2. — ) ——y—————4 ₰—,— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe vo Stun⸗ n mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2 3 4— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗⸗ lorenegoder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen G der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. d 2 — 0TT 320 806 I 11 891 902 —————— Die RNitter vom Geiſte. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkon. Sechster Band. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1851. —— Inhalt des ſechsten Bandes. Sechstes Buch. Erſtes Capitel. Sylveſter Rafflard.......... Zweites Capitel. Eine Intrigue............... Drittes Capitel. Der Meiſter des Meiſters........ Viertes Capitel. Mutter und Tochter........... Fünftes Capitel. Gegenſätze.............. Sechstes Capitel. Eine ernſte Nacht.............. Siebentes Capitel. Die flammenden Kreuze........ Achtes Capitel. Die neuen Templer............ Neuntes Capitel. Die Stiftung des Bundes........ Zehntes Capitel. Dankmar's Weiherede............ Elftes Capitel. Das Geſpenſt..................... Zwölftes Capitel. Der Sechste im Bunde......... Dreizehntes Capitel. Eine Entſcheidung......... Vierzehntes Capitel. Zum Lebewohl........... Die Ritter vom Geiſte. VI 1 Erstes Capitel. Sylveſter Rafflard. Helene d'Azimont bewohnte in einem ſogenannten Hotel garni das erſte Stockwerk. An Beſchränkung nie gewöhnt, bedurfte ſie nicht nur aus angeborenen Rückſichten ihres Standes, ſon⸗ dern zur Ausdehnung ihrer ganzen überſtrömenden Natur großer Räumlichkeiten. Diener und Wagen hatte ſte mitgebracht, aber dieſen„Train“ jetzt noch weit über den Bedarf vermehrt. Jede Woche mußten Gärtner die Zimmer mit neuen Blumen ſchmücken. Ihr Empfangſalon war ein kleiner Dahlien⸗Flor. Was ſie bei Wanderungen durch die Magazine, ſelbſt bei einer flüchtigen Vorüberfahrt an den glänzenden Schau⸗ fenſtern der Hauptſtraßen nur an Vaſen, Porzellan, Kunſtwerken, Bronzeſachen Gefälliges entdeckte, mußte, wenn ſie ſich davon einen Effect verſprach, ſogleich, ganz nach Goethe's Theorie vom Beſitze des Schönen, 1* 4 angekauft und in ihren Zimmern aufgeſtellt werden. Wie ſie denn in Allem das Weib des unmittelbaren Inſtinctes ſchien, die lebendiggewordene Unruhe und Beweglichkeit des nur durch die Liebe aufrechtgehalte⸗ nen Frauenſinnes, ſo mußte ſie, was ihr gefiel, be⸗ ſitzen, was ſie dachte, ausſprechen, was ihr in den Sinn kam, vollenden. Eine Entſagung ohne ſoforti⸗ gen Erſatz würde ihr die größte Qual geweſen ſein. In den ſechs Wochen, daß Egon krank war, von Andern gehütet, ihrer Sorge vorenthalten wurde, litt ſie unſäglich. Sie hatte das nimmerraſtende Bedürf⸗ niß der Aufopferung. Sie wäre im Stande geweſen, wie eine in Lohn verdingte Krankenwärterin Egon zu pflegen. Der Mann, der ſie erfüllte, war ihr die ganze Welt. Wie konnte ſie leben, ohne ſeinen Athem zu hören, ohne ſich in ſeinen Augen zu ſpiegeln, ſelbſt wenn dieſe vom Fieberwahn umſchleiert wären und ſie nicht erkannt hätten! Von dem Abend an, wo ſie bei ihrer Ankunft in ſpäter Nacht vor Egon's Fenſtern hielt und zu ihnen wie eine Verſtoßene ſehnſüchtig hinaufblickte und bitter weinte, ruhte ſie nicht, ſich dem Freunde bemerklich zu machen. Erſt als ſie er⸗ fuhr, daß er ganz krank, dann völlig bewußtlos war, unterließ ſie dieſe nächtlichen Aufblicke zu ſeinen Fen⸗ ſtern. Aber Blumen ſchickte ſie, Erkundigungen zog 5 ſie ein, ſetzte ſich mit der dienenden Umgebung, mit den Aerzten in Verbindung. Sie litt peinliche Tage, in denen ſie nur von Paulinen, die durch Amanden's Memoiren wieder Kraft und Faſſung errungen hatte, aufrecht erhalten, getröſtet wurde. Wie viel Thränen weinte ſie an der Bruſt dieſer Freundin, die ſich für mitfühlend erklärte, aber ihren Schmerz nur ſtudirte, wie der Künſtler an der Armuth vorübergeht, ihr Al⸗ moſen ſpendet, aber ſeiner Phantaſie auch die Geber— den des Hungers einprägt. Pauline gab ſich ganz auf die„großen Gefühle“ ihrer jungen Freundin ge⸗ ſtimmt; aber Helene mit ihrem überflutenden, liebe⸗ 9⸗ ſiechen Herzen, war ihr doch nur eine Studie jener Autorſchaft, an die ſie zuweilen zurückdachte, ſeit ſie durch Guido Stromer, den vacirenden Pfarrer von Hohenberg, den entpuppten Schmetterling der ſchönen Phraſe und des irren, von Allem geblendeten Idea⸗ lismus, wieder iterariſche Beziehungen kam! He⸗ lene, im Jammer Cgon, erkannte Niemanden mehr, der bei Paulinen verkehrte. Ein Blick des Schmerzes und ſie wandte ſich jeder Begegnung ab. Nur Me— lanie blieb ihr von dem erſten Abend her in Erinne⸗ rung als ein„ſchönes Mädchen“. Als„ſchöner Mann“ hätte ſie Heinrichſon feſſeln dürfen; allein ſie erbat ſich nur die Unterſtützung ſeiner kunſtgewandten Hand, um Erinnerungsblätter an ihre Egon⸗Liebe, die ſie zeichnete, an ihren egoiſtiſchen Egonismus, wie der witzhaſchende Heinrichſon dies Verhältniß nannte, zu einer größern Vollendung zu bringen. Kümmerte ſich Helene während dieſer Trauer⸗ wochen um Niemanden, als wer ſie aufſuchte, ver— ſchloß ſie ſich jeder Beziehung zu ihrer Schweſter Adele Wäſämskoi, die ſie ihres kleinen und engen Herzens wegen verachtete, zu Rudhard, der ihr ein läſtiger, gefühlstrockener Pedant war, ſo mußte es auffallen, daß ſie Sylveſter Rafflard nicht gleich das erſte mal, daß er ſich bei ihr melden ließ, abwies. Helene glaubte ſonſt keinen größern Feind zu ha⸗ ben!. Von Oſteggen, dem Gute ihrer Aeltern, war dieſer Rafflard plötzlich entlaſſen worden; in Genf hatte er Urſache, Egon zu haſſen, den er ſpäter zu Paris in ihren Armen wiederſah. Die alte Gräfin d'Azimont, Helenen's Schwiegermutter, mit ihrem Ehr⸗ geize und ihrer weltverachtenden Bigoterie, hatte die Wahl ihres Sohnes ſchon damals gemisbilligt, als Graf Deſiré am Schwarzen Meere in Helenen eine Proteſtantin wählte. Welche Clauſeln wurden nicht alle in dem mit Paris über Berlin und Petersburg verhandelten Ehecontracte erfunden, um den Folgen dieſes Misverhältniſſes vorzubeugen! Anfangs nahm —— die ſtrenge Bewohnerin des Faubourg St.⸗Germain ihre Tochter mit gnädiger Herablaſſung auf, bald aber zeigte ſich, daß die alte jeſuitiſche Klaſſizität der Mut⸗ ter mit der romantiſchen Ketzerei der Tochter ſich nicht vereinigen ließ. Welche Eirkel ſuchte Helene auf! Welche Menſchen fand ſie intereſſant! Wie verworren ſah es in ihrem Salon aus! Der„Horreur“, den die Mutter durchweg vor der Tochter empfand, ſtei⸗ gerte ſich, als Helene die Rückſichten auf ihren krän⸗ kelnden, blaſirten, überbequemen Gatten völlig aus den Augen ließ und ſich mit ihm ſogar auf eine Art Freundſchaft, auf den Fuß einer gegenſeitigen Scho⸗ nung und Duldung ſetzte! Der Graf wurde der Ver⸗ traute ſeiner Gattin. Er mußte ſorgen, helfen, ver⸗ mitteln, wenn ihr Herz litt. Und er gab ſich dazu mit der ganzen modernen Philoſophie, die Sitte und Geſetz auf den Kopf ſtellt und das Herz zum Gott, deſſen Eingebungen zur Offenbarung macht, bereit⸗ willigſt her, zum großen Unmuth der Mutter, die dieſe neuromantiſche Ehe mit keinen Kindern geſegnet ſah. Durch Zufall war der Neophyt Sylveſter Raff⸗ lard der alten Gräfin nähergekommen und der Ver⸗ traute ihrer Wünſche geworden. Die alte Dame hatte immer einen ſolchen zuverläſſigen Hausfreund nöthig gehabt und hielt ſehr treu zu ihm, falls er ſich be⸗ 8 währte. Seit einer Reihe von dreißig Jahren waren es Jeſuiten geweſen, Prieſter oder Affiliirte, die ihr nahe ſtanden. Der letzte ihrer Vertrauten, Abbé St.⸗ Dor, ein Prieſter aus dem Convicte der Geſellſchaft Jeſu in der Rue Jean Jaques Rouſſeau, ſtarb und empfahl ihr Sylveſter Rafflard, einen Genfer, der in Turin gläubig, aber nicht Prieſter geworden war und ſich nur als ein in weltlichen Dingen dienender Bru⸗ der zu den ehrwürdigen Vätern hielt, die ihm ſeine Exiſtenz machten. Rafflard war nicht mehr jung, aber von einer unverwüſtlichen Regſamkeit ſeiner faſt thieriſchgebauten Conſtitution. Der große affenartig gebaute Kopf mit dem gewaltigſten hervorſtehenden Unterkiefer ſaß wie auf dem Nacken eines Stiers. Die Schultern waren breit und rund wie die eines Laſtträgers. Die Beine lang und weitausholend, die Arme faſt über die Pro⸗ portion ausgreifend und mit Händen begabt, die ſich wie die ausgeſpreizten Füße eines watſchelnden Waſſer⸗ vogels machten. Dieſer Menſch verband die Giraffe mit dem Rhinoceros. Die ganze Natur Rafflard's war die Sinnlichkeit nicht nur des Magens und des Herzens, ſondern auch die Sinnlichkeit der Augen, der Ohren, der Hände, des ganzen Menſchen. Sein Weſen war wie das Schnalzen des Fiſches. Er war die Auf⸗ we 9. aren dringlichkeit ſelbſt. Seine großen Hände reichte er ihr Jedem zum Gruße; er umarmte, er küßte Jeden, er St.⸗ floß in einem Strom von ſalbungsvollen Liebesworten chaft über und bot Jedem ſeine Freundſchaft an. Er hatte und ſich von einer gewöhnlichen Herkunft allmälig empor⸗ er in geſchwungen durch das Princip, die ganze Menſchheit und wäre zu gewinnen durch die Süßigkeit der Vorſtellun⸗ Bru⸗ gen, die das Gegentheil unſrer Eriſtenz in Jedem zu ſeine wecken pflege. Er näherte ſich den jungen Mädchen und ſprach mit ihnen von der Ehe; den Frauen und ſprach mit ihnen von dem gebundenen Schickſal ihrer unabänderlichen Wahl. Jungen Männern malte er 1 die ſüßeſten Träume des Glücks aus, den Alten ſpie⸗ gelte er den Glauben vor, man hielte ſie noch für einer uten mit 2 jung. Jedem aber, den er leiden, unbefriedigt ſah, dine nahte er ſich mit der Verſicherung, er errathe ſein Jr⸗ verfehltes Geſchick, er ahne ſeine wahre Beſtimmung. ſch Die Frauen gewann er durch die theilnehmende Ent— (0, deckung, daß ihr Geiſt gebunden, gefeſſelt, an Gemei⸗ ſer⸗ nes entwürdigt wäre. Die Männer belauſchte er in ſaff der geheimſten Sehnſucht ihres Ehrgeizes und beglückte die Strebenden mit glänzenden Bekanntſchaften, die er in der That wie Viſitenkarten aus ſeiner Weſten— taſche zog. Sylveſter Rafflard war der lebendige Ver⸗ ſucher. Ewig legte er Denen, die er umſtricken wollte, 10 die Schätze ganz Jeruſalems zu Füßen und verſchenkte ſie an Den, der ſich ihm ergab. Er bot Alles an, Würden, Aemter, Ehrenzeichen, Geldmittel, Erfolge, ſchöne Frauen, je nachdem er das weltliche Streben einer Geiſteskraft oder das träumeriſche Sehnen einer Phantaſie vor ſich fand. Und wenn man fragen wollte, wozu Sylveſter Rafflard ſich einer ſo unermüdlichen Verführung er⸗ gab, ſo iſt nicht erwieſen, daß er geradezu ſchaden wollte. Er würde ſich in dieſem Falle bei ſeiner un⸗ ausgeſetzten Betriebſamkeit großen Gefahren ausgeſetzt haben. Er wollte nicht einmal verwirren. Er wollte nur exiſtiren, ſich behaupten, im großen Stile exiſtiren. Dazu bedurfte er hundert Beziehungen. Er mußte eine Beziehung auf die andre bauen, einen Trumpf gegen den andern ausſpielen. Sonſt war eigentlich ſeine geheimſte ſataniſche Freude Die, jeden Menſchen gleichſam im Zuſtande der Natürlichkeit zu ſehen. Wir wiſſen, wie Rafflard als Erzieher wirkte, wie es ihn reizte, ſchon das Gelüſten der erſten Knabenzeit zu beobachten. Wir wiſſen, daß Egon's früheſte Lebens⸗ verſtimmung, ſeine Verzweiflung am Daſein, die ihn von Genf nach Lyon, fort von allen Beziehungen ſeines Standes trieb, eine Folge der Verführung ſei⸗ nes eignen Lehrers war. So aber wie Egon wollte Naf Sch wird zuwe zu ü Pla er l — ¹¹ nkte Rafflard Jeden auf die Nacktheit ſeiner natürlichſten an, Schwäche zurückführen! Da, wo der Menſch klein lge, wird, ſetzte er den Hebel an; da, wo der größte Mann eben zuweilen ſeinen Beruf vergißt, wußt' er ihn ſicherlich iter zu überraſchen und hatte ihn dann auch für alle ſeine Pläne in der Hand. Im gewöhnlichen Verkehr war eſer er liebenswürdig, gefällig und noch immer gern ge— er ſehen, wenn man ihm auch ſeinen aſthmatiſchen Hu⸗ den ſten vergeben mußte. Dieſen tückiſchen Dämpfer ſei⸗ un⸗ ner guten Laune, dieſen Störenfried ſeiner ſchleichen⸗ 3 den Intriguen hatte ihm ein ſtrafendes Geſchick ſeit ſeh einigen Jahren mit auf den Weg gegeben. Dieſer lüe Katarrh hatte ihm ſchon, wie Das in der großen Welt Nen. geht, viele Freunde entfremdet, ja ſeinen liebſten Freund, uß den eignen Magen. Der alte Gourmand kaute ſtünd⸗ ömy lich Paſtillen und verdarb ſich damit eine Verdauung, tlih die ſonſt thieriſch war und ſeiner herkuliſchen Natur ſchen entſprach. Wir Ein ſolcher Charakter, ohne Halt, ein reiner Le⸗ ihn bensvirtuoſe, ein Künſtler auf dem ſchlaffen Tanzſeile t zu des gefährlichſten Egoismus, muß durch innere Noth⸗ ens⸗ 1 wendigkeit Jeſuit werden. Seine Kenntniß der Zeit ihn und der handelnden Perſonen überraſchte Die, die ihn igen zu dieſem Schritte ermunterten. Er hatte Verbindun⸗ ſei⸗ gen wie ein zweiter Graf St.⸗Germain. Selbſt wo ollte 12 man ihm die Thür gewieſen hatte, wagte er wiederzu kommen. Er wagte, Manchen ſogar an Menſchen zu empfehlen, die ihn verachteten. Gelehrte Kenntniſſe beſaß er nur oberflächlich. Aber vortrefflich ſprach er über Sachen, die dem Gelehrteſten oft unentwirrbar blieben, über Lebensverhältniſſe, Sitten⸗, Staatsbezie⸗ hungen. Da ihm Deutſchland, die Schweiz, ſelbſt Rußland bekannte Terrains waren, ſo imponirte er in Frankreich. Als Abbé St.⸗Dor ſtarb, ergriff er mit Freuden die Gelegenheit, ſeine eigentlich fortwährend bettelnde Exiſtenz zu ſichern, die ihm ſeit ſeinem aſthma tiſchen Huſten vollends Bedenken erregte. Er hatte ſchwören müſſen, die Ideen St.⸗Dor's zu verwirklichen. Es waren Dies mancherlei Aufgaben größerer oder ge⸗ ringerer Bedeutung. Eine derſelben lautete: die Hei⸗ rath zwiſchen Helene von Oſteggen und dem Grafen Deſiré d'Azimont zu löſen, das bedeutende Vermögen des Grafen zum Rückfall an die Mutter zu bringen und von dieſer es ſomit zuletzt dem Orden zuzuwen⸗ den. Dieſer Aufgabe unterzog ſich Rafflard mit dem ganzen Aufgebot ſeiner Energie. Es war ſeine Miſ ſion, ſein Unterhalt ſogar. Die übrigen Einwirkun gen, die er da und dort und bei ſeiner Sprachen gewandtheit auch in fernen Ländern auszuführen hatte, kamen zur Löſung dieſer Hauptaufgabe ergänzend, aber zu el Frau keit in d Loui derzu⸗ en zu ttniſſe ich er errbar bezie⸗ ſelbſt er in r mit grend hma⸗ hatte ichen. er ge⸗ Hei⸗ rafen nögen ingen wen⸗ dem Miſ⸗ 13 unweſentlicher hinzu. War Rafflard in Paris und Enghien ſchon thätig, um Helenen und den Grafen zu entzweien, ſo ſetzte er nach der Flucht der jungen Frau dieſe ihm geſtellte Aufgabe mit Gewiſſenhaftig⸗ keit fort. Egon warnte Helenen vor Rafflard ſchon in Frankreich. Sie glaubte Spuren zu haben, daß Louis Armand damals in Enghien nicht ohne Ver— mittelung Rafflard's ſo grauſam ſtörend in ihr Glück eintrat. Sie fuhr ſchaudernd und ergrimmt auf, als man ihr nach ihrer Ankunft in Deutſchland dieſen Namen nannte, der in der Reſidenz anweſend, ohne Zweifel ihr gefolgt war und ſie nach allem Vorgefal— lenen eines Tages zu ſprechen wünſchen konnte. Wie aber gutmüthige Naturen— und eine ſolche war He⸗ lene bis auf einen gewiſſen Punkt im höchſten Grade— einmal ſind, ſie faſſen die Menſchen immer nach ihrem augenblicklichen Bedürfniß. Klagen ſie mit dem Kla⸗ genden, ſo heißt es: Ich habe mich geirrt, er iſt gut, er iſt wenigſtens beſſer, als ich dachte! Helene d'Azi⸗ mont hatte auch noch die Eigenſchaft gutmüthiger Cha⸗ raktere, daß ihr jedes Wiederſehen etwas Verſchönern⸗ des bot. Einem Menſchen, den man in der Heimat haßte, wird man in der Fremde nicht begegnen, ohne ſich zu denken: Wenn er dir hier, unter dieſem ſchö⸗ nen Himmelsſtrich, unter dieſen herrlichen Statuen, 14 unter dieſen duftenden Gewächſen, die Hand böte, du würdeſt ſie nicht zurückweiſen! Bringt er nicht Hei— matsluft mit? Geht er nicht wieder dahin, wohin du gern einen ſolchen Gruß aus lebendem Munde überſenden möchteſt! Rafflard benutzte dieſe Stimmung, die er bei Helenen offen genug vorfand. Er war noch klüger. Er machte gleich reinen Tiſch. Er ſagte: Gräfin, warum haſſen wir uns? Er ergriff damit gleichſam das ſchillernde Gewand, das ſeine geheim— ſten Abſichten verbarg, und zog die tauſend Falten deſſelben glatt in eine Fläche, in die Fläche der Auf—⸗ richtigkeit und Bonhommie. Er ſprach ſo natürlich, ſo ſich ſelbſt ironiſirend, daß Helene ſchon lächelte. Er verſpottete die alte Dame vom Faubourg St.⸗Ger⸗ main, er ahmte der Gräfin ſo treffend nach, daß He⸗ lene ſie völlig wiedererkannte und mit zu lachen an⸗ fing. Seine grauen Augen wurden faſt kindlich; ja als ihn ſein böſer Huſten überfiel, griff Helene in die Schubfächer ihres Schreibtiſches und bot ihm, mit⸗ leidig wie ſie war, von der Pate Regnauld aus Or⸗ leans an, die er täglich kaute, aber doch koſtete, doch als etwas ihm Unbekanntes annahm, nur um dabei über das ſchöne Paris ſentimental werden zu können und Helenen zu rühren. Und vollends umſtrickte er Helenen dann durch das offene Vertrauen, das er ihr öte, du t Hei⸗ wohin Nunde mung, rnoch ſagte: damit eheim⸗ Falten Auf⸗ ſchelte „Ger⸗ 5 He⸗ en all⸗ ch; ja ene in mit⸗ 3 Or⸗ „doch dabei önnen kte er er ihr 15 zeigte, als ſie ihm ſeine Verbindung mit den Jeſuiten vorwarf. Er bekannte ganz offen, mit den ehrwür⸗ digen Vätern in Verbindung zu ſtehen. Sie ſind Prie⸗ ſter? hatte ſie geſagt. Nein, antwortete er, ich ge— höre zu jenem amphibiſchen Theile des Bundes, der in⸗ und außerhalb der Kirche ſteht. Ich bin zu welt⸗ lichen Zwecken affiliirt. Und Sie geſtehen mir Das ſo offen? hatte Helene erſtaunt gefragt. Warum ſollt' ich denn verhehlen, was Sie wiſſen, war ſeine Ant⸗ wort geweſen; verhehlen, ſetzte er hinzu, was Sie verſchweigen werden! Die Vorſicht, die ich brauche, daß ich in philanthropiſchen Zwecken, zur Verbeſſerung der ſittlichen Gefangenenpflege, reiſe, öffnet mir viele Thüren: ſelbſt die Thüren der Gefängniſſe ſind nicht unwichtig. Man entdeckt dort oft Menſchen, die ge⸗ wandt und brauchbar ſind. Helene wies ihn mit die⸗ ſer Moral entſetzt zurück; aber er hatte ihr damals in franzöſiſcher Sprache geſagt: Liebe Comteſſe! Sie müſſen dieſe Welt betrachten wie ein großes Chaos, in das die Vernunft, die Phi⸗ loſophie, die tauſendfach verzweigte gute Abſicht der Menſchen Licht und Frieden bringen wollen. Ich habe früher als Proteſtant, als Erzieher zu dieſem Zwecke der vernünftigen Verſtändigung mitzuwirken geſucht und meine Ueberzeugung war zuletzt die, daß ich das Uebel 16 zur eignen Qual nur vermehrte. Da lernt' ich Je⸗ ſuiten kennen und fand eigenthümliche, am Daſein merkwürdig erfreute Menſchen. Sie reiſten und wan⸗ delten da und dort. Hier kannte man ſie, dort nicht. Sie hatten Zwecke, deren Nothwendigkeit ſie nicht un⸗ terſuchten, deren Durchführung ſie unterhielt und ſie im Zuſammenhang mit einer großen geſchloſſenen Kette kluger Mitperbundener perſönlich ſtärkte und erheiterte. Ich finde in den Jeſuiten die Apoſtel des reinſten Menſchenthums. Was wollen ſie denn anders, dieſe Vielverſchmähten, als die Menſchen von dem Staate, der ſie quält, von der Kirche, die ſie verdüſtert, etwas lockerer und loſer laſſen? Was wollen ſie herſtellen? Nur die große, bequeme Ordnung der römiſchen Re⸗ ligion, die am Ende, wenn man aufrichtig ſein will, nichts als ein freundlicher Verkehr zwiſchen dem Laien und dem Prieſter und eine Art von Gewiſſens⸗Arka⸗ dien iſt. Arkadien iſt überall, wo es keine Gewiſſens⸗ biſſe gibt. Die Jeſuiten können, was ſie bezwecken, kaum ſagen. Es ſind die eigentlichen Triebkräfte der Welt, die mehr die Freunde des gedrückten Volkes heißen dürfen als alle Demagogen im Purpur und in der Blouſe. Was iſt denn Das groß für Skla⸗ verei, zum römiſchen Stuhle zu gehören? Die leich⸗ teſte, die lindeſte iſt's! Eine viel lindere, als der welt⸗ Je⸗ aſein wan⸗ nicht. un⸗ id ſie Kette iterte. inſten dieſe taate, etwas ellen? Re⸗ wil, Laien Arka⸗ ſſens⸗ ecken, . ¹ lichen Obrigkeit ganz und gar verfallen zu ſein, wie Dies nun durchaus der Gang der Geſchichte werden ſoll. Gegen dieſen Gang allein ſtemmen wir uns. Wir wollen nicht Rom retten, ſondern den Menſchen, der Niemanden, nur Gott gehorche! Wir müſſen die abſolutiſtiſchen Ideen der Könige verfolgen, weil ſie den Begriff der Theokratie, d. h. der großen Gottes⸗ Republik der Welt vernichten; aber wir müſſen auch die Revolution bekämpfen, nicht weil ſie den Königen ſchadet, ſondern weil ſie ihnen zuviel nützt, weil ſie immer und immer auf Centraliſation dringt, weil ſie die Menſchen zu Maſchinen eines großen Staatszweckes macht, von dem die Prieſter, d. h. die Anwälte des reinen Menſchenthums ausgeſchloſſen bleiben. Lieber Himmel, man ſpricht von Verdummung, die wir be⸗ förderten! Wir finden nur, daß die Menſchen ſelbſt nicht wiſſen, was das Salz der Erde iſt. Abſolute Staatszwecke, ob die der Republiken oder der Mon⸗ archieen, ſind nicht das Salz der Erde, und wenn wir ſagen, von Rom gehen die Adern dieſes Salzlagers aus, ſo kämpfen wir ja nicht für den Papſt, ſondern durch den Papſt für die ewige Macht Gottes, die größer iſt als die der irdiſchen Gewalten. Unſer Or⸗ den denkt viel über die Zeit nach. Es gibt in ihm Die Ritter vom Geiſte. VI. 2 18 eine rechte und eine linke Seite. Die rechte verdirbt leider viel, was die linke gut gemacht hat. Es iſt ſo ſchlimm, daß man den Namen Gottes nicht nen⸗ nen kann, ohne gleich zu ſehen, daß die Menſchen niederfallen und darunter die Aufforderung zur Bigo— terie verſtehen. Unſere Bundesgenoſſin iſt leider die fanatiſche Religioſität, leider die Verfolgung des ratio⸗ naliſtiſchen Lichtes; allein wir verfolgen das Licht nicht um des Lichtes, ſondern um des Leuchters willen, auf dem es gemeiniglich ſteht, und um der Wände willen, die das Licht gemeiniglich erhellen ſoll. Eine Aufklärung, die uns verderben will, müſſen wir ver⸗ folgen und wir verfolgen ſie nicht um unſertwillen, ſondern zu Gunſten der Menſchheit, denn alle Auf⸗ klärung bringt wieder neue Anmaßungen, neue Feſ⸗ ſeln. Das ewig ſich Gleichbleibende iſt Rom. Das mildeſte Joch, das nur die Menſchen tragen können, iſt die Theokratie, und ich gebe die Verſicherung, wie die Demokratie erſt in's Volk griff, als ein römiſcher Prieſter, Lamennais, ſie im kirchlichen Style populair machte, ſo wird auch der Socialismus, von dem Sie, liebe Gräfin, die Grundprincipien kennen werden, dann erſt ſiegreich für die jetzige Geſellſchaft anbrechen, wenn ein ſo hohler Commis⸗Voyageur⸗Kopf wie der des Herrn Proudhon von Lyon ſeine Ideen einem Prie⸗ verdirbt Es iſt chht nen⸗ denſchen r Bigo⸗ der die s ratio⸗ ſiht nicht willen, Wände Eine dir ver⸗ willen, le Auf⸗ ue Feſ⸗ Das können, g, wie miſcher opulair m Sie, 1 dann⸗ wenn. er des Prie⸗ 19 ſter abgibt, der über die Menſchheit als Seher, nicht als merkantiliſcher Buchhalter ſpricht. Helene hatte nicht umhin können, dieſer Aeuße— rung des Jeſuiten einigen Beifall zu zollen. Sie war in der Literatur und den Zeitfragen nicht unbewan⸗ dert. Ihr Salon war in Paris artiſtiſch⸗literariſch. Ihr Tiſch war von aufgeſchnittenen und mit Leſezei⸗ chen gezierten Schriften nie frei. Weitläufig ließ ſie ſich aber auf eine Prüfung nicht ein und erwiderte auch hier von dem Standpunkte, der ihr näher lag: Was wollen Sie denn aber in dieſem Norden? Was gibt es denn hier für Sie zu thun? Rafflard hatte darauf geantwortet: Wo fände ein Jeſuit nicht ein Feld ſeiner Thä⸗ tigkeit! Schicken Sie ihn nach Ceylon, nach Tom⸗ buktu, er findet Menſchen, Prieſter, Religionen, Staa⸗ ten. Wo Andere lehren, Andere glauben, hat auch ein Jeſuit zu thun. Wir wiſſen bei jedem Verhält⸗ niß ſogleich, wo wir Partei zu ergreifen haben, für wen, für was? Deutſchland fängt an, wie im Mit— telalter, wieder der Schwerpunkt Europas zu werden. Es iſt das Land, wo beide Principien, das römiſche und das proteſtantiſche, ſich die Wage halten. Die Verwirrung iſt groß. Es will ſich das proteſtantiſche Princip, das im dreißigjährigen Kriege wenn nicht 2 20 beſiegt, doch erſchöpft wurde, auf's neue erheben, nicht rein als Princip der Feindſchaft gegen das katholiſche, aber doch in den eigenthümlichſten Verſetzungen mit allerhand andern Stoffen. Unſere Obern ſind Poli⸗ tiker und denken weiter als die erbärmlichen Mini⸗ ſter, die jetzt bei uns und hier auftauchen, morgen verſunken ſind und vergeſſen. Die Fragen der Zeit gehen weiter als bis zur Herſtellung einiger trügeri⸗ ſchen, conſtitutionellen Scheinformen. Auch die Jagd auf Demokraten erſcheint uns in der Rüe Jean Ja⸗ ques Rouſſeau lächerlich; denn Republiken oder Mon⸗ archieen ſind uns gleichgültig, wenn doch immer die große Frage wegen der Kirche und des Staates, d. h. des freien oder des gebundenen Menſchen auftaucht. Unſere Abgeſandte greifen hier und da ſchon in die deutſchen Schickſale ein. Von der Schweiz und Bel⸗ gien aus wird viel gewirkt und geſchürt. Hier, im Herzen des Proteſtantismus, iſt vorläufig wenig An⸗ deres zu thun, als mit gleichgeſtimmten Bedürfniſſen nach Kirchlichkeit anzuknüpfen. Wenn auch ketzeriſche Kirche iſt auf irgend einem gewiſſen Standpunkte Kirche immer Kirche. Wir hatten ſchon einige Hofprediger in Deutſchland, die Jeſuiten waren. Ich will nicht ſagen, daß auch hier unter ihnen Affiliirte ſind, aber kirchliche, wie ſoll ich ſie nennen, kirchliche Hochtories —, nicht oliſche, en mit Pol⸗⸗ Mini⸗ norgen er Zeit rügeri⸗ Jagd in Ja⸗ Mon⸗ ner die 3 d.h. ftaucht. in die d Bel⸗ er, im ig An⸗ rfniſſen zeriſche Kirche rediger lnicht , aber htories — 21— gibt es auch hier, und Mehreren, die ich nicht nennen will, ſteh' ich ziemlich nahe. Ich habe ſie in einem gewiſſen Trotz gegen den gegenwärtigen hieſigen Staat beſtärkt. Erſt ſchienen ſie zwar erſchrocken von der Zumuthung einer offenen Oppoſition; ſie beſitzen da⸗ für zuviel Servilismus, angeboren und anerzogen, aber wir gewinnen doch, wenn wir die Kirche überall in Europa frei erhalten vom Staate und ihm nicht, wie ſchon in dem abſolutiſtiſchen durch und durch verwelt⸗ lichten Rußland geſchehen, noch gar die Kraft des Prophetenthums, die angemaßte Biſchofswürde zufüh⸗ ren. Was hindert uns, nach funfzig Jahren, wenn hier die Zahl der katholiſchen Kirchen wächſt, einen Biſchof einzuſetzen? Wir können alte Gerechtſame, alte Proteſte wieder geltend machen. Es mag der prote⸗ ſtantiſche Staat in ſeinem abſolutiſtiſchen oder radika⸗ len Gebahren forttaumeln, die in den tiefſten Wur⸗ zeln doch noch immer nach Rom hin ſich verzweigende Kirche, auch die ketzeriſche, gibt ihm nichts von ihrer Kraft ab, wenn wir ſie iſoliren. Wir ſind hier an Allem betheiligt, an jeder Frage des Cabinets und des Staatsrathes, an der Geſetzgebung für die Provinzen, an der Geſtaltung der Geſammtform Deutſchlands, an der Uebertragung der Lehrämter, an der Richtung des Geſchmacks und der Wahl der Lektüre, ja wir . 22 haben hier zwei Katholiken, von denen der Eine die Stütze des Throns, der Andere die ganze Hoffnung der Demokratie iſt und über deren geheimſten, inner⸗ ſten Gedanken noch ein großes Dunkel ſchwebt. Rafflard gab ſich völlig unverdeckt. Einer ſo offe⸗ nen, auf ihre Diskretion vertrauenden Sprache— Wie konnte Helene ihr widerſtehen? Sie hatte zwar keine Neigung zu ſolcher Bewährung ihrer Geiſteskraft wie Pauline, die von dergleichen Enthüllungen elektri⸗ ſirt worden wäre, aber die Hingebung Rafflard's glaubte ſie doch vollſtändig zu erkennen, und da ſie eine edle Natur war und Vertrauen zu ſchätzen wußte, ſo ließ ſie den ſchleichenden Weltmann, der die vertraulichen Manieren eines Beichtigers geltend machte und alle Dinge von dem Zugeſtändniß einmal nicht zu ändern⸗ der menſchlicher Schwäche auffaßte, gewähren, nahm ihn öfter an, dankte ihm für die Bekanntſchaften, die er ihr zuführte, und hielt ſeine ſchonende Sprache über Egon und ihre Liebe für den Beweis eines wirklichen Intereſſes. Und wenn ſie nun auch errathen hätte, daß Rafflard nur die Trennung von ihrem Gatten be⸗ trieb, was lag ihr daran? Gut und Geld hatten kei⸗ nen Werth für Helenen. Einiges mütterliche Vermö⸗ gen beſaß ſie. Sich um Anderes, was noch fehlen konnte, zu ſorgen, lag nicht in ihrer Natur. Wenn * Eine die oofnung „inner⸗ ͤt. ſo offe⸗ gche— tte zwar ſtteskraft elektri⸗ glaubte ine edle ſo ließ aulichen und alle ändern⸗ „nahm tten, die che über irklichen n hätte, atten be⸗ uten kei⸗ Vermö⸗ ) fehlen Wenn 23 ſie in ihre Börſe griff, hatte es bis jetzt noch an den nothwendigen Mitteln nie gefehlt. Aber ſie blickte nicht einmal ſo weit hinaus! Sie war befriedigt, daß Raff⸗ lard einſah, ihre Liebe zu Egon wäre eine Nothwen⸗ digkeit, eine vom Gott der Götter, dem allbindenden Eros, vollendete Thatſache. Wenn ſie weinte, war Rafflard traurig. Wenn ſie hoffte, verklärte ſich auch ſein Blick. Was ſollte ſie da grübeln, denken? O Him⸗ mel, das Denken, das Vor und Nach war ihr ja das Peinlichſte! Nur fühlen mochte ſie, empfinden, verſchweben, wie ein Lichtatom in der Sonne ihrer Liebe, und Alles, das Höchſte, das Herrſchende war ihr der Moment. So rückte Egon's Geneſung heran. Helene jubelte ihr entgegen wie dem erwachenden Frühling. Jeder, der ein grünes Blättchen der Hoffnung ihr vom Pa⸗ lais Hohenberg brachte, wurde königlich belohnt. Die Bedienten, die Wandſtabler's alle durften zu ihr ge— radezu hereintreten, wenn ſie nur zu melden hatten, daß der Prinz eine Stunde gut geſchlafen, eine Speiſe mit Appetit verzehrt hatte. Helene fuhr zu den Ita⸗ lienern, um Früchte, zu den Confiſeurs, um Näſche⸗ reien zu kaufen. Sie war ſo unkundig der wirklichen Gebrechlichkeit des Menſchen, daß ſie ſich einbildete, Ananas, Trauben, Melonen, alles Das müſſe er⸗ 24 quicken oder die Verdauung ſtärken. Sie übte in ihrer Weiſe einen frommen, der Liebe gewidmeten Cultus, der Rafflard, im Geheimen beobachtet, nicht wenig be⸗ luſtigte. Die meeresſchaumgeborene Göttin erhörte Helenen's Flehen. Egon genas und ſie ſelbſt, die zarte kleine Geſtalt mit den weichen runden Formen, den bewegten, langbewimperten Gazellenaugen, dem glänzenden ſchwarzen Haare, dem anmuthigen Lächeln, erholte ſich wieder von der Wachsfarbe des Grams, die ihren zarten Teint überhaucht hatte, zu deſſen gan⸗ zer blendenden Weiße. Es war October. Wohl vierzehn Tage waren hingerauſcht in den Wonnen des von Drommeldey und Rafflard allmälig vorbereiteten Wiederſehens. Das Wetter war gleich nach der Partie von Solitüde, auf die Helenen's Glück folgte, rauh, ſtürmiſch, dann reg⸗ neriſch geworden. Wo weilte man da traulicher als im Arme der Liebe? Wo war es heimiſcher als hin⸗ ter geſchloſſenen Fenſtern, in ſchönen gefälligen Zim⸗ mern, in denen ſchon Abends ein leichtes erwärmen⸗ des Feuerchen kniſterte? Da wurde gelacht, geſcherzt, geſchmollt, das Vergangene durchgeſprochen. Da wur⸗ den Pläne erſonnen von künftigen Vergnügungen, von Reiſen, von Villeggiaturen des nächſten Jahres, von Rom, Neapel! Egon und Helene, Helene und Egon! Nur nur wur ſon verl war übe übe ſie, tral — dwe ihrer ultus, ig be⸗ rhörte die rmen, dem ſcheln, rams, gan⸗ varen neldey Das „auf reg⸗ als hin⸗ Zim⸗ men⸗ hetzt, wur⸗ von von 4 gon! 25 Nur Beide allein auf der Welt, nur ſelig in der Liebe, nur liebend wie im Paradieſe. Die Vergangenheit wurde mit Schleiern bedeckt. Helene ſprach von Loui⸗ ſon wie von einer todten Schweſter, nichts hatte ſie verletzt, kein Stachel war zurückgeblieben, die Gegen— wart war ihr Eigenthum: warum nicht Großmuth üben? Nur kleine Seelen ſind ja auch für das volle ja auch für das volle überſchwengl iche Glück der Gegenwart ſo zegenwart ſo undankbar daß ſie, in immer mäkelnd über Vergangenes, im Genuſſe mis⸗ trauiſch ſind und ſogar ſchon über die Zukunft rämeln! Freilich in dieſen Kelch der Freude miſchten ſich zwei große Wermuthstropfen. Der eine hieß: Die Freunde Egon's! Der andre: Der Ehrgeiz des Ge⸗ liebten! Beide Tropfen floſſen aus derſelben Schale, die Helene oft in aufgeregter Phantaſie wie eine Gift⸗ phiole vor ſich ſchweben ſah. Dieſen Becher wirſt du austrinken müſſen und ſterben! rief es ihr oft wie von Geiſterſtimmen. Kalt packte ſie dann eine Hand mitten in's Herz. Sie mußte aufſchreien, weinen— Egon wußte nicht, was geſchah und mußte lächeln über Befürchtungen, die ihm ganz grundlos ſchienen. Ja, Louis, Dankmar, Siegbert, Rudhard waren ſeine Freunde, täglich ſahen ſie ihn, ſie waren fröhlich, die Jüngern mit ihm das Leben genießend. Den Pro⸗ feſſor Rafflard hatte Egon abgewieſen. Egon gehörte 26 zu den Menſchen, die vielleicht nicht conſequent in der Liebe, aber conſequent im Haſſe waren... eine ſtarke Art von Menſchen, ſchwer zu behandeln, des Größten fähig und kluger Führung bedürftig. Rudharden aber hatte er auf's neue liebgewonnen. Er fühlte, daß er wegen Helenen's nicht wagen konnte, ihn im Kreiſe der Familie Wäſämskoi oft zu beſuchen, deſto öfter ſah er den alten trocknen Verſtandesmenſchen bei ſich und freute ſich, wie tief und nachhaltig doch der Grund war, den der ernſte Mann einſt in ſeine Seele gelegt hatte. Er war weit öfter mit Rudhard als mit den andern Freunden einverſtanden. Auch Sieg⸗ bert konnte wegen der Fürſtin Adele, wie Rudhard, nicht anders, als jede Beziehung zu Helene d'Azimont vermeiden. Das war Helenen freilich peinlich genug. Sie ſah da immer Menſchen mit ihrem Geliebten in Berührung, die ſie achten mußte und doch nicht für ſich hatte. Oft ſchlug ſie gemeinſchaftliche Partien vor, man entſchuldigte ſich durch das Wetter. Sie ſprach von Einladungen, von Diners, von Soupers, wie nur ſie, ſie dergleichen zu veranſtalten verſtand. Vergebens! Man hatte Abhaltungen. Dankmar vol⸗ lends, den ſie einige male wirklich ſah, machte auf ſie, einen dämoniſchen Eindruck. Das war eine Schärfe im Blick, eine Jronie um die Mundwinkel, eine ſichere in der e ſtarke Größten en aber daß er Kreiſe do öfter bei ſich och der e Seele ard als Sich⸗ audhard, Nimont genug. bten in ſcht für Partien Sie oupers, erſtand. ar vol⸗ auf ſie Schürfe ſichere 27 Art des ideell Ercluſiven, daß er ſie faſt reizte. Sie dachte oft darüber nach: Wie gewinnſt du dir dieſe bedeutenden jungen Männer? Du möchteſt wol z. B. von Dankmar wiſſen, ob ſeine ſpröde Schale einen zarteren Kern verbirgt? Sie neckte Egon mit Dank⸗ mar's Zurückhaltung und fragte ihn, ob der ſchöne junge Mann abſichtlich von ihr ferngehalten würde? Sein Proceß diente zur Entſchuldigung und der ein⸗ zige Grund, warum ſich Dankmar zurückzog, lag doch lediglich nur darin, daß er mit den drei andern Freun⸗ den Farbe halten wollte. Sie bauten ſoviel auf Egon und ſahen ihn nun umſtrickt von einer entnervenden Liebe! Sie wirkten, ſie liefen, ſie arbeiteten für ihn und wenn ſie ihn für die Wahlen, die Kammern, für ihre idealen Pläne plötzlich zu ſprechen wünſchten, hieß es: Er iſt bei der Gräfin, oder: Die Gräfin iſt bei ihm! Das nahm beſonders Dankmar, der ſeine Zeit ſchätzen lernte, gegen Egon ein und Niemanden mehr als Louis, den Helene deshalb auch geradezu für ihren Widerdämon und für Egon's„böſes“ Princip hielt. Rafflard hatte den Gedanken einer dauernden Vereinigung in ihr Herz gepflanzt und ſowenig eigent⸗ lich dieſer Plan ihrer Natur entſprach, ſo ungern ſie den armen kranken philoſophiſchen Gatten in Paris zu äußerſten Entſchließungen veranlaſſen wollte und 28 lieber auf ſeinen von den Aerzten für gewiß voraus⸗ geſagten Tod wartete, ſo ergriff ſie doch dieſe Idee ohne alle Rückſicht auf ihre Zukunft eben darum ſo lebendig, um dieſen ſogenannten Freunden ihres Freun⸗ des als Alleinherrſcherin über Egon zu imponiren und ſie durch einen Machtſpruch entweder als Untergebene ſich zu gewinnen oder ſie als Fürſtin von Hohenberg ganz entfernen zu können. Dieſe vier Männer waren es, die in Egon die— jenige Flamme ſchürten, auf die Helene wie auf die Gunſtbezeugungen der ſchönſten Frau der Erde eifer⸗ ſüchtig war, die Flamme des Ehrgeizes. Ein Weib, das unter ſolchen Verhältniſſen liebt wie Helene d'Azimont, wird niemals ertragen können, daß ſich der Gegenſtand ihrer Liebe theilt. Nur die Liebe, die die Sitte heiligt, erträgt im Mann den Außblick zu einem großen Berufe und jene getheilte Stimmung, die immer im Gefolge eines Wirkens für die Welt ſein wird. Die ſittenreine Liebe erfaßt den ganzen Menſchen, nicht den ſinnlichen nur. Sie wächſt mit ſeinem Wachsthum empor. Sie ſchmiegt ſich wie der Epheu zu den Aeſten des Baumes hinan und folgt ihm bis in die Krone ſeiner Triebkraft. Der Ruhm iſt wol eine ſchöne Zugabe zu jedem Verhältniſſe zwi⸗ ſchen Mann und Weib. Aber der Ruhm will erwor⸗ ben, des( Stun nen? lächel ihr o ſich Nach kennſ und Jahr Sie ſie unte mer cher woll darc voraus⸗ ieſe Idee darum ſo es Freun⸗ niren und tergebene dohenberg gon die⸗ eauf die de eifer⸗ in Weib, Helene daß ſich biebe, die fblik zu mmung, je Welt ganzen cſſt mit wie der a folgt Ruhm ſe zwi⸗ erwor⸗ ben, will behauptet ſein und an die ſtille Werkſtatt des Geiſtes ſoll da die Liebe nie zur unrichtigen Stunde pochen! Egon war nicht der Mann, der ſei⸗ nen Ideen entſagt hätte, um einer Liebe willen! Er lächelte wol zu Helenen's Befürchtungen und ſagte ihr oft: Du fürchteſt nur mein graues Haar, das ſich ſchon durch mein Fieber lichtete, fürchteſt die Nachtwachen, denkſt an die Staatsmänner, die du kennſt, die nach ihrer erſten Rede zehn Jahr jünger und nach der minder gutaufgenommenen zweiten zehn Jahr älter wurden! Dazu ſchüttelte Helene den Kopf. Sie ſagte, daß Egon immer ſchön ſein würde, aber ſie müſſe ihn allein haben! Wie litt ſie ſchon jetzt unter dieſen Vorbereitungen zur Wahl in die Kam⸗ mer! Welche Verhandlungen, welche Zeitverluſte, wel— cher Aerger, welche Abſorption der Gedanken! Sie wollte Egon nach Italien entführen. Er dachte nicht daran, ihr zu folgen. Er gönnte ſich nicht einmal die Zeit, in Hohenberg, wie er gewollt, Ackermann zu beſuchen, von dem er ſoviel Treffliches und Beru— higendes erfahren hatte. Seit einigen Tagen erlebte ſie noch vollends, daß Egon, der ſchon von den vier Männern genug in Anſpruch genommen war, mit Pauline von Harder . in eine Beziehung kam, die ſie nicht verſtand. Raff⸗ 30 lard ſagte ihr zwar: der Fürſt iſt nun gewählt, er iſt in die Kammer getreten, Pauline von Harder ſpielt eine neue politiſche Rolle, es ſammeln ſich Männer von Ruf und Einfluß in ihrem Salon— Nein, nein, hatte ſie ihm geantwortet. Das kann es nicht ſein! Sie haßten ſich doch! Er nannte ſie die Todfeindin ſeines Hauſes und ſie beklagte es ewig, daß ich einen Mann liebte, der ihre beſte Freundin aus Familien⸗ inſtinet verfolgen würde! Nun ſind ſie einig. Jeden Abend haben ſie ein tete-à-téete! Was iſt Das?... Ein téte-Aà-téte, an dem Heinrichſon nicht theilnimmt, doch nicht etwa? hatte Rafflard mit Lachen dazwiſchen geworfen.. Er wollte damit ſagen, daß Heinrichſom viel öfter bei Helenen, als noch bei Paulinen war und der Gräfin eine große Aufmerkſamkeit widmete... Helene hatte dagegen nichts eingewendet, als daß ſie flüchtig von einem jungen Mädchen, einer wahren Schönheit ſprach, die ſeit einiger Zeit von Egon er⸗ wähnt würde als Verſchönerung der Cirkel der Ge⸗ heimräthin... Melanie Schlurck! Rafflard hatte darauf nichts erwidert als den einfachen Vorſchlag: Helene ſollte, da die Verhältniſſe doch nun in der That drin⸗ gend und ſchwierig würden, gegen Egon mit offener Sprache heraustreten und von ihm eine Erklärung über ret dieſen hart licher auf niſſe vielle woll lt, er iſt er ſpielt Männer in, nein, ct ſein! odfeindin ich einen Familien⸗ Jeden 467... ilnimmt, zwiſchen viel öfter und der als daß wahren gon el⸗ der Ge⸗ darauf Helene at diin— offener klärung über ihre beiderſeitige Zukunft verlangen! Helene, ge⸗ reizt durch die Erinnerung an Melanie Schlurck, fand dieſen Rath weiſe, hatte ihn in der That befolgt und harrte nun an einem Octobermorgen, der ſich freund⸗ licher anließ als die bisher vorübergegangenen Wochen, auf den Beſuch des Vertrauten, dem ſie die Ergeb⸗ niſſe einer geſtrigen Unterredung mit Egon mittheilen, vielleicht gar den Auftrag zu einer Scheidung geben wollte zwiſchen ihr und dem Grafen d'Azimont. Zweites Capitel. Eine Intrigue. Die liebliche junge Frau lag in einem ſehr gefälligen Schlafrock von weißem Kaſchmir, bunt gefüttert und mit Bordüren beſetzt, auf dem Sopha und blätterte in Briefen und Sendungen, die ſie von Paris erhal⸗ ten hatte. Die Herbſtſonne hatte ſich wieder einge— ſtellt und fiel neubelebend und ſo erwärmend durch die Fenſter, daß man von den Roſetten die Vorhänge löſen mußte, deren gelber Schein dem weißen. Teint Helenen's einen zarten orientaliſchen Ueberhauch gab. Auf dem Tiſche vor ihr ſtand eine Vaſe mit Blumen, die ſie ſehr liebte. Mit Ungeduld blickte ſie auf eine Pendüle, die über dem geöffneten Schreibbureau ſtand und ſchon auf elf zeigte. Sie erwartete Rafflard. Der Bediente brachte bald dieſe, bald jene Meldung. Die Modiſtin wurde an ihr Mädchen verwieſen. Con⸗ certe, zu denen ſie die Billets nahm, ohne ſie zu be⸗ ſuche der vorri ihres offne und ab. kann Ron ſie End 33 ſuchen, wurden raſch bezahlt. So oft ſie fühlte, daß der Zeiger der Pendüle doch auch gar zu langſam vorrückte, ſprang ſie auf, daß die Troddeln und Schnüre ihres Schlafrocks klapperten und ſetzte ſich an ein ge⸗ öffnetes Piano, das in einer Ecke des Zimmers ſtand und phantaſirte in Tanzrhythmen eine Weile auf und ab. Dann fiel ihr ein, dieſer oder jener neuen Be⸗ kanntſchaft raſch ein kleines Billet zu ſchreiben, einen Roman zu ſchicken, über den geſprochen wurde, oder ſie jagte die Diener, Dies und Das zu beſorgen. illigen 4 1 Endlich gaben ihr einige Zeilen von Heinrichſon eine lätterte veränderte Stimmung. Heinrich Heinrichſon ſchrieb echal⸗ ihr, daß er drei der gemeinſchaftlich gearbeiteten Bilder einge⸗ in zierlichen, entſprechenden Rahmen mitbringen würde durch und ſchloß ſeinen Morgengruß mit einigen Worten, tbänge die in ſeinen vielen, an Helenen ſchon gerichteten Teint Brieſen immer Daſſelbe ſagten, nämlich, daß ſie ſchön, h go gut und liebenswürdig wie ein Engel wäre, Huldi⸗ gungen, die jedesmal eine neue Wendung hatten, ſeine lune Weltbildung und Esprit verriethen. i sins Endlich war Rafflard da. rfamd Eilig, wie bei Helenen immer, trat er ein, nachdem rfland ihn ſein Huſten ſchon im Vorzimmer angekündigt Adung. hatte. Rafflard war es in ſeinem langen, plumpen, Con⸗ ungeſchlachten, tappigen Wuchſe. Die weiße Hals— zu be⸗ Die Ritter vom Geiſte. VI. 3 34 binde um den Hals, der ſchwarze Frack, die weiße Weſte, die weißen Handſchuhe milderten etwas die hartknochige und unedle Phyſiognomie. Von der Seite aus geſehen, würde man ihn, wenn er etwas korpu— lenter geweſen wäre, leicht für einen verkleideten Ka⸗ puziner haben halten können. Rafflard küßte Helenen die Hand und überreichte ihr einen Strauß von friſchgeſchnittenen Orangenblüten. O, rief ſie, das haben Sie gut getroffen, Pro⸗ feſſor! Dieſe Blüten verſetzen mich nach Italien. Den nächſten Carnaval feir' ich in Rom. Mit—? fragte Rafflard gedehnt. Mit? Mit Egon? Sie haben ihn verleumdet, Pro⸗ feſſor! Er liebt mich wahr und treu und kann mir. jedes Opfer bringen. Wie heiter, wie glücklich ſchloß geſtern die Stunde, als ich mich an ihn ſchmiegte und die ſchwierige Aufgabe ſich vom beklommenen Herzen trennte... Aber Alles iſt erörtert, beſprochen, entſchieden! Setzen Sie ſich, Profeſſor. Trinken Sie Chokolade? Danke, meine Freundin! Erzählen Sie, ſagte Raff⸗ lard und ſpitzte die Ohren. Ich ſchelle... Cacao?. Meine beſte Göonnerin, ich habe heute ſchon ei⸗ nige Gefängniſſe beſucht und mir die Morgenſuppen —nnnn 12 weiße s die Seite korpu⸗ Ka⸗ 2 eichte lüten. Pro⸗ Den Pro⸗ n mir ſchloß riegte enen cm, Sie Naff⸗ 35 der Verbrecher zu koſten erlaubt. Sie können ſich denken... Alſo Maraschino! Helenen's Gutmüthigkeit war ſchon in Bewegung zu ſchellen. Der Bediente kam. Sie gab ihm einen Wink. Er verſtand, was ſie ſagen wollte. Rafflard lächelte erfreut. Die Verbindung mit Egon war das Werk, das er um jeden Preis zu vollbringen hatte... Sie ſollen überraſcht werden, ſagte Helene; ich will nicht, daß Sie einen ſchlimmen Tauſch gemacht haben, als Sie ſtatt mit der Mama mit mir vorliebnehmen mußten... Der Bediente brachte ein Käſtchen, das ſie öffnete. Rafflard war überraſcht. Gerade ein ſolches Käſtchen ſtellte jeden Morgen die alte Gräfin d'Azimont auf ihren Tiſch, wenn Rafflard ſeine erſte Viſite auf dem Quai d'Orſay machte und ſie gemeinſchaftlich kleine Paſteten aßen. Es befand ſich darin ein halbes Dutzend Kryſtallflaſchen mit Likören, kleinen Gläschen, einem ſilbernen Teller, Alles ſehr zierlich und höchſt portativ eingerichtet. Rafflard huſtete jetzt gerade ſehr; dann aber küßte er der jungen Gräfin die Hand und fand dieſe Idee, einen Comfort der alten Schwiegermama hierher zu verpflanzen, allerliebſt. Der Bediente kredenzte. Raff⸗ 3* 36 lard ſtärkte ſich an Maraschino und klagte dabei über den verdammten Geſchmack, den er von der Gefäng— p nißſuppe noch im Munde hätte. Die Zunahme ſeines n Huſtens erklärte er folgendermaßen: we Ich war vorgeſtern in der benachbarten Feſtung jge Bielau in einem Loche, das man vor dreißig Jahren in dieſer ſchon damals doch ſehr aufgeklärten Verwal⸗ tung ein Gefängniß nannte. Denken Sie ſich, meine Gnädige, eine Höhle unter dem Niveau eines übel⸗ riechenden Fluſſes. Man zeigte mir eine jetzt ver⸗ ge mauerte Niſche, durch die ſich ein gefährlicher Ver⸗ mn brecher, der verurtheilt war, in einer ſolchen Cloake zu leben, in den Fluß durchgebrochen hatte. Er ſoll, 3 1 da das Waſſer auf ihn hereinſtrömte, ertrunken ſein. 3 Die feuchte Atmoſphäre liegt mir noch auf der Bruſt. Doch, liebe Helene, erzählen Sie nur! Helene nahm auf ihrem Sopha Platz und ſchickte 3 ſich an, dem ehemaligen Lehrer, deſſen vertrauter Ton ihr eine angenehme Erinnerung an die Jugendtage von Oſteggen war, von dem geſtrigen Abend Bericht ſt zu erſtatten. 3 Ich bin ganz Ohr, ſagte Rafflard und nippte an ſeinem Maraschino, den er ſehr lobte und dabei ſtill 4 i vor ſich hin ſagte: 4 Echter Zara! 37 Mein Entſchluß, begann Helene, ſtand geſtern feſt. Es hatte mich zu tief verletzt, daß mich vorgeſtern Egon warten ließ, während er zu Paulinen fuhr und dort wie ich höre en petit comité mit ihr und dem ſchmu⸗ zigen Schriftſteller— wie heißt er? Guido Stromer— Zu Nacht aß— Sie vergeſſen Fräulein Melanie Schlurck. Helene erröthete, daß Rafflard's Chronik doch auch gar zu gewiſſenhaft war und unterbrach ihn mit ariſto— kratiſcher Aufwallung: Was weiß ich, wer ſich Alles mit gemeiner Be⸗ rührung an den Prinzen klettet! Genug, ich hatte Ihren Rath und meine eigene Eingebung für geſtern zuſammengenommen und beſchloß, ihm den ganzen Zuſtand meiner Seele offen und treu zu enthüllen. Vormittag war er in der Kammer⸗Sitzung... Nachmittag in dem volkswirthſchaftlichen Aus— ſchuß, in dem er einſtimmig als Präſident gewählt worden iſt... Erſt um acht Uhr kam er nach Hauſe, wo ich ihn erwartete. Er kam, begleitet von ſeinen Freunden, die nicht übel Luſt zu haben ſchienen, zu bleiben. Ich ſagte ihm ſehr entſchieden: Mein lieber Freund, ich bitte dich, ſei heute der Meine! Außerordentlich liebens⸗ 38 würdig küßt' er mir die Hand und entließ die Auf⸗ dringlichen, Unausſtehlichen, Widerwärtigen! Egon war verſtimmt. Egon, ſagt' ich, du haſt Kummer. Ja, antwortete er. Entdecke dich mir! Was haſt du ſeit acht, ſeit vierzehn Tagen? Du biſt mein Egon nicht mehr. Ich weiß es, daß man mir dich rauben will, Egon? Raubt man dich dir ſelbſt? Sehr fein! unterbrach Rafflard. Er lächelte. Wie billig über den Ausdruck! Und reichte mir die Hand... Ja, Rafflard, glau⸗ ben Sie mir's, er war dem Weinen nahe. Egon? Triumphirend fuhr Helene fort: Mein Cgon ſagte: Helene, ich bin nicht glücklich. Denken Sie ſich meinen Schmerz über dies Geſtänd⸗ niß, Rafflard! Ich ſank ihm zu Füßen, ich bedeckte ſeine Hände mit Küſſen. Egon, ſagt' ich, du leideſt! Warum leideſt du? Weil du andre Quellen des Glücks ſucheſt als im Arm deiner Geliebten! Warum dieſe politiſche Laufbahn? Sich gleichſtellen mit dem Pöbel? Ich habe der erſten Sitzung beigewohnt, habe dich ge⸗ ſehen unter Bauern, Pächtern, Gaſtwirthen... ah, mein Freund, welche Verwirrung! Ich bin geſpannt. Sie ſind hier ariſtokratiſcher, 2. 5 Auf⸗ Egon nmer. ſt du Egon ruben glau⸗ klich. tͤnd⸗ deckte deſt! lücks dieſe bel? g⸗ ah, ſcher Helene, als Sie es in Paris waren... unterbrach der Neophyt. Er gab mir Recht, Rafflard! In der That? Egon iſt Sozialiſt, denk ich? Er ſagte: Helene! Ich fühle wie du! Ich bin nun acht Tage in der Kammer. Was iſt geſchehen? Nichts! Man ſtreitet über die erbärmlichſten Förmlichkeiten. Jeder ringt nach Einfluß, nach Geltendmachung ſeiner geringfügigen Perſönlichkeit, und ſo bedeutend manche Intelligenz iſt, ich habe gefunden, daß ſie in den Schatten tritt gegen Denjenigen, der eine ſtarke Lunge hat und ſeine Trivialitäten mit einer Stimme, die durchdringt, geltendmachen kann. Gut! Er kommt zur Erkenntniß— Ich ſagte ihm: Egon, du wirſt deine Ruhe, deine Heiterkeit preisgeben, wenn du dich nicht von dieſen fruchtloſen Kämpfen losringſt. Seit du Paulinen kennſt und dich mit ihrem gefährlichen, unternehmen⸗ den Geiſte ausgeſöhnt haſt, iſt der Friede deiner Seele gewichen. Er ſeufzte und ſah mich ſchmerzlich an, mit einem Blicke, Rafflard, ſo voll Rührung und Vernichtung, daß mir die Stimme erſtickte und ich alle meine Vorſätze vergaß— Aber... Was verlangſt du von mir, Helene? ſagte er nach⸗ A 40— denkend. Egon, das Erſte, was ich verlange, iſt, daß du mich liebſt! Und dann, fügte ich lächelnd hinzu, daß du dich entſchließeſt dieſe Stadt zu verlaſſen, mit mir nach Italien zu gehen und dort, wenn mein Bund mit d'Azimont gelöſt iſt, unſere Liebe legitimirſt. Ich höre mit hundert Ohren— ſagte Rafflard und lauerte auf die entſcheidende Antwort des Prinzen, um ſie noch heute an den Quai d'Orſay nach Paris zu berichten. 1 Helene, in völliger Sicherheit ſich wiegend und bei Rafflard nur die Theilnahme für ihr Glück voraus⸗ ſetzend, fuhr fort: Egon nahm dieſe Worte nicht ſtürmiſch, aber auch⸗ nicht kalt auf, Rafflard, und ich fand dies ermuthi⸗ gend für mich. Es iſt doch, meinen Sie nicht, Pro⸗ feſſor, es iſt doch ein Entſchluß für das Leben, den ich von ihm verlangte? Du ſtellſt mir Alternativen? ſagte Egon ruhig lächelnd und fügte hinzu: Helene, Das iſt doch eigentlich nicht ſchön von dir und nicht deiner würdig, nicht Heleniſch! Lieber Egon, ſagt' ich, ich ſtelle dir keine Alternativen. Ich werde dich lieben, das weißt du, auch wenn du mich mit Füßen trittſt. Leider kennſt du meine Schwäche. Aber ich will dein eigenes Glück. Ich ehre dein ſittliches Gefühl, es quält dich, mich nicht durch die Bande der Ehe an — 41 deine theure geliebte Perſon gekettet zu ſehen. Oder willſt du die Ehe ſelbſt nicht, laß uns wenigſtens nach Italien gehen und unter milderen Vorausſetzun⸗ gen, als die hier üblichen ſind, glücklich leben. Dieſer Boden kann niemals die Heimat meines Glückes wer— den— Das fühl' ich, Egon.. Ich konnte nicht weiter; denn Thränen erſtickten meine Stimme... Sie ſind noch jetzt gerührt, Helene! Faſſen Sie ſich! ſprach Rafflard in größter Spannung. Er war Menſchenkenner genug, Egon's Antworten keineswegs ſo beruhigend zu finden, wie ſie ſich Helene dachte... Egon war ſehr lieb, ſehr gut, Rafflard! Wirklich, er zog mich an ſein Herz und ſah mir ſo kindlich in's Auge, ſo gut, wie in unſern glücklichſten Tagen am See von Enghien. Helene, ſagte er, wie ich dich liebe, weißt du! Ich mache mir Vorwürfe, daß mein Herz getheilt iſt. Ich bin nicht ſo ſehr Egoiſt, daß ich dir nicht nachempfände, wie es dich ſchmerzen muß, mich in ſo vielen Beziehungen zu wiſſen, die in keiner Verbindung mit den zarten Fäden ſtehen, in denen dein Herz ſich einzuſpinnen liebt. Auch meine Be— ziehung zu Paulinen erfreut dich nicht. Ich bin aus mancherlei Rückſichten verpflichtet, wenn nicht die Freund⸗ ſchaft, doch die Schonung dieſer Frau zu wünſchen. Sie hat ſich mir mit großer Hingebung anvertraut... 42 Sie wird ihn benutzen, ſo lange er gilt, ſchaltete Rafflard ein, um Helenen's Befremden über Das, was ſie ſelbſt erzählte, zu mildern; ſie wirft ihn weg, wenn er ſich überlebt hat, was in unſerer Zeit und bei der Gattung von Politik, die jetzt auf dem offnen Schauplatze getrieben wird, das Werk eines halben Jahres iſt. Er ſelbſt, fuhr Helene fort, räumte mir die gleiche Bemerkung, die ich machte, gern ein und verwünſchte den Einfluß, unter den er ſo plötzlich gerathen wäre. Ich ſprach nun von ſeinen Freunden... mit Energie, mit Zornesworten flammt' ich auf. Ja Rafflard, ich glaube, daß ſie anfangen ihm läſtig zu werden. Rafflard horchte ungläubig... Doch! Doch! Er ſprach von großer Verſchieden⸗ heit der Anſichten und von chimäriſchen Auffaſſungen, die auf dem Boden der gegebenen Verhältniſſe nicht Stand hielten. Er hatte, Sie kennen dieſe Pläne, ſich vorgenommen, faſt alle ſeine Leute zu entlaſſen, ſein Hausweſen bis zur Entſagung eines Diogenes zu vereinfachen. Alle dieſe Pläne ſind aufgegeben. Er wird ſeinem Stande gemäß leben und ſich ſogar nicht ſcheuen, in Hoffnung auf ſeinen umſichtigen Ge⸗ neralpächter, Ackermann, mit dem Bankier Reichmeyer ein neues Geldgeſchäft zu machen... ſo S 1 43 Rafflard hörte nur und huſtete. Ich gebe Ihnen mein Wort, Rafflard, er ſprach ſo vernünftig, ſo klar, ſo ſeinem Stande angemeſſen. Und die Heirath? unterbrach der Späher... Freund, ich mochte doch nun auf dies Thema nicht wieder gewaltſam zurückkommen! Er vermied es nicht. Nein! Aber ich begnügte mich, ihm nur meinen Refrain: Italien! Italien! zu wiederholen. Und da verſprach er mir, allen dieſen Beziehungen, die ihn hier feſſeln, hier zerſtreuen, meiner Liebe entziehen, ſobald es ir⸗ gend mit ſeiner Ehre vereinbar wäre, zu entſagen und mit mir über die Alpen zu ziehen. Iſt Das nicht himmliſch? Rafflard ſtand auf. Er war mit dieſem Ergebnis nicht im Geringſten zufrieden. Er ſah, wie leicht die eigenthümliche Natur Helenen's zu täuſchen war. Doch hütete er ſich wohl, ihren Verdacht zu wecken und ſeine Zweifel zu laut auszuſprechen. Er räuſperte ſich, huſtete und wiederholte nur: Sehr ſchön! Sehr ſchön! Helene wird ſo glücklich werden, wie ſie es verdient. Sehen Sie Italien! Ich wünſchte, ich dürfte Sie begleiten und Abends auf dem Corſo von Florenz ſpazieren gehen. Mit einem raſchen Uebergang kam Rafflard auf Briefe, die vor Helenen ausgebreitet lagen und Pariſer — 44 Poſtſtempel trugen. Er wußte ſchon, daß der Graf todtkrank war. Seine Mutter hatte ihm geſchrieben und die dringendſte Eile für die Verbindung Helenen's mit Egon angerathen. So ſtellte er ſich unwiſſend und fragte, was ſie von Paris Neues hätte... Deſiré iſt ſehr leidend, ſagte Helene. Die Aerzte wollen ihm kein Jahr mehr geben. Ich leſe mit Rührung die Scherze, die er mir ſchreibt. Er iſt ſo gut! Er will mich unterhalten, und hofft, daß ich glücklich bin! Glücklich? In Italien? Zum Carnaval? Nicht? Deſiré hört es vielleicht gern, wenn Sie mit ihm vön Egon's politiſchen Plänen ſprechen? Rafflard warf dieſe Worte ſo lauernd und forſchend hin, um ihre Wirkung zu beobachten... Nein, nein! rief Helene gequält. Die Kammer gefällt Egon wirklich nicht. Er wird die läſtigen Freunde abſchütteln. Wir ſehen keinen deutſchen Winter mehr. Ich ſchreib' es Deſiré. Ich ſehe Egon in Italien. Rafflard zog die Augenbrauen in die Höhe und trat nun, da er Helenen zu befangen, zu beherrſcht von Egon's gewaltiger Perſönlichkeit ſah, machtvoll mit der entſchiedenſten Ungläubigkeit hervor. Guter Engel! ſagte er mit ſchneidender Schärfe, Sie ſind, wie ich Sie immer gekannt habe. Ich habe * 45 Ihnen in Oſteggen Märchen erzählt von Menſchen, die ſo groß ſind, daß ſie in einem Fingerhut wie in einem prächtigen Palaſte wohnen können, von Rieſen wieder, die ſo groß ſind, daß ſie über den Arc de PEtoile hinweg den Tuilerien guten Tag! ſagen könn⸗ ten... Sie haben an die Zwerge geglaubt und haben an die Rieſen geglaubt. Wiſſen Sie, daß, ſo lange Egon in den Händen Paulinen's, Guido Stromer's, Rudhard's, der Gebrüder Wildungen und dieſes me— lancholiſchen Brutus Louis Armand iſt, für Sie keine Hoffnung blüht, kein Glück, keine ſichere Stunde der Zaͤrtlichkeit, keine Minute jener phantaſtiſchen Idyllen, die jeder empfindenden Frau vom Glücke der Liebe unzertrennlich ſind? Egon ſagt, die Politik ekle ihn ſchon an? Ich war einen Augenblick, als ich aus den Gefängniſſen kam, auf der Zuhörertribüne der Kammer. Wiſſen Sie, daß Alles geſpannt iſt auf eine Rede, die Egon heute oder morgen halten wird? Er iſt Bericht⸗ erſtatter des volkswirthſchaftlichen Ausſchuſſes und wird über Dinge, die er verſteht, ſeine Meinung ſagen. Alles iſt Ohr, der Hof wartet mit Sehnſucht, wie ſich der von ihm ſo ausgezeichnete Fürſt entwickeln wird. Glauben Sie, daß ihn dieſe Spannung nicht heben, nicht begeiſtern wird? Er wird Triumphe ernten und bald von dem Weihrauche der Parteiengunſt ſo betäubt * 46 ſein, daß er aus dieſen Abſorptionen nicht mehr her⸗ auskann, wenn er auch wollte. Arme Helene! Helene d'Azimont verzog ihre Mienen, als hätte ſie den Schmerz der Kleopatra gefühlt, als ihr unter Blumen die Schlange in die entblößte Bruſt ſtach... Sie ſind furchtbar! Sie tödten mich! hauchte ſie faſt wie hinſterbend. Dann aber regte ſich plötzlich die Wallung des Stolzes. Ihre leidenſchaftliche Natur empörte ſich, ſie ſprang auf. Ihre Bruſt wogte, ihre Augen funkelten. .So ſanft ſie ſein konnte, wenn ihr Alles nach Wunſche ging, ſo gläubig ſie ſich beſchwichtigen ließ⸗ ſo leidenſchaftlich konnte ihr Unmuth hervorbrechen, wenn ſich ihrem verwöhnten Willen nur das geringſte. Hinderniß entgegenſtellte. Hier nun handelte es ſich um Etwas, was ihr die Aufgabe ihres Lebens ſchien. In tobender Ungeduld, die Briefe, Zeitungen zerknit⸗ ternd, wegwerfend, im Zimmer auf- und abſchreitend, brach ſie los und rief, faſt wie Norma, dies Ideal der modernen ſtarken Frauen, in der Oper: Bin ich denn der unglücklichen Prieſterinnen des Alterthums Eine, die die Flamme am Altare der Liebe in ewiger Glut erhalten ſollen und von Dem, der ihre Sehnſucht iſt, ihr Leben, ihr Tod, ihr Verbrechen, ihr Alles, betrogen werden? Ich wüßte keinen Felſen ſie —* 47 am Meere, der zu hoch wäre, daß ich mich von ihm aus Verzweiflung nicht in die Fluten ſtürzte! Wehe mir, was hab' ich dieſer Liebe nicht geopfert! Los⸗ geriſſen hab' ich mich vom Sterbebette eines guten Menſchen, der in ſeinen letzten Stunden auf die lie⸗ bende Sorgfalt meiner pflegenden Hand angewieſen iſt; Urtheil, Achtung der Menſchen hab' ich in die Schanze geſchlagen— was ſind ſie mir denn Alle, die auf der Erde ſind außer dem Einen, den ich liebe, wie meinen Herrn und Gott! Hätte mir der Himmel ein Kind gegeben, ich würde wiſſen, wohin ich dieſe Regungen der Liebe und Zärtlichkeit niederlegte, wie an einen Altar! Ich würde es pflegen, an's Herz drücken, über ſeinem Athem wachen und nur in ihm leben, in ſeinem Lallen, in ſeinem lachenden Auge... Nun hab' ich aber auf dieſer ganzen Gotteserde nur Egon— nur ihn! Egon! Egon! Und Der liebt mich nicht mehr! Das heftigſte Schluchzen unterbrach dieſe Verzweif⸗ lung und erſtickte Helenen's Stimme. Die Liebe war ſtärker als ihr Zorn. Uebermannt von ihrer Empfin⸗ dung warf ſie ſich auf das Sopha und drückte ihr weinendes Antlitz an die ſich feuchtenden Polſter.... Rafflard konnte nichts thun, als ſie anfangs ſich ruhig dem Ausbruche dieſer Empfindungen überlaſſen — 48 und mit ſcheinbar ſchmerzlicher Theilnahme laut ſeuf⸗ zend ihrer verzweifelten Stimmung Nahrung geben. Dann aber erhob er ſich und bat ſie, ihm zuzuhören. Liebe Gräfin, ſagte er, ich muß Sie jetzt tadeln... Mich tadeln? Warum? Mich noch tadeln! Weil Sie von Egon das Unmögliche begehren! Geben Sie die Ideen von einem Alleinbeſitz des Ge— liebten auf! Aufrichtigſt! Sie leiden an einer Ueber⸗ fülle von Romanenſtoff, dem Sie die Huldigung brin⸗ gen wollen, ihm nachzuleben! Dieſe abſcheulichen Poe⸗ ten! Warum können Sie ſich nicht Ideale eigener Art erfinden? Sie, mit Ihrem reichen Geiſte, mit Ihrer reichen Phantaſie— Ah, unterbrach ihn Helene, ich bin arm. Ich bin nur reich an Liebe. Und werden reich an Unglück ſein, wenn Sie mir nicht folgen. Was wollt Ihr jungen Frauen mit Eu⸗ rer Manie, auf italieniſchen Seen zu ſchwimmen, in Rom an den Waſſerfällen von Frascati ſich zu umar⸗ men und ein ſchwelgendes ſybaritiſches Leben zu füh⸗ ren? Finden Sie ſich doch in Egon's Natur, in Egon's Aufgabe! Iſt es denn ſo unmöglich, daß Sie dieſer politiſchen Laufbahn des Geliebten folgen, ſich ihr auf— merkend anſchließen? Gehen Sie doch auf ſeine Pläne des Ehrgeizes ein! Geben Sie doch dieſe ungeheure 4 49 ſeuf⸗ Sehnſucht nach romantiſchem Glücke auf! Ich ſpreche en. im Tone des Erziehers... ören. Als Jeſuit! Als kalter Rechnenmeiſter, der das .. Herz immer mit dem Verſtande in Einklang zu brin⸗ gen ſucht... hren! Damit die Rechnung aufgeht und kein... Bruch Ge⸗ entſteht... ſeber⸗ Bruch? brin⸗ Helene wiederholte dies Wort, als wenn der falſche Poe⸗ Rathgeber das Entſetzlichſte geſagt hätte. gener Bruch! wiederholte ſie und zitterte wie vor einem Ihrer drohenden Meſſer und ihre Lippen blieben ſtarr und 4 offen.. bin Sie ſelbſt, liebe Helene, fuhr Rafflard ruhig fort, Sie ſelbſt arbeiten auf dies Ende hin. Trauen Sie mir, einem Menſchenkenner! Egon iſt ehrgeizig, ver⸗ Gu⸗ binden Sie ſich mit dieſer ſeiner Leidenſchaft. Wer⸗ den Sie ihm ein Werkzeug, ein Bundesgenoſſe ſeiner , in Zukunft! Ich ſprach Gelbſattel, der ſcharf beobachtet. mar⸗ fih⸗ Er ſagte mir, Egon würde zwar das Miniſterium on's ſtürzen helfen, aber nicht im Intereſſe der Demokra⸗ ſieſer. tie... er hat mit Guido Stromer geſprochen, der auf die Fülle conſervativer Elemente in Egon bewundere. läne Gefährlich nur ſind für Egon's Entwickelung zum Höch⸗ zeure ſten ſeine Umgebungen. Entfernen wir dieſe, ſo ha⸗ Die Ritter vom Geiſte. VI. 4. 8 50 ben wir ihn und ſein Schickſal in der Hand. Ich möchte doch wohl wiſſen, ob die Gräfin d'Azimont, Freiin von Oſteggen, ich will ſagen, wenn es ſein muß, geſchieden von ihren franzöſiſchen Verhältniſſen, verbunden mit Egon durch das Band der Sitte, der Kirche, nicht im Stande wäre, mit einer Egon's Stande geziemenden Laufbahn gleichen Schritt zu hal⸗ ten! Noch kann Egon nicht daran denken, Sie zu opfern, Helene! Noch liebt er ſie zu innig. Jetzt ein raſcher Entſchluß! Legitimiren Sie dies Verhältniß, geben Sie Italien, Balzac, die Romantik auf, ſchlie⸗ ßen Sie ſich Paulinen und ſeiner politiſchen Caprice an und Egon bleibt Ihnen und wer weiß nicht wem Allem gerettet! Rafflard ſchwieg lauernd. Sein Huſten hatte ihn in der Ekſtaſe verlaſſen... Helene ſchaute voll Wehmuth. Sie verſetzen Berge! ſagte ſie dann leiſe und doch ſchon vor Wonne über die Möglichkeit einer ſolchen Wendung ihres Verhält⸗ niſſes bebend. Entfernen Sie die läſtigen Umgebun⸗ gen— das thut ſich auch ſo! Sitzen dieſe Men⸗ ſchen nicht wie die Kletten an ihm? Das ſind ſeine Arme, ſeine Hände! Mit denen wirkt er; die he⸗ ben ihn, die tragen ihn! Egon weiß ſehr wohl, es gibt heute keine Erfolge ohne Faiſeurs, ohne Gal⸗ . Ich mont, 3 ſein riſſen, , der gon's hal⸗ zie zu gt ein ltniß, ſhlie⸗ aprice wem eihn eine 2 51 lopins! Die müſſen für ihn vollbringen, was er nur angibt; die trennen ihn von mir. Wie ſind ſie zu entfernen? Man muß Scheidekünſtler ſein! Chemiſche Dinge erfinden, ſagte Rafflard und ſtrich ſich die Perrücke über die Stirn, man muß Dinge erfinden, die Egon plötzlich iſoliren— er ſteigt auch ohne dieſe Menſchen. Wie wollten Sie nur z. B. den einzigen Rudhard entfernen? Rudhard fürcht' ich am wenigſten; ſagte Rafflard. Rudhard iſt conſervativ. Warum ſollt' ich nicht wün— ſchen, daß Helene Oſteggen ſich mit der Schweſter durch einen Akt des Anſtandes ausſöhnt? Helene lachte hierauf bitter und verächtlich, aber doch geſchmeichelt von den neuen Mögl ichkeiten. Mit wiedergewonnener Laune ſagte ſie: Die gute Schweſter folgte mir vielleicht in der neuen Ehe und ließe ſich herab, die Frau eines Ma⸗ lers zu werden. Dieſe Beziehung auf Siegbert Wildungen verſtand Rafflard ſehr wohl. Schmunzelnd ſagte er: Sie ſind eiferſüchtig auf die gute Adele! Sieg⸗ bert Wildungen hat etwas, was Sie an den Lago di Como, die Borromäiſchen Inſeln und den Golf von Neapel erinnert! Wenn man es dahin bringen könnte, 4*„ * — 4 52 daß die ganze Wäſämskoi'ſche Familie mit dem blon⸗ den Siegbert über die Alpen zöge und noch viel frü— her in Rom wäre, ehe von der Engelsburg die große Girandole aufpraſſelt... Helene empfand den bitterſten Neid auf dies Glück. Sie wollen mich tödten, ſagte ſie. Sie wären Je⸗ ſuit genug, mich durch dies Glück einer Andern zu foltern! Beruhigen Sie ſich, Helene, antwortete Rafflard über dieſe Frau kopfſchüttelnd. Rudhard iſt für dieſe Art von Poeſie zu ſehr im alten klaſſiſchen Geſchmack. Wir wollen ſchon zufrieden ſein, wenn Siegbert und Dankmar von Rudhard ſich entfernen und ein Zwie⸗ ſpalt unter den Freunden ſelber eintritt... Sylveſter Rafflard dämpfte die Stimme und trat mit ſeinen verſchmitzten Abſichten deutlicher hervor... Rudhard empfängt, ſagte er, heute, wo man, wie ich höre, ein kleines Gartenfeſt bei den Wäſämskoi's feiern wird, wenn ſich das Wetter hält, vielleicht um dieſe gegenwärtige Stunde ſchon ein Billet, natürlich anonym, und von einer Hand, die er nie enträthſelt, worin er aufmerkſam gemacht wird, daß die Geſell⸗ ſchaft erſtaune über Dinge, die unter ſeinen Augen zwiſchen einer Mutter, einer Tochter und einem jun⸗ gen Maler ſich ereigneten... 53 Boshaft! fiel Helene ein. Die nächſte Folge dieſer Mahnung... Wirklich Olga und die Mutter? Iſt Dem ſo, Rafflard? Die nächſte Folge dieſer Mahnung... Das arme Kind iſt ſo unglücklich, den Gegenſtand ihrer Neigung ſich von dieſer Mutter geraubt zu ſehen? Die nächſte Folge dieſer Mahnung... Dieſe Olga! Ich möchte ſie kennen lernen! Meine Nichte! Was ich von dem Kinde höre, intereſſirt mich... ich fühle, daß ich dieſem charaktervollen Mädchen eine zärtliche Mutter ſein könnte... Die nächſte Folge dieſer Mahnung iſt ohne Zwei⸗ fel eine Scene zwiſchen Rudhard und der Fürſtin oder der Fürſtin und Olga oder Olga und Siegbert— enfin, man wird einſehen, daß man ſich Opfer zu bringen hätte... Siegbert wird ſich von Rudhard und den Wäſämskoi's zurückziehen. Falſch, falſch gerechnet, rief Helene, wenn Olga ihrer Tante gleicht! Nun, ſagte Rafflard, ruhig den ungeſchlachten Kopf wiegend, dann entflieht ſte! Dann muß ihr Rudhard folgen, der trifft das Mädchen... wo denken Sie wohl Helene? In der neugebauten Kirche zu Schönau, einem Hohenbergiſchen kleinen Städtchen, wo Propſt — ——ꝰ—yÿ Gelbſattel eine große leere, weißgetünchte Wand ent⸗ deckt hat, die der Kunſtverein beſchloſſen hat, mit einem Freskobilde zu zieren, deſſen Ausführung man Sieg⸗ bert Wildungen überträgt. Man hat in dem Album der Frau von Trompetta die Skizze des Nikodemus, der bei Nacht zum Herrn kommt, allgemein ſo ſchön gefunden, daß Siegbert ſein Freskobild ganz nach die⸗ ſer Zeichnung ausführen kann. Dieſe Arbeit nimmt ihn den ganzen nächſten Sommer in Anſpruch. Einſt⸗ weilen reiſt er nach Schönau und beſichtigt die Loka⸗ lität, bleibt aber, mannichfach gebunden, ſo lange dort, bis er etwa noch drei oder vier alte im Brande ge⸗ rettete Bilder reſtaurirt hat, die bis zum Einweihungs⸗ tage jener Kirche fertig ſein ſollen, den man ſpäte⸗ ſtens am Luthertage, Martini, alſo den 13. Novem⸗ ber, anzuſetzen wünſcht... Ich erſchrecke vor Ihnen, Rafflard, rief Helene erſtaunt über dies Durcheinander, aus dem der Plan, den Bund, der ſich um Egon gebildet hatte, zu ſpren⸗ gen, deutlich genug hervorſchimmerte. Dankmar Wildungen zu entfernen, fuhr Rafflard ruhig und in ſeiner Ueberlegenheit ſich wiegend fort, i*ſt ſchwieriger. Sein großer Proceß liegt Niemanden ſchwerer auf dem Herzen als meinem Freunde Gelb⸗ ſattel. In erſter Inſtanz wird die Zuläſſigkeit dieſes 2 — 5⁵ Proceſſes ſchon heute oder morgen entſchieden ſein. Wie die Entſcheidung auch ausfallen möge, man weiß ſchon jetzt mit Beſtimmtheit, daß die Familientradi⸗ tionen des kühnen Waghalſes werden angezweifelt werden. Vierundzwanzig Stunden nach Mittheilung der Sentenz ſitzt Dankmar Wildungen im Dampfwa⸗ gen und eilt nach dem Harzgebirge, wo er theils in einem Dorfe Namens Thaldüren, theils in der alten Stadt Angerode eine vollſtändigere Herſtellung ſeines Stammbaumes verſuchen wird. Man kann leicht dar⸗ auf rechnen, daß dieſe Unterſuchung ſo lange dauert, um bei ſeiner guten in Angerode lebenden Mutter gleichfalls noch nach deutſcher Sitte wenigſtens die Martinsgans verſpeiſen zu können... Helene athmete ſo auf, war ſo überraſcht, ſo er⸗ regt von dieſen Berechnungen, daß ſich ſogar ein ihr ſonſt nicht eigener Anflug von Humor einſtellte und ſie ausrief: Renegat! Wollen Sie Ihren Spott laſſen über Dinge, die mir heilig ſind. Ich bin eine Lutherane⸗ rin! Laſſen Sie mir die Martinsgänſe ungerupft! So wäre denn, ſagte Rafflard, dem einige kleine Schläge mit einem naheliegenden Fächer von Hele⸗ nen's Hand ſo wenig wehe thaten, daß er ſich viel⸗ mehr gekitzelt duckte und mit fauniſcher Miene zu der a 56 ſchönen Frau aufblickte, ſo wäre denn auch Dankmar Wildungen entfernt. Es früge ſich jetzt nur noch, wie iſt der ſchwierigſte von Allen zu beſeitigen, Louis Armand? Das iſt unmöglich, ſagte Helene. Louis iſt an Egon gebunden wie ſein Schatten. Egon würde ruhelos werden, vielleicht kalt, vielleicht lieblos gegen mich, wenn er jemals zu bereuen hätte, dieſen Louis aus ſeiner Nähe entfernt zu haben... Wer ſagt, daß er ihn entfernen ſolle? Louis ſelbſt läßt nicht von ihm. Er kann nicht einmal von Egon gedemüthigt werden. Denn wenn Egon in der Lage wäre, ihn wie einen Diener zu behandeln, ſo gibt ſich Louis wie einen Diener. Ich hörte, daß Louis hier bleibt, ſich eingerichtet hat, Be⸗ ſtellungen annimmt. Dies iſt ein Bund, der gerade deshalb, weil er anomal iſt und Louis in ſeiner Sphäre bleibt, nicht zu trennen iſt. Will ich denn, ſagte Rafflard, einen Bund tren⸗ nen? Ich will nur vorläufig für einige Wochen die Kette dieſer Vereinigung ſprengen. Wenn ich errei⸗ chen könnte, daß Louis nur auf einige Wochen, wie Siegbert und Dankmar Wildungen, aus dieſem tollen Freundſchaftscirkel fern gehalten wird— In dieſem Augenblicke klopfte ein Diener und trat ſogleich ein. Was iſt? fragte Helene. Der Diener meldete, daß ein wunderlicher alter Mann im Vorzimmer ſtünde und den Herrn Profeſ⸗ ſor zu ſprechen wünſche. Er wäre hierher beſtellt... Ah, ſagte Rafflard. Er nennt ſich— Murray! Geſtatten Sie, Gräfin, wandte ſich Rafflard zu Helenen, geſtatten Sie, daß ich drüben in Ihrem Zim⸗ mer einen Mann empfange, den ich hierher beſtellte, weil er zu unſren Plänen gehört und meine Zeit der⸗ maßen zerſplittert iſt, daß ich meine Gänge zuſammen⸗ ziehen muß. Doch muß ich ihn allein ſprechen. Drüben im gelben Zimmer! ſagte die Gräfin. Der Diener ging, um Murray in das gelbe Zim⸗ mer zu führen. Als ſie allein waren, ſagte Rafflard: Helene, dieſer Murray gehört zu dem Experiment, den Ring, der ſich um Egon zieht, zu ſprengen. Be⸗ nutzen Sie aber dieſe Zeit und faſſen Sie nun auch einen ernſten Entſchluß, um ſich vor Qualen, wie die ſind, die Sie jetzt foltern, in Zukunft zu ſichern. Sam⸗ meln Sie ſich nun zur endlichen Energie gegen Egon! Wohlan, ſagte Helene, ich will verſuchen, ob die Liebe denn ſo ganz Dasjenige, was man ſonſt Cha⸗ rakter nennt, ausſchließt. Zurückſetzung da, wo man 58 ſein ganzes Daſein zur Verfügung hingegeben, Alles geopfert hat, iſt der Tod. Ich ertrage dieſe Halbheit nicht länger. Iſt Egon auf dieſe neue Laufbahn des Ehrgeizes angewieſen, hat Pauline Recht, als ſie mir ſagte, die alten Zeiten ſind vorüber, die Geſetze der freien Selbſtbeſtimmung haben nirgends mehr einen Platz, um neben den Geſetzen der Sitte, die in eiſer⸗ nen Tafeln geſchrieben wären, mit goldenen Buch⸗ ſtaben zu glänzen, ſoll es eine Ehe ſein, ſo muß ich dem armen Deſiré die Hand zum Lebewohl reichen. Was Sie aber auch beginnen, Rafflard, um mich glücklich zu machen, ich kann nichts billigen, was ge— waltſam iſt oder eine Verantwortlichkeit erfordert. Wol⸗ len Sie Zufälligkeiten durch die Gewandtheit Ihrer Erfindung herbeiführen, ſo laſſen Sie mich nichts von der Maſchinerie, die dies Alles koſtet, mit anſehen. Es iſt demüthigend genug, wenn man das Glück der Liebe nicht als ein freies Geſchenk, ſondern als ein zufälliges Zuſammentreffen von Umſtänden empfängt. Ich kann Ihnen ſagen, Rafflard, daß ich ſehr un⸗ glücklich bin, aber denn doch wirklich Egon behalten will und ihn auf ſein Verſprechen, in die Ehe zu wil⸗ ligen, noch heute zurückbringe. Einſtweilen werden Sie Toilette machen, ſagte Rafflard, ihr die Hand küſſend und den nackten run⸗ den mel vorf und aus geſe 59 den Arm wiegend, der unter den großen offenen Aer— meln des Schlafrockes ſelbſt für ihn verlockend her⸗ s vorſah... Ich will Toilette machen! ſagte Helene traurig und muthlos. Rafflard aber huſtete ſich noch einige Augenblicke aus und ging dann durch einen großen mit Blumen geſchmückten Salon in das gelbe Zimmer hinüber. Drittes Capitel. Der Meiſter des Meiſters. Als Murray ſich an jenem Samſtag Abend, den wir von der Erzählung der Harder'ſchen Diener kennen, überzeugt hatte, daß der traurige Zuſtand der Tochter ſeines Wohlthäters, des Gefangenwärters in Bielau, nur durch eine geregelte pſychiſche Behandlung in einem Krankenhauſe geheilt werden konnte, machte er ſich die bitterſten Vorwürfe, daß er den Seelenzuſtand des ver⸗ zweifelten jungen Mädchens zu heftig geweckt, die Ohn⸗ macht ihres Gewiſſens zu gewaltig aufgerüttelt hatte... Auch die Reue bedarf der milden Uebergänge. Kein menſchliches Herz iſt wie ein eiſengegoſſenes Gefäß, daß es bald eiskaltes, bald ſiedendheißes Waſſer in raſcher Abwechslung ertragen kann. Es wird immer ſpringen, wenn man es nicht allmälig erkalten, all⸗ mälig erwarmen läßt... Die Kraft des Gebetes hatte Murray ſchon oft in wunderbarer Macht kennen ge⸗ den wir kennen, Tochtet Bielau, in einem r ſich die des ver⸗ ie Ohu⸗ jatte.. Kein Gefäß⸗ aſſer in immer en, al⸗ es hatte nen ge⸗ lernt. Wie glücklich fühlte er ſich, als er hoffen konnte, Auguſte in einer fernen Gegend mit einem guten Manne zu einem neuen Leben aufblühen zu ſehen! Und wie ſchmetterte ihn da gleich der Auftritt mit Mangold nieder, zu dem er doch nur ſchweigen konnte! Er hoffte, der Starrkrampf, der ſich damals auf Au⸗ guſten's Bruſt gelegt hatte, würde vorübergehen und ihm Raum geben, ſie auch über dieſe vernichtende Erfahrung zu einer ſtillen Ergebung zu führen. Um⸗ ſonſt! Das Gefäß ihres Geiſtes war zerſprengt. Es lag in Trümmern. Der Wahnſinn hatte alle ſeine Hoffnungen vernichtet. Auguſte kannte Murray nicht mehr als den Freund ihrer Seele wieder; ſie behielt nur die Vorſtellung ſei⸗ nes Alters, ſeiner ſcheinbaren Schwäche, ſeiner Frei⸗ gebigkeit. Sie putzte ſich unter den Irren mit jedem Lappen, den ſie erhaſchen konnte. Stolz, Gefallſucht, Tanzluſt, Liebe waren die böſen Geiſter, die auf dem geſprengten Boden ihres Geiſtes nun doch das Feld behaupteten. Kein Wort des Zuſpruches mehr konnte ſie auf andere Gedanken, als die der alten Richtung führen. Murray mußte es aufgeben, in dies Dun⸗ kel noch irgend einen Lichtſtrahl werfen zu wollen. Er dachte zwar an manches Heilmittel. Er war bei dem Maler Reichmeyer, um den Verſuch einer Sitzung der 62 Kranken zu machen, da Auguſte immer von ihrem trů Bilde phantaſirte. Er traf dort einen jungen Gent⸗ ſach leman, deſſen Name, als er ſich entfernt hatte, ihm Na Heinrichſon genannt wurde; Reichmeyer ſelbſt verſprach ẽi auch, ſich den Vorſchlag zu überlegen. Seither ge— Fer ſchah aber nichts Weiteres in dieſem Verſuch, Auguſte nun Ludmer zur Beſinnung zu bringen. Murray empfahl ma ſie der Pflege der Aerzte, bezahlte ihren Unterhalt und hat kehrte zu der eigenthümlichen, ſich widerſprechenden Lo Lebensweiſe zurück, die in ihrem innerſten Kerne irgend tie einen bedeutenden Gedanken, eine gefahrvolle und R. ihm doch unendlich nothwendige Unternehmung zu ber⸗ ge gen ſchien. d Als er an Jenem Donnerſtage nach Hauſe gekom⸗ d men war, ſchlief ſchon die Eiſold'ſche Familie. Am§ Freitage lehnte er den Ring entſchieden ab, d ihm ei Louiſe wiedergeben wollte. Am Samſtag, als ſie wie⸗ derkam, wurde er, von innerſter Theilnahme um Au⸗ guſten bewegt, faſt zornig über die erneuerte Rückgabe. Am Sonntag, als er ſchon ganz früh ausgegangen d war, um zu ſehen, wie Auguſte in ihrer neuen Lage die erſte Nacht zugebracht hatte, war er weicher ge⸗ ſtimmt und bat Louiſen ſeine heftigen Worte ab, die auf nichts Anderes hinaus gingen, als daß er ihr zu⸗ gerufen hatte: Halten Sie mich denn für einen Be⸗ rem jent⸗ ihm rach ge⸗ uſte fahl und en. end und ber⸗ 63 trüger? Ich bin ja reich! Ich habe nur meine Ur⸗ ſachen für arm zu gelten! Er ſetzte ſich zu ſeiner Nachbarin und fragte ſie, warum ſie traurig wäre? Sie zeigte auf den Regen, der in Strömen an die Fenſter ſchlug und erzählte ihm die getäuſchte Hoff nung auf eine ländliche Erholung. Daraus war manches Wort, hinüber und herüber, entſtanden. Man hatte Erfahrungen und Anſichten ausgetauſcht. Als Louiſe unter den Theilnehmerinnen der vereitelten Par tie auch Franziska Heuniſch nannte, war ihm dieſer Name aufgefallen und Louiſe hatte nichts Arges darin gefunden, daß er ſich genauer nach den Verhäktniſſen dieſes Mädchens erkundigte. Sie hing mit Heuntſch dem Förſter, mit dem Jägerhauſe uͤn Walde vong Hohenberg, mit Urſula Marzahn zuſammen, und ſchon einige male hatte er Louiſen gefragt, ob ſie niemals von dieſem gewiß artigen Kinde einen Beſuch empfinge. Louiſe ſagte ihm darauf: Wir Menſchen, die wir arm ſind und arbeiten müſſen, können mit unſeren Freun⸗ den wenig Anderes thun, als ſie recht von Herzen lieb haben und nur nicht vergeſſen. Die Zeit und Ge⸗ legenheit, eine Freundſchaft zu hegen und zu pflegen, findet ſich ſelten. Da muß man wiſſen, Der oder Die denkt an dich, wenn ſie arbeiten und plötzlich ſieht man ſich dann einmal und gibt ſich die Hand, gleich * —ÿö——— 64 als hätte man ſich geſtern geſehen, oder man umarmt und küßt ſich ſo herzhaft, daß es gleich für ein hal⸗ bes Jahr wieder genug iſt. Und ſo fleißig las das ſeltſame Mädchen in dem ſeit einiger Zeit ſich ganz beſonders prächtig entfaltenden Journale:„Das Jahr⸗ hundert,“ das von ihrem Linchen und ihrem Wilhelm colportirt wurde, daß ſie von ihrem Lieblingsſchrift⸗ ſteller Guido Stromer ſogleich folgende Stelle zu citi⸗ ren wußte: O wer kennt die geheimen Wege der wunderbaren Natur, die den kleinen See auf dem Sankt Gotthard doch mit dem großen Weltmeere verbinden! Wer ahnt den Zuſammenhang der Geiſter, die ſich niemals ſahen undeniematsskaftten und die doch an dem gemein⸗ ſamen Ziele der Menſchenerlöſung mitarbeiten! Murray mußte lächeln über die Anwendung die⸗ ſer Worte auf Louiſe Eiſold und ihre kleinen Verhält⸗ niſſe. Ernerfuhr, wie die Literatur, die Zeit und ihre gährende Richtung in dieſe beſcheidene Wohnung drang und hatte zunächſt das innigſte Mitleid mit den Kin⸗ dern, die im ſtrömenden Regen ſich gern bis auf die Haut durchnäſſen ließen, wenn nur ihre Zeitungen trocken blieben! Einmal ſchon war er im Begriff geweſen, ſich nun ſelbſt bei Fränzchen Heuniſch einzuführen. Er ſuchte — narmt hal⸗ das ganz Jahr⸗ helm hrift⸗ citi⸗ aren hard ahnt ſahen mein⸗ ihre Wohnung auf. Da fiel ihm ſein abſchreckendes Aeußere, ſeine zweideutige Lage ein. Er fürchtete, das junge Mädchen zu entſetzen und noch mehr ſich durch eine zur Schau geſtellte Neugier in ſeinem Zuſam⸗ menhange mit Dingen zu verrathen, die er tief ver— ſchleiern zu wollen ſchien. Schon ſtand er an dem Hauſe, Wallſtraße Nr. 14, ſchon wollte er die Haus⸗ flur betreten, als an ihm ein Mann vorüberhuſchte, den er ſich entſann ſchon einmal irgendwo geſehen zu haben. Er konnte ſich auf dieſe langgeſchenkelte Kreuz⸗ ſpinne nicht beſinnen. Es war allerdings jener phi⸗ lanthropiſche Beſucher des Gefängniſſes, in dem er acht Tage lang hatte ausharren müſſen, und dech war er es wieder nicht. Er erkundigte ſich bei einer Magd, die eben aus dem Hauſe trat und ihm ſagte, dieſer Herr wäre ein italieniſcher Sprachlehrer, Na⸗ mens Barberini, wenig zu Hauſe und auch im Be⸗ griff, binnen einigen Tagen auszuziehen. Um ſo ge⸗ ſpannter war Murray, als er zu Hauſe ein Billet fand, worin ihm Sylveſter Rafflard— ſo hieß jener Philanthrop, der ihn ſchon einmal hatte beſuchen wol— len— ſchrieb, er nähme an ihm ſo viel Intereſſe, daß er ihn auffordere, ihn morgen, am achten October, in der Wohnung der Gräfin d'Azimont, im Hotel garni, am großen Markte, gegen zwölf Uhr zu be⸗ Die Ritter vom Geiſte. VI. 5 * 66 ſuchen. Aus Neugier, oder richtiger geſagt, aus einem gewiſſen Fatalismus, der ihn beſtimmte, keinem vom Schickſal ihm zugeworfenen Winke aus dem Wege zu gehen, entſchloß ſich Murray wirklich, das ihm bezeich⸗ nete Hotel garni aufzuſuchen. In ſeiner ruhigen bedächtigen Weiſe, unter dem Schutze der ſchwarzen Binde, die ihm erlaubte, von unten herauf ſcharf zu ſpähen, folgte er dem Bedien⸗ ten, der ihn durch den großen Salon rechts in ein geſchmackvoll möblirtes gelbes Zimmer führte. Ein gewiſſes Vorgefühl, eine ſcharfe Menſchenkenntniß ſagte ihm, daß auf dem Antlitze jenes Philanthropen Etwas gelegen hatte, was ihm eine große Behutſamkeit zur Bedingung machen mußte. Jedenfalls, ſagte er ſich, hält dich dieſer Menſchenfreund für einen Verbrecher. Deine Lage, das Mistrauen der Polizei, dein Aeuße⸗ res führte ihn darauf. Will er dich beten lehren, beſſern, will er deiner Zukunft den guten Weg der Tugend bahnen? Ich bin begierig! Wie erſtaunte Murray nun, als Sylveſter Raff— lard eintrat und in der That völlig dem Profeſſor Barberini glich, der ſo windſchnell an ihm vorüber⸗ geſchlüpft war. Weit entfernt, dieſe Vermuthung, daß beide Perſonen eine und dieſelbe wären, laut auszu⸗ ſprechen, nahm er jetzt nur umſomehr die Miene der einem vom xge zu gzeich⸗ dem von edien⸗ n ein Ein ſagte twas it zur ſich, fſecher. feuße⸗ hren, j der Naff⸗ cfeſor über⸗ daß szu⸗ eder 67 größten Harmloſigkeit an und beſchloß ſogar, einen gewiſſen Kretinismus zu zeigen, dem gegenüber die Menſchen, die ſich etwas dünken oder die etwas mit uns vorhaben, immer am offenſten ihr wahres Geſicht zeigen. Er verbeugte ſich höflich und ſchüchtern und that faſt, als wüßte er nicht, in welcher Hand er ſeinen Hut halten ſollte. Rafflard, durch dieſe Zaghaftigkeit ſogleich ermun— tert, bedeutete ihn Platz zu nehmen. Murray ſah ſich ängſtlich nach einem Stuhle um und zögerte. Ci, ſo ſetzt Euch doch! ſagte Rafflard mit ziemlich geläufigem Deutſch und rückte ihm mit dem langgeſtreck⸗ ten Fuße einen Seſſel hin, während er ſelbſt ihm ge⸗ genüber Platz nahm. Murray nahm den Seſſel, putzte ihn ſorgfältig ab, zog ſein karrirtes Taſchentuch, ſchwenkte es aus und breitete es auf das gelbſeidene Polſter, das er ſich Mühe gab ja nicht verunzieren zu wollen. Ihr kennt mich? fragte Rafflard. O Herr, ſagte Murray... von da! Er machte eine Miene, als wenn ſeine Arme übereinandergeſchloſſen wären und deutete das Ge⸗ fängniß an. 5* 9 68 Ihr kennt mich alſo. Ihr habt mich ſeitdem nicht wieder geſehen? Murray ſchüttelte getroſt den Kopf. Ich war ſchon einmal bei Euch, Murray... Danke, Herr. War nicht zu Hauſe. Ich weiß es. Ihr wohnt in einem elenden Käfig. Ich habe Euch eine halbe Stunde ſuchen müſſen. Danke, Herr! Ich wollt' Euch Glück wünſchen, daß Ihr ſo raſch losgekommen ſeid... Danke, Herr! Das weiß man ſchon, ein Engländer ſeit Ihr nicht 1 Nein, Herr! Haha! Ihr ſeid ein ehrlicher Deutſcher und reiſ't zu Eu⸗ rem Vergnügen als Gentleman? Murray lachte faſt ſtumpfſinnig. Habt Euch gewiß von Euren Geſchäften zurück⸗ gezogen und wollt Eure Tage in Ruhe beſchließen? Murray lachte mit gleichem Ausdruck. Wie kann man, wenn man Incognito leben will, auf Bälle gehen und am Putze ſeines Frauenzimmers verrathen, daß man viel Gold zu verſilbern hat? Murray that verſchämt, als wollte er ſagen: Was macht nicht aus dem Menſchen die Liebe! mi nicht habe raſch 69 Rafflard hatte ſo raſch geſprochen, daß er in's Huſten gerieth und ſich erſt ruhen mußte. Recht ſchlimmer Huſten Das! ſagte Murray faſt mitleidig. Katarrhaliſch! Die Sumpfluft meines Berufes, die mephitiſchen Ausdünſtungen unſrer liebloſen altmodi⸗ ſchen Burgverließe.. Murray huſtete, als läg' es auch ihm auf der Bruſt. Auch davon ſchon viel eingeathmet? fragte Raff⸗ lard ſchlau lauernd. Murray, ſich unſchuldig ſtellend, ſtöhnte: Das engliſche Klima! O das iſt gut für das Aſthma— feuchte Luft iſt gut! Freilich ſolche Kerker wie hier! Unterirdiſch, unter dem Niveau einer Kloake, die man einen Fluß nennt— Murray horchte hoch auf. Wenn ſein bedecktes Auge ihn nicht geſchützt hätte, würde Rafflard geſehen haben, daß er plötzlich erſchrocken war. Es iſt unverantwortlich, ſagte Rafflard und nahm eine Priſe, was er ſelten that und hier als Beweis ſeines behaglichen Vertrauens einſchaltete, es iſt un— verantwortlich, daß man die unglücklichen Opfer ſchlech⸗ ter Erziehung, die unſre Gefängniſſe bevölkern müſſen, 70 weil ſie der allgemeinen Sicherheit und Ordnung ſchäblich ſind, nach ihrer Entlaſſung niemals frägt: Was beginnſt du nun? Was thuſt du nun, um dich mit der Geſellſchaft, die dich fürchtet, auszuſöhnen? Man ſtellt die entlaſſenen Sträflinge unter polizeiliche Aufſicht und lauert nur gleichſam auf den Augen⸗ blick, ſich ſo raſch wie möglich wieder ihrer bemächti⸗ gen zu können. Mit einem aufwallenden Gefühl der Ueberein⸗ ſtimmung und der innerlichſten Ueberzeugung ſagte Murray: O Das iſt wahr! Rafflard erſchrak faſt vor dem eigenthümlichen edlen Ausdruck, mit dem Murray dieſe Worte, aus tiefſter Seele, ſprach. Murray bemerkte Dies und überhörte faſt die Frage, die nun Rafflard an ihn richtete: Man hat Euch, Murray, unter Aufſicht geſtellt? Rafflard mußte dieſe Frage wiederholen. Murray zog die Achſeln, machte eine komiſch ver⸗ legene Miene und deutete mit den Händen gleichſam an: Was weiß ich? Das ſagt man Einem nicht! Ich weiß es, Murray, ſagte Rafflard, der nun faſt gewiß war, einen geheimen, ſehr ſchlauen Ver⸗ brecher vor ſich zu haben; ich erfuhr es beim Ober⸗ kommiſſär Par. Ein gewiſſer Hackert, der bei ihm ——-—— dnung frägt: n dich hnen? eiliche lugen⸗ nächti⸗ herein⸗ ſagte edlen tiefſeer erhörte 71 arbeitet, ſagte mir's, als ich nach Euch fragte, daß man Euch für gefährlich hält. Murray zuckte wieder die Achſeln mit gleicher Miene, gleicher Zweideutigkeit... Es nahte ſich jetzt der ſchwierige Augenblick, wo Rafflard in der Nothwendigkeit war, durch eine ge⸗ ſchickte Wendung den Uebergang zu gewinnen, um über Das, was er mit Murray vorhatte, die Maske zu lüften. Ihr werdet wohl ſchon gemerkt haben, Meiſter Murray, ſagte er, daß mich reine Menſchenliebe, nicht Frömmelei oder ſonſt ein pedantiſcher Beweggrund in die Gefängniſſe führt. Ich ſuche dort Menſchen, die mir nicht einfällt, in Engel verwandeln zu wollen. Ich kenne unſre Natur. Ich weiß, wieviel dazu ge⸗ gehört, um ein praktiſcher Menſch zu ſein, reell, zu⸗ verläſſig, gehorſam, verſchwiegen. Die Tugenden, die den Engel ausmachen, mag vollends einſt der Himmel in uns bilden. Für dieſe Erde iſt ſchon viel gewon⸗ nen, wenn wir z. B. in den gebeſſerten Verbrechern thätige Menſchen wiederbekommen, unſchädliche, nütz⸗ liche Glieder der Geſellſchaft, wie ſie einmal iſt. Seid Ihr nicht meiner Meinung, Murray? Murray lachte und meinte: Herr, wenn Einer herauskommt und gleich etwas 72 zu arbeiten, zu verdienen findet, nimmt er ſich wohl in Acht, daß ſie ihn ſobald wieder bekommen. Dieſe Ausdrucksweiſe ermuthigte Rafflard. Das iſt's, was ich meine, ſagte er. Etwas ver⸗ dienen! Arbeit! Arbeit! Irgend eine Beſchäftigung finden, die ihren Mann nährt! Und da will ich Euch etwas ſagen, Murray! Glaubt Ihr, daß ich Euch zum Bußepredigen hergerufen habe? Die Kirchen ſind ja Sonntags offen, antwortete Murray trocken. Sehr wahr! Und nun, Murray, wenn Ihr mir vertrauen wollt, will ich Euch Gelegenheit geben, etwas zu verdienen. Danke, Herr! Danke! Ich bin, begann Rafflard mit ſchlauer Miene, forſchend nach dem Eindruck, den er auf ſein Gegen⸗ über hervorbringen würde, ich bin in ein ſehr ſchwie⸗ riges, ſehr wichtiges Familienverhältniß verwickelt. Eine glückliche Löſung deſſelben wird durch einen ab⸗ ſcheulichen, ſchlimmen Menſchen verhindert, der auf jede nur erdenkliche Weiſe dieſe Löſung zu unterbrechen ſucht. Dieſen Menſchen aus der Nähe der edlen Weſen, die er nur quält, nur beläſtigt, zu entfernen, iſt mir eine heilige Pflicht. Mit Gewalt iſt nichts auszurichten. Aufſehen darf es keins geben und ſo — ˖wohl bin ich von der Nothwendigkeit durchdrungen, die Entfernung dieſes ſchlimmen Menſchen auf eine ſtille, beſonnene und doch zum Ziele führende Art zu be⸗ z ver⸗ werkſtelligen. tigung Murray mit unverſtellter Spannung horchte hoch auf. Euch Dieſer Menſch, fuhr Rafflard fort— Cuch Wie heißt er, Herr? ſagte Murray raſch mit dem Ausdruck der bereitwilligſten Ergebenheit. Der Name thut vorläufig nichts zur Sache— vortete Vielleicht kennt ihn Unſereins— mir Nein, nein, er iſt ſehr gefährlich, aber es iſt nicht geben, nothwendig, da auf ihn nicht gewirkt werden kann, daß ſein Name genannt wird. Dieſer gefährliche Menſch, ſag' ich, hat ein Mädchen, das er liebt... ſiene, nicht eigentlich eine Braut oder Verlobte... wohl hegen⸗ aber ein Weſen, für deſſen Wohl und Wehe er ſich hwie⸗ in einem Grade intereſſirt, den man ſeinem böſen icklt. Charakter kaum zutrauen möchte. Ich bin der feſten ab⸗ Ueberzeugung, wenn man bewirken könnte. Rafflard ſtockte. uu 3 Nun, Herr? ermunterte ihn Murray mit ſchein⸗ edlen barer Ungeduld. tiet, Ich bin der Ueberzeugung, daß dieſer Störenfried ichts die angedeutrlen edlen Menſchen nicht ferner beun— d ſ ruhigen, bis auf's Blut quälen wird, wenn man 74 jenes Mädchen, an dem er leidenſchaftlich hängt, plötz⸗ lich von hier in aller Stille entfernen könnte... Ver⸗ ſteht Ihr, Murray— Wohl! Wohl! Ich bin überzeugt, daß jener ſchlimme Geſell, auf den nichts wirkt, den keine Drohung von hier fortzu— bringen im Stande iſt, augenblicklich bis an's Ende der Welt reiſen würde, wenn es plötzlich hieße: Jenes Mädchen iſt nach Hamburg verſchwunden oder man hat ſeine Spur am Rhein verloren oder man glaubt, daß ſie ein gewiſſer Murray oder ein gewiſſer Syl⸗ veſter, wählt jeden beliebigen Namen, nach London entführte! Man glaubt, daß ſie dieſer Wagehals mit ſich zu Schiffe nach Amerika nimmt! Genug, ein ſol— cher Glaube, begründet auf ein Unternehmen, das in dieſer Weiſe nicht einmal braucht ausgeführt zu wer— den, nur vier Wochen unterhalten, dies Gerücht nur etwa vier Wochen geſchürt, würde die einzige Art ſein, die edle Familie von dem läſtigen Störer gerade beim Abſchluß einer wichtigen Verhandlung fernzuhal⸗ ten. Ein ſolcher Dienſt, mit einer gefüllten Börſe be⸗ lohnt— was ſagt Ihr dazu, Murray? In Murray kochte der Zorn. Alle zurückgehaltene Glut drang ihm in die Bruſt. Er war nahe daran, aufzuſpringen, den Heuchler an der Bruſt zu packen plöß⸗ .Ver⸗ I, auf fortzu⸗ Ende Jenes man laubt, Syl⸗ ondon mit i ſol⸗ as in wer⸗ t nur Art erade 75 und ihn zu ſchütteln mit den Worten: Elender, wofür hältſt du mich?... In ſeiner ihm faſt die Rede er⸗ ſtickenden Aufregung konnte er nichts hervorbringen, als die Frage: Wer iſt das Mädchen? Eine unbedeutende, arme Nähterin, ſagte Raff⸗ lard. Ein Mädchen, ohne allen Anhalt, ohne alle Verwandte. Ich kann Euch den Namen ſagen und muß es, da Ihr Euch nach ihren Verhältniſſen doch erkundigen werdet. Sie heißt Franziska Heuniſch. Franziska Heuniſch? Kennt Ihr ſie? Nein! Nein! Aber Muray mußte ſich bei dieſen Worten be— kämpfen. Gerade dies Mädchen war ihm für gewiſſe geheime Pläne, die er verfolgte, ſchon längſt von Wichtigkeit geworden. Ihr galt die Berechnung eines, wie er ſchon durchſchaute, abſcheulichen Planes. Er ſollte ſie mit Gewalt überfallen, entführen! Und nun galt es die letzte Kraft ſeiner Verſtellung zuſammen⸗ zuraffen und mit dem Scheine der größten Ruhe und dienſtfertigſten Ergebenheit zu ſagen: Herr! Das iſt ein Stück Arbeit! Ich will's wagen; aber— wie greif' ich's an? 76 Das, Murray, müßte eben Eure Sorge ſein! Hm! Hml ſimulirte Murray und ſchlug ſich an die Stirn. Meine Fäuſte, Herr, ſind nicht mehr die ſtärkſten. Wenn es gelten ſollte, Einen zu knebeln und mit verbundenem Munde Abends an den Thoren in einen Wagen zu ſchleppen.. Ihr müßtet Unterſtützung haben. Das wäre nicht gut, Herr. Bedenkt, ein ſchwaches Mädchen! Ein ſchwaches Mädchen! Franziska Heuniſch... Wo wohnt ſie? In der Wallſtraße Nr. 14 im Hinterhofe. Darf ich mir's aufſchreiben? Ich rathe Euch Das. Merkt Euch jeden Umſtand. Sie wohnt bei einem Tiſchler, hat Verwandte im kleinen Fürſtenthum Hohenberg, einen Förſter des Prinzen von Hohenberg... ſie näht, bald hier, bald dort, bald zu Hauſe, bald auswärts... verſchwände ſie plötzlich, ſo ließe ſich, wenn Ihr Euch auch ver⸗ borgen hieltet, Murray, die Vermuthung, daß ſie nach Hamburg, von da nach England entführt wäre, wohl jenem Menſchen mittheilen, der ſie augenblicklich ver⸗ folgen würde. Man kennt Euren Geſchmack, Alter. Auf dem Fortunaball habt Ihr Euch verrathen! Der in! ich an ehr die nebeln Lhoren Kummer, den Ihr empfinden würdet, die Unannehm⸗ lichkeit, dieſe ſchöne Stadt zu meiden, würde ſich leicht verſchmerzen laſſen und eine große Schuld ladet Ihr nicht auf Euch. In drei Tagen könnt Ihr das Mäd⸗ chen wieder freigeben, wenn ſie nur bewacht, an der Rückkehr, am Schreiben verhindert wird. Murray hatte das Portefeuille auf ſeinen Knien und ſchrieb mit einer Hand, die vor Erregung zitterte. Als er mit ſeinen Notizen ſcheinbar fertig war, fragte Rafflard: Alſo Ihr übernehmt es, Murray? Ich brauche drei Tage, ſagte dieſer, um mir doch zu überlegen, wie ſo einem Fange beizukommen iſt. Mädchen ſind Forellen. Rafflard fand dies Bild charmant und ſo gut ge⸗ wählt, daß er von der größern Bildung, die ſich bei dem ihm Anfangs ſtumpfſinnig erſchienenen Murray zu erkennen gab, jetzt nur noch mehr befriedigt wurde. Es lag ihm daran, lieber einen Helfershelfer von Verſtand zu finden. Das iſt mir recht, ſagte Rafflard, ich brauche ebenſoviel Zeit, um die Vorkehrungen zu treffen, daß der Verfolger erſt nach Hamburg und von da nach England dirigirt wird. Teufel, Herr! Wie ſtellt Ihr das Alles an? 78 Durch Freunde, die ſich gern geneigt zeigen, eine edle Unternehmung zu unterſtützen, ſagte Rafflard. Und wo find' ich Sie wieder, Herr? fragte Mur⸗ ray faſt kopfſchüttelnd. Am liebſten ſprech' ich Euch hier! Hier? Fürchtet Ihr für die ſilbernen Leuchter da nichts, Herr? Ich denke, Ihr behandelt uns als Gentleman! Beſonders wenn wir uns einſtweilen gleichfalls als ſolchen zeigen... Damit überreichte Rafflard Murray ein ſchon vor⸗ bereitetes Papier, in welchem Goldſtücke in reicher Anzahl hin⸗- und herrutſchten.„ Murray nahm ſie ohne Bedenken mit künſtlicher Gier und verſprach ſchon morgen um dieſe Zeit, an dieſer Stelle Bericht zu erſtatten. Rafflard ſchlug ihm auf die Schulter und beglei⸗ tete ihn durch den Salon, wartete aber wohlweislich, bis Murray die Thürklinke ergriffen hatte und hinaus war. Dann harrte er noch einige Sekunden, um zu lauſchen, ob der halbe Bandit auch wirklich ging und die Drohung mit den ſilbernen Leuchtern nicht wahr machte. Dann aber wandte er ſich, um zur Gräfin zu gehen; denn der Bediente begegnete ihm und ſagte, er hätte eben Herrn Heinrichſon angemeldet. Hein⸗ ₰‿ 4 X —, eine ard. Mur⸗ ſter da leman! ls als n vor⸗ reicher ſtlichet eit, an beglei⸗ eislich, inaus im zu und wahr zräfin ſagte, Hein⸗ 79 richſon mußte alſo im Vorzimmer ſein. Unangenehm berührt von dieſem Namen, aber unendlich befriedigt von dem glücklichen Erfolg des Kaufes, den er an dem Entführer eines jungen Mädchens gemacht zu haben glaubte, trat Rafflard wieder zur Gräfin ein... Murray aber, noch verwirrt von dem Erlebten, ſtand eine Weile in dem Vorzimmer. Sollte er doch die Maske fallen laſſen und mit hohnlachendem In⸗ grimm über Sylveſter Rafflard, den Philanthropen, in ein Strafgericht ausbrechen? Wie er noch ſtand, ging ein Herr vorüber, um in den Salon zu treten. Er ſtreifte ſeine Kleider. Murray blickte auf und erkannte Heinrichſon, den er bei dem Maler Reichmeyer angetroffen hatte, als er dieſen beſuchte, um den Verſuch zu machen, ob man nicht durch eine Malerſitzung die wahnſinnige Auguſte heilen könnte, da Auguſte unaufhörlich von ihrem Bilde phantaſirte... Ha! Hal rief er mit einem wilden Anfalle bit⸗ terſter Ironie: Sie hier? Gibt es hier auch Mo— delle, Herr? Heinrichſon wandte ſich und ſah zu dem Sprecher verächtlich zurück. Murray hatte bei Reichmeyer nur ſeinen Namen erfahren und Heinrichſon war gegangen, als er merkte, 80 daß dieſer wunderliche alte Mann mit ſeinem Kunſt⸗ dete genoſſen allein zu ſprechen wünſchte. Schön und ge⸗ wit fällig wie Heinrichſon war, hatte er Murray's In⸗ un, tereſſe erregt und damals die Frage nach ihm ver⸗ ſpra anlaßt. inn Sie kennen mich nicht! ſagte Murray. Ich habe die Ehre, Herrn Heinrichſon— eine junge Verwandte vi wollte ich von Ihnen malen laſſen. Sie wollte aber nicht ſitzen, als ich Ihren Namen nannte— Auguſte nur Ludmer, Herr Heinrichſon! fiſ . Heinrichſon erſchrak über dieſe Zudringlichkeit und ſpr wollte zur Gräfin. en Murray hielt ihn feſt und ſagte ihm mit xi⸗ hj nem Tone, der ſich durch ſcheinbaren Scherz ſelber 3 mäßigte: uü Sie ſollten ſie malen, Herr, wie ich ein Stück in h London geſehen habe, als ich im Theater war. Ein— tolles Mädchen trat auf, der Einer den Kranz zer⸗ 1 riſſen hatte, Stroh und Blumen trug ſie auf dem T Kopf, ſang Lieder und war toll... Malen Sie Das, mein Herr! Auguſte Ludmer kann Ihnen dazu im Narrenthurm ſitzen. Die Mutter Ihres todten Kindes ſitzt im Narrenthurm. Wovon ſprechen Sie denn? Was wollen Sie? ſtotterte Heinrichſon, der zu den Männern gehörte, ſ Kunſt⸗ nd ge⸗ 6 In⸗ t ver⸗ habe vandte abet uguſte t und nit i⸗ ſelber kück in Ein 33 zer⸗ f dem Das, u im dindes Sie! ehotte, 81 deren Muth nur bei ſolchen Gelegenheiten ſich be⸗ währt, wo ein witziger Einfall die Stelle einer Hand⸗ lung vertritt. Wo die ernſten Thatſachen des Lebens ſprachen, verlor er jedesmal die Gegenwart ſeines ſonſt immer ſchlagfertigen Geiſtes. Wer iſt der Mann da? fragte er ungeduldig fort⸗ drängend den Bedienten und riß ſich los... Ich bin Murray, ſagte der Alte und hielt ihn nun zum Schrecken des feigen Bedienten gewaltſam feſt, Murray, ein Engländer! Von Auguſte Ludmer ſprech' ich, die in allen Ihren Bildern die Menſchen entzückt hat und jetzt im Tollhauſe ſitzt. Herr, wie hieß die Prinzeſſin, die ich in London ſah? Sagen Sie mir, wie das Mädchen mit einem Strohkranze um den Kopf, mit Maasliebchen im Haare, ge— heißen hat? Ophelia wahrſcheinlich! ſagte Heinrichſon zitternd und riß ſich mit letzter Gewalt von dem unheimlichen Manne los, der ihn am Rocke zerrte. Murray ſtand und grinzte ihm zornfunkelnd nach. Der Bediente ſchien? als Heinrichſon zur Gräfin eingetreten war, nicht zu wiſſen, ob er mit dieſem kecken Alten höflich ſprechen oder ihn wegen ſeiner Unverſchämtheit zur Thür hinauswerfen ſollte. Nur Die Ritter vom Geiſte. VI. 6 * 82— der Gedanke, daß doch Herr Profeſſor Rafflard ſich mit ihm ſo lange unterhalten hatte, mäßigte ſeine ſchlimmen Vorausſetzungen... Beſter Freund, ſagte Murray mit einem eigenen Ausdruck von verwirrter Ironie, der den innern Zorn verbergen ſollte; beſter Freund, ja, ja, das Stück hät⸗ tet Ihr in London ſehen ſollen. Ein Mädchen kam darin vor, das ſich vernünftig ſtellte und toll war und ein junger Menſch, ſchwarz von Kopf bis zur Zehe, der ſich toll ſtellte, der aber ganz vernünftig ſprach. Freund, der Mann ſpielte ſeine Rolle ſo na⸗ türlich, daß man hätte ſchwören mögen, er käme ge⸗ raden Weges vom Irrenhaus. Aber ein Spitzbube war's! Ein echter Spitzbube!. Der Bediente warf ärgerlich die Thür hinter dem vorlauten, unheimlichen, wie irr redenden Alten zu. Murray, Athem ſchöpfend, ſeine Bruſt an der Luft erweiternd, ſtieg bedächtig die mit Decken belegte, von Gypsſtatuen gezierte Treppe hinunter und über⸗ legte ſich, ob er da wiederkommen würde oder nicht; ob es beſſer wäre, zu einem böſen Anſchlage ſein falſches Angeſicht zu zeigen oder ſein wahres... Als er auf der Straße war und das Gewühl der Men⸗ ſchen ſah, die aneinander vorüberrannten, Jeder ge⸗ ſchäftig im Bewußtſein ſeiner eigenſten Intereſſen, da d ſich ſeine genen Zorn hät⸗ kam war s zur ünftig na⸗ ne ge⸗ zbube dem zu. mder legte, über⸗ iicht; ſein Als Nen⸗ ge⸗ , da überkam ihn faſt die Luſt, es mit Sylveſter Rafflard auf dem Wege, den dieſer eingeſchlagen hatte, nun weiter zu verſuchen, das ihm gegebene Geld einſtweilen zu behalten und Franziska in der That, wenn auch nur ſcheinbar, zu entführen.. Uebereinſtimmung iſt der Köder, ſagte er ſich, mit dem man die Füchſe hervorlockt aus ihren Gruben, wenn man ſie fangen will! Dieſe Welt iſt nicht für die Ehrlichkeit. Jedes Geheimniß hat ſeinen eigenen Schlüſſel. Die Weisheit ſoll die Klugheit zu ihrer Dienerin haben. Jene thront, dieſe regiert. Nur Die ſind übel daran, die in ewiger Klugheit immer die Sprache der Menſchen reden müſſen und darüber die Sprache des Himmels vergeſſen. Das Flammen⸗ ſchwert der Wahrheit, das auf einmal alle Trugge⸗ ſpinnſte durchſchneidet, darf man nie aus der Hand geben. Aber man ſoll es auch nicht ewig ſchwin⸗ gen, man ſoll es auch nicht brauchen gegen Jeden. Mit dieſem Elenden willſt du gehen, bis du ihn ent⸗ larvt haſt! Der Jeſuit aber verließ bald darauf freudeſtrah⸗ lend die Gräfin, um den Propſt Gelbſattel zu be⸗ ſuchen. Sylveſter Rafflard war in einer ewigen Be⸗ wegung, wie damals, als er auf dem Fortunaball 3*„ 6— 8848 Fränzchen Heuniſch umſchwirrte, die ihm gefiel und für ſeine Huldigungen unbefangen genug ſchien. Sein ganzes Wühlen und Schleichen liegt nun am Tage. Er hatte Franziska ſpäter in ihrer beſcheidenen Eri⸗ ſtenz aufgeſucht, ſich die Mühe gegeben, ſcheinbar ihre Sprachſtudien zu leiten, aber bald dem Plane entſagt, ſie für ſeine niedrige Sinnlichkeit erobern zu wollen. Dennoch behielt er das ſchöne Mädchen im Auge, als er bemerkte, wie werth ſie jenem Louis Armand geworden war, der über den Prinzen Egon eine Herrſchaft übte, die er brechen mußte, um eine Verbindung zwiſchen Egon und Helenen zu Stande zu bringen. Sein Späheramt, das er auf Louis Armand unter dem Namen eines Italieners, Signor Barberini, ausüben wollte, wurde geſtört, da er als Beſitzer eines Quartiers, das er nie bewohnte, bald verdächtig werden mußte. Er hatte Louis Ar⸗ mand der Polizei als Communiſten angezeigt, doch davon noch keinen Erfolg bemerken können. Die alte Gräfin d'Azimont ſchrieb Brief auf Brief und hoffte von ihm die baldigſte Beſtätigung, daß Helene auf eine Scheidung von ihrem Sohne dringe, den ſie ſelbſt beerben wollte. So entſchloß ſich Raff⸗ lard zu Gewaltſchritten. Dankmar, Siegbert Wil⸗ dungen ſchienen ihm ſchon ſo gut wie von Egon und Sein Tage. Erxi⸗ einbar Plane ern zu en im Louis Egon eine taande Lollis jignor da er ohnte, 3 Ar⸗ doch Die und helene den Raff⸗ Wil⸗ Egon 85 entfernt. Rudhard, der für die Kinder ſeiner Pfle⸗ gebefohlenen, der Fürſtin Wäſämskoi, auf Helenen's künftiges Vermögen rechnete, hatte zwar auch das lebhafteſte Intereſſe, dieſe Scheidung und die neue Heirath mit dem mittelloſen Fürſten von Hohenberg zu hindern; aber auch für Rudhard ſann der Je⸗ ſuit auf eine Gelegenheit, ihn unſchädlich zu ma— chen. Am liebſten wär' er in den Kreis der Fürſtin Adele ſelbſt eingetreten. Doch nahm man ihn dort nicht an. Er ſtand der inneren Verwickelung die⸗ ſer Familie fern und konnte nur durch den Propſt Gelbſattel und beſonders deſſen Töchter erfahren, was ſich in jenen Kreiſen begab; denn Gelbſattel hatte die alte Schulfreundſchaft mit Rudhard, wenn nicht wegen Rudhard, doch wegen einer Fürſtin, bei der Rudhard ſo einflußreich war, wieder an⸗ geknüpft. Rafflard hatte nun den Troſt, daß Egon plötz⸗ lich allein ſtehen würde; denn Louis Armand durch einen gefährlichen Anſchlag auf Franziska Heuniſch mindeſtens bis London zu jagen, ſchien ihm nun ein Leichtes. Er wandte ſich der alten Propſtei zu, um ſei⸗ nen dortigen Beſchützern noch einmal an's Herz zur legen, daß man über Alles, was heute Nachmit⸗ tag auf einer von der Fürſtin Wäſämskoi in ihrem Garten veranſtalteten Weinleſe ſich ereignen würde, ihm den genaueſten Bericht erſtatten ſollte. Auch hatte der Propſt dem Jeſuiten ſchon lange verſpro⸗ chen, ihn mit einigen bedeutenden, tonangebenden, außerhalb der Partei ſtehenden Männern der Reſi— denz näher bekannt zu machen, mit Franz Schlurck, mit Drommeldey, mit Guido Stromer, ja, wenn es irgend ginge, bei zufälliger Begegnung ſogar mit dem General Voland von der Hahnenfeder, der ſchwer zugänglich und ſtets vom Hofe in Anſpruch genommen war. Der Propſt hatte ihm geſagt, es müßte Dies an irgend einem dritten Orte geſchehen, damit es den Schein der Zufälligkeit gewänne. Die Welt wäre mistrauiſch und das Unſchuldigſte verfiele der Be⸗ urtheilung; die Harmloſigkeit der alten Tage wäre vorüber und ſelbſt die Loge, dies ſonſt ſo friedliche Aſyl der reinſten Bruderliebe und der duldſamſten Neutralität, böte nicht mehr den alten Schutz, wo denkende Menſchen ſich unbefangen ausſprechen und eine gewiſſe Univerſalität der Standpunkte voraus⸗ ſetzen könnten. So ſehen wir einen Menſchen mehr aus an⸗ geborener Luſt am Böſen, als um eigener Vortheile willen die harmlos dahinlebenden, uns liebgeworde⸗ nen ſch ſche nel det 87 nen Weſen umwühlen, und außer den Gruben, die ſich jede lebhafte Empfindung und ſtarke Willenskraft ſchon durch ihre eigene Leidenſchaft gräbt, ihnen noch neue Gefahren bereiten, unvorhergeſehene, unverſchul⸗ dete, verderbenſchwangere. Viertes Capitel. Mutter und Tochter. Zur Freude der kleinen Wäſämskoi's hielt ſich das Wetter und über Mittag war keine Wolke mehr am Himmel. Das tiefdunkelſte Blau überzog den ganzen Horizont. Die hier und da ſchon halbentlaubten Bäume ließ die letzte Fülle der hochgewachſenen Herbſt⸗ blumen vergeſſen. Den gelbgewordenen Schmuck der Gärten entfernte die geſchäftige Hand des Gärtners. Man hatte noch Grün, man hatte noch Blumen die Fülle. Niemand konnte glauben, daß es ſchon zum Winter ging. Der große Garten, der ſich an die auch für den Winter behaltene Wohnung der Fürſtin Wäſäms⸗ koi lehnte, war an Blumen nicht minder wie an Obſt und allen Früchten reich. Das große Reben⸗ ſpalier mit ſeinem gewölbten Dache, unter dem man im Sommer kühlenden Schatten, ja Schutz vor dem — 89 Regen gefunden hatte, kennen wir ſchon. Der Gärt⸗ ner hatte ſchon im September die reiche Traubenernte für reif zum Abnehmen erklärt und die Kinder hatten ihn in dieſer Meinung unterſtützt, da ſie ſelbſt ab⸗ brachen, was ſie nur erreichen konnten. Die letzte Hand aber anzulegen, verhinderte das darauf eintre⸗ tende Regenwetter. Nun iſt's aber Zeit, die Trauben verderben! hieß es. Da mußte man ſich entſchließen, einen Tag zur Leſe zu beſtimmen. Die Kinder hat⸗ ten ſoviel von der künftigen Leſe der Trauben, von den Feſtlichkeiten, dem Gebäck, dem Feuerwerk hören müſſen, daß ſie nun auch trotz des Wetters darauf beſtanden, daß es Feſtlichkeiten, Kuchen und Feuer⸗ werk geben ſollte. Kein Einwand konnte helfen. Man lud auf einen beſtimmten Nachmittag einen Kreis von Freunden des Hauſes ein, gleichviel, ob ſie drinnen oder draußen dem Jubel der Kinder zuſehen wollten. Und nun ſpannte der Himmel einen ſonnigen Balda⸗ chin über dieſe Freude aus, gab Wärme, trocknete die Wege, die Bänke, lachte mit der Freude der Menſchen. Die Fürſtin zeigte heute ein gewiſſes Anordnungs⸗ talent. War doch überhaupt ihre Bequemlichkeit, ihr Phlegma ſchon ſeit einiger Zeit gewichen! Sie nahm ſich der Ordnung des Hauſes mehr, als ſie ſonſt ge— wohnt war, an. Veranlaſſung genug, mit Olga, die 90 von einem gleichen Drange nach Bethätigung beſeelt war, fortwährend dabei in Conflict zu gerathen. Wie lebhaft hatten ſie nicht den ganzen Vormittag geſtritten über die Anordnungen, die zu dem kleinen Feſte ge⸗ troffen werden ſollten! An der Stelle, wo in ſchöne⸗ ren Tagen Abends der Thee getrunken wurde, ſollte ein großes Parquet von Bretern gelegt werden, um die feuchte Erde den Füßen nicht fühlbar zu machen. Darüber war Mutter und Tochter einig. Nun aber wollte die Fürſtin ein Zelt geſchlagen wiſſen, das ſich von dieſem Parquet erheben und die Gäſte vor jeder Laune der Witterung ſchützen ſollte. Olga proteſtirte gegen das Zelt und berief ſich auf das ſchöne Wetter und die erquickende Gewalt der freien Luft. Man ſtritt, ob das Wetter Beſtand haben würde. Olga behauptete, es feſt verbürgen zu können. Die Mutter fand dieſe Bürgſchaft lächerlich, kindiſch; ſie erhitzten ſich darüber bis Rudhard dazwiſchen kam und oben von ſeinem Zimmer hinunterrief, der Senſenmann an ſeiner Uhr, der lange geſtockt hätte, wäre wieder von ſelbſt in Thätigkeit, das bedeute ſchönes Wetter. Aer⸗ gerlich über dieſe Entſcheidung entfernte ſich die Für⸗ ſtin und ſagte, ſie wolle Olga nun ganz gewähren laſſen. Laß du mich nur! ſagte dieſe ruhig und traf ihre Anſtalten. Das Parquet war geſchlagen und ſeelt Wie itten ge⸗ öne⸗ ollte um chen. aber ſich eder ſtirte zetter Man Olga zutter tten oben 1an von Aer⸗ Für⸗ hren traf und mit Teppichen belegt. An der einen Seite wurde ein Tiſch für die Erfriſchungen, die genommen werden ſollten, aufgeſtellt. Auf der andern ließ Olga einen großen Fruchttiſch errichten. Sie hatte ſchon geſtern den ganzen Tag Blumengehänge flechten und verbin⸗ den laſſen. Dieſe wurden an dem Hauſe und den nächſten Bäumen befeſtigt und hier und da noch von grünen Stäben unterſtützt. So gab das ein freund⸗ liches Dach, unter dem ſich der große Fruchttiſch ganz maleriſch ausnahm. Sie hatte ihn mit bunten Decken belegt und mit allen in dem Garten gewonnenen Früchten geziert. In Porzellankörben, in kryſtallenen Schalen lagen hochaufgethürmt Aepfel, Birnen, Zwet⸗ ſchen, im höheren Centrum Pfirſiche, Aprikoſen, und eine Melone bildete den höchſten Mittelpunkt. Da⸗ zwiſchen lagen Weinblätter, mit denen die Gefäße garnirt waren. Man konnte dieſen Tiſch kaum mit dem Verlangen betrachten, davon zu eſſen. Man konnte nur wünſchen, daß dies ſchöne Enſemble un⸗ angerührt und ungeſtört bliebe. Die Mutter wür⸗ digte dieſe ganze Veranſtaltung kaum eines Blickes und war doch ſo eiferſüchtig, daß ſie Olga anwies, ſich nun um das Weitere, was die Weinleſe ſelbſt betraf, nicht zu bekümmern. Aber auch da ging es ih⸗ rer Autorität ſchlimm. Die Fürſtin verlangte, daß alle 92 gewonnenen Trauben von den Dienern und Mägden auf einem großen Tiſche, wo Jeder nach Belieben davon nehmen könnte, in der Mitte des Gartens auf⸗ gehäuft würden und rückte nun an dieſem Tiſche und ließ ihn da-, dorthin transportiren. Olga fand dieſe Einrichtung komiſch und der Weinleſe nicht im min⸗ deſten entſprechend. Sie ſagte Das in aller Ruhe, reizte aber die Mutter gerade durch dieſe Ruhe mehr, als durch Heftigkeit. Wie denkſt du dir's denn, Olga? fragte Rudhard gelaſſen. Olga ſagte: Es müßte ſo⸗ gleich in die Stadt auf den Markt geſchickt und ein Dutzend kleiner Handkörbe gekauft werden und ein Dutzend kleiner Gartenmeſſer von krummer Geſtalt; Meſſer zum Einſchnappen. Dieſe Körbe und dieſe Meſſer müßte dann die Hausfrau jedem Gaſte, der helfen wolle, mit höflicher Bitte feierlich überreichen und ſo müſſe zu gleicher Zeit von Allen der Wein geſchnitten werden. Rudhard konnte auch dieſen Vor⸗ ſchlag nur billigen und der Fürſtin, ſo peinlich es ihm war, wieder Unrecht geben. Dieſe kopfſchüttelnd rief verdrießlich einem ihrer Diener und ſchickte ihn in die Stadt, ſogleich zwölf kleine längliche Handkörbe und zwölf krumme Meſſer zu kaufen. Der Diener ging, nachdem er vorher Rudhard einen ſoeben für ihn von dem Poſtboten gebrachten Brief überreicht hatte. ioden ieben auf⸗ 93 Rurik und Paulowna hatten, wie Das unter Kin⸗ dern bei ſolchen Anläſſen immer iſt, eine ſo über⸗ ſelige Erwartung, daß keine Wirklichkeit ihr hätte gleich— kommen können. Bei Tiſch entſpann ſich neuer Zwie⸗ ſpalt zwiſchen Mutter und Tochter. Man aß aus⸗ nahmsweiſe, weil die Gäſte um drei Uhr erwartet wurden, ſehr früh. Die Fürſtin wollte, daß die Kin⸗ der ſich wie gewöhnlich ſatt aßen, damit ſie von den ſpätern Torten, Früchten und dem Eiſe nicht zu gie— rig naſchten und ihrer Erziehung Schande machten. Olga verlangte gerade im Gegentheil, daß ſie wenig aßen und ſich nachher deſto unſchädlicher an den Nä⸗ ſchereien erfreuen könnten, die einmal doch nicht un⸗ terbleiben würden. Rudhard hörte abſichtlich nicht auf den Streit. Er legte mechaniſch die Speiſen vor. Er ſchien zerſtreut; der Brief, den er empfangen, hatte ihn übellaunig geſtimmt. Faſt mechaniſch, faſt gedan— kenlos gab er zuletzt doch wieder Olga Recht, worüber die Mutter ſich ſo erzürnte, daß ſie aufſprang und weinte. Rudhard folgte ihr und bat ſie, ſich zu beruhigen. Er verwies Olga dies ewige Streiten und Rechthaben. Worauf Olga, ganz kalt, faſt trotzend erwiderte: Ja! Es iſt ſehr Unrecht, Recht zu haben! Dieſer gereizte Ton zwiſchen Mutter und Tochter 94 war ſeit der eigenmächtigen Partie nach Solitüde ein⸗ geriſſen. Die Fürſtin hatte damals nicht Worte ge⸗ nug finden können, um ihre Misbilligung über dieſen kecken Einfall zu erkennen zu geben. Nichts von den Erzählungen der Kinder konnte ſie beruhigen. Der Gruß der Königin war ihr beklemmend, ja compromit⸗ tirend, wenn ſie ſich ſagen mußte, daß dieſe drei Kin⸗ der ohne Aufſicht am Schloſſe zu Solitüde waren ge⸗ ſehen worden. Olga antwortete keine Sylbe, bis ſie plötzlich hinwarf: Hätten wir Siegbert nur nicht ge⸗ troffen, ſo würdeſt du uns ausgelacht haben. Da wir ihn aber trafen, haben wir ein Verbrechen be⸗ gangen!.. Es lag in dieſer ſcharfen Entgegnung eine Wahrheit, die auf die Fürſtin entwaffnend wirkte. Aber ihre Niederlage dauerte nur einen Augenblick. Von Stund' an begann ſie fortwährend an Olga zu tadeln, ſie eitel, verkehrt, nachläſſig zu ſchelten, während Olga ſchwieg und ſich nur zuweilen durch irgend ein kurz hingeworfenes ſcharfes Wort gegen die Anklagen ihrer Mutter zu vertheidigen ſuchte. Rudhard, zu ſehr in Anſpruch genommen von der wiederangeknüpften Freund⸗ ſchaft für Egon, von der Entdeckung einer mit dem Bilde der Fürſtin Amanda vorgenommenen Gewalt⸗ thätigkeit, ließ dieſe Störungen des häuslichen Frie⸗ dens ſo hingehen und bemerkte ſie kaum, da er we⸗ de ein⸗ te ge⸗ dieſen n den Der romit⸗ i Kin⸗ en ge⸗ bis ſie ht ge⸗ Da en be⸗ mg eine „Aber Von tadeln, Ogn n kurz ihrer ehr in rreund⸗ it dem hewalt⸗ Frie⸗ er we⸗ 95 nigſtens dann, wenn Siegbert kam, eine Art Waffen⸗ ſtillſtand fühlte. Mutter und Tochter ſchwiegen dann und zeigten ſich in dem natürlichen Verhältniſſe, daß die Eine befahl, die Andere gehorchte. Es muß ſchon eine große Verwilderung in den Sitten einer Familie eingeriſſen ſein, wenn man die Verſtimmungen, die im innerſten Schooße derſelben herrſchen, auch vor dem Auge Anderer zeigt. Siegbert gehörte wol ſchon wie ein Sohn oder ein Bruder zur Wäſämskoi'ſchen Familie, aber Mutter und Tochter fühlten doch noch eine tiefinnerliche ſittliche Veranlaſſung, ſich ihm ſo zu zeigen, wie es in der Ordnung der Natur und dem feineren Zartgefühle des Herzens eigentlich be⸗ gründet war. Takt iſt die einzige erlaubte Nothlüge der Tugend. Die Fürſtin war ihrer Abſicht, zurückgezogen zu leben, treu geblieben. Sie hatte nur wenige Namen der großen Welt beſucht und ſich auf die Menſchen beſchränkt, die ſich ſo zu ſagen ſelbſt bei ihr einführ⸗ ten. Die Oberhofmeiſterin konnte nur ſelten kommen. Anhänglicher war Anna von Harder, die ſich oft die Kinder nach Tempelheide citirte und ſie an der Thier⸗ welt des alten Schwiegervaters ſich ergötzen ließ. Es lag ſo etwas Mütterliches in ihrer ganzen Art, daß die Kinder ſie Tante Anna nannten und ſich freuten, 96 einmal einen ganzen Sonntag oder wol eine Nacht in jenem kleinen Schloſſe und bei dem Tannenparke blei⸗ ben zu dürfen, in welchem es ſo viele kleine chine— ſiſche, mit Geflügel bevölkerte Pavillons, ſo viele Ställe und Hürden und bei allem Geblök und Geſchnat— ter ſo viele melodiſche Windharfen gab. Anna von Harder hatte verſprochen, zur Weinleſe zu kommen und kam auch mit einem prächtigen vom Bedienten aus dem alten Wagen nachgetragenen Kranze von Georginen, den ſie nach dem Willen der Kinder ſich über die Schulter werfen ſollte, aber beſcheiden ab⸗ lehnend auf das Gewinde an den ſinnig geordneten Fruchttiſch wie eine beſcheidene Opferſpende zum Feſte hängte. Natürlich fehlte auch die unvermeidliche Frau von Trompetta mit ihrem ebenſo unvermeidlichen Inſe⸗ parable Fräulein von Flottwitz nicht.-L Unſere gute Frau von Trompetta war ſeit einiger Zeit gar verſtimmt. Der Hof hatte den Ankauf des Gethſemane abgelehnt und ſich nur zu einigen Aktien oder Looſen bereit erklärt. Sie war darüber in eine doppelt begründete Betrübniß verfallen. Einmal ſchmerzte ſie's der nun gehinderten raſcheren Beförde⸗ rung wegen, anderntheils war ſie in großer Beſorg— niß, nicht mehr in der Gunſt des Hofes zu ſtehen. 1 etu ——.,— ht in blei⸗ hine⸗ Ställe hnat⸗ von mmen jenten von 1 ſich 1 ab⸗ dneten Feſte u von Inſe⸗ einiger uf des Aktien ber in inmal fförde⸗ zeſorg⸗ ſtehen. 97 Die Altenwyl, die ſtrenge Richterin der Sitte, ſollte, wie ihr„geſteckt“ wurde, in den„kleinen Cirkeln“ etwas von der„Ruhmſucht der Wohlthätigkeit“ ge⸗ ſagt haben. Man hatte, erfuhr ſie, viel Anekdoten von ihren Zwangsmaßregeln, um ihre Sammlungen einmal den Künſtlern, ein andermal den Dichtern ab⸗ preſſen zu können, erzählt, und wie gern man das herr⸗ liche Werk, dies bunte fromme Gethſemane, bei Hofe beſeſſen hätte, man gab ſich doch wieder jener beſorg⸗ ten Rückſicht hin, ob nicht an ſo hoher Stelle eine Unterſtützung dieſer Zwangs⸗ und Ruhmſuchtswohl⸗ thätigkeit ein ſchlimmes Gerede geben und Anſtoß er⸗ regen könnte. Die Trompetta fand jedoch ihr Un⸗ glück in noch hundert andern Urſachen. Sie ſah Feinde, Verleumdungen, ſie projektirte einen Fußfall bei der Königin und wurde vor Kummer und Nachgrübeln über jhr„Malheur“ um einige Linien magerer. Sie mistraute ihren beſten Freunden. Von Pauline von Harder, die ſie ſchon längſt geringſchätzig behandelt hatte, glaubte ſie ſich zuerſt zurückziehen zu müſſen, was ihr bei der plötzlich ſo wunderbar geſtiegenen Be⸗ deutung jener Frau ſchwer, faſt unmöglich wurde. Für Anna von Harder, die bei Hofe in ſo hohem Anſehen ſtand, wurde ſie eben deshalb eine unerträg⸗ liche Plage. Sie ruhte nicht, bis eine Aufführung Die Ritter vom Geiſte. VI. 7 4 98 des Judas Maccabäus„innerhalb der Geſellſchaft“ zur Unterſtützung einer Kleinkinderbewahranſtalt an⸗ gebahnt war. Sie ſang geiſtlich, wo ſie nur konnte, und hatte auch für dieſen Weinleſenachmittag einige Oſter⸗Lamentationen aus der römiſchen Peterskirche mitgebracht. Auch der Flottwitz, ihrem unermüdlichen Trabanten, mistraute ſie zuweilen und machte ihr Vorwürfe, daß ſie ſeit dem verunglückten Hinterhalt auf der Terraſſe von Solitüde ſo oft mit Neigung von jenem Dankmar Wildungen ſpräche, der doch allge⸗ mein durch ſeine Grundſätze ſowol, wie ſeinen ver⸗ meſſenen Proceß, als ein Feind des Staates und der Kirche bekannt wäre. Sie hatte von Gelbſattel, der durch Rudhard's alte„Zeltkameradſchaft“ von Schul⸗ pforte her gleichfalls bei der Fürſtin Wäſämskoi ein⸗ geführt war und für heute Nachmittag mit ſeiner Gat⸗ tin und ſeinen Töchtern erwartet wurde, die ganze Bedeutung der von den Brüdern Wildungen erhobe⸗ nen Anſprüche vernommen und war nicht wenig in Verlegenheit, als ſie ſich gefaßt machen mußte, ihnen hier Beiden zu begegnen. Vor Siegbert ſchämte ſie ſich ſogar, ihres Gethſemanes wegen, das der Hof nicht angekauft hatte! Propſt Gelbſattel nahm die Einladung in nicht ge⸗ ringer Spannung an. Hätte er gewußt, daß er ſei⸗ caft t an⸗ onnte, einige kirche lichen te ihr terhalt g von allge⸗ vel⸗ nd der el, der Schul⸗ wi ein⸗ rGat⸗ ganze ehobe⸗ nig in ihnen ite ſie rHof cht ge⸗ er ſe⸗ nen ſcharfen Antagoniſten, den demokratiſchen Maler Mar Leidenfroſt, gleichfalls finden ſollte, wer weiß, ob er gekommen wäre! Leidenfroſt aber war recht eigentlich gerade die Hauptperſon des Feſtes; denn er hatte verſprochen, es durch Kunſtfeuerwerkerei, die er meiſterhaft verſtand, zu verſchönern und auf das Bril⸗ lanteſte zu beſchließen. Er war es, der ſchon am Tage zuvor einen ſtattlichen kleinen Böller von eini⸗ gen Arbeitern der Willing'ſchen Maſchinenfabrik, na⸗ türlich verdeckt in einem großen Kaſten, hatte in den Garten fahren laſſen. Er war es, der mit der Däm⸗ merung Heusrück, Alberti und den hochgeſchulterten Danebrand erwartete, um mit ihnen gemeinſchaftlich unter dem klaren Sternenhimmel des Herbſtes Pul⸗ ver und Arſenik unter den mannichfachſten Formen in Brand zu ſetzen. Gegen vier Uhr ſaß die ganze Geſellſchaft beim ſchönſten Sonnenſchein auf dem Gartenparkett in der Runde und ſchlürfte einen vorzüglichen Mokka. An Süßigkeiten ein Ueberfluß. Neben den gebetenen wa⸗ ren Bienen und Käfer die ungebetenen Gäſte. Alles athmete Luſt und Behagen. Es war ein heiterer An⸗ blick, dieſer blaue Himmel, dieſer grüne Raſen, die vol⸗ len Obſtbäume, die Blumen, die feſtlichen Anordnun⸗ gen, die geſchmückte Geſellſchaft. Und die Trompetta 7* 100 führte das Wort! Das war nicht minder lebendig! Auch Anna war ſehr angeregt. Die Gute fühlte ſich immer glücklich, wenn ſie von den Pflichten in Tem⸗ pelheide, die ſie gern übte, doch einmal erlöſt war. Gelbſattel gab manche gewichtige Meinung anzuhö⸗ ren... ſeine Gattin, die Pröpſtin, war freilich ſtumm. Die drei Töchter aber, ſonderbarerweiſe ſitzengebliebene und doch ſehr angeregte junge Damen, ſchoſſen mit⸗ redend auf Alles zu, was nur erörtert und berührt wurde. Leidenfroſt, wie man es erwarten konnte, im Ueberrock ohne alle Feſtestoilette, mit ſeinem grauen Hut, ohne Handſchuhe, hielt ſich gloſſirend zurückgezo⸗ gen. Siegbert dagegen machte faſt den Wirth, um⸗ ſomehr, als Rudhard etwas auf dem Herzen hatte und nicht recht aufthauen konnte. Die Flottwitz ſchien etwas ungeduldig. Dankmar fehlte noch. Sein Bruder ent⸗ ſchuldigte ihn durch die vielen Mühen, die ihm der Proceß koſte, wobei er einen faſt abbittenden Blick auf den Propſt warf, der ſeinerſeits das Wort ergriff und ſogleich mitten in jene Stimmungen hineinfuhr, die in ihm dieſe inzwiſchen immer mehr vorgeſchrittene An⸗ gelegenheit wecken mußte. Seine älteſte Tochter, Emmy, warf ihm einen ver⸗ weiſenden Blick zu, als er ſo polterte; er möchte ſich mäßigen, die Umgebungen in Anrechnung bringen... dig! ſich Lem⸗ war. uhö⸗ mm. ebene mi⸗ rührt e, im auen kgezo⸗ um⸗ te und etwas er ent⸗ n der ick auf f und 4 die e An⸗ n ver⸗ te ſich en... 101 Allein, noch erwärmt von dem Beſuche Sylveſter Rafflard's, der eben bei ihm geweſen war, legte der Propſt ſeinem Redeeifer keinen Zügel an, ſondern ver⸗ ſetzte alle Anweſende raſch auf den Standpunkt, in dem ſich gegenwärtig die merkwürdige Johannitererb⸗ ſchafts⸗Angelegenheit befand. Fünktes Capitel. Gegenſätze. Es iſt erſtaunlich, begann Gelbſattel, wie tief dieſe Sache in Fleiſch und Blut der wichtigſten Intereſſen eingreift. Ich will von einigen kleinen Stiftungen nicht ſprechen, die ſelbſt in dem Falle, daß der Staat den Proceß gewönne, verloren wären... Davon nicht ſprechen? unterbrach den Poyſt ſe⸗ gleich voll Eifers Frau von Trompetta. Von frommen Stiftungen nicht ſprechen?. Allerdings, ſagte der Propſt. Wenigſtens ſolche Stiftungen, die in einem frommen Sinne begründet wurden— Zu denen du doch, fiel Rudhard ein, nicht etwa die Sonnabendspredigt rechnen wirſt, die regelmäßig in der kleinen Dreieinigkeitskapelle ein Candidat zur Judenbekehrung halten muß? Lieber Freund, antwortete Gelbſattel, ich theile viel⸗ — dieſe reſſen ungen Staat ſt je⸗ mmen ſolche ründet etwa mäßig aat zur le vie⸗ „ 105. irgendwie auch mit den Bedürfniſſen der Witwen und Waiſen zuſammenhingen? Mar Leidenfroſt verzog die immer ſarkaſtiſchen Mie— nen zu einem entſchiedenen Lächeln und platzte hervor: Nun Das muß ich geſtehen, ich wollte eben eine Mücke todtſchlagen, als mir einfiel, daß ſie vielleicht einen alten Vater zu ernähren hat! Man lachte wohl über dieſes Gleichniß, aber Propſt Gelbſattel, der das Bild von der Academia della Crusca, das Leidenfroſt einſt bei Louis Armand mit Anſpielung auf Gelbſattel's Kunſtanſichten angegeben, nicht vergeſſen hatte, warf einen verächtlichen Blick auf den Sprecher, der ſich in dem Bewußtſein, die Ge— ſellſchaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu Aurfen, ganz behaglich auf ſeinem Gartenſeſſel wiegte und mir den Kindern allerhand Kurzweil trieb, auch Siegberten dadurch neckte, daß er ſich ſtellte, als wenn er nicht wüßte, wie man in ſolcher Geſellſchaft Kaffee tränke und Gebackenes äße. Er faßte den Theelöffel manchmal abſichtlich verkehrt oder gab ſich die Miene, als wollte er ſein Getränk in die Untertaſſe gießen und aus dieſer ſchlürfen, worüber Siegberten, der gleichſam hier für ihn wie für ein wildes Thier gut ſtand, ein Schrecken überfiel. Leidenfroſt machte, als er ſeine Taſſe auf den Tiſch zurück ſtellte, ſogar 106 einmal die Miene, als wenn er den Taſſenkopf, wie die Bauern thun, umwenden wollte. Siegbert merkte wohl, daß ihn Leidenfroſt nur neckte; aber er dachte ſich doch die Möglichkeit, daß ihm der wilde Cyniker wirk⸗ lich einen ſolchen Streich vor der Fürſtin ſpielen konnte. Daß er ihm ſeinen Ueberrock und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte, peinigte ihn ſchon genug. Ich habe mich, fuhr Leidenfroſt fort, ganz genau nach allen wohlthätigen Dependenzen jener Erbſchaft erkundigt. Mein Freund Siegbert iſt zu gewiſſen⸗ haft, Mücken todtzuſchlagen, die einen alten Vater er⸗ nähren müſſen. Er würde, wenn der Familie Wil⸗ dungen Das wird, was von Gott und Rechtswegen ihr gebührt, ſicher Niemanden entgelten laſſen, daß das Unrecht früherer Zeiten ihm Wohlthaten ſpendet/ die das Recht der Gegenwart ihm entzöge Was iſt nun da zum Vorſchein gekammnen? Nichts, was ſein Gewiſſen beunruhigen könnte. Die alten Häuſer wer⸗ den luxuriös verwaltet und verfallen in Truüͤmmer. Wo man Familienwohnungen für die Armuth hätte bauen ſollen, duldet man den Fortbeſtand von Höh⸗ len des Laſters und des Elends, deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird, die keine innere Nothwendigkeit ha⸗ ben. Dieſe Häuſer, dieſe Liegenſchaften und Grund⸗ zinſen bringen enorme Summen ein. Wozu werden 5 Aℳ 107 f, wie ſie verwendet? Zur Herſtellung eines Ueberfluſſes ne⸗ mertte ben dem Nothwendigen, für das ſchon von anderer dachte Seite geſorgt iſt. Gründlichen Beſitz wagte die Stadt rwirk⸗ nie von jener Verlaſſenſchaft zu nehmen. Schulen, onnte. Witwen und Waiſen ſind nicht darauf angewieſen, kenhut wohl aber frivole, überflüſſige Zwecke, als da ſind: . V Judenbekehrungspredigten, Miſſionsbeiträge, Bibelgeſell⸗ genau ſchaftsunterſtützungen und dergleichen Frivoles mehr. bſchaft Das einzige Praktiſche ſind die bedeutenden Vergröße⸗ vifeen⸗ rungen der Emolumente des hohen Rathes der Stadt, er er⸗ der Geiſtlichkeit, derjenigen Kirchen, über die der Ma⸗ Vi⸗ giſtrat das Patronat hat, eine Kutſche für jeden der vier Syndici, eine Kutſche für— ich bedaure es ſagen ſwegen 14 num zu müſſen— für die Propſtei und damit ich nichts dete verſchweige, allerdings der ſehr ehrenwerthe Fond a5 ſt für diejenigen Geiſtlichen, die an den drei Hauptkir⸗ ſein chen der Stadt angeſtellt ſind und Töchter haben, um wer⸗— deren Ausſtattung ſie in Verlegenheit ſind. Denn jede umer Pfarrerstochter, die ein drittes Aufgebot nachweiſt, hätt bekommt eine Ausſteuer von tauſend Thalern. An Hüh⸗ dieſer philanthropiſchen Inſtitution verſündigen ſich aller⸗ ecen dings die Gebrüder Wildungen ſehr, wenn ſie den ia⸗ Proceß gewinnen ſollten. und Leidenfroſt unterbrach ſich hier ſelbſt und bat um adr Entſchuldigung, da ihm der Gärtner wegen einiger 1098 Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemeſſener Ent⸗ fernung winkte. Er erhob ſich raſch und ging. Paulowna und Rurik ſprangen ihm nach und verließen die Geſellſchaft, die über die bittern Worte des ſchroffen Mannes faſt erſchrocken war. Es währte einige Zeit, bis ſich eine harmloſe Stimmung wiederfand. Man wollte das Thema der Erbſchaft verlaſſen, fing über zufällige an⸗ dere Veranlaſſungen eines lauten Urtheils zu ſprechen an, aber die Trompetta konnte ſich nicht mäßigen. Man hatte die ihr heiligſten Dinge, jene Stiftungen, jene Zweckvereine frivol genannt. Da half nichts, ſie mußte die Hände zuſammenſchlagen und mit einem Blick hinter dem in den Gängen des Gartens mit den Kindern verſchwindenden Leidenfroſt her ausrufen: Großer Gott! Was man nicht Alles hören muß in dieſer Zeit! Die Bibelgeſellſchaften frivol! 8 Die Fürſtin wollte Leidenfroſt ſeiner Sonderbar⸗ keit wegen entſchuldigen. Siegbert ſprach von ſeiner gewöhnlichen rückſichtsloſen Art, aber die Trompetta verlangte von den Männern ein Urtheil, ein Verdam⸗ mungsurtheil, eine entrüſtete Aeußerung, eine In⸗ dignation, ein Anathem! Gelbſattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor. Er pries die Bibel, nannte ſie das Buch Ent⸗ m und ſchaft s faſt heeine e das ge an⸗ rechen igen. ungen, hts, ſie einem nit den en: n muß 3 derbat⸗ ſeiner mpetta erdam⸗ e In⸗ Far be Buch 109 aller Bücher, rühmte die Thätigkeit der Bibelgeſell⸗ ſchaften, gab ſtatiſtiſche Angaben über die Zahl der von England herübergekommenen und vertheilten Exem⸗ plare... Das war aber Alles nichts. Die Trompetta beruhigte ſich nicht und forderte dadurch den etwas unwirſchen und verdrießlichen Rudhard heraus zu der Aeußerung: Meine gnädige Frau! Die Bibel iſt ein herrliches Buch! Sie iſt gar kein Buch, ſondern ein Stück von der Geſchichte ſelbſt! Sie iſt das Leben ſelbſt und wol von Gott eingegeben, wie alle Zeugniſſe ſeiner Größe, ſei⸗ ner Allmacht, wie alle Wunder, wo man die Züge ſeines Athems zu hören glaubt. Allein, beſte gnä⸗ dige Frau, die Bibel will geleſen, will verſtanden ſein. Ich bin dieſer Tage einmal in den Fall gekommen, einem Menſchen, der mich fragte, ob er die Bibel leſen ſolle, zu ſagen: Guter Freund, hier habt Ihr ein Buch! Leſ't darin! Es iſt nicht die Bibel, aber beſſer füj Euch! Es war der Don Quixote. Großer Gott! ſchrie die Trompetta auf und auch Anna von Harder fühlte ſich doch wie von einer kal⸗ ten Hand ergriffen. Die Bibel und der Don Quixote! rief man entſetzt. Alle Töchter des Propſtes waren vor Erſtaunen ſprachlos. · 110 Das iſ ganz einfach, ſagte Rudhard ſehr gelaſ⸗ ſen. Unſer Kutſcher verfiel kürzlich in eine Art Trüb⸗ ſinn und fing in ſonderbarſter Weiſe an, über Leben und Sterben zu ſprechen. Den Namen Gottes führte er ſelbſt beim Striegeln ſeiner Pferde im Munde und unterließ alle die herzhaften Flüche, die früher die Thiere von ihm gehört hatten und an die ſie ſchon ge⸗ wöhnt waren. Sie zogen nun auch viel ſchlechter. Peters, fragte ich ihn eines Tages, du biſt ſo trübe ſinnig, was fehlt dir? Herr Pfarrer, antwortete er, ſchon lange wollt' ich einmal mit Ihnen ſprechen und mein Gemüth ſtärken. Was haſt du, Peters? fragt' ich. Er erzählte mir dann eine traurige Geſchichte von ſeinen häuslichen Leiden. Seine Frau wäre welt⸗ lich geſinnt, lebte unter Spöttern und Ehebrechern und es verlange ihn recht die Bibel zu leſen. Warum willſt du die Bibel leſen? fragte ich. Um mich vorzuberei⸗ ten, mich von meiner Frau ſcheiden zu laſſen, ſagte er... Anna von Harder fand dieſen Zug, Rudhard un⸗ terbrechend, ſehr bedeutungsvoll und nannte eine ſolche im Volke noch wurzelnde Empfindung eine Seltenheit, da man gerade jetzt auf die leichtſinnigſte Art ſich ver⸗ bände und wieder trennte. Gut, ſagte Rudhard, ich hätte auch nichts gegen eine ſolche Vorbereitung einzuwenden gehabt. Ich er⸗ 111 gllaſ⸗ kundigte mich aber genauer nach den Verhältniſſen Trüb⸗ des Mannes, dem Charakter und der gegenwärtigen Leben Handthierung ſeiner Frau, und da merkt' ich wohl, führte daß unſer guter Peters nur ein Hypochonder war, die de und unſchuldigſten Dinge ſchwarz ſah und auf ſeinem Kut⸗ het de ſcherbock Grillen fing. Unter ſolchen Umſtänden hielt hon ge⸗ ich es für beſſer, ihm ſtatt der Bibel eine heitere Lektüre eccher anzurathen. Wir kauften ihm eine hübſche Ausgabe d trib- des Don Quixote mit ſchönen Bildern. Er hat ſich tete er, nun in die Heldenthaten des ſinnreichen Junkers von en und La Mancha ſo verleſen und lacht auf dem Bocke noch fragt hinterher, wenn ihm plötzlich einfällt, was er Abends ſſhihe in ſeiner Stallkammer in ſich aufgenommen hat, ſo ne wal⸗ luſtig, daß die Pferde jetzt viel beſſer ziehen, und ich enn und meine, Das iſt ein Reſultat, wie wir es durch die villt Bibel nie gewonnen hätten. Irbri Rudhard endete damit eine Erzählung, die die Un⸗ V. befangenen, beſonders Siegbert befriedigte, nur vor⸗ and un⸗ zugsweiſe Frau von Trompetta nicht. Sie ſchüttelte och den Kopf und fand hier etwas, was nicht nach dem um landesüblichen Syſteme war. le Der Blick nach dem Kutſcher und die Erwähnung ch des Stallkämmerchens hatte die Augen auf den Ein⸗ a gang des Gartens gelenkt, durch den jetzt eben Dank⸗ 5 geg 3 mar Wildungen eintrat. Ich er⸗ — Dankmar kam in großer Erregung. Erſchei⸗ nen des anziehenden jungen Mannes, 4 Tag zu Tag an Kraft des Willens und edler Männlich⸗ keit gewann, erregte das allgemeinſte Intereſſe. Man fühlte, daß der Kreis erſt jetzt vollſtändig wurde. Die Damen grüßten ihn durch eine leichte Erhebung; die Männer ſtanden auf, um ihm die Hand zu reichen, ſelbſt Propſt Gelbſattel übte einen Akt der antiken He⸗ roenzeit; er ehrte ſich ſelbſt in ſeinem Gegner und machte die nähere Bekanntſchaft deſſelben gleichſam ſo, daß er die Waffen erſt zu ſeiner Begrüßung ſenkte. Er erwähnte ſogleich den Vater der Brüder, die alte Zelt⸗ kameradſchaft von Schulpforte und pielte neckend auf das zukünftige Glück der Söhne ſe nes alten„Freun⸗ des“ an, ohne jedoch die Mutter zu erwähnen, weil ihn dies Thema in Gegenwart ſeiner Familie zu weit geführt hätte. Die meiſte Achtung zollte Dankmar der Fürſtin, die ihn gar freundlich begrüßte und ihn der neben ihr ſitzenden Anna von Harder vorſtellte. So ſah denn Dankmar endlich auch dieſe vielbeſprochene und ihm ſelbſt ſo werthvolle Frau zum erſten male in der Nähe! Anna betrachtete den jungen, für unternehmend und charakterfeſt bekannten Mann mit Wohlgefallen und konnte wol begreifen, daß die Flottwitz über und über nſchei⸗ erröthete wals ein kurzer, flüchtiger, aber ſonderbar her⸗ Tag ausfordernder Blick aus Dankmar's blitzendem Auge mlich⸗ ſtatt aller Begrüßung zu ihr hinüberſtreifte. Die Trom⸗ Man petta fragte, ob er ſich erſt ſo ſpät von ſeinem Freunde, Die dem Prinzen Egon, losgeriſſen hätte? z die Ich komme ſoeben, antwortete Dankmar, den eichen, Kaffee, den ihm der Bediente bot, raſch niederſchlür⸗ en He⸗ fend, von Hauſe, vor zwei Stunden aber aus der r und Kammer. an ſo, Was iſt vorgefallen? fragte man geſpannt.* e. Er Eine eigentliche Herausſtellung der Parteien, ant⸗ ezel⸗ wortete Dankmar, wird ſich erſt heute Abend in der 1d auf Berathung cines zaragtaphen zur Geſchäftsordnung hran⸗ ergeben. 4 wel Alſo eine Abendſitzung? ſchaltete die Trompetta vi ein und überlegte, ob ſie einen Verſuch machen ſollte, a we ſich ihrerſeits an das conſtitutionelle Leben zu gewöhnen * und ob ſie den Abend frei hatte... Bini Man will das Beiſpiel einer großen Befliſſenheit hen ie geben, fuhr Dankmar fort. Man will Abendſitzungen den halten und Niemand trug auf Zeiterſparniß und Fleiß nd üun eifriger an als der Fürſt von Hohenberg. Rihe Im Stillen dachte die Fürſtin Wäſämskoi etwas 4 un ſpöttiſch: Arme Helene! in 1 Die Grunpen, fuhr Dankmar fort, werden ſich nd u Die Ritter vom Geiſte. VI. 8 8 —114— erſt ſcheiden bei dem Antrage der Regierung, daß die Miniſter das Recht haben ſollen, zu jeder Stunde, auch nach ſchon geſchloſſener Debatte, in der Kammer das Wort zu ergreifen. Es wird ſich dabei heraus⸗ ſtellen, auf welche Majorität das Miniſterium über⸗ haupt rechnen kann. Einſtweilen hat die Bildung der Ausſchüſſe die Thätigkeit der Kammer allein in An⸗ ſpruch genommen und bei dieſer Gelegenheit war es, daß Egon heut' eine Rede hielt, die einen Sturm von Beifall, die Bewunderung des ganzen Saales, den Jubel aller Tribünen und die höchſte Spannung ſelbſt des Miniſtertiſches hervorrief. Erzählen Sie davon! hieß es. Dankmar, voll innigſter Theilnahme, raſch und feurig bewegt, fuhr fort: Der Fürſt war in den induſtriellen Ausſchuß ge⸗ wählt und trug darauf an, ihn aufzulöſen und neu⸗ zuwählen. Man opponirte. Er ſagte: Ich bin der Berichterſtatter des Ausſchuſſes: meine Gründe haben ihn beſtimmt, ſelbſt eine Auflöſung zu erbitten. Ich referire für ihn. Die Partei der Linken hatte aber das Uebergewicht in dieſem Ausſchuſſe gehabt und widerſetzte ſich der Neubildung. Darüber nahm denn Egon Veranlaſſung, von dem Parteigeiſte überhaupt und von der Zerriſſenheit der ſtaatsrechtlichen Prin⸗ ß die runde, mmer raus⸗ über⸗ g der n An⸗ ar es, n von , den ſelbſt h und uß g⸗ d neu⸗ in der haben . Jch e aber öt und n denn erhaupt Prin⸗ 115 cipien, gegenüber den wahren Bedürfniſſen der Völker, in ſo ergreifender Weiſe zu ſprechen, daß der Ausſchuß neu gebildet und durchaus nur von Männern, die über dieſe Gegenſtände kompetent ſind, zuſammengeſetzt werden wird. Brav, rief Rudhard. Ich gebe die Verſicherung, daß Egon der Begründer einer neuen Politik, der der Unparteilichkeit und alleinigen Geltendmachung des wahren Volkswohls ſein wird. Das wäre eine echte Errungenſchaft! rief innigſt Antheil nehmend Anna, die in einer ſolchen vermit⸗ telnden Politik eine Bürgſchaft des Friedens und der Liebe ſah. Aber die Trompetta, Flottwitz, Gelbſattel verlang⸗ ten doch noch näheren Aufſchluß über die Parteifarbe und wollten ohne Parteifarbe in der gegenwärtigen Zeit nichts gelten laſſen. Auch Siegbert blickte den Bruder geſpannt an und wollte von ihm hören, wie ſich Egon, auf den die jungen Männer ſo viel Hoff⸗ nungen ſetzten,„gemacht“ hätte. Ich kann, ſagte Dankmar, nur berichten, daß Egon ſehr gewandt, ſehr anziehend ſprach. Er vermied jede Verletzung irgend einer Partei. Er bat die Parteien, höhere Geſichtspunkte zu gewinnen. Die Rede floß ihm ſo gefällig, ſo gewandt vom Munde, man ſah 8* ihm ſo die lange Beobachtung eines vorzugsweiſe redneriſchen Volks, der Franzoſen, an, daß es mir manchmal war, als dächte er Das, was er deutſch ſprach, erſt franzöſiſch. Gewiſſe Schlagworte, gewiſſe Antitheſen brachte er ſo wohlangelegt vor, daß ſie ihm ſtürmiſche Unterbrechungen ſeiner Rede zu Wege brachten. Daß ich Das verſäumte! meinte die Trompetta mit Melancholie und ſtiller Gewöhnung an die Neuzeit. Man kann ſich denken, bemerkte die Fürſtin etwas verſtimmt über dieſe lange Apotheoſe des Freundes ihrer Schweſter; man kann ſich denken, wie pikant es der Galerie ſein muß, ſich zu ſagen: Dieſer Redner trug in Frankreich die Blouſe und führte den Hobel eines Tiſchlers! Man lächelte über dieſe Bemerkungz aber Dank⸗ mar nahm ſie im Ernſte auf und äußerte: Ja, Durchlaucht, Das iſt es auch! Als Egon auftrat, murmelte der ganze Saal vor Spannung. Es war als hörte man, wie Jeder den Andern an⸗ ſtieß und flüſterte: Das iſt der entartete Sohn des berühmten Kriegers! Das iſt der junge Hohenberg, der in Lyon Communiſt war und als Handwerker auf der Landſtraße„fechten“ ging. Denn natürlich! Das Gerücht übertreibt ſogleich. Ein einziger aben⸗ veiſe mir utſch wiſſe ſie Gege a mit eit. wwas ndes ikant edner Hobel Dank⸗ Ggon nung. an⸗ des erg, verker rlich! aben⸗ teuerlicher Zug wird ſogleich die Veranlaſſung eines Märchens. Die unglückliche Amanda! ſchaltete Anna ein; wenn ſie Das ſähe! Wenn ſie für ſoviel grauſame Schläge, die das Schickſal nach ihrem Herzen führte, dieſe Mutterfreude erlebt hätte! Propſt Gelbſattel, der wiederum voll Unmuth ſah, daß doch ſo außerordentlich viel in der Welt jetzt ge⸗ ſchah, ohne ſein Zuthun, ohne eine Anfrage bei ihm, ohne ein Gutachten, wie es ſonſt in den heterogenſten Dingen von ihm gefodert wurde, Gelbſattel wünſchte etwas von Dem zu hören, was Egon geäußert, be⸗ ſonders über die Gewerbe geäußert hätte. Dankmar ſagte, daß Dies die Zeitungen heute Abend ausführlich berichten würden. Egon hätte in der Gewerbspflege eine Vermehrung der Reichthümer einer Nation nachgewieſen; denn die Arbeit ſchaffe Werthe und Werthe der Arbeit wären Daſſelbe, was Werthe des Beſitzes, ja moraliſch genommen, wären ſie noch koſtbarer. Die Pflege der Gewerbe könne nur erblühen in einem freien, in einem mächtigen Staate. Wenn unſre Monarchie in Deutſchland er⸗ ſtarke, ſo könnte der Wettkampf mit England gewagt werden— ich meine, rief er, jener unblutige Krieg der Arbeit mit der Arbeit, des Fleißes mit dem Fleiße, des Menſchenberufes mit dem Menſchenberufe— eine Stelle, die großen Beifall hervorrief. Anna unterbrach Dankmar mit den faſt wehmü⸗ thigen Worten: Sie iſt auch ſchön! Ich geſtehe, daß der Gedanke, wie in dieſem jungen Manne die edle Natur ſeiner Mutter ſo hervorbricht, mich unendlich rührt. Von der Verfaſſung der Gewerbe, fuhr Dankmar fort, ſagte Egon, daß man ſie durchaus ſchützen müſſe, ohne die veraltete Form dieſes Schutzes beizubehalten. Bei Aufhebung des Zunftzwanges, rief er, hat ſich der Zeitgeiſt, der es liebt, ſich zu überſtürzen... Sagte er Das? fragte ſchnell die Flottwitz ange⸗ nehm überraſcht. Ja, mein Fräulein, antwortete Dankmar bitter, aber doch mit einer Art ſchalkhafter Galanterie, er ſagte Das, kurz vor einem Angriff auf Vermehrung der Armee... Halten Sie Das für mein einziges Princip? fragte das junge Mädchen den Kopf mit Grazie erhebend, daß die Locken in ein angenehmes Schaukeln geriethen. Das nicht, ſagte Dankmar, aber ich kann Sie verſichern, daß er auch dem Reubund einen recht ſchnei⸗ denden Seitenſtich verſetzte. Hören Sie nur! Bei Auf⸗ hebung des Zunftzwanges, ſagte Egon, hat ſich der Zeitgeiſt, der es liebt, ſich zu überſtürzen, darin geirrt, eine hmü⸗ anke, ſeiner rfort, ohne Bei h der ange⸗ -, aber eDas, iee. fragte gebend, gethen⸗ n Sie ſchnei⸗ ei Auf⸗ ſich der 1 geirtt daß er das Kind gleich mit dem Bade verſchüttete. Das Gute am Zunftzwange hätte ſchon bleiben ſollen. Allein unſer damaliger Staat, der Militairſtaat, rief er, wie tief ſtand er! Wie oberflächlich waren ſeine Neuerungen! Wie verbrecheriſch ſeine Beſtrebungen, ſich auf Koſten der innern Kraft äußerlich auszudeh⸗ nen! Er gab die Gewerbe frei, nicht um der Gewerbe willen, ſondern um ſeiner Armee willen! Er ſagte: Ruinirt Euch, wenn Ihr mit dem geſcheiterten Ver⸗ ſuche, glücklich zu werden, mir nur die Patente, die Freiheiten des Gewerbes bezahlt! Dieſer ſchlechte Staat von damals, rief er, derſelbe Staat, den die blinde Reue bündleriſch wiederherſtellen will... Ah, rief die Trompetta. War Das die Stelle? Das war die Stelle, gnädige Frau! ſagte Dankmar. Aus dem Munde des Sohnes— Eines Generalfeldmarſchalls! griff Dankmar die zweite Rüge, die vom Fräulein von Flottwitz kam, auf. Die Galerieen waren außer ſich darüber, nicht etwa vor Zorn, ſondern vor Jubel. Der Präſident mußte die Glocke ziehen und den Zuhörern alle Zeichen des Antheils und der Misbilligung unterſagen— Ah! Das war ſeine Schuldigkeit! bemerkte die Trompetta, die ſich conſtitutionell zu bilden anfing. Aber, wie weiter? 120 Dieſer ſchlechte Staat, fuhr Dankmar fort Egon's Worte zu wiederholen, den jetzt die blinde Reue bünd⸗ leriſch wiederherſtellen will, hatte zur Förderung einer unverhältnißmäßigen Kriegsmacht nur die üppige, wu⸗ chernde Fortpflanzung der Bevölkerung zum Ziele. Dieſer Staat vernichtete die Gewerbe, indem er ſie der Willkür preisgab. Er erleichterte das Recht des Anſiedelns, des Meiſterwerdens, der Heirathen. Er wollte nur Menſchen und raſchgewonnene Einnahmen für den Fiskus. Kurz, Egon ſchilderte die Nothwendig⸗ keit der ernſteſten Erwägungen dieſer Verhältniſſe mit ſo lebhaften Farben, daß man auf ſeinen Wunſch ein⸗ ging und den Gewerbeausſchuß aus den Elementen der Kammer zuſammenſetzte, die über die Intereſſen der Arbeit kompetent ſind. Es ergab ſich zwar nun⸗ mehr, daß die linke Seite bei der Zuſammenſetzung dieſes Ausſchuſſes im Nachtheile war, ſie verlor drei Stimmen und hatte die Majorität nicht mehr, aber man beachtete kaum dies Reſultat, ſo wirkte der Zauber der Perſönlichkeit des Prinzen und ſeiner aus der un— mittelbaren Anſchauung des Volkslebens gewonnenen Ueberzeugung nach. Die Trompetta, Fräulein Wilhelmine, die drei Gelbſattels, ſelbſt Rudhard waren nur froh, daß die linke Seieoin der Minorität geblieben war und be⸗ goll bünd⸗ einer „wu⸗ Ziele. er ſie ht des . Er ahmen endig⸗ ſe mit h ein⸗ menten tereſſen rnun⸗ ſetzung or drei aber Zauber eer un⸗ nnenen aß die und be⸗ zweifelten jetzt keineswegs die gewaltigen Talente des neuen Staatsmannes. Siegbert ſah Dankmarn be⸗ denklich an. Dankmar flüſterte ihm zu: Ich habe viel mit dir zu reden. Ich verlange entſchieden, daß wir Beide um acht Uhr heute frei ſind... Siegbert nickte ihm zu, daß er ſich darauf verlaſſen könne... Die Fürſtin erhob ſich und bat die Geſellſchaft, ihr be⸗ hülflich zu ſein, nun die Trauben vom Stock zu löſen. Einer der Bedienten präſentirte die Körbchen mit den Meſſern. Die Damen fanden die Idee allerliebſt und Alles folgte der Fürſtin, um das Werk zu beginnen und dem Dienſte des Bacchus in holdeſten Grenzen zu opfern. In der Ferne ertönte auf ein von Leidenfroſt, der ſich wieder genähert hatte, gegebenes Zeichen eine ſanfte Muſik, die irgendwo in einem hinterſten Winkel des Gartens verſteckt ſein mußte. Die Fürſtin war davon auf's Angenehmſte überraſcht und als es ſich herausſtellte, daß dies eine Idee von Leidenfroſt ſelbſt war, ſöhnte man ſich mit dem wunderlichen Manne, der ſie Alle durch ſeine Aeußerungen verletzt hatte, im Geiſte leidlich wieder aus und ging wohlgemuth, unter den ſanften Accorden, ſcherzend und neckend än die ſpielende Arbeit. Die Näſcherei Paulowna's und Rurik's hatte nun freilich ſchon früher dafür geſorgt, daß vi„Wein⸗ 122 leſe“ keine zu lange Zeitdauer in Anſpruch nahm. Unter mancherlei Scherzreden und Neckereien war man bald mit der„Ernte“ fertig und überließ den Kindern, den helfenden Dienern und Mägden, hie und da die Beeren, die noch verſteckt oder ſchwer zu erreichen waren, vom Stamme zu löſen. Man ſollte nun die gefüllten Körbe bei ſich behalten, ihren Inhalt ent⸗ weder ſelbſt verzehren oder mit ſich nehmen. Das war die Antwort, die die Fürſtin Jedem gab, der einen Ort zu wiſſen wünſchte, wo er ſeine Beute niederlegen ſollte. Die Fräuleins Gelbſattel, die ſehr lang waren, kamen dabei gut fort. Sie hatten reichlich geſammelt. Die Trompetta, die Lebhafteſte, hatte nur geringe Ausbeute. Sie war zu klein, um mit ihrem Meſſer beſonders hoch zu langen und das Anerbieten von Stühlen, Schemeln und Leitern, die die Diener in Bereitſchaft hielten, ſchien ihr bei ihrem corpulenten Wuchſe zu halsbrechend und gefährlich. Sie irrte von Blatt zu Blatt und klagte wie der Fuchs in der Fabel aufblickend, daß man ihr Alles vorweggeſchnitten hätte. Wo iſt denn noch eine Traube? Wo? Wo? rief ſie. Kinder! Ich ſehe nichts! Wilhelmine! Wilhelmine!... Aber Fräulein Wilhelmine von Flottwitz ſtand ihr nicht mit gewohnter Treue zur Seite. Sie war fort⸗ während mit Dankmar in neckendes Geſpräch ver— 123 ahm. wickelt... Die Fürſtin nahm die Leſe ſehr umſtänd⸗ man lich und ernſt, faſt pedantiſch. Siegbert mußte ihr dern, den Korb, die Hand, den Schemel halten. Rudhard g die und Gelbſattel erzählten ſich von einer Weinleſe bei ichen Naumburg, die ſie einſt in lateiniſcher Sprache hätten n die mitmachen müſſen und lächelten über die Erinnerung, ent⸗ wie die Portenſer, wenn Einer eben ſagte: O quam war dulcis haec uva est! und eine Traube in den Mund Ort herablaſſen wollten, ſie immer vom Andern geraubt legen bekamen, wobei ſie auf Wildungen übergingen, der zu aren, Denen gehörte, denen man nur zu oft den Genuß unelt. verdarb, wenn er eben ſagen wollte: O quam dulcis eringe haec uva est! Meſſer Die eigenthümlichſte Erregung unter Allen zeigte n von Olga. Sie hatte den Trieb, gleichſam die Ehre des ner in ganzen Feſtes zu vertreten, war hier und dort, ſprach lenten mit Dem und Jenem, half überall nach und befahl devon in der Stille, was die Mutter ihr zu laut zu befehlen Fabel b ſchien oder wol gar ganz vergeſſen hatte. Und bei hünte 4 alledem zog ſie ſich von Jedem zurück, blieb allein, f ſ. hüpfte bald da⸗, bald dorthin und ſchien nur von Einem el. Gedanken beſeelt, dem, ihren geliebten Freund Sieg⸗ d ihr bert nur einen kleinen Moment für ſich allein zu beſitzen. ſon⸗ Die Mutter, die Flottwitz, die Fräuleins Gelbſattel, Alle machten ihr den Verdruß, daß ſie auch an Siegbert zuviel Gefallen fanden und ihn immer nur für ſich behiel⸗ ten, während ſie nicht ein Wort von ihm erhaſchen konnte und nur zuweilen einen freundlichen Blick, der ſie mehr verwundete als erfreute, denn in dieſem Blicke lag Das nicht, was ſie in ſeiner Seele ſuchte. So kam es, daß ſie von einer quälenden Unruhe hin- und her— getrieben wurde und nur bei Leidenfroſt zuweilen Stand hielt, mit dem ſie wenigſtens lachen, über Alle ſpotten konnte. Sie ging mit dem kleinen, unſchönen Mann in den hinterſten Theil des Gartens, wo ein Hügel zum Feuerwerk hergerichtet war. In der Mitte ſtand der Böller. Ringsherum waren Stakete feſtgepflanzt, an welchen ſchon am Morgen Leidenfroſt ſeine pul⸗ vergefüllten Papiere befeſtigt hatte. Am Fuße des Berges, in einer Laube ſaßen fünf Muſtkanten, die von Blaſeinſtrumenten eine weiche, für Gartenräume zweckmäßige Muſik aufführten. Olga ſorgte dafür, daß dieſe Leute Erfriſchungen bekamen. Die Mutter achtete nicht ſolcher Dinge, die ihr kaum einfielen und die, wenn man ſie daran erinnerte, immer Ver⸗ anlaſſung gaben zum Streit. Denn ſie hatte dann immer dieſelbe Sache längſt bedacht, aber natürlich ganz anders und viel beſſer ausführen wollen. Die Geſellſchaft wandelte im Garten auf und ab, bald vereint, bald zerſtreut. Olga galt für ein Kind, behiel⸗ konnte mehr e lag kam dher⸗ Stand potten Mann Hügel ſtand flanzt, pul⸗ ſe des n, die räume dafür, Muttet nfielen Ver⸗ dann fürlich d ab, Kind 125 man nahm wol Notiz von ihr, aber ſcheute ſich nicht, ein Geſpräch abzubrechen, wenn ſie ſich nahte. Sie ſtreifte an den Beeten entlang und ſchloß ſich Niemanden an. Rudhard verbot ihr dieſe Iſolirung und ſagte ihr im Vorübergehen, ſie müſſe ſich an die Mutter halten. Wird ſie mich denn wollen? fragte ſie und warf die großen Augen ſicher und feſt auf Rudhard, der ihr keine weitere Antwort darauf gab; denn er blieb im Vorübergehen mit der Pröpſtin nicht ſtehen, wie ſie. Sie ſah ihm eine Weile nach und wandte ſich dann, gedankenlos hin⸗ und herirrend und Manchem, der mit ihr ſprechen wollte, nicht einmal Rede ſtehend, wieder zu den Muſikern. Unter dieſen war ein alter Mann mit weißem Barte. Er blies das Waldhorn... Wäre Das ein Harfner, ſagte eine Stimme hinter ihr, als ſie an der Laube ſtand und die Notenblätter der Leute muſterte, ſo würde man an Mignon und den Alten erinnert werden. Es war Dankmar, der dieſe Aehnlichkeit fand, und alle Damen ſtimmten ein... Was wußte Olga vom Harfner und von Mignon! Was hatte ſie von dem Geſpräch, das die weiterwan⸗ delnde Geſellſchaft über Goethe und Wilhelm Meiſter und die Bekenntniſſe einer ſchönen Seele begann! Sie folgte dem Zuge der Luſtwandelnden, kaum theilneh⸗ — —— 126 mend am Aeußerlichen, noch weniger an dem Gegen⸗ ſtand des Streites, der ſich ſogbeich zwiſchen Dankmar und der Trompetta ergab über Goethe, über Wilhelm Meiſter, über die Bekenntniſſe einer ſchönen Seele, über Alles durcheinander... Anna von Harder faßte Olga's Arm und ließ ſich von ihr führen. Was ver⸗ ſtand noch Olga, ſtillträumend wie ein unerſchloßner Blüͤmenkelch, von den Worten, die eben die ſanfte Frau zu Dankmar's Freude ſprach: Liebe Trompetta, ſagte Anna von Harder. Ver⸗ urtheilen Sie den großen Dichter ſeiner Unchriſtlichkeit wegen nicht! Sagen Sie auch nicht, er wäre unwür⸗ dig geweſen, durch die ohne Zweifel von ihm wörtlich aufgenommenen Geſtändniſſe des Fräuleins von Klet⸗ tenberg ſein ſchlimmes und wie Sie es nennen, fri⸗ voles und unſittliches Buch zu ſchmücken. Daß Goethe dieſe glaubensſtarke Natur in ſeine Dicht- und Denk⸗ weiſe eintreten ließ, ganz unverbunden, ganz unzu⸗ ſammenhängend mit dem Werke, das er uns geboten hat, beweiſt nur, wie er doch wol einen tiefen Blick für alles Urſprüngliche im Menſchen hatte und uns in den krauſen und wilden Erlebniſſen des jungen Meiſter nur das Leben ſelber geben wollte in ſeiner Rückwirkung auf die große Mannichfaltigkeit menſch⸗ licher Charaktere. Da ließ er denn auch jenes Fräu⸗ Gegen⸗ mnimar zilhelm Seele, faßte s ver⸗ loßner Frau Ver⸗ lichkeit unwür⸗ wortlich zen Klet⸗ en, fti— Goelhe Denk⸗ 3 unzu⸗ geboten n Blic nd uns jungen n ſeiner menſch s Fal⸗ lein gelten, nicht um der Frömmigkeit, ſondern um ihrer Eigenheit willen. Ich fühle, daß man jenem Buche vom Standpunkte der Erfindung aus viel Schlimmes nachſagen kann, aber Menſchen ſind es doch, die da durcheinandergehen, Situationen ſind es doch des wirklichen Lebens. Man ſieht Das ordentlich und erlebt es mit. So paßte auch das fromme Fräu⸗ lein ganz hier herein, dieſe wunderliche Seele, der ich eigentlich nicht einmal recht zugethan bin. Was? rief die Trompetta, Sie tadeln die ſchöne Seele? Das Kleinod aller nach innengewandten Her⸗ zen ſeit einem halben Jahrhundert? Tadeln? ſagte Anna ſehr ermuthigt, welch' hartes Wort! Ich ſage nur, daß ich ſie nicht von Herzen lieben kann. Nun, Das iſt wunderbar! erſtaunte die Trompetta und bat um Aufklärung, indem ſie faſt die Hände faltete. Alle waren geſpannt. Ich finde, ſagte Anna geſammelt und ruhig, daß dies Fräulein eigentlich recht eigenwillig iſt. Sie nimmt ſich das ſo vor, einmal in Gott ihren einzigen Freund zu ſuchen und weiſt, faſt kalt, faſt gleichgültig, alle Zweifel, alle Sorge, alle Lehre der Menſchen zu⸗ rück. Sie bricht mit ihrem Verlobten, wie er mit ihr bricht. Sie ſagt ihm: Magſt du mich, ſo mag ich dich. Magſt du mich nicht, ſo mag ich dich auch nicht. Ich geſtehe Ihnen, daß eine ſolche Ergebenheit in die Wege des Schickſals bis an's Fahrläſſige grenzt. Und weil ich doch aus ihrer Erzählung herausfühle, daß ſie keineswegs in andern Dingen fahrläſſig, ſon⸗ dern eifrig, emſig iſt, ſo kann ich mich nicht erwehren, ſie ſogar für ein ganz klein wenig trotzig zu halten und ich glaube, ihr alter Onkel ſchickt ihr ſeine kleinen Nichtchen deshalb ſo ſelten auf ihr einſamgelegenes Schlößchen, nicht weil er fürchtet, daß die kleinen Mädchen bei ihr herrnhutheriſch werden, ſondern weil ſie ein reizbares und recht apartes altes Jüngferchen iſt. Die Männer billigten dieſe eigenthümlich vorgetra⸗ gene, faſt wie zwiſchen Zerbrechlichem mit verbunde— nen Augen behutſam auftretende Auffaſſung vollkom⸗ men und Rudhard wollte ſogar noch weiter gehen und wieder von ſeiner beliebten Muckerei anfangen Nein, nein, ſagte Anna mit freundlicher Drohung, weiter nicht! Sie ſollen auch gar nicht loben, Herr Pfarrer; ich bin Ihnen doch noch etwas bös mit Ih⸗ rem Don⸗Quixote! Dankmar bekam von den Andern die Aufklärung über dieſe Erwähnung des Don-Quixote... Daß ich Recht habe, gnädige Frau, ſagte Rud⸗ hard, beſtätige Ihnen der Anblick da oben! ih nicht. nheit in e grenzt. zwsfühle, ſig, ſon⸗ rwehren, zu halten e kleinen ſelegenes kleinen emn weil erchen iſt. vorgetra⸗ verbunde⸗ vollkom⸗ gehen und en... Drohung. en, Hett 3 mit Ih⸗ Guftlärung gie Rud⸗ 129 Die Geſellſchaft war nämlich wieder an den An— fang des Gartens gekommen, dem zur Seite der Hof mit einem Wirthſchaftsgebäude, einer Remiſe und dem Stalle lag. Ueber dem Stall war ein kleines, zwar längliches, aber niedriges Manſardenfenſter. Es war offen. Ein Mann in weißer Piquejacke ſaß an dem Fenſterbret und las mit aufgeſtütztem Kopfe tief in einem Buche verloren... Alle lachten; denn ſie waren überzeugt, daß dies Peters war, der eben den Don⸗Quixote las... Nun, rief Dankmar hinauf, hat Saul den Eſel ſeines Vaters gefunden? Peters, der die Anſpielung auf ſeine Bibel und die Begegnung im Park von Solitüde nicht verſtand, fuhr erſchrocken auf und wollte ſich zurückziehen... Ei, ſo bleibt doch, Peters! ſagte Rudhard hinauf zu dem in größter Verlegenheit nach dem Kopf grei⸗ fenden Peters, der nicht wußte, wie man ohne Mütze oder Hut grüßen ſollte. Mit wem hat es denn jetzt der tolle Junker? Peters lachte nur mit verklärtem, abweſendem An⸗ geſicht. Dankmar wollte etwas von der Kathrine hören... Ich wette, ſagte Siegbert, als Peters nicht ant⸗ wortete, er beſinnt ſich, ob Kathrine eine von den Die Ritter vom Geiſte. VI. 9 130 Mägden iſt, die dem Junker Don-Quirote für Edel⸗ fräulein gelten... Kennt Ihr uns denn nicht? ſagte Dankmar. Nun erſt beſann ſich Peters und kam grüßend aus ſeiner Lektüre wieder in den Zuſammenhang mit der Welt. Alle lachten und mußten dem Pfarrer be⸗ ſtätigen, daß er ein vortreffliches Mittel gefunden hatte, einen eiferſüchtigen Mann von ſeinen Grillen abzu⸗ bringen. Man kehrte auf das Parquet zurück und folgte der Aufforderung, von dem Fruchttiſche zu ge⸗ nießen, den man nicht genug bewundern konnte. Olga entzog ſich verſchämt allen Lobeserhebungen über Das, was Rudhard heute für ihre Idee und ihre Schöpfung erklärte. Man fand das eigene Mäd⸗ chen allgemein ſchön, liebenswürdig und ſagte, als ſie ſich entfernt hatte, der Mutter mannichfache Artigkeiten über ein Kind, das ſich ſeit der kurzen Zeit ihrer An⸗ weſenheit ſo auffallend entwickelt hatte. Die Fürſtin nahm dieſe Freundlichkeiten mit jenem Takte hin, der dem Gebildeten unter allen Umſtänden eigen iſt und ihn immer Das treffen läßt, was ſich nach den all⸗ gemeinen Geſetzen in ſolchen Fällen geziemt oder am Platze iſt. Rudhard ſah ſchon tiefer und blickte voll Unmuth zur Erde. Er beſchäftigte ſich mit den Klei⸗ nen; denn die Geſellſchaft zerſtreute ſich theilweiſe im für Edel⸗ mar. grüßend hang mit farrer be⸗ den hatte len abzu⸗ urück und he zu ge⸗ mnte. chebungen Idee und gene Mi⸗ t, als ſie Artigkeiten ihrer An— ie Fürſtin 2 hin, der a ſt und h den all Hoder am blickte voll den Klei⸗ veſſ in Garten und fing an, ſich in gleichgeſtimmte Paare aufzulöſen, während die Fürſtin und die Gelbſattel's auf dem Parquet blieben... Der Propſt und die Trompetta ſchienen es auf Siegbert abgeſehen zu haben. Sie nahmen ihn bei Seite und begannen vom Gethſemane. Der Propſt rühmte die ausgezeichneten Blätter dieſes Albums, vorzugsweiſe aber die Farbenſkizze Siegbert's. Einen Vorſchlag, den er an ſein Lob anknüpfen wollte, un⸗ terbrach die Trompetta mit dem Jammer über das Unglück, das ihr eine Laune des Hofes bereitet hätte. Sie wollte von den Männern Vorſchläge hören, wie ſie ihre Sammlung zum Beſten eines wohlthätigen Zweckes veräußern könnte. Es blieb nichts übrig, als ihr eine Lotterie anzurathen. Sie ſchlug den Werth des Albums auf den Betrag von tauſend Thalern an und zweifelte durchaus nicht, tauſend Looſe, jedes zu einem Thaler, abſetzen zu können. Das Album ſollte zu dem Zwecke einer Einladung und Ermun⸗ terung in den Sälen des Kunſtvereins aufgelegt wer⸗ den. Nun aber handelte es ſich um die Verwendung des eingegangenen Geldes. Frau von Trompetta hatte damit etwas Zeitgemäßes im Sinne. Sie ſprach von den im Kampfe gegen die Demokratie hier und da 9* gebliebenen oder verwundeten Kriegern und von deren Angehörigen, fand aber bei Siegbert ſowol wie beim Propſte lebhaften Widerſpruch. Jener erklärte eine ſolche Verwendung für eine politiſche Demonſtration, die er nimmermehr unterſtützen, ja gegen die er ſowol wie mancher ſeiner Freunde, die zu dem Album bei⸗ getragen hätten, entſchieden proteſtiren würde. Dieſer konnte nicht umhin, Siegbert Recht zu geben. Er lehnte zwar jede Uebereinſtimmung mit Siegbert's po⸗ litiſchen Motiven ab, meinte aber doch auch, daß die Zeit noch nicht reif wäre, in einer ſolchen Verwendung des Albums jene Harmloſigkeit zu erblicken, die denn doch von den Künſtlern, die dieſe Idee unterſtützten, vorausgeſetzt wurde... Zu dieſem Streit geſellte ſich in dieſem Augenblicke Leidenfroſt, der nach ſeinen Feuer⸗ werksvorbereitungen ſehen wollte. Der Propſt wußte es ſo geſchickt zu wenden, daß er mit Siegbert plötzlich abbog und die Trompetta mit Leidenfroſt allein ließ, bei dem ſie, da er ſehr praktiſch war, noch einige Winke über ihre Pläne zu gewinnen hoffte, ſo abgeneigt ſie ihm ſeiner Richtung nach auch ſein mußte. Man kann ſich vorſtellen, wie komiſch dieſe Unterhaltung ausfiel. Leidenfroſt hielt durchweg den Ton der Ironie feſt, den die Trompetta, erfüllt von ihrem Gegen⸗ ſtande, nicht fühlte. Er rieth ihr ohne Zweifel die on deren wie beim ärte eine nſtration, er ſowol bum bei⸗ .Dieſer den. Er er's po⸗ daß die vendung die denn erſtützten, ellte ſich en Feuel⸗ ſt wußte plötzlich lein ließ ge Winke neigt ſie e. Man erhaltung r Jronie Gegen⸗ eifel die 133 wunderlichſten Wege an und machte die Frau wol nur noch verwirrter, als ſie ſchon war. Der Propſt aber ſprach ſich ſo misbilligend über die Oſtentation dieſer Frau aus, daß Siegbert Ver⸗ trauen gewann und das ihm für ſeinen Nicodemus geſpendete Lob nicht zurückwies. Ich habe eine Idee mit dieſer Skizze, ſagte der Propſt. Ich wünſchte wohl, daß Sie Veranlaſſung fänden, ſie in größern Dimenſionen und am liebſten al fresco auszuführen. Die Frescomalerei, ſagte Siegbert, iſt mir noch zu wenig geläufig. Ich habe darin Uebungen gemacht, würde aber kaum wagen, ſie vor Jemanden ſehen zu laſſen... Und dennoch, fuhr der Propſt fort, muß man Wände haben, um ſich daran vervollkommnen zu können. Ich ſchlage Ihnen vor, Ihre Skizze in einer Kirche auszuführen, die im vorigen Jahre theilweiſe abbrannte und neuerdings wiederhergeſtellt iſt. Die Gemeinde erſucht mich, ihr Vorſchläge zu einigen durch Künſtlerhand auszuführenden Zierrathen zu ge⸗ ben. Da ſie reich iſt, da dem Bau noch manche Summe zu Gebote ſteht, ſo ſchlag' ich Ihnen vor, die Gemeinde zu beſuchen und ſich mit ihr über dieſe Idee zu verſtändigen. 134 Siegbert war von dem Vorſchlage ſehr angenehm überraſcht und fragte nach dem Namen des Ortes. Das große und reiche Dorf Schönau, auf dem Wege von hier nach Hohenberg. Siegbert lehnte das Anerbieten durchaus nicht ab. Er erklärte ſogar, daß ihm nichts erwünſchter ſein könnte, als die erſten Proben der Technik, die er ſich in der Friſchmalerei erworben hätte, an einem Orte zu verſuchen, wo er die allzuſtrenge Kritik nicht her⸗ ausforderte. Das iſt ſehr weiſe gedacht! ſagte der Propſt. Reiſen Sie hin! Beginnen Sie das Werk! Sie vergeſſen, Herr Propſt, ſagte Siegbert, daß dieſe Unternehmung nur im warmen Sommer be⸗ gonnen werden kann. Das iſt wahr! beſann ſich künſtlich der geübte Kunſtkenner. Allein man macht vorläufig ſeinen Ueber⸗ ſchlag, Sie prüfen die Oertlichkeit, Sie nehmen mit dem Vorſtande der Gemeinde Rückſprache. Auch wüßt' ich ſogleich eine Veranlaſſung, ſich in Schönau den Leuten werthvoll und angenehm zu erweiſen. Man wünſcht bei der Einweihung der Kirche, die am Mar⸗ tinstage ſtattfinden ſoll, die Wiederherſtellung einiger glücklicherweiſe aus dem Brande geretteter Bilder aus der altdeutſchen Schule. Ich entſinne mich, bei frühe⸗ genehm Artes. uf dem icht ab. ter ſein er ſich m Orte cht her⸗ Propſt. ert, daß mer be— - geübte Ueber⸗ nen mit h wüßt nau den Man m Mar⸗ einiget der aus i fruhe⸗ ren Inſpektionsreiſen in der Schönauer Kirche zwei vortreffliche Kranach's und einige Bibelſcenen geſehen zu haben, die, wenn nicht von Albrecht Dürer ſelbſt, doch aus ſeiner Schule ſind. Zu dem neuen friſchen Anblick der wiedererrichteten Kirche wünſcht man dieſe Bilder ſo lebhaft und anmuthig als möglich zu reſtau— riren. Auch dafür, hab' ich gedacht, entſchiede ſich gewiß Ihre kundige Hand und Sie nähmen die Ent⸗ ſchädigungen mit, die man Ihnen dafür bieten würde. Siegbert freute ſich der wohlwollenden Verſöhnlich⸗ keit, die aus dieſen Anerbietungen des Propſtes zu ſprechen ſchien und drückte ihm unverhohlen die an— genehme Ueberraſchung aus, die er über dieſe Anträge empfand. Beſter Freund, ſetzte Gelbſattel mit einem eigen⸗ thümlichen kauſtiſchen Ausdrucke hinzu, bis zu dem Tage, wo Ihnen das Obertribunal in letzter Inſtanz eine Million zu Füßen legt, dürfte es noch ziemlich lange hin ſein. Glauben Sie nur nicht, ſagte Siegbert, daß ich irgendwie die ſanguiniſchen Hoffnungen meines Bru⸗ ders theile! Ich⸗ darf mich natürlich ſeinen Unterneh⸗ mungen nicht entziehen und laſſe Das, was eine ge⸗ wiſſe Wahrſcheinlichkeit für ſich hat, ihm zu Liebe gern für Gewißheit gelten. Seh' ich doch, daß ihn dieſe Angelegenheit nicht läſſig, ſondern im Gegentheil eifrig macht. Sie ſchlägt in ſein Fach, ſie nährt ſeine Studien. Und ich ſelbſt finde wenigſtens Den Ge⸗ fallen an den Verhandlungen, daß ich mich des Ueber⸗ blickes der Zeiten erfreue, an vergangene Zuſtände meiner Familie zurückdenke und an den großen Wider⸗ ſprüchen der Verhältniſſe, die unſer Leben erfüllen, einen perſönlichen Antheil habe. Dies Vergnügen wird Ihnen aber viel Geld koſten! warf Gelbſattel etwas bitter hin... Das iſt wahr, ſagte Siegbert, wir müſſen ſchon jetzt Opfer bringen und haben alle Urſache, uns ein⸗ zuſchränken. Sie ſehen mich auch deshalb nicht ab⸗ geneigt, eine Gelegenheit zu ergreifen, mir meine Kunſt ergiebig zu machen. Leider feſſeln mich für den Augen⸗ blick ſo viele Dinge... Schütteln Sie doch dieſe Feſſeln ab! ſagte der Propſt. Ihr jungen Männer lebt in einer glücklichen Zeit! Welche Mühe hatten wir einſt, unſre Wünſche auszuführen, unſre Wirkungskreiſe zu verändern! Jetzt reiſt Das hin und her; im Fluge iſt man unter andre Verhältniſſe verſetzt. Ein junger Geiſtlicher, Oleander, hört heute von einem Vikariat in Pleſſen, von der unbeſetzten Stelle des einige Zeit beurlaubten Pfarrers Stromer; morgen iſt er ſchon unterwegs und tritt 67 6G ½ — Aù entheil ſeine n Ge⸗ Ueber⸗ ſtände Wider⸗ füllen, koſten! ſchon s ein⸗ ht ab⸗ Kunſt Augen⸗ te der clichen ünſche Jest andre eandel, on der farrers d tiitt 137 dieſes Amt an, das ihm den Weg zu beſſeren Aem⸗ tern bahnen ſoll... Oleander? fragte Siegbert, der den Namen ſchon oft, auch einigemale ſonderbarerweiſe von Louis Ar⸗ mand gehört hatte. Irr' ich nicht... Sie werden Manches von ihm geleſen haben... Es iſt der Verlobte... Meiner älteſten Tochter? Glauben Sie Das nicht! Wo junge Mädchen ſind, ſtellt ſich ſogleich bei jedem männlichen Beſuche ein ſolches Vorurtheil ein. Es iſt wahr, ich habe dieſen Oleander gehoben. Er hat das Sabbathspredigerſtipendium in der Dreieinig⸗ keitskapelle, er genießt manchen Vortheil, der für ſeine Jahre und Einſicht unverhältnißmäßig iſt; da zeigt er ſich auch als Einen der Undankbaren und Vermeſſenen, die Alles nur ſich ſelbſt danken wollen, reißt ſich von den behaglichſten Verhältniſſen los und übernimmt jenes elende Vikariat— Siegbert war faſt im Begriff, dieſe Handlungs— weiſe Oleander's edel und ſchön zu nennen, als ihr Geſpräch durch eine Störung unterbrochen wurde. Sie waren dem Hauſe wieder näher gekommen, als Siegbert am Gitter des Gartens im Hofe einen jun— gen Soldaten erblickte, der ſchüchtern die Thür öffnete und ſich nach Jemanden, den er zu ſuchen ſchien, 138 umſah. Siegbert ging zu dem jungen Soldaten hin⸗ über, um ihn nach ſeinem Anliegen zu fragen. Dieſer trat mit dem ſchönen Anſtande, der einem gebildeten Krieger eigen iſt, näher, faßte an ſeinen Tſchako und wünſchte Herrn Dankmar Wildungen zu ſprechen. Warten Sie einen Augenblick! ſagte Siegbert und empfahl ſich dem Propſte. Er wollte den Bruder im Garten ſuchen. Da trat ihm dieſer aus einem ſchattigen Gange, Fräulein von Flottwitz begleitend, ſchon entgegen. Er erkannte ſogleich den Sergeant Heinrich Sandrart, deſſen ſich der Major von Werdeck öfters zu Auf⸗ trägen bediente bei der nähern Beziehung, die zwiſchen dieſem Offizier und den Brüdern ſeit einiger Zeit be⸗ ſonders durch Leidenfroſt eingetreten war... Heinrich Sandrart, der etwas leidend ausſah, überreichte Dankmarn ein Billet von dem Major. Während dieſer las, trat Fräulein Wilhelmine dem Ser⸗ geanten näher und fragte: Garde? Garde! Erſtes Regiment? Zweites Regiment! Dritte Compagnie? Dritte Compagnie! kun ten hin⸗ Dieſer ebildeten ako und hen. dert und uder im Gange, en. Er andrart, zu Auf⸗ zwiſchen zeit be⸗ ausſah, Major. em Ser⸗ Lieutnant von Aldenhoven? Sandrart mußte alle Fragen der unterrichteten, kriegs⸗ kundigen Offizierstochter faſt zuſtimmend beantworten. Dankmar trat näher und ſagte dem Sergeanten: Eine Empfehlung an den Major! Sehr erwünſcht. Wir würden die Ehre haben, ihn zu erwarten. Damit legte Sandrart die Finger an den Tſchako und wollte ſich entfernen zum Entzücken der Flottwitz, die ſich an ſeiner Haltung und dem Hereinragen auch des Militairiſchen in dieſes Feſt nicht genug weiden konnte. Aber ſchon hatten auch Paulowna und Rurik von einem Soldaten gehört, waren herbeigeſprungen und betaſteten dieſen Krieger, ſeinen Säbel, die Auf⸗ ſchläge ſeiner Uniform, die Treſſen, wie den Schmuck einer Figur... Sie ſind Heinrich Sandrart? fragte Dankmar. Zu dienen, mein Herr! Es iſt ſchon einige male, daß wir uns ſahen; Sie blaſen die Flöte, ſind fleißig, wollen Ihr Fähnrichexa⸗ men machen? Hat Ihnen Das der Major geſagt? Der Major hält große Stücke auf Sie! Er verdient, daß ſein Bataillon für ihn durch's Feuer geht. Die Flottwitz hatte etwas auf der Zunge, was 8 140 ſie auszuſprechen durch die Kinder verhindert wurde. Olga, die das Geſpräch in der Ferne beobachtet hatte, war gleich ſo wohlwollend geweſen, ein Glas mit Wein füllen zu laſſen, es auf ein lackirtes Bret zu ſtellen, ein Stück Kuchen hinzuzulegen und den Kin⸗ dern zum Ueberbringen an den hübſchen Soldaten zu übergeben. Dieſe faßten den Teller Beide zugleich an und trugen ihn behutſam, doch nicht ohne bedeutende Schwankungen und Verſchüttungen. Dankmar redete Sandrart zu, zu nehmen und wollte Olga einen freundlichen Blick zuwerfen; doch war Olga ſchon wieder verſchwunden... Es trieb ſie eben wie ein Irrlicht unruhig bald da-, bald dorthin, ruhelos, unſtät, wie ihre dunklen Augen ſelbſt hin und wieder gingen.. Die dritte Compagnie ſteht in keinem guten Rufe; ſagte die Flottwitz. Wer ſagt Das? antwortete Sandrart. Die ganze Armee! Sandrart ſchwieg. Es lag außerhalb der Disciplin, hier Anſichten auszuſprechen. Ein guter Soldat, fuhr die Flottwitz begeiſtert fort, ſoll treu ſeinem Könige dienen, treu der Fahne, auf die er geſchworen hat. Sandrart aß in ſteifer Haltung ſeinen Kuchen, trank ſeinen Wein und ſchwieg. fü ert wurde. htet hatte, Glas mit JBret zu den Kin⸗ daten zu ggleich an edeutende aar redete ga einen en wieder Irrlicht iſtät, wie ngen... ten Rufe; Hisciplin, tert for hne, auf Kuchen, 141 Die Ehre des Kriegers, fuhr das geröthete, jetzt flammende Mädchen fort, iſt der Gehorſam. Wenn ſich die Bande der Disciplin lockern, wird die Kraft eines Heeres gelähmt. Das unſrige hat ſeine Schlach— ten nicht dadurch gewonnen, daß ein Jeder dazwiſchen redet und vom Volke fabelt, ſondern dadurch, daß es für ſeinen König Blut und Leben dahingab und ſei⸗ nem Vorgeſetzten ſelbſt dann gehorchte, wenn eine Ar⸗ mee auch nur unter den Waffen ſteht und zuſehen muß, was die Weisheit ſeines Fürſten ſo oder ſo beſchließt. Sandrart ſchwieg. Krieger, fuhr das ſeltene Mädchen, die in der That den Namen einer neuen Jungfrau von Orleans verdiente, fort, Krieger, die ſich von der Demokratie irre machen laſſen in ihrer Pflicht, verdienen den Namen der Tapfern nicht. Sie ſchänden die glor⸗ reiche Uniform, die ſie tragen. Sie verletzen ihren Eid, den ſie dem Fürſten geſchworen, und ein Eid iſt heilig, heilig wie das Evangelium. Sagen Sie Das der dritten Compagnie, die eine Fahne trägt, die von Kugeln zerfetzt iſt in zwanzig Schlachten, eine Fahne, die eine Ahnin des königlichen Hauſes ſelbſt geſtickt hat! Sandrart wiſchte ſich den Mund, trat einen Schritt zurück und machte ſeine Honneurs, um zu gehen. Die 142 Kinder gaben ihm bis auf die Straße das Geleite. Der junge Soldat hatte nichts erwidert, nichts politi⸗ ſirt... er ſchwieg. Dankmar aber mußte, als er mit dem Fräulein allein war, in ein lautes Lachen ausbrechen. Beſtes Fräulein, ſagte er; in Ihrer Rede war für meinen verlorenen unglücklichen Standpunkt jedes Wort ein Luſtſpiel, aber auch für den tragiſchen Stand⸗ punkt dieſes jungen Mannes keine Tragödie! Wie ſo? fragte Wilhelmine mit einer Mäßigung, die im Widerſpruche zu ihrer aufwallenden Mahnung an die berüchtigte dritte Compagnie des zweiten Garde⸗ regimentes ſtand. Sie gingen wieder allein, Beide dem dunkeln Gange zu. Dies Paar war heute zum erſten male in eine perſönliche, durch Geſpräch verbundene Beziehung ge⸗ kommen und wunderbar raſch, wie zwei chemiſche Stoffe, die ſich vereinigen, um zu explodiren, hatten ſie ſich während des Feſtes geſucht und gefunden. Es gibt Begegnungen, die gleich bei der erſten Begrüßung das Facit längſt angelegter Beziehungen ſind. Dankmar und Fräulein von Flottwitz kannten ſich, ohne ſich ge⸗ ſprochen zu haben. Sie gewannen ſogleich eine Ver⸗ traulichkeit, die ſchnell über die erſten Vorbereitungen ein che und von Geleite. ts politi⸗ Fräulein war für des Wort Stand⸗ aäßigung, Nahnung n Garde⸗ dunkeln jin eine hung ge⸗ he Stoffe, u ſi ſch Es gibt zung das Dankmar e ſich ge⸗ eine Ver⸗ reitungen einer Verſtändigung hinausging. Da das junge Mäd⸗ chen etwas vorſtellte und bedeutete, da ſie ein Ziel und Streben hatte, ſo mußte ſie dem jungen Manne von Intereſſe ſein. Nichts kürzt ja die Verlegenheiten, die man der unbeſtimmten Gefühlswelt und der ge⸗ heimnißvollen Exiſtenz eines Frauenherzens gegenüber empfindet, ſo ſehr ab, als wenn ein weibliches We⸗ ſen doch auch einmal ein wenig mehr iſt als nur eine bloße Tabula rasa, die erſt die Liebe, die künf⸗ tige Begegnung mit dem Manne, der ſie wählt, mit Charakteren beſchreibt. Anders wenigſtens iſt es kaum zu erklären, wie ſich Dankmar und Friederike Wilhel⸗ mine ſo ſchnell in eine gewiſſe, Allen auffallende Ver⸗ traulichkeit fanden... Sie haben, ſagte Dankmar, dieſen jungen Sol⸗ daten wie eine Puppe von Holz behandelt und ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß das trotz ſei⸗ nes Schweigens ein ſehr gebildeter Menſch iſt. Er bläſt die Flöte, liebt die Empfindſamkeit, denkt ſchwär⸗ meriſch, macht leidliche Verſe, hat Kenntniſſe in allen Fächern und iſt der Erbe eines ſehr bedeutenden Ver⸗ mögens. Er nahm den Wein und Kuchen mit einem Anſtand, den Sie müſſen gewürdigt haben. Er hätte gern geſagt: Ich bin kein Bettler, kein Bote, ich bin ein freier Mann und ich ſchweige auch zu den Er⸗ 144 mahnungen des Fräuleins nur, weil ſie wunderſchöne blonde Locken, einen reizenden Teint, ſprechende dun⸗ kelblaue Augen, kirſchrothe Lippen und Zähne wie von Elfenbein hat! Spotten Sie, rief Wilhelmine faſt erbebend und warf einen ihrer in der That ſchmelzenden Blicke ernſt und vorwurfsvollzitternd auf Dankmar, den ſie ohne Zweifel in Folge der Geſetze von der Polarität ſeit der Begegnung an der Terraſſe von Solitüde faſt zu lieben ſchien... Ich ſpotte nicht, Fräulein! ſagte Dankmar mit ſei⸗ nem gewohnten feinen Lächeln. Ich kann mir keine rei⸗ zendere Form der Bellona denken. Sie haben etwas von einer Hohenprieſterin Ihrer Ueberzeugung! Und auf⸗ richtig geſtanden, ich gönne unſern Lieutenants, wie ſie ſo kommen und gehen und das Trottoir der Re⸗ ſidenz beherrſchen, nicht die Poeſie, die in Ihrer enthu⸗ ſiaſtiſchen Vertheidigung der reactionairen Staatsprin⸗ cipien liegt! Es geht mir mit Ihnen faſt ebenſo, ſagte das junge Mädchen beklommen, ſchüchtern und hocherrö⸗ thend. Ich gönne den Demokraten nicht, daß Sie zu ihnen gehören.— Dankmar warf die Augen flüchtig in die Runde, ergriff ihre linke Hand, küßte ſie raſch und erwiderte: — derſchöne nde dun⸗ wie von hend und glice ernſt ſie ohne rität ſeit de faſt zu t mit ſei⸗ keine rei⸗ etwas von Und auf⸗ ants, wie der Re⸗ rer enthu⸗ taatprin⸗ hocherkü⸗ daß Sie ſje Runde, erwidertt: 145 Bekehren Sie mich, Fräulein! Wilhelmine zuckte zuſammen. Sie ließ die Hand in Dankmar's Rechten; er mußte fühlen, daß ſie zitterte... Ihr Bruder, ſagte ſie nach einer Weile ſich ſam⸗ melnd und die Hand wieder zurückziehend, Ihr Bru⸗ der ſchwärmt über die Geſellſchaft und verfolgt bunte Träume, die ſich nie verwirklichen werden. Sie aber ſind viel ſchlimmer. Sie haben Ihren Geiſt wie ein Arſenal mit lauter feindſeligen Waffen gegen das Be⸗ ſtehende ausgerüſtet. In Ihrem Kopfe leben nur Mordgewehre, Dolche, Barrikaden. Jedes Wort, das Sie über öffentliche Dinge ſprechen, klingt mir wie Hohn in's innerſte Herz. Es iſt die Trommel des Aufruhrs, die Sie rühren, und mich ſchmerzt es, daß Sie vielleicht in Verbindungen ſtehen, die Ihnen ge— fährlich werden können. Was haben Sie mit dieſem unglücklichen Werdeck zu thun? Wir treiben zuſammen Schädellehre, ſagte Dank⸗ mar. Er hat einen prächtigen Kopf, der mich phy⸗ ſiognomiſch unterhält und ihn unterhält wieder mein Kopf. So befühlen wir uns gegenſeitig und ſagen uns phrenologiſche Schmeicheleien. Weichen Sie mir nicht aus! Ich weiß ſehr wohl, wie Sie mit Werdeck bekannt geworden ſind. pf Die Ritter vom Geiſte. VI. 10 146 Wie denn, mein Fräulein? Sie ritten mit Laſally, Aldenhoven und einigen Offi⸗ zieren vor mehren Wochen nach Burgheim. Nicht wahr? Sehr oft thun wir Das. Eines Tages begegnete Ihnen zu Pferde Werdeck... Sehr oft begegnet er uns... Er ſchloß ſich Ihnen an. Es gab Unterhaltungen und zwei Parteien. Sie und Werdeck bildeten die Mi⸗ norität. Es entſtand Bekanntſchaft, Verſtändigung, Freundſchaft... Und zuletzt eine Verſchwörung? Nicht wahr? Bewahre Sie der Himmel davor! Ich warne Sie vor Werdeck. Erſchraken Sie nie vor ſeinem unheim⸗ lichen Auge? Oder feſſelt Sie doch nicht die wilde Leidenſchaftlichkeit ſeiner Frau? Ah! Ich hätte nie geglaubt, daß die Inquiſition ſo ſchöne Dienerinnen hat, wie Sie, Fräulein Wilhelmine.. Ich habe mehr von Ihnen und Ihren Umgebun⸗ gen gehört, als ich Ihnen wiederholen möchte... Was wiſſen Sie von mir und jener Frau? Der Majorin von Werdeck? Ich hoffe, Sie wiſſen, daß ich ſie noch in meinem— Leben nicht geſprochen habe. Mein Bruder malte ihr Bild und aß zuweilen bei den Werdeck's polniſche Pirotkis. igen Off⸗ ct wahr? erdeck... haltungen n ie Mi⸗ ändigung, ahr? varne Sie unheim⸗ die widde niſſtion ſo jelmine.. Ungebun⸗ hte.. nu? in meinem malte ihr polniſche Und Leidenfroſt? Dieſer Aufwiegler der Werkſtät⸗ ten, dieſer Führer der Handwerker, dieſer cyniſche Ro⸗ bespierre... Steht in einer geheimnißvollen, mir dunkeln Bezie⸗ hung zu jener Familie, das iſt wahr. Aber ich glaube nicht, daß dabei die Politik eine Rolle ſpielt... Die gefährlichſte! Die Verbindung mit Polen ſoll in jenem Hauſe unausgeſetzt unterhalten werden. Der leidenſchaftliche Katholicismus der Majorin iſt der Deckmantel ihrer wahren Geſinnung. Man weiß, daß ſie Seelenmeſſen für Menſchen leſen läßt, die in Sibirien geſtorben ſind. Durch Kloſterverbindungen verſtändigt man ſich mit Denen, die in Krakau und Warſchau nur auf den Augenblick harren, um— doch wovon unterhalt' ich Sie! Ich ſtaune, Fräulein! rief Dankmar, dem alle dieſe Aeußerungen übertrieben und verleumderiſchen Entſtel⸗ lungen nacherzählt vorkamen. Welche Chronik! Trennen Sie ſich von dieſen Umgebungen! ſagte das Fräulein drängend und mit großer Innigkeit. Ueber Allen, die mit Werdeck verkehren, zieht ſich eine mäch⸗ tige dunkle Wolke zuſammen... Ihr Proceß, Herr Wildungen— wüßten Sie nur, was man davon ſpricht! Ich lauſche mit Spannung... * 10⸗ 148 Wolle der Himmel verhüten, daß Sie jemals dieſe großen Reichthümer gewännen! Sie würden ſie nur dazu anwenden, die Revolutionen aller Staaten zu unterſtützen. Ah ſo! Nein, mein Fräulein! Ich würde ſie nur dazu anwenden, einmal irgend ein Weſen, das ich liebe, mit allen Reizen des Glückes zu umzaubern. Ich baute dieſem Weſen Villen, hängende Gärten, Paläſte... Aber im Ernſt, Fräulein, ſind dieſe Ge⸗ ſinnungen der Loyalität, die Ihre ſchöne Stirn mit einem Heiligenſchein umgeben haben, wirklich Ihre innerſten Ueberzeugungen? Ich weiß es, ich frage faſt ſo dreiſt, wie man eine Prophetin fragen würde, ob ſie wirklich an den Gott glaube, von dem ſie ſich er— griffen erklärt? Aber wir haben denn doch die Bü⸗ cher der Geſchichte aufgeſchlagen vor uns liegen. Sie ſind doch auch den Frauen zugänglich und ich weiß es, die Bildung iſt Ihnen, mein Fräulein, ein theu⸗ res Wort. Sagen Sie mir nur um's Himmelswillen, kennen Sie denn Das nicht, was wir Männer Kri⸗ tik nennen? Es iſt Ihnen alſo unmöglich, die Zeit im Großen und Ganzen aufzufaſſen und zu fühlen, daß Ihr und Ihrer Genoſſen Wirken und Denken eine reine Selbſttäuſchung iſt? Fräulein Wilhelmine bat Dankmar, auf einer Bank, ie jemals vürden ſie Staaten de ſie nur „das ich nzaubern. Gärken, dieſe Ge⸗ Stirn mit lich Ihre frage faft vülde, ob ſie ſich er⸗ die Bü⸗ gen. Sie ich weiß ein theu⸗ elswillen, nner Kti⸗ dee Zeit u fühlen, enken eine ner Bant — die ziemlich am Ende des Gartens unter dem Wein— laubdache ſtand, Platz zu nehmen. Sie ſetzten ſich... Sie ſagen, begann ſie geſammelt und mit einem Sonnenſchirme ſpielend, daß Ihnen etwas an uns un⸗ begreiflich iſt und wir ſind in dem gleichen Falle über Sie und die Ihrigen. Kann man gemeinſchaftliche Sache mit Menſchen machen, die die Fackel der Em— pörung anzündend nur Verwirrung wollen, um ſich zu bereichern oder zu Ehrenſtellen aufzuſchwingen! Wie ſchonungslos hat man zerſtört! Forſchen Sie den Ton⸗ angebern nach! Es ſind meiſt nur ruinirte, zweideu⸗ tige Mitglieder der Geſellſchaft. Kann man Freiheit da finden, wo nur die Rohheit und Sittenloſigkeit das Recht bekommt, glänzende Gewänder um ſich zu wer⸗ fen! Sehen Sie die kecken Gebehrden der verworfen— ſten Individuen, die es jetzt wagen, der Sitte und dem Anſtande Hohn zu ſprechen. Kann man wün⸗ ſchen, daß je die Geſellſchaft dieſem Pöbel preisgegeben wird, dieſem Pöbel, der in meinen Augen auch un— ter den Menſchen ſteckt, die äußerlich anſtändig gehen. Man wühlt nur, um ſeiner jämmerlichen, ehrgeizigen und habſüchtigen Leidenſchaften willen. Die Muſik ſpielte in der Ferne. Die Kinder jag— ten ſich. Die Paare wandelten auf und ab. Man mied das von ſeinen Früchten befreite Weinlaubdach... 150 Dankmar, dem dieſe Unterhaltung von pſycholo⸗ giſchem Intereſſe war und dem die Situation einer Verſtändigung zwiſchen zwei ſo verzweifelten Gegen⸗ ſätzen, wie ſie von ihm und dieſem Fräulein vertre⸗ ten wurden, feſſelnd erſchien, erwiderte: Sie ſind in dieſem Augenblicke viel aufrichtiger gegen mich, als Sie es gegen die Welt ſind. Wie ſo? fragte Wilhelmine. Der Welt gegenüber ſtellen Sie die Hingebung an den Thron und die Intereſſen der abſoluten Mon⸗ archie wie etwas Urſprüngliches dar, wie eine Art Religion; während Sie doch eben verriethen, daß dies Syſtem, wie ich es nennen möchte, nur die Folge einer ſehr klug angeſtellten Reflexion iſt. Welcher Reflexion? Sie fühlen, daß mit der Demokratie in der Art, wie ſie Ihnen erſchienen, nicht gut zu leben iſt und verwerfen ſie deshalb ohne Weiteres, indem Sie eine Anbetung der Monarchie, eine Vergötterung der He⸗ bel derſelben befördern, die das Uebel, das Sie be⸗ kämpfen wollen, nur ärger machen wird. Man muß dem Throne Kraft geben, den Arm der Fürſten ſtärken, die Bürgſchaften der Ordnung befeſtigen! Alles Politik! Alles Reflexion! Durchaus keine Religion, durchaus keine Andacht! rief Dankmar und pſycholo⸗ on einer Gegen⸗ n vertre⸗ frichtiger ingebung en Mon⸗ eine Art daß dies de Tolge der Att, iſt und Sie eine der He⸗ Sie be⸗ Arn der feſigen! 1s keine mat und 151 rückte ſeiner Gegnerin näher, indem er einige welke Weinblätter, die auf ihren Nacken gefallen waren, weglas... Nennen Sie es Tugend, wenn man ſich dahin ſtellt, wo man die Gefahren der Geſellſchaft abge— wendet ſieht! antwortete das Mädchen beſtimmt und von Dankmar's Spiel durchrieſelt. O nein, Das nenn' ich Inſtinkt, Selbſterhaltungs⸗ trieb, erwiderte Dankmar und nahm ihr wie ſpielend den Sonnenſchirm aus der Hand. Mein beſtes Fräu⸗ lein, Sie vertheidigen ſich nicht gut. Sie müſſen ſo, wie Sie einmal ſind, ſagen: Ein Demokrat iſt das nicht relativ, ſondern abſolut Verwerflichſte, und die Liebe, die ich zum Könige, zu den Prinzen, zu den guten Miniſtern, zu dem Adel, zur Armee habe, die iſt etwas Unerklärliches, die entſpringt aus dem Ge⸗ fühle, das einſt die Chriſten trieb, das Kreuz zu neh⸗ men und in's gelobte Land zu ziehen. Sie zerſtören mir ja durch Ihre Theorie den ganzen Heiligenſchein, den ich um Ihre ſchönen Locken erblickte. Wilhelmine ſah gedankenvoll empor. Es durch— bebte ſie etwas von einem Gefühle, von dem ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte. Sie ahnte faſt, daß Dankmar für ſich Recht hatte. Sie konnte ihm nur nicht ſagen, daß es eins der ſchmerzlichſten Ge⸗ 1³⁵²2 fühle, das die Seelen unſerer Zeit zerreißt, genannt werden muß, Menſchen, die man liebt und verehrt, in Anſichten gefangen zu ſehen, die man ſelbſt nicht theilen kann. Sie hatte ſich im Stillen auf Dank⸗ mar's Standpunkt geſtellt, mit ihm verhandeln, ihn in ihre Gedankenſphäre hinüber ziehen wollen und nur deshalb für etwas, was allerdings auch in ihr rein urſprünglich, wie eine viſionäre Anſchauung lag, äußere Gründe des Verſtandes geſucht. Sie ſagte: Darf ich denn wagen, mich Ihnen ſo zu geben, wie ich bin, ohne von dem ſtärkeren Geiſte verſpot⸗ tet zu werden? Ich ſehe, Ihre Menſchenkenntniß fühlt mir vollkommen die Empfindungen nach, die meine wahren ſind. Sagen Sie mir aber Das: Warum ergreift Sie nur nicht auch das Gefühl, Ihren Kö⸗ nig geehrt und mächtig zu ſehen, ſeinen Herrſcherblick vielleicht auf Sie ſelbſt niederzulenken, die Fahnen un⸗ ſerer Krieger ſtolz entfaltet zu ſchauen, von unſern Schlachten zu leſen und ſich gläubig, nichtig, ergeben zu fühlen in dem großen, gefeierten, heiligen, aber von Andern geleiteten Ganzen, das man den Staat nennt? Das will ich Ihnen ſagen, mein Fräulein! ant⸗ wortete Dankmar ernſt und voll Antheil. Die Ge⸗ ſchichte und das Leben haben mich gelehrt, daß die genannt Hverehtt, elbſt nicht uf Dank⸗ deln, ihn rund nur ihr rein 9, äußere zu geben, verſpot⸗ tniß fühlt die meine Warum hten Kö⸗ nſcherblic hnen un⸗ n unſern ergeben en, aber en Süunm ein! ant⸗ Die Ge⸗ daß die — großen Ideen nur an der Wiege, als ſie geboren wur⸗ den, unſchuldig und heilig waren. Das Chriſtenthum war unſchuldig und heilig, als es in Galiläa gepre⸗ digt wurde. Als es heranwuchs, gedieh, erſtarkte, mußte ſich der Denker ſchon wieder von ihm abwenden. So kann ich in politiſchen Dingen auch nur die Va⸗ ſallentreue eines Bayard unſchuldig und heilig nen⸗ nen, und für die Dichtkunſt haben die Empfindungen, die in Ihnen, mein Fräulein, leben, einen großen, auch mir ſehr bedeutenden Werth. Anders aber iſt es auch hier mit der erſtarkten Idee der Loyalität, wenn auf ihr Inſtitutionen wurzeln, Syſteme. Da ſeh' ich, daß zuviel Lüge, zuviel Egoismus von jenen Inſtitutionen in Schutz genommen wird. Ich ſehe, daß ſich böſer Wille, Unterdrückung, Anmaßung zu gut bei jenen Syſtemen unterbringen läßt und muß deshalb auch das Gute, das ihnen zum Grunde liegen mag, leider zerſtören, der Schlupfwinkel wegen, die das Böſe hier im Guten findet. Ich bin nicht blind für die Fehler der Revolution. Auch ſie war an ihrer Wiege in Rouſſeau's Schriften ein reiner keuſcher Ge⸗ danke. Man kann nicht reiner und unſchuldiger über den Staat denken, als damals gedacht wurde, als im Enthuſiasmus für Freiheit und Gleichheit aller Men⸗ ſchen die Adeligen Frankreichs ihre Privilegien ſelbſt 154 auf den Altar des Vaterlandes legten. Aber auch die Revolution iſt entartet, degenerirt. Nun kann der Denker nur in der Mitte ſtehen und da ſeine Hand bieten, wo noch der meiſte Reſt von der Wiegen⸗ unſchuld der Ideen übriggeblieben iſt und ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß das Zeitalter der Re⸗ volution jünger als Bayard iſt. Die Pflicht der Men⸗ ſchen ſoll ſich an das Gute der Revolutionen anſchlie— ßen, von Nichts aber, bei aller Nothwendigkeit der Mäßigung, des langſamen Fortſchreitens, des Ab⸗ wägens der Uebergänge, von Nichts ſich entfernter halten, als von dieſer rein vegetativen, alles Denken verbannenden, inſtinktmäßigen Verehrung der Inſtitu⸗ tionen, die das neue Zeitalter anzweifelt. Man kann dieſe Inſtitutionen noch eine Weile ſtützen, man ſoll es; aber man verſündigt ſich an Gott, wenn man ſie anbetet und z. B. mit einem Soldaten ſo ſpricht, wie Sie es eben mit dieſem Heinrich Sandrart ge⸗ than haben. Friederike Wilhelmine blieb eine Weile nachdenkend und ſchwieg. Dann ſagte ſie raſch und aufſeufzend: Wir verſtändigen uns nicht! Sie erhob ſich gerade noch zur rechten Zeit, ehe die ganze Geſellſchaft ſie Beide in dieſer Situation auf der einſamen Bank überraſchte... er auch die kann der ſeine Hand r Wiegen⸗ ich brauche her der Re⸗ t der Men⸗ anſchlie⸗ digkeit der ,des Ao— entfernter es Denken ee Inſttu⸗ Man kann „man ſol un man ſie ſo ſpricht andrart ge⸗ achdenkend ſſeufzend: Zeit, che uation auf 155 Es war nun faſt ſieben Uhr und ſchon ziemlich dunkel. Jeden Augenblick erwartete Leidenfroſt ſeine Unterſtützung zum Löſen des Böllers und zum Stei⸗ genlaſſen der Raketen. Die Muſiker, die unermüdet fortfuhren, ſanfte Harmonieen durch die Büſche hin aus der Laube zu entſenden, hatten ſchon Licht. Auch in dem Salon, in den unmittelbar eine Thür des Hauſes vom Garten führte, brannten Kerzen. Die Trompetta verlangte von Anna von Harder ein Mu⸗ ſikſtück auf dem Klavier. Die Schweſter Paulinen's hatte aber ihre Freude meiſt nur mit den Kindern und dachte daran, heimzukehren nach Tempelheide. Selbſt Siegberten, der ihr ſo ſympathiſch war, mochte ſie in ſeinem Verkehr mit den jüngern weiblichen Anweſen⸗ den nicht ſtören. Man bat, man drängte in ſie noch zu bleiben, zu ſingen, zu ſpielen, wenigſtens jeden⸗ falls die Raketen abzuwarten. Sie konnte ſich denn der Bitten nicht erwehren und willigte ein, auch am Piano das Duett zu begleiten, das die Trompetta und Wil⸗ helmine ſingen wollten. Bald auch erſcholl von den zwei kräftigen Stimmen ein Duett aus dem Judas Maccabäus. Ein krachender Böllerſchuß unterbrach dieſen Ge⸗ ſang und die Aufmerkſamkeit der um den Flügel ge⸗ ſchaarten Zuhörer. Zu gleicher Zeit ziſchte unbeküm⸗ 6. mert um die Cadenzen der Trompetta eine Rakete in die Höhe. Die Muſik war abgebrochen. Alles trat in Shawls und Mantillen gehüllt hinaus in den ſchon kühlen, jetzt völlig dunkel gewordenen Garten. Lei⸗ denfroſt's drei Gehülfen mußten angekommen ſein. Die Kinder rannten über die Beete, die Damen ſuchten den günſtigſten Ort, um, ſicher vor dem Niederſchlag der abgebrannten Präparate, doch von dem Lichteffekte derſelben ſich nichts entgehen zu laſſen. Ueberall her in den umliegenden Gärten wurde es lebendig. Das Feuerwerk fand Zuſchauer, die draußen am Hinter⸗ zaune, der ſchon in's Feld führte, bei beſonders gelun⸗ genen Effekten Beifall ſpendeten. Der erſte Böllerſchuß und die Rakete war nur ein Signal. Es folgte nach einiger Pauſe ein zweiter und wieder eine Rakete. Dann ein dritter und jetzt eine Leuchtkugel. Ah! ertönte es in dieſem ganzen fashio⸗ nablen Quartier. Anna von Harder, die Unruhe und Eile hatte, dachte, ob wohl auch drüben die Schwe⸗ ſter ſich an's Fenſter ſtellen und an dem Scherze ihre Freude haben würde?... Leidenfroſt legte große Ehre ein. Erſt ſpielte in un⸗ unterbrochener Folge ein kleines Geplänkel von Leucht⸗ kugeln. Es war wie das Spiel eines Cqutilibriſten, der Fangbälle wirft und aufgreift, ohne daß einer von 5—— e Rakete in Alles trat in den ſchon arten. Lei⸗ ſein. Die nen ſuchten Niederſchlag Lichteffekte leberall her ndig. Das am Hinter⸗ ders gelun⸗ war nur ein zweiter und d jetzt eine zen fashio⸗ Unruhe und die Schwe⸗ Scherze ihre ielte in un⸗ von Lucht⸗ nuilibriten, Feiner von der gewandten Hand verfehlt wird. Dann kam ein pot à feu, der plötzlich einen lebendigen Blumenkorb von Schwärmern vorſtellte. Das war ein Ziſchen, ein Züngeln, Platzen und Knallen in der Luft. Von dieſem Momente hatten die Näherſtehenden mehr Ge⸗ nuß als die Entfernteren, denen nur die Leuchtkugeln volles Vergnügen gewährten. Es kamen deren auch wieder neue, nun mit bunten Lichteffekten, die blau und roth in der Höhe ſich auflöſten; andere entwickel⸗ ten oben noch einen Schwärmer und ängſtigten die im Felde Stehenden; denn der züngelnde Auslaufer der geſtiegenen Rakete ſuchte gerade ſie auf. Nun brannte Leidenfroſt, der mit ſeinen drei Geſellen und dem einz'gen Lichtchen, das ſie auf ihrem dunkeln Berge unterhielten, einen eigenthümlichen Eindruck machte(faſt wie Seeleute, die ſich heimlich ducken, um einen Brander anzuzünden), einen Tourbillon ab, der wie eine herabfallende Fontaine geſtaltet, ſchnurrend in die Höhe fuhr und einen Feuerregen in unzähligen blinkenden Tropfen niederrieſeln ließ. Auch Feuerräder machten einen ähnlichen Effekt. Zwei Sonnen, die dicht hintereinander in Rotation kamen, ergänzten ſich in ihren Strahlen, ſo daß ſie in der Ferne den Ein⸗ druck einer einz'gen gewaltigen Sonne machten. Zu⸗ letzt brannte das Bouguet in einer für den kleinen 7 158 Raum unglaublichen Menge von Schwärmern, Ra⸗ keten, Leuchtkugeln und Donnerſchlägen ab. Nun gab der Böller noch drei kräftige Schläge und die Herr⸗ lichkeit war unter einem unaufhörlichen Tuſchblaſen der Muſikanten zu Ende. Bravo! ſcholl es von allen Seiten und in der That hatten ſich die Feuerwerker mit Ruhm bedeckt. Leidenfroſt's mannichfache Talente hatten ſich auch hier wieder glorreich bewährt. Die Fürſtin dankte ihm und erſuchte ihn, ja dafür zu ſorgen, daß ſeine Genoſſen noch blieben und ſich von einer für ſie bereit gehalte⸗ nen Collation nach ſo kühner Arbeit ſtärkten. Alle kehrten in den Saal zurück, wo ſie mit Eis und einer großen ſilbernen Vaſe voll gefrornen Champagners, einer von Olga angegebenen Idee, empfangen wurden. Siegbert, der hier und da faſt wie der Wirth oder der Sohn vom Hauſe nach dem Rechten ſah, hatte ſich an dem Berge verſpätet und beſprach mit den Ar⸗ beitern das Abbrechen der Zurüſtungen und den Trans⸗ port des Böllers, den Danebrand wie ein Spielzeug auf die breiten Schultern hob und erklärte, ihn ſo nach der Willing'ſchen Maſchinenfabrik zurücktragen zu wollen... Wie iſt es denn, Herr Wildungen, fragte Alberti bei dieſer Gelegenheit, wann kommt denn der Fran⸗ zos in unſern Verein? ärmern, Na⸗ ab. Nun gab nd die Her⸗ Tuſchblaſen und in der uhm bedeck. ſch auch hier ukte ihm und ine Genoſſen ereit gehalte⸗ irkten. Alle is und einer hampagnerd⸗ ngen wurden. er Wirth odet n ſah, hatte mit den A⸗ dden Trans⸗ in Spielzeug n ſo nach de zu wollen. nagte Alberti n der Ftan⸗ Und Sie ſelbſt und Ihr Herr Bruder... ſagte Heusrück. Wollten Sie uns denn nicht einmal einen Abend ſchenken? Schon längſt, antwortete Siegbert, längſt wären wir gekommen, wenn uns nicht mancherlei Sorgen in An⸗ ſpruch genommen hätten. Auch geſtehen wir Euch, Freunde, wir haben noch mit uns ſelbſt in Zwieſpalt geſtanden... Wir waren Ihnen nicht ſauber genug... ſagte Alberti... Wo denkt Ihr hin! fiel Siegbert ein. Unſer Herz ſchlägt nur für die Sache des Volks. Wir hatten immer ein Ohr, um hören zu können, was in Eurer Bruſt für Zeugniſſe über den höheren Werth der Men⸗ ſchen und die Möglichkeit einer Fortbildung der arbei⸗ tenden Klaſſen leben. Denen ſollten wir nicht trauen? Sollten feige ſein und mit unſerer Meinung zurückhalten? Sie leben unter Fürſten und Fürſtinnen... ließ Heusrück ſchüchtern fallen. Und habt Euch doch heute überzeugen können, daß die Schranke zwiſchen denen und uns und Euch nicht mehr gar zu hoch iſt! Nein, Freunde, der Grund, warum Louis Armand, Dankmar und ich zögerten, iſt ein anderer. Wir bezweckten... Ihr Kohlenbrenner, geht nun zum Teufel! unter⸗ 160 brach Leidenfroſt in ſeiner polternden Art die Sieg⸗ bert'ſche Ergießung und zündete ſich eine Cigarre an. Da habt Ihr Jeder noch eine Cigarre— auch Ihr, Danebrand— und nun examinirt uns nicht lange! Wir werden ſchon gackern und Euch rufen, wenn un⸗ ſere Eier gelegt ſind. Die Arbeiter lachten, nahmen die Cigarren und zündeten ſie an Leidenfroſt's brennendem Glimmſtengel an. Danebrand gebehrdete ſich dabei ungeſchickt ge⸗ nug. Sie wollten gehen... Nein, nein, ſagte Siegbert, die Fürſtin läßt Nie⸗ manden von Euch jetzt fort, ehe nicht der Tiſch, der in einem vorderen Entréezimmer gedeckt wurde, ganz geleert iſt. Das ſind unerläßliche Sachen, die von Olga ſo vorbereitet wurden und nun auch nach ihrem Willen ausgeführt werden müſſen. Sie meinen wol die Kleine mit den ſchwarzen gewundenen Flechten, im weißen Kleid... Es iſt die Tochter der Fürſtin... Die iſt muthig, ſagte Heusrück. Sie ſtand am nächſten, faſt mitten unter den Schwärmern. Wenn ſie nur nicht böſe iſt, ich habe ſie etwas grob zurück⸗ geſchickt.... Da hat es gute Wege, ſagte Siegbert. Am lieb⸗ ſten hätte ſie wol ſelbſt mit Hand angelegt. Aber, 1 c wü die Sieg⸗ igarre an. auch Ihr, ſcht lange! wenn un⸗ arren und mmſtengel ſchickt ge⸗ läßt Nie⸗ Lſch, der arde, gand 7, die von nach ihrem ſchwarzen ſtand am n. Wenn ob zurüc⸗ Am lie⸗⸗ gt. Aber, Freund, Ihr haltet den Böller mit einer Hand über den Schultern und raucht mit der andern die Cigarre? Die Arbeiter lachten über Danebrand, der wirk⸗ lich dies poſſierliche Bild eines ſo zu ſagen die Welt⸗ kugel tragenden und zu gleicher Zeit rauchenden Atlas darſtellte. Stellt ihn herab! Ihr bleibt und leert erſt den Tiſch und die Flaſchen! Na! ſagte Danebrand, ſtehen laſſen wir den Böl⸗ ler hier nicht! Artillerie iſt jetzt ſo verlockend wie Baumobſt. Die kleine Pfefferbüchſe könnte mir über den Zaun geſtohlen werden. Danebrand, ſagte Leidenfroſt, nehmt die Büchſe mit zum Tiſch und was Ihr nicht eſſen könnt, ſtopft in den Böller hinein und nehmt die wohlſchmeckende Ladung für morgen mit in die Fabrik! Topp!/ Darauf gingen die Arbeiter ein und ſagten, ſie würden ſogleich kommen. Siegbert wandte ſich nach vorn. Wie er raſch dahin ſprang und im Dunkel an einer Gruppe von Hängeweiden vorüber mußte, ſah er an einer derſelben Olga ganz allein an den Stamm ge⸗ lehnt. Es war ein kleines Rund, faſt abgeſchloſſen. Die Zweige der Weiden hingen ſo dicht und tief, daß Die Ritter vom Geiſte. VI. 11 162— ſie faſt um die Stämme herum eine Laube, einen Verſteck bildeten. So halb eingehüllt ſtand Olga an einem Baume, lehnte den Kopf träumeriſch auf den Arm und den Arm an den Stamm. Siegbert er⸗ kannte ſie nur an dem weißen Kleide. Vorübereilen, ſie in dieſem ihn rührenden Bedürfniß nach Einſam⸗ keit allein ſtehen laſſen, vermochte er nicht. Er hielt ſeinen eilenden Schritt an, wandte ſich zu dem ſtill nachdenklichen Mädchen und ſprach mit einem ſo weichen Tone, wie er nur von ſeinem gerührten Her⸗ zen und von ſeinen Lippen kommen konnte: Olga! Das träumende Mädchen hatte ihn nicht erwartet und hätte überraſcht ſein ſollen. Sie war es aber nicht. Sie gab ihm die linke Hand hinüber, wäh⸗ rend der rechte Arm als Stütze des unverwandt ru⸗ henden, vom Sternenlichte milderhellten Hauptes, am Stamme liegen blieb. Olga! Es iſt kalt! Gehen Sie nicht zur Geſell⸗ ſchaft? Man muſicirt wieder. In dieſem Augenblick änderte das Mädchen ihre Stellung, wandte ihr Antlitz ab und Siegberten war es, als hörte er ſie ſchluchzen. Er ergriff ihre Hand. Olga, was iſt Ihnen? fragte er ſanft. ner men ſar be, einen Olga an h auf den legbert el⸗ rübereilen, Einſam⸗ nicht. Er ch zu dem einem ſo arten Her⸗ ht erwartet ar es abet ün, wüh⸗ erwandt ru⸗ auptes, Am zur Geſel ſidhe iſt perien wal 163 Olga wandte ſich und ſah ihn mit großen, thrä⸗ nenerfüllten Augen an. Sie erkälten ſich in der Abendluft, Olga! Kom— men Sie! Olga ſchüttelte das Haupt und lehnte es wieder an den Stamm der Hängeweide. War das Feſt nicht nach Ihrem Wunſch? Es ging Alles ſo heiter, ſo wohlgeordnet! Warum ſind Sie nicht zufrieden? Siegbert hatte wieder ihre Hand ergriffen und war ſo von dem Abende angeregt, daß er Olga leiſe an ſeine Bruſt zog und ihr in's Auge ſehen wollte, um ihr Muth zuzuſprechen und Freude, Heiterkeit, Theilnahme. Wie ſie aber ſeinem Herzen ſo nahe ſich fühlte, ſchlug Olga die Arme um ihn und legte ſich ſo in die ſeinigen, daß er ſie halten mußte, wenn ſie nicht zur Erde gleiten ſollte. Unwillkürlich kam es Siegbert über die Lippen, in ſanftem, zärtlichem Tone zu ſagen: Olga! Was thuſt du? Liebſt du mich? fragte Olga zu ihm aufblickend. Olga! Olga! Laß uns gehenl rief Siegbert durch⸗ rieſelt von Wonne und Schrecken. Nein, ich mag keinen Menſchen mehr in der Welt. ſſehen, außer dir! . 11* 164 Man wird uns vermiſſen! Olga, komm! Sie ſollen mich in deinen Armen ſehen. Laß mich! Laß mich! Dabei hielt ſie ſich ſo feſt an Siegbert's Halſe, daß dieſer, von innerſter Empfindung durchbebt, kaum noch wußte, wie er ſich ihrer und ſeiner wehren ſollte. Er war zärtlich, er mußte es ſein, er ſtreichelte ihr Haar und drückte einen Kuß auf ihre Stirn, nur um ſie zu beruhigen, ſie abzulehnen, zur Beſinnung zu führen. Aber kaum fühlte Olga die warmen Lippen des an⸗ gebeteten Freundes auf ihrer kalten Stirn, als ſie ihm mit erneuter Wonne in's Auge blickte und durch ihre Zärtlichkeit, durch ihr Verlangen nach einer Verſiche⸗ rung auch ſeiner Liebe ihn verlockte, auch ihre Lippen mit dem warmen, weichen Munde zu berühren. Wie ihm Das ſo geſchehen war, beſann er ſich und hielt mit plötzlich erwachender männlicher Kraft das liebekranke Mädchen von ſich zurück. Olga, rief er, was thun wir— ſehen Sie die Mutter! Er zeigte auf die Thür des Saales, die geöffnet war. Geblendet von dem Lichte eines Armleuchters, den ſie in der Hand hielt, ſtand die Fürſtin und ſuchte im Dunkeln Siegbert oder Olga, vielleicht Beide. Olga, wie von einer bacchantiſchen Luſt und einen L Laß wich! bs Halſe, ebt, kaum ren ſollte. eihr Haar um ſie zu zu führen. en des an⸗ ls ſie ihm durch ihre r Verſiche⸗ ire Liypen hren. er ſich und Kraft das en Sie die di gedffut mnleuchters und ſuchte Beide tund einen 1 165 jubelnden Schadenfreude ergriffen, lachte laut, ſchlang den Arm um Siegbert, zog ihn mit ſich und behielt dabei ſeine rechte Hand, küßte ſie und rief: Du biſt mein! Siegbert! Dich lieb' ich! Siegbert, der ſonſt ſo Rückſichtsvolle, ſonſt ſich ſo Beherrſchende, hatte die Beſinnung verloren. Er wollte widerſtehen und konnte nicht. Er drückte Olga an ſein Herz, ſchlang den Arm um ihren Nacken und hauchte bebend: Meine Olga! So ſtanden ſie, geſchützt vom Dunkel, eine Weile. Dann riß ſich Olga los und rannte zu dem hellen Hauſe hin, wie ein flatternder Nachtvogel. Siegbert folgte langſam und ſprach vor ſich hin: Verhieß dir Das damals die weiße Roſe? Sechstes Capitel. Eine ernſte Nacht. Als Siegbert Wildungen wieder bei der Geſellſchaft war, ſprach er zur eiferſüchtig forſchenden Fürſtin Worte, die er nicht bedachte und erwiderte eine An⸗ rede der Trompetta, ohne ſie verſtanden zu haben. Er aß von dem gefrornen Champagner, ohne zu wiſſen, was man ihm bot. Er bereute ſchmerzlich, was geſchehen war; umſomehr, als er die Wirkung entdeckte, die dieſe Scene auf die wie umgewandelte Olga hervorbrachte. Olga trällerte, hüpfte, ſchlug das Piano zu einem Tanze an, ſie ſang ein kurzes, raſches Volkslied aus der Ukraine, ein Kriegslied der Tſcherkeſſen, ſie umſchlang Anna von Harder und beſtellte hundert Grüße an die Perlhühner und tür⸗ kiſchen Enten, an die Tauben und die Mäuſe ſogar und Kaninchen, die zu Tempelheide zuſammen in eineln Käfig hauſten. Ja, als die Geſellſchaft aufbrad, ff Geſelſchaft den Fürſin te eine An⸗ n zu haben. r, ohne du ſchmerzich die Wifkung ngenandele uffe ſlu⸗ an kurzes, — 4 — 167 als die Wagen vorfuhren, der Propſt ſich empfahl, die Pröpſtin knirte, die Töchter für den übergenuß⸗ reichen Abend dankten, als die Trompetta mit Um⸗ ſtändlichkeit nach ihrem Shawl rief, die Flottwitz noch zerſtreutgefeſſelt mit Dankmar plauderte, war ſie bei Allem behend zugegen, half, ſchwatzte, lachte, ſodaß die Mutter mit ſtrengem Blicke ihr verbot, ſo ausge⸗ laſſen die Honneurs zu machen und ſie in den Schat⸗ ten zu ſtellen ſuchte. Leidenfroſt, der inzwiſchen auch noch, wie er's nannte, von dem„gefrorenen Zeuge“ etwas gekoſtet hatte, erntete noch manchen Lobſpruch. Dankmar ſchüttelte Rudhard's Hand und warf im Vorübergehen noch der Flottwitz die Worte hin: Alſo, wir zürnen uns doch? Die junge Freundin der Trom⸗ petta konnte aber im Augenblick gerade nicht antworten, denn die Trompetta dominirte jedesmal, wenn es die Benutzung ihres Bedienten und ihres Wagens, das Zu⸗ ſammenſuchen ihrer Garderobe galt. Siegbert gab dem Propſt die Verſicherung, er würde ſich ſeine ge⸗ fälligen Vorſchläge ernſtlich überlegen und mit ihm darüber genauere Rückſprache nehmen. Als er Rud⸗ hard die Hand bot, war dieſer etwas verſtimmt oder wenigſtens nachdenklich. Die Fürſtin aber trat ihm inen Schritt näher und ſagte mit klagendem Nach⸗ druck und in langgezogenem Ton: 3 168 Sie gehen auch ſchon? Gute Nacht! Gute Nacht! unterbrach Olga heiter und mit einer faſt triumphirenden Sicherheit, gradezu die Frage der Mutter abſchneidend. Gute Nacht! Gute Nacht! Was iſt denn? Was ſoll Das? wandte ſich die Mutter ſtreng zu der Tochter. Gute Nacht! Gute Nacht! rief Olga wieder und geleitete den Scheidenden hinaus, noch ehe er der Fürſtin auf ihren Wunſch, daß er bliebe, Rede ſtehen konnte... Endlich waren Alle verſchwunden. Die Wagen fuhren ab und an dem Gitter vorüber ſchrit⸗ ten Leidenfroſt, Dankmar, Siegbert, hinter ihnen die drei Willing'ſchen Arbeiter. Danebrand trug den Böller hoch auf den Schultern... Olga begleitete die ſich entfernenden und die Hüte ziehenden Freunde noch das Gitter entlang bis zu der kleinen Eſtrade, wo einſt Rudhard den vorübergehenden Siegbert angehalten hatte. Eine Roſe konnte ſie dem Freunde nicht nach⸗ werfen. Die Zeit der Roſen war im Garten vorüber; aber in ihrem Herzen war es ein ganzer Frühling, der ihm folgte. Da brachen alle Knospen auf! Da duf⸗ tete es wie von einem Walde voller Blüten! Als Olga zurückkam, fand ſie die Mutter in der gereizteſten Stimmung. ga heiter gradezu ſich die dder und eer der de ſtehen en. Die er ſchti⸗ ihnen die den Böller e die ſich noch das wo einſt ngehalten icht nach⸗ vorüber; gling der Da duf⸗ 1b te in der — 169 Iſt es ſchon an und für ſich eine eigenthümliche Leere, die ſich meiſt nach allen Feſten, wo es ganz ohne Zwang und künſtliche Anregung doch niemals abläuft, einzuſtellen pflegt, ſo war die Fürſtin vollends unbe⸗ friedigt von ſich, von den Andern, von Olga, von Rudhard, von Jedem. Daß Siegbert gehen konnte, ſie allein zurücklaſſend in dem wüſten Gefühlschaos, der Folge ſolcher künſtlichen Aufregungen, verletzte, ja erbitterte ſie. Zuerſt mußten die Kinder entfernt und zu Bett gebracht werden. Sie gingen übermüdet und von Allem, was ihnen als Vergnügen geboten war, eher erdrückt als gehoben. Olga's Geſchäftigkeit, ihr Aufräumen, ihre Kritik der Perſonen und Geſpräche erklärte die Fürſtin für nervenangreifend. Rudhard ſprach gar nichts, was ihr ebenſo drückend erſchien. Obgleich es erſt acht Uhr ſchlug, wollte ſie ſich auf ihr Zimmer zurückziehen und früh zu Bett gehen. Sie gab Olga nicht undeutlich zu verſtehen, daß es ihr lieber wäre, wenn ſie allein bleiben könnte. Olga griff dieſe Gelegenheit, ſich das eben Vergangene noch einmal zurückzurufen und noch einmal in ſeiner gan⸗ zen berauſchenden Seligkeit durchzukoſten, mit Freuden auf. Hatte ſie doch nichts Heiligeres vor, als noch einmal in den Garten zu ſchlüpfen, noch einmal jene Stelle aufzuſuchen, wo ſie an Siegbert's Herzen ruhen, 170 das Haupt auf ſeine Schulter lehnen durfte und den Kuß ſeines Mundes fühlte. An der Hängeweide hätte ſie die ganze Nacht durchwachen mögen. Adele Wäſämskoi, die Fürſtin, ging auf ihr Zim⸗ mer. Es war beſcheiden eingerichtet, wie die ganze Wohnung, die nirgends einen urſprünglichen Lurus und nirgends auch die Spur verrieth, Das aus eige⸗ nen Mitteln hinzuzufügen, was zum Comfort dieſer ge⸗ mietheten Einrichtung ſchon von vornherein fehlte. Adele warf ſich auf ein Kanapé, das an einer dünnen Wand ſtand, die dies Zimmer von dem nebenan befindlichen Schlafkabinet der Fürſtin trennte. Eine große Oeff⸗ nung dieſer Wand war mit einer Portiere verſehen, die eben aufſtand. Verdrießlich ließ die Fürſtin die Portière fallen, ſtreckte ſich ermüdet auf das Kanapé und ergriff, indem ſie eine ihr nachgetragene Lampe ſich näher rückte, eins von den Büchern, die neben ihr auf dem Tiſche lagen. Es waren dies Bücher, die Rudhard zu wählen pflegte. Seit Jahren hatte ſie Das geleſen, was er empfahl; größtentheils Reiſe⸗ beſchreibungen, leichte geſchichtliche Werke, populaire Denkübungen, Schriften, die der Phantaſie keinen Schwung gaben. Sie hatte Goethe's Wilhelm Meiſter heute nennen hören. Sie kannte dies Buch gar nicht. Sie beſaß es in der kleinen Bibliothek, die zu der Ein⸗ und den richtung des gemietheten Hauſes gehörte. Es ſtan⸗ ngeweide den da Goethe's ſämmtliche Werke in einer kleinen b unſchönen Ausgabe in einem Glasſchranke des Zim⸗ r Zim⸗ mers, den ſie noch nicht einmal geöffnet hatte. Sie le ganze that dies heute zum erſten male und ſuchte von Goe⸗ Lurus the's Werken den Theil heraus, der Wilhelm Mei⸗ us eige⸗ ſter's Lehrjahre enthielt. Sie wollte ſie kennen lernen. dieſer ge⸗ Es quälte, es drückte ſie, daß ſie in ſo vielen Din— e. Adele gen nicht au niveau eines gebildeten Geſpräches ſtand en Wand und durch ihre geſellſchaftliche Würde, durch das Vor⸗ indlichen ſchützen der Mutterpflichten die Lücken verdecken mußte, ße Oef⸗ die ſie in ſich ſelber fühlte. Sie begann die Blätter verſehen, des ungeleſenen Buches, die noch zuſammenklebten, ürſtin die aufzuſchlagen und durchflog ſie. Kanape Aber auch zum Leſen gehört Virtuoſität. Adele ne Lampe beſaß nichts davon. Ein Schriftſteller mußte ſie ſo— die neben gleich auf der erſten Seite ergreifen, anders konnte Bücher ſie ihm nicht folgen. Erſt ihn gewähren laſſen, erſt ren hatte lauſchen, wohin er uns wol führen würde, Das er⸗ ls Reiſe⸗ müdete ſogleich ihre Spannung, und die Erzählungen populaite über Puppenſpiele, mit denen jenes ſo ſituationsreiche te keinen Werk beginnt, widerſtanden ihr ſogleich. Sie nannte Meſet ſie, wie einſt Laſally auf Hohenberg, kindiſch. Sie be⸗ ar nicht ſaaß nichts von jener Naivetät, die das Kennzeichen— der Ei des Genies oder der Bildung iſt. 172 Sie hatte das Buch aufgeſchlagen auf den Tiſch gelegt, als es klopfte. Sie gab keine Antwort; denn ſie glaubte, einer der Bedienten käme und brächte viel⸗ leicht Briefe oder Zeitungen. Ein flüchtiger Blick auf Egon's ſo viel gerühmte Rede würde ihrem gedrück⸗ ten Geiſte etwas Spannung geben, hoffte ſie. Aber es klopfte wieder. Sie rief: Wer iſt da? Und Rud⸗ hard war es, der draußen fragte, ob er eintreten dürfe? Kommen Sie doch! Was gibt es denn? ſagte ſie, erſchrocken, daß ihrer vielleicht etwas Unangenehmes harrte. Rudhard trat mit einer gewiſſen Feierlichkeit ein, mit Papieren in der Hand. Meine liebe Adele, ſagte er mit ſo viel Milde, als ihm zu Gebote ſtand. Ich muß Sie noch heute Abend ſtören. Ich habe mit Ihnen zu ſprechen. Was iſt? Worüber? Nur nichts, was mich auf regt! Bis morgen! Nein, nein, ſagte Rudhard und nahm ſich ohne Weiteres einen Stuhl, am Abend faßt man Entſchlüſſe, beſchläft ſie des Nachts, prüft ſie morgens und führt ſie den Tag über aus. Was haben Sie denn? Wegen der Kinder? Ich möchte Ihnen, meine gute Adele, ſagte Rud⸗ hard ruhig und gemeſſen, ich möchte Ihnen vorſchla⸗ dl ſe en Tſch tt; denn chte viel⸗ Zlick auf gedrück⸗ 2. Aber nd Rud⸗ dürfe? ſjagte ſie, enehmes iide, als te Abend nich auf⸗ ſch ohne nd führt 173³ gen, daß wir den längeren Aufenthalt in dieſer Stadt abbrechen und uns, ehe noch der Winter da iſt, beei⸗ len, nach einer ſüdlichen Stadt zu ziehen. Adele ſah ihren alten Erzieher erſtaunt an. Wie kommen Sie darauf? fragte ſie. Ich ſtand früher mit Frau von Oſteggen, mit dem Fürſten Wäſämskoi und ſeiner Gemahlin ſo, daß, wenn ich irgend einen Gedanken zum Heile der Fa⸗ milie mit einer gewiſſen innern Ueberzeugung von ſeiner Nothwendigkeit ausſprach, dieſer nicht erſt lange ge⸗ prüft, ſondern wirklich ausgeführt wurde. Laſſen Sie uns reiſen, Fürſtin! Morgen lieber als jeden andern Tag! Ich bitte Sie darum. Adele richtete ſich von ihrer liegenden Stellung auf und gab dem väterlichen Freunde ihr Erſtaunen zu erkennen, was ihn zu dieſem Entſchluß veranlaſ⸗ ſen könnte. Bekommt Ihnen das Klima nicht? Bekommt es mir, den Kindern nicht? ſagte ſie. Und als Rudhard ſchwieg, fuhr ſie fort: Sind die Unterrichtsanſtalten nicht vorzüglich? Hab' ich nicht guten Umgang? Oder ſoll ich der Möglich— keit ausweichen, mit Helenen in Berührung zu kommen? Als Rudhard alle dieſe Fragen verneinte, ſagte Adele, ſich wieder legend: 174 Dann bleib' ich auch da und reiſe nicht mehr. Rudhard nahm darauf eins von den Papieren, die er in der Hand hielt, und überreichte es, ohne ein Wort zu ſprechen, der erſtaunten Fürſtin. Dieſe las in franzöſiſcher Sprache: „Mein Herr, es iſt unverantwortlich, wie Sie der öffentlichen Meinung die Blöße geben und durch Ihre Beziehung zu Herrn Wildungen die Moralität der Ihrer Obhut anvertrauten Familie verdächtigen können. Es iſt das Geſpräch aller Cirkel, daß in Ihrem Hauſe Mutter und Tochter in der Leidenſchaft für jene ge⸗ nannte Perſönlichkeit wetteifern. Erkennen Sie hierin die Warnung eines Freundes!“ Wer hat Das geſchrieben? fragte Adele und er— hob ſich mit leidenſchaftlicher Gebehrde. Eine Perſon, ſagte Rudhard in aller Ruhe, ſeine Aufregung unterdrückend, eine Perſon, die in der Lage iſt, ihre erbärmliche Inſinuation durch Motive zu hei⸗ ligen, die leider auf unwiderruflichen Thatſachen be⸗ ruhen. Wie? rief Adele mit dem Ausbruche des ganzen Zornes, deſſen phlegmatiſche Naturen in äußerſten Fäl⸗ len fähig ſind. Wie? auf dieſe jämmerliche Anony⸗ mität hin wollen Sie mich aus meinem Frieden, mei⸗ ner Ruhe ſtören? Erkennen Sie nicht die Bosheit meht. Papieren, es, ohne 1. ie Sie der durch Ihre der Ihrer nnen. Es em Halſſe r jene ge⸗ Sie hierin le und el⸗ duhe, ſeine m der Lage ive zu he⸗ ſachen be⸗ des gänzen gerſten d he Anon⸗ jeden, na⸗ t Bosheit 175 Helenen's aus dieſen Zeilen? Von wem können ſie anders kommen? Mein gutes Kind, ſagte Rudhard, der die alten eingeräumten Rechte ſeiner Vormundſchaft nicht auf⸗ gab; mein gutes Kind, es iſt eine Eigenheit des menſch⸗ lichen Charakters, daß wir Alles, was uns zu thun oder zu laſſen unangenehm iſt, dadurch in ſeiner mah⸗ nenden Nothwendigkeit herabſtimmen wollen, daß wir die Motive Derer, die uns zum Guten auffordern, ver⸗ dächtigen. Laſſen Sie, liebe Adele, die Worte kom⸗ men, von wem ſie wollen. Laſſen Sie einen Teufel oder einen Engel dieſen Brief geſchrieben haben, er ſoll uns mahnen an die Wahrheit. Die Wahrheit iſt darum nicht verſchleiert, wenn es hier auch ihr Verkündiger iſt. Handeln wir nun ſo, daß wir uns ſelbſt überwinden und eine beſonnene, uns ehrende Entſchließung faſſen. Wahrheit, ſagen Sie? rief Adele. Warum ſagen Sie mir Dinge, Rudhard, die mich empören müſſen? Wahrheit wäre dieſes abſcheuliche Wort von der Mut⸗ ter und Tochter? Wie könnte Olga wagen— Olga? Auf keine andere Thatſache werd' ich Rede ſtehen. Wird Wildungen von Olga geliebt? Haben Sie da⸗ für Beweiſe? 176 Ich rede von Olga nicht.... Nicht von Olga? Sie könnten kommen, nur mich zu quälen? Sie könnten ſagen, wir müſſen reiſen, und denken nicht an die Gefahren, denen höchſtens meine Kinder ausgeſetzt ſind? Rudhard ſchwieg. Das war eine ſo kühne Pa⸗ rade der gereizten jungen Frau, daß ihm ſeine Waffe faſt aus der Hand flog und er anfangs nichts erwi— dern konnte, als ein kopfſchüttelndes: Hm! hm! hm! Machen Sie Vorſchläge, Olga in ein Inſtitut, in eine Penſion zu geben! ſagte Adele, ohne ihre gewal⸗ tigen, faſt hörbaren Herzſchläge bekämpfen zu können. Rudhard ſtand auf. Sein ganzer innerer Menſch war ergriffen, erſchüttert. Er ſah eine Mutter, ſo be⸗ herrſcht von Leidenſchaft, daß ſie ihr eigenes Kind aus Eiferſucht von ſich entfernen wollte. Heftig ſchritt er auf das Fenſter zu, als fürchtete er, daß es offen ſtünde. Er lüftete die Portière und ſagte: Adele, hier die Eingangsthür Ihres Schlafkabi⸗ nets iſt wol nicht verſchloſſen? Es iſt Alles verſchloſſen, laſſen Sie, laſſen Sie! antwortete Adele ungeduldig. Wenn man uns hörte, belauſchte, wenn Olga- Welche Schonung? fuhr Adele mit geſteigerter Un⸗ nur mich eiſen, und ns meine ihne Pa⸗ ine Wafe ts erwi⸗ nſtitut, in re gewal⸗ u können. er Menſch ter ſo be⸗ Kind aus V ſchritt er es offen taftbi rOlg4— gerte in 177 geduld fort. Ich werd' es ihr in's Geſicht ſagen, daß ſie die ſchlechteſte franzöſiſche Ausſprache von der Welt hat, daß man engliſch lernen muß, daß es in Bruͤſ⸗ ſel Inſtitute gibt, in denen die Töchter eines Reichs⸗ kanzlers noch Fortſchritte machen können. Adele! Adele! rief Rudhard und hielt ihr den an⸗ dern Brief entgegen. Olga iſt ſechszehn Jahre, reif für das Leben, reif für jede Zukunft, die Frauen nur erwarten können, und hier iſt ein Brief des Barons Otto von Dyſtra! Verheirathen Sie Ihr Kind, aber verpflanzen Sie einen Baum nicht mehr unter die klei⸗ nen Geſträuche. Adele nahm den Brief jenes Otto von Dyſtra, den Rudhard erwähnt hatte, und durchflog ihn. Wenn Rudhard nicht in unruhigſter Bewegung auf⸗ und ab⸗ geſchritten wäre, hätte er ein Geräuſch hinter dem Vorhange hören müſſen. Es war Olga, die in einem Drange, den ſie früher nie gekannt hatte, heute, wo ihr das unausſprechlichſte Glück vom Himmel geſpen⸗ det war, nicht ohne einen Nachtgruß von der Mutter ſcheiden wollte. Sie wußte ſelbſt nicht, war es Necke⸗ rei, Uebermuth oder Großmuth, was ſie trieb, an das auf den Corridor gehende Pförtchen des Schlafkabi⸗ nets zu klopfen. Sie hatte den Drücker erfaßt und die Thür offen gefunden. Da ſie Geſpräch hörte, Die Ritter vom Geiſte. VI. 12 .—— — — — 178 wollte ſie ſich zurückziehen. Wie ſie aber ihren Na⸗ men nennen hörte, den ihr oft genannten und von Odeſſa her noch in ihr Ohr tönenden Namen Otto von Dyſtra vernahm, hielt ſie den Athem an und blieb ſtehen. Da es, während die Mutter den Brief las, wieder ruhig wurde, wäre ſie faſt durch den Vor⸗ hang geradezu eingetreten. Nur Rudhard's heftiges Auf- und Abgehen ſagte ihr, daß ſie doch wol ſtö⸗ ren würde. Die Mutter begann jetzt: Nun gut! Nun gut! So iſt es ja in der Ord⸗ nung! Der Plan iſt ja alt und hat immer meine vollſte Billigung gehabt. Der Fürſt hatte nur unſer Beſtes im Auge. Die merkwürdigſten Umſtände ver⸗ einigten ſich, Olga's Hand einſt für den Baron von Dyſtra zu beſtimmen. Er wird von Amerika kommen. Sie iſt entwickelt genug, um ſich ihm zu verloben. Ich war wenig älter, als ich dem Fürſten nach Odeſſa folgte. Rudhard blieb ſtehen. Olga lauſchte mit Herz— ſchlägen, die ihr eigenes Ohr vernahm. Finden Sie dieſe Partie ſo unangenehm? fragte Adele, als Rudhard unentſchloſſen blieb. Otto von Dyſtra iſt ein merkwürdiger ſeltener Menſch, aber den Funfzigen nahe; verwachſen, ein Sonderling... ſagte Rudhard. gren Na⸗ und von nen Otto an und en Brief den Vor⸗ heftiges wol ſtö⸗ der Ord⸗ eer meine nut unſer ände ver⸗ aron von kommen. oben. Ich eſſa folgte. mit Het⸗ ne fragte r ſeltenet tſen, ein 41.— Sie kennen ihn nicht perſönlich, antwortete die Mutter. Es iſt der Mann der ewigen Jugend. Reich, ein Jugendfreund des Fürſten, treu, ausharrend, edel. Die Verbindung mit unſerer Familie war ein Lieb⸗ lingswunſch meines Mannes. Wäſämskoi ſtarb be— ruhigt, als in ſeinen letzten Augenblicken ein Brief aus Waſhington kam und ihm Dyſtra ſchrieb: Freund, meine Fahrten zur See und zu Lande ſind zu Ende, ich lege meine Stelle als Botſchafter des Kaiſers bei den Vereinigten Staaten nieder, ich komme nach Eu⸗ ropa und biete den Deinen an, was ich beſitze. Iſt deine Schweſter oder irgend eine alte Tante oder ſonſt wer geneigt, einen Philoſophen zu heirathen, ſo hoff' ich, die trüben Bilder, die du von der Zukunft haſt, zu verſcheuchen und durch meinen Tod einmal den Deinigen geben zu können, was, wenn ich unvermählt ſterbe, leider meiner Familie gehört. Eine Vernunft⸗, eine Geldheirath! fuhr Rudhard, da Adele ſtockte, mit feſter Stimme fort. Sie wiſſen, in dem Falle, daß wir vor den Thorheiten der d'Azi⸗ mont geſchützt bleiben, in dem Falle, daß Ihre Kin⸗ der einſt die Erben Ihrer Tante werden, daß ſich die zerrütteten Vermögensverhältniſſe des Hauſes Wäſäms⸗ koi auch ohne eine Verbindung mit dem Baron Dyſtra wiederherſtellen können. 12* 180 Sie glauben, daß Helene von dem Prinzen Egon laſſen, durch eine Scheidung von d'Azimont, die ſchon im Werke ſein ſoll, uns die Hoffnung auf ihre Reich⸗ thümer nicht nehmen wird? Ha! Ha!— Ich zweifle ſehr daran, ſagte Rudhard feſt, ich zweifle, daß Egon, der ſich täglich mehr wiederfindet, täglich ſein Inneres kräftiger entwickelt und einen Wall reinſter Sittlichkeit gegen die alten Thorheiten aufrich⸗ tet, ſich jemals zu ſolchen excentriſchen Schritten, wie eine Heirath zwiſchen ihm und Helene ſein würde, herbeiläßt... In dieſem Falle hätten wir Ausſichten... Gut! Aber ſie reichen weit hinaus! So weit, Adele, wie der Fürſt ſelbſt ſah. Ihre und die Jugend-Erxiſtenz Ihrer Kinder iſt geſichert. Sie werden niemals glänzend leben können, das iſt wahr. Sie haben es aber nicht nöthig, da Sie nicht glänzend erzogen wurden. Was Sie zur Unterhaltung Ihrer Würde, zur Ehre Ihres Standes bedürfen, das beſitzen Sie. Der Fürſt wollte nur die entferntere Zu⸗ kunft ſeines Hauſes, ſeinen Namen, das ſpätere Loos ſeiner Kinder geſichert ſehen. Er war nie reich. Die Fa⸗ milie verarmte vollends und fühlte nur zu tief, wie mis⸗ lich es iſt, von den Launen des Kaiſers abzuhängen und von den Wechſelfällen des Geſchickes. Er wollte in jenem zen Egon die ſchon zre Reich⸗ feſt, ich ederfindet, nen Wall aufrich⸗ iten, wie in wütde, Gut! ah. Ihle geſichet. u, das iſ Sie nicht natelan irfen das erntere Zu⸗ ätere Loos h. Die da⸗ f wie mis⸗ / ängen und te in jenem 181 alten ruſſiſchen Bojaren⸗Stolze der Selbſtſtändigkeit ſeiner Familie eine Stütze geben und hoffte auf zwei Möglichkeiten, entweder die Erbſchaft von der reichen Gräfin d'Azimont oder die Verheirathung ſeiner Kin⸗ der. Baron Otto von Dyſtra iſt ſein Freund gewe⸗ ſen. Ein unruhiger Charakter, der zweimal die Welt umſchiffte und von der Regierung zu ihren großen überſeeiſchen Miſſionen benutzt wurde. Es iſt wahr, er ſoll Schätze beſitzen, die er längſt ſchon dem Für⸗ ſten zur Verfügung ſtellte. Der Fürſt ſchlug ſie für ſich aus, nahm aber die mir immer nur frivol er⸗ ſcheinenden Anerbietungen des Barons, ſein unruhi⸗ ges wechſelvolles Leben mit einem Mitgliede ſeiner Familie und wär's mit Olga oder Paulowna beſchlie⸗ ßen zu dürfen, erſt eben ſo ſcherzend, eben ſo frivol ent— gegen, bis aus ihnen ernſtlichere Verſicherungen entſtan⸗ den und Baron Otto von Dyſtra jetzt in der That unterwegs iſt, ſein leichtſinnig verpfändetes Wort zu löſen. Dieſer Brief, den ich heute aus London em— pfing, kündigt ſeine Ankunft ſo plötzlich an, daß wir ihn binnen drei Tagen erwarten dürfen. Olga fühlte etwas wie einen kalten Griff in ihr Herz. Die Mutter blieb bei der Vortrefflichkeit dieſes Ar⸗ rangements ſtehen, lobte die weiſe Sorgfalt des Für⸗ ſten, pries die Umſtände Dyſtra's, nannte ihn, trotz ſeiner barocken Geſtalt, einen Philoſophen, ohne an⸗ geben zu können, worin ſeine Philoſophie beſtände, behauptete, daß der Fürſt nur Ehrenmänner zu Freun⸗ den gehabt haben könne und ſchloß damit, daß auf dieſe Art Olga's Zukunft ja vortrefflich beſtimmt wäre und es keiner Böswilligkeit ferner einfallen könne, ſich in die innern Angelegenheiten ihres Hauſes zu miſchen. Und Alles, Alles Das, Adele, weil... rief Rud⸗ hard, ſeinen Zorn unterbrechend. Sein Gefühl, die Rückſicht übermannte ihn. Weil? fragte die Fürſtin mit einer Sicherheit, die ihm verrieth, daß ihr Charakter jetzt erſt, in ihrem vierunddreißigſten Jahre, in ſeine Entwickelung ge⸗ treten war. Weil Sie ſelbſt es ſind, brach Rudhard hervor, Sie ſelbſt, die Wildungen lieben und in Olga die glück⸗ lichere Nebenbuhlerin fürchten! Rudhard glaubte in der Fürſtin eine gewaltige Be⸗ wegung hervorgerufen, irgend den Ausbruch eines ge⸗ waltigen Zornes, eines längſt gegen ſeine Bevormun⸗ dung verhaltenen ſtillen Ingrimmes geweckt zu haben. Nichts von alledem. Die Fürſtin rümpfte die Naſe und ſprach mit einer wegwerfenden Miene: Wie zart und rückſichtsvoll Sie ſind! ihn, trotz ohne an⸗ beſtände, zu Freun⸗ daß auf mmt wäre könne, ſich jmiſchen. rief Rud⸗ ihn. erheit, die jin ihrem felung ge⸗ nd hervor, J die glc⸗ alige Be eines ge⸗ Bevormui⸗ t zu haben. 3 die Naſe Sag' ich etwa die Unwahrheit? fuhr Rudhard, durch dieſe Antwort ſich ſteigernd fort. Muß ich mir nicht die bitterſten Vorwürfe machen, daß ich in blin⸗ dem Vertrauen auf Ihre Selbſtbeherrſchung einen Freund der Kinder, einen theilnehmenden gebildeten jungen Mann in dies Haus einführte, der, ohne ſelbſt die geringſte Veranlaſſung zu geben, in die jungen Gefühle eines Kindes den erſten Funken wirft und auch in der Aſche eines Mutterherzens noch die letz⸗ ten Funken zur Flamme entzündet. Dieſe Worte entrüſteten die Fürſtin. Es iſt genug! rief ſie ſich erhebend. Es iſt ge⸗ nug, Rudhard. Ich habe das Joch Ihrer Weisheit ſo lange getragen, daß ich ſelber dumm darüber wurde! Ich habe Sie denken laſſen und gethan, Jahre lang gethan, was Sie mir als gut und recht zu thun an⸗ empfahlen. Aber ich fühle, daß ich gegen Andere zu⸗ rückgeblieben bin, daß ich verkürzt wurde um meine Freiheit, um mein wahres Lebensglück. Dieſe Zeit iſt aus. Von der Botmäßigkeit, in der ich unter Ihnen ſtand, jetzt in eine Sklaverei kommen zu ſol⸗ len, bei der ich unter meiner eigenen Tochter ſtehen würde, Das iſt zu viel, Das vermag ich nicht zu er⸗ tragen. Ich würde gehen, ſagte Rudhard, wenn ich dem 184 Fürſten nicht geſchworen hätte, über die Kinder zu wachen, bis mein Auge bricht. Quält Ihr mich, rief Adele, foltert Ihr mich, ſo wähl' ich den äußerſten Fall— Fürſtin! So bleiben Sie und ich gehe! Die Mutter von ihren Kindern?... Adele! Rudhard's Stimme zitterte. Er mußte einen Sitz ſuchen, um ſich aufrecht zu erhalten. Adele aber fuhr fort: Verſteh' ich denn jetzt, was meine Schweſter be⸗ ſtimmen konnte, entehrende Feſſeln zu brechen? Faſſ' ich's denn jetzt, was es heißt, das Leben hingehen laſſen, ohne ſeine Blüten zu brechen, ohne ſeine Früchte zu genießen? Du kalter Mann, du ſchiltſt das Herz, daß es liebt? Hab' ich denn je geliebt? Hab' ich denn je die Wonne empfunden, in eines Mannes Ferne vom Schauer der Sehnſucht, in ſeiner Nähe vom Schauer der zärtlichſten Freundſchaft ergriffen zu wer⸗ den? Ich habe den Fürſten geheirathet, weil es ſo beſchloſſen wurde. Ich achtete ihn, ich verehrte ihn. Ich war die treue Pflegerin ſeiner gemeſſenen Lebens⸗ jahre. Mein Leben verſtrich wie der Traum einer verpuppten Raupe. Ich ahnte eine ſchöne Welt, ich fand ſie in den mütterlichen Pflichten. Ich habe mich KNinder zu hr mich, veſter be⸗ en? Jaſſ hingehen ne hichu das Helz, 90 ich nes deine ſähe vom in zu wer⸗ zeil es o rehrte ihn. gebens⸗ iner en aum e Pelt, ich habe mich nie geſträubt ſie zu vollziehen. Ich lebte ihnen bis dieſe Stunde. Aber wenn ſich ein Kind in das eigene Herz der Mutter krallt, wenn es über uns hinweg— hüpfen, über uns hinwegtändeln, über uns hinweg⸗ lachen, lieben will und die Jugend wie ein trotziges Vorrecht übt, dann komm' ich mir vor wie ein Menſch, den man lebendig begraben will, und ich ſchüttle mich, ich ſpringe auf, ich laſſe mich nicht in die Erde wer⸗ fen, ich ſage: Ich liebe! Ich liebe Siegbert Wildun⸗ gen und das Schickſal iſt gütig, Gott iſt liebevoll wie unſer Herz, ich weiß es, ich werde durch ihn nicht unglücklich ſein. Hier unterbrach ein gellendes Lachen die Worte der Fürſtin. Rudhard wandte ſich und ſah hinter dem halb— geöffneten Vorhange Olga ſtehen, wie wahnſinnig, mit geiſterhaftem Blicke. Du hier? Was willſt du? herrſchte die Mutter zornentbrannt. Mutter! rief das Mädchen halb ohnmächtig mit ſchmelzendem Ausdruck und wollte ſich in die Arme der Fürſtin werfen. Hinweg! ſchrie dieſe im höchſten Ausbruch ihres Schreckens und ihres Zornes. Olga, ſo zurückgewieſen, blieb ſtehen, ſah die Mut⸗ 186 ter mit zitternden Lippen, funkelnden Augen lange wie eine Irrſinnige an, dann lachte ſie plötzlich, klatſchte in die Hände und rief: Gute Nacht! Gute Nacht! lachte wieder und ſtürzte mit dem convulſiviſchen Aus⸗ bruch ihrer Gefühle ſchluchzend, aber auch triumphirend hinter dem Vorhange davon. Die Fürſtin folgte ihr, ſah, daß das Cabinet auf den Corridor hin nicht verſchloſſen geweſen war und warf ſich halb ohnmächtig und erſchöpft auf ihr Kanapé. Rudhard nahm die Briefe und kämpfte einen Au⸗ genblick mit ſich, ob er dem Starrkrampf, in den die Fürſtin gefallen ſchien, eine mildere Löſung geben ſollte. Er war aber zu entrüſtet, zu ſtreng dazu. Auch überwältigte ihn die Trauer, daß alle Erziehung, alle Lehre nicht ausreicht, in gewiſſen äußerſten Kriſen des Lebens die Eingebungen des Naturells zu unterdrücken. Er ſagte nichts, als ein einfaches: Sammeln Sie ſich, Adele! Prüfen Sie ernſt, was Sie bewegt. Tödten Sie Ihr Kind nicht! Es gibt einen moraliſchen Tod, den ich bei Olga mehr fürchte, als den phyſiſchen. Ich finde Sie morgen anders als ich Sie jetzt verlaſſe. Das weiß ich, Das hoff' ich. Damit ging Rudhard und überlegte, als er die Treppe zu ſeinem Zimmer hinaufſtieg, ernſtlich, was nun zu thun ſei. Als der Senſenmann an ſeiner Uhr lange wie , klatſchte ute Nacht! ſchen Aus⸗ umphirend abinet auf war und r Kanape. einen Au⸗ in den die ung geben gzu. Auch ehung, alle Kriern des terdrücken. ernſt, was 1Es güt ir fürchte, anders dls hof ic⸗ als el die lich, was ſeiner Uhr 187 zehnmal anſchlug, ſtand es ihm nach längerer Prü⸗ fung feſt, daß hier nur Siegbert Wildungen ſelber helfen konnte. Er war überzeugt, daß es nur einer kurzen Aufforderung bedürfen würde, um dieſen edlen jungen Mann zu bewegen, ſich auf einige Zeit nicht nur von dieſem Hauſe, fondern auch aus der Stadt und ihrem nächſten Umkreiſe ganz zu entfernen. Adele aber überlegte, wie viel von Dem, was Olga möglicherweiſe belauſcht hatte, hinreichen würde, ihre Wünſche zu erleichtern oder zu erſchweren. Goe⸗ the's Wilhelm Meiſter nahm ſie nicht wieder vor. Sie ſah durch ihr Fenſter hinüber in die dunklen Gärten. Im Hauſe der Geheimräthin von Harder war es hell und belebt. Sie mochte nicht länger hinſehen; es war ihr Alles peinlich, Alles zu eng, um ſich zu klein! Erſt in den heftigen Vorwürfen, mit denen ſie ihr Kammer⸗ mädchen wegen der nicht geſchloſſenen Thür überſchüt⸗ tete, fand ſie ſich zurecht und warf ſich erſchöpft, in verdrießlichſter Misſtimmung von der Welt, ſchmerz⸗ zerriſſen, auf ihr einſames Lager. Dieſe Nacht, einer uns werthen Familie ſo ernſt und bedeutſam, ſollte auch dem Kreiſe der Freunde, deren Schickſalen wir folgen, mit verhängnißvollen Sternen aufgehen. Verſetzen wir uns in das innerſte Gewühl der 188 großen Stadt, an die Stelle ihrer reichſten hiſtoriſchen Erinnerungen. Da, wo die alte Johanniskirche und die Propſtei, wo die Dreieinigkeitskapelle und die von Schlurck bewohnte Johanniterkomthurei und das Rath⸗ haus liegen, befindet ſich auch der ſogenannte Raths⸗ keller, einer der beliebteſten Beſuchsörter, ein von der gewählteſten Geſellſchaft gepflegtes, alterthümliches Lo⸗ cal. Dicht an dem Rachhauſe ſelbſt gelegen, wa⸗ ren ſeine oberen Räumlichkeiten zur Aufbewahrung der im Laufe der Zeiten flutartig emporgewachſenen Regiſtraturen und Akten beſtimmt und ſtanden durch einen Hof mit dem ehrwürdigen alten Rathhauſe ſelbſt in nächſter Verbindung. Das untere Geſchoß hatte ſeit den älteſten Tagen der Rathskellermeiſter in Beſitz. Es waren dies große, feuerfeſte Gewölbe, zu denen man durch eine niederwärts gehende Treppe von der Straße herabſtieg und die nach jenem Verbindungs⸗ hofe mit dem Rathhauſe wieder ihren Ausgang hat⸗ ten. Der Rathskeller war immer nur den tüchtigſten und empfohlenſten Küfern anvertraut worden. Es war eine Pachtung, die man vom Rathe nicht meiſt⸗ bietend, ſondern nach einer Prüfung erſtand. Die gewal⸗ tigen Vorräthe aus alter Zeit, die man mehr der Cu⸗ rioſttät als der Nutznießung wegen geſammelt hatte, ſtanden unter der Pflege dieſes Rathskellermeiſters, hiſtoriſchen lskirche und und die von das Rath⸗ ante Raths⸗ ein von der mliches Lo⸗ ſegen, wa⸗ bewahrung gewachſenen mden durch hauſe ſelbſt eſchoß hatte ſet in Beſtz e, zu denen pe von der exbindungs⸗ usgang har⸗ ntüchtigſten oorden. E richt meiſ⸗ Die gewal⸗ ehr det Cu⸗ melt halie Lermeifers — während der übrige Theil ſeines Geſchäftes auf eigene Rechnung ging. Der gegenwärtige Rathskeller war eins der be⸗ liebteſten Stelldicheins der Stadt geworden. Man fand nicht nur an den vorzüglich gehaltenen Weinen ſeinen Gefallen, ſondern auch an der außerordentlich gemüth⸗ lichen Einrichtung dieſer vielen fleinen Souterrains. Wenn man von der Straßegetwa acht Stufen nieder⸗ geſtiegen war, betrat man einen langen Gang, der auch den ganzen Tag ſchon durch Gaslicht erleuchtet und an den Wänden nicht ohne Geſchmack in Fresko bemalt war. Links und rechts gingen ſchwere eichene, größtentheils neue Thüren zu kleinen, fenſterloſen, grün⸗ angeſtrichenen Cabineten, die alle von einer Gasflamme erhellt waren. Dieſe durch dicke Grundmauern ge⸗ trennten Cabinete waren groß und klein, je nachdem man möglichſt allein oder in größerer Geſellſchaft ſein wollte. Klingeln führten auf den Gang hinaus und ſetzten jeden noch ſo iſolirten Beſucher mit den Kell⸗ nern, die im Schurzfelle als Küfer auftraten, in Ver⸗ bindung. Mit der Kellerei war eine ſehr gut unter⸗ haltene Speiſewirthſchaft verbunden. Dieſer Rathskeller war eins der älteſten Gebäude der Stadt. Man ſetzte es auf die Zeiten des vier⸗ zehnten Jahrhunderts zurück und mancher Alterthüm⸗ 190 ler betrachtete voll Theilnahme ſeinen Giebel oder ließ ſich den innern Bau zeigen, der verfallen war, un⸗ wegſam durch die hier aufgeſchichteten Papiervorräthe, alten Schränke, Pulte, Stühle, aber durch ſeine Bau⸗ art und die Behandlung des Balkengefuges noch man⸗ nichfaches Intereſſe bot. Urſprünglich gehörte dies Haus denſelben Templern, die in Tempelheide einen Hof hielten. Es war das Profeßhaus des Ordens geweſen, der in Deutſchland ſich länger erhielt als irgendwo und, wie wir wiſſen, auf Befehl des Pap⸗ ſtes in den St.⸗Johanniterorden, ohne weitere Anfech⸗ tungen zu beſtehen, überging. Bis zur Reformation gehörte dies Profeßhaus den Johannitern, und nach ihr, als dieſe norddeutſchen geiſtlichen Ritter proteſtan⸗ tiſch wurden, rechnete man es gleichfalls zu jenen Be⸗ ſitzungen, die bei der Theilung der unglaublich aus⸗ gedehnten Güter des Ordens dem Ritter Hugo von Wildungen überwieſen wurden. Noch jetzt ſah man das alte dreiblätterige Kleeblatt an den vier Enden des Kreuzes am höchſten Giebel des Rathskellers und fand es auch ſonſt auf ſinnige Weiſe hier und da ſo zu architektoniſcher Verzierung benutzt, daß der kreuz⸗ liebende Don Euſebio in Calderon's Andacht zum Kreuze darüber ſeine freudigſten Schauer würde empfun⸗ den haben. p 1 1 del oder ließ n war, un⸗ piervorräthe, ſeine Bau⸗ 3noch man⸗ gehörte dies lheide einen des Ordens erhielt al hl des Pap⸗ eitere Anſech⸗ Reformation n, und nach ter proteſtan⸗ zu jenen Be⸗ laublih aus⸗ Hugo von ett ſah man vier Enden Hskellels und er und da ſo 1 aaß del kreuz⸗ Andacht zum irde emyfun⸗ 191 Es war nach ſieben Uhr und ſchon dunkel, als in dem Verbindungshofe des Rathhauſes und des Rathskellergebäudes zwei Männer ſtanden, die einen Dritten zu erwarten ſchienen. Der Eine war eine hohe ſtattliche Geſtalt mit dickem Backenbart und einem tief über die Stirn gedrückten Hute. Der Andere klein und ſchmächtig und wie von Hektik gebeugt, kurzath⸗ mend und klapperdürr. Zum Henker mit Ihrer Schwerhörigkeit, ſagte der Starke und Stattliche zu dem Schmächtigen, der ihn ſchon einige Dutzendmale mit ſeinem Wie? Wie ſag⸗ ten Sie? geplagt hatte. Und ſich dicht an das Ohr des Fragenden lehnend, rief er hinein: Haben Sie ihm punkt Sieben geſagt? Punkt Sieben, Herr Oberkommiſſair! Der Oberkommiſſair Par zog ſeine Uhr und ließ ſie repetiren. Es war ſieben Uhr. Der Erwartete kam noch immer nicht. Ungeduldig ging der Harrende auf und ab. Hier lagen alte Balken, da ſtanden Ton⸗ nen, die zur Kellerei gehörten. In mancher Ecke hing noch eine eiſerne Kette oder ein Ring, der früher zu den in den Rathhaushöfen üblichen Erecutionen be⸗ nutzt wurde. Der Oberkommiſſair ſpielte ungeduldig mit einem dieſer Ringe und ſah zu den Fenſtern des 192 Rathhauſes hinauf, die nach dieſer Seite hin vergit⸗ tert waren. Ein menſchliches Weſen ließ ſonſt nicht blicken. Abgelegen und ſtill lag dieſer Hof, nur zugänglich den Leuten des Rathskellermeiſters und den Subalternen des Rathhauſes, wenn ſie in den Fall kamen, aus den Verſchlägen des alten Profeßhauſes Akten oder zu feierlichen großen Sitzungen Stühle und Tiſche holen zu müſſen. Eine andere Thür zu dem alten Gebäude als die, zu der man auf einer halben Leiter hinaufſtieg, war nicht ſichtbar. Ohne Zweifel hatte hier früher eine größere Steintreppe geſtanden, war baufällig geworden, abgeriſſen und nun durch eine hölzerne Rothtreppe erſetzt, die in der That mehr den Namen einer Leiter verdiente. Kommen Sie, Schmelzing, rief der Oberkommiſ⸗ ſair, wir bleiben einſtweilen beim Rathsdiener Spieß oder wir ſchließen auf und gehen immer hinein. Der zu einem Rathe in dieſem Falle Aufgeforderte war in der That der ehemalige Schreiber Schmelzing, der ſchon lange in mancherlei Relationen zur Polizei geſtanden hatte, ſeitdem aber Hackert's Talente von Par erkannt und für die öffentliche Sicherheit gewon⸗ nen waren, ſich gleichfalls dem Oberkommiſſair offe⸗ ner zur freien Verfügung geſtellt hatte. Er war man⸗ nichfach zu verwenden. Schrieb er auch nicht ſo kunſt⸗ hin vergit⸗ F ſonſ er Hof, nur rs und den n den Fall rofeßhauſes Stühle und hür zu dem iner halben hne Zweifel geſtanden, nun durch Chat mehr Oberkommiſ diener Spieß hinein. liſrrdi (Schmelzing, zur Paliſi Talente von etheit gewol⸗ miſſair iff⸗ er wat man ict ſ luſt —— voll wie Hackert, der in der Kalligraphie ein Künſt⸗ ler wan, ſo war ſeine Feder doch raſcher, ſein Auge geübter im Enträthſeln ſchwieriger Handſchriften und ſeine Kenntniß des Kanzleiſtyles zuverläſſiger als bei Hackert, dem oft einfiel, ſeine eigenen Wege zu gehen und in die von dem Oberkommiſſair verlangten Be⸗ richte ſeine eigenen Ideen einfließen zu laſſen. Die heutige Erpedition war eine von denen, denen Schmel⸗ zing ſich gern unterzog, da ſie beſonders gut bezahlt wurden und ohne ein beſonderes Vertrauen der Behörde nicht gut ausgeführt werden konnten. Leider ſtörte ihn ſeine Harthörigkeit, die wir ſchon von Nr. 87 her in der Brandgaſſe Nr. 9 kennen und auch jetzt gab er keine andere Antwort, als daß er äußerte: Frau Rathsdienerin Spieß? Eine ſchöne Frau! Ungeduldig hatte der Oberkommiſſair mit einem großen Schlüſſel, den er aus der Bruſttaſche zogr ſich an die Treppe begeben und auf ihr die Thür des alten Profeßhauſes aufgeſchloſſen und Schmelzing aufgefor⸗ dert, nach ihm einzutreten, als man eilende Fußtritte hörte. Par hielt die Thür noch zu und ſah ſich um. Es war der Erwartete. Sie kommen ſo ſpät, Hackert! Haben Sie's nicht— finden können? Da bin ich jetzt, ſagte Hackert. Was ſoll's nun?.. Die Ritter vom Geiſte. VI. 13 8*4 1 194 Die Fäſſer hier kenn' ich... auch die Ratten, die ſich hier im Hofe jagen, ſind alte Freunde... Finden Sie ſich hier zurecht? fragte Par voll An⸗ theil für ſeinen Schützling, der in gewählter Kleidung, leicht, heiter und ſorglos ſchien. Wenn Schlurck oben auf dem Amt zu thun hatte, ſagte Hackert, ſprang' ich kleiner Burſch' hier auf dem Hof herum, zupfte das Gras aus und band alte Stricke an die Halseiſen und kugelte die Tonnen herum, bis die Rathsdiener kamen und mir Ruhe ge⸗ boten. Hier hab' ich leider zu früh Wein trinken lernen. Als zehnjähriger Junge hab' ich da in der Ecke oft betäubt gelegen und ſchlief meine erſten Räuſch⸗ chen aus, die freilich mehr vom Dunſt in den Kel⸗ lern kamen, als. Sie waren von jeher ein Taugenichts, unter⸗ brach Par lachend. Machen Sie ſich nicht beſſer wie Sie ſind! Hackert ſchüttelte den Kopf. O ich ſaß hier oft ganz allein im Hofe, fuhr er, ſich umſehend, fort, und freute mich über die Schwal⸗ ben, die da oben in den alten rothbraunen Fenſtern niſteten. Sehen Sie nur da, Fratzen von Füchſen, Wölfen, Kranichen, die die alten Steinmetzen hinein gehauen haben. Die ſchienen mir alle lebendig zu die ſich oll An⸗ leidung, in der Räuſſh⸗ den Kel⸗ untel⸗ eſſer wie fuhr el, Schwal⸗ genſtern Füchſen, n hinein endig il 195 werden, auch ohne Rauſch. Da kam denn manchmal der alte Rathskellermeiſter heraus und kannte mich als Schlurck's Pflegeſohn und Schreiberjungen. Da hieß es denn: Fritz komm! Willſt einmal Wein koſten? Ich ſchmunzelte blos und ſagte gar nichts. Aber der Alte ging und kam mit einem grünen Römer ange⸗ wackelt voll vom älteſten Nierſteiner. Ich hatte bei Schlurck's früh Wein getrunken, aber der Nierſteiner aus dem Rathskeller brachte mich gleich fertig. Dem Alten quollen die Augen über vor Lachen, wenn er ſah, daß ich das Glas hinuntergoß und gleich dar⸗ auf Augen machte wie ein angeſtochenes Kalb. Er wollte, ich ſollte nun gleich tanzen und ich tanzte auch, und wurde ſo verwirrt, daß ich umfiel. Da lachte er aus Leibeskräften und ging in den Keller zurück. Noch iſt's mir, als hört' ich das alte Schurzfell raſcheln, wenn er ſo klatſch! klatſch! klatſch! wieder in die Ver⸗ ließe hinunter ſtieg. Er iſt nun todt. Seitdem bin ich nicht wieder da geweſen. Und was ſoll's nun hier?“ Die drei Diener der öffentlichen Sicherheit waren während dieſer Unterhaltungen in dem innern Raum des alten Profeßhauſes angekommen. Aufgeſchreckte Ratten huſchten an ihnen im Dunkeln vorüber. Par zog eine kleine Handleuchte aus der Taſche, zündete ſie durch ein Streichhölzchen an, das er behutſam aus⸗ 13* löſchte und der vielen Papiere wegen, die hier ſchon herum lagen, nicht etwa hinter ſich fortwarf. Schmelzing war hier bereits bekannt. Hackert kam zum erſten male. Das ſieht da aus! rief er, hier war ich nie! Er erblickte zunächſt eine große gewölbte Halle, die jedoch ihre Wirkung durch die vielen Schränke und Repoſitorien verlor, die hier aufgerichtet ſtanden. Schrank an Schrank, Kiſte an Kiſte, angefüllt mit Papieren. Dazwiſchen waren Tiſche, Stühle, Leitern zuſammen⸗ geſchichtet. Beim weitern Fortſchreiten ſah man eine ſteinerne Wendeltreppe, die aufwärts ging und auf allen ihren Stufen dieſelbe Unordnung verrieth. Links und rechts ſtanden Thüren auf, die in Gemächer führ⸗ ten, die ſeit langer Zeit ohne irgend eine Beſtimmung ſchienen. Es kam nun ein Treppchen, das aufwärts und ſogleich eins, das wieder niederwärts führte. Endlich hielt der Oberkommiſſair an, ſetzte ſeine kleine Handlaterne auf einen Sims und bedeutete ſeine Be⸗ gleiter, ihr Ohr näher zu halten, da er leiſe ſpre⸗ chen müſſe. Hackert, ſagte er, ich habe Sie deshalb herbeſtellt, damit Sie Schmelzing unterſtützen. Worin? Im Hören! ſagte Pax.. Ich habe ihm ſchon alle er ſchon tert kam nie! Halle nke und Schrank gpieren. ammen⸗ nan eine und auf h. Anks her führ⸗ timmung nufwärts führte. ine lleine eine Be⸗ iſe ſpre⸗ erbeſtelt chon älle ſeine verdammten Gehörgänge unterſuchen laſſen. Sie waren zwar ſeit Jahren nicht ausgefegt worden, wie alte Schornſteine; aber ſchreien muß man doch, wenn er etwas authentiſch in ſeinen Hirnkaſten aufneh⸗ men ſoll. Was gibt's denn hier in der Dunkelheit zu hören? fragte Hackert erſtaunt. Die Regierung, ſagte Par, iſt einer Menge ge⸗ fährlicher Umtriebe auf die Spur gekommen. Fremde Emiſſaire ſind von Paris und Amerika eingetroffen. Man hat die genaueſten Anzeichen einer ſich ausbil⸗ denden neuen revolutionairen Bewegung. Die Noth⸗ wendigkeit, wachſam zu ſein, liegt auf der Hand und unſere Kräfte reichen kaum aus, überall aufzumerken und aufmerken zu laſſen, was im Stillen angeſponnen wird... hier nun befinden wir uns— Ueber dem Rathskeller! unterbrach ihn Hackert. Einer Lokalität, ſetzte Pax hinzu, die ihrer eigen⸗ thümlichen Bauart wegen von einer gewiſſen feineren Revolutionspartei ſehr geſucht iſt. Es herrſcht hier das Zellenſyſtem! ſagte Hackert trocken. Par lächelte über dieſe Anſpielung auf die pennſyl⸗ vaniſchen Gefängniſſe. Allerdings, bemerkte er, hat dieſe Lokalität das 198 Einladende, daß ſich kleine Geſellſchaften hier völlig abſchließen und berathen können... Dicke Eichenthüren, Mauern ſo breit wie Kirchen⸗ fundamente— da ſoll Schmelzing etwas hören? Herr Oberkommiſſair, die Poſaunen von Jericho muß er ſich an's Ohr ſetzen, um durch ſolche Wände eine Ver⸗ ſchwörung zu entdecken. Sie verſtehen ſich auf Akuſtik, ſeh' ich, ſagte Pax. Erfahren Sie denn, daß hier drei der geſuchteſten Trinkſtuben unter uns mit einer Vorrichtung für Schwerhörende verſehen ſind. Hackert erſtaunte und Schmelzing, der ahnte, wo⸗ von die Rede war, beſtätigte, was der Oberkommiſſair ihm eben geſagt zu haben ſchien. Iſt in die Decke unter uns ein Schallrohr einge⸗ mauert? fragte Hackert ungläubig. Das nicht, ſagte Par verſchmitzt. Aber dieſe alten Baumeiſter waren nicht dumm. Jene drei Zellen ſind der Art, daß man hier im erſten Stock jedes darin geſprochene Wort hören kann. Das iſt ein Wunder! Wie wäre Das? fragte Hackert. Ich kann es Ihnen nicht an Ort und Stelle be— ſchreiben, ſagte Par, denn dort, wo das Wunder ſtatt⸗ findet, müſſen wir ſchweigen. Die Einrichtung iſt ſehr völlig Kirchen⸗ Herr Fer ſich ne Ver⸗ te Par. chteſten nng füt te, wo⸗ nmiſſair r einge⸗ ſe alten llen ſind 9 darin telle be⸗ der ſtatt⸗ it ſel 199 eigenthümlich. Die in jenen Zellen Sitzenden glauben von dichten Wänden und Eichenthüren verſchloſſen und geſchützt zu ſein und ſind es auch... Alſo keine Hohlwände? Keine Hohlwände! Wohl aber wölbt ſich die Decke in Bogen der Art empor, daß ſie oben ſich in der Figur eines Kreuzes vereinigen. Dies Kreuz, an den Ecken in Form eines dreiblättrigen Kleeblattes, iſt eine Oeffnung, die unfehlbar keinen andern Zweck als zum Luftzuge hatte... Sagen Sie Das nicht, fiel Hackert ein. Die geiſt⸗ lichen Ritter, die hier hauſten, waren halbe Pfaffen, aber ſie verſtanden Künſte, wie die ganzen Pfaffen. Das waren Gefängniſſe oder Bußeſtuben, durch das Kreuz ſprachen die Engel mit den Gefangenen und Büßenden oder die Profoßmeiſter, wie es gerade kam. Ich entſinne mich, mein alter Rathskellermeiſter hat mir Mordgeſchichten von ſeinen Trinkſtuben erzählt. Der mußt' es wiſſen. Ich ſag' Ihnen, in ſeinem Schurzfell und der ſchwarzen Sammetkappe ſah der Alte aus, als wenn er den geiſtlichen Rittern hier ſchon vor fünfhundert Jahren Nierſteiner kredenzt hätte. Genug, fuhr Par fort, Sie werden ſich überzeugen, Hackert, daß der Schall der unten geſprochenen Worte durch die Wölbung in das enge Kreuz hinauf dringt 200 wie durch die klügſte akuſtiſche Vorrichtung. Man ver⸗ nimmt hier oben jedes Wort und ich kann Ihnen ſagen, daß ich mich vollkommen auf Schmelzing verlaſſen würde, wenn er nicht zu furchtſam wäre, hier oben allein zu bleiben und freilich auch, wenn nicht gerade jetzt ſich Menſchen dort unten verſammelten, bei denen man zwei Zeugen haben muß, um ihrer gefährlichen Verabredungen gewiß zu ſein. Aber beſter Herr Kommiſſair, begann nun Hackert, der plötzlich über eine ihm geſtellte Zumuthung dieſer Art, die erſte in dieſem Fache der praktiſchen Polizei, faſt überraſcht ſchien; glauben Sie denn, daß ſich da Menſchen hinſetzen und dicht unter dem Schallloche verfängliche Reden führen werden? Ich wünſchte, ſagte Pax, Sie hätten einmal von unten aus eine dieſer Trinkſtuben des Rathskellers geſehen. Sie treten ein und ſind in einem kleinen ab⸗ geſchloſſenen Zimmer. Eine ſchwere mit Eiſen be— ſchlagene Eichenthür fällt hinter Ihnen zu. Die mit grüner Oelfarbe beſtrichenen Wände ſind gemüthlich einladend. Man ſieht wohl dies Kreuz in der Decke, das mit weißem gegipſten Stukkaturrande zierlich ge⸗ arbeitet iſt; aber dicht daran hin iſt die Röhre der Gasbeleuchtung geleitet. Die Gasflamme, gedeckt von einem Schirme, geht gerade ſo empor, daß ihr Dunſt ran ver⸗ nſagen, erlaffen er oben gerade ei denen ihrlichen Hackett, g dieſet Polizei daß ſich hallloche mal von hskeller inen ab⸗ äſen be⸗ Die mit müthlich 8 Decke, rlich ge⸗ öhre der deckt von r Dunſt durch das hohle Kreuz ſeinen Abzug findet. Dieſe Einrichtung iſt ſo willkommen, ſcheint ſo ſinnreich und unerläßlich nothwendig, daß Niemand die Ahnung hat, es könnte durch die Wölbung Das, was unten ge— ſprochen wird, oben hinauf geleitet werden. Alſo ſein Ohr darf Schmelzing nicht darüber halten, ſonſt würd' er ſich ſeine ſchönſten Haare verbrennen? fragte Hackert lachend. Allerdings dringt genug von dem heißen Dunſt herauf, erklärte Par. Allein das Zwiſchengebälk des Kellers und des erſten Stockes iſt doch wohl zwei Fuß auseinander. Ich entdeckte dieſe ſinnreiche Vorrichtung, wie ich mir einmal die Trinkſtuben des Rathskellers anſah. Ich fand den Ton unten ſo hohl, ſo ſchallend und ſtellte, ohne daß der jetzige Rathskellermeiſter eine Ahnung davon hat, Verſuche an, die ſelbſt mit dem harthörigen Schmelzing ergiebig waren. Das glaub' ich, ſagte Hackert. Dieſe Vorrichtung iſt eine Schalltrompete. Huſch! Schmelzing erſchrak. Hackert hatte ſich den Scherz gemacht, ihn durch einen Schreckensausruf zu ängſtigen. Laſſen Sie Hackert! ſagte er ängſtlich. Ich ver⸗ ſichre Sie. Es ſpukt hier! Wirklich? antwortete Hackert, haben Sie einen alten Ritter geſehen, Schmelzing, der vielleicht mit 2 —— 20²2 dem Finger drohte: Will der vermaledeite Horcher da vom Fußboden weg! Das erſte Mal, flüſterte Schmelzing, ſchloß ich die Thür nicht zu. Da war Alles ſtill. Ich blieb eine halbe Stunde. Es wurde nicht viel Beſonderes geſprochen. Das zweite Mal ſchloß ich hinter mir zu, weil die Thür aufgeht, wenn man ſie nicht zuſchließt und einem Küfer, der zufällig in den Hof kommt, doch die offene Thür auffallen könnte. Da ſah ich etwas... Ja, ſagte Parx lachend, er ſah etwas und hörte nichts. Es waren gerade zwei ſehr gefährliche Per⸗ ſönlichkeiten in der einen Trinkſtube, wo ich ſchon Mi— niſter und Geheimräthe angetroffen habe, der bekannte Major Werdeck und noch einige Geheime, und er hörte nichts, will aber etwas geſehen haben. Ein Skelett, ſagte Hackert. Sich ſelbſt hat er irgendwo in einem Spiegel geſehen, der vielleicht vom Pfandhaus ſich hierher verirrt hat. Schmelzing ſah ſich um. Die Stille des Orts war in der That geheimnißvoll und Hackert bewunderte Schmelzing's Muth, auch nur einmal hier ausge⸗ halten zu haben. Was ſah er denn? fragte er den Oberkommiſſair. Es war ihm, antwortete dieſer, als hätte Einer rcher da gl'oß ich ch blieb ſonderes mir zu, uſchließt kommt, ſah ich and hörte he Per⸗ Hon Mi⸗ bekannte er horte hat er cht vom. sunderte ausge⸗ zmiſſait. te Einer die Thür hinter ihm aufgeſchloſſen. Dann hätt' er es raſcheln hören. Auch ein Lichtſtrahl wär' in der Ferne ſichtbar geworden und zuletzt hätt' er einen kleinen Mann im grauen Rocke an ſich vorüber ſchleichen ſehen. Die aufgeſchloſſene Thür, ſagte Hackert lachend Schmelzingen in's Ohr, war der Wind, das Raſcheln kam von den Mäuſen und Ratten. Der Lichtſtrahl kam aus dem Hofe von irgend einem ehrbaren Raths⸗ küfer und das graue Männlein ſah die geſteigerte Angſt... Schmelzing ſchüttelte mit dem Kopf und proteſtirte entſchieden gegen dieſe natürliche Auslegung Seitens eines Menſchen, von dem er wußte, daß auch er nicht recht geheuer war... Er blieb dabei, es wäre Je⸗ mand in dem Gebäude mit ihm zuſammen geweſen, aber er hätte ihn auch fortgehen ſehen und deutlich gehört, wie er wieder zuſchloß. Es wäre ein Mann mittlerer Statur geweſen. Er, Schmelzing, hätte ſeine eigene Laterne gleich beim erſten Raſcheln ausgelöſcht und beim Schein der kleinen Leuchte des unheimlichen Beſuchers ſich überzeugen können, daß er ganz grau war. Freilich hätte er ihn nur am Ende eines Cor— ridors geſehen. In der Nähe hätte er unfehlbar den Tod gehabt. 204 Nun wohll ſagte Hackert ſcherzend und doch grü⸗ belnd, das iſt der Geiſt von einem alten Pfaffen der Johanniter, der keine Ruhe hat. Schmelzing, der wählt Sie am Ende, um ihn zu erlöſen. Machen Sie nur keine Scherze, Hackert! ſagte der Schreiber. Was ich ſah, ſah ich. Ich beſchwöre, daß Alles wirklich war. Genug, unterbrach Par die Streitenden. Ich habe Eile, Schmelzing fürchtet ſich allein zu ſein; auch vor Ihnen Hackert fürchtet er ſich eigentlich. Aber durch wen ſoll ich ihn unterſtützen laſſen? Mullrich und Kümmerlein waren früher handfeſte Metallarbeiter, ſind aber jetzt, da es ihnen gut geht, Haſenfüße. Fürchten Sie ſich, Hackert, hier mit Schmelzing allein zu bleiben? Nicht vor zehn Teufeln, ſagte Hackert, fürcht' ich mich hier. Wo ſind die Kreuze, die uns beſchützen werden? Ehe ich Sie dorthin führe, bemerkte Par, ſprechen Sie mit Schmelzing Alles ab! Denn dort an dem Fußboden dürfen Sie nichts mehr zuſammen reden. Es würde zu gefährlich ſein und uns die ganze Unter⸗ nehmung verderben. Geben Sie Acht! ſagte Hackert, wir verſtändigen uns ſchon. Damit fing er ein ſonderbares Gebehrdenſpiel an, och grü— affen der ing, der ſagte der Ich habe zuch vor urch wen mmerlein ber jetzt, Sie ſich en? ürcht ich beſchützen ſorechen ſorech an dem n reden. ne Unter⸗ ſtändigen nſpiel an, 205 ſchnalzte mit den Fingern, zupfte bald am linken bald am rechten Ohre, tippte auf die Naſe und machte die ſonderbarſten Geſtikulationen. Was treiben Sie denn für Narrenspoſſen? fragte Par. Nichts Narrenspoſſen! antwortete Hackert. Ich ſpreche mit Schmelzing. Und Schmelzing beſtätigte dem Oberkommiſſair, daß er ſich, ehe ſeine Gehörkanäle polizeilich gereinigt wurden, oft der fürchterlichſten Melancholie ergeben hätte und vollkommen des Glaubens geweſen wäre, er würde einmal ganz taub werden. Da hätte ihn denn ſchon Hackert als guter Nachbar getröſtet und ihn von den vielen tauſend Künſten, die er verſtünde, auch die Kunſt der Zeichenſprache gelehrt. So könnten ſie Stun⸗ denlang zuſammenſitzen und ſich, ohne den Mund zu öffnen, auf das Lebhafteſte unterhalten. Das trifft ſich vortrefflich! fiel Pax erfreut von den Talenten ſeines Lieblings ein. Und wenn Sie vollends noch Wein vorräthig finden, ſo kann Ihnen die Zeit nicht lang werden, falls das graue Männchen die Flaſchen nicht ausgetrunken hat. Wein? ſagte Hackert erſtaunt. Wir wollen ſehen, beſtätigte Schmelzing. Der Herr Oberkommiſſair gab mir das zweitemal einen Korb —õ 206 Wein mit, den ich in der Dunkelheit herein trug, um für öftere Beſuche nicht ohne Erquickung zu ſein. Ja, ſagte Hackert. Schmelzing und Wein! Nun weiß ich! Beim erſten Glaſe ſchon haben ſich ihm alle Gräber der Vorzeit geöffnet. Schmelzing ſchüttelte den Kopf und blieb feſt da— bei, daß er wirklich hier oben einen nächtlichen Be⸗ ſuch empfangen hätte. Der Oberkommiſſair bemerkte jetzt, daß es ihm beſonders lieb wäre, die Aeußerungen des Majors Werdeck zu hören. Er wiſſe aus beſtimmteſter Quelle, daß er mit einigen Freunden heute Abend im Raths⸗ keller ſoupiren würde. Er hätte auf die elegante fei⸗ nere Trinkſtube Beſchlag gelegt. Wer die Gäſte wä⸗ ren, wiſſe er noch nicht. Aber er zweifle nicht, daß es dieſelben Perſonen ſein würden, auf die die öffent⸗ liche Sicherheitspflege ſchon längſt ihr Augenmerk ge— richtet hätte. Damit zog er Hackerten und Schmelzing vorwärts und bedeutete ſie, leiſe aufzutreten. Sie kamen alle Drei jetzt auf einen ſteinernen Fußboden. Anfangs war es um ſie her dunkel. Bald aber zeigten ſich auf den ſteinernen Vlieſen lichte Stellen. Sehen Sie da, flüſterte Par, den Widerſchein der Gasflammen! Aber nun kein Wort mehr! rug, um Zugleich bemerkten ſie den Schwefelgeruch des Gaſes. ſein. Schmelzing bedeutete Hackerten, nur auf den Ze⸗ n! Nun hen aufzutreten. ſch ihm Sie waren an einem der Lichtſchimmer. Es bil⸗ dete ſich hier ein Kreuz mit drei Kleeblättern an den feſt da⸗ vier Enden. Geiſterhaft, wie aus Licht gewoben, chen Be⸗ ſchwebte das Kreuz im Dunkeln. Ebenſo an einer andern und noch an einer dritten Stelle. Mit dem Auge zu nahe kommen durfte man dem Schimmer nicht und an ein Hinunterblicken war nicht zu denken. Wie Irrwiſche ſchwebten die heiligen Zei⸗ chen in der Nacht auf dem großen ſteinernen Eſtrich, der eine Speiſehalle geweſen zu ſein ſchien. Indem winkte Schmelzing ſehr lebhaft. Die beiden Andern ſchlichen näher. Schmelzing zeigte auf einen Korb und machte Gebehrden der angenehmſten Ueberraſchung. Noch Alles da, wie es war? fragte Hackert durch die Zeichenſprache der Taubſtummen. virs Schmelzing zog eine Flaſche nach der andern in votie b die Höhe und winkte, daß ſie ſchwer waren. Alſo, flüſterte Hackert dem Oberkommiſſair in's Ohr, die Geiſter haben hier oben inzwiſchen keinen Durſt gehabt. 1 Par bedeutete ihn ernſtlich zu ſchweigen. Er zeigte ſhein der ihm mit beſonderm Nachdruck das Lichtkreuz, das in der es ihm Majors r Quelle, n Raths⸗ gante fe⸗ Bäſte wä ich, daß die öffent⸗ ninerk ge⸗ tteineren fel. Balh eStellen. — ²98— Mitte flammte, und winkte ihm, dort am meiſten Acht zu geben. Schmelzing trug den Korb an das mittlere Kreuz und erbot ſich, dem Oberkommiſſair das Geleite zu geben, damit er hinter ihm wieder zuſchlie— ßen könne. Par nickte dazu. Schmelzing folgte ihm mit der kleinen Laterne und ließ Hackerten mit dem Bedeuten, er würde ſogleich wiederkommen, im Dun⸗ keln allein. Als ſich Pax und Schmelzing entfernt hatten, warf ſich Hackert in der Nähe des mittleren Kreuzes auf die Erde. Er fühlte, daß er auf etwas Weiches fiel. Schmelzing's Mantel ſchien es ihm, den er an ſei— nem groben Tuche und einem abgeſchabten Halskra⸗ gen erkannte. Aha! dachte er, der Spion hat ſich hier ſchon ganz häuslich eingerichtet! Und nun erſt ergab er ſich einem genaueren Nach⸗ denken über die ſonderbare Situation, in die er hier ſo plötzlich, er wußte nicht wie, verſetzt worden war. —j„— am meiſten tb an das miſſair das der zuſchlie⸗ folgte ihm n mit dem „im Dun⸗ atten, warf reuzes auf geiches fiel er an ſei⸗ Halskra⸗ ſchon gan eten Nach⸗ die er hie den wal. Siebentes Capitel. Die flammenden Kreuze. Wir haben in Fritz Hackert einen Menſchen des In⸗ ſtinktes kennen gelernt. Unbekannter Herkunft ſtehen uns ſeine Schickſale vor Augen ſeit der Aufnahme in das Haus des Juſtizrathes Schlurck und ſeinen jugendlichen Verirrungen mit Melanie bis zu dem Augenblick, wo wir ihn am Schluſſe des Fortuna⸗ balles in einem erneuerten Anfall ſeiner Krankheit verließen. In dem erſten Momente, wo uns Hackert perſönlich bekannt wurde, in Tempelheide, wo er im Kornfelde lag und den Becher Weins mit Siegbert theilte, erkannten wir in ihm eine nicht ungewöhnliche Natur, die aber damals völlig zerfahren, mit ſich ſelbſt zerfallen war, innerlich und äußerlich verdüſtert und heruntergekommen. Später fielen uns lichtere Momente auf ſein widerſpruchsvolles Weſen und wir werden uns wol geſagt haben, daß dies Individuum Die Ritter vom Geiſte. VI. 14 240 durch Krankheit, geringe äußere und meiſt durch ſich ſelbſt gewonnene Erziehung, endlich durch ſein an⸗ geborenes Naturell dem Urſtoff des Menſchen näher ſtand als die meiſten andern Menſchen, die man eher vermittelte Naturen nennen möchte. In Hackert lag noch unmittelbar das ganze Chaos des Guten und Böſen, wie es aus der Hand des Schöpfers in uns ſo geheimnißvoll gepflanzt ſcheint. Wohin ſeine Ent— wickelung ihn führen wird, ob zum Schlimmen oder zum Guten, wird uns ſchwer werden, ſchon vor— auszuſagen. Wir ſahen ihn in den Beziehungen zu Melanie von einem Senſualismus, der nur durch den üppigen Ton des Schlurck'ſchen Hauſes und die epi⸗ kuräiſche Weltauffaſſung des Juſtizraths entſchuldigt werden kann. Melanie war ihm wol ſo ziemlich V 3 gleichartig, nur daß ſie die Vorzüge einer gefälligeren V 4 Bildung vor dem früh verwahrloſten und durch die IIW Farbe ſeines Haares entſtellten Spielgenoſſen voraus 1 hatte. Einen Beweis für ihre wirkliche aus dem 4 Herzen fließende Güte iſt uns Melanie noch ſchuldig geblieben. Was ſie uns an freundlichen Geſinnungen 4 und wohlwollenden Gedanken offenbarte, floß aus ihrer Leidenſchaft, aber auch dieſe kam nicht rein aus 1 dem Herzen, ſondern aus der Eitelkeit und dem Drange 1 nach Auszeichnung... In Hackert ſchlummerte der ſt durch ſich h ſein an⸗ ſchen näher e man eher Hackert lag Guten und ers in uns ſeine Ent⸗ nmen oder ſchon vor⸗ ehungen zu durch den d die epi⸗ entſchuddigt ſ ziemlich gefällgeren durch die en voraus aus dem Hſchuldig ſinnungen ſooß aus rein aud n Drange nerte de 211 Ehrgeiz. Zu ſeinem Glücke unbewußt. Hätte ihn der Gedanke des Ruhms, der Auszeichnung erfaßt, er hätte nur auf ſchlimme Bahnen gerathen können, auf ſolche Bahnen, an deren Beginn wir ihn eben jetzt erblicken. Muth und Zaghaftigkeit waren in dieſem Natur⸗ menſchen auf eigene Art gemiſcht. Wenn wir ſagen, daß etwas Weibliches in ihm lag, eine große Em⸗ pfänglichkeit und das Bedürfniß einer Liebe, wie ſie ihm nach ſeinem beſſern Sinne ſelten zu Theil wurde, ſo wird man ſich der Löſung des pſychologiſchen Räth⸗ ſels, das er darbietet, ſchon eher nähern. Ein Mann⸗ weib, wenn es denkbar wäre, brächte wol ähnliche Miſchungen, die an Thieriſches erinnern, an den Muth und die Furcht des Löwen zugleich, zum Vor⸗ ſchein. Hackert hatte oft großartige Regungen und verfiel ſogleich wieder, bei der geringſten Verletzung, in die niedrigſten. Wir haben geſehen, wie er der Rache fähig war! Man hatte ihn furchtbar entwür⸗ digt, hatte ihn durch jene Züchtigung wie ein Thier mit Füßen getreten, aber ſtatt offen ſeinem Gegner gegenüber zu treten, tödtete er ihm durch die raffinir⸗ teſte Grauſamkeit ſein Eigenthum. Ihn zu verdammen ſteht Jedem frei. Wer wird ihn beſchönigen wollen? Aber wer wird auch ſo weichlich geſtimmt ſein, nur 14* 212 Die Menſchen menſchlich zu finden, die nach den Regeln des Katechismus entweder gut oder böſe ſind, für den Himmel oder die Hölle paſſen, nur Liebe oder Abſcheu erregen? Wir Menſchen ſind nicht ſo kurz zu nehmen, wie wir in einem polizeilichen Sig⸗ nalement oder in lebensunwahrer Dichtkunſt angegeben werden. Die Mehrzahl der Lebenden ſind Hackerte, In⸗ dividuen, ſchwierig unterzuordnen unſrer Liebe und doch auch nicht haſſenswerth. Die reine geläuterte Vortrefflich⸗ keit gibt es ebenſowenig, wie es eine abſtrakte Schlech⸗ tigkeit nicht ſo nackt gibt, wie man ihr in den Krimi⸗ nalgefängniſſen zu begegnen glaubt. Wir ſprechen 13 immer von Menſchen, die wir lieben und achten, und immer von Menſchen, die wir haſſen. Aber zwiſchen Beiden gibt es Millionen, die ſich aus unſrer Liebe 4 und unſrem Haſſe ſehr wenig machen, die ſo ſein k 3 wollen wie ſie ſind, und die man gelten laſſen muß, 1 M weil ihnen die Welt ſo gut gehört wie uns. Unſre Maßſtäbe von Verſtand, Herz, Gemüth paſſen in den 2 ſeltenſten Fällen auf die Menſchen. Dieſer Hackert 1 1i 44 konnte demüthig werden bis zum Kleinmüthigen, ja 5 bis zum Ueberſchlag in eine weiche und klagende Hin⸗ 11 gebung, und der geringſte Erfolg, wie wir an dem Abend geſehen haben, als er Melanie in ihrem Wagen ¹ überfiel, ſchnellte ihn zum Ausbruch des Trotzes und nach den. böſe ſind, nur Liebe d nicht ſo ſchen Sig⸗ angegeben ickerte, In⸗ und doch ortrefflich⸗ te Schlech⸗ den Krimi⸗ ſprechen chten, und r zwiſchen iſrer Liebe je ſo ſein ſien muß, 5. Unſte en in den r Hackert higen, j ende Hin⸗ an dem m Wagen otzes und zur widerlichſten Prahlerei empor. In jener Nacht, als er den Brüdern Wildungen ihre üblichen morali⸗ ſchen Vorausſetzungen über den Haufen ſtieß, ſtrafte ihn freilich das Geſchick. Eben noch jubelnd von Luſt, drohte ihm zum zweiten male ein Ueberfall, eine noch ſchimpflichere Mishandlung. Damals gerettet durch die ſorgſame Liebe des jungen Mädchens, dem ſein zerriſſenes Gemüth, ſeine Bizarrerie imponirte, flüch⸗ tete er ſich in einen Verſteck und verfiel vor Zorn und Jammer über ſein Loos in Krämpfe, Zuckungen und ein ſtilles Schluchzen, das erſt aufhörte, als er, vom genoſſenen Weine übermannt, halb und halb entſchlief. Und in dieſem Halbſchlafe trieb ihn ſein unruhiger kranker Geiſt empor und führte ihn als Schlafwandler in den Tanzſaal zum allgemeinen Ent⸗ ſetzen. Damals kam ihm die Ideenverbindung der regen Phantaſie von ſelbſt auf Louiſe Eiſold, die neben ihm war und ihn ſtützte. Er ſah die Kinder im Geiſt. Er lehnte ſich über ihre Lagerſtätten, um ihnen: Gute Nacht! zu ſagen. Er ſah den Alten, griff nach ihm und fühlte ihn kalt. Er ſah, daß er ſtarb. Die Uhr ſchlug in dem Augenblicke vier. Er erwachte und ſank in die Arme jenes ſeltſamen Mädchens, das in ihm gerade den kranken Genius liebte. Wie Hackert damals von Sandrart, Louiſen und 214 Fränzchen nach Hauſe geführt wurde, in der Frühe noch zu Bett ging, dann aufſtand, ſich auf Alles be— ſann und tief, tief über ſich ſchauderte, da hatte er gedacht: Du mußt dich in ein feſtes Lebensjoch ſchmie⸗ den! Du mußt irgend etwas beginnen, was dieſe böſen Geiſter deines Innern, dieſen ewigen Aufruhr deines Dämons zur Ruhe bringt! Mit Gewalt zwang er ſich, den Vorſchlägen des Oberkommiſſairs Par Gehör zu geben. Und ohne zu prüfen, was doch wol Alles dieſer neue Beruf ihm auferlegen konnte, ohne irgend zu überdenken, welches die Bedeutung ſeiner neuen Thätigkeit werden müßte, ſchleuderte er ſich mit Gewalt in dieſen Beruf, nur um von dem gefahr⸗ vollen wilden Vegetiren freizukommen. Er hatte Me⸗ lanie verſprochen, wenn ſie bei Laſally die Einſtellung ſeiner Klage gegen ihn durchſetzen würde, ſie und Alle in Ruhe zu laſſen. Zu Louiſe Eiſold zog ihn nur Wehmuth, nur Schmerz, nur Reue. Er wurde feig, unmännlich, wenn er ſich die Möglichkeit dachte, ein ſo edles, tugendhaftes Mädchen zu lieben, er floh ſie wie die Tugend. Und weil er auch ſchon längſt das grobe Laſter verabſcheute, ſo warf er ſich nun zum erſten male wieder in die Arbeit. Er kannte keine andre Arbeit als die mit der Feder. Bei Schlurck war er außerordentlich geſchäftskundig geworden, hatte n der Früͤhe uf Alles be⸗ da hatte er zjoch ſchmie⸗ was dieſe gen Aufruhr walt zwang iſairs Par was doch gen konnte, Bedeutung derte er ſich dem gefahr⸗ hatte Me⸗ Einſtellung je und All g ihn nur wurde feig⸗ acchte, ein er floh ſe längſt das nun zum nnte keine Schlulc den, hatte 215 eine Schlauheit, Pfiffigkeit, eine Gewandtheit im Auf⸗ faſſen, einen Reichthum von Detailkenntniſſen ſich er⸗ worben, die der Oberkommiſſair Par ſehr zu ſchätzen wußte und gern darauf einging, für gröbere Arbeiten eher den Schreiber Schmelzing zu beſchäftigen. So hatte Hackert ſeither hingebrütet in Büreauthätigkeit. Er hatte die Genugthuung, daß ihm dieſe Lebens⸗ weiſe für die Beruhigung ſeiner Nerven beſſer gedieh als das planloſe Umherdämmern in Buſch und Feld, auf Kreuzweg und hinter Hecken und das Verfolgen ſeiner leidenſchaftlichen Eingebungen. Bald dachte er früher: Du mußt ſparen! Es kommt eine Zeit, wo Schlurck dir nichts mehr gibt oder du nichts mehr von ihm nimmſt! Es kommt eine Zeit, wo du ver⸗ hungern kannſt! Da wurde er geizig, ſchmuzig geizig. Dann warf er wieder das Geld fort, das er ohnehin in baarem Metall nicht leiden mochte, weil er, wie er ſagte, phyſiſche Schmerzen davon hätte. Da geſchah es ihm wol, daß er ſo frech war, einen Fünfthaler⸗ ſchein als Fidibus zu einer Cigarre zu verbrennen. In ſolchen Kriſen war er krank und ſtand in der Nacht auf, unruhig, gequält und erſchreckte die Men— ſchen durch ſein Nervenleiden, das ihn zum Nacht⸗ wandler machte. Seitdem er bei Par arbeitete, in der einzigen Thätigkeit, die ihm zuletzt doch nur allein 216 möglich machte, ſich einen Beruf zu bilden, war ſein Weſen ruhiger geworden. Er ſchlenderte ſo hin und ſchlief ruhig. Er dämpfte ſeine Ueberreizung ab und ſah nicht mehr rechts, nicht mehr links und war auf dem Wege, ein conſequenter Menſchenhaſſer zu werden, ein Peiniger, ein Tyrann aller Lebendigen. Heute zum erſten male kam ihm nun eine Zu⸗ muthung, wie ſie ihm der Oberkommiſſair noch nicht geſtellt hatte. Anfangs zog ihn die Art, wie er in dieſe Situation gerieth, an. Das kam ſo eigen⸗ thümlich, ſo geheimnißvoll. Die Erinnerungen an die Kinderzeit thaten ihm wohl. Der Spott über Schmelzing, der Scherz über den Spuk, das Alles ſtimmte ihn anfangs launig. Wie er nun aber hier auf dem Eſtrich hingeſtreckt ſo allein kauerte, wie da drei geſpenſtiſche Kreuze, flimmernd und flackernd, ſo auf dem Boden wie Irrlichter ihn umtanzten, wie er ſich ſagte: Was ſollſt du hier? Horchen? Lauſchen? Da überfiel ihn die Ueberlegung und ſie ſtimmte eigentlich nicht mit Dem, was ihm genehm war. So Manches war ſchon vorgekommen, was ihm der Ober⸗ kommiſſair übertragen hatte und was ihm bedenklich ſchien. Er hatte ſich Dem unterzogen, ohne lange zu prüfen. Dieſe Horcherrolle aber machte ihm Kopf⸗ ſchütteln; dennoch hatte ſich ſein Menſchenhaß war ſein hin und ab und nd war aſſer zu ndigen. ine Zu⸗ ch nicht wie er eigen⸗ gen an it über Alles ber hier wie da nnd, ſo wie er uſchen? timmte r. So Ober⸗ enklich nge zul Kopf⸗ ihin 217 ſo entwickelt, daß ihm etwa eine Verhinderung der Par'ſchen Abſichten nicht im geringſten einfiel. So lag Hackert eine Weile und horchte, ob nicht Schmelzing zurückkäme. Er hatte das Aufſchließen der Thür und das Zuſchließen gehört, aber Schmel— zing kam nicht wieder. Wie? fuhr er auf, hat man dich eingeſchloſſen und dir das Geſchäft des Lauſchers allein übertragen? Noch eine Weile geduldete er ſich. In dem Amugenblicke glaubte er etwas kniſtern zu hören. Er lag ganz im Dunkeln und hätte kaum den Rückweg finden können. Zornig ſprang er auf. Wie ſeine Natur war, hatte er ſogleich die ſchlimmſte Vorſtellung. Er ſah ſich gefangen, betrogen, irgend⸗ wie verrathen. Die verzerrteſten Möglichkeiten tanzten vor ſeiner im Nu entzündeten Phantaſie. Er wollte Lärm machen, durch die Kreuze hindurch um Hülfe rufen. Jetzt zaghaft und ſogleich kleinmüthig, gab er nicht nur ſich, ſondern ſogleich auch Die, die ihm ver⸗ traut hatten, auf. Da hörte er etwas in der Ferne knarren. Es mußte die Thür ſein, die aufgeſchloſſen wurde. Die Erzählung von dem grauen Manne kam zur Mehrung ſeiner Aufregung noch hinzu. Er horchte. Er glaubte Tritte zu vernehmen. Ein Lichtſchimmer fiel durch irgend eine Scheibe in der Vorhalle. Er hütlenden Athem an und rüſtete ſich auf jede Gefahr. ——— 5 3 1 * 218 Da kamen die Fußtritte näher, der Lichtſtrahl beleuch⸗ tete die Wände. Hackert ſtand auf dem Sprunge, dem verdächtigen Ankömmling jedenfalls ſogleich die Laterne zu entreißen... Es war aber Schmelzing, der in der einen Hand mit der Laterne, in der andern mit einem großen Papiere, in das etwas eingewickelt ſchien, näher ſchlich. Seine Phantaſie hatte ihn von der Möglichkeit, daß der harthörige College wieder— kam, ganz entfernt gehabt. Schmelzing kam und nickte Hackerten zu, ihm das Papier abzunehmen. Es war Brot und Fleiſch. Schmelzing war noch auf die Straße gegangen und hatte Vorräthe eingekauft, wo— für ihn Hackert loben mußte. Behaglich kauerten ſie ſich nun zur Erde nieder an dem mittleren Gas⸗ flammenkreuz, zogen Meſſer hervor und zerſchnitten ſich den reichlichen Proviant. Leider hatte Schmelzing vergeſſen, für ein Glas zu ſorgen. Da zog er ein hölzernes Pennal aus der Taſche, nahm die Federn und Bleiſtifte heraus und verwandelte dies Pennal in zwei Trinkbecher, einen großen und einen kleinen. Den kleinen nahm Schmelzing, der nicht viel vertra⸗ gen konnte, den größeren Hackert. Mit der Finger⸗ ſprache ſagte Hackert, ſo hätten die Humpen der al⸗ ten Ritter ausgeſehen, nur wären ſie größer geweſen. Die beiden Schreiber ſtießen mit ihren Trinkpennalen leuch⸗ unge, h die zing, ndern wickelt von eder⸗ nickte war f die wo⸗ en ſie Gas⸗ nitten elzing ein ſedern al in einen. ertra⸗ inger⸗ er al⸗ veſen. nalen 2¹9⁹ an und unterhielten ſich, obgleich ſtumm, auf die hei⸗ terſte Art. Endlich hörten ſie Geräuſch. Die Thür der Trinkſtube unter ihnen ging auf. Männer traten ein, ein lautes Geſpräch begann, jedes Wort ſchallte in der Woͤlbung ſo wieder, wie es unten geſprochen wurde. Die beiden lauſchenden Schreiber ſpitzten die Ohren... Unſre Freunde aber, Dankmar, Siegbert und Lei⸗ denfroſt hatten, als ſie von dem Feſte der Wein⸗ leſe bei der Fürſtin Wäſämskoi kamen, am Thore ſich von den Arbeitern getrennt, die an der Stadt⸗ mauer entlang in die Willing'ſche Fabrik zurückkehren wollten. Sie ſchritten, die kleinen Einzelheiten des Nach⸗ mittags wiederholend und Manches, was ihnen, den ſtillbewegten Siegbert ausgenommen, ſpaßhaft erſchie⸗ nen war, belachend, dem alterthümlichen Viertel der Stadt zu. Am Rathskeller wollte ſte Louis Armand er— warten. Daß auch Major Werdeck kommen würde, war der Inhalt des von Sandrart überbrachten Billets ge⸗ weſen. Der Major hatte hinzugefügt, daß er zur Erör⸗ terung der längſterſehnten Wünſche ganz für den Raths⸗ keller wäre, deſſen kleine abgeſchloſſenen vielgeſuchten Zellen der gemüthlichen Unterhaltung ſehr entgegen kä⸗ men: er hätte ſchon die beſte, in der ſelbſt General Vo⸗ land von der Hahnenfeder, der Alterthümler, nicht ver⸗ ſchmähe, ſich zuweilen einen Trunk Lacrimä Chriſti zu gönnen, für ſie mit Beſchlag belegt. Die Freunde hatten dieſen Abend beſtimmt, um ſich über die große Aufgabe der Zeit, die ſie Alle be— ſchäftigte, in ihrem Sinne gründlich auszuſprechen und diejenige Rolle zu bezeichnen, die ſie entſchloſſen ſein wollten, in dem allgemeinen Kampfe der Intereſſen und Ideen zu übernehmen. Werdeck war durch Leidenfroſt mit Siegbert und Dankmar bekannt geworden. Schon öfters waren ſie hie und da zuſammengetroffen und hatten wechſelſei⸗ tiges Vertrauen gewonnen. Zwar lag in Werdeck's ſcharfhervortretenden Zügen Manches, was beim erſten Begegnen einſchüchtern konnte, doch überwanden die ſich Annähernden die erſte Scheu; hatte doch auch Dankmar lange damit zu thun gehabt, ſich mit Lei⸗ denfroſt zu befreunden, der von der Malerei immer mehr abkam und in neueſter Zeit ſogar angefangen hatte, ſich auf Strategie zu legen. Es war in der That kein Scherz, wenn Siegbert erzählte, daß Leiden⸗ froſt auf einer beſcheidenen Erkerſtube, die er bewohnte, eine Menge ſtrategiſcher Werke, die ihm Werdeck ge— liehen, aufgeſchlagen vor ſich liegen hatte und auf einem Tiſche mit kleingeſchnittenen Schwefelhölzchen den großen und kleinen Krieg ſtudirte. Er fand ihn hriſti zu nt, um Alle be⸗ den und ſen ſein ttereſſen ert und aren ſie ſchſelſei⸗ erdeck's erſten den die h auch nit Lei⸗ immer efangen in der Leiden⸗ wohnte, deck ge⸗ nd auf pölzchen und ihn oft in die Stellungen ſeiner Schwefelhölzer ſo ver⸗ ſunken und machte mit ihm die berühmteſten Schlach— ten Alerander's des Großen, Cäſar's, Eugen's von Savoyen und Friedrich's des Großen ſo tapfer durch, daß man die Entzündung der Hölzer befürchten konnte. Die Schwefelhölzer waren je nach ihrer Nationalität und ihrer Truppengattung bunt bezeichnet. Leiden⸗ froſt konnte ſich in ſeinen taktiſchen Studien ſo ver⸗ lieren, daß er unter ſeinen Tauſenden von Schwefel⸗ hölzern wie ein Schachſpieler ſaß und irgend einen neuen unbekannten Sprung erfinden zu wollen ſchien Er hatte Siegbert erſucht, ihn nicht wegen dieſes Unſinns dem Major zu verrathen. Der Zunftgeiſt, ſagte er, iſt überall derſelbe und wie wir Niemanden einräumen wollen, daß man Maler ſein könne ohne Hände, ſo begreift auch ein Taktiker nicht, wie man ohne Epaulettes ſich über Kriegführung orientiren kann, was doch nachgerade eine unerläßliche Bedingung eines jedes gebildeten Mannes unſrer Zeit werden und bald ſo nothwendig für die Erziehung ſein wird' wie das Turnen. Etwas beſorgt waren die Freunde über den Ein⸗ druck, den Werdeck und Louis Armand gegenſeitig auf ſich machen würden. An dem Stande dieſes in der ganzen Reſidenz ſchon bekannten und durch ſeine Be⸗ 222 ziehung zum Prinzen Egon wohlgewürdigten franzö⸗ ſiſchen Kunſttiſchlers nahm der Major keinen Anſtoß. Er hatte, einmal vom Wirbelwinde der Zeit gefaßt, ſich die ungeheure Abweichung von ſeiner vorgeſchrie⸗ benen Lebensweiſe zu Schulden kommen laſſen, ſeinen Kriegerſtand zu vergeſſen und erſt durch die Ideen ſich mit den Menſchen zu vermitteln. So lag ihm auch nun nichts mehr an einer ſolchen Begegnung mit einem wirklichen Manne aus dem Volke. Be⸗ denklicher hätte es ihm freilich ſcheinen können, daß der neue Genoſſe der ſchon mehrfach angeknüpften Unterhaltungen ein Franzoſe war. Werdeck beſaß aber nicht die Nationalvorurtheile, die uns von unſern Er⸗ ziehern mitgegeben werden und in unſer Blut über⸗ gegangen ſind. Seine Frau hatte ihn früh über dieſe Vorausſetzungen hinweggebracht. Eine ſtarke, leiden⸗ ſchaftliche, vom Haſſe getragene Seele, wie ſie war, lebte ſie nicht in der Welt, die ihres Gatten nächſte Lebensbedingung war. Religiöſe und nationale Ele— mente führten ſie in jene eigenthümliche Schwärmerei hinüber, die ſich aus der Schule Adam Mickiewicz's in Paris mit Flügeln emporſchwang, die ihr die Mär⸗ tyrerſchaft als das ſchönſte Ziel der Tugend zu er⸗ ſtreben lehrte. In der Minorität zu leben, mit dieſer zu dulden, mit dieſer zu hoffen, war dieſer Frau eine Geiſtes⸗ en franzö⸗ en Anſtoß. eit gefaßt, orgeſchrie⸗ ſen, ſeinen die Ideen lag ihm Begegnung zeite. Be⸗ nnen, daß geknüpften heſaß aher unſern Er⸗ Zuut über⸗ übet dieſe e, leiden⸗ ſie wal, n nächſte nale Ele⸗ waͤrmerei iciewich die Mir⸗ d zu el⸗ dieſer z Geiſes⸗ Seligkeit, und wenn auch Werdeck auf's entſchiedenſte die nationale Berechtigung der Polen verwarf, ſeiner Frau ihre katholiſchen Träumereien ließ, ohne aufzuhö⸗ ren, ſie ſogar deshalb zu belächeln, den Hauch der neuen Zeit hatte er in jeder andern Beziehung in ſeinem Gemüthe alles Starre und Eiſige aufthauen laſſen und ſah mit Ruhe einer ihm drohenden Kataſtrophe entgegen. Louis Armand ſagte dagegen, die Mili⸗ tairs würden doch nie die wahre Freiheit der Völker befördern. Sie wollten nur ſteigen, nur herrſchen, glänzen. Louis behauptete von Werdeck gehört zu haben, daß er hypochondriſch, verſtimmt, längſt mit ſeinen Standesgenoſſen zerfallen wäre und ſich nur darin gefiele, den Hof durch liberale Geſinnungen zu ärgern. Dennoch fügte er hinzu, hätte er von Hein⸗ rich Sandrart, dem Sergeanten, der dann und wann noch zu den alten Märtens käme, erfahren, die dritte Compagnie wenigſtens ließe ihr Leben für den Major und daraus ließe ſich die Macht einer bedeutenden und gemüthvollen Perſönlichkeit doch ſchon theilweiſe erkennen. Wenn ich ihm kein Anſtoß bin, hatte Louis erklärt, ſo komm' ich gern und bin gewiß, von einem ſo ausgezeichneten Manne viel lernen zu können. Louis harrte ſchon in der Nähe des Rathskellers. Die Freunde ſchüttelten ihm die Hand. Alle Drei 224 hatten ihn nur noch inniger in ihr Herz eingeſchloſſen, als bisher. Louis war nach all' den Anſprüchen, die Egon's Freundſchaft auf ihn gemacht hatte, jetzt mit erneutem Eifer an ſeine Arbeit gegangen und hatte Talente entwickelt, die jedem Einſichtsvollen Achtung abgewannen. Mit Genugthuung ſah man, wie un⸗ ausgeſetzt theilnehmend er dem öffentlichen Leben ſeines neuen Aufenthaltsortes folgte, wie geſpannt er die Ent⸗ wickelung Egon's überwachte und jeden Einfluß, den ihm dieſer nur geſtattete, darauf verwandte, ihn ſeinen früheren Geſinnungen treu zu erhalten. Freilich hatte er den Freunden eingeſtehen müſſen, daß ſeit einiger Zeit mit Egon eine Veränderung vor ſich gegangen war. Er hatte ihnen genau den Tag, die Stunde bezeichnet, ſeitdem ihm vorkäme, als hätte Egon ein neues, fremdes Element in ſich aufgenommen. Es war dies jener Abend, an welchem die Freunde einer Aufforderung Egon's gefolgt waren, ihm in einer ge— wagten, aber von ſeiner wildeſten Erregung für noth⸗ wendig erklärten Unternehmung beizuſtehen. Rudhard hatte dem jungen Fürſten die Verwechſelung mit dem Thomas a Kempis eingeſtanden, er hatte von Pax, von Schlurck ſelbſt in der Hauptſache erfahren, was mit dem Bilde vor ſich gegangen war. Daß Pauline von Harder die Denkwürdigkeiten der Fürſtin Amanda geſchloſſen, üchen, die „jetzt mit und hatte Achtung wie un⸗ ben ſeines die Ent⸗ gluß, den hhn ſeinen llich hatte ſt einiger gegangen ee Stunde Egon ein men. E⸗ nde einer einer ge⸗ für noth⸗ Nudhatd mit dem — Par, ren, was Pauline Amanda beſaß, ſtand ihnen Allen feſt. Wozu ſich neuen Un⸗ terſchlagungen, einer völligen Vernichtung derſelben ausſetzen? Nein, hatte Egon gerufen, die Nacht birgt uns in ihr ſchützendes Dunkel! Wohlan, ich gehe zu jener Elenden, ich verlaſſe nicht ihr Haus, nicht ihr geheimſtes Zimmer, bis dieſe Umtriebe entlarvt, die entwandten Schätze zurückerobert ſind. Louis und die Brüder Wildungen ſollten Egon ſein kühnes Werk aus⸗ zuführen unterſtützen. Rudhard widerrieth, aber die jungen Leute fühlten ſich von dem Abenteuer zu ſehr gereizt. Sie folgten Egon und ſtanden ſchon in Be⸗ griff, gewaltſam in das einſame Haus zu dringen und der gefährlichen Frau das geraubte Gut zu entwinden, als ſich der uns bekannte mildere Ausweg gefunden hatte. Aber Egon's ſeither mannichfach geändertes Weſen konnte nicht geleugnet werden. Man hatte ver— muthet, daß die ariſtokratiſche Geſinnung der Gräfin d'Azimont ſicher verſuchen würde, Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen. Dies hatte Louis in Abrede geſtellt. Eher geſtand er zu, daß Rudhard's politi— ſche Anſichten, die den ihrigen völlig entgegengeſetzt waren, wohl einmal einen bedenklichen Einfluß auf Egon gewinnen könnten. In der Hauptſache aber geſtand er dabei, daß ſeit dem September⸗Sonntage eine auffallende Veränderung mit dem Fürſten vor⸗ Die Ritter vom Geiſte. VI. 15 226 gegangen wäre. Er hätte ihn damals an dieſem reg⸗ neriſchen Sonntage, ſelbſt verſtimmt, beſucht, um ſich aufzuheitern, hätte Egon aber in eine Trauer, eine Abweſenheit verſunken geſehen, die ihn wahrhaft er⸗ ſchreckt hätte. Auf genauere Fragen hätt' er nicht Rede geſtanden und nur zuletzt eingeräumt, daß ihn die endlich von Pauline von Harder abgerungenen Mittheilungen ſeiner Mutter mit tiefſter Trauer über die Vergangenheit erfüllten. Wie man aber, fügte Louis Armand hinzu, wie man aus Trauer leicht⸗ ſinnig, aus Schmerz verſchwenderiſch werden kann, begreif' ich nicht. Die Freunde hatten Louis um Auf⸗ klärung dieſes Widerſpruchs gebeten und Louis hatte ihnen geſagt: Alle guten Vorſätze, die Egon für ſein Hausweſen gefaßt, ſind plötzlich verſchwunden. Jede Mahnung an die Erſparniſſe, die er ſich auferlegte, wies er ab. Menſchen, die ihm verhaßt waren, die er nicht mehr um ſich leiden mochte, behielt er. Als ich ihn nach der Urſache dieſes Widerſpruchs fragte, ſagte er ſcheinbar ſcherzend, aber doch voll Ernſt: Beſter Freund, die Rückſicht auf Ahnen iſt kein leerer Wahn! Mein Vater hat Das ſo geordnet. Ich will es ſo laſſen. Und nun ſtatt irgend etwas von Dem, was er ſich vorgenommen, wahrzumachen, erlebt' ich, daß er den Bankier von Reichmeyer zu ſich kommen eſem reg⸗ „um ſich uer, eine grhaft er⸗ er nicht daß ihn rungenen ner über er, fügte eer leicht⸗ en kann, um Auf⸗ nis hatte für ſein en. Jede ruferlegte, aren, die er. Als s fragte Ernſt: ein leeter Ich will on Dem, rlebt' ich Hkommen ließ, ſich erſt mit ihm über deſſen Anſprüche ver⸗ ſtändigte und ſogleich ein neues bedeutendes Anlehen ſchloß... Darüber waren die Freunde erſtaunt genug und begriffen nun, wie Egon plötzlich einige neue glän⸗ zende Equipagen zeigte, ſeinen Stall von Laſally und dem pferdekundigen Levi neu ergänzen ließ, die Zahl ſeiner Bedienten vermehrte und ihnen allen eine Li⸗ vree vorſchrieb, die er ſelbſt zeichnete. Alles Das in einem Zeitraum von vierzehn Tagen, mitten in der raſchen, ihm von Juſtus, dem Volksmanne, erwirk⸗ ten Nachwahl, mitten in den Vorbereitungen des Zu⸗ ſammentrittes der Stände. Auch die Beziehung zu Pauline von Harder, zu Guido Stromer, zu der Zeitung„Das Jahrhundert“ war zur Sprache gekommen. Niemand begriff, wie nun ſich Egon jener Frau ſo eng anſchließen konnte. Alle Welt wußte bereits, was ſie der Mutter des Fürſten und ihm ſelbſt ſchon angethan hatte, und den⸗ noch dieſes enge Band! Ueber Guido Stromer hatte Dankmar ſelbſt ſchon vor einigen Tagen zu Egon ge⸗ ſagt: Lieber Freund— dieſe traulichen Bezeichnungen dauerten natürlich noch fort— Lieber Freund, du dul⸗ deſt da einen ſehr zweideutigen Mann in deiner Nähe! Dieſer Stromer iſt Pfarrer, Vater, Gatte und ſchleu⸗ 15* dert ſich hier mit Gewalt in eine Laufbahn, bei der er Würde und Alles daran gibt! Ich ſtreite ihm die bedeutendſten Gaben nicht ab. Er hat unfehlbar einen reichen, cultivirten Geiſt und viel Beruf, Dinge, die in der Menſchenbruſt ſchlummern, auszuſprechen. Al⸗ lein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen Beiſpiele vorgekommen iſt, ſo iſt es bei dieſem Guido Stromer. Ein Ge⸗ lehrter, ein Stubenmenſch, ohne Weltton, ohne Le⸗ bensauffaſſung, wird plötzlich, wie ſoll ich's nennen, wild! Es fällt ihm ein, daß er ſchwärmen könne, und wie ſchwärmt er? Die Seinigen läßt er daheim, ſeine Pfarre verwaltet ein gewiſſer Oleander und hier tau⸗ melt er im Irrgarten der Ideen von einer Lüge zur andern. Das ſind die gefährlichſten Repräſentanten des Geiſtes, die, alles Charakters baar, nur nach ihren perſönlichen Stimmungen ſich bald für Dies, bald für Jenes erklären. Weiß er nicht jeder Auffaſſung eine gefällige Form zu geben? Erfüllt er nicht die innere Leere ſeines Charakters dadurch, daß er mit Haut und Haar in jede fremde Natur hineinſpringt und aus ihr, ſie lobpreiſend, hervorkokettirt? Gib dieſem Men⸗ ſchen irgend eine poſitive Frage zu vermitteln, irgend eine reelle Aufgabe des Lebens durchzuführen, er wird ſie verfahren und wenn er ſie nicht ehrlos mit Füßen bei der ihm die ar einen ige, die en. Al⸗ mng des kommen iin Ge⸗ zue Le⸗ nennen, nne, und m, ſeine ier tau⸗ üge zur entanten ach ihren bald für ung eine e innete it Haut und aus em Men⸗ irgend er wird it Füßen tritt, ſich dabei wenigſtens wie ein Schulknabe entwür⸗ digen! Unfähig, irgend eine geſchloſſene Production her⸗ vorzubringen, raiſonnirt er nur und läßt die Wahr⸗ heit in der Sonne ihre Lichter brechen, wie die Fa⸗ cetten eines Diamanten. Dabei iſt er der plumpſten Schmeichelei zugänglich. Wer ſeinen Styl lobt, dem gibt er alle ſeine Ideen preis. Wer vollends ſagt, daß ſeine ſtumpfe Naſe griechiſch, ſeine geſchlitzten Au— gen kaukaſiſch, ſeine Hände ebenſo zart und weiß, wie ſie roth ſind, wären, dem ſtellt er alle ſeine Eingebun— gen, das ganze Arſenal ſeines Verſtandes zur Ver⸗ fügung. Er wird roth, wenn man ſeine Manſchet⸗ ten lobt. Kurz er iſt ein Mann, der aus der Con⸗ centration eines gediegenen und achtbaren Stuben⸗ denkers heraus iſt und in ſeiner jetzigen Zerfahren⸗ heit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird. Anſtößig iſt ſchon die geringe Achtung, in die er ſich verſetzt durch ſein leicht entzündliches Herz und die Narrheit, mit der er ſich in jede Frau, die ein— mal ſeine jeanpauliſirende Schreibweiſe lobte, ver⸗ liebt ſtellt. Egon hatte damals über dieſe Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck geſprochen, die ſich Stro— mer's zudringlicher Huldigung nicht erwehren könne, während er doch⸗glaube, daß dieſer wildgewordene Pe⸗ dant ſelbſt den Fräuleins Wandſtabler nachliefe, wenn dieſe ihn zufällig einmal in einem Beugungswinkel, wenn auch nur von 175 Graden, anſähen. Egon erzählte dann auch, daß er die liebenswür⸗ dige Tochter des Juſtizraths Schlurck zuweilen bei Pau⸗ linen träfe und verlangte von Dankmar eine ge⸗ nauere Angabe der eigenthümlichen Beziehungen, in denen er zu dieſem bildſchönen Weſen geſtanden hätte. Dankmar wich mit ſeiner Antwort entſchieden aus und berief ſich auf Das, was Egon von der Hohenberger Reiſe ſchon wußte. Auf die Frage, die er dafür an Egon richtete, ob er ihm nicht eine Parallele zwiſchen Melanie und Helene ziehen könne, wollte ſeinerſeits wieder der Prinz nicht antworten. Man ſcherzte, man lachte, man war über die Maaßen vertraut gegen einander und doch hatte ſich zwiſchen Egon und die Freunde etwas gedrängt, wofür ſie keinen Namen an⸗ zugeben hatten... Die vier Gefährten ſtiegen nun die Stufen hinun— ter, die in den Rathskeller führten. Wie die in einem Gewichte gehende Thür hinter ihnen zufiel, ſahen ſie am Ende des Ganges zwei elegante Damen in eine Thür huſchen. Kommen auch Damen in den Rathskeller? fragte Dankmar erſtaunt und wandte ſich zu dem Küfer, der ül wenn iinkel, zwür⸗ Pau⸗ berget für an viſchen rerſeits e, man gegen und die jen an⸗ hinun⸗ einem ihen ſie in eine fragle ſie ſchon erwartet hatte und in das vom Major be— ſtellte Kabinet führte. Es ſind wol Fremde! ſagte der Angeredete lachend. Ein Herr mit zwei Damen will dort Champagner trinken. Wohl bekomm's Ihnen! ſagte Leidenfroſt. Wor— über werden wir uns denn einigen? Sie waren in der grünen, gaserleuchteten Trink— zelle und ſtellten die kräftigen neu gebeizten Eichen⸗ ſtühle um einen runden Tiſch. Der Major war noch nicht da. Der Kellner aber ſagte, daß er des Ma⸗ jors Geſchmack kenne— Rüdesheimer. Bringen Sie Rüdesheimer! antwortete Dankmar, und ſo viel Beefſteaks, wie Sie fertig haben. Das iſt vernünftig, ſagte Leidenfroſt, denn ich eſſe deren mindeſtens zwei. Die Leckereien bei der gu⸗ ten Moskowiterin haben mir ſo den Magen verdor⸗ ben, daß ich mich nur mit Beefſteaks wieder herſtel⸗ len kann. Sie ſind ja ſo einſylbig, Louis? fragte Siegbert. Was haben Sie? Ich war bis jetzt in der Kammer, antwortete Louis Armand. In der Abendſitzung? Nun, wie war es? rief man einſtimmig. Die Regierung verlangt eine Abänderung der Ge⸗ 232 ſchäftsordnung. Das Miniſterium will zu jeder Zeit die Erlaubniß haben, vor, während und nach der De⸗ batte ſeine Meinungen zu äußern.. Empörend! unterbrach Dankmar. Als wenn das Miniſterium die Kammer bei ſich zu Gaſte hätte und nicht die Kammer das Miniſterium! Aber der An⸗ trag geht nicht durch. Das Miniſterium machte die äußerſten Anſtren⸗ gungen. 3 Das glaub' ich wohl, ergänzte Leidenfroſt und trommelte auf den Tiſch, der ihm ſo glatt, ſo eben ſchien, daß er vielleicht an ſeine Schwefelhölzer dachte; eine Debatte kann da im beſten Abſchluß ſein, die Hal— ben, die Furchtſamen ſogar ſind vielleicht für die po— pulaire Auffaſſung gewonnen, man will abſtimmen und plötzlich erheben ſich die Herren Miniſter und brin⸗ gen wieder neue Materialien an, ſollten ſie auch nur in einer Drohung gegen Die beſtehen, die von ihnen abhängig ſind und gegen ſie ſtimmen wollten. Die Miniſter haben ja aus dieſem Gegenſtand eine Kabinetsfrage gemacht, ergänzte Dankmar. Das läßt ſich leicht erklären, ſagte Leidenfroſt. Sie wiſſen, daß ſie unhaltbar ſind und ergreifen die erſte Gelegenheit, ſich aus allen Schwierigkeiten mit guter Manier herauszuziehen. ꝛder Zeit der De⸗ enn das aätte und der An⸗ Anſtren⸗ oſt und ſo eben dachte; die Hal⸗ die po⸗ ſtimmen nd brin⸗ juch nur n ihnen enſtand Es hieß nun: Sprach Egon nichts? Louis erzählte, daß Juſtus, der eine Partei in der Kammer zu vertreten ſcheine, Egon veranlaſſen wollte, dieſe Debatte kurz durch einige treffende Worte zu beenden. Er hatte Das deutlich von der Galerie herab an Juſtus' Benehmen, ſeiner Unterhaltung und Ge— ſtikulation erkannt. Befremdet aber hätte es ihn, wie Juſtus ſelbſt, daß Egon ihm Auseinanderſetzungen machte, die nicht mit der Majorität übereinzuſtimmen ſchienen. Man behauptete erſtaunt, daß ſich Louis wol ge⸗ irrt hätte und war der feſten Meinung, Egon hätte nur nicht ſprechen wollen, würde aber mit der Majo— rität ſtimmen. Louis konnte nichts erwidern, denn er erzählte, in Mitte der heftigſten Debatte wäre er ge— gangen, da er um halb acht Uhr bei dem Rendezvous nicht fehlen wollte. Die Sitzung könnte ſich ſo, wie ſie angefangen, bis in die Nacht hinziehen.. Indem trat der Major von Werdeck ein. Er kam in ſeiner Uniform, die ein Mantel verhüllte, grüßte ſehr freundlich, bot Louis Armand, der ihm vorge⸗ ſtellt wurde, leutſelig die Hand und fragte, ob er es mit der Wahl dieſes kleinen Cloſetts recht getroffen hätte? Man fand dies kleine grüne, blendendhelle Kabi⸗ 234 net allerliebſt und kündigte dem Major an, daß man ſchon in ſeinem Sinne gehandelt zu haben glaubte, als man Rüdesheimer beſtellte. Wohl, ſagte er, die Traube vom Thurm des alten Brömſers gehört in dieſe Kellerhöhle. Er ſoll uns die Zunge löſen und die Flammen der Mittheilung ſchü— ren. Wiſſen Sie ſchon, daß das Miniſterium dieſe Nacht nicht überlebt? Wir hörten eben, daß es aus einer Frage der Ge⸗ ſchäftsordnung eine Kabinetsfrage gemacht hat, ſagte Dankmar. Es iſt ein Coup der Verzweiflung, meinte Wer⸗ deck. Die Herren nehmen den erſten beſten Strick von unten und warten nicht erſt, bis die ſeidene Schnur von oben kommt. Hanf oder Seide, es thut hier denſelben Dienſt.— Der Kellner brachte die Beefſteaks. Man ſetzte ſich um den runden Tiſch. Louis, voll Spannung und ſchüchtern, doch bald von Werdeck's feinem welt⸗ männiſchen Tone ermuntert. Der Major wandte ſich vorzugsweiſe an ihn, bewunderte ſeine Fertigkeit, ſich deutſch auszudrücken, pries die politiſche Haltung ſei⸗ nes Freundes, des Prinzen Egon, der unſtreitig der Volksſache große Dienſte leiſten würde, und dafür ſei das Vaterland eigentlich ihm verbunden. Denn man man. aubte, alten ns die ſchü⸗ dieſe r Ge⸗ ſagte ſebzie innung 1 welt⸗ dte ſich it, ſich mg ſci tig der ffür ſei in man wiſſe Alles, was Egon und Louis zuſammen erlebt hätten. Louis wagte ſo viel Zugeſtändniſſe kaum anzu— nehmen. Er erwiderte, und wenn dieſe Zeit in ihrer Verwirrung nichts zu Stande gebracht hätte, als daß die Stände einmal ein wenig durcheinander gerüttelt worden, ſo wäre Das ſchon ein Reſultat. Siegbert thaute ein wenig auf. Bewegt von dem Vorfalle mit Olga, vorwurfsvoll über ſich ſelbſt und ernſt geſtimmt, hatte er zuweilen empor geblickt und ſeine Gedanken, wie manche mathematiſche Denker pflegen, an der Decke geſammelt. Da fiel ihm auf, daß hinter dem Blechſchirm, der die Gasflamme um⸗ gab, die Wölbung dieſes Raumes in dem ihm und dem Bruder ſo wichtigen Kreuze zuſammenlief. Mit einem Winke machte er den Bruder auf das Kreuz aufmerkſam... Wohl! ſagte Dankmar, Das weißt du nicht, daß wir hier auf eignem Grund und Boden ſind? Dies kleine Luftloch führt durch die dicke Zwiſchenmauer in das Rathhausarchiv, in die Aktenſammlungen unſerer wohllöblichen Gegnerin, der ehrſamen und tugendbelob⸗ ten Stadt. Wir wollen, wenn wir auf dies Kreuz blicken, denken: in hoc signo vincemus! In dieſem Kreuze werden wir ſiegen! wiederholte 236— der unterrichtete Werdeck. Wie iſt es denn mit Ihrem Proceß? Man zündete ſich Cigarren an, ſtellte die Gläſer, Leidenfroſt füllte ſie. Wir erwarten in dieſen Tagen die Entſcheidung erſter Inſtanz, ſagte Dankmar. Daß wir durchfallen weiß ich ſchon. Nur die Entſcheidungsgründe ſind mir noch unbekannt. Ich will ſie Ihnen ſagen, Wildungen, fiel Leiden— froſt ein. Man wird Ihnen erwidern: Schickt denn das Beinhaus und die Gruft Uns die Begrabenen zurück? Sonſt, wenn Ein Mann geſtorben, war es aus mit ihm: Jetzt ſteigen ſie mit zwanzig Todeswunden An ihrem Kopfe wieder aus dem Grab Und treiben uns von unſ'ren Stühlen. Das hört' ich einmal im Theater, ſagte Werdeck. Iſt Das eine Reminiſcenz Ihres Schauſpielerlebens, Leidenfroſt? Heute hätten Sie den Propſt Gelbſattel ſo hö⸗ ren können, ſagte Leidenfroſt ausweichend, ehe Sie kamen, Dankmar. Er ſaß da, wie Macbeth, als er Banquo's Geiſt an ſeiner Tafel erblickt und ein andermal wurd' er wehmüthig. Es war mir, als hört' ich: —— it Ihrem Cläſer, g enen jrchfallen ſind mir (Leiden⸗ 237 Du Geiſt des alten Ritters Wildungen! Du kommſt in ſo fragwürdiger Geſtalt! Laß mich in Kummer nicht vergehen! Nein, ſag: Warum dein fromm Gebein, verwahrt im Tode, Die Leinen hat zerſprengt? Warum die Gruft, Worin wir ruhig eingemau'rt dich ſahen, Geoffnet ihre ſchweren Marmorkiefern, Dich wieder auszuwerfen? Was bedeutet's, Daß, todter Leichnam, du, in vollem Stahl Auf's neu des Mondes Dämmerſchein beſuchſt, Die Nacht entſtellend; daß wir Narren der Natur So furchtbarlich uns ſchütteln mit Gedanken, Die unſ're Seele nicht erreichen kann? Bravo! rief man allgemein. Zum größten Er— ſtaunen Louis Armand's, der dieſe Art deutſchen Hu⸗ mors beim grünen Römerglaſe noch nicht kannte, hatte Leidenfroſt wirklich ſo geſprochen und faſt geſpielt, als wenn er einen Geiſt im Mondenlichte vor ſich her— ſchreiten geſehen hätte. Dankmar erzählte nun zuvörderſt vielerlei von den Schwierigkeiten, von den unglaublichen Chikanen, die ſeinem Proceſſe in den Weg gelegt wurden. Schlurck führte die Sache des Magiſtrats mit dem ganzen Auf⸗ wande ſeines berühmten Scharfſinnes. Die Regie⸗ rung hatte einen nicht minder gewandten Rechtsgelehr⸗ ten für ihre Anſprüche beauftragt. Dankmar ſagte, er hätte Analogieen in dem bekannten Wallenſtein'ſchen Proceſſe gefunden, der von Menſchenalter zu Men— 238 ſchenalter verſchleppt wurde und jetzt in Böhmen in vollem Gange und endlicher Entſcheidung wäre und die Rückgabe der den Erben Wallenſtein's ungerech⸗ terweiſe entzogenen Güter zur Folge haben würde. Soll ich Ihnen aufrichtig ſagen, mein verehrter Freund, begann Werdeck, was mir an Ihrem ſchon ſo berühmt gewordenen Proceſſe nicht in den Sinn will? Sagen Sie es offen, Herr Major! antwortete Dankmar. Ich verkenne nicht das Gewicht Ihrer Anſprüche. Ich fühle, wie außerordentlich günſtig Ihnen der Um⸗ ſtand ſein wird, daß die fürſtliche Gewalt gleich in den erſten fünfzig Jahren gegen die Beſitzergreifung der Johannitergüter durch die Communen proteſtirte und dieſen Proceß nie ganz hat einſchlummern laſſen, ja ſelbſt Vergleiche und gütliches Abfinden ausſchlug. Freilich, ſagte mir kürzlich ein Rechtsgelehrter, es früge ſich, ob ein Dritter von einer die Verjährung hinter⸗ treibenden Proteſtation eines Zweiten Vortheil ziehen könne... Das iſt allerdings die Hauptfrage! ſagte Dank⸗ mar. Allein auch hier werd' ich meinen Mann ſtehen... Meinen Mann ſtehen! Den Ausdruck hab' ich nur hören wollen! ſagte Werdeck. Böhmen in wäre und Hungerech⸗ würde. verehrter rem ſchon Sinn will? antwortete Anſprüche n der Um⸗ gleich in ergreifung proteſtirte ern laſſen, ausſchlug t, es früge ng hinten eil ziehen gte Dant⸗ Mann 1 b ich nun 239 Wieſo dieſen Ausdruck? ſagte Dankmar, und die Andern hörten voll Theilnahme. Sehen Sie, mein Theuerſter, ſagte Werdeck, es liegt etwas Kühnes, etwas Tapferes in Ihrem Pro⸗ ceß und doch findet er nicht bei Jedem die Sympathie, die Sie wol vorausſetzen möchten. Man läßt Ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren; aber... kein Menſch wünſcht eigentlich, daß Sie Ihren Proceß gewinnen. Siegberten war es, als wenn ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er hatte längſt daſſelbe Gefühl gehabt. Ja, ſagte er und reichte Dankmarn bewegt die Hand, ja Bruder, Das iſt das Gefühl, was auch mir vom erſten Tage an, wo du in der Freude deiner Entdeckung mir dein Unternehmen ankündigteſt, die Luſt an ihm benahm. Es ſchnürte mir die Bruſt zu, mit dir darüber zu ſprechen und ich ſollte doch deine Freude theilen. Ich konnte nicht! Ich ſollte deine Hoff⸗ nungen unterſtützen. Der eigene Muth des Herzens reichte nicht aus dafür. Wir wollen, rief eine Stimme in mir, dieſe Reichthümer für uns, wir wollen ſie zu perſönlichem Zwecke. Wir wühlen in Akten und alten Erinnerungen und entziehen allgemeinen Zwecken, ſie mögen auch Misbräuche befördert haben, Mittel, die, wenn ſie z. B. der Staat gewinnt oder wenn die Stadt ſich in der Lage ſieht, dieſe Fonds beſſer zu verwenden, doch gegebenen und umfaſſenden Schöpfun⸗ gen zu Gute kommen. Man wünſcht uns in die Au⸗ gen Glück zu Ausſichten, von denen hinter unſerem Rücken Niemand will, daß ſie ſich verwirklichen. Ihr Herr Bruder ſagt' es, bemerkte Werdeck. Und ich verſichere Ihnen, es iſt faſt die allgemeine Stimme. Dankmar ſchrak faſt zuſammen. Es liegt etwas Furchtbares in dieſem Drucke, der auf unſer Gemüth laſtet, wenn man ſo plötzlich über unſer innerſtes Wol⸗ len und eigenſtes Schaffen ein Urtheil hört, das ſich für das allgemeine der Welt ausgibt. Man hat in der Stille ſein Werk gezeitigt, man hat es den näch⸗ ſten Freunden und Theilnehmenden enthüllt, es ge⸗ hört nun dem Allgemeinen an. Die Urtheile fließen anfangs ſpärlich. Sie ſind wohlwollend, ſte ſcheinen befriedigt. Da geht es plötzlich wie ein Vorhang auf. Das Werk, das vergeſſen, unbeachtet geblieben ſchien, hat Alle im Stillen intereſſirt und nun bricht ein Lärm, ein Durcheinander von Meinungen, Anſichten, Wider⸗ legungen auf uns ein, daß man erſchrocken faſt die Beſinnung verliert und ſich vorkommt wie überfallen von einer heimlichen Verſchwörung. In dieſer peinlichen Lage war Dankmar, als ihm Mar Leidenfroſt beiſprang, den grünen Römer auf den Tiſch ſchlug, das lange Haar zurückſtrich und ausrief: Gemüth ſtes Wol⸗ das ſich n hat in den näch⸗ , es ge⸗ ile fleßen e ſcheinen hang auf en ſchien ein Lärm, n. Wider⸗ faſt die ibetfallen Das unterſchreib' ich nicht! Wer wird ſich denn erſtens an die Menſchen kehren, was die ſagen und die meinen! Können Unbilden durch die Jahrhunderte jemals gerecht werden? Wenn wir zugeben, daß Jahre die moraliſchen Fragen zudecken, beſeitigen, entfernen, dann iſt ja unſer ganzer Kampf um die großen Ideen des Weltalls nichts, und an die elektriſche Strömung der Offenbarung, die wie durch den Raum auch durch die Zeit gehen ſoll, kann dann ſchon kein Menſch mehr glauben. Das Erbrecht iſt eine der wunderbar⸗ ſten Strömungen der Zeiten. Wollen wir's, weil es mit Unrecht verbunden wäre, abſchaffen, ſo gebt etwas Neues dafür! Aber etwas Vernünftiges, Cohäriren⸗ des! Cohäſion muß ſein. Zuſammenhang iſt Leben! Bis jetzt bin ich noch der Meinung, daß man mit der Aufhebung des Erbrechtes die ganze Menſchheit aus ihren ſittlichen Fugen bringt. Das ſag' ich trotz mei⸗ ner Schwefelhölzer, mit denen ich Taktik ſtudire, um unſeren Ariſtokraten eine Schlacht aus freier Hand zu liefern, mit einer Armee, die ſich finden muß. Man lachte, weil man Leidenfroſt's ſtrategiſchen Selbſtunterricht kannte. Louis Armand aber meinte, das Erbrecht wäre doch der eigentliche Grund aller Leiden der Menſchheit. Ihm verdanke man die Auf— Die Ritter vom Geiſte. VI 16 242— häufungen der Kapitalien, ihm die ungerechte Ver⸗ theilung der Lebensgüter, ihm den Fluch, der auf gan⸗ zen Generationen läge. Das Erbrecht wäre ein fort⸗ laufender Proteſt gegen das Glück der Menſchheit. Wohlan! rief Dankmar, ſich ſammelnd. Da wa⸗ ren wir ja gerade bei unſerm Gegenſtand. Heute woll⸗ ten wir uns über den Feldzugsplan jedes aufgeklärten und ehrlichen Mannes in dieſer Zeit unterrichten, ſo⸗ gar Verabredungen für irgend eine gemeinſchaftliche Unternehmung treffen und nun iſt meine eigene und meines Bruders perſönliche Angelegenheit förmlich ein Symbol der Frage unſeres Jahrhunderts, wie ſie ein⸗ mal ungelöſt daſteht. Es iſt unwiderleglich; um das Recht der Perſon, um die nachwirkende Kraft der Ver⸗ gangenheit handelt ſich Alles. Iſt der Staat etwas Allgemeines, das aus dem Wohle jedes Einzelnen und dem Wohle von Familien, Geſchlechtern, Gruppen und Sippen oder nur aus lauter ſich ſelbſt beſtim⸗ menden Individuen zuſammengeſetzt iſt, die nur loſe zuſammenhängen und ſich nicht gegenſeitig bedingen? Wenn mein Proceß unpopulair iſt, wie Sie ſagen, Herr Major, und wie ich es ſelber fühle, ſeitdem Siegbert's Takt mich irre macht, ſo ſollte Vieles un⸗ populair ſein, was ſich von der Vergangenheit als rei⸗ nes Perſonenintereſſe forterbt... de t etwas nen und Gruppen heſtim er loſe nur! edingen! ie ſagen ſeitden jeles un als n rVer⸗ 243 Die Monarchie und der Adel vor Allem, brach Leidenfroſt hervor. Ob der alte Ritter Wildungen ſeine Erbſchaft antrat oder nicht, bleibt ſich doch wol gleich, ſogut wie Einer zufällig ſeine Krone verliert und darum ihr Recht nicht aufzugeben braucht. Be⸗ weiſt man Jemanden, daß ein Recht ſchädlich iſt und der Verluſt ſeiner Krone ein Glück für die Völker, gut, ſo iſt ſein Perſonenrecht todtgeſchlagen; aber wer be⸗ weiſt Ihnen, daß Ihre Million, die Sie beanſpruchen dürfen, ein Nachtheil für den Gegner iſt? Ich will gerade, daß dies Ihr lebendiges Beiſpiel den Ariſto⸗ kraten und Monarchen zeige, was ſie an ſich ſelber nicht glauben wollen, daß das fortwirkende Recht der Vererbung allerdings ſeine Grenzen haben ſollte. Ah, ſagte Louis, da geben Sie doch ſchon von dem Erbrechte etwas heraus! Sie wollen nur eine Conſequenz ziehen, nur eine Lektion geben. Nur vernünftig, nur poetiſch beſchränke man das Erbrecht! fuhr Leidenfroſt fort. Es muß durch Ideen, nicht durch willkürliche Taxen oder Klugheitsregeln beſchränkt werden. Wer eine Million erbt, muß dem Staat nachweiſen, daß er dieſen oder jenen allgemei⸗ nen Gebrauch von ſeinem Vermögen anſtellt. Er behält dabei nach dem Willen des Erblaſſers den Genuß. Ruhm aber iſt auch Genuß; Dankbarkeit, 16* 244 Ehre, Achtung iſt auch Genuß. Nur nicht das Erb— recht völlig aufheben! Das hieße jedes Band der Liebe, Zärtlichkeit, der Hoffnung aus dem Leben neh⸗ men, zu geſchweigen, daß uns kein Schneider mehr einen Rock borgen würde, wenn er immer beim Maß⸗ nehmen auf unſer Geſicht ſähe, ob wir nicht etwa den hippokratiſchen Zug haben und einen Tag nach dem erſten Sonntag, wo wir den neuen Rock tragen, ſeine Rechnung durch den Tod quittiren. Man ſieht aus den Widerſprüchen, in denen Ihre Gedanken noch mit ſich ſelbſt befangen ſcheinen, lieber Leidenfroſt, ſagte Dankmar, wie ſchwierig dieſe Fragen ſind, und wenn wir geſchellt haben, die Trümmer unſrer Beefſteaks beſeitigt ſehen und eine Ergänzung des Rüdesheimers vor uns ſteht, ſo wollen wir uns an unſre heutige Aufgabe machen, umſomehr, als der Willing'ſche Maſchinenbauer- und der Handwer⸗ kerverein, die tüchtigſten und maßgebendſten Muſter⸗ vereine im ganzen Staate, uns drängen, ihnen eine Parole zu geben. Louis hatte die Schelle gezogen. Der Kellner kam, räumte ab, ergänzte was fehlte und entfernte ſich. Mein Proceß, begann jetzt Dankmar, der Wer⸗ deck's und der Freunde Intereſſe an dieſen Erörterun⸗ gen nicht zu ſchuren brauchte, da ſie ihm Alle in dem 1s Ehb⸗ und der een neh⸗ er mehr n Maß⸗ ht etwa g nach gen tragen, een Ihre n, lieber Fragen grümmer rgänzung wir uns ehr, al andwei⸗ Nufte⸗ nen eine 245 eifrigſten Streben, ſich klar zu werden, entgegen kamen, mein Proceß iſt denn nun alſo ein Bild unſrer Zeit geworden. In Ihrem Sinne, Leidenfroſt, zieh' ich gleichſam die humoriſtiſche Conſequenz aller Thorheiten unſrer Epoche. Ich ſage gleichſam den überlieferten Halb⸗ und Scheinrechten: Da iſt ja nun auch ein Recht, das dreihundert Jahre alt iſt, wie Eure Gewalt. Ich will es haben und fort mit Denen, die von mei⸗ nem Rechte Vortheil genoſſen! Steht auf! Ich ſetze mich mit meinem Bruder dahin, wo Ihr ſitzt! Wir wollen für uns allein, was durch den Lauf der Zeiten allgemeiner wurde! Der Major Werdeck ſagt, daß dieſe Sprache unpopulair iſt und ich ſtelle mich auf ſeine Seite. Ich weiß, nicht nur die Schlurck's und Gelbſattel's ſind gegen mich ergrimmt, ſondern viel achtbare Menſchen und wenn ſie einen Titel in den alten Papieren, hier über uns in dem Archive viel⸗ leicht, finden könnten, die alle unſre Hoffnungen zu Schanden machten, ſie thäten es nicht mehr wie gern. Deshalb hab' ich mich entſchloſſen, auch nicht perſön⸗ lich zu erben. Was heißt Das? fragte man. Nicht perſönlich? Mein Bruder iſt ſchon davon unterrichtet, er kann es erklären! ſagte Dankmar und füllte rundum die Gläſer. — — wnn 1 31 3 246 Dankmar hat einen kühnen und großen Gedanken, ergänzte Siegbert, deſſen Ausführung welthiſtoriſch ſein könnte, wenn es noch möglich wäre, daß ein Einzelner etwas Welthiſtoriſches durch ſeinen einfachen Willen hervorriefe. Einfacher Wille? berichtete der Bruder. Vergiß nicht, daß ich von mir und dir eine Million in Hän⸗ den habe. Geld erſetzt den Glorienſchein der alten Propheten. Sie machen uns neugierig, ſagte Werdeck. Was projektiren Sie denn? Dankmar weiß, daß ich mich in den Gedanken des Reichthums nicht finden kann. Für unſre gute Mutter iſt leidlich geſorgt. Der Bruder und ich, wir Beide werden uns ſchon im Leben zu behaupten wiſſen. Aber... Ihr wollt den Proceß aufgeben? fragte Leidenfroſt. Das nicht, antwortete Siegbert. Nur eine andre Wendung ſoll er erhalten. Warum ſprichſt du dich nicht ſelber darüber aus, Dankmar? Deine abenteuer⸗ liche Chimäre, die Erbſchaft nicht für uns, ſondern für den Templer⸗ und Johanniterorden, der in alter Weiſe nicht mehr exiſtirt, zu verwenden, mußt du mit eigenen Worten wahrſcheinlich machen. Du verſtehſt zu überreden. daß ein einfachen Vergiß dich wi en wiſſen denfroſt edenfte ne andte dich Natürlich erregte die Erwähnung eines Ordens große Spannung. Eh' ich ſpreche, ſagte Dankmar, thu' mir jetzt Jeder von Euch den Gefallen und ſage mir erſt, was er für die Pflicht des ehrlichen Mannes in dieſen ſchwierigen Tagen hält! Da werdet Ihr ſehen, daß guter Rath theuer iſt und meine Vorſchläge vielleicht noch das Billigſte ſind. Indeſſen laſſ' ich Euch die Vorhand. Wißt Ihr Beſſeres, wohlan, ſo folg' ich Eurem Plane. Soll zugeſchlagen werden? Soll nur zugeſchaut werden? Soll die Flamme der Empörung lodern? Soll das Blut... Bruder! rief Siegbert. Was ſprichſt du? Sind wir hier ſicher? Dieſe Wände ſind elephantendick, ſagte Leiden⸗ froſt. Nur der Akuſtik dieſes Kreuzes da oben trau' ich nicht... Man blickte hinauf zur Gasflamme. Wie ruhig da die Flamme emporzüngelt! ſagte Dankmar. Oben könnte uns höchſtens eine Ratte belauſchen und käme ſie der Oeffnung zu nahe, würde ſie ſich die Naſe verbrennen. Wir haben hier kein andres Ohr als unſer eignes. Siegbert, ſage du, was dir jetzt die Pflicht eines ehrlichen Mannes ſcheint, aber drücke dich ſo aus, daß wir den Arbei⸗ tern, dem Handwerker, dem Bauer wie dem Dichter und Denker davon eine Anweiſung zum Handeln, zum Glauben und Hoffen geben können. Es entſpann ſich zwiſchen dieſen fünf Männern jetzt eine Erörterung von den eigenthümlichſten Folgen und einem Ernſte, der uns zur Pflicht macht, jede ihrer Aeußerungen auf das Gewiſſenhafteſte zu be⸗ richten. Dichter n, zum annern Folgen t, jede zu be⸗ Achtes Capitel. Die neuen Templer. Siegbert zuerſt lehnte jede Gewaltthätigkeit ab. Er läugnete nicht, daß ihm der ganze status quo unſerer Verfaſſungen, politiſch und geſellſchaftlich, misfalle und das Meiſte davon überlebt ſcheine... Aber, ſagte er: Ich kann mir unſer Leben nur ſo denken wie einen Garten, den der Gärtner im März zum Frühling und Sommer vorbereitet. Der Schnee iſt geſchmolzen, mil⸗ dere Lüfte wehen aus Weſten, wenn auch noch ſturm⸗ artig, doch nicht mehr ſchneidend. Schon bricht neben dem Laube, das noch nicht ganz von dem letzten Herbſte abgefallen iſt, der kleine grüne Keim des neuen Wachsthums an den Zweigſpitzen der Sträucher und Bäume hervor. Der Gärtner ſchont aber weder das Alte, noch das keimende Neue. Er hat die Säge in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt, was ihm überflüſſig und der geſunden Triebkraft hin⸗ 250 derlich ſcheint. Da liegt der Boden voller Aeſte und nicht blos voll alter, ſchon verdorrter, ſondern auch manches vorwitzige Frühlingsreis mußte ſchon mit. Unſere Gartenſäge iſt die Debatte und das Geſetz. Ich verwerfe jede Gewaltthat. Der Menſch iſt immer ein wildes Thier. Er mag nur einmal Blut ver⸗ gießen, ſo edel, ſo großherzig, wie nur je ein Timoleon Tyrannenmörder war, das geleckte, gekoſtete Blut macht ihn ſogleich wild. Es fließt ſogleich mehr, als ſollte. Ausrotten können wir nur das Todte, d. h. es aus dem Wege ſchaffen; ausrotten können wir nur das falſche Wachsthum, d. h. es im Keime erſticken. Ich bin dafür, den Menſchen zu predigen: Glaubt doch nicht, daß die Geſchichte morgen aufhört! Die größten Ideen haben Jahrhunderte gebraucht, um ſich geltend zu machen. Warum ſoll denn in ſo kurzer Zeit Alles fertig werden, was wir jetzt für nöthig denken? Wir wollen feſt im Auge behalten das edlere Ziel und nichts thun, nichts Anderes befördern, als was zu jenem Ziele führt. Müſſen wir einmal der noch zu ſtarken Gewalt nachgeben, ſo thue man es ja! Das zweite Mal ſchon wird es nicht mehr nöthig ſein. Wenn ich unſern Feldzug für einen unermeßlich langen halte, ſo geh' ich auch viel weiter als Die, die ſich für liberal halten. Ich bin nicht blos für ſte und en auch on mit. Geſetz immer ut ver⸗ imoleon Blut wir nur⸗ erſticken. Glaubt rtl Die um ſch ſo kurzer 251 die Einſchränkung der fürſtlichen Gewalt, ich bin ſo— gar für die Republik, ich bin für die ſociale Aende— rung unſeres Geſellſchaftslebens. Ich ſage nicht, daß dieſe Aenderung wirklich eintreten wird; ich ſage nur, daß ich ſie mir möglich denke und ſo lange unter der Republik nichts Wildes, Thieriſches, Unſittliches ge⸗ lehrt wird, ſie für anſtrebſam halte. So bin ich frei— ſinniger als manche Ueberhitzte, die ſich mit weniger Aenderungen begnügen, wenn ſie nur gleich Morgen eingeführt ſind. Arbeitet! würde ich den Arbeitern ſagen. Bildet Euch und die Eurigen! Stärkt Euch in einer freien Geſinnung! Macht Euch klar über Euren Lebensberuf! Stiftet Vereine, aus denen Ihr Alles entfernt halten müßt, was einer Verſchwörung gleich ſieht! Wenn Euch Einer auffordern will, für morgen ein Gut mit Gewalt zu erringen, ſo ſagt: Wir warten bis über acht Tage! Da kommt es von ſelbſt und viel größer und beſſer als morgen! Nur nicht geiſtig die Hände in den Schooß legen. Denken, ſich bilden, ſtark und gewiſſenhaft im Kampf der Mei⸗ nungen, keine Gelegenheit abweiſend, die Geſinnung offen zur Schau zu tragen! So kommt das Gute von ſelbſt. Das iſt meine Lehre. Beſter Freund, polterte Leidenfroſt ſogleich auf. Dieſe Lehre iſt zum Auslachen! Damit ſoll Einer in 252 die Willing'ſche Maſchinenfabrik kommen? Solche himmliſche Güte wäre ſelbſt für Willing, den die Um— ſtände zwingen, vorſichtig und behutſam zu ſein, zu ſchmachtend. Mein lieber Wildungen, Ihr Gleichniß von den Gärten im März paßt nicht. Denn ſo ſtumm und dumm, wie die Bäume im März daſtehen und ſich die Schneiderei des Gärtners gefallen laſſen müſſen, ſtehen die Ideen und Intereſſen des Augenblicks nicht da. Die ſchlagen Purzelbäume unter der Hand. Das“ iſt ein großes Stiergefecht, wie es jetzt hergeht. Die großen Büffel wollen Farbe ſehen, um Muth zu be— kommen. Roth iſt die Loſung! Ohne Muth und un⸗ mittelbare Entſchloſſenheit kommt nichts mehr zu Stande. Die Menſchen müſſen ſelbſt Geſchichte machen, ſonſt geſchieht nichts. Die Geſinnung allein reicht nicht aus. Sollen ſich die Väter von ihren Enkeln ver⸗ ſpotten laſſen? Nichts rächt ſich in der Geſchichte mehr als der verſäumte Augenblick. Wer die Kriſis unbe— nutzt vorübergehen läßt, holt ſie niemals wieder ein. Und haben wir nicht der Fälle genug erlebt, daß die Machthaber der Welt vollkommen wiſſen, welche Half— ter ſie den ſtörriſchen Völkern überwerfen ſollen? Aus dem politiſchen Hader wurde die Debatte in das Re— ligiöſe hinübergeſpielt und ganze Epochen ſind darüber eingeſchlafen. Die Jeſuiten, die Armeen regierten die Solche je Um⸗ in, zu eichniß ſtumm n und nüſſen, nicht Welt. Sie haben die Hand immer am Griff des Dol⸗ ches oder Schwertes. Warum ſollen wir ſie in den Schooß legen? Geſetzt auch, wir wollten uns mit from⸗ mem Glauben auf beſſere Zeiten und mit dem endlichen Siege der Geſinnung begnügen, es würde nichts helfen. Die Stunde hat ihre dringende Mahnung. Wir wol— len träumen und die Poſaune ruft uns vom Lager auf. Es brennt da, wo wir ſitzen, über und unter uns. Es müſſen Entſchlüſſe gefaßt werden. Ich ge⸗ ſteh', ich haſſe Alles, was unlogiſch iſt. Ich haſſe auch verkehrte Theorieen und gäben ſie ſich noch ſo ſehr das Anſehen der Volksbeglückung. Man will damit nur dem Muthe und der Chrlichkeit aus dem Wege gehen. Die Frage unſerer Zeit iſt ſehr einfach. Wer ſie ſchwierig macht, meint es nicht redlich. Schwierig nenn' ich die gewöhnliche ordinaire Communiſterei. Solche Sätze hinſtellen, die ihre Unmöglichkeit in ſich ſelber tragen, heißt die Menſchen nur verwirren. Man zeigt ihnen hundert Spatzen auf dem Dache, während einer in der Hand viel vortheilhafter iſt. Die Com— muniſterei iſt von Stubenhockern ausgegangen, die unterleibskrank ſind. Rühren und tummeln muß man ſich und die Welt für kein Schlaraffenland halten. Gebratene Tauben in die Luft gemalt, ſind geſchmack— los. Wir leben in einem wilden Chaos, in das nie, 254 nie volles Licht kommen wird. Arkadien iſt vor der Schöpfung geweſen und mag nach der Schöpfung kommen. Hier auf Erden gibt es nur Reibung, Lärm, Zorn, Leidenſchaft, Drängen, Stoßen. Das Einzige, was wir erreichen, iſt: Leidliches Glück! Das leid⸗ liche Glück muß man am Zipfel feſthalten, wenn's an uns vorübergeht. Es kommt nicht alle Tage. Was du der Stunde ausgeſchlagen, bringt keine Ewigkeit dir mehr zurück, ſagt der Dichter. Wollen Sie Ihre Million gut anwenden, Wildungen, ſo laſſen Sie dafür Waffen kaufen, Pulver und Blei. Die Trommel wirbt an. Major Werdeck wird Generaliſſimus und wenn wir Alle erliegen, wenn unſere Glieder entweder im Felde oder auf dem Henkerplatze erbleichen, ſo iſt doch Muth und Poeſie dageweſen und der moraliſche Sieg unwiderleglich. Allgemein war man der Anſicht, daß Leidenfroſt in ſeiner gewohnten Weiſe hier übertrieben hatte und es ſchwerlich mit einer ſo blanken Rebellionstheorie ehrlich meine. Und dennoch blieb er dabei. Worauf anders, ſagte er, ſoll man denn hinaus⸗ kommen, wenn man ſieht, wie wenig uns die Debatte weiterbringt! Was hatten wir durch einige thatſäch— liche Erhebungen des Volkes nicht ſogleich gewonnen! Und wie kommen wir immer wieder zurück, je milder vor der chhöpfung g, Lärm, Einzige, e und es ſ ehrlich hinaus⸗ Debalte thatſäch wonnen! ſe milde 25⁵ die Miene des gereizten und gleich wieder ſchlummern⸗ den Löwen iſt! Aber noch mehr, halten Sie mich für keinen Phantaſten oder für keinen plumpen und ge⸗ dankenloſen Radikalen! Tod! Der Tod! O, Gott, der Tod iſt jetzt unſere einzige Looſung. Ich verſichere Sie, wenn man im Volke lebt wie ich, ſo bemerkt man eine tiefe Sehnſucht nach dem Tode in den Ge— müthern Aller. Gehen Sie Sonntags Nachmittags vor die Thore: Kein Spaziergang iſt ſo beſucht, wie es die Kirchhöfe ſind. Es iſt eine Luſt am Opfer⸗ tode in den Menſchen dieſes Zeitalters, die an die chriſtliche Märtyrerzeit erinnert. Man hat entweder zuviel Gefallene feierlich beſtattet, zu ſehr geehrt, ge— prieſen oder woran liegt dieſe Geringſchätzung des Le⸗ bens? Chemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein grauenvolles Schauſpiel, von dem man Jahre lang ſprach: jetzt hat man an die Stelle des Schwertes Pulver und Blei geſetzt und die Hinrichtungen folgen ſich wie die Amputationen in einem großen Lazareth. Man erzählte ſonſt Wunder davon, wenn einer groß⸗ artig und gefaßt in den Tod ging. Jetzt knirſchen ſie alle die Zähne und gehen muthiger als Egmont oder der feige Kleiſt'ſche Prinz von Homburg aus dem Leben. Ha⸗ ben die Menſchen zuviel Trauerſpiele geleſen oder woran liegt es, daß wir nach ſo verweichlichten Zeiten plötz— 256 lich eine ſo ſpartaniſche bekommen? Bietet das Leben ſo wenig Freude? Hat man vergeſſen, daß wir vor zehn Jahren noch ein Buch nach dem andern erſchei⸗ nen ſahen, worin bedeutende Köpfe die perſönliche Fortdauer nach dem Tode leugneten? Wie kommt es, daß man nun ſo gern ſtirbt, ſo gern ſein Leben an eine Idee ſetzt, ſo muthvoll auf Die blickt, die uns ihre Theilnahme wohl nicht verſagen werden, wenn wir fallen, ſei es im Kampf, ſei es von der Hand des ungroßmüthigen Siegers? Der Zug zum Tode iſt wehmüthig genug jetzt in unſerm Leben da. Die Geſchichte will ihn, die Geſchichte hat uns die Cho— lera nicht umſonſt gebracht, dieſen grauenvollen Tod, der Niemanden ſchont, Niemanden achtet, Jeden wie ein Dieb in der Nacht überfallen kann. Unenträthſelt iſt noch, wie dieſe Peſt aus Aſten mit dem erwachen⸗ den Fieber der Revolutionen zugleich kam. Ich ver⸗ gleiche dieſe Zeit mit dem Mittelalter, wo die Menſchen hinſtarben, den Kornähren gleich, die der Schnitter niederwirft. Damals rückten die Menſchen näher zuſammen, ſchloſſen Bundsgenoſſenſchaften, Brüder⸗ ſchaften und gingen in grauen Kleidern, demüthig, pilgernd durch die Welt und beſtreuten das Haupt mit Aſche. Es war ein Zug der Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man ſtarb gern. 257 t das Leben Nach fünfhundert Jahren iſt es nun wieder ſo. Wir aß wir vor aber wollen dem Tode zu Liebe keine Flagellanten, dern erſchei keine Geißelbrüderſchaften und Weltverachtungsgilden verſönliche ſtiften, ſondern dies armſelige Leben getroſt hingeben kommt es in den Kampf für Recht und Unrecht. Es werden n Leben an bald genug üppige, feige Zeiten kommen, die Das, was kt, die uns wir in dieſen ſtarken verſäumten, nicht einholen. Alſo wenn nichts in die Länge ziehen! Nichts auf die Zukunft der Hand verſchieben! Fordern, ſagen was man will und für jn dode Recht hält, und dann als Mann dafür einſtehen und da. Di ſterben. Eine tiefe Stille folgte dieſen zuletzt mit Ernſt ge⸗ ſprochenen Worten. Werdeck ſtützte ſein Haupt und konnte nicht umhin, Das, was Leidenfroſt von der Tapferkeit und Todesverachtung unſerer Tage faſt mit erſtickten Thränen ſprach, zu beſtätigen. Ja, es iſt ein anderer Geiſt, ſagte er ſinnend, über uns Alle gekommen. Ich ſehe Das am Leben des Kriegers. Wie ſchonte man ſich ſonſt, wie vermied Jeden wie nenträthſel nerwachel⸗ Ich vei ſe Menſchen * Schau man die Gefahr! Was mislich und ſchwer auszu⸗ ſchen nih führen war, muthete man Niemanden zu. Jetzt drän⸗ Eride gen ſich zehn heran, wo man nur Einen begehrt. demüthig Niemand verzieht die Miene, wo es eine That gilt. das uu Man ſcherzt, man ſchlägt ſein Leben muthwillig in r und d 5 die Schanze, es iſt, als gehörte man ſchon einer 1 arb gen 4— ſtarb g Die Ritter vom Geiſte. VI 17 2 doppelten Welt an, der irdiſchen und einer himm⸗ liſchen... Und woher kommt dieſe Erſcheinung? rief Siegbert begeiſtert. Von der Bildung kommt ſie. Die Bil⸗ dung hat Platz gegriffen bis in die unterſten Schichten. Die Frage vom Proletariat hat nicht feige, ſondern tapfer gemacht. Eine Idee, eine Idee der Diskuſſion hat die Herzen gehoben. Man fühlt ſich als Glied der Geſellſchaftskette, man fuhlt ſich als Hebelkraft der Geſchichte. Das Vereinsleben, die Ahnungen beſſerer Inſtitutionen haben Wunder gewirkt. Wer klammert ſich noch ängſtlich an ſein armſeliges Ich, wo es etwas Allgemeines gilt? Stirbt man, ſo hat man ſich für eine Idee hingegeben. Glaubt Ihr denn, daß es ohne Wirkung für die untern Klaſſen iſt, wenn ſie geſchichtliche Thatſachen erfahren und von alten Zeiten hören, wie es damals war und wie jetzt und wie jede That im Buche der Geſchichte verzeichnet ſteht? Allein grauſam wäre es, wenn wir dieſe Folge der umſichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller und mächtig ſchlagende Herz hin eine wirkliche Sehnſucht zum Tode ſtatuiren wollten! Man verachte das Leben, aber man jage Niemanden in den Tod, ehe man ihn nicht theilnehmen ließ an einer möglichen Verbeſſerung des Lebens! O dieſe Sehn⸗ himm⸗ Siegbert e Bil⸗ le D hichten. ſondern skuſſton 3 Glied bbelkraft hnungen Wel ges Ich ſo h hr denn ſ, wenn. on alkelt fett und erzeichne eſe Folge und aul bin eine en! Mau n in N an ſdn Tohnt ſe Eel 259. ſucht zum Tode kann in eine blutige Grauſamkeit um⸗ ſchlagen! Schon jetzt iſt es grauenhaft, wie kalt man hinopfert, wie forcirt man ſich in den militairiſchen und Beamtenkreiſen, ja auf den Thronen als Brutuſſe gebehrdet, die ihre eigenen Söhne ruhig auf den Block liefern. Wenn dieſer zweideutige Heroismus überhand nähme! Wenn man vor dem Blute nicht mehr ſchau⸗ derte und es lieb gewänne, nicht blos ſelbſt zu ſter⸗ ben, ſondern auch ſterben zu ſehen... Nein, nein, Leidenfroſt, laſſen Sie uns verſuchen, eine mildere Formel zu finden, die das große Räthſel unſerer Zeit löſe und die Menſchenlebenfordernde Sphinr zum Sprunge in den Abgrund bringt! Louis Armand ergriff nach dieſer ernſten Rede das Wort und ſtellte ſich, ſeine Einmiſchung, ſeine Theilnahme an dieſem Geſpräche hochgebildeter Män⸗ ner entſchuldigend, auf Siegbert's Seite, ohne jedoch die drohende Stellung eines bewaffneten Widerſtandes nach Leidenfroſt's Meinung ganz überflüſſig zu finden. Es iſt ſchlimm genug, ſagte er, daß derſelbe Arm, der kaum ſtark genug iſt, ſeine Arbeit zu verrichten, nun auch noch die Waffe führen ſoll, und daß daſſelbe Leben, das ſo arm an Freude i*ſt, ſich auch noch hinzugeben hat gegen die Tyrannen. Ich nenne Tyrannen Die Men⸗ ſchen und Die Stände, die von der überlieferten Ord⸗ 17* 260 nung der Dinge unverhältnißmäßige Vortheile für ſich und die nächſten Ihrigen ziehen. Unſere Civiliſation hat uns einen Raubſtaat geſchaffen. Das höchſte Recht, der Gipfel des Rechts, die Conſequenz des Rechtes iſt zum größten Unrecht geworden. Daß ein Vater ſeinen Kindern die Früchte ſeines Fleißes hin⸗ terläßt, gehört ohne Zweifel zu den ewigen Menſchen⸗ rechten. Daß ſich dieſes Recht aber in ununterbrochener Aufeinanderfolge in allen Zeiten wiederholen darf, iſt der Fluch der Geſellſchaft geworden. Die Könige denken nicht daran, daß ſich das Erbrecht einmal mo⸗ difizirt, die Adeligen denken es nicht, die Reichen nicht. Die Könige hat man aber gezwungen, ihr Erb⸗ recht zu modifiziren durch die Conſtitutionen; die Ade⸗ ligen gleichfalls durch die Aufhebung der Leibeigen⸗ ſchaft; die Reichen zwingt Niemand ihr Erbrecht zu modifiziren! Was iſt die Einkommenſteuer? Eine Lüge! Eine Illuſton! Sie gibt ein kleines Procent in die Staatskaſſe und erleichtert dadurch nur mittelbar die Lage Derer, die gegen die ſich aufhäufenden Reich⸗ thümer nichts gegenüber zu ſtellen haben als die ſich aufhäufende Armuth. Die Rieſen, die ſonſt die Welt unſicher machten und Menſchen fraßen, ſind ausge⸗ rottet, wenn ſie jemals lebten. Aber die viel größeren Rieſen, die Capitale, ſind da und Niemand kann ihre für ſich viliſation höchſte uenz des Daß ein ißes hin Venſchen brochenen darf, iſt e Könige amal mo Reiche! ihr Eb „die Me Leibeigen lbrecht Eine Lüge 261 Eriſtenz leugnen. Sie ſind die wahren wilden Unge⸗ thüme, die die Geſellſchaft unſerer Zeit unſicher machen, die ihre Mitglieder in Höhlen locken, wo die Gebeine der Geopferten modern. Ich weiß, daß es eine gleich⸗ mäßige Vertheilung der Güter nicht geben kann. Ich bin kein ſo thörichter Communiſt, daß ich glaubte, mit der numeriſchen Anzahl der Menſchen ließe ſich in die numeriſche Anzahl der Werthe dividiren und was da herauskäme, wäre Das, was jedem Einzelnen gebühre. Allein der Krieg des Zufalles gegen die milde Für⸗ ſorge, die wir doch als Gottes Weltplan anerkennen müſſen, darf nicht fortdauern. Der Staat darf keine Ausbeute Derer bleiben, die ſeinen Sprungfedern nahe ſtehen und die elaſtiſche Kraft derſelben nur benutzen, ſich ſelbſt zu heben. Die Staatsmänner müſſen Er⸗ findungen machen, die auf anderen Gebieten liegen als die Ideen, mit denen Richelieu und Mazarin ihre Zeit regierten. Machen Sie mich, meine Herren, mit dieſen Arbeitern, Ihren Freunden, bekannt! Ich will ſie nicht lehren, übermüthige Forderungen zu ſtellen. Ich kenne die verderbliche Macht der Phraſe. Ich habe mich überzeugt, daß in Paris der Trägſte und Ge⸗ nußſüchtigſte am meiſten jammert und künſtliche Thrä⸗ nen in den communiſtiſchen Clubs vergießt. Ich ſtelle neben das Recht der Arbeit auch die Pflicht der Arbeit, aber ich glaube, daß die Lage der hieſigen Arbeiter dieſelbe iſt wie die der unſrigen. Sie leiden am Ka— pital. Sie dienen nur dem Unternehmer. Sie ſind dem Jammer der ungeſchützten Production ausgeſetzt. Sie erzeugen Werthe, ohne ſie abſetzen zu können. Sie können nicht von heute auf morgen denken, da ſte in ewiger Ungewißheit über ihr Loos zittern müſſen. Der Staat denkt an Alles, nur nicht an ſie. Er be⸗ achtet ſie nur, wenn ſie als Rekruten in das Heer zu treten haben oder wenn man fürchtet, daß ſie ſich zu Emeuten zuſammenſchaaren. Die ſocial⸗demo⸗ kratiſche Lehre will, daß der Staat des Mittelalters aufhöre und auf der Baſis der Menſchen, die arbeiten, neu erbaut werde. Es ſind vielfache Vorſchläge ge⸗ macht worden, dieſe Forderungen zu verwirklichen; ſie ſcheiterten, weil man glaubte, an die Stelle der frühe⸗ ren Iſolirung die Allgemeinheit ſetzen zu müſſen. Man irrte ſich, meine Herren! Die Allgemeinheit muß die vernünftige Iſolirung mit in ſich aufnehmen können. Die Iſolirung liegt einmal im Menſchen. Der Menſch wird immer darauf hinauskommen, eine Familie zu begründen. Allein dieſer Iſolirungstrieb darf nicht überwuchern. Der Staat darf nicht dafür da ſein, nur die Familie allein zu garantiren, er muß Inſtitu⸗ tionen bieten, die die Familien und die Allgemeinheit Arbeiter am Ka⸗ Sie ſind sgeſezt. können. nken, da müſſen. Er be⸗ 4s Heer daß ſie al⸗demo⸗ ttelalters arbeiten, hläge ge chen; ſ der friſe en. Nan muß de können Menſc amilt 1 darf nicht A da ſein 6 Juſtin jnbe j emeint ausgleichen. Weiſt er dieſe Forderung als utopiſtiſch zurück, wohlan, ſo ergreift die Flinte und ſterbt eher auf der Barrikade, als daß ihr länger duldet eine Exiſtenz, die nur den Rechnenmeiſtern, den Börſen⸗ mäklern, den Vornehmen zu gehören ſcheint! In Rom, weiß ich, war es einſt mit dem Volke ebenſo. Es ruhte nicht, bis es gehört wurde und die Macht der Patricier wurde gebrochen. Es iſt Dies dieſelbe Frage, die im Großen ſich jetzt wiederholt. Wir zertrümmern die Ordnung, die wir vorfinden, um aus unſren Inter⸗ eſſen heraus neue Inſtitutionen zu gründen. Bricht nun vollends etwas Neues an, ſtiftet man eine Re— publik und man benutzt ſie doch nur wieder für die alten Regierungsmaximen, für die alten Börſenmäkler, für die alten Kapitaliſten, wohlan, ſo müſſen dieſe ewigen Feinde der Menſchheit in Ketten gelegt und un⸗ ſchädlich gemacht werden, bis man ſich verſtändigt hat, ob dies Alles nicht auch anders geſtaltet werden könne. Dieſe Kammern ſitzen auch hier und ſprechen über links und rechts, über die Geſchäftsordnung, über erbliche, nicht erbliche Pairs, über die Rechte der Krone, der Stände, der Wähler, aber Niemand denkt daran, den Staat von unten herauf neu zu bauen. Darum, weil die Nationalwerkſtätten in Paris ſcheiterten, ſoll das Recht der Arbeit widerlegt ſein? Darum, weil ein Experiment misglückt, ſoll man ein anderes nicht ver⸗ ſuchen? Die Armuth, das Elend, die Verzweiflung der Maſſen iſt da, alſo auch die noch immer nicht gelöſte Aufgabe der Zeit. Ich fürchte eine Revolution der Maſſen, wie noch keine da war. Man beeile ſich, ihren Gräueln, die nicht ausbleiben werden, bei Zei— ten vorzubeugen! Man organiſire die Arbeiter zu Ver⸗ einen, ſtelle erleuchtete Köpfe an deren Spitze und laſſe ſie mit jedem Nachdruck, den die Wichtigkeit der Angelegenheit nur fordert, den Menſchen gegenüber, die jetzt den Staat machen, nicht mehr allein, nicht mehr hülflos, nicht mehr in dumpfer Verzweiflung; Das iſt die Meinung eines Arbeiters, der die Lage ſeiner Brüder kennt! Louis Armand hatte dieſen Vortrag, unterſtützt von Siegbert's Nachhülfe, in ausreichendem Deutſch lebendig und erwärmt beendet und Dankmar gab ihm das Zeugniß, daß er auf Egon großen Einfluß müßte gewonnen haben, ſtimmte er doch faſt wörtlich mit man⸗ chen zufälligen Bemerkungen des Prinzen zuſammen, nur daß dieſer— wie Dankmar hinzuſetzte,— leider— noch immer zu glauben ſcheine, wie mit dieſer Auffaſſung auch mancherlei Mittelalterliches getroſt beſtehen könnte. Leidenfroſt murmelte und brummte. Er meinte, ſeine Arbeiter wären keine Philoſophen. Die wollten icht ver⸗ weiflung ner nicht wolution reile ſich, bei Zei⸗ zu Ver⸗ i und gkeit der egenüber ein, nicht weiflung die Lage unterſtü n Deutſt mgab iſm luß müßt mit man amen, nl er— 100 Auffaſſur hen kömn einte Er en . je wohl 265 arbeiten, auch manchmal hungern, nur ſollte Recht und Gerechtigkeit in der Welt herrſchen! Die Commu— niſten im Handwerkervereine wären Näſcher, Faullen⸗ zer, Lärmmacher Er nannte mehre. Doch unter⸗ brach er ſich ſelbſt, da er Louis Armand's Aeußerungen wegen einer gewiſſen ſentimentalen Wehmuth ſeines Vortrages achten mußte. Auch Werdeck, an den nun die Reihe kam, ſprach ſeine Zuſtimmung zu Vielem aus, was dieſer ihm immer mehr gefallende junge Franzoſe geſprochen hatte. Der Major der Garde, ein Adeliger, Herr von Werdeck, in einer ſolchen Debatte mit einem Advokaten, einem Techniker(ſo wollte ſich Leidenfroſt bezeichnet wiſſen) einem Maler und einem Handwerker... Das iſt allerdings das Bild einer aufgeregten Zeit! Die öffentlichen Angelegenheiten hatten Alle ergriffen. Jede Schranke war wenigſtens für einige Zeit gefallen. Man kehrte zwar bald in ſeine alten Lebensſtellungen zurück, aber Mancher behauptete ſich doch noch auf dem vorgerückten Standpunkte und verbrannte wol gar die Schiffe, die ihn zu ſeiner früheren Exiſtenz zurückführen konnten. Werdeck fühlte und ſagte dies ſelbſt. Er begann: Meine Herren, daß ich mich in Ihrem Kreiſe be⸗ finde, iſt für mich eine Veranlaſſung, perſönlich zu werden; denn wenn irgend Jemand ein verlorener Poſten 266 iſt, ſo bin ich es. Sie, meine Herren, können ſich kaum ſo in der Nothwendigkeit, einen beſtimmten Ent⸗ ſchluß zu faſſen, befinden, wie ich. Sie lehnen ſich an gleiche Geſinnungen Ihrer Freunde, Ihrer Standes⸗ genoſſen an. Ich dagegen ſtehe mit meinen Auffaſ⸗ ſungen ganz allein. Ich fühle vollkommen, wie ſehr meine Stellung exceptionell iſt. Es iſt ein gehäſſiger Anſtoß, den ich nach allen Seiten gebe. Vor einigen Monaten fiel es nicht auf, daß ein Offizier Politik trieb. Man hatte das Heer aufgegeben, gedemüthigt, man wollte es dem allgemeinen Bürgergeiſte unter⸗ ordnen und ſah es gern, wenn der Offizier auf dieſe Calamität einging, gute Miene zum böſen Spiel machte und ſich der allgemeinen Debatte anſchloß. Der Hof gewann dadurch die Beruhigung, daß die Zugeſtändniſſe, die man gegeben hatte, auf einer innern Nothwendigkeit beruhten. Wenn der Adel, wenn der Offizierſtand politiſirte, dachte man, ſo merke man nicht, was oben die Angſt des Gewiſſens ſprach. Ja man hat uns ſogar aufgefordert, uns an der Debatte zu betheiligen. Man hat es gewünſcht, daß wir uns hier und dorthin wählen ließen und nicht nur unſere Fachkenntniß geltend machten, ſondern auch unſeren disciplinariſchen Geiſt verbreiteten und vor allen Din⸗ gen dem alten Stock⸗ oder Zopf⸗Soldaten bewieſen, wie nen ſich ten Ent⸗ znen ſich Standes⸗ Auffaſ⸗ wie ſehr ehäſſiger einigen Politik müthigt te untel⸗ auf dieſe n Spiel anſchloß daß die ter innern wenn der nan nicht, Ja man ebatte zi wit und ur unſen z unſeren llen N ieſen,l wenig ſein Kaſtengeiſt noch für dieſe Zeit ausreiche. Bald änderte ſich Das. Die Ausſchweifungen jener Demokratie, die man die einfache Straßenherrſchaft nennen mußte, machten das demokratiſche Princip ſelbſt verdächtig. Manche zogen ſich zurück, um nicht mit dem Pöbel in Berührung zu kommen; Andere, weil ſie ſahen, daß die Politik der Fürſten bereits eine andere war als ſelbſt vorläufig noch die der Miniſte⸗ rien. Es galt nun für guten Ton, als Offizier ſich von allen öffentlichen Kundgebungen fern zu halten, höchſtens in den Ton der Reaction mit einzuſtimmen, der zuerſt von den Gutsbeſitzern, Landräthen, den Pen⸗ ſionairs angeſchlagen wurde. Auch ich zog mich zurück und folgte dem Beiſpiele faſt jedes höheren Militairs und trat in den Reubund. Meine Herren, der Menſch muß ſich immer am Gegentheil ſeines Weſens prüfen; noch klarer aber wird er ſich, wenn er die ſcheinbar gleichartigen Elemente, die ſich an ſeine Natur an⸗ ſetzen wollen, nicht ertragen kann. Ich entdeckte jetzt erſt in den Berathungen des Reubundes meinen Un⸗ terſchied von den gewöhnlichen Perſönlichkeiten. Ich ſah überall Egoismus und Furcht. Ich ſah Men⸗ ſchen, die ſich mit Leidenſchaft auf die Principien der Stabilität warfen, nur um ſich und den Ihrigen ihre beitlichen Vortheile zu erhalten. Die einzigen Doktri⸗ 268 naire darunter waren Adelige, die aber zuletzt auch für die Beſteuerung ihres Grundbeſitzes fürchteten. Beſonders verletzten mich die ausrangirten alten Offiziere, die in der Angſt, ein Penſionsgeſetz könnte ihnen die Beloh⸗ nung für Das, was ſie mit Gott für König und Vaterland gethan zu haben glaubten, verkürzen, ſich zu den ſeltſamſten Demonſtrationen hergaben. Ich widerſprach. Erſt ausführlicher, dann immer kürzer und kürzer, zuletzt in Epigrammen. Ich ſchied aus. Wenn ich nun dem Beiſpiele aller meiner Waffenge⸗ fährten folgen wollte, ſo mußte ich die ganze Gährung der in mir aufgeregten Begriffe gewaltſam niederſchlagen und mich mit einem blinden Demokratenhaß darauf beſchränken, nichts ſehnlicher, als einmal ein allgemeines Blutbad abzuwarten, wo die Spitzkugeln und Bayo⸗ nette Alles durchbohren und aufſpießen ſollten, was nur irgendwie in einer Beziehung zu dem negativen Prin⸗ cipe unſerer Zeit ſteht. Ich gehöre zu dieſen Bauch— ſchlitzern nicht. Ich habe meine eigne Idee über den Adel ſogar. Ich glaube, daß der Adel nur darum vorhanden iſt, daß er erblich, traditionell jene Vorzüg⸗ lichkeit des Berufes für das allgemeine Wohl empfängt, die bei Dem, für deſſen Erziehung Eltern nichts thun können, eine aus ihm ſelbſt geborne zufällige, oft auch ausbleibende Vocation iſt. Ich erkenne in meinem uch für die Beſonders ere, die in die Beloh öͤnig und zen, ſich den. Ich ꝛer kürzen hied aus Waffenge Gährung erſchlagen aß daraul lgemeines und Bahe , was ull iven Pin a, ut Baud ſen D ziemlich alten Adel die Miſſion nicht eines Genuſſes, ſondern einer Aufgabe. Iſt dies ſchon Thorheit in den Augen meiner ariſtokratiſchen Waffengefährten, ſo wächſt ſie zum Verbrechen, da ich mir eine Vermit— telung mit den Ideen des Jahrhunderts möglich denke. Ich läugne nicht, der Krieger iſt in einer verzweifel⸗ ten Lage. Man hat uns einen Eid abgenommen, der nach jeſuitiſcher Moral wol gelöſt werden könnte, ja es iſt immerhin möglich, daß ein Einzelner ſich durch eine tiefere moraliſche Betrachtung von den Banden einer mathematiſchen Eidesformel loszulöſen vermag; allein es iſt mit ſolchen Verpflichtungen, wie mit jenen Verpflichtungen der Ehre, die zum Duell führen. Man verwirft das Duell und kann ſich ihm doch nicht ent⸗ ziehen. Der Fahneneid iſt einmal geſchworen, ge⸗ ſchworen unter andern Verhältniſſen, wie ſie jetzt ſtatt⸗ finden. Ich würde ihn ſo, wie ich ihn geſchworen, nicht wiederholen. Aber er iſt geſchworen. Nun kann man ſagen: Tritt aus den Reihen der Krieger, die nur den Landesherrn als Befehlshaber anerkennen, aus! Dies iſt aber für Den, der den Beruf des Militairs einmal gewählt hat, gerade ſo, als wenn ein Prediger die Kanzel nicht mehr beſteigen ſoll, auf der er anders predigt, als das Conſiſtorium will. Der, der ſich als Chriſt fühlt, wird ſich aufs Aeußerſte ſträuben, aus 270 der Gemeinde auszutreten. Der Lebenslauf, den man wählt, kann mit Jemandes ganzer Natur zuſammen⸗ fallen. Ich bin ein Krieger. Ich bin kaum etwas Anderes. Ich habe früher wenig Avancement gehabt, die Friedenszeit war Schuld daran. Warum ſoll ich das Feld räumen? Warum ſoll ich nicht hoffen, die politiſche Debatte dringe ſo weit durch, daß unſer Eid modifizirt wird und man uns von der Einſeitigkeit unſeres Gelöbniſſes freiſpricht? Auch drängt es mich, das Beiſpiel einer Geſinnung zu geben, wie ſie ſich leider in unſeren Reihen ſo ſpärlich nur geſäet findet. Ach, meine Herren, welche Geiſtloſigkeit, welche blinde Leidenſchaft, welche brüske Impertinenz, welch bruta⸗ les Nichtdenkenwollen in meiner täglichen Nähe! Tritt irgend ein unabhängiger, junger Mann von freiem Urtheil in den Dienſt, entdeckt man irgend einen Unter⸗ offizier, der eine Broſchüre, eine Zeitung lieſt, erhält man einen Reſerviſten, der ſich wohl gar ſchon com⸗ promittirt hat, wie wird er empfangen! Da ſtellt ſich der alte Oberſt in dem Kaſernenhofe hin und hält eine Rede im Bauernſtyl vom Siebenjährigen Kriege und weckt den rohen, gewaltſamen Sinn der Menge zur roheſten und ungeſchlachteſten Kundgebung durch Schimpfreden, Kraftworte und Poliſſonerieen, die aus dem Munde oft weißhaariger alter Krieger kommen! — den man zuſammen um etwas nt gehabt, m ſoll ich hoffen, die unſer Eid einſeitigkeit tes mich, vie ſie ſich ſäet findet elche blinde elch bruta dähel Diit von freien inen Unter leſt, ehit ſchon con Da ſtell n und häl igen Kih der Meng bung durc fe aud en, die komule — 2⁷ Die jüngeren Offiziere greifen dieſen Ton auf und ſetzen ihn in ihrer kleinen Sphäre fort. Da hab' ich einen Sergeanten, Heinrich Sandrart. Vermögender Leute Kind, hatte er etwas Lockeres und klapperte gern mit ſeinen Mutterpfennigen, ließ ſich auf Bällen ſehen und war verliebt... Louis ſchlug die Augen nieder. Dieſer junge Mann iſt nicht Demokrat, fuhr Wer⸗ deck fort, aber meine Leutenants machen lihn dazu. Raucht er eine Cigarre, ſo fragen ſie ihn, ob er Das im Klub gelernt hätte. Bläſt er die Flöte in der Kaſerne, ſo läßt man ihm ſagen, er ſollte ſich Das aufſparen, bis er wieder in ſeinem Dorfe wäre. Der junge Maun dauert mich. Er liebt un⸗ glücklich... Louis gerieth in größere Spannung. Genug, brach aber der Major ab, ſolche und ähn⸗ liche Fälle beweiſen, wie ſehr man ſchon eine gewiſſe träumeriſche Selbſtſtändigkeit an dem Krieger als un⸗ zuläſſig verfolgt; wie nun erſt, wenn er einmal ein Wort entgegnet oder wol gar ſich einfallen läßt, wie es Manche ſchon in meinem Bataillon thaten, daß ſie ſich Staatsbürger nennen, die nur momentan unter den Waffen ſtänden! Ob es jemals möglich werden dürfte, die Armeen auf demokratiſche Grundlagen zu organiſiren, daß darüber die unerläßliche Disciplin nicht zu Grunde ginge; ob es jemals möglich werden dürfte, den Adelsgeiſt, der hier und da ſein Gutes hat, dem großen Zwecke eines Volksheeres dienſtbar zu machen, Das möcht' ich wol wiſſen. Ich geſtehe, daß ich ein Grauen empfinde vor dem Tage, der früher oder ſpäter kommen wird, wo wir Soldaten in der Lage ſein werden, gegen den Geiſt der Zeit ein⸗ zuſchreiten und gegen beſſere Ueberzeugung mit der Waffe aufräumen zu müſſen. Ich läugne gar nicht, daß ein von jeder ſchwankenden Meinung der Zeit herumgezerrtes Heer, ein Heer, das etwa einem Par⸗ lamente verpflichtet wäre und nicht wüßte, wer ihm Befehle zu geben hat, ſich bald auflöſen würde. Ich weiß aber auch, daß Heere, die ſtarr und beharrlich bei einem veralteten Principe feſthielten, wie Karten vom Sturme umgeblaſen wurden; denn mögen unſre alten Oberſten noch ſoviel in den Kaſernenhöfen fluchen, mögen ſich die Leutenants noch ſoſehr bei den vom Reu⸗ bunde herausgegebenen Zeitungen in den Kaffeehäuſern Muths erholen, mögen die jungen avancementsſüchtigen Referendare und Aſſeſſoren, die bei der Volkswehr in kritiſchen Momenten als Offiziere eintreten, noch ſo bramarbaſiren, ich ſehe doch, daß der Unterbau morſch iſt. Die Geſinnung des genieinen Soldaten ſteht nicht Disciplin lich werden ſein Gutes z dienſtbar Ich geſtehe, Tage, der Soldaten in r Zeit ein g wit der 6 gal nicht, g der Zii einem Par e, wer ihln A9 400 wülde. ₰ d beharrlit wie Katti mögen unſce ifen ſt m Rel lichen n vo affechäͤuſe entsſüchti zolksweh mn, voch erbaul mol n ſteht! ſo feſt, wie ſich die Offiziere den Anſchein geben, ſie überall vorzufinden. Das Reglement des Schießens reicht aus. Die Attake wird ſchon ſchwieriger ſein und für einen Feldzug voll Mühen und Entbehrungen glaub' ich bei unſren Armeen ohne große neue volks⸗ thümliche Begriffe nicht einſtehen zu können. Leidenfroſt pries die Krieger, die es in zweifelhaf⸗ ten Momenten mit dem Volke hielten. Sagen Sie Das nicht, alter Freund, bemerkte der Major. Ich habe die Art, wie in Frankreich die Re⸗ gimenter ſchwanken, nie billigen können und immer eine moraliſche Abneigung empfunden, wenn es hieß: Die Linie ging über! Glauben Sie mir, Leidenfroſt, Sie haben von dem in unſerer Epoche liegenden Zuge zum Tode ſo rührend geſprochen, daß ich innerlichſt davon bewegt war und erſt jetzt begreife, warum eine Kugel vor den Kopf eine Wohlthat ſein kann. Allein nicht blos dieſer Zug, der mir vorkommt, als ſollt' ich ſagen: Unſre Zeit iſt gleich einem Standbilde von Marmor, deſſen Augen ohne Augenſterne ſind... nicht nur, daß dieſe todten Augen uns rühren, rüh— rend iſt auch in dieſer Zeit der Jammer der Pflicht. Die Pflicht, meine erren, iſt die Thräne im Auge des Kriegers. Es liegt etwas Majeſtätiſches in dieſer Die Ritter vom Geiſte. VI. 18 Feſſel durch ein gegebenes Wort. Laſſen Sie mich wieder ein Bild brauchen. Dieſe ſchweren Pflichter⸗ füllungen erinnern mich an jene ſterbenden Gladia⸗ toren, die hingeſunken, erſchöpft und todesmatt an der Erde liegen, noch einmal die Arme ſtützen, um ſich zu erheben und doch ſchon den Kopf ſterbend ſinken laſſen, freie Menſchen, die gefangen in der Lage waren, gegen ihren Willen ihre eignen Landsleute, die in gleichem künſtlichen und beklagenswerthen In⸗ grimm ihnen gegenüberſtanden, bekämpfen zu müſſen, eine Zeitlang, der Ehre wegen, ſtandhalten und dann gern ſterben, um ein Leben voller Schande und Skla⸗ verei loszuwerden für ewig. Der Major ſchwieg. Der ſonſt ſo ſcharfe Aus⸗ druck ſeiner Geſichtszüge hatte ſich verloren. Die hoch— gezogenen ſchwarzen Augenbrauen ſenkten ſich mit dem Blicke, der kummervoll auf der runden Tafel des Tiſches ruhte. Die rechte Hand hielt mechaniſch den grünen Römer, ohne daß ihn Werdeck zur Lippe führte. Ein tiefer Schmerz hatte den ſonſt ſo ela⸗ ſtiſchen Körper und deſſen lebhafte Bewegungen ge⸗ lähmt. Leidenfroſt reichte dem Major die Hand über den Tiſch. Es lag etwas ſo Schmerzliches in dieſer Be⸗ grüßung, daß es Allen auffiel und dem Major Veran⸗ müſſen, ind dann nd Skla fe Aus Die hoc nit de Lafel de niſch de ur Liy. ſo d ungen 9 üͤbetd „ g dieſel* er Pel 275 laſſung wurde, in ſeiner gerührten Stimmung mit den Worten hervorzubrechen: Daß ich hier unter Ihnen bin, meine Herren... Ich dank' es nicht dem Geiſt, ſondern dem Herzen! Mari⸗ milian Leidenfroſt ſollte den wunderbaren Roman er⸗ zählen, der mich an ihn feſſelt! Sie wiſſen ſicher, welche abenteuerliche Bahn ſeine Jugend durchlief! Er iſt ein Soldatenkind und führt den Namen Leidenfroſt nur— aus Gefälligkeit. Leidenfroſt! Leiden im Froſte! Wo gab es grimmigere Leiden im Froſte als 1812! Ein hülfloſes kleines Kind, ein Mädchen, liegt in den Armen eines ſterbenden Wanderers, der aus Sibirien entfloh und die Freiheit und die Erlöſung von ſeinen Leiden auf den Schlachtfeldern fand, in deren Schrecken er ſich auf ſeiner Flucht verirrte. Unter Leichen, un⸗ ter Eis und blutgetränktem Schnee verſchmachtet der Vater jenes Mädchens und die Kleine iſt dem Tode nahe, als ein vorüberziehender, halberfrorener, fliehen⸗ der deutſcher Soldat das hülfloſe Schreien des Kindes hört und es aus den Armen des todten Vaters nimmt. Er eignet ſich die wenigen Habſeligkeiten des Todten zum Beſten des Kindes an und trägt den verſchmach⸗ tenden Wurm mit ſich durch Rußlands Schneefelder und Eisſteppen. Er gedachte eines Knaben, den er ſelbſt daheim bei ſeinem jungen Weibe eben vor ſei⸗ 18* 276 nem Ausrücken unter Napoleon's Fahnen zurückge⸗ laſſen hatte. Dieſer arme Soldat war ein Deutſcher und hieß Brüning. Sein Knabe hieß Marximilian, nach ſeinem König; es war ein Baier. Seinen Pfleg⸗ ling aber, den er aus Rußland hinweg auf den Armen trug, nannten entweder Er oder Andere Joſephine Lei⸗ denfroſt. Wenigſtens tauchten beide Kinder, Max Brü⸗ ning und Joſephine Leidenfroſt, unter dieſem Namen in einem polniſchen Kloſter zum Herzen Jeſu auf. Vielleicht hatten die Nonnen dem Findling dieſen ſinnreichen Na⸗ men gegeben. Der verwundete Baier konnte nur bis Gneſen kommen. Dort brach ſeine Kraft zuſammen; er verfiel dem Typhus, ſein Pflegekind, die kleine Tochter des ſibiriſchen Flüchtlings, eines Polen, wurde dem Kloſter übergeben. Da ſuchte den erkrankten Sol⸗ daten im Frühjahr 1813 ſein Weib auf, das zu Fuß, elend und arm, ihren Knaben in einem Tuche, das ſie über die Schultern band, tragend, durch Franken, Thüringen und Sachſen nach Gneſen wanderte, wo ſie wußte, daß ihr Gatte Brüning krank darniederlag. Das treue Weib findet den Mann im Fieberwahn⸗ ſinn, ſie pflegt ihn, erkrankt ſelbſt, ſtirbt und ihr ge⸗ neſener Gatte... begräbt ſie. Seinen Knaben Mar gibt er zu Joſephinen in das Kloſter zum Herzen Jeſu und er ſelbſt tritt unter die neuentfaltete preußiſche zurückge⸗ Deutſchen arimilian, ten Pfleg en Armen phine Lei Nar Bru Namen ir Vielleicht ichen Na⸗ e nur bis uſammen die kleine en, wund nkten Sol 3 zu Fuß uche, das Franken erte, we niederlag berwah id ihr läben Ma erzen N vreufiſh 277 Kriegsfahne, folgt der Proklamation von Kaliſch; ich habe nie wieder von dieſem ehrlichen Brüning etwas vernommen. Es iſt der Vater unſers Max da. Der Major ſchwieg eine Weile. Die Andern blick⸗ ten theilnehmend erſtaunt auf den Maler, der mit ge⸗ ſtemmten Händen den Kopf hielt und in ſeinen Römer blickte, wie auf den Grund eines räthſelhaften Sees bdder wie man am Rhein auf die Stellen blickt, wo die Sage von verſchütteten Horten erzählt... Der Major fuhr fort: Max, das Soldatenkind da, und Joſephine, die Polin, galten für Geſchwiſter, ohne es zu ſein. Sie liebten ſich wie ſich Kinder lieben, die zuſammen lernen und ſpielen, und die Nonnen flößten Beiden die ganze Schwärmerei in die jungen Herzen, die ſie, der Welt entſagend, nur in ihren Träumen oder in ihrer Hin⸗ gebung an Chriſtus und die Heiligen ausſprechen konnten. Es war leicht erklärlich, daß man Mar als Katholiken erzog, ebenſo, daß man auch ihn Leidenfroſt nannte, weil die Nonnen auf ihren vielleicht von ihnen erfundenen Namen ſtolz waren. Max Leidenfroſt wurde zuletzt ein gefährliches Element unter den Nonnen. Man führte ihn nach Warſchau in ein Mönchskloſter. Entführen hätt' ich ſagen ſollen. Denn die Trennung von ſeiner Schweſter ſoll Liſt und Hinterhalt genug nöthig gemacht haben. Dort im Warſchauer Kloſter erzählt die Chronik viel Streiche von dem ketzeriſchen Knaben Max Brüning, genannt Leidenfroſt, Streiche, die nicht in die Legende der Heiligen kommen werden. Joſephine blieb bei den Nonnen, bis Sibylla, die Aebtiſſin, eine herrliche, verſtändige Dame, den ge⸗ ringen Beruf des Mädchens für die geiſtliche Welt erkannte und ſie nach Warſchau zu hohen Verwandten ſchickte. Aebtiſſin Sibylla gehörte dem altpolniſchen Adel an. Joſephine und Mar ſahen ſich wieder und die Liebe des jungen Halbnovizen für ſeine Namens⸗ ſchweſter wuchs. Ich will die Abenteuer nicht aus— malen, die der romantiſche Sinn der zuſammenerzoge⸗ nen, für Geſchwiſter geltenden jungen Leute... Der Major unterbrach ſich: Hab' ich nicht Recht, Mar? Leidenfroſt hob den Kopf und ſchüttelte ihn lächelnd: Ich bin ſtumm geweſen und höre nur! ſagte er. Es war mir doch, bemerkte der Major zur Flamme emporſehend, als hört' ich... doch ich bin bewegt und meine Phantaſie überhört vielleicht, daß ich ſelbſt der Sprecher bin. Genug, Joſephine iſt jetzt das Weib des Majors Werdeck, aber welche Kämpfe hat es gekoſtet, bis ich ſie mir errang! Ich lernte ſie vor zwölf Jahren in Warſchau kennen, hangend und bangend in Liebe Kloſten geriſchen Streiche, werden. Ua, die den ge⸗ he Welt wandten olniſchen eder und Namend icht aus enerzoge um ihren theuren Mar, der, um nicht Prieſter zu werden, vor zehn Jahren entflohen war, verkleidet als Bedienter eines ruſſiſchen Vornehmen, Otto's von Dyſtra. Welch' ein Verkehr hatte ſich zwiſchen ihnen entſponnen! Marx lernte vom Kleinſten auf und rang nach äußerer Bewährung eines innern Genius, der in ihm rauſchte, ohne daß er ihn bändigen konnte. Was hatte er bei den Mönchen gelernt? Nichts als nur ſchreiben, aber zierlich, maleriſch ſchön! Eine Künſtlernatur lebte in ihm, ihm unverſtändlich. Er konnte kaum noch richtiges Deutſch, er mußte in Allem von vorn beginnen und vergriff ſich in den Mit⸗ teln, ſeinen Geiſt zur Höhe zu bringen. Statt Maler Anſtreicher, ſtatt Bildhauer Drechsler!... Joſephine galt in dem Hauſe, wo ſie lebte, für eine Waiſe, ohne Lebensanſprüche. Sie liebte Mar und empfing ſeine Briefe, die ſie beantwortete, wie Heloiſe die Briefe des Abälard beantwortete. Max raffte ſich immer ge⸗ waltiger empor. Immer bedeutſamer wurde ſein Ta⸗ ent. Er war Künſtler, Malerz er konnte ſtolz ſein, Jo⸗ ſephinen einſt ſeine Hand zu bieten. Da ſah ich dies teizende Mädchen in Warſchau, wie ich als Haupt⸗ nann dort in einem militairiſchen Auftrag anweſend hin. Ich liebe Joſephinen ſogleich, trag' ihr meine Hand an und trotzdem, daß durch die Papiere, die 280 Bruͤning in Rußland dem todten Vater abnahm, des Mädchens wahrer Name, ihre adlige Herkunft all⸗ mälig entdeckt wird, ſchlägt ſie meine Bewerbung aus und reiſt nach dieſer Hauptſtadt, um den inzwiſchen hier zur Geltung, zur ſelbſtſtändigen Freiheit gereiften Bruder zum Gatten zu nehmen... da... Der Major ſtockte und unterbrach ſich mit den Worten: Bin ich ein Thor, daß ich dieſe Erzählung begann? Was führt mich darauf! Die Freunde drückten ihren Dank, ihre größte Spannung aus. Louis Armand, der ſich ſeines halbpolniſchen Urſprungs erinnerte, ſchien beſonders bewegt... Aber der Major ſagte: Nur der Trieb, Ihnen zu ſagen, warum ich gern mit Ihnen lebe, gern in Ihrem Kreiſe bin, meine Herren, öffnete mir die Zunge zu dieſer Geſchwätzig⸗ feit... O wohl! lachte Leidenfroſt auf. Mit den ſo⸗ genannten Verſtandesmenſchen, wofür der Major gilt, geht gewöhnlich die ganze Logik durch und reißt der Verſtand alle Stränge, wenn die einmal aufthauen und ihr Herz zeigen wollen. Die Geſchichte iſt ganz einfach. Joſephine kommt hierher. Der Hauptmann von Werdeck beſtürmt ſie mit ſeiner Liebe. Ich ſehe zwiſchen gereiften Worten begann? größke h ſeines beſondere ich gel n, mell iſchwähle den ſ all rafor 9. 79 reißt! niſh ſie, ſie ſieht mich wieder. Nach ſechs Jahren! Abälard und Heloiſe! Lacht nicht, Kinder, es iſt zum Weinen! Betrachtet mich! Was? Nicht wahr? Ich bin häßlich. Dieſe Citrone, die ich hier faſſe, iſt mein Geſicht! Dieſe Löcher ſind meine Augen! Dieſe getrocknete Zwetſche iſt meine Naſe! Ideal und Wirklichkeit! Jo⸗ ſephine ſieht mich wieder, entſetzt ſich, erwacht von ihrem Jugendtraum und heirathet den Hauptmann von Wer⸗ deck, den ſie liebt wie einen Gatten; mich liebt ſie noch jetzt... wie einen Bruder. Als Marx Leidenfroſt dieſe Erzählung lachend, aber mit unterdrückten Thränen zum Beſten gegeben hatte, waren Alle ſtumm, von Schmerz und rührender Theil⸗ nahme ergriffen. Genug! Genug! fiel er aber ſelber ein. Vor— wärts jetzt! Dankmar, ſagen Sie jetzt Ihren Plan! Dankmar konnte ſich nicht ſogleich aus dem Stau⸗ nen über dies eigenthümliche Verhältniß zwiſchen drei edlen Menſchen emporraffen und ſchwieg. Da ergriff Leidenfroſt den Römer und ſagte: Dir, holder Genius meines Lebens, dieſes Glas! Dir, Joſephine, um die ich rang und arbeitete! Dir, zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen und Zufälligen emporrichtete! Du warſt der Stern meiner Nächte, die Sonne meiner lichteren 282 Tage! Um dich darbt' ich, um dich dient' ich! Und als ich ein Herrſcher zu ſein glaubte und meine Krone mit dir zu theilen wagte, da weinteſt du und verhüllteſt dich! Lebewohl, Joſephine! rief ich und ſtürzte mich wie ein Wahnſinniger in's Leben; ich trat meine Kunſt mit Füßen. Ich wurde ein Verräther an mir ſelbſt. Die Verzweiflung peitſchte mich wie mit Furiengeißeln. Ich ein Scheuſal? Eine Abirrung der menſchlichen Formen? Ich, ein Plaſtiker, unſchön? Da trieb es mich auf die Bühne. Schauſpieler wurd' ich, heute, um mich zu ſchminken und ſchön zu ſein, morgen, um mir einen Buckel überzuſchnallen, Geſichter zu ſchneiden, rothe Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu tre⸗ ten und zu ſagen: Jetzt bin ich erſt häßlich! Jetzt erſt entſetzen ſich die Engel vor dir! Das biſt du nicht ſelbſt! Du biſt ein Adonis, ein Gott gegen dieſe Fratze! Und ſo trieb ich's fort; bis ich wiederkehrte, mich beſann, mich ergab, ergab als— Menſchenfeind. Ich fand die Geliebte, die Schweſter ernſt, vornehm, aber wieder gut. Sie war nicht die alte Joſephine mehr; ſie war jetzt nach entdeckten Familienpapieren Jagellona... Jagellona? unterbrach Louis Armand. Jagellona von Werdeck, Franzos! fuhr Leidenfroſt fort. Jagellona, die Polin, die Adlige, wie es die Geſellſchaft verlangte! Aber ſie hat noch ein Herz, noch ch. Und ne Krone erhüllteſt zte mich ne Kunſt ir ſelbſt ngeißeln. ſchlichen es mich ute, um um mit chneiden, lzu tre⸗ Jetzt ert ht ſelbſt tee Und beſann, Ich fand er wieden ſie war 283 Liebe. Sie liebt Ideen, Menſchen, die Ideen tragen und verkörpern, ſie liebt Polen und die Freiheit. Ja⸗ gellona iſt meine Joſephine nicht mehr; aber Werdeck wurde mein Freund— Dein Bruder, Mar! ſagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgerührt die Hand. Im Geiſte bliebſt du meinem Weib ihr alter Max! Im Geiſte iſt Alles möglich! ſagte Leidenfroſt. Stoßt an... auf Jagellona! Siegbert, der des Rühmlichſten genug von der Majorin zu erzählen pflegte, ſtieß mit Enthuſiasmus an. Dankmar mit Vorwürfen, die er ſich ſelbſt über ſeine Zurückgezogenheit von der Geſellſchaft machte, Louis mit der Frage auf den Lippen, wie denn wol der fernere Name dieſer Jagellona heißen mochte... Da machte Leidenfroſt gleichſam einen Strich über dieſe ganze Unterbrechung und ſagte entſchieden: Und nun kein Wort mehr davon! Ihr kennt jetzt die Tragödie, die ich in meinem Herzen ſpiele... beſſer hoffentlich, als ich einmal ſechs Monate lang früher in Wirklichkeit auf den Bretern ſpielte. Jetzt zur Sache! Dankmar Wildungen! Unſre Stimmung i*ſt hinlänglich feierlich! Reden Sie! Dankmar entſchloß ſich nun, in den angeregten Gegenſtand einzulenken und ſprach: V 4 1 7 b — — — — —— 284 Sie haben, Herr Major, in Ihren früheren Aeu— ßerungen das tiefe Weh dieſer Tage ausgeſprochen! Sie haben an Ihrem Beiſpiele gezeigt, wie lang die Bahn gemeſſen iſt, die unſer redlicher Wille durch⸗ kaufen muß, wenn er ſich in eine That umſetzen will! Hundert Gründe, etwas zu thun, tauſend, etwas zu unterlaſſen. Das Ideal ahnen wir, aber Nebel um⸗ geben die Sonne. Auf dem Wege zur Wahrheit hun⸗ dert Lügen und Lügen nicht einmal, die wir verachten dürften, nein, wir ſollen uns mit ihnen abfinden, ſollen ſelbſt lügen, um von ihnen ehrlich loszukommen! Wir Alle hier ſind Demokraten. Das Wort iſt alt. Seine Geſchichte lehrreich. Die Moral dieſer Geſchichte ab⸗ ſchreckend. Ich gebe zu, daß die Chroniſten dieſer Ge⸗ ſchichte meiſtens Ariſtokraten waren, wenn auch nur Ariſtokraten der Bildung und Gelehrſamkeit. Aber un⸗ verkennbar iſt es, daß zu allen Zeiten ſich in ein lau— teres, reines Princip unlautere Elemente miſchten. Könnten wir dieſe von unſerer Debatte ausſcheiden! Das demokratiſche Princip galt bisher nur für klei⸗ nere Staaten, jetzt erſt iſt es ein Weltdogma gewor⸗ den, ein geſchichtlicher Hebel. Da iſt es faſt ſo groß, ſo heilig zu erachten, wie eine Religion. Eine Reli⸗ gion muß unendlich einfach ſein. Die Offenbarung gibt die Geſchichte. Drei Sätze genügen. Das Ueb⸗ 285 rige thut der Geiſt, die Geſinnung, die Hoffnung. Wir haben vier Meinungen gehört. Alle wurzelten ſie in einem Stamme und waren ſo verſchieden, und ſtritten wir noch länger darüber, ſo würde ſtatt Eini⸗ gung, Veruneinigung kommen. Der Eine empfiehlt eine augenblickliche That, der Eine will nur die Gefahr des Erperimentes wagen, der Dritte lieber mit dem Alten untergehen, nur um nicht das bedenkliche Neue zu verſuchen. So werden wir uns nie vereinigen. So werden wir immer nur die Repräſentanten des Chaos ſein, das jetzt in den Gemüthern gährt und allen erleuchtenden und erwärmenden Lichtſtrahlen un— zugänglich ſcheint, weil jede Subjektivität leidenſchaft⸗ lich, reizbar, eigenſinnig iſt. Freunde, wir müſſen unſre Lehre vereinfachen, aber die einfache Lehre kraft⸗ voller durchſetzen! Wir müſſen es aufgeben, poſitive. Schöpfungen hervorzurufen, und uns begnügen, nur den Geiſt, in dem ſie erwachſen ſollen, zu befördern. Keine Theorie! Aber für den Geiſt der Theorie das Leben! Hört mir zu, Freunde! Die Stunde i*ſt heilig! Stoßt auf eine Idee an! Ich wünſche, daß es ſo, wie in unſern Gläſern auch in unſern Herzen wi— derklingen möge! Man ſtieß mit Dankmar, deſſen Augen leuchteten, ſeierlich an. Vom Rathsthurm ſchlug es zehn. Als 286 die Gläſer geſenkt waren, begann Dankmar mit feſter Stimme von der Nothwendigkeit zu ſprechen, über den Bund der Freimaurer hinaus einen neuen zu ſtiften, einen Bund, den er den der Ritter vom Geiſte nannte. Ueuntes Capitel. Die Stiftung des Bundes. Kaum hatten die beiden Schreiber, Schmelzing und Hackert, auf dem Eſtrich kauernd, die Geſellſchaft, ehe noch Werdeck kam, unter ſich in die kleine Trinkſtube eintreten hören, als ſich auch der Letztere ſogleich von einigen Stimmen an ihm bekannte Menſchen erinnert fühlte. Noch wußte er nicht deutlich zu unterſcheiden, wo er das eine oder das andere Organ hinbringen ſollte. Die Worte, die unten geſprochen wurden, be⸗ kamen durch die Wölbung und die Reſonanz etwas Schnurrendes, ja Unangenehmes. Man mußte etwas von der Kreuzesform zurückbleiben, um nicht durch das Schnarren der Stimmen verletzt zu werden. Für Schmelzing's Ohr waren dieſe Töne gerade ſo, wie er ſie haben mußte. Er hielt ſich ſo dicht an dem flam⸗ menden Kreuze, daß ihn Hackert einige male zurückzog und ihm durch die Fingerſprache ſagte: 288 Sie werden ſich Ihre paar Haare noch vollends abbrennen, Schmelzing! Schmelzing zeigte boshaft auf Hackert's rothes Haar, dem das Sengen nicht viel ſchaden könnte, zog dann ein Portefeuille und legte es ſich zum Notiren der unten geſprochenen Worte förmlich zurecht. Hackert ſah dieſe Zurüſtung mit Gleichgültigkeit. Er war ein Menſch des Augenblicks. Weil die Stim— men ihm im Ohre wehthaten, ſo gönnte er ihnen, daß Schmelzing ihr lautes Lachen und Scherzen auf⸗ ſchrieb. Ruhig ſtreckte er ſich am obern Ende des Kreuzes hin, während Schmelzing am untern kauerte und bald horchte, bald ſchrieb, bald das Brot und den Wein zurechtlegte für ein geordnetes, ſpäter ein⸗ zunehmendes Souper; denn, deutete er Hackerten an, dieſe Sitzung da unten würde gewiß lange währen, es ſchiene heute ein Hauptſchlag berathen zu werden. Hackert rieth hin und her, wer die Sprecher ſein mochten; endlich vernahm er in dem Durcheinander, bei dem der ihm unbekannte Leidenfroſt am meiſten hörbar war, eine ſanftere, mildere Stimme. Es war Siegbert's. Unwillkürlich kam es Hackerten, als müßte er nun durch das Kreuz ſehen. Schon hielt er den Kopf hin, als er vor der Hitze der Flamme erſchreckt zurückfuhr. tzen auf⸗ Ende des n kauerte Grot und väͤter ein erten an, währen Das iſt Siegbert Wildungen! dachte er ſich. Mein wackrer Freund, der ſo liebevoll für mich geſinnt ge⸗ weſen und den ich an jenem Abend vor dem Fortuna⸗ ball ſo niederträchtig kränkte, daß ich ihn für immer vermeiden muß! Und nun erkannte er auch Dankmar's Stimme. Jetzt erſt ſchwebte ihm klar und deutlich vor, welche Rolle er hier ſpielte. Menſchen, die ihm fremd, zu belauſchen und neue Entdeckungen im Gebiete des bunten Lebens zu machen, wäre ihm vielleicht ſonſt eine Unterhaltung geweſen. Als er aber die Stimmen befreundeter Menſchen hörte; als er ſich erinnerte, wie freimüthig Dankmar auf der Fahrt vom Heidekrug nach Hohenberg gegen den verkleideten Prinzen Egon ſich geäußert hatte; als er ſich vorſtellte, in wieviel gefährliche Dinge ſchon Dankmar verwickelt war und wie er ſich doch gleichfalls an jenem verhängnißvollen Abend geneigt gezeigt hatte, ihm zur Ausſöhnung und Verſtändigung die Hand zu reichen, da befiel ihn über die Möglichkeit, ihre Aeußerungen könnten ihnen Ge⸗ fahr bringen, eine unbeſchreibliche Angſt. Er lauſchte nochmals. Er glaubte, ſich getäuſcht zu haben. Aber es blieb unwiderleglich, daß die Brüder Wildungen unter ihm waren. Als man allgemein Guten Abend! Die Ritter vom Geiſte. VI. 19 290 rief und einen Neuangekommenen begrüßte, hoffte er, das Geſpräch würde ſich in Allgemeinheiten verlieren. Er machte deshalb Schmelzing ein Zeichen, als wollte er ſagen: Es ſind wol die Rechten nicht? Dieſer aber bemerkte, daß gerade der Neuangekommene der Rechte wäre. Hackert möchte ihn jetzt nicht ſtören, ſondern lieber auch ſeine Schreibtafel ergreifen, damit ſie her— nach ihre Notizen vergleichen könnten... Hackert, um Verdacht zu vermeiden, befolgte dieſe Weiſung. Er zog eine pergamentne Schreibtafel und ſtellte ſich, als wenn er außerordentlich begierig wäre, zu erfahren, was geſprochen wurde. In der That war er es auch. Noch immer hoffte er auf Allgemein— heiten und perſönliche Gegenſtände. Als er aber den Accent eines Franzoſen hörte, den Staat, die Zeit, die Willing'ſchen Maſchinenarbeiter nennen hörte, ſtand es ihm in der That feſt, daß die Polizei außerordent⸗ lich gut unterrichtet war und wohl Urſache haben konnte, Geſinnungen dieſer Art zu überwachen. Zugleich aber kämpfte gegen die offenbare Ueber⸗ zeugung, daß es ſich hier um ein gefährliches Staats⸗ komplott handelte, alles Das an, was er von Sieg⸗ bert's mildem und Dankmar's beſonnenem Charakter wußte. Unmöglich konnten ſie gewaltthätigen Unter⸗ nehmungen Vorſchub leiſten; aber wenn ſie ſich hätten — hoffte er verlieren. as wollte jeſer aber er Rechte „ſondern t ſie her lgte dieſe dtafel und riig wäͤn, der That Illgemein aber den die Zeit von St Charat gen Un ſich ha hinreißen laſſen, wenn ſie der Ueberredung eines ehrgei⸗ zigen Kriegers, eines franzöſiſchen Emiſſairs hier Gehör gäben? Hackert war von der Vorſtellung der Gefahr, in der die unten verſammelte Geſellſchaft ſchwebte, ſo ergriffen, von Theilnahme für die Brüder Wildun⸗ gen ſo bewegt, daß er beſchloß, Alles aufzubieten, um Schmelzing zu verwirren und für den Fall, daß wirk⸗ lich Ernſtes unten beſprochen wurde, ihn in irgend einer Weiſe unſchädlich zu machen. Zunächſt fing er an, Schmelzingen an die Pennal⸗ hälften zu mahnen. Er gab ihm die größere und füllte ſie mit dem etwas ſäuerlichen Haut⸗Sauterne, den die Polizei für dieſe Expedition auf Rechnung der„geheimen Fonds“ ſetzte. Schmelzing lehnte die längere Hälfte ab und wollte nur aus ſeinem kleinern Fingerhute trinken. Dem Eſſen, das Hackert vorzu⸗ legen anfing, ſprach er eher zu, dabei aber unaufhör⸗ lich winkend, kein Geräuſch zu machen und ſeine Auf⸗ merkſamkeit nicht zu ſtören. Hackert ließ ſich aber nicht beirren. Er dachte, ich muß dich bei deinen ſchwachen Seiten faſſen. Die nächſte Schwäche des ſchleichenden, tückiſchen Schreibers war ſeine Eitelkeit. Hackert muſterte den Mantel, auf dem er lag und gab ihn Schmelzingen, da er zu koſt⸗ 19* —— 4 4 292 bar wäre, als Fußdecke benutzt zu werden. Das hörte Schmelzing ſchon gern. Dann lobte er ſeine Halsbinde und fragte ihn, wo er ſeine Halsbinden jetzt waſchen ließe. Schmelzing antwortete auf alle dieſe Fragen mit der Fingerſprache. Es bot einen eigenthümlichen Anblick, dieſe zwei Menſchen am Boden kauernd zu ſehen, zwiſchen ihnen ein flammendes Kreuz, oben Alles todtenſtill, und ſie Beide doch ſprechend, die Finger reckend, die Arme bewegend, bald an die Bruſt, bald an's Kinn, bald an die Naſe, die Ohren, die Haare faſſend. Sie hatten ſich in müßigen Stunden Beide eine ſolche Fertigkeit in dieſer Art der Mitthei— lung und des Gedankenaustauſches angeeignet, daß ſie ſich nicht nur über äußere, ſinnlich in's Auge fallende Gegenſtände verſtändigten, ſondern ſo auch über An⸗ ſichten und Empfindungen. Wiſſen Sie wohl, Schmelzing, ſagte Hackert mit der Fingerſprache, während er mit Herzklopfen hörte, daß eben Dankmar die Frage beantragte, welchen Ent⸗ ſchluß man für die nächſte Zeit faſſen müßte; wiſſen Sie wohl, was man von Menſchen denken muß, die ihr Gehör verlieren? Laſſen Sie mich jetzt zufrieden! antwortete Schmel⸗ zing mit der Zeichenſprache, horchte und ſchrieb emſig. Nein, im Ernſt, Schmelzing! Laſſen Sie doch as hölte alsbinde waſchen Fragen ümlichen eernd zu z, oben nd, die te Bruſt, ren, die Stunden Mitthei⸗ daß ſie fallende über An⸗ rcert mit en hörle hen Ent⸗ „wiſſen muß, Re unten die dummen Kerle ihren Rüdesheimer trinken! Ich geb' Ihnen mein Wort, es hat etwas auf ſich mit dem Gehör. Schweigen Sie, Hackert! Das Gehör, Schmelzing, iſt der niedrigſte, ſchlech⸗ teſte und erbärmlichſte Sinn des Menſchen! Männer von Geiſt verlieren immer erſt das Gehör. Wirklich? Wiſſen Sie denn, Schmelzing, daß der Menſch eigentlich ſtufenweiſe abſtirbt? Sprechen Sie hier nicht von Sterben, Hackert! Ich verbitte mir Das. Wie alt ſind Sie, Schmelzing! Neunundzwanzig, nicht wahr? Schmelzing konnte nicht umhin, etwas zu ſchmun⸗ zeln. Er hatte ſicher ſchon ſein Vierzigſtes auf dem Rücken. Vom dreißigſten Jahre an ſterben wir allmälig ab und zwar an unſern fünf Sinnen. Zum Donnerwetter! Seien Sie ſtill, Hackert! Hackert hörte, daß Siegbert eben einen langen poli⸗ tiſchen Vortrag hielt und ununterbrochen redete. Er ließ ſich nun nicht ſtören, ſondern wandte die ganze Kraft ſeiner Fingerberedtſamkeit an, um Schmelzing vom Nachſchreiben abzuhalten. 294 Gemeine Menſchen, ſagte er, ſterben von oben herab, edle Charaktere von unten herauf. Wie ſo? fragte Schmelzing, der dabei an ſeine Füße dachte, die ihm beim Sitzen oft einſchliefen oder kalt wurden. Was ſehen Sie denn auf Ihre Füße, Schmelzing? Ich rede ja von Ihrem Gehör. Laſſen Sie mich in Ruhe! Das Gehör iſt wirklich das Gemeinſte am Men⸗ ſchen. Nur bei den Dummen iſt der Gehörſinn am ſchärfſten ausgebildet. Wie ſo? Je furchtſamer ein Thier iſt, deſto beſſer hört es. Alle feigen Thiere, Haſen, Rehe, Maulwürfe hören gut. Wirklich? Ein geiſtreicher Menſch lebt in ſich und hört darum ſo wenig. Plato und Ariſtoteles, kann ich Ihnen die Verſicherung geben, Schmelzing, waren ſchon in ihrem dreißigſten Lebensjahre ſtocktaub, und wenn Sie's nicht wiſſen, wer Plato und Ariſtoteles waren, ſo ſag' ich's Ihnen, das waren die beiden weiſeſten von den ſieben Weiſen Griechenlands! Sie wollen mir etwas weismachen, Hackert. Ich gebe Ihnen mein Wort! Erſt kommt das Ge⸗ hör, dann... oon oben an ſeine efen oder melzing? im Men⸗ rſinn am hölt es. hören gut. ört darum Ihnen de rin ihtem jies nicht ſag ichs den ſiebe ckeert. 295 Halt! halt! fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten. Hackert horchte hin; es war von den Willing'⸗ ſchen Maſchinenarbeitern und dem Handwerkervereine die Rede. Jetzt erſt recht gab Hackert keine Ruhe. Gut zu hören, fuhr er fort, iſt gemein; dann kommt gut ſehen, das iſt weniger gemein, aber noch immer gemein; dann kommt gut fühlen. Das iſt Mittelſorte. Dann ſteigt's aber in's Feine. Erſt gut zu ſchmecken. Dann aber das Feinſte, Schmelzing... Gut zu riechen? fragte Schmelzing erſtaunt. Der feine Mann hat ſeinen ſchärfſten Sinn in der Naſe. Gehen Sie weg! Glauben Sie Das nicht? Sie wiſſen alſo nicht, daß alle Weiſen Griechenlands am ſtärkſten in dem Organe der Naſe waren? Ich meine doch, daß erſt der Geſchmack kommt, ſagte Schmelzing, von dieſen Auseinanderſetzungen aus Citelkeit intereſſirt. Ach, wie irren Sie ſich, Schmelzing! Geſchmack iſt fein, aber Geruch viel feiner. Ich rieche ſehr fein. Wirklich? Sehr fein! Riechen Sie z. B., ob Das hier Kohlen⸗ oder Theergas iſt; ich meine das Gas, das von den drei Kreuzen kommt. Dafür kann ich nicht Chemie genug, ſagte Schmel⸗ zing. Aber ich rieche, daß hier viel Mäuſe und we⸗ nig Katzen ſind... Sehen Sie einmal an, das riech' ich nicht, Schmel⸗ zing, ſagte Hackert immer trocken und in der Miene ruhig. Plato ſoll in ſeinen letzten Lebensjahren ſeine künftige Verweſung ſchon voraus gerochen haben. An ſich ſelbſt, Schmelzing! Ach, ſchweigen Sie von Verweſung, Hackert! Sie haben gut reden! Sie haben den feineren Stufengang der Sinne, Schmelzing, und ich fürchte ſehr, ich habe nur den gemeinen. Sie machen Poſſen! Im Ernſt, Schmelzing. Ich ſterbe umgekehrt ab. Ich rieche ſchon jetzt gar nichts. Mein Geſchmack iſt dürftig. Der Wein z. B. mundet mir keineswegs und doch ſeh' ich an der Etikette, daß es der feinſte iſt, den der Polizeiminiſter kaum beſſer hat. Mein Ge⸗ fühl iſt leidlich. Aber ſehen kann ich durch ein eichen Bret und hören iſt meine Leibpaſſion. Ich höre z. B. jetzt eben... n⸗- oder den drei Schmel⸗ und we⸗ Schmel⸗ Miene ren ſeine An ben. Al kert! feineren ch fürchte efehrt al hmack iſ deg feinſte! Nein 6 iin tic hore 4“ as und 297 Was hören Sie? Hören Sie nicht die Thür knarren? Machen Sie mir keine Angſt! Laſſen Sie Das! Es iſt möglich, daß ich mich täuſche. Wiſſen Sie was, Schmelzing, ich will mich hinlegen und ſchlafen. Hier ſprang Schmelzing auf. Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens ſo eigenthümlich dargeſtellt, daß Schmelzing an die alte Nachbarſchaft und das frühere Nachtwandeln Hackert's dachte, von dem dieſer behauptete, jetzt gänzlich geheilt zu ſein. Es fehlte nicht viel, ſo hätte Schmelzing nun laut geſprochen. Der Dialog über die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die Zeichenſprache ſehr leicht zu verſinnlichen. Die beiden Sprecher hat⸗ ten immer nur nöthig, auf die betreffenden Organe zu zeigen. Dieſe Andeutung aber, daß Hackert hier ſchlafen wolle und wohl gar in ſeinen alten Zuſtand verfallen könnte, dieſe Möglichkeit, verbunden mit ſo ſcharfem Gehöre, daß er eine Thür wollte knar— ren gehört haben, war Schmelzingen zuviel. Hätte er nicht das Geräuſch gefürchtet, er hätte Hackerten ſein Holzpennal an den Kopf geworfen oder einen Tintenſtecher, den er ſchon aus der Taſche zog. Hackert ließ in ſeinen Angriffen auf Schmelzing's Ruhe nach, denn Siegbert hatte aufgehört zu reden. 298 Das Durcheinander von Stimmen, das herauftönte, brachte jetzt nicht ein einziges gefährliches Wort. Schmel⸗ zing war außer ſich vor Zorn, als er auf ſeine leeren Blätter blickte. Es wurde unten ruhiger. Eine Stimme ſprach, die Hackert nicht kannte. Es war dies die Stimme von Leidenfroſt. Anfangs dachte er, der mag reden, ſoviel er will! Plötzlich nahmen Leidenfroſt's Aeuße⸗ rungen aber einen Charakter an, der Schmelzingen beſtimmte unwillkürlich auszurufen: Herr Gott! Nun kommt's! In der That war Das die Rede eines vollſtän⸗ digen Demagogen. Ja, dachte Hackert, Das wird nun arg! Es ſind in der That die unvorſichtigſten Menſchen von der Welt da unten. Wie kann Siegbert Wildungen ab⸗ leugnen, daß er in Gemeinſchaft eines ſolchen Auf⸗ rührers politiſche Berathungen gepflogen hat! Und nun entſchloß er ſich raſch, Schmelzingen auf's neue in Verwirrung zu bringen. Die erſte Schwäche des Schreibers, ſein Ehrgeiz, war ſchon ergiebig geweſen. Er entſchloß ſich, mit einer neuen anzubinden. Schmelzing war verliebt. Hackert wußte Das nicht nur im Allgemeinen, ſondern hatte ſogar an mancher Zudringlichkeit gegen Louiſe Eiſold ſag Aeuße⸗ elzingen vollſtän Es ſind von di ngen at hen Auf 1 kzingel 299 beobachtet, daß er einen Eindruck ſeiner hagern, ge⸗ ſpenſtiſchen Figur auf das junge, ihn verachtende Mäd⸗ chen für möglich hielt. Ihm, Hackerten, war der Ge⸗ danke an Louiſen etwas Heiliges. Er liebte ſie nicht, er fürchtete ſich vor ihr; er entfloh ſogar in allen ſeinen Gedanken der Erinnerung an dies edle, ſittenreine Mädchen. Sein Athem ſtockte, ſeine Bruſt beklemmte ſich, wenn er ihrer gedachte, ihrer, die er verlaſſen, die er nie wieder aufgeſucht hatte, auch im Geiſte ge⸗ flohen war! Aber nun mußte er ihr Andenken her⸗ aufbeſchwören. Wachrufen in der gemeinen Seele die⸗ ſes dürren Schmelzing! Er beſann ſich, ob er denn nicht irgend ein anderes Mädchen wiſſe, deſſen Na⸗ men er entweihen durfte, um Schmelzing's Phantaſie ju verwirren. Er fand keine. Da hörte er, daß der Sprecher unten die Barrikaden erwähnte, und ohne lange Beſinnung machte er einen Griff an ſeinen lin⸗ ien Ringfinger und zeigte auf denſelben Finger an Schmelzing's Hand. Schmelzing wollte nicht hören. Hackert wiederholte das Zeichen. Wo haben Sie denn Ihren Ring, Schmelzing? ſagte er. Zum Donnerwetter! Welchen Ring? Den Ring von Louiſe Eiſold! —— ³⁰⁰ Ich einen Ring von Louiſe Eiſold? Wie Sie auszogen— Wie wir auszogen? Den Ring, den ſie Ihnen zum Abſchied an den Finger ſteckte? Mir einen Ring? Sie ſchlafen wol? Schlaf' ich? Träum' ich vielleicht? Hackert, ſeien Sie ſtill! In meinem Leben nehm' ich Sie nicht wieder hier mit... Was wollen Sie denn? Ich weiß doch, daß Sie da an der linken Hand immer einen Ring trugen und Louiſe hat mir ſelbſt geſagt, daß ſie Ihnen noch einen Ring geben wollte. War's der nicht? Mir einen Ring geben? Sie verwechſeln ſich wol mit ſich ſelbſt! Halten Sie mich für eitel? Die Louiſe hat Nach⸗ ſicht mit mir gehabt, weil ich Ihr Freund bin. Laſſen Sie mich in Ruhe! Aber ich habe ja die Haare ſelbſt geſehen, die ſie für Sie abſchnitt. Köſtliche braune Haare, Schmel⸗ zing. Sie gab ſie zum Haarflechter und es ſollt' ein Ring für Sie werden. Hernach zogen Sie aus und erkundigten ſich nicht mehr nach einem Mädchen, das Sie überraſchen wollte! Sie ſtaunen, Schmelzing? Sehen Sie, daß Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem d an der en nehm. daß Sie daß S trugen und noch eine n ſich we hat Nat bin. ſchlechten Geſicht und Gehör. Plato hatte auch kein Glück in der Liebe; denn er war kurzſichtig. Man nennt Das die Platoniſche Liebe. Man muß ein ſcharfes Auge haben, um in's Herz zu ſehen, und wenn Eins laut ſeufzt und man iſt ſtocktaub und hört's nicht, ſo war man freilich ein Eſel. Vergeben Sie mir meine Frei⸗ müthigkeit. Hackert, Sie machen mich ganz confus. Aber wonach riecht Das hier? rief Hackert plötz⸗ lich ſich aufrichtend. Schmelzing zog mit der Naſe die Luft ein... Eau de Cologne, Schmelzing! ſagte Hackert. Hier ſind Frauenzimmer in der Nähe. Die Wirkung dieſer raſch geſprochenen Worte auf Schmelzing war elektriſch. Im Nu verlor er wirklich alle Beſinnung. Hatte ſchon der Wein, die Erwäh⸗ nung Louiſen's, der Ring mit den Haaren, die Pla⸗ toniſche Liebe ihn in eine Steigerung ſeiner Empfin⸗ dungen verſetzt, ſo überfiel ihn bei der Vorſtellung von Cau de Cologne und von in der Nähe befindlichen Frauenzimmern ein förmlicher Schwindel. Hackert in aller Ruhe, trocken und kauſtiſch, blieb bei ſeiner Vor⸗ ſtellung von einem feinen Parfüm, ſtand auf und be⸗ huptete, der Duft käme von dem zweiten Kreuze her Er blieb ſtehen. Fortgehen wollte er nicht. Schmel⸗ 302 zing bekam ſonſt zu viel Gelegenheit nachzuſchreiben. So ſetzte er ſich dicht wieder in ſeine Nähe, umſchlang Schmelzing, zog ihn an ſeine Bruſt und flüſterte ihm ohne Zeichenſprache in's Ohr: O Schmelzing, was ſind doch die Weiber für para⸗ dieſiſche Teufel! Eau de Cologne! Die künftige Selig⸗ keit ſchlägt man um ſie in die Schanze! Aber man muß ſich recht umarmen, ſich richtig küſſen, Schmelzing! Die Meiſten wiſſen gar nicht, was in den Lippen für Geheimniſſe ſchlummern. Sie haben gute Lippen, Schmelzing! Nicht lachen! Nur nicht lachen hier! Da hört alle elaſtiſche Kraft auf! Ernſthaft, Schmel⸗ zing! Und nun den Mund voller genommen! Luft gepumpt, daß die Segel ſchwellen! Schmelzing, Sie müſſen wunderſchön lieben können! Wenn ich Louiſe wäre und ich neigte mich ſo zu Ihnen und Sie fühl⸗ ten mich hier dicht am Herzen und ich ſagte: Schmel⸗ zing! Schmelzing! Göttlicher Schmelzing! Der verwitterte alte Schreiber zerfloß in der That bei dieſen von Gebehrden unterſtützten Schilderungen ſeines Collegen in völlige Beſinnungsloſigkeit. Das Portefeuille, der Bleiſtift waren ihm entfallen. Er hörte nicht mehr, er kicherte nur noch und meckerte. Dennoch mußte Hackert fürchten, daß er ſich beſinnen und ihn mit Gewalt von ſich ſtoßen würde. In dem ſchteiben umſchlang üſterte ihm rfür para⸗ tige Selig rman muß ſchmelzing! Lyppen füt ne Lypen, ichen hier ft Schmel men! Lüj elzing, üi wich Louiſ dSie füh 303 Augenblick kam ſeiner Keckheit ein weibliches Lachen zu Hülfe, das wirklich von der Seite des linken Kreu— zes her emporſchallte. Es klang ganz dumpf, ganz fern, aber Hackert hörte deutlich, daß weibliche Stim⸗ men in der Nähe ſcherzen mußten... Hören Sie, Schmelzing, rief er. Hören Sie! Weiber! Eau de Cologne, wie Sie's gleich gerochen haben! Kommen Sie! Kriechen Sie mir nach! Krie⸗ chen Sie! Schmelzing konnte ſich in der That nicht mehr aufrechthalten. Seine Sinne waren ſo verwirrt, Hackert hatte ſo beredtſam alle ſchlummernden Geiſter ſeiner Sehnſucht geweckt, daß ihm war wie einem Taumeln— den. Er kroch auf allen Vieren hinter Hackert her an den linken Flammenſchein. Anfangs hörte er nichts von dem Lachen, das Hackert vernommen haben wollte. Wie ger aber ſo dicht an der linken Kreuzesöffnung war, wie vorhin an der mittleren, machte die Wöl⸗ bung, daß man Ohrenzeuge einer, wie es ſchien, ſehr heitern Scene war. Man hörte Gläſer klingen, das Lachen von Frauenſtimmen und eine männliche, etwas pathetiſche Stimme, die ſich in phantaſtiſchen Huldi⸗ gungen zu ergehen ſchien. O verdammt! flüſterte Hackert, daß man nicht hinunterblicken kann. Nächſt dem Genuſſe, ſelbſt zu 304 lieben, gibt es ja keinen größern, als Andre ſich lie⸗ ben zu ſehen. Wie viel Frauenzimmer ſind Das wohl? Schmelzing bedeutete Hackerten zu ſchweigen. Ihr Rutſchen, ihr Plaudern, ſagte er, würde ſie noch ver⸗ rathen. Er fing wieder in der Zeichenſprache zu ge⸗ ſtikuliren an und lauſchte ſo gierig auf die Scene, die in dieſem Gemache aufgeführt zu werden ſchien, daß er die Politik, die Demokratie, die Arbeitervereine ver⸗ geſſen hatte. Hackert's mephiſtopheliſche Natur war im vollſten Gange. Er bediente ſich aller nur mög⸗ lichen Einfälle und Schnurren, um Schmelzing zu be⸗ täuben. Die ganze Ungebundenheit ſeiner wilden Phan⸗ taſie tobte ſich aus. Schmelzing ſchnalzte mit der Zunge, wie ein Hecht, der vom Trockenen in friſches Waſſer kommt. Sein ganzes Weſen ſchwänzelte. Hackert ſagte, auf⸗ regend genug, mit der Fingerſprache, in der bekannt⸗ lich die Neapolitaner noch mehr ſagen, als man mit der Sprache ſich zu ſagen getraut: Ich wette, es ſind ſechs Mädchen, Schmelzing, und nur Ein Mann! Gehen Sie weg, ſechs Mädchen? Ich unterſcheidé wenigſtens vier Stimmen. Es iſt ein Herr, der nicht zu den jüngſten gehört. Zwei fitzen ihm auf dem Schooß. Eine, Schmelzing, legt re ſich lie Das wohl? igen. Ihr enoch vei che zu ge⸗ Scene, die hien, daß ereine ver⸗ Ratur wal nur mog zing zu be lden Phau⸗ wie enn ſer komm ſagte, 5 er bekann 5 man m nelzind Schu ſich ihm eben quer über die Schulter und eine hat ſich einen Fußſchemel heran gerückt und legt den Kopf auf ſeine linke Knieſcheibe.. Das ſehen Sie Alles, Hackert? Ich hör' es ja, alter Freund! Es ſind Tänzerin⸗ nen! Sie ſtehen jetzt auf und wollen ihm eine Polka vortanzen. Sie rücken die Stühle zurück. Platz ge⸗ macht! Sie treten an. Ha! Wie ſie die Kleider faſ⸗ ſen! Sehen Sie, Schmelzing, nein ſehen Sie dieſe Füße! Sehen Sie die weißen Strümpfchen! Die hat rothe Strumpfbänder mit einer emaillirten Schnalle! Sehen Sie denn die Schnalle nicht? Ich ſehe die Schnalle, wie ſie blinkt, Schmelzing! Sie ſind verrückt, Hackert! Wo ſehen Sie denn die Schnalle? rief Schmelzing und verbrannte ſich faſt die Naſe. Jetzt nehmen ſie die Champagnergläſer und tan⸗ ſen an ihm vorüber, fuhr Hackert fort. Jedes mal, wenn Eine vor ihm vorbet kommt, muß er raſch trin⸗ en. Dann kommt die Andere, die Blaue! Dann die Dritte, die Rothe! Jetzt die Vierte, die Weiße! Fetzt die Fünfte... 4 Halten Sie ein! Es ſind nur Drei! Woraus merken Sie Das? Die Ritter vom Geiſte. VI. 20 396— Sie ſprechen ja ſo deutlich, daß man ihre Stim⸗ men unterſcheiden kann. Die Eine ſpricht ein Bis⸗ chen tief. Das lieb' ich, Schmelzing. Je tiefer die Stimme, deſto mehr Feuer. Der Mann muß zweiten Tenor, die Frau zweiten Sopran ſprechen, Das iſt das wahre Duett der Liebe, Schmelzing. Sie Ihrerſeits ſprechen ganz in der rechten Mittelhöhe, Schmelzing! Sie machen mich noch toll, Hackert! Schmelzing mußte ſich mit Gewalt losreißen. Hackert wühlte zu grauſam ſeine Phantaſte in Grund und Bo⸗ den um. Er lag erſchöpft. Hackert lehnte ſich zu dem Lichtſchimmer hin. Beide horchten. Es ſchienen ein Herr und nur zwei Damen zu ſein, die unten völlig unbelauſcht zu ſein glaubten. Das Klingen der Gläſer hatte aufgehört, das Lachen ſich gemäßigt. Man konnte die Worte der Unterhal⸗ tung deutlicher vernehmen. Dieſe lautete eben: Aphroditiſche Weſen, ſagte die männliche Stimme, laſſet uns zum letzten male noch von dem Schaum opfern, dem die Göttin entſtiegen iſt, deren würdige Prieſterinnen Ihr Euch nennen dürft! Steige auf, cypriſche Welle! Lodre, brodle, ſchäume!. Ein Geräuſch verrieth, daß ein Champagnerkork e Stimme, en Tenor, das wahte ts ſpreche en. Hacket id und Bo ſch zu del Damen glaubten das Lache Unterha e Stimm m Scha en wüt Steige npagn 30 aufflog. Zwei Mädchenſtimmen ſchrieen vor künſt⸗ ichem Schreck... Die Gläſer her! fuhr die männliche Stimme fort, das Glück verrauſcht! Kurz iſt der Augenblick der Freude! Mit Brotrinde umgerührt, ſagte das eine Frauen zimmer, ſo dauert's länger. Künſtlich! Künſtlich! Allzukünſtlich, Diotima! ſagte die männliche Stimme. Diotima? fragte das Frauenzimmer. Ich heiße.. Man hörte nicht recht den Namen, den ſie ſprach. Pſt! rief Hackert. Sie heißt... haben Sie's gehört? Schmelzing nickte, als wollte er ſagen, er ver— ſtünde Alles. Nein, Diotima, ſagte wieder die pathetiſche Stimme. Was ſoll mir des Brotes Rinde! Was ſoll mir der fünſtliche Perlenflor! Die Natur verſchmäht die Nach⸗ hülfe der Kunſt. Oder biſt du mehr für die Kunſt, du ſchlanke Aspaſia? Spaſia? ſagte Schmelzing. Das war deutlich. Aspaſia? wiederholte die andere Stimme. Ich heiße... Man verſtand wieder den Namen nicht. Wie? bedeutete Hackert ſeinen Collegen. 20* Spaſia! wiederholte dieſer kichernd. Aspaſia! Mädchen! Es ſind die Namen, die Ihr in den Sternen führen werdet; Plato's Freundinnen hießen Aspaſia und Diotima. Plato's! fiel Hackert zu Schmelzing ein. Ver⸗ ſtehen Sie? Das iſt ein Gelehrter da unten. Plato hatte kein Glück in der Liebe, obgleich er kurzſichtig und harthörig war und ſehr früh eine Brille trug. St! winkte Schmelzing. Trinkt, Mädchen! rief der Redner unten. Trinkt aus des Spitzglaſes unſchöner Form! Kryſtallene Scha⸗ len von gewobenem Glaſe, röthlich angehaucht, ſind des Schaumweins würdigere Pokale! Trinkt oder thut wie ich! Ahl riefen die Mädchen. Sie verſchütten ja.. Das köſtliche Naß auf des Hauſes geheiligten Eſtrich? So mußt du den Göttern opfern, Diotima! Mit Erlaubniß, antwortete Diotima, zum Auf⸗ ſcheuern iſt Champagner doch wol zu koſtbar. Opfre! ſchrie der Sprecher in der Trunkenheit. Diotima ſträubte ſich. Opfre! Aspaſia ſchien dem bacchiſchen Prieſter das Glas wegzunehmen. Dann ſagte ſie mit gurgelndem trin⸗ kenden Tone: Da! Nicht auf die Erde! dit n, die Ih reundinnen ein. Ver⸗ en. Plate ſichtig und ig n. Tiinntt lene Scha aucht, ſin rinkt ode ten ja geheilg Diotin n Au zunn — ³⁰⁹ Die verſteht's! ſagte Schmelzing, der für die Bar⸗ rikaden und Arbeitervereine nun kein Ohr mehr hatte. O hätt' ich Roſen, hätt' ich Kränze, rief der Spre⸗ cher unten, könnt' ich mich ſchmücken wie Apollo! Und Ihr, Freundinnen, im griechiſchen Gewand, Ihr ſchrittet mir zur Seite, wie Prieſterinnen! Ha, könnte ich dieſes dumpfe Kellerloch umzaubern zu einer Tem⸗ pelhalle! Rufen möcht' ich wie Fauſt nach dem Tranke der Hexe, damit ich losgebunden, frei, erfahre, was das Leben ſei. Schmelzing zeigte nach dem Kopfe. Zu viel? fragte Hackert. Zu wenig! antwortete Schmelzing ſchüttelnd. Er hat entweder oder iſt! ſagte Hackert beſtätigend. Aber da oben, da oben, ſeht Ihr's? rief die eral⸗ tirte Stimme plötzlich. Raſch fuhren die beiden Lauſcher zurück. Unwill— flürlich kam ihnen dieſe Bewegung. Im erſten Augen⸗ blick glaubten ſie ſich geſehen. Aber die Stimme ſprach: Seht Ihr's da oben, das Kreuz in der Mauer? Biſt du ſchon wieder da, nazareniſche Mahnung? Spukſt du denn überall, trauriges Memento mori? dinweg von Griechenlands Götterſöhnen jagſt du mich? Rin! Mit Roſen, nicht mit Dornen erlöſt man die Nenſchheit. Küßt mich, Mädchen! Nach Korinth! Nach Korinth! Die Trümmer des Altars, den Pau⸗ lus zertrümmerte, den Altar des unbekannten Gottes helft mir ſuchen! Es lebe der unbekannte Gott von Korinth! Schmelzing machte wiederholte Zeichen des Wahn⸗ ſinns, den er bei dem Sprecher unten vorausſetzte. Hackert aber ſagte, daß er ihn für irgend einen ver⸗ dorbenen, vielleicht abgeſetzten Geiſtlichen halte, der hierher gekommen wäre, um beim Miniſterium ſich aus⸗ zuklagen und in der Desperation ſich mit dieſen Da⸗ men in den Rathskeller verirrt hätte, um im Cham⸗ pagner ſeinen Zorn zu ertränken. Die Mädchen ſchie⸗ nen ihn zum Beſten zu haben, ſie lachten und neck⸗ ten ihn, trotz der Zärtlichkeiten, die ſie ihm geſtatteten. Plötzlich ſchwieg der Sprecher. Die Gefährtinnen fragten ihn, ob er ſeinen Text zu Ende hätte. Er ant⸗ wortete nicht. Sie ſtießen mit ihm an. Es klang hohl wider, aber er antwortete nicht. Sie plauder⸗ ten vom Wetter, vom Putz, vom Theater. Er ant⸗ wortete einſylbig. Sie erwähnten den Prinzen Egon, ihre große Freude, daß im Hauſe und der Verwaltung deſſelben nicht nur Alles beim Alten bliebe, ſondern dieſe noch vergrößert, noch erweitert würde. Alles würde prächtiger, herrlicher, glänzender! Im Hauſe des Prinzen Egon? fragte Hackert. den Pau ten Gottes Gott vo des Wah orausſette einen ve halte, d n ſich aut dieſen 1 im Chan dchen ſch und ne geſtatte efährtin e Ge 311 Er iſt wol eingeſchlafen, ſagte Schmelzing, der nur auf die Orgie ſelbſt Acht hatte. Nein, nein, er brummt bald: Danke, Diotima! bald: Danke, Aspaſia! berichtete Hackert. Er ſcheint nichts vertragen zu können, er wird einſchlafen... Und die Mädchen plündern ihn aus? Das ge⸗ ſchieht ſchon ſo— Aber im Rathskeller! Seltſam! Es iſt ein Fremder oder ein Gelehrter, der eigentlich mit dieſen Damen noch lieber in die Halle des Gambrinus gegangen wäre. Wer ſind ſie nur? Er klirrt mit einer vollen Börſe. Die ganze Geſchichte kommt mir lateiniſch vor. Es iſt als wenn ein ſchweinsledernes altes Buch auf einer modernen Damentoilette läge! St! St! Die Mädchen beklagen ſich über ihres Freundes ſchlechten Humor. Der Kellner wird bezahlt und ſcheint zu gehen. O, o, hörte man jetzt den Sprecher wieder, ſeht, ſeht das Kreuz! Als wir eintraten, hatt' ich es nicht be⸗ merkt. Seit mein Auge darauf gefallen, iſt der Blick verdunkelt. Aspaſia, Diotima— Nenn' uns Dorette und Florette! 312 Was? rief Hackert nach dieſen laut und ärgerlich geſprochenen Worten. Sind Das die... Laßt mir den Traum, Euch für Weſen zu halten, rief der Redner, für Weſen, die früher lebten, ehe man die Pariſer Moden erfand. Du biſt ſchön, Aspaſia, und bildſam. Diotima iſt lieblich und hat einen An⸗ flug von Seele. Ihr ſolltet Euch bilden, Kinder! Es ſchlummern Ideale in Euch! Du biſt gerade wie unſer Alter, ſagte die Eine, wahrſcheinlich die mit dem Seelenanflug... Wie ſo? Dem gehen auch beim erſten Glas die Augen über... Gingen mir die Augen über, Mädchen? fragte der immer verſtimmter werdende Enthuſiaſt. Saht Ihr Perlen nicht blos im Glaſe? Wo ſaht Ihr Perlen, ihr ſchlanken Bacchantinnen? In meinem Auge? Als ich zum Kreuze aufblickte? Stummes Wahrzeichen, das du über uns ſchwebſt, welche Freuden ſchließt der Himmel ein, an deſſen Pforte du gezeichnet ſtehſt? Senke dich nicht herab, auf mich, todtes Holz! Soll ich's tragen zur Schädelſtätte? Soll ich dir die Laſt abnehmen, Erlöſer? Kommt, kommt, Mädchen! Das Haus fällt zuſammen, hier iſt's entſetzlich. Die Decke bricht! Die Bogen wanken! Hülfe! Hülfe! Kommt, kommt! argerlich u halten, bten, ehe Aspaſia einen An⸗ der! Es die Eine en über. fragte d Saht I r Perle luge? A ahrzeich net ſtehſt Schmelzing zitterte an allen Gliedern. Hackert horchte. Die Mädchen wollten ſo nicht fort. Sie glaubten ihren Freund verletzt zu haben. Sie nannten ihn mit mehr Ehrerbietung. Sie verwünſchten, daß ſie ſeiner Einladung gefolgt wären und ſich zu einem Abend verſtanden hätten, der nun verdorben wäre. Seid Ihr von den thörichten Jungfrauen? fragte der melancholiſche Sprecher. Was geht Euch denn meine Kreuzesfurcht an? Haltet Eure Lampen hell, Mädchen! Der Bräutigam ſammelt ſich. Denkt Ihr, daß Euch ein Mann liebt, deſſen Seele leer und hohl wie ein Tanzſaal ohne Tänzer iſt? Ich zieh' Euch ja nicht hinunter in den Abgrund meines Herzens! Ihr bleibt ja oben, wo die Sonne ſcheint und grüne Sträucher ſtehen. Kommt an die Luft! Unter die Sterne! Hängt Euch an meinen Arm. Es ſcheint ſtill draußen. Man wird mich nicht kennen. Raſch hinausgehuſcht! Klinkt die Thür auf! Niemand da? Niemand? Leb' wohl, du düſtres Galiläa da oben! Gekreuzigter! Laß mich Arkadien ſuchen und weinet mit mir. Damit verſchwanden die Sprecher. Erſt Alles ſtill. Man hörte den Kellner brummen, die Flaſchen und Gläſer wurden weggenommen und im Nu erloſch auch 6 1 4 7 1 das flammende Kreuz. Der Kellner hatte den Hahn der Gasflamme umgedreht. Hackert und Schmelzing lagen nun im Dunkeln und ganz betäubt. Dieſen melancholiſchen Ausgang einer leichtfertigen Scene hatten ſie nicht erwartet. Hackert hatte eine Ahnung, was ſie wohl bedeuten konnte, Schmelzing verſtand ſie nicht. Er war ſo ab⸗ gekühlt, ſo getäuſcht in ſeiner Spannung, ſo voll Aer⸗ ger, daß er faſt zum lauten Verwünſchen dieſer Stö⸗ rung fortgeriſſen wurde und zu dem mittleren Kreuze zurückſchlich. Hackert, grübelnd über Den, der unten mit den Fräuleins Wandſtabler eine ſolche Scene der Luſt und Reue, ja die Monologe eines gefallenen Lu⸗ zifers hatte aufführen können, kroch nach. Der, der eben am mittleren Kreuze ſprach, war der Major von Werdeck. Man vernahm Ausdrücke wie: Todesver⸗ achtung! Sein Leben in die Schanze ſchlagen! Faſt wüthend, daß ihm der ganze Abend mislungen war, ergriff Schmelzing ſeinen Bleiſtift und fing blindlings zu notiren an. Jetzt ergriff es Hackerten, als müßte er einen äußerſten Entſchluß wagen. Die Worte jenes überſättigten und vielleicht von Reue gequälten Mannes hatten eine eigenthümliche Wirkung in ihm hervorge⸗ bracht. Er war plötzlich zum Scherze nicht mehr auf⸗ gelegt. Es hatte etwas auch in ſein Innerſtes hinein⸗ en Hahl Dunkeln Ausgang erwartet. bedeuten en Kreuze der unten Scene der lenen Lu⸗ Der, der Najor von Todesben gen! ö ngen wan blindling müß orte jene o n Manne⸗ jhervol mehr dl gint 1' ſtes 315 gegriffen, das er nicht gut enträthſeln konnte. Ueber⸗ ſättigung kannte er wohl. Der unterirdiſche Sprecher hatte etwas davon angedeutet und doch war noch ein anderer Geiſt in ſeinen Worten geweſen, den er nicht zu faſſen vermochte. Ungeduldig über das Nachdenken, in das ihn die Scene verſetzte, verſtimmt über das Scheitern ſeiner Störungen eines abſcheulichen Spionen⸗ geſchäftes war er nahe daran, Schmelzing von hinten zu packen. Wie, wenn ich ihm die Gurgel zudrückte und ihn von der Zelle fortſchleppte? dachte er und erhob ſich und ſchritt jetzt auf und ab, ohne ſich um Schmelzing's wüthende Winke zu bekümmern. Bei dieſen Wanderungen, die wiederum bewirkten, daß Schmelzing nicht aufhorchen konnte, kam Hackert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz, wo ebenfalls ge⸗ ſprochen wurde. Er hörte überraſcht hin und vernahm eine gebrochene franzöſiſche Ausſprache, wie an dem Mittelkreuz. Andere Stimmen miſchten ſich in den Vortrag des prononcirteren Franzoſen. Eine gewich⸗ tige Baßſtimme ſtimmte in die Aeußerungen des Fran⸗ zoſen mit ein, während eine andre opponirte. Der Schall mochte ihn verführen, die Geſellſchaft für zahl— reicher zu halten, als ſie war. Deutlich hörte er das Klappern eines Degens, mußte alſo annehmen, daß auch ein Offizier in der Nähe dieſes dritten Kreuzes 316 war, Bald unterſchied er das Thema, das beſpro⸗ chen wurde. Es war ein politiſches. Er hörte den Namen der Jeſuiten nennen. Man bat mehrfach den Franzoſen, ſich offen über dieſe Geſellſchaft auszuſpre⸗ chen. Man verſicherte ihn, daß er ſich unter Freun⸗ den befände, unter den aufrichtigſten Verehrern einer Politik, die nicht auf Kleinliches und Geringes, ſon⸗ dern auf Weltplane losſteuere. Als die Baßſtimme mit prieſterlicher Salbung ſagte: Dies iſt der berühmte General, der mit dem Jahrhundert Fangball ſpielt, gleich dem Eskamoteur des Zaubertiſches, der vielge⸗ fürchtete ſogenannte Jeſuitenfreund... als Hackert dieſe Worte überlegte, für ſeinen Fall erwog, kehrte er zu Schmelzing zurück und machte ihm Geſtikulatio⸗ nen, die nichts Anderes ſagen wollten als: Eſel! Eſel, die wir ſind! Hier liegen wir und ver— geuden die Zeit! Da iſt die Stelle, wo Parx unſre Ohren hinbeordert hat. Ein Franzoſe, nicht wahr? Ja wohll nickte Schmelzing. Ein Offizier? Natürlich! Donner! Hier ſind ja die Rechten! Hier ſitzen die Mordbrenner! Ich bin ſtarr, was ich gehört habe... Königsmord! Allmächt'ger Gott! beſpro örte den fach den szuſpre⸗ Freun⸗ rn einen 8, ſor ßſtimme erühmte U ſpielt, rvielge Hackelt , kehut iitulatio ſitzen d habe Schmelzing! Hier iſt's ja! Stimmen ſo heiſer wie die Banditen! Sie hören hier jedes Wort! Kommen Sie einmal her! Damit zog Hackert den erſtaunten Schmelzing em⸗ por. Dieſer, der ein Misverſtändniß für nicht unmög⸗ lich hielt, folgte. Als er den Franzoſen huſten und näſeln, den Degen des Generals klappern hörte, war ihm kein Zweifel mehr. Die Phraſe, die eben ausge⸗ ſprochen wurde: Wir leben nun einmal im Zeitalter der Revolutionen! zog ihn wie auf's Commando ſo⸗ gleich zur Erde nieder. Und wie ein Stenograph ſich nicht erſt lange beſinnen darf, ſondern mechaniſch die Hand dem Ohre ſogleich folgen läßt, ſo ſchrieb auch ſchon Schmelzing, während er ſich noch niederließ. An den Wein und den Eßproviant, den Hackert in ſeine Nähe rückte, dachte er nicht; ſo emſig holte er das Verſäumte nach und ſchrieb und ſchrieb und blickte nicht mehr auf, denn ſein Pergament füllte ſich, Streifen auf Streifen. Er ſchrieb wie athemlos. Während Schmelzing die gemüthliche Unterredung des Propſtes Gelbſattel mit dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emiſſair einer philanthro⸗ piſchen Geſellſchaft, Herrn Sylveſter Rafflard, die man in einer völlig abgeſchloſſenen Trinkzelle des vielgeſuch⸗ ten alterthümlichen Rathskellers veranſtaltet hatte, Wort 1 7 318 für Wort für die Polizei niederſchrieb und nun nicht im Mindeſten mehr von Hackert in ſeinem Amtseifer geſtört wurde, wandte dieſer ihm den Rücken und hörte, endlich freiathmend, die ihm nun allein vernehmbare Erzählung, die nach einem lebhaften Zuſammenklang der Gläſer eben der Offtzier unter ſeinen Freunden vortrug und in welcher ihn anfangs nichts intereſſirte, nichts ihm verfänglich ſchien. Er hörte gleichgültig bis auf die Stelle, wo ein Verhältniß erwähnt wurde, das dem ſeinigen zu Melanie Schlurck außerordentlich ähnlich ſah. Als er hörte, daß dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Mädchens die Rede war, das dieſer durch Bildung, Eifer und Anſtrengung ſich erobern wollte, entfuhr ihm ſo laut jener unten vom Major gehörte Seußzer, daß ſich Schmelzing umwandte und ihm drohte. Die Erzählung brach aber ab oder wurde leiſer, weil wehmüthig. Er hörte nichts von dem ferneren Unglück Leidenfroſt's. Er war in ein düſte⸗ res, trübes Sinnen verfallen. Erſt als Dankmar ſeine Stimme erhob und wieder kräftig über die Zeit und die Menſchen im Allgemeinen zu reden begann, ver⸗ ſtand Hackert deutlich, was verhandelt wurde. Dankmar's Rede konnte er ſich natürlich nur in den Hauptideen merken. Wörtlich aber lautete ſie, wenn wir wieder zu der Geſellſchaft zurückkehren wollen, wie folgt. nicht neseifer hörte, hmbare enklang euunden reſſirte, hgültig wurde dentlich meinem de wal, ng ſich en vom wandte ab odei hts von in düſt gr ſeine eit und f in, ndel wil t in venn vie ſol Zehntes Capitel. Dankmar's Weiherede. Das Erbe der Gebrüder Wildungen, ſprach Dankmar, erſcheint alſo im Lichte der öffentlichen Meinung als ein ungerechter Rückgriff in den Lauf der Zeiten! Und doch iſt es ein ſprechender Beweis für den Kampf der Intereſſen, wie ſie ſich befehden, vernichten. Auch wir berufen uns auf daſſelbe Siegel, von dem der Staat und die Kirche, das Allgemeine und die Ge— meinde ihre Rechte herſchreiben. Wir zeigen an einem grellen Beiſpiele, daß ſich Geſetze und Rechte wie eine newige Krankheit“ forterben. Ob wir gewinnen, ob wir verlieren, die Zukunft wird es zeigen. Man wird Lücken in meinen Beweis⸗ führungen entdecken, man wird Papiere finden, man lucht ſte wenigſtens, die unſere Anſprüche entkräften ſollen. Geſucht nur oder gefunden, ich ſchwinge mich zuf einen höheren Standpunkt und will in dem Wett⸗ kampfe, den die berechtigten Gewalten aus ererbter Autorität täglich aufführen, einen neuen Mitſtreiter auftreten laſſen, eine Wiederherſtellung jenes Ordens, von dem unſre Erbſchaft im Grunde herrührt. Wenn ich mich in der Geſchichte umſehe und eine Macht vermiſſe, die das Individuum gegen das All⸗ gemeine in Schutz nimmt, ſo muß ich beklagen, daß jene Idee der geiſtlichen Ritterorden an dem freilich begründeten Mistrauen der weltlichen und geiſtlichen Gewalt ſcheiterte. Philipp der Schöne von Frankreich ließ Hunderte von Tempelherren foltern, verbrennen. Man ſagt, weil er ſie um ihre Schätze beneidete. Treffender iſt der Grund, wenn man ſagt, weil er eine Ritterſchaft fürchtete, die das heilige Grab nicht mehr behaupten konnte, ſich nur noch auf Rhodus und ſpäter Malta hielt und in Frankreich allein über dreißigtauſend in jedem Augenblick marſchfertige Rei⸗ ſige zu gebieten hatte. Neben einer ſolchen von ſich ſelbſt abhängenden Wehrkraft konnte die königliche Ge⸗ walt nicht beſtehen. Jeden Wink des Papſtes konnte der König gewärtig ſein von dieſen mächtigen Tempel⸗ herren ausgeführt zu ſehen. Aber auch die Geiſtlich keit fürchtete die Tempelherren. Sie hatten i Duldung gelernt. Statt die Sarazenen zu verni lernten die Templer das Menſchliche, Gleichartige, gen, daß n freilich geſſtlichen Frankreih erbrennen beneidete , weil ei grab nich Aürdu alein ile rtige R n von ſch gliche 6 es konn n Tempe Geiflit in Otiu vermc leichalnn Brüderliche an ihnen ſchätzen. Tempelherr und Emir ſchloſſen Freundſchaftsbünde und ſogar die Religionen näherten ſich. Dieſe Ritter hatten die Welt geſehen, ihr geiſtliches Kleid moderte nicht mit ihnen in der Kloſterzelle, ihr Skapulier war das Schwert, ſie tum⸗ melten ſich durch das Leben mit Thatkraft und Selbſt⸗ gefühl. Frei waren ſie von dem Plagedienſt der Obſer⸗ vanzen. Sie konnten Meſſe leſen laſſen auch in Ge⸗ genden, wo ein Fluch der Kirche die Glocken zu ſchwin⸗ gen verbot und die Sakramente nicht verabreicht wur⸗ den. Sie waren auch der Geiſtlichkeit, der ſie damit großen Eintrag thaten, zu frei, zu weltlich, zu welt⸗ männiſch und zu vorurtheilslos. Die Templer wurden vernichtet. Die St.⸗Johannes⸗ ritter ſetzten die Miſſion derſelben fort. Leider fand man ſie nur in der Eroberung des heiligen Grabes, in dem Kampfe mit den Türken. Dieſer zuletzt un⸗ wahr gewordene Zweck bot kaum einen anſtändigen Deck⸗ mantel für den behaglichen Genuß der reichen Güter des Ordens. Wohlleben, Ueppigkeit nahmen überhand. Nur die Malteſer behielten ihren Beruf noch, als be⸗ waffnete Miſſionaire zu wirken. Der Gedanke, Mittler zu ſein zwiſchen Kirche, Staat, Gemeinde kam zu eeiner Ausbildung mehr. Nur die Vehme, die heilige, enterirdiſche, war die letzte Ergänzung des wilden, Die Ritter vom Geiſte. VI. 21 322 rechtloſen, verworrenen damaligen Lebens geweſen. Die Gerichte der rothen Erde vertraten die Gerechtigkeit, die keinen weltlichen Hof mehr zu finden ſchien. Die geiſtlichen Ritterorden verfielen. Sie, die den Tempel von Jeruſalem bewachen ſollten, wußten nicht, daß man einen neuen Tempel im eigenen Herzen, einen Tempel der Menſchheit gründen, den ausbauen, den bewachen mußte. Sie, die auf Johannes den Täufer verpflichtet wurden, d. h. auf den Geiſt, nicht auf den Buchſtaben des Chriſtenthumes, ſie ſchoben für den Prediger in der Wüſte, der vor Chriſtus ſchon chriſt⸗ lich dachte und lehrte, Johannes den Jünger unter und kamen nun immer weiter von ihrem Urſprunge, ihrer erſten Bedeutung ab. Die geiſtlichen Ritterorden, die der Papſt immer und immer wieder bis auf die neueſten Tage erwecken wollte, hatten ſich überlebt. In einer neuen höheren Verklärung mußten ſie neu geboren werden und dies geſchah für die päpſtlichen Intereſſen in der geiſtlichen Ritterſchaft des Ignazius von Loyola. Die Jeſuiten ſind nicht weltlich, nicht geiſtlich allein, ſie haben die Klöſter verlaſſen und tummeln ſich auf offnem Felde 4 unter den Lebendigen. Es ſind die neuen geiſtlichen Ritter der römiſchen Hierarchie. Sie haben Schild und Lanze mit dem letzten Ritter, dem Don Quirote weſen. Die htigkeit, d hien. Die den Tempe nicht, da n Täufe auf der en für der chon chriſ ngel unte Urſprunge apſt imme „erwecke ge erio en höhen n und die geittich Jeſuit 1 — fnem uims 323 von la Mancha, in die Raritätenkammer geworfen und kämpfen mit den Waffen des Geiſtes für die alte Welt im Gegenſatz zur neuen. Die Philipp's von Frankreich, ohne oder mit der Möglichkeit, die Schönen beigenannt zu werden, wiederholen ſich überall und zu allen Zeiten in Curopa. In Portugal, Frankreich, Rußland vertrieb man die Jeſuiten als eine geiſtbe⸗ waffnete Heeresmacht, die im Organismus des mo⸗ dernen, nur dem Fürſten gehörenden Staates keinen Platz gewinnen dürfe, wie die Templer nicht in Frank⸗ reich Platz greifen ſollten. Man würde nur blind urtheilen, wenn man glaubte, daß Pombal und Choi⸗ ſeul die Jeſuiten verfolgten aus Begeiſterung für das Licht der Aufklärung. Nein! Die despotiſchen Allein⸗ herrſcher waren es, die ihre Macht nicht getheilt ſehen wollten. Sie wollten ſich auch ſogar der Freunde entledigen, wenn ſie ihnen mit der Zeit als Zweideu⸗ tige oder zu Mächtige erſchienen. Da, wo die Je⸗ ſuiten den Machthabern eine verlorene Gewalt erwer⸗ bem ſollten, ſind ſte ihnen immer willkommen geweſen; Da aber, wo ſie eine errungene Gewalt nun auch zu theilen wünſchen, wird man immer geneigt ſein, ſie wieder zu entfernen. Ich ſprach von dem Tempel, den man in Jeruſa⸗ ſem ſuchte und den man überall hätte finden können. 21* 324 Eine Vorſtellung dieſer Art war es, die die Frei⸗ maurerei entſtehen ließ. Wie ein Neugeadelter hat dieſe Geſellſchaft geſucht, ihre Ahnen ſich aus der Vergangenheit weither zu verſchreiben und ſich Vor⸗ fahren beizulegen, die nie daran dachten, die Geheim⸗ niſſe des Schurzfelles zu kennen. Dieſe Geſellſchaft hat das Glück gehabt, in einer Zeit, wo Ungeſchmack und Unpoeſie die Welt regierte, ſich einen gewiſſen Nimbus organiſcher Natürlichkeit zulegen zu können und nicht dem Fluche aller künſtlichen Myſterien, der Lächerlichkeit vor Laien, anheimzufallen. Ihre Cere⸗ monien erſcheinen Vielen ehrwürdig. Das will etwas ſagen in einer Zeit, die jede neue Religions⸗ oder Sektenſtiftung nicht nur ſogleich mit der Polizei, ſon⸗ dern auch mit dem Witze verfolgt. Die Freimaurer haben das Glück gehabt, weder der Polizei noch dem Witze zu erliegen und mancher denkende Kopf ſogar hat verſucht, aus den Spielereien ihres Ceremoniels abſtrakte Wahrheiten, wenigſtens der guten Sitte, zu entwickeln. Die moraliſche Dehnkraft dieſes weltlichen Ordens iſt aber ſehr gering. Sie geht über einen gewiſſen anſtändigen Egoismus nicht hinaus. An⸗ ſtändigen Egoismus nenn' ich Den, der ſeinem Jahr⸗ hundert nichts Anderes als Wohlthätigkeiten ſpendet. Eine rüſtige polemiſche Kraft liegt in der Freimaurerei die Flei delter hat aus der ſich Vor Geheim zeſellſchat mgeſchmach gewiſſe können erien, der hre Cen vill etwa ns⸗ ode lizei, ſo greimaut noch dei topf ſog eremonie Sitte, weltlich ber enn 3 1 qus. 9 nem Rü n ſpen eimaul nirgends. Nur da, wo hinter der Maurerei Carbo— narismus ſteckte, hat man von Märtyrern dieſes Or⸗ dens gehört. Die Freimaurer haben, als Thatprincip, höchſtens eine entſchiedene Antipathie gegen die Je⸗ ſuiten. Eben ſo iſt es umgekehrt. Sie bekämpfen ſich gegenſeitig. Mit Recht, denn ſie ſind die entgegen⸗ geſetzten Pole eines und deſſelben elektriſchen Stabes. Daß die Freimaurer ſich erhalten konnten, trotzdem, daß ſie von der Vollendung und Beſſerung der Menſch⸗ heit ſprachen, verurtheilt ſie allein ſchon im Auge des leidenſchaftlichen Menſchenfreundes, der da weiß, wie ein wahres Streben nach dieſem Ziele ſie ſehr bald würde vernichtet haben. Oder ſoll uns dieſe That⸗ ſache doch ermuthigen, an die Möglichkeit einer gehei— men Verbrüderung, die nur geiſtige Zwecke verfolgt, noch glauben zu können? Die Gefahr, einen neuen Geheimbund zu ſtiften, iſt nicht gering. Wenn ich den Gedanken der Templer und der Ritter vom heiligen Johannes, dem Johannes der Wüſte, dem Täufer, wieder aufnehme und den Bund der Ritter vom Geiſte beantrage, ſo kenn' ich die gewaltigen Schwierigkeiten. Allein dieſe Schwie⸗ tigkeiten ſind zu beſeitigen, wenn nur der Gedanke klar und es bewieſen iſt, daß eine ſolche Bundesge⸗ noſſenſchaft der gleichen Geiſtesſtimmung wünſchens⸗ 326 werth, nothwendig erſcheint. Eine Wahrheit, die ein⸗ mal erkannt iſt, bricht ſich in jeder noch ſo ſchwierigen Form ihre Bahn. Welchen Ausweg ſoll uns unſer jetziger Kampf bringen? Ich ſehe Intereſſen, ich ſehe Theorieen. Jene ſind ebenſo leidenſchaftlich wie dieſe. Die Intereſſen und die Theorieen, beide beanſpruchen ein urſprüngliches Recht. Was läßt ſich dagegen einwenden? Soll Blut⸗ vergießen entſcheiden? Ich bin nicht für das Blut. Ich weiß wohl, die Geſchichte iſt aus dem Blute er— wachſen. Aber der moraliſche Menſch kann, darf nicht ſagen: Ich will dieſe oder jene Wahrheit dadurch be⸗ weiſen, daß ich ihr dieſe oder jene Menſchen zum Opfer bringe! Kein Einzelner kann Das ſagen, was eine Gemeinde, ein Staat, ein Volk ſagen darf. Solche Stimmungen der Gewalt hängen auch von der grö⸗ ßeren oder geringeren Entzündlichkeit der hiſtoriſchen Kriſen ab. Der Denker, der ſittliche Menſch, der ſich nur auf ſich und die Menſchheit bezogen fühlt, kann nicht Blut predigen, nicht fordern, daß aus der Ver⸗ nichtung des Lebens Leben ſprieße. Die Intereſſen der Exiſtenz ſind berechtigt. Die Menſchen, die uns die Träger der Irrthümer ſcheinen, leben wie wir. Allen droht einſt das Maß der ewigen Vergeltung. Was erlaubt uns wol, vorzugreifen und die Geſchichte die ein⸗ wierigen Kampf u. Jene ntereſſen ngliches I Blut⸗ 8 Blut. Zlute er⸗ arf nicht urch be⸗ en zum en, was Solche der grö⸗ toriſchen der ſich t, kann er Ver⸗ ntereſſen die uns vie wi geltung eſchicht mit Gewalt zu beſtimmen? Mag's ein Attila, ein Na⸗ poleon thun! Mag's ein Timoleon oder ein Ravaillac thun! Der Pranger, das Blutgericht, vielleicht eine Ehrenſäule wird's ihm lohnen. Sein Name wird bleiben mit goldenen oder mit ſchwarzen Buchſtaben. Das iſt die ewige Perſönlichkeit, die nicht ausſterben wird! Aber wenn man zu uns kommt in unſre Denker⸗ wüſte und frägt: Was ſollen wir thun, um in's Himmelreich zu kommen? Was ſollen wir thun, um unſern Beruf als Menſchen und Staatsbürger zu er⸗ füllen? Dürfen wir da ſagen: Dies und Das iſt richtig, Dies und Das iſt nothwendig, ergreift dieſen Stab oder dieſe Fahne? Man ſagt es alle Tage, man lehrt und predigt ſo an allen Straßenecken, aber wir kommen nicht weiter damit. Die Theorieen bleiben unpraktiſch und die Intereſſen regieren doch die Welt. Wenn mich Einer frägt, was ſoziale Wahrheit iſt, ich weiß es nicht. Ich kann den möglichen commu⸗ niſtiſchen Staat nicht beweiſen. Und doch will ich auch nicht rathen, daß man im gemeinſamen Verkehr des Ideen⸗ und Vorſatzaustauſches ſich mit Allge⸗ meinheiten begnüge, wie die Freimaurer! Bilde dich ſelbſt, dann bildeſt du die Welt! Beſſere dich ſelbſt, dann wird die Welt beſſer! Das ſind Trivialitäten, gefährliche Gemeinplätze ſogar und ganz ohnmächtige 328 den Jeſuiten gegenüber! Die wiſſen Alles in nächſter Nähe zu faſſen, die erblicken überall die Möglichkeit einer Anwendung ihrer Principien, die treten ſogleich in medias res und haben Gift, Dolch, Strang, Bibel, Himmel und Hölle, Dialektik und Weisheit ſogar zur Hand und wiſſen ſie anzuwenden. Das jeſuitiſche Gegengift, das die Freimaurer bieten, iſt laues Waſſer. Man wäſcht damit ſeine Hände wie in laueſter Un⸗ ſchuld und bleibt ein aparter ſelbſtzufriedener Egoiſt. Ich ſehe, die Menſchheit iſt zerſprengt, nicht nur den Intereſſen, auch ſchon dem Geiſte nach. Wir haben eine Religion, die chriſtliche, die in ihrer eigent⸗ lichen Bedeutung nur noch Wenige bindet. Man ſteht ſich in den Kirchen, man befolgt den Ritus ſeiner Confeſſion, man erklärt ſich auch leidenſchaftlich für den Namen des Heilandes, doch legt ſich Jeder die Bedeutung deſſelben anders aus und eigentliche Chriſten gibt es gar nicht mehr. Alſo gerade dieſe Auslegung iſt das Wichtigſte, um dieſe Auslegung ſtreitet man ſich und vergoß um ſie ſogar Blut. Im Staate ſehen wir uns erſt dann, wenn uns der Kampf zuſammenführt. Wir rufen immer erſt mit der Trom⸗ mel, mit dem Lärmſignal der Gefahr, wo ſchon die gute Sache halb verloren iſt. Da iſt es für die Gleichgeſinnten zu ſpät! Da ſind gleich Tauſende, die nächſter öͤglichtet ſogleich 1 Bibel, ogar zur eſuitiſche Vaſſer. ſter Un⸗ Egoiſt. icht nur h. Wir reigent⸗ MNan n Ritus ſchafllich c Jeder gentlich de dieſe ölegung ut. Im Kamyf gerade für den Kampf nicht abkommen können, Tau⸗ ſende, die uns mißverſtanden, Abertauſende, die in einer Lage ſind, heucheln zu müſſen. Das iſt der wahre Jammer der Zeit, dieſe Lüge, dieſe Zaghaftig— keit, dieſer Scheindienſt der Wahrheit, eine Folge der völligen Nichtorganiſation der Geiſteskämpfe. Erſt auf dem blutigen Schlachtfelde erkennen wir Den, der neben uns im verſchloſſenen Viſir kämpfte. Und Den, der mit der Fahne in der Hand niederſank oder der die Breſche des feindlichen Lagers ſiegreich ſtürmte, Den hat man ſonſt vielleicht für ſeinen Gegner ge⸗ halten! Ich will einen geheimen, keinen heimlichen Orden ſtiften. Die Geſellſchaften, aus deren Schooße die Verſchwörungen und Revolten hervorzugehen pflegen, ſind heimliche Geſellſchaften. Die Jeſuiten⸗ und Frei⸗ maurerbünde ſind geheime, nicht heimliche. Ihr Ritus bringt es wol mit ſich, daß ſie nicht Jeden zulaſſen, der auf ihre Symbole nicht vereidigt iſt, aber ihr Wirken, ſo verſteckt es iſt, iſt nicht eigentlich heimlich, auch ihre Symbolik iſt es nicht. Sie ſind geheim, ohne unzugänglich zu ſein. Ich will gar nicht un— möglich machen, daß man von Dieſem oder Jenem ſage: Er iſt Einer von den Rittern und Reiſigen vom Geiſte! Nur dürfen, wenn die Genoſſen einen 330 Convent halten, nicht Fremde, nicht Laien zugegen ſein. Das Dunkel ſoll auch anziehen und ſchützen. Jeder Geheimbund braucht erſtens einen Gedanken, zweitens Symbole, drittens Hülfsmittel. Die Ritter vom Geiſte ſind die neuen Templer. Sie haben den Tempel zu ſchützen und zu bewachen, den die Menſchheit zur Ehre Gottes auf Erden zu erbauen hat. Ihre Waffe iſt der Geiſt. Ihr Leben iſt die innere Miſſion eines Kreuzzuges gegen die Feinde dieſes Gottestempels. Der Geiſt als Lehre iſt die Wiſſenſchaft. Der Geiſt als Glaube iſt die Geſinnung. Den Geiſt, der dem Verſtande entſtammt, kann Niemand bannen, Niemand zum einheitlichen Gedanken eines Bundes machen wollen. Der Geiſt aber, der dem Herzen entſtammt, iſt der Wecker zu den edelſten Verpflichtungen. Die Religion hat nun Formen, um unſre ſittlichen Verpflichtungen, der Staat Formen, um unſre politiſchen ſchon von vornherein gefangen zu nehmen. Die Religion des Geiſtes ſollte keinen ſolchen bindenden Cultus haben dürfen? Ich ſage, gebt dem Geiſte einen Cultus und in hundert Jahren iſt die Welt weiter, als wohin wir ſie bei der jetzigen Verworrenheit der Zuſtände erſt nach einem halben Jahrtauſend werden kommen ſehen. Religion, das Bindende, das Gleichgeſellende, liegt igegen zen. anken, Lehre iſt die tammt, illichen Geiſt cker zu at nun Staat nherein 3 ſollte 7 Jc hundel ſie bei t nach ſehen. jegt 3, lieg in unſrer Epoche. Ueberall zeigt ſich ihr Bedürfniß. Nur befriedigt es nicht auf dem alten Wege! Nur nicht innerhalb des alten Zwanges und der alten Dogmen! Man binde ſich auf den Glauben unſrer Freiheit, auf den Glauben des Geiſtes, auf die gleiche Geſinnung! Aus ſolcher Grundlage, aus ſo geackertem, geſäetem Boden muß eine gute Frucht hervorgehen. Ritter vom Geiſte ſind Mitglieder eines geheimen Bundes, den ich lieber Brüder vom Geiſte nennen würde, wenn ich nicht ſtreitbare gewaffnete Brüder begehrte. Ich will einen Bund von Männern, die ihr Leben, ihre nächſten und entfernten Pflichten nur auf ein Ziel beziehen, den endlichen Sieg von Wahr⸗ heiten, die leider noch immer in Frage ſtehen, noch immer von Willkür beanſtandet werden. Dieſer Bund ſoll den Kampf der Zeit nicht aufheben zu wollen ſich anmaßen, wol aber der Aufgabe vertrauen, dieſen Kampf abzukürzen. Man hat den Reubund lächerlich gefunden. Und doch iſt ſein Einfluß nicht gering. Er wird nicht ruhen, bis er mindeſtens die Wahlen in ſeinen Händen hat. Laßt uns einen größeren, einen Treubund ſtiften dem Geiſte! Die Wahrheiten liegen auf der Hand; aber Tauſende entziehen ſich ihnen! Die Blätter der Geſchichte ſind aufgeſchlagen. Man will ſie nicht leſen. Wir wiſſen, wohin die 22. Menſchheit ſteuert, und ſtecken falſche Flaggen, falſche Leuchtflammen auf. Oder ſollte es ſo ſchwer ſein, das Weſen der Geſinnung auf einige große Wahr⸗ heiten zu abſtrahiren, die feſtſtehen, wie den Völkern Jahrhunderte lang die Wahrheiten der Bibel feſt⸗ ſtanden? Es mögen nur wenige Sätze ſein. Aber einige Tauſend Menſchen in allen Theilen der Erde auf dieſe wenigen Sätze in Eid und Pflicht genom⸗ men, macht, daß gewiſſe Gebäude umſtürzen wie Aſchenhaufen, zerreißt dichte Vorhänge wie Spinne⸗ weben, lockert die Lüge von ſelber ohne Handanrüh⸗ ren. Jetzt gewinnt man plötzlich Menſchen, die ſonſt ruhten, für die Arbeit des Geiſtes. Jetzt ſieht man Kämpfer, die kämpfen müſſen aus Ehrgefühl! Jetzt wird es heißen: Nicht mehr beten für die gute Sache ſollt Ihr, ſondern auch arbeiten für ſie! Die Ritter vom Geiſte ſtreiten, ſichtbar und un⸗ ſichtbar, allein für die Geſinnung, für nichts alſo, was ſich als poſitive Schöpfung ankündigt. Daß es Republikaner, Freigeiſter, Monarchiſten ſein ſollen, ſag' ich nicht, ebenſowenig was ſie ſonſt ſind. Sie haben nur zu ſchwören, daß ſie Alles thun werden, was in ihren Kräften liegt, um z. B. der Monarchie, wo ſie herrſcht, diejenigen Bedingungen vorzuſchreiben, die es möglich machen, ſie der Republik vorzuziehen. Es falſche t ſein, Wahr⸗ zölkern feſt⸗ Aber Erde eenom⸗ n wie pinne⸗ anrüh⸗ ie ſonſt ſt man 1 Jezt Sache und un⸗ ts alſo, daß es en, ſag haben liegt in der Natur einer Zeit, die mehr aufzuräumen, als zu bauen hat, daß ihre Wahrheiten mehr negativ als poſitiv ſind. Die Ritter vom Geiſte werden ſich klarer über Das ſein, wozu ſie ſich nicht verwenden laſſen, als über Das, was ſie von ſelber wollen. Die Gewiſſenscolliſionen, der Fluch unſrer Zeit, müſſen ſeltner werden. Ein Geiſtesbruder, der in ſeiner Ue— berzeugung gebunden iſt, wird ſich nicht zu Dingen hergeben, die ſeinem Schwure widerſprechen. Er wird für das Opfer, das er zu bringen hat, vom Orden ſchadlos gehalten. Die Apoſtaſieen, die Verfolgungen, in denen die Apoſtaten gehäſſiger ſind als Alle, wer⸗ den gebrandmarkt und ſeltener werden. Man wird nicht mehr eine Meinung für ſein Haus und eine für den Staat, eine für ſein Gewiſſen und eine für ſeinen Erwerb haben. Die Anlehnung an Gleichge⸗ ſinnte macht ſtark. Das Vorbild edler Männer reizt zur Nachfolge und eine unreine, niedrige Seele, die ſich des glänzenden Schildes der hohen und reinen Geſinnung bedient, wird nicht mehr Beſtand haben und Verwirrung unter die Kämpfenden bringen können. Wie der Tempes der Menſchheit beſchaffen ſein muß, um Raum für den Glauben reiner Herzen, für Freiheit und Glück des irdiſchen Lebens zu gewähren, kann man mit dem Griffel des Malers nicht anſchau⸗ ——— 334 lich machen. Aber der Architekt kann uns ſchon ſoviel ſagen, er wiſſe, was Harmonie, was Ebenmaß iſt, er wiſſe, was in den Grundbau und was in die Kuppel gehört. Die freie Preſſe iſt vom Fundamente, während das Recht der Arbeit in die Kuppel gehört. G Nicht was wir bauen, wiſſen wir; nur wie wir zu bauen haben, iſt uns klar nach ewigen und in der 1 Bruſt eingeſchriebenen Geſetzen. Der Tugendbund G unter Napoleon wurde nicht geſtiftet, um Deutſchland 1 dieſe oder jene Verfaſſungsform zu geben, nicht um dr den fremden Eroberer vom Boden des Vaterlandes zu verjagen, ſondern nur um diejenige Geſinnung zu hu erzeugen, die von ſelbſt auf die Vaterlandsliebe, die u politiſche Tugend und jene unausgeſprochnen Zwecke la führte. Wohlan! Auch die Ritter vom Geiſte kämpfen 0 nur für die endliche Vernichtung des von der Theorie E längſt verworfenen und in der Praris förmlich un⸗ ſi vertilgbar ſcheinenden Alten. Dieſer Bund ſoll auf⸗ d räumen und das raſch. 1d Der Katechismus der Grundwahrheiten des neun⸗ 1 zehnten Jahrhunderts iſt ſo groß nicht. Man hat be über des deutſchen Volkes Grundrechte ſich geeinigt,- man hat einſt in Frankreich die Menſchenrechte zu⸗ 6 ſammengefaßt, als die Revolution dort noch gehalten d und eine hiſtoriſche Offenbarung war. Die Grund⸗ N on ſoviel amaß iſ ss in die damente, el gehölt. ie wir zu d in der gendbund zutſchland nicht um ꝛterlandes nnung zu liebe, die en Zwele ekämpfen er Theorie mlich un⸗ ſoll auf des neun⸗ Man hal geeinigt rechte zl⸗ ) gehalte je Grund 335 rechte aller Völker ſind den Rittern vom Geiſte Grund⸗ pflichten. In ſchwierigen Dilemmen, die eine Tages⸗ frage wohl veranlaſſen könnte, würde unbedingter Ge⸗ horſam gegen die Vorſchriften des höchſten Ordens⸗ Kapitels unerläßlich ſein. Ein Orden muß nicht nur Organiſation, ſondern auch Symbole haben. Wohl weiß ich, daß künſtliche Grillen ein hiſtoriſches Wachsthum nicht erſetzen. Den⸗ noch war Alles in dieſer Art hiſtoriſch Gewordene das erſte mal auch nur ein begeiſterter Einfall. Als Jeſus bei Tiſche ſaß und zum letzten male mit den Seinen zur Nacht ſpeiſte, ergriff er das Brot und den Wein und ſetzte dieſe beiden ihm naheliegenden Zufälligkeiten als Erinnerungsſymbole ſeines Wirkens und ſeines Lebens ein, die heilig geblieben ſind. Er ſah ſein Ende in der Nähe, er gab das Brot zum Gedächtniß ſeines Lebens, den Wein zum Gedächtniß ſeines Todes. Das Kreuz am Mantel der Templer, ſo einfach, ließ dieſe bald erkennen. Die Deviſen des Mittelalters, die oft ein ganzes Geſchlecht durch alle Menſchenalter begleiteten, waren Eingebungen des Augenblicks. Ein Wappen entſtand zufällig und den Zufall heiligte die Gewohnheit. Die Freimaurerei i*ſt künſtlich erſonnen. Leſſing hat bewieſen, daß ihre Symbolik durch einen Wortwitz entſtanden iſt(Maſonie ſtatt Maſſenie) man 336 hat eine Symbolik ſich hier ſogar, wie man zu ſagen pflegt, aus den Fingern geſogen und ſie hat ſich er— halten. Ich will die Symbolik, die ich mir für die Ritter vom Geiſte erſonnen habe, nicht heute ſchon ausführlicher erörtern, nichts anführen von der Stu⸗ fenfolge der Grade und Aemter, die ich den alten Templern nachzubilden gedachte; ich will nur noch, da es zu ſpät wird, von dem dritten Punkte ſprechen, von den Mitteln. Ohne äußere Mittel fürcht' ich, kann auch dieſer Orden nicht beſtehen. Wohlthätigkeit, Unterſtützung der um ihrer Ueberzeugung Willen Leidenden gehört ganz eigentlich zu ſeiner Aufgabe. Die Gefahren, in die ſich der muthige Volkstribun, der gewiſſenhafte und überzeugungstreue Beamte ſtürzt, ſollen verringert werden. Der Jüngling ſoll nicht mehr zittern, einen Weg einzuſchlagen, der ihm vielleicht unmöglich macht, die Wahl ſeines Herzens an ſein Leben zu ketten, einen greiſen Vater, eine hinterlaſſene Mutter zu ernähren. Mit Freuden bieten wir Beide, Siegbert und ich, die Reichthümer, die uns vielleicht zufallen dürften, zu die⸗ ſem großen Zwecke dar. Es iſt leider nicht eine ein⸗ zige höhere Wahrheit in der Welt nachzuweiſen, die ganz ohne irdiſche Beihülfe zum Siege gelangte. Auch die Apoſtel lehrten: Schicket Euch in die Zeit, denn — in zu ſagen hat ſich e⸗ mir für die heute ſchon n der Stu⸗ den alten nur noch, te ſprechen, auch diſſer mnterſtützung nden gehört zefahren, in ewiſenhaft n veringett nen ttern, ei gich macht, feteen, einen u ernähren. und ich, de ften, 1 di⸗ t eine ti⸗ weſſen, ni ngte Auch Zeit, den 337 es iſt böſe Zeit! Als Mohammed anfangs eine entſagende Gotteslehre predigte, ſammelte er wenig über ein Dutzend Bekenner um ſich. Als er ſie mit irdiſchen Elementen miſchte und ſie auf die Stammesintereſſen der arabi— ſchen Häuptlinge bezog, wuchs ſein Anhang von Tag zu Tag um Tauſende und Abertauſende. Vom zwei⸗ deutigen Siege der Reformation ganz zu ſchweigen! Der Orden der Ritterſchaft vom Geiſte kann die Güter dieſes Lebens nicht entbehren. Der Gegner muß mit derſelben Waffe, die ihn ſo ſtark macht, beſtegt werden. Gleichviel, ob wir dem Orden eine harmloſere oder ſtrengere Symbolik geben, ob wir an die Jeſuiten oder die Freimaurer anknüpfen: der Staat wird uns ver⸗ folgen, er wird Alles aufbieten, uns mit Stumpf und Stiel auszurottten. Wie vermeidet man da wenigſtens das Uebermaß der Gefahr? Wie parirt man wenigſtens den Stoß des Gegners? Wir ſind fünf Bekenner; ſchließt ſich Egon von Hohenberg uns an, ſo ſind wir ſechs. Sechs brave Menſchen haben ſechs brave Freunde! Mit zwölf Apoſteln hält ſich eine Lehre. Kann uns das Kreuz dort über uns erſchrecken? Er⸗ muthigen ſoll es uns! Ich ſcheine Euch fortgeriſſen von meinem Gefühl, aber ich ſage Euch: der Tod ſchreckte mich niemals, wenn ich ihn mit einem Freunde erlitte. Die Templer ſtarben in Maſſe und ſangen freudig, Die Ritter vom Geiſte. VI. 22 vielſtimmig, todesmuthig aus den Flammen. Schon als Knabe tröſtete mich Friedrich von Baden, der neben mei⸗ nem geliebten Konradin auf Neapels Blutbühne ſtand. Sie ſtarben im Bunde, als Freunde, als Brüder. Doch denk' ich... bis zum Tode wird es nicht kommen und was die Gefangenſchaft betrifft, ſo wäre einer der erſten Paragraphen unſres Ordens Der, daß wir Die, die um den Orden leiden, zu befreien haben. Gelingt es auch nicht immer, ſo ginge doch Niemand in den Kerker, ohne daß die Ausſicht auf eine rettende Hand, wie die Apoſtel die Hoffnung auf Engel, ihn beglei⸗ tete. Eine Nebelgeſtalt in weißem Geiſtergewande, die Hoffnung wenigſtens, würde mit ihm durch die geöffne⸗ ten eiſernen Pforten ſchlüpfen und traulich ihn tröſten, wenn er über die Folgen ſeiner redlich erfüllten Or⸗ denspflichten muthlos verzweifelte und ihn nur das Eine emporhalten könnte: Die Ritter vom Geiſte wer⸗ den dich nicht verlaſſen, du wirſt ſie hören, ihre Nähe empfinden; ſie wachen über dich! Dankmar endete mit dieſen Worten und es trat eine lautloſe feierliche Stille ein. Schon als neben mei⸗ ühne ſtand. üder. Doch cht kommen re einer der ß wir Die, n. Gelingt and in den tende Hand, ihn begle⸗ ſewande, die die geöffne⸗ ihn tröſten, rfülten Or⸗ zu nur das Geife wel⸗ j, ihre Nühe Elftes Capitel. Das Geſpenſt. Hackert lag und horchte wie betäubt. Ergriff ihn ſchon die begeiſterte Einſetzung einer großen Thatſache an ſich, hatte ſein kühler, verneinender Sinn gehofft, man würde nun widerſprechen, alle dieſe Vorſchläge für unmöglich erklären, ſo beunruhigte ihn noch mehr, daß dies nicht geſchah, daß Niemand zweifelte, Niemand widerſprach. Schon begann man die nähern prak⸗ tiſchen Möglichkeiten dieſer Idee zu erwägen, als ſich Hackert, der faſt träumend, lauſchend und ſtierend da⸗ lag, von Schmelzing's Hand berührt fühlte. Was haben Sie? Wie ſehen Sie denn aus? fuhr Hackert erſchrocken auf. Aengſtlich, mit halbgeöffnetem Munde, ſtarrte Schmelzing in den dunklen Hintergrund und fragte lauſchend: Haben Sie nichts gehört? 22* 340 Sie hören Geſpenſter, die hinter dem Gelbſiegel⸗ lack da im Korbe ſtecken! Sie ſind überhitzt, trunken, Schmelzing! Scheren Sie ſich zum Henker! Schmelzing zeigte die lange Pergamenttafel, die er vollgeſchrieben hatte. Er ließ ſie auseinanderfallen, wie Leporello Don Juan's Regiſter. Sind Ihre Spitzbuben fort? fragte Hackert. Fürch⸗ ten Sie ſich jetzt, daß wir gehen werden? Indem hörte aber auch Hackert in der Ferne das Kniſtern eines Fußgängers auf den ſteinernen Fuß⸗ böden. Schmelzing bedeutete ihn zu ſchweigen. Kommen Siel winkte Hackert. Wir wollen ſehen, was Das iſt. Um's Himmelswillen nicht, ich bleibe hier, flü⸗ ſterte Schmelzing. Indem erloſch blitzartig auch das flammende rechte Kreuz, an dem Schmelzing die Geſpräche nachge⸗ ſchrieben hatte, ſodaß jetzt nur noch das mittlere leuchtete. Man ſprach unten lebhaft durcheinander und brauchte die Ausdrücke„Geheimbund“ und„Bun⸗ desglieder“ ſo oft, daß Hackert in Beſorgniß gerieth, Schmelzing würde wieder anfangen, an der richtigen Stelle zu lauſchen, während er doch jetzt glaubte, auf elbſtegel⸗ trunken, el, die er derfallen, Fürch⸗ erne das nen Fuß⸗ len ſehen, hiet, füü⸗ nde rechte nachge⸗ mittlere heinandel nd„Bun⸗ z geriet iichtigen nubte, auf 1 341 ſeinem Pergamente die wichtigſten Geheimniſſe dunkel⸗ ſchleichender Intriguen notirt zu haben. Ich ſchreie laut auf, ſagte Hackert, wenn Sie nicht kommen und mit mir dem Geſpenſt nachſtellen! Schmelzing legte ihm die Hand auf den Mund und flüſterte: Gehen Sie! Ich bleibe hier. Beſter Freund, Sie haben die Umtriebe eines Of⸗ fiziers, eines franzöſiſchen Emiſſairs und wie es mir ſchien, einer dritten hohen Perſon in der Taſche; nun kommen Sie und machen Sie mir auch eine Unter⸗ haltung. Ich ſpreche gern mit Geiſtern. Wir wollen das Geſpenſt anreden. Nicht um hundert Thaler, ſagte Schmelzing. Jetzt fiel von einem obern Fenſter, das in dieſe Halle führte, ſogar noch ein Lichtſchimmer. Schmelzing zuckte zuſammen.. Es ſteigt hinauf, zeigte Hackert, da! Ich wette, das iſt einer von den ruheloſen alten Johannitern, die durch den großen Wildungen'ſchen Proceß aus dem Grabe getrieben wurden und nicht anders erlöſt wer⸗ den können als durch einen ledigen Junggeſellen von vierzig Jahren, der eine weiße Halsbinde tragen muß und eine gelbe Weſte mit acht Knöpfen. Erlauben Sie, Schmelzing! Eins, zwei, drei.. 342 Damit zählte Hackert zu Schmelzing's Entſetzen deſſen Weſtenknöpfe. Schmelzing riß ſich von ihm los. Da! Dal rief Hackert. Eben ſah ich das graue Männchen! Da oben an dem Fenſter. Es ſteigt in's Archiv hinauf. Sehen Sie doch, Schmelzing! Es ſteht ſtill und grüßt Sie! Schmelzing, der alte Ritter kennt Sie! Er hat eine Nachtmütze auf und ſchwenkt ſie ganz ehrerbietig vor Ihnen! Danken Sie doch! Schmelzing wußte nicht, wie ihm geſchah. Er ſah nichts mehr. Selbſt der Lichtſchimmer in der Ferne war verſchwunden. In demſelben Augenblicke erloſch im Nu neben ihnen die dritte Flamme. Die Geſell⸗ ſchaft unten ſchien ſich gleichfalls entfernt zu haben. Es ſchlug ein Viertel auf zwölf Uhr vom Rathhauſe. Alles war dunkel und geſpenſtiſch ſtill um ſie her. Unwillkürlich faßte Schmelzing Hackert's Hand und flüſterte winſelnd: Nun wird's ſchön! Alles finſter! Wo haben Sie die Laterne? Kommen Sie nur! Wir haben ja Streichzünd⸗ hölzer! Was machen wir, daß wir davonkommen? Wir müſſen hier übernachten. Nein! Hier iſt die Laterne! Entſetzen s graue teigt in's ing! Es t Ritter ſchwenkt doch! Er ſah der Ferne fe erloſch Geſell⸗ 1 haben. alhhauſe her. Hand und aben Sie eichzünd, „ Wit en? W 343 Hackert zog Schmelzingen, als wollte er die La⸗ terne ihm in die Hand geben. In Wahrheit aber führte er ihn nur an die Treppe, die ſie herabge⸗ ſtiegen waren. Wo ſind Sie? Sie laſſen mich ja allein, Hackert! Gerade aus! Ich falle. Es iſt die Treppe! Steigen Sie doch! Die Laterne! Hier! Hier! Hackert beſaß auch in der Sehkraft etwas von Katzennatur. Er konnte ſich im Dunkeln orientiren. Es war ihm ein Leichtes, den Weg zurück zu finden, während Schmelzing taumelte, überall anſtieß und nur von Hackert's leitender Hand zurechtgeführt wer⸗ den konnte. Oben auf der Treppe ſagte Hackert: Ich ſteige jetzt höher, Schmelzing! Folgen Sie? Nicht um funßzig Thaler! Sie laſſen ſich ja ſchon handeln! Vorhin nicht um hundert? Kommen Sie! Nimmermehr. Ich beſchwöre Sie, Hackert! Hackert⸗ chen, führen Sie mich an die Thür. Wenn Sie zärtlich ſein können, Schmelzing, bin ich jedes Opfers für Sie fähig. Hier geht der Weg! Da! ————— 344 Den Fuß ausgeſtreckt! So! Die Stufen abwärts! Finden Sie ſich zurecht? Ja, Hackert! Hier iſt ja die Vorhalle. Bei Licht waren Sie ſo muthig. Sie müſſen ſchreckliche Sachen aufge⸗ ſchrieben haben. Das hab' ich! Par wird ſich freuen— Und wie! Halt! Was iſt? Hörten Sie nicht oben knarren? Eine Thür. Das iſt ein Ritter, der einmal gefänglich einge⸗ ſchloſſen war, weil er eine Nonne liebte, die blond war. Dieſe geiſtlichen Ritter durften keine Nonnen lieben, die blond waren. Kommen Sie! Ich höre Eiſen.. Wenn es zwölf ſchlägt, hört man den Ritter an der Kette klirren und die blonde Nonne ächzen, weil die auch noch nicht erlöſt iſt. Sie wartet auf einen Jüngling, der durch Zufall dreimal: Kommen Sie! ſagt! Wenn er zum dritten male hier über dem Raths⸗ keller ſagt: Kommen Sie! dann geſchieht etwas. Der unglückliche Schmelzing mußte nun, er wollte ———— n abwätts! waren Sie hen aufge⸗ glich einge⸗ die blond ne Nonnen Rüter an chzen, wel t auf einen % Sie! mmen E dem Rath etwas. er wolle 8 n, 345 oder wollte nicht, verſtummen. Selbſt ſein wiederhol⸗ tes: Kommen Sie! konnte ja nur Unheil bringen. Er zerrte Hackerten, der ihn völlig verwirrte, mit Ge— walt vorwärts. Sie werden noch in das Grab der Nonne fallen, die hier enthauptet worden iſt, flüſterte Hackert. Hier ſind alle Leichenſteine jetzt aufgedeckt. Nehmen Sie ſich in Acht. Schmelzing fürchtete ſich aber nicht mehr. Er ſah die offenſtehende Thür, die über die kleine Holztreppe in den Hof führte. Daß er ſie, als er den Ober— kommiſſair begleitet hatte, ſelbſt verſchloſſen und nun offen fand, entſetzte ihn freilich, allein er fühlte die Nachtluft, ſah den Himmel wieder und war ſchon im Begriff, die Holztreppe hinabzuſteigen. Jetzt, ſagte Hackert, irren Sie ſich, Schmelzing, wenn Sie glauben, daß ich eine nächtliche Viſitation dieſer Regiſtraturen irgend einem Geiſte oder Menſchen geſtatte! Im Hauſe iſt Jemand. Der Lichtſchimmer konnte Täuſchung ſein, das Kniſtern auf dem Sand⸗ ſteine konnte von den Ratten kommen, deren ich gräu⸗ liche geſehen habe— aus Schonung für Sie ſchwieg ich über die Augen dieſer Ratten, Schmelzing— aber dieſe Thür ſteht offen. Ich muß wiſſen, wer hier naächtliche archivaliſche Studien macht. 346 Laſſen Sie Das, bedeutete Schmelzing, der jetzt an der Luft in dem ſtillen Rathhaushofe neuen Muth geſchöpft hatte. Laſſen Sie Das! Man würde immer in die Lage kommen können, ſagen zu müſſen, was man hier wollte. Die Entdeckungen, die ich machte, ſind zu wichtig— Hackert hatte aber ſchon ſeine Stiefeln ausgezogen und ſie unter den Arm genommen. Was thun Sie? ſagte Schmelzing erſchrocken. Leben Sie wohl, Schmelzing! antwortete Hackert. Ich will die blonde Nonne, wenn es geht, ſelbſt er— löſen und zu dem Ritter dreimal ſagen: Kommen Sie! Schmelzing's Bitten half nichts. Hackert erſuchte ihn, hier wenigſtens an der Thür Wache zu ſtehen. Er war dann ſchon unterwegs, gleichviel ob Schmel⸗ zing blieb oder nicht. Auf den Socken ſchlich er ſich den Weg zurück, beſtieg wieder die Stufen, die emporführten und ſah ſich bei jedem Abſatze der Treppe um, ob er nirgends Lichtſchimmer entdeckte. Im erſten Stock ſah Hackert nichts. Auch im zweiten nichts. Im dritten über ſich hörte er das Knarren einer Thür. Er ſchlich vorſichtiger. Als er oben im dritten Stockwerk war, ſpähte er „der jeht euen Muth irde immer iſſen, was ſch machte, nusgezogen wocken. ete Hackert. , ſelbſt er mmen Siel tett erſuchte zu ſtehen. b Schmel geg zurüch en unb ſh zaends er nirgend Auch in danet Thül wwähte( — ſpa 347 nach dem Lichtſchimmer. Er entdeckte nichts. Er mußte ſich in Acht nehmen, weiter zu ſchreiten. Bei irgend einem Fehltritt konnte er von den verwahrloſten Brü⸗ ſtungen herabſtürzen. Er taſtete ſich weiter und prüfte erſt jeden Schritt mit einem Fuße, ehe er ihn mit beiden machte. Er war auf einem Gange. Nun hörte er hüſteln. Dies Hüſteln ſchien ihm bekannt zu ſein. In dem Augenblick mußte der nächtliche Beſucher dieſer Räume wol ſeine Laterne anders ſtellen. Die Seite des Lichtſchimmers fiel auf den Gang, auf dem ſich Hackert befand. Hackert fand ſich dadurch zurecht. Er kannte dieſe Räume, die er oft im Auftrage Schlurck's und in Begleitung des ſtädtiſchen Archivars, der ein ſehr vertrauter Freund des Juſtizraths war, beſucht hatte. Hier zur Linken ging es in die Aktenſamm— lung über vormundſchaftliche Angelegenheiten... Wie er näher kam und von einer dunklen Stelle aus in ein kleines Gemach ſehen konnte, erkannte er auf den erſten Blick ſeinen grämlichen alten Geg⸗ ſerr im Schlurck'ſſchen Hauſe, den vertrauten Rath⸗ geber der ganzen Familie des Juſtizraths, Bar⸗ uſch... Der nächtliche Forſcher im Archiv wandte hm zwar, in Papieren blätternd, den Rücken, aber ——— —— an ſeinem grauen Rock erkannte er den alten Schlei⸗ ſg cher ſogleich. Bartuſch blätterte eifrig in Akten, die er bald aus einem geöffneten Schranke herausnahm, bald wieder zurücklegte.. Anfangs glaubte Hackert, ganz erfüllt noch von Dankmar's Vortrag, tief ergriffen von der hohen Be⸗ deutung, die er jetzt den Anſprüchen der Wildungen'⸗ ſchen Familie beimeſſen durfte, daß Bartuſch, in Schlurck's Auftrage, vielleicht Papiere ſuchte, die auf einen für den Juſtizrath ſo wichtigen Proceß Bezug hätten. Dann aber ſagte er ſich: Warum beſucht er dieſe alte Regiſtratur bei Nacht? Was wäre dabei Geheimes und Aengſtliches zu beobachten? Er bewunderte den Muth Bartuſch's, der ſicher nd hier, der Schmelzing'ſchen Erzählung zufolge, ſchon un zum zweiten male erſchien. Sollte er, dachte er ſich, ſollte er die Abſicht haben, ſic Dokumente zu vernichten? Was ſucht er ſo eifrig? um Was ſchüttelt er ſo den Kopf? Iſt es nicht das rechte Papier, was er eben ſo emſig durchlas? ac Bartuſch ging an einen andern Schrank, an dem er ein Bund Schlüſſel probirte. Dieſe Schlüſſel gab ihm der ſtädtiſche Archivar! a alten Schlei⸗ Rer bald aus „bald wieder üllt noch von er hohen Be⸗ Wildungen⸗ Battuſch, in ſicte, die al Proceß Baul eſucht er die abei Geheinen hs, de ſih zufolge, ſhe gbſiht habe ſo eiftt er ſo ei — dds wac icht das 2 9 grank, an 349 ſagte ſich Hackert. Oder er ſtahl ſie ihm. Halt— die Rathsdienerin Spieß vielleicht? Oder ſie verab⸗ redeten ſich Beide, daß er ſie ſich ſelbſt nahm, und der Archivar ſo that, als ſähe er es nicht. Wenn Schlurck's Champagner ſtrömt, fließen alle Bedenk— lichkeiten mit ihm. Man iſt ja ehrlich, man wird ja nur betrogen! Schnöde Welt! Die Blinden gelten alle für gut und ſind meiſt die durchtriebenſten. Die Laterne war hinterwärts auf einem Fußſchemel ſtehen geblieben. Noch beſann ſich Hackert auf ſeine eigenen Erin⸗ nerungen an die Angelegenheiten der Häuſer und Lie— genſchaften, die Schlurck verwaltete, und malte ſich für gewiß aus, daß dieſer nächtliche Beſuch mit dem Johanniter⸗Proceſſe in Zuſammenhang ſtand, ſann und grübelte hin und her, ob er den Gebrüdern Wil⸗ dungen hier nicht auf's neue von Nutzen ſein könnte, als er erſtaunte, auf dem Schranke die Jahreszahl 1825 geſchriehen zu ſehen. Was konnte ein ſo junges Da⸗ tum mit jenem Proceſſe zu thun haben! Auch beſann er ſich, daß er ſich ſonſt hier immer ſach vormundſchaftlichen Papieren umgeſehen hätte. 1825! Es war ihm immer geweſen, als müßte dies ſein Geburtsjahr ſein! Obgleich er in den Angaben ſeines 350 Alters bald dieſe, bald jene Zahl nannte, liebte er doch die Zahl: 1825! Er kannte nichts von ſeiner Geburt, von ſeinen Eltern, nichts von ſeiner Heimat. Allein ſoviel konnte er berechnen, daß er, wenn er etwa ſechs bis acht Jahre alt war, als er aus dem Waiſenhauſe zu Schlurck gekommen, wol um das Jahr 1825 geboren ſein mußte. Nicht, daß er annahm, Bartuſch ſuche nach Pa⸗ pieren, die ihn beträfen. Aber etwas mächtig Verfüh⸗ reriſches lag darin, daß er gerade ſein vermeintliches Geburtsjahr, 1825, über dem Schranke erblickte. Sein Entſchluß ſtand ſo wie ſo feſt... Bartuſch hatte ein Papier in der Hand. Er über⸗ flog es und laut entfuhr ihm ein Ah! Das iſt es! Er las noch einmal, nickte dann mehrmals und wollte ſelbſtzufrieden eben den Schrank zuſchließen. Vorher ſteckte er das Papier in die linke Bruſttaſche. Eben ſchlug das Schloß in dem Schrank wieder zu, als er ſich plötzlich im Dunkeln fand. Bartuſch zuckte erſchrocken auf. Im Nu hatte ihn eine kräftige Hand umklam⸗ mert. Todesſchreck ſchnürte dem Alten die Kehle zu⸗ Er wollte ſchreien. Der Ton erſtickte ihm. Er fühlte eine Hand, die ihm das Halstuch faſt mörderiſch zu⸗ ſammen würgte. Aus ſeiner Bruſttaſche wurde von einem Unſichtbaren das eben gefundene Papier ent⸗ 772 ante, liebte er zts von ſeiner ſeiner Heimat er, wenn ei ls er aus dem wol um dae ſche nach Pa achtig Verfüt vermeintliche erblickte. Sei and. Er übe 1 Das iſt d nals und wol ljeße ſttaſche. 6 erzu, als e giie eiſchui 4 Hand umtler rdi Kche hm. E fü mötderiſh he wurde 1 ne Papiä n. Vortt 351 riſſen. Halb ohnmächtig, unvermögend zu ſchreien, lag Bartuſch rücklings auf der Erde. Der Gedanke an die Erzählung der Bibel von einem nächtlich auf dem Wege mit Jakob ringenden Engel mochte ihm in der grauen⸗ haften Einſamkeit eingefallen ſein. Kannte er die Er— zählung nicht, ſo war dieſer ungeahnte Ueberfall nicht minder ſchauerlich und geſpenſtiſch genug für ihn.. Schmelzing harrte inzwiſchen unten in der That noch ſeines Kameraden. Er fürchtete ſich, durch die mehreren Höfe und Durchgänge, die noch bis zur Schildwacht am Eingange des Rathhauſes zu durch⸗ wandern waren, allein zu gehen. Es ſchlug halb zwölf Uhr. An eins der leeren Weinfäſſer lehnte er ſich, um Luft zu ſchöpfen. Jeden Augenblick erwar⸗ tete er irgend einen Schrei im Innern des unheim⸗ lichen Hauſes, irgend einen Hülferuf zu hören. So ſtand er zitternd, bis Hackert plötzlich am Rande der Treppe erſchien. Pſt, Schmelzing! Wo ſind Sie? Hier! Leben Sie denn noch? Ha! Die Nonnen! Herr Gott!. Die Ritter! Die Geiſter! Fort! fort! Kommen Sie! Die blonde Nonne hatte wirklich keinen Kopf! Hackert! S 352 Sie kommt uns nach! Eilen Sie! Schmelzing, die Polizei erlebt mehr als gewöhnliche andere Menſchen. Grauenvoll! Damit zog Hackert den taumelnden, von der Luft und dem Wein und dem Schrecken an Hand und Fuß zitternden Schmelzing vorwärts. Die Höfe, die ſie im Flug durchſchritten, widerhallten. Durch einige Durchgänge mußten ſie an den Wänden ſich ſtreifend. Da und dort ein mattes flackerndes Lämpchen. Sie kamen an die offene Thür des Rathhauſes, die im⸗ mer von einer Feuerwache in der Flur, von einer Mi⸗ litairwache am Eingange beſetzt war. Die Feuerwäch⸗ ter kannten die beiden neuen Polizeiagenten hinläng⸗ lich und ließen ſie um ſo mehr paſſiren, als ſie über— dies noch eine geheime Parole ſagen konnten. Nach einer halben Stunde kam ein graues Männ⸗ chen durch den Hof geſchlichen, wandte ſich ächzend und ſtöhnend nicht durch den Thorweg auf die Straße, ſondern ſchlich ſich in eine offene Thür, wo eine Stiege zu einem Fenſter führte, in dem noch Licht brannte. Dort wohnte der Rathsdiener Spieß, der eine hübſche junge Frau hatte, die an Abenden, wo ihr Mann zu Pfändungen und gerichtlichen Executionen in der näch⸗ ſten Umgegend reiſte und zuweilen eine Nacht ausblieb, immer länger Licht zu haben pflegte als gewöhnlich. hmelzi ang, d die re Menſchen. von der Luft and und Fuß Höfe, die ſie Durch einige ſch ſtreifend. 1 Si pchen. Ste nſes, die im⸗ von einer N je Feuerwäch⸗ nen hinläng⸗ als ſe ibe⸗ anten. ral nes Nänn ſich ächzenn uf die S Straße vo eine iccht b brannie 4 ine zuſf Stiege Bartuſch, der das geheimnißvolle Wort der Po⸗ lizei nicht kannte, wäre ſchwerlich an der Feuer⸗ und Thorwache hindurch gekommen. Wir glauben, daß er mit dem Glockenſchlag zwölf ſich anſchicken wird, einen beruhigenden Thee zu trinken, den ihm die Rathsdie⸗ nerin gewiß mit größter Gefälligkeit kochen wird, da ſie und ihr Gemahl dieſem guten vielvermögenden Herrn Bartuſch einen ſolchen Poſten und hier in dem ehrwürdigen alten Rathhauſe die bequemſte freie Woh⸗ nung verdankten. Zwölktes Capitel. Der Sechste im Bunde. Am Morgen nach dieſem ereignißreichen Tage und der ihm folgenden ernſten Nacht finden wir die Brü⸗ der Wildungen in einem Geſpräch auf dem Sopha der „Akademie“. Die Akademie, wiſſen wir, iſt Siegbert's, die Aula iſt Dankmar's Wohnzimmer. Sie waren trotzdem, daß ſie ſo ſpät zur Ruhe ge⸗ gangen waren, früh awacht. Trotz des Weines, trotz der Reden, trotz der gewaltigſten Aufregung des Gei⸗ ſtes fühlten ſich die kräftigen jungen Männer nicht angegriffen.. Nur Siegbert konnte ſein inneres Leid nicht ver⸗ bergen. Biſt du unzufrieden mit mir, ſagte Dankmar, daß ich mich geſtern von dem traulichen Beiſammenſein ſo erregen ließ und ſo offen mit meinen Träumereien her⸗ vortrat? Sage mir nichts Weiſes darüber! Du kennſt Tage und vir die Wü⸗ Sexha de rs die Aula 5 gut Nuhe ge Weines, nol ng des Ge⸗ hänner nich d vicht ver ankmar, di aum ammenſein umereien in 1 Du kennt meinen Unmuth, wenn ich mich des Morgens beſinne, daß ich am Abend zu viel ſprach, zu eraltirt und zu offenherzig war. Mein ſchlimmſter moraliſcher... Siegbert ſtellte eben der Katze der Frau Schievel⸗ bein den Reſt ihrer Milch an die Erde und ergänzte: Katzenjammer! Katzenjammer! Was iſt Das nur! fuhr Dankmar fort. Gebrochene Wehmuth! Reue, die bei mir die Morgenſtunde mehr im Munde hat als Gold! Er legte die Cigarre fort, die ihm nicht ſchmecken wollte, und ſpitzte ſich Federn zum Arbeiten. Siegbert ſprach ihm Muth zu. Er ſagte, daß er ſich faſt gefürchtet hätte, als Dankmar mit ſeinem kühnen Plane ſo offen hervorgetreten wäre. Allein die Wirkung wäre auf Alle doch die mächtigſte geweſen. Und, ſetzte er hinzu, es ſend doch Das nur ge⸗ meine Naturen, die bei nüchterner Stimmung die Ent— ſchließungen nicht wahr haben wollen, die ſie in auf⸗ geregten Augenblicken faßten. Nur Die Menſchen ſind groß und bedeutend, bei denen ſich der Morgen erfül⸗ lend an den prophetiſchen Abend knüpft. Man vereinigte ſich nun darüber, daß die Freunde es aufrichtig gemeint hätten in ihrer Zuſtimmung zu Dankmar's Planen. Selbſt Leidenfroſt, der ihnen ſo plötzlich und rührend als Mar Brüning Enthüllte, 23* — 3⁵56 wäre ergriffen geweſen und hätte die blanke Revolutions⸗ idee preisgegeben, von der man ohnehin nicht wiſſe, ob er ſie im Ernſte oder humoriſtiſch verſtehen wollte. Des edeln Werdeck' Augen hätten geglänzt wie zwei funkelnde Sterne... jetzt in warmer, nicht mehr in kalter Winternacht, ſetzte Siegbert hinzu. Dieſe Na⸗ tur, ſonſt ſo verſchloſſen, wäre durch die Erinnerung und die Ahnung endlich aufgethaut geweſen und der Hände⸗ druck, den er den Freunden gegeben, als ſie auf der Straße ſchieden, hätte etwas Krampfhaftes, ja tra⸗ giſch Bedeutendes gehabt. Nur von Louis Armand mußten ſie ſich eingeſtehen, daß es ihm ſchwer wurde, ſich von den unmittelbaren Aufforderungen der poli⸗ tiſchen Sachlage zu trennen und jetzt mehr für die Zu⸗ kunft wirken zu ſollen als für die ihm der dringendſten Beihülfe bedürftig erſcheinende Gegenwart. Auch wär' er nach der Erzählung über Jagellona Werdeck plötz⸗ lich ſonderbar zerſtreut geweſen.. Aber du! Aber du! unterbrach Dankmar. Du kamſt ja ſchon verſtimmt und mit Geſpenſteraugen in die Sitzung... Verſtimmt nicht; nachdenkend! Du haſt etwas mit Olga gehabt? Siegbert ſchwieg. Wer ſah es dem Mädchen nicht an? Dieſe Fröhlich⸗ 4 tevolutions⸗ nicht wiſſe, ehen wollte. zt wie zwei cht mehr in Dieſe Na⸗ nerung und der Hände⸗ ſie auf der tes, ja tla⸗ uis Armand wer wurde, en der poli⸗ rfür die Zu⸗ dringendſten Auch wäl gerdeck plötz⸗ nkmal. ieſe Faiͤhli Du en in ſteraugen i' — keit, als wir ſchieden! Ihr kamt zum Geſang der Trom⸗ petta und der Flottwitz als Nachzügler aus dem dunkeln Garten. Ich ſah dir an, daß du zitterteſt. Olga glühte dagegen und hätte lieber ſelbſt tanzen mögen, als Tänze ſpielen. Wie ſie auf das Klavier ſchlug, merkt' ich, daß ſie die gewaltigſte Aufregung zu beherrſchen ſuchte. Die Situationen ſind doch immer unſer Fluch! Aha! Die Raketen waren zerplatzt, die Leucht⸗ kugeln flimmerten noch vor den Augen. Es wurde ſtill. Das Herbſtlaub raſchelte an den Bänmen. Die Sterne funkelten. Zwei Herzen liegen aneinander und jubeln: Himmliſcher, Sternengewaltiger, ſieh herab auf deine kleinen Kinder! Wir wollen uns lieben wie die Lämmerchen, weil deine Erde ſo ſchön iſt! Siegbert nickte mit ſchmerzlichem Ausdruck. Wenn es dich tröſten kann, ſagte Dankmar, ſo ſag' ich dir, daß ich faſt deinem Beiſpiele gefolgt wäre. Die blonde Reubündlerin iſt doch eine ſchwärmeriſche Natur! Es hätte nicht viel gefehlt, ſo hätte ich ſie im Vorüberflug an mein Herz gezogen, ihr einen demo— kratiſchen Kuß geſtohlen und ausgerufen: Soll uns denn unſer politiſcher Glaube trennen? Iſt Das das moderne Schickſal liebender Herzen, ſich fliehen zu müſ⸗ ſen wie die Capulet's die Montagues flohen? Deine ſelbſtgefällige Vergleichung mit Romeo trö— ——õ——õ 358 ſtet mich nicht, ſagte Siegbert nachdenklich. Du ver⸗ räthſt, daß mich nur eine Erregung der Sinne trei⸗ ben konnte, Olga in die Arme zu ſchließen und ihre Lippen zu berühren... Sinne! Sinne! Lieber Bruder, was ſind die Sinne! Todte Diener! Elende Sklaven! Der Vollmachtgeber iſt die Seele. Ich wenigſtens fühle wirklich etwas für meine Reubündlerin. Ihr Auge iſt feucht wie der See. Es zieht herab. Ihre Locken kann ich mir freier denken, hängender, weniger nach dem Lockenholz aufgerollt. Aber ihre Zähne ſind ohne Widerrede ſchön. Die Lip— pen kirſchroth⸗... Dankmar! unterbrach Siegbert. Du wirſt ein ſol⸗ ches Mädchen unglücklich machen. Ich hab' es wohl bemerkt, wie lange Fäden ihre Augen zu dir hinüber ſpannen! Faſt verzehrt, faſt lechzend nach Liebe! Du kommſt mir wie einer der Religionsſtifter vor! Alle zogen erſt die Frauen an. Aber ſie waren gewiſſen⸗ hafter als du und entſagten... Ihr Wuchs iſt untadelhaft— Hörſt du nicht? Aufrichtig! betheuerte Dankmar. Sie zieht mich an und gerade deshalb, weil ſie mein vollkommenſtes Gegenbild iſt. Sie hat etwas zerfloſſen Weibliches, wie ich es liebe. Die ſchönſten Weiber, Melanie an Du ver⸗ Sinne trei⸗ m und ihre die Sinne! machtgeber etwas für eder See. jer denken, aufgerollt .Die Lip⸗ rſt ein ſol⸗ t'es wohh dir hinihe giebe! Du „ Alle vor! ² n gewiſſe gieht nic tommenſte Weiblicg Melanie 9 359 der Spitze, machen mir keinen dauernden Effekt. Ich war von Melanie auch nur geblendet. Ich bedurfte ihrer. Ich weidete mich an ihrer Haltloſigkeit, ihrer eitlen Hingebung. Ich war auf Augenblicke entzückt und habe mich doch ſo von ihr getrennt, daß ich ſie mit der größten Ruhe ihrem Ziele, den Prinzen Egon nun wirklich noch zu erobern, zuſteuern ſehe. In der That? Wäre Das jetzt... ſchaltete Sieg⸗ bert voll Schmerz und doch überraſchtem Antheil ein. Melanie iſt, ſeit wir ihr an dem Eiſenbahndurch⸗ ſchnitt begegneten, ſehr oft bei Pauline von Harder. Egon ſpricht mit Wärme von ihr... Und Helene d'Azimont? Bahnt ihrem Gewiſſen eine Brücke, um von der Verzweiflung über Egon ſich zu neuem Leben wieder in eines Malers Armen zu ſammeln.... Eines Malers? Heinrichſon's? unterbrach Sieg⸗ bert entrüſtet, ſtand auf und ließ zuvörderſt die Katze hinaus... Du phantaſirſt! rief er dann ſchmerzergriffen über die Vorausſetzung, daß menſchliche Herzen ſolcher Lügen, ſolcher Irrthümer und Wandelungen fähig ſein ſollten. Mein guter Bruder! ſagte Dankmar. Pſychologie und etwas Schädellehre! Die länglichen, ſchlanken Formen des Ledamalers kennſt du... 369 Er wäre gewiſſenlos genug... Die runden Formen der d'Azimont bedeuten Das, was die Menſchen Gemüth nennen und was ich Lei— denſchaft und excentriſche Gegenſätze nenne. Bei einer gewiſſen Klaſſe von vornehmen Frauen ohnehin ſiegen erſt Die, die ihnen ebenbürtig ſind. Bei der erſten Furche auf der Stirn wählen ſie einen berühmten Mu⸗ ſiker zum Freunde, bei der zweiten einen berühmten Maler, und wenn es abwärts geht, findet ſich wol noch irgendwo ein flammender Naturpoet, der für ſeine lyriſchen Vokale einen Conſonanten braucht. Guido Stromer mein' ich z. B. könnte noch bei Paulinen von Harder Glück machen und Heinrichſon's Nachfol— ger werden. Abſcheulich! Abſcheulich! rief Siegbert, mehr von den bizarren, menſchenfeindlichen Anſichten des Bru⸗ ders entrüſtet, als an die Möglichkeit ſolcher Verbin⸗ dungen glaubend. Und Adele Wäſämskoi, fuhr Dankmar unbarm⸗ herzig fort, liebt die Fürſtin nicht auch einen Maler? Warum ſollte Helene d'Azimont nicht an Heinrich Hein⸗ richſon Erſatz für Egon— Siegbert hielt dem grauſamen Spötter den Mund zu. Er konnte ſeine Anſchuldigung nicht vollenden. Abſcheulicher! ſprach er dann voll ernſten Unwil⸗ deuten Das, vas ich Lei⸗ Biei einer nehin ſiegen ider erſten bmten Mu⸗ berühmten dt ſich wol er für ſeine cht. Guldo ei Paulinen r's Nachfol⸗ t, mehr von 1 z Bru⸗ n des cher Velbin⸗ ar unbarm⸗ 1 -r) nen Maler: inrich Hei den Nun vollenden. nſten Unwie 361 lens. Wie ſpielſt du mit Frauenherzen! Irren dieſe ſchwachen Weſen, ſo ſind ſie bemitleidenswerth und die meiſte Schuld trifft uns. Daß Egon Helenen nicht mehr liebt, iſt wol gewiß. Es iſt ein ſchmerzlicher Beweis der Umkehr ſeines Charakters. Dieſe Hingebung, dieſe Liebe Helenen's war ein Wunderwerk, eine Fabel, unglaublich und doch wahr. Lauſchte ſie nicht ſeinem Athemzuge, betete ſie ihn nicht an? Was ſoll ein Weib beginnen, das nun einmal im Manne lebt und ſich von der Seele des Geliebten dann ausgeſchloſſen ſieht, nur angewieſen auf einen Pflichttheil der Ach⸗ tung und öffentlichen Schonung! Kann man Hele⸗ nen verdenken, daß ſie Egon ſtatt zu lieben, wird haſſen lernen?. Und daß ſie dem Prinzen einen berühmten Maler gegenüberſtellt? ſagte Dankmar. Das iſt nicht wahr! Verleumdung! Heinrichſon zeichnet mit ihr die Erinnerungen an den See von Enghien, er übermalt ihre ſchwachen Leiſtungen, zu denen ſie die Liebe ſpornte, ohne daß ſie die Kraft be⸗ ſaß, Das, was ihr in voller Seligkeit der Erinne⸗ rung vorſchwebte, zu vollenden. Er iſt einſchmeichelnd, das iſt wahr, iſt verführeriſch, charakterlos. Ich zweifle nicht, daß er ſich von ſeiner brillanteſten Seite zeigt, ſie mit Artigkeiten überhäuft, ſie durch eine ſcheinbare 362 Zurückhaltung verwirrt und durch ſeinen trockenen, zu⸗ weilen geiſtreichen Witz unterhält... Nun... nun... und dem Allen widerſtände ein beleidigtes Frauenherz und benutzte es nicht, um dem Treuloſen zu zeigen: Sieh! Da weckt' ich doch noch neue Flammen! Siegbert ſchauderte und blickte faſt vernichtet zur Erde. Es war ein zu greller Schatten geweſen, den Dankmar da auf die Menſchenſeele fallen ließ. Lieber Bruder, ſagte Dankmar ruhig und ergriff Siegbert's Hand. Ich wünſche, daß ich mich immer täuſchte, wo du anders und gläubiger ſtehſt. Du ſiehſt die Dinge ſchön und warum ſollt' ich nicht wünſchen, daß die Menſchen gut, ihre Thaten ſchön ſind! Aber kannſt du leugnen, daß dich die Fürſtin Wäſämskoi liebt, daß ſie zittert, in deiner Nähe zu ſein, daß ſie Augen nur hat für dich, daß ſie in Zorn geräth, wenn Olga dich eine Weile anblickt? Und du ſelbſt, Siegbert, biſt du frei von der Einwirkung dieſes eigenthümlichen Verhältniſſes? Es macht dich unluſtig zur Arbeit! Du tändelſt deine Zeit ſo hin! Du be⸗ ginnſt nichts Neues mehr, vollendeſt nichts Altes! Geſtehe nur, daß es in deinem Innern bewegt und bunt genug ausſieht. Siegbert ging im Zimmer auf und ab. Er fühlte el nie cenen, zu⸗ viderſtände nicht, um t ich doch nichtet zur hſen, den leß. und ergiif nch immer Du ſiehſt wünſchen, ind! Aber Gäſämoko n, daß ſi mn geräl du ſelbſt ng dieſe h unluſtig — Du be hus Alts mwegt un Erfüh 363 nur zu tief die Wahrheit dieſer Vorwürfe und wider⸗ ſprach ihnen nicht. Du haſt Recht! ſagte er leiſe und mit feuchten Augen und ſetzte ſich neben den Bruder, das Haupt auf die alte Sophalehne ſtützend. Du haſt Recht!... Rathe mir! Liebſt du die Fürſtin? fragte Dankmar. Siegbert antwortete nicht... ſchüttelte aber zuletzt entſchieden ſein ernſtes Haupt. Und Olga? Siegbert ſchwieg wiederum und blickte zur Erde nieder. Du haſt vielleicht, fuhr Dankmar, um die drückende Stimmung zu erleichtern, ſcherzend fort, du haſt viel⸗ leicht ein Gefühl wie ich geſtern. Der Gegenſatz reizt, die Ungleichartigkeit der Naturen ſtachelt? Sage mir lieber, unterbrach Siegbert, was du empfindeſt, ſeit du weißt, daß der Knabe, der deinen ſo hochverehrten Ackermann begleitete, kein Knabe, ſon⸗ dern ein Mädchen iſt? Dankmar ſah betroffen auf. Du biſt ſcharf, erwiderte er nach einer Weile. Ich glaube, wenn ich mich im Spiegel unterſuchte, ich würde finden, daß ich erröthete. Bin ich roth geworden? Blaß und marmorgelbgraukalt wie immer, ſagte Siegbert vorwurfsvoll. ———— — Dann lügt mein Geſicht! antwortete Dankmar. Ich kann mich an meine Freunde im Ullagrunde nie ohne tiefſte Erregung gemahnt ſehen. Ich ſage ge⸗ mahnt! Denn, wenn ich ihrer gedenke, iſt's nicht Er⸗ innerung nur, ſondern wie Vorwurf. Selma und Olgal ſagte Siegbert. Was darf man für ſo beginnende, noch im grünen Kleide verſteckte Knospen fühlen? Chrfurcht! ſagte Dankmar. Heilige Scheu! Oft verſink' ich in ein ſtilles Grübeln. Ich bin dann im Walde von Hohenberg, in der Ferne rauſcht die Mühle, der Specht hackt im Baume, die Vögel ſingen, ich ſchreite mit Selma durch die junge Eichenſchonung. Sie ſpricht ebenſo heiter, ſo klar, ſo nachdenkend wie damals, als ich nicht wußte, welch' ein Zauber mich zu ihr zog. Wie mag Selmar als Mädchen ſein? Ich träume davon. Wenn ich gearbeitet habe und aufblicke, ſteht ſie vor mir in leichtem weißen Kleide. Sie iſt immer um mich. Ich ſcherze ſchweſterlich mit ihr. Weißt du unſer kleines Schweſterlein? Die holde Mechtild! Wie liebten wir ſie! Wie herzten wir das liebe Kind und weinten, als es im Sarge lag mit Blumen beſtreut! Selma iſt mir wie Mechtild. Und wenn ich ihrer gedenke, ſo ſenken ſich alle Spitzen meines We⸗ ſens, wie man die Waffen ſenkt, wenn man ſich ge⸗ 365 danmar.. fangen gibt. Ich denke dann an Nichts mehr von grunde ie Dem, was mich ſo foltert und quält. Unſer Streit⸗ h ſage ge⸗ handel, die Weltlage, die Zeitfragen, die Stiftung des snicht Ordens... was iſt das Alles, wenn ich an Selma denke! Sie kommt dann und nimmt mir Schild und Speer s darf man aaus der Hand, ſie legt das Schwert unter Blumen, e verſteckte entwaffnet mich ganz und ſitzt dann auf meinem Schooß und herzt mich und küßt mich, ohne daß die Küſſe heu! Oft mich erregen oder mir etwas Anderes bedeuten als n dann im eins ihrer traulich geſprochenen Worte. Selma! Wenn die Müͤhle ich ſie ſehen könnte! ſingen, ich Du liebſt ſie, Bruder! ſagte Siegbert in ſeine Nähe enſchonun) rückend. Wie kannſt du von den Lippen Wilhelmi⸗ denkend wie nen's von Flottwitz ſprechen! gauber mit Aber! ſchaltete Dankmarraſchein. Selma iſt ein Kind, hie ſein wie es Olga iſt. Genug! Wir wollen vernünftig ſein. t habe nnd Er ſtand auf und wollte, ſeine Gefühle, wie er hßen Kleide immer that, abſchüttelnd, in die„Aula“ gehen, als eſtelich m der Poſtbote eintrat und einen Brief brachte. Er kam Ddie hoh von der Mutter. Siegbert las die ſonſt ſo feſte Hand⸗ di doslt ſchrift, die ihm heute ſchwankend ſchien. Die Mutter nit Blum wird leidend ſein! bemerkte Dankmar erſchreckend. 4 wemit Das verhüte Gott! ſagte Siegbert und durchflog aes Wdie Zeilen. meined? d 14 1 109 Sie klagte in der That. Auch ihr wollte der Aufent⸗ nan Ma 366 halt in den großen kalten Räumen des alten Tempel⸗ hauſes nicht bekommen. Sie ſprach von der Rückkehr alter Leiden und beängſtigte ihre Söhne ſo lebhaft, daß Siegbert ſich die bitterſten Vorwürfe machte. Was haben Eltern von ihren Kindern, ſagte er, wenn dieſe ſelbſtſtändig geworden! Jedes Band iſt da wie abgeſchnitten! Der flügge Vogel iſt aus dem Neſte und denkt nicht mehr daran, zu den trauernden Alten zurückzukehren. Dankmar, nicht minder bewegt, kleidete ſich an und beruhigte den Bruder, daß es leicht möglich werden könnte, er müſſe noch in dieſem Herbſte nach Angerode. Ob ich nicht ſogleich lieber ſelbſt ginge? ſagte Sieg⸗ bert und wiederholte einige Stellen aus dem Briefe der Mutter, die ihm ganz beſonders bedenklich ſchie⸗ nen. Du weißt, daß ſie nicht zu Denen gehört, die von ſich ſelbſt viel Aufhebens machen. Sie beſchloſſen bei dieſer Gelegenheit, die Mutter, wenn das Trauerjahr im Pfarrhauſe vorüber wäre, zu ſich in die Reſidenz zu nehmen, wobei ſie ſich frei⸗ lich nicht verſchweigen konnten, daß ſie ungern ihren Bitten nachgeben und den Aufenthalt innerhalb ihrer gewohnten kleinen Lebensbeziehungen vorziehen würde. Auch Siegbert hatte ſich angekleidet. Beide Brü⸗ der waren im Begriff auszugehen. Siegbert gedachte h — ten Tempel⸗ er Rückkeht ſo lebhaft, machte. u, ſagte er, Band iſt da dem Neſte uden Alten ſich an und gich werden h Angerode ſagte Sieg⸗ dem Brief enklich ſchi gehon, d die Mukter „zor wäre, rüͤber wah — 3674— das Atelier zu beſuchen und heute dort länger zu arbei⸗ ten, als er ſchon ſeit geraumer Zeit gewohnt war. Dankmar dagegen wollte auf's Gericht, um zu hören, ob der richterliche Senat die, wie er ſchon wußte, ihm ungünſtige Entſcheidung des Referenten beſtätigt hätte. Es lag ihm daran, die genauere Ausführung des Ur⸗ theils zu hören und ſich vorbereiten zu können, in zwei⸗ ter Inſtanz neue Materialien zu ſammeln. Wie ſie aus dem Hauſe traten, ſahen ſie Louis Armand haſtig die Straße daher kommen. Schon in der Ferne zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktaſche und hielt es in die Höhe. Louis brachte die neueſte Nummer des„Jahrhun⸗ derts“, das ſeit einiger Zeit auch in einer Morgen⸗ ausgabe erſchien. Egon— fing er ſtammelnd an, ohne weiter ſpre⸗ chen zu können— Egon— Die Brüder ſtaunten über ſeine Erregung. Das Miniſterium hat abgedankt. Es hatte eine Differenz von funfzehn Stimmen gegen ſich. Aber der Fürſt? fragte Siegbert. Stimmte mit der Minorität, ſagte Louis. Miniſteriell? Mehr als miniſteriell! Leſen Sie ſeine Motivirung! 368 Man trat in die offene Flur des nächſten Hauſes, breitete die Zeitung auseinander und las: „Fürſt Hohenberg. Meine Herren, Sie wol⸗ len in dies Haus eine Ordnung einführen, die eine Tyrannei iſt und allen Geſetzen des Anſtandes wider⸗ ſpricht. Ich billige vollkommen, wenn Sie ſagen, in dieſem Hauſe wären Sie die Herren und die Herren Miniſter nur Ihre Gäſte; ich theile durchaus nicht die Anſicht der Herren Miniſter, denen dies Verhältniß umzukehren beliebt. Allein, wer ſich vorgeſetzt hat, nur ſeinen eigenſten Ueberzeugungen zu folgen, wird unfähig ſein, ſich in dieſer Frage auf irgend einen Par⸗ teiſtandpunkt zu ſtellen. Die Miniſter haben That⸗ ſachen zu vertreten, während Sie nur Meinungen. Ein Miniſter kann in jedem Augenblick in der Lage ſein, einen neuen Brennſtoff in die Debatte zu werfen... Eine Stimme. Oel in's Feuer! Fürſt Hohenberg. Wohl! Mein Herr! Oel in's Feuer! Daß es lodere, daß es flamme, daß die Wahrheit heller erkannt werde! Und wenn hier ein Miniſter des Abſolutismus oder ein Miniſter in der Blouſe ſtünde, er müßte das Recht haben, die furcht⸗ bare und leider meiſt unwiderſtehliche Kraft der ihm anvertrauten Thatſachen zu vertreten, zu geſchweigen, meine Herren, daß die einfachſten Geſetze des Anſtandes hſten Hauſes, en, Sie wol⸗ ren, die eine tandes wider⸗ Sie ſagen, in d die Herren aus nicht die Verhältniß vorgeſetzt hat folgen, wind nd einen Pan haben That inungen. n der Lage ſi zu werfen⸗ Herr. 5 nme, daß enn hiet lniſter in! in, die fut raaft deri u geſchwih des Auſla * 4 G 1 1 Demjenigen, den man bei ſich eingeladen hat, das letzte Wort zuzugeſtehen. Ich ſtimme gegen den Antrag der Commiſſion.(Bewegung. Bravo. Ziſchen.)“ Es iſt acht Uhr, ſagte Dankmar, nach einem Augenblick des Erſtaunens raſch auflodernd, wollen wir Egon beſuchen? Ich muß es thun, ſagte Louis; ich hab' ihm ver⸗ ſprochen, Bericht zu erſtatten von unſerm geſtrigen Abend, an dem er Antheil zu nehmen ſchien, als ich ihm davon erzählte. Wenn ihn irgend ein Gedanke ergreifen kann, ſo ſollte es dieſer hochherzige! Egon iſt ja ſchon ein Ritter vom Geiſte... denn Sie ſehen, wie er ſich vom Buchſtaben der Partei losſagt. Dieſer Buchſtabe, bemerkte Dankmar auf eine ſo zweifelnde, ſchmerzliche Wendung, iſt leider in Ueber⸗ gangskriſen, wie wir ſie jetzt erleben, der Geiſt ſelbſt. Wer nicht die Kraft hat, ſelbſt eine Partei zu bilden, muß ſich bezwingen, die Zahl Derer, die ihm am verwandteſten denken, durch ſeine Zuſtimmung zu ver⸗ größern. Die edelſte Aufgabe meines Bundes wird auch die ſein, die Kunſt zu lehren und zu üben, Majoritäten zu bilden. Wir wollen zu Egon gehen. Als die Freunde eine Seitengaſſe einſchlugen, be— ſtätigte Louis auf's neue, wieviel Sorgen ihm der hoch⸗ Die Ritter vom Geiſte, VI. 24 ** — 7 ——— — 370 geſtellte Freund mache. Seit vierzehn Tagen ſchiene er an einem tiefen Kummer zu leiden und wäre nicht mehr der Alte. Leider hätte dieſe Verſtimmung zur Folge, daß er alle ſeine alten Pläne aufgäbe und nur noch dem Ehrgeize lebe. Louis erzählte von Wieder⸗ herſtellung eines verwitterten Wappens über ſeinem Palais, eine Unternehmung, die Siegbert noch mit den Worten entſchuldigte: Warum ſoll er das Wappen vermodern laſſen? Entweder mußte die ſteinerne Tafel ganz abgenommen oder reſtaurirt werden. Aber man hörte von Vermehrung der Bedienung, von neuen Livreen nach engliſchem Schnitte, von einer verſchwen⸗ 6 deriſchen Anwendung des Hohenberg'ſchen Wappens 1 auf Briefcouverten, Büchern, Tellern, Pferdegeſchira⸗ ren u. ſ. w. Unſre Freunde geſtanden ſich, daß die 1 ſonſt ſo demüthigen Blicke der Diener impertinent ge⸗- worden waren. Die Wandſtabler's, die ſich ſchon f anſchickten, das Haus zu verlaſſen, rümpften die Naſe, b als wollten ſie ſagen: Unſre Zeit bricht wieder an! 1 Die Art der Anmeldung bei Egon wäre umſtändlich,’ complizirt, erkältend, noch ehe man ihn ſähe. Er er⸗ de weiſe ſich herzlich nach wie vor, aber er wäre zer⸗ ſtreut... oder ein Kummer drücke ihn, den Niemand n errathen könne... d Man war bei dem Thema über Helene d'Azimont 1 jggen ſchiene d wäre nicht immung zut ſäbe und nun von Wieder⸗ üͤber ſeinem ert noch mit das Wappen einerne Tafel „Apbet man von neuel 6 verſchwen⸗ een Wappene gferdegeſci ſih, daß d npertinent 9 ie ſich ſten yften die Naſe gt wieder an umfändlit he. Er 9 ſä er wätk i den Niemd „Aaimot ene d 1 371 angekommen und ſchwieg. Der Weg zum Palais war noch nicht zurückgelegt. So knüpfte man an den geſtrigen Abend an und Louis Armand ſprach nun aus, was er geſtern zurückgehalten hatte. Alſo nur der Geiſt ſoll triumphiren? ſagte er. Nur der Gedanke ſoll uns frei machen? Wir ſollen uns alſo die Hand reichen über Länder und Völker hinweg? Anfangs, meine Freunde, fürchtete ich, die Idee der Ritter vom Geiſte würde auf jene Sekte hinauskommen, die ſich in Paris unter dem Namen der neuen Templer begründet hat. Ich war Zeuge einer Sitzung dieſer neuen Templer. Es find Affen alter Ceremonien, ſchwache eitle Copieen der Frei⸗ maurer. Sie ſcheinen keinen andern Zweck zu haben, als ſich, wie auf der Maskerade, im Coſtüme des Mittelalters zu brüſten, gut zu eſſen, ſich mit großen fabelhaften Titeln zu beladen, und alle dieſe Narr⸗ heiten entſchuldigen und beſchönigen ſie dann mit einigen Phraſen über Menſchenliebe, Wohlthätigkeit, den ewigen Frieden, die Fraternität der Nationen und die Ehrwürdigkeit aller Religionen! Mit Egon war ich bei einer dieſer Sitzungen zugegen und ſchon da⸗ mals ſagte er: Das Streben, auf die überlieferte Ordnung, in der wir geboren werden, gleichſam eine ſeue zu pfropfen, die Ordnung einer eigenen Wahl, 24* 3ʃ72 iſt gewiß ehrenwerth, aber wie müßte es doch groß⸗ artiger und heroiſcher ausgeführt werden! Sagte er Das? Ich kenne die Statuten dieſer neuen Pariſer Templer, ſchaltete Dankmar ein. Egon rief damals aus, fuhr Louis Armand fort: Welche Affen, welche Komödianten! Ich ſehe mit klaren Augen die alten Templer auf dem geweihten Boden Paläſting's mit den Sarazenen im Kampfe, Hugo des Payens ſchwingt ſein tapfres Schwert, ich ſehe Tauſende hinſiechen an der Peſt, ich ſehe den Sturm auf Ptolomais und den Tod der letzten Ritter, die das Caſtell des Tempels vertheidigen, der Groß⸗ meiſter ſtirbt an einem vergifteten Pfeile— ich ſehe Jakob von Molay in den Flammen, Hunderte ihm vorangehen, Hunderte folgen und nun da... dieſe Advokaten, Börſenmäkler, Banquiers, Quackſalber, Polizeiagenten, die ſetzen ſich da in weißen Mänteln mit dem rothen Kreuz in befiederten Barets hin und eſſen Auſtern und Paſteten zum Zweck des allgemei— nen Weltfriedens, der Bruderliebe und der Gleichar⸗ tigkeit aller Religionen... pfui, welche Gemeinplätze und welche Poſſenreißer! Siegbert ſah unwillkürlich zu Dankmar hinüber und lächelte. Beruhige dich, lieber Bruder! erwiderte dieſer. ———— — ͤ 7 s doch groß⸗ atuten dieſer ar ein. Armand fott: ſch ſehe mi m geweihten im Kampfe, Schwert, ich ich ſche de letzten Ritta⸗ n, der Groß lee ic ſt hwe Hunderte üh d dies Quadhſale eißen grets hin un des allgem der Gläic — Gemeinpl rmar hül rwiderte Mäntt 11 Das gemeinſchaftliche Eſſen iſt ausdrücklich aus un⸗ ſern Statuten verbannt. Die Ritter vom Geiſte wer⸗ den ſogar in Betreff des Trinkens mäßiger ſein müſſen, als wir es geſtern Abend waren. Ich ſpüre Kopfweh. Doch glaub' ich faſt, es kommt von der Nähe des Palais da, das ich gar nicht mehr mit den alten frohen Empfindungen ſehen kann, mit denen ich es ſonſt begrüßte. Sonſt ſchien es mir die häßliche Rau⸗ penhülle eines Schmetterlings zu ſein, jetzt gehört es zu dem Beſitzer ſo organiſch, ſo faſt nothwendig hinzu, wie das Haus zur Schnecke. Schon ſeit einigen Tagen begrüßten die Diener ihres Herrn Freunde nicht mehr mit der Furcht und Ehrerbietung wie ſonſt. Dankmar flüſterte den beiden Begleitern zu, daß ſut wäre, wol auch ſolche äußeren Zeichen zu beachten und ſie bei Egon zur Sprache zu bringen. Nur Dorette Wandſtabler, die Aelteſte, war beſonnen und wußte ſich zu beherrſchen. Sie unterließ, als ſie den Ankommenden auf der Treppe begegnete, nicht im geringſten die Beweiſe äußrer Achtung. Louis erhielt ſogar von ihr im Vorbeigehen zugeflüſtert, es wäre ſoeben vom Hofe ein Brief in Roſa⸗Umſchlag angekommen. Ein Brief in Roſa⸗ Umſchlag, wiſſe ſie noch vom alten Fürſten her, käme aus dem Cabinet des Königs. Ein Brief vom König? bemerkte Louis und ſah die Brüder fragend an. Man wird ſeinen Rath begehren! ſagte Siegbert. Und Dankmar ſetzte hinzu: Man wird ihm das Miniſterium anbieten. Indem hatte ſie ein neuer Kammerdiener ſchon gemeldet und kam mit dem Beſcheide, daß Sr. Durch⸗ laucht ſie bäte, eine Viertelſtunde zu warten. Er zöge ſich an. Sr. Majeſtät hätten ihn um zehn Uhr auf's Schloß beordert. Die Freunde betrachteten ſich bedeutungsvoll und harrten im Vorzimmer. Sie ſprachen nichts. Es war ihnen, als wären ſie im Begriff, von einer geliebten Perſon für ewig Abſchied zu nehmen. Dieſe Bilder, Statüen, Vaſen, die hier ringsum ſtanden, hatten ih⸗ nen früher nur flüchtigen Eindruck gemacht. Es war ihnen immer geweſen, als wenn dieſe Gegenſtände weit unter ihnen ſtänden. Heute blickte ſie Alles vornehm und faſt verachtend an. Eine alabaſterne Tänzerin, auf einem Säulenpiedeſtal von Marmor, ſchien ihnen zu ſagen: Wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr hier? Der Geiſt des alten Generalfeldmarſchalls ſpukte um ſie her und wies ihnen mit ihrer nicht hierhergehörenden Geſinnung faſt die Thür. Endlich wurden ſie vorgelaſſen.. ¹² uis und ſah Sie trafen Egon in gewählteſter Toilette. Sein Haar war friſirt, der Kinnbart mit großer Sorgfalt gte Siegbert behandelt. Es lag etwas Imponirendes in dieſer ſcho⸗ nen jugendlichen Geſtalt, deren mit der Krankheit ſehr ieten. hochgewordene Stirn recht den Denker verrieth. Die diener ſchon Augen waren ein wenig eingefallen, blitzten aber aus Sr. Durch⸗ den tiefern ſchattigen Höhlen nur um ſo feuriger, voll n. Er zöge Geiſt und Anregung hervor. Um den Mund lag un⸗ n Uht aufs verkennbarer Muth und ſchnelle Entſchloſſenheit aus⸗ geprägt, doch milderte ein gefälliges Lächeln den all⸗ ungsvoll ud zuſtrengen Ernſt der Züge. Auf dem Frack glänzte ts. Es var zum erſtenmale der Stern des Großkreuzes vom Ver⸗ ner gelelte dienſtorden, das ihm der König bei ſeiner erſten Vor⸗ Dieſe Bide ſtellung am Hofe, vor etwa zwölf Tagen, ſelbſt mit n, hattm 9L den huldvollen Worten überreicht hatte: Er hätte üt. Eeva ſämmtliche einheimiſche Orden des großen Helden, tündemi ſeines Vaters, bei Seite gelegt, und hoffe, ſie mit der n. 1 z vorneh Zeit einen nach dem andern dem Sohne wieder ein⸗ ne aben händigen zu können. Es war dies eine Artigkeit ge— ne dlld ſchien ihnen b weſen, durch die Egon zu Nichts verpflichtet wurde. , Sie galt ſeinem Stande und gehörte faſt zur Etikette t he eeiner ſolchen Präſentation. pulte 1 n Ich bin zum König gerufen, ſagte Egon und be— ergehöl grüßte die Freunde wie ſonſt durch den alten Hand⸗ ſchlag. Was habt Ihr beſchloſſen? Ich höre nichts 376 mehr von Euren Plänen! Ihr feiert Weinleſen, ſeht Schwärmer praſſeln, macht ſchönen Mädchen den Hof, während ich Armer den Dunſt unſrer ſchlechten Oel⸗ beleuchtung in der Kammer einathmen muß. Sieg— bert, wie geht es der kleinen Olga? Ihr Glücklichen! Sie und du, Dankmar... was ſeid Ihr beneidenswerth! Die eine Hälfte der ſchönen Welt ſpekulirt auf Eure Million und die andere tröſtet ſich, wenn es nichts damit iſt, doch wenigſtens mit zwei liebenswürdigen Männern kokettirt zu haben! Und Louis hat auch ſeine ſtillen Freuden und ſieht lyriſch aus! Ich wette, er wetteifert ſchon wieder mit Béranger und Lamartine. Ihr ſeid nicht aufrichtig, Alle, Alle ſeid Ihr's nicht! Vor dem neuen Miniſter des Innern, bemerkte Dankmar, wird man bald keine Geheimniſſe mehr haben. Egon blickte auf Dankmar mit einem eigenthüm⸗ lichen, ſichern, lächelnden Blick. Glaubſt du, ſagte er nach einer Pauſe, glaubſt du, lieber Freund, daß ich deshalb, weil ich geſtern Abend einmal meiner eigenen Grille folgte, nun auch gleich die Grillen des Hofes wahrmachen werde? Es iſt gefährlich, eigene Grillen zu haben, bemerkte Dankmar mit kalter Ruhe. Wenn man ſich von ſei— nen Freunden trennt, werden die Feinde der Freunde immer glauben, einen Verbündeten zu haben. feinleſen, ſeht chen den Hof, chlechten Oel⸗ muß. Sieg⸗ rGlücklichen! neidenswerth! irt auf Eure nn es nichts benswürdigen zat auch ſeine Ich wette, d nd Lamartine: Ihr nicht ern, bemelke ſ mehr haben m eigenthün auſe, glautſ eil ich geſten nun auch gten 1 werde! l den bemet mſich von „der Felll zaben Und ſie werden ſich täuſchen in dieſem Glauben, lieber Dankmar, ſagte Egon ruhig. Ich glaube in der That, daß man die Abſicht hat, mir heute um zehn Uhr im Schloſſe ein Portefeuille anzuhieten. Ich werde ein Programm ſtellen. Erlaubt man mir nach dieſem Programm zu regieren, ſo werd' ich das Por⸗ tefeuille annehmen! Die Lage des Hofes, erwiderte Dankmar, iſt nicht von der Art, ein Programm, wie du es mit Ehren nur ſtellen kannſt, annehmen zu können. Dies Wort verletzte Egon ſichtlich. Doch behielt er ſeine Mienen in der Gewalt und fragte Siegbert und Louis, ob ſie gemeinſchaftlich frühſtücken wollten? Ich habe, ſagte er launig, den Keller meines Va— ters revidirt und gefunden, daß da unten viel Poeſie verſteckt lag. Wie ich die Etiketten las: Alicante, Feres, Marſala, welche Vorſtellungen weckt Das! Man fühlt ſich in die Gegenden verſetzt, wo dieſe ge— kelterten Trauben einſt am Stocke hingen, man ſieht das Ultramarin des ſüdlichen Himmels, man hört die Woge des Meeres an den hohen ſteinigten Ufern branden und ſtreckt ſich unter Palmen⸗ und Oliven⸗ bäumen hin und träumt dolce far niente. Damit klingelte Egon und beſtellte ein Frühſtück. Unten im Pavillon, ſagte er. Aber raſch! raſch! ——— 378 Bringt, was Ihr zur Hand habt und Alicante und Teres! Der Kammerdiener flog. Ich kann mir denken, ſagte Egon, daß Euch meine geſtrige Abſtimmung überraſcht hat. Ich kann mir aber nicht helfen. Ich muß ſo reden, wie ich fühle. Tretet nur einmal in eine dieſer Vorberathungen der Parteien, hört dieſe blinde, tolle, ſich überſtürzende Haſt der Menſchen, die die Parole austheilen, ich wette, Ihr haltet es mit aller Eurer Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, Partei halten zu müſſen, nicht drei Tage aus. Ich hielt es vierzehn Tage aus. Aus der Partei der Linken bin ich ausgetreten. Und welcher Seite des Centrums ſchließeſt du dich an? fragte Dankmar. An keine. Nicht einmal an den Club Juſtus? ſagte Dank⸗ mar immer erregter. An dieſen am wenigſten, antwortete Egon. Was ſoll ich daſitzen und dies Durcheinander der Intriguen hören! Alles ſoll Taktik und immer Taktik ſein, an die Thatſachen denkt Niemand. Sie ſitzen und zählen Stimmen. Immer iſt Einer unterwegs, der bald zu der, bald zu jener kleinen Fraktion läuft und ein Com⸗ promiß beantragt: gebt uns acht Stimmen für Das, Alicante und Euch meine hkann mir ſe ich fühle. hungen der berſtürzende theilen, ich leberzeugung nüſſen, nicht eaus. Aus geſtdu dic , ſagte Dank⸗ ggon. Was er Jutriguen ſo geben wir Euch acht Stimmen für Das... o pfut, ich habe dieſe Methode Politik zu treiben ſatt. Es iſt ein kleiner Schacher, kein großer Handelsgeiſt, der dort herrſcht. Ich will von heute an ſtimmen, wie ich denke. Die Freunde konnten dieſen Entſchluß eigentlich doch nur billigen, befürchteten aber, daß ſich Egon iſoliren würde. Nein, ſagte Egon, es gibt Männer genug in der Kammer, die unter dem Druck der vorlauten Intri⸗ gue ſeufzen. Sie Alle ſehnen ſich nach Befreiung. Sie werden ſich mit Freuden unter dem Banner ſchaa⸗ ren, das irgend ein Retter der geſunden Vernunft auf⸗ ſteckt. Ob ich dieſer Retter ſein werde, weiß ich nicht! Will man ſich mir anſchließen, wohlan, da iſt meine Hand! Aufſuchen werd' ich Niemand! Ariſtokratiſch oder bequem? fragte Dankmar mit feinem Lächeln. Egon ſchien an dieſer Alternative keinen Anſtoß zu nehmen. Im Gegentheil ſagte er: Entſinnſt du dich unſres erſten Geſpräches im Walde hinter dem Heidekrug? Wohl! ſagte Dankmar. Damals trugſt du eine Blouſe. Allerdings würde ich jetzt dieſelben Anſichten, von einem Fürſten in geſterntem Fracke vorgetragen, ———— 380 vorſichtiger auffaſſen. Du protegirſt die Zeitung: das Jahrhundert. Man nennt den Ton derſelben doctri⸗ nair. Die Doctrinaire ſind die Ariſtokraten der Idee. Beruhige dich, Freund, erwiderte Egon, ich werde auch nicht mit den Profeſſoren ſtimmen. In einer Zeit des Handelns iſt Niemand überflüſſiger als Der, der ewig nur räth und lehrt. Aber kommt! Kommt! Es iſt bald neun Uhr! Wir gehen in den Pavillon! Durch mehre Zimmer, Cabinete, einen Corridor und dann eine kleine Wendeltreppe herab führte Egon die Freunde nach jenem geheimnißvollen Pavillon ſei— nes Vaters. Niemals hatte er gern von dieſem Orte geſprochen, die Freunde niemals veranlaßt, ihn zu be⸗ ſuchen. Heute ſprach er von ihm wie von einer ſei⸗ ner gewöhnlichen Retraiten. Die Freunde folgten ihm in einer eigenen beklkommenen Stimmung. Sie fühl⸗ ten, es war zwiſchen ihnen und dem jungen Fürſten nicht mehr wie ſonſt. Die Unbefangenheit fehlte, der Duft des Verhältniſſes war verflogen. Sie fühlten, daß er ihnen nicht wehthun, ſie in ihren Grundſätzen nicht verletzen wollte, und nichts verletzte ſie doch mehr, als gerade, daß ſie ſahen, wie er ihnen auswich und durch Artigkeiten und Scherze den tiefern Bruch zwi⸗ ſchen ihnen zu verdecken ſuchte. Siegbert hatte noch den meiſten Glauben, oder er fühlte in Dem, was Zeitung: das eſelben doctri⸗ ten der Idee. on, ich werde In einer Zeit als Der, der Kommt! Cs avillon! nen Corridor führte Cgon Pavillon ſei⸗ dieſem Orte t ihn zu be⸗ von einer ſe⸗ efolgten ihm a Si jihl 9 4 ngen Fütfe eit fehlte de Sie fühlten, Grundſähen ſe doch mehr. auswich un Bruch z t hatte noch Dem, wan ihn ſonſt drückte, nicht den Zwang dieſer Scenen, denen er doch nur halb beiwohnte. Seine Phantaſie weilte bei Olga, bei der Vorſtellung, wie er ihr nun heute begegnen, ihr in's Auge ſehen ſollte! Louis war erſchüttert. Dankmar verſtimmt. Er ſtand ſogar einige male auf der Wanderung nach dem Pavillon ſtill, als ob er ſich beſänne, zu folgen und nicht beſſer thäte, ſich heimlich zu entfernen. Sie hatten die kleine Wendeltreppe hinter ſich. Ein Bedienter, der an ihrem Fuße harrte, ſtieß zwei Thor⸗ flügel auf, die in ein Veſtibül führten, das rings mit Blumen geſchmückt war. Zwei Victorien von Bronze hiel⸗ ten den Eintretenden Kränze entgegen. Der Fußboden war mit bunten, dichtwollenen Teppichen belegt. Hin⸗ ter den Victorien rauſchte ein Vorhang auf von ſchwe⸗ rem, rothem Sammet. Man befand ſich in einer Ro⸗ tunde. Rings an den Wänden Spiegel mit Gold⸗ leiſten und neben ihnen Candelaber. An den Wänden eine einzige Ottomane rundum, unterbrochen nur von den Eingängen in kleine durch Vorhänge unterſchiedene Cabinete. Als ſie über die ſchweren Teppiche hinſchritten, ſagte Egon: Ich entſinne mich, daß Ihr zum erſten male hier ſeid! Seht da die Erfindungsgabe meines Vaters! 382 Von der rechten Seite hier bis zur Linken ziehen ſich kleine allerliebſte Gemächer. Ueber jedem iſt in Wachs⸗ malerei angegeben, wozu die Beſtimmung der Gemächer dienen ſoll. Hier über dem Vorhang der erſchöpfte Mars. Amor nimmt ihm die Waffen ab. Es iſt das Entrée eines Badezimmers, das ſich hier nebenan be— findet. Die badende Nymphe macht es kenntlich. Da— neben ſitzt Pan und bläſt auf ſeiner Flöte, während Tritonen aus Hörnern Waſſerſtrahlen ſpritzen. Ich weiß nicht, welche Tändeleien für das dritte Cabinet beſtimmt waren. Ueber jenes vierte ſeht Ihr Hebe mit der Kanne und einem Teller ſchweben. Wahr⸗ ſcheinlich iſt in der Kanne Nektar und auf der Schale Ambroſia. Soviel weiß ich, daß in dieſem vierten Cabinet vortrefflich geſpeiſt worden iſt und ſich die Ambroſta als die Prarxis eines guten Pariſer Kochs zu erkennen gab. In dem fünften waltete die Nach⸗ mittagsruhe. Es iſt das Cabinet der türkiſchen Pfei⸗ fen. Der talentvolle Künſtler, der dieſe Medaillons über die Thüren malte, muß in Verlegenheit geweſen ſein, die türkiſchen Pfeifen in den Kreis ſeiner my⸗ thologiſchen Allegorieen einzuführen und doch hat er ſich ſehr artig geholfen. Seht die drei ſchönen Mäd⸗ chen, die über einem todten von Flammenglut umge⸗ benen Knaben weinen und die Hände ausſtrecken. Sie en ziehen ſich iſt in Wachs⸗ der Gemächer der erſchöpfte Es iſt das nebenan be⸗ mntlich. Da⸗ te, während priten Ich ritte Cabinet Ihr Hebe ben. Wahl⸗ f der Schale jeſem vierten und ſch die arſſer Koch te die Nach riiſhen Wfe⸗ Medaillons heit gewiſe ſauner m doch hat e hänen M lut umge- ang Fje trecken.* . ſammlungen, die ich Euch nicht zeigen mag. Und hier verwandeln ſich eben in Pappeln und die Thränen, die ihnen entfallen, flimmern von dem gelben Schein des Knaben gelb... Recht geſchickt! ſagte Siegbert. Der gelbe Knabe iſt der ſoeben von der Sonne herabgeſtürzte Phaethon. Die Schweſtern beweinen ſeinen Fall und verwandeln ſich in Pappeln. Ihre Thränen, die in dem gelben Scheine des verſengten von der Lichtmaterie des Son⸗ nenballs gedörrten Phaethon gelb erſcheinen, ſind der Bernſtein. Richtig, fuhr Egon fort und dieſe Sage vom Ur⸗ ſprung des Bernſteins paßt in der That für ein Ca⸗ binet mit türkiſchen Pfeifen, deren Spitzen von Bern⸗ ſtein ſind. Ich kenne den Maler nicht. Es iſt unſer herrlicher Berg ſelbſt, ſagte Siegbert, der dieſe Wachsmalereien fertigte. Sie ſind berühmt. Ich bekomme Chrfurcht vor dem Geſchmack meines Vaters, des alten Haudegens. Seht da, das ſechste Cabinet hat als Medaillon eine Nymphe, die ſich im Waſſer ſpiegelt und ſich dabei ſelber kopirt, mit einer Stecknadal nämlich auf einem großen Feigenblatt, das ihr ein Satyr hinreicht. Seht den Satyr mit dem Feigenzweig! Wie zierlich und ſchalkhaft die ritzende Nadel auf dem Blatt! In dieſem Cabinet ſind Bilder⸗ . 384 im ſiebenten und letzten Cabinet befindet ſich ſogar eine Bibliothek verbotener Bücher. Mein loyaler Papa war ein eifriger Sammler in dieſem Fache der Litera— tur, das der Maler in jenem Medaillon kenntlich machte: Ein Faun ſitzt und lehrt Amor ſchreiben. Der kleine Junge weint, weil die Feder vielleicht kritzelt oder ihm die Mühe zu ſauer wird. Der Faun lieſtebehaglich, was Amor geſchrieben hat. Die beiden Tauben, die ſich über dem Buſch, wo die Schulſcene paſſirt, ſchnä- beln, drücken das Thema der hier geſammelten wilden Literatur aus. Inzwiſchen waren die Diener gekommen und hat⸗ ten in das vierte Cabinet ſilberne Schüſſeln, Körbe, Servirbreter, Flaſchen getragen. Der Kammerdiener ſchlug den Vorhang zurück. Egon forderte die Freunde auf einzutreten. Ein zierliches, behagliches Gemach umfing ſie. Die kleine gedeckte Tafel in der Mitte widerſtrahlte von Kryſtall und Silberzeug. Die nach außen zu unſchein⸗ baren Fenſter waren durch ein zweites Fenſter ver⸗ deckt, das von innen vorgebogen werden konnte, ein Fenſter von mattgeſchliffenem Milchglaſe mit eingefug⸗ ten Lithophanieen. Die Seſſel waren außerordentlich bequem mit Lehnen von blau⸗ und weißgeſtreiften Gur⸗ ten. Von derſelben Farbe waren ringsum Ottomanen. ſch ſogar aler Papa er Litera⸗ h machte: Der kleine oder ihm behaglich, aben, die t, ſchnä⸗ en wilden und hat⸗ , Körbe, mmerdiener je Freunde rahlte von unſchein⸗ niſter ver⸗ onnte ein rorden en Gul⸗ fften Gu ttomanen Ein Gemälde an der Wand erwies ſich alsbald als Flötenuhr und ſpielte mit reingeſtimmtem Glockenton die Gnadenarie aus Robert dem Teufel. Der ein⸗ fachere Charakter dieſes kleinen Cabinets entſprach ſei⸗ ner Beſtimmung; denn in einem Eßzimmer ſollen die Sinne des Auges nicht durch eine überladene Staffage zerſtreut werden. Egon machte den Wirth mit gewohnter Freund⸗ lichkeit. Drei galonnirte Diener, ſchon in Bereitſchaft mit nach Hofe zu fahren, ſervirten in weißen Hand⸗ ſchuhen. Es war ein Ton in das Hausweſen ge⸗ kommen, gegen den Egon früher ſelbſt proteſtirt hatte und der ſich nun ſeit etwa vierzehn Tagen von ſelbſt verſtand. Seine Gäſte aßen nur wenig. Sie machten ſich Vorwürfe, ihn jetzt, wo er ſeine Gedanken zuſammen⸗ zufaſſen hätte, noch aufzuhalten. Dankmar fragte ihn ſogar, ob er das Programm ſchon fertig hätte... Seit Jahren denk' ich darüber nach und ſchrieb es in zehn Minuten nieder! erwiderte Egon. Und darf man nicht einen der Paragraphen erfahren? Ich werde dem Hofe Bedingungen ſtellen, die er niemals eingehen kann. Denn leider haben dieſe be⸗ drängten Machthaber ſchon eine ſolche Furcht, von der Sprache unſrer Tage abzuweichen, daß ſie eher Die Ritter vom Geiſte. VI. 25 — 386 die Richtung, die ſie ſelber fürchten, an's Ruder brin⸗ gen als etwas Neues zu verſuchen. Dies vortreffliche Dejeuner, bemerkte Dankmar ſar⸗ kaſtiſch, iſt wenigſtens Bürgſchaft, daß du keine ſo ſpartaniſchen Vorſchläge machen wirſt, wie ich zuwei⸗ len deinen Ideen abgelauſcht habe. Welche Rolle wird denn in dieſem Programm die vielbeſprochene Arbeit ſpielen? Dieſelbe Arbeit, ſagte Egon mit ruhigem Ernſt, die ich immer pries, wird auch in meinem Programm die Hauptrolle haben. Ich kenne nur den Staat der Pflichten. Einer Zeit gegenüber, die nur ewig von den Rechten der Menſchheit träumt, muß man es offen ausſprechen, daß die Pflichten es ſind, deren gewiſſenhafte Erfüllung allein die Rechte gewährleiſtet. Wenn Alles von ſeinen Rechten ſpricht, wo bleiben die Pflichten? Nur da, wo Jeder bereit iſt, zu geben, was er geben muß, nur da kann ein freudiges Empfangen und ein reichliches ermöglicht werden. Das, was uns überliefert iſt, iſt des Menſchen erſte Lebensbedingung. Ich bin der Thor nicht, der da auftreten und das Unrecht deshalb vertheidigen wird, weil es überliefert iſt. Dem Unrecht als ſolchem dien' ich nicht. Aber auch in dem überlieferten Unrecht liegt eine Menſchen⸗ pflicht und ein Menſchenrecht. Die Tradition iſt die ider brin⸗ kmar ſar⸗ keine ſo ch zuwei⸗ olle wird ie Arbeit n Ernſt, rogtamm Staat der wig von man es d, deren aͤheleiſtet o bleiben zu geben, nfangen was uns dingung. und das berliefet tt. Abet Nenſchen⸗ n it de Aufgabe, die wir friedlich löſen ſollen. Die Tradition iſt das Chaos, das wir zu lichten, der Knoten, den wir zu entwirren haben. Wer darf auftreten und mit dem Schwerte alle dieſe Schwierigkeiten durch⸗ hauen? Ich verlange, daß man das Leben reformirt nach einer überlieferten Geſtaltung, d. h. die Methode des neuen Lebens muß das Leben ſelber ſein. Ich werde Jedem, der trotzig von ſeinem Rechte ſpricht, auch eine Pflicht entgegenhalten, dem Armen, wie dem Reichen, dem Niedrigen und dem Vornehmen. Ich fürchte, bemerkte Dankmar unerſchütterlich, daß dieſe Grundſätze dem Hofe und den kleinen Cirkeln, die am Ende doch Alles regieren, zu allgemein ſein werden. Man wird ganz einfach den Verfaſſungs⸗ entwurf der frühern radikalen Miniſterien nehmen und dich fragen, was du mit ihm zu thun gedenkſt? Ich bin auch darauf gefaßt, ſagte Egon. Ich nehme dieſen Verfaſſungsentwurf nicht an. Ich er⸗ kläre, ihn nicht vertheidigen zu können. Ich habe die Vorſtellung von einer andern Urkunde unſres geſell⸗ ſchaftlichen Paktes. Von unten herauf, vom Zweck der geſitteten Geſellſchaft aus, muß der Aufbau voll⸗ endet werden. Damit wirſt du den kleinen Cirkeln nicht gelegen kommen, bemerkte Dankmar faſt erſchrocken über dieſe 25* 388 Kühnheit. Dieſe wollen nur einen überlieferten hiſto⸗ riſchen Staat, der in die traurige Lage gekommen iſt, zu den ſchon berechtigten Gewalten eine neue Berech⸗ tigung, das Volk, mit hinzuzulaſſen. Man ſtreitet dort nur über das Maß von Freiheiten, das man an die neuen ſtürmiſchen Dränger abzulaſſen gedenkt. Wenn du von der Ueberflüſſigkeit z. B. einer erſten Kammer ſprächeſt, würdeſt du ſogleich bemerken, daß alle Hofdamen, die Euer Geſpräch belauſchen dürften, die Naſe rümpfen werden. Ich bin für eine erſte Kammer, ſagte Egon. In der That? bemerkten erſtaunt die Freunde. Jede Frage verlangt eine doppelte Erwägung. Pro⸗ metheus und Epimetheus, Das iſt eine alte Wahrheit. Aber ich verwerfe das nur geſchichtliche Element, das die erſte Kammer bilden ſoll. Ich verlange von der Geſetzgebung zwei Inſtanzen. Die eine ſoll die der Intereſſen, die andere die der allgemeinen Freiheit ſein. Um ein Beiſpiel zu geben, würd' ich gleichſam in die erſte Kammer die Meiſter, in die zweite die Geſellen bringen. Unſer ganzes Wirken iſt aus den Faktoren des Beſitzes und Erwerbes, des Stabilen und des Strebſamen zuſammengeſetzt. Ich verachte die Sta⸗ bilität der Beamtenwelt, des Geldſackes, ſelbſt die der Geburt einzelner vornehmer Geſchlechter. Ich erkenne rten hiſto⸗ ömmen iſt ue Berech⸗ an ſtreitet das man gedenkt. ner erſten tken, daß ndürften, Fgon. reunde. ung. Pro⸗ Wahrheit. ment, das e von der lI die der riheit ſen am in die — Geſellen Faltoten und des die St⸗ iſt die der ch erkenne nur die Arbeit als das Princip des Staates an, ſchließe das Kapital als arbeitende Potenz, eine Lüge, völlig aus, anerkenne nirgendwo die todte Hand, auch die todte Hand des Beſitzes nicht, ich anerkenne nur die lebendige, individuelle Arbeit. Meine erſte Kammer beſteht aus den Bevollmächtigten der poſitiven Inter⸗ eſſen der einzelnen Arbeitsbranchen des Lebens, meine zweite aus den Bevollmächtigten gleichſam des arbeit⸗ gebenden Publikums. In der erſten wird gleichſam der Zunftzwang, in der zweiten die Gewerbfreiheit ſitzen. Ich laſſe nicht nach Ständen, Städten, Cen⸗ ſus und ähnlichen Unterſcheidungen wählen, ſondern in die erſte Kammer nach den ſpeziellen Thätigkeits⸗ branchen des Lebens, in die zweite nach dem öffent⸗ lichen Bedürfniß. Es iſt möglich, daß in meiner zwei⸗ ten Kammer Fürſten und Grafen, in meiner erſten Blouſenmänner ſitzen. Das kommt auf Eins heraus, fiel Dankmar lä⸗ chelnd ein. Man würde dieſe Einrichtung allenfalls bei Hofe und in Petersburg als einen Druckfehler entſchuldigen können. Doch nicht, lieber Freund, ſagte Egon, ſich bekämp⸗ fend. Das Wahlprincip der zweiten Kammer faſſ' th numeriſch. Das Publikum iſt unbeſchränkt. Nur ei⸗ nige Modificationen mit Anſiedlung und Bürgerrecht, 390 ſonſt iſt jedes Staatsglied Wähler. In die erſte Kam⸗ mer ſetz' ich Die, die die Träger des Staates ſind, die fleißigen Hände. Erſchrickt der Hof vor Pairs, die keine Glaceehandſchuhe tragen, ſo iſt die Zeit dieſer Ideen noch nicht gekommen und ich ziehe mich gern zurück, um das Chaos zu beobachten, bis unſre Zeit gekommen iſt. Louis und Siegbert waren von dieſen Auseinan⸗ derſetzungen überraſcht und freuten ſich der noch immer ſo ſtark in ihrem hochgeſtellten, nun zu ſo glänzender Laufbahn berufenen Freunde nachwirkenden alten volks⸗ thümlichen Einflüſſe. Dankmar aber äußerte ſich entſchieden zweifelnd und bemerkte: Ich habe, mein verehrter Freund, ſeit ich dich ken⸗ nen lernte und du mir einſt ſagteſt, unter dieſen Spie⸗ geln und Kronenleuchtern würd' ich einmal noch in dein tiefſtes Innere blicken, nie anders von dir ge⸗ dacht als bedeutend und groß. Etwas Gewöhnliches wirſt du niemals bieten. Allein ich fürchte ſehr, daß ſich bei dir eine alte Erfahrung beſtätigt. Die Rich⸗ tung der Zeit iſt wie der reißende Strom eines Fluſſes, der aus einer ſeeartigen Breite plötzlich in engere Ufer tritt. Man wird fortgeriſſen. Die Zeit läßt ſich durch einen Einzelnen nur in den ſeltenſten Fällen beſtimmen. erſte Kam⸗ ates ſind, or Paird, Zeit dieſer mich gern unſre Zeit Auseinan⸗ och immer glänzender uten volks⸗ zweifelnd dich ken⸗ iſen Spie⸗ l voch in n dir ge⸗ vöhnliches ſehr, daß die Ric⸗ es Fuſſe ngere lfe ſich durch beſtimmen 391 Dieſe Begriffe von Links und Rechts, von Liberal und Conſervativ ſind in der That furchtbar einſeitig, und jeder geiſtreiche Kopf, der poſttiv denkt und nicht von einer bloßen Manie der Neuerung getrieben wird, lei⸗ det unter der gegenſeitigen Ausſchließlichkeit dieſer An⸗ titheſen; allein dieſe Antitheſen ſind einmal die größ⸗ ten Tyrannen unſrer Zeit. Man glaubt, ſie beherrſcht, ihre Klippen vermieden zu haben, und ſcheitert an ih⸗ nen. Die Umſtände zwängen uns immer wieder in die alten Schattirungen: Schwarz oder Weiß! Licht oder Schatten! Und ſieh! Wenn ich mir dächte. Dankmar ſprach nicht weiter; denn ſie wurden unterbrochen. Einer der Bedienten brachte dem jun⸗ gen Fürſten, den die Aeußerung Dankmar's von dem Blick in die Vergangenheit unter den Spiegeln und Leuchtern dieſes Pavillons ernſter geſtimmt hatte, ein zierliches Billet. Ueber die Methode, Briefe auf ſil— bernen Tellern zu überreichen, hatte Egon früher ſelbſt gelacht. Heute fand dieſe Abgabe ganz in dieſer ko⸗ miſchen Form ſtatt. Cgon erbrach das Billet und ſchien zerſtreut, ver⸗ ſtimmt. Die Gräfin ſind ſelbſt da! ſagte der Bediente. Nein! Nein! rief Egon. Ich bin unter meinen Freunden. 4 392 Ich ſagte es. Ich fahre zum König. Eben deshalb, ſagte die Gräfin. O Gott! O Gott! ſchrie Egon auf. Er begleitete dieſen Ruf mit Gebehrden wie ein wildes verwunde⸗ tes Thier. Er ſprang auf und warf das Billet den Freunden hin, daß ſie es leſen ſollten. Entſchuldigt mich! ſagte er. Lebt wohl! Damit verſchwand er, noch die Serviette in der Hand, die er zornig zerknitterte und unterwegs mitten in der großen Rotunde von ſich warf. Die plötzlich verlaſſenen Freunde ahnten, daß ihn die Gräfin d'Azimont abgerufen hatte. Siegbert, dem das Billet am nächſten lag, nahm Anſtand, es zu leſen. Auch Louis meinte, er könnte nichts hören, was von dieſer Hand käme. Dankmar fand es wenigſtens nicht erlaubt, das Briefchen liegen zu laſſen. Warum wollen wir einen letzten Beweis von Freund⸗ ſchaft, den wir noch von Egon empfingen, nicht ehrend entgegen nehmen? ſagte er. Die drei Freunde ſchwiegen erſchüttert. Sie traten in die große Rotunde. Das von oben herabfallende begleitete erwunde⸗ Freunden tte in der gs mitten daß ihn ag, nahm ren, was rubt, das n Freund⸗ cht chrend et naun gbfallende Licht erhellte den Raum hinlänglich, um die kleinen zarten Schriftzüge leſen zu können. Sie lauteten: „Ich ſterbe! Du wühlſt den Dolch in meiner Bruſt! Zertritt mich ganz! Sage mir nur, daß ich mich unter den Huf deiner Pferde werfe. Dann iſt's doch aus! Aus! O Gott, ſchenke mir Wahnſinn! Tod oder Wahnſinn! Egon, ich beſchwöre dich... ſei Menſch! Entſetzlicher! Foltre mich nicht! Laß mich ſterben! Morde mich! Nur Entſchiedenheit! Erlöſung, Licht, mindeſtens die Freiheit des Todes!“ Die drei Freunde ſahen ſich entſetzt an. Sie fühlten, daß Dies der Verzweiflungsſchrei einer Frau war, die ihr Alles an Egon geſetzt hatte und wahrſcheinlich fühlte, daß ſie ihm von keinem Werthe mehr war. Die Genugthuung für Louis Armand hätte damit vollſtändig erreicht ſein können, wenn ſein fühlendes Herz eines ſo kalten Triumphes fähig geweſen wäre. Arme Louiſon, ſprach er, du haſt nicht gewollt, daß der Genius der Liebe ſo dein Andenken rächt Und doch, ſagte Siegbert, den dieſe Worte der Schweſter Adelen's tief in's Herz ſchnitten, doch iſt Chanhf unglücklicher als Helene! Ein Weib geliebt haben und herausſein aus dem magnetiſchen Rapport, der in ihr noch voll und glühend nachwirkt, 394 während man ſelbſt erkältet, überſättigt iſt... Das iſt Qual! Man will nicht verwunden, man will nicht lügen... Man hat ein Herz und darf ihm nicht folgen... Armer Egon! Der Schmerz, mit dem er aufſtand, war furchtbar, faſt wahnſinnig. Kommt! Kommt! ſagte Dankmar. Die Luft die⸗ ſes Pavillons, der Staub dieſer Teppiche, das Lachen dieſer Bilder, das Alles iſt erſtickend. An die friſche Luft! Ich kann nicht mehr Athem ſchöpfen. An der kleinen Treppe, die hinauf zu Egon führte, führte auch eine Thür gleich in den Hof. Dieſer eilten ſie zu und ſogen die ſtärkende Oktoberluft wie Balſam ein. Es trieb ſie fort, als brennte der Fuß⸗ boden unter ihnen. Stürmende Geſpenſter ſchienen ſie zu jagen. Sie ſahen ſich nicht um, ſie flohen faſt. Auf der Straße rief ihnen eine Stimme nach. Sie wandten ſich um. Es war Rudhard, an dem ſie vorübergeſchritten waren, ohne ihn zu ſehen. Nachdenklich, ruhig, ſtand er am Portal des Pa⸗ lais, auf einen Stock ſich lehnend. Er winkte Siegbert. Siegbert bat die Freunde, einen Augenblick zu warten. Als Siegbert ſich Rudhard nahte, erſchrak er faſt über des alten Mannes ernſtes, gemeſſenes Antlitz. fli .Das iſ will nicht ihm nicht nt dem er Luft die⸗ 3s Lachen die friſche pon führte f. Dieſer Berluft wie der Fuß⸗ ſchienen ſi zen faſt 3 nach. 4 rgeſchtüten des Pa⸗ u warten. rak er fe Antlit. 395 Ich wollte zu Egon, ſagte Rudhard. Ich hörte, daß er nicht allein iſt. Er fährt zum König. Er fliegt einem glänzenden Geſtirne zu. Lieber Wildun⸗ gen... ein Wort. Siegbert ahnte etwas aus den Mienen des Greiſes. Glauben Sie, daß ich Sie in mein Herz geſchloſſen habe, Siegbert?— fragte Rudhard mit einem nach Beſtimmtheit ringenden, bewegten Tone. Rudhard! antwortete Siegbert und ergriff ſeine Hand. Ahnen Sie nichts, was ich Ihnen ſagen muß. muß, mit widerſtrebendem Herzen? Rudhard ließ ſeine Augen, die wie immer klar und ruhig waren, eine Weile fragend auf Siegbert ruhen. Siegbert's Blick füllte ſich mit Thränen. Ich weiß es, Rudhard, ſagte er nach einigen Augenblicken der Sammlung. Ich habe einen Auf— trag zu einer künſtleriſchen Aufgabe empfangen, die mich vorläufig auf einige Wochen von hier entfernen wird. Sagen Sie den Damen Ihres Hauſes, den lieben Kindern, ein herzliches Lebewohl! Rudhard drückte die Hand des jungen Mannes und ſprach nur das Einzige: Ich danke Ihnen dafür, Wildungen! Es war Ih⸗ rer würdig. Wir ſehen uns wieder. 396 Siegbert wandte ſich und Rudhard ging langſam zum Palais des Fürſten. Als Siegbert zu ſeinen Begleitern zurück wollte, waren ſie etwas vorausgegangen. Er konnte ſo noch Zeit finden, ſich zu ſammeln und die Thränen zu däm⸗ men, die faſt übermächtig in ſeine Augen ſchoſſen. Louis und Dankmar ſtanden an einer Straßen⸗ ecke, wo ſie ſich zu trennen hatten. Siegbert über⸗ raſchte die Freunde durch den Entſchluß, nach Schönau zu gehen und den künſtleriſchen Vorſchlag Gelbſattel's, den er erzählte, für den Sommer ſchon jetzt in Angriff zu nehmen. Auch Dankmar, der ihn fragend firirte, ſprach von der Möglichkeit, daß ihn die Entſcheidung der erſten Inſtanz ſeines Proceſſes zwingen würde, nach Angerode zu reiſen. Dann wünſcht' ich vorläufig, daß wir den Proceß verloren hätten, ſagte Siegbert. Der Mutter wegen — mein ganzes Herz fliegt ihr zu. Louis, erſchreckend, daß beide Brüder entſchloſſen waren, die Reſidenz zu verlaſſen, hoffte, ſie wenigſtens noch zu ſehen, ehe ſie reiſten. Siegbert wollte ſich eben ſeinem Atelier, Dankmar dem Gerichtshofe, Louis ſeiner Werkſtätte zuwenden, als ein Wagen an ihnen vorüberraſſelte und ſie aus dem Schlage gegrüßt wurden. 397 g langſam Es war Gala Egon, der mit zwei ück wollte enſc König fuhr zwei Bedienten in voll 4- 2 3 4 te ſo noch Die böie zehn von den Ki h r reu irchthu en zu däm⸗ Scene uit vide deen ſich. Cidner iaſſn furchtbar ern räfin losgeriſſen ha er ſich von einer Straßen⸗ ſt ausgeſehen. haben mußte, hatte bert über⸗ (Schönau elbſattels, in Angriff—— end firirte, niſcheidung en würde, den Proceß ter wegen ntſchloſſen venigſtens Dankmal zuwenden, nd ſie aus Dreizehntes Capitel. Eine Entſcheidung. Es war gegen zehn Uhr Abends. Die Lampe brannte düſter in einem Zimmer, deſ⸗ ſen grünſeidene Fenſtervorhänge tief herabgelaſſen wa⸗ ren. Im Kamin glühte noch etwas die eben verkohlende Aſche. Draußen jagten Carroſſen. Die Theater ſind beendet. Die großen Geſellſchaften füllen ſich. Auch Volksmaſſen tummelten ſich noch. Man hörte an dem lebhaften Sprechen der Vorübergehenden, das von un⸗ ten herauf ſcholl, wie die Gemüther erregt waren. Auch der Schritt wandernder Militair-Patrouillen war dem Ohre hörbar, das hören wollte und konnte. Helene d'Azimont, die zu dieſen nicht gehörte, lag ausgeſtreckt auf einer Chaiſe-longue, die in die Nähe des Kamins gerückt war. Das Zimmer war faſt über⸗ hitzt. Sie fror. Eingehüllt in einen großen Shawl konnte ſie ſich nicht erwärmen. Ihre Hände fröſtel⸗ fel mmer, deſ⸗ elaſen wa⸗ verkohlende heater ſind ſch. Auc ötte an dem s von un⸗ egt waren. duillen wal onnte. chörte lag die Nihe tfaft über⸗ 399 ten. So zitterte das Kinn, daß ſie laut ſtammelte. Diener und Kammermädchen hatte ſie abgewieſen. Sie wollte keine Hülfe, ſie erwartete den Tod. Schon ſeit dem Morgen um halb elf Uhr lag ſie ſo. Sie war nach Hauſe gekommen, aus dem Wagen mehr geſunken, als geſtiegen und hatte ſich gleich auf ihr Bett geworfen. Die Mädchen entkleideten ſie, was auf ihren ſtummen Wink geſchah. Man wollte zum Arzte ſchicken. Sie hatte es heftig ablehnend unterſagt. Wer an der Thür lauſchte, hörte ſie oft laut ſchluchzen. Dann lachte ſie wie wahnſinnig, dann weinte ſie wieder. Von einer Nahrung, die ſie zu ſich nahm, war keine Rede. Sie ſchüttelte nur, todtenblaß, ihr ent⸗ ſtelltes, von Thränen faſt ungleich gefärbtes Antlitz. Meldungen, ſogar diejenigen, die Beſuche von Rafflard, von Heinrichſon ankündigten, wurden ab⸗ gelehnt. Sie lag halb erſtarrt. Ihr Kopf wühlte ſich in ein Kiſſen, das von Thränen ſchon durchnäßt war. Nur auf vieles Zureden ihrer Mädchen erhob ſie ſich und ließ ſich auf die Chaiſe⸗longue führen, die man an den Kamin rückte. Gegen Abend heizte man. Um ſechs Uhr etwa begehrte die Gräfin einige Löf⸗ fel Suppe. Sie aß nicht den vierten Theil eines Tel⸗ 400 lers und ſtieß den Reſt zurück. Die Arme hingen herab vom Körper, willenlos, ſchlaff. Die Augen ſahen ſtarr oder ſchloſſen ſich vor Erſchöpfung. Oft griff ſie plötzlich nach dem Herzen. Man hatte alle Bänder an ihren Kleidern aufknüpfen müſſen. Jeder Druck machte ihr Beengung. So ſtreckte ſie ſich wie leblos. Gegen Acht wurde ſie hörbar. Sie klingelte. Sie machte eine Miene, etwas zu begehren. Sprechen konnte ſie nicht. Die Hand ſtreckte ſich nach einem kleinen Tiſch am Fenſter hinüber und deutete auf die dort geſammelten Zeitungen. Man wollte ſie bringen. Sie ſchüttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Eingang ihrer Wohnung. Man verſtand ſie jetzt erſt. Sie wollte die Zeitung von dieſem Abend haben. Man ging hinaus, ſie zu holen. Sie war noch nicht angekommen. Ein tiefer Seufzer war ihre Antwort. Endlich kam das erſehnte Blatt. Sie erhob ſich geiſterhaft. Krampfhaft ſchlug ſie das noch naſſe Papier auf und durchflog es. Bald entdeckte ſie die mit großen Lettern gedruckte Stelle, die ſie ſuchte. Sie lautete: „Die Kriſis iſt noch nicht beendigt. Fürſt Egon von Hohenberg hat ein Programm vorgelegt, das die vollſtändige Billigung des Hofes erhielt. Die Frage Arme hingen Die Augen pfung. Oft m hatte alle üſſn. Jeder ich wie leblos. lingelte. Sie Sprechen nach einem utete auf die e ſie bringen. aus auf den ́ſe jebt eſt Abend haben. 1 . aft ſchlug ſie 6 es thern g —— edructe Füff Ggen elegt, das 4 Te e Die Frage 401 iſt nur die, ob der Fürſt ſein Miniſterium wird ver⸗ vollſtändigen können. Die Nachricht einiger Blätter, daß er einige jüngere Beamte und Offiziere als Col⸗ legen vorgeſchlagen hätte, iſt eine Verleumdung. Vor⸗ läufige Liſte: Conſeilpräſident und Miniſter des In⸗ nern: Fürſt Egon von Hohenberg. Auswärtige An⸗ gelegenheiten: General Voland von der Hahnenfeder. Krieg: General Arnheim. Cultus: Propſt Gelbſattel. Handel und Gewerbe: Juſtus. Königliches Haus: Geheimrath von Harder.“ Helene warf die Zeitung hin, als wär' es ihr lie— ber, ſie fiele gleich in die Flamme des Kamins. Sie ſah nicht, daß der Bediente ſie aufhob. Sie hörte aauch nicht, ob er ging oder blieb. Ein ſanfter Thränenſtrom entfloß ihren Augen. Eine unendliche Rührung ſchien ſie über ihre eigenen Schmerzen zu ergreifen. Erſt erquickten ſie dieſe rin⸗ nenden Perlenbäche, die aus den heißen fieberhaften Augen floſſen. Dann aber gerieth ſie doch wieder in lau⸗ tes Schluchzen und wieder der Bruſtkrampf ſtellte ſich ein. Sie mußte huſten, als wenn ſie erſticken wollte. Das Blut, das ſie zuweilen in ihren Tüchern erblickte, ſchien ihr eine Erleichterung. Rafflard und Heinrichſon ließen ſich zum zweiten male melden. Sie nahm ſie wieder nicht an. Die Ritter vom Geiſte. VI. 26 402 Gegen neun Uhr kam ein Billet von Paulinen. Ohne Haſt, ergeben und ſchmerzlich, öffnete ſie es. 1 Pauline ſchrieb: „Helene, was hör' ich! Sie ſind unglücklich über( die glänzende Laufbahn unſres Freundes! Eben ſitzt 4 Egon an meinem Schreibtiſch und redigirt eine ge⸗ d nauere Erläuterung ſeines meiſterhaften Programms. g Zwei Worte, die er fallen ließ, verriethen mir, daß n Sie eine Scene hatten. Warum Das, Helene? Warum fliehen Sie mich? Warum ſchließen Sie ſich nicht un⸗ ſern großen, bedeutungsvollen Plänen an? Egon liebt Sie, Helene! Aber ſtellen Sie ſich nicht in den Weg, der zu ſeinem Ruhme führt!...“ Egon liebt mich! rief Helene und zerriß, kurz den Reſt dieſes Billets überfliegend, es in hundert Stücke, die ſie zornig in den Kamin warf. Er liebt mich? Und kann mich mit Füßen treten, mich faſt an den Haa⸗ ren ſchleifen, wenn ich ihm ſage: Vernachläſſige mich nicht! Waren die zwei Worte, die er fallen ließ, viel leicht die, daß ich auf der Erde vor ihm lag und ihn um den Tod bat? Waren die zwei Worte vielleicht die, daß ich ſagte: So will ich dein Weib ſein! War es die kalte, herzzerſchneidende Antwort: Helene, ich muß zum König! Beſchäme mich nicht mit einem Ge⸗ ſchenk, für das ich dir würdig zu danken keine Zeit habe! Paulinen. öffnete ſte es. glücklich über Cben ſitzt ir eine ge⸗ Pro gramms. n mir, daß ne? Warum ſich nicht un⸗ 2 Cgon liebt in den Weg riß, kurz den ndert Stücke lüebt mich! an den Ha⸗ cl aſſige mich len ließ viel⸗ gg und ihn tie viellecht ſein! War Helene, ich it einen Ge⸗ ne Zeit habe —— 403 Ein krankhaftes Lachen befiel ſie bei dieſem Selbſt⸗ geſpräch. Sie ſprang auf. Sie wollte nun Menſchen ſehen. Sie rief nun nach Rafflard, nach Heinrichſon. Es war aber nach zehn Uhr. Zu ſpät, um ſie noch entbieten zu können! Sie durchſchritt die Zimmer, riß die Fenſter auf, wollte ausgehen, zog an den Klin— geln, die Diener und Mädchen ſtanden hinter ihr, ſie wußte nicht, was ſie ihnen befehlen ſollte. Laßt uns allein! rief ſie endlich den Dienern. Ent⸗ kleidet mich! ſtöhnte ſie den Mädchen. Langſam ſchritt ſie in ihr Zimmer zurück, ließ mit ſich geſchehen, was man beginnen wollte und ſank in's Bett, bewußtlos, ohne Schlaf und ohne Wachen. Immer horchte das Ohr, ob nicht doch noch Egon käme, und wenn auch nach Mitternacht! Erſt gegen Morgen ergab ſich das gequälte Gemüth den Forderun⸗ gen des erſchöpften Körpers. Sie entſchlief... Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als He⸗ lene erwachte. Rafflard und Heinrichſon hatten ſich ſchon in aller Frühe nach ihrem Befinden erkundigen laſſen. Von Egon fand ſie keine Anfragen vor. Sie ließ ſich langſam ankleiden. Sie fühlte ſich vom Schlafe nicht geſtärkt. Die Rückerinnerung an die geſtrigen Erlebniſſe war ihr grauenhaft. 26* Um elf Uhr kam Drommeldey, der ihr Ausſehen, ihren Puls bedenklich fand. Er war nicht ohne Neugier, der Sanitätsrath. Er kannte die eigenthümlichen Verhältniſſe dieſer ge⸗ ſtörten Liebe; noch mehr, da er ein vornehmer Frauen⸗ arzt war, verſtand er ſich auf die Pathologie der„bre⸗ chenden Verhältniſſe“. Er erklärte ſie für einen jener Seelenzuſtände, bei denen man vorzugsweiſe dem gaſtri⸗ ſchen Rückſchlage vorbeugen müſſe. Er billigte die Diät der Gräfin und ſchied von ihr mit den Worten: Verehrte, hüten Sie ſich zwar vor dem Uebermaß der Gefühle! Aber dennoch geſteh' ich, daß ich mehr für das volle Ausbluten des Herzens bin, als für die gewaltſame Unterdrückung. Ich weiß nicht, was Sie ſo ſtören, ſo bewegen kann. Aber wenn Sie Kum⸗ mer haben, meine Gnädigſte, ſo nehmen Sie nur den Kelch des Schickſals gleich ganz, trinken Sie den bit⸗ tern Schierling hinunter bis zum letzten Tropfen! In der Wahrheit gegen ſich ſelbſt liegt die Geneſung. Nur nicht fliehen vor dem Schmerz! Nur nicht dem Fatalen aus dem Wege gehen! Beileibe nicht! Das gibt geiſtige Blutzerſetzungen und erzeugt unterlaufene Seelenzuſtände, die ſehr entzündlich werden können. Für heute aber thun Sie mir den Gefallen, laſſen Sie anſpannen und genießen Sie die ſtärkende, erfriſchende d Ausſehen, mitätsrath. dieſer ge⸗ ter Frauen⸗ ſe der bre⸗ inen jener dem gaſtri billigee die en Worten: Uebermaß hich meht als füt die t, was Sie Sie Kum⸗ jie nur den zie den bi⸗ rojen! 3 Geneſung. nicht dem icht! Das mnterlaufene unnen. Fu laſen Si arftiſchen 405 Luft nicht nur, ſondern auch die viel troſtreichere und erquickendere Abwechſelung der Gegenſtände, die ſich Ihnen bei einer raſchen Spazierfahrt darbieten wer⸗ den. Verſprechen Sie mir Das? Die Gräfin verſprach es nicht nur, ſondern er⸗ füllte auch des Sanitätsraths Begehren, ſogleich an⸗ ſpannen zu laſſen. Er wollte ſie ausfahren ſehen. Ich bin noch nicht angekleidet. Sie müſſen einen Mantel nehmen! Es iſt okto⸗ berfriſch... Dabei zog Drommeldey ſein Portefeuille und gab ihr aus der kleinen portativen Apotheke, die er bei ſich führte, einige Streukügelchen. Er erklärte alſo die Krankheit der Gräfin für eine von denen, bei welcher die Homöopathie zuläſſig war. Drommeldey, ein ſehr kluger Weltmann, rührte die Streukügelchen ſelbſt in einem Glaſe Waſſer ein und plauderte dabei von Politik, Miniſterium, Egon's glänzenden Talenten, Paulinen von Harder, vom„Jahr⸗ hundert“, Allem durcheinander. Charakteriſtiſch war, daß er bemerkte, man nenne das Miniſterium Egon ſchon das Blouſen-Miniſterium und erwarte, daß er ſeine vier bis fünf Inſéparables zu Miniſtern mache. Die geſtern angegebene Liſte des„Jahrhunderts“ hätte ſich ſchon zerſchlagen und man wette noch, daß der O——— 4⁰6—— Kunſttiſchler Louis Armand, der ohnehin Heimatsrechte ſe haben ſolle, das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten d erhalte. h Während Helene in ſeiner Gegenwart leichte Toi⸗ 1 lette machte und über alle dieſe Aeußerungen des vorſich⸗ d tig lauſchenden Asklepiaden ſchmerzlich lächelte, ſagte er: de Apropos, was haben Sie denn mit der Trompetta? d Iſt ſie Ihnen bös? Möglich! ſagte Helene. Ich habe alle Menſchen 1 vernachläſſigt. Sie gehört wol zu Denen, die Der⸗ d gleichen nicht verzeihen. c Geſtern, als ſie in einer Geſellſchaft vom Mini— T ſterium Hohenberg reden hörte, fuhr ſte entrüſtet auf und ſagte: Wenn ſich der Hof ſo mit der Demokratie d und Immoralität verbündet, brech' ich mit ihm. Ich g widme mein Akbum der deutſchen Flotte. u Welches Album? fragte Helene, die vielleicht ſchon t oft vom Gethſemane gehört, aber für nichts Sinn P hatte, was nicht mit dem geliebten Egon zuſammenhing. J Drommeldey erklärte ihr dieſe Sammlung und ſchloß 1f damit, daß die Trompetta ſich nun aus Oppoſition gegen die ihr und dem Reubunde bewieſene Feind⸗ ſeligkeit des Hofes entſchloſſen hätte, das Gethſemane t zum Beſten eines Schiffes der deutſchen Flotte zu ver⸗ looſen und demſelben Zwecke ſo viel fernere Betrieb⸗ imatsrechte en Arbeiten leichte Toi⸗ des vorſich⸗ e, ſagte er: xrompetta? Menſchen „die Dei⸗ om Mi⸗ trüſtet auf Demolratie ihm. Id leicht ſcon icts Sinn umenhing. und ſchloß Oppoſttion ene Feind— gethſemane te zu vel⸗ 1 Bettieb⸗ ſamkeit zu widmen, daß ſie ganz für ſich allein ein Fahrzeug vom Stapel laufen zu laſſen ſich entſchloſſen hätte. Sie ſtudire jetzt Marine und würde ſich nächſtens entſcheiden, ob ſte die fernere Aufgabe ihres Lebens in der Begründung eines Kanonenbootes oder eines Kut⸗ ters oder einer einfachen ſchwimmenden Batterie fin⸗ den ſolle. Mit dieſen abſichtlichen Scherzen geleitete Sanitäts⸗ rath Drommeldey Helenen an den Wagen und gab dem Kutſcher eine genaue Anweiſung des Weges, wel⸗ chen er eine Stunde lang im Park oder ſonſt vor den Thoren einſchlagen ſollte. Helene war, als ſie mit ſchwankenden Schritten durch ihre Zimmer ging, an der Treppe einem alten gebückten Manne begegnet, der, eine ſchwarze Binde um die Augen, an der Wand ſtehen blieb und ſie in ihren Gewändern vorüber rauſchen ließ. Als einer der Bedienten vom Wagenſchlage zurückkehrte, fragte der Alte, der ſich an einer Fußbürſte ſorgfältig die Stie— feln reinigte, ob er den Profeſſor Rafflard ſprechen könne. Er iſt im Augenblick nicht da. Ich hab' ihn in ſeiner Wohnung geſucht und möchte ihn hier erwarten. Der Bediente beſann ſich, daß Dies jener Fremde, Namens Murray, war, mit dem der vertraute Rath⸗ ————Q—C—C—— 408 geber ſich vorgeſtern ſo lange unterhalten hatte und den er beauftragt war, mit Vorſicht zu behandeln. Profeſſor Rafflard, ſagte er, kann jeden Augenblick wieder kommen. Setzen Sie ſich, wenn Sie ihn er⸗ warten wollen. Eine Weile hatte Murray, ſtill in ſich verſunken, auf einen Stuhl im Vorzimmer ſich niedergelaſſen, als es draußen klingelte und der nebenan in die Bedien— tenſtube gegangene Diener öffnete. Die Gräfin zu ſprechen? Sie iſt in dieſem Augenblick ausgefahren. Wohin? In den Park, um ſich zu erholen. Der Arzt brachte ſie ſelbſt in den Wagen. In den Park! wiederholte der Sprecher, der ſich, als er einige Schritte vorwärts that, als Heinrichſon erwies. Er war in weißen Glacehandſchuhen und einem kalkſteinfarbigen, gelbweißen, leichten Paletot über ſeinem Frack. Halb unter der Thür ſtehend, konnte er Murray nicht ſehen. Als er ſich beſann, ob er nicht der Gräfin im Park ſollte zu begegnen ſuchen, ſtand plötzlich Murray vor ihm. Herr! rief Heinrichſon erſchreckend, hier ſchon wie— de lic hatte und handeln. Augenblic Sie ihn er⸗ Hverſunken, gelaſſen, als die Bedien⸗ ren. Arzt brachte er, der ſich, Heinrichſon ſchuhen und hten Paletot er Murra) Gräfn im lich Murla ſchon wi⸗ der jenen unheimlichen Mahner an eine alte verdrieß⸗ liche Geſchichte zu finden. Was wollen Sie? Sie iſt nun todt. Wer iſt todt? Ophelia! Ich ſah das Stück in London. Sie war toll. Aber in den Bach ſprang ſie nicht. Sie fiel von ungefähr aus dem Fenſter. Sie hätten es ſehen ſol— len, Beſter. Jeſabel ſtarb ſo. Es hätte ein Bild gegeben. Heinrichſon machte es heute ſo wie vorgeſtern. Er ließ Murray reden und entzog ſich einer weiteren Er⸗ örterung durch die Flucht. Dieſer geiſtreiche Künſtler gehörte zu den Menſchen, die, wenn man ihnen eine Beleidigung ſagt, behaupten, daß ſie taub ſind. Er war verſchwunden wie gekommen. Murray ſetzte ſich ächzend. Er hatte die Worte in gewaltiger Aufregung geſprochen und ſich doch beherr⸗ ſchen müſſen. Der Bediente ſah ihn ſtaunend an. Kennen Sie den Herrn? fragte er. Der große Künſtler Heinrichſon! ſagte Murray. Wer iſt denn aus dem Fenſter geſprungen? Eine Gliederpuppe, die er malen wollte, ſagte Murray ſeufzend. Habt doch ſchon ſo ein Ding bei den Malern geſehen? Freilich. Ich trage ja oft Billets zu dem Herrn. 410 Da ſitzt immer eine große Puppe mit Kleidern behängt. Daran ſtudirt er... Den Faltenwurf, mein Sohn! Eine ſolch Puppe hatte er einmal vor Jahren. Sie war ſchön! Augen im Kopf wie lebendig und Gliedmaßen, ſchlank, wie ein engliſcher Renner. Die Puppe hat ihm mit einem male nicht mehr gefallen. Da wurde ſie erſt traurig, dann wild und zuletzt toll. Sie tanzte ſo lange, bis ſie ſich im Wirbel drehte, an ein Fenſter kam und huſch! im Graſe lag ſie mit ihren ſchönen gelenken Gliedern! Morgen früh begrab' ich das arme Ding. Der Bediente ſchüttelte den Kopf und deutete für ſich nach der Stirn, als wollte er ſagen, bei Dem iſt es wol nicht richtig! Wie er ſich in ſein Zimmer zu— rückgezogen hatte, das durch eine Glasthür vom Vor⸗ zit ner getrennt war, hörte er, wie Murray öfters tief aufſeufzte und ſich die Augen trocknete. Dann ſang der Alte zuweilen vor ſich hin ein Liedchen oder trommelte an den Fenſterſcheiben, in deren Nähe er ſaß. Dem Diener war es jedesmal unheimlich, wenn es klingelte und er zum Oeffnen hinaus mußte. Zuletzt hörte er endlich zu ſeiner Beruhigung den bekannten Huſten des Profeſſors Rafflard, der ſich ſchon auf der Treppe ankündigte. Sogleich ging er ihm ent⸗ gegen, öffnete und zeigte auf Murray, der ihn erwartete. wa wit ſtö dern behängt. ſolche Puppe hön! Augen ſchlank, wie m mit einem erſt traurig, lange, bis er kam und nen gelenken arme Ding. deutete füͤr bei Dem iſt Zimmer zu⸗ ir vom Vor⸗ urcoh öfftels nete. Dann eiedchen oder en Nähe er nlich, wenn nußte. tigung den derſih ſhol er ihm eüf in erwallele Ah! Sind Sie endlich da! Was hab' ich Sie er— wartet! Wo iſt die Gräfin? Ausgefahren, Herr Profeſſor! Kommen Sie, mein Beſter! Kommen Sie! Jean, wir gehen in das gelbe Zimmer. Man ſoll uns nicht ſtören. Hörſt du, Jean? Kommen Sie, Murray! Gehen Sie voran. Rafflard öffnete lang ausſchreitend und ließ Murray, der ſogleich ehrerbietig aufgeſtanden war, vorangehen. Rechts! Rechts! ſagte Rafflard. Ihr wißt doch noch? So! Hier herein! Damit folgte Rafflard, drückte die Thür des gel— ben Zimmers feſt hinter ſich zu, legte den Hut ab und ſetzte ſich erſchöpft. Was bringen Sie? Wie ſteht es? Was habt Ihr heraus? fragte er und zog eine Schachtel voll Br paſtillen, erwartungsvoll, was ihm der demüthige und ſich überall umblickende Murray würde mitzuthei⸗ len haben. Ei Herr, ich denke ja, begann Murray verlegen, ich denke ja, es wird ſich ſo ſchicken, wie Sie's wünſchen. In der That, Murray? Ihr verdient Euch den wärmſten Dank der rechtſchaffenen Familie, von der ich ſchon geſprochen habe. Erzählt! Wie weit ſeid Ihr? Wie ich von Ihnen ging, Herr... Darf ich denn... Erzählt! Alles! Alles! Da ging ich ſogleich in meine Wohnung... Brandgaſſe Nr. 9. Nein, in eine neue, die ich mir gleich nach unſrer Unterredung neben der alten miethete... Ihr ſeid ſchlau... Wo iſt Das? In der Wallſtraße Nr. 13. Wallſtraße... Eine Treppe hoch... vorn heraus... ein Sprach⸗ lehrer, Signor Barberini war eben ausgezogen. Signor Bar.. Es ſoll, ſagte man mir, ein Herr geweſen ſein von langer Statur, mit ſchwarzer Perrücke und einer verdammt kleinen Naſe, aber einem Kinn wie ein Pavian... Ei, ei!... Ein Italiener! Und Spitzbube! Nicht zwei Stunden des Tages ſoll man ihn in ſeinem Zimmer geſehen haben, nie hat er dort geſchlafen. Faſt glaub' ich, daß er nur dort wohnte, um ſeinen Nachbar zu belauſchen. Ich verſtehe... Aber, wie kommt Ihr... Gerade zu dieſer Wohnung? Das will ich Euch ſagen, Herr! Ihr hattet von Fränzchen Heuniſch ge⸗ ſprochen und ſagtet mir, wo ſie wohne.. Richtig. jur mq die v nung... ch nach unſter ein Sprach⸗ gezogen. geweſen ſein icke und einer einn wie ein n des Tages n haben, nie daß er nur uſchen. hr.. il ich Guh Heuniſch ge⸗ Im Hauſe bemerkt' ich denn auch bald, daß der junge Mann, der ſeiner Familie ſo vielen Kummer macht, ein Soldat iſt, Namens Heinrich Sandrart. Wer? Es iſt ein Sergeant. Er liebt Fränzchen; er iſt wie die Taube, ſie iſt wie der Geyer. Sie mag ihn nicht... Nein! Nein! Das— Ich verſichere Sie, Herr! Er kommt trotz alledem zu dem Tiſchler Märtens und bläſt die Flöte. Sie bringen den an's Ende der Welt, wenn Franziska Heuniſch entführt wird... Aber— Ohne Rathgeber, fuhr Murray in ſeiner trockenen, ruhigen Weiſe fort, ohne Rathgeber und Vertraute kommt man in großen Wagſtücken nicht weiter! Aber— Ich vertraute mich meinem Nachbar. In der Brandgaſſe?.. Nein, in der Wallſtraße. Es iſt ein Landsmann von Ihnen. Louis Armand! Ein Pariſer, Kunſttiſchler, Ver⸗ golder... Freund des Prinzen Egon... Ich hoffe, Freund, Ihr habt keine dummen Streiche gemacht! 414 Euern Landsmann wollt' ich zum Vertrauten wählen. Seid Ihr toll? Vorgeſtern Nachmittag wollt' ich meinem Nachbar erſt die Aufwartung machen. Er ſtand unten in der Werkſtatt im Hinterhofe. Oben war ſein Comptoir verſchloſſen. Ein Anſchlag verweiſt in den Hinterhof. Alſo. Konnt' ich mich ihm vorgeſtern noch nicht anver— trauen... Zum Henker! Was wollt Ihr Euch denn dieſem Armand anvertrauen? Ich ſchätze den Mann ſeit lange. Ihr kanntet ihn ja nicht! Louiſe Eiſold, meine Nachbarin, lehrte mich ihn kennen. Aber Freund, Ihr verwickelt die ganze Angelegen⸗ heit— 1 1 Nein! Ihr müßt wiſſen, Herr, daß ich nach vie— len wilden Dingen, die ſchwer auf meinem Gewiſſen laſten, zuweilen trübſinnig bin, ſchwarzſichtig. Da iſt's mir eine Freude geworden, neben der Louiſe Eiſold zu wohnen. Sie fürchtet ſich zwar vor mir, das när⸗ riſche Ding; aber ſingen hör' ich ſie doch gern, und wie ſie einmal ein Lied ſang, das mir ausnehmend gefiel, ging ich zu ihr und klopfte an. Das ſind acht Tage her... rauten wählen. einem Nachbar unten in der ein Comptoir den Hinterhof. nicht anver⸗ h denn dieſem hrte mich ihn tze Angelegen⸗ ich nach vie⸗ nem Gewiſſen tig. Da iſt's 6 Da Louiſe Eiſold mir, das när⸗ ſe ern, und w ihmend gefid tTage her Wozu ſoll Das? Ich klopfte bei ihr an und ſagte: Louiſe, ſeit dem Tage, wo Ihr mir das Glas Waſſer vom Brunnen holtet, ſprachen wir uns nicht. Ich habe ſeitdem viel Leids erlebt. Ich kam in dies Land, um hier zu ſter⸗ ben. Ich habe eine ernſte Pflicht vor meinem Tode zu erfüllen, einer von elenden, nichtswürdigen Men⸗ ſchen mit Füßen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, dann will ich mein zweites Auge zuthun, das erſte hab' ich ſchon daran gewöhnt, nichts mehr von der Welt zu ſehen... Rafflard rückte mit ſeinem Stuhle ungeduldig hin und her und riß zornig ſeine Augen auf... Ihr ſingt ſo ſchön, ſagt' ich dem Mädchen, fuhr Murray in ungeſtörter Ruhe fort. Ihr ſingt ſo ſchön, mein gutes Kind, und ich muß Euch danken, daß Ihr meine Hoffnung damit aufrichtet. Was iſt Das für ein Lied, das Ihr eben ſangt? Da nannte ſie einen Franzoſen, Louis Armand, der es gedichtet hat... Rafflard horchte beruhigter. Dieſe Mittheilung ſchien ihm nicht ganz ungehörig zu ſein. Ich bat um die Strophen, fuhr Murray fort, und ſie gefielen mir. Das waren Worte, wie ſie im Her⸗ zen des fühlenden Freundes der Armen widerklin⸗ gen müſſen. Louiſe Eiſold hatte ſich ſelbſt dazu eine 416 Weiſe erfunden. Es war Schwung darin, Rhythmus, Harmonie. Wetter! ſprang Rafflard auf und ſtand wie ſtarr über dieſe gebildeten Worte. Treibt Ihr Muſik? fragte er tonlos. Was iſt Das? Murray beſann ſich, ſtockte eine Weile und ſagte dann: Eh' ich meinen Aeltern davon lief, hatten ſie viel auf mich gewandt. Ich ſtrich die Violine und ver⸗ ſtand mich beſonders auf die Doppelgriffe... Ha! Hal lachte Rafflard, der den Doppelſinn auf⸗ faßte, den Murray mit ſchlauer Miene abſichtlich in die muſikaliſche Terminologie legte, und ſich beruhigte... Seitdem, fuhr Murray fort, ſchätz' ich Louis Ar⸗ mand und wünſchte, ihn kennen zu lernen. Die Ge⸗ legenheit fand ſich. Das Vertrauen, das Ihr mir ge⸗ ſchenkt habt, Herr, führte mich dem Fränzchen Heu⸗ niſch in die Nähe. Geſtern früh macht' ich des Dich⸗ ters perſönliche Bekanntſchaft. Und... Es war nach zehn Uhr. Er kam verſtimmt nach Hauſe. Ich hörte ihn von dem Zimmer aus, das ich mir für acht Tage gemiethet hatte. Ich ging zu ihm und fand einen jungen, gefälligen Mann.. Wozu gefällig? „Khythmas, Erſt ſprach ich von ſeinem Gedicht, von Louiſe Ei⸗ ſold, ihren Geſchwiſtern und was ſich ſo ergibt aus nd wie ſtarr der kleinen Welt, in der dieſe Menſchen leben. Dann Nuſike fragte kam auch Heinrich Sandrart... Was wollt Ihr denn mit... le und ſagte Der junge Mann, der ſeine Eltern ſo bekümmert? Ich bin auf der Folter... tten ſie viel Louis Armand geſtand es ja ein. ne und ver⸗ Geſtand es ein? Was? 8... Daß Heinrich Sandrart Fränzchen liebt. Und als ppelſinn auf⸗ ich ihm den Wunſch der Eltern oder Verwandten aus⸗ abſcchtlich in ſprach, durch eine Entfernung Fränzchen's auch Hein⸗ beruhigte. rich Sandrart zur Vernunft zu bringen, erbot er ſich, h Louis A mir um ſo mehr die Hand zu reichen, als eben an -n. Die Ge⸗ ihn ein Brief von dem Onkel des jungen Mädchens Ihr mit ge⸗ angekommen war... inzchen Hel⸗ Welcher Onkel? ic des Dich⸗ Den Ihr kennt! Ihr kennt ja die Verwandten? Herr! Murray! Murray! Ihr habt klüger ſein wollen, als ich. ſimmt nach Herr, ſagte Murray, ich habe Gewalt vermeiden aus, daß ich wollen. In Teufels Namen, wenn Sie einem Ban⸗ diten ſagen: Stich Den und Den nieder und der Be⸗ zeichnete iſt eben im Begriff, ſich ſelbſt an den näch⸗ ſten Baum aufzuknüpfen, wird der Bandit ein Eſel Die Ritter vom Geiſte. VI. 27 ging zul ihm 418 ſein und erſt noch einen überflüſſigen Mord auf ſeine Seele laden? Der Onkel ſchreibt an Louis: Veran⸗ laſſen Sie Fränzchen zu mir zu kommen! Ich bin nicht wohl! Die Urſula Marzahn will ſterben. Fränzchen ſoll nur dieſen Winter bei mir bleiben... Die Ur⸗ ſula Marzahn, Herr, darf nicht ſterben! Wiſſen Sie, Herr, ſie darf nicht! Kennen Sie die Urſula, Herr? Damit war Murray aufgeſprungen und hatte ſich dicht vor Rafflard hingeſtellt, der nicht wußte, wie ihm geſchah. Er ſah die Aufregung des Alten und mußte ihn, aus Furcht, ihr Geſpräch dürfte zu laut werden, gewähren laſſen. Murray beſann ſich und nahm wieder Platz. Nach einer Weile, währenddem Rafflard nicht mehr wußte, was er aus ſeinem Gegenüber machen ſollte, fuhr dieſer fort: Iſt einmal Franziska im Hohenberger Walde, ſo nimmt Sandrart, dem es ſchon längſt in ſeiner bun— ten Jacke zu eng iſt, den Abſchied und der Zweck, den Ihr wollt, iſt erreicht. Nicht ſo, Herr? Rafflard erhob ſich jetzt und warf ſeine Zuckerdoſe ärgerlich auf den Tiſch. Welch' ein Thor Ihr ſeid, Alter! rief er. Welche alberne, kindiſche Geſchichte Ihr erfunden habt! Wer hat Euch denn gerathen, weiſe zu ſein, nachzudenken, —9e d auf ſeine lis: Veran⸗ Ich bin nicht Fränzchen Die Ur⸗ Viſſen Sie, ula, Herr? d hatte ſich wußte, wie Alten und rfte zu laut Platz. aflard nich über machen Walde, ſo ſeiner bun⸗ r Zwech, den e zucandſ er. Wlche habt! Wer athudenten 419 Fineſſen zu machen! Wenn Leute Eures Schlages diplomatiſch werden wollen, kommt nur Verkehrtes an den Tag. Sie ſoll fort! Heute noch! Und Der, der Ihr folgen ſoll, Der, den ſie liebt und der ſie wieder liebt, iſt nicht der Soldat da, ſondern... Ha! Ha! Ich weiß es, rief Murray raſch, der, der ſie liebt, iſt ein Sprachlehrer, Namens Sylveſter... Rafflard wandte ſich, um nicht ſein Erſchrecken zu verrathen. Herr Sylveſter! fuhr Murray fort. Ja! Ja! Sie hat ihn auf dem Fortunaballe kennen gelernt. Er hat ihr Sprachunterricht geben und ſie verführen wollen. Herr, dieſer Sylveſter iſt es! Eine lange Figur, ſchwarze Perrücke, auch die verdammt kleine Naſe, auch das Kinn des Pavians... wie ich ſehr vermuthe, der Doppelgänger des Signor Barberini, Herr... Mei⸗ nen Sie nicht? Es iſt Der? Rafflard, ohne ſich umzuwenden und von Murray auf den Spiegel gewieſen, ſagte leiſe und zitternd: Auch Der nicht! Zum Henker! So ſagen Sie's, wer es iſt! don— nerte Murray. Dieſer ſelbe Louis Armand iſt's! Habt Ihr, Wahn⸗ ſinniger, denn nicht bemerkt, daß nur er, er es iſt, den Franziska liebt? Habt Ihr Euch in Eurer tollen 27* —— ů—-— 420 Weisheit ſo hinter's Licht führen laſſen, daß Ihr nicht n merktet, daß er ſie vergöttert und ſie bis an's Ende fr der Welt aufſuchen würde, wenn es hieße, ſie iſt in Hamburg, in London... wo weiß ich, Ihr alter er Sünder Ihr! 1 Murray blieb auf dieſe Worte in einer eigenthüm⸗ lichen Stellung ſitzen. Er hatte das linke Bein über das 1 rechte gelegt und hielt es mit beiden Händen, unru⸗ hig an ihm rüttelnd, feſt. Es ſchien, als müßte er durch dieſe Bewegung eine große innere Unruhe im 1 Zaume halten... n Dieſer Louis Armand iſt es, fuhr Rafflard fort, deſſen communiſtiſche Träumereien hieſigen achtbaren Familien, mit denen er in Verbindung ſteht, die größ⸗ f ten Gefahren drohen. Wenn etwas ihn entfernen kann, etwas ihn in die Welt jagt, um ſich zu ändern, zu beſ⸗ d ſern, Menſchen kennen zu lernen, ſo iſt es die Un⸗ ruhe über das Loos jenes Mädchens, das er zu hei⸗ rathen entſchloſſen iſt. Es iſt ein Werk der Sitt⸗ lichkeit, der Erziehung, der Beſſerung, das Ihr för⸗ dern ſolltet, Murray, und ſo verkehrt habt Ihr es angefaßt! Nun denn, ſagte Murray ruhig. Warum wart Ihr nicht gleich gegen mich offen, Herr? Was erhalt' ich, wenn ich heute Abend mit Franziska Heuniſch . daß Ihr nicht 3 au's Ende he, ſie iſt in „Ihr alter reigenthüm⸗ ein über das nen, unru⸗ 6s müßte er Unruhe im rafllard fort en achtbaren ͤt, die güß⸗ tfernen kann, ndern, zu beſ es die Un⸗ er zu hu⸗ ii èr Sit⸗ as Ihr föl⸗ 1 53 abt Ihr es 9 Larum wart W as zechalt alt zka ta Heuniſc nach dem Walde von Hohenberg abreiſe und morgen früh Louis Armand es iſt, der uns dorthin folgt? Das iſt nichts, ſagte Rafflard. Auf Monate muß er entfernt bleiben. Entführt das Mädchen, wohin Ihr wollt! Louis Armand muß weit weg aviſirt werden. Wie aber, wenn Louis Armand den ganzen Winter aus freien Stücken auf dem Schloſſe Hohenberg bliebe? Rafflard horchte auf... Murray zog ſeine Brieftaſche, öffnete ſie langſam und nahm ein Billet heraus, das er dem, jeder ſei— ner Bewegungen erſtaunt folgenden ſpinnenbeinigen Profeſſor mit den Worten überreichte: Der Bravo lauerte hinter einem Baume, an dem ſich ſein Opfer eben ſelbſt erhängt! 3 Von wem iſt das Billet? fragte Rafflard befre det wieder über das Wort Bravo... Louis Armand empfing es geſtern Abend um die zehnte Stunde. Rafflard las: „Mein theurer Louis, ſoeben komm' ich vom Schloß. Der König und ſeine ganze Familie haben mir ein Vertrauen bewieſen, das ich ehren muß. Mein Programm iſt angenommen. Es kommt nur noch dar⸗ auf an, Männer zu finden, die ſich in meine Ideen einzuleben vermögen und meine Collegen werden. Sind diejenigen Namen, die ſelbſt eine Politik vertreten möch⸗ ten, zu ſtolz, ſich meinen Anſichten zu fügen, ſo be⸗ fiehlt der Monarch einigen Bureauchefs, ſich meinen Befehlen unterzuordnen. Jetzt, Louis, hab' ich eine Bitte! Die Geſchäfte des Staates werden mich ſo in Anſpruch nehmen, daß ich mich meinen eignen Ange⸗ legenheiten völlig entziehen muß. Erweiſe mir die Ge— fälligkeit und reiſe in meinem Auftrage nach Hohen⸗ berg! Es wäre mir lieb, wenn du ſchon morgen gin⸗ geſt. Ich muß wiſſen, wie es dort ausſieht, was der neue Generalpächter beginnt, ich habe Urſache, auf die Wiederherſtellung meiner äußeren Verhältniſſe den größten Werth zu legen. Sollte ich bei der Ueberfülle der Zumuthungen, die mir jetzt werden geſtellt wer⸗ den, dich, meinen theuerſten Gefährten und Bruder, nicht mehr ſehen können, ſo entnimm vom Banquier von Reichmeyer Alles, was du zur Beſtreitung dieſer Reiſe bedarfſt. Beaufſichtige den Zuſtand meines gan⸗ zen kleinen Fürſtenthums, den ich nicht länger ver⸗ nachläſſigen will! Nimm dir Zeit dazu und ſorge, daß für das bevorſtehende Frühjahr Alles ſo in Angriff ge⸗ nommen wird, als es nöthig iſt, um mit Ackermann einverſtanden zu bleiben. Lebe wohl, Louis! Der un⸗ ſichtbare Genius, der uns verbunden, ſchütze dich und mich! Dein Egon!“ kar eten möch⸗ en, ſo be— ch meinen ich eine nich ſo in en Ange⸗ ir die Ge⸗ j Hohen⸗ zergen gin⸗ was der ſahe, auf tniſſe den Ueberfülle ſtelt wel⸗ Bruder, Banguier ung dieſer ines gan⸗ nnger ver⸗ age daß ngrif ge⸗ ermann d ſc Der un— dich und 423 Rafflard's Mienen verklärten ſich ſonnenhell. Einen ſolchen Einblick in die innerſten Angelegenheiten ſeines ihm ſo feindſeligen Zöglings hatte er nicht erwartet! Wo habt Ihr das Billet her, Murray? fragte er und huſtete ſich aus. Das Bücken beim Leſen hatte ihn angegriffen. Von Louis ſelbſt! ſagte Murray in ſeinen frühe⸗ ren dumpfen brütenden Ton zurückfallend. So vertraut ſeid Ihr mit ihm? Es war zehn Uhr Abends, als dieſer Brief an⸗ kam. Ich hatte drei Stunden mit ihm allein geſeſſen... Drei Stunden... Ich hatte ihn traurig gefunden; denn er nahm Ab⸗ ſchied von einem Freunde, Namens Siegbert Wildun⸗ gen, der nach einem Dorfe Schönau reiſt—. Schönau? In der That! rief Sylveſter mit gro⸗ ßer Befriedigung... Er nahm Abſchied von einem anderen Freunde, Namens Dankmar Wildungen, der einen wichtigen Proceß in erſter Inſtanz verloren hat und nach Ange⸗ rode in Thüringen reiſt, um ſich neue Hülfsmittel zu einem großen Unternehmen zu holen und eine kranke Mutter zu ſehen... Murray! Du biſt ein Freudenbote! Er nahm Abſchied von einem Geiſtlichen, Namens 424 Rudhard, der in dieſen Tagen die Reſidenz mit der ganzen Wäſämskoi'ſchen Familie, die Fürſtin ausge⸗ nommen, verlaſſen will! Rafflard ſtand auf. Dieſes natürliche Löſen der Kette, die ſich um Egon geſchlungen hatte, erwartete er nicht... Ich fand Louis Armand, fuhr Murray fort, ge⸗ ſtört, unglücklich, in Thränen. Ich wollte ihn zerſtreuen, tröſten. Ich bin unglücklich mit meinen Tröſtungen. Als es zehn Uhr ſchlug, kam dieſer Brief... Er wird gehen? Er iſt ſchon fort. Morgen, wenn ich eine Todte begraben habe, folg' ich ihm mit Franziska Heuniſch... Ihr mit dem Mädchen? Warum nicht? Euch vertraut er ſein Theuerſtes? Mir nicht, warum nicht mir? Murray! Ha! Ha! Murray, wodurch habt Ihr ihn ſo bezaubert? Durch die Wahrheit! Welche Wahrheit? Die Wahrheit meines Lebens, mit der ich in drei Stunden ihn zu zerſtreuen ſuchte. Ha! ha! Und da glaubt er Euch? Das iſt luſtig, Murray! Ha! ha! Aber Ihr wollt das Mädchen nun in den Wald führen zu Louis Armand? Alterchen, ldenz mit der ürſtin ausge⸗ iſen der Kette, te er nicht... ay folt, ge⸗ zn zerſtreuen, Tröſtungen. heine Todte Heuniſch. — rh habt M h in drei as jſt luſtig, (ädchen umn Alerchen, wie wär' es doch, wenn man lieber einen Ort ausfindig machte, wo der allerliebſte kleine Engel nur Euch und zu⸗ weilen mich ſähe! Wenn man mit dem Nutzen im Allge— meinen hier noch einen Vortheil für ſich im Beſondern verbände. Murray, wenn man das ſchöne Mädchen irgendwo verſteckte, knebelte... Ihr wißt zu bezau⸗ bern. Wodurch habt Ihr dieſen Armand gewonnen? Noch mehr! Durch die Wahrheit über Euch, Raff⸗ lard, habe ich ihn ganz gewonnen! Rafflard richtete ſich auf, wie vom Donner ge— rührt. Das war ein Wort, das ihm die lüſternen Lippen erſtarren machte. Durch die Wahrheit, die ich Euch verſchwiegen habe, Elender! Murray! Rafflard! Seid Ihr toll? rief Rafflard, dem es war wie ein plötzlicher Ueberfall. Barberini! Sylveſter! Jeſuit! Wahnſinniger! ſtöhnte Rafflard und ſprang an die Thür. Murray ihm zuvor. Beide rangen um den Aus⸗ gang.... Durch die Wahrheit, donnerte Murray und packte den langen Feigling feſt im Genick, durch ſie hab' ich 426 einen Edlen gewonnen, der ſchauderte, als er erfuhr, daß ich zu Eurem verbrecheriſchen Antrage nur ſchwieg, weil ich ihn hören, ganz hören, Euch ganz entlarven und Die, die er betraf, warnen wollte. Lügner! krächzte Rafflard und wollte die Thür ge⸗ winnen. Ich log mich als Sünder, ſagte Murray ihn zu⸗ rückſchleudernd, als elenden Helfershelfer Eurer tücki⸗ ſchen Pläne, weil ich das erſte mal, daß ich den Na⸗ men Franziska Heuniſch hörte, zitterte, denn ich habe Urſache, Menſchen, die mit dem Geheimniſſe meines Lebens zuſammenhängen, zu ſchonen, zu ſchützen, wie ein Engel zu bewahren. Du Teufel, glaubſt, daß ich der Hölle entſtammt bin wie du! Was Heinrich Sandrart! Was die gemiethete Wohnung! Nichts von Allem iſt wahr, als daß dein Nebenbuhler dir von ſelber weicht! Aber auch das Opfer, das du ihm nicht gönnteſt, iſt dir entriſſen. Ich werde Franziska ſchützen. Dieſe Tücke iſt dir mislungen, Elender! Rafflard war auf ſeinen Stuhl zurückgeſunken, todten⸗ bleich. Murray hatte ſein Terzerol gezogen. Rafflard verzog keine Miene. Seine Geiſtesgegenwart war er⸗ ſchüttert, aber ſie verließ ihn nicht ganz. Aus den letzten Worten Murray's entnahm er, daß er bei ihm nur ein Attentat auf die Tugend eines jungen reizen⸗ als er erfuhr, enurſchwieg, anz entlarven die Thür ge⸗ rray ihn zu⸗ Eurer tücki⸗ ich den Na⸗ denn ich habe mniſſ meines ſchüten, wie glaubſ, daß gas Heintich . Nichts von hler dir von das du ihm nde Franziska Glender! unken, todten⸗ en. Rafflard vart war er⸗ Aus den 5 er bei ihm ungen reißen⸗ 427 den Mädchens vorausſetzte. Er ergriff raſch den Ge⸗ danken, ſich durch Humor zu helfen. Frech zog er eine Börſe hervor und ſagte, ſie in die Luft werfend, lachend: Murray, Das war dir beſtimmt! Nimm! Ich er— kenne, du gehörſt zu Denen, die ſich hüten, rückfällig zu werden. Es iſt nie gut. Ihr habt Recht! Ja, ja, Alter! Ich habe den Fehler, verliebt zu ſein in Mäd⸗ chen mit wächſernen Augenlidern und ſchwarzen, lan⸗ gen Wimpern. Es iſt eine Narrheit, der zu Liebe ich ſogar Komödie ſpiele und den Sprachmeiſter mache, franzöſiſchen und italieniſchen Unterricht gebe! Ha! ha! Alter, nimm! Wir wollen uns verſöhnen... im Geiſte der Liebe! Murray ſtieß die Börſe zurück. Sein Scharfſinn ſagte ihm jetzt, daß er ſich in der Vorausſetzung eines Attentats auf die Unſchuld Franziska's möchte geirrt und die Urſache der Rafflard'ſchen Anträge vielleicht noch eine ganz andere wäre. Er wollte forſchen und mäßigte ſich... Dankt Gott, ſagte er, dem Gott, deſſen Namen Ihr in meinem Kerker und dem des Mädchens, das ich morgen begrabe, unnützlich führtet... Das ſchöne Mädchen, mit dem Ihr auf dem For⸗ tunaballe ergriffen wurdet... lenkte Rafflard ein, er— leichtert, daß er auf einen andern Gegenſtand kom⸗ men durfte... 228 Iſt todt... ſagte Murray, der bei dieſem Ge— danken alle Vortheile ſeines Sieges über den Elen⸗ den aufgab. Wie kam Das, Alterchen? Wohl ſo, wie es manchem Mädchen von wächſer— nen Augenlidern und langen Wimpern gegangen wäre, wenn Ihr eine ſchönere Naſe hättet und ein menſch— licheres Kinn!. Ich wünſchte, Murray, verſuchte Rafflard zu ſcher⸗ zen, Ihr nähmet lieber das Geld und ließet etwas mehr von meiner Schönheit gelten. Ihr macht Euch bitter bezahlt... Beſſert Euch und belügt die Welt nicht mehr! ſagte Murray, legte die früher empfangenen Dukaten auf den Tiſch und wandte ſich zum Gehen, da er in dem Neben— zimmer Geräuſch, Thürenſchlagen, raſches Laufen hörte. Rafflard, aufathmend, begleitete ihn mit aller Freundlichkeit, ſchlug ihn auf die Schulter zur Ver⸗ ſöhnung und ließ ihn aus dem gelben Zimmer mit den Worten: Alterchen, wir bleiben doch Freunde! Die Philo— ſophie verbindet uns. Auf Wiederſehen, wenn Ihr aus Hohenberg zurückkommt. Ihr ſeid in das kleine Ding verliebt und eiferſüchtig auf mich! Verſtellt Euch nicht! Führt ſie in den Wald! Lebt glücklicher mit ihr als ei dieſem Ge⸗ der den Clen⸗ von wächſer ggangen wäre, ein menſch⸗ flard zu ſcher ließet etwas r macht Euch t mehr! ſagte ukaten auf den n dem Neben⸗ gaufen hörte. ön mit allet lter zut Ver⸗ Zimmer mit Die Philo⸗ venn Ihr aus z kleine Ding 2,4 lt Euch nicht! mit ihr 1ls — mit den Damen, unter deren Ruf Ihr leidet und die Euch ſterben, wenn ſie Euch Geld gekoſtet haben. Auf Wiederſehen, Murray! Lebt wohl, alter Freund! Der lange, zudringliche Mann entließ Murray ſchein⸗ bar wie ſeinen beſten Freund. Murray ging und ſeufzte über die verwilderte Phan⸗ taſie eines Schurken, der nicht im Stande war, irgend noch ein Verhältniß rein und ſittlich aufzufaſſen. Das Entzücken, in dem Rafflard über die freie Bahn, die ſich nun zwiſchen ihm, Egon und Helene d'Azimont eröffnete, ſollte aber nicht lange währen. Er ſollte bald kennen lernen, daß Egon einer jener Menſchen war, die über jede Berechnung hinauswach— ſen. Kein Maßſtab paßt auf Individuen ſo flugſchnel⸗ ler Entwickelung. Wie der Jeſuit die Bedienten nach der Gräfin fragte, wie man ihm ſagte, ſie wäre zwar ſoeben von ihrer Spazierfahrt zurückgekommen, hätte aber vom Fürſten Egon einen Brief erhalten und ſich eingeſchloſſen, wußte er, ohnehin noch erſchüttert, nicht, was er thun ſollte. Seit zwei Tagen hatte er ſie nicht geſprochen. Alle ſeine Pläne gingen ſo günſtig vorwärts. Er hatte der alten Gräfin nach Paris die beſten Verſicherungen ſchreiben können, daß er ſich ihrem Auftrage, eine Scheidung zwiſchen ihrem Sohne und Helenen zu befördern, mit 430 dem günſtigſten Erfolge unterzöge. Helene hatte er ſeit vorgeſtern früh nicht geſehen. Er hoffte, ſie mit der Ausſicht, daß der Bund, der ſich um Egon ge⸗ bildet hatte, zerſprengt, zerſtreut, entfernt war, auf's angenehmſte zu überraſchen, und nun hörte er, daß ſie weine, krank wäre, ihn abweiſe und ſich ſchon wieder eingeſchloſſen hätte! Eine längere Ungewißheit ertrug er nicht. Er⸗ näherte ſich der verſchloſſenen Thür und lauſchte. Es war ihm, als hörte er weinen. Um des Himmels Willen, dachte er, was hat die Gräfin vor! Was iſt geſchehen? Er öffnete leiſe das Metallplättchen über dem Schlüſſelloch. Die Bedienten, denen der Zuſtand ih⸗ rer ſonſt ſo gutmüthigen und freundlichen Herrin Be⸗ ſorgniſſe einflößte, unterſtützten ihn in ſeinem Beginnen. Er konnte Helenen nicht ſehen. Der Schlüſſel, der von innen ſteckte, verhinderte es. Aber deutlich hörte er, daß ſie weinte und mit den Zähnen klapperte wie eine Fieberkranke. Jetzt hielt er ſich nicht länger. Er klopfte. Helene antwortete nicht. Er klopfte ſtärker und rief durch das Schlüſſelloch: Beſte, theuerſte Freundin, was beginnen Sie! Laſſen Sie mich hinein, Ihr wärmſter, aufrichtigſter lene hatte er poffte, ſie mit um Egon ge⸗ t war, aufs hörte er, daß nd ſich ſchon r nicht. Er lauſchte. Es was hat die en über dem r Zuſtand ih⸗ n Herrin Be⸗ tem Beginnen. der Schlüſſel inte und mit auftichigſer Y Freund muß Sie ſprechen! Es ſind Wunderdinge ge— ſchehen. Oeffnen Sie, Gräfin! In der That hörte er die Gräfin gehen. Sie er⸗ hob ſich. Er hörte ihr Kleid rauſchen. Sie ſchloß auf. Wie er eintrat, ſah er eine Jammergeſtalt. Die Wangen der ſchönen Frau waren wie grau. Die Augen erloſchen. Die Hände ſchlaff herabhängend. Er faßte die Rechte, ſie zu küſſen. Sie war eiskalt. Aber, was iſt Das? rief er. Gräfin! Ich komme, um Ihnen zu ſagen, daß von morgen, vielleicht ſchon von heute an der Fürſt von allen ſeinen Umgebungen gänzlich verlaſſen iſt. Er wird Miniſter. Das iſt wahr. Aber die Stunden der Muße, der Erholung, deren er nur zu ſehr bedarf, werden unverkürzt Ihnen gehören. Wieweit ſind Sie? Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief. Es war dieſelbe Handſchrift wie die, die er eben an Louis gerichtet geſehen hatte. Egon ſchrieb an die Gräfin eine Entſcheidung ihres Schickſals. Vierzehntes Capitel. Zum Lebewohl. Der ſchmerzliche Accord, der durch unſre ernſter tönende Erzählung fährt, lautete: „O es iſt wol eine der herbſten Entbehrungen, Helene, die ſich der Menſch auferlegen kann, wenn er ſich dem Arme der Liebe entwindet. Ich habe lange gerungen, mich von den grauen und düſtren Vorſtel⸗ lungen, die mein Gemüth umſchatteten, zu befreien. Ich kann nicht anders; ich bin den finſtern Mächten der Ueberlegung verfallen und was ich auch beginne, mich wiederaufzuſchwingen zu einem großen, vorur⸗ theilsloſen, freien Blicke über das Leben hin, ich kann es nicht. Ich erfülle mein Schickſal. Was mich zu dir führte, geliebte Helene, hab' ich oft dankend geſtammelt. Es war nicht deine Schön⸗ heit allein, nicht die Güte deines Herzens, die ſorg— ſame Liebe und Sorgfalt, ja leidenſchaftliche Vergöt⸗ terung Deſſen, was du einmal in das Heiligthum etnſtet tönende Entbehrungen, n kann, wenn Ich habe lange uſtten Vorſte⸗ 1, zu befreien. nſtern Mächten auch beginne, roßen, vorur⸗ hin, ich kann hab' ich elene, 2 „„SFchön⸗ deine Schön „ die ſolg⸗ ens, die ſolg 1 filche Bet 45 Heilgthun 1 deines Herzens eingeſchloſſen hatteſt, es war ebenſo⸗ viel von meinem eignen innern Drange, gerade Das, was ich in dir fand, gerade Das zu beſitzen. Ich Aermſter hatte der Liebe ſo wenig gefunden im Leben! Liebe iſt das behagliche Glück der reinſten Menſchlich⸗ keit. Liebe iſt das ſtille Ausruhen an einem Platze, wo es allen Sinnen, den innern und äußern, wohl⸗ ergeht. So glücklich war ich zwei mal! In Lyon und in Enghien! 4 4 In Paris verlor ich Louiſon. Ich verlor dieſe Liebe an Paris ſelbſt. Es gehört zur Liebe ein ſchlum⸗ mernder Menſch, der wenig bedarf, wenig begehrt, viel träumen kann. Ein ſolcher war ich nicht mehr, als ich die große Weltſtadt ſah, das Gewühl der Menſchen, die von Intereſſen und Meinungen durch⸗ einander gejagt werden. Louiſon's liebliche Geſtalt reichte bis zu den Phantaſieen nicht mehr hinauf, die mich in der großen Weltſtadt zu umgaukeln anfingen. Und doch wollt' ich entſagen, wollte nicht ſein und ſcheinen was ich war, wollte mich verbergen, lernen, mich bilden. Ich mochte den Begriffen, denen ich in Lyon Treue geſchworen hatte, nicht entſagen. Da fand ich Alles, was ich vermißte, in deiner Liebe! Du haſt mich geliebt, Helene, wie die Mutter, die ſich vom Gatten abwenden muß, ihr Kind anbetet Die Ritter vom Geiſte. VI. 28 434 und in reinen Flammen ihre ganze Seele zu läutern glaubt! Du fingſt an, dich ſelbſt zu lieben, dir ſelber zu gefallen, als du deine ganze Kraft der Aufopferung mir dahingabſt! Aber auch damals, theuces Weſen, warſt du mir nur der Widerſchein eines innern Bil⸗ des, die Befriedigung eines von mir ſelbſt gefühlten Bedürfniſſes, ein Gedanke, eine Stufe der Entwicke⸗ lung, ein Standpunkt zur Anſchauung des Lebens. Ach, daß es ſo iſt! Aber wer kann es leugnen? Ich war glücklich, bei dir von einem Irrthume, einer Grille auszuruhen. Du nahmſt mich ohne Anſprüche. Du wollteſt nicht, daß ich glänzte, meinen Ruf wiederher⸗ ſtellte. Du liebteſt nur mich, die Perſon, mein Lachen, mein Weinen, mein Hoffen, mein Klagen, den Men— ſchen, den ſchwachen, träumenden, bequemen Menſchen, der mit der Welt grollte, mit den Seinigen gebrochen hatte und über eine Zukunft philoſophirte, die er ſich nach den Stimmungen des Augenblicks wechſelnd und immer anders ausmalte. Die Flamme brannte und nahm den Docht, wo ſie ihn fand. Das Zufälligſte machte uns glücklich und Unterhaltung fanden wir in uns ſelbſt. Eine ſchmerzliche Reue trennte uns. Du weißt, Helene, wie ich mich plötzlich aufgeſchreckt fühlte. Ich konnte ſo, wie ſonſt, nicht zurückkehren zu dir! Ich le zu läutern en, dir ſelber Aufopferung euchs Weſen, innern Bild⸗ öſt gefühlten er Entwicke⸗ des Lebens. eougnen? Ich einer Grille prüche. Du f wiederher⸗ mein Lachen, , den Men⸗ n Menſchen, en gebrochen die er ſich echſelnd und rannte und V zuſälligte den wit in Du weißt, fühlte. Ic Ich 1I dir! 2 hatte Louis Armand wiedergeſehen und fand in ihm noch alle die Keime der Gedanken wieder, die ich in mir ſelbſt erſtickt hatte. Ich gab dich nicht auf, He— lene! Das weißt du wohl. Ich floh nicht vor dir, ſondern vor mir ſelbſt. Ich floh vor dem Bilde der Trägheit, der zweckloſen Träumerei, das mir von mir ſelber vorſchwebte. Ich floh vor den Jahren, um die ich den Schöpfer betrogen zu haben glaubte. Un⸗ ſchlüſſig über mich ſelbſt kam ich hier an. Louis dachte für mich, handelte für mich. Ich folgte ſeinen weiſeren Anordnungen. Die Reiſe nach Hohenberg, die Krankheit iſt dir bekannt, auch unſer Wiederſehen, Helene! Frage den Gott der Liebe, ob es falſche Schwüre waren, die ich in der Seligkeit dieſes Wiederſehens gelobte... ſie waren nicht untreu gemeint. Aber ich fühle es, die Art, in der ich allein noch, was ich damals verhieß, ausführen kann, wird dir nimmer genügen. Ich habe angefangen, Alles, was ich ſeit Genf, ſeit den deutſchen Univerſttäten, ſeit Lyon und Paris über die Geſellſchaft und das Staatsleben gedacht habe, jetzt in ein Syſtem zu bringen. Ich muß den Anfang eines männlichen Berufes machen. Ich be⸗ darf jetzt einer unendlichen Freundſchaft, kann aber nur ſie, nicht die Liebe, erwidern. Ich fühle mich zur Liebe, zur Hingabe ebenſo zerſtreut, matt, ohn⸗ 28* 436 mächtig, wie glühend ich die uneigennützige, blindeſte, treueſte Freundſchaft bedarf. Es iſt mir jetzt, als wenn Männer, die etwas Großes wollen, nicht in der Weiſe, wie es die Dichter beſingen, lieben können. Werf' ich dir vor, daß du es verſchmähſt, von meinen Almoſen zu leben, von den Blicken zu zehren, die ich in Sturmeseile einen Augenblick innehaltend dir flüch⸗ tig zuwerfe? Wärſt du ſelber ehrgeizig, du begnügteſt dich mit ihnen. Aber du biſt es nicht. Du willſt nur Liebe, das Glück des ſtillen, ungeſtörten Beſitzes. Du biſt eine Lebensdichterin! Ich bin, wenn ich in allen meinen Hoffnungen und Entwürfen einſt ſchei⸗ tern werde, höchſtens ſo glücklich, der Gegenſtand eines Dichters zu werden, der mich mit einem Gebet für meine Seele, mit einer Entſchuldigung für die Welt, in ſeiner Darſtellung einſchaufelt. Du haſt dies Leiden gefühlt, Helene, und mir geſtern, als ich ſo grauſam, ſo kalt war, wieder von dem Worte geſprochen, das du ſchon einmal fallen ließeſt, du wollteſt mein Weib werden! Helene, daß ein Wort, worin für ein Weib ihre ganze Kraft, ihre ganze Allmacht liegt, hier wie ein Almoſen klang, das nicht einmal du gabſt, ſondern du nahmſt! Mein Weib! Helene, du mein Weib! Daß ich verneinend ſo auffuhr, daß ich ſo wild ſtürmte, was war es * ige, blindeſte, iir jetzt, als ten, nicht in jeben können. von meinen hren, die ich nd dir flüͤch⸗ u begnügteſt Du vilſt nen Beſihes. wenn ich in einſtſche⸗ enſtand eines m Gebet für ür die Welt, e, und mir wieder von inmal fallen Helene, daß Kraft, ihre oſen klang, hmſt! Mein verneinend as mar ds denn, als daß ich dich für zu hochhalte, um mit dem Bettelpfennig der Ehe die Schuld abzutragen, die du an meiner Liebe zu fordern haſt! Soll die Berechti— gung der Ehe harren und warten, bis ich geneigt ſein kann, gedrungen mich fühle, die ſtarre Form zu beleben und zu beweiſen, daß die Ehe nicht das ab— fallende Saamenkorn der Blüte, ſondern die Blüte in ihrer vollſten Schöne und reichſten Entfaltung ſein ſoll? In dem Augenblick, Helene, als du von der Che ſprachſt, da ſah ich dich mit einem Blatt Papier und einer Feder in der Hand. Schreibe, daß du mich lieben willſt oder kraft dieſes Blattes mach' ich dir das Leben zur Hölle! So klang es mir in's Ohr. Mußt' ich nicht fliehen? Ich bin nun Miniſter eines großen Staates. Ein Beruf von unſterblicher Bedeutung! Ich habe volle Ge⸗ legenheit, mich zu tummeln und werde wenig Abende— von Tagen red' ich nicht— wenig Nächte ganz mein nennen können. Träumen, Helene, wird von dir der erſchöpfte Geiſt. Im Traume von dir werd' ich Er— quickung finden. Dieſe Furcht vor Dem, was mich binden, mich von meinen Geiſteszielen entfernen könnte, geht ſo weit, daß ich auch von Louis Arm and für dieſen Winter Abſchied genommen habe. Er geht nach meinem väterlichen Schloſſe Hohenberg. Auch die 438 jungen Wildungen, die Beide die Reſidenz verlaſſen, laſſ' ich gern ziehen. Alle Drei ſind mir theuer ge⸗ worden, aber ihre Idealität und träumeriſche Unbe⸗ ſtimmtheit drückt mich. Sie ſtellen mir Zumuthungen auf den Grund von Vorausſetzungen, in denen ſtie ſich irren. Ich habe die Blouſe getragen, habe den Hobel geführt, es war keine Grille. Aber, wer ſagt denn, daß ich darum die Ordnung der Welt auskeh⸗ ren will? Ich habe mir das Leben ſelber geſtalten wollen: ich mochte vom Schickſal keine Gunſt, die ich mir nicht erworben. Allein Das, was mir perſönlich zu Nutzen kommt, wird doch nie eine Verbindlichkeit für Andre werden ſollen? Ich bin froh, auch von dieſer Seite frei zu ſein und von einem der fatalſten Uebel nicht gepeinigt zu werden, der Behinderung durch freundſchaftsberechtigte Rathgeber, vor Denen man Alles vorher erörtern und nachher rechtfertigen ſoll. Fühl' aus dieſen Worten nichts Kaltes, nichts Liebloſes heraus! Die Menſchheit kann halbe Perſön⸗ lichkeiten nicht mehr brauchen. Man muß ſich ganz einſetzen und für ſeine Wahrheiten oder Irrthümer allein aufkommen, ſagte auch die Welt: dieſer Menſch iſt ein Dämon. Ich ſchreibe dir dieſe Worte nach einer ſchlafloſen Nacht in früheſter Morgenſtunde. Es iſt ein Abſchied, enz verlaſſen, ir theuer ge⸗ eriſche Unbe⸗ Zumuthungen in denen ſie n, habe den er, wer ſagt Gelt auskeh⸗ ber geſtalten Gunſt, die ich nir perſönlich gerbindlichkeit ˖,, auch von der fatalſten Behinderung vor Denen rechtfertigen altes, nichls albe Perſön⸗ uß ſich gand . Irrthümer eſer Menſch r ſchafloſ iin bſchi Helene! Ich kann, ich darf dich vor einem langen Zeitraume nicht wiederſehen. Kehre nach Paris zu⸗ rück! Such' einen ſtillen Ort an einem italiäniſchen See! Bete für mich! Knie an einem Kreuz im Thale und bitte Gott, den Wanderer da oben auf hohem Felſenriff zu behüten! Ich kann dich in meinem jetzigen Leben— vergib mir den kalten Ausdruck— nicht unterbringen. Verſprich mir, ruhig zu ſcheiden. Ver⸗ ſprich mir, wie Einem, der zum Tode geht, ihn durch deine Liebe nicht mehr zu erweichen und zu verhin⸗ dern, daß er gefaßt und ſeinen Henkern zum Trotze ohne Thränen ſterben kann! Ich bitte dich darum, Helene! Es kommt eine Zeit, ich ahn' es, wo ich wieder Liebe bedarf. Dann werd' ich am Wege lie⸗ gen, verwundet, verſchmachtet und hört' ich dann den Ton deiner Stimme, ſäh' ich dann den Saum deines Kleides, wie wollt' ich die Samariterin ſegnen! Jetzt laß mich ziehen! Dank für deine Liebe, Helene! Lebe wohl! Lebe glücklicher, als du durch mich geworden wärſt. Bekämpfe deinen Schmerz durch deinen Stolz! Gehöre dem Leben, das du ſo hold verſchönern kannſt! Verlaß dieſe Stadt! Es kommt eine ernſte Zeit! Was du auch von mir hörſt, verzweifle nicht ganz an mir! Lebe wohl! Nicht auf ewig! Aber für jetzt— Lebe wohl!“ 440 Als Rafflard ſah, daß die Gräfin entſchloſſen war, dieſem ſeltſamen Briefe Gehör zu geben, als er ſah, daß ſie ausgerungen, ihre Rechnung nach tauſend Thränen abgeſchloſſen hatte, wagte er nichts mehr von den alten Plänen vorzubringen. Er ſah ſeine Hoffnungen vernichtet! Sie werden reiſen? fragte er tonlos. Morgen in der Frühe. Wohin, meine Gnädigſte? Ich weiß es nicht. Schreiben Sie nach Paris. Ich werde von mir hören laſſen, wenn ich weiß, wo ich bleiben ſoll. Aber allein wollen Sie— 2 Allein! ſagte Helene. Ich werde verſuchen, mich zu retten! Indem trat der Diener ein und meldete ein jun⸗ ges Mädchen, das draußen ſtünde und ſich nicht genannt hätte, aber die gnädige Frau zu ſprechen wünſche. Jetzt nicht! Jetzt nicht! ſagte Rafflard vorlaut. Und dann ſich zur Gräfin wendend: Das Miniſterium iſt nicht vollſtändig. Man ſagt jeden Augenblick, der ganze Plan könnte ſcheitern... An ſolche Trümmer kann ich mich nicht mehr klam⸗ 441 loſſen wa, mern, antwortete Helene gefaßter und ſich zum Bedien— ais er ſah, ten wendend ſprach ſie: hh tauſend Was will das junge Mädchen? Wer iſt ſte? ichts mehr Und in ſelbem Augenblick ergriff ſie der Gedanke ſah ſeine an Melanie Schlurck. Von ihr wußte ſie, daß Egon ſie bei Paulinen ſah. Melanie hatte ſich in Egon's Phantaſie eingeſchmeichelt. Er hatte ſogar gewagt, von dieſem ſchönen Mädchen in ihrer Gegenwart zu ſcherzen. Sie war zu ſtolz geweſen, der Eiferſucht Raum zu geben. Sie hatte nur Paulinen vermieden, cj Pin die ihr zweideutig vorkam. Pauline, die trägt Egon weiß, wo jene Freundſchaft an, hatte ſie ſich geſagt, die er be— 3 darf! Das iſt nichts als Bewunderung, nichts als Sklaverei, nichts als Stolz, ihn nur zu haben, zu be⸗ hen, mich ſitzen, zu benutzen, um ſich zu heben! Oft grübelte ſie, was Egon nur an Paulinen bände! Einmal hatte ein jun⸗ Egon geſagt: Ein Geheimniß! Welches? hatte ſie ſch nicht gefragt. Ach, Helene! war Egon's Antwort. Das prechen elendeſte und jammervollſte! Da mochte ſie nicht län⸗ ger forſchen, aber ihre Eiferſucht auf Melanie wuchs. oorlaut. Jeden Abend, hörte ſie von Heinrichſon, der nicht mehr 4 zur Geheimräthin ging, daß Melanie noch bis elf, agt zwölf Uhr bei der Geheimräthin, die keine großen Ge⸗ huri ſellſchaften mehr gab, mit Egon zuſammentraf. Und deue nun dachte ſie: Die da jetzt zu mir kommt, iſt Mela— ehr klan 442 nie! Auch ſie iſt geopfert, auch ſie iſt elend! Sie kommt, um ihre Thränen mit den meinen zu miſchen! In dem Augenblick trat aber ein kleines, ver⸗ ſchleiertes Mädchen, das dem Diener gefolgt war, ohne Zögern herein und ſtürzte auf die Gräfin zu, ſie zu umarmen. Wer ſind Sie? fragte dieſe erſchreckend und trat ablehnend zurück. Es war nicht Melanie; aber es war ein Mäd⸗ chen, das weinte. Warum weinen Sie? Kann ich Ihnen helfen? Das junge elegant gekleidete Kind, in ſchwarzer Seide, weißem Hute und feinem türkiſchen Shawl ſchlug den Schleier zurück. Die Gräfin kannte ſie nicht. Auch Rafflard nicht. Wer ſind Sie, mein Kind? Sie ſind unglücklich! Was haben Sie? Rafflard winkte dem Diener zu gehen. Das junge, ſchöne, blaſſe Mädchen mit ſeelenvollen Augen, ver⸗ geiſtigtem hoheitsvollen Blicke ſammelte ſich und ſprach: Ich heiße Olga! Sie küßte die Hände der Gräfin. Olga? ſagte Helene erſtaunt. Olga? Sie ſind... Das Mädchen hielt die Gräfin umſchlungen und antwortete nicht. ie kommt, n! es, ver⸗ lgt war, räfin zu, und trat in Räͤd⸗ elfen? ſchwarzer Shawl td nicht. gücic s jünge, en, ver⸗ ſprach ſind. gen und Sie ſind Olga Wäſämskoi, Adelen's Kind— Ma chère tante! ſagte Olga ſchluchzend und lieb⸗ koſte ſie. Der Augenblick brach Helenen's ganzes Herz. Sie weinte mit dem Kinde. Engel! Himmliſches Kind, rief Helene, was führt dich zu mir, zu deiner Tante, die du lieben willſt? Was iſt dir? Olga ſchwieg... Du ſuchſt Hülfe? Olga! Liebſt du mich? Liebſt du deine Tante? Olga ſah bittend und zutraulich in die Augen He⸗ lenen's. Man verfolgt dich? Die eigne Mutter— ha, ich verſtehe— ich weiß es— Siegbert Wildungen—... Olga verhüllte ihr Angeſicht an Helenen's Herzen. Der Hut entglitt ihr. Rafflard hob ihn auf. Helene war ſo gerührt, daß ſie mehr über die Thränen des Kindes, als über ſich ſelbſt weinte. Rafflard, erſchreckend über dieſe Annäherung und dieſe neue Gefahr für das Vermögen des Grafen und die Beſorgniſſe ſeiner Mutter, ergriff das Wort und ſagte heuchleriſch: Rudhard, Ihr Erzieher, mein Fräulein, hat die Abſicht, eine Reiſe mit Ihnen zu machen? 444 Als Olga dieſe Frage mit ſtummer Gebehrde be⸗ jahte, ſagte Helene mit überquellendem Gefühl und in ihrem eignen Schmerz die Größe des fremden Leids ermeſſend: Arme, liebevolle Olga! Ich weiß Alles, Alles! Olga, du liebſt Siegbert Wildungen— die eigene Mutter gönnt dir das Glück deines jungen Herzens nicht— du ſollſt fort— mit den Geſchwiſtern fort — Rudhard ſoll Euch entführen, damit der Mutter allein das Glück deines Lebens bleibt... Olga bejahte Alles und ſchluchzte. Hal rief Helene begeiſtert. Du bleibſt zurück, ich ſchütze dich, du bleibſt! Helene ſprach dieſe Erklärung mit der ganzen Ent⸗ ſchiedenheit, deren ihr Herz in leidenſchaftlichen Auf⸗ wallungen fähig war. Nicht bleiben, Tante! ſagte Olga. Ich darf nicht! Fort! Fort! Er iſt da— Wer iſt da? Wer, wer, mein Kind? ſagte Rafflard, ſchmei⸗ chelnd, zudringlich, ängſtlich, als Olga ſchwieg. Otto von Dyſtra! ſagte Olga tonlos. Während Rafflard hin und her combinirte und im Geiſte ſich ſchon vergegenwärtigte, daß der alte Plan, einſt das Vermögen des Grafen d'Azimont an „ — behrde be⸗ hl und in den Leids s, Alles! die eigene Herzens ſtern fort er Mutter zurück, ich unzen Ent⸗ chen Auf⸗ arf richt ſchmei⸗ nrte und der alte jmont an 1 445 die Kinder der Familie Wäſämskoi zu bringen, jetzt durch eine merkwürdige Wendung des Geſchickes und die entſtehende Liebe Helenen's zu dieſem Kinde in vollſter Entwickelung war und alle ſeine Hoffnungen für die alte Gräfin d'Azimont ſcheiterten, beſann ſich Helene und ſagte raſch: Otto von Dyſtra! Was ſoll er? Aus Amerika! Der Sonderling? Er iſt verwachſen— der Freund des Fürſten— ein Aeſop— ein Narr— was ſoll's? Olga hauchte die Erklärung hin, daß die Mutter verlange, ſie müſſe ſich mit Otto von Dyſtra verloben. Helene ſtarrte. Geſtern Abend fuhr er vor, ſagte Olga. Heute ſollten wir entweder mit Rudhard reiſen oder ich ſoll mich erklären, daß ich mich mit dieſem Ungeheuer verbinde... Das war genug, um Helene d'Azimont zu elek— triſiren. Die heldenmüthige, liebesſtarke, verlaſſene Frau, die in Olga ihr ganzes Ebenbild gefunden hatte, rief: Und du? Ich floh zu dir! Olga! Warum zu mir? Das Mädchen ſchwieg. Dann ſagte ſie durch Thrä⸗ nen lächelnd, zuverſichtlich, treuherzig: 446 Weil du lieben kannſt! Wie Olga dieſe Worte feſt und ſicher geſprochen hatte, ſtürzten auf's neue die Thränen aus Helenen's Augen. Sie umarmte ſtürmiſch das junge Mäd⸗ chen, riß ihr den Hut fort, den ſie in der Hand hatte, nahm ihr den Shawl ab und ſprach in äußerſter Exaltation: Noch heute reiſen wir! Du biſt mein, mein Kind, meine Olga! Wir Beide ſind verbunden durch den Schmerz der Liebe! Gehen Sie, Rafflard, beſorgen Sie unſre Päſſe. Schicken Sie ſie uns nach. Wir reiſen ſo, wie wir hier ſind! Fort! Fort! Fort! In die Welt! Wir müſſen uns retten, Mädchen, vor dieſem Elend des Lebens, vor dem Froſt des Win⸗ ters, der ſich auch an die Herzen anſetzt! Auch Sieg⸗ bert hatte den Muth nicht, dich ſein zu nennen! Entblättert ſich dir ſchon ſo früh der ſchöne Glaube an dieſe Männerſeelen? Ha! Du biſt von meinem Blute, Mädchen! Dein Herz ſchlägt wie meines! Fort! Fort! Wir bedürfen andre, ſüdliche Luft! Nach Italien! In dieſem Norden erfrieren wir. Damit drängte ſie Rafflard, der vernichtet daſtand, hinaus. Rafflard ſtand noch unſchlüſſig und wollte verdrieß⸗ lich werden. geſprochen Helenen s ge Mäd⸗ and hatte, aäußerſter nein Kind, durch den beſorgen ach. Wir Folt! In ſchen, vol des Win⸗ luch Sieg— nennen! ne Glaube n meinem — meines! rft! Nach tdaſtand, verdrieß⸗ — Aber Gräfin! Was beginnen Sie? Welche neue Verirrung? 1 Rafflard! rief Helene. Kein Wort der Entgeg⸗ nung! Ich haſſe Egon! Ich bleibe meinem Gatten treu! Deſtré d'Azimont iſt ein Engel! Olga iſt meine Seele! Olga jetzt mein Leben! Olga, in dir find' ich mein Glück, meinen Reichthum, meine Zukunft, mein Alles! Ein Kind, ein Kind gewonneu durch den Schmerz des gleichen Schickſals. Olga! Laß uns die Welt ſehen und unſer Leid verbergen! Ich, ohne Hoffnung für das ganze Leben, Du für Siegbert Wildungen aufblühend in meiner Pflege, wenn er dich verdient! Ich, deine Mutter! Dein Schutz gegen Rudhard, gegen Dyſtra und wenn Sie wagen, Raff⸗ lard, wenn Sie wagen, Adelen zu ſagen, wohin ihr Kind ſich flüchtete... 4 Gräfin! Was denken Sie? Poſtpferde! rief Helene und Rafflard war hinaus. Er überlegte, was zu thun. Sollte er vor's Thor eilen und die Fürſtin von der Gefahr, ihr Kind zu verlieren, unterrichten? Während er ſo auf der Treppe ſtand, kam Hein⸗ richſon... Sie kommen gerade recht, ſagte er dieſem Wozu? 448 Die Gräfin will nach Italien und noch heute. Heinrichſon ſtand wie vom Blitz getroffen. Das iſt eine Trennungl ſagte Rafflard bitter. Nein, antwortete Heinrichſon lächelnd, ein Wie⸗ derſehen. Ich ſelbſt wollte der Gräfin ſagen, daß ich in einigen Tagen nach Rom zu reiſen gedenke... Sie weiß es... ich ſprach immer davon. Rafflard ſtand voll Erſtaunens. Er überblickte, daß Heinrichſon die Gräfin liebte. Anzunehmen, daß die Gräfin ſchon von ihm für die Idee einer ita⸗ liäniſchen Begegnung gewonnen war, hatte er kei⸗ nen, auch nicht den mindeſten Grund. Aber dennoch erſtarrt, ergriff er die Gelegenheit, die ihm von der Gräfin gegebenen Aufträge abzuſchütteln. Leiſten Sie ihr für dieſe ſchnelle und übereilte Ab⸗ reiſe hülfreiche Hand! ſagte er zornig. Ich für meinen Theil bin zu beſchäftigt, um ihren Aufträgen nach Wunſch zu genügen. Heinrichſon in glückſeligſter Geſchäftigkeit ging zur Gräfin, Rafflard huſtete noch lange die Straße entlang. Unten überfiel ihn die verdrießlichſte Stimmung, wie nun all' ſeine klugberechneten Pläne umſonſt ge— weſen und die Menſchen mit ihren Leidenſchaften weit über alle Schlingen und Netze des Verſtandes hinaus⸗ heute. en. bitter. ein Wie⸗ n, daß ich edenke... hmen, daß einer ita tte er kei⸗ er dennoch m von der bereilt Ab⸗ für meinen. rägen nach gkei ging die Stlaße Stimmung, zen weit haften w 93 hinaus⸗ „— —— 449 wachſen. Dieſe Familienbeziehungen erſchienen ihm ge⸗ ring, armſelig. Er ſpitzte im Geiſt ſchon die Feder, um auf den Quai d'Orſay in Paris einen epigrammati⸗ ſchen Brief zu ſchreiben, deſſen Thema ſo lauten ſollte: In der Komödie der Liebenden darf man nur mit ſeinem Herzen, nicht mit ſeinem Verſtande mitſpielen. Verdrießlich über Das, was er ſich Alles ſeither an größerer Geltendmachung ſeiner Miſſion hatte ent⸗ gehen laſſen, wie er Zeit, Mühe, Liſt, eigene kleine Unterhaltungen den Intereſſen einer vornehmen Fa⸗ miliencoterie geopfert hatte, überfiel ihn ſein alter rheumatiſcher Huſten ſo heftig, daß er an der nächſten Straßenecke ſtillſtand, in einen Fiaker ſtieg und mit den dem Kutſcher zugerufenen Worten davonfuhr: An's Komödienhaus bei der katholiſchen Kirche! Zum General Voland von der Hahnenfeder!— ... Noch in der Nacht gegen ein Uhr rollte ein Wagen mit Helene d'Azimont, Olga Wäſämskoi, einem Mädchen und einem Diener zum Thore hinaus. Es war das, das nach dem Süden führte. Ende des ſechsten Buches. 2 4 — Oolour& Grey Control Chart Blue Qyan Green vellow HBed Magenta S 8n