einen Schmelz⸗ ofen, fertigte eine Prägmaſchine für die von mir ge⸗ machten Stempel und fand ſich zu gewiſſen Zeiten Die Ritter vom Geiſte. VII. 4 .. 5 Nachts bei mir ein, wenn ich aus nicht ganz werth⸗ loſen Miſchungen Goldſtücke ſchlug. Mit kleinerer Münze befaßte ich mich nicht. Mein Talent zum Kupferſtecher machte mir nebenbei die Fabrikation des Papiergeldes zu einer leichten, wenn auch langſam auszuführenden Aufgabe. Der Menſch iſt im Grunde ein Thier. Seine edelſten Gaben benutzt er zum Un⸗ gebührlichen. Ich freute mich der gelungenen Beweiſe meines Talentes und lachte zu den Beſorgniſſen mei⸗ nes Bruders, dem ich niemals von dem falſchen Gelde gab. Es waren anſehnliche Summen, die ich ſelbſt in der großen Welt in Umlauf ſetzte. Betrüger haben Sie betrogen, ſagte Louis, Ver⸗ ſchwender haben Sie getäuſcht, Dieben mit ihrer eig⸗ nen Münze gezahlt— Das entſchuldigt nichts, ſagte Murray, hielt eine Weile ſchmerzlich lächelnd inne und fuhr dann fort: In jener Nacht ſollte uns eine Miſchung gelingen, auf die ich beſondern Werth legte. Sie war aber für die kleinen Hülfswerkzeuge, die uns in der Kammer zu Gebote ſtanden, zu ſtark und endete mit einer Ex⸗ ploſion, die den Ofen zertrümmerte und eine ſo ge⸗ waltige Lohe aufſteigen ließ, daß man eine Feuers⸗ brunſt befürchten mußte. Der Zufall wollte, daß in demſelben Augenblicke, wo ich an dieſem einen Auge, nz werth⸗ kleinerer tent zum ntion des langſam Grunde zum Un⸗ Beweiſe ſſen mei⸗ en Gelde ich ſelbſt s, Ver⸗ et eig⸗ jelt eine fort: elingen, aber für dammer ner Er⸗ ſo ge⸗ Feuers⸗ daß in Auge, 51 mein Bruder aber an beiden geblendet wurde, zwei andere eigenthümliche Momente eintraten. Meine Freun⸗ din war ſeit einiger Zeit ſchon in einem aufgeregten krankhaften Zuſtande. Sie wachte Nächte lang. Sie nicht nur, ſondern auch ein ſchon längſt gegen mich obwaltender Verdacht, organiſirt durch einen in das Haus gezogenen ſpähenden Polizeibeamten, kamen faſt zu gleicher Zeit an die Stelle, wo auffallend genug das fürchterliche Unglück geſchehen war. Mein Bru⸗ der, alle Gefahr vergeſſend, hatte im Moment der Erploſion geſchrieen. Wie ein vom Blitz Geſtreifter taumelte er hin und her, während die Thür aufge⸗ riſſen wurde und meine erſchreckte Freundin, die zu einem an einer verſteckten Treppe befindlichen Cabinet meiner Wohnung einen eignen Schlüſſel hatte, mit ihrer Kammerfrau hereinſtürzte. Sie hatte die nicht zu bewältigende Flamme in dem zum Hof hinaus⸗ gehenden Kämmerchen in der Nacht ſogleich aufſchla⸗ gen ſehen, hatte ſchreien hören und war heraufge⸗ ſtürmt, ob ich in Gefahr wäre. Sie entdeckt die Ver⸗ wirrung, in der ich mich befinde, ihre Begleiterin wirft Kleider auf die Flamme, um ſie zu erſticken, aber dieſe werden im Nu von der furchtbaren intenſiven Hitze verzehrt. Der Anblick der auf der Erde liegen⸗ den zerſtreuten Goldſtücke, die geheimnißvollen Ge⸗ 4* räthſchaften, der wimmernde Bruder, der mit Waſſer ſeine Augen kühlen will und wie ein Kind weint, da er nichts mehr unterſcheiden, das Nächſte nicht ſehen kann, mein eigener Augenſchmerz, dazu die beiden Frauen und das inzwiſchen eintretende Pochen von herzuſtrömenden Menſchen an der Hauptthür, das Klingeln, der Ruf im Hofe: Feuer! Feuer!... Ich begreife nicht, daß mich nicht augenblicklich Raſerei packte. Ich verlor aber die Beſinnung nicht. Mit furchtbarer Beſtimmtheit drängt' ich die Frauen zurück und ſtieß den Bruder ihnen nach. Alle Drei gingen durch das Cabinet und die kleine Lauftreppe in die Wohnung der Freundin. Ich band ihnen den Bru⸗ der auf die Seele. Nun räumte ich raſch in der Kam⸗ mer auf, ließ den Ofen ausbrennen und rückte Alles, was die Flamme hätte ergreifen können, aus ihrer Nähe fort. Dann öffnete ich und ſtellte mich heiter, überraſcht, als ich das ganze Haus verſammelt ſah, das mir Hülfe anbot. Man brachte naſſen Sand. Dieſe Gefahr ging vorüber. Ich ſelbſt aber wurde ſogleich verhaftet. Meine Wohnung wurde unterſucht. Man fand alles Das bei mir, was man längſt ge⸗ ahnt hatte. Und Ihr Bruder? ſagte Louis. Der arme Geblendete! fuhr Murray, den die Er⸗ Waſſer int, da t ſehen beiden en von r, das .30 Raſerei Nit zurück gingen in die 1 Bru⸗ Kam⸗ eAlles, us ihrer h heiter nelt ſah, n Sand. r wurde nteſſcht ingſt ge⸗ die Er⸗ 4 innerung an dieſe Schrecken weiß wie die Wand bleichte, fort. In die Wohnung meiner Freundin einzudrin⸗ gen wagte man nicht. Da man ſich meiner verſichert hatte, fand der Unglückliche Zeit, am Morgen mit einem Miethswagen aus dem Hauſe geſchafft zu werden. Sein erſtes Gefühl war Das, Hülfe bei dem Manne zu ſuchen, bei welchem unſre Schwe⸗ ſter diente, dem langjährigen Freunde unſrer Eltern, einem wirklich vorzüglichen Thierarzte, dem Scharf⸗ richter Lehmann. Dort gab er vor, in ſeiner Schmiede ſich durch zu nahe Berührung der Glutausſtrömung des Herdes und einen Fall geblendet zu haben. Er blieb bei der Schweſter, der er ſich ganz vertraute. Man ſuchte ihn, den man für meinen Mitſchuldigen hielt, in der Schmiede und fand ihn nicht. Seine Frau lebte nicht mehr. Sein Knabe, ein geiſtesſchwa⸗ ches Kind, konnte keine Auskunft geben, ich im Ker⸗ ker verweigerte ſie nicht minder. So galt er für entflohen, wurde mit Steckbriefen verfolgt und kein Menſch dachte daran, ihn an einem ſo unheimlichen Orte, wie die Scharfrichterei vorm Thore war, auf⸗ zuſuchen. Er hatte in der That das beſte Aſyl getrof⸗ fen und konnte meinem ganzen unglücklichen Proceſſe in Ruhe zuwarten. Murray ſchwieg eine Weile, um ſich zu erholen 54 und ſich über den Eindruck, den dieſe Erzählung auf Louis machte, zu ſammeln. In Louis' Bruſt ſtockte der Athem. Sein Herz war beklommen. Seine Hand fühlte ſich ihm ſelber eiſig an. Meine nächſten ſpäteren Schickſale, ſagte Murray, will ich übergehen. Ich wurde zu einer zwanzigjäh⸗ rigen Kerkerhaft verurtheilt. Ich habe alle Urſache, anzunehmen, daß ich die Dame, die einen Baron Grimm zu lieben glaubte, durch die Maske, die ich gezwungen war nun abzuwerfen, öffentlich nur wenig compromittirt hatte. Ich galt für leichtſinnig und wan⸗ kelmüthig in meinen Neigungen. Man wußte wenig davon, wie eng ſchon das Band war, das mich mit ihr verbunden hielt, da ſie zufällig auch unter mir in einem und demſelben Hauſe wohnte. Das Geheim⸗ niß erhöht den Reiz ſolcher Verbindungen. Allein um ſo peinlicher mußt' es jener Frau ſein, ſtündlich ge⸗ rade von mir ſelbſt eine Entdeckung zu fürchten. Ich hatte mich mit ihr durch ein Band verbunden, das der grenzenloſeſte Leichtſinn geſchloſſen hatte. Gewandt und gefällig, wie ich war, hatt' ich bei ihr keinen Widerſtand gefunden und ich muß es Ihnen ſagen, darf es als das eigentliche Ziel meiner Beichte nicht verſchweigen... ſie trug damals, als der Roman des unter J ig auf Herz ſelber rurray, igjäh⸗ erſache, Baron die ich wenig wan⸗ wenig h mit wir in eheim⸗ ein um ich ge⸗ . Jch 1, das wandt keinen ſagen, nicht voman 5⁵ des Barons Grimm ein ſo ſchreckliches Ende nahm, unter dem Herzen.. Murray ſtockte. Seine Stimme war bewegt. Louis verſtand, was er ſagen wollte. Sie wird Ihnen keinen Haß genährt haben, wenn ſie unter ihrem Herzen ein Pfand der Liebe trug, ſagte Louis. Doch, mein Freund! fitel Murray ein. Um ſo größer war deſer Haß! Ich verdiente ihn. Meine Täuſchung war zu elend. Deshalb zürn' ich ihr auch nicht; zürn' ihr nicht, wenn ſie der böſen Frau, die in ihrer nächſten Umgebung lebt, geſtattete, einen Mordplan gegen mich anzulegen. Ich will Ihr Herz nicht betrüben, Louis, indem ich Ihnen die Rache ſchildere, deren zwei verletzte und gedemüthigte, wilde, vor Verzweiflung raſende Frauen fähig ſind... O ſagen Sie mir Alles! Nein, nein! Genüge Ihnen, daß ich Gelegenheit fand, einem Angriffe auf mein Leben zu entgehen. Ich entfloh... Das gelang Ihnen? Mit fremder Hülfe.. Vielleicht durch die Frauen! Sie irren ſich viel⸗ leicht! Vielleicht gaben ſie die Mittel her, Ihre Flucht zu erleichtern. Ich wurde wieder Kupferſtecher. 56 Nein, mein Freund! Wie leid thut es mir, dieſe gute Meinung, die Sie von Frauenherzen hegen, nicht beſtätigen zu können. Ich entfloh durch den Beiſtand eines mitleidigen Mannes... Wie ſegn' ich ihn! Haben Sie Mitleid mit mir? Gönnten Sie mir wirklich nach ſolchen Verirrungen die Freiheit? Sie haben die Freiheit, dächt' ich, zu benutzen verſtanden! Das lehrte mich nicht die Freiheit ſelbſt, nicht der Dank gegen die Gottheit, die an mir ein Wunder vollzog, als ſie mich unter den ſchwierigſten Verhält⸗ niſſen einen tiefen Kerker durchbrechen und entfliehen ließ. Erſt auf dem Meere, als ich nach Amerika floh, kamen mir ſtillere Gedanken und der Trotz auf meine Kraft und das Gefallen an meiner Wildheit nahmen ab. Ich betrat den Boden der neuen Welt mit ernſten Vorſätzen. Ich nahm, da ich engliſcher Sitte vollkommen mächtig war, einen engliſchen Na⸗ men an— Murray— Morton nannt' ich mich. Morton? Und wovon ernährten Sie ſich? Von derſelben Kunſt, die ich misbraucht hatte. 57 „dieſe Und jeder Verſuchung widerſtanden Sie? nicht Du hörſt mich, Herr! Ich kann wol ſagen jeder! eiſtand Reichte der Erwerb hin, Ihre verwöhnten An⸗ ſprüche zu befriedigen? Das war's, mein Freund! Ich gab dieſe ver— je mir wöhnten Anſprüche auf. Ich habe gefunden, daß wir außerordentlich glücklich ſein können, wenn wir plötz⸗ enutzen lich mitten in unſerm Leben einmal innehalten, ſtill⸗ ſtehen, Alles ändern, zurückgehen können. Was macht ſcht der uns ſo unglücklich, was treibt uns ſo von Ertrem zu Bunder Extrem, als dieſe athemloſe Begier, ein Leben ſo wie erhält⸗ es nun einmal, ich möchte ſagen in Schuß gekom⸗ hliehen men, zu Ende zu bringen? Ja, wir wachſen anfangs merika empor. Wir kommen von Jahr zu Jahr vielleicht in og auf günſtigere Lagen. Aber wehe uns, wenn wir dieſem iloheit Zuge des Schickſals, dieſer freundlichen Gunſt der Ge— Pelt ſtirne immer nachgeben! Das Bett, einmal erweitert iſche zum Genuß, will immer gefüllt ſein. Eine Eriſtenz, 1 Na⸗ einmal bequem und behaglich angelegt, wird unſre Qual, unſre Folter, unſre Verlockung zur Sünde wer⸗ den. Der Emporkömmling, der nicht mehr zurück⸗ kann, wird faſt immer ſcheitern. Verwirren ſich ſeine Begriffe von Recht und Tugend nicht in dem Drange hatte des Erwerbs, ſo ſinkt er erſchöpft am Ende ſeiner Tage zuſammen. Der Zwang, jenes bequeme Bett ſeiner 58 Exiſtenz immer gleich weit auszufüllen, hat ihm jede Freude des Lebens geraubt. Jetzt verſteh' ich, ſagte Louis, warum ſo viele Handwerker in Paris zwanzig Jahre fleißig ſind und dann auf's Land ziehen, um weniger arbeiten und ſichrer genießen zu können. Das nenn' ich einen Epikuräismus, antwortete Murray, den ich niemals empfehlen werde. Man ſoll nicht früher aufhören zu arbeiten, ehe nicht die Hände und der Muth erlahmen. Nein! Ich richtete mich in New⸗York ſogleich arm und beſcheiden ein. Die Anmaßungen des Barons Grimm lagen hinter mir. Man nannte mich den Diogenes in der Tonne und wollte Geiz darin finden, daß ich ſo wenig aus⸗ gab und ſo viel verdiente— Thaten Sie Das? Ja, mein Freund! In Amerika i*ſt jede praktiſche Kunſtfertigkeit hochgeehrt. Ich erwarb deshalb viel, weil ich wenig brauchen wollte. Ich habe ein nicht unanſehnliches Vermögen geſammelt, noch reicher aber bin ich an innern Erfahrungen geworden. Ich ver⸗ ſchloß mich auf der neuen Erde den Menſchen nicht. Ich prüfte die Charaktere und unterrichtete mich über die Einrichtungen. Die Gewiſſensbiſſe, die an mir nagten, führten mich auf das Bedürfniß der Verſöh⸗ nung. wurde, lets be tenthu Feaund wol ſo du bi wat auf d wenn ſo ſor ihm jede ſo viele ind und ten und twortete Nan icht die richtete en ein. hinter Tonne g aus⸗ raktiſche lb viel, mnicht er aber ch ver⸗ wnicht. hübet n mir erſöh⸗ 59 nung. Glauben Sie nicht, daß ich ein bigotter Chriſt wurde, aber ich geſtehe Ihnen, daß ich eines Mitt⸗ lers bedurfte. Der Mittler Jeſus, den uns das Chri⸗ ſtenthum bietet, ſprach zu mir wie ein verborgener Freund. Er ſagte mir nichts von Dem, was man wol ſo gewöhnlich in den Kirchen hört, er ſagte mir: Du biſt ein Menſch und haſt geſündigt! Deine Bahn war geſtört, aber vielleicht führte dich die Störung auf den rechten Weg, den du nie gefunden hätteſt, wenn du ohne Innerlichkeit, als leidlich guter Menſch, ſo fortgegangen wäreſt. Sie ſchloſſen ſich einer Sekte an? fragte Louis, dem mit dieſer religiöſen Wendung des Geſpräches eine neue Verklärung auf Murray fiel, ohne daß er ſich freilich hätte eingeſtehen können, daß er ihm des⸗ halb lieber geworden wäre. Er hing, wie jeder junge Mann, an ſeinem irdiſchen Berufe und an der reinen Weltlichkeit unſrer nächſten großen Beſtimmungen und mistraute ſogar dem Einfluſſe der religiöſen Betrach⸗ tung auf die Energie, die er von dem Menſchen der Jetztzeit verlangte.- Ich ſchloß mich keiner Sekte an, ſagte Murray, ſondern beobachtete nur. Wiedergeboren im Geiſte kann man nur in ſich ſelber werden. Was ich inner⸗ ich gelitten, verſchuldet, mir vorzuwerfen und abzu⸗ 60 büßen hatte, eignete ſich Das für die Mittheilung? Ich dachte mir jedesmal, wenn ich die Sekten in ihren Cirkeln beten hörte: Wenn Ihr wahrhaft gottſelig ſeid, muß Euch der Kampf um den innern Frieden leichter geworden ſein als mir! Ich betete für mich. Auch hab' ich nie hinaufbeten können zu einem großen We⸗ ſen, das außer mir wäre. Das hätte mich nicht er⸗ quickt und erfüllt. Wie kann mich etwas erquicken, das nicht aus mir ſelber ſtrömte? Die Macht des Gebetes liegt in der Ruhe, die nach ihm auf unſer Inneres ſich breitet. Ich betete, ich kann wol ſagen, zu mir ſelbſt. Ich betete zu dem tiefen Geheimniß, das in meiner Bruſt ſchlummert und mir alles Das entgegenhält, was gut und ſchön und unſre Pflicht iſt! Das Böſe lag klar vor meinem Blick. Ich ver⸗ ſchönerte es nicht, ich entſchuldigte es nicht durch bunte Farben. Ich ſah es in ſeiner ganzen verworfenen, ab⸗ ſchreckenden Geſtalt und entrann dieſer Geſtalt, zu rei⸗ neren Genien mich flüchtend, die mir ihre rettende Hand boten. Aber was ich auch that, um mich zu läutern, nichts wäre mir gelungen, wenn ich nicht die Freuden einer beſcheidenen Lebensweiſe geſucht und an Entbehrung mich gewöhnt hätte. Mein einz'ger Luxus waren Reiſen in das Innere der Staaten, die mir unendlich lehrreich wurden und unter Andern auch die Freude neinen Wi agtife der M ben h Freude bereiteten, den Mann kennen zu lernen, der rin ihren neinen Geſchwiſtern die Kunde meines Todes brachte.. Wie iſt es nur mit dieſem Tode? fragte Louis, ttheilung? ſelig ſeid, n leicter ergriffen von der weichen und ſanften Stimme, in Au ü der Murray ſeine religiöſen Empfindungen ausgeſpro⸗ h.( oßen We⸗ chen hatte. Wenn, mein junger Freund, fuhr Murray fort, d die Ausſöhnung des innern Menſchen mit ſich ſelbſt lct des zund die Wiedergeburt im Geiſte darin liegt, daß man uf unſer jede Kluft zwiſchen ſeinem Schickſal und ſeiner Erge⸗ dl ſäga bung in dies Schickſal ausfüllt, ſo muß ich Ihnen heimniß, geſtehen, daß zwei Dinge gab, die beim erwachen— es Das den Glück meiner Seele dennoch die Freudigkeit der⸗ Hüücht ſelben ſtörten. Der eine Gedanke, der mich peinigte, war die Flucht vor dem Looſe, das mich in Europa Ih ver⸗ heimgeſucht hatte. Der andre die Erinnerung an mei⸗ ch bunte 10 ſt nen Sohn... nen, äd„Wiſſen Sie nichts von Ihrem Kinde? Es iſt ein zu ter Sohn? fragte Louis theilnehmend. rtlend Es iſt ein Sohn... uih du Und keine genauere Kunde von ihm? icht die Nicht mehr, als was ich Ihnen erzählen werde. und an Jene beiden Gedanken folterten mich... Lurs Auch der Ihrer Flucht? Wie wäre Das? Wie je mir konnte Sie der Gedanke an Ihre Rettung foltern? uch die ſt —.——— —— 62 Murray ſchwieg eine Weile, dann ſagte er: Sie ſtehen, ein reiner, unbeſcholtner, in ſich fried⸗ licher Jüngling, auf dem Standpunkte nicht, der der meinige werden mußte. Ich habe dem Herrn gedankt, als ich mir ſagen konnte: dieſe Flucht rettete dein In⸗ neres! In dem Kerker hätteſt du mit der Kette ge⸗ klirrt und dir in ungebehrdigem Zorne den Schädel an der Wand eingerannt. Erſt durch die Flucht fandeſt du die Stimmung, in dir einzukehren und über dich den Stab zu brechen... Um ſo mehr! Wie ich aber Frieden mit mir ſelber hatte, wiſſen Sie, was mich peinigte..2 Doch nicht der Vorwurf, daß Sie dem ungerech⸗ ten Akte dieſer weltlichen Gerechtigkeit nicht genügt haben? Murray ſchwieg und wurde nachdenklicher. Sie antworten nicht? Wär' es möglich, daß Sie die Abſicht hätten— Mich den richterlichen Behörden hier ſelbſt wieder auszuliefern? fragte Murray lächelnd und richtete ſein Auge lange auf Louis, der dieſe Verirrung des von ihm ſo hoch geſchätzten Mannes nicht zu begreifen im Stande war. Nein, nein, ſagte er. Das iſt keine lebenskräftige Tugend mehr! Das iſt mönchiſche Selbſtquat! Das iſt Hypochondrie! Haben Sie keine Sorge, mein Freund, ſagte Mur⸗ ray, daß ich die Thorheit beſitze, in dieſem Punkte blindlings einem Gefühle zu folgen. Wie wenig reif dieſer Gedanke bei mir iſt... Er zog ſein Terzerol und fuhr fort: Beweiſe Ihnen dieſe Waffe, mit der ich im Stande wäre, meinem Leben ein Ende zu machen, wenn ich ſo unglücklich ſein ſollte, erkannt zu werden. Und doch haſſ' ich Selbſtmord! Und möchte Chriſt ſein! Sie ſehen, daß ich noch nicht zur rechten Erleuchtung gekommen bin! Louis erwiderte nichts. Der Anblick der Waffe machte ihn vollends irr. Er konnte bei Murray eher Alles, als eine gewaltſame Beendigung ſeines Lebens durch eigne Hand vorausſetzen. Mit ſeinen religiö⸗ ſen Grundſätzen ſchien dieſe Drohung nicht überein⸗ zuſtimmen... Murray verſtand ſogleich, was ſeine letzten Worte beſtätigend in Louis' Seele vorging. Nicht wahr, ſagte er, wie wenig entſprechen ſolche Entſchlüſſe dem Bilde, das Sie vielleicht von mir ge⸗ wonnen haben! Ich ſpreche von Selbſtmord! Erken⸗ nen Sie daraus, wie wenig ich in mir ſelber ſchon 64 reif und klar geworden bin! Ein völlig unbeſtimmtes Taſten im Dunkeln verwirrt mich noch, wenn ich an dieſe Gefahren denke. Soll ich ſie aufſuchen? Soll ich ſie fliehen? Eine Stimme in meinem Innern ſagt: Kehre am Schluß deines Lebens in den Anfang zu⸗ rück und dulde, was du dulden mußt— Louis ſprang auf und unterbrach Murray auf das Heftigſte. Sprechen Sie Das nicht aus! rief er. Sagen Sie nicht, daß man verpflichtet wäre, dieſer irdiſchen Gerechtigkeit Wort zu halten! Wenn irgendwo iſt hier das Recht der Nothwehr an ſeiner Stelle. Sie wür⸗ den dieſe Gerechtigkeit beſchämen, wenn Sie in den Kerker zurückzukehren wünſchten. Nein, mein Freund, ich würde noch mehr thun, ſagte Murray, ich würde ſie veranlaſſen, großmüthig zu ſein; ich würde die Aufmerkſamkeit des Publikums auf mich ziehen, belobt, gerühmt, geprieſen werden— kann ich Das wollen? Müßt' ich Das gerade nicht verachten? Nein, mein Freund, nicht ſich ſelbſt an— geben, ſondern angegeben werden, fortgeſchleppt von der Gerechtigkeit, die ſich der Beute freut, Das, Das, könnte leicht mein Schickſal ſein... Louis wehrte gewaltſam dieſe melancholiſchen Aeu⸗ zerungen faſt mit den Händen ab. Es war ihm, als — ntes h an Soll agt: zu⸗ das agen ſchen hier wür⸗ den ſagte ig zu kums 1— nicht an⸗ von Das, Aeu⸗ als 4 63 träte einer der alten Märtyrer aus den Nebeln der Geſchichte und drängte ſich an den Holzblock, nur um fuͤr Chriſtus zu ſterben und ſeinen Heiland bald zu ſehen. Nun, nun, ſagte Murray und ſtreckte ihm das Ter⸗ zerol entgegen. Sie merken da, daß ich noch ziemlich weltlich geſinnt bin, wenigſtens ſo lange— fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu— bis ich meinen Sohn gefunden habe. Sprechen Sie davon, Murray! Das iſt tröſtlicher für mich. Ich ſehe aus Ihrem Eifer Ihre Liebe. Nun wohlan! Der zweite mich peinigende Gedanke iſt mein Sohn. Ich weiß, ich ahne es, daß er im Elend lebt, ver⸗ worfen, verkümmert. Wenn er lebt! Ich hatte keine Ruhe über dieſen Gedanken. Ich weiß, daß ihn ſeine Mutter verſtieß, weiß, daß ſie ihn, wenn er noch lebt, haſſen wird, wie ſie den Vater haßte. Es gibt un⸗ blutige Mörderhände! Man kann tödten— o mein Freund— man kann tödten mit Gift und Dolch, das iſt alt! Man kann tödten mit ſcheinbarer Liebe, über⸗ triebener Pflege, durch tauſend Mittel der Bosheit, die langſam, aber ſicher treffen. Auch Das iſt erwie⸗ ſen, wenn auch meiſt im Dunkel begraben und nur . fffr das jenſeitige Gericht reifend! Aber ein noch lang— ſamerer Tod durch Unterlaſſungen, ein ſittlicher Mord Die Ritter vom Geiſte. VII. 5 66 durch Nichterziehung, Verwilderung, Elend... ſehen Sie, Freund, das Alles ſteht klar vor mir, ſtand vor mir, ſeit ich mein Elend begriff, und meine Ruhe, meinen Frieden ſtört dies Bild ſo, daß ich mir ver⸗ worfen vorkomme, wenn ich die natürliche Pflicht, die mir die Ordnung der Natur aufgegeben, aus jämmer⸗ licher Feigheit um mein eignes Loos hintanſetzte und von dieſer Erde ſcheiden wollte, ohne mich noch we⸗ nigſtens einmal umzublicken, wo wol das Kind iſt, das ſich ſo jammervoll durch ſündige Eltern in's Le⸗ ben ſtehlen mußte. Louis war von dieſen mit hoher Weihe ausge⸗ ſprochenen Worten erſchüttert. Ja, ſagte er, Murray's Hand ergreifend, das iſt ein Gefühl, hochzuehren, heilig und edel! Dieſem Ge⸗ fühle widmen Sie Ihr Daſein, aber ihm ſchonen Siꝰ es auch! Denken Sie an Ihren Sohn! Suchen wir ihn! Retten wir ihn, wenn er noch lebt und durch die unnatürliche Wuth einer betrogenen Mutter wol zu den Ausgeſetzten und Verdammten dieſer Erde gehört! Das war meine Aufgabe, fuhr Murray fort. Ich raffte mein Vermögen zuſammen, nahm Abſchied von den Wenigen, die mich kannten, und ſchrieb jenem Manne, den ich einſt auf ſeiner Farm am Miſſouri kennen lernte und von dem ich wußte, daß er zum 67 Continente zurückkehrte, er ſollte meinen Verwandten, die ich ihm bezeichnete, einiges Geld überbringen und ſagen, daß ich todt wäre. Als mir einfiel, daß ich großen Gefahren entgegen ging, ließ ich den Verdacht entſtehen, als lebt' ich wirklich nicht mehr... Heuniſch ſagte mir, bemerkte Louis, daß die Ur⸗ ſula und der Schmied von einem todten Bruder geerbt hätten. Tauſend Dollars ein Jedes. So wird es ſein... Ich komme nach Deutſchland. Was beginnen? Leb' ich noch, entdeck' ich mich den Meinigen, ſo ſetz' ich mich der Gefahr aus, erkannt, ergriffen zu werden und meine Mühen um den Sohn wären vergebens. Ja, Murray, ſchließen Sie ſich ein! Leſen Sie! Arbeiten Sie! Denken Sie! Ich will für Sie han⸗ deln. Ich!* Murray war gerührt... Was wiſſen Sie von Ihrem Kinde, wo wollen Sie hoffen es wiederzufinden? Fünf Monate nach meiner Verhaftnahme, erzählte Murray, erfuhr ich durch einen Beſuch meiner Schwe⸗ ſter, der mir als Abſchied geſtattet wurde, weil ich mein Urtheil erfahren hatte, daß meine Freundin einige Wochen nach jenem verhängnißvollen Abende die Stadt 5* 68 verließ und ihr ſchrieb, ſie ſollte in einen nahegelegenen Ort ſich begeben, um dort eine Mittheilung zu em⸗ pfangen. Meine Schweſter ſtellte ſich ein, traf aber nur jene ältere Vertraute, die ihr erklärte, in vier Monaten etwa würde ihre Gebieterin von einem Kinde geneſen, das mir elendem Menſchen angehöre. Sie würde dieſe Erlöſungsſtunde von dem qualvollſten Zu⸗ ſtande in einem Dorfe, das ihr näher bezeichnet wurde, abwarten und bis dahin ſich in Verborgenheit halten. An dem Tage, wo ſie die Anzeige der bevorſtehenden Geburt empfangen würde, ſollte ſie kommen und das Kind abholen. Man wollte ihr ein für allemal eine nicht unbedeutende Summe zahlen, wenn ſie das Kind als das ihre annähme und einen Schwur leiſtete, nie mehr im Leben von dieſem Vorfalle und Verhältniſſe Erwähnung zu thun. Wenn ſie es verſpräche, ſo könnte ſie gewiß ſein, daß die hohen und einflußrei⸗ chen Verwandten der Dame Alles aufbieten würden, das Loos ihres gefangenen Bruders, dieſes ruchloſen Abenteurers und Betrügers, zu mildern. Meine Schwe⸗ ſter Urſula, noch entſetzt von dem Anblick des blin⸗ den älteren Bruders, voll Theilnahme auch für mich, mehr noch aber gereizt durch den Gewinn verſprach, das zu erwartende Kind zu ſich zu nehmen und für deſſen Schickſal zu ſorgen. Acht Tage vor meiner 69 Verurtheilung hatte die Entbindung von einem Kna⸗ ben ſtattgefunden. Meine Schweſter hatte dreitauſend Thaler empfangen, klagte aber, daß ſie ſchon dem blinden Bruder davon die Hälfte abgeben ſollte. Die⸗ ſer war noch immer an dem ſchrecklichen Orte, wo meine Schweſter in Dienſten ſtand. Freilich hatte ſie jetzt dieſen Platz zu verlieren. Ihr Herr hatte mei⸗ nes Bruders Verbrechen erfahren und würde nicht ge⸗ litten haben, daß ſie mit dem Kinde bei ihm geblie⸗ ben wäre. Wo iſt denn nun das Kind? fragt' ich damals und wohin willſt du dich mit ihm wenden? Meine Schweſter hatte zu allen Zeiten etwas Ver⸗ wirrtes und Seltſames. Statt auf meine Frage zu antworten, antwortete ſie darauf ſelbſt mit Fragen. Nach Allem, was mir Franziska Heuniſch von ihr erzählte, wundert es mich nicht, daß ſie in ihren alten Tagen das Weſen einer Here angenommen hat. Wenn's nur erſt über den grünen Klee iſt! ſagte ſie damals. Was ſie damit meinte? fragte ich. Iſt das Kind ſchwächlich? Iſt es krank? Wie wird es genährt? In dieſem Augenblick, erfüllt von der ganzen gewalt⸗ ſamen Theilnahme für ein Weſen, das mir noch für die Zukunft einen gewiſſen Zuſammenhang mit dem Leben gab, trat der Gefängnißwärter ein. Die Friſt der Unterredung war abgelaufen. Urſula mußte fort. Beſorg' Alles gut! ſagt' ich noch und drückte ihr die Hand, nicht voll Rührung, ſondern voll Ingrimm. Sie ging, antwortete auf meine Fragen nicht mehr und — das iſt Alles, was ich von meinem Kinde weiß und als Beruhigung mit hinüber nahm in die neue Welt. Louis erwiderte, daß hier ja Anhalt genug zum weitern Forſchen gegeben wäre. Das wohl, ſagte Murray, aber ich ahne nichts Gutes von dem Ergebniß. Eine Nachfrage bei jenen Frauen— Leben ſie noch? fragte Louis raſch. Sie leben noch! ſagte Murray. Sie leben in Glück und Freude! Ich will ſie nicht ſtören in der Ruhe ihrer Herzen, wenn dieſe Herzen ruhig ſind. Ah, ſagte Louis, doch nur, weil es gefährlich iſt, den Verdacht ſolcher Tigerinnen zu wecken. Denn ſonſt— Ich will keine Rache, erklärte Murray. Hätt' ich auch ein Recht dazu? Kaum zur Strafe für Das, was mir wirklich Schlimmes von ihnen widerfuhr. Bei ihnen wagt' ich nicht zu forſchen... ſo ging' ich... ſchaudervoll zu ſagen... wo ich zuerſt um das Schickſal eines ſo elend auf die Welt gekomme⸗ nen Weſens nachfragte.. Am Hochgericht! — —— 71 Entſetzliches Gefühl, mit dem ich die Anhöhe hin⸗ aufſtieg, die zur Schädelſtätte der Verbrecher führt! Wie tief ritzten die Dornen, die ich mir ſelbſt auf's Haupt ſetzte, in's Fleiſch! Wie blutete ich unter dem Druck des Märtyrerthums der Reue, zu dem ich mich freiwillig darbot! Ich klopfte an die Pforte der un⸗ heimlichen Wohnung auf der Höhe und fragte nach dem Doctor Lehmann, ſo nannte man ſonſt den Päch⸗ ter. Er war todt. Sein Nachfolger wußte nichts von Urſula Marzahn, nichts von Jakob Zeck. Ich ging den Berg hinunter, als wenn feurige Flammen unter mir aus dem Boden ſchlügen. Ach, ich nahm es für eine gute Vorbedeutung, daß man hier nichts von dem Vergangenen wußte. Eine neue Generation hatte die alte verdrängt. Die Vögel ſangen in der Luft, die Ernte ſtand ſo voll und hoch und reif. Ich ſetzte mich in's Korn unter blaue Blumen und dankte Gott, daß ich nichts erfahren hatte. Murray ſchwieg eine Weile, um ſich zu erholen. Dann fuhr er fort: Ich ſuchte den Wächter meines Gefängniſſes auf... Den fürchteten Sie nicht? Er hatte mich entfliehen laſſen. Der Brave! Weil er ſeine Pflicht verletzte, brav? 72 Wir vereinigen uns nicht, Murray... ſagte Louis kopfſchüttelnd. In dieſem Falle doch, wenn ich Ihnen ſage, daß dieſer Gefangenwärter mir entdeckte, warum ich nicht in das Zuchthaus kam, ſondern zu einſamer Haft be⸗ gnadigt wurde. Murray erzählte die Umſtände, die wir wiſſen. O dieſe Teufel in Frauengeſtalt! rief Louis. Sa⸗ gen Sie mir, wer ſie ſind? Murray, auf dieſe Worte nicht achtend, fuhr fort: »Auch hier hatte der Tod ſchon den Poſten abge⸗ löſt. Ich entdeckte eine Tochter jenes braven Man— nes, jenes Mädchen. Das Sie allein zu Grabe begleiteten? Murray nickte. O glauben Sie mir, rief Louis, was Sie für Herbſtſturm gehalten haben, als Sie an der aufge⸗ ſchütteten Erde des Friedhofes ſtanden, Das waren die Chöre der Engel, die ein Requiem der armen Seele ſangen und ein Hoſiannah Ihnen. 1 Murray lehnte dies Lob ab und fuhr in ſeinen Angaben fort: Von jenem Mädchen hört' ich zum erſten male, daß eine Urſula, die ſich Marzahn nennt, mit jenen Frauen noch in einem gewiſſen Zuſammenhange ſteht. Nach dieſem Namen forſchend, hört' ich, daß Mar⸗ zahn der Name eines verſtorbenen Förſters in Fürſt— lich Hohenbergiſchen Dienſten war, deſſen gegenwär⸗ tiger Nachfolger Heuniſch iſt. Den Namen Franziska Heuniſch hört' ich zuerſt bei meiner Nachbarin Louiſe Eiſold, dann von jenen Feinden dieſes jungen Mäd⸗ chens, die mich veranlaſſen wollten, ſie zu entführen. In dem Drange, den Beziehungen meiner Verwandten auf die harmloſeſte Art näher zu kommen, ging ich ſcheinbar auf die mir gemachten Vorſchläge ein— Von Wem kamen ſie? ſagte Louis. Wie oft ver⸗ ſprachen Sie mir dieſe Aufklärung! Laſſen Sie mich ſchweigen, ſagte Murray. Sie würden ſie ſtrafen wollen und mir nur Verfolgungen zuziehen, die ich jetzt noch nicht wünſchen kann. Ge⸗ nug, ich wußte nun von Franziska, von den Märtens, Ihnen und Ihrem gutmüthigen Nebenbuhler Heinrich Sandrart, daß Urſula Marzahn und ihr Bruder Ja⸗ kob Zeck beim Fürſtlich Hohenbergiſchen Dorfe Pleſ⸗ ſen wohnen. Ich folgte Ihnen. Ich ſchützte Ihre Freundin. Und da bin ich nun und weiß nicht, wie ich, ohne von den Todten leibhaft aufzuſtehen, nach dem Schickſal jenes Kindes forſchen ſoll, das in allen meinen Anfragen nach der etwaigen Umgebung dieſer Menſchen nie genannt wurde. Wie ich jenes Mäd⸗ 74 chen auf dem Wege des Laſters fand, wer weiß, ob ich meinen Sohn nicht als Verbrecher finde! Dann wäre Ihnen beſſer, Sie entdeckten ihn nie, bemerkte Louis... O! O! Ich glaube an die Möglichkeit moraliſcher Beſſerung; nur kommt es auf die richtigen Mittel an. Ein Verbrecher gleicht einer erſtarrten Schlange, die man an ſeinem Buſen aufwärmen muß... Um ſich zum Dank von ihr verwunden zu laſſen? „Ich wählte kein gutes Bild. Nehmen Sie den Verbrecher ſich ſelber nah, entziehen Sie ihm die Mög⸗ lichkeit des Fehlens, erwärmen Sie ihn durch Liebe und Vertraulichkeit, erheben Sie ihn dadurch, daß Sie zu ihm niederſteigen... ich will nicht ſagen, daß Alle dem Beſſeren zu gewinnen ſind: Mancher iſt es: warum ſollt' ich ihn nicht ſuchen? Ich helf' Ihnen, ſchloß Louis und horchte. Es ſchlug zehn Uhr vom Kirchthurme im Dorfe. Es war kalt geworden. Man hatte vergeſſen, im Ofen nach⸗ zulegen. Murray fröſtelte wie ein Fiebernder. Sie ſind krank? Sie regten ſich auf? Was ha— ben Sie? ſagte Louis Armand. Das erſte Gefühl einer Frau, die Mutter wird, antwortete Murray lächelnd, iſt Fieberfroſt. Mein Geſtändniß hab' ich abgeſchüttelt. Sie werden es pflegen und ſchützen. Aber es überrieſelt mich doch.— Beſprechen wir morgen, ſagte Louis, die Mittel, um bei der Schweſter und bei dem blinden Bruder nachzuforſchen, welches Schickſal einem Kinde gewor⸗ den iſt, das ihnen einſt der Zufall anvertraute. Keine Uebereilung! rief Murray. Wir haben ja Zeit, ſagte Louis. Sie arbeiten hier in der Stille. Ich ſoll noch einige Tage blei— ben und wer weiß, ob meine Abweſenheit von der Stadt... nicht wohl gar... Er ſtockte voll Be⸗ trübniß. Gewünſcht wird? fragte Murray. Als Louis ſchwieg, ſagte der Alte: Louis Armand, Sie müſſen morgen meine Auf⸗ richtigkeit vergelten und mir ſagen, ob auch Sie Kum⸗ mer haben? Louis gab Murray den einen Leuchter, während er ſelbſt den andern ergriff und ſagte ruhig ausweichend: Gute Nacht für heute! Sie ſuchen einen Sohn, edler Mann! Nehmen Sie vorläufig mich an ſeiner Statt. Sie haben mich tief erſchüttert und das Ge⸗ fühl der Wehmuth, das ſeit einiger Zeit über mich und einige Freunde gekommen iſt, vollends aufgelockert bis zum tiefſten Lebensernſt. Es gibt denn doch nur 76 wenig Wahrheiten, die uns ſo aus der Luft zuflie⸗ gen und gleich unſern innerſten Menſchen befriedigen können. Aus der eignen Bruſt heraus müſſen wir weiſe werden, aus dem Bedürfniß unſrer eignen Seele zum Guten kommen. Dank! Dank Ihnen für Ihr Ver⸗ trauen! Sie haben es nicht verſchwendet. Der Fremd⸗ ling iſt Ihr Freund, Ihr Schüler, Ihr Sohn! Murray lächelte milde. Er ſah ſich dann im Zimmer noch etwas mistrauend um, leuchtete an das Fenſter, bemerkte, daß der Sturm etwas nachgelaſſen, ſchloß die Fenſter, bedeckte ſeine kleine Werkſtatt, ſchloß den Flügel und konnte ſich nicht ſo raſch von dem Zimmer trennen. Iſt es mir doch, ſagte er ſchon im Gehen, als wenn dieſe Wände zu viel erfahren hätten! Oder er⸗ greift mich ein Bangen in der Nähe meines Bruders? Ich glaube, er würde mich trotz ſeiner Blindheit er⸗ kennen, wenn er meinen Athemzug hörte— Träume der Aufregung, Murray! Beruhigen Sie ſich! Ihr Geheimniß ſchlummert in meinem Herzen! Murray drückte Louis die Hand und folgte in das Vorzimmer, wo Louis ſchlief. Er ſelbſt ging über den Corridor in ein entgegengeſetztes Gemach, das er ge⸗ rade aufſchloß, als die Kirchthurmuhr ſchon ein Viertel auf elf Uhr ſchlug, eine Stunde, wo auf dem Lande, 77 auch im Sommer, wie vielmehr jetzt, Alles im tiefſten Schlummer liegt. Der Morgen brach an, wie der Abend endete. Das Wetter hatte ſich noch nicht aufgeklärt. Der⸗ ſelbe nebelgraue, feuchte Himmel. Louis hätte ihn ſo gern gewünſcht ſeiner Stimmung gemäß. Er hätte nach Dem, was er geſtern von einem der ſeltſamſten Menſchen, denen er im Leben bisher begegnet war, gehört, die neuen, gewaltigen Eindrücke ſo gern in Luft und Natur hinaustragen mögen, um ſich der ihn drückenden Schwere dieſer geiſtigen Laſt etwas entbunden zu fühlen. Der Himmel bot ſich aber nicht zu dieſer Hülfe an. Er blieb verſtimmt und verſtim⸗ mend, verſchloſſen dem Blicke, der ſo gern zu ſeinem Blau emporgeſchaut hätte. Der junge Arbeiter, der hier zu einer unfreiwilli⸗ gen Muße verdammt war, ſprang aus dem Bett und bekleidete ſich. Er fühlte das lebendigſte Bedürfniß, Murray freundlich zu begrüßen und ihm durch ſeinen eignen unbefangenen Sinn die Angſt zu nehmen, die uns doch befällt, wenn wir, verführt von einer gün⸗ ſtigen Situation, aus uns zu gewagt heraustraten und mehr über uns enthüllten, als wir ſonſt dem Blicke der Menſchen zu verrathen gewohnt ſind. Hier war nun vollends noch die Laſt eines Verbrechens, das Geſtändniß einer unter allen Umſtänden bedenk⸗ lichen Schuld abgeſchüttelt worden und Louis fühlte zart genug, um die Lücke, die in Murray's Gemüth entſtanden ſein mußte, durch freundlichſte Begrüßung wieder auszufüllen. Er ging über den Corridor, klopfte bei ihm an, trat leiſe ein und fand ihn gleichfalls ſchon angeklei⸗ det, ruhig auf ſeinem Bette ſitzend und leſend. Ich lebte bisher ſo wenig in der wirklichen Welt, ſagte Murray, daß ich mich immer an Bücher ge⸗ halten habe und in der That ſind richtig gewählte Schriften ein Erſatz für das Leben. Geſchichte, Na⸗ turkunde, leichtfaßliche Philoſophie ſind Gegenſtände, über die ich mir ſchon ſeit dem Baron Grimm nicht gern eine wichtige Erſcheinung entgehen laſſe. Dieſe alte Gewohnheit iſt mir im beſſern Sinne geblieben. So hab' ich wenigſtens die Beruhigung, ſagte Louis, auf den Vorrath von Büchern, die Murray mitgebracht hatte, blickend, daß Sie in der Zeit, wo ich ſuchen werde, die Verhältniſſe Ihrer Geſchwiſter genauer zu erforſchen, wenigſtens eine Beſchäftigung haben. Ich werde verſtimmte Muſik machen, leſen, eine Viſitenkarte für Ihr Geſchäft ſtechen und mich ſo nütz⸗ lich als möglich zu machen ſuchen. — 79 Damit gingen Beide gemeinſchaftlich in das Eck⸗ zimmer hinüber, faſt auf dem Fuße von Brigitten gefolgt, die das Frühſtück mit klappernden Taſſen brachte. Winkler tappte hinter ihr her, um einzu⸗ heizen. Es wurde von einem Wagen des Herrn Acker⸗ mann aus dem Ullagrunde geſprochen, der den Can⸗ didaten Oleander zum Fräulein Selma täglich abhole, das Stunden bei ihm nähme, der Wagen würde heute hier erſt vorfahren und dann wie immer am Pfarr⸗ haus halten. Wie weit iſt's in den Ullagrund? fragte Louis, auf's Neue betroffen über den Namen Oleander(der der Name jener Deutſchen war, die Thaddäus Ka⸗ minski auf ſeiner Flucht aus Polen ehelichte und mit nach Frankreich nahm)... Eine Stunde zu fahren, zwei zum Gehen! hieß es. Wann fährt Herr Oleander zurück? Gegen Abend erſt... Ich muß ſehen, wie ich ſelbſt zurückkomme. Rech⸗ nen Sie auf ein Mittageſſen für mich nicht. Aber mein würdiger Begleiter bleibt daheim und laſſen Sie ihm nichts abgehen. Es würden die darauf folgenden Auseinander⸗ ſetzungen und Ablehnungen noch länger gedauert ha⸗ 80 ben, wenn nicht ein Klopfen draußen an der Vorthür ſie abgeſchnitten hätte. Herr Juſtizdirektor von Zeiſel war es, der ſeinen Morgengruß ſchon in aller Frühe ſelbſt beſtellen wollte und ſich die Ehre ausbat, morgen beide Herren bei ſich zu Tiſche zu ſehen. Louis blickte dabei auf Mur⸗ ray, der ſich entſchuldigte, aber die Gründe widerlegte, warum auch ſein junger Freund Anſtand zu nehmen ſchien, die Einladung anzunehmen. Frau von Zeiſel erhielt ſpäter durch ihren Gemahl die Verſicherung, daß ſie auf die Vermehrung ihres Tiſches wenigſtens durch ein Couvert rechnen durfte. Auch Herrn Ole⸗ ander würde man finden und wenn die Einladung Erfolg hätte, auch Herrn Ackermann und Tochter... Herr von Zeiſel, der das freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen dem Fürſten Egon und Louis Armand kannte, unterließ nicht, dieſen kritiſchen Beſuch auf jede Art zu ehren. Er überreichte Louis ein Packet der neueſten Zeitungen und erbot ſich zu jeder Gefälligkeit, die er ihm nur unter den traurigen Umſtänden dieſer üblen Jahreszeit erweiſen könnte. Louis dankte und bat nur, ihn wegen Fortſetzung dieſer Zeitungen öfters in Anſpruch nehmen zu dürfen. Das kann ich mir denken, ſagte Herr von Zeiſel, wie ſehr es Sie intereſſiren muß, dieſe glänzende Lauf⸗ bahn, in die ſich Sr. Durchlaucht plötzlich geworfen haben, zu verfolgen. Ich freue mich wahrhaft, daß die ſchönen Verſicherungen, die Juſtus in den nahe⸗ gelegenen Wahlkreiſen für ſeinen Schützling gegeben, ſo ſchnell in Erfüllung kommen. Dennoch herrſcht bei Allen, die für die allgemein hier herrſchende Liebe zu Sr. Durchlaucht einen ſichern Ausdruck haben und wiſſen, warum ſie ihn verehren, eine Art Bedauern über dieſe Nachricht. Denn der Beruf eines Mi⸗ niſters gehört in dieſen Tagen nicht zu den benei⸗ denswerthen. Murray ſchwieg aus Abſicht, Louis aus Schüch⸗ ternheit und beſcheidener Einhaltung ſeiner Sphäre. Ueber Ackermann, ſeine Pläne, ſeine Vorbereitun⸗ gen zu ſprechen, war Herr von Zeiſel zu ſehr Diplo⸗ mat. Er lebte mit dem neuen Generalpächter faſt auf geſpanntem Fuße, was jedoch eine Einladung nicht ausſchloß. Er rühmte ſogar ausdrücklich Alles, was man ſich von der zukünftigen Neugeſtaltung der wirth⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe des Fürſtenthums verſprechen dürfte. Sein ganzes Weſen war rückſichtsvoll und zeigte Takt. Als Herr von Zeiſel gegangen war, hatte Louis nicht mehr viel Zeit, die Neugier, was wol die Blätter enthalten würden, zu befriedigen. Er ſah einige Num⸗ ent X Die Ritter vom Geiſte. VII. 6 mern des„Jahrhunderts“ durch, die er ſchon kannte. Die neuen Nummern entfaltete er kaum, als ſchon unten der Peitſchenſchlag des kleinen Einſpänners hörbar wurde, der ihn nach dem Ullagrund abholen ſollte. Er überließ die Zeitungen Murray, der dafür ein geringes Intereſſe hatte, und nahm von ihm für den Lauf des Tages herzlichen Abſchied. Sorgen Sie doch nicht, rief ihm zum Troſte Mur⸗ ray noch nach, daß mir die Zeit lang werden wird! Nehmen Sie ja einen Mantel! Das Wägelchen iſt nur halb geſchloſſen! Auf Wiederſehen! Unten halfen Brigitte und der Gärtner Louis ein⸗ ſteigen. Der Kutſcher ſchien ein Bauerburſche. Er ſaß ſchon durchnäßt auf ſeinem Bock und war nicht wenig erſtaunt, heute nach Herrn Ackermann's Woh⸗ nung ſtatt des jeden Morgen von ihm abgeholten Herrn Candidaten Oleander noch einen andern Be⸗ ſucher mitzunehmen. Langſam fuhr der kleine Wagen den ſchlüpfrigen Weg hinunter, bog dann um den Thurm, an dem Herrſchaftsgebäude vorbei, in das ſchmale, kaum fahr⸗ bare Oertchen ein. Wie hatte ſich's hier gegen den Sommer geändert! Wo war das Grün der Bäume hin! Wo der Sonnenſchein, wo die funkelnden Dia⸗ manten in dem Waſſerſtaub der Mühle! Wo die 83³ Blumen an den Staketen und Einfriedigungen! Wo die muntre Entenſchaar auf dem Teiche! Wo die ers fröhlichen Kinder! Ein grauer Regen hüllte die ganze Natur ein. Man ahnte kaum, daß in der Nähe das ſen ür Gebirge ſich emporhob und auf dieſen verſchleierten ür Matten einſt die Glocken der Heerden geläutet hatten. Der kleine Wagen hielt vor der düſtern Pfarr⸗ wohnung Guido Stromer's. Viertes Capitel. Der Ullagrund. Es war Louis Armand ein eignes Gefühl, ſich zu denken, daß dies niedere Haus die Wohnung jenes Guido Stromer war, dem er, ohne ihn genauer zu kennen, doch hier und da ſchon beim Fürſten oder ſeit einigen Wochen in der Zeitung„Das Jahrhun⸗ dert“ begegnet war. Er wußte von ihm, daß er vom Fürſten auf ein Jahr Urlaub erhalten hatte, um dem Triebe ſeines Genius zu folgen, wie Egon einmal von ihm geſagt hatte. Er wußte, daß ſein Weib, die Kinder daheim geblieben waren und daß ſtatt Stro⸗ mer's die Pflichten ſeines Amtes ein Vikar verrichtete, deſſen Name ihn an ſeine eigne Herkunft erinnerte. Louis warf über das Fußleder hinweg einen Blick in das Pfarrhaus. Er ſah an den kleinen Fenſtern Kinder, die neugierig auf den Wagen ſchauten. Irrte er ſich nicht, ſo ſtand auch eine Frau lauſchend hinter 85— der Gardine. Die Rouleaux waren halb niedergelaſſen. Blumentöpfe ſtanden inwendig auf den Fenſterbretern. Die Linden, die das Haus im Sommer beſchatteten, waren entlaubt. Der ganze Eindruck war der der Ein⸗ ſamkeit, der öden verlaſſenen Traurigkeit, die in einem wehmüthigen Widerſpruche ſtand zu dem Vater dieſer Kinder, dem Gatten dieſes Weibes, der jetzt vielleicht noch, von den Anſtrengungen einer vornehmen Abend⸗ geſellſchaft ermüdet, im Bette lag oder für die große Welt wirkte in der rauſchenden Hauptſtadt! Die Thür des Hauſes ging auf und ein langer, ſchlankaufgeſchoſſener junger Mann trat heraus, in einem grauen verſchfiſſenen Mantel, eine Brille vor den Augen, einen alten rothen Regenſchirm in der Hand. Einige Bücher ſteckte er eben in die Bruſt⸗ taſche des Mantels, als er raſch von den zwei Stufen, die vor der Hausthüre die Schwelle bildeten, mehr herabſtolperte als ſchritt, um unter dem Regen hin⸗ weg bald in den Wagen zu kommen. Der Knecht öffnete das Deckleder, Louis rückte zur Rechten und grüßte mit der Entſchuldigung, daß er ſich dieſes Wa⸗ gens mit ihm zugleich bediene, um zu Herrn Acker⸗ mann zu fahren. Herr Oleander mußte ſich ſehr bücken, um unter dem Schirmdach der kleinen Halbchaiſe Platz zu finden. 86 Erröthend ſagte er einen guten Morgen und bemerkte lächelnd, daß er ſchon erfahren, mit wem er die Ehre hätte. Damit brach er ſogleich ab und murmelte nur noch einige unverſtändliche Worte über das ſchlimme Wetter. Der Knecht gab dem Pferde die Peitſche und weiter ging es langſam durch den Pleſſener Koth an der Schmiede vorüber, in welcher es heute ſtill war. Dieſe Werkſtatt mit Dem, was Louis geſtern Abend Alles erfahren hatte, in Verbindung zu bringen, machte auf ihn einen eigenen Eindruck. Auch gedachte er des Förſterhauſes, des einſamen Fränzchen's, der alten Urſula. Am Abend hoffte er bei Heuniſch vorzuſpre⸗ chen... Einſtweilen beſchäftigte ihn der Dialekt des Herrn Oleander, der wirklich an die etwas breite Art der deutſchen Ausſprache erinnerte, die in ſeinem groß⸗ elterlichen Hauſe geherrſcht hatte. War Louis ein leicht eingeſchüchterter junger Mann, der nicht gern mit ſeinen Empfindungen und Mei⸗ nungen von ſelbſt hervortrat, ſo war dies Herr Ole⸗ ander noch in weit höherem Grade. Dieſer Begleiter blieb immer höflich, wenn es ſich einmal um den beſſern Sitz, um das Ablaufen des Regens, um das Losgehen des Fußleders handelte, aber ſonſt kam auch keine Sylbe aus ſeinem Munde, die nur irgendwie * 2 auf das Beſtreben gedeutet hätte, ſeinen Nebenmann zu unterhalten, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen, nach dem wahren Zweck ſeiner Anweſenheit in dieſer unfreundlichen Jahreszeit zu fragen. Auch Louis mochte nicht der Erſte ſein, ihn in ein Geſpräch zu verwickeln oder gar nach ſeiner Her⸗ kunft zu fragen. Er dachte an ſeinen Stand, an den Unterſchied ſeiner Bildung, an die Bildung eines Ge⸗ lehrten. Er wagte nicht, irgendwie zu verrathen, daß er, ein Tiſchler, von manchen höheren Dingen Kunde beſaß. Da Oleander nichts ſprach, ſondern in ſich verſunken daſaß und in die öden Felder blickte oder den Krähen nachſah, die träge auf⸗ und abſchwebten, ſo folgte er dem Beiſpiel ſeines Nebenmannes und verſank vorläufig wie er in. Träumerei. Es geſtaltete ſich ihm in Hinblick auf die öde Natur ein franzöſt⸗ ſches Gedicht, das ihm ſpäter ſo von Siegbert über⸗ tragen wurde: Du grauer Nebel, ſpinnſt du Leichentücher? Singſt, heiſ'rer Vogel, du ein Todtenlied? Erſchrickt das Auge, das im Buch der Bücher Die letzten Blätter aufgeſchlagen ſieht? Sie fallen nieder, die Natur haucht leiſe Ihr letzt' Geheimniß aus und will ſich ruh'n; Da hebt ſich ſchüchtern unter'm Wintereiſe Der grüne Halm der Frage: Was kommt nun? 88 Kommt wieder Lenz und prangen alle Blüten Auf Feldern nur, im grünen Gartenhag? Begrüßen wir mit den geſchwung'nen Hüten Nicht endlich auch der Freiheit Frühlingstag? Bleibt Alles ſo im alten Weh' und Kummer, Sowie die Sterne geh'n am Himmelszelt? Derſelbe Tag? Derſelbe nächt'ge Schlummer? Nicht endlich, endlich auch die neue Welt? Was will ich denn? Nur dann und wann ein Lächeln Auch in den Seelen wie des Maien Luſt! Ein Zephyr Menſchenliebe! Nur ein Fächeln Der Hoffnung in die kranke Menſchenbruſt! O muntrer Quell, du frohe Wieſenblume, Zieht frohe Augen zu Euch niederwärts! Zum Blütenaſt, zum Sternenheiligthume Blick' ängſtend und entſagend nicht das Herz! Wie müßt' es ſchön auf dieſer Erde werden, Umfing' einſt die Natur zu gleicher Zeit Auch dieſes Lebens nackteſte Beſchwerden Mit ihrer Liebe buntem Feierkleid! O Zauberland, wo auch die Herzen ſproſſen, Das Leben ſelbſt in ſolchen Farben lacht, Die wie ein Regenbogen ausgegoſſen... Bleibſt du der Traum nur einer Winternacht? Die Dohle krächzt— die Nebel hüllen Alles In der Verzweiflung graues Einerlei. Die Todtenglocke läutet dumpfen Schalles Und ruft den Hoffenden: Vorbei! Vorbei! Der Stein bleibt Stein— Nie wird die Welle fließen Zum Berg hinan— Was kann im Eiſe ruh'n? Gott läßt uns wol die alten Blumen ſprießen, Doch ſeine Wunder ſoll'n wir ſelber thun! 89 Herr Oleander war durchaus bei all' ſeiner Schweig⸗ ſamkeit nicht unfreundlich. Er blieb in ſeiner wohlwol⸗ lenden Miene während der ganzen Fahrt. Oft rückte er zur Seite, als wenn er möglicherweiſe ſeinen Begleiter ſtörte oder ihm unbequem ſäße. Dann ſtarrte er wieder auf die kahlen Felder hinaus und ſchien eine innere Geiſtesarbeit zu verrichten, wie Louis. Dich⸗ tete er vielleicht auch wie dieſer? Auffallend genug, daß er zu den wenigen Worten, die er auf der Fahrt ſprach, die Veranlaſſung von der Natur hernahm und immer etwas Eigenthümliches zu verfolgen ſchien oder beobachtete. So ſprach er von den Dohlen, die ſich noch die vergeſſenen Körner aus den durchweichten Aeckern ſuchten, von der unſchönen Form der entblät⸗ terten Weiden, die wie abgehauene Stumpfe, oben dicker als unten, an einem Graben ſtanden, von der immer grünen Tannenwand der Berge, von der er ſagte, daß ſie den Kindern zu Liebe für die Weih⸗ nachtszeit grün bliebe. Wie Louis von dieſer Aeu⸗ ßerung Veranlaſſung nehmen wollte, nach den Kindern des Pfarrers zu fragen, für den er vicarirte, gab Ole⸗ ander eine flüchtige Antwort und ſah wieder hinaus in die graue Weite. Endlich kam das kleine Gefährt dem Ullagrunde näher, an deſſen Einfahrt Ackermann ein Haus be⸗ 90 wohnte, das der reiche Bauer Sandrart in einem An⸗ fall von Prachtliebe für ſich erbaut hatte, aber immer noch nicht bewohnen mochte, weil er ſich ſchwer von ſeinem gewohnten Giebeldache trennte. Das Bauer⸗ haus war einige hundert Schritte weiter und tiefer ſchon hinein in die Schlucht gelegen, die von einem kleinen durch ſie hinrieſelnden Flüßchen der Ullagrund genannt wurde. Das ſtattliche zweiſtöckige, maſſive Haus, das Sandrart an den neuen Pächter des Fürſten vermiethet hatte, lag noch mehr der Cbene zu und höher. Es war umgeben mit Wirthſchafts⸗ gebäuden, einem großen Hofe und eingefriedigten Obſt⸗ gärten. Ueberall ſah man noch die Spuren einer neuen Anlage, die indeſſen einen ſehr geeigneten Platz ge⸗ troffen hatte. Ackermann's Wohnhaus lag vom Wege zurückge⸗ baut und wurde erſt erreicht, wenn man einen gewal⸗ tigen Hof mit Ställen und Scheunen hinter ſich hatte. Trotz des Regens, trotz der dem Ackerbau keinerlei Be⸗ ſchäftigung darbietenden Jahreszeit, war es in dieſen Räumen nicht ſtill. Man hörte dreſchen, hämmern, ſägen. Ackermann hatte ſich ſchon jetzt auf ſeinem Pachthof die Menſchen gemiethet, die er erſt mit dem Frühjahre in eine neue großartige Thätigkeit einführen wollte. Er prüfte ſchon jetzt Den, den er brauchen 91 konnte und gewöhnte dieſe Menſchen, jede Jahreszeit auf nützliche Weiſe zu verwendene Am untern Ende des ganzen Hofes, wo die Ulla floß, wurde trotz des Regens ſogar gebaut. Ein ganz neues Haus ſtand dort faſt bis zum Dache aufgerichtet. Drinnen hörte man das Hämmern und Sägen von Zimmerleuten... Dies wird die amerikaniſche Mühle! ſagte Ole— ander, der Louis' neugieriges Hinausblicken nach die⸗ ſem Baue bemerkte. Auf Louis' Fragen, wann ſie begonnen wurde, wann ſie beendigt ſein würde, wie ein ſolches Werk eingerichtet wäre, gab Oleander den kurzen aber ar⸗ tigen Beſcheid: Sie müſſen ſie ſich anſehen. Es ſchien, als wenn eine amerikaniſche Mühle nicht zu den Begriffen gehörte, von denen Herr Ole⸗ ander ein vollſtändiges Bild lange mit ſich herum⸗ tragen konnte. Das Wohnhaus, noch nicht mit Kalk überworfen, ſtand etwas höher als der Vorhof. Es war zwei⸗ ſtöckig und bot in ſeinen Fenſtern einen freundlichen Anblick. Links und rechts war es von Bäumen ein⸗ geſchloſſen, die jetzt kahl, doch ſeine Wirkung lebendiger hervorgehoben. Der Eingang war von der Seite, an einem ganz von Gebüſchen umgebenen Brunnen vor⸗ über. Schon ſtand von weißen, neugezimmerten Lat⸗ ten ein Dach um die ſteinernen Stufen, die in die Hausthür führten. Dieſer Eingang ſollte alſo künftig von einer Laube überſchattet werden. Louis war ausgeſtiegen und unter dem ſchützenden großen rothen Regenſchirm der Frau Pfarrerin von Pleſſen neben Oleander über den gekieſelten Boden hingeſchritten. Erſt jetzt beſann er ſich auf Das, was er Ackermann zu ſagen hatte. Er beſchloß, ſich ſo ein⸗ zuführen, als wollte er eine zufällige Anweſenheit auf dem Schloſſe Hohenberg zugleich benutzen, um dem Fürſten von ſeinem neuen Pächter einen Gruß und manches nützliche Verſprechen für die Zukunft zu über⸗ bringen. Um ein weiteres Erforſchen der Abſichten des Pächters war er unbeſorgt. Schon der erſte Blick auf dieſe wachſende Niederlaſſung zeigte ihm ja, wie ernſt Ackermann ſeinen Beruf ergriffen hatte. Eine hinzugeſprungene Magd nahm mit freundli⸗ chem: Guten Morgen, Herr Candidat! Oleander's rothen, durchnäßten Regenſchirm in Empfang und ſpannte ihn, mit neugierigem Blick den zweiten An⸗ kömmling muſternd, in der großen reinlichen Küche aus, die ſich gleich zur Linken, dicht am Eingang befand. Herr Ackermann zu ſprechen? fragte Louis. Indem öffnete ſich im Gange eine hintere Thür und ein junges Mädchen huſchte, Oleander grüßend, raſch in eine entgegengeſetzte hinüber. Louis bemerkte, daß Oleander, der ſeinen Mantel auszog, erröthete. Es gibt auch wenig Eindrücke, die ſo lieblich ſind, als ein junges Mädchen in einer Toilette, die für das Zimmer berechnet iſt, raſch durch ein Haus oder einige Sprünge über die Straße hüpfen zu ſehen... Louis zweifelte nicht, daß dies Selma geweſen war. Er erinnerte ſich wohl des Knaben, den Acker⸗ mann damals, als er ihm die Pachtung zugeſtand, bei ſich hatte. Oleander, ohne ſich um ſeinen überbeſcheidenen Begleiter weiter zu kümmern, ging mit einigen Bü⸗ chern, die er aus dem Mantel genommen, in das Zimmer, in welches eben jenes junge Mädchen hinüber⸗ geſchlüpft war. Louis aber wurde von der Magd in das entgegengeſetzte Zimmer gewieſen. Er klopfte an. Beim Eintreten in die warme behagliche Stube fand er Ackermann auf dem Sopha liegend, eine Ci— garre im Munde, eine Zeitung in der Hand, vor ſich deren noch eine größere Anzahl und eine Menge Bücher. 94 Kaum hatte noch Louis ein Wort geſprochen, als ihn Ackermann ſchon erkannte und vom Sopha ſich erhebend ihm die Hand zum Gruße bot. Seien Sie uns willkommen, Herr Louis Armand! ſagte er. Was führt Sie in dieſer traurigen Jahres⸗ zeit zu uns Einſiedlern? Gewiß ſchickt Sie der Prinz, dem meine Briefe zu kurz und oberflächlich ſind? Kennen Sie mich noch? fragte Louis. Ich vergeſſe kein Antlitz, das ich mir einmal ein— prägte, ſo leicht. Und wie ſollt' ich das Ihrige ver⸗ geſſen, der mir die Botſchaft brachte, wie ich für das Wohl und Wehe des Fürſten ſorgen darf! Louis wollte von Zufälligkeiten, die ihn herführ⸗ ten, reden, aber Ackermann unterbrach ihn mit der aufrichtigen Erklärung, daß er es ganz in der Ordnung fände, wenn man einmal bei ihm Viſitation halte. Verſtehen Sie ſich auf die Landwirthſchaft? fragte er. Louis verneinte. Aber Das begreifen Sie doch, ſagte Ackermann, daß die Intelligenz auf dieſen Fluren und Triften noch nicht gewaltet hat. Hier gab es Schwierigkeiten und Vorurtheile genug zu überwinden. Die Lehre von der Vermehrung der Bodenkraft kennt man hier nur aus den oberflächlichſten Anwendungen der Dungtheorie. Die, die hier wirthſchaften wollten, waren noch nicht ühr⸗ der nung le. te et. daß noch und einmal über die Sicherheit der hier erzielbaren Früchte einig. Und wie ließ man den Unarten der Natur freien Spielraum! Was ſtanden ſich die Unkräuter ſo gut im Fürſtenthum Hohenberg! Nein, es kommt jetzt darauf an, durch paſſenden Fruchtwechſel dem Boden die nöthige Ruhe zu gewähren, Stroh und hauptſäch⸗ lich Futterkräuter auch als Dungmittel zu gewinnen, damit durch das Medium der Thierernährung dem Boden wieder Kraft zugeführt wird. Man experi⸗ mentirte hier fortwährend mit der Agrikulturchemie, mit mineraliſchem Dünger, dem ich ſeine Kraft gar nicht abſpreche; aber iſt einmal der Viehſtand eine unerläßliche, eigentlich drückende Nothwendigkeit der Landwirthſchaft, ſo muß man daraus auch ſeine Vor⸗ theile zu ziehen und ihn der Landwirthſchaft wieder ergiebig zu machen wiſſen. Es kommt nur auf gute Racender Zucht an, die ich mir denn auch aus Kent, aus Durham in England verſchrieben habe. Ueber die neuen Schaafe und kurzgehörnten Rinder ſollen unſre Bauern erſtaunen. Ein paar Eremplare, die ſchon da ſind, ſehen ſie an wie Abgeſandte der Hölle. Aber ich will auch deutſche Roſſe aus Jütland, Zug⸗ ochſen aus dem ſächſiſchen Voigtlande kommen laſſen, denen ſich meine Nachbarn, Herr Sandrart an der Spitze, ſchon verwandter fühlen werden. Freilich geht 1 96 es mit einer ſolchen Beſſerung des Viehſtandes lang⸗ ſam. Da laſſ' ich mir denn die gute Gottesgabe der peruaniſchen Vögel oder den Guano einſtweilen als Erſatz zur Düngung kommen. Haben Sie nicht, wenn der Nebel nicht hinderte, Leute im Felde arbeiten ſehen? Die ſind mit der Drainage beſchäftigt. Sie legen thönerne Röhren im Erdreich, um der Entwäſſerung Kanäle zu bahnen, die ihr hier fehlten. Alle Hohen⸗ bergiſchen Wieſen waren ſauer, d. h. ſumpfig, ohne Abzugskanäle der Ueberfeuchtigkeit, ohne Einlaß der Luft, die den Wurzeln Kräftigung gibt. Die Eng⸗ länder wiſſen, was entſumpfen iſt! O mein junger Freund, Sie ſind ein geborner Franzoſe, das deutſche Volk ſteckt geiſtig und phyſiſch ſo noch in ſeinen Sümpfen, wie damals, als die alten Germanen die Herrſchaft über ihr Vaterland erſt den Auerochſen ſtreitig machen mußten. Aber auch die Sümpfe ſind hier nicht zu etwas Anderem benutzt als noch zum Tummelplatz der Irrwiſche und der Teufelsfurcht auf ihnen. Sind die Sümpfe nun einmal doch trotz ge⸗ ſunder Luft unausrottbar, ſo verſuche man's mit dem Feuer! Man ſteche ſie als Torf ab und wenn ich erſt von der Willing'ſchen Fabrik meinen Broſofsky'ſchen Torfſtecher habe, ſo ſollen Sie ſehen, daß wir einen ſchönen Handel mit der Hauptſtadt eröffnen werden. 97 Iſt hier der Lehmboden benutzt? Findet ſich hier wol nur der Verſuch einer Ziegelei? Dieſes Haus hier iſt mit Mühe und Koſten aus fernher entbotenem Ma⸗ terial erbaut. Wozu Das? Wir brennen die Ziegel ſelbſt und verkaufen, was wir an Ueberfluß haben. Allein damit noch nicht genug. Wir Oekonomen wer⸗ den die Hand auch Euch Induſtriellen zum gemein⸗ ſamen Wirken reichen müſſen. Landwirthſchaftliche Gewerbe dürfen nicht fehlen; denn wo nicht Alles Hand in Hand geht, wo nicht jeder Anbau ſeine mehrfache Nutzung, auch die Menſchenkraft, auch die ſich oft ergebende Muße und die Ruhezeit benutzt wird, bleibt ein Capital todt liegen. Gegen Kartoffelbren⸗ nerei ſträub' ich mich, obgleich der Mehrbedarf von Kartoffeln ſich dadurch ſo lebhaft aufdrängt, daß ſie als Hackfrüchte dem Boden eine gute Ausrodung ga⸗ rantiren. Aber ich denke doch die Rübe vorzuziehen und werde Zucker fabriziren. Die Methode iſt ver— einfacht worden, der Apparat nicht mehr allzu koſtſpielig. Und welches Futtermaterial gewinn' ich nicht! Wie kann ich den Arbeiter im Winter ſo behaglich beſchäf⸗ tigen! Sehen die Leute hier, was Maſchinen ſo treu verrichten helfen, die Abneigung gegen ſie wird ſich le⸗ gen, ſte werden mir dann jene Unterſtützung gewähren, die ich leider jetzt noch nicht allzubereitwillig antreffe. Die Ritter vom Geiſte. VII. 7 Angenehm unterhalten von dieſer offenen, ſach⸗ kundigen Auseinanderſetzung ſagte Louis: Ich finde auch eine amerikaniſche Mühle im Bau begriffen. Zum Entſetzen aller Müller der Umgegend, fuhr Ackermann wohlwollend und in ſeinem ſchönen Or⸗ gane fort. Das iſt nun nicht anders. Feindſchaft des Zunftweſens folgt überall den Fortſchritten des menſchlichen Geiſtes. Es thut mir leid um die Herren in ihren blaugrauen Mehlröcken... glücklicherweiſe ſind alle Müller der Gegend reich. Nun mögen ſie von ihren Zinſen leben oder die Preiſe, die meine Mühle ſtellt, auch an ihr ſchwarzes Preiscourantbret ſchreiben. Bis zum Frühjahr ſind wir mit dem Müh⸗ lenbau fertig. Sie ſollen dieſe erfindungsreiche Con⸗ ſtruction ſehen, wo derſelbe Umſchwung der Räder das Getreide ſichtet, es aufſchüttet, zermalmt, das Mehl ſiebt und von der Kleie ſcheidet. Man wird das Brot hier künftig wohlfeiler eſſen und man braucht dieſe Erleich⸗ terung, denn die Ortſchaften ringsum ſind arm, alle Handthierung iſt heruntergekommen und je tiefer hinein Sie in die Berge gehen, je elender friſten die Einzler in baufälligen Hütten ihr Daſein, das doch ohne Brot nicht ſein kann. Der Prinz wird eine Freude haben, von allen den 1 ½ 99 Dingen zu hören, ſagte Louis mit aufrichtigem Herzen, Egon darin wohl kennend. Umſomehr wird er es, fiel Ackermann ein, als ich aus den Zeitungen hier ſehe, daß er ja ganz auf die hohe See der Politik hinausſegelt. Er iſt Miniſter ge— worden. Glauben Sie, daß ihm dieſer Wirkungskreis Freude machen wird? Egon gehört zu den Naturen, die in der Arbeit ihren Genuß finden, antwortete Louis. Ackermann hörte dieſe Bemerkung mit ſichtlichem Wohlgefallen. Erzählen Sie mir von Ihrem Gönner, ſagte er, rückte Louis einen Stuhl zurecht und öffnete den Deckel einer Havanakiſte, um ihm Cigarren anzubieten. Louis nahm zögernd. Eine chemiſche Zündmaſchine, deren Hahn Acker⸗ mann nur drehte, gab im Nu Feuer und ohne ſich von der fremdartigen, neuen Umgebung nun noch be⸗ engen zu laſſen, theilte Louis ſo viel von ſeinen per⸗ ſönlichen Beziehungen zu Egon mit, als er nur irgend glaubte davon erzählen zu dürfen. Die Beziehungen zu ſeiner Schweſter und zu Helenen verſchwieg er. Ackermann hörte ſehr aufmerkſam zu und beſtätigte das Ergebniß dieſer Mittheilungen mit den Worten: Ja! Ja! Der Fürſt iſt keine gewöhnliche Natur! 7* Wie hätt' ich ſonſt mich entſchließen können, in ſeinen zerrütteten Vermögenszuſtand meine Hand zu ſtecken! Er machte mir einen bedeutenden, und ich kann wohl ſagen, wohlthuenden Eindruck, ſo ſpröde ich mich auch anfangs gegen ihn erwies. Sie kennen ihn genauer? fragte Louis, erſtaunt, daß ihm Egon niemals davon geſprochen hatte... Wohl!, ſagte Ackermann, von jenem Incognito her, das er im Sommer beobachtete, um ſich hier den Zu⸗ ſtand ſeiner Güter anzuſehen. Louis fand in dieſer Aeußerung nichts, was ihn beſtimmen konnte, irgendwie zu ahnen, wie Ackermann den Prinzen mit Dankmar verwechſelte. Egon war in Hohenberg geweſen, Egon hatte Ackermann ſelbſt in ſeiner Gegenwart gerühmt, ohne ſich auf den Ur⸗ ſprung ſeiner Bekanntſchaft mit ihm weiter einzulaſſen. Ich bin durch dieſe für ſeine Jugend überraſchende Laufbahn als Staatsmann umſomehr befriedigt, ſagte Ackermann, als ich die Gefahren zu kennen glaube, in die ein hochgeſtellter junger Adliger nur zu leicht geräth, wenn ſeinem Geiſte nicht die rechte Nahrung geboten wird. Ich fand ihn nahe daran, der Spiel⸗ ball koketter Frauen zu werden. Ein Portefeuille rettet gewiß aus jedem Strickknäuel und wenn es verwickelt wäre, wie der gordiſche Knoten. 10901 Louis erröthete faſt. Er gedachte Helenen's.. Wohl muß ich ſagen, fuhr Ackermann fort, daß ich ſelten ein ſchöneres Frauenbild geſehen habe, als Melanie Schlurck. Welche hohe Vollendung der For⸗ men! Man glaubt jene Statue lebendig zu ſehen, um die Pygmalion ſo unglücklich wurde, als ſie nur von Marmor war! Ja noch richtiger möcht' ich dies Mäd⸗ chen jener Armida vergleichen, die die ernſthafteſten Menſchen bezauberte und Weiſe gezwungen hat, ſich in ihrer Gegenwart für dumm zu erklären. Dauert dieſer Roman noch? Leider konnte Louis nicht ſagen: Nein! Es war ihm nur zu bekannt, daß Melanie Schlurck einen gro⸗ ßen Einfluß auf Egon ſeit ſeiner ihm und aller Welt räthſelhaften Verbindung mit Paulinen von Harder gewonnen hatte. Schon ſeit Wochen war Egon ja gegen ihn der Alte nicht mehr. Seine Aufrichtigkeit hatte zu ſtocken angefangen. Dennoch wußte er, daß er bei Paulinen wie von ſeinen Erſchöpfungen ſich ausruhte, bei ihr ſich in ſeiner natürlichen Art heiter und unbefangen gehen ließ und von Melanie's immer gleicher Laune und ihrer kleinen liebenswürdigen Ge— fallſucht höchſt angenehm unterhalten wurde. Daß Ackermann von einem älteren Verhältniſſe ſprach, Louis nur von einem jüngern wußte, kam in dem Druck der 102 Thatſache ſelbſt, die ſchwer genug auf Louis laſtete, nicht zur Sprache. Auch die folgende Bemerkung Ackermann's, daß es dem Prinzen unter dieſen Um⸗ ſtänden viel Selbſtüberwindung gekoſtet haben müſſe, die Verwaltung ſeiner Güter ganz von dem Vater des ſchönen Mädchens zu trennen, kam nicht zu genauerer Erörterung; denn Louis wußte, wie weit der Terro⸗ rismus gehen konnte, mit dem ſich Egon ſelber zügelte und ſich bis zum Herzloſen auch darin bändigen konnte, daß er Melanien liebte und ihrem Vater dennoch da⸗ rum nicht den geringſten Vortheil bot... Das war ganz in Egon's Art. Ackermann konnte ſich von den Nachforſchungen über Egon nicht ſo bald trennen. Der Gedanke an den jungen Prinzen, den er ſo genau zu kennen glaubte, ſchien ihm von ſolchem Werthe, daß er Louis nach allen Umſtänden ſeines jetzigen Lebens faſt ausforſchte. Als Louis ſeine Neugier befriedigt und ihm be— ſonders von Egon's politiſcher Entwickelung erzählt hatte, ergriff Ackermann die Zeitung, die er bei Louis' Eintreten geleſen und ſagte: Nach Dem, was ich von Ihnen und von ihm ſelbſt weiß, überfällt mich da oft ein ſonderbarer Zweifel, wenn ich ſeine Aeußerungen in der Kammer leſe. Ich finde ihn außerordentlich ſchroff. Er iſt von ſeinen Ueberzeugungen erwärmt... Er; aber dieſe Ueberzeugungen ſind für Andere von einer, ich möchte ſagen puritaniſchen Kälte. Es wird Ihnen nicht unbekannt ſein, daß es in Frankreich eine politiſche Partei gab, die der Doctrinäre... Ihre Politik compromittirte das Königthum. Egon iſt nicht viel beſſer... Er haßte jedoch immer die Politik der Profeſſoren... Es iſt gar nicht geſagt, daß die Doctrinäre Pro⸗ feſſoren ſein müſſen; auch Kaufleute und Advokaten können es ſein, wenn ſie an beſtimmten Doctrinen zu feſt kleben und ſie um jeden Preis geltend machen wollen. Die Politik der jetzigen Uebergangszuſtände unſerer Staaten iſt keine Wiſſenſchaft, ſondern eine Kunſt. Wer dem Geiſte der Maſſen mit einer Lehre und ſei es welche es wolle, entgegentritt, findet Wi— derſpruch von allen Seiten. Ich fürchte ſehr, daß ſich Egon außer ſeinen politiſchen Gegnern, die an und für ſich ſchon durch die Parteien und deren In⸗ tereſſen gegeben ſind, auch noch die Theoretiker auf den Hals ladet. Kennen Sie dieſe Rede? Ich finde ſie bereits zu ercentriſch für ein ſo junges Mini⸗ ſterium. Ackermann zeigte auf eine Stelle der Zeitung, die er Louis hinhielt. Es war wieder das„Ickhrhundert.“ 1948 Man ſah, daß dieſe Zeitung hier überall auf beſtimmte Veranlaſſung gehalten wurde. Louis las den Tag der Sitzung. Es war einige Tage nach ſeiner Abreiſe, daß Egon die folgenden Worte, die Louis laut vorlas, geſprochen hatte: „Denn, meine Herren, woran leidet unſere Zeit? An dem Mangel einer ſichern und feſten Lehre über den Staat? Glauben Sie Das nicht! Sie leidet unter dem Mangel an Geduld und Prüfung. Sie leidet un⸗ ter dem Mangel der Unterordnung und des beſcheidenen Bewußtſeins ſeiner nächſten Pflichten. Wo Sie hin⸗ blicken, werden Sie arbeitende Köpfe und feiernde Hände finden. Ein Jeder bildet ſich ein, wenn nur die theoretiſche Formel, das mathematiſche Geſetz un⸗ ſerer Exiſtenz gefunden wäre, würde dieſe ſich ſogleich darnach ändern ohne unſer Dazuthun. Die Geſellſchaft iſt, ſagt man, krank, meine Herren. Sie iſt es, ich läugne es nicht. Aber die Heilung liegt in uns, nicht in den Geheimmitteln der bisher gerufenen Aerzte. Woran fehlt es überall? An der wahren Däät der Geiſter. Enthaltſam, nüchtern, ſtreng gegen ſich ſelbſt zu ſein, wem fällt Das noch ein? Lurus iſt die Vorſtellung des Reichen und des Armen. Die Phantaſie gaukelt ſich in den kühnſten Idealen von Erdenglück und ſu⸗ chen will Niemand das Erdenglück, nur finden wollen 105 es Alle. O, meine Herren, dieſe Welt kommt mir vor wie das Spiel der Kinder, wo Alle Feldherren, keiner Soldat ſein will. Vergeben Sie mir, daß ich mich an Sie ſelbſt wende, an Sie, die hier verſam⸗ melten Geſetzgeber eines großen Staates. Ich ehre das Recht des Volkes, ſich die Bevollmächtigten ſeiner Wünſche zu wählen. Aber geſtehen Sie, auf jeden von Ihnen kommt, ehe er gewählt wurde, eine ſolche Fülle der Aufregung, an Jeden knüpfen ſich ſo viel Leidenſchaften des Ehrgeizes und der Streitſucht, daß man ernſtlich für eine Geſellſchaft fürchten muß, die ſo durchwühlt wird vom Unbeſtimmteſten, ſo in fieber⸗ hafter Haſt auf Ihre Entſcheidungen wartet, ſo nur vielleicht wartet, bis ein Jeder von Ihnen ſich als Perſönlichkeit und Träger des ihm geſchenkten Ver⸗ trauens würdig zeigt. Ich ehre Ihr Recht der Prü⸗ fung, aber fragen Sie Ihr innerſtes Herz, ob Sie hier Alle auf dieſen Seſſeln ſitzen in dem Beſtreben, das Staatsleben zu vereinfachen und nur die That⸗ ſachen geltend machen zu wollen, die...(Murren. Unterbrechung.)“ Leſen Sie nur weiter! ſagte Ackermann. Louis las, indem ſich ſeine Züge verdüſterten. „Eine Stimme. Sie ſprechen für den Abſolu— tismus. Der Miniſterpräſident. Ich nehme das Wort auf, das Sie mir zurufen. Was nennen Sie Ab— ſolutismus? Glauben Sie, daß ich eine der Frei⸗ heiten verkümmern will, die dieſe Zeiten dem Volke ge— geben?(Neue Unterbrechung.) Eine Stimme. Das dürfte nicht wohl möglich ſein. Der Miniſterpräſident. Ich verachte den Ab⸗ ſolutismus früherer Zeiten, den dieſe Tage niederge⸗ worfen haben. Es iſt ein gefälltes Ungethüm, das vom Schwerte des Zeitgeiſtes St.⸗Georg getroffen zu Boden liegt. Der Abſolutismus der Polizeigewalt und der patriarchaliſchen Despotie wird nie wieder ſein Haupt erheben dürfen. Aber ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen, ob Sie den Staat, wie ihn einmal die Geſchichte nicht als Zufallsprodukt der Privilegien, ſondern als Naturprodukt der Geſellſchaft, der Exiſtenz, des Lebenmüſſens, meine Herren, des Lebenmüſſens überliefert hat, ob Sie, ſag' ich, dieſen Staat jemals für etwas nur Relatives halten können? Eine Stimme. Sophiſtik! Der Miniſterpräſident. Sophiſtik? Sagen Sie Logik, mein Herr! Wer es ehrlich mit dem Wohle der Menſchheit meint, kann keinen Staat und wär' es den kleinſten, zufälligſten, für etwas Relatives halten, 107 für ein zufälliges Ergebniß ewig ſchwankender Beſtim⸗ mungen. Das Abſolute im Staate iſt die Geſellſchaft! Das Abſolute iſt der gegebene Menſch! Dieſer Abſo— lutismus ſoll das Ruder aller Politik ſein oder die Politiker werden Verräther am allgemeinen Wohle, Friedensbrecher, Rebellen nicht gegen den Fürſten und die Krone allein. Nein, Rebellen gegen den Armen, der leben ſoll und nicht leben kann, Rebellen gegen das große Räthſel unſers Daſeins, das man zu löſen ha⸗ ben wird nicht in den Lehrſtuben der Doktrin, nicht in den Bureaux der Beamtenwelt, nicht in den Pa— läſten, ſondern in den Hütten, in den Werkſtätten, in den Kranken⸗ und Siechhäuſern, ja auf den Friedhöfen, meine Herren, unter den Gräbern. Denn der Tod iſt das gelöſte Räthſel dieſes Lebens!(Rauſchender Bei⸗ fall von allen Seiten des Hauſes.)“ Da ſehen Sie nun, unterbrach Ackermann den er⸗ ſchütterten Louis, da ſehen Sie nun, wie die Phraſe die Menſchen regiert! Ah, unterbrach Louis, hier iſt mehr als Phraſe. Nennen Sie es lieber, antwortete Ackermann lä— chelnd, ein Einlenken auf die übliche Heerſtraße der Rhetorik! Ich geſtehe, in Allem, was ich von dem Fürſten in dieſen Berichten nun ſeit acht Tagen ge— leſen habe, bewundern zu müſſen, wie er es verſteht, 108 die Schlagworte der Zeit in Augenblicken der Gefahr zu Hülfe zu rufen. Aber ich ſehe doch, er eskamo⸗ tirt ſie. Wie verſtehen Sie das? fragte Louis beſorgt. Er ficht mit den Waffen ſeiner Gegner. Er ent⸗ windet ihnen die Rappiere, die ſie gegen ihn brauchen wollten und ſchlägt vortreffliche Paraden. Noch bin ich nicht klar, ob er wirklich ein Taſchenſpieler der Begriffe iſt. Nur ehrlich ſein! Nur aufrichtig, Prinz! Er ſoll ſagen, ich bin ein Abſolutiſt! Ich bin beauf⸗ tragt von der Monarchie, ihre ſchwankende Sache zu führen! Was windet er ſich ſo durch die Doctrin von Arbeit und Thätigkeit und Exiſtenz... O mein Herr, unterbrach Louis den ſkeptiſchen Agronomen, der in dieſem Augenblicke an die hohe Stellung ſeines Patrons nicht dachte, dieſe Doctrin iſt ſehr heilig und für den Fürſten unendlich wichtiger als die Spitzfindigkeiten der Advokaten. Die lieb' ich nun erſt gar nicht, die veracht' ich wie unſer lieber Fürſt! Aber Sie ſehen aus dieſer kleinen Probe ſeiner ſchwierigen Stellung— Sie wer— den die Sitzungen mit Aufmerkſamkeit verfolgen— Mein Exemplar ſteht Ihnen immer zu Dienſten— leſen Sie und Sie werden bald merken, daß ſich Egon mit dieſer Theorie von der Entſagung und der Pflicht⸗ 6 109 erfüllung der Menſchen in eine Sackgaſſe verliert, in der ich für ihn ſehr viel Unglück erblicke. Es iſt von Genf her etwas Calpviniſtiſches in ihm ſtecken geblie— ben, er iſt trotz der ſchönen Melanie ein Puritaner und ich wollte, ich dürfte ihm einmal recht den Tert leſen... Ackermann fiel in einen ſo warmen, vertrauten, doch liebevollen Ton über Egon, daß Louis nicht umhin konnte, ihn zu fragen, was er ihm dann wohl ſagen würde? O, ſagte Ackermann, Sie ſind ſein Freund, er hat Urſache, Sie zu lieben; denn durch das wunderbare Labyrinth ſeiner Jugend haben Sie ihn treu geführt. Lehnen Sie dies Lob nicht ab! Egon iſt eine merk⸗ würdige Erſcheinung. Ja, ja! So jung! So reif! So weltklar! Ich ſah es gleich an ſeinen Augen, daß in denen ein Geheimniß ſchlummert. Wenn Sie ihn von mir grüßen und ihm Verſicherungen geben wollen über Das, was ich Ihnen Alles noch von der Praris meiner Pläne zeigen werde, ſo ſagen Sie nur, in der Politik verirre er ſich! Ihm, das ſäh' ich ſchon, wä⸗ ren Kammerauflöſungen, Verfolgungen, Einkerkerun⸗ gen ein Leichtes! Er wird bald alle Mittel verſchoſſen haben, um auf friedliche Art zur Herrſchaft ſeiner Theorieen zu kommen! Er ſoll ſich, ſagen Sie es ihm, 2 110 er ſolle ſich vor den gewaltſamen Mitteln in Acht nehmen; die ſind zweiſchneidig, treffen ihn ſelbſt. Und unſre Zeit will keine Lehre, keine Doctrin, wenigſtens ſieht die ſeine ſo aſchgrau aus, wie da die ganze Flur draußen. Sehen Sie hinaus, wie der Regen tröpfelt! Der ganze Himmel ein großes Sackleinen! Langwei⸗ lige Raben fliegen mit matten Flügeln träge über die entlaubten Bäume hin! Sagen Sie doch Egon, ob er vergeſſen hätte, daß das Alles grün werden muß und daß es im Walde, wo er mit Selma einſt wan⸗ delte, viel fröhlicher ausſieht! Es iſt gar nicht mög⸗ lich, in unſrer Zeit das Evangelium der Pflichten zu predigen. Es iſt grauſam ſogar, den Menſchen allein auf die Arbeit zu verweiſen. Wer arbeitete denn nicht gern? Nur die Belohnung fehlt, nur der Genuß fehlt. Und von dem ſoll er nur machen, daß er ſich in den Grenzen hält! Ich ſage, man ſchlage der Menſchheit das Capitel von der ächten Freude auf, das doch irgendwo in unſern Herzen geſchrieben ſtehen wird. Egon wäre ſehr gut, eine Quäkerkolonie zu gründen. Da mag er ſein Evangelium der Pflichten, ſeine Theorie der Arbeit lehren. Der Adel und die Beamten werden ſo viel, als ſie von ſeiner Lehre brau⸗ chen können, auspreſſen und ihn dann als einen po⸗ litiſchen närriſchen Ascetiker bei Seite werfen. Er 111 bläſt zu rauh, dieſer Boreas! Er ſoll ſich den Son— nenſchein zu Hülfe nehmen! Er ſoll Freude verbrei⸗ ten, erlaubte, unſchuldige Freude. Beſäß' ich ſeine Gabe der Rede, durch Scherz entwaffnete ich meine Gegner und machte alle möglichen Geſichter, nur nicht die eines Schulmeiſters. Louis lächelte über die gute Laune des General— pächters, den er erſichtlich durch ſeinen Beſuch erfreut hatte. Er begriff wohl, wie man hier in ſo einſamer Welt aus den innerſten Geiſtes- und Gemüthsquellen ſchöpfen müſſe, um ſich wach und froh zu erhalten. Er fühlte auch bald heraus, daß Ackermann eine ſehr feine, gebildete Intelligenz war und auf einem höhern Standpunkte, als dem eines excluſiven Landwirthes ſtand. Dabei erwärmte ihn ſeine Hingebung an Egon, von dem er ſo menſchlich, ſo treu und theilnehmend ſprach, ganz ſo, wie es Egon einſt liebte— einſt! ſagte er ſich und verfiel in trübes Sinnen, warum das Alles im Grunde doch ſo viel anders war, als es Ackermann bekannt ſein konnte. Ackermann ſagte nun noch: Es verſteht ſich von ſelbſt, lieber Herr Armand, daß Sie über Mittag unſer Gaſt ſind. Wir eſſen ſchon um zwölf Uhr. Bis dahin zeig' ich Ihnen meine kleinen Vorbereitungen, die erſt in Gang kommen wer⸗ 112 den, wenn zu Weihnachten und Neujahr meine Ma⸗ ſchinen eintreffen... Ich ſoll Ihnen, unterbrach ihn Louis, von Herrn Leidenfroſt viel Grüße ſagen... Dem wackren Techniker! Ihre Maſchinen ſind in Arbeit und werden zur beſtimmten Zeit fertig werden. Für dieſe Nachricht dank' ich Ihnen! Hoffentlich wird man nicht erſt die Dreſchmaſchinen und dann die Säemaſchinen machen, wie es einem Bekannten von mir in Amerika ging, der zum Frühjahr Alles bekam, was er im Herbſte brauchte und im Herbſt, was er im Frühjahr hätte haben müſſſn. Louis lachte über eine Bemerkung, die Ackermann mit den Worten ergänzte: Glücklicherweiſe traf dieſe Nachläſſigkeit einen Mann, der gewohnt iſt, die Pferde manchmal hinter den Wa⸗ gen zu ſpannen, den Baron Otto von Dyſtra, von dem ich geſtern mit der angenehmſten Ueberraſchung geleſen habe, daß er ſeinen Plan, einmal Europa wieder zu beſuchen, bald nach mir ausgeführt hat. Louis hatte vom Baron Otto von Dyſtra noch nichts gehört und nahm keine Veranlaſſung, länger bei Erwähnung dieſes Namens zu verweilen. Er kehrte auf Leidenfroſt zurück und ſprach voll Theilnahme ur un 413 über das umfangreiche Streben dieſes vielſeitigen jun⸗ gen Mannes. O, ſagte Ackermann, Das iſt eine der Naturen, die mir am verwandteſten ſind. Reger Geiſt, fern von jeder Grübelei, fern von jedem ſentimentalen Despotismus. Denn Das ſag' ich Ihnen, lieber Freund, Niemand iſt despotiſcher als die blos Gefühlvollen und kein Menſch iſt meiſt herzlicher als der, der für einen Ver⸗ ſtandesmenſchen gilt. Der Verſtandesmenſch iſt gleich bei der Hand, wo Hülfe noththut. Der Gefühlvolle betet, wünſcht uns das Beſte hienieden und im Jen⸗ ſeits und geht, abſcheulicher als der Phariſäer, an dem von Mörderhand genröffenen Wandrer vorüber, über den er nachher eine Elegie ſchreibt. Das rechte Herz, glauben Sie mir, iſt nur da, wo der Verſtand klar iſt. So ein Gefühlvoller der ſinkt gleich in Ohnmacht und ruft um Hülfe. Hat er ſich einmal aufrecht er⸗ halten, iſt er einmal raſch herbeigeſprungen und hat Jemanden aufgehoben, o welch' ein Aufhebens weiß er dann auch zu machen! Wie ſpiegelt er ſich in der Glorie ſeiner That! Wie beſcheiden lächelt er auf ſeine ſtil— len und nun doch plötzlich ans Tageslicht gekommenen Verdienſte herab! Ich halte es mit den Verſtändigen, die auch darin Verſtand zeigen, daß ſie weit weniger ſprechen, als ich heute thue. Kommen Sie! Kommen Die Ritter vom Geiſte. VII. Sie! Sie ſollen jetzt etwas von meiner Niederlaſſung ſehen. Mit dieſer lakoniſchen Wendung hatte Ackermann ein leichtes Käppchen ergriffen und forderte Louis auf, ihm in den Hof zu folgen. Die Magd brachte draußen einen Schirm und erhielt im Vorübergehen die Weiſung, daß ſie ſich doch wol ſchon auf ein Couvert mehr eingerichtet hätte? Die Magd nickte reſolut, als wollte ſie ſagen: Was denken Sie, Herr Ackermann! Alles beſorgt! Sie ſagte aber: So politiſch werd' ich doch ſein! Dieſe Aeußerung muß uns auffallen; denn ſie war gerade jene unpolitiſche Lieſe, dieſelbe Magd, die beim Heidekrüger Juſtus unter den Weltſtudien ihres Herrn ſo viel gelitten hatte und jetzt in dieſen neuen Dienſt getreten war, während Juſtus in der Reſidenz eine große politiſche Rolle ſpielte und den Chef einer „Fraction“ machte. Raſch eilten die Männer über den Kieſelboden und das naſſe Hofpflaſter hin. Louis überzeugte ſich jetzt erſt, wie jugendlich das Ausſehen des Generalpächters war, wie hoch und ſchlank ſein Wuchs, wie fein ſein ganzes Weſen! Er mußte ſich ſagen, daß Ackermann ſicher einſt eine der ſchön⸗ ſten männlichen Erſcheinungen war. Sein Auge hatte 115 etwas Durchdringendes, ſeine Stirn glänzte edel und hell, die Naſe und der Mund waren von großer Feinheit. Sein ganzes Weſen hatte etwas unendlich Harmoniſches. Oft erinnerte er ihn an Perſonen, die ihm im Leben ſchon werth geworden waren. Rudhard kannte er zu wenig, aber doch fühlte er heraus, daß Ackermann ihm zwar an Verſtand gleich kam, aber mehr Poeſie um ſich verbreitete. Auch an Murray, deſſen Name ihm oft auf die Zunge kam, ohne daß er wagen konnte, ihn auszuſprechen, erinnerte er ihn. Ihre Anſichten hatten zuweilen etwas ſehr Aehnliches. Doch war Murray von Melancholie umdüſtert und erweckte nicht die klare, erwärmende Behaglichkeit, die Ackermann ausſtrömte. Man ſah dieſem Manne an, daß er viel erlebt, viel gerungen hatte. Trotz ſeiner Freundlichkeit gegen Louis, die faſt eine herab⸗ laſſende war, thronte ein hoher Ernſt auf ſeiner Stirn. Nur milderte er ihn durch ſeine Gefälligkeit und den biedern Ton. Wie unermüdet zeigte er ſich, ſeinen Beſuch von Allem zu unterrichten, was, wenn nicht dieſen, doch den Fürſten intereſſiren konnte! Er knüpfte an jeden Raum, den er ihm in den Wirthſchaftsgebäuden öff⸗ nete, lehrreiche Auseinanderſetzungen. Schon erblickte Louis im Geiſte die rührigen Hände, die einſt hier 8* wirken und arbeiten ſollten. Die Maſchinen ſah er ſchon in voller Thätigkeit. Auch in die Mühle führte ihn Ackermann. Hier wurde von Zimmerleuten rege gearbeitet, auch den Schlag des Hammers auf Eiſen hörte er und nicht wenig war er erſtaunt, als er den blinden Zeck erblickte, der mit ſeinem Sohne gemein⸗ ſchaftlich auf einem kleinen in den Boden eingeramm⸗ ten glühenden Heerde die Klammern und Haken noch nachträglich erweichte, die in dieſen oder jenen Balken getrieben werden ſollten. Ackermann zeigte auf das arbeitende Paar und ſagte: Es iſt eine merkwürdige Sicherheit, mit der der Blinde bei den ſchwerſten Aufgaben verfährt. Wie ich hierherkam, hatt' ich ihm von einem in Amerika verſtorbenen Verwandten, über den ich eigentlich nach ſeinem Wunſche ſchweigen ſollte, eine kleine Erbſchaft zu bringen. Dieſe Leute macht ein kleiner Beſitz gleich wunderlich! Wie ich mich hier niederließ, bot er mir das Geld an, um ſich an meinen Unternehmungen zu betheiligen. Er verhieß mir ſogar noch das, was ich einer in der Nähe wohnenden Schweſter ausgezahlt hatte. Urſula Marzahn— ſagte Louis. Sie kennen die Frau? Sie wohnt im Forſthauſe.. Ganz recht. Ich habe ſie einmal in meinem Leben geſehen und muß leider geſtehen, daß ſie zu den Men— ſchen gehört, von denen man ſagt, ſie hätten den böſen Blick. Aus der Art, wie ſie das Geld in Empfang nahm, erkannt' ich, daß ſie geiſteskrank iſt und be⸗ wunderte die Geduld des Jägers, der eine beſchränkte gutmüthige Natur zu ſein ſcheint und eine ſolche Per⸗ ſon nun ſchon ſo viele Jahre um ſich duldet— Seine Nichte iſt jetzt aus der Stadt zu ihm ge— zogen— Viel Aufopferung Das! Ich geſtehe, daß es mir unheimlich wurde in dem baufälligen, einſamen Hauſe. Sehen Sie nur, wie ſicher der Alte arbeitet! Ich be⸗ greife dieſe Augen nicht! Sie ſind klar wie ſehende und doch umhüllt ſie undurchdringliche Nacht. Er hat etwas von der Geſchicklichkeit ſeines Verwandten, der ein großer Künſtler war— Louis wagte nicht zu forſchen. Er ſah, daß Acker⸗ mann im Begriff war, über Murray zu ſprechen. Um ſeine Unruhe nicht zu verrathen, wandte er ſich zu einigen Zimmerleuten, die eine gewaltige Holzſchraube von der Höhe eines ganzen Stockwerkes probirten. Ackermann ging zu den beiden Zeck's hinüber, die ihn ehrerbietig grüßten. Es drängte Louis näher zu treten 118 und zu hören, wie ſich Murray's Bruder, den er nur zu Beſtellung der Stimmſchraube ganz flüchtig ge⸗ ſprochen, äußern würde. Ich ſehe, ſagte Ackermann, Ihr ſeid Beide hier. Habt Ihr denn Leute gefunden, die in der Schmiede arbeiten? Zwei, Herr, ſagte Zeck und hielt ein glühendes Eiſen ſeinem Sohne hin, das dieſer mit der Zange nahm und an dem Balken, wohin es gehörte, behut⸗ ſam einſetzte, während der Blinde folgte und mit dem Hammer zuſchlug, richtig die Stelle treffend, wo die Kraft ſeines Armes nöthig war.. Zwei, Herr! wiederholte er. Im Frühjahr haben wir ihrer noch mehr. Nur gewandte Arbeiter, ſagte Ackermann, mit de⸗ nen Ihr Ehre einlegt! Wir haben viel zu ſchaffen. Unſre Wägen machen wir uns ſelbſt. Es ſoll ſchon rüſtig bei uns hergehen. Der Alte verzog die Miene zu einem ſonderbaren Lachen, das aber ein offenbares Wohlgefallen an der Arbeit und ſicher auch die Hoffnung auf Gewinn ausdrückte. Zugleich lag Neugier in dieſer Miene. Denn Zeck hatte wohl gehört, daß Ackermann nicht allein kam. Dies iſt der Beſuch vom Schloſſe, ſagte Acker⸗ 119 mann, nach dem herangetretenen Louis hinſprechend, er freut ſich, wie wacker es Euch von der Hand geht. Zeck riß die Augen auf und nickte nach der Seite hin, wo er ſich Louis dachte, dem der Anblick dieſes Blinden in einem für ſein Gefühl erſchütternden Zu⸗ ſammenhang mit den ihm bekannten Thatſachen ſtand. Wir kennen uns, ſagte Louis und um nur über die mögliche Erwähnung ſeines im Schloſſe gebliebe⸗ nen Begleiters raſch hinwegzukommen, bemerkte er: Drum fand ich es in Eurer Schmiede nicht zu lebhaft... So, Herr? ſagte Zeck; ja, es ſind zwei Arbeiter eingetreten. Der Eine verſteht ſich auf feine Sachen und kann als Klempner arbeiten. Aber ſie ſind faul. Die Schraube an dem Klavier können Sie uns ſchon anvertrauen. Sind Sie muſtkaliſch? fragte Ackermann. Louis war es im Geſang, aber nicht auf dem Klavier. Er konnte die Wahrheit nicht umgehen und mußte einräumen, daß ihn noch ein Freund begleitet hätte, der kränklich wäre, zurückgezogen auf ſeinem Zimmer lebe und ſich mit Muſik unterhalte. Zeck horchte geſpannt und bemerkte zu Louis' Er⸗ ſtaunen, daß der Blinde in ſeiner neugierigen, drein⸗ lachenden Weiſe ſagte: Die Brigitte ſagt, daß der Herr ja auch etwas vom Fach iſt: Er hat's mit Kupfer, wie wir mit Eiſen. Mit Kupfer? fragte Ackermann ſorglos. Louis, der Murray's Einfall, ihm eine Viſitenkarte zu ſtechen, ebenſo ſehr verwünſchte, wie die Plauder⸗ haftigkeit ihrer Bedienung, bemerkte, daß ſein Begleiter chemiſche Erperimente mache und zuweilen auf Kupfer⸗ platten ätze. Als Ackermann ſich zum Gehen wandte, bemerkte er: Ein Verwandter dieſes Blinden nannte ſich ſchon in England Morton und war ein Kupferſtecher. Wie er dazu kam, hat mir Keiner von ihnen klar machen wol⸗ len. Es ſind verſteckte unheimliche Menſchen. Auch Morton? frug Louis, ohne an dem Namen Morton ſtatt Murray Anſtoß zu nehmen. Morton war ein Sonderling, ſagte Ackermann. Ich lernte ihn auf eigene Art kennen. Er reiſte ein⸗ mal mit einem nicht minder eigenthümlichen Manne, dem Diplomaten Otto von Dyſtra, durch die Vereinig— ten Staaten, faſt immer zu Fuß, viel rüſtiger, als ich ihn in nicht gar langer Zeit darauf in Newyork wieder antraf. Die beiden Wanderer kamen an den Miſſouri, wo ich meine Niederlaſſung unter Engländern hatte. Sie hörten meine verſtorbene Frau in der Farm ein deutſches Lied ſingen. Sie hatte eine helle zum Herzen dringende Stimme. So klopften ſie an mein Thor und blieben lange genug, um die Sängerin ſchätzen zu ler— nen. Otto von Dyſtra wohnte als ruſſiſcher Conſul in Newyork. Er war ein Touriſt von Profeſſion, hatte die halbe Welt geſehen und war der eigenthümlichſte Bequemlichkeitsphiloſoph, der mir jemals vorgekommen. Bequemlichkeitsphiloſoph? unterbrach Louis die freundliche Mittheilung. Verſtehen Sie darunter einen Epikuräer? Ja! Einen Epikuräer des Geiſtes, ſagte Ackermann. Es gibt Epikuräer der Sinne. Ein ſolcher ſoll z. B. der Juſtizrath Schlurck ſein, der früher hier ſchaltete. Es gibt aber auch Epikuräer des Geiſtes. Unter ih⸗ nen verſteh' ich Menſchen, die auf Alles nach Wohl⸗ gefallen dilettiren, die jede Wahrheit zu ſchätzen wiſſen, ohne ſich für eine zu erklären, Männer des Studiums und eines unermüdlichen Wiſſenstriebes, Reiſende, de⸗ nen es nirgends Ruhe läßt, Verſchönerer der Natur, mit einem Worte Menſchen, die glücklicherweiſe ſo reich ſein müſſen wie Otto von Dyſtra, um ſich ſo durch die Welt tummeln zu können, wie er es liebt. Und ein ſolcher Komet paßt in die ruſſiſchen Bah⸗ nen? fragte Louis erſtaunt. Für Petersburg ſchwerlich, ſagte Ackermann. Aber Rußland hat die weiſe Art, ſeine Diplomatie nach den 122 Ländern einzurichten, in denen ſie wirken ſoll. Die deutſchen Geſandten des Zaren ſind oft halbe Gelehrte, ſeine italiäniſchen Geſandten ſind Kunſtliebhaber, die franzöſiſchen ſind Liebhaber der Intrigue, die engliſchen ſind Wettrenner und Dandies. In Nordamerika läßt ſich der Zar durch halbe Republikaner vertreten, die in den Ton und die Denkweiſe jener Länder wenigſtens einzugehen verſtehen. Dem reichen Kurländer Otto von Dyſtra hat man vergebens große Summen geboten, die eigentliche Botſchafterſtelle in Waſhington anzu⸗ nehmen. Er begnügte ſich mit dem Conſulat in New⸗ vork, weil es ihm Gelegenheit zu Menſchenſtudien bot, die ihm die liebſten ſind. Daß er jetzt in Europa, in unſrer Nähe iſt, überraſcht mich. Ich verſäumte von ihm Abſchied zu nehmen. In Europa kann der Zar dieſe Perſönlichkeit zu keinem ſeiner Zwecke mehr brauchen, umſoweniger, als er abſchreckend häßlich iſt. Wie wurde wol Murray mit dieſem Manne be⸗ kannt? fragte Louis. Murray? ſagte Ackermann und verbeſſerte: Morton! Morton! wiederholte Louis. Morton war ein Kupferſtecher und hatte für Otto von Dyſtra Karten geſtochen. Dies wurde die Ver⸗ anlaſſung gemeinſchaftlicher Reiſen. Zwei wunderliche Gegenſätze! Otto von Dyſtra, klein, verwachſen, ganz 123 — Epikuräer, Morton ganz Stoiker. Von ſeinem frü⸗ hern Leben hab' ich aus dieſem alten Zeck nicht viel — herausbringen können. Er war tiefſinnig, religiös, hypochondriſch. Ich glaube, daß ihn die Sekte der t Shakers, deren Religionsübungen er zuweilen bei⸗ wohnte, verwirrt gemacht hat. Dyſtra nahm Morton G ſo wie er ſich gab und ließ ihn als eine Curioſität ) gelten. Einige Male, daß ich in Neuyork war, ent— deckt' ich ſogar, daß Morton wohlhabend genannt werden konnte. Er hatte ein ausgebreitetes Geſchäft 3 auch mit Metallbuchſtaben, die er neu bei uns ein⸗ führte. Ich erinnere mich noch der ſchönen Ueber⸗ raſchung, die er mir durch eine Kiſte Metallbuchſtaben machte, als meine Frau ſtarb. Da haben Sie, ſchrieb er, in vierfacher Anzahl das deutſche Alphabet! Setzen Sie daraus ein Wort der Erinnerung an Ihr gutes Weib zuſammen! Die Buchſtaben, die in dem Worte:„Dulderin“ vorkommen, ſchick' ich Ihnen doppelt. Sie werden ſie brauchen können in Ih⸗ rer Inſchrift, die Sie an dem metallenen Kreuze mit kleinen Schrauben, die ich gleichfalls beilege, be— feſtigen müſſen. Ackermann ſchwieg eine Weile. Auch Louis war durch einen Zug, der ſeinem neuen Freunde und Ver⸗ trauten ſo ähnlich ſah, gerührt... 124 Morton, ſchloß Ackermann, ſchrieb mir, als ich ihm auf dieſe Sendung dankte und anzeigte, ich würde nun nach Europa, wenn nicht für immer, doch für einige Zeit zurückkehren, ich möchte mich einigen Auf⸗ trägen für Deutſchland unterziehen. Er wies mir die kleinen Summen an, die ich ſeinen Verwandten brin⸗ gen ſollte und empfahl ſich, mit einem ſonderbaren Ausdruck, meinem Andenken und meiner Gerechtigkeit. Als ich in Newyork nach ihm ſuchte, hieß es, er wäre ſpurlos verſchwunden. Sein Beſitzthum hatte er ver⸗ kauft und wahrſcheinlich einer milden Stiftung über⸗ macht. Ihn ſelbſt ſuchte man überall vergebens. Die Entdeckung von Kleidern, die ihm gehörten, an einer Uferſtelle des Hudſon läßt faſt vermuthen, daß er in einem Anfalle von Hypochondrie ſich das Leben ge⸗ nommen hat. Ackermann und Louis waren während dieſer Mit⸗ theilungen wieder zu dem Wohnhauſe zurückgekehrt. Louis, vertieft in die Möglichkeit, daß ſich Ackermann und Morton begegneten. Er merkte kaum, daß ihnen ein Kind entgegengeſprungen war und gerufen hatte: Selma's Stunde iſt aus! Zum Eſſen, Onkel! Ackermann bemerkte, daß dieſe Kleine dem Pfarrer von Pleſſen Herrn Guido Stromer gehörte und von ihm und Selma auf längere Zeit in den Ullagrund genommen —V—Vʒ:—— rrer ihm men 125⁵5 wurde. Wäͤre ſie lange genug da, ſo käme ein andres von den Kindern an die Reihe und Alle müßten ihn Onkel nennen, damit die armen Kleinen, die einen Vater hätten und doch auch wieder keinen, an Men⸗ ſchenliebe nicht irre würden. Von Oleander bemerkte Ackermann, daß er ſeiner Tochter täglich Stunden gäbe und ihn als einen ſinnigen, vielleicht zu beſcheidenen und träumeriſchen Menſchen ſchätzen müſſe. Die kleine Hedwig, ſo hieß Stromer's zweite Toch⸗ ter, die gerade jetzt an der Reihe war, im Ullagrunde weilen zu dürfen, zog den Onkel in das Haus und in die Thür, die neben der zu Ackermann's Zimmer führenden lag. Geöffnet bot ſie den Anblick eines zwar niedrigen, aber traulichen Wohnzimmers. Alle Möbel, von Kirſchbaumholz, waren neu und ſtachen mit ihrem blaſſen Glanze gegen die dunkle Färbung der Wände angenehm ab. Ein großer Flügel ſtand aufgeſchlagen. In der Mitte des Zimmers war ein runder Tiſch gefällig gedeckt. Im Ofen praſſelte ein belebendes Feuer. Am Fenſter ſtand ein Nähtiſchchen für Selma. Ueber ihm hing ein Bücherbord mit zwei Reihen engliſcher und deutſchen Claſſiker. Im Eck ſtand ein Fachwerk mit bronzenen und gläſernen Nipp⸗ ſachen. Es ſchienen langgeſammelte Andenken. Man⸗ ches war ohne Zweifel vom Transport zerbrochen, — 126. ſtand aber doch wie eine heilige Reliquie, wohlgeord⸗ net, unter allerhand kleinen ſcherzhaften Spielereien. Oleander, der am Bücherborde in einem Gold⸗ ſchnittbändchen blätterte, grüßte die Ankommenden. Da ſteht ja ſchon die Suppe! ſagte Ackermann. Wo iſt Selma? Sie zieht ein ſchön'res Kleid an! verrieth Hedwig Stromer. In dem Augenblick öffnete ſich das Nebenzimmer 1 und Selma, hocherröthet, ſich gegen Louis leicht ver— neigend und um Entſchuldigung bittend ob der Ver⸗ zögerung, trat herein und gab, ſogleich einen Stuhl ergreifend, das Zeichen, daß man ſich zu Tiſche ſetzte. Fünktes Capitel. Deutſche Liebe, deutſches Leben. Selma's Erröthen hatte ohne Zweifel ſeinen Grund darin, daß ſie ſich des Beſuchers ſehr wohl von jenem Tage erinnerte, wo ihr Vater mit dem Juſtizrathe Schlurck ſo heftig aneinander gerieth und Louis mit der vom Vater ſo ſehnlich erwarteten Botſchaft ein⸗ trat, der todtkranke junge Fürſt genehmige die An⸗ träge des Amerikaners. Damals war ſie Selmar, der Knabe. Heute ſah ſie Louis als Mädchen und ſo wohlbekannt ihr auch der geringe Stand dieſes Be⸗ ſuches war, ſo wußte ſie doch, wieviel der Fürſt auf Louis hielt. Vor aller Welt war ſie mit leichter Mühe in die neuen, ihr eigentlich gebührenden Kleider ge⸗ ſchlüpft. Bei Louis ahnte ſie zuerſt, was ſie wol fühlen würde, wenn ſie einmal, wie ſie doch hoffte, dem ihr ſo theuer gewordenen Fürſten Egon ſelbſt begegnen ſollte. 128 Da Louis aus Beſcheidenheit, Oleander aus Ge⸗ wohnheit ſchwieg, ſo mußte ſich wol Selma zuſam⸗ menraffen, um das Geſpräch zu führen. Sie legte mit großer Geſchicklichkeit vor. Louis beobachtete ihr Weſen, ihre innere und äußere Erſcheinung, mit gro⸗ ßem Gefallen. Sie war zierlich gewachſen, ſchlank und behend. Das kaſtanienbraune Haar trug ſie noch kurzgeſchnitten. Es war noch von der Knabentracht her nicht länger gewachſen. Die lockige Biegung, in der es auf den weißen Nacken fiel, machte einen ſehr einnehmenden Eindruck. Das Kleid, das ſie raſch angezogen hatte, war blau. Ueber den obern Theil deſſelben fiel ein reicher geſtickter Kragen. Ein blaues geripptes Band umſchloß die Taille und kreuzte ſich unter einer emaillirten Schnalle. Von Fiſchbein und engem Geſchnür war keine Spur. Man hatte in dem weiten und vollkommenen Kleide den reinen Ausdruck ihrer natürlichen Formen. Das dunkelblaue Auge, die weißen Zähne, ein ſchöngeſchnittener Mund waren die Zierde des lieblichen Antlitzes. Beſonders anmu⸗ thig machte ſie ihr Lächeln. Um den Mund ſpielte dann eine Schalkhaftigkeit, die Jeden beſtricken mußte. O, ſagte Selma, als die Suppe von einer zwei⸗ ten Magd abgetragen wurde, es iſt nur gut, daß ich dem Fürſten einmal durch Sie, Herr Armand, ein ernſtes Wort ſagen laſſen darf. Ich bin ihm nicht mehr gut. Warum, mein Fräulein? Als er in Hohenberg war, ſagte Selma, und ich mit ihm zum Forſthauſe durch den Wald ging, wie ſprach er da ſo warm und theilnehmend von Amerika! Ich albernes Kind tappte recht wie die Fliege in die Milch, ſo ſüßen Zucker ſtreute er auf Amerika! Aber was hab' ich nun erſt vor kurzem leſen müſſen! In der Kammer, wo ſie ſich im Zank und dem Alles⸗ beſſerwiſſen üben, hat er ſo abſcheulich über Amerika geſprochen, ſo abſcheulich! In der That? ſagte Louis erſtaunt. Haben Sie's denn nicht in der Zeitung geleſen? ſagte Selma und ſchob dem Vater das inzwiſchen hereingebrachte Rindfleiſch zum Tranchiren hin und machte es ihm dazu mit Meſſer, Gabel und dem Wegräumen aller hindernden Gegenſtände bequem; haben Sie's denn nicht in der Zeitung geleſen, wie ſchlimm er es nun mit uns meint? Ich bin ſeit acht Tagen von der Reſidenz entfernt. Ich weiß es auswendig, ob es gleich ſo klingt, daß ich es lieber gleich hätte vergeſſen ſollen.„Ihr beruft Euch auf Amerika“, ſagte er,„einen Staat, den ich verehre, wie ich etwa eine ſolide Handelsfirma Die Ritter vong Geiſte. VII. 9 130 verehre. Ich habe die größte Achtung vor der Ge⸗ ſchäftskenntniß und der Zahlungsfähigkeit eines Lon⸗ doner oder Hamburger Hauſes, allein werd' ich das Haus Rothſchild fragen, was es von dem Schienen⸗ bau der Eiſenbahnen hält, zu denen es das Geld vor⸗ ſtreckt? Werd' ich Hope Amſterdam fragen, ob Schelling oder Hegel der philoſophiſchen Welt näher ſtehen? Laſſen Sie Amerika über Alles entſcheiden, was in ſein Bereich gehört; aber über Europa, über dies nun einmal ſo und nicht anders geformte Gewächs der Geſchichte, laßt Europa zu Gericht ſitzen!“ Fräulein, ich bewundre Ihr Gedächtniß! ſagte Ole⸗ ander erſtaunt. So gründlich haben Sie bis jetzt noch keine hiſtoriſche Thatſache behalten. Und doch iſt auch dieſer Satz eine Thatſache, fiel Ackermann ein. Der Fürſt hat Recht. Nur ſollt' er vorſichtiger ſein mit den Dingen, die er von den Kauf⸗ leuten nicht vorausſetzt. Die Kaufleute ſind ſehr em— pfindlich und für einen Staatsmann ſcheinen mir Scherze über das Haus Rothſchild gewagt. Nein! Nein! fiel Selma ein. Den Fürſten hab' ich aus dieſen kalten Worten nicht wieder erkannt. So bitter ſprach er im Walde nicht! Und du, Vä⸗ terchen, geſteh' es nur ein, daß du ſelber ſagteſt: Wie — 131 inconſequent! Er verſpottet die Banquiers und borgt doch von ihnen! Ackermann warf Selma einen verweiſenden Blick zu. Louis ſprach offen ſeine Vermuthung aus, daß Ackermann wol von des Perſen Anleihe bei dem Hauſe Reichmeyer gehört hätte. Leider! ſagte Ackermann. Ich hätte nicht gewünſcht, daß ſich der Fürſt die Schwierigkeiten ſeiner Lage ver⸗ mehrte. Er ſetzte dabei offen die ganze Mislichkeit der Lage Egon's auseinander. Er erzählte, wie entmuthigend die Reſultate wären, die er aus den Büchern bei dem Juſtizdirektor entnommen. Er hätte Verwirrung über Verwirrung angetroffen und könnte für nichts gutſagen, wenn der Fürſt immer wieder auf's neue die Schul⸗ denlaſt vermehrte. Sonſt hätt' er geglaubt, in zehn Jahren Einnahme und Ausgabe, Soll und Haben, auszugleichen... Ei, ſagte Selma ſpottend, als Louis ſchwieg, Das ſeh' ich nicht ein! Der Fürſt will leben wie ein Fürſt. Seit er bei Hofe geliebt und verehrt wird, ſeit ihn die vornehmen Damen verziehen, hat er ſich glänzende Livreen, neue Wagen und Pferde anſchaffen müſſen. Iſt es denn wahr, daß er ſo eitel iſt und auf jeden Teller ſein E. mit der Krone malen läßt? 2 7 9* 132 Alles Das ſprach Selma mit der kindlichſten Un⸗ befangenheit. Man ſah, ſie glaubte mit dem Fürſten ſich etwas erlauben zu dürfen. Er hatte ihr in ihrem Glauben ſo nahe geſtanden, ſich ihr ſo zutraulich an⸗ geſchmiegt. Warum ſollte ſie nicht ſo weit gehen, ſogar zu ſagen: Hätt' ich ihn nur hier! Wie würd' ich ihn aus⸗ lachen mit ſeinen bunten Tellern, die mir für die kleine Hedwig da zum Buchſtabirenlernen am paſſendſten ſcheinen! Oleander betrachtete die Eifernde mit Wohlgefallen, Louis nicht ohne Verlegenheit, denn er fühlte ſich ſelbſt in Egon beſchämt.. Herr Oleander kam nun ein wenig mehr aus ſei⸗ ner Einſilbigkeit heraus. Da wir wiſſen, daß dieſer junge Gottesgelehrte es verſchmähte, auf den Grund einer Heirath mit dem älteſten Fräulein Gelbſattel befördert zu werden und es vorzog, dies ſtille und wenig einträgliche Vikariat auf dem Lande zu übernehmen, ſo empfinden wir ſchon eine gewiſſe Hochachtung vor ihm. Louis be⸗ merkte bald, daß der junge Gelehrte, den er ſeines Namens wegen noch immer nicht zu befragen wagte, die liebliche Selma in ſein Herz eingeſchloſſen hatte. Die Art, wie der Herr Candidat Selma bei Tiſche 133 kleine Aufmerkſamkeiten erwies, verrieth Dies. Er konnte ihn jetzt erſt recht von ſeinem völlig zuge⸗ wandten Antlitz betrachten. Oleander war ſehr groß und mager. Den Kopf trug er etwas übergebeugt. Seine Züge waren ſtarkknochig, verriethen aber Geiſt. Das Haar hing ſchlicht und wol zu wenig gepflegt herab. Das Auge verrieth eine ſtille ernſte Ruhe, ſtand aber oft wie nach innen gekehrt und ſchien einen abweſenden, träumenden Sinn zu verrathen. Es war geröthet wie von ſtarkem Blutandrang oder von Nachtlektüre. Sein ganzes Weſen hatte etwas, das Louis ſehr an ſeinen geliebten Siegbert erinnerte. Doch fehlte Oleandern deſſen aufmerkſamer, theilneh⸗ mender, Jedem liebevoll zugewandter Sinn. Oleander ſchien mehr ein Egoiſt des Gemüthes, eine jener un⸗ ſchuldigen Naturen zu ſein, die wie der Vogel auf den Zweigen unbekümmert um Andre ihr Daſein hinleben. Er geſtand ſich, er hätte ihn wol einmal mögen pre⸗ digen hören. In manchen franzöſiſchen Werken erin⸗ nerte er ſich, junge lebensunerfahrene Geiſtliche ſo ge— ſchildert geſehen zu haben, wie er hier wirklich einen proteſtantiſchen fand. Von den katholiſchen mußte er ſich ſagen, daß die Dichter, beſonders Lamartine, dieſe Gattung Dorf⸗Vikare zu ſehr verſchönerten und die idylliſche Natur der Schweiz oder Südfrankreichs, in denen ſie leben und wirken ſollten, auf ihr eigenes Weſen übertrugen. Louis Armand erinnerte ſich, bei allen katholiſchen Geiſtlichen einen Trieb zur Welt⸗ lichkeit und Geſelligkeit gefunden zu haben, der dieſem träumeriſchen Oleander gänzlich zu fehlen ſchien. So hatte er die Einladung, die ihm höchſt drin— gend geſtern Abend und heute früh die Gemahlin des Herrn von Zeiſel an Herrn Ackermann und Fräulein Selma für morgen aufgetragen, ganz vergeſſen. Erſt als Louis zufällig von der erneuten Nachfrage nach den Büchern der Verwaltung auf Herrn von Zeiſel kam und ſeine Freude ausdrückte, daß doch, wie die Einladung auf morgen beweiſe, zwiſchen dem neuen Generalpächter und dem alten Verwalter keine Span⸗ nung obwalte und Ackermann und Selma gefragt hatten, welche Einladung? erſt da beſann ſich Olean⸗ der auf den ihm gegebenen dringenden Auftrag. Und Das konnten Sie vergeſſen, Freund? lachte Ackermann; eine ſo überraſchende Einladung! Die erſte, ſeit wir Nachbarn und freilich auch die unwill— kommenen Gegner der Frau Juſtizdirektorin ſind? Was ſagſt du dazu, Selma? Ich überlege ſchon meine Toilette, antwortete Selma mit der größten Offenherzigkeit. Einer ſo ſtrengen Rich⸗ terin der Mode, wie Frau von Zeiſel, wag' ich mich 135 noch nicht auszuſetzen. Es iſt gewiß, wir finden dort, zu Ehren des Herrn Louis Armand, Alles zuſammen, was ſich nur an Honoratioren auf drei Meilen in der Runde auftreiben läßt. Es iſt gut, daß du ſagſt zu Ehren des Herrn Louis Armand, ſonſt würd' ich nicht hingehen! be⸗ merkte der Vater. Um's Himmelswillen, fiel Oleander ein. Thun Sie mir Das nicht an! Wie dank' ich Ihnen, Herr Armand, daß Sie mich an dieſen Auüftrag erinnert haben. Sie kennen Frau von Zeiſel nicht. Ich ver⸗ ſichere Sie, daß ſie ſeit Ihrer Ankunft nicht ſchläft und über die Vorbereitungen zu dem morgenden Diner Alles, Alles vergißt, höchſtens ihren Stammbaum nicht. Oleander thaute, wie Louis ſah, allmälig auf. Ich habe mir in mein Taſchentuch, ſagte er, vor ihren Augen drei Knoten machen müſſen, das Tuch in meinen Hut gelegt und nun will der Zufall, daß ich wegen des Regens die Mütze nehme und obenein ein neues Taſchentuch. Wenn ich Das nun vergeſſen hätte! Sie hätte mich nächſten Sonntag in meiner Predigt irre gemacht durch die rollenden Augen, die ſie Einem zuwerfen kann! Dank! Dank Ihnen! Man mußte lachen. Ackermann gab ſich darein, zu kommen. 136 Nach Tiſche, ſagte Selma, können wir ja einmal das Schloß beſuchen. Noch niemals waren wir in den Zimmern und immer verſprichſt Du es, Vater. Jetzt wäre die beſte Gelegenheit! Ackermann antwortete darauf nicht. Es ſchien ihm nicht lieb zu ſein, an dies Verſprechen erinnert zu werden. Um von dem Gegenſtande abzukommen, gab er Louis Veranlaſſung, wieder von ſich ſelbſt, von ſeiner Heimat, ſeiner Jugend zu ſprechen. Auch nach ſeiner Schweſter fragte Ackermann jetzt und erzählte, was er von Egon's Beziehung zu ihr wußte, mit ab⸗ ſichtlich hervorgehobenem Nachdruck. Louis erſchrak über dieſe Fragen und auffallend war ihm, daß ſich 6 Ackermann mit der Erwähnung ſeiner Schweſter nicht beruhigte, ſondern auch von Helene d'Azimont und zuletzt von Melanie ſprach und wie abſichtlich er her⸗ vorhob, daß Egon's Charakter den Frauen gegenüber leichtſinnig wäre und von einem ſittlichen Standpunkte aus keine Rechtfertigung finden könnte. Die Wirkung dieſer für Louis peinlichen Erörte⸗ rungen auf Selma fiel ihm auf. Das Blut ſtieg dem holden Mädchen in die Wangen. Sie wurde unruhig. Sie plauderte mit dem Kinde, ohne daß ſie darum aufhörte, dem Geſpräche der Männer zuzu⸗ horchen. Oleandern, den die Mittheilungen intereſ⸗ — 137 ſirten, zog ſie ſogleich von ihnen ab und verwickelte ihn in ein andres Geſpräch. Erſt als Ackermann merkte, daß ſeine, wie es ſchien, abſichtliche Erörterung dieſer Herzenschronik des jungen Fürſten von Selma nicht mehr beachtet wurde, brach er ab und ging auf gleichgültige Dinge über. Seid Ihr fertig, rief jetzt Selma, fertig mit dieſen Verleumdungen? Freilich der Tod Ihrer guten Louiſon iſt keine Verleumdung. Sie wiſſen wohl, wo ſie ruht und woran ſie ſtarb, die Gute! Aber Helene und Melanie! Das Alles mag in Wahrheit viel anders ausſehen, als die Juſtizdirektorin es Dir neulich auf⸗ geheftet hat! In der Zeitung ſteht, Helene d'Azimont iſt abgereiſt und Melanie— Nun, Selma? fragte Ackermann lächelnd, aber mit ſcharfem Blicke. Melanie iſt ſchön! ſagte das gepeinigte Mädchen. Ich ſah ſie hier zu Pferde... wie eine Königin... o ſo ſchön! Louis freute ſich der Bemerkung, daß Helenen's Abreiſe in der Zeitung beſtätigt war. Er hatte davon gehört, es nicht glauben mögen, nun ſchien es doch gewiß, daß Egon wenigſtens von dieſer Seite frei war. Die Zeitungen brachten Ackermann jetzt auf den Wildungen'ſchen Prozeß, der ihn gleichfalls zu intereſ⸗ ſiren ſchien. Lebhafte Freude empfand er über die Mittheilung, daß Louis dieſe beiden Brüder Wildun⸗ gen kannte. Er fragte nach der Mutter der Brüder und hörte voll Bedauern, daß ſie krank ſei und Dank⸗ mar nach Angerode auch deshalb gereiſt war, um ſie aus der Pfarrwohnung, die kalt und ungeſund ſein ſollte, in eine behaglichere überzuſiedeln. Als Louis das Tempelhaus von Angerode erwähnte, ſagte Acker⸗ mann faſt vor ſich hin mit eignem aber auffallendem Ausdruck: Das Tempelhaus von Angerode! Kennen Sie es? fragte Oleander. O wohl kenn' ich es aus meiner Jugend, beſtätigte Ackermann; bin ich doch ſelbſt ein Thüringer und nicht weit von der güldenen Aue geboren! Wohl kenn' ich das ſtolze Gebäude von rothen aus dem Harz gebro⸗ chenen Sandſteinen! Die Fenſter, immer zu zwei und zwei, dicht beiſammen, verbunden durch einen Pfeiler, den ein Thier oder ein Engel oder ein Heiliger ziert. Die Fronte iſt in Form eines Giebels gebaut, der immer ſpitzer und ſpitzer zugeht. Hinter dem Tempel⸗ h zuſe die St.⸗Johanniskirche. Zur Seite ein altes Tonvikt— Dort fand Dankmar Wildungen die Papiere, die — die Anſprüche ſeiner Familie verbürgen, ergänzte Louis. Ich kenne dieſe Anſprüche, ſagte Ackermann. Die Familie Wildungen iſt eine der älteſten in Thüringen. Sie ſtammt von einem Grafengeſchlechte, deren Ahnen ihr Grab bei den Sarazenen fanden. Hugo von Wil⸗ dungen war ein Mann von ernſter Strenge, nicht verweichlicht durch den weltlichen Sinn, der die Auf⸗ löſung der Johanniter in Thüringen, die weithin Be⸗ ſitzungen hatten, zu einem leichten Spiele der Refor⸗ mation machte. Ich kenne die Familientradition der Wildungen. Den Jüngſten ſah ich nie. Den Aelteſten hab' ich oft als kleinen Buben auf meinen Knieen geſchaukelt. Iſt er Maler geworden, der kleine blonde Siegbert? Louis wurde nicht müde, von den Brüdern zu be⸗ richten und bat zuletzt, ob er ihnen von Herrn Acker⸗ mann nicht eine ausführlichere Kunde bringen dürfe? Der Name Ackermann wird im Gedächtniß dieſer Kinder nicht leben, ſagte Selma's Vater. Sagen Sie ihnen nichts von mir, wär' es auch nur, um zu ver⸗ hindern, an die Vergangenheit zu denken. Der Rück⸗ blick auf ihre Jugend kann dieſen Jünglingen nicht m die ſchöne violette Färbung getaucht ſein, in welcher die thüringiſchen Berge am Horizonte ſich malen. Ach, 2 140 ſie hatten einen Vater, den alles Misgeſchick ver⸗ folgte, eine Mutter, die erſt über die Brücke der Kin— derliebe ganz zum Herzen des Gatten ſich neigte. Um ſo glücklicher, wenn ſie einer märchenhaften Zukunft zuſteuern und ſich mit entſchloßner Hand ihr eignes Lebensloos zu ziehen wagen aus einer hochgeſtellten Urne! Sagen Sie ihnen nichts von mir! Bewegt ſtand Ackermann auf. Das kleine für die ländlichen Entbehrungen ſehr gewählt geweſene Mahl war vorüber. Man wandte ſich in das offenſtehende Zimmer Ackermann's, wo die Zurüſtungen mit Taſſen und Kannen ſchon in aller Stille von den Mägde⸗ händen hergerichtet waren.. Ackermann bot ſeinen Gäſten Cigarren, ohne jetzt ſelbſt zu rauchen. Selma, ſagte er, zeige Herrn Armand, wie wir am Miſſouri und an der kleinen deutſchen Ulla unſre Feſte feiern, damals als die Mutter lebte und jetzt, wo wir von ihrem Andenken zehren... Selma ſetzte ſich an den Flügel und präludirte einige Takte, während der Tiſch abgedeckt wurde und die kleine Hedwig, die ſchon leſen konnte, fragte, welche Noten ſie ihr ſuchen ſollte. Beethoven! bat Oleander. — (2 141 Fallen Ihnen da die beſten Reime ein? fragte Ackermann. Gedanken, nicht Reime, ſagte Oleander. Und dann mit den Gedanken auch die Reime. Und mit dem Beethoven, rief Selma vom andern Zimmer herein, wirkt bei Herrn Oleander auch die Digeſtion auf die Phantaſie. Wie? die Verdauung? ſagte Ackermann. Schämen Sie ſich! Sind Sie da noch ein wahrer Dichter? O, bemerkte Oleander erröthend, leider hab' ich neulich Selma geſtehen müſſen, daß ich die proſaiſche Bemerkung gemacht habe, wie ich unmittelbar nach Tiſch die größte Elaſtizität des Geiſtes habe und Bil⸗ der, Anſchauungen, Gedanken plötzlich finde, die ich ſogar in nächtlicher Stille vergebens ſuchte. Fräu⸗ lein Selma hat darüber einen Spottvers gemacht. Sagen Sie ihn! Statt aller Antwort ſchlug aber Selma mit gewal⸗ tiger Kraft die erſten Accorde der Sonate pathétique an und ſchnitt damit die weiteren Erörterungen ab. Acker⸗ mann lehnte ſich ein wenig in die Sophaecke, Olean⸗ der, ſeinen Kaffee trinkend, folgte dem fertigen und gewandten Spiele des jungen Mädchens, das der Muſik zu bedürfen ſchien, um ſich von namenloſen Empfindungen, die ſie beſchlichen hatten, zu befreien. 14232 Während noch Selma in dem Adagio begriffen war und mit großer Reinheit die erſten Läufe, per⸗ lenden Thautropfen gleich, wie aus ihren Fingern gleiten ließ, überdachte Louis Armand die Situation, in der er ſich befand. Er konnte ſichsnicht verſchwei⸗ gen, daß in dieſem kleinen einſamen Kreiſe ein Ele— ment waltete, das ihm neu und fremdartig war. Die ſinnige kleine Welt des höheren Bürgerlebens, verbun⸗ den mit den freien und großartigen Anſchauungen eines fremden Welttheils, verbreitete hier eine Atmoſphäre, die um ſo wohlthuender auf ihn wirkte, als er überall im Geſpräche auf die Grenze der reinſten Sittlichkeit geſtoßen war. Er hatte ſo viel Ungewöhnliches, Ab⸗ normes ſeit einer Reihe von Jahren erlebt, daß ihm dieſe Lebenskunſt, die hier nach dem Tumult einer großen Reiſe ſchon ſo raſch einen kleinen Tempel der Häuslichkeit aufbauen konnte, etwas Ehrwürdiges hatte und er ſich nur untergeordnet und aufnehmend fühlen mußte. Es gibt auch kaum etwas Gefälligeres, als einen feingebildeten, weltklugen Vater, der ſich ganz der Etziehung eines einzigen geliebten Kindes widmet, in der Tochter die hingeſchiedene Mutter ehrt und für ſich zuerſt all' die milde Liebe und ſittliche Un⸗ ſchuld eines ſolchen ſich entwickelnden jungen Weſens einathmet. Wie bewegt lauſchte Ackermann dem unbe⸗ gewohnten Unterricht fort, den er ihr nun ſchon ſeit 143 wußt gefühlvollen Spiele Selma's! Klar erkannte man bei Selma die Abſicht, mit ihrem Spiele nur den Beweis ihres Talentes, ihrer Fortſchritte, ihrer guten von der Mutter gelegten Grundlage zu geben, ſie ſentimentaliſirte nicht mit der Muſtik, ſie gab eine Uebung, die ihrer Bildung entſprach, ſie ſpielte Denen zu Liebe, die ſie hörten und doch war ihr Spiel voll Seele und Schmelz. Zum Geſange, zu dem ſie Oleander aufforderte, konnte ſie ſich nicht entſchließen. Dafür ſuchte ſie noch einige andre Meiſterwerke hervor und wußte ſie alle mit gleicher Correktheit wiederzugeben. Zuletzt klagte ſie, daß ſie Kopfweh hätte und that ſogar gegen die beiden Stunden, die ſie heute noch bei Oleander zu nehmen hatte, Einſpruch. Laß es mit einer bewenden! ſagte der Vater. Ich führe indeſſen unſern Gaſt noch einmal in das Gehöft meines Nachbars. Um drei Uhr mögen Sie dann mit unſerm guten Oleander zurückfahren, der, wenn wir morgen bei Zeiſel's ſind, dann bis übermorgen von uns verſchont iſt und einige ſeiner lyriſchen Win⸗ terſchauer dichten kann. Oleander ſetzte auch mit Selma, die ſich mit leich— ter Verbeugung Louis empfahl, in ihrem Zimmer den 144 zwei Monaten in Geſchichte, Erdkunde, Geſchmacks⸗ lehre, Literatur ertheilte. Louis verſtand die Andeu⸗ tungen, die über den Vikar gefallen waren, hinläng— lich, um ſich zu entnehmen, daß er in ihm einen Genoſſen zu begrüßen hatte, einen Prieſter der dich⸗ tenden Muſe. Nun begriff er erſt, warum Oleander auf der Herfahrt tief in ſich gekehrt war und an ein⸗ zelnen flüchtigen Erſcheinungen ein ſo lebhaftes Ge⸗ fallen fand. Er gedachte des bitteren Gedichtes, das er heute früh ſelbſt flüchtig entworfen und hielt es mit Recht anziehend, daß zwei ohne Zweifel im Geſchmack ſowie in der Bildung völlig entgegengeſetzte Fähigkei⸗ ten unbewußt ſich mit derſelben Geiſtesübung beſchäf⸗ tigten, die Louis einen Akt des höheren Cultus im Menſchen zu nennen pflegte. Wohl hätt' er gewünſcht zu wiſſen, was wol während dem, daß er an dem Frühling der Welt verzweifelte und von den Blumen eigentlich geringſchätzend ſprach, in dieſem deutſchen Gemüthe entſtanden ſein mochte? Er war zu beſchei⸗ den, darnach zu fragen, hoffte aber, auf der Rückfahrt ſich dieſem einfachen und harmloſen Manne, der ihm nichts Drückendes hatte, doch noch zu nähern. Es hatte zwei Uhr geſchlagen. Ackermann fragte die in der Küche waltende unpolitiſche Lieſe, ob für die Leute geſorgt geweſen wäre. Dieſe erwiderte: 145 Wir hatten heute nur acht drüben zu ſpeiſen. Wenn's nicht höher kommt, Herr Ackermann, verlier' ich den Kopf nicht. Auf dem Heidekrug hatt' ich in der Erntezeit oft dreißig Näpfe zu füllen. Ackermann, der leider wieder den Regenſchirm er⸗ greifen mußte, erklärte Louis, daß er ſich dies ge⸗ wandte Mädchen vom Heidekruge herübergenommen hätte, wo die Leute nicht bleiben wollten, ſeitdem Herr Juſtus überſtudirt wäre. Es iſt nun einmal die Art des gemeinen Mannes, ſagte er, daß ihm da nur wohl iſt, wo er auf ſein Wirken, und wenn es noch ſo klein iſt, ein Auge ge⸗ richtet ſteht. Als dieſer Juſtus, von dem ich in den Zeitungen ſehe, daß er keine geringe Rolle in der Po⸗ litik ſpielt, noch Oekonom war und auf die Hände ſeiner Arbeiter ſah, hing ihm Alles an. Jetzt, wo er ſeinen Leuten größere Freiheit, als bisher, laſſen muß, ſollte man glauben, ſie gefielen ſich in ihr. Nein! Sie wollen dienen, ohne Verantwortung die⸗ nen, ſie wollen untergeordnet bleiben, und haben ihm von dem Tage gekündigt, daß er in die Kammer trat und auf Monate Abſchied nahm. Ein gewiſſer Droſſel wirthſchaftet nun bei ihm. Links vom Hauſe ſich auf einen Weg abwendend, Die Ritter vom Geiſte. VII. 10 der durch ein Staket in's Freie führte, ſagte Ackermann als Vorbereitung zu dem nun folgenden Beſuch: Ich will Sie zu meinem Nachbar führen, der ge⸗ wohnt iſt, daß ich täglich einmal bei ihm vorſpreche. Ein rechter Dorfmagnat Das! Wenn Juſtus geſcheit wäre, ging' er wie dieſer nicht über ſeine Sphäre hinaus und genöſſe ſein Wohlbefinden mit Behagen. Hören Sie da das wohlgefällige Brüllen ſeiner Kühe aus den Ställen! Seine Schafe liefern eine ſolide deutſche Wolle! Dies iſt einer der Menſchen, die ſich bei Lebzeiten in ihrem Beſitz nicht tarxiren laſſen. Ihre Zinſen fallen immer wieder zum Capital; denn ſie brauchen nichts und ſchaffen buchſtäblich nur für die kommende Generation der Ihrigen, die ihnen noch dazu alle dieſe Vorſicht und Liebe durch den Eigenſinn verderben, der ſich ſolcher wohlhabenden Kinder doch in aller Stille bemächtigt. Louis ahnte ſogleich, daß ihn Ackermann zu dem Vater des Sergeanten Heinrich Sandrart führte. Er wußte, daß dieſer Ackermann's Nachbar war und zu den Begüterten gehörte. Schon machte er ſich gefaßt, Verwünſchungen über den Soldaten, über Fränzchen, vielleicht über ſich ſelbſt zu hören. Der Regen war nur noch feuchter Nebel, der Al⸗ les einhüllte. Der Boden tief durchweicht. Um eine — an 147 trockene Stelle zu finden, mußte man bald da, bald dorthin ſpringen. Von Bequemlichkeit, Schönheits⸗ ſinn, von einem gedämmten Wege, von einer gefälli⸗ gen Allee oder Hecke, ſagte Ackermann, iſt bei unſern Bauern nicht die Rede. Nur der unmittelbare Aus⸗ druck des Nutzens hat für ſie Werth. Iſt Das bei Ihnen auch ſo? Nein, mußte Louis erwidern, im Süden verräth der ärmſte Hüttenbewohner eine erlaubte Gefallſucht. Er ſchmückt ſein Häuschen und wenn es mit einigen Blumenſtöcken wäre. Es iſt wahr, ſagte Ackermann, ich war in Italien! Schon im ſüdlichen Deutſchland und der Schweiz trachtet man nach dem Gefälligen, während hier Alles auf den reichſten Erwerb von Schinken, Speck, Wür⸗ ſten, Kartoffeln, Korn und baarem klingenden Gelde hinausläuft. Indem waren ſie bei dem Gehöft des Bauern Sandrart angekommen. Ein großes Holzthor mußte in ganzer Weite geöffnet werden, um in den Hof zu kommen. An Scheunen und Ställen ein Ueberfluß. Hunde von allen Racen ſchoſſen aus kleinen hölzer⸗ nen Hütten. Ihr Gebell war aber eine frohe Be⸗ grüßung, denn mit Ackermann waren ſie Alle befreun⸗ det. Die niedrige Eingangsthür des beſcheidenen 10* 1 148 Hauſes, deſſen einziger Schmuck grell angeſtrichene roth⸗grüne Fenſterläden waren, hatte eine Klingel, die beim Oeffnen durch das ganze Haus dröhnte. Sandrart ſchläft doch nicht? fragte Ackermann eine alte Magd. Sie ſchüttelte den Kopf, neugierig auf einen Frem⸗ den lugend, den heute Herr Ackermann mitbrachte. Ackermann öffnete eine Thür, aus der der Qualm des überheizten grünen Kachelofens ihnen entgegen⸗ ſtrömte. Die Decke des Zimmers war niedrig. Die Wände hingen voll geringer Kupferſtiche und bunter Farbenklexereien. Hinterm Ofen ſich ausdörrend ſaß der alte Sand⸗ rart in einem Sorgenſtuhl und erhob ſich. Eine kleine ſtämmige Geſtalt in kurzer Jacke mit großen ſilbernen Knöpfen. Dem runden, ziemlich ebenmäßigen Antlitz konnte man ſeine gewöhnliche Phyſiognomie nicht ent⸗ nehmen, da der Alte verdrießlich ſchien und gleich voll Zorn auf einen Brief wies, den er heute empfangen. Zuerſt, beſter Nachbar, ſagte Ackermann mit ſpie⸗ lender, ironiſcher Leichtigkeit, zuerſt ſtell' ich Euch einen Beſuch aus der Reſidenz vor, Herrn Louis Armand. Sandrart wußte nichts von dieſem Namen und nickte mürriſch verlegen... 149 O mein Sohn, fing er ſogleich an, mein Sohn, mein Sohn, Herr Nachbar! Schon wieder Kummer über Euern Sohn? Schon wieder Schlimmes von ihm? Louis horchte mit großer Spannung und ſetzte ſich auf einen der gepolſterten kattunüberzogenen Stühle, die in dem Zimmer ſtanden. Ich wette, es iſt wegen der Heirath Eures Soh⸗ nes, Nachbar. Ich hab' es immer gerathen, Nachbar, laßt ihn freien, wen ſein Herz begehrt! Die nicht! Die nicht! ſagte der Alte; und wenn ſie ſich auch dicht hier ſchon an die Hausthür herge⸗ pflanzt hat! An die Hausthür ſchon? ſagte Ackermann ſich um⸗ blickend. Da ſeh' ich nur Eure wilden Hunde, denen es bald zu kalt werden wird. Drüben im Forſthauſe iſt ſie ja! Im Forſthauſe? Sie haben ja nicht geruht, bis ſie nur noch einen Sprung in meinen Watzenkaſten hat. Sie müſſen wiſſen, Herr Armand, ſagte Ackermann immer launig und ſcherzend, Vater Sandrart's Wai⸗ zenkaſten iſt ſein Geldkaſten. Ich möchte doch wohl wiſſen, wo er ſteht, Nachbar, der Waizenkaſten! Sandrart lachte pfiffig in ſich hinein. Wenn man 150 von ſeinem Gelde ſprach, wurde er immer launig, aus einer Art von Schabernack. Heute fiel er aber bald wieder in ſeinen grimmigen Ton zurück. So viel weiß ich, drüben in's Forſthaus kommt der Waizenkaſten nicht. Ich hab's auch heute dem Heuniſch geſagt... Waren Sie drüben? fragte Louis angeregt. Das fehlte noch! antwortete der Bauer hochfah⸗ rend. Ich Dem nachlaufen? Hier iſt er geweſen, der Heuniſch und hat wieder von der Geſchichte angefan⸗ gen. Ich leid's nicht. Heinrich ſoll ſich nach ſeinem Stand umſehen und mir ein Mädchen bringen, die mehr verſteht als Staatshauben. Ackermann war einigermaßen über dieſe Verwick⸗ lungen unterrichtet. Iſt das Mädchen im Forſthauſe? fragte er. Fran⸗ ziska Heuniſch, die Nichte des Förſters! Aber Alter, hört doch! Fränzchen Heuniſch, wie Das hübſch klingt! Fränzchen! Das müßt' Euch ja ſein, wie wenn ein Kätzchen um Euch wäre und Euch ſtreichelte! Denkt nur, wenn ſo eine weiche Hand da über Euren Bart fährt, wie gut Euch Das thäte. Iſt ſie ſchmuck? Sie kennen ſie ja, Herr Armand! Wollen Sie nicht ein gutes Wort für dieſe Verbindung ein⸗ legen? ———— 151 Louis war in Verlegenheit... Doch lobte er Fränzchens Schönheit. Ah, glatt hin, glatt her! ſagte der Alte. Ich habe ſie ja geſehen vor drei Monaten. Cine Mamſell paßt nicht für die Diele draußen. Soll ich mit einem Jä— ger in Freundſchaft kommen? Das iſt wahr, ſagte Ackermann, ein Lohndiener des Fürſten und Ihr ein Freiherr vom Ullagrunde. Nein, Das wäre nicht nach der Ordnung. Aber, Nachbar, die Ordnung könnt' Euch am Ende eine Tochter in's Haus bringen, die wol Batzen, aber garſtig rauhe Hände hat, mit Euch zankt, Euer Leibgericht nicht kochen will, und warum? Weil ihr ſelbſt die Klöße im Magen drücken. Sandrart lachte. Ich ging' einmal von der Ordnung ab... Der Bauer ſchüttelte den Kopf. Jetzt erſt recht nicht, ſagte er; wo ich keine Ruhe vor ihr haben ſoll, wo ſie ſchon angezogen kommt und ſich in der Nachbarſchaft will ſehen laſſen. Jetzt grade nicht! Aber, Nachbar, wie iſt mir denn, ſo viel ich weiß, iſt das Mädchen Eurem Sohne nicht einmal zugethan. Jeder Brief, den ich Euch vorleſen muß, erzählt von ſeinem Kummer, daß es Fränzchen mit ihm nicht mehr mag wie ſonſt. 152 Heimtückerei! ſagte Sandrart. Sie wird wol Gott danken, wenn ſie meine Permiſſion kriegt. Mit dem Förſter! Mit denen da in dem Forſthaus verwandt? Mit dem Blinden in der Schmiede? Die haben Geld! Wer weiß, wie gewonnen! Landläuferiſches Volk! Wenn mir der Heinrich ſo käme... wozu hab' ich denn das Haus aufgerichtet, das Ihr bewohnt, Nach⸗ bar? Wozu ließ ich ihn, den Jungen, denn was lernen, leſen, ſchreiben, rechnen; er bläſt Flöte. er wird Soldat... das mußt' er... nimmt ſeinen Abſchied, er bringt mir ein Mädchen zu aus Rand⸗ hartingen oder Schönau, wo die fetteſten Bauern ſitzen. Will ich ſie doch hier nicht in dies alte Haus führen, obgleich es vor zehn Jahren erſt renovirt iſt, ich lege den Bau da oben an und nun, für wen? für die da im Forſthauſe? Nein! Dies Nein hatte etwas im Ton, das man nur mit fletſchenden Zähnen hervorbringen konnte. Der Alte war gewiß fern von aller urſprünglichen Bos⸗ heit, aber im Punkte ſeines Stolzes und ſeines Eigen⸗ nutzes kannte er nichts, was ſeine Empfindung mil⸗ derte. Vorläufig hoff' ich, ſagte Ackermann, daß Euer Sohn General wird und ſeinen Abſchied erſt auf ach⸗ was inen und⸗ nern aus 1 iſt für nur Der os⸗ gen⸗ mil⸗ Luer auf 153 dem Felde der Ehre nimmt. Das von wegen des Hauſes. Nun, ſagte Sandrart beſchwichtigend, für drei Jahre, Nachbar, iſt's ja Euer! Wenn er eine brächte der Heinz, die mir gefällt, muß ſie erſt noch... Hier hinter dem grünen Kachelofen mit Euch ſchmoren, unterbrach ihn Ackermann. Ich ſag' Euch, Nachbar, gebt Euren Eigenwillen auf! Der Heinz thut einmal nicht, was Euch gefällt. Was habt Ihr ihn Flöte blaſen laſſen! Wer Flöte bläſt, Alter, ſetzt ſich hier nicht im Winter unter Eure Lerchen da im Bauer, die bei jedem Sonnenblick denken: draußen iſt Frühling und ſtoßen ſich den Kopf, weil ſie ſingen wollen! Der ſucht die Lerchen draußen auf dem Feld! Rechnet doch auf Kinder nicht, die ſich verlieben und im Kummer Flöte blaſen können! Seid froh, wenn ihn nicht das Auswanderungsfieber befällt... Das wäre? ſagte der Alte zum Tod erſchrocken. Nun? Ein Vagabund! Oho! Ja ſo, Nachbar! Vergebt! Das hatt' ich ganz vergeſſen... Ihr war't auch draußen. Aber... leſt mir den Brief, wenn Ihr die Guͤte haben wollt! Ackermann nahm das Papier, das der Bauer in —— 1 8 —————ÿõ—mn 154 Händen hatte, warf einen verſtohlnen Blick auf den mannichfach bewegten Louis und las ein Schreiben vor, in welchem zuvörderſt nur von Schinken, Wür⸗ ſten, Butter und Käſe die Rede war. Der Feldwebel ließ danken, drei Unteroffiziere dankten, Alle verſorgte der Bauer aus dem Ullagrunde mit Lebensmitteln. „Vater, hieß es aber nun weiter, Vater, ich muß Sie recht um Gottes Willen bitten, ſeien Sie chriſt⸗ lich mit der Franziska, die nun jetzt doch zu ihrem Onkel nach Pleſſen iſt! Sie hat von mir in Güte Abſchied genommen und mir geſagt: Sandrart, wenn ich im Frühjahr moch lebe und Sie kommen zu Ihrem Vater, ſo will ich Ihnen recht gut werden, wie eine Schweſter. Ich weiß nun auch, daß ſie gern einen Andern möchte lieber leiden, aber ich habe doch von Märtens, die grüßen laſſen, auf Ehre und Seligkeit gehört, daß es bei dem nur guter Wille iſt und Freundſchaft, aber keine reelle Abſicht. Sagen Sie ja in das Förſterhaus hinein, daß ich Franziska grüße und ihr wünſche, daß ihr die Zeit nicht ſollte lang werden bis zum Frühjahr und daß ich keinen Ball in dieſem Winter beſuche. Lieber Vater, ich habe dieſer Tage ein großes Malheur können haben. Ich muß es Ihnen doch auch ſchreiben, was es war. Es war wieder, wo ich Ihnen ſchon öfters geklagt habe, von 155 wegen meinem Lieutenant. Ich hatte, weil die Fran⸗ ziska nun abgereiſt iſt, die Flöte mitgenommen in die Kaſerne und Alle hören gern, wenn ich manchmal des Abends blaſe. So blaſ' ich vorgeſtern Abend um fünf Uhr, wie's ſchummrig iſt, und da kommt der Lieutenant hereingeſtürzt und der Portepeèefähnrich auch und ſie fluchen ein Donnerwetter über das andre, weil ich hätte ein demokratiſches Lied geblaſen. Das war aber nur die Melodie geweſen, die ich... Ackermann meinte, hier wäre etwas verwiſcht. Blus! ſagte der Bauer; blus— blus— heißt es wol. 8 Blus? Blus! Blus! wiederholte der Alte. Nun? ſetzte er drängend hinzu. Allein, fuhr Ackermann fort zu leſen, was iſt es meine Schuld geweſen, daß die Soldaten nun Alle laut ein Lied ſangen, das auf dieſe Melodie gar nicht geſetzt iſt? Der Lieutenant ſchimpfte uns einen Strauch⸗ buben und Demokraten über den andern, worauf ich ärgerlich wurde und ihm etwas ſagte, was er ſagte, daß ich es ihm ſchon einmal geſagt haben ſollte. Ich ſagte aber nichts, als: Herr Lieutenant, wir ſind jetzt nicht im Dienſt! Da wurde er faſt toll, zog die Plempe und ſchrie, daß ich ein Landesverräther und 156 alle Tage wol capabel wäre, dem König meinen Eid zu brechen! Und eher wollt' er mich niederſtechen, wobei ihm der Portepeefähnrich, Sie kennen ihn ja, es iſt der kleine blonde, er heißt von Flottwitz, den Arm hielt, daß er nicht ſo ſchändlich konnte ausfüh⸗ ren, was er drohte. Aber eine Rede hielt er nun, daß er ſchon längſt wiſſe, was die dritte Compagnie zum Abſchaum in der Armee mache und daß wir die Cocarde verlieren ſollten und ſolche niederträchtige Sachen mehr, bis er dann ſagte, daß er alles Dieſes aufſchreiben und mich wegen meiner Rebellion auf acht Tage in Mittelarreſt bringen würde. Das nahm auch ſeinen Fortgang. Beim Appell wurde ich vor— gerufen und mein guter Major, der Herr Major von Werdeck, für den das Bataillon ſein Leben in die Schanze ſchlägt, ſagte mir: Hören Sie, Sandrart, iſt es wahr, Sandrart, ſagte er, daß Sie ein demo⸗ kratiſches Lied geblaſen haben? Herr Major, ſagt' ich, ich habe eine Melodie geblaſen, auf die die Sol— daten einen Vers ſungen, der darauf paßte wie die Fauſt aufs Auge. Was bluſen Sie? fragte der Ma⸗ jor.„Wenn ich in ſtiller Mitternacht“, ſagte ich. Und was ſungen die Soldaten?„Was iſt des Deut⸗ ſchen Vaterland?“ Darauf kehrte ſich mein braver Major zu unſerm Lieutenant um, ſagte gar nichts, 157 ſondern nahm ſeinen Tſchako ab. Das war prächtig! Auf unſerm Tſchako haben wir jetzt nämlich zwei Co⸗ carden, die von unſerm Landesvater und die vom deutſchen Vaterland. Da ſagte er gar nichts, ſondern zeigte blos auf die kleine Cocarde, daß die noch gälte und er ging dann ſeiner Wege. Der Lieutenant warf mir aber einen giftigen Blick zu und wird mir's wol noch gedenken. Lieber Vater, es iſt hier nicht Alles ſo, wie es ſein ſollte. Unſer Fürſt Egon iſt Miniſter geworden. Ich ſah ihn heute früh in die Kammer fahren. Er ſah ſchon recht blaß aus. Den werden ſie bald mürbe kriegen! Adie, lieber Vater! Sie brau⸗ chen mir vor Weihnachten nichts mehr zu ſchicken, ſeien Sie nur freundlich mit Franziska und grüßen Sie ſie von mir, auch Herrn Armand, der jetzt auf dem Schloſſe iſt, aber bald wiederkommen wird. Er i*ſt Franziska zugethan und ſie hat ihn gern, das weiß Gott! Leben Sie wohl, lieber Vater, und bleiben Sie noch lange am Leben! Dies wünſcht Ihr Sie aufrichtig liebender Sohn Heinrich Sandrart, Sergeant in der dritten Compagnie, Leibregiment.“ Der Eindruck dieſes Briefes war auf jeden der drei Anweſenden ein andrer. Ackermann ſchien erſt an den naiven Wendungen und dem gutmüthigen Charakter des jungen Banern⸗ ſohnes den lebhafteſten Gefallen zu haben, ſtockte aber am Schluß bei der Stelle über die Nachricht von Cgon's ſchwieriger Stellung und ſeinem bedenklichen Ausſehen. Auch Louis hörte die Mittheilung voll Beſorgniß, war aber von dem gläubigen, vertrauenden Tone ſeines Nebenbuhlers beſchämt, während er ſich vorwurfsvoll ſagte: Wie unwahr biſt Du! Wie grauſam und wie thöricht! Der Bauer aber, der eben, als der Brief zu Ende ging, ſich anſchicken wollte, auf die verdammte demokratiſche Richtung ſeines Soh⸗ nes loszuwettern, erſchrak über den Schluß, bei wel⸗ chem Ackermann im Leſen auf Louis Armand deutete, ſo ſehr, daß er in Verlegenheit gerieth, jetzt erſt zu begreifen, wen er vor ſich hatte! Den bekannten Freund des Prinzen! Den Abgeſandten deſſelben Egon, den er auf der Landſtraße einſt zu ſich genommen hatte, in ſeinem Wagen in die Stadt führte und für einen Landſtreicher hielt und ſo behandelte! Er hatte Acker⸗ mann oft genug davon erzählt, mit Beklommenheit ſich von Heuniſch und Herrn von Zeiſel berichten laſſen, was Se. Durchlaucht ſelbſt über dieſen Vor⸗ fall gemunkelt hätten und nun war dies jener im ganzen kleinen Fürſtenthume bekannte Freund und Ge⸗ fährte der ſonderbaren Jugendſchickſale des Fürſten, der, wie Alle einſtimmig verſicherten, ein einfacher 159 Tiſchlergeſell ſein ſollte. Vor Erſtaunen blieb ihm der Mund offen. In ſeiner Verlegenheit hätt' er gern dem Franzoſen einen Beweis ſeiner Achtung, auch gern einen Einblick in ſeine gute Lage geben mögen. Er ſprach von einem Staatszimmer, das er hätte ſollen aufſchließen laſſen und äußerte ſogar etwas von Wein, den er doch im Keller hätte. Da kommt es heraus! ſagte Ackermann, der wie⸗ der zu ſeiner Laune zurückkehrte. Nun ſchämt er ſich, daß er uns ſo bärbeißig empfangen hat! Am beſten, Nachbar, könnt Ihr es dadurch gut machen, daß Ihr dieſen freundlichen Herrn erſucht, bei dem Fränzel, das ich nun auch kennen lernen muß, ein gutes Wort für Euern Sohn einzulegen, damit der arme Flötenbläſer, der für den König nicht zu taugen ſcheint, erhört wird, ſeinen Abſchied nimmt und hier zum Vater herzieht. Eine Probe ihrer Liebe ſoll die ſein, daß ſie noch drei Jahre mit Euren heißen Kachelöfen, in deren Nähe eine luftliebende Lunge umkommen kann, vorlieb nimmt. Nel ſagte der alte Bauer wieder mit demſelben Ausdruck beſtimmter, ruhiger und kalter Malice. So nicht! Eigenſinniges Volk, das Ihr ſeid! polterte Acker⸗ 160 mann und brach nun auf. Kommen Sie, Freund, es iſt hier zu heiß. Der Bauer begleitete mit vieler Umſtändlichkeit und dem Drange, ſich eigentlich jetzt erſt recht lebhaft mit dem jungen Franzoſen zu verſtändigen, ſeinen Be— ſuch vor die Thür und über den Hof. Es regnete nicht mehr. Der Weg war nur zu ſchlecht, ſonſt hätt' er Louis gern ausführlicher über ſeinen Sohn, ob er ihn kenne, wo er ihn geſehen hätte, wie er ihn geſehen hätte, ausgefragt. Den Fürſten, den er auf ſeinem Leiterwagen gar ſchnöde behandelt haben mußte, wagte er nicht zu erwähnen. Louis Armand war in der eignen Lage, von Hein⸗ rich Sandrart mit Intereſſe ſprechen zu müſſen. Er räumte ihm all' die vortrefflichen Eigenſchaften von Herzen ein, die er an dem jungen Nebenbuhler kannte und trotz ſeiner getheilten Empfindung zugeſtehen mußte. Als Ackermann mit Louis allein war und zu ſei⸗ nem Wohnhauſe die Schritte zurücklenkte, verwünſchte er den Eigennutz dieſer beſitzenden Klaſſe auf dem Lande und fand alle Fehler des deutſchen Charakters in unſerm Bauernſtande wieder. Man ſpräche, ſagte er, vom Egoismus der Fürſten und des Adels, dieſe Bauern wären die ärgſten Verbündeten jenes auf Vorrechte und ein gieriges Mein! oder Dein! begrün⸗ deten ſtabilen Prinzipes. In der weiteren Ausführung dieſer Thatſache und ihrer Vergleichung mit den Verhältniſſen andrer Län⸗ der, beſonders dem freien Blicke der amerikaniſchen Farmer kehrten ſie zu dem Wohnhauſe zurück, wo ſchon der Knecht mit dem Einſpänner harrte. Selma und Oleander waren noch nicht ſichtbar. Ackermann horchte an der Thür, wo die Lection gehalten wurde und erſuchte Louis, da ſie noch nicht zu Ende ſchien, noch ſo lange bei ihm einzutreten. Louis fand dadurch Gelegenheit, die Eindrücke dieſes Beſuches noch einmal zuſammenzufaſſen, für die freundliche Aufnahme zu danken und Ackermann den glücklichſten Fortgang ſeiner Unternehmungen zu wünſchen. Empfehlen Sie mich dem Fürſten, ſagte Acker⸗ mann, indem er Louis' Hand ergriff, ſagen Sie ihm, daß ich mich bemühen werde, das in mich geſetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Zu Neujahr treffen die Hülfsmittel meiner künftigen Thätigkeit ein. Sehen Sie, der elende und geringe Sinn, den Sie bei jenem Bauer, meinem Nachbar, gefunden haben, iſt er nicht eine Folge der elenden und geringen Hülfsmittel, mit welchen man bisher der Natur ihre Geheimniſſe, die Die Ritter vom Geiſte. VII. 11 162 ſie ungern hergibt, zu entlocken ſuchte? Da wo der Menſch und immer nur der Menſch allein, höchſtens mit einem dummen Stiere, einem geduldigen Pferd der großen allgewaltigen Natur gegenüberſteht und ſie ſich allerdings in gewiſſem Sinne dienſtbar macht, da wächſt auch der Dünkel, der Hochmuth, wenn nun wirklich dieſe kleinen Handgriffe gelingen und ſich ihre Erträgniſſe in Geld verwandeln, das man nicht zu benutzen verſteht. Sagen Sie dem Fürſten... doch ich ſpreche Sie ja morgen noch! Wie lange denken Sie zu bleiben? Wenn Egon leidet, ſagte Louis, wenn ich höre, daß ihn ſein politiſches Syſtem vielleicht zu gewalt— ſamen Schritten treibt, ſo hab' ich einen Drang, bei ihm zu ſein, der mich in wenig Tagen von hier ent⸗ fernen wird. Bleiben Sie in ſeiner Nähe, ſchloß Ackermann mit einem eignen Tone der Rührung. Schützen Sie ihn vor der Welt, auch vor ſich ſelbſt. Ich fürchte, er kam zu jung auf einen Platz, der gereifte Männer erfordert. Ich fürchte, die traurige Ideenloſigkeit des Momentes, die ſchwierige Lage des Hofes und die Rathloſigkeit, mit der ſich die privilegirten Stände nach Geiſtern umſehen, die für ſie mit einer leidlichen Theorie in die Schranken treten, hat hier etwas zu o der ſtens Pferd d ſie da nun ihre t zu doch nken 163 Stande gebracht, was weder jene zu ihrem, noch ihn zu ſeinem Ziele führt. Entweder zerfällt jene Geſell⸗ ſchaft mit Egon oder Egon mit ſich ſelbſt— das Letztere— Wäre entſetzlich! fiel Louis ein. Wenn Sie Ihren Freund und Gönner recht in Gefahr wiſſen, in geiſtiger Gefahr, wollen Sie mir es dann ſchreiben? ſagte Ackermann. Verſprechen Sie mir Das? Ich verſprech'es Ihnen! antwortete Louis überraſcht.. Ich verſtehe mehr als den Feldbau, fuhr Acker⸗ mann fort. Ich kenne das Leben— und die Wiſſen⸗ ſchaft war einſt mein Beruf. Wie iſt es nur möglich, mußte ihn Louis, den dieſe Bemerkung ſchon lange brannte, jetzt fragen, wie iſt es nur möglich, daß ein Mann von Ihrer Welt⸗ bildung, die ihn recht eigentlich auf den Verkehr der großen Städte anzuweiſen ſcheint, ſich durch dies ein— fache Landleben befriedigt fühlen kann! Sie ſtehen geiſtig ſo hoch und müſſen hier ſo niedrig ſteigen. Es umgeben Sie Menſchen, die unbedingt keine andre Sprache verſtehen als die der Beſchränktheit und Selbſtgenügſamkeit. O mein junger Freund, antwortete Ackermann, ſchon ſeit einer Reihe von Jahren hab' ich mir dies 11* 164 Leben der Beſchränkung und Einſamkeit anfangs als eine Läuterung, die mir ſchwer wurde, dann als eine Pflicht, die mir Vergnügen machte, auferlegt. Was iſt dieſe Welt? Ich habe ſie durchgekoſtet bis zur Hefe. Ich bin in den Irrthümern des ringenden Ehrgeizes, der ungebändigten Herzensregungen aufgewachſen. Ich habe mich auf ſeidene Polſter geſtreckt und aus gol⸗ denen Bechern die Luſt des Lebens getrunken. Ich war nie vermögend, aber ich beſaß angeboren das Talent des Reichthums. Ich konnte Denen, die beſaßen, meine Phantaſie leihen und ihnen ſagen, was den Genuß ſteigere und veredle. Ich lag wie auf Roſenblättern und über mir herab hingen die vollen braunen Trau⸗ ben. Ich durfte nur zugreifen. Freilich war ich dabei ein Sklave. Ich hatte die Freiheit des Herzens nicht. Für Glück und Annehmlichkeit, die mich umgaben, für Liebe ſogar, die mich mit weichen Sammethänden pflegte, mußte ich doch die Kette dieſer Liebe, die mei⸗ nem Ideale nicht entſprach, hart empfinden. Wiſſen Sie, was eines der kläglichſten Looſe des gebildeten Menſchen iſt? Empfindungen heucheln zu müſſen, die man nicht hat, erkenntlich ſein müſſen für eine Hin⸗ gebung, deren Gründe uns verdächtig ſcheinen. Ich war jung, ſtrebſam, ehrgeizig. Ich hatte eine Phan⸗ taſie wie Sardanapal. Ich konnte mir die glänzendſte * 4 2 2 Welt, in der ich leben mochte, zaubern. Da fand ich ſie! Ein Weib, das mich liebte, ſchüttete die Freuden der Bequemlichkeit auf mich herab. Ich reiſte mit ihr. Sie liebte mich, ich erwiederte wenigſtens äußerlich ihre Hingebung und mußte mir ſagen, weil ich beſſer, weil ich edler in meinen Regungen war, als ſie ſelbſt in ihren angebornen, ehrgeizigen, unwahren, ſo hielt ich ſie in ihrer ſittlichen Haltung empor und diente ihr als Stamm und Anlehnung. Allein es war eine Sklaverei. Lieben ſollen, wo man nicht liebt! Schön finden müſſen, was uns nicht gefällt! O mein Freund, ich erkenne in dem Freunde des Fürſten Egon, ſo be⸗ ſcheiden und anſpruchlos Sie auch ſind, doch ein Auge, das auf die Tiefe des Herzens geht und ſage Ihnen, ich verachtete mich. Ein junger Mann, geliebt von einer älteren Frau, die für ihn ſorgt, ihn nur für ſich und nur für ſich in Beſchlag nimmt, iſt in neunzig bei hundert Fällen tief, tief verächtlich. Ich klirrte mit meiner glänzenden Kette. Ich riß mich heimlich zuweilen los. Ich fand Weſen, die mich bemitleideten, weibliche Weſen, die ſchöner, lieblicher, edler als meine Herrin waren. Ich genoß kurze Triumphe meiner Freiheit und mußte doch zu meinem Joch zu⸗ rückkehren, denn ein eigner Zufall wollte, daß meine Gebieterin von der feſten Vorſtellung beherrſcht war, daß wohl, daß eine bedeutende, ihre Umgebungen umge⸗ ſtaltende Entwickelung bei Selma's Mutter nie ein⸗ treten würde, aber gerade, daß ich ihr ſo viel von dem Meinen zu geben hatte und daß es nur das Gute war, was ich aus meinem Weſen ausſcheiden mußte zu ihrem Dienſte, das hob mich wieder ſittlich empor und beſtärkte mich in meinem Entſchluß, mir eine große, ſtarke, lebenerſchütternde Läuterung außulegen. Ich ging nach Amerika. Da hab' ich am Miſſouri einſam gelebt und mir die Reſte der beſſeren Beſtim⸗ ſie früh ſterben würde. Ich kann Ihnen den ganzen Roman meines Herzens nicht erzählen. Nur andeuten wollt' ich, was mir dies Leben da in den Städten und unter den civiliſirten Menſchen zum Ekel vergällte. Ich fand ein kindlich reines Gemüth, das mich liebte, die Mutter meiner Selma. Es war eine einfache Weiblichkeit, die nichts zu bieten hatte als ſich ſelbſt. Wie fühlt' ich mich veredelt von ihrer reinen Ur⸗ ſprüuglichkeit! Da lag noch Alles unentweiht in der jugendlichen Bruſt, nichts vergeudet, nichts angegriffen von Dem, was zu ihren edelſten Schätzen gehörte. Ich fühlte wohl, daß bei dieſem jungen Kinde, das durch eine ſonderbare Fügung von meiner früheren Geliebten ſy⸗ ſtematiſch dahin erzogen wurde, mich liebenswerth zu finden und ihr Grauen vor mir zu beſiegen, ich fühlte 167 mung noch wohlweiſe und ſorglich einmal zuſammen⸗ gelegt. Es gab ein Ganzes! Es war nichts Halbes mehr, was mich erfüllte. Ich lebte einem Berufe, der mir anfangs ſchwer wurde, dann mich aber unterhielt, mich ſogar begütert werden ließ. Ich ſah wohl, daß Selma's Mutter durch die Trennung litt. Da hatt' ich eine geiſtige Aufgabe zu löſen, einen Mollton durch unſer Leben durchzuführen. Auch dieſer Schmerz deſſen Urſache ich ſogleich doch nicht aufheben konnte, wirkte milde und gut. Ich verwies auf zukünftige Hoffnung und verſprach Rückkehr nach Europa. Die Gute erlebte ſie nicht. So mußt' ich ihrem Kinde, Selma, mein Wort halten. Ich kehrte ungern zurück. Aber wenn ich dieſe Ehrenſchuld, die ich abzutragen hatte, gern bezahlen ſoll, ſo mußt' es ſo kommen, wie jetzt! Ich bin ein Ascetiker der Weltlichkeit! Ich bin ein Egoiſt der Univerſalität! Ich weiß nicht, ob ich Ihnen verſtändlich bin. Ich will nur ſagen, daß ich in meinem kleinen Daſein das ganze All wieder⸗ zuſpiegeln ſuche und nichts thue, nichts im Geringſten und Kleinſten ergreife, ohne mir zu ſagen: Das muß ſo ſein! Das iſt gut ſo! Die alte Zeit, wo mir Alles nur proviſoriſch war, wo ich immer rannte, hoffte, mich und Andre vertröſtete, liegt hinter mir. Was ich beginne, iſt nützlich, und was ich ſehe und erlebe, iſt gut. Ich will nichts mehr vom Ueberflie⸗ genden. Da jenen Strauch an dieſem Fenſter zu beobachten, wie lange ihn der Schnee decken wird und wann er ſein erſtes grünes Keimchen ſchießen wird, Das iſt mir eine Wonne, und auf ſolche Freuden be— ſchränk' ich mich. So ſehen Sie denn, daß ich mit Bauern bäuriſch, mit Handwerkern handwerksmäßig, mit Dichtern dichteriſch empfinden und reden kann, ohne verdrießlich zu werden und wie in jungen Zeiten etwa mein Schickſal zu beklagen. So ſprach Ackermann... Hätte ihn Pauline von Harder reden hören, den geliebten Heinrich Rodewald, ſie würde doch vor Weh⸗ muth und Wonne gezittert haben, ob er ſie gleich an⸗ klagte. Sie beſaß die Fähigkeit, auch dieſe Größe ſeiner Worte zu verſtehen... Louis Armand mußte während dieſer ihn ehrenden Geſtändniſſe eines ſolchen Mannes an Murray denken. Es war derſelbe Geiſt der Reue, der beide Männer ergrif⸗ fen hatte, hervorgegangen aus unähnlichen Zuſtänden. Er hätte gern gewünſcht zu wiſſen, ob in Ackermann die religiöſe Färbung ſeiner Gefühle auch ſo ſtark war, wie bei dem ehemaligen, in ſich gekehrten, leichtſinni⸗ gen Verbrecher. Deshalb warf er das Wort hin: Die ſtrebende Jugend, die nicht ruhen kann, muß —— — uß Sie um dieſe Läuterung beneiden. Sollte man dieſe Weisheit, zu der Sie ſich aufgeſchwungen haben, nicht Religion nennen? Es iſt meine Religion, erwiderte Ackermann, mich gebunden zu fühlen. Früher war die Ungebundenheit meine Religion. Ich bin noch rüſtig, ich fühle die Kraft in mir, mit Vielen in der großen Welt einen Wettlauf zu beginnen. Ich würde mich aber verach— ten, wenn ich ihn anträte. Religion iſt das als eine Lebensnothwendigkeit tiefempfundene Gefühl der Ab⸗ hängigkeit. Freilich die meiſten Religiöſen machen aus der tiefempfundenen Thatſache ein tiefempfundenes Be⸗ dürfniß dieſer Thatſache. Das kann ich nicht! Dieſe Religioſttät, die an ſich ſchon das Bedürfniß der Schranke hat, das Bedürfniß der Gebundenheit, iſt Schwärmerei und mit Schwärmerei iſt Gefahr ver⸗ bunden. Dieſe Art von Religiöſen ſpricht von Läu— terungen und läutert ſich meiſt nur durch Das, was ihnen größres Wohlgefallen verurſacht. Ich kannte eine Frau, die ſich für die Sünden ihrer Jugend da⸗ durch läutern wollte, daß ſie die Feder ergriff und ſchrieb. Lieber Himmel, die Zeit der Blüte war vorüber. Sie hatte gut ſich läutern durch etwas, was ihr einen neuen Lebensreiz bot. Ich kannte Andre, die ſich läuterten, indem ſie aus unſrer Kirche in die 170 Ihrige übertraten. Die Wolluſt des Geiſtes ſpielt mit der der Sinne geheimnißvoll zuſammen. Eine Läuterung kann ich nur da finden, wo man ſich in etwas, ſeiner Natur und Neigung Widerſprechendes, aber objectiv als gut und vollkommen Anerkanntes hineinlebt und in der Pflichterfüllung eine ſüße Freude genießt. Bei dieſen Worten öffnete ſich die Thür. Selma und Oleander traten ein. Dieſer, um für heute Ab⸗ ſchied zu nehmen, Jene, um zu fragen, ob es nun für morgen beſtimmt dabei bliebe, daß ſie im Pleſſener Amtshauſe zu Tiſche wären? Warum nicht? ſagte Ackermann. Gewiß, gewiß! Sagen Sie der Juſtizdirectorin zu, daß wir kommen. Damit begleitete er die Scheidenden an den Wa⸗ gen, der ihm gehörte. Die kleine Hedwig mußte auf Selma's Verlangen Grüße an die Mutter und Ge— ſchwiſter beſtellen. Louis bat Selma, ſie möchte ſich der rauhen Luft nicht ausſetzen und in das Haus zu⸗ rücktreten. Sie war erhitzt. Ihre Farben glühten wie vom Pinſel des Malers aufgeſetzt. Louis nahm noch einmal den vollen Eindruck ihrer Anmuth hin, dankend für die freundliche Aufnahme, verſicherte, daß er Egon auf ihren Wunſch die Lection le⸗ ſen würde für ſeine Urtheile über Amerika und fuhr 171 dann mit dem wieder ſchweigſam gewordenen Olean⸗ der, begleitet auch noch von einem zuthunlichen Nach⸗ nicken der etwas dreiſten Magd aus dem Heidekruge, über den Hof auf die Straße hinaus, die ſie heute früh gekommen waren. Sechstes Capitel. Waldeinſamkeit im Winter. Regneriſche Herbſttage enden oft mit einem Abend, wo ſich der Himmel aufklärt und ein rother Streifen am weſtlichen Horizont die ſcharfe, gereinigte Luft ver— kündet, die nun bald den ganzen Winter bringen wird. Ein ſolcher rother Streifen lag weit über die Ebene hin, die ſich vom Ullagrunde immer mehr niederſenkte und nur noch bei Pleſſen und Hohenberg einmal in die Höhe ſtieg. Louis konnte dem Drange nicht Einhalt thun, ſich über dieſen Empfang und dieſe beiden Weſen, Vater und Tochter, mit voller Theilnahme auszuſprechen. Er ſagte, wenn Selma in dem Geiſte ihres Vaters reife, müßte ſie ein weibliches Ideal werden. Es war nicht ganz der Widerſchein des Abend⸗ himmels, daß Oleander's Wange bei dieſen Worten dunkel erglühte. * Da Sie Dichter ſind, ſagte Louis, haben Sie in Ihrer Schülerin eine Muſe, die Sie zu manchem Verſe begeiſtern wird. Darf ich Sie nicht bitten, mir einmal einige Mittheilungen Ihres Talentes zu machen? Beſuchen Sie mich in einer Abendſtunde, ſagte Oleander. Am Tage hab' ich oft in der Frühe die Pleſſener Schule zu beſuchen, an zwei Wochentagen iſt Religionsunterricht, dann fahr' ich auf den Ulla— grund, finde Abends heimgekehrt noch manche amt— liche Pflicht, Samſtags bereit' ich mich auf meine Predigt vor, ſo kann ich nur des ſpäten Abends mich mit dem Niederſchreiben der Verſe beſchäftigen, die mir freilich ſchon den ganzen Tag wie mouches vo— lantes vor den Augen tanzen. Suchen oder finden Sie Ihre Ideen? fragte Louis, dem es lehrreich war, in die Werkſtatt einer Kunſt zu blicken, die er mehr als Naturaliſt und nur des Ten⸗ denzzweckes wegen trieb. Man hatte ihm auch ſchon den Unſinn beweiſen wollen, daß die Tendenz mit der Poeſte unvereinbar wäre oder die Schwingen des Ta⸗ lentes nicht in reine Sphären tragen könne. Ich ſuche die Ausführung, antwortete Oleander, aber ich finde die Veranlaſſung. Beim Ausführen muß der Verſtand helfen. Das Finden iſt zufällige Anregung. Ich möchte dieſen Zuſtand mit dem Blick 174 in den Nachthimmel vergleichen, wo plötzlich von den Sternen uns ein Lichtglanz abzufallen ſcheint. Die beſten Gedichte müſſen ſolche Sternſchnuppen ſein. Aber im Auguſt und November, ſagte Louis nicht ohne Feinheit, fallen die Sternſchnuppen mit einer ge⸗ wiſſen Regelmäßigkeit. Dann muß es Gedichte geben, V man mag wollen oder nicht. Iſt nicht die Liebe eine ſolche ewige Auguſt- und Novembernacht des Dichters? Oleander, der eine tiefe Neigung für Sekma ge⸗ faßt zu haben ſchien, ſchwieg faſt verlegen. Nach einer Weile wiederholte er ſeine frühere Auf⸗ forderung: Wenn Sie noch eine Weile bei uns bleiben, kom⸗ men Sie einmal des Abends auf mein Stübchen. Ich will Ihnen dann etwas von meinen Verſen leſen. Das Beſte wird wol vorläufig daran ſein, daß ich ſie alle ſehr zierlich in ein Buch eintrage, das ich früher für gelehrte Zwecke beſtimmte. Da ſteht immer eine lateiniſche Phraſe auf dem Anfang des Blattes und hinterher folgen meine deutſchen Reimereien. Das erinnert mich, ſagte Louis, an jenen jungen Mönch, den die Brüder ſeines Kloſters zum Vorſteher der Bücherei gemacht hatten. Er ſaß unter all' den heiligen Werken und ſollte ſte durch Abſchriften noch vermehren. Am Fenſter vor den bunten Scheiben ſtand 175 ein Lindenbaum, deſſen Zweige ſchattig und kühlend in die Bücherei fielen. Da ſtand ſein Tiſch, da am Fenſter ſollte er ſchreiben. Nun aber kamen die jun— gen, hübſchen Mädchen am Kloſter vorüber und Alle grüßten den jungen Schreiber. Wie gern hätt' er ſie aufgehalten! Wie gern mit ihnen geplaudert! Von ſeiner Liebe durfte der Arme ja nicht ſprechen und doch plauderte er ſo gern mit der Jugend und der Schönheit. So ſuchte er ſie anfangs mit dem Linden⸗ baum zu feſſeln und pries ihn als ſo kühl und ſchattig. Setzt Euch doch! Aber ſie gingen bald wieder fort, die jungen Mädchen. Dann pries er den Geſang der Vögel in dem Baume. Aber ſie zwitſcherten nicht gerade dann immer, wenn die hübſchen Mädchen ka⸗ men. Da nahm er die alten Legendenbücher mit den bunten koſtbaren Buchſtaben und den herrlichen Hei⸗ ligen auf Pergament gemalt. Jede, die nun kam und vorüber wollte, fragte er: wer ihr Schutzpatron wäre und Jeder ſchenkte er, wenn ſie mit ihm geplaudert hatte und auch wol an einer Bank unter dem Fenſter hinaufgeſtiegen war und ihm einen Kuß gegeben hatte, ein ſchönes Bild ihres Schutzpatrons. Bald hatte der Glückliche einen ſolchen Zulauf von allen Schönen der Umgegend, daß er die ganze Bücherei zerſchnitt, bis die Kloſterbrüder dahinter kamen und er ſeine Liebe 176 zu den ſchönen Mädchen und ſeine Misachtung der Wiſſenſchaft durch lange, lange Leiden theuer bezah⸗ len mußte. Die Geſchichte kenn' ich, ſagte Oleander⸗ Sie endet beſonders gut mit dem naiven Geſtändniſſe des verliebten Bibliothekars, daß ja in der Bibel alle Bücher der Welt enthalten wären. Ja, ja, um die Poeſie möchte der Dichter auch alle Weisheit der Welt hingeben, alle Sprachen und alle andern Künſte. Nach einem längern Geſpräch, in welchem ſich Louis Armand wohlweislich hütete, ſeine eigenen Verſe zu erwähnen, fragte er Oleander, wo er her⸗ ſtamme, ob nicht ſeine Geburt auf das ſüdliche Deutſch⸗ land verweiſe. Wohll ſagte Oleander. Ich bin auf der ſchwã⸗ biſchen Alb geboren.. Louis war nicht Geograph genug, um die ſchwä⸗ biſche Alb ſogleich im Königreich Württemberg unter⸗ zubringen. Er ließ alſo nur ſo obenhin die Bemer⸗ kung fallen, daß auch er von einer Deutſchen her— ſtamme, Namens Anna Oleander... Und nun hatte er die Freude zu vernehmen, daß Oleander ſogleich mit der Frage einfiel, ob er jene Oleander meine, die den flüchtigen Polen Thaddäus Kaminski heirathete und mit ihm nach Frankreich zog? — 177 Dieſelbe! ſagte Louis Armand. Es ſind meine Großeltern.. Dieſe Entdeckung brachte die Gefährten inniger zuſammen. Zwar war die Verwandtſchaft ſehr ent⸗ fernt, aber ſie bot doch Gelegenheit zum Austauſch mancher Frage, mancher wohlthuenden Antwort. Louis Armand fühlte ſich heimiſcher und Oleandern bot dieſe ſeltſame überraſchende Begegnung einen ſolchen Fernblick in fremdes Leben, fremde Sitte, daß er ſich bei ſeinem naiven Sinne kaum faſſen, kaum beruhigen konnte. Als Louis endlich den Wunſch äußerte, ob man nicht hier auf kürzerem Wege nach dem Forſthauſe einlenken könnte, wollte Oleander, da es nur einen Fußſteig dorthin gab, ausſteigen und ihn begleiten. Louis lehnte dieſe Gefälligkeit ab und begnügte ſich mit des Vikars genauerer Beſchreibung. Es hieß, dieſer Weg führe an der Sägemühle vorüber, dann an das ſogenannte ſchwarze Kreuz und von da in wenig Hun⸗ dert Schritten auf das Jägerhaus. Louis ſtieg aus. Oleander gab ihm herzlich, noch immer überraſcht von der entfernten Verwandtſchaft, die Hand. Der Knecht ſchlug anfangs eine Erkennt⸗ lichkeit, die ihm Louis anbot, aus, dann nahm er ſie, gab aber Louis dafür noch den Rath, ſich von der Sägemühle an, immer oben auf dem Felſenwege, nicht Die Ritter vom Geiſte. VII. 12 unten an dem Waldbach zu halten. Nur gerade auf das ſchwarze Kreuz zu! ſagte er und dann bergab. Da wird's trockner ſein bis zum Jägerhaus. Louis hörte, wie er ſchon auf dem Seitenwege wandelte, noch in der Ferne das Knallen der Peitſche und den Widerhall des raſch dahinrollenden kleinen Wagens. Es war ſchon dunkel, als er ſich der Bergwand näherte. Es trieb ihn mit einer unerklärlichen Sehn⸗ ſucht zu Franziska. Mit Gewalt drängte er die neu⸗ geweckte Theilnahme für Heinrich Sandrart zurück. Warum ſoll ich es nicht wagen, ſprach er zu ſich, endlich das entſcheidende Wort zu ſprechen, das ſchon ſo oft auf meinen Lippen lag! Kann ich es länger vor ihr und dem Onkel verbergen! Ich werde in Deutſchland bleiben, dieſem Boden, der meine mütter⸗ liche Heimat iſt. Wie fühl' ich mich in dies neue Leben ſo wunderbar ſchnell hinein! Wie traulich ſpre⸗ chen mich alle dieſe Menſchen an! Wie wecken ſie in mir das Tiefſte und mildern meine Leidenſchaften, ſtatt ſie aufzuregen! Wohl mahnte den jungen Mann der Ruf ſeiner ſozialen Beſtrebungen. Doch ſeit dem Abend, wo Dankmar den Bund der Ritter vom Geiſte begründet und die Aufgabe jedes geſinnungsvollen Menſchen als 179 nicht zu unmittelbar, nicht zu dringend herausfordernd dargeſtellt hatte, war eine große Beruhigung über ihn gekommen. Er fühlte, wie ſonſt, lebhaft für die Sache des Volkes, aber es trieb ihn nicht mehr ſo gewaltſam, gleichſam den erſten beſten Stein, der ihm nahe lag, zu heben und auf die Feinde des Erdenglückes zu ſchleu⸗ dern. Wie ſehnte er ſich nach Siegbert und Dankmar, denen jetzt ſein Herz mehr gehörte, als Egon, der ſo Vieles that, ſich ſeine Freunde zu entfremden! In der Ausmalung ſeiner nächſten Aufgabe, für Murray bei Zeck oder der Urſula Nachforſchungen anzuſtellen nach dem Kinde jener kalten vornehmen Dame und dann nach einem offnen Bekenntniſſe ſeiner Liebe von Fran⸗ isska für den Winter Abſchied zu nehmen und in die h Neſidenz zurückzukehren, ſchritt er rüſtig vorwärts und achtete des Dunkels nicht, das ſich inzwiſchen ganz über die ſtille, trauernde Gegend herabgeſenkt hatte. Er war im Wald. Das Grün der Tannen ver⸗ ſcheuchte hier die Vorſtellung vom herangenahten Winter. Am Fuße der entlaubten Bäume, die hier und da noch zwiſchen den Tannen ſtanden, grünte unbekümmert vor dem Herbſte das immergrüne Moos. Der Weg war viel feſter als im Felde. Wo man dort einſank, wurde man hier durch die weitgeſtreck⸗ ten, aus dem Boden hervorſtehenden Wurzeln der 12*† 180 Bäume oder durch das zuſammengeballte Laub im Gehen erleichtert. Fröhlich pfiff Louis leichte Liedchen vor ſich hin und ſuchte mit ſeinem ſpähenden Auge in der Ferne irgend ein Licht, oder mit dem ſcharfen Ohre irgend einen Schall, wenigſtens von den Rädern der Sägemühle. Bald hörte er das Bellen eines Hundes, bald auch das Rauſchen des Waldbaches, der die Sägemühle trieb. Es war ſo finſter geworden, daß er dieſe ein⸗ ſame Niederlaſſung erſt erblickte, als er dicht an ihr vorüberging. Sie lag tief. Die Dächer waren breit und gedrückt. Ohne Zweifel wurden geſchnittene Die⸗ len unter ihnen aufbewahrt. Da lagen Blöcke vom Regen durchfeuchtet, die friſchgeſägten Breter ſchimmer⸗ ten durch die Dämmerung. Doch ſchwieg die Mühle. Alles ſchien hier wie ausgeſtorben. Nur weniges kaum hörbares Leben deutete auf Bewohner. Louis fand hier die beiden Wege, von denen Acker⸗ mann's Knecht geſprochen hatte. Der eine ging an dem Waldbache entlang, der andre ſtieg aufwärts und folgte immer dem bald höheren, bald ſich ſenkenden Felsufer dieſes Baches. Louis ging den letzteren. Er war trockner, aber beſchwerlich und nicht ganz ohne Gefahr. Steine lagen links und rechts im Wege und leicht konnte 181 man bei einem Fehltritt ausgleiten und in den Wald⸗ bach ſtürzen. Sich in die Verſpätung ergebend, ſchritt er langſam vorwärts und ſuchte das ſchwarze Kreuz auf, von dem Oleander und der Knecht geſprochen hatten. Er fand es endlich. Eine Inſchrift, die darauf zu leſen war, konnte er nicht mehr erkennen. Er rieth auf einen Unglücksfall, der ſich hier einſt ereignet haben mußte und nahm das Kreuz umſomehr für eine Warnung vorſichtig zu ſein, als gerade hier unter dem Vorſprunge, auf dem das Zeichen errichtet war, der Waldbach ein tieferes Bett gewonnen zu haben ſchien und wild im Strudel rauſchte und ſchäumte. Wie er noch ſo ſtand und dem Winde lauſchte, der die Bäume ſchüttelte, war ihm, als hörte er einen Schrei aus weiteſter Ferne von der Luft herüberge⸗ tragen. Im erſten Augenblick bebte er zuſammen. Es war ein einziger ſchreckhaft hervorgeſtoßener Ton, den er nicht von den krachenden Zweigen, nicht von einem Vogel herleiten konnte. Es war ein Ton aus menſchlicher Bruſt. Wie er entſetzt lauſchte, ob ſich der Ruf wieder⸗ holen würde, und nichts hörte als nur den Wind, nur das Rauſchen des Waldbaches, glaubte er doch, 182 daß er ſich geirrt hätte und ſetzte beruhigter ſeine Wanderung fort. Sie war jetzt nicht mehr ſo ſchwierig. Von dem Kreuze führte ein gepflegterer Weg abwärts. Rüſtig ſchritt er vorwärts und hatte die Freude, deutlich von Pleſſen herüber die Kirchthurmuhr fünf ſchlagen zu hören. Nun wußte er, daß er in der Nähe des Jä⸗ gerhauſes war. Schon glaubte er ſich zurecht zu fin⸗ den. Die jenſeitige Wand des Waldbaches war eine ſchroffe mit Bäumen beſetzte Anhöhe, das diesſeitige Ufer führte zuweilen ſchon durch Weideplätze, grüne Moos⸗ und Grasſtellen. Zuletzt ſtand er an einer kleinen Brücke von Erlenholz. Der Waldbach ſchweifte links ab nach Pleſſen zu. Er kannte dieſe Biegung und nahm keinen Anſtand über die kleine Brücke hinüber zu ſchreiten und ſich von dem Flüßchen ganz zu trennen. Ein beſtimmter feſter Glaube führte ihn den Weg, den er für den richtigen und den zum Forſthauſe lei⸗ tenden erkannte. Um ſo entſetzlicher mußte es für ihn ſein, als er nach einigen Minuten raſchen Fortwan⸗ derns wieder jenen Ton hörte, der ihn ſchon oben an dem ſchwarzen Kreuze erſchreckt hatte. Jetzt war es ſicher kein ſich biegender Aſt, kein Vogel mehr. Es war eine menſchliche Stimme, die einen erſtickten Ent⸗ ſetzensſchrei hören Keß. Es iſt Franziska! ſagte ſich ſeine aufgeregte Phantaſie. Sie ruft um Hülfe! Und ohne die Gefahr zu achten, daß er in der Dunkelheit gegen einen Baum anrennen konnte, ſtürzte er in die Nacht hinaus, vertrauend, er würde zum Ziele kom⸗ men. Er rannte gegen Geſträuche und hielt einen Aſt in der Hand. Er brach ihn, ſo ſtark er war, mit gewaltiger Kraft von ſeinem Stamme los, um eine Waffe zu haben. So ſtürmte er fort und rief mit einer Löwenſtimme: Franchette! Franchette! daß es im Walde ſchauerlich widerhallte. Endlich lichtete ſich der Weg. Da lag die Wieſe! Da lag das Jägerhaus! Ein Lichtchen brannte an Franziska's Fenſter. Quer über das ſumpfige Grün hinweg! Franchette! Franchette! Die Hunde bellten im Forſthauſe. Fränzchen lebte. Sie öffnete das Fenſter. Louis! Ach, Gott! Sind Sie's! In demſelben Augenblicke fiel in der Ferne ein Schuß. Das iſt der Onkell ſagte ſie, als ſie todtenbleich draußen ſchon an der Thür in Louis' Armen lag. Was iſt geſchehen? Kommen Sie! Kommen Siel ſagte Franziska und zog Louis in das Jägerhaus, einen entſetzten Blick auf die Treppe hinwerfend, an der ſie vorüberhuſchte. Wie ſie mit Louis im Zimmer war, wo ein Lämp— chen brannte, riegelte ſie die Thür zu und fiel erſchöpft auf einen Lehnſtuhl, der in der Nähe des Fenſters ſtand. Das Fenſter war noch offen und wurde von Louis ſo— gleich geſchloſſen. Ich kann in dem Hauſe nicht bleiben, begann Fränzchen, als ſie ſich geſammelt hatte. Alle Ge⸗ ſpenſter aus der frühern Zeit, daß ich hier war, ſtehen wieder vor mir. Ich muß fort. Was war Das nur, Franziska? Sie riefen um Hülfe? War hier ein Ueberfall? Rief ich um Hülfe? Ich weiß es nicht. Wer war hier? Ich bitte Sie! Und jener Schuß? Fränzchen antwortete nicht, ſondern blickte ſich nur ſcheu um und horchte nach oben hinauf. Als ſie Louis inſtändiger um Aufklärung bat, lä⸗ chelte Fränzchen und fragte: Hab' ich ſo laut gerufen? In der Stille des Waldes hört' ich es über tau⸗ ſend Schritte weit. Das tröſtet mich etwas und beruhigt mich für die Zukunft— nein, nein, ich kann nicht bleiben! Ich fürchte mich zu Tode. Und doch geſchah hier eigent⸗ lich gar nichts. Was haben Sie, liebe Franziska! Was war Ihnen? Franziska erzählte nun mit gedämpfter Stimme, immer nach oben blickend, daß ſie ſeit ihrer Anweſen⸗ heit im Forſthauſe die alte Urſula nicht erblickt hätte. — 185 Wie ſie aber vorhin allein geweſen, verlaſſen von dem Onkel, der auf der Jagd pirſche, wäre die Alte, die ſie im Bette geglaubt hätte, herabgeſchritten feierlich mit einem Lichte in der Hand, lang und hager, wie ein Geſpenſt. Mit hohlen Augen wäre ſie eingetreten, an jenen Schrank gegangen, hätte den aufſchließen wollen, dann aber wäre ſie herangetreten, das Licht gegen ſie haltend. Ohne zu ſprechen, ohne ſie zu be— grüßen, wäre ſie dicht an ſie herangeſchlichen, daß ſie im erſten Schreck hätte glauben müſſen, ſie beabſichtige ihr, und wenn nur durch Anhauchen, ein Leids zuzufü— gen. Da hätte ſie, wie ſie dicht an ihrem Munde gewe— ſen wäre, aufſchreien müſſen, wie in Todesgefahr. Die Alte wäre nun zurückgegangen, hätte ſich an die Thür geſtellt und ein lautes Lachen aufgeſchlagen. So hätte ſie während einiger fürchterlichen Minuten geſtanden, dann wäre ſie noch einmal gekommen, in derſelben geraden Linie auf ſie zu, mit derſelben ſtarren Miene, wieder das Licht gegen ſie hinhaltend, um ſie zu er⸗ kennen. In der Angſt ihres Herzens hätte ſie Hülfe rufen müſſen, da wäre in der Ferne ihr Name von Louis gerufen worden, die Alte hätte wieder wie eine Irre gelacht und dann ſie verlaſſen, um nach oben auf ihre Kammer zurückzukehren. Franziska verſtärkte den ängſtlichen Eindruck, den 186 auch Louis von dieſem Vorfalle empfing, durch die Erinnerungen an ihre Jugend, die ſie ihm erzählte. Sie behauptete, daß ſie glaube, die Alte möge in die⸗ ſem Hauſe Niemand dulden und hätte trotz ihrer Jahre eine Art Eiferſucht auf Jeden, der ihr die alleinige Herrſchaft über den bequemen Onkel, der ſie einſt hätte heirathen ſollen, ſtreitig machen würde. Louis fand es gerathener, daß Franziska wol in der Nähe, aber nun nicht ſelbſt im Jägerhauſe länger bliebe. Er ſchlug ihr vor, morgen mit Ackermann zu ſprechen und dieſen einſichtsvollen, freundlichen Mann zu bewegen, ſie in ſein Haus zu nehmen. Freilich, ſetzte er, als Franziska freudig einſtimmte, hinzu: Sie werden, liebe Freundin, dort in der Nähe des alten Sandrart ſein, der nicht Ihr Göonner iſt! Und ich bin nicht ſeine Gönnerin, ſagte Franziska, die von ihrer beklommenen Stimmung aufzuathmen begann. Erwähnen Sie doch dieſen Namen nicht! Franziska, Sie wiſſen, daß Heinrich vermögend iſt und Ihnen eine glänzende Zukunft bieten kann! Ich mag ihn nicht! Es iſt ſchlimm, wenn ein Mann zu wenig Herz hat, aber noch ſchlimmer läßt's ihm, hat er zu viel. Wie beſchämt ſteh' ich vor Ihnen da, Franziska! Sie kennen die Freundſchaft— Der Onkel kommt! ſprach Franziska und ſprang zur Thür hinaus. Louis verwünſchte die Störung. Er hatte ſich er⸗ klären wollen. Er hatte endlich das entſcheidende Wort der Liebe auf den Lippen. Die Reflexionen waren von ihm gewichen. Die Einſamkeit des Waldes, die Nähe des blühenden Mädchens, ihre Freude, ihn zu ſehen, von ihm aus einer peinlichen Lage befreit zu werden, die ſanfte Hand, die, kalt geworden von dem nach dem Herzen gedrängten Blute, ſich in der ſeinen erwärmte... Das Alles ſprach ihm ſo viel Muth und Ermunterung zu, daß er endlich ein feſtes und ſicheres Verſtändniß zwiſchen ſich und dem Mäd⸗ chen begründen wollte. Wieder vergebens! Jeder An⸗ dere hätte kühn mit einer einzigen Umarmung dieſem peinlichen Zuſtande ein Ende gemacht. Das konnte Louis Armand nicht. Dafür war er zu ſehr ein Hamlet des Herzens, die Bläſſe des Gedankens kränkelte ſeine Empfindungen an. Er konnte in Dingen, die eine ſo große Lebensänderung würden nach ſich gezogen haben, wie dieſe Erklärung ſeiner Liebe für Fränzchen Heuniſch, nicht aus einer gewiſſen Pedanterei, einer zaghaften Scheu heraus, wie im Grunde ſo viele junge Männer, die, wie uns die Leſerinnen beſtätigen werden, ſchon lange nicht mehr den„Muth der Erklärung“ haben. 188 Heuniſch hatte, da der Wind nicht nach ſeiner Richtung ſtand, von dem Schrei nichts gehört und war nicht wenig erſtaunt, als ihm Louis den Vor⸗ fall erzählte und daran die nothwendige Ueberzeugung knüpfte, daß der Förſter ſeine Nichte aus dem Hauſe geben ſollte. Der Vorſchlag mit Ackermann gefiel ihm, der Nähe Sandrart's wegen, ſehr wohl, obgleich er dieſen Grund nicht ausſprach. Die Urſula, dacht' ich mir gleich, ſagte unſer alter Freund in ſeinem ſorgloſen bequemen Tone, die Ur⸗ ſula hat nur eine verſtellte Krankheit. Sie iſt tückiſch, weil ſie Niemanden im Hauſe leiden mag. Das iſt nun ein Kreuz, das man tragen muß. Glücklicher⸗ weiſe iſt Liebe damit verbunden. Sie meint es gut. Louis zweifelte.. Gegen mich gewiß! fuhr der Jäger fort. Sie hat mich ordentlich in Pacht genommen. Ich bin ihr Herz⸗ blatt, ihre Augenweide. Es iſt wahr, ſie hat oft einen Blick, als wollte ſie damit die Ratten vergiften, aber mich blinzelt ſie an wie eine verliebte Katze. Urſchel, Urſchel, ich muß doch noch ein Ende machen und dich in die Kirche führen! Wiſſen Sie nichts vom frühern Leben dieſer Frau? forſchte Louis und gedachte ſeines im Schloſſe har— renden Murray... ſte — 189 Heuniſch plauderte was wir wiſſen, vom Doktor Lehmann, vom blinden Schmied, ja ſogar von der Erbſchaft und ſchloß: Sie kurirt jede Roſe und jeden ſteifen Hals renkt ſie ein.. Louis ſah wohl, daß von dieſem Virtuoſen im Vertrauen, dieſem ſtarken Geiſte der Denkmüdigkeit nichts über die frühern Verhältniſſe der Urſula für ſeinen guten Murray zu gewinnen war. Heuniſch ſtopfte ſich eine Pfeife, hing ſein Gewehr an die Wand, legte die Jagdtaſche ab und ſagte nur immer vor ſich hin: Ja, ja, Fränzchen! Ich habe nichts dawider. Sie nehmen dich auch! Das Fräulein nimmt dich auch! Der Ackermann iſt ein guter Herr! Es iſt mir auch ſo recht. Da ſprech' ich im Ullagrund vor und gehe nicht ſo oft auf den gelben Hirſch. Und wenn Sand⸗ rart, der Alte, grob bleibt wie heute, ſo ſtopf' ich mir immer bei Ackermann die Pfeife und rauche ihm hinter ſeinem Zaun gerade auf die Naſe. Dabei lachte Heuniſch und machte ſich's bequem und ſah ſich nach ſeiner Suppe um, die ihm Fränz— chen lange nicht ſo gut zubereitete wie die Urſula, die ſich nicht mehr wollte ſehen laſſen und eigentlich ſo trotzte, daß Heuniſch's Bequemlichkeit darunter litt. Louis warf Fränzchen beim Gehen einen liebe⸗ vollen Blick zu und flüſterte: Morgen Nachmittag komm' ich in Wind und Wet⸗ ter und bringe den Beſcheid von Herrn Ackermann. Rüſten Sie ſich, daß Sie mir dann gleich folgen können! Fränzchen dankte mit innigem Blick. Als Louis dem Förſter die Hand gegeben hatte, rief ihm dieſer nach: Nehmen Sie den Weg rechts an der Wieſe herum und dann links, von der Eiche abwärts. Sie ſollten auch einen Stock bei ſich tragen. Ich halte Herrn Ackermann's neue Geſchichten ſehr hoch, aber ſie ziehen allerhand Geſindel in die Gegend. Der Juſtizdirektor hat mir von einem Brief geſprochen, den er aus der Reſidenz bekommen. Es ſoll nicht recht geheuer ſein. Die beiden Geſellen, die die Zeck's angenommen haben, gefallen mir nicht. Da! In der Ecke ſteht ein alter Ziegenhainer! Oder wollen Sie einen Hirſchfänger? Louis dankte und meinte, der Baumſtamm, den er draußen hätte liegen laſſen, thäte Dienſte genug, wenn's Noth am Mann wäre. Fränzchen, zitternd und aufgeregt, bat den Hirſch⸗ fänger zu nehmen. Nein, nein, ſagte Louis. Der Aſt draußen genügt. ebe⸗ Vet⸗ inn. gen tte, ch⸗ 191 Damit verließ er das unheimliche Haus mit dem tiefſten Mitgefühl für die in ihm zurückbleibende Fran⸗ ziska, die bei aller Bangigkeit ihres Herzens nicht auf⸗ hörte, zu ihm aufzublicken wie zu einem verklärten Hei⸗ ligen, der über den gemeinen und geringen Bedingun⸗ gen dieſes Lebens ſtand. Louis kam unangefochten im Schloſſe an. Nichts hatte ihn im Walde geſtört. Faſt ſeiner ſelbſtſpottend warf er am Fuße des Hohenberges den ſchützenden Aſt von ſich. Das gemeinſchaftliche Wohnzimmer ſah Louis, den Berg emporſteigend, hell durch die Nacht ſchimmern. Es ſchlug ſieben Uhr, als er bei Murray eintrat. Unwillkürlich mußte er die Thür auflaſſen, die er in der Hand hielt. 4 Himmel, rief er, was machen Sie, Murray? Hier iſt ja eine Hitze zum Erſticken. Ich habe ſo ſtark geheizt, ſagte Murray, um mir einen alten Schlüſſel, den mir Brigitte gab, ſo zu feilen und zu ſchmelzen, daß ich ihn zum Umdrehen der Wirbel des Klaviers brauchen kann. Es will nicht gehen und ich möchte doch Wohllaut im Ohre haben. Kommen Sie heraus, ich beſchwöre Sie, ſagte Louis, das iſt von dem glühenden Ofen eine Hitze, 192 die Ihnen für den ganzen Winter einen Katarrh zuzieht! Murray öffnete die Fenſter und kam, da Louis wirklich nicht eintreten mochte, in's Vorzimmer. Sie müſſen Ihrer Liebe zur Muſik und der Noth⸗ wendigkeit, ſich in Ihrer Einſamkeit zu unterhalten, ein Opfer bringen und mir erlauben, dieſe Arbeit unten in der Schmiede verrichten zu laſſen. Umſo⸗ mehr, als ich nach meinen heutigen Entdeckungen auch kein andres Mittel weiß, Ihre Nachforſchung anzu⸗ ſtellen, als zuvörderſt bei den Zeck's im Dorfe. Louis gab einen Bericht über ſeine reichen Erleb⸗ niſſe.. Murray folgte mit Theilnahme und verweilte mit großer Rührung bei Dem, was Louis über Ackermann erzählte. Ja, ja, ſagte er. Das iſt Ackermann ſelbſt, der in Amerika einen andern Namen führte und nicht weiß, was mich zu ihm zog und wen ich in ihm, was er in mir wiederfand! Zu hören, daß Otto von Dyſtra in Europa war, machte ihm keine Beſorgniß, eher Freude.. Ackermann hat Recht, ſagte er, wenn er dieſen Sonderling einen Epikuräer des Geiſtes nennt. Ich kenne keinen Gerichtshof der Welt, wo man leichteren Stand hätte als vor dieſem Aeſop. Er kommt mir wie eines jener Aſyle vor, in welchen die Verbrecher vor der Hand der Gerechtigkeit geſichert waren. Erſchreckend wirkte auf Murray, was Louis aus dem Jägerhauſe erzählte. Ich erkenne, ſagte er, die dämoniſche Natur mei⸗ ner Schweſter. Sie war die Aelteſte von uns. Was ſie gab, drückte mehr als es erfreute. Sie hatte ſchwarze Augen, ganz beſchattet von dichten Brauen und hielt mit Niemanden Freundſchaft, da Alles ſchon vor ihrem Blicke floh. Dennoch beſaß ſie gute Eigen⸗ ſchaften. Sie war gefällig, dienſtergeben, treu bis zur Laſt. Sollten alle dieſe Keime beſſerer Regung in kalte Verſteinerung übergegangen ſein? Jetzt ſcheint ſie geiſtesſchwach zu ſein. Wenn ſie das Gedächtniß ver⸗ loren hätte! Indem kam Brigitte mit dem Thee. Sie hatte vom Juſtizdirektor hundert Empfehlungen auszurichten und auf's neue zu mahnen, daß die Herren die mor⸗ gende Einladung nicht vergeſſen möchten. Nachdem ſie die Fenſter mit Erlaubniß geſchloſſen und ſich wegen des Nichtabholens des Geſchirrs entſchuldigt hatte, ging ſie und ließ nur noch die neueſten Zeitungen zurück. Louis hatte wenig Appetit. Er war zu aufgeregt und bewegt dafür. Murray genoß ein geringes Maß Die Ritter vom Geiſte. VII. 13 1 und nahm ſich vor, ſeinen jungen Freund zu veran⸗ laſſen, früh das Bett zu ſuchen. Während Murray in den Zeitungen blätterte, ſchrieb ſich Louis das Ge⸗ dicht auf, das ihm unterwegs eingefallen war. Als Murray ein Licht ergriff und ſich zur Ruhe begab, deutete er auf eine Stelle der Zeitungen und ging mit dem Bemerken, daß ſie Louis intereſſiren würde, für heute zur Ruhe. Es war freilich eine Mittheilung, die inſofern recht zur Unzeit kam, als ſie Louis, der ohnehin ſchon von ſo vielen Dingen erfüllt war, noch vollends erſchütterte und in der That nicht ſchlafen ließ. Sie lautete am Ende der Zeitung mit großen Buch⸗ ſtaben: „Heut' Mittag um zwei Uhr iſt die bisherige Volks⸗ vertretung vom Miniſterium aufgelöſt worden. Die neuen Wahlen ſind auf den erſten November angeord⸗ net. Die Stadt iſt unruhig. Einige Volksaufläufe ſind mit dem Bajonnet, auseinandergetrieben. Man fürchtet für den Abend. Das Militair iſt in den Ka⸗ ſernen conſignirt. Eben werden über den Schloßplatz Kanonen gefahren.“ eine we Siebentes Capitel. Ein Land⸗Diner mit Honoratioren. Am Vormittage des folgenden Tages herrſchte im Amtshauſe, der Wohnung des Juſtizdirektors von Zeiſel, eine erhebliche Unruhe. Frau von Zeiſel, geb. Nutzholz⸗ Dünkerke, war vollkommen überzeugt von der Noth⸗ wendigkeit, den, wie man allgemein wußte, vertrau⸗ teſten Freund des Fürſten, trotz ſeines geringen Stan⸗ des, irgendwie feiern zu müſſen. Sie tröſtete ſich bei ih⸗ ren Anordnungen damit, daß Louis Armand doch wol nur ein verkapptes Mitglied der höhern Geſellſchaft wäre und ebenſo auf wunderlich verſteckten Wegen ginge, wie ſie ja den Fürſten Egon ſelbſt hatten kennen lernen. Jeder Blick auf den Thurm, der in ſchräger Richtung dem Amthauſe gegenüber ſtand, feuerte ihre kleine rundliche Figur zur lebendigern Sorge an, um heute dem jungen Freunde des Fürſten einen Eindruck für die Reſidenz mitzugeben, der auf die gute Mei⸗ 13* nung von der Hingebung ihres Mannes eine dauernde Nachwirkung üben ſollte. Was gehört nicht dazu, mit beſchränkten Hülfs⸗ mitteln auf den gebahnten Straßen täglicher kleiner Ordnung plötzlich ein ſolches außerordentliches Mit⸗ tagsmahl herzuſtellen! Jetzt in der Morgenfrühe, wo man ohne Lauſcher war, konnte man ſich in der gan⸗ zen Verwirrung ſolcher Zurüſtungen noch gehen laſſen. Das war ein Laufen und Rennen! Die Thüren ſchlu⸗ gen zu und klappten auf. Frau von Zeiſel rannte ohne Toilette mit aufgewickelten falſchen Locken bald hier-, bald dorthin und machte eine Bewegung, die öfter wiederholt ſicher ihr Embonpoint gemildert hätte. Was gab es da zu befehlen, zu klagen, zu verzweifeln! Welche Töne drangen ſchneidend durch das ſtattliche Amtsgebäude, unbekümmert um die Juſtizkanzlei, die Kammerkanzlei und alle die ehrwürdigen Zwecke dieſer Amtswohnung, die heute für Frau von Zeiſel nicht vorhanden waren! Herr von Zeiſel kam nicht zu einem einzigen vernünftigen Avis, den er an einen Orts⸗ ſchulzen hätte aufſchreiben können und doch hatte er geſtern von der Regierung einen wichtigen Brief er⸗ halten. Und die Kammer war entlaſſen! Neue Wah⸗ len ſollten angeordnet werden! Ein Oppoſitionsblatt ſprach von einem neuen aus der Willkür der Majeſtät fließenden Wahlgeſetze! Wenn nach dieſem gewählt werden ſollte, welche neue Mühen, welche Weitläuf⸗ tigkeiten, um die Wahlkörper zu bilden, die Stimm⸗ berechtigten auszuſcheiden, die Wählenden und Wähl⸗ baren zu prüfen! Und nun dies Diner! Pfannenſtiel, der Gerichtsbote und Amtsvoigt, der mit einigen Akten hinter dem Schreibpulte des Juſtiz— direktors ſtand, hatte tiefes Mitleid mit ſeinem Vor⸗ geſetzten. Das auch heute noch, ſagte er antheilnehmend, wo die Frau von Zeiſel ſo nicht weiß, wo ihr der Kopf ſteht! Ja, Pfannenſtiel, ich weiß nicht, was ich unter⸗ ſchreibe. Alle Buchſtaben laufen mir durcheinander. Eine Magd kam und wollte wiſſen, wie viel Fla⸗ ſchen Wein wol herausgeſtellt werden ſollten. Wieviel meinte meine Frau? Sechs, ſagte die Magd. Kathrinchen! Hat meine Frau ſechs geſagt? Pfannenſtiel ergänzte, daß die gnädige Frau wol hätte ſechszehn gemeint. Sechs! hieß es. Herr von Zeiſel räuſperte ſich in großer Verlegen— heit, legte die Feder auf das Pult, ſchlug den Schlaf— rock über die langen Gliedmaßen und begab ſich, ohne 198 ein Wort weiter zu ſagen, zur Thür hinaus, um mit ſeiner Frau über dieſen Gegenſtand eine nothgedrun⸗ gene freie Conferenz zu halten. Wer kommt denn Alles? fragte inzwiſchen Pfan⸗ nenſtiel. Die Magd klagte, daß ſie keine Befinnung hätte. Dieſe Aufgabe wäre zu groß! Die Juſtizdirektorin käme nicht mehr aus dem Zanken heraus. Sie ſelbſt wiſſe nicht mehr, was ein Teller und was eine Schüſſel wäre. Wenn wir nur Alle dafür ordentlich avancirten! meinte Pfannenſtiel mit verzeihlichem Egoismus. Wir haben nun Alles aus erſter Hand! Der Fürſt iſt Mi⸗ niſter! Ich ſchreib' an ihn, daß er ſich des Thurms da und meiner Höflichkeit erinnert und mir ein gutes Fortkommen für's Alter gibt. Indem brach Frau von Zeiſel herein: Mein Mann! Er ſucht Sie, gnädige Frau. Ich kann nicht mehr. Dieſe Menſchen, von de⸗ nen man umgeben iſt! Das ganze Jahr erträgt man den hülfloſen Zuſtand, weil man nachſichtig iſt, ſei⸗ nen Aerger verſchluckt; nun kommt es einmal darauf an, nun ſoll man einmal ſeinem Stande gemäß ſich . 199 der Welt zeigen, nun verräth ſich's, was ein Haus ohne Bedienung iſt! Chriſtoph nimmt ſich doch ganz gut aus in der Livree, meinte Pfannenſtiel und ſuchte die auf den Leder⸗ ſeſſel ihres Mannes niedergeſunkene Dame zu tröſten. Aber wer ſagt ihm, daß er ſchon jetzt damit in die Küche kommt, jetzt ſchon mit der Livree die Wände abſchabt! Er hat ſie ſeit drei Jahren nicht getragen und freut ſich, daß er ſtärker geworden iſt. Drum dehnt er ſich ſo aus und reckt ſich, daß alle Nähte platzen! Die Magd, die durch das ganze Haus den Juſtiz⸗ direktor gerufen hatte, kam mit dem endlich Gefunde⸗ nen zurück. Kind, ſagte er mit ängſtlicher Miene, ſechs... Acht! gab die Gemahlin gleich zu. Ich ſuche dich überall! Ich war im Keller und du beſtimmſt nichts, du ſorgſt für nichts, du biſt für nichts, du denkſt an nichts. Die rothen oder die gelben? So ſag' doch! Vier rothe, zwei gelbe— Aber Herzchen, wir ſind— Achtzehn— Neunzehn! Der Alte mit der ſchwarzen Binde kommt nicht— —————— ——— 4 290 Alſo ſiebzehn— Was rechneſt du denn! Aber die Frau Pfarrerin Stromer! Pfannenſtiel hier, ſchreiben Sie einmal auf! Pfannenſtiel ſetzte ſich zum Schreiben. Erſtens, dictirte Frau von Zeiſel, Herr Louis Armand— Der Schreinergeſell! ergänzte Pfannenſtiel. Der Stand, bemerkte Frau von Zeiſel empfindlich, der Stand iſt hier nicht nöthig. Wir waren nie ſtolz. Die rechte Hand des Fürſten und Sekretair des Premierminiſters! bemerkte Herr von Zeiſel und ſchnitt damit alle weiteren Erörterungen ab. Zweitens— Herr Ackermann! bemerkte der Amtsvoigt kräftiglich. Nun, nun, ſagte Frau von Zeiſel pikirt, der Name brennt Ihm ja recht auf der Zunge. Wer weiß, wie bald die Komödie zu Ende iſt. Der Fürſt wird bald erkennen, daß er es mit einem Projektenmacher zu thun hat! Den neueſten Briefen des Juſtizrathes nach zu urtheilen, wird die Welt binnen Kurzem von Dingen überraſcht werden.. Drittens, ſagte der Juſtizdirektor— Laß mich! unterbrach ihn ſeine Frau— Zweitens— Nummer Zwei, Frau von Zeiſel, ſagte Pfannen⸗ 4 is ſtiel, der ſich in die Umſtände zu fügen wußte. Nummer Drei, Herr von Zeiſel. Nummer Vier, Herr Ackermann! ſagte jetzt der Juſtizdirektor ſelbſt. Nummer Vier, Herr Oleander! unterbrach deter⸗ minirt ſeine Gemahlin. Wer iſt dieſer Ackermann? Kann er ſich einen Studierten nennen? Wer weiß, wo er herkommt und wo er noch hinfährt! Nummer Fünf, die Frau Pfarrerin Stromer! be— merkte der Juſtizdirektor und um nur Ackermann ganz hinten zu bringen, ſetzte er hinzu: Nummer Sechs, Herr Doktor Reinick aus Rand⸗ hartingen. Nummer Sieben, Herr Ackermann! bemerkte aber der unermüdliche Amtsvoigt wieder, dem einmal dieſer Name ſo werthvoll und bedeutend war wie allen Bewohnern des kleinen Fürſtenthums. Nein! ſchalt Frau von Zeiſel faſt zornig. Nummer Sieben, verbeſſerte ihr Gemahl, Herr Apotheker und Spezereihändler Sonntag aus Rand⸗ hartingen— Nummer Acht, fuhr ſeine Gattin fort, Herr Aktuar Weiße aus Pleſſen... Nebenan huſtete Jemand, der unſtreitig Herr Weiße 20²2 war und ſich gleichſam für die Ehre, der Achte zu ſein, bedanken wollte. Nummer neun, Ihr Herr Schwager, bemerkte der Juſtizdirektor verbindlich zu Pfannenſtiel, Herr Droſſel vom Gelben Hirſch— die Frau nebſt Lenchen iſt auf dem Heidekrug. Alſo Fräulein Emmeline Droffel und Fräulein Al⸗ wine Droſſel— ſetzte ſeine Gattin hinzu, als wollte ſie ſagen: Unſre Herablaſſung! Pfannenſtiel verbeugte ſich und bemerkte nur in den Bart hinein: Macht Zehn und Elf oder eigentlich das Doppelte, denn Droſſel ſpeiſt und ißt für Zwei— auf die heu⸗ tige Zeitung hin vielleicht.. Dann Zwölf— unterbrach Herr von Zeiſel, um ſeine Frau nicht durch einen vielleicht dreifach geſtei⸗ gerten Appetit des gefürchteten Radikalen zu erſchrecken. Jetzt glaubte aber der Schwager des Wirths vom Gelben Hirſch in der That ſagen zu dürfen: Zwölftens, Herr Ackermann. Aber wieder ſchnitt ihm die Juſtizdirektorin den Namen ab, indem ſie faſt gleichzeitig diktirte: Zwölftens und dreizehntens, Herr und Frau Rent⸗ meiſter von Sänger aus Randhartingen— Vierzehntens, Herr A— der oſſel iſt Al⸗ ollte r in elte, heu⸗ um ſtei⸗ cken. vom den tent⸗ Herr Anverwandter, Oekonom aus Randhartingen, ſagte Frau von Zeiſel.— Mit ſeinem Beſuche aus Schö⸗ nau— wie heißt er doch? Dem Ortsvorſtand Marr— Macht fünfzehntens— Und vielleicht noch dem Herrn Maler— bemerkte Herr von Zeiſel. Welchem Herrn Maler? Den Marr mit nach Randhartingen gebracht hat, um Herrn Anverwandter zu malen— zum Weih⸗ nachtsgeſchenk für ſeine Tochter— Ich las den Brief ſo flüchtig... ich beſinne mich... Alſo fünfzehntens, Herr Marr, ſechszehntens, der Herr Maler aus Schönau, recapitulirte Pfannenſtiel und glaubte nun für ganz beſtimmt endlich ſagen zu können: Siebzehntens, Herr Ack— Aber auch hier beugte der beſonnene Herr von Zeiſel vor und bemerkte: Siebzehntens, Fräulein Ackermann— Achtzehntens— Dies Auskunftmittel war ſehr fein... Nun ver— ſtand ſich von ſelbſt, daß der achtzehnte Herr Acker⸗ mann war. Denn es war auch wilrklich der Letzte. Jetzt begann die Erörterung der Weinvorräthe. Zwölf Herren, ſechs Damen, ſagte Frau von Zeiſel, ſeufzend über die Nothwendigkeit, einmal ſo uneben⸗ —— Viltthin. 8 amefen za nicht die Adligen der Umgegend, bei e ſich zu Tiſch zu ſehen. Acct Flaſchen auf den Tiſch, liebes Kind, erörterte ihr Gemahl. Und zwei in Reſerve! bemerkte die vortreffliche Hier räuſperte ſich Herr von Zeiſel und ſah Pfan⸗ nenſtiel an, als hofft' er von dieſem Succurs. Acht auf den Tiſch, fiel dieſer ein, und acht un— ter'n Tiſch! Macht ſechszehn. Wie ich geſagt habe. Sechszehn? rief Frau von Zeiſel. Das wäre ja ein Trinkgelag! Frau Juſtizdirektorin, wenn die Männer luſtig wer⸗ den und für meinen Schwager, der die Ehre hat, ge⸗ laden zu ſein und weil's wieder unruhig in der Haupt— ſtadt iſt— Nur wegen der Wirthſchaftsräthin Pfannenſtiel und Frau Juſtizräthin Schlurck— fiel Frau von Zeiſel be⸗ richtigend ein. Dero⸗ oder Derowegen! Wenn Droſſel auf die Politik und die neuen Wahlen und die geladenen Kanonen kommt, ladet Der zwei Flaſchen mehr für ſich allein. Ich will hoffen, bemerkte Frau von zeiſel daß er uns mit ſeinen demokratiſchen Reden verſchonen und ſich b d, bei orterte 2 ſich erinnern wird, bei wem er dinirt. Es hat lange genug gedauert, bis wir uns entſchloſſen haben... Den wahren Grund der Entſchließung, der darin beſtand, daß Emmeline und Alwine Droſſel, die äl— teſten Mädchen vom gelben Hirſch, viel häßlicher als die jüngere Lenchen waren und nur als Folie ihrer eignen Reize gebeten wurden, verſchwieg Frau von Zeiſel, die ſich nun erhob, um ſechszehn Flaſchen, theils Roth⸗ theils Gelbſiegel, aus dem Keller zu holen. Schlurck hatte dafür geſorgt, daß ſein guter Freund und ſeine gefällige Freundin in ihren kleinen Weinvorräthen anſtändig ausgeſtattet waren. Schlurck hatte mit Melanie gemein, daß er gern ſchenkte und ſich von allen ſeinen Bekannten die Geburtstage merkte. Nach dieſer wirthſchaftlichen Erörterung erbat ſich Pfannenſtiel nur noch einige Augenblicke zu einer amt⸗ lichen Wahrnehmung. Ich habe, ſagte er, Ihre geſtrige Weiſung, auf alle verdächtigen Perſonen der Umgegend zu wachen, auch dem Förſter Heuniſch mitgetheilt, Herr Juſtiz⸗ direktor. Bis jetzt iſt uns nichts aufgeſtoßen außer den zwei Arbeitern, die vorgeſtern mit einem Bauer⸗ wagen hier eintrafen und in der Krone abſtiegen, um bei Herrn Ackermann's neuen Anlagen chen. Ich fragte ſie nach ihren 206 ten ganz ſchöne, neue Päſſe und gaben ſich der Eine für einen Schloſſer, der Andre für einen Klempner an. Genauer beſehen, kamen ſie mir ſonderbar vor. Beides alte Knaben ſchon. Der Eine, der Schloſſer, war ſicher ſchon an die Funfzig. Ihre Hände glatt, eher wie zum Spazierengehen als zum Arbeiten. Der alte Zeck nahm ſie, weil er Arbeit vollauf hat. Heute früh aber hör' ich, ſchmälte und tobte er, daß ſie wenig von rechter Feuerarbeit verſtehen, faul und unbeholfen ſind und beſſer thäten, weiter zu ziehen. Da haben ſie ganz volle, ſchwere Beutel gezogen und ihr Hand⸗ geld zurückzahlen wollen. Zeck aber hat's nicht neh⸗ men wollen, ſondern geſagt: Bis Samſtag ſollten ſie's in allerhand kleinen Arbeiten abverdienen. Das rief er mir heute zu, als er nach dem Ullagrund ging mit ſeinem Jungen. Er bat mich, ein Auge auf die beiden alten Kerle zu haben. Ich ging auch zu ihnen in die Schmiede und fand, daß ſie in Verlegenheit waren, als ich eintrat. Bis Sonntag, ſagt' ich ihnen, könnt ihr noch dableiben! Dann trollt euch! Wir ge⸗ ſtatten hier keinen Aufenthalt! Dazu zogen ſie eine Miene, daß ich faſt grimmig wurde. Heuniſch rief mir einen guten Morgen zu. Er ging gerade vorüber und wollte auf's Schloß. So kam ich von den beiden Gaunern ab. Ich will ſie ſcharf im Auge behalten. * 1 207 Thut Das! Thut Das! Pfannenſtiel, ſagte der Iuſtizdirektor zerſtreuit. Gebe der Himmel, daß das heutige Diner in Ehren überſtanden iſt. Es iſt eilf Uhr. Ich muß mich nun wol anziehen. Damit überließ Herr von Zeiſel den Staat, die Wahlen, die Kriſis, die öffentliche Sicherheit dem Ge⸗ richtsboten und Amtsvoigte, der in ſeine Thurmwoh⸗ nung ging, um ſich nun doch auch etwas feſtmäßig anzu⸗ kleiden. Der Gedanke: alles Das um einen auslän⸗ diſchen Tiſchlergeſellen! ließ ihn manchmal erſtaunt ge⸗ nug dabei den Kopf ſchütteln. Der Mittag kam heran und gleich nach zwölf Uhr gerieth ganz Pleſſen in Bewegung. Die am entfern⸗ teſten wohnten, kamen früher als die näher Wohnen⸗ den. Doktor Reinick war einer der Erſten. Er beſuchte einige Patienten und Geneſene. Leider mußte er ſtatt in Pleſſen in Randhartingen wohnen, weil der Spe⸗ zereihändler und Apotheker Sonntag dort ein Gut be⸗ wirthſchaftete und deshalb nicht in Pleſſen wohnen konnte. Auch Herr Sonntag fuhr in einem kothbe⸗ ſpritzten Einſpänner vor. Der Wirth in der Krone ſah es in ſeinem Hofe einmal wieder recht lebendig werden. Droſſel aber, der Hirſchwirth, jagte mit ſei⸗ nem Einſpänner wie im Schuß beim Kronenwirth vorbei. Seine beiden älteſten Töchter ſaßen neben ihm. Aber hier und da rief er, von der Krone an langſamer fah⸗ rend, dieſem oder jenem bekannten Bauer zu: Neue Wahlen! Was ſagt ihr? Neue Wahlen! Unſer Fürſt! Neue Wahlen! Kanonen! Wir erleben etwas! Juſtus hat geſchrieben. Heut' Abend kommt mehr. Es ſieht unten ſchlimm aus! Schlimm! Hurrah! Er ſchickte ſeinen Einſpänner, aus Brotneid, nicht in die Krone, ſondern auf einem beſchwerlichen, mo⸗ raſtigen Wege durch den Wald in die Sägemühle. Der Sägemüller war ſein Freund. Sie hatten beide das eigne Schickſal erlebt, daß vor Jahren ihre Schwe⸗ ſtern, die den Förſter Heuniſch heirathen ſollten, durch unglückliche Zufälle um's Leben kamen. Herr Rentmeiſter von Sänger, ein ehemaliger Offizier und alter Kamerad aus dem Huſarenregimente, das nach dem Generalfeldmarſchall das Fürſtlich Ho⸗ henbergiſche hieß, fuhr mit ſeiner Frau Gemahlin in einem Zweiſpänner. Sie ſtiegen am Amthauſe aus und ließen, ein Vorrecht alter Zeiten benutzend, ihre Kaleſche dem Schloſſe zufahren, wo ſich leere Remiſen und Ställe genug fanden. Louis Armand im ſchwarzen Frack, ein leichtes Tuch nicht ſteif, ſondern leicht um den Hals geſchlagen, in Stiefeln, die er ſich ſelbſt geputzt hatte und unbeküm⸗ mert mit ſchwarzen Handſchuhen, begegnete dem Wagen er fah⸗ Neue Fürſt! Juſtus g ſieht „nicht „mo⸗ nühle. beide chwe⸗ durch raliger mente, bw⸗ lin in 209 und ſchloß aus ſeinem Ausſehen auf eine gewähltere Geſellſchaft. Er hatte den Vormittag mit Brie⸗ fen in die Heimat, an Märtens zugebracht, auch Fränzchen ein paar freundliche Worte geſchrieben, die Heuniſch mitnahm, der gekommen war, nochmals den ihm immer mehp gefallenden Plan zu beſprechen, daß ſeine Nichte zu dem Generalpächter kommen könnte... Murray hatte ihm viel Vergnügen gewünſcht und ihn getröſtet, daß er ſich ſchon zu unterhalten wiſſen würde... Wer die Einſamkeit nicht liebt, hatte er geſagt, iſt nur ein halber Menſch. Wer nicht einſam ſein kann, iſt auch nicht verſöhnt mit ſich. Die Verbrecher fürch⸗ ten ſich vor nichts ſo ſehr als vor der Einſamkeit. Es iſt ihre fürchterlichſte Strafe. Dennoch muß ſte, wie jede Strafe, mäßig angewandt werden. Einſam⸗ keit ſoll beſſern, nicht abſtumpfen. Sie ſoll anfangs nicht gleich ganz gegeben werden, ſondern nur nach und nach. Dann wird ſie zu einer heilenden Strafe. Man gewinnt die Einſamkeit lieb und ſpricht mit ihr und verſöhnt ſich mit ſeinem Schatten. Am Eingange des Amtshauſes begegnete Louis ſeinem entfernten Verwandten, dem Vikar Oleander und der Frau Pfarrerin. Jener kam einfach, dieſe Die Ritter vom Geiſte. VII. 14 mit ängſtlichem, ärmlichem Putz. Sie grüßte Louis als wär' es Egon ſelbſt geweſen. Die Aermſte war eine durchweg eingeſchüchterte Natur, lebte nur in ih⸗ ren Kindern und der äußeren Sorge für ihren Gat⸗ ten, der ihr auf ſo überraſchende, ſeltſame Art plötz⸗ lich entſchwunden war. Gewiß war es eine Frau, die in ihrer Sphäre erkannt ſein woͤllte, um bei aller Einfachheit nicht ohne Werth zu erſcheinen. Was konnte ſie dafür, daß ſie von einem Manne gewählt, als Gattin heimgeführt war und ihm nun nicht mehr genügte? Unter ihren Kindern fand ſie ſich in ihrem ewigen Mutterrechte. Ach und im Grunde, murrte ſie denn über ihr Loos? Ließ ſie es ſich nicht genü⸗ gen, ſo einfach und freudenleer es war? Wenn eine Frau von geringen Fähigkeiten und ohne äußeres Verdienſt durch den Misgriff eines Mannes zu Rech⸗ ten kommt, die ſie anſpruchsvoll geltend zu machen ſucht, ſo wird man dem Worte: Er hat mich doch nun einmal genommen! wenig Ueberredung und Bindekraft beimeſſen können. Wenn aber ein ſo zu einer gewiſ⸗ ſen Haltung gekommenes Weſen doch wie eine niedrig wachſende Schlingpflanze nur an dem feſten Stamme ihres Rechtes ſich hinzieht und nur dahin ſich aus⸗ dehnt, wo er ihr und ihren Kindern wärmer von der Sonne beſchienen dünkt, wer möchte da nicht duldend hrem urrte enü⸗ eine eres Rech⸗ achen nun kfraft ewiſ⸗ edrig mme aus⸗ n der dend 211 herabblicken und dem beſcheidenen Daſein jede Freude wünſchen? Zu den Gäſten, die ein großes aufgeputztes Zimmer empfing, geſellten ſich bald auch Ackermann und Selma. Es lag eine eigne Ironie in den Zügen des geiſt⸗ reichen Mannes, wie er ſo mit ſeinem lieblichen Kinde in dieſen geputzten Kreis ländlicher Bedeutſamkeit ein⸗ trat. Freundlich neigte er ſein Haupt mit der offnen freien Stirn nach allen Seiten und Selma bot Jedem die Hand, der ihr nahe ſtand, nur Louis nicht, den ſie zu vermeiden ſchien und nur flüchtig grüßte. Oleander, der für Aeußerlichkeiten ſonſt keinen Sinn hatte, pries ihren Anzug, zum Erſtaunen der in einem blau⸗ und rothſchillernden Seidenkleide die Honneurs machenden Frau IJuſtizdirektorin, die ſein Entzücken verſpottend, ihm ſagte: Herr Vikar, Sie bewundern und wiſſen ſicher nicht, worin eigentlich der wahre Reiz dieſer geſchmackvollen Toilette beſteht! O ſtellen Sie mich nicht auf die Probe! antwortete Oleander. Ich analyſire Ihnen ſonſt das ſchöne him⸗ melblaue Kleid ſo, daß ich unten die Beſätze abtrete. Oleander verlor ſich im Anſchauen. Er folgte Selma, wie ſie den Damen ſich näherte und deren Bekanntſchaft erneuerte, mit ſtrahlendem Blick. 14* Louis aber benutzte den Umſtand, daß man noch auf den letzten Randhartinger Wagen wartete, um Ackermann bei Seite zu nehmen. Ohnehin von allen Anweſenden mit der größten Neugier betrachtet, kam ihm die Gelegenheit, ſich zurückzuziehen und den vielen Fragen auszuweichen, ſehr erwünſcht. Er ſtellte ſich, da zwei Zimmer geöffnet waren, in das Nebenzimmer zu Ackermann und trug ihm ſein Geſuch wegen Fränz⸗ chens vor. Dieſem kam der Antrag ganz erwünſcht. Erſt heute, bei den Vorbereitungen zu dieſer Einladung, hätten ſie ein Weſen vermißt, das ſeiner Tochter nä⸗ her ſtünde als eine gewöhnliche Dienerin. Mit Freuden! ſagte er. Wenn Sie für das junge Mädchen bürgen! Doch warum werden Sie nicht, da eine Liebe wie die des jungen Sandrart beweiſt, daß ſie deren würdig iſt! Schon um den Alten ein wenig zu ärgern, nehmen wir das Kind. Selma trat hinzu und erfuhr, worüber es ſich hier handelte. Nun, ſagte ſie, da iſt ja all' mein Wünſchen heute erfüllt! Wie ſehr hab' ich mich der Rückſichten, ein Mädchen zu ſein, entwöhnt! Wie verlaſſen bin ich, wenn ich einmal glänzen und den Menſchen ge⸗ fallen will! 213 Sie küßte den Vater. Die kaſtanienbraunen ſich ringelnden Haare hingen auf den Nacken herab und das Auge, das ſich emporrichten mußte, bekam da⸗ durch einen Aufſchlag von durchdringender Kraft und ſchwärmeriſcher Milde. Darüber ſind wir nun einig! ſagte Ackermann. Die Gründe, warum Sie ſie vom Forſthauſe entfer⸗ nen wollen, erzählen Sie mir ein andermal. Wenn ſie ein leichtes Gepäck hat und bis fünf Uhr etwa zur Hand iſt, bis wohin ich hier mancherlei Geſchäfte abzumachen habe und Selma bis dahin bei der Pfar⸗ rerin bleibt, nehmen wir dieſe Pflegebefohlne ſogleich heute mit uns. Indem raſſelte endlich der erſehnte, verſpätete letzte Wagen vor. Die Juſtizdirektorin hatte ſchon vor Un⸗ geduld und der Angſt, ihre Speiſen möchten verbren⸗ nen, keine zuſammenhängende Antwort mehr geben können, ſondern war von Gaſt zu Gaſt gewandert und hatte zu Jedem über die Unſchicklichkeit der Verſpätungen geſprochen. Herr von Zeiſel hatte Mühe, ſie nur zu beruhigen. Endlich kam ein großer Vier⸗ ſpänner, aus dem drei Männer ſtiegen. Herr An⸗ verwandter, ein reicher Gutsbeſitzer in Randhartingen, der Ortsvorſtand Marr aus Schönau und ein Drit⸗ ter, den Niemand kannte. 214 Louis ſtand gerade im politiſchen Geſpräch mit dem ſehr lebhaften, aufgeregten Oekonomen vom gelben Hirſch, Herrn Droſſel, als die Thür aufging, der ſtarke Herr Anverwandter eintrat, nach ihm Herr Marr und der Dritte, der von allen Anweſenden wenig Notiz nahm, ſondern mit ſcharfem Blicke ſich gleich Louis hervorſuchte... Louis wandte ſich und erſchrak, Siegbert Wildun⸗ gen zu ſehen. Die Frage: Wie iſt Das möglich! ging in der Umarmung verloren. Die Anweſenden nahmen das lebhafteſte Intereſſe an dieſer Begrüßung und waren, als ſie den Namen hörten, gleich davon unterrichtet, daß auch dieſer junge Maler zu dem engeren Freundeskreiſe des Fürſten ge⸗ hörte, dieſer Wildungen, der in den vielbeſprochenen Johanniterprozeß verwickelt war, deſſen Kunde ſchon überall hin gedrungen ſchien. Siegbert, auf dem die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen ruhten, erzählte mit wenigen Worten, daß er in dem vier Meilen von hier gelegenen Oert⸗ chen Schönau das freundlichſte Entgegenkommen ge⸗ funden hätte. Herr Marr hätte ihn aufgefordert, mit ihm nach Randhartingen zu fahren und Herrn An⸗ verwandter zum Geſchenk für ſeine Frau, die Herrn dem elben der Marr enig leich dun⸗ der reſſe men unge ge⸗ enen chon 215 Anverwandter's Schweſter wäre, zu malen. Er hätte dieſen Antrag angenommen, um, flüſterte er Louis mit gedämpfterer Stimme zu, in ſeine Nähe zu kom⸗ men, da er vermuthet hätte, daß er ſich noch auf dem Hohenberg befände. Eine weitere Auseinanderſetzung war nicht mög⸗ lich, da eben die Aufforderung zu Tiſche erfolgte. Paarweiſe ſchritt man über einen ſteingepflaſterten Corridor nach einem ſehr ſchön gelegenen Eckzimmer, das an freundlicheren Tagen eine herrliche Ausſicht in die Ebene bieten mußte. Siegbert wurde dabei von der Juſtizdirektorin wie im Traum entführt, Louis wagte Niemanden die Hand zu bieten. Ackermann gab ihm ſeinen eigenen Arm; denn Selma, auf die es der Vater für Louis abgeſehen hatte, war ſchon von dem Hauptmann und Rentmeiſter von Sänger entführt, der trotz ſeiner Jahre die Frauen liebte, wie ſein alter Chef, und ſchon die dritte Gemahlin hatte. Frau von Sänger, eine hübſche, lebhafte Blondine, ſchien nicht zufrieden, daß ſie mit dem einfachen Dok⸗ tor Reinick vorlieb nehmen mußte. Auf dem Corridor ſagte Ackermann zu Louis: Wer iſt der junge Mann, der mit Herrn Anver⸗ wandter kam? Hörten Sie ihn nicht nennen? ſagte Louis. Der⸗ ſelbe Siegbert Wildungen, von dem Sie geſtern er⸗ zählten, daß Sie ihn als Kind auf den Armen trugen. Ackermann war von dieſer Mittheilung ſo erſchüt⸗ tert, daß er den Arm ſinken ließ und ſprachlos neben Louis in das helle heitere Eßzimmer trat. Starr blieb er hinter dem entfernteſten Stuhle ſtehen und richtete den Blick auf Siegbert, der ſeinerſeits auch ihn, deſ⸗ ſen Kopf ihm ſo wohlgefiel, flüchtig fixirte. Frau von Zeiſel duldete aber nicht, daß ſchon Alles Platz nahm; denn geſtern Abend ſchon war ihre Sorge geweſen, mit Oleander, den ſie deshalb vom Whiſtſpiele dispenſirte, gründlichſt zu überlegen, wie jeder Gaſt pla⸗ cirt ſein ſollte. Der Aktuar Weiße hatte in ſauber— ſter Canzleihandſchrift alle Zettel geſchrieben, die auf den etwas altmodiſchen Gläſern lagen und Jedes Na⸗ men in einer auf Pſychologie und die Schule der Höf— lichkeit begründeten Ordnung möglichſt orthographiſch wiedergaben. Für Siegbert lag urſprünglich neben einem der Fräulein Droſſel ein leerer Zettel und Frau von Zeiſel hatte Herrn Ackermann neben ſich trotz der Rivalität. Gleich aber wußte die kleine Frau dieſen Irrthum zu eskamotiren und vertauſchte die Zettel ſo, daß Siegbert Wildungen, der blonde Maler mit den blauen Augen, den friſchen Lippen und den weißen * Zähnen, die bei ſeinem geiſtreichen Lächeln ſo freund— lich hervortraten, an ihre Seite, Ackermann aber zu den Gelben Hirſchtöchtern in die Nähe des ultrademo⸗ kratiſchen, aber wie man ſagte, auch ultrafinanz⸗ zerrütteten Oekonomen Droſſel kam. Endlich ſaß die Geſellſchaft zu großer Beruhigung des Herrn von Zeiſel, dem einige gelinde Schweiß⸗ tropfen ſchon auf der Stirn ſtanden. Er gab heute ein Diner der Herablaſſung, ein Diner der Rückſich⸗ ten, als Stellvertreter des Fürſten, dem Freunde des Fürſten zu Ehre. Es war nur der einzige Adlige, Herr von Sänger, zugegen und auch dieſer nur als fürſtlicher Rentmeiſter. Dennoch ſetzte ihn ſelbſt dieſe Aufgabe, wo er doch nur gnädig, nur herablaſſend zu ſein brauchte, in Verlegenheit. Er hatte dabei den Takt, Louis Armand neben ſich zur Rechten zu ſetzen und ihm die Unterhaltung der Frau Pfarrerin zuzu⸗ weiſen. Frau von Sänger war eine ſehr heitre, eine ſehr kokette Frau. Sie zeichnete ſich durch ſchöne Geſichts⸗ farbe aus und erweckte durch ihre Lebendigkeit eine große Vorſtellung von dem ihr innewohnenden Tem⸗ perament. Sie pflegte mit der Juſtizdirektorin in Kleidung, Lebensweiſe und Neigung zu wetteifern und hatte eigentlich, ſeitdem Frau von Zeiſel Gefallen an 218 Oleander fand, in der ganzen Gegend Niemanden ihres Attachements Würdigeren gefunden, als geradezu Selma's Vater, der wohl im Stande war, noch auf mittlere Frauen einen lebhaften Eindruck zu machen. Nun aber war ein junger Franzoſe, Louis Armand, und ein hübſcher Maler, Siegbert Wildungen, in den meiſt philiſterhaften und bequemen Kreis getreten. Da ihrem Stolze denn doch Louis' Stand zu gering— fügig erſchien, ſo ergrimmte ſie nicht wenig über ihre Rivalin, die den andern neuen Ankömmling ſo ohne Weiteres ſchon in Beſchlag nahm. Ihr Gatte entfaltete inzwiſchen gegen Selma jene Liebenswürdigkeit der alten Herren, die in gewiſſen Schranken ſich haltend den Frauen immer gefällt und von den jungen Männern nur zu ſelten zum Muſter genommen wird. Frau von Zeiſel hatte ein zwiſchen der Malerei und der Küche getheiltes Herz. Ihre Blicke ſchoſſen bald auf ihren Nachbar, bald auf die Schuͤſſeln, die die Mägde hereintrugen. Sie erntete alle Anerken⸗ nung. Man begrüßte jede neue Speiſe mit einem Blicke auf die präſidirende Wirthin, die zwar die Würde des Standes im Allgemeinen vortrefflich be⸗ hauptete, zuweilen aber doch, beſonders wenn es ſich um Ergänzung der leergewordenen Flaſchen handelte, ſich hinreißen ließ, Winke zu geben, ja ſogar ſelbſt unden adezu auf ichen. nand, den jeten. ring⸗ ihre ohne altete alten den mnern alerei poſſen „die erken⸗ inem r die „ ſich delte, ſelbſ einmal faſt aufſtand, wofür Herr von Zeiſel aber den Muth hatte, ſie mit einem ernſten Blicke zu beſtrafen. Ackermann beobachtete voll Rührung die Freund⸗ ſchaftsblicke, die Siegbert und Louis zuweilen über den Tiſch wechſelten. Er war unſtreitig der ſchweig⸗ ſamſte am Tiſch. Selma plauderte mehr, als ihm lieb war. Das junge Mädchen, die Blume der Tafel und der eigentliche Mittelpunkt der Geſellſchaft, ſchien nur zu ſprechen, um eine innere Aufregung zu ver⸗ bergen. Oft warf ſie einen verſtohlenen Blick zu Louis und einen ganz flüchtigen zu Siegbert hinüber, der ſeinerſeits von dem Reize dieſes friſchen Kindes träu⸗ meriſch gefeſſelt war. Oleander, der Vikar, ſtand natürlich zuerſt auf und brachte einen Toaſt auf den Fürſten. Er nannte Egon von Hohenberg Einen, der auf der Menſchheit Höhen ebenſo ſcharfblickend empor, wie niederwärts zu ſchauen verſtünde. Er hat, ſchloß er in gebunde⸗ ner Rede, er hat des Lebens tiefſte Wurzeln aufge⸗ ſucht, das innere Sein und der Erſcheinung Flucht mit Denkerblick erſpäht; den Thron der Wolken fand ſein Alpenſtab und was ihm ſchon das Schickſal ſelber gab, er nahm es nur als ſeines Wanderns Lohn! Der Beifall war einſtimmig. Nur Droſſel brachte ſogleich, bitter genug, die neuen Wahlen und die ge⸗ ladenen Kanonen auf das Tapet. Es war ein Mis⸗ ton, den Louis und Siegbert, ſich gegenſeitig bedeutſam anſehend, wohl in der ganzen Diſſonanz zu dem Ak⸗ kord, den Oleander's Worte hervorgerufen hatten, fühl⸗ ten. Ihre Freundſchaft für Egon gab dem Rentmeiſter Recht, als er Droſſeln drohte, den Rand zu halten. Freilich ließ der alte Herr auch ſogleich eine Anzahl grim⸗ migſter Verwünſchungen über die Demokratie aufpraſſeln, die nun endlich in dem Sohne des alten Generalfeld⸗ marſchalls ihren rechten Bändiger fände. Er richtete dabei mit einer gewiſſen Abſichtlichkeit, die dem ameri⸗ kaniſchgeſinnten Ackermann nicht entgehen konnte, ein förmliches Pelotonfeuer gegen die Republikaner, die er mit Stumpf und Stiel ausgerottet verlangte. Auch der Apotheker Sonntag, der Aktuar Weiße und der Orts⸗ vorſtand Marx waren ganz derſelben Meinung und konnten die Gefahr, die dem Staate durch ſeine neuen demokratiſchen Grundlagen drohe, nicht bedenklich ge⸗ nug ſchildern. Herr Anverwandter war zu ſehr Fett⸗ maſſe, um eine Meinung über das Princip der Bewegung zu haben. Herr von Zeiſel lavirte. Er meinte, die Politik des Fürſten läge wohl noch nicht ganz offen da. Heut' Abend wär' er vorläufig auf die Zeitung geſpannt... Nicht offen? rief Droſſel. Wer mit dieſer gemä⸗ ßigten Kammer nicht regieren kann, wem ſelbſt ſolche Mis⸗ uutſam m Al⸗ fühl⸗ neiſter alten. grim⸗ aſſeln, alfeld⸗ ichtete ameri⸗ ,, ein die er ch der Orts⸗ und neuen cch ge⸗ Fett⸗ egung Politit Heut 1.. gemi⸗ ſolche 221 Moderirte, wie Juſtus, zu liberal ſind, der kann nur mit einer Beamten⸗Kammer regieren oder wird als Abſolutiſt enden, falls ſich ſolche Komödien noch auf⸗ führen laſſen. Ja, Herr, rief der Rentmeiſter, nach Pulver und Blei ſollen Sie noch Ihre Puppen tanzen ſehen... Da⸗ bei vergoß vorläufig Herr von Sänger ſchon mehr von dem Rebenblute, als Frau von Zeiſel lieb war. Es iſt doch gut, ſagte der Arzt Reinick, ein kleiner Mann von ſchlichtem Ausſehen und verſtändiger Mä⸗ ßigung im Ton und ſeiner ganzen Haltung, es iſt doch gut, daß es dabei außer Todten manche Ver⸗ wundete geben wird, die man durch unſre Kunſt wiederherſtellen kann. Man muß auch wieder an die Aerzte denken. Dieſe ſcherzhafte Wendung gefiel Siegbert, der ſchon in Randhartingen mit dem Doktor Reinick Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatte. Droſſel aber ſtellte gegen die Kanonen gleich auch Kanonen. Er meinte, daß Salpeter überall in der Erde läge, Blei auch und Schießen wäre jetzt ein Kinder⸗ ſpiel. Die gefüllten Blechbüchſen, die man Kartätſchen nenne— wollte er eben ſagen— Hert Droſſel! unterbrach ihn aber Frau von Zeiſel. Ily bitte mir aus! Hier werden keine Schlachten ge— 222 liefert und keine Revolutionen gemacht. Eſſen Sie meine Cotelettes und bewundern Sie meine jungen Gemüſe, die ich auch in Blechbüchſen verwahre. Man mußte über den Uebergang lachen. Frau von Zeiſel verrieth, daß ſie nicht ohne Verſtand war. Ihre eigentliche Abſicht merkte aber doch nur ihr Gatte. Er ſah, wie die Aufregung des Gelben Hirſchwirthes, den man als Mittelpunkt der noch nicht niedergewor⸗ fenen Demokratie der ganzen Gegend ſchonen mußte, ſich in der Entleerung der in ſeiner Nähe ſtehenden Flaſchen vorzugsweiſe zu erkennen gab. Er rechnete, daß, wenn Das ſo fortginge und ſich die Männer hier politiſche Scharmützel lieferten, mehr Blut fließen würde, als durch die Adern der disponiblen ſechszehn Flaſchen rann. Frau von Zeiſel begann auch bereits, gewiſſe auf dieſe Beobachtung hindeutende Blicke des Herrn von Zeiſel zwar mit Ingrimm, aber doch mit weltkundigem Takte zu verſtehen. Glücklicherweiſe zeigte ſich Siegbert Wildungen, der Nachbar der Wirthin, von einer mannichfach liebenswürdigen, höflichen, aufmerk⸗ ſamen Seite und erzählte ihr von ſeiner Abſicht, in der That den dicken Herrn Anverwandker zu malen und ſich längere Zeit in der Gegend zu hallten, ſo viel Feſſelndes, daß ſie mit einem raſch verklingenden Seuf⸗ zer die Kellerſchlüſſel wirklich hinterrücks durch den Stuhl n Sie jungen Frau d war. Gatte. irthes, gewor⸗ nußte, henden chnete, tänner ließen szehn ereits, ke des ch mit zeigte 7, vonl fmetk⸗ t, in malen 0 viel Seuf Stuhl N8 223 der Bedienung zureichte und den Weinvorrath auf Gnade und Ungnade in fremde Hände gab. Man brachte einen Toaſt auf die Wirthin, den Wirth, die Damen, die Gäſte, ja auch auf Louis Armand, den Freund und Genoſſen des Fürſten. Dieſe Aufmerkſamkeit hatte Oleander gehabt, der Alles, was poetiſch war, lebhaft ergriff und jenen Muth beſaß, unter Schaalheit und Philiſterei ſich an das Bedeutendere zu halten, mocht' es erſt auch wunderlich erſcheinen. Er erlebte aber damit den eigenthüm⸗ lichen Fall wie Jeder, der an das Edle im Men— ſchen glaubt, daß das Poetiſche immer verſtanden, immer freudig aufgenommen wird, ſelbſt unter nüch⸗ tern Scheinenden und rein materiell Geſtimmten. Er ſagte hier einige ſchöne Worte über Egon's allbe⸗ kanntes, vergangnes Leben und Jeder verſtand ſie und Jeder fühlte, wie ſie dieſen einfachen Fremdling verklärten und hoben. Louis Armand aber, der ſchon längſt bemerkt hatte, daß man ſich des Juſtizdirektors wegen Zwang auf— erlegte, offen und frei die Verehrung vor Ackermann auszuſprechen, Louis erhob ſich mit raſchem Entſchluß, lehnte den Einfluß, den man ihm auf den Fürſten zuſchrieb, beſcheiden ab und ſagte: Denen wollen wir Dank ſagen, die dem Fürſten die Hand geboten haben, feſtzuſtehen auf dem Boden ſeiner Väter! Es lebe Herr Ackermann! Dieſer Toaſt, ſo kurz, ſo einfach, ſo natürlich, drückte doch Aller Stimmung aus und die langver⸗ haltene Empfindung machte ſich in dem freudigſten Jubel Bahn, der nur noch von Droſſel, der gleich hinzuſetzte: Der Republikaner hoch! unmelodiſch genug überſchrieen wurde. Ackermann hielt ſich an den herzlichen Gruß, der ihm in den Gläſern widerklang, die Reinick, Oleander, Sonntag, Anverwandter ihm entgegenhielten und ſagte, dem Juſtizdirektor die Hand bietend, die dieſer auch gerührt ergriff und ſchüttelte: Laſſen Sie den Frühling leben, meine Freunde! Laſſen Sie die Hoffnung leben! Der Winter rüttelt ſchon an der Thür, ein ſchlimmer Gaſt, der uns noch eine lange Prüfungszeit bringen wird! Wenn aber dann der Schnee auf dieſen Höhen ſchmelzen wird, wenn die Lerche ſteigend ſingt, die Erde, zerſchnitten vom Pfluge, Frühlingsodem ausſtrömen wird, dann wollen wir Alle zuſammenwirken und im Glücke eines Mannes, den wir lieben, unſer eignes finden. Auf treue, gute, fröhliche Nachbarſchaft! Das war wieder ein Wort, ſo recht alle Herzen entzündend; denn nun bekam Jeder doch auch etwas Boden türlich, angyet⸗ udigſten gleich genug uß, der leandel, d ſagte, er auch greunde! rrüttelt ns noch n aber en widd ſchnitten d, dam ce eines hi m. Auf eHerze ch etwon 225 für ſich! So ſind die Menſchen. Erſt allenfalls Einer, dann aber auch gleich Alle. Die Gläſer klangen, die Hände wurden geſchüttelt. Als man dann ſaß und ſich von den angeregten ſchönen Gefühlen ſammelte, um wieder zur Tafelfreude zurückzukehren, kam noch ein Glas als Nachzügler zu Ackermann hinüber. Selma hielt es hin, mit ſchalkhaftem, lächelndem Blick. Dem Kinde glänzte eine Thräne im Auge, die der Vater durch einen Scherz nicht entfernen konnte. Auch er war gerührt und drückte die Hand der holden Tochter über den Tiſch hinüber. Wie vorauszuſehen war, mußte zuletzt auch der Gegenſtand berührt werden, den damals alle Welt an den Namen Wildungen anknüpfte. Gleich bei Sieg— bert's Eintreten hatte man geflüſtert, ob dies jener Wildungen wäre, der... ja, ja! hatte es geheißen und mit um ſo geſpannterem Intereſſe betrachtete ihn jedes Mitglied der Tiſchgeſellſchaft. Herr von Zeiſel war es, der das Eis dieſer Span⸗ nung brach und mit den beziehungsreichen ſpürend belauſchten Worten Siegberten ſein Glas entgegenhielt: Zwar hat ſich Vieles in unſerm Hohenberg geän⸗ dert! Alte Irrthümer ſind erkannt worden und neue Hülfe iſt gefunden. Aber man ſoll Niemanden ver⸗ Die Ritter vom Geiſte, VII. 15 leugnen, der uns Freund iſt, wenn er auch irrte. Der Juſtizrath Schlurck mag der Zukunft des Fürſten⸗ thums nicht gewachſen geweſen ſein. Dennoch ſchätz' ich ihn als meinen Freund. Ich wünſch' ihm die reichſten Belohnungen für ſeinen allbewunderten, viel⸗ gerühmten Scharfſinn. Nur in einem Gegenſtande ſoll er unterliegen, in einem Punkte die Waffen ſtrecken müſſen, in einem eine ſchmähliche Niederlage erleiden— Herr Siegbert Wildungen, ich meine in Ihrem Prozeß! Da war der Damm weggeriſſen. Alle Blicke, alle Fragen der Neugier hatten nun eine freie Strömung. Jeder ſah nun in Siegbert Wildungen den künftigen Kröſus und Louis beſann ſich durch die Röthe, die den Freund überflog, ſogleich auf die Aeußerungen, die noch vor kurzem über dieſen Gegenſtand Sieg⸗ bert im alten Rathskeller der Reſidenz gethan hatte. Mit wärmerem Intereſſe aber, als alle Uebrigen, ließen Selma und Ackermann ihre Blicke auf Sieg⸗ bert ruhen und bald wußten es Alle, daß Ackermann in jüngern Jahren den Fremden wollte auf den Armen getragen haben. Wo Das? rief Siegbert erſtaunt. In Thaldüren! Kannten Sie meinen Vater? Vater und Mutter! m. irtte. ürſten⸗ ſchä m die , viel ſſtande ſtrecken den— rozeß! e, alle mung. nftigen e, die ungen, Sieg⸗ hatte. brigen, Sieg⸗ emann Armen Ich entſinne mich nicht, Ihren Namen— Wie geht es der Mutter? Sie kränkelt... Siegbert begriff nicht, wie ihm wurde, als er Ackermann in's Auge ſah. Es ſtiegen ihm Empfin— dungen auf, denen er keinen Namen geben konnte. Ganz verloren in die Züge Ackermann's und Selma's hörte er nicht, daß man ihn um Auskunft über den Stand ſeines Prozeſſes bat. Erſt Frau von Zeiſel mußte ihn erinnern, daß man mit ihm ſprach. Er ſagte nun: In erſter Inſtanz hat mein Bruder, der dieſe An⸗ gelegenheit mit Eifer verfolgt, unſre Anſprüche, von denen er ſo feſt überzeugt iſt, nicht behaupten können. Wir haben verloren. Jetzt iſt der Bruder in Angerode, wo wir ſchon einmal über dieſe alte Streitfrage Do⸗ kumente fanden. Es handelt ſich um die genauere Feſt⸗ ſtellung unſres Stammbaumes. Mein Bruder ſchreibt mir, daß es ihm gelungen iſt, Thatſachen, die ein neues Licht verbreiten, aufzufinden. Schon iſt die Appellation im Gange. Wiſſen Sie, ſagte Oleander, daß Propſt Gelbſattel, dem ich die hieſige Vikarſtelle verdanke, einer der hef⸗ tigſten Gegner Ihrer Anſprüche iſt? 15* Nicht blos der Propſt, ſagte Siegbert. Ich fürchte, daß wir alle Welt zu Gegnern haben. Dieſe beſcheidene ſelbſtloſe Aeußerung beſtritt man. Droſſel meinte, ſo müſſe es mit allem Unrecht gehen, das durch Verjährung Recht geworden wäre. Er ver⸗ wünſchte dabei die Pfaffen, die Tyrannen, die Advo⸗ katen, die Menſchenſchinder, die verthierten Söldlinge, die Staatsanleihen, Alles durcheinander. Der Apothe⸗ ker war ſehr für den Satz: Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte! Frau von Zeiſel bedauerte unendlich, daß es der ſchö⸗ nen Melanie nicht mehr möglich ſein würde, faſt alle Tage ein andres Kleid anzuziehen, allein darum gönne ſie doch Herrn Siegbert Wildungen ein Vermögen, das ſicher einem Halbdutzend großer Rittergüter gleichkäme. Die Erwähnung Melanie's, der Uebergang auf ihre Anweſenheit in Hohenberg, die Nachfrage wegen ihrer wieder abgebrochenen Verlobung mit dem Stall⸗ meiſter Laſally, der hier durch ſein mürriſches Beneh⸗ men Alle verletzt hatte, die lächelnden Mienen über Melanie und den Fürſten, alles Das war ein Durch⸗ einander, das für Niemand chaotiſcher und unbehag⸗ licher wurde als für Selma. Siegbert, Louis, Alle wurden ihr in dieſem Augenblicke verhaßt. Es kreiſchte um ſie her wie von Diſſonanzen. Das war Alles unaufgelöſt widerlich. Wahrhaft frei fühlte ſie ſich fürchte, tt man. gehen, Er ver⸗ Ndo⸗ ldlinge, Apothe⸗ Nächſte! er ſchü⸗ jaſt alle gönne en, das ichkäme. ung auf e wegen n Stal⸗ Beneh⸗ en übet Durch⸗ unbehag⸗ lis, Alle treiſcht ar Alles ſie ſi 229 von einem läſtigen Drucke, als man in dieſem Tumult aufſtand und ſie ſich an den Vater hängen konnte, dem ſie zuflüſterte: Fort! Fort! Vater! Hier iſt es erſtickend! Die Bruſt zerſpringt mir! Ackermann küßte ihre brennende Stirn und ſagte in mildem Tone: Gewöhne dich, Kind, an Rechnungen, die nicht aufgehen! Ich fühle dir das Peinliche ſolcher Dinge, die du alle nur halb verſtehſt, wohl nach. Das Leben iſt ſo! Es iſt aus Gegenſätzen und unvermit⸗ telten Widerſprüchen zuſammengeſetzt. Wenn man ſo ſieht, daß Alles anders iſt, als man es gern haben will, möchte man verzweifeln und in die Wildniß fliehen. Nach den geſegneten Mahlzeiten, die man nun, wein⸗ geröthet, ſpeiſenduftend, gegenſeitig ſich noch wünſchte, wurde Kaffee gereicht und manches vertrautere Wort geſprochen. Frau von Sänger rechnete darauf, jetzt auch von dem jungen Maler einige Vortheile der Unterhaltung zu ziehen und war nicht wenig ver— ſtimmt, als dieſer nur mit Louis allein zu ſprechen Luſt zeigte. Sie ging ohne Zwang Beiden nach und duldete nicht, daß ſie ſich iſolirten. Zu ihrem Ver— druſſe hörte ſte hier, daß Siegbert nicht einmal mit —— 230 ihnen nach Randhartingen zurückfahren, ſondern die Nacht, wie ſchon zwiſchen ihm und Louis verabredet war, auf dem Schloſſe bleiben würde. Für morgen erſt verſprach er ihr ſeine Aufwartung zu machen. Himmel, ſagte ſie, man iſt hier ſo verlaſſen von Menſchen, die uns einmal über das Gewöhnliche hin— wegführen, daß Sie ſich nicht wundern dürfen, wenn ich Ihnen geſtehe, ich dulde Ihr Hierbleiben nicht. Nein, nein! ſagte Siegbert lächelnd. Ich muß mich vor dem Reize, Sie zu erobern, bewahren. Keine Eroberung! erwiederte die hübſche junge Frau. Nur Nächſtenpflicht! Haben Sie ſich einmal verſchlagen in eine Gegend, wo nur Wilde wohnen, ſo müſſen Sie ſich Denen widmen, die Sie zähmen ſollen.... Siegbert konnte die pikante kleine vertrauliche Un⸗ terhaltung nicht fortſetzen, denn Ackermann, der auf ein Kanapè ſich niedergelaſſen hatte, richtete einen ſo bedeutungsvollen, theilnehmenden Blick zu ihm hin⸗ über, daß er ſich losmachte und zu ihm entſchlüpfte. Frau von Sänger erfuhr von Louis, daß Beide, er und Siegbert, die Abſicht hätten, gemeinſchaftlich nach dem Forſthauſe zu wandern. Das Wetter wäre ſchön. Gegen fünf Uhr wollten ſie wieder zurück ſein. Siegbert würde dann auf dem Schloffe über Nacht ndern die verabredet rmorgen achen. aſſen von lliche hin⸗ en, wenn nicht. nuß mich he junge h einmal wohnen, e nihmen lliche Un⸗ der auf einen ſo ihm hin⸗ chlüpfte as Beide nſchaflich tter wän rück ſein her Jalh bleiben und am Morgen eine Gelegenheit ſuchen, nach Randhartingen zurückzukommen. Dies war genug, um Frau von Sänger zu be— ſtimmen, Siegbert nachzuſpringen und ihm zu ſagen, daß er ihren Wagen, der in der Schloßremiſe ſtünde, hier behalten und mit ihm morgen nachkommen ſolle. Sie würde mit ihrem Manne in dem großen Wagen des Herrn Anverwandter fahren. Und ehe noch Sieg⸗ bert ablehnen, danken konnte, war ſie ſchon ihre lan— gen aufgegangenen Locken ſchüttelnd zu den Männern hinüber, um dieſe Anordnung kurz⸗ und rundweg an⸗ zuzeigen, es ihren Kutſcher wiſſen zu laſſen und ſich dann die Locken vor'm Spiegel als Scheitel zu ordnen. Siegbert erfuhr bei Ackermann, daß Selma ſchon zu den Kindern des Pfarrers hinüber wäre, wo ſie bliebe, bis er einige Geſchäfte geordnet und auch viel⸗ leicht die neue Begleiterin aus dem Forſthauſe in Empfang genommen hätte. Einer weitern Nachfrage über ſeine Beziehungen zu Siegbert's Eltern wich er ſonderbarerweiſe jetzt aus. Er war einſylbig, nach⸗ denklich geworden. Faſt ſchien es, als bereute er die Hingebung, die er über Tiſch verrathen. Siegbert fand, daß dies Antlitz, das ihn ſeiner männlich ſchö⸗ nen Formen wegen ſo gefeſſelt hatte, auch den Aus⸗ druck eines tiefen Ernſtes annehmen konnte und er⸗ ſchrak faſt vor dem Anflug von Kälte, der ihm plötzlich aus Ackermann's Benehmen entgegen wehte. Louis flüſterte ihm zu, ſie wollten gehen und von der Geſellſchaft ohne viel Aufſehens ſcheiden. Doch ge⸗ lang ihnen dieſer Rückzug nicht ganz. Die Juſtizdi⸗ rektorin und ihr Gatte wenigſtens ſahen ſcharf genug, um ſie nicht ſo entſchlüpfen zu laſſen. Louis gab das Verſprechen baldigſter Wiederkehr und Siegbert gelobte, ſo lange er in Randhartingen an Herrn Anverwandter male— und Sie ſehen, fügte er auf den ſtarken Herrn deutend, es gehört Farbe dazu— wenigſtens einen Tag um den andern ſich in Pleſſen ſehen zu laſſen. Für heute Abend ſchon zur Whiſtpartie wiederzukehren, mußte er ablehnen, da er ſich ganz dem Wiederſehen Louis Armand's widmen wollte. So gelang es denn den Freunden, davon zu kommen. Wie ſie allein waren, Jeder ſich mit einem Pa⸗ letot gegen die Novemberluft, die ſich ſchon rauh genug ankündigte, gerüſtet hatte und nun ſogleich auf dem nächſten Wege dem Forſthauſe zuſchritten, reichten ſie ſich nochmals die Hand, um ihre Freude über dies glückliche Zuſammentreffen auszudrücken. Und die Worte entfuhren ihnen Beiden faſt wie im Zuſammenklang: Gott ſei Dank! Dies Diner wäre überſtanden. rlääli und von Doch ge⸗ Juſtizdi⸗ genug, gab das gelobte, wandter n Herrn nen Tag n. Für zukehren, derſehen kommen⸗ rm Pa⸗ ih genug auf dem chten ſie ber died ie Wotte enklang: unden. Achtes Capitel. Die beiden Geſellen. Ich dachte gleich, ſagte Siegbert auf der Wanderung durch das Dorf nach dem Walde zu, daß Sie noch in Pleſſen ſind, lieber Louis! Hier alſo weilte mein Bruder und erlebte Dinge, die ſo verhängnißvoll für uns Alle wurden! Ich das alſo da das Schloß? Bleiben Sie länger hier! Genießen Sie die Ge⸗ gend, die viele Schönheiten bietet! Ich denke in acht bis zehn Tagen drüben fertig zu werden und laſſe mich oft hier ſehen. Wie lange bleiben Sie noch? Louis gedachte des einſamen verlaſſenen Murray und ihrer gemeinſamen ſo ſchwierigen Forſchungen. Der Blick nach dem Eckfenſter that ihm um ſo mehr leid, als er nicht wagen konnte, Siegbert mit Murray bekannt zu machen, der Fragen und Erörterungen wegen, die davon die Folge geweſen wären. Ich denke freilich ſchon in einigen Tagen zurück⸗ zukehren. Was ſagen Sie zu den neueſten politiſchen Nachrichten? Seit wir ſo plötzlich auseinander kamen, hat jeder Tag eine neue Ueberraſchung gebracht. Egon tritt wie ein Dictator auf. Wenn ich auch die Kraft liebe, ſo iſt es doch bedenklich, daß ſich nur die conſervative Partei über dieſe Auflöſung der Volksvertretung ge— freut hat. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ich vor Begier brenne, ihn zu ſehen und zu ſprechen. Ich will wünſchen, daß Sie ihm gelegen kommen. Als ich einen Tag nach Ihnen reiſte, konnt' ich ihn nicht ſprechen. Er trägt wie ein Atlas ſo ſchwer auf ſeinen Schultern. Ich wünſchte, er hätte unſerm Abende im Raths⸗ hauſe beigewohnt; ich glaube, an dieſer Verwirrung der Intereſſen hätte ihn ein Ueberdruß ergriffen, wie uns. Glauben Sie? Egon iſt ein Menſch der That⸗ ſachen. Er würde uns Ideologen nennen und unſre Chimären verſpottet haben. Und doch ſchleicht ſich die Erinnerung an jenen Abend in jede freie Lücke des Nachdenkens und füllt ſte ſogleich ganz. Ich denke immer daran und hefte — 1 1 8 3 4 2 1 71 un zurück⸗ olitiſchen hat jeder gon tritt aft liebe, ſervative tung ge— r Begier ommen. ich ihn wer auf Raths⸗ wirtung ergriffn, r That⸗ id unſte in jenen nd füll nd heft im Geiſte ſchon jedem Menſchen, der mir gefällt, das Kreuz unſres Bundes auf die Schulter. Auch mir geht es ſo, ſagte Siegbert überraſcht von der gleichen Erfahrung. Ich riß mich von der Reſidenz mit einem heroiſchen Entſchluſſe los. Ich mußte es thun, aus Gründen, die ich wol verſchwei⸗ gen ſoll... Louis bat, ohne Sorge zu ſein. Und wenn er auch vor ihm Geheimniſſe hätte, er wäre darum von ſeiner Freundſchaft nicht weniger überzeugt. Ich kam nach Schönau, fuhr Siegbert fort, be— ſuchte dort die Männer, an die mich der plötzlich ſo auffallend entgegenkommende Propſt empfohlen hatte. Man bot mir in der That eine anſehnliche Summe für ein Frescobild in einer neu ausgebauten freund⸗ lichen Kirche und billigte meine Pläne für den zu behandelnden Gegenſtand. Nachdem fing ich für die Einweihung der Kirche an, einige alte Gemälde von achtbarem Werthe wiederherzuſtellen und lernte in die— ſer Zeit manche tüchtige Perſönlichkeit kennen. Son— derbar, daß ich Alle in einer gleichen Stimmung fand wie wir. Alle waren auf's lebhafteſte an der Zeit und ihren Entwickelungen betheiligt, Wenige aber konnten ſich mit dem Parteigeiſte, wie er nun einmal geworden, ganz befreunden. Faſt Alle warten auf einen 236 politiſchen Meſſias, die Einen in Geſtalt eines Na⸗ poleon, die Andern in Geſtalt eines Waſhington. Ich geſtehe, daß das Vertrauen auf Egon nicht gering iſt. Man hat ihn ſchon ſo oft die Verachtung vor dem bisherigen Laufe der Dinge auf der Tribüne ausſpre⸗ chen hören, daß Jedermann glaubt, er würde einen völlig neuen Staat aufbauen. Mit Ungeduld erwar⸗ tet man das Wahlgeſetz, das er, wie man vermuthet, oktroyiren wird. Und doch bemitleidet man ihn, da er mit denſelben Steinen, die er eben abgetragen, doch wieder wird bauen müſſen. Mir nun, dem Maler, glaubt Jedermann ſagen zu müſſen, daß die Künſte in ſolcher Zeit keine Freiſtatt mehr genöſſen und er⸗ geht ſich in Anklagen gegen die Welt, die unwillkür— lich mir doch den Plan meines Bruders als eine große, in der Zeit ſchlummernde Idee darſtellen. O gewiß, ſagte Louis. Ich geſtehe Ihnen, bin ich zerſtreut durch Manches, was mir ſeitdem begeg⸗ nete, oder iſt es die Folge jenes Abends, meine Ge⸗ ſichtskreiſe haben ſich erweitert. Ich fühle mich höher geſtellt in dem Standpunkt, von dem aus ich die Schwierigkeiten des Augenblicks beurtheile. Und ich wiederhole Ihnen, ich habe eine Neigung, Genoſſen für die Ritterſchaft des Geiſtes zu gewinnen, die un⸗ widerſtehlich iſt. nes Na⸗ oon. Ich ering iſt vor dem ausſpre⸗ de einen erwar⸗ rmuthet, ihn, da en, doch Maler, Künſte und ek⸗ nwillkür⸗ ne gooße en, bin m begeg⸗ eine Gee c höher ich die Und ich Genoſ je un die u Das iſt auch mein Fall. Und ich ſollte meinen, der Drang, Proſelyten zu finden, iſt das beſte Kenn⸗ zeichen einer in uns lebendig gewordenen Wahrheit. Ich ſehe, fuhr Louis fort, ſo viele Menſchen, die außerhalb der Tagesdebatte ſtehen. Warum ſollen ſie nur ſtumm reflectiren? Warum ſoll ihr Geiſt, ihre Geſinnung daliegen wie das todte Pfund in der Erde? Sie brauchen ja nicht Hand anzulegen, irgend in den Gang der Geſchichte einzugreifen... nein! Es genügt ſchon, daß Geſinnung an Geſinnung ſich kette und der Geiſt ſelbſt aneinander ſich entzünde. Unter den Gäſten, die Sie heute ſahen, würd' ich wenige für würdig halten, zu Rittern vom Geiſte geſchlagen zu werden, aber die, die ich meine, würde das vierblätt⸗ rige Kleeblatt, das Symbol des ſeltenen Fundes, wohl zieren. Hat Ihnen das Symbol gefallen? fragte Sieg⸗ bert, der ſich erinnerte, daß auf dem Heimwege vom Rathskeller davon geſprochen wurde. Ich dachte mir, ſagte Louis, als Ihr Bruder von dem Kreuze und ſeinen Enden ſprach, wie meine Schwe⸗ ſter mit ihren Freundinnen ſpazieren ging. Man wan⸗ delt fröhlich und an der Abendſonne ſich ergötzend über den grünen Wieſenplan und das Auge ſucht unter den Tauſend Dreiblättern nach einem Vierblatt. Man — 238 findet es, man jubelt, man ruft die Genoſſen. Ein Vierblatt! Jeder will es ſehen, Jeder bewundert das Spiel der Natur und Jeder wünſcht Dem, der das Vierblatt gefunden, Glück; denn ein vierblättriges Klee⸗ blatt bedeutet Glück. Und wem möchten Sie die vier Punkte auf die Schultern drücken von Denen, die dort heute zuſam— mengewürfelt waren? Zuerſt dem edlen Vater des ſchönen Mädchens— Ackermann! Entſinn' ich mich doch vergebens, in meiner Kindheit je von einem Manne dieſes Namens gehört zu haben! Ich fand, daß er geſtern, als ich Ihrer erwähnte, mit größerer Herzlichkeit der Ihrigen gedachte, als heute, wo er ſich Zwang anzulegen ſchien— Er wies meine Freundlichkeit eben faſt zurück— Auch dafür muß er irgend einen Grund haben; denn dies iſt ein Charakter, der niemals eine Laune über ſich Herr werden läßt— Entſinnen Sie ſich, daß ich ſchon an jenem Abende äußerte, wie wenig wahren Antheil wir Brüder für unſern Prozeß vorausſetzen dürfen... Grübeln Sie darüber nicht! Wüßte er, welche Gedanken Ihr Bruder mit dieſer Erbſchaft verbindet, wie groß er die an ihn geſtellte Mahnung der Zeit —-— en. Ein dert das der das ges Klee⸗ auf die e zuſam⸗ ſchens— kbens, in Namens rwähnte, hte, als rrück— ) haben; ne Laune Abende üder für 1 welche verbindel der Zeit auffaßt, wie er mit dieſen Hülfsmitteln den in Trüm— mer zerfallnen Tempel der Menſchheit wieder aufbauen will— Er würde uns Phantaſten nennen! Ihn erinnert das vierblättrige Kleeblatt vielleicht nur an die Oeko— nomie— Den Vater eines ſolchen Mädchens? Selma! Ein Kopf, den ich wol lieber malte, als die Stierphyſiognomie drüben in Randhartingen... Auch auf den Pfarrvikar Oleander möcht' ich rech— nen und vielleicht den Arzt Reinick, der ſo wenig und ſo milde und ſo klar ſprach. Auch mir prägten ſich in Schönau, einem kleinen aber ſehr wohlhabenden Orte, viel ernſte und ein in⸗ neres Leben verrathende Phyſiognomieen ein. Nur ſchade, daß man ſie aus der Maſſe ſolcher Köpfe, wie jener Droſſel, erſt ausſcheiden muß. Es iſt erſtaunlich, ſagte Louis, daß ich einen Re⸗ publikaner, wie dieſen exaltirten Mann, noch vor kur⸗ zer Zeit als eine große Stütze meiner Vorſtellungen über die umzuändernde Geſellſchaft angeſehen hätte, und doch glaub' ich gewiß zu ſein, daß man mit ihm zwar das Alte zerſtören, aber Neues nicht aufbauen könnte. Er würde vor allen Dingen darnach trachten, in der allgemeinen Verwirrung erſt ſeiner Verbindlich— 240 keiten, von denen ich höre, daß deren viele auf ihm laſten, ledig zu werden und nachher ein ebenſo ge⸗ waltſamer Despot werden, wie die Despoten waren, die er ſtürzte. Mein Vaterland gibt ja für dieſe trau⸗ rige Thatſache täglich die Beweiſe. Die eine Partei verdrängt die andere und bedient ſich, um ſich zu be⸗ haupten, derſelben gewaltſamen Mittel, die die frühere Partei ſo gehäſſig machte. Und Alle berufen ſich, mich überglüht es vor Zorn, wenn ich daran denke, Alle berufen ſich auf die Nothwendigkeit der Ordnung, die Herrſchaft der Geſetze, den Zwang der Disciplin. Dieſe Elenden! Nur deshalb wollen ſie Gehorſam, um den Staat für ſich ausbeuten zu können und Mittel zu ſammeln, ihren vorauszuſehenden Sturz auf die Länge minder ſchmerzlich zu ertragen. Bei dieſen Worten lenkten Louis und Siegbert in den Wald ein und gingen denſelben Weg, auf wel⸗ chem im Sommer, an einem Vormittage, als das goldne Sonnenlicht durch die grünen Zweige ſchim⸗ merte, vom Jägerhauſe zurückkehrend, durch Ackermann angeregt, Dankmar ſo lebhaft von der Nothwendigkeit eines Erkennungszeichens Gleichgeſinnter überzeugt war und über ſeinen Bund der Ritter vom Geiſte nachdachte. Es ging ein ſcharfer, kalter Wind. Das welke — — — —7 auf ihm ebenſo ge⸗ en waren, dieſe trau⸗ ine Partei ſich zu be⸗ die frühere ruſen ſich, ran denke, Ordnung, Disgiplin. Gehorſam, unen und Sturz auf ziegbert in mauf wel⸗ „ alé das ige ſchim⸗ Ackermann wendigtä ibenuug vom Geiſt 6 ꝗs well 3 Laub wurde wirbelweiſe erfaßt und fortgeſchleudert. Geknickte Zweige lagen am Wege oder hingen noch halb, oft gefährlich, an den Stämmen. Louis erzählte nochmals ausführlicher ſein Vor⸗ haben mit Franziska Heuniſch, die Siegbert dem Na⸗ men nach ſchon kannte. Hatte er doch das ihr be— ſtimmte Gedicht: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! überſetzt. Er fragte Louis, ob er von ihr wie von ſeiner Geliebten ſprechen dürfe? Louis ſchüttelte den Kopf. Dies verlegene Schweigen erinnerte Siegbert ſo lebhaft an Das, was in ſeiner eignen Bruſt ver⸗ ſchloſſen lebte, daß er trüben Blickes über die welken Blätter hinausſchaute und nach einer Weile, wie für ſich ſelber, ſagte: Die erſchloſſene Knospe iſt das Geſtändniß der Liebe! Nicht zu ſpät komm' es, aber auch nicht zu früh! Und wieder nach einer Weile ſagte er: Wiſſen Sie, daß Helene d'Azimont nach Italien iſt? Ich erfuhr es. Aber erſtaunen werden Sie, wer ſie begleitet... Die junge Tochter der Fürſtin Wäſämskoi... Olga... Louis ſchwieg. Er hatte von Egon gehört, daß Die Nitter vom Geiſte. VII. 16 1 242 Siegbert Wildungen im Hauſe der Schweſter Helenen's geliebt wurde... Was denken Sie von einer ſolchen Schule des jungen Mädchens? ſagte Siegbert bewegt. Ich läugne nicht, daß Olga, von den erſten Regungen ihres jun⸗ gen Herzens irre geführt, mir Beweiſe mehr kindlicher, als denkend empfindender Liebe gegeben hat... Die Eiferſucht auf die Mutter hatte die Flamme genährt... ſagte Louis zurückhaltend. Auch Das iſt der Welt bekannt? rief Siegbert mit ſchmerzlicher Erregung. Alle, Alle ſahen es. Nur ich Thor war verblendet und wiegte mich, dem trägen, ſchlummernden Goldkäfer gleich, in dem Kelche der Blumen. Wie bereu' ich dieſe glücklichen Tage! Wie viel qualvolle Stunden werden ihnen folgen! Unerklärlich iſt, wie Olga entfliehen konnte! Doch nicht! ſagte Siegbert. Rudhard hatte mit Gewalt beſchloſſen, mit ihr und den andern Kindern zu reiſen. Noch hör' ich, daß ein von ihrem Vater ihr beſtimmter Verlobter eingetroffen ſein ſoll. Es blieb ihr nur die Wahl, entweder mit Rudhard zu reiſen oder ſich mit Otto von Dyſtra zu verloben. Otto von Dyſtra? ſagte Louis überraſcht. Ein ruſſiſcher Diplomat? Aus Amerika? Ganz recht. v Helenen Schule des Ich läugne ihres jun⸗ rlindlicher, 1... ie Flamme iegbert mit Nurr ich m trägen, Kelche der Lage We hatte mit a Kindern 243 Ein Freund Ackermann's, ein Bekannter... Faſt hätte Louis Murray's Namen, den er doch verſchweigen wollte, ausgeſprochen. Wie ſie Alle beſtätigen werden, fuhr Siegbert fort, ein Mann, der nicht ohne Bedeutung ſein ſoll. Ein Sonderling! Unſtät⸗Reiſender! Ueberdies häßlich... Menſchen von Geiſt ſind nicht häßlich. Einer ſolchen Verbindung könnten Sie das Wort reden? Rudhard verſchwieg mir nichts von den Wunder⸗ lichkeiten dieſes Mannes; doch mußte er ihn einen Philoſophen nennen und geſtand mir, daß grade eine ſolche Natur im Stande ſein würde, Olga's Erzie⸗ hung zu vollenden. Nein! Nein! Abſcheuliche Sklaverei! Erziehung in der Che! Philoſophie, wo das Herz glücklich ſein will! Wie lob' ich das entſchloſſene Mädchen, daß es den Muth hatte, zu entfliehen und das Herz zu retten, in dem Siegbert Wildungen's Bild lebt! Sie brauchen faſt dieſelben Worte, lieber Louis, ſagte Siegbert lächelnd, wie ſie ſelbſt... Sie ſchreibt Ihnen? Aaus der erſten Stadt, wo ſie raſtete. Es ſind die ſorſae Ergüſſe eines ſchwärmeriſchen Mädchens, das 16* durch die Welt reiſt, um ſie mit ihren Idealen zu vergleichen. Ich würde dieſe Wendung mit Freuden verfolgen, wenn nicht auch Helene von Olga mit leidenſchaftlicher Liebe angebetet würde. O nur Helene weiß zu lieben, ſchreibt ſie mir. Helene iſt die Liebe ſelbſt. Die himmliſche, die in dieſe abſcheuliche Erde nicht paßt! Egon iſt einer von dieſen herzloſen Göt⸗ tern der Erde, die Menſchenopfer verlangen. Er iſt kein Teufel und kein überirdiſcher Gott, er iſt nicht ganz böſe und nicht ganz gut, nur er ſelbſt iſt er, der Schatten ſeines Schattens, das Echo ſeines Echos, einer der herzloſen Dämonen, die Alles wegzuſpötteln, wegzulächeln wiſſen und an Wahrheit erſt glauben, wenn einmal ein betrogenes Weib den Dolch erhebt und ſie für die Lüge ihres Geiſtes den Stahl einer wirklichen Rache empfinden läßt! Ums Himmelswillen, rief Louis lachend, Das iſt ja ein Plagiat! Das ſind Worte, die Olga Helenen nachſchreibt und Helene hat ſie von der Phädra oder ſonſt einer wilden Heroine aus dem Theätre Fran⸗ cais! Ich würde lachen, wie Sie, Louis, bemerkte Siegbert, wenn nicht dieſe Stylübungen eine neue Wendung erhielten durch den Troſt, den Helene d'Azi⸗ mont finden wird, ſuchen muß. Leidenfroſt ſchreibt dealen zu t Freuden Olga mit ur Helene die Liebe liche Erde loſen Göt— n. Er iſt riſ nicht iſt er, der es Echos, zuſpötteln t glauben, olch echeh Sahl eine d, Das ff g. Helenen hädra odi atre Fral 1 , benelt eine nul vFA elene 1¹ uft ſten 4 11 235 mir, daß der Maler Heinrichſon, Sie kennen den ſchönen, allen Frauen gefährlichen Mann, nach Rom ginge, wie man ſagte, um ſich dort mit Gräfin He⸗ lene d'Azimont ein Zuſammentreffen zu geben. Verläumdung! rief Louis. Befürchten Sie Das nicht! Die Gräfin war leichtſinnig, als ſie keinen Mann gefunden, der der Liebe einer Frau würdig war. Sie fand aber Egon. Trotz der Schmerzen, die mit dieſem ihrem Glücke andern Menſchen bereitet wurden, verſichre ich Sie, daß nach der Liebe eines ſolchen Mannes Helene nicht im Stande iſt, Gefallen zu finden an einem ſo glatten Dandy, einer ſolchen geleckten Eleganz. Sie irren ſich, Louis! Heinrichſon beſitzt Esprit. Er weiß mit den Worten Fangball zu ſpielen und beſitzt jene blaſtrte Kälte, die, mit Geiſt und ſchöner Figur verbunden, allen Weibern gefällt. Dazu iſt er Maler. Ich erkenne an mir ſelbſt, wieviel wir bei dem Glücke, das wir in der Welt machen— ab⸗— ſcheulich;z ich ſpreche wie ein Don Juan— Fahren Sie fort! Ich kenne die Maler. Ich war in Paris täglich mit ihnen in Verbindung. Ich weiß, was ſie ihrer Kunſt zu verdanken haben. Nun gut. Auch dieſem Heinrichſon fließen alle Vortheile ſeines Talentes zu. Dabei kann man nicht 246 umhin, ſein Talent anzuerkennen. Er führt einen ge⸗ ſchmeidigen, anmuthigen, farbengrellen Pinſel. Es iſt Luſt und Leben in Dem, was er auf die Leinwand wirft. Was er auch malt, blenden, feſſeln wird es immer. Befriedigen freilich kann es nur Die, die von Effekten gepackt ſein wollen. Ich weiß nicht, ob Heinrich⸗ ſon in Rom bei den Kunſtgenoſſen Glück machen wird. In Paris würde er's. Für Rom fürcht' ich, daß man ihn oberflächlich und frivol nennt. Er wird ſich aber Anerkennung verſchaffen durch Witz, Satyre. Man wird Angſt vor ihm haben, weil er treffende Urtheile ſchleudern kann. Genug, mein Freund, neh⸗ men Sie noch ein ſeltnes Sprachtalent, Converſations⸗ ton im Salon, vortreffliche Toilette, vornehme Em⸗ pfehlungen hinzu und ich verſichre Sie, er wird He⸗ lenen feſſeln, für Egon entſchädigen, eine Verbindung mit der Gräfin anknüpfen und Olga, dies junge, noch reine Gemüth, Olga, dieſer Engel, ſoll jetzt ſchon Zeuge ſolcher elenden modernen Verirrungen werden, ſoll... Sie ſehen zu weit! unterbrach Louis den troſtbe⸗ dürftigen Siegbert, der ſeine lebendigſte Liebe für Olga nicht verbergen konnte. Ich kann nicht glauben, daß ein Weib, das einen Egon liebte und von ihm wie— der geliebt wurde, ſo ſehr das Bedürfniß eines zärt⸗ einen ge⸗ 1. Es iſt Leinwand wird es die von Heinrich⸗ zen wird. ich, daß wird ſich Satyre. treffende nd, neh⸗ erſations⸗ hme Em⸗ wird He⸗ erbindung mge, noch ett ſchon werden, n woſtbe⸗ für Oſge ben, dah ihm wie ines Fän lichen Verhältniſſes verrathen könnte, um dieſen Tauſch einzugehen. O, rief Siegbert, in mir erhebt ſich Alles, Alles, um dieſen Verdacht zu bekämpfen. Jede Fiber meines Herzens ſpricht für die Unmöglichkeit ſolcher Geſin⸗ nungsloſigkeit des Herzens am Weibe überhaupt, und doch klingen mir die Worte im Ohre, die Dankmar einmal zu mir ſprach: O Das ſind die Frauen, die mit ihrem Herzen Alles möglich machen können, wie mit Handſchuhen, die man wäſcht, färbt, umkehrt, wie mit Polypen, die man aufſchneidet, herumwendet und die dennoch leben, auch wenn der Bauch ihr Rücken, der Rücken ihr Bauch geworden! Bitter, ſehr bitter und gewiß oft wahr! rief Louis erſchreckend. Aber geben Sie dieſe trübe Vorſtellung auf! Hoffen Sie auf eine ſchönre Entwickelung des jungen Mädchens, das Ihnen ſo theuer iſt! Oder treten Sie mit Entſchiedenheit bei der Fürſtin auf... Bei der Fürſtin? wiederholte Siegbert in einem Tone, der Louis beſtimmte, fragender, als er ſich ſonſt erlaubt hätte, auf ſeinen Freund zu blicken. Weshalb hab' ich mich wol entſchloſſen, ſagte Siegbert, das geiſtloſe Geſicht jenes reichen Gutsbe⸗ ſitzers in Randhartingen zu malen? Wiſſen Sie, daß 248 ich von Schönau geflohen bin! Die Fürſtin ließ mich einen Beſuch in dem kleinen Orte erwarten. Himmell! rief Louis erſchreckend. Wohl wußte ſie über dieſen Entſchluß, fuhr Sieg⸗ bert fort, den Mantel einer glaublichen Entſchuldigung zu werfen. Sie ſprach von einer Verwandten ihrer Mutter, die in der Nähe wohne, von Otto von Dy— ſtra's Verlangen, mich kennen zu lernen, doch mit den Vorwürfen, die ſie mir über meine Flucht machte, verglichen, glaub' ich faſt, ſie will ſich ſelbſt überzeu⸗ gen, ob ich wirklich in Schönau bin oder nicht gar mit Olga und Helenen irgendwo ſchwärme... So wünſch' ich, ſagte Louis lachend, ſie kommt nach Schönau, findet Sie nicht und reiſt, wie es ſich gebührt, ihrer Tochter nach Italien nach, einem Aufenthalt, an den ſie nicht glauben will. Das Seltſamſte, ſchreibt mir über dieſe Dinge mein Bruder Dankmar, das Seltſamſte iſt dabei, daß in dieſen Frauenköpfen von den Lebenspflichten des Mannes ſo gut wie gar keine Vorſtellung eriſtirt. Der Weltbau kann in Trümmer gehen, wenn nur noch Platz zu ihrem Glücke übrig bleibt. So un—⸗ erſättlich ſind dieſe Leidenſchaften in der großen Welt, daß man zuletzt wirklich mit Wonne vor einem be⸗ ſchränkten Mädchen ſtehen bleibt, das noch Sternblüm⸗ ließ wich uͤhr Sieg⸗ huldigung dten ihrer von Dh⸗ ch mit den t machte, t überzeu⸗ nicht gar ſie kommt vie es ſich h, einem iſe Dinge dabei, daß ihten des geriſir. venn nul So ulr— Fen Wel einem be ternblün⸗ chen zerzupft und dabei fragt: Liebt er mich, liebt er mich nicht? Mit dieſen Worten ſchwenkten die beiden Freunde an der Eiche rechts zur Wieſe hin, an deren Rande das Forſthaus vor ihnen lag. Es war ſchon dunkel geworden. Doch ſah man unten kein Licht. Die Hunde bellten der Annäherung der Fremden entgegen. Heuniſch wird zu Hauſe ſein! ſagte Louis und be— ſchleunigte die Schritte. Ich bin begierig, dieſe ſtille Liebe kennen zu ler— nen, ſprach Siegbert erwartungsvoll und verſchob ſeine Mittheilungen aus Dankmar's und Leidenfroſt's Briefen auf den Abend, wo er mit Louis im Schloſſe allein zu ſein hoffte. Wir ſind allein! beſtätigte Louis, nicht ohne Ver⸗ legenheit, wie er es mit Murray halten würde. Fränzchen hatte die Ankommenden trotz der Däm⸗ merung erkannt und kam ihnen unter der Hausthür fragend entgegen. Siegbert freute ſich an dem zarten, blühenden Mädchen und dem romantiſchen Aufenthalte. Der Wald, die Wieſe, das Jägerhaus, die liebliche Be— wohnerin ſchienen ihm zuſammenzupaſſen wie ein Mär— chen von Grimm. Für ein Bild ſehr romantiſch, ſagte Louis. In 250 der Wirklichkeit iſt es aber beſſer, daß Fränzchen in 8 den Ullagrund zieht. Herr Ackermann iſt einverſtan⸗ den und erwartet Sie ſchon jetzt, ſchon für heute. Er iſt in Pleſſen und nimmt Sie ſogleich mit. Franziska ſprach ſo laut ihre Freude aus, daß Heuniſch, der eben mit der Pfeife aus der Hausthür trat, ſchon unter der Thür hörte, daß der neue Päch⸗ ter eingewilligt hatte. Er dachte dabei mit Spekula⸗ tion an den alten Sandrart und hatte ſeine vollkom— menſte Freude an dieſem Ausgang. Jetzt aber raſch! ſagte Louis. Das Nöthigſte trag' ich ſelbſt und das Uebrige ſchaffen Sie nach, Herr Heuniſch! Da liegt ſchon vorläufig ein Bündel, warten Sie, ich lege meine Pfeife weg— Bleiben Sie nur, bedeutete ihn Louis, Das trag' ich ſelbſt, da iſt keine Hülfe nöthig. Damit hob er den Bündel auf, der mit der nö⸗ thigen Wäſche verſehen war. Franziska ſagte: Wir wechſeln ab. Nur fort! Adieu Onkel! Be⸗ hüte Sie Gott und kommen Sie gleich morgen! Heuniſch hatte nicht das geringſte Mistrauen in dies Verhältniß zwiſchen Franziska und dem jungen nzchen in nverſtan⸗ ür heute. it us, daß Hausthür eue Päch⸗ Spekula⸗ vollkom⸗ gſte trag ch, Herr arten Sie, Das trag der no⸗ nkel! Ve⸗ gen/ trauen i m junge Fremdling, der ſich ihrer Angelegenheiten ſo theilneh⸗ mend annahm. Er ſagte: Die Katze kriegt doch noch ein Pfötchen? Sieh, wie ſie ſich anſchmiegt! Komm, Mutz, gib dein Patſchchen! Der fremde Herr macht ſie confus. Ja, Herr, ſo wohnen wir hier im Walde... ſehen Sie ſich um! Schießen Sie gern? Aber Fränzchen, doch noch ein Licht! Ei, willſt mich im Dunkeln laſſen? Ein Licht, daß der Herr da ſieht, wie's bei einem alten Jägersmann ſich wohnen läßt. Den Eilf-Ender da an der Wand ſchoß ich ſelbſten... Louis machte Licht mit einem Streichfeuerzeuge, das er nach ſeinen praktiſchen Gewohnheiten immer bei ſich führte. Ich gehe nicht mehr in die Küche, flüſterte ihm Fränzchen zu, kommen Sie nur! Siegbert ſprach einiges romantiſche Durcheinander vom freien Jägerleben und vom luſt'gen Waldrevier. Er betrachtete die Bilder, die Vogelkäfige, den Eilf⸗ Ender und die Rehbockhörner über der Thür, die Büchſen an der Wand, Fränzchen, das mit ihrem Bündel ſtand, wie er ſich Goethe's Dorothea gedacht haben würde, nur war ſie kleiner, aber lieblicher und vohl friſcher, wie jene Emigrantin geweſen ſein mag. Es gelang Heuniſchen nicht, den Auszug noch länger hinzuhalten. Man verließ das Haus. begleitete die Scheidenden noch die Wieſe entlang. Er hatte ſo ein dringendes Verlangen, ſo eine Freude über die Nachricht der Erlaubniß des Generalpächters, Fränzchen in die Nähe des alten Sandrart zu brin⸗ gen, daß er über dieſen Abſchied ordentlichen Jubel empfand und verſicherte, ihr morgen alle ihre andern Habſeligkeiten nachzubringen. Was iſt Das für ein Vogel? fragte Siegbert, ſich plötzlich umdrehend. Der ſo lacht? meinte Heuniſch und lachte ſelbſt. Eine Lachtaube iſt es nicht, Herr. Fränzchen zog Louis, der den Bündel trug, mit Gewalt weg. Louis hatte aber auch ein grelles, thieriſches Auf⸗ lachen gehört und blieb ſtehen. Das iſt die Urſchel! meinte Heuniſch und konnte nicht anders, als ſelbſt über die Alte lachen, die ihrer Rivalin, ihrem Störenfried, der nun abzog, einen Spott nach ihrer Art nachſandte. Meine alte Haushälterin, ſetzte er für Siegbert, der über dieſe Bosheit hier in Gottes ſtiller Natur erſtarrt war, hinzu. Meine alte Urſula Marzahn! So wie ich ſagte: Fränzchen kommtl! kroch ſie oben auf ihre Kammer und legte ſich in's Bett. Nun ſie Er’ Haus. Er' tlang. Er ine Freude alpächters, t zu brin⸗ chhen Jubel hre andern egbert, ſich chte ſelbſt trug, mit iſches Auf⸗ und konnte , die ihre inen og, eine Siegber, ller Jaan Manzah h ſie ch hört: Fränzchen geht! kichert ſie hinter uns her. Alte! ſchweig! rief Heuniſch jetzt hinauf und klatſchte, wie man etwa einem Thier thut, das man verſcheuchen will, einige Male in die Hände. Da hörte das bos⸗ hafte Lachen auf... An der Eiche, unter der einſt Dankmar von dem Bunde der Guten und Denkenden zuerſt geträumt hatte, nahm Heuniſch Abſchied, nach der Art dieſer Leute umſtändlich, ohne fertig werden zu können und die Rührung durch tauſend Kleinigkeiten verdeckend. Fränzchen erhielt darauf von Siegbert den Arm ange⸗ boten. Warum ſollte ſie ihn nicht annehmen! War ſie doch in einer Stimmung, als hätte ſie ſich jetzt allen Menſchen an den Hals werfen und rufen ſollen: Ich lebe wieder! Ich bin gerettet! Louis regte eine Aufklärung Siegbert's an. Man erzählte ihm, was dieſe Freude begründete. Da ſah er wohl, ein wie glückliches Weſen er am Arme führte. Fränzchen trat behend wie ein Reh und hing ihm wie im Tanz ſo leicht am Arme. Sie hatte, da es kalt war, ein Mäntelchen über und einen Strohhut mit rothem Bande, der die Bläſſe ihres Geſichts noch zarter hervorhob. Sie erzählte, wie ſie die Nacht in Aengſten zugebracht hätte und heute früh, während Heuniſch aus war, hätte ſie jeden Augenblick erwarten können, die böſe Frau würde die Treppe herunterge⸗ ſchlorrt kommen und ſie wieder ſo durchbohrend und hexenartig anſehen wie geſtern. So und ähnlich plaudernd und dabei überraſch vorwärtsſchreitend kamen ſie mit dem fünften Glocken⸗ ſchlage in Pleſſen richtig an. Es war die höchſte Zeit, denn vor dem Pfarrhauſe ſahen ſie ſchon den kleinen Wagen Ackermann's und bei dem Licht in der Stube harrende Figuren am Fenſter. Näher kommend unterſchied Louis Ackermann, Oleander und Selma. Am Amthauſe war ſchon Alles ſtill. Eintretend in das Pfarrhaus und in die Wohn⸗ ſtube gleich linker Hand übergab Louis, der den Bün⸗ del auf die Hausflur geworfen hatte, Ackermann und Selma die neue Schutzbefohlne. Ackermann verrieth durch einen flüchtig muſternden Blick, daß ihm das Mädchen gefalle und Selma bot ihr freundlichſt die Hand. Da hab' ich ja, ſagte ſie, was ich wuͤnſchte! Wir wollen fröhlich zuſammenleben und uns ſchon gut vertragen. O Fräulein... ſtammelte Franziska. Und ſo prächtigen Putz machen Sie! Wie ſchön iſt das Band am Hute aufgeſteckt! Ich verſtehe gar nichts von dieſen Dingen, auf die die Leute ſo ſtreng ſehen. Heute am Tiſch bin ich ſo gemuſtert worden, 6 erunterge⸗ grend und überraſch Glocken⸗ ie höchſte ſie ſchon dem Licht . Näher mnder und I. e Wohn⸗ den Bün⸗ nann und verrieth ihm das die Hand gu Wi con gui Gie ſchön ſtehe ga ſo ſtteng wotden 255 daß ich immer dachte: Wartet, das nächſte Mal ſollt Ihr ſehen, daß ich die neueſte Mode trage. Ich dachte an Sie, liebe Franziska. Wie ſind Sie gütig! Ich geſtatte Euch, Eure Toilettengeſpräche im Wa⸗ gen fortzuſetzen, während ich vielleicht ſchlafe, be⸗ merkte Ackermann. Es wird zu finſter. Gute Nacht, Frau Pfarrerin. Großer Stromer! Dein Weib wiſchte ſich erſt die Hand ab, ehe ſie die ihr von Ackermann gebotene an⸗ nehmen konnte. Die Küche, die Mägde, die Hühner, die Eier, das Füttern, das Waſchen, das Putzen... und die Kinder! Die Kinder! Die Kinder! Oleander ſagte, daß morgen zeitig eingeholt wer— den müßte, was heute verſäumt wäre. Selma antwortete nichts darauf. Sie ſchien zer⸗ ſtreut und noch nicht frei von den beklemmenden Ge⸗ fühlen, die ſie heute in Louis' Nähe drückten. Sieg— berten, der einige freundliche Worte mit Ackermann gewechſelt und von dieſem eine herzliche Einladung zum Beſuche im Ullagrunde erhalten hatte, verneigte ſie ſich flüchtig, aber mit einem jener wohlwollen— den Blicke, die nur ſo im Vorüberſtreifen hingeworfen an Frauen immer bezaubern müſſen. Leidenfroſt hatte einmal zu Siegbert dieſe Blicke, die auch Melanie ſehr in der Gewalt hatte, wenn ſie durch das Berg'⸗“ ſche Atelier ſchwebte, pantheiſtiſche genannt und ſeine Bezeichnung ſo erklärt: Die Frauen wollen gewiſſer⸗ maßen mit dieſen Blicken ſagen: Freund, auch du biſt liebenswürdig und ich würde dich gern nehmen, wenn ich nicht ſchon ſchwärmeriſch liebte und bei unſern dü⸗ ſtern monotheiſtiſchen Ideen nur Einen Gott und keinen Andern neben ihm haben dürfte! Louis reichte dem Knecht das Päckchen hinauf, das er neben ſich legte. Im Wagen war es ziemlich eng; denn ſtatt der kleinen Hedwig, die Ackermann zurück⸗ gebracht hatte, ging heute der mittelſte Knabe mit, Waldemar, deſſen Pathe der alte Fürſt Waldemar von Hohenberg geweſen war. Alle zwei, drei Tage wech⸗ ſelte Selma unter den Kindern der Frau Pfarrerin ab, die noch an dem Wagenſchlage ſtand und für die Liebe dieſer guten Menſchen dankte. Ackermann, der noch immer in einer gedrückten, nachdenklichen Stimmung blieb, ſchien froh, als ſich endlich ſein Gaul in Bewegung ſetzte. Fränzchen reichte voll In⸗ nigkeit und freudigen Dankes Louis noch die Hand, während der Wagen ſchon rollte. Louis und Siegbert mußten, da ſie ihre Hüte in dem Pfarrhauſe gelaſſen, wieder zurück eintreten und Oleander mochte ſie nun nicht weglaſſen. das Berg⸗ und ſeine n gewiſeer⸗ uch du bit men, wenn unſern dü⸗ Gott und finauf, das emlich eng; unn zurück⸗ enabe mit demar von Tage wech⸗ Pfarrern und für Ackermann, ddenklichen ndlich ſein e voll In- die Hand te Hüle 4 ntreten un Sie wiſſen, was Sie mir geſtern verſprochen ha⸗ ben, ſagte er zu Louis. Louis, dem es peinlich war, Murray aus ſeiner einſamen Ruhe außzuſchrecken, dachte ſehr lebhaft daran, ob nicht Siegbert, er und Oleander den Abend zuſam⸗ men zubringen könnten. Herr Oleander wollte die Güte haben, mir von ſeinen Gedichten vorzuleſen... bemerkte er mit fragen— dem Blicke nach Siegbert hin. Dieſer erwiderte ſogleich: Ein Dichter dem andern! Wiſſen Sie, Herr Ole⸗ ander, daß Louis die artigſten franzöſiſchen Verſe macht und ich ſie zu überſetzen verſuche? Dieſe Nachricht erfreute den ſchwäbiſchen Vikar ſo, daß er nicht ruhte und die Freunde durchaus bei ſich zu behalten erklärte. Frau Pfarrerin, Sie ſchicken uns einen Thee auf mein Zimmer, heizen ein und das gleich! Erſt hab' ich noch einen kleinen Gang. Dann kommen Sie hinauf oder gehen Sie ſogleich ſelbſt und machen Sie ſich's oben bequem! Louis ſagte, er zöge vor, erſt auf das Schloß zu gehen und Sorge zu tragen für das Nachtlager ſeines Freundes. Siegbert bat, keine Umſtände zu machen. Die Ritter vom Geiſte. VII. 17 Louis, der nur gern ein Wort mit Murray ſprechen, den armen Verlaſſenen, Einſamen begrüßen wollte, hielt Siegberten zurück und ging mit Oleander, der eine Kranke, die Müllerin in der Mühle, beſuchen wollte, hinaus in die inzwiſchen vollſtändig herabge⸗ ſunkene Nacht. Wie trieb es Louis hinauf zu Murray! Es laſtete auf ihm wie eine Schuld der Liebloſigkeit. Er hatte ein Feſt genoſſen, einen Freund gefunden, das Glück gehabt, Franziska glücklich zu machen und da oben ſitzt in ſtiller Verlaſſenheit der freudloſe, nur in ſein Inneres blickende, wehmüthige, gewiſſenskranke Alte, der dies Erdenleben nur noch für eine letzte Prüfung anſah und alles Trauerbringende für ſeine Beſtim⸗ mung! Es trieb Louis, als hätte er ihm um den Hals fallen und dieſen ganzen reichen, glücklichen Tag ab⸗ bitten müſſen. Auf dem Emporwege begegnete ihm Brigitte, mit der er raſch beſprach, daß ſie noch ein Zimmer zu öffnen, noch ein Bett zuzurichten hätte. Und ob das Fuhr⸗ werk der Frau von Sänger die Nacht über verſorgt wäre? Alles Das fragte und beſtellte er raſch hinter⸗ einander. Die Alte nickte und gab auf Jedes ihren höflichen Beſcheid. Nur eine Bemerkung war ihm peinlich. Der Amtsvoigt Pfannenſtiel wäre bei ihr w ſprechen, hen wollte, ander, der „beſuchen Jherabge⸗ Es laſtete Er hatte das Glüc —da oben er in ſein anke Alte, Prüfung e Beſtim⸗ den Hal b 1 Tag ab⸗ V te, mider zu öffnen. das Fuhr⸗ rverſorgg ſch hinter⸗ edes ihren wat iſn r bei ihr 259 geweſen und hätte nach dem alten Herrn oben ge⸗ fragt, wäre auch ſelbſt zu ihm gegangen und hätte ihn erſucht, der Ordnung wegen, ſeinen Namen und ſeinen Stand außzuſchreiben. So! Sol ſagte Louis und wollte ſeine Beſorgniß verbergen. Das iſt ja Alles in der Ordnung. Ver⸗ geßt das Bett nicht! Nun erſt hatte er recht Eile, zu Murray zu kommen. Er fand dieſen wirklich in einiger Bewegung und begrüßte ihn ſogleich mit den heftigſten Vorwürfen gegen ſich ſelbſt. Ich laſſe Sie allein! Verurtheilen Sie mich! Ich bin ohne Aufmerkſamkeit für meine Freunde! Vergeben Sie mir! Beruhigen Sie ſich, lieber Louis, ſagte Murray mit weicher Gelaſſenheit. Ich bin nie in Verlegen⸗ heit, mich mit mir ſelbſt zu beſchäftigen. Nur wenn ich grade ſagen ſoll, was ich treibe, beunruhigt mich's. So vorhin, wo ich der Ortspolizei über Sie und mich, der Ordnung wegen, einen Nachtzettel habe ausfer— tigen müſſen... Ueber Sie und mich? Wenn auch ich verdächtig erſcheine, beruhigt mich dieſe Nachfrage. So ſollte nur eine Förmlichkeit erfüllt werden. — 17* Beſorgten Sie, daß mein Erſcheinen auf dieſem Schloſſe und meine Zurückgezogenheit auffällt? Hörten Sie etwas darüber? Man bedauerte, daß Sie nicht zu dem Diner ka⸗ men. Niemand verlangte, daß ich von Ihnen mehr ſagte, als daß Sie ein älterer Freund und Gönner meiner heute über Gebühr gefeierten Perſon ſind. Louis theilte nun Murray in gedrängter Kürze ſeine Erfahrungen mit. Ackermann's Benehmen in dieſer Geſellſchaft ſchien Murray recht ein ſprechender Beweis für den Charakter, den er in ihm ſchon am Miſſouri erkannt hatte. Ich ſehe die Ironie auf ſeinem Antlitz! ſagte er. Denn Sie müſſen wiſſen, daß mir Ackermann oft erſchien wie ein den höchſten Ständen angehörender Flüchtling. Sein Incognito war ſozuſagen wie das eines Fürſten. Bei jeder Lüftung ſeines Rockes glaubte man einen Stern auf der Bruſt zu ſehen... Louis erzählte von den Huldigungen, die man dem Fürſten Egon dargebracht hätte, verweilte aber am längſten bei der überraſchenden Begegnung mit Sieg⸗ bert Wildungen. Das, was Murray am meiſten in— tereſſiren mußte, Fränzchen's Ueberſiedlung aus dem Forſthauſe, ſchien er ganz zu vergeſſen... Endlich kam auch Louis auf dieſe und konnte nicht auf dieſen t? Hörten Diner ka⸗ hnen mehr nd Gönner n ſind. gter Kürze nehmen in ſprechender ſchon am ſagte er. rmann oft gehötender n wie das fes glaubte eman dem aber am mit Sieg⸗ meiften in aus dem onnte nich 261 umhin, von Murray's Schweſter eine Schilderung zu machen, die Niemanden mehr bekümmerte als die⸗ ſen ſelbſt. Iſt ſie, ſagte er, wie ich faſt für gewiß annehmen muß, in einem kindiſchen Zuſtande, denkt ihr Geiſt nur an das Nächſte, wie ſoll ich von der Vergangen— heit etwas erfahren können! Was hoffen Sie über— haupt von meinen Abſichten, lieber Louis? Ich ſitze hier ſtill in dieſem Eckzimmer, leſe, gravire, klimpere auch auf dem verſtimmten Flügel... wird der Zu⸗ fall mir Das, was ich ſuche, in den Schooß werfen? Ich fühle Ihren Vorwurf, Murray— Keinen Vorwurf, junger Freund! Wenn ich mir zum Neide auch manchmal eine Tugend, die uns zum Guten ſpornen kann, denken muß, ſo kann ich wohl ſagen: Wie beneid' ich Sie um dieſen friſchen ſorg⸗ loſen Genuß Ihrer kleinen anregenden Begegniſſe! Wie friſch, wie herbſtlich angeröthet ſehen Sie aus! Wie heiter ſcheint Sie all' dies Einblicken in fremde Herzen und fremde Intereſſen zu ergreifen! Und Sie lieben, Freund! Sie ſahen einem jungen Madchen in's Auge! Wie könnt' ich da verlangen, daß Sie auf die Buße denken, die ich mir für alte Sünden auferlegte. Vergeben Sie, daß ich Sie Ihren Fuß in meine finſtern Kreiſe ſetzen ließ! 262 Murray! Murray! Was reden Sie? Ich Ihnen vergeben? Vergeben, daß Sie mich in das innerſte Getriebe Ihrer geläuterten Seele haben blicken laſſen? Ach, ich lauer, träger Freund! Morgen verſprech' ich Ihnen, daß wir Hand anlegen und zu einem Ziele kommen. Ich bin nicht ſo leichtſinnig geweſen, nur an mich zu denken. Ich habe überlegt... Mit Vorſicht? Ich denke, wir knüpfen an das verſtimmte Inſtru⸗ ment an. Ich gehe und lade Ihren blinden Bruder ein mit ſeinem Sohne, der nicht hört... Aber ſieht... Das iſt ſchlimm! Ich möchte, Zeck träte hier ein — Sie ſitzen in einer Ecke und beachten unſer Ge⸗ ſpräch— Ich beginne von Zecks Verhältniſſen und lenke immer mehr auf den Punkt hin, wo ich etwa mich ſtellen könnte, als wenn ich von Urſula Mar⸗ zahn Dinge gehört hätte, die ich von ihm beſtätigt wünſchte... Dies Syſtem macht einem Inquirenten Chre! ſagte Murray lächelnd. Aber ich fürchte die Gegenwart eines Solchen, der mich ſehen kann. Ich will etwas ausdenken, den Sohn zu entfernen und nur den Alten im Zimmer zu behalten... er iſt trotz ſeiner Blendung von einer bewunderungswürdi⸗ Ihnen innerſte laſſen? 6 rech' ich m Ziele en, nur Inſtru⸗ Bruder hier ein nſer Ge⸗ ſſen und ich etwa la Mar⸗ beſtätigt zre! ſagie egenwal entferne er iſ ngswitd gen Geſchicklichkeit und wird an dem Inſtrumente bald erkennen, was wir wünſchen— Wohlan! Es gibt keinen andern Weg! Und wiſſen Sie, daß ich das Nächſte, Beſte wählen muß aus einem mir plötzlich doch aufgeſtiegenen, ſondeibaren ängſtlichen Gefühle.. Fürchten Sie etwas? Wenn ich den Gedanken an meine Sicherheit Furcht nennen ſoll, ſo fürcht' ich wirklich... Weil man nach unſrem Namen fragte? Nein, weil man mich beobachtet. Sehen Sie dort zum Garten hinüber, hinter den Büſchen! Louis ſtand betroffen auf und wollte an das Fen⸗ ſter, auf das Murray deutete. Murray hielt ihn aber mit den Worten zurück: Nein! Nicht ſo! Erſt nehmen Sie das Licht und ſtellen Sie es an ein andres Fenſter! Dann werden die Lauſcher glauben, daß wir dort ſtehen, und da hervortreten, wo wir ſie ſehen können, ohne geſehen zu werden. 1 Ich bin erſtaunt!... ſagte Louis, ſtellte das Licht gegen ein andres Fenſter und folgte Murray hinter eine Gardine. Sehen Sie hinter den entlaubten Büſchen jene beiden Männer? Nicht deutlich. Es iſt zu finſter... Warten Sie eine Weile, bis ſich Ihr Auge an die Dunkelheit gewöhnt hat. Sehen Sie nur ſtarr in die Nacht hinaus! Ich erblicke etwas— Die Büſche bewegen ſich— Ich erblicke zwei Männer... in niedergedrückten Hüten— Die ſich vorbeugen— Und die Fenſter fixiren! Das ſind Landſtreicher! Seien Sie unbeſorgt! Ich habe ſchon geſtern von Heuniſch gehört, daß Anzeige gekommen iſt, man möchte alle Fremden ſtreng bewachen— Schon geſtern umſchlichen dieſe beiden Männer das Schloß— Laſſen Sie! Ich gehe hinunter.. Um's Himmelswillen! Setzen Sie ſich keiner Ge⸗ fahr aus! Die Männer entfernen ſich. Ich folge ihnen... Nein, nein! Laſſen Sie! Sie ſind verſchwunden. Genug, ich will nicht, daß Sie ihnen folgen. Bleiben Sie da! Das kann ich nicht, Murray... Louis bat den Alten nun um Vergebung, daß er Auge an nur ſtart rgedrückten ndſtreicher! eſſttern von iſt, man dänner das keiner Ge⸗ ihnen... en folgen 4 9, d ihn heute Abend wieder allein laſſe. Er wolle mit Siegbert bei Oleander den Abend zubringen. O gewiß! Thun Sie Das! ſagte Murray. Wenn drei ſo reine Flammen ineinander flackern, Das muß ein behagliches Licht geben! Gehen Sie! Aber erſt nach einer Weile. Murray feſſelte Louis durch die Wiederholung Deſſen, was ſie für morgen verſuchen wollten. Dann kam Brigitte, ordnete das Bett, gab auf die Frage nach zwei Männern im Garten die Antwort, daß ſie nichts geſehen hätte und es vielleicht der Kutſcher und der Bediente der Frau von Sänger wären; kurz, Mur— ray war endlich beruhigt und geſtattete Louis hinun⸗ ter zu gehen in die Schmiede, um ſeinen Bruder für nnorgen zu beſtellen. Er wünſchte Louis jede nur nögliche Anregung durch einen mit einem Künſtler und einem Dichter zugebrachten Abend. Louis ſah ſich unten nach allen Richtungen um, die beiden Männer zu entdecken. Er fand ſie nicht. n der Schmiede war Alles wie ausgeſtorben. Das b Handwerkszeug lag umher. Die Kohlen waren ver— dlüht auf dem Herde. Louis rief. Niemand antwor⸗ ſete. Eine Treppe, bemerkte er in der Dunkelheit, ging on der Werkſtatt empor. Er rief hinauf. Die Stimme iines alten Weibes ließ ſich hören. 266 Iſt denn Niemand hier? fragte Louis laut hinauf. Niemand hier! wiederholte es faſt echoartig. Alles fort? Alles fort! Wie ausgeſtorben und ausgeflogen? Jetzt hörte er Holzpantoffeln. Eine kleine gebückte Alte kam mit einer Laterne... Du mein Gott, lärmte ſie, ſind die beiden Tauge⸗ nichtſe fort— Der alte Zeck und ſein Sohn? fragte Louis er⸗ ſtaunt über dieſes Prädikat, das im Munde eines wie es ſchien hier dienenden Weſens etwas ver⸗ meſſen war. Nein, hieß es, die beiden Geſellen! Hier iſt Niemand. Wo iſt der Meiſter und ſein Sohn? Dieſes Volk! Wetter! rief Louis. Ich frage nach Denen, die ihr nicht Volk nennen werdet. Sind ſie im Ullagrund? Die beiden alten Schlingel? Die krumme Alte kam aus dem Zorn über die un⸗ erlaubte Abweſenheit der beiden Geſellen nicht heraus. Sie wetterte über dieſe unzuverläſſigen Spitzbuben, die jedoch morgen, Gott ſei Dank! mit dem letzten Wochentage das Weitere zu ſuchen hätten. — Louis zweifelte kaum daran, daß die beiden ſo hef⸗ rig vermaledeiten Geſellen die Späher im Garten wa⸗ ren und beſchloß ernſtlich auf ſeiner Hut zu ſein. Als er den alten und jungen Zeck zu morgen früh zehn Uhr, falls er nicht im Ullagrunde arbeitete, auf das Schloß beſtellt hatte, konnte er nicht umhin, die Alte zu fragen, ob ſie ſchon lange bei dem Meiſter diene. Sie ſagte: Funfzehn Jahre! Es drängte ihn, ſie weiter auszufragen; doch fürch— tete er, dem mistrauiſchen Blinden, der gewiß jedes ſeiner Worte wiedererzählt bekam, damit Verdacht zu erwecken. Er wiederholte daher nur einfach ſeine Be⸗ ſtellung und verließ die Schmiede, während die Alte ſich nicht beruhigen konnte, wo die beiden Geſellen, wvie ſie ſagte, ein Ende genommen hätten. Louis beflügelte jetzt ſeinen Schritt, um an das Pfarrhaus zu kommen. Wie erſtaunte er, als er in der Ferne deutlich wieder jene beiden Geſtalten ent— veckte, aber nicht allein, ſondern mit einem Manne in Amtskleidung im Geſpräch begriffen! Sie trugen kurze Jacken und waren ohne Zweifel die beiden unfleißigen Arbeiter. Den Mann in der Amtskleidung hatte er kei dem Diner heute auf dem Corridor geſehen. Er ſolgte den Dreien, die ruhig und wie im vertraulich⸗ 268 ſten Geſpräch nebeneinander ſchlenderten. Sie ſchlugen den Weg zum Amthauſe ein. Jetzt wandten ſie ſich, blieben eine Weile ſtehen, zeigten auf das Schloß hinauf und traten dann wieder ihre Wanderung zum Amthauſe an, wo ſie zuletzt durch einen Vorbau Louis' weiteren Blicken entzogen waren. Er war dabei über das Pfarrhaus ſchon hinaus⸗ gekommen. Nachdenklich mußte er ſtehen bleiben und ſich zu erklären ſuchen, was er von dieſem Vorfalle denken ſollte. Die Furcht vor Dieben gab er auf. Da ihm nichts beifallen wollte, was ihm ganz wahrſcheinlich dünkte, ſo glaubte er zuletzt ſich beruhigen zu können V und vorausſetzen zu müſſen, daß dieſe Arbeiter in das Amtshaus wären gerufen worden zu irgend einer mit dem Schloſſe in Verbindung ſtehenden Reparatur oder einer ſonſtigen Dienſtleiſtung. Er kehrte zum Pfarrhauſe zurück und ſah in das nicht geſchloſſene, matt erleuchtete Fenſter. Es war eine Scene, die ihn feſſelte. Zwei Kinder ſaßen um einen runden Tiſch und hatten große Zeitungen vor ſich aufgeſchlagen, aus denen Siegbert ſie vorleſen ließ. Die Mutter, das jüngſte ſchlummernde Kind im Schooße, mit einem Strickſtrumpf in der Hand, ſah bald auf dieſen, bald auf das Kind, bald auf Sie ſchlugen nten ſie ſich das Schbof mderung zun Zorbau Louit ſchon hinaus und ſich lu orfalle denten uf. Da ihr vahrſcheinlit en zu könne bbeiter in da⸗ end einer u eparatur e d ſih in d „. Gs w er. der ſißen eitungenh ſee vorleſ mernde 19 in der Hu nd, balb 269 Siegbert, der ſeine Freude an dem geläufigen Leſen der Kinder hatte und ihnen das Geleſene zu erklären ſchien. Sie lächelte vor Vergnügen über die Fertig⸗ keiten, beſonders Hedwig's, die alle von Siegbert ihr vorgelegten Fragen gewandt beantwortete. Dazu das matte Licht einer kleinen Lampe, die lautpickende, bis draußen hörbare Wanduhr, die Stille im Dorfe... Louis mochte ſich kaum entſchließen, die einfache, fried⸗ liche Scene zu ſtören. Aber der Hund, der unterm Tiſch lag, witterte ihn und ſchlug an. Da mußte er in die Hausthür und ſeinen guten Abend ſagen. Ich bin lange geblieben.... Oleander iſt auch noch nicht da, bemerkte die Pfar⸗ verin. Die Müllerin hat ein zehrendes Siechthum und bittet immer den Guten, ihr Abends ein Capitel aus der Bibel vorzuleſen. Heut' ſind es mehr geworden, ſagte ſie. Er bleibt lange... Inzwiſchen haben mir die Kleinen aus dem„Jahr⸗ hamdert“ die Werke ihres Papas vorgeleſen, ſagte Siegbert und zeigte auf die großen Blätter, die über den Tiſch ausgebreitet lagen... Wir bekommen ſie vom Juſtizdirektor, ſagte die Pfar⸗ rrin. Sie ſind immer ſchon längſt geleſen. Wenn ſie die Reihe! erum ſind, bekommen wir ſie auch noch und die Kinder freuen ſich immer, wenn da ſteht: Guido Stromer. 270 Hier iſt noch etwas vom Vater, rief Hedwig und zeigte auf ein Gedicht... Oleander bleibt lange aus. Das Theewaſſer ſteht ſchon oben, bemerkte die Pfarrerin. Lies dem Herrn Louis Armand auch etwas vor, Hed⸗ wig, bemerkte Siegbert. Du haſt einen Vater, den alle Menſchen hochverehren, weil ihm Gott die herrlichſten Gaben verliehen. Einen leiſen Seufzer, der durch das Zimmer fuhr, hörten Louis und Siegbert nicht. Er kam von der Pfarrerin. Hedwig las:„An Diotima“... Wer iſt Diotima? fragte ſie. Diotima? ſagte Siegbert und blickte auf die Zei⸗ tung, die in ihrem Feuilleton ein Gedicht auf Diotima enthielt mit der Unterſchrift: Guido Stromer. Diotima, ſagte er, mein Kind, Diotima und As⸗ paſta waren Freundinnen berühmter Weltweiſen des Alterthums und werden noch jetzt als Bezeichnung ſchöner, ſehr edler Frauen gebraucht. Diotima heißt auf Deutſch: die Gottesfürchtige. Die Uhr hatte einen ſingenden Ton bei ihren Pendelſchwingungen. Es raſchelte faſt geheimnißvoll im Zimmer... Hedwig las:„An Diotima: Windeſt du Roſen Hedwig und ewaſſer ſteſ as vor, H ner, den äle herrlichſte immer fu am von d auf die 3 auf Diotin zmer. ma und N eliweiſen d Bezeichtu . Aspaſia: Dir, der Schweſter, das Roth! Die Centi⸗ diotima hij on bei ihe geheinniß ei du N 271 in's Haar dir, Göttliche, wähle die weißen! Denn in den weißen noch glüht zart ein beſchämendes Roth“. Der Hund ſchlug an und ſchnupperte... Liebt der Vater die weißen Roſen? fragte Sieg⸗ bert, dem dieſe Diſtichen nicht für Kinder geeignet vorkamen und der Olga's gedenken mußte. Wir haben im Sommer mehr weiße als rothe im Garten, ſagte Hedwig. Der Kirchhof, fiel ſeufzend die Mutter ein, liegt dicht an unſerm Garten... Siegbert machte Louis eine Miene, ob ſie nicht hinaufgehen wollten? Aber Hedwig hielt ihn zurück und rief: Da iſt noch ein Gedicht an die andere gute Dame: Aspaſita! Soll ich es leſen? Die Pfarrerin blickte auf ihr ſchlummerndes Kind. Ach, es lag ein unendliches Weh in ihren Augen, ſo drückend, ſo ſchwer, wie dieſe Schwüle im Zimmer... Ohne die Erlaubniß abzuwarten, las Hedwig:„An folie pranget wie in Kohlen die Glut ſchöner im glän⸗ zenden Schwarz“. Die Uhr ſchrillte, wie immer, wenn ſie eben ſchla⸗ gen wollte... Oleander kam nun und erlöſte Siegbert, der von Guido Stromer's excentriſchem Leben mehr wußte als hier Alle, erlöſte ihn von der Pein, die Kinder das Lob entziffern zu hören, das der„ſeinem Genius fol⸗ gende“ Vater wol ſchwerlich hier an die alten Freun⸗ dinnen des Sokrates gerichtet hatte.. Ach, in die leiſe Wehmuth, die auf dieſem Nebel⸗ bilde des Lebens ruhte, kam noch Oleander's Wort: Die Müllerin iſt eben entſchlafen. Die Pfarrerin erſchrak. Reinick war von der Tafel gleich zu ihr gegangen, ſagte Oleander, und blieb bis jetzt... Indem rollte auch der Wagen des treuen Arztes am Hauſe vorüber... Ihre Augen ſind zu, ſagte Oleander. Ihr Ohr hörte noch lange, was ich las und ſprach. Dann hielt ſie mir die Hand ſo hin, daß ich ſie faßte. Sie ſtarb, wie ein Licht erliſcht. Und dabei hielt die Mühle nicht ſtill. Die und der Müller waren ſeit Jahren an das Sterben der Müllerin gewöhnt. Das Mühl⸗ rad rundum und ſie ſtirbt. Ich hätte nicht einmal gemocht, daß es ſchwieg. Wir fahren ſo hin. Leben, Tod, Tod, Leben... Eins lehnt ſich an's Andre.. Und es iſt tröſtlich ſo. Genug. Es iſt vorbei. Kom⸗ men Sie nun hinauf, lieben Freunde! Louis und Siegbert folgten bewegt dem Vikar, der -r wußte al Kinder das Genius fol alten Freun jeſem Nebe ders Wan hr gegangen reuen Arz e. Ihr 9 rach. Dan e faßte. d elt die Mih 1 ſeit Jahl Das Nit nicht einm hin. Lib y's Andte⸗ vorbei. 8 em Pita, hinausſchritt auf die Treppe zu und auf ihr voran⸗ ging. Die Pfarrerin leuchtete. Oben iſt Licht! ſagte ſie tonlos... Oben iſt Licht! wiederholte Oleander, ſinnig das Wort deutend auf die Entſchlafene. Die drei guten, ſanften Menſchen ſtiegen hinauf... Die Pfarrerin aber weinte noch lange— um die Nachbarin? Von dem Engel, der im Zimmer unſicht— bar ſtand und über dieſe Gedichte auf Aspaſia und Diotima, vorgetragen von den eignen Kindern, ge⸗ widmet zweien unwürdigen Frauen, weinte, bemerkte ſie wol nichts. Dieſer Engel hielt ihr wol nicht das Buch entgegen, wo ſie hätte gezeichnet ſehen kön⸗- nen Oleander den Pfarrverweſer an dem Sterbebett der Müllerin und Den, deſſen Dienſt und hohen Be⸗ ruf er vertrat, vielleicht im ſelben Augenblick in einem Salon unter hellen Kerzen Geiſt zerzupfend, Ideen wie Brillanten in den Augen ſchöner Weiber ſich bre⸗ chen laſſend, vielleicht ſchmachtend zwiſchen Melanie und Pauline und Egon, vielleicht gar unter dem ge— ſpenſtiſch warnenden, finſter drohenden flammenden Kreuze wieder, wie damals... die gute Frau ſah — die Himmliſchen bewahrten uns vor zu ferntragen⸗ den Augen— nur den Tod der Müllerin, hörte nur das ferne Verrollen des Wagens, der den treuen Arzt Die Ritter vom Geiſte. VII. 18 274 nach Randhartingen zurückbrachte, hörte nur das Rau⸗ ſchen der Mühle, das wie ein Sterbelied ihr erklang und ermahnte die Kinder, zu Bett zu gehen und mit ihrem gewohnten Abendſegen und in Liebe zu ihrem Vater einzuſchlafen.. Oben aber brachten drei edle Menſchen bis gegen Mitternacht im glücklichſten Geſpräche über die Fragen zu: Was iſt Poeſie? Was wahre Kunſt? Was Tu⸗ gend? Was Pflicht? Was Leben? Was Tod und Unſterblichkeit? Mit dem Aufgang des Mondes, lange nach zehn Uhr, ſtiegen Louis und Siegbert unbehindert zum Schloſſe empor und ruhten von einem ſchönen dankens⸗ werthen Tage aus. tdas Nau⸗ ihr erklang en und mit e zu ihrem bis gegen die Fragen Was Tu⸗ s Tod und nach zehn iundert zum en dankend⸗ Ueuntes Capitel. Die Stimmnſchraube. In der Zeck'ſchen Schmiede ſtanden ſchon am frühen Morgen drei Arbeiter beſchäftigt. Der junge Zeck und die beiden neuen Geſellen, die jedoch, da ſie den gehegten Erwartungen nicht entſprachen, hier heute zum letzten Male arbeiteten... Es waren in der That zwei alte Burſche, von denen man nur der Blindheit des alten Zeck und ſei⸗ ner überhäuften Arbeiten wegen begreifen konnte, wie er ſie in ſeine Werkſtatt hatte aufnehmen können. Ohne Zweifel trieb ihn nur eine raſtloſe Gewinnſucht, die ihn wiederum nicht für ihn ſelbſt, ſondern für das künftige Schickſal ſeines beſchränkten, unanſtelligen Sohnes zur Thätigkeit ſpornte. Er machte ſich an⸗ heiſchig, Ackermann auch Schloſſer- und Klempner⸗ arbeiten zu liefern und würde, wenn er die Kräfte vätte auftreiben können, ſich zu allen Geſchäften, die 18* nur mit dem Feuer zuſammenhingen, erboten haben. Es war eine Gier nach Beſitz in ihm, die den Alten gefährlich erſcheinen ließ. Die beiden fahrenden Arbeiter hatten bei ihm vor⸗ geſprochen und erhielten für Ackermann's amerikaniſche Mühle genug zu hämmern und zu feilen. Aber gleich nach dem erſten Tage merkte Zeck, daß ihnen die Ar⸗ beit nicht flink von der Hand ging und daß ſie lieber plauderten, aßen, tranken und recht im Wandern und Fechten ſteifgewordene Vagabunden waren. Er hatte mit Dem, was ſie fertigten, bei Ackermann wenig Ehre eingelegt und von dieſem ſich müſſen ſagen laſſen: Alter, ich lobe Euern Eifer zum Arbeiten und Geldverdienen, allein ich kann Euch die unangenehme Erklärung nicht erſparen, daß mit dem Monat März, wenn nur erſt die Lüfte ein wenig milder werden, al⸗ lerhand neue Schmiede, neue Schloſſer und Spengler hier eintreffen werden, die ich mir, natürlich auf einige Wochen nur, verſchrieben habe. Der erſte Grundſatz eines Geſchäftsmannes muß ſein, ſich nicht aus Rück ſicht auf Dieſen oder Jenen, den man zu kränken ſich fürchtet, mangelhafter Arbeit auszuſetzen. Ach, Herr, hatte Zeck darauf kurz und gefaßt er⸗ widert, ich bin ja blind! Aber wenn Sie Pferde kaufen... ten haben. den Alten i ihm vor⸗ nerikaniſche Aber gleic nen die A⸗ aß ſie liebe zandern und „Er haut wenig Ehre mlaſſen: abeiten und mangenehm ſonat Näl werden, 1 nd Spengle ic auf einig ſe Grundſch t aus Rt kränken ſe nd gefaßt 4 „„ Pfeld 1 Sie pen bewegten und roch wol auch den Duft des Getränks... 277 So verſprech' ich Euch, Zeck, daß Niemand anders an ihren Huf kommt als Ihr oder Euer Sohn. Mit dieſem Troſte aufrecht erhalten, aber doch innigſt ergrimmt, hatte Zeck den beiden Arbeitern er⸗ klärt, daß er zwei ſo alte faule Schlingel nicht län— ger beſchäftigen könne... Der Schloſſer raspelte an einigen alten Krammen, die kleiner werden ſollten. Der Klempner nietete ei— nige Blechſtücke zu einem kleinen Dache zuſammen. Der junge Zeck ſchmiedete Hufeiſen und kehrte den beiden Andern, die er ohnehin nicht hören konnte, oft den Rücken. Der Schloſſer ſagte zum Spengler, dem er heim— lich aus einer Flaſche zu trinken gab: Gott ſei Dank! heut' Abend haben die Narrens⸗ poſſen ein Ende— Mich bringt Keiner mehr zu ſo einer Commiſſion — erwiderte der Andre und trank... Ich habe immer gedacht, fuhr der Schloſſer fort, Handwerk hat einen goldnen Boden. Aber meiner iſt eingeſchlagen. Ich könnte keinen Schlüſſel mehr zu Stande bringen. Das iſt gut für Ihre Ehrlichkeit! Der junge Zeck merkte, daß beide Arbeiter die Lip⸗ 278 Faullenzer! unterbrach er ſie. Denkt Ihr, daß Ihr heute nichts mehr zu ſchaffen braucht, weil's Gott ſei Dank der letzte Tag iſt? Nicht einen Groſchen zahlt Euch der Alte aus, ihr Taugenichtſe! Schöne Complimente! bemerkte der Klempner. Manchmal, ſagte der Schloſſer und raspelte, hab' ich doch ſchon gedacht: Du nimmſt einen Hammer und klopfſt Dem oder dem Alten ein bischen auf den Schädel. Verloren wäre doch nichts an ihnen. Man muß es tragen, weil's Dienſtſache iſt— Ja, wären die Diäten nicht... In dieſem Augenblick kam der alte Zeck die Stiege herunter. Er blieb ohne fehlzutreten eine Weile an der unterſten Stufe ſtehen, als wollt' er ſich erſt in der Werkſtatt zurechtfinden und hören, ob Jeder an ſeiner Arbeit wäre. Dann ging er an den Blaſebalg und ſchürte das Feuer, das ihm matt vorzukom⸗ men ſchien. Die Müllerin iſt geſtorben, ſagte er vor ſch hin. Gott hab' ſie ſelig... Seinem Sohne dieſe Nachricht mitzutheilen, war im Lärm des Klopfens, Feilens und beim Brauſen des Blaſebalgs nicht möglich.. Um zehn Uhr auf's Schloß! ſagte er wieder nach einer Weile vor ſich hin. 2 Was brummt der Alte? flüſterte der Spengler. Er ſagte etwas vom Schloß— meinte der Andre. Annelieſe! ſchrie der Alte plötzlich wie mit einer Stierſtimme, daß die beiden Arbeiter, die etwas ſchwachnervig waren, zuſammenſchraken. Beſonders bekam der Spengler das Zittern... Annelieſe! wiederholte der Blinde. Nach einer Weile kam die alte Magd halb auf die Stiege herab und kreiſchte: Meiſter! Um zehn Uhr? fragte der Blinde. Um zehn! beſtätigte Annelieſe und wiederholte die Erzählung der Einladung und Beſtellung noch einmal. Die beiden Arbeiter horchten auf. Der Blinde merkte Das am Ruhen ihrer Inſtrumente. Nun, ſchrie er ſie an, ſchlafen Euch die Arme ein? Scheert Euch zum Teufel, antwortete der Schloſ⸗ ſer; Ihr ſeid ein Grobian! Und wenn Ihr uns in Gold auszahltet, bei Euch bliebe kein ehrlicher Ar⸗ beiter. Die Worte: Ehrlicher Arbeiter und in Gold auszahlen machten einen eignen Eindruck auf den Blinden. Sonſt ſchon hatte er bei ſolchen Zänkereien geſucht, den bei⸗ den Arbeitern nahezukommen und ſie mit dem Schür⸗ 280 haken, den er mechaniſch raſch zu ergreifen wußte, niederzuſchlagen. Es war ein ängſtlicher Anblick ge⸗ weſen, wenn der wilde Blinde wuthſchäumend her⸗ umtaſtete und die Andern vor ihm flohen. Heute aber machte ihn das Wort vom In⸗Goldauszahlen ſtutzig. Er wetterte nur mit Schimpfreden, die von der zänkiſchen Annelieſe unterſtützt wurden, bis ihr der Blinde andeutete, ſie ſollte nun auch an die Ar⸗ beit gehen. Eine Zeitlang ging es in der Schmiede zwar ge⸗ räuſchvoll genug, aber ſtill in der Unterhaltung ſo fort. Um acht Uhr ſprach ein Jäger mit Pfeife und Büchſe auf dem Rücken vor. Es war Heuniſch, der den alten Zeck um einen Karren bat, um Fränzchens Sachen nach dem Ullagrund zu fahren. Er verlangte auch, daß der junge Zeck den Karren ziehen ſollte. Das hatte beim Alten durchaus keinen Anſtand; doch mußte ihm Heuniſch erſt erzählen, wie dieſe Aen⸗ derung ſo raſch gekommen war. Während Der das umſtändlich und in ſeiner Weiſe vortrug, machten ſich die Arbeiter einige Male be⸗ deutende Gebehrden, ſodaß Heuniſch, der ſie mis⸗ verſtand, nachdrücklich ſeine Erzählung damit ſchloß: Natürlich geh' ich mit dem Jungen mit und ſtopfe nicht blos meine Pfeife dabei, ſondern auch me luu die wußte, lik ge⸗ d her⸗ Heute zahlen die von bis ihr die Ar⸗ var ge⸗ ſo fort. fe und ch, der nichens erlangte ſpllte. lnſtand; eſe Aen⸗ Weiſe ale be⸗ e mis⸗ ucs it und m aul — 281 meine Büchſe. Es ſoll jetzt Gaunervolk hier herum lungern. Der Schloſſer lachte vor ſich hin. Warum lacht Er? fragte Heuniſch. Ich rathe Ihm nicht zu lachen, wenn ich Ihm morgen noch im Walde begegnen ſollte! Der Blinde nahm den aufgeregten Jäger und ging mit ihm vor die Thür der Schmiede. Wie geſagt, meinte jetzt der Schloſſer wieder, wenn die Diäten nicht wären— Ich muß ſagen, fiel der Andre ein und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn, eine ſolche Commiſ⸗ ſion übernehm' ich nicht wieder— eine Kugel in den Leib macht allen Diäten ein Ende! Der grimmige Kerl könnte uns den Spaß verſal⸗ zen. Vom Forſthauſe können wir nicht ein Wort be⸗ richten. Vorgeſtern Abend, den Verſuch werd' ich mein Lebtag nicht vergeſſen. Ich wünſchte nur, ich hätte die bleierne Pille, die der Kerl mir zu koſten geben wollte, aus dem Eichbaum, in den ſie fuhr, mitnehmen können. Die ſollten ſie mir zu Hauſe ſchon verſilbern! Wenn der Jäger heut' Nachmittag fort iſt, be⸗ mmaerkte der Spengler, und wir um Mittag aus unſerm 282 Dienſt treten und doch noch einen Verſuch machten, in's Forſthaus zu kommen.. Wir müſſen Pfannenſtiel fragen, ſagte der Schloſ⸗ ſer und winkte zum Schweigen; denn der alte Zeck kam zurück und zwar allein. Bis gegen neun Uhr wurde ſo fortgearbeitet.. Der Spengler hatte da den Muth, den Blinden zu fragen: Wißt Ihr denn, Meiſter, was es auf dem Schloſſe zu arbeiten gibt? Das geht Euch nichts an! Vielleicht iſt's Schloſſerarbeit, meinte der Andre, der vorhin verrathen hatte, daß er mit dem Gerichts⸗ diener Pfannenſtiel vertraut war. Der Blinde wußte ſchon, daß das Anfertigen einer Stimmſchraube für ein Fortepiano von ihm verlangt wurde und ſprach darüber lauernd und liſtig, um ſich Raths zu holen. Als der Schloſſer ſich auf einen ſolchen Drücker, wie er's nannte, beſonnen hatte, fragte der Spengler: Spielt der Alte mit der ſchwarzen Binde auf dem Clavier oder der Franzoſe? Mit der ſchwarzen Binde? wiederholte Zeck. Wel⸗ cher Alte? Wer? Schwarze Binde? Wer iſt da blind? machten, Schloſ⸗ alte Zeck Andre, Ferichts⸗ gen einet verlangt „un ſch Drücker, penglet d. Wll el iſt 1 283 Der mit dem Franzoſen hier angekommen und oben logirt. Er heißt, wie heißt er doch? Der Schloſſer ſagte: Es iſt ein Engländer, Namens Murray, blind iſt er nicht, aber fühlt ihm auf den Zahn, Meiſter! Der hat den Teufel im Leibe und ſeine Augen ſcheinen mir geſünder als die Eurigen. Woher kennt Ihr denn die Leute, die da oben wohnen? 1 Man komut in der Welt herum! ſagte der Spengler. Der Blinde forſchte nicht weiter. Er riß nur die Augen groß auf, als wollte er um jeden Preis ſehen. Es kam ihm vor, als hätte in dieſen Aeußerungen ſeiner Geſellen ein Ton gelegen, der ihm befremdlich vorkommen ſollte. Nach einer Weile wiederholte er: Ihr ſeid in der Welt herumgekommen? Warum trägt der denn oben eine ſchwarze Binde? Was wiſſen wir's? Fragt ihn! meinte der Speng⸗ ler. Aber der könnte Euch ja wiederfragen: Warum ſeid Ihr denn blind, Meiſter? Lumpenvolk! ſchrie Zeck jetzt zornig und hob die Schürſtange, daß jene bei Seite ſprangen. Warum ich blind bin? Weil Ihr's nicht ſeid! Ihr Faullenzer! Habt Ihr je einmal im Leben einen Zoll tiefer in's Feuer geſehen, als Ihr ſolltet? Euch haben die Fun⸗ 284 ken wenig um die Naſe getanzt, Ihr Landſtreicher Ihr! Weil ich fleißig war, bin ich blind. Der junge Zeck lachte über die furchtſame Art, wie die Geſellen retirirten und faſt rücklings über al— tes Eiſen fielen. Indem rief aber eine Stimme an der Thür: Hoho! Meiſter! Seid Ihr auf der Jagd? Wollt Ihr wol Ruhe geben! Es war Pfannenſtiel, der vom alten Zeck immer mit einer Art Beklommenheit empfangen und begrüßt wurde. Guten Morgen, Herr Amtsvoigt! ſagte der Blinde, der die Stimme ſogleich erkannte. Die Hallunken ge⸗ hen heute, ſonſt erlebt' ich vor Aerger nicht die nächſte Lichtmeß und Lichtmeß iſt mein Geburtstag. Kommt Ihr einmal heraus, rief Pfannenſtiel den Arbeitern, ich hab' Euch etwas zu berichten. Damit ließen die Arbeiter Alles liegen und gingen vor die Schmiede zu dem Amtsvoigt. Zeck ſah das Alles im Geiſte vor ſich und war nicht wenig erſtaunt darüber. Jetzt hätt' er ſeinem Sohne mögen in's Ohr ſchreien: Was iſt Das? Was geſchieht da? Was kann ich Alles nicht ſehen? Und er ſah wiederum doch deutlich vor ſich, wie dieſer dumm zuglotzte und immer auf ſein Hufeiſen zuſchlug. her Ihr! mme Art, über al⸗ ur: 2 Volt ck immer begrüßt Blinde, mken ge⸗ t nächſte iſtiel den d gingen und war r ſeinen 32 W en? Und je dieſer uſchlug. zuſch 28⁵ Eine unbeſchreibliche Ungeduld faßte den Blinden. Er folgte Pfannenſtiel und hörte, daß dieſer immer weiter abſeits mit den Arbeitern trat, ſodaß er voller Zorn und Aerger ihnen nachrief: Gott verdamm' mich! Ich zahle keinen Groſchen Lohn, wenn bis heute Mittag nicht die Krammen fertig ſind und das Dach. Schlag' das Wetter drein, Herr Amtsvoigt, haltet mir das Volk nicht noch vom Arbeiten ab! Die beiden Arbeiter kehrten zurück. Pfannenſtiel entfernte ſich, ohne ein Wort zu ſagen... Dieſe Stille, dies Schweigen hatte für den Blin— den etwas furchtbar Peinliches. Er rannte umher wie ein taumelnder Stier. Er verlor ſelbſt die Kennt— niß des Ortes, in dem er ſich befand. Der Sohn, bei alledem halb lachend, weil ſich der Alte ſtieß, mußte ihn zurechtführen und ihn dadurch zur Beſinnung bringen, daß er ihm den Strick des Blaſebalgs in die Hand drückte. Erſt dieſen anziehend, fand ſich der Blinde zurecht und dachte den fremden und räthſel⸗ haften Eindrücken nach, die ihn umgaben. Seit Jah⸗ ren war er gewöhnt, alles Fremde von ſich fern zu halten. Nichts durfte in ſeiner Nähe feſten Fuß faſ⸗ ſen, Keiner mit den Dingen, die ihn betrafen, ver— traut werden. Anfangs hatte er alle Monate eine 286 neue Magd, erſt ſpäter behielt er die Annelieſe auf Empfehlung, ja dringendes Verlangen ſeiner Schwe⸗ ſter Urſula, die die Veranlaſſung geweſen war, daß er in Pleſſen wohnte. Sie hatte ihn mit in das Forſthaus gebracht und dann, als ſeine Unruhe, ſein Arbeitseifer ſich nicht dort zurechtfanden, nach Mar⸗ zahn's Tode von der Fürſtin Amanda die Mittel und Erlaubniß erhalten für die Schmiede, die Zeck anlegte. Seit Jahren hatte er emſig nach Kräften ſeinen Pflich— ten obgelegen und den einen Gedanken als ſein Le⸗ bensziel verfolgt, ſeinem Jungen Geld, Geld, baares Geld zu hinterlaſſen, und ſeit dem Tage, daß ihm von Ackermann im Auftrag eines Verwandten, Namens Morton, nun viel Geld gebracht wurde, hatte er keine Ruhe mehr. Er ſchlief ſchlechter. Er war von Träu⸗ men gequält, er ſprach vom Sterben und ging doch nicht mehr wie ſonſt, unter der Fürſtin Amanda, in die Kirche. An ſeiner Schweſter Urſula hatte er vollends keinen Halt mehr. Seit einiger Zeit war dieſe ſonſt ſo verſchmitzte und ſcharfdenkende Schweſter ſchwach⸗ ſinnig geworden. Sein Mistrauen kannte keine Gren⸗ zen. Es ging ſo weit, daß er oft Tage lang glaubte, nicht allein zu ſein, ſondern belauſcht, beobachtet zu werden. So fern ihm der Gedanke lag, in Murray ſeinen wiedergekehrten, ohnehin todtgeglaubten Bruder elieſe auf er Schwe⸗ war, daß it in das rruhe, ſein ach Mar⸗ Rittel und ic anlegte. ꝛen Pflic⸗ z ſein Le d, bagtes jihm von Namens te er keine von Träu⸗ ging doch nanda, in r vollendẽ dieſe ſonſ ſchwach zu vermuthen, ſo beunruhigten ihn doch ſchon die wenigen Worte, die ſeine verdächtigen Geſellen von jenem Fremden auf dem Schloſſe geſprochen hatten. Am liebſten hatte er, wenn Alles um ihn her luſtig, lärmend war. Sonntags ging er auf die Kegelbahn, in die Schenke, hörte Tanzmuſik und freute ſich des Wirrwarrs, Lärmens und Jubelns. Er machte nichts davon mit, ſeit Jahren nicht, litt auch nicht, daß ſein Sohn von ſeiner Seite wich. Er wußte, daß Der zu alle Dem, was Andern gut ſtand, unanſtellig war. Aber das Lärmen und Toben, das laute Lachen und Singen übertäubte, ergötzte ihn. Er wußte dann, daß er unter Menſchen war, die nicht lauerten und von ſeiner Blindheit keine Vortheile zogen. Gepeinigt von dem Schweigen ſeiner Geſellen, wie vorhin von ihrem Reden, hörte er endlich, daß die zehnte Stunde nahe war. Annelieſe deutete es ihm durch ein Frühſtück an, zu dem er wenig Appetit verſpürte. Dennoch ſtärkte er ſich wider Willen. Schon die Haſt, etwas zu greifen, etwas Aeußerliches ſein zu nennen, that ihm wohl. Das gierige Schlin⸗ gen ſeines Sohnes war ihm tröſtlich. Er ſollte ihn begleiten. Sie nahmen leichte Handwerkszeuge und nachten ſich auf den Weg. Das Wetter war rauh und kalt. In der vergan⸗ 288 genen Nacht hatte es ſchon gefroren. Der Weg zum Schloſſe hinauf war jetzt ſo hart, wie noch vor Kur— zem ſchlüpfrig und glatt. Oben ſchon kam Brigitte und ſprach von der Abreiſe des lieben Herrn, der die Nacht da geſchlafen hätte und von der großen Freundſchaft der beiden jungen Männer für einander, was ihr völlig unwahrſcheinlich mache, daß Herr Louis nichts als ein ſimpler Tiſchlergeſell wäre. Auch Herr Oleander wäre ſchon oben geweſen und hätte dem feinen Herrn Abſchied geſagt und ihn tauſendmal gebeten, bald wieder zu kommen. Zeck nahm das Alles mit dem Lachen auf, das ſich in den Mienen, wenn ſie neugierig ſind, feſtſetzt, ohne daß das innere Herz an Lachen denkt. Der Junge führte ihn. Doch war es nicht nöthig, der Blinde fand ſich im Schloſſe ſo ſicher zurecht wie in ſeiner Schmiede. Hatte er doch allen Abendconven⸗ tikeln der Fürſtin beigewohnt! Kannte er doch das große Zimmer, wo das Pianoforte ſtand, wo man Geſangbuchverſe ſang, ein Gebet hörte und zuletzt Warmbier, oft ſogar noch wollene Winterſtrümpfe bekam! Auf dem Corridor trat ihnen aber Louis Armand entgegen. Der Blinde kannte die Stimme des jungen Mannes von der amerikaniſchen Mühle her. er Weg zum ich vor Kur⸗ kam Brigitte Henn, der der großen ür einander, unß den wäre. Auch mund hätte tauſendmal mauf, das nd, feſtſett denkt. Der nöthig, der ſcht wie in bendconvel⸗ er doch da , wo mal und zuͤlc nterſtruümhſ iis Arman des jung Nun, ſagte Louis, jetzt ſollt Ihr einmal etwas Feineres zu ſchmieden bekommen! Falls es Euch mög⸗ lich iſt, auch an ſolche Arbeiten zu gehen. Aber Ihr ſeid geſchickt. Man weiß es. Kommt! Vater und Sohn wollten vorſchreiten. Da hielt Louis, mit raſcher Wendung, den Jüngſten zurück mit den Worten: Aber, mein Beſter, ſchämt Ihr Euch nicht? Putzt man ſich die Stiefeln ſo ſchlecht, wenn es friert? Das geht nicht! Bleibt draußen! Wir wollen uns dem Vater ſchon verſtändlich machen. Der Alte zankte über die Unſauberkeit des Sohnes und gab ihm einen tüchtigen Tritt in die Seite, auf die Stiefeln zeigend, an denen der e geſtrige Koth feſt getrocknet war. Der Junge glotzte verdutzt auf ſeine Füße und verſtand erſt durch die handgreifliche Sprache des Va⸗ ters, was an ihm getadelt wurde. Der Ullagrunder Lehm lag fingerdick auf dieſen Stiefeln und gab ihnen eine Kruſte, die die Wärmehaltigkeit des Leders noch unterſtützte. Der Junge blieb im Corridor. Louis führte den Alten erſt durch ſein Schlafzimmer und dann in das Eckzimmer, wo Murray in ziemlicher Entfernung von dem Inſtrumente an einem Fenſter ſaß. Die Ritter vom Geiſte. VII. 19 290 Louis pochte das Herz. Er konnte ſich die Em⸗ pfindung ſeines Gefährten denken, wie er den blinden Bruder, den er nach ſeinem Sohne fragen wollte, ein⸗ treten ſah. Sie hatten ſich verabredet, zu thun, als wenn Murray nicht zugegen war. Ein Blick auf Murray überzeugte ihn, wie tief auch er es empfand, den Bruder wiederzuſehen, der durch ihn das Augen⸗ licht verlor. Seht, ſagte Louis— doch, was red' ich— ich ſage: Seht! Ihr bewegt Euch ſo ſicher, Meiſter, daß man verſucht wird, Euch für keinen Blinden zu halten. Zeck erwiederte darauf nichts. Da er ſich denken konnte, daß er am Klavier ſtand, faßte er es an. Hier, ſagte Louis, dächt' ich, um die Saiten an— ziehen zu können— Ihr kennt doch ſo einen Kaſten, der Muſik macht? Zeck nickte. Dieſe eiſernen Stäbe, fühlt Ihr ſie— Zeck nickte wieder. 1 Dieſe kleinen eiſernen Stäbe halten die Saiten, die man ſchärfer anziehen muß, wenn ſie nachlaſſen. Um aber die Stäbe rundumzubekommen, muß man einen Schraubſtock haben mit einem Griff und einer Höh⸗ 155 h die En⸗ en blinden vollte, ein⸗ thun, als Blick auf empfand, as Augen— ich— in eiſter, daß zu halten, vier ſtand zaiten au- en Kaſten e Saitel nachlaſſe nan eine ner Hii lung, die hinlänglich lang iſt, um die Stäbe faſſen zu können... verſteht Ihr? Ganz wohl! Könnt Ihr ſo ein Eiſen ſchmieden? Gebt mir nur die Weite, Herr! Die Weite der Stäbe! Das iſt ſie! Grade wie dieſer Faden! Eine ſolche Oeffnung! Und ſo lang, wie etwa ein halbes Fin⸗ gerglied muß die Weite ſein. Gut, gut— Wann haben wir das ECiſen? Bis heute Abend! Ich will gleich dran gehen— Damit wollte ſich Zeck zur Thür wenden... Wie Beſcheid Ihr wiſſet! War't Ihr ſchon öfters in dieſem Zimmer? begann jetzt Louis, ihn auf⸗ haltend— Herr! Da iſt der Ofen! Nicht wahr? lachte Zeck. Ganz recht— Da ſteht ein Kanapé— Ganz recht— Da ſaß die Fürſtin—— Der Lehnſeſſel ſteht noch da— Da iſt ein Fenſter in den Hof, dort zwei in den Garten— Als wenn Ihr durch ſie ſehen könntet, ſo trefft Ihr's— 19* 292 Da ſaß Herr Stromer— hier ſtanden und ſaßen wirx... Wer? Die geladen waren— zum Beten— hier wurde geſungen und gebetet, Herr! Und Ihr kam't gerne dazu? Da am Fenſter war immer mein Stand... dort .ich kann noch den Stuhl zeigen— Damit ſchritt der Blinde geradezu gegen das Fen⸗ ſter, wo auf dem Stuhle, den er, der Frage nach dem Beten ausweichend, zeigen wollte, Murray ſaß. Oho! rief Zeck. Da ſteht ein Tiſch, der ſtand ſonſt nicht hier. Er war auf den Tiſch geſtoßen, an dem Murray arbeitete. Aber Murray, der ſich geſchützt glaubte, erſchrak nicht wenig, als ſein Bruder dabei auf die Kupferplatte ſtieß, an der er geätzt hatte. Der Blinde fuhr über das Metall hinweg und ſagte erſchreckend: In der Mühle, Herr, erzähltet Ihr von einem Kupferſtecher! Iſt das der Tiſch des Kupferſtechers? Ich fühlte eine Platte— Louis beſann ſich auf Das, was er von ſeinem Begleiter in der amerikaniſchen Mühle geſagt hatte. Eine Liebhaberei meines Freundes, erklärte er, der ———=— ſte 293 und ſußen dort am Fenſter ſitzt und das Schickſal Eures Sohnes theilt, etwas ſchwer zu hören. Zeck ſtarrte nach dem Fenſter. Der Gedanke, nicht hier wude allein mit Louis zu ſein, war ihm peinlich. Er ſuchte wieder die Thür... Setzt Euch doch ein wenig, Meiſter! ſagte Louis. id... dort Ich bin ein Abgeſandter Sr. Durchlaucht. Ich ſoll hier nach dem Wohl und Wehe aller Menſchen fra⸗ n das Fen⸗ gen. Geht es Euch gut? enach dem Zeck ſah nur nach der Kupferplatte. ſaß. Verſteht Ihr Etwas von der Kunſt in Kupfer zu der ſtand ſtechen? Zeck richtete die Augen auf Louis und ſetzte ſich m Murr mechaniſch in den Seſſel, den ihm Louis hinrückte... tt glaubte Mein Freund da hat ſich die Augen verdorben bei auf d beim Aetzen einer Platte. Es iſt ihm gegangen wie Der Blid wol Euch, als Ihr blind wurdet. Wovon kam Das? ricreten Vom Feuer, Herr! Ein Eiſen, dem Auge zu nahe von einel gebracht— azeaj In der Schmiede habt Ihr Euch verglüht— In der Schmiede. von ſen Dieſe Unterredung machte Zeck allmälig ſichrer. agt halt Ueber die erſten Wendungen war er nicht wenig er⸗ Krte er, ſchrocken geweſen.. 294 Wie lange lebt Ihr ſchon in Pleſſen, Meiſter? fragte Louis im vertraulichſten Tone. Sechzehn Jahre, Herr! Immer glücklich, immer zufrieden? Bis auf die Augen, Herr! Es gaben dieſe Worte einen tiefen Schmerz in Murray's Innere. Er mußte zum Fenſter blicken, um ſeiner Bewegung Herr zu werden. Und den tauben Sohn! ſagte Louis. Habt Ihr nur den einen Sohn? Nur einen, Herr. Er muß dreißig Jahre ſein— es iſt ein alter Knabe— Zwei und dreißig— Habt Ihr immer in Pleſſen gelebt? Vordem ein fünf Jahre im Jägerhauſe— Bei Eurer Schweſter? Kennt Ihr Die, Herr? Urſula Marzahn! Ich kenne eine Richte des För⸗ ſters Heuniſch— Zeck nickte und wiederholte: Urſula Marzahn iſt meine Schweſter. Wie kann man's aber fünf Jahre in dem Walde aushalten, wenn man ein Schmied iſt? Ich war blind. ge Meiſter? hmerz in icken, um Habt Ihr ein alter em Wal 295 War't Ihr denn ſchon blind, als Ihr in das Ja⸗ gerhaus kamt? An beiden Augen. Da hattet Ihr ſchon früher eine Schmiede und war't Geſell und früh verheirathet— ſchon vor drei und dreißig Jahren— ich rechne Das an Eurem Sohne— Ich bin vierzig Jahre Meiſter— Und ſeid einige Sechzig alt— Mein Kopf muß weiß ſein! Schneeweiß, wie's eben dort im Gebirge wird. Ss ſchneit— ſieh, ſieh, es ſchneit! Zeck wollte nun gehen. Er hatte in den fernern Nachfragen kein Arg gefunden. Bleibt doch! Ich wollte Euch noch etwas fragen, Meiſter. Zeck horchte auf... Ihr hattet einen jüngern Bruder... Zeck blieb bei dieſer Frage zwar ohne ſichtliche Ver⸗ legenheit, hielt ſich aber doch ſtarr und regungslos. Er war Kupferſtecher, wie der Mann da, der nicht gzut hören kann— Zeck antwortete wieder nicht. Er wanderte nach Amerika aus— weil er mußte! Mußte! Nicht wahr, Zeck? 296 Zeck blieb ſtarr und ſprach jetzt noch weniger eine Sylbe. Er iſt todt. Herr Ackermann... brachte Euch von ihm, als einem Verwandten, eine Erbſchaft. Wie iſt's denn mit dem Sohne, den Euch der Bruder zu⸗ rückließ, als er nach Amerika mußte? Zeck kniff die Stirnfalten zuſammen und meinte forſchend und ſtotternd: Kommt Das von Herrn Ackermann? Von wem es kommt,, iſt gleichgültig, alter Freund! Wie iſt es mit dem Sohne Eures Bruders? Im erſten Augenblick hatte ſich auf dem Antlitz des blinden Schmieds Schrecken widergeſpiegelt. Bald aber hellte es ſich auf. Ein habſüchtiger Gedanke ſchoß durch die Seele des Geängſteten. Er ſtellte ſich vor, daß ſein Bruder Schätze hinterlaſſen, die er ſeinem Sohn beſtimmt hätte, Schätze, die ihm und ſeiner erbenloſen Schweſter anheimfallen würden, wenn Murray's Sohn nicht mehr nachzuweiſen wäre. Che dieſer Gedanke ganz in ihm zurechtgelegt war, hatte ihn Louis wol ſchon dreimal nach dem Sohne ſeines Bruders gefragt. Ungeduldig wiederholte Louis noch einmal: Wo iſt der Sohn Eures Bruders? Todt! ſagte jetzt der Schmied mit großer Be⸗ ſtimmtheit. ereine Sylbe. rachte Euch ſchaft. Wie Bruder zu⸗ und meinte lter Freund! 57 dem Antlih geelt. Bald er Gedanke ſtellte ſi ſen, die A ſe ihm un jnden, wenn wäre. Ehe war, halt ohne ſeine mal: g großet Für Murray, der geſpannt am Fenſter horchte, kam dies Wort nicht unerwartet. Es erſchütterte ihn auch nicht zu heftig, aber unwillkürlich mußte er doch ein Geräuſch mit dem Stuhle machen, auf dem er ſaß, und Zeck's Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen. Der Knabe iſt todt! fuhr Louis fort. Da er Eurer Pflege anvertraut war, werdet Ihr Beweiſe für ſeinen Tod beizubringen haben. Nicht meiner Pflege, Herr— ich nicht— ich nicht— Eure Schweſter! Ihr wurde das Kind anvertraut, Euch Beiden gemeinſchaftlich— Woher wiſſen Sie Das? Ihr wohntet damals an einem Orte, den die Men— ſchen fliehen... nicht wahr Zeck? In der größten Unruhe ſuchte ſich der Blinde aufſte— hend von dieſer Prüfung loszuwinden, aber der zur Ge⸗ wißheit bei ihm gewordene Gedanke, daß die für ſei⸗ nen Bruderſohn beſtimmten Schätze ihm, ſeinem eige⸗ nen Sohne, anheimfallen ſollten, reizte ihn doch, zu bleiben. Er half ſich durch eine wiederholte Berufung auf ſeine Blindheit. Ihr war't blind, Zeck, ich weiß es— Ihr war't beim Doktor Lehmann, daß er Euch heilen ſollte— Das war ich. Ja, Herr— 298 Und Eure Schweſter verbarg Euch... Was ſagten Sie? Vor dem Licht des Tages, das Euch wehe that, verbarg ſie Euch. Geblendete Augen verlangen eine dunkle Umgebung— Das iſt's. Aber das Kind, das Ihr von einer Dame, die ich nicht kenne, als das Eurige anvertraut erhieltet, mit dreitauſend Thalern... Der Blinde wurde immer unruhiger. Nicht wahr? Mit dreitauſend Thalern? Zeck antwortete nicht, ſondern ſah nur ſtarr auf Louis und die Gegend an dem Fenſter, wo ein ihm unbekannter Kupferſtecher zuhörte. Iſt er wirklich todt, der Sohn Eures Bruders, der ſich einige Jahre hindurch Baron Grimm nannte? Bei Erwähnung dieſes Namens ſchwanden dem Blinden alle Kräfte. Er ſuchte ſeinen Seſſel. Louis ſchob ihm ſeinen Seſſel hin. Er mußte ihm Zeit laſſen ſich zu ſammeln. Endlich beſann ſich der Schmied auf eine Aus⸗ kunft, die er in dieſen Worten zuſammenfaßte: Herr— ich ſollt' Euch eine Schraube machen, um die Saiten da anzuziehen— Ihr ſeid aber ſelbſt wie ſo ein Ding und ſchraubt Einen, daß die Finger wehe that, angen eine Dame, die t erhielte ſtarr auf o ein ihm Bruders, n nannte? nden dem ſel. nußte ihm eine A ge: 4 machen, aber ſibi die Finge 299 knacken. Wenn Euch Herr Ackermann oder wer ſonſt aufgetragen hat, das Erbtheil von meinem verſtorbe⸗ nen Bruder an ſeinen Jungen auszuzahlen, ſo ſag' ich Euch: Der iſt todt wie ſein Vater und das Erb⸗ theil muß nun von Rechtswegen. Und die Beweiſe, die Papiere über jenen Tod? Zeck beſann ſich auf den Ausweg, den er ſchon einmal einſchlagen wollte: Fragt die Urſula! Sie hat alle Papiere. Gut, ſagte Louis, ich ſehe, daß Ihr nicht wißt, wie und wo das Euch anvertraute Kind geſtorben iſt. Ihr ſeid und war't ein Blinder, ſchon damals, als das Kind geboren wurde. Ihr habt es nie geſehen. Wohlan, laßt Eure Schweſter reden. Heute Nach⸗ mittag iſt ſie im Forſthauſe allein. Ich werde Euch zu ihr führen... Mein Sohn, Herr, führt mich. Euer Sohn führt Euch! Wohlan, dann können vir zu gleichen Paaren ſein. Da mein Freund, der nicht hört, wie Euer Sohn, er ſoll mich begleiten. Wir ſteigen in die Kammer der Urſula oder rufen ſie herunter und ich denke, Ihr, Zeck, werdet es verſtehen, ühr Gedächtniß ein wenig zu kitzeln. Ich höre, daß ſſie gegen andre Hände unempfindlich iſt. Seid Ihr's zufrieden? 4 300 Zeck ſagte, daß ſein Sohn den Förſter mit dem Karren zu begleiten hätte, der Franziska's Sachen in den Ullagrund bringen ſollte. Nun ſo hol' ich Euch an der Schmiede allein ab ... Ihr werdet Euch doch von mir führen laſſen? Um zwei? Dann kann ich die Schraube nicht fer⸗ tig liefern zum Abend... Die eilt nicht, Zeck! Mich aber eilt's mit dieſer Sache. Heut' Nachmittag! Jetzt kommt, ich führe Euch hinaus zu Eurem Sohne. Er muß mit dem Förſter in den Ullagrund, damit wir die Urſula allein treffen. Zeck bot zögernd die Hand, die rauh wie Leder war und ſchwarz gefärbt. An der Thür hielt er noch einmal inne und fragte mit verſchmitzter Neugier: Herr, darf man fragen, iſt es was Ordentliches, was unſer Friedrich hinterlaſſen? Ihr meint, weil Ihr Euch für Euren Sohn darauf freut... Ach! Sagt's nur heraus! Ein blinder Vater— ein tauber Sohn— die haben mehr Noth, ehrlich durchzukommen, als Leute, die ſehen und hören können— de Hau mit dem Sachen in allein ab laſſen? nicht fer— mit dieſet ich führ mit dem ula allein wie Leder lt er noch eugier: dentlich hn daral hn 2 als LG 301 Das iſt wahr! ſagte Louis, beruhigt Euch, Zeck, das Erbrecht wird ſeinen vollkommenen Fortgang haben. Indem horchte Zeck auf, als er eben aus der Thür treten wollte. Was horcht Ihr ſo? Reiten da nicht welche unten über die Landſtraße? Könnt Ihr ſo gut hören? Ich höre, daß Eiſen dabei klappert— Losgegangne Hufeiſen— Ihr werdet zu thun be— kommen. Das iſt Säbelklappern— Louis ſah zum Fenſter hinüber und bemerkte, unten auf der Landſtraße um den Berg herum ſchwenkten zwei ſcharfzutrabende militairiſche Reiter. Es ſind zwei Landdragoner! ſagte er. In der Hauptſtadt war es unruhig... Ich hört' es gleich— Scharfes Ohr! Ihr könnt dem Himmel danken, daß er gleich wiedergibt, wenn er genommen hat. Um zwei Uhr... Zeck nickte und ergriff die Hand ſeines Sohnes, zu dem ſie auf dem Corridor angekommen waren. Der ſtarrte den Landdragonern nach, die in das Amts⸗ haus ritten, nahm dann ſeinen Vater und führte ihn die große breite Stiege hinunter... Louis, zurückkehrend, fand Murray ſehr erſchüttert. bis Ueber die erſte Rührung, den durch ihn geblende⸗ ten Bruder zu ſehen, ſollte er doch wol bald hinweg⸗ kommen, da er die eingewurzelte Bosheit erkannte. Doch ſagte er, alle Reue hülfe dem Frevelnden nichts, ſeine böſe That behielte ihre Folgen und nur der Tu⸗ gendhafte wäre ſicher, höchſtens mittelbar Schlimmes zu veranlaſſen. Denn ſchlimm ſind wir Alle! Wer weiß, fuhr er fort, was ich Alles in Folge meines damaligen Fehltrittes noch anrichte, als willenloſe Ur⸗ ſache! Nehmt den Tod meines Kindes. Bin ich nicht ſein Mörder? Dieſe Gedankenreihe erſchütterte ihn mehr als das wirkliche Nichtmehrvorhandenſein des Kindes. Denn ein Weſen, das er nie geſehen, deſſen Urſprung ſich auf Sünde und Reue zurückzog, ein Weſen, deſſen Schickſale ihm nur, wenn es erwachſen und misrathen war, Gewiſſensbiſſe verurſachten, konnte ſich ſeinem Herzen doch nicht ſo tief als eine Noth⸗ wendigkeit eingepflanzt haben. Im Gegentheil durfte er freier athmen und Gott danken, daß er ihm eine Veranlaſſung zu neuer großer Schuld früh hinweg— genommen hatte. Was aber Murray ebenſo erſchüt⸗ terte, war der unverkennbar böſe Sinn des Bruders, die ungebeſſerte Lüge, die Verſtocktheit, die Geldgier. Und auch für dieſe mußte ſich Murray nach ſeinem Sinn verantwortlich machen. geblende⸗ hinweg⸗ erkannte. en nichts, der Lu⸗ chlimmes llel Wer je meines enloſe Ur⸗ ich nich teerte ihn nſein de en, deſſen dzog, 1 erwachſe ten,kounn eine Nolh heil duft ihm ain h hinwe ſo eiſch 3 Brudal e Geldqi nach ſine 303 Ach, ſagte er zu Louis, konnte ich bittrer geſtraft werden als durch den Anblick eines Menſchen, der durch mich das Licht der Augen verlor! Wäre dieſer Elende— denn ich kann ihn in nichts beſchönigen— wär' er ſehend geblieben, ſo hätte ihn die Kraft ſeiner Sinne wol ſeinen eigenen Weg geführt. Er hätte nicht nöthig gehabt, Andre für ſich denken, Andre ihn führen zu laſſen! Was konnte da noch aus ihm Gutes werden, wo er nun genöthigt war, meiner Schweſter zu folgen und ihr eine Laſt wurde! Sie ſtieß ihn aus dem Förſterhauſe, gab ihm vielleicht von ihrem Pflege⸗ geld ſo viel, um ſich die Schmiede anzulegen mit ſei— nem damals ſchon erwachſenen Sohn. Wer nicht ſieht, iſt mistrauiſch. Der Verluſt keines Sinnes macht ſo ditter wie der Verluſt des Auges. Man findet wol Blinde, die heiter und getröſtet ſind über die ewige Nacht, die ſie umgibt, aber dann ſind ſie leichtſinnig und rühren uns nicht mehr, ſondern erſchrecken uns. Louis hielt ſich nicht an dieſe Reflexionen, wie ſie Murray auszuſpinnen liebte, ſondern an die Thatſache: lebt das Kind, lebt es nicht mehr? 4 Ich mache Fortſchritte in der Menſchenkenntniß, ſtgte er. Ich glaube gewiß zu ſein, daß dieſer geizige, habſüchtige Mann, der leider Ihr Bruder iſt, Murray, nicht im entfernteſten von dems Tode Ihres Sohnes 304 überzeugt iſt. Er will nur die ſchmuzige Hand aus⸗ ſtrecken nach der vermeintlichen Erbſchaft. Er ſollte nichts wiſſen von dieſem Kinde? Er ſollte es ganz der Sorge ſeiner Schweſter überlaſſen haben? Eines wäre eine glückliche Auskunft aus dieſem Dunkel. Wenn ſie einträfe, Murray! Welche, mein Freund? Daß die Mutter dieſes Knaben, Ihre einſtige Freun⸗ din, in alten Tagen den Fehltritt ihrer Jugend bereut und ſich des Schickſals Ihres Sohnes wieder ange— nommen hätte! O Das wäre eine Erzählung aus„Tauſend und Einer Nacht“ ſagte Murray lächelnd. An ſolche Mär⸗ chen muß man nicht glauben in Der Welt, in die es einſt der Baron Grimm gewagt hat, ſich einzu⸗ drängen. Den Reſt des Vormittages brachte Louis nun noch damit zu, Geſchäftsbriefe nach der Reſidenz zu ſchrei⸗ ben, in denen er ſeine bevorſtehende Rückkehr von Ho⸗ henberg ankündigte. Kurz vor dem einfachen Mahle, das ihnen Brigitte zubereitet hatte, durchflog er die Zeitungen, in denen Egon's ſchwierige Stellung nicht verſchwiegen war. Der Fürſt hatte ſich auf eine be⸗ denkliche Art von allen Parteien iſolirt, ſich dabei zwar ſehr hoch geſtellt, aber auf eine Höhe hin, wo Hand aus⸗ E ſollie e es gan en? Eines n Dunlel ſige Jremn gend berel jeder ange auſend un ſelhe Mi gelt, md ſcch ein is nun n enz zu 8ſt ſehr von hen N cflog ei ztellung auf eilt i, ſich ohe hin, ein ſchneidender Zugwind wehte. Der Hof ſchien dem jungen Staatsmann volle Gewalt gegeben zu haben. Er ſtellte ihm alle Mittel zu Gebote, die das conſtitutionelle Weſen im Vorrath hat, um von einer Verſtändigung mit dem Publikum an die andre zu appelliren. Man konnte ſich noch der Hoffnung hin— geben, daß die Wahlen die thatkräftige neue Admi⸗ niſtration unterſtützen würden. Viele aber bezweifel⸗ ten dieſe Hoffnung und fanden es für rathſamer, daß das Miniſterium ſogleich aus eigener Macht⸗ vollkommenheit einen neuen Wahlmodus oktroyirte. Dennoch blieb dieſer Erlaß, den man ſchon in den neueſten Nummern erwartete, aus, ein Beweis, daß Fürſt Egon ſeine Hülfsmittel nicht zu raſch ver— brauchen wollte. Auch ließen die mit vielem Geiſte geſchriebenen Artikel des„Jahrhunderts“ ahnen, daß das Miniſterium erſt die öffentliche Meinung für ſeine Auffaſſung der Staatsaufgabe theoretiſch und praktiſch gewinnen wollte, bis es mit Geſetzen her⸗ vortrat, die auf dieſe Theorie und Praris begründet waren. Der Adel, die Beamten, das Militair, ja ſogar ein großer Theil der Wiſſenſchaft und Kunſt ſchwärmten ſchon für die neue Regierung. Sie verhieß Kraft. Sie verhieß Erlöſung von einer Anarchie, die nicht mehr ausrottbar ſchien. Die Politik wurde Die Ritter vom Geiſte. VII. 20 — 36.— von den Straßen verbannt; auch aus den Clubs fing Egon ſchon an, ſie auszutreiben. Louis las mit beklommenem Gefühle, daß die Arbeitervereine ihre Statuten einreichen mußten und mehre geſchloſ⸗ ſene Geſellſchaften nach jenem tumultuariſchen Abend bereits verboten waren. Egon hatte ſich in einer Zuſchrift an ſeinen Wahlbezirk der Worte bedient: „Wo zwei Gewalten regieren wollen, kann der Staat nicht beſtehen. Die Gewalt ſoll eine getheilte ſein. Dieſe Lehre iſt alt und ich finde ſie ſchon dadurch bewährt, daß jede Verantwortung gemildert wird, wenn mehre Schultern ſie zu tragen haben. Aber die Theile der Theilung müſſen gleichartig ſein. Un⸗ terordnen müſſen ſie ſich können der großen, un⸗ theilbaren Idee des Volkswohles, des Thatbeſtan⸗ des. Wo zwei gleichberechtigte Gewalten gegenein⸗ ander auftreten, ſteht die Maſchine ſtill. Ich er⸗ kenne im Staate nichts an, was höher iſt als das Volkswohl. Auch der Monarch iſt in meinem Sy⸗ ſteme der Diener des Volkswohles. Er vertritt die natürliche Ordnung des Lebens, das Maß, die Grenze aller ehrgeizigen Beſtrebungen. Er iſt ein Theil der großen Einheit des Volkswohles. Reicht ihm die Hände, ihr wackern Bürger! Seid die Zwei⸗ ten im Bunde! Die ausführende Gewalt, die das den Clubs Louis las beitervereine dre geſchloſ⸗ chen Abend hin einer te bedient: der Staat heilte ſein. on dadurch dert wird, en. Aber ſein. Un⸗ oßen, un— Lhatbeſtan⸗ gegenein⸗ Ich er⸗ t als das inem Sy⸗ ertritt di Raß, Fr iſt ei Rut die Zwe die dn 307 Miniſterium vertritt, iſt die dritte Gewalt! Aber eine Gewalt der Volksverſammlungen, der Clubs, der Kaſernenverſchwörungen, der Preßanarchie werd' ich nimmermehr anerkennen. Ich erinnere Sie an das Wort eines großen Dichters, des Briten Shakeſpeare, der den Jammer des römiſchen Staates nach den Er⸗ fahrungen des britiſchen in dem Schmerzrufe ſchilderte: Mein Herz, es weint, Zu ſeh'n, wie wenn zwei Mächte ſich erheben Und keine herrſcht, Verderben, ungeſäumt Dringt in die Lücke zwiſchen Beid' und ſtürzt Die Eine durch die Andre.“ Nach dem beſcheidenen, in ſchweigſamer Span⸗ nung hingebrachten Mittagsmahle ſchickte ſich Louis an, zur Schmiede hinabzugehen. Er hatte mit Mur⸗ ray verabredet, daß dieſer auf einem kürzern Wege zum Walde hinunter ſteigen und ſie beim Eingange in das dunkle Tannengehölz, das den Anfang bil⸗ dete, erwarten ſollte. Murray war es einverſtanden und beſorgte nur, daß ſein Bruder nicht Wort halten und doch wol mit ſeinem Sohne kommen würde, der für Das, was ſie im Forſthauſe vorhätten, ein lä⸗ ſtiger Zeuge ſein würde. Louis aber verſprach ſich den glücklichſten Ausgang. 2 Zehntes Capitel. Der geheime Schrank. Louis Armand fand den blinden Schmied ſchon in Bereitſchaft und erfuhr, daß Heuniſch mit dem jungen Zeck unterwegs wäre nach dem Ullagrunde. Der Gedanke, Geld, wohl viel Geld erben zu dürfen, hatte dem Alten alle Sorgen aus dem Sinne geſchlagen. Er ſagte ſogar lachend: Die Urſula wird Augen machen, wenn ſie heute Kaffeebeſuch bekommt. Vielleicht denkt ſie, ſie ſollte Euch wahrſagen. Thut ſie Das? Nachmittags, wenn ſie Kaffee trinkt, hat ſchon Mancher bei ihr vorgeſprochen. Karten legt ſte gern in der Dämmerung, nie Vormittags. Vormittags beſpricht ſie blos die Roſe und die Drüſen. Es iſt eine Zauberin! Ich erfuhr es ſchon! ſagte Louis. dſchon in dem jungen erben zu dem Sinne ſie heul⸗ ſie ſollte hat ſcher gt ſie gel Vormittal hon! ſch Eine Hexe nennen ſie ſie; meinte der Blinde. Sie weiß viel, Das iſt wahr. Alles aber auch nicht. Nicht wahr, Annelieſe? Die kleine garſtige Perſon, bei der Louis geſtern die Beſtellung gemacht, begleitete ſie vor die Thür. Laßt Ihr die Schmiede ſo allein? Wo ſind Eure Geſellen? fragte Louis. Die Taugenichtſe ſind abgelohnt. Sie verſtanden nichts, aßen Faullenzerbrot. Damit lehnte Zeck die Thür der Schmiede an, ſchärfte Annelieſen Aufmerkſamkeit ein und verbot, daß die beiden entlaſſenen Geſellen noch einmal in die Werkſtatt kämen. So ſchritt er vorwärts. Louis mußte ſtaunen, wie ſicher Zeck ging. Die Erbſchaft hatte ihn völlig in Schwung gebracht. Alle Sorge hatte ihn verlaſſen. Er lachte vor ſich hin und ſchlug ſich auf das Schurzfell, das er, ſo hinder⸗ lich es war, vorbehalten hatte. Auch, in eine Ritze des Obertheils vor der Bruſt griff er und verſicherte ſich eines ſtarken Hammers, den er zu ſich geſteckt hatte. Er that wie ein Mann, der ſich vor keiner Gefahr ſcheut, wenn er ſeine Waffen bei ſich hat. Es ging ein ſcharfer Wind, der vom Walde her das abgefallne Laub ihnen entgegentrieb. Links die kleine Buchenſchonung ließen ſie liegen, ſie gingen ge⸗ rade auf das Tannengehölz zu, wo Louis Murray ſchon wartend fand. Murray ſtand in einem alten grauen Mantel, ge⸗ bückt, faſt geſpenſtiſch. Er winkte Louis, ſo zu thun, als wenn er nicht zugegen wäre. Still gingen ſie an Murray vorüber, ſtill folgte dieſer. Den Kupferſtecher, ſagte Zeck, habt Ihr daheim⸗ gelaſſen, Herr? Nicht wahr? Er iſt nicht nöthig, ſagte Louis und winkte Mur⸗ ray, der die Worte hörte— er iſt nicht nöthig, hab' ich mir überlegt. Doch kommt er vielleicht ſpäter nach oder ging ſchon voraus. Zeck mußte jetzt von der Taubheit ſeines Sohnes Manches erzählen und ſuchte überhaupt ſeiner innern Freude durch Geſprächigkeit einen Ausdruck zu geben. Er blieb dabei, daß der junge Baron Grimm, wie er Murray's Sohn lachend nannte, todt wäre, ſchien es auch nicht anders zu wiſſen und verließ ſich gänzlich auf die Ausſagen ſeiner Schweſter, von de⸗ nen er freilich ſeinem Begleiter gleich ſagen zu müſſen glaubte, daß er eben nicht auf viel Vernunft bei ihr rechnen dürfe. Sie hätte die Jahre, um ſchwach zu gingen ge⸗ is Murrah Mantel, ge⸗ un er nicht ſtill folgte hr daheim⸗ inkte Mur⸗ othig, hab⸗ ſpäter nach es Sohnes iner innern kzu geben mn, wie ei rre, ſchie erließ ſih r, von d zu müſſe nft bei i ſchwac 311 ſein. Und was bei ihrer Narrheit nicht von den Jahren käme, das hätte der einſame Wald gethan. Und wol der Doktor Lehmann; ſetzte Louis hinzu. Ja, mußte Zeck beſtätigen, da hat ſie Bücher ge— leſen, die Manchem ſchon den Reſt gaben, Wunder—, Kräuter⸗ und Heilbücher. Und die rechten Heilinſtrumente, die Richtmeſſer, die Schwerter, die Räder... St!... Zeck winkte mit der Hand und meinte, Louis möchte davon nicht reden. Murray folgte in einiger Entfernung und hörte Alles, was Zeck, der aus Gewöhnung ſeines Sohnes wegen immer ſehr grell ſprach, durcheinanderſchwatzte. Der Gedanke, wie gierig die Habſucht ſich in dieſem thieriſchen Menſchen zeichne, erfüllte ihn mit Schmerz. Er mußte dabei vorſichtig folgen und immer berechnen, wann Zeck ſtill ſtand. Hätte er dann nicht auch im Gehen eingehalten, ſo würde ihn das raſchelnde Laub verrathen haben. Jedesmal, wenn er das Stillſtehen nicht gut berechnet hatte und einen Schritt weiter ging, fuhr Zeck auf und ſah ſich um. Da Murray aber gleich ſtill ſtand, war dem Verdachte, er möchte mit Louis nicht allein ſein, keine Nahrung gegeben. An Louis bewunderte Murray die treue Hingebung, dies eifrige, herzliche Bemühen, ihn für die Vernach⸗ 312 läſſigung dieſer Tage, von der nicht er, ſondern Louis ſprach, ſchadlos zu halten. Wenn er ihm nahe genug war, drückte er ihm die Hand zum innigſten Danke dafür. Die ſehr naheliegende Erörterung, wer die Mutter des geſtorbenen Knaben geweſen, kam nicht zur Sprache. Louis ſchonte das Geheimniß Murray's und Zeck ſelbſt ſchien den Namen der Mutter nicht zu kennen. Die Schweſter wuchs Louis an Bedeutung durch die Hart— näckigkeit, mit der ſie den Schmied von der Kenntniß ihn nur mittelbar berührender Dinge ausgeſchloſſen hatte. Auch ſagte Zeck: Das iſt wahr, wer's der Urſchel einmal im Guten angethan hat, für den geht ſie durch's Feuer! Der Satans-Marzahn war hoch hinaus und hätte ſie bald um den Jungen meines Bruders ſitzen laſſen... Wieſo ſitzen laſſen? fragte Louis, blieb ſtehen und winkte Murray näher zu kommen. Zeck ſtand ſtill und wandte ſich erſtaunt, da er im Laube noch Fußtritte raſcheln hörte. Der Wind geht! ſagte Louis, als er das Staunen des Schmieds bemerkte. Warum ſitzen laſſen? Wie alt wurde das Kind? Es wurde, wenn ich's ſagen ſoll, bemerkte Zeck ſich umſehend und erſt allmälig beruhigend, es wurde— gii dern Louis ahe genug ten Danke die Mutter Sprache. Zeck ſelbſt nen. Die die Hau⸗ Kenntniß geſchloſſen ver's der den geht war hoch en meines tehen und t, da er Staunel ſen Wi 6 ℳ ſlc e Zeck wurde— 313 In dem Augenblicke mußte Murray, der ſich durch den Aufenthalt am geheizten Ofen der friſchen Luft entwöhnt hatte, unglücklicherweiſe huſten. Wer iſt da? rief Zeck mit einer heftig erſchrockenen Gebehrde und griff ſogleich nach dem Hammer in ſei⸗ nem obern Schurzfell— Ah! Sieh da! Mein Freund iſt nachgekommen! rief Louis, ſich ſogleich faſſend... So— ſo— ſagte der Blinde, riß die Augen auf und drehte ſich wie Einer, der ſeinen Rücken nicht ſicher glaubt. Stoßt Euch nicht an den Bäumen! Kommt vor⸗ wärts, Meiſter! bedeutete Louis. Alſo wie alt wurde das Kind Eures Bruders, von dem ihr mir ſagen müßt, warum er ſich Baron Grimm nannte? Herr Ackermann wird's wiſſen— meinte Zeck und (ing nur zögernd vorwärts. Herr Ackermann? ſagte Louis. Ich habe von ganz andrer Seite her den Auftrag, mich nach dem Sohne Eures Bruders zu erkundigen, der ſich eine Zeitlang Varon Grimm nannte; aber ich weiß nicht, wie er deſen Namen führen konnte— Ihr wißt nicht— ſagte der Blinde zweifelnd. Ich weiß nur, daß er todt iſt und ſeinem Sohn eine (rbſchaft hinterließ... wie alt wurde das Kind? Zeck war durch den Dritten eingeſchüchtert. Er antwortete nur vor ſich herbrummend und meinte zuletzt: Wir müſſen am Forſthauſe ſein— Laßt's Euch von der Urſula ſelbſt ſagen, aber die Erbſchaft kommt doch wohl— iſt ſie groß? Sie ſtanden an der Wieſe, die durch den Nacht⸗ froſt ihre Friſche verloren hatte und in das welke, fahle Wintergrau überging. Wir kommen zum Kaffee, ſagte Louis ſcherzend, um Zeck wieder mehr Muth zu machen, der Schornſtein raucht. Wenn ſie nur den Satz nicht verſchüttet, daß wir noch unſer Schickſal hören können. Der Blinde antwortete nicht. Er war ſo mis⸗ trauiſch geworden, daß er ſich immer nach Murray umwandte und wol gar zu glauben ſchien, er be⸗ fände ſich auf einem falſchen Wege, man hätte ihn irre geführt. Warum wollte Marzahn Eure Schweſter nicht hei⸗ rathen? fragte Louis dringend. Murray'n brannte es auf der Zunge zu ſagen: Hielt der Soldat vielleicht das Kind für das Kind Urſula's? Er mußte ſich gewaltſam zurückhalten, dieſe Ver⸗ muthung auszuſprechen. Louis verſtand ſeine Auf⸗ regung und wiederholte ſeine Frage. Allein Zeck ant⸗ üchtert. E. neinte zuleti Laßt's Euch ſchaft komm den Nacht das welie ſcherzend, un Schornſtn ſchüttet, da ſ ar ſo n. ach Murne jien, er in hätte ſ de nicht zu ſagen ür das K „1, M dieſe? die f ſeine N in Zetu 315 wortete nicht mehr, ſondern verwies auf ſeine Schweſter, indem er Louis nochmals darauf aufmerkſam machte, daß er auf eine geſetzte, vernünftige Unterhaltung bei ihr nicht rechnen dürfe, ſondern ſehen müſſe, wie er Alles, was er zu wiſſen wünſche, von ihr herausbekäme. Vielleicht hat ſie ihre gute Laune, ſagte er, und wenn ſie Kaffee kocht, iſt ſie nicht ſchlimm, nur manch⸗ mal grob. Mit dieſem Troſte näherte man ſich dem Hauſe, deſſen Inneres durch das Gebell der Hunde lebendig wurde. An die Möglichkeit, daß Urſula Murray er⸗ fennen könnte, dachte man für den Fall nicht, daß ſich dieſer beſcheiden zurückhielt. Murray zog die Binde ſaſt über das ganze Geſicht und hielt ſich gebückter und älter als je. Als Louis öffnen wollte, ging die Thür nur am V Schloſſe auf, nicht ganz in der Angel. Sie war durch ane Kette gehemmt. Aber ſie klingelte. Alles Dies war Louis neu. Für Fränzchen hatte die Alte die Kette und die Klingel abgenommen. Entweder gönnte ſie dem Mädchen geringere Sicher⸗ heit oder ſie wollte in ihrer Zurückgezogenheit oben nicht an den Verkehr des Hauſes erinnert werden. Wer da? rief eine heiſere Stimme von oben herab. Zeck rüttelte am Drücker der Pforte und ſchlug dann mit dem Hammer dreimal an die hölzerne Füllung. Nun, nun! hieß es oben, wo der Schmied erkannt wurde. Was ſoll's denn? Willſt du ſehen, Jakob, ob wir noch nicht im Kehrichtfaß liegen? Sie iſt vernünftig! flüſterte der Blinde. Gott ſei Dank! ſagte Louis und wartete mit Spannung auf das Erſcheinen der Frau, von der ihm Franziska ſo viel Schlimmes erzählt hatte und von der er durch Murray und Zeck zu viel wußte, um nicht dem Verdachte Raum zu geben, daß ſie im Stande geweſen wäre, Franziska aus dieſem Hauſe auch durch irgend eine Frevelthat zu entfernen. Die Alte ſtand auf der Hausflur, öffnete aber die Thür nicht. Louis ſah eine große hagere Ge⸗ ſtalt zwiſchen der Thürſpalte erſcheinen mit rothum⸗ wundenen Kopfe und ſcharfen ſpitzen Geſichtszügen, dunklen habichtsartigen Augen. Der Mund hatte nur noch vorn einige Zähne, die nicht aufeinander ſchloſſen. Der Blick war unheimlich, menſchenfeind⸗ lich, ſchielend ohne eigentlich falſch zu ſein. Ein roth— gelbes oſtindiſches Tuch war über die Bruſt ge⸗ ſchlagen, der kattunene Rock ſchien ſauber und war heute zur Feier der Wiedereinſetzung in die alten ſec 317 und ſchlug Rechte wohl neugewaſchen aus dem Schranke ge⸗ die hölhern nommen. Mach' auf, Urſchel! ſagte der Blinde. Kriegſt nied erkan Beſuch! Haſt noch Kaffee übrig? hen, Jalbt Die Alte antwortete nicht, ſondern ſpähte mit ſtechenden Augen durch die Thür. . Louis, der faſt hätte annehmen ſollen, daß ſie ihn wartete mi doch wohl ſchon von oben beobachtet hätte, grüßte u, von de freundlich. Murray trat auf die Seite, ſodaß er noch t hate m nicht geſehen werden konnte. viel woßt Mach' auf, mach' auf! ſagte der ungeduldige daß ſei Blinde. Kriegſt einen ſchönen Gruß aus Amerika, eſem Haul Urſchel! Wieder ſo einen, wie im Sommer... Kling! Kling! Mach' auf! ag I Die Alte ſtierte hinaus und ſchien ihres Bruders hagete nauben Suhi zu ſinchen. Ihr Blick war der einer nit wih Inren. Louis fühlte, üie grauenhaft es Franziska eſchtszü hatte ſein müſſen, mit einem ſolchen Weibe unter Juh hu einem Dache allein zu ſein. Er verſtand den Ent⸗ aifanas ſetzensſchrei, den Franziska vorgeſtern ausſtoßen mußte. 1e A Mach' auf! Alte Here! rief der Blinde, der jetzt icem vor Ungeduld und Gewinnſucht zornig wurde. Haſt v Eun vool den Teufel zum Beſuch bei dir? Oder was läßſt 1 Lus uu mich und die Herren da ſtehen... Sollſt Spaß er u aleben. Mach' auf! n de 318 Die Alte ſah noch einen Augenblick und ſchüttelte den Kopf. Dann hätte ſie vielleicht die Thür uneröffnet zugeſchlagen, wenn nicht Zeck, dieſen Fall voraus⸗ ſehend, ſich gleich anfangs mit dem Fuße dagegen⸗ geſtemmt hätte. Hol' dich der Satan! ſchrie er; willſt du auf⸗ machen? Es iſt möglich, flüſterte Louis, daß ſie mich des Fränzchen's wegen nicht ſehen mag. Oder fehlt ihr Euer Sohn? Kennſt du den Herrn? rief der Blinde. Willſt du aufmachen! Urſula kam wieder und ſtellte ſich wieder ſpähend an die Thürſpalte, im Vertrauen auf die Kette, die jeden Beſuch, den ſie nicht mochte, abſperrte. Sollſt uns Karten legen, ſchmeichelte jetzt der Blinde, Bube und Dame... Hörſt du? Urſchel, mach' auf! Louis faßte ſich ein Herz und beſchloß eine Liſt zu wagen. Er ſetzte voraus, daß ſie ihn noch nicht geſehen. Wir kommen vom Fürſten Egon von Hohenberg, ſagte er, dem dieſer Wald, das Haus gehört. Dies iſt ein alter Stallmeiſter. Wir haben zwei Pferde, die an der Huffäule leiden. Wir wiſſen, daß Ihr ind ſchüttele ür uneröffne jall voraue ße dagegen lſt du auf ſie mich de der fehlt ih nde. Wil der ſpäͤhen e Keite, d erte. lte jett dee Unſh „„1 ſoß eine d 1 noch 1 319 alle Krankheiten der Thiere verſteht. Sagt uns ein Mittel, das gut iſt gegen die Huffäule! Der Fürſt wird's bezahlen. Damit zog er die Börſe und klimperte. Die Alte lachte hämiſch, kniff die Augen zuſammen und ſprach, den Oberleib vorſtreckend, als wollte ſie Louis bis in's innerſte Herz ſehen: Schießt ſie todt! Dann wollte ſie die Hausthür zuſchlagen. Darauf war aber der Blinde in andrer Art jetzt ſchon vorbereitet. Mit dem linken Fuße ſeines herkuliſchen Körpers die Thür zurückſtemmend, hieb er mit dem aſch hervorgezogenen Hammer ſo heftig auf die ſtramm⸗ gezogene Kette, daß dieſe klirrend auseinanderſprang und die Thür krachend an die innere Wand flog. Die Alte ſchrie wie ein getroffener Vogel und ſüchtete ſich. Eben ſicher, keck und höhniſch wurde ſie plötzlich über die Maßen furchtſam, wimmerte und drückte ſich an den Ofen des Zimmers, in das ſie hneinflüchtete, wie ein gutgezogener Hund, der ſich dor ſeinem Herrn mit böſem Gewiſſen fürchtet. Louis und Murray folgten entſetzt dem ſie zornig erfolgenden Blinden, der nach der Gegend hin, wo er ſie Schweſter vermuthete, drohend den Hammer ſchwang und ihr alle möglichen Verwünſchungen und Plagen 320 androhte für den tückiſchen Tag, den ſie heut' einmal wieder zu haben ſchiene. Wenn ich kommel lärmte er. Bin ich ein Strauch⸗ dieb? Komm' ich mit Buſchkleppern? Satan dul Rühr' dich oder ich treff' dich! Von Murray's Bruſt löſte ſich ein gepreßter Seufzer. Dicht an der Thür glitt er auf einen Seſ⸗ ſel. Er war gewiß, daß ihn dieſe irrſinnige Alte nicht wieder erkennen würde. Es war ſeine Schweſterl Dieſelbe Urſula, die Abſchied von ihm genommen, als er in ſeinen Todeskerker geführt wurde! Dieſelbe Urſula, der er die Pflege eines Kindes übertrug, das ihn an ſeine ſchuldvolle Vergangenheit, wie den Ver⸗ brecher der Ring an den Pranger feſſelte! Hier komm her, herrſchte der Blinde, hier macht Mores! Hopp! Dahin! Wo biſt du? Gib die Hand, Urſchel! Er langte nach ihr. Sie jammerte aber, der Schmied wolle ihr etwas zu Leide thun... Louis warf einen traurigen Blick auf Murray, der ſo viel ſagen ſollte, als: Hier iſt ſchwer, auf be— gründete Thatſachen kommen! Hier gilt es, Geduld haben. Mach' den Herren dein Compliment! ſagte dei Blinde. Das iſt der Herr Stallmeiſter, das ein Ca⸗ ah em uch nuf heut einma ein Strauch Satan d ein gepreßte uf einen 8 3. N rrſinnige J ine Schweſ enommen, de! Dieſcl übertrug, d wie den I 4 de, hier me 9 Gib 6? Gi rte aber, auf Mun hwer, al 5, Gl 97 ouis. — 321 valier vom Fürſten. Wirſt doch wiſſen, wie Doktor Lehmann die Huffäule kurirte? Du haſt ja Doktor Lehmann's Bücher. Hol' ſie! Da im Schrank lie⸗ gen ſie... Die Alte faßte jetzt etwas Muth und wagte ſich vor. Wo iſt der Schlüſſel? Sie ſchüttelte den Kopf. Wo iſt der Schlüſſel? Louis merkte, daß ihm Urſula winkte. Er trat näher. Sie flüſterte ihm in's Ohr: Ich geb' ihm meinen Schlüſſel nicht, wenn er allein kommt. Wie das Geld aus Amerika kam, kam er auch allein. Da mach' ich nicht auf. Sein Junge muß Zeuge ſein. Was ſagt ſie da? fragte Zeck. Bleibt da, ſagte Louis entſchloſſen und führte Zeck an das Fenſter der ſchon dunkelnden kleinen Stube zurück. Bleibt ruhig! Eure Schweſter wird uns Alles ſagen. Herr, fuhr Urſula fort. Er hat nichts Gutes vor, venn er allein kommt. Er iſt ſchon öfters allein lurch den Wald geſchlichen... Kommt er denn jetzt allein, gute Frau? ſagte Wir ſind ja unſrer zwei mit ihm und Eure Freunde. Die Ritter vom Geiſte. VII. 21 322 Aber Ihr hört's ja, er will den Schlüſſel haben! Murray merkte aus dieſen Worten bald, daß Ur⸗ ſula noch ſo viel klare Gedanken hatte, um vor Jakob Zeck's Habgier ſich ſicher zu ſtellen. Er gedachte ſei— nes Geldes, das ohne Zweifel Veranlaſſung dieſes Mistrauens war. Louis folgte mit großer Geiſtesgegenwart der glei⸗ chen Betrachtung und ſagte: Das iſt recht, Frau Marzahn, daß Ihr Euer Geld verſchließt. Ihr müßt reich ſein. Aber gabt Ihr denn die dreitauſend Thaler, die Ihr einſt für das Kind Eures Bruders, der in Amerika geſtorben iſt, em⸗ pfangen habt, nicht auf Zinſen? Urſula ſtierte ihn auf dieſe Worte mit großen Augen an., Ach, Herr, ſagte der Blinde, die dreitauſend Tha⸗ ler legte ſie bei Marzahn's Leber an. Das Geld zehrte all der Durſt weg. Die Alte verſtand dieſe Bemerkung, lachte und er⸗ hob ſich jetzt, ihren Gäſten etwas vorzuſetzen. Ihr Herren, ſagte ſie, wollt Ihr trinken? Da, ſagte Zeck, nun hat ſie's! So ging's früher! Juchhei! Flotte Wirthſchaft! Die und dreitauſend Thaler! An Die hat ſie's hinausgeworfen, die ihr ſagten, daß ſie hübſch war. Zehn haben ſie heirathen V b iſſel haben! ſt d, daß Ue vor Jalot gedachte ſe⸗ ſung dieſe an der gle r Euer Ged abt Ihr denn r das Kn n if, en mit große muſend Jh 3 Geld zehl ichte und tzen. ien? ins fü dreitauſe rfen, n ſe han 323 wollen und Jeder zog ſie nur aus, bis ſie nichts hatte und ihren armen blinden Bruder hätte ſie verhungern ſehen können... 3 Wollt Ihr trinken, Jungen? fragte Urſula wieder mit ſchelmiſcher Lüſternheit. Louis ſchüttelte den Kopf. Er empfand ein Grauen vor dem Gedanken, von einer ſolchen Frau ſich etwas zum Genuſſe vorſetzen zu laſſen. Danke! ſagte er kräftig und ſetzte mit Entſchloſſen⸗ heit den Hebel an die Erinnerung der Alten, indem er fortfuhr: Marzahn war ſo durſtig und doch wollt' er nicht ein Ende machen und heirathen. Warum, Frau Ur⸗ ſula, wollt' er denn nicht heirathen? Aber die Antwort auf dieſe Frage blieb aus. Die Ideenverwirrung der Alten war ſo eigenthümlich, daß ſie kichernd zu Louis ſagte: Biſt ſchmuck Haſt doch auch ſchon ein Mädchen? Der Blinde lachte laut auf und machte den plum⸗ pen Scherz: Hei! So war's recht! Ja! Es iſt ein Freier für Dich, Urſula! Der Dreizehnte, wenn Du willſt! Herr, ſie wäre im Stande, noch mit Euch Hochzeit zu machen. Faßt ihr einmal an's Kinn! Ich wette, ſie hat mehr Haare am Kinn als Ihr unter der Naſe! 21* Ich kann mir denken, fuhr Louis den Scherz nicht beachtend fort, ich kann mir denken, daß Eure Freier, Frau Urſula, gefragt haben: Wem gehört denn der kleine hübſche Junge da? Iſt das Euer eigner lieber kleiner Taugenichts? Das iſt's! ſagte Zeck. Sie hörten dann, fuhr Louis fort, das iſt meines Bruders Kind. Was wollt Ihr? ſagtet Ihr. Es ge⸗ hört dem Bruder... Sie glaubten's aber nicht, fiel Zeck ein. Urſula hörte nur zu, wie wenn etwas ihr Wild⸗ fremdes beſprochen wurde. Und zu ſagen, von wem das Kind käme, wer die Mutter wäre, Das war durch einen Schwur verboten? Und durch das Geld, das ſie durchgebracht hat! ſetzte Zeck grimmig hinzu. Da war's dann Euer Sohn— Doktor Lehmann's Sohn! lachte Zeck. Murray ſchauderte, weil ihm von Wort zu Wort das Verhältniß ganz klar wurde. Und Marzahn war der ſchlimmſte Eurer Freier? fuhr Louis mit einer für Murray bewunderungswür⸗ digen Kunſt der Inquiſition fort. Der wollte nichts wiſſen von Doktor Lehmann's Sohn! O Das wäre der Teufel, ſagte Zeck, Der ver⸗ Scherz nicht Eure Freier, ört denn der eigner liebe z iſt meines Ihr. Es ge⸗ in. s ihr Wid⸗ 2, wer di me, wer ur verboten! gtract hatt ort zu Wen Freiel zurer Fan derungsvi wollte nith Zeck, ihr in's Ohr ſchreiend. 325 ſpielte ihr Geld und nannte ſie dann, wie man Wei⸗ ber nicht nennen ſoll, wenn ſtie's auch ſind— Wegen dieſes Kindes? Nein Herr, da war's ja ſchon todt, als Marzahn an die Reihe kam.— Es war ein andrer— der Vierte, der Fünfte. Wie alt wurde er denn, der kleine Wurm? Ich denke, ein anderthalb Jahre— nicht wahr, Urſchel? Du nahmſt es ja in die Stadt, als ich krank lag. Mir war ſchlecht damals, Herr. Als ich wieder Beſinnung faßte, war Paul geſtorben. Urſchel, Du haſt ja den Todtenſchein von Paul. Gib ihn mal her! Die Herren brauchen ihn. Paul ſoll erben. Wieviel denn, Herr? Wol an zehntauſend Thaler! weg, um aus de Zeck ſtarrte. ſagte Louis friſch⸗ n halben Thatſachen herauszukommen. Seine Augen riſſen ſich groß auf. Hört ſie wol ein Wort von Allem, was wir ſpre⸗ chen? rief er zornig. Gib den Todtenſchein vom Paul! Paul Zeck! Hörſt Du nicht? Urſula band ſich ihr Tuch vor'm Spiegel feſter und nahm dabei eine Nadel in den Mund. Den Todtenſchein vom kleinen Baron! wiederholte Urſula ſteckte ruhig die Nadel in das Kopftuch. 326 Warum lacht Ihr, Frau Marzahn? Iſt der kleine Baron wirklich todt? fragte Louis. Murray ſah geſpannt... Die Schweſter zeigte auf die dunkle Wieſe unter dem kahlen Ebereſchenbaum. Murray mußte aufſtehen, weil er in der Nähe des Fenſters ſaß und ſich gern zurückgezogen hielt. Wo iſt der kleine Baron? wiederholte Louis. Urſula that, als ſuchte ſie den kleinen Baron auf der Wieſe und lachte dabei. Sie iſt verrückt! ſagte Zeck. Im Sommer ſagte ſie einmal zu mir: Jakob, ſagte ſie, ich habe den Baron geſehen; ſie meinte unſern Bruder, und zeigte auf einen Baum, der da auf der Wieſe ſtehen muß. Da hätte ſie ihn im Mondſchein geſehen. Louis und Murray fühlten, daß hier ſchwer, ja unmöglich eine vernünftige Auskunft zu finden war. Sie konnten daher nichts dagegen haben, daß der Blinde den Hammer nahm und an einen kleinen Schrank, der neben einer alten Uhr an der Wand hing, mit furchtbarer Gewalt einen Schlag verführte. Urſula ſprang jetzt hinzu und ſchrie. Geld hat ſie nicht! ſagte Zeck wüthend und auf den Schrank ſchlagend; das gibt ſie alles an die Männer. Dem Heuniſch, dem Faullenzer, ſtopft ſie's der kleine ieſe unter der Nähe hielt. ouis. Baron auf mer ſagte habe den und eigie tehen muß. ſchwur, nden wa 1, daß N ren kleine der Vm gvvejfü nd und d les un ſoyſt i 327 ein, ſeit Jahren, daß ſie wie toll in ſeinen rothen Bart verliebt iſt. Aber Papiere ſind da. Den Todten— ſchein vom Paul muß ſie haben! Urſula ſchrie und rang mit dem Bruder; doch ſchon war der kleine Schrank aufgeſprungen und Pa⸗ piere, Bücher, Flaſchen, Büchſen fielen wirr durch einander herunter. Es war ein trauriger Anblick, zu ſehen, wie Ur⸗ ſula mit dem Blinden rang, um ihn von der Zerſtö⸗ rung und der Durchſuchung dieſer Gegenſtände ab⸗ zuhalten. Murray erfaßte ein Grauen. Er erkannte einige dieſer Büchſen und Gläſer. Sie ſtammten aus ſeiner früheren Kupferſtecherwerkſtatt her und enthielten ätzende Gifte. Rührt nichts an! ſchrie Zeck. Es iſt Gift! Die Here will den Schein nicht geben! Sie will ſagen, der Paul lebt noch! Dabei wühlte die ſchmutzige Hand in dem Schrank und trat Alles, was ihr vorkam, mit Füßen. Zurück! donnerte Louis jetzt und ſchleuderte den zum Thier entfeſſelten, habſüchtigen Blinden mit ju⸗ gendlicher Kraft bei Seite. Zurück! Nicht einen Fetzen hier angerührt, nichts hier zerſtört! Ich faßte aber ein Buch! ſagte Zeck faſt zur Erde 328 taumelnd. In dem Buche liegt der Schein. Es iſt ein Doktorbuch. Ich habe den Schein ja nie ſelbſt geſehen, aber vor zwei und zwanzig Jahren hat ſie ihn mir vorgeleſen... Was iſt das für ein Buch? ſagte Louis, ſich mit Ruhe und Faſſung zu Urſula wendend und Eins nach dem Andern vornehmend. Als die Alte das Buch ſah... es war ein Ge⸗ ſangbuch mit goldnem Schnitt... fing ſie plötzlich an zu zittern... Was habt Ihr? fragte Louis. Urſula ſtöhnte, ja ſchluchzte faſt... Alle ſtarrten vor Befremden... Die Alte nahm das Halstuch ab und trocknete ſich damit die Augen.. Das Geſangbuch hüllte ſie dann in das Tuch... Murray hielt ſich immer ſtill und ſtützte den Kopf auf... Warum weint Ihr, Urſula? fragte Louis entſetzt. Statt der Antwort machte die Alte Töne, als ahmte ſie Kirchenglocken nach. Zeck ſchwieg erſchrocken und wandte ſich ab... Das iſt ein Geſangbuch, mit dem man Sonntags in der Frühe in die Kirche geht, ſagte Louis. Die Alte nickte und fuhr raſch fort: 1. Es ſt nie ſelbſt en hat ſie z, ſich mit Eins nach ar ein Ge⸗ plötlich an Alte nahm die Augen. Luch.. te den Ko vis ent Töne, 9s. n Sonnie puis. ſett dl wie ein taumelnder, 329 Es iſt gleich neun— der Pfarrer wartet ſchon — ha ha— da, den Strauß hatte ſie in der Hand— Louis griff nach einem verwitterten, ganz vermo⸗ derten alten Blumenſtrauß, den Urſula in der Hand hielt... Hal ſchrie Urſula auf. Da! Da! Da liegt ſie! Unten! Ha, ha, ha! Wer? fragte Louis wiederholt. Statt zu antworten, trat Urſula ſcheu an Louis heran und flüſterte, indem ſie hinterwärts der Richtung der Sägemühle hinzeigte: Da! Da! Wovon ſprecht Ihr denn, Frau? Beſinnt Euch? Sie ſang wieder Glockentöne und ſetzte ſich dabei, weil ihr ſchwach wurde... Zeck ſchwieg erſtarrt. Louis behielt das Geſangbuch und den Blumen⸗ ſtrauß zurück, ſah aber, daß ihm Murray einen Wink gab, den Bruder zu beobachten. Dieſer hatte ſeit dem Geſangbuch, dem Glockenton, der Erinnerung an einen Sturz vom Felſen alle Beſinnung verloren. Er ſtand bewußtloſer Stier, den die Art des Fleiſchers vor die Stirn getroffen hat und der noch nicht völlig ohne Leben iſt. Nur krampfhaft ſtreckte er die Hand hinaus, als wollte er dieſe hier „etwa nach 8 330 unvermuthet getroffenen Gegenſtände, die Louis be⸗ trachtet hatte, faſſen. So blieb die Hand ihm wie hängen. Murray wagte den Gedanken, daß hier eine Schuld, eine Mitſchuld an irgend einer Unthat vor⸗ läge, nicht auszuſprechen. Wußte er doch nicht, worauf ſich dieſe Andeutungen, dieſe Reliquien bezogen! Aber Erſtaunen mußte es ihm verurſachen, daß der Schmied ruhig geſchehen ließ, wie Louis im Schranke weiter ſuchte und forſchte. Ich finde nichts, ſagte Louis. Da ein Kamm von Schildpatt mit weißem Elfenbein verziert— Bruder und Schweſter erwiderten nichts. Ein ſchöner Kamm! ſagte Louis. Trugt Ihr den früher, liebe Frau? Urſula ſchüttelte ſich und meinte jetzt: Er brennt ja. Der Kamm brennt? Wie kann der Kamm bren⸗ nen? fragte Louis. Murray horchte hoch auf. Fragt Den da, ſagte Urſula und zeigte auf den Blinden, der in der That den Kamm ſo von ſich weg⸗ hielt, als ſtünde er in Flammen. Sein Athem keuchte. Er kam jetzt in Bewegung und ſuchte das Fenſter. Urſula kam dem zum Tod erſchrocknen, über die⸗ Louis be⸗ d ihm wie hier eine Unthat vor⸗ cht, worauf ogen! Abel der Schmic ranke weite Kamm vohnt 15 1 rugt Iht d Kamm bie gte auf von ſih lihem kalt 15 Fenſte thel en, 1 331 ſen⸗Inhalt des Schrankes entſetzten Blinden zuvor, riß das Fenſter auf und rief: Ihr erſtickt, Leute! Macht fort! Kamm brennt! Die Stube brennt! Linchen brennt! Jakob! Jakob! Weiter konnte Urſula nicht. Jakob Zeck, der wü— thende Blinde, warf ſich auf ſie, wie man auf einen brennenden Gegenſtand das erſte Beſte wirft, um die Flamme zu erſticken. Er warf die Alte zu Boden, trat ſie. Murray hielt ſich nicht länger. Er ſprang auf, faßte den Blinden rückwärts und ſchleuderte ihn mit einer Kraft zurück, über die Louis erſtaunen mußte. Louis ſteckte den Kamm zu ſich, dann ſchloß er das Fenſter, ohne darauf zu achten, daß es ihm war, als hörte er in der Ferne Pferdegetrappel. Er er⸗ ſtaunte über Murray, der im Begriff ſchien, ſein In— cognito aufzugeben und mit dem Terzerol in der Hand daſtand. Der Anblick dieſer Papiere, die viel— leicht über ſeinen Sohn Auskunft geben konnten, er— griff Murray ſo gewaltig, daß er den auf dem Boden wühlenden Bruder faſt mit Füßen ſtieß und ſich der Vapiere, die er zuſammenraffen konnte, ſchnell be— mächtigte. Zeck, der im Ringen mit ihm bemerkte, Fort! Der Die Gardine! aß es nicht Louis war, der ihn niedergeworfen, er⸗ lob ſich und hielt ſeinen Hammer empor. 332 In der Linken das Geſangbuch, in der Rechten ſeinen Hammer, rief er, die Beſinnung verlierend: Mörder! Diebe! Urſula, laß die Hunde los! Die Papiere heraus! donnerte Murray. Ihr ſeid Mörder! Urſula ſprich! Wer verbrannte? Wer ſtürzte vom Felſen? In dem Augenblicke nahte ſich aber der wüthende Zeck mit ſeinem Hammer, holte aus und würde in ſeinem Irrthum Louis, der ihm zunächſt ſtand, un⸗ fehlbar tödtlich getroffen haben, wenn nicht Murray ihn mit der Linken— in der Rechten hatte er das Terzerol— ergriffen hätte. Halt' ihn! Halt ihn! ſchrie Urſula. Er weiß es! Nantchen's Geſangbuch! Wo iſt das Geſangbuch! Linchen's Kamm! Ha, ha! Jakob, nun iſt's doch all' eins! Nun holen ſie uns doch! Sag's Jakob! Oder ſoll ich's ſagen? Murray ließ die Hand ſinken. Aber nur einen Augenblick. Der Blinde hatte die Stelle gemerkt, wo die Schweſter ſtand. Er hörte, daß ſie Angaben machte, die auf geheime Verbrechen ſchließen ließen. Er hob den Hammer, um durch einen tückiſchen Sei⸗ tenſchlag der Schweſter im Nu den Mund für ewig zu ſchließen. Murray blitzſchnell folgte der Bewegung und ſchoß, ohne zu überlegen, ſein Terzerol ab. der Rechten verlierend: der wüthene und würde ſt ſtand, u nicht Nund hatte er d Er weiß Geſangtut iſes doch 3 ber nur en gemerte ſie Angut Hleßen li lückſchen? dund für 16 der Bebh 3 nerol dh Jakob! Auferſtandenen? Euern Bruder Friedrich? Der Schmied ſank getroffen. Urſula ſchrie auf. Louis, der in den Papieren des Schrankes ſuchte, wandte ſich und ſah das Entſetzliche, das eben ge⸗ ſchehen war— Erkennſt Du mich? rief Murray nun dem zurück⸗ taumelnden und zur Erde ſinkenden Blinden zu, er⸗ kennſt Du mich? Die Stimme Deines Bruders ſpricht zu Dir! Urſula, hat die Macht des Wahnſinns Deine Sinne ganz geblendet? Der ſieht nicht und erkennt mich, Du ſiehſt und weißt nicht, wer mit Dir ſpricht? Der Schmied ächzte. Urſula riß geſpenſtiſch die Augen auf... Erkennſt Du mich, Jakob? So dröhnten die Mauern in unſrer Werkſtatt, wie jetzt, als Du die Erde zum letzten Male ſahſt. Hörſt Du mich, den Der Blinde antwortete nicht... er ächzte. Urſula hielt ſich am Ofen feſt und erkannte den Sruder noch nicht wieder. Groß ſtarrten ihre Augen auf ihn herab. Sie ſah den Niedergeſunkenen, ohne das Geſchehene faſſen zu können. Rettet Euch, Murray! Ihr ſeid verloren! rief Louis jetzt, der gleich nach dem Schuſſe an's Fenſter Ptreten war und die beiden Dragoner hatte heran⸗ 334 ſprengen ſehen. In der Ferne hörte er Stimmen. Die Hunde bellten und riſſen wie wüthend an ihren Ketten... Murray, was habt Ihr gethan? rief Louis. Euch und der Schweſter, der Unglücklichen, das Leben gerettet... Dieſer Elende! Falſchmünzer! Mör⸗ der! ſagte Murray und ſank entkräftet, keiner Gefahr achtend in ſeinen Seſſel. Was bedeuten dieſe Bewaffneten? Iſt es auf Euch abgeſehen? Ich beſchwöre Euch! Flieht! Das Dunkel wird Euch ſchützen! rief Louis. Statt aller Antwort erhob ſich Murray noch ein⸗ mal und trat dicht vor Urſula mit den Worten, die er ihr donnernd zurief: Urſula, habt Ihr Paul ermordet? Die Alte ſchüttelte den Kopf. Iſt das Kind todt? Verbrannt? Vom Felſen geſtürzt! Ein Augenblick Zeit war noch übrig; ſchon ſtan— den die Dragoner an der Thür draußen und lärmten, Menſchen liefen quer über die Wieſe herüber. Iſt Paul Zeck todt? wiederholte Murray. Die Alte ſchüttelte den Kopf. Ahl ſagte Murray. So hab' ich noch Pflichten und ſollte noch leben! Nein, Freund, dieſer Ueberfal gilt mir! Man ahnt, wer ich bin. Sehen Sie, ich er Stimmen zend an ihren f Louis. ücklichen, da nünzer! N keiner Gefe ſt es auf Eu Das Dunt ray noch dl Worten, zalen geſün ig; ſchon in erkenne die beiden Häſcher, die mich ſchon einmal ver— hafteten. Wohlan! Wohlan! Nach dem Tode dieſes Elenden dort, zu deſſen Richter mich Gott beſtellte, bedarf ich einen Ort der letzten Sammlung! Leben Sie wohl, Louis, und wenn Sie aus dieſen Papieren erfahren könnten— Murray! mußte Louis mit überſtrömendem Gefühle rufen und ſich ſchmerzzerriſſen an des unglücklichen Mannes Bruſt werfen. Murray küßte ihm die Stirn. Eine Thräne quoll aus ſeinem Auge. Nur kurz war dieſer Augenblick; denn ſchon war Murray ergriffen und die Scene verwandelte ſich in eine brutale Verhaftnahme, wie ſie ohne alle Rückſicht auf die obwaltenden Umſtände nur ſtattfinden konnte. Da ein Verwundeter, dort ein Schrank erbrochen, der geſuchte zweideutige Engländer, mit einem Mordge⸗ n und lärme erüber. turrah⸗ 4 1 5 h wvehr in ſolcher Situation gefunden... Louis hatte alle Kraft zuſammenzunehmen, der Gewalt dieſer ihn ſelbſt im ſonderbarſten Lichte darſtellenden Scene nicht uu erliegen. Schont dieſen Mann! rief er und drängte die bei⸗ den Geſellen, die bei Zeck gearbeitet hatten, zurück. Wer ſeid Ihr, daß Ihr wagen dürft, hier einzu⸗ deingen? 336 Bei Mördern und Dieben iſt Jeder zur Hülfe be⸗ rufen, ſagte der Eine. Uebrigens ſind wir Diener der Gerechtigkeit... Es waren Mullrich und Kümmerlein, die Polizei⸗ diener. Pfannenſtiel beſtätigte, daß Beide mit dem Auftrage hierherkamen, dieſem Manne mit der ſchwar⸗ zen Binde, der ſich Murray nenne und für einen Engländer ausgäbe, in ſeinen Unternehmungen um das Schloß Hohenberg herum aufzupaſſen. Schlimme⸗ res könne man wol nicht antreffen, als hier den Vor⸗ fall im Forſthauſe. Herr Louis Armand würde von ſeiner Zeugenausſage viel Umſtände haben... Sie wird ſehr einfach ſein, ſagte Louis. Dieſer edle Mann hat mir und jener Frau das Leben gerettet. Den Hammer ſah ich in des Blinden Hand, be⸗ merkte Pfannenſtiel. Das iſt richtig. Die Umſtände kann man nicht genau genug aufnehmen... Indem wurde Murray zwiſchen die beiden Dra⸗ gonerpferde genommen und gefangen fortgeführt. Louis umarmte ihn noch einmal mit Thränen. Die Umſtehenden machten eine eigne zwiſchen Spott und Erſtaunen gehaltene Miene, als Murray noch die Worte ſprach: Mein Freund, trauern Sie nicht! Sie kennen meine Lehre, meinen Glauben! Ich dulde gern, denn we Polize⸗ nit dem ſchwar⸗ reinen gen um hlimme⸗ en Vor⸗ rde von Dieſel gerette” and, be⸗ Umſtände den Drü- hrt. rtänen. zen Spol 1of noch j kennel ern, den 339 pung der beiden Geſellen in der Schmiede hatte Alles in Aufregung gebracht... Auf dem Schloſſe fand Louis die Sachen des ſchon weiter geführten Murray mit Beſchlag belegt... Der Juſtizdirektor empfing Louis in dem Eck— zimmer an dem noch offen ſtehenden Klavier und be— dauerte dieſe Vorfälle, die zu erleben, zu beobachten, zu unterſuchen, zu erörtern, ganz gegen ſeine Na⸗ tur ging... Herr von Zeiſel mußte mit dem Aktuar Weiße ein Protokoll aufnehmen. Louis unterſchrieb es und er⸗ zählte Alles, was er glaubte über Murray mittheilen zu müſſen. Er verſchwieg, daß Murray Zeck's und der Urſula Bruder war. Er ſchilderte ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit Murray als die harmloſeſte, geſtand zu, daß jener Alte aus Mistrauen und Lebensüberdruß ein Piſtok bei ſich führte und berief ſich als Urſache des Streites zwiſchen ihm und dem blinden Schmied auf eine Familienangelegenheit, die er erſt ſpäter den Gerichten glaubte mittheilen zu dürfen... Herr von Zeiſel blieb gütig und wohlwollend, fand es auch in der Ordnung, daß Louis vorzog, ſchon morgen in die Reſidenz zurückzukehren. Er ſelbſt wußte über Murray nichts, als daß höhern Orts zwei Po⸗ lizeiagenten wären aus der Reſidenz geſchickt worden, — ³40 um einen gewiſſen Murray, der an dieſen und jenen Dingen zu erkennen wäre, zu beobachten und im Falle zweideutigen Benehmens, beſonders aber im Falle einer Beziehung zu dem Schmiede Zeck und dem För⸗ ſterhauſe, ſogleich feſtzunehmen und in die Reſidenz zu ſenden... Louis mußte über dieſen Zuſatz ſehr erſtaunen und ahnte, daß ſich die alten gewaltigen Mächte ge⸗ gen den aus Amerika zurückgekehrten verhaßten Vater des verſchollenen Paul Zeck deutlich genug regten. Er hatte eine ſchlafloſe Nacht... Am früheſten Morgen weckte er die alte Brigitte und Winkler, gab ihnen Trinkgelder, die nicht ſeiner eignen Lage, wohl aber dem Orte, den er bewohnt hatte, angemeſſen waren und entfernte ſich, ohne Ab⸗ ſchied von Oleander zu nehmen, mit einer ſchon am Abend beſtellten Gelegenheit in der Stille von Hohen. 1 berg. Nur an Franziska ließ er zur Beſorgung einige geſchriebene liebevolle Worte zurück... Mit banger Wehmuth über unſre Erdenſchickſale, über fremdes in der Irre gehendes Hoffen und ſein eignes ſo Viel verfehlendes Streben, zog es ihn jetzt dahin, wohin man den unglücklichen Murray geführt hatte. 2 und jene d im Fal im Fal dem Fin Reſidenz erſtaune Mächte zten Val regten. te Brigit icht ſei er bewoh! „ohne! b ſchon d! oon Hoßel zung eini enſchicſt ſein ign jebt da hrt han Eilktes Capitel. Unterm Schnee. Die weiße Decke des Winters blieb und wuchs. Der Winter erſtarrte Alles, was in der Natur noch zu leben, irgend noch zu wachen verſuchte. Die wenigen zurückge⸗ bliebenen Vögel flüchteten den Wohnungen der Men⸗ ſchen näher, doch auch dieſe hatten ſich ſtrenger ver⸗ ſchloſſen und ſchienen ärmer an Liebe, ſparſamer min⸗ deſtens mit ihren freundlichen Gaben, ſelbſtbeküm⸗ merter in ſich zurückgezogen. Der Schnee lag ſo hoch, daß man die Dörfer aus ihren Decken kaum heraus erkennen konnte. Nur wo irgend ein warmer Hauch, aus der Küche, aus den Schornſteinen, ja, da wir auf dem Lande ſind, aus dem dampfenden Dunger entſtieg, öffneten ſich einzelne Falten des großen wei⸗ en Gewandes und verriethen, daß unter ihm etwas Le⸗ bendiges rißte. Bald geſellte ſich zum Schnee der Froſt, der ihn ballte und ſo kittete, daß er unter dem Fuß⸗ —.— 342 tritt und dem Wagendrucke kniſterte. Die Geleiſe, die in der vom Wind verwehten Schneedecke auf der Land⸗ ſtraße und im Walde nicht bleiben wollten, froren nun feſt. So kalt es war, ſo kam man nun doch eher zum Vorſchein, weil man feſte Wege fand. Da ſtan⸗ den denn die Bäume mit großen weißen Harniſchen gepanzert, die ihnen im Schneegeſtöber angeweht und dann gefroren waren. Die kleinſten Zweige hätten unter der Lupe betrachtet millionenfach wunderbare Kryſtalliſationen geboten. Wie glänzten dieſe zarten Kandirungen an der blutroth aufſteigenden Sonne, deren Strahlen nur Morgens, Mittags und Abends die Kraft hatten, durch den Nebel hindurchzudringen! Da wo ſonſt tiefe Abgründe und Klüfte waren, hatte ſie das Schneegeſtöber ausgefüllt und trügeriſche Bah— nen geſchaffen, die nur unter dem pfeilſchnellen Fluge des Wildes nicht nachließen. Man ſah die Spuren— des flüchtigen Wildes. Viele Jagdliebhaber, die für Wochen und Monate eine Licenz zum Schießen löſten, verfolgten ſie auf Umwegen. Auch die Klingeln der Schlitten belebten die erſtorbene Gegend, wie der Knall der Büchſen. Wer ſich jetzt gegenſeitig beſuchte, durfte vorausſetzen, freundlicher als ſonſt aufgenommen zu werden. Noch ehe die Erde zu harten Schollen gefroren eleiſe, di der Land⸗ roren nun doch eher Da ſtan zaarniſchen weht und ge hätten underbaue eſe zarten Sonne, Abende udringen. ren, hatt ſche B len Nluge e Spuen die fü en löſten ngeln de der Knal te, durfte mmen Ä ftorel geffole war, hatte ſie zu ewiger Ruhe zwei Entſeelte aufge— nommen. Die Müllerin und acht Tage ſpäter den blinden Jakob Zeck. Der Schuß war dem Schmied unter dem Schlüſſelbein eingedrungen. Die Sorgfalt Reinick's vermochte nichts gegen den Brand. Zwei ſo raſch unter ſolchen Umſtänden ſich folgende Begräbniſſe regten die Umwohner genugſam auf und laut genug wurden jene Todtengerichte gehalten, die jedem Sterbenden folgen, wenn auch nicht ſo feierlich wie einſt in Aegypten, und bei den Meiſten auch nur in Gedanken. Der Vikar Oleander aber hielt ſie in Worten an den offenen Gruben und achtete des Schnees und der Kälte nicht. Hatten doch auch die Menſchen noch gewußt, Blumen aufzutreiben, warum ſollte er mit Worten geizen! Sein ſchönes Talent, den Au— genblick und die Situation ſelbſt reden zu laſſen, be— währte ſich auch hier und Viele ſagten, daß er am Grabe des blinden Zeck faſt noch rührender geſprochen als an dem der Müllerin. Hier klapperte ja die Mühle fort, es fehlte dem Gatten Niemand! Da aber ſtand ein Sohn, der ſich, für ſo beſchränkt er ſonſt galt, im Verluſt ſeines(ihn führenden) Vaters wie ein Verzweifelnder gebehrdete und ſich mit wildem Schmerze auf den Sarg warf, um ihn nicht ſchließen zu laſſen! Da ſtand Heuniſch, dem der plötzlich wei⸗ ßer gewordene Schnurrbart rings vom Athem und der Kälte vollends gereift war! Er hatte Louis nicht mehr geſprochen und von Urſula, die zum Tode ge⸗ knickt ſchien, nur verworrene Aufklärungen erhalten. Da ſtand Franziska Heuniſch, die mit Selma eben ein trauliches Stillleben beginnen wollte, als ſie dieſer Fall beinahe wieder auseinanderriß! Doch hoffte Heuniſch, die Marzahn würde es noch bis zum März bringen. Auch zwang ihn die Jagd, viel Menſchen zum Treiben und Transport des Wildes ohnehin im— mer um ſich zu haben und oft kam er nun drei, vier Tage lang nicht mehr nach Hauſe. Da ſtand Herr von Zeiſel, der nur bedauerte, wie unklar ſich dieſer ganze Vorfall anlaſſe und wieviel es Correſpondenzen koſten würde, die Gerichte der Reſidenz mit den Er— gebniſſen der hieſigen Unterſuchung in Einklang zu bringen! Da ſtand auch noch Siegbert Wildungen,“ den Louis' plötzliches Verſchwinden ſchmerzlich genug, weil mit ſolchen Umſtänden verbunden, überraſchte. Alle hörten ſie Oleander's Betrachtungen mit Rüh⸗ rung zu. Er verſchwieg nicht, daß dieſer Todte we⸗ nig Freunde gehabt und Allen eher kalt, als warm erſchienen ſei. Er hätte die Liebe, die er nicht ge⸗ ſucht, auch nur bei Wenigen gefunden. So kam der junge Redner auf die Verſtockung des Herzens, und der ns nicht Lode ge⸗ erhalten. ma eben ſie dieſer h hoffte im Mänz Menſchen ehin im⸗ rei, vier nd Hen ch dieſer ondenzen den E⸗ klang nn Aldungen, h genug, erraſchte it Rüt⸗ odte we 8 warm nicht ge So fam Henzen 345 die hier eine Folge des leiblichen Gebrechens mochte gewe⸗ ſen ſein und ſprach mit großer Offenheit darüber, daß Die, die auch geiſtig taub ſind, die geiſtig nicht ſehen wollen, auch an ihrem noch beſſeren Theile einbüßen. Auch an Louis' Mittheilung, daß dieſer Blinde ſeinen Tod ſich ſelbſt zuzuſchreiben hätte wegen eines böſen An⸗ falls von Jähzorn und ſchlimmer Tücke, feſt und un— erſchütterlich ſich haltend, verſchwieg Oleander zur Warnung kein Fehl des Dahingegangenen und goß erſt zuletzt das milde Licht der himmliſchen Gnade, deren wir Alle bedürften, über ſeinen weihevollen Vortrag. Dem Sohne, ſagte er dann, zu ihm ſich wendend— die Umſtehenden berührten den Tauben, um ihm zu ſagen, der Pfarrer ſpräche mit ihm— kann ich nichts ſagen, da ihm das Ohr für menſch⸗ liche Rede verſchloſſen iſt! Blicke hin und höre die Sprache, die du ſtehſt! Dieſe Erde— er zeigte auf die Grube— und jener Himmel— er zeigte empor — ſind Eines, ſo wir reinen Herzens ſind— er legte dabei die Hand an die Bruſt. Der Taube verſtand ihn und weinte. Er war in den Dreißigen und jetzt hülfloſer wie ein Kind. Als man vom Kirchhof heimging, hörte Siegbert noch ausführlicher, was ſich Alles im Walde zugetra⸗ gen hatte. Heuniſch und Zeiſel erzählten, auch Pfan⸗ nenſtiel trat näher. Allen fiel auf, daß aus dem kleinen Schranke der ganze Inhalt fehlte, den Heu— niſch freilich ſelbſt nie geſehen hatte. Das gewaltſame Aufſchlagen mit dem Hammer ſchien Allen erwieſen und Niemand bezweifelte, daß der Blinde ſein Schick⸗ ſal verdient hatte. Einen genaueren Zuſammenhang ahnte nur Ackermann wegen der von ihm aus Amerika gebrachten Summen. Was man aber von dem Eng⸗ länder Murray, von Louis' Urtheil und von der Schweſter denken ſollte, war auch ihm räthſelhaft. Wie dem auch ſei, ſagte Herr von Zeiſel zu Acker⸗ mann, es ehrt Herrn Oleander, daß er die gleiche Theilnahme der reichen Müllerin und dem, wenn nicht armen, doch wenig geachteten Schmied bewies. Ich denke an Stromer— ſetzte er mit einem Seitenblick auf die einſam wandelnde Pfarrerin, die nicht zuhörte, leiſe hinzu— ich denke an Stromer, dem alle dieſe Vorkommniſſe gering und ſeiner nicht würdig erſchie— nen und bei allem Geiſte, den ihm Niemand ab⸗ ſprechen wird, keine feſſelnden Worte abgewannen. Es fehlte ihm wol das Herz! ſagte Ackermann. Ich möchte auch Das nicht ſagen, bemerkte Herr von Zeiſel. Er ſchreibt doch in den Blättern mit großer Empfindung. Die Briefe an die Seinigen ſind oft kurz und zerfahren, oft aber auch voll Rührung.., s dem der liſame wieſen Schick⸗ nhang merika 'Eng⸗ in der aft. Acker⸗ gleiche nicht . Ich tenblick uhörte, e dieſe elſchie⸗ dd ab⸗ nen. ann. e Herl in mit en ſid runge 347 Vielleicht über ſich ſelbſt, bemerkte Ackermann. Nenne man Das doch nicht Herz, wenn ein Menſch leicht in Thränen zerfließen kann! Ich habe Frauen gekannt, die viel weinten und die doch nur ihre Ner⸗ venſchwäche hätten für ihr Gemüth ausgeben ſollen. Stromer iſt voll Rührung über ſich ſelbſt. Er weint darüber, daß er weinen kann. Er bewundert ſich, wenn er voll Wehmuth einen Kirchhof oder den erwachenden Frühling betrachtet. O dieſe eitle Selbſtbeſpiegelung! Ich erkenne das Herz nur bei den Menſchen an, die im Stande ſind, aus andern Menſchen herauszuem⸗ pfinden und in ihnen wie in ſich ſelbſt zu leben. Oleander, der einestheils zu zartfühlend war, um ſich auf Koſten ſeines Vorgängers rühmen zu hören, andrerſeits die Gewohnheit hatte, nach dem Ernſte gern in einem ſcherzenden Tone ſich wieder mit der naiven, ihm eigenthümlichen Auffaſſung zu vermitteln, bemerkte: Ich will gleich ſehen, wer unter uns Herz hat! Da ſeh' ich Damen in Pelzwerk und Mänteln kom— men... Meine Frau, ſagte Herr von Zeiſel, Frau von Sänger und Fräulein Selma Ackermann. Ich ſehe ſchlecht, fuhr Oleander fort, wo geht Fräulein Selma?— Rechts, ſagte Herr von Zeiſel. Links, fuhr Ackermann fort, geht Siegbert Wil⸗ dungen. Ihr irrt! Rechts Frau von Sänger— bemerkte Oleander... Nein, nein, links geht Frau von Sänger! beſtä⸗ tigten Alle. Da meinte denn Oleander: Seht! Ihr Alle habt kein Herz! Wie könnt Ihr ſagen: es gehe einer rechts für Euch, da er doch links für ſich geht? Nach Herrn Ackermann's richtiger Theorie vom Herzen muß man Den, der uns begegnet, auch von der Seite aus kommend darſtellen, die ihm ſelbſt die linke, ihm ſelbſt die rechte iſt! Der Widerſpruch und der Scherz, den dieſe Be⸗ merkung hervorrief, wurde von den Damen abge— ſchnitten, die über die Kälte, über das lange Aus⸗ bleiben der Herren klagten. Frau von Zeiſel warf auf Siegbert ſo ſchmollende Blicke, daß er ſich wie— derholt für ſeinen erſt heute, acht Tage nach dem Diner wiederholten Beſuch entſchuldigte. Er erklärte, daß er ſich noch nicht von dieſer überraſchenden Ver⸗ änderung hätte erholen können: ſo widerſpräche Alles, was er zu finden hoffte, Dem, was er wirklich fände. nerkte beſta⸗ t Ihr links htiger egnet, ihm e Be⸗ abge⸗ Aus⸗ warſ wie⸗ dem klärte, Ver⸗ Alles, itklich 349 Frau von Sänger führte das Wort und ſchilderte den Fleiß und die in Anſpruch genommene Muße des jungen Malers mit einer Lebendigkeit, die Niemanden verdrießlicher war als der Juſtizdirektorin. Sah ſie ſich doch auch von Oleander, der mit Selma und Franziska allein ging, verlaſſen! Oben im Amtshauſe widmete man Allen, die das Begräbniß des unter ſo eigenthümlichen Umſtänden dahingegangenen blinden Zeck herbeigezogen hatte, noch einen ſolennen Nachmittagskaffee, dann trennte ſich Heuniſch, der als Leidtragender vom Juſtizdirektor mit freundlicher Herablaſſung eingeladen war, von Fran⸗ ziska und tröſtete ſich mit den Zerſtreuungen, die jetzt die Jagd, der Verkauf, die Ablieferung des geringen Wildprets mit ſich führen würde. Selma hatte Fran⸗ ziska ſchon ſo liebgewonnen und an ſich herangezogen, daß ſie ſich gern mit ihr iſolirte und ſonderbarerweiſe von allen Anweſenden Niemanden lieber den Rücken kehrte als Siegbert. Dieſer fühlte dieſe Zurückſetzung und bemerkte auch, daß Ackermann gegen ihn befangen war. Auf einem Schlitten fuhren die Ullagrunder früher von dannen; doch wiederholte Ackermann die Einladung an Siegbert. Wenn er noch in der Ge— gend bliebe, würde er ihnen doch einen Beſuch ſchen— ken? Der innige Händedruck, mit dem er ſchied, ſtand in Widerſpruch zu ſeinem Benehmen. Selma aber, die in ihrem Pelzkragen, ihrem Muff und dem blauen Schleier auf dem Sammthute recht„vollkommen“, wie es Frau von Sänger nannte, ausſah, verharrte ¹ in ihrem Gleichmuthe und verwundete faſt den von den Frauen etwas verwöhnten jungen Mann. Als der Schlitten fortgefahren, beklagte ſich Siegbert bei Oleander. Dieſer ſtand an einem entlegenen Fenſter und er⸗ widerte: Ich möchte behaupten, daß Selma ſelbſt nicht weiß, warum ſie Ihnen ſo ſein muß, wie ſie iſt. Bemerkten Sie denn auch die faſt abſichtliche Kälte? Abſichtliches bemerkte ich nichts, aber daß ſie vor Ihnen Scheu hat, eine unbewußte, ihr ſelbſt nicht klare, erkenn' ich wohl.. Wie iſt Das möglich? Was weiß ſie Schlimmes von mir? Daß ſich dieſe beiden verheiratheten Frauen mir theilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorſicht zeigen, iſt Das meine Schuld? Ich glaube kaum, daß Selma ſo urtheilt, ſo nur beobachtet. Sie beobachtet gar nicht und urtheilt noch weniger. 4 wie Frau von Zeiſel ſagte, oder„unternehmend“, aber, lauen ten“, end“, zarrte von Als t bei — Sie ſprechen ihr da die Bildung ab, die Sie doch ſelbſt an ihr vollenden wollen? Die Bildung? Iſt Beobachtung und Urtheil allein Bildung? Bildung iſt nur geſteigerte Empfänglichkeit. Selma verbindet Bildung mit Dem, was die Bildung nur zu oft verdrängt, mit dem Inſtinkt der Natur. Es iſt ein Weſen, das ich naturwüchſig nennen möchte. Sie verſtellt ſich nie, wenigſtens nicht mit Bewußtſein. Was ſie iſt, iſt ſie. Sie erſchrickt, wo ſich Andre be— kämpfen. Sie liebt und haßt nicht einmal. Sie fühlt ſich nur angezogen oder fühlt ſich nur abgeſtoßen. Wenn ich auf eine ſo reine Natur abſtoßend wirke, muß ich mich bekümmern. O, Das iſt nicht geſagt, Wildungen! Der Vater, ddeen Sie immer mehr ſchätzen würden, wenn Sie ihn recht erkennen wollten, hält auf magnetiſche Bezie— hungen im Menſchen. Es iſt möglich, daß grade das Gleichartige abſtoßend wirkt. Wer weiß, welche Ver⸗ wandtſchaft grade Schuld iſt, daß Sie auf Selma's Nerven einen Druck ausüben! Bin ich nicht in der gleichen Lage? Siegbert ſtockte. Er gedachte des Bruders und der herzlichen Theilnahme, mit der Dankmar ihm einſt von Selma Ackermann geſprochen. Wie gern hätte er ſich Selma durch die Erinnerung an ſeinen 352 Bruder empfohlen! Aber dafür, daß ihr Vater ihn einſt auf ſeinen Knieen wollte geſchaukelt haben, da⸗ für, behauptete er, wäre man zu ſpröde gegen ihn, zöge ſich zu ſehr zurück und ſo hatte er keinen Muth, ſeine perſönlichen Beziehungen zu erwähnen und durche die Erinnerung an den Bruder dieſen Menſchen näher zu treten, die ihm ohnehin viel zu ſtreng zu urtheilen ſchienen, als daß er gewagt hätte, auf Dankmar's in Hohenberg geſpielte Rolle zurückzukommen. Oleander's Liebe für Selma war erſichtlich. Sieg⸗ bert ſagte faſt ſcherzend: Und Sie, Oleander? Nach Allem, was ich zu beobachten glaube, liebt Selma ihren Lehrer. Oleander faſt erſchreckend, konnte nicht antworten, denn Frau von Sänger trat zwiſchen ſie und forderte Siegbert auf, ſeine gelehrten Geſpräche für ein ander Mal auszuſetzen. Mein guter Mann, ſagte ſie, treibt zur Rückfahrt. Er hat es nicht über ſich gewinnen können, Ihre Rede zu hören, Herr Vikar. Er liebt die Kirchhöfe nicht, auf die er bisher nur immer ſeine Frauen ſchickte. Ich bin die dritte. Er wird auch mir Erlaubniß ge⸗ ben, noch vor ihm dort hinzugehen. Welche Melancholie, gnädige Frau! bemerkte der Vikar. aater ihn ben, da⸗ gen ihn, n Muth, nd durch en näher urtheilen ankmar's h. Sieg⸗ ich zu tworten, fordente in andel kückfahrt. hre Rede fe nicht, ſcic bniß ge⸗ erkte di 35³ Ach, dieſer Winter! Dieſe kalte Luft! Dieſe öde Ein⸗ ſamkeit! Dieſe treuloſen Freunde, die, wie Herr Wildun⸗ gen, ſo einmal in dies elende Landleben hereinſchneien und dann gleich täglich vom Abreiſen ſprechen! Ja, lieber Oleander! ſagte Siegbert. Mein Bild in Randhartingen iſt faſt vollendet. Am dreizehnten will ich in Schönau ſein, wo die Kirche eingeweiht wird. Ich denke dann zurückzureiſen... In Schönau ſehen wir uns noch, bemerkte Olean⸗ der. Ich wohne dem Feſte bei... Iſt es nicht fürchterlich, mit ſo viel kaltem Blute vom Abreiſen zu ſprechen, bemerkte die junge, friſche, liebenswürdige Frau, die in der That eine große Nei⸗ gung für Siegbert gefaßt zu haben ſchien und ſie un⸗ ter Scherzen zu verbergen ſuchte. Warum nur ſich, dem Vergnügen, der Reſidenz leben? Wir verderben Ihnen freilich die künſtleriſchen Anſchauungen! Ihre Phantaſie leidet hier, Ihr Schönheitsſinn verdirbt beim Anblick... Der ſchönſten Blondine, die ich kenne, bemerkte Siegbert, nur um frei zu kommen. Nein, gnädige Frau, ich leide, weil ein geliebter Bruder nicht ſchreibt, weil mich Verhältniſſe verwickelteſter Art, allgemeine und perſönliche Intereſſen, mit Gewalt in die mir ver⸗ haßte Reſidenz zurücktreiben... wie gerne würd' ich... Die Ritter vom Geiſte. VII. 23 Herr von Sänger hatte ſich erhoben und ſtützte ſich auf ſeinen alten Krückſtock. War es einmal ſo weit mit ihm gekommen, ſo durfte nicht zu lange ge⸗ zaudert und geplaudert werden. Vorwärts! kommandirte er mit militairiſchem Brummbaßtone, hinter dem aber die gutmüthigſte Be⸗ quemlichkeit verſteckt war. Vorwärts! Madame! Monsieur! Das gibt einen Winter 1812! Ich fühl' es! Mein Rheumatismus bekommt hiſtoriſche Er⸗ innerungen... Und als man ihm ſeinen großen Pelz umwarf, ſagte er: In einer ſolchen Schur jagte Napoleon an uns vorbei, als es rückwärts ging... Adieu, Frau von Zeiſel! Schöne Hebe, was muß Ihnen ſo wohl ſein in Ihrem heißen Blute! Mit ähnlichen derben Späßen ging er voran. Siegbert und Frau von Sänger folgten. Der Bediente trug Mäntel und Pelze. Siegbert war nicht in dem Grade abſtract, daß er für die kleinen Koketterieen einer hübſchen Frau un⸗ empfindlich geblieben wäre. Aber ſein Innerſtes wurde nicht davon berührt. Es gibt ſogar eine Art von Courtoiſie im Umgang mit gefallſüchtigen Frauen, wo man in die Lage kommen kann, um nicht zu verletzen, ind ſtutzte einmal ſe lange ge⸗ tairiſchem higſte Be⸗ Madame! Ich fühl iſche Er⸗ umwarf, an uns Frau von wohl ſein er voran. Bediente t, daß er Frau un⸗ tes wurde Art von auen, o verlehen ³M— rückſichtsvoll zu ſein. Dankmar wenigſtens hatte ein⸗ mal zu Siegbert geſagt:„Der Henker hole unſre Gutmüthigkeit! Hätt' ich nur all' die Zärtlichkeiten wieder heraus, die ſich Einer Anſtands halber mit Ge⸗ walt auferlegt, um dem holdeſten Geſchlechte nicht wehe zu thun! Schon die verdammte Gewiſſenhaftigkeit bei übereilt bewilligten Stelldicheins! Dieſe zarte Scho⸗ nung, Beſuche zu wiederholen, wo uns ſchon der erſte Mühe machte, der erſte Ueberwindung koſtete! Wir ſind zu gut, zu vornehm, Bruder! Wir zahlen immer gleich mit blanker Silbermünze, wo ein paar Kupfer⸗ heller vollkommen genug wären.“ Wenn man Briefe mit ungeduldiger Sehnſucht er— wartet, genießt man Das, was inzwiſchen das Leben noch ſo Angenehmes bietet, nur halb. Beziehungen zu dem Arzte Reinick, die reiche Bequemlichkeit bei Herrn Anverwandter, der Humor des alten Haupt⸗ manns und Rentmeiſters, die nur zu ſehr entgegen⸗ kommende Liebenswürdigkeit ſeiner nicht völlig ober⸗ flächlichen jungen Gattin, alles Das unterhielt wol Siegbert, während er malte; aber daß ihm Briefe fehlten, machte nichts gut. Endlich ſchrieb ihm der nach Schönau zurückgekehrte Ortsvorſtand Marr, daß er ſich beeilen möchte, zu dem Kirchenfeſte zu kommen, auch wäre Manches für ihn inzwiſchen angelangt... 23* „ Da nahm er denn eiligſt Abſchied und vorläufig für den ganzen Winter. Er ließ aus Gutmüthigkeit Frühlingsverheißungen für Frau von Sänger zurück. Sie glaubte ihnen nicht. Er erlebte wirklich, am Abend vor ſeiner Abreiſe(Oleandern hoffte er in Schönau zu finden), daß die hübſche Frau erſt ſcher⸗ zend von ihm Abſchied nehmen wollte, dann aber im Lachen weinte und zuletzt in wirklichen Thränen ſo zer⸗ floß, daß er ſie ängſtlich an ſeine Bruſt ziehen und durch jene Zärtlichkeiten tröſten mußte, über die Siegbert nicht ſo leichtſinnig dachte wie Dankmar, der ſie An⸗ ſtandszärtlichkeiten nannte. Er machte ſich die Herz⸗ lichkeiten, die wirklich nur allein im Stande waren, den Schmerz der ſchönen Frau zu mildern, noch lange zum bitterſten Vorwurfe und fand es faſt gerechtfer⸗ tigt, daß ein reines unentweihtes Weſen, wie Selma Ackermann, vor ihm einen tiefgewurzelten Widerwillen verrieth. Dieſer Widerwille quälte ihn. Nicht, daß er ſeine Eitelkeit verletzte. Seit Oleander's tiefer Be⸗ merkung ſpornte ihn dieſe Thatſache, in ſein Inneres zu blicken und er zitterte faſt bei dem Gedanken, in Schönau ohne Zweifel Briefe von der Fürſtin Wä⸗ ſämskoi zu treffen! Er fand deren genug und die bitterſten Klagen, daß er nicht ſchriebe. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß — — d votläufig utmüthigkeit nger zurück. irklich, am offte er in erſt ſcher⸗ nn aber im anen ſo zer⸗ und durch je Siegbert der ſie An⸗ die Hetz⸗ nde waren, noch lange gerechtfer⸗ wie Selma Giderwillen cht daß er iiefer Be⸗ n Innelte danken, in iſtin Wi 3 Klagel falbſe d dieſe Briefe die wahre Empfindung Adelens nur zwi⸗ ſchen den Zeilen errathen ließen und nur plauderten, nur mittheilten. Von Olga ſprach ſie mit Entrüſtung und gab ſie und ihr Schickſal für immer auf. Er⸗ freulicher lautete, daß Rudhard mit den Kindern zurück— gekehrt war und wieder in ihrem Hauſe die Penaten hütete, wie Otto von Dyſtra es genannt haben ſollte. Von dieſem Letzteren erzählte Adele meiſt Barockes und erſchreckte Siegbert durch die Bemerkung, daß ſie vermuthe, er würde Olga nachreiſen und Helenen für den unverantwortlichen Eingriff in mütterliche Auto⸗ rität ernſtlich zur Rede ſtellen. Sie wohne noch vor'm Thore, erzählte ſie, gegenüber der jetzt allgefeierten Pauline von Harder, die ſich darin gefalle, den Staat, den Prinzen Egon und wer weiß wen Alles zu re⸗ gieren. Genauere Angaben über die für Siegbert ſo hochwichtigen politiſchen Fragen fehlten, doch fand ere im Grunde in allen Zeitungen mehr, als er zu wiſſen wünſchen konnte. Ja in unmittelbarſter Nähe ſah er die Agitation der neuen Wahlen, die wiederum ſo auszufallen ſchienen wie die früheren; denn noch war der Premierminiſter mit ſeinem neuen Wahlgeſetz nicht hervorgetreten... In einem Briefe, den er dann auch glücklicherweiſe von ſeinem Bruder vorfand, war darüber ausführlicher 358 geſchrieben. So ſehr ihn dieſer Fund erfreute, ſo lag doch in dem Tone dieſer kurzen Zeilen Dankmar's etwas, was er nicht verſtand. Dankmar war von Angerode wieder in der Reſidenz, ſprach von den gün⸗ ſtigeren Ausſichten des Prozeſſes, gab Mittheilungen über die fortſchreitende Entwickelung ſeiner Bundes⸗ ideen, hatte aber auch Wendungen wie dieſe gebraucht: „Mit betrübtem Herzen kam ich geſtern hier an und ſuchte für das ſchmerzlich Erlebte mich dadurch zu tröſten, daß ich mich mit erneuter Hoffnung in den Strudel der Thatſachen warf“. Und an einer andern Stelle:„Beeile deine Rückreiſe nicht! Sähen wir uns mit den noch blutenden Wunden wieder, unſer Schmerz würde endlos ſein! Ach, Siegbert, ich kann mir denken, was du empfandeſt, als du auch dieſen Beſitz aus unſerm Lebensbuche ſtreichen mußteſt“. Endlich hieß ees:„Die Trauerbotſchaft ſchrieb ich dir deshalb durch Einſchluß an Leidenfroſt, weil ich dachte: Entweder du biſt ſchon zurück, dann gibt er dir den Brief ſelbſt, oder du biſt noch in Randhartingen, dann legt er ihn an Herrn Ackermann bei, mit dem er in geſchäftlicher Verbindung ſteht.“ Welche Trauerbotſchaft! rief Siegbert außer ſich und durchflog den Brief noch einmal. Ein Brief iſt verloren gegangen oder liegt bei Ackermann! ute, ſo lag Dankmars war von den gün⸗ ttheilungen Bundes⸗ gebraucht: eer an und dadurch zu ng in den ner andem i wir uns et Schmerz nir denken, Beſit aus ndlich hieß halb durch Entwedel grief ſelſ egt el ih ſchäftiche außer ſich Briffi 3599 Sein erſtes Gefühl war an die Mutter. Sie iſt todt! ſagte er. Ich Unglücklicher! Was kann dieſer Brief ſo Jammervolles enthalten? Starb ſie, während du tändelteſt? Was ſollſt du thun? Er durchlas wohl zehnmal den kurzen flüchtigen Brief des Bruders, deſſen Ton vollkommen auf die Möglichkeit paßte, daß er ihm in dem verlornen das Erſchütterndſte, das Herbſte mitgetheilt hatte... Zu ſeinem Troſt kam wenigſtens Oleander mit der Botſchaft nach Schönau, daß Ackermann einen Brief für ihn wirklich empfangen hatte, den Jener in der Vorausſetzung, Siegbert kehre nach Randhar⸗ tingen wieder zurück, deshalb nicht mitſchickte, weil Siegbert, wie man wohlwollend und gütig geſagt hatte, ihn ſelbſt im Ullagrunde abholen ſollte. Sie ſehen, wie warm Ackermann für Sie empfin⸗ det, ſchloß Oleander. Freilich, hätt' er ahnen können, was dieſe Zeilen vielleicht enthalten... Siegbert war in einer Stimmung, die ihm un— möglich machte, irgend eine der vielen freundlichen Einladungen anzunehmen. Am liebſten wär' er gleich nach der Reſidenz zurückgereiſt und doch war dieſe Ent— fernung dreimal weiter als die nach dem Ullagrunde. Er wußte nicht, was er vorziehen ſollte! Der Ge— danke, daß ſeine Mutter geſtorben, ſtand ihm ſo feſt, 360 daß ſeine Augen nicht mehr trocken wurden. Er aß nicht, er lag zuſammengekrümmt und weinte. In der neuausgebauten Kirche, die am folgenden Morgen trotz der Kälte dicht mit Menſchen überfüllt war, hingen die von ihm wiederhergeſtellten Bilder. Der Geiſtliche des Ortes predigte. Nach der Predigt ſollte ein großes Feſtmahl ſein. Von dieſem ſchloß ſich Siegbert und ihm zu Liebe auch Oleander aus. In die Kirche aber ging er mit zerknirſchtem Herzen. Glücklicherweiſe war die Predigt trocken und löſte ihn nicht ſo auf in Wehmuth, wie der Ton der Orgel und der Geſang der Gemeine. Seit des Vaters Tode hatte er keine Kirche mehr beſucht und nun er zum erſten male wieder unter Andächtigen mit einem räth⸗ ſelhaften dunklen Schickſal ſaß, fühlte er, nur ihr Tod, ſonſt konnte nichts eingetroffen, nichts Anderes ge⸗ ſchehen ſein. Da ſein Zuſtand Niemanden entgehen konnte, ſo billigte man mit dem größten Bedauern, daß er gleich nach der Feierlichkeit und einem kleinen ihm von der Ortsbehörde gewidmeten Frühſtück ſich in den Schlitten ſetzte, mit dem Oleander geſtern gekommen war. Auch die ſchnelle Entfernung des jungen Vikars, der ihn durch⸗ aus begleiten wollte, that Allen leid. Gegen Mittag, während es wieder zu ſchneien anfing, fuhren ſie ab. n. Et aß Während der durch den friſchgefallenen Schnee be⸗ c. ſchwerlichen Fahrt erzählte Oleander, um Siegbert zu folgenden zerſtreuen, von ſeiner Jugend, ſeinen bisherigen Lebens⸗ überfüllt ſchickſalen. Wie er der Sohn armer Eltern im Wür⸗ en Bilder. tembergiſchen wäre, die Beide nicht mehr lebten, wie er Predigt er ſich mühſam hätte emporarbeiten müſſen und das ſem ſchloß Meiſte ſchwerer und ſteiler gefunden hätte, als er inder aus. anfangs dachte. Er wäre durch eine Hauslehrerſtelle n Herjen. nach dem Norden gekommen. Auf der Univerſität z boſe ihn hätte ihn anfangs auch jene Theologie am meiſten an⸗ der Otgel gezogen, die die modiſche, von der Regierung beſchützte ters Tode war. Doch hätt' er ſich ihr abwenden müſſen, da ihm ſein poetiſcher Sinn dabei verkümmerte. Dieſen hätten er zum n 27 ſchon früh Lehrer und Freunde gepflegt und beför⸗ rihr Tod, dert, aber er wäre dabei ſo glücklich geweſen, niemals ders ge Ueberſchätzer und ebenſowenig Unterſchätzer zu finden. Am nachhaltigſten hätte auf ihn ein Freund gewirkt, lunte, ſ der muſikkundig war und ſeinen Verſen Klänge unter⸗ ja glit legte. Da hätt' er bald erkannt, was die Seele er⸗ 1 ven der greife und befriedige. Ach, ſchloß er, wir ſind in Zülitn Todeserinnerungen! Auch Der iſt hin! Sein ganzes 1Sch) Auch Leben war Harmonie. Er verklang ſo in das große l. th All', das doch wohl das irdiſche Nichts iſt! Oft hör' 1 — ich ihn in den Lüften um mich her ſäuſeln! Je ein— V 1 8 4 ſamer, deſto näher. Wenn ich allein bin, hör' ich den 362 Ton ſeiner Geige oder er ſummt am Klavier eine Melodie. Und was ich dichte, das muß gleich ſo ſein, als ſäng' es mir mein Wilhelm! So verkling' ich in ihm und er klingt in mir. Siegbert konnte ſich zu dem Leide, das er erwar⸗ tete, nicht feierlicher vorbereiten. Seine Augen wein⸗ ten; aber den Troſt, der ſie trocknen konnte, fühlte er ſchon ſich nahen bei des Gefährten ſanften Worten. Der Vikar erzählte dann, wie er in der Reſidenz und auf dem Lande lange als Hauslehrer hätte wirken müſſen, wie er zur Heimat hätte zurück wollen, dann ſich aber einer Begünſtigung ſeines verlaſſenen Schick⸗ ſals zu erfreuen gehabt hätte, als er mit Propſt Gelb⸗ ſattel bekannt wurde. Er gab ihm das Zeugniß eines geiſtreichen, umſichtigen, anregungsfähigen, nur zu ehr— geizigen Mannes, mußte aber zu ſeinem Kummer ge⸗ ſtehen, daß den Ausſchlag für ihn nicht die Anerken⸗ nung ſeines etwaigen Verdienſtes, ſondern der Glaube gegeben hätte, er intereſſire ſich für eine der Töchter des Propſtes. Bekannt mit dem Sohne deſſelben, ſagte er, kam ich in ſein Haus und war auf ſeine Schweſtern prüfend aufmerkſam. Ich habe in mir den ſtillen Vorwurf, daß man vielleicht glaubt, wenn dies Vikariat für Guido Stromer vorüber iſt, würd' ich zurückkehren und mich um die älteſte Tochter des 363 lavier eine Propſtes bewerben. Und wie weit bin ich davon ich ſo ſein, entfernt! ing' ich in Siegbert kannte dieſe jungen Damen von der Wein— leſe bei Adele Wäſämskoi und verglich ſie mit Selma. er erwar⸗ Der Schmerz macht aufrichtig und lehrt uns, jede gen wein⸗ formelle Rückſicht leichter fahren zu laſſen. Er konnte „fühlte er nicht umhin, mit kurzen Worten geringſchätzig von den Worten. Gelbſattels zu ſprechen und ſie gegen Selma gehalten r Refiden, mit den Krähen zu vergleichen, die man eben auf den itte wirke Feldern krächzen hörte. len, dann Oleander winkte Siegbert, auf den Knecht Rück⸗ en Schic⸗ ſicht zu nehmen, der ſie fuhr. Dieſer hatte ſich aber dpſt Gell ſeinen Mantel ſo dicht über die Ohren gezogen, daß giiß ine Siegbert vorausſetzen konnte, von ihm nicht verſtanden 9 zu werden, wenn er mit leiſerer Stimme fortfuhr: nur zu ehr⸗ unmet ge Wie würde Ihr Gemüth leiden, wenn Sie in die „Areriay Lage kämen, mit ſolchen in Glanz und Anſprüchen der Glaube auferzogenen Mädchen in Verbindung zu kommen oder er Töchter wol gar ihnen verdanken zu müſſen, daß Sie Beför⸗ reſebe derung erhielten! Ich kenne dieſe Mädchen. Sie ſind lil wie jetzt die meiſten. Entfernt von jeder Idealität und auf I nur der raffinirteſten Geſelligkeit hingegeben. Theater, 6 ian Putz, Bllle ſind die Gegenſtände ihres Geſprächs. rubl, 9 Welch' ein Engel dagegen Selma! Wie lieblich die iſt, jungfräuliche Erſcheinung! Wie klug dies Auge und kochler di 364 wie träumeriſch zuweilen jene Blicke, die ſie nicht be— obachtet glaubt. Wer ſo zu ſcherzen weiß wie Selma, kann auch tief ernſt ſein. Sie hat eine Abneigung gegen mich und ich weiß nicht, gerade darin find' ich einen Reiz, einen Werth mehr. Ich fühle, daß ich den Glauben eines reinen, unſchuldigen Mädchens nicht mehr verdiene und ich bin gewiß, jemehr ich vielleicht ihr zu gefallen ſuchte, deſto mehr misfiel ich ihr. Und doch— Oleander ſchüttelte traurig den Kopf; denn Sieg⸗ bert verrieth wohl, daß Selma Oleandern nicht liebte. Ich vermuthe faſt, ſagte Oleander mit Traurig⸗ keit, daß ſie irgend ein ihr theuer gewordenes Bild im Herzen trägt. Irgend ein Mann muß ihr einſt begegnet ſein, dem ſie mit träumeriſcher Innigkeit nachhängt. Siegbert horchte auf... Die Andeutungen ſeines Bruders hatte er nie fuͤr Ernſt gehalten. Was zweifle ich noch daran? Hat mir's denn der Vater nicht ſelbſt beſtätigt? Wer könnte Das ſein? fragte Siegbert geſpannt. Oleander fuhr fort: Kürzlich nach dem Mahle im Pleſſener Amtshaus ſprach der Vater in einer abendlichen Dämmerungs⸗ ſtunde mit mir darüber, daß ihm Selma Sorgen e nicht be⸗ vie Selma, Abneigung n find' ich , daß ich Midchens emehr ich nsfſ t enn Sieg⸗ ict liebte Tauig enes Bil Zihr einſ Innigkei ngen ſeines zdenn dii geſpann, Amtshale 4 mmerung a Solge mache. Dem jungen, von Louis Armand in ſein Haus empfohlenen Mädchen, hätte ſie ſich mit einer Leidenſchaft angeſchloſſen, die ihm verrathe, daß ihr das Bedürfniß der Hingebung mit mächtiger Gewalt innewohne. Er gerieth in eine ſo weiche, wehmüthige Stimmung, daß ich den Muth hatte, von meiner Liebe zu ſprechen. Er reichte mir die Hand und dankte für meine Aufrichtigkeit. Geben Sie die Stunden bis zum Frühjahr, ſagte er, dann kehren Sie doch wohl in einen andern Lebensberuf von Ihrem Vikariat zurück! Bekämpfen Sie ſich bis dahin! Ich glaube nicht, daß Sie Hoffnung haben. Siegbert ſchwieg. Selma, fuhr Oleander mit leiſer Stimme, da ihm der Knecht aufmerkſam zu werden ſchien, und weh⸗ müthig fort, Selma hat ſich, wenn ich die Andeu— tungen des Vaters recht verſtehe, in eine Neigung verloren, die eine unglückliche iſt. Sie liebt, ſagte mir Ackermann, wo ſie nicht lieben darf. Entſetzlich! ſetzte er mit faſt heftiger Betonung hinzu und erhob ſich in einer Aufregung, die mich verhindert hat, ſeither wieder auf dieſen Gegenſtand anders zurückzukommen, als in meinen einſamen Stunden, wo ich Selma Verſe widme, die ich ihr nicht geben darf. Siegbert empfand die tiefſte Theilnahme und mußte 366 Oleander's Hand drücken. Er fühlte, daß dieſe Hand ſehr groß, ſehr mager, ſehr knöchern war. Er kam jetzt erſt darauf, ihn nach dem Eindrucke zu betrachten, den er äußerlich wohl auf ein junges Mädchen machen durfte. Er hatte ihn ganz nur nach dem Geiſte be⸗ urtheilt. Nun ſah er wohl, daß dieſer edle Mann in einer unſcheinbaren Hülle wohnte. Wie lang und hager war Oleander! Wie ſtarkknochig das Geſicht! Wie erinnerlich wurde ihm ſeine nachläſſige Haltung, ſeine Kleidung ſogar wie unordentlich war ſie ſtets! Das lange Haar hing ihm ſchlicht unter der Mütze herab, die er tief über die klaren, durchſichtig glänzen⸗ den, faſt zu offen am Tage liegenden Augen gezogen hatte. Den Hut hatte er vor ſich auf den hohen, ſpitzen Knieen. Der Mantel war ſo abgetragen, als hätt' er ihn ſchon auf der Schule benutzt. Alle dieſe Betrachtungen, an die ſich Erinnerungen an Leidenfroſt knüpften, erfüllten ihn mit Rührung und dennoch wünſchte er, irgend einen Einfluß auf Selma zu be— ſitzen, um ihr zu ſagen: Sieh, Mädchen, Das iſt deine Aufgabe, dieſen Edelſtein zu ſchleifen, ſeinen Werth von der günſtigſten Seite an die Sonne zu bringen! Laß ihn an dir auch für die äußeren Formen der Ge⸗ ſellſchaft ſich bilden! Führe ihn ſanft und liebevoll, wenn es muß mit erlaubtem ſtachelloſem Scherze, auf 36 deſe Hand die Erkenntniß Deſſen, was ihm mangelt! Bilde einen r. Er kam Menſchen aus ihm, wie die Menſchen eben ſein ſollen betrachen, und laß dir's von ihm danken, daß du, ſeine Gott— hen machen heit, ſein zweiter Schöpfer wurdeſt! Geiſte be⸗ Er dachte nicht daran, daß Dankmar mit Selma e Mann in einſt ſich wirklich begegnen ſollte und ernſtlich von lang und ihrem Bilde befangen war... az Geſicht Das Schneegeſtöber hatte ſo zugenommen, daß der Schlitten erſt gegen Abend ſieben Uhr in Pleſſen eintraf. Es war eine große Aufopferung Oleander's, den neugewonnenen Freund, der inzwiſchen wieder in den ſtummen Schmerz der Erwartung eines bevor⸗ ſtehenden Unglücks verfallen war, noch bei ſolchem Wetter in den Ullagrund zu begleiten. Vor neun Uhr konnte man kaum dort, vor elf nicht zurück ſein. ze Haltung, er ſie ſtets der Mühe g glänzen⸗ een gezogen den hohen, tragen, a Oleander gab indeſſen im Pfarrhauſe, wo man Ale de erſtaunt war über ſeine frühe Rückkehr, eine An⸗ Sanah weiſung, in ſeinem Zimmer noch ein Bett aufzu⸗ n den ſchlagen. lma zu 8 Ich muß Sie bei mir haben, Wildungen, ſagte as iſt den er, Sie mögen nun erfahren, was der Himmel Ihnen nen Weli auch beſcheert... zu bringen Siegbert geſtand, wenn er den Tod ſeiner Mutter ꝛen der a erführe, könnte er nicht bei Ackermann's bleiben. Die — liebevel Fröhlichen würden unter ſeinem Jammer leiden, wäh— zcherze, α 368 rend Oleander ſich ſchon früh gewöhnt hätte, auch den Schmerz der Troſtloſen zu dulden. Ich glaube nicht, Wildungen, ſagte Oleander, daß Sie auf etwas ſo Schlimmes gefaßt zu ſein brauchen; allein wenn ich rathe, dann lieber mit mir zurück zu fahren, ſo iſt es deshalb, weil der Tod einer Mutter bei Selma Ackermann einen Kummer zurückruft, den der Vater noch oft bei ihr zu beſchwichtigen hat. Die Pfarrerin war erſtaunt über den Entſchluß, ſo ſpät noch in den Ullagrund zu fahren. Sie lud die Männer ein, hereinzukommen, ſich wenigſtens zu erwärmen, zu ſtärken durch irgend einen Nachtimbis. Doch zogen Beide auf Zureden des Knechtes vor, jetzt im Zuge zu bleiben und bald ging das ermüdete dampfende Roß im Schnee mit ſeinem Glöcklein weiter. Bald nach acht Uhr entdeckten ſie Licht in dem gefährlichen Dunkel des bahnloſen verſchneiten Weges. Es kam von Ackermann's Hauſe, wo der Vater, Selma und Fränzchen ſtill beiſammen ſaßen im Scheine einer kleinen Cylinderlampe. Selma häkelte eine Weih⸗ nachtsgabe für Oleander, Fränzchen ſtrickte, der Vater las in den Zeitungen und klagte über deren Inhalt, den er mit Bitterkeit auf Egon, als den Verſchulder all' dieſer Verirrungen, ſchob. Es iſt der doktrinäre Dünkel, ſagte er eben halb für hätte, auch leander, daß in brauchen, ir zurück zu iner Mutter ückuft, den gen hat. MEntſchlu n. Sie li enigſtens u Nachtimbe. nechtes vol das ermüdet cklein weiten ſict in de eiten Wege⸗ gater, Seln cheine eil Scheine eine Wit e, der Vun 6 Anl 1 eeen Inh Verſchlle bben hah ſich, der ihn ergriffen hat! Es ſind die Schulreminiſcenzen aus Genf, mit denen ſchon Guizot die Franzoſen ſo unglücklich machte! Wer ſagte nur dieſem jungen un⸗ reifen Manne, der einen Staat zu regieren ſich er⸗ dreiſtet, daß er es machen müſſe wie alle dieſe Staats⸗ thoren, eine Lehre, ein Syſtem, eine Theorie aufzu⸗ ſtellen! Dies unglückliche Europa! Wenn man es von der reinen blauen klaren Höhe Amerikas aus betrach⸗ tet, kommt es uns vor, wie ein Nebelball, deſſen er⸗ ſtickenden Dunſtkreis einige Lichter ſpärlich erhellen. Welch' ein Gewühl von Unſinn und Verbrechen! Ehe nicht Europa ſein Staatsleben vereinfacht und den Begriff des Staates ſozuſagen ganz aufhebt, Alles, was ein perſönliches Intereſſe am Staatskram hat, abſchafft, kommt kein Friede über dieſen im Verſcheiden begriffenen Erdtheil. Indem klingelte das Glöckchen des Schlittens. Das Gefährt gehörte wieder Ackermann. Man kannte ſchon das Glöckchen. Man kannte die Art des Knechtes, mit der Peitſche zu knallen. Die Hunde ſchon verriethen, daß es Martin war, der zurückkam. Iſt Oleander in Schönau geblieben? Iſt er nach Randhartingen zu Wildungen? So vermuthete man durcheinander, bis die Bot⸗ ſchaft kam, Martin wäre es wirklich. Die Ritter vom Geiſte. VII. 24 Oleander und Siegbert ſtiegen vor dem Hauſe aus, warfen ihre Hüllen ab und traten in das warme, trauliche Zimmer. Das ſonſt ſo behagliche Gefühl, eine Familie des Abends ſpät im Winter zu überraſchen, wo ſchöne Töchter im Hauskleide bei weiblichen Arbeiten ſich einfach und gemüthlich dem Blicke darbieten, konnte diesmal in Siegbert nicht aufkommen. Oleander erzählte ſogleich, da Siegbert ſchwieg, was ſie herbrächte, was ſie bekümmerte... Großer Gott, ſagte Ackermann, hätt' ich Das ahnen können! Damit öffnete er ein Schreibepult und gab Sieg⸗ berten den Brief, den er durch Einlage von Leidenfroſt empfangen hatte. Ihre Mutter, Wildungen, wäre todt? Karoline? ... Ich weiß, daß ſie Karoline heißt! Siegbert bemerkte nichts um ſich her. Er riß den Brief auf, begann einige Zeilen zu leſen und ließ ihn ſogleich fallen, weil ein Thränenſtrom aus ſeinen Augen ſtürzte. Er ſank auf einen Seſſel und legte den Kopf auf die Arme, die er über den Tiſch kreuzte. Ackermann trat an's Fenſter, ſchlug die Gardinen zurück und ſah in die Schneenacht, die keine Sterne glänzen ließ. rdem Hauſe Selma weinte. Fränzchen zog ſie an ſich, um ſie das warme, zu tröſten; doch war ſie zu ergriffen. Sie ſchluchzte, wie Siegbert, ſie verließ das Zimmer. Oleander ſtand ruhig und faltete die Hände. Ackermann wandte ſich dann und ſagte mit be⸗ wegter Stimme zu ſeinem Neffen, dem er ſich noch nicht enthüllen mochte: Muß Sie Das zu mir führen? Sammeln Sie ſich, junger Freund! Sehen Sie dieſe Winternatur! Die Erde iſt ein einziger Grabeshügel. Entbehren, Scheiden, Verlieren iſt unſer Loos. Nehmen Sie's wie etwas Erwartetes, Gewußtes! Es mußte ſo ſein. Siegbert gab ihm die Hand, ohne daß er zu ihm aufblicken konnte. Die einzigen Worte, die er ſprach, waren: Familie des wo ſchöne Arbeiten ſich ieten, konnte bert ſchwieg, tt' ich Das d gab Sieg⸗ n Leidenfroſt Mein armer Bruder! Ackermann fand dieſen Gedanken an den Bruder wahr und natürlich. 2 Karoline! Er 1 he Lieben Sie den Bruder ſo, ſagte er, daß Sie und ieh in ſeiner gedenken, wie er hat leiden müſſen, dieſes Todes aus Fin Zeuge zu ſein? Und dennoch iſt es ein Troſt, daß l und en Ihre Mutter einen ihrer Söhne um ſich hatte... als riſch runt b ſie dem Gatten folgte... te Gadinn Ackermann konnte nicht weiter ſprechen. Er mußte eine Stan ſich wieder zum Fenſter wenden 24* 372 Oleander erbot ſich, um ſogleich den ganzen Kelch zu ſchlürfen, Dankmar's Brief zu leſen. Siegbert gab dazu die ſtumme Erlaubniß. „Mein guter Siegbert“, ſchrieb Dankmar,„wenn ich ſo lange ſchwieg, that ich es aus brüderlicher Liebe! Ich ſagte dir, daß die Mutter krank iſt. Ich ſchilderte ihre Leiden geringer und mache mir jetzt Vorwürfe darüber. Faſſe dein Herz zuſammen, Siegbert: Unſre Mutter iſt nicht mehr. Dieſe Nacht entſchlief ſie ſanft nach heftigen Leiden, die mir das Herz zerriſſen. Wie ich nach Angerode kam, fand ich ſie ſchon auf ihrem letzten Lager. Sie hatte uns nicht betrüben, nicht in un⸗ ſerm Lebensgange ſtören wollen! Du kennſt ihr ſtarkes Herz, das wir oft anklagten, weil es nicht ſo weich zu ſchlagen ſchien wie das des Vaters. Ihr ſtarker Sinn war nur die Kraft des hochherzigſten Charakters. Wie ich kam und ſie auf dem Lager ſah, wollt' ich dich rufen. Sie erhob ſich und wollt' es nicht. Mein Siegbert, ſagte ſie, ſteht vor mir... ſo lehnte ſie ſich zurück und ich wagte nicht, ihrem befehlenden Worte zu widerſprechen. O Bruder, nun brachen zehn jammervolle Tage an. Jeden begrüßt' ich mit der Hoffnung, ein Lichtſtrahl würde in dieſe Nacht des Elends und der Leiden fallen. Vergebens, kein Wort des Arztes lautete tröſtend. Ich wachte an ihrem ganzen Kelch bniß. mar,„wenn rlicher Liebe! Ich ſchilderte zt Vorwütfe gbert: Unſte lief ſie ſanf riſſen. Wie auf ihren nicht in un⸗ ihr ſtarkes ct ſo weich Ihr ſtarke Charakters. „woll ic icht. Men o lehnte ſi befehlenden Jact d * Lager. Sie verbot es, wenn ſie mich erkannte und Tag von Nacht noch unterſcheiden konnte. An den Ort wollte ſie getragen ſein, wo der Vater ſtarb. Da lag ſie, ein Bild des Jammers! Keine Nahrung, keinen Schlaf mehr, der ſie erquickte. Die Bruſt hob ſich von ihren ſchweren Athemzügen, oft erhob ſie ſich wie eine Hülferufende, da ihr der Athem ſtockte. In meinen Armen erholte ſie ſich und ſprach mit der langſamen, feierlichen Rede einer Fieberkranken: Ich ſehe meines Siegbert's Augen! Du ſteandeſt vor ihr, als wenn ſie dich mit Händen faſſen konnte. Das Fieber verwirrte ihre Begriffe— die innere Glut, von der ſie unaufhörlich ſprach, theilte ſich ihrem Hirne mit. Ein Licht! Ein Licht! rief ſie in einer Nacht und ſah, als man ihr eine Kerze entgegenhielt— Nachbarinnen, Freundinnen, Aerzte unterſtützten mich— ſo unverwandt ſah ſie in die Flamme, daß ich den Gedanken faßte, wenn ſie geneſen ſollte— ich hoffte noch immer— müßte ſie erblinden. Aber mit der Heftigkeit, deren ſie in jüngern Jahren fähig war, rief ſie: Nein! und immer blickte ſie in das Licht, ganz dicht mit den Augen faſt in die Flamme hinein, als kühlten ſich die heißen Wimpern ſogar an der Flamme, als wäre Licht für ihr Auge Thau. Oft auch rief ſie: Heinrich! worunter ſie ihren Bruder, den Oheim Rodewald, den Verſchollenen verſtand. Dann ſank ſie zurück und zog die Decken ſo über ſich, daß die Füße entblößt waren. Wollte man ſie be— decken, ſo geriethen die abwehrenden Hände in ein grauenhaftes Nervenzucken... ach, Bruder, ich habe an der Schwelle der Myſterien unſres Daſeins ge⸗ ſtanden. In deinen Armen ſtarb der Vater, in mei⸗ nen die Mutter... So hingehen! So in Schmerzen aus der zuſammenbrechenden Hülle des Körpers ſchei⸗ den!... Und der innere Vorwurf, der mich nagte, daß ich der Mutter den Witwenſitz in dem Tempelhauſe mit Gewalt erhalten wollte! Sind wir denn nicht alle wie Mörder aneinander? Einer dem Andern die Schuld ſeiner Leiden, ja ſeines Todes? O dieſe nagenden Gedanken, als ich an dem Krankenlager ſaß und ſie mir, die treue, aufopferungsfreudige Mutter, zuweilen ſagte, als wollte ſie ſich entſchuldigen: Dankmar, es währt ſo lange! Mein Körper iſt ſo feſt! Er bricht ſo ſchwer zuſammen! Ach, Siegbert... nun mußt' ich niederknieen und die Hand der Guten küſſen! Wie bat ich um Verzeihung für ſo vielen Kummer, ja für unſre Unkindlichkeit, die am weichen Vater mehr hing als an der ſtarken, geſinnungsvollen Mutter! Auch von dem Archiv ſprach ſie, von dem Kreuze und un⸗ ſern Hoffnungen! Mit dem Auge einer Seherin ſagte en verſtand. ſo über ſich, nan ſie be⸗ inde in ein er, ich habe Daſeins ge⸗ er, in mei Schmerzen örpers ſche⸗ hnagte, daß rempelhauſe mnicht all ndie Schb ſe nagenden ſaß und ſi er, zuweile dankmat,( Er brich nun muft küſen! M imer, ja fů mehr hin utter! Auch te und eherin ſagle — u ſie von dieſen: Ihr werdet den Segen ernten, aber hütet ihn! Dann ſprach ſie oft ſtundenlang nicht und verſank in ein dumpfes Brüten. Ihr Geiſt ſchien dabei nicht zu ſchlummern. Sie blickte in's Jenſeits voraus. So kam es mir vor, wenn ſie regungslos nur ſtöhnte und nachher, als ſie ausgerungen hatte, als ſie mit dem letzten Reſte ihrer Kraft ſich zum Sterben faſt zurechtlegte, da dacht' ich doch, ſie ſchlummre nur. Sie ſchlummerte halb von dem Opium des Arztes, halb ſtarb ſte. Immer drei Athemzüge des Schlafes und dann ein fehlender des Todes, ein ſtockender, der ausblieb. Ich glaubte nicht, daß Das der Hingang von dieſer Erde war. Ich hatte keinen Abſchied ge— nommen, ich hatte nichts mehr gehört von ihrem letz⸗ ten Willen und nun ſagte der Arzt, ſie entſchlummre! Sollt' ich ſie wecken? Sollt' ich ſie aus dieſem ſanften Entſchweben wachrufen? Ich konnte nicht. Ich faltete nur die Hände und ſah auf das verklärte Antlitz mit dem Glauben an eine geheimnißvolle Verbindung zwi⸗ ſchen Hier und Dort. In der Nacht brach das Auge noch einmal auf. Es war nur die galvaniſche Zuckung des Stoßes zum Herzen. Es war kein Blick des Lebens und Bewußtſeins mehr. Sie war hinüber. ... Und nun, Bruder, wenn du dieſe Zeilen em⸗ pfängſt, ruht ſie in der winterlichen Erde. Laß dich 376 von nichts aufſchrecken, was dich jetzt gebunden hält! Dieſer Tod war unvermeidlich. Dieſe Liebe konnte uns nicht bleiben. Laß uns gefaßt auf unſerm Pfade weiter ſchreiten und denken: Ein unſichtbarer Genius mehr, der uns beſchützt! Schreibe mir, komme nicht ſelbſt! Sei gefaßt! Ich reiſe nach drei Tagen zurück und will denken: Das Leben iſt Pflicht! Inniger und treuer verbunden denn je dein Dankmar.“ Oleander hatte dieſen Brief mit deutlicher und ſtar⸗ ker Stimme vorgetragen und hatte ſich nicht von dem Weinen Siegbert's, nicht von Ackermann's abgewand⸗ tem Schmerze, von Selma nicht unterbrechen laſſen, die während des Vorleſens zurückkam und den männ⸗ lichen und gefühlvollen Worten des Briefſchreibers noch lauſchen konnte. Man ſtaunte, als Siegbert erklärte, er bäte, ein andres Pferd anſpannen zu laſſen. Er wollte noch mit Oleander nach Pleſſen zurück. Man erwartete, daß Beide blieben. Oleander entſchuldigte ſich, daß b er morgen ganz in der Frühe eine Schulreviſion hätte. 1 Siegbert's Wunſch, mit ihm allein zu ſein, ſchien na⸗ türlich... Ackermann beſtellte einen Andern ſeiner Leute, ein andres Pferd und entließ den innerlich aufgelöſten, wie zerſchmetterten Siegbert mit wiederholtem freund⸗ unden hält! jebe konnte ſerm Pfade rer Genius mme nicht gen zurück miger und r und ſtar⸗ tvon dem öbgewand⸗ en laſſen, den männ⸗ eſſchreibers bäte, ein ollte noch erwartete ſcch, daß ſon hälte ſchien na⸗ Leute, din ufgelöſten mn freund⸗ lichen Zuſpruch und einer Umarmung, die Siegberten aufrichtete. Selma gab ihm zitternd eine Hand, deren Kälte verrieth, wie gewaltſam ihr Blut zum Herzen ſtrömte. Auch Fränzchen gab Siegbert die Hand und leuchtete Beiden zum Schlitten. Als Siegbert mit Oleander allein war, ließ er ſeinen Gefühlen freien Lauf. Im Ackermann'ſchen Hauſe, bei aller Liebe und Theilnahme, würde er ſich gehemmt gefühlt haben... Es war elf Uhr, als ſie in Pleſſen ankamen und Siegbert in das einſtweilen zugerichtete Bett ſtieg. Oleander las ihm noch einige Gedichte vor, die er über den Verluſt ſeines Freundes, des Komponiſten, den er Wilhelm genannt, vor einigen Jahren gedich⸗ tet hatte. Ackermann aber entließ ſeine bewegten Mädchen mit dem Geſtändniß, daß ihn dieſer Vorfall auf das Heftigſte erſchüttert hätte. Als er allein war, ent⸗ ſchlüpften ihm dieſe Worte: So viel edle, gute Menſchen— ſo viel, ſo viel— und Egon! Egon! Seine Stirn verfinſterte ſich. Er nahm ſein Por⸗ tefeuille, ſchlug es auf, ſah ein Papier an, in welchem eine braune Locke eingeſchlagen war... Es war die Locke, die er einſt von Dankmar's Stirne ſchnitt... In dem Glauben, es wäre eine Locke von Egon, betrachtete er ſie, ſchüttelte ſein Haupt, verbarg ſie wieder und löſchte das Licht, um ſich mit den ſchmerz— lich wiederholten Worten: Egon! Egon! trauernd und tiefgebeugt zur Ruhe zu begeben... Dankmar's von Cgon, verbarg ſie en ſchumerz⸗ nuernd und V Zwölktes Capitel. Sankt Nikolaus. Eines der Gedichte, das Oleander Siegbert zu trö— ſtender Erhebung vorgeleſen, hatte gelautet: Die Sommernacht. Lebe! Lebe! ſpricht die Sonne. Aber wenn ſich nächt'ge Schatten Senken auf die Wieſenmatten, Fühl' ich: Auch im Tod iſt Wonne. Wenn die Sterne niederfunkeln, Sich die müden Augen ſchließen, Nebel durch die Thäler fließen, Und die Erde ſchläft im Dunkeln— Wenn der Thau den Plan befeuchtet, Murmelnd alle Quellen gehen, Und die Blätter leiſer wehen, Das Johanniswürmchen leuchtet— — „ . Wenn aus tiefem Thalesgrunde Eine Uhr mit fernen Schlägen Unſerm wachen Ohr entgegen Ruft die mitternächt'ge Stunde— O dann kommt uns doch ein Träumen, Weht ein Lauſchen, ſpricht ein Nauſchen, Und wir fühlen, Geiſter tauſchen Nun mit uns in dieſen Räumen! Fühlen, wie die Theuren, Suͤßen, Die uns ruh'n im Schooß der Erden, Wieder ſcheinen wach zu werden, Wie ſie kommen, wie ſie grüßen! Wie ſie lächeln! Sie erſcheinen, Leicht von Silberflor getragen! Und ihr Grüßen will uns ſagen: Armer Freund, du ſollſt nicht weinen! Trau der Nacht, denn nur ein falbes, Nur ein Zwielicht gibt die Sonne. Höher iſt der Schöpfung Wonne Und dies Leben nur ein halbes! Siegbert ſchrieb dem Bruder... Nachdem er ſeine ſchmerzlichſten Empfindungen ausgeſprochen hatte, verblieb er, Dankmar's Zureden folgend, noch einige Zeit in dem Pleſſener Pfarrhauſe, auf dem Zimmer des ihm geiſtig und gemüthlich ver— wandten Oleander... Dankmar ſchien vielbeſchäftigt. Er ſchrieb ihm herzlich, aber kurz. Die Anfrage we⸗ findungen 531 farchauſe thlich ver beſchäfig we⸗ reden ffrag 381 gen Selma's und Ackermann's, die Aufforderung, ſich ihnen recht zu widmen, war unterſtrichen, aber karg an ſich. Doch kam Siegbert nicht ſo oft nach dem Ullagrunde, weil er wiederum auch nach der jüngſt ihm bewieſenen Theilnahme für ſein perſönliches Leid bemerken mußte, daß Ackermann gegen ihn zurückhal⸗ tend war. Selma empfing ihn freudiger und inniger, der Vater mit Befangenheit... An der Ausführung ſeines erſten Gedankens, un⸗ verweilt zum Bruder zu reiſen, hinderten ihn Olean⸗ der, Zeiſel's und manche durch die Jagd dem entle⸗ genen Pleſſen näher geführte Umwohner, von denen wir nur den Grafen Bensheim und den Freiherrn von Sengebuſch nennen wollen. Dieſe veranlaßten kleine künſtleriſche Aufträge für die bevorſtehende Weihnachts⸗ zeit, ſodaß ſich Goethe's Wort beſtätigte, wie bald ein be⸗ deutender, ſeinem Lebenszweck mit Ernſt entſprechender Menſch einem Kreiſe nützlich, ja nothwendig werden und mit ihm verwachſen kann. Siegbert fand auch hier ſowol auf dem Schloſſe Bensheim wie bei Herrn von Sengebuſch, der hinter Randhartingen wohnte, Frauen, ſtrebſame, anſprechende und der Beobachtung vollkommen würdige. Doch ſtieß ihn leider faſt immer die politiſche Atmoſphäre dieſer Beziehungen ab. Er hörte nur engherzige, furchtſame, zornige Aeußerungen über öffentliche Dinge und nicht etwa zwiſchendurch geſtreut, ſondern als das tägliche geiſtige Brot dieſer Menſchen. Wenn die Herren von Zeiſel, von Sän⸗ ger, Graf Bensheim, Herr von Sengebuſch zuſammen waren, äußerte ſich ein Fanatismus, dem Siegbert nicht zu widerſprechen wagte, da alle ruhige Erörte⸗ rung unmöglich war. Da wurden die Zeiten und die Menſchen verurtheilt, die jüngſten Staatsmänner Räuber genannt, Landverderber, die Demokraten ver⸗ langte man für vogelfrei zu erklären und oft ſagte Graf Bensheim: Todtſchießen müßte man ſie alle wie die tollen Hunde! Das Peinlichſte war für Sieg⸗ bert, daß auch die Frauen dieſen Grimm theilten, ja ſchürten. Ihnen war der Verluſt des Adels, mit dem man in dem erſten Stadium der Revolution gedroht hatte, ebenſo verletzend wie die Beſteuerungsfrage des Grundeigenthums in ihren täglichen Haushalt ein⸗ greifend und ſie in einen nicht zu beruhigenden Zorn verſetzend. Die Offiziere der„fliegenden Kolonnen“ und der kleinen hie und dahin verſetzten Garniſonen waren ihnen die willkommenſten Gäſte. Siegbert konnte bei ſeinem jeweiligen Zuſammentreffen aller dieſer reaktionären Elemente die Gefahr ermeſſen, der bei uns die beſſere Begründung der Zukunft noch zu lange ausgeſetzt iſt. ſſchendurch Brot dieſer von Sän zuſammen Siegbert ige Erörte⸗ en und die atsmänner raten ver⸗ oft ſagte n ſte alle für Sieg⸗ heilten, ja 3, mit demt on gedroht sfrage des shalt ein⸗ nden Jorn folonnen Harniſonel neſſen, d ft noch 1” 3 Betrübend war für ihn, daß Oleander keines po— litiſchen Urtheils fähig war und wenn er einmal eine Stimmung über die Zeitereigniſſe zu erkennen gab, vollkommen mit dieſen ultraconſervativen Geſinnungen übereinzuſtimmen ſchien. Als ihm Siegbert darüber ſein Erſtaunen ausdrückte, war ſeinerſeits Oleander noch viel mehr verwundert, wie Siegbert, ein Künſt⸗ ler, dem kunſtfeindlichen, pietätloſen Geiſte der Zeit zu huldigen vermochte! Siegbert verſchwieg nicht, daß er der mächtigen Einwirkung und überzeugenden Beredtſamkeit ſeines Bruders Dankmar vorzugsweiſe die Berichtigung ſei⸗ ner Urtheile verdankte, daß er durch Louis Armand und Mar Leidenfroſt mit den Arbeitern, ja durch Egon ſelbſt mit einer edleren Theorie über die Geſellſchaft, als dieſe Adligen lehrten, bekannt geworden wäre und misbilligte den Eigendünkel derjenigen ſchaffenden Ta⸗ lente, die nicht ertragen konnten, daß ſich der Lauf der Dinge nach den nächſten Intereſſen ihres Berufes nicht richtete. Ueberhaupt, ſagte er, wäre ihm das Herleiten einer Meinung aus ſeinem perſönlichen Vor⸗ theil gradezu ein Gräuel und dieſe Frauen, die die Freiheit haßten, weil ihre Männer in die Lage kom⸗ men könnten, penſionirt oder in ihren Penſionen be⸗ ſteuert oder in ihren Abgaben an den Staat geſteigert 384 zu werden, dieſe wären ihm gradezu dem Geiſte nach Megären und böſe Unholde, möchten ſie auch äußerlich noch ſo reizend und im Uebrigen ſanft und ge—⸗ fällig ſein. Sie überſehen, ſagte Oleander, der über die Glut, die in Siegbert's Wangen fuhr, erſtaunte, ſich aber doch freute, daß es ein Thema gab, worüber der Freund ſeinen Kummer auf Augenblicke vergaß, Sie überſehen, daß dem zarten Sinne der Frauen doch auch wol das rohe und unheimliche Auftreten der De⸗ mokratie, beſonders in der communiſtiſchen Geſtalt, als eine tiefe Verletzung der Sitte erſcheinen muß. Wenn Sie ſagen, der beſchränkte, nur phyſiſche Lebenstrieb der Frauen verrathe ſich in der conſervativen Geſin⸗ nung vorzugsweiſe als Egoismus, ſo möcht' ich grade an dieſem Inſtinkte doch auch den feinen Takt an⸗ erkannt wünſchen, daß die Frauen ſehr bald er⸗ kennen, woher den tobſüchtigen Neuerern ihr Bedürf⸗ niß des Tobens kommt. Wenn man immer Demo⸗ kraten ſähe wie Sie! Woher kommt es aber, daß dieſe Lehre grade ſo viel Geſindel entfeſſelt hat, grade Die, welche weder für die Kirche noch den Staat, noch die Schule, noch die Geſellſchaft ein Intereſſe haben? In allen dieſen hier auf ſechs oder acht Meilen in der Runde liegenden kleinen Ortſchaften ſollen, wie —Geiſte nach uch äußerlich uft und ge⸗ ber die Glut, te, ſich aber worüber der ergaß, Sie Frauen doch eten der De⸗ Geſtalt, als nuß. Wenn „Krbenstriet niven Geſin⸗ ch ich grade en Takt gie ihr hald el⸗ ihr Bedürf umer D aber, ddß t hat grad Staat, woh rreſt haben! t Meile ſollen, w — 385 man mich durch Beiſpiele verſichert, grade die den Ton der Auflehnung angegeben haben, die in zerrüt— teten Verhältniſſen lebten und von einem Umſchwunge der Eigenthumsfrage zu gewinnen hoffen durften. Denken Sie ſich dieſe tiefe Verletzung des Frauen⸗ ſinnes durch die Eigenthumsfrage! Es iſt nicht die Furcht vor dem materiellen Verluſte allein, der die der zeitlichen Güter ſich vorzugsweiſe annehmenden Hausfrauen ſo bedenklich bedrohte; es iſt noch weit mehr des Weibes ſtille Ahnung, daß mit der Verwir⸗ rung der Eigenthumsfrage ſeine eigne ſittliche Exiſtenz in Frage geſtellt iſt. Die Gemeinſchaft der Güter würde alle Bande des ſittlichen Herkommens auch in geſellſchaftlicher Hinſicht ſprengen. Sie wiſſen, daß Goethe ſagte, den Frauen müſſe vor Allen an einem honetten Hergang aller Fragen in der Geſellſchaft gelegen ſein. Siegbert hatte an dieſen Aeußerungen wenigſtens die Freude, daß der Vikar nicht blindlings dem kon— ſervativen Dünkel der Vornehmen nachſprach, denen er ſeither hier begegnet war. Er fand doch, daß er nach einem tieferen Prinzipe für die Meinung trach⸗ tete, die bei Jenen ſo nackt und baar zu Tage lag. Dennoch widerſprach er auf das Lebhafteſte. Ich kann, ſagte er, nicht zugeben, daß dieſe Be— Die Ritter vom Geiſte. VII. 25 386 wegung immer und überall auf den Kommunismus hinaus läuft. Warum nennen Sie das Aeußerſte? Müſſen auch Sie nicht darunter leiden, daß man Ihre Auffaſſung der Religion ſogleich Pietismus, ja bei Manchem Jeſuitismus nennt, und doch ſind Sie und die Ihnen Gleichgeſinnten von dieſem Ertrem hoffentlich weit entfernt! Die kommuniſtiſche Regung wird überall bald unterdrückt ſein, wo ſich kräftige Hände finden, die die Zügel der Bewegung in die Hand nehmen und nicht dulden, daß dieſe Zügel, wie bei einem durch⸗ gehenden Pferde, auf der Straße nachſchleppen. Oft ſcheint es mir, als wollte man recht mit Gewalt der Bewegung die fatale Phyſiognomie aufprägen, als ginge ſie nur von den Lumpen aus. Man ſchuf Bürgergarden und um ſie lächerlich zu machen, uni— formirte man ſie nicht. Niemand dachte daran, ſie zu ſchmücken. Aber unſre Soldaten, wenn ſie im Bauern⸗ kittel als Rekruten vom Lande kommen, ſehen ſie ver— trauenerweckender aus als die Freiſchärler? Wer ſoll das Wort ergreifen, wenn die Würdigen hinter'm Berge halten und ſich zu vornehm dünken, mit dem Pöbel zu verkehren? Da kommen denn meiſt Die hervor, die ohnehin ſchon in einer ſteten Unruhe leben, einer geiſtigen Unruhe, einer geſellſchaftlichen Ver legenheit. Die Bankeruttirer ſind nicht alle verſchuldete ommunismus ss Aeoßerſte? aß man Ihre mus, ja bei ſind Sie und em hoffentlich wird überal ände finden nehmen und einem durc⸗ leppen. Of Gewalt der frrägen, al Man ſchii machen, uni daran, ſte im Bauerl ſehen ſie de „ Wer ſol 387 Schuldner. Mancher von ihnen verlor nur deshalb, weil ſein Geiſt reger iſt als der des Philiſters, der nichts wagt und deshalb immer gewinnt. Kurz die Bewegung geht nur dadurch in den Sumpf, weil man ihr Irrlichter voran tanzen läßt, nicht helle Kerzen, nicht die Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Evangelium. In Dem, was Oleander hierauf erwiderte, zeigte ſich, daß er tief in den alten romantiſchen Anſchauun⸗ gen ſteckte, die bei ihm eine religiöſe Färbung gewon⸗ nen hatten. Gegen Ackermann's amerikaniſche Theorie verhielt er ſich wie gegen etwas ihm völlig Anti⸗ pathiſches. Gegen Siegbert's Lehre von einer kräftigen Theilnahme am Staate wandte er Alles ein, was man nur von der Ariſtokratie des Geiſtes darüber zu hören bekommen hat. Siegbert, der ſchon ſo weit für die Ideen ſeines Bruders gewonnen war, daß er die ge⸗ genwärtige Art Politik zu treiben allerdings als un⸗ fruchtbar und gefahrbringend erkannt hatte, Siegbert hoffte, Oleander würde ihm auf halbem Wege in der Bundestheorie Dankmar's entgegenkommen, aber er irrte ſich. Oleander wich dem großen Heereszug der Maſſen und dem Getümmel der großen Landſtraßen gänzlich aus und blieb wenigſtens für Deutſchland dabei, daß wir ein Familienvolk wären und bei einer 25* 388 gewaltſamen übereilten Störung unſrer überlieferten Ordnung nur Gefahr liefen, unſer Beſtes, unſre gei— ſtigen alten Errungenſchaften zu verlieren. Nun, flammte Siegbert auf, dann frag' ich nur, Oleander, ob Sie dieſe Geſinnung, die ich an Ihnen ehren und anerkennen will, in dem conſervativen Glaubensbekenntniſſe dieſer Gräfin Bensheim und ih— rer Nichten, in dem Zorne des Herrn von Senge⸗ buſch, in dem Ingrimm der Lieutenants wiederfinden, die hier die fliegenden Kolonnen befehligen? Leihen Sie da nicht vielmehr Ihre ſchöne Idealität einem ganz ſtumpfſinnigen, rohen, egoiſtiſchen Dünkel und dem materiellſten Hochmuthe? Iſt Das Politik, was Herr von Sänger ſpricht? Iſt Das nicht die reinſte Ge dankenloſigkeit? Oleander räumte dies ein, nannte aber den Roya lismus eine politiſche Religion. Wie in der Religion der Eine ſich mehr an das Symbol, der Andre mehr an die innere geoffenbarte Wahrheit halte, ſo wär' es auch in der Politik. Der Glaube, hier und da, wäre die Grenze des uns Möglichen und geiſtig Erreichbaren., O mein Freund, ſagte er ruhig, prüfen Sie doch! Was iſt das Unglück aller unſrer Staaten? Kein andres, als daß ſie keine politiſche Religion mehr haben. Verſtehen Sie mich recht! Ich meine hier rüberlieferten es, unſte gei⸗ n. frag ich nnr, ich an Ihnen conſervativen zheim und ih⸗ von Senge⸗ wiederfinden, igen? Leihen ät einem gan kel und dem it, was Hen je reinſte Ge ber den Rohe der Religiot r Andre mec e, ſo wär’ da, wäte d Frreichbarel. fen Sie dot aaten? rligion ne h meine di nichts, was etwa mit Staatsreligion oder Religion überhaupt zuſammenhängt. Ich preiſe nur die Zeiten glücklich, wo die mangelhaften Verfaſſungen und die unvermeidlichen Ausbrüche verwirrender Leidenſchaften gemildert, erträglich gemacht wurden durch jene poli— tiſche Religioſität, die in unbedingtem Royalismus beſtand. Soweit ich den Fürſten Egon zu verſtehen glaube, ſo will er für den bei Seite geworfenen alten Royalismus eine neue politiſche Religion, d. h. eine moraliſche Bindekraft des Staates, ein heiliges Joch der Selbſtbeherrſchung künſtlich ſchaffen. Aber wie alle Vernunft, wenn ſie noch ſo geiſtreich und weiſe iſt, die Symbolreligionen nicht erſetzen kann, ſo gibt es auch für die geoffenbarte politiſche Religion des Royalismus, die ihre weiſeren und ihre einfältigeren Bekenner hat, keinen künſtlichen Erſatz; denn die Pflichtenlehre, die der Fürſt aufſtellt, iſt eine Chimgge, an der er ſcheitern wird. Die Pflichtenlehre, ohne Symbolik, kann wol eine philoſophiſche Sekte zuſam⸗ menbringen, Auserwählte, Gleichgeſinnte, aber nicht die dem Zufall preisgegebenen großen Maſſen, die der Natur, der pflichtwiderſtrebenden Natur, folgen. Statt des Royalismus kann höchſtens die Nationalität eine bindende politiſche Volksreligion werden, wie in Ame⸗ 390 rika, vielleicht ſogar, wenn es beſſer regiert würde, in Frankreich. Und Deutſchland? unterbrach Siegbert. Nun wohl! ſagte Oleander. Geben Sie uns nur ein Deutſchland! Entfernen Sie mit einem Schlage alle Fürſten! Schaffen Sie aus Deutſchland eine Republik. Vielleicht, daß dann Thuiskon der Heilige des Volkes würde und vom Tempel des Wodan unſre Offenbarungen kämen... ich habe im Politiſchen nichts dagegen; allein ſchaffen Sie uns durch einen Zauberſchlag dieſe friedlich geordnete, glückliche auf Vaterlandsliebe und nur auf Vaterlandsliebe begrün⸗ dete Republik! Mit dieſem Freiherrn von Sengebuſch und den Lieutenants der fliegenden Kolonnen? ſagte Siegbert. Mit der Proletarierpolitik, mit den Kommuniſten, den konſtitutionellen Taſchenſpielern, den Portefeuille⸗ jagenden Advokaten? parodirte Oleander und Beide brachen ab, weil ſie in der That noch nicht einmal üer das nächſte Prinzip einig waren. Wie Siegbert verlangte, für die edlere Demokratie ſollte man ihre Auswüchſe dulden, ſo verlangte Oleander, für die ed⸗ lere Monarchie ſollte man auch den vulgären Roya⸗ lismus der Beamten, Soldaten und Adligen dulden Die Wahlen ſchürten dieſen Streit immer auf's regiert wurde, ert. Sie uns nur inem Schlage utſchland eine en der Heilige Wodan unſre n Politiſchen durch einen lückliche auf „ 9 iſch und den ggte Siegbert Kommuniſten Partefeuile⸗ er un- nicht einmal gie Siegbel lte man ihre —, für di lgären Roſſ dligen duben inmer dl liebe begrün⸗ d Beide 391 Neue an. Die Agitation war trotz der Jahreszeit, die die Verbindungen erſchwerte, überall ſichtbar. Die Demokratie blieb im entſchiedenſten Uebergewicht und verſprach eine Kammer, noch radikaler als die aufge— löſte. Selbſt Gemäßigte wie Juſtus hatten Mühe, gewählt zu werden. Droſſel, der Wirth zum Gelben Hirſch, lief ihm faſt den Vorrang ab in dem Diſtrikte, wo er ſelber wohnte; doch hatte Juſtus über drei Wahlkreiſe zu gebieten und mußte ſich begnügen, diesmal nur zweimal gewählt zu werden. Dem Miniſterium aber trat er ſeine zweite Wahl nicht wieder ab; lieber noch Droſſeln, wenn er dieſen nicht für die Aufſicht über ſeine Beſitzungen gebraucht hätte. Egon mußte Befehl geben, ihn, den Miniſter, anderswo durchzubringen. Er hatte in ſeinem„Jahrhundert“ die konſtitutionellen Neunweiſen, wie es dort hieß, lächerlich machen laſſen und deutlich auf jene eingebildeten Biedermänner hingewieſen, die ſo glück⸗ lich wären, die objektive Wahrheit auch immer da zu finden, wo ſie mit der Befriedigung ihrer ſubjektiven Eitelkeit zuſammenträfe. Die miniſterielle Preſſe wurde mit Geiſt geleitet. Siegbert verſtand, was ihm Dank⸗ mar, der natürlich Egon nicht mehr ſah, über deſſen raſtloſen Eifer ſchrieb. Er widmet ſich ganz ſeiner thörichten Aufgabe, ſchrieb Dankmar, er opfert ihr Tage und Nächte, redigirt Noten und Artikel und will 392 das Recht haben, Feinde und Freunde zu brüskiren. Von uns, als Freunden, ſprech' ich nicht. Ich ſuchte keine Beziehung mehr zu ihm. Louis iſt ſo gut wie aus ſeinem Umgange verbannt. Aber von jenen Freun⸗ den ſprech' ich, denen er doch dient. Bei Hofe wird er noch angebetet. Die Prinzen müſſen ſich aber ſchon gefallen laſſen, daß er ihre Urtheile ignorirt. Die Lieblinge des Hofes verletzt er ſchonungslos. Von dem General Voland von der Hahnenfeder, deſſen Einfluß beim Könige weltbekannt iſt, hat er geäußert: Er be⸗ ſäße die Beweiſe in der Hand, daß er es mit der Hierarchie halte. Verdächtige Perſönlichkeiten, z. B. jener Franzoſe Rafflard, wurden ausgewieſen. Be⸗ ſonders ſcharf bewacht er die Clubs und die Geſell— ſchaften, auch die ariſtokratiſchen, und manche heftige Scene iſt ſchon vorgekommen, wenn er zuweilen die ſogenannten kleinen Cirkel überraſcht und ſich Nach⸗ richten über die auswärtige Politik erbittet: er höre, die„kleinen Cirkel“ hätten eine Depeſche bekommen, die bei ihm ausbliebe. Allein bei alledem erkennt man in ihm den Retter der Monarchie und iſt gefaßt darauf, die nächſte Kammer wieder zu entlaſſen und nach Egon's Theorie ein Zweikammerſyſtem zu oktroyi⸗ ren, eine Kammer der Intereſſen der Arbeitenden und eine Kammer der Intereſſen der Arbeitgebenden. Man I I 6 brüskiren. Ich ſuchte ſo gut wie enen Freun⸗ Hofe wird aber ſchon orirt Die Von dem en Einfluß ert: Er be⸗ es mit der ten, 3. D. eeſen. Be⸗ die Geſell⸗ nche heftige wwellen di ſicch Nach . el höte, bekommen, eem erkennt diſt gefatt laſen m zu okkro tenden und Man nen. Mau verſichert, daß Egon dabei alt wird und ſehr hinfällig aus— ſieht. Allgemein heißt es, er hätte die Abſicht, Me⸗ lanie Schlurck zur Fürſtin von Hohenberg zu erheben. Es würde dies die merkwürdigſte Folge ſein, die nur ei— nem konſequenten Streben geboten werden könnte. Me— lanie hielt mich einſt für den Fürſten Egon und verliebte ſich in mein Incognito. Als ſie enttäuſcht wurde, be⸗ hielt ſie das Wappen im Auge und wird es erobern. Man ſagt, Pauline von Harder, die jetzt Alles in Allem iſt und um zehn Jahre jünger geworden ſein ſoll, bediene ſich der ſchönen Melanie, um mit Egon in deſto feſterer Verbindung zu bleiben; ſie verhindere, ſagt man, das ehrgeizige ſchöne Mädchen, ſich ihm unbedingt zu widmen und lehre ſie die Koketterie, die ſie früher in ihrem eignen Leben ſelbſt nicht beobachtet hat. Egon, ermüdet vom Tageslärm, erſchöpft von der Arbeit, ruht bei Pauline von Harder, der Feindin ſeiner Mutter, der Vernichterin ihrer Memoiren, ſeit ihrer wunderbaren Ausſöhnung, jeden Abend wie ihr leiblicher Sohn aus und findet Melanie nur bei der Harder, da dann freilich immer ſchön, immer reizend, immer liebenswürdig. Laſally iſt abgefunden. Schlurck, der Vater, der, wie mir Werdeck nach einem Ge⸗ ſchäftsbeſuche bei ihm ſagte, ſehr altern und in ſei⸗ nen Finanzen zurückkommen ſoll— beſonders ſeitdem ſein Faktotum Bartuſch fortwährend kränkelt und Gei⸗ ſter ſieht— Schlurck kann ſich mit Egon nicht aus— ſöhnen trotz der Tochter. Es liegt in Egon's puri⸗ taniſcher, mit Sinnlichkeit verbundener Strenge eine unbeſiegbare Antipathie gegen Schlurck's Genußtheorie und unverbeſſerlichen Indifferentismus. Grade was ihm an Melanie ſo bequem iſt, iſt ihm am Vater verhaßt. Auch iſt die Frage ſeiner Finanzen zu wich⸗ tig, als daß er nicht in Ackermann das unbedingteſte Vertrauen ſetzen ſollte, zumal da Louis Armand über ihn Wunderdinge berichtet hat. Sodann ſchrieb noch Dankmar, der Bruder möchte Erkundigungen einziehen über den wahren Zuſammen⸗ hang einer ſonderbaren Begebenheit, die ſich mit Louis, dem blinden Schmied Zeck, der tollen Urſula Marzahn und einem alten Gauner, Namens Murray, im Walde bei Pleſſen zugetragen hätte. Louis hätte davon nur dunkel geſprochen und doch hätte er von dieſem Vorfall Sonderbares vernommen. Endlich ſchloß der Brief mit den kurzen lakoniſchen Worten:„Haſt du nichts aus Rom gehört? Und warum ſo einſylbig über Selma?“ Von Rom hörte Siegbert genug durch die Fürſtin Wäſämskoi, die eine unermüdliche Correſpondenz führte. Selma ſah er zu flüchtig und beſorgte faſt, daß der d Gei⸗ ht aus⸗ 5 puri⸗ ge eine ſtheorie de was Vater wich⸗ ingteſte nd über möchte ammen⸗ t Louis, Narzahn Walde von nur Vorfall r Brief u nichts Wig über Fürſin z führte daß der 3 weſen. ſo oberflächlich iſt, wie ſie mir alle neben Selma er⸗ 395 Bruder vorausſehe, Selma wäre ihm ſelbſt nicht gleichgültig. Es wäre dies derſelbe Irrthum geweſen, in den auch Frau von Sänger verfiel, die natürlich über Siegbert's längeres Verweilen in der Gegend ſehr glücklich war. Anfangs mußte Siegbert geſtehen, daß ſie eher betroffen ſchien über ſein Bleiben als er⸗ freut. Er äußerte dies gegen Oleander, der ihn längſt mit dieſer Frau neckte und ihn mit Scherzen, die ei— gentlich nicht in ſeiner Natur lagen, außzuheitern ſuchte. Oleander erwiderte darauf, daß er faſt glauben möchte, jeder ganz ausgekoſtete Schmerz hinterlaſſe eine ſo volle ſuͤße Sättigung des Gemüthes, daß man nicht gern vernehme, der Schmerz wäre umſonſt ge⸗ * Dieſe junge ſchöne Frau, ſagte er, die nicht ganz ſch einen— auch das kleine Fränzchen hat etwas Sin⸗ niges und ein innerlich beſchauliches Leben— dieſe einſchmeichelnde Frau von Sänger hat ſicher heftig darunter gelitten, als Sie von ihr ſchieden. Und nun komm' ich wieder, ergänzte Siegbert mit einiger Bitterkeit, entdecke ſie drüben bei Zeiſel's, ſie fällt aus den Wolken. Sie noch hier? In Trauer? Was fehlt Ihnen? Ihre Mutter ſtarb! Sie Un⸗ 396 glücklicher! Sie Armer! Aber Sie bleiben bei uns! Sieh! Sieh! Wie lange? O Das iſt ſchön! Und warum ihr Schreck? Das liebeſieche Herz hat ſchon einen der jungen Krieger gewählt, die bei Freiherrn von Sengebuſch im Quartier liegen. O, ol ſagte Oleander erſchreckend. Sie ver⸗ leumden! Geben Sie Acht, wenn wir morgen beim Grafen Bensheim zu Tiſch ſein werden! Ich bin ein Träu⸗ mer, wie Sie, aber meine Kunſt zwingt mich doch, die Phyſiognomieen zu ſtudiren. In der That mußte Oleander Siegbert Recht darin geben, daß Frau von Sänger ſchon wieder mit einem der Offiziere intriguirt war, die die Cirkel der Umge⸗ gend ſeit der ungeſetzlichen Selbſthülfe der Landbe⸗ wohner belebten. Er fand ſie verlegen, erröthend über Siegbert's Eintreten, erröthend, wenn dieſer mit ihr ſprach, er fand den Offizier gegen Siegbert, in dem er ohnehin den Demokraten vorausſetzte, ganz beſonders gereizt und von der täglichen Gewohnheit, mit Waffen umzugehen, einen ſehr unedlen Gebrauch machend. Oleander konnte nicht widerſprechen, als Siegbert in Bezug auf einige nahe an Herausforderung ſtreifende Aeußerungen zu ihm ſagte: Erkennen Sie daraus eines der Motive, das freie ₰ bei uns! dwarum e einen ern von die ver⸗ Grafen Trälu⸗ ch doch, t darin t einem Umge⸗ Landbe⸗ end über mit ihr dem er ſonders Waffen nachend. gbert in reifende as freie 397 Gemüther treiben kann, den ganzen Ton dieſer pri⸗ vilegirten Klaſſen widerlich zu finden? Was kann aus ſolchen brutalen Geſinnungen entſtehen? Die höher geſtellten Offiziere verbergen freilich, daß ſie dieſe Art und Weiſe billigen, allein im Stillen haben ſie faſt alle ihre Freude daran. Die Zahl derjenigen Offiziere, die ich mir denke wie Mar von Schenken⸗ dorf, wie Theodor Körner, wie Scharnhorſt, iſt ſehr gering. Können Sie den Demokraten verdenken, daß man dieſem Corpsgeiſte grade eine Niederlage, wie ei— ner andern Armee einſt bei Jena, gönnt! Und ich weiß nicht, ob ich mich täuſche. Ich glaube in der That, daß dieſe Geſinnung, vor den Feind geführt, vor ei— nen nationalen, von Hochgefühl durchdrungenen Feind, ſich nicht lange über die erſten Vorpoſtengefechte hin— aus bewährt und daß im Kriege nur die Armee un— überwindlich iſt, die auch im Frieden von ernſter und beſcheidner Männlichkeit durchdrungen wird. Siegbert war ſo erfüllt von der Trauer um ſeine Mutter, ſo ſanft auch im Geiſte hinübergezogen in die Ferne, wo unter ſchönerem Himmelsſtriche Olga lebte, daß ihm jede weitere Beachtung durch Frau von Sän⸗ ger läſtig geweſen wäre. Und dennoch erlebte er, daß die leichtſinnige junge Frau ihm einen Zettel in die Hand drückte, worin ſie bat:„Morgen Nachmittag — 328 um drei Uhr; ich beſchwöre Sie. Henriette.“ Siegbert ſagte Oleandern nichts von dieſer Aufforderung, nichts von dieſem Rückfall in die alte Geſinnung. Er hatte im erſten Augenblicke einen förmlichen Widerwillen gegen die unbeſonnene Frau. Dann ſtand es wenig⸗ ſtens feſt bei ihm, daß er nicht nach Randhartingen fuhr, nicht der Aufforderung Folge leiſtete. Am an⸗ dern Tage kam aber die Dankmar'ſche Wahrheit von den „verdammten Anſtandszärtlichkeiten“! Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von Sänger in Thränen. Sie war allein. Ihr Mann in Geſchäf⸗ ten über Land. Sie erzählte ihr ganzes Leben, wie ſie wegen Armuth dieſe unglückliche Heirath hätte ſchlie— ßen müſſen und nun ihr Daſein, ihre Jugend, ihr Glück rein an Nichts hinauswürfe. Sie geſtand ein, daß ſich jener junge Krieger um ihre Gunſt bewürbe, ſie zu einer Scheidung veranlaſſen, entführen wolle und ähnliche excentriſche Dinge, die Siegbert um ſo mehr erkälteten, als er hören konnte, ſie würde ihren Himmel nur in ihm, in ſeinen reinen blauen Augen, finden. Die Thränen, die dabei floſſen, waren ſchwer⸗ lich ganz unecht. Sie kamen aus dem wirklichſten Be⸗ dürfniß dieſer Frau, die ſich durch das Geſtändniß ihrer Schwäche erleichtert fühlte und vollends geſtärkt durch Siegbert's Zuſpruch, da er das Meiſte von Siegbert g, nichts Er hatte derwillen z wenig⸗ artingen Am an⸗ von den uhr doch Sänget Geſchäf⸗ wie ſte te ſchlie⸗ end, ihr and ein, bewürbe, n wolle, um ſo de ihren Augen, Dem, was ſie äußerte, ernſt nahm und ihr viel Gu⸗ tes und Mildes ſagte. Unſtreitig hatte ſie das Be⸗ dürfniß der Scenen. Sie wollte von Siegbert wenig— ſtens das Zugeſtändniß ihrer verfehlten Beſtimmung, eines höheren, bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt, als Siegbert, doch rückſichts⸗ voll und weich geworden, tröſtend von ihr ſchied. Es war weder von einer Flucht mit ihm oder dem Offi⸗ zier oder einer Scheidung oder ſonſt einer gewaltſamen Unternehmung noch die Rede. Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und Rentmeiſter von Sänger, lebte aber in dieſen kleinen ungeduldigen Wirbeln und Strudeln der Leidenſchaft und Selbſtaufregung ſo lange fort, bis die junge Generation auch ſie über⸗ holen wird und auch ſie im Arzte oder Geiſtlichen ihre letzten Tröſter findet. Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Sieg⸗ bert endlich aufbrechen und in die Reſidenz zurückkeh— ren. Einige Arbeiten, die er begonnen, waren voll⸗ endet, auch an äußerem Erträgniß war dieſer Land⸗ aufenthalt nicht unergiebig geweſen. Das Wetter hatte ſich gemildert. Dem Froſt war Regen gefolgt. Die Wege waren zwar vollends jetzt nicht einladend, aber die mildere Luft that wohl. Am achten Dezem⸗ ber wollte er nun ganz beſtimmt reiſen... 400 Es war am ſechsten, am Nikolaustage, als Abends Siegbert und Oleander in der Wohnſtube der Pfar⸗ rerin ſaßen und ſich mit den Kindern unterhielten. Hedwig und Waldemar zeichneten Figuren mit Sieg⸗ bert; das Kleinſte ſpielte, das Vierte war im Ulla⸗ grunde... Oleander ſaß verſtimmt und in ſich verſunken da. Ein Buch war vor ihm aufgeſchlagen. Er las zu⸗ weilen, lehnte ſich dann wieder zurück, ſchlug die Arme übereinander oder ſtützte das Haupt auf... Siegbert verſtand ſeinen Kummer. Oleander lebte nur ſeiner Dichtung, ſeinem Amte und dem Schmerz, daß ihm nicht gelingen konnte, von Selma Ackermann irgend ein Zeichen der Gunſt zu gewinnen. Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde geweſen. Er hatte inzwiſchen verſucht, dem Vikar eine größre Auf⸗ merkſamkeit auf ſein Aeußeres beizubringen. Er ſelbſt, gewohnt, den Leib für einen Tempel der Seele zu halten, trug ſich, ohne auf Eleganz Anſpruch zu machen, geſchmackvoll. Oleander gewann nun ſchon etwas von dieſer gewiſſenhaften Sorgfalt der körperlichen Pflege. Auch wurden ſeine desfallſigen Bemühungen, wie er ſelbſt erzählte, ſcherzend im Ullagrunde anerkannt. Eine günſtigere Wendung ſeiner Hoffnungen geſtaltete ſich aber darum noch immer nicht. Die Gleichgültig⸗ als Abends der Pfar⸗ nterhielten. mit Sieg⸗ im Ulla⸗ ſunken da. Er las zu⸗ die Arme nder lebte Schmerz, Ackermann Siegbert Er hatte ßre Auf⸗ Er ſebbſt Seele zu machen, twas von n Pflege. ,, wie el nerkannt. geſtallele ichgiliig⸗ keit Selma's war ſo auffallend, daß, wenn ſte wirk⸗ lich ein andres Bild im Herzen trug, Siegbert wol Recht hatte, ſich nach einer letzten flüchtigen Begeg⸗ nung in Pleſſen, wo wieder des Bruders nicht ge⸗ dacht wurde, zu ſagen: Wie lieblich iſt die Treue eines unſchuldigen Her— zens! Wie ſcheint an Selma Alles ſpröde, ſo ge⸗ widmet und aufbewahrt nur für den Einen, dem ihr ganzes Leben gehört! Wie fern, wie abweſend dieſer Blick des Auges! Wie erſchrickt ſie, wenn man ſie anredet und ſie nicht ſogleich die an ſie gerichteten Worte verſteht, weil ſie zerſtreut war! Das iſt die fromme Andacht der Liebe, die ihrem Heiligſten jeden Gedanken, jeden unbewachten Augenblick des Selbſt— geſpräches der Seele widmet! Ob wol Olga ſo lie⸗ ben könnte, ob ſie wol ſo liebt oder, aufgewühlt in ihrer kindlichen Frühreife, erſchreckt, beunruhigt, wild⸗ gehetzt von fremden Leidenſchaften, ſchon außer ſich lebt, ſtatt ſinnig in ſich zurückgezogen! Oleander las in einer Schrift der neuen philo⸗ ſophiſchen Schule, der kritiſchen oder chemiſchen, wie er ſie nannte. Chemiſch deshalb, ſagte er zu Sieg⸗ bert, weil dieſe Philoſophen des abſoluten Nichts die Liebigs der unſichtbaren Welt ſind. Wie die chemiſche Retorte Urſtoff auf Urſtoff entdeckt und dieſen Die Ritter vom Geiſte. VII. 26 402 immer wieder auf's Neue zerlegt, ſo hat der philoſo⸗ phiſche, gemüthloſe Verſtand der neueſten Schule Alles durch die Kritik bis zum vollkommenſten Nichts auf⸗ gelöſt und ich ſtaune hier eben über den Dünkel, mit welchem in dieſem Buche alle Beweiſe für die Un— ſterblichkeit der Seele widerlegt werden und der Ver⸗ faſſer nun auch glaubt, die Unſterblichkeit der Seele ſelbſt widerlegt zu haben. Siegbert ſchwieg. Er kannte dieſe Schriften. Lei⸗ denfroſt liebte ſie und empfahl ſie mit Eifer und doch widerſtanden ſie auch ihm, obgleich er Oleandern in ſeiner Entrüſtung nicht Recht geben mochte. Warum müſſen wir nur, fuhr Oleander, während Siegbert den Kinderu, die ſchwiegen, vorzeichnete, aber ernſt zuhörte, warum müſſen wir nur an ſo viel Renommiſterei im Geiſtigen leiden, an ſo viel gemüthloſer, affektirter Prahlerei! Wie dieſe Philoſophie ſich be⸗ rufen dünkt! Wie ſie aufräumt! Wie ſie durch den Erfolg ihrer kritiſchen Operationen immer übermüthi⸗ ger wird und ſich doch dieſer Freude über das abſo⸗ lute Nichts ſchämen ſollte! Dieſe Menſchen lachen über den Unſterblichkeitsglauben, ſie bemitleiden den vulgären Wahn unſrer romantiſchen Phyſiologie! Wenn ſie noch die Achſeln zuckten und ſagten: Die Materie bedingt den Geiſt und mit dem Zuſammen⸗ r phlloſo⸗ zule Alles ichts auf⸗ unkel, mit die Un⸗ der Ver⸗ er Seele en. Lei⸗ und doch ndern in während tzeichnete, n ſo viel nüthloſer, ſcch be⸗ durch den ermüthi⸗ as abſö⸗ n lachen iden den ſſiologie m: Die ſammen⸗ 40³ fallen der Materie hört dies Denken und Bewußtſein leider auf! Nein, ſie fühlen ſich ſo froh, ſo ſtolz, ſo gehoben durch die Thatſache des künftigen Nichts, daß ich vor einer Zukunft ſchaudere, wo dieſe Lehre in den jungen Gemüthern aller Orten Raum gefunden hat! Denn die Jugend läuft Dem nach, der den Säbel auf der Straße klappern läßt und die Mütze recht verach⸗ tungsvoll über einem Ohre trägt. Siegbert äußerte ein Wort, das er auf eine ähn⸗ liche Erwiderung von ihm ſelbſt einſt von Leidenfroſt gehört hatte. Nun wohl! ſagte er. Iſt denn aber dieſer Stolz ſo verächtlich? Man hat die Unſterblichkeit der Seele deshalb gelehrt, weil ſie zur Tugend nöthig wäre. Iſt es denn aber kein Fortſchritt, wenn die Tugend um ihrer ſelbſtwillen geübt und an künftige Belohnung nicht mehr gedacht wird? O, rief Oleander, wenn ſie nur tugendhaft wären! Wenn ſie nur wirklich die Beſcheidenheit verklärte! Wenn ſie nur aus der Erkenntniß ihrer eignen leerſten Zweck⸗ loſigkeit und der mit dem letzten Athemzuge eintreten— den Vernichtung die Aufforderung zur Demuth ſchöpf⸗ ten! Nein, ich kenne von Tübingen, von Halle, Ber⸗ lin, Wien her eine Menge dieſer neuen Philoſophen der Kritik und des Chemismus! Dieſe jungen Aerzte 26* 404 der neuen Schule, wie verächtlich und frivol ſprechen ſie von dem Körper! Er iſt ihnen eine Uhr. Wo wir früher göttliche Immanenz ſahen, wo wir ein Geheimniß in den Nerven ahnten, ſehen ſie nur den Mechanismus des Blutumlaufes und ſeiner Störungen. Das Mikroſkop hat ſie übermüthig gemacht, wie La⸗ place übermüthig durch das Teleſkop wurde. Dieſer Franzos behauptete alle Sterne geſehen zu haben, aber nirgends auf ihnen Gott. Dieſer Bemitleidenswerthe erhob ſein Teleſkop zum Gott und die neue Natur⸗ philoſophie macht aus dem Mikroſkop den Schöpfer. Es iſt der Dünkel der Gelehrſamkeit, der Herzloſigkeit, des eingebildeten Studiums. Und darin erkenn' ich Gottes Finger! Unſre Welt wird immer elender und erbärmlicher, unſre Schaffenskraft in geiſtigen Dingen immer geringer und gemeiner werden. Ein ſolcher Ato⸗ mismus, der nicht an die jenſeitige Beſtimmung des Menſchengeſchlechts glaubt, kann auch für das dies⸗ ſeitige Leben nichts ſchaffen. Warum erleben wir, daß dieſe Hände, wo ſie Staat, Kirche, Geſellſchaft berühren, nichts hervorzubringen vermögen? Warum ſind ſie von der Poeſie verlaſſen und müſſen auch de⸗ ren ewige Berechtigung läugnen? Warum haben ſie noch nichts gefertigt, als kritiſche Analyſen und da, wo ſie ſchaffen wollten, hohle Phraſeologie! ſprechen Ihr. Wo wir ein e nur den törungen. wie La⸗ Dieſet ben, aber enswerthe ie Natur⸗ Schöpfer. rloſigkeit, eienn ich tender und en Dingen olcher Ato⸗ mung des das dies⸗ eben wir, Heſellſcaft Warum 1 auch de⸗ haben ſi und da, 405 Siegbert fühlte ſein Herz vielen dieſer Ausrufun— gen vertraut und doch erſchreckte ihn, daß Oleander ſolche Thatſachen nur benutzte, um ſich dahin zurück— zuziehen, wo der unbedingte Glaube waltete. Er ſagte: Lieber, ich folge Ihnen gern, wenn Sie ſagen, daß die neue Schule etwas Brüskes, Herzloſes und Unſchöpferiſches hat. Ich habe ſogar einen Freund, Namens Leidenfroſt, der in der abſoluten Verneinung jeder Zukunftshoffnung ſeine Menſchenwürde findet und grade durch ſie für die Tugend, für die Todesverachtung ein erhebendes Prinzip zu haben behauptet. Aber ich kann mit dieſer Meinung nicht gehen. Ich denke, wie es hundert verſchiedene Sittengeſetze gegeben hat, die alle die Probe der Kritik nicht beſtanden und der innere kategoriſche Imperativ des Herzens: Uebe die Tugend! doch unläugbar iſt, ſo iſt auch trotz der Un⸗ wiſſenſchaftlichkeit aller Beweiſe für das Daſein Got⸗ tes oder die Unſterblichkeit der Seele der kategoriſche Demonſtrativ, wie ich ihn nennen möchte, dieſer That⸗ ſachen in unſrer Bruſt nicht auszurotten. Ich glaube nicht daran, daß dieſe Erde mit ihren Menſchenbe⸗ wohnern nur eine Stufenfolge der Schöpfung iſt, die in ſich ſelbſt abſtirbt und daß wir nur der Dünger immer neuer Schöpfungen ſind. Welches die Form unſrer Verklärung ſein wird, das weiß ich nicht. Ich — 1⁰⁶ denke, Gott wird ſchon eine Weſenkette neuen Lebens wiſſen, in der wir, wenn auch in Subſtanzen, die wir nicht ahnen können, uns als Fortſetzung unſres hieſigen Lebens erkennen. Wer kennt die Geiſterringe, die das All umſchließen! Aber, mein Freund, mit dieſem Zugeſtändniß iſt Gefahr verbunden. Ich kann mit Denen nicht gehen, die ſich nun gleich rechts wenden und dann ſagen: So bleibt uns nur der Glaube! Ich gehe mit Denen nicht, die links das abſolute Nichts wollen. Wo gibt es alſo einen Mittelweg? Es gibt keinen Mittelweg! ſagte Oleander und fügte ſcherzend hinzu: Gott oder Satan! Sie lächeln ſelbſt, Oleander! fiel Siegbert ein. Und doch ſind Sie auf dieſer äußerſten Alternative. Ich glaube an den Mittelweg. Ich glaube an die Möglichkeit, daß wir das Alte kritiſch überwinden und für den Geiſt, der uns dieſe Ueberwindung lehrte, doch auch eine Symbolik erfinden, auch eine Religion ſtiften. Ich will Gebundenheit des Gefühls und auch ein Maaß des Gedankens. Ich will, daß man ſich im Staate und in der Religion gebunden fühlt, gebunden durch die ewige Schranke, die wir nicht überſpringen können. Aber dieſe Gebundenheit muß keine traditionellen Formen len Lebens tanzen, die ung unſres heiſterringe, eund, mit Ich kann icch rechts Gnur der links das ilſo einen mder und gbert ein. lternative. be an die inden und hrte, doch i ſtiften. in Maaß tagte und die ewige n. Abet Formen mehr haben, in der Religion nicht die chriſtliche Theo⸗ logie mehr, in der Politik nicht mehr das feudale Staatsrecht. O mein Freund, ich weiß wohl, daß die Weltwirkung Chriſti kein Genius mehr heraufzube⸗ ſchwören vermag, kein Wettkampf eines Märtyrers vermag noch mit Chriſtus in die Schranken zu treten, es fehlt uns Symbol, Religion, Form Kirche und Staat für Das, was unſre Meinung iſt; aber hoffen wir doch, verzagen wi nicht; auch die neue Religion,— die neue Politik wird ihre Formen finden. Nicht um-⸗ ſonſt iſt uns von Chriſtus die künftige Herrſchaft des Geiſtes verheißen worden. Oleander ſchwieg und wollte in ſeinem Buche weiterleſen, als man einen Wagen rollen hörte. Er fuhr raſch von der Gegend des Amtshauſes herunter und die Frau Pfarrerin, die mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt am Tiſche ſaß, behauptete, es müßte Herr Ackermann ſein. Der Wagen hielt vor dem Pfarr⸗ hauſe. Die Kinder ſprangen hinaus. Es war Acker⸗ mann, Selma, Fränzchen und die kleine Clara Stro⸗ mer, die mit einem Korbe in's Haus traten. Guten Abend, ihr Kinder. Guten Abend, Herr Oleander! Guten Abend, Herr Wildungen! So ſtill hier? Kein Jubel? Keine blechernen Trompeten? Keine Trommeln? Und ſchon hatte Selma den Korb, den Fränzchen trug, aufgedeckt und trommelte auf einem kleinen Tam— bourin, und Clara, die in das Geheimniß eingeweiht war, zog Hedwig und Waldemar heran, um ihnen die übrigen Herrlichkeiten zu zeigen. 1 Es iſt St.⸗Niklastag, ſagte Oleander, glücklich durch den unerwarteten Beſuch. Siegbert beſann ſich auf dieſen Tag, an dem er in ſeiner Kindheit immer ſchon eine Vorfreude der Weihnacht genoſſen und erinnerte ſich ſeines guten Va⸗ ters, der in einem nach außen gekehrten rauhen Pelz— ſchlafrocke und verhüllten Kopfe den Niklas ſpielte. Zu Denen, die ſolche alte Sitten und Unſitten aus zärtlicher Schonung der„lieben Kleinen“ verwarfen, gehörte er nicht. Siegbert gedachte wehmüthig der Angſt, die die Mutter hatte, wenn ſie beteten und ſich nicht recht klar werden konnten, ob ſie ſich wirklich zu fürchten oder nur ſo zu ſtellen hätten; denn der Vater war ja wol ſogleich erkannt. Selma erzählte den ſtaunenden und über die klei⸗ nen Geſchenke jubelnden Kindern, ſie hätte alle dieſe Sachen vom heiligen Nikolaus bekommen und fragte dann: War er denn noch nicht da? Er ſagte doch, er wollte heute alle Kinder beſuchen und ſehen, ob ſie Fräͤnzchen ien Tam⸗ veihtwar, hnen die glücklich dem er eude der iten Va⸗ een Pelz⸗ ſpielte. ten aus erwarfen, ithig der und ſich irklich zu er Vater die klei⸗ llle dieſe d fragte doch, et „ob ſie 409 geſchickt wären und beten könnten? Auch den großen Kindern da, Herrn Siegbert und Oleander, drohte er mit der Ruthe! Gott ſei Dank, er kommt wol nicht. Indem pochte es aber draußen an der Hausthür donnernd. Die Kinder horchten erſchrocken auf... Als Ackermann, der mit väterlicher Freundlichkeit auf den Scherz einging, bemerkte, ob Das wol der Niklas wäre, und das Pochen ſich wiederholte, woll⸗ ten ſie ſich verſtecken. Wer geht hinaus und öffnet? Die Frau Pfarrerin hatte keinen Muth; der räth⸗ ſelhafte Ankömmling klopfte ſo ſtark, daß ſie zitterte. Oleander, der geſpannt war, was da kommen ſollte, ging und öffnete. Sogleich hörte man auf dem Vorplatz eine gewal— tige Klingel ſchellen und eine hohle rauhe Stimme rufen:. Sind hier Kinder? Wie die Kinder dies bezügliche Wort hörten, woll⸗ ten ſie ſich hinter der Mutter verſtecken. Oleander erſchrak ſelbſt über den mit Ackermanns einverſtandenen, ihm aber nicht erkennbaren Beſuch. Die Thür ging auf und eine tief in Pelzwerk ge⸗ * 410 hüllte und wol mit einem gebrannten Korke ſchwarzbe⸗ malte Figur trat herein. Der Kopf war von Damen⸗ ſhawls wie mit einem Turban überwunden. In der Hand trug der Wilde eine große Ruthe aus Beſenrei⸗ ſern und in der andern einen Sack. Die lange Stange hatte er draußen ſtehen laſſen. Ernſt blickte ſich der unheimliche Gaſt im Zimmer um. Selma, um ſeinen Scherz zu unterſtützen, ſchrie und lief ſich zu verſtecken. Du ſchon wieder da? ſagte der Niklas und rannte ihr mit der Ruthe nach, um ihr auf die Finger zu klopfen. Die Kinder wagten kaum hinter der Mutter her⸗ vorzukriechen. Nur Waldemar war etwas kecker und wollte den Niklas am Pelze zupfen. Da hatt' er einen Schlag auf die Finger weg. Zugleich warf aber der ſchlimme Heilige doch aus ſeinem Sacke Nüſſe, Aepfel, Lebkuchen in Fülle. Das lockte die Kinder, aber ſo wie ſie etwas erhaſchen wollten, ſetzten ſie ſich der großen drohenden Ruthe aus... Der Kleinſte, Oskar, weinte. Hedwig nahm ſich ſeiner an und ſuchte den Zorn des Niklas durch ein Gebet zu beſchwichtigen, das ſie raſch herſtammelte. Da ſagte der Niklas mit einer rauhen, Siegbert hwarzbe⸗ Damen⸗ In der Beſenrei⸗ Stange Zimmer —, ſchrie rannte nger zu ter her⸗ ſcker und weg. och aus 2. Das haſchen Ruthe ahm ſich melte. Siegbert 411 und Oleander und der Frau Pfarrerin völlig unbe⸗ kannten Stimme: Seid ruhig, ihr Kleinen! Ich weiß, daß ihr be⸗ ten könnt und geſchickt ſeid! Auf die großen Kinder iſt es abgeſehen. Hier! Da verſteckt ſich ein rechtes altes Kind, das ſich in der Welt herumtummelt, die Schule und das Elternhaus ſchwänzt... Wart', Geſell! Sag' deine Lection her! Damit hatte der Niklas Siegberten ſo eingeſchloſ⸗ ſen, daß dieſer in der That vor der Ruthe ſich nicht bergen konnte. Siegberten war es, als ſollt' er trotz der Verſtel⸗ lung die Stimme kennen. In der Eile rieth er hin und her. Aber der Niklas ließ ihm nicht Zeit zu fragen, ſondern verlangte einen Spruch. Siegbert warf den erſten beſten Schulvers hin. Der Niklas ſagte: Siehſt du, trivialer Schulſchwänzer, Beſſeres kannſt du nicht? Treibſt dich he eebelbildern na und vernachläſſigſt die me dich, Por⸗ traitklexer! Jetzt gewann Siegbert einen Paß, dem ſeltſamen Niklas zu entwiſchen, der nun Oleandern vornahm. Oleander unterſtützte die Vermuthung der Frau Pfarrerin und der Kinder, daß dies wol gar der Va⸗ 412 ter wäre, Guido Stromer ſelbſt, der die Seinigen zur Weihnachtszeit überraſchen wollte. Ach wie ſchlug der verlaſſenen Frau das Herz! Sollte er's ſein? Guido? Aber ſeine Stimme iſt nicht ſo rauh! Dieſer Humor nicht im Mindeſten von ſeiner Art! Aber vielleicht hat ſich ſein Weſen in der Stadt geändert? Er iſt fröhlicher geworden? Kinder, ſeid artig, betet, es iſt der Vater! Der Niklas verfolgte Oleandern, deſſen lange Fi⸗ gur ſich beim Entſchlüpfen komiſch genug ausnahm und wirklich von Selma nicht ohne Spott belacht wurde. Siegbert ſelbſt mußte lachen, wie der lange ly⸗ riſche Vikar ſich duckte und zur Freude der Kinder ſeine Angſt übertrieb, während er doch wirklich beklom⸗ men war. Du Stellvertreter des Stellvertreters des Herrn, ſagte der Niklas, was kannſt du ſagen? Lieſt du auch Alles aus Buchern ab, wie deine Kollegen? Biſt du auch ſo ein ußander die Brivat⸗Seelſorge der Weiblein Na ꝛch beim Kaffee pflegt und lieber Whiſt ſpieltzmalst. geiligen Auguſtinus lieſt? Oleander ſchwang ſich hinter Siegbert her und ſchützte dieſen vor, um ſich vor der Ruthe zu retten. Mit einer Anſpielung auf Siegbert's Trauer ſagte er nun raſch: nigen zur ſchuug der Guido? er Humor vielleicht 2 Er iſt tt, es iſt ange Fi⸗ nusnahm belacht ange ly— der ſeine beklom⸗ Hernn, Lieſt du zige der legt und s lieſt? ger und jretten. ſagte ei 4193 Nicht allzu große Luſt im Glücke! Nicht allzu großen Schmerz im Leide! Dann lacht nach jeglichem Geſchicke Der Hoffnung wieder grün die Weide! Das geht allenfalls! ſagte der Niklas. Etwas ſentimental zwar! Etwas Freude mit ſchwarzem Krepp! Aber es ſind ländliche Anſchauungen! Die grüne Weide iſt die Hauptſache! Oder du denkſt wol, Niklas wäre ein Bauer oder ein Viehzüchter? Wart'! Wart'! Aus Schonung für die Waiſe da— er zeigte auf Sieg⸗ bert— will ich deinen Spruch gelten laſſen; da haſt du einen Lebkuchen, einen Reiter zu Pferde und noch einen, ein Wickelkind! Laß dir's recht viel Kindtaufen bedeuten! Der Niklas jagte nun noch Ackermann, Selma, Fränzchen— mit denen er jedoch im Einverſtändniſſe war— auch die Frau Pfarreri nur immer da⸗ bei blieb: Das iſt Herr ve— nein! Das iſt— der Doktor Rei 1 Ser mel, wer iſt's nur? ſt ſo ſtille Frau war ganz alarmirt. Ihre wäl Bedan den Kindern theilte uß es der Vater wäre, wagte ſie der Täuſchung wegen nicht auszuſprechen. Zu Ackermann ſagte der Vermummte: Ueber's Jahr komm' ich wieder und wehe dir, Taſchenſpieler, wenn du mir nicht aus dieſem Apfel, der ſechs Körner enthält, ſechshundert Aepfel gewon⸗ nen haſt! Zu Selma: Wart', daß ich dich nicht mitnehme auf mein Pferd und dich in Höschen Pagendienſte verrichten laſſe bei der Königin Saba von Arabien. Und zu Fränzchen: Louiſe Eiſold läßt dich grüßen und um ein neues Lied nach der Melodie:„Des Volkes Tochter, arme Bettlerin“ bitten. Aber ich werde Euch anſtreichen, ſo zu lügen, ihr verdammten ſchönen Proletarierinnen ihr! Singen vom Elend und naſchen am liebſten Lebkuchen! Siegbert konnte nicht errathen, wer der Ver⸗ mummte war; denn die Stimme blieb verſtellt und ſein Spiel wurde faſt künſtleriſch behandelt. Als Niklas noch der Pfarrerin und den Kindern einige leichte Ruthenſtreiche verſetzt, dabei immer ge⸗ klingelt und mit ſeinem Sack geraſſelt hatte, faßte er zuletzt das unterſte Endelhuſſelben, ſchüttete die ganze Beſcheerung auf den Fußboden und während Jung und Alt danach haſchte, ſich drängte, ſtieß, war er verſchwunden. Jetzt erſt war das Gelächter und die Freude groß. Siegbert ſollte tathen und beſann ſich nicht. Sein Bruder konnte es nicht geweſen ſein. Er würde die Apfel, gewon⸗ Pferd iſſe bei neues „arme eichen, en ihr! kuchen! r Ver⸗ llt und ſindern ner ge⸗ aßte et ganze undAlt vunden. e gooß. Sein die irde — 415 Stimme erkannt haben... Indem brachte ein Haus⸗ knecht aus der Krone die Botſchaft, ein fremder Herr wäre angekommen, der ihn zu ſprechen wünſchte; er zeigte auf einen Zettel, auf dem„Leidenfroſt“ ge⸗ ſchrieben ſtand. Jetzt hatte Siegbert die Aufklärung. Hat er den Weg als Heiliger gefunden, der uns prügelte, ſagte er lachend, ſo kann er es jetzt auch als reuiger Sünder, um uns abzubitten. Der Tolle ſoll nur zu uns kommen. Ich komme nicht zu ihm und wenn er in hundert Kronen wohnte. Leidenfroſt war es wirklich, der dann in einem abgetragenen Sammetkittel kam. Er grüßte wie ein völlig Fremder und führte ſeine Rolle des Nichtwiſ— ſens, des Erſtaunens, der vollkommenſten Nichtbethei⸗ ligung eben ſo gut durch wie vorhin ſeinen Niklas, den er durchaus nicht wahrhaben wollte. Ich ein Niklas? ſagte er befremdet mit einer völlig andern Stimme. Ich ſo frech, Sie hier Alle mit Ru— then zu peitſchen? Wie könnt' ich daran denken! Ich habe das Glück, Ihre werthe Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, Herr Oleander und Frau Pfarrerin, in Folge des angenehmen Auftrags, in dieſer unangenehmen Jahreszeit die von Herrn Ackermannbeſtellten Ma⸗ ſchinen durch Dick und Dünn hierher zu begleiten. 416 Gewiſſe innere Stimmen ſagen zwar, ich hätte dieſen Auftrag mit beſondrer Vorliebe für den Flüchtling Siegbert Wildungen übernommen, den wieder zu ſehen mein Herz labt und der trotzdem, daß er eine Mutter verloren hat, doch ſchon wieder, wenn nicht lachen, doch lächeln kann. O lächelte die Sonne ſo durch Wolken und trocknete die Wege! Vergeben Sie meine Fußbekleidung! Ich verſichre Sie, daß dieſe Stiefeln wirklich von Leder ſind. Die Pfarrerin bot Thee oder jedes ihr ſonſt in der Eile mögliche Nachteſſen an, aber man ſchlug die Einladung aus und wollte in den Ullagrund zurück. Leidenfroſt begleitete die Rückfahrenden, verſprach aber morgen nach erſter Auseinanderſetzung der bereits in den Wirthſchaftshäuſern Ackermann's untergebrachten Maſchinen, ſich in Pleſſen ſehen zu laſſen. Ackermann kehrte dieſe Anordnung um und lud die Pfarrerin, die Kinder, Oleander und Siegbert liebevollſt und herz— lichſt für morgen zu Tiſch. Nun wohl— ſagte Leidenfroſt; dann ſorgen Sie nur für ein kleines Kämmerchen zum Rauchen und zu ſtillem Zwiegeſpräch mit dem neugierigen Siegbert. Wir haben Viel und nichts Geringes zu berichten. Wie lange bleiben Sie, Leidenfroſt? fragte Siegbert. Bis übermorgen! ſatte dieſen Flüchtling er zu ſehen ine Mutter cht lachen, ſo durch Sie meine e Stiefeln r ſonſt in ſchlug die nd zurück. ſpuach aber bereits in rgebrachten Ackermann arrerin, die und her⸗ porgen Sie nuchen und m Siegbelt geiichten. Sieabell te Sieg Dann reiſen wir zuſammen zurück. Wenn Sie keinen Anſtand nehmen, ſich dabei von den beiden Maſchinenarbeitern Alberti und Heusrück begleiten zu laſſen— So ſind wir vier und bilden ein vierblättriges Kleeblatt! Dieſe Bemerkung betonte Siegbert mit einigem Nachdruck, den Leidenfroſt verſtand und dazu bedeut⸗ ſam lächelte. Dieſe Mienen reizten Siegbert ſo, daß er die Zeit bis zum morgenden Mittag kaum erwar⸗ ten konnte und bis in die Nacht Oleandern, der in Leidenfroſt nun auch den Unſterblichkeitsläugner gleich perſönlich kennen gelernt hatte, mit Schilderungen über das Leben und die Talente dieſes Sonderlings, für ſeinen humoriſtiſchen Freund erſt langſam gewinnen mußte. Die Ritter vom Geiſte. VII. b0 — Dreizehntes Capitel. Der Häckſelſchneider. In Ackermann's größtem Zimmer war eine Fa⸗ milientafel hergerichtet. Selma und Fränzchen hat⸗ ten vollauf zu thun, den wirthſchaftlichen Verpflich⸗ tungen heute würdig zu entſprechen. Eine Hausfrau, die Frau Pfarrerin, ſollte heute ihrer Hände Werk, ihre Anordnungen, ihre Wirthſchaftlichkeit prüfen. Heute kam für Fränzchen der Onkel von der Jagd recht unerwünſcht, obgleich er Wildpret brachte. Er mußte ſich's auch gefallen laſſen, daß ſie ihm ſagte: Onkelchen, heute haben wir großen Beſuch, heute gibt's viel zu ſchaffen. Nun, ſagte Heuniſch, ich wollte mich ein bischen ruhen. Dann ſprech' ich einmal bei dem Alten vor. Ich höre ja, zu Weihnachten wird der Heinrich her— überkommen und ein paar Tage auf Urlaub hier zu⸗ bringen. d eine Fa⸗ zchen hat⸗ Verpflic⸗ Hausfrau, nde Werk, prüfen. der Jagd achte. Er ihm ſagte: uch, heute in bischen Alten vor⸗ inrich her⸗ b hier zl Sor ſagte Fränzchen gleichgültig und half der brum⸗ menden Lieſe den Grünkohl verleſen. Ich ſprach neulich den Alten auf dem Amt, wo die Papierſchreiberei kein Ende nehmen will... Fränzchen hörte gar nicht... Wegen der Teufelsgeſchichte in meinen vier Pfäh⸗ len— die Alte ſoll auf's Amt und will nicht— So hab' ich um jedes Und und Aber eine Scheererei— Guten Morgen, Herr Heuniſch! klang eine zarte Stimme. Es war Selma, die in der Wirthſchaft ſchaltete und raſch an dem in der warmen Küche ſitzenden Forſtmann vorüberging. Guten Morgen, Fräulein— wie behend geht Ih⸗ nen das Alles von der Hand! Da war heute aber kein Stillſtand, keine Gelegen⸗ heit zum„Schnacken“. Heuniſch wurde bald da, bald dort incommodirt, ſodaß er zuletzt merkte, er incommo⸗ dire ſelbſt und beſchloß, den Alten nebenan zu beſuchen. Haſt ihn denn noch immer nicht geſprochen? fragte Heuniſch ſeine Nichte. Heute wird's geſchehen müſſen, ſagte Fränzchen ſeufzend. Ich muß ihn um Eier bitten und wenn er's gut meint, auch noch um drei Hühner dazu. Wir ſind noch zu wenig eingerichtet. Die Lieſe muß 4. 27,* 4202 die Haſen ſpicken. Da will ich einmal ſelbſt mein Glück verſuchen. Wetter! Nun bin ich begierig, ſagte Heuniſch. Nun gehe ich voraus und recognoscire das Terrain. Komm' gleich nach! O da bin ich kurios. Adjes, Lieſe! Der Haſe iſt nicht zu jung und nicht zu alt... grade, wie's am Feuer ſein ſoll. Die Lieſe achtete heute nur auf ihre Töpfe und Pfannen und Spicknadeln und hörte kaum, was um ſie geſprochen wurde... Heuniſch ging und ſtöberte wirklich den alten Brummbär auf dem Häckſelboden auf, wo er meiſt ſelbſt angriff und für ſeine acht ſtattlichen Roſſe Häck⸗ ſel ſchnitt. Der Jäger hatte eine Lockpfeife, die der Bauer ſchon kannte. Er pfiff an den Scheunen, da er ſchon den regelmäßigen Schnitt vom Häckſelboden hörte. Guten Morgen! hieß es oben rundweg, als Heu⸗ niſch in den untern Heuſchober eingetreten war. Soll's was? Zum Wetter, iſt das ein Willkommen? Ich ſchneide Häckſel... Hör' ich... Gibt's was Neues? Euer Nachbar hat die Maſchinen gekriegt— lbſt mein. ſch. Nun . Komm' ieſe! Der .. grade, köpfe und was um den alten er meiſt oſſe Häck⸗ der Bauer a er ſchon hörte. als Heli r. Solli 421 Wohl bekomm's ihm! Auch eine Häckſelmaſchine— Gleichfalls! Die eiſernen Dinger ſehen ſo klug aus wie Puter— hähne, die ſich in die Bruſt werfen! Wenn ich ſie ſo klappen und ſtöhnen höre, iſt's mir faſt, als wären ſie lebendig. Meine alte Häckſelbank da ſchläft auch nicht— Ritſch! Ratſch! ſagte Heuniſch und ahmte das Schneiden nach, ärgerlich, daß dieſer Dialog ſo ganz par distance vom Boden herab und von unten hinauf geſchrieen wurde. Ihr ſeid fleißig, Sandrart... Werdet Ihr Euch denn die Maſchinen nicht einmal anſehen? Nein. Sie ſind poſſterlich. Glaub's. Der Nachbar macht Euch Alle todt. Wir wollen's erleben. Hört doch auf! Zum Donnerwetter! Seht doch ein bischen'runter! Was ſagt Ihr denn zur Franziska? Franziska? Was iſt Das? Auch ſo eine eiſerne Beſtie? Ritſch! Ratſch! Der Bauer ſchnitt ruhig ſeinen Häckſel weiter. Seid Ihr toll, ich meine meine Nichte— Sie iſt ja beim Nachbar. Ihr ſeid kein freundlicher Nachbar... 422 Ich ſehe nicht in andrer Leute Töpfe. Indem mehrte ſich die Scene. Fränzchen's in⸗ zwiſchen erfolgte Ankunft hatte Heuniſch am Gebell der Hunde und dem Knarren des Thorwegs errathen. Ja! ſagte eben eine alte Weiberſtimme hinter Heu⸗ niſch, der dabei durch die Bodenluke ſah, von welcher eine Leiter in die Scheune herabführte. Ja, aber andre Leute ſehen in unſre! He, Sandrart! Wie ſo, Jungfer Roſine? fragte Heuniſch ſich um⸗ wendend. Die Regentin des Sandrart'ſchen Bauernhofes be⸗ richtete, daß die Mamſell von drüben da wäre und um ein Dutzend Eier bäte und wenn's möglich wäre, auch um drei Hühner. Oben war Alles ſtill; auch die Häckſelbank ſchwieg. Ein Dutzend Eier wollen ſie drüben und wenn's möglich wäre, drei Hühner! wiederholte Jungfer Ro⸗ ſine kreiſchend, weil ſte glaubte, der Alte oben hätte den Wunſch nicht verſtanden. Ein Dutzend Eier, Sandrart, und wenn's möglich wäre, drei Hühner! wiederholte Heuniſch. Ich höre ſchon! ſchrie der Bauer... An ſeiner Stimme merkte man ſeinen Zorn und den geſchmeichelten Uebermuth. Roſine, die die abſchlägige Antwort voraus wußte, hen's in⸗ m Gebell errathen. nter Hel⸗ n welcher Ja, aber ſich um— hofes be⸗ däre und ich wäre, f ſchwieg. d wenn's 5 P⸗ gfer Ro⸗ hen hätte Zorn und us wußte⸗ grinzte verſchmitzt und wollte ſchon mit den Holzſchuhen davonklappen. Indem hüpfte Fränzchen herein, im wollenen Kleid⸗ chen, ein Mäntelchen übergeworfen, zwei Körbe in der Hand, erwartungsvoll, nicht ohne Hoffnung... Nun, rief ſie in die Scheune tretend, iſt der Herr Nachbar ſo gütig? Die Manſell! betonte Roſine die Leiter hinauf. Sandrart, ſtatt aller Antwort, fing wieder an Häckſel zu ſchneiden. Die Mamſell! ſchrie Roſine. Wer? Welche Mamſell? rief der Bauer. Das Fräulein Mamſell? Roſine antwortete höhniſch: Die Kammerjungfer! Meine Nichte, wenn Ihr's wiſſen wollt— er⸗ gänzte Heuniſch mit Nachdruck und ſtieg eine Sproſſe an der Leiter höher, indem er mit der Flinte auf die Bodendecke klopfte. So? rief der Bauer. Kompliment an den Nach⸗ bar! Es geht auf Weihnachten. Mein Sohn kommt. Wir brauchen da das Unſrige. Vielleicht legen ſeine Maſchinen Eier. Fränzchen begriff ſo viel Grobheit nicht. — Und unſre Hühner, fuhr die Magd fort, ſind unſre Kinder... die würgen wir nicht unnütz... Alte Gluckhenne! polterte der Jäger und ſtieß mit dem einen Fuß rückwärts, wenn die Hühner nicht mehr legen, macht Ihr Euch auch nicht Suppe davon? He! Sandrart? He! Euer Nachbar hat Gäſte! Ihr werdet doch nicht ſo ungefällig ſein? Der Teufel nein! Soll's denn immer heißen: Grob wie Bauernvolk? Sandrart kehrte ſich an dieſe Wendungen nicht, blieb ungefällig, verweigerte Hühner und Eier und ſchnitt wieder Häckſel. Der gereizte Jäger äffte ihm nach: Ritſch! Ratſch! Schneid' Er Häckſel in Teufels Namen! Geb' Er Antwort, Alter! Sandrart ſchnitt Häckſel und die Roſine ging la⸗ chend aus der Scheune. Fränzchen konnte nicht umhin, zu dem Onkel, der wieder eine Sproſſe niedriger geſtiegen war, zu ſagen: Sehen Sie da, Onkel, wie thöricht Sie handeln, mich zu einem Verhältniſſe zu zwingen, wo ich das unglücklichſte Weſen von der Welt wäre. So achtet man mich! So verlangen Sie, daß das Kind Ihres Bruders beſchimpft wird? Und faſt weinend, aus Jammer über das Mittags⸗ eſſen, wollte ſie ſchon mit ihren Körben gehen und ſind unſre dſtieß mit hner nicht pe davon? zäſtel Ihr eufel nein! ernvolk? gen nicht, Cier und n Tuufels 3 ging la⸗ Onkel, der zu ſagen: handeln, ich das So achtet eind Ihres Mittags⸗ gehen und die traurige Nachricht, daß ſie leer komme, heim— tragen. Heuniſch aber, gedenkend, wie nothwendig heute vorerſt die Eier waren, wie ferner ſein Haſe, den er zur Tafel geliefert hatte, doch nicht das einzige Fleiſch ſein durfte, das Herr Ackermann ſeinen Gäſten vorſetzte, hielt ſie zurück und rief laut, daß der Alte oben, der ruhig ſeinen Häckſel fortſchnitt, es hören mußte: Wäre der Heinrich hier, Franziska, der Heinrich, der dich liebt, der Heinrich Sandrart, Sergeant bei der dritten Compagnie Leibregiment, der zöge die Plempe und ging' in die Speiſekammer und ſchlüge alle hundert Schock Eier, die da liegen, in einen gel— ben Brei zuſammen und im Hühnerſtall dreht' er allen Hühnern die Hälſe um! Dies Kraftwort, unterſtützt durch das Pochen der Flinte am Heuboden, bewirkte, daß der Alte oben zwar nicht antwortete, aber doch mit Häckſelſchneiden innehielt und ſich die Möglichkeit einer ſolchen von ſeinem Sohne vorausgeſetzten Eierverwüſtung ſtill überlegte. Abſcheulich! fuhr Fränzchen weinerlich fort. Wir brauchen die Hühner zu einem Ragout. Selma hat das Dutzend Hühner, das ſie ſich erſt drüben angeſchafft haben, zu lieb und will keines ſchlachten laſſen und 8 hier gackert's von Morgen bis Abend, daß man ſich die Ohren zuhalten möchte. Ich möchte nun gleich, fuhr der Jäger zornig fort, ich möchte nun gleich hier die Leiter nehmen und ſie zuſammenrütteln, daß der Alte mit ſammt der Häck⸗ ſelbank durch die Decke fiele! 4 Er that Das auch, ſelbſt auf Gefahr, in eigner Perſon herunterzufallen. Nein, nein, wir müſſen uns auf's Bitten ver⸗ legen, flüſterte Fränzchen. Ich kann ſo nicht zurück— kommen. Wir müſſen gute Worte geben. Haltet ein⸗ mal die Leiter, Onkel! Hält ſie auch feſt? Heuniſch, erfreut von dieſer vielleicht folgenreichen Wendung, ſprang herab.. Fränzchen ſtieg einige Stufen empor und rief zur Oeffnung hinauf: Herr Nachbar— Heuniſch dachte: Nun woll' er ſehen, was kom⸗ men würde. Keine Antwort auf den zarten, ſchmeichelnden Gruß. Thu' ihm ſchön! flüſterte der Onkel, der wohl ein⸗ ſah, daß dies der einzige Weg der Eroberung war. Ihr habt ſo viel tauſend Eier, ſagte ſie— wir wiſſens— und hundert Hühner im mindeſten— ein un ſich gfort, ud ſie Hãc⸗ eigner ver⸗ zurück⸗ et ein⸗ greichen ief zur 3 kom⸗ — Gruß. hl ein⸗ war. — wit Kompliment von Herrn Ackermann— guten Tag, Herr Sandrart— Der Alte, ſtatt aller Antwort, ohne ſich an die Bitte zu kehren, ohne ſich nach dem niedlichen Köpf⸗ chen, das ſchon durch die Luke hindurchſah, umzu⸗ wenden, fing wieder an, Häckſel zu ſchneiden. Fränzchen ſtieg nieder und ſchluchzte faſt vor Zorn und beleidigtem Stolz. Sie hatte dem alten„Ekel“, wie ſie ihn mit ſtädtiſchem putzmacheriſchen Ausdruck nannte, geſchmeichelt, ſie war ihm faſt, aus der Ferne we⸗ nigſtens, um den Bart gegangen und nun ſtand der oben in ſeiner kurzen Jacke und ſeiner Pelzmütze und ſchnitt Häckſel und hörte nicht und lachte in ſich hinein voll Uebermuth. Wart', Fränzchen, flüſterte der Jäger. Ich hab' jetzt einen andern Gedanken! Wir wollen's anders machen. Du kriegſt die Eier und die Hühner auch. Damit hielt er Fränzchen, die ſchon gehen wollte, zurück, und begann nun laut und vernehmlich, daß es der Alte hörte: Fränzchen, laß gut ſein! Der Heinrich kommt zu Weihnachten— der Heinrich, der— Ach geht mit dem Heinrich! ſagte Franziska in natürlichſter Regung. Willſt du wohl! flüſterte Heuniſch und nun wieder 428 laut: Was? Heinrich Sandrart! Nicht wahr? Das iſt ein ſchmucker Junge! Da ſoll Kuchen gebacken werden! Darum ſpart er die Eier! Aber was macht ſich denn ſo ein Sergeant aus Kuchen! Der... der hat Höflichkeit, du weißt, ich ſagt's ja damals gleich nach der Parade... Ach was, Parade! Ich will hinüber! unterbrach Fran⸗ ziska, die auf des Onkels Liſt nicht eingehen mochte. Pſt! flüſterte dieſer, hielt ſie feſt und fuhr laut fort: Musjöh, ſagt' ich auf der Parade, Heinrich, was biſt du gewachſen! Als ich dich im Walde attrapirte und du mir einmal die Brombeeren mauſteſt, die ich ſelber gern eſſe, was warſt du ein winziger Knirps und nun, wo du Andre ſuchtelſt, biſt du ein rechter Sappermenter! Ja, wie du die Rekruten zurecht ſetzeſt! Nicht wahr, Fränzchen, wir haben's geſehen, wie der Rekruten zuſtutzt? Der alte Bauer hörte ſchon lange zu häckſeln auf und horchte. Fränzchen, die die Wirkung merkte, widerſprach nicht mehr, ſondern ließ den Onkel ſeine Späße fort⸗ ſetzen. Der Major von Werdeck ritt vorbei und ſagte— Heuniſch flüſterte: Wenn's auch nicht wahr iſt— Sandrart, ſagte er, Sandrart! Er iſt ein ganzer Kerl! 429 Sein König kann ſich auf ihn verlaſſen! Er hat die 8 binn ſauberſte Uniform, die nettſten Handſchuhe und das z nuſt beſte Lederzeug— d Das Lob ſchallte im ganzen Heuboden nach. Der Jäger nahm den Mund ſo voll, daß der Bauer oben glej wirklich Antheil nahm und auch laut ſagte: cFran⸗ He⸗ He⸗ je Hei . Wie ſo hoho? ſagte Heuniſch und ſtieg auf die Leiter. nocht Wie ſo hoho? Was will Er da oben mit Hoho? Was ntt fort: weiß Er? Er Häckſelſchneider? Was weiß Er vom c, uns König und wen der lieb hat? Schneid' Er Häckſel! 3 trapine Alles erlogen! rief der Bauer ſchon lachend. die ich Warum erlogen? polterte Heuniſch und ſtieg noch Knirs höher, daß ſein Kopf bald durch die Bodenluke kam. rechter Was erlogen? Der Major liebt den Heinrich und tſetzeſt ſagt des Tages zehnmal zu ihm: Sandrart, Er ge— wie det fällt mir! Ho! Ho! Der Major ſagt„Sie“ zum Heinrich... ſeln auf Ach, das weiß ich ja! polterte Heuniſch; was wollt Ihr denn! Er oder Sie! Wollt Ihr grober Bauer erſprach mir, einem Jäger, der Soldat war, ſagen, wie ein iße folk⸗. Major zu einem Freiwilligen ſagt! Was wißt Ihr ddenn da an der Häckſelbank! Alter Grobian! Heinrich agte— V iſt ein Freiwilliger. Er iſt mit mir Arm in Arm ge⸗ r iſt gangen, wie er vom Appell kam und in einen Wein⸗ er Kerl⸗* e keller ſind wir gegangen und ich habe zu ihm geſagt: Junge, was haſt du für einen Schnurrbart gekriegt, hab' ich geſagt, und er hat gelacht und geſagt: Er würd' ihm noch ganz anders wachſen, wenn er erſt Feldwebel würde und Feldwebel muß er werden und er wird's und der König will's— Ne— ne! hieß es jetzt oben, mit einer Stimme, wie wenn man den Bauer gekitzelt hätte. Warum will's der König nicht? ſchrie der Jäger und war mit dem Kopfe durch die Bodenluke. Ne! Nel ſagte Sandrart faſt kichernd. Antwort! Warum will der König ſo einen Feld⸗ webel nicht? Was? Der Bauer lachte. Dieſe Stimmung raſch benutzend, ſagte Heuniſch polternd: Hier will der Nachbar ein Dutzend Eier haben— Aber ich wette hundert, er wird Feldwebel! Er warf dies ſo hin, als unterbräche dieſe Störung nur die wichtige Unterhaltung über das fernere Avan⸗ cement des Sohnes. Er wird nicht Feldwebel, er ſoll es nicht! ſchmun⸗ zelte der Bauer. Er kommt nach Hauſe... Er ſoll's nicht— wenn ich Euch aber nun be⸗ weiſe, daß der Major geſagt hat... Donner, ſo laß geſagt: gekriegt, it: Er er erſt den und Stimme, 3 Jäger n Feld⸗ Heuniſch aben— Störung Avan⸗ ſchmun⸗ nun be⸗ ſo laß 43311 mir meine Beine in Ruhe, Franziska! Mit deiner Bettelei! Roſe! rief der Alte jetzt oben aus dem ſchmalen Fenſter in den Hof! Ein Dutzend Eier für den Nachbar! Ich ſage aber, fuhr Heuniſch fort, während Fränz— chen glückſelig in den Hof lief und der dort lauernden Roſine wiederholte, was ſie eben zu ihrem Erſtaunen aus dem Luftloch des Häckſelbodens vernommen hatte, ich ſage aber, der Heinrich muß Soldat bleiben. Hein⸗ rich, ſagt' ich ihm, dein König will's und die Flöten⸗ blaſerei iſt nichts für einen Soldaten, der du bleiben ſollſt dein Lebenlang bis zum General! Ach! Ach! ſagte der Alte oben ablehnend und die Finte merkend und wollte wieder Häckſel ſchneiden. Nein, fuhr Heuniſch, der die Stufen der Leiter nun ganz hinaufklomm, polternd fort, nein! Er bläſt die Flöte! Er bläſt ſie wie der beſte Hautboiſt nur die Flöte blaſen kann! Er hat was gelernt— das muß wahr ſein und es iſt wahr— allein aber— einem Feldwebel, denk' ich denn doch auch, einem Feldwebel ſteht es wie jedem andern Menſchen, wenn er ſagen kann: Mein Vater hat was an mich ge⸗ wandt, mein Vater iſt reich, mein Vater kann's thun — wir haben hundert Hühner im Stall und ſchenken 432 weg, was wir nicht brauchen, wie die Kaſtanien, und wir bleiben Soldat! Sandrart, der Bauer, lachte jetzt übermäßig und rief: Ne! Ne! Hier will Euer Nachbar drei Hühner, bemerkte Heuniſch, wie gleichgültig und das Wort ſo hinfallen laſſend... Warum ſoll Heinrich nicht Soldat bleiben! Sein König will's! Ich weiß es, der König hat ſchon manchmal gefragt: Wer iſt der ſchöne junge Mann, der bei der Parade immer ſo gerade marſchirt und die beſte Uniform hat... Daß dich der Teufel, Fränz, da unten mit deinen Eiern und den verfluchten Hühnern! Roſe! Sandrart! rief's von unten. Die ſchwarze legt nicht mehr— Die bunte— Die ſchwarze, ſag' ich— und die bunte— und die geſprenkelte auch nicht— O, o die geſprenkelte— Ich ſage, ſie legt nicht— Donnerwetter!— Die ſchwarze, die bunte und die geſprenkelte— ſchickt ſie herum— und laßt guten Appetit wünſchen und ein Kompliment. Aber mein Sohn gehört mir und nicht dem König. Fränzchen folgte mit Jubel der zornigen Roſine in mnien, und gund rief: bemerkte hinfallen at bleiben! hat ſchon Nann, der und die Fränz, da Hühnern! —43 den Hühnerſtall. In einem Korbe hatte ſie die Eier, in den andern kamen die drei Hühner. Alſo warum? kam der Bauer jetzt von der Häck⸗ ſelbank an die Dachluke, ſodaß ſich Heuniſch etwas zurückzog. Mir ſoll Eins kommen und ſagen: Der Heinrich ſoll immer Soldat bleiben! Er hat ſeinem König gedient und nun gut damit. Jetzt ſoll er wieder ſeinem Vater dienen. Will's ſein Vater? A la bonne heure! Das iſt was Andres! Dann ſagt' ich aber auch, fuhr Heuniſch fort und wollte nun gleich auch ſeinen andern Vor⸗ theil wahrnehmen... Was habt Ihr geſagt? Dann ſagt' ich aber auch gleich: Heinrich, nun heiratheſt du. Das kann er! Das kannſt du, Junge! ſagt' ich im Weinkeller und er wollte nicht, daß ich bezahlte. Ich hatte, ſtraf' mich Gott, ich hatte meinen Lederbeutel ſchon in der Hand, aber der Junge wollte nicht und ich ſagte: Das kannſt du! Das kann er! Und weil du doch einmal die Franziska Heuniſch, dem alten Jäger ſeine Nichte, gern haſt— Wen? Die Ritter vom Geiſte. VII 434 Und weil ſie dich wieder gern hat— Was? Jetzt legte ſich Franziska, die in dem Korb die ver⸗ dutzten Hühner feſthielt und dem Onkel ihren Triumph zeigen wollte, in's Mittel und wollte mitſprechen. Heuniſch hielt ſie aber zurück, legte rückwärts die Hand auf ihren Mund und fuhr fort: Und weil dein Vater alt iſt und ſich zur Ruhe ſetzt, und dein Mädchen in der Nähe iſt, ſich auf Wirthſchaft verſteht, keine Stadtmamſell iſt, von Eiern und Hühnern Was verſteht— Nichts, nichts da! fiel Sandrart ein und ging von der Luke an die Häckſelbank. Da, Fränzchen, ſteig' auf die Leiter, gib dem alten Schwiegerpapa dein Pätſchchen, ſo ſammetweiche Händ⸗ chen hat er ſein Lebtag nicht in ſeiner alten Lederhaut gehabt— komm', Kind— da, Alter, hier dankt Eins für die Hühner und für die Eier! Heuniſch zog Fränzchen wider Willen auf die Leiter empor und faßte ihre Hand, um ſie dem Alten hin⸗ zuhalten.. Da kam aber der Bauer mit raſchem Schritt ſo dahergefahren, daß Heuniſch ſelbſt erſchrak... Nun? rief er. Ausgeſöhnt? Oben hieß es mit zorniger Stimme: Korb die ver⸗ ren Triumph ſprechen. ückwärts die h zur Ruhe ſt, ſich auf „von Eiern d ging von ib dem alten eiche Häͤnd⸗ n Ledethaut dankt Eins jdie Leiter Alten hin⸗ Schritt ſ Kopf weg! Und krachend fiel die Bodenklappe über der Leiter ſo zu, daß dieſe zitterte und bebte und Heuniſchen faſt der Hut wäre eingeſchlagen worden. Der Bauer machte kurzen Prozeß. Fränzchen hüpfte aber ſchon fröhlich zu Ackermann's hinüber und achtete Heuniſch's nicht, der nun wirklich zornig wurde, an der Klappe ſtieß und rüttelte, mit der Flinte drohte und dem Bauer einige Dutzend reeller Donnerwetter an den gierigen Hals wünſchte. Wart! Dir kommt's doch noch einmal über's Dach! Du grober, impertinenter Kerl! Sandrart ſchnitt wieder Häckſel und Heuniſch mußte von dannen gehen, zornig auch über Fränzchen und die ganze Wirthſchaft bei Ackermann, die ihm deutlich genug zu verſtehen gegeben hatte, daß er ihr, wenn er jetzt wieder käme, heute nur im Wege wäre. Aergerlich brummend, ſtopfte er ſich die Pfeife und ging, da es zu regnen aufgehört hatte, in den Wald zurück zu ſeiner lieben Urſula, ſeiner theuern Einzigen, die es in der Welt doch nur allein„gut mit ihm meinte“. Vierzehntes Capitel. Berichte aus der Neſidenz. Die Eierſpeiſen, der Haſe, die als Ragout bereiteten Hühner ſchmeckten der zahlreichen, muntern Geſellſchaft vortrefflich. Leidenfroſt, der Ackermann's und Selma's Bekanntſchaft mit Vergnügen erneuerte und viel über deren Knabentracht ſcherzte, brachte ſeine Begleiter Al⸗ berti und Heusrück mit, die am Tiſche, wie die An⸗ dern, Antheil nehmen ſollten und es auch ihres Be⸗ tragens wegen verdienten. Erinnern Sie ſich noch des Hünen Danebrand? ſagte Leidenfroſt zu Ackermann. Wie er der Louiſe Eiſold zu Gefallen auf dem Fortunaball eine kleine Schlacht lieferte, deren Folgen glücklicherweiſe damals mit dem liebevollen Mantel der„Anarchie“ zugedeckt wurden? Fränzchen erröthete und wagte nicht die entfern⸗ teſte Frage nach Louiſe Eiſold. m t bereiteten Geſellſchaft d Selma dviel über egleiter A-⸗ vie die A⸗ ihres Be⸗ Danebrand! der Louiſt eine klein (iſe damal 2 zugedect fern. die entfel 437 Was iſt aus dem Hackert geworden? fragte Acker⸗ mann, der ſich des Vorfalls wohl entſann und auch der Begleitung jenes ihm damals nicht willkommenen Geſellſchafters vom Heidekruge her. Polizeiagent vorläufig! ſagte Leidenfroſt. Die rechte Hand des unternehmenden Par, der in Entdeckung von Demagogen und Jeſuiten ſeines Gleichen ſucht. Nur hör' ich, daß die Entdeckung der Erſtern vom Hofe gern geſehen, die der Letztern aber für übereilten Amts⸗ eifer erklärt wird. Jener Hackert erſchien mir damals weit mehr ein Gegenſtand, als ein Werkzeug der Polizei, bemerkte Ackermann. Jetzt nachtwandelt er durch die Clubs, fiel Leiden⸗ froſt ein. Pax hat ihn zum Aufſeher aller Vereine gemacht. Ich fürchte, daß ihn einmal vor den Schlä⸗ gen, die er da ernten kann, weder Louiſe Eiſold noch Danebrand rettet. Man kam von dieſen Geſprächen ab und nahm Veranlaſſung, über die politiſche Lage des Augenblicks im Allgemeinen zu ſprechen. Leidenfroſt hatte kein Hehl, daß die Revolution ihm jetzt erſt in ihre rechte Entwickelung zu treten ſchiene. Wenn wir ſo forttaumeln, wie jetzt, ſagte er, kommt ein tolleres Hagelwetter, als wir's ſchon hatten. Wir 438 befinden uns hier leider auf Fürſtlich Hohenbergiſchem Boden, ſonſt würd' ich offen meine Meinung ſagen. Ackermann forderte den Gaſt auf, ſich keinen Zwang anzulegen. Wenn er in ſeinen Anſichten zu weit ginge, würde er an dieſem Tiſche nicht nur ein Centrum, ſondern ſogar— er warf einen lächelnden Blick auf Oleander— eine äußerſte Rechte finden. Leidenfroſt ſchoß einen prüfenden Blick auf den Vikar, der die Antwort nicht ſchuldig blieb, ſondern entgegnete: Ich halte mich für unfähig über Politik zu ſtrei⸗ ten, da ich zu wenig von ihr verſtehe. Dennoch glaub' ich, daß jeder Staatsmann, der jetzt an's Ruder kommt, die Verpflichtung hat, die Deviſe: Eile mit Weile! zu ſeinem Motto zu wählen. Von Seiner Durchlaucht, begann Leidenfroſt mit ſichtbarer Ironie, von Seiner Durchlaucht einen ſo praktiſchen, beſcheidenen, aber doch zu gewöhnlichen Gemeinplatz vorauszuſetzen, heißt den hohen Genius verkennen. Dieſer Staatsmann, den zwar einige Ca⸗ ricaturen mit einer Ruthe, die Fibel in der Hand, als gewöhnlichen Schulmeiſter darſtellen, iſt vielmehr ein neuer Johannes, der uns auffordert, in die Wüſte zu ziehen und von Heuſchrecken zu leben. Ich will nicht ſagen, daß er uns ſelbſt das Beiſpiel der Ent⸗ bergiſchem ing ſagen. een Zwang weit ginge, Centrum, Blick auf auf den , ſondern 1 Dennoch jetzt an' wiſe: Eil afroſt mi einen ſo wößnlichen n Genius inige Ga⸗ Hand, als lmeht ein die Wiſt Ich wil der Ent⸗ tzu ſtrei⸗ 4 haltſamkeit gibt. Seiner Durchlaucht lieben die Welt und ihre Freuden. Aber dem Volke gönnt er nicht mehr oder weniger als eine Art Faſtenkoſt, beſonders in geiſtigen Dingen. Es iſt der Prießnitz unſres Staates. Er muthet uns eine Waſſerkur zu, Ent⸗ haltſamkeit und geiſtige Diät. Die neuen Wahlen haben aber gezeigt, wie entzündlich noch unſre Zu⸗ ſtände ſind. Wir werden neue Douchen bekommen, kalte Uebergüſſe, oktroyirte Geſetze. Ich ſehe unſren Staat ſchon ſo friſch und geſund wie einen Hecht im Waſſer zappeln. Können Sie beſtreiten, fiel Oleander ein, daß es ein Glück wäre, wenn die Sucht, Politik zu treiben, auf ein gewiſſes Maß zurückgeführt würde und man die Politik Denen überließe, die die nächſte Veran⸗ laſſung dazu haben? Aha! war Alles, was Leidenfroſt unartig genug darauf erwiderte. Er ſprach dies Wort mit großer Bitterkeit und verletzte faſt die gemüthliche Stimmung der kleinen Tafel. Einer Aufforderung, weiter vom Zuſtande der Dinge in der Reſidenz zu ſprechen, genügte er nicht, ſondern verwies auf die Zukunft, die Vieles zur Reife bringen würde. Siegbert erſtaunte, den alten kauſtiſchen Freund ſo überreizt zu finden. Er ſchloß daraus, wie es wol in der Reſidenz ausſehen mochte und hatte nicht den Muth, nach ſeinem Bruder zu forſchen, faſt aus Be⸗ ſorgniß, Leidenfroſt möchte mit ihm zu vertraut ge— worden ſein. Ueberhaupt brachte er bei Ackermann nie die Rede auf ſeinen Bruder. Er hatte die Rolle, die er dieſen Sommer auf dem Schloſſe ſpielte, nie gebilligt und mochte die Abneigung, die Selma ge⸗ gen ſeinen ſittlichen Werth verrieth, nicht vermeh⸗ ren. Es wurde ihm nie von Herzen wohl im Ulla⸗ grunde. Ackermann, beſonnen und gewiegt wie immer, löſte die Spannung mit den Worten: Stoßen Sie an auf das ſchöne Prinzip, das Egon ausgeſprochen hat und in dem wir uns, wenn auch mit ſonſt abweichenden Meinungen, gewiß Alle ver— einigen werden: Auf die heiligen, den Menſchen wahr⸗ haft freimachenden, ſeinen Geiſt wahrhaft läuternden Pflichten und Rechte der Arbeit! Alberti und Heusrück waren es beſonders, denen Ackermann ſein Glas entgegenhielt. Sie ſtanden auf und ſtießen beſcheiden an. Auch Leidenfroſt beherrſchte ſich, zumal da er ſah, daß die liebliche Selma bei des Vaters, ihr ſelbſt überraſchend klingenden Worten auf⸗ ſtand, ein Waſſerglas ergriff, ſich von dem neben ihr —— =—½ G —⁸ — 8 die es wol nicht den aus Be⸗ ertraut ge⸗ Ackermann die Rolle, pielte, nie Selma ge⸗ vermeh⸗ im Ulla⸗ ꝛmer, löſte das Egon venn auch Alle ver⸗ hen wahr⸗ ſäuternden 5, denen anden auf beherrſchte na bei de⸗ orten auf⸗ neben in 441 ſitzenden Siegbert Wein ausbat und mit anſtieß. Sie ſagte in fröhlicher Laune: Das gilt auch uns! Auch wir wollen Rechte im Staat, erobert durch unſre Wirkſamkeit in der Küche! Wenn Ihnen aber dieſe Omelettes ganz beſonders ſchmecken und ein noch ſpäter im dritten Akte unſres Dramas auftretendes Hühnerragout Ihren Beifall finden wird, ſo gebührt die Anerkennung für dieſe Lei⸗ ſtungen in der Kochkunſt der Liſt und Verſchlagenheit unſres Fränzchens, die heute Eier und Hühner vom Nachbar nicht ohne Mühe gewonnen hat! Selma erzählte hierauf zum Ergötzen der Tafel, wie der Onkel Heuniſch und Franziska vom alten Sandrart dieſe Vorräthe eroberten... Bei Erwähnung des Majors von Werdeck warf Leidenfroſt einen bedeutungsvollen Blick zu Siegbert hinüber. Dieſer errieth ſogleich, worauf dieſer Wink zielte und fragte Leidenfroſt, was es denn ſonſt für Neuigkeiten über die gemeinſchaftlichen Bekannten gäbe? Unter dieſen, antwortete Leidenfroſt etwas zurück— haltend, hat ſich gar Vielerlei ereignet. Frau von Trompetta, unſre Gönnerin, hat ſich entſchloſſen, ge— gen den Hof in eine gewiſſe, aus unerhörter grenzen⸗ loſer Liebe ſchmollende Oppoſition zu treten und die Lot⸗ terie, in der das Gethſemane ausgeſpielt werden ſoll— Siegbert erklärte Ackermann und Oleandern, was e unter dem Gethſemane zu verſtehen hätten— Soweit auszudehnen, fuhr Leidenfroſt fort, daß auch noch andre Gegenſtände dabei zur Verlooſung kämen und ſich eine Einnahme beſchaffen ließe, groß genug, um ein Kanonenboot für die deutſche Flotte zu kaufen. Sie iſt von der Landesfarbe zu der des gemeinſamen Vaterlandes übergegangen und trägt ſchwarz, roth, gold. Dies hat einen Bruch mit Fräulein Wilhelmine von Flottwitz veranlaßt. Ihre Farben, ihre Geſinnungen harmoniren nicht mehr, zur großen Freude der meiſten Geſellſchaften, die dadurch vor gewiſſen makkabäiſchen Duetten bewahrt bleiben. Die Flottwitz, die leider täglich blonder wird, ſetzt ihre Bekehrungsverſuche mit Ihrem Bruder Dank⸗ mar fort, der jedoch bei ſeinen Studien über römiſches und germaniſches Erbrecht zu wenig Zeit hat, ſich in die Separatgeſchichte der einzelnen Truppentheile unſrer Armeen und die tiefe Bedeutung der Achſelklappen und der Patrontaſchen zu verlieren. Der Reubund hat ſich in zwei Fraktionen geſpalten. Die eine mit der Bundeskaſſe, die andre ohne Bundeskaſſe. Aeu⸗ ßerlich heißt es: Der Eine will die neue Verfaſſung beſchwören, weil es der König und das Vaterland verlangten, der Andre will aber dem König noch eine — ndern, was tten— fort, daß Verlooſung ließe, groß iſche Flotte zu der des und trägt Bruch mit aßt. Ihre icht mehr, aften, die en bewahrt nder wird, der Dank⸗ römiſches at, ſich in eile unſret ſelklappen Reubund eine mit ſe. Aa Verfaſung Paterland 443 größre Reue zeigen und den Schwur auf dieſes„Blatt— Papier“ als unverbindlich darſtellen, worüber natürlich in den„kleinen Cirkeln“ viel Thränen der Rührung und Verlegenheit vergoſſen werden, zumal da ſich ſo viele Gelehrte, fromme Offiziere und myſtiſche Beamte bereit erklärt haben, zu beweiſen, daß Eide für die Fürſten doch immer nur unter Umſtänden heilig ſind; aber wie geſagt, die Spaltung beruht auf Kaſſendefizits und einer, wie wenigſtens Freund Werdeck verſichert, tief eingeriſſenen Differenz über die zweckmäßigere Ein⸗ richtung einer Brautpaar⸗Ausſteuerkaſſe verbunden mit einem ſtillſchweigenden Heirathsbureau. Der Bruch wurde unheilbar, als die eine Frau Meiſterin vom Stuhl für ein neues gelbſeidnes, die andre für ein violettes die Aufmerkſamkeit der Loge ausſchließlich in Anſpruch nahm. Seitdem hat man neben dem alten einfachen Reubund nun noch einen Bund der doppelt Bereuenden. Vom Propſt Gelbſattel, lieber Wildun⸗ gen, ſoll ich Sie grüßen. Er iſt entzückt, daß Sie die Schönauer ſo entzückt haben. Er verfällt immer mehr mit dem Staate der Gegenwart, auch mit dem Staate des Fürſten Egon. Die Unabhängigkeit der Kirche vom Staate und die Abhängigkeit der Schule von der Kirche iſt in dem Grade jetzt ſein Steckenpferd, daß es eine ganz harmlos hingeworfene und unſchul⸗ — ——————ü—— 444 dige Phraſe geworden iſt, von ihm zu ſagen, er hielte es mit den Jeſuiten. Der General Voland von der Hahnenfeder, der im Stillen doch die wahre äußere und innere Politik unſres Staates leitet, und wie Viele behaupten, vom Papſte die Miſſion hätte, ihn durch Ueberanſtrengung ſeiner Kräfte zu ruiniren, wo⸗ für man ihm, da er ohnehin dunklen Urſprungs iſt, einen Platz unter den Heiligen des Kalenders zuge⸗ ſichert hat, iſt ſehr mit Gelbſattel intim, doch ſollen ſie in dem Verhältniſſe zu einander ſtehen, wie Hegel zu ſeinem beſten Schüler. Gelbſattel, hat General Voland geſagt, Gelbſattel iſt der Einzige, der mich verſtanden hat, aber auch Gelbſattel hat mich misver⸗ ſtanden... Otto von Dyſtra, bei dem ich die Ehre hatte, den gelehrten General kennen zu lernen... Otto von Dyſtra? horchte Ackermann auf. Ein amerikaniſcher Republikaner, der über Sibirien zur Freiheit kam, bemerkte Leidenfroſt. Ganz recht, ſagte Ackermann, Republikaner, Mon⸗ archiſt, je nachdem er geſchlafen hat... Eine ſonderbare Charakteriſtik! bemerkte Siegbert, Olga's gedenkend und mit Spannung.. Otto von Dyſtra, fuhr Leidenfroſt zu Siegbert ge⸗ wandt fort, iſt ſehr begierig, Ihre Bekanntſchaft zu machen. ken n/, er hielte nd von der ihre aͤußere „und wie hätte, ihn niren, wo⸗ ſprungs iſt ders zuge⸗ doch ſollen wie Hegel at General „der mich ich misvel⸗ h die Chre nen.. auf. er Sibirien Mon⸗ ner, e Sicgben Ziegbert g e⸗ zl n niſchaft Meine Bekanntſchaft? fragte Siegbert. Woher kennen Sie ihn denn? Ich ihn? Er mich? ſagte Leidenfroſt, ſich komiſch verwundert ſtellend. Wiſſen Sie nicht, daß Otto von Dyſtra Alles aufſucht, was berühmt iſt? Bin ich nicht der berühmte Leidenfroſt? Der Techniker? Der Mathematiker? Der Maler? Der Michel Angelo in Taſchenformat? Oder vergeſſen Sie, Freund, daß ich einſt ſeine Kleider und Schuhe putzte und ihn in phre⸗ nologiſchen Studien unterſtützte? Ackermann erinnerte ſich der Geſpräche in jener Nacht auf der Willing'ſchen eſcinenfuden. Er ſuchte ja auch Sie ſogleich,, fuhr Leiden— froſt zu Siegbert gewandt fort, und h etwa weil die Fürſtin Wäſämskoi von Ihnen an den Rand des Grabes gebracht wird— Leidenfroſt! drohte Siegbert empfindlich. Selma blickte erſtaunt zur Seite und hatte un⸗ willkürlich das Gefühl, als müßte ſie von Siegbert abrücken. Sie konnte es, da die etwas plumpe Be⸗ dienung der Mägde mit den Saucen nicht beſonders vorſichtig umging. Nein, deswegen nicht, fuhr Leidenfroſt einlenkend fort, ſondern aus Intereſſe für den Maler des Jakob Molay— Ackermann bemerkte, daß er Otto von Dyſtra als einen Freund jedes Talentes kenne und erzählte Manches von ſeinen ſeltſamen Neigungen, um von der Höhe ſeines Reichthums und ſeiner excluſiven Stellung zur wahren Menſchlichkeit herabzuſteigen. Er führte auch an, daß er ihn bei einer Fußwanderung am Miſſouri, in Begleitung eines talentvollen Kupfer⸗ ſtechers, Namens Morton, hätte kennen lernen. Wie ſehr er Siegbert Wildungen ſchätzt, ergänzte Leidenfroſt mit einem eigenthümlichen ſarkaſtiſchen Aus⸗ drucke, beweiſt, daß er Ihnen hier durch mich ſchon einige Zeilen überſendet... Leidenfroſt e Brief aus der Bruſttaſche und überreichte ihn Siegbert, der faſſungslos vor Er⸗ ſtaunen den Brief betrachtete, die franzöſiſche Auf⸗ ſchrift las und ihn erbrechen wollte. Bitte, ſagte Leidenfroſt haſtig, leſen Sie ihn für ſich! Er iſt zu lang! Es liegt eine dicke Schreib⸗ übung aus Rom darin! Wenigſtens ſagte mir Otto von Dyſtra, daß Ihnen Olga Wäſämskoi wahrſchein⸗ lich zeigen wolle, welche Fortſchritte ſie zu Rom in der Kalligraphie mache... Siegbert ſaß auf glühenden Kohlen. Ein Brief aus Rom! Ein Brief von Olga! Ueberſandt durch ihren gezwungenen Verlobten, den ſeltſamgeſchilderten Ba⸗ von Dhſtta und erzäͤhlte um von der den Stellung Er führte nderung am len Kupfer⸗ ernen. t, ergänzte iſchen Aus⸗ nich ſchon Bruſttaſche los vor Er⸗ zſiſche Auf⸗ Sie ihn fü fe Schreib⸗ e mir Otto wahrſchein u Kom in n Brief ald durch iſri detten I⸗ 447 ron von Dyſtra! Er ſteckte den Brief uneröffnet ein, trug aber durch die gewaltige Aufregung, die ſich in ſeinen Mienen ausſprach, viel dazu bei, die ängſtliche Beklemmung, die Selma vor einem ſo fortwährend mit Frauen in zweideutiger Verbindung genannten Manne empfand, noch zu vermehren. Es liegt ein⸗ mal in reinen und ſtolzen Mädchenſeelen die Abnei— gung vor Männern, die ihr Geſchlecht zu tief erkannt haben, begründet. Sie wußte nicht, wie unrecht ſie dem guten Siegbert that, der im Grunde wenig dafür konnte, daß er, wie Dankmar ſagte, eine Art Meiſter Frauenlob war. Leidenfroſt blieb im Zuge ſeiner Mittheilungen... Heinrichſon, ſagte er, iſt in Rom und malt Grot— ten und Nymphen. Reichmeyer portraitirt und ſpeku⸗ lirte auf ein Tableau unſrer Deputirtenkammer, kurz ehe ſie aufgelöſt wurde. Der Zorn darüber hat ihn faſt demokratiſch gemacht. Sein Onkel, der Banquier, hofft durch Egon zu einer Staatsanleihe befördert zu werden. Frau von Reichmeyer, Reichmeyer's Schwe⸗ ſter(in dieſen Familien heirathet ſich immer die Ver— wandtſchaft überzwerg) hat ſich deshalb auch entſchloſ— ſen, mit einer philanthropiſchen Idee dem Hofe zu Gefallen zu leben und die innere Miſſion zu befördern, ſo wenig es ihrem Patſchonlicharakter zuſagt, ſich an die Betten der Ausſätzigen zu begeben und in die fünf⸗ ten Etagen zu den Armen ſteigen zu müſſen. Doch hat ſie nun einmal damit angefangen und ſich vor⸗ läufig die Branche der Kindergärten erwählt, die ſie protegirt. Ich ſah Frau von Reichmeyer bereits durch die Thürritze eines ſolchen Kindergartens(im Zimmer) die kleinen Kinder ſpielen lehren. Beneiden Sie mich um dieſen idylliſchen Anblick, Wildungen! Die Blaſirt⸗ heit jetzt unter Kinderwindeln! Sie wiſſen gar nicht, was Ihnen Alles ſeither entgangen iſt. Die Frau Pfarrerin wagte ſich mit einigen Ver⸗ theidigungsworten der Kindergärten hervor, wollte aber eigentlich die Rede nur auf ihren Mann bringen, den ſie auch für ihre gute Meinung von den Kinder⸗ gärten als Autorität anführte. Es lebe Jean Paullv ſagte Leidenfroſt einſilbig. Was ſoll Jean Paul? fragte man erſtaunt. Ich denke mir, meinte Oleander, daß Herr Leiden⸗ froſt ſagen will, Jean Paul wäre die Veranlaſſung einer zu großen Verhimmelung der Kinderſeelen? Wäre dies der Fall, dann hätte Jean Paul auch zuviel für die Blumen gethan. Für die Redeblumen gewiß! beſtätigte Leidenfroſt und gab die Beziehung auf Guido Stromer zu erkennen. Herrlicher, göttlicher Jean Paul! Du durfteſt aus in die fünf⸗ ſſen. Doch nd ſich vor⸗ ihlt, die ſt ereits durch im Zimmer) en Sie mich Die Blaſtr⸗ gar nicht, nigen Ver⸗ vor, wollt nn bringen den Kinder⸗ einſilbig. ſtaunt. Hen Leiden geranlaſſun elen? Wat zuviel füt geidenfte e Leidenſ zu erkennel durfteſt ſdl deinem Füllhorn die Blumen frühlingsweiſe werfen, du wußteſt ſie zu binden und zu ordnen und was da⸗ neben fiel, als überflüſſig, du hatteſt es doch ſelbſt gezogen, was du ſchenkteſt! Aber was ſoll uns die wuchernde Ueberfülle des Geiſtes, die nur der Form, nicht dem Inhalte der Wahrheit dient! Seht dieſe Geiſtreichen! Wie ſie ſich recken und dehnen, um wun⸗ derbare Figuren zu Stande zu bringen und der grade, ſchlanke Wuchs der Ueberzeugung fehlt! Dieſe Men⸗ ſchen ſind unſer Unglück. All' ihr Geiſt befruchtet nichts, ſchafft nichts, geſtaltet nichts. Nicht einmal ein Gedicht kommt zu Stande mit ihren an Alles und Jedes ſich anpinſelnden Wahrnehmungen. Nein, ich lobe mir die Einfältigen eher, die wiſſen, was ſie wügen, als die Geiſtreichen, die im Grunde nur af— terreden und wenn's hoch kommt, der Lüge dienend jede Meinung vertheidigen, wie zuletzt Burke, Gentz und Friedrich Schlegel thaten. Die Frau Pfarrerin konnte natürlich nicht ahnen, daß dieſer Angriff ihrem Manne galt, der, wie Leiden— froſt flüſterte, den Titel als Hofrath zu erhaſchen ſtrebte; Ackermann, Oleander und Siegbert verſtanden ihn ſehr wohl und Siegbert winkte Leidenfroſt, ſich zu mäßigen. Warum? ſagte dieſer. Von den Einfältigen zu Die Ritter vom Geiſte. VII. 29 reden, wiſſen Sie denn, Wildungen, was aus Sr. Excellenz dem Herrn Geheimrath von Harder ge⸗ worden iſt? Ich las es in den Zeitungen mit Erſtaunen, be⸗ merkte Siegbert. Intendant des königlichen Theaters! Nicht wahr, mein Freund! ſagte Leidenfroſt ſcharf betonend. Auch ein Ritter vom Geiſte! Und die Ritter vom Geiſte müſſen ohne Zweifel ihre Don Qui⸗ xrotes haben! Ackermann fragte mit forſchender Miene: Welcher Herr von Harder iſt das? Der weiland Intendant der königlichen Gärten, Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderſtein. Er verlor die königliche Gnade, ſintemalen er allzu dienſtbefliſſen das Mobiliar der Fürſtin Amanda von Hohenberg zu Staatszwecken verwandte, um, wie man nun allge⸗ mein weiß, gewiſſe Denkwürdigkeiten der Fürſtin, die ſich in ihm vorfanden, zu unterdrücken, zu vernichten, zu ecraſiren, zu annulliren, was weiß ich— Weiß man Das? fragte Siegbert erſtaunt. Welche Denkwürdigkeiten? bemerkte Ackermann auf⸗ horchend. Dieſelben Denkwürdigkeiten, ſagte Leidenfroſt, die die eigenthümliche Wirkung gehabt haben ſollen, den Fürſten Egon mit der ſchlimmſten Feindin ſeiner Mut⸗ 5 aus Sr. Harder ge⸗ gaunen, be⸗ Theaters! froſt ſcharf Und die Don Qui⸗ arten, Kurt Er verlor enſtbefliſen henberg zu nun alge⸗ ürſtin, di vernichten, unt. mann alff⸗ nfroſt, de ſpolen, de einer Mi 451 ter, Pauline von Harder, zu ewigem Trutz und Schutz auszuſöhnen. Ackermann hörte mit einem Intereſſe zu, das nur bei der heitren Stimmung, in die Leidenfroſten's weitre Erzählung die Geſellſchaft verſetzte, unbemerkt bleiben konnte. Dieſer übertriebene Dienſteifer, ſagte der humori⸗ ſtiſche Berichterſtatter, verjagte den Geheimenrath aus dem Paradieſe der königlichen Gärten und nicht eher ruhte das Flammenſchwert des Erzengels der Etikette und Courtoiſie, bis der Geheimrath ſich hinter eine vom Prinzen Ottokar protegirte Tänzerin flüchtete, auf dem Theater ihr ein Armband überreichen wollte, dabei in eine Verſenkung fiel und— für das Armband— als beſtallter Mäcen der dramatiſchen Kunſt und Literatur wieder herausgezogen wurde. Frau von Harder, die mit Egon und Melanie Schlurck Politik im großen Style treibt, dankt Apoll und den neun Muſen, daß ihr Gemahl eine ſo angemeſſene Beſchäftigung gefunden hat und nun nur noch die Künſte und die Literatur verwüſtet. Die Schauſpieler und Sänger jubeln wohl, denn ſie haben einen Chef, der nichts von ihrem Be⸗ rufe verſteht und wie unſre Kunſtzuſtände ſind, iſt den Hofkomödianten dieſes Regiment grade das allerwill⸗ kommenſte. Die Dichter verzweifeln wohl, allein die 29* 8 452 freien Entrées ſind ſo zweckmäßig an einige kritiſche Tonangeber vertheilt, daß auch die Literatur in den Jubel der Kunſt mit einſtimmt und vor einigen Wo⸗ chen die neue Aera der Bühne unter den Ausſpizien des Herrn von Harder begonnen hat. Und wiſſen Sie denn, Wildungen, daß ich an dieſem Aufſchwunge betheiligt bin? Man horchte auf.. Se. Excellenz haben mich, auf Rath der Maler, die ſonſt die Salons ſeiner Frau beſuchten, auf Rath der Frau von Werdeck ſogar— ſie bat mich ſpäter unter Thränen um Verzeihung wegen dieſer Erinne⸗ rung— auf Berichte über das Wäſämskoiſche Feuer⸗ werk als malereigewandten Mechaniker und Techniker ſogleich beſchieden, mit ihm über eine neue Struktur der Verſenkungen zu philoſophiren und ich geſtehe Ih⸗ nen, Wildungen, daß ich bereits einen ſolchen Schatz von Anekdoten über die dramaturgiſchen Kenntniſſe Sr. Excellenz des Herrn von Harder geſammelt habe, daß ich im Stande bin, jede ſtille Pauſe unſrer künf⸗ tigen Lebenslaufbahn mit ihnen zu würzen. Aber nun ſchweig' ich, meine Herrſchaften! Ein fortgeſetztes Rechthaben verſpottet ſich ſelbſt. Ich fühle, daß ich zu ſehr den Schein bekomme, mehr Vernunft haben zu wollen als Andre und ich weiß, daß man dann nge klitiſche atur in den inigen Wo⸗ —Ausſpizien Und wiſſen lufſchwunge der Maler, auf Rath nich ſpäter ſer Erinne⸗ iſche Feuer⸗ d Lechniker ue Struktur geſtehe Ih⸗ ſchen Schah Kenntniſſe mmelt habe, niter künf⸗ Aper nun fortgeſehte le, daß i unft haben man dann 4533 erſt recht ein Narr iſt, wenn man die Weisheit felbſt ſein will. Leidenfroſt wollte nun aufhören. Aber Alle dräng⸗ ten um Anekdoten über Herrn von Harder. Leiden⸗ froſt verweigerte ſie und erklärte jetzt zu ſchweigen. Ackermann fand ein Intereſſe daran, wenigſtens bei Melanie zu verweilen, grade als ſollte Selma hören, wie wenig Egon ihre Liebe verdiene... Wirklich? knüpfte er an, hat die Tochter des Ju⸗ ſtizraths ſo glänzende Hoffnungen, die Liebe eines Fürſten zu beſitzen? Leidenfroſt zuckte die Achſeln und ſagte nur: Ich weiß nichts. Man erzählt zwei Aeußerungen, die jedoch nicht ſtenographiſch niedergeſchrieben und durch körperliche Eide nicht bewieſen ſind. Egon ſoll geſagt haben: Fahrt wohl, ihr Meluſinen! Ich habe die Frauen erkannt, die erſt Göttinnen ſchienen und zuletzt nur Fiſche ſind! Die zweite... Leidenfroſt ſtockte. Er war zartfühlend genug, zu beobachten, daß der Einblick in die große Welt und ihre wilde, tolle, zügelloſe Philoſophie hierher nicht gehörte. Allein Ackermann ſchien faſt befliſſen, dieſen Ge⸗ genſtand, in dem er ſelbſt tiefbewandert war, nicht fallen zu laſſen und bemerkte mit Schärfe: Nur heraus! Jene erſte Aeußerung kam wahr⸗ ſcheinlich damals vom Fürſten, als er hörte, daß Helene d'Azimont in Rom ſich bald durch Vergnügungen und neue Wildheiten getröſtet hat... Wiſſen Sie? Man hört dergleichen. Hab' ich nicht Recht? In der That äußerte ſich der Fürſt mit dieſen Worten, als er die Verleumdung vernahm, Helene d'Azi⸗ mont hätte in dem Maler Heinrichſo für ihn Erſatz gefunden— Ja! ſagte Siegbert. Die Welt lügt! Das iſt Ver⸗ leumdung! Ganz recht, antwortete Leidenfroſt, ich glaube es ſelbſt nicht;z denn Andre behaupten: Olga Wäſämskoi liebe Heinrichſon... Siegbert wollte aufſpringen. Das Meſſer zitterte in ſeiner Hand. Er ließ es fallen, er konnte ſich ſelbſt nicht halten. So gab er das Zeichen zum Aufbruch und erlöſte Selma, deren Herz wallte und wogte, wie ein dem Sturme naher See, von der peinlichen Dun⸗ kelheit aller dieſer perſönlichen Anſpielungen. Ohne daß irgend Jemand Anderes als der Vater ihre Unruhe bemerkte, ſtellte ſie die Stühle zurück wie in einem Zuſtande völliger Beſinnungsloſigkeit. Aber der Vater, der ihre Neigung erſticken wollte, ließ nicht nach... aß Helene ungen und Recht? nit dieſen lene dMi⸗ ihn Erſat s iſt Ver⸗ glaude ed Läſämskoi ſer zittert ſch ſebhſt Aufbruch vogte, wie hen Dun⸗ der Vater zurück wi feit. fen wollte 45⁵ Die zweite Aeußerung! drängte er, als es zum Kaffee ging und man ſich die Hände reichte. Iſt die der ſchönen Melanie, bemerkte Leidenfroſt mehr zu Siegbert hingewandt. Sie ſagte zu Ihrem Bruder Dankmar, als ſie ihm in einer Geſellſchaft begegnete: Was Sie auch von mir hören werden, Dankmar Wildungen, beurtheilen Sie mich nicht früher, ehe ich nicht wenigſtens einen einzigen Augen⸗ blick mit Ih Hhatte, wie ſonſt Stunden! O das ſagt ja Alles! fiel Ackermann lachend ein. Da müſſen wir uns tummeln, des Fürſten Vertrauen zu verdienen und die Felder und Gärten zum Früh⸗ ling und zur Hochzeit ſchmücken. Warum auch nicht? Dieſe Welt der Adligen, wie bunt geht ſie durchein⸗ ander! Wo iſt da viel Sitte, viel Geſetz? Dann und wann eine Ausnahme, dann und wann ein treues Leben. Aber im Uebrigen ein Chaos von gebrochenen Herzen, gebrochenen Schwüren, wilden Leidenſchaften! Da werden Frauen verkauft, Gattinnen erkauft, Scheidungen kommen und gehen, Kinder aus dreierlei Verhältniſſen nennen ſich Geſchwiſter, jede Grille wird durch den Beſitz ausgeführt, Verſchwendung, Leiden⸗ ſchaft— o ich ſage Ihnen, wer einmal in dieſe Sphäre gerieth und von ihren Schwingungen ſelbſt hin⸗ und hergeſchleudert wurde, den erfüllt ein ſolcher 456 Zorn über dies Gewühl, daß er wie Simſon die Säu⸗ len dieſer Paläſte faſſen und ſich ſammt den Tänzern und Muſikanten unter den Trümmern begraben möchte! Selma verließ das Zimmer. Oleander fragte Lei⸗ denfroſt nach des Propſtes Familie, die er aber zu wenig kannte. Ackermann beſtellte bei Fränzchen mit aufgeregten Worten den Kaffee und bot den Maſchi⸗ nenarbeitern, mit denen er ſich, wol um ſich zu däm⸗ pfen, in technologiſche Unterhaltung einließ, Cigar⸗ ren an. Siegbert aber ſuchte einen einſamen Win⸗ kel zu gewinnen, eröffnete Otto von Dyſtra's Brief und las mit Erſtaunen: „Geehrter Herr! Ein unbekannter Verehrer erlaubt ſich, Ihnen den einliegenden, aus Rom an Jemanden gerichteten Brief mitzutheilen, mit der Bitte, ihn zu prüfen und bei Ihrer Rückkehr das desfalls Nothwendige genauer zu bera⸗ then. Ich bemerke vorläufig nur, daß ich zu den Menſchen gehöre, die das Herz für einen leicht zer⸗ brechlichen Kryſtall, nicht für einen Gummiball halten. Mit Hochachtung Otto von Dyſtra.“ Erſtaunt über dieſe Zuſchrift fand Siegbert dann den Brief von Olga, der nicht an ihn, ſondern an Rudhard gerichtet war. Etwas abgekühlt von ſü bl ſon die Säu- ſeinem heißen Drang ſteckte er ihn wieder ein, wenn den Tänzenn auch die Spannung und Neugier dieſelbe blieb. aben möchte! Selma kehrte zurück und mußte, da ſie der Vater er fragte Lie heute mit Gewalt tyranniſirte, Muſik machen. Leiden⸗ er aber zu froſt flüſterte Siegbert zu, daß er morgen hier noch rinzcee mit zu thun hätte, aber ſchon den Abend kommen wollte, den Maſchi⸗ um ſich über Vieles, was ſie näher beträfe, zu un⸗ ſicch zu dän⸗ terhalten. Uebermorgen früh wollten ſie dann die eß, Ciga⸗⸗ Reiſe gemeinſchaftlich mit den Arbeitern zurück antreten. amen Win- Siegbert war einverſtanden und verſprach mit ihnen ſrao's Briif zu gehen. Die Frau Pfarrerin beeilte die Rückfahrt ihrer Kinder wegen. Diesmal blieb wieder Hedwig zurück. Ihnen den Das Jüngſte hatte ſie nicht mitgenommen. Siegbert üteten Bief und Oleander mußten ſich zur Trennung entſchließen. nd bei Ihrer Ackermann verſprach, noch morgen mit Selma Lei⸗ denfroſt und die Arbeiter bis Pleſſen zu begleiten, ich zu den wodurch denn der Abſchied von Siegbert verſchoben keiht Ro wurde. ball halten Als Leidenfroſt Dieſen an den Wagen begleitete, fluſterte er auf den Vikar deutend: qbet ꝛum Auf Den werden Sie doch nicht für unſer vier— blättriges Kleeblatt rechnen? V ner zu bera⸗ l, ondern 4 Doch! ſagte Siegbert ernſt und feſt. Es ſähe ge 1 lt von gefahrvoll aus um die Ritterſchaft des Geiſtes, wenn 458 ſolche Geſtnnungen nicht gewonnen würden! Leiden⸗ froſt, Sie waren heute ein Kaktus! Laſſen Sie auch die Sinnpflanze gelten. Und wirkt denn mein Bruder? fragte Siegbert dann noch beim Einſteigen. Vieles und Großes! antwortete Leidenfroſt. Faſt erſchreckend war dieſe Antwort. Siegbert er⸗ kannte eine Gefahr. Es war ihm, als ſchlüge plötz⸗ lich ein elektriſcher Strahl aus den Wolken. Er brannte vor Verlangen, daß der nächſte Tag vorüber, zwei Nächte vergangen wären und ſie Alle auf den ernſteren Schauplatz ihrer Lebensprüfungen zurückkehrten. Zwei Tage darauf verließen Siegbert und Leiden⸗ froſt mit den beiden Arbeitern die Gegend. Man gab ihnen noch das Geleite bis zum Gelben Hirſch und ſchied dort voll Herzlichkeit und Hoffnung auf eine ſie Alle wieder vereinende Zukunft. rden! Leiden⸗ ſſen Sie auch agte Siegben enfroſt. Siegbert er⸗ ſchlüge plöt⸗ „Er brannte vrüber, zwei den ernſteren tehrten. t und Leiden⸗ d. Man gab „Hirſch und ng auf eine V Funtzehntes Capitel. Des Sohnes Locke. Dieſe ſtrebſamen jungen Männer! Wie geiſtesfriſch! Wie beneidenswerth in ihrer Jugend und Sorgloſig⸗ keit! ſagte Ackermann, als er mit Selma allein von Pleſſen nach dem Ullagrunde zurückfuhr. Selma ſchwieg und blickte durch die trüben Fenſter des kleinen Wagens in die öde von Nebeln verſchleierte Gegend. Noch vor einigen Stunden waren ſie zu Fünf dieſe Straße raſch dahin geraſſelt. Nun waren ſie allein. Der Eine, fuhr Ackermann fort, iſt faſt zu ſcharf und läuft Gefahr mit Hinneigung zu den Arbeitenden auch deren Art und Sitte anzunehmen. Dem Siegbert Wildungen wünſcht' ich, die vornehmen Stände rückten etwas aus ſeiner Nähe und überließen ihn jener Ur⸗ ſprünglichkeit und Kernnatur, die mir in dem viel zu wenig von ihnen erwähnten und doch ſie alle zu be⸗ 2 460 herrſchen ſcheinenden jüngern Bruder Dankmar zu liegen ſcheint. Wie dem auch ſei, es iſt wahr; Ole— ander iſt Denen gegenüber nur ein halber Mann. Selma war in der Stimmung, Oleander zu ver⸗ theidigen. Er wirkt doch wohlthuend, ſagte ſie. Es iſt doch Liebe und Herz in ihm! Jener Leidenfroſt, magſt du ſeine Kenntniſſe noch ſo rühmen, ſtößt ab und Sieg⸗ bert iſt flatterhaft, eitel, verwöhnt, verſteckt, ganz und gar nicht anziehend. Welche Beſchuldigung! Wie bald hatte er den Kummer um ſeine Mutter vergeſſen! Mein gutes Kind! Das, was dem Leben des Mannes abgeblüht iſt, mag es noch am Aſte hängen oder ſchon abfallen— ein kurzer Schmerz und die Wunde iſt geheilt. Wir ſterben nicht Alle ſo, wie uns deine Mutter ſtarb, in dem vollen Bedürfniß, daß ſie noch lebe. Was iſt dieſen jungen Männern die in Ange⸗ rode einſam lebende Mutter geweſen! Du ſprichſt wärmer von ihr, als dieſer Sohn, der mir kaum das ſchöne Erinnerungsblatt zu verdienen ſchien, das ihm Oleander noch aufgeſchrieben... Wie ungerecht! Wie ſtreng! Nein, nein, Selma! Lies mir jene Worte vor, die du dir entlehnt Dankmar zu wahr; Ole⸗ r Mann. nder zu ver⸗ Es iſt doch t, magſt du und Sieg⸗ t, ganz und ſene Mutte Leben des Aſte hängen id die Wund üe uns deine duß ſſe nuh êe in Ange haſt! Du haſt Oleander glücklich gemacht durch dieſe Theilnahme, dieſen Vorzug, den du ihm ſchenkteſt. Selma zog ein Papier aus ihrem Kleide, entfal— tete es und las, ſoweit die Bewegungen des Gefährtes es erlaubten, mit ſichrer Stimme: O Menſch! Das Wiederſeh'n! Ein hehres Wort! Was lauſcheſt du nicht ſeinem Wunderklange Und horchſt der heil'gen Stille um dich her? Und redeſt du und klingt dein Mund voll Wohllaut, Warum nur frägſt du nicht: Was ſpricht aus dir? Was hauchte dir Muſik in deine Kehle Und lehrt dich reden, jauchzen, ſingen?— Thränen Und Klänge ſind es, die in's Jenſeits führen; Denn was ſind Thränen und was iſt Muſik! Ach! Hemme deinen Fuß und horche nur Dem ſtillen Gottesfrieden der Natur! Wie feierlich beredtſam dieſer Plan, Der zu den blauen Bergen grün ſich zieht, Erſt Wieſengrün, dann dunkler Tannengrün, Dem Aug' ein wie erquickendes Gemiſch! Doch führt des Ohres Pforte mehr zur Seele; Das Echo ſpricht mit ihr, des Waldhorns Klang, Der in den tiefen Tannengrund getragen, Zurück uns zwiefach, dreifach grüßt, vom Wald, Vom Fels, von Wem wol weiß ich noch!... Natur, Ach, du dir ſelber plaudernde! Geſchwätz'ge, Im Zwiegeſpräch belauſchte Einſamkeit! Die Ruh' hört Ruhe! Nur das Herz darf ſchlagen, Ein Vögelchen aus fernem Walde rufen, Die kleine Quelle murmelnd dich umplaudern... Dann hörſt du ſie, die ſtillen Geiſterzungen, 462 Die zu dir flüſtern: Menſch! du biſt unſterblich, Siehſt Die ja wieder, die du ſcheiden ſah'ſt! Willſt immer zweifeln? Immer nur gedenken Der Schauer, da ein liebend Auge brach, Der Schrecken, als ein theurer Athem ſtockte, Fühlſt ewig nur des Todes kalte Hand? Von Gräbern bann' hinweg den Zweifelblick! Such' dir dein künftig' Wiederſehn, die Hoffnung, Bei Athmenden und Lebenden! Und ſpricht Die Quelle dir, der Vogel nicht vernehmbar, Kannſt du den Tag, die Sonne nicht verſteh'n, So laß die Sterne reden, ſchlage dir Die Blätter des geſtirnten Himmels auf, Das große Buch mit gold'nen Rieſenlettern! Da ſtrahlt ein Licht, das ſelbſt die dunkle Nacht Dem Zweifel und dem Schmerze angefacht! Ein weihevolles Herz, ſagte Ackermann gerührt, eine gewiſſe Myſtik der Naturanſchauung, die über das Räthſelhafte ſich doch nie zum Dunkeln und Un⸗ klaren verliert! Ich nehme meinen Tadel zurück... Siegbert verdient nicht, ſagte Selma, daß ihm Oleander ſein Poeſie widmete. Wohl, fuhr Ackermann mit geſchärftem Blicke auf Selma fort, ich höre dich gern ſo reden. Warum bezeugſt du aber dem ſinnigen Dichter nicht größere Theilnahme? Er iſt mit ganzer Seele dein Lehrer: Seit Siegbert's Freundſchaft hat er an Aeußerlichkeit gewonnen: Das Uebrige kann eine treue weibliche ann gerühtt g, die über eln und Un zurück. a, daß ihm n Blicke auf en. Warün 4 nicſ grüßen dein Lehrel geoßerlihin Hand noch vollenden. Warum zeigſt du ihm ſo oft, Selma, daß dich ſeine Liebe verletzt? Selma erglühte. Es war das erſte mal, daß der Vater zu ihr ein ſolches Wort ſprach: Liebe! Sie zitterte faſt, erſtarrte und legte das Blatt mit eiskalt erſterbender Hand auf die Bruſt. Da ſie keine Antwort auch nur zu denken, ge⸗ ſchweige zu ſprechen wußte, ſo ſah ſie den Vater mit einem bittenden Blicke an, der wohl ſo viel heißen konnte, als: Vuater, warum thuſt du mir Das und wirfſt mich mit dem Wort in ſolche Schrecken? Selma, ſprach der Vater, ich muß dieſe Saite, die Gott auch auf deine Seele zur Harmonie gezogen hat, berühren; denn ſeit einiger Zeit fühl' ich, daß zwiſchen uns ein Geheimniß waltet... Selma blickte nieder und drückte ſich in die Wa⸗ genecke, um ihre innere Glut zu verbergen... Ich will dich nicht tadeln, fuhr der Vater ihre Hand ergreifend fort, daß du bei einer Natur, wie der des Vikars, unterſcheideſt, was an ihm allgemein menſchlich liebenswerth und was es perſönlich iſt. iibli Es iſt nun einmal auch Dies ein Zug des Geiſtes, e weiblie a le 3 daß wir in den Stufenfolgen unſrer Verehrung ge⸗ wiſſenhaft unterſcheiden. Oleander kann dir heilig und theuer wie ein Bruder ſein und doch vermöchteſt du ihn nicht ſo zu lieben, wie ein Mädchen liebt. Aber, Selma, wenn es auch in der Natur des Weibes be⸗ gründet ſein mag, Das, was am Manne liebens⸗ werth erſcheint, aus Allem eher als nur und einzig aus ſeiner ſittlichen Gediegenheit herzuleiten, ſo hüte dich doch, einem gefährlichen Irrthume, von dem ich weiß oder ſchmerzlich ahne, daß er dich beſchlichen hat, zu ſehr nachzugeben— Vater! ſagte Selma vor Schmerz auffahrend. Was verwundet dich? Daß ich von deinem Irr⸗ thum ſpreche? Nein, daß du von Etwas nur redeſt, was ich aus deinem Munde eher hören ſoll, ehe ich mir ſelbſt davon geſprochen! Es iſt meine Pflicht, Kind, deine Gefühle zu re⸗ geln. Ich verehre und liebe dieſe heilige Scheu des Mädchens, zum erſten male das geweihte Zauberwort der Liebe zu vernehmen oder wohl gar es auszu⸗ ſprechen. Allein, da du ohne Mutter, ohne dir be⸗ kannte Verwandte biſt und nur deinen Vater als einzigen erprobten Freund deines Herzens kennſt— Ach, rief Selma und warf ſich an die Bruſt des ng ge⸗ lig und ſteſt du Aber, bes be⸗ iebens⸗ einzig ſo hüte em ich hlichen nd. m Irl⸗ ir ſabſt t zu n⸗ heu des berwort auszu⸗ dit be⸗ ter als iſt ruft ds 465 bewegten Mannes, der ſie mit ſeinen Armen ſanft an ſich zog— Mein Kind, ſagte Ackermann ſtrenger. Ich ſehe, daß ſich dir eine Geſtalt, ein Jüngling mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt eingeprägt hat. Der, den du zuerſt hier im Graſe an dem Thurme dort liegen ſahſt, der, der aus den Blumen aufſprang uns freundlich zu grü⸗ ßen, der, der uns theilnehmend nachblickte, als wir zum Schloſſe hinaufwanderten; der, den du am Morgen bei der Schmiede wiederſahſt, der, der mit dir ſcherzte, dich vor dem bellenden Hunde ſchützte, mit dir über Ame⸗ rika plauderte, dann uns begleitete in den kühlen Wald, wo du nicht ertragen mochteſt, daß er ſich an dem Eichbaum von uns trennte... Du liebſt ja Egon, einen Fürſten. Selma zuckte vor Schmerz auf. Es war ihr, als durchbohrte ſie ein Meſſer und es thäte ihr wohl, zu ſterben. Doch hauchte ſie das Wort, wie zur Ent⸗ ſchuldigung: Nenn' es nicht Liebe! Es iſt Liebe! Du unglückliches, unſrer Verhältniſſe unkundiges Kind! Er war unbekannt, in guter Abſicht auf ſeinem väterlichen Erbe, als wir ihn damals ſahen. Du fandeſt ein kindliches Wohlgefallen an ihm, er Die Ritter vom Geiſte. VII. 30 466 an dir. Später ſah ich, wie der Gruß, den er vom Pferde herab dir auf dem Gelben Hirſch zuwarf, als die große Geſellſchaft eben abfuhr, wie ſein Gruß und Blick dich durchbohrten. Deine Haſt, ihn auf dem Heidekrug wiederzuſehen! Seine Krankheit in der Reſidenz, ſein Wohlwollen, als er uns ſogleich die Pachtübernahme geſtattete, alles Das feſſelte dich... was läßt ſich gegen einen magnetiſchen Einfluß thun, den du ſelbſt auf die Locke, die ich ihm im Scherze raubte, übertrugſt... Haſt du ihn nicht ſelbſt verehrt wie keinen andern fremden Menſchen der Erde? ſagte Selma. Hätt' ich Das? Wer betrachtete die Locke, dies Kleinod, dies An⸗ gedenken an den damals ſo Lieben, ſo Theuren, ſo Guten, zärtlicher? Wir hatten einen Wettkampf unſrer Liebe und du biſt ermattet, du biſt enttäuſcht, du biſt hoffnungsloſer als ich... Selma! Ich rede ernſtlich mit dem Kinde der Fremde. Vertheidige ihn nicht gegen mich und nicht gegen dich! Es iſt ein Fürſt! Uns weit, weit entfrem⸗ det! Und willſt du das Leben eines frivolen jungen Weltmannes entſchuldigen, der mit liebenswürdigen Formen und großen Fähigkeiten des Geiſtes eine un⸗ läugbare Verderbtheit des Herzens verbindet? Schau⸗ den er vom zuwarf, als e ſein Gruß iſt, ihn auf nlheit in der ſogleich de elte dich... influß thun, im Schen inen anden 4. d, dies An cheuren, ſ ampf unſte ſcht, du biſ Kinde de und nich eit entſten olen jungel aswiti hes eine u det? Schal 1 det? c l dert dich nicht vor den Untiefen der Laſter, in die du leider ſchon haſt einblicken dürfen? Selma wandte ſich ab und weinte. Wenn es wahr iſt, ſagte Ackermann, daß Egon eine einfache Bürgerliche, wie Melanie Schlurck, hei⸗ rathen könnte, ſo entſtand in dir vielleicht der Ge⸗ danke: Er iſt nicht ſtolz, ohne Vorurtheile, er iſt edel, er könnte auch dich lieben! Aber ich beſchwöre dich, Kind, gib dieſe Träumereien auf! Vertheidige ihn nicht! Laß ihn hinfahren in ſeiner regelloſen Ko⸗ metenbahn! Reine Naturen würden ſich nur in ſeiner Nähe verſengen. Und wär' es ein Engel und die Tugend ſelbſt, Selma, höre ein Wort deines Vaters, ein ernſtes, du darfſt ihn nicht lieben! Selma richtete das traurige Auge fragend und er⸗ ſtaunt zum Vater. Ich darf ihn nicht lieben? Nie! Nie! wiederholte dieſer. Du darfſt ihn nicht lieben! Und nun genug! Selma war von Ackermann erzogen, wie man Kinder erziehen ſoll. Er verlangte Gehorſam. Keine Furcht, aber Heſin Und doch folgte ſie nur da, wo ſie überzeugt Ihr kluges, fragendes Aufblicken bei dieſem un⸗ ſaugn Nie! Nie! des Vaters durfte dieſen nicht befremden; doch wider ſeine Gewohnheit blieb er ihr 30* die Gründe ſeines unbedingten Wortes ſchuldig, wie— derholte es noch einmal und warf Selma in einen Zuſtand der Zerriſſenheit, der ſie um ſo unglücklicher machte, als ſie ſah, daß auch der Vater litt und in jene melancholiſche Stimmung verfiel, die ſie ſonſt ſogleich bemüht war, an ihm zu verſcheuchen. Heute zum erſten Male ſtand ihr kein Scherz zu Gebote. Sie lehnte ſich in die Ecke und weinte— der Vater ſah auf die durchnäßten, öden, traurigen Felder— der Wagen fuhr ſo hin— mit dieſem Winter ſtarb Selma Alles; denn warum ſollte ſie nicht lieben, auch ohne Hoffnung, jemals zu beſitzen? Die Weihnachtszeit kam heran und brachte kleine Weihnachtsfreuden. Ein Tannenbaum flimmerte den Pfarrerskindern; aber die Hoffnung, der Vater käme ſelbſt, erfüllte ſich nicht. Neujahr brachte wieder Froſt. Es war Winter und blieb Winter, auch in den Ge⸗ müthern. nahm ihren Unterricht fort. dete, hoffte. Ackermann las und ſchrieb viel. Oleander dichtete, dul⸗ Fränzchen erfuhr ſelten etwas von Louis. Selma Heinrich Sandrart hatte zu Weihnachten nicht kom⸗ men können, da der politiſchen drohenden Stürme wegen keine Beurlaubungen gegeben wurden. Er ſchrieb öfters an Heuniſch, der im Frühjahr Auflöſung der immer kranken Urſula erwartete und ſicher die chuldig, wie ma in einen unglücklicher rlitt und in die ſie ſon ſchen. Heulte zu Gebote — der Vatet n Felder— Winter ſtatt lieben, auch brachte klein immerte din terkäme elbſ er Froſt. 64 in den Ge Selme viel. dichtete, du 3 von Loui n richt kow aden Stürn wurden. 6 ahr ſchu wartete n ——— von dem weitern Verlauf der ſonderbaren Vorfälle, die in ſeinem Hauſe ſtattgefunden hatten, nichts mehr erfuhr. Der junge Zeck quälte ſich, das Geſchäft ſeines Vaters fortzuführen. Es gelang ihm nur mit Mühe. In's Amthaus, nach dem Ullagrunde und Rand⸗ hartingen brachte Oleander zuweilen Briefe von Sieg⸗ bert und Louis mit, Briefe, die immer inhaltreich, immer anregend waren, doch auch viel Trübes und Beſorg— liches für die allgemeinen Zuſtände enthielten. Frau von Sänger tröſtete ſich, daß die„fliegenden Kolon⸗ nen“ eher nun verſtärkt wurden, als aufhören ſollten. Graf Bensheim, Herr von Sengebuſch erwarteten bevorſtehende große Ereigniſſe. Herr von Zeiſel be⸗ obachtete im Stillen Ackermann's großartige Zurüſtun— gen zum erwachenden Frühjahr. Sie ſahen ſich ſel— ten, da ſeine Frau ihre Abneigung gegen Menſchen, die ihren Einfluß und den Juſtizrath Schlurck ver⸗ drängt hatten, nicht bemeiſtern konnte. Und in der That lebt man im Winter nirgends abgeſchloſſener als auf dem Lande. Die Bewohner zweier Dörfer, die ſich ganz in der Nähe liegen, berühren ſich mo⸗ natelang nicht. Erſt der Frühling führt Alles wieder zuſammen und wie nach einer langen Entfernung begrüßen ſich dann die naheliegenden Nachbarn und wünſchen ſich gegenſeitig Glück Ar überſtandenen Winter und freuen ſich, einander wieder wohlbehalten und leidlich unverändert anzutreffen. Die öffentlichen Verhältniſſe hatten ſich bis zum Unglaublichen umgeworfen. Die große Flut einer ziel⸗ loſen Bewegung, die alle Dämme, alle Ufer gebrochen hatte, war zwar in ihrer verheerenden Wirkung ge⸗ hemmt, aber nicht zurückgelenkt in ein felſenſtarkes Bett oder einen mit Klugheit gebauten Kanal. Dieſe großen, trübe aufgewühlten Gewäſſer ſtauten. Ein kleiner Abzugsweg und auf's Neue mußten ſie mit verheerender Gewalt fortſtürzen. Fürſt Egon von Ho⸗ henberg hatte, ein neuer Perſeus, die Chimära der Revolution bändigen wollen. Anfangs glaubte er es durch ein vernichtendes Zauberwort zu können, durch eine ideelle Löſung des geheimnißvollen Sphinx⸗ räthſels; allein bald hatte er, wie alle übrigen Geg⸗ ner der Zeit, zu Feuer und Schwert greifen müſſen. Aus der Doktrin, die ſeine Unternehmungen anfangs höchſt ehrenwerth erſcheinen ließ, mußte er bald hin⸗ ausrücken auf das Feld der gewöhnlichen Prarxis; denn nur die Ideen, die eine Zeit lang im Volke ſchon herrſchten, können ſich unangegriffen auch von obenher behaupten. Egon brachte etwas Neues und wurde ſogleich misverſtanden. Die Handlanger, die ihn un⸗ terſtützten, wurden für den Meiſter verantwortlich. wohlbehalten ſich bis zum lut einer ziel⸗ fer gebrochen Wirkung ge⸗ felſenſtarkes anal. Dikſe auten. En kten ſie mi on von Ho⸗ Chimära dei glaubte ei zu können, len Sphinr⸗ brigen Geg effen müſſen gen anfange er bald hin hen Praris Volke ſco von benhe und wund di ihn im rantwotiſt Ihnen zu Liebe, um nicht iſolirt zu ſtehen, mußte Egon den Riß ſeines Gebäudes ändern, nachgiebig ſich zeigen nach allen Richtungen hin, in der üblichen, überlieferten Sprache reden und, von den gemeinſamen Gegnern gezwungen, Strebungen zu befreundeten ma⸗ chen, die ihm ſonſt nicht wären genehm geweſen. Die Erſchöpfung der öffentlichen Meinung, die allgemeine Sehnſucht nach Ruhe und Verſtändigung kam ſeiner Stellung zu Hülfe. Leider war er verblendet genug, den ausbleibenden Widerſtand für einen Sieg zu hal⸗ ten. Er entließ auch dieſe vor Weihnachten gewählte neue Kammer und gab aus der königlichen Macht⸗ vollkommenheit im Februar ein neues Wahlgeſetz. Im Allgemeinen lagen dieſem ſeine Ideen von der An⸗ erkennung der poſitiven Intereſſen 2zum Grunde. Im Beſondern aber hatte die Gewöhnung der Macht, die Bundesgenoſſenſchaft mit dem Royalismus, dem Adel, der Bureaukratie ihn gezwungen, eine Menge ander⸗ weitiger Modalitäten in ſeine Wahlberechtigungen auf⸗ zunehmen. Hätte er die Gewalt nicht ſchon lieb gewon⸗ nen, er hätte vor dieſer, unter der Hand ihm eska⸗ motirten Veränderung ſeiner liebſten Vorſätze erſchrecken und dieſe Region fliehen müſſen, wo man mit dem Scheine des Herrſchens der größte Sklave iſt. Allein, es ging ihm wie Allen auf einem ſolchen oder ähn— 472 lichen Platze. Er nahm allmälig den Glauben an, daß er unentbehrlich, nie zu erſetzen wäre. Er fragte oft: Wer nach ihm kommen könnte? Er glaubte dem Staate eine Verlegenheit zu erſparen, indem er an einer Stelle blieb, deren Rückſichten ihn ſelbſt gänzlich ummodelten. Erfüllte ihn zuweilen der Unmuth über das Mislingende auch zu bitter, ſo durft' er dem Ge⸗ danken an ein Zurückziehen ſchon um Derentwillen nicht nachgeben, die ſich darin gefielen, mit ihm die Macht zu theilen, ihm ſchmeichelten und ſich dafür wieder von den Andern ſchmeicheln ließen. Denn kleine Er⸗ höhungen werden meiſt immer durch tiefe Erniedri⸗ gungen erkauft. Fürſt Egon war wie alle Staatsmänner von einer mit der Zeit immer mehr ſich einwurzelnden überreiz⸗ ten Empfindlichkeit. Er ſah viel altes Schlimmes, von dem er mit reinſtem Bewußtſein ſagen konnte: Du haſt ihm jetzt abgeholfen! Die Erfolge, die er täglich im Kleinen erlebte, übertrug er auf das Ganze und Große und war ein Fanatiker in dem Glauben an ſeine Unfehlbarkeit. Die neuen Kammern waren, gegen ſeine urſprüngliche Abſicht, nichts als Vertreter der Geld- und Vermögensintereſſen geworden. Sie gehorchten ihm in allen Hauptfragen, während ihr Widerſpruch in kleinen ihnen nur den Schein gab, Glauben an, 2. Ex fragte glaubte dem ndem er an lbſt gänzlich inmuth über er dem Ge⸗ Derentwillen mit ihm die dafür wieder kleine Er⸗ fe Erniedri er von einer den überrei Schlimmes, ngen konnte: olge, die er das Ganzze en Glauben nern waren, als Vertkete orden. St während 1 Schein gu õ.......a—. 473 als beſäßen ſie das freieſte Urtheil auch für die großen und als wäre ihr Gehorſam Ueberzeugung. Schon redete Egon nicht mehr in ſeiner alten Sprache. Schon hatte er den gewöhnlichen Styl des von ihm vertre— tenen Staates angenommen und ſetzte als das erſte Anfangsgeſetz deſſelben: Es muß Alles geſchehen um der Monarchie als ſolcher Willen! Das Volksinter⸗ eſſe war ein Annex des fürſtlichen. Was in dieſe Anſchauung nicht paßte, wurde entfernt, unterdrückt, verfolgt, beſtraft. Selbſt diejenigen gemäßigten Li⸗ beralen, die der Monarchie die aufrichtigſte Nothwen⸗ digkeit einräumten, aber ihr nicht mehr überlaſſen wollten, als zur Stärkung eines Begriffes nothwendig war, ſelbſt dieſe wurden von ihm als„Doktrinäre“ abgelehnt, von jenem Tiersparti zu geſchweigen, dem bürgerlich⸗materiellen, an deſſen Spitze Juſtus ſtand. Dieſem gab er die ganze Schärfe ſeiner Satyre zu fühlen und nannte ſein innerſtes Princip die Eitelkeit. „Geht in Eure Comtoirſtuben und rechnet, ſagte er einſt in einem Artikel des„Jahrhunderts“, der von ihm inſpirirt ſein ſollte, geht an Euren Pflug und ackert, nehmt die Elle in die Hand und meſſet Lein— wand, was drängt Ihr Euch in die Hallen der Rath— häuſer und an die Stufen des Capitols? Wahrlich, Ihr müßt den Staatszweck platt treten bis zum Ge⸗ m 474 meinen, nur damit Ihr auf ihm luſtwandeln, gerade Ihr in ihm behaglich wohnen könnt!“ Am entſchiedenſten aber trat Fürſt Egon der De⸗ mokratie, den republikaniſchen und ſozialen„Irrl ehren“ entgegen. Er hatte ſie an der Quelle kennen gelernt und beſaß nun die vollkommenſte Fertigkeit, ſie auf ihre oft komiſchen Urſprünge zurück zu verfolgen. Er erklärte ſie für die Folge zweier Veranlaſſungen, einmal der Trägheit und ſodann des überwuchernden merkantilen Princips. Ackermann las einſt mit großem, wenn auch getheil— tem Intereſſe die Worte, die er in der Kammer ſprach: „Ein Fluch der modernen Geſellſchaft iſt die ge⸗ watge Verehrung, die der Gott Merkur gefunden hat. Merkur beſchützt die Handelnden und die Diebe. Ich habe alle Ehrfurcht vor der großen und reſpektablen Zunft der Kaufleute, ich finde aber, daß ſie viel zu tolerant iſt und viel zu viel Gaunerei neben ſich duldet. Die Krämerei iſt eine Gaunerei. Meine Herren, ich fordre Sie auf, mit mir durch die Stra⸗ ßen der Städte zu gehen. Sehen Sie, Haus für Haus ein Laden! Laden für Laden, träge, auf Kund⸗ ſchaft wartende Verkäufer, die die Sonne angaffen und träumen! Meine Herren, der kleine Zwiſchenhandel ſteht zur Conſumtion in keinem Verhältniſſe. Wo Alles handeln will, wird Niemand mehr arbeiten wollen, deln, gerade ſon der De⸗ „Irrlehren“ gelernt und auf ihre oſt Ferklätte ſe der Träͤghei en Prineips. nuch getheik mer ſprach: t iſt die ge⸗ efunden hat. Diebe, It reſpektabla ſie viel zu neben ſch erei. Nan ch die Stna⸗ Haus fül 7 d⸗ ſ , auf Kund 1. angafen un ne wiſchenhand⸗ ggo All 4. Wo 12 eiten weln 4 3 8 4 4 und ich fordre Sie auf, geben Sie Geſetze gegen den Kleinhandel! Er vertheuert die Lebensmittel, die der Arbeiter braucht, er ſchlägt das Procent der Trägheit auf das kleine Kapital der Arbeit, dem es entzogen wird; er erſchafft die Phantaſieen des Kommunismus, der aus Zorn über den Kleinhandel von einem Groß⸗ handel träumt, den die Geſellſchaft, der Staat ſelbſt übernehmen müſſe; er erzeugt endlich eine Menge lun— gernder, träger Schwätzer, die man die Lazzaronis der Boutiken nennen muß“. Solche ſcharfe Lichter, die Egon aus ſeiner Kennt— niß des Volkslebens auf die Debatte fallen laſſen konnte, hoben oft wochenlang ſeine Erſcheinung auch in den Augen Derer, die ſich nicht verſchweigen konn⸗ ten, daß Egon vom Hofe verzogen wurde und wol längſt ein Ultra⸗Ariſtokrat war. Egon beſtritt, daß wir im Zeitalter der nothwendigen Revolution leben und nach einer unbekannten, neuen, Alle beglückenden Weltidee ſteuern müßten. Er beſtritt die politiſchen Märtyrer⸗ ſchaften. Er nannte ſie Plagiate, unerlaubten Nach— druck der großen ruhmvollen Zeitalter. Er ſagte:„Die Märtyrer in vergangenen Jahrhunderten waren be⸗ wunderungswürdig, weil ſie die vergangne Geſchichte nicht kannten und nur für ihre eigne Rechnung, ihre eigne Erleuchtung ſtarben. Die neuen Märtyrer aber — — 476 haben alle vom Glanz der alten gehört und bilden ſich ein, eine Zeit würde kommen, die auch ihnen An— erkennung brächte. Sie ahmen die Huß und Galiläi nach, ohne mit ihnen irgend etwas gemein zu haben als die Leiden, die Jene fanden und die Dieſe nur tollkühn und eitel ſuchen“. Unter ſolchen Umſtänden konnte es nicht befremden, daß man von Verſchwö⸗ rungen und neuen drohenden Unruhen ſprach. Egon erfreute ſich einer guten Polizei und fügſamer Richter. Er verfolgte, kerkerte ein, verbannte, ganz wie jeder andre Politiker auch, der den Widerſpruch unbequem findet und für jede Eingebung ſeines unduldſamen Zornes ſogleich das Motiv des gefährdeten Gemein⸗ wohls zur Hand hat. Ackermann nahm, trotzdem, daß er Selma's wegen nicht mehr laut über Egon ſprach, doch im Stillen an allen dieſen Verwickelungen großen Antheil und ver⸗ rieth ſelbſt in der tiefen Abneigung, die er gegen Egon zu faſſen ſchien, das faſt perſönliche Intereſſe, das er für ihn hegte. Mit dem beginnenden Frühjahr ſetzte er nun vollends alle inzwiſchen geſammelten Kräfte für Egon's äußere Wohlfahrt in Thätigkeit. Seine Pflug- und Säemaſchinen erregten den Neid und das g— Staunen der Umgebung. Er hatte trotz der Maſchi nen eine große Anzahl auch von Feldarveitern gedungen und bilden hihnen An⸗ und Galilä in zu haben ⸗Dieſe nur Umſtänden Verſchwö⸗ rach. Egon mer Richter 6 wie jeder h unbequem unduldſamen ten Gemein⸗ Ima's wegen n Stillen an eil gegen Egon reſſe, das 4 ähiahr ſeht elten Kiife und vek⸗ gkeit Seine 4 nd und d der Naſcht ern gedungen und ſein Pachthof war ſo lebendig geworden, daß er ſchon wie eine kleine Kolonie auszuſehen anfing. Der Winter war ſtreng geweſen und die Wonne des Frühlings von den Menſchen endlich wohlverdient. Er kam mit dem März auf den feuchten Schwingen milder Südweſtwinde. Der Schnee ſchmolz, die Rän⸗ der der kleinen Bäche verloren die Spuren des Eiſes, das ſie noch vor Kurzem ganz gefeſſelt hielt. Die kaltdurchnäßte Erde erwärmte die Sonne und die ge⸗ waltigen Furchen, die der Pflug ſchnitt, öffneten die Poren der Eisrinde, daß es war, als wenn das Cen⸗ tralfeuer von unten herauf nachhalf und den Sonnen⸗ ſtrahlen die unterirdiſche Flammenhand bot. Dieſer friſche Frühlingserdgeruch! Dieſe Kraft des Bodens, die den Menſchen ſelber ſtärkt und die Fabel vom Antäus verſtehen lehrt! Im Walde brach das Eis der kleinen Seen, in deren Röhricht bald die Störche nach dem zum Leben erwachenden kleinen Gethier ſuchen ſollten. Das ganz braun und ſchwarz gewordene Laub vom vorigen Herbſt vermengte ſich ſchon mit der Erde und düngte zu neuem kräftigeren Wuchſe. Das Gras wucherte, Schlüſſelblumen, Schaafgarbe, Diſtelkraut erfreuten das Auge des nach jedem Fortſchritt der Vegetation ſehnſüchtig lugenden Wanderers. Von Tag zu Tag nahm ein gewiſſes Lüſtre der Buchen⸗- und 4— —— 478 Eichenwaldung zu und wurde grüner und immer grü⸗ ner. Die Weiden, die längs der Ulla ſtanden, ſchlu⸗ gen mit jugendlicher Triebkraft aus. Zwar köpfte man ſie, der friſchen Gerten wegen, die man gewinnen wollte, aber auch von dieſen kam eine dankenswerthe Belebung in den erwachten Frühling. Die Bauern⸗ knaben ſchnitten aus der Schaale der jungen Weiden⸗ ruthen Pfeifen und ein Ton weckte mehrere, die Pfeife die Stimme und die Menſchenſtimme die Stimmen des Feldes und Waldes. Schon jodelte ein ungedul⸗ diger Hirtenknabe um die Wette mit der Lerche, die aus ihrem räthſelhaften Winterverſtecke plötzlich wie ein Wunder da war und ſich mit ihrem Geſang in die reine Bläue des Himmels ſo ſtolz und froh empor⸗ wirbelte. Lange Züge von Kranichen und Schnee⸗ gänſen flogen vom Süden weiter hinauf nach Norden. Glückliche Reiſe, ihr flüchtigen Gäſte! Grüßet das Meer, grüßet die Klippen Islands, wenn ihr ſie er⸗— reicht und die däniſchen Jäger auf den Inſeln jenſeits der Eider euch paſſiren laſſen! Zieht ihr denn Alle vorüber? Nein, die Störche bleiben bei uns und ſu⸗ chen ſich die alten Giebel, ſuchen ſich die alten Neſter auf und klappern den Kindern von neuen Brüderchen und Schweſterchen die heimlichen Märchen zu. Selma hatte einen gedrückten, ernſten Winter durch⸗ immer grü⸗ nden, ſchlu⸗ war köpfte n gewinnen nkenswerthe die Bauern⸗ hen Wedden⸗ e, die Pfeif e Stimmen in ungedul Lerche, di vüößlich wi eſang in di froh empol⸗ und Schner⸗ nah Norden. Grüßet das n ihr ſie d neln jenſäit mdenn Ale uns und ſi alten Neſtn zderchen Brüdelch e zu. Wintet! durch⸗ lebt und nur in Fränzchen's heitrer Laune einen Troſt gefunden. Dies junge Kind widmete ſich ihr mit zärt⸗ lichſter Verehrung und fühlte ſich durch den veredeln⸗ den Umgang ſelbſt ſo gehoben, daß ſie ſich von keiner Entbehrung beengt, durch keinen langen einſamen Win⸗ terabend in ihrem Lebensgenuß verkürzt fühlte. Wie theilte ſie aber auch Selma's Freude, als der Früh⸗ ling kam! Selma hatte nur die Erinnerungen, wie das Alles wird und wächſt in dem fernen Welttheile. Sie erſtaunte nun, Alles hier ſo wiederzufinden, wie es auch dort iſt und dennoch ſchien Alles anders, eigenthümlicher und ihr, wie ſie ſich im Stillen ge— ſtand, werthvoller. Fränzchen erklärte ihr, was ſie, die Städterin, die arme Stubenſitzerin, nur irgend von der Natur wußte. Selma fand aber bald, daß ſie keiner Führerin durch den deutſchen Frühling be⸗ durfte. Sie verſtand ihn wie einen alten Bekannten und was ſie nicht benennen konnte, dafür gab die Worte der Vater, der mit dem Erwachen der Natur ſelbſt wie neubelebt erſchien und ſich in ſeiner groß⸗ artigen Oekonomie ſtill und ruhig wie ein Gärtner bewegte. Selma ſah das Entſtehen einer großen Ge⸗ müſe⸗ und Blumenanlage hinter dem Wohnhauſe. Da ſproßten Veilchen, Krokus, Schneeglöckchen. Da wuchs Schnittlauch, Kerbel, Salat. Da gackerten 1 1 1 I 11 E 1 480 die Hühner, denen recht der Kamm gewachſen war und legten Eier hier und dorthin. Es war eine luſtige Jagd für Selma und Franziska, immer zu ſuchen, wo die Hennen ein ſtilles Plätzchen gefunden hatten. Und dabei ſchmückte ſich der Fliederbaum um das Wohnhaus, die Laube bezog ſich mit grünen Knospenaugen, die Sträucher im Garten ſchienen hör⸗ bar zu wachſen... der Ullagrund ſo lauſchig abwärts geneigt, die Ulla ſo munter und geſchwätzig, der Wald, die Höhe, der Blick nach Pleſſen, das Schloß von Hohenberg, Alles ſo verzaubert, ſo belebt, ſo neu, — wo war der Winter geblieben? War Das nicht Alles faſt wieder ſo, wie Selma und der Pater es im Sommer fanden und er ihr geſagt hatte, als ſie am Kirchhofe die Inſchrift auf dem Grabe der Fürſtin Amanda geleſen hatten: Kind, wir wollen hier bleiben, wollen hier unſre Hütten bauen! Auch der April mit ſeinen kleinen Launen und winterlichen Rückfällen war faſt vorüber, als Acker⸗ mann eines Tages durch den Juſtizdirektor von Zeiſel mit der Nachricht überraſcht wurde, Fürſt Egon wollte, um ſich von den Anſtrengungen des Winters zu er⸗ holen, einige Tage auf ſeinem väterlichen Schloſſe zubringen. Mit dieſer Mittheilung gerieth der ſonſt ſo ruhige, ſich ſelbſt beherrſchende Mann in namenloſe wachſen war gs war eine I, immer zu hen gefunden derbaum un mit grünen ſchienen hör⸗ ſchig abwärts g, der Wal Schloß von ebt, ſo nel, ur Das nich d der Pun gt hatte, dl n Grabe det wir wolen auen! gaunen und 7, als Acet or von Zeſt Egon wollle dintets u d chen Schoſ — ach dar ſt in namenleſ 481 Aufregung. Sie wuchs, als er ſah, wie die Nach⸗ richt auf Selma wirkte. Ohne auf das Thema, das im December bei der Heimkehr von Pleſſen zum erſten und letzten Male berührt worden war, zurückzukommen, konnte er doch nicht umhin, bei Tiſch darüber zu ſagen: Ich habe die Ahnung, daß dieſe Begegnung mit dem Fürſten keine gute Wendung nimmt. Das freund⸗ liche Bild des Mannes, der einſt mit uns nach dem Forſthauſe wanderte, iſt verwiſcht. Welche Entwicke⸗ lung einer gewaltſamen, eingebildeten Natur! Dieſe Verfolgungen, von denen die Zeitungen das Unglaub⸗ lichſte melden! Dieſer Terrorismus! Ich kann Adlige i laſſen, die innerhalb ihrer Vorurtheile willkür⸗ nd anmaßend regieren, Beamte, Militairs, Hof⸗ männer ſind mir erklärlich; aber mit Geiſt, mit Be⸗ wußtſein, mit Theorie ſo die gewonnenen Reſultate der Zeit mit Füßen treten und den alten feudalen Staat wieder anzubahnen— doch Ihr verſteht das nicht, Kinder! Deutlicher wird es Euch ſein, wenn ich Euch ſage: Alle Vereine hat der Fürſt aufgehoben, alle geſchloſſenen Geſellſchaften hat er aufgelöſt, die beiden braven Arbeiter, die die Maſchinen hierher begleiteten, ich las es eben in der Zeitung, ſind feſt⸗ geſetzt, Leidenfroſt iſt in eine Unterſuchung verwickelt und neue Verhaftungen, neue Ausweiſungen ſtehen bevor.. Die Ritter vom Geiſte. VII. 31 482 Franziska erſchrak, da ſie ſich der Sphäre, in der iin dieſe Verfolgungen ſtattfanden, näher fühlte als Selma, ſch die für Leidenfroſt wenig Theilnahme empfinden konnte ſt und nur die beiden guten, beſcheidenen Arbeiter be⸗ ſb dauerte. Gläubigen weiblichen Naturen ſind ſatyriſche In Erſcheinungen wie Leidenfroſt antipathiſch. Alle beklag⸗ her en die beiden jungen Arbeiter... mi Ich finde, fuhr Ackermann fort, daß viel von frem⸗ ſch den Agenten geſprochen wird. Wenn wir erlebten, daß rech ſelbſt Louis Armand... füt Selma winkte dem Vater. Sie wußte, daß Fränz⸗ au chen den freundlichen und gefälligen Freund trotz ſei⸗ und ner ſpärlichen Briefe liebte. Ackermann ahnte es und ſchwieg nun lieber. me Zwei Tage darauf aber fand er Fränzchen wei⸗ da nend. Als er ſie um die Urſache ihrer Thränen fragte, 96 ſuchte ſie auszuweichen und überließ Selma die Antwort. E Louis Armand hatte, durch Einſchluß an Oleander, je an Franziska deutſch geſchrieben oder ſo ſchreiben laſſen: d „Liebe Freundin! Ein düſtres Ungewitter zieht über A mich und meine Freunde zuſammen. Was vorauszu⸗ de ſehen war, Trennung unſrer Wege von denen des s Fürſten, traf ſchon gleich nach meiner Rückkehr von Hohenberg ein. Wir ſahen uns ſelten, zuletzt ver— 6 ſe mieden wir uns. Was aber nicht vorauszuſehen war, 1 A ———— in der Selma, konnte ter be⸗ yriſche wei⸗ ragte, wort. inder, ein offener Bruch, offene Feindſchaft zwiſchen Men⸗ ſchen, die ſich liebten, zu lieben vorgaben, auch Das iſt eingetroffen und irgend ein gewaltſamer Zuſammen⸗ ſtoß ſcheint ſo unvermeidlich, daß ich Ihnen ſchreibe und Sie bitte: Liebe Franziska, Sie kennen die innige herzliche Verehrung, die ich für Sie hege und die nur mit meinem Leben erlöſchen wird. Was mir auch ge⸗ ſchehen möge, was Sie auch von mir hören dürften, rechnen Sie auf meine treue Anhänglichkeit! Ach, ich fühle nun wohl, was mich gehindert hat, Ihnen Alles zu ſagen, was in meinem Herzen für Sie ſchlummerte und was erſt jetzt, wo ich ſo großen Gefahren aus⸗ geſetzt bin, ganz erwacht iſt! Jetzt, an der Grenze meiner Freiheit, ſag' ich Ihnen, geliebte Franziska, daß ich in Ihnen ſo viel Güte und Reinheit der Seele gefunden habe, wie nur in meiner vergeſſenen, von Egon gemordeten Schweſter. Iſt Das nicht grauſam, jetzt ſo zu ſprechen! Jetzt, geliebte Franziska, wo ich Denen, die mich lieben, nur Kummer bereiten kann? Vergeben Sie mir! Werden Sie wirklich die Gattin des guten, Ihrer Liebe würdigen, reichen Heinrich Sandrart, dann vergeſſen Sie meiner. Ich gedenke Ihrer ewig und werde nie zürnen, wenn Ihr Herz ſeinen höhern Pflichten folgt. Ich ſchreibe das Alles aus meiner innerſten Seele, die Feder führt Siegbert 31* Wildungen, der Treueſte, der mich nicht verlaſſen hat, wie Egon. Egon handelt entſetzlich an uns. Er be⸗ hauptet, der Freundſchaft genügt zu haben. Er behaup⸗ tet, daß er in Warnungen ſich erſchöpft hätte. Egon droht uns! Egon droht ſeinen Freunden! Der Fürſt iſt Fürſt und ich bin ein Bettler. Aber ich glaube jetzt Rechte gefunden zu haben auf den deutſchen Boden. Ich fühle die Verwandtſchaft mit Oleander, ja ſogar mit einer Heldenſeele, Jagellona von Werdeck, ich bin kein Fremdling mehr in dieſen Landen. Doch, was unterhalt' ich, quäl' ich Sie mit Dingen, theure Fran⸗ ziska, die dieſen Winter mich außer Athem und Be⸗ ſinnung brachten! Ich kann nur einen kurzen Gruß— vielleicht einen ewigen Abſchied— ſenden. Die Zeit, die Stimmung, die Ruhe fehlen, um meiner minder ge⸗ wandten Feder Raum zu laſſen, in meiner unſichern Mut⸗ terſprache daſſelbe zu ſagen. Die deutſche Sprache iſt jetzt faſt meine Mutterſprache. Vergeſſen Sie mich, wenn es ſein muß! In großer Bedrängniß Ihr Louis Armand“. Ackermann ſah mit tiefſtem Antheil Franziska's Verzweiflung. Was iſt ihm geſchehen? Was kann ihm drohen? rief ſie. Selma, die ſelbſt weinte, ſuchte zu tröſten. Aber Heuniſch, der Jäger, der eben dazu kam, ſtörte allen Troſt. ſen hat, Er be⸗ behaup⸗ Egon Fürſt iſt ube jett Boden. ja ſogar eck, ich ch, was e Fran⸗ ind Be⸗ Hruß— ‚ie Zeit, inder ge⸗ ern Mut⸗ rache ſt ch, wenn rmand“. unzistas 77 tiefſi n. am, ſtörte Er rief Franziska bei Seite und ſagte: Urſula Marzahn ſtirbt dieſe Nacht. Sie geht hin.. aber hab' ich mich vor ihr im Leben nicht gefürchtet, im Tod iſt ſie mir wie ein Geſpenſt. Sie ſagt Dinge am letzten Sonntag als die Glocken läuteten... Franziska, habe deinen alten Onkel lieb! Komm' mit auf drei Tage, bis ſie zur Ruhe iſt! Ackermann bedauerte das bevorſtehende Leid, mußte aber geſtehen, daß der Onkel etwas Billiges verlangte. Er redete Franziska zu, zu gehen. Heuniſch nahm ſie ſogleich und führte ſie, indem er ein Bündelchen trug und ihre Thränen für Antheil an ſeinem Verluſte hielt, jenen Fußpfad an der Sägemühle und dem ſchwarzen Kreuz vorüber, von dem er ſagte: Seit die Urſula faſt wie vernünftig geſprochen, fürcht' ich mich vor dem Kreuz da! Selma mußte wenig Stunden nach Franziska's Entfernung ſagen: Es iſt gut, daß ſie einige Tage entfernt iſt! Sie zeigte dem Vater das neueſte Zeitungsblatt... Es enthielt die Nachricht, daß ein Apoſtel der kom⸗ muniſtiſchen Irrlehren, der dieſen Winter über, aller Warnungen ungeachtet, beſonders im Kreiſe der Wil⸗ ling'ſchen Maſchinenarbeiter für ſeine ſtaatsgefährlichen Theorieen gewirkt hätte, ein Franzoſe, Namens Louis 486 Armand, vermittelſt Zwangspaß aus den diesſeitigen Staaten entfernt worden wäre. O bitt're Welt! rief Ackermann. O gold'ne Ju⸗ gend, an die ſich der Roſt des Lebens ſetzt! Traum des Glückes, warum löſt dich der Tod nicht ab, wa⸗ rum das Erwachen zu dem jammervollen Geſtändniſſe: Wir Alle ſind Menſchen! Und dann erläuterte er Selma den Begriff eines Zwangspaſſes. Entfernt? ſagte er. Louis Armand! Der Freund Egon's! Verbunden mit ihm durch einen Grabeshügel! Trennt ſo die Welt? Wirft ſie immer wieder die Hölle zwiſchen die Seelen? Iſt Wahrheit des Geiſtes da, wo Lüge der Herzen? Armer, kind⸗ licher Fremdling! Wie ehrteſt du dein Volk durch ihm ſonſt fremde Beſcheidenheit, Treue und deinen ſittlichen Werth! Selma! Erkennſt du jetzt, warum ich die Natur ſo liebe und in ihrem Leben mich ausruhe von meinem Leben? Selma aber ſah, hörte nicht. Ihr Auge ſtierte auf eine andre Stelle derſelben Zeitung. Vater, lies! rief ſie mit fieberhafter Erregung... Ackermann nahm und las das Blatt. Die Stelle lautete: „Bekanntmachung. Der wegen politiſcher Umtriebe verfolgte Referen⸗ esſeitigen d'ne Ju⸗ Traum ab, wa⸗ tändniſſe: rif eines Armand! rch einen e immer Wahrheit et, kind⸗ zurch ihm ſtttlichen nich die ruhe von ge ſtierte rregung- Hie Stelle Referen⸗ dar Dankmar Wildungen hat ſich der ihm bevorſte⸗ henden Unterſuchung durch die Flucht entzogen. Alle Sicherheitsbehörden des In- und Auslandes werden aufgefordert, zu ſeiner Verhaftnahme behülflich zu ſein. Es folgt das Signalement.“ Es iſt Siegbert's Bruder! ſagte Ackermann. Die guten Geiſter ſind von Egon gewichen. Ackermann verfiel in tiefſte Traurigkeit. Er ſchien unfähig, heute noch in ſeinem ſonſt ſo freudig er⸗ griffenen Berufe zu wirken. Selma ehrte ſeinen Schmerz. Siegbert's Geſtalt trat ihr durch den ihr unbekannten, wenig beſproche⸗ nen Bruder verklärter entgegen. Oleander, der zum Unterrichte kam, war ſelbſt ſo erſchüttert, daß er ſich nicht ſammeln konnte. Er ging bewegt und ließ die vor Kummer Schweigenden ohne Abſchied zurück. Er hätte ſo gern dem reinſten Genuſſe des Frühlings ge⸗ lebt! Liebe und Freundſchaft waren ſeine ewigen Sterne und nun ſchienen ſie düſter umſchleiert. So traurig hatten ihm die Lerchen nie geſungen. Der Abend kommt. Die große rothe Feuerglut des Himmels erliſcht. Dunkelblaue Wolken ziehen nächtlich herauf. Der Tag ſo linde. Am Abend weht ein kühlerer Lufthauch. Die Arbeiter feiern, ziehen heim, hier und dorthin, auf Dörfer, Gehöfte. Im Hofe 488 wird's ſtill. Nur fern beim alten Sandrart hört man noch ein Rollen von Tauſenden von Erdäpfeln, die man aus den Wintergruben ausgräbt und aufſchüttet. Man hat ſich verſpätet, man ſchüttet ſie auf Breter, die ſie abſchüſſig in den Bauernhof rollen laſſen, noch ſpät Abends. Es wird ganz dunkel. Auch dieſe Ar⸗ beit iſt gethan. Alles nun ſtill. Ackermann ruht auf dem Sopha. Selma ſpricht zuweilen ein Wort der Theilnahme für Franziska, die bei einer Sterbenden, die ſie nicht liebte, im Hauſe wachen müſſe. Eine Uhr pickt. Alles leiſe, Alles ſtill und traurig... Da bellt ein Hund lauter als ſonſt, bald bellen noch mehr; zuletzt alle. Es wird lebendig draußen... Wer kommt noch ſo ſpät? Herr Ackermann zu Hauſe? ſagte eine Stimme draußen. Als die Magd antwortet, heißt es: Braucht man auf dem Hofe hier nicht noch Ar⸗ beiter? Ich höre, man hat viel Arbeiter geſucht. Braucht Herr Ackermann noch ein paar geſunde Hände? Welche Stimme! rief Selma... Ackermann war ſchon aufgeſtanden. Schon die erſten Worte klangen ihm ſo bekannt und durch den Sinn doch ſo fremd... Wer iſt Das? ſagte er. — ört man In, die ſchüttet. Breter, n, noch jeſe Ar⸗ uht auf ort der benden, Eine bellen außen.. Stimme wch A⸗ geſucht. Zände! rch den 489 Wir haben Arbeiter genug, ſpricht die Magd, und ſchicken täglich fort. Ei, ſo fragt an! Bin ich darum ſo weit gewandert? Selma hatte ein Gefühl, als ſollte ſie aufſchreien. Sie faßte den Drücker der Nebenthür, als müßte ſie fliehen. Das iſt der Fürſt! ruft Ackermann außer ſich und reißt die Thür auf, die zur Hausflur führte. Im Dunkeln, beleuchtet von einer kleinen Küchen⸗ lampe der früheren Magd vom Heidekrug, ſtand in einer Blouſe mit grauweißem Hute ein junger Mann. Wie er den Hut zog, die braunen Locken ihm über die Stirn fielen, er näher trat, er grüßte, bebte das Wort auf Ackermann's Lippen: Kommen Sie! Die Magd, die den Fremden nicht wieder erkannte, ſagte: Das iſt Herr Ackermann! Wohl! Wohll ſpricht der Ankömmling. Ich kenne Herrn Ackermann. Darf ich eintreten? Ackermann ſprachlos(denn er glaubte den Fürſten zu ſehen) tritt zurück und ſtellt das Licht, das er er— griffen hatte, zitternd auf den Tiſch. Ein unterdrücktes Ach! wie von einer Entfliehenden im Nebenzimmer... 490 Wie die Thür des Corridors ſich ſchließt, ſagt der Eintretende: Sie kennen mich nicht. Erinnern Sie ſich jenes Wanderers, der im Walde bei Hohenberg letzten Som⸗ mer mit Ihnen und Ihrem Sohne Selmar ſprach? Wohl! Wohl!l ſagt Ackermann bebend. Ich bin in der Lage, Sie um eine Freundlichkeit, eine Aufopferung zu erſuchen. Ich verehrte Sie im⸗ mer. Seit Louis Armand von Ihnen ſprach, ſeit mein Bruder Siegbert Wildungen Sie den bedeutend⸗ ſten, den edelſten aller Menſchen nennt— Siegbert— Ihr Bruder? Mein Bruder! Ich bin der Flüchtling Dankmar Wildungen, den eine zum jämmerlichſten Egoismus entpuppte Politik zwingt, ſich zu verbergen. Ich kann nicht aus dem Lande fliehen, weil mich an dies Land Vaterlandsgefühl und eine große Aufgabe bindet. Darf ich bei Ihnen bleiben? Wollen Sie mich in Ihrem neuen großartigen Verkehr im Geheimen als Arbeiter dulden, bis beſſere Zeiten kommen? Ackermann, ſprachlos, ergriff ſein Portefeuille, riß es auf, holte ein Papier hervor, entknitterte es, nahm die Locke und hielt ſie gegen Dankmar's Haar. Dieſe Locke ſchnitten Sie mir in einer räthſelhaften Nacht vom Haupte, ſagte Dankmar. Ich träumte, ſagt der h jenes n Som⸗ vrach? dlichkeit, Sie im⸗ ch, ſeit deutend⸗ ankmar poismus Ich kann les Land t. Darf Ihrem Alebeiter iile, ni a, nahm ir. alhaften träumte, ——- 491 ich wachte. Ich ſah Sie geheimnißvoll mir nahen und ſo lieb hatt' ich Sie, ſo verehrt' ich in Ihnen den höheren Genius, daß ich ſtill die Augen geſchloſſen hielt und mit mir geſchehen ließ, was geſchah. Allmächt'ger Gott, Sie galten damals— Für den Prinzen Egon! Ich erwies ihm die Liebe, ihm durch Täuſchung andrer leichtſinniger Menſchen einen großen Dienſt zu leiſten. O beim Himmel! Seine Täuſchung hat er länger durchgeführt, als ich! Ackermann’s Gefühle waren in dieſem Augenblicke zu gewaltſam, von Jammer und von Freude zugleich zu heftig beſtürmt. Dennoch überwog, aus Liebe für Selma, die Freude. Eben wollte er jubelnd rufen: Selma! Selma! Wo biſt du? Da ſtand ſein Kind ſchon an der Thür, weinend, lachend, an dem Rahmen der Thür ſich haltend, zitternd, bewußtlos... Selma! rief Dankmar, ſtürzte auf das ebende, vom Entzücken über ihren Irrthum, ihre Tänſchung bewältigte Mädchen und ſchloß ſie, kaum wiſſend, was er that, ungehindert durch des Vaters Nähe, nur folgend dem ſtürmiſchen Ausbruch ſeiner Gefühle, voll Seligkeit in ſeine liebenden Arme. Ende des ſiebenten Buches. 8 S S ₰ 38 5SF a = — 8 η — 22 8 0 η ⁸ 8₰ — G — COoſour& Grey Control Chart Green vVellow Hed Magenta