Le 4 8——,— ihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 4 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe J binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. ll 4 „ 3 7„—„ 3„—„„* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 1 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 1 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die f ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. d 01T 320 805 T 11 891 837 ———— Die Nitter vom Geiſte. Roman in neun Büchern von KAarl Gutzkon. Fünfter Band. ——- Leipzig: F. A. Brockhaus. 1851. Inhalt des fünften Bandes. Fünftes Buch. Seite Erſtes Capitel. Geneſung................. 3 Zweites Capitel. Der Pavillon................ 22 Drittes Capitel. Alte Bekannte......... 35 Viertes Capitel. Der Lurus des Geiſtes........... 68 Fünftes Capitel. Verſtändigungen................ 90⁰. Sechstes Capitel. Welt und Zeit............ 119 Siebentes Capitel. Ein Stillleben................. 136 Achtes Capitel. Volksahnungen................... 161 Neuntes Capitel. Stilles Leid und ſtille Schuld..... 190 Zehntes Capitel. Geſchichte eines Briefes.......... 213 Elftes Capitel. Thomas a Kempis!............... 245 Zwölftes Capitel. Die Ritter vom Geiſte!.......... 285 Dreizehntes Capitel. Der König und die Königin... 313 Vierzehntes Capitel. Wahre innere Miſſion......... 383 Funfzehntes Capitel. Eine Hexenküche............. 452 Sechszehntes Capitel. Der Zauberſpiegel........... 505 Fünktes Buch. Die Ritter vom Geiſte. V 1 Erstes Capitel. Geneſung. Einem regneriſchen, unfreundlichen Spätſommer folgte ein milder, klarer, ſonniger Herbſt. Die Septembertage erſetzten, was man vom Auguſt gehofft hatte, gemäßigte Witterung, linde Tage, er⸗ quickende Nächte. Es hatte geſtürmt wie im April. Nun war es faſt, als ginge noch einmal der Mai über die Erde und das kalte, ſteinerne Thor des Winters würde ſich noch lange, lange nicht öffnen. Man führte nun doch noch die faſt aufgegebenen Reiſepläne aus, man flüch⸗ tete wieder auf's Land zurück, man begrüßte die Gär⸗ ten, die ſich durch all die Regenſchauer nur erfriſcht hatten und noch aus Florens Blumenhorne reiche, bunte Spenden boten. Sechs Wochen nach den auf den voranſtehenden Blättern geſchilderten Ereigniſſen, an einem Morgen 1* 4 dieſer holden Septembertage, ſchritt eine ſchlanke, männ⸗ liche Geſtalt, blaß und hinfällig, am Arme eines an⸗ dern jungen Mannes, durch die Gänge eines kleinen Parkes, durch deſſen hie und da ſchon gelbes Laub⸗ werk die Sonne mit der ganzen Wärme jenes Strah⸗ les brannte, an dem in geſegneteren Gegenden, als die, wo wir uns befinden, die Traube auf den Ber⸗ gen ihre letzte Glut und Reife empfängt. Kein Lüftchen regte ſich. Käfer, die im feuchten Auguſt erſtarrt ſchienen, erhoben ſich zu neuem Leben. Selbſt noch ein dunkelfarbiger Schmetterling hüpfte von einer der vollen Blumenglocken der ſchlanken Malve zur andern; denn in einer Seitenbiegung kam man aus dem kleinen Parke in einen Blumengarten. Hier und da ſtand ein Obſtbaum und verbreitete den vol⸗ len würzigen Duft der reifenden Aepfel, den milderen, weicheren von Birnen, ja an der Einfaſſungsmauer der ganzen Anlage blickte aus dem dunkeln großblätte⸗ rigen Grün eines Rebenſpaliers ſogar manche Traube, die für eine Pflege und Wartung lohnen und danken wollte, die das Spalier in dieſem Jahre nur ſpärlich empfangen zu haben ſchien. Der am Arme des Andern langſam ſchleichende junge Mann deutete erſchöpft auf eine verwitterte ſteinerne Bank, die an der Grenzſcheide des Parkes und des Gartens ſtand. e, männ⸗ nes an⸗ kleinen s Laub⸗ Strah⸗ den, als en Ber⸗ feuchten nLeben. jhüpfte Malbe m man n. Hier den vol⸗ nilderen, gomauer oßblätte⸗ Traube, danken ſpärlich de junge ne Bank, nsſſtand. Hier mochte lange kein ruhiger Freund der Natur, kein ſo dankbarer Anbeter der Herrlichkeit Gottes in ſtillergebener Betrachtung verweilt haben. Die Bank von einer Steinlehne bequem begrenzt, mit einem in dieſe Lehne gehauenen Wappen im Rücken geziert, war verwittert, vom Regen zerbröckelt, Moos überſchimmelte ſie wie eine flache Felswand. In der den Rücken zierenden Krone und ihren durchbrochenen Henkeln, wenn man wie Richard Il. bei Shakeſpeare die Krone einem Eimer vergleichen wollte, ſtand noch Waſſer, das die Luft oder der Stein ſo raſch aufzu⸗ ſaugen nicht die Kraft gehabt hatte. Der Gefährte des blaſſen Spaziergängers war auf dieſe Unbequem⸗ lichkeit gerüſtet. Er trug ein großes Polſter, das er nicht der Länge nach, ſondern ſo in die Quere auf die Steinbank legte, daß der Ermüdete ſich auch zu⸗ gleich durch eine weiche Rücklehne erfreut fand, als er erſchöpft vom Arme des Gefährten abließ und auf das Polſter niederſank. Ah, Das thut wohl! ſagte der Leidende. Das iſt kein Gefühl des Schmerzes mehr in den ſchweren Glie⸗ dern; Das iſt die Luſt und Wonne der Geneſung! Und zu ſeinem Gefährten ſich wendend, ſetzte er in franzöſiſcher Sprache hinzu: Aber Louis— der Stein iſt kalt für dich und 6 hart... Wir hätten das Kiſſen in die Länge legen ſollen. Damit wollte er aufſtehen, ſtemmte ſich ſchon an die Seitenlehne und hob ſich mühſam in die Höhe. Nein, nein, ſagte der Andere in derſelben fremden Sprache und hielt ihn nieder, während er ſich neben ihn ſetzte; dieſe Steinbank iſt für Geſunde, wie ich es bin. Ja und die kleine Erhöhung über uns, die Wappenkrone, iſt ein Symbol, daß nun bald die Rück⸗ ſichten der Geſellſchaft an die Stelle der Freiheiten des Krankenzimmers treten werden. Laß es nur ſo! Der Geneſene ließ die großen, noch ſchweren Au— gen liebevoll auf ſeinem Gefährten ruhen, legte ihm die noch heißen Hände, in denen ein leiſes Zittern bebte, in die ſeinen und ſagte, die blaſſen Lippen des ſchöngeformten Mundes mäßig öffnend: O nie! Nie, mein Freund! Sieh nur, betonte lebhafter der Andere, wie uns dieſe Krone auf der Rückwand trennt! Es iſt noch Regen in ihr, erwiderte der Leidende mit ſcherzender, aber mehr wehmüthig gemilderter Miene, ſie ſchwimmt fort! Laß ſie dahintanzen auf den Wellen des Lebens! Sinkt ſie unter, ich lohnte dem Taucher nicht, der ſie mir wiederbringt. Sprich nicht zuviel, Egon! bemerkte ſorgend der ge legen ſchon an Höhe. fremden ſch neben wie ich uns, die je Ruͤck⸗ eiten des ſo! ren Au⸗ gie ihm Zittern pen des wie uns Leidende milderter zen auf lohnte gend der Gefährte. Genieße die linde Luft! Ziehe ſie in deine Bruſt mit tiefem Athem ein! Sie wird dich ſtärken. Egon gehorchte. Er war in jener gehorſamen Schwäche, die dem Geneſenden ſo rührend ſteht... Der Kranke widerſtrebt. Lange währt es, bis er ſich den Anordnungen Derer fügt, die aus Liebe zu ihm ſtreng ſind. Endlich ſchwindet in ſeiner gebrochenen Kraft das Bewußtſein, die Macht des Widerſtrebens läßt nach, er muß ſich gefallen laſſen, was beſorgt mit ihm geſchieht; denn er weiß nicht mehr, was die Welt um ihn her bedeutet, ſeine Sinne ſchwinden. Endlich aber bricht der Lichtſtrahl des Bewußtſeins wieder durch die Nacht des ſchon drohenden Todes, das Leben faßt mit ſtarkem Arme den Wiedergewon⸗ nenen und drückt ihn an's Herz und der Geneſende wird ein Kind, ein neugeborenes, ſchwaches, hülfloſes Kind, gehorſam und ergeben, ſanft und duldſam, wie umgewandelt, wie neuerſchaffen, jedes Gebot vollzie— hend, jeder Weiſung gehorchend und gerührt... über ſich ſelbſt! Egon ſah auf die Blumenbeete hinüber. Die Zeit der Roſen und Nelken war hin. Die Düfte hatten nicht mehr die ſüße Würze des Juli. Aber es wa⸗ ren noch Farben, die ſeinem Auge wohlthaten und durch allzu lebhaftes Colorit es nicht reizten. Er ſog ſich förmlich hinein in dies ſichere, feſte Leben der ge⸗ ſunden Natur. Jeder Luftzug berührte ihn wie die magiſche Gewalt eines Kuſſes, der alle Lebenskräfte des Menſchen elaſtiſch weckt. Die Sinne gewannen Kraft, das Gegenwärtige feſtzuhalten und von ihm auf die Vergangenheit zurück-, auf die Zukunft hin⸗ auszuſchließen... Welch ein Chaos! Welche unbe⸗ kannte Länder, über die erſt allmälig wieder ein hei⸗ matliches Licht fällt! Was iſt da Alles geweſen! Was hat man erlebt oder nur geträumt? Was iſt Erinne⸗ rung, was nur Phantaſie? Die Kräfte des Geiſtes halten dieſe Thätigkeit noch nicht aus. Ermattet ſin⸗ ken die Schwingen wieder nieder und es iſt dem Ge⸗ danken, als müßt' er ſich auf die Flügeldecken eines Käfers ſetzen und nur, um ſich erhalten zu können, mit Käfern, nur mit Bienen ſo fortſummen, als ge⸗ hörte man, ein Nichts, in's große Ganze und könnte nur leben im zitternden Sonnenſtrahl. Es iſt mir ſo, Louis, ſagte Egon, als hätt' ich eines Abends mit einem Kopfſchmerz, der mir das Be⸗ wußtſein raubte, an jenem Fenſter dort geſtanden— er zeigte auf das Palais— und dich ein Lied ſingen hören als Frage, ob ich daheim wäre? Du wollteſt mich begrüßen, wie in Lyon, wenn du von Paris kamſt und ich aus Louiſon's Armen auffuhr, horchend der ge⸗ wie die enskräfte ewannen von ihm unft hin⸗ he unbe⸗ ein hei⸗ en! Was Erinne⸗ Geiſtes attet ſin⸗ dem Ge⸗ en eines können, als ge⸗ d könnte hätt ich das Be⸗ nden— d ſingen wolttſt n Paris horchend 9 dem fernen Liede und der wohlbekannten Stimme des Bruders! Oder war's nicht das Gondellied, das wir damals auf dem See von Enghien ſangen? Die muthwillige Barcarole! antwortete Louis Ar⸗ mand. Ich glaubte nicht, als ich mir die verborgene kleine Thür dort aufſchloß, deine Geſtalt erblickte, das Liedchen anſtimmte, dich erkannte und zu dir hinauf⸗ ſprang über die kleine verſteckte Treppe, daß ich dich faſt bewußtlos antreffen würde und Alles wecken mußte und die Hülfe grade der Menſchen anſprechen, die du von dir entfernen wollteſt... Sind wir alſo wirklich doch in meiner Heimat? ſagte Egon. Ja, ja, Das iſt das Schloß meines Va⸗ ters— Das iſt der Pavillon, über den ich geſprochen habe— wo? zu wem? O Gott... wie ſchwer das Erinnern, wenn man ſich fürchtet vor dem Vergange⸗ nen! Louis, mir iſt ſo ſchwach, daß ich noch am Grabe Louiſon's zu liegen glaube. Ich ſuche die Kreuze und Immortellenkränze des Cimetieère Mont⸗ martre. Führe mich dahin! Es wird mir ſchwer dies Erinnern! Mein geliebter Freund, ſagte Louis Armand und faßte Egon's Hand. Beruhige dich! Die Todten ziehen Niemanden nach!... Sie gönnen uns das Glück dieſer Erde, damit wir ſeine geringe Vollkommenheit 10 erkennen und ſehnſuchtsvoller einſt dem Tode von ſelbſt in's Auge blicken. Sie ziehen uns nicht nach... wiederholte Egon und ſchwieg eine Weile. Dann fuhr er ſich mit ſtrei⸗ chelnder Hand über ſein leidendes edles Antlitz und hielt lächelnd einige Haare hin, die ihm dabei in der Hand geblieben waren. Immer mehr, immer mehrl ſagte er ſchmerzlich. Auf der Stirn ſieht es herbſtlicher aus als unter dieſen Bäumen und Blumen. Sieh, wieviel Laub wieder in der Hand geblieben! Da! Noch mehr! Noch mehr! Ich ſah mich geſtern im Spiegel... Ich habe Mitleid mit mir ſelbſt und könnte um mich weinen, Ein Nervenfieber, ſagte Louis, nimmt viel vom alten Menſchen mit und gibt dafür einen neuen wie⸗ der. Selbſt wenn deine Stirn ſo hochgewölbt bliebe, würde ſie jetzt erſt recht die Stirn eines Denkers ſchei⸗ nen. Allein die gütige Natur nimmt nur die Zeugen deines Leidens mit und gibt dir bald die Begleiter neuer Freuden. Und wenn ſie nicht kämen? fragte Egon lächelnd, doch beſorgt um ſein Aeußeres, das man bisher ſchön genannt hatte... Sie kommen, ſie kommen! tröſtete Louis. Freilich 11 von ſelbſt... wer weiß, ob Alle, die dich lieb haben, auch ge⸗ rade die Stirn des Denkers an dir lieben. ſte Egon Louis ſprach dieſe Worte ernſt und voll Kummer. nit ſtre⸗ Egon ſeufzte. Er verſtand ſie wohl. Sie bezogen ſich auf Helene d'Azimont, deren Charakter man nur halb würde begriffen haben, wenn man hätte glauben können, daß dieſe ſtürmiſche, liebeglühende Seele es ertragen hätte, ſo ganz von Egon's wiedererwachtem Bewußtſein ausgeſchloſſen zu bleiben... In der erſten raſchen Entwickelung der mit großer Regelmäßigkeit vorübergegangenen Krankheit hielten die vereinten Anſtrengungen der Aerzte und des treuen Wächters Louis Armand Helene d'Azimont fern; bald aber, mit den erſten in das freiwillige geſellſchaftliche tliz und ei in der merzlich. ¹s unter el Laub ar! Noch ſch habe veinen, diel vom Exil, das ſie ſich auferlegte, hereinbrechenden Hoff⸗ uen wie⸗ nungsſtrahlen ruhte ſie nicht länger und bot jede Liſt, bt bliebe, jede Berechnung auf, um ſich Egon zu nähern, ſogar ers ſchei⸗ ſein Krankenbett zu erſtürmen und ſich die Sorge für Zeugen ſein Leben ausſchließlich anzueignen. Das Letztere mis⸗ Begleite lang ihr freilich. Louis hütete den Fieberkranken mit der Treue eines Hundes. Er ſchlief auf einer Ma⸗ tratze zu ſeinen Füßen, ließ nichts in Egon's Hände kommen, was nicht vorher von ihm unterſucht war, und wurde darin von den ſtrengern Aerzten unter⸗ ſtützt... lächelnd, zer ſchän Freilich 12 Drommeldey, der ärztliche Rathgeber der vorneh⸗ men Stände, hatte wol ſonſt eine mildere Anſicht. Man hatte auch Sorge getragen, ihn mit der d'Azi⸗ mont ſogleich bekannt zu machen; allein ſo rührend ſie zu bitten verſtand, bis zu einem gewiſſen Zeit⸗ raum, der ſeinen Anordnungen zufolge erſt heute ein⸗ treten ſollte, duldete auch Drommeldey keine Aufregung ſeines Patienten. So blieb Helenen nichts übrig, als ſich jenem Rafflard anzuvertrauen, deſſen Ankunft in dieſer Stadt ſie mit ſo vielem Misvergnügen bei Pau⸗ linen von Harder vernommen hatte... Wahrhaft erſtaunt mußte ſie ſein, als dieſer vertraute Freund ihrer Schwiegermutter ſich ihr ſelbſt näherte und ihr die innigſte Theilnahme für ihr Leiden zu erkennen gab. Von einer Prüfung ſeiner Abſichten war keine Rede; denn er nahm ihren Schmerz für vollkommen begründet hin und weinte ſelbſt über ihre Thränen. Sie faßte zitternd ſeine Hand. Rafflard, der geheime Jeſuit, küßte die ihrige und ſogleich war er mit in das Complot gezogen, das ihre vereinten Geiſteskräfte geſchmiedet hatten, um Egon nun zuvörderſt die Nähe der Geliebten zu verrathen. Rafflard bot ihr darin jeden Vorſchub. Man beſtach alle Diener des Hauſes. Rafflard ſetzte ſich vorzugsweiſe mit den Wandſtabler's in Verbindung und ſo war denn bald einmal eine —— vorneh⸗ Anſicht. er dAhi⸗ rührend en Zeit⸗ eute ein⸗ ufregung brig, als kunft in bei Pau⸗ Lahrhaft Freund und ihr erkennen ar keine lkommen Thränen. geheime mit in teskräfte ie Nähe r darin Hauſes. ſtabler's nal eine 1 13 Blume auf die grünſeidene Decke von Egon's Bett geworfen, die ſeine Gedanken verwirrte, bald ertönte in den entlegenen Zimmern des Palais der Klang einer Harfe, die Helene mit einiger Virtuoſität zu ſpielen verſtand. Egon erfuhr zuletzt von Louis Ar⸗ mand ſelbſt die Anweſenheit jener ſchönen Frau, aus deren Armen er ſich in dieſem Frühjahr auf der rei⸗ zenden Villa von Enghien gewaltſam losgeriſſen hatte. Er ſeufzte. Das Uebermaß ihrer Liebe ſchien ihn nicht zu beglücken. Es kamen Briefe mit einer un⸗ verfänglichen, geſchäftlichen Außenſeite... man er— brach ſie harmlos; ſie waren von Helenen. Als ſie die Ueberzeugung gewann, daß dieſe Briefe geleſen wurden, gab ſie jeden Morgen ihrem Geliebten das Tagebuch ihrer Sehnſucht und Beobachtung des kal⸗ ten ſteinernen Palaſtes, der ihr ſo grauſam noch den Angebeteten entzog. Ein ſolches Blatt überreichte Louis ſeinem Freunde auch heute.. Egon nahm es mit gelaſſener Miene. Er hielt das aus der Enveloppe genommene zierlich duftende Papier mit feinen Arabesken und der gemalten Krone und den ſilbernen Buchſtaben H. d'A. lange in der Hand, ehe er ſich entſchließen konnte, es zu leſen. Wenn ich dem Leben erhalten bleibe, ſagte er nach 14 einer Pauſe ernſter Betrachtung, wie ſoll ich mich mit dieſem Verhältniſſe zurecht finden! Geliebt zu werden, ſagte Louis, iſt wol nur dann eine Laſt, wenn man nicht wieder liebt. Wie ſoll ich das Gefühl nennen, das mich an dieſe Frau feſſelte! fuhr Egon fort. Seit dem Tage am See von Enghien, wo Louiſon ihren Tod, wenn er einmal beſchloſſen war, glücklicher gefunden hätte als nach meiner Untreue; welche Umwälzungen mei— nes Innern! Ich floh, um meinen Erinnerungen zu entrinnen und ſie überholen mich und laſſen mich nicht wieder los. Das ſind die Erinnyen der Fabel. Man muß, ſagte Louis mit Faſſung und ohne die geringſte Zurückhaltung zu Nutzen ſeiner eignen An⸗ ſprüche auf Egon, man muß den Lauf der Natur in ſeiner Bahn nicht unterbrechen. Mismuth über eine verkehrte Erziehungsmethode, die angedrohte Rache eines frühern Lehrers treibt dich von Genf abenteuer⸗ lich in die Welt hinaus... Glaubſt du, unterbrach ihn Egon, daß ich Raff⸗ lard's Bosheit fürchtete, der ſich bei meinem zweiten Aufenthalte erinnerte, daß er wegen meiner und eines heimlich mir zugeſteckten Caſanova die Anſtalt des Herrn Monnard verlaſſen mußte? Deshalb, weil ich ihn an der offnen Tafel des Syndicus Lhardy einen nich mit ur dann mich an em Tage d, wenn en hätte gen mei⸗ ngen zu ich nicht el. ohne die nen An⸗ Katur in ber eine e Rache benteuer⸗ ih Raf⸗ zweiten nd eines talt des weil ich dy einen 15 heimlichen Jeſuiten genannt hatte, deshalb allein wäre mir der Aufenthalt in dem kleingeiſtigen, beſchränkten, ſpießbürgerlichen Genf unerträglich geworden? Ach nein! Es war der Zug nach einem kräftigen Wett⸗ kampfe mit dem Schickſal, der mich auf die Wan⸗ derſchaft, hinauf zu den blauen Höhen des Jura trieb..— Ich ſchließe mich auf der Landſtraße, ergänzte Ar⸗ mand, dem Wanderer in der Blouſe an, heimkehrend von einem Ankauf von Nußbaumhölzern in Poncin, und nehme dich als Zeltkameraden in meine beſcheidene Hütte, wo meine Großältern, meine Aeltern, Ver⸗ wandte, erinnerungsreiche Menſchen, eine Schweſter mit mir leben! Du ergreifſt die Art, die Säge, ja führſt ſogar mit deiner zarten Hand den Hobel und ich glaube, daß du der Sohn eines Kaufmanns in Deutſchland biſt, verfolgt als politiſcher Verbrecher. Wie hab' ich dich, eingedenk meiner Großältern und ihrer Schickſale, verborgen gehalten! Wie gezittert, die feige Politik unſrer Regierungen würde dir eins der heiligſten Menſchenrechte, das Recht des Aſyls, ver⸗ ſagen! Wie glücklich war ich, daß du wie wir die Einſamkeit liebteſt, die kleinen Freuden der Armuth theilteſt, ſo vollendet dich auf franzöſiſche Sitte und Sprache verſtandeſt, daß das argwöhniſche Auge der Polizei dich nicht entdeckte und dich für einen Schwei⸗ zer nahm... Und dennoch... Nein, nein, klage dich nicht an! Ich habe dich gehaßt, Egon, als Franz Rudhard, wie du dich nann⸗ teſt, die Liebe meiner Schweſter, ſeine eignen Schwüre vergeſſen hatte. Franz Rudhard, ſo ſtandeſt du vor meinen Augen! Den rauhen Namen hatteſt du dir von deinem erſten Erzieher gegeben, den du liebteſt.. Franz Rudhard! ſagte Egon lächelnd, leiſe das gebeugte Haupt ſchüttelnd... Louis, der mit den Gebrüdern Wildungen wäh⸗ rend ſeiner Wacht an dem Krankenlager nur in ge⸗ ringe Beziehung hatte kommen können, wußte wol kaum davon, daß Egon's alter Lehrer, von dem er in Lyon den Namen geborgt hatte, ihnen indwiſchen wieder ſo nahe gerückt war. Der Alte lebt noch in Odeſſa! fuhr Egon fort. Ich nahm dieſen Namen, weil er in meiner Erinner⸗ ung mit einem ſtillen, häuslichen und beſcheidenen Frieden der Familie im Zuſammenhange ſtand. Als ich in euer Haus trat... der verfallene Thorweg.. das niedrige Dach... die Blumenterraſſe... die Ziege, die eben auf ein Bruchſtück alter Römermauer geklettert war... und Louiſon, die ihr nachkletterte und lentt loner der tele ſarm deten lin. Schwwei⸗ zabe dich ich nann⸗ Schwüre du vor t du dir ſjebteſt.. ſeiſe das en wäh⸗ r in ge⸗ ißte wol dem er zwiſchen pon fort. Erinner⸗ heidenen dd. Als weg.. . die rermauer hkletterte 17 und ſie mit keckem Griff an den Hörnern herunter⸗ lenkte... fort von ihren jungen Kürbiſſen und Me— lonen, die ſie auf der Mauer pflegte und zog der freundliche Gruß des Vaters, der im Hofe arbei— tete... das prüfende mistrauiſche Grüßen der alten ſarmatiſchen Großmutter, der Jagellona, einer gebil⸗ deten, noch aus Koſziuszko's Zeiten ſtammenden Po⸗ lin.. ſie thronte wie eine Zauberin unter dem Dache eines Feigenbaums, der eure Wohnung umwand, auf einer ſteinernen Erhöhung und klöppelte mit der alten Tante, einer Deutſchen, ihrer Schwägerin, Teppiche... von dieſer wunderbaren Familie ergriffen, gehalten von deiner Freundſchaft, geblendet von Louiſon, nehm' ich für die Nacht vorlieb auf einem Sack von Maisſtroh als Lager... es iſt ein Sonnabend... am Sonn⸗ tag begleit' ich Louiſon ſchon in die Kirche... Sie zeigt mir in der Frühe den Reliquienſchrein der hei⸗ ligen Märtyrer in der Kathedrale... am Abend ho— len die Nachbarinnen ſie ab und wir wandern nach der Croir⸗Rouſſe auf die Chaumiere... ſchon am zweiten Sonntag hatt' ich einen Blumenſtrauß von ihrem Hut gewonnen... am dritten lohnte ſie mich nicht mehr für meine Liebe, ſondern nur noch für meinen Fleiß... wir müſſen uns beherrſchen, ſagte ſie, arbeiten, Glück verdienen... ich arbeitete, um den Die Ritter vom Geiſte. V. 2 5 Aeue S. a= Nn. 18 erſten Kuß zu verdienen... ich arbeitete, um drei Mü zu verdienen... ich arbeitete... Bis du ſie ganz gewannſt und ſie ohne des Prieſters Segen dein Weib war, fiel Louis ein. Beide ſchwiegen erſchüttert... Ein ſchwarzer ver⸗ ſpäteter Schmetterling, den die Knaben am liebſten haſchen, obgleich er der Trauermantel heißt, ſetzte ſich eben auf das Papier in Egon's Hand. Als der bunte Sommervogel zu den Blumen ent⸗ ſchwebte, war es ihnen, als hätte ſie die verwandelte Seele Louiſon's begrüßt... Ich klage dich nicht mehr an, mein Freund, ſagte Louis. Du hatteſt uns getäuſcht, aber auch dich ſelbſt. Schon als wir von Lyon zur Erweiterung unſres Ge⸗ ſchäftes nach Paris zogen und von Jagellona, der Tante, ja den Aeltern ſelbſt die Grabeshügel zurück⸗ laſſen mußten, war die Erkenntniß über dich gekom⸗ men, daß dir die Kraft fehlen würde, dieſe Rolle länger fortzuſpielen... Keine Rolle! rief Egon. Nie, nie hab' ich daran gedacht, daß ich jenen arkadiſchen Schäfern von Na⸗ varra nachahmen wollte, die ſich in Schäfer nur ver⸗ kleideten. Ich war ſo mit mir einig, als Franz Rud⸗ hard in Paris zu wirken, meinen deutſchen Beziehungen zu entſagen, daß ich es der Mutter kurz vor ihrem tete, um drei edes Prieſters ſchwarzer ver⸗ n am liebſten lheißt, ſetzte and. Blumen ent⸗ ie verwandelte Freund, ſagte uch dich ſelbſt. g unſres Ge⸗ agellona, der shügel zurück⸗ er dich gekom⸗ „dieſe Jole ab' ich daran fern von Na⸗ äfer nur ver⸗ 5 Franz Nud⸗ „Beziehungen uz vor ihrem 19 Tode nach Hohenberg ſchrieb und für immer von meinem vergangenen Leben mich losſagte. Eine Schwärmerei, ſagte Armand, von der dich die Fahrt auf dem See von Enghien heilte! Jene weichen Arme der Liebe öffneten ſich, für die du ge— boren biſt! Damals, als ich noch glaubte, dein Name wäre Franz Rudhard, hätt' ich dich morden können, daß du die Schweſter verließeſt, die dir Alles geopfert hatte. Sie hielt mich zurück, ſie hoffte auf deine Wiederkehr. Sie hoffte, bis der Thau der Nächte aus⸗ blieb und die Blume keine Thränen mehr hatte. Sie verwelkte. Ich erhalte einen Auftrag für eine Villa in Enghien, ich ſoll zu einem Tempel der Freude und des Glückes den Schmuck, die Vergoldungen und Spie⸗ gel zaubern, ich komme in das Boudoir jener Frau, wo Louiſon einſt in deinen Armen ſich von dem Un⸗ glück einer Waſſerfahrt erholte... Schweige, Louis, ſchweige! rief Egon. Und Louis, erſchreckend über ſich ſelbſt, fiel raſch ein: Vergebung! Vergebung! Was beginn' ich mit ei⸗ nem Kranken! Der Schmetterling auf dieſem Papiere war das Bild der Verſöhnung und ich hatte dir ja auch nur zu ſagen, Egon, daß ich um Egon's willen Franz vergab. Schon als du uns verlaſſen hatteſt, ahnten wir deinen höhern geſellſchaftlichen Urſprung, 9* 20 aber als ich auf dem friſchgeſchaufelten Grabe Loui⸗ ſon's erfuhr, daß du ein Prinz biſt, Sprößling eines vornehmen Hauſes, daß du aus Liebe zu dieſer Todten, aus Liebe zu dem beſcheidenen Leben der Armuth, aus Hingebung an die große Sache der Arbeit, deinem Stande, deinen Titeln, allen Vortheilen deiner Geburt drei Jahre entſagen lernen, arbeiten konnteſt... o, Egon, und wenn die Grabeshügel der Aeltern auf den Tod meiner Schweſter erſt gefolgt wären, ſtatt daß ſie ihr vorangegangen, wenn das Herz des zu ſeiner Sphäre zurückkehrenden Jünglings mir das Leben der eignen Geliebten geraubt hätte... wer weiß, ob ich nicht vergeben hätte um dieſes heroiſchen Ent⸗ ſchluſſes willen, um eine That, ſo einzig und groß, daß ich alle eigenen Schmerzen vergaß und dein blieb, Egon, um der Sache des Volkes und der Menſchheit willen! 1 Und ich verſpreche dir, ſagte Egon feierlich, daß dieſe von Patſchouli duftende Verlockung— er zeigte dabei auf das noch ungeleſene Papier— mich nicht aus der Bahn entfernen wird, auf der wir uns wie⸗ der begegneten und dein reines Herz meiner elenden Schwäche vergeben hat! Geliebt zu werden iſt ſüß! warf Louis ein, um die Selbſtanklage Ggons zu mildern. F w n Grabe Loui⸗ prößling eines dieſer Todten, rArmuth, aus Arbeit, deinem deiner Geburt konnteſt... o, er Aeltern auf t wären, ſtatt 8 Herz des zu mir das Leben wer weiß, ob eroiſchen Ent⸗ zig und groß, und dein blieb, der Menſchheit feierlich, daß g— er zeigte — mich nicht wir uns wie⸗ meiner elenden gouis ein, um 21 Ich ſehe rathlos, fuhr Egon fort, auf die ſchmei⸗ chelnden Worte, die ich nun ſeit acht Tagen von die⸗ ſer Unbeſonnenen erhalte, die mir von dem Herzen Frankreichs hierher nachreiſt und an eine Trennung unſerer Wege nicht zu denken ſcheint! Ich zittre vor dem Wiederſehen. Es iſt etwas in mir, das mir ſagt: Louiſon's Schatten verlangt die Sühne der Trennung von Helenen... Nein, nein, fiel Louis ein, Louiſon's Schatten iſt ge⸗ ſühnt durch unſere Verſöhnung an ihrem Grabe. Hätte ſie geahnt, was du ihr zum Opfer brachteſt, wer weiß, ob die Vernunft nicht Troſtgründe geboten hätte, die heilend wirkten. Man ſoll nicht Liebe von ſich ſtoßen; nie! nie! Das Leben iſt zu arm daran. Wenn ich nur nicht fürchten müßte... Louis ſtockte und blickte zufällig auf den Pavillon... Egon foderte ihn auf zu reden. Lies dieſen Brief! ſagte Louis, um noch auszu⸗ weichen.. Egon entfaltete das duftende Papier und las, was ihm Helene d'Azimont mit ihrer zierlichen kleinen Hand geſchrieben hatte. Zweites Capitel. Der Pavillon. Helene ſchrieb Egon in deutſcher Sprache: „Heute, mein geliebter Egon, ſind ſechs Wochen vorüber, als ich vor deinen Fenſtern im Wagen hielt, mitten in der Nacht, eben von der Reiſe gekommen. Ich konnte nichts von dir entdecken als den Schimmer eines Lichts, das vielleicht vor deinem Lager ſtand, als du ſchon die Annäherung dieſer ſchrecklichen Krank⸗ heit, die dich niederwerfen ſollte, fühlteſt. O welches rauſchende Leben glaubt' ich zu finden, einen belebten Palaſt, auf- und abſchwirrende Diener, hellerleuchtete Fenſter, Wagengeraſſel... und ich fand ein faſt aus⸗ geſtorbenes Haus, in dem nur mein Egon lebte, nur ſein Pulsſchlag mir hörbar erſchien. Wie hab' ich ſeitdem die Schläge meines Herzens gezählt! Wie mich mit dem Ohr auf die Erde gelegt, um etwas von —„S—e he: ſechs Wochen Wagen hiel, ſe gekkommen. den Schimmer Lager ſtand, cklichen Krank⸗ O welches einen belebten hellerleuchtete ein faſt aus⸗ zon lebte, nur Wie hab ich gezählt! Wie m etwas von 23 dir zu vernehmen! O Gott, Das ertragen zu ſollen! Wenn ich zurück denke und mir noch einmal vorſtelle, daß ich in einer Stadt mit dir leben und dich nicht ſehen ſollte, ich begriffe nicht, was einem Herzen möglich iſt, das dulden kann und hofft. Aber nun öffnen ſich auch die Himmel und die Genien der Liebe reichen mir den Kranz der Bewährung und des ſe⸗ ligſten Lohnes! Egon, ich werde dich wiederſehen, dir in's Auge blicken, den Kuß deiner Lippen fühlen. Ich zähle die Minuten, i6 ween nicht, wie mich die Vorſehung mit dieſer Langmuth ausſtattete, ich erkenne mich nicht. Mein geliebter Egon! Wie konn⸗ teſt du fliehen? Fliehen vor einem Herzen, das ohne dich brechen muß? Laß mich leben! Leben in deiner wiedergewonnenen Liebe! Ich habe unter den Erin⸗ nerungsblättern an unſer Glück heute das letzte an⸗ gefangen, eine kleine Zeichnung des Tempels, den ich unſerer Liebe auf meiner Villa in Enghien bauen wollte. Alle dieſe Skizzen, die ich nur mit ungeübter Hand entwerfen konnte, ſind mein einziger Troſt in dieſer Einſamkeit geweſen. Der See, die Terraſſe, der alte Eichbaum auf der Höhe des Waldrückens, die große Ebene mit dem Bahnhofe, meine kleine Veranda, die du ſo liebteſt und ſo zierlich ſchmücken halfſt, alle dieſe Blättchen hab' ich im Vertrauen auf 24 die Macht der Liebe, die auch die Schwingen des Talents kräftiger heben lehrt, als ſie von Natur flie⸗ gen würden, mit zitterndem Bleiſtift hingeworfen. Ich ſuche einen Maler, der mir würdig ſcheint, ſie auszu⸗ führen; dann überraſch' ich dich mit den Erinnerungen an ſchöne Tage. O ſie werden wiederkommen! Egon, haſt du denn nicht Mitleid mit mir? Nur ein Wort der Erquickung für meine zehrende Sehnſucht! O laß mich bald an deinem Herzen ruhen, mein Geliebter, mein einziger, einziger Egon!“ Es war Dies eine Apoſtrophe, wie ſie Egon ſeit vierzehn Tagen in immer gleichen Lauten der Ver⸗ zweiflung, der Liebe und der ohne Weiteres voraus⸗ geſetzten Wiedervereinigung erhielt. Als er das Pa⸗ pier geleſen hatte, ſummten ihm im Gedächtniß die Shakeſpeare'ſchen Verſe: Wenn Ihr Euch meiner nicht erbarmt, mein Lieber, Baut' ich an Eurer Thür' ein Weidenhüttchen Und riefe meiner Seel' im Hauſe zu, Schrieb' fromme Lieder der verſchmähten Liebe, Und ſänge laut ſie durch die ſtille Nacht, Ließ' Eure Namen an die Hügel hallen, Daß die vertraute Schwätzerin der Luft Olivia! riefe! O ihr ſolltet mir Nicht Ruh' genießen zwiſchen Erd' und Bevor Ihr Euch erbarmet! Beide Freunde ſchwiegen.... — 9 ſchm — män delne chwingen des in Natur flie⸗ worfen. Ich nt, ſie auszu⸗ Erinnerungen mmen, Cgon, nur ein Wort ſucht! O laß ein Geliebter, ſie Egon ſeit ten der Ver⸗ eres voraus⸗ er das Pa⸗ dächtniß die Lieber, 1 — 25 Was iſt da zu thun? begann Egon nach längerm ſchmerzlichem Nachdenken. Nur zu wachen, ſagte Louis ernſt, daß dieſe Liebe männlich bleibt, deine Gedanken nicht verweichlicht, deine Entſchlüſſe nicht lähmt. Ah! ſagte Egon, dieſe Liebe iſt doch ein Unglück. Damit richtete er ſich auf. Das Geſpräch hatte ihn nicht erſchöpft. Die Sproſſen auf der Leiter der Gedanken, die er langſam wieder zu erklimmen verſuchte, brachen nicht. Er fand ſich in ſeinen Erinnerungen zurecht und aus der wie— dergewonnenen Kraft des Geiſtes theilte ſich, ſtärkend, eine Belebung des ganzen Körpers mit. Er faßte Louis' Arm und wandelte zwiſchen den Blumenbeeten. Sie kamen in die Gegend jenes Pavillons, deſſen Inneres Künſtlerhände für die lebhafte und bequeme Phantaſie des alten Fürſten Waldemar, des General⸗ feldmarſchalls, geſchmückt hatten. Egon kannte dies Innere und betrachtete nach⸗ denklich die angelehnten grünen Jalouſieen. Er be⸗ ſann ſich, ob er nicht einſt Jemanden eingeladen hatte, ſich in dieſem Saale, unter Spiegeln, Blumen. und kerzenſtrahlenden Lüſtres die Geſchichte ſeiner Liebe erzählen zu laſſen... noch wollten aber ſolche Ge— danken nicht haften. Nur wie auf flüchtigen Sommer⸗ 26 fäden zogen ſie an ihm dämmernd vorüber und ſtreiften ſein Gedächtniß... Sie traten dem Pavillon näher. Egon beſann ſich ſchmerzlich lächelnd auf deſſen Beſtimmung und öffnete leiſe eine der Jalouſieen. Kaum war Louis, der ſich eben, weil die Garten⸗ thür ging, umgewandt hatte, von ihm veranlaßt wor⸗ den, gleichfalls einen Blick auf dieſe üppige Einrich⸗ tung zu werfen, als er die JIalouſie auch ſogleich fallen ließ. Träum' ich? rief Egon oder ſah' ich... Louis bemerkte ſeinen Schrecken und trat näher. Als auch er die Ialouſie fallen ließ, ſchüttelte er den Kopf und ſchien nicht begreifen zu können, warum er noch ſtaunte. Es war ein Spiegelbild Helenens! ſagte Egon. Wol muß es die Gräfin d'Azimont ſein, erklärte Louis. Irgendwo wird ſie in dem Pavillon verwei⸗ len. Der Spiegel fing ſie von dieſer Seite her wie ein lebendes Bild auf. Sie ſchlief? ſagte Egon. Sie ſchien zu ſchlafen... ſie ruhte nur. Der Spiegel empfängt ſeinen Reflex von jener Seite her, wo das Badezimmer meines Vaters... Komm, Louis! Komm! 4 hin, auf Vaſer grün gela aſtiſ den ſchic gan hät de hau Er r und ſtreiſten Egon beſann timmung und il die Garten⸗ deranlaßt wor⸗ ppige Einrich⸗ auch ſogleich ö... trat näher. ,ſchüttelte er unen, warum ſagte Cgon. ſein, erklärte willon verwei⸗ Seite her wie nur. ler von jenet 5 Vaters... 27 Damit wollte Egon ſtürmiſch zu jenem Fenſter hin, wo die magiſche rothe Beleuchtung einer Kuppel auf eine zierliche Rotunde fiel, deren Bilder, Statuen, Vaſen wir bereits oberflächlich kennen und erſt ſpäter gründlicher betrachten werden. Auch Louis begriff nicht, wie die Gräfin dorthin gelangen, dort auf einem Divan in beinahe phan⸗ taſtiſcher Kleidung ſchlummern konnte. Er glaubte an den Refler eines dort aufgehängten Bildes... Er ſchickte ſich an, dem Prinzen zu folgen, der den Ein⸗ gang nur vom Hofe aus gewinnen konnte und in ſtürmiſcher Eile mit trunkenen Sinnen, wie elektriſirt, das ſchöne verführeriſche Ziel ſuchte. Doch in dieſem Augenblick hielt ſie Sanitätsrath Drommeldey auf. Ei, ei, wohin ſo raſch? rief der Arzt und ſchlug Egon auf die Schulter. Dieſer wandte ſich, unangenehm überraſcht, und hätte ſich gern von dem Arzte losgemacht. Aber der Gehorſam eines Geneſenden hinderte ihn. Der Arzt hatte ſchon den Puls in der Hand und be⸗ hauptete, daß Egon zu lange im Garten verweilt hättte. Er müßte hinauf... Nein, nein, ſagte Egon, es iſt nur eine augen⸗ 28 blickliche Aufregung... und ſo wollte er zu dem Ein⸗ gang des Pavillons hin. Der Arzt hielt ihn aber ſehr entſchieden zurück und ſagte: Ich ſtatuire keine Aufregungen. Sie bleiben hübſch an meiner Seite, Durchlaucht! Damit faßte er Egon's Arm und lenkte in eine Allee des kleinen Parkes ein, die der Thür, die zum Hofe führte, zunächſt lag. Er machte mancherlei Vorſchriften und endete da⸗ mit, daß er ſagte: Unter dieſen Bäumen iſt es zu ſchwül und unter den Blumen dort lauern noch immer die böſen Geiſter des Fiebers. Sie müſſen ſich an friſcher reiner Wald⸗ luft ſtärken. Ich ſchreibe Ihnen für heute Folgendes vor: Nachmittag vier Uhr nehmen Ew. Durchlaucht einen Wagen und fahren mit Herrn Louis und ſonſt einem Freunde auf das königliche Schloß Solitüde. Dort kommen Sie um punkt dreiviertel auf fünf, ich ſage punkt dreiviertel fünf— der Sonne wegen— an, ſteigen aus, durchwandern die noch ſonnenwarmen Boskette, einige Gänge des Parks und ſetzen ſich auf dem kleinen Hügel, wo man die berühmte Ausſicht auf die Felder und den dort ſo mächtig ſich ausdeh⸗ nenden Fluß genießt, eine Viertelſtunde in der Sonne zur e Näh Pav r zu dem Ein⸗ ſchieden zurück bleiben hübſch lenkte in eine Thür, die zum und endete da⸗ vül und unter böſen Geiſter reiner Wald⸗ ute Folgendes z. Durchlaucht zwuis und ſonſt loß Solituͤde. auf fünf, ich wegen— an, onnenwarmen ſezen ſich auf mte Ausſicht ſich ausdeh⸗ 6 in der Sonnie 8 29 nieder; dann laſſen Sie den Wagen an der Südpforte vorfahren, ſind mit fünfzig Schritten wieder auf Ihren Polſtern und kommen einige Minuten nach ſechs Uhr wieder in Ihrem Zimmer an, wo Sie ſich etwas vor⸗ leſen laſſen, eine Suppe eſſen und um acht Uhr zu Bett gehen. Wird Das befolgt werden? Egon hatte nur halb zugehört. Er war zu bewegt, zu elektriſirt von dem Gedanken, daß Helene ſo in der Nähe war, ſo auf ihn lauſchte, ſo vielleicht in jenem Pavillon auf ſeinen Anblick gewartet hatte und dar⸗ über entſchlummert war... Louis aber, der aufmerkſam zugehört hatte, ant⸗ wortete ſtatt ſeiner: Pünktlich! Herr Sanitätsrath! Nun begleit' ich Sie auf Ihr Zimmer, ſagte meldey, einer kleinen Tiſane wegen, die Sie doch noch D rom⸗ nehmen ſollen und die ich verſchreiben muß. Kom⸗ men Sie, Durchlaucht! Bald beſuch' ich Sie nur, um Ihnen von der Welt zu erzählen und mir von Ihnen Pariſer Anekdoten auszubitten. Mit feiner weltmänniſcher Gewandtheit faßte der diesmal allopathiſch geſtimmte Arzt den träumenden, erſchütterten Egon unterm Arm und führte ihn durch deen Hof in die vordere Fronte. 1 Louis aber folgte in einiger Entfernung. 30 Zum Pavillon zu gehen und ſich in den Cabine⸗ ten zu überzeugen, ob dort die Gräfin d'Azimont wirk⸗ lich auf einem Divan ſchlief, wie er in jenem Spie⸗ gel geſehen hatte, dazu konnt' er ſich nicht überwin⸗ den; aber Doretten Wandſtabler, die im Hofe ſich tief knirend vor dem Prinzen verbeugte und nicht ohne Gefallſucht zur Feier der Wiedergeneſung des jungen ſchönen Herrn eine gewählte Toilette gemacht hatte und recht auffällig mit einem ungeheuren Bunde Schlüſ⸗ ſel klingelte, Doretten Wandſtabler hielt er an und ſagte energiſch: Sie haben die Gräfin d'Azimont in den Pavillon gelaſſen...? Vergeben Sie! ſagte Dorette ſchon etwas trotzig. Der Herr Sanitätsrath haben es ſelbſt befohlen. Wie? Der Arzt wußte... 2 Sie wollte in den Garten ſtürzen und den Prin⸗ zen.... Ein Arrangementl ſagte Louis vor ſich hin, voller Entrüſtung und die weitern Worte der Beſchließerin überhörend. Dann fragte er laut: War die Gräfin allein? Herr Profeſſor begleiteten ſie... Hören Sie ihn nicht huſten?. v Herr Profeſſor? Wer huſtet? 1 von gegen aber, war, halter daß n den Cabine⸗ Yimont wilk⸗ jenem Spie⸗ nicht überwin⸗ im Hofe ſich und nicht ohne ug des jungen gemacht hatte Bunde Schlüſ⸗ et er an und den Pavillon etwas trotzig. befohlen. nd den Prin⸗ h hin, voller Beſchließerin zren Sie ihn 2 1 31 Dorette erröthete, daß ſie von einem Manne wie von einem gewöhnlichen Beſucher ſprach, den ſie doch gegen Louis Armand bisher verheimlicht hatte. Jetzt aber, wo der Arzt ſelbſt für das Complot gewonnen war, glaubte ſie ſich nicht mehr ſo ängſtlich zurück— halten zu müſſen und ergänzte ihre Ausſage dahin, daß ſie den Profeſſor Rafflard meine. Louis wollte reden; aber Egon ſah ſich nach ihm um. Er folgte dem Prinzen, der nun auf Louis geſtützt, zum erſten male wieder die große Treppe beſtieg und mit völliger Abweſenheit des Geiſtes den materialiſtiſchen Auseinanderſetzungen zuhörte, mit denen Drommeldey gewohnt war, die Pſyche ſeiner Reconvalescenten neu zu beleben und ihnen die letzte Tiſane zu verſchreiben. Egon ſchritt die große Treppe empor. In ſeinen Erinnerungen ſetzte ſich die Vergangenheit Steinchen an Steinchen wieder muſiviſch zuſammen. Die von der Sonne erhellten Zimmer thaten ihm außerordent⸗ lich wohl. Er fühlte ſich ſo kräftig, daß er, als der Sanitätsrath ſich empfohlen und die Nachmittagsfahrt nach dem königlichen Schloſſe Solitüde ausdrücklich noch einmal bis auf die kleinſten Punkte eingeſchärft hatte, Louis faſt im Begriff war, zu bitten, er möchte ihn über den Pavillon, über Helene aufklären, ja wenn es nicht Louis geweſen wäre, der ſeine Befehle 32 erſt an die Diener überbrachte, wer weiß, ob er nicht augenblicklich das Wiederſehen mit einem Weſen ge⸗ feiert hätte, das durch eine einzige kurze Phantasma⸗ gorie ſeine ganze Einbildungskraft wieder beherrſchte. V Es iſt die Gräfin geweſen, ſagte ihm Louis auf⸗ richtig. Sie harrte vielleicht des Augenblickes, wo du im Garten dich zeigen ſollteſt und entſchlief oder 1 träumte wachend von dem Glück, dir nahe zu ſein. Es war nicht ganz wahr, als Egon darauf erwiderte: Ich kann ſie noch nicht ſehen. Ich fühle mich noch nicht ſtark genug, ihre Freude zu ertragen. 3 1 Indem fiel ſein Auge auf eine in ſeinem künftigen 6 Arbeitszimmer auf einem großen grün verhangenen Tiſche aufgeſtellte kleine Galerie alter Bruſtbilder mit ſchwarzen oder verblaßten goldnen Rahmen. Was ſollen dieſe Bilder? fragte er erſtaunt. Schon lange, antwortete Louis, harrt dieſe kleine Galerie des Augenblicks, wo du in ihnen die letzten Reſte des Andenkens an deine Mutter begrüßen wür⸗ deſt, mein Freund... Und mit dieſem Anblick, mit dieſen erläuternden 3 Worten fiel es wie Schuppen von Egon's Geiſte. 1 Gott im Himmell! rief er, dieſe Bilder... da iſt „. ... träum' ich? Wach' ich? Ja, ja— Das war's, worauf ich in der Nacht des Fiebers ſchon einmal fiel... — da, Esi von Seit von ſchor ferne iß, ob er nicht nem Weſen ge⸗ e Phantasma⸗ der beherrſchte. hm Louis auf⸗ genblickes, wo entſchlief oder nahe zu ſein. rrauf erwiderte: fühle mich noch gen. einem künftigen n verhangenen Bruſtbilder mit men. erſtaunt. nrrt dieſe kleine nen die letzten begrüßen wür⸗ n erläuternden n's Geifte lder.. d iſt — Das war's, einmal ſiel. — — 44 da, da iſt es ja— dies runde Paſtellgemälde... Es iſt ja das Bild, das vielerſehnte Bild meiner Mutter! Louis erzählte, was er von der Uebergabe dieſes von Egon mit Leidenſchaft aufgehobenen und von allen Seiten betrachteten Bildes durch Schlurck wußte. Auch von dem Geheimniß dieſes Paſtellbildes hatte er ja ſchon früher etwas vernommen, war aber über die ferneren Schickſale deſſelben im Unklaren geblieben... An dieſem Bilde, Freund, iſt ein Geheimniß! be— ſtätigte Egon, kaum Louis' Worten folgend. Ich faſſe nun Alles— ich finde mich zurecht— Louis ſieh, ſieh her... findeſt du etwas an dem Rahmen die— ſes Bildes... es iſt ſchwerer, als es dem äußern Anſchein nach ſein könnte— es muß eine geheime Feder haben— ich beſchwöre dich— erfinde, rathe, hilf! Ich bin faſt unvermögend, meine Ueherraſchung auszubeuten... Louis ſah mit Beklommenheit, daß Egon aus den Aufregungen nun nicht mehr herauskam. Er bereute faſt, daß er es ſo mit dieſer Galerie angeordnet hatte. Nach dem Spaziergange im Garten ſollten ihn die Bilder erfreuen. Den Zwiſchenfall mit dem Pavillon hatte er nicht berechnet. Er bat den Freund, ſich in Alles gelaſſener zu finden und von dem Bilde gleich abzuſtehen... Die Ritter vom Geiſte. V. 3 O ich fühle mich ſtark, rief Egon. Wo war ich? Gerechter Gott, das Alles verſchwamm in Nebel! Ich muß wieder Menſchen ſehen, ich muß hören, ſprechen, anknüpfen an das Leben... Führe mich in die Welt, Louis! Louis ſagte mit Zögern, daß er gehofft hätte, ihm heute einige Perſonen, die ſchon öfters nach ihm ge⸗ fragt hätten, vorzuführen... es ſtünden mehre im Vorzimmer... aber er wage nicht... in dieſer Auf⸗ regung, in dieſem ſteten Wechſel der Eindrücke. Führe ſie herein! rief Egon. Wer will mich ſpre⸗ chen? Wer iſt da? Ich muß Menſchen ſehen! Men⸗ ſchen umarmen... Damit legte er das ſo werthvolle, abenteuerliche Bild auf die grüne Decke, ging ſelbſt an eine Sei⸗ tenthür und öffnete. Herein! herein! rief er muthig und kraftvoll. Ich lebe wieder! Kommt! Ich habe das Licht der Sonne empfunden, ich habe den Duft der Blumen eingeſogen. Kommt, Menſchen! Kommt! Ich bin geneſen. Wo war ich? n Nebel! Ich pen, ſprechen, jin die Welt offt hätte, ihm nach ihm ge⸗ den mehre im in dieſer Auf⸗ ndrücke... vill mich ſpre⸗ ſehen! Men⸗ abenteuerliche an eine Sei⸗ kraftvoll. Ich ht der Sonne en eingeſogen. eneſen. Drittes Capitel. Alte Bekannte. 2 Egon ſuchte aber die Menſchen nur, weil er den Moment, nun wirklich das von ihm mit ſo vielen Abenteuern geſuchte Bild zu beſitzen, nicht ertragen konnte. Das Bild öffnen, nach ſeinem Inhalte for⸗ ſchen, er hätte es jetzt nicht vermocht. Er bedurfte eines Anhaltes an etwas, was ihm erſt Beruhigung bot. Er glich in dieſem Augenblicke jenen Menſchen, die nicht im Stande ſind, ein Gefühl mächtig und voll auf ſich wirken zu laſſen; Menſchen, die weinen, wo ſie lachen, lachen, wo ſie weinen ſollten; Menſchen, die einen geliebten Freund, das Theuerſte auf Erden, das ihnen lange entriſſen war, nicht ſofort wieder zu ſehen vermögen, ſondern in einen Winkel flüchten, wenn Al⸗ les dem Erſehnten ſchon in den Armen liegt, ihn herzt und küßt; in dem Winkel ſtill für ſich weinen, weil ihr Herz nicht im Stande iſt, eine ſo furchtbare Er⸗ 3* — 36— ſchütterung wie ein der menſchlichen Kraft Mögliches zu erleben und das Unglaubliche wie wirklich zu ertragen. Nur um ſich von dem Schrecken, das Bild zu ſehen, es wirklich überſchwer zu finden, das Geheimniß ſei— ner Mutter nun, er wußte nicht wie, in Händen zu haben, zu ſammeln, riß Egon die Thür auf und rief: Wer begehrt nach mir? Der Erſte, der eintrat, war ein ſchlichter geſund⸗ blickender, heiterer, friſcher Naturmenſch. Aus dieſem Auge ſtrömte Waldluft, ſtrömte Erkräftigung. Freude und Treuherzigkeit, die ſich zwar mit einer gewiſſen Ueberwachung miſchte, lachten Egon an und mußten dem kranken, jungen Fürſten innig wohlthun. Wir erkennen an ſeinem geſunden, vollen Geſicht, dem fuchsblonden Barte und der ruhigen Treuherzig⸗ keit ſeines zahmen Löwengeſichtes den Förſter Heu⸗ niſch aus Hohenberg. Ich kenne Euch, Heuniſch, ſagte Egon, als der Förſter ſeinen Namen genannt hatte und die leben— digſte Erinnerung ihn an das Bild und was mit ihm zuſammenhing jetzt faſt folterte; ich hab' Euch ge— ſehen. Bringt mich nur auf die Spur; wo? Wo? Durchlaucht, vor Allem meinen herzlichſten Glück⸗ wunſch zu Ihrer Geneſung! ſagte etwas zaghaft der Förſter, ſchlug aber mit waidmänniſcher Biederkeit ſeine mit ſchn rief Du raft Mögliches lich zu ertragen. Bild zu ſehen, Geheimniß ſei⸗ in Händen zu raauf und rief: hlichter geſund⸗ h. Aus dieſem igung. Freude einer gewiſſen nd mußten dem . vollen Geſtcht, en Treuhetzig⸗ Förſter Heu⸗ Cgon, als der ind die leben⸗ was mit ihm dab' Cuch ge⸗ wo? Wo! iichſten Glück⸗ s zaghaft der Biedertit ſine 37 mit weißen waſchledernen Handſchuhen zierlich ge— ſchmückte kräftige Hand in die magere des Prinzen. Jetzt weiß ich, Heuniſch, wo wir uns geſehen haben! rief Egon, rieb ſich jedoch noch zweifelnd die Stirn... Heuniſch lachte, kratzte ſich hinter'm Ohr und ſagte: Der Tauſend! Wohl haben wir uns ſchon ge⸗ ſehen, Durchlaucht... aber... mein Seel', Der ſind Sie doch nicht, Durchlaucht, der ich gemeint habe, daß... Daß ich wäre? Wer denn? Wer bin ich denn? Sieh! ſieh!... fing Heuniſch zu grübeln an und blinzelte mit ſeinem ſcharfen Auge unter den langen, weißen Augenwimpern prüfend zum Fürſten hinüber. Er trennte ſich offenbar von der Vorſtellung, die ſich auch ihm eingeprägt hatte, daß Dankmar Wil⸗ dungen Prinz Egon geweſen wäre, mit großer Mühe. Noch lag ihm im Ohre, was im Gelben Hirſch der junge, gefällige Mann ihm über das Anlegen des Zeck'ſchen Goldes geſagt hatte, und nun fand er einen Andern, den er aber auch zu kennen glaubte. Halt! ſagte er. Wär' es nur möglich! Ja, ja, Heuniſch... Ihr ſeid der Jäger— Welcher Jäger? An dem Vormittag... Ei wie könnt' ich denn die Dreiſtigkeit haben, Durchlaucht, zu glauben, daß 38 Ja, ja, habt ſie nur.. Der Handwerksburſche? Im Gelben Hirſch? Der! Der bin ich— Durchlaucht machen Eins confus! Der Handwerksbuͤrſche bin ich! Der mich gefragt hat, wo der Weg nach Pleſſen geht und in der Sägemühle übernachten wollte? Der aber auf dem Kirchhof ſchlief am Grabe ſei⸗ ner Mutter, die Ihr hier in dem Bilde ſeht... O weh! rief Heuniſch und ſchlug ſich mit den Händen an den Kopf und gedachte ſogleich ſeiner ge⸗ wagten Anekdoten über die Fürſtin Amanda. Damals, ſagte Egon, botet Ihr mir von Eurem Imbiß an und heute müßt' Ihr nun bei mir vorlieb nehmen. Louis, ein Glas Madeira! Ein Früßhſtück! Allons done! Durchlaucht, ich habe gefrühſtückt! ſagte Heuniſch aufrichtig, ohne verbergen zu können, daß ihm ein ſolcher Empfang neuen Appetit machte. Louis war ſchon auf dem Sprunge geweſen, faſt noch ehe Egon den Befehl gab, eine ſolche Idee aus⸗ zuführen. Er klingelte und lief ſelbſt; halb Herr, halb Diener. Er wollte, daß man ihm ſchon auf halbem Wege entgegenkam. Wie froh war er, jetzt beſſere Menſchen zu ſehen, die zu des alten Fürſten Verlaſ⸗ n Hirſch? gnach Pleſſen n wollte? am Grabe ſei⸗ ſeht... ſich mit den leich ſeiner ge⸗ anda. ir von Eurem ei mir vorlieb Ein Fühſtück ſagte Heuniſch daß ihm ein geweſen, foſ liche Idee aud⸗ alb Herr halh dn auf halben r, jett beſtl ſten Verlaſ⸗ für 39 ſenſchaft gehörten und denen er ſeinen Freund zurück⸗ ließ, wenn er nach Frankreich wieder heimkehrte! Wie gefiel ihm dieſer treuherzige Förſter im grünen Leib⸗ rock mit goldenen Knöpfen und mit den waſchledernen Handſchuhen! Vor Vergnügen war er nahe daran, für ſich hin ein polniſches Liedchen zu trällern, das er von der alten Jagellona oft hatte ſummen hören... Nun ſetzt Euch, Heuniſch, ſagte Egon, nehmt Platz! Ja ich bin der Handwerksburſch vom Gelben Hirſch! Ich wollte Hohenberg ſehen, wie die Gau— ner dort wirthſchaften! Legt den Hut ab, Heuniſch! Setzt Euch! Man bringt uns zu frühſtücken. So war's bei meiner Mutter auch, wenn der grimmige Marzahn kam. Sacre bleu! Der war ſchlimm! Der hatte Zähne wie ein wilder Cber, aber er fing ſie auch am Meſſer auf... aus freier Hand, ein Teu⸗ felskerl! Können wir auch, Durchlaucht; aber die Eber kommen nicht mehr. k. Aha! So iſt gewirthſchaftet worden?.. Jetzt, beſter Freund, ſagt mir doch einmal... Hier unterbrach der Förſter plötzlich den glückſeligen Egon, der aber ſchon über ſeine eigene Gemüthlich⸗ keit innerlich lächelte und ſie den vielen Freuden und Ueberraſchungen des Morgens zuſchrieb. 40 Durchlaucht, ſagte er mit leiſer Stimme und zeigte auf die Nebenthür, nehmen Sie's nicht übel, aber es wartet da draußen noch Jemand... Wer denn? 4 In Egon erwachte die lebendigſte Erinnerung an Dankmar. Schon hoffte er, der Förſter würde dieſen Namen ausſprechen, als er ſagte: Der Herr Pfarrer aus Pleſſen, Herr Stromer... Der Pfarrer aus Pleſſen? wiederholte Egon und beſann ſich auch auf dieſen. Aha! ſagte er vor ſich hin. Stromer... der fromme Stromer? Na— fromm!— meinte Heuniſch und kratzte ſich hinter'm Ohr... Der die Blumen band— ſprach Egon für ſich hin. Als die ſelige Fürſtin eingegangen war zu ihres Herrn Freude, da... Als ſich der Zank erhoben hatte Abends... Einer hörte jetzt auf den Andern nicht. Heuniſch brach ſeine einmal aufgezogene Gedankenreihe nicht leicht ab. Das Denken hüpft bei ſolchen Menſchen nicht ſo behend hin und her wie bei den Dialektikern der Bildung und der Lüge. Er ſagte, fuhr er fort, ich ſollte nur vorerſt gehen. Ich würde doch gleich abſolvirt werden und da wolle er lieber nach mir kommen. Und nun, Sapperlot, nun Was —= r,„ ume und zeigte übel, aber es Erinnerung an er würde dieſen er Stromer.. olte Cgon und gte er vor ſich ter? ſch und kratzte en für ſich hin. wat zu ihres bends... icht. Heuniſch nkenreihe nicht chen Menſchen en Dialektikern rvorerſt gehen und da wolle m Sapperlot, 41 nun— fangen wir hier ordentlich zu frühſtücken an. Was wird der Pfarrer denken! Die Thüren gingen auf. Zwei Bediente ſprangen hinzu und deckten. Der alte Wandſtabler leitete dieſe Unternehmung wie eine große Staatsaufgabe. Er wackelte vor Se⸗ ligkeit, daß nun etwas kam, was an die alten Zeiten erinnerte, ſetzte die Stühle und warf ſo ſchmachtende, thränenverklärte Blicke auf den jungen Fürſten, daß dieſem himmelangſt wurde über den Umſtand wegen eines kleinen Frühſtücks! Das lärmende Bedienen hatte er nie geliebt. Doch blieb er bei guter Laune und ſagte zu Heuniſch: Der ſüße Schleicher, der ſo raſch von Eurem kurzen Empfang urtheilte, ſoll nun gerade warten und hören, wie hier die Teller und die Meſſer und Gabeln und Gläſer klingen. Ach! Durchlaucht, entgegnete Heuniſch ängſtlich und mit bittender Gebehrde. Ne... ne! Das nicht! Laſſen Sie den Herrn Pfarrer doch lieber auch gleich herein⸗ kommen. Geheimniſſe hab' ich Ihnen keine zu er— zählen und der Herr Pfarrer möchte gar meinen, der Förſter Heuniſch erlaubte ſich etwas Deſpectir⸗ liches, wenn Der hier wie in Abraham's Schooß ſitzen wollte. 42 Auf Euer Fürwort will ich ihm dieſe ſchmeichelhafte Vergleichung erſparen, ſagte Egon und rief: He, Wandſtabler! Der Haushofmeiſter und Vater der drei Huld⸗ göttinnen des Hohenberg'ſchen Palais wußte nicht, wie ihm geſchah. Angerufen von der jungen Durch— laucht! Berückſichtigt! Geduldet! Wandſtabler gerufen aus ſeinem eigenen gnädigſten Munde! Kaum noch hatte er ſich umgewandt, die ſtarke, ſchnurrbärtig gewichſte Figur auf dünnen beſchuhten Beinchen, um die Befehle zu vernehmen, als Egon ſchon ſagte: Vier Couverts! Vier Couverts! keuchte der Haushofmeiſter und ſchnurrte dabei, wie wenn ſeine Sprachwerkzeuge an einer innern Rolle abliefen, aſthmatiſch oder zu einem Kropf disponirt. Vier Couverts! Mit dieſer Loſung ſchwankte Wandſtabler aus der Thür und umarmte faſt ſeine lauernde älteſte Tochter, die ſchon in voller Thätigkeit war, ſämmtliche Schränke, alle Weißzeugkiſten öffnete, Gläſer, Meſſer zählte, doppelt für jeden Gang, und die Bedienten in Galopp brachte... Wandſtabler! Vier Couverts!... Mit dem Vollgewicht dieſer erſten errungenen Berückſichtigung mußte ſich der Haushof⸗ meiſter an der großen Treppe über den Strohdecken auf ei und ſe Thrin man mende dereit C zweite aun! ige Ho daß durf unt ſein 4 rete on ſchmeichelhafte rief: ee drei Huld⸗ wußte nicht, jungen Durch⸗ ſſtabler gerufen dt, die ſtarke, nen beſchuhten nen, als Cgon pofmeiſter und kkeuge an einer zu einem Kropf oſung ſchwankte rmte faſt ſeine aler Thätgkeit ggkiſten öffnete en Gang, und b Pandſtablet! it dieſer erſten der Haushof⸗ en Sirohdecken 43— auf einen der dort befindlichen Warteſeſſel niederſetzen und ſeinen glänzendgewichſten Schnurrbart mit einer Thräne anfeuchten, die das in einem ewigen, wie man es in der Volksſprache nannte,„Thran“ ſchwim⸗ mende, gedunſene Wein⸗ und Liqueurgeſicht immer bereit hatte. Egon aber öffnete nun die Thür und ließ den zweiten Beſuch auch herein. Er war dabei in ſeinen nun mit ganzer Macht hereingebrochenen Erinnerungen an Dankmar und in ſeinem mit Gewalt niederge⸗ kämpften Gelüſten nach dem Bilde ſo ergriffen, daß es ihm war, als ſpränge ihm der Kopf... Hätte Louis ahnen können, was Alles jetzt mit wunderbarer Gewalt auf ſeinen ſo gütig herablaſſen⸗ den Freund eindrängte, er würde nicht ſo ſchüchtern bei Seite getreten ſein und wol das gemüthliche, Wich⸗ tigeres verdrängende, weitläuftige Frühſtück mit den Hohenberger Gäſten hintertrieben haben. Er vergaß, daß Egon Reconvalescent war, der Schonung be⸗ durfte, und von Egon ſelbſt galt die Erfahrung: Was muthet ſich nicht Alles der Menſch an Kraft zu, wenn ſein Herz bewegt iſt! Der höfliche und mit vielen Verbeugungen Ein⸗ retende war in der That Guido Stromer, der Pfarrer von Pleſſen. 44 Guido Stromer mit dem zurückgeſtrichenen grau⸗ blond-gelben Haare, der hohen Stirn, dem aufge⸗ riſſenen Auge, der zwar hervorſpringenden doch etwas ſtumpfen Naſe und dem ganzen unruhigen, geſpann⸗ ten, überreizten Weſen, war gewählt gekleidet, trug ſchwarzen Frack, ſchwarze Beinkleider, Kamaſchen an den Schuhen, eine weiße Piquéeweſte und Halsbinde und die feinſten Glacéehandſchuhe. Das lange Haar war nicht ſo ſorgfältig gehalten, wie ohne Zweifel zu Zeiten der Fürſtin Amanda oder wenn ſeine Gattin für die Ordnung dieſes ſchon in's Graue ſpielenden blondgelben Wulſtes ſorgte. Es war nur von der hohen, breiten Stirn mit einer leichten genialen Tour⸗ nüre zurückgeſtrichen. Man glaubte einen Dichter, einen Künſtler, eine inſpirirte Perſönlichkeit zu ſehen, die ſich mit Wohlgefallen in die leichte Form der Mode geworfen hatte, ohne indeſſen den ſtarken Geiſt ganz unter ihre ſtrengen Geſetze beugen zu können. Ein kleines weißes Bändchen, das hinten am Halſe vorguckte, verrieth, daß dieſer jedenfalls vor einem Spiegel gemachten Toilette doch die letzte weibliche Reviſion fehlte. Es war eine übertünchte Eleganz, in welcher Eitelkeit, Dorftournüre und wirklich ge⸗ niale Formverachtung zu einem ſonderbaren Gemiſch zuſammenliefen. 3S tretend nun Vald u! Guideo gegen dunſtes Fürſt 1 Cgon die lich eine Acc d dode Gen Nabe ſtrichenen grau⸗ n, dem aufge⸗ den doch etwas higen, geſpann⸗ gelleidet, trug Kamaſchen an und Halsbinde das lange Haat ohne Zweifel zu an ſeine Gattin raue ſpielenden wnur von der genialen Tour⸗ einen Dichter, ihleit zu ſehen, ichte Form der en ſtarken Geit gen zu können. nten am Halſe alls vor einem zbliche letzte weibliche nnchte Cleganz nd wirkich ge⸗ baren gemiſch 45 Zwei Boten aus Hohenberg! rief Egon dem Ein⸗ tretenden entgegen, und auf den durch den Pfarrer nun gedrückten Heuniſch deutend ſetzte er hinzu: der Wald und die Kirche grüßen mich! Und dem Schöpfer, der in Beiden wohnt, fiel Guido Stromer ſogleich mit der ihm eigenen Geiſtes⸗ gegenwart und Wortfülle ein, danken wir die Geneſung unſres geliebten, jungen, uns doppelt neugeſchenkten Fürſten und Herrn. Da ſich Louis ſehr zurückgezogen hatte, ſtellte ihn Egon anfangs nicht vor. Nehmen Sie Platz, Herr Pfarrer, ſagte Egon. Wir wollten eben den Göttern ein Opfer bringen, eine Liba⸗ tion des Dankes und hoffentlich auch allenfalls einen Hahn, den man jawol im Alterthum opferte, wenn man von einer Krankheit genas... nicht wahr? Stromer erwog den Ton, den Vortrag, ſozuſagen die Tonart, aus der der junge räthſelhafte, nun end⸗ lich entſchleierte Fürſt zu ihm ſprach und ſetzte mit ſeiner leiſe bedeutſamen Art, in dem Streben, einen Accord zu erzeugen, forſchend und faſt lauernd ein: Sokrates befahl einen Hahn zu opfern als er den Todesbecher trank. Er verſtand darunter eine andere Geneſung, deren bittern Kelch die Götter uns erſpart haben; denn Ew. Durchlaucht leben! 46 Egon ſchwieg, erſchreckt von der Manier des Pfar⸗ rers... Aber Heuniſch, der auch ſein Wort darein geben wollte, ſagte: Götter, Herr Pfarrer? Götter? Guido Stromer wandte ſich mit gehobenen Naſen⸗ flügeln um und ſah den Sprecher von oben bis unten an. Heuniſch biß ſich auf die Lippen, wie Einer, der zu ſich ſpricht: Herr Gott, was haſt du da geſagt! Egon vermittelte mit freundlicher Bonhommie die beiden ungleichen Geſellſchaftsſtellungen ſeiner Gäſte und meinte, der Herr Pfarrer könnte ſich freuen, ein Beichtkind zu haben, das ſo feſt an dem Gebote hielte: Du ſollſt nicht andre Götter haben neben mir! Beim Beichtkind vollends klappte Heuniſch wieder mit den Fingern, als wollte er ſagen: Ach, liebe Zeit, Beichtkind! Richtig, ſagte Egon, dieſe Ablehnung wohl ver⸗ ſtehend. Jetzt beſinn' ich mich vom Gelben Hirſch, daß Ihr ja ein recht ſchlimmer Heide ſeid, Heuniſch! Meine gute Mutter und der Herr Pfarrer waren Euch viel zu heilig. Heuniſch wurde vor Verlegenheit blutroth. Er gedachte der vielen argen Spottreden, die er in Ge⸗ genwart des Handwerkers in der Blouſe geſprochen hatte. nicht, Hirſc 3 dig a M den( einzut der K heit Menſ im 2 Dem mach hörte telte Folbe flei I 1 den 4 — 1 nier des Pfar⸗ Wort darein bobenen Naſen⸗ von oben bis vie Einer, der mda geſagt! vonhommie die ſeiner Gäſte ſich freuen, ein Gebote hielte: en mir! euniſch wieder ing wohl ver⸗ gelben Hitſch eid, Heuniſch r waren Cuch bluttoth. Er die er in Ge⸗ uſe geſrache hatte. Stromer aber horchte hoch auf und begriff nicht, was„zuvörderſt“ die Erwähnung des Gelben Hirſches ſollte? Zu ſchweigen aber und lange eine Antwort ſchul— dig zu bleiben, war ſeine Sache nicht. Mein guter Heuniſch, ſagte er, ſein Staunen über den Gelben Hirſch unterdrückend, hat ſchon, wie ich einzutreten die Ehre hatte, vernehmen können, daß ich der Kirche den Wald an die Seite ſtelle. Die Gott⸗ heit wohnt nicht, predigte ich oft, in Tempeln, von Menſchenhänden gemacht. Das Rauſchen der Blätter im Waldesgrün iſt auch eine Offenbarung. Wohl Dem, der ſie verſteht! Mein guter Nachbar Heuniſch machte ſich dieſe Wahrheit immer zu Nutz. Er ge⸗ hörte nie zu meinen fleißigeren Kirchenbeſuchern. Heuniſch konnte nichts dagegen einwenden, ſchüt— telte aber den Kopf und brummte erſt das koſtbare, ſylbengezählte, in Tonſchwingungen vorgetragene Wort „fleißigeren“ nach und ſagte dann: Es iſt doch wahr! Sieh! Es iſt doch wahr! Was iſt denn wahr? fragte Egon, der zwiſchen V den beiden Männern nicht klar ſah. Die Gottheit! Die Gottheit! betonte e Heuniſch. Nun, Heuniſch, meinte Egon, was haben Sie ** 48 denn gegen die Gottheit? Sind Sie ein Atheiſt ge⸗ worden? Atheiſt? Was iſt Das, Durchlaucht... ich meine nur: Gottheit! Wiſſen Sie, Herr Pfarrer, vor neun Jahren... es war Reformationsfeſt... vor neun Jahren war ich einmal bei Ihnen in der Kirche und da ging's recht über die Gottheit her. Wiſſen Sie? Sie ſagten, Herr Pfarrer: Eine Gottheit gäb's gar nicht, ſondern blos einen allmächtigen Herrn des Him⸗ mels und der Erde, der da heiße: Herr, Herr Selig⸗ macher und Friedensfürſt! Fürſtin Durchlaucht. Lieber Heiland, da ſteht ihr Bild... zweimal, drei⸗ mal... das iſt ſie auch; ja, ja! Tauſendmal ſteht ſie da drinnen in unſern Herzen!... Fürſtin Durch⸗ laucht nickten Ihnen ſehr gnädig aus dem vergitterten Stuhl oben, quer über's Schiff weg, auf die Kanzel zu, als Sie ſagten: Es gäbe blos einen Gott, Na⸗ mens Seligmacher und Friedensfürſt, aber keine Gott⸗ heit! Wie? Stromer lächelte. Anſchauungen, die auf einem beſtimmten Stand⸗ punkte ihre Wahrheit haben! ſagte er und nahm nun von den inzwiſchen aufgetragenen Speiſen ein halbes kaltes Rebhuhn auf ſeinen Teller, während Egon Louis herbeirief und ihm, während er ſelbſt nichts genoß vorleg 9 aus 4 Rebhl ein Atheiſt ge f.. ich meine rrer, vor neun .. vor neun der Kirche und Viſſen Sie? theit gäb's gar Herrn des Him⸗ r;, Herr Seli⸗ durchlaucht... zweimal, drei⸗ uſendmal ſteht Fürſtin Durch⸗ dem vergitterten auf die Kanzel inen Gott, No⸗ aber keine Got⸗ immten Stand⸗ und nahm nun eiſen ein halber während Ggen er ſelbſt nichtt genoß, den vierten Teller anbot und Heuniſchen ſelbſt vorlegte. Herr Louis Armand, ſagte Egon dabei, ein Freund aus Paris, er verſteht hoffentlich ſehr gut, was deutſche Rebhühner ſind. Iß, lieber Freund! Egon machte ſehr gefällig den Wirth und ſchenkte aus Kryſtallflaſchen Madeira ein, ohne ſelbſt davon zu genießen. Louis ſetzte ſich zögernd und verbeugte ſich vor den beiden Andern. Ziehen Sie doch Ihre Handſchuhe aus, Herr Pfar⸗ rer, ſagte Egon, nicht merkend, daß der Pfarrer von überwundenen Standpunkten ſprechen wollte, und er⸗ zählen Sie uns, was Sie herführt, und auch Heuniſch ſoll ſagen, was ihn gerade jetzt von ſeinem Walde trieb, wo es: Hab' acht! heißt. Ich hoffe, ein Jeder von Ihnen bringt mir noch einige Nachrichten, wie es in Pleſſen, Randhartingen, Schönau ausſieht. Stromer merkte hier wirklich, daß man noch nicht mit der Art bekannt war, wie er ſich bei Auseinander⸗ ſetzungen zu ergehen pflegte. Man hatte kein Ohr für dieſes ſtille Aufſchnurren ſeiner Gedanken, ſprach in ſeine Vorbereitungen zu einer Rede ohne Weiteres hinein und hätte ſich eigentlich ſagen müſſen, daß er in Pleſſen die Zeiſel's, die Sänger's, die Sengebuſch's, Die Ritter vom Geiſte. V. 4 die Bensheim's und andere Herrſchaften ſchon ganz anders zum Cultus ſeines Genius abgerichtet hatte. Ja, ja, ergriff Heuniſch das Wort; Das wäre nun wol mit Verlaub des Herrn Pfarrers die Haupt⸗ ſache... Hat Schlurck ſchon die Ernte eingetrieben? fragte Egon mit einer Miene, die ſich etwas verdüſterte. Schlurck? ſagten beide Gäſte einſtimmig und blick⸗ ten verwundert auf. Sie vergeſſen Prinz, ſagte Louis mit höflichem und ſich völlig unterordnendem Ton, daß ſich alle dieſe Dinge geändert haben. O, o— l fiel Egon ein und bezog ſeine ableh⸗ nende Ausrufung auf die Rolle, die Louis plötzlich in Gegenwart der Andern wechſelte... Doch fuhr dieſer ſogleich fort: Kurz vor dem vollen Ausbruch Ihrer Krankheit beſaßen Sie noch die ganze Kraft des Geiſtes, einen Befehl zu ertheilen, deſſen Vollziehung die beſten Fol⸗ Ben für Ihre Beſitzungen gehabt hat. Durchlaucht, ſagte Heuniſch, wir ſind glücklich, daß wir in unſerm alten Verhältniſſe bleiben und nicht an die Wucherer und die Juden kommen. Der Herr Ackermann fängt das Ding im Großen an. Das iſt in H haben. Al das A haftes. That für ei nehme die L neuen Verm ſchw werd en ſchon ganz gerichtet hatte ttz Das wäre ers die Haupt⸗ trieben? fragte verdüſterte. mig und blic mit höflichem daß ſich alle jſeine ableh⸗ kouis plötzich zrer Krankheit Heiſtes, einen je beſten dol⸗ glüclic, daß en und nicht 1. Der Hent an. Das iſ 51 ein Hexenmeiſter und muß den Teufel im Bunde haben. Entſchuldigung, Herr Pfarrer!... Allerdings, ſetzte Stromer hinzu, allerdings hat das Auftreten dieſes Herrn Ackermann etwas Zauber⸗ haftes. Dem gemeinen Manne erſcheint er in der That wie ein Herenmeiſter, der Gebildete muß ihn für einen Adepten ſeltener agronomiſcher Kenntniſſe nehmen. Wenn Ackermann in dieſer Weiſe fortfährt, die Bedingungen des Bodens und die Fortſchritte der neuen Landwirthſchaftstheorieen zur Grundlage ſeiner Verwaltung zu machen, wird man über den Auf⸗ ſchwung, den Ew. Durchlaucht Beſitzungen nehmen werden, allgemein erſtaunen. O, ſagte Heuniſch, jetzt iſt das Alles blos noch das erſte Buch der Chronika! Von Neujahr an wird Das ganz anders kommen, wenn Ackermann's Maſchi⸗ nen erſt da ſind! Ackermann? Ackermann? ſprach Egon vor ſich hin. Er beſann ſich jetzt auf Alles, was in dieſem Betracht vor ſeiner Krankheit geſchehen war; und Eins trat ſo lebendig aus dem Andern wie ein plötzlich ente wickeltes Nebelbild hervor, daß ihm ſchwindelte und er Louis ſtatt ſeiner reden ließ, der, ohne zu thun, als wenn Egon über dieſe Veränderung noch nicht 4* 52 völlig unterrichtet wäre, die näheren Veranlaſſungen derſelben deutlicher angab. Da hab' ich mich auch, fuhr Heuniſch fort, den die freundliche Aufnahme ſeines Gutsherrn und der Wein ermunterte, gar nicht lange beſonnen und Herrn Ackermann gebeten, die zweihundert Louisdors, die er uns ſelbſt... die ich für Jemanden Anders aufzu⸗ bewahren und gut anzulegen den Auftrag hatte, ihm anzubieten. Er mochte ſie nicht nehmen; aber aus Gefälligkeit that er's und die Zinſen legte er gleich von dem Capital zurück. So golden geht es jetzt auf meinen Gütern zu? rief Egon mit einem mehr künſtlichen als natürlichen Erſtaunen. Denn ſein Befremden galt jetzt weit mehr ſeiner nun völlig geweckten Erinnerung, als dieſem einzelnen Falle. Man ſpricht, fuhr Stromer fort, von Verbeſſerun⸗ gen der Cultur, von Entdeckung neuer, bisher unbe⸗ kannt gebliebener Braunkohlenlager, von Entwäſſerun⸗ gen und Anderem. In den Wald, ſagte Heuniſch, muß eine ganz neue Ordnung kommen. Es thut ihm noth, denn noch vor kurzem, als Herr Bartuſch ſchon wieder drei Morgen halbwüchſiges junges Holz ſchlagen ließ, glaubt' ich, daß wir nun bald werden roden, ſäen und ei tanden Tr Strom mählt witklich Sie I 6ö rrennt Stror ſeine! len. uunbef blicht nen bede teu zuſc liche d ſtört ſeine und ſtehen Veranlaſungen niſch fort, den cherrn und der nen und Herrn nisdors, die er Anders aufzu⸗ rag hatte, ihm ten; aber aus legte er gleich en Gütern zu? als natürlichen etzt weit mehr 3 9 g, als dieſen n Verbeſſerun⸗ bisher unbe⸗ Entwäſſerun⸗ zuß eine ganz mnoth, denn in wieder drei ſchlagen ließ mroden, ſäen 53 und ernten können, wo ſonſt Buchen und ECichen ſtanden. Trinkt doch, Heuniſch, ſagte Egon zu dem gegen Stromer gehalten zaghaften und zurückhaltenden Jäger; erzählt uns, was Euch hergeführt hat. Herr Pfarrer, wirklich, Sie kommen dem Geflügel nicht gut bei, wenn Sie Ihre Handſchuhe ſchonen... Egon ſuchte jede Schranke, die ihn von Stromern trennte, wegzuräumen, freilich aber auch jede, die Stromern von Heuniſch trennte. Sie ſollten ſich als ſeine Angehörigen, Sendboten von ſeinen Gütern füh⸗ len. Stromer vermochte nicht, ſich ganz naiv und unbefangen in dieſe Situation hineinzudenken. Er blickte um ſich, muſterte die Statuen, wog die ſilber⸗ nen Gabeln, maß ſeine Worte, kurz er wollte den bedeutenden Moment, jetzt mit dem ſo vielfach aben⸗ teuerlich genannten Sohne ſeiner weiland Gebieterin zuſammenzuſein, auch in aller Schwere und thatſäch⸗ lichen Wucht genießen. Heuniſch merkte, daß er, wenigſtens den Pfarrer, ſtörte. Nachdem er einige Gläſer getrunken, beim Geflügel ſeine Tranchirkunſt zuletzt mit den Fingern unterſtützt und ſich den Mund abgewiſcht hatte, ſagte er auf⸗ ſtehend: 54 Durchlaucht, es iſt doch zuviel, was ſich Unſereins hier herausnimmt. Ich glaubte, Das ſollte ein Gläs⸗ chen auf Ihre Geſundheit werden, und nun wird's ordentlich eine Mahlzeit... und ich vergeſſe ganz, daß mir's eigentlich gar nicht appetitlich zu Muthe ſein ſollte. Guido Stromer hob die Augen ſcharf auf den unbefangenen Waldſohn und ſchien ihn in der Abſicht, ſich zu entfernen, beſtärken zu wollen. Habt Ihr einen Verluſt gehabt? fragte Egon. Ich hoffe, eine gute Sache hat Euch in die Reſidenz ge⸗ führt... Nein, Durchlaucht! antwortete Heuniſch, verbeſſerte ſich aber ſogleich und ſagte: Das heißt, wenn ich wegen unſers jungen, ſchö⸗ nen Herrn gekommen wäre, aber, glauben Sie's nicht, Durchlaucht... Was ſoll ich nicht glauben? Daß ich wegen Ihrer und von wegen der Nach⸗ frage nach Ihrem Befinden hergekommen bin. Sehr naiv! bemerkte Guido Stromer halb für ſich mit einem vertraulichen Blinzeln auf Egon und Louis, da Beide lachen mußten. Nun warum! Es wäre doch eine Lüge! ſagte der ehrliche Förſter. Der Herr Pfarrer ſind vielleicht des⸗ halb! dige d wegen Au celnd ung üü Stron zſich Unſereins ſollte ein Gläs⸗ nd nun wird' vergeſſe ganz, lich zu Mathe ſcharf auf den in der Abſicht, gte Egon. Ich je Reſidenz ge⸗ iſch, verbeſſerte jungen, ſchö⸗ hen Sies nicht, gen der Nach⸗ en bin. halb für ſic on und Louis, ügel ſagte der villichtde⸗ halb hier, der Juſtizdirector von Zeiſel und die gnä⸗ dige Frau Juſtizdirectorin ſind beſtimmt auch des⸗ wegen hier... Auch Herr von Zeiſel iſt hier? fragte Egon lä⸗ chelnd und ſeines Verhörs, noch mehr ſeiner Woh⸗ nung im Thurme gedenkend. Wird bald aufzuwarten die Ehre haben! fügte Stromer bei. Sehen Sie Durchlaucht! fuhr Heuniſch fort, dem der Wein etwas in den Kopf geſtiegen ſchien und der deshalb nun ernſtlich ſich zum Gehen entſchloß. Das war ein Stich vom Herrn Pfarrer, der ſoviel ſagen ſollte als: Heuniſch, macht, daß Ihr Euch Eurer Wege ſchert! Heuniſch verrieth, daß er, wie alle Naturmenſchen, angetrunken, etwas händelſüchtig wurde... Bewahre, beſter Freund, verſicherte ihn Egon. Herr Pfarrer freut ſich wie ich, daß ich mich einmal im Schooße der Meinigen fühlen kann. Kann ich Euch nur in Etwas dienen, Heuniſch? Wie lange bleibt Ihr? Sucht Ihr hier Etwas? Ich wünſcht', es könnte mir Einer helfen! meinte Heuniſch und kraute ſich in den Haaren. Aber... Frauenzimmertücke!.. Eine weibliche Angelegenheit alſo? 56 Herr Heuniſch, ſagte Guido Stromer, der dieſe Fährte als die rechte vermuthete. Es wäre Zeit, daß Sie dem Junggeſellenſtande entſagten... Wandſtabler, der Haushofmeiſter, leitete inzwiſchen einen zweiten Gang des Frühſtücks ein, indem er ge⸗ wiſſermaßen die Honneurs einer Omelette aux con- fitures machte, die man eben in einer großen ſilber⸗ nen Schüſſel hereinbrachte. Guido Stromer verſtummte über den behaglichen Anblick und ſah mit erwärmterem Antheil ſeinen mit Knöchelchen belegten Teller verſchwinden und einen neuen an deſſen Stelle ſchweben... Heuniſch aber hielt ſeine Gedankenreihe feſt und ſchüttelte den Kopf. Herr Pfarrer, ſagte er, an mir verdienen Sie keine Copulationsgebühren. Nein, da kommt aus Schönau der reiche Bauer Sandrart zu mir— Durchlaucht ken⸗ nen wol die Namen Ihrer getreuen Unterthanen nicht — der reiche Bauer Sandrart aus dem Ullagrunde— Sandrart? ſagte Egon. Wohl! Wohl! Er iſt aus dem Ullagrund und hat einen Sohn, der hier beim Militair ſteht und vor ſechs Wochen zum Ser⸗ geanten avancirte. Heuniſch erſtaunte über dieſe genaue Kenntniß der nächſten Beziehungen ſeiner Bauern, die er hier bei dem Fürſte A Antw D 82 gen :, der dieſe re Zeit, daß te inzwiſchen ndem er ge⸗ e aux con. toßen ſilber⸗ behaglichen ſeinen mit und einen he feſt und en Sie keine us Schönau claucht ken⸗ khanen nicht lagrunde— hll Er iſt , der hier Tor⸗ zum Eel⸗ tenntniß der er hier bei 57 dem jungen, in der Heimat doch wildfremden jungen Fürſten antraf. Aber auch Stromer und Louis Armand fanden die Antwort überraſchend. Das muß ich ſagen! rief Heuniſch. Da wird Se⸗ gen über unſer Ländchen kommen— Beim Worte: Ländchen, warf Stromer dem Jäger einen bedeutenden Blick zu, den Egon wohl verſtand, aber Heuniſch noch nicht. Recht ſo, Heuniſch! ſagte Egon. Ein Ländchen iſt gerade Das, was ſich gut überſehen läßt. Aber den Sandrart kenn' ich durch Zufall. Und den Sohn auch? bemerkte Heuniſch gedehnt, der noch nicht verſtanden hatte, was eigentlich der ſtrafende Blick des mächtig kauenden Stromer hatte bedeuten ſollen... Und den Sohn auch! fuhr Egon fort. Ein lie⸗ ber, heiterer Geſell! Ja, ja, der Alte hat Batzen; aber der Junge bringt ſie ihm auch gewiß an. Ein Glück, daß er Soldat ſein muß und unter Raiſon ſteht. Heuniſch gab das Grübeln über die blitzenden Au— gen des Pfarrers auf und rief voll Verwunderung: Aber Das muß ich ſagen! Grade wie's iſt! Nicht um eine Linie vom Schwarzen! Mitten in die Scheibe! Während ſelbſt Armand aufmerkſam war, ob dieſe Bekanntſchaft nicht etwa mit Egon's Rückreiſe zuſam⸗ menhing, und er geſpannt wartete, ob der Freund ſich über jene Reiſe überhaupt jetzt genauer auslaſſen würde, fuhr Heuniſch fort: Kommt der Sandrart zu mir und ſagt: Heuniſch, ſagt er, ich hab' einen Jungen, Ihr kennt ihn..? Ja, ſag' ich, Sandrart, er iſt jetzt Sergeant, ich kenn' ihn. Sagt' er drauf: Ihr habt in der Stadt eine Nichte? Meiner Geſchwiſter Kind, ſag' ich, Fränzchen Heuniſch, Wallſtraße Nr. 14 im Hofe eine Treppe hoch, links bei Tiſchler Märtens. Ohne Heuniſch zu ſtören und den Andern aufzu⸗ fallen, horchte jetzt Louis, dem der Dialekt des För⸗ ſters etwas ſchwer zu verſtehen wurde, an dieſer Stelle hoch auf. Soviel begriff er, daß hier plötzlich von Franchette Heuniſch die Rede war... Heuniſch fuhr fort:. Nun, Heuniſch, ſagte Sandrart, ich wünſchte, Eure Nichte wäre ein Bischen ſaubrer als ſie iſt. Das iſt eine Mamſell... Fahr' ich auf und ſage: Sandrart, hier ſteht der Tiſch zwiſchen uns, redet mir nichts Un⸗ ebenes von meiner Geſchwiſter Kind. Sie macht Putz, das iſt wahr, aber darum iſt ſie die ſauberſte Perſon von der Welt, und eine Mamſell werd' ich nie in meine Förſterswohnung nehmen, denn Das iſt mein Wille, treiſe zuſam⸗ der Freund er auslaſſen t: Heuniſch, nt ihn..? ant, ich kenn⸗ Stadt eine , Fränzchen eine Treppe rern aufzu⸗ kt des För⸗ dieſer Stelle lötzlich von ucht Eure ſt. Das iſt „Sandrart, rnichts Un⸗ macht Put, erſte Perſon nie in meine mein Will, 59 daß ſie mir die Wirthſchaft führt, wenn es mit der alten Urſula Marzahn zu Ende geht. Nun, ſagte Sandrart tückiſch— er kann tückiſch ſein! Er hat Geld!— nun, Heuniſch, ſagt' er dann, macht denn nur bald, daß Ihr ſie in den Wald hineinnehmt, denn ſie läuft jetzt bei Nacht auf die Bälle und hat's auf zweierlei Tuch abgeſehen. Mein Sohn Heinrich Sand⸗ rart, der Sergeant, will ſie heirathen. Der Eindruck dieſer Erzählung auf Louis ſtieg, ohne daß die Uebrigen ſeine Aufregung bemerkten. Fränzchen Heuniſch, ſag' ich, auf die Bälle? Fränz⸗ chen Heuniſch zweierlei Tuch? Das iſt nicht wahr, antwort' ich und ſchlage auf den Tiſch, daß er knackt und die Urſula ihr altes Lachen kriegt. Sie iſt när⸗ riſch die Urſula und lacht, wenn ſie ſich ängſtigt... Pſychologiſch intereſſant! bemerkte Guido Stromer etwas ungeduldig über die breite Art, wie ſich dieſer Förſter eine fürſtliche Audienz faſt nur für ſich ſelbſt nutzbar machte und dabei die Kenntniß von Namen vorausſetzte, die dem Prinzen ja völlig unbekannt ſein mußten. Ich habe Beweiſe davon, bemerkte Egon, daß Sandrart grob ſein kann... Heuniſch wurde bei aller Aufregung neugierig, ant⸗ wortete aber nur: 60 Ja, ja, er kann's! Er hat Geld! Fahrt nur fort, Heuniſch! erwiderte Egon und bemerkte nichts von der Spannung ſeines franzöſiſchen Freundes. Mein Sandrart aber ärgert mich mit ſeiner Ball⸗ läuferei und dem zweierlei Tuch ſo, daß ich mich ganz vergeſſe und das Fränzchen ſo lobe, daß die alte Ur⸗ ſula immer noch mehr lacht, aber auch nach Feuer, Waſſer, Erde ruft, um ſich begraben zu laſſen. Ich höre nicht auf ihre Hexerei— ſie meint es gut mit mir die Alte— und ſage dem Bauer, was ich von Fränzchen Heuniſch denke und was ſie mir werden ſoll, die Stütze und die Pflege meiner alten Tage. Da ſagt' er denn, ſein Sohn, der Sergeant, der Herr Sergeant— der Alte trägt den Kopf höher als der Junge die neuen ſilbernen Litzen— der wollte das Fränzchen heirathen und er ſollte eigentlich bei mir um ſie anhalten und ich ihr befehlen, daß ſie ihn nimmt. Allein aber— Durchlaucht; das war Alles Hohn! Der Alte denkt nicht daran, daß ſein Sohn, der Sergeant, ſo eine Partie macht... Aber das Mädchen, die Franziska? fragte Egon und flößte dem Pfarrer, der ſich inzwiſchen in gelaſ⸗ ſener Geduld die Omelette ſchmecken ließ, Bewunde⸗ rung über ſeine Leutſeligkeit ein, während Louis Ar⸗ mand des Mitt G 3 ja de Dbg Biſch horer hält g, gen Egon und franzöſiſchen ſeiner Ball⸗ hnich ganz die alte Ur⸗ nach Feuer, gſſen. Ich es gut mit das ich von mir werden lten Tage. der Herr er als der wollte das ich bei mir ag ſi ihn war Alles ſein Sohn, agte Cgon n in gelaſ⸗ Bewunde⸗ Louis Ar⸗ 61 mand mit dem lebendigſten Intereſſe jedes Wort aus des Jägers Mund aufgriff und ſeine ihm ſchmerzlichen Mittheilungen mehr errieth als verſtand. Egon's Frage elektriſirte ihn. Ja, Das iſt's ja, ſagte Heuniſch. Die Fränz will ja den Sergeanten gar nicht. Ich mache mich stantà pe gleich auf den Weg und hierher— und ſehe die Beſcherung. Da krieg' ich einen ſchönen Spaß zu hören. Meine Fränz läuft wirklich auf die Bälle und hält's mit einem alten Franzoſen, der ſie beſucht... ja, ja, ſollte man's denken, einem ſo jungen blutjun⸗ gen Ding läuft ein alter Franzoſe nach, von dem ſie vorgibt, franzöſiſche Lectionen zu nehmen... Auch Das ſagte mir der alte Sandrart ſchon im Walde und da ſagt' ich ſchon, ich wollte doch hier einmal ſehen, wieviel Vokabeln die Mamſell von dem Franzoſen ſchon gelernt hat... Donnerwetter!... Vergeben Sie, Herr... Dieſe höfliche Milderung ſeines Zornes und er⸗ ſchrockene Rückſichtnahme war an Louis gerichtet, der unruhig und bewegt genug die vielen bedauerlichen Nachrichten über ein junges Mädchen gehört hatte, das ihm ſeines beſcheidenen und lieblichen Weſens we⸗ gen ſo theuer geworden war. Seitdem er ihr Sieg⸗ bert's Ueberſetzung ſeines Gedichtes geſchickt, hatte er 62 nichts mehr von ihr vernommen. Und nun dieſe Ent⸗ deckungen über Soldaten, alte Franzoſen, Bälle, Hei⸗ rathen, Vokabeln! Es brannte ihm der Boden unter den Füßen. Er hätte aufſpringen und fortſtürzen mö⸗ gen und nur mit Mühe und dem Glauben, er ſelbſt würde wol jener Franzoſe ſein, bezwang er ſich zu der Antwort auf Heuniſch's an ihn gerichtete Rede: Wenn die Tochter Ihrer Schweſter franzöſiſch lernt, ſo iſt es wol nur die Eiferſucht des jungen Sergean⸗ ten, die in dem Lehrer gleich einen Liebhaber vermuthet. Das dacht' ich auch, fiel Heuniſch ſeinen Zorn über das Franzöſiſchlernen aus Rückſicht auf Louis Armand's gebrochenes Deutſch mildernd ein, und ſagte dann der Urſula Lebewohl. Iſt ſie noch zu retten, bring' ich ſie mit, du wirſt alt, du mußt eine Stütze haben. Es war der Urſula recht. Verbrennen und ertrinken, ſagte ſie, kann man überall. Gut! Läuft ſie nicht auf die Bälle, ſo kann der Sergeant, wenn er ausgedient hat, hier um ſie anhalten, als: in mei⸗ nem Wald. So bin ich hergekommen, und da ich doch einmal da war und ich hörte, Durchlaucht ſind durch Gottes Schutz am Leben erhalten, ſo hab' ich's gewagt, auch bei Ew. Durchlaucht anzuklopfen und nun fahr' ich morgen in aller Frühe in Gottes Na⸗ men wieder heim. Das iſt's! Und Das war's! Und nun? mal ſ Büchſe Staat d mn dieſe Ent⸗ Bälle, Hei⸗ Boden unter ſſtürzen mo⸗ en, er ſelbſt er ſich zu tete Rede: zöſiſch lernt, en Sergean⸗ rvermuthet. ſeinen Zorn auf Louis —, und ſagte ˖ſzu retten, eine Stütze vrennen und Gut! Läuft geant, wenn als: in mei⸗ und da ich hlaucht ſind 0 hab⸗ ich's llopfen und Gottes Na⸗ wars! Und 63 nun Adieu, Durchlaucht, und kommen Sie bald ein⸗ mal ſechsſpännig nach Hohenberg, daß man ein paar Büchſen in die Luft knallen und wieder ordentlichen Staat mit ſeiner Herrſchaft machen kann. Damit wollte Heuniſch gehen. Aber Egon hielt ihn feſt und ſagte: * Ja! So wollt Ihr fort? Mit der beſten Span⸗ nung unſerer Neugier? Das geht nicht! Erſt meldet uns von Fränzchen und vom Sergeanten! Guido Stromer ſeufzte hier etwas überlaut. Da er aber die rege Geſchäftigkeit der Bedienung bemerkte und einen dritten Gang ahnte, ſtillte er ſeine Ungeduld. Wandſtabler, der Haushofmeiſter, eröffnete in der That noch einen dritten Frühſtücksakt, der zwar nur in einer Scene, aus einem Deſſert von Obſt beſtand, allein die Vaſen und durchbrochenen Porzellankörbe, in denen die Birnen, Nüſſe, Weintrauben, maleriſch geord⸗ net, dargereicht wurden, feſſelten doch ſeine Neugier. Er glaubte vielleicht auf Spuren von Entbehrung zu ſtoßen, er hätte ſich ſagen müſſen, daß ein Frühſtück von kalten Rebhühnern, einer Omelette aux confitu- res, Obſt und etwas Schweizerkäſe mit Madeira mit den Frühſtücken der Madame Schlurck ſich nicht ver⸗ gleichen ließ, allein die Art des Servirens hatte doch etwas für ihn höchſt Impoſantes. Der Haushofmei⸗ Aℳ - E A. „ G 64 ſter, der jede Abwechſelung gleichſam wie ein Herold "mit geräuſchvoll ſtummem Blicke ankündigte, die bei⸗ A den Bedienten, die ſeine bedeutſamen Winke und augen⸗ geblinzelten Befehle mit ſtiller Sicherheit ausführten, das Silberzeug, das Porzellan, die Malerei der Tel⸗ ler, das Wappen, die weißen wollenen Handſchuhe der Bedienten, die Art des Einſchenkens, hinterwärkd, unverſehens, das Alles erfüllte ſeine Phantaſie mit angenehmer Behaglichkeit und hob ſeinen, die Pleſſe⸗ r Pfarreriſtenz wie eine Feſſel abſtreifenden idealen Sinn um ſo mehr, als er bei der Liebenswürdigkeit, die Egon zeigte, hoffen durfte, mit einem Anliegen, das ihm auf dem Herzen lag, keine Fehlbitte zu thun. Egon, dem das Arrangement des Frühſtücks, deſ⸗ ſen eigentliche Seele, Dorette Wandſtabler, hinter den Couliſſen waltete, ein eigenthümliches Intereſſe bot L war es doch die edſte B Benutzung ſeiner eignen Si⸗ tuation, das erſte Feſthalten ſeiner neuen heimatlichen Eriſtenz!— Egon ermunterte Heuniſchen, nun auch noch den Reſt zu ſagen. Der iſt ganz kurz, antwortete Heuniſch. Ich komme an, höre und ſehe, daß mein Fränzchen die Unſchuld iſt wie ſonſt. Mit dem Ball und dem alten Franzoſen hat's freilich eine kurioſe Urſache, aber ſie will ihm den Abſchied geben. Und den Heinrich Sand lichen ſie au und i dal ein Herold te, die bei⸗ und augen⸗ ausführten, ri der Tel⸗ Handſchuhe ßinterwärks, antaſte mit die Pleſſe⸗ den idealen swürdigkeit n Anliegen, tte zu thun. ſtücks, de⸗ hinter den reſſe bot eignen Si⸗ hämalichen „nun auch niſch. Ich ränzchen die ddem alten he, aber ſ en Heiniich 65 Sandrart mag ſie wirklich nicht, obgleich den ſtatt— lichen, braven Jungen zu ſehen eine Freude iſt. Was ſie auf dem Herzen hat, weiß ich nicht. Sie weint und in den Wald bei Hohenberg will ſie auch nicht. Da hab' ich ihr geſagt: Kannſt du's nicht, ſo laß es: wer weiß, ob die alte Urſula nicht einmal ein brennend Scheit Holz nimmt und zu guter Letzt mein Dach illuminirt und dann verbrennen wir Alle im ſtil⸗ len Wald und das letzte Wild rennt mit hinein in's Feuer, oder wir löſchen auch ohnedem wie die Licht⸗ lein aus... Da wollte ſie dann mitgehen. Aber wie ſie mir zuviel weinte, mocht' ich's nicht und ſo gehe ich morgen in der Frühe allein. Nun aber... Gott erhalt' Ew. Durchlaucht! Adjes, Herr Franzoſe! Nichts für ungut wegen der Vokabeln! Adjes, Herr Pfarter! Kommen Sie bald nach, ſonſt ſchließen Ihnen die Bauern die Kanzel zu und machen den Ackermann zum Pfarrer. Wer Den ſieht, denkt gleich, der muß auch gut predigen können.. Wäre Heuniſch, der die ſchärfſten Sinne für die Thiere, aber nicht die geringſte Kenntniß der Men⸗ ſchen hatte, ein beſſerer Beobachter geweſen, ſo hätte er ſehen müſſen, daß der junge Franzoſe in einer auf⸗ fallenden Erregung mit ihm zugleich aufſtand. Louis Die Ritter vom Geiſte. V. 5 66 mußte ſich gewaltſam beherrſchen, nicht loszubrechen und dem Oheim des jungen Mädchens zu geſtehen, daß er Franziska Heuniſch als ein gutes, ihren Pflich⸗ ten treuergebenes, engelreines Kind hätte kennen ler⸗ nen. So aber brach Heuniſch raſch ab und ließ ihn in der aufgeregteſten Spannung zurück. Da Stromer Miene machte, ſein Alleinſein mit Egon nun gründ⸗ lich zu ſeinem Beſten auszubeuten, ſo zog ſich Louis Armand in aller Stille zurück, um ſich zum Aus⸗ gehen anzukleiden. Es hielt ihn nun nicht länger, er mußte ſeine alte Wohnung, den Tiſchler Mär⸗ tens, ſeinen eigenen Wirkungskreis und Franziska Heu⸗ niſch wiederſehen. Die Bedienten trugen das Frühſtück ab. Wand⸗ ſtabler erwartete fernere Befehle und entfernte ſich, als er dieſe nicht empfing, mit der letzten Servieite unterm Arm, gerührt, faſt dankend emporblickend. Egon war durch einige Tropfen des ſtarken Wei⸗ nes, den er verſucht hatte, angeregt und ermüdete nicht, nun auf Guido Stromer und die etwas um⸗ ſtändliche Art, wie ſich dieſer Mann in Scene ſetzte, einzugehen, ja ſelbſt noch zu wagen, den Gerichts⸗ direktor von Zeiſel zu ſprechen, falls dieſer ſich noch ſollte anmelden laſſen. Guido Stromer, geſättigt, vom Weine mächtig gehob wie genof niscer aange nan 67 oszubtechen u geſtehen, zohohen⸗ 3 kollenben blitzenden Augen, entfeſſelt hren Pflich⸗ genoſſen nun Vurſch, ber mit ſeinen Univerſitäts⸗ kennen ler⸗ niscen; ein Aimwnen Jahren ſich zu einer Remi— nd ließ ihn langen e pimerſazes vereinigt, brannte vor Ver⸗ a Sums ,mit dem Anliegen, das ihn hergeführt hatte nun hervorzutreten. 3 nun gründ⸗ ſich Louis zum Aus⸗ icht länger, ſchler Mär⸗ nziska Heu⸗ b. Wand⸗ tfernte ſich, en Serviete nblickend. talken Wei⸗ d ermüdete etwas um⸗ Scene ſetzte en Gerichts⸗ ſer ſich noch ine mächtig Viertes Capitel. Der Luxus des Geiſtes. Sie ſind ſchon länger hier? fragte Egon, als der gute Heuniſch gegangen war und beide Zurückgeblie⸗ benen an einem Fenſter Platz genommen hatten. Durchlaucht, begann Guido Stromer mit einiger Feierlichkeit und den letzten Wohlgeſchmack des Gau⸗ mens mit der Zunge überſtreifend, Durchlaucht, ich geſtehe, daß die Veranlaſſung meiner Reiſe mit der Anhänglichkeit, die ich an Sie, Ihr Haus, Ihre edle Mutter haben ſollte, in keinem vollkommenen Einklang zu ſtehen ſcheint. Sie ſind wahr, wie Heuniſch! ſagte Egon. Das freut mich, Herr Pfarrer! Ich ſehe da das Bild der theuren Frau! Ihre herrliche Mutter! fuhr Stromer fort. Mag ſie mir vergeben, wenn ich dem Sohne, den ich nun ſo ſtatt⸗ lich, ſo geiſtesreif, ſo anſchauungsklar vor mir erblicke, i, als der jrückgeblie⸗ atten. nit einiger des Gau⸗ laucht, ich ſe mit der „Ihre edle n Einklang Bon. Das 69 wie ich es vor einer Reihe von Jahren ſchon aus des Knaben Briefen ahnte, die alte Treue nicht halte und vor ihm nicht im günſtigen Lichte der Dankbar⸗ keit erſcheine. Sie wollen ſich doch nicht verändern, Herr Pfar⸗ rer? ſagte Egon, der nun plötzlich mitten in ſeine kleinen Regierungsſorgen eintrat. Aber freilich, wer verdenkt Ihnen Das? Sie haben Anſprüche auf eine beſſere Pfarre. Sie ſind übergangen, vielleicht zu⸗ rückgeſetzt worden. Sie werden nicht erleben, daß ich Ihnen zürne, wenn Sie Ihre Lage verbeſſern können.. Durchlaucht ſprechen Das, was ich auf dem Her⸗ zen habe, nur zum Theil aus, antwortete Stromer. Ich will von meiner bisherigen Stellung nicht ganz ausſcheiden. Ich will mir den ſichern Rückzug auf ein feſtbegründetes Leben nicht ganz abſchneiden. Ich habe ein Weib. Ich habe fünf Kinder. Allein Was möchten Sie? Wenn Ew. Durchlaucht die Gnade hätten zu ge⸗ ſtatten, daß ich meine Pfarre von einem Verweſer be⸗ ſorgen laſſe, einem jungen, erprobten Candidaten, den ich ſchon gefunden habe... Und Sie ſelbſt? Ich ſelbſt, Durchlaucht, kann einem welterfahrenen Denker wie Sie wol aufrichtig eingeſtehen, ich ſelbſt bin in einer eigenthümlichen Kriſis befangen. Ich möchte, ſtaunen Sie nicht, ich möchte noch einmal den Verſuch wagen, dem Leben eine andre Seite ab⸗ zugewinnen, als ſie ſich mir bisher in meinem Wirken am Fuße des Schloſſes Hohenberg darbot... Sie wollten... Ich bin ein Geiſtlicher, der... Stromer ſtockte. Egon half ihm nach mit den Worten: Ein Geiſtlicher von einer ſehr ſtrengen Auffaſſung des Chriſtenthums. Ich weiß Das. Meine gute Mutter ſchenkte Ihnen ihr ganzes Vertrauen... Ich war ſo glücklich, in meiner früheren Seelen⸗ ſtimmung mit der edlen Verklärten auf einen Ton zu erklingen. Wir ergänzten uns. Wir genügten uns gegenſeitig... Es war eine Seelenfreundſchaft; ich weiß es... Die reinſte und edelſte von der Welt! Dieſen Bund ſchloß die himmliſche Liebe. Und Sie ſind mir darum doppelt werth, Herr Pfarrer. Soll ich Sie wirklich miſſen? Ein Geſtändniß, Durchlaucht! Ich finde, daß ich zu früh abgeſchloſſen habe. Ich ſtehe im Anfange meiner vierziger Lebensjahre und bin in einen ſo nagenden Zweifel über meine bisherigen Auffaſſungen gen. Ich dch einmal Seite ah⸗ em Wirken h mit den Auffaſſung zute Mutter en Seelen— en Ton zu nügten uns deiß es... it! Dieſen erth, Helt de, daß ich m Anfange n einen ſ Nuffafungen 2 der Welt und der göttlichen Ordnung gerathen, daß ich der unglücklichſte Menſch ſein würde, ſollt' ich auf meiner Pfarre in der Ergebung in mein früheres Denken und Glauben zu Grunde gehen. Doch kein Apoſtat? Kein Apoſtat, Durchlaucht! Ich ſtehe noch immer auf meinen beſſern alten Standpunkten und glaube, daß dieſes Leben eine Vorbereitung himmliſcher Freu⸗ den oder ewiger Verdammniß iſt. Chriſtus iſt noch mein Mittler. Aber ich fühle, daß ich nicht durch den rechten Zweifel zum Glauben gekommen bin. Ich fühle, daß ich zu raſch überwand. Den Feind umging ich, ich bekämpfte ihn nicht. Ich fand das gläubige Gemüth Ihrer verklärten Mutter. Die edle Frau war glücklich in den Anſchauungen, die ihr als die letzten, die beſten, die dauerndſten nach vielen Irrthümern und Gaukelbildern der Phantaſie und des Herzens geblieben waren. Ich nahm dieſe Anſchauungen un⸗ geprüft un, weil ſie für eine vortreffliche Frau von unumſtößlicher Wahrheit waren. Ich war glücklich, mit einer reinen Seele mich auf einen Accord ſtim⸗ men zu können, und glaubte rein zu klingen, weil ich wie ſie klang. Sie ſtarb und die gleichgeſtimmte Terz fehlt nun. Die Harmonie iſt hin und ich bin nicht glücklich. 72 Guido Stromer ſprach dieſe Worte nicht ohne Be⸗ wegung und Egon hörte ſie voller Theilnahme. Er hatte in der Schweiz Gelegenheit genug gehabt, zu ſehen, wie frömmelnde Richtungen ſich oft weltlich ent— puppten, hatte Rafflard's charakterloſe Metamorphoſen erlebt und hier zeigte ſich eine Umwandlung, die eine wirklich reine, eine geiſtige ſchien. Stromer's Auge blitzte; es lag ein zehrendes Feuer in den Blicken, die ſeine Worte begleiteten. Es war unfehlbar doch ein Denker, der mit ihm redete. Mein Herr Pfarrer, ſagte Egon, wenn Sie es vor Ihrer Familie verantworten können und einen geſchickten, würdigen Erſatz aufzuweiſen haben, ſo würde es ſehr eigenſinnig von mir ſein, in Ihre innere Entwickelung eingreifen zu wollen. Ich wünſche, daß Sie recht zur Klarheit über ſich ſelbſt kommen mögen, wenn Ihnen nicht dieſer Wunſch im Munde eines jüngeren Mannes vorlaut ſcheinen ſollte. Durchlaucht ſind ſehr gnädig, ſagte Stromer, ſicht⸗ bar erleichtert von der freundlichen Aufnahme ſeiner Wünſche bei dem neuen Kirchenpatrone, vor dem er, in Erinnerung alter Irrungen, Beklommenheit genug gefühlt hatte... Sie werden alſo in der Reſidenz bleiben wollen? fragte Egon. ———y—— t ohne Be⸗ ahme. Er gehabt, zu veltlich ent⸗ amorphoſen g, die eine ne's Auge Blicken, die ar doch ein un Sie es und einen haben, ſo Ihre innere ünſche, daß nen mögen, runde eines omer, ſicht⸗ hme ſeiner vor dem dr nheit genig en wollen! 73 Sie ſelbſt haben ſich in der Welt getummelt. Sie kennen das Leben vielleicht mehr als ich... ſagte Stromer verlegen. Sie wollen beobachten? Oder ziehen Sie vor zu reiſen? Zu einer Reiſe fehlen die Mittel... Ich werde ohnehin ſchon Mühe haben, eine doppelte Exiſtenz zu beſtreiten. Ich denke alſo hier zu bleiben. Manches Haus hat ſich mir bereits erſchloſſen. Manche be— deutende und einflußreiche Perſönlichkeit iſt mir zuvor⸗ kommend ſchon entgegengetreten. Ich habe mit Er— ſtaunen bemerkt, daß die Erſcheinung eines Menſchen, der nur lernen, nur aufeaſſen, richtig beurtheilen will, etwas Neues in der Geſellſchaft iſt. Wenigſtens Der, ſagte Egon, der eine ſolche Ab⸗ ſicht von ſich offen eingeſteht. Die Menſchen finden es ſonderbar, fuhr Stromer ermuthigter fort, daß man nicht mit ihnen ſtreitet und darum doch nicht ganz ihrer Anſicht iſt. Ich finde, daß die Sucht, Alles in Parteien zu zerklüften, uns den Kern der Dinge raubt und nur die Schale läßt. Sie bewundern zuviel, ſagte man mir ſchon. Sie geben jedem Irrthum eine zu gefällige Entſchuldigung! O welche Unduldſamkeit! Der Geiſt wirft durch das Prisma des Lebens alle Farben des Regenbogens. 74 Wie kann ich eine Miſchung der Strahlen über die andre ſetzen? Guido Stromer ſprach dieſe Worte mit einer ge⸗ wiſſen ſchmiegſamen Grazie. Da können Sie ja der Verkünder eines neuen Evangeliums werden, ſagte Egon lächelnd und theil— nehmend. Das alte, auch das chriſtliche, iſt ſehr ercluſiv. Doch nicht! ſagte Guido Stromer. Auch die Chri⸗ ſtuslehre will keine objective Wahrheit. Sie will nur eine perſönliche Wahrheit. Warum iſt der Herr für uns geſtorben? Warum ſollen im Leib ſeines Lebens und Blut ſeines Todes unſre Herzen leben? Der all⸗ mächtige Zauber der ergriffenen Perſönlichkeit, heißt Das, iſt die Gewalt, die ſelig macht; der todte Buch⸗ ſtabe, die objectiv ſein wollende Wahrheit iſt es nicht. O Das iſt ja herrlich, Herr Pfarrer! rief Egon in ſeiner nach allen Seiten hin heute ſo glücklichen Anregung und dabei immer geſpannt das Bild im Auge behaltend, auch manchmal wie auf Helene d'Azimont's Nähe lauſchend. Predigen Sie doch ja hier überall dieſe Lehre! Sie thut der ganzen Welt ſo noth, daß ich gern ertrage, wenn Sie ſie noch einige Zeit den Bewohnern von Pleſſen vorenthalten! Wie lange wollen Sie, daß ein Vikar dort für Sie eintritt? ¶◻ müber die einer ge⸗ nes neuen und theil⸗ iſt ſehr die Chri⸗ e will nur Herr für es Lebens Der all⸗ feit, heißt dte Buch⸗ tes nicht. rief Cgon glücklichen Bild im ff Helene e doch ja Welt ſo och einige ten! Wie je iintrit Geſtatten Sie mir ein Jahr, Durchlaucht! ſagte Stromer beſtimmt. Sprechen Sie mit dem Juſtizdirektor darüber! Ha⸗ ben Sie ſchon Ihren Erſatzmann? Propſt Gelbſattel, in dem ich einen Freund und Förderer gefunden habe, wird mir einige Vorſchläge machen. Ein gewiſſer Oleander, ein ſanftes, dichteri⸗ ſches Gemüth, von Rechtgläubigkeit und nicht uner⸗ fahren im Schulfach, möglicher Schwiegerſohn des Propſtes, gefiel mir... Gut! Aber Ihre Familie? Wäre es nicht beſſer, wenn Ihnen dieſe... Nachzöge? meinte Stromer gedehnt. Ich kann es nicht wünſchen. Ich habe mir eine nicht geringe Aufgabe geſtellt und gerade Das, was ſie allein löſen kann, iſt die Freiheit meiner Perſon. Es mag Man⸗ chem bedenklich erſcheinen, wie ich ſo Weib und Kind von mir gleichſam abſchüttele, aber ich werde ſpäter, wenn ich mein Ziel erreicht habe, ſie um ſo inniger an ein ſtärker gewordenes Herz ziehen. Egon nahm keinen Anſtand ſeinen Beifall zu ge⸗ ben, geſtattete ohne Weiteres, jenen Oleander zu wäh⸗ len und ſagte nur noch: Und dieſes Ziel? Welches iſt es, Herr Pfarrer? Stromer gerieth in einige Verlegenheit. Er ſchien 76 mehr geſagt zu haben, als er wollte. Egon nahm ſlo daher Veranlaſſung, ſich noch lebhafter in ſeine Ge⸗ ſie dankenreihe zu verſetzen und äußerte raſch: n Faſt merk' ich etwas. Sie werden vielleicht we⸗ 1 der nach Pleſſen, noch je überhaupt auf eine Kanzel un zurückkehren wollen? Sie ſuchen einen ganz neuen, e eigenthümlichen Lebensweg. Nicht wahr? Durchlaucht, daß ich es offen geſtehe, fuhr Stro— w mer, nun ganz mit der Sprache herausgehend, fort. Ich kann mich in dieſer doppelten Eriſtenz nicht be⸗ n haupten, wenn ich nicht an eine neue Erwerbsqguelle 1 denke. Meine Art zu urtheilen fiel in einigen Sa⸗ l lons auf und Propſt Gelbſattel war es vorzugsweiſe, ſ der mich ermuntert hat, die Feder zu ergreifen. Ich W werde ſchreiben... Ah! Das war für Egon eine ganz neue Per⸗ ſpective. Er hatte alſo einen werdenden Autor vor ſich! In dieſem Augenblick verſtand er Guido Stro⸗ mer's Weiſe, ſeine Sprechart, ſein Aeußeres, ſeine hohe Stirn, ſeine zurückgeſtrichenen Haare, die weit geöffneten Augen, dieſes eigenthümliche Etwas, das über des Mannes ganzer Erſcheinung lag. Und weit entfernt, ihn wegen dieſes Geſtändniſſes für geringer zu achten, ſchenkte er ſeinem Beſuch eine im Gegen— theil ſich ſteigernde Hochachtung. Nur eine Art be⸗ Sgon nahm ſeine Ge⸗ jelleicht we⸗ eine Kanzel ganz neuen, fuhr Stro⸗ ehend, fort. nz nicht be— rwerbsgquelle einigen Sa⸗ orzugsweiſe, reifen. Ich neue Per⸗ Autor vor Juido Stro⸗ Feres, ſeine e, die weit Ftwas, das Und weit für geringet im Gegen⸗ eine At be —₰ 1 klommener Scheu kam jetzt doch über den jungen Für⸗ ſten, eine gewiſſe Verlegenheit, ja wenn er ganz auf⸗ richtig ſagen wollte, was ihm geſchah, ſo mußte er eingeſtehen, ein gewiſſes Mistrauen regte ſich in ihm, und ein wenig auf dem Stuhle rückend, gleichſam als wollte er abbrechen, ſagte er: Und nach welchem Geſichtspunkte denken Sie zu wirken? Die Gährung des Geiſtes, ſagte Stromer, dieſe nur ſo hingeworfene Frage feſthaltend, kündigt ſich nach allen Richtungen an. Kein Feld des menſch— lichen Wiſſens, wo nicht ein alter Glaube neuer Prü⸗ fung unterworfen iſt. Das religiöſe, mir verwandteſte Gebiet iſt mit der Weltlichkeit in eine bisher ungeahnte Beziehung getreten. Wie fordern die vielen kirchlichen Regungen nicht ſelbſt die Politik der Staaten heraus, und wie nahe tritt die Religion überhaupt jetzt wie⸗ der dem Leben, dem täglichen Zuſammenhange unſeres Ichs mit dem Nächſten, dem Natürlichſten, was un⸗ ſere Eriſtenz bedingt! Weit entfernt, darin eine Ent⸗ weihung des Gottesgedankens zu finden, ſollen wir die Möglichkeit eines neuen Triumphes für ihn an⸗ erkennen. Alles will neugeboren werden, in einem neuen Lichte wandeln, die Taufe des Geiſtes empfan⸗ gen, die Feuertaufe der freien Ueberzeugung. Nun 78 wohlan! Da mag geirrt, blindlings getaſtet, das nächſte Endliche und Oberflächliche zu ſchnell als Beant⸗ wortung einer tiefen Menſchheitsfrage genommen wer⸗ den; aber es iſt doch ein Drang, ein Streben, eine mächtig wirkende Wahrheit des Gemüthes da. Ich ſehe hier ein Chaos von Principien, ein wildes, ſich bäumendes Trotzen auf ſeine Endlichkeit, ein Prahlen ſogar mit ſeiner Verzweiflung an der Unmöglichkeit, über die Schranken des Dieſſeits hinauszublicken; allein ſelbſt im Extrem, ſelbſt in der Caricatur muß ein Denker ſtaunen, wie doch der Sinn der Menſchheit an Idealität zugenommen hat. Ich habe hier ſoge⸗ nannte freie Gemeinden beſucht, deutſchkatholiſche Zu⸗ ſammenkünfte, ich war unter jungen Philoſophen, die etwas wild und zügellos das Nichts ihres Geldbeu⸗ tels auf das Nichts des großen Alls bezogen, ich ſtehe ſtaunend und verwundere mich über die Vermeſſenheit der Ohnmacht, und doch hat dies Sehnen und Schmach⸗ ten der Creatur nach Freiheit und Erkenntniß einen unendlichen Reiz für mich, einen größeren, als früher mein allzuſchroffes Verdammen jeder Richtung, die nicht zu meinem nächſten Ziele führte. Man ſagte mir, daß meine Analyſe dieſer Erſcheinungen neu ſei und deshalb will ich anfangen zu ſchreiben, ſo alt ich ſchon geworden bin. taſtet, das lals Beant⸗ ommen wer⸗ treben, eine 5 da. Ich wildes, ſich ein Prahlen nmöͤglichkeit icken; allein r muß ein Menſchheit hier ſoge⸗ poliſche Zu⸗ ſophen, die s Geldbeu⸗ ee ich ſtehe ermeſfenheit dSchmach⸗ atniß einen als frühe chtung, de Man ſagte gen nel ſei ,, ſo alt ich 79 Und Ihr eigentliches Princip? fragte drängender Egon, den die Zuverſichtlichkeit dieſes Tones bei der großen Unſicherheit über Das, was man jetzt für Wahr⸗ heit nehmen ſoll, faſt erſchreckte. Ich geſtehe faſt, ſagte Stromer, daß ich gegen dieſe Forderung eines Principes überhaupt bin. Man ſoll nicht mehr fragen, was iſt Wahrheit? Man ſoll den Menſchen allein nehmen und die Wahrheit indi⸗ viduell nur auf ihn allein beziehen.) Gott, dieſe Fülle der Erſcheinungen iſt ja ſo intereſſant! Wie lieblich iſt der Trieb zur Schönheit, wie himmliſch, wie gött⸗ lich das Schwelgen in äußerer Form, in der Harmo⸗ nie der Theile, im Belauſchen der Feiermomente der Natur! Andererſeits acht' ich, ehr' ich den einſamen Denker, der beim Lampenlichte mit dem grünen Schirm auf dem blöden Auge ein zweiter Fauſt aus perga⸗ mentnen Schriften Erkenntniß ſucht. Jede Freude an der Erſcheinungswelt, auch wenn ſie mich ganz erfüllt, ganz entzückt hat, wie lange dauert ſte denn? Da kommen die Humboldt's und zerſtören mir alle Märchen der Schöpfungsgeſchichte; da löſen die Lie⸗ big's alles Feſte und Majeſtätiſche in Wahn und kleine Täuſchung auf, und die Mechanik, iſt die vollends nicht ein ungeſchlachter Rieſe, der mit der furchtbaren Keule ſeiner mathematiſchen Geſetze Alles zertrümmert und 80 faſt die Erde aus den Angeln ihrer bisherigen Vor⸗ ſtellung über ihre Kräfte gehoben hat? Ja, Durch⸗ laucht, was iſt da Wahrheit? Der Menſch iſt die einzige Wahrheit, die wir begreifen können; der Menſch in ſeinem Sehnen, Bedürfen, der Menſch in ſeinem Haß und ſeiner Liebe, der Menſch in ſeiner Größe und ſeiner Ohnmacht, und wenn der Schriftſteller jetzt einen Beruf hat, ſo iſt es der, die Aeſthetik der Wahr⸗ heit zu lehren, d. h. das Fühlen und Empfinden, das Zittern und Jauchzen, das Verzweifeln und das Trium⸗ phiren des denkenden Ichs. Aeſthetiſche Weltanſchauung, Durchlaucht, dieſe wird uns zur Vermittelung der Er⸗ treme führen. In dieſem Sinne hoff' ich, wenn die Feder mir den Dienſt nicht verſagt, ſegensreich zu wirken. Egon, der auf Principien katoniſch ſtrenge hielt, ja etwas Stoiſches in ſeinen Ueberzeugungen bewahrte, erſchrak faſt über dieſe vague, flimmernde Erklärung, obgleich er nicht im Stande war, ſogleich die Ge⸗ fahr zu erkennen, die aus einer zu üppig wuchernden Beweglichkeit des Geiſtes für den Charakter und die Reinheit aller Meinungskämpfe entſtehen konnte. Den⸗ noch ſagte er nicht ohne Ironie: Da will ich nur nicht wünſchen, Herr Pfarrer, daß Sie der Sultan kommen läßt, Ihnen den Son⸗ herigen Vor⸗ Ia, Durch— enſch iſt die der Menſch hin ſeinem ſeiner Größe iftſteller jett t der Wahr⸗ pfinden, das das Trium⸗ aanſchauung, ung der Er⸗ , wenn die ensreich zu crenge hielt, en bewahrte, Erklärung, h die Ge⸗ wuchernden er und die inte. Den⸗ e Pfare den Son⸗ 81 nenorden umhängt und den Auftrag ertheilt, über Mu⸗ hamed's göttliche Sendung zu ſchreiben! Guido Stromer war auch ſogleich von der Vor⸗ ſtellung des Orients, von dem Sonnenorden und den Anſchauungen des weſt⸗öſtlichen Divans ſo in ſeiner beweglichen Phantaſie geblendet, daß er nichts erwi⸗ derte, ſondern die Augen gewaltſam und mächtig auf⸗ ſchlug, als würde ihm eine neue verlockende Gedan⸗ kenreihe eröffnet, eine Perſpective in die Gärten von Schiras und Damaskus. Er blickte wie ein von Opium Berauſchter und flüſterte nur: Sonnenorden? Muhamed's göttliche Sendung? Alſo Schriftſteller! unterbrach Egon ſein Träumen, das ſich noch im Echo ſeiner langen Rede zu wiegen ſchien. O da wünſch' ich von Herzen Glück! Sieh! Sieh! Wie überraſchend Das iſt! Herr Stromer, laſ⸗ ſen Sie mich bald von ſich hören! Schicken Sie mir das Erſte, was Sie veröffentlichen! Wie begierig bin ich! Wie geſpannt! Beſuchen Sie mich oft und die nähere Einleitung Ihrer Wünſche treffen Sie mit dem Juſtizdirektor! Dieſe Worte waren denn wohl einer Entlaſſung gleich. Stromer, faſt erſtaunt, daß der junge Fürſt eine ſolche Mittheilung über ſein künftiges Wirken ſichtlich Die Ritter vom Geiſte. V. 6 doch etwas verlegen, ja ängſtlich aufnahm, verbeugte ſich. Es ſchien über ſein bewegliches Antlitz der Ge⸗ danke zu fahren: Der arme junge Mann! Ich hab' ihn in Verlegenheit geſetzt! Ich bin ihm plötzlich zu hoch gewachſen, zu bedeutend überragte ich ihn! Stromer ging mit vieler Förmlichkeit und dankte für die ihm widerfahrene Gnade. Niicht ohne eine gewiſſe gemachte Empfindſamkeit warf er, als er ſchon die Thür in der Hand hatte, noch einen Blick auf die in einer Ecke des Zimmers aufgeſtellten mehrfachen Bilder der Fürſtin Amanda. Als ſich Egon nach Louis umſah, trat dieſer aus— gerüſtet mit Hut und leichtem Stocke herein, um aus⸗ zugehen. Es iſt gut, ſagte er, daß du nicht zugegen warſt, lieber Freund. Eben hab' ich mich ſo albern benom⸗ men, daß man von meinen geiſtigen Kräften bald eine ſehr geringe Meinung in Umlauf geſetzt hören wird. Dieſer Mann, Geiſtlicher auf meinen Gütern, erklärt mir eben, daß er die Abſicht hätte, die Feder zu er⸗ greifen und unſere Literatur zu bereichern. Und ſtatt dies Geſtändniß freudig zu begrüßen, ſtatt ihn über die Pläne, die er auszuarbeiten gedenkt, zu befragen, gebehrd' ich mich wie ein Menſch, deſſen Weisheit einem Schriftſteller gegenüber zu Ende geht. verbeugte ttz der Ge⸗ Ich hab plötzlich zu ihn! und dankte findſamkeit and hatte, 3 Zimmers Amanda. dieſer aus⸗ , um aus⸗ egen warſt, dern benom⸗ ten bald eine hören wird. fern, erklärt geder zu el⸗ Und ſint tt ihn über zu beftagen, en Veisheit 8³ Oder vielleicht wie ein geborener Ariſtokrat! ſagte Louis und ſuchte es trotz ſeiner Aufregung noch über ſich zu gewinnen, den ſcherzenden Ton beizubehalten. So oft ich mit einem Maler zu einem reichen oder vornehmen Manne kam, merkt' ich immer, daß man die Schaffenden doch ängſtlich und befangen behandelt. Ein Maler, der mich hier in meinem kleinen Comp⸗ toir beſuchte, er heißt Leidenfroſt, ſagte mir, als ich dieſe Bemerkung machte: Mein guter Freund, Das geſchieht, weil zwiſchen dem Genie und der Präro⸗ gative der Abſtand ſo groß iſt, daß die Reichen und Vornehmen ihn meiſt nur durch Inſolenz glauben ausfüllen zu können. Das paßt natürlich auf mei⸗ nen Freund Egon nicht, wohl aber auf viele Vor⸗ nehme und vielleicht immer auf das Schickſal der Schriftſteller. Wenn ich ariſtokratiſch erſcheine, ſagte Egon, ſo iſt nur mein Freund Louis Armand Schuld. Wer heißt dich denn in fremder Gegenwart mir die lächer⸗ lichen Ehren meines Standes anthun, mir Lüſtre geben, ſich zum Schemel meiner Würde machen? Louis, der eben einen ſchwarzen Handſchuh zu⸗ knöpfte, ſah den jungen Fürſten mit einem von unten emporblickenden Auge voll Rührung an. Er ſagte nichts, aber es lag in ſeinem fragenden Blick der 6* 84 ganze Schmerz ausgedrückt, daß dies ſeltene Verhält⸗ niß, das der ſonderbarſte Zufall und die Laune eines eigenthümlichen Charakters ſo gefügt hatte, nun wol nicht mehr lange in dieſer Form beſtehen würde. Louis, ſagte aber Egon gerührt, könnteſt du je an meiner Treue, an meiner ewigen Freundſchaft zweifeln? Louis ſchwieg und ſah zur Erde. Du biſt gerettet, ſagte er nach einer Weile, Loui⸗ ſon's Schatten möge dich ſchützen! Ich bin nun dein Wächter nicht mehr, nicht der Pfleger des jungen Für⸗ ſten, den Alle verehren, Manche fürchten und nur We⸗ nige wahrhaft lieben werden. Ich kehre nun zurück zu meinem kleinen Comptoir. Ich bin Louis Armand wieder, der Kunſttiſchler und Vergolder. Egon drückte ihn gerührt an's Herz. Mein Bruder! Mein Freund! ſagte der junge Fürſt. Ich danke dir mein Leben! Wenn ich je ver⸗ geſſen könnte... Erinnere dich unſerer glücklichen Zeit, ſagte Louis bewegt, und habe nie umſonſt gelebt im Schooße des Volkes! Einige Tage noch und du biſt in die Herr⸗ lichkeit deines Standes ſo wieder eingeführt, daß du davon überflutet ſein wirſt. Die Sorge um dein Eigenthum hat dir ein kundiger, braver Mann in Hohenberg abgenommen! Du haſt das Bild, deſſen tene Verhält⸗ Laune eines te, nun wol würde. teſt du je an jaft zweifeln? Weile, Loui⸗ bin nun dein jungen Für⸗ und nur We⸗ e nun zurück zuis Armand te der junge in ich je ver⸗ ſagte Louis Schooße des in die Hetr⸗ ihrt, daß du ge um dein —r Mann in Bid, deſſen 8⁵ Geheimniß dir bald gelöſt ſein wird! Du haſt die feurige Liebe wieder, in deren Umarmungen du die Poeſie finden wirſt, die eher für dich paßt als einſt die Lyoner Idylle unter unſern alten Nußbäumen... Nein, nein, Louis! Ich wollte, ich hätte mich ge⸗ täuſcht und dieſe Briefe wären von einer fremden Hand geſchrieben, nicht von Helenen's. Wir haben ſchon geſagt, Freund, unſere Zeit iſt nicht darnach, Liebe von ſich zu ſtoßen. Laß ſie dein Glück ſein, aber auch deine Zierde, dein Stolz, deine Erhebung! Das kann ſie nicht! ſagte Egon düſter. Eine ſolche Liebe, Louis, bleibt egoiſtiſch. Sie klammert ſich wie die zärtliche Umarmung der Schlingpflanze an uns an, will erſt nur lieben, nur dienen, nur gehorchen und bald iſt uns das Mark der Seele, das Wachs⸗ thum unſerer Zweige ausgeſogen, wir verdorren und ſind nur noch der Schatten unſerer ſelbſt! O möge dieſe Erfahrung nie kommen, mein Egon! ſagte Louis beſorgt. Egon ſchwieg nachdenklich. Dann umarmte er mit ſtummer Rührung noch einmal den beſcheidenen Fremdling, mit dem er ſchon ſo viel Frohes und Trübes erlebt hatte und der eben von ihm ſchied mit dem Gefühle, das er ſich wol eingeſtehen durfte: Ich 86 habe dich vom Tode gerettet! Wer weiß, ob mir noch länger dein Leben gehören wird. Egon rief Louis noch nach, ja nicht bei Tiſch zu fehlen und durchaus der heutigen Fahrt nach Solitüde ſich anzuſchließen. Ich muß noch einen Arm haben, ſagte er, der mich ſtützt, einen Fuß, der mit mir geht, einen Kopf, der für mich denkt, Louis! Glaube mir, es wird mir Alles ſchwer und ich denke, ich bedarf deiner wol für den ganzen Weg meines Lebens! Darunter würd' ich ſelbſt leiden! antwortete Louis künſtlich lächelnd und ſuchte die ſchmerzliche Stimmung durch Scherz zu erleichtern. Du ſiehſt, daß ich auch meine Wege habe und recht geheime, was du ſpäter hören ſollſt. Leb' wohl! Du biſt erſchöpft. Nimm keine Beſuche mehr an! Ruhe dich auf dieſen weichen Ottomanen des Nebenzimmers aus und träume! Ich will es verſuchen, ſagte Egon, als Louis ſchon die Thür in der Hand hatte. Ich ſah an dieſem Guido Stromer, daß man des Geiſtes zuviel in ſich fühlen kann; ich habe das Bedürfniß, jetzt arm daran zu ſein. Ich will nicht denken. Ich will vegetiren. Mein Zuſtand erfordert es. Eine Weile warf ſich Egon, als er allein war, nun auf ein weiches, ſchwellendes Polſter. ob mir noch bei Tiſch zu ach Solitͤde gte er, der einen Kopf, es wird mir ner wol für vortete Louis eStimmung aß ich auch s du ſpäter pft. Nimm ſeeen weichen träume! Louis ſchon an dieſem uviel in ſich t arm daran ill vegetiren. allein wa, 87 Er war furchtbar erſchöpft. Stromer's wühleriſche, grübelnde, zielloſe, weich⸗ liche Dialektik hatte ihm vollends die Nerven ange— griffen. Er ſank in die Polſter, halb ohnmächtig... Nach einer Weile fiel ſein Blick, der erſt langſam wieder Kraft gewann, auf das räthſelhafte Bild... er ſehnte ſich nach Dankmar Wildungen.. Aber nur flüchtig... Er ſtieß mit Gewalt den Reichthum von Eindrücken, der ihn plötzlich über⸗— ſtrömte, von ſich... Das war Alles ſo überwältigend, ſo voll, ſo mäch⸗ tig! Helene, Dankmar, das wirklich eroberte räthſel— hafte Bild dort... das Teſtament ſeiner Mutter... Er ſchloß die Augen. Seine Knabenzeit überſchlich ihn. Dies waren die Zimmer, die ihm einſt verſchloſſen waren. Hier⸗ her ließ ihn der Vater niemals. Es waren die Zim⸗ mer des alten Fürſten, die Teppiche, die Statuen... wie geſchmackvoll, wie weich, wie ſanft, die Seele ein⸗ lullend, den Sinnen ſich einſchmeichelnd! Seine fürſtliche Geburt hatte er noch wenig em⸗ pfunden. In Hohenberg herrſchte kein Lurus und vor den Entbehrungen in Lyon und Paris kannte er nur die beſcheidene Bequemlichkeit des Penſionats in Genf. Nur das mit Helenen verlebte Jahr hatte ihn ver⸗ wöhnt und weichlich gemacht und vorbereitet, dies Pa⸗ lais ſeines Vaters doch ſchön zu finden... Aber es hielt ihn nicht lange in dieſer ausgeſtreck⸗ ten Lage auf den Polſtern, den Blick ſo auf die Bilder und die Blumen gewandt, die ihm der Aufſeher des Gartens, um ſich zu empfehlen, in die Zimmer zur Feier der Geneſung geſtellt hatte. Er betrachtete die Züge ſeiner Mutter und wollte eben auf das Paſtellgemälde nun zuſchreiten, als ihm das Billet Helenen's zur Erde fiel. Da erſchrak er. Er fühlte, daß er ihr in das Hotel, wo ſie wohnte, jetzt endlich ein Wort des Grußes ſchicken mußte. Er öff⸗ nete, raſch ſich ermannend, einen ſauber ausgelegten Schrank, zog eine practicable Schreibplatte hervor und warf raſch die Anrede hin: „Meine gute, liebe Helene!“ In dieſem Augenblicke wurde ihm aber der Juſtiz⸗ direktor von Zeiſel gemeldet... und der Referendarius... Er ſagte, die zweite Meldung überhörend: Ein Andermal! Dann ſich beſinnend: Morgen! Wie der Bediente ging, dachte er, daß doch ſein erſter Beamter die nächſten Anſprüche an ihn hätte und rief: ausgeſtreck⸗ jdie Bider luſſeher des Zimmer zur und wollte n, als ihm hrak er. Er vohnte, jetzt te. Er uöf⸗ nusgelegten hervor und der Juſti⸗ endarius. end: jdoch ſein Hihn hätte Ich bitte Herrn von Zeiſel heute die Suppe bei mir zu eſſen, um zwei, weil ich ausfahren muß! Jetzt nicht! Fort! Fort! Der Bediente meldete aber noch den zweiten Be— ſuch durch die überreichte Viſitenkarte. Herr Referendarius Dankmar Wildungen! ſagte er. Eine Karte gab den vollen und richtigen Namen. Da ſprang denn Egon freilich von ſeinem Seſſel empor, ſtieß das Papier raſch in die Schublade des Schreibtiſches und ging mit dem Rufe: Das iſt etwas Anderes! O! Endlich! Endlich!... freudig erregt beiden Angemeldeten entgegen. Fünktes Capitel. Verſtändigungen. In dieſen ſechs Wochen hatte Dankmar Wildungen nur der geſetzlichen Einleitung ſeines großen Unter⸗ nehmens gelebt. Die gewaltſame Unterſuchung ſeiner Wohnung er⸗ zeugte einen gerichtlichen Schriftwechſel, deſſen Folge allerdings die Auslieferung der Papiere ſein mußte, die ſich Dankmar erlaubt hatte, aus dem von ihm entdeckten Archive im Tempelhauſe von Angerode ſich anzueignen. Doch gab er ſie gern hin, nachdem er und Siegbert Tage und Nächte damit zugebracht hat⸗ ten, Abſchriften zu nehmen und dieſe gerichtlich be⸗ glaubigen zu laſſen. Die Angelegenheit wegen des Bildes konnte er nicht weiter verfolgen. Siegbert hütete ſich wohl, ihm zu entdecken, daß er in der Rückwand deſſelben Schrif⸗ ten geſehen, die Bezug auf ihre eigenen Anverwandten r Wildungen roßen Unte⸗ Vohnung er⸗ deſſen Jolge ſein mußte em von ihm Angerode ſch „nachdem ei gebracht hat⸗ geicctlich be⸗ es konnte di ch wohl, ihn ſ lbben Schii⸗ Anverwandten 91 hatten. Er fürchtete, das leicht erregte Gemüth des Bruders nur zu neuen Unternehmungen, deren Ende und Gefahr nicht abzuſehen war, zu entflammen, und beſprach ſich mit Rudhard, dem die Verwickelung ſei⸗ ner ihm in dieſer Sache noch kurz vorher möglich ge— ſchienenen Miſſion außerordentlich ſchmerzhaft war, ein anderes Auskunftsmittel zu finden, das den Verdacht des Prinzen über die ſtattgefundene Unterſchlagung ablenken ſollte... Denn darin waren ſie einig, daß eine verwegene, böſe Handlung hier im Spiele war, eine Intrigue, die ſie Alle getäuſcht hatte. Als Schlurck die Bilder ablieferte, wußten ſie es mit Louis Armand's Beihulfe während der Krankheit des Prinzen dahin zu bringen, daß Egon, im Fall er das Geheimniß der Oeffnung des Medaillons entdeckte, ſich nicht ganz ge⸗ täuſcht fühlen konnte. Alle dieſe Unternehmungen aber ſchwanden vor der Größe der Aufgabe, die ſich Dank— mar dadurch ſtellte, daß er gleichſam dem Staate und der am meiſten bei der Johannitererbſchaft betheiligten Kirche den Fehdehandſchuh hinwarf und für die ein⸗ zige freie Perſönlichkeit einer Familie eine Ueberliefe⸗ rung der Jahrhunderte in Anſpruch nahm. Verjährt konnten ſeine Anſprüche nicht genannt werden. Denn der Staat hatte durch Proteſte, die ſich von Menſchen⸗ alter zu Menſchenalter wiederholten, dieſe Entſcheidung 22 —. als eine offene aufrecht erhalten. Er fand keine Narbe, a„ ſondern eine Wunde vor. Der Staat, von welchem wir reden, war einer von denen, die ſich ohne Um⸗ wälzungen in einer ruhigen Entwickelung allmäliger Vergrößerung und leidlich rechtlicher Begriffe gebildet hatten. Hier konnte ein Proceß vom ſiebzehnten Jahr⸗ hundert her noch unentſchieden ſein, wie Friedrich der Große im Jahre 1740 einen alten Proceß des Drei⸗ ßigjährigen Krieges aufnahm und Schleſien eroberte. Da aber die Berechtigung des Streites zugeſtanden war und für die Commune immer nur der Titel des Beſitzes gegolten hatte, ſo war die Mitbewerbung eines Dritten zwar ein unvorhergeſehenes, aber völlig be⸗ gründetes Ereigniß. Es kam nur darauf an, daß die Unparteilichkeit der Richter die Anſprüche der Familie Wildungen auf Grund jener Urkunden anerkannte. Das Aufſehen, das dieſe merkwürdige Wendung eines vom großen Publikum bisher nur gleichgültig beobachteten Streites machte, war nicht gering. Einige nur in der Geſellſchaft, nur in kleinem künſtleriſchem Kreiſe bisher genannte Namen kamen plötzlich in Aller Mund. Jedermann ſprach von den beiden Söhnen einer armen Predigerwitwe in Angerode, die in der Lage waren, Beſitzer eines, wie dies natürlich ſogleich geſchah, übertriebenen Vermögens zu werden. Man keine Narbe, von welchem h ohne Un⸗ g allmäͤliger riffe gebildet ehnten Jahr⸗ Friedrich der ß des Drei⸗ jen eroberte. zugeſtanden eer Titel des erbung eines er völlig be⸗ an, daß die der Familie nerkannte. ge Wendung gleichgültig ing. Einige ünſtleriſchem lich in Aller den Söhnen die in der rich ſoglich rden. Man 1 1 vergrößerte nicht nur die Summen, um die es ſich handelte, ſondern auch die Rechtsgründe, deren ſchla⸗ gende Triftigkeit doch erſt zu erweiſen war. Man nahm Partei, erſt für das Wunderbare in dieſer Sache an ſich und gab Denen unbedingt Recht, de⸗ nen das hier auf dem Spiele ſtehende Glück gleich— ſam aus den Wolken in den Schooß fiel. Bald aber zertheilte ſich die erſte günſtige Meinung. Bedenken, Zweifel wurden laut und wo die gründliche Prüfung ſchwieg, ſtellte ſich das verletzte Intereſſe ein. Beſon— ders war es die ſtädtiſche Kirche, die in Zorn und Eifer gerieth. Hatte ſie ſchon gefürchtet, in die Bot⸗ mäßigkeit des Staates zu kommen und der patriarcha⸗ liſchen Verwaltung ihrer Pfründen und Inſtitute ent⸗ kleidet zu werden, ſo hatte ſie jetzt nicht nur das ſchöne, noch dazu zeitgemäß ſtutzbare Princip der „Selbſtregierung“ zu verlieren, ſondern ſah auch der völligen Einbuße ihrer reicheren Dotation entgegen, wenn die Häuſer, die alten Grundgerechtſame und Zinſe der St.⸗Johanniterverlaſſenſchaft in die Hände jener Familie kamen. Dem Zorne und Poltern der ver⸗ letzten Intereſſen folgte, wie dies immer in ſolchem Falle zu geſchehen pflegt, auch bald das Aufſtellen ſcheinbar parteiloſer und doch nur im Intereſſe der Parteien gemodelter Principien. Der Eine verlangte „ 94 die Verjährung, der Andere räumte nur dem Staate und nur ihm als Univerſalerben jedes verjährten Rech⸗ tes den Beſitz ein. Freimüthige Seelen und ſolche, die am Neuen und Seltenen Gefallen fanden, ſtellten dem Staate und der Gemeinde die Perſönlichkeit gegenüber und ihr ewiges unverjährliches Recht, fanden in dieſer materiellen, handgreiflichen und nur mit Geld und Gut auszudrückenden Verhandlung eine höhere Symbolik und erklärten, dieſe durch zwei Jahrhunderte herrenlos gebliebene, nur dem Stärkeren anheim gefallene Hin⸗ terlaſſenſchaft eines geiſtlichen Ritterordens wäre ja ein Bild der Verwirrung unſerer Zeit überhaupt, die auch ſo das Unrecht und die Gewalt in den Alleinbeſitz der großen Verwaltung des Menſchheitideales gebracht, überkommen hätte und ſich jetzt entſchließen müſſe, die⸗ ſen Alleinbeſitz an das urſprüngliche Menſchenrecht um— ſomehr wiederherauszugeben, als die an dem unrecht⸗ mäßig erworbenen Eigenthum haftenden Pflichten des heiligen Streites für jenes Ideal, das dem Mittelalter das Land war, wo der Erlöſer wandelte, und der neuen Zeit das Ideal eines höhern Tempels der Frei⸗ heit und der Glückſeligkeit iſt, von dieſen gewaltthäti⸗ gen und eigenmächtigen Uſurpatoren nur zu ſehr hint⸗ angeſetzt würden.. So ungefähr wurde die erſte Nachricht von dem tur dem Staate.„ Sinnt Proceß der Gebrüder Wildungen aufgenommen; denn verjä 4 1 3 8 4. ſhm Nech eine weitere Parteinahme, als für das erſte, blendende un e, di 3, T.— ſolche de Gerücht, war noch nicht möglich. Erſt vor vierzehn 6 felta den Tagen hatte Dankmar ſeine ſelbſtverfaßte Schrift ein⸗ ei gegenüher gereicht. Aber nicht nur die Kunde der Thatſache ſelbſt, fanden in dieſer ſondern auch das nicht ungünſtige Vor⸗Urtheil des Ge⸗ Geld und Gut richtshofes über die mit großem Verſtande und ſeltner here Symbolit Rechtskenntniß abgefaßte Schrift verbreiteten ſich ſo derte herrenbs raſch, daß Dankmar und Siegbert, von dem Andrang gefallene Hin— der Theilnahme, die ſie ſo plötzlich über ſich herein⸗ ns wäre ja ein brechen ſahen, faſt erdrückt wurden. Da wollte Jeder zaupt, die auch Glück wünſchen, Jeder ſtaunen, guten Rath geben und den Aleinbeſiz im günſtigen Falle wol auch Theil haben an dem eaales gebracht, großen Erfolg. Wo die Brüder früher nur durch ihr zen müſſe, di⸗ Talent, ihre liebenswürdige Perſönlichkeit ſich geltend nſchenrecht um⸗ machen konnten, waren ſie jetzt ſo geſucht, ſo geprieſen, N dem unrecht⸗ daß ſie Noth hatten, ſich vor dem allgemeinen Sturme Pflichen des der Liebe und Freundſchaft nur ſelbſt zu bewahren. em Mittlaltee Weiſe und ſich ſelbſt beherrſchend, wie dieſe Jünglinge früh erzogen waren, begnügten ſie ſich mit den Be— ziehungen, von denen ſie ahnten, daß ſie ihnen auch ohne den gehofften Sieg treu bleiben würden, und be⸗ ſchränkten ſich im Uebrigen faſt noch mehr auf ſich ſelbſt als früher. Sie mußten Dies ſchon darum thun, weil der Proceß bedeutende Geldmittel erforderte, von delte, und der npels der Nei · gewaltthät⸗ ran ſ lin richt von dem 4 denen ſie kaum vorausſahen, woher ſie ihnen zufließen ſollten. Vorläufig glaubten ſie beſtens das Ihrige zu thun, wenn ſie fleißig und redlich arbeiteten, um neben ihrem Unterhalte auch noch die Mittel für ihren Proceß zu erübrigen. Siegbert ſah ſich in der ihm unangenehmen Lage, nachdem das Bild der Majorin Werdeck ſehr gefallen hatte, viel zu portraitiren, und Dankmar, der ſich in eine andere Abtheilung des Ober⸗ gerichts hatte verſetzen laſſen, arbeitete auf Diäten, ſchrieb auch unter fingirtem Namen juriſtiſche Com⸗ pendien, die nur Erinnerungen ſeiner eigenen Kennt⸗ niſſe waren, in Eile geſchrieben nichts Neues bringen konnten, aber als gangbare Artikel bezahlt wurden. Eben erſt im Beginn dieſer nun neu von ihm an⸗ gelegten Thätigkeit hatte Dankmar alle ſeine früheren Verwickelungen mit Perſonen und fremden Verhält⸗ niſſen von ſich abzuſtreifen geſucht. Er hätte dem Juſtizrath Schlurck die von Melanie gewünſchte Ent⸗ ſchuldigung über das Vorgefallene geſchrieben, aber den ſo heißen Drang, Melanie ganz für ſich zu ge⸗ winnen, doch wieder mit jener ſtoiſchen Selbſtüber⸗ windung, die jungen Gemüthern ſo leicht möglich wird, bezwungen. Er hörte auch, daß ſich Melanie mit dem Stallmeiſter verlobt hätte. Freunde verſicherten ihm, daß ſie in der Umgegend der Stadt reite, fahre, immer ihnen zufließen ns das. Ihrige arbeiteten, um Nittel für ihten ich in der ihm d der Majorin rtraitiren, und lung des Ober⸗ te auf Dicten, zuriſtiſche Com⸗ eigenen Kennt⸗ Neues bringen ihlt wurden. von ihm an⸗ ſeine früheren inden Verhäl⸗ Er hätte den ewünſchte Eni⸗ ſchrieben, aber für ſich zu ge en Selbſtůber⸗ t möglich wind elanie mit den erſicherten ihm, fahre, imme / 97 umgeben von einem Schwarm von Verehrern. Er bekämpfte ſein Herz. Der Ernſt ſeines jungen Lebens erfüllte ihn zu ſehr und was er immer geſagt hatte, Melanie wäre von den Frauen Eine, die man nur liebe, wenn man ſie ſähe, beſtätigte ſich vollkommen an ihm ſelbſt. Er wurde gegen Frauen um ſo ſchroffer, als bei der erſten Nachricht von der ihm und ſeinem Bruder lachenden Möglichkeit einer glänzenden Zu⸗ kunft ſogleich ein ihnen widerliches Drängen bemerk⸗ bar wurde, gerade das weibliche Geſchlecht in ihre Nähe zu bringen. Von mancher Familie, wo die Abſicht zu grell hervorſtach, zogen ſie ſich wie in ihren zarteſten Fühlfäden verletzt zurück. Während ſich Siegbert faſt ganz und ausſchließlich auf ſein Atelier, die nähere Beziehung zu dem anre⸗ gungsreichen Leidenfroſt und die ihm plötzlich faſt ſeine zweite Häuslichkeit gewordene Familie der Fürſtin Wä⸗ ſämskoi beſchränkte, lebte Dankmar noch zurückgezo⸗ gener. Der ſonſt lebensfrohe, überall ſichtbare junge Mann war ein Einſiedler geworden. Er las, er ſtu⸗ dirte mehr denn je. Sein kleines Stübchen bei der Frau Schievelbein, die beſcheidene kleine Aula, war jetzt für ihn heimiſcher und traulicher als die Kaffee⸗ häuſer, in denen er früher mehr als in ſeinen vier Wänden lebte. Stöße von Akten lagen um ihn her. Die Ritter vom Geiſte. V Bücher las er bis in die ſpäte Nacht. Beſonders hatte er auf Philoſophie und Geſchichte ſein Augen⸗ merk gerichtet. Sogar die Politik, die er früher lei⸗ denſchaftlich trieb, war ihm durch ihre Monotonie, die Unfruchtbarkeit der Debatte und die geringe Be⸗ deutung der meiſten elenden, nichtsſagenden Perſön⸗ lichkeiten, die ſie in den Vordergrund der Tagesge— ſpräche drängte, zum Ekel geworden. Der neue Reichs⸗ tag ſollte nun abgehalten werden, die Wahlen waren im Sinne des ſchroffſten Gegenſatzes der Parteien ausgefallen und als er auch den Heidekrüger und Deputirten Juſtus eines Tages als eben angekommen und bereits als Mittelpunkt einer„Fraction“ ange⸗ geben fand, mußte er auflachen, warf die Zeitung weg und beſchloß nur noch ſolche politiſche Schriften zu leſen, die von Köpfen herrührten, die der Menſchheit neue Gedanken brachten. Er las Macchiavell, Mon⸗ tesquieu, Hume, die Briefe des Junius, Leibnitz, Herder und vertiefte ſich mit ernſtem Nachdenken in die neueren ſtaatsökonomiſchen und ſocialiſtiſchen Schrif⸗ ten, aus denen er ſich manche Stelle auszog und manchen befruchtenden Gedanken merkte, wenn er auch für die Ideen neuer Geſellſchaftsformen nicht wie Siegbert gewonnen werden konnte und überhaupt fern war aller modernen Geniehaſcherei, aller auf den Uni⸗ t. Beſonders e ſein Augen⸗ er früher lei⸗ e Monotonie, geringe Be⸗ enden Perſön⸗ der Tagesge⸗ neue Reichs⸗ Tahlen waren der Parteien idekrüger und mangekommen action“ ange⸗ eZeitung weg Schriſten zu der Menſchhei chinvell, Non⸗ nius, Leibnitz ſdenken in die ziſchen Schrif⸗ e auszog und wenn el auch nen nicht wi überſaupt fen jden Uni⸗ r au verſitäten und in den Reſidenzen jetzt graſſirenden Ti⸗ tanenhaftigkeit, allem übermäßigen Anpreiſen einer neuen Zeit, die erſt ihre Neuheit zu beweiſen hatte, aller Anbetung eines vaguen, leeren, wie Kraft ſich gebahrenden Schreiens und Tobens, in Schrift und Sprache, in Proſa und Poeſie allem geſuchten und manierirten Treiben, in welchem ſich talentloſe Men⸗ ſchen wie Fauſte gebehrden und noch nicht einmal reif ſind, bei einem rechten Fauſt ein Wagner zu ſein. Eine Dankmarn wahrhaft tröſtliche und erquickliche Ausſicht war die der erſten Begrüßung des Prinzen Egon von Hohenberg. Daß ſein Gefangener im Thurme von Pleſſen der Prinz war, unterlag keinem Zweifel mehr, und doch will der Menſch auch das Gewiſſeſte und durch Gründe Erwieſenſte zuletzt erſt durch ein handgreifliches Erfaſ⸗ ſen, durch die Berührung der Nägelmale, wie bei jenen Jüngern des Herrn, beſtätigt haben. Die Frage: Wie werd' ich den dort ſo ſchnell gewonnenen Freund nun wiederfinden? Wie iſt er aus dem Thurm entkom⸗ men? Wie verſchweig' ich ihm alle die Wirren, die ſich an das Bild knüpften, das wir gut thun werden, ihm als etwas Unverfängliches und Ueberſchätztes dar⸗ zuſtellen? Dieſe Fragen gingen immer wieder in das Ende über: Und wird es wirklich Prinz Egon ſein..2 7* 100 Siegbert war einmal bei Louis Armand im Palais geweſen und hatte ſich einigermaßen mit ihm über das Bild verſtändigt. Sonſt war noch keine weitere nähere Annäherung und Nachfrage erfolgt. Es befremdete ihn faſt, daß Egon nicht ſeiner längſt ſelbſt gedachte und es war wirklich nur Zufall, daß ihm der Förſter Heu⸗ niſch, eben von Egon kommend, ſtaunend über ſeinen Irrthum, begegnete und von einer ſo weit vorgeſchrit⸗ tenen Geneſung des Prinzen, für den er Dankmarn gehalten, unterrichtete, daß er ſich entſchloß, ſogleich zu ihm zu gehen. Er eilte nach einigem Geplauder mit Heuniſch nach Hauſe, kleidete ſich flüchtig ſo, wie er glaubte, einer ſo hochgeſtellten Perſönlichkeit auf⸗ warten zu müſſen und betrat in einer ſonderbaren, aber ihm doch wohlthuenden Erwartung und Spannung das Palais des Prinzen... Wie er hier die ſtolze Treppe, die Statuen, die bronzenen Candelaber, die Teppiche und Malereien mit dem neben ſeinem Ein⸗ ſpänner einherwandernden Blouſenmann und deſſen Wiederſehen in dem vergitterten kleinen Thurmgemache zu Pleſſen verglich, kam ihm eine wahrhaft befremd⸗ liche, abenteuerliche, ja durch die ſchon in ihm ver⸗ klungenen Erinnerungen an jene romantiſche Reiſe elegiſche Stimmung. So ungleichartig der elektriſche Leiter ſeiner Erinnerungen war, auf dieſen ſteinernen und im Palais it ihm über das weitere näͤhere befremdete ihn geaachte und es Fäörſter Heu⸗ end über ſeinen veit vorgeſchrit er Dankmam ſchloß, ſogleic gem Geplauder flüchtig ſo, wie ſönlichkeit auf⸗ nderbaren, aber und Spannung hier die ſolhe Candelaber, dee enn ſeinem Ein⸗ un und deſfen Thurmgemach hrhaft befremd⸗ on in ihm vei⸗ nantiſche Reiſe g der elektiſch een ſteinernen ieſen ſteinernen 101 Stufen, wo das Echo ſeiner Schritte an den mar⸗ morirten Wänden widerhallte, war's ihm plötzlich, als ſchlüge die Nachtigall in der Mondnacht im Schloßgarten von Hohenberg, als hörte er das Rau⸗ ſchen des Waldes, den er an Selmar's Seite durch⸗ wandert war, und als ſtünde er unter jener Eiche wie⸗— der, unter deren gezackten Wipfeln er durch Ackermann veranlaßt wurde, über ein ſchöneres Walten auf dieſer Erde und einen lebendigeren Zuſammenhang der guten und reinen Geiſter zu träumen. Im Vorzimmer fand er den Juſtizdirektor von Zei⸗ ſel, den er vom Thurme her und ſeinem Verhöre ſo⸗ gleich wieder erkannte. Die lange hagere zerſtreute Figur entſann ſich ſei— ner offenbar nur dunkel, ſtellte ſich aber als kluger Weltmann, den die lange Abgeſchiedenheit und Iſo⸗ lirung des Landlebens in gewiſſen Höflichkeitsgeſetzen nur noch ängſtlicher und übertriebener gemacht hatte, über Dankmar vollkommen orientirt. Er kam in bäng⸗ licher Erwartung. Schlurck war ſeiner früheren Functio⸗ nen enthoben, ein neuer Adminiſtrator mit großen Vollmachten hatte das Ruder der Verwaltung ergrif⸗ fen, die Ausſicht, vom Patrimonialverhältniſſe in die allgemeine Landesgerichtsverwaltung in gleichem Rang, gleicher Beſoldung wie bisher aufgenommen zu wer⸗ den, verdüſterte ſich und er wäre gern in ſeinem frü⸗ heren bequemen Verhältniſſe geblieben. Mit großer Beſorgniß dachte er an die Reſultate dieſer erſten Be⸗ gegnung mit dem Sohne des alten Fürſten, der ihn einſt hatte ſchalten und walten laſſen wie er wollte. Seine Frau, die bei Schlurck's ſeine Rückkehr erwar⸗ tete, hatte ihm Muth zugeſprochen. Eine Reihe von Vorſtellungen und dienſtlichen Nachweiſungen war wie an der Schnur in ſeinem Haupte aufgezogen. Er hoffte, daß der junge Fürſt dieſe Schnur anziehen, er ſelbſt aber ſich bei dieſer Vorſtellung gut behaupten würde, ſelbſt einem ſo ſonderbaren Manne wie Egon gegen⸗ über, von dem man ſo Vieles zu erzählen, ſo Un⸗ glaubliches zu fabeln wußte! Brachte den Juſtizdirektor nun ſchon Dankmar in Verwirrung und lenkte ſein Gedächtniß auf eine Be⸗ gegnung, die außerhalb der Adminiſtrationsgrundſätze über das Fürſtenthum Hohenberg und jener Schnur lagen, ſo mußte er vollends das Gleichgewicht ſeiner Geltung verlieren, als nach der Meldung beider Na⸗ men Egon die Thür aufriß und mit der liebenswür⸗ digſten Freundlichkeit von der Welt rief: Iſt es denn möglich, mein Großinquiſitor und mein Poſa, zu gleicher Zeit? Willkommen! Willkommen, Ihr Beide! in ſeinem ſrü⸗ 1. Mit großer dieſer erſten Be⸗ ürſten, der ihn wie er wollte Kückkehr erwar⸗ kine Reihe von ſungen war wie gen. Er hoffte iehen, er ſelbſt haupten würde, ſe Egon gegen⸗ hählen, ſo Un⸗ in Dankmar in auf eine Be⸗ ationsgrundſähe d jener Schun chgewicht ſeiner ung beidet Na⸗ der liebenswür⸗ f: niſtior und mein Wilfkommen, 103 Wie der Juſtizdirektor ſah, daß der Prinz dem jungen Manne, der ſich Dankmar Wildungen nannte, eine ſtürmiſche Umarmung zum Gruße, ihm dann bie⸗ der die Hand bot und Dankmar dem freundlichen Empfänger lachend folgte und dabei immer rief: Doch! Doch! Ich glaubte nicht daran! Doch! Doch!... da ſchwindelten ihm förmlich alle Sinne und er fragte verlegen: Durchlaucht haben mich ſchon geſehen? Wo hätt' ich die Gnade gehabt... Gibt es denn ſoviel Verbrecher in meinem Ländchen, Juſtizdirektor, rief Egon, daß Sie unter der Menge nicht eine Phyſiognomie behalten können, die Ihnen den Thurm, aber auch ihre glückliche Befreiung verdankt? Und während der Juſtizdirektor ſtarrte und ſich nun umſtändlich beſinnen konnte, umarmte Egon Dank⸗ marn nochmals und zog ihn auf eine Ottomane neben ſich nieder, während der Juſtizdirektor ſich nach einem Stuhle umſehen ſollte und umſehen mußte, um ſich aufrecht zu erhalten. Wildungen! rief Egon. Ich bin's! Vom Tode er⸗ ſtanden durch jenen Freund, den ich in Lyon fand... Du entſinnſt dich meiner Erzählung? Dankmar aber, der nicht gleich in den vertraulichen Ton hinein konnte, ſagte: 104 Wir wiſſen Alles, Prinz, wir kennen Ihre ganze Geſchichte, die Stadt kennt ſie, wir wiſſen, wer Louis Armand iſt, und unter dem gewiſſen Kronenleuchter im Pavillon Ihres Vaters würd' es ſich ergeben, daß ich ſchon orientirt bin; aber daß Sie im Thurme zu Pleſſen ſaßen, als ein Handwerksgeſell, den die Be⸗ dienten des Geheimraths von Harder für einen Dieb erklärten. Durchlaucht? fragte Herr von Zeiſel erſtarrt und ſchlug ſich vor den Kopf. Sie wirklich Der, Der... den..? Herr von... Ja, ja, Herr von Zeiſel, ich! Ich! Aber ich habe mich überzeugt, Sie üben milde Juſtiz. Sie entlaſſen die Gefangenen wie Sie ſie aufnehmen und geben ihnen nichts mit, als höchſtens das Todesurtheil durch ein Nervenfieber, das man von ſeiner Alteration und der abſcheulichen Hitze in dem eiſernen Käfig davonträgt. Zeiſel konnte ſich nur allmälig faſſen. Er war ſprachlos. Er dachte: O Gott, warum hat deine Frau dieſen Fall für die Schnur nicht vorausgeſehen! Du biſt auf ein Verhör über Finanzreductionen ge⸗ faßt und ſollſt über ein exceptionelles Abenteuer Aus⸗ kunft geben, bei dem du ohnehin noch die Rolle eines bequemen und willkürlichen Rechtsverſchleuderers im alten ſpaniſchen Komödienſtyle ſpielſt! ——:2 nen Ihre ganze ſen, wer Louis Kronenleuchter h ergeben, daß im Thurme zu den die Be ür einen Dieb el erſtartt und Der, Der... Aber ich habe Sie entlaſſen en und geben esurtheil durch Atteration und ffig davonträgt. ſen. Er wat um hat deine vorausgeſehen reductionen ge⸗ Abenteuer Aus⸗ die Rolle eines cleuderers im Sagen Sie mir nun aber um's Himmelswillen, Prinz, fragte Dankmar, wie ſind Sie frei gekommen? Egon rückte einige Schritte zurück, ließ die Arme von Dankmar's Schulter, die er umſchlungen hielt, ſinken und ſagte: Kein Wort weiter! Ein undurchdringlicher Schleier falle über das Vergangene, wenn mein theurer Freund Dankmar Wildungen in dieſem Ceremoniel fortfährt! Wildungen, war denn ⸗Dasmur ein Traum, daß ich einen herrlichen, lieben Menſchen auf dem Heidekruge mit Schlurck reden hörte, auf der Landſtraße und im Walde einen herablaſſenden Gefährten, einen treuen Tröſter im Thurme, ein mitfühlendes Echo meiner Kla⸗ gen fand, als ich mein Leben erzählte bis zu dem Augen⸗ blick, wo ich verſprach, unter leuchtenden Blumen und Flammen einſt von einer gewiſſen elften Stunde zu ſprechen, wo mir ein theures Herz brach, ein unver⸗ geßliches... Nein, nein, Wildungen, das Wechſel— wort der Liebe, das ich dir damals anbot, bleibt! Bleibt? Nicht wahr? Dankmar konnte zur Antwort auf dieſe liebens⸗ würdige, herzliche Anrede nichts Anderes thun als ge⸗ rührt ſchweigen und ſeine Hand in die Hand Egon's von Hohenberg, wie eines Bruders, legen. Schlagen Sie unſere Hände durch, Juſtizdirektor, rief Egon, zum Zeichen, daß ſie ewig verbunden ſind! Sie haben mir dieſen Freund gegeben, Sie milder Richter Sie! Sagen Sie mir aber nun doch, warum ließen Sie mich plötzlich frei? Kam ein höherer Ge⸗ danke über Sie oder ein Befehl? Ich ſuchte, wie mir an⸗ gegeben wurde, auf der Stelle das Weite und durfte nicht erſt lange fragen, wem ich meine Rettung verdanke. Durchlaucht, ſagte endlich Herr von Zeiſel, die gute Laune des Fürſtambenutzend und ſich in dem Falle, auf den er ſich jetzt erſt beſann, zurechtfindend. Durchlaucht, Sie verdanken ſie— meiner Frau!. Bin ich das Schooßkind der Damen! Ihrer Frau? Das hängt ſo zuſammen, Durchlaucht! ſagte Herr von Zeiſel. Frau von Zeiſel iſt eine ſehr charmante Perſon. Dreizehn Jahre macht ſie das Glück meiner Ehe aus, aber wenn ich— wir ſind unter uns— durch Geduld uud Sanftmuth vielerlei kleine Mucken in ihrem lebhaften Temperamente überwunden habe, ſo ſteckt doch ein Uebel unausrottbar in ihrem ſo höchſt ſoliden Charakter: der Ehrgeiz, Durchlaucht. In wil⸗ der Ueberrumpelung zwang man mich, den eigenen Herrn und geliebten Erben, den Alle voll Sehnſucht erwarteten, in den Thurm zu werfen. Dies Verſteck⸗ ſpiel des tollſten Zufalls, ſeh' ich nun wohl, iſt irgend einem böſen Kobolde, der uns zuweilen im Leben neckt, verbunden ſind! n, Sie milder in doch, warum in höherer Ge⸗ hte, wie mir an⸗ zeite und durfte ettung verdanke. von Zeiſel, die nd ſich in dem „zurechtfindend. einer Fraul n! Ihrer Frau iht! ſagte Hen ſehr charmante s Glück meiner wunter uns— jkleine Mucken erwunden habt, ihrem ſo hüch aucht. In wi e, den eigenen vol chiſüct Dies Verſtih⸗ 3 ohl, iſt irgend im Leben neck 107 gelungen. Aber daß Sie frei wurden und Ihr Freund, der Herr da, wahrſcheinlich vergebens die Leiter an das Thurmfenſter ſtellte, die wir ſpäter fanden— Wildungen, iſt es wahr? Die Eiſenſtäbe hätten uns doch Mühe gemacht, ſagte Dankmar, den Vogel aus ſeinem Käfig zu befreien. Daß es alſo leichter geſchah, Herr Juſtizdirektor— War die Folge eines Aergers meiner Frau, ſagte Herr von Zeiſel jovial. Meine Gattin iſt eine gebo⸗ rene von Nutzholz⸗Dünkerke, ſeelengut, ein braves Weib, aber etwas reizbar im Punkte der Ehre. Zwei Nutzholz⸗Dünkerke's ſind bereits aus Point d'honneur im Duell gefallen. Mein gutes Weib fand ſich etwas zurückgeſetzt durch die Behandlung der Frau Juſtiz⸗ räthin. Man lud ſie an jenem verhängnißvollen Tage nicht mit der Förmlichkeit ein, die ſie durch ihre Geburt gewohnt iſt. Und als vollends Herr von Harder, der mit einem Nutzholz⸗Dünkerke in die Schule gegangen iſt, ſich auf dem Schloſſe wie der König ſelbſt ge⸗ behrdete, kaum einem Menſchen das Unſchuldigſte, näm⸗ lich einen guten Tag gewährte, und an dem Tage, wo das beklagenswerthe Misverſtändniß mit Ew. Durch⸗ laucht vorfiel, die einzige auf's Schloß geladene Haupt⸗ perſon ſchien und allen andern Bekannten, die ſonſt der Frau Juſtizräthin gut genug waren, faſt angedeutet 108 wurde, ſie möchten ſich heute nicht auf's Schloß in⸗ commodiren, da ſtellte mir meine ahnungsvolle, aber höchſt zornige Gattin vor, wie wenig begründet Ihre Gefangenſchaft wäre und... Bravo, Juſtizdirektor, rief Egon lachend, ce que veut une femme... Ge que veut une femme, Durchlaucht... Par dépit... Par dépit... um zu zeigen, daß wir nicht die Untergebenen der jetzigen Schloßbewohner ſind und... Die Nutzholz⸗Dünkerke's ſchon vor einem Jahr⸗ hunderte mehr galten als die Harder’s... Sie treffen es Durchlaucht! Ha! Ha! Par dépit wurden Sie in Ermangelung triftiger Indicien frei⸗ gelaſſen und nur bedeutet, augenblicklich das Fürſtlich Hohenbergiſche Gebiet zu verlaſſen! Ein Glück, daß Herr Pfannenſtiel, mein Wächter, ein gutes Herz hatte und mich am Abend noch auf die Sägemühle führte, wo ich übernachtete. Von da wollt' ich, obgleich ich mich krank, von der Hitze im Thurm erſchöpft und übermüdet fühlte, mich über Schönau zu Fuß auf die Reiſe begeben, war aber ſo angegriffen, fühlte mich ſo elend, daß ich auf der Landſtraße einen Bauer anſprach, der mit einem Sol⸗ 9 fs Schloß in⸗ ngsvolle, aber begründet Ihre ſchend, ce que ucht... wir nicht die er ſind und.. ar einem Jahr⸗ da! Par dépit Indicien frei⸗ h das Fürſlich mein Wächter, tbend noch auf gtete. Von da 1 der Hibe im ſte, mich über u, wat aber ſo 1 ich auf de nit einem Sol⸗ daten an mir vorüberfuhr und übermüthig in ſeine ſtarken Gäule hieb. Auf Fürbitte des Soldaten nahm mich der grobe Bauer, er hieß Sandrart, auf und hinten im Korbe des Wagens ſtreckt' ich mich müd' und matt auf ein Bund Stroh neben den mit Eß⸗ waaren überfüllten Kobern. Der Vater fuhr ſeinen zum Sergeanten beförderten Sohn ſelbſt in die Reſi⸗ denz zurück, wo dieſer bei der Garde ſteht. Gegen Abend kam ein Regen, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Schon ſchlief ich in einer Herberge halb im Fieber. Mühſam ſchleppt' ich mich am frühen Morgen wieder auf den Korbwagen und kam halb todt gegen Abend hier am Thore an. Ich ſtieg ab, dankte dem Bauer und ſeinem Sohn und ſchlich mich ſtill in mein väterliches Haus. Das ganze Abenteuer ſchien misglückt und die Folge war, daß ich in ein elendes Nervenfieber verfiel, von dem ich erſt ſeit einigen Tagen zum lichten Bewußtſein zu⸗ rückgekehrt bin. Der Juſtizdinektor erſchöpfte ſich in Betheuerungen ſeines innigſten, freudigſten Antheils und fragte, ob man den Bauer Sandrart ſo glücklich machen könne, ihm zu ſagen, wem er ſo hülfreich ſich erwieſen hätte. Vielleicht beſſer, ſagte Egon, der Grobe erfährt es nicht. Er hat mir wol zehnmal zugerufen, ich ſollte ſeine Schinken und Eier unberührt laſſen, auf die ich in der That keinen Appetit hatte.. Es iſt einzig! ſagte Herr von Zeiſel künſtlich hu⸗ moriſtiſch. Dieſe Menſchen! Der Schornſtein hängt ihnen voller Würſte und Speck, das Geld lacht aus allen Truhen und grob, grob ſind ſie und ſo unterdrücke⸗ riſch... meine Frau ſagte oft, ſo ſchlimm könnten die Nutzholz⸗Dünkerke's nicht im Mittelalter gehauſt haben, wie ſich ſolche reiche Freibauern gebehrden. Der Sohn iſt ein charmanter Menſch... Er wird das Geld ſeines Vaters unter die Gri⸗ ſetten bringen.. Es entſpannen ſich nun zwiſchen dem Juſtizdirek⸗ tor und Egon einige nähere Verſtändigungen über Ge⸗ genwart und Zukunft des Fürſtenthums Hohenberg. Wegen letzterer war Herr von Zeiſel hier. Egon ver⸗ ſprach in dieſen Tagen ihm über Alles genauere Aus⸗ kunft zu geben. Vorläufig wäre er umſomehr ent⸗ ſchloſſen, das väterliche Erbe wirklich anzutreten und trotz der großen Schuldenlaſt nichts zu veräußern, als er ja in dem amerikaniſchen Agronomen Ackermann einen ſo gerühmten und alles Vertrauens würdigen Verwalter gefunden hätte. Ja, wandte er ſich zu Dankmar, jener Amerikaner, von dem du mir im Thurm erzählt hatteſt und deſſen ſſen, auf die ih Namen ich auf meinem Krankenbett im größten Drang meines Elends wohlbehalten hatte, der erhielt auf ſein ſſel künſtlich hu⸗ Erſuchen die Verwaltung meiner Güter. cornſtein hängt Ich erfuhr dieſe angenehme Wendung leider zu Geld lacht aus ſpät, ſagte Dankmar, und bedauerte, vor der ſchnellen dſo unterdrücke⸗ Abreiſe des trefflichen Mannes und ſeines Sohnes ſchimm könnten nicht noch einmal ihn begrüßen zu können. ttelalter gehauſt Seines Sohnes? fiel Herr von Zeiſel ein und lä⸗ uern gebehrden. chelte fein, ſogar gereizt. Sie wiſſen alſo nicht, daß M.. dieſer allerdings ſehr ehrenwerthe Oekonom, der mit z unter die Gri⸗ großen Plänen und excentriſchen Entwürfen ſeine Auf⸗ gabe angetreten hat, damit anfing, uns in Betreff ſeiner Umgebung Alle zu täuſchen? 1 Täuſchen? Herr von Zeiſel, Ackermann ſcheint mir uns Höhenberg zu Täuſchungen nicht fähig zu ſein, ſagte Dankmar. hier. Egon ver⸗ Vergebung für den Ausdruck! Sie ſchätzen dieſen s genauer Au⸗ Mann nicht höher als ich ſelbſt. Zwar ſind die umſomehr en⸗ Meinungen über ihn getheilt. Die Mehrzahl hängt nuten und ihm gläubig und voll Verehrung an. Die Minder⸗ veräußern, alo zahl, die wol an dem Fehler zu ſtrenger Prüfung und rpui f mam ungläubiger Zweifelſucht leidet, fürchtet, ſein leicht ent⸗ unen A 8 en zündetes Gemüth möchte zu ſehr jenen Luftgebilden ruens wündi nachjagen, die wie Feuerwerke ſchön blenden, aber auch im Nu verpraſſeln... Glauben Sie Das nicht, ſagte Dankmar erregt. dem Juſtizdire⸗⸗ zungen über Ge— ener Amerikanet, deſſen atteſt und deſſe Aus wenigen Worten, die ich mit dieſem Oekonomen wechſelte, weiß ich, daß dieſer Edle den Ernſt des Lebens tief erfahren hat und nicht umſonſt in Ame⸗ rika die Schule der Selbſtbeſtimmung ſeiner Schickſale durchmachte.. Ich wünſche nichts ſehnlicher, ſagte Herr von Zeiſel mit einem furchtſamen Blicke auf Egon, als daß ſich alle Verſprechungen dieſes Amerikaners erfüllen mögen... Man muß ihm vor allen Dingen Zeit laſſen und volle Freiheit gewähren, meinte Egon und ſprach dies entſchieden. Volle Freiheit! Herr von Zeiſel war geſchlagen und ſchwieg. Aber die Täuſchung, Herr Juſtizdirektor, welche wäre denn das? fragte Egon. Das iſt ſpaßhaft! war Herrn von Zeiſel's ein⸗ lenkende Antwort. Wir Alle ſahen Herrn Ackermann nach Pleſſen, Randhartingen, Schönau— im Ulla⸗ grunde auf Sandrart's neuer Anlage wird er woh⸗ nen— zurückkehren und beſannen uns, daß man dieſen Mann, als er früher ſich beobachtend und wahrſcheinlich den Boden und die Verhältniſſe erkund⸗ ſchaftend daſelbſt aufgehalten, geſehen, wie er ein liebes Söhnlein bei ſich führte, ein Bürſchchen mit zierlichem Mützchen, Handſchuhen und leichtem Röckchen. Dies v —,—-—.4 konomen rnſt des in Ame⸗ Schickſale n Zeiſel ſich alle gen... ſen und ach dies eg. welche el's ein⸗ fermann zmm Ulla⸗ er woh⸗ aß man end und erkund⸗ in liebes ierlichem . Dies Söhnchen hat er nicht mitgebracht, wohl aber ein Töch— terlein... Dankmar hörte geſpannt zu und verwünſchte Herrn von Zeiſel's humoriſtiſch ſeinſollende naive Darſtellung. Und nicht etwa ein zweites Kind des Herrn Acker⸗ mann, ſagte dieſer, iſt dieſe holde kleine Begleiterin, ſondern... Selmar wär' es ſelbſt? unterbrach ihn Dankmar im wärmſten Antheil. Selmar! ſo hieß die Kleine früher. Nun iſt es eine Selma! Entpuppt und umgekleidet! Selma Acker⸗ mann, ein allerliebſtes Weſen! Sie thut viel, um die etwas rauhe und abſtoßende Außenſeite ihres Herrn Vaters zu mildern. Selmal ſprach Dankmar vor ſich hin und verglich ſeine Erinnerungen an jene ihm ſo liebe Begegnung mit dem Eindrucke, den ihm jetzt dieſe Metamorphoſe machte. Hatte ihm ſchon der Knabe ein ſo großes Wohlgefallen, eine brüderliche Empfindung erregt, wie mußte ſich ſeine Theilnahme für die nun verwandelte liebliche Erſcheinung ſteigern, wenn er ſich jener, ihm immer noch räthſelhaften Mondnacht auf dem Heidekruge erinnerte, wo nicht etwa Ackermann als Traum, als ein Bild ſeiner erregten Phantaſie vor ihm mit dem Portrait, das er küßte, erſchien, ſondern Die Ritter vom Geiſte. V. 8 114 dieſer wirklich das Portefeuille öffnete, wirklich eine Locke von ſeinem Haupte ſchnitt... denn die Locke fehlte ihm! Und wie er noch ſo ſaß, mit Theilnahme von Egon betrachtet, der an ſeinem Intereſſe ſelbſt ſich in— tereſſirte, ſiel Dankmar's Blick jetzt eben auch auf das Paſtellbild der Fürſtin Amanda, das er, ſeitdem es ihm durch ein„Misverſtändniß“ genommen war, nicht wiedergeſehen hatte. Da ſtand das goldene Vließ ſeines abenteuerlichen Argonautenrückzuges! Er ge⸗ dachte der Medea⸗Melanie! Da der Prinz! Und Sel⸗ mar Selma! Der Erläuterungen des Juſtizdirektors über dieſe Metamorphoſe bedurfte es eigentlich nicht. Dieſer erzählte etwas von der Nothwendigkeit, ein junges Mädchen auf einer ſo weiten Reiſe von Ame⸗ rika über England nach Deutſchland allein ſchützen zu ſollen, von der raſchen Gewöhnung an die neue Tracht, von den wunderbar ſchnell angenommenen Manieren des Knaben, von der Beruhigung, die der Vater gehabt hätte, mit ſeinem Kinde vor jeder Ver⸗ legenheit und Nachſtellung in den Gaſthäuſern ſicher zu ſein, von ſeiner endifch aber doch nun eingeſehenen Pflicht, daß das Kind ſeinem Geſchlechte zurückgegeben werden müßte... Für Dankmar waren alle dieſe Grläntekungen nicht de Locke efehlte ne von ſich in⸗ uf das dem es nicht Vließ Er ge⸗ d Sel⸗ er dieſe teit, ein i. Ame⸗ ſhüte die neue mmenen die der er Ver⸗ n ſchen eſehenen kgegeben gen nicht 115 nöthig. Er bedurfte keines Wortes, um zu fühlen, daß Ackermann ſehr weiſe gehandelt hatte. Aber er bedurfte noch weniger einer Erläuterung, weil ſein Gefühl ihm ſagte: Selmar mußte ſich dir ſo enthüllen! Das war eine Aufklärung, die ſich von ſelbſt verſtand! Wie konnte Selmar etwas Anderes ſein als Selma! Als Egon des neuen Freundes innere Erregung bemerkte und den Blick beobachtete, den Dankmar voll getheilter Ueberraſchung auf das plötzlich von ihm ent⸗ deckte Bild gerichtet hatte, ließ er es ſich angelegen ſein, durch irgend eine geſchickte und nicht verletzende Wendung den Juſtizdirektor zu entfernen. Es gelang ihm mit aller Gewandtheit. Herr von Zeiſel war glück⸗ lich, ſeinem jungen Patrone ſchon unter ſo abenteuer⸗ lichen Verhältniſſen nützlich geweſen zu ſein. Er bat, ob er denn dieſe merkwürdige Geſchichte und die wahre Aufklärung der plötzlichen Erkrankung, Alles, Alles, was er in dieſer gnädigen Audienz gehört hätte, der Welt erzählen dürfe.... Wenn Sie nicht fürchten, ſagte Egon mit feiner Betonung, daß man Ihre Juſtizverwaltung ein wenig zu patriarchaliſch nennen wird! Durchlaucht, rief Herr von Zeiſel und drückte Egon's Hand, die er lebhaft ergriff, mit komiſchem Enthuſias⸗ mus an die Bruſt, Durchlaucht, Sie mögen nun vom 8* 116 Juſtizrath Schlurck urtheilen was Sie wollen! Dafür hab' ich ihm geſtern gedankt, daß er mich in die Ko⸗ mödie ſchickte, um mir ſeine Lieblingswahrheit von einem vortrefflichen Schauſpieler ſagen zu laſſen: „Wenn man das Leben auch gar zu ernſthaft nimmt, was iſt dann d'ran?“ Amüſiren Sie ſich noch ferner mit ihm! ſagte Egon übereinſtimmend und begleitete den zutraulich ſich Em⸗ pfehlenden an die Thür; ich denke, wir ſprechen uns noch und Sie werden im beſten Einverſtändniß mit mei⸗ nen ferneren Verwaltungsmaximen nach Pleſſen zu⸗ rückreiſen... Dies Wort war eigenthümlich, verfänglich faſt... Zeiſel ſtockte... Aber die Thür ging zu und er mußte dieſe Schlußworte unterwegs überlegen und ſo, wie ſie gefallen waren, mit ſich nehmen. Dankmar und Egon waren nun allein. Jener ſtand vor dem Bilde... Ja, da iſt es nun! Und ich zittre vor ſeinem In⸗ halte, ſagte Egon. Hat es auch nichts bis jetzt zu Tage gefördert als unſere Freundſchaft, Wildungen, ſo wollen wir zufrieden ſein. Noch einmal umarmte er den Freund. Dankmar drückte ihm die Hand und erzählte alle ſeine Bemühungen, des auffallend ſchweren Bildes hab⸗ Dafür die Ko⸗ it von laſſen: nimmt, ⸗Cgon ch Em⸗ en uns nit mei⸗ ſen zu⸗ faſt.. mußte ſo, wie nem In⸗ jett zu ldungen, ühlte alle des hab⸗ haft zu werden, verſchwieg aber Melanie und jeden Um⸗ ſtand, der in Egon Verdacht erwecken konnte. Rudhard, Siegbert, Louis und er hatten ſich das Wort gegeben, um den Prinzen nicht wieder zu beunruhigen, von dem Schickſal dieſes Gemäldes nichts zu erzählen, als daß es durch Dankmar auf dem Schloſſe noch rechtzeitig gerettet worden wäre und daß Schlurck ohne alles Be⸗ fremden die andern Familienbilder ſo freiwillig über⸗ geben hätte. Er wußte auch, daß man auf den Fall einer Oeffnung der Hinterwand einen Gegenſtand dort finden konnte, der ihn vollkommen beruhigen durfte. Und das Geheimniß? fragte er. Fand ich noch nicht! Ich wagte nicht zu jäh mein Räthſel zu löſen. Ich gehöre zu den Menſchen, die ihre empfangenen Briefe dreifach genießen, erſt im Em⸗ pfangen, zuletzt im Leſen, in der Mitte aber in einem längeren Liegenlaſſen und erſt allmäligen Eröffnen. Dankmar nahm das Gemälde und wandte es von allen Seiten ohne auf das Glas zu drücken. Es enthält etwas, ich fühl' es an der Schwere des Bildes... ſagte er. Er ſpielte die Rolle, die ihm die Sorgfalt der „Freunde des Prinzen übertragen hatte. Er ſtellte ſich neugierig, drückte, ſchüttelte, ſchob und klopfte an dem . Bilde. Endlich— ſiehe da, es ſprang auf! 4 118 Egon beklommen, mit der ganzen laſtenden Schwere ſeiner Erinnerungen an die Mutter, an ſeine Erziehung, ſeine Jugend, griff erſtaunt nach dem Inhalt. Hier am Glaſe lag der Pfiff, ſagte Dankmar ſo treuherzig, als wär' er ſelbſt überraſcht worden, zu⸗ fällig ſtreift mein Finger über dieſe Stelle, ich halte das Bild an ihr feſt und es ſpringt auf... Egon langte aus der Kapſel ein Buch hervor. Es war ſchwarz eingebunden, mit in Gold gepreßtem Deckel und Rücken und mit Goldſchnitt verziert. Er öffnete das Buch und las: Thomas a Kempis vier Bücher von der Nachfolge Chriſti.. Schwere jehung, mar ſo en, zu⸗ halte Sr. Es Deckel achfolge Sechstes Capitel. Welt und Zeit. Gute Mutter, ſagte Egon nach einer Pauſe ſchmerz⸗ lichen Lächelns und wehmüthig gen Himmel blickend, ja in ſeiner bitter getäuſchten Erwartung ſich zu be⸗ kämpfen ſuchend; gute Mutter, dieſes Teſtamentes hätt' es nicht bedurft, um mich in deine Nähe zu rufen! Das heißt in der That um Chriſti Willen leiden und ſterben! Dies Bild hätte mich, wenn ich von der Krank⸗ heit nicht erſtanden wäre, mein Leben koſten können. Dankmar ſchwieg voll tiefen Mitleids über den getäuſchten, von böſen Feinden betrogenen Prinzen... Wir ſind denn alſo, ſagte er nach einer Weile ruhig, da wieder angelangt, Prinz, wo wir im Thurme ſtanden! Ein neuer Moment iſt in dein Leben nicht eingetreten. Es bleibt bei den alten Vorausſetzungen und ſo wird es wol auch bei den alten Entſchließun⸗ gen bleiben müſſen. Du fühlſt dich ſtark durch dich 12²9 ſelbſt! Laß die Vergangenheit und beherrſche die Zu⸗ kunft! Da, wo wir im Thurme ſtanden! wiederholte Egon. Dann bin ich dir noch viel zu beichten ſchuldig. Ich ahne, was ich noch erfahren ſollte, antwortete Dankmar ablehnend. Dein Leben iſt nicht ohne Be⸗ obachtung geblieben. Solche Sterne, die einen leuch⸗ tenden Namen tragen, ſchon wenn ſie auf die Welt ziehen, verbergen ſich niemals ganz, auch wenn die dunkelſten Nebel über ſie fallen. Worauf deutet dieſe Schmeichelei, Wildungen? fragte Egon. Die Erwähnung eines Unglücks iſt keine Schmei⸗ chelei. Und ein Unglück nenn' ich, wenn ich ſo hoch ſtehe, daß ich mich nicht einmal mit meinen Thränen verbergen kann. Soll ich dir ſagen, was ich Alles von dir weiß, ohne daß ich unter den Spiegeln deines Pavillons ſaß und dich um die elfte Stunde erzäh⸗ len hörte? Alſo die Welt erfindet über mich? fragte Egon. Dankmar antwortete, er wolle hören, ob folgende Verhältniſſe Erfindungen wären? Und nun begann er genau und ausführlich zu erzählen, was ſich in dem öffentlichen Geſpräch über den Prinzen ſchon feſtgeſtellt hatte. Er erzählte ihm ſt ſch die Ju⸗ derholte cyuldig. wortete ne Be⸗ leuch⸗ e Welt enn die ungen? Schmei⸗ ſo hoch Thränen ch Alles n deines e elzäh⸗ Egon. folgende hrlich zu ch über hlte ihm ſeine Geſchichte von Lyon an bis zu ſeiner Ankunft in dieſer Reſidenz. Er nannte ihm Namen und That⸗ ſachen, Louis Armand und Helene d'Azimont, Alles, Alles, ſelbſt daß Louiſon um die elfte Stunde geſtor⸗ ben war... Nichts war der Welt entgangen und wie ein Ro— man lag es vor Aller Augen. Als Dankmar geendet hatte, erwiderte Egon nichts. Es hatte ihn tief erſchüttert, ſo offen vor der Welt wie ein aufgeſchlagenes Buch dazuliegen und er dankte dem neuen Freunde, daß er aufrichtig und wahr ge⸗ weſen. Da hab' ich nichts an Thatſachen zu erzählen! ſagte er ſchmerzlich. Die Menſchen kennen alle Blät⸗ ter meines Lebens, was die Summarien anlangt. Die Capitel und die Ueberſchriften ſind richtig... Die innere Verknüpfung aber, der Pragmatismus, ja der Text ſelbſt ſteht nur in meiner Bruſt und im Buche des Lebens verzeichnet. Und doch fühlt die Welt deinen Pragmatismus nach, ſagte Dankmar. Freilich Louis Armand iſt und bleibt ein unverſtändliches Capitel. Weil er ſchwieg, weil er an meinem Krankenlager ſtand! Aber die d'Azimont redete! Die zeugte alſo ſchon für ſich in der Sprache ihrer Thränen, in der 122 Beredtſamkeit ihrer Litaneien. Dies Capitel verſteht man; denn aus Allem, was ich von dir gehört habe, entnehm' ich die Darſtellung der Salons, den blen⸗ denden Styl der ſogenannten Rechtfertigungen! Recht⸗ fertigungen! Die Thatſachen ſind wahr, aber ihre Ver⸗ knüpfung haben Frauenhände geſtrickt. Mein Freund, ſagte Dankmar in einem ernſten Tone, der ihm ſeit einiger Zeit zur andern Natur ge⸗ worden war; mein Freund, wenn der Mann liebt, verfällt er dem Urtheil Derer, denen die Liebe ihr ganzer Lebensberuf iſt. Wir können über Auffaſſun⸗ gen unſerer Herzensangelegenheiten ſtreiten, wie viel wir wollen; die Frauen laſſen ſich ihr Urtheil nicht nehmen und bleiben bei dem gemeinſamen Intereſſe, das ſie alle verbindet. Ich habe dieſem Urtheil nach⸗ geſprochen. Man bricht den Stab über dich und dei⸗ nen Glauben und deine Irrthümer. Ganz ſo wie man urtheilt, gab ich dir den Bericht. Ich halte Das für das erſte Erforderniß eines Freundes, der den Namen verdient. Und ich danke dir dafür, wie ſchmerzlich es mir auch iſt, mich nicht der Welt nach meiner Auffaſſung zu zeigen. Das wirſt du für die Zukunft in deiner Hand ha⸗ ben. Du biſt nun hergeſtellt, die Welt erwartet dich; verſtht tt habe, en blen⸗ Recht⸗ jre Ver⸗ ernſten tatur ge⸗ un liebt, jebe ihr fffaffun⸗ wie viel eil nicht Intereſſe eil nach⸗ und dei⸗ wie man Das füt n Namen c es mir Auffaffung Hand ha⸗ artet dich; ich ſagte dir offen, wie der Boden ausſieht, auf den du trittſt. Dies ſind die Thatſachen, die man von dei⸗ nem früheren Leben glaubt beſtätigt zu finden. Willſt du ſie wahrmachen? Willſt du ſie gelten laſſen oder verändern? Das ſteht in deiner Macht. Was urtheilt man über die d'Azimont? fragte Egon und ſtützte den Kopf auf und blätterte in dem Tho⸗ mas a Kempis mit einer Reſignation, als erſchien' er ſich beſtimmt, nur zu leiden und ſich zu täuſchen. Man findet ſie ſo liebenswürdig, antwortete Dank⸗ mar, daß alle Welt wünſcht, ſie trennte ſich von ihrem Gemahl und Euer Verhältniß würde ein legitimes. Wünſcht man Das wirklich? ſagte Egon lächelnd. Noch mehr! Man fuürchtet, daß Louis Armand dieſe Vereinigung hindert und dich in Richtungen trei⸗ ben wird, die mit deinen hieſigen Lebensbedingungen im grellſten Widerſpruche ſtehen. Fürchtet man Das? Wünſchen! Fürchten! Ich habe Männer von hoher Stellung folgender⸗ maßen reden hören: Dieſer Prinz Egon von Hohenberg iſt nun geſund und wird bald in die Geſellſchaft tre⸗ ten und ſich ohne Zweifel an der Löſung unſerer Wir⸗ ren betheiligen. Schlimm, wenn er ſie vielleicht noch vermehren ſollte! Es fehlte uns nur noch, daß ein ſo hochgeſtellter junger Adliger mit dieſem Namen, mit 412* dieſen glorreichen Familienerinnerungen, nachdem ſchon einige junge Adlige und Fürſten uns Verwirrung ge⸗ nug gebracht haben, in Deutſchland als Communiſt auftritt! Entſinnſt du dich denn nicht unſerer Geſpräche auf der Reiſe? warf Egon hin. Die Gräfin d'Azimont, fuhr Dankmar nichtach⸗ tend fort, wird für deinen guten Genius gehalten. Man hebt hervor, daß ſie eine Ariſtokratin auch der Geſinnung nach iſt. So ſehr Eure Beziehung gegen die Grundſätze verſtößt, die jetzt in unſerer Geſellſchaft vertreten werden, ſo wird man ſie doch dulden, an⸗ erkennen und ihr Ziel, die eheliche Vereinigung, be⸗ fördern, wenn ſie es durchführt, dich von deinen fran⸗ zöſiſchen Bahnen zu trennen. Man nennt dich ſchon ehrgeizig: man behauptet, du ſtrebteſt nach Populari⸗ tät. Man fürchtet, du würdeſt durch Aufſtellung eines neuen Parteiprincipes die Verwirrung vermehren, die ſo ſchon an dem Grundbau und dem Fachwerke unſe⸗ res Staates mehr rüttelt und ihn dem Sturze näher gebracht hat, als es äußerlich beobachtet werden kann. Dankmar gab dieſe Fingerzeige ſo ruhig, ſo maß⸗ voll, ſo bei aller Strenge duldſam, daß Egon ſtatt der Antwort auf dieſe Thatſachen ſelbſt ſich nur an Den hielt, der ſie ihm mittheilte. em ſchon ung ge⸗ mmuniſt äche auf nichtach⸗ gehalten. auch der g gegen ſellſchaft den, an⸗ mg, be⸗ nen ſran⸗ dich ſchon Popular⸗ ung eines ehren, die erke unſe⸗ rze näher deen kann. „ſo maß⸗ h nur an 125 Ich bewundere... ſagte er und ſtockte. Was? fragte Dankmar. Nichts, als dich, dich ſelbſt, Wildungen! Wie ver⸗ ſchmitzt du biſt! Wie fein zugeſpitzt du das Alles vor⸗ trägſt! Man glaubt einen König der Salons zu hö— ren oder einen Diplomaten. Statt dieſes etwas zweideutigen Lobes, antwor⸗ tete Dankmar lächelnd, möcht' ich lieber hören, was wol Prinz Egon zur Widerlegung aller dieſer nur fraubaſenhaften Befürchtungen thun wird? Vor allen Dingen, mein Freund, ſagte Egon, werd' ich mich inniger und wärmer denn je an meine Lieben anſchließen. Ich habe einen neuen mir eben— bürtigen Freund in dir gewonnen und in Louis Ar⸗ mand beſitz' ich etwas, was du mir nicht einmal ſein kannſt. Ich bin hier ſo gut wie fremd. Meine Angelegenheiten treff' in der größten Unordnung. Ackermann erſtrebt das Beſte, aber ich kenne die Chi⸗ märenſucht der neuen theoretiſchen Oekonomen aus meinen engliſchen Studien. Nur die großen engliſchen Grundbeſitzer ſind im Stande, von der alten über⸗ lieferten Weiſe, die Erde zu bebauen, manchmal abzu⸗ weichen und mit Maſchinen Verſuche anzuſtellen. Das Zehnte bewährt ſich nicht. Die Einigkeit zwiſchen Acker⸗ mann und Herrn von Zeiſel, dem nominellen Ver⸗ 126 walter des Ganzen, ſo zu ſagen das alte Miniſterium, ſcheint nicht die größte zu ſein. Schlurck, mir längſt verhaßt, iſt abgeſchüttelt, aber er hielt die Anſprüche der Gläubiger meines Vaters zurück: ich fürchte, ſie werden nun zudringlicher und begehrlicher als je wer— den. In dieſer ſchwierigen Stellung iſt mir eine ſolche uneigennützige, zwiſchen Freund und Diener ſchwan⸗ kende Hingebung, wie die meines Louis, Goldes werth, denn der gute Menſch iſt ohne Anſprüche und fügt ſich in jede Rolle und wäre es die des Lakaien. Ich kann ihn nicht entbehren, Wildungen. Ich theile ſeine communiſtiſchen Grundſätze nicht, aber ich ehre viele ſeiner Principien und werde für ſie inſoweit zu wir⸗ ken ſtreben, als ich, wie ich dir ſchon auf unſerer Reiſe ſagte, für eine größere Heilighaltung der Ar— beit bin. Wenn ich den Prinzen kenne, hab' ich oft den Leu⸗ ten geſagt, ſo iſt er ein Ariſtokrat, wie Ihr es nur ſelber ſeid!... Dankmar warf dieſe Bemerkung leicht, doch nicht ohne einen forſchenden Blick hin. Ich bin kein Ariſtokrat! wallte Egon faſt vorwurfs⸗ voll auf. Ich will, daß Gedanken herrſchen, nicht Ueberlieferungen. Die Politik, wie ſie in Frankreich getrieben wird, gefällt mir nicht im mindeſten. Aber 6 T ſterium, ir längſt nſprüche chte, ſie je wer⸗ ne ſolche ſchwan⸗ s wetth, und fügt en. Ich eile ſeine zre viele zu wir⸗ unſerer der Ar⸗ den Leu⸗ r es nut och nicht vorwurfö⸗ en, nich granireich Abet en auch die deutſche iſt mir verhaßt, die zumal, die hier bisher das Ruder führte. Säß' ich in einer Kam⸗ mer, ich würde, wie jetzt die Dinge ſtehen, zur Oppo⸗ ſition gehören. Vergib mir, ſagte Dankmar, als er bemerkte, daß Egon zu lebhaft wurde und ſich über ſein Antlitz eine plötzliche Röthe zog; vergib mir, daß ich die Scho⸗ nung des erſt Geneſenden vergeſſen habe. Dieſe Dinge ſind wichtig, aber aufregend. Doch nicht! Doch nicht, Wildungen! ſagte Egon und bat nur den Freund, ihm zu geſtatten, daß er ſich auf ein Kanape ſtreckte. Er forderte ihn auf zu rau⸗ chen. Er bot ihm türkiſche Cigarren an und erſtaunte ſelbſt, daß Louis Armand Alles ſo hergerichtet hatte, wie er es zu ſeinem nächſten Bedürfniß ſtündlich nur wünſchen konnte. Wie ſieht es denn in der Welt aus? ſagte er. Sind die Kammern zuſammengetreten? Steht das Mi⸗ niſterium noch? Es wird, ſagte Dankmar, die Cigarre ablehnend, mit den Kammern fallen, die ſich eben verſammeln. Man macht ein neues Miniſterium aus der Kammer⸗ majorität. Dies regiert vierzehn Tage. Dann kom⸗ men einige Forderungen, die die Krone ſtellen wird. Das Miniſterium wagt ſie nicht an die Kammer zu bringen und dankt theilweiſe ab. Einige, die mehr Muth haben, bleiben und verſtärken ſich durch Offi⸗ ziere, Chefpräſidenten, Bankiers Man wird dies Miniſterium das Miniſterium der Thaten nennen. Man fordert jetzt, was die Krone anfangs nur wünſchte. Die Kammern, doppelt durchwühlt an ſich und vollends noch durch den Aerger der abgetretenen Miniſter, ver⸗ werfen dieſe Forderungen. Sie werden aufgelöſt; alle Freiheiten werden für unbeſtimmte Zeiten ſuspendirt und man wird regieren, wie es eben geht und ſo lange es geht, bis der Cirkel durch eine neue Kam⸗ merwahl wieder von vorn anfängt oder ein großes politiſches Ereigniß dazwiſchen tritt. Jede tiefer ein⸗ greifende Unternehmung für den Handel, die Gewerbe, für das moraliſche Leben, für Kunſt und Wiſſenſchaft iſt dabei ſuspendirt, wenn nur die Steuern eingehen und die Beamten ihre Beſoldung erhalten. Mir aus der Seele geſchildert! rief Egon. Und nur zu wahr, zu wahr! Welch' ein Zuſtand in die⸗ ſem gegenwärtigen Europa! Die Völker preisgegeben, wie im Mittelalter, den zufälligſten Perſönlichkeiten! Welch' ein Verſteckſpiel mit dieſen Conſtitutionen, die nur dazu da ſind, eine Ueberwucherung von Ehrgeiz in den dilettirenden Staatsmännern zu wecken!. Dies Heer von Advokaten, Journaliſten, Beamten, Geiſt⸗ — ie mehr ch Off⸗ ird dies nennen. ünſchte. ollends ter, ver⸗ üſt; alle spendirt und ſo Kam⸗ großes fer ein⸗ ewerbe, ſenſchaft eingehen n. Und in die⸗ gegeben, chkeiten! nen, die hrgei 1 Dies geiſt⸗ 129 lichen, Soldaten, die ſich, weil ſie einmal gewählt und genannt wurden, als Volksvertreter, Volksführer, nun ſich einbilden, zeitlebens unentbehrlich zu ſein, von Miniſterportefeuilles träumen und nicht ruhen, bis die Reihe der Schickſalsgunſt immer wieder an ſie kommt! Das iſt wieder das alte Fauſtrecht in vollkommener Aehnlichkeit, nur daß die Waffen die des dienenden, biegſamen Geiſtes wurden, die der Feder, des Wor⸗ tes; es iſt der Krieg Aller gegen Alle, den ein furcht⸗ barer, türkiſcher Despotismus einſt beendigen wird, wenn die Guten nicht zuſammentreten und ſelbſt die ewigen Güter der Menſchheit von den Gefahren be⸗ freien, die dieſe bei ſolchem Spiele laufen müſſen. Alſo wo liegt die Schuld? Oben oder Unten? Ueberall! Und die Beſſerung? Darüber denk' ich täglich nach, ſagte Dankmar. Bald möcht' ich dieſen ganzen Bau zertrümmern und ihn neu errichten, bald ſeh' ich mich nach einem min⸗ der radikalen Heilmittel um. Ich finde keins, das in den Verhältniſſen und in den Dingen liegt. Jeden klugen Einfall überbietet gleich ein noch klügerer. Al⸗ les, was Weisheit ſcheint, iſt ſogleich ſchon Liſt. Ich ſuche einen Ausweg und finde ihn nur in dem Men⸗ ſchen und ſeiner eigenen freien Beſchränkung. Geb' Die Ritter vom Geiſte. V. 9 130 uns Einer die und geſegnet ſei ſein Name in Ewig⸗ keit! Amen! Amen! fiel Egon eben ſo feierlich ein. Der Thomas a Kempis hier neben uns thut ſchon ſeine Wirkung. Wir blicken gen Himmel und verlangen Wunder. Die Menſchen! Eigene freie Beſchränkung! Großer Gott! Wildungen, iſt dir's noch nie klar ge⸗ worden, daß die Menſchen Beſtien ſind? Nur wer gearbeitet hat und ſich dann ausruhen will, iſt gut⸗ müthig. Der fleißige Menſch iſt ein Kind. Wenn ich Sonntags auf der Chaumiere mit Louiſon und ihren Freundinnen tanzte, dünkten wir uns Götter, und alle Die hatten Theil an dieſem beſcheidenen irdiſchen Himmel, die ihre ſechs Tage Arbeit hinter ſich hat— ten. Die aber, die in die Clubs liefen und Zeitun⸗ gen laſen, ſaßen mürriſch und tranken mehr Wein, als ſie bezahlen konnten. Louis Armand ſagt zwar, die Verfaſſung der Erde müſſe nur auf die halbe Pflichterfüllung begründet werden, ſonſt wäre dies Da⸗ ſein eine Hölle. Das beſtreit' ich ihm und verweiſ' ihm oft, wenn er ſtatt zu arbeiten Verſe macht und Aufſätze über das Loos der arbeitenden Klaſſen ſchreibt und mehr träumt als er ſollte. Iſt Das nicht aber auch eine Arbeit, dies noth⸗ wendige Träumen? fragte Dankmar, der die Verſe: Ewig⸗ n. Der on ſeine rlangen änkung! llar ge⸗ tdur wer iſt gut⸗ Wenn on und er, und rdiſchen ich hat⸗ Zeitun⸗ r Wein, gt zwar, ie halbe ies Da⸗ verweiſ icht und ſchreibt es noth⸗ 2 Verſe: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! von ſeinem Bru⸗ der kannte. Die man nicht überwuchern laſſen darf! antwor⸗ tete Egon. Alles drängt ſich jetzt nach geiſtiger Ar⸗ beit und behauptet, die wäre eben ſo ſchwer und an- ſtrengend wie die materielle. Aber ich frage: Wenn Alle Buch führen wollen, wer wird die Werthe erzeu⸗ gen, die die Feder verrechnet? Nein, Wildungen, ſage Denen, die meine Freundſchaft für Louis Armand fürch⸗ ten, ich bin kein Communiſt! Aber auch die hier übliche Landespolitik veracht' ich, und wenn mir Ge⸗ legenheit geboten würde, Das zu ſagen, was ich denke, würd' ich allerdings den Adel und ſeine Aufgabe an⸗ ders beſtimmen, als es dieſe trägen Drohnen der Ge⸗ ſellſchaft thun. Ich darf nicht fortfahren, bemerkte jetzt Dankmar. Ich ſehe, wie dich der Gegenſtand ergreift. Glücklich werd' ich ſein, mit einem Manne von deiner wunder⸗ baren Lebenserfahrung einen dauernden geiſtigen Ver⸗ kehr zu unterhalten. Aber für heute geh' ich... Ich bin es dir ſchuldig. Du haſt mich angeregt, nicht aufgeregt, ſagte Egon liebevoll. Du wollteſt mir die Aufgabe meines Le⸗ bens zeigen und mich auf den Empfang der Welt vor⸗ bereiten. Ich danke dir herzlich dafür. 9* Wann wird Helene d'Azimont erlauben, daß ich dich wiederſehe? fragte Dankmar den Hut ergreifend und eine Menge ſchöner Dinge über die Reize dieſer Dame, ihre Bildung, ihre Liebenswürdigkeit wieder⸗ holend. Helene? Hat ſie etwas zu erlauben? unterbrach ihn Egon... Heut' um vier Uhr, bitt' ich dich, ſei an dieſer Stelle! Ich ſoll auf Schloß Solitüde fah⸗ ren. Begleite mich mit Louis, wenn dir der Hand⸗ werker nicht anſtößig iſt. O, Freund! ſagte Dankmar, Der, den du liebſt, den liebe auch ich. Willſt du aber nicht noch einen andern Menſchen, der viel beſſer iſt als ich, in un— ſern Bund aufnehmen? Es iſt mein Bruder Sieg⸗ bert, älter als ich, edler, tüchtiger, ſchwärmeriſcher, ganz deiner Liebe werth, und wenn er einmal die Grä⸗ fin oder dich ſelbſt malt, wirſt du ſein Talent ſchätzen lernen. Dein Bruder! Seid mir Beide willkommen!l rief Egon. Oder denkſt du wieder: Wenn es Helene er⸗ laubt? Welch' ein Wort war Das? Menſchen, ſpot⸗ tet meiner nicht, ſondern habt Mitleid, daß uns die ſchwachen Augenblicke in ſolche Bahnen führen! Paradieſesbahnen! ergänzte Dankmar. Ich ſah ſte flüchtig und war bezaubert... „daß ich ergreifend eeize dieſer it wieder⸗ untetbrach hdich, ſei ttüde fah⸗ der Hand⸗ du leebſt, noch einen ), in un⸗ der Sieg⸗ armeriſcher, al die Gra⸗ lent ſchäen umen! rief Helene er⸗ ſchen, ſpo⸗ aß uns di ihren! .3i ſah 1³3 Sie iſt ſchön! lauteten Egon's langſam und nach⸗ denklich beſtätigenden, empfundenen, aber doch kargen Worte. Schönheit, wenn ſie dauernd zu feſſeln im Stande iſt, kann nicht ohne Herz ſein; ſagte Dankmar und erwartete eine Antwort. Egon ſchwieg aber. Er umarmte noch einmal den Freund, begleitete ihn mit den Worten: Habt mich lieb! Ich bedarf es! an die Thür und rief ihm, als Dankmar ſchon ging, noch nach: Um vier nach Solitüde mit dem Bruder! Dankmar nickte. Als er auf der Straße im Freien war und den Weg zur Fürſtin Wäſämskoi einſchlug, wo ſein Bruder ſeit einiger Zeit faſt täglich zu Mit⸗ tag ſpeiſte, ſammelte er alle die Eindrücke, die ihn da in ſo raſcher Aufeinanderfolge beſtürmt hatten. Von ſeiner eigenen Angelegenheit hatte er nicht reden können und noch nicht mögen. Er war es alſo! ſagte er ſich. Es iſt der Freund aus dem Thurme von Pleſſen, der dich ſeinen Poſa, ſich meinen Carlos nannte! Es iſt der Egon, um den du mit Melanie Verſteck ſpielteſt und dich ſelbſt auf's Spiel ſetzteſt! Es iſt Egon von Hohenberg, der Fürſt, der Flüchtling oder Schwärmer, der Ariſtokrat in ſeiner modernſten Faſſung! Umwoben von Poeſie, auf die 134 Höhe der Zeit ſich ſtellend, fühlend mit dem Volke, für das Volk und doch... Ariſtokrat? Dankmar geſtand ſich, daß Egon einer der liebens⸗ würdigſten Menſchen war, die er je geſehen hatte, und doch war ihm ein fremdes Element in die Erinne⸗ rung an den Thurm von Pleſſen gedrungen. Er ſuchte nach einer Formel, die dieſen Charakter bezeichnen ſollte und fand ſie nicht. Schon daß er dem weiteren Nach⸗ forſchen entſagen und um Frieden zu gewinnen ſich ganz an jenen Ackermann und die Vorſtellung, wie wohl Selma in weiblicher Verklärung vor ihm ſtehen würde, verlieren konnte, ſchien ihm, als er ſo zu den Wäſämskoi's hinwanderte, ein ernſtes mahnen⸗ des Zeichen... Egon aber, auch in ſich etwas erkältet, erbittert durch die Enttäuſchung über das Bild und daß er um ein Phantom ſo praſſelnd wie ein Strohfeuer mit ſeiner Phantaſie hatte vor fremden Menſchen auf⸗ lodern, ja um dieſes Nichts, um dieſe Qual mit der bigotten Lebensauffaſſung ſeiner Mutter, Alles, Ehre und Leben, hatte auf's Spiel ſetzen können, Egon, jetzt glühend nur durchlodert von Helenen d'Azimont, jetzt nur erfüllt von der ganzen auf das Herz ſtür⸗ menden Macht männlicher Sehnſucht, warf, dem Le⸗ ben und ſeiner Vergangenheit wiedergegeben, alle Fra⸗ Volke, lebens⸗ e, und krinne⸗ ſuchte mſollte Nach⸗ en ſich g, wie ſtehen ſo zu aahnen⸗ erbittert daß et der mit en auf— mit der 3, Ehre Egon, Aäimont, etz ſtür dem Le⸗ alle dia⸗ gen, alle Skrupel, alle läſtigen Empfindungen von ſich und ſchrieb auf das ſchon angefangene Blättchen: „Weißt du einen Platz, Helene, wo der ermü⸗ dete Flüchtling ſein Haupt an ein warmes Herz legen kann, o ſo nenn' ihn mir! Soll ich mit ſchwanken⸗ dem Tritt dich ſelbſt aufſuchen, ſo erwarte mich heute noch nicht, ich bedarf fremder Hände, die mich füh— ren. Willſt du aber ſelber kommen, ſo wirſt du das wehmüthige, vom Schmerz halbgebrochene Auge des Freundes finden, wirſt Liebe finden, wenn die Men⸗ ſchen lieben können, die zum Strome ſagen: Führe mich wohin du willſt, ob zum Tode, ob zum Leben, nur führe mich zur Ruhe! Dein Egon!“ Dieſen Brief ſollte der Bediente, der mit ſeiner Be⸗ ſorgung beauftragt wurde, erſt gegen vier Uhr abgeben, wenn der Wagen vorrollte, der Egon und die Freunde nach dem Luſtſchloſſe des Königs, Solitüde, fahren ſollte. Bis dahin bedurfte Egon ernſtlich der endlichen Er⸗ holung von den Eindrücken, die für ſeinen Zuſtand ſchon zu lebhaft auf ihn eingeſtürmt waren. Er ſank todtmatt auf ſein Lager in dem noch dun⸗ keln mit Teppichen belegten Hinterzimmer und verbot jetzt unter allen Bedingungen, ihn durch irgend etwas bis um drei Uhr zu wecken. Siebentes Capitel. Ein Stillleben. In dem Hinterhofe des Hauſes Wallſtraße No. 14 begegnet Dem, der ſich daſelbſt nur eine Weile um⸗ ſteht, ſogleich der freundliche, ſaubere Sinn des kleinen Mittelſtandes. Den vordern Hof konnte man herrſchaftlich nennen. .. Da gab es ſchmuzige Waſſerrinnen, lang an den Wänden herabtriefend, einen Pferdeſtall, ein ewig feuchtes Pflaſter. Durch ein Zwiſchenhäuschen, in welchem der alte Tiſchler Märtens ſeine geräumige und immer von vier bis fünf Geſellen in Thätigkeit erhaltene Werkſtatt hatte, kam man, wenn man einen großen mit Latten und Bretern überfüllten Thorweg durchſchritt, in einen kleinern Hof, deſſen Nebenge⸗ bäude zwar nur in Holzfachwerk, feuergefährlich ge⸗ nug, aufgeführt daſtanden, die aber gar freundlich angeſtrichen und mit blumenbeſetzten Fenſtern geziert ware um! hier ſeinen wohn hofes und mac noſſ liche war hatt tiga ſetz. ſie No. 14 ile um⸗ kleinen nennen. an den in ewig hen, in räumige hätigkeit mn einen Thorweg Nebenge⸗ rlich ge⸗ reundlich n geiie waren. Das Viereck dieſes Raumes war zu klein, um viel Licht aufzufangen. Dafür rückte Jedes, was hier von armen, meiſt arbeitenden Leuten wohnte, mit ſeinem ganzen Leben dicht an's Fenſter und hob die wohnliche Traulichkeit dieſes kleinbürgerlichen Hinter⸗ hofes zu einem Hauſe, das nach vornehin ſehr ſtattlich und eben„herrſchaftlich“ ausſah. Sowie man aus dem großen, lehmgedielten Thor⸗ wege trat, ging gleich links, an der Tiſchlerwerkſtatt, eine Stiege in die Höhe und führte in die Wohnung des alten Chriſtian Märtens. Erſt kam ein Breter⸗ verſchlag für die Küche, die eigentlich nur ein einge⸗ zäunter Kamin war, dann eine ſehr geräumige Stube, wo die alten Tiſchlersleute wohnten und dann erſt eine große Kammer, in der Fränzchen Heuniſch wie eine Taube auf einem Giebel ſaß. Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten ge⸗ machte wenig erfreuliche Ausſicht, ſie als Schlafge— noſſin in dieſen engen Raum aufzunehmen, war glück⸗ licherweiſe nicht in Erfüllung gegangen. Jeannette war bei dem verwundeten Neumann geblieben und hatte ſich unter dem Vorwande der Pflege ihres Bräu⸗ tigams im Schlurck'ſchen Hauſe gewaltſam feſtge⸗ ſetzt. Sie kannte die Nachgiebigkeit der Aeltern, die ſie gern duldeten. Nur Melanie konnte ſich vor⸗ 138 läufig noch nicht entſchließen, ſie wieder in ihre Nähe zu laſſen. Fränzchen Heuniſch wohnte allein und war ſeit einigen Wochen mehr daheim als ſonſt. Melanie, bei der ſie wöchentlich oft vier Tage hatte arbeiten müſſen, ließ ſie nicht mehr ſo oft kommen wie ſonſt. Seitdem man ſagte, Fräulein Schlurck wäre mit dem Stallmeiſter Laſally verlobt, ſchien ſte weniger die Ge⸗ ſellſchaften zu beſuchen und ſchränkte ſich auf die Toi⸗ lette ein, die ſie ſchon beſaß. So blieben dem jungen, überall gern geſehenen, beſcheidenen Kinde uur noch einige wenige Herrſchaften, die ſie mit ihrer Eitelkeit ernährten aber auch plagten und wie gewöhnlich nichts nach Wunſch bekommen konnten. Am meiſten war ſie daheim und arbeitete ſtill für ſich an den ihr ge⸗ gebenen Aufträgen. Friede und Stille umgab ſie. Die Thür des Ne⸗ benzimmers war faſt immer geöffnet; die alte Frau Tiſchlermeiſterin wirthſchaftete in der Küche oder las geiſtliche Bücher, die Zeitungen, Pfennigmagazine, oder was ſonſt von Colporteuren wohlfeil in dieſe kleinen Hütten beſcheidener Lebensanſprüche getragen wurde und bei dieſer Frau eine etwas konfuſe Bildung er⸗ zeugt hatte. Der alte Meiſter arbeitete noch rͤſtig in der Werkſtätte. In ihrem Kämmerchen hatte Fränz⸗ chen ein unter fen ten jetzt i Giebe leider Wun einen gedan ches zarter näht alte mal ihre Mie Da an fein neu von für ein t Nähe var ſeit ſelanie, arbeiten e ſonſt. nit dem die Ge⸗ die Toi⸗ jungen, ur noch Eieelkeit nichts en war ihr ge⸗ des Ne⸗ te Frau der las ne, oder kleinen 1 wurde zung el⸗ rüſig in e Fräͤnz⸗ chen gern das Fenſter auf und ſaß anmuthig wie ein Blumengeiſt mit ihrem zarten, feinen Köpfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack, der in Töp⸗ fen um ſie her ſtand. In einem kleinen erdgefüll⸗ ten Kaſten wurde ſogar Kreſſe gezogen, die ſich jetzt im Spätſommer am Bindfaden ſchon hoch zum Giebel des Fenſters hinaufrankte. Ein Kanarienvogel, leider nur in einem hölzernen Bauer,(Fränzchen's Wunſch ging für ihren gelben kleinen Bibbelſehr auf einen drahtgeflochtenen!) hing faſt über ihr, wenn ſie gedankenvoll, halb vegetirend ſaß und nähte. Man⸗ ches Hanfkorn fiel von dem hüpfenden Bibbelauf die zarten Wollbeſätze und Puffen und Volants, die ſie nähte. Vor ihr ſtand ein Nähtiſchchen, das ihr der alte Märtens zu monatlichen Abſchlagszahlungen ein⸗ mal auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun ſchon über vier Jahre fleißig gezahlten Miethe und ihres ſittlichen lobenswürdigen Verhaltens. Da waren in der aufgezogenen Schublade Käſtchen an Käſtchen und ſoviel bunte Seide, ſoviel weißer, feiner Twiſt lag vorräthig, daß ſie mit Ruhe jeder neuen Beſtellung entgegenſehen konnte, ob ſie nun von Vornehmen kam oder nur darin beſtand, daß ſie für Dienſtmädchen des Hauſes und der Nachbarſchaft ein Häubchen zu ſtutzen oder einen Halskragen zuſam⸗ 140 menzuſetzen übernahm. Auch einiger Vorrath bunter ſeidner Bänder lag in zierlichen Rollen in jenem Tiſchchen verborgen. Im Hintergrunde des Zimmers ſtand ein reinliches Bett auf der einen Seite, auf der andern eine alte geſchweifte Kommode und neben einem alten eiſernen Windofen, der für eine Kammer ein großer Reichthum, faſt eine Ueberraſchung war, ſtand noch ein Waſchtiſch, geſchmückt mit kleinen un⸗ ſchuldigen Mitteln zur Pflege einer Schönheit, die eigentlich das friſche, klare Quellwaſſer nur als ſei⸗ nen ſchönſten kosmetiſchen Beiſtand nöthig hatte. Aber ein junges Mädchen iſt nicht ſo einfach, daß es ſich nicht auch den Lurus einiger Seifen, eines guten Zahn⸗ pulvers und einiger Hülfsmittel zur Pflege des Haa⸗ res geſtatten ſollte. Das Leben eines ſolchen kleinen Hofes iſt, wenn auch keine Geßner'ſche, doch eine Idylle. Unten hörte man das Sägen und Hobeln aus der Werkſtatt. Ge⸗ genüber klopfte ein Schuhmacher auf ſein Kniebret; ein armer Flickſchneider, der mit kreuzweis geſchloſſenen Beinen wie ein Türke auf hohem Tiſch vor einem offenen Fenſter ſaß, ſang ſich oder pfiff zuweilen ein ſchnurriges Lied oder ſprach, während er ſeine Fäden wichſte, zu andern Fenſtern hinüber oder in die Tiſch⸗ lerwerkſtatt hinunter. Eine Katze, die einmal irgendwo an ein briſtiſe den g. und b dem F mancht auch T herein zuweil chen k Haud) elſchra Halfte genug dafüͤr käufe Pfen die a und! eine d und fenſte geſpo gehen üfnnet th bunter in jenem Zimmers „auf der nd neben Kammer ing war, einen un⸗ heit, die als ſei⸗ te. Aber es ſich en Zahn⸗ es Haa⸗ ſt, wenn ten hörte att. Ge⸗ Kniebret; hloſſenen or einem eilen ein ne Fäden die Tiſch⸗ irgendwo an einem Fenſterſims oder am Dachrande ein equili⸗ briſtiſches Kunſtſtück verſuchte, war ein Ereigniß für den ganzen Hof. Man lachte, lockte, pfiff dem Thier und benützte die Unterbrechung, um die Köpfe aus dem Fenſter hinauszuſtecken und ſein Zuſammenleben manchmal harmoniſcher zu fühlen. Zuweilen kamen auch Verkäufer von der lauten, wagenraſſelnden Straße herein und ſchrien Beſen, Sand, Lebensmittel aus, die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten. Fränz⸗ chen konnte da von einigen erprobten und reſoluten Hausfrauen die Kunſt des Feilſchens lernen. Oft erſchrak ſie, wenn die Verkäufer geradezu nur die Hälfte ihres Vorſchlags geboten erhielten und traurig genug konnte ſie ſein, wenn die Waare auch wirklich dafür gelaſſen wurde, noch trauriger, wenn der Ver⸗ käufer abzog und beim beſten Willen für ſo wenige Pfennige ſeine Waare nicht laſſen konnte. Spielleute, die auch hereinzogen, fanden zwar viel Anerkennung und lachenden Dank, aber ſelten Geld. Kam dagegen eine Frau und ſang im Vorderhofe ein geiſtliches Lied und wurde von den Bedienten, die aus den Hinter⸗ fenſtern neben den Seifenwaſſergoſſen lungerten, aus⸗ geſpöttelt, ſo durfte ſie nur getroſt in den Hinterhof gehen. Ein: Wer nur den lieben Gott läßt walten! öffnete hier alle Fenſter der Armen und Jeder gab der Sängerin, was er noch glaubte entbehren zu können. Eine ſolche Sängerin hatte eben den Hof verlaſſen und mit dem letzten Verſe des Liedes: Befiehl du deine Wege! Fränzchen's ohnehin thränenvolles Ge⸗ müth gerührt... Es gibt einen Zuſtand der Seele, wo ſchon jede leiſeſte Berührung einer wunden Stelle ein Ueberfließen zur Folge hat, wie bei einem über⸗ vollen Gefäße... Fränzchen hatte der Sängerin einige Pfennige gegeben. Sie unterſuchte nicht, wie mecha⸗ niſch und geläufig ſchon jener Bettlerin dieſer religiöſe Geſang ſein mochte, ſie empfand ihn wie eine unmit— telbare Eingebung gerade nur zur Löſung ihrer eigenen gepreßten Stimmung. Wie einige große, ſchwere Thrä⸗ nen auf ein Häubchen fielen, das ſie der Frau Mei— ſterin richtete für den nächſten Sonntagskirchgang zu Propſt Gelbſattel— Frau Märtens liebte erhabene Anregung— zog ſie die Schublade ihres Nähtiſch⸗ chens noch weiter heraus, hob einen gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor, die ſie neben ſich hinlegte. Das eine enthielt, von Sieg⸗ bert auch in deutſchen Lettern niedergeſchrieben, ſeine Ueberſetzung des franzöſiſchen Gedichtes von Louis Ar⸗ mand, das andere ein zweites Gedicht, das ihr Hein⸗ rich Sandrart, der junge Sergeant, verehrt hatte. 8 eine Vere ligem hatte die v und verſch tens die 3 Louis Gönn armer dieſer Ren mäß war dehren zu verlaſſen efiehl du olles Ge⸗ der Seele, den Stelle nem über⸗ erin einige vie mecha⸗ treligiöſe ne unmi⸗⸗ er eigenen ere Thrä⸗ rau Mei⸗ Ggang u erhabene Nähtiſch⸗ bgebeizten ervor, die von Sieg⸗ ben, ſeine Louis N⸗ ihr Hein⸗ hatte. 443 Das franzöſiſche Gedicht hatte ſie Anfangs, als eine Huldigung des Mannes, den ſie mit ſo hoher Verehrung liebte, überraſcht, dann aber bei mehrma⸗ ligem Leſen war es ihr befremdlich geworden. Sil hatte wochenlang nichts mehr von Louis vernommen, die vielen Beſtellungen, die für ſeine Bilderrahmen und Spiegelformen einliefen, wurden vorn von dem verſchloſſenen Comptoir hierher an den Tiſchler Mär⸗ tens verwieſen und auf eine große Schiefertafel für die Zeit verzeichnet, wo endlich zu hoffen ſtand, daß Louis Armand aus dem ſtolzen Palaſte ſeines hohen Gönners zurückkehren würde. Wie wuchs da des armen Mädchens Verlangen, doch irgend etwas von dieſem einſchmeichelnden, ſanften und ſo zarten jungen Fremdling zu vernehmen und nun erſchrak ſie regel⸗ mäßig, daß ihr ſein Gedicht ſo wenig verſtändlich war! Da waren Wendungen, ſo ſchrill, ſo ſchneidend, daß es ein unſchuldiges deutſches Mädchen kalt über⸗ laufen mußte und doch entzückte ſie wieder das ſtolze: „Nur weine nicht“, mit dem jeder Vers trotz ſeines ſchlimmen und faſt höhniſchen Inhaltes ſchloß... Heinrich Sandrart dagegen, der ſeit dem Fortuna⸗ ball ſich an ſie geklettet hatte wie mit einer wahren Toggenburg⸗Treue, der junge Sergeant hatte in ſeinen Verſen ſogleich das Beſte, das Höchſte, das Schmei⸗ 144 chelhafteſte von ihr geſagt. Er redete ſie mit ſo glän⸗ zenden, ſo wohlthuenden Bezeichnungen an, nannte ſie ſeines Lebens Sonne und ſeiner Hoffnung Wonne, ſprach vom lichten Schimmer ihrer Augen, dem Kelch, aus dem er Liebe wollte ſaugen, und ſah die Jugend und die Tugend in ihr treugepaart und nannte ſie einen Edelſtein unübertrefflich in ſeiner Art. Das Alles klang, beſonders von Frau Märtens ſchmelzend vor⸗ getragen, gar lieblich und ſchmiegſam und war bis jetzt das Einzige, was für Heinrich Sandrart bei ihr ſprach. Wie oft hatte ſie ihn gebeten, ihr nicht mehr des Abends da, wo ſie gearbeitet hatte, aufzupaſſen und ſie nach Hauſe zu begleiten! Wie zürnte ſie ihm, daß er offen und frei mit den alten Märtens ſprach, ſeine edelſten Abſichten dieſen Leuten zu erkennen gab und dieſe umſomehr für ſich gewann, als er ſich in der Eigenſchaft eines reichen Bauernſohnes genügend ausweiſen konnte! Wie litt ſie unter den Vorwürfen der Frau Tiſchlermeiſterin, die ihr wegen ihrer Sprö⸗ digkeit gegen den hübſchen jungen Sergeanten in ge⸗ wählter Sprache gemacht wurden! Dieſer kam nie ohne eine Aufmerkſamkeit, nie ohne ein kleines Ge⸗ ſchenk. Einen Blumenſtrauß, eine kleine Näſcherei, ein Bildchen führte er faſt immer bei ſich, wenn er ſich ſehen ließ. Aus den Rockſchößen ſeiner feinen Pater hielt ſtund doch plaude Pfenn war! rade, und darin Kuß verſte guten blau⸗ veth ihre mit wei men von gab Hof ten ihn Hal ſo gläͤn⸗ unnte ſie Wonne, m Kelch, Jugend ſie einen 6 Alles end vor⸗ war bis t bei ihr cht mehr zupaſſen ſie ihm, zſorach, nnen gab er ſich in genüͤgend porwürfen er Sprö⸗ en in ge⸗ kam nie eines Ge— ſeni wenn er ner feinen 145 Patentuniform langte er das feinſte Obſt hervor und hielt ſich Abends und Morgens, wo er nur Zeit fand, ſtundenlang, wenn nicht an Fränzchen's Seite ſelbſt, doch bei den alten Märtens auf, die gern mit ihm plauderten, weil er gemüthlich und noch über das Pfennigmagazin hinaus unterrichtet war. Fränzchen war nicht etwa kokett oder ſchnippiſch gegen ihn. Ge⸗ rade, weil ſie ihn nicht lieben konnte, war ſie einfach und duldſam gegen ſeine Beſuche und fand nichts darin, daß er ihr oft, während ſie arbeitete, einen Kuß von der Hand ſtahl, die im Nähen ſich nicht verſtecken konnte. Sie trug gern kurze Aermel in der guten Jahreszeit, mußte nun aber ihr beſtes, ſchönes, blaues Kleid tragen, nur um durch lange Aermel zu verhindern, daß Heinrich Sandrart ſtundenlang auf ihre zarten weißen runden Arme blickte, gierig ſich mit ſeinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe ſie ſich's verſah in die weichen For⸗ men einen brennenden Kuß drückte. Ihn mit Gewalt von ſich zu weiſen, hatte ſie den Muth nicht. Wer gab ihr ein Recht, an Louis Armand wie an eine Hoffnung zu denken! Hatte er ſie nicht in dieſen letz⸗ ten Wochen ganz vernachläſſigt? War ihr mehr von ihm noch geblieben, als daß ſie manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel für ſeine kunſtvollen Ar⸗ Die Ritter vom Geiſte. V 10 146 beiten Beſtellungen ſchreiben konnte, die nach ſeinen finden Thonformen ſchon einige Geſellen des alten Märtens noch auszuführen verſuchten? Dann kam es wol, daß ſie ſchon denn doch immer und immer Louis' Gedicht vor ſich wiſſ nahm und es mit Heinrich's verglich und trotz der 1 Sand. ſchönen und freundlichen Wendungen des letzteren an wo er jenen herben und ſchroffen Worten einen Gefallen Hiſſch fand, über das ſie ſich keine andere Rechenſchaft geben über konnte, als daß unglückliche Liebe doch wol auch herb Kreuz und bitter mache. 1 1 Zur Vermehrung ihres Leides war nun ſogar der mand Onkel Heuniſch angekommen und hatte in raſcher Forſt Weiſe mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen mern, wollen. Da wurden im Bunde mit Madame Mär⸗ geſto tens Heinrich's Glücksumſtände geprieſen und als ſie dei i immer darauf beſtand, ſie wollte noch nicht heirathen, Schr hieß es, ſo möchte ſie in das Forſthaus nach Hohen⸗ Wan berg mitkommen und dem Onkel die Wirthſchaft füh⸗ Veſi ren. Die Urſula ſträube ſich zwar dagegen, aber der hinte Onkel, dem das Heirathen ſo vergällt worden, müſſe Abſ eine Stütze für ſein Alter haben. Heinrich würde Mäd dann ſeinen Ernſt beweiſen können. Nähme er ſeinen wuch Abſchied, käme er nach dem Ullagrunde, der nur zwei mal Stunden vom Forſthauſe läge und halte er dann Kun noch um die Franziska an, ſo würde ſich das Uebrige das ach ſeinen Mältens l, daß ſie t vor ſich trotz der zteren an Gefallen ſaft geben auch herb ſogar der n raſcher s machen ne Mär⸗ d als ſie heirathen, Hohen⸗ haft füh⸗ aber der en, müſſe h wuͤrde er ſeinen nut zwei er dann 5 Uebrige 147 finden. Dann wolle er ſchon, wenn entweder auch noch die Urſula Marzahn um ihn herumſpuke oder ſchon jenſeits wirthſchafte, ſich allein zurechtfinden, wiſſe er doch, im Ullagrunde bei dem reichen Bauer Sandrart wohne ein Paar, das ihn lieb hätte und wo er öfter verweilen würde als auf dem Gelben Hirſch, ginge auch der Weg nach dem Ullagrunde über einen Ort vorbei, den er gern miede, über das Kreuz am Strudel und die Sägemühle. Fränzchen hatte, ſelbſt wenn ihr nicht Louis Ar⸗ mand im Sinne gelegen wäre, ein Grauen vor dem Forſthauſe. Sie war in ihrer Kindheit, als ihre Ael⸗ tern, die ſie mit den Wandſtabler's verwandt machten, geſtorben waren, einige Wochen beim Onkel Heuniſch, bei ihrem Vaterbruder, geweſen(ihre Mutter war eine Schweſter des Wachtmeiſters und Haushofmeiſters Wandſtabler); allein die Urſula Marzahn hatte dieſen Beſuch offenbar mit ſcheelem Auge angeſehen und hinter zuthunliche Freundlichkeiten manche ſchlimme Abſicht verſteckt. Wie oft hatte ſie nicht das kleine Mädchen an einen mit ſchönen gelben Blumen über⸗ wucherten Sumpf geführt und ihr geſagt: Hol' ein⸗ mal ein Büſchel Blumen, Fränzchen, ich weißß ein Kunſtſtück und ſage dir, wer dein Mann wird! War das kleine Kind dann in den Sumpf bis an die 10* 148 Knie geſunken, ſo lachte ſie und wollte ſie nicht wie⸗ der herausziehen. Weinte ſie dann über ihre be⸗ ſchmuzten Strümpfe, ſo bot ihr die Alte zwar große Brotſchnitte mit Zwetſchenmuß und ganz feinem wei⸗ ßen Zucker aus ihrem Geheimſchranke darauf, aber einmal, daß ſie davon gegeſſen hatte, war ſie ſo elend krank geworden, daß ſie die Schnitte mit dem Zwet— ſchenmuß und dem weißen Zucker aus ihrem Geheim⸗ ſchranke nicht wieder nehmen wollte. Heuniſch, der Ich überzeugte, daß das Kind in ſeinem Walde nicht viel lernen und unter der Wunderlichkeit der damals noch rüſtigen Urſula leiden würde, nahm ſie damals fort und gab ſie in die Stadt zu den Wandſtabler's, die es freilich ſo arg mit dem jetzt herangewachſenen Mädchen vorhatten, daß es eines Tages aus dem Pavillon, wo der alte Fürſt badete, mit Schaudern entfloh und ſich bei den Tiſchlermeiſters Märtens, die ihre Aeltern gekannt hatten, einmiethete, um hinfort von ihrer Hände Arbeit zu leben. Heuniſch ſagte nun zwar, die Urſula wäre alt und zahm und ganz kindiſch, aber es graute ihr doch vor dem Gedanken in das Forſthaus zurückzukehren, und als der Onkel gar hören mußte: In deinem Walde, Onkel, ſterb' ich! da brach er lieber vorläufig von ſeinen Vorſtellungen ab und beſchloß betrübten Herzens und unverrichteter hab' er ſich dürfen den ſich nicht nicht; eben d lag H ſehr ü ſchen lich, Scen wied elſt, in e bezah große nabal gekon Syly anfar das nicht wie⸗ ihre be⸗ war große inem wei⸗ auf, aber je ſo elend dem Zwet⸗ Geheim⸗ nniſch, der Lalde nicht der damals ſte damals ndſtabler s, wachſenen aus dem Schaudern aärtens, die um hinfort riſch ſagte und ganz Gedanken der Onkel ſterb ich! rrſteluungen verrichtete 149 Sache, aber mit Hoffnung auf den Sergeanten nach Hauſe wieder heimzukehren. Den Hochmuthsteufel, ſagte er ſich zum Troſt, hab' ich ihr doch vertrieben! Dies Zeugniß, das er ſich als Belohnung für ſeine Reiſe geben zu dürfen glaubte, bezog ſich auf den Fortunaball, über den ſich Fränzchen, ihrer Freundin Louiſe Eiſold wegen, nicht völlig zu rechtfertigen wagte und es nun auch nicht mehr nöthig hatte, da Heinrich Sandrart ſie eben dort kennen lernte. Noch mehr Hochmuthsteufel lag Heuniſchen in einem Luxus, der in ſeinen Augen ſehr überflüſſig war, in der Erlernung der franzöſi⸗ ſchen Sprache. Am Tage nach dem Fortunaball näm⸗ lich, wo ſie im Gewühl, das nach der gewaltthätigen Scene im Garten entſtand, mit Heinrich Sandrart wieder zuſammengerieth und endlich nach vier Uhr erſt, als Louiſe den Nachtwandler auffing, mit dieſer in einem Wagen nach Hauſe entkam, den Sandrart bezahlte, war jener Franzoſe, deſſen grüne Brille, großer Schnurrbart, läſtiger Huſten, auf dem Fortu⸗ naballe allgemein aufgefallen war, in ihre Wohnung gekommen und hatte ſich als einen Profeſſor Monſjeur Sylveſter zu erkennen gegeben. Dieſer alte Geck war anfangs von einer ſo auffallenden Zudringlichkeit, daß das junge Mädchen ihm verbot, ſich wieder bei ihr ſehen zu laſſen und Madame Märtens unterſtützte dieſe Weiſung ihrerſeits mit feinſtyliſtrten Drohungen, die er in ſeinem gebrochenen Deutſch vergebens zu beſchwichtigen ſuchte. Monſieur Sylveſter war be⸗ jahrt, verbarg dieſe Thatſache aber durch Perrücke und mancherlei nur in der Nähe ſichtbare Toiletten⸗ künſte. Er hatte eine ſehr glatte, aber faſt lebloſe Haut. Wenn er mit den ſcharfen grauen Augen blinzelte, ſah man an den Schläfen hundert Falten, die ſich bis an die Augenwinkel zogen. Die hervor⸗ ſtehenden Zähne waren offenbar nicht ächt. Seine feine Kleidung verrieth den Mann von Welt und an einſchmeichelnden, gewandten Manieren fehlte es ihm ſowenig, daß er es wiederholt wagte, ſich bei dem jungen hübſchen Mädchen, das inzwiſchen ſchon von Heinrich Sandrart die erſten Huldigungen empfing, dennoch einzuführen. Er gab vor, eine Beſtellung für den Vergolder Louis Armand zu haben und ließ genau von Franziska, die vor ihm zitterte wie vor einem giftigen Baſilisken, ſeine Adreſſe aufſchreiben: Monſieur Sylveſter, Königsſtraße Nr. 13 im dritten Stagk. Er behauptete, bei Armand Aufträge für eine große Herrſchaft zu haben. Franziska mochte ihn nicht anſehen, wandte ihm ſelbſt den Rücken, aber ſie wurde roth, als Herr Sylveſter anfing von Louis Armand u ſw ſie ri ſeine haupt Velle könne Mien Tſch nicht, er h Luft Niht veſte hatte Na⸗ Abe wie unterſtütte Drohungen, gebens zu war be⸗ Petrücke Tolletten⸗ faſt lebloſe den Augen dert Falten, Die hervor⸗ ht. Seine elt und an lte es ihm h bei dem ſchon von n empfing, Beſtellung en und ließ te wie vor ufſchreiben: im dritten ge für eine te ihn nicht r ſir wunde is Armand zu ſprechen und einen langen forſchenden Blick auf ſie richtete. Ja als er ſogar von Armand's Aeußerm, ſeinen Verdienſten und Vorzügen ſprach, ſogar be⸗ hauptete, ihn von Anſehen zu kennen und Fränzchens Verlegenheit wuchs, hätte ſie im Spiegel bemerken können, daß er eine eigenthümlich überraſchte pfiffige Miene machte. Als er gegangen war, fand die Frau Tiſchlermeiſterin den gelehrten Mann doch ſo übel nicht. Fränzchen aber riß das Fenſter auf und meinte, er hätte eine Atmoſphäre hinterlaſſen, daß ſie friſche Luft ſchöpfen müſſe. Dennoch ſetzte ſie ſich an ihren Nähtiſch und dachte dem Lobe nach, das Herr Syl⸗ veſter ſeinem Landsmann Louis Armand geſpendet hatte. Der widerliche Mann erſchien ihr bei längerm Nachdenken jetzt ſchon minder abſchreckend und eines Abends, als der„Zufall“ wollte, daß Sylveſter ihr, wie ſie gerade von der Arbeit kam, wieder in den Weg trat, war er ſo artig, ſo manierlich, ſo zuvor⸗ kommend, daß ſie zwar Anfangs im Gehen nicht inne hielt, nicht unter ihrem zierlichen Strohhütchen, dem ein blaues Band ſehr gefällig ſtand, aufblickte, aber doch zuhörte, was er, wenn ihn der aſthmatiſche Huſten nicht plagte, ſo neben ihr, in ſeinem gebroche— nen Deutſch, hinplauderte. Er erwähnte wieder die großen Talente des jungen Armand, ſprach von vielen 152 unverfänglichen Dingen und empfahl ſich an der Thür ihres Hauſes mit ſo viel Artigkeit und ſo wenig auf⸗ dringlich, daß ſie ihm wenigſtens das eine wenn auch kalte Wort: Ich wünſch' Ihnen einen guten Abend gönnte. Mehr hatte ſie ihn nicht geſprochen... Oben in ihrem Stübchen fand ſie damals einen Brief von Louis. Er ſchickte ihr jenes Gedicht und bat ſie, ſei⸗ ner zu gedenken, ſo lange ihn ernſte Pflichten fern hielten...„Derſelbe junge Mann, ſagte er in dem Briefe, der ſchon einmal ſo freundlich war, an den guten Herrn Märtens einen Auftrag auszurichten, hat mir das beifolgende Gedicht überſetzt, das ich Ihnen widme, meine liebe Franziska! Möge es Ihnen den Troſt in Ihrer Einſamkeit gewähren, daß wir Parias der Geſellſchaft doch einen ſtillen Bund geſchloſſen haben, indem wir für unſere Empfindungen einen gemeinſamen Cultus hegen. Die Reichen und Vor⸗ nehmen ſind nicht ſo glücklich, ſte haſſen ſich. Wir Armen können uns lieben.“ Das letzte Wort in dieſem Briefe entzückte Fränz⸗ chen; aber Paria in der Geſellſchaft und Cultus?... Das waren zwei Worte, die Franziska ſelbſt mit Hülfe mehrer Jahrgänge des Pfennigmagazins, der ganzen Beleſenheit der Tiſchlerin und ſelbſt mit einer Anfrage bei dem gegenüberſitzenden Schneider nicht entziffern konnte ſelbſt. höhere Paria nächſte großes und ſo ihr de nicht begegr veſter genen Noott taillo geber unten dem den 2 der Thür enig auf⸗ Benn auch n Abend .. Oben Zrief von ſie, ſei⸗ hten fern r in dem „an den hten, hat ch Ihnen znen den Parias zeſchloſſen en einen und Vor⸗ ch. Wir te Fräng⸗ nit Hülfe er ganzen Anfrage entziffem 153 konnte und ihr unverſtändlich waren, wie das Gedicht ſelbſt. Sie empfand nun plötzlich das Bedürfniß einer höheren Bildung. Wer ſollte ihr ſagen, was ein Paria der Geſellſchaft und der Cultus iſt? In ihrer nächſten Gedankenreihe fühlte ſie, daß es gewiß ein großes Glück wäre, wenn man franzöſiſch gelernt hätte und ſonderbar! Von dem Augenblicke an bildete ſich ihr der Gedanke: Herr Sylveſter hat ſich ſo lange nicht ſehen laſſen, ich möchte ihm wol einmal wieder begegnen! Dies geſchah zwei Tage ſpäter. Herr Syl⸗ veſter begegnete ihr nicht nur, ſondern er wagte ſich ſogar noch einmal zur alten Frau Märtens an einem Sonntage, wo er vielleicht wußte, daß dieſe ſtrengen Sittenrichter in die Kirche gegangen waren. Heinrich Sandrart hatte Parade und Fränzchen that dem Ser⸗ geanten nicht den Gefallen in die große Allee zu gehen, wo er ſtolz mit ſeiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm ſeit dem Fortunaball nicht beſonders gewo⸗ genen Lieutenants von Aldenhoven, vor ſich einen Flottwitz und hinter ſich einen Flottwitz, in dem Ba⸗ taillon des Majors von Werdeck marſchirte... Ver— gebens ſah ſich der Sergeant rechts und links um, ob unter den Zuſchauern nicht Fränzchens Strohhut mit dem blauen Bande ſichtbar wurde. Vergebens hörte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen: Was gaffen Sie denn, Sandrart?... Der Zorn trieb ihm das Blut in's Geſicht... aber Fränzchen war zu Hauſe, kümmerte ſich nicht um die Parade, nicht um Heinrich Sandrart's goldene Litzen, ſie ſaß unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte mit ihren weißen Zähnen an den Hanfkörnchen, die der Verſchwender uͤber ihr niederfallen ließ. Da trat Herr Sylveſter ein, ſehr elegant, ſehr fein, wie ein vornehmer Herr, der ſicher heute noch bei einem Miniſter ſpeiſte. Herr Sylveſter ſagte, er wollte ſich erkundigen, wie es mit ſeiner Beſtellung wäre, der reiche Herr drängte um die Einrahmung ſeiner Bilder, die große Meiſterwerke wären und glänzende Ausſtattung verdienten. Fränz⸗ chen bedauerte Louis' Abweſenheit, erzählte, daß er ſich der Pflege des kranken Fürſten Egon widme, den er von Paris kenne und zeigte ſich ſo im Zuge, ſo angeregt über Alles, was Louis betraf, daß Herr Sylveſter Muth faßte, ſich umzuſehen und ſich ſehr beherrſchte, nicht wieder in den lüſternen Ton zu fal⸗ len, den er, häßlich und widerlich genug, nach dem Fortunaball angeſtimmt hatte. Das Geſpräch kam auf die franzöſiſche Sprache und Fränzchen erkundigte ſich, was ein Paria der Geſellſchaft und der Cultus wäre? Cultus, ſagte Herr Sylveſter und lächelte ſo ſtark, daß man an ſeinen eingeſetzten Zähnen faſt die feinen tus i liebe Kaſte ſtoßen gebone einige Arma teren veſter züüſt halb lächen Herr eine und dieſ For wie leidl chen wol men ſie gele trieb ihm war zu nicht um nter ihren en weißen ſchwender Sylveſter ſmer Herr, iſte. Herr wie es mit ängte um eiſterwerke 1. Fränz⸗ e, daß er vidme, den zuge, ſo daß Herr ſich ſehr on zu fal⸗ nach dem präch kam derkundigte der Cultus lächelle ſo nen faſt die feinen Drähte und das künſtliche Zahnfleiſch ſah, Cul— tus iſt die Verehrung, die Liebe iſt ein Cultus, meine liebe Franziska, und die Parias ſind eine unglückliche Kaſte von Menſchen in Indien, die arm, elend, ver⸗ ſtoßen ſind und bleiben, weil ſie arm, elend, verſtoßen geboren wurden und nichts lernen können. Sind Das einige Erinnerungen aus den Geſprächen mit Louis Armand? Fränzchen erröthete und die Folge der wei— teren Forſchungen und Schmeicheleien des Herrn Syl⸗ veſter war die, daß ſich der feine Mann erbot, ihr fran⸗ zöſiſchen Unterricht zu geben. Als ſie, halb erſchrocken, halb doch innerlichſt erfreut, Anſtand nahm und mit lächelndem Scherz auf ihre leere Kaſſe deutete, wies Herr Sylveſter jede Zumuthung an die Vorausſetzung eines materiellen Intereſſes zurück und drängte ſo lange und ſo artig, ſo wirklich gefällig in Franziska, daß es dieſer vorkam, als wenn ſich die grüne Brille des Fortunaballes niemals in ſo abſchreckender Geſtalt, faſt wie eine Schlange, ihr offenbart hätte. Sie fand ihn leidlich und ging auf die Vorſchläge ein, bei ihm wö— chentlich drei Stunden zu nehmen. Sie ſagte, ſie wollte ihm dafür nähen, was er wünſchte; auch Na⸗ men zeichnen in Taſchentücher oder was er begehre, ſie wollte ſich ihm dankbar zeigen. Ich will Sie nur gelehrig ſehen! ſagte Herr Sylveſter und ſchlug vor, 156 die Stunden bei ihm zu nehmen. In der Königs⸗ ſchtb ſtraße Nr. 132 ſagte ſie, nein, Das geht nicht! Er chen, wiederholte vergeßlich: Königsſtraße?... Sind Sie Weig ausgezogen! fragte ſie. Er ſchien in Verlegenheit und reiche antwortete: Ja wohl, ja wohl! Königsſtraße! Fran⸗ Beſuc ziska meinte nun, die Mühe, zu ihr zu kommen, müſſe Nann er ſich nicht verdrießen laſſen, ſonſt dürfte ſie den Un— ließ terricht nicht nehmen. Er verſprach dieſe Bemühung, Klage fürchtete aber, die Wirthsleute ſeines Zöglings möch⸗ ſie m ten Einſprache thun. Das ſoll meine Sorge ſein! erllar ſagte Fränzchen, und richtig, ſie wußte den alten Leu⸗ lette ten, als ſie aus der Kirche kamen und von der Pa⸗ Seun rade noch die Schlußmuſik gehört hatten, das Glück fung der Bildung und geiſtigen Vervollkommnung ſo klar und und beſonders der Tiſchlermeiſterin anſchaulich zu ma⸗ Pun chen, daß die Stunden ihren Anfang nahmen. Zwar die hatte Fränzchen mit Herrn Sylveſter viel auszuſtehen. Anfangs wollte er durchaus die Verbindungsthür zwi⸗ fügt ſchen beiden Zimmern geſchloſſen wiſſen, dann, als ihm ſom Fränzchen dies abſchlug, wurde er nichtsdeſtoweniger dem oft hinter den ſchützenden Blumen und der rankenden ſchie Kreſſe wieder ſo unartig wie nach dem Fortunaball. Her Aber auf ein ernſtes: Herr Profeſſor! ſammelte er eine ſich und Fränzchen lernte ſo geſchwind ihre Vokabeln, Frä übte ſich ſo fleißig in den Präparationen, daß ſie der Königs⸗ ht! Er ind Sie heit und Fran , müſſe den Un⸗ üühung, 3 wöch⸗ ge ſein! ten Leu⸗ der Pa⸗ 3 Glück ſo klar zu ma⸗ Zwar uſtehen. pür zwi⸗ als ihm weniger nkenden unaball. nelte er okabeln, daß ſie 157 ſichtbare Fortſchritte machte. Das dauerte vier Wo⸗ chen, bis Onkel Heuniſch kam. Aergerlich über die Weigerung ſeiner Nichte, den jungen, hübſchen und reichen Sandrart zu heirathen, kam er gerade mit einem Beſuche des Herrn Sylveſter zuſammen, maß dieſen Mann von oben bis unten und von unten bis oben, ließ ſich Dies und Jenes erzählen, hörte Heinrich's Klagen, daß Fränz zu hoch hinaus wolle, und daß ſie mit dieſem Sprachmeiſter in's Gerede komme, und erklärte ihr, als die Stunde vorbei war, daß dies die letzte geweſen wäre. Wie? ſagte Fränzchen entrüſtet. Heuniſch antwortete ruhig: Er dulde dieſe Ausſchwei— fungen nicht länger! Sie wäre armer Aeltern Kind und müſſe ihr Brot von anderer Leute Gnade eſſen... Punktum! Der alte Kerl dürfte hier nicht mehr über die Schwelle kommen. Franziska war erſt faſt ergrimmt. Dann aber fügte ſie ſich und war zuletzt mit dieſem Entſchluß um⸗ ſomehr zufrieden, als ſie doch von Louis Armand, dem all ihr Mühen und Lernen galt, vergeſſen zu ſein ſchien. Louis Armand ließ nichts mehr von ſich hören. Herr Sylveſter kam ſehr unregelmäßig, blieb oft nur eine Viertelſtunde, und nur, wenn Niemand, außer Fränzchen, zu Hauſe war, konnte ſie ihn nicht wie— der fort bringen. Er ſpottete ſo boshaft, er wußte 158 ſo viel zweideutige Anekdoten, er blieb ſo wenig bei nicht,v der Sache, daß ſie in der That das nächſte mal zwar Fünf L mit einer gewiſſen Befangenheit, aber doch entſchloſ⸗ Wo ſen erwiderte, dem Onkel ſeinen Willen zu thun und gieſiſche ihm ſagen zu wollen: Herr Sylveſter, ich fühle, daß verfloß ich für meine Verhältniſſe zu viel Zeit auf eine Sprache ſchneider verwende, zu deren Benutzung mir mein künftiges Le⸗ Hal ben keine Gelegenheit bieten wird! ter Mo So ſaß Fränzchen an ihrem Fenſter, las in der füt, wehmüthigen Stimmung, die das Lied der armen Frau Sra angeregt hatte, die beiden Gedichte wieder durch und er ihr nahm das Einerlei ihrer Arbeit vor... cen; d Der Flickſchneider von drüben machte manchmal dem . 2 daß in einen Scherz mit ihr. md Bon jour, Mamselle! rief er nach einiger Zeit. 9 Parlez vous français? 4 unge Dabei lachte er, ohne es jedoch ſo bös mit ſei— wol e nem Spotte zu meinen, wie ihn die alte Märtens, Wärte die nebenan eben die Zeitung laut buchſtabirte, nahm raurg und ſich unterbrach mit den Worten: i d Portugal... Dem Heiland ſei Dank, daß die darauf Menſchen bald nicht mehr ſolche ſchändliche Reden markts hinter uns ehrlichen Leuten werden ſagen können... liegen Schon wieder ein Erdbeben geweſen... Ich begreife Nreude enig bei nal zwar entſchloſ⸗ hun und hle, daß Sprache tiges Le⸗ 3 in der en Frau arch und anchmal ger Zeit. mit ſei⸗ Märtens, e, nahm daß die e Reden nnen.. begteife 139— nicht, wie Eins dies ſo lange hat dulden können!... Fünf Hänuſer ſind eingefallen. Während Fränzchen dieſe harten von einem portu⸗ gieſiſchen Erdbeben unterbrochenen Worte überdachte, verfloß wol eine Viertelſtunde und wieder rief der Flick⸗ ſchneider— nach einer Viertelſtunde— über den Hof: Habe ja die Flöduſe ſo lange nicht gehört. Gu⸗ ter Mond du gehſt ſo ſtille... das iſt mein Leib⸗ ſtück, Mamſell! Frau Märtens mußte wol nebenan durch's Fen⸗ ſter ihm eine Miene des traurigſten Achſelzuckens ma⸗ chen; denn ganz laut hörte Fränzchen den Seufzer, der mehr jene Gebehrde begleitete, als den Vorfall, daß in Mexiko eine Bergwerksgrube eingeſtürzt war und dreizehn Indianer verſchüttet hatte. Die Flöte aber blies Heinrich Sandrart, wenn der junge Soldat von Fränzchen nicht beachtet wurde und wol eine Stunde neben ihr geſeſſen und kaum ein Wörtlein von ihr vernommen hatte. Dann ging er traurig nebenan und langte ſich eine Flöte her, die er bei der Frau Märtens auf der Commode unter den darauf prangenden, großen bunten und vergoldeten Jahr⸗ markts⸗Deckelgläſern und einigen lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann ſo ſtill für ſich, aber zur Freude des ganzen Hinterhofes, einfache Volksmelo⸗ 160 dieen, wie er ſie gerade auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten ſeines reichen Vaters hatte ſingen und jodeln hören. Die drückende Schwere des Herzens, die Fränz— chen durch die halb politiſchen, halb privaten Seuf⸗ zer der alten Tiſchlermeiſterin nur noch mehr beäng⸗ ſtigte, löſte ein Beſuch, der raſch und eilig die ſchmale Treppe faſt herauf ſtürmte. Man hörte das Küchen⸗ gatter draußen heftig öffnen und noch heftiger zufallen. Iſt Fränzchen zu Hauſe? rief eine weibliche Stimme im Eintreten und ſchon war der Beſuch durch die grö⸗ ßere Stube hindurch in Fränzchens Kammer getreten. Es war Louiſe Eiſold. mit, dieſe Tod hatte Die oder im Vaters e Fränz⸗ en Seuf⸗ r beäng⸗ eſchmale Küchen⸗ zufallen. Stimme die grö⸗ getreten. Achtes Capitel. Volksahnungen. Die Trauerkleidung, in der Louiſe Eiſold über die Straße ging, konnte der durch dieſen Beſuch angenehm überraſchten Franziska nicht auffallen. War doch in der Nacht, als beide Freundinnen den Fortunaball beſucht hatten, zur tiefſten Betrübniß und zu einem ewig nagenden Vorwurfe für Louiſen der alte Urgroßvater mitten unter ſeinen Urenkkeln ſtill entſchlummert! Einmal nur hatte Franziska Louiſen ſeither ge⸗ ſehen. Zwei Tage nach dem Ball kam ſie wegen der Kleider, über deren Benutzung Mademoiſelle Floren— tine, die Putzmacherin, furchtbaren Lärm ſchlug und mit allen Gerichten der Welt drohte. Louiſe nahm dieſe Nachricht ruhig auf und wehklagte nur über den Tod des Alten, der ſo einſam, ſo verlaſſen, ſo lieblos hatte dahingehen müſſen! Die Kinder hatten alle ge⸗ Die Ritter vom Geiſte. V. 11 162 ſchlafen, ſo wie ſie ſie verlaſſen hatte, das Jüngſte hatte ſich nicht geregt, die Uhren gingen wie ſie auf⸗ gezogen waren, ſie war leiſe und ſtill mit der Mor⸗ gendämmerung in ihr Zimmer zurückgekehrt, ſelbſt Karl, der früh auf die Arbeit mußte, ſchlief noch gegen fünf Uhr. Nur ein Blick auf den Alten zeigte ihr, daß Das kein lebendiger Schlaf mehr war, der ſo den Körper ſtreckt, ſo die Züge des eingeſchrumpften trock⸗ nen Geſichtes ſpitz hervortreten läßt!... Sie fühlt auf die Stirn, ſie fühlt den Puls, ſie betaſtet die Hände, die Füße, der alte Mann war entſchlummert, vielleicht von einem Lungenſchlag getroffen. Mit einem Schrei, der ihrem ohnehin bebenden und gepreßten Herzen Luft machte, weckte ſie alle Geſchwiſter. Dieſe fuhren empor. Großvater i*ſt todt! Alle Kinder ſchrien und weinten. Nur Louiſe konnte vor innerm Schauder nicht zu Thränen kommen. Sie verurtheilte ſich ſelbſt. Sie ſah den Alten ſich nach ihr noch einmal umblicken, ſie hörte ihn rufen, ſie glaubte an ſeinen Uhren zu bemerken, daß er noch einmal aufgeſtanden war. Sie täuſchte ſich wol, aber ihre Phantaſie malte ihr, daß er Allen vielleicht noch ein Lebewohl ſagte, aber ſie fehlte, Sie, die die Hüterin, der Schutzengel dieſer Räume ſein ſollte! Erſt als die Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahrer ihrem Sorge Greis man ſi niß ſich ihr die zen Kl beendie ſie der erſtaur los w Laſt d ihren die 2 miſch ſchm den gerat heim mals Fiak zimn 9 35 Jüngſte ſie auf⸗ der Mor⸗ löſt Karl, egen fünf ihr, daß r ſo den ten trock⸗ Sie fühlt etaſtet die hlummert, Mit einem gepreßten er. Dieſe der ſchrien Schauder ſich ſelbſt umblicken, Uhren zu nden wal. malte ihr, agte, aber engel diſſer lle auf ihre en ihr ihren 163 wahren Kummer nicht ausfragen konnten, machte ſie ihrem Herzen durch Thränen Luft... Und dann die Sorge des Begräbniſſes! Glücklicherweiſe gehörte der Greis zu einer ſogenannten Todtenbrüderſchaft, bei der man ſich durch Jahresbeiträge ein anſtändiges Begräb⸗ niß ſichert. Einige ſchwarzgekleidete Männer nahmen ihr die Sorge der Beerdigung ab. Mit den ſchwar⸗ zen Kleidern angethan, die ſie erſt vor kurzem nach beendigter Trauer um die Aeltern abgelegt hatte, folgte ſie dem Sarge mit ihren Geſchwiſtern. Jedermann erſtaunte, wie ſie vor der aufgeſchütteten Erde ſo troſt⸗ los weinen konnte. Man glaubte doch, daß ihr eine Laſt vom Schickſal abgenommen war. Niemand kannte ihren nagenden innern Vorwurf, ihre bittere Reue... die Vizewirthin Mullrich ausgenommen, die recht hä⸗ miſch den Kopf ſchüttelte, als der Sarg durch die ſchmale Thür auf den vor ihrem Kellerfenſter ſtehen⸗ den Leichenwagen gehoben wurde. Ihr Mann, der gerade von der Unterflehmung bei der Schievelbein heimkam, hatte wohl geſehen, daß Louiſe Eiſold da⸗ mals an der untern Ecke der Brandgaſſe aus einem Fiaker ſtieg, in dem noch ein andres geputztes Frauen⸗ zimmer und ein Soldat ſaßen... Louiſe, die in allen Dingen entſchloſſen handelte 11* 164 und Umſtände nicht liebte, machte ohne Weiteres die Kammerthür zu, umarmte Fränzchen, nahm ſich einen Stuhl und ſetzte, erſchöpft von ihrem raſchen Gange, zu ihrer Freundin ſich nieder. Ich habe mir ein paar Augenblicke abgeſtohlen, ſagte ſie, und bin froh, dich zu Hauſe zu finden. Du wirſt nicht gewußt haben, wo ich ſo lange ge— blieben bin. Auch ich hatte viel zu thun, ſagte Franziska. Laß dich nicht ſtören! Arbeite fort! Was wird Das? Ein Häubchen für eine Nachbarin. Wie hübſch die Spitzen! Kind, ich komme von Florentinen. Ach! Ich denke, die Gefahr iſt vorüber. Ich hab' ihr zum letzten male meine Meinung geſagt und nun ſind wir einverſtanden. Gott ſei Dank! Ich ſagte ihr: Wenn wir nicht ſo ehrlich wären, hätte ſie's nie zu erfahren brauchen, daß wir mit dieſen Kleidern auf dem Fortunaball waren. Wir hatten ſie ſo gut erhalten! Aber betrügen wollten wir ſie nicht. Die fünf⸗ zehn Thaler, die ſie mir ſeit Jahren ſchuldet und die ich do vollko Ich g E. G hatt i wie da nehme Blum förmli Hande welch reden werde Enge ware Naſe ler a — 75 ein — 2 teres die ich einen Gange, geſtohlen, finden. unge ge⸗ iska. ird Das? ume von. hab' ihr nun ſind h wären, wir mit Die fünf⸗ tund die 165 ich doch nie wieder bekomme, würden den Flitterſtaat vollkommen bezahlen, allein was ſollen wir damit? Ich gehe ſobald auf keinen Ball wieder... Und du? Erinnere mich nicht—! Genug, ſie nimmt die Kleider wieder, ja kaum hatt' ich ſie hingeſchickt, ſo hängen ſie ſchon prächtig wie das Allerneueſte in ihrem Magazin und zwei vor⸗ nehme Damen ſah ich, die ſie ſehr bewunderten, ſich Blumen als Beſatz beſtellten und die Ueberwürfe zu förmlichen Kapuzen umnähen laſſen. Ich ſah dem Handel ruhig zu und ſchüttelte für mich den Kopf, welch' ein Ausbund die Florentine iſt! Du hätteſt ſie reden hören ſollen! Das Neuſte, das Schönſte, Sie werden reizend ausſehen, meine Gnädige, wie ein Engel, ach, wie ein Engel...! Wie die Damen fort waren, lachte ſie und machte hinter ihnen eine lange Naſe. Auf meiner Rechnung ſtrich ſie doch fünf Tha⸗ ler als bezahlt aus! Fünf Thaler! Sie verkaufte heide Toiletten für dreißig Thaler. Und doch fünf Thaler für dich? Das heißt zwei ein halb für dich und zwei und ein halb... Wo denkſt du hin! Ich kann es Louiſe! Mein Onkel der Förſter iſt 466 hier, er hat mir einen Louisdor geſchenkt. Das ſind noch über fünf Thal Meine Wehnnand derin ich von der Florentine doch nie bezahlt. Laß! Laß! Laß! Um ſo mehr! Sieh, da iſt das ſchöne Goldſtück! Fränzchen zog ihr Nähkäſtchen auf, wo neben den beiden Gedichten ihr beſcheidenes Gel ldbeutelchen lag. Louiſe wollte aber nichts nehmen... Louiſe, begann Fränzchen, was war Das nur in jener Schreckensnacht? Die Lichter erlöſchten, der Tag ſchien in den Saal, mich hatte der Sergeant am Arm, du hielteſt den Unglücklichen, der dich den ganzen Abend allein beſchäftigte und den Alle einen Nacedler nann⸗ ten... der Vorfall mit der Auguſte Ludmer, wie das ge⸗ putzte Maͤdch en heißen ſoll, die Polizei, der Mann mit der ſchwarzen Binde... ach, ich kann dir nicht ſagen, wie mir Das noch heute Alles im Kopf wirbelt und ſummt! Vorher der Lärm im Garten, das Geſchrei, das Jammern, die drei ſchwarzen, berußten Menſchen, die mit eiſernen Stangen am Zaune lagen, der Große, mit den hohen Schultern,— einen ſolchen Buckligen hab' ich mein Lebtag nicht geſehen... wäre Der ausgewachſen, das hätte einen Rieſen gegeben... ein Glück, daß der liebe Gott auf Den die Hand legte und ihm ſagte: Duck'dich! Nein, Louiſe, es iſt — mir ü daß i lange Li loren 167 Das ſind mir über dieſe Nacht noch heute ſo wüſt im Kopf, daß ich ordentlich den Verſtand verliere, wenn ich zu gorentine lange daran denke. Liebes Kind, manchmal hab' ich ihn ſchon ver Holdſtüͤck! loren und rede wahnwitzig... ſeben den Louiſe! Was ſprichſt du? hen lag Mein Elend iſt grenzenlos; ſagte Louiſe. Und nicht weinen dürfen! Warum nicht weinen? Die Stickereien könnten leiden, wenn ſie feucht werden. Ha, ha, Fränzchen, Das iſt eine ſchöne Welt! 1 s nur in der Tag am Arm,. b hn Ahad Spotte nicht, Louiſe! Glaubſt du nicht an Gott ler nann⸗ und eine Beſtimmung? Louiſe blickte düſter und grübelnd vor ſich hin. Sie faltete ihre Hände mit den ſchwarzen Handſchuhen und legte ſie gedankenvoll in den Schooß. Die bei den Locken, die ſie hinterm Ohr trug, glitten herab ie das ge⸗ Mann mit icht ſagen, drbelt und Geſchtei, über die Bruſt, die ſich mit ſchwerem Seufzer hob. Menſchen, Die edle Stirn, die feine Naſe, die Lippen konnten 1 d Große für ein Marmorbild gelten. So ſteinern und ſtarr Buclgen war ihr Ausdruck. Dann wie von innerer Glut 81 Her erhitzt, ſprang ſie auf, riß den mit ſchwarzem Bande it ihee beſetzten Strohhut vom Kopfe, eine ſchwarze ſeidene geben Echarpe von den Schultern, warf Beides auf das Ar Bett, gleichgültig, ob die Gegenſtände ſo oder ſo fie⸗ 168 len und ſtützte das bleiche Haupt mit dem Arm auf die Lehne des Stuhles, in den ſie ſich niederwarf. Louiſe! ſagte Fränzchen mit Vorwurf über dieſe Heftigkeit, legte ihre Arbeit auf den Tiſch, glättete die Echarpe aus und legte ſie ſauber auf's Bett und daneben den Hut, den ſie gerade bog und ſeine Bän⸗ der durch die Finger gleiten ließ... Manchmal, begann Louiſe nach einer Weile, manch⸗ mal bringen mein Wilhelm und Karoline von den Zeitungen, die ſie nicht haben verkaufen können, einige Blätter mit und ich leſe darin, bis ſie Morgens wie⸗ der in die Druckerei müſſen abgeliefert werden. Geſtern Abend, Alle ſchliefen, da ſchrieb ich mir doch eine Stelle auf, die in einem Winkel der großen neuen Zeitung:„Das Jahrhundert“ ſtand.„Das ver⸗ ſchloſſene Jenſeits“, hieß es da,„entriegelt der Tod Derer, die uns ſchon vorangingen. Strahlender öffnen ſich die dunkeln Pforten der Zukunft, wenn uns die ab⸗ geſchiedenen Geiſter unſerer Lieben winken und heimlich und leiſe wie im Abendwinde rufen: Ach folge doch nach!“ Der Name des Mannes, der unter dieſen Worten ſtand, wird mir ewig theuer bleiben, Guido Stromer! Damit wiederholte ſie noch einmal jene kurze Sen⸗ tenz, in der wir einen der erſten ſchriftſtelleriſchen Ver⸗ ſuche unſres Guido Stromer kennen lernen. 5 zista Blel Sei! d Schu * im 9 T vater ſeiner bitter rum Kin fend ich Gal auf ich b ich nich and Str daß lrm auf varf. er dieſe glättete dett und ne Bän⸗ manch⸗ oon den ; einige ens wie— Geſtern ſch eine mneuen as ver⸗ der Tod et öffnen die ab⸗ heimlich lge doch Worten Stromer! tze Sen⸗ hen Ver⸗ 169 Die, die geſtorben ſind, Louiſe, ſchalt ſie Fran— ziska, rufen dir nicht: Folge nach! Sie ſagen dir: Bleibe! Sorge für die Nachgelaſſenen! Erziehe ſie! Sei ihnen Mutter! Louiſe lächelte bitter. Ihr ganzes Weſen verrieth Schmerz und Verzweiflung. „Heimlich und leiſe“, ſagte ſie träumeriſch,„wie im Abendwinde: Ach! folge doch nach!“ Du denkſt an deine Aeltern, an den alten Groß⸗ vater, der dir in der Nacht ſtarb, wo du nicht an ſeinem Lager ſtehen konnteſt... Warum iſt man leidlich tugendhaft? ſagte Louiſe bitter und hörte nicht auf Fränzchens Einreden. Wa⸗ rum hat man ein Gewiſſen? Wie ich dann erſt das Kind glücklich und geſund neben meinem Bette ſchla⸗ fend fand, mocht' ich auf die Kniee fallen, ſo dankt' ich Gott! Jeden Schläfer ſah ich an und betete. Die Gardinen zog ich zurück, damit der erſte Sonnenſtrahl auf jedes ruhig ſchlummernde Antlitz fiel! Da ſteh' ich bei dem alten Mann. Er ſieht ſo bleich, ſo ſtarr, ich berühre ihn. Er iſt todt! Warum belog ich mich nicht und ſagte: Fataler Zufall! Ich las noch eine andere ſchöne Stelle von dieſem herrlichen Guido Stromer. Er ſagt:„Es läßt ſich leider nachweiſen, daß nur Die Menſchen eine ewige Größe erſchwangen, —õ——— 170 die auf der Leiter ihrer Thaten ſelten zurückſehen und in ihr Inneres nie.“ O, Das iſt dunkel! Aber ich verſtehe es ſchon! Man iſt und wird nichts, wenn man ſo dumm iſt gut zu ſein! Du verwirreſt dich, Louiſe! Warum lieſt du ſolche ſchreckliche Sachen! Ergib dich deinem Schickſal! trö⸗ ſtete Fränzchen. Ich trag' es ja! ſagte Louiſe kopfſchüttelnd. Aber manchmal kommt ein Geiſt über mich, den ich gar nicht nennen und faſſen kann. Da iſt's mir, als ſollt' ich an einer Säule rütteln, ſo groß und ſtark wie ſie am Schloß ſtehen. Ich möchte das Haar aufbinden und über die Straße rennen und den Un⸗ tergang der Welt oder den Anfang einer neuen aus⸗ rufen! Die Laſt deiner Sorgen drückt dich und du liebſt unglücklich, Louiſe. Louiſe erſchrak. Dann aber raffte ſie ſich auf und ſprach leiſer: Wer ſagt Das? Iſt es dankbar von dem kranken Mann, antwor⸗ tete Fränzchen, dem du ſoviel Sorgfalt ſchenkteſt, daß er dich verläßt? Ich habe dich nicht fragen mögen, Louiſe! Du biſt heimlich und dein Zorn erſchreckt mich oft. Ich weiß nicht einmal, ob dieſer Hackert es um ein. Sohn dieſe Gefal ſagt korum ihn h ben, gräm Välle Sie nich ihre in vali den ein word worf Arb. als Schl * en und lber ich „wenn ſolche Ul trö⸗ . Aber ich gar r, als nd ſtark 5 Haar den Un⸗ en aus⸗ du liebſt auf und antwor⸗ kteſt, daß mögen, rait wich 111 dich verdient. Im Hauſe des Juſtizraths Schlurck iſt er nicht gut angeſchrieben; das weiß ich von Jeannetten... Weil ſie ihn gequält, gefoltert haben, fiel Louiſe ein. Dieſen Menſchen behandelten ſie erſt wie einen Sohn und erzogen ihn. Wer verdenkt es ihm, als dieſe hoffärtige, ſtolze, kalte Tochter in ihrer erſten Gefallſucht ihn ausfrägt, was Liebe iſt, daß er's ihr ſagt und an ſeinem eigenen Beiſpiel betheuert? Sie kommt zum Bewußtſein, trägt den Kopf hoch, darf ihn hoch tragen, aber will nun nichts mehr wahr ha⸗ ben, was ſonſt zwiſchen ihnen gegolten hat. Er ver⸗ grämte ſich und wachte die Nächte, wenn ſie von den Bällen heimkam; er will ihr nur das Licht vortragen. Sie erinnert ſich aber auf Nichts mehr. Sie will nicht hören, daß ſie mit ihm Verſteck ſpielte und in ihrer Wildheit Nachts mit ihm durch die Straßen lief in Knabenkleidern. Weil ſie jetzt Offiziere, ſchöne Ca⸗ valiere zu Dutzenden um ſich hat, iſt ihr der Menſch, den ſie gefragt hat: Fritz, ſag mir, was Liebe iſt? ein Gegenſtand des Abſcheues und des Schreckens ge⸗ worden. Längſt hätte man ihn aus dem Hauſe ge⸗ worfen, wenn ihn der Vater nicht liebte, als guten Arbeiter, klugen, gewandten Kopfaapielleicht fürchtete als verteufelten Pfiffikus, der ſeine niederträchtigen Schliche durchſchaut! Ha! Hackert hat mehr Witz im 172 kleinen Finger als mancher Profeſſor im Kopf, und wenn man gewollt hätte, wäre mehr aus ihm gewor⸗ den als ein unglücklicher Menſch. Wie ſchreibt Der ſchön! Wie kann Der luſtig ſein! Wie toll ſind ſeine Scherze! Ja, ſein Haar iſt roth, er iſt einer von den Gezeichneten. Sind die alle ſo ſchlimm? Du nennſt Danebrand, der ihn auf dem Fortunaball herausſchlug... War Das Danebrand? Der gute Schleswiger, der für Euch arbeitete? Den du deinen Aeltern zu hei⸗ rathen gelobteſt, weil er ihnen verſprochen hatte, für Karl ſo lange die Stelle des Vaters offen zu halten? Nun, was ſagt' ich, daß ich geleſen habe:„Nur Die kommen auf, die auf der Leiter ihrer Thaten ſel⸗ ten zurückſehen und in ihr Inneres nie.“ Franziska Heuniſch vergegenwärtigte ſich aus ihren eigenen Empfindungen vollkommen diejenigen, die Louiſe Eiſold haben mußte. Das Unglück, einem ſo un⸗ ſchönen Manne wie Danebrand durch Aelternwille und Dankbarkeit gehören zu ſollen, mußte ſie für ein jun⸗ ges, gefälliges Mädchen als eine große Aufgabe an⸗ erkennen, doch da ſie ſelbſt, freilich unendlich lieblicher und reizender als die ernſte, bleiche Louiſe, in der Lage war, zwiſchen zwei ſchönen und gefälligen Män⸗ nern mit drem eden in der Mitte zu ſtehen, ſo be⸗ griff ſie doch nicht, wie das wenig Anziehende in Hacken ſung deutet din in 1 Fr Lo dieſem Volksl der 30 und n Vorſch gewiſſ zu der tomm das gen, nur Luft der die- ken! alle Thec empf ſchen f;, und gewor⸗ ibt Der nd ſeine von den nennſt hlug.. ger, der zu hei⸗ tte, für halten? .„Nur aten ſel⸗ us ihren ie Louiſe ſo un⸗ ville und ein jun⸗ gabe an⸗ lebliche jiin det en Män⸗ 1, ſo be⸗ hende in 173 Hackert's äußerer Erſcheinung für Louiſen Veranlaſ— ſung einer unglücklichen Leidenſchaft ſein konnte. Sie deutete Dies mit großer Schonung auch ihrer Freun⸗ din in den zarteſten Worten an. Fränzchen verſtand eben Louiſen nicht. Louiſe Eiſold war eine ſeltene Erſcheinung. In dieſem Mädchen zitterten alle Regungen des neueren Volksbewußtſeins. Ihr Herz war von dem Hauche der Zeit bewegt wie eine zitternde Silberpappel. Ach, und nur die weiße Seite der Blätter kam immer zum Vorſchein, wenn ſie bebten, der Schmerz und eine gewiſſe todesfreudige Ahnung. Louiſe Eiſold gehörte zu den Armen, für die recht ein neuer Chriſtus hätte kommen müſſen, wie Jeſus ſagte: Den Armen wird das Evangelium gepredigt! Ihre Seele hatte Schwin⸗ gen, aber ſie ſtieg mit ihnen nicht empor; ſie fühlte nur die gewaltige Schwungkraft dieſer Fittiche, die Luft lag zu ſchwer auf ihnen, ſie konnte, den Vögeln der Wüſte gleich, nicht aufwärts. Ueber die Sitte, die Religion, den Staat zuckte es in ihr an Gedan⸗ ken krampfhaft. Sie darbte ſich die Pfennige ab, um alle Jahre einige male auf der oberſten Galerie das Theater beſuchen zu dürfen. Wie zehrte ſie von dem empfangenen Eindruck! Wie wählte ſie, wenn die Gro⸗ ſchen beiſammen waren, bis ein ſolches Stück gege— ben wurde, wo ihre Nerven hoffen durften zu zittern, ihr Herz ſich zu dehnen, ihre geheimſten Ahnungen von leidenſchaftlichbewegten Künſtlern ausgeſprochen zu werden! Schon ihre Aeltern hatten, da ſie gemiſch⸗ ter Ehe waren und von der katholiſchen Pfarrei der Reſidenz viel Behelligung erfuhren, ſich an die deutſch⸗ katholiſche Richtung angeſchloſſen. Louiſe Eiſold, die nicht einmal in dieſer Richtung ihre volle Befriedi⸗ gung fand, las und hörte nur von freien Gemeinden, ſo war ſie auch ſchon darauf bedacht, ihre Verſamm⸗ lungen aufzuſuchen und ſich mit ihren Geſchwiſtern in ihre Regiſter einſchreiben zu laſſen. Sie fand hier etwas, was ſie erregte, erſchütterte, über das Gemeine erhob. Sie durfte da nicht nur lieben, ſie wurde auch ermuthigt zu haſſen. Ja der Haß, Das linderte! Dies volle Ausſtrömen eines zornentflammten Gemüthes, Das war ihr Bedürfniß! Was ſich in Euch längſt verwiſcht hat durch die Bildung, die hiſtoriſche Kritik, die bei Euch längſt eine ruhige Reflexion geworden iſt, Das war bei Louiſe Eiſold noch in lodernder Flamme. Der Papſt, Rom, die Hierarchie und im Politiſchen die gleichen Traditionen des monarchiſchen Principes waren ihr im Grunde der Seele ſo ver⸗ haßt, wie wir in unſerm Egoismus nur Das haſſen, was ſich unſerm nächſten Vortheil entgegenſtemmt. zum. Verwu fach 9 traliſch nerklei zittern, znungen ſprochen gemiſch⸗ arrei der deutſch⸗ old, die Befriedi⸗ neinden, erſamm⸗ chwiſtern and hier Gemeine ade auch tel Dies emüthes, ch längſt he Kritik, gewordenn lodernden und im rchiſchen ſo ver⸗ 6 haſſen, enſtemt. Louiſe Eiſold hatte in den Tagen der Revolution in der Nähe der Barrikaden geſtanden. Ihr Enthuſias⸗ mus veredelte den Rauſch gemeinerer Naturen, die ſie zum Kampfe anfeuerte. Sie trug Steine, ſie rettete Verwundete, ſie half, wo ihre durch den Moment drei⸗ fach geſteigerte Kraft zur Hülfe ausreichte. Eine thea⸗ traliſche Eitelkeit war ihr dabei fern. Sich in Män⸗ nerkleider zu werfen, mit einem befiederten Hute zu kokettiren, die Amazone zu ſpielen, Das würde ihr elend erſchienen ſein. In ihr lebte nur die Sache. Die Liebe zum Volke, dem ſie angehörte, hob ihre Bruſt, ſie war die eigenthümliche Verklärung alles Deſ⸗ ſen, was unklar, unſicher und doch ſo tief geahnt und tief gefühlt in dem modernen Bewußtſein der Volks⸗ maſſen ſchlummert. Da ſagte ſie nun auch über Hackert: Ach, Fränz, was iſt äußere Schönheit! Und wär' ich reizend wie du, wär' ich ſo ſchön wie Melanie Schlurck, die Kalte, die Hoffärtige, ich liebte nur einen Mann von ſtarkem Geiſt. Was läge mir an Dane— brand's Geſtalt? Aber er hat nur die körperliche Kraft und ein gutes Herz und das iſt Alles. Und das iſt Alles, Louiſe? Nur ein gutes Herz? fragte Fränz, faſt geängſtet. Das allein kann ich nicht lieben, Franziska! fuhr Loutſe bitter fort. Ich weiß es nicht, ob Hackert gut⸗ müthig iſt, manchmal zeigt er ein Herz. Aber er iſt wahr, er iſt wild, ſtruppig, wie ſein Haar. Kaum daß er ein Wort redet. Er wirft ſich auf's Sopha, ſpringt wieder auf und ſtampft mit dem Fuß und wettert. Er hat mich kaum beachtet. Als man die Eiſenſtäbe vor ſein Fenſter ſchlug, ſah er mich zum erſten male an und weinte. Geh' ich noch immer um? fragte er mit zitternder Stimme. Ich erzählte ihm, wie man ihn noch kürzlich getroffen hätte, am Rande der Galerie, die auf ein Dach führt, Es iſt mein ruheloſer Geiſt! ſagte er und ſchluchzte faſt. Er wurde wie ein Kind und erzählte mir, wie ihm Das gekommen wäre und wen er liebe. Und wenn ich ſie einſt ſähe, ſagte er, und ſie in meinem Arme mir nur eingeſtehen wollte: Ja Fritz, es iſt wahr, du warſt es, der mich küſſen lehrte! Dann wollt' ich alle Feſſeln ſprengen. Alle Kronen der Welt aus Himmelshand ſchlüg' ich aus, wenn ich Das nur hörte; Licht und Glanz fiele in mein Leben, ich würde raſen, jubeln und mich in den Strom der Freude werfen. Nehmt mich! Bindet mich! Macht aus mir was Ihr wollt! Ich will falſches Geld münzen, will ſtehlen, lügen, mit jedem ehrlichen Manne oder auch einem Gauner Freundſchaft trinken und endlich einmal etwas ergreifen auf di Fritz, ziska, als ich war e Menſch fam er poöttiſe lange Wid, ſliehe tark dert gut⸗ ber er iſt Kaum Sopha, Fuß und man die nich zum h immer erzählte ätte, am .Es iſt faſt. Er ihm Das inn ich ſie e mir nur warſt e, lle Feſſeln umelshand Licht und en, jubeln Nehmt Ihr wollt! len, lügen, em Gaunet gs ergräfen auf dieſer Welt, das mich hält, wenn ſie nur ſagte: Fritz, ich war die Melanie, die...— Ach, Fran⸗ ziska, dieſer Augenblick mußte damals gekommen ſein, als ich dich auf den Fortunaball holte. Am Morgen war er ſanft und demüthig, freundlich gegen gute Menſchen, die ſein Beſtes wollten, und am Abend kam er nach Hauſe in einer Aufregung, ſo ſtolz, ſo ſpöttiſch, ſo tückiſch, als gehörte die Erde ſein. So lange er bei uns wohnte, lebte er wie ein ſcheues Wild, das vor den Menſchen flieht. Er ſagte, er fliehe die Höhlen des Verbrechens, er fühle ſich nicht ſtark, mit ſeinem Vortheil einen moraliſchen Zank an⸗ zubinden. Er wiſſe noch nicht, wohin er umſchlagen ſollte. Wenn man die Menſchen haſſe, könne man nicht ſuchen, ihnen durch Tugend zu gefallen. Oft erzählte er mir von den Bällen, wohin ihn zweideu⸗ tige Menſchen einlüden, und Das wußt' ich, daß er einmal nach irgend einer glücklichen Begegnung mit Melanien das Laben von der leichteſten Seite wieder nehmen würde. Da kommt er an jenem Abend, ſtößt Liebe und Güte von ſich und antwortet faſt wie Einer, der auf jede vernünftige Rede unvernünftig genug ſagt: Laßt mich, ich muß tanzen! Da hielt es mich nicht. Ich mußte ihm folgen und Gott ſei gedankt, ich ret tete ihm ſein Leben. Die Ritter vom Geiſte. 1 12 178 Ganz gut, gut, ſagte Fränzchen, aber wie kann man nur ſo wilde Feinde haben! Sie ſagte Das mit Anſpielung auf den Ueberfall und als wenn Hackert dieſe Feinde verdiente. Kluge und ungewöhnliche Menſchen müſſen Feinde haben, antwortete Louiſe. Sie finden aber auch Freunde. Danebrand war edel genug, Den zu ſchützen, den du liebſt, und Hackert war ſo undankbar, dich zu ver⸗ laſſen... ſagte Fränzchen ſich erhitzend, da ſie die Neigungen ihrer Freundin nicht theilte. Er hatte Recht, antwortete Louiſe nach längerem ſchmerzlichen Sinnen, mein Loos iſt geworfen. Am Mor⸗ gen nach dem Fortunaball, wie ich an der Leiche ſtand, kam er und ſah mich weinen. Er war eben erſt ge⸗ kommen und erfuhr's ſchon im Hauſe unten, was ge— ſchehen war. Louiſe, ſagte er, ich verlaſſe Sie! Sie haben mir große Freundſchaft erwieſen! Sie haben mich heute vielleicht vom Tode gerettet. Aber der Rauſch, der mich geſtern wahnſinnig machte, iſt heute vorüber. Ich beſinne mich auf meine Pflichten und will den Verſuch machen, ein anderes Leben zu be⸗ ginnen. Ich ſchwieg; ich fühlte ſelbſt, daß ich mehr gethan hatte, als mich ihm achtbar erſcheinen ließ. Fränzchen, es gibt Beweiſe der Liebe, die zu viel ſagen, und ſo war mir's um's Herz. Ich ſaß auf dem Bett Han er's chenb ich h Dane Nacht ich a Cs l verſp Men werde Par⸗ vie kann Das mit Hackert i Feinde Freunde. zen, den zu ver⸗ 1 ſie die längerem Am Mor⸗ he ſtand, erſt ge⸗ was ge⸗ Zie Sie ie haben Aber der itt heute hten und en zu be⸗ ich meht nen ließ ein vi auf dem Bett des Todten und weinte. Hackert reichte mir ſeine Hand und dankte für alle meine... Güte, wie er's nannte. Er wollte mir beiſtehen bei dem Lei⸗ chenbegängniß. Ich ſagte: Ich danke Ihnen, Hackert, ich habe Brüder und Danebrand. Auf den Namen Danebrand ſagte Hackert: Ich ſchäme mich dieſer Nacht und verdiene Ihre Theilnahme ſo wenig, daß ich anfangen will, an meine Beſſerung zu denken. Es hat mir Jemand Verwendung und Thätigkeit verſprochen. Ich will ſehen, wie lange ſich mit den Menſchen gehen läßt, ohne ſich ſelbſt zuwider zu werden. Ich fragte: Doch um Gottes willen nicht Par? Doch nicht die Polizei? Er ſchwieg und ſagte: Laſſen Sie mir nur meinen Weg! Die Miethe zahl' ich ſo lange fort, bis ſich ein Anderer für mich ge⸗ funden hat. Ich ſagte wieder: Hackert, laſſen Sie Das! Nein, Louiſe, Sie ſind arm und Ihr Alle bedürft es! antwortete er, gab mir dann Geld, dann die Hand und ging ruhig aus der Thür. Am mei⸗ ſten wußt' ich wohl, daß er ſich ſeines kranken Zu— ſtandes wegen, der auf dem Balle ſich wieder gezeigt hatte, ſchämte... Ich hatte den Todten, Hackert zog in der Stille aus und Danebrand kommt wieder... weil ich ihm nun doppelt danken muß. Das iſt zu traurig, ſagte Franziska und hielt die 12* 1 1 1 4 1 5 180 Hand ihrer bitterlich weinenden Freundin, die ihren neuen Kummer, daß Hackert vielleicht gar in die Hände der Polizei gerathen war, noch einmal ausſprach. Schmelzing, fuhr ſie dann fort, Schmelzing zog dann auch aus. Ich war froh, ihn los zu ſein, den neugierigen Schleicher, der, obgleich taub, nur horchte. Nach einigen Tagen kam ein Miether, über den ich anfangs erſchrocken bin. Erinnerſt du dich vom For⸗ tunaball des Mannes mit der ſchwarzen Binde? Den die Polizei feſtnahm? ſagte Fränzchen er⸗ ſchrocken. Mit dem frechen, goldbehangenen Mädchen? Die ſind doch nicht... bei dir eingezogen? Nur er, antwortete Louiſe. Er hatte acht Tage ge⸗ ſeſſen, ſagte er, ganz unſchuldig, wie er verſicherte. Louiſe! Solche Menſchen nähm' ich nicht in meine Nähe! rief Fränzchen und ließ vor Schreck faſt den Mund offen, daß die weißen Zähne glänzten. Es iſt ein feiner, artiger alter Mann, ſagte Louiſe raſch, in dem ſich die elende Polizei doch wol geirrt hat. Wenn ſchon! Aber das Frauenzimmer! Sie heißt Auguſte Ludmer und iſt eine Tochter eines ehemaligen Beſchließers im Gefangenhauſe zu Bielau, ſagte Louiſe. Ein verwildertes Mädchen, das früher in unſerm Hauſe Nr. 17 wohnte und keinen guten Fort Engl nicht. bin iſ chen wohl Er b antw aus Frau ſteh' Ab e ihren Hände ach. ing zog ein, den horchte. den ich Lage ge⸗ herte... in meine faſt den 1 te Loniſe cirtt hat. Tochter hauſe zu chen, das nd keinen 181 guten Leumund hat. Sie iſt ſchon am Tage nach dem Fortunaball ſogleich freigelaſſen. Was ſie mit dem Engländer— er heißt Murray— vorhatte, weiß ich nicht. Er iſt entweder geizig oder ſparſam; darüber bin ich nicht im Reinen. Als ich ihn an das Mäd⸗ chen erinnerte, ſeufzte er. Ich erklärte ihm, daß ich wohl ihn, aber dieſe Perſon nicht aufnehmen würde. Er blickte dabei ſcharf unter ſeiner Binde hervor und antwortete: Sie haben da zwei Kammern! Seh' ich aus wie ein Mann, der noch auf ſchlimmen Wegen Frauenliebe ſucht? Wenn das Mädchen bei mir iſt, ſteh' ich für ihre Tugend. Er ſah mich dabei ſo feſt, ſo ſtreng an, Fränz, daß ich den Blick niederſchlug. Es war mir faſt, als hört' ich die Worte aus der Bibel: Wer unter Euch ſich rein dünkt, werfe den er⸗ ſten Stein auf ſie! Er verlangte, wenn das Mäd⸗ chen zu ihm zurückkäme, daß ich ihr Schmelzing's Kam⸗ mer gab. Da ich noch keinen rechten Muth dazu hatte, ſagte er: Soll die Schmach der Sünde denn ewig ſein, ein Verbrechen nie vergeſſen werden? Fran⸗ ziska, wie mich der Mann darauf angeſehen hat, werd' ich in meinem Leben nicht vergeſſen. Er wurde größer an Figur. Durch die ſchwarze Florbinde ſchimmerte das eine Auge durch, als wollt' er mich durchbohren. Aber nicht voll Wuth war der Blick, ſondern voll Schmerz. Wiſſen Sie, mein Kind, fuhr er fort, daß ich die Polizei nicht habe überzeugen können, warum ich arm leben will und eine von Gold behangene Buh⸗ lerin am Arme hatte; wiſſen Sie, daß ich gezwungen wurde, ein Haus als Wohnung zu wählen, wo ich unter den Augen einer heimlichen Aufſicht ſtehe? Man nannte mir dieſes. Ich proteſtirte wegen Auguſten, die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte. Man lachte mich aus. Je mehr ich gegen dies Haus ſprach, deſto kürzer war der Beſcheid, ich wäre für einige Zeit ein Obſervat und müßte hier wohnen. Dies Haus iſt bewacht. Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion, Namens Schmelzing. So bin ich herge⸗ zogen. Nehmen Sie mich alſo nur, mein Kind, und wenn jenes unglückliche Mädchen kommen ſollte, ſo verſtoßen Sie ſie nicht. Ich muß ſie für verloren hal⸗ ten, aber käme ſie zu mir zurück, ſo hätte ſie viel überwunden. Sie würde am Orte ihrer Schande arm und ſehr, ſehr gering leben müſſen. Und nun? fragte Fränzchen faſt zitternd über die Gefahren ihrer Freundin und bei ſich überlegend, ob ſie nun wol jemals wagen könnte, ſie zu beſuchen. Murray wohnt bei uns, ſagte Louiſe, das Mäd⸗ chen iſt aber nicht gekommen. G Und vor einem ſolchen Nachbar fürchteſt du dich nicht? G Nach einſam 3 Franz ' Er ſ erſchü und Verb rt, daß warum ne Buh⸗ vungen wo ich * Man guſten, Nan ſprach, ige Zeit 3 Haus kurzem herge⸗ d und llte, ſo ren hal⸗ ſie viel nde arm iber die end, ob uchen. 6 Mäd⸗ ihrich? 183 Er iſt am Tage nicht viel zu Hauſe, lieſt des Nachts, ſchläft bis ſpäten Morgen und lebt ſtill und einſam.. Ich könnte des Nachts nicht ruhig ſchlafen, meinte Franziska. Warum? Ich halte ihn für einen weiſen Mann. Er ſprach mit ſolchen Worten, wie ſie mich immer erſchüttern. Er kennt ganz das Elend der Menſchen und weiß, wie nahe das Unglück an den Rand des Verbrechens führt. Franziska gedachte jetzt plötzlich der Verſe Louis Armand's. Jetzt verſtand ſie ſie ſchon beſſer. Jetzt, erregt von der höheren Begeiſterung und thatkräftigen Schwärmerei, die in Louiſens Augen lagen, konnte ſie nicht umhin, die Worte vor ſich laut hin zu ſprechen: Des Volkes Tochter! Arme Bettlerin, Du biſt nicht arm, was auch dein Elend ſpricht! Die Nachbarin ließ ihre Truhe auf, Greif zu! Zum Bagno geht dein Lebenslauf— Und wenn zum Tod— nur ſtolz! Und weine nicht! Was? rief Louiſe. Was ſummſt du da? Wie Louiſe dieſe Worte hörte, horchte ſie hoch auf. Erſchüttert und ergriffen fragte ſie, was Das für ein Lied wäre? Und Fränzchen, voll Wehmuth und durch die warme Hingebung der unglücklichen Freundin in⸗ 4 4 1 1 t 7 1 nerlichſt ſelbſt erſchüttert, zog ihr Nähkäſtchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers geben. Sie vergriff ſich aber und gab ihr Heinrich's Verſe. Louiſe las davon eine halbe Strophe. Nein, rief ſie, Das iſt Waſſer, Das ſind die Feuer⸗ worte nicht! Wo haſt du die? Fränzchen ſah nach und verbeſſerte raſch ihren Mis— griff, indem ſie die rechten Verſe auſchnnn Ah! rief Louiſe, las und ſprang auf; Das ſind Worte des Lebens, die vom Himmel kommen! Und mit zitternder Stimme, bebend vor innerer, das ganze Herz umwühlender Bewegung, las ſie die Verſe mit ſteigendem Affekte auch im Vortrage laut und nachdrucksvoll und ſteigerte ſich in ihrer grenzen⸗ loſen Nichtbefriedigung in eine ſo ſchwindelnde Höhe der Leidenſchaftlichkeit, daß ſie vor Wehmuth laut zu ſchluchzen anfing und gerade die Abſicht des Dichters erreichte, der der Proletarierin verbieten wollte, zu weinen, während ſie dennoch weinte. Franziska hatte auf der Zunge einzugeſtehen, wie ſie in den Beſitz dieſes Gedichtes gekommen wäre. Auch ſie hatte das Bedürfniß, ſich in die theilneh⸗ mende Bruſt einer ſo gefüh lsſtarken Freundin auszu⸗ ſchütten. Dieſe aber, da eine Thurmuhr r gerade laut in der Nähe ſchlug, ſagte: Fr tageſſe finſter mes ü ich D auf de wollen und a auf und en. Sie Louiſe je Feuer⸗ en Mis⸗ das ſind T innerer, s ſie die age laut grenzen⸗ de Höhe hlaut zu Dichters pollte, zu hen, wie en wäte. heilneh⸗ in auszu⸗ erade laut 185 Franziska, ich muß nun gehen und für unſer Mit⸗ tageſſen ſorgen. Seit dem Fortunaball iſt mein Karl finſter gegen mich. Er hat bei Willing's zuviel Schlim⸗ mes über mich hören müſſen! Ach, auch darum muß ich Danebrand freundlich ſein! Erzähl' mir, was du auf dem Herzen haſt, am nächſten Sonntag. Wir wollen in's Feld gehen. Ich thu's der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am Sonntag keine Zeitungen auszutragen. Ich trage das Kleine. Du nimmſt Heinrich und Riekchen an der Hand. Dane⸗ brand trägt in einem Ranzen, was wir im Walde verzehren können. Oder iſt dir Das zu arm, Fränz chen? Du biſt vornehm! Wie ſchöne Kleider du haſt und wie ſchön du biſt! O Louiſe, ſagte Fränzchen erröthend, was ſprichſt du! Ach, ich will ſchon glücklich ſein, mit dir gehen zu können. Willſt du? Nächſten Sonntag? Ich hole dich ab... Nein, nein, nicht in unſer ſchlimmes Haus! Wir kommen um zwei Uhr am nächſten Sonntag dich hier abzuholen. Und bringe mit, wen du lieb haſt! Den Sergeanten, nicht wahr? Nein! ſagte Franziska entſchieden und beſtimmt. Von Dem ſind die feurigen Verſe nicht! Wo haſt 186 du ſie her? Willſt du mir verſprechen, mir ſie abzu⸗ ſchreiben? Ich ſchreibe ſie dir ab! 8 Ach, Fränzchen, ſonſt las ich ſolche Flammenworte einmal über und ſie hatten ſich mir gleich eingeprägt, wie in Erz gebrannt. Jetzt drückt auf meine Gedan— ken ſoviel, mein Kopf geht ſo wirr, daß ich das Leich⸗ teſte nicht behalten kann. Und dann muß ich's Abends leſen, wenn Alles um mich ſtill iſt, die Kinder ſchla⸗ fen, die paar Uhren picken, die ich noch immer auf⸗ ziehe— ich will Die verkaufen, die noch da ſind und die dem Großvater gehörten, die andern haben die Leute zurückgeholt... ach, es iſt mir oft, als wenn der alte Mann im Zimmer huſchelt und kein Weiſer rückt an, ohne daß ich nicht denke: Den hat er mit ſeiner todten Hand eben gerückt und nun wird er gleich ſchlagen laſſen! Und immer iſt's mir, als ſchlüg' es vier. Ich ſehe Hackerten die Kinder ſchlafen bringen und höre nicht, wie der Alte ruft: Louiſe komm doch und drück' mir nur die müden Augen zu! Beide Mädchen weinten.. 3 Als Louiſe aufſtand, den Hut und die Echarpe holte und zum Abſchied ſich rüſtete, griff Fränzchen ganz verſtohlen in ihr Tiſchchen, holte das Goldſtück und wollte es mit bittender Miene, ohne ein Wort zu ſag laſſen, zogen aber l einem nen H. Ich konnte, ſchütte von d noch 9 inen Hüͤlfe ſie abzu⸗ menworte ingeprägt, e Gedan⸗ as Leich⸗ s bends der ſchla⸗ umer auf⸗ wſind und die Leute wenn der eiſer rück mit ſeinen der geich ſchüg e fen bringen komm doch die Echarpe Fränzche 6 Goldſtüct e ein Polt 187 zu ſagen, in Louiſen's ſchwarze Handſchuhe gleiten laſſen, deren einen ſie in der Aufregung ſich ausge— zogen hatte und eben wieder anzog. Louiſe lehnte aber lächelnd dieſen Beweis von geränſchloſer, mit einem einzigen ſtummen Blick der Bitte ausgeſproche— nen Herzensgüte ab. Ich bin glücklich, ſagte ſie, daß ich dir anzeigen konnte, wir haben die Bosheit der Florentine abge⸗ ſchüttelt. Es geht jetzt ſo leidlich! Lieber Himmel, von den Begräbnißgeldern des Alten haben wir ja noch gerade ſoviel übrig behalten, als ich an Floren⸗ tinen verliere. Gott iſt in großen Dingen, wo wir Hülfe von ihm erwarten und denken, es müſſe durch⸗ aus nach unſerm Wunſche und Willen gehen, faſt immer hart und unerbittlich, und in kleinen Dingen, wo er Verluſt durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht, iſt er wieder ſo grundgütig, daß wir uns beſchämt fühlen und unſern Kleinmuth bereuen. Bis Sonntag ſchreibſt du mir das göttliche Gedicht ab und wenn du was recht Geſcheutes anſtellen willſt, ſo bringe Den mit, der es gemacht hat, und wär's ein Student! Mit dieſer, unter Thränen hervorblitzenden Schel⸗ merei ſchied das aufgeregte Mädchen. Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rückſicht auf die hinter ihr herbrummende, durch dies Ignoriren verletzte Frau 1 1 3 3 133 Tiſchlermeiſterin Märtens durch deren Zimmer raſch davon. Man hörte, wie ſie das Gitter der Küche zu⸗ fallen ließ und unverweilt die Treppe hinunterſprang⸗ Für Fränzchen hatte dieſer Beſuch die wohlthätige Folge, daß er ihr Kraft gab, feſt auf ihrem Gefühle zu beharren.. Hatte ſie geſchwankt, ob ſie nicht den Onkel, der ſo gut war und nichts Unangenehmes im Leben leiden mochte, beim Abſchied durch die Bereitwilligkeit er— freuen ſollte, Heinrich Sandrart's Bewerbung ſich ge⸗ fallen zu laſſen, ſo war ihr von Louiſen's helden⸗ müthigem Weſen eine wunderbare Kraft zugeſtrömt. Lag nicht in Allem, was dies Mädchen ihr erzählt und von ihren ſtillen Herzenskämpfen mitgetheilt hatte, das volle, große, gewaltige Geſtändniß, daß ſie ein unausſprechliches Bedürfniß einer großen und feurigen Liebe hatte? Sie vergegenwärtigte ſich, wie oft ihr dieſe arme Arbeiterin, die vor einem Uebermaß von Pflichten kaum zu ſich ſelber kommen konnte, geſtan⸗ den hatte, daß in ihr ein nicht zu bewältigender Drang der Liebe läge! Sie hatte früher dies Geſtändniß nicht faſſen können, jetzt fühlte ſie den übermächtig ſtärken⸗ den Hauch einer reinen, dem Herzen befehlenden Wil⸗ lenskraft. Daß Louiſe jemals dem Danebrand gehö⸗ ren würde, glaubte ſie nicht. Sie ſah in Allem, was tet raſch büche zu⸗ erſprang. hlthätige Gefühle nkel, der en leiden lgkeit er⸗ g ſich ge⸗ 3 helden⸗ ugeſtrömt. zr erzählt eilt hatte, aß ſie ein dfeurigen ie oft ihr rmaß von e, geſtan⸗ der Drang dniß nicht tig ſtärken⸗ enden Wil⸗ rand geho⸗ Allem, was der Freundin ſeit dem Fortunaball geſchehen war, nur eine Art Sühne für das Unrecht, das ſie bei ihrem tugendhaften Pflichtgefühle begangen zu haben glaubte. Aber Das wußte ſie auch, ganz würde ſich dies ſtarke Herz niemals unter das Joch der Rückſichten beugen. Das iſt nur, ſagte ſie, eine Zeit der Trauer, die ſich Louiſe auferlegt hat, aber unwahr gegen ſich ſelbſt wird ſie niemals werden. Die lügt nicht, wie ich nicht lügen will! So fand ſie nach einiger Zeit, während Frau Märtens brummte und über das abſcheuliche,„keinem“ Menſchen„äſtimirende“ unhöfliche„Subjekt“, die Louiſe Eiſold, polterte, die„die ganze Suppe“ mit dem„Sprachmaitre“ und Herrn Sandrart und der Reiſe nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt, ſondern „eingefädelt“ hätte, der Onkel Heuniſch. Neuntes Capitel. Stilles Leid und ſtille Schuld. Der ſo gern nur wohlgemuthe Jäger Leberecht Heu⸗ niſch kam in roſenrotheſter Laune von ſeinem Prinzen Egon. Er, der ſo gewohnt war, nicht viel auf ſeinen Schultern zu tragen und der ſelbſt von dem Nächſten, was um ihn her ſich ereignete, nicht viel ſehen und wiſſen mochte, hatte eine Menge läſtiger Drangſale von ſeinem Gemüthe abgeworfen. Gleich wie er von ſeinem geneſenen, zum erſtenmale ordentlich geſehenen hohen Patrone kam, begegnete ihm Dankmar Wildungen, den er ſeit dem Abſchied vom Gelben Hirſch für den Prinzen ſelbſt gehalten hatte. Nun wußte er doch, wo er auch dieſen Freund und Gönner hinbringen ſollte. Es war ein„Bekann⸗ ter“ des Prinzen! Dieſe Thatſache nahm ihm, als er Dankmarn raſch eilen ſah, um Egon zu begrüßen, alle S Nichts ſchien nur H cen u waren haglich Er icht Heu⸗ Prinzen uf ſeinen Nächſten, chen und drangſale erſtenmale gnete ihm hied vont en hatte. en Freund „Belanl⸗ im, als er begrüfen, alle Skrupel. Es lag wieder das helle, goldne, klare Nichts vor ſeinen Augen; der ganze blaue Himmel ſchien in ſeine blauen treuherzigen Augen zurück und nur Heinrich Sandrart, der Sergeant, und das Fränz⸗ chen und der alte franzöſiſche Sprachmaitre... Die waren noch ein paar läſtige Wölkchen für ſeine Be— haglichkeit. Er war von Egon und von dem frohen Wieder⸗ ſehen des guten Rathgebers Dankmar in die Kaſerne gegangen, um den Sergeanten abzuholen... In ſeiner Patentuniform, wie er ſie immer trug, kam der Sergeant mit dem Förſter mit, nicht ohne Hoffnung, Fränzchen würde doch wol vielleicht dem Onkel zum Abſchied eine für ihn tröſtlichere Erklä⸗ rung geben. Der junge Krieger hatte eine freundliche Zuſprache nöthig, denn ſeit dem Fortunaball geſchah Vieles, um ſeinen ſonſt ſo fröhlichen leichten Sinn zu kränken. Sein rundes volles Geſicht, dem ein Bärtchen an der Oberlippe und ein damals noch erlaubter demo⸗ kratiſcher Kinnbart gar männlich ſtand, war ſeit einiger Zeit nicht aus Liebeskummer allein entfärbt. Der Lieutnant von Aldenhoven hatte ihm die Aeu⸗ ßerung: Wir ſind hier nicht im Dienſt, Herr Lieut⸗ nant! ſehr übel genommen.. 192 Man fand Heinrich Sandrart ſchon lange nicht von der ordonnanzmäßigen Botmäßigkeit, die die Ge⸗ ſetze der Disciplin in ihrer ſoldatesken Uebertreibung mit ſich brachte. Gerade, daß ihn gegen mancherlei Anklagen, die man bis zum Major ſeines Bataillons gegen ihn vorbrachte, dieſer in letzter Inſtanz in Schutz nahm, ihn entſchuldigte, eine brave Haut nannte, die man nicht kopfſcheu machen müſſe, gerade darin lag ein Grund mehr für einige Offiziere, ihm das offenſte Unrecht anzuthun. Man konnte ihm zwar nicht nach⸗ ſagen, daß er wie einige vorlaute und ſchon mehrfach beſtrafte Krieger von den neuen Ideen angeſteckt war, er beſuchte keine verbotenen Geſellſchaften, er war harmlos, gutmüthig und liebte nur das Vergnügen und die Frauen, man wußte, daß er um einer ſprö⸗ den Liebe halber ſchmachtete und zog ihn damit auf. Allein ſchon einige junge Krieger der Garniſon waren, ohne zu den abſichtlichen Wühlern zu gehören, da⸗ durch, daß ſie etwas Apartes für ſich in Anſpruch nahmen, aus dem Verbande der großen disciplina⸗ riſchen Kette, die das ganze Inſtitut der ſtehenden Heere aufrecht erhält, herausgeglitten und hatten in den Theorieen jener bald ſtilleren, bald lauteren Wort⸗ führer einen Anhalt für rein perſönliche Misſtimmun⸗ gen gefunden. Dem Major von Werdeck ſagte man ja eti litik n verha einer ſein k lange Gedul lich. nge nicht die Ge⸗ ertreibung nancherlei zataillons in Schutz nnte, die darin lag s offenſte icht nach⸗ mehrfach ſteckt wan, der war gergnügen einer ſpro⸗ damit auf. ſon waten, zören, da⸗ Anſpruch disciplina⸗ ſtehenden hatten in ren Wort⸗ isſtimmun⸗ ſagte man 193 ja etwas Aehnliches nach! Er ſollte früher nie über Po⸗ litik nachgedacht, ja ſogar ſo ruhig, ſo loyal ſich immer verhalten haben, daß man ihn anfangs an der Spitze einer Compagnie älter werden ließ, als es ſein Wunſch ſein konnte. Später erhielt er Beförderung; aber wie lange ließ man ihn warten, weil er immer zu den Geduldigen gehört hatte! Plötzlich wurde er verdrieß⸗ lich. Man wollte ihn in eine entfernte Garniſon zur Linie ſchicken, er ſchlug die Stellung aus und zog die alte geringere vor. Er las Zeitungen, bildete ſich ein Urtheil und machte mit Niemanden Partei. Jedes Ding, jede Frage wollte er gewiſſenhaft prüfen und durch das Prüfen kam er vom politiſchen Köhler⸗ glauben, den man Loyalität, Treue nannte, zum Zweifel, den man Liberalismus, demokratiſche Geſin⸗ nungsloſigkeit ſchalt. Erſt einmal in der Minorität, ging es dem Major wie jedem rechtſchaffenen Manne. Er fand ſeine Ehre darin, einem eigenen Nachdenken ſeine Ueberzeugungen zu verdanken und ſonderte ſich immer mehr von den Andersgeſinnten ab. Längſt würde er ſeinen Abſchied genommen haben, wenn ihn nicht zwei Dinge daran verhinderten. Einmal galt es von dem Staate, dem er angehörte, für angenom⸗ men und feierlich beſchworen, daß ein neuer, volks⸗ thümlicher Geiſt die Seele des Ganzen werden ſollte. Die Ritter vom Geiſte. V. 13 194 Anderntheils ſagte er ſich, daß, wenn auf einem ſchwie rigen, mit Kampf verbundenen Poſten Jeder immer ſogleich weichen wollte, man ſich nicht wundern dürfte, wenn das Gute überall unterliege. Seine Unterge⸗ benen hielten mit leidenſchaftlicher Vorliebe an ihm feſt, ſo ſtreng er auch ſein konnte und ſo hoch er auch ſeinerſeits die Nothwendigkeit der Disciplin anſchlug. Er wiederholte oft den Schiller'ſchen Spruch:„Ein freies Leben iſt ein paar ſklaviſcher Augenblicke wol werth“. Daß Soldaten wählen ſollten, daß man den Geiſt der Parteiung in die geſchloſſenen Glieder einer Armee verpflanzte, war ihm ein Gräuel. Die muthige Art, mit der er kurz und bündig manchem Partei⸗ haupte gegenüber einen ſolchen Satz ausſprach, hatte immer wieder zur Folge, daß die ihn umwühlende Intrigue ſich etwas zurückzog und vorſichtiger zu Werke ging. Aber ſeine ſogenannte Wiederherſtellung in dem Vertrauen ſeiner Kameraden hatte nicht lange Dauer. Er verſtieß nur zubald wieder gegen das Syſtem, das nun einmal in dieſen Reihen gelten und die Kluft zwiſchen dem Alten und Neuen immer mehr erweitern ſollte. Was man von ihm ſelbſt nicht wußte, ſetzte man endlich bei der offen zur Schau getragenen Ge⸗ ſinnung ſeiner Frau über ihn voraus. Die Beſatzung wurde gerade jetzt viel mit Exer⸗ ſen i növre Morg ten w war ſich r nſchwie⸗ r immer n dürfte, Unterge⸗ an ihm er auch anſchlug. 9:„Ein licke wol man den eder einer muthige Partei⸗ ich, hatte wühlende uu Welke ng in dem ge Dauer. ſtem, das die Kluft erweitern ußte, ſetzte grnen Ge⸗ mit Erel⸗ 195 ciren gequält. Schon am frühen Morgen war der Major auf einer großen Ebene vor der Stadt gewe⸗ ſen und hatte die ſchon tauſendmal gemachten Ma⸗ növres wiederholen laſſen. Sein ſchmerzliches: Guten Morgen, Kinder! als Alles vorbei, hatten die Solda⸗ ten wohl verſtanden. Es war eilf Uhr und Sandrart war ſchon übermüdet. Dies hinderte ihn aber nicht, ſich raſch anzukleiden und mit dem Förſter Heuniſch, der, auch einſt Soldat, die ewige Fuchſerei(nament⸗ lich„in dieſer Zeit“¹) nicht begreifen konnte, zu Fränz⸗ chen zu gehen. Onkel Heuniſch war ſehr angeregt. Der freund⸗ liche Empfang des jungen Fürſten hatte ihm wohl⸗ gethan. Auch dem Madeira hatte er lebhaft zuge— ſprochen. Er war etwas zum polternden Zank auf⸗ gelegt und wiederholte alle die ſchlimmen und ärger— lichklingenden Reden, die er ſchon mehrmals gegen Fränzchen ausgeſprochen hatte. Dieſe war ruhig und reizte ihn dadurch doch noch etwas mehr als nur zum Scherz. Endlich mußte ſich ſogar Sandrart in's Mittel legen und ihn beſänf⸗ tigen. Brummend ſetzte ſich der Jäger in einen Lehn⸗ ſeſſel, ließ ſich, um ſeinen brennenden Durſt zu ſtillen, von einem Burſchen der Werkſtatt leichtes Bier kom⸗ men, ſteckte eine Pfeife an, rauchte eine Weile, trank 3*¾ nun und entſchlief. Sandrart nahm ſeine Flöte und blies: Ach, wenn du wärſt mein eigen! Madame Mär⸗ tens klemmte die Brille auf die Naſe und ſtudirte mit Wißbegier das neueſte Hellerblatt, das ſie mit dem Schneider drüben zuſammenhielt. Dieſer nickte, dankbar für die Flöte, herüber. Fränzchen nähte und malte ſich hinter ihren Blumen aus, wie es wol am nächſten Sonntag ſein müßte, wenn es ihr recht, recht gefallen ſollte.. Plötzlich ließ ſie zitternd die Arbeit ſinken. Sie hatte Jemanden kommen hören, ſie vernahm eine Stimme, die Flöte ſchwieg, der Onkel ſchnarchte leiſer, die alte Märtens ſprach über den Hof hinüber. Sie hätte aufſchreien mögen, als ſie hörte, daß drinnen im Zimmer die Alte aus dem Fenſter erſchrocken rief: Hat mir's doch geſchwant!... Sie ſah hinaus... Eben kam Louis Armand. Eine Minute darauf war Louis Armand im Zimmer. In bewegteſter Spannung von Freude und Furcht erregt, wartete Fränzchen, ob Louis nach ihr fragen und zu ihr eintreten würde. Wie peinlich war dem armen Kinde die An⸗ weſenheit Sandrart's! Sie hätte ihn heißen mögen mit ſeiner Flöte zum Kuckuk gehen und nie wieder kommen! löte und me Mär⸗ ſtudirte 3 ſie mit ſer nickte, nähte und wol am echt, recht ken. Sie ahm eine hte leiſer, ber. Sie z drinnen rocken rief inaus.. m Zimmer. und durcht ihr fragen e die An⸗ ßen mögen nie wiedet 197 Vor Unruhe, vor Verzweiflung, daß ſich dies Wiederſehen ſo fügen, unter ſo ihre Neigung in den Schatten ſtellenden Verhältniſſen begeben mußte, konnte ſie nicht ſitzen bleiben. Sie ſtand auf, pflückte un— ruhig am Fenſter welke Blätter von den Blumen und zerknitterte ſie in der Hand. Sie nahm die Scheere und bohrte ein wenig in dem Sande der Töpfe und raufte einige verwelkte Blüten aus dem Kreſſenkaſten. Louis Armand ſprach von ſeinem langen Ausblei⸗ ben, von ſeinem geneſenen Freunde und Gönner, von den Beſtellungen, die er auf der Schiefertafel verzeich⸗ net fand und etwas mühſam, mit Hülfe der gelehrten Frau Tiſchlermeiſterin entzifferte. Wenn Fränzchen an die Möglichkeit ſeiner Liebe hätte glauben können, ſo würde ſie gefunden haben, daß ſeine Stimme bewegt war und bei dem Ahblick des jungen Soldaten ſogar wehmüthig. Aber wie konnte ſie an ſeine noch ihr erhaltene Theilnahme glauben, da er kein Wort von ihr ſprach, ſich nicht nach ihr erkundigte! Endlich mochte ſie dieſen Zuſtand nicht mehr aus⸗ halten. So ſehr ihr Stolz widerſtrebte, das liebe⸗ kranke Herz zwang ſie, ein Zeichen ihrer Anweſenheit zu geben. Noch wußte ſie nicht, ſollte ſie thun, als hätte ſie an ihrem Bett oder der Kommode etwas zu ſchaffen und raſch, ganz wie von ungefähr, an der geöffneten Thür vorüberſchlüpfen, oder ſollte ſie etwas fallen laſſen, das etwa ſoviel ſagte, als: Hörſt du denn gar nicht? Hier iſt ja auch Jemand, dem ſein Herz wie ein Hammer klopft und der dir am liebſten gleich um den Hals fallen möchte, wenn ſo etwas in dieſer ſchrecklich anſtändigen Welt möglich ſein dürfte! Aus vielen Rückſichten und beſonders deshalb, weil ſie beim Vorüberhuſchen an der Thür fürchten mußte, zu ihm hinein zu müſſen, gedrängt von ihrem Gefühl, entſchloß ſie ſich, etwas fallen zu laſſen und nun fragte ſich nur, was? Die Scheere gab nicht Klang genug, obgleich die auseinanderfallenden d beiden Schenkel der Scheere gleich ſagen mußten: Das kann nur Fran⸗ ziska ſein!... Ein Radeltiſensr mit Sägeſpähnen ge⸗ ſtopft gab deinen Klang. Der Fingerhut war auch zu winzig. Da dachte ſie an eine Zwirnrolle. Dieſe bot den Vortheil, daß ſie fiel und gleich weit umher lief. Sie durfte ihr nachſpringen und ſich beim Suchen bücken, verwickeln. Und wenn ſie ſich bückte, war ſie ſogar nicht ſicher, in das Nebenzimmer mit Gewalt hineingezogen zu werden. Die Rolle ſiel alſo und richtig! Man kam. Aber leider gleich ihrer Zwei. Louis Armand kam und Heinrich Sandrart. „an der ſie elwas Hörſt du dem ſein m liebſten etwas in n dürfte! alb, weil en mußte, m Gefühl, nun fragte ng genug, henkel der nur Fan⸗ ihnen ge⸗ ar auch zu Dieſe bot umher lief. m Suchen e, wat ſie ni Gewalt kam. drart⸗ 199 Das hatte ſie nicht bedacht, daß auch der junge Sergeant das Ohr ſpitzte und auf Alles lauſchte, was ſich nebenan begab. Doch war es gut, daß ſich Heinrich Sandrart faſt am emſigſten bückte und Louis ungehindert war, Fränz⸗ chen die Hand zu bieten und ihr die Freude auszu⸗ drücken, ſie wiederzuſehen. Ei! Leben Sie denn auch noch, Herr Armand? fragte ſie. Wir glaubten ſchon, daß Sie nicht mehr an uns denken! Louis warf einen theilnehmenden Blick auf Sand⸗ rart, der die Zwirnrolle zurückgab und dem beim Suchen das Blut in die Wangen geſchoſſen war. Es iſt viel von Ihnen geſprochen worden, Herr Armand, ſagte Sandrart mit einer Art Eiferſucht, um ſich in das Geſpräch miſchen zu dürfen. Fränzchen wollte ſchon ſagen: Doch mit Ihnen wol nicht? Sie unterdrückte aber die Bemerkung, weil ſie ihr ſelbſt zu ſchnippiſch vorkam. Louis ſprach manches Freundliche, aber Unerheb⸗ liche, mit großer Ruhe. Er prüfte Franziska, er ſah Sandrart an. Endlich erwähnte er den franzöſiſchen Unterricht. Woher wiſſen Sie... Der ſchlafende Onkel da im Stuhle erzählte dem —— — — ᷣ— — 200 Prinzen Egon Alles, was ihn glücklich und traurig macht. Franziska ſah zu dem ſchlafenden Förſter, den der Madeira überwunden hatte. Jetzt konnte ſie ſich denken, was Louis Alles von ihr gehört hatte... Haben Sie den Onkel geſprochen?... ſagte ſie mit gezogenen Worten und ſehr kleinlaut. Wie heißt denn Ihr Lehrer? Herr Sylveſter. Sylveſter? Das iſt ein Vorname! Ich kenn' ihn nur bei dieſem Namen... Heinrich Sandrart wollte nun auch geſprächig, launig ſein, ſich in einem günſtigen Lichte zeigen. Er fing an, Herrn Sylveſter zu ſchildern... Doch hörte Louis nicht viel darauf. Er war zu bewegt, den niedergeſchlagenen Blick des jungen hoch⸗ erglühenden Mädchens zu beobachten. Der Gedanke, daß ſie Bälle beſuchte und vielleicht von ihrer alten ſittſamen Bahn gewichen war, drückte ihn peinlich. Ein näher forſchendes Geſpräch war nicht mög— lich. Denn auch der alte Märtens kam nun von unten aus der Werkſtatt herauf und jetzt gab es ein Begrüßen, ein Fragen, ein Erkundigen, ein Dol⸗ metſchen und Vermitteln durch Frau Märtens, das traurig den der h denken, ſagte ſie eſprächig, gen. Er er war zu gen hoch⸗ Gedanle, grer alten einlich. icht mög⸗ nun von gb es ein — Dol⸗ das eil tens, endlos zu werden ſchien, aber den feſten geſunden Schlaf des Förſters nicht ſtörte. Auf dieſen endlich Rückſicht zu nehmen, ſchien Louis eine nothwendige Pflicht des Anſtandes. Er ergriff ſeine Schiefertafel und wollte nach vorn gehen. Frau Märtens ſprach von den Wirthsleuten im Vorderhauſe. Wie er es mit ſeiner„Servirung“ hal⸗ ten wolle? Ob er jetzt immer wieder„präſent“ bliebe? Ich denke wol, ſagte Louis Armand. Ich bedarf wenig. Mein Zimmer, wo ich die Proben meiner ſchwachen Talente ausgelegt habe, ſieht wie der Ein⸗ gang zu einem vornehmen Herrn aus. Nebenan hab' ich eine Kammer, ein leichtes Bett, einen Riegel für meine Kleider und bin zufrieden, wenn mir die Leute vorn täglich nur friſches Waſſer bringen. Wenn Sie etwas rekommandiren, ſagte die alte Märtens, Herr Armand, ſo ſagen Sie's nur. Und ihr minder gelehrter Gatte ſetzte hinzu: Ich glaubte, unſre Sachen ſollten nun recht Hand in Hand gehen. Mit aller Macht! antwortete Armand. Ich nehme meinen alten Plan mit Freuden wieder auf! Ich bleibe noch in dieſer ſchönen Stadt, die ich nun erſt kennen lernen will und gearbeitet muß nun werden nach Wohl⸗ gefallen. 202 Die Tiſchlermeiſterin, die trotz ihrer Pfennigblätter nach beſchränkter Leute Art auf einem und demſelben Gegenſtande lange verweilte, ſagte: Es ſind ganz accurate Menſchen, die die Appar⸗ tements vorne logiren. Heute nahm die kleine Frau das Intelligenzzettel von der Hausthür und ſagte wie ich gerade vom Markt komme: Gott ſei Dank, nun iſt Alles vermiethet! Es iſt eine reinliche Frau. Ihr Mann war— was begleitete er doch, Märtens? Armand konnte die Abneigung des alten Märtens, auf ein ſo weitläufiges, wenn auch gebildetes Geſpräch einzugehen, nur theilen. Franziska bot er die Hand. Dieſe gab ihm die ihrige. Da ihr das Blut zum Herzen drängte, war die Hand eiskalt. Er drückte ſie theilnehmend und ſah ihr fragend und forſchend in's dunkle Auge, das ſie zitternd und bewegt nie⸗ derſchlug. Heinrich Sandrart grüßte er leicht. So ging er. Unglücklich Liebende ſehen ſchwarz. Sie verdäch— tigen Alles, auch das Unſchuldigſte. Wer will dem jungen Sergeanten verdenken, wenn wie ein Blitzſtrahl in den ohnehin gehäuften Zündſtoff ſeines Mistrauens der Gedanke fiel, daß Fränzchen dieſen Franzoſen lie⸗ ber haben möchte als ihn? Ueber dieſe Vermuthung in Vorwürfen ſich Luft zu machen, hatte er kein Recht. igblätter emſelben Appar⸗ ine Frau ſagte wie k nun iſt au. Ihr tens? Märtens, Geſpräch ie Hand. zuut zum t dückte forſchend wegt nie⸗ icht. So verdäch⸗ will dem Bützſtrahl istrauens zoſen lie⸗ rmuthung ein Rect. 203 So blieb ihm nichts übrig, als ſich noch einmal an Franziska voll Liebe und Theilnahme zu wenden. Fränzchen, ſagte er, gehen Sie heut Abend mit dem Onkel und mir in's Theater! Der Hauptmann gibt mir frei bis zehn Uhr. Es wird die Leonore gegeben, ein ſo ſchönes Stück für Soldaten und für Mädchen, die einen Soldaten gern haben können... Fränzchen aber, ſtatt der Antwort, zeigte auf den Onkel, der plötzlich ſehr unruhig ſchlief, kirſchroth wurde und ſich im Schlafe krümmend bewegte... Er träumt ſchwer! ſagte Frau Märtens, die eben den Tiſch zum Mittageſſen deckte. Es drückt ihn doch nicht die Alpe? Wirklich entfuhren dem Förſter allerlei Ausrufun⸗ gen, die einen lebhaften, drückenden Traum verriethen. Fort! Fort! ſagte er. Urſchel fort! Urſchel, ſie ſoll!...— Feuer! Feuer! Es brennt—! Sie ſoll... Damit riß er ſich, unterſtützt von der Tiſchlermei⸗ ſterin, die von dem Druck der„Alpen“ Schreefliches zu erzählen wußte, auf und erwachte Wird ſchon gegeſſen? ſagte er raſch orientirt, hab' ich geſchlafen? Damit zog er die Uhr mit einem ſchönen Horn⸗ gehäuſe. Schon halb eins! ſagte er. 1 1 . 64 1 „ 1 i A ¹ 4 3 5 5 1 204 Sandrart ſtand ſtumm und ſtill. Er holte raſch ſeine Dienſtmütze. Er hatte ſich in ſeinem Flötenſpiel und der Eiferſucht auf den jungen, gewandten Fran⸗ zoſen verſpätet. In der Angſt, ſchon wieder eine Rüge „zu beſehen“, wie er's nannte, lief er davon. Fränz⸗ chen hatte ihm ohnehin ſchon durch ein Kopfſchütteln den Beſuch des ſchönen Soldatenſtückes abgeſchlagen. Die Alte gab ihm das Zeugniß hinterher: Ein guter, aber„drömeriſcher“ Menſch! Die Unterhaltung beim Mittagsmahle war eben ſo ſpärlich wie das beſcheidene Mahl ſelbſt... Die bei⸗ den alten Leute aßen wenig, Fränzchen faſt gar nichts und Heuniſch hatte zu gut gefrühſtückt und einen gar⸗ ſtigen Traum gehabt. Seine erſten Worte mußten der Frau Tiſchlermei⸗ ſterin und ihrer Bildung eine ſehr ſchmeichelhafte An⸗ erkennung zu Wege bringen. Immer, ſagte er, wenn ich von der Schneidemühle und vom Feuer träume, ſchmeckt's mir den ganzen Tag nicht. Dann liegt mir's ordentlich wie ein Alp auf der Bruſt. Wenn nur die Marzahn nicht ein⸗ mal das Haus anſteckt! Jede Nacht ſteht ſie auf und leuchtet mir mit der Lampe in alle Winkel. Ich kann von Glück ſagen, daß ich die Hunde zu Hauſe ließ. Erſt wollt' ich den Packan und die Jette mitnehmen, lie raſch lötenſpiel en Fran⸗ ine Rüge Fränz⸗ fſchütteln ſchlagen. . r eben ſo Die bei⸗ ſchlermei⸗ hafte An⸗ eidemühle n ganzen : ein Alp nicht ein⸗ e auf und Ich kann aulſe ließ. nitnehmen, die ſind die wachſamſten und ſchlagen gleich an. Ja ſie ſind Gott ſei Dank vernünftiger als die Alte! Seit ſie von einem Bruder, der in Amerika geſtorben iſt, das Geld gekriegt hat, ſieht ſie alle Nacht Geſpen⸗ ſter! Ei, Mutterſche, ſagt' ich ihr erſt vor ein paar Tagen ganz fuchswild: Mutterſche, Mutterſche, iſt ſie toll? Ich ſchieße'mal drauf los, wenn ſie wieder ſagt: Da geht der Herr Baron über die Wieſe und ſucht unter der Ebereſche ſeinen Erſtgebornen! Mann! Mann! ſagte Madam Märtens und rückte ihrem Gatten das gekochte Rindfleiſch hin zum Zer⸗ ſchneiden; ſchweigen Sie ſtill, Onkel! So etwas kommt Einem die Nacht vor, daß man nicht ſchlafen kann! Sie erzählte darauf eine lange Geſpenſtergeſchichte. Als ſie zu Ende war, ſagte Heuniſch bedenklich, wenn ſie noch ſo fortmacht, ſeine Alte, ſo glaube er doch noch, es gäbe Hexen. Wie ſie hörte, ich wollte hierher und die Fränz holen da mit ihrem Seidenhaar und dem ſtarren, tückiſchen Sinn, kam ſie mir in der Nacht, eh' ich fort⸗ nmachte, an's Bett... Jeſus! ſagte die alte Märtens. Da hätt' ich den lebendigen Tod gehabt! Die Courage muß man zuſammen nehmen! Heu⸗ niſch, ſagte ſie, wenn er an's Waſſer kommt, weiß 206 er, wo das Waiſenhaus liegt, dann ſagt doch: die Kinder ſollten im Waiſenhaus nicht ſo ſchreien! Der alte Tiſchler lachte und ſchenkte von dem Dünn⸗ Bier ein, das einer ſeiner Lehrburſchen, die des Ga⸗ ſtes wegen nicht mit aßen, auf den Tiſch ſtellte. Was für Kinder? fragte die alte Märtens voll Intereſſe mit dem Beiſatze: Dieſe Urſula iſt wol nicht recht geſcheut? Was für Kinder! antwortete Heuniſch. So muß man da gar nicht fragen! Urſchel, ſagt' ich, ſchreien ſie denn ſo die Kinder, daß du nicht ſchlafen kannſt? Ach, ſagte ſie, ich kann wol ſchlafen, Heuniſch; aber der Baron kommt und ſagt: Schweſter, was ſchreien denn die Jungen ſo? Die Gräfin will's nicht hören... Die Gräfin! fragte wieder verwundert Madame Märtens. Heute iſt's eine Gräfin, morgen der Baron, dann das Nantchen von der Sägemühle und auch einmal die Line vom Gelben Hirſch. Das geht Alles da durcheinander und wenn mir's zu bunt wird, ruf' ich: Jette!— Das iſt mein Windſpiel— Jette! Eins, zwei— die Jette unterm Bett hervor... ange⸗ ſchlagen... ihr an die Strümpfe ein Bischen ge⸗ kitzelt... Dann ſchimpft ſie über die Hunde und geht mit allen ihren Dummheiten zu Bett. och: die en! m Dünn⸗ des Ga⸗ Alte. tens voll So muß „ſchreien kannſt? ſch; aber ſchreien ſoren Madame on, daun h einmal Alles da ruf ich: 2 Eins, ange⸗ schen ge⸗ unde und 207 Die Tiſchlermeiſterin ſtarrte. Heuniſch, ſagte aber ihr Mann und ſchenkte von dem Bier ein, das dem Onkel nicht munden wollte, daß Sie Das da im Wald ſo allein aus— halten! Und ſchon die vielen Jahre! Es erbarmt ſich ja Keiner eines ſo alten Hundes wie ich bin! ſagte der Förſter mit einem ſcharfen Seitenblick auf ſeine Nichte, die kaum hörte und für ſich träumte. Frau Märtens beſann ſich jetzt von ihrem Schreck. Sie wollte das ihr nicht angenehme Thema der Mit⸗ reiſe nach dem Forſthauſe nicht wieder anregen laſſen, ſondern ſetzte auf den Schrecken dieſer Erzählung noch die Schrecken einer ihr bekannten wirklichen Hexen⸗ geſchichte. Als ſie zu Ende war, konnte Heuniſch von ſeiner Urſula Marzahn deſto unbefangener fortfahren: In der Nacht, eh' ich abreiſte, kommt ſie mir wieder mit dem Waſſer und dem Waiſenhaus an. Und weil ich gerade vor Unruhe, wie immer, wenn ich was vorhabe, nicht ſchlafen konnte, ſo ließ ich ſie heute'mal reden und rief nicht gleich die Jette. Von wem Urſchel, ſagt' ich, ſoll ich denn ein Compliment in's Waiſenhaus ſagen und die Jungens möchten ruhig ſein? Von der Gräfin! ſagte ſie und blinzelte mit 208 ihren kohlſchwarzen Augen. Und der Baron will wol auch nicht gern das Kindergeſchrei? ſagt' ich. D lachte ſie. Es können viele Menſchen das Kinder⸗ ſchreien nicht leiden, meint' ich. Wem muß ich denn ſagen, die Kinder ſollten nicht ſo laut ſchreien? Ich dächte, fuhr ich ſo im Spaß fort, ich ſagt' es lieber gleich dem König. Was, Alte? Aber Das machte ſie nun erſt ganz verdreht. Was dabei der König ſollte, ver⸗ ſtand ſie nicht und ganz ruhig geworden ging ſie fort, wie ein bellender Hund, wenn man einen Stein von der Erde nimmt. Wenn Einer verrückt iſt, muß man nur ſo thun, als wenn er ganz Recht hätte und dann geht er gleich in ſich. Der Tiſchler glaubte keine Wunder, als die in der Bibel ſtehen, ſeine Gemahlin ſchüttelte aber den Kopf und ermuthigte den Förſter, fortzufahren: Gleich darauf kommt ſie wieder und ſagt: Heu⸗ niſch, ſagt ſie, er muß das Geld mitnehmen. Schön! ſagt' ich, Urſchel. Wie viel denn? Alles? Alles? Ur⸗ ſchel gut! Die Erbſchaft von dem Bruder aus Amerika? warf Frau Märtens, die über dieſe ſchon unterrichtet war, dazwiſchen. Die Erbſchaft von dem Bruder aus Amerika! Das Geld, ſagte ſie, nimm mit und ſchlag's nur in eine Wind dann Gut, das Waß ſchel, lend ſchwi will wol ich. Da Kinder⸗ ich denn len? Ich es lieber zte ſie nun ollte, ver⸗ e fort, wie mvon der man nur dann geht die in der den Kopf agt: Hel⸗ n. Schön! llls? U Amerika? unterrichtet rika! D s nur in eine 209 Windel; und leg' er's auch noch in einen Korb und dann geh' er an die Brücke, wo das Waiſenhaus liegt! Gut, ſag' ich, Urſchel, ich gehe an die Brücke, wo das Waiſenhaus liegt. Huſch, ſchrie ſie dann, in's Waſſer! In's Waſſer? Donnerwetter, ſagt' ich, Ur⸗ ſchel, Geld wirft kein Menſch in's Waſſer. Was ſol— len denn die zweihundert Louisdors in's Waſſer? Da ſchwieg ſie, weil ich ſie ſo wieder auf meine Art ge⸗ fangen hatte. Märtens lachte über die Klugheit des Jägers, ſeine Frau tadelte aber die rationelle Auffaſſung ſolcher dun⸗ kelen Dinge und ſie meinte: Man hat doch ſchon Exempel ſtatuirt... Wo ſoll ich denn den Korb mit dem Geld hin⸗ ſetzen, Urſchel, fragt' ich, nun? Wol mitten auf die Brücke? Sie ſchüttelte den Kopf. Dann drüben an's Waiſenhaus? Da nickte ſie. Wo denn? Nun ſah ſie ſich ängſtlich um und flüſterte: Komm, es iſt Alles ſtill. Sie ſehen's nicht. Haſt du den Korb? Pſt! Da ſteht eine Schildwacht. Hier bei der Laterne. So! Da! An dem Brunnen da liegt's! Huſch! Mach nun fort! Fort! Fort! Und das Alles können Sie bei nachtſchlafender Zeit mit der Frau ſo zuſammen diskuriren? fragte Madame Märtens und ſchüttelte ſich. Die Ritter vom Geiſte. V 14 210 Alſo da ſoll ich das Geld hinlegen, Urſula? ſagt' ich, fuhr Heuniſch unbekümmert um dieſe Frage fort. Sie nickte. Will's der Baron? Sie meinte: Ja! Will's auch die Gräfin? Sie nickte wieder. Gut, Urſula, ſagt' ich, ich will mir's überlegen. Da lachte ſie zufrieden, nahm ihr Licht und ging. Und nun rathen Sie'mal was Neues? Ach mein Himmel, was denn? erſchrak ordentlich Frau Märtens, als käme nun etwas Unerhörtes. Wie ich hierher komme, hatt' ich geſtern bei einem Kaufmann, der ſich gutes Schießmaterial hält, er heißt Hackert, etwas Vorrath für den Herbſt einkaufen wol⸗ len. Such' ich den auf und finde ihn gerade gegen⸗ über dem Waiſenhaus. Da iſt die Brücke, da ſteht ein Schilderhaus, da iſt die Laterne, da iſt der Brun⸗ nen. Nun ſag' ich doch, die Urſula war vor etwa zwanzig Jahren, ehe ſie den Marzahn heirathete, wol einmal einige Zeit in der Stadt, aber ſeitdem nicht wieder und ſie hat's beſchrieben, juſt wie's war, ganz deutlich; es war mir, als ſäh' ich den Korb daſtehen an der Laterne, neben dem Brunnen, mit den Win⸗ deln und die zweihundert Louisdors darin und die Kin⸗ der ſchrieen im Waiſenhaus... Hören Sie auf! winkte die Tiſchlermeiſterin, der es nun eiſig überrieſelte. Das Bild von Kindern, die beſte ſeinſc den u v war wie ala? ſagt rage ſott. inte: Jal eer. Gut, Da lachte Und nun ordentlich oörtes. bei einem t, er heißt aufen wol⸗ ade gegen⸗ da ſteht der Brun⸗ wvor etwa raihete, wol kitdem nicht war, gan ib daſtehen den Win⸗ und die Kin⸗ eiſterin, der ſinden;/ di im Waiſenhaus vielleicht nach ihren Vätern ſchrieen, war ihr zu ſchauerlich. Bei alledem iſt die Urſula, ſchloß Heuniſch, die beſte Seele von der Welt. Sie ſorgt für mich armen einſamen Kerl und meinen Nachmittagsſchlaf— den— den hab' ich ihr auch— den hab' ich ihr auch... zu verdanken... und die Stube hält ſie im Winter warm... und reinlich iſt ſie auch... und ihr Schrank .ihr Schrank, den mag ſie... ihr Schrank... Dieſe Worte brachte Heuniſch ſchon gähnend und wieder halb ſchlafend hervor. Er hatte wenig gegeſ— ſen und nur mit beſtändigem Gähnen unterbrochen ſich und den Tiſchgenoſſen durch ſeine Erzählung die Zeit vertreiben wollen. Der Rollſeſſel, auf dem er ſaß, war ein Großvaterſtuhl, der mit einem Ruck ſich vom Tiſche fortbewegte und ihn in Schlummer ſanft in die Nähe des noch nicht gefeuerten Ofens geführt hätte, wenn ſeine letzte Beſinnung ihn nicht auf einen höf⸗ lichen Gedanken an den alten Märtens gebracht hätte, der auch gern ſeinen Nachmittagsſchlaf hielt. Er erhob ſich alſo raſch, ſagte: Geſegnete Mahlzeit! und warf ſich ohne viel Umſtände in der Kammer auf Fränz⸗ chens Bett, wo er in einer Minute entſchlummert war; der alte Märtens, unfähig ſich von Gewohnheiten zu trennen, ſchnarchte im Großvaterſtuhl. Seine Gattin 14* 212 nickte etwas am Fenſter, frei⸗ſchwebend, auf einem einfachen Stuhl mit hoher Lehne. Fränzchen aber deckte, während Alles ſchlief, ab. Die Reſte kamen in die Werkſtatt zu den Lehrjungen. Den Tiſch ſtellte ſie wieder aus der Mitte des Zimmers an die Wand und ihr Bett ſchützte ſie denn doch vor des Onkels ſtaubigen Stiefeln durch ein altes Tuch, das ſie ihm behutſam unterſchob. Dann be⸗ gann ſie, die um ſie waltende Stille wahrnehmend, einen Gedanken auszuführen, der einigermaßen Das, was ſie bedrückte, erleichtern ſollte. Sie entſchloß ſich, an Herrn Sylveſter einen Brief zu ſchreiben. auf einem ſchlief, ab. Lehrjungen. Mitte des te ſie denn ſch ein altes Dann be⸗ hrnehmend, naßen Das, tſchloß ſich, en. geben haben. Zehntes Capitel. Geſchichte eines Briefes.. Fränzchen Heuniſch hatte ſchon drei Tage auf Herrn Sylveſter gewartet. Dieſer ſonderbare Mann war nicht mehr gekommen. Die wohlüberlegte Erklärung, die ſie ihm hatte geben wollen, der in ihrem Sinne artig gewandte Dank war ihr gleichſam auf der Zunge liegen ge⸗ blieben; ſie war ihn nicht los geworden. Jeden Augenblick konnte Herr Sylveſter ſich nun wieder ſehen laſſen. Wie leicht möglich, daß er mit Armand zuſammentraf! Erſchrocken über dieſe Möglichkeit entſchloß ſie ſich, ihm zu ſchreiben. Wußte ſie auch ſeine gegenwär⸗ tige Wohnung nicht, ſo kannte ſie doch genau ſeine frühere, Königsſtraße Nr. 13. Sie hoffte dort ſchon erfahren zu können, wo ſie den Brief würde abzu⸗ Einen Brief! Einen Brief ſchreiben Menſchen, die wie Franziska Heuniſch in beengten Verhältniſſen le⸗ ben, nicht ſo ſchnell wie Leute, die ſich die Welt, in der ſie leben, früh mit dem Gänſekiel erweitern. Nicht etwa wegen der Gedanken. Die lagen ganz klar und wohlgeformt ſchon im Kopfe des jungen, ſich immer mehr entwickelnden Mädchens. Aber die Schreibma⸗ terialien! Der ganze Umſtand dabei! Was fehlte nicht Alles! Sie nahm raſch ihren Hut, ſchlug ein leichtes Flortüchelchen um den Hals, klinkte die Thür leiſe auf und ſchlich die Treppe hinunter, um eine geſchnit⸗ tene Feder, Oblaten und Papier zu kaufen. Mit dieſem Reichthum ſprang ſie in ihren Hinterhof zu— rück, nicht ohne einen Blick zu dem goldnen„Louis Armand, Vergolder“ hinaufzuwerfen, nicht ohne einen ſonderbaren Schreck, den ſie hatte, als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenſter ihres angebeteten Freundes aus einem andern Fenſter ein Kopf raſch ſich zurückzog, bei dem es ihr doch faſt war, als hätte ſie ausrufen müſſen: Himmel, Das iſt ja Herr Sylveſter! In der Hausflur blieb ſie eine Weile ganz be⸗ troffen ſtehen. Bald entdeckte ſie aber in ihrer Erin⸗ nerung an dieſe plötzliche Erſcheinung ein verſchiedenes ſchen, die miſſen le Welt, in nn. Nicht klar und ch immer chreibma⸗ hlte nicht n leichtes Lhür leiſe geſchnit⸗ fen. Mit herhof zu en„Louis ohne einen neben dem mgebeteten dopf raſch war, als ſt ja Hen ganz be⸗ ʒgrer Erin⸗ rſchiedenes 215 Haar und manches andere von Herrn Sylveſter Ab⸗ weichende. Sie mußte ſich oben ſagen: Du biſt ſo lebhaft mit der Vorſtellung an deinen Brief beſchäf tigt, daß du nichts hörſt und ſiehſt als Die Menſchen, die dich armes Kind wie einen Spielball hin⸗ und herwerfen! Als ſie wieder oben war, fand ſie Alles ſo ſtill und ſchlummernd, wie ſie die kleinen Zimmer ver⸗ laſſen. Sie erſchrak, daß ſie ihr Nähtiſchchen nicht verſchloſſen hatte, doch fand ſie Alles unverſehrt. Sie hatte jenes Gefühl, das uns in ſolchen Augenblicken ſagt: Ohne Leben war es inzwiſchen in dem ſtillen Raume doch wol nicht! Kleine Geiſter huſchten ge⸗ wiß auf und ab, laſen, was ſie nicht ſollten, kram⸗ ten, wo ſie nicht durften, legten aber Alles ganz wie⸗ der ſo unverſehrt hin, als wäre nichts geſchehen! Jetzt wollte ſie ſchreiben und erſchrak, daß ſie die Tinte vergeſſen hatte. Es war ein Gefäß dafür da, es ſtand immer in der Ofenröhre, aber es war ein getrocknet... Sie goß Waſſer dazu und rührte mit einem Spahn den ſchwarzen Brei um. Er gab hin⸗ längliche Flüſſigkeit, um einen kurzen und bündigen Brief zu ſchreiben. Als ſie fertig war, ſchloß ſie das Geſchriebene mit einer von den neugekauften Oblaten. Sie hatte, ſo 216 oft ſie in ihrem Leben ſchon Briefe geſchrieben und mit bunten Oblaten geſiegelt hatte, immer ſolche Far⸗ ben für dieſen Zweck gewählt, wie ſie dem Verhält— niſſe, an das ſie ſchrieb, zukamen. Fröhlichen Men⸗ ſchen und Freunden leichter Art, dem Onkel nach Pleſſen, ſiegelte ſie mit rothen Oblaten; Treuen, Be⸗ ſtändigen mit blau; an Louis Armand hätte ſie gewiß eine grüne Oblate, die Farbe der Hoffnung gewähit. Für den Profeſſor Sylveſter wählte ſie eine gelbe. Glücklicherweiſe erwachte jetzt die alte Märtens. Fränzchen konnte alſo ihrem Drange ſogleich folgen und den fertigen Brief in die Königsſtraße Nr. 13 tragen. Sie ordnete das Band an ihrem Hute, ihr Haar, ſie legte ſich einen hübſchen geſtickten Kragen um den ſchönen, etwas brauninkarnirten Hals, nahm die weiße Florecharpe gar zierlich über Schulter und Arme, zog ſich ein paar alte, aber ſehr gepflegte dunkle Hand⸗ ſchuhe an, verbarg den Brief in einem Taſchentuche und machte ſich mit der Erklärung, ſie käme in einer kleinen halben Stunde wieder, auf den Weg. Die Frau Tiſchlermeiſterin hatte es gern, wenn das junge Mädchen, dem ſie im Ganzen ſehr zugethan war, ſich nach Tiſche etwas„Motion“ machte. Sie nannte ſie „verſeſſener“ als ſie ſein ſollte. Franziska war es als brennte der Boden unter ieben und ſolche Far⸗ em Verhäͤlt⸗ lichen Men⸗ Onkel nach reuen, Be⸗ eſie gewiß g gewähit. ne gelbe. te Märtens. hfolgen und 13 tragen. ihr Haal, gen um den m die weiße Arme, zog unkle Hand⸗ Caſchentuche me in einer Weg. Die das junge an war, ſic e nannte ſie Boden untet ihr. Sie fühlte, da ſie nun den geliebten Freund wiedergeſehen und er ſie mit fragendem theilnehmen— dem Schmerze betrachtet hatte, daß ſie Alles aus dem Wege räumen müſſe, was ſie möglicherweiſe von Louis' Vertrauen trennen konnte. Auch mit Heinrich Sandrart gedachte die kleine Schönheit kurzen Prozeß zu machen und überlegte ſich ſchon den Brief, den ſie auch an dieſen gleich nach des Onkels Abreiſe ſchreiben wollte. Von einer Mitreiſe nach dem un⸗ heimlichen Forſthauſe, in den engen Wald, wo die gelben Blumen auf dem Sumpfe und die weißen Zuckerkügelchen auf den geſtrichenen Zwetſchenbroten ihr eine grauenvolle Erinnerung boten, war jetzt, wo ihr Louiſe Eiſold den„Muth des Herzens“ eingeflößt hatte, keine Rede. Fränzchen kam in die lange geräuſchvolle Königs⸗ ſtraße und ſuchte nach der Hausnummer. Sie fand ſie bald. Es war ein großes ſtattliches Haus mit vielen Stockwerken und mit einer großen Anzahl von Fenſtern. Ein Hinterhaus war nicht ſichtbar. Sie hatte geglaubt, die erſte Anfrage ſchon würde ihr die Klingel zeigen, wo ſie ihr Briefchen abgeben könnte. Unten waren nur Läden, im erſten Stocke wohnten die Beſitzer derſelben. Im zweiten verwies man ſie in den dritten. Niemand kannte einen Profeſſor Syl⸗ 218 veſter. Niemals hatte ein franzöſiſcher Sprachlehrer dieſes Namens hier gewohnt. Der Gedanke, daß ſie von dieſem zweideutigen Manne, der„grünen Brille“, könnte getäuſcht ſein, kam ihr ſowenig ein, daß ſie, als man ihr im dritten Stocke ſogar kurzweg die Thüren vor der Naſe zuſchlug und ein impertinentes „Wohnt hier nicht“ zurief, auch noch über eine dunkle, ſchmuzige, ſteinerne Stiege in den vierten Stock ſtieg. Hier ſah ſie ſchon die Dächer der Nachbarhäuſer. Sollte Herr Sylveſter hier gewohnt haben? Die Klingelſchilder, die ſie fand, konnte ſie in der Dunkel⸗ heit kaum leſen. Keins zeigte Den Namen, den ſie ſuchte. Wie ſie voller Betrübniß ſo ſtand und ſich deut⸗ lich zurückrief, wie ihr Herr Sylveſter anfangs dieſes Haus, und nur dieſes, das ſie im Vorübergehen oft darauf angeſehen hatte, als ſeine frühere Wohnung genannt, war ſie unentſchloſſen, ob ſie nun hier doch noch klingeln ſollte. In dem Augenblick hörte ſie einen lebhaften Wort⸗ wechſel, der hinter einer dieſer ſchon ſchwarzen, ver⸗ räucherten Thüren geführt wurde. Schämen Sie ſich, ſagte eine alte keifende Stimme; Sie bringen's noch ſo weit, daß Sie bald Ihr feſtes Quartier angewieſen kriegen! W Sprachlehrer nke, daß ſie nen Brille“, in, daß ſie, kurzweg die npertinentes eine dunkle, Stock ſtieg. ihhbathäuſer. zaben? Die der Dunkel⸗ ten, den ſie d ſich deut⸗ fangs dieſes bergehen oft re Wohnung un hier doch haften Wolt⸗ watzen, ver⸗ nde Stimmei d Ihl feſe 219 Eine andere hellere weibliche Stimme lachte laut auf. Lachen Sie nur, ſagte die ältere Stimme wieder, ſeit dem letzten male, wo Sie gefaßt wurden, iſt dem Oberkommiſſär ſchon die Geduld geriſſen. Er läßt das Vögelchen nicht wieder fliegen, wenn er's nun beim Fittich hat! Nur höhniſcher Spott von der Andern war die Antwort. Wann bekomm' ich meine vier Thaler? Machen Sie ein Ende oder... Weſen, ich rathe dir! Verklagen Sie mich! war die Antwort auf dieſe wilde, dreifach geſteigerte Apoſtrophe. Die Gerichte werden Ihnen anſtreichen, Miethe für Hausſchlüſſel zu fodern. Haben Sie einen Gewerbſchein auf Haus⸗ ſchlüſſel? Die Alte dämpfte jetzt die Stimme und ſprach et— was, was Fränzchen nicht verſtand. Mag ihn nicht! ſagte übermüthig lachend die Junge. Wenn ich einen Alten nehmen ſoll, weiß ich Einen, der viel flotter iſt... Fränzchen wollte auf ſolche Aeußerungen, vor de— nen ihr ſittliches Gefühl ſchauderte, gehen, aber die Erwähnung eines Alten feſſelte ſie doch. Sie dachte, ſollte Das wol der franzöſiſche Sprachlehrer ſein? Die Alte ſprach wieder etwas leiſer... —— 1 4 4 1 1 — 220 Die Junge antwortete mit derſelben höhniſchen Zurückweiſung wie vorhin: Daß Bartuſch mir nicht hierher kommt! Ich werf' ihn die vier Treppen hinunter, daß er nicht wiſſen ſoll, ob er fliegt oder ſtolpert. Die Stimme der Alten wurde etwas hörbarer. Was kann Ihnen denn, ſagte ſie, Gold und Ju⸗ welen helfen, wenn Ihnen die Polizei die Sächelchen öffentlich abreißt und Ihnen einen Namen als Diebs⸗ hehlerin anklext! Der Alte, den Sie meinen, wohnt jetzt auch bei uns, hinter den Eiſenſtangen, wo der Mond⸗ ſüchtige gewohnt hat. Wir wiſſen ja, was Pax von ihm hält! Alles paßt ihm auf. Schrecklich, jede drei Tage wird angefragt, was Der mit der ſchwarzen Binde treibt! Die Stimme der Jüngern ſprach jetzt ſchwächer. Fränzchen konnte ſie nicht verſtehen. Die Erwäh⸗ nung von dem Manne mit der ſchwarzen Binde feſſelte ſie. Es war Der, der bei Louiſe Eiſold eingezogen war!.. In dem Glauben, doch noch vielleicht etwas vom Herrn Sylveſter zu hören, blieb ſie ſtehen, un— ſchlüſſig, ob ſie klopfen ſollte. Sie hörte wohl, daß beide Frauen fortſprachen, aber ſie konnte nichts Deutliches mehr unterſcheiden. Leute dieſer Gattung ſtreiten ſich oft, dann ſcheint höhniſchen 1 Ich werf wiſſen ſoll zörbarer. d und Ju⸗ Sächelchen als Diebs⸗ „wohnt jett der Mond⸗ ¹s Par von h, jede drei r ſchwarzen ſchwächer. Die Erwäh⸗ Binde feſſelte eeingezogen leicht etwas ſtehen, un⸗ fortſprachen, nterſcheiden. dann ſcheint 221 es plötzlich, als wenn ſie ſich verſöhnten, ſie lachen ſogar und ehe man ſich's verſieht, bricht wieder die alte Wuth hervor. So kreiſchte jetzt eine Stimme auf. Es war die Jüngere... Meine Ohrringel ſchrie ſie. Alte, ich bringe dich um. Nun lachte die Alte. Sie hatte ſich ohne Zweifel für die Schuld, die ſie bei der Jüngeren beanſpruchte, ſelbſt pfänden wollen. Hinaus! ſchrie die Jüngere. Spitzbübin! Du haſt die Perle abgeriſſen! Flickſchuſterin, hinaus, Drache! Wo liegt meine Perle? Nun, nun, ſagte die Alte ſie beruhigend und ängſt⸗ lich, ich will ſuchen helfen... Nicht unterſtanden! Keinen Griff auf die Erde! Stehen geblieben! Die Hände hergezeigt! Schändliches Weib, meine Perle! Wo liegt meine Perle? Glasperle! Zwei Dreier an Werth! lachte die Alte. Der Plundermatz verkauft welche für vier Pfennige. Es dauerte eine Weile, bis wieder geſprochen wurde . Wahrſcheinlich ſuchte die Jüngere auf der Erde, während die Alte tückiſch lachte und ſich nicht rühren durfte, damit ſie unter dem Schein zu ſuchen nichts ein— ſteckte. Wir kennen dies Talent der Frau Mullrich von den drei Thalern her, die ſie für Hackert ſuchen half. 222 Da iſt ſie ja! rief ſie aber doch zuletzt. Und nun hab' ich keine Geduld mehrl! ſetzte ſie ärgerlich und giftig polternd, angeſchwollen von ihrer bewieſenen Ehrlichkeit hinzu: Dem Grauen ſchließt ſie die Thür, meine vier Thaler gibt ſie mir auch nicht! Sie denkt wol, ich weiß nicht, mit wem ſie ſich herumzieht? Für wen ſie jetzt thut, als hätte ſie niemals auf Nr. 17 bei mir gewohnt? Sie denkt wol, Der mit den Nankingkamaſchen wird nicht bald dahinter kommen, daß ſie... Weiter ſprach die Stimme nicht. Ihre nächſte Aeu⸗ ßerung war ein furchtbares plötzliches Krächzen und Würgen. Mühſam preßte eine am Erſticken nahe Kehle die Worte hervor: Hülfe! Hülfe! Sie würgt mich! Franziska Heuniſch wußte nicht, was ſie nun thun ſollte. Schon war ſie im Begriff geweſen zu gehen, ſchon zitterte ſie jetzt vor Angſt, ob ſie nicht Hülfe rufen ſollte, als die Stubenthür von innen aufge⸗ ſtoßen wurde und ein junges, ſchlankes, ſchöngebautes Frauenzimmer eine Alte mit einem einzigen athletiſchen Wurfe über die Schwelle ſchleuderte und ſcheinbar kalt, aber zornglühend, ſogleich die Thür wieder zuſchlug und von Innen mit den Worten verriegelte: Das iſt für Den mit den Nankingkamaſchen! Frä MUnd nun gerlich und bewieſenen die Thür, Sie denkt zieht? Für zuf Nr. 17 emit den er kommen, nächſte Aeu⸗ rchzen und nahe Kehle te nun thun n zu ghen, nicht Hülfe nen aufge⸗ höngebautes athletiſhen heinbat kal der zuſchlug lte: ngſchen! 223 Daß hier Herr Sylveſter nicht wohnen konnte, ſah Fränzchen nun wohl und wollte entfliehen. Die Alte aber ſchrie ihr nach: Manſell! Fräulein! Hören Sie! Warten Sie! Und während ſich Franziska nur umſah, hatte die Alte ſie ſchon mit ihren ſchwarzen Pechkrallen gepackt und überſchüttete ſie unter lautem Geſchrei mit den Worten: Sie hat mir eine Rippe zerbrochen— Sie müſſen's bezeugen— Manſell, Sie haben's geſehen! Liebe Frau, laſſen Sie mich— bat Fränzchen flehentlich. Sie hat mich morden wollen— Sie haben's ge⸗ ſehen— Sie müſſen's beſchwören! Bitte, ich bin hier fremd— ich ſuchte nur... ich hatte einen Brief hier— Ich reiß' Ihnen den Brief weg, wenn Sie mir nicht ſagen, wer Sie ſind! Fränzchen verſteckte ihren Brief mit Blitzesſchnelle und rief: Um Gotteswillen, was wollen Sie denn von mir, liebe Frau? Die Alte packte Fränzchen und krächzte: Bezeugen ſollen Sie's, beſchwören müſſen Sie's, 224 daß ſie mich hat würgen wollen! Die Kehle hat ſie mir zugeſchnürt mit ihren Diebsfingern! Da ſind noch die Krallen in meinem ehrlichen Halſe! Wie heißen Sie? Gott! Sie hat mir eine Rippe zerbrochen... Ich habe den Tod weg... Fränzchen wurde jetzt mitleidig und ſchickte ſich ſchon an, ihren Namen zu ſagen, als wieder die Alte ſie packte und rief: Wo wohnen Sie? Wer ſind Sie? Sagen Sie's oder Mamſell, ich laſſe Sie nicht los und ſollten die Straßen zuſammenlaufen. Ach! Ach! Mir wird ſchwach... Herr Gott! Was iſt Ihnen? Soll ich Sie nach Hauſe fahren laſſen? Wohin denn? Wer ſind Sie? Die ängſtlichen Fragen der von einem merkwür⸗ digen ſchauſpieleriſchen Talente der Flickſchuſterin ge⸗ täuſchten Fränz, mit wem denn ſie die Ehre hätte, beantwortete dieſe: Ich bin die Mullrich, Vizewirthin von der Brand⸗ gaſſe Nr. 9. Mein Mann iſt von Profeſſion ein Schloſſer, von Gewerbeſchein ein Schuſter, ſteht aber bei der Polizei als Offiziant und ich bin die Vize⸗ wirthin. Dieſe Mörderin heißt Auguſte Ludmer! Das bringt ſie auf zehn Jahre in's Criminal! Wie heißen Sie, Mamſell? ehle hat ſie da ſind noch Wie heißen brochen... ſchickte ſich der die Alte n Sie's oder die Straßen zwach. ſch Sie nach im merkwür⸗ chuſterin ge⸗ Ehre hätte, der Brand⸗ gfeſſon ei 7, ſteht abet in die Vih⸗ udmer! Das Vie heißen 225 Wenn es Sie beruhigen kann, ich heiße Franziska Heuniſch... Franziska Heuniſch! Und Ihre Wohnung? Wallſtraße Nr. 14. Beim Tiſchler Märtens. Beim Tiſchler Märtens! Ach du mein Heiland... Das will ich mir merken. Ach ich ſterbe... Da hab' ich doch meine Satisfaction! O, o, dieſe Creatur! Sie haben's gehört, daß ich Hülfe geſchrien habe? Sie haben's gehört? Leider! Leider! Sie haben's geſehen, daß ſie mich mit Füßen ge⸗ treten hat... Mit Füßen getreten? ſagte Fränzchen, erſchrocken über die Abweichung von der Wahrheit. Mit Füßen getreten, geſchunden, gekratzt hat ſte mich! Damit heulte die Vizewirthin aufs neue. Fränzchen wollte entgegnen, die Lebhaftigkeit der Phantaſie dieſer Frau berichtigen, allein der Lärm hatte alle Dienſtmädchen des Hauſes, alle Comptoir⸗ diener der untern Läden zuſammengerufen und in der verzweifeltſten Beſchämung, ſich hier in eine ſo wider⸗ wärtige Begebenheit verwickelt zu ſehen, gab ſie Alles zu, um nur fortzukommen. Glücklicherweiſe gelang ihr Dies. Während Frau Mullrich den Umſtehenden ihre Schickſale mit dieſem Die Ritter vom Geiſte. V. 15 226 „abſcheulichen Frauenzimmer oben“ ausführlich und übertrieben erzählte, fand ſie eine günſtige Gelegenheit, davonzuſchlüpfen.... Die Königsſtraße iſt ſo leb⸗ haft, daß ſie bald unter den Menſchen verſchwand und von ihrer Verfolgerin, deren Krallen ſie noch immer im Nacken fühlte, nicht mehr entdeckt wurde. Ihren Namen, hoffte ſie, würde ſie vergeſſen haben. Sie entſann ſich, daß dies der wachende Hausdrache bei Louiſe Eiſold geweſen war, und bedauerte nur, wie ſie nun wol kaum jemals wieder würde verſuchen können, jenes Haus zu betreten! Wie ſchöpfte ſie mit angſtbefreiter Bruſt Athem, als ſie wieder friſche Luft und Sonne und Sicherheit um ſich hatte! Anfangs fühlte Fränzchen, erlöſt von der eben über⸗ ſtandenen Pein, nur im geringeren Grade die unan— genehme Täuſchung, die ſich Herr Sylveſter mit ihr erlaubt hatte. Als ſie ſich aber wieder ihrer Woh— nung näherte, ärgerte ſie es denn doch empfindlich, daß dieſer ihr jetzt vollends abſcheuliche Mann ſich vielleicht einer falſchen Adreſſe bedient hatte. Sie konnte nicht glauben, daß er da gewohnt hatte, wo jener Zank vorgefallen war... Das entſchloſſene zweideutige junge Frauenzimmer hatte ſie wohl erkannt! Es war jene ſchmuckbehangene Auguſte Ludmer vom Fortunaball geweſen, die mit hrlich und Helegenheit iſt ſo leb⸗ verſchwand ſie noch eckt wurde. ſeen haben. Hausdrache te nur, wie e verſuchen pfte ſte mit friſche Luft reben über⸗ e die unan⸗ ſter mit ihr ihrer Vol enyfndlih Mann ſich Sie konnie jenen „wo! raueninne uchehangn ſen, die m 227 dem Glockenſchlage vier von den Agenten der Polizei mit jenem älteren Manne verhaftet wurde, den ſie nun ſchon unter dem Namen eines Engländers Mur⸗ ray kannte... Wie überlief es ſie kalt bei dem Ge— danken, daß ſie mit ſolchen Menſchen vor Gericht tre— ten ſollte, Zeugniß ablegen, ja nur mit ihnen zuſam⸗ men genannt werden! In dieſer Qual, vor Louis Armand's Augen im— mer tiefer ſich in einen falſchen Schein zu ſtellen, immer mehr ſich in ungünſtige, ohne ihre Schuld, gegen ſie ſprechende Beziehungen zu verwickeln, betrat ſie die Wallſtraße. Da ſah ſie wieder ihr Haus, Armand's leuchtendes Schild und jenes Fenſter, wo es ihr vor noch nicht viel über eine Stunde geweſen war, als hätte ſie an ihm etwas entdeckt, was Herrn Sylveſter's Kopfe ſo ähnlich geſchienen, daß ſie im erſten Augenblicke dachte: Da iſt Herr Sylveſter bei Louis Armand ſelbſt zum Beſuche! Sie ſprechen über die Beſtellungen für jene Gräfin, über dich! Louis ver⸗ urtheilt dich, ohne dich gehört zu haben! Was thut es, dachte ſie, als ſie in die Hausflur trat, du klopfſt oben bei der Frau an, die ſo glücklich iſt, alle ihre Zimmer nun vermiethet zu haben, du frägſt, wer neben Louis Armand jetzt wohne 15* 228 Ohne weiter zu zögern, ſtieg ſie die Treppe hinauf. In dem Augenblicke hörte ſie oben eine Thür zu⸗ ſchließen. Sie wandte den Kopf, ſah hinauf; es war Louis, der eben im Begriff ſchien auszugehen. Sie zögerte. Sie war ſo erſchrocken, daß ſie umwenden wollte. Indem hatte ſie aber Louis ſchon bemerkt. Ah, Mademoiſelle, rief er angenehm überraſcht und über die ernſten Geſichtszüge, mit denen er ſeinen Zettel an der Thür, der jede Beſtellung während ſeiner Abweſenheit an den Tiſchler Märtens im Hinterhofe verwies, flüchtig überſah, flog ein Strahl ſanfter Freude. Wie kommen Sie hierher, Mademoiſelle? Fränzchen ſtotterte etwas, ſah auf ihren Brief und wußte vor Verlegenheit nicht, welche Ausrede ſie finden ſollte. Louis blickte auf den Brief und war erſtaunt eine franzöſiſche Adreſſe zu leſen: A Monsieur Monsieur le Professeur Sylvestre de Paris... Die Worte waren ganz orthographiſch geſchrieben. Haben Sie Das geſchrieben, Franchette? fragte Armand. Ja, antwortete Fränzchen ſchüchtern. Der Herr iſt in dieſer Zeit mein Lehrer geweſen. Ich wollte ihm ſchreiben, daß ich kein Talent für Sprachen habe und ihn bäte, nicht mehr zu kommen. ppe hinauf. Thür zu⸗ ufz es war gehen. Sie umwenden bemerkt. überraſcht en er ſeinen hrend ſeiner Hinterhofe nfter Freude. ihren Brief Austede ſie erſtaunt eine Monsieur le geſchrieben. heite! fragte „Der Helt ch wolle ihm ). 4 en habe und Nicht mehr zu kommen? Warum, liebe Franchette? Kein Talent? Fränzchen hatte jetzt keine Antwort. Sie blickte verlegen bald auf die Stufen, auf denen ſie noch ſtand, bald über das Geländer hinüber an die Thür, welche Louis eben verſchloſſen hatte und die Nebenthür. Wer wohnt da? fragte ſie. Ich ſehe eine Karte an der Thür. Kommen Sie, wir wollen leſen, liebe Franchette! Fränzchen ſtieg die Treppe nun ganz hinauf und hörte, daß Louis ſchon ſagte: Ein Italiäner iſt mein neuer Nachbar! Leſen Sie! Fränzchen ſah auf die angeheftete Viſitenkarte und fand die einfachen Worte: Signor Barberini. Signor Barberini! wiederholte ſie und ſprach für ſich: Der iſt es nicht. Es konnte Louis nicht entgehen, daß Fränzchen in Verlegenheit und einer gewiſſen Aufregung war.... Er wollte zu Egon, um mit ihm zu ſpeiſen, da hatte er wohl noch eine halbe Stunde Zeit, um die Gele⸗ genheit zu benutzen, einige Worte mit einem Mädchen zu wechſeln, zu dem er ſich ſo innig hingezogen fühlte und das ihm durch dieſe lange, von ihm nicht ver⸗ 3 b 4 mit ſchwarzen Brauen umrandeten Auge wol einen 1 mächtigen Zauber geben. Wie dieſe beiden kleinen 4 1 kryſtallenen Kugeln ſo zitternd und wie lebendig ge⸗ 4 wordene Worte auf Louis ruhten, fühlte ſich dieſer 5 feurig bewegt, ſchlug leiſe ſeinen Arm über des Mäd⸗ 1 8 chens Schulter und ſagte: 1 Meine liebe Freundin! Sechs Wochen Trennung! 1 Sie haben mich vergeſſen! 1I1 In dieſem Augenblick ſtand die Thür ſchon auf — 3 und Fränzchen wurde geblendet von dem ſchönen An⸗ blick. Das elegante, weißtapezirte Zimmer hatte keine andern Möbel als rings an den Wänden einige mit 8 230 ſchuldete Trennung auf eine ſein Inneres beklemmende Weiſe entrückt war. Ohne lange zu zögern, ſchloß er die Thür ſeiner Wohnung auf und ſchlug Franziska vor, einen Augen⸗ blick bei ihm einzutreten. Sie ſah ihn mit großen Augen an, als wollte ſie ſagen: Iſt Das erlaubt? Darf ich Das? Und wenn ich es wagte, weil ich dich liebe, würd' es mich denn auch bei dir nicht herabſetzen? So viel Gedanken und Empfindungen in einem einzigen Augenblicke ausgeſprochen, müſſen einem gro⸗ ßen, braunen, von ſchwarzen Wimpern beſchatteten, rothem Plüſch überzogene Divans und einige Tabou⸗ eklemmende Thür ſeiner nen Augen⸗ z wollte ſie Und wenn mich denn n in einem einem gro⸗ beſchatteten, wol einen den kleinen lebendig ge eſcch dieſe er des Mäͤd⸗ Trennung rſchon ali ſchönen A t hatte feine n einige mi nige Trtar 84 231 rets von gleichem Zeuge. An den Fenſtern hingen weiße großgeblumte Gardinen mit goldbronzenen Hal⸗ tern. An den Wänden ſah man Spiegel mit goldenen Rahmen und große Cartons mit Rahmenmuſtern in den geſchmackvollſten Formen. Auf einem großen Tiſche in der Mitte des Zimmers lagen Zeichnungen, Gold⸗ leiſten und die zierlichſten Holzſchnitzereien. Und dennoch würde ſich Fränzchen von dem ſchö⸗ nen Anblick nicht haben ſogleich blenden laſſen und eingetreten ſeien, wenn ſie nicht plötzlich im Neben zimmer ein gewiſſes Huſten gehört hätte. Dies Hu⸗ ſten erinnerte ſie ſchreckhaft an den Profeſſor Syl⸗ veſter. Er behauptete, ſich ſeit dem Fortunaball einen unausrottbaren Katarrh geholt zu haben, ſchmähte über das Klima dieſer wilden Gegenden des Nordens und huſtete oft ſo ununterbrochen, daß er, um ſich zu er⸗ holen, aufſtehen und einen Gang durch's Zimmer ma⸗ chen mußte. Ganz dieſem Huſten ähnlich klang es jetzt von der dünnen Wand her, die dies Geſchäfts⸗ zimmer des jungen Franzoſen von der Wohnung des Signor Barberini trennte. Darüber betroffen nach⸗ grübelnd folgte ſie faſt willenlos der Aufforderung ihres ernſten und ſo liebevoll bittenden Gönners, daß ſie zuletzt in ſeinem Zimmer war, ſie wußte nicht wie. Mit welcher Pein ſank ſie auf eins der zierlichen 232 rothen Tabourets nieder! Wie bebte ſie, wenn ſie ſich dachte, die Thür, die Louis eingeklinkt hatte, könnte aufgehen und irgend Jemand, an deſſen guter Mei⸗ nung von ihr ihr etwas gelegen ſein müßte, träte ein! Daß Der, an deſſen Urtheil ihr ſelbſt am meiſten ge⸗ legen war, ſie ſelbſt hier hatte eintreten laſſen, tröſtete ſie und die erſte Beklemmung wich bald einem frohe⸗ ren Gefühle. Franziska, begann Louis Armand mit beſcheidener Zurückhaltung und ohne den mindeſten Anſchein, als könnte er die gewagte Situation zu ſeinem Vortheile benutzen wollen, Franziska, haben Sie meine kleinen Verſe erhalten? Ich wollte Ihnen dafür danken, ſagte Fränzchen ſchüchtern, aber ich fand nichts, was Ihrem Geſchenk würdig antwortete. Das kleine Gedicht iſt in der Theilnahme gedacht worden, die ich für ein weibliches Gemüth empfinde, das ſich vom Schickſal auf die große Aufgabe ange— wieſen ſieht, unter Entbehrungen die Tugend zu lie⸗ ben. Ich bin betrübt geweſen, Franziska, daß Sie die Gefahren ſelbſt aufſuchen, denen nicht jedes Herz zu trotzen im Stande iſt! Fränzchen ſchlug erröthend die Augen nieder. Sie beſuchen die nächtlichen Bälle— wenn ſie ſich atte, könnte guter Mei⸗ t, träte ein! meiſten ge⸗ ſen, tröſtete inem frohe⸗ beſcheidener lnſchein, als em Vottheile neine kleinen te Fränzchen rem Geſchent ahme gedacht ith empfinde, fgabe ange⸗ ngend zu 8 ka, daß S tt jedes Her nieder. 233 Herr Armand... war Alles, was Fränzchen ſtot⸗ tern konnte. Sie haben auf einem Ball, der bis tief in die Nacht währte, jenen Landsmann von mir kennen ge⸗ lernt, der, wenn er Ihnen den Unterricht, den Sie von ihm empfingen, ganz ohne Entſchädigung gab, ſehr von der Natur meiner Nation abweichen muß. Ohne Entſchädigung? Wie meinen Sie Das, Herr Armand? Der junge Soldat, den ich heute bei Ihnen traf, iſt, ich weiß es, unglücklich, daß er den Platz, den er in Ihrem Herzen ſucht, von Herrn Sylveſter be⸗ ſetzt findet. Fränzchen hätte über dieſe Worte weinen mögen. Sie fühlte nun, wie ſie Louis Armand erſcheinen mußte. Sie erkannte, wie unvorſichtig ſie ſich dem Urtheile der Welt ausgeſetzt hatte; wer wußte denn, warum ſie Herrn Sylveſter's Beſuche geduldet hatte! Statt aller Antwort riß ſie das Billet auf und gab es Louis zu leſen. Dieſer ſah ſie voll Zärtlichkeit an und lehnte es entſchieden ab, in ihre Geheimniſſe zu dringen. Meine liebe Franchette, ſagte er mit dem ſanften Tone wieder, der dem deutſchen Mädchen einſt ſo wohlgethan hatte, weil die Deutſchen in der Sphäre, 234 wo ſie lebte, noch nicht jene Weichheit und graziöſe Zurückhaltung beſitzen, die in Frankreich bei den Arbei⸗ 7„3e tern ſchon die Folge der großen geſellſchaftlichen Umwäl⸗ 2.— zungen geworden iſt. Liebe Franziska, wie darf ich... Leſen Sie! ſagte Franziska entſchieden. Als Lonis zögernd geleſen hatte, ſagte er: Sie lehnen den ferneren Unterricht dankbar ab. Ihre Zeit, Ihre geringen Talente, ſagen Sie, verhin⸗ derten Sie daran... Drinnen huſtete es jetzt ſo ſtark, daß Franziska hätte aufſpringen mögen und ſagen: Das iſt ja Herr Sylveſter! Wenn Sie der Sprache meines Landes die Chre anthun wollen, ſagte Louis lächelnd, ſte zu erlernen, ſo würd' ich mich gern zur Fortſetzung des Unterrichts erbieten; allein Sie haben Urſache, den jungen Ser⸗ geanten, der Sie auf einem nächtlichen Balle kennen lernte, zu ſchonen... In dieſen ruhig geſprochenen Worten lag doch eine Bitterkeit, die Franziska ſo verwundete, daß ſie hätte aufſchreien mögen. Mit Leidenſchaft für ſich das Wort zu ergreifen, war ſie aber nicht im Stande. So blieb ihr nichts übrig, als zu weinen. Sie verkennen mich! ſagte ſie mit erſtickter Stimme. Louis ſah zur Erde nieder. Aufzuſpringen, ſie zu 35 d Naziſe umarmen, ihr zu Füßen zu fallen, wagte er nicht. den Atbee Was konnte er ihr bieten? Eine Trennung von der en Umwi- Heimat. Ein ungewiſſes Loos auf fremdem Boden, arf ich.. wo ſie allen neuen Lebensbedingungen vielleicht erle— 2 gen wäre? Ihn ſelber band es an Egon's künftigen er: Lebenslauf. Wußte er, wohin ihn dieſer noch einſt nkbar ab. führen konnte! Er traute auch ſeiner Theilnahme für 1 ſe, verhin⸗ das junge Mädchen nicht. War es Liebe, war es Mitgefühl für ihr Weſen, das er bisher ſo ſtill und Franziska ſittſam erkannt hatte? Er gehörte, das hatte er oft iſt ja Herr ſchon hören müſſen, zu jenen, jetzt ſo vielfach anzu⸗ treffenden Menſchen, die in der Reflerion heimiſcher die Ehre ſind als in der Welt der That. Jede Sphäre, auch erlernen, die unterſte, hat ihre Hamlet's aufzuweiſen und die Unteriichts franzöſiſche Nation hat ſich ſeit dreißig Jahren völlig ngen Ser⸗ verändert. all kennen Da Louis nichts that, die peinliche Situation zu erleichtern, ſo fühlte ſich Franziska ſittlich gezwungen doch eine und durch die Wahrheit ermuntert, für ſich das Wort ſe hätte zu ergreifen. Sie erzählte ihm denn in der Kürze ſo des Won viel, hals nöthig war, um die Veranlaſſung, die ſie So bliet auf einen der berüchtigten Fortunabälle geführt hatte, in einem für ihre Moralität günſtigeren Lichte erſchei⸗ Sng nen zu laſſen. Sie konnte die ganze Wahrheit nicht et S ſen aagen, daran verhinderte ſie die Rückſicht auf Louiſe gen, 5 1 1 1 1 Eiſold. Aber auch die Umſtände, die ſie erwähnen zu dürfen glaubte, reichten hin, in Louis jeden Verdacht niederzuſchlagen. Er reichte ihr in freudiger Bewe⸗ gung ſeine Hand und bat ſie um Verzeihung. Warum ſind Sie aber nur ſo ſtreng gegen mich? ſagte ſie lächelnd, als er die Hand in der ſeinen hielt. Louis konnte der Liebenswürdigkeit dieſes Blickes, dieſer Frage, dieſes Lächelns nicht widerſtehen. Ohne ſich jedoch fortreißen, von ſeiner aufwallenden Leiden⸗ ſchaft bewältigen zu laſſen, nahm er Fränzchen's Hand, ſtreifte den Aermel ihres Kleides etwas zurück und drückte einen innigen Kuß auf die Stelle, die der Hand— ſchuh dort frei ließ. Fränzchen wurde es dabei ſo wunderlich, ſo ſelig war ihr zu Muthe, daß ſie nun nicht anders als laut lachen konnte. Es war die herzlichſte, innigſte Freude, die in ihrer Bruſt überwallte, und wenn ſie nicht eine ſo hohe Verehrung vor Louis Armand und ſo ängſt⸗ liche Begriffe von Schicklichkeit gehabt hätte, Das mußte ſie ſich ſagen... eigentlich hätte ſie den pedantiſchen jungen Mann nehmen, ſein krauſes Haar ihm von der Stirn wegſtreichen und dieſe edle weiße Stirn küſſen mögen. Natürlich geſchah Das nicht und auch der ſelbſt⸗ quäleriſche Louis bekämpfte ſich und legte auf ſeine vähnen zu⸗ Verdacht ger Bewe⸗ mg. gen mich? einen hielt. s Blickes, en. Ohne den Leiden⸗ en's Hand, zurück und der Hand⸗ h, ſo ſelig es als laut gſte Jreude, je nicht eine dſo ängſt Das mußte edantiſchen tihm don veiße Stirn hder ſelbſ e auf ſeine 237 Empfindung die Dämpfer ſeiner eigenthümlichen, me— lancholiſchen und krankhaften Lebensauffaſſung, die er mit einer ganzen Schicht unſerer arbeitenden Stände von jetzt gemein hat... Wie Louis Armand gibt es in allen großen Werkſtätten, wo mehr als ein Dutzend Arbeiter zuſammen wirken, gewiß immer einen unter ihnen, der eine Art Propheten abgibt. Einer von ihnen trinkt nicht, zankt nicht, ſpielt nicht, tanzt nicht, ſondern lieſt und ſchreibt ſogar, dichtet oder ſingt, wird zuweilen ausgelacht, meiſt aber geliebt und bewundert. Er iſt ſozuſagen der Traumdeuter der Werkſtatt, der Hoheprieſter und Schriftgelehrte, deſſen Traumaus⸗ legungen aber noch träumeriſcher ſind als die Träume der Andern. In jeder großen Werkſtatt gibt es einen Rabuliſten, einen Poſſenreißer und einen Philoſophen. Ihr Onkel, ſagte der ſelbſtquäleriſche, zurückhal⸗ tende Armand, iſt recht unglücklich, daß Sie den jun⸗ gen Sergeanten foltern, liebe Franchette! Er ſagte dem Prinzen, daß dieſer junge Krieger der Sohn eines reichen Landmanns iſt. Ich fand ihn fein und artig. Auch ſein Spiel auf der Flöte verrieth mir, daß er ein Herz hat. Und Liebe! Liebe, die ſich auch be⸗ währt in der Demüthigung, daß man ſie nicht erhört! Die Welt iſt ſehr arm an ſolcher Liebe, die nicht liebt, um wieder geliebt zu werden, liebe Franchette! 288 Ich mag ihn nicht! war Fränzchen's ganze kurze, runde deutſche Antwort. Sie verſtand die eigenthüm⸗ liche leidende und entſagende moderne Philoſophie ihres Gönners nicht. Er iſt reich— fuhr Dieſer, wie ein Stoiker, fort. Wenn auch! Der Onkel will eine Beruhigung für ſein Alter. Er freut ſich darauf, irgendwo gut aufgenommen und von Herzen geliebt zu ſein... Ich weiß, es iſt recht lieblos von mir... aber es geht nun doch nicht! Sie ſollen mit ihm in den Wald! Fränzchen ſchüttelte den Kopf. Sie bleiben? Fränzchen nickte. Ah! ſagte Louis, dem ſich die Bruſt doch erwei— terte, dafür dank' ich Ihnen! Wenn Sie gingen, wüßt, ich doch nicht, ob ich noch in Deutſchland bliebe. Bedurft' es mehr, um zu ſagen: Franziska, hier ſchlägt dir ein Herz voll Liebe und ewiger Treue? Aber theils des Nachbars Huſten, theils die eigene Befangenheit und Unentſchloſſenheit Armand's hinderte, daß es trotz der zärtlichſten Wendung des Geſprächs zu einer förmlichen Erklärung kam. Louis hielt Fränzchen's Hand, küßte und drückte ganze kurze, eigenthüm⸗ ſophie ihres ktoiker, fort. ſein Alter. ommen und ir... aber doch erwei⸗ ngen, wüßt 8 bliebe. nziska, hie Treue? ls die eigene ds hinden 5 geſpräch und drückte 239 ſie, ſah ihr in's Auge voll Güte und wiedergewon⸗ nenen Vertrauens, aber einer ſtürmiſchen Leidenſchaft war ſeine melancholiſche krankhafte moderne Volks⸗ Philoſophie nicht fähig. Fränzchen hatte ſo viel Verehrung vor ihrem Freunde, daß ſie ſich auch eine andere Annäherung an ihn als dieſe zarte und zurückhaltende vorläufig nicht möglich dachte. Er fascinirte ſie, wie ein Zauberer... Durch ſeine Huldigung hatte ſie vorläufig nur ſo viel Muth gewonnen, daß ſie jetzt ſagte: Sie ſollten mir und meiner Freundin Louiſe einen Gefallen thun.. Einen Gefallen? Mit Freuden! Nächſten Sonntag, plauderte Fränzchen, um zwei Uhr kommt Louiſe mit allen ihren Geſchwiſtern und einem ungeſchlachten, aber braven Menſchen, der ſie gern heirathen möchte, und holt mich ab, in's Wäld⸗ chen zu gehen. Wiſſen Sie, das iſt eine Stunde von hier! Man geht von der Landſtraße ab, über Wieſen, dem Strome zu... An dem das Schloß des Königs, Solitüde, liegt? Richtig da! Rechts iſt die Solitüde und links am Fluſſe das Wäldchen. Im Graſe lagern ſich da die fro⸗ hen Menſchen, dürfen an eingemauerten kleinen Herden Feuer machen, ſcherzen, jagen ſich, ſpielen im Grünen —— unter den alten Eichen, daß es eine Luſt und Freude iſt. Gehen Sie mit? Louis nickte ſtumm.. Sie thun's nicht gern! Es iſt Ihnen nicht vor⸗ 4 nehm genug! O meine gute Franchette! ſagte Louis. Aber Sie geben Ihr„Ja“ ſo betrübt. Ach, ich denke an mein Vaterland, ich denke an die kleinen Freuden, die die Armen auch in Lyon und Pa⸗ ris genießen. Wie hab' ich dieſe Sonntage geliebt! Die theure Schweſter, die nun die Erde deckt, war die Königin dieſer kleinen Feſte... Wenn es Sie aber traurig macht.... Nicht traurig! Nicht um die Vergangenheit bin ich gerührt. Die iſt begraben. Es bewegt mich, daß Ihr in dieſem Lande gerade ſo denkt und fühlt wie wir! Eine Kette iſt es doch, die uns Alle umſchließt in Nord und Süd. Ob Ihr nun in dumpfen Höhlen bei der Lampe arbeitet oder wir an den niedergelaſſe⸗ nen großen Fenſterladen unſerer luftigen Häuſer... Ihr verſammelt Euch am Tage der Ruhe zur Freude wie wir. Wir tanzen unter Nußbäumen; Ihr viel⸗ leicht unter Eichen; wir verwechſeln im Verwechſel⸗ Spiele Ahornbäume, Ihr vielleicht Tannen; Ihr kränzt Euer Haupt mit Kornblumen, wir kränzen uns mit und Freude nicht vor⸗ denke an die on und Pa⸗ age geliebt! edeckt, war enheit bin ich ich, daß Ihr hlt wie wir! unſchlüßt in yfen Höhlen niedergelaſſe⸗ Häuſer. ſ zur Feeude n; Ihr viele 1 Verwechſe⸗ n; Ihr krin der uns mit 241 Weinlaub und wildwachſenden Blumen, die bei Euch nur in Treibhäuſern gedeihen; aber die Freude iſt die⸗ ſelbe, der Troſt iſt derſelbe, die Pauſe iſt dieſelbe, wo ſich die Arbeit erholt und in ihren Hoffnungen neuen Athem ſchöpft... Ja, meine Freundin, ich werde kommen. Fränzchen war über dieſe dichteriſche und, wenn wir ironiſch ſein wollen, wie eine Einleitung zu Proudhon's ſocialer Lehre vom Eigenthum klingende Erklärung ſehr glücklich. Sie glaubte nun aufſtehen zu müſſen. Louis drückte ſie mit einer flüchtigen Bewegung ſeines linken Armes leiſe an die Bruſt. Sie wider⸗ ſtrebte nicht, ſondern ließ die warme klopfende Fülle ihres Buſens an ſeinem Herzen eine Weile ruhen und ſah dabei verſchämt zur Erde. Louis lehnte ſie ſanft zurück und ſprach: Ich danke Ihnen, Francoiſe, für das Vertrauen, das Sie mir ſchenkten und daß ich Sie nun wieder wie ſonſt verehren kann— ach! unterbrach er ſich ſelbſt, Sie zu lieben, hatt' ich nie aufgehört! Am Sonntag alſo im Wäldchen! Fränzchen dankte ihm mit einem glänzenden Blick ihrer Augen und ſtand ſchon an der Thür. War ſie doch ſelig, daß endlich auch einmal das Wort Liebe gefallen war! Die 3, Geiſte. V. 16 242 Und die Stunden in meiner Sprache nehmen Sie bei mir! ſagte er. Wenn es Sie erfreut... antwortete ſie... Und der Sergeant... Wiſſen Sie, Franziska, daß ich Mitleid mit ihm habe? Wenn er uns in den Wald begleitete mit ſeiner Flöte? Fränzchen ſchüttelte den Kopf... Wir werden tanzen wollen... Es wäre doch gut Wir ſingen, wenn wir tanzen wollen, und Vio⸗ linen und Harfen hört man unter den Eichen ge⸗ nug... Der arme Heinrich Sandrart! bat Armand. Wie gut und tröſtend iſt es dem Krieger, ſich unter ſeine Kameraden, die Bürger und Proletarier der Arbeit, miſchen zu dürfen! Sind dieſe Proletarier des Müſ⸗ ſiggangs nicht unſere Brüder? Lebt in ihrer Seele nicht etwas, was ſie von dem ſchlechten Geiſte des Trotzes gegen die übrige Geſellſchaft, den die Offiziere nähren, abzieht und in unſere fröhlicheren Reihen zu⸗ rückführen möchte? Er wird nicht mitgehen wollen... antwortete Fränzchen, die weder von der Flöte, noch von der ſocialen Stellung Heinrich Sandrart's irgendwie ge⸗ nehmen Sie ſie... JFranziska, uns in den wäre doch „und Vie⸗— Eichen ge⸗ nand. Wie unter ſeine der Mbeit, r des Niſ ihrer Seele Geiſte des die Offiziere Reihen zu⸗ . antwottete och von da gendwie ge 243 rührt war und nur einen läſtigen Liebhaber ſah, den ſie nicht mochte. Bieten Sie es ihm an, Franziska, wiederholte Louis. Fränzchen blieb aber bei ihrem Sinne. Sie lachte, ſchüttelte den Kopf, öffnete die Thür und hüpfte da⸗ von. Noch auf der Treppe warf ſie einmal den Kopf zurück, nickte voll Innigkeit und huſchte in glückſelig⸗ ſter Stimmung in ihren Hinterhof... Der Huſten des Italieners Signor Barberini verfolgte ſie zwar wie das giftige Ziſcheln einer Schlange, die die Ge— ſtalt des Herrn Sylveſter oder der grünen Brille an⸗ nahm, aber nun, da ſie ſich gerechtfertigt hatte vor Louis Armand, da ſie wieder ſo viel zärtliche, ſanfte Worte von dieſem elegiſchen Schwärmer vernommen, waren ihr alle Gefahren, alle Beziehungen zu an⸗ dern anſpruchsvollen Menſchen gleichgültig, ſie zer⸗ riß ihren Brief, ſagte ſich, Er mag kommen oder nicht! Ich habe keine Furcht mehr, ihm mündlich ſeinen Ab⸗ ſchied zu geben! Es war ihr, wie ſie einſt Melanie Schlurck geſagt hatte, als käme ſie von einem Prie⸗ ſter, dem ſie gebeichtet. Indem wir Fränzchen den letzten Verſtändigungen mit ihrem Onkel überlaſſen und uns freuen müſ⸗ ſen, daß ſie durch ein gütiges Schickſal vor man⸗ E 16* cher dunkeln Gefahr auf dem Forſthauſe im Pleſſe⸗ ner Walde bewahrt blieb, begleiten wir den glück⸗ lichen Louis Armand zu ſeinem Gönner und Freunde, dem Prinzen Egon von Hohenberg. Er fand ihn unruhig und beſorgt darüber, daß ihn Louis ſo lange allein ließ. im Pleſſe⸗ den glück⸗ ind Freunde, rrüber, daß Eilktes Capitel. Thomas a Kempis. Wie kann ich mich ohne dich zurecht finden, Freund, ſagte Egon auf's zuvorkommendſte und von einem Halbſchlafe geſtärkt. Wie dieſe Menſchen, die mich hier umgeben, alle ſo gierig lauern auf meine Winke! Die kleinſte Arbeit vergrößern ſie durch die Umſtänd⸗ lichkeit ihrer Art, ſie anzufaſſen; Alles iſt bei ihnen ſpielendes Rieſenwerk. Jeder will ſeine Nothwendig⸗ keit bezeugen und geht laut, ſtatt leiſe, klappert mit einem Teller, ſtatt ihn ruhig hinzuſetzen, frägt zehn⸗ mal über eine Auskunft, die er ſich bei geſunder Ver⸗ nunft ſelbſt geben kann. Der Alte mit dem gewichſten Schnurrbart iſt geradezu ein Hanswurſt! Es thut mir ſeines Alters und der Erinnerung an meinen Vater wegen leid, daß ich ihn ſo lächerlich finden muß. Schon drängte ſich die älteſte ſeiner Toͤchter an mich und will die Befehle über meine Wäſche in Empfang nehmen. Wie ich ſagte, ich liebte Dies oder Jenes zur Hand zu haben und mich ſelber zu bedienen, ver⸗ ſpricht ſie, in meinem gewöhnlichen Zimmer ſogleich dieſe Anordnungen ſelbſt zu treffen. Ich leſe etwas aus den Blättern in den aufgehäuften Zeitungen. Kaum ſeh' ich auf, ſo iſt die älteſte Schweſter mit den beiden jüngeren beſchäftigt, an den Schubkäſten zu poltern und zu ordnen. Ich ſehe hin. Sie thun, als merkten ſie's nicht. So dienend, ſo unterwürfig gebehrden ſie ſich! Die zweite gefällt mir mehr als die jüngſte. Dieſe iſt zwar hübſcher, jene hat jedoch pikantere Augen. Ich habe das Fenſter geöffnet, um nicht nach dieſen Geſchöpfen ſehen zu müſſen. Kaum lehn' ich mich da hinaus, ſo nimmt das Verbeugen und Grüßen kein Ende. Koch und Stallknecht, Kü⸗ chenmagd und Kehrfrau, Alle machen ſich zehnmal auf der Straße zu thun, nur um knixen und grüßen zu können... Von Vorübergehenden werd' ich an⸗ geſtaunt. Ich ſchlage das Fenſter zu. Da ekeln mich aus den Zeitungen, die ich mir allerdings ſelbſt be— ſtellte, dieſe dummen politiſchen Verwickelungen an. Ich bin die Herrſchaft der Phraſen ſo müde, daß ich lieber eine Abhandlung über den Dünger leſen möchte, als dieſe Verhandlungen des Ehrgeizes und der In⸗ trigue. Ich werde mich über Grund und Boden zu — oder Jenes dienen, ver⸗ mer ſogleich leſe etwas Zeitungen. chweſter mit Schubkäſten Sie thun, unterwürſig ir mehr als e hat jedoch geöffnet, um ſſen. Kaum s Verbeugen ltnecht, Kü⸗ ſich zehnmal mund grüßen verd' ich an za ekeln mich 9gs ſelbſt be felungen an nüde, daß ic leſen mochte und der I ind Boden 247 unterrichten ſuchen und dann nach Hohenberg gehen, dort wohnen, dort mit Ackermann Oekonomie treiben. Louis antwortete nicht auf dieſen Erguß der Lan⸗ genweile und des erwachenden Lebensreizes. Er ſah auf dem Tiſch zwei Gegenſtände, die ihm wichtiger ſchienen als dieſe polternden Ausbrüche der Ungeduld eines Kranken, der, endlich geneſen, ſich in das Ge— räuſch der Welt zurückſehnt und von Einſamkeit ſpricht! Er ſah den für die Gräfin d'Azimont beſtimmten Brief und das ſchwarze Büchlein von der Nachfolge Chriſti, das durch ſeine Mithülfe in das Bild der Mutter ge⸗ kommen war. Ueber Letzteres ſprach ſich Egon, während man in dem Zimmer nebenan das Serviren der Mittagstafel hörte, umſtändlich und weitläuftig aus. Was ich bis jetzt in dieſem wunderlichen Te⸗ ſtamente meiner bemitleidenswerthen Mutter geleſen habe, ſagte er, misfällt mir durchaus nicht. Dieſer alte Mönch Thomas a Kempis war ein feiner Kopf und hat etwas Vornehmes, das ihn der Bildung zu⸗ gänglicher macht, als die gewöhnliche aſcetiſche Phra⸗ ſeologie. Er ſchreibt vortrefflich. Seine Sätze ſind kurz und in Antitheſen gefaßt, wie bei Montaigne. Er ſcheut ſich nicht, zuweilen einen alten Heiden zu citiren und weiß ihn zweckmäßig mit einer chriſtlichen 248 Vorſchrift in Einklang zu bringen. Dabei hat er et⸗ was Weltkluges, ja ſogar Etwas, was an den Spruch erinnert: Schicket euch in die Zeit; denn es iſt böſe Zeit! Oder wol gar an den andern: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falſch wie die Tauben! Ich leſe ſeine Vorſchriften mit Vergnügen. Nicht etwa, daß ich dem Willen meiner Mutter gemäß daran den⸗ ken könnte, nach ihnen zu leben, ſie verlangen eine unmögliche Entſagung und mönchiſche Chriſttlichkeit. Aber ſie ſind ein Syſtem, das an ſich nichts Ge— ſchmackloſes hat. Es liegt eine ſo gefällige Abrun— dung in dieſer Auffaſſung des Lebens. Sie iſt dabei nicht ohne Heiterkeit und muß es ſein, da ſie den Namen des Heilandes ſo leicht, ſo ohne viel Auf— hebens bekennt, wie wir etwa in unſerer Zeit von der Vernunft oder, wenn man noch richtiger urtheilen will, von einem großen Genius ſprechen, von Schiller und Goethe. Ich kann mir den beiſpielloſen Erfolg dieſes Buches erklären. Es iſt in alle gebildete Spra⸗ chen überſetzt und vieltauſendmal gedruckt worden. Es iſt ſo klar, ſo rein wie die Luft. Es lehrt die Weis⸗ heit, die Demuth und die Beſcheidenheit. Man er⸗ ſtaunt freilich, daß darin die Unwiſſenheit geprieſen wird im Gegenſatz dünkelhafter und nur die Zweifel⸗ ſucht regemachender Gelehrſamkeit. Aber man läßt bei hat er ei⸗ in den Spruch n es iſt böſe Seid klug wie Tauben! Ich Nicht etwa, 3 daran den⸗ erlangen eine Chriſtlichei. h nichts Ge⸗ ällige Abrun⸗ Sie iſt dabei da ſie den ne viel Auf⸗ erer Zeit von tiger urtheilen „von Schillet elloſen Eifolg bbildete Spra⸗ worden. E⸗ dit die Wis t. Man el⸗ hei gextiſu die Zweifl her man läßt ſich dieſe Polemik gegen die Bildung ſchon gefallen, da es doch ſelbſt ein ſo feiner, gebildeter Geiſt iſt, lder mit uns ſpricht. Dieſes Buch, richtig aufgefaßt, müßte kindlich reine Gemüther bilden, beſonnene frohe Weltweiſe voll Demuth und Vertrauen. Leider liegt krin auch ausgeſprochen, daß dies Buch ein glän⸗ zendes Aushängeſchild der Heuchelei und jener vor⸗ nehnen religiöſen Abſpannung werden mußte, die man Frönanigkeit und Erleuchtung nennt. Und zuletzt noch Dies: Der Verfaſſer dieſes Buches war ein Commu⸗ niſt, lieber Louis! Ein Communiſt? fragte Louis erſtaunt. Wohl! ſagie Egon lächelnd. Er gehörte einer jener halbgeiſtlichen Brüderſchaften an, die ſich im Mittelalter auch unter den Laien bildeten. Thomas aus Kempen, einer holländiſchen Stadt, war ſelbſt ein Moͤnch in einem kölner Convicte, aber man kann ihn umſomehr einen mittelalterlichen Communiſten nen⸗ nen, als er außerden zu einem Vereine gehörte, der ſich die Brüderſchaft vwom gemeinſamen Leben nannte. Vom gemeinſamen Keben⸗ wiederholte Louis noch uͤberraſchter. N kicht wahr? Das ſt ja eure vollkommene Com⸗ münaute? 4 Man ſollt' es faſt glaubeen, ſagte Louis erröthend. 250 Aber ich begreife wohl, daß darunter nur das ge meinſame Leben in Gott und dem Heilande zu ver⸗ ſtehen iſt... Das iſt's! ſagte Egon. Aber wer ſich vom Laien ſtande ihr anſchloß, mußte doch wol die Anſprücht ſeiner weltlichen Titel und Würden aufgeben, und wenn man ſich in eine Art von Phalanſtere begab, das man im Mittelalter Convict oder Kloſter nannte, ſo geſchah es doch faſt unter ſolchen Bedingungen, wie Ihr communiſtiſchen Ikarier es Euch denfe! Man aß aus einer Schüſſel, hoffentlich mit mehren Löffeln. Allons donc, Monsieur! Nous sommes servis! Damit ſetzte ſich der junge Prinz nelt Louis zu Tiſch. Er hatte die letzten für Louis ſo bedeutſamen Worte ſehr heiter ausgeſprochen. Egon war kein reiner An⸗ hänger der communiſtiſchen Ideen ſeines Freundes und gerieth jedesmal, wenn dies Thema in Anregung kam, mit ihm in einen oft ſehr lebhaften Hader. Auch heute bei Tiſche wurde dieſe Saite wieder berührt; jedoch viel mäßiger und mit fröhlicheren Tönen als ſonſt in Paris oder Lyon, wo dieſe Saite trotz aller Freundſchaft oft auch recht brummende Töne von ſich gab. Egon hatte, wie wiſt ſchon aus ſeiner Reiſe mit Dankmar wiſſen, ſelſoſtgewonnene Begriffe vom Staatsleben und der Geſehlſchaft, und wenn ſeine Ideen, nur das ge unde zu ver⸗ vom Laien ie Anſprüch fgeben, und ſtere begab⸗ ſſter narnie, zedingengen, denkel Man hren Löfeln. rrisl uis zu Tiſch amen Worke reiner An⸗ Freundes und negung kam, zader Auch der berührt; Tönen als te trot aller böne von ſich feiner Reiſe Begrife von ſeine Jen die er mit vielem Scharfſinn zu entwickeln wußte, auch nahe an gewiſſe demokratiſche Lieblingsvorſtellungen der Zeit ſtreiften, ſo war er doch nichts weniger als Communiſt. Das Mahl war lange nicht ſo einfach, als es für Egon's noch mannichfach zu ſchonenden Körperzu⸗ ſtand hätte ſein ſollen. Auch eine gewiſſe ihm eigene Sparſamkeit billigte dieſe Ueberzahl von Schüſſeln nicht. Er gab ſehr ernſte Verweiſe über die gemachte Auswahl und erklärte rundweg, er würde künftig jeden Abend vorher ſagen, was er morgen eſſen wolle... Wandſtabler verneigte ſich bis tief zur Erde und ſchielte zu Louis hinüber, den er auch in dieſem Punkte als einen wahren Dorn im fürſtlichen Fleiſche, als den Störenfried aller ſtandesmäßigen Etikette und gehoff⸗ ten Wiederherſtellung der alten herrſchaftlichen Zu⸗ ſtände betrachtete... und eigentlich mit Unrecht. Nach dem Eſſen ruhte Egon ein wenig aus und Louis las im Thomas a Kempis, der ihm plötzlich bedeutſam geworden war... Louis hatte es ſehr weit im deutſchen Sprechen und Verſtehen gebracht. Er mußte ja ſeinen Urſprung halb von Deutſchland und Polen und nur halb von Frankreich herleiten... Thaddäus Kaminski war im Jahre 1794 in der pol⸗ niſchen Inſurrection bei Maciejowice verwundet worden. Glücklicher als ſein Bruder Stanislaus Kaminski, der in Gefangenſchaft fiel und nach Sibirien geſchleppt wurde, rettete er ſich, in der Flucht von ſeiner Schwe⸗ ſter Jagellona unterſtützt, mit Koſciuszko erſt nach Deutſchland, wo er im Württembergiſchen Pflege und ein Weib fand, eine Deutſche, Namens Anna Oleander. Verfolgt von dem Einfluſſe Rußlands floh Thaddäus Kaminski nach Frankreich und ließ ſich mit ſeiner Schweſter Jagellona und ſeinem Weibe in Lyon nie⸗ der. Ihr Loos war Armuth. Früh ſtarb Thaddäus an ſeiner Wunde. Die Schweſter Jagellona heira⸗ thete einen Induſtriellen, bei dem ſie gaſtfreundliche Aufnahme gefunden hatten, Namens Armand. Ja⸗ gellona war nicht mehr jung, als ſie, eine gebildete Polin, der Dankbarkeit dies Opfer brachte und weit unter ihrem Stande ſich vermählte. Die Revolution hatte die Standesunterſchiede hier nicht ſo ſehr ver— wiſcht wie das Gefühl der Erkenntlichkeit für den Schutz und die Pflege, den die armen polniſchen Flüchtlinge bei den Lyoner Freunden fanden. Jagel⸗ lona's Sohn hieß, ihrem in Sibirien ſchmachtenden Bruder zu Ehren, Stanislaus. Stanislaus Armand heirathete die Mutter unſres Louis, eine Franzöſin, und gebar ihrem Gatten dieſen Sohn im Jahre 1825, die Tochter Louiſon ein Jahr ſpäter. Dieſe aus ſo fosmo lie— neten Einflu der der tante? land u delgand war in ſicht a duns, neben Jagell Louis nun gebor Aber nan Tiiel dolni ſem a ſchen Gedr. n den ceen, aminski, eſchleppt Schwe⸗ ſt nach ege und leander. zgaddaͤus t ſeiner on nie— haddäus heira⸗ pundliche d. Ja⸗ gebildete nd weit volution ehr ver für den llniſchen Jagel chtenden Armand ranzäſtn e 180) aus ſ kosmopolitiſchen Miſchungen zuſammengeſetzte Fami⸗ lie— gäliſche, germaniſche, ſlawiſche Elemente begeg— neten ſich hier— ſtand unter dem patriarchaliſchen Einfluſſe der uralten Polin Jagellona Kaminski und der deutſchen, ihren Gatten lange überlebenden Groß⸗ tante Anna Oleander, einer Schwäbin aus dem wei—⸗ land württembergiſchen Gebiete der Grafſchaft Möm⸗ pelgard oder Montbelliard. Die polniſche Sprache war in dieſem Kreiſe verſchwunden, aber aus Rück⸗ ſicht auf die Großtante, die des heldenmüthigen Thad⸗ däus Kaminski wegen tief verehrt wurde, hatte ſich neben der franzöſiſchen die deutſche erhalten, die auch Jagellona, wenngleich mit polniſchem Accente ſprach. Louis Armand, der einzige noch lebende Enkel dieſer nun ausgeſtorbenen Familie, verbeſſerte ſein halban⸗ geborenes Deutſch durch den Umgang mit Egon. Aber mit den deutſchen Buchſtaben hatte Louis Ar⸗ mand, den neben der Liebe für Egon auch der Trieb nach Anknüpfungen an ſeinen deutſchen und polniſchen Urſprung hierhergeführt hatte, mit die— ſem Druck hatte er ſeine Noth. Dieſe kleinen gothi— ſchen Buchſtaben unſrer Schrift, im Geſchriebenen und Gedruckten, waren ihm peinlich. Es wurde ihm ſchwer, in dem frommen Buche weit zu kommen und zu for⸗ ſchen, ob ſich wirklich ſchon damals ein Anklang der modernen Commünaute, eine mehr als nur geiſtige Brüderſchaft vom gemeinſamen Leben, darin finden laſſe... Gegen vier Uhr hörte er aus dem Hofe den ele⸗ ganten Landau des Prinzen an die große Aufgangs⸗ treppe der untern Flur anrollen und die Bedienten meldeten die beiden andern Theilnehmer nach Soli⸗ tüde, die Brüder Wildungen... Louis wollte Egon's Schlummer nicht ſtören und empfing die Angemeldeten. Siegbert hatte er ſeit Wochen nicht geſehen, Dankmar war ihm eine ganz neue Er⸗ ſcheinung... Das Bild, das aufgeſchlagene Buch gaben ſogleich eine Anknüpfung vertraulicherer Verſtändigung. Dank⸗ mar hatte ſchon lange ein Vorurtheil, das er anfangs gegen Louis Armand hegte, abgelegt und freute ſich ſeinerſeits ſchon, wie ſehr es ihn befriedigen würde, wenn Siegbert an dem Fürſten ſoviel Gefallen finden würde, wie er ſchon an Louis gefunden hatte.. Siegbert war auffallend gewählt und fein geklei⸗ det. Beide Brüder gingen in ſchwarzem Frack, weißen Weſten, jenem Coſtüme, das die Mode erfunden hat, um einem Höheren zu huldigen; weiße Halsbinden, helle Handſchuhe fehlten nicht. Ihr guter Takt hatte durchaus nicht die Abſicht, in der Vertraulichkeit, die ihnen jenen unter Geſtell man ſte trauiſch iichige ider R geiſtige n finden den ele⸗ ufgangs⸗ Zedienten ch Soli⸗ öͤren und tWochen neue Er⸗ ſogleich . Dank⸗ anfangs reute ſich en wünde, en finden te. in gelle i, weißen nden he alͤbinden TLaft hat chkeit, 2⁵⁵ ihnen der junge Fürſt geſtattete, irgend etwas von jenen Rückſichten aus dem Auge zu laſſen, die man unter ſo nahen Verhältniſſen dem geringer in der Welt Geſtellten gern erläßt, aber doch immer anerkennt, wenn man ſie nicht vergißt... Dankmar war ohnehin mis⸗ trauiſch. Er konnte ſich noch nicht in Egon's auf— richtige Meinung finden. War hier etwas Zufälliges oder Nothwendiges zu ſo eigenthümlicher Erſcheinung gekommen? Er prüfte und legte manchen Dämpfer auf Siegbert's glühende Erwartung. Denn Siegbert hatte gleich das vollſte Vertrauen. Sein gutes Herz ging immer mit ihm durch. Wir kennen ihn genug, um uns zu vergegenwärtigen, was Siegbert empfand, als Dankmar zur Fürſtin Wä⸗ ſämskoi kam und den Bruder aus einem der ſonder⸗ baren tétes-à-téetes aufſchreckte, die er ſeit einiger Zeit zwiſchen der Fürfkin und der immer reizender ſich ent⸗ wickelnden Olga beobachten mußte.. Siegbert Wil⸗ dungen war ſeit jenem Abende, wo er zum erſten male im Garten ſich der Fürſtin Adele hatte vorſtellen laſſen, der tägliche Freund jenes Hauſes. Sonderbar genug! Anfangs war die Fürſtin ſo kalt, ſo theilnahmlos ge⸗ weſen, daß ihr Rudhard darüber ſogar einige mürriſche Vorwürfe gemacht hatte. Später trat nun das Ge⸗ gentheil ein und weckte ſogar Rudhard's Beſorgniſſe. 256 Der ſtrenge Richter ſah ſcharf. Gleich am Abend, als Olga die Blumen auf Siegbert niedergeworfen hatte, kam das Kind wie verändert in den Garten zurück. Sie hatte jene halbe Knabentracht abgeworfen, die ſie bisher trug, und verlangte in einer ihr eigenen kurzen und faſt ſchneidenden Art eine neue Garderobe. Alle ihre Kleider wären ihr zu kurz. Sie ſchäme ſich ſo zu gehen, wie ſie ſich heute in der Reitbahn gezeigt hätte. Sie wolle nicht nur ein langes Reitkleid, wie alle Damen zu Pferde, tragen, ſondern auch für das Haus und die Geſellſchaft die Tracht der andern jun⸗ gen Mädchen. Schon hatte ſie ſich ihre langen Zöpfe zu einer ſonderbaren, phantaſtiſchen Tracht aufgebun⸗ den, die das Gelächter ihrer Mutter und den Spott ihrer Geſchwiſter erregte. Sie hatte die Zöpfe mehr⸗ mals wie Ammonshörner oder Schneckengehäuſe ge⸗ wunden und ſie halb im Nacken, halb hinterm Ohr feſtgeſteckt. Rudhard fand die Idee allerliebſt und ge⸗ ſchmackvoll, die Mutter aber abſcheulich. Mit einem verächtlichen Blicke, den Olga auf die Mutter warf, als wollte ſie ſagen: Du biſt nur neidiſch, daß ich ſo ſchöne Haare habe! wollte ſie in's Haus gehen. Die Kinder lachten hinter der Schweſter her. Da ergriff dieſe eine Scheere, die von den weiblichen Handarbei⸗ ten der Mutter auf dem Gartentiſche lag, faßte den einen ihn Arm und verhi der u Weſe vollke eigen ſchier zu ei vorke Sell end, als en hatte, zurück. die ſie nkurzen e. Alle ſich ſo gezeigt leid, wie für das dern jun⸗ en Zöpft ufgebun⸗ n Spott fe meht äuſe ge⸗ erm Ohff und ge dit einen ter walf aß ich hen. 5 Da elg andalde faßte 1 257 einen aufgewundenen Zopf und war ſchon im Begriff ihn herunterzuſchneiden, wenn ihr Rudhard nicht den Arm ergriffen, die Scheere entwunden und die heftige und übereilte Zerſtörung eines ſo ſchönen Schmuckes verhindert hätte. Am folgenden Tage mußten Schnei⸗ der und Modiſten kommen und aus Olga ein andres Weſen formen. Rudhard billigte dieſe Metamorphoſe vollkommen, nur die Mutter gerieth darüber in eine eigenthümliche Reizbarkeit. Dieſe ſonſt paſſive Frau ſchien von der plötzlichen Emancipation ihres Kindes zu einem jungen blühenden Mädchen und den dabei vorkommenden Beweiſen eines plötzlich gewachſenen Selbſtgefühles ſo gereizt, daß ſie in einen Zuſtand gerieth, den ſie ſelbſt nicht erklären konnte. Sie wurde unruhig, das Kleinſte verdroß ſie und weder Rud— hard's ruhige Beſchwichtigung, noch die Anerkennung, die doch ihr Kind bei jedem der zahlreichen Beſuche, die ſie empfing, erntete, konnte die Mutter zur Selbſt⸗ beherrſchung bringen. Nur Siegbert's Eintreten in den Familienkreis that ihr wohl... Dieſer hatte mit Rudhard gleich am Morgen nach der Beſchlagnahme des Bildes und der Unterſuchung ihrer Wohnung mit dem darüber höchlichſt erſtaunten Manne eine lebhafte Unterhaltung. Man berieth Mittel und Wege, um ſich vor ferneren Gewaltthaten dieſer Art zu ſchützen. Die Ritter vom Geifte. V. 17 258 Man kam auf bedenkliche Vermuthungen, erwog die Verlegenheit und das Befremden Egon's, wenn das Bild ihm würde übergeben werden und Dinge ent⸗ hielte, die ihn vielleicht nur aufregten und ſtörten. Erſt zwei Tage ſpäter kam man zu der Entdeckung, daß das von Schlurck übergebene Bild die Papiere gar nicht mehr enthielt! Geſteigertes Erſtaunen. Hier war ein Geheimniß, eine Intrigue. Rudhard gab ſich die größte Mühe, hinter Entdeckung einer böſen Ab⸗ ſicht zu kommen. Er hatte Anzeichen, die ihn auf eine ſicher ſcheinende Erklärung führten. Er gelobte ſich, ſie ſtreng zu verfolgen. Einſtweilen rieth er zum Erſatze durch den Thomas a Kempis.... Der Eifer bei allen dieſen Verhandlungen nicht nur, ſondern auch die Theilnahme, die Siegbert den künſtleriſchen Studien der Mutter und Olga's ſchenken ſollte, ver⸗ anlaßte, daß er täglich im Hauſe war. Und nun ergab ſich dadurch eine neue Spannung in dem Ge⸗ müthe der Fürſtin. Siegbert war ihr nothwendig ge⸗ worden. Sie lebte zurückgezogen, nicht aus Princip, ſondern aus Bequemlichkeit. Sie wollte ihre Schweſter vermeiden, von der ſie wußte, daß ſie überall die ſchlimmſten Dinge von ihrer Bildung, ihrem Ver⸗ ſtande, ihrem Herzen ſagte. Die Trauer gebot ihr, ſich von der Geſellſchaft fern zu halten. Rudhard wog die enn das nge ent⸗ ſtörten. deckung, Papiere n. Hier gab ſich ſſen Ab⸗ ihn auf gelobte fer zum der Eifer ſondern gleriſchen lte, vel⸗ Und nun dem Ge⸗ endig ge Princip, Schweſter erall die im Va ebot ih Rute war ſtreng, einſilbig, oft mürriſch, pedantiſch ſogar und durch ſein ſicheres Auftreten ihr faſt unbequem. Siegbert Wildungen aber, der gefeierte junge Künſtler, Das war eine ideale Vermittel lung mit der Welt! Wenn er kam, bot er den ſüßen Reiz der Gewohn⸗ heit. Wenn er ging, ließ er eine Lücke zurück. Er war ſo ruhig bewegt, ſo ſtill glühend, ſo ſch hweigend beredtſam, er wirkte ſo angenehm; es ſtrömte, wenn er ſprach, ein ſolcher Wohllaut von ſeinen Lippen; jede Idee, die er äußerte, ſchmeichelte ſich ſchon durch den Vortrag ein und wenn er eine Meinung aus⸗ ſprach, ſo verband er die ſicherſte Männlichkeit und die Wärme der Ueberzeugung mit liebevoller T Duldung und Schonung der Andersdenkenden. Ganz abwei⸗ chend von Rudhard, der ſogleich verurtheilte, keinen Irrthum anders entſchuldigte als durch das verletzte —2 Intereſſe oder die mangelnde Bil ildung Derer, die ihn hegten, von Rudhard, der das Gemüth wol einen Cdelſtein nannte, der aber nur klar und durchſichtig ſein müſſe, nichts Trübes und Unklares enthalten dürfe... Siegbert hatte ihn bei der Fürſtin voll— kommen verdrängt. Rudhard merkte es wohl, war aber ohne Empfindlichkeit darüber. Er wünſchte ſich Glück, einen jungen Mann von ſo heilſamer Wirkung für dieſen kleinen Familienkreis gefunden 17 zu haben 5 260 und war nur bedacht, daß in Olga keine gefährliche Regung entſtand und in Siegbert nichts, was dieſe Regung nährte. Darüber kamen ihm denn nun frei⸗ lich Zweifel. Nicht, daß etwa Siegbert Veranlaſſung zur Verletzung der Convenienz gab. Rudhard mußte vielmehr ſich ſelbſt ſagen: Was kann der junge Mann dafür, daß er mit einer faſt überirdiſchen Anbetung hier ſtill verehrt wird! Siegbert that nichts, als er gab ſich ſelbſt. Um ſeine Herrſchaft über dieſe beiden Frauengemüther zu entkräften— von dem eigenthüm⸗ lichen Verhältniß, das ſich hier zwiſchen Mutter und Tochter ergab, hatte Rudhard ſchon eine beſorgte Ahnung— um einen Verſuch zu machen, ob denn nicht das Eintreten eines andern Elementes in dieſen Kreis der drohenden Einſeitigkeit dieſer Herzen— Liebe nannte Rudhard eine Einſeitigkeit der Herzen— ſteuern konnte, veranlaßte er Siegbert, Freunde ein⸗ zuführen, vor allen Dingen ſeinen Bruder Dankmar. Dankmar wurde eingeladen. Er kam auch. Olga er⸗ innerte ſich ſeiner von der Laſally'ſchen Reitbahn. Aber es war faſt, als hätte ſie ihr Ideal in dem leb⸗ haften, feurigen Dankmar nur vorgeahnt und es in Siegbert verſchmolzen mit alle Dem, was dem kecken Dankmar doch zu fehlen ſchien, wiedergefunden. Auch die Mutter fand Dankmarn intereſſant, unterhielt ſich, ährliche s dieſe un frei⸗ laſſung mußte Mann nbetung als er e beiden enthüm⸗ tter und beſorgte ob denn dieſen erzen— ſerzen— nde ein⸗ dankmar Olga er teitbahn dem led nd es em kel n. Auc hielt ſich 261 da überhaupt ein neuer reger Geiſt über ſie Alle ge— kommen war, außerordentlich lebhaft mit ihm, aber wenn man an die Ausſtrömungen des Magnetismus im innigeren Verkehr der Gemüther glauben darf, ſo wirkte Dankmar's feuermagnetiſche Kraft faſt ſchmerz⸗ haft auf dieſe lebhaften Naturen, die wiederum ſelber, um muſikaliſch zu ſprechen, mehr in Dur als in Moll geſetzt waren. Siegbert führte auch Marx Leidenfroſt ein. Der unterhielt ſie Alle, beluſtigte die Kleinen, intereſſirte die Großen; aber es blieb bei den Frauen für die Phantaſie kein Eindruck zurück, von Reich⸗ meyer und Anderen ganz zu ſchweigen. Nur Hein⸗ richſon hatte etwas Glattes, das für ihn einnahm. Seine Tournüre, ſein Witz, ſeine große Welterfahrung blendete. Da aber die Fürſtin gehört hatte, daß Heinrichſon bei ihrer Schweſter eingeführt war und dieſer bei Zeichnungen, die ſie in ihrer, wie die Fürſtin es nannte, koquetten und frivolen Trauer um den Prinzen Egon, entwarf, behülflich war, ſo lud ſie ihn nicht wieder ein. Siegbert blieb demnach das wal— tende, regierende Princip und da Rudhard im Stillen ſich freute, daß bei dieſer Neigung in der Fürſtin doch auch ihr rein ſittliches Princip im Spiele war und durch Siegbert's edle, taktvolle Natur nicht gefährdet wurde, ſo ließ er zur Zeit noch dieſe Dinge gewähren 262 und verſparte ſich nur eine Rückſprache mit Siegbert auf günſtige Gelegenheit... Siegbert war täglich in je— nem Gartenhauſe und arbeitete ſogar dort. Die Welt ſagte vorläufig, daß er ein Freund des Predigers Rudhard war. Dankmar aber zog den Bruder täg— lich auf, nannte ihn Heinrich Frauenlob, den Sänger, den Frauen zu Grabe trugen, den im Venusberge gefangenen Tannhäuſer und ſcherzte nicht wenig dar⸗ über, als er die Verlegenheit der Fürſtin und den Aerger der kleinen Olga, die ihm ſelbſt hätte gefallen können, bemerkte, als es ſich darum handelte, ihnen für heute Nachmittag ihren getreuen Siegbert zu ent⸗ führen. Komiſch ſchien es ihm, als Rudhard den Vermittelungsweg einſchlug, beide Brüder wenigſtens zum Diner dazubehalten, denn auch dieſer Vorſchlag hatte für die beiden Rivalinnen doch immer die Folge, daß Siegbert ihnen nicht ganz gehörte und die Unter⸗ haltungen über den Prinzen Egon, an dem Rudhard ſoviel gelegen war, mochten ſie vollends nicht leiden. Die Fürſtin und Olga, Beide unterſtützten Rudhard's Vorſchlag nur unter der Bedingung, daß ſite erſt um dreiviertel auf vier Uhr mit dem Wagen, den ſie an— ſpannen laſſen wollten, abfahren und von dem Prinzen nicht reden durften, auf deſſen Bekanntſchaft ſich Sieg⸗ bert für ſie viel zu ſehr freute! Sie lehnten dieſen ert auf in je⸗ le Welt edigers er täg dänger, isberge ig dar⸗ nd den gefallen ihnen 1 zu ent⸗ rd den Rudhatd leiden dhard' erſt un ſie an Prinze ch Siei n dieſ 263 Vorſchlag ihrer Toilette wegen ab, goſſen aber damit nur Oel in's Feuer. Olga war ſogar auf die Idee ſchon eiferſüchtig, daß ſich die Brüder für den Prinzen Cgon, der ein ſo abſcheulicher Menſch ſein ſollte, nur überhaupt prächtig ankleiden wollten. Zu uns, ſagte ſie, kommt Ihr, wie es Euch gerade einfällt! Wer iſt denn dieſer Prinz, daß Ihr Euch um ſeinetwillen in koſtbare Kleider werfen wollt, in denen wir Euch nie geſehen haben! In der Art, wie Olga zankte und, als beide Brüder wirklich nicht wenigſtens zum Eſſen blieben, ſondern um zwei Uhr ſich entfernten, weinte, während die Fürſtin ihre gleiche Empfindung unter Lächeln und den heftigſten Vorwürfen gegen die Narr⸗ heiten Olga's verſteckte, ſah Dankmar denn doch, daß dies Mädchen mit dem bleichen Teint und den ſchwar⸗ zen Flechten trotz ihrer glühenden Augen noch ein halbes Kind war und ließ dieſe wirren Dinge umſomehr gelten, als ſich ſein guter Siegbert in dieſer träumeriſchen Exi⸗ ſtenz zu gefallen ſchien... Zu Hauſe hatten Beide dann noch einen herzlichen lieben Brief von der Mutter ge⸗ funden, die über Dankmar's Projekte erklärte in einer ewig fieberhaften Aufregung zu leben, und ſo waren ſie nach einem beſcheidenen Mittagstiſche bei einem Reſtau⸗ rant an die ſorgfältige Wahl ihrer Kleidung und zuletzt in's Hotel des jungen Prinzen gegangen. 264 Louis öffnete die Thür, weckte Egon von einem leichten Halbſchlummer und führte ihn den Freunden entgegen. Siegbert und Egon gefielen ſich auf die erſte Be⸗ grüßung und waren bald ſo vertraut wie alte Bekannte. Iſt der Wagen vorgefahren? hieß es. Man bejahte. Alſo nach dem Schloſſe Solitüde! Man rollte durch die Straßen, durch die Plätze. Man kam an die Thore. In dem Wirrſal der Meinungen, bei dem immer mehr beengten Gebiete der materiellen Begründung ſei⸗ nes Daſeins, iſt die wahre Freude unter den Menſchen der Civiliſation ein ſeltener Gaſt geworden. Einige Stunden ſo glücklicher Anregung, wie ſie die eigenthüm⸗ lich zuſammengeſetzte Geſellſchaft, die da eben im Wa⸗ gen aus dem großen Portale des Palais fuhr, zu ge⸗ nießen hoffte, gehören zu den Weihemomenten, wie ſie dem in ſeine Pflichten ſo eingepferchten Menſchen des neunzehnten Jahrhunderts ſelten geboten werden. Ein junger Fürſt, ein Rechtsgelehrter, ein Künſtler, ein Handwerker ſaßen hier auf den weißſeidenen, groß⸗ geblümten weichen Polſtern, Egon und Siegbert im Fond, Dankmar und Louis auf dem Rückſitze. Sie konnten in ihrer Lebensſtellung nicht verſchiedener ſein. einem unden Plätze. immer ng ſei⸗ nſchen Cinige thüm⸗ n Wa⸗ zu ge⸗ 1, wie anſchen derden ünſtler groß ert in Ek er ſel 265 Aber Alle feſſelte das Band gemeinſamen Vertrauens und jeder Einzelne war froh geſtimmt. Egon durch die erfriſchende Luft und das Vollgefühl der Gene— ſung, ja im Stillen, ohne ſich es merken zu laſſen, auch durch die Spannung auf das Wiederſehen Hele— nen's, die, er mußte es ſich leider geſtehen, gerade auf das wiedererwachte Geſundheitsgefühl und die erhöhte Glut ſeiner Phantaſie durch ihre hingebende Liebe be— zaubernd wirkte. Dankmar erregt von ſeinem vielleicht ſich günſtig wendenden Proceſſe, Siegbert von den gleichen Hoffnungen, die den Bruder belebten und von der angenehmen Befriedigung ſeines nach Liebe und Anlehnung ſchmachtenden Gemüthes in der Wäſäms⸗ koi'ſchen Familie; Louis endlich ſehr glücklich geſtimmt, ſowol durch die Ausſöhnung ſeines Glaubens an das liebreizende Fränzchen Heuniſch, wie durch die Erin⸗ nerung an ſeine Selbſtbeherrſchung in der Scene auf ſeinem Zimmer. Hätte er ſich ſtürmiſch erklärt gehabt, Hoffnungen geboten, die er ſich mühen mußte, zu er— füllen, er würde nur mit Beklommenheit an die glück⸗ liche Mittagsſtunde zurückgedacht haben. Zu gleicher Zeit mit dem Wagen ging ein Be— dienter aus dem Portal des Palais, um den kleinen Brief zu der Gräfin d'Azimont zu tragen... Egon verfolgte ihn, ſo lange er konnte. 266 Es war ein Donnerſtag. Das Wetter ſo einladend. Die Luft ſtärkend. Die Sonne goldgelb. Der Him⸗ mel tiefblau. Einige Wolken in weiter Ferne konn⸗ ten Regen bringen. Sie waren noch nicht da. Man ahnte das drohende Herannahen des entblätternden Herbſtes. Noch hatte ihm aber die Natur den Ein— tritt nicht geſtattet, nicht in den Wald, nicht auf die Wieſenflur. Anfangs, innerhalb der Stadt, ſprach man über mancherlei Unweſentliches. Es war nothwendig, daß dieſe vier Genoſſen erſt den Ton der gegenſeitigen Stimmung erkannten. Wer iſt der Sprecher, der Zweif⸗ ler, der Schweigende, der Witzige, der Praktiſche, der z. B. den hinten aufſtehenden Bedienten dieſen oder jenen Wink gibt, der Geographiſche, der gern von der Gegend ſpricht... Das Alles ſtellt ſich erſt im Ver⸗ laufe der Unterhaltung zurecht. Von dem Vergange⸗ nen wurde noch Dieſes und Jenes erörtert und beſtaunt und belacht... Dankmar's Verhältniſſe kannte Egon noch nicht klarer und nahm ſie, wie ſie ſich ihm an den beiden ſtrebſamen Brüdern von ſelbſt boten. Auch Louis wußte nichts von dem Proceß, über den ſich Dankmar gern ausgeſprochen hätte... Egon aber war der Redner. Egon führte faſt allein das Wort oder beſtimmte wenigſtens die Gegenſtände der Unter⸗ ‚lladend. r Him⸗ e konn⸗ Nan ternden en Ein⸗ auf die an über dig, daß nſeitigen rZwei⸗ ſche, der ſen oder von der im Ver⸗ ergange⸗ beſtaunt nte Cgon ihm an n. Auch den ſic gon ahe as We er Unte haltung. Dies lag weniger in ſeinem Naturell, als in ſeiner Stellung und in dem glücklichen Gefühle, ſich geneſen zu wiſſen, dem Leben wieder gegeben, von Augenblick zu Augenblick ſich ſtärker fühlend. Draußen vorm Thore, wo man, und zwar nicht zu raſch, unter einer Allee von vollen, ſchwertragen⸗ den hier und da geſtützten Aepfelbäumen hinfuhr, kam durch eine zufällige Wendung das Geſpräch wieder auf den Thomas a Kempis zurück. Bei der Nennung dieſes Namens wurde der ſchüch⸗ terne und Wahrheit liebende Siegbert blutroth... Dankmar ſpielte mit ſeinem leichten Stöckchen und kniff es zuweilen oben am Knaufe zwiſchen ſeine blen— denden Zähne. Er konnte ganz meiſterhaft die Miene der Gleichgültigkeit annehmen... Louis dachte ſchon gar nicht mehr an die Art, wie das berühmte Buch von der Nachfolge Chriſti in Egon's Hände gekom⸗ men war. Seine Gedanken waren mit der„Brüder⸗ ſchaft vom gemeinſamen Leben“ beſchäftigt. Egon hatte in der Allee zwiſchen den würzig duf⸗ tenden Aepfelbäumen geſagt: Vor einigen Stunden las ich in dem Teſtamente meiner Mutter— du weißt, lieber Wildungen, daß ich die Mausgeburt des kreiſenden B erges, den Tho⸗ mas a Kempis, meine— und fühle nun recht, daß —— —— 268 Das eine Lectüre für Menſchen iſt, die nur zu Fuß wanderten, ſelten über ihren Kloſtergarten hinaus kamen und alle ihre Anſchauungen durch die vier Wände ihrer Zelle und den an ihnen aufgehängten Heiland regelten. Wäre ein ſolcher Bußprediger raſch im Wa gen gefahren, hätte er eine Ahnung von der wind⸗ ſchnellen Bewegung einer Eiſenbahn gehabt, dies trüb⸗ ſinnige Kleben an den mageren und kahlen Bedin⸗ gungen des Lebens würde ihm nie möglich geweſen ſein. Dankmar erinnerte den Prinzen an Das, was er ihm im Pleſſener Thurm über die Bigotterie der refor⸗ mirten Erziehung in der franzöſiſchen Schweßß geſagt hatte. Da wären doch die Gouvernanten, Bonnen, Erzieher, Geiſtlichen immer unterwegs und durch ganz Europa zerſtreut und überall trügen ſie doch die eigen— thümliche Auffaſſung ihres Le Bon Dieu, wie ſie ihn nennen, mit ſich herum... Weil dies Heuchler ſind, lieber Dankmar! ſagte Egon. Ein Thomas a Kempis war ehrlich und liebte die Welt nur in dem düſtern Nebelkleide, das er über das Schöne, Friſche, Lachende zog. Dieſe Erzieher aber, die mit wenigen Ausnahmen von ihrer Einſei tigkeit ein Geſchäft machen, verſchließen abſichtlich ihr Auge jedem Dinge, das Farbe hat, und jedem Dinge, das angenehm tönt, abſichtlich ihr Ohr. O welche zu Fuß s kamen Wande Heiland m Wa wind⸗ es trüb⸗ Bedin⸗ ſen ſein. was er er refor⸗ s geſagt Bonnen, rch ganz de eigen⸗ eſie ihn ar! ſagte und liebte er über Esziche er Einſi hllich i n Di O welch 269 Heuchler! Ich erinnere nur an jenen Rafflard, von dem ich dir ſo oft ſprach, Louis... Rafflard, wiederholten die beiden Brüder. Doch nicht Sylveſter Rafflard? ſetzte Dankmar hinzu. Sylveſter Maſüad. Ganz recht! ſagte Egon. Der iſt hier, fiel Dankmar ein. Hier? Wieder in Deutſchland? Und in welcher Eigenſchaft? fragte Egon. Er bereiſt die Gefängniſſe, ſagte Dankmar und ver⸗ ſtand den Wink nicht, den ihm Siegbert zuwarf... Siegbert war nämlich durch Rudhard davon unter⸗ richtet, daß Rafflard in manche Verwickelung mit Egon's früheren und ſpäteren Begegniſſen gerathen war. Louis kannte ihn durch Egon als einen Jeſuiten und hatte Siegbert ſchon erzählt, daß er ihn auf ſeiner Herreiſe an der Eiſenbahn, die vom Rheine abführt, erkannt hätte. Der Name Sylveſter fiel ihm nicht weiter auf. Er bereiſt die Gefängniſſe? fragte Egon erſtaunt und lachte über die ue ih uhen eines Mannes, den er zu gut kannte, um ihn nicht auch in dieſer Miſſion als einen Heuchler zu nehmen. Im Auftrag einer phil anthropiſchen Geſellſchaft in Paris, dage Dankmar, die ſich die Verbeſſerung des Looſes der Gefangenen zum gemeinſchaftlichen Zwecke gewahle! hat. Man rühmt ihn in allen Blättern 2 Egon lachte und ſchüttelte ungläubig den Kopf. Glaubt doch Das nicht! ſagte er. Ich kenne dieſe Geſellſchaft, ſie iſt ſehr ehrenwerth; ich kenne aber auch Rafflard und weiß, daß er von ihr kein Man⸗ dat empfing. Er beſucht die Gefängniſſe, beſtätigte Dankmar. Ich bin ihm ſelbſt begegnet, wie er von unſerm Cri⸗ minaldirektor höchſt gewiſſenhaft umhergeführt wurde und ſich die ſorgfältigſten Notizen machte, vor denen die Beamten zitterten. Das muß ich geſtehen! ſagte Egon lachend Die⸗ ſer Rafflard iſt aus Meudon im Cauton Kufanne gebürtig, war erſt reformirter Geiſtlicher, ſpricht Deutſch und Franzöſiſch und übernahm eine Erzieherſtelle in unſern öſtlichen Provinzen, wo er im Hauſe einer Ba⸗ ronin von Oſteggen ſich ziemlich lange zu behaup⸗ ten wußte. Siegbert blickte bei Nennung dieſes Namens nie⸗ der, weil ihn Dankmar ſpottend anſah. Von da, fuhr Egon fort, vertrieb ihn mein frü— herer Erzieher, ein braver Mann, Namens Rudhard, der jetzt entweder an den Ufern des Schwarzen Mee⸗ res lebt oder verſchollen iſt oder todt... Egon's Begleiter wandten ſich ab, um zu verber⸗ gen, daß ſie wohl wußten, wo Rudhard war. Sie b 271 würden gern von ihm geſprochen haben, wenn ihnen nicht bekannt geweſen wäre, daß Rudhard wegen der Gräfin d'Azimont ſeinem Zögling zürnte und aus Achtung vor der Wä ämskoi'ſchen Familie eine Wie— deranknüpfung mit ihm nicht zu eifrig ſuchte. Von Rudhard, fuhr Egon fort, aus der Nähe der Familie Oſteggen vertrieben, kam Rafflard wieder zu meiner Mutter nach Hohenberg. Dort zwar freund⸗ lich aufgenommen, fand er die Stellung, die er zu erſchleichen ſuchte, beſetzt. Der neue Pfarrer Guido Stromer übte ſchon einen großen Einfluß auf die Ent⸗ ſchließungen meiner Mutter und Rafflard's Pläne mislangen. Er kehrte in die Schweiz zurück, benutzte aber von da aus die Bekanntſchaft meiner Mutter zu einer ſehr lebhaften Correſpondenz, deren Endziel die glänzend vorgeſpiegelte Möglichkeit war, mir am Gen— ferſee eine Erziehung zu geben, die ihres Gleichen ſuchte. So kam ich in das Inſtitut des Herrn Mon⸗ nard, bei dem Rafflard Lehrer war, und Rafflard wurde mein Specialerzieher. Während die äußeren Formen der geiſtigen Appretur, die man mir zu geben trach⸗ tete, ſtreng kirchlich blieben, ſpekulirte Rafflard anders. Er dachte, die reifere Natur eines höher geſtellten Ade⸗ igen wirft doch wol mit der Zeit dieſe künſtliche Hülle ines orthodoxen Mechanismus ab, und weit beſſer iſt 272 es für deine Zukunft, du wirſt der Vertraute, als der Richter deines Zöglings!... Er buhlte auf die wi— derlichſte Art um meine Freundſchaft, hob mich weit über meinen Bildungsgrad empor, verſpottete im ver⸗ trauten Umgange Das, was er öffentlich vor den an⸗ dern Mitſchülern gelehrt, gutgeheißen, empfohlen hatte. Anfangs glaubt' ich armer befangener, an Gewiſſens⸗ ſkrupeln leidender Knabe, dieſe Methode des Profeſſors Rafflard, meines Specialerziehers, ſollte mich nur prü⸗ fen. Ich lächelte über ihn, ich ſchauderte, ich erſchrak. Aber immer ſicherer machte er mich und trug mir völ— lige Freundſchaft an, ein Mann von damals wol faſt vierzig Jahren einem Knaben von funfzehn oder ſechs⸗ zehn! Als dieſe Schändlichkeiten den höchſten Grad erreicht und faſt mein ſittliches Gefühl untergraben hatten, wurden ſie entdeckt. Man fand einen Band des Caſanova in meinem Bett und ich geſtand, daß ihn Rafflard mir geliehen. Er wurde ſogleich aus der Anſtalt entfernt und mußte Genf meiden. Von An⸗ necy ſchrieb er mir einen zärtlichen Brief, worin er mir Vorwürfe machte, daß ich die Pflichten der Freund⸗ ſchaft verletzt hätte. Dieſer Brief machte mir großen Kummer, doch wagte ich nicht, ihn zu beantworten. Später ſchien Rafflard verſchollen. Ich hörte, daß er nach Turin gegangen war. Manche behaupteten ſchon da, er ute, als der auf die wi— Hnich weit tete im ver⸗ vor den an⸗ ohlen hatte Gewiſſens⸗ Poofeſſors ich nur pri⸗ ich erſchrat rug mir völ⸗ als wol faſ moder ſechs chſten Grad untergraben einen Band geſtand, dcß eich aus d Von A- f, worin der Freun emir gro⸗ beantwoll e, daße mſchon de 2,3 wäre katholiſch geworden. Ich verließ Genf, ſtudirte in Bonn, Cöttingen und führte ein ſehr verkehrtes Leben, bis es mich nach dem ſchönen Genferſee zu— rückzog. Ein Vierteljahr mocht' ich in Genf gelebt haben, als nach einer wol vierjährigen Abweſenheit Rafflard wieder auftauchte. Er behauptete, mit rei⸗ chen Engländern in Italien als Hauslehrer gereiſt zu ſein, wollte Rom, Neapel und ſogar den Berg Athos in Griechenland geſehen haben. Andere behaupteten aber, er hätte in dem Jeſuitenſtifte zu Turin alle Wei⸗ hen empfangen und ſich einer langen Vorbereitung auf eine künftige Wirkſamkeit unterworfen. Sogleich ſuchte er mich auf und weinte über das Vorangegan⸗ gene... Es iſt die katzenartigſte Natur, die ich je in meinem Leben gekannt habe. Denkt Euch, wie ge⸗ fährlich ein ſolcher Menſch iſt, wenn er wirklich jenem Bunde dient, woran kaum ein Zweifel! Er ſpricht vollkommen drei Sprachen, kann überall wirken, in Deutſchland, Frankreich und in Italien. Er kennt alle Länder nach ihren Sitten und geographiſchen Be⸗ dingungen. Die Gründe, warum er aus Monnard's Anſtalt entfernt war, kannte man nicht. Es lag zu ſehr im Intereſſe eines ſolchen in allen Ländern be⸗ kannten Penſionats, daß über die inneren Vorgänge das größte Geheimniß obwaltete. So konnte Raff⸗ Die Ritter vom Geiſte, V. 18 274 lard wagen, in Genf wieder aufzutreten. Der alte Monnard, ein ſchwacher, pedantiſcher Mann, war ge⸗ ſtorben. Rafflard lebte wie ein reformirter Heiliger, beſuchte alle Kirchen und miſchte ſich in alle religiöſe und politiſche Streitigkeiten des kleinen Freiſtaates. Doch erregte er überall Mistrauen und ſtand ſo we⸗ nig ſicher, daß er gleich nach einem Streite, in den ich mit ihm an der Mittagstafel des Syndikus Lhardy verwickelt wurde, ſich nicht mehr länger zu behaupten wagte. Ich hatte nämlich vor ſeiner Tartüfferie den größten Abſcheu und lehnte alle ſeine Vertraulichkei⸗ ten ab. Als an jener Tafel das Geſpräch auf den alten Monnard kam und er die Frechheit hatte, die reine reformirte Geſinnung des Verſtorbenen in Zwei⸗ fel zu ziehen, brach ich mit der Aeußerung hervor: Es iſt freilich ſehr wenig rechtgläubig von dem alten Monnard geweſen, daß er einen Lehrer aus der An⸗ ſtalt entfernte, der ſeinen Zöglingen den Caſanova zu leſen gab! Ich hatte viel von dem guten Côte d'or des Syndikus getrunken, das rothe Traubenblut war mir in den Kopf geſtiegen und ſo entfuhr mir die Aeußerung, die plötzlich auf die ganze zweideutige Er⸗ ſcheinung des Profeſſors Rafflard ein erläuterndes Licht warf. Rafflard ſchoß mir einen Blick wie ein Baſilisk zu und verſchwand bald. Ich ging, über⸗ der alt nn, war ge ter Heiliger, alle religiöſe Freiſtaates behaupten rtüfferie der ertraulichkei auf den atte, die Zwei⸗ ng hervot dem alten us der An Faſanova; Côte de enblut wa „„ ſEr deutige erläuternd lich wie 275. drüſſig meiner leeren, nichtsſagenden und mannichfach gehemmten Exiſtenz, nach Lyon, kam von da nach Pa⸗ ris und habe Rafflard dann im Hauſe der Gräfin d'Azimont, ſeiner früheren Schülerin, wiedergetroffen. Er wurde aber auch von dort entfernt, weil er ſich in die Familienangelegenheiten miſchte. Nur die alte Gräfin d'Azimont, eine hochfahrende und den Jeſüi⸗ ten ganz ergebene Dame, behielt ihn für ſich und in⸗ triguirt mit ihm gemeinſchaftlich nach allen nur mög⸗ lichen Richtungen hin. Wenn er hier iſt, ſollte es mich gar nicht wundern, daß er den Auftrag hat, mich und die Gräfin d'Azimont zu beobachten, zu tren— nen, zu entzweien, ſie nach Paris zurückzuführen, mich zu umſpioniren, mir in meinen Freunden wehzuthun, mir zu ſchaden wo er kann. Wenn er vorgibt, die Gefängniſſe zu ſtudiren, ſo iſt Das eine Maske für andere Pläne. In Paris hält man ihn für einen Je⸗ ſuiten und ich kann wohl begreifen, daß dem Orden die Verwickelungen und Wirren im Herzen Europas auf unſerer deutſchen Erde keineswegs gleichgültig ſind! Als Egon geendet hatte, fuhr der Wagen gerade über den Einſchnitt einer Eiſenbahn und bog zur Seite ab, einer Gegend zu, die immer anmuthiger und gefälliger wurde. Es war ein Thal, das ſich dem in der Ferne blitzenden Strome zu abwärts ſenkte 18* —— und an ſeinen äußerſten Grenzen, über den Strom hinaus, wieder von der blauen Erhöhung eines Berg⸗ randes geſchloſſen wurde. Links und rechts weideten Heerden auf den gemähten Stoppelfeldern und dem noch üppigen, lachenden Grün der Wieſen, die in ein ſchimmerndes Birkengehölz ſich verloren. Dies Vor⸗ gehölz ging zuletzt allmälig in eine dunklere Waldung über. Der Charakter der Gegend war einfach, aber außerordentlich belebend und anregend. Louis fühlte über die leichte Art, wie Egon von der d'Azimont ſprach, einen tiefen Schmerz... Sieg⸗ bert ergriff dieſe Erzählung Egon's als Mittel, um ſich über des Prinzen Charakter klarer zu werden. Auch er kannte die Geſchichte Louiſon's und konnte es vor ſeinem Herzen nicht ganz gerechtfertigt finden, daß Egon etwas leicht über ſo ſchwierige und delikate Beziehungen hinwegging... Dankmar aber haftete an einer andern Gedankenreihe feſt, die ſich bei ihm durch die einfachen, vor ſich hingeſprochenen Worte kundgab: Dieſe Jeſuiten! Ja, die Jeſuiten! wiederholte Egon und zu Ar⸗ mand ſich wendend, ſagte er: Ja Das ſind die rechten Brüder vom gemeinſamen Leben, von denen wir heute ſprachen, Louis, und zu denen Thomas a Kempis auch gehörte. den Strom eines Verg⸗ zgts weideten n und dem die in ein Dies Vor⸗ e Waldung nfach, aber Cgon von 3.. Sieg Mittel, um zu werden und konnte riigt finden und delikate er haftete an i ihm durdh ſ rte kundgal R und zu gemeinſom uis, und Thomas a Kempis ein Jeſuit? ſagte Louis ver⸗ wundert und verrieth nun einmal auch ein wenig ſtark ſeine hiſtoriſchen Mängel. Nein, Louis! antwortete Egon lachend. Ich kenne, da ich in Genf viel mit der Kirchengeſchichte geplagt wurde, ſehr gründlich manche Dinge, die mir ſpäter von geringem Werthe wurden. Thomas a Kempis gehörte zu einer Brüderſchaft vom gemeinſamen Leben. Mein guter Louis erklärte ihn darauf friſchweg ſchon für einen Communiſten... Lachen mochten die Brüder nicht, weil ſie fürchte⸗ ten, den wenig unterrichteten, ihnen aber ehrenwerthen Handwerker zu verletzen. Es gab, fuhr Egon fort, im Mittelalter eine Menge von halbgeiſtlichen, halbweltlichen Genoſſenſchaften, die den Mönchs- und Ritterorden nachgebildet waren. Sie hatten oft ſo eigenthümliche Formen, daß ſie in den Ruf der Ketzerei kamen. Da waren die Begui⸗ nen, die Begharden, die Brüder unde Schweſtern vom freien Geiſte, die Apoſtelbrüder, die Brüder und Schweſtern vom gemeinſamen Leben. Sie gehörten Alle der Welt an, vereinigten ſich gber zuweilen zu ausſchließlich religiöſen Uebungen. Ihr innerer Zu⸗ ſammenhang war der der gegenſeitigen Unterſtützung, der Wohlthätigkeit. Manche vereinigten ſogar offen⸗ bar politiſche Zwecke mit ihrem nächſten Berufe. Sie unterſtützten die öffentliche Sicherheit. Wie es in Deutſchland einen Vehmbund gab, der die Gerechtig keitspflege in bekannter eigner Art förderte, ſo gab es in Spanien ähnliche Brüderſchaften, die dort aus freien Stücken und Fanatismus leider der Inquiſition dienten und förmlich deren Handlanger waren. Die Gewerke traten zuſammen und ſchützten ſich wechſel ſeitig gegen die Gefahren der Geſellſchaft. Die Bau⸗ hütten, aus denen der Freimaurerbund entſtanden ſein ſoll, hatten kaum einen andern Zweck; denn gerade die Maurer, Zimmerleute, Steinmetzen reiſten damals von Ort zu Ort, um bei den großen Bauten des Mittelalters mitzuwirken, und bedurften einer ſolchen auf gemeinſchaftliche Erkennungszeichen begründeten Erleichterung einer überall leicht aufzuſchlagenden Hei⸗ mat. Dieſer Trieb zur Vereinigung ging ſoweit, daß die Kalandsbrüder faſt nur zur Erheiterung und ge⸗ ſteigerten Geſelligkeit zuſammentraten und auch bei einer ſo reinweltlichen Beſtimmung vom Papſte keine Beſtätigung mehr fanden. Es iſt dies ganze Weſen der Anfang der Freimaurerei und des Jeſuitenordens, der beiden größten Genoſſenſchaften, die ſich in ähn— licher Art in unſerer Zeit erhalten haben. Siegbert bewunderte dieſe reichen Kenntniſſe. ie Gerechtig ſo gab die dort aus nquiſttion di ſich wechſel „Die Bau⸗ ſſtanden ſein denn gerade ſten damals auten des ſolchen emei begrüͤndeten agenden Hei⸗ ſoweit, da ung und 9e nd auch l apſte kei anze We eſuitenotde ſich in d n ntniſ 279 O, ſagte Egon, mein Gedächtniß iſt mit vielem alten Wuſt beſchwert und ich freue mich, daß man Gelegenheit findet, ſo etwas manchmal doch an paſſen⸗ der Stelle loszuwerden. Louis behauptete, daß die Gütergemeinſchaft von den Apoſteln ſelbſt wäre gepredigt worden, mußte ſich aber gefallen laſſen, daß Egon ihm ſcharf entgegnete. Mein lieber Freund, ſagte er, es iſt ein Unterſchied, wenn eine kleine chriſtliche Gemeinde, die in der gro⸗ ßen, unermeßlichen Römerwelt ſich bildete, ſich ent⸗ ſchließt, um ein gleiches Intereſſe und gegenſeitige Unterſtützung zu haben, zuſammenzutreten und aus einem Topf zu eſſen, als wenn dieſe unermeßliche Römerwelt ſelbſt damals ihr Eigenthum hätte zu⸗ ſammenbringen und mit Durchführung der langwei⸗ ligſten Art zu rechnen und zu leben die Beſitzquote des Einzelnen verwalten wollen. Wenn Das Com⸗ munismus ſein ſoll, daß drei arme Familien ſich ent— ſchließen, ſtatt auf drei Heerden Feuer zu machen, es nur an einem zu thun, ſo bin ich ſehr für den Com— munismus. Und in dieſem Sinne bin ich überzeugt, hatten die Brüder vom gemeinſamen Leben einen ſehr reſpektablen Mittagstiſch und Thomas a Kempis war ein Communiſt, der es ſich ſehr gut konnte ſchmecken laſſen. Egon, der immer wieder zu der eigenthümlichen Sicherheit und unvertilgbaren ariſtokratiſchen Haltung emporwuchs, die Dankmarn auf der gemeinſchaftlichen Reiſe nach Hohenberg ſchon aufgefallen war, gab darauf Louis die Hand und bat ihm ſeinen Spott ab. Ich liebe das Volk und die Arbeit, ſagte nach eine Pauſe der unterrichtete, denkgewandte Fürſt. Aber die falſchen Lehrer ſind, um im bibliſchen Stile zu bleiben, die wahren Verſucher, die ihre Teufelsgeſtalt ablegen, um uns zuzumuthen, man könnte ganz Je— ruſalem gewinnen, wenn man niederfällt und ſie an— betet oder ſich einbildet, Steine könnten in Brot ver⸗ wandelt werden... Hel Lonis, was grübelſt du? Daß ich morgen anfangen werde zu arbeiten! ſagte dieſer ruhig. Und ich werde gleichfalls irgend etwas ergreifen, ſagte Egon, um das Recht zu haben, ſo ſprechen zu dürfen. Siegbert kannte die Gedankengänge ſeines Bruders und ermunterte ihn, ſich doch einem ſo klaren und unterrichteten Kopfe, wie dieſem jungen Fürſten Egon gegenüber, der ihnen zu einer immer bedeutenderen Erſcheinung heranwuchs, über ſeine Idee von einer eigenthümlichen Abkürzung unſerer Geiſteskämpfe aus⸗ zuſprechen. enthümlichen chen Haltung einſchaftlichen n war, gab en Spott ab. ſagte nach Fürſt. Aber en Stile zu Teufelsgeſtalt nte ganz Je t und ſie an in Brot ver⸗ ibelſt du? tbeiten! ſagte vas ergreiſen o ſprechen i nes Budes e klaren un Fürſten Ege bedeutende dee von eln zkämpfe d 281 Mein Bruder, ſagte er, beneidet ſehr oft die Je⸗ ſuiten um ihre Organiſation. Er behauptet, der Je⸗ ſuitenorden in ſeiner Form, aber mit einem edlen In⸗ halte, könnte die Welt erlöſen. Egon und Louis horchten auf. Ich meine, ſagte Dankmar, daß denn doch aus allen Beiſpielen, die uns unſer Freund Egon da von vergangenen Tagen angeführt hat, ein tiefes und al⸗ tes Bedürfniß der Menſchheit ſich ergibt, ſich von den zufälligen Bedingungen der Eriſtenz, in der ein Jeder leben muß, zu befreien. Wir ſind hineingeſchleudert in dieſe Welt ohne Schutz, ohne Führer. Wir müſſen ringen, auf eigene Hand unſern Antheil an, ich will nicht ſagen Glück und Lebensfreude, ſondern nur an der Möglichkeit zu exiſtiren, zu gewinnen. Wir ſind wie hungrige wilde Thiere, fallen ohne Schonung über die Beute her, die wir erreichen können und mäßigen uns nur durch jenes Quantum von Reli⸗ gion, Sittlichkeit, Gewiſſenhaftigkeit und gemüthlichem Temperamente, das wir entweder ſchon bei unſerer Geburt mitbekommen haben oder in der Luft, in die wir verſetzt wurden, gewinnen konnten. Ein Menſch zu ſein, iſt das große allgemeine Band, das uns um⸗ ſchließt; aber gewährt uns dieſes Menſchenthum irgend einen andern Vortheil als den der Race, den der veredel⸗ 282 ten Potenz des Thieres? Wo hab' ich denn Brüder, die ſtolz ſind, in mir ſich ſelber wiederzufinden? Wo liegt denn irgend eine Bürgſchaft, daß wir die großen Zwecke des Lebens auf die einfachſte, ſicherſte, kürzeſte und glückliche Weiſe erreichen? Da iſt es nicht zu verwundern, daß die Menſchen zu allen Zeiten gedacht haben, ſie müßten ſich durch Verabredung und Ge⸗ ſinnung noch in eine zweite moraliſche Welt einkaufen, die enger, umgrenzter iſt als die große ſichtbare, aber die Ihrigen auch liebevoller und wärmer hegt und beſchützt. Die Religion, das Chriſtenthum vor allen Dingen, ſollte einſt dieſe zweite Welt ſein, wo wir als Glieder einer unſichtbaren Kirche uns zu lieben haben. Aber die unſichtbare Kirche wurde leider zu früh eine ſichtbare und ihr großer Bau wurde wieder die Welt ſelbſt, die Niemanden ſchützt. Es ſonderten ſich nun Stiftungen, Klöſter, Orden von ihr ab; Confeſſionen zerbröckelten dieſen rieſigen Tempel. Er iſt Denen nur noch eine Heimat, die irgendwo einen kleinen von ver⸗ fallenen Säulenſchaften eingefriedigten, mit dunklem Ge⸗ büſch überwucherten Seitenhof in ihm finden, wo ſie in ihrer Weiſe Chriſten ſind und im Abendſchimmer, von Nachtgevögel erſchreckt, zu dem Geiſt, der in dieſen Trümmern lebte, beten. Der Staat iſt kein Bund der Menſchheit, die Geſellſchaft iſt grauſam und lieblos, enn Bruͤda, finden? Wo rdie großen erſte, k es nicht zu ürzeſte ten gedacht und Ge⸗ t einkaufen, htbare, aber wo wir als eben haben h eine er die Well ten ſich unn Confeſſionen tDenen nu n von ver dunklem Ge n, wo ſie 1 immer, ve 1 in die n Bund) und liebloi die Fürſten behandeln die Völker wie ererbtes Eigen⸗ thum, wie ich meinen ererbten Garten behandeln würde, ich ſäe und ernte auf ihm und laſſ' ihn mir wohlge⸗ fallen. Das Leben iſt eine große Gefahr! Wie ſchützt man ſich anders vor ihr, als daß man zuſammentritt, ſich verabredet und durch gemeinſchaftliche Kraft die Kraft des Einzelnen ſtärkt? Ein jeder Bund dieſer Art ſollte die Aufgabe haben, einſt der Bund der ganzen Menſchheit zu werden. Ich ſehe keine Möglichkeit, daß die Hebel der Geſchichte, die jetzt im Großen und Offe— nen wirken, das Glück der Erde fördern können. Vo⸗ hin ſollen dieſe Staatenumwälzungen, dieſe Intriguen der Parteien, dieſe Leidenſchaften führen? Nirgends eine Verſtändigung über das Princip des Streites, nirgends eine freie, freudige Unterordnung des Einzelnen unter das Allgemeine. Ich ſehe nicht ab, was uns anders retten kann, als gerade mitten in dieſer Epoche der breiteſten Verallgemeinerung, wo Alles erkaltet aus⸗ einanderfällt, das enge, die behaglichſte Lebenswärme ausſtrömende Iſoliren. Das haſt du vortrefflich gemacht, Dankmar, ſagte Egon, als Dankmar mit ſeiner begeiſterten Rede zu Ende war. Ja, ja, ſo iſt's! Aber da müßte ein neuer Meſſias kommen! Ein einzelner Menſch kann in unſern Tagen nicht 284 mehr ein Meſſias ſein, ſagte Dankmar. Die Ideen ſind es, die jetzt als Erlöſer und Propheten auftreten. Die Menſchheit ſelbſt muß ſich Meſſias ſein. Die Menſchheit als Menſchheit iſt verloren, ſie kann nur durch einen Bund wieder ſich ſelbſt gerettet werden. Einen Geheimbund? fragte der Fürſt zweifelnd. Durch einen Geheimbund! ſagte Dankmar. In der Form des Jeſuitenordens? rief Egon. Nein, nein! Ich haſſe Alles an den Jeſuiten, ihr Inneres und ihr Aeußeres. Doch ſag' uns, was du denkſt. Louis und Siegbert hörten mit großer Spannung. Dankmar rüſtete ſich ſeine ganze Meinung zu ſagen. %& Die Ideen ſen auftreten. s ſein. Die ſie kann nur tet werden. weifelnd. kmar Egon. Nein, Inneres und denkſt Spannung. g zu ſagen. Zwölktes Capitel. Die Ritter vom Geiſte. Ich denke, begann Dankmar, daß man etwas erfin⸗ den muß, um den großen Proceß des Zeitalters ab⸗ zukürzen. Welche verlorenen Worte! Welche geopfer⸗ ten Anſtrengungen! Alles rennt durcheinander, Alles leidet an der ſchon unmöglichen nächſten Verſtändi⸗ gung! Die Einzigen, die da wiſſen, was ſie wollen, ſind die Jeſuiten und die Freimaurer. Jene verfolgen in ruhiger Conſequenz, unbekümmert um die jeweiligen Störungen ihres ſichren Friedens, das Ziel, die Menſch⸗ heit in den Feſſeln kirchlicher Abhängigkeit zu erhalten. Dieſe, ihr ſchnurgerades Widerſpiel, ſind nicht ganz ſo friedfertig und ſtill, wie ſie ſich das Anſehen geben. Wo ſie nur können, ſuchen auch ſie ihrem Ziele den Weg zu bahnen und dies Ziel wird wol die Freiheit des Menſchen von jeder poſitiven Bevormundung und die Ausbildung einer reinen Humanität ſein. Ohne —— 286 Zweifel iſt dieſe letztere Aufgabe eine brave, aber viel zu allgemeine. Wenn man immer und immer von der Menſchheit ſpricht, verliert man den Menſchen ſelbſt aus dem Auge, und wenn man ſagt, die Beſſe— rung der Welt finge damit an, daß man ſich ſelbſt beſſere, ſo artet eine ſolche Lehre nothwendig in Träg⸗ heit, Sorgloſigkeit, Genußſucht aus, die ja bekanntlich auch längſt der zerſtörende Schwamm an den unſicht⸗ baren Bauten der Freimaurer iſt. Nimmer auch wer⸗ den wir zu einem Ziele gelangen, das wir uns, ich will nur ſagen, etwa über die Lage Europas will⸗ kürlich ausdenken. Wer kann die Bürgſchaft geben, daß dieſe oder jene Form der ſtaatlichen, kirchlichen, geſellſchaftlichen Geſtaltung die allgemein genügende und Jeden beglückende ſein werde? Auf eine zukünf⸗ tige Schöpfung hin kann kein Bund zuſammentreten, wohl aber bedarf die Zeit einen Bund für den Geiſt dieſer Schöpfung. Der Geiſt iſt dies allgemeine flim⸗ mernde Sonnenlicht, das über unſerm Zeitalter un⸗ ſichrer zittert als jemals über einer Epoche. Das chriſtliche Zeitalter, die mittlere Zeit, die Reformation wußten, wofür die Herzen erglühten. Wir aber gehen in der Irre und benutzen die Waffen des Geiſtes zu jedem Kampf gegen ihn. Der Kampf der Finſterniß gegen das Licht wird mit Waffen des Geiſtes geführt mmer vor Menſche Poſſ le Beſſe caft geben Aon kirchlichen amment ele ür den Ge emeine ſii geitalter! che. 1 Reformal ber ge 5 Geiſte Finſtel der Finſſ 4 def 11 iſtes 257 Leſ't nur, was ſo viele poetiſche Köpfe für die poli— tiſche und kirchliche Abhängigkeit des Menſchen ge— ſchrieben haben! Die Tobſucht der Maſſen, die Wuth des Umſturzes wird von Waffen des Geiſtes unter⸗ ſtützt. Nichts iſt jetzt dienender als der Geiſt, und die Entſcheidung ſoll nur noch von der Materie kom⸗ men! Darüber wird die ſittliche Welt zu Grunde ge⸗ hen; denn die allgemeine Anarchie, das Chaos der Bildungsloſigkeit, die Tyrannei der Bildungsverach⸗ tung nenn' ich den Untergang der Welt. In einer ſolchen Gefahr für die Scheinwahrheit der katholiſchen Kirche trat einſt Ignatius Loyola auf und predigte den nach innen gewandten Kreuzzug, ſtiftete einen geiſtlichen Ritterbund für die innere Miſſion, machte das Wort, den Glauben zur Waffe; mancher Jeſuit unterſtützte ſeine ſtumpfen Gründe durch die Schärfe des Dolches. Es war urſprünglich ſo ſchlimm mit Gift und Dolch nicht gemeint. Man wollte nur einen Bund des katholiſchen Geiſtes gegen die Ketzerei ſtif— en. Wohlan! So ſtifte man einen Bund des allge⸗ meinen Menſchengeiſtes gegen den Misbrauch der phy⸗ ſiſchen Gewalt! Wo ſeh' ich nicht die phyſiſche Ge— walt? Ueberall! Das Recht des Beſitzes ſoll das Recht des Eigenthums ſein. Der Eine bewaffnet ſich mit ſtehenden Heeren, der Andre mit der Brandfackel des — — 288 Aufruhrs. Wo ſeh' ich Menſchen, die, ich will nicht ſagen, wie die Jeſuiten ſagen, daß ſie glauben, nicht, wie die Freimaurer ſagen, Menſchen, die ſich lieben; nein, wo ſeh' ich Menſchen, die nur denken? Es gibt eine kleine Leiter von Begriffen, die ſo einfach, ſo tief in der Menſchenbruſt begründet ſind, daß ſie die ein⸗ fachſte Intelligenz erklimmen kann. Auf dieſe Begriffe hin reiche ſich die Menſchheit die Hand, beſchwöre ſie und erkläre feierlich, auf dieſen Schwur hin, nur noch leben und ſterben zu wollen! Ein ſolcher Bund des freien Geiſtes nur funfzig Jahre in Wirkſamkeit und die Streitfragen werden vereinfacht, die alten, wie Schlinggewächs wuchernden Unbilden werden von ſelbſt verdorrt und zuſammengefallen ſein. Egon ſchwieg nachdenklich. Louis Armand aber und Siegbert waren ergriffen und ſchenkten dieſem Gedanken ihre volle, laute Zu⸗ ſtimmung. Nur das Eine erlaubte ſich Louis zu bemerken: Werden Sie uns dadurch nicht eine neue Ariſto⸗ kratie ſtiften? Die Ariſtokratie des Geiſtes, die viel⸗ leicht nicht ſo ſchlimm wie die der Geburt, aber doch ſicher eben ſo läſtig werden kann wie ſchon die des Geldes iſt? Dankmar lehnte dieſe Befürchtung ab. 289 Der befreiende, erlöſende, verſtändigende Geiſt, aube icht;,; S⸗ lauben, nich ſagte er, wird niemals der der Gelehrſamkeit ſein. e ſich lieben Die Brüder des neuen Bundes beſchwören gewiſſe ken? Es git Begriffe, für die ſie wirken müſſen. Dieſe Begriffe nfach, ſo tie ſind einfach wie das Licht der Sonne. Sie ſollen ſie die ein— keinen andern Beweis für ſich haben, als daß ſte er⸗ dieſe Begiiff hellen und erwärmen. Sie ſollen die Möglichkeit er— beſchwöre ſi leichtern, daß gleiche Geſinnungen ſich durcheinander in, nur noch ſtärken. Sie ſollen dem großen Kampfe der Zeit den her Bund dei ſtarken unüberwindlichen Phalanx der Uebereinſtimmung rkiamkeit und geben. Sie ſollen die Fahne aufſtecken, unter der ſich e alten, i die Gleichgeſinnten raſch und ohne langes Ergründen den von ſelbſ und furchtſames Ausforſchen verſammeln. Warum er⸗ kennen ſich denn überall die Jeſuiten? Warum müſſen es die Freimaurer? Warum ſollen ſich nicht auch raſch aren ergiif die Männer von gleicher Denkungsart über die wahre le, laute 3. Aufgabe unſrer Epoche erkennen? Ich weiß, daß ſich Lüge und Verſtellung auch in meinen Bund ſchleichen henerte wird. Allein unter den Mördern, die Jeſuiten ge— reu Arü dungen haben, hat der Jeſuitenorden bei den gläubig der Katholiſchen ſelbſt nichts gelitten; unter vielen herum— . aber. ziehenden Lumpen und Bettlern leidet die Maurerei Laut d an ſich ebenfalls nicht: was können Verräther da thun, wo es ſich nicht um verabredete Unternehmun⸗ gen, verabredete Thaten, ſondern lediglich Vm eine Die Ritter vom Geiſte, V. 19 . 290 feſte, ihre Aufgabe von ſelbſt begreifende Geſinnung handelt? Ich wäre ſchon einverſtanden, ſagte Egon, wenn der Bund, von dem du wirklich ſprichſt, als wäre er ſchon geſtiftet, nur kein Geheimbund wäre. O wohl!, lieber Egon, rief Dankmar in hoher Er⸗ regung, wohl, er iſt ſchon geſtiftet; denn alle Welt ſehnt ſich nach dieſem Bunde. Nur die geſinnungs⸗ loſen Menſchen und die Tyrannen haben nicht das Bedürfniß, ſich durch die Uebereinſtimmung mit den Gleichgeſinnten zu ſtärken. Wer in dieſer Welt lebt und denkt, wer da fühlt, daß er, um ſein Theuerſtes zu ſichern, nicht der materiellen Mittel allein bedürfen möchte, der ſteht ſchon an der Pforte meines neuen Tempels und begehrt Einlaß. Und Geheimes haben wir nichts, wenn wir auch geheim uns halten wollen. Wir werden einen Ritus der Aufnahme haben, uns aber nur auf Wahrheiten verpflichten, die allgemein bekannt ſein dürfen. Das Kleinod liegt eine Zeitlang in einem Schrein und wird herausgenommen, offen zur Schau getragen, Allen gezeigt, wenn es Zeit iſt. Nachdem es glänzte, geht es in ſeinen Schrein zurück. Die Natur jedes polemiſchen Gedankens, der ſich durch Gleichgeſinnte ſtärken ſoll, bedingt die geheime Bewah⸗ rung. War das Chriſtenthum nicht anfangs eine Geſinnun Lehre, die bei geſchloſſenen Thüren bekannt wurde Wohl uns, wenn unſere Geheimniſſe ſo große Veg niſſe für uns ablegen, daß der Bund immer größer, immer umfaſſender wird und endl ich alle Menſchen aufnimmt. Einer verwilderten Menſchheit kann nicht anders geholfen werden, als daß Die, die das Beſſere wollen, bei Seite treten und dem großen Haufen zu— rufen: Sondere ſich ab, wer wie wir fühlt und denkt! Und noch Eins, fiel Egon ein, der noch immer ungläubig blieb, überlegſt du wohl, lieber Freund, woher die Jeſniten und, ſoviel ich weiß, auch die Frei⸗ maurer, ihre eigentliche Kraft nehmen? Aus dem Gelde! Freimaurer ſind nur wohlhabende Leute und die Jeſui⸗ ten ſind an Gütern ſo reich ausgeſtattet und werden noch täglich ſo reich damit geſegnet, daß die Gedan— ken dort auch ermunternde und nachhelfende materielle Hebel haben. Dieſe alten Brüderſchaften des Mittel⸗ alters waren unglaublich reich. Sie hatten gut ent⸗ ſagen und die chriſtliche Commünauté lobpreiſen! Die Brüder und Schweſtern vom freien Geiſte lebten nicht vom Geiſt allein, ſondern ihr Geiſt war ſo frei, ſich es auch an irdiſcher Speiſe nicht fehlen zu laſſen. Die Kalandsbrüder, die ich nannte, dieſe mittelalterlichen Freimaurer, die an jedem Kalandstage, dem erſten des Kalenders, monatlich zuſammenkamen, um unter 19* 292 religiöſen Formen gut zu eſſen und noch beſſer zu trin⸗ ken, hatten Häuſer, Liegenſchaften, Zollgefälle. Die große Elbbrücke in Dresden warf ein Jahrhundert lang den grauen oder Kalandsbrüdern auf der dortigen Brü⸗ dergaſſe den Brückenzoll ab. Von den großen Reich⸗ thümern der geiſtlichen Ritterorden zu ſchweigen! Die Templer waren ſo reich, daß ſie ihre große Aufgabe unter Schwelgereien vergaßen und von Philipp von Frankreich, der ihre Güter beſitzen wollte, mit Feuer und Schwert vertilgt wurden. Die St.⸗Johanniter und Deutſchherren haben noch einen Ueberfluß von Gütern und Liegenſchaften und Sinekuren.... Sinekuren! unterbrach ihn Dankmar lächelnd. Das iſt das rechte Wort! Will mein Bund ſich erhalten, ſo haben wir durch dieſe Parallele wenigſtens ſchon Das gewonnen, daß wir nicht zuviel Geld haben dürfen, nicht ſo viel, um sine cura für die Haupt⸗ ſache ſein zu dürfen. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig! ſagte Egon. Gerade ſo viel, als man für den Anfang braucht! erwiderte Dankmar lächelnd mit einer eigenthümlichen Beſtimmtheit. Beſter Freund, wo käme aber auch das Wenige her? Die Männer von Geſinnung ſind arm! eſſer zu trin⸗ hundert lang oriigen Brü⸗ oßen Reich⸗ deigen! Die ße Aufgabe dvilpp von „ mit Feue „Johanniter leberfluß von n chelnd Da ſich erhalte igſens ſch Geld habe die Haut Richtig! Deshalb brauchen wir etwas Geld. Et— was! Nicht viel, aber auch nicht zu wenig! Egon lachte über Dankmar's ſonderbare finanzielle Ruhe Das iſt komiſch, ſagte er, ein Bund für die Freiheit, geſtützt auf Actien, escomptirt vielleicht an der Börſe? Das Geld wird ſich finden, muß ſich finden! be⸗ hauptete Dankmar. Für einen Juriſten biſt du ſehr Idealiſt! ſagte Egon faſt gereizt. Geld findet ſich niemals, beſter Freund! Alles findet ſich, aber niemals Geld. Doch! Doch! Es findet ſich! wiederholte Dank⸗ mar, und durch den Ton nicht allein, in dem er die Erneuerung dieſer Hoffnung vortrug, ſondern auch durch eine überraſchende Entdeckung, die die Freunde machten, war dies Geſpräch vorläufig abgebrochen... Sie waren nämlich ſchon längſt in jenen anmuthigen, ſchattigen Park, in dem das Luſtſchloß Solitüde lag, eingefahren, als ſie in der Ferne langſam unter der großen Hauptallee, die zum Schloſſe hinaufführte, mehre ſechs- und vierſpännige königliche Wagen fah⸗ ren ſahen.. Die Anweſenheit des Hofes auf So⸗ litüde hinderte zwar nicht im geringſten die dort er— laubte freie Bewegung des Publikums, aber die ſich — — — —* —— — dem Anſtand von ſelbſt darbietenden Rückſichten mach ten es oft unmöglich, dann die einzelnen ſchönen Punkte des Schloßgartens ſo zu genießen, wie ſie es ihrer Lage, friſchen Luft und angenehmen Ausſicht wegen verdienten... Egon vollends, der eine Beziehung zum Hofe nicht ſuchen mochte, gerieth in Verlegenheit und wäre gern umgekehrt. Dankmar und Siegbert wagten kaum ihm zuzureden; denn, ſagten ſie, wer bürgt dafür, daß der junge Fürſt nicht erkannt oder wenigſtens mit der höheren Hofbedienung in ein Ge⸗ ſpräch verwickelt wird! Und Dankmar ſetzte ſogar hinzu: Wer ſchützt dich, wenn du durchaus die Begeg⸗ nung noch vermeiden willſt, vor einem Akte der Her⸗ ablaſſung? Die königlichen jungen Herrſchaften ma⸗ chen es ſich zur Aufgabe, wo ſie können, ſich in Ge⸗ ſpräche und Anreden zu verlieren. Es wird ihnen ſehr ſchwer; denn ſie ſind ſchüchtern und beklommen, allein die Oberhofmeiſterin von Altenwyl, ſagt man, dringt im⸗ mer darauf und der regierende Fürſt ſelbſt hat einen Reiz dazu, ſich volksthümlich zu machen, ſeitdem ſein Bru⸗ der Ottokar ſo allſeitige Huldigungen empfängt. Der ältere Bruder iſt ohne Zweifel ſehr unterrichtet und für Alles intereſſirt, aber zurückhaltend und ſogar mis⸗ trauiſch. Nur der größere Muth ſeiner Frau ermun tert ihn. Dann wirft er ſich ſo gewaltſam in den ſichten mach zönen Punkte ſie es ihren sſicht wegen e Beziehung Verlegenheit nd Siegbent ten ſie, wer erkannt oder giin ein Ge⸗ eſogat hinzu ie Begeg Atte der Her ſchaften ma „ſich in Ge id ihnen ſei mmen, allei an, dringtin at einen R ein B „m ſein B 295 Drang, ſich Erfolge zu machen, daß es beängſtigend wird und man aus einer ſolchen Begegnung mit dem Gefühle ſcheidet, wie man hier nur zu einem kalten Rechnenexempel der theoretiſchen Monarchie eine dumme und armſelige Zahl abgegeben hat. Ein erwärmtes Gefühl, eine geſteigerte Hingabe an dieſe nicht ſehr glücklichen, einſam ſtehenden Menſchen bleibt kaum zurück. Wie es nun aber bei ſolchen Bedenklichkeiten zu gehen pflegt, man ſpricht ſie aus und thut doch ge⸗ rade Das, was man vermeiden wollte. Die Bedienten hatten den Schlag geöffnet, das große gußeiſerne Portal des Schloßgartens ſtand geöff⸗ net, ſie traten in die ſaubergehaltenen Wege und die trotz der vorgerückten Jahreszeit noch bunt und man⸗ nichfach belebten Bosquetts ein. Siegbert erbot ſich zum Führer. Er kannte hier alle verſchlungenen Pfade, die an die große berühmte Terraſſe führten, und auch die, welche erſt die noch geöffneten Treibhäuſer und einen kleinen See mit Schwänen, eine Volière mit anmuthigem Gevögel, das eine ausgeſtopfte Eule umſchwirrte, eine andere Umzäunung ſehen ließ, in welcher einige Rehe hau— ſten, die mit ihren ſanften weiblichen Augen durch die Gitterſproſſen lugten. 296 Man entſchied ſich dafür, den kürzeſten Weg zu wählen. Nach einer der Anmuth des Gartens geſpendeten Anerkennung und einigen Vergleichen, die Egon und Louis mit Verſailles, beſonders aber dem natürlicheren und parkähnlich gepflegten St.⸗Cloud zogen, kam das Geſpräch auf den Hof, die Politik, den Geheimbund zurück und Egon ergriff die Gelegenheit, ſich über ſeine künftige Stellung zu der Geſellſchaft und zu dieſem Staate ſelbſt, in dem er einen ſo glänzenden Namen führte, auszuſprechen. Dankmar's Verzweiflung an allem Gegebenen ſchien er, ſich auf Louis im Gehen ſtützend und in dem gekieſelten Sande ſeine noch etwas müden Füße nachziehend, nicht zu theilen. Ich werde nicht ganz zurückgezogen leben! ſagte Egon. Die große Sorge um meine ruinirten Beſitzun⸗ gen hat mir einſtweilen ihr Pächter, dein amerikani⸗ ſcher Landwirth Ackermann, abgenommen. Ich will ſehen, wie lange ich mich mit den Hoffnungen auf eine mögliche Wiederherſtellung dieſer traurigen Ver⸗ wüſtung beruhigen kann. Inzwiſchen ſoll mein Haus⸗ weſen vereinfacht werden. Es ſind zu viel Menſchen um mich. Wozu zwei Diener, die da hinter uns ſchleichen und aufpaſſen, daß doch Einer von uns ja ſein Taſchentuch verlieren möchte, nur um ſich durch on und natürlicheren am das Geheimbund noch etwas deſſen geräuſchvolles Aufheben nothwendig zu machen? Wozu die vielen Frauen in meinem Hauſe? Den alten Haushofmeiſter penſionirt man. Ich habe acht Pferde und kann mich mit vier begnügen. Mein Mittags⸗ tiſch war heute überladen. In allen dieſen Dingen hab' ich die einfache Ordnung der Natur kennen ge⸗ lernt und Louis wird mir beiſtehen, ſie auch hier in⸗ nerhalb der Grenzen, in denen ich nun einmal leben muß, einzuführen. Dann will ich ſuchen Bekannt⸗ ſchaften zu machen, die mir von Nutzen ſein müſſen, ſonſt vermeid' ich ſie, denn ſie koſten nur Zeit. Und zuletzt— hab' ich einen Lieblingsplan, den ich aus Paris mitbrachte.. Egon ſah Louis an, der beifällig nickte. Die An— dern hörten geſpannt. Auch ich will einen Verein ſtiften, ſagte Egon. Aber keinen geheimen, lieber Wildungen, und keinen, der ſich auf das Wandelbarſte im Menſchen, auf die Geſinnung ſtützt. Ich denke an einen Verein zum wechſelſeitigen Schutze der Arbeit. Ich habe nicht um— ſonſt mein Stemmeiſen und den Hobel geführt. Ich fenne die Bedürfniſſe der Arbeit, ich achte den Hand⸗ werker und fühle mit ihm. Es muß viel, viel ge⸗ ſchehen, um ihn beſſer zu ſtellen, als dies bisher der Lall war. Aber höher noch, als der Arbeiter, ſteht 298 mir die Arbeit ſelbſt. Die wird nicht genug geehrt, die nicht heilig genug geſprochen. Und was anders kann uns von unſerm Elend wahrhaft erlöſen als die Arbeit? Die Arbeit, beſter Dankmar, die in ihre Rechte, in ihre Würde eingeſetzt, und das hohle Trei⸗ ben der Leidenſchaften hört auf. Ich bin ſtreng, ich habe die Theorie nicht der Menſchenrechte, ſondern der Menſchenpflichten. Alles will mit der Geburt An⸗ ſprüche erworben haben auf ein Utopien von Glück und Freiheit. Niemand lehrt, daß uns die Geburt darauf anwies, das Recht, ein Menſch zu ſein, durch die Arbeit zu verdienen. Iſt dieſe Lehre erſt allge⸗ mein, dann wird auch die Gelegenheit, die uns wurde, geboren zu werden, als eine Quelle des Glückes und der Freude erkannt werden. Freilich fühl' ich, daß ich mit dieſer Lehre allein ſtehen würde, wenn ich nicht verſuchte, mit ihr in die großen Debatten unſerer Zeit mit einzugreifen. Schriftliche Darſtellung gelingt mir nicht, die mündliche müßte eine Tribüne haben. Ich glaube, daß ich, von einem Gegenſtande gedrängt, ein Redner ſein könnte. Ein übervolles Herz iſt ja das erſte Bedürfniß eines Redners, und ich glaube, ein ſolches übervolles, zum Sprechen drängendes Herz beſitze ich— Die Tribüne iſt da, ſagte Dankmar, als Egon genug geehrt, was anders t erlöſen als —·, die in ihre s3 hohle Trei⸗ n ſtreng, ich e, ſondern der Geburt An⸗ en von Glüch s die Geburt zu ſein, durch hre erſt allge die uns wurde Glückes und lich, daß i wenn ich rit en unſeret 3⸗ ng gelingt e haben. nde gedtün ls Hei it nd ich R rängendes nor, al! ſtockte. Laß' dich in eine unſerer deutſchen Kammern wählen! In die hieſige! Daß ich noch mehr in der Welt Gegenſtand des Spottes würde? bemerkte Egon zögernd. Der Gegenſtand des Spottes? wiederholte Sieg— bert und begriff dieſe Zaghaftigkeit nicht. Die Welt kennt meine Geſchichte, ſagte Egon. Ich bin auf manche Bosheit gerüſtet, die mir die Geſell⸗ ſchaft in den Weg legen wird. Siegbert lehnte eine ſolche Beſorgniß gänzlich ab. Man kenne, ſagte er, des Prinzen abenteuerlichen Le— benslauf und fände ihn allgemein ſo intereſſant, daß man ihn nur mit der größten Aufmerkſamkeit begrü⸗ ßen würde. O, ſagte Egon, da haben Sie doch die excluſive Geſellſchaft noch nicht weg. Ich habe ein Attentat gegen die Ariſtokratie der Geburt begangen. Schon längſt nennt man mich vielleicht einen Communiſten. Ich fühle vollkommen das Lächerliche, das meine Vergan⸗ genheit vor der Blaſirtheit dieſer Stände haben wird.... Nein, ſagte Siegbert mit großer Wärme, Das muß ich unbedingt beſtreiten. Ich bewege mich in dieſer Sphäre und kann wohl ſagen, die Zeiten haben ſich auch hier gewaltig geändert. Es iſt ein Drang auch im Adel entſtanden, ſeine Nothwendigkeit durch ein 300 ideelles Eingreifen in die Zeit zu beweiſen. Er hat ſich längſt entſchloſſen, die Sprache der Zeit zu reden und die Beſten im Adel ſtellen ſich, unabhängig von den Thronen, zwiſchen Fürſt und Volk als die Ver⸗ treter nicht blos des Dauer-Berechtigten, ſondern des nothwendig umzugeſtaltenden Alten. Ja ſogar die große Maſſe der excluſiven Geſellſchaft iſt von der wilden Zeit ſo eingeſchüchtert, daß man von ihr wohl ſagen kann, Noth lehrt ſie beten. Man ſchmachtet förmlich in dieſer Sphäre nach Ideen! Ich kann Ihnen ſagen, Prinz, daß Ihr Auftreten in dieſer Geſellſchaft mit einer Spannung erwartet wird, die Sie kaum ahnen. Ah! Wie wäre Das? antwortete Egon ablehnend und doch nicht ganz ohne eine angenehme Erregung... Glauben Sie mir, ſagte Siegbert und entfernte ſich faſt von Dankmarn und Louis, die für ſich lang⸗ ſamer gingen, glauben Sie mir, in dieſer Sphäre hat ſich das Meiſte überlebt. Rathlos taſtet das Experi⸗ ment dahin und dorthin. Die alten Künſte ſind ohne Wirkung geblieben und wahrhaft ſehnſüchtige Blicke wirft der Hof, der denkende Adel, der beſonnene Beam⸗ tenkreis auf irgend ein Zauberwort, das da helfen ſoll in der allgemeinen Noth und Verwirrung. Nein, ich gebe Ihnen mein Wort, man lacht nicht mehr über einen jungen deutſchen Fürſten, der in Frankreich die iſen. Er ha Zeit zu reden abhängig von ass dee Le ſondern des gar die große der wilden r wohl ſagen achtet förmlich Ihnen ſagen zeſellſchaft mi kaum ahnen non ablehnend Erregung. und entferne für ſich lan er Sphäre he et das Erpe iſte ſind ol ſüchtige A onnene Be zda helfen Nein — o Blouſe trug und die Lage der arbeitenden Klaſſen ſtu⸗ dirte, indem er ſelbſt arbeitete. Die ſüffiſanteſten adeligen Burſche aus dem Jockeyclub fühlen das all⸗ gemeine Leiden ihrer Kaſte nach und ziehen den Hut vor Jedem, der ihrer Kaſte Ehre macht. Wenn Sie reden, Prinz, wird man horchen. Wenn Sie Unter⸗ ſtützung und Mitwirkung verlangen, wird man Ihnen mit tauſend Armen beiſpringen, und wenn man Pi⸗ ſtolen abſchießt, ich ſage Das der Duelle wegen, die Sie als nothwendig anzudeuten ſcheinen, ſo wird es vor Freude ſein, daß einmal aus der Sphäre der er⸗ cluſiven Geſellſchaft ein Gedanke, eine Thatſache ſich entwickelt, wie ſie ſonſt nur von daher zu kommen pflegt, wo man hinter dem Fortſchritt gleich das Ue— berſtürzen, hinter der Reform die Revolution fürchtet. Während dieſer Ermuthigungen, deren Fortſetzung und weitere Ausführung Egon mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit vernahm, waren Louis und Dankmar etwas langſamer gegangen und zurückgeblieben... Louis Armand ergriff ſogleich dieſe günſtige Ge⸗ legenheit, auf Dankmar's Vorſchlag von einer Bunds⸗ genoſſenſchaft des Geiſtes zurückzukommen und ſehr ernſt darüber zu ſprechen. Dankmar lehnte dieſen Ernſt noch ab und ſagte, daß ſolche Gedanken oft nur in der Debatte zu ent⸗ 302 ſtehen pflegten und ebenſo wieder in der Debatte wie Seifenblaſen platzten... O Das wäre nicht gut! fiel aber Louis ein. Ich ſtoße mich, ſagte Dankmar, den Egon's Kühle jetzt gegen ſich ſelber mistrauiſch gemacht hatte, ich ſtoße mich an der Nothwendigkeit, für einen ſolchen Geheimbund einen äußern Apparat, den man die Sym⸗ bolik deſſelben nennt, zu erfinden. Da hat es der Prinz leichter! Er knüpft an gegebene Zuſtände an. Und wird, wie Sie vielleicht nur für die Gelehr— ten, ſo ſeinerſeits nur für die Beſitzenden etwas Gutes ſtiften! antwortete Louis. Das fürchten Sie? entgegnete Dankmar. Und man vermuthet allgemein, der Prinz und Sie hätten doch eine gleiche Lehre von der Geſellſchaft... Keineswegs! war Louis' Antwort. Ich höre es an Allem, was ich nun von ihm über öffentliche Dinge vernommen, daß er zu den Ariſtokraten gehört, die eigentlich die gefährlichſten ſind, zu jenen nämlich, die in ihr Wappen auch einige Symbole neuer Ideen aufnehmen. Sie ſprechen, antwortete Louis, eine Beſorgniß aus, die mich ſelbſt bekümmert. Er war in Lyon nicht ſo. Er kam dort an, wie ein Kind, unreif, zwar überfüllt mit Wiſſen— 5 der Debatte w Louis ein. m Cgon's Kühl acht hatte, ich einen ſolche die Shm Da hat es Zuſtände an für die Geleh etwas Gut nun von! daß er zü gefährlich 1auch Beſ 1Al! eine T Fr war in: in Kind 303 In der That, ich bewundere ſeine Gelehrſamkeit. Glauben Sie mir! Egon iſt ein ſeltener Menſch und berufen, eine große Rolle zu ſpielen. Sie wollten von Lyon ſprechen... Nun wohl! Er kam zu uns unreif und doch ſchon blaſirt. Er hatte das Leben zur Hälfte ſchon ausge⸗ koſtet. Nicht alle Verführungen waren ſo wie die des Herrn Rafflard von ihm abgeglitten und doch war ſein Herz unſchuldig. Es war der Zorn über ſeine Familie, über die geringen Mittel, die man ihm für ſeine Eriſtenz ſchickte, der ihn veranlaßte, ſeinem Stande zu entſagen und ſeine Angehörigen zu reizen, zu verletzen, ich will ſagen, zu beſtrafen. Ein junger Menſch, der ſeine Aeltern beſtrafen will! Das trieb ühn in jenes Extrem, deſſen Durchführung ihm meine eigenthümlich zuſammengeſetzte, nicht ungebildete Fa milie, beſonders aber ein ſanftes, heitres Mädchen, meine Schweſter, angenehm und dadurch allein mög üch machte. Er hielt lange aus, oder ſagen Sie, nieine Schweſter war ſo glücklich ihn lange zu feſſeln. Wir ſiedelten nach Paris über. Meine Spezialität in vergoldetem Schnitzwerk hatte in der Stadt des Lurus mehr Gelegenheit, ſich ergiebig zu machen. So zogen wir nach Paris. Man weiß, wie uns Egon dort verloren ging. Ich glaubte, ihn am Grabe meiner Schweſter ganz wiedergefunden zu haben. Aber es war, ich fürchte mich es einzugeſtehen, vielleicht nur eine neue Abſpannung, die ihn aus den Armen der ſchönen Gräfin d'Azimont an das Grab Louiſon's führte. Jetzt, da die Gräfin hier iſt, da er ſich ge— ſund, thatkräftig, unternehmend fühlt, iſt kein Augen⸗ merk zu verſäumen, ihn den Ideen zu erhalten, die er einſt im Umgang mit den Armen einſog. Ich bürge für ſeinen beſten, ſeinen redlichſten Willen— aber eine Helene d'Azimont, ein Rafflard, die Prä⸗ rogative ſeines Standes, die Schmeicheleien ſeiner Stellung... Beſorgen Sie nichts, lieber Louis! ſagte Dank⸗ mar. Dieſer Ariſtokrat iſt, trotz der guten Meinung meines Bruders von dem gebeſſerten Stolze des Adels, ſo himmelweit von der üblichen Bildung unſerer er⸗ cluſiven Stände entfernt, daß ich glaube, er wird mit ſeinem Vereine zum Schutz und Schirm der Arbeit bei ihnen allein ſchon genugſam anſtoßen. Es käme nur... auf Etwas an... Dankmar regte mit dieſen zögernd geſprochenen Wor⸗ ten die Unruhe des Handwerkers nur noch mehr auf Worauf? ſagte er. Sie ſehen, wie ich vor Sehn ſucht zittere, dem Volke ein treues Herz zu erhalten! Dankmar war von der bebenden Stimme, mit der 305 zu haben. Abe dieſe Worte geſprochen wurden, gerührt und bot Louis gehen, viellitt Armand die Hand. aus den Armer Edler, lieber Fremdling! ſagte er. Wie warm füh⸗ Grab Louiſonz len Sie für die gute Sache des Jahrhunderts! da er ſich ge O mein Herr, rief Louis, ich höre Sie ſchon viel iſt kein Augen lieber von unſern Pflichten ſprechen, als meinen ver⸗ thalten, Äd lornen Egon von unſern Rechten. einſog. J Geben Sie ihn nicht auf, Louis! antwortete Dank⸗ hſten Wilen- nnar, angenehm erregt von der traulichen Art, wie fllard, die Pi Egon am Arme ſeines Bruders ſich ſtützte und unter eicheleien ſin den hohen Lindenbäumen vor ihnen ſchritt. Ich ver⸗ ſpreche mir viel von dem Plane, dieſen jungen Für⸗ 3) ſagte Dall ſteen in unſre Kammer zu bringen. Er hat das Alter. 3 ten Meinun Und über die Möglichkeit, ihn irgendwo in der Wahl zolze des Adet durchzuſetzen, hab' ich ſchon nachgedacht. Die Tri⸗ ung unſerer büne iſt ein ſonderbarer Ort! Menſchen, die nie eine * er wird Meinung hatten, haben auf der Tribüne eine Mei⸗ ſa der A nmung bekommen. Wie man in der Phyſik das Ge⸗ 4,— Es ie wicht der Stoffe nicht auf der Wagſchale abſolut, 1 ſendern nach einer Vergleichung mit andern Werth⸗ beſtimmungen ſpeeifiſch ermittelt, ſo wird Egon über ſorochenen? 7. ep ſeine Geſtnnung ſich erſt klar werden den Geſinnungen noch mehl.—. noch 6 Andrer gegenüber. Und wie wenig wol auch zu er⸗ ich vors..„. eich t warten ſteht, daß ihn unſre Radikalen für ſich ge⸗ derz zu winnen, ſo dürfte es doch ebenſo lange währen, bis timme S Die Ritter vom Geiſte. V. 20 1 5 4 6 —— ſich Egon in der ihm völlig fremden, zu Allem ſchmieg⸗ ſam ergebenen Kanzleigeſinnung des Beamtenthums zurecht fände. Erſt auf der Tribüne wird ſich ſein wahrer Werth ſichtbar ausſcheiden. Haben Sie ſchon über die Möglichkeit einer Wahl nachgedacht? fragte Louis Armand. Ich erwarte, ſagte Dankmar, in dieſen Tagen einen Deputirten, dem es gelungen iſt, dreimal ge⸗ wählt zu werden. Es iſt ein einfacher Landwirth, aber ein vielgerühmter Politikus, Namens Juſtus. Ertreme Richtungen können ihn nicht gehoben haben, und ſo glaub' ich faſt gewiß zu ſein, daß es nur ſeiner Empfehlung bedarf, um da, wo er die Wahl ab⸗ lehnt, Jeden, den er als Erſatzmann vorſchlägt, durch⸗ zubringen. Unter dieſen Erörterungen hatten ſich Louis und Dankmar wieder den beiden Vorausſchreitenden ge⸗ nähert und theilten die angenehme Ueberraſchung, die ihnen jetzt die freundliche Ausſicht bot. Welch ein ge⸗ fälliges Gemälde!... Sie hatten alle vier jene Ter⸗ raſſe erſtiegen, deren Rückwand dichte geſtutzte Bos⸗ quets, Grotten und Lauben bildeten, deren Vorderſeite ein Gitter, über das hinweg man unten einen Wieſen⸗ grund, über dieſen hinaus aber den Fluß, Wald und Berge ſah. Alle Wege des Schloßparks ſammelten im ſchmieg⸗ untenthums ad ſich ſein iner Wahl en Tagen dreimal ge⸗ wirth, aber 3. Exrtreme den, und ſ nut ſeine Pahl ab agt, durch⸗ Louis und eitenden g nſchung, zelch ein g r jene 8 eſtutzte 3 n Vorden 307 ſich auf dieſem künſtlich aufgedämmten, aber von der Natur überholten Berge. Zur Linken führte eine ver⸗ ſchloſſene Thür auf eine Verlängerung der Terraſſe bis unmittelbar an die Fenſter des Schloſſes, deſſen Stil älteren Zeiten angehörte. Dieſe mit Orangerie ge⸗ ſchmückte Verlängerung, die dem Publikum geſchloſſen war, blieb der einzige kleine Raum, den ſich der Hof für ſeine eigene Erholung vorbehielt. Sonſt war Schloß und Park Solitüde allen Beſuchern zugänglich und auch heute ging es auf dieſer Terraſſe lebhaft genug her. Kinder ſpielten im Kieſelſande. Müßige Soldaten mit ihren Mädchen ſaßen in den Grotten. Manche Gruppe feinerer Geſellſchaft lehnte ſich an die eiſerne Balüſtrade und genoß das anmuthige hier aus⸗ gebreitete Landſchaftsbild. Egon fühlte ſich vom Steigen ermüdet und ſuchte eine Ruhebank. Man fand ſie breit genug auch für ſeine drei Begleiter. Sie nahmen neben Egon Platz und theilten ſich die Punkte mit, die Jedem an der Landſchaft lieblich ſchienen. Louis hörte ſogleich mit großer Freude, daß der links, diesſeit und jenſeit des Fluſſes liegende Wald der Schauplatz ſonntäglicher Freuden des Volks war. Er trennte ſich ſchon im Geiſt von der Geſellſchaft, die hier neben ihm ſaß, und genoß die für den nächſten Sonntag gehoffte Fröh⸗ 20* —— 308 lichkeit unter jenen Tannen und jungen Eichen, auf einer Wieſe, wo er in der Ferne Schaukeln und Klet⸗ terſtangen unterſcheiden konnte. Er ſah Fränzchen's zierliche Geſtalt über den Raſen hüpfen, bewunderte ſchon die kleinen Erfindungen ihres Geſchmackes, die ſie an ihrer Sonntagstoilette zum Vorſchein bringen würde und betrübte ſich nur über die von Siegbert ausgeſprochene Vermuthung, daß dies ſchöne Wetter nicht mehr lange halten würde. Siegbert fing von den Wolken an, Louis wollte ſich aber auch auf ihre Bildung verſtehen. Siegbert zeigte auf einige Nebel⸗ ſchleier im Weſten, die gerade über einem weiß aus dem Grünen hervorſchimmernden und in der Sonne blitzenden Meierhof hingen und wollte eben jene klei⸗ nen Lämmerchen am Himmel Wölfe in Schafsklei⸗ dern nennen, als ſeine Hand von zwei lieben jubeln⸗ den Kindern gehalten wurde. Es waren Paulowna und Rurik Wäſämskoi. Siegbert und Dankmar blickten erſtaunt, wo die Kinder herkamen. Das rathet einmall riefen ſie und klatſchten jubelnd in die Hände. Von einer vernünftigen Erzählung war da keine Rede. Nurik zog Siegberten von der Bank auf und wollte ihm ſchon eine große koſtbare von ihm entdeckte Eichen, auf ‚An und Klet⸗ Fränzchen bewunderte hmackes, die hein bringen von Siegbert chöne Wetter ert fing von auch auf ihre einige Nebel em weiß aus n der Sonne en jene klei n Schafskle⸗ Blume zeigen, Paulowna verlangte, daß er mit ihr zu den Rehen ging. Er ſollte Brot kaufen; am Ein⸗ gang des Schloßgartens ſäße eine Frau mit weißem Brote. Dabei zogen ſie und zerrten ihn und wollten von ſchöner Ausſicht und der Terraſſe nichts wiſſen. Indem grüßte Dankmar ſehr artig und Siegbert, der ſich gelegentlich einmal umſehen konnte, wurde eben glühendroth. Cgon fand ein junges Mädchen, dem ein Gruß von Siegbert galt, ſehr anziehend. Sie war klein, aber außer⸗ ordentlich zierlich. Ein Bedienter trug ihr Sonnen⸗ ſchirmchen. Sie ſelbſt hatte eine Art Negligéüberwurf an, ein leichtes nankinggelbes Zeug mit einem großen herabfallenden Kragen von gleichem Stoffe. Wenn der Nock vorn aufſchlug, ſah man ein weißes Unterkleid mit einem goldnen Gürtel. Die ſchwarzen eng an die rundgewölbte Stirn geſtrichenen Haare waren von einem ſehr kleinen durchbrochenen, goldgelben italie⸗ niſchen Strohhut bedeckt. Tändelnd hatte das junge Mädchen ein Taſchentuch in der Hand und ſchlug da⸗ mit in die Luft, wie mit einer Reitgerte. Es war eine Bewegung, die die größte innere Ungeduld verrieth. Mit einer ſehr gefälligen, faſt vertraulichen Miene grüßte ſie Dankmarn. Es war, als wollte ſie ein laut hervorbrechendes Lachen unterdrücken, als ſie ſozſtolz, ſo graziös vorüberſchwebte. Sie warf auch mit einer leichten Bewegung ihr geſticktes Battiſttuch ſo, daß ein Zipfel in den Mund kam und ſie auf ihm ihre Erre— gung gleichſam ausbeißen konnte. Dieſer kindiſche Ein⸗ fall, verbunden mit dem entſchiedenen, faſt herausfor⸗ dernden Weſen, das in der übrigen Art des Mädchens lag, verräth uns, daß es wirklich Olga Wäſämskoi war, die vor der Ruhebank dahinſchwebte und mit einem Bedienten ſogleich verſchwand. Paulowna und Rurik erzählten, daß die Mutter von dieſer Fahrt gar nichts wiſſe. Daß ſie die„Tante“ von Harder in Tempelheide hätten beſuchen ſollen und daß Olga dem neuen Kutſcher, der ſehr gut und raſch fahren könne, geboten hätte: Rechts um, nach Soli⸗ tüde!... Dankmar verzog die Lippen und hatte alle kleinen Teufel des Spottes und der Ironie in ſei⸗ nen Mienen, während Siegbert in die größte Verle— genheit gerieth und ſchon ahnen konnte, welche ſchlimme Scene dieſe eigenmächtige Idee Olga's bei ihrer Mutter zur Folge haben würde. Wer iſt denn von Euch der Prinz Egon? fragte Paulowna mit ungezwungener Dreiſtigkeit. Der bin ich, mein kleiner Engel! ſagte Egon und wollte ſie auf den Schoos nehmen. Und wer biſt du denn? fragte er. ich mit einer ſo, daß ein n ihre Crre⸗ indiſche Ein⸗ t herausfor⸗ s Mädchens Wäſämskoi bte und mit die Mutter die„Tante n ſollen und ut und raſch „nach Sol nd hatte al ronie in ſ 311 Geh! ſagte Rurik und riß die Schweſter wieder zu ſich heran. Oho! Das nenn' ich einen ſittſamen Bruder, ſagte Cgon lachend und wollte aufſtehen, um Paulowna zu haſchen. Dieſe zog ſich aber zurück und ſagte mehr ſtolz als naiv: Mein Vater war auch ein Prinz. Daran zweifl' ich gar nicht, antwortete Egon lachend. Welche Länder gehörten ihm denn? Siegbert fühlte die ganze Pein dieſer unerwarteten Begegnung. Wie gern hätte er die Kinder entfernt! Aber Rurik ſtellte ſich keck vor ſeine Schweſter und meinte: Er hieß Wäſamskoi! Aber Onkel Rudhard ſagt, daß du ſchlimm biſt. Und wir mögen dich gar nicht. Damit rannte aber Rurik, in einiger Entfernung über ſeine gelungene Impertinenz laut ſpottend, da⸗ von... Paulowna flog ihm nach und Siegbert ſah wohl ein, daß er Olga ihr ganzes Abenteuer verderben würde, wenn er nun nicht ſogleich aufſtünde, ihr nach⸗ eilte und den ganzen Ausbruch ihres Jubels über dieſes kühne Beginnen entgegen nähme. Er ſprang ge⸗ duldig den Kindern nach und holte am Fuße der Ter⸗ naſſe Olga ein, die dort, von den Andern ungeſehen, — 312 ſchon auf ihn gewartet hatte und ihn, wie er ſo ver⸗ blüfft und verlegen herunterkam, mit einem Spott und Frohlocken empfing, das zwar unendlich lieblich und bezaubernd war, ihn aber in nicht geringe Ver⸗ legenheit ſetzte. Inzwiſchen konnte ſich aber Egon von ſeinem Er⸗ ſtaunen über den Namen Wäſämskoi und Rudhard kaum erholen. Dankmar ergriff daher das Wort, bat ihn, ſich wieder zu ſetzen und gab ihm mit kurzen Worten eine Erläuterung. wig Dreizehntes Capitel. Der König und die Königin. Mein verehrter Freund, ſagte Dankmar; du ſiehſt, wie viel ſich während deiner Krankheit um dich her neu begeben hat. Jede Stunde bringt dir eine neue Auf⸗ klärung. Helene d'Azimont, das Bild, Rafflard, Acker⸗ mann, der Thurm, alles Das tritt wie aus einem Nebelbilde wieder vor deine geſtärkten Sinne. So wiſſe denn auch, daß von den Ufern des Schwarzen Meeres die verwitwete Schweſter der Gräfin d'Azi⸗ mont hier angekommen iſt mit ihren drei Kindern, die⸗ ſen beiden vorlauten kleinen Schwätzern da und jener älteren Olga, der mein Bruder, der bei der Fürſtin die äſthetiſchen Honneurs macht, ſogleich wie ein treues Windſpiel nachgeſprungen iſt. Aber Rudhard? Rudhard? rief Egon und drängte um Aufklärung über dieſen ihm theuern Namen, den er in Lyon einſt ſelbſt geführt hatte. Daß Rudhard in die Familie Oſteggen eingetreten war, ſchien dir nicht unbekannt? ſagte Dankmar. Nein! Er hatte Helenen und ihre Schweſter Adele erzogen. Sie kamen durch die Heirath mit dem Für⸗ ſten Wäſämskoi nach Odeſſa. Helene heirathete den Attaché Grafen d'Azimont und iſt mit ihrer Familie geſpannt. Der Fürſt Wäſämskoi ſtarb. Das weiß ich. Rudhard begleitete die Familie, um die Kinder beſſer auszubilden, hieher. Rudhard hier! Wir fürchteten Alle den zu lebhaften Eindruck, den dieſe Entdeckung auf dich machen würde— Um ſo mehr, als Ihr Alle Rudhard's Urtheil über mich kennt! Aus dem Munde dieſer Kinder hab' ich's ja vernommen! Egon blickte voll Betrübniß. Ich kann nicht läugnen, ſuchte Dankmar die Wahr⸗ heit zu mildern, daß Rudhard ſtreng über dich urtheilt, und unter der Stellung, in welcher du dich zu einer ihm theuern Familie befindeſt, doppelt leidet. Die Gräfin und die Fürſtin ſind ſo verfeindet, daß ſie ſich noch bis zur Stunde vermieden haben. Rudhard, ein etwas trockener Pedant, iſt unglücklich, daß er dem Zuge ſeines Herzens nicht folgen kann, wie er möchte. Denn was ich ihm auch von deiner Liebe zu ihm, 315 en eingetreten von deiner Dankbarkeit, von deiner Verehrung vor dank ſeinen Grundſätzen erzählen konnte— im Thurme von hweſter Adele Pleſſen hatteſt du ihn gerühmt, wie er es allerdings nit dem Für⸗ verdiente— es hat ihn doch nicht bewegen können, rathete den ſich ſchon jetzt mit dir auszuſöhnen.... er Familie Es iſt ein Spartaner! ſagte Egon. Ich kenne as weiß ich dieſe rauhe Tugend und wenn ich ſie einſt nicht er— die Kinder tragen konnte, jetzt fühl' ich, wie ehrwürdig ſie iſt. Armand's Augen verriethen neue Hoffnung. Er konnte ſich nicht überwinden, in der Stille, unbemerkt Eindruck den von Egon, Dankmar's Hand zu drücken. So wollte 3 er den Prinzen! Gehoben von ſittlicher Würde! Be⸗ vs Urtheil herrſcht durch ſich ſelbſt und ein edles Beiſpiel! einder hab Hätte ſich Egon jetzt ausſprechen mögen, er würde kaum die Fülle ſeiner Empfindungen haben bewältigen können. Er begann auch zuweilen, wollte von der d'Azi⸗ mont reden, von ihrer Schweſter, von Rudhard, von ar die Wahl iic uthel Vergangenheit und Zukunft; aber er kam über einen 4 n ein kurz ausgeſtoßenen Seufzer, über ein ſchmerzliches Lä⸗ g cheln, über ein ungläubiges Schütteln des Kopfes nicht hinaus. Nur die kindiſchen, vorlauten Worte: ſie 4 ſ„Onkel Rudhard ſagt, daß du recht ſchlimm biſt! Wir 4 4 mögen dich nicht!“ wiederholte er zuweilen und knüpfte, daß er del. dae um ſeinen Unmuth zu verbergen, einige ſpottende Re⸗ e er ule den daran, deren Aufrichtigkeit man bezweifeln mußte. 316 Dankmar nahm alle dieſe Begegnungen leichter und erzählte manches Drollige von den Kindern und ihrer unveränderlichen ruſſiſchen Natur. Olga, die Mutter ſchilderte er ſehr treffend und auch von Rud⸗ hard konnte er nicht umhin zu ſagen: Beſter Freund, die Vergangenheit und Erinnerung verklärt Vieles. Mein Bruder, der, wie geſagt, das Factotum des Hauſes iſt, rühmt die pädagogiſchen Grundſätze des alten Pfarrers ſehr. Aber wie es mir ſcheint, hat auch er die Erfahrung gemacht, daß ſich gegen die Natur nichts ausrichten läßt. Dieſe Kin— der wachſen halbwild auf, biegen ſich wie Weidenger⸗ ten wol ſo und ſo, nach ſeinem Willen, ſchlagen aber doch immer wieder in die Lage zurück, die ihnen die bequemſte iſt. Rudhard hat ſich ſogar an das Czaren⸗ thum akklimatiſtrt. Ich finde den Fond von Poeſte, den ich in dem Erzieher meiner Kinder vorausſetzen möchte, nicht ſehr reich bei ihm, und wenn du ihn einen Spartaner nennſt, ſo denk' ich ihn mir als Di— rector einer Cadettenanſtalt ganz an ſeinem Platze. Und doch muß ich ihn ſehen! erwiderte Egon. Der Zerfahrenheit meiner ſpäteren Erzieher, der Lüge, der Bosheit dieſer Heuchler gegenüber, die eine jugend⸗ liche Seele verderben können, ſteht er in meiner Er⸗ innerung großartig da. Ein Erzieher ſoll immerhin ſag mg gen leichter Kindern und —₰ Dla, die von Rud⸗ Erinner ung ſagt, das dagogiſchen wie es 4 p Dil aß 5 mir ſich Dieſe Kin⸗ Weidenger⸗ agen aber wie ein hölzerner Stecken ſein, an dem die Blume des kindlichen Gemüthes ſich aufrankt. Ich dagegen wurde von Schlingpflanzen umwachſen und mit ihnen emporgezogen zu einem künſtlichen Gedeihen, das mich zwar ſchneller dem Sonnenlichte näher brachte, aber auch die Kraft der Wurzeln ausſog. Eine Weile hatte Egon in trüber Stimmung vor ſich hin geblickt und das Haupt auf die Lehne der Bank geſtützt, als eine muntere, helle Stimme ihn anredete: Was? Durchlaucht? So ſitzen Sie hier auf der Terraſſe von Solitüde? Bewegung! Bewegung! Egon blickte auf. Es war der Sanitätsrath Drommeldey, der in ſei⸗ ner immer gewählten Kleidung, wie ein eben zum Ball gehender Tänzer, vor ihm ſtand, die Herren neben Egon mit zuſammengekniffenen, forſchenden Augen prüfte und ſich über ſein plötzliches Erſcheinen an die⸗ ſer Stelle dahin erklärte, daß er ſich richtig hätte über⸗ zeugen wollen, ob ſein Reconvalescent auch die ärzt⸗ lichen Vorſchriften pünktlich befolgte. Das iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, Doctor... ſagte Egon und bat ihn, Platz zu nehmen. Nein! Sie müſſen luſtwandeln! Sich Bewegung machen, Durchlaucht. Was ſitzen Sie da, das Haupt aufgeſtemmt und ſuchen ſich einen Watteau, einen Claude Lorrain aus dieſem Fernblick zuſammen! Sehen Sie nur die königlichen Herrſchaften, die machen es anders... da kommt die ganze Suite her— Aber warum eilen Sie denn? Bleiben Sie doch! Hier! hier! Es läuft ja Alles aus dem Parke hierher— was wollen wir uns denn entfernen? In der That hatte ſich die Scene eigenthümlich verändert. Alles was nur im Garten von Beſuchern zerſtreut war, lief aus allen Wegen auf die Terraſſe. Auch Paulowna und Rurik mit ihren Bedienten ka⸗ men zurückgerannt, aber ohne Siegbert und Olga⸗ Die überall ſichtbare hintere Facade des Schloſſes hatte offenbar allgemein bemerken laſſen, daß ſich aus den auf die Erde gehenden Fenſtern eine Anzahl Of⸗ fiziere und mit Orden geſchmückter Herren auf die Terraſſe begab... Ihnen folgte das Königspaar... Frau von Altenwyl die Oberhofmeiſterin, Herr von Harder der Intendant der königlichen Schlöſſer und Gärten, viele Damen und Herren, die ſich durch die kleine Allee von Orangenbäumen gerade dahin begaben, wo das Gitter bereits von einigen Lakaien geöffnet wurde... Alles ſtellte ſich in einer Kette theils an den Hecken, theils an dem Gitter auf, um den Zug vorbei zu laſſen. Nur Egon mochte nicht bleiben und Eiwe Arm nthümlich a Beſuchern Terraſſe edienten ka⸗ 319 mußte von Drommeldey faſt gewaltſam zurückgehalten werden; wenigſtens bewogen ihn nur Aeußerungen, wie die: Man hat Sie geſehen, man beobachtet Sie, ich bitte Sie um Alles, was wird man denken? zum Bleiben. Egon ſtellte ſich, als der Hof näher kam, an die eiſerne Balüſtrade... Drommeldey neben ihn. Etwas entfernter, da ſie bei der Abſicht gehen zu wol⸗ len, einen Vorſprung gewonnen hatten, ſtellten ſich Armand und Dankmar... Die Bedienten Egon's, die ſich immer in einiger Entfernung gehalten hatten, waren richtig im übergrößten Eifer hinzugeſprungen, um ihm ſein Taſchentuch zu bringen, das er auf der Bank hatte liegen laſſen und ſtanden nun gleichfalls neben ihm. Das eiſerne niedere Gitter der Verbindungsthür der Schloßterraſſe mit der allgemeinen für das Publi⸗ kum beſtimmten Hälfte der Terraſſe war ſchon aufge⸗ gangen. Die Herrſchaften kamen ſchon näher, grüß⸗ ten die Umſtehenden freundlich... die junge Köni⸗ gin mit einer ganz beſonders befliſſenen Huld... Den König ſchien die Ausſicht auf die friedliche Land⸗ ſchaft zu erfreuen. Er lenkte ſogleich wieder nach dem Gitter zu, blieb aber ſtehen, als die Oberhofmeiſterin etwas überlaut ſprach... Die Gräfin Altenwyl ſtellte der Königin die beiden kleinen Wäſämskoi's vor... 1 Dieſe beiden Wildfänge waren nicht im geringſten blöde. Sie ſelbſt erkannten ſogleich die alte Dame, die in dem Garten ihrer Mutter ſie beſucht und ſie mit ſo viel anſtandsmäßiger Liebe geherzt und geküßt hatte. Da dachten ſie, kann uns kein König der Welt verwehren, daß wir auf dieſe Dame zugehen und ihr ſagen: Tante, wir ſind auch hier! Gräfin Altenwyl, die den Bedienten erblickte, ſah wohl, daß dies gar ſauber gekleidete Mädchen und der kleine dreiſte Junge in ſeiner Strohmütze und dem blauen Sammetkittel „hoffähige“ Kinder waren. Um ſich zu orientiren, rief ſie den Bedienten näher und brauchte nur das Eine: Fürſtin Wäſämskoil zu hören, als ſie ſchon in eine herzliche Bewillkommnung ausbrach und die kleinen Ruſſen der Königin vorſtellte... Dieſe ſchlanke junge Dame, der zu ihrem zweifelhaften Glücke, eine Kö⸗ nigin zu ſein, nur das wirkliche Glück, Kinder zu beſitzen, fehlte, beugte ſich ſogleich gar liebevoll zu den Kleinen herab und küßte ihnen die Stirn. Die Mutter hatte ſich ja bereits bei Hofe vorſtellen laſſen und ſo war auch der königliche Gemahl über die Beziehung dieſer improviſtrten Kinder⸗Cour im Freien völlig au fait und hatte heute Anregung, Luſt und Laune genug, ſogar einige ruſſiſche Worte mit den kleinen Moskowitern zu wechſeln. Die Königin war n geringſte alte Dame, ucht und ſie d geküßt der Welt n und ihr n Altenwyl, dies gar dreiſte Junge Sammetkitte orientiren beſonders glücklich über dieſe Idee ihres ſonſt an nai⸗ ven Einfällen nicht reichen Gemahls. Sie erkundigte ſich daher nur um ſo herzlicher nach der lieben Mut⸗ ter und trug den Kindern auf, ſie von der Königin zu grüßen, zu großer Freude des Bedienten, der auf dieſe Art einigermaßen die ſchlimmen Folgen der eigen⸗ mächtig gewagten Spazierfahrt nach Schloß Solitüde abzuwenden hoffte. Inzwiſchen kamen die königlichen Herrſchaften dem Gitter näher und entdeckten Drommeldey. Louis und Armand beobachteten in der Ferne mit großer Spannung die folgende Scene... Drommeldey, der bei Hofe wohlbekannte, der faſhio⸗ nable Arzt der großen Welt, hatte die leichteſten For⸗ men, ſpielte wie jeder Sohn des Aeskulap nicht viel mit der Etikette und fand es, ſie beobachteten Das deut⸗ lich, ganz in der Ordnung, dem Hofe ſeinen Recon— walescenten, den Prinzen Egon von Hohenberg, vor⸗ zuiſtellen... Wie erſtaunten ſie, als die ganze Suite näher trat und Egon förmlich von ihr umringt war. Der Einzige, der Intendant von Harder, blieb zurück und wandte ihnen das volle Antlitz zu, auf welchem die glänzendſte Genugthuung ausgeſprochen lag, daß dieſe Natur, dieſe Terraſſe, dieſe Ausſicht hier gleich⸗ ſam doch nur für ſein eigenes Werk gelten durfte! Die Ritter vom Geiſte. V. 21 ———————— 322 Bäume, Blumen, Weg und Steg, das Alles be⸗ herrſchte die Excellenz mit einem Blick, als wären ſie die Bundesgenoſſen ſeiner gewaltigen Kraft und die dienenden Stützen ſeines auf Thatſachen ſich gründenden Einfluſſes. Die andern Cavaliere, ja, die hatten hier gut zuſehen, die mochten ſich ärgern, wie er heute in ſeinem Lüſtre glänzte! Wo hatten dieſe Kammerherren eine Terraſſe, eine Ausſicht, einen Park wie dieſen den königlichen Herrſchaften zum Ge⸗ nuſſe anzubieten? Henning von Harder hatte dieſes Schloß zwar nicht gebaut, dieſe Orangenbäume nicht gepflanzt, dieſes Gitter ſo zu ſagen war alt und die Hecken nicht mehr im neueſten Geſchmack, aber es war doch Alles grün, die Luft war doch blau, die Wege waren doch buſchig und ſchön geharkt, die Vö⸗ gel zwitſcherten, die ſich ſenkende Sonne blitzte ſo gol⸗ den; nun... das mache einmal Einer von Euch Kam⸗ merherren mir dem Geheimrath und Intendanten von Harder nach! Wenn ein Ball am Hofe iſt, nun wohl, dann mag der Intendant der Muſik ſtolz ſein! Wenn man auf die Jagd geht, tummle ſich der Oberjäger⸗ meiſter! Aber hier, hier herrſcht die Excellenz Kurt Henning Detlev von Harder zu Hardenſtein! Hier darf ich allein, ich ganz allein die Mücken verjagen und auch die neue freilich von meinem Inſpektor Man⸗ as Alles be als wären en Kraft und gold erfundene Methode auseinanderſetzen, die Mücken durch feine Luftſpritzungen und kaum ſichtbare Staub— regengüſſe zu tilgen! Dankmar, der vom Geheimrath, der ein ungemein kurzes Gedächtniß hatte und jetzt nur ganz in der lauſchenden Aufmerkſamkeit auf die Herrſchaften lebte, nicht wieder erkannt wurde, traute ſeinen Augen kaum, als die Suite ſich plötzlich mit Egon und dem Sani⸗ tätsrath Drommeldey nach der Schloßterraſſe zurück⸗ begab. Was iſt Das? raunte ihm Louis zu. Man entführt ihn förmlich! ſagte Dankmar. Sehen Sie, wie freundlich die Königin mit ihm ſpricht! Und die Oberhofmeiſterin mit dem Sanitätsrath... O mein Herr, ſagte Louis Armand, ich ahne... Eine Verabredung? Es ſcheint faſt ſo. Aber was könnte man mit ihm vorhaben? Dieſer Arzt hat ein leichtes Gewiſſen, ſagte Louis. Ich muß ihm dankbar ſein für Egon's Wiederher⸗ ſtellung, aber ſeit einigen Tagen zeigt er ein Lächeln, ſo frivol, er gefällt ſich in Scherzen, ſo leicht, er de⸗ bütirt Anekdoten, ſo veraltet... o wenn doch dieſe Aerzte ſich nur um uns bekümmern wollten, wenn 21 wir krank ſind, und uns nicht auch ſagen wollten, auf welche Art man geſund ſein müſſe! Das iſt eine Bemerkung, antwortete Dankmar lachend, deren nähere Erörterung uns für den Aerger tröſten muß, daß man uns armſelige Geſchöpfe hier ſo ohne Weiteres allein ſtehen ließ. Ich bin begierig, was uns Egon von dieſer ſonderbaren Ueberraſchung erzählen wird. Einſtweilen gehen wir! Die Suite mit Egon war im Schloſſe verſchwun⸗ den. Paulowna und Rurik ſprangen herbei und faß⸗ ten Dankmar's Hand, um ſich von ihm führen zu laſſen. Dieſer gab Egon's Bedienten die Weiſung, ſie ſollten dem Fürſten, wenn er wiederkäme, als ge⸗ meinſchaftliches Rendezvous das Ausgangsportal des Gartens bezeichnen. Als Dankmar und Louis mit den Kindern den Weg einſchlugen, wo ſie hoffen konnten, Siegbert und Olga wiederzufinden, geſchah ihnen eine ſeltſame Begegnung. Ein ſonderbares Paar, das ſich in dem Eifer, die königlichen Herrſchaften zu ſehen, verſpätet zu haben ſchien, rannte, man kann wohl ſagen wie be⸗ ſeſſen, auf ſie zu... Voran, keuchend, glühend vor Erhitzung, eine ele⸗ gante dicke kleine Frau mit ceriſerothem Shawl. Hinter ſagen wollte, rtete Dankmar für den Aergen Geſchöpfe hien n begierig eberraſchung oſſe verſchwun m führen zu die Weiſung 12 käme, als ge 1 Kindern de Sieghe eine ſeltſe 325 ihr in gemeſſeneren, aber doch ebenſo beflügelten Schrit⸗ ten ein junges Mädchen mit langen blonden Locken und einer von den Landesfarben gemiſchten Toilette. Dankmar kannte beide Damen nicht, aber die Kin⸗ der ſagten, ſie hätten unten am Teiche, wo die Schwäne wären, ſchon mit Siegbert und Olga geſprochen und ſie kennten ſie Beide wohl, da ſie auch zur Mutter kämen. Den Namen wußten die Kinder nicht, ſprachen aber von einem großen wunderſchönen Buche, das die eine Dame, die ſo ſchrecklich lief, einmal mitgebracht und ihnen die darin enthaltenen herrlichen Bilder ge⸗ beigt hätte. Es wäre ganz in Gold eingebunden ge⸗ weſen, ſagte Rurik und Paulowna fügte noch Sammet und Seide hinzu. Und die herrlichen Bilder! Aber das ſchönſte hätte doch Siegbert gemacht! Dankmar lächelnd und erfreut über die ſchöne Par⸗ eilichkeit der Liebe, ſagte ſich: Sollte Das vielleicht Frau von Trompetta geweſen ſeiin? Er ſah ſich noch einmal nach den beiden Damen um. Er konnte noch deutlich bemerken, wie ſie an hem von den Lakaien wieder geſchloſſenen Gitter ſtan⸗ ſen und wahrhaft ſchmachteten und ſich verzweifelnd den Schweiß trockneten und tiefbekümmerte Blicke nach dem Schloſſe hinüberwarfen. Es ſchien ihnen zuviel A * % 1 4 4 1 entgangen zu ſein! Aber auch zuviel! Sie hatten etwas verſäumt, was ihnen unwiederbringlich vorkommen mußte. An den lebhaften Geſtikulationen mit Egon's Bedien⸗ ten ſah Dankmar, wie ſchrecklich Frau von Trompetta, wenn ſie es war, unter dieſer Verſäumniß litt. Die von der Erhitzung roſig angeglühte Blondine zuckte hoheitsvoller die Achſeln und ſchien ſich mit einer ge⸗ wiſſen impoſanten Ruhe zu ergeben. Die Kinder zeigten inzwiſchen auf den Lichtſchimmer, der das Ende einer dunklen hochgewölbten Allee, die ſie einſchlugen, begrenzte. Dort läge, wie die Dame im rothen Shawl geſagt hätte, der Schwanenteich. Springt nur voraufW! erinnerte Dankmar die Kin⸗ der. Wir kommen nach! Louis kam, da die Kinder liefen, als ging' es um die Wette, auf das wunderlich eben Erlebte zurück. Dies Zuſammentreffen mit dem Hofe ſchien ihm ſo gefährlich, daß er in ſeiner ohnehin ſchon angeregten Beſorgniß davon die ſchlimmſten Folgen erwartete. Dankmar ſtellte ſeine Befürchtungen in Abrede. Ich wette, ſagte er, der Fürſt wird uns, wenn wir noch vor einem Unwetter nach Hauſe fahren, Unter⸗ haltendes erzählen. Unwillkürlich ſchlugen die beiden Wanderer, um mehr nach dem drohenden Himmel ſehen zu können, inen beme fern pal hatten etwas einen weniger grün beſchatteten Seitenweg ein. Jetzt bemerkten ſte erſt, welche gewaltige Menge von Wagen fern an der Pforte hielt. Die königlichen Sechs⸗ ſpänner waren höher hinauf dem Schloſſe zugefahren, aber außer dem ihrigen ſtand nun noch der des Sa⸗ nitätsrathes, der der Fürſtin Wäſämskoi und der Frau von Trompetta an der Pforte. Wie einer dieſer Kutſcher von fern Dankmarn eifrigſt grüßte, konnte er ſich kaum beſinnen, warum der betreßte Mann in ſeiner Ehrerbietung ſo eifrig war. So zerſtreut war Dankmar, daß er faſt vergeſſen hatte, wie der Kut⸗ ſcher der Fürſtin Wäſämskoi Niemand anders als ſein alter Freund Peters ſein konnte. Peters, den er ſelbſt nach dem vergeblichen Verſuche bei Schlurck durch ſeinen Bruder bei der Fürſtin Wäſämskoi empfohlen hatte, Peters erſchien ihm heute zum erſten male in ſeiner geſchmacklos überladenen Livree, und des Bellens eines ihm wohlbekannten Hundes bedurfte es wirklich, um aus jenem geputzten Pagoden ſeinen alten Freund Peters, den Vertrödler ſeines Schreins, den unglück⸗ lichen Kellner vom Fortunaball herauszufinden. Ei, Bello! rief Dankmar ſich bald orientirend ſchon in der Ferne, thronſt du da oben wie ein gnädiger Paſcha von zwei Roßſchweifen, an denen du wieder deine Freude haſt! Guten Tag, Peters! Guten Tag, 328 6 Bello! Ihr ſeid da! Im Staat! So in Gold und en Silber und wohlgenährt, daß Ihr ganz ſtolz ausſeht und Einer vor Euch und Euren Pferden Reſpekt 1 haben muß. 1 Peters warf ſich in der That ganz behaglich in die Bruſt. Machen wir Ihnen denn nun Ehre? ſagte er. Sie und der Herr Bruder haben ja für uns Beide gutgeſagt. Wie ein Kartenkönig haltet Ihr Euch Peters! i lachte Dankmar. Und dem Bello, dem fehlt nur noch in ein rothes Halsband und man hält ihn für einen ver⸗ V wunſchenen Kammerherrn oder den Schooshund einer holländiſchen Millionairin. R Und doch haben wir wieder was Schlimmes be⸗ 1 gangen! ſagte Peters und ſchüttelte bedenklich den Kopf, was ihm bei der neuen Treſſe ſeines Hals⸗ P kragens etwas ſchwer wurde. Das Teufelsmädchen 1 1 3 Das! Wie ſo denn? Wer denn? Teufelsmädchen? Die kleine Comteſſe oder Prinzeß, was ſie iſt— di die Olga! * Nicht wahr? Das iſt ein Genieſtreich, daß Ihr hier ſeid? I 4 Sie mag's verantworten, ſagte Peters. Wir ſoll⸗ 1 ſtolz ausſeht rden Reſpet behaglich in ten nach Tempelheide zu dem alten Methuſalem— Sie kennen ihn ja— Dem Präſidenten— Und zu Frau von Harder, ſeiner Schwiegertoch⸗ ter— aber kaum bin ich am Pelikan und grüße den alten Hitzreuter, dem die Fortuna ſeinen Bauch etwas ſchmaler macht— Und die Kathrine— Nein, die iſt ja nun ganz auf der Fortuna ge⸗ blieben!... Ja die dreht da die Kugel, daß ſie immer im Gange iſt— He! Ihr verliert ja die Leine! Juſt am Pelikan, heißt's... Peters, umkehren! Nach Tempelheide umkehren? fragt' ich. Nach Soli⸗ tüde fahren wir. Was? Nach Tempelheide! Da ſpringt ja das Mädchen auf und reißt mir von hinten die Peitſche aus der Hand. Ich drehe mich um und die beiden Augenräder, die ich da vor mir ſah, werd' ich in meinem Leben nicht vergeſſen. Nach Solitüde alſo .. Und weil ſie mir die Peitſche nicht wiedergab und die Leute in der Vorſtadt ſtillſtanden und lachten, mußt' ich ſchon umwenden und hierher machen— Sie wird's verantworten. Gegen Gewalt richtet die Vernunft nichts aus. Wie ſteht's denn mit dem Proceß, Herr Wildun— E——— 330 gen? fragte Peters, dieſe Gelegenheit zu einem Schnak benutzend. Alle Leute ſprechen davon. Den Herrn Siegbert ſeh' ich oft bei unſerer Herrſchaft, aber es ſchickt ſich nicht recht, daß ich vor den Herrſchaften bekannt mit ihm thue... Louis Armand hatte ſich inzwiſchen an die Ein⸗ gangsthür, die Dankmar ſchon überſchritten hatte, auf eine Bank geſetzt und plauderte bald mit der Frau, die dort Lebensmittel feil hielt, theils ſah er nach dem Wetter, theils und am nachdenklichſten nach dem Schloſſe hinauf. An meinem Zank mit dem Juſtizrath Schlurck, ſagte Dankmar, habt Ihr wol gemerkt, daß das Alles langſam gehen wird. Ein paar Millionen ziehen ſich ſchwer, meinte Peters und machte die übrigen hier haltenden Wagen⸗ führer aufmerkſam. Und wenn's auch nur Eine iſt, Peters, von dem Bock müßt Ihr dann herunter! Peters ſchüttelte den Kopf und meinte: Sie vertrau'n mir nichts mehr an. Warum nicht? ſagte Dankmar. Seit Eurem Un⸗ glück an der Pleſſener Schmiede hab' ich ſoviel Aben⸗ teuer gehabt, ſoviel Bekanntſchaften gemacht, daß Ihr rrſchaften die Ein hatte, auf t der Frau⸗ ſah er nach 331 eigentlich die Veranlaſſung eines ganz neuen Lebens für mich geworden ſeid. Peters fuchtelte nachdenklich mit der Peitſche ein wenig hin und her und meinte dann nach einigem bedeutſamen Schweigen: Bello bedankt ſich. Bello? Warum Bello? fragte Dankmar. In der Bibel ſteht, ſagte Peters: Saul ſuchte einen verirrten Eſel und fand ein Königreich. Daß der Eſel durchging, lag doch wol an dem ſchlechten Hund, der ihn bewachen ſollte. Das nenn' ich Schriftauslegung, Peters, meinte Dankmar lachend. Wahrhaftig, Ihr war't nicht zum Fortunakellner geboren. Was ſagt denn nun Kath⸗ rine zu dem ſchönen Treſſenkragen da? Peters zuckte die Achſeln. Peters! Peters! fiel Dankmar ein. Zwiſchen Euch und Kathrine, zwiſchen Bello, zwiſchen dem alten Pe⸗ likan-Hitzreuter und dem Fortuna-Hitzreuter, da ſteckt mir was dazwiſchen, was ſo iſt, wie's nicht ſein ſoll. Peters warf die Lippen nachdenklich auf und ließ die Peitſche tänzeln. Meine Mutter hat in Angerode darüber mehr gehört, als wir damals an der Kegelbahn im Pe— likan und dann unten im Tunnel und oben in der —— Loge Nr. 14 geahnt haben. Ihr ſpielt Mariage à trois! Schämt Euch! Was iſt Das für ein Spiel? fragte Peters und hob ſich etwas aus ſeinen Treſſen heraus. Ein Kartenſpiel, das bei vornehmen Leuten ſehr beliebt iſt, erklärte Dankmar. Ihr liegt auf der Land⸗ ſtraße, die Frau führt im Pelikan die Wirthſchaft und im Theater kann man zuweilen ein Stück ſehen, wo ein tonnendicker Kerl in Steifleinen vorkommt, der ſehr verliebt ſein kann... Peters hob ſich faſt vor Zorn und innerſter ſchmerz⸗ licher Erregung auf ſeinem Bocke empor und rief: Der aber Geld hat! Der hergeben kann, während den armen Fuhrmann die Eiſenbahnen zu Grunde richten? Sieh! Sieh! ſagte Dankmar, die Wirkung ſeiner Vermuthung auf den armen Peters wohl bemerkend. Kathrinchen iſt alſo eine rechte Frau Quickly: ich will ſagen, die Unruhe ſelbſt... Luſtig, namentlich in Alles ſchicklich... Ja! Ja! Lärm muß um ſie her ſein... Trompeten, Pau⸗ ken... da ein Zweigroſchenſtück, hier ein Thaler... gewechſelt... gelacht... Charmante Dienerin— Leben und leben laſſen... 43 d IPols Peters und Mord und Todtſchlag! rief Peters und hieb mit der Peitſche vor Zorn auf die Pferde, als wenn ſte und nicht ſeine Frau die Mucken hätten. Hab' ich Das damals bei dem Eierkuchen wohl geahnt, daß ſie Nachts in die Fortuna läuft und an dem Schenktiſch präſidirt! Aber ſanftmüthig, Peters! Sanftmüthig! Ihr leſ't die Bibel! Schickt Euch in die Welt! Die Bibel! Wegen Saul's Eſel meinen Sie? Der iſt mir nur noch ſo in der Erinnerung geblieben, wenn ich manchmal in der Irre ging und nicht wußte, wozu ich noch auf der Welt bin. Thun Sie mir den Gefallen, gewinnen Sie Ihren Proceß, Herr Wil⸗ dungen! Ich thue mein Möglichſtes... Warum aber? Dann ſagen Sie: Peters, ich vergebe dir die dumm⸗ heiten, die du noch alle machen wirſt. Ich behalte dich für's Leben und für die Scheidungsgebühren ver⸗ lang' ich nichts... Scheidungsgebühren, Peters? Herr, an dem Tage, wo Kathrine ſagte: Peters, hier ziehſt du die grüne Marqueurjacke an und ſteckſt die Speiſekarte in die Bruſttaſche, da war's mit uns kopfüber. Ich ſagte nichts, aber es war mir doch, als wenn wir wieder am Altar von der Johanniter⸗ 334 kirche in Angerode ſtänden und der eine große Poſau⸗ nenengel unter der Orgel blies: Hallelujah! Aus Euch wird im Leben nichts! Wahrhaftig, Peters? Ich ſage wie David ſagt: Sela! Peters, ich glaube Ihr werdet fromm? Aus Deſperation. Ja, ich leſe manchmal Abends die Bibel, ich will's nur geſtehen; aber ich verſtehe ſie zu wenig. Ich will einmal unſern Paſtor an⸗ gehen, der zu Hauſe Alles lenkt und in's Geſchick bringt, den Herrn Rudhard... Wenn Ihr Das thut, Peters, müßt Ihr mir ſagen, was Euch Rudhard geantwortet hat. Uebrigens wenn ich Euch und die Kathrine auseinanderſägen ſoll, zu Der Zimmermannsarbeit bin ich erbötig, auch ohne die Million. Wollt Ihr Euch wirklich von Kathrinen ſepariren laſſen? Peters ſchwieg eine Weile und ſagte dann feierlich: Ich bin jetzt beim Buche Chronika in der Bibel. Wenn ich das durch habe und dann das zweite Buch der Könige, dann ſprech' ich'mal mit Ihnen. Dankmar mochte nicht fortfahren. Die andern Kutſcher horchten... er mußte innerlichſt lachen, ohne es zeigen zu können. m 8 oße Po hl Aus ſau 9 us Tlich Wie leid that ihm der arme Schelm da auf dem Bock! Seine Melancholie hatte etwas rührend Ko⸗ miſches. Er ſah in den Wald ganz tiefſinnig hinaus und ſuchte offenbar in der Religion einen Troſt für ſein zerknirſchtes Gemüth und eine Ablenkung für ſein von Eiferſucht vielleicht zu Gewaltthätigkeiten geneig⸗ tes Herz... Armer treuer Peters... Dankmar ge⸗ lobte ſich, nur deshalb einmal wieder auf die Fortuna zu gehen, um der Kathrine Bollweiler mit Nachdruck in's Gewiſſen zu redell. Dankmar wollte ſich eben zu Louis Armand zu⸗ rückwenden, der mit einem, wie es ſchien, hier ange⸗ ſtellten Gärtner oder Inſpektor ſprach, als ihm Peters noch einmal zurief. O, ſagte er, ſehen Sie ſich doch einmal da den Menſchen in Nankingkamaſchen an! Welchen Menſchen? fragte Dankmar. Den, der da mit dem Andern ſpricht... Mit meinem Begleiter? Wer iſt Das? Ja, Das möcht' ich wol auch wiſſen... Was fällt Euch denn an ihm auf? Wie Sie kamen vorhin und wie Sie ausſtiegen... Da... War't Ihr denn da ſchon hier? Freilich! Wir ſtanden nur drüben da im Walde 336 und paßten ſo lange auf, bis Sie ankommen ſollten mit dem Prinzen Egon von Hohenberg... Sollten? Sieh! Sieh! Nun—? Wie Sie ausſtiegen, ſtanden die beiden Bedienten des Herrn von Harder an dem Portal... Ich kenne ſie! Zwei Hallunken... Was iſt mit ihnen? Wie Sie, alle vier Herren zuſammen, ausſtiegen, gaben die beiden Schlingel dem Menſchen da ein Zeichen, als wollten ſie ſagen: Es ſind die rechten! Ein Zeichen? Wie ich's Ihnen erzähle... Die Fräuleins und der kleine drollige Junge, der Rurik, haben's mit an⸗ geſehen... Und dann? Dann lief der Menſch da ganz eiligſt ins Schloß hinauf, als gleichſam, als wenn er ſagen wollte: Sie ſind nun da! Wunderlich! Und nun ſteht er wieder unten und ſpricht da mit dem Herrn, der bei Ihnen iſt— Es ſcheint ein Angehöriger des Hofes... Es iſt ein feiner Menſch und wegen Mancherlei möcht' ich doch wiſſen, was der Mann eigentlich iſt oder was er treibt oder wo ihn Einer hinbringen ſoll. G — m Bedienten Dankmar's natürliche Regung war die, zu Louis zu gehen und ihm zu ſagen: Sie haben Recht! Hier war ein Arrangement! Wir ſind in der That hierher gelockt worden!... Er betrachtete ſich den bezeichne⸗ ten Mann genauer. Er hatte nur durch einen Strei⸗ fen an der Mütze ein Zeichen, das auf eine Beziehung zum königlichen Dienſt deutete. Sonſt war er einfach in einen leichten grünen Ueberrock von Sommerzeug gekleidet, in weißer Halsbinde, leichten, weiten, gelben Pantalons und Schuhen mit gelben Nankingkamaſchen. Der Ausdruck des Geſichts war ruhig und ſehr an— genehm. Die Farbe ſehr blühend, ſonnenverbrannt und geſund, der ſtarke Bart blond. Das Kopfhaar, wie es ſchien, etwas ſpärlicher. Dieſer Mann konnte leicht ſchon vierzig Jahre zählen und machte einen ſo wohlthuenden Eindruck, daß es Dankmarn befremdete, ihn mit den ſchon ſattſam genannten Bedienten des Herrn von Harder zuſammengenannt zu hören. Er fragte auch deshalb Peters, welches denn die Gründe wären, die ihn beſtimmten, ſich für dieſen Mann, der hier unſtreitig ein Garteninſpektor oder etwas Aehn⸗ liches vorſtellte, zu intereſſiren? Möchte nicht Einer glauben, ſagte Peters, daß dieſer Mann etwas Feines und Anſtändiges iſt? Warum ſollt' er das Gegentheil ſein? Die Ritter vom Geiſte. V. 22 Es ſollte mir Leid thun, wenn ich dem Mann Unrecht thäte. Ich wundre mich des Todes, Den hier zu ſehen. Ihr irrt Euch vielleicht? Er iſt's! Die beiden Bedienten ſind Zeugen genug. Mit denen hat ſich dieſer Mann noch vor drei Wochen in der Fortuna ganz gemein gemacht Peters, in die Fortuna verirren ſich auch reſpek⸗ table Leute! Mit der Auguſte Ludmer und ſolchen Springerchen? Auguſte Ludmer? Springerchen? Was ſind denn Das in der Fuhrmannsſprache für Irrwiſche? Dieſer reſpektable Mann kommt auf den Ball mit der wilden Perſon. Kennen Sie dieſe Auguſte Lud⸗ mer nicht? Inwiefern gehört dieſe mir unbekannte Auguſt Ludmer zu den Springerchen? Die ſagt zu Jedem, der ſie anſieht, auch wenn ſie ihn nicht kennt: Guten Tag! Wie geht's Ihnen? Gute Definition! Mir iſt's aber, als könnt' es Dem da drüben nicht ſchaden, daß ihn eine lebendig macht. Man möchte glauben, daß Das ein Profeſſor iſt. Er demonſtrirt da an den Pflanzen... Spricht wahr⸗ ſcheinlich eben Latein und zeigt auf die Stäbchen, die an den Bäumen ihre Namen nennen. N* — 39 Wenn Das wäre, Herr Dankmar, und das Frauen⸗ zimmer... Auf der Fortuna hab' ich ſie nur zweimal geſehen... aber hernach bald hier, bald dort... geſtern Abend beim Spazierenfahren... wieder auf den Anlagen... Wenn der Mann nicht wiſſen ſollte, wen er am Arme führt—! Dankmar nahm Intereſſe an dieſer Mittheilung und glaubte hier vielleicht ein gutes Werk ſtiften zu können. Steht's denn mit der Auguſte, wie heißt ſie? Lud⸗ mer... ſo ſchlimm? fragte er. O, ſagte Peters mit einer ablehnenden Bewegung, wer darf den erſten Stein aufheben und Gottes Gnade iſt groß! Peters! Peters! Was für Sprüche! Langmüthig iſt doch der Herr und dunkel ſind ſeine Wege... Aber wenn Eins ſo auf die Tanz⸗ böden läuft, ſolchen Heidenlärm ſchlägt, die Polizei in Trab bringt, nicht arbeitet, ſingt und jubelt, wie Die.. Dankmar griff die Gelegenheit auf, vielleicht ein gutes Werk zu ſtiften. Ehe noch Peters ſeinen ferneren Abſcheu vor einem Charakter, wie ihn dieſe Auguſte Ludmer zur Schau trug, beendet hatte, war er ſchon mit drei Schritten 22* —— 340 am Portal, in der Nähe Armand's und des Mannes mit den gelben Nankingkamaſchen. Ohne ſich in ſeinen Auseinanderſetzungen— es waren botaniſche— ſtören zu laſſen, lüftete dieſer Fremde artig ſein Mützchen mit dem farbigen Strei⸗ fen... es war ein ſchlanker, kräftiger Mann, gewiß doch ſchon hoch in den Vierzigen— in der Nähe ließen ſich die kleinen Furchen des Antlitzes beſſer unterſchei⸗ den— die weißen Zähne, die großen hellblauen Augen gaben ihm etwas Freundliches und Gefälliges. Er wandte ſich in ſeiner Auseinanderſetzung über die Pflege der Georginen, die gerade die Blumen dieſes Monats waren, gleicherweiſe bald vertraut auch an Dankmar wie an Louis und ſprach gerade über die eigenthüm⸗ liche Kunſt, die Georginen durch Stoffe, die man der Erde, in der ſie wachſen, beimiſche, z. B. Aſche, nach Belieben zu färben. Es lag in ſeinen Aeußerungen eine gewiſſe Kindlichkeit. Sie ſind gewiß der Herr Schloßgärtner? fragte Dankmar, ohne ſich dabei den geringſten Schein von Indiskretion zu geben. Wollen Sie mich ſo nennen, immerhin, ſagte der Angeredete und lüftete beſcheiden ſeine Mütze. Ich habe nach Titeln nie geſtrebt, lebe nun ſchon dreißig Jahre ſo mit der Natur zuſammen und wenn man G mich Herr Garteninſpektor ruft, ſo hör' ich manchmal weniger darauf, als auf meinen einfachen Namen Mangold! Was? Sie ſind der berühmte Parkologe Mangold? fragte Dankmar erſtaunt. Parkologe? Berühmt? ſagte Mangold. Du lieber Himmel! Weiß man nicht, daß Sie die rechte Hand des Geheimraths von Harder ſind, Alles ſchaffen, Alles hervorzaubern, wofür er den Namen hergibt und die Anerkennung einkaſſirt? Das iſt einmal ſo der Dienſtbrauch! Das iſt in der großen Welt ſo wie in der kleinen; ſagte Man⸗ gold lachend Sie haben am Rhein das Schloß Buchau herge— ſtellt, ſagte Dankmar. Sie waren im Gebirge und haben Selkenthal zu einem Paradies umgeſchaffen; Alles was in den königlichen Schlöſſern Schönes und Geſchmackvolles ſich findet, iſt das Werk Ihrer Er— fahrungen, die Sie in den Parkanlagen Englands ſammelten... Ganz Recht! Englands! Da hab' ich meine paar Brocken aufgeſchnappt, bin dann erſt in die Dienſte des alten Präſidenten von Harder getreten, hab' ihm Tempelheide für ihn und ſeine wilden und zahmen Mit— ——— bewohner, wie eben Tannen ſich ziehen laſſen, ein⸗ gerichtet und ging dann durch den Sohn, als er In⸗ tendant der königlichen Schlöſſer und Gärten wurde, in Staatsdienſte. Aber wenn ich Ehre und Ruhm genieße, ſo weiß ich's nicht. Wo ſollte ich Das wiſſen? Ich lebe nur auf dieſen einſamen Schlöſſern, bald hier, bald da in der Stille. In den Garten⸗ zeitungen... o ja, die halt' ich mir!... Da werd' ich genannt und manche Herrſchaft hat mich ver⸗ ſchrieben, um Schatten und Licht in einen Wald zu bringen— aber Das, dacht' ich, geht doch ſo in der Stille hin und ich bin froh, wenn mich meine Blu⸗ men und Bäume loben. Komm' ich des Morgens in der erſten Frühe auf meine Wieſen und der Thau glänzt mich freundlich in der Sonne an, ſo hab' ich Glanz genug. Louis Armand hatte nur nicht den Muth, ſonſt würd' er dieſem einfachen, ſo ſtill begeiſterten Manne die Hand geboten haben. Dankmar aber, der Das, was er von Peters über Auguſte Ludmer gehört, nun mit dem Eindruck, den er hier empfing, in der That nicht vereinigen konnte, wagte jetzt einige Fragen, die allerdings zudringlich er⸗ ſcheinen konnten: Bleiben Sie auch den Winter auf Solitüde? fragte er, — ³43 Nein, ſagte Mangold, ich ſoll ja ganz von hier fort und wieder an den Rhein. Ich bekomme den Titel als Ober⸗Garteninſpektor und werde in Buchau bleiben. Auf die Glückwünſche zu ſeiner Beförderung kam Mangold allmälig in das Geſtändniß, daß er erſt noch ein Weib nehmen würde... Ich bin nun, ſagte er, ſieben und vierzig! Ein alter Knabe! Hab' immer in Gärten und Schlöſſern gelebt, fern von den Städten, faſt wie ein Einſiedler. Die Leute lachen, wenn ſie einen ledigen Junggeſel⸗ len von ſieben und vierzig Jahren ſehen! Aber wie find' ich Bekanntſchaft? Amtsrathstöchter dünken ſich hoch, Gärtnerstöchter ſtanden mir zu tief. Wo man befehlen ſoll, muß man nicht ſchmeicheln müſſen. Da war ich neulich bei unſerer Excellenz, dem Intendan⸗ ten, und ſehe ein charmantes Mädchen über den Hof gehen. Prächtiger Wuchs, eine Staatsjungfer! Die könnte mir ſchon gefallen, ſagt' ich zur Frau Geheim⸗ räthin, als ſie mich neckte, daß ich noch immer keine Anſtalt machte. Und wie ich in ihrem Garten eine Waſſerleitung revidirt hatte und komme zurück und will mich empfehlen, ſagt die alte Dame, die ſchon viele Jahre bei der Geheimräthin Alles in Allem iſt: Mangold, das hübſche Mädchen iſt meine Nichte! Wenn ſie Ihnen gefällt— dabei zog ich die Mütze ———y—— und ſagte: Madame Ludmer, die nähm' ich gleich mit nach Buchau, aber man muß ſie doch ſprechen und raſch müßt' es auch gehen, ich habe bis zum ſieben⸗ undvierzigſten Jahre gewartet und nun aber kein lan⸗ ges Beſinnen mehr! Da warf ſie einen Blick auf die Geheimräthin, ſo einen von ihren Blicken, die mehr ſagen, als man gleich verſtehen kann. Die Geheim⸗ räthin zog die Lippen ein Bischen verächtlich und lachte. Das ärgerte mich faſt und ich ſagte: Iſt ſie zu jung für mich? Nein, nein, ſagte die ſchwarzäugige Alte, die Ludmer. Wenn es Ihr Ernſt iſt, Mangold, muß man Das nur richtig anfaſſen— zweckmäßig— arrangiren.... Gut, ſagt' ich, arrangiren Sie's. Und da ſah ich das Mädchen auf einem Ball— die Bedienten der Geheimräthin führten mich immer um ſie herum... ſie war auch nur wegen meiner da— ging auch gleich fort, das war Alles abgemacht— vorher beſprochen... ich ſah ſie wieder... ich ſprach mich dann aus— ſie lachte zwar, ſie war ſchnöde und ſchnippiſch— ſie wollte von dem Buchau nichts wiſſen— will auch noch nicht heran und ſpottet und neckt— aber ſie gefällt mir... ich ſchenkte ihr Dies und Jenes— ich denke doch, wenn nichts dazwiſchen kommt— und die Tante noch einmal recht vernünftig mit ihr ſpräche— ſo— Heirathen Sie dieſe—... Der Name erſtarb Dankmarn auf den Lippen... Himmel! dachte er während der Erzählung des un⸗ ſchuldigen immer von den Städten entfernt leben⸗ den Mannes, welche Intrigue ſteckt hinter dieſer ab⸗ ſcheulichen Täuſchung! Und eben wollte er offen mit ſeiner Warnung hervortreten, den einfachen, harmloſen Mann bei Seite nehmen, ſchildern, welchen Gefahren er ſeine Ehre ausſetze, als Louis, der der Erzählung nicht den gleichen Antheil gewidmet hatte, weil er un— verwandt die Augen auf das Schloß richtete, rief: Da kommt Egon! Dankmar wandte ſich und erblickte Drommeldey mit Egon und den Bedienten niederſteigen. Auch Siegbert kam mit Olga und den Kindern... Es war Dank⸗ marn jetzt nicht möglich, das Geſpräch mit Mangold fortzuſetzen. Nur noch die Worte rief er ihm, als er bei Seite trat, zu: Können Sie mir keinen Gruß an Ihre Braut auftragen? Braut? So weit iſt's noch nicht! Aber ich danke Ihnen, ſagte Mangold herzlich. Heut Abend komm' ich noch in die Stadt. Wenn Einer ſein letztes Feuer ſoch einmal zuſammennimmt, gibt's einen Brand. Ich gehe gern auf das Café Richter. Kennen Sie Das? In der Königsſtraße? — Gewiß! Gewiß! ſagte Dankmar. Ich komme dahin, In der beſtimmten Abſicht, Alles aufzubieten, was Mangold über die Gefahr, in die er ſich ſorglos be⸗ gab, aufklären konnte, trat Dankmar dem Prinzen entgegen, voll Spannung, was dieſer über ſeine Er— lebniſſe im Schloſſe würde zu erzählen haben... Es ſchlug nun eben ſechs Uhr vom Schloß Soli⸗ tüde, als ſich an der großen Eingangspforte des Gar⸗ tens ein Gewirr und Durcheinander von Menſchen, Roſſen und Wagen verwickelte. Von der aufwärts⸗ ſteigenden verlängerten Allée kamen vom Schloſſe herab erſt einige zweiſpännige, dann vierſpännige Wagen, zuletzt ein ſechsſpänniges Gefährt mit den königlichen Herrſchaften ſelbſt. Alles, was bisher im Park zerſtreut geweſen war, lief und drängte ſich zu der Hauptpforte, um noch dieſe Abfahrt mit anzuſehen. Auch die kleine runde Dame, die ſich hier beinahe ſchon wieder ver⸗ ſpätet hätte, kam ſpornſtreichs von der Terraſſe ge⸗ laufen, in einiger Entfernung von der jungen Beglei⸗ terin mit den blonden Locken, die nur in raſchen Schrit⸗ ten ging, nicht lief. Ob die freundliche Verbeugung der jungen Königin dieſen huldigungsbefliſſenen Da⸗ men vorzugsweiſe galt, iſt ſchwer zu ſagen. Die Da men hielten mitten in ihrer Eile auf und verneigten ſich tief mit holdſeligen Gebehrden, indem ſie mit einer“ des Gar te des Ga Menſchen r aufwaͤrte Schloſſe hera Hand gleichſam eine die andere näher heranziehen und dem Hofe mit der andern ſagen wollten: Wir ſind Beide da! Endlich waren die Herrſchaften abgefahren und die kleine runde Dame, in der Sanitätsrath Drom⸗ meldey ſogleich Frau von Trompetta erkannte, hatte nun Gelegenheit, die minder bedeutenden Menſchen⸗ kinder zu betrachten, die ſie hier verſammelt fand. Drommeldey lobte ihre raſche Beweglichkeit, tadelte ſte aber an Fräulein von Flottwitz. Ihnen, liebe Trompetta, ſagte er, kann ein ſolcher Wettlauf mit ſechs Pferden einmal nichts ſchaden; aber Sie, mein liebes Fräulein, bedürfen Schonung und verlangen keine Amazonenkur. Die Trompetta ſprach nur von ihrem unglücklichen „Guignon“ auf der Terraſſe... Wollten Sie, ſagte Drommeldey, die Herrſchaften an Ihr Gethſemane erinnern? Ach, antwortete die Trompetta, es liegt allerdings noch auf dem Nähtiſche der Königin! Man blättert darin und kann ſich nicht entſchließen, eine Summe daran zu wagen, die mich der Weitläufigkeiten einer Lotterie überhebt. Ich bin für die Lotterie, Frau von Trompetta, ſagte Drommeldey ſchon im Einſteigen. Warum ſind Sie für die Lotterie, heidniſcher Sa⸗ nitätsrath? Geben Sie mir doch Ihren Rath! Warum? Weil Ihnen das Anbringen der Looſe von einer vortheilhaften diätetiſchen Wirkſamkeit ſein wird. Wenn der Hof das Gethſemane nicht ankauft, erſparen Sie eine Badereiſe. Frau von Trompetta hielt den allo⸗homöopathiſchen Sanitätsrath feſt. Es iſt eine Intrigue gegen mich im Werke— ſagte ſie, ich weiß es— die Altenwyl— geſtehen Sie mir's, Drommeldey! O behüte, kein Menſch intriguirt, als ich, ſagte dieſer. Beruhigen Sie ſich, Frau von Trompetta! Sie haben den Titel Gethſemane ganz in meinem Sinne gewählt. Es ſind in dem Oelgarten Thränen gefloſſen und von der Angſt der Jünger iſt viel da⸗ ſelbſt gewehklagt worden. Das Schweißtuch der heili⸗ gen Veronika muß Ihre nächſte Sammlung heißen. Aus diätetiſchen Gründen und zur Beruhigung für Ihre Freunde dürfen dieſe Lotterien und die Mühen des Abſatzes der Looſe für Sie nicht aufhören. Adieu, liebe Miſſionairin! Mit dieſen für Frau von Trompetta mannichfach verletzenden Worten fuhr Sanitätsrath Drommeldey, ein kluger Mann, der ſich vortrefflich in ſeine Welt niſcher Sa⸗ 1 Warum? von einer vird. Wenn ſparen Sie opathiſchen rke— ſagte rSie mir', ich, ſagte Trompetta! in meinem en Thränen iſt viel da ich der heili ung heißen uhigung f die Müle zren. Adde mannichſac D rommelde W* ſeine A zu ſchicken wußte und nicht Jeden nach ſeiner eigenen materialiſtiſchen Seelenſtimmung behandelte(doch von Frau von Trompetta wußte er, daß ihr der Aerger und Streit über ihre erheuchelte Religioſttät von größe⸗ rem phyſiſchen Nutzen war), mit einer freundlichen Handbewegung zu Prinz Egon, raſch davon. Frau von Trompetta hörte glücklicherweiſe dieſen Spottreden auch ſchon nur halb zu. Ihre kleinen neugierigen Augen verſchlangen den Prinzen Egon und Dankmar Wildungen. Einer von beiden war Prinz Egon und einer Dankmar Wildungen, der Bru⸗ der Siegbert Wildungen's... Das hatte ſie ſchon durch die Bedienten herausgebracht— Aber welcher war der Eine und welcher der Andere? Der Fürſt war— Fürſt, und Dankmar ein Referendar, der ſei— nes Proceſſes wegen das allgemeine Geſpräch der Stadt, die Aufmerkſamkeit aller Mütter und jungen Mädchen geworden war... Friederike Wilhelmine von Flottwitz entſchied ſich für Dankmar und hielt Dank⸗ mar für den Prinzen, die Trompetta meinte Daſſelbe, drückte Dies aber ſo aus, daß ſie den Prinzen für Dankmar hielt. Sie flüſterten ſich, indem ſie ſehr umſtändlich in ihren Wagen ſtiegen, ihre gegenſeiti⸗ gen Vermuthungen mit lebhaften Geſtikulationen zu und befahlen dem Kutſcher zu halten, als er eben ab⸗ fahren wollte und ſie Siegbert bemerkten, der mit den Wäſämskoi's eben aus der Allee heraustrat. Das war ein Nicken, war ein Grüßen und Winken mit der Hand! Die muthigen oder vielleicht nur ungeduldigen Roſſe wollten weiter, aber die Trompetta richtete ſich im Wagen hoch auf und gerieth ſo in ein taumeln— des Schwanken, daß die Flottwitz ſie halten mußte. Siegbert, artig wie immer, ſprang hinzu, um viel⸗ leicht noch einen Befehl zu vernehmen. Adieu! Adieu! Adieu! rief ſie und als Siegbert am Wagenſchlage ſtand, flüſterte ſie: Welches iſt denn der Prinz? Und Ihr Herr Bruder? ließ ſich ſogar die Flott⸗ witz herab, zu forſchen. Egon und Dankmar ſtanden nahe genng am Wa⸗ gen, um näher zu treten. Sie hatten die neugierige Frage faſt gehört, den nach ihnen ſchielenden Blick bemerkt, ſie ließen ſich vorſtellen. Frau von Trompetta— Prinz Egon von Hohenberg— Fräulein von Flottwitz— Mein Bruder Dankmar— Durchlaucht, o Durchlaucht— begann die Trom⸗ petta und weinte faſt. Gnädige Frau— ſagte Egon betroffen. der mit den trat. Das tten mit der ngeduldigen richtete ſich n taumeln⸗ lten mußte , um viel⸗ ils Siegbert r die Flott ag am Wa he neugierig lenden Bii Ach! Ach! Ach! Ich kannte Ihre Mutter— ſie war ein Engel; ſie war meine Freundin! Wiſſen Sie denn Das nicht... Wie liebt' ich ſie! Und dieſe Aehn⸗ lichkeit, Durchlaucht! Zum Erſtaunen und dem Ge— neralfeldmarſchall wie aus den Augen geſchnitten! Die königlichen Herrſchaften hatten die Huld, Sie nach Ihrer Geneſung zu begrüßen! Das Auge der Königin... Arme Trompetta! Die Ungeduld deiner Pferde brach dies rührende Waldgeſpräch gerade an ſolcher Stelle ab! Die Füchſe waren wie ihre Herrin von den Sechsſpännern angeſteckt und liefen ihnen ohne Aufhaltens nach, mitten in einem Dankgebete, das die Sammlerin des Gethſemane eben unter den grü⸗ nen Wipfeln der Eichen für Egon's Geneſung anſtim⸗ men wollte— und nun kein Wort an Olga Wäſäms⸗ koi, kein Gruß, keine Frage mehr an Siegbert, und da jener Dankmar— und das Alles abgebrochen durch die wilden Roſſe! Es war geſchehen, die Pferde zogen an und der ärgerliche Kutſcher ließ ſie laufen. Von Wilhelminen von Flottwitz blieb ein Blick an Dankmarn hängen, der Manches ſagen konnte. Die raſche Wendung war der Wirkung dieſes Blickes außerordentlich günſtig ge⸗ weſen. Weil er ganz links zur Seite ging, bekam dieſer Blick eine Kraft, ſo zu ſagen eine Emaille, die — * — — ——— 3⁵²2 ihm ſo blendend in die Augen widerblitzte, daß er lachend ſagte: Himmel! War denn das Die? Sie? Die? die Retterin des Vaterlandes! Sie... die Eine, Einzige! Und als Siegbert ſagte: Die vielbeſprochene Flott⸗ witz! rief er: „Es blieb an mir nur noch ihr Abſchiedsblick, Ein Sommerfaden an der Trauerweide hängen!“ Die wilden jungen Männer empfahlen ſich den jungen Wäſämskoi's. Olga, entzückt von dieſer Män⸗ nerwelt, ſchlug den blauen Schleier ihres Hutes ſo dicht vor ihr Antlitz, daß man nichts von ihr ſehen konnte als die zierliche Geſtalt. Sie ſchien mit Sieg— bert zwar etwas zu ſchmollen, kehrte Allen den Rü⸗ cken, beantwortete keine Höflichkeit Dankmar's, wich jeder Abſicht Egon's, ſich ihr vorſtellen zu laſſen, aus, ſaß aber im Wagen ſo ſicher, ſo fertig, als wäre ſie ſchon neunzehn Jahre, während ſie doch nur fünf⸗ zehn zählte. „Was hat denn Olga? ſagte Dankmar. Sie weinte ja vorhin... Sie ſoll heirathen? Nicht wahr? O nein, ſie weint, daß ich nicht in ihrem Wagen zurückfahre... Heilige Thränen der Liebe! ſpottete Dankmar. Iſt doch auch dein Taſchentuch deshalb feucht? — 2 Die? die ne, Einzige! ochene Flott⸗ len ſich den dieſer Män⸗ es Hutes ſo on ihr ſehen n mit Sieg⸗ len den Rü tmars, wich laſſen, alld, als wire ſ ch nur fin Sie weint t wahr? ihrem Wage dankmal. Egon aber, gleichfalls angeregt, ſcherzte noch mit Paulowna und Rurik. Wenn ich auch noch ſo ſchlimm bin, ſagte er, ſo hilft das dem Papa Rudhard Alles nichts. Morgen ganz in der Frühe hol' ich Euch Kinder aus dem Bett und laſſe entweder mir oder Euch für unſere Unarten vom Papa Rudhard die Ruthe geben. Wollt Ihr ihm Das ſagen? Dieſer drohende Humor ſchien den Kindern doch zu bedenklich... Sie ſetzten ſich zur älteren Schweſter. Siegbert half ihnen in den Wagen. Dankmar und Egon zogen, als auch dieſer Wagen abfuhr, den Hut und grüßten Olga. Dieſe beugte mit großer Sicher⸗ heit und vornehmer Grazie etwas den Oberkörper und blieb mit zuſammengeſchlagenen Armen, ein Taſchen⸗ ruch in der Hand, in der Ecke ihres Wagens ſttzen. Peters jagte davon. Nun wollte Egon einſteigen und ſah ſich nach ſei⸗ nem Freunde um. Louis Armand, der Tiſchler, ſtand Janz in der Ferne... faſt eingeſchüchtert. Egon verſtand, was ihn drückte. Mit Herzlichkeit ging er auf ihn zu und ſprach in franzöſiſchen Wor⸗ ten zu ihm: Aber, Louis— Die Ritter vom Geiſte. V. Louis Armand ſah zur Erde und folgte langſam und beklommen ſeiner Aufforderung, einzuſteigen. Dankmar ſah ſich noch nach Mangold um. Er war verſchwunden. Siegbert ſchien zerſtreut. Er wußte nichts von Dem, was auf der Terraſſe vorgefallen war. Die Kinder hatten zwar erzählt, daß ſie den König und die Königin geſprochen, aber Egon's Be⸗ gegnung mit den hohen Herrſchaften war ihm ſo neu, daß er, als davon nun endlich erörternd und erzäh⸗ lend die Rede kam, ausrief: Sagt' ich es nicht, daß die große Welt die Zeit nicht erwarten kann, Sie im Vorgrunde zu erblicken? Egon begann nun zu erzählen. Noch einmal ſah er kopfſchüttelnd auf das Schloß zurück, das von einigen Sonnenſtrahlen, die ſich durch die vom Winde heraufgetriebenen Wolken drängen konn⸗ ten, glühend erleuchtet war. Die hohen Kronen der Bäume der Allee ſchwankten. Es wehte ein kühler Zug. Der Abend ſchien nicht ſo freundlich den Tag zu enden, wie er begonnen hatte. Egon knöpfte ſei⸗ nen Frack zu, ließ ſeinen Mantel über ſich breiten und begann nun folgende Mittheilung: Was mir ſoeben widerfahren iſt, ſagte er kopf⸗ ſchüttelnd, muß ich eine merkwürdige, überraſchende Ehre nennen. Es iſt aber eine Ehre geweſen, die Hah olgte langſam nzuſteigen. gold um. E eut. Er wußte ſe vorgefallen „daß ſie den r Egon's Be ar ihm ſo neu mnd und erzät⸗ — uf das Schl n, de ſich dur n drängen kont hen Kronen d gte ein kühlet behte ein füů „5 den da ndlich den gon lnöpfteſ ſich breiten w pf egte er i üb Pelt die 3l ruf de verſtehen Louis verfolgenden Ja, ja, Loux ſtokrat geworden! de zu erblicen des Geiſtes! Ich bin d worden. Der Adel iſt ja ihn Dankmar bezweckt, und ſtell⸗ tur dar. Wenn man, um vollkommner l ſich von den Menſchen, wie ſie gewöhnlich nund, ab⸗ zuſondern haben ſoll, ſo hat hier die Geſchichte eine ſolche Abſonderung ſchon von ſelbſt erzielt. Richtig verſtanden muß der Adel eine Aufforderung ſein, ſich ganz beſonders auszuzeichnen. Wo man weiß, fiel Siegbert ein, daß man die Ehre eines gefeierten Namens gleichſam wie ein Fidei⸗ kommiß zu verwalten hat, wird man ſein perſönliches Verdienſt nur in der Beförderung eines gleichſam an⸗ vertrauten objektiven Gutes finden. Man wird ſich 23* 8 wahren geborene mnar, der ganz erſtaunt Niſtokratiſcher Rebus dieſe Mubte ſchon, das berühmte Fräu⸗ Et hätt' es dir mit einem ihrer Blicke links um die Ecke angethan... Wer war das blonde Fräulein? fragte Egon. Das Mitglied einer ſehr achtbaren Kriegerfamilie, ſagte Dankmar. Die Flottwitz datiren ſich auf die erſten ruhmwürdigen Entfaltungen unſerer Fahnen zu⸗ rück und bevölkern die Cadettenhäuſer auch ſchon für un⸗ ſere zukünftige Glorie... Das blonde Fräulein hat den weiblichen Reubund geſtiftet und ſteht an der Spitze der großen Demonſtrationen mit wollenen Socken und patriotiſcher Hingebung. Sie iſt eine Schwärmerin, wie eine n ein n für genoſ⸗ eſtaunt z dieſe Fräu⸗ Blicke wie nur je eine unter dem Drudenbaume ſaß und in einem Anfalle von landeserrettender Verzückung aus⸗ rief: Mein iſt der Tzako, mir gehört er zu! Sie ver⸗ tritt die Principien der politiſchen Stabilität, wie die queckſilberne Frau von Trompetta die der religiöſen. Und doch geſteh' ich, in dem Blick des blonden Mäd⸗ chens lagen trotz der ſiegreichen Reaction noch ſo viele höhere unbefriedigte Triebe, daß ich wohl einmal an dieſe weißen zarten Formen anklopfen und fragen möchte: Erlaubſt du wohl, daß ich die innere Organiſation deines merkwürdigen Gehirnes ſtudire und mich über⸗ zeuge, wie man phrenologiſch gebaut ſein muß, um die Demokratie ſo gründlich zu haſſen, wie es dies Mädchen bis zum Fanatismus treiben ſoll! Und Egon fiel ein: Was ſich in dieſer Stadt nicht Alles zuſammen⸗ findet! Was hier nicht Alles auf Unſterblichkeit oder das Narrenhaus ſpekulirt! Indeß theilte er Cigarren aus und gebot dem Kut⸗ ſcher, trotz des ſich verdüſternden Himmels, langſam zu fahren und begann wieder: Wie ich mich rückwärts an das Gitter der Ter⸗ raſſe lehne, treten die königlichen Herrſchaften auf Drommeldey zu, den ſie ſehr huldvoll grüßen. Ew. Majeſtäten erſtaunen, einen Arzt auf der Terraſſe von 358 Solitüde die reinſte Luft der Monarchie ſchöpfen zu ſehen, ſagte er... Hier mein Patient, Fürſt Egon von Hohenberg, iſt Schuld, daß ich ein ſo ſeltenes Glück genieße. Ich mußte mich natürlich jetzt tief ver⸗ beugen und meine Zurückgezogenheit entſchuldigen. Mit großer Güte ſpricht die Königin von meiner Krankheit, an der jeder Fühlende theilgenommen. Der König er⸗ innert ſich allergnädigſt, daß ich zuweilen bei länd⸗ lichen Feſten mit ihm ſpielen durfte und zeigte mir an der Stirn die Narbe eines Steines, von dem er be⸗ hauptete, daß ich die unſchuldige Veranlaſſung davon geweſen wäre. Er begrüßte mich herzlich wie einen alten Kameraden und die Königin ihrerſeits war nun erſt recht erfreut, den hohen Gemahl ſo angeregt und von ſeinen Erinnerungen an die Jugend und die Narbe ergriffen zu ſehen. Da ich etwas verlegen und einſylbig antwortete, ſo glaubte eine alte Hofdame, die der Königin ſehr nahe ſtand, ich wäre vielleicht in der franzöſiſchen Sprache heimiſcher und wußte es ſo ge⸗ ſchickt einzufädeln, daß plötzlich die Converſation vom Deutſchen in's Franzöſiſche überſprang und mehre Her⸗ ren, Militairs und Civiliſten, Theil nahmen. Daß ich wie das ſonderbarſte Wunder der Welt betrachtet wurde, ſah ich wohl und fühlte die Nothwendigkeit, mich nicht zu zaghaft, zu ſchüchtern zu gebehrden. Ich pfen zu ſt Egon ſeltenes tief ve⸗ en. Mit ankheit, önig er⸗ ei läͤnd⸗ emir an n er be⸗ davon jſe einen ts war angeregt und die egen und dame, die ht in der z ſo ge⸗ ion vom trat mit den Reminiſcenzen meiner früheren, vorgen⸗ feriſchen Zeit mit möglichſtem Nachdruck hervor. Da⸗ durch ergab ſich wie von ſelbſt, daß ſich der Zug in eine halb ſtehende, halb gehende Bewegung ſetzte, und wir unter die Orangenbäume zu wandeln kamen. Der König, der eine ſehr deutſche Geſinnung prononcirte, begann auf's neue in den vaterländiſchen Lauten und Alles ſchien erfreut, zu bemerken, daß der Sohn des alten Generalfeldmarſchalls, der ſo vortrefflich Deutſch, wenn nicht zu ſprechen, doch zu fluchen verſtand, nicht ganz aus der heimatlichen Art geſchlagen war. Unter ſolchen, mehr oder weniger abgeriſſenen kürzeren oder längeren Bemerkungen ſtanden wir plötzlich vor den geöffneten großen Fenſterthüren der untern Säle des Schloſſes. Mon prince, ſagte die Königin mit vieler Anmuth, finden Sie hier nicht einige Erinnerungen an Ihre Kindheit? Was wiederhol' ich ihre Worte! Sie bedeutete mich, einen Blick in die Säle zu werfen und nachzuſehen, ob dort nicht angenehmere Erinnerungen für mich wären, als die an einen Stein, den ich ein⸗ mal unglücklicherweiſe an die Stirn Sr. Majeſtät ge⸗ worfen hätte. Ich war befangen, wußte nicht, was ſie meinte und trat einem der Säle näher. Die Herr⸗ ſchaften gingen voraus und ich erblickte ein Ameuble— ment von größtentheils ſchwarzem gothiſchem Haus⸗ rath, der dem ohnehin der Sonne abgewandten Zim⸗ mer etwas ungemein Düſteres gab. Noch beſann ich mich, was man meinen mochte, als eine kleine Uhr einen Choral zu ſpielen begann. Nun beſann ich mich. Ich war auf Hohenberg, in den Zimmern meiner Mut⸗ ter, die Erinnerungen der Knabenzeit tauchten zauber⸗ haft in meinem Gedächtniſſe auf, und ich geſtehe Euch, war es die Rückwirkung meiner noch phyſiſchen Schwäche, war es die Macht der kindlichen Erinne⸗ rung, wie die kleine Uhr auf einer ſchwarzen Conſole mit weißen Marmorfüßen den frommen Choral ſpielte, dem ich als Knabe oft ſo neugierig gelauſcht hatte, trat mir eine Thräne in die Augen und kaum erblickte man meine Rührung, als ſich auch die Königin und alle Damen abwandten, um zu weinen. Der König ergriff zuerſt geſammelt das Wort und ſagte: Mein lieber Fürſt, es war ein Lieblingswunſch der Köni⸗ gin, auf einem unſerer Schlöſſer die Einrichtung der Fürſtin Amanda von Hohenberg, von der man ſo viel Geſchmackvolles und Sinniges gehört hatte, zu be— ſitzen. Jetzt kennt die Königin aber kein angenehme⸗ res Gefühl, als dem Sohne, dem ſchon die frommen Klänge dieſer Uhr die ganze unerſetzbare Seligkeit der Jugendzeit zurückrufen, die Freude zu bereiten, die Ausſchmückung dieſer Zimmer da wieder hin zu ver⸗ en Zim⸗ ſann ich eine Uhr ich mich. er Mut⸗ zauber⸗ geſtehe hyſiſchen Erinne⸗ Conſole ſpielte, zt hatte, erblickte gin und er König e Mein er Köni⸗ tung der n ſo viel „zu be⸗ genehme⸗ fommen igkeit de iten, di 1 30 ver⸗ 361 pflanzen, von wo eine allzugroße Indiskretion und Uebereilung unſerer Seits ſie vor einiger Zeit entführte, ehe noch der Befehl dazu gegeben war. Die Bewe⸗ gung, die dieſe ſchönen, gar zarten und rückſichtsvol⸗ len Worte im Saale hervorriefen, war um ſo mehr echt, als ich bemerke, daß ſie auch auf Euch einen Eindruck machen. Meine Situation, geſteh' ich, war etwas peinlich. Sire, ſagt' ich, mich faſſend, mein guter Vater war ſo ein braver Patriot und hat in ſeiner Weiſe dem Vaterlande und Ihrem Hauſe ſo ruhm⸗ würdige Dienſte geleiſtet, daß es die Güte Ihres Her⸗ zens zu ſehr in Anſpruch nehmen hieße, wenn ich zu⸗ geben wollte, daß Sie die kleinen Schattenſeiten ſei⸗ nes Charakters, die alle Welt gekannt hat, mit dem Mantel der Liebe bedecken wollten. Wenn dieſes Zim⸗ mer Ihnen die Erinnerung an einen alten Krieger zu⸗ rückruft, der... Nein, nein! unterbrach die Königin meine Ablehnung des ſinnigen Rückgeſchenkes. Ich würde mir ewige Vorwürfe machen, Prinz, wenn ich die ſtille Geiſterſprache, die durch dieſe ſcheinbar todten Geräthſchaften eine Mutter mit ihrem Sohne reden kann, ſtören oder unterbrechen wollte. Nein, nein, Prinz, zur Feier Ihrer Geneſung geſtatten Sie uns, da wir hören, daß Sie Ihre Güter unverändert be⸗ halten haben, dieſe Einrichtung dort wieder aufſtellen zu laſſen, von wo aus ſie ein übergroßer Eifer, der uns Alle erſchreckt hat, zu raſch, zu verletzend für uns Alle entfernte. Dabei fiel der Blick der Königin auf eine lange hagere wie angedonnert daſtehende Figur... Dankmar ſagte ganz für ſich: O weh! Egon fuhr fort: Auf einen hagern ſterngeſchmückten Mann, der bisher eine außerordentlich ſelbſtzufriedene Rolle ge— ſpielt hatte und wahrſcheinlich der Intendant der Schlöſſer und Gärten, mein ſchlimmer Freund, Herr von Harder, war. Sämmtliche Kammerherren und Offiziere biſſen ſich auf die Lippen. Es that Allen wohl, nach einem Momente der Rührung ſich durch eine kaum unterdrückte Schadenfreude humoriſtiſch zu erholen. Ich nahm nun die Angelegenheit heiter und leicht, erklärte, wenn man die Gnade haben wollte... Pſt! rief jetzt Dankmar, unterbrach Egon und blinkte mit den Augen nach etwas, was ſich hinter ihnen begab und was er, da er mit Louis rückwärts ſaß, leichter ſehen konnte. 1 Was iſt? fragte Siegbert und lehnte ſich rückwärts über den Schlag hinaus. In demſelben Augenblicke ſchoß ein zweiſpänniger = (62 jer, der end für Königin ſtehende im, der olle ge⸗ ant der „Herr en und t Allen h durch ſtiſch zu tter und llte. on Und hinter icwaͤtz vänniget 363 Wagen im vollen Laufe vorüͤber, mit den bekannten beiden Bedienten Ernſt und Franz... Die Excellenz von Harder! Unmuthig, die ſchwarzen Augenbrauen tief heruntergezogen, lag ſie in dem Wagen, die Arme übereinandergedrückt. Auf dem Bocke ſaß neben dem Kutſcher zu Dankmar's Bedauern der Garteninſpektor Mangold, der freundlich und heiter ſeine Mütze zog und die Geſellſchaft grüßte, während der mit Man— gold's geiſtigen Kälbern pflügende Hofmann Dank⸗ marn, den er in ſeinem Glücksrauſche auf der Ter⸗ raſſe nicht geſehen hatte, jetzt in ſeinem Misgeſchick vollkommen erkannte und den ſpöttiſchen Gruß, den ihm der Entführer des Bildes, der Mitverſchworene Melanie's, mit großer Befliſſenheit zuwarf, mit einem kaum achtenden Griff an ſeinen Hut erwiderte. Die Miene eines Hofmannes, der ſo ganz allein mit einer langen königlichen Naſe in ſtiller Einſam⸗ keit da vorüberfuhr, war in dem Grade komiſch, daß Alle herzlich lachten und ſich von der peinlichen Stimmung, die denn doch die Erzählung des jungen Fürſten her⸗ vorgerufen hatte, befreit fühlten. Cgon ſetzte nun noch hinzu: Nach einigen allgemeinen Bemerkungen bat ich die Majeſtäten um die Gnade, mich nächſtens im Schloſſe vorſtellen zu dürfen und empfahl mich mit 364 Drommeldey, der mich draußen auf der Terraſſe er⸗ wartete, unter den herzlichſten Glückwünſchen für meine Geneſung. Der Schalk hat mir indeſſen geſtanden, daß dies Abenteuer nicht ganz zufällig war. Die Bedienten, beſtätigte Dankmar etwas bitter, die dort eben vorbeifuhren und der Mann in der Mütze auf dem Bocke, ein Garteninſpektor, waren im Ein⸗ verſtändniſſe und haben zum Schloſſe hinauf das Zeichen unſrer Ankunft gegeben. Das iſt mir, ſagte Egon, das einzige Verdrießliche an dem Vorfall, der an und für ſich mir ſehr wohl gethan hat. Warum wollen Sie dieſe Verabredung verdrießlich nennen? ſagte Siegbert, der ſein Mildern, Ausgleichen, Verſöhnen nicht laſſen konnte. Ich bin kein begeiſterter Monarchiſt, aber ich finde die Aufmerkſamkeit ſehr artig und bin überzeugt, daß dies Abſchütteln einer läſtigen Acquiſition, des Mobiliars Ihrer Mutter, all⸗ gemein die Geſellſchaft entzücken wird. Das Gute daran iſt beſonders auch die Naſe der Excellenz von Harder, ſagte Dankmar und zündete ſich auf's neue die ausgegangene Cigarre an. Die Bedienten, fuhr er fort, waren wol nicht aufgeſtellt, weil ſie den Gefangenen vom Pleſſener Thurme, ſondern mich, den Begleiter von Melanien, kannten. —— tafſe er⸗ ür meine eſtanden, itter, die r Mütze im Ein⸗ Zeichen drießliche ihr wohl drießlich gleichen, egeſterte keit ſehr eln einer utter, al⸗ Naſe det zündete an. Die ufgeſtelt Thurme, fannten⸗ 365 Jetzt erinnere ich mich der langen Hälſe und Zei— chen, die dieſe Schlingel machten, als wir am Portal hielten... Wunderliche Welt! ſagte Egon kopfſchüttelnd. Was ſich da Alles wie ein Schneehaufen zuſammengeballt hat und nun ſo einfach am Sonnenſtrahl eines kö⸗ niglichen Wortes auseinanderſchmilzt! Ich werde dich bitten, lieber Louis, daß du Heuniſch veranlaſſeſt, ſeine Rückreiſe um einen Tag aufzuſchieben und die ganze Beſcheerung wirklich nach Hohenberg mit zurückzu⸗ nehmen. Louis deutete an, daß er Dies gern beſorgen wollte. Ja, ja, Louis, ſagte Egon ſcherzend, nun ſind wir im Netz. Nicht wahr, jetzt werd' ich mich wie Euer Barnave, du kennſt die Revolutionsgeſchichte beſſer als ich, für die ſchönen Augen meiner Königin opfern und mit Blondel ſingen: O Richard, mon roi, si PUnivers t'abandonne— Das denkſt du doch! Louis machte eine Bewegung, die allenfalls ſagen konnte: Allerdings! Wenn ich auf Drommeldey hören wollte, ſagte Egon, ſo war dieſer königliche Gnadenakt auch zugleich wirklich ein Aufruf an meine Loyalität, der etwa ſo⸗ viel heißen wollte: Beſter Hohenberg, Sie haben ſich in der Welt umgeſehen, man beobachtet Sie, man 366 erwartet etwas von Ihnen; wir brauchen Freunde, tummeln Sie ſich jetzt, machen Sie keine dummen Streiche, wählen Sie vernünftigen Umgang, verwir⸗ ren Sie die Debatte nicht durch neue ſogenannte Ge⸗ ſichtspunkte und dergleichen Thorheiten mehr... Die Aerzte ſind Optimiſten, ſagte Dankmar. Er geſtand mir kürzlich ſchon am Krankenbett, be⸗ ſtätigte Egon, daß er zum Reubund gehörte und ver— ſicherte mich, ich ſollte ihn darum nicht für geſchmack⸗ los halten. Er ſprach wie einſt Schlurck im Heide⸗ krug. Es gäbe Zeiten, wo man das Auffallende mit⸗ machen müſſe, um nicht ſelbſt aufzufallen. Er iſt ſchlau und deutete an, ich ſollte mir eine politiſche Stellung machen. Daß er, als ſeine Liſt gelungen war, ſie ſogleich eingeſtand, beweiſt eine gewiſſe Gut⸗ müthigkeit. Herr Dankmar glaubt eine Candidatur für den Prinzen Egon von Hohenberg aufſtellen zu können, fiel Louis Armand ein. Wie nun, wenn der junge Staatsmann auf der Tribüne ſtünde, für die Rechte der Völker ſprechen wollte und in demſelben Augen⸗ blicke fielen ihm die gerührt weinenden Augen ſeiner Königin ein? Du regſt eine Frage an, lieber Louis, ſagte Egon, die durchaus nicht perſönlich, ſondern principiell iſt. Feeunde, dummen z, verwir⸗ annte Ge⸗ nbett, be⸗ und ver⸗ geſchmack⸗ im Heide— ende Mit⸗ Er iſt politiſche gelungen viſſe Gut⸗ für den mkönnen, der junge e Rechte Augen⸗ zen ſeiner gte Egon, ppiell iſ. —3* Ich halte es allerdings für ſchwierig, ſein Verhältniß zur freiſtnnigen Erörterung politiſcher Zuſtände mit jenem Maße von Achtung in Einklang zu bringen, das man der Monarchie und allen ihren Traditionen perſönlich zollen muß. Iſt der monarchiſche Begriff unvollkommen vertreten, hat man es mit ſchroffen, anmaßenden Fürſten zu thun, ſo wird uns der Kampf gegen das Uebermaß ihrer Prärogative leichter wer⸗ den. Schmerzlich aber iſt es allerdings, mit liebens⸗ würdigen Perſönlichkeiten in principiellen Conflikt zu gerathen! Ein anſtändiger Republikaner, beſtätigte Dankmar etwas ironiſch und meinte es doch ernſt, iſt allerdings zu bedauern. Man will denn doch nicht daſtehen, als hätte man ſeinen Knigge nicht geleſen. Die Henker ſogar haben in der Geſchichte, ehe ſie die traurige Kunſt ihres Schwertes zeigten, gewiſſe Perſonen ſelbſt vorher um Entſchuldigung gebeten. Siegbert meinte, Das wäre ein ſehr großer Fehler der bevorrechteten Stände, daß ſie ſich keine Politik ohne Misachtung der Perſonen denken könnten und wiederum wären unſere Zeitgenoſſen gerade noch des⸗ halb für die Politik unreif, weil ſte, wenigſtens in dem Staate, in dem ſie lebten, die Perſonen ganz und gar mit dem Principe verwechſelten. Nehmen 368 Sie dieſe Flottwitz, ſagte er. Tauſende ſind wie dieſe! Sie halten ſich an die perſönliche Erſcheinung der Monarchie und wollen wie Wundergläubige die Kraft ihrer Andacht nur durch die Unmittelbärkeit der Be⸗ rührung ſtärken. Oder, ſagte Dankmar, der trotz einer gewiſſen Auf⸗ regung durch das Intereſſe für Mangold und Auguſte Ludmer beſonders guten Humors war— die Flottwitz und die Naſe der Excellenz hatten ihn beluſtigt— oder ſie ſtärken ihre Andacht durch ein unmittelbares Eingreifen, beſonders in die königliche Chatoulle. Ja, Egon, ich gedenke, von dem Heidekrüger Juſtus, der dreimal gewählt worden, zwei Chancen für dich zu gewinnen und bei dieſer Gelegenheit ihn zu fragen, ob der penſionirte Major vom Buſche, der in ſeinem Wahlkreiſe die großen Adreſſen für Fürſt und Vater⸗ land preßte, jetzt auch noch das Geld für die Noten bekommt, die ſeine Tochter auf einem vom König ihr geſchenkten Pianoforte ſpielt. Verkehrte Welt! rief Egon nach Erzählung dieſer Anekdote aus. Hier haben wir noch die arkadiſchen Sitten patriarchaliſcher Zeiten, dort nagt die Zweifel⸗ ſucht ſchon Alles in Millionen zuſammenhangloſer Atome! Nenne uns Einer das Zauberwort, das neue Menſchen ſchafft, die für die alte Welt paſſen, oder wie dieſel inung der die Kraft t der Be⸗ iſſen Auf⸗ d Auguſte e Flottwitz luſtigt— nittelbares vulle. Ja, uſtus, der r dich zu u fragen, in ſeinem nd Vater⸗ die Noten König ihr ug dieſer ariadiſchen Zweiſel⸗ nhangloſer das neule ſſen, ddet 369 eine neue Welt, die die alten Menſchen nimmt, wie ſie einmal ſind! Nichts ſchickt ſich mehr in's Andre. Der Stoff, der Jahrtauſende lang die Herzen kittete und band, ſcheint verbraucht. Die Eckſteine ſind ver⸗ worfen und wo gibt es neue? Das Todesbeil kann kein Leben ſchaffen. Aus dem Blute der Geopferten ſteigt die Rache und kein Segen blüht, wo einmal geflucht wurde. Die Menſchheit geht nicht die rich⸗ tige Bahn. Wer greift die Zügel und ſchleudert das Gefährt auf die Seite, wo keine Abgründe drohen? Ich ſuche eine Formel, eine Lehre, die größer iſt als alle Könige der Welt und vor der die Könige und Bettler zugleich anbeten! Pflicht! Pflicht! Träteſt du aus den Wolken und zögeſt wie eine entſchwebende Glorie über die Erde hin, daß Alle die Hände aus⸗ ſtreckten und riefen: Bleibe bei uns! Verſpottet mich nicht Freunde, die Scene mit dem Königspaare hat mich doch ſo aufgeregt, daß ich blutige Thränen wei⸗ nen möchte, wie Alles doch ſo verkehrt geordnet, ſo⸗ toll verwirrt, ſo unauflöslich und unentwirrbar iſt. Dankmar warf ſeine glühende Cigarre aus dem Wagen, ſo erſchreckte ihn die Art, wie Egon ſeine Scherze aufnahm... Er fragte, ob er Egon verletzt, gekränkt hätte. Nein, ſagte dieſer bewegt und reichte allen Dreien Die Ritter vom Geiſte. V. 24 — —— —— ————’A— —õ— 94 1 85 4 4 4 1 1 4 370 die Hand; iſt es nicht erſchütternd, daß wir vier, die wir die Dinge, wie ſie jetzt gehen, mit gleicher Auf⸗ richtigkeit haſſen, uns doch nicht vereinigen können über den Weg, wohin ſie gehen ſollen? Da ein Com— muniſt, hier ein Radikaler, Freund Siegbert, wie ich ſchon hörte, als wir auf die Terraſſe ſtiegen, ein idealer Sozialiſt, und ich... In dieſem Augenblicke ertönte in der Ferne ein greller Pfiff. Der Kutſcher hieb ſo heftig in die Pferde, daß der Ruck, den der Wagen dadurch erhielt, Egon's fernere Rede unmöglich machte. Die Eiſenbahn! riefen die Bedienten faſt ſich über⸗ neigend. Man ſah in der merklich vorgeſchrittenen Däm⸗ merung den Rauch einer daherbrauſenden Lokomotive. Der Kutſcher wollte ihr zuvorkommen und den Durch⸗ ſchnitt der Bahn noch gewinnen... Aber ſchon fanden ſie die Barriere verſchloſſen und mußten halten. Wie ſie ſo ſtillhielten, kam von der andern Seite mit gleicher Schnelligkeit eine Geſellſchaft zu Pferde. Auch ſie glaubte noch das Schließen der Schranken überholen zu können, kam aber ebenfalls zu ſpät. In der vom dunkeln mit Wolken gemiſchten Abendroth widerſtrahlenden Beleuchtung nahm ſich dieſe Caval⸗ cade, an deren Spitze eine Dame hielt, außerordentlich vir vier, die leicher Auf⸗ gen können a ein Com⸗ ert, wie ich ein idealer Ferne ein die Pferde, jelt, Egon's ſich über⸗ nen Däm⸗ Lokomotive. den Durch⸗ con fanden ſalten. dern Seite 4 zu Pferde. Stranken ſpät. In Abendroth feſe gaval⸗ zerndentich ——— 371 maleriſch aus. Wenn der Herbſt ohnehin ſo reich an ſchönen Wolkenmomenten iſt, ſo hatten ſich gerade heute dunkelrothe, blaue und gelbe Farben zu einem Hinter⸗ grunde gemiſcht, aus welchem dieſe Roſſe, dieſe Reiter und dieſe Amazone ſich mit der lebendigſten Wirkung abhoben. Dazu rollte in weiter Ferne ein Donner und ein leichter Blitzſchimmer zuckte zuweilen durch das dunkle Gewölk, das jene Reitenden nicht zu achten ſchienen. Wie die Amazone in einem ſchwarzen Sammet⸗ rocke mit langherabhängender Schleppe und einem förmlichen Männerhute, der ihr jedoch mehr im Nacken, als auf der Stirn ſaß, ſo gewaltſam mit ihren Be— gleitern heranſprengte, daß im Augenblick, als die Schranken geſchloſſen wurden, die Pferde faſt auf die Kruppe zu ſtehen kamen, erkannten die Brüder Wil⸗ dungen Melanie Schlurck.— Egon, der von der Schönheit dieſer majeſtätiſchen und in der grellen Beleuchtung des farbenreichen Abendhimmels doppelt blendenden Erſcheinung mächtig ergriffen wurde, entdeckte ſogleich, daß die Brüder die Reiterin kannten. Dankmar, ſtatt ihm zu ſagen wer ſie war, fragte, ob er ſich nicht einer ähnlichen Scene bei Hohenberg im Walde erinnerte? Wohl, ſagte Egon, das iſt Dieſelbe, die uns in 24* 1 372 dem Augenblicke begegnete, als uns von unſerm Wägelchen der junge, rothhaarige Führer durchging, Schlurck's Schreiber.. Und dies iſt Schlurck's Tochter, die ſchöne Me⸗ lanie, wie man ſagt die Verlobte jenes jüngern Man⸗ nes, der ihr zur Seite reitet, des Stallmeiſters Laſally. Ich täuſche mich nicht, es ſind dieſelben Herren wie damals. Der Juſtizdirektor Herr von Zeiſel, und der Banquier von Reichmeyer... die Andern kenn' ich nicht. Siegbert grüßte über die Barriere hinüber; nicht minder bewegt, wie Dankmar, der beim Anblick des ſchönen, ihm zu jeder Stunde ſo liebevoll und freund— lich geweſenen Mädchens ſeine gewöhnliche Selbſtbe— herrſchung verlor und nicht jede Frage verſtand, die Egon an ihn richtete. Die Lokomotive kommt, ſagte Louis, die Dame iſt der Barriere zu nahe. Und Cgon, ſich auf den Anblick vieſes Mädchens in jener Mondnacht, wo ſie im Nachtkleide zum Fenſter ſeines Schloſſes in Hohenberg hinausblickte, von neuem wohlbeſinnend, ergriffen von der Möglichkeit, daß das Roß des ſchönen Mädchens ſcheuen könnte, ſprang auf und rief hinüber: Ich bitte Sie, Fräulein! Reiten Sie zurück! von unſerm er durchging, ſchöne Me⸗ ingern Man⸗ ſters Laſally. Herren wie Zeiſel, und Andern kenn' nüber; nicht Anblick des und freund⸗ he Selbſtbe⸗ elſtand, die ie Dame iſt Midchens zum Fenſter „von neuem eit, daß das nte, ſorang zurick 3 4 Reichmeyer und Zeiſel zogen unabläſſig den Hut und ſchienen ganz die Meinung des Prinzen zu theilen... Melanie lehnte ſich von ihrem engliſchen Sattel ein wenig ſeitwärts, um die donnernd heranbrauſende Lokomotive nicht zu ſehen und kehrte ruhig lächelnd und für die bewieſene Theilnahme ſich leicht verbeu⸗ gend, als ſie vorbei war, wieder in ihre alte Stellung zurück... Laſally faßte ihre Zügel.... Sie ſchien es verhindern zu wollen... In dem Augenblick fuhr der Train mit ſeinem feurigen Vorſpann mit wucht⸗ voller, centnerſchwerer Sicherheit über die Schienen hin... Als er vorübergedröhnt war, wurden die Schranken geöffnet... Egon's Pferde zogen an. Melanie mit einer eigenthümlichen Befriedigung auf Dankmar, Siegbert und den ihr bisher nur in einer Blouſe bekannt gewordenen, jetzt endlich, endlich ſicht⸗ baren wahren Prinzen Egon herabſehend, ſprengte nicht ohne Stolz und mit einem eigenen lächelnden Ausdruck an ihnen vorüber... Die Andern folg⸗ ten.. außer Herrn von Zeiſel, der am Wagen⸗ ſchlage ſeiner Herrſchaft hielt und um die Befehle der Durchlaucht bat, ihm Glück wünſchend zu der erſten Ausfahrt. Bei dieſem Wetter reiten Sie? fragte Egon. Wir werden einen Sturm haben. 1 Grillen eines ſchönen liebenswürdigen Mädchens, Durchlaucht! ſagte Zeiſel etwas verlegen. Sagen Sie dieſem Mädchen, daß ſie ein Engel iſt! Kommen Sie doch morgen mit Heuniſch ganz früh zu mir. Ich habe weitläuftige Aufträge für Sie! Aber jetzt Adieun! Adieu! Grüßen Sie die Ama⸗ zone! Verſpäten Sie ſich nicht! Herr von Zeiſel zog den Hut ehrerbietigſt und ritt in etwas unfreiwilligem Galopp ſeiner Geſell⸗ ſchaft nach... Egon blieb einen Augenblick aufgerichtet im Wa⸗ gen... hielt ſich, da die Federn ſchwankten, an der Rücklehne... und ſchaute, trunken vor Intereſſe. Vom ſchwarzdunkelblauen Hintergrunde aus nah⸗ men ſich die Reiter wie die Boten des Sturmes aus. Ein Blitzſtrahl zuckte über Melanie hin, eben als ſie ſich noch einmal umwandte. Der Schimmer erleuch⸗ tete bläulichweiß ihre edelgeformten Züge, in denen Siegbert, leiſe zum Ohre des Bruders gewandt, etwas Melancholiſches, Kummervolles entdeckt haben wollte, das ihr ſonſt ſo fremd war... Egon konnte, als ſie weiter fuhren, nicht begrei⸗ fen, wie ihm dieſe Erinnerung jemals hätte ſchwinden können! War es die Sorge um die Störung durch den n Madchens, ſie ein Engel euniſch ganz Aufträge für ie die Ama⸗ rbietigſt und einer Geſel⸗ btet im Wa⸗ kten, an der Intereſſe. de aus nah⸗ turmes aus. then als ſie mmer elleuch⸗ ſe, in denen vandt, etwas aben wollte richt begri⸗ tte ſchwinden g dunch dn 375 närriſchen Einfall deines Begleiters, ſagte er, oder lebten meine Gedanken nur in Dem, was ich auf dem Schloſſe meiner Eltern vorhatte, ich erinnere mich wohl, auch ſchon damals von dieſer blendenden Er⸗ ſcheinung überraſcht geweſen zu ſein, allein der Ein⸗ druck ſchwand und erſt jetzt erneuert er ſich in ganzer Friſche. Wie ſind dieſe Formen des Halſes und der Bruſt ſo regelmäßig! Wie vollendet gewölbt iſt dieſer Rücken, den ich mich nur erinnere, an einer Statue der Venus im Pariſer Louvre geſehen zu haben! Und dieſe Rundungen, die von den freien Schläfen und der klaren Stirn herab ſich über die Wangen zum Kinn ziehen, wie weich! Wie Wachs! In dem Munde liegt ja ein ganzes Compendium jener Mimik, die Frauen von einer nicht zu excentriſchen Leidenſchaft und einer bewußten Wärme ihrer Empfindungen ſo ſehr in der Gewalt haben! Die Gebrüder Wildungen ſahen von ihrer eigenen Liebe getroffen wehmüthig zu Boden.. Wie es zwiſchen jungen Männern zu geſchehen pflegt, ihre Geſpräche beginnen mit dem Univerſum und hören mit den Frauen auf. Es iſt das einzige Thema, wo alle Parteien ſich raſch verſtändigen und über den Begriff der Schönheit ſoviel Nüancen zu⸗ laſſen, wie nie über einen ideellen andern Gegenſtand. —— — ——— —— 1 Da iſt der entgegengeſetzteſte Geſchmack zu vereinigen und es läuft bei den verſchiedenartigſten Weſen, die man vergleicht, immer darauf hinaus, daß Dasjenige für wahrhaft ſchön erklärt wird, was gefällt. Louis hatte in dieſer Unterhaltung, die bei dem raſchen Zufahren des Wagens ſehr lebhaft geführt werden mußte, um ſich verſtändlich machen zu kön⸗ nen, die angenehme Genugthuung, daß Egon ſeine Beiſpiele lieblicher Erſcheinungen aus der Frauenwelt von ſeinen Erinnerungen aus Lyon hernahm und mit einem dem Bruder Louiſon's gebotenen Handdrucke ſagte: Louiſon hatte Alles, um zu gefallen. Augen, die nicht unſtät umirrten, Augen, die, wenn ſie empfand, ſtilltanden und Den, den ſie anſah, ganz in ſich aufnahmen, ja hinüberzogen wie in eine träumeriſche Vergeſſenheit aller Dinge! Louiſon hatte die ſchönſten Zähne und lachte doch nur ſelten! Wer die ECitelkeit der Frauen kennt, wird begreifen, was es heißt ſchöne Zähne haben und nicht jedes Wort mit einem Lächeln begleitet ſehen. Stieg ihr dann aber auch der Schalk in den Nacken, wie konnte ſie ausgelaſſen ſein! Wie ſchlug ſie den Arm um meine Schulter und blies mir, wie ein Kind, dem Stäubchen in's Auge geflogen ſind, ſo von der Stirn jede Wolke des Unmuthes! Da konnte ſie ſich ſchmiegen, der zarten lieblichen Ge⸗ vereinigen Weſen, die Dasſenige e bei dem ft geführt a zu kön⸗ Sgon ſeine Frauenwelt m und mit rucke ſagte: Augen, die empfand, g in ſich räumeriſche e ſchönſten ie Citelkeit eißt ſchöne em Lächeln der Schalk ſein! Wie blies mir, e geflogen Unmuthes lihen Ge⸗ 3 ſtalt Wendungen geben, wie der Knabe einer Weiden⸗ gerte. Ja, wenn ich oft zürnte und über Mancherlei ſchmollte, war's da nicht wie mit der Blume im Topfe, die der Sonne zugewendet blüht? Man dreht den Scherben um, läßt die Blumenkrone in den Schat⸗ ten ſehen und in wenig Stunden langt ſie mit ihren Armen doch ſchon wieder nach der Seite des Lichtes hin! Ich will Louiſon's Andenken nicht entweihen und von ihrem Kuſſe ſprechen. Aber Das kann ich ihren Zärtlichkeiten nachſagen, Louis, daß ſie die Eingebun⸗ gen des Herzens waren. Was das Raffinement des Verſtandes, die kalte Leidenſchaft, die gemeine Erfin⸗ dung, die Liebe entweihend, an Myſterien der Hin⸗ gebung nur ergrübeln kann, das kam unſrer armen Louiſon wie ein Einfall der Schalkhaftigkeit und Laune. Ich behaupte, jede Zärtlichkeit eines Weibes, die nicht der Herzensgüte entſtammt, iſt ein Gift und rächt ſich! durch den Ueberdruß. Ich haſſe das ſtürmiſche, haſtige Naſchen vom Baume der Erkenntniß. Aber ekel ſieht die Aſche der verglühten Leidenſchaft aus! Ah, Louiſon! Du hatteſt ein Geheimniß, das ſo Wenige verſtehen: Du ſchwiegſt, wenn du liebteſt! O wie beredtſam war dies Schweigen! Wie genügte dieſe ruhige, ſtille, ſtun⸗ denlange träumeriſche Umarmung! Dieſer einzige Blick, wenn ſie zu meinen Füßen ſaß und nur aufſchaute und ſagte: Rühr' dich doch nicht! Ich brauche nur deine Augen zu ſehen! Und Das that ſie ſtundenlang, hielt meine Hand und ſchwieg. Und nun ſchweigt ſie für ewig! Die Einfahrt in die lebhafte Vorſtadt, der Hinblick auf die eben aufblitzenden Gasflammen der dunkeln innern Stadt brach dieſe wehmüthige Wendung des Geſpräches ab. Egon ermannte ſich, dankte den Brüdern Wildun⸗ gen für den freundlichen, ihm bereiteten Tag und bat nur entſchuldigen zu wollen, daß er mit ſeinem Freunde Louis die Ruhe ſuche. Er fühle ſich erſchöpft, bedürfe für morgen geſtärkter Kräfte und dann zu Louis ſich wendend, ſagte er: Mit Heuniſch wirſt du vielleicht noch heute ſpre— chen, nicht wahr? Laß mir jede Sorge, Freund! antwortete Armand. Ihm und Zeiſel übertrage das Delogement der wiedereroberten Andenken an meine Mutter! Ich nehme die Sachen nach Hohenberg. Gnaden und Herablaſſun⸗ gen dieſer Art muß man ſo nehmen, wie ſie geboten ſind, ſonſt ängſtigt man den Geber und läßt ihn glau— ben, man fühle ſich durch ſeine Güte verletzt oder wiſſe ſie nicht zu ſchätzen. Es trat eine Pauſe ein. Man hatte zuviel erlebt, zuviel Eindrücke führte man mit ſich heim. nur deine dlang, hielt jefür ewig! er Hinblick er dunkeln ndung des n Wildun⸗ g und bat m Freunde ſt, bedüͤrfe Louis ſich geute ſpre⸗ e Armand. ement der Ich nehme rrablaſſun⸗ ie geboten ihn glau⸗ ellett odel viel elle 379 Der Wagen rollte pfeilſchnell... Doch ſagte Egon, gleichſam um der Bekanntſchaft des ihm ſo wohlthuenden Siegbert die letzte Weihe zu geben: Sprechen Sie noch heute die Fürſtin Wäſämskoi? Siegbert bejahte. Nun, ſo bereiten Sie mir daſelbſt für morgen einen günſtigeren Empfang vor, als ich nach der ſchlimmen Meinung der Kinder ſcheine erwarten zu dürfen. Je⸗ denfalls muß ich Rudhard ſehen, deſſen Namen ich ſo verehre, daß ich mich in Frankreich nach ihm nannte. Sagen Sie ihm Das! Ich habe viel von Dem, was meine Mutter ihn ſo übel empfinden ließ, wieder gut zu machen und ſind auch meine Mittel gering, ſo ge⸗ hört er, das weiß ich, zu Den Menſchen, die ſich auch durch Geſinnung belohnt fühlen. Nahe beim Palais des Prinzen ſtiegen Dankmar und Siegbert aus und mußten verſprechen, morgen bei Egon zu ſpeiſen.. Wir haben auch wegen der Deputirtenwahl zu reden, ſagte der Fürſt lächelnd.. Wohl, erwiderte Dankmar, dieſe Angelegenheit kann nicht ſchnell genug betrieben werden. Als Louis den Schlag von innen zudrückte, gab ihnen Dankmar, dem Arbeiter wie dem Prinzen, mit gleicher Herzlichkeit die Rechte. 380 Die Brüder ſahen dann dem Wagen nach, wie er raſſelnd in das Portal des Palais einfuhr... Biſt du befriedigt? fragte Dankmar, als ſie allein b waren. Vollkommen! erwiderte Siegbert. Dieſer Egon be⸗ ſitzt den Stoff zu einer großen Zukunft! Was ich thun kann, ihn hochzuhalten, ſoll ge— ſchehen und müßt' ich ſelbſt der Schemel dazu ſein; ſagte Dankmar. Warum ſprachſt du nichts von unſerm Proceß? fragte der Bruder. Bei günſtigerer Gelegenheit. Wir ſind ihm noch zu ideell... Und nun: Guten Abend, Bruder! Du gehſt zu... Wohin anders als zu meinen Kranken, ſagte Sieg⸗ bert faſt wehmüthig. Denn Das ſind dieſe Wäſämskoi's! Sie bedürfen meiner um zu leben und ich fühle, wie qualvoll die Leiden... eines Magnetiſeurs ſein mögen. Die Kleine iſt lieblich, voll Charakter, reif zu einem Roman! ſagte Dankmar voll Herzlichkeit, die ſchmerzliche Wehmuth des Bruders wohlverſtehend. Warum weinte ſie? Gewiß nicht deshalb, weil du nicht mit ihr fuhrſt... Sie weinte, ſagte Siegbert bebend, weil ſie glaubt, daß ich die Mutter liebe.. nach, wie hr... ſie allein Egon be⸗ ſoll o⸗ ſoll ge⸗ azu ſein; Proceß? hm noch der! Du gee Sieg⸗ ämskoi's! ihle, wie nmögen. reif zu keit, die erſtehend. weil du e glaub 381 Richtiger, ſagte Dankmar ernſt und voll Schmerz, weil dieſe Mutter dich in Wahrheit liebt! Siegbert ſchwieg... Beide Brüder ſtanden ſich ſo voll innerſtem An⸗ theil gegenüber. Ich gehe nach Haus, ſagte Dankmar, um für uns zu leſen, zu ſchreiben, zu arbeiten. Vielleicht auch noch etwas auf das Café Richter! Komm' nicht zu ſpät! Die Brüder trennten ſich mit innigem Händedruck... Hätten ſie noch einige Minuten gewartet, ſo würden ſie noch Louis getroffen haben, der eben raſch, verſtört und in großer Unruhe aus dem Portale trat... Was war ihm begegnet? Nichts, als daß er den Prinzen die Treppe hinauf⸗ führte und ein Licht aus einer der dienenden Hände nahm, um Cgon in ein ſchon dunkles Zimmer zu be⸗ gleiten... Wie er an das letzte kam, dem Egon, um ſich auf ſeine weichen Polſter zu werfen, mit rechtem Verlangen ſchon näher entgegentrat, hörte er drinnen den jubelnden Ausruf einer weiblichen Stimme: Egon da biſt du!... Er trat ahnend näher, das Licht er⸗ loſch, er hörte den feurigen Kuß einer ſehnſuchtsvollen, zur raſendſten Ungeduld geſteigerten Begrüßung... er fühlte eine weiche Hand, die einen elektriſchen Schlag — auszuſprühen ſchien, die ſeine ergreifen und ihn mit einer einzigen Bewegung faſt an die Thür zurückſchleu⸗ dern... Er trat von ſelbſt zurück. Die Thür fiel in's Schloß und wurde von innen verriegelt... Louis ſtand eine Sekunde im Dunkeln, beſann ſich und ſuchte mit raſchem Entſchluſſe, weil ſein beklommenes Herz zu erſticken fürchtete, das Freie. Vergebens ſah er ſich nach den Brüdern um, von denen er nichts mehr entdeckte. Ein ferner Donner rollte und helle Blitze zuckten... Dennoch langſam und tiefaufſeufzend ging er der Wallſtraße zu, um Heuniſch's Abreiſe noch um einen Tag zu verhindern und ſich durch einen freundlichen, Franziska darge⸗ brachten Abendgruß für ſeine Befürchtungen über die Ausſöhnung zwiſchen Egon und Helene d'Azimont zu tröſten. — dihn mit rückſſchleu⸗ Thür fiel .. Louis und ſuchte nes Herz um, von Donner langſam zu, um erhindern a darge⸗ über die »Aiimont vierzehntes Capitel. Wahre innere Miſſion. Als an demſelben Tage Mittags Louiſe Eiſold nach Hauſe gekommen war und ſich in ihrem Hinterhofe auf der Brandgaſſe die ſteile Treppe an dem glatten Seile hinaufgeleiert hatte, wenn man einen Aus— druck der Mägde am Brunnen auf die Erleichterung des Emporſteigens über eine ſo halsbrechende Treppe anwenden will, waren ihre Kleinen über den Aus⸗ gang, der doch eine Stunde gedauert hatte, ungedul⸗ dig genug geworden. Das Jüngſte, die kleine Johanna, wollte ſich von Friederike und Heinrich nicht beſchwichtigen laſſen, und ſchon auf der Treppe, wo ihr eine Nachbarin, der ſie die Aufſicht übertragen hatte, ſagte, daß Alles gut ſtände, hörte Louiſe doch den kleinen Schreihals, den ſie ſchon auf der Galerie durch laute Schmeichelworte be⸗ 1 1 1 384 ruhigte, ehe ſie noch eintrat und das nach ihr ver⸗ langende Kind auf den Arm nahm. Das einfache Mahl war ſchon früh Morgens zu⸗ bereitet und ſtand bei der warmen Aſche auf dem Feuer⸗ herd. Der Brei für das weinende Kind war bald gewärmt und mit hundert Liebkoſungen und Schmei⸗ chelworten, mit hundert ſcherzenden Anklagen ihrer ſelbſt, auf ihrem Schooße ihm dargereicht. Als der letzte Löffel voll verſpeiſt war, that es auf ein paar Strophen vom ſchwarzen und weißen Schäf⸗ chen die Aeuglein zu und ſchlief ein. Jetzt kamen Riekchen und Heinrich an die Reihe des Speiſens. Der kleine Zweijährige lärmte auch und jammerte. Dem gab Louiſe es aber ſchon der⸗ ber mit Anwendung der Strafrechtsprincipien nicht auf ſich, ſondern den Kleinen ſelbſt. Aber Heinrich beru⸗ higte ſich erſt, als er die Löffel klappern hörte und Riekchen das Salzfaß brachte, das Louiſe immer zu vergeſſen pflegte. Nun fehlten freilich noch Linchen und Wilhelm, aber auf dieſe kleinen Zeitungsträger war nie ſicher zu rechnen. Oft blieben ſie über Mit⸗ tag ganz aus und halfen ſich durch Brot und ſchlech⸗ ten Kaffee, den ſie ſich dicht bei der Druckerei in einem Keller geben ließen. Karl, der Aelteſte, aß draußen in der Willing'ſchen Maſchinenfabrik. ach ihr ver⸗ Norgens zu⸗ fdem Feuer⸗ d war bald nd Schmei⸗ lagen ihrer that es auf eißen Schäf⸗ die Reihe ärmte auch ſchon der⸗ en nicht auf inrich beru⸗ hörte und e immer zu ch Linchen ungsträger über Mir⸗ und ſchleh⸗ rei in einem aß draußen Als Louiſe gebetet, vorgelegt, Brot geſchnitten, ſich und die Ihrigen mit der einfachſten Koſt geſät⸗ tigt hatte, deckte ſie wieder ab und beſorgte die Wie⸗ derherſtellung der Reinlichkeit in der Küche. Dann lüftete ſie das Fenſter, um den Eßgeruch zu vertrei⸗ ben. Hannchen ſchlief, auch Heinrich ſtreckte ſich jeden Mittag noch etwas in dem alten Lehnſtuhl des ſeligen Urgroßvaters. Riekchen hatte im Zimmer keine Ge— duld, ſondern kletterte die Stiege hinunter und hüpfte in dem Hof und auf der Straße umher. Louiſe aber ging an ihren Stickrahmen und eilte ſich, das Ver⸗ ſäumte nachzuholen. Heute nach der Anregung durch Franziska, durch das Gedicht, durch die Erinnerung an Hackert ging die Arbeit ganz beſonders flink. Und die Ausſicht auf die Waldpartie am nächſten Sonntag machte ihr die Hände vollends noch einmal ſo rührſam. Das äußere Leben armer Menſchen, die fleißig ſind, iſt einfach. Eine Viertelſtunde in Einem weg das Haupt gebeugt, immer den Rücken gekrümmt, dann einmal ein Blick durch die bleigefugten kleinen Fen⸗ ſterſcheiben, ein Blick nur, ein ganz kurzer... Es gibt immer etwas zu ſehen. Ein Spatz fliegt an's Fenſter, ein Käfer brummt in den paar beſcheidenen Lack- und Reſedaſtöcken draußen auf einem ſeit langer Zeit verwitternden Blumengerüſt. Drüben auf dem Die Ritter vom Geiſte. V. 25 386 Dache klettert behend eine Katze und ſchleicht mit ihren ſammetweichen Pfoten behutſam um den großen Haus⸗ laufknollen herum, der unter einer Dachluke wild her⸗ vorgewachſen iſt. Bei jedem Blicke, den ſich Louiſe alle Viertelſtunden einmal gönnte, blieb immer etwas haften, was ſie von der wogenden unruhigen inneren Welt, die in ihr lebte, ein klein wenig tröſtend und beſchwichtigend abzog und ſollt' es nur die Freude über den blauen Himmel ſein. Die böſen Wölkchen, die ſich von der Terraſſe in Solitüde ſehen ließen, brauchten lange Zeit, bis ſie in dem kleinen Gevierte von Himmelsluft, das man von dieſem Hinterhofe aus überſchauen konnte, geſehen oder auch nur ge⸗ ahnt wurden. Ein Beſuch fand ſich hier oben, ſeit der alte Ur⸗ großvater in das große Kunſtwerk der Weltenuhr blickte und keine irdiſchen Zeitmeſſer mehr zu regieren brauchte, ſelten ein. Bei Herrn Murray nebenan war es ſo ſtill, wie es bei Hackert geweſen war. Schmelzing, der für Dichter, Schauſpieler, Advokaten und die Po lizei Copiaturen fertigte, war auch nicht mehr da. Der war oft verliebt zu ihr gekommen und hatte ſie mit ſeinen Zärtlichkeiten beläſtigen wollen, ihr aber mit ſeinen Schreiberärmeln nur ihre Arbeiten„ver wuſchelt.“ Einen Gaſt, der ſich auch um die Mit eicht mit ihren gooßen Haus⸗ aufe wild her⸗ en ſich Louiſe immer etwas zigen inneren tröſtend und r die Freude en Wölichen, ſehen ließen, nen Gevierte r Hinterhofe uch nur ge⸗ der alte Ur⸗ ltenuhr blicte eren brauchte n war es ſo Schmelzing und die Po ht meht da und hatte ſ en, iht abel lrbeiten e um die M tagszeit zuweilen einfand, den grauen Herrn Bartuſch, ließ ſie kalt und um ſo ſpröder an, als ſie in ihren ſpärlichen Finanzen Ordnung hielt und ſich vor ihm nicht zu demüthigen brauchte. Geſtern erſt hatte ſie ihm geſagt, er möchte ſie mit ſeinen Beſuchen, die immer mit ſoliden Dingen anfingen und mit verſuch— ten garſtigen Zumuthungen endeten, verſchonen. Ja ſie ging ſogar in ihrer jeweiligen kleinen Malice ſo weit, dem alten unverbeſſerlichen und von ſeinem Tem⸗ peramente wahrhaft geplagten Herrn zu ſagen, ſie wolle die Maler-Guſte, die Frau Rathsdienerin Spieß und ähnliche Favoriten Seiner Geſtrengen nicht auf ſich eiferſüchtig machen. Daß ſie ihn bei alledem doch nicht ganz ungern kommen ſah, lag darin, daß er Manches über Menſchen plauderte, die ihr lieb und werth waren. Von Hackert hatte er ihr zu ihrem Schrecken erzählt, daß er wirklich beim Oberkommiſſair Par arbeitete und vielleicht bald in einem„feurigen“ Kragen am Rocke einherſtolziren würde, was ſein Haar nur noch angenehmer heben würde. Schmelzing un⸗ terſtütze ihn. Wo Das hinaus ſolle, wiſſe noch kein Menſch. Erſt vor einigen Tagen wäre er beim Ju— ſtizrath mit einem fremden Prediger geweſen, der bei einer ruſſiſchen Herrſchaft lebe und hätte den Juſtiz— rath wie ein Staatsprokurator über eine alte Bilder⸗ 25* 3 8 8 8 4 1 4 388 geſchichte förmlich zu Protokoll genommen. Ueber Me⸗ lanie, Laſally, über den Proceß der jungen Thürin⸗ ger, die er hier bei Hackert an jenem Abende getrof⸗ fen, über alle dieſe Gegenſtände der Tageschronik plau⸗ derte Bartuſch bei Louiſen immer ſo lange, bis er die Gelegenheit für günſtig hielt, ſich für ſeine unterhal⸗ tenden Mittheilungen eine Zuthunlichkeit erlauben zu dürfen. Damit kam er aber denn doch immer übel an, ſodaß ihm Louiſe zur Erkenntlichkeit nicht einmal ihrer⸗ ſeits Rede ſtand, wenn er von Danebrand, von Mur⸗ ray, von der Auguſte Ludmer, die ſie nie genauer gekannt hatte, etwas wiſſen wollte. In der Aeuße⸗ rung, daß ſie doch zu beklagen wäre, neben einem ſo zweideutigen Manne zu wohnen, wie dieſer Englän⸗ der mit der ſchwarzen Binde wäre, mußte ſie ihm Recht geben, fügte aber hinzu, daß er ihr noch keine Urſache zu irgend einem Verdachte gegeben. Dieſer Sonderling wäre ein ſtiller, gedrückter Mann, der von Morgens bis Abends ſpazieren ginge, viel engliſche Bücher leſe und ſich im Zeichnen übe, das ihm, in Zeiten, wo ihm noch nicht die Hand gezittert hätte, fehr gut von Statten gegangen ſein müſſe. Alle dieſe Gedankenreihen von geſtern und heute durchfliegend, fiel Louiſen in einem Glaſe, das auf der Commode im Eck ſtand, eine Karte auf. Ueber Me⸗ gen Thürin⸗ ende getrof hhronik plau „bis er die e unterhal⸗ erlauben zu ner übel an, inmal ihrer⸗ „von Mur⸗ nie genauer der Aeuße⸗ n einem ſo er Englän⸗ gie ſie ihm noch keine en. Dieſer un, der von el engliſche z ihm, in ttert hätte, und heute das auf 389 Sie griff darnach und ſah, daß es eine Viſiten⸗ karte war, die auf den Namen„Sylveſter Rafflard“ lautete. Wo kommt dieſe Karte her? dachte ſie. Die Karte war ſo glatt, ſo friſch, ſo neu, als hätte ſie Jemand eben erſt abgegeben. Sie wird für Murray ſein! dachte ſie und wollte ihrer „Riekele“ rufen, falls die im Hofe war. Sie von der Straße zu rufen, war ſehr umſtändlich und koſtete Zeit. Von der Galerie, dachte ſie, werd' ich ja ſehen. Damit ging ſie hinaus, die Karte zufällig in der Hand haltend. Draußen beugte ſie ſich über die Brüſtung der alten baufälligen Galerie, ſah Riekchen nicht, hörte aber Je⸗ mand mühſam die Treppe heraufſteigen. Sie ging einige Schritte vorwärts und erblickte ſchon Murray's zerknitterten Hut. Ein großer goldener Siegelring an der weißen zarten Hand des Alten ſtach ſonderbar ge⸗ gen den Strick ab, an dem ſich die zuerſt ſichtbare Hand hielt. Ah! ſagte der Alte, als er oben war. Das iſt ſteil! Geſegnete Mahlzeit, mein liebes, gutes Kind! Ich weiß ſchon, was Sie in der Hand haben. Ich war nicht daheim und finde die Karte. Galt der Beſuch Ihnen, Herr Murray? 6 390 Das kleine Riekele hat mir's ſchon unten erzählt. Wer iſt's denn— Damit war er an ſeiner Thür, holte Athem, ſchob ſeine über einen Draht gezogene Taffetbinde etwas höher und las gegen das Tageslicht, das etwas ſpär⸗ lich auf die dunkle Galerie fiel, jene Karte. Dabei fuhr er ſich über die Stirn und hob die ſchwarze Perrücke etwas höher. Wer iſt Herr Sylveſter Rafflard? ſagte er, hielt ſich aber mit dieſem Forſchen nicht auf, ſondern ſchloß ſchon ſein Zimmer auf; Nr. 68 mit den noch immer vergitterten Fenſtern. Kann ich Ihnen etwas helfen, Herr Murray? fragte Louiſe Eiſold. Das Waſſer wird nicht friſch ſein? Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden, ſo ſagen Sie es nur! Danke! Danke! Mein gutes Kind; antwortete der Alte, immer freundlich und mild. Aber die Miethe iſt fällig. O bitte, Herr Murray... Nein, nein, Pünktlichkeit in Geld⸗ und Liebes⸗ ſachen. Nicht wahr, liebes Fräulein? Geben Sie mir nicht zu hohe Titel, Herr Mur⸗ ray! ſagte Louiſe. Nennen Sie mich ſchlechtweg, wie ich heiße, Louiſe Eiſold. nten erzählt. Athem, ſchob dinde etwas etwas ſpar⸗ 2 nd hob die te er, hielt dern ſchloß noch immer r Murray? nicht friſch ufrieden, ſo twortete der die Mithe und Liebes⸗ Hert Nur⸗ htweg, wie 391 Darf ich denn Louischen ſagen? fragte Murray, den Hut wegſtellend und ſeine Handſchuhe, die er ſchon ausgezogen hatte, hinlegend. Wenn's Ihnen bequem iſt, Herr Murray! plau⸗ derte Louiſe bei noch halb offener Thür. Gut, Louischen, kommen Sie her, ich muß Ihnen die Miethe zahlen! Dabei zog Murray eine Schublade, die er inzwi⸗ ſchen aufgeſchloſſen hatte, ganz hervor. Sie war zu Louiſens Erſtaunen ſo ſchwer, daß er Mühe hatte, ſie nur herauszubekommen. Louiſe mochte nicht näher treten und über die ge⸗ bückten Schultern des Alten hinwegſehen. Aber ſie hätte ſchwören mögen, wenn ſie näher träte, müßte ſie nichts als große Geldrollen ſehen, ſo wälzte ſich Das in der Schublade, und es war ihr auch, als „klingte“ etwas wie Gold. Um ſo auffallender aber der Contraſt, als Murray nicht etwa eine große Geld⸗ rolle, ſondern ein kleines ledernes Beutelchen hervor⸗ zog, es langſam öffnete und in lauter kleiner Scheide⸗ münze zwei Thaler auf den Tiſch mühſam zuſammen⸗ zählte... Louiſe zählte nach und fand die Summe richtig. Wie ſie ſich wandte, bemerkte ſie faſt erſchreckend an 4 1 1 14 5 4 4 5 1 4½ 1 1 K den Eiſenſtäben draußen vor dem Galeriefenſter einen inzwiſchen heraufgeſchlichenen Beſuch. Es war eine hohe, ſchlanke, weibliche Figur, die ihr nicht unbe⸗ kannt ſchien. Indem ſah ſie auf Murray und bemerkte die plötzliche Ueberraſchung durch jenes Frauenzimmer, das man nicht hatte kommen hören, auch bei ihm. Der Beſuch blickte lachend durch die Fenſterſcheiben und das Gitter und ſchien neugierig zu forſchen, ob ſie nichts von den Schätzen des eben in Geldgeſchäften begrif⸗ fenen Alten entdecken konnte. Raſch ſtieß Murray die Commode zu und zog den Schlüſſel ab. Das Mädchen, das darüber in lautes Gelächter ausbrach und die Thür mit dem Fuße zurückſtoßend eintrat, war Auguſte Ludmer. Das iſt deine Spelunke, Alter! rief ſie. Hier hauſt du jetzt und haſt ſo ſchöne Nachbarſchaft? Louiſe erkannte nun vollkommen jenes Mädchen, das in dieſen Häuſern auf Nr. 17 gewohnt hatte und auf dem Fortunaball mit Murray verhaftet worden war. Betroffen wandte ſie ſich ab, ſtrich ihr Geld mit der hohlen Hand ein und verließ, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, das Zimmer. Selbſt wenn ſie es mit ihrer Würde für vereinbar hätte halten können, zu lauſchen, würde ſie ſich nicht in der Küche länger verweilt ha⸗ ben; denn Murray, das ſah ſie wohl, öffnete das ffenſter einen Es war eine nicht unbe⸗ und bemerkte rauenzimmer, ei ihm. Der ben und das ob ſie nichts aäften begrif⸗ Murray die ss Gelächter urückſtoßend Hiier hauſt 7 ädchen, das atte und auf vorden wal. eld mit der zort zu ſple⸗ z mit ihrer zu lauſchen verweil ha⸗ offnete das zweite Zimmer, das, früher, durch einen vorgeſchobe⸗ nen Schrank getrennt, Schmelzing bewohnt hatte, und erſuchte Auguſte Ludmer dort einzutreten. Louiſe legte auf ihrem Zimmer die Miethe in ihre kleine Kaſſe, notirte ſie in einem Büchelchen und ſetzte ſich nieder zur Arbeit, tiefergriffen von dem Nachdenken über die Möglichkeit, wie es weibliche Weſen über ſich vermö⸗ gen, ſich ſo tief ſinken zu laſſen wie jene Maler⸗Guſte, deren Nähe ihr unheimlich war und den Alten mit ſeinem ſchweren Commodenkaſten plötzlich wieder ge⸗ nug verdächtigte. Tugendhafte Frauen fliehen Ge⸗ ſunkene wie jene Auguſte, aber ſie denken viel über ſie nach und ſuchen ſie nach den erſten heftigſten An— klagen meiſt mit einem ſchmerzlichen Gefühl über das unſichere jammervolle Frauenloos im Allgemeinen tief⸗ aufſeufzend zu entſchuldigen. Da ſiehſt du, Auguſte, wie man dich flieht, be⸗ gann Murray, als er mit dem noch immer lachenden wilden Beſuch allein war und die Maler-Guſte ſich in Schmelzing's ehemaliger Klauſe umſah. Papa, rief ſie, und warf ſich faſt der Länge nach auf einen Stuhl hin, daß dieſer knackte und wackelte, Papa, die geht auch lieber auf einen Ball, als Sonn⸗ tag Nachmittags in die Spittelpredigt. Wir haben ſie ja in der Fortuna geſehen. Was bringt dich her, Louiſe? fragte Murray, nahm 1 einen Stuhl und wollte ſich ihr gegenüber ſetzen. ſf In queckſilberner Beweglichkeit ſprang ſie aber ſo⸗ 4 gleich wieder auf und rief: Erſt, Alter, laß mich deinen Palaſt ſehen, wo du d deine Schätze vergräbſt! Hierher, denkſt du, ſteigen die Spitzbuben nicht nach? Drinnen die Eiſenſtangen, be die haben dich wohl gelockt, oder unterhältſt du dir a das Mädchen, die ſich eben die Hände wäſcht von deinen ſchmuzigen Viergroſchenſtücken? 9 Ich gewöhne mich, ſiehſt du, ſagte Murray mit 1 1 ſcharfer Betonung, an die angenehme Gelegenheit, hin⸗ f ter Schloß und Riegel zu kommen, wenn man ſich mit dir öffentlich blicken läßt. 4 Papa hat Furcht gekriegt. Ha! Ha! Deshalb ſtand ich immer vergebens an meinem Theetopf in der Königsſtraße und dachte, dein Alter kommt nicht... ſe Ich zu dir? erhob ſich Murray ernſter. Du weißt n doch, was ich dir ſagte, als man uns von Gerichts⸗ 1 1 wegen gehen hieß und ermahnte, nunmehr anſtändig u und ſittlich zu leben? Ich ſuchte eine Wohnung für F uns Beide. Dieſe war dir zu ſchlecht und eine beſ⸗ 1 ſere iſt theurer... 4 Geizhals! Ha! Ha! Hier ſollt' ich wohnen? Au di 1 guſte Ludmer, die deine Brillanten trug, in dieſem m turray, nahm er ſetzen. ſie aber ſo⸗ ehen, wo du du, ſteigen Liſenſtangen, zältſt du dir wäſcht von Murray mit genheit hin⸗ in man ſich a! Deshalb heetopf in der nt nicht... Du weißt on Gerichts⸗ ar anſtändig ohnung für nd eine beſ⸗ 9 vohnen Au in dieſem 7 395 abſcheulichen Loche? Heute iſt ſchönes Wetter und hier iſt's ſo dunkel, daß man die Hand kaum vor den Augen ſieht... Das machen die ſchönen Gardinen... Siehſt du nicht? Auguſte lachte über dieſe ironiſchen Worte und zerrte an einem der roth⸗ und weißgeſtreiften kattune⸗ nen Vorhänge. Nein, Männchen, ſagte ſie, ſo haben wir nicht gewettet. Das ſollte ein Bett ſein? Das wäre ja um ſich Beulen zu liegen... Aber reinlich. Kein Sopha— Vier Stühle— Kein Spiegel... Murray mit einer eiſernen Ruhe und Gelaſſenheit, ſeine zarten Hände ſich in ihren Flächen reibend, als wollte er Brotkrumen drehen, immer lächelnd und mild, zeigte auf das Fenſter. Auguſte nahm einen kleinen Handſpiegel vom Fenſter und tanzte, ſich darin beſehend, im Zimmer herum. Ha! Hal lachte ſie. Der iſt für dich! Für Leute, die nur ein Auge haben und ihre Perrücke nicht ſehen mögen. Soll ich? 4 — 4 Sie warf ihn in die Höhe, ſpielte Fangball damit und drohte das kleine Glas zu zerbrechen. Murray griff darnach und hing es wieder an das Fenſter. Was willſt du, Auguſte? fragte er dann mit großer Langmuth und Geduld. Alter, ſagte ſie, ſetzte ſich wieder und ſchlug dabei die Arme und die Beine übereinander, ich habe mich eben ſchwer geärgert. Ich habe Schulden und kein Geld, ſie zu bezahlen. Gib mir Geld! Murray ſchüttelte den Kopf. Alter Geizhals, dein Kopfſchütteln hilft dir heute nichts, rief ſie, band den Hut ab und warf ihn auf das unbenutzte Bett des Schreibers Schmelzing und rüſtete ſich zu einer gründlichen Belagerung des Alten. Gib mir die Ringe, die Uhr, die Armbänder, die mir die Polizei abgenommen hat. Wo ſind ſie? Meine Kleider? Wo iſt mein Bareègekleid, das Linonkleid? Ich gehe heute nicht von der Stelle hier, bis ich meine Sachen habe. Damit ſtampfte ſie auf, ſtemmte beide Arme in die hohen gewölbten Hüften und gab ihrem in der That edelgeformten plaſtiſchen Kopfe den Ausdruck des widerwärtigſten Hohnes und Stolzes. Murray erwiderte in aller Ruhe: ſangball damit en. vieder an das un mit großer ſchlug dabei ch habe mich den und kein ilft dir heute varf ihn auf melzing und ng des Alten. nder, die mir ſie Meine zLinonkleid? is ich meine de Arme in hrem in dei zpriück en Ausdruc 397 Da kannſt du lange warten, mein Kind! Murrkopf! antwortete Auguſte, ſich noch zähmend. Bleib' dann nur lieber gleich hier! Sonſt nicht! ſagte die ſchwarze Binde. Auguſte färbte ſich kirſchroth. Sie warf die Arme auf den Rücken und trat mit einer ſo kecken Geberde auf Murray zu, daß dieſer einen Augenblick, wie in ſeinen Nerven erſchreckt, beweglich zuckte. Auguſte, ihren Vortheil wahrnehmend, rief: Wirſt du vernünftig ſein oder... Oder? wiederholte jetzt der Alte... Oder— ſagte das wilde Frauenzimmer und ſtreckte beide Arme aus, als wollte ſie den Alten an der Schulter faſſen. Da aber änderte ſich die Stellung. Murray ſchien ſich gefaßt zu haben und während die ſchönen mus⸗ kulöſen Arme des frechen Mädchens an ſeiner Schul⸗ ter zerrten, zog Murray die Schulter in raſcher Be⸗ wegung zurück und packte die beiden niederfallenden Arme des Mädchens mit einer kräftigen Wendung ſo an den Handgelenken und drückte dieſe mit furchtba⸗ rer Gewalt ſo einwärts, daß die Angreiferin mit einem unwillkürlichen Schrei ſich bücken und lang vor ihm auf die Knie ſtürzen mußte. 1 —— f Da iſt dein Platz! ſagte Murray zurücktretend, mit bebender und furchtbarer Stimme, und wenn ich mich nicht anders beſinne, ſchließ' ich dich hier ein und laſſe nicht Sonne, nicht Mond mehr auf dich ſcheinen, Elende! Murray hatte in dieſem Augenblick ſich wie um— gewandelt. Seine Arme verriethen eine jugendliche Kraft. Nichts mehr erinnerte an die Schwäche des Alters. Er ſchien wie gewachſen. Der gekrümmte Rücken ſtreckte ſich empor. Die Perrücke erhob ſich und die ſchwarze Binde lag nicht mehr auf dem einen Auge, das eben ſo funkelte wie das andere und nicht den geringſten Fehler zu haben ſchien. Auguſte erhob ſich langſam und ächzend und an ihren Handgelenken reibend, mit einer Scheu, als wenn ein Thier im Käfig plötzlich die Kraft der menſchlichen Bändigung gefühlt hätte. Weniger die überraſchende phyſiſche Kraft des Fremden, als der Blick ſeiner Augen war es, der ſie zähmte. Ver⸗ wünſchungen murmelnd kehrte ſie auf ihren hölzernen Seſſel zurück und ſchwieg und ſtüͤtzte die Hand in den wie dreieckigen Schooß, der ſich ihr mit dem einen übergeſchlagenen Bein bildete. Du biſt ſo ſchön, Auguſte, begann Murray jetzt ruhiger und ſetzte ſich ihr gegenüber, mit Sanftmuth, ucktretend, mit wenn ich mich hier ein und dich ſcheinen, ſich wie um⸗ e jugendliche Schwäche des er gekrünmte ce erhob ſich zuf dem einen ere und nicht hzend und an r Scheu, als die Kraft del Peniger die den, als der ahmte. Ver⸗ ren hölzernen Hand in den nit dem einen Nurrah t Sanftmntt 399 wie verſöhnt. Auguſte, du haſt kein ſchlechtes Herz. Wie würd' ich ſonſt gehofft haben, den Strahl eines reineren Bewußtſeins in deine umnachtete Seele wer⸗ fen zu können? Aber verwildert biſt du und wirſt in deinen falſchen Begriffen, in dem Mangel aller Er— ziehung zu Grunde gehen! Haßt' ich nicht dieſelben Menſchen, die du haſſeſt, ich würde nicht den kleinen Finger rühren, Mädchen, etwas für dich zu thun, weil ich an dem Erfolg doch verzweifeln müßte. Auguſte ſchwieg, dann warf ſie die Lippen etwas auf, blinzelte mit den zugedrückten braunen Augen, ſchielte von der Seite und ſagte ſchalkhaft und den Ernſt des Augenblicks verwiſchend: Pah! Gib mir lieber den Ring da an deinen ver— dammten Fingern, alter Junge! Das iſt gar kein Herrenring. Den haſt du irgend einer Dame geſtoh⸗ len, als du noch jung warſt und die Tugend nicht ſo ſchrecklich lieben mußteſt, wie jetzt, Alter! Schenk' mir den Ring! Damit hatte ſie ſchon den Finger Murray's er⸗ griffen. Doch krümmte ihn dieſer gleich wieder ſo gewandt, daß ſie loslaſſen mußte. Wetter! ſchrie ſie und blies auf ihren gequetſchten Finger. 3 1 4 4 Ich wiederhole dir, was ich dir ſchon einmal ſagte, fuhr Murray fort, ich biete dir Glück und Freude drei Tage im Monat, in den übrigen Entbehrung; aber an meiner Seite... hier dies harte Lager, dieſe dunklen Fenſter, dieſen kleinen Spiegel, dieſen Krug Waſſer und an der Lampe dort Arbeit für mich, für dich, Arbeit an meiner und deiner Wäſche... ſieh, ich könnte dir drinnen Leinwand zeigen, die ich ſchon kaufte für meine Hemden, auch für dich Baumwolle, wenn du ſtricken wollteſt. Schäme dich, wie zerriſſen ſind die Strümpfe, die du trägſt... ſchäme dich. nur die Handſchuhe da an deiner Hand auszubeſſern biſt du ſchon zu träge! Auguſte wurde über dieſe Rüge über und über roth und zornig. Die Regung der Scham aber raſch bekämpfend und wieder in ihren trotzigen Ton fallend, ſagte ſie: Alter Narr! Was krächzſt du da? Halte erſt dein Wort, ſo werd' ich Nähterinnen haben! Es war nicht geſagt, daß ich dir die Geſchenke zurückſtellen ſollte Wo ſind meine Sachen? Ich behielt ſie, ſagte Murray, weil noch der dritte Tag deines Glückes fehlte, würde ſie aber auch be⸗ halten haben am vierten Tage, wenn du nicht ſieben⸗ undzwanzig Tage an meiner Seite, unter meiner Auf einmal ſagte, und Freude Entbehrung; eLager, dieſe dieſen Krug er mich, für .. ſieh, die ich ſchon Baumwolle, wie zerriſſen me dich.. auszubeſſern er und über Scham aber rotigen Ton alte erſt dein s war nicht en ſollte.. och der dritte ber auch be⸗ nich ſede neiner Ai 40¹ ſicht, mit mir entbehrteſt und mich erheiterteſt durch den Anblick deines Fleißes. Ich habe Bücher, ich würde dir vorleſen. Ich zeichne, ich verſtehe manche Kunſt in Wachs und Thon... ich wollte dich ſchon erfreuen, auch außer den drei Jubeltagen, die ich dir verſprochen hatte. Auguſte ſchüttelte den Kopf und ſchob die Lippen wie zum ſarkaſtiſchen Spott. Haſt mich alſo betrogen, Alter! ſagte ſie. Auch um das Bild, das du von mir wollteſt malen laſſen. Gib mir das Geld, das es koſten ſollte. Hab' ich nicht Anſprüche darauf? Was kann denn ich dafür, daß ſich dieſer Pinſel von Maler in deine dumme Wind⸗ beutelei nicht einließ und das Bild nicht in einem Tage liefern wollte? Warum nennen ſie dich die Maler-Guſte? fragte Murray. Warum drängteſt du ſo um dein Bild? Es war nicht Eitelkeit allein. Du wollteſt gemalt werden als du ſelbſt, ſagteſt du, mit deinen Kleidern, deinen Ringen und Brochen, deinen Spitzen und dei⸗ nem Shawl? Du wollteſt, daß dein Name darunter geſchrieben würde! Ich bot dreißig Louisdors für die Grille. Aber... in einem Tage. Sonſt nicht! Oder wenn du mir deine ſiebenundzwanzig Tage der Ent⸗ behrung hier in dieſem Zimmer ſchenkeſt, ſo beſtimmen Die Ritter vom Geiſte. V. 26 —y(— 402 wir deine nächſten drei fetten Tage für das Bild... dann wird es ſchön. Willſt du ſo? Bleib' da, Au⸗ guſte! Laß deine Sachen holen! Ich hole ſie ſelbſt. Auguſte Ludmer gab keine Antwort. Starr brü⸗ tete ſie vor ſich hin. Dann ſchüttelte ſie den Kopf und ſagte: Ich kann nicht mehr, Alter. Ich kann nicht mehr Und gleichſam als drückte ſie der zu ernſte Ge danke an Das, was Murray Alles anregte, rief ſie polternd: Gib Geld! Ich habe Schulden. Ich werde ge⸗ quält, verfolgt, beſchimpft. Und ich will nicht mehr ſo ſcheinen, wie ich war. Wie du warſt, Auguſte? fragte Murray. Wie willſt du nicht mehr ſcheinen? Warum nicht? Biſt du weiſe geworden, ohne mich? Gott ſei Dank, ſage mir, daß du dich geändert haſt, ohne mich! Gäbſt du mir dann auf der Stelle hundert Thaler? Wenn ich Proben ſähe... Gäbſt mir meine Kleider, meine Ringe? Proben! Proben! Nicht zwanzig.. nicht zehn Thaler? Nicht einen! Proben! Murray! ſchrie Auguſte jetzt und ſprang wie ein das Bild. leib' da, Au— e ſie ſelbſt. Starr briü⸗ ſte den Kopf nicht mehr. ernſte Ge⸗ egte, rief ſie h werde ge⸗ nicht mehr array. Wie icht? Biſt du nk, ſage mir, der Thaler! e? ang wit en wüthendes Thier auf, in ihrem Zorne nach etwas ſuchend, das ſie an des Alten Schädel zertrümmern konnte. Sie ſah den Waſſerkrug... Murray trat ihr aber entgegen, griff nach dem Waſſerkrug, entriß ihr dieſen in dem Augenblicke, wo ſie ſchon nach ihm langen wollte, hielt ihn mit dem markigen Arme feſt, hoch in die Höhe, ſo hoch, daß es faſt ſchien, als wäre der Alte viel größer als die ſchlanke Buhlerin, und da ſie ihn nicht ergreifen konnte oder ſich vor ſeinen Augen fürchtete, ſagte er ruhig: Gib mir eine kleine Probe und geh' und hole mir in dieſem Kruge friſches Waſſer! Ich ſetze einen Thaler drauf. Auguſte weinte vor Wuth. Sie riß an ihrem dunklen, glänzenden Haare, das in den kunſtvollſten Flechten aufgebunden war. Das war gewunden wie Spitzenarbeit und duftete und ſtrahlte und von dem zornigen Wühlen der Hand ging dieſer Schmuck nun auf und fiel in langen wie durchbrochenen ſichelbreiten Flechten über den entblößten Nacken und die Bruſt, dieſe an ihr ſo ſchön geformten Theile, die aber ſchon etwas mager waren in Folge der unregelmäßigſten Lebensweiſe. „Murray betrachtete ſie eine Weile, wie ſie ſo er— ſchöpft einer Magdalena gleich ſich auf das ſchmale 26 —— 404 Bett warf. Er betrachtete ſie voll Rührung und ſagte nach einer Weile: Wenn du mir folgen wollteſt, würdeſt du wieder ſchön werden, Auguſte! Dieſe Bitterkeit verwundete ſie tief, ohne ſie zu reizen. Sie fühlte die Wahrheit der Bemerkung und ſchwieg. Nach einer Weile blickte ſie bittend auf und ſagte mit ſchmeichelnder Stimme: Murray, gib mir Geld! Gib mir meine neuen Kleider! Du weißt nicht, daß ich Geld und Kleider haben könnte, wenn ich ſo fortführe, wie ich geweſen bin. Ich will mich beſſern, aber ſo nicht, ſo dumm nicht, wie du es vorhaſt! Mein Kind, ſagte Murray ernſt, ich verkenne die Pein nicht, die dir meine Vorſchläge machen. Ich habe aber erlebt, die gewöhnliche Art, wie ſich die Menſchen beſſern ſollen, mislingt faſt immer. Der Wille allein thut's nicht, die Gelegenheit muß da ſein. Die muß den Willen unterſtützen. Ich bin ja ganz aufrichtig gegen dich! Ich bin ein Deutſcher... ich habe lange in England gelebt... und nenne mich Murray... weil ich engliſche Sitten und Manieren angenommen habe und... meine Verwandten nicht wiederſehen mag... Ich habe dir geſagt, daß ich in ung und ſagte dſſt du wieder ohne ſte zu emerkung und uf und ſagte meine neuen d und Kleider ich geweſen öt, ſo dumm verkenne die machen. Ich wie ſich die immer⸗ Der muß da ſein bin ja gan ſcher... ich d nenne mich nd Manieren wandten nicht t daß ich i 40⁵ meiner Jugend... unglücklich war... und ein Ver⸗ brechen beging... zu dem mich... Hochmuth... Dünkel... und die Gelegenheit... verleitete... ein Verbrechen, Auguſte... Ha! Sag' mir nichts weiter! Warum zittert Ihr? Ihr haltet ja die Hand da immer... Teufel, was ſoll Das? Geht weg! Greift doch nicht... Auguſte glaubte unter dem Rocke des Alten eine blitzende Waffe bemerkt zu haben. Und Murray wußte kaum ſelbſt, daß er während der wenigen Geſtändniſſe, die er Auguſten machte, ſchon vor Aufregung in die Rockbruſttaſche gegriffen und ganz allmälig ein Terzerol in der Hand hatte, das er bei jeder neuen Thatſache, die er nun nicht mehr ſicher bei ſich in ſeinem Herzen wußte, immer mehr hervorzog. Wie er das Terzerol faſt ſchon aus dem Bruſtlatz hervorblinken ſah, beſann er ſich ſchmerzlich— lächelnd, ſteckte es ruhig zurück und bot der erſchrocke⸗ nen Auguſte die Hand zur Beruhigung. Auguſte, ſagte er, du biſt nicht ganz geſunken, dein Herz iſt den beſſern Empfindungen zugänglich. Als man uns an jenem grauenhaften Morgen auf der Fortuna ergriff und mich für verdächtig erklären wollte, weil ich dir glänzende Geſchenke machte und ſelbſt arm lebte, fürchtete ich, du würdeſt die ſchwache Stunde, die ich dir gegenüber mich beſchleichen ließ, als ich in dir die Tochter meines Lebensretters, die Nichte jenes Weibes, das ich... Murray ſtockte. Sammelt Euch, Vater Murray! ſagte Auguſte weicher. Ei, habt Euch doch nicht! Ich werde Euch nicht unglücklich machen! Aber undankbar ſeid Ihr! Papa, komm... gib mir nun Geld! Das Piſtol, ſagte er, dabei lächelnd, iſt nicht für dich geweſen... es iſt... vielleicht für mich! Die Maler⸗Guſte erſchrak über dieſes Wort. Ein Erſchrecken bei ſolchen Naturen iſt meiſt mit Zorn über die Urſache des Schrecks verbunden. Ach was! ſagte ſie ärgerlich. Du haſt da ſchon zehnmal auf mich angeſetzt und drückſt das Ding auch nur auf mich los, Satan, wenn du glaubſt, dir den Kopf zu ſprengen. Geh weg mit dem Ding, alter Heuchler! Genug jetzt! Sie ſprang auf. Sie wollte keine Rührung, kei⸗ nen Edelmuth mehr. Iſt Das der Dank? ſagte ſie polternd. Ich hatte dich in der Hand, Alter! Der Oberkommiſſär ſetzte mir Daumſchrauben. Ich ſollte ſagen, was ich von dir wüßte! Ob du wirklich ein Engländer wäreſt? Wo deſchleichen ließ, densretters, die ſagte Auguſte ch werde Euch bar ſeid Ihr! d, iſt nicht für für mich! s Wort. Ein mit Zorn über haſt da ſchon as Ding auch aubſt, dir den Ding, alter kührung, kei⸗ d. Ich hatte nmiſſäͤr ſette was ich bon wäreſt? Wo 407 ich dich kennen gelernt hätte? Ich ſagte: Geht! Da⸗ mals als ich nach Hamburg wollte und mir einen Paß holte, da ſtand ja der Alte, der den ſeinigen viſiren ließ und eine Aufenthaltskarte löſte, neben mir und wie ich meinen Namen genannt hatte und die Herren Anſtände nahmen und lauter Schändlichkeiten zu mir ſagten und lachten und eine vertrauliche Sprache ſich mit mir erlaubten und mich auf morgen beſchieden, da folgte mir ja der Alte und knüpfte ein Geſpräch an und fragte mich aus... Da ſagteſt du, ich hätte dir verrathen, daß ich deine Aeltern, deinen Vater, der Gefängnißwärter in Bielau war, kenne... Wo würd' ich denn Das ſagen? Pfui Papa! Nun! Was ſagteſt du? Ich ſagte: du hätteſt mir deine Freundſchaft an⸗ geboten, wie eben ein Alter einem jungen Mädchen ſeine Freundſchaft anbieten kann; du wollteſt mir Ge⸗ ſchenke machen, aber manchmal müßt' ich wieder mit ſchlechten Zeiten vorlieb nehmen.. Hoho! Das war ſchlimm ausgedrückt, wenn auch gut gemeint, Kind! Das heißt doch bei Denen nur, daß ich ein Spitzbube bin, der zuweilen Glück, zu⸗ weilen Malheur hat. Was iſt es denn auch anders, Papa? lachte die Unverbeſſerliche. Du wirſt mir doch nicht weismachen, daß hinter der ganzen Komödie, die du mir vorſchlugſt, was anders ſtecken kann als... Paſcherglück? ſagte Murray und ſchüttelte den Kopf über die Halsſtarrigkeit eines Menſchen, der einmal nicht glauben will. Nein, mein Kind, ſagte er zitternd. Du bleibſt hartnäckig in deinem Irrthum und wie oft ſagt' ich dir... Halte nur die Hand da fort! 1 Wie oft ſagt' ich dir, als ich deinen Namen auf dem Paßbureau hörte, ergriff mich Freude. Ich komme vom Meere und du biſt das erſte Weſen, das mich an meine vielverworrene Vergangenheit erinnert! Wie weh that es mir, als ich an den Mienen der Schreiber ſah, wie es mit deinem Rufe ſteht! Ich erkannte die Züge deines Vaters in dir wieder, dieſes edlen Men⸗ ſchen, den ein rauher und jammervoller Lebensberuf nicht zum herzloſen Sklaven und thieriſchen gehorſamen Knechte fremder Willkür gemacht hatte. Er ſollte mein Mörder ſein und-ward mein Lebensretter... Zu ſeinem Unglück wol; denn ich entſinne mich als Kind, daß es ihm ſchlecht genug ging. Ich glaube Das! Er hatte eine Weiſung nicht befolgt, die dahin lautete, mich ohne einen Strick weismachen, ir vorſchlugſ ſchüttelte den tenſchen, der Du bleibſt oft ſagt ich Namen auf Ich komme , das mich rinnert! Wie der Schreiber erkannte die edlen Men⸗ Lebensberuf Igehorſamen er ſollte mein entſinne mich g. geiſung nich Stric einen S 409 oder ein Meſſer, ohne einen Tropfen Blut zu er⸗ morden... Die Maler⸗Guſte ſtutzte zu dieſer Eröffnung. Dieſe Beziehung Murray's zu ſich und ihren Aeltern hatte ſie nicht erwartet... Ja, ſagte Murray mit gedämpfter Stimme. Ich war ein Verbrecher, Auguſte! Jugendlicher Leichtſinn ließ mich fehlen. Worin? Ich kann es dir nicht ſagen. Ich beging etwas, was nach leichterer Auffaſſung viel⸗ leicht kein Verbrechen, vielleicht Keckheit, nur Leichtſinn und der Beweis einer großen Kunſtfertigkeit und Ge⸗ ſchicklichkeit iſt. Aber der Staat will ſich ſchützen und nennt meine That ein Verbrechen. Ich verfiel einem Urtheil, das mich auf zwanzig Jahre in Schmach und Schande warf. Das iſt: auf ewig! Ewig! Und doch war ich noch jung! Ich konnte hoffen, den Reſt meines Lebens noch irgendwo jenſeit des Meeres in Ehren, in geläuterter Buße, hinzubringen. Denn, Auguſte... ich hatte ein Verbrechen begangen, das nur aus dem Hochmuthe kam. Aber es gab Menſchen, die meinen Tod wünſchten. Menſchen, die mich ge— liebt hatten, weil ich nicht immer ſo gebückt ſchlich, Auguſte, wie jetzt. Menſchen, die mich geliebt hatten, weil ich Geiſt, Talent, weltliche Liebenswürdigkeiten aller Art beſaß. Und da ich ſie betrog— nein, was 4 4 4 4 „ 1 410 ſag' ich— da ſie ſich ſelber betrogen hatten, haßten ſie mich. Sie fürchteten meine Auferſtehung von der Schande, meine Flucht, mein Ausbrechen aus dem Gefängniß, und wollten ſich dieſen Augenblick in der Zukunft ſichern. Sie befahlen— ſie hatten die Mittel dazu— ſie befahlen, daß man mir einen gewiſſen Kerker in Bielau anwies, der ſo ungeſund, ſo durch⸗ giftet und verpeſtet war, daß man in kurzer Zeit da⸗ hinſiechen, vom Faulfieber verzehrt werden mußte. Neun Monate des Jahres ſtand in dieſem Kerker das Waſſer eines ſchmuzigen Fluſſes und Jeder, der nur einige von dieſen Monaten in ihm zugebracht hatte, war dahingeſtorben. Ich wurde auf räthſelhaften mir aber erklärlichen Befehl gerade in dies Verließ ge— ſchleppt. Nach drei Wochen ſchon, wo ich auf einem verfaulten Strohlager ruhen ſollte, wo ich es, um es vor der aus den Wänden ſickernden Feuchtigkeit zu ſchützen, bald hier-, bald dahin breitete, verfiel ich in Krankheit. Man brachte mich in einen geſunderen Gewahrſam. Ich genas, ich hoffte auf Abführung in eine entfernte, gemeinſame Strafanſtalt. Aber nein, wieder der Befehl, mich in jenes unterirdiſche Gemäuer zu bringen, deſſen einzige trockene Stelle eine Niſche in der felſendicken Wand war. Warum man mich nicht in der Strafanſtalt arbeiten, mich nicht unter hatten, haßten ſtehung von der cechen aus dem ugenblick in der atten die Mittel einen gewiſſen ſund, ſo durch⸗ kurzer Zeit da⸗ werden mußte. ſem Kerker das geder, der nur gebracht hatte, thſelhaften mir 6 Verließ ge⸗ ich auf einem 66 ich es, um 6 euchtigkeit „verftel ich in en geſunderen uf Abführung lt. Aber nein diſche Gemäuee lle eine Niſche um man nich ch nicht unten die übrigen Gefangenen dieſer kleinen Feſtung mich miſchen ließ, war mir wohl begreiflich. Man wollte meinen Tod! Ich erzählte mein Leid deinem Vater, der Gefängnißſchließer war, und Schaudern ergriff ihn, als er wohl einſah, daß es Menſchen gab, die einen Entehrten, aber Reuevollen, tödten wollten, und er kannte dieſe Menſchen mehr als Andre! Er wußte, was ſie im Stande waren; er wußte, was ſie ja von ihm ſelbſt verlangten... Hieß doch dein Vater Lud⸗ mer! War er doch der Verwandte... Doch genug! Auguſte! Dein Vater war beſſer als ſein trauriges Amt. Er ließ mir, ob aus Menſchenliebe, ob aus Zorn, daß er Ludmer hieß und nur Gefangene hüten mußte, weiß ich nicht, die Mittel, die Niſche zu er— weitern, zu durchbrechen, zu entfliehen. Er ſah nicht, wollte nicht ſehen, daß ich an meiner Befreiung in den Nächten arbeitete. Furchtbar ſtieg für mich die Gefahr. Denn der Kerker ſtand unter dem Spiegel des Fluſſes und nur die Niſche lag höher. Ach, zu⸗ weilen bei hohem Waſſerſtande kam die Flut von draußen auch dieſer Niſche gleich und in einer ſtür⸗ miſchen Frühlingsnacht, wo ich die letzten Steine weg⸗ rückte, brach der ganze Strahl des Waſſers durch die glücklichgewonnene Oeffnung! Erſchöpft von der Ar— beit, zum Tode erſchreckt von der nun unmittelbar vor 1 412 meinen Augen ſchwebenden Gefahr, ſank ich nieder; furchtbar ſtrömte die ſchmuzige Woge durch die Lücke der Mauer. Da ſtopfte ſie ſich durch irgend etwas draußen plötzlich von ſelbſt. Ich langte hinaus, ſo— weit ich über das Waſſer noch ſehen konnte. Ich faßte etwas Hölzernes, einen Gegenſtand wie ein ſich vorlegendes Bret. Aber das Bret ließ ſich zurück⸗ drücken, es ſchwankte. Es war ein Kahn, den dein Vater hatte herantreiben laſſen, als wäre er etwa losgeriſſen durch die Frühlingsſtürme. Freude und Furcht wirkten gleich entſetzlich auf mich. Denn wie, wenn ich durch die Oeffnung hindurch gekommen wäre und hätte zwar den Kahn, aber nur in der Entfer⸗ nung geſehen! Der Abfluß durch die Oeffnung machte gerade, daß der Kahn zu mir herantrieb... Ich griff hinaus und drückte das eine Bord des Fahr⸗ zeuges faſt ſchon mit letzter Anſtrengung ſo herab zur Oeffnung, daß eine Weile das Einſtrömen geſtopft war. Dann hielt ich mit dem linken Arme mit Rie⸗ ſenanſtrengung das Holz der Planke feſt und erweiterte mit der rechten die Oeffnung... immer mächtiger ſtrömt das Waſſer... aber die Oeffnung wächſt; endlich dränge ich mich durch die Ritze... ſie iſt weit genug die Schultern durchzulaſſen... ſchon bin ich mit dem Vorderkörper in dem Kahne, die beiden ſank ich nidder; durch die Lücke h irgend etwas gte hinaus, ſo⸗ n konnte. Ich no wie ein ſich ß ſich zurück⸗ ahn, den dein wäre er etwa Freude und h. Denn wie, ekommen wäte in der Entfer⸗ efnung machte trieb... Ich ord des Fahr⸗ g ſo herab zut trömen geſto Arne mit Rie und erweiterte mer mächtige fnnung wächſt tze. ſie „ ſcon h pipen e, die bade in blutenden Hände langen nach der Weitung des Fahr⸗ zeuges, ich faſſe mit letzter Anſtrengung die gegenſei⸗ tige Planke, liege halb über der Höhlung und drücke den Kahn in die Wogen nieder... aber nur müh⸗ ſam zieh' ich den ohnmächtigen Körper durch die Mauer... die Hüften bleiben in der engen Oeff⸗ nung ſtecken... ich brauchte eine halbe Stunde um neue Kraft zu ſchöpfen... dabei der Sturm, dabei das Brauſen des Fluſſes, das Niederpraſſeln von Fenſterſcheiben, die in dem Wetter zertrümmern, das Rufen der Wachen und Ablöſungen, das Schlagen der Uhren aus dem Städtchen unterwärts des Fluſſes, der verzweifelnde Blick auf das Morgengrauen. ach, ich dachte zu ſterben, denn meine Kräfte drohten gänzlich zu ſchwinden. Da verſuch' ich eine letzte er⸗ neuerte Anſtrengung. Der Körper zwängt ſich durch, ich ſinke der Länge nach in den Boden des krampf⸗ haft von mir feſtgehaltenen Kahnes, der, befreit vom herunterziehenden Druck meiner Hände, aufſchnellt und mich in der Dunkelheit der Nacht von dannen führt. Ich ſchwamm dem Städtchen zu, gerieth unter eine Menge kleiner Schifferbarken, die feſtgebunden in dem Hafen des kleinen Fluſſes lagen... Ich war ge— rettet, durch Gott, aber auch durch den Verſtand, den Vorſchub, die Güte deines Vaters. Er hatte meine 414 Arbeiten an der Niſche wohl bemerkt, er hatte ſie wohl verſchwiegen; er hatte mich ſpitze Inſtrumente auf ein⸗ zelnen Erholungsgängen finden laſſen. Er hatte die Gefahr des Durchbruches überlegt. Deshalb der Kahn! Ich entfloh und konnte ihm nichts zurücklaſſen als die Gefahr der Strafe für ihn ſelbſt. Ich ſchrieb ihm einige male von Amerika. Ich ſchickte Geld, erhielt aber nie eine Antwort. Wie wollt' ich ihm danken, jetzt nach meiner Rückkehr aus Amerika! Ich find' ihn todt, ſein Weib todt, nur dich, ſein Kind, find' ich wieder. Ich finde dich ohne Schutz, ohne Liebe, ohne Halt im Leben, geſunken, elend, Auguſte... Murray ſchwieg. Die Hörerin ſchien gerührt. Doch dieſe Stimmung währte bei dem abgeſtumpften Ge⸗ fühle des Mädchens nicht lange. Bald ſagte ſie: So könntet Ihr mir die Mittel geben, beſter Mur⸗ ray, daß es mir gut ging. Euer Geld iſt nie an⸗ gekommen. Nein, Auguſte! ſagte ſchmerzbewegt der von ſeiner Erzählung mehr als Auguſte erſchütterte Alte; was ſind Mittel? Vergängliche kleine Schutzwehren! Wo mit hätt' ich die Breſche in der Mauer ſtopfen ſollen, daß der Strom mich nicht überflutete! Einen rettenden Kahn trieb der Abfluß der Woge heran. Den packt' ich mit dieſen Händen, an dem krallt' ich mich ein r hatte ſie wohl tumente auf ein⸗ 1. Er hatte die shalb der Kahn! ücklaſſen als die hrieb ihm einige erhielt aber nie nken, jetzt nach jihn todt, ſein ich wieder. Ich ohne Halt im gerührt. Doch eſtumpften Ge d ſagte ſie: en, beſter Mur⸗ eld iſt nie an⸗ der von ſeinen te Alte; was gwehren! We fipſen ſoln Einen rettendu n. Den pa „ich mich din 415 und von ihm wurd' ich fortgetragen. Denkſt du denn, daß ich in Amerika mich dadurch geändert habe, daß ich auf meinen alten Wegen blieb und mir nur vor— nahm, nicht glänzend leben zu wollen? O, nein! Die alten Wege mußten ganz und für immer vermieden werden. Eine ganz neue Bahn nur ſichert vor den alten Irrwegen. Wer hat die Macht, nach ſeinem Willen gut zu ſein? Wer kann ſagen: Ich bekämpfe, zähme, faſſe mich! Wenige nur. Nur Die Menſchen können’s, die ſchon gut ſind und nur noch ganz weiſe werden wollen. Aus Schwarz in Weiß überſetzen wir uns nicht! Und was iſt Grau? Ein jämmerlich Mittelding! Du glaubſt, Murray, ſagte Auguſte, daß ich nicht mehr auf die Bälle gehe, nicht mehr Liebhaber an⸗ nehme, nicht mehr Schulden mache und Champagner trinke, wenn ich mir drei Freudentage durch ſiebenund⸗ zwanzig Faſtentage erkaufe? Das glaub' ich... Du willſt durch die drei Tage mich nur reizen, daß ich mir die andern gefallen laſſe? Das dacht' ich... Und dieſe drei Tage ſollen die prächtigſten von der Welt ſein? 416 Wie ſie keine Tänzerin ſich beſſer wünſchen kann, Auguſte... Auguſte ſchwieg eine Weile und ſchien ſich den Vorſchlag Murray's, den ſie ſchon oft erwogen hatte, ja ſogar ſchon einmal eingegangen war und beim erſten Neuheitsreize faſt durchgeführt hätte, noch ein⸗ mal zu überlegen. Sie ſah ſich das Zimmer an, das Bett, den Waſſerkrug... dann aber ſchüttelte ſie den Kopf und erklärte: Beſter, Das haben wir ſchon Alles gehabt! Hier in Nr. 17 dieſes ſchändlichen Hauſes wohnte ich ein paar Monate und wollte arbeiten... es ging nicht. Ein Alter, häßlich wie du, aber verliebter, beſuchte mich und belog mich mit einer Menge Verheißungen, die er nicht wahr machte. Da brannt' ich hier durch und wollte nach Hamburg. Dann kamſt du. Ich hörte dir gern zu, wenn du von der Beſſerung ſprachſt, du klimperteſt dabei in der Taſche mit Geld und machteſt mir Komplimente, wie ich ſie nicht immer höre. Du wollteſt meinem Vater dankbar ſein. Der Vater iſt früh geſtorben, die Mutter nach ihm... ich hörte dich gern von ihm erzählen und die Tante, die mich erziehen ſollte, haßteſt du, wie ich... Da freut' ich mich, in ein Ohr, das geduldig zuhörte, mich recht austoben zu können. Ich ging auf deinen ;, wünſchen kann, ſchien ſich den erwogen hatte war und beim aätte, noch ein⸗ immer an, das chüttelte ſie den es gehabt! Hie wohnte ich ein es ging nicht lebter, beſucht Verheißungen, d ich hiet durc kamſt du. Jd eſſerung ſprachſ mit Geld un ſe nicht imme (u nkbar ſein. Del mnach ihm. und die dum 4 wie ich 2 9 rte, geduldig nuh ging auf i gten een 417 Vorſchlag aus Zorn ein. Du weißt, wie er ſchon am Morgen des dritten Tages abgelaufen iſt. Ich war erſt wüthend auf dich. Ich wollte abwarten, daß du mir deine Geſchenke wiederſchickteſt; ſie kamen nicht, du ließeſt mich einladen, hierherzuziehen und unſere Abrede auszuführen. Ich lachte dich aus. Da iſt denn etwas gekommen, was mich ganz von dir abzog... Ich war neulich bei der Tante... Auguſte ſtockte. Murray horchte. Bei der Ludmer? ſagte Murray, und man ſah ihm an, wie ihn dieſer Name entflammte. Das Mädchen fuhr fort: Eines Tages, vor drei Wochen, war ich bei der Tante... Du ſprachſt zur Ludmer von mir, Auguſte? Thatſt du Das? rief Murragy. Ich ſpreche zu Niemanden etwas von Dingen, die mir als Geheimniß anvertraut ſind, ſagte Auguſte nicht ohne Stolz. Was thateſt du bei der Tante? forſchte Murray ſich beruhigend. Die Maler-Guſte ſchwieg einen Augenblick, dann fing ſie leiſer und faſt lächelnd an: Höre mir zu, Alter! Ich will dir jetzt auch eine Die Ritter vom Geiſte. V. 27 —— — — 9 4 4 4 deine Abſicht, meinen Aeltern im Grabe eine Freude zu maſchen, indem du mich auf andere Wege führſt, noch erreichſt, aber hörſt du, Alter, auf andere Art. Jetzt paß Acht! Ich lerne gern. Ich weiß, Gott hat viel Wege, uns zu beſſern. Sprich! ſagte Murray, und ſein Auge leuchtete mild und voll Hoffnung. Wie mein Vater ſtarb, erzählte Auguſte, und bald nach ihm, wie wir von der Feſtung hierherzogen, meine Mutter, war ich eine Waiſe von etwa ſechs Jahren. Die Leute, die mich weinen ſahen, erkundigten ſich nach meinen Angehörigen und ſie erfuhren denn, daß ich eine Tante hatte, die Schweſter meines Vaters, der ſeinen Dienſt der Gnade verdankte, daß dieſe ſtolze, vornehm gewordene Perſon ſich einmal ſeiner erinnerte. Es war die einzige geweſen. Später aber kam eine Zeit, wo ſie beſonders wieder freundlich und zuthunlich ſein ſollte... Die Zeit meiner Gefangenſchaft... Dann zog ſie aber wieder ihre Hand zurück.. Die Zeit meiner Flucht! Hier, als ich Vater und Mutter verloren hatte, ſträubte ſie ſich mit Gewalt dagegen, etwas für mich zu thun. Ein altes Kleid gab ſie zuweilen her, das öglich, daß du be eine Freude te Wege führſt, auf andere Art. hat viel Wege, und ſein zuſte, und bald therzogen, meine ſechs Jahren. rkundigten ſich gren denn, daß jeines Vaterd, dioſ nite, daß dieſ h einmal ſeinet n. Später aber freundlich und für mich verſchnitten wurde. Eine halbe Bettlerin be⸗ kam mich in Obhut und Pflege und erhielt dafür nicht mehr als ein Almoſen. Wie hieß dieſe Frau? Ah, wir nannten ſie nur die alte Lene. Sie ging bei der reichen Frau von Harder ab und zu, bettelte, trödelte. Murray ſchien auf einen Namen gewartet zu haben, der offenbar nicht mit der alten Lene übereinſtimmte. Auguſte fuhr fort: Der Lene gaben ſie mich mit wie einen alten aus— getretenen Schuh. Sie ſollte ſehen, was aus mir noch zurechtzuflicken war. Wenn ich klagte, daß ich hungerte, wenn ich zur Tante lief und weinte, trö— ſtete ſie mich, ſie würde mich noch einmal an einen ſchönen Ort ſchicken, in einen grünen Wald, zu einem Förſter und einer andern Tante, die ſie immer... o wie nannte ſie ſie? Urſula? rief Murray und legte die Binde höher auf die Stirn. Urſula Marzahn! ſagte Auguſte ſelbſt erſtaunt, daß ihr der Name einfiel. Urſula Marzahn? Und du kamſt dorthin? In den Wald? In welchen Wald? Was weiß ich! Welcher Wald!... Der Mann 27* —— 420 der Urſula ſtarb, ſie ſollte wieder heirathen und der Mann, den ſie wollte, mochte ſie nicht... Sie mußte damals ſchon den Funfzigen nahe ſein. Ich kenne ſie nicht. Du kennſt ſie nicht... Nun... Fahre fort! Ich will in das Jägerhaus, ſagt' ich oft, wenn die alte Lene mich geſchlagen hatte und zum Bet⸗ teln zwang. Die Tante gab mir dann wol einen Groſchen, ließ mich aber wieder laufen und ſorgte nicht für mich. Einſtmals, als man mich aufge⸗ griffen hatte, weil ich, als nun ſchon zwölfjähriges Kind, mit Schwefelhölzern hauſiren ging und Auskunft über Die geben ſollte, für die ich auf den Straßen und in den Häuſern ſo zudringlich bettelte und die alte Lene genannt hatte, wurde dieſe feſtgeſetzt. Sie hatte eine förmliche Geſellſchaft von Kindern abge⸗ richtet, die alle für ihre Rechnung Schwefelhölzer, Band oder Blumen verkaufen mußten. Jeden Abend um neun Uhr kamen die Kinder in ihre einſame Lehm⸗ hütte vor'm Thore, faſt im Felde, wo ſie wohnte, brachten ihr das eingenommene Geld, empfingen einen kleinen Antheil und bekamen neue Waare. Wer des Tags nichts eingenommen hatte, bekam keine Vorräthe mehr. Wer Geld unterſchlagen hatte, wurde von ihr mit einem Beſen geſtäupt und jämmerlich geſchlagen.. tathen und der ... gigen nahe ſein. Fahre fort! ich oft, wenn und zum Bet⸗ ann wol einen nfen und ſorgte an mich aufge⸗ n zwolfjähriges g und Auskunft f den Straßen ettelte und die feſtgeſetz. Sie Kindern abge Schwefelhöhhe Jeden Abend eeinſame Lehul wo ſie wohnte empfingen einen aare. Wer di ; n keine Vorrül wurde vol rich geſchage 421 Sie wohnte ſo einſam, daß die Nachbarn das Geſchrei nicht hören konnten, wenn wir oft wohl an zwanzig Kinder, die da- und dorthin gehörten, mit unſeren Körben ſtanden und ihr beim Scheine einer alten La— terne Nachts im Lehmhofe unſre Pfennige vorzählten. Wie zitterten wir vor der Alten, wenn unſere Ernte nicht reich war, oder wir uns hatten beigehen laſſen, etwas zu naſchen! Sie wurde aber nun eingeſteckt, die Kinder, die ſie misbraucht hatte, wurden der ſchär⸗ fern Sorgfalt ihrer Angehörigen, wenn ſich welche fin⸗ den ließen, anempfohlen; ich der Tante Ludmer. Dieſe vor Zorn, daß ich ihr ein polizeiliches Gerede gemacht hatte, ſchickte mich, da der Herr von Harder Geheim— rath und Aufſeher aller königlichen Gärten geworden war, nach Solitüde, wo ich beim Gärtner arbeiten ſollte. Eine Zeitlang gefiel mir's da recht wohl. Ich bekam doch zu eſſen! Ich wurde größer, ſtärker und entwickelte mich. Vom Lernen war keine Rede und Gott ſei's ge⸗ klagt, ich kann kaum meinen Namen ſchreiben, Alter! Könnt' ich dir etwas von meiner ſchönen Hand⸗ ſchrift abgeben! ſagte Murray und zeigte auf ein Pa⸗ pier, wd er Einiges notirt hatte, was Auguſte nicht verſtand, auch in ihrer Aufregung nicht erkannt hätte, wenn ſie überhaupt leſen konnte. Ja, ſagte Auguſte, du biſt ein Tauſendkünſtler. 8 422 Und gewiß haſt du auch einmal deshalb ſitzen ſollen, weil du falſche Wechſel machteſt? Was? Etwas Aehnliches, mein Kind! ſagte Murray ernſt. Bei dem Schloßgärtner, fuhr Auguſte fort, blieb ich zwei Jahre. Er trieb auch Landweſen. Das ge⸗ fiel mir Alles recht wohl. Ich kann es ſagen, daß ich in ein ſolches Geſchäft Luſt und Geſchick habe. Schon auf den Wald, von dem die Tante immer ſprach, hatt' ich mich gefreut! Ich kannte das grüne Feld nur von den Schlägen her, die wir draußen in der Lehmhütte der alten Lene bekamen, Gärten nur von den zuſammengemauſten Blumen, die wir verkauf⸗ ten. An Solitüde denk ich gern zurück. Ich war zwei Jahre draußen, freilich nur als gemeine Magd, die das Heu zu mähen, die Kühe zu melken hatte. Auch die Milch trug' ich in die Stadt, wenn eine ältere Magd krank war. Um dieſe Magd kam ich fort. Sie behauptete, ich hätte genaſcht und geſtohlen, und ich weiß es nicht, ob es wahr iſt. Das Naſchen glaub' ich wohl, das Stehlen war aber doch ſonſt meine Sache nicht, und das Lügen ganz und gar nicht. Ge⸗ naſcht, Alter? Ja, ja, ſie mag Recht haben. Aber am meiſten haßte ſie mich, weil ich ſo allmälig bei guter Koſt und tüchtiger Arbeit ein ſchönes Ding ge⸗ worden war und allen Männern gefiel. Die Burſche alb ſitzeen ſollen, 182 1 te Murray ernſt. zuſte fort, blieb Das ge⸗ es ſagen, daß Geſchick habe. Tante immer unte das grüne wir draußen in Gärten nur die wir verkauf⸗ Ich war zwei eine Magd, die en hatte. Auch enn eine ältete m ich fott. Si johlen, und ich Naſchen glaub c ſonſt mene gar nicht be t haben. Abe ſo allmälig bel hänes Ding g 1. Die Buſch 423 ſtellten mir ſchon von dreizehn Jahren nach und einige hatt ich ſchon freßlieb. Aber curios! Die ganz jungen mocht' ich nicht. Ich war ein Ding von vierzehn Jahren, als ein Inſpektor Namens Mangold auf So⸗ litüde kam und den ganzen Park wie neu umpflanzte. Da wurden Bäume geſägt, Wieſen ausgeſchnitten, das Waſſer wurde anders geleitet und eine Menge Menſchen fanden dabei ihr Unterkommen. Der Ge⸗ fälligſte und Artigſte war aber der Inſpektor Mangold ſelbſt. Der war nicht mehr ganz jung, aber artig, höflich und ich kann dir nicht ſagen, Alter, was Höf⸗ lichkeit auf mich wirkt. Ich habe die ſchönſten und vornehmſten Jungen ſpäter nicht gemocht, weil ſie zu mir kamen, ſich auf mein Sopha flegelten, betrun⸗ ken waren und mich dutzten. Ein ſchüchterner, manier⸗ licher Menſch aber thut mir's gleich an und wenn er auch arm iſt. Der Gärtner und alle ſeine Gehülfen waren grob und derb, Mangold nicht, und in den waren auch alle Mädchen verliebt, am meiſten aber die Magd, die der Gärtner zur Haushälterin und Wirthſchafterin genommen hatte. Die paßte mir auf! Die verhetzte mich! Denn ich verrieth mich gleich und ſagte ganz laut: Den Inſpektor nähm' ich, wenn er auch zehnmal einen rothen Bart hat und ich nähm' ihn auch ohne lang Heirathen... Ich muß lachen... — 5* 4 424 Ueber die früh entwickelte Großmuth deines Her⸗ zens? ſagte Murray bitter lächelnd. Das ſollſt du gleich hören, Papa! Damals kam mir der Inſpektor ſchön wie ein Bild vor. ehrte ihn und hätte ihm eigentlich blos mögen immer die Hand küſſen. Und weil ich Das einmal ſagte und er, als ich ein paar Blumenſtöcke richtig gebunden hatte und auf dem Graſe kniete, mir auf die zu⸗ fällig nackten Schultern hinten klopfte und die Wirth⸗ ſchafterin ſah's am Fenſter, da mußt' ich fort. Ach, was hab' ich geweint! Es half nichts... Ich kam in eine Fabrik, wo ich zur Predigerlehre angehalten Ich ver— und confirmirt wurde. Die Arbeit in der ſtaubigen Fabrik— man machte wollene Decken und haarige Filze— konnt' ich nicht ertragen. Meine Bruſt war ſo an friſche Luft gewöhnt... Ich war auch durch die Feldarbeit ſchwer in den Gliedern, träge und träumte viel. Die Mädchen, die mit mir arbeiteten, erzähl⸗ ten nichts als Poſſen und Lüderlichkeit. Alter, da wurd' ich ſchlimm! Nicht in Wirklichkeit, ſondern in Gedanken! In Gedanken küßt' ich jeden Mann, den ich ſah und der mir gefiel. Wenn ich ſchlief, ſo küßt;' ich das Kopfkiſſen und drückt' es, weil ich dachte: das iſt Der oder Der! Mit der Fabrik war's nichts! So kam ich in einen Dienſt bei einem berühmten Maler. uch deines Her⸗ ¹Damals kan vor. Ich ver⸗ 3 mögen immer inmal ſagte und htig gebunden ir auf die zu⸗ und die Wirth⸗ ich fort. Achh „Ich kam hre angehalten der ſtaubigen n und haarige tine Bruſt war war auch durch äge und triume beiteten, enzi eit. Altet, da feeit, ſondern in en Mann, den ſchlief ſo küßt ich dachte: das e's nichs! 50 ſer. ühmten Male 425 Ich nahm dieſen Dienſt lieber als andere, weil das Haus dieſes Malers— er heißt Berg— in den ſchönſten neuen Straßen, unter Gärten und Blumen liegt und ganz herrliche Bäume in der Nähe hat. Da fand ich aber meinen Untergang, Papa! Ein ſchöner junger Mann ſah mich immer ſo verliebt, ſo ſcharf und ſchmachtend an, daß ich ihn ſelber hätte verzeh⸗ ren mögen. Er lernte die Malerei bei meiner Herr⸗ ſchaft. Der junge ſchöne Maler hieß Heinrichſon... ach, Alter, ich ſage nichts mehr. Es lag mir ſchon in den Augen. Die hatten ſo einen Zug, ſo eine Sucht... Die Blume wollte an die Luft und die Teu⸗ felsbilder und das ſchöne Haus und der Garten und die jungen Männer und mein Blut, alle hatten mir's angethan und ich lag dem ſchönen Manne im Arm ſo unverſehens wie Einer fällt und nicht weiß, wie er auf die Erde kommt. Das muß ſo mit den Schlan⸗ gen ſein, denen die Thiere in den Rachen laufen, als wenn es zur Hochzeit ginge! Ich ſah und hörte nun, daß es Frauen gab, die ſich entſchloſſen, den Malern für ihre Bilder, wie ſie gewachſen ſind, zu ſitzen. Wie ich Das hörte, Alter, überlief's mich ſiedendheiß. Der Profeſſor, ein guter Herr, ſah mich auch oft ſo ſon⸗ derbar an, als wollt' er ſagen: dich hat Gott zu etwas Anderem erſchaffen, als mir hier die Stube zu keh⸗ 426 ren und den Ofen einzuheizen! Aber der Meiſter ſagte mir nie etwas von meinem Wuchs. Nur die Schü⸗ ler und Heinrichſon verlockten mich. Aber von den Andern mocht' ich's nicht hören. Ich ſchämte mich und lief fort, wenn ſie davon anfingen, ich ſollte ihnen ſitzen. Da lockte mich aber Heinrichſon einmal auf ſein Zimmer... die Schlange! Rege dich nicht auf, Auguſte! ſagte Murray zu dem Mädchen, das zu zittern anfing... In Gedanken, fuhr ſie fort, in Gedanken war ich längſt gefallen. Seit ich an die Maler dachte, die ihre Bilder nach wirklichen Menſchen malen, war mir's am hellen Tage, wo ich ging und ſtand, als hätt' ich keine Kleider mehr an. Ich wurde roth und wußte nicht worüber. Ich bedeckte mich bis zum Hals und kam mir vor, als müßt' ich mich ſchämen. Ich ſah mich immer, wie mir Heinrichſon einmal zugeflüſtert hatte, wie er mich ſo wunderſchön malen wolle. Was ſoll ich ſagen? Ich gab ihm doch erſt meine Liebe und dann erſt meine Scham und Tugend... Ach, Alter, Das iſt ein Teufel! Er wollte nur deine Schönheit, war herzlos, nach— dem er ſie gewonnen hatte? Alter, dem Heinrichſon, ſo toll ich ihn liebte, dem hätt' ich ſpäter manchmal das Herz aus der Bruſt rMeiſter ſagte kur die Schü⸗ Aber von den ſchämte mich ſch ſollte ihnen N einmal auf e Murray zu anken war ich er dachte, die en, war mirs nd, als hätt oth und wußte um Hals und men. Ich ſah mal zugeſliſte en wolle. Was ſt meine Ach geld... Ach, . herzlos, nach⸗ ihn liebte, d . Buuſt z de aus der Liebe reißen mögen; aber er hat kein Herz! Er nahm mich vom Profeſſor weg, miethete mir eine Wohnung, be⸗ ſuchte mich täglich, zeichnete, malte mich... Nicht allein, Auguſte? Es kamen Freunde mit ihm... ihr ſchwärmtet, ihr tranket... Ja! Ja! Murray! Aber das Kind war von ihm... Welches Kind? fragte Murray erſchrocken. Es iſt todt, ſagte Auguſte dumpf. Es ſtarb zu rechter Zeit. Als Heinrichſon von mir eine Mappe voll Zeichnungen und ich von ihm das Kind unter'm Herzen hatte, verließ er mich... nein, Murray, ich war nicht untreu. Er, er ſchickte nur die Freunde, die mich zeichnen ſollten! Er wollte, daß ich Allen gehörte, gemeinſam war... wie ein Soldat, ein Kunſtreiter, ein Trödler mit einem langen Bart, wo ſie zuſammenſchießen und Jeder für ſeinen Thaler ihm ein Stück vom Leibe abzeichnet. Als ich aber das Kind trug, Alter, ſo nützte ich Keinem... Ha, ha, da war ich die Venus nicht mehr, um die ſie einen rothen Purpurmantel ſchlugen und als ich Mutter war... hieß es... meine Schönheit hätte den Reſt gekriegt... Auguſte ſchluchzte... Ihre Erzählung erſtickte ihre Thränen. Murray ſchonte ihren Kummer, ſo ſehr er ſich auch nur auf das Gefühl der verletzten Eitelkeit zu ſtützen ſchien. 1' — 4 9 11 3 3 „ 4 4 3 4 11 A — Das Kind ſtarb... ſagte er weich und theilnehmend. Ha, rief Auguſte, aber die Mutter wollte leben, leben, aus Rache um dieſen Vater leben! Sie lebte auf! Sie fluchte dem Elenden, der geſagt hatte: Deine Formen nehmen ab! Er nur hatt' es geſagt, weil er zu viel Andere lieben mußte und ſich nicht theilen konnte. Er nur, der heute bei einer Vornehmen, mor⸗ gen bei einem Bürgermädchen ein Rendezvous hatte! Der Elende! Sein Kind war todt, aber die Mutter lebte! Lebte! rief Murray. Nennſt du Das Leben, daß du nun einen geiſtigen Tod ſtarbſt? Nennſt du Das im Sonnenſtrahl aufblühen, daß du nun ein Kind der Nacht wurdeſt? Den Sonnenſtrahl fliehſt du, wie er dich auch aufſuchen möge, um dir in's Antlitz zu leuchten und dich an Beſinnung und Umkehr zu mahnen! Kehre um, Auguſte! Noch ſtehſt du nicht ſo tief auf der Lei⸗ ter, die hinunter in den Abgrund führt, daß es ſich nicht noch lohnen ſollte, wenn du deine letzte ſittliche Kraft zuſammennähmeſt und wieder aufwärts ſtiegeſt! Auguſte ſchwieg. Der Gedanke an ihr Kind, an den Anfang ihrer Irrgänge, an Heinrichſon hatte ſie zu heftig erſchüttert. Sie ſtieß ſich den alten Tiſch, der in ihrer Nähe ſtand, mit dem Fuße heran und ſtützte den Kopf auf, deſſen zierlicher, wie zur Feſtes⸗ freude aufgebundener Haarſchmuck in einem ſeltſamen d theilnehmend. rwollte leben, ben! Sie lebte gt hatte: Deine geſagt, weil er nicht theilen rnehmen, mor⸗ dezvous hatte! ie Mutter lebte! as Leben, daß nſt du Das im fiind der Nacht wie er dich litz zu leuchten nahnen! Kehte tief auf der Li⸗ 6 es ſich t, daß es ſch e letzt ſittliche fwärts ſtiegeſt ihr Kind, an ichſon hatte ſie en alten Tiſch uße heran und wie zur Feſted inem eltſamen 429 Abſtich war gegen ihre plötzlich leidenden und ſchlaf⸗ fen Züge... Nach einer Weile fuhr ſie fort: Papa, höre, ob ſich vielleicht noch etwas aus mir machen läßt! Sprich, Auguſte! antwortete Murray voll aufmer— kender Theilnahme... Die Tante hat in meinem Elend nichts mehr für mich gethan, ſagte Auguſte. Wie oft fleht' ich ſie faſt fußfällig an, mich aus dem Jammer herauszu⸗ reißen! Sie verbot mir, das glänzende Haus des Ge⸗ heimrathes zu beſuchen, ja ſie unterſagte mir, mich ferner nur ihre Verwandtſchaft zu nennen. Der Geiz, der ſie brennt und aufzehrt— Iſt ſie ſo geizig, die Ludmer? Geizig wie du! ſagte Auguſte... Murray lächelte. Der Geiz und die Sparſamkeit für den Oberkom⸗ miſſair Par, den ſie ihren Vetter nennt— als wenn der mein Bruder wäre!— machte, daß ſie mir jede Unterſtützung entzog. Heinrichſon mocht' ich nicht bit— ten; den haßte ich. So führte mich das Elend ſo⸗ weit, als du mich angetroffen haſt. Die Tante drohte ſchon oft, mich gewaltſam von hier wegbringen zu laſſen... 4” 1 1 430 Iſt ſie ſo tugendhaft die Ludmer... Haha! Wenn ſie wie ihre Herrſchaft iſt! Wie Pauline? Heißt die Pauline? Die Geheimräthin von Harder... Die iſt alt und häßlich und nimmt doch noch auf, was ich wegwerfe... Was du wegwirfſt? Vor Eurer Ankunft, Papa, war mein Elend am höchſten geſtiegen. Ich wollte fort, nachdem ich die Tante ſo auf's Blut gereizt hatte, daß ſie in ihrem Zorn ein Bund Schlüſſel nach mir warf, die mir faſt das Auge ausſchlugen. Sie iſt wild! Da kamſt du, Papa... Dann war es auch mit dir nichts... Dein Contrakt wurde mir zu ſchwer und eigentlich ging ich ihn nur ein, weil ich wieder einmal gemalt ſein wollte, aber als Auguſte Ludmer, als ich ſelbſt, nicht als Venus mit dem rothen Mantel! Aber unſere Sache endete in der Fortuna. Ich mußte ſitzen, wie du! Was wirſt du dann anfangen, ſagte ein Herr, der am dritten Tage, daß ich ſaß, in mein Ge— fängniß kam, was wirſt du dann anfangen, wenn du frei biſt? Am dritten Tage? ein Herr? Doch nicht ein Franzoſe? aft iſt! doch noch auf, nein Elend an nachdem ich die iß ſie in ihrem ff, die mir faſ ar es auch mit ir zu ſchwer und h wieder einnaal Ludmer, Mantel! Aber ich mußte ſihen, gen, ſagte dn 5, in mein Ge nfangen, weng ht ein zan als ich Ein alter Franzoſe in feinem Rock mit Orden... Einer weißen Weſte und einem rothen Notizbuche in der Hand... Der! Der dieſelbe Frage auch an mich richtete: Mur⸗ ray, was werden Sie dann anfangen, wenn Sie frei ſind? ſagte er zu mir. Was antworteteſt du? Ich ſagte: Mein Herr, ich fange nie etwas an, ich laſſ' es gehen, wie es Gott gefällt! Da lächelte er und ich ſah ſogleich den Fuchs— Den Wolf im Schafspelz! Er wollte meine künftige Wohnung wiſſen und ſchielte mich an, als hätt' er mich zu taxiren... Du irrſt doch wohl, Auguſte. Dieſer Mann heißt — Murray griff nach der Viſitenkarte— Sylveſter Rafflard und iſt ein Abgeſandter fremder Vereine, die ſich die Verbeſſerung des Looſes der Gefangenen, die Unterſuchung der Gefängniſſe, den Einfluß auf die künftigen Schickſale der Verbrecher zur Aufgabe ma⸗ chen. Da ich mich nicht ſchuldig wußte und traurig war, gab ich ihm wenig Antwort. Ich bin überraſcht, daß er mich heute beſuchen wollte. Ich fand ſeine Karte abgegeben. Zu mir, ſagte Auguſte, wird er nicht kommen. Ich war ſo voll Zorn, daß ich ihn mit allen ſeinen —— — ——— — — 432 Redensarten von Beſſerung zur Thür hinauswerfen laſſen wollte und ihm einen Kalbskopf über den an— dern nachſchimpfte. In dem Zorn wurd' ich eben frei. Die Kleider und Schmuckſachen waren mir genommen und unter Lachen und ſchlechten Witzen gaben mir die Aktuare gute Lehren. Da rannt' ich zur Tante. Man wollte mich abweiſen. Ich ließ mich nicht ſtören. Es war mir, als hört' ich die Stimme der Alten in den Zimmern der Geheimräthin. Ich werfe den Bedien⸗ ten bei Seite, reiße eine Thür nach der andern auf und ſtehe vor einem wunderſchönen Bilde, das ganz friſch, wie eben fertig mit noch halb naſſen Farben— ich hab' etwas von dem Handwerk gelernt beim Pro— feſſor Berg— auf einer Stellage ſteht. Das bin ich! ſagt' ich mir. Das hat Heinrichſon gemalt und in dem Augenblick geht die Thür auf und Heinrichſon mit der Geheimräthin tritt herein. Ha, ha, ha! fang' ich an zu lachen. Da zu lachen war Verrücktheit. Ich war auch verrückt. Ich weiß noch jetzt nicht, ob ich in dem Augenblick Vernunft gehabt habe. Ich lachte und ſchluchzte und redete mit Heinrichſon, wie er ſchon längſt nicht mehr da war. Heinrich Hein— richſon, rief ich, bin ich Das? Sag's deiner Liebſten, das weiße Thier da, der Vogel auf dem Bilde warſt du, du tückiſcher, falſcher, heuchleriſcher Drache! So rhinauswerfen füber den an⸗ nd ich eben frei. mir genommen rTante. Man ſcht ſtoren. Es r Alten in den fe den Bedien⸗ der andern auf ilde, das gand aſen Farben— ernt beim Pro⸗ Das bin icht gemalt und in Heinrichon „ha, hal fang ar Verrückheit h jett nicht, ob abt hobe. Ich zeinrichſon, wie Heinrich Hein⸗ bſten, zdeinet Lie Bilde walſt dem Bilde we zel Eo er Drache! 433 kannſt du lügen, wie dies Thier da! Sieh, wie's mit dem Schnabel klappert, wie der Held den Schönen ſpielt und die arme Auguſte Ludmer ſchläft oder macht die Augen zu, um deine Teufelsaugen nicht zu ſehen! Beiß mich nicht! ſprach ich. Geh! Geh, ich verlange nichts für mein Kind, geh, es iſt todt! Und in die⸗ ſer Art ſprach ich meine raſende Wuth vor dem ge⸗ leckten Menſchen aus; ſeine zierlich gekräuſelten, geöl⸗ ten Locken hätt' ich zerzauſen mögen. Aber er war fort. Die Geheimräthin zog die Glocke, alle Glocken im Hauſe ſchellten. Die Ludmer kam und ſchleppte mich faſt an den Haaren hinaus. Wahnſinnige, ſchrie ſie mich an, du machſt, daß ich dich noch in's Toll⸗ haus ſtecken laſſe! Schändliche, was willſt du hier? Welche Frechheit gegen die Herrſchaft, gegen einen fremden, feinen Herrn... ich war todtblaß, ſtieß ſie zurück und ſetzte mich auf ein Sopha, um mich zu er⸗ holen. Sie wollte mich aufreißen, ich ſchleuderte ſie wieder zurück, daß ſie auf einen Seſſel ſank und ächzte. Du mordeſt mich noch! ſtöhnte ſie. Ich ſagte: Ja, das thu' ich. So ſaß ich wol zehn Minuten. Ich war zu elend, ich konnte nicht mehr ſprechen. Immer dacht' ich auch, die Thür geht auf und Heinrich Hein⸗ richſon kommt wieder herein und ſagt' dir: Auguſte, vergib mir! Ich bereue, daß ich die Urſache deiner Die Ritter vom Geiſte. V. 28 4 g 8 1 434 Leiden bin! Ich denke täglich an dich, wenn ich in meiner Mappe blättere und dieſe ſchönen Bilder male! Vergib mir! Du ſiehſt, ein vornehmes Weib liebt mich! Was kann ich für dich thun? Aber Hein⸗ rich Heinrichſon kam nicht. Die Tante hatte ſich er⸗ holt, ſtellte ſich wenigſtens ſo und verlangte, daß ich mit ihr in ihre Wohnung ginge, die in einem Ne⸗ bengebäude liegt. Ich ging ganz willenlos hinter ihr über den Hof. Ich ſage Das ausdrücklich, weil ich wol mag ausgeſehen haben wie das Leiden Chriſti. Wer mich ſah, mag gedacht haben: Die ſchlägt die Augen nieder und iſt ſittſam wie ein Grabesengel.. Warum erwähnſt du Das? Wer ſah dich denn? Im Zimmer der Alten, fuhr Auguſte ſinnend fort, hielt ſie mir eine letzte Straſpredigt und gab mir zwei Thaler. Ich mußte ſie nehmen, weil ich nichts zu eſſen hatte. Vor ihrem Spiegel ordnete ich meine Kleider und ging nun. Ich elendes Geſchöpf mag doch ge— dacht haben: Vielleicht ſieht Heinrichſon dir durch's Fenſter nach! Ich will doch nicht, daß er hinter mir herſpottet und mich auslacht! Ich that alſo nun, als wär' ich froh und hielt mich recht aufrecht. So kam ich nach Haus. Nach einer Stunde etwa kommt Franz, von der Geheimräthin ein Lakai. Er macht mir einen Vorſchlag. Ein Mann in ſeinen beſten ), wenn ich hönen Bilder nehmes Weib Aber Hein⸗ hatte ſich er⸗ gte, daß ich einem Ne⸗ s hinter ihr ich, weil ich eiden Chriſti e ſchlägt die abesengel.. dich denn? ſinnend fort, gab mit zwei ſicts zueſe neine Kleider nag doch ge dir durch thinter mit ſo nun, als t.. So kan etwa komme Er mach fenen beſte — 433 Jahren hat mich draußen bei der Tante geſehen und Gefallen an mir gefunden. Ob ich Den heirathen und dann die Gegend verlaſſen wollte? Habt Ihr irgend einen Gauner bezahlt, rief ich, damit ich nur fort⸗ komme und dem Liebhaber der Geheimräthin nicht die Augen ausreiße? Der Burſch ließ ſich auf nichts ein, ſondern blieb dabei, daß es richtiger Ernſt ſei⸗ ner Herrſchaft wäre, den Mann dürfte er nur nicht nennen, ich ſollte mit ihm nächſter Tage auf einen Fortunaball gehen und da mit ihm anknüpfen, aber ſittſam ſein und geſcheut und dann fort von hier. Es wär' ein Fremder, der von der Stadt nichts wiſſe, auch nur dann und wann herein käme... wenn er mich nähme und ich mit ihm davonzöge, würde man mir ein Heirathsgeſchenk von zweihundert Thalern machen. Ich lärmte zwar und polterte und drohte, ich ſteckte doch noch einmal das ganze Haus der Ge⸗ heimräthin an; allein, wie der Menſch iſt, auf den Fortunaball ging ich doch und ſah da meinen Freier. Papa, was meinſt du nun wohl, wen ſie mir aus⸗ geſucht haben? Ich bin begierig... ſagte Murray— ſchaudernd über das leichte Gewiſſen dieſer ihm wohlbekannt ſchei⸗ nenden vornehmen Menſchen. 28* pPp·· 436 Den beſten Engel auf der Erde, ſagte Auguſte lachend, meinen geliebten Freund von Solitüde, der mich einmal gelobt hatte, weil ich Blumen mit Baſt an hölzerne Stäbe zu binden verſtand und mir auf die Schultern klopfte, als ich im Graſe kniete.. Den Inſpektor? Mangold! Ein Kind von ſiebenundvierzig Jahren! Nun zwar ſchon ein bischen von der Sonne getrock⸗ net, aber rüſtig und gut wie immer... Kannt' er dich? Wo wird Der mich? Lieber Gott! Der Mann kennt Bäume wieder, die aus dem Samen gezogen ſind, den er geſammelt hat... aber Menſchen! Ich mußte ihm in's Geſicht lachen, erſt, weil ich den Kopf ſchütteln mußte, daß ich in den ſteifen Patron hatte verliebt ſein können, und dann, weil er mir zu poſſirlich den Hof machte und es wirklich ganz ernſt nimmt... Aber Auguſte! rief Murray. Man hat da einen rechtlichen, der Welt unkundigen Mann getäuſcht! Du wirſt doch nicht... Getäuſcht? Auguſte, getäuſcht! Man hat ihm falſches Gold für echtes gegeben! Falſchmünzerei! Ha! Ha! Das ſind keine zwanzig Jahre Zuchthaus, die Denen blü⸗ gte Auguſte olitüde, der in mit Baſt nd mir auf jele. ig Jahren! mne getrock Der Mann hen gezogen nſchen! Ich eil ich den ifen Patron il er mir zu gam eni at da einen täuſcht! alſches 9 15 Ha 2 Denen hi hen, die ſchmuzige Seelen für reine in Cours ſetzen: Die gehen frei aus! Die dürfen nur lachen! Papa! Auguſte, daß du nur eine Minute dieſen redlichen Mann über dich haſt können in Zweifel laſſen, Das macht dich zur Hehlerin der Falſchmünzerei! Darauf ſtehen zehn Jahre! Vater, du biſt toll! Mäßige dich, quäle mich nicht! Zehn Jahre? Ich habe Mangold gleich ausgelacht, aber jemehr ich lachte, deſto mehr war's ihm Ernſt, ich ſollte ſein Weib werden und ihm auf ein herr⸗ ſchaftliches Schloß folgen, wo er künftig wohnen würde! Das Schloß läge einſam, er müſſe nun end⸗ lich eine Gefährtin für ſein Leben haben, das ab⸗ wärts ginge. Ich habe mich ſittſam benommen, weil Das ein Ehrenmann iſt. Aber gelacht hab' ich doch und ihn zitternd vor Wonne abgewieſen und wie ein Kind geneckt. Dennoch will er mich. Alle drei Tage kommt er von Solitüde und geht mit mir Abends einſam ſpazieren und ſpricht von einem Schloß, Na⸗ mens Buchau, weit von hier, wohin ich ihm folgen ſoll. Ich habe aber, trotzdem daß mein Arm an ſei⸗ nem bebt, ſoviel Achtung vor ihm, daß ich ihn durch mein Ja! nicht betrügen will und neulich... Nun, Auguſte... +——— — 438 Neulich geſtand ich ihm meinen erſten Fehltritt... Das war brav! Was ſagte er? Nicht wahr, es iſt nun vorbei? Auguſte ſchwieg... Murray fuhr fort: Er ſprang auf, er riß ſich aus deinen Armen los. Und Das führt dich nun her? Du biſt un— glücklich, verzweifelſt... weil dich Alle verſtoßen, Niemand dich mag? Aus meinen Armen? ſagte Auguſte und ſchüttelte den Kopf. Papa, denk' doch nicht zu ſchlecht von mir! Ich bebe wie im Wind ein Blatt vor dem Manne, ich glaube nicht, daß er mich ſchon einmal küßte.. Was aber ſagte er, als du ihm geſtandeſt, daß du nicht mehr ſo biſt, wie du aus der Hand Gottes hervorgingeſt? Er ſprang auf, wie du ſagteſt, Papa, er weinte ſogar ein bischen, ſchien mir's, und lief dann auch davon. Er ſagte mir Abſchied auf immer! und... nach drei Tagen... Nach drei Tagen? Klopft's wieder an meine Thür... Die Vergebung kam? Fehltritt... icht wahr, es einen Armen Du biſt un⸗ le verſtoßen, und ſchüttelte ſchlecht von tt vor dem chon einmal tandeſt, daß Hand Gottes , er weinte dann auch -l und... 439 Die Vergebung! Auguſte! Und Dies zerreißt nicht dein Herz im innerſten Buſen? Du ſankeſt nicht auf deine Knie und ſtreckteſt die Hand zum Allmächtigen empor, der ſeine Himmel öffnet und ſchon wieder einen Strahl ſeiner Gnade zu dir herabſendet? Er vergab dir? Der edle Mann, der nahe ſeinem funfzigſten Jahre noch auf Liebe und Unſchuld hoffte?... Ach, Papa, ſagte Auguſte in der That ſchmerz— zerriſſen. Was ſoll ich nun thun! Das Eine vergab er mir, aber das Andre... ach, es iſt ſo Vieles! Erzähle mir, warum er dir vergab und ich ſage dir, ob ein Engel des Himmels auch über das Andre hinwegkommt! Warum vergab er dir, daß du eine Gefallene warſt, Mutter von einem Kinde? Weil Buchau weit und einſam wäre, ſagte Au⸗ guſte und kein Menſch dorthin käme als nur zuweilen der König und die Königin, wenn ihnen die Krone zu ſchwer würde... und unter den alten Eichen, wo der Menſch ganz allein ſich ſelber gehörte und nur vor Gott Rechenſchaft abzulegen hätte, da vergäße man Vieles und an rechter Stelle nähme ſich jeder Baum, auch wenn er ſchief und krumm gewachſen wäre, angenehm aus, ja an Teichen hätte man es ja gern, wenn die Trauerweiden, die mit ihren langen 9 n„ Hängezweigen hineinlangen, ein bischen gebeugt ſtün⸗ den, und dabei gab er mir die Hand und ſagte: Er hätte mich wirklich auch ſchon als Kind lieb gehabt! Murray ſchwieg eine Weile gerührt, dann er— klärte er: Der Teich iſt die Buße und die Weiden ſind die Reue... O mein Kind, ich flehe, lache nun nicht mehr! Spotte die Regungen eines beſſern Gefühles nicht aus deiner Seele hinweg! Wie ging es denn mir, da dein Vater mich dem Leben zurückgab? Ich trotzte nicht mehr, ich erkannte eine höhere Allmacht und fühlte die ſtarke Himmelshand ſichtbar, als wir auf dem Meere von den Stürmen gepeitſcht, in den Wellen hin⸗ und hergeſchleudert wurden. Ich war noch ver— ſtockt, als ich in Hamburg das Schiff beſtieg, verſtockt, als ich Land ſah, die Dünen der Schelde und des Rheins; aber draußen im großen Ocean wurd' ich demüthig und was ich in einem Sturme gelobte, wo eine einzige Welle von dem Schiff fünfzehn Menſchen neben mir fortſpülte in den Abgrund, Das hab' ich gehalten, habe gearbeitet, gebetet und auf mich ſelbſt gelauſcht. Ich bin kein Frömmler. Aber wenn es mir ſchlecht ging in Amerika, nahm ich zwölf Bibeln von einem Buchbinder, gab meine letzten Kleider auf einen Tag bei ihm dafür zum Verſatz und ging mit eugt ſtün⸗ ſagte: Er eb gehabt! dann er⸗ ſind die icht mehr! hles nicht mn mir, da Ich trotzte nacht und Hwir auf en Wellen noch ver⸗ verſtockt e und des wund ich elobte, wo Menſchen 8 hab ich nich ſabſt wenn es aif Süi- lider ui d ging m meinen zwölf Bibeln in die Häuſer. Wo eine Dienſt⸗ magd am Brunnen wuſch, ſtellte ich mich zu ihr und bot ihr das Buch der Bücher zum Verkauf. Kein Menſch iſt ſo arm, daß er nicht das erſte Erſparniß anwendete, ſich eine Bibel zu kaufen. In einem Vor⸗ mittage ſchon hatte ich bei den Aermſten zwölf Bibeln verkauft und mit Vortheil; ich brachte das Geld, be⸗ kam meine Kleider und konnte am Nachmittag noch neue zwölf abſetzen. Ich machte aber kein Geſchäft daraus. Nur immer wenn ich ganz darbte, wenn nichts mir übrig blieb, als betteln zu müſſen, dann half ich mir mit den zwölf Bibeln. O, mein Kind, ich frömmle nicht; ich bin nur ein Menſch, der da fühlt, daß er die Welt nicht hat erſchaffen können. Wer Das ſich ſagt, Dem hilft die große Hand, die mit dem Erdball wie mit einem Kreiſel ſpielt! Mädchen, halte ſie feſt, dieſe erſten Schauer innerer Einkehr! Wenn ſich ein edles Herz fände, das dich erlöſte.. Auguſte ſchien zwar erſchüttert, zuckte aber doch ſchon wieder ſpöttiſch mit den Lippen. Mädchen, rief Murray erregt. Trotze nicht ewig ſo gegen dich ſelbſt! Auguſte wollte nun aufſtehen. Nein, Auguſte, du bleibſt! Hörſt meinen Worten! Verflüchtigſt die beſſere Regung nicht! Gib dieſem — — — ——— — — 1 5 b 3 5 1 4 — 3 442 Hämmern in dir, dieſem Klopfen deines Gewiſſens Gehör! Auguſte verſuchte aber zu trällern und wollte nun fort. Nieder! rief jetzt Murray und warf die Binde auf die Stirn. Herr Gott, was willſt du, Papa, antwortete das zitternde Mädchen, das gleichſam nur ſich ſelbſt ent— fliehen wollte. Auguſte erſchrak vor Murray, fürchtete ſich nun faſt vor ihm. Er hatte ihre beiden Hände ergriffen. Er drückte ſie mit Gewalt auf den Stuhl. Sie, von Furcht gepackt, faſt zitternd vor Angſt, faſt auch über ſich ſelbſt, drängte von ihm loszukommen. Er bat, er flehte, ſie ſollte jetzt eingeſtehen, daß ſie elend, eine Verworfene, eine Sünderin wäre. Sie ſtieß ihn zu⸗ rück. Da warf er die Binde ganz von ſeinen Augen. Flammend und groß brannten zwei mächtige Augen⸗ kerzen auf ſie nieder. Sie hätte ſchreien mögen. Laß mich! flehte ſie und wollte fort. Den Hut hatte ſie ſchon in der Hand... Murray aber ſchleuderte den Hut und den ſchwar⸗ zen Flor, den er vorm Auge trug, von ſich und rief: Nieder, Auguſte! Nieder! wiederholte Murray und Gewiſſens wollte nun Binde auf vortete das ſelbſt ent⸗ te ſich nun e ergriffen Sie, von auch über u. Et bat, elend, eine tieß ihn zu nen Augen tige Augen⸗ nögen Den Hll den ſchwan c und ni Murray W 443 ſchlug ſeine beiden Augen ſo voll und ſo hell auf, daß ſie wie zwei Flammen in der Nacht leuchteten. Was haſt du? Was ſollen meine Hände? Was thuſt du? Falte die Hände! rief Murray faſt wie ein Thier⸗ bändiger in einem Käfig einen Panther ergreifen und auf die Erde ſchmettern würde. Du zerbrichſt ſie... Laß! Laß! ſtöhnte Auguſte, aber doch ſchon gedemüthigt von der mächtigen gei⸗ ſtigen Gewalt des Alten und auf die Erde ſinkend. Falte die Hände! Bete mir im Geiſte nach, was ich laut ſprechen werde! Bete! Bete! Auguſte! Auguſte ließ das Haupt ſinken, hielt die Hände, die auf ihren Schooß wie ohnmächtig und leblos niederglitten, ſo zuſammen, wie ſie Murray ihr gefaltet hatte und hob die bebenden Lippen, indem ihre Augen ſtarr und wie irr an den Augen Murrgy's hingen. Murray ſprach: Nicht zu dir, Herr des Himmels, red' ich! Denn ich kenne dich nicht und meine Augen ſind trübe. Zu mir ſelbſt will ich ſprechen! Zu meinem eigenen, eigen⸗ ſten inneren Geiſte! In mich ſelbſt will ich blicken, in mein innerſtes Herz. Der Gott, der mich geſchaffen hat, wird mir zur Seite ſtehen und mir deuten, was ich jetzt ſehe, jetzt fühle. Ich fühle mich elend und ich — ſagt' es mir nicht! Ich fühle mich in tiefſter jammer⸗ vollſter Troſtloſigkeit und ich lachte Derer, die mir Erquickung boten. Wer bin ich, Allmächtiger! Ein Haufen Erde, in dem die Würmer wühlen werden, wenn meine Stunde gekommen iſt. Ich bin Staub, Aſche... Ein Todtenkopf ſieht mich einſt an, wenn ich in den Spiegel blicke, und die Lippen, die einſt ſo frevelten, ſpöttelten, ſagen mir jetzt ſchon: Das iſt einſt dein Bild! Ach, gibt es eine Schönheit, die un⸗ vergänglicher wäre als die eines reinen Herzens? Das fühl' ich doch, wie ein Kind ſo lieblich und ge⸗ horſam in ſeiner ſpielenden Welt lebt, die Freude der Menſchen iſt, auch Derer, denen es nicht gehört und die es nur ſehen, nur wie fremd beobachten! Wie ſchmückt Jeden unter uns die Zier einer friedfertigen kindlichen Geſinnung! Wie ſchön ſteht uns zu dulden und nicht zu murren wider das Geſchick! Der Himmel hat mir nie lächeln wollen. Ich weine d'rob! Ich armes Kind, das ich unter Unglücklichen und Böſen aufwuchs, die Aeltern nicht kannte und mit ihnen nichts vom Jugend— glück. Aber prüfe dich recht, mein Herz! Nahmſt du nicht jedes deiner Misgeſchicke für eine Entſchuldigung deiner Fehler? Sagteſt du dir nicht: Wie kann ich auf die Zufriedenheit mit mir ſelbſt bedacht ſein, hab' ich doch keine Freude, als die flüchtige der Selbſtver⸗ er jammer⸗ r, die wir ſtiger Ein en werden, bin Staub, an, wenn die einſt ſo eit, die un⸗ Herzens! ich und ge⸗ Freude der hpört und die gie ſchmückt en kadlichen n und nich zmel hat m armes Kind ufwuchs, de vom Jugend „Nahmſt de riſchuldig ggie kann d hat cht ſein, Felbſtve der Sel 445 geſſenheit? Ach, es wird die Stunde kommen, Auguſte, wo du an deinem Ohre die Worte hören wirſt: Wie war ſie ſchön und wie verblühte ſie nun! Du wirſt hören, daß man Andre preiſt und Die, die du am meiſten verachteteſt, weil du ihre Seele kannteſt, die werden ſich vor dir brüſten und ſich rühmen, daß an ihren Blättern der welkende Herbſt erſt um einige Tage ſpäter erſcheint! Ach, dann werd' ich nach ewiger Schönheit ſuchen und ſie nirgend finden, als in Be— ſcheidenheit und treuer Liebe. Treue Liebe! Du ſü⸗ ßeſtes Kleinod des edlen Frauenherzens! Treue Liebe! Du Schmuck der Armen, Du, der einzige Stolz der Geliebten, wie das Kind, ſelbſt ein ſchwaches und un⸗ ſchönes, doch der beſte Schmuck ſeiner Mutter iſt! Treue Liebe! Wer bringt mir deinen Hauch, daß ich ihn in meine Seele ziehe, wie einen Duft der Opfer, die dem Herrn angenehm ſind, daß ich ihn wieder ausſtröme in ein Herz, das noch Hoffnung zu mir faſſen kann! Ach, daß der Gute, Gdle, Vergebende ſein ſanftes Auge auf mir ruhen ließe! Daß ich die letzten ge⸗ ſammelten Reſte meiner beſſern Natur, die ich doch aus mancher ſtillen Abendſtunde kenne, dem ſchon früh Geliebten bieten dürfte wie die arme Witwe ihr Erſpartes mit der Aermeren theilt! Weiche nun von mir jede Verſtellung! Ich will mein Auge nieder⸗ — — b — ½ 4 b 41 1 1 1 1” 5 3 1 ff 446 ſchlagen auf der Straße, ich will Dem, der mich frägt, was mir fehle, ſagen: Ich bin krank! Ich will Schmach erleiden, will noch einmal, zum letzten male verſuchen, ob eine gütige Hand mich aus dieſem Dunkel führt. Und wär' es nicht— wäre auf meiner Stirn das Zeichen vergangener Irrthümer zu tief eingebrannt, nimmt er mich nicht hinüber in die Luft, die läutert, an die Quelle, die reinigt... auch dann, auch dann, Herr des Himmels, ſoll mich nicht die Verzweiflung faſſen, ſondern nur... und nur die Reue. Ich will, mein Gott, in mich ſehen, will den Troſt der Men— ſchen ſuchen, die mit mir beten und die ein gleiches Bedürfniß trieb, mit ſeinem eigenſten Herzen zu ſpre⸗ chen und auf die ernſten Fragen der Seele mit Ernſt zu antworten. Dies Beten hört ja nur Gott. Der ſpottet deiner nicht. Der weint mit dir, der freut ſich mit dir! Der iſt dein Widerhall! Und hörſt du den Widerhall, der aus deinem Herzen tönt, dies ſtille Tröſten und dieſe Ruhe gern, dann iſt's Der Gott, der in dir wohnt. Dann iſt er dir nahe! Glaube ihm! Vertraue ihm! Hoffe auf ihn! Von nun an in Ewigkeit und die Zeit deines vielleicht nur kurzen Lebens noch! Amen! Wie Murray dies Gebet geendet hatte, ergoß ſich Auguſte in einen Strom der bitterſten Thränen. Sie, M M 247 7, der mich die ſeit lange nur noch vor Ungeduld geweint hatte, nt Ich will weinte vor Reue und dem Gedanken an ihre tiefſte letzten male Hoffnungsloſigkeit. dſm Dunkl Murray, der mit gefaltenen Händen vor ihr ge⸗ deiter Stirn ſtanden hatte, griff nun tröſtend nach ihrer Hand und engebrannt, zog ſie empor. Sie ließ willenlos Alles geſchehen, die läutert was er mit ihr begann. Er ergriff die Binde wieder, auch dann, reinigte ſie vom Staub und legte ſte ruhig über ſeine der weffung Stirn. Dann ſagte er: e. Ich wil, Wann kommt Mangold? 1 Ider Me⸗ Heute Abend, aber ſpät! Er ißt immer erſt irgend⸗ 1 ein gleihes wo zu Nacht... 1 zu ſpre⸗ In dieſem Gebete und der Uebereinſtimmung mit 3 uit Emſ Murray's Worten hatte ſich die ganze Sehnſucht ooffenbart, daß Mangold ſie von ihrem jetzigen Stande erlöſen und an ſeine reine Bruſt ziehen möchte. Du wohnſt noch in der Königsſtraße? ſagte Murray. Neben dem Café Richter. So komm' ich heute, wenn Mangold kommt... Auguſte ſtand ermuthigter und geſtärkter von die⸗ 1 ſen Worten, dieſer Ausſicht auf Troſt und Beiſtand und guten Einfluß auf jenen Edlen von dem Seſſel, auf den ſie nach dem Gebete geſunken war, auf, zog 1 ihren Shawl über, trocknete ihre Thränen und ſuchte 1 ihr feuchtes Taſchentuch zu verbergen... Gott. Der der fteut ſih hörft du den , dies ſtile zDer Goht hen Glaube don nun an t nur kunze e, ergoß ſ ränen 448 Sie wollte gehen, ohne ein weiteres Wort zu ſagen. Murray rief ſie aber in der Thür noch zurück. Auguſte, ſagte er, ich habe Vertrauen! Glück beſſert Thorheit, Glück beſtärkt die guten Vorſätze! Man muß nicht Alles vom Unglück erwarten. Das Unglück ver⸗ härtet, verbittert uns. Du bedarfſt nun Glück! Du mußt nun nicht darben! Du haſt Schulden! Da! Nimm! Damit hatte er die Schublade aufgezogen und reichte Auguſten nach kurzem Suchen ein Papier hin.. Es war eine Banknote von funfzig Thalern. Auguſte gab ihm aber das Papier zurück, ſchüttelte ſchweigend den nothdürftig geordneten Kopf und wollte fort. Ihre Augen waren nicht zu dämmen. Es floſſen die einmal geöffneten Schleuſen des Herzens über. Sie bedurfte der Luft... ſie mußte für ſich weinen kön⸗ nen. Nur weinen... Nur fort! Murray drängte ihr nun faſt das Papier auf. Sie nahm es aber nicht, ſondern ging. An der Treppe blieb ſie ſtehen und wandte ſich nur noch, um die ton⸗ loſen, erſtickten und heiſeren Worte zu ſprechen: Unten der Mullrich... der Wirthin... ſchuld ich vier Thaler. Sie läßt mich vielleicht nicht durch wenn ich durch die Hausthür will... Murray gab ihr dieſe vier Thaler... Auguſte nahm ſie, wickelte ſie in ihr Tuch und ort zu ſagen ging ohne aufzublicken, ohne ein weiteres Wort des 4 ch zurück. Abſchiedes, ohne eine Phraſe, ohne einen Seufzer, Glück beſſer ſtill und tiefbewegt von dannen. Sie hatte keine 2 Man muß Stimme, kein äußeres Leben mehr. Sie ging wie Unglück ver⸗ geiſterhaft, wie ihrer ſelbſt nicht bewußt... c Du mußt Murray kannte dieſen Zuſtand und nannte ihn Nimm! für ſich... den des gebrochenen Rohres. nund reichte Der Auftritt hatte auch ihn erſchöpft. Auch er rhin... bedurfte friſcher Luft zur Stärkung. Es war zu eng Thalem... um ihn, zu dumpf. Er wollte aus; es dürſtete ihn. ic, ſchüttele Er ſah nach dem Kruge... er trank... das Waſſer fund wolte war matt... Er gedachte des Anerbietens ſeiner freund⸗ Es ſloſſen lichen Wirthin. Er ging an die Verbindungsthür der z über. Si Küche und klopfte... Louiſe Eiſold wurde hörbar. wäinen kör⸗ Dürft' ich Sie bitten... ſagte er. I Sogleich! war die Antwort und Louiſe kam über 1 gayie auf die Galerie an ſeine vffne Thür. 4 der Trep Was wünſchen Sie, Herr Murray? fragte ſie. er die im Dürft' ich Sie bitten... Haben Sie in Ihrer hm 4 Küche friſches Waſſer? dnhn Gewiß! ſagte ſie und ſah nach dem Kruge. Aber 4 muu das Waſſer war auch da matt geworden. ht Ein Gewitter liegt in der Luft, bemerkte ſie. Ich hol' Ihnen friſches... Niein, nein, Mademoiſelle! 1 Tuch U 1 ihr Tuch Die Ritter vom Geiſte. V. 29 -— — Warum nicht! ſagte ſie. Damit ergriff Louiſe Eiſold den Krug und ging, ſo gefällig ſie angezogen war, ſelbſt hinunter, um im erſten Hofe Waſſer zu holen. Murray lehnte ſich und ſah über die Galerie und beobachtete das Wetter. Er kehrte in ſein Zimmer zurück. Er nahm einen alten Regenſchirm, ſetzte den Hut auf, ſchloß die Thür und zog auf der Galerie alte hellgrüne, waſchlederne große Handſchuhe an. In Gedanken verſunken ging ihm dies Alles lang⸗ ſam. Er hatte den linken Handſchuh an und wollte eben den rechten anziehen, als Louiſe mit dem Kruge ſchon wieder da war. Sie nahm ein Glas aus ihrer Küche, ſchwenkte es und ſchenkte es aus dem Kruge voll. Wie Murray ſo dies freundliche Walten eines ge⸗ wiſſensreinen, unbeſcholtenen Mädchens ſah, wie ſie ihm das Glas hinhielt, das reine und klare kryſtall⸗ helle Waſſer im reinen klaren kryſtallhellen Glaſe von reiner unbeſcholtener Hand, dargereicht mit klarem Auge und ſittlichem Ernſt, da ſagte er, als er ge— trunken und ſich geſtärkt hatte: Glücklich, wer ein Gewiſſen hat, das ſich nur manchmal ſo trübt wie ein eben am Brunnen ge⸗ fülltes Glas, das von den tauſend Tropfen kryſtall⸗ reinen Waſſers beſchlagen wird! und ging, ter, um im ie Galerie in Zimmer ſetzte den der Galerie uhe an. Alles lang⸗ und wollee dem Kruge aus ihrer Kruge voll. n enes ge⸗ ah, wie ſi are kryſtall Glaſe von mit klarem as ſich ni grunnen R pfen krjſal 451 Damit gab er Louiſen, deren traurige Trübe bei aller Reinheit dieſem Bilde entſprach, das Glas. Sie ſtellte den Krug zur Erde und wollte ihm das Geleite bis an die Treppe geben... Wie er nun hinunterſtieg und fort war und ſie in ihr Zimmer zurückkehrte, hörte Louiſe im Glaſe, das ſie wegſtellen wollte, einen ſonder⸗ baren Klang. Der prächtige Ring von Gold und Edelſteinen, den Murray am Finger gehabt hatte, lag auf dem Boden des Glaſes. Seltſam! dachte ſie in längeren Pauſen. Hat er ihn vergeſſen? Oder ſoll Das ein Geſchenk ſein? Wer iſt dieſer Nann? So arm! So reich! So niedrig! So groß! So ſchwach! So ſtark! So kindlich! So weiſe! So offen, ſo räthſelhaft! Wie gelähmt vor Schreck ſtand ſie und betrachtete das funkelnde Geſchmeide... wünſchte aber die Nacht herbei, um es dem wunderbaren Nachbar zurückzugeben. —— 8 15 Funtzehntes Capitel. Eine Hexenküche. Der Vorfall zwiſchen den königlichen Herrſchaften und dem Fürſten Egon von Hohenberg auf Schloß So⸗ litüde hatte allgemeines Aufſehen erregt. Alle Welt ſprach von der rührenden Scene, dem Choral und den Thränen der Königin... Drommeldey hatte eine Anekdote gewonnen, die mit ſeinem Wagen die Runde bei all den vornehmen Herrſchaften machte, die in chro⸗ niſchen Fällen homöopathiſche, in acuten allopathiſche Behandlung verlangten... Die Trompetta war dem Vorfalle ſo nahe geweſen, daß ſich dieſe Nähe bald im Munde der Wiedererzähler in wirkliche Anweſen⸗ heit verwandelte. Hatte ſie doch Urſache, vom Hofe eine Entſcheidung über ihr Gethſemane zu erwarten! Warum ſollte ſie nicht dabei geweſen ſein, als jene zarte Ueberraſchung eines Sohnes mit den Andenken rſchaften und Schloß So⸗ Alle Welt Choral und ey hatte eine en die Runde die in chro⸗ allopathiſch tta war dem Nüähe bal he Anweſel „vom Hofe zu erwatten in, als jan en Andenke 453 ſeiner Mutter vorfiel? Sie gab dem Solitüder Vor⸗ falle erſt die myſtiſche Abrundung und Beleuchtung, denn ſie war es, die bei ihrer großen Beweglichkeit Hunderte von Urtheilen darüber hörte und dieſe Ur⸗ theile in Thatſachen verwandeln konnte. Man pries das Herz des Monarchen, man bewunderte den Takt ſeiner Gemahlin. Man ſtritt darüber, welchem Ge⸗ fühle die Scene am wohlthuendſten müſſe geweſen ſein, und kam darin überein, daß die junge Fürſtin wohl die reinſte Freude dabei genoſſen hätte; denn ſie war es, ſagte man mit der eigenthümlichen Sentimentali⸗ tät jener Regionen, die den König glücklich ſah! Lauſchte man doch von allen Seiten in des Königs Umgebung auf Momente, wo eine innere Freude aus ſeinem durch die Zeitverhältniſſe eingeſchüchterten Gemüthe drang! Der König hat gelacht! Ein ſolches Wort flog oft mit Blitzesſchnelle bei einer Cour durch den Mund von hundert Menſchen und die„kleinen Cirkel“ ende⸗ ten dann noch einmal ſo gut; denn die Hoffnung auf eine Löſung der Wirren, die die Krone bedrohten, ſchimmerte dann doch etwas leuchtender. Man hoffte dann wieder auf energiſche Befreiung von einem Mi⸗ niſterium, das die Noth des Augenblicks dem Regen⸗ tenhauſe aufgedrängt hatte. Es war aus entſchieden läſtigen Beſtandtheilen, aus Kaufleuten, Fabrikanten 4 h 1 6 1 1 und ähnlichen„Emporkömmlingen“ zuſammengeſetzt. Einige renitente Beamte, beſonders aus der Richter⸗ ſphäre, hatten die Verwirrung, die in den höchſten Kreiſen herrſchte, nur noch vermehrt. Das Vertrauen auf die alte unbedingte Hingebung der Bureaukratie war auch ſchon bei Hofe untergraben. Man ſah ſich da wie auf dem ſtürmenden Meer nach einem retten⸗ den Ufer, einem Leuchtthurm, einem Lootſen um. Das Drängen um die Ehre des Steuerruders war ſo groß, daß Keiner es beſonders kräftig erfaſſen konnte. Eine all⸗ gemeine Rathloſigkeit lähmte den ganzen Staatsorga⸗ nismus, der neue Formen ſich aneignen ſollte und noch nicht die Seele für dieſe Formen hatte. Der bevor⸗ ſtehende Landtag, weit entfernt, einen Halt, eine ret⸗ tende Planke für die Schiffbrüchigen zu bieten, war vorausſichtlich nur die Veranlaſſung neuer Verwirrun⸗ gen, neuer Stürme. Man konnte ſchon jetzt mit Be⸗ ſtimmtheit prophezeien, daß ſich das ſo nothwendig ſich dünkende Miniſterium ihm gegenüber nicht würde be— haupten können. Und zu militairiſchem Druck, zu Ge⸗ waltmaßregeln allein, ſchämte man ſich, jetzt ſchon zu greifen. Man wollte doch ſo gern den Schein der Ge⸗ dankenfreiheit behaupten und manche Idee verwirklicht ſehen, die ohne Unterſtützung der Ueberzeugungen keine Dauer verſprach. mmengeſezt. der Richter⸗ den höchſten s Vertrauen zureaukratie tan ſah ſich nem retten⸗ um. Das ar ſo groß, e. Eine al⸗ Staatsorga⸗ te und noch Der bevor⸗ , eine ret⸗ bieten, wat Verwirrun⸗ ſetzt mit Be hwendig ſich twürde be ruck, zu Ge⸗ tht ſchon dn hein dere verwirklih gungen keine 455 Niemand war von allen dieſen Wirren mehr er⸗ griffen als eine vornehme Dame, die wir zwei Tage nach dem im Vorangehenden geſchilderten Septem— berdonnerſtage am Samſtag Abend bei trübem und regneriſchem Wetter ſchon um ſechs Uhr Abends auf ihrem gelben Sopha bei gedämpfter Beleuchtung einer großen Lampe ausgeſtreckt, die Füße mit einem Shawl belegt und melancholiſch genug erblicken. Pauline von Harder befand ſich in ihrem oſten⸗ ſiblen Boudoir, dem uns bereits bekannten Zimmer Gelb in Blau. Sie ſchlug die Arme zuſammen und ſah auf eine Schreibmappe nieder, die mit einer Feder auf ihrem Schooße lag. Das Dintenfaß war in der Schreibmappe ſelbſt angebracht. Eine andere Dame, die alte Ludmer, breitete ihr den Shawl auf den Füßen auseinander, damit ſie ſich des Froſtes erwehrte, der ſie bei dem trüben und plötzlich ſehr herbſtlichen Wetter überſchauerte. Auch die Ludmer hatte eine Art Schreibanſtalt vor ſich an dem runden Tiſche von Mahagony. Auf einem Blätt⸗ chen notirte ſie mit einem Bleiſtifte. Wie kalt es iſt... Es iſt ſechs Uhr und ſchon finſter! ſeufzte die Geheimräthin. Der Herbſt kommt dies Jahr ſo früh... ſchnarrte die alte Geſellſchafterin. Der Sommer war zu ſchön und wie wenig hab' ich ihn genoſſen. Die Ludmer antwortete mit einer aufrichtigſt zu⸗ ſtimmenden Geberde. Ein Bedienter trat eben ein und ließ die Vorhänge nieder. Es war Franz. Bei den Wäſämskoi's drüben auch ſchon Licht? ſagte Pauline. Stichdunkel! antwortete Franz. Hat der alte Herr von drüben wieder unſer Haus ſo oft angeglotzt? fragte die Ludmer. Franz antwortete: Heut früh ging er wohl zehnmal vorüber und ſchien Luſt zu haben, zu klingeln. Immer beſann er ſich wieder und wandte ſich dann nach der Stadt... Sollt' er die kühle Viſite der Fürſtin gut machen wollen? fragte die Geheimräthin. Was? ſagte die Ludmer, die vielleicht jemand An⸗ ders im Sinne hatte. Ach, du meinſt den alten Hauslehrer? Franz wußte darauf keine Antwort und ging mit der Bemerkung, der Alte heiße Rudhard, aus dem Zimmer. Die Ludmer begann jetzt zu plaudern, zu berich⸗ ten, zu unterhalten. Sie erzählte von dem jungen venig hab ſchigſt zu⸗ Vorhänge on Licht? iſer Haus über und beſann er Stadt.., ut machen mand An⸗ den alten ging mi aus dem u bercc zu be m jungen Maler, der faſt den ganzen Tag dort drüben bei Helenen's Schweſter und ihren Kindern wie eingebür⸗ gert verweile. Sie erzählte von dem ſtadtbekannt ge⸗ wordenen Rendezvous in Solitüde, von großen Sce⸗ nen zwiſchen der Mutter und Tochter... Erinnere mich nicht an dieſen Tag! ſagte Pauline leidend. So ſich in ſeinem eignen Manne proſtituirt zu ſehen! Gegenſtand des Spottes in dem Menſchen, der unſer natürlicher Schutz, Beiſtand, unſre Ehre ſein ſollte! Ich kann mir denken, daß in allen Geſell⸗ ſchaften nur von Henning's ſtupider Miene geſprochen wird! Die Ludmer richtete ihre ſtechenden Augen auf die Geheimräthin und ſagte voll tiefſter Beſorgniß: Ja, ja! Zu unſerm Dienſtag-Diner haben der Oberhofmarſchall und Graf Franken abſagen laſſen... Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn wir in eine förmliche Ungnade fielen, erwiderte Pauline. Nur wegen der Solitüde? ſagte die Ludmer mit ſchärferem Blicke zu ihrer Freundin und Gebieterin hinüberſchielend und ihre Doſe anſchlagend. Ich weiß, was du ſagen willſt, antwortete Pau⸗ line. Man erklärt mein Haus jetzt für den Sam⸗ melplatz der Oppoſition. Man ſagt, ich machte Par⸗ tei... Laß ſie! Laß ſie! Das freut, das ermuthigt — 4⁵⁸ mich. Siehſt du! Ich thue in der That nichts, gar nichts, was dieſen Vorwurf verdiente und man kann von einer intelligenten Frau nichts Schmeichelhafteres ſagen, als daß ſie intriguire, während ſie doch nichts thut. Ihre Intelligenz iſt ſchon Intrigue! Null, Null ſoll man ſein, ja noch unter Null und zu Weihnachten nur für den Frauenverein ſticken oder eine Boutike hal⸗ ten. Das iſt Alles. Nichts thut, Beſte? ſagte die Ludmer und nahm eine Priſe. Iſt nicht auch Werdeck wieder zum Dienſtag eingeladen? Biſt du nicht in offener Ausſtellung auf dem Kunſtverein in Ekſtaſe gerathen über das Bild ſeiner Frau, und haſt dieſe Perſon wieder an dich ge⸗ zogen, trotzdem, daß ſie Jedermann flieht und du ſeit ihrer Spionage in Bielau ihr mistrauſt... Wie kommſt du auf dieſe Zufälligkeit? In Bielau? Spionage? warf die Geheimräthin ein. Welches In⸗ tereſſe könnte dieſe Frau, die aus Polen ſtammt und in mir ganz fremden Verhältniſſen aufwuchs, veran⸗ laſſen, ſich um unſere Vergangenheit zu bekümmern? Kind! Du weißt nicht, wie ſie dich Alle umſchlei⸗ chen und belauſchen! Daß zum Dienſtag die Trom⸗ petta, die Flottwitz, Niemand vom Bundesrath gebe⸗ ten iſt, gibt ſogleich Gerede. Biſt du nicht ein Herz und eine Seele mit der d'Azimont, die die zweifelhaf⸗ nchts, gau man kann helhafteres doch nichts Null, Null eihnachten outike hal⸗ und nahm Dienſtag ellung auf das Bild n dich ge⸗ nd du ſeit in Bielau! elches In⸗ ammt und 6, veran⸗ immern! umſchli de Tun rath gebe ein Hen zwefflha ten politiſchen Geſinnungen des Fürſten Egon beherrſcht und was iſt alles Das gegen... deine neueſte Grille... Pauline lachte mit der Ueberlegung eines ſtarken Geiſtes über einen ſchwächeren. Du ſprichſt, ſagte ſie, von meinem Ankauf eines geleſenen Journals! Wer allein nennt Das Grille, als eine Natur wie die deinige, die ſich um öffentliche Dinge nicht kümmert! Ich dächte, wir hätten an unſern geheimen ge— nug— ſagte die Ludmer ſcharf und ſah auf ihr Pa⸗ pier, während ſie den Bleiſtift probirte und aus einem Futteral, das neben ihr lag, eine Brille zog, die keine Bügelbrille, ſondern aus alter Gewohnheit ein ein⸗ facher ſogenannter Naſenquetſcher war. Pauline ſchwieg eine Weile und kam dann durch eine leicht erklärliche Ideenaſſociation auf Heinrichſon. Wie ſelten ſich ſeit einiger Zeit Heinrichſon macht! ſagte ſte ſeufzend. Deine Schuld, gutes Kind! antwortete die Lud⸗ mer jetzt durch die Brille näſelnd. Wie konnteſt du in dem Grade jugendliche Leidenſchaften verrathen, daß du mit ihm eine Scene ſpielteſt, als das abſcheu⸗ liche Ding, die Auguſte, ihn in unſern Zimmern wie raſend anfiel? Pauline ſchwieg eine Weile und ſtützte das Haupt auf. 4 1 1 6 1 1 4 3 4 1 9 * 41 4 460 Ich hatte mein Alter vergeſſen! ſagte ſie ſeufzend. Sonſt, wenn ich entdeckte, daß meine Freunde treu⸗ los waren und nicht Farbe hielten, hob ich Dolche empor. Wo ſind dieſe Zeiten hin!, Heinrichſon iſt doch aufmerkſam und weiß, was du ihm biſt und wie du ihm nützeſt. Aber mit ihm zu boudiren... Um eine Leda! Du haſt es nun! Er nahm die Scene für Affecta⸗ tion und kommt ſeltener. Dieſe Männer wie Hein⸗ richſon fürchten ſich vor Scenen. Doch iſt er ja wärmer, zärtlicher, als ſonſt... Franz... hat ganz Recht— Franz! Läſſeſt du nie dies Spioniren, Charlotte! Franz ſieht, was er merkt, was wir geſehen wünſchen. Die Viſiten Heinrichſon's bei der d'Azimont kann Keiner erfinden! Verleumdung! Heinrichſon arbeitet an ihren Er⸗ innerungsblättern. Soll ich mich vor Helenen fürch⸗ ten? Dann wäre Treue und Glauben aus der Welt gewichen. Schwelgt ſie nicht in dem Entzücken ihrer endlichen Ausſöhnung mit Egon! Sie lag heute wei⸗ nend an meiner Bruſt! Dieſe Freudenthränen! Die⸗ ſer Herzensjubel! Die Glückliche! ſie ſeufzend. reunde tren⸗ ich Dolche weiß, was er mit ihm für Affecta⸗ wie Hein⸗ ſonſt... Chatlotte! n wünſchen. imont kann ihren Er⸗ lenen fürch⸗ z der Welt wüͤcken ihte heut vei⸗ — di anen! Ahl ſetzte ſie nach einigen Augenblicken hinzu, ich will meine Tagebuch⸗Notizen machen. Und ich den Speiſezettel für Dienſtag, ergänzte die Ludmer trocken und ſchüttelte den Kopf und be⸗ hielt die Gedanken, von denen ſie ſah, daß ſie kei⸗ nen Anklang fänden, für ſich. Sonnabend den 20. September, ſagte Pauline halb⸗ laut und ſchrieb ſeufzend Notizen auf, die ſie theils wiederholte, theils nur flüſternd für ſich hinſprach... Elf Uhr... Beſuch Helenen's. Glücklich und ent⸗ zückt... Rückfahrt von Solitüde... Ueberraſchung .. Dunkelheit... Kindliche Hingebung... Die Ludmer ſprach aber auch gern etwas laut, wenn ſie dachte, und ſchrieb nachdenklich, als wenn ein Feldherr ſeinen Operationsplan gegen einen gerü⸗ ſteten und kriegskundigen Gegner entwirft, über das be⸗ vorſtehende große Dienſtagsdiner folgende Ideen nieder: Pürée von weißen Rüben mit Filets von Enten und Parmeſan⸗Croutons... Egon's Eindruck bei Hofe— fuhr wieder ihrerſeits Pauline fort... Mein Lächeln fällt Helenen auf— Ich lächle über mich— Warum?— Weil ich mir manchmal wie die Sibylle vorkomme, die in einer Höhle ſitzt und die Menſchen in ihrem Wahne ſich durchkreuzen ſieht, während ich im Buche ihrer Schickſale leſe— 462 Spaniſche Paſteten von Rebhühnern, ſagte die Ludmer und fügte ſtill für ſich, aber mit Nachdruck hinzu, von Rebhühnern en Salbicon— Wüßten alle Menſchen, was ich weiß— wüßten ſie, wie ich auf meinem Dreifuß ſitze, der Prieſterin von Delphi gleich— ich lächle und warte meine Zeit ab— Die Ludmer in der Hoffnung, den Pflegling ihrer Liebe von dieſen quälenden Träumereien und Tage⸗ buchsſchmerzen abzubringen, flüſterte: Rinderbruſt, glacé, mit Chalotten... Helene fürchtet für die Zukunft... ließ ſich Pau⸗ line nicht irre machen... trotzdem daß ſie den Augen⸗ blick beſttzt. Egon will die politiſche Carriere beginnen. Nichts iſt den Frauen gefährlicher als der Ehrgeiz der Männer. Ein Mann, der den Ruhm liebt, opfert ihm gewöhnlich zuerſt ſich ſelbſt und dann auch Alle, die ihn lieben. Helene fürchtet die Umgebungen Egon's und hofft, daß Rafflard ſein Verſprechen, ſie ſämmtlich zu entfernen, das ganze Neſt aufzuheben, wahr macht. Die Ludmer hörte etwas hinüber zu den ihr nicht ganz gleichgültigen Thatſachen, die die Geheimräthin niederſchrieb— und ſagte dann freudiger notirend: Gänſe à la Broche mit farcirten Gurken aà la Sauce... ſagte die Nachdruck — wüßten Prieſterin erte meine gling ihrer und Tage⸗ ſich Pau⸗ en Augen⸗ beginnen. er Ehrgeiz iebt, opfert auch All, en Egon ſämmtlich ahr macht Nihr nich heimräthin otirend: nken 4 463 Die Geheimräthin hatte aber trotz ihrer idealen Anſchauung gleichfalls nicht unterlaſſen, auch auf die Ludmer manchmal hinzuhören und zu prüfen, was die erprobte Erfindungsgabe der Freundin zuſammen⸗ ſetzte. Sie nahm jetzt das Blättchen und las die ſchriftſtelleriſchen Produkte der Ludmer. Die Ludmer nahm eine Prieſe. Iſt Das der erſte Gang? fragte Pauline. Der erſte Gang! Ich vermiſſe, ſagte die Geheimräthin, die gleich⸗ falls gaſtronomiſche Phantaſteen hatte, eine Kennerin der Tafelfreuden und längſt zu der Erkenntniß gekom⸗ men war, daß man ſich viele und gerade die geiſt⸗ reichſten Menſchen dauernd und wahrhaft treu leider nur durch Diners und die ſinnige Wahl ihrer Leib⸗ gerichte verbindet; ich vermiſſe, ſagte ſie, ein Hoche- pot von Wurzeln à»Anglaise für meinen guten Juſtiz⸗ rath, der ſeine Frugalität immer drollig genug zu be⸗ weiſen ſucht, daß er nach Gemüſen verlangt und von guter Hausmannskoſt ſpricht. Iſt der Juſtizrath denn eingeladen? Schlurck? Ich denke doch? Der Vater und die Tochter! Ich bin ſehr undankbar gegen den ehrlichen Menſchen und hab' ihm ſeit ſeiner edlen Aufopferung 1 1 — 1 p 3 1 8 1 3 6 6 1 4 1 . u* 4 4 1 —ͦͦ— 464 für meine Intereſſen viel zu wenig Aufmerkſamkeit erwieſen. Er war geſtern hier, um dich angelegentlichſt zu ſprechen. Wovon man mir nichts ſagte? erwiderte die Ge⸗ heimräthin entrüſtet. Ich mochte nicht... Der Mann wird alt... Er zeigte ſich ängſtlich! Aengſtlich? Worüber? Ein Schlurck ängſtlich... du ſprachſt ihn alſo? Es kämen, ſagte er, Anfragen, Vorwürfe wegen der übereilten Hausſuchung bei den Gebrüdern Wil⸗ dungen— man ſetze ihm mannichfach zu, wolle Aus— kunft über Dies und Jenes— er quengelte mehr, als ich je von dem Manne erwartet hätte— Dann lad' ihn nicht ein! erklärte die Geheimräthin entſchieden. Furchtſame Menſchen ſtören unſern Lebens⸗ muth. Man wird nie von Paulinen ſagen, daß ſie ihre Freunde vernachläſſige; aber nur keine Entmu⸗ thigung da, wo man Stärke erwartet! Von ſeiner Tochter ſprach Schlurck auch, berichtete die Ludmer. Sie iſt verlobt mit Laſally— Noch nicht förmlich... ſagte er. Auch bräche ſie ſolche Verhältniſſe ab, wie ſie ſie anknüpfe. Sie wäre ufmerkſamkeit legentlichſt zu derte die Ge⸗ vird alt.. angſtlich. rwürfe wegen brüdern Wil wolle Aus engelte mehr te— Geheimräthi nſern Lebend ggen, doß ſ keine Entm uch berichte uch brͤhe fe Sie ſ vorgeſtern gleichfalls, wie es ſcheint die ganze Welt, in Solitüde geweſen und hätte ſich, nach Hauſe ge⸗ kommen, ſo gegen Laſally gebehrdet, daß dieſe Ver⸗ bindung jetzt wieder weniger Möglichkeiten für ſich hätte als früher... Sie hat den Prinzen wieder geſehen, Dankmarn, Siegbert Wildungen— die alten Leidenſchaften regen ſich— Wir wollen Schlurck und Melanie doch ein⸗ laden. Vergiß es nicht! Und Werdeck und die Deputirten? Werdeck und die Deputirten! Juſtus vor Allen! Was? Juſtus? Den Heide... Die Ludmer machte eine Miene, als röche es plötzlich nach Dünger. Sie hatte für Politik wenig Sinn und ſchüttelte den Kopf und drückte wieder die Brille, die ſie beim Sprechen abgenommen hatte, auf die gequetſchte Naſe, daß ſie im Sprechen einen ſchreck⸗ lich ſchnüffelnden Ton bekam. Die Deputirten! näſelte ſie. Pauline fuhr abbrechend fort in ihren Notizen: Egon läßt ſich wählen— Dankmar Wildungen macht dabei den Vermittler— Helene fürchtet dieſen Entſchluß, fürchtet die Wildungen, fürchtet Louis Armand's Einfluß— fürchtet Alles, was ſie von Die Ritter vom Geiſte. V. 30 . Egon trennt— Nachrichten aus Paris— d'Azimont wird immer kränker— Egon ſpricht viel von der Nothwendigkeit und dem Glück legitimer Verhältniſſe— ſte klagt mir's... Die Ludmer hatte eben ſehr aufmerkſam zugehört und fragte, was legitim wäre? Pauline lächelte und ſagte: Legitim, liebe Charlotte, heißt, wenn nicht ſittlich, doch gedeckt durch die Sitte. Du guter Egon! Wenn du wüßteſt, was ſich Alles legitim nennt! Du willſt für die legitimen Verhältniſſe auftreten! Aermſter! Kennteſt du die Memoiren deiner... Pſt! ſagte die Ludmer und ſchrieb ſatyriſch grin⸗ ſend und lachend: Filet von Seezungen à la maitre d'’hôtel! Ha! Ha! Ha! Um zwölf Uhr Rafflard's Beſuch— er ſoll nun doch kein Jeſuit ſein— ſeitdem Helene ihn erkannt haben will— ſie nimmt ihre Verleumdung zurück— Rafflard ſoll ein Herz haben, das edelſte... ich finde ihn ergeben, gut aus Erſchöpfung, böſe zu ſein; aber nicht zuverläſſig— ſein Blick iſt nicht offen— er ſagte: Madame, der größte Herrſcher iſt der Schein des Dienens— Eine Reminiſcenz, die er wol nicht ſelbſt erdacht hat, aber gut befolgt.— Seine Abſichten ſind — dAimont jel von der erhältniſſe— am zugehört nicht ſittlich, egon! Wenn ¹ Du wilſt ¹Aermſter! tyriſch grin⸗ hotell Hal er ſoll nun ihn erkannt ng zurück— „. ich finde u ſein; abet offen— d r Schein des lrict ſebhi lbſichten ind in Dunkel gehüllt— er war bei Hofe— er verkehrt mit Voland von der Hahnenfeder— er verbindet dieſen Zauberer mit dem Propſte Gelbſattel— er iſt überall und nirgends— Rafflard will den Bund ſprengen, der den Prinzen Egon von Hohenberg um⸗ ſtrickt hält— er fürchtet viel von einer Annäherung Egon's an jenen Rudhard... eine Ausſöhnung, die Helene noch nicht einmal erfahren hat, weil ſie Rud— hard haßt und Egon ſie wahrſcheinlich damit zu kränken fürchtet... Louis Armand, Egon's böſes Princip— Rafflard wird in Egon's Umgebung auf⸗ räumen und ihr den Alleinbeſitz ihrer Liebe ſichern... ſein dunkles Wühlen... Pariſer Aufträge... Raff⸗ lard ſcheint mir fähig zu ſein, die Rolle ſelbſt eines Banditen... Maccaroni à la Bechamelle... ſagte die Ludmer, aber wie in der Zerſtreuung, ſo erſchrak ſie vor die⸗ ſer Charakteriſtik des Herrn Sylveſter Rafflard, der die Geheimräthin ſo intereſſirte, daß ſie im Notiren fortfuhr: Rafflard hat eine gute franzöſiſche Ausſprache und corrigirt Andere ohne zu verletzen... Er iſt räthſel⸗ haft. Um ein Uhr— eine Zumuthung der Flottwitz— abgelehnt— ein Beſuch der Trompetta nicht ange— 30* 468 nommen. Buchhändler Schröpfer beſucht mich auf meinen Wunſch und gibt mir Details über das po⸗ litiſche Journal:„Das Jahrhundert“, das ich kaufen will... Pauline! unterbrach die Ludmer halb vorwurfsvoll dieſe letzte Tagebuchnotiz, die die Geheimräthin mit einiger Schalkhaftigkeit ausſprach, nur prüfend, nur forſchend, welchen Eindruck ſie auf die Erfinderin ihres nächſten großen Küchenzettels machen würde. Nun? ſagte die Geheimräthin, den Kopf aufrich⸗ tend und lächelnd. Schröpfer... das Jahrhundert ... Guido Stromer... Pauline! Die Ludmer dirigirte einen langen ſchmerzlichen Blick auf ihre Freundin und langjährige Pflegebe⸗ fohlene... und da dieſe ſich nicht irre machen ließ, ſondern nur ſagte: Nun? Nun? ſo ſtieß ſie über dieſen Rückfall in die ihr verhaßte Literatur einen ihrer tiefſten Seufzer aus und ſagte, indem ſie no— tirte, mit betrübteſtem Ausdruck und gen Himmel blickend: Ach! Kalekut— Hirſchziemer— mit Salat— Kirſchengratin— Gelée von Citronen und geſchlage ner Sahne mit Marasquino und Biscuits! In dieſem feierlichen Augenblicke, den nur das zt mich auf bber das po⸗ s ich kaufen vorwurfsvoll nräthin mit rüfend, nur nderin ihres de. ropf aufrich⸗ Jahrhunder ſchmerzlichen ge Pfegebe machen lief jeß ſie übe eratur einen dem ſie ne gen Himm it Salat- nd geſchlah ts! en nuk! 469 ſchadenfrohe Lächeln der Geheimräthin etwas profa⸗ nirte, trat Franz herein und übergab der Ludmer einen Brief. Durch das Gartenamt vom Schloß; ſagte Jener. Der Geheimrath hatte ihn vergeſſen. Er iſt ſchon heute früh abgegeben. Die Ludmer betrachtete das Siegel und erbrach es. Der Brief war an ſie gerichtet. Die Geheimräthin fragte bei dieſer Gelegenheit, wo Excellenz wäre? Im Theater! hieß es. Franz, dem dann nichts Weiteres geheißen wurde, ging und die Geheimräthin zog naſerümpfend den Mund. Im Theater! ſagte ſie für ſich. Er hat ge⸗ wiß wieder ein kleines Verhältniß, das mit irgend einer moraliſchen Niederlage, wie im Möbelwagen, endigen wird! Die gute Lehre, die ihm Melanie ge⸗ geben, hat nicht lange gefruchtet. Eine wilrkliche Schauſpielerin wird es verſtehen, ihm noch eine län— gere Naſe zu drehen als dieſe Dilettantin in der Komoͤdie. Indem bemerkte Pauline, daß die Ludmer durch die Lectüre des eben empfangenen Briefes in große Aufregung verſetzt war. Was haſt du? fragte ſie, als die Ludmer die Brille 4 1 3 3 8 3 1 121 3 n * 8 IA 3 f —,— ——ᷣ:ů-ℳ— abnahm und aus ihren ſchwarzen Augen einen ſtechen⸗ den, erſtaunenden Blick auf ſie richtete. Das ſind ſchöne Sachen! ſagte die Ludmer. Lies! Pauline nahm den Brief, deſſen Aeußeres etwas Unförmliches hatte und faſt wie ein Dienſtrapport ausſah. Von wem iſt er denn? fragte ſie. Sieh nur! Das ſind ſchöne Sachen! Pauline ſah zuerſt auf die Unterſchrift. Sie lau⸗ tete„Mangold, königl. Garten⸗Inſpektor“. Iſt Das wegen— fragte ſie... Wegen Auguſten's! ſagte die Ludmer und ging ſchon zornig im Zimmer auf und ab. Pauline las: Meine liebe Madame Ludmer! In meiner Jugend hab' ich ſo unter der Herrſchaft meines Blutes ge⸗ ſtanden, daß ich auf Vieh und Menſchen zuſchlug, wenn mir etwas zu tückiſch und nicht nach meinem Willen entgegentrat. Für jede Beleidigung hatt' ich ſogleich mit fünf Fingern einen Habedank! zur Hand. Das waren meine jungen Zeiten und aus den Händeln kam ich nicht heraus! Wie ich aber einmal eine Frau, die mich auf jede Weiſe chikanirte, die Frau meines Lehrherrn, eines Gärtners, in einem Zornanfall faſt mit Füßen trat und vor der Rache ihres Mannes einen ſtechen⸗ ddmer. Lies! ßeres etwas Dienſtrapport t. Sie lau⸗ r und ging einer Jugend Blutes ge⸗ en zuſchlug, nach meinem ng hatt⸗ ich zur Hand den Hände al eine Fral Frau meine rnanfall e res Mannes n nicht entfloh, ſondern ihn, weil er die böſe Frau in Schutz nehmen wollte, mit der Peitſche durchhieb und dabei einem armen unſchuldigen Kinde, das in der Nähe ſtand, ein Auge ausſchlug, bin ich in mich ge— gangen und ein anderer Menſch geworden. Ich flüchtete jetzt und kam durch allerhand Irrwege nach Holland und England, wo ich die Gärtnerei im Großen ſtu⸗ dirte, die richtige Art der Parfanlagen, beſonders aber Ruhe, Selbſtbeherrſchung und Mäßigung lernte. Nach meiner frühern Art glaub' ich wohl, daß ich in Ihrer Nähe, liebe Madame Ludmer, jetzt wieder einem Kinde zufällig ein Auge ausgeſchlagen hätte; nach meiner jetzigen Art ſag' ich Ihnen aber nur, daß es ein Irr⸗ thum von Ihrer Seite iſt, liebe Madame Nudmer, wenn Sie geglaubt haben, daß ich zu dem verlornen Rufe Ihrer Nichte, Auguſte Ludmer, wie zu einem Brunnen den Deckel hätte abgeben können. Ich frage nicht: Wie konnten Sie wagen, Frau, einem ehrlichen, unbeſcholtenen Manne zuzumuthen, eine Auguſte Lud⸗ mer zu heirathen? Wie konnten Sie es wagen, auf meine Leichtgläubigkeit, Dummheit und von den Städten zurückgezogen lebende lebendige Einfalt hin, mir eine Partie vorzuſchlagen, die ewig meine Ehre würde gebrandmarkt haben? Wie konnten Sie ſo hin⸗ terliſtig Veranſtaltungen treffen, um mich und meinen ——p — ——————— guten Namen in dieſe ſchändliche Falle zu locken? Ich ſage das Alles nicht auf alte Art, weil ich... möglicherweiſe ein in der Nähe befindliches Kinder⸗ auge fürchte. Laſſen Sie ſich denn alſo mit der ein⸗ fachen Nachricht genügen, daß ich jenes ſchöne und in vieler Hinſicht angenehme Mädchen vom Grund meiner Seele aus bedaure, daß ich ſelbſt über einen gewiſſen Beweis menſchlicher Schwäche und die Er⸗ bärmlichkeit eines gewiſſen herzloſen großen Künſtlers in dummer Einfalt hinweggekommen wäre, allein die Wahrheiten, die ich ſah, als mir ein Ehrenmann, Namens Dankmar Wildungen, auf dem Cafe Richter geſtern die Schuppen von den Augen nahm; dieſen Ueberfluß der Schande und des Elends kann ich in keinen Wald der Welt mitnehmen, in keinem Sans⸗ regret der Welt verbergen, das Laub würde darüber verderben und die Jahreszeiten könnten mir in Un⸗ ordnung gerathen. Ich hab' es dem Mädchen noch am ſelben Abend in Ruhe geſagt. Ein alter Ver⸗ ehrer von ihr ſtand dabei. Eine ſchwarze Binde an ſeinem Auge erinnert zwar nicht an Amor, den blin⸗ den Gott der Liebe, aber er ſoll reich ſein... er mag ſie tröſten! Sie ſah mich ſtarr an und lachte.. Da ſie nichts erwidern konnte, ſagt' ich ihr ein ruhiges Lebewohl und ging— wohin ich vor zwanzig Jahren e zu locken? weil ich... iches Kinder⸗ mit der ein⸗ zſchöne und vom Grund t über einen und die Er⸗ en Künſtlers re, allein die CEhrenmann, Café Richter ahm; dieſen kann ich in einem Sand⸗ ülde darüber mir in Un⸗ Nädchen noch in alter Wet tze Binde d rr den bli ſein.. und lachte tein vuhi vanzig Jahe 473 nicht gegangen wäre, nicht zu Ihnen— ſondern nach Hauſe, in mein Kämmerlein und dankte Gott, daß er mich vor ewiger und zeitlicher Gefahr behütet hat. Leben Sie wohl, Madame Ludmer, und ſuchen Sie ſich andre Deckel für Ihre unſaubern Töpfe aus! Es gibt Viele, die ſo dumm ſind wie ich und nicht ſehen was darin iſt. Aber es gibt nicht zuviel, die, wenn ſie einmal geſehen haben, nicht gern dumm bleiben wollen... Ihr ergebenſter u. ſ. w. Madame Ludmer war von dieſem Briefe ſehr geär⸗ gert. Sie zerknitterte ihn, wie ſie den Schreiber hätte zerknittern mögen. Ihre Gebieterin lachte faſt und nahm die Sache leichter. Sie begriff nicht, warum ihre Füh⸗ rerin und langjährige, auch im Dienen nach Rafflard's Theorie herrſchende Freundin ſich über dieſen Ausbruch einer gereizten Stimmung ſo aufregen konnte. Wer iſt nur dieſer Alte mit der ſchwarzen Binde? ſagte die Ludmer. Mit ihm iſt ſie arretirt worden— Rafflard erzählte uns, daß er nach einem Beſuche im Gefängniſſe dieſen Engländer für einen der unter⸗ nehmendſten und ſchlaueſten Böſewichter halte, die je⸗ mals die Aufmerkſamkeit der Behörden in Anſpruch genommen hätten— wird ſie nicht in Gemeinſchaft mit einem ſolchen Beiſtand Alles unternehmen, um ſich für dieſen Affront, den ihr Mangold anthut, zu 474 I 6 — 6 6 6 rächen? Seit ſie in deinem Verehrer einen Menſchen erkannte, den ſie haßt, hat ſie ja angefangen, uns empfindlicher als je zu quälen. Kann es mir recht ſein, daß mein Name von ihr im Schmuz herumgezo⸗ gen wird? Iſt nicht ſelbſt vorauszuſehen, daß ihre nach Rache gierige Wuth ſich allmälig bis in die Er⸗ innerungen ihrer Kindheit zurückwühlt und mit Hülfe männlichen Beiſtandes bis zu den Tagen ankommt, wo wir in Bielau, wie du weißt... Schweige doch! rief Pauline und richtete ſich nun groß und lang auf. Welche düſtern Phantaſieen! Iſt es das Wetter, das dich ſo aufregt oder was? Aengſtigen dich die Kaſtanien, die im Regen draußen von den Bäumen platzen? Der Brief ſoll uns nicht gleichgültig ſein. Ich erſtaune ſogar, wieder den Na⸗ men Dankmar Wildungen, den jungen Mann, der jetzt ſoviel Aufſehen erregt, in Angelegenheiten genannt zu ſehen, die mich berühren. Ich wünſchte, Stromer beruhigte mich über dieſen wie es ſcheint gefährlichen Charakter, der ſo ſonderbar immer in der Nähe von Dingen iſt, die ſich auf uns beziehen— Was Stro⸗ mer lange bleibt! Es iſt bald ſieben! Laß dieſe Grillen! Denke, wie glücklich die Angelegenheit mit den Denk⸗ würdigkeiten Amanden's abgelaufen iſt. Wir erwar⸗ teten Rache, Verleumdung, Wahrheit ſogar. Und was inen Menſchen gefangen, uns es mir recht uz herumgezo⸗ hen, daß ihre in die E⸗ mit Hülfe Sz gen ankommt, htete ſich nun Phantaſteen! oder was! gen draußen V U uns nicht eder den N⸗ Mann, dei eiten genannt chte, Stromne gefährlichn er Nähe von Was Snn dieſe Grille it den Del Wir erche fanden wir? Die mächtigſte Waffe in der Hand Deſſen, der den Muth nicht verliert! Wenn ich einſt dieſe Waffe ſchwänge— wenn ich dieſe Memoiren hingäbe und ſagte: Dal Leſ't ſie! Ich weiß, es ſind Dinge darin, die auch mich vernichten würden, aber ich hätte die triumphirende Genugthuung, daß in meinen Sturz ich eine allgemeine Verwirrung hineinzöge und Die, die mich gedemüthigt glaubten, vielleicht ſelbſt ihr Haupt nie wieder erheben könnten. In dem Augenblicke meldete Franz Herrn Guido Stromer... Doktor Stromer, nicht mehr Pfarrer Stromer. Soll willkommen ſein! ſagte Pauline. Die Ludmer hielt Franz zurück... Noch ein Wort! Franz... Sie beſann ſich und wie einen Entſchluß faſſend ſagte ſie: Was iſt für Wetter? Die Bäume triefen wie Regenſchirme! Wie naſſe, willſt du ſagen, meinte die Ludmer. Nimm zwei trockne, Franz, du mußt ſogleich in die Stadt... Könnte nicht Ernſt... ſagte Franz verdrießlich. Der Doktor iſt in einer Droſchke gekommen. Ernſt oder Franz, polterte die Alte, die wol ein⸗ mal, aber nie zwei mal ſchmeichelte; Einer geht ſo⸗ — ——— ů- 3 4 476 gleich nach der Königsſtraße und erkundigt ſich, was ſte treibt! Ob ſie wieder mit dem Manne in der ſchwarzen Binde geſehen wird, wie damals auf der Fortuna oder... Sie geht mit Mangold— Mit Mangold iſt's nichts mehr! Franz... geh' ſelber zu ihr... Mangold iſt dahintergekommen. Sie iſt bösartig gegen Euch! Ernſt hat nicht Muth genug. Geh' Fränzchen! Franz, ſo cajolirt, ſagte, er wollte ſelbſt gehen. Die Geheimräthin lobte ihn für ſeinen Eifer. Die Ludmer knitterte ihren Brief zuſammen, nahm den Bleiſtift und ihre culinariſchen Notizen und entfernte ſich durch das Schlafzimmer und das hintere Bou⸗ doir, um einige Anſtalten für den Thee zu treffen... Diejenigen Bedienten, die ſich treu erwieſen, hatten es gut in dieſem Hauſe. Guido Stromer war ſeit einigen Wochen ſchon faſt der tägliche Hausfreund der Geheimräthin von Harder. Er verdankte ſeine Einführung dem Juſtiz⸗ rath Schlurck und einem artigen Schutzbriefe, mit dem ihn Melanie ſelbſt empfohlen hatte. Melanie hatte geſagt: Hier iſt ein Mann, gnädige Frau, der in die Reſidenz kommt und nach Geiſt dürſtet! Er hat die Thorheit, dieſe Quelle in meiner Nähe zu ſuchen und ſich, was me in der ss auf der g men. Sie ith genug. bſt gehen. jfer. Die nahm den entfernte tere Bou teeffen en, hatten chen ſchon äthin von em Juſti e, mit demn lanie halte der in d yr hat d ſuchen un 477 ſchöpft und ſchöpft und ſchöpft vergebens. Ich hab' ihm geſagt, ich will ihm den rechten Waldgrund zeigen, wo es in der Tiefe mächtig rauſcht und ſiedet und gährt und ſiehe! ſo kommt er zu Ihnen. Seitdem hatten Guido Stromer's Aufſätze im „Jahrhundert“, einer großen, einflußreichen Zeitung, ſchon Manchem gefallen. Zwar hatte man ihm für ſeine etwas verworrenen Anſchauungen erſt nur noch das untere Stockwerk, das Feuilleton, eingeräumt, allein für andre Leſer, wie Pauline, war Dies gerade eine Auszeichnung. Man ſprach allgemein davon, ob Guido Stromer nicht ſteigen, in die politiſchen Spal— ten avanciren würde, aber es fehlte ihm noch die Grundlage poſitiver Thatſachen, wie er's nannte, Kenntniſſe, wie Dankmar es genannt haben würde. Er war reich in Principien, arm in praktiſchen Finger⸗ zeigen. Zufällig waren unter den Eigenthümern des „Jahrhunderts“ Differenzen entſtanden, die ſich am Beſten ausgleichen ließen, wenn irgend eine bedeu tende politiſche Macht etwas daran wagen und das Blatt kaufen wollte. Guido Stromer intereſſirte Pau⸗ linen für dieſe Idee. Ein Blatt zu haben, ohne daß man ihr dies Eigenthum, das auf einen andern Na men geſchrieben werden mußte, nachweiſen konnte, je⸗ den Morgen eine Parole austheilen, jeden Abend in 4 j 4 1 1 6 1 8 R 41 4 5 1 1 9 9 1 * 1 473 der Welt ſeine ſichere Wirkung zu haben, abweiſen, annehmen, vorausſehen, drohen, belohnen, etwas wiſ⸗ ſen zu können, was Andere nicht wußten... ſie war entzückt von dieſem Plane und hatte dafür nur Stro⸗ mern, Heinrichſon und die Ludmer zu Vertrauten. Heinrichſon verſprach ihr, über die künſtleriſchen Be⸗ ſtrebungen ſo viel geheimes Material zu geben, daß ſie im Feuilleton unter einem angenommenen Namen ſelbſt als eine feine Kennerin der Kunſt auftreten konnte. Sie ſchwelgte in dem Gedanken, über die öffentliche Meinung eine Herrſchaft zu gewinnen, die ihr einen Erſatz für die„kleinen Cirkel“ bieten ſollte, von de⸗ nen ſie mit ſo hartnäckiger Conſequenz ausgeſchloſ⸗ ſen blieb. Guido Stromer trat ein, wie immer mit dem Be⸗ wußtſein, in welchem Goethe ſeinen Taſſo ſagen läßt: Und wie der Menſch nur ſagen kann: Hier bin ich! Daß Freunde ſeiner ſchonend ſich erfreun; ſo kann ich auch nur ſagen: Nimm mich hin! Er idealiſirte ſich nämlich von Tage zu Tage mehr. Der Blick ſeines Auges wurde immer freier und ſtrah⸗ lender, die Art, den Kopf auf ſeinen Schultern zu heben, wurde beweglicher, ſein ganzes Weſen erſchien wie elektriſirt und im ganzen Gehaben faſt überreizt. Eine gewiſſe Pedanterie war dabei freilich nicht zu 1, abweiſen, etwas wiſ⸗ ſie wan r nur Stro⸗ Vertrauten chen Be ben, daß ſie damen ſelbſt eten konnte e öffentlich e ihr eine e, von de g sgeſchlof Tage mel rund ſtrah chultern ſen erſche i ibeni ch nich vertilgen. Die mangelnde feinere Erziehung, die ihm Fürſtin Amanda, die auf den innern geiſtigen Kern blickte, völlig nachſah, war durch feinere Wäſche und eine wie aus einem Handbuche ſtudirte Eleganz nicht zu verdecken. Die Grazien waren in ſeiner Nähe, aber ſie neckten ihn nur, ſie ſpielten mit ihm Ver— ſteckens, ſie wohnten nicht in ihm ſelbſt. Dieſer feine Kopf aß jetzt an vielen vornehmen Tafeln, aber er wiegte ſich ſo ſonderbar in dieſen Genüſſen, athmete ſo den Duft ſeiner Einladungen ein und aus, wie⸗ derholte ſo ſehr Alles, was ihm begegnete, in der Er⸗ zählung ſprach er ſo geräuſchvoll und nachdrücklich, daß das ganze perſönliche Intereſſe, das Pauline an dieſem ſo urplötzlich aufgetauchten Autor genommen hatte, dazu gehörte, um durch ihn in ihren Nerven nicht empfindlich geſtört und verletzt zu werden. Meine gnädige Frau, ſagte Guido Stromer, gleich im Eintreten, während er Paulinen die Hand küßte, ich komme in Sturm und Regen und muß in weiter Ferne von Ihnen bleiben, denn ich bringe eine Atmo⸗ ſphäre mit, die leicht den Katarrh nach ſich zieht. Nun, beſter Freund, begrüßte ihn Pauline und bat ihn Platz zu nehmen, wo es ſeiner diätetiſchen Sorgfalt für ihre Geſundheit nur beliebe. Was brin— gen Sie über das„Jahrhundert“? — 480 Vor allen Dingen die heutige Nummer! ſagte Stromer, griff in den neuen ſchwarzen Frack, deſſen Hyper-Modernität ihm beinahe komiſch ſtand und breitete das von der Druckerei noch naſſe Blatt aus, das Pauline gierig ergriff und durchflog. Im Büreau war ich nicht, fuhr Stromer fort, nachdem Pauline ſich etwas orientirt hatte... denn zu ſprechen, während Jemand etwas vielleicht— von ihm las, dazu war er zu— taktvoll... Das Bü⸗ reau iſt zu entlegen. Einem kleinen Mädchen kauft, ich es an einer Straßenecke ab. Das Kind ſtand im Regen da wie der zitternde Strauch auf einſamer Heide... Ich weiß, Ihr Exemplar kommt erſt ſpäter. Schröpfer war da! warf Pauline im Leſen und blätternd faſt neckiſch und wie zur Anregung hinein. Ah, gnädige Frau, ſagte Stromer, ich wußte es, ich hab' ihn ſelbſt geſprochen. Die Soſier ſind keine Freunde der Aktienunternehmungen, welche Zeitungen ſtiften. Auch die kleinen Buchhändler auf der Straße ſollen weggeſchnappt werden. Kind! fragt' ich das kleine Mädchen, das die Blätter feil bot, lieſt du denn ſchon und verſtehſt du auch, was du verkaufeſt? Meine Schweſter erzählt es uns manchmal; ſagte das Kind Haſt du eine Schweſter, kleine Proletarierin? fragt' ich. Welchen Schriftſteller liebt ſie denn am liebſten in dem mmer! ſagte Faack, deſſen h ſtand und ſe Blatt aus stromer for ſte... den leicht— vol .Das Bü üdchen kauf ind ſtand i zuf einſam nt erſt ſpät n Leſen un ung hinein ich wußte! ier ſind ke⸗ he Zeitung if der Ste agt ich d lieſt dudd ufeſt? Mä gte das ſ in? frag ebſten in 481 Blatt, das du da verkaufſt?... Stromer hielt inne; denn die Geheimräthin war ſo vertieft, daß ſie ſowol ſein Bild von dem auf der Haide im Sturme fröſteln⸗ den Strauche, wie ſeine Unterredung mit der kleinen Line Eiſold überhört hatte. Er wartete, bis ſie ſich geſammelt hatte. Ah, ſagte ſie dann und blickte zu Stromer, um ihn zum Weiterreden zu ermuntern. Denken Sie ſich, gnädige Frau, fuhr dieſer fort, wie man populair wird! Und dein Ruhm wird er⸗ tönen auf der lauten Gaſſe! Jeſaias würde mich be⸗ neidet haben, wenn er Das gehört hätte. Wohl weiß ich, daß auf der Gaſſe nicht blos Glocken tönen, ſon⸗ dern auch Schellen klingeln und alte Töpfe krachen, die man in Scherben zerwirft, aber auch ein ſolcher Polterabendruhm klingt einem Ohre ſüß, das beſtimmt ſchien, nur im Umkreiſe eines ländlichen Nachtwächter⸗ hornes ſeinen Namen bekannt zu wiſſen. Im Umkreiſe eines ländlichen Nachtwächterhornes! wiederholte das Bild anerkennend Pauline, indem ſie weiter blätterte und nicht ganz bei der Sache war. Wovon ſprachen Sie denn? Dieſe kleine fliegende Buchhändlerin ſagte mir, der liebſte Schriftſteller, von dem ihre Schweſter ſich etwas abſchriebe, wäre ihnen Guido Stromer! Gnädige Frau, Die Ritter vom Geiſte. V. 31 1 31 1 1 18 3 1 1 1 4 4 1 1 — 6* 6 ½ 4 6 4 5 1 1 4 4 1 Das ſo zu hören im Sturme eines naſſen Herbſtaben⸗ des, an einer Straßenecke unter Wagengeraſſel, wie Macbeth ſein Schickſal am Wege von den Herxen zu⸗ gerufen bekommt. Poeſie mitten in der Alltäglichkeit! Nun erſt ſammelte ſich Pauline von Harder. Sie hatte das Blatt durchflogen, ſich über den Stand der Parteien orientirt, die neueſten telegraphiſchen Depe⸗ ſchen geleſen, einige kleine durch Stromer beſorgte No⸗ tizen von eigener Hand gefunden... nun erſt hörte ſie halb, was Guido Stromer ſprach und fragte: Alſo was ſagte Schröpfer? Merkte er unſere Abſicht? Guido Stromer war doch ſtark betroffen, daß die gnädige Beſchützerin ſeiner Zwiſchenreden ſo wenig Acht gehabt hatte. Er hatte in ſolchen Fällen die Gewohn⸗ heit, den Ton ganz leiſe einzuſetzen und mit gezoge⸗ ner Empfindlichkeit und einem gleichſam nur ſeinem eigenen Genius genugthuenden gelinden Strafverfah⸗ ren ſo wie hier zu wiederholen: Was. Herr.. Schröpfer.. geſagt... hat? Ja, Sie ſprachen doch... Wohl! ſagte Stromer ſeufzend und gelaſſen, wie ein angeſchmiedeter Prometheus; wohl! Frau von Har⸗ der will zur Literatur zurückkehren, ſagte der edle So⸗ ſier, ſie will vielleicht ein Blatt begründen! Aber vom „Jahrhundert“ war keine Rede. Herbſaben⸗ ger aſſel, wie n Hexen zu⸗ Llltäglichkeit dor jo Harder. Sie Stand der chen Depe⸗ beſorgte No⸗ erſt hörte fragte: ſere Abſicht! daß die wenig Acht ( ewohn mit gezoge nur ſeinen Strafverfa t hat elaſſen, u au von h D er edlec Aber he Ah! Ich habe mir, begann Pauline die Arme übereinander ſchlagend und den einen Fuß auf ihr Sopha legend, ich habe mir Mancherlei von den Ein— richtungen einer ſolchen Unternehmung erzählen laſſen, von Druck, Papier, Verſendung, Abonnentenzahl und dergleichen mehr. Ich glaube, daß die dreitauſend Abnehmer des„Jahrhunderts“ ungefähr nach allem Ko⸗ ſtenabzuge einem Capitale von 10,000 Thalern gleich kommen. Höher nicht? fragte Stromer, der wie alle über⸗ fliegenden und haltloſen Naturen auch in ſolchen prak⸗ tiſchen Verhältniſſen von dem Werthe der eigenen Thä⸗ tigkeit chimäriſche Begriffe hatte. Finden Sie die Summe ſo unbedeutend? Das Capital iſt bedeutend. Die Rente klein... antwortete Stromer, und eigentlich müſſen wir hin⸗ zufügen, daß ihm Capital und Rente neue Begriffe waren, die er nicht ohne einige Genugthuung ſeinem bisherigen üblichen Sprachgebrauche einverleibt hatte. Es iſt mir nicht um die Rente, ſagte Pauline, die in Geldſachen geläufigere Praris hatte, ſondern um den Einfluß, um die Unterhaltung und manchen nütz⸗ lichen Gedanken, der ſich wird fördern laſſen. Durch wen beſorgen wir nur den Kauf? Wer leiht ſeinen Namen her, um den unſrigen zu decken? 31* —— —— 484 Ich habe an Herrn Schlurck gedacht... meinte Stromer. O ſehr gut! Schlurck! Er iſt... Doch zuverläſſig? Wie Gold! Aber... ſeit der Hohenberger neuen Generalpacht ſcheint er mir etwas en décadence. In der That? Man ſpeiſt doch bei ihm wie bei einem Lucullus. Seine verlorene Curatel der Hohenbergiſchen Gü⸗ ter hat ihm in der großen Welt geſchadet. Es iſt erſtaunlich, wie anſteckend das Glück und wie noch anſteckender das Unglück iſt. Beim Glücklichen ver⸗ ſucht ſich Jeder, den Unglücklichen flieht man. Das ſoll mich aber nicht veranlaſſen, dieſe Thorheit mit⸗ zumachen. Ich will Schlurck beſtimmen, das„Jahr⸗ hundert“ für meine Rechnung anzukaufen... Indem trat die Ludmer ein, hinter ihr folgte ſehr bald Ernſt mit dem Theeſervice... Stromer hörte das Klappern von Taſſen ſchon ſeit Jahren außer ordentlich gern. Es wurde ihm dann immer ſo be— haglich, daß er ſogleich anfing, Streckverſe über das Sieden eines Theetopfes, über das Singen eines ge⸗ bundenen Waſſergeiſtes und den angenehmen Zuſam⸗ menhang zwiſchen einem kalten Septemberabend und einer Taſſe braunen Peccothees zu jeanpauliſiren, wo⸗ . meinte erger neuen. adence m wie bei jiſchen Gü⸗ et. Es iſt H wie noch llichen ve- nan. Das it mit⸗ orheil das Jaht⸗ folgte ſehr romer hölte gren auße nmer ſo be e über da en eines g nen Zuſan erabend un liſiren, d 485 bei er nicht fürchtete, ſich zu wiederholen. Er hatte ähnliche Empfindungen an dieſer Stätte ſchon mehr⸗ fach ausgeſprochen, ſprach ſie aber heute wieder aus... Die Ludmer hatte ſeit Jahren ein Zeichen, das ihr ſagte, ob ſie ein tete-à-téte oder eine größere Ge⸗ ſellſchaft der Geheimräthin durch ihre Anweſenheit ſtörte oder nicht. Fand ſie das feine battiſtene Taſchentuch Paulinen's in ihrer linken Hand, ſo durfte ſie blei— ben; fand ſie es in der rechten, ſo hatte die Gebie⸗ terin Urſache, ihre Entfernung zu wünſchen. Da ſie das Taſchentuch heute in der linken bemerkte, ſo blieb die Ludmer und ſorgte für den Thee, ſcheinbar dem Geſpräche nicht folgend und doch ſehr bei ihm inter⸗ eſſirt. Denn ſie war keine Freundin der literariſchen Beſtrebungen Paulinen's. Sie fand in dem Umgange mit Schriftſtellern nichts ihrer Würdiges. Sie hatte auch Scharffinn genug, ſich zu vergegenwärtigen, daß dieſe Art von geiſtiger Thätigkeit zuletzt eine Unſumme von Verlegenheiten bereitet und ſie wußte dann, was die nächſten Umgebungen der Geheimräthin zu leiden hatten, wenn die Schwierigkeiten wuchſen und ſich alle Ausgänge verſtopften und die Rückzüge ſich ver⸗ ſperrt fanden. Sie bereitete den Thee, ſchwieg, hörte aber mit ſcharfem Ohr auf jedes Wort, das hier ge⸗ ſprochen wurde. 5 7 68 f 7 2 ¹ 1 6 h 1 1 4 1 Man erörterte die Stellung, die künftig das„Jahr⸗ hundert“ in den Fragen der Zeit, dem Wirrwarr der Parteien einnehmen ſollte. Pauline tadelte die ſchwan⸗ kende bisherige Haltung dieſes Blattes, das zwar ſehr leſerliche, aber wenig entſchloſſene Artikel brächte. Irgend etwas muß geſagt werden, erklärte ſie. Die Artikel müſſen auf eine gewiſſe Pointe zurückkommen. Jeder Gedanke muß ſeine eigenthümliche Spitze ha⸗ ben. Werdeck müſſen Sie verſuchen für die Artikel über Militairreform zu gewinnen, Juſtus, den Heide⸗ krüger, für gutsherrliche und bäuerliche Verhältniſſe, Schlurck kennt die Mängel unſres Gerichtsverfahrens, Gelbſattel iſt ſehr verſtimmt, ſehr, ſehr, der Hof nimmt keine Rückſicht mehr auf die alte Tonangabe, die man ihm in früheren Zeiten geſtattet hatte; das Alles ſind Elemente, die Sie gewinnen müſſen und woraus man eine Zeitſchrift für Misvergnügte bilden kann. Glau⸗ ben Sie mir, die würde großen Anklang finden! Stromer nippte an ſeinem Thee und brockte Zwie⸗ back. Wenn er aufrichtig war, mußte er ſich geſte⸗ hen, daß er in keiner Weiſe für ſolche Unternehmun⸗ Es fehlte ihm jede Unterord⸗ nung unter fremde Denkweiſe. So ſehr er eine Auf⸗ gen der Mann war. gabe daraus machte, alle Menſchen in ihrer Art gel⸗ ten zu laſſen, ſo war es ihm dabei doch nur um eine das Jahr⸗ irrwarr der die ſchwan⸗ s zwar ſehr brächte. te ſie. Die ückkommen. Spitze ha⸗ die Artikel den Heide⸗ gerhältniſſe verfahrens, Hof nimmt de, die Wan z Alles ſind voraus man unn. Glau⸗ finden! rockte Zwie rſich geſt nternehmun e Unterond er eine Ai rer Att g nur um dan 487 gewiſſe Kunſt der Charakteriſtik und den Schein der politiſchen Milde zu thun. Zu objectiven Wahrheiten vollends wußte er ſich nicht zu erheben. Dürft' ich nicht eine Anſicht äußern, gnädige Frau? ſagte er jetzt in ſeiner alten Art, die wir von Hohen⸗ berg kennen, in jenem leiſen, vorbereitenden, die Auf— merkſamkeit erzwingenden Piano. Sprechen Sie! ſagte die Geheimräthin. Die Ludmer horchte. Ich geſtehe doch aufrichtig, ſagte Stromer, daß ich mir eigentlich gedacht habe, ob man nicht in dem „Jahrhundert“ jede Parteiung umgehen könnte. Wo man hinhört, wird der Haß gepredigt. Wenn nun einmal Einer aufſtünde und das Evangelium der Liebe predigte? Ich verlange Schonung für jede Anſicht, un⸗ ter der Bedingung, daß ſie ſich nur geiſtig ankündigt. Ah! Ah! rief Pauline ablehnend. Sie fallen in den Ton zurück, der meiner guten Freundin, der Für⸗ ſtin Amanda, ſo ſympathiſch war! Unſere Zeit ver⸗ langt Farbe. Sagen Sie Das nicht ſo entſchieden, gnädige Frau! Unſere Zeit verlangt den Regenbogen des Friedens... Und im Regenbogen ſind alle Farben vereinigt. Gelb und Roth herrſchen vor. Krieg! Krieg! Be⸗ ſter Pfarrer! 488 Für unſer Auge, für unſere dunſtige Atmoſphäre, gelb und roth. Aber an klaren Tagen ſieht man mehr das Roth und Grün hervorſtechen... Ohne eine Partei, ohne eine Geſinnung hält ſich keine Zeitung! Nein, nein, Stromer! O fern ſei es von mir, zu ſagen, flüſterte Stro⸗ mer erregter, daß ich keine Geſinnung hätte! Das aber eben iſt meine Geſinnung, daß ich die Extreme verabſcheue. Nur der Willkür und der Gedankenloſig— keit wollen wir den Krieg erklären, Das aber, was ſich in einer Form der Schönheit und einer gewiſſen individuellen Nothwendigkeit ankündigt, Das müſſen wir gelten laſſen, wenigſtens eine Zeitlang prüfen. Vom Berge Sinai kommt der Bote des Herrn, der Geſetzgeber ſeines Volkes. Wie er aus den Wolken tritt, ſiehe da! ſein Herz iſt bekümmert. Sein Volk tanzt um ein güldenes Kalb. Der Gott, den ihnen Moſes aus den Wolken bringen ſollte, zögerte ihnen zu lange. Sie zwingen Aaron, ein güldenes Kalb zu gießen, das ſie faute de mieux ihren Gott nen⸗ nen. Moſes, voll Entrüſtung, nimmt die Tafeln des geſchriebenen Geſetzes, das er mit ſich herunterbringt, und wirft ſie nach dem Götzenbilde. Die Tafeln zer⸗ ſpringen und alles Volk eilt herbei, die Scherben zu ſammeln. Jeder hat nun einen Theil der Wahrheit, Atmoſphäre, ht man mehr ug hält ſich ſterte Stro⸗ ätte! Das die Ertreme dankenloſig⸗ aber, was ner gewiſſen das müffen ung prüfen. Hertu, der den Voltn Sein Vo „den ihner ögerte ihnen denes Kal Gott nen Tafeln d runterbring Tafeln i Scherben Wabhth 489 Jeder hat nun ein Stück des Geſetzes und jetzt bedarf es der Mäßigung, Ruhe, der Verſtändigung, um die Scherben wieder aneinander zu ſetzen und aus den Trümmern wieder des Herrn lebendiges Wort zur Auferſtehung zu bringen. O das iſt ein Mythe! rief Pauline. Das iſt ſehr poetiſch, Pfarrer! Ein ſolches Gleichniß an die Spitze des Jahrhunderts geſtellt, als Einleitung des neuen Programmes— als Ankündigung kann Das Glück machen; aber... Dennoch fühl' ich, fuhr Stromer fort, daß wir im Vorhofe ſolcher Allgemeinheiten nicht dürfen ſtehen bleiben. Ja wir müſſen uns an die Thatſachen wa⸗ gen. Aber noch heute nahm ich Veranlaſſung, zu Gelbſattel zu ſagen: Warum ſtreiten wir nur über die Frage, wer regieren ſoll? Iſt es erhört, daß un⸗ ſere Zeit den Königen nur das Regieren überhaupt zu-⸗ oder abſpricht und Niemand denkt mehr daran, wie regiert werden ſoll? Das Schiff fährt dahin über die Wogen. Der Mann am Steuerruder lenkt ſeine Bewegung. Er hat doch ein Ziel! Er hat doch ent⸗ weder nach Kolchis zu ſegeln, um das goldene Vließ zu holen oder er trägt ſchon eine Beute und will zu⸗ rück zu der Heimat Strand. Einſt gab es Könige, die nicht an's Regieren überhaupt dachten, ſondern 490 nur daran, daß ſie gut und groß regierten. Ihr Mi⸗ niſter und Volkshäupter ſtreitet über das Regieren. Wer regiert! Ei, ſo halte dich nicht auf, du Mücken⸗ ſeiher, ei ſo tummle dich doch in der Bahn und zanke nicht, wie ſie gezogen ſein ſoll! Ich will regieren, ſagt der Fürſt. Regiere nur! Aber raſch, groß, bedeut⸗ ſam! Was iſt Das für ein Staatenleben, wo es im⸗ merdar nur heißt: Wir leben in einer Maſchine, wo das Recht des erſten Druckes Dem, das Recht des Gegendruckes Dem gebührt! Iſt der Staat ein wie⸗ derkäuend Thier, ein jämmerlicher Selbſtzweck? Sind die Könige nur da, um Könige zu ſein? Mein Se⸗ herauge lehrt mich aus meinem Scherben am Fuße des Sinai eine tiefe Wahrheit enträthſeln. Ich leſe etwas von dem Satze in der ewigen Offenbarung: Die Könige regieren! Aber ſie ſollen regieren, gut, weiſe, groß und ſchaffend! Sie ſollen regieren nicht um der Ewigkeit ihres Stammes, ſondern um deſſen Zeitlichkeit willen! Sie ſollen regieren, um die Völ— ker reif zu machen, ſich ſelbſt zu regieren! Die Kö— nige ſind die einzigen berufenen legitimen Apoſtel der Republik. Vortrefflich! rief Pauline und reichte dem geſchick⸗ ten Gedanken⸗Eskamoteur, diesmal im Style von Ha⸗ mann, die Hand, daß er ſie ergriff und küßte. n. Ihr Mi⸗ So weit ihr Verſtand reichte, war ihr Das neu 1s Regieren. und im Grunde nicht ſehr gefährlich. Es nützte allen du Mücken⸗ Parteien. zn und zanke Was ſagte Gelbſattel? fragte ſie dringend, zum ggieren, ſagt Entſetzen der alten Ludmer, die über die Art, wie ihre oß, bedeut⸗ Freundin auf ihre alten Tage da ſo in der Politik wo es im⸗ ſchwamm und plätſcherte, in Verzweiflung gerieth und gſchine, wo ſich nur helfen konnte, indem ſie an die Zubereitung 3 Recht des der Schüſſel: Filet von Seezungen à la maitre d'ho-- 7 at ein wie tel dachte. 2ugenen. c, euh veck? Sind Er iſt verdrießlich, antwortete Stromer, Gelbſat⸗ Mein Se tel iſt verſtimmt, hat häusliches Leid, er mag nichts am Fuße Neues mehr denken. Der alte Apparat, der ſo viele 1. Ich Kſe Jahre bei ihm gehalten hat, iſt ihm zu bequem ge⸗ offenbarung: worden. Paßt eine neue Denkform nicht in dieſe alten gienn, gu Modelle ſeiner Dialektik hinein, ſo weiß er nicht mehr gieten nich viel mit ihr anzufangen und hat gleich ſeine Bezeich⸗ un deſn nungen wie: Unpraktiſch! Myſtiſch! Naturphiloſophiſch! gi zur Hand und glaubt die Sache damit abgethan. Wenn ich noch erwähne, daß ihn der berühmte Proceß we⸗ gen der Johannitererbſchaft verdrießlich ſtimmt, ſo thu' ich Das mit Bedacht, weil ich dadurch veranlaßt werde, noch einer möglichen Verbeſſerung unſeres„Jahrhun⸗ un die Die Ki Apoſtel d dem geſch 4 5 6 derts“ zu gedenken. Sie kennen Dankmar Wildungen, le bony gnäd'ge Frau? küßte X 4 492 Nur dem Namen nach! antwortete Pauline ge⸗ ſpannt und die Ludmer horchte auf. Dieſer junge Mann, fuhr Stromer fort, intereſſirt alle Welt. Wo man ihn ſieht, zeigt man nach ihm und Viele wetten, daß er den merkwürdigen Proceß gewinnen wird— In der That? Schlurck, Gelbſattel, ſind nicht umſonſt ſo verſtimmt; das Miniſterium verfolgt die Schritte der Gebrüder Wildungen nicht umſonſt mit ſo ſcharfem Auge— iſt doch ſogar eine Hausſuchung bei ihnen vorge⸗ nommen. Die Ludmer und Pauline ſchlugen die Augen nieder. Ich lernte Dankmar, ſagte Stromer, in Hohen⸗ berg kennen. Man hielt ihn für den Prinzen Egon und durfte es, wenn Unternehmungsluſt, Feuer, edle Haltung von dem Weſen einer in der Geſellſchaft hervorragenden Erſcheinung unzertrennbar ſind. Ich nahm ſchon damals an ihm Intereſſe und habe kürz— lich, vorgeſtern, an einem öffentlichen Orte, auf's neue ſeinen Scharfſinn, ſeine hervorſtechende Eigenthümlich⸗ keit bewundert. Vorgeſtern? fragte Pauline lächelnd. Im Cafe Richter? Woher wiſſen Sie— ſp. mi Pauline ge⸗ ort, intereſſirt dan nach ihm digen Proceß digen Proceß ſo verſtimmt, der Gebrüder em Auge— hhnen vorge⸗ lugen nieder „in Hohen grinzen Cgon „Feuer, edle „Geſellſchal r ſind. Ii d habe küt e, aufs nel genthümlih Im(i 493 Wir ſind allwiſſend, lieber Stromer. In der That! Es war acht Uhr. Wildungen ſprach lange in einem einſamen entlegenen Zimmer mit einem mir unbekannten Manne... Mit röthlichem Bart? In grünen Kleidern? Wohl! Wohll! Ei! Fahren Sie fort... Ich habe nichts zu ſagen, als daß er nach der lebhaften Unterhaltung mit dieſem Manne, der ſich bieder, doch in großer Aufregung ihm die Hand ſchüt⸗ telnd, bald entfernte, in die beſuchteren Zimmer kam und ſo angeregt war, ſo ſprühend und lebendig ſich über die Angelegenheiten des Tages äußerte, daß ich die alte Bekanntſchaft mit ihm gern erneuerte und ihn veranlaßte, ſich gleichfalls dem neuen Aufſchwunge des „Jahrhunderts“ zu widmen. Mein Freund, rief Pauline entzückt. Sie werden praktiſch! Die Ludmer ſah auf Pauline bedeutungsvoll ängſt⸗ lich hinüber, doch nahm dieſe keine Notiz. Was antwortete er? fragte ſie. Es gab erſt ein Misverſtändniß. Er ſagte, dem Jahrhundert leb' ich wohl und möcht' es aus ſeinen An⸗ geln heben; ich fühle alle Schmerzen der Zeit und ringe, 8 4 1 4 1 7 4 1 3 ſie zu heilen. Da kam die Aufklärung, daß nur von der Zeitung die Rede war. Er lächelte, ſchien aber völlig bereit, ganz einverſtanden und theilte mir offen mit, daß er bis zur Erledigung ſeines Proceſſes ſich durch literariſche Arbeiten die Eriſtenz friſten müſſe, ohne darum mit Goethe zu ſagen: Wer nie ſein Brot in Thränen aß... ich fand einen Charakter, einen Mann in ihm. Die Ludmer rümpfte die Naſe, als wollte ſie ſagen: Welch' ein Umgang! Nichts als Lumpen! Die Geheimräthin aber, in dem Zuge, in dem ſie nun einmal war und der Tage gedenkend, wo ſtie einen Heinrich Rodewald liebte, von dem ſie oft ſagte: Titan, du ſpielſt mit der Weltkugel Fangball! rief: Fahren Sie fort! Fahren Sie fort! Und nun, fuhr Stromer fort, kam ein Vorſchlag Wildungen's zur Sprache, über den ich doch erſt die Anſicht meiner verehrten Gönnerin vernehmen muß. Der junge, leidenſchaftliche und von allen Verhält⸗ niſſen unterrichtete Advokat machte mich darauf auf⸗ merkſam, daß der ihm, wie doch auch mir ſo nahe⸗ ſtehende Prinz Egon ſicherlich eine bedeutende politiſche Rolle ſpielen würde. Der an drei Orten gewählte Volksmann Juſtus hätte ſich ſogleich erboten, die Wahl des ihm benachbarten Prinzen für einen der 495 daß nur von Wahlorte, den er refüſtren müſſe, zu beantragen und e, ſchien abe man könne gewiß ſein, daß nun Prinz Egon von eilte mir ofee Hohenberg in die Kammer träte. Er wäre von einer Proceſſes ſich ſeltenen politiſchen Reife, beſäße Kenntniſſe, außeror⸗ friſten müſſe dentlich neue und befruchtende Grundgedanken und nie ſein Bro wenn man ihm noch den Nachdruck gäbe, daß er eine rakter, eine Partei bilden dürfe, daß er eine Zeitung, immerhin das „Jahrhundert“, zur Verfügung bekommen könnte... llte ſie ſagen Hier brach Stromer ab, denn die Geheimräthin ſchien in der größten Aufregung. Schon ſeitdem Dank⸗ e, in dem mar Wildungen genannt war, fingen ihre Gedanken⸗ nd, wot räder ſozuſagen zu ſchnurren an. Die Ludmer hatte ſie oft ſagt dafür ein außerordentlich feines Ohr. Sie kannte ball rief. Paulinen, wie ſie grübelte und kombinirte, wie ſie abal an der Zerſtreuung, Anlehnung an lebendige Naturen be⸗ durfte, wie ſie ihr Ohr an das Sauſen und Brauſen der Zeit zu legen liebte. Als aber Egon genannt ein Vorſch doch erſt * 1 wurde und ſie ihr Lächeln, ihre Spannung, ihr In⸗ allen Verhe tereſſe bemerkte, hätte ſie mit irgend einem andern daroif: Gegenſtande das Geſpräch unterbrechen mögen und virpn wäre es das Niederwerfen der Taſſen geweſen. Eben u8 vui wollte ſie wenigſtens in die Verwunderung der Ge⸗ ewn heimräthin perſönlich miteinſtimmen, als dieſe in ihrer un e Unruhe ſich von der kalten, nur horchenden, nur ihre erbblen, 11„ Glut dämpfenden Horcherin ſo beläſtigt fühlte, daß UI Tule — — 496 ſie das Taſchentuch mit Entſchiedenheit aus der lin⸗ ken in die rechte Hand warf und dieſe rechte Hand weit über den Tiſch ſtreckte. Das war das ominöſe Zeichen! Ein Signal, daß ſich die Ludmer entfernen ſollte! Mit welchem Widerſtreben ging ſie! Mit wel⸗ chem durchbohrend warnend Blicke! Nun ſollte ſie gehen! Jetzt! Jetzt, wo vielleicht eine furchtbare Thor heit eingefädelt wurde, eine Quelle bittrer namen⸗ loſer Reue angebohrt für eine nur noch kurze Zukunft, jett... Aber... ſie ging. Als die Geheimräthin und Stromer allein waren, ſagte jene: Ich freue mich, Stromer, daß Sie ſo praktiſch werden und ſo ernſte Anſtalten für unſre gemeinſchaft⸗ liche Sache treffen. Allein mit Prinz Egon hat es ſeine Bedenklichkeiten. Ich ſchätze ſein Verdienſt. Nach Dem, was ihm in Solitüde begegnete, ſind Aller Augen auf ihn gerichtet. Aber ich habe keine Bezie hung zu ihm, und wenn eine Beziehung, ſchwerlich eine günſtige. Ich war darauf vorbereitet und habe deshalb Sorge getragen, mich genauer zu unterrichten; antwortete Stromer, der die Verfeindung zwiſchen Pauline und Egon’s Mutter kannte und einſt in Hohenberg dem aus der lin rechte Hand das ominöſe mer entfernen te Mit wel un ſollte ſie htbare Thor ttrer namen⸗ kurze Zukunft allein waren. ſo praktiſch gemeinſchaft 3 Egon ha in Verdienſt ete, ſind Ale keine Bezie , ſchwerlic eshalb Sol . antworte 1 Pauline Un henberg! 497 Geheimrath von Harder die Urſachen derſelben bitter genug angedeutet hatte. Sie haben mich doch nicht ſchon genannt? unter⸗ brach Pauline die etwas verlegen ſtockende Rede. Gnädigſte! Was denken Sie von mir! Ich bin ein Neuling in dieſer papiernen Welt, aber nicht in der wirklichen. Vollends weiß ich, daß Sie mit dem Prinzen geſpannt ſein müſſen... Mit ihm? Warum mit ihm? Mit ſeiner Mutter war ich's. Warum mit ihm? So raſch gehen Sie über die Empfindungen eines Sohnes hinweg? Ich muß leider der Wahrheit gemäß berichten, daß ich mir ſelbſt manchmal, wenn ich hier bei Ihnen ſitze, wie ein Menſch vorkomme, der ſich als ſeinen eigenen Antipoden fühlt. Die Fürſtin wür⸗ digte mich derſelben Theilnahme wie Sie, gnädige Frau und bei allem milden Sinne Amanden's muß ich geſtehen— Daß ſie mich haßte? Ich kenne die Veranlaſſungen nicht und fürchte, daß ſie die Abneigung auf den Sohn vererbte. Haben Sie davon Proben? Da ich vorgeſtern von Wildungen eine ſo beach⸗ tenswerthe Idee empfing, war ich heute in der Frühe Die Ritter vom Geiſte. V. 32 — 498 beim Prinzen. Ich wollte discret ſein und war es. Er empfing mich nicht freundlich. Er hat ſeinen al⸗ ten Lehrer Rudhard wiedergefunden, drüben bei der Fürſtin Wäſämskoi... Ich kenne den Alten— ſeine neugierigen Blicke auf mein Fenſter beläſtigen mich genug— nun? Nun? Die Folge dieſes Wiederſehens ſind Erinnerungen an die alten Zeiten geweſen. Ich konnte den Prinzen nicht in einen irgend wärmeren Ton gegen mich brin⸗ gen. Wie ſehr muß mich Das bekümmern, wenn ich daran denke, daß mein Urlaub von ihm abhängt, daß er die Wahl eines zeitweiligen Stellvertreters, den ich in einem jungen Manne, Namens Oleander, gefunden zu haben glaube, zu billigen hat! Heute tadelte er die Entfernung von meiner Familiez er verrieth in jedem Worte, daß Rudhard's ſtrenger und unromantiſcher Rigorismus ihm wieder nahegekommen war. Er fragte dann nach meinem Umgang. Ich nannte aufrichtig Sie, gnäd'ge Frau. Ich wollte hören, was ſich da für ein Widerhall von ſeinem Herzen würde verneh⸗ men laſſen. Ich geſtehe Ihnen, es war der rauheſte! Lächeln Sie nicht, gnädige Frau... er ſprach in Drohungen gegen Sie— Fahren Sie nur fort! antwortete Pauline geſpannt und ſehr ruhig. und war es. hat ſeinen al⸗ rüben bei der erigen Blicke nun? Nun? Erinnerungen den Prinzen en mich brin⸗ ern, wenn ich abhängt, daß der, gefunden tadelte er die jeth in jeden nromantiſche ar. Er fragt nte aufricht was ſich vüürde verne der rauheſt er ſorach uline geſp. 499 Er ſagte mir, er wiſſe, daß Sie ihm eine Feindin wären, ſeit er auf der Welt wäre— Seit er auf der Welt iſt? Da hat er Recht! ſagte Pauline träumeriſch, doch kalt. Rudhard, fuhr er fort, hätte ihn auf's neue ge⸗ warnt... Rudhard? Dem alten Freunde ſeines Hauſes wäre es ge— lungen, ſchlimme Dinge zu entdecken, die Sie gegen ihn unternommen hätten— Ich gegen Egon? Wohl verſchweige ihm ſein väterlicher Freund und Führer Manches, was ihm auf dem Herzen läge, aber es käme gewiß zum Vorſchein, wenn erſt zwi— ſchen ihm und dieſem Edlen Alles klar und rein ge⸗ lichtet wäre— noch lägen zuviel der Wolken zwiſchen ihnen— Helene d'Azimont eine Wolke? Hoffentlich eine ro⸗ ſige Wolke! Gnädige Frau, ich war nicht im Stande, die Saite länger zu berühren. Ich ergriff ein auf dem Tiſche liegendes Exemplar der Nachfolge Chriſti von Thomas a Kempis. Er ſagte mir, daß er dies Buch liebgewonnen hätte, es wäre eine Erbſchaft ſeiner Mutter. Ich entgegnete, um ein harmloſes Geſpräch 32* — ——— ———⸗——⸗:——— 500 zu beginnen: Durchlaucht irren wohl! Ich kenne alle Ausgaben dieſes lieblichen Buches, die die ſelige Fürſtin beſaß, alle! Dies Exemplar war aber nie in ihrer Bibliothek! Ich glaub' es wohl, ſagte er, daß Sie dies nicht kannten. Es befand ſich hinter jenem Bilde! Damit zeigte er auf ein Paſtellgemälde der ſeligen Fürſtin in Medaillonform— Pauline war ſchon längſt erblaßt... ihre Lippen öffneten ſich und blieben ſtarr und unbeweglich ſtehen. Dann hauchte ſie ſo hin: In jenem Bilde. Befand ſich, behauptete der Fürſt, fuhr Stromer, dem dieſe Unruhe und Aenderung der Stimmung nicht beſonders auffiel, fort, eine Verlaſſenſchaft ſeiner Mut⸗ ter, auf die ſie ihn kurz vor ihrem Tode aufmerkſam gemacht hätte. Er hätte Mittheilungen, Ermahnungen, Denkwürdigkeiten gehofft. Sein ganzes Leben hätte ſich auf dieſes Bild bezogen. Er hätte ſeine Ehre, Alles dafür gewagt und jenes Bild hätte dies Buch von der Nachfolge Chriſti enthalten. Er wollte mich mit Vorwürfen überhäufen, daß ich das Irrlicht ſei⸗ ner Mutter geweſen wäre. Ich drängte auf einen an⸗ dern Gegenſtand. Indem hatt' ich das Exemplar wieder angeſehen und mußte ihm ſagen— Durchlaucht— Nun Durchlaucht? Vch kenne alle ie die ſelige r aber nie in ſagte er, daß inter jenem lgemälde der ihre Lippen veglich ſtehen ühr Stromen zmmung nich ſeiner Mul de aufm nerkſan Ermahnunge Leben hät t ſeine El tte dies B. fr wollte m 5 Irllicht auf einen, remplar we urchlaucht 501 Stromer horchte... In dem Augenblicke, als Pauline auf's Aeußerſte geſpannt, auf Stromer's Erzählung harrte, vernahm man einen raſch anfahrenden Wagen, der auf dem vom Regen knirſchenden Kieſelſande dicht vor dem Portale zu halten ſchien. Sie bekommen Beſuch, gnädige Frau? ſagte Stro⸗ mer, ſich unterbrechend. Nein, nein. Was ſagten Sie dem Prinzen? Durchlaucht, ſagt' ich, das iſt ja ein ſonderbarer Vorfall! Dieſe Ausgabe des Thomas a Kempis iſt niemals auch nur berührt worden von der Hand der ſeligen Fürſtin; denn überzeugen Sie ſich ſelbſt, hier auf dem Titelblatt— Aber Sie bekommen Beſuch! An der äußern Glocke wurde eben außerordentlich ſtark geſchellt. Pauline, von Stromer's Erzählung auf's Aeußerſte geſpannt, jede Unterbrechung verwünſchend, war auf⸗ geſtanden und wollte klingeln, um zu ſagen, daß ſie Niemanden empfange. Aber ſie war ſo begierig auf Stromer's Erzäh⸗ lung, daß ſie ſelbſt dieſe Weiſung an ihre Diener nicht ausrichten mochte, ſondern nur ſagte: Und? Und? Auf dem Titelblatt? Ueberzeugen Sie ſich, Durchlaucht, ſagt' ich, fuhr ———— Stromer, der gleichfalls aufgeſtanden war, fort; unter dieſen Arabesken des Titelblattes ſteht ja ganz in Perl⸗ ſchrift die Jahreszahl des Druckes. Dieſe elegante Aus⸗ gabe des Thomas a Kempis iſt ganz in der Art, wie die Fürſtin ſolche Einbände liebte. Aber dies Exemplar iſt erſt ein Jahr nach ihrem Tode im Druck erſchienen. Wie ich Das ſagte— Indem hörte man draußen Thüren gehen. Wie Sie Das ſagten? drängte Pauline. Trat Rudhard ein... Egon entließ mich in einer mir allerdings erklärlichen Aufregung; denn wie konnte jenes Buch von der Fürſtin ſelbſt— Weiter trug Stromer ſeinen Bericht nicht vor; denn die Thür wurde aufgeriſſen, die Ludmer, leichen⸗ blaß, ſtürzte herein und rief mit erſtickter Stimme: Prinz Egon von Hohenberg läßt ſich melden! Wie? ſagte Pauline und hielt die Hand krampf⸗ haft an die Sophalehne. Er ſelbſt! Er läßt ſich nicht abweiſen. Er will dich ſprechen— Pauline riß ſich, wie von einer Natter gebiſſen auf, ſtürzte an die Thür und verriegelte ſie, Es war das Werk eines Augenblicks. Welche Stunde! rief die Ludmer. Iſt ein ſolcher Ueberfall erhört? Er iſt ausgeſtiegen, dem meldenden t, fort; unter ganz in Perl⸗ elegante Aus⸗ der Art, wie dies Eremplar ucerſchienen. gehen. line. mich in einen un wie kounte t nicht vol, dwer, leichen er Stimme: Pmelden! Hand kramdj ſen. Er w matter gebiſe e ſte. 6. Iſtein ſolt em meldent 503 Bedienten auf dem Fuße gefolgt— er wartet im Empfangzimmer. In der Ferne hörte man durch die hallenden Zim⸗ mer her eine männliche Stimme ſich räuſpern und einen kräftigen Schritt auf und abgehen. Pauline ſtand eine Weile unſchlüſſig... Jetzt war der Augenblick da, wo ſie einer„Seherin“ glei⸗ chen konnte. Sie begriff dieſen Moment, richtete ſich entſchloſſen empor und fragte: Warum ſoll ich den Prinzen Egon von Hohen⸗ berg nicht empfangen? Die Ludmer verſtand einen gewiſſen Hohn in ih— ren Mienen, wagte aber nicht zu lächeln. Pauline aber mit triumphirender Miene ſetzte hinzu: Wohlan! Er mag kommen! Schon klopfte Ernſt an die verſchloſſene Thür und bat um Verhaltungsmaßregeln... der Fürſt ließe ſich nicht abweiſen. Wer ſagt denn, daß man ihn abweiſen ſoll? rief die Geheimräthin durch's Schlüſſelloch. Ich bitte Durch⸗ laucht einen Augenblick zu verziehen! Dieſe Worte ſprach ſie mit gemachter Süßigkeit, als ſollte Egon ſie hören. Adieu, lieber Stromer, ſagte ſie dann raſch, zitternd wol, aber gefaßt. Auf Morgen! Adieu! Adien! —— —— — 1 4 3 4 1 504 Stromer wollte reden, wollte Aufklärung haben, wollte... wurde aber durch das Schlafzimmer, dann das ächte Boudoir, zuletzt durch die Garderobe von der Ludmer faſt gewaltſam hinauseskamotirt. Er war, ſo fortgezerrt, in dieſem Augenblicke ganz ſo überflüſſig geworden, wie Auguſten's hochfahrende Tante wünſchte. Mit all' ſeinem Geiſt, mit all' ſeinen Seherblicken vom Berge Sinai, mit all' ſeinen Jeanpaulismen und deutſchen Gedankenüberſchwenglichkeiten ſtolperte er im Dunkeln über mehre Kiſten und Koffer, daß er ſich faſt verletzt hätte... Pauline folgte nach einem Moment. Sie gab Be⸗ fehl, den Empfangsſalon durch einige Armleuchter ſchnell zu erhellen. Mit Blitzesſchnelle gab ſie ihrer Toilette noch einige kühne Improviſationen und ſchritt dann feſt und entſchloſſen durch das Zimmer hindurch, das ihr nun entriegeltes oſtenſibles Boudoir von dem inzwiſchen erhellten Empfangszimmer trennte. Die Ludmer fühlte, daß es nothwendig war, in der Nähe einer ſo wichtigen und gefahrvollen Begeg⸗ nung wenn nicht zu horchen, doch behutſam und auf Alles gefaßt zu wachen. ärung haben, zimmer, dann arderobe von tirt. Er war, ſo überflüſſtg nte wünſchte. Seherblicken ulismen und olperte er in daß er ſcc Sie gab Be Armleuchte gab ſie ihren en und ſchrit mer hindurc, ir von d unte. dig war, ollen Bege ſam und dl Sechszehntes Capitel. Ein Zauberſpiegel. Gnädyge Frau, begann Fürſt Egon von Hohenberg und erhob ſich von dem Seſſel, auf dem er Platz ge⸗ nommen hatte; ich hörte, daß Sie wie Jeder, der ſeine Tagesſtunden beſſer zu verwenden weiß, Abends em⸗ pfangen! Irr' ich mich? Pauline bedeutete Egon zuvörderſt Platz zu neh⸗ men, ſetzte ſich ſelbſt, nicht ohne einige Befangenheit, in einen der Seſſel, die ſchon für die bald zu erwar⸗ tende Feuerung am noch geſchloſſenen Kamine aufge⸗ ſtellt waren... Die beiden gemalten Sphinre auf dem bunten Kaminſchirme drückten vollkommen ihre Spannung über das Räthſel dieſes Beſuches aus. Für Ew. Durchlaucht würd' ich zu jeder Stunde zu ſprechen ſein. Ein Endlich! Endlich! Ihnen aus⸗ zuſprechen, mußt' es mich wohl drängen. 7 506 3 Endlich? Hatten Sie mich jemals erwarten kön⸗ 4 nen, gnäd'ge Frau? fragte Egon voll Bitterkeit. 8 Den Freund meiner geliebten Helene? Den Er— klärten meiner d'Azimont? fiel Pauline mit künſtlichem( Erſtaunen ein. Ha! Aber den Sohn der gehaßten Amanda? ſetzte Egon hinzu und ohne Paulinen's Erwiderung abzu⸗ warten, rückte er mit ſeinem Seſſel ihr etwas näher und ſagte: Gnädige Frau, es ſollte mir lieb ſein, wenn ich 1 Urſache fände, mich Ihnen enger anzuſchließen und 1 die großen Eigenſchaften in der Nähe zu bewundern, 4 von deren Lobe die Gräfin d'Azimont überfließt. Einſt⸗ weilen ſtell' ich dieſe Annäherung freilich auf eine ſtarke Probe. Ich ſtehe vor Ihnen, gnäd'ge Frau, mit dem Erſuchen, mir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter auszuliefern. Pauline war auf dieſe kalte, kategoriſche Forde⸗ rung gefaßt, erſtaunte aber über die Haſt und das b entſchloſſene Vermeiden aller Präliminarien. Sie war darauf vorbereitet, daß ſie Gegner hatte, 1 die ihren ſo vorſichtig berechneten Schritten gefolgt b 1 waren, der Ablieferung des entleerten Bildes an den Oberkommiſſair Par auf der Spur waren und ſie 18 1 entlarven wollten. 507 erwarten kön⸗ Dennoch ſagte ſie zitternd: Bitterkeit. Welche Denkwürdigkeiten, Durchlaucht? ne? Den Er⸗ Die Denkwürdigkeiten, gnäd'ge Frau, antwortete mit künſtlichem Egon mit ſteigernder Erregung und jene heftigſte Wal⸗ lung nicht mehr verbergend, mit der er hergekommen manda? ſetzt war; die Denkwürdigkeiten der Fürſtin Amanda von derung abhu⸗ Hohenberg, die ſie auf ihrem Sterbebette ihrem Sohne etwas näher beſtimmt und unfähig, in ihrer letzten Lebensſtunde weitläufige gerichtliche Dispoſitionen zu treffen, ſpäter in, wenn ich in einem Bilde verborgen hat, das dem ſonderbaren ſchließen und Schickſale verfiel, Ihnen früher in die Hände zu kom— bewundern men als mir. fließt. Einſt V Welches Bild? fragte Pauline nun mit ſcheinbarer ich auf ein Ruhe, um nur Zeit zu gewinnen. nädge Frau Egon trug in aller ihm kaum noch möglichen künſt⸗ keien meine lichen Ruhe die Geſchichte jenes Bildes vor, wie ſie durch übereinſtimmende Ausſagen Dankmar's, Rud⸗ riſche Fon hard's, des Oberkommiſſairs Pax, der Agenten Mull⸗ rich und Kümmerlein ſich ergeben hatte. Es war darin mancher Umſtand mehr errathen als bewieſen. Allein die Ueberzeugung, daß Pauline von Harder ſchon durch die ganze Agitation über den Nachlaß ſeiner Mutter, die Reiſe des Intendanten nach Hohenberg und was ſich Alles ſpäter daran knüpfte, ihm ein Eigenthum entzogen hatte, das ihm von Werth ſein daſt und dae en. gegner hal nitten gejll zildes an) aren und 8 — — 1 46 4 3 6 4 4 4 4 A ¹ 8* 508 durfte und ſollte, ſtand bei ihm feſt. Er erzählte auch, wie er durch Stromer's Aeußerung über den Thomas a Kempis mistrauiſch geworden und Rudhard ſeinen Verdacht ausgeſprochen hätte. Rudhard hätte dann geſtockt. Er aber hätte ſeinem noch zögernden alten Erzieher die Angelegenheit aus der Hand gewunden und führe ſie nun gegen deſſen Willen, gegen die An— ſprüche, die Rudhard ſelbſt auf dies Teſtament ſeiner Mutter machen wolle, mit kurzem Proceſſe durch. Laſſen wir, ſchloß er ſeine Auseinanderſetzung, jede weitere Erörterung und geben Sie mir die Denk⸗ würdigkeiten meiner Mutter, deren Raub ich Ihnen verzeihen will! Pauline ſchwieg eine Weile, dann ſchlug ſie die Arme zuſammen, legte die Füße übereinander und ſagte: Ich habe Sie ausreden laſſen, Prinz Egon. Er⸗ lauben Sie, daß ich erwidere. Aber verſprechen Sie mir, jeden kleinlichen Geſichtspunkt aufzugeben! Ich ſage Ihnen, daß ich die Denkwürdigkeiten beſitze— In der That! Sie müſſen mir aber ein aufmerkſames Ohr leihen. Wozu? Weshalb iſt Das nöthig? Warum ſoll ich... Sie achten? rief Egon voll Zorn und voll geheimer Freude, die faſt die Miene des bitterſten Uebermuthes annahm. Herzählte auch, rden Thomas rudhand ſeinen d hätte dann gernden alten nd gewunden gegen die An tament ſeinen ſſe durch. nanderſetzung nir die Denl h ich Ihnen ſchlug ſie die der und ſagte Egon.( rſprechen E zugeben! It en beſitze— 3 Oht leih Varum ſe orn und n des bitterſ Uebermuth war aber für Paulinen zuviel. Sie erhob ſich und ſchleuderte einen durchbohrenden Blick auf den jungen Mann, der jetzt das Recht zu haben glaubte, ſie verächtlich zu behandeln. Ich kenne dieſe Denkwürdigkeiten, wiederholte ſie mit ſtolzer Miene, aber wie? wenn ich ſie vernich⸗ tet hätte? Wenn Sie mit dieſer Möglichkeit nur drohen, Ma⸗ dame... ſo exiſtiren ſie noch! ſagte Egon, und ich ſchwöre Ihnen, ich verlaſſe Ihr Haus nicht, bis ich nicht weiß, was meine Mutter mir in ihrer letzten Stunde hat berichten, auf meinen Lebensweg zuru⸗ fen wollen! Pauline lächelte jetzt verächtlich. Ich denke nicht an Drohungen, ſagte ſie, und ich denke nicht an Rechtfertigungen, aber ich will, daß Sie von dieſer Frage jeden niedrigen Standpunkt aus— ſchließen. Deshalb beding' ich, daß Sie mich hören! So reden Siel ſagte Egon und nahm, ihr gegen— über an dem gemalten Kaminvorſetzer, Platz. Auch Pauline kehrte in ihre frühere Stellung auf dem Seſſel zurück. Nach einigen Augenblicken begann ſie: Amanda von Bury, Anna und Pauline von Mar⸗ ſchalk waren drei Freundinnen, innigſt verbunden ſeit ihrer früheſten Kinderzeit. Faſt gemeinſchaftlich war ihre Erziehung; gemeinſchaftlich waren ihre Erholun⸗ gen. Ich, die Mittlere unter den drei Freundinnen, wurde von Anna und Amanda nur noch inniger ge⸗ liebt, weil ich plötzlich kränkelte und kein langes Leben verſprach. Dennoch gelang es einer guten Kur, mich von oft ſchrecklichen Anfällen eines Bruſtkrampfes zu befreien und mich bis in mein achtundzwanzigſtes Jahr wiederherzuſtellen, wo ich auf's neue die Anfälle jener Krämpfe bekam, von denen man damals glaubte, daß ich ſie nicht mehr ein Jahr würde aushalten können. Amanda und Anna verheiratheten ſich, ſpäter als ich, die früher einen Baron von Ried ehelichte. Gerade als Baron von Ried ſtarb, wurde Amanda die Ge⸗ mahlin jenes berühmten Kriegers, dem unſer Fürſten⸗ haus zu ewigem Danke verpflichtet iſt. Anna hei⸗ rathete einen jungen Offizier, der ſeinen Abſchied nahm und eine Landrathsſtelle bekleidete, den Sohn des Obertribunalspräſidenten, meinen künftigen Schwa⸗ ger. Durch dieſe Heirathen ſtatt uns zu einen, trenn⸗ ten wir uns. Es iſt ſo der Gang aller Jugendfreund⸗ ſchaften. Ich begab mich, als Witwe, wieder leidend, wieder meiner Geſundheit wegen, auf Reiſen, meine Begleitung und treue Pflege war der Obhut meiner älteren Dienerin anvertraut, die noch jetzt die Füh⸗ rung meines Hausweſens beſorgt. Ich war in der ihre Erholun⸗ Freundinnen, ch inniger ge⸗ langes Leben ten Kur, mich ſtkrampfes zu nzigſtes Jahl Anfälle jener Z glaubte, daß alten können. päter als ich hte. Gerade unda die Ge unſer Fürſten Anna hei bſchied nahn n Sohn dai igen Schme einen, krenn ugendfreun ieder leiden eſen, ma öhut mein hetzt die Fi war in! Schweiz, in Frankreich, in Italien. Ich habe ein be⸗ wegtes Leben in meine Erinnerungen eingeſchloſſen und vielfach verſucht, das Glück der Erde, das mir nur für kurze Zeit zugemeſſen ſchien, wahr und an der Quelle rein zu genießen. Ich reiſte ſelbſtſtändig und war, wenn man mich nach jetzigem Sprach⸗ gebrauch und damaliger Sitte nennen will, halb und halb emancipirt. Der Liebe dürſtete mein ganzes krampfhaft bewegtes Herz entgegen: ich ſuchte, ich wurde geſucht, fand aber nur ein Band, das mich ganz feſſeln konnte, einen, den ich liebte. Der, den ich anbetete, hieß Heinrich Rodewald, ein junger Mann von ſeltener Prädeſtination. Zu jeder Kunſt beſaß er die Anlage, zu jeder Wiſſenſchaft die Vorkenntniſſe. Genial war ſeine Auffaſſung des Lebens. Es kommt ſo etwas nicht wieder in Eurer jüngeren zerſtreuten, oberflächlichen Generation! Er hatte erſt dem Stu⸗ dium der Rechte obgelegen, war dann in den dama⸗ ligen heiligen Krieg gezogen, kehrte mit Ehrenzeichen geſchmückt heim und wollte zu den Studien zurück. Durch einen Glücksfall erwarb er eine kleine Summe, die er auf eine italieniſche Reiſe verwenden wollte. Er bedurfte dieſer Anregung, um ſein durch die Aben⸗ teuer des Krieges in Gährung gerathenes Blut, das nicht am Studirtiſche ausdauern wollte, einigermaßen * 3 A b 1 1 512 zu beruhigen, den Tumult ſeiner Adern einigermaßen zu bändigen. Er wollte zur Rechtskunde als Lehrer dieſer Wiſſenſchaft zurückkehren und gedachte in Ita— lien den alten und manchen eben erſt entdeckten Quel— len der römiſchen und mittelalterlichen Rechtsſatzun⸗ gen nachzuforſchen. Dabei liebte er Malerei und Pla⸗ ſtik und ſchwärmte wie damals Alle... Ach, Ihr kennt in Eurem politiſchen Hader und Eurer Zeitungs⸗ bildung die majeſtätiſchen Klänge nicht, die damals durch die Herzen der Jugend tönten— Das war ein Ahnen, ein Sehnen, ein Suchen, ein Erfaſſen! Das war ein Cultus der Muſen, ein Forſchen nach Wahr⸗ heit... Heinrich Rodewald lebte nur in Goethe, in Dante, Rafael, in Schelling. Er kannte die Alten, ſtudirte die mittlere Epoche und lebte faſt in derſelben Entwickelung wie Byron. Er dichtete nicht, aber ſein Leben war ein Gedicht. O was preiſ' ich ihn, da ich ihn doch haſſen ſollte! Ich begegnete Heinrich Rodewald in dem ahnungsreichen, jugendlichen Rhein⸗ thale, das zwiſchen dem Bodenſee und Chur den An⸗ fang der Straße bildet, die durch die Via mala nach Italien hinüber führt. In Ragaz braucht' ich die von Pfäffers an der wilden Tamina hin herabgeleiteten Bäder. O mein Prinz, ich ſchildere Ihnen dieſe Er⸗ innerungen nicht, weil ich weiß, daß eine Zeit kommen n einigermaßen inde als Lehrer edachte in Ju⸗ entdeckten Quel n Rechtsſatzun lerei und Pla kurer Zeitungs t, die damals Das war l Erfaſſen! Da en nach Wahl in Goethe, i ante die Alten aſt in derſelbe nicht, aber ſi ſſ' ich ihn, gnete Hein dlchen Rhe Chur den! Via mala nl cht ich die herabgeleln hnen dieſe! e Zeit h 513 wird, wo ſie Ihnen Werth haben dürften, ich ſchil⸗ dere ſie Ihnen, um Ihnen zu zeigen, daß zwiſchen Ihrem Zorn, Ihrem Mistrauen, Ihrem Haß Her⸗ zen, Erinnerungen, vergangene Seligkeiten und über⸗ wundene Qualen zittern und zu ſchonen ſind. Ich will Sie vom Standpunkte der gemeinen Neugier, der Sie mich vielleicht zeihen, auf einen höheren führen. Denken Sie an die Stunde, wo Sie einſt Helenen d'Azimont am See von Enghien zum erſten Male entgegentraten oder der Tage, da Louiſon Armand an den Ufern der Rhone Sie zum erſten Male ſah! Egon machte eine Bewegung... nicht der Rüh⸗ rung, ſondern des Unmuthes. Er mochte von Pau⸗ linen an Verhältniſſe nicht erinnert werden, zu deren Kenntnißnahme ſie ihm nicht würdig ſchien: von Je⸗ dem vielleicht, von Paulinen nicht. Pauline, ſeine Kälte wohl bemerkend, fuhr fort: Mein Prinz, ſeit dem Tage, als ich in dem klei⸗ nen Abteigarten von Ragaz mit meiner Führerin, Char⸗ lotte Ludmer, luſtwandelte und der Blumen mich er⸗ freute, die dem ſteinigen Boden an einem kleinen Spring⸗ brunnen entſproſſen, als mir Heinrich Rodewald da zum erſten Male entgegentrat, in ſeiner hohen, männ⸗ lichen Schöne, in braunen Locken, in edler, freier Stirn, halb noch etwas Militairiſches in ſeinem We⸗ Die Ritter vom Geiſte. V. 33 ſen, halb der ſinnende Gelehrte... und ein Ton aus ſeinem Munde drang, ein Organ, ein Klang, ein Hauch, würdig, die Worte eines Geiſtes zu tragen, der immer tief, immer lieblich und eigenthümlich in ſeinen Wendungen war... werden Sie nicht unge⸗ duldig, Prinz! O, es wird eine Stunde kommen, wo jedes Atom der Erinnerung an Heinrich Rodewald Sie erſchüttern wird... Ich höre ja! Ich höre ja! ſagte Egon ungedul⸗ dig; aber was ſoll mir Heinrich Rodewald?... Rodewald, fuhr Pauline ſcharf und den Ton jetzt deſto ſchärfer auf dieſen Namen legend, fort, Rode⸗ wald war jünger als ich. Unſer Verhältniß war erſt Werthſchätzung, dann Liebe und als ich Clende von meinen Leiden gefoltert wurde, war ich ſelbſt von der Freundſchaft beſeligt, die einer Liebe folgte, deren Band durch eine neue Ehe zu heiligen von manchen Vor⸗ urtheilen der Welt verhindert wurde. Ich muß mir leider verſagen, Ihnen zu ſchildern, wie ich mit Rode⸗ wald ſtand, als ich nach neun Jahren des innigſten Zuſammenhanges mit ihm, der ſich auch nach der Rückkehr aus Italien von Weltvorurtheilen nicht ſtö⸗ ren ließ, in einem tiroliſchen Badeorte Landeck, die Freude hatte, mit meiner geliebten Amanda, dama⸗ ligen Gräfin Hohenberg, zuſammenzutreffen. Welche * dein Ton aus n Klang, en ſtes zu tragen, genthümlich in ie nicht unge⸗ e kommen, wo Rodewald Eie 5 dub⸗ ggon ungeduü den Ton jeht „fort, Rode ltniß war erf ch Clende von ſelbſt von de te, deren Ban manchen Ve Ich muß W eich mit Ni des innigf nuch nach! eilen nicht te Landec, nanda, N Re nffen. Frau! Wie ſanft und gut! Wie weich und zart! Prinz... werden Sie nicht ungeduldig, es iſt Ihre Mutter... ich darf wohl hinzufügen, daß die Grä⸗ fin Hohenberg ſehr unglücklich verheirathet war. Ich laſſe über dieſe Saiſon von Landeck, über die Folgen derſelben einen Schleier fallen... Warum? Erzählen Sie! Ich kenne das unglück⸗ liche Loos meiner Mutter— Mein Prinz, ich ſchweige. Sie wiſſen nichts von dem Allen. Ich will Ihnen nur ſagen, daß die Freund⸗ ſchaft zwiſchen mir und der plötzlich zur Fürſtin erho⸗ benen Amanda ſich nicht erhalten hat. Ich war von meinen Bruſtkrämpfen dem Tode oft nahe und glaubte zu ſterben. In Ems erwartete ich mein Ende. Meine Schweſter Anna kam, ſte kam mit ihrer Tochter, einem Engel von ſechszehn Jahren, einer halben Waiſe(der Vater war ſoeben geſtorben) Rodewald ſtand mir zur Seite... man erwartete meine Auflöſung. Anna hatte ſich nur losgeriſſen, um mich noch einmal zu ſehen. Sie mußte zurück zur Ordnung ihrer Erbſchaft. Ich bat ſie, mir ihr Kind Selma zur Seite zu laſ⸗ ſen. Sie willigte ein. Die Ludmer bedurfte einer Un⸗ terſtützung in meiner Pflege. Ich ſtarb aber nicht... ein Jahr lang glaubt' ich, daß jeden Tag mein Ende nahe. Rodewald und Selma ſollten, Das war noch 33* ——— —. mein letzter Wille, noch meine heiligſte Lebensaufgabe, ſich dauernd vereinigen... Selma und Rodewald ſoll⸗ ten... Egon hob ſein Haupt und erſtaunte über die Ver⸗ wirrung, die ſich Paulinen's plötzlich bemächtigte. Sie war ſchon längſt aufgeſtanden, athmete laut, machte einen Gang durch's Zimmer, rückte an den Seſſeln, warf ſich auf ein Canapé, drückte den Kopf auf ein Kiſſen und bat um eine Minute Zeit, ſich zu erholen. Iſt Ihnen nicht wohl, gnäd'ge Frau? fragte er und wollte klingeln. Nein, nein, ſtöhnte ſie. Ich erhole mich. Nach einer Weile fuhr ſie fort: Ich geſtehe Ihnen, Fürſt, daß ich mir damals ein⸗ bildete, eine Heroine, ein Engel an Kraft und Ent⸗ ſagung zu ſein. Ich wollte Selma und Rodewald verbinden, ich wollte, daß ſie einig würden, ich lenkte das Herz des Kindes meiner Nichte mit Gewalt, ich zwang ſie, in Heinrich das Alles ſchon zu finden, was ſie vielleicht noch nicht ſuchte. Ich kann, ich darf Ihnen nicht ſagen— Ihnen nicht, Prinz— was mich be⸗ ſtimmte, von der Welt ſcheidend die Beruhigung mit⸗ zunehmen, daß Rodewald und nur Selma ſich lieb⸗ ten, keine Andere, keine Andere... kebensaufgabe über die Ver⸗ nächtigte. Sie laut, machte den Seſſeln, en Kopf auf Zeit, ſich zi au? fragte d mich ir damals ei rraft und En und Rodewwe lden, ich lent it Gewalt, au finden, d ich darf Ihe was mich eruhigung elma ſich! 517 Warum mir nicht? Warum Ihr Zorn? Ihr neu entflammter Haß? Wen ſollte Rodewald nicht lieben.. 2 Dringen Sie nicht in mich, Prinz! Ich will nichts erzählen, nichts aufklären, ich will Sie nur auf Wege führen, wo Sie Achtung und Schonung für mich lernen ſollen, Prinz! Ja, es mag Rache geweſen ſein, daß ich Rodewald und Selma wie die Schlange am Baume des Paradieſes verband. Aber der Himmel ſtrafte mich! Strafte mich durch ſeine Gnade! Ich genas, Prinz! Ich genas! Ein kluger und kundiger Arzt lehrte mich eine Diät, die ich nie gekannt hatte. Die Bä⸗ der von Ems linderten den Reiz meiner Nerven. Ich genas, Prinz! Völlig! Völlig! Die Natur hatte ſich gefunden. Und als ich froh in's Leben zurückkehrte, nun wieder nach Rodewald dem Geliebten ſuche, iſt er entflohen, mir entflohen. Selma war ein Kind. Sie, dacht' ich, wird von ihrer Leidenſchaft bald ge⸗ heilt ſein. Aber mein Freund? Wo iſt Rodewald? Er war verſchollen. Nicht die Liebe zu Selma, die ihn wohl nie innerlichſt ergriffen hatte, hatte ihn fort⸗ getrieben von unſern Wohnungen; Ueberdruß am gan⸗ zen Leben, Ekel, ſchrieb er mir einſt, an Allem, Ekel aber am meiſten an dem Weibe, Ekel am Weibe! Viel⸗ leicht der Kummer und Unmuth über Erfahrungen, — — ————Q———— —. die Sie einſt noch entdecken werden... aber Selma liebte ihn. Ich Thörin hatte die Knospe ja ſelbſt entblättert! Das Kind lebte nur für Den, den ich es gelehrt hatte, als einen menſchgewordenen Gott zu verehren. Rodewald, aus Motiven, die ich nur ahnen kann, floh mich, floh alle Welt, er war ſich ſelbſt zur Laſt, zur Qual geworden und mit den Worten: Läu⸗ terung! Läuterung! nahm er ſchriftlichen Abſchied nach einer Gegend, wo ich ihn nicht mehr ſehen ſollte und wohin er mit Selma, die nicht mehr von ihm laſſen wollte, auf immer verſchwunden iſt. Aber meine Mutter? bemerkte Egon und verrieth auf's neue die Ungeduld, auf die Bahn ihrer Denk⸗ würdigkeiten einzulenken. Ihre Mutter? ſagte Pauline vor ſich hin und machte eine Miene voll Bitterkeit... Daß Ihre Schweſter Anna von Harder Sie haſſen mußte, tödtlich haſſen muß, erkenn' ich, ſagte Egon. Sie haben die Blüte des jungen Gefühls ihrer Toch⸗ ter vergiftet— haben, wie Sie, mir unbegreiklich, ſagen, aus Rache die Genugthuung haben wollen, daß Rodewald, durch den Tod von Ihnen getrennt, nur Selma liebt... Sie haben einer Mutter ihr Kind geraubt... Selma von Harder? Selma... Wer erinnerte mich einſt an eine Selma... aber Selma ospe ja ſelbſt en, den ich es enen Gott zu ich nur ahnen ſich ſelbſt zur Worten: Läl⸗ Abſchied nach hen ſollte und on ihm laſſen und vertiet ihrer Denk ſich hin und der Sie haſt „ſagte Cgor b ihrer Lot unbegreſſit Haben wollet hnen gettenn er Muttet ? Selma 1... 51¹9 Egon konnte ſich nicht beſinnen, daß man ihm von einer Selma Ackermann geſprochen hatte. Pauline fuhr fort: Meine Schweſter haßt mich nicht. Sie gehört zu Denen, die überwunden haben. Weiß ſie doch, daß unter dem Raube ihres Kindes Niemand furchtbarer litt als ich. Ich hatte das Leben wieder und das Licht meines Lebens war ausgelöſcht. Was war mir die Welt ohne Rodewald? Er war dahin, für ewig! Das Gefühl, das mich ergriff, war nicht das der innern Vernichtung, der zerſchmetterten Ohnmacht. Wie konnt' ich auch? Ich war ja geſund! War ja dem Leben wiedergegeben! Ich raſte. Ich hatte keine Beſtnnung mehr. Ich glaubte, im Strudel der Welt meinen innern Schmerz betäuben zu können. Ich warf mich in dieſen Strudel und beging Thorheit über Thor— heit; denn die Menſchen ſollten ſehen, daß ich lachen konnte. Alle Welt kannte den Vorfall mit Selma, meiner Nichte, die ich zu meiner eigenen Mörderin er— zogen hatte. Anna, Witwe, ihres Kindes beraubt, ver⸗ mied mich und trauert bis dieſen Augenblick. Zehn Jahr mocht' ich ſo gegen mich ſelbſt gewüthet und die Freude geſucht haben, um nur nicht zu hören, daß man lachte und meine Thränen ſah... als ich endlich ermattet nie— derſank und Einkehr halten wollte. Amanda, Anna, — QQ—ʒ——M———. —— 520 alle meine Freundinnen hatten ſchon ſeit Jahren dieſe Einkehr begonnen. Ach, ſie hatten ſich Alle Irrthümer vorzuwerfen, Alle waren ſie von der damaligen großen wogenden Frühlingszeit ergriffen und das Blut hatte ihnen in den Adern gerollt, wie aus Sympathie mit dem großen Wachsthum der Zeit und der Geiſter... Prinz, ich geſtehe Ihnen, daß ich die Art von Läu⸗ terungen, die damals Sitte waren, nicht begreifen konnte. Beten, hinter gemalten Glasfenſtern knieen, das Orgelſpielen lernen, das dies irae vierſtimmig ſingen helfen... dieſe Läuterungen waren die Wie⸗ derkehr der alten Eitelkeit, nur in andern Formen. Ich wurde bitter über die Vergangenheit, über mich, über Andre. Ich heirathete zum zweiten male. Ich ſchrieb... Ich ſchrieb„Amarantha“. Eine Satyre gegen meine Mutter... Sagen Sie nicht, gegen Ihre Mutter! Sagen Sie, eine Satyre— nein, auch Das iſt nicht das Wort— eine Anklageſchrift, ein Zorngericht über die Seelen, die Alle, Alle geſündigt haben und durch Heuchelei die Vergebung des Himmels antizipirten... Meine Mutter war ſchwach, aber ſie heuchelte nicht! antwortete Egon. Sie war ſchwach, Das iſt das Wort, Prinz! Schwach— Sie meinen doch wol an Charakter? Aber . t Jahren dieſe Alle Irtthümer aligen gioßen as Blut hatte Sympathie mit er Geiſter... Art von Läu⸗ icht begreife enſtern knieen, e vierſtimmig ren die Wie⸗ dern Formen t, über mich 3 n male. It dutter! Sag iſt nicht di ericht übet! en und dun mtizipirten ſie heucht .n. Wort, Pil 64 Aoe aratter?“ 3521 dieſe Schwäche an Geiſt gaben dieſe Büßerinnen, dieſe Cantatenſängerinnen für Stärke aus; Das for⸗ derte mich heraus. Ich warf ihnen den Handſchuh hin,„Amarantha“, die Allen galt, nicht nur Ihrer Mutter, auch meiner Schweſter, Allen, die empfind⸗ ſam wurden, weil ſie nicht mehr empfinden konnten... Egon war zu ſcharfſichtig, dachte zu klar über ſeine Mutter, zu klar über Das, was er Alles in Genf erlebt hatte, um Paulinen von Harder nicht im Grunde der Seele Recht zu geben. Er ſah da eine leichtſinnige, aber ſtarkbegabte, ſehr merkwürdige Frau vor ſich, die ihm in dieſer aufrichtigen Buße, die ſie ſich durch ihre Geſtändniſſe auferlegte, ſogar ſchon eine gewiſſe Achtung abgewann.. Mein Prinz, fuhr Pauline fort, ich bin zu Ende. Eine andere Zeit iſt gekommen, neue Anſchauungen haben den Thron der alten umgeſtürzt. Wer glück⸗ lich noch ſein will, ſchließt ſich ab und ſehnt ſich nach Ruhe. Alle Welt ſprach von den hinterlaſſenen Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter... ich wußte, daß ſie mich haßte. Ich mochte nicht, daß der letzte Reſt meines Lebens, der an Reue und Verdruß überreich iſt, noch verbittert werde durch die Enthüllung und Entweihung des Begrabenen. Zehn Jahre nach Ro⸗ dewald's Flucht heirathete ich Herrn von Harder, —.,— —-—— 522 meinen eigenen Schwager. Ich war damals ſchon vierzig Jahre. Sie ſehen, Prinz, wie aufrichtig ich in meiner Biographie bin. Mein Gemahl ſteht dem Hofe nahe... es gibt der Rückſichten mancherlei... ich will Ruhe haben und haſſe alle gewaltſamen Er⸗ ſchütterungen... die Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter mußt' ich beſitzen. Zeitlebens hab' ich immer dienende Hände gefunden, die gern für mich eintraten... man hat viel aus Liebe zu mir gethan... mehr, als ich wollte, mehr, als ich oft mochte, guthieß... o Gott, es knüpft ſich viel an meinen Namen, was nicht ganz aus meiner Seele floß! Pauline wollte das Haupt ſenken, aber ſie mußte aufhorchen. Es war ihr, als huſtete im Nebenzimmer die Ludmer... Wir werden geſtört, ſagte Egon und faßte ſich kurz. Ich bin vollkommen auf dem Standpunkt, gnä⸗ dige Frau, den Sie mir bezeichnet haben. Ich denke nicht kleinlich von Ihnen. Ich bin nicht befugt, der Richter Ihres Lebens zu ſein. Einen ſchlimmen Ge⸗ brauch von dieſen Denkwürdigkeiten werd' ich nie machen. Beſorgen Sie Das nicht! Nie! Ich verſpreche Ihnen... Sie glauben alſo, Amanda hätte mich angeklagt ... unterbrach ihn Pauline erſchüttert von dem Wort, damals ſchon e aufrichtig ich nahl ſteht dem mancherlei... waltſamen Er⸗ Ihrer Mutter mmer dienende daten... mah mehr, als ic eß... o Got was nicht gan aber ſie mußt Nebenzimme und faßte ſit tandpunkt, gui den. Ich den cht befugt, d ſchlimmen 6 werd' ich 1Ich verſpue nit au Vmn von dem We das ihr ſo gekommen war:„Es knüpft ſich Vieles an meinen Namen, was nicht ganz aus meiner Seele floß!“ O ich ahne es, Frau von Harder, rief Egon mit aufwallender leichter Rührung. Sie waren tief be⸗ ſchämt, als Sie dieſe Blätter laſen und nichts, nichts von einem rachedürſtenden Herzen fanden... Pauline ſchwieg... Räumen Sie Ihrer Feindin die Gerechtigkeit ein! Sagen Sie, daß meine Mutter großmüthig war! Sie war großmüthig! Egon wurde ergriffener und ſprach ſtill für ſich: Gute Mutter! Vergib deinem Sohne! Dann wandt' er ſich an Pauline: Geben Sie die Blätter! Noch dieſe Nacht will ich ſie auf meinem Lager mit Thränen netzen. Prinz, ſagte Pauline jetzt mit entſchiedener Wen⸗ dung, dieſe Blätter! Ich gebe ſte Ihnen nicht. Wie? Das wäre das Ende Ihrer Mittheilungen? rief Egon. Wenn ich dieſe Denkwürdigkeiten vernichtet hätte? Das haben Sie nicht! Nein, nein! Oder doch? Doch? Die großherzige Liebe meiner Mutter beſchämte Sie? Sie vernichteten ein Denkmal Ihrer Scham, Ihres Neides? Sprechen Sie! 3 5 1 1 1 43 8 f 1 3 1 f 3 8 IB Die Blätter exiſtiren. Aber Sie ſollen, Sie dür⸗ fen ſte nicht leſen! Welche Ausflüchte! Ueberſtürzen Sie ſich nicht! Ich meine es gut mit Ihnen, Feuerkopf! Die Blätter leſen Sie nicht! Geben Sie mir das Teſtament meiner Mutter! Sie ſind ein Ungeſtüm! Endigen Sie dieſe Ausflüchte, dieſe Verſtellungen ... ha, dieſe Lügen, Madamel! rief Egon jetzt knir⸗ ſchend vor Aerger über ſolche Weitläuftigkeiten. Sie haben mich zähmen, rühren wollen. O mein Gott! ſtöhnte Pauline. Noch denken Sie niedrig von mir! Ich flehe Sie an! Begehren Sie dieſe Geſtändniſſe einer Frau nicht, die die Welt ver⸗ achtete, nur Gott liebte und Niemanden, Niemanden ſonſt... nicht einmal Sie! Nicht ihren Sohn? Nicht mich? Madame! Lüge! Prinz! In dem Augenblicke ertönte die Glocke des Hauſes. Hal athmete Pauline auf. Es war ihr, als wäre ſie ganz verlaſſen geweſen, ganz der Wildheit dieſes jungen Mannes, der keine Rückſichten kannte, überlaſſen. Ich weiche nicht von dieſer Stelle, rief Egon, bis ich dieſen Spuk, dieſen ewigen Eingriff in mein Leben nicht endlich beſeitigt habe. Ich bin vor Ihnen ge⸗ Verſtellungen on jetzt knit gkeiten. S 5— G Welt ve Niemande dame! Lüt 225 warnt. Der Vater, die Mutter bezeichneten mir Ihren Namen als den einer Schlange, die ſich um mein Leben ringeln wird, um mir das Herzblut auszuſaugen. Pauline horchte eine Weile, wer kam. Man hörte die Thüre öffnen. Vielleicht iſt es Franz! dachte ſie erleichtert. Es war ſo ſtill, ſo dunkel draußen. Sie hörte die Ludmer nicht. Ihre Diener waren nicht alle zugegen. Es regnete draußen in Strömen. Sie war dieſem Un— geſtümen ſo preisgegeben... Noch ſagte ſie feſt und entſchieden zu Egon: Prinz, wenn Sie dieſe Blätter leſen, droht Ihnen etwas, was Ihnen nach einem ſolchen Glauben über mich wirklich die Hölle ſein müßte... Das wäre? Die Qual... mein Freund zu werden! CEgon lachte bitter auf und bat um Aufklärung einer ſolchen Möglichkeit, die allerdings, wie er grau⸗ ſam hinzufügte, ihr... Bedenkliches hätte. Erlaſſen Sie mir, ſagte Pauline tiefverletzt, aber mit immer mehr ſich beherrſchender Ruhe, die nähere Auseinanderſetzung. Genug, Sie würden mein Freund werden, ja vielleicht, ſetzte ſie ſcharf betonend hinzu— mein Sklave. Alſo, wohlan! Prinz! Ich verbrenne die Blätter. Gute Nacht! 526 Damit erhob ſie ſich, um zu gehen. Egon aber hielt ſie mit gewaltſamem Entſchluß an der Hand zu⸗ rück, führte ſie an's Fenſter und riß dies Fenſter auf ... es ſtürmte, es regnete... die Bäume krachten... Pauline bebte... ſie wollte ſich losreißen, ſie wollte ſchreien... da intonirte vor dem Garten eine jugend⸗ liche Männerſtimme ein kurzes Lied. Hören Sie dieſen Geſang? rief Egon in wilder Aufregung. Pauline, von der Kälte der Nacht durchſchauert, ſah ihn mit Entſetzen an und rang ſich von ſeinen Händen los. Es iſt das Zeichen eines Wächters! ſprach Egon, indem er das Fenſter ſchloß. Meine Freunde, drei an der Zahl, ſind entſchloſſen, in dieſer Stunde mit mir die Fäden gewaltſam zu zerreißen, die mein Leben umſpinnen! Was bezwecken Sie, Prinz? Um's Himmelswillen! rief Pauline und wollte mit einer raſchen Wendung entfliehen. Egon aber warf ſie mit einer Armbewegung zu⸗ rück und behielt die Thür im Rücken. Ich dringe mit meinen Freunden, die hier in dies Fenſter ſteigen, in Ihr Arbeitszimmer und verlaſſe es nicht früher, bis wir beſitzen, was mein iſt. Ein Egon aber er Hand zu⸗ Fenſter auf frachten. n/, ſie wollte eine jugend⸗ n in wilden durchſchauen von ſeinen prach Egon teunde, die Stunde mi e mein Lebe umelswillen 1 Wenduu ewegung! hier in d d verlaſſ in iſt Wink von mir und ich habe die Freunde, die mich unterſtützen, hier zur Seite. In Ihrem geheimſten Zimmer, das ich mir bezeichnen ließ, bleiben wir ſo lange, bis wir dieſen unerträglichen Intriguen ein Ende gemacht haben. Das war faſt zuviel. Ein Attentat auf ihre Haus⸗ lichkeit. Wer hätte hier die Unterſuchung aller ihrer Schränke hindern ſollen? Die feigen Bedienten? Wer hätte beiſpringen ſollen in dieſen einſamen Garten⸗ häuſern? Aber Pauline lächelte jetzt ruhig und ſagte: Wohlan, mein Prinz, ſo kommen Sie! Wir können es auch anders beſchließen. Ich gebe Ihnen die letz⸗ ten Geſtändniſſe Ihrer Mutter. Damit gab ſie Egon das Zeichen voranzugehen. Als er öffnen wollte, war die Thür verriegelt. Aha! ſagte Pauline. Ihr Ueberfall ſtößt doch ſchon auf Vorſichtsmaßregeln. Eine Horcherin hat die Gefahr abwenden wollen und ich bin nicht ſo verlaſſen, wie Sie denken! Kommen Sie von dieſer Seite, Durchlaucht! Pauline nahm einen Armleuchter und ging durch eine zweite Thür, durch finſtere Zimmer, durch einen Gang... Egon folgte. Die Ludmer ſtand auf dem Gange mit Franz und einem Gärtner im Dunkeln ———;— 528 wie Geſpenſter, aber rathloſe und ſelbſt furchtſame. Doch erſchien ihm dieſe Ludmer wie eine der Die⸗ nerinnen Hekate's bei ihren Zauberkünſten, wie eine der Heren Macbeth's. Es war ihm, als ſollte er in ſeine Zukunft ſehen und jenen Zauberſpiegel in die Hand nehmen, der ihm die Geſchichte ſeines Hauſes offenbarte. Pauline ignorirte die zu Tode geängſtigte Freundin und führte Egon in ihr zweites Boudoir, das ge⸗ heime. Sie ſchloß einen Schrank auf und übergab nach mehrfacher Zögerung und erneuertem Andringen Egon's dem Prinzen endlich die Blätter. Dieſer er⸗ kannte die Handſchrift ſeiner Mutter, küßte ſie und ſagte zur Geheimräthin: Alſo auf die Gefahr hin... Ihr Freund zu wer⸗ den! Gute Nacht! Die Geheimräthin wiederholte lächelnd: Auf die für mich angenehmere Gefahr hin... ſo⸗ gar mein Sklave zu ſein! Gute Nacht! Der Prinz verſchwand. Bald hörte man Flüſtern von Stimmen vor dem Stacket, das Ueberſteigen ſei⸗ ner ungeduldigen Freunde, das Bellen angeketteter Hunde, das Sprechen, ſich Verſtändigen Egon's mit den Freunden, Lachen, Spotten, zuletzt das Rollen ſei— nes Wagens im feuchten, knirſchenden Kieſelſande.. t furchtſame ine der Die⸗ en, wie eine als ſollte ee berſpiegel in eines Hauſes igte Freundin oir, das g. und überge m Andring Dieſer ei üßte ſie und eund zu we d: ſr hin.- nan Flſ berſteigen! angekelt Ggold 1s Rollen die ſelſande 229. O, ſagte die Ludmer, die erſt eintrat, als der Wagen nicht mehr hörbar war, welche Scene! Welche Verblendung, Pauline! Welche Geſtändniſſe! Welche Gefahren! Das Haus war umringt! Wir müſſen in die Stadt ziehen. Man könnte uns hier ermorden... Laß mich, antwortete Pauline und ſank erſchöpft auf eine Ottomane. Nach einer Weile fügte ſie hinzu: Nie traf es ſich, daß ich Egon ſah. Als ich den erſten Blick auf ihn geworfen hatte...o Gott! Welche Erinnerungen! Mehr vermochte ſie nicht hervorzubringen. Die Ludmer verſtand, was ſie ſagen wollte und verſuchte ſie auf andre Gedanken zu bringen. Ich riegelte zu, als ich Franz kommen hörte, ſagte ſie. Er war bei Auguſten und hat mir Schreckliches erzählt. Er kam dort gerade zur rechten Zeit... Ehe das Mädchen am gebrochenen Herzen ſtarb, aus Verzweiflung, ſich von einem Ehrenmanne verſchmäht zu ſehen? ſagte Pauline mit einem Ausdruck, der die ganze Schwere der Gedanken bezeichnete, die auf ihrer Bruſt laſteten und ihr jetzt wirklich etwas Prophe⸗ tiſches gab. Ehe ſie in's Narrenhaus gebracht wurde!l ſagte die Ludmer ruhig. Die Nitter vom Geiſte. V. 34 —õÿy——;;— „ 1 1 1 3 3 Großer Gott! rief Pauline theilnehmend. Char⸗ lotte, Charlotte! Wie ruhig du Das ſagen kannſt! Die Ludmer erzählte, wie Franz gekommen wäre, hätte er ſchon im Hauſe gehört, daß vorgeſtern Abend der Fremde, mit dem Auguſte ſeitdem oft ausgegangen wäre, ſehr laut und heftig gezankt und dann ſich ent⸗ fernt hätte. Oben hätte Franz den ſogenannten Eng⸗ länder mit der ſchwarzen Binde gefunden, um Au⸗ guſten, die auf dem Bette lag, beſchäftigt Der Eng⸗ länder wäre ſehr ergrimmt gegen Franz geweſen. Auguſte hätte aber Franzen nicht gekannt. Franz wäre ſo geſcheut geweſen, ſich für einen Andern als Den auszugeben, der ſie mit Mangold bekannt ge⸗ macht hätte. Als Mangold vorgeſtern gegangen wäre, erfuhr Franz, hätte Auguſte nicht ein Wort geſagt, ſondern in einem todähnlichen Starrkrampfe dage⸗ legen, bis nächſten Morgen. Murray wäre nicht von ihrem Bett gewichen. Am Morgen wäre ſie etwas aufgeſtanden und hätte in aller Stille das Fenſter geöffnet, um ſich, ohne einen Laut von ſich zu geben, auf den Hof zu werfen. Murray, von dem plötzlichen Gedanken, den Niemand geahnt hätte, überraſcht, hätte ſie mit Rieſenkraft ergriffen und zu— rückgehalten. Dann lag ſie, erzählte Franz, bis zum Abend wieder im Starrkrampfe. Endlich hätte ſie ———— 531 Speiſen genommen und einige Worte, aber verworren, geſprochen; ſie hätte fortgewollt, man hätte ſie ge⸗ halten. Murray verließ ſie keinen Augenblick. Man . hätte den Arzt gerufen und dieſer eine Beruhigung Pnnnn Albend verſchrieben, nach der ſie einſchlief. Seit heute früh ausgegangen ſpräche ſie ſtill, aber verwirrt, dann hätte ſie geweint, ſich geſammelt, aber den ganzen Abend wäre ſie ſo gefährlich irr geweſen, daß man ſich hätte entſchließen müſſen, ſie in das Narrenhaus zu ſchaffen. Franz wäre gerade angekommen, als man einen Wagen mend. Char⸗ gen kannſt. ommen wäre, ann ſich ent⸗ annten Eng⸗ en, um Au⸗ t Der Eng⸗ unz geweſen holte und Murray ſie mit ſchönen koſtbaren Kleidern, unnt. Franz die er irgendwo hätte holen laſſen, mit Gold und Andern als Silber putzte, in einen Fiaker ſchaffte und ſie ſelbſt bekannt ge begleitete. Er hätte ihr geſagt: Es ginge auf den angen wäre, Fortunaball! Da hätte ſie gelacht und mit der Zunge Wort geſagt geſchnalzt, als ging' es zum Tanze. Ihre Kleider ampfe dage⸗ muſterte ſie lachend im Spiegel, alle die Ringe, die wäre nicht Brochen, die Armbänder, die ſie plötzlich vor Wochen en wäre ſ trug, wären zum Vorſchein gekommen und ſo wäre Stille das ſie lachend und als ging' es zum Bgll oder zu einer nut von ſic Hochzeit mit Murray in's Irkenhaus gefahren. Franz, durray, von ſchloß die Ludmer, hat mir die Geſchichte ſo erzählt, rahnt hät daß es mich ſelbſt kalt überlief... und nun hier fer und dieſe Scene noch, dieſer Ueberfall wie von Räubern n. bis ſ und Mördern! z hätte 34* — Du biſt ſchauerlich, Charlotte, ſagte Pauline ent⸗ ſetzt... Gute Nacht, Charlotte! Es iſt erſt neun Uhr, bemerkte die Ludmer. Ich gehe zu Bett! Gute Nacht, Charlotte! Die Ludmer kannte gewiſſe determinirte Stimmun⸗ gen ihrer Herrin. Sie verſparte alle Erörterungen auf morgen und fragte, ob ſie das Kammermädchen rufen ſollte. Pauline ſchüttelte den Kopf. Die Ludmer, die jetzt mit einem male die läſtige Nichte losgeworden war, mit einem male auch die Spannung zu dem Prinzen Egon ſich löſen ſah, ging ziemlich erleichtert zu Franz zurück, der ihr das Vor⸗ gefallene wiederholt erzählen ſollte... Pauline riegelte ſich ein, entkleidete ſich raſch und warf ſich erſchöpft auf ihr Lager. Als ſie im Dunkeln war, trat ihr im Halbſchlafe Egon's Geſtalt entgegen. Sie ſeufzte auf und hätte ihn an's Herz ziehen mögen, weil er ihr Erinnerungen wach⸗ rief, die zu ihren theuerſten und ſchmerzlichſten gehör⸗ ten. Ihr unruhiges Blut ließ ſie nicht ſchlafen. Sie mußte aufſtehen, wieder Licht machen. Zuviel, zuviel der Vergangenheit trat ihr geſpenſtiſch entgegen! Es war ihr, als wenn die alten Bruſtkrämpfe wieder⸗ line ent⸗ kämen. Röchelnd erhob ſie ſich, als läge ein Alp auf ihr. Sie wollte klingeln... unterließ es aber, da r. ſie hörte, daß man noch im Hauſe wachte. Der Ge⸗ heimrath kam aus dem Theater. Sie hörte ſogar die Schüſſeln ſeines Nachteſſens klappern, das man in ſein — . ünanun Zimmer oben hinauftrug. Das beruhigte ſie wieder. Kerunchn Sie dachte an Schlaf. Aber er floh ſie. Bilder aus mäüſhe Italien, aus der Schweiz traten ihr entgegen. Eben lieblich und ſchön, dann verzerrt und beängſtigend. Eine Geſtalt ſchien ſie beſonders zu ängſtigen. Sie ie läftige erinnerte ſie durch eine ſeltſame Gedankenreihe an Waſ⸗ auch die ſer, an einen übergetretenen, hohen Fluß. Hülfe! ah, ging Hülfe! glaubte ſie gerufen zu haben. Dann fuſr ſie as Vor⸗ auf und ſah ſich um, fand Alles ruhig und legte ſich auf eine andere Seite. Aber nun kam ihr Auguſte aſch und Ludmer vor die Augen. Sie ſah ſie im Ballſtaate mit geſchminkten Wangen— ſie ſah Kerzen— Kro— albſchlafe nenleuchter— alle Tanzenden waren wahnſinnig— bätt in der Mann mit der ſchwarzen Binde, den ſie ſo oft ,rdhlh hatte nennen hören, führte Auguſten in ihre Nähe, 14 li und dieſe knixte vor ihr und ſagte ihr in wahnwitziger en de Rede: Schöne Dame, gib doch meinem Baron ſei⸗ ie nen Sohn! Es war dann wieder, als wäre Man⸗ 1 i gold Der, der dies Mädchen führte... und ebenſo g raſch gaukelte ihr ein Bild vor die Augen, wo Au⸗ 5— 1 guſte zerſchmettert auf dem Straßenpflaſter lag und Franz mit einem Lichte drüber her leuchtete, und als ſie nachſahen, war es eine edle reine Geſtalt, die wie ein Engel ſchlummerte, ganz verklärt, ganz verändert, und ſie ſagte ſich: Das iſt ja Selma, aber mit En⸗ gelsflügeln! Ach! Sie ſchläft ſtill und ruht ſich von einem Leben aus, das ein ewiges Opfer war! Dazwiſchen dann hörte es Pauline deutlich von den Stadtthürmen herüber zehn, elf ſchlagen. Aber es ſchlug ſchon halb zwölf und ſie ſchlief noch nicht... — — — Sie ſtand ungeduldig auf, machte wieder Licht, nahm Brauſepulver, wollte leſen und kleidete ſich an. 1 Kaum hatte ſie eine Weile in das erſte nahelie⸗ gende Buch geblickt, als es heftig an der Thür ſchellte, die von der Straße in den Vorgarten führte. Die Glocke war groß und es ſchellte mächtig. Pauline ging 4 an das Fenſter und ſah einen Mann an der Thür, der eben zum zweiten Male ſchellte. f Um zu ſehen, ob noch ihre Bedienung wach war, V 1 zog ſie ihre Glocke. 1 Lange dumpfe Stille... Der Mann, den ſie durch eine Ritze ihres halb⸗ geöffneten inneren Fenſterladens unterſcheiden konnte, ſchellte zum dritten Male. Sie zog wieder ihre Glocke. 8 1 5³⁵ Endlich regte ſich etwas im Hauſe. Man ging und fragte vom Fenſter, was es noch ſo ſpät gäbe? Sie hörte, daß eine fremdartig klingende, das Deutſche etwas gebrochen mit polniſchem Accent ſpre⸗ chende Stimme ſagte, hier wäre ein Billet vom Prin⸗ zen Egon, das man der gnäd'gen Frau morgen ganz in der Frühe beim Erwachen geben ſollte. Wie ſchlug Paulinen das Herz, als ſie dieſe Worte hörte! Man nahm das Billet durch das Gitter. Der Fremde, der kein Bedienter war, ging... Es wird Louis Armand ſein! dachte ſie... Sie kannte von Helenen die Umgebungen Egon's. Es wird der Sänger ſein, der dem Prinzen durch ſeinen Geſang verrieth, daß die Freunde wachten! Sie ſchellte wiederholt... Franz kam. Eben wurde ein Brief vom Prinzen Egon abge⸗ geben, ſagte ſie. Ich will ihn ſogleich leſen. Franz kehrte um und nahm Ernſten erſtaunt das eben empfangene Billet ab. Sie erbrach es haſtig, wandte ſich von den ver— ſchlafenen, zurücktretenden Dienern ab und las: „Gnädige Frau, erſt eine Stunde lang hab' ich in — 536 den Blättern meiner Mutter geleſen und den Reſt überflogen. Dennoch bin ich ſchon zu der Ueberzeu⸗ gung gekommen, daß ich Sie morgen in aller Frühe, um neun Uhr, wenn ich darum bitten darf, ſprechen muß. Ich erkenne, was Sie ſagten: Die Selige liebte nur Gott und ſich. Vergeben Sie mir, daß ich ſo ſtürmiſch, ſo wahnſinnig war! Ich fühle, daß ich des Rathes einer weiſen, vom Schickſal geprüften Frau bedarf, einer Frau, die über den gewöhnlichen Stand⸗ punkten des Lebens erhaben iſt!“ Pauline nickte, als ſie geendet hatte, einige Male voll tieffter Genugthuung mit dem Kopfe. Fühlſt du's nun, Prinz Egon Waldemar von Ho⸗ henberg! rief ſie, die Bedienten nichtachtend, trium⸗ phirend aus. Krümmſt du dich nun vor Paulinen von Harder, ſtolzer Jüngling, den die Schönheit He⸗ lenen's nicht ſo feſſeln wird wie hinfort der alten Pauline Geiſteskraft? Zittere nicht, Egon! Ich be⸗ darf deiner, ſo wie du meiner bedarfſt, und wenn du weiſe biſt und mir deine ſtarke Hand zur Stütze für den Reſt meines Lebens leihſt, ſo will ich dir zei⸗ gen, daß ich dich mehr liebe, als Helene d'Azimont, mehr, mehr als ſelbſt Amanda, deine eigne Mutter! Franz ſtand in der Ferne und harrte noch auf einen Befehl. den Reſt Ueberzeu⸗ er Frühe, ſprechen ige liebte ß ich ſo F ich des en Frau Stand⸗ ge Male von Ho⸗ trium⸗ Paulinen heit He⸗ eer alten Ich be⸗ d wenn r Stütze dir zei⸗ Nzimoni⸗ Mutter! och al V Um ſieben Uhr wecken! ſagte Pauline, erſchreckend, daß ſie nicht allein war. Franz ging. Pauline aber verriegelte die Thür, las das raſch hingeworfene Billet beſeligt noch einmal und noch ein⸗ mal, entkleidete ſich und warf ſich heiter, beruhigt, ja lachend auf ihr Lager. Sie entſchlief unter der ſüßen, reizenden Vorſtellung eines neu für ſie begin⸗ nenden Lebens. Im Bunde mit Egon und ſeinen geiſteskräftigen Freunden... was hoffte ſie nicht Alles! Was konnte ſie nicht Alles wagen und noch vom Schickſal erwarten! Ende des fünften Buches. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —— Our& Grey Sornrot Shari Cyan Green vellow Hed