deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 9. 3 Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rück gabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 U— 3 geliehenen Buches wird von) ] hr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. s iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Die Zeit eines Tage gegennahme Leibbibliothek 1 Werthe deſſelben entſpreche hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v wird. 4. Abonnement. D beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. „ 3 2 2„=, 5. Auswärtige Abonnenten bab der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fuͤr beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ cte n Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet nde Summe on mir zurückerſtattet aſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mr. 50 Pf. 2 Wlr.— Pf. 4 5„—„ 2— en für Hin⸗ und Zuruckſendung auf 14 Tage feſtgeſetzt u nd wird nders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, ſelben vo welche die⸗ dafür zu ſtehen haben. — — 011 320 804 891 845 Die A. Le ſer Sogn Nitter von Geiſte.)“ 1* ’ Roman in neun Büchern von b A a1 G,1 h,A, A Vierter Band. 1. . Vh a a.. I r —— Leipzig: „ F. A. Brockhaus. 1851. n A eͤ 8= G& 6n—&&☛ ᷣ— Inhalt des vierten Bandes. Viertes Zuch. Seite Erſtes Capitel. Zwei unverſtandene Seelen......... 3 Zweites Capitel. Begegnungen.................. 37 Drittes Capitel. Meiſterin und Schülerin.......... 62 Viertes Capitel. Brandgaſſe: Nummer Neun....... 103 Fünftes Capitel. Die Lauſcherin.................. 13² Sechstes Capitel. Nummer Sechs⸗ und Nummer Sie⸗ benundachtzig........................... 148 Siebentes Capitel. Caliban................. 182 Achtes Capitel. Der Fortunaball................. 225 Neuntes Capitel. Die Signalements.............. 249 Zehntes Capitel. Die grüne Brillee.............. 264 Elftes Capitel. Der rothe Domino!............... 293 Zwölftes Capitel. Jeannette............. 342 Dreizehntes Capitel. Die ſchwarze Binde.......... 370 Vierzehntes Capitel. Eine Morgenſtunde.......... 397 Funfzehntes Capitel. Der Schrein............... 425 Viertes Buch. Die Ritter von Geiſte. IV. 1 ————-————-— ————— ½———= 3 n 5= g ₰—-————=— 6 ———— ——— —— 1 —— Erstes Capitel. Zwei unverſtandene Seelen. Nicht hundert Schritte von der beſcheidenen ländlichen Wohnung der Fürſtin Adele Wäſämskoi entfernt lag die uns ſchon bekannte reizende Villa der Geheimräthin Pauline von Harder zu Harderſtein. Gegen die ſtille, gemüthliche Abendunterhaltung, der Siegbert Wildungen wie durch die ſeltſamſte Ueber⸗ raſchung des Zufalls in jenem von Rudhard etwas despotiſch beherrſchten Kreiſe beigewohnt hatte, bildete den auffallendſten Gegenſatz die Vorbereitung der glän⸗ zenden Soirée, die Pauline von Harder in aller Eile noch für den Abend„improviſirt“ hatte.. Die Geheimräthin verfügte über einen gewiſſen Kreis, den ſie zu jeder Stunde des Tages, wie es in ihrer raſchen Sprache hieß,„zuſammentrommeln“ konnte. Ein Beſuch wie der der d'Azimont, eine Bekannt⸗ 1* 4 ſchaft wie die der gefeierten allgemein bewunderten Schönheit Melanie Schlurck, mußte ihre nothwendige „Staffage“ haben und ſoviel ſie auch veranlaßt war, beide Frauen nur allein zu genießen, die kleinen „Etabliſſements“ fehlten in ihren Sälen nicht, um mitten im rauſchenden Gewühle ſich ungeſtört allein zu fühlen und ſich„auszuſprechen“. Der Eifer, mit dem die Geheimräthin, unterſtützt von der Geſellſchaftliebenden und für ihr Alter ſehr zerſtreuungsſüchtigen alten Charlotte Ludmer, dieſen Abend in aller Eile„arrangirt“ hatte, wurde noch angeſpornt durch ein Billet des Juſtizrathes... Franz Schlurck ſchrieb nicht nur, daß ſeine Tochter ſich hochgeehrt fühlen müſſe, in die Nähe einer ſo vornehmen Dame dringen zu dürfen, ſondern fügte noch hinzu, daß er im Stande ſein würde ihr recht angenehme Dinge mitzutheilen und ſie ſich darauf ver⸗ laſſen könnte, ſchon am morgenden Tage im Beſitz des verlorenen Bildes zu ſein, deſſen Spuren er entdeckt und auch gefunden hätte, daß es mit dieſem Bilde eine geheimnißvolle Bewandtniß haben müſſe. Er fühle, daß es Zeit zum„Handeln“ würde... Dieſes Billet kam freilich gerade mitten in eine ſehr verdrießliche häusliche Scene hereingebrochen, die ſie und die Ludmer mit der Excellenz aufführten... 5 Die„junge Excellenz“ hatte ſich in der That erſt gegen Mittagszeit eingefunden und verrieth ſo ſehr alle Kennzeichen eines böſen Gewiſſens, daß die beiden Frauen(denn auch die Ludmer nahm ſich von ſelbſt die Freiheiten heraus, die Pauline durch ihre Stellung behaupten durfte) in einen grimmen Zorn geriethen und ihm„kindiſche Streiche“ vorwarfen, über die er beichten ſollte. Der Geheimrath machte eine ſehr verblüffte Miene. Er legte ſich aufs Leugnen und blieb bei den Ver⸗ ſicherungen ſeines Dienſteifers und der in dem Möbel⸗ wagen deshalb abſichtlich zugebrachten Nacht mit aller Hartnäckigkeit eines Schulknaben, der den alten Satz der Jeſuiten: Si fecisti, nega! mit einer ſolchen Sicher⸗ heit durchführt, daß die Lehrer ſelber an ihm irre werden und von ſeiner Unſchuld aufs vollkommenſte überzeugt ſein müſſen. Excellenz geſtanden den Verluſt des Bildes ein, bekannten ſich aber für völlig„unſchuldig“ und droh⸗ ten mit einer Unterſuchung, die ſie ſchon auf's Nach⸗ drücklichſte gegen den Hohenberg'ſchen Juſtizdirector von Zeiſel hätten einleiten laſſen. Kurt Henning Detlev Harder zu Harderſtein vertröſtete die Frauen damit, daß ſie ohne Zweifel bald ſehr klar ſehen würden... Wie geſagt, da die Geheimräthin den Brief von 6 Schlurck empfing, ſo ließ ſie die„Botiſen“ ihres Gat⸗ ten ſo„hingehen“ und ſchenkte ihm nach dem ſcharfen Verhör, in deſſen Klemme er mit Zittern geſteckt hatte, mit dem Bedeuten, er ſollte die nähere Unterhandlung mit Herrn von Zeiſel ihr nur allein überlaſſen— Pauline war dieſe Weiſung, die ihrem Gemahl genug auffiel, der Fürbitte ſchuldig, die Schlurck für ſeinen Freund von Zeiſel am Morgen erhoben hatte— endlich die Freiheit. Bei Tiſche wurde wenig geſprochen. Pauline hatte der Gedanken zu viele zu verarbeiten und Alles, was Herr von Harder etwa Neues brachte, z. B. das all⸗ gemeine Aufſehen, das die Erkrankung des Prinzen Egon machte, die Ankunft der d'Azimont, die Ausſicht auf ihre Beziehungen zur Fürſtin Wäſämskoi, die Schwan⸗ kungen des Miniſteriums, die Wahlen, der Reubund, die drohenden Zerwürfniſſe zwiſchen der Stadt und der Regierung und das ſchlimme Beiſpiel, das daraus für die Provinzen entſtehen würde, alle dieſe Anſpie⸗ lungen, in denen ſich Excellenz, die ſonſt nur von ihren Schlöſſern und Gartenanlagen, den Dienſtver⸗ gehen der Caſtellane und Inſpectoren, den Angebereien der Subalternen und ihren Erſparniſſen in der Ver⸗ waltung ihres„Reſſorts“ ſprachen, heute wahrhaft erſchöpften, um ſeine Gemahlin heiter zu ſtimmen 4 2 und zu verſöhnen, diente nur dazu, in ihr Gemüth Stacheln und Dornen zu drücken. Sie ſah da ja, daß ſo Vieles ſich ereignete, was ohne ſie Beſtand hatte, ohne ſie ſich angelegt hatte und hiſtoriſch ent⸗ wickelte! Ernſt und Franz hätten ihr nach Tiſch beinahe auch einen unerwarteten Aerger bereitet. Denn eben wollte ſie ſich vor ihrer Toilette noch im grünen Bou⸗ doir ein wenig durch leichten Schlummer ſtärken, als dieſe beide an ſie herantraten und um die Erlaubniß baten, heute Nacht den großen Fortunaball mitmachen zu dürfen. Sie ſchmähte ſehr gegen dieſe Vergnü⸗ gungsſucht ihrer Leute, tadelte den Ort, wo man Be⸗ diente ihrer Stellung nicht antreffen ſollte und konnte ſich erſt für halb und halb einverſtanden erklären, als Franz mit ſchlauer Miene ſagte: Excellenz, es wird ein großer Ball. Tauſend Billets ſind verkauft. Man macht Bekanntſchaften. Die Wandſtabler's kommen auch... Schon oft hatten die Leute der Geheimräthin von dieſen drei Geſchwiſtern Wandſtablers erzählt, die ſich auf den Volksbällen für die Zurückhaltung ſchad⸗ los hielten, die ſie bei aller Freiheit doch im Hotel des Fürſten von Hohenberg beobachten mußten. Auf dieſe Erinnerung hin, ſagte Pauline von 8 Harder, wolle ſie den Abend noch einmal auf die Sache zurückkommen... Damit legte ſie ſich ein wenig zur Ruhe, ohne indeſſen wahre Stärkung in einem kurzen Schlafe zu finden. Sie träumte zu lebhaft. Nadasdi, der Held ihres unglücklichen Romans, erſchien ihr in dem ver⸗ hängnißvollen Schlafrock, in dem dieſer weichherzige Magyar ſoviel Thränen vergoſſen haben ſollte! Jedes⸗ mal, wenn ein großes Ereigniß ſie beſchäftigte, er⸗ ſchien ihr Nadasdi in ſeinem Schlafrock... Sie nahm ein kleines homöopathiſches Streukügelchen zur Beruhigung und war froh, daß ſie auch für den Abend Herrn Sanitätsrath Drommeldey geladen hatte .Sie bedurfte, wenn Schlurck nicht etwas ſehr Entſcheidendes brachte, wirklich der ärztlichen Be⸗ rathung. Gegen ſechs Uhr begann dann die Toilette und heute gewählter, als ſeit lange... Während die Ludmer die oberen Salons hatte öffnen, mit friſchen Blumen garniren laſſen, die Kerzen auf den Kron⸗ leuchtern unterſuchen, vervollſtändigen, die Wandlam⸗ pen ſchon am hellen Tage zur Probe anbrennen ließ, nebenbei den Thee, das Eis und die Confitüren nach der Ordnung des Servirens angab, die ihr für heute die zweckmäßigere ſchien, ſchmückte ſich die Geheim— —— —— räthin mit den friſcheſten Farben. Sie wählte heute einen leichten Seidenſtoff, weiß und roth geſtreift. Ihrem ſtolzen Semiramishaupte gab ſie etwas von ihrer eige⸗ nen und Heinrichſon's Erfindung, eine Art bibliſchen Turbans, wie man ſich etwa Rebecka denken mochte bei Eliezer's Gruße am Brunnen. Dies weiße Kaſhe⸗ mirgewinde, ſtolz und frei getragen, ſtand ihr gar ſtattlich. Das eine Ende des Bundes, mit goldenen Franſen, hing ſchwer über die rechte Schulter herab, die natürlich, wie die ganze Büſte, ſehr ſtark weiß geſchminkt wurde, um durch eine große umſtändliche „Florgeſchichte“, die wiederum ganz patriarchaliſch, jedoch mehr im Stile der Hagar, als ſie mit Ismael in die Wüſte zog, um Nacken und Hals geſchlungen wurde, blendend hindurchzuſchimmern. Die magern Arme hatten ſich derſelben Prozedur des Puderns zu unterwerfen. Sie waren, ein ſeltenes Wagniß, heute ganz frei und wurden mit den ſchwerſten Armbändern behängt. Wenn ſie mit einer leichten, wellenförmig gerundeten Bewegung des rechten Oberarmes ganz wie in Gedanken einmal an das hängende Ende ihres Turbans fuhr und die goldenen Troddeln, ſchwerer wiegend, hin⸗ und herſchwankten, ſo gab das einen ganz hübſchen Effect, den der elegante Maler Hein— richſon oft bewundert und erklärt hatte, ihn ſich für ein Bild zu merken, das er noch einſt von dem An⸗ tonius und der Cleopatra malen wollte. In dieſer Tracht, die ihr wirklich viele„Frais“ verurſachte, nämlich die Mühe der Ueberlegung und die moraliſche Mühe einer ihr gar nicht mehr„geläu⸗ figen“ Eitelkeit, ſtieg denn gegen ſieben Uhr Frau von Harder in ihre oberen Zimmer. Sie durchmuſterte ſie und fand ſie noch nicht ge— lüftet genug. Es war ihr heiß in dem ſommerlichen Abend geworden. Der Maraboutfächer mußte die Glut ihrer Stirn kühlen, die leider zu roth, zu roth, ach zu roth war... Sie haßte eigentlich dieſe obe⸗ ren Appartements, der Ueberzahl ihrer Spiegel wegen. Welche Verſchwendung, ſagte ſie oft, an dieſer ver— leumderiſchen indiscreten Compoſition! Und noch an jedem Spiegel waren zwei Wandleuchter und jeder Wandleuchter mit mindeſtens drei Kerzen angebohrt! Aber ſie mußte dieſe Zimmer und nicht den Garten⸗ ſalon wählen; denn hier nur gab es Niſchen zu trau⸗ lichem Zwiegeſpräch, zeltartig drapirte Alkoven mit Tapetenthüren zu kleinen Cabineten mit Divans, die unter Blumen verſteckt waren. In einem dieſer Zelte, das ſpäter von einer herabhängenden Ampel matt erleuchtet werden konnte, prüfte ſie, wie wol ihr Anzug gegen den Hintergrund abſtechen würde. „— .* Pauline war geſchmackvoll von Natur und nur durch ihre üppige Phantaſie manchmal etwas zu überladen. Aber darin zeigte ſie ſich als Virtuoſtn, daß ſie nie⸗ mals in großer Geſellſchaft erſchien, ohne nicht ihre Toilette nach dem Farbenton der Zimmer einzurichten, in welchen ſie erſcheinen ſollte. Sie beſann ſich regel— mäßig, wenn ſie eingeladen war, in welchem Zimmer die Geſellſchaft ſie begrüßen würde und wählte dar— nach die Farbe ihrer Kleider. Es war ihr ſchon ge— ſchehen, daß ſie bei der Trompetta, die einmal nach Vollendung eines Albums, das ſie für arme Ueber⸗ ſchwemmte herausgegeben hatte, alle Dichter einlud, deren Beiträge das Album füllten, ein neues wun⸗ derſchönes grünes Kleid nur unter der Bedingung an⸗ zog, daß ſie der Trompetta erſt ein Sopha mit ceriſe⸗ rothem Sammet überzogen ſchicken durfte. Die Trom⸗ petta hatte nämlich nur dunkle Möbel und ſträubte ſich ſehr, beſonders vor einigen frommen Lyrikern, ſich auch auf ceriſerothen Sammetmöbeln betreffen zu laſſen. Die Geheimräthin kam aber nur unter dieſer Bedin⸗ gung, daß ſie ihr grünes Kleid auf rothem Sammet zeigen durfte. Si non e vero... man erzählte es wenigſtens. 2 6 n Eben noch prüfte Pauline den Effect ihres hellen bibliſchen Coſtüms gegen das dunkelblau mit Gold 12 2 drapirte Zeltgemach und erfreute ſich des wirkungs⸗ vollſten Abhubes ihrer Figur von der dunklen Um⸗ gebung, als ein Wagen vorfuhr und durch das offen- ſtehende Portal gleich in das Haus einlenkte. Daß eine Dame leicht und behend vom ſchnell herabge— laſſenen Tritte herunter und auf die Strohdecken ſprang, die unter dem Unterbau des Hauſes vor der Ein⸗ gangspforte ausgelegt waren, ſah Pauline nicht; ſie ſah nur das Einlenken des Wagens in die geöffnete Gartenthür, ahnte aber wer es war, ließ ſich nicht erſt anmelden, wer kam, ſondern ging der Kommen⸗-. den entgegen. Sie war vollkommen darauf vorbe⸗ reitet, daß ſich ihr die Gräfin d'Azimont mit einem Strom von Thränen an die Bruſt warf... Welch ein Gegenſatz zwiſchen zwei Geſchwiſter⸗ paaren! Drüben die ruhige, faſt phlegmatiſche Adele Wäſämskoi im Kreiſe ihrer Kinder, geregelt und be⸗ vormundet von einem einfachen, ſtrengen, mathema⸗ tiſch geordneten, praktiſch bürgerlichen deutſchen Ver⸗ ſtandesmenſchen; hier dieſe wilde leidenſchaftliche Halb⸗ pariſerin, die ſchon auf der Treppe ſo laut ſchluchzte, daß die Ludmer die erſtaunten Bedienten entfernen mußte!... Druͤben die weiche, ſanftmüthige Anna von Harder, die ihren Lebensberuf in der Pflege eines wunderlichen Greiſes, in milden Werken der Liebe — — — 3 2 g ꝑ;ꝙ——4 ½ 13³— — und der prunkloſen Ausübung der Muſik fand und noch in dieſem Augenblicke die beſcheidene Sorgfalt ihres Herzens gegen ihr faſt ganz fremde Menſchen walten ließ; hier ihre Schweſter, im blendendſten Schmuck, ebenſo leidenſchaftlich, nur äußerlich kälter, wie ihr Beſuch, den ſie nicht am kleinen Theetiſch, am dampfenden Comfort, unter einem Akazienbaum, an einer Wand beſchattet von wildem Weine empfing, ſondern in das blau⸗ und golddrapirte Zelt führte, auf einen Divan, hinter Camelien und rankenden Ge⸗ wächſen, die ſich um die ſchweren bronzenen Stäbe des Zeltes und die herabhängenden goldenen Quaſten ringelten. Helene d'Azimont war klein und zart. Woher ſie ſchöner war, als ihre ältere Schweſter, konnte man kaum begreifen, wenn man faſt denſelben Schnitt des Geſichtes entdeckte. Es war dieſelbe Bildung der Formen und doch von unendlich verſchiedener Wir⸗ kung. Das Enſemble an der Gräfin war reizend, die Linien unendlich harmoniſcher, ihre Verbindung belebt und voll Anmuth. Sie ließ ſich, obgleich der Fürſtin ganz ähnlich, doch mit dieſer kaum vergleichen Jede Bewegung der Helene d'Azimont war Leben. Die langen Augenwimpern zitterten, der ſchöne kirſch⸗ rothe Mund bebte, die wie Emaille glänzenden Zähne 14 zeigten ſich unwillkürlich, wenn die Lippen wie vom Schmerze offen ſtanden. Die Form des Halſes, des Nackens, die Wölbung der Hüften, Alles war zwar klein, zwar zierlich, aber doch ſchlank und von regel— mäßiger Harmonie und voll und fleiſchig, trotz des Kummers, der doch an ihr nagte. Das Auge blau und im Nu ſo groß geöffnet, daß es unter den ſchwar⸗ zen Wimpern wie eine leuchtende Kryſtallkugel auf⸗ zugehen ſchien. Die ganze Schwärmerei einer ita⸗ lieniſchen Sternennacht lag in dieſem Auge, wenn es ſich öffnend ſtarr den Blick feſthielt und den Gegen⸗ ſtand, auf den es fiel, faſt in ſich aufſaugend ver⸗ zehrte. Das ſchwarze Haar lag im einfachen Scheitel dicht und glänzend über der kleinen Stirn. Wäre dieſe Stirn ein wenig größer geweſen, man hätte das Bild einer religiöſen Denkerin, einer entzückten Schwär⸗ merin gehabt. Da ſie aber klein, von dem Scheitel beſchattet war, ſo verſinnlichte ſie nur das Gemüth, die Leidenſchaft, die gleichſam völlige Abweſenheit alles Nachdenkens. Die Liebe ſchien der Glaube die⸗ ſer Frau zu ſein; die Zärtlichkeit das einzige Bekennt⸗ niß ihres Herzens. Wir wiſſen, daß Helene d'Azimont dreißig Jahre zählt. Eine gewiſſe ſchwellende Rundung ihrer For⸗ men war die einzige Beſtätigung dieſes Alters. Sonſt hal n wie vom Halſes, des war zwar von regel⸗ „trotz des Auge blau den ſchwar⸗ ſugel auf⸗ einer ita⸗ , wenn es den Gegen⸗ zugend ver⸗ en Scheitel rn. hätte das en Schwaͤr⸗ in Scheltl Gemüth, bweſenheit Zlaube die⸗ e Bekennt⸗ ißig Jahre ihrer Fol⸗ rs. Sonſt Wäte glaubte man ein Kind vor ſich zu haben, eine zum erſten Male ins Leben tretende Jungfrau, voll Ver⸗ trauen, Dreiſtigkeit, angeborener Sicherheit. Wie dies Auge rollte! Wie dieſe Bruſt wallte! Pauline konnte ſie ohne Hemmniß an die Flordraperie ihres Halſes drücken, denn Helene war ſo einfach gekleidet! Sie war ſchwarz vom Kopf bis zur Sohle. Man ſah, daß es nicht ihre Abſicht war, heute bis zur Geſell— ſchaft zu bleiben. Und doch blendete die Weiße ihrer Haut unter den ſchwarzen Flören wie der ſchönſte Schmuck! Sie trug an dem runden, vollen Arme lange ſchwarze Florethandſchuhe. Um den Hals fun⸗ kelte wol ein Collier von Brillanten, aber dies ſchwarze Florchiffü über dem Flechtenneſte und halb dem Scheitel der Haare, dieſer Kopfputz mit den einfach in den Nacken herabhängenden Spitzenzipfeln war ſo wenig auf geſellſchaftlichen Reiz berechnet, daß man an die Aechtheit der Thränen glauben mußte, unter denen ſie ausrief: Da haben Sie mich denn, Pauline! So komm' ich von Paris, ſo ſehen Sie in mir die Verzweifelnde, die Sterbende um einen Sterbenden! Helene, iſt die Gefahr ſo groß? fragte Pauline halb wie zitternd. 16 Egon ſtirbt! Egon wird dieſer Erde nicht mehr angehören! Ich bitte Sie, Freundin! Ein junger, kräftiger Mann! Wir haben keine Epidemieen. Aerzte um⸗ ſtehen ſein Lager. Sie ſelbſt— Ich, Pauline? Ich?... Ihr wißt es ja Alle! Wo ich hinblicke, hat ja die Welt kein Mitleid für mich, nur lachende boshafte Augen! Die Menſchen, die Bäume, die Vögel in der Luft lachen! Verſtoßene, Zwei Jahre des ſeligſten Glückes ſind ja vernichtet, geſchändet— o was ſag⸗ ich geſchändet! Egon! Was du thuſt iſt wohlgethän. Tritt mich mit deinen Füßen, verſtöße mich, morde mein„Sey 7 feir dofse Lebe! Lebe! Lebe! Helene lag ſchluchzend auf dem Sopha... Pauline mußte ſich, ſelbſt wenn ſie der kälteſten Faſſung fähig war, von einem ſolchen Ausbruch wil— deſter Verzweiflung erſchüttert fühlen. Sie hatte ſeit einiger Zeit in einer Welt gelebt, die ſich um ſie her immer mehr erſtarrte; ſie hatte früher in dieſer Weiſe ſelbſt geliebt, ſelbſt empfunden. Aber jetzt nach ſo vie⸗ len Verknöcherungen und Verſteinerungen ihrer näch⸗ ſten Lebensbedingungen war ihr dieſe Scene faſt wie verlorene Helene, ruft mir ja jedes Atom, jedes Stäubchen zu, über das ich ohnmächtig hinſchwebe!⸗ — Trau zwan weif genbl unterd wiſche an H S Sam Theil ſo we ſer T und llaſti Em keit traten 17 Traum aus ihrer früheſten Jugendzeit. Die fünfund⸗ zwanzig Jahre, die ſie mindeſtens vor der jungen ver⸗ zweifelnden Frau voraus hatte, fühlte ſie einen Au⸗ enblick nicht; ſie konnte das Zittern ihrer Hand nicht unterdrücken, konnte nicht von ihren Lippen weg⸗ wiſchen, daß ſie einen Augenblick bebten. Sie dachte an Heinrich Rodewald und ihre Jugend... Helene, ſagte ſie nach einer Pauſe allmäliger Sammlung, Helene, Sie ſehen mich voll gerührteſter Theilnahme, aber auch voll Ueberraſchung. Ich weiß ſo wenig von Dem, was Sie betrifft. Ich hoffte die⸗ ſer Tage durch einen Beſuch bei Ihrer Schweſter— Schweigen Sie von dieſer Schweſter! rief Helene, und in die zarte Erſcheinung fuhr plötzlich eine ſo elaſtiſche Beweglichkeit, eine ſo aufſchnellende zornige Erregung, daß man die in Liebe zerfloſſene Weiblich⸗ keit kaum wiedererkannte. Der Mund und das Kinn traten entſchloſſen hervor und die Augen blitzten von einem wilden, trotzigen Feuer. Schweigen Sie, rief ſie, von dieſer Heuchlerin, dieſer liebloſen Moraliſtin! Für die glühendſten Schil⸗ derungen meines Glückes, die ich ihr nach Odeſſa ſchrieb, hat ſie mir im Tone einer Predigt geant⸗ wortet. Wenn ſie mich tadelte, daß ich für Belcotti ſchwärmte, mit Addington tändelte, die Leiden des Die Ritter vom Geiſte. IV. 2 18 polniſchen Volkes mit dem jungen lithauiſchen Flücht⸗ ling Bardansky verwechſelte, o, alle dieſe Vorwürfe waren gerecht und ich nahm ſie mit ſchweſterlicher Liebe hin. Aber endlich ſchrieb ich ihr, ich trenne mich von d'Azimont, ich liebe, ich liebe zum erſte male, ich liebe, wie ein Weib lieben ſoll, ein Weib, das fühlt, ein Weib, das da ahnt, in ihr ruhe das Ge⸗ heimniß der Schöpfung. Als ich ihr ſchrieb: Der, den ich liebe, iſt ein Gott und ſeinen Namen nennen die Irdiſchen Egon Prinz von Hohenberg, und als ſie mir auch darauf Moral, ewig Moral und immer Moral predigte, ſehen Sie Pauline, ich habe ge⸗ ſchworen, wer mir das Kleinod meines Lebens be⸗ ſchmutzt, mir die Sonne verdunkeln will, die ich an⸗ bete und mögen alle Prieſter der Erde ſagen, die An⸗ betung der Sonne wäre Heidenthum... ich könnte den Dolch erheben und jeden Läſterer meiner Religion durchbohren, ſei's ein Bruder, ſei's eine Schweſter und dieſe Schweſter exiſtirt nicht mehr für mich. Pauline gedachte der Zeiten, wo ſie auch mit Dolchen ſpielte! Wäre ſie eine Philoſophin geworden, ſo hätte ſie gelächelt; aber ſie lächelte nicht. So wild war zwar nicht ihr Haß gegen Anna, wie Helenens Haß gegen die Fürſtin Wäſämskoi, aber ſie erwärmte ſich daran, doch wieder einmal auf dem Bereiche der * — 11 eren Herze Tia wizi bend Spra haben jung, über wird was Char n Flücht⸗ Vorwürfe eſterlicher ch trenne um erſten ein Weib, das Ge⸗ heb: Der, en nennen nd als ſie nd immer habe ge⸗ ebens be⸗ e ich m⸗ die Au⸗ ch könnte Rlgin Schweſter iich. auch mit geworden, So wild Helenens erwämnte reiche der 19 Herzensgeltendmachungen etwas Kraftvolles, etwas Titaniſches zu erleben. Sie jubelte, jene halb wahn⸗ witzige Sittenlogik anerkannt zu ſehen, in der ſie früher ſelbſt gedacht, dann geſchrieben hatte und in Lere ohnmächtigen letzten Trümmern ſie ſich abſter⸗ bend verzehrte. O ſie ſtand auf! Sie hielt dieſe Sprache der Liebe nicht aus, ohne dafür mehr zu haben als bloße einfache Zuſtimmung! Sie wurde jung, indem ſte auf⸗ und abſchritt und Helene, ſelig über Paulinens Erſchütterung, umſchlang ſie und zog ſie zu ſich unter die Camelien und fuhr, ihre Hand feſthaltend, fort: Nichts von Adelen, Pauline! Sie wohnt hier in der Nähe, ich weiß es. Ich kenne ſie nicht. Ich ſchrieb es ſoeben ſchon an d'Azimont nach Paris. Er wird meine Meinung billigen; er iſt ſehr gut und was an ihm das Beſte iſt, er liebt, wie ich, den Charakter! Wie geht es denn Deſtiré? fragte Pauline. Recht übel! bemerkte Helene. Deſiré d'Azimont war ihr kränkelnder Gatte. Wie lange iſt es her, daß wir zum letzten male hier waren? fuhr Helene fort. Vor drei Jahren; ſagte Pauline. Haben ſich ſeine Uebel verſchlimmert? 2* 2 Deſiré iſt recht krank. Man fürchtet für ihn. Seine Corpulenz wird beunruhigend. Die Mutter gibt ihn auf und Sie wiſſen, böſe Augen ſehen weiter, als die Augen guter Menſchen. Keine Veränderung in den alten Verhäl tniſſen? Nur noch geſteigerter! Die Mama iſt förmlich eine Megäre und foltert mich. Deſiré's himmliſche Güte ſchützt mich allein. Sie will die Scheidung vor Deſiré's Tode und Deſiré, der Egon nhrhait liebt— In der That? O Deſiré bleibt ſich gleich. Deſiré iſt ein Philo⸗ ſoph. Er gefällt ſich darin, wie Seneca zu ſterben. Ich weiß nicht, ob ich ihn für größer halten ſoll als. Warum ſtocken Sie? Darf ich denn unbefangen über Deſiré ſprechen? Helene! Sie liebten ihn, Pauline, und waren glücklich, als er mich wählte. Sie drückten mich vor elf Jah⸗ ren an Ihr Herz und nannten mich Schweſter! Ich dächte, mein Kind nannt' ich Sie, Helene! O Sie ſind gut, Pauline! Sie blieben mir die treueſte Freundin trotzdem, daß es Ihnen wehe that, das Band, das Sie an den guten Deſire feſſelte, getre Beid 3 Balz man dem 6 hand War u. Seine gibt ihn „als die miſſen? förmlich immliſche Scheidung wahrhaft in Philo⸗ u ſterben. alten ſoll prechen! 21 getrennt zu ſehen. Aber wie bewundert man Sie auch Beide in Paris... O Helene! Ja, alle Cirkel ſind noch jetzt von Ihnen voll. Balzac hat mir verſprochen, über uns alle einen Ro⸗ man zu ſchreiben. Ich verbot es ihm, weil ich nach dem Nadasdi nichts mehr von Ihnen angezeigt fand. Deshalb? Warum Nadasdi— Ich vermuthete, daß Sie ſelbſt dieſes Sujet be— handeln würden. Sie haben ſo lange geſchwiegen? Warum erſcheint nichts von Ihnen? Ol... antwortete Pauline ablehnend. Wie lieb' ich Alles, was Sie ſchreiben, fuhr die gute, kritikloſe Helene fort, die gar nicht ahnte, welche wunde Stellen ſie berührte und wie ſie eigentlich hinter dem Gegenwärtigen zurück war. In Amarantha erkannt' ich Ihr Herz, in Nadasdi Ihre vorgeſchrittene Kunſt. Wäre ich nicht durch Egon um meine Beſinnung ge— kommen, lch hätte ein Capitel von Nadasdi unter dem Titel: Moeurs hongrois... überſetzt. Welche Phantaſie haben Sie! Hier dieſes Zelt, Ihr Co⸗ ſtüme, Pauline! Sie ſollten in Paris leben. Man würde Sie aufſuchen wie eine Prieſterin des Ge⸗ ſchmackes, eine Velleda, eine Druidin der Inſpiration. Wir haben es jetzt ſehr mit den Velleden und Drui— dinnen! Ach, was bleibt uns auch nach dem Schmerze noch übrig als die Weiſſagung! Auf unſern Trümmern wird man uns entweder zerſchmettert finden, oder wenn wir uns erheben können, ſo iſt es nur in der Miſſion der Prophetie! O meine liebe Pauline, was erlebt' ich ſeitdem! Sähen Sie in Alles hinein bis auf den Grund, wie würden Sie, wenn Sie's be⸗ ſchreiben wollten, die Menſchen rühren, während denen freilich, deren Herz Sie ſicher vertheidigen würden, es bräche! 7 Pauline war über alle dieſe Bemerkungen über— glücklich. Es waren ihr Das nicht die Phraſeologieen der neuromantiſchen Schule, ſondern wirkliche Ergüſſe reinſter Aufrichtigkeit und Hingebung, ohne die Idee einer Ironie! Das Lob, das ſie ſo oft für ihre Feder empfangen hatte, war meiſt ſatiriſch gemeint geweſen. Sie war weltklug und in einem gewiſſen Punkte nicht eitel genug, um auf dieſem Bereiche Wahres und Falſches nicht ſogleich zu unterſcheiden. Aber dieſe Huldigungen der d'Azimont, das wußte ſie, die waren ganz naiv und aufrichtig gemeint. Auch die förmlich auf den Kopf geſtellte Moral der beiden Frauen war zwiſchen ihnen chose convenue. Als ich von Odeſſa kam, ſagte Helene, ich uner⸗ fahrenes dummes Ding, was wußt' ich von der Welt! 5 Deſir und Deſtt ten m nen, dAii ewig dem ſagter Freun denn Syb rant, daß üüſch Natt böſen wende J men dieſes fomn T entſet alle Schmerze rümmern en, oder ur in der ine, was inein bis Sie's be⸗ end denen würden, gen üͤber⸗ ſeologieen e Ergüſſe die Idee ihre Feder geweſen. unkte nicht hres und lber dieſ die wate e fornli rauen wal ich unel⸗ muſtl der Wel 23 Deſtré geſtand mir, daß Ihr Beide Euch geliebt hattet und ich fand Das edel und gut von Ihnen, denn Deſiré verdient, daß man ihm wohl will. Sie drück⸗ ten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und die Thrä⸗ nen, die Sie weinten, als Sie die kleine Comteſſe d'Azimont zum erſten male ſahen, werd' ich Ihnen ewig gedenken. Wie oft fand ich dieſe Thränen in dem Nadasdi und der Amarantha wieder! Sie ent⸗ ſagten und förderten mein Glück. Ihre Liebe, Ihre Freundſchaft hat mich erſt die Welt kennen gelehrt; denn o Himmel, was war ich? Was wußt' ich? Sylveſter Rafflard in Oſteggen war ebenſo ein Igno⸗ rant, wie er jetzt ein Böſewicht iſt und aus Rache, daß wir ihn, einem deutſchen Pedanten zu Liebe, ver⸗ abſchiedeten, mich noch jetzt verfolgt. Er iſt der treueſte Rathgeber meiner Schwiegermutter geworden, dieſer böſen Frau, die trotz ihres Strebens, kanoniſirt zu werden, mein Unglück will. Rafflard? ſagte Pauline. Ich fand den Na— men kürzlich in den Blättern angezeigt. Ein Name dieſes Klanges, ſcheint mir, iſt... hier ange— kommen? Der Himmel gebe, daß Sie ſich irren! rief Helene entſetzt. Ich haß' ihn trotz ſeiner Freundlichkeit und alle Welt ſagt, es iſt ein Jeſuit, 24 Ich entſinne mich, Rafflard! Profeſſor Rafflard reiſt, um die Gefängniſſe zu ſtudiren— Das iſt er! Rafflard iſt hier? In den Zeitungen las ich, daß er einer Geſell⸗ ſchaft angehört, die es ſich zur Aufgabe macht, das Loos der Gefangenen zu mildern... Lug und Trug! Es iſt ein Jeſuit, wie nur irgend einer in der Rue Jean Jaques Rouſſeau gebacken wird! E verließ die reformirte Religion nach den ſchlimmſten Streichen, die er ſich in Genf erlaubte und muß durch den boshafteſten Zufall von der Welt der Rathgeber meiner Schwiegermutter werden! Nach Egon's Abreiſe flog ich dem Geliebten nach und glau⸗ ben Sie mir, nicht die Gefangenen ſind es, die ihn herführen. Ich bin es! Ich, die er wie eine Schlange umringelt hält, um mich von Egon loszu⸗ reißen... Die Gräfin theilt nicht die Toleranz ihres Sohnes? Sie betreibt eine Scheidung. Sie will das Ver⸗ mögen, das nach Deſiré's liebevoller Anordnung mir allein anheimfällt, ſich, der Kirche, dem Beichtſtuhl, den Jeſuiten erhalten. Rafflard hier! Auch Das noch? O ich bin ſehr, ſehr unglücklich, Pauline. Damit floſſen Helenens Thränen, wie die eines Kindes, dem alle ſeine liebſten Hoffnungen von der Rafflatd acht, das nur irgend gebacken nach den f erlaubte n der Welt den! Nach und glau⸗ d es, die wie eine 9 on loszu⸗ 2, u82 So hnes: das Vel⸗ dnung mt geichfull 2 Das noch: von del 25 unerbittlichen Strenge eines Lehrers oder einer weiſen Mutter zerſtört werden. Pauline ſuchte Helenen zu tröſten und verſprach ihr Rath und Beiſtand. Nur ſammeln Sie ſich, ſagte ſie und vertrauen Sie mir! Wie kommen Sie denn nur zu dieſer verzehrenden Flamme, zu dem Prinzen Egon? Ach! Als wir uns vor drei Jahren wiederſahen, Pauline, begann Helene mit ſchwacher Stimme, da war ich im Begriff, aus Verzweiflung über dies Er⸗ denleben irgend eine Thorheit zu begehen. Wär' ich katholiſch, wer weiß, ob ich nicht die Mauern eines Kloſters aufgeſucht und in der Liebe zum Chriſt(He⸗ lene brauchte dieſe franzöſiſche Wendung) in der Liebe zum Chriſt meine unverſtandenen Schmerzen geſam⸗ melt hätte! O eine ſo dürſtende Seele wie die meine und nichts als das ſchale Waſſer des Alltäglichen zur Erquickung! Belcotti, Addington, Bardanski... ich ſchäme mich! Abſcheulich! Es waren Flämmchen auf dieſem Sumpfe geweſen, den ich Leben nannte. Ich hatte den Einen gern ſingen, den Andern gern wetten, den Dritten gern raiſonniren hören und mit allen gern zu vier Händen die Capricen Chopins und Liſzt's geſpielt... Pauline! Das war Alles. Ich kann ſagen, ich hatte in dieſen Flammen nur die Flügel verbrannt. Sie wuchſen wieder, als ich dieſe Menſchen verachtete. Ich wollte mich Deſiré widmen. Deſireé war gut, o gut! Er fühlte ſich krank und ſagte mir oft: Helene, werde etwas philoſophiſcher! Wenn ich todt ſein werde, kannſt du ein neues Leben beginnen! Eine Witwe von dreißig Jahren im Beſitz einer Million und mit einem Herzen voll Poeſie und unerſchöpfter Hingebung iſt die Königin der Erde! Ich gelobte ihm, sage zu ſein und ich war es, bis meine Stunde ſchlug. Wir ziehen aufs Land. Deſiré hatte eine wunderſchöne Villa am See von Enghien gekauft, ſie ausbauen, ſie verſchönern laſſen. Ich lebte nur dieſer Villa, auf die mich die Eiſenbahn von St.⸗Germain in zehn Minuten führte. O dieſe Villa iſt ſo reizend, Pauline! Man ſagt, Nouſſeau habe ſie einſt bewohnt und dort einige Capitel der neuen Heloiſe geſchrieben. Ach, Sie wiſſen, wie ich die neue Heloiſe und Rouſſeau liebe. Ich war glück⸗ lich! An unſerm Schlößchen plätſchert der See von Enghien und die lieblichſteu maleriſchen Partieen ſind durch die Eiſenbahn recht der Magnet derjenigen Pa⸗ riſer geworden, die idylliſche Freuden lieben. Es war im Juni. Ich wohnte erſt vier Wochen in meinem kleinen Paradieſe, malte, zeichnete, componirte, wollte dichten, ich verſuchte Alles, ich las, ich lachte, ich wein noch an A lange unſer Ses dnſe die eine Wor G jede falle der, ich dieſe widmen. ank und phiſcher! s Leben im Beſtz oeſte und er Erde! es, bis Deſiré Eiighien en Ich äiſenbahn O dieſe Rouſſeau pitel dei wie ich ar glück⸗ Zee von jeen ſind gen Pa⸗ Es wal meinem 27 weinte. Deſire war glücklich, wenn ein Sterbender noch einige Zeit glücklich ſein kann. Ich dachte ſogar an Ausſöhnung mit meiner Familie und ſchrieb bogen⸗ lange Briefe nach Odeſſa, die ich mit einem Kurier unſerer Geſandtſchaft über Conſtantinopel erpedirte. Da ereignete es ſich, daß eine muntere Geſellſchaft, Handwerker wie es ſchien, auf dem See an meinem Garten eine Partie machte. Sie kamen vom jenſei⸗ tigen Ufer und wollten die Runde fahren und die Beſitzer der Gärten necken, die an den Ufern die Kühle des Gewäſſers athmeten. Da ſchlug das Boot der fröhlichen Geſellſchaft um, während ich an einem Tiſche ſitze und gedankenvoll auf die ſchäkernde, über⸗ müthige, junge Welt hinausblicke. Ich ſchreie, ſpringe auf und ſtürze die ſteinernen Stufen hinab, die am See beſpült werden von den Wogen, in denen ſich unſere angekettete Gondel ſchaukelt. Ich ſpringe in die Gondel und wie meine Empfindung eine reine, eine natürliche war, ſo entfuhr mir auch das deutſche Wort: Hilfe! Sie ſtarke Seele! ſagte Pauline bewundernd. Eine jede andere an Ihrer Stelle wäre in Ohnmacht ge⸗ fallen und hätte nichts gethan. In Ohnmacht gefallen? rief Helene mit flammen⸗ der, guter, ſchöner Erregung. In Ohnmacht, wo 28 Menſchen ihren Tod in den Wellen finden? Ha! Retten konnt' ich nicht, aber ein junger Mann nahm mir die Verpflichtung ab, das Aeußerſte zu wagen. Es war ein ſchöner Jüngling, der zur Geſellſchaft gehörte, ſich in die Wogen ſtürzte und mit kräftigem Arme ein junges Mädchen emporhielt, das er in den Wellen ergriffen hatte. Er ſchwamm mit ſeiner glück— lich Geretteten an unſern Garten. Ach! Sie können denken, Pauline, wie ich glücklich war, als man mir zurief, nur das junge Mädchen hätte das Ueberge⸗ wicht verloren und wäre, nach Waſſerlinſen haſchend, über den Rand des Nachens geſtürzt, mit dem man ſcherzhafter Weiſe ſchaukelte. Meine Diener kommen. Wir tragen das junge Mädchen in's Haus, der junge Mann, der mein deutſches Wort: Hilfe! vernommen hatte, ſprach deutſch mit mir. Wie erſtaunt' ich über den gebildeten Fremdling! Er war groß und ſchlank, von ſchwärmeriſchem Auge und ſprach ſo geiſtreich, daß ich auf der Hut ſein mußte, ihm die richtigen Antworten zu geben. Das Mädchen, ein zartes, etwas verblühtes Kind, eine echte Franzöſin, erholte ſich bald. Ich gab ihr Kleider, ließ ihnen Thee vorſetzen; aber ſei es, daß ihr Geliebter deutſch mit mir ſprach oder was war es, ſie wollte fort. Sie ſchien mir hektiſch, krankhaft aufgeregt und beherrſchte den jungen n? Ha! au nahm wagen. ſſellſchaft kräftigem er in den iner glück⸗ je können man mir Ueberge⸗ häſchend, dem man kommen. der junge rnommen Hich übet d ſchlank ae iſtreich, richtigen 6, eiwas holte ſich vorſetzen; nir ſprach hien mit en jungen Mann mit einem einzigen Blicke. Gegen Abend fuhr der ganze Train nach Paris auf der Eiſenbahn zurück. Am Tage darauf hatt' ich die Kleider wieder. Der junge Deutſche brachte ſie ſelbſt. Vergeben Sie mir, Pauline, wenn ich Ihnen geſtehe, daß ich ihn ſchon liebte. Ich erfuhr, daß ein wunderliches Incognito ihn umſpann, ich lüftete das myſteriöſe Dunkel, in das er ſich zu verbergen ſuchte, ich entdeckte, daß dies jener vielbeſprochene, ſeiner Familie, ſeinem Stande abtrünnig gewordene Egon von Hohenberg iſt. Ein Fürſt! Solche Ueberraſchung! Pauline, ich ſchildere Ihnen die Anſtrengungen nicht, deren ich bedurfte, um Egon von ſeinen communiſtiſchen Thorheiten zu heilen. Die Begeiſterung für all das Romantiſche, was ihn umgab, lieh mir die Kraft, ihn wieder zu uns zurückzuführen, denn weil ich ſeine Hingebung an die Sphäre des Volkes ſchön fand, weil ich ihm Beweiſe gab, daß ich ihn verſtand, ihn begreifen konnte, wi⸗ derſprach er mir nicht, als ich ihn allmälig doch von ſeinen Kameraden, von armen Handwerkern und Gri⸗ ſetten trennte. Vortrefflich! Vortrefflich! Wie pſychologiſch! Sie ſind eine Weiſe geworden, unterbrach die Geheim⸗ räthin. Helene d'Azimont fuhr fort: Egon wurde mein! Ich durfte ihn mein nennen, denn ich hatte ihn mir erobert. Er kehrte zurück in die Welt, die für ihn beſtimmt war und wie glänzte er in ihr! Pauline, welch ein Triumph, den Mann zu lieben, der Alle blendete! Wenn er in die Salons trat in ſeinem edlen Wuchs, mit dem faſt lockigen Haar, dem ſanften blauen Auge, dem lächelnden Mund, um den ein gewiſſer Schmerz die ganze Seele verkündete— o Pauline, iſt es denn möglich, daß Das war! Daß ich ihn zwei ganzer, voller, wie eine göttliche Minute dahingerauſchter Jahre mein nennen konnte. Mein, mein— und dann— dann—! Sie regen ſich auf Helene! Laſſen Sie Das! Er⸗ zählen Sie nicht! Une rupture! Das ſagt ja Alles! Ich kenn' es... O, in dieſer Form nicht! Pauline, in dieſer Form nicht! ſagte Helene dumpf. Das war ja nichts, was Menſchen ertragen können! Das war ja nichts von dem Jammer aller Derer, die ſchon vor uns am gebroche⸗ nen Herzen ſtarben— Pauline und wenn ein Meſſer vor meiner Bruſt zückte und Jemand ſagte: Ich laß dich leben, aber du haſt Das erlebt, ſo würde ich ant⸗ worten: Laß mich ſterben; nur nicht das erlebt! Da, da ſaß ich auf einem Sopha, es war daſſelbe, auf dem einſt jenes Mädchen ſich erholt hatte... ſein Arm Küſſe deand latte varji in de imme Ach! d, ſc finden Leben daß d auf, Mäd Cgor dies du Knab in„ Cgon dieſes ſchen wollt Sie nennen, zurück in te glänzte n Mann e Salons t lockigen läͤchelnden unze Seele lich, daß wie eine n nennen 1—! das! G⸗⸗ ja Alles! iſer Form cht, was pon dem 3¹1 Arm war um meinen Nacken geſchlungen, ich ſog die Küſſe der Liebe von ſeinen Lippen... da tritt ein Handwerker ein, den ich ſeit einiger Zeit angenommen hatte, um meine Villa ſchöner zu ſchmücken. Deſiré war in Paris. Ich wohnte in Enghien... Egon in der Nähe. Meine Phantaſie hatte ein Spiegel— zimmer erfunden, mit dem ich ihn überraſchen wollte. Ach! Egon bewunderte meine Phantaſie im Erfinden! O, ſagte er oft, Helene, du biſt die Göttin des Er— findens! Du biſt eine Schöpferin, eine Künſtlerin des Lebens! Deine Phantaſie iſt orientaliſch! Man ſieht, daß du eine Nachbarin der Cirkaſſierinnen warſt... O Pauline... der unglücklichſte Zufall führte mich auf einen gewiſſen Louis Armand, den Bruder jenes Mädchens, in deren intriguantem Netze der arme Egon Jahre lang geſchmachtet hatte. Louiſon hieß dies Mädchen. Schon von Lyon aus hatte ſie den aus der Penſion in Genf entflohenen halb unreifen Knaben zu all' den Thorheiten verleitet, die hier und in Paris das Gelächter der großen Welt machten. Egon wußte nichts von den geheimnißvollen Arbeiten dieſes Armand, nichts von den Malereien eines deut⸗ ſchen Malers, Reichmeyer, der mir heute aufwarten wollte und den ich zu Ihnen beſchied... Vergeben Sie mir— die Maler haben ja Zutritt bei Ihnen.. „S ich ſehe Niemanden— Niemanden— Sind Si) N den S nicht bös? dodtl! Pauline ſchaltete ein: Bitte! Er ſoll mir w. ſch fi kommen ſein! und freute ſich zugleich über die Aus⸗ I denn ſicht, daß die Gräfin trotz ihrer furchtbaren Aufregung V 3h ſe für den Abend vielleicht nun bleiben würde... ahnete V Helene fuhr fort: 4 furchth Einige Tage war Armand nicht gekommen. Un⸗ and willig hatt' ich ihm geſchrieben und meinen Leuten nr, geſagt, ich wollte ihn ſelbſt ſprechen, um ihn füt duf d ſeine Nachläſſigkeit zu zanken. Da tritt er ein, ſchwarz⸗ dit gekleidet. Egon ſpringt auf: Louis! ruft er. Ich ahne, eben daß er ihn kennt. Ohne auf Egon zu merken, ant⸗ meine wortet der Handwerker: Madame la Comtesse,... Sie ten v haben Recht, meine Verzögerung zu tadeln, aber Sie über werden entſchuldigen, daß ein Bruder am Sterbebette 8 ſeiner Schweſter... ſeine Pflichten als Arbeiter vergißt. wei 3 Ich bin im Begriff, ſie heute zu begraben und kam Wiin ſelbſt nach Enghien, nur um mich auch für heute allin noch zu entſchuldigen. lene Das iſt ja entſetzlich! rief Pauline. Das war 1ug Louiſon? Und Egon? An Egon, fuhr Helene in fieberhafter Aufregung fort, dunß Egon hört dieſe dumpfen Worte meines Mörders, Nann ſtößt mich zurück, mich Helene, die ſich ermannen und V geehe de Leuten zn fü hwarz⸗ Hahne, „ant⸗ Sie 35 den Störenfried entfernen wollte, ruft: Louiſon iſt todt! und reißt ſich von mir los und den Bruder mit ſich fort. Meine Leute hielten mich, denn was lag denn mir daran, daß man mich für eine Raſende hielt! Ich ſah, daß Egon nach Paris zurückwollte, ich ahnete, daß er ſich von mir trennen konnte; denn furchtbar war, was er mir von der Macht dieſes Ar⸗ mand über ſich geſchildert hatte. Ich ſah Alles vor mir, hielt ihn krampfhaft mit den Armen, warf mich auf die Schwelle vor die Thür des Hauſes und ſchrie: Tritt mich Egon, ehe du mich verläſſeſt, mich die Lebende um die Todte! Mein Haar war aufgelöſt, meine eiskalten Hände bebten, meine Zähne klapper⸗ ten vor Fieberfroſt... Und Egon— Egon ſchritt über mich hinweg... ſchritt üben mich hinweg! Ha, er flog an den Bahnhof— ſchon war zufällig das zweite Zeichen gegeben worden. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, ein Pfiff, er war davon, ich allein. Er hatte mich zurückgeſtoßen, mich, die ihn liebte und ihn noch liebte, als er ſie verließ! Ich fuhr nach Paris, ach! und konnte ſeine Spur nicht entdecken. Nur auf dem Kirchhofe des Boulevard Montmartre draußen bei den Batignolles wollte man einen jungen Mann bei dem Leichenbegängniß der Louiſon Armand geſehen haben, der dort die Oeffnung des Sargdeckels Die Ritter vom Geiſte. IV. 3 34 verlangte und die Leiche mit ſeinen Küſſen bedeckte. Man warf dann die Erde über den Sarg und der junge Mann, ſagte man, ſoll bis in die Nacht auf dem Hügel geweint haben, einige Gräber weiter davon hätte der Bruder der Todten geſeſſen, ſtumm die Hand auf das Haupt geſtützt. Dann wäre der Bru⸗ der zu jenem herangetreten und verſöhnt wären ſie Beide von dannen gegangen... O, mein Kind! Das iſt ja ein Roman! ſagte Pauline erſchüttert. Das iſt ja furchtbar, entſetzlich! Ich ſehe Das vor mir! Ein Bild, von dem man zu den Künſtlern reden möchte... Und Sie ſind parteiiſch, Pauline? Denken Sie nicht an mich?. Helene! Ich erhielt einen Brief von Egon, worin er von mir Abſchied nimmt und mir ſchreibt, er müſſe mich fliehen und die Miſſion ſeiner höheren Pflichten be⸗ ginnen. Er reiſe in die Heimat. Ha! Pauline. ich ihn ziehen laſſen? Nein! Ich ſtürzte zu Deſiré, der mein einziger Troſt, mein einziger Freund war. Der Gute gab mir Geld und zeichnete mir ſelbſt auf der Landkarte den kürzeſten Weg vor, um den Gelieb⸗ ten einzuholen. Ich kam zu ſpät. Hier bewacht ihn jetzt der Tod und Armand— der fürchterliche Rächer ſeiner ſehen übergr dungen ſagte Beſon ſolchen dert a dug da er Sie b nicht in G. durzen würde wenn ihn in cen a Sie t ſeten bedeckte. der junge auf dem er davon umm die väͤren ſie an! ſagte entſetlich! man zul uten Sie ner von iſſe mich hten be⸗ ine Deſire, nd war. elbſt auf Gelieb⸗ Icht ihn Rächer 35 ſeiner Schweſter. Ich habe Egon nicht wieder ge⸗ ſehen und wenn er ſtirbt, ſind meine Stunden gezählt. Erſchöpft von dieſer aufregenden Erzählung ſank Helene Gräfin d'Azimont in die Kiſſen des Divans zurück. Pauline ſuchte ſie zu tröſten. Sie verwies ihr die übergroße Heftigkeit und den Sturm ihrer Empfin⸗ dungen. Sie würde den Freund damit nur erkälten, ſagte ſie. Sie ſchilderte ihr, wie ſie ihre Pläne mit Beſonnenheit anlegen möchte. Sie pries das Glück, in ſolchen Dingen von einem guten Gatten nicht behin⸗ dert zu ſein, ja ſie wies ſelbſt auf die Möglichkeit hin, daß Rafflard hier zu einer Ausgleichung führen könne, da er den jungen Fürſten von Genf her kennen müſſe. Sie bat ſie ferner, dieſen Schmerz ums Himmelswillen nicht zu ſehr zur Schau zu tragen. Sie lebe nicht in Paris. Die Marximen der Geſellſchaft hätten ſeit kurzem einen merkwürdigen Umſchwung erlitten. Sie würde ſich und alle ihre Freunde compromittiren, wenn ſie dieſen Roman hier ſo fortſetzte, wie ſie ihn in Paris begonnen hätte. Der Hof wäre in ſol⸗ chen Dingen von einer unglaublichen Empfindlichkeit. Sie könnte ſich den abſcheulichſten Demüthigungen aus— ſetzen... Helene blickte auf und ſagte ſtutzend: 2* 5 36 Das Alles ſind die Antworten einer Freundin? Einer Dichterin? Pauline raffte den letzten Reſt von Schwärmerei, der ihr zu Gebote ſtand, zuſammen, warf das ver⸗ löſchende Licht ihrer Augen noch einmal empor, daß das Weiße einen blitzenden Schimmer von ſich gab, und ſagte: Helene! Ach, ich verſtehe Sie ganz. Aber... Helene ſchluchzte. Pauline hielt ſie tröſtend, aber auch ſeufzend, an ihrem„mitfühlenden Herzen“. Freundin? zwärmerei, das ver⸗ npor, daß ſich gab, Zweites Capitel. Begegnungen. Als ſich Helene etwas erholt hatte, begann die junge ſchöne Frau mit leidender Stimme: Ich hörte die gute, kluge Freundin, ich ſchätze Ihren Rath, aber um Egon kann ich Alles dulden. Wie oft ſchon hat er in Zornausbrüchen mich in meiner Liebe gekränkt; ich fühle die Bitterkeit ſeiner Worte wohl und jammere, aber lieben muß ich ihn doch. Machen Sie nur mich zu Ihrer Vertrauten; ich beſchwöre Sie! Niemanden ſonſt! ſagte Pauline dringend. Ich verſprech' es Ihnen, antwortete Helene. Ach, Sie ſind glücklich. Ja! Sie ſind Dichterin. Wenn Sie aus allen Adern bluten und Sie die Wunden, die Ihnen die grauſame Welt ſchlug, dem Tode nahe bringen, dann kommt die Muſe als Tröſterin und Sie 38 können ſich wenigſtens Ihre eigene Grabſchrift ſchreiben. Ich habe keine Kunſt, die mich rechtfertigt; kein Ta⸗ lent, das mich tröſtet. Muſik! Ein wenig Muſtk! Aber nur im Tanze könnt' ich mich eigentlich ausſpre⸗ chen, im raſendſten Tanze. Wie ein indiſcher Sha⸗ mane möcht' ich mich ſo lange um mich ſelbſt drehen, bis ich raſend werde und todt niederſinke... Sprechen Sie von der Kunſt nicht, liebe Helene, ſagte Pauline und legte die fröſtelnde Hand auf He⸗ lenens heiße Stirn. Die Zeit der Kunſt iſt vorüber. Ich bin die nicht mehr, die Sie vor drei Jahren kann⸗ ten, Helene. Die ſtarken Gefühle ſind einer froſtigen, prüden Analyſe erlegen. Nur die Unſchuld noch wird bewundert und das Naive groß genannt. Tändelnde Kinder drückt man wie zarte Lämmer mit rothen Bändchen und Silberglöckchen an's Herz. Die lie⸗ benden und aufopfernden Ehegattinnen ſind die ein⸗ zigen, die man von unſerm Geſchlechte noch anerkennt. Die Politik ſoll, wie man ſagt, eine Art Reinigung der Gemüther geworden ſein. Ich weiß Das nicht, aber es iſt ſo; es ſoll ſo ſein. Man muß ſich vor den allgemeinen Thatſachen demüthigen. Es iſt auch in Paris ſo, ſagte Helene. Wenn aber eine gewiſſe Stabilität wieder hergeſtellt ſein wird, wird ſich auch dieſe Verirrung legen. 8 läͤchel G verno liebeb liebe, den h. ich ne den mir, G Deut ein? Ihn Ang Ama Sie! Das⸗ ſelbſt Jei, Aüchl S line, ſchreiben. kein Ta⸗ g Muſtkl hausſpre⸗ ſcher Eha⸗ bſt drehen, he Helene, dauf He⸗ t vorüber. ren kann⸗ froſtigen, noch wird Tändelnde it rothen Die lie⸗ die ein zerkennt. einigung nicht, ſich vor 48 zenn abel in wird, 39 Sie ſagen:„Verirrung?“... bemerkte Pauline lächelnd und fuhr fort: Glauben Sie daran! Sie ſind noch jung, Sie vermögen noch alle dieſe Erſcheinungen mit einem liebebedürftigen Herzen abzuwarten. Für uns aber, liebe Helene, laſſen Sie uns beſonnen ſein. Sie wer⸗ den hier bleiben, bis Egon wiederhergeſtellt iſt. Auch ich nehme an Allem, was die Hohenbergs betrifft, den lebhafteſten Antheil. Sprach Egon niemals von mir, nie von den Harders überhaupt? Egon war ein Franzoſe geworden. Er kannte Deutſchland nicht mehr; antwortete Helene. Ließ er ſich niemals auf das Leben ſeiner Mutter ein? bemerkte Pauline lauernd. Ich weiß von ihr nicht mehr, als was ich von Ihnen erfuhr, ſagte Helene aufrichtig und offen. Wer Amarantha bewundert, kann nur erſchrecken, daß Egon Amarauthens Sohn ſein ſoll! Laſſen Sie! Laſſen Sie! Ja! Ja! Man ſagte mir Das. Was thut Das? Ich lebte der Gegenwart und Zukunft. Egon ſelbſt ſprach ungern vom Vergangenen. Gerade zur Zeit, als ſeine Mutter ſtarb, waren wir Beide die glücklichſten Geſchöpfe der Erde. Sie ſind auch darin ſo gut, Helene, ſagte Pau⸗ line aufathmend, daß Sie für Ihre Freunde Partei 40 nehmen und für Das, was Sie einmal warm und treu ergriffen haben, Farbe halten. Schließen Sie ſich mir an! Ich bin zwar manchen Stürmen preis⸗ gegeben geweſen. Aber noch wurzl' ich in feſtem Bo⸗ den. Bleiben Sie eine Viertelſtunde in der klei⸗ nen Geſellſchaft, die ich heute um mich habe. Beob⸗ achten Sie flüchtig! Sie werden mit der Schärfe Ihrer Intuition bald bemerken, was jetzt die Men⸗ ſchen hier beſchäftigt und beſchäftigen darf. Verſpre⸗ chen Sie mir, beſonnen zu ſein? Beſonnen um mei⸗ netwillen?. Ich verſpreche es, ſagte Helene und reichte ihre weiße ſchwarzbeflorte Hand der auf Melanie, die jetzige Rivalin Helenens geſpannten Freundin, die ſchon auf Wagen im gelieſelten Fahrwege lauſchte und mit He⸗ lenen an ein von der Abendſonne beſchienenes Fenſter der vorderen ſchon erleuchteten Salons trat. Sie wiſſen doch, daß Adele Wäſämskoi dort drüben wohnt? fragte Pauline. Und noch ehe ſie Helenens Antwort abgewartet hatte, brach ſie ſchon in den lebhafteſten Ausdruck ihres Erſtaunens aus, die königlichen Livreen vor dem Hauſe zu erblicken... Sehen Sie! rief ſie. Die Fürſtin iſt eine tugend⸗ = ..„. hafte trauernde Gattin, eine zärtliche Mutter! Da ſteht Einfa J lenen ſceine A Num Alten Ludm lenwe in d ausſ über und M olden Paul d ſchon ſchen, die d Ha. norg arm und eßen Sie nen preis⸗ eſtem Bo⸗ der klei⸗ Beob⸗ moj⸗ 41 ſteht ſchon der Wagen der Oberhofmeiſterin vor ihrer Einfahrt! Meine Schweſter ſcheint gefeiert zu ſein; ſagte He⸗ lene verächtlich. Der zweite daneben haltende Wagen ſcheint ihr ebenfalls Beſuch zugeführt zu haben. Was ſeh' ich! rief Pauline. Das iſt ja der alte Rumpelwagen meiner Schweſter? Anna mit der Altenwyl zuſammen? Ludmer! Ludmer! Wo iſt die Ludmer? Anna hat ein Rendezvous mit der Al⸗ tenwyl! Die alte Charlotte Ludmer hatte ſich ſchon längſt in der Nähe gehalten und beſtätigte, was ſie ſchon ausſpionirt hatte, daß bei der Fürſtin drüben, ſo wurde übertrieben„ein Wagen nach dem andern“ vorführe, und eben wären Anna von Harder und die Gräfin Altenwyl dort zuſammen.. Helene begriff nicht, was Pauline darin ſo Außer⸗ ordentliches finden konnte und hörte befremdet zu, als Pauline in die Worte ausbrach: So müſſen ſich denn die ſchönen Geiſter wirklich ſchon begegnen! O ich ſehe es, wie ſie aufeinander lau⸗ ſchen, aneinander ſich entzünden und entflammen! Dort die Tugend, da die Tugend und überall die Tugend! Ha! Ha! Ha! Ludmer, was wetteſt Du, Anna wird morgen in die kleinen Cirkel eingeführt! Was wird 42 die Königin ſie an ihr Herz drücken und ihr einge⸗ Man⸗ ſtehen, wie ſehr ſie nach dem Umgang mit ſolchen den C Naturen geſchmachtet hätte! Pfui! Lächerliche Welt! chen Helene, was ſind die Männer zu beneiden! Die Män⸗ den ner können Das, was ſie verachten, zu ſtürzen ſich V verſchwören! Sie können Stirn gegen Stirn ihren O Widerwärtigkeiten entgegentreten. Wir Frauen müſſen geben unſere Ideen, wenn wir welche haben, niederkämpfen zupfen und nach Gebetbüchern greifen, um nur nicht die Thor⸗ es ni heit zu begehen, einmal eine That zu verſuchen... gende Ich erſtaune, ſagte Helene, daß man hier ſo vom„ Hofe abhängt! Noch vor drei Jahren... Thür Alles iſt anders geworden, unterbrach die aufge⸗( regte Pauline. Wiſſen Sie, Helene! Hier treiben die eine Frauen jetzt nichts mehr als Werke der Liebe, der ſchän chriſtlichen Liebe.. den Oeuvres de charité? Wie in Paris! ſagte He⸗ lene lächelnd. ene Wer lieſt noch ein Buch! fuhr Pauline fort. Wer den, ſpricht noch von einem Roman! Verachtet iſt jetzt d jede Frau, von der man mehr weiß, als daß ſie ihre gekni Kinder ſelbſt wäſcht, ſelbſt anzieht und die Zeit, die dß ihr ſonſt übrig bleibt, mit Kirchenmuſik und Colpor⸗ ein tage von Looſen für die Ausſpielungen der Frauen glüc . vereine zubringt. Man nennt Das die innere Miſſion! erſte ——— hr einge⸗ iit ſolchen che Welt! Die Män⸗ ürzen ſich irn ihren en müſſen erkämpfen die Thor⸗ Hen.. „ſo vom je aufge⸗ eiben die de ebe, der gte He⸗ t. Wer iſt jetzt ſie ihte eit, die Colpol⸗ Frauen⸗ Miſſion! 43 Man ſpricht von Krankenpflege, von Wärterinnen in den Hospitälern, von der Armuth und den uneheli⸗ chen Kindern, von den Skropheln und Kartoffeln, von den Gefangenen und ihrer Beſſerung... Wie Rafflard und meine Schwiegermutter in Paris! O, es mag vortreffliche gutmüthige Leute darunter geben, die ſich gern damit beſchäftigen, Charpie zu zupfen und die Warteſchulen zu beſuchen, aber ich kann es nicht. Ich fühle mich zu ſchwach für dieſe Tu⸗ genden... Pauline von Harder konnte nicht ausreden; denn die Thür öffnete ſich und einige Gäſte traten ſchon herein... Es waren zwei. Erſtens der Hofmaler Lüders, eine ſchleichende höfliche Figur, ein Mann, der ſein ſchönes Talent früh gelernt hatte an den Meiſtbieten⸗ den loszuſchlagen, und Sanitätsrath Drommeldey. Ganz gegen die Abrede mit Paulinen ſtürzte He⸗ lene gleich auf dieſen Letztern zu und fragte nach Egon, den er mit mehren andern Aerzten behandelte... Drommeldey erwiderte mit einem eigenthümlich gekniffenen, lauſchenden Blicke ſeines ſcharfen Auges, daß der junge Fürſt ſich durch mancherlei Aufregungen ein Nervenfieber zugezogen hätte, dem er deshalb den glücklichſten Ausgang vorherſage, weil es ſogleich im erſten Stadium in ganzer Heftigkeit ausgebrochen wäre 5 und den ganzen Organismus ergriffen hätte. Wenn es eine ſchleichende, unausgeſprochene Form angenom⸗ men hätte, ſagte er, würde er beſorgt ſein. Allein eine ſo gewaltige Erſchütterung und der ſchnelle Ausbruch des Phantaſirens erzeugt raſche und gute Kriſen. Wir haben ein Nervenfieber, nicht den Typhus. Phantafirt Egon und was? wollte Helene in ihrer leidenſchaftlichen Theilnahme eben fragen; aber Pauline zog ſie fort und flüſterte ihr zu: Mäßigung! Drommeldey mußte ſich nun mit Paulinen beſchäf⸗ tigen, mit ihrem Pulſe, den er zu aufgeregt fand, mit ihrem Appetit, den ſie für gering erklärte... Sie haben keine Badereiſe gemacht, ſagte Drom⸗ meldey, Sie grübeln zuviel, Sie nehmen das Leben zu ernſt. Als Pauline dieſe„Kur durch Leichtſinn“ ablehnte, vertiefte ſie ſich mit Drommeldey in homöopathiſche Geſpräche, die ihr den Genuß verſchafften, mit ſich ſelber zu theoretiſiren und eine Art von autodidakti⸗ ſcher Quackſalberei zu treiben.. Sanitätsrath Drommeldey war der geſuchteſte Arzt der vornehmen Welt. Er miſchte das allopathiſche Princip mit dem homöopathiſchen und praktizirte auf dieſe Art à deux mains. Wer an das Eine nicht glaub behau mit d Patie ſein u nehm wolle und kuͤrirt ſeine Aeben bigen er) tatid diswe viele bei zell Nich nat ganz denn gen nach medi Wenn genom⸗ ein eine sbruch Kriſen. ene in . aber reſchäf⸗ d, mit glaubte, dem half vielleicht das Andere. Beſonders behauptete der kleine, feine, magere, ſtarkgeröthete Herr mit den ſtechenden liſtigen Augen, daß die Seele des Patienten ein Hauptaugenmerk des ſorgenden Arztes ſein müſſe. Er hatte durch dies Zauberwort alle vor⸗ nehmen Frauen gewonnen. Denn eine verſtimmte Seele wollen ſie alle haben und mehr durch das Gemüth und ſeine Anregungen, als durch die Pharmakopöe kurirt werden. Drommeldey führte ein Buch über ſeine Patienten, eine förmliche Chronik ihres ganzen Lebens. Man kann ſich denken, wie ihm die Gläu bigen anhingen. Die Malades imaginaires behandelte er homöopathiſch und ließ ſie aus ihren kleinen por-. tativen Apotheken ſich die unſchädlichſten Dinge ſelbſt dispenſiren; die wirklichen Kranken griff er aber mit vielem Geſchick allopathiſch an. Er galt nicht nur bei Hofe, ſondern mit gleicher Autorität in einem gan⸗ zen Bezirk von zwanzig bis dreißig Meilen bei allen Reichen und Vornehmen. Er war faſt in jedem Mo⸗ nat einmal auf einer größeren Reiſe begriffen. Ihm ganz beſonders kamen die Eiſenbahnen zu ſtatten, denn ſie gaben ihm eine Univerſalpraxis. Im Uebri gen war er keineswegs ſo kopfhängeriſch, wie man nach ſeiner Verehrung vor der Homöopathie und der mediziniſchen Wichtigkeit, die er der Seele zuſchrieb, 46 hätte glauben ſollen. Er liebte ein Glas herben Un⸗ garweins und ſtritt oft mit dem Juſtizrath Schlurck, ob die engliſchen oder holſteiniſchen Auſtern nahrhaf⸗ ter wären. Seine Philoſophie war ſo ziemlich die des vorigen Jahrhunderts. Er liebte Anekdoten von Voltaire, Friedrich dem Großen und der Kaiſerin Ka⸗ tharina. Ein bon mot ſtand ihm höher als eine Abhandlung. Sein Wiſſen wurde beſonders von den jüngern Aerzten ſehr bezweifelt; allein darum hätt' er es doch längſt zu einem höhern Titel als dem eines Sanitätsrathes— was in der mediziniſchen Welt ſo⸗ viel wie ein Commerzienrath in der bureaukratiſchen iſt— gebracht, wenn er nicht als halber Homöopath gewiſſermaßen außerhalb der offtziellen Medizinalver⸗ faſſung des Landes ſtand. Die Homöopathie war noch nicht akademiſch vertreten. Er verzichtete auf Ehrenämter, begnügte ſich mit ſeinen Orden und den Dukaten, die ihm von allen Seiten zuſtrömten. Die Säle füllten ſich... Offiziere, Beamte, Künſtler kamen, manche nicht ohne Ruf. Es kann nicht unſre Abſicht ſein, ſie Alle zu katalogiſiren.. Es war da die ſtehende Garde der Geheimräthin zugegen. Sie bildete den Stamm ihrer Geſellſchaften und konnte recht verletzt werden, wenn ſie bei irgend einem größern Mittage oder Abende fehlte. Alle ge⸗ hörten von Pe Da es in de ging, die In „gtaue frau z Politt Anhän füiere Drdm rratiſc ſahen Straß rechter Ungl eine Allch d Rfähr noch d Hochte der er hatte war ben Un⸗ Schlurck, nahrhaf⸗ llich die ten von erin Ka⸗ als eine von den hätt' er n eines Velt ſo⸗ atiſchen nöopath nalvel eamte, n nicht rräthin chaften ge ud ir lle ge⸗ 47 hörten ſie der Richtung an, die noch bis vor kurzem von Pauline von Harder leidenſchaftlich vertreten war. Da es ihr nicht möglich wurde, ſich nach der Kriſis, in der ihre äſthetiſche Lebensauffaſſung zu Grunde ging, auf die Werke der Liebe, die Frauenpereine, die Inſtitute der inneren Miſſion zu werfen, eine „graue Schweſter“, Diakoniſſin oder Schwanenjung⸗ frau zu werden, ſo hatte ſie es leidenſchaftlich mit der Politik und dem conſervativen Syſteme. Alle dieſe Anhänger ihrer Fahne waren Beamte, Adlige, Of⸗ fiziere, auf's befliſſenſte damit beſchäftigt, die alte Ordnung der Dinge wiederherzuſtellen und das demo⸗ kratiſche Princip zu bekämpfen. Einige von ihnen ſahen in dieſem Princip nur die rohen und gemeinen Straßenausbrüche der Demokratie, Andere waren ge⸗ rechter und geſtanden zu, daß die Demokratie das Unglück hatte, in ihren erſten Bildungsformationen eine Menge Schlacken involviren zu müſſen; doch auch das reinere Metall erſchien ihnen verderblich und gefährlich. Der Unſchuldigſte dieſer Conſervativen war noch der alte Graf Franken, den nichts in ſeinem Hochtorysmus berührte, an dem Alles abglitt und der erſt ſeit kurzem wieder dauernd die Gnade gehabt hatte, in der Reſidenz zu wohnen. Viel ſchroffer ſchon war der Kammerherr von Ried, ein Schwager Pau⸗ —— ————— ————— 48 linens aus erſter Ehe, ein ſehr reicher Gutsbeſitzer, der zu verarmen fürchtete, wenn die progreſſive Ein⸗ kommenſteuer und die neue Grundzinsgeſetzgebung in Kraft blieb. Die Geſpenſter des Communismus lie— ßen dieſen Mann nicht ſchlafen. Er hatte eine große Korn⸗Ligue geſtiftet zwiſchen allen Grundbeſitzern des Landes, um den Miniſtern und Kammern die Spitze zu bieten, ein Unternehmen, über das der Hof nicht wußte, ſollte er Freude oder Schrecken empfinden. Kammer⸗ herr von Ried organiſirte Bauernvereine, die die Ge⸗ ſellſchaften der Demokraten bei paſſenden Gelegenheiten überfielen und Jeden halbtodt prügelten, der ſich nicht bereit erklärte, auf der Stelle eine gewiſſe Landeshymne zu ſingen. Dieſe patriotiſchen Banden wurden faſt in der ganzen Monarchie organiſirt und von Gendarmen oder eben ausgedienten Soldaten, die zwar den Bauern⸗ kittel wieder anzogen, aber nicht viel Luſt zum Arbeiten hatten, geleitet. In großen Städten wurden von Sack— fiedern, Laſtträgern, Karrenſchiebern ſolche Kraft⸗Ver⸗ eine gebildet. Der Kriegsrath Wisperling, der zugegen war, gehörte zu den ſchleichenden Naturen, die es ver⸗ ſtanden, unter Kanalarbeitern und Schiffsablädern mit einer gefüllten Börſe Mannſchaften zu werben zu ſolchen loyalen knüttelhaften Demonſtrationen. Er miſchte ſich auf naive, kindliche Weiſe unter Brücken⸗ und Bau⸗ arbeiten und ve in der Halbtod Loyalit keütsver inmer für, da manchr Volke wurde, Gratif wußte riftig thüml Auch von nann wande ſa die ins? zurott deck Nen her, Die tsbeſitzer, ſive Ein⸗ ebung in mus lie⸗ ne große tzern des Spitze zu ht wußte, Nammer⸗ die Ge⸗ genheiten ich nicht shymne faſt in darmen Bauern⸗ Arbeiten n Sack⸗ 2 ugegen es vel⸗ ern mit ſolchen cte ſich Bau⸗ 49 arbeiter, ſcherzte, ſpäßelte, theilte Viergroſchenſtücke aus und veranlaßte eine Zeit lang jeden Sonnabend ſpät in der Dunkelheit einen Ueberfall der Clubs und einige halbtodt geſchlagene Opfer dieſer unzurechnungsfähigen Loyalitätswuth. Einige Sendapoſtel der Enthaltſam⸗ keitsvereine unterſtützten darin dieſen ſanft flüſternden, immer liebevoll lauernden Kriegsrath Wisperling. Da⸗ für, daß er bei ſeinen Sonnabend⸗Abends⸗Werbungen manchmal irre ging und an die unrechten Elemente im Volke kam und fürchterlich oft ſchon ſelbſt geſchlagen wurde, hatte ihn das Bedauern, das Lob und manche Gratification ſeiner Vorgeſetzten ſchadlos gehalten. Er wußte, daß er auf der Liſte ſtand, bei nächſtens that⸗ kräftigerem Durchbruch der Reaction für dieſes eigen⸗ thümliche Rekrutiren Geheimer Kriegsrath zu werden. Auch einer dieſer Sendapoſtel war zugegen, Baron von Held. Er reiſte für die Ausrottung der ſoge⸗ nannten Alkohol⸗Vergiftung und gehörte zu den ge⸗ wandteſten„Colporteuren“ der innern Miſſion, die ja die politiſche Krankheit der Völker auch ſcharf genug in's Auge gefaßt hat und ſie als Teufelswerk aus⸗ zurotten ſucht. Das chriſtliche Werben gibt ſich da zum Deckmantel einer ganz weltlichen Induſtrie, für eine Menge Bücher, Zeitſchriften, Geſellſchaften u. ſ. w her, warum nicht auch für das reactionäre Wühlen? Die Ritter vom Geiſte. IV. 4 50 Einen der keckſten Agitatoren lernen wir in dem an⸗ weſenden Grafen Brenzler kennen. Dieſer hatte, um Conflikte herbeizuführen, ſich nicht geſcheut, ſchon an den Straßenecken oft zum Bau von Barrikaden auf⸗ zufordern und durch geſchickte Manöver in ſolcher Art gleichſam den Feind herauszulocken, um ihn beſſer auf's Haupt ſchlagen zu können. Graf Brenzler, noch jung, war ein förmlicher Flibuſtier ſeiner Partei und lag in einem fortwährenden bald liſtigen bald offenen Kampfe mit ſeinen demokratiſchen Gegnern. Auch einige politiſch ſehr fanatiſche Frauen waren ſchon zugegen. Sie gehörten zu den wildeſten Par⸗ teigängern, unter denen man Erſcheinungen in neuerer Zeit getroffen hat, die die grauſamere Natur der Frauen in ein entſetzliches Licht ſtellen. Für die Ausſicht, ihre Männer könnten jährlich hundert Thaler weniger Gehalt beziehen, waren manche vom ſchönen Geſchlecht Furien geworden. Von denen, die um einen bei dem Lärm der Aufſtände flatternden Kana⸗ rienvogel, um einen winſelnden Schooshund wüthen konnten, will ich nicht reden; auch die wollen wir bemitleiden, die auf der Straße von einem betrunke⸗ nen Arbeiter übel angeredet, nach Hauſe kommen und in Ohnmacht fallen und die Welt mit Feuer und Schwert vertilgt wiſſen wollen. Aber die Damen waren fürchte Gehal ten nu auöget des Le B lon, kenner T Henn dem die Hal ſehr Zelt blau gnü in i als! 9 mir dem an⸗ atte, um ſchon an den auf⸗ ſcher Art n beſſer ler, noch rtei und offenen n waren en Par⸗ neuerer tur der ür die Thaler ſchönen Im Kana⸗ vüthen n wir trunke⸗ n und r und Damen waren entſetzlich, die die Beſteuerung der Penſionen fürchteten, die, die etwas von den Abzügen der hohen Gehalte gehört hatten. Dieſe glichen Mänaden und hät⸗ ten ruhig neben Karl IX. in der Bartholomäusnacht ausgehalten, als dieſer mit der Flinte an einem Fenſter des Louvre ſtand und immer ſchrie: Tuez! Tuez! Tuez! Begrüßen wir nun Diejenigen in Paulinens Sa⸗ lon, die wir ſchon einmal nennen hörten oder genauer kennen. Vor allen iſt die Excellenz ſelbſt zu nennen. Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderſtein kam mit dem Großkreuz auf der Bruſt, ſehr gewählt toilettirt, die Perücke friſch gebrannt und neu gelockt. Seine Haltung verlieh ihm Würde. Er belächelte Jeden ſehr gnädig und war gegen Helene d'Azimont in dem Zelte ſogar herzlich. Dieſe fand ihn, als er in dem blauen Zelte ſich neben ſie ſetzte, außerordentlich ver— gnügt. Sie geſtand ihm, daß ein gewiſſes Etwas in ihm läge, was man kaum anders nennen könnte als Unternehmungsgeiſt... Finden Sie Das? Unverkennbar. O! O! Sie haben etwas! Die Reiſen auf die königlichen Schlöſſer bekommen mir gut. Man athmet dort eine ſo gefunde Luft... 4* 52 Das iſt es. Auch die Zeit regt an. Die Zeit? Wie ſo, Frau Gräfin? Die Zeit... Ach! abſcheulich! Sie thun, als wenn ich ein Greis wäre! Bitte! Ich ſpreche von der Zeit, nicht vom Altter. Ach ſo!... Werden Sie Papa nicht beſuchen? Papa? Wer iſt Papa? Meinen Papa in Tempelheide.. Dies Geſpräch wurde für die erſchöpfte He⸗ lene ſchon zu angreifend. Es war ihr drückend, leidlich heiter ſein zu ſollen. Sie machte Miene, ſich doch zu entfernen, während außerhalb des Zeltes Pauline empfing. Der Geheimrath hielt ſie aber mit Schmeicheleien auf. Er fand ſie bewunderungs⸗ würdig. Verdrüßlich antwortete ſie: Wovon ſprachen wir? Von Papa, Comteſſe! Papa! Nein, nein, nein! Ihr Papa? Es muß Ihr Groß⸗ vater ſein! Sie ſind zu ſchalkhaft, zu jung, um nur noch einen Vater zu haben. Treibt er immer noch Zoologie, der alte Herr? Gehen Sie zu ihm, Er— cellenz! Er muß Sie noch zähmen, Sie blicken heut ſo wild! Und dabei iſt nicht einmal Ihre Cravatte feſt geſchnürt! Freis Cravatte? Trägt man in Paris Cravatten? Der Graf verſprach mir Moden zu ſchicken... Recepte! Recepte? O! Ach, Excellenz, fuhr Helene ſeufzend fort, ſo lang ich hier bin... Schicken Sie mir denn auch manch⸗ mal, wie ſonſt, Blumen aus Monplaiſir und Sans⸗ regret? Wenn ich ſicher bin, nicht durch die Eiferſucht eines gewiſſen— Sprechen Sie von Blumen, Excellenz! Ich will Solitüde beſuchen... Sie haben dort Treibhäuſer. Was gibt es Neues in Solitüde? Ich habe eine neue Methode des Bewäſſerns er⸗ funden. In der That? Erfinden Sie? Eine Gießkanne, Comteſſe, die aus verſchiedenen Schläuchen beſteht— Eine Feuerſpritze—! Excellenz, das iſt nichts Neues. Doch! doch! Comteſſe... Die Majeſtäten waren entzückt davon. Die Gießkanne ruht auf zwei Rä⸗ dern; ſtatt des einen Halſes gehen zwei Schläuche, etwa in der Länge von— erlauben Sie, daß ich Ihnen Das genauer vormache! Hier ſteht die Gießkanne... 54 In dieſer wiſſenſchaftlichen Auseinanderſetzung, die das Element des Intendanten der königlichen Schlöſſer war, wurde er aber durch ſeine Gattin geſtört, die mit den Malern Heinrichſon und Reichmeyer in das blaue Zelt trat und Helenen in Letzterem einen alten Be⸗ kannten aus Paris zuführte. Helene empfing den Maler ihrer Villa von Enghien ſehr freudig und tiefbewegt. Sie rückte ſogleich ſo, daß Reichmeyer die eben von Ercellenz verlaſſene Stelle des Divans einnehmen mußte. Noch mit dem Worte: Gießkanne! auf den Lippen ſtand Herr von Harder einige Sekunden ſchwebend und ließ ſich dann mit Heinrichſon in eine weitere Auseinanderſetzung über dieſen Gegenſtand ein. Harder gehörte zu jenen Menſchen, deren Ideenarmuth es mit ſich bringt, daß ſie einen einmal gefaßten Gedanken nicht wieder fallen laſſen können. Ganz unbekümmert darüber, ob Hein⸗ richſon, der beſondere Schützling ſeiner Gattin, ein Intereſſe haben konnte, die Conſtruction einer neuen Gießmaſchine kennen zu lernen, ſetzte er dieſem doch jene durch den Mechanismus des Denkens einmal in ihm aufgezogene Einrichtung des neuen Bewäſſerungs⸗ werkzeuges auseinander. Heinrichſon, der an Alles dachte, nur nicht an die Annehmlichkeit, mit der Er⸗ cellenz in ein hydrauliſches Geſpräch verwickelt zu wer⸗ —,— die löſſer emit blaue Be⸗ hien ſo 1 ſene dem von dann zung enen daß allen Hein⸗ ein euen doch lin gs⸗ llles Er⸗ wer⸗ den, mußte ausharren. Mit den Blicken hier und dorthin forſchend, die Gräfin d'Azimont mit ſeinen heißen, ſprechenden Augen faſt verſchlingend, dann einmal wieder auch pflichtſchuldigſt mit einer gewiſſen Schwärmerei nach dem bibliſchen Turban Paulinens blickend, unterbrach er die Auseinanderſetzungen des Geheimrathes, ohne ihrer im Mindeſten zu achten, fortwährend mit den näſelnden Worten: Ah! Sehr wohl! Sehr ſchön! Sehr praktiſch! Aha!... Und Excellenz waren entzückt über die Gelegenheit des Be⸗ weiſes, wie ſehr das Vertrauen Sr. Majeſtät gerecht⸗ fertigt wav, als man ihm, dem altgewordenen Kam⸗ merherrn und ehemaligen Reiſemarſchall des Hofes, die Intendanz der königlichen Gärten und Schlöſſer überließ. Kaum war Heinrichſon hierauf zu Paulinen ge⸗ ſchritten und hatte ſein Amt angetreten, das eben darin beſtand, ihr den ganzen Abend eine gewiſſe „Aſſiduität“ zu widmen, das heißt: eine gewiſſe be⸗ fliſſene Emſigkeit des Aufmerkens und ein ſcheinbares leidenſchaftliches Drängen, immer in ihrer Nähe ſein zu dürfen, als die unvermeidliche Trompetta mit ihrer ebenſo unzertrennlichen Begleiterin, der blonden Frie⸗ derike Wilhelmine von Flottwitz eintrat. Man nannte ſie die Inſeparables, falls ſich, wie 1 4 1 6 f 14 8 * 1 4 1 4 1 4 A 1 8 r 1 54 1 7 9 7 8 1 3 7 56 Heinrichſon boshaft hinzuſetzte, naturhiſtoriſch nach⸗ weiſen läßt, daß alte Kakadus ſich mit jungen Ka⸗ narienvögeln paaren... Wie dem ſei, die Trompetta brachte Leben in jede Geſellſchaft. Die kleine kugelrunde Frau rollte ſich bald da, bald dorthin und ſchied von keinem Crrkel, in dem ſie nicht mehrfach jedem Einzelnen à part einen guten Abend gewünſcht hatte. Während Helene glück⸗ lich war, mit Reichmeyer allein von Paris, vom See zu Enghien und ihrem Spiegelzimmer reden zu dür⸗ fen, zu dem er einige enkauſtiſche Wachsmalereien ge⸗ liefert hatte, wußte die Trompetta, die ihrer noch nicht anſichtig geworden war, ſogleich eine Fülle von Thatſachen über die Zeit und die Menſchen anzubrin⸗ gen, die Alle anregte und unterhielt. Da ſie Jedes im Tone der Liebe und des herzlichſten Antheils vor⸗ brachte, auch jede Verleumdung, auch jede Nachrede eines ſchlimmen Gerüchtes, ſo war es recht boshaft von Heinrichſon, daß er zu Paulinen ſagte: Da hat man ſchon wieder die gute Dame aus Sheridan's Läſterſchule, die nur deshalb die böſe Lä⸗ ſterung der Andern tadelt, um wiederholen zu können, was über dieſe Menſchen geläſtert wird. Die Flottwitz aber war ſogleich von einigen Mi⸗ litairs umgeben, die mit ihr über den neuen Achilles, 0 7 Sun den Prinzen Ottokar ſprachen und ihr Manches im Vertrauen mitzutheilen wußten, was ſich auf der nächſten Avancementsliſte beſtätigen würde. Sie er⸗ zählte dafür ihrerſeits, daß im weiblichen Reubunde wäre beſchloſſen worden, für Weihnachten in jedem Kaſernenzimmer der ganzen Monarchie einen Weih⸗ nachtsbaum anzuzünden, jedem Krieger für die be⸗ währte Treue Aepfel, Nüſſe und einen Pfefferkuchen zu beſcheeren, der wahrſcheinlich den allgeliebten Prin⸗ zen Ottokar darſtellen würde, falls es nicht ſchicklicher wäre, den König ſelbſt in dieſer Form ſeinen Landes⸗ kindern zum liebevoll flüchtigen Andenken zu übergeben. Das junge ſchwärmeriſche Mädchen war ſo demokra⸗ tenfeindlich, daß ſie mit großer Begeiſterung auch von einigen neuen Verhaftnahmen ſprach und die guten Ausſichten für die nächſten Wahlen lobte. Frau von Trompetta muſterte die Anweſenden und fand ſogleich heraus, daß ſie nur dem politiſchen Kreiſe der Geheimräthin angehörten. Pauline hatte ſich alſo noch immer nicht entſchließen können, die chriſtlich ſoziale Richtung der Gräfin von Mäuſeburg einzuſchlagen, mit der ſie die Trompetta in ihrer Weiſe ſchon vor einiger Zeit glaubte liirt, richtiger verkup⸗ pelt zu haben. Pauline hatte wirklich einmal ſchon einen ſchwachen Verſuch in der„Krankenpflege“ ge⸗ 58 macht, es aber nicht ſehr weit bringen können in ſo ſchweren, den ganzen Menſchen und ſeine Eitelkeit in Verſuchung bringenden Aufgaben. Die Trompetta fand alſo nur politiſche Elemente... Ihr war Das ganz gleich, der betriebſamen Frau. Sie plätſcherte ja wie ein Meer⸗ ufer⸗Fiſch in beiden Elementen, im Süßwaſſer der ſo⸗ zialen Richtung, wie im Salzwaſſer der Politik. War ſie doch auch ſchon zu der Erkenntniß gekommen, daß eine Frau, die etwas auf ſich hält, in Gemeinzwecken nicht ganz zu Grunde gehen dürfe! Sie hatte ihre aparten Liebhabereien. Sie veröffentlichte Bücher, Bil⸗ derſammlungen, Stickereien durch wohlthätige Lotte⸗ rieen. Dies war eine Agitation, die ſie ganz auf eigene Hand betrieb und bei der ſie ſich eine gewiſſe Selbſtſtändigkeit ihres Namens ſicherte. Sie fühlte ſich gehobener, bedeutſamer durch die Bitten der Vereine, doch ihrer eingedenk zu bleiben und für ſie zu wirken. Denn wenn die Trompetta wirkte, ſo bekam ein Mag⸗ dalenenſtift, eine Diakoniſſenanſtalt, ein Blindenaſyl, ein rauhes Haus für verwahrloſte Kinder u. ſ. w. gleich eine ſehr bedeutende Summe. Mit den ſchwe⸗ ren Liebesdienſten der chriſtlich ſozialen Richtung ſelbſt gab ſie ſich nicht ab. Dazu war ſie zu flüchtig, zu eitel, zu vergnügungsſüchtig. Und oft ſagte ſie ſo laut, daß es ihre intimſten Freundinnen, Pauline ———ᷓͤᷓͤůʒůpůöyöydͤd·y ·„. in ſo keit in fand gleich, Meer⸗ er ſo⸗ War „daß vecken ihre Bil⸗ Lotte⸗ 3 auf ewiſſe te ſich ereine, virken. Mag⸗ naſyl, ſ. w. chwe⸗ ſelbſt g, 1u ſie ſo ruline 59 von Harder und die Flottwitz, hören konnten: Was thut denn auch die Gräfin Mäuſeburg anders, als daß ſie jeden Morgen die Rapporte von einer alten Kam⸗ merjungfer und von ein paar alten Nähterinnen an⸗ hört, die ſtatt ihrer zu den armen Wöchnerinnen, zu den Kranken und Hilfloſen gehen und ihr die That⸗ ſachen mittheilen, denen ſie durch die disponiblen Fonds der Kaſſen auf ihrem Sopha eine andere Wen⸗ dung gibt! Sie notirt ſich die Fälle in ihren Büchern und ſetzt daraus die Statiſtik zuſammen, die ſie dem großen Centralausſchuſſe vorlegt! Beſonders wegen der lieben Flottwitz ſah die Trompetta heute mit Vergnügen, daß im Salon der Geheimräthin die politiſchen Elemente überwogen. Die Flottwitz und die Trompetta gehörten zwar zu den muſikaliſchen Akademieen der feindlichen Schweſter in Tempelheide, allein Pauline hatte gerade gern eine Verbindung mit dem jenſeitigen Feldlager. Die Trom⸗ petta ſagte oft zu ihr: Pauline, brauchen Sie mich bei der guten Anna als verſöhnenden Parlementär! Aber Pauline ſchüttelte den Kopf und ſagte lächelnd, wie zum Scherz, aber ſie meinte es ernſtlich: Nein, ma chére, als Spion!— Pfui! Pfui! hatte zwar die Trompetta darauf erwidert, aber ſie beſaß ein merkwürdiges Talent, in Form harmloſer ſpielender Berichte gleichſam nur wie beiſpielsweiſe und ohne alle Abſicht die ganze Chronik der großen Welt in Umlauf zu bringen. Sie entzweite und verband, wie es kam. Junge Mädchen, die ein Herz ſchon gefun— den hatten, mußten ſich vor ihr in Acht nehmen. Sie hatte die Leidenſchaft,„unpaſſende Parthieen“ zu hin⸗ tertreiben und blinder Liebe bei Zeiten den„Staar zu ſtechen“. Denen aber, die noch nichts gefunden hatten, hielt ſie gern immer ein ganzes Regiſter vor⸗ trefflicher Parthieen entgegen, die ſie allenfalls„ver⸗ mitteln“ konnte. So der Flottwitz. Friederike Wil⸗ helmine dachte, bei ihrem Verkehr mit Offizieren, nur an das Wohl der Monarchie und die unbefleckte Ehre und Treue des Kriegsheeres, nicht an eine proſaiſche Heirath; aber die Trompetta ſchob ihr immer doch dieſe kleinlichen Gedanken an Liebe und Ehe unter. Die Augen der älteren Freundin kuppelten fortwäh⸗ rend für die jüngere und noch vorm Eintreten in den Salon der Geheimräthin hatte ſie auf der Treppe zur Flottwitz geſagt: Wenn wir unter den Malern, die bei Paulinen ſich verſammeln, heute einmal den Siegbert Wildun⸗ gen wiederfänden! Sie waren zwar ſchon auf dem Wege nach Tempelheide verletzt, liebe Friederike Wil⸗ helmine, durch ſeine demokratiſchen Aeußerungen, wie ich durch ſeine Blasphemieen; allein es iſt doch ein hübſcher, artiger, recht idealiſcher Mann... Die Flottwitz hatte darauf nichts erwidert, ſon⸗ dern nur noch beim flüchtigen Vorüberſtreichen an einem von Oleandern verſteckten Spiegel ihre langen blonden Tirebouchons geordnet. Aber als zu Aller Erſtaunen jetzt ihre Antipathie, Fräulein Melanie Schlurck, mit einem alten Herrn eintrat, warf ſie doch der gleichfalls überraſchten Trompetta einen Blick zu, der etwa ſagen ſollte: Das da iſt ja der Gegenſtand, für den dieſer junge ſtaatsgefährliche Künſtler ent⸗ flammt iſt! In dies Geſchwirre und Geſumſe rauſchte wirklich gegen neun Uhr, als man ſchon die verſchiedenen Sorbette herumreichte, Melanie Schlurck, geführt von ihrem Vater. Drittes Capitel. Meiſterin und Schülerin. Melanie Schlurck hatte ſich heute ganz weiß geklei⸗ det und glich Aphroditen, wie ſie dem Meeresſchaume entſtieg. Man konnte ihre Toilette einfach nennen, wenn nicht hinter der gänzlichen Entfernung jedes Prunkes und jedes auffallenden Behanges die Abſicht durchſchimmerte, ſich nur ganz allein, ganz ſelbſt zu geben. Die Tallle hielten die einfachſten langen weiß⸗ ſeidenen Bänder zuſammen. Der Nacken war unver⸗ hüllt. Das Haar in griechiſcher Einfachheit, ohne den geringſten andern Schmuck, als den natürlichen der in den Nacken zuſammengewundenen ſtarken Flech⸗ ten, die von einigen Locken durchzogen waren. Ein Fächer war das Einzige, was wie ein beſonderer tändelnder Schmuck erſcheinen konnte. 4 Franz Schlurck trug einen neuen grünen Frack mit goldenen Knöpfen. Er liebte das todtengräberiſche, 2* 2 gellei⸗ gaume ennen, jedes Abſicht löſt zu weiß⸗ unver⸗ ohne rlichen Jlech⸗ Ein nderer c mit riſche, 63 leichenbittende Schwarz nicht und hatte ſich von den Geſetzen der Etikette hinlänglich freigemacht, um in ſolchen Dingen ſeinen eigenen Eingebungen zu folgen. Er war wieder ganz friſch, ganz aufgeregt. Die nie⸗ derdrückenden Erfahrungen des Vormittags waren von dem leichtſinnigen Manne vergeſſen und die unmit⸗ telbare Nähe ſeines geliebten Kindes elektriſirte ihn immer. Pauline empfing Melanie mit großer Auszeichnung. Machte Melanie ſchon durch ſich ſelbſt den ſieg⸗ reichſten Eindruck, ſo mußte ſie der Mittelpunkt des Abends umſomehr werden, als ihr die Geheimräthin entgegenkam, ſie mit unbeſchreiblicher Holdſeligkeit auf die Stirne küßte und ſie auf das Hauptſopha des Salons zu ſich niederzog, ſie mit Liehkoſungen und ſteter Bewunderung ihrer Schönheit faſt überſchüttend. Dieſer Moment des Triumphes wurde nur leider zu früh dadurch abgebrochen, daß die Trompetta in ihrer Wanderung von Perſon zu Perſon und der Flottwitz wegen Melanie vermeidend eben ins blaue Zelt gerathen war und dort hinter den Camelien die Gräfin d'Azimont entdeckt hatte. Dieſer Moment! Dieſes laute Geräuſch des Staunens! Dieſes— was konnte man von der Trompetta anders erwarten— exal⸗ tirte, förmliche Geſchrei! Helene mußte vortreten und 64 ein Gemurmel der Begrüßung ging durch den gan— zen Saal. Helene lächelte und ſagte, während ſie näher kam: Liebe Frau von Trompetta! Ich ſehe, Sie ſind wohl! Ich begrüße Sie von Herzen. Aber Begrüßung und Abſchied in demſelben Augenblick! In einem Beſuche bei meiner lieben Pauline überraſcht, mich dieſe glänzende Geſellſchaft, für die ich niche vorbe⸗ reitet bin. Damit kam ſie voll Grazie auf Paulinen zu, um von ihr für heute Abſchied zu nehmen. E Pauline, die in der linken Hand faſt noch den zarten weißen Handſchuh der rechten Hand von Me⸗ lanie fühlte, gab ihr ihre Rechte und zog ſie zu ſich nieder und wollte von der frühen Trennung nichts wiſſen. Sie hatte ja jetzt ihre beſtimmten Abſichten mit den beiden Frauen, die ſie umgaben. Zwar war ſie durch den Eindrücck, den Melanie machte— für ſo ſchön hatte ſie dies vielbeſprochene Mädchen nicht gehalten! — in der Meinung, durch die d'Azimont ſie zu „eklipſiren“, ganz irr geworden. Doch ſah ſie eben, daß auch Helene ihren Reiz hatte. Ein ſo zartes ſanf⸗ tes Auge, wie Helene in ſchüchternen Momenten auf⸗ ſchlagen konnte, beſaß Melanie nicht, bei der das Auge im Grunde doch nur ſchelmiſch irrend und faſt nichts⸗ in gan⸗ er kam: bie ſind rüßung einem t mich vorbe⸗ zu, um ſch den on Me⸗ zu ſich nichts mit den he durch ſchon halten! ſte zu eben, z ſanf⸗ n auf⸗ 3 Auge nichts⸗ ſagend war. Helene erſchien geiſtig, ſeelenvoll, Me⸗ lanie vielleicht nur ſchön, vielleicht faſt kalt, nur eitel. Trotzdem, daß Schlurck Paulinen die Verſiche⸗ rung gegeben hatte, die Gefahr, in die ſie durch Egon's Kenntnißnahme von Enthüllungen ſeiner Mut⸗ ter in der Geſellſchaft auf den Reſt ihres Lebens ge⸗ rathen könne, ließe ſich noch abwenden, fühlte ſie doch die Nothwendigkeit, ſich auf alle Fälle mit Egon auf einen ſichern Fuß zu ſtellen und noch glaubte ſie mit begründetem Rechte, daß auf jener Rückreiſe Melanie die ſiegende Rivalin Helenens geworden war. Sie träumte von Vertraulichkeiten zwiſchen den beiden Reiſegefähr⸗ ten von Hohenberg, von Complotten und allen mög⸗ lichen böſen Dingen, die Melanie durch Bekanntſchaft mit dem Inhalte des Bildes ſchon über ſie könnte in Erfahrung gebracht oder befördert haben. Das befremdete Erſtaunen des jungen Mädchens über die Gräfin d'Azimont entging ihr nicht. Sie konnte nicht ahnen, wie es in ihr rief: Das iſt nun die ſchöne Frau von Paris, mit der du einen Mann im Schloßgarten von Hohenberg geneckt haſt, der dich täuſchte! Helene nahm an Melanie, die ihr flüchtig vorge⸗ ſtellt wurde, wenig Intereſſe. Sie war ohne Neid. Sie duldete jeden andern Vorzug. Sie konnte ſich Die Ritter vom Geiſte. IV. 5 66 freuen, wenn Andere ſchön und glücklich waren. Dieſe im Grunde gute Natur gab Helenen etwas außeror⸗ dentlich Sicheres und einen gewaltigen Vorſprung vor einem Weſen wie Melanie, das von einer fortwäh⸗ renden Unruhe und allen nagenden Bedrängniſſen der Gefallſucht gepeinigt wurde. Helene war aus einer völlig andern Form weiblicher Schönheit geprägt. Sie zählte zehn Jahre mehr als Melanie, aber da ſie klein, zart gebaut, von rundlichen Formen war, ſo that ihr die Zeit nicht ſo viel Abbruch, wie ſie größe— ren, ſchlankeren, ſpitzeren Formen zu thun pflegt. In Helenen lag der Zauber des rein Weiblichen, den Melanie nicht beſaß. Dieſe konnte ſinnlich blenden, aber kaum ſo das Bedürfniß der höheren Liebe reizen, wie die weichen Formen der d'Azimont. Melanie ihrerſeits fühlte das mit gewaltigem Ein⸗ druck. Sie hatte doch irgend eine geheimnißvolle Be⸗ ziehung zum Fürſten Egon, das wußte ſie, wenn ſie auch ſchmerzlich darunter litt, daß der männliche, her⸗ ausfordernde, kecke Dankmar der Fürſt nicht geweſen war. Wie hatte ſie dieſen mit der d'Azimont geneckt! Purpurglut der Scham und jede Wallung des Zor⸗ nes überkam ſie, wenn ſie daran dachte, daß Dank⸗ mar ihr ja immer die reinſte Wahrheit geſagt und nur ihre eigene tolle Verblendung, ihre eigene dem Dieſe geror⸗ g vor wäh⸗ n der einer röße⸗ In den nden, elzen, Ein⸗ e Be⸗ mn ſie her⸗ veſen neckt! Zor⸗ dank⸗ und dem 67 Höchſten nachſtrebende Verkehrtheit dieſe Wahrheit nicht hatte hören wollen. Das war nun die d'Azimont, mit der ſie den vermeintlichen Prinzen„aufgezogen“ hatte! Das jene ſchöne elegante Pariſerin, auf die ſie einem Schattenbilde, einer Täuſchung zu Liebe, Eiferſucht gefühlt hatte! Pauline bemerkte wohl, welchen for⸗ ſchenden Blick ſie auf Helenen richtete. Das iſt der Blick einer Rivalin! ſagte ſie ſich und beobachtete und verglich Beide von ihrem Standpunkte. Auf die Ströme von Fragen, in denen die Trom⸗ petta auf Helenen ſich ergoß, antwortete dieſe lächelnd mit einer ihr ſehr angenehm ſtehenden ſchmerzlichen Reſignation. Wäre ſie mager, flüſterte Heinrichſon Reichmeyern in's Ohr, ich würde etwas von der Madonna des Murillo in ihr finden. Der Blick iſt vollkommen der des Spaniers. Eine Spanierin, ja! ſagte Reichmeyer. Aber es iſt noch mehr die heilige Thereſe, die leidenſchaftliche Aebtiſſin der unbeſchuhten Karmeliterinnen. Ich glaube, daß ſie alle Myſterien der irdiſchen Liebe kennt, wie die heilige Thereſe die der himmliſchen. Helene hielt ſolchen Kritiken und Vergleichungen nicht zu lange Stand. Sie foderte die Trompetta auf, ihr die Stunde zu ſagen, wo man ſie ſprechen 5* 2 68 n Dieſe antwortete, ſie wäre zu viel in Bewe⸗ gung, um eine feſte Zeit einhalten zu können, aber ſchon morgen käme ſie ſelbſt zu ihr. Helene nickte graziös und erhob ſich dann wirk⸗ lich, um zu gehen. Pauline begleitete ſie. Wie die Kleine in ihrer einfachen ſchwarzen Tracht neben der phantaſtiſch auf⸗ geputzten jugendlichen Matrone über das Parkett ſchritt, hatte ſie den ganzen Zauber reinſter und natürlichſter Menſchlichkeit für ſich. Sie war von Dem, was ſie heute Alles erlebt hatte, erſchöpft. Man ſah ihr die Abſpannung an. In dem Vorzimmer umarmte Pau⸗ line ſie noch einmal und ſagte: Helene, Sie ſind groß! Sie haben ſich wie eine Heldin bewährt! Sie beherrſchten ſich. Es wird Auf⸗ ſehen machen. Als die Gräfin ſtatt aller Antwort die Augen gen Himmel aufſchlug, in denen eine Thräne glänzte, drückte ſie die Geheimräthin noch einmal an's Herz. Morgen ſeh' ich Sie, ſagte Pauline, und ich hoffe, Helene, ich bringe Troſt und finde Faſſung. Bringen Sie Mitleid! ſagte Helene mit leiſer Stimme, drückte Paulinen die Hand und ging ruhig über die glänzend erleuchtete, blumenbeſetzte, unter den Teppichen knarrende Stiege hinab könne. — Zewe⸗ aber wirk⸗ ihrer auf⸗ hritt, hſter z ſie die Pau⸗ eine Auf⸗ gen inzte, Herz. offe/ eiſer uhig den 69 Ihr Bedienter folgte mit einem Shawl, den ſie umſchlug, als ſie in den Wagen ſtieg... Natürlich wurde im Salon jetzt über nichts, als über die Gräfin d'Azimont, über Egon und über die Fürſtin Wäſämskoi geſprochen... Ein Körnchen Wahrheit, breitgeſchlagen, wie unter der Hand des Goldſchlägers, der aus einem Körnchen Metall end⸗ loſen Goldſchaum fertigt. Da wir die Verhältniſſe genauer kennen, überlaſſen wir die Erfindung den Uneingeweihten und beobachten nur Paulinen, die ſich frei genug fühlte, jetzt ganz ihren nächſten Unterneh⸗ mungen zu leben. Auf einen Blick ſah ſie ſogleich, daß zwiſchen Melanie und ihrem Manne eine Neckerei ſtattfand. Melanie hatte ihm einen zu komiſchen Gruß gegeben und er ihn zu verblüfft, faſt ſchmollend er⸗ widert. Melanie erſchien ihr ſogleich wie die ver⸗ dächtigſte Kokette. Ruhig den linken Arm in die Ecke des Sophas ſtützend und ſich in die Rückenkiſſen über⸗ lehnend, in der rechten Hand mit dem Fächer ſpie⸗ lend, ſah Melanie den Gruppen zu, die ſich im Sa⸗ lon gebildet hatten und gab Jedem Gehör, der ſich ihr näherte und ſie in ein Geſpräch zu intriguiren ſuchte. Die Trompetta brannte vor Verlangen, Melanie über ihre Reiſe auszuforſchen; aber ſeit der letzten Störung 70 in der Singakademie zu Tempelheide mußte ſie der Flottwitz zu Liebe Farbe halten. Die Flottwitz igno⸗ rirte nämlich Melanie mit conſequenter Verachtung und ſprach unausgeſetzt und auf das lebhafteſte mit dem Grafen Brenzler über eine neue Art beweglicher Barrikaden, mit welchen die Truppen bei künftigen Revolutionen gegen etwaige Empörer beſſer zu operi⸗ ren lernen möchten; ſie ſprach ſo laut, daß ſie Mela⸗ nien ſogar etwas von der ihr allgemein gewidmeten Aufmerkſamkeit entzog. Sr. Excellenz der Intendant benutzte dieſe Pauſe, trat an die Sophalehne und flüſterte zu Melanie halblaut: Guter Gedanke von meiner Frau, Sie bei uns einzuführen, Fräulein... Bitte Excellenz, beſchämen Sie mich nicht. Es iſt doch nur Ihr Gedanke geweſen... Doch nicht! Bin Ihnen ja bös— recht bös— Das wiſſen Sie doch ſchon... Sie.. Excellenz! Bös? Mir? Warum? Sind recht liſtig, recht gefährlich— Ja, ja, ich ſchmolle... Wie ſo? Sie? Welche Urſache hätten Sie? Werden es ſchon wiſſen— Sie kleine Abſcheuliche! Sie haben einen Katarrh, Excellenz! War es kalt im Möbelwagen? der gno⸗ tung mit icher igen peri⸗ Lela⸗ neten trat laut: uns s iſt 4 ich ſliche! kalt O Pfui! Pfui! Sie ſpotten— Recht lieblos! In der That! Recht lieblos! Ich ohne Liebe? Ich, die deshalb im Heidekrug verzweifelte, weil dort ſo viel Katzen herumſtreichen, die ich nicht leiden kann? Und beſtohlen bin ich auch geworden! Habe einen ſchönen Auftritt gehabt mit meiner Frau! Fräu⸗ lein... Ich ſeh' es Excellenz! Die kleinen Ohren glühen Das bedeutet Blutandrang... Kummer. O über Sie! O! o, Sie ſind nicht gekommen! En vérité! Sie haben mich gefoppt. Sie ſind nicht gekommen! Excellenz! Welch ein Wort! Gefoppt! Ich ver⸗ ſichere Sie! Die Katzen ſind ganz allein Schuld— Sie ſchliefen doch recht ſanft in der kleinen transpor⸗ tablen Hütte? Die Götter der Liebe wachten doch über Sie? O Sie machen mich recht unglücklich, daß Sie ſagen können, ich hätte Sie gefoppt, Excellenz! Ah! Bah! Bah! Ich trau' Ihnen nicht mehr. Sie ſind ſchlimm! Recht ſchlimm! Und die Menſchen nennen mich alle ſo gut. Nur vor Katzen fürcht' ich mich, Ercellenz. Und es war ſo finſter und ſo naß und die Gensdarmen fluchten ſo laut und Ihre Bedienten tranken ſo viel— aber Sie 72 hatten doch Ihr geſticktes Nachtmützchen auf, Er⸗ cellenz, als Sie in das Hüttchen ſchlichen? Was? Ihr Schlafrock ſteht Ihnen auch gar zu ſchön! O Hohen— berg, Hohenberg! Unvergeßliche Stunden, die wir dort erlebten und ich gefoltert wurde von meinem vis à vis, das mich anfangs nicht verſtand, nicht verſtehen wollte... denn nur im Mützchen und im ſeidenen Schlafrock erſchienen Sie anfangs am Fenſter! Hätt' ich ahnen können— Daß dieſe kleinen Ohren mich entzücken würden! Excellenz Sie ſind heute zu liebenswürdig! Gehen Sie! Gehen Sie! Oder ich komme heute doch noch in den Möbelwagen... Pauline trat bei dieſen boshaften Worten hinzu. Sie hatte die letzten Worte halb und halb verſtanden und fragte, durch galante Herablaſſung ihr Erſtaunen mildernd: Wovon ſprechen Sie? Sie flüſtern mit meinem Gatten? Ei, ei, die ſchöne Melanie beunruhigt den Frieden meines Hauſes! Henning iſt von Hohenberg zurückgekehrt wie ein neugeſchaffener Menſch! Wir ſprachen vom Heidekrug, gnädige Frau, ſagte Melanie mit einem ſo zärtlichen Blicke auf Harder, daß Pauline lachen mußte. Es ſind ſo viel Katzen dort, ſagte Excellenz und ich geſtehe, vor Katzen hab' ich allen Reſpekt. Nicht wahr, liebe Flottwitz? Sie — 73 wiſſen, was mich von unſern Maccabäern und dem Stamme Judä verſcheucht hat! Die Trompetta und die Flottwitz waren nämlich eben nur ſo lauſchend vorübergegangen; Dieſe noch ganz erhitzt von den Auseinanderſetzungen über die fliegenden Barrikaden und überall nur todte und ver⸗ wundete Inſurgenten erblickend, Jene auf eine Gele⸗ genheit lauernd, doch mit der ihr ganz ſympathiſchen Melanie anzubinden. Ah! rief die Trompetta erlöſt wie von einer gro⸗ ßen Spannung. Nun ſchüttete ſie ihre ganze Freude und Wonne des Wiederſehens und ihrer Ueberraſchung aus, während Friederike Wilhelmine ernſt und hoheits— voll lächelte... Das war ein Begrüßen, ein Fragen, ein For⸗ ſchen! Aber Melanie kehrte ſogleich auf die Worte zu⸗ rück, mit denen ſie, um den armen Henning von Harder von weiteren Inquiſitionen zu erlöſen, der Un⸗ terhaltung eine andere Wendung hatte geben wollen. Es iſt nur gut, ſüßes Kind, begann darauf erwi⸗ dernd Frau von Trompetta mit künſtlichem Schmollen, daß Sie Ihr Unrecht einſehen und von ſelbſt auf die⸗ ſen Gegenſtand kommen. Sie haben dieſen ſchönen Concerten für lange den Todesſtoß gegeben, Sie bö⸗ ſes Kind! 74 Wie ſo? fragte Melanie. Durch meine Anti⸗ pathie gegen die Thiere oder meine geringen Ge⸗ ſangsmittel? Pauline wünſchte zu wiſſen, wovon die Rede war. Frau von Trompetta ergriff, mit aller in dieſem Falle wegen Anna's von Harder zu beobachtenden Discretion, das Wort und erzählte von den muſika⸗ liſchen Akademieen ihrer Schweſter, den Zerwürfniſſen der verſchiedenen Singſtimmen und dem Austritte des Fräuleins Schlurck... Seitdem haben wir erlebt, ſchloß Frau von Trom⸗ petta, daß die Zahl der Tenöre und Bäſſe ſich auf⸗ fallend lichtete. Ein Aſſeſſor, zwei Referendare und drei Lieutenants ſind gleich nach dem Fräulein fort⸗ geblieben. Sie können ſich denken, welche Lücke Das gibt! Die gute Anna iſt in Verzweiflung und unſere Abſicht, nun den Paulus von Mendelsſohn-⸗Bartholdy zu verſuchen, müſſen wir geradezu aufgeben. Melanie ſtellte die Gefahren, die ſie dem Paulus gebracht hätte, ganz in Abrede. Der Aſſeſſor wäre verſetzt worden, die beiden Referendare wären in einem großen Prozeſſe beſchäftigt, den die Regierung mit der Stadt führe und was die drei Lieutenants anlange, ſo hieße das gradezu für Fräulein von Flott⸗ witz das Empfindlichſte ſagen, da es nur eines Wor⸗ ——— — Anti⸗ Ge⸗ war. jeſem enden uſtka⸗ niſſen des rom⸗ auf⸗ e und fort⸗ Das unſere holdy ulus wäre 1 in rung ants Jlott⸗ Wor⸗ 75 tes aus ihrem ſchönen Munde bedürfe, um ſie wieder unter die rechtmäßige Fahne zurückzubringen. Friederike Wilhelmine von Flottwitz entgegnete hier⸗ auf mit vieler Ruhe und der vollen Wucht ihres ſchönen klangvollen Organs: Es iſt beſſer, Fräulein, die Akademieen bleiben einige Zeit ausgeſetzt, bis die Wahlen vorüber und die erſten Sitzungen der neuen Kammern ſo geordnet ſind, daß man weiß, ob die gute Sache keine Gefahr zu befürchten hat. Es lebt ja Alles unter dem Druck der ungewiſſeſten Zukunft. Die Demokraten wühlen mit unerhörter Dreiſtigkeit. Der Kriegsrath Wisperling unterbrach die Spreche⸗ rin mit den unterthänigſten Worten: Wie uns Fräulein von Flottwitz eben von ihrem Herrn Bruder erzählt hat... Schauderhaft! Wer kann ſingen, wollte die Flottwitz fortfahren, wer kann ſingen, wenn... Ihr Herr Bruder? fragte Kammerherr von Ried. Was iſt denn Neues? Was iſt denn ſchon wieder ſchauderhaft? O es iſt unerhört! meinte Wisperling und ſpannte noch mehr die Neugier des reichen Herrn von Ried, der wieder ein neues Attentat auf die beſitzenden Klaſſen vermuthete. Man wünſchte Aufklärung, was mit dem Bruder des Fräuleins geſchehen wäre. Mein Bruder Wilhelm Friedrich, begann das Fräulein... Der Lieutenant? unterbrach ſie Melanie. Nein der Cadett— Der zweite Cadett? Der dritte— Ihr fünfter Bruder? Der vierte— Sie meinen doch Friedrich Heinrich Wilhelm— Nein, Wilhelm Friedrich Ah, der, dem ſich jetzt die Stimme ſetzt? Rich⸗ tig! Nun? Wilhelm Friedrich ging geſtern über die raſende Rolandsbrücke. Da trat ein Demokrat geradezu auf ihn ein, ſchlug ihm vertraulich auf die Schulter und fragte: Nun Herr General! Wie viel koſtet denn die Schachtel von Ihrer Sorte? Ahl rief faſt Alles mit höchſter Entrüſtung. Man trat näher, man bat dieſen Vorfall noch einmal zu erzählen, man war außer ſich. Fräulein von Flottwitz erzählte ihn noch einmal mit erhöhterer Glut, als ſchon das erſte und zweite Mal. Ihre zarte, durchſichtige Haut färbte ſich, die hellblauen Augen ruder das d— ſchienen Funken zu ſprühen, ihre blonden Locken ſtrich ſie mit einer raſchen Handbewegung zurück und ſetzte, als ſie geendet, hinzu: Im weiblichen Reubund hat der Vorfall allge⸗ meine Theilnahme gefunden! Welche Verwilderung, wenn die heiligſten Beſitzthümer des Vaterlandes, die Bürgſchaften unſerer Kraft und Stärke vor dem in⸗ nern und dem äußern Feinde, nicht mehr ſicher ſind! Mein Bruder Wilhelm iſt von dem Vorfall krank ge⸗ worden und liegt zu Bett... Die Trompetta fügte ergänzend hinzu: Ja! Der empörende Vorfall hat Gelegenheit zu einer ſinnigen Demonſtration gegeben. Die Baronin von Aſtern und die Hoflieferantin Herold ſchlugen im Reubund wie aus einem Munde vor, dem Cadetten von Flottwitz eine Säbeltaſche zu ſticken, die wir ihm aufbewahren werden, wenn er einſt zu den grünen Huſaren abgeht. O Das iſt ſchön! O Das iſt charmantl rief wiederum faſt Alles einſtimmig. Nur eine männliche Stimme, die bisher nicht vernommen war, legte zum allgemei⸗ nen Erſtaunen folgenden Widerſpruch ein: Um den kleinen erſchrockenen Cadetten von Flott⸗ witz III. thut mir's leid. Aber wir leben ja nun ein— mal im gegenſeitigen Kriege. Unſere Offiziere ver⸗ 72 höhnen jeden Bart, jeden grauen Hut; ſo verhöhnen die Bärte und grauen Hüte wieder unſre kleinen Spielereien. Wenn man die Cadettenhäuſer aufhöbe, würde man jedenfalls den Foderungen unſrer Zeit am beſten entſprechen. Alle Achtung für Ihren klei⸗ nen Bruder,(denn ich wünſche, daß er die unverdiente Säbeltaſche bei den grünen Huſaren einſt mit Ehre trage), aber ſolche Conflikte ſind nicht zu vermeiden, wenn der König dieſe kleinen Repräſentanten des alten ſoldatiſchen Kaſtengeiſtes noch ſo herumlaufen läßt. Die Zeit der Cadetten in dem alten Sinne iſt vorüber. Der Sprecher dieſer mit lautloſem Befremden auf⸗ genommenen, bittern Worte war ſelbſt Militär. Eine hagere Figur, mehr groß, als mittel. Sein Haupt⸗ haar war in ſonderbarem Widerſpruch zu der Jugend⸗ lichkeit ſeiner Züge grau, ebenſo der Bartv; die ſtarken Augenbrauen jedoch waren ganz ſchwarz und gaben dem ſcharfen, habichtartigen Blicke eine Kraft, die nie⸗ derſchmetternd wirkte. Beim Sprechen entdeckte man in dem ſchönen Munde die weißeſten Zähne. Stirn und Schläfe waren edel und klar. Nur um den Mund lag eine gewiſſe Bitterkeit, die den Zügen des Antlitzes manchmal einen mephiſtopheliſchen Ausdruck gab, ohne ihn jedoch unheimlich oder beängſtigend erſcheinen zu laſſen. Er trug eine Infanterieoffiziersuniform, die auf der Bruſt nach unten zu halb gelüftet war und ein öhnen lue Gilet von weißem Piquet ſehen ließ, und Epaulettes. höbe, Es war dies jener uns ſchon bekannte Major von ziit Werdeck, ein Offizier, der früher nur ſeinem militäri⸗ klei⸗ ſchen Berufe und mancherlei Studien gelebt hatte, ſeit jente dem neueren Umſchwunge der Zeit aber vielfach in Ehre politiſchen Kreiſen geſehen wurde und durch manche den, ſcharfe Aeußerung, die man von einem Manne ſeiner alten Stellung nicht erwarten wollte, hier und da ſchon auf⸗ läßt. gefallen war. In neueſter Zeit war auch er in den über. Reubund getreten, wie Viele verſicherten mit der be⸗ guf ſtimmten Abſicht, ihn zu ſprengen. Dies unerhörte Eine Attentat auf einen Verein, der es ſich zur Aufgabe jupt⸗ geſtellt hatte, alle die von dem Throne gegebenen Con⸗ 1 ceſſionen zurückzugeben und gleichſam ihre Ertheilung „ zu bereuen, hatte ihn faſt iſolirt. Auffallend genug ddii war es daher, daß er im Salon einer früher ſehr aben eifrigen Reubündlerin, Pauline von Harder, erſchien. nite Pauline hatte ihn aber ausdrücklich erſucht zu kom⸗ mr men; denn ſie war jener Ultra⸗Partei müde und längſt ie auf den Gedanken gerathen, eine gewiſſe Oppoſition dnn gegen das Allgemeine gäbe ihr doch wol am Ende mehr ihe 94 Relief als das ewige Huldigen und Anerkennen. ohne Major von Werdeck kam ohne ſeine Gemahlin, 1 4 die, eine geborne Kaminska, zu den lebhafteſten Op⸗ 1 80 ponentinnen der Geſellſchaft gehörte. Man hatte ſchon vielfach an dieſer Frau Anſtoß genommen, ihr aber als einer Polin die extremen Aeußerungen hingehen laſſen. Dem Gemahl aber, von dem man anfangs erwartete, er würde ganz in ſeinem militäriſchen Be⸗ reiche verbleiben und dieſe häusliche„Wühlerei“ nicht auf ſich wirken laſſen, galt im Geheimen ſchon ddie allgemeinſte Entrüſtung der Kreiſe, in denen dieſe bei⸗ den Gatten lebten. Es erregte eine offenbar beklem⸗ mende Stimmung, als Major von Werdeck hier ſo unbefangen eingetreten war und ſich gleich als Opponent gegen die gemeinſchaftliche Empfindung äußerte. Als ihn Pauline begrüßte und ihm gedankt hatte für die Annahme ihrer Einladung, antwortete er, ſeine Frau entſchuldigend, mit feinem Lächeln, er würde ſich nicht haben entſchließen können, heute Abend eine Vorleſung auf der Univerſität— Major von Werdeck ſchrieb ſich dort alle Vorleſungen nach, die er hörte— zu verſäu⸗ men, wenn er auf dem Zettel der Einladungen nicht auch Herrn Juſtizrath Schlurck bemerkt hätte— er grüßte dieſen— er hätte ihn dringend zu ſprechen... Schlurck verbeugte ſich überraſcht. Doch bitt' ich, ſagte der Major, meine Privatan gelegenheiten ſollen die Erörterung wichtiger Dinge, v. —-— ſchon aber gehen fangs Be⸗ nicht n die bei⸗ klem⸗ er ſo als dung te für Frau nicht leſung b ſich erſäu⸗ auch rüßte — 81 z. B. die Cadettenfrage, nicht ſtören. Sie wollten etwas ſagen, Fräulein? Die Flottwitz bemerkte kühn und voll Verachtung vor dieſem Offizier: Längſt, weiß man es, Herr Major, daß die De⸗ mokraten Sie zum künftigen Generalfeldmarſchall aus⸗ erkoren haben. Die neueſten Schwankungen des Reu⸗ bundes ſind Ihr Werk! Sie haben darauf angetra⸗ gen, ich weiß nicht, ob im Ernſt oder aus Ironie, daß Jeder von dem Bunde der Reue ausgeſchloſſen wird, der eine Tochter zu verheirathen hat! Natürlich wurde über dieſe Bemerkung, trotz des Abſcheus gegen Werdeck, gelächelt... Major von Werdeck wählte ſich eben aus einer Schüſſel von Riz glacé aux confitures einige einge⸗ machte Kirſchen und erwiderte, ohne aufzublicken, ganz ruhig, aber ſehr ſcharf: Mein verehrtes, gnädiges Fräulein von Flottwitz! Sie ſind bekannt für eine Schwärmerin! Sie glühen wirklich für den Thron, dem Ihre Väter ſo viele Or⸗ den verdanken! Die Andern ſind aber leider nicht ſo uneigennützig. Die Andern denken größtentheils nur an ihr irdiſches Wohl und würden auch den Koſacken Weihnachtsbäumchen anſtecken, wenn ihnen die Ko⸗ ſacken ſtilles Familienglück, eine Penſion und gute Die Ritter vom Geiſte. IV. 6 Schwiegerſöhne garantiren. Es gibt Menſchen, denen unbedingt verboten werden müßte, politiſche Meinun⸗ gen zu haben oder wenigſtens ſie zu äußern. Ich rechne mehr Gattungen dazu, als ich in dieſem Au⸗ genblick aufzählen darf; aber unbedingt ſollten von allen politiſchen Demonſtrationen diejenigen Väter aus⸗ geſchloſſen werden, die mehr als drei Töchter zu ver— heirathen haben... Dieſe Bemerkung ſchien auch gegen politiſirende Frauen gerichtet und endete vorläufig den unerquick⸗ lichen Streit. 3 Werdeck ſah ſich nach Schlurck um, der ihm freund⸗ lich entgegenkam und an ein Fenſter tretend Rede ſtehen wollte... In demſelben Augenblick aber ſchlüpfte auch der Arm der Geheimräthin unter den des Juſtizrathes und Schlurck wurde in das türkiſche Zelt gezogen. Es hat Zeit! ſagte Werdeck und verbeugte ſich ſehr artig gegen die Wirthin. Er ſprach inzwiſchen mit den Malern und erkundigte ſich angelegentlich nach Leidenfroſt, der ihm, wie wir wiſſen, Siegbert Wil⸗ dungen zum Malen eines Porträts ſeiner Frau em⸗ pfohlen hatte.. Schlurck führte indeſſen die Geheimräthin in das türkiſche Zelt und begann: A 6 ch L ſG — D denen einun⸗ Ich Au⸗ von aus⸗ ver⸗ erende guick⸗ teund⸗ Rede ch der 3 und h ſehr n mit nach Wil⸗ u em⸗ 1 dds 8³3 Meine theuerſte Gonnerin! Endlich ein ruhiger Augenblick... Ich brenne vor Ungeduld, daß Sie endlich ſpre⸗ chen, ſagte Pauline. Welchen tröſtenden Brief haben Sie mir geſchrieben! Was gibt es Günſtiges? Ihr Scharfſinn hat manches Richtige geahnt;.. ſagte Schlurck und ſpielte mit ſeiner Doſe. Meine Tochter beichtet aber nicht und da Sie das kleine Ding nun heute geſehen haben, was denken Sie ſelbſt aus ihr ergründen zu können? O dies wunderbare Mädchen hat einen Willen! Ich ſehe, daß ich da auf Alles verzichten muß... Dennoch erfuhr ich ſoviel, daß wirklich jenes Bild dem Prinzen von Werth iſt und von einem jungen Mann, Dankmar Wildungen, der ihm befreundet ſcheint, ohne Zweifel in ſeinem Auftrage und durch Melanie's Vermittelung in einen Beſitz genommen iſt, dem man ihm nicht beſtreiten kann. Denn die Fa⸗ milienbilder bleiben den Hohenbergs. Durch Melanie's Vermittelung? ſagte Pauline über⸗ raſcht. Geſtand ſie Ihnen Das? Dankmar Wildun⸗ gen? Wer iſt Das? Ich durfte ſie nicht eraminiren, antwortete Schlurck, ſich nach ſeiner Tochter umſehend. Sie iſt aufgeregt! Ich konnte nur Ausſagen Anderer zuſammenſtellen, die 6* 84 meiner Frau, die Beobachtungen Bartuſchs: genug, wenn Sie noch an dem Bilde hangen— Um Alles in der Welt! Ihre Freundin, dieſe liebenswürdige d'Azimont, ſichert Ihnen ja Amandens Sohn. Was fürchten Sie? Glauben Sie Das? Sie irren ſehr! Egon und Helene haben gebrochen... Eine ſo ſchöne einnehmende Frau wird den Ge⸗ neſenden leicht verſöhnen. Sie erhalten dann die Denkwürdigkeiten in uller Güte von ihm. Bis dahin verachten Sie die Welt um ſo mehr, als Sie ja Ihrer politiſchen Rolle eine neue Diverſion geben und zur Oppoſition zu gehen ſcheinen! Ich ſehe ſchon, wie die Trompetta und das loyale Wunderkind da dieſe Beziehung zu dem neuen Catilina, dem Major von Werdeck, verbreiten wird. Die Thür der„kleinen Cirkel“ öffnet ſich, wenn nicht aus Liebe zu Ihnen, doch nun aus Furcht... Um ſo mehr muß die Vergangenheit beſeitigt ſein — antwortete Pauline, des Spottes gar nicht ge⸗ wahr werdend. Man möchte glauben, Sie hätten einen Mord be⸗ gangen. Wer weiß! ſagte Pauline lächelnd. Schlurck ſah Paulinen groß an und zog die goldne —..B— — : genug, Azimont, ten Sie! igon und den Ge⸗ dann die is dahin ja Ihret und zur hon, wie da dieſe gjor von „kleinen u Ihnen, tiigt ſein nicht ge⸗ Mold be⸗ 35 Brille in die Höhe. Da er aber an Paulinens Auge abnahm, daß ſie, wenn auch gewaltſam, doch ſcherzte, zog er die Brille wieder herab und langte auf's neue ſeine Doſe aus der Taſche. Was foltr' ich Sie? ſagte er. Sie überhörten vorhin einen Namen: Dankmar Wildungen. Morgen früh ſtellt die Polizei in der Wohnung zweier Brüder Siegbert und Dankmar Wildungen eine Recherche an. Der Obercommiſſär Pax, der Schützling Ihrer guten Madame Ludmer, deren Empfänglichkeit für die neuen Fortſchritte der Kochkunſt ich immer geſchätzt habe, mußte mit in unſer Geheimniß gezogen werden. Welches Geheimniß? Wer ſind denn dieſe Wil⸗ dungen? 7 Schlurck nahm Anſtand, ſeiner Alliirten das Mis⸗ verſtändniß auseinanderzuſetzen, das er durch ſeinen Geldermann⸗Deutz zuerſt im Heidekrug veranlaßt hatte. Er begnügte ſich zu wiederholen: Sie erinnern ſich von heute früh, gnädige Frau, daß ich vom Prinzen Egon wunderliche Dinge über ſeinen Antheil an der Johannitererbſchaft und Aehn⸗ liches ſprach. Alle dieſe Vorausſetzungen haben eine andre Wendung bekommen, ſeitdem ſich herausgeſtellt hat, daß ein gewiſſer Dankmar Wildungen es geweſen iſt, den man in Hohenberg für den Prinzen Egon 86 nahm. Dankmar Wildungen iſt ein Verbündeter des Prinzen. Ihm gelang es,— wie Melanie daran be⸗ theiligt iſt, weiß ich nicht,— das Bild der Fürſtin Amanda ſich anzueignen. Er beſitzt es... Wir aber entnehmen es von ſeinem Zimmer morgen in aller Frühe Pauline erſchrak über dieſe Eröffnung, erſchrak über den Schein der Gewaltthat. Sie fürchten das Aufſehen? fragte Schlurck. Ich glaube, Sie wollen mich verderben, meinte Pauline. In dieſer Zeit! Bei ſolchen Wirren der⸗ gleichen ertreme Schritte? Iſt Das mein Dank, daß Sie mich für beſchränkt halten? antwortete Schlurck in ſeiner ganzen Behag⸗ lichkeit. Die Recherche hat einen völlig geſetzmäßigen Zweck. Dankmar Wildungen hat ſich in der Stadt Angerode eine eigenmächtige Gewaltthat erlaubt, eine Aneignung öffentlicher Dokumente. Glücklicherweiſe ſind ſie in die Hände der Gerichte gefallen; allein, da an⸗ zunehmen ſteht, daß er ſich mit Dem, was man wie⸗ derfand, nicht begnügte, ſo werden die Betheiligten Sorge tragen, um ſo mehr noch eine Hausſuchung bei ihm vorzunehmen, als ſich des kecken jungen Man⸗ nes Spur ſeit einigen Tagen verloren hat— Ver⸗ ſtehen Sie nun? eter des ran be⸗ Fürſtin ir aber n aller ak über meinte n der⸗ ſchräntt Behag⸗ äßigen Stadt t, eine iſe ſind da l⸗ wie⸗ iligten ng bei Man⸗ Ver⸗ — 84 Sehr gut! Man nimmt bei dieſer Gelegenheit auch jenes Porträt, wenn es ſich findet? Es findet ſich— Egon iſt ſeiner Krankheit wegen unzugänglich. Was bei ihm abgegeben wird, geht durch die Hände der Wandſtablers... Iſt jene Angelegenheit, die Grund zu der Recherche abgeben muß, bedeutend genug, um für ſich allein eine ſo gewaltſame Handlung zu entſchuldigen? Es iſt die Angelegenheit wegen der Johanniter⸗ erbſchaft. Wie kommt aber jener verſchmitzte junge Freund des Prinzen in ſo verwickelte Verhältniſſe? Das intereſſirt mich ſelbſt. Vorläufig frag' ich: Mach' ich es recht? Sie ſind ein Zauberer! antwortete Pauline holdſelig und ihre Bruſt athmete wie erlöſt und neu belebt. Das ſagen Sie dem ſchönen eleganten Herrn dort, der eiferſüchtig zu uns herüberſchielt... Schlurck zeigte auf Heinrichſon, der die Methode, ältere Damen zu verwirren, ſehr wohl verſtand und nur herüberſah, um ſich gleichſam eiferſüchtig zu zei⸗ gen, was er nicht im mindeſten war. Mich aber entſchuldigen Sie, liebe Freundin, daß ich mich nun heimlich nach einigen Worten mit dem höchſt vernünftigen, aber unbeſonnenen Major von — — 1 1 al — 88 Werdeck empfehle und Melanie allein zurücklaſſe. Der Wagen wartet auf ſie. Sie bedarf meiner nicht. Was haben Sie denn noch? Man ſervirt ja jetzt den Liebhabern erſt gefrorenen Champagner. Sie Vor⸗ trefflichſter aller Vortrefflichen! Wir bleiben nun erſt recht beiſammen, hören Sie doch! Die Flottwitz ſingt! Laſſen Sie mich mit der Flottwitz und mit dem Geſang! Um den Champagner thut es mir leid. Ich muß in die Loge. Propſt Gelbſattel will heute einen Fremden einführen. Ich habe viel heute erlebt, viel Widerwärtiges, viel Störendes. Ich will den Tag fromm beſchließen und recht andächtig heut Nacht zu Tiſch gehen. Schade, daß man viel Franzöſiſch wird parliren müſſen! Ich hätte Luſt, heute nun nichts mehr anzuſtrengen als nur noch meine Zähne, was mir leider Mühe genug koſtet, da es zwiſchen Zunge und Gaumen bei mir wie in Herkulanum und Pompeji ausſieht. Adieu! In aller Stille! In aller Stille! Ich nehme jetzt ſchon franzöſiſchen Abſchied. Franzöſiſch, ſagen Sie? Wer iſt denn der einge⸗ führte Bruder? Ein gewiſſer Sylveſter Rafflard. Er reiſt um die Gefängniſſe kennen zu lernen. Ein Menſchenfreund. Wir werden viel Phraſen zu hören bekommen. Rafflard? Rafflard? — 89— Kennen Sie ihn? Rafflard? Wiſſen Sie, wer Das iſt? Ich warne Sie, Das iſt ein Jeſuit. Ah! Ich gebe Ihnen mein Wort. Rafflard? Richtig. Rafflard! Ja, lieber Schlurck, erwerben Sie ſich ein Verdienſt um die Loge und warnen Sie ſie! Es iſt ein Jeſuit. Ich danke Ihnen! Nicht wegen der Loge. War⸗ nen? Warnen? Das geſteh' ich Ihnen aufrichtig, der Loge wünſcht' ich, es käme einmal wirklich ein recht geſcheuter Jeſuit über ſie! Jeſuiten haben wir genug, aber nur offene, nur ſichtbare! Das iſt ſo ſchlimm. Dieſe Eſel verrathen ſich gleich. Aber ein geheimer Jeſuit, einer, der da reiſt, um die Gefangenen und ihr Loos zu— o Das iſt prächtig! Geheimräthin, der Mann macht mir Appetit, ſogar auf ſeine Phraſen. Wo⸗ her wiſſen Sie Das nur? Er wird alſo über die Menſchen⸗ liebe ſprechen und dabei wahrſcheinlich ganz auf etwas Anderes zielen! Das reizt meinen Verſtand! Das unter⸗ hält mich! Warum? Sie denken vielleicht, ich gönne nicht meinen Schurzfell⸗Collegen einmal ein Abenteuer, das ſie belehrt? Fällt mir nicht ein. Es iſt ja unter⸗ haltend zu ſehen, wie eine Spinne mit Honigfüßen die Fliegen fängt! Merci! Nerci, Madame! Die Je⸗ 90 ſuiten ſind die einzigen Menſchen auf dieſer Vieh⸗ weide, welche man die Erde nennt, die den Namen Menſch verdienen. Woher haben Sie Das? Ich weiß es. Dafür küſſ' ich Ihnen die Hand und wünſche Ihnen ganz in der Stille einen guten Abend und für morgen früh einen heitern glücklichen Tag! Die Polizei beſucht die Wildungens um vier Uhr Morgens, nimmt das Bild, Oberkommiſſär Par bringt es Ihnen um fünf, ſechs, wann Sie wollen und ich will wünſchen, daß es den Inhalt, den Sie ahnen, noch verſchloſſen enthält... Mit dieſen Worten wollte ſich Schlurck aus dem blauen Zelte zurückziehen, als ihm Werdeck artig ent⸗ gegentrat und bei Seite zog. Sie mußten flüſtern. Pauline deutete auf den Salon, wo die Flottwitz eben am Piano ſang... Das enthuſiaſtiſche Mädchen ſang ſehr ausdrucks⸗ voll mit einer ſonoren, vollen Stimme ein neues Lied von der Majeſtät, das ſich fünfzehn Componiſten be⸗ müht hatten in Muſik zu ſetzen und deren Melodieen ſie alle auswendig wußte. Sie wollte die Geſellſchaft veranlaſſen, ihre Meinung über diejenige Melodie ab⸗ zugeben, die ihr die gelungenſte ſchien. Die Geheimräthin hörte erſt in ihrer glückſeligen er Vieh⸗ Namen e Ihnen morgen beſucht s Bild, ſechs, es den ilt... ¹s dem tig ent⸗ lottwit drucks⸗ z Lied en be⸗ odieen ſſchaft ie ab⸗ ellgen 91. Beruhigung theilnehmend zu, unterbrach aber zuletzt doch die an ſich ſo löbliche, aber wenig amüſante Abſicht der Flottwitz, indem ſie ein allgemeines Thema zur Unterhaltung angab und dafür Sorge trug, daß Me⸗ lanie, Heinrichſon und Reichmeyer, dem ſie ſehr artig war, am meiſten in den Vordergrund traten. Es wurde viel erörtert, viel Kluges und noch mehr Beſchränk⸗ tes mit Redſeligkeit vorgetragen. Pauline war über die Maßen angeregt. Sie hatte eine Fülle von That⸗ ſachen, in denen ſie ſich plötzlich wieder bewegen konnte. An Melanie, die ihr etwas Gleichartiges zu haben ſchien, richtete ſie die meiſten ihrer Apropos und hielt dieſe dadurch mehr wach, als heute in ihrem Cha⸗ rakter zu liegen ſchien. Heinrichſon und Reichmeyer waren Melanie vom Atelier nicht neu, die politiſche Debatte erſchien ihr zu ſchroff, der kleine Roman mit dem Geheimrath ermüdete ſie; es war unter den zwölf bis zwanzig, ſelbſt jüngern Männern nicht Einer, der ihr den Gedanken an den männlichen, feurigen, that⸗ bewußten Dankmar hätte verſcheuchen können. Sie lieben! flüſterte ihr Pauline, als ſich wieder Gruppen gebildet hatten, flüchtig in's Ohr... Melanie erröthete. Sehen Sie! fuhr Pauline fort und Sie lieben erſt ſeit kurzem. Gnädige Frau, ſagte Melanie ſchalkhaft und doch nicht ohne Ernſt; ich möchte wol von Ihnen erfah⸗ ren, wie ich es mit meinem Herzen halten ſoll. Wie ein Mann ſein muß, um ihn zu lieben, weiß ich. Wie er aber ſein muß, um ihn zu heirathen, Das bitt' ich, ſagen Sie mir! Pauline lächelte, ſammelte ſich einen Augenblick und entgegnete: Nehmen Sie Den, der Sie entweder ganz zur Sklavin oder ganz zur Herrſcherin macht! Melanie überlegte ſich dieſe Antwort und fuhr fort: Sklavin könnt' ich einem Mann gegenüber nur dann ſein, wenn ich ihn liebte oder das Gefühl einer unausſprechlichen, unverletzbaren Schuld in mir trüge. Schuld! Schuld!... Ueber Was ſetzt ſich wol ein Liebender Alles hinweg? Wenn er Sie wahrhaft liebt, über den Mangel an Schönheit. Wenn er Sie wahrhaft liebt, über den Man⸗ gel an Geiſt. Aber die Tugend, Melanie, iſt wie der Dich⸗ ter ſagt, kein leerer Wahn. Ueber die ſetzen ſich nur die Männer hinweg, denen Sie eine Herrſcherin ſind! Allen dieſen Schlüſſen zufolge dürfen Sie alſo ent⸗ weder nur einen Bettler heirathen oder einen Für⸗ ſten. Ein Fürſt würde Sie nämlich ſchon gar nicht nehmen, würde durch Ihre Heirath von der gewöhn⸗ 93 lichen Ordnung des Herkommens gar nicht abweichen, wenn er Ihnen nicht eben auch Alles vergäbe... Melanie verfiel in ein ernſtes Sinnen. Es war ihr, als riefe in ihr eine teufliſche hohnlachende Stimme: Entweder alſo Hackert oder Egon! Dazwiſchen gibt es nichts... Pauline ſah auf das türkiſche Zelt, wo noch immer Werdeck und Schlurck flüſterten. Der Sanitätsrath ſprach gerade am lauteſten. Er unterhielt die Geſellſchaft durch manche Mittheilungen aus den höhern Kreiſen, in denen er ſich bewegte und die er ohne indiscret zu ſein wiederholen konnte. Dem größeren Theile der Anweſenden hatte aber der Major Werdeck die Unbefangenheit genommen; man glaubte, in keinem reinen Waſſer mehr zu ſein. Hier ſtritt man nicht gern, ſondern handelte. Die Enragirteſten ſcharten ſich zur Trompetta und Flottwitz und ſpra⸗ chen oft ſo leiſe, daß der Geheimrath glaubte, es fehlte wol irgend an etwas und die Bedienten rief. Harder's Anblick war es dann, der Melanie's erſchreckte Lebensgeiſter wieder ſchürte und ihr Gelegenheit gab, eine leidliche Unbefangenheit zu ſammeln, um ſich mit dem hinterlaſſenen Eindrucke, daß ſie dem Rufe ihrer Liebenswürdigkeit vollkommen entſpräche, vielleicht bald zu entfernen. Pauline, die dieſe Abſicht merkte, hielt ſie aber feſt und ſchien ſie veranlaſſen zu wollen, nach dem türkiſchen Zelte zu folgen. Was hat der Juſtizrath nur mit dem Major? ſagte ſie lauſchend. Man hörte die abgeriſſenen Worte aus dem leiſen Geſpräche: Kaminska... Sibirien... Kloſter zum Herzen Jeſu... Frankreich... Schweſter Jagellona... Ver⸗ mögensvertheilung... Certificate... Leidenfroſt... Depoſitalgelder... Geſchäftsſachen! ſagte Melanie. Der arme Va⸗ ter iſt geplagt! Selbſt hieher verfolgt ihn die ſtünd⸗ liche Muͤhe und Sorge! Pauline wußte aber nicht, daß ſie nur das Wort Leidenfroſt verſcheuchte— weil ſie durch dieſen Namen an ein Bild erinnert wurde, das ihr die ſchmerzlich⸗ ſten Empfindungen weckte... Melanie ging im Saal auf und ab. Als ſie zu⸗ rückkehrte, war ihr Vater verſchwunden, Werdeck im Geſpräche mit Paulinen... Sie mußte Heinrichſon und Reichmeyern Rede ſtehen, die von ihrer Reiſe hören wollten, von ihren Plänen, die Malerei fortzuſetzen, von ihren Ausſichten für die Geſelligkeit des Winters... Sie antwortete zerſtreut, nicht in gewohnter Laune. 95 Es war ihr zu geräuſchvoll geworden, ſie war nicht mehr der Mittelpunkt des Cirkels, die Zudringlichkeit des Geheimraths verhinderte ihre Triumphe und ſie fühlte plötzlich, daß eine ungeheure Laſt ſie drückte Es drängte ſie mit tauſend Stimmen, die innerlich rie⸗ fen: Fort! Fort! Sie ergriff die Hand der Geheimräthin. Gute Nacht, Excellenz! ſagte ſie. Keine Förmlichkeiten, meine Liebe! Aber Sie wollen wirklich gehen? Pauline erklärte, ſie hätte noch auf ein téte a téte am Schluß des Abends mit ihr gehofft... Ich bin noch von der Reiſe ermüdet... ſagte Melanie. Ich rechnete auf eine vertrauliche Annäherung... Sie ſind zu gnädig... Erhalten Sie mir dieſe Geſinnung! Nun denn, ſagte Pauline und zog das ihr räth⸗ ſelhafte Mädchen noch einen Augenblick bei Seite; ſo⸗ viel ich Sie heute kennen gelernt habe, liebe Melanie, gehören Sie zu den Unruhigen und Strebenden! Sie haben ein Herz und fürchten, von ihm getäuſcht zu werden. Die Philoſophie Ihres geiſtreichen Vaters, den ich ſo hoch verehre und der mir täglich neue Be⸗ weiſe ſeiner Anhänglichkeit gibt, hat Ihnen zu früh ſchon den Blütenſtaub vom Leben geſtreift: überall 96 fürchten Sie Illuſionen! Fürchten Sie nicht zu lange, wagen Sie! Illuſionen ſind dazu da, daß man ſie überwindet und ſich in ſeinem Charakter ſtärkt. Es hilft nichts, Sie müſſen ſchon einmal ſich entſchließen, einem Schmerze die Bruſt darzureichen, nicht ihm aus dem Wege zu gehen. Vertrauen Sie manchmal einem Freunde, einer Freundin! Wählen Sie mich dazu! Ich bin ſo eine alte Wetterfahne, die ſchon lange im Sturme des Lebens ſteht und andern Menſchen zeigen kann, woher der Wind und die Lüfte kommen und die— nicht ſelbſt mehr an ihren Sitz gelangt. Ich weiß, wie es in jungen Knospen wogt und ſtürmt und wie die holden Blätter, die zu ſchlummern ſcheinen, im Aufruhr ſind! Mein Leben iſt Erinnerung. Nutzen Sie manchmal dieſe ſtille Arbeit meines Kopfes und Herzens. Sie finden eine Mildthätige, die nicht für ſich, auch für die Andern ſammelte. Dieſe ungemein weich und faſt lieblich vorgetra⸗ genen Worte erſchütterten Melanie. Dennoch konnte ſie nicht umhin, während Pauline ſo ſprach, einen lächelnden Seitenblick auf den jungen Adonis Hein⸗ richſon hinüberzuwerfen. Ach, auch Pauline verſtand dies Lächeln und erwiderte es mit einem gewiſſen ſchwärmeriſch gelaſſenen Blicke, als wollte ſie ſagen: Der Schatz der Liebe iſt ja unergründlich!... Auch lange, an ſie . Es ließen, n aus einem dazu ge im zeigen m und weiß, dwie ;, im zuten und t für jetra⸗ unte inen ein⸗ tand iſſen gen: luch — 97 der Ludmer erwies Melanie, die ihre Stellung kannte, viel Artigkeit und Pauline konnte, als das junge Mädchen endlich verſchwunden war, nicht läugnen daß Helene d'Azimont einen großen Kampf würde zu beſtehen haben, wenn wirklich Melanie entweder unmit⸗ telbar mit Egon oder durch jenen räthſelhaften Freund, Dankmar Wildungen, mit ihm in Verbindung ſtand. Die Geſellſchaft löſte ſich nun auf. Werdeck's Rückkehr aus dem türkiſchen Zelte brachte nur Zünd⸗ ſtoff zu Hader und Streit. Seine kauſtiſche, ſcharfe Art verwundete nach allen Seiten und die Flott⸗ witz ſtritt mit einer Heftigkeit, daß die Grazien flohen. Drommeldey war längſt ſchon zu Egon's Krankenbett ins Hohenberg'ſche Palais gefahren, Graf Franken in die„kleinen Cirkel“. Graf Brenzler, Baron von Ried hielten nicht mehr Stand gegen die ſcharfe Logik des Majors. Endlich ging auch dieſer, nachdem er Paulinen viel Artiges geſagt und die univerſale Ge⸗ ſchäftsthätigkeit des Juſtizraths bewundert hatte, der ihm einen Kopf wie ein Repoſitorium mit tauſend Fächern zu haben ſchien. Was wollen Sie mit ihm? Doch kein Prozeß? fragte Pauline. Angelegenheiten meiner Frau.. Wie geht es ihr? Die Ritter vom Geiſte. IV. Sie ſollten uns beſuchen! Sie ſollten ihr Bild ſehen. Sie läßt ſich für eine alte Gönnerin ihrer Familie in einem polniſchen Kloſter malen. Von Ihrem Protegs, dem bizarren Leidenfroſt? Von einem jungen talentvollen Maler, Namens Wildungen! Sehen Sie ſich ja das Bild an! Es wird vortrefflich! Gute Nacht, liebe Geheimräthin! Damit ging der Major und ließ Paulinen in Er⸗ ſtaunen zurück, hier wieder den Namen Wildungen zu hören. Die Trompetta und die Flottwitz hätten jetzt gern das Feld allein behauptet und noch mit der Geheim⸗ räthin über Wahlen und mancherlei Demonſtrationen, beſonders über den„Bazar“ zum Beſten der verwun⸗ deten Krieger, ja ſchon über die große vorbereitete Weihnachtsbeſcherung in den Kaſernen geſprochen... Allein ſie ſagte ganz kurz und ſchroff: Laßt mich heute mit Eurem dummen Zeug in Ruhe! Gute Nacht! Die beiden Inſeparables gingen verdrüßlich. Doch hatten ſie im Wagen der Trompetta reichlichen Stoff zur Erörterung aller Vorkommniſſe dieſes Abends. Sie gloſſirten auch darüber, daß der einzige und letzte von Allen, der zurückblieb, wirklich der Maler Heintchſon war... ſt Bild n ihrer roſt? damens n! Es hin! in Er⸗ dungen tt gern Heheim⸗ ationen, erwun⸗ hereitete hen 1 Nuhel Doch n Stoff 8. Se gte von üüchſe Heinrichſon mußte jeden Abend bei ſolchen Gele— genheiten die Schlußſentenz, gleichſam die Moral des Abends, ausſprechen... Wie iſt Ihnen, Pauline? fragte er auch heute Still und bewegt! antwortete ſie mit Goethe und reichte dem Freunde die Hand zum Kuſſe und zum Abſchied. Melanie aber war unten von ihrem Bedienten empfangen und in den Wagen geleitet worden, auf dem Neumann inzwiſchen wohl geſchlafen hatte... Es mochte faſt zehn Uhr ſein. Die Luft war, man fühlte es an den geöffneten Fenſtern der Villa, linde und mild. Zitternd bebten in ihrem Glanz am dunkelblauen reinen Himmel die Sterne; nur da und dort zog über ſie her ein Nebel— ſchleier, der vielleicht nur der Widerſchein von unzäh— ligen unſichtbaren Sternen war. Noch einen flüchtigen Blick warf Melanie durch den Vorgarten fliehend auf die hellerleuchteten Fenſter des oberen Stockes, bewunderte die elegante Einrich⸗ tung des Vorbaus, die ſorgſame Pflege der Beete... Fliehend, ſagten wir. Denn der jungen Excellenz, die ihr ſchon auf der Treppe nachgetrippelt kam und durchgus noch mit ihr ſprechen wollte, mochte ſie nicht Rede ſtehen. Als ſie im Wagen ſaß und dieſer langſam durch 7* 7* 100 die andern, die auf ihre Herrſchaften warteten, ſich durchwand, ergriff ſie Mismuth und Schmerz. Sie hatte die leidenſchaftlichſten Eingebungen ihres Ehrgeizes niederzukämpfen und fühlte aus Gründen, die ihr ſelbſt nicht klar waren, einen unausſprech⸗ lichen Neid gegen Helene d'Azimont, in der ſie etwas entdeckt hatte, was ſie ſelbſt nicht beſaß... Seelen— Poeſie. Sie mußte ſich geſtehen, daß es Menſchen gibt, die um ſich her, ſelbſt wenn ſie ſtumm und dem All— gemeinen abgewandt ſcheinen, einen Zauber verbrei⸗ ten, mit dem die vergängliche und noch ſo blendende Wirkung der Schönheit keinen Vergleich aushält. 1 Melanie war beſonnen genug, ſich zu ſagen, daß ſie ſich dieſen geheimnißvollen Reiz nicht geben konnte. Sie wurde geliebt von Menſchen, die ſie nicht wieder 1 lieben konnte. Selbſt dieſe heutige Scene mit Sieg— bert Wildungen! Dies war nicht jener unternehmende, ſtarke, ſte bändigende, ſie in Aſche verwandelnde Geiſt! Dem gegenüber war ſie nicht Sklavin und auch nicht Fürſtin! Sklavin an ſich nicht, aber auch eine Herrſcherin nicht. Sie hätte ihren Sklaven gering⸗ ſchätzen müſſen und Das konnte ſie wiederum mit Sieg⸗ bert nicht. Dankmar aber! Dankmar! Das war ein Sehnſuchtston, der durch ihr Inneres wehklagend rief. en, ſich en ihres zründen, oſprech⸗ e etwas Seelen— en gibt, dem Al⸗ verbrei⸗ lendende ält. en, daß rkonnte. t wieder it Sieg⸗ ehmende, e Geiſt! nd auch uch eine gering⸗ nit Sieg war ein end rief Wie gewann Dankmar wieder, wenn ſie ihn verglich mit den Männern, die ſie eben im Salon der Ge— heimräthin geſehen hatte! Dieſer Reichmeyer, dieſer Heinrichſon! Wie verächtlich erſchien ihr dieſe Gat⸗ tung von Salonmenſchen, die ihr Glück durch eine Lüge machen und die Petitmaitres vornehmer Launen ſind! Selbſt Laſally, der ſie liebte und dabei offen geſtand, daß er durch ihr Vermögen doch nur ſich und ſeine Pferde retten wollte, ſelbſt der war ihr bedeu⸗ tender und erſchien ihr liebenswürdiger... Laſally log doch nicht! Es war ein blaſirter, desparater, mürriſcher, junger Mann; aber er kam von allen Männern, die ſich ihrem Herzen eingeprägt hatten, Dankmarn in der That am nächſten! In dieſem Augenblicke gedachte ſie auch Hackert's... Kaum hatte ſie mit Grauen der Worte ſich erin⸗ nert, die Pauline ſprach, daß den Mangel an Tugend ihr nur ein Bettler verzeihen würde oder ein Fürſt, als ihr etwas Entſetzliches geſchah... Sich allein im Wagen glaubend, rollte ſie durch die ſternenhelle Nacht, drückte die Augen zu, hüllte ſich in ihren Shawl und glaubte ſich nur von dem kühlen⸗ den Lufthauche belauſcht, der durch die herabgelaſſenen Fenſter des geſchloſſenen Wagens ſtrömte... Da fühlt ſie ſich plötzlich von einem kräftigen 10² Männerarme umfangen und ein ſtürmiſcher Kuß brennt auf ihren Wangen... Der Todesſchreck hinderte ihren Aufſchrei. Sie fuhr in dem niedrigen Raume empor... Der aber, der ſie mit gewaltigem Arme nieder⸗ drückte und mit glühendem Tone das Wort: Melanie! Biſt ruhigl flüſterte,... war Hackert. Sie ſah's! Sie fühlt' es!... Sie wollte ſchreien. Aber halb ohnmächtig, willenlos, elend, zum blaſſen Tod entſetzt ſank ſie auf die Kiſſen des Wa⸗ gens zurück, der funkenſtiebend, donnernd in die Stadt rollte. brennt nieder⸗ telanie! chreien. , zum s Wa⸗ Stadt Viertes Capitel. Brandgaſſe: Nummer Neun. Das Viertel, das zwei Stunden früher Siegbert Wildungen aufſuchte, iſt das älteſte in der Stadt. Die Brandgaſſe ſelbſt iſt ſo ſchmal, daß in ihr kaum zwei Wägen ſich begegnen können, ohne bis dicht an die Häuſer auszuweichen. Dieſe Häuſer ſind hoch und mit überhängenden Stockwerken ſo gebaut, daß ſie ſich von oben mehr nähern als von unten. Alle dieſe Häuſer, aus altem Sandſtein und dicken ge⸗ ſchwärzten Eichenbalken gebaut, haben eine ungewöhn⸗ liche Tiefe und werden meiſtens noch durch Höfe ver— längert, von denen einige neuer ſind als die Vorder⸗ häuſer, da zu verſchiedenen Zeiten in dieſem alten Stadtviertel Feuersbrünſte wütheten. Ungeachtet der Name dieſer Straße daher entſtanden ſein mochte, daß die Flammen ſie öfter heimſuchten als andere; unge⸗ achtet eine allgemeine durchgreifende Zerſtörung zum 104 Beſten des geſunderen Luftzuges vielleicht für die Stadt d ſelbſt zu wünſchen wäre, ſo ſchreckte man doch bei dem V li Gedanken zurück, welche große Anzahl ärmſter Fami— b lien dabei in Lebensgefahr gerathen würde, denn keine d Straße war volkreicher als dieſe Brandgaſſe. Der b W Verluſt an Hab' und Gut würde vielleicht durch die d Mildthätigkeit erſetzt worden ſein, obgleich doch ſelbſt in dieſen dunklen alten Wohnungen mit den Giebeln und Galerien ſich mancher ſtille Sparer verſteckt hielt und ſich durch weiße Gardinen, Blumenſtöcke und Vogel⸗ käfige an ſeinen kleinen, mit Blei zuſammengelötheten Fenſterſcheiben als ein Wohlhabender verrieth. Freilich alle Blumen und Vogelkäfige vor den kleinen Fenſtern in der Gaſſe ſelbſt und den Hinterhöfen konnte man nicht für ein Zeichen des freundlicheren Lebenslooſes halten, denn diejenige Armuth wenigſtens, die ſich geiſtig nicht ganz verwahrloſt, ſchmückt ſich gern mit Blumen und gibt ſelbſt einem Vogel im Käfig von ihres Daſeins 5 ſpärlichen Brocken ab. Mehre der älteſten dieſer Häuſer in der Brand⸗ gaſſe waren mit jenem Angeroder Kreuze der Ritter von St.⸗Johannes geziert. Doch ſah man nur die drei Blätter des Kleeblattes an den Ecken des heiligen Symbols, zum Zeichen, daß dieſe Bauten noch über den Zeitpunkt hinausreichten, wo die größere Anzahl eStadt bei dem Fami⸗ n keine . Der uch die h ſelbſt Giebeln ät hielt Vogel⸗ lötheten Frellich nſtern in un nicht halten, ig nicht nen und Daſeins Brand⸗ Ritte nur die heiligen och über Anzahl 105 der Ritter dieſes Ordens in den Schooß der evange⸗ liſchen Kirche uͤberging. Aber auch dieſe Häuſer gehörten zu jener Ver⸗ laſſenſchaft, die man damals dem Ritter Hugo von Wildungen angewieſen, als die unrechtmäßigſte und dreiſteſte Beſitzergreifung von der Welt durch die all⸗ gemeinen Wirren damaliger Zeit zugelaſſen und ſtill⸗ ſchweigend anerkannt wurde. Auch dieſe Häuſer wur⸗ den von Schlurck für die Commune verwaltet und oft genug ſah man Bartuſch in ſeinem grauen Rock hier Trepp auf Trepp ab ſchleichen und die gerichtliche Execution den Miethern androhen, die ihm von den ſogenannten Vizewirthen als ſaumſelige Zahler be⸗ zeichnet wurden. Dieſe Vizewirthe bewohnten oft die unſauberſte Spelunke von allen; aber ſie zahlten keine Miethe. Nur mußten ſie ſich als fleißige, zuverläſſige Männer in der Hut des Hauſes bewähren und die einzelnen Wochengroſchen, die ſie von den Bewohnern ſammel— ten, pünktlich in der großen Schreiberei des Notars und Adminiſtrators Juſtizraths Schlurck abliefern. Der Vizewirth des Hauſes Brandgaſſe Nr. 9 war urſprünglich ein Schloſſer, dann aber durch ſeine Frau halb ein Flickſchuſter, halb durch ſeine eigene Brauch⸗ barkeit Polizeidiener. Dieſer vielſeitige Mann hieß 106 Mullrich. Die Flickereien alter Schuhe und Stiefel 1¹d — neue zu liefern übernahm Mullrich nicht— be— ſ ſorgte ſeine Frau, die dieſe Arbeiten in Pech und Le⸗ d der von ihrem erſten ſeligen Gatten gelernt hatte. 11 Der zweite gab die Schloſſerei auf, da er in die Lage kam, dem Staate, dem Gerichts⸗ und Polizeiweſen in treuen Funktionen zu dienen, zu deren äußerer Unter⸗ ſtützung ſein mürriſches, brummiges Gebahren ihm ſehr zu Statten kam. Die Vergünſtigung, Vizewirth 4 in dieſem Communalhauſe der Brandgaſſe zu ſein, ver⸗ dankte er ſeiner polizeilichen Stellung; denn was gab es hier nicht in dieſen Spelunken, in dieſen Höhlen des Jammers und Verbrechens zu beobachten! Der ehemalige Schloſſer war ein Dietrich der Polizei ge⸗ worden. Seine Freiwohnung beſtand aus zwei Stuben, nebſt einem Kamin auf einem dunklen Vorplatze, Alles im tiefſten Kellergeſchoſſe des Hauſes Brandgaſſe Nr. 9. Man behauptete, die kinderloſen Mullrichs hätten durch⸗ aus nicht nöthig gehabt, in einem Souterrain zu woh⸗ nen, das bei den Frühjahrsüberſchwemmungen oft un⸗ ter Waſſer gerieth und bei dieſer Gelegenheit mit Glück die höhere Rattenjagd zu betreiben erlaubte; allein man 1 b nannte dieſes würdige Ehepaar geizig, eine Meinung, die wir durch das Wohnenbleiben in dieſem Freilogis 1 Stiefel — be⸗ und Le⸗ t hatte. die Lage veſen in Unter⸗ en ihm gewitth n, ver⸗ 16 gab Höhlen 1 der izei ge⸗ Stuben, Alles Nr. 9. durch⸗ U woh⸗ oft un⸗ Glück in man einung, eilogiö Ndoch ka für jeden Stand eine ſo unſchätzbare„Gabe Gottes“, . 4 44 um beſtätigt finden möchten. Ein Freilogis iſt daß ſich Frau Mullrich, von der wir dieſen Ausdruck entlehnen, hätte der Sünden ſchämen müſſen, wenn ſie es aufgegeben hätte; zu geſchweigen, daß die Ein⸗ nahme von ihrem Verdienſte als Flickſchuſterin noch durch die günſtige Lage des Ortes und jene Superio⸗ rität unterſtützt wurde, die der Vizewirth dieſes Hau⸗ ſes nicht nur über einige leidlich reſpectable Einwohner des Vorderhauſes, ſondern über das ganze Gewimmel von drei großen Hinterhöfen behaupten durfte. Auch in polizeilicher Hinſicht hatte Mullrich durch dies Frei— logis, das er im Frühjahr mit den Ueberſchwemmun⸗ gen und dem Hervortreten des Grundwaſſers und in allen Jahreszeiten mit den Ratten zu theilen hatte, doch ſo viele Annehmlichkeiten, daß er die Gelegenheit, hinter manche Diebshehlerei zu kommen und ſich in ſeinem Spionirberufe preiswürdig zu bethätigen, nicht gern aufgab. Frau Mullrich war eine Dame, die die emſigſte Thätigkeit liebte. Wer weiß, ob ſie in einem beſſern Quartier hätte auf ihrem Schuſter⸗Dreibein ſitzen und zugleich durch ein kleines Schiebfenſter, das durch die dunkle Hausflur und durch das Kellerfenſter, das auf die nicht viel hellere Straße ging, ſoviel ihre Spürkraft Anregendes entdecken können. Mullrich ohne⸗ 108 gleichen gab, friſche Luft zu ſchöpfen. derſetzungen vor dem grauen Bartuſch hin war den ganzen Tag unterwegs und hatte Gele⸗ genheit genug, auf den ſchönſten Promenaden, wo es Taſchendiebe zu beobachten und Steckbriefe zu ver⸗ In der Regel kam er, wenn es nicht außerordent⸗ liche Fänge gab, um acht Uhr Abends nach Hauſe, verzehrte dann ſein Käs und Brot, trank ein hohes Glas des beſten, ſchäumendſten Dünnbieres und legte ſich zeitig zur Ruhe, während ſeine Frau nun erſt aufpaͤßte, wer zu ſpät nach Hauſe kam und für das Oeffnen der Hausthür einen Pfennig oder Dreier zah⸗ len mußte. Dem Nachtwächter, der eigentlich dies Privilegium des Hausöffnens für die Spätlinge be— anſpruchte, hatte ſie glücklich dieſe nach Jahresſchluß ſelbſt bei den Armen nicht unergiebige Quelle des Er⸗ werbes abzuringen gewußt. Einige Diebſtähle, beför⸗ dert durch den gutwillig hergegebenen Hausſchlüſſel des Nachtwächters, hatten ihre desfallſigen Auseinan⸗ unterſtützt. Rechnet man nun noch hinzu, daß die vermögenden Einwohner des Hauſes Brandgaſſe Nr. 9 und ſeiner drei Hinterhöfe einen Hausſchlüſſel von ihr, für mo⸗ natlich drei Groſchen, miethen konnten und in der That vierzehn ſolcher Hausſchlüſſel im Gange waren, ſo ergab dies eine Summe, die, wenn man ein un⸗ e Gele⸗ wo es zu ver⸗ rordent⸗ Hauſe, hohes d legte un erſt für das ler zah⸗ ch dies nge be⸗ esſchluß des Er⸗ . beför⸗ ſchüſſ zeinan⸗ erſtützt genden ſeiner ür mo⸗ er That ren, ſo 4““ vermeidliche Ausfälle dabei mit in Anſchlag brachte, ſich immer jährlich auf das ſtattliche Capital von etwa funfzehn Thalern belief. Die Pfennige aber oder die von Betrunkenen in der Zerſtreuung gegriffenen Gro⸗ ſchen— manchmal freilich auch zinnerne Knöpfe!— brachten jährlich mindeſtens eben ſoviel ein und da war es wohl zu begreifen, wie Frau Mullrich, vor zwölf, ein Uhr nicht zu Bett ging und des Morgens noch ſchlief, während ihr Gatte ſchon„aus den Fe⸗ dern“ kroch, Feuer anmachte und Sommers und Win⸗ ters den Kaffee oder ein dem Kaffee nicht unähnliches Surrogat ſelbſt kochte für die erſte innere Erwärmung des innerſten Menſchen. Es war nach ſieben Uhr, als Mullrich ſeinen heu⸗ tigen Abendimbiß, der nicht aus Käſe, ſondern einmal zur Abwechſelung aus drei geſchlagenen oder gerühr⸗ ten Eiern und Butter und Brot beſtand, verzehrte und ruhig die Rapporte ſeiner Frau anhörte. Die Pinnen ſind all, ſagte Frau Mullrich und meinte unter Pinnen gewiſſe kleine Nägel, die unter die Schuhe geklopft werden. So? war Mullrichs bedeutungsvolle Antwort. Er wußte, daß s ſich um eine finanzielle Erörterung a 4 110 Nummer 76 will uns welche verkaufen, das Schock zu fünf Pfennige— Der alte Nagelſchmiedgeſell ſieht ja ganz reputir⸗ lich aus. Stiehlt denn der Kerl? ſagte Mullrich phlegmatiſch. Bewahre! antwortete die Ehehälfte. Er muß ſie wol verkaufen. Iſt ja ſein Lohn! Jeden Sonnabend bringt er einen Sack Nägel mit. Baar Geld hat ſo A ein Meiſter nicht. 4 1 Drum! Drum! meinte Mullrich. Dacht' ich doch 1 neulich, der Nagelſchmied bettelte. Vorm Thor ſah ich ihn ſo ſcheu immer in die Häuſer gehen, aus einem heraus und in's andere hinein— und die Rocktaſchen ganz voll und ganz ſchwer. Dacht' ich nicht, er holte ſich ſo Brot zuſammen? Waren Das die Nägel!... Fünf Pfennige für's Schock? Nimm ſie! Er läßt ſie Einem auch für viere! Wenn du zwei Dutzend Schock nimmſt, 9 gibt er noch eine eiſerne Kramme zu für den alten Spiegel, den die Mamſell Nr. 17 dagelaſſen hat. 1 Das lange Windſpiel hat uns doch richtig betrogen. Brennt uns mit 14 Wochen Miethe durch, macht vier Thaler und geht bei Nacht und Nebel davon. Sollen uns an die Sachen halten! Ein alter zerbrochener Spiegel und eine Bettſtelle—! Die Betten und das V Waſchlavoir nimmt ſte mit und was ſie zum Anziehen s Schock reputir⸗ Mullrich muß ſie nnabend hat ſo ich doch ſah ich 3 einem ctaſchen er holte „JFünf Einem nimmſt, en alten en hal, errogen. ct vier Sollen rochenel nd das aziehen hat trägt ſie auf dem Leibe. Sie iſt nach Hamburg und es iſt eine Schande, daß man nun ſo Was nicht gleich mit dem Telegraphen hinterher melden kann! Wozu ſind nur die Dinger! Frau Mullrich berichtigte hier mehrfache Irrthümer ihres Mannes. Erſtens tadelte ſie ihn bei dieſer Ge— legenheit, daß er ſich gerührte Eier für die Nacht be— ſtellt hätte, was eine zu hitzige Speiſe wäre; dann aber ſagte ſie: Eine Kramme noch für ihren Spiegel? Und die Bettſtelle auch behalten? Da könnte Einer dabei be⸗ ſtehen! Heute gegen Uhrer viere war der alte Graue hier und ich ſagt's ihm gleich: Die Mamſell Nr. 17 iſt durchgegangen, die Miethe iſt nicht gezahlt, macht vier Thaler und der Spiegel und die Bettſtelle macht einen Thaler, iſt für Auslagen, die ſie mir ſchuldig geblieben iſt, Seife und Licht und zwei Hausſchlüſſel . bleibt immer vier Thaler! Zwei Hausſchlüſſel? Wie denn ſo zwei Haus⸗ ſchlüſſel? Hal! Ha! Wie ich von zwei Hausſchlüſſeln ſprach, drehte ſich der alte Sünder um und wollte ſich nicht in dem Spiegel ſehen laſſen— weil er ganz roth wurde. Roth? Warum denn roth und zwei Hausſchlüſſel? Ach! Schon vor elf Wochen! Wie ich ihm da ge⸗ ſagt hatte— Herr Bartuſch, ſagte ich, die Mamſell Nr. 17 zahlt keine Miethe, da wurde er dazumal grob, wie immer, und kletterte ſelbſt zu ihr hinauf. Schon zwei Wochen nicht! rief ich ihm nach. Nach einer halben Stunde kam er wieder und mit einer ganz jämmerlichen Miene. Armes Mädchen! ſagt' er. Muß ſich von ihrer Hände Arbeit ernähren— hat keine Cl— tern— und wie er dann thun kann, als wenn er ein Erbarmen im Leibe hätte wie die ewige Güte— kaum iſt er damals fort— das ſind nun elf Wochen — kommt die Lange herunter und will noch einen Hausſchlüſſel für einen Freund. Ahal dachte ich, für einen Freund! Ich gab ihr den Hausſchluͤſſel. Koſtet drei Groſchen monatlich, Mamſell, ſagt' ich. Wird Alles bezahlt werden, und ſo ging ſie ſchnippiſch da⸗ von, als wenn ſie einen Ehemann gekobert hätte. Und richtig, ich hab' ihn wohl erkannt, wie er dann am nächſten Abend ankam nach zehn Uhr, in einem großen Mantel— Herr Bartuſch! ſagte Mullrich erſtaunend, über die „Enthüllungen“ ſeiner Frau. Schleich du nur, dacht' ich, fuhr ſeine Ehehälfte fort. Wer ſind Sie Herr? Wo wollen Sie hier hin? rief ich. Nummer 17! piepte es und raſch in den m da ge⸗ Mamſſell nal grob, .Schon ach einer iner gand er. Muß keine El⸗ wenn er Güte— f Wochen och einen te ich, füt 1. Koſtet h. Wind pyiſch d dert häfte er dann. in einem über die hehäſie hier hin? ch in deln 113 Hof, wie eine Katze, ſo genau fand er ſich zurecht. Und das dreimal! Nachher ging's ja mit Mann und Maus auf das Schloß von dem alten Fürſten und richtig! Mein Männchen kommt auch nicht wieder und den Hausſchlüſſel hat er bei ſich behalten. Die Manſell zahlt keine Miethe, zahlt keinen Hausſchlüſſel, der Freund iſt fort und eines Abends ſie auch, bis auf ihr Mobiliar, ihren Spiegel und ihre Bettſtelle. An die halten wir uns. Männchen mag nun ſehen, wo er die Miethe kriegt. Wer weiß, wo die Lange ſteckt! Es hat ſchon oft einmal geheißen: Hamburg, und hernach war's blos die Hamburger Straße. Dieſe harten Verleumdungen über Bartuſch, den eigentlichen Regenten dieſer Häuſer, wurden von Paſ⸗ ſanten unterbrochen, die an dem Schaufenſter des Kellergeſchoſſes von der dunklen Hausflur aus ſich niederbeugten und in die noch„ſchummrige“ Stube des Vizewirths hinunterſprachen. Es waren dies zuvörderſt Drehorgelſpieler, die wegen eines Hausſchlüſſels parlementirten. Sie hatten heute einige Tanzorte mit ihren melodiſchen Klängen zu be— dienen, wo ſie lange auszubleiben gedachten... Er wurde ihnen leihweiſe für einen Dreier und nur für dieſe Nacht bewilligt mit vielen Mahnungen, ihn zu ſchonen, nicht zu verlieren, Mahnungen, die Die Ritter vom Geiſte. IV. 8 ſich mit einem höflichen Uebergange in zweckentſpre⸗ chende Drohungen verliefen. Es war nach ſieben. Die Handwerker und Ar⸗ beitsleute, die im Hauſe wohnten, kamen nun von der Arbeit. Kinder, Frauen, Mädchen, Männer, rüſtig und hinfällig, bunt durcheinander... Frau Mullrich ließ ſie Alle mit ſcharfprüfenden Augen die Revue paſſiren. Bei Jedem, der ihr fremd ſchien, öffnete ſie das kleine Schaufenſter und lul mit ihrer langen Spitznaſe hinterher... Hat die Klapperfuß wieder einen Neuen? fragie ſie, aufmerkſam auf einige ihr unbekannte Paſſanten. Gemeldet iſt keiner, ſagte Mullrich und wies auf ein ſchmuziges Buch, in dem die ganze Bewohner⸗ ſchaft verzeichnet ſtand. Es gehen heute ſo viel fremde Geſichter aus und ein... Bei Nr. 40 iſt viel Verkehr. Nein, Mannsperſonen mein' ich! Mannsperſonen! Da geht ja die Klapperfuß! Sieh den Staat! Gu⸗ ten Abend, Madame Klapperfuß! Und die Mamſell Tochter! Mullrich, ich glaube, da iſt's ſchon wie⸗ der... Nicht richtig! Das wäre das Fünfte? Dieſe Menſchen! Den frommen Herrn, der ſie kentſpre⸗ und Ar⸗ un von Männer, rüfenden r fremd ſah mit fragte iſanten. vies auf wohner⸗ aus und eronen! t! Gu⸗ Mamſell der ſie 115 neulich über ihr Sündenleben ermahnen wollte, haben ſie faſt zur Treppe hinunter geworfen. War lange keiner vom Verein da? Die Bibeln ſind ja bald all... Nur noch zwei auf'm Lager... Der Buchbinder in der Schulſtraße hat erſt neu— lich gefragt: Herr Mullrich, keine neuen engliſchen Bibeln? Der Nagelſchmiedgeſell, dem wir eine anboten, iſt recht fromm und will ſie behalten... meinte Frau Mullrich, geſchmeichelt von der Artigkeit des geſchäfts⸗ freundlichen Buchbinders. Aber Nr. 25 ließ uns doch eine an Zahlungs⸗ ſtatt... Wir müſſen einmal bei dem Verein an— klopfen; es iſt doch immer ein gutes Geſchäft. Sei vorſichtig, Mullrich! Die durchtriebene Per⸗ ſon, die Louiſe Eiſold, hat uns erſt neulich gedroht, ſie wollte den ganzen Commerſch mit den Bibeln an⸗ zeigen. Mullrich ſchwieg erſchrocken. Zum Verſtändniß dieſer aphoriſtiſchen Abendunter⸗ haltungen des Herrn und der Frau Vizewirthin wollen wir aus der reichen Chronik dieſes Hauſes nur einige kleine Perſonal⸗ und Sittennotizen geben. Die mehrerwähnte Madame Klapperfuß z. B. be⸗ herbergte im erſten Hinterhofe auf vier Zimmern eine Anzahl von Geſellen, die ſie kaſernenartig in„Schlaf⸗ ſtellen hatte. Die Zahl ſchwankte meiſt zwiſchen acht⸗ zehn bis zwanzig. Sie ſchliefen je zwei und zwei in einem Bett und hatten für Waſchwaſſer, Handtuch, Bett- und Leibwäſche und Frühſtück eine Summe in Bauſch und Bogen zu zahlen, die jeden Sonnabend berichtigt werden mußte. Madame Klapperfuß ver⸗ dankte der Präciſion, mit der ſie dies Schlafſtellenge⸗ ſchäft betrieb, die Mittel, ſich auf Volksbällen und Pikeniks der Vorſtadt durch Garderobe und Appetit auszuzeichnen. Ihre Begleiterin vorhin war ihre Toch⸗ ter Demoiſelle Klapperfuß, die von verſchiedenen, ge⸗ rade nicht ſehr ſtabilen, ſondern ab- und zugehenden Vätern eine Anzahl Kinder aufzuweiſen hatte, die jedoch von der Großmutter mit ebenſo vieler Zärtlichkeit behan⸗ delt wurden, als wären ſie der legitimſten Che ent⸗ ſproſſen. Die Vereine zur Bekämpfung der Unſittlichkeit des Volkes hatten hier in der Brandgaſſe Nr. 9 ein wei⸗ tes Feld. Allein die Treppen waren ſehr ſteil, die Thüren ſehr eng. Den Miſſionären dieſer braven In⸗ ſtitute geſchah zuweilen das Widerwärtige, daß die verſtockten frechen Sünder ſie alle Unannehmlichkeiten der Lokalität empfinden ließen. Demoiſelle Klapper⸗ fuß hatte z. B. einen Abgeſandten der Kirche, der der Schlaf⸗ en acht⸗ zwei in mndtuch, nme in mabend uß ver⸗ ellenge⸗ en und Appetit e Toch⸗ en, ge⸗ gehenden e jedoch behan⸗ Ehe ent⸗ hkeit des in wei⸗ teil, die en In⸗ daß die licheiten Kllappel⸗ der der 117 am nächſten Sonntag ſtattfindenden Taufe ihres vier— ten unehelichen Kindes eine ſtrenge Rüge, ja ein, freilich katholiſch klingendes Wort, von Kirchenbuße züchtigend vorhergehen laſſen wollte, jene ſchnöde Abfertigung angedeihen laſſen, die Frau Mullrich vorhin andeutete. Ueberhaupt konnten die Vereine ohne Mullrich's Autorität und Unterſtützung hier nicht viel rein Mo⸗ raliſches und Lehr⸗Strenges zu Stande bringen. Nur das baare Geld wurde mit Artigkeit und Dank be⸗ grüßt. Ein⸗ für allemal lag auch bei Mullrich eine Anzahl Bibeln deponirt, die er jedem ſich der geiſtli⸗ chen Erweckung zugänglich Erklärenden übergeben ſollte. Mullrich war zu gewiſſenhaft, dieſen Auftrag unvoll⸗ zogen zu laſſen. Er bot die Bibeln in der That allen dieſen Armen und Elenden an. Sie nahmen ſie auch, verwertheten ſie aber ſogleich an der beſten Quelle, die ſich ihnen in Mullrich ſelbſt darbot. Mullrich be⸗ hielt das Buch der Bücher gleich an Zahlungsſtatt für Miethe oder verfallenen Verſatz— denn auch auf Pfänder lieh die Frau Vizewirthin in aller Stille— oder für Hausſchlüſſel oder Feuerung, die ſie im Win⸗ ter verkaufte oder Kartoffeln, deren ſie große Vor⸗ räthe anſchaffte, und Mullrich hatte dann in der Schulſtraße einen Buchbinder, der die Exemplare unter Verhältniſſen kaufte, bei denen Mullrich nur der Commiſſionär, der Bevollmächtigte der richtigen Empfän⸗ ger jener Bibeln war und per Stück immer zwei Gro⸗ ſchen Vortheil zog, was bei einem jährlichen Um— ſatze von etwa funfzig Exemplaren immer eine Ein⸗ nahme war. Freilich fanden ſich denn doch auch manche troſt⸗ ſuchende, leidensmüde Seelen, wie jener arme Nagel⸗ ſchmiedgeſell, der die Bibel behielt und nicht für die Miethe angab. Dieſer Aermſte las ſich Troſt aus ihr, wenn er am Tage mit ſeinem armen Meiſter Nägel geſchmiedet hatte und mit ihnen Abends und Sonntags früh in der Stille ſelbſt hauſiren gehen mußte und ſſeine Kinder gingen mit hauſiren und liefen auf die Dörfer barfuß und boten den Leuten Nägel an und ihre Mutter wanderte ſonſt oft meilenweit mit, um Nägel zu verkaufen; aber mit den letzten Nägeln, die ſie an einen Schreiner verkauft hatte, ward ihr auch ſchon der Sarg gezimmert... ſie war todt. Ach! welche Fülle des Elends! Wieviel körperli⸗ cher und ſittlicher Jammer iſt da zuſammengedrängt/ Ergebung in ſein Loos neben der Verzweiflung, es gewaltſam zu ändern. Armuth und Verbrechen und zwiſchen beiden alle Laſter der Sinne. Hundert Num⸗ mern waren in dieſem Hauſe allein an Bewohner nur der zmpfän⸗ ei Gro⸗ en Um⸗ ne Ein⸗ he troſt⸗ Nagel⸗ für die oſt aus rNägel onntags ßte und auf die an und mit, um in, die ſie lch ſchon lorpel edräng -ung, 5 hen und 1 Num- gewohner 119 ausgetheilt und jedes Zimmer bot ein andres Bild des Elendes und Jammers. Da ein Kranker, dort ein Sterbendek, hier nebenan das kreiſchende Lachen einer unſittlichen Dirne oder der tobſüchtige Ausbruch eines Trunkenbolds, der ſeinem Weibe das Wenige, was ſie beſaßen, in Scherben an den Kopf wirft. Arme Käſemaden, menſchliche Infuſorien, die ſich noch im Tod einander ſelbſt verfolgen, mit Gier verſchlucken, einer von des andern Armuth zehren, mit ihr wuchern wol⸗ len. Wer das Geheimniß des Lebens ſtudiren will, gehe hieher und beantworte die Frage: Warum ſind wir? Was ſind wir? Was werden wir? In dem ſchmuzigen Buche, das die Bewohner nach ihren Nummern anführt, ſind an vielen Namen Kreuze gemalt. Das ſind Obſervaten. Sie kamen aus dem Zuchthauſe und ſtehen nun unter polizeilicher Aufſicht. Sie haben einen leidlichen Erwerbszweig ergriffen und vermeiden vielleicht ihre alten Genoſſen, bis ſie von ihnen doch wieder heimgeſucht werden. Mancher von dieſen ſte dann Verſuchenden und wieder Verführenden iſt nur ein verkappter Verführer. Die Polizei ge⸗ wann ihn zum Spion. Wohl Dem, der ſeine Zunge wahrt und nicht von Wiederaufnahme alter Anſchläge ſpricht oder ſie ausführt! In dieſem Hauſe ſelbſt wohnen Spione genug. Mullrich iſt der erſte unter 120 ihnen. Im dritten Hofe wohnt ein Schreiber Namens Schmelzing— ein früherer Arbeiter bei Schlurck— auch er rapportirt an den Oberkommiſſär Par. Hü⸗ tet Euch, ihr Nachbarn! Seht Ihr nicht, wie raſch manchmal einer aus Eurer Mitte verſchwindet? Da hüpfte noch vor kurzem ein keckes Bürſchchen die Stu⸗ fen der engen Treppen hinauf, ſcherzte mit den Näh⸗ terinnen und Fabrikmädchen, die bis unter das Dach wohnen, und heute führen ihn die Häſcher davon. Ein Bündel Wäſche unter'm Arm geht er wol auf zehn Jahre in's Zuchthaus. Wer ahnte, däaß er ein⸗ gebrochen hatte und zu einer Diebsbande gehört? Wer nicht thätig iſt erregt Verdacht. Nur thätig, und ſam⸗ melte man Glasſcherben, wie die alte Frau auf Nr. 43, oder ernährte man ſich vom Scheeren der Pudel⸗ hunde, was ein alter Mann im zweiten Hinterhofe parterre auf Nr. 67 ausführt, der mit der Brille auf der Naſe im Hofe ſitzt und die Pudel ſcheert, deren Wolle er ſammt den Flöhen an Tapezirer verkauft. Harfenſpieler, Tambourinſchläger üben ſich Morgens Geſänge ein, die ſie Abends in den Schenken ableiern und die Leierkaſtenbeſitzer.... nein-Leiher ſparen, um ſich den muſikaliſchen Brotbringer allmälig zu kaufen oder von dem Mechanikus, der ihn verleiht, die Stifte zu einem neuen zeitgemäßen Liede ſich um— ie Stu⸗ Näh⸗ 3Dach davon ol auf er ein⸗ Wer i ſam⸗ uf Nr. Pudel⸗ ntethofe ille auf deren erkauft. korgens ableiern ſparen, älig iu verleiht ſch um⸗ 121 ſetzen zu laſſen. Da taumelt ein Bierhausſänger da— her, der in ſeinen jungen Jahren auf den Bühnen Buffopartieen ſang und jetzt ſo herabgekommen iſt, daß er in den Gambrinushallen zur Guitarre mit aller— hand Lazzis und in Scenen geſetzten Faxen ſingt. Ein Violinſpieler begleitet ihn, der in ſeiner Jugend ein Paganini zu werden verſprach und durch den Trunk ſo herab iſt, daß er mit jenem Sänger abwechſelt und auf der Violine mit Strohfäden, angezündeten Fidi⸗ bus ſtatt des Bogens ſpielt. Halb und halb ſind beide Improviſatoren geworden und wiſſen durch ge⸗ ſchickt angebrachte Zweideutigkeiten in einer von Ta⸗ backsqualm rauchenden Bierhalle ihr Publikum zum wiehernden Lachen zu bringen, während ihre„Zuhäl⸗ terinnen“ in einer Cigarrenaſchen⸗Schale das Honorar anſammeln und ihre Kinder von Tiſch zu Tiſch Stroh⸗ blumengeflechte anbieten, die von einer alten Frau auf Nr. 55 gemacht werden. Dieſe alte Frau wohnt bei Madame Schlimpanzer zur Miethe, von der man nicht weiß, durch welche Talente ſie wiederum ihrerſeits einen gichtiſchen rückenkranken Mann ernährt. Ma⸗ dame Schlimpanzer und Fräulein Klapperfuß ſind ſich an Jahren gleich und haſſen ſich und lieben ſich, je⸗ nachdem ſie ſich Nachts auf den letzten Bällen gegen⸗ ſeitig nicht geſchadet und in ihren Wirkungskreiſen be⸗ 122 einträchtigt haben. Ach, die Polizei weiß hier Alles! Lacht, was Ihr wollt, Sonntags früh, ihr zwanzig Geſellen bei Mutter Klapperfuß, wenn ſie„ihrer Bet⸗ ten wegen“ darauf dringt, daß Ihr Euch von Kopf bis zum Fuß gründlich waſcht; man weiß doch, daß Eure Vorgänger vor einigen Monaten heimlich des Nachts Kugeln goſſen und Patronen wickelten! Sie wurden alle eines Sonntags früh aufgehoben und mit allen ihren Kugelformen und zinnernen alten Löffeln und bleiernen Fenſterverlöthungen über die Brandgaſſe hin in's Profoßenamt geführt, von wo aus ſie dann in's Zuchthaus wanderten! Welch ein Kommen und Ge— hen in dieſem Chaos! Auch die Geburt und der Tod, die Hebamme und der Leichenträger, ſind immer und immer zugleich auf Beſuch hier. Der Tod tritt gleich ſicher auf. Er nimmt mit feſter Hand. Die Gebur⸗ ten ſind zaghafter, mit ſcheuem Gewiſſen, mit wenig Freude. Manches Kind, eben gekommen, erhält gleich die Nothtaufe, wozu die Wöchnerinnen, da meiſt die Väter fehlen, den Vizewirth hinaufrufen oder den Al⸗ ten, der die Pudel ſcheert, oder den ſilbergrauen Uhr⸗ macher Eiſold vom dritten Hofe, der noch ſein Zöpf⸗ chen trägt und mit philoſophiſcher Ehrwürdigkeit in den Häuſern altmodiſche Uhren reparirt. ohne ſten min heiß in aus uſ und Alles! zwanzig rer Bet⸗ n Kopf h, daß lich des ¹! Sie und mit feln und aſſe hin unn in's id Ge⸗ der Tod ner und t gleich Gebur⸗ t wenig lt gleich neiſt die den Al⸗ en Uhl⸗ n zipf⸗ igkeit in Ganze Tragödien ſpinnen ſich da an und enden, ohne daß ſie ihren Dichter anders finden, als höch— ſtens bei Jahrmärkten die Bänkelſänger. In den Cri⸗ minalakten ſtehen die einzelnen Rollen geſchrieben. Da heißt's: Aus Brandgaſſe Nr. 9 ein Obſervat... lernte im Zuchthauſe eine Diebin kennen... ſie hat Kinder aus früherer Bekanntſchaft... ſie ſchließen, frei ge— laſſen, auch eine wilde Ehe... er kehrt die Gaſſen und reinigt des Nachts Cloaken... ſie verdingt ſich zu jeder groben Hanthierung... die erwachſene Toch⸗ ter der Frau... natürlich unehelich... geht in eine Fabrik... ein junger Arbeiter, ihr Liebhaber, zieht zu ihnen... die Mutter gefällt ihm wie die Toch— ter... wild geht das durcheinander... der Trunk erhitzt den Zorn... Eiferſucht und blinde Wuth... der Gaſſenkehrer ſchlägt den Arbeiter... die Tochter würgt faſt die Mutter... Und dieſes Gemetzel noch nicht ſo ſchlimm, wie die ſpätere Verſöhnung... die Be⸗ ruhigung bei dieſer Verwirrung... Trinkgelage, luſtiges Lachen... die Tochter verläßt die Fabrik und treibt ſich auf den Gaſſen umher... der Vater zweiſchlächtiger Baſtarde erhält ſeine Arbeiterſtellen gekündigt... den⸗ noch fließen Mittel... Woher?... Heute Morgen wurde das ganze Neſt ausgehoben, Jung und Alt davon geführt... der Gaſſenkehrer, die Mutter, 124 die Tochter, der Liebhaber... Die übrig gebliebenen kleinen Kinder holt die Beſſerungsanſtalt. Frau Mullricch erzählte dieſe tragiſchen Begegniſſe, die in der Brandgaſſe gäng und gäbe waren, ſo leicht, ſo obenhin, wie wir etwa eine ſogenannte Müchler'ſche Anekdote von Friedrich dem Großen er⸗ zählen würden. „Mullrrich, der Vizewirth, hatte ſein Nachteſſen beendigt und kehrte auf ſeinen nächſt dem Oberkom⸗ miſſär Par wichtigſten Vorgeſetzten Herrn Bartuſch zurück. 4 Hat der Alte nicht nach 86 gefragt? Und das ordentlich und gezankt hat er, warnm wir ihm nichts mehr über 86 meldeten! ſagte Frau Mullrich und klagte dann, daß die Tage ſchon ſo kurz würden. War ja zehnmal da in der Kanzlei und hab's ſagen wollen: 86 iſt einmal wieder heidi! Wie ich das elfte mal kam, ging ich zum Juſtizrath ſelber, der eben von Hohenberg zurück war und da hieß es: Danke, Mullrich, ich weiß es ſchon. Er gab mir einen halben Thaler. Wenn der Bartuſch das Herz hätte von dem guten Manne, dem Juſtizrath! Er war heute ganz wild der Graue. A jebenen egniſſe en, ſo nannte zen er⸗ cteſſen zerkom⸗ artuſch 125 Warum denn? Gewiß weil Nr. 17 ausgeflogen war. Nicht? Ha, ha! Das wird's ſein, der alte Schleicher! Wenn nur'mal die Juſtizräthin dahinter käme, die— Pſt! Stille! Mullrich! Weß' Brot ich eß'... Laß ihn auf Nr. 17 gehen und rede von ſolchen Sachen nicht. Nr. 17 taugte nur nichts, ſonſt hätte ſie ihr Glück machen können, wie die Jule Spieß... Jule Spieß! Die Frau Amtsdienerin? Ah! So, wie Nr. 17 hat ſich doch die Jule nicht aufgeführt... Ach! Ach! antwortete Frau Mullrich, die tiefer zu ſehen, als ihr Mann, immer das Privilegium hatte. Ach, Ach, das war eine Feine! Die wußte es ſub⸗ tiler anzufaſſen. Wie oft hab' ich zu Nr. 17 geſagt: Guſte, hab' ich geſagt, Sie haben anſtändige Ver⸗ wandte, Sie ſind ſchön, wie ein Bild, Sie haben Freunde, die vornehme Gönner haben: nehmen Sie die Manſell Jule, die Frau Rathsdienerin Spieß geworden iſt, und damit ſtichelte ich auf den Bartuſch, der doch die Jule Spieß zur Rathsdienerin gemacht hat... durch einen Rathsdiener und Executor, der ſich nichts daraus macht, daß Bartuſch ſeiner Frau noch jetzt Jaconnetkleider ſchenkt. Da gab Dir aber wol Nr. 17 eine Ohrfeige, die Auguſte? Was? 126 Ihre zerbrochene Kaffeekanne wollte ſie mir über den Kopf gießen. Das iſt ein Satan! Und doch war der Alte ganz zornig, als er hörte, Nr. 17 iſt ausgeflogen und hat uns blos die zerbrochene Kaffee⸗ kanne, den Spiegel und die Bettſtelle zurückgelaſſen. Ich bin froh, daß ſie fort iſt; tröſtete ſich Mull⸗ rich, der hier noch von einer defekten Kaffeekanne hörte; ich bin froh; durch die Perſon wäre noch ein⸗ mal Feuer ausgekommen. Mit Nr. 86 haben wir ſo ſchon unſere Noth, daß der nicht einmal die Häuſer anſteckt, wenn er die Nacht auf die Dächer... Sei ſtill von Dem, Mullrich. Sei ſtill! Es iſt mir immer ängſtlich mit Dem! unterbrach ſeine Ehe⸗ hälfte und ſchüttelte ſich, als fröſtelte ſie's. Mit dieſen vorſorglichen, faſt erſchrockenen Worten wollte ſie überhaupt dies Geſpräch abbrechen, aber der Dienſteifer und die Dankbarkeit für den Juſtiz⸗ rath Schlurck war für den Viezewirth zu anregend. Er fuhr fort: Ich möchte nur wiſſen, was die Juſtizraths mit 86 eigentlich haben. So ein grober, impertinenter, rothköpfiger Schlingel! Schreiben kann er ſchön! Das iſt wahr. Er hat mir manchmal was ins Buch hier geſchrieben wie geſtochen. Aber ſeine Krankheit ab⸗ gerechnet— N ſo m nur hörte den Mull 622 752 — ir über d doch Il iſt Kaffee⸗ ſſen. Mul⸗ feekanne ych ein⸗ wir ſo Häuſet Es iſt ne Che⸗ Worten en, aber n Juſti⸗ mnregend⸗ aths mit riinenter, n! Dab Buch hier ntheit d, 127 Er hat's ja nicht mehr. Sei doch ſtill! Sei ſtill! Mullrich ließ ſich nicht irre machen und fuhr um ſo mehr fort, als er wußte, daß ſeine Gattin ſich nur zum Schein gegen Schauerliches ſtemmte. Sie hörte gerade um ſo lieber von Dingen, die ihr über den Rücken liefen, je mehr ſie ſie abzuwehren ſuchte. Mullrich fuhr fort: Der Juſtizrath ſagte gerade, er hat die Krankheit noch. Erſt neulich hätt' ers geſehen. Und ſo her⸗ zensgut iſt der brave Mann, daß er mir ſagte: Mull⸗ rich, ſagte Herr Schlurck, der arme Menſch iſt zu be⸗ dauern! Er hat für ſeinen Stand viel gelernt, weiß Man⸗ ches und hat Kopf. Er hat mein ganzes Herz gehabt, aber aus dem Hauſe mußt' er! Er ſtiehlt nicht, er iſt ehrlich, Mullrich, ſagte er, aber geizig und ver⸗ ſchwenderiſch, zänkiſch, boshaft, je nachdem's kommt. Seine Krankheit iſt ſein Unglück. Sind die eiſernen Stäbe auch noch in Ordnung, Mullrich? ſagte er. Ja, Herr Juſtizrath, ſagte ich; vier Stangen vor jedem Fenſter! Und ganz traurig wurde er, als ich ihm erzählte, wie wir ſie ihm eingeſetzt hatten auf Herrn Juſtizraths Koſten und was er für eine Miene ge— macht hätte, als er eines Abends nach Hauſe gekom⸗ men wäre und hätte die Fenſter vergittert gefunden. Da weint' er faſt, der Herr Juſtizrath. Ich ging zu ihm hinauf, ſagt' ich, Herr Juſtizrath, ich ging zu ihm hinauf und ſagte: Musje Hackert, nehmen Sie's nicht übel, Musje Hackert, aber Sie ſind ſog ja vorgeſtern ordentlich auf dem Dach herum ſpazieren Ein gegangen. Ein Freund von Ihnen wünſcht Das nicht, daß Sie ſich da mal den Hals brechen und hat Ihnen da einen kleinen Denkzettel einmauern laſſen, nen wenn Sie's vielleicht vergeſſen ſollten, daß Das die 1 Fenſter ſind! Er ſah mich grimmig an. Ich hatte aber Muth. Lieber Gott! ſagte ich, auf dem Dach in iſt's kalt, und wenn Sie auch noch ſo ſchön klettern I dr können, Herr Musje Hackert, es bricht Einer doch mal den Hals. Was ſagte er denn da? fragte mich w der Juſtizrath. Herr Juſtizrath, ſagt' ich, es iſt ein recht tückiſcher, glup'ſcher Kerl! Nicht ein Wort hat ü er geſagt, hat auch nicht gefragt, wer dieſer edle t Freund wäre und nicht ein Wort hat er geantwortet über's Dachherumklettern und ſeine Krankheit. Aber wie geſagt, Herr Juſtizrath war ganz gerührt und wie geſagt, einen halben Thaler hat er mir geſchenkt. Nun muß es aber doch anders ſein, unterbrach Frau Mullrich dieſe etwas weitſchichtige Erzählung und deckte den Tiſch ab, wie auch das Bett, in das ſich ihr von den gerührten Ciern angeregter Gemahl bald 3 zu legen geſonnen war. ging zu nehmen Sie ſind ſpazieren das nicht, und hat en laſſen, Das die Ich hatte em Dach n llettern inet doch agte mich es iſt eln Wort hät dieſer edle eantvoll eij Abe t und wie hentt unterbrach hlung! 7 und das ſich emahl bal Wie ſo anders? Wegen der Anfrage von Bartuſch. Der hat ja ſo grimmig über ihn hergezogen und hat doch geſagt: Ein Jahr Zuchthaus wär' ihm nun gewiß! Ei was? Zuchthaus? Es ſind ſchlimme Sachen von ihm herausgekom⸗ men, hat Bartuſch geſagt. Von Nr. 862 1 Wenn er ſich nicht ſelbſt davonmacht, könnt's ihm übel ankommen und er wollte ihm im Ernſt rathen, daß er nun Paſchol mache und am liebſten gleich weit! War ich doch auf dem Criminalamte... habe doch nichts gehört... Ob er zu Hauſe wäre, frug Bartuſch. Nein, ſagt' ich. Bis Mittag war Das. Da war ein Herr mit ihm gekommen, ein feiner, eleganter Herr— Mit Nr. 862 Ich ſage Dir, ein ganz feiner, ſchöner, junger Mann. Wie ein Baron! Die kleine Riekel Eiſold hat erzählt, daß ſich der Herr zwei Stunden oben zu ihm hingeſetzt hat und immer geſchrieben— Curios! Dem Grauen hab' ich den Mann beſchreiben müſ⸗ ſen. Er ſchüttelte dann den Kopf und ſagte: Hackert muß fort! Wann glauben Sie wol, daß ich ihn Die Ritter vom Geiſte. IV 9 treffe, Frau Mullrich! Das iſt ſchwer zu ſagen, Herr Bartuſch, ſagt' ich. Aber ſeit die Eiſolds oben Waiſen ſind, hat er den Hausſchlüſſel abgegeben, er wollte eigent⸗ lich um neun Uhr jeden Abend zu Hauſe ſein. Ein paar Wochen ging's ſo, Herr Bartuſch, ſagt' ich, bis er vor fünf bis ſechs Tagen gar nicht mehr nach Hauſe kam und nun erſt ſeit geſtern iſt er wieder da und ſo unruhig, daß ich nicht glaube, er kommt vor neun. Es wäre nicht das erſte mal, daß er die ganze Nacht bis Morgens drei und vier ausbleibt. Ein Jahr Zuchthaus! wiederholte erſtaunt Mullrich, ſich ausziehend und die Nachtmütze aufſetzend. Gewiß falſche Schreibereien. Er kann wie in Kupfer geſto⸗ chen ſchreiben. Es ſoll mich gar nicht wundern, vermuthete ſeine Gattin, wenn Herr Bartuſch noch in der Nacht kommt. Er hatt' es zu eilig gehabt Klopft es nicht draußen? In der That hatte es an jener Thür gepocht, die von der Hausflur erſt in einen Vorplatz führte, dem ein Kamin das Ausſehen einer Küche gab. Mullrich, eben im Begriff in ſein Bett zu ſteigen, ſagte: Mach erſt die Thür zu. Ich will ſchlafen gehen! Indem pochte es wieder. Die Frau Vizewirthin lehnte die Thür an, die aus ihrer Schuſterwerkſtatt in die Schlafkammer führte. Mit en, Hetr ſen ſind, eigent⸗ n. Ein ich, bis ehr nach ieder da umt vor die ganze M ullrich, Gewiß hete ſeine öt kommi. 7 zen draußen? pocht⸗ de rie, Mullrich, de: Mach dem ſe allö , die „ Mit ihrle. 131 den Worten: Es wird wol der arme Nagelſchmied mit den Pinnen ſein! Er hatt' es mit dem Gelde nöthig! ging ſie hinaus und ſtieg die Treppe hinauf, die zu der Hausthürflur führte. Wie unangenehm überraſcht war aber Herr Mull— rich, als er ſich eben im Bett behäbig dehnte und ſeine Rühreier in alter Bequemlichkeit verdauen wollte, als ſeine Ehehälfte nach einigen Augenblicken raſch die Thür aufriß und mit erſchrockener Haſt und Eile und höchſt ehrerbietig ihm zurief: Mullrich! Mullrich! Es iſt der Herr Oberkom⸗ miſſär! Fünktes Capitel. Die Lauſcherin. O weh, dachte Mullrich, das raubt dir die Nacht⸗ ruhe. Da ſoll etwas ausgeführt werden 1 Indem hörte er ſchon die freundlichen und com⸗ plaiſanten Wendungen ſeiner Frau gegen den Herrn Oberkommiſſär Pax, den ſie zu unterhalten ſuchte, bis Mullrrich ſich leidlich angezogen hatte, eintrat u laut grüßte: nd klein⸗ Guten Abend, Herr Oberkommiſſär. Guten Abend Mallrich! Es gibt wol noch etwas? Der Oberkommiſſär Par, ein militairiſch ſicher auf⸗ tretender Mann, mit ſtarker Baßſtimme, ſagte: Mullrich, ja! Aber Sie können ein paar Stun⸗ den ſchlafen. Herr Par, ſchon Was... morgen früh um fünf Uhr hab' ich velbe ſtt Da ſigna Stun die, mach den könr Hie dor N je Nacht⸗ und com⸗ den Herm üchte, bis und llein⸗ 133 Mit Kümmerlein die Unterſuchung bei der Schie⸗ velbein in der Neuſtraße? Weiß ich ſchon. Aber es iſt heute Nacht großes Gartenfeſt in der Fortuna. Da gibt's allerlei Leute zu beobachten, die mir ſoeben ſignaliſirt ſind. Es hilft nichts. Sie können zwei Stunden ſchlafen. Um zwölf müſſen Sie aber in die Fortuna, wo's bis zum Morgen hergeht. Dann machen Sie gleich mit Kümmerlein die Recherche bei den beiden Miethsleuten der Schievelbein und dann können Sie ſich den ganzen Vormittag zur Ruhe legen. Hier ſind ein paar Signalements, auf die in der Fortuna gepaßt werden ſoll. Ich werde ſelbſt in der Nähe ſein, aber incognito... Mullrich nickte etwas verdrießlich und nahm einige dargebotene Papiere an ſich, während ſeine Ehehälfte die Aufträge des Herrn Oberkommiſſärs mit den er⸗ gebenſten Interjectionen als: Schön! Sehr ſchön! Sehr wohl! angenehm ausſchmückte. Der Oberkommiſſär Pax war der gewandteſte Agent der Reſidenz und ein ſeltener Glücksjäger in dem Gebiete der praktiſchen Polizei. In jüngern Jah⸗ ren Wachtmeiſter der Cavalerie, dann in gleicher Ei⸗ genſchaft bei den Gendarmen, hatte er Veranlaſſung gehabt, der vor zehn Jahren noch weltluſtigen alten Charlotte Ludmer jene Aufmerkſamkeit zu erweiſen, die 1 1 1 Heinrichſon jetzt ihrer Gebieterin widmete. Aus ihrem Pflegling und Schützling war Par eine Zeit lang der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden; jetzt galt der vierzigjährige, ſehr ſtatt⸗ liche Mann für ihren Neffen und künftigen Erben. Ihr verdankte er ſeine Anſtellung, ihr eine ſehr be⸗ hagliche Exiſtenz, die ihn jedoch nicht hinderte, ſeinen Obliegenheiten mit ſeltener Pünktlichkeit nachzukommen. Er war der Ludmer und ihren Gönnern anhäng⸗ lich und treu. Die Ausſicht, einmal die aufgehäuften Erſparniſſe der gefährlichen Matrone zu erben, ſpornte ſeinen Dienſteifer... Schon hatte ihn Schlurck im Intereſſe der Geheimräthin unterrichtet, wie er es mit der Hausſuchung bei den Wildungens halten ſollte. Aber es gab noch manche andere Gelegenheit, ſich ſeinen Gönnern dienſtwillig zu erweiſen. Wir haben davon ſogleich einen Beweis in der Frage, die er an Frau Mullrich richtete: Alſo die Maler⸗Guſte iſt ausgeflogen? Nr. 17 meinen der Herr Oberkommiſſär? fragte die Alte. Auguſte Ludmer... Richtig! Ha! Ha! Die Maler⸗Guſte! Hat ſie den Namen? Hier nannten ſie die Leute die Brennneſſel weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte. Ja, Herr eine Mu G Hir ihrem it lang angenen r ſtatt⸗ Erben. ſeht be⸗ e ſeinen kommen. Herr Oberkommiſſär, vier Thaler, zehn Groſchen und einen alten zerbrochenen Spiegel und einen... Sie iſt aber nicht nach Hamburg, ſie iſt hier... Mullrich... Mullrich war etwas ſchläfrig im Zuhören. Ja, Herr Oberkommiſſär, ſagte er apathiſch... Seine Gemahlin griff helfend ſeine Antwort auf. Ja? ſagte ſte. Die Maler-Guſte? Nummer 172 Hörſt du denn nicht? Paſſen Sie in der Fortuna auch auf die Maler⸗ Guſte... Sie ſoll auf ganz neue Sprünge gekommen ſein... bemerkte Herr Par. Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad müſſen! meinte Mullrich, nun ſich ſammelnd. Seine Gemahlin ſchwieg jetzt. Sie kannte den Haß des Oberkommiſſärs gegen ein Mädchen, das mit vollem Rechte behaupten konnte, die Nichte der Madame Ludmer zu ſein, während der Herr Ober⸗ kommiſſär, der ſich den Neffen derſelben nannte, nicht die mindeſte Verwandtſchaft mit jener tollen und wil⸗ den Maler⸗Guſte in Anſpruch nehmen durfte. Früher, als dies bildſchöne Mädchen den Künſtlern Modell ſtand und ſich eines„ſoliden“ Rufes erfreute, konnte ihr der Oberkommiſſär wenig anhaben; ſeitdem ſie aber aus mancherlei Urſachen immer mehr geſunken war, hatte er Grund, eine unausgeſetzte Hetzjagd auf ſie anzu⸗ ſtellen, wodurch ſie zuletzt veranlaßt wurde, in dieſe dunkle, abgelegene Brandgaſſe, in dieſe armſeligen Familienhäuſer zu ziehen, wo es ihr ſchlecht genug ergangen ſein mußte, trotzdem, daß ſich Bartuſch für ihre noch immer nicht ganz zu Grunde gerichtete Schön⸗ heit intereſſirte. Auguſte Ludmer war durch eigenthümliche Schick ſa die wir noch näher werden kennen lernen, ein Beiſpiel jener jammervollen Verſunkenheit geworden, in die die haltloſe Irrfahrt durch unſer Leben und ſeine Bedrängniſſe ein urſprünglich nicht ſchlechtes weibliches Weſen führen kann... Der Oberkommiſſär ſchärfte Mullrich ein, ein „fires“ Auge auf die Maler⸗Guſte zu haben... ſie behielt dieſen Namen, obgleich ſie ſchon ſeit langer Zeit der Künſtlerwelt entrückt war und ihr nur noch in einigen üppigen Bildern angehörte, zu denen ſie früher die Anſchauung ihrer ſchönen Formen geliefert hatte... Es war ſchon völlig dunkel geworden, aber das ſcharfe Auge des Oberkommiſſärs entdeckte durch das Schaufenſter die Beine eines Mannes, mit dem er in ziemlich naher Verbindung ſtand... Iſt Das nicht?... ſagte er. zing nale ſich 137 Herr Schmelzing! Soll ich rufen? Herr Schmel⸗ zing! Der Oberkommiſſär ſchärfte noch einmal die Sig⸗ nalements dem bewährten Vizewirthe ein und wandte ſich zum Gehen mit den Worten... Teufel, ſteckt doch hier Licht an! Man bricht ſich ja den Hals bei Euch! 3 bich Frau Mullrich führte den Herrn Oberkommiſſär 2 an ihrer eigenen pechſchwarzen Hand durch die pech⸗ ſchwarze Finſterniß der Treppe, die aus dem Keller aufwärts führte, während ein grinſendes Geſicht von einer ſich bückenden Geſtalt auf der Hausflur in die Wohnung des Vizewirthes fragend niederſchaute... Mullrich hörte oben den Schreiber Schmelzing dem Herrn Oberkommiſſär die Honneurs machen. Beide verſchwanden. Mullrich wollte, als ſeine Gattin zurückkehrte, nun ſeufzend und wehklagend in ſein Bett zurückkehren und holte nur noch ſeine Brieftaſche aus dem Rocke, um die wichtigen Signalements hineinzulegen. Die verdammte Tänzerei da in der Fortuna! brummte er zornig. Alle Welt ſchreit über Noth und Elend und auf ſo ein Gartenfeſt gehen ſie und jubeln, als wenn es Treſorſcheine geregnet hätte. Leg' mir nur den guten Leibrock heraus! Im Staat ſoll man auch erſcheinen, damit man nicht gleich die Zuchthausſchlüſſel bei Unſereinem raſſeln hört. Das Elyſium iſt bankrott, ſagte ſeine Gemahlin tröſtend, die Fortuna wird auch nicht lange machen. Wo nur der Hitzreuter wieder das Geld her hat! Das ſoll ja eine Pracht in der Fortuna ſein... Der Kümmerlein erzählt ja die blauen Wunder davon! Mullrrich ſchwieg. Seine Gemahlin war etwas eiferſüchtig und hörte ungern, daß es in der Fortuna ſo wild und zügellos herging, ungern, daß dort Alles von Kryſtall und Bronze, gemalt und von Gaslicht erleuchtet ſein ſollte Mlallrichs luſtiger College, Kümmerlein, hatte ihr ſchon die verfänglichſten Sachen von der Fortuna erzählt. Mullrich wollte ſchlafen und antwortete nicht. Die Gemahlin, die zwar von ihrem Gatten vor⸗ ausſetzte, daß er ſehr tugendhaft war, von Kümmer⸗ lein aber oft gehört hatte, daß dieſer die vielen deli⸗ katen Begegnungen ſeiner ſittenbefördernden Praxis zu manchen unerlaubten Abenteuern und Abirrungen auszubeuten wußte, fragte: Was iſt denn Das für eine Frau Schievelbein in der Neuſtraße? Während Mullrich nun von einer Vermietherin 139 ſchlüſſe brummte, von einer Hausſuchung bei einem Maler oder Referendar, von Beſchlagnahme von Bildern mahlin und ähnlichen ihm gegebenen Winken, ſchlug ſeine nachen. plötzlich etwas gereizte Ehehälfte Licht an und wollte r hat! eben die kleinen Läden der Kellerfenſter ſchließen, I. als ſie auf einen Tritt hinaufſteigend, überraſcht davon! äußerte: Siehl ſieh! Da ſteht ja wieder der junge Herr d hörte von heute Vormittag auf der Straße und lauert. Der jügellos paßt auf 86 oder 87. Ich komme dahinter. 87 iſt M und nicht ganz ohne. Das ſchlägt die Augen nieder und n ſollte trübt kein Waſſer und dem Riekel hab' ich gleich an⸗ , hatte geſehen, daß die Thür zwiſchen 86 und 87 aufge⸗ Fortuna weſen iſt. Wenn ich doch einmal dahinter käme— aber! Du, Mullrich! Du, Mullrich! Schläfſt du ſchon? Schläft der ſchon! Schnarcht ſchon wie ein ht. 3 vor Ratz! Jetzt kann ich nicht hinauf zu ihr... Schlaf mmer du und noch Einer! Hör'! Wie er ſägt! Die Eier en del machen ihn immer ſchläfrig. Er ſoll auch nicht ſo iis n ſtarkes Bier haben, wie ſeit ein npaar Tagen. In der rrungen Fortuna mag ich ihn gar nicht. Bei dem verdamm⸗ ten Hitzreuter gibt's Punſch und Kuchen. Und ſo ibein i traktirt werden die Polizeidiener da, daß ihnen zu Hauſe nichts mehr ſchmeckt. Kümmerlein iſt verdor⸗ ben genug... 140 Und ſo fort und fort plauderte Frau Mullrich mit ſich ſelbſt, indem ſte ihr Dreierlicht ausputzte und ſich anſchickte, ein paar alte vom Trödel gekaufte Pan⸗ toffeln durch hintern Anſatz von Leder wieder in ein paar Schuhe umzuwandeln. Sie ſetzte für dieſe einem ihrer Miethsleute beſtimmte Arbeit eine Brille auf, nahm ihr Dreierlicht und ſtellte es hinter eine Glas⸗ kugel, die mit Waſſer gefüllt war und an einem Rie⸗ men auf einer pyramidenförmigen Erhöhung einer Schuſterbank ſtand. Das Lampenlicht fiel durch dieſe Kugel rund und klar auf den in einen neuen Schuh zurückzuverwandelnden alten Pantoffel. Dabei richtete ſte durch das halb offengelaſſene Bret der Fenſterlade unverwandt auf den draußen wartenden Herrn den Blick. Dieſer ſtand mit einem leichten Spazierſtöckchen und ſchien ſeine Ungeduld durch ein Liedchen wegzu⸗ pfeifen, wenn er nicht alle die Menſchen muſterte, die in der geräuſchvollen, menſchenüberfüllten Straße an ihm vorübergingen oder in Nr. 9 ſelbſt eintraten. Frau Mullrich achtete ſchon auf dieſe letzteren nicht mehr. Erſt um 10 Uhr, wenn ſie das Haus ſchloß und die Pfennige bezahlt werden mußten, fing eigent⸗ lich ihr großes Controlegeſchäft an. Heute aber feſſelte ſie doch von den Paſſanten ein kleines Paar, dem ſie, von ihrem Schemel aufſprin⸗ un Schuh richtete nſterlade irn den ſtöckchen gend, durch das Fenſterchen, das zur Hausflur führte, nachrief: Heda! Line! Willem! Ein Knabe von zwölf Jahren in einer Blouſe und ein kleines Mädchen von etwa acht Jahren wandten ſich um und blickten niederwärts zu dem kleinen Schau⸗ fenſter der gefürchteten Vizewirthin, vor dem man in dieſem Hauſe gern raſch vorüberſchlüpfte. Da ſteht er ja vor der Thür... ſagte die Alte. Wer? fragten die Kinder. Der Herr, der zu Eurer Louiſe wollte! Zu Louiſen? fragte Wilhelm und ging etwas nach vorn, um einen ſolchen Herrn, der zu ſeiner Schweſter Louiſe wollte, ſich erſt anzuſehen. Der junge Mann war etwas weiter gegangen und ſchlenderte in einiger Entfernung auf und ab. Zu Louiſen kommt kein Herr! ſagte Wilhelm faſt verächtlich zu Frau Mullrich und ging weiter in den Hof. Linchen! Linchen! rief aber die neugierige Vize⸗ wirthin mit verſtärkter Stimme und reckte den gelben magern Hals durch das Schaufenſter... Linchen, wie Mädchen, neugieriger, blieb ſtehen und folgte nicht ſo raſch dem Bruder. Linchen komm' mal her! Kennſt du den Herrn nicht? rief die Alte. Linchen blieb unbeweglich. Er war wol bei Euerm Fritz? Was? Komm doch, Kindchen! Linchen ſagte immer noch nichts. Er will wol auch zu Eurem Fritz? Was? Iſt denn die Küchenthür bei Euch auf jetzt, die in Fritzens Kammer führt?... Linchen war diskret und ſchwieg, blieb aber doch ſtehen. Na, der Herr will wol zu Fritzen. Komm doch ein Bischen näher, Kind! Zeig doch'mal deinen Korb! Was haſt du denn heute ſchon verdient? Nun wollte Linchen raſch davonlaufen. Es war dem kleinen achtjährigen Kinde ſchon zu oft geſchehen, daß die Mullrich ihr den Verdienſt an der Thür ab⸗ genommen hatte und ſich ſelbſt für kleine Schulden aus Nr. 87 bezahlt machte. Die Kleine fürchtete, daß ihr heute dies Schickſal wieder begegnen würde und lief davon. Bleibſt du Rangel kreiſchte aber die Alte jetzt aus dem Fenſter, mit voller Kraft ihrer hektiſchen Lungen. Ihr lag daran, Bartuſch etwas über Fritz Hackert be— richten zu können. Bleibſt du! Willſt du her? Soll ich— geſta Fen ein 143 Dies Soll ich?— begleitete ein raſcher Griff nach Herrn 4 ihren eigenen Pantoffeln, von denen der des linken Fußes ſchon drohend zum Schaufenſter hinauslangte. m doch, Linchen war wie vor Todesſchreck im Hofe ſtill geſtanden und wandte ſich halb neugierig, halb ängſt— lich um, als ſie die Worte aus der Alten Munde ihr 32 nachgekreiſcht hörte: gritens Willſt du her! Hier ſind ja zwei Groſchen für den alten Mann. Dal zwei Groſchen! Nimm! der doch Zwei Groſchen für den alten Mann? Das waren freilich verlockende Worte für das Kind. enn doch Linchen kam etwas näher. anwe Komm, Linchen! Komm! Biſt ja ſo hübſch ge— 3 kämmt! Macht dir Louischen die Locken? Komm, 19 boc Hinkelchen. Der alte Mann hat zwei Groſchen zu o Gute für die Uhr, die er mir geſtern ausgeblaſen giceie⸗ hat. Da! Vu Linchen kam nun näher und hielt die Hand hin. Irdte Wäͤhrend die Alte unter ihre Schürze griff, an de der ſie eine Geldtaſche befeſtigt hatte und mit dem u Gelde klapperte, ſprach ſie auf dem Tritt, der zu dem 6 Fenſterchen führte und zu der Hausflur hinaus: e jebt d Großväterchen hat mir die Uhr ausgeblaſen— zwei n zuu. Groſchen— warte nur, ich ſuche ſie eben— Sag' uüe einmal, kennſt du den Herrn draußen? Zoll l Das Kind ſah auf die Straße und ſchüttelte den Kopf. Zwei Groſchen, fuhr die Alte immer ſuchend fort; er hat die Uhr ſchlagen laſſen, ſie blieb immer ſtehen — ſag's mir, es iſt Louischens neuer Liebhaber? Was? Der iſt ſchön! Nicht wahr, der rothe Fritze gibt ihm wol den Hausſchlüſſel von Schmelzing... Was? Das Kind langte nach den zwei Groſchen und ant⸗ wortete nichts. Ja, ja, die Uhr— ſie iſt ein Familienſtück; aber im Keller iſt's zu feucht, ſagte der Alte mit dem Zopf... Wo war denn Fritze dieſer Tage? Vier Tage nicht zu Hauſe geweſen... Klettert er denn noch manchmal bei Nacht? Was? Linchen Eiſold blieb diskret... Ich ſchenke dir zwei Pfennige, Linchen, wenn du mir ſagſt, wer der Herr iſt... O Armuth! Was iſt dein Loos! Zwei Pfennige! Wer widerſtünde da und thäte, was nicht gerade Un⸗ recht ſcheint! Ich kenn' ihn ja nicht, Frau Mullrichen! ſagte das Kind nun beredtſam mit einem durch zwei Pfen⸗ nige geöffneten Munde. Aber als ich heute das Eſſen für Karl'n holte, ſagte mir Riekchen, es wäre bei Fritzen ein ſchöner Herr zwei Stunden geweſen und N er hä wollt und bring gierig die d 5 Wenn auch; faben häl 145 elte den er hätte auch unſere Louiſe geſehen und am Abend wollt' er wieder kommen, um uns Alle zu beſuchen nd ſott und noch einen andern ſchönen, jungen Herrn mit⸗ er ſtehen bringen. Wie ich's Karl'n ſagte, war der recht neu⸗ dbhaber. gierig und meinte, er hält Nichts von den Herren, ite güt die der Fritz Hackert kennt. as⸗ Sieh'mal an! Sagt' er Das? He? Höre Linchen! Ap au⸗ Wenn der Herr zu Euch kommt und... Der andere auch; erzählſt mir doch morgen, was ſie geſprochen haben. Willſt du? ück; aben—.. tt dem Da ſchwieg nun Linchen wieder. m.„.—. „ Vier Ich wollte dir ja zwei Groſchen für den Groß⸗ 6 T dan vater geben!... er Und zwei Pfennige! ſagte das Kind, das ſeinen Vortheil feſthielt. Und zwei Pfennige— Willſt du mir morgen Alles ſagen, was die Herren oben angegeben haben? 84 Linchen ſchwieg. Noch einen Pfennig geb' ich dir, Linchen! Was? rad Willſt du? Linchen lachte nun... aber ſie ſchüttelte doch den hen! ſie Kopf, daß die Alte ungebehrdig wurde und ſchrie: wei 58 Wetter! Range! Mach, daß du fortkommſt! Was das hältſt du mich hier auf? 1 Hei...— wle Mit dieſen zornigen Worten ſchlug die Alte das Die Riiter vom Geiſte. IV. 10 Fenſter zu; hörte mit dem Geldklappern auf und ſtieg Eiſol den Tritt hinab an ihren Schuſterplatz. Arbei⸗ Linchen, die ſich gefreut hatte, außer ihrem heu⸗ F tigen Verdienſt, ihrem Großvater noch zwei Groſchen erfahl zu bringen, blieb traurig ſtehen. der T Was willſt dus ſchrie die Alte, die jetzt für Bar⸗ weite tuſch's ſpäten Abendbeſuch ſchon Klatſchgift genug hatte die H und ſah wieder hinaus. zog. 5 1 Linchen zögerte noch immer... u di Willſt du nun gehen! rief Frau Mullrich und A 1” ſprang zum Schuſterſitze, um einen in der Arbeit be⸗ dtg 7 griffenen Pantoffel zu holen... 8 Was iſt denn? Was ſoll's denn? ſagte in dieſem 5 kritiſchen Augenblicke eine energiſche Stimme auf der 1 5 Hausflur. Sind wir Ihnen etwas ſchuldig? win Nein bewahre, Musje Eiſold! antwortete die Alte demüthig und ſchlug raſch das ſchon geöffnete Fenſter 1 zu. Bitte! Bitte! Frau Mullrich hatte große Furcht vor dem jungen ſtämmigen Manne von kaum funfzehn Jahren, der ſeine Schweſter an der Hand faßte und mit ihr in die hintern Höfe ging. Es war dies der junge Maſchinenarbeiter Karl Eiſold, der älteſte Bruder der mehrerwähnten Louiſe nd ſtieg em heu⸗ Vr oſchen ür Bau⸗ nug hatte 9 e die Alte te Fenſte mn jzungeln er hren, d nit ih in iier Kall e— aten kouiſ 147 Eiſold, ein hübſcher, friſcher, aber von ſeiner ſchweren Arbeit etwas ermüdeter junger Mann. Frau Mullrich hatte doch einige gute Thatſachen erfahren und war in der größten Spannung, als in der That zu dem Herrn auf der Straße ſich ein zweiter geſellte, dieſem herzlichſt, ja überſchwänglich die Hand ſchüttelte und ihn dann in die Hausflur zog. Ein raſſelnder Wagen ſchien ſie zu beſtimmen, in dies Obdach zu treten. Als Frau Mullrich nun gar merkte, daß unter der Hausflur dieſe ſchönen, jungen Herren laut zu ſprechen anfingen, blies ſie raſch ihr Licht hinter der Waſſerkugel aus, ſchlich auf den Fenſtertritt und lauſchte geduckt, was dieſe mit Nr. 86 und 87 ver⸗ kehrenden Menſchen da im Dunkeln nun beſprechen würden. 10* Sechstes Capitel. Nummer Sechs⸗ und Nummer Siebenundachtzig. Als Siegbert Wildungen ſich endlich gegen neun Uhr dem Stadttheile genähert hatte, wo er den Bruder erwarten ſollte, wurden alle ſeine gemiſchten Rückerin⸗ nerungen auf Melanie, Rudhard, Olga Wäſämskoi und beſonders jenen tiefen Akkord: Anna von Harder durch die Sorge unterbrochen, ſich in dieſer verworre⸗ nen, dunkeln, menſchenüberfüllten Gegend zurechtzu⸗ finden. Die weiße Roſe, die er von dem ihm nach⸗ geworfenen Blumenſtrauße bei der Fürſtin Wäſämskoi mitgenommen hatte, war in dem Gedränge ſogleich vom Stiele gebrochen und noch ehe er ſie hatte retten können, von den Vorübergehenden zertreten, vom Stra⸗ ßenkoth beſchmuzt. Er mußte ſie aufgeben. Er mußte jetzt nur noch nach den Straßenecken ſehen, auf denen die Namen derſelben kaum noch zu leſen waren, trotz der nicht geſparten Beleuchtung dieſes Viertels. End⸗ — lich, nenn er zu erhiel G U ſie ſo und: achtzig B eun Uhr Bruder dückerin⸗ aſämskoi Hardei erworte aurechtz m nach⸗ ſamskoi ogleich t retten 149 lich entdeckte er die Brandgaſſe und zählte ſich das neunte Haus ab. Eben hatte er es gefunden, als er zur Höhe blickend einen Schlag auf die Schulter erhielt. Er kam von Dankmar, der ihn erwartete. Um nicht vom Gedräng geſtört zu werden, traten ſie ſogleich in die Hausflur, die ihnen ein geſicherter und ruhiger Begrüßungsort ſchien. Nun, da bin ich! ſagte Siegbert, voll Freude und voll Rührung. Abenteuerlicher Menſch! Wohin ver⸗ lockſt du mich? Ich brauchte einen freien Platz, wo ich geſchützt vom Dunkel der Bäume dir um den Hals fallen wollte, um mein Herz zu erleichtern, und hier in dem Wagengeraſſel, in dem Tumult der Men⸗ ſchen, hier auf der Hausflur dieſer alten Räuberhöhle, was ſoll ich da? Ganz gut! Ganz gut! ſagte Dankmar lachend und gefaßt, aber voll Wärme. Ganz gut, daß uns die Umgebungen jede rührende Scene abſchneiden. Was ich heute früh fühlte, als du mit dem Geſtändniſſe deines Glückes mir meine eigenen Träume zerſtörteſt, Das hab' ich dir in meinem Briefe geſagt. Ich ſchrieb dir, weil ich dir nicht mündlich verrathen mochte, daß mir die Trennung von einem ſo feſſeln⸗ den Gedanken doch die ſchmerzlichſte Ueberwindung 150 koſtete! Zu Grün's hätt' ich nicht kommen können; es hat mir wirklich dieſen ganzen Tag gekoſtet, mich zu ſammeln und zurechtzufinden!... Die wichtigſten Dinge mußt' ich aufſchieben und hätteſt du mich noch vor wenigen Stunden geſehen, würdeſt du geſagt haben, ich gehörte jetzt zu den Träumern, während ich doch nicht einmal heute zu den Schläfrigen gehöre. Du haſt dich von einer Quelle des Glückes los⸗ geriſſen, ſagte Siegbert, die mir doch nie gefloſſen wäre. Heute Mittag ſprach ich Melanie und wohl ſah' ich, daß ich ewig würde vergebens gehofft haben. Du ſahſt ſie? Und ſprach ſie von mir? Sie ſprach von dir. Nun...2 Ich entdeckte und erlebte ohne dich heute ſo Man⸗ ches, daß ich dir in geeigneter Umgebung ausführ⸗ lich davon reden muß. Soviel aber beobachtete ich doch faſt, daß du nicht nöthig gehabt hätteſt, weil mir jene Quelle nicht rinnen wird, dir ſie ſelbſt zu trüben. Zu trüben Bruder? Doch! Recht umgewühlt hab' ich ſie! Recht das Unterſte zu oberſt gebracht! Es muß ſo ſein. Trinke nun daraus, wer mag! Siegbert ſeufzte und fuhr, ſich im Dunkeln um⸗ ſehend, fort:„ 151 können; Was thun wir hier? Was ſollen wir bei Hackert, t, mich den du mich ſo zu verabſcheuen gelehrt haſt? Glück⸗ higſten licherweiſe habe ich ſein Geld bei mir! ch noch Pſt! ſagte Dankmar und ſah' ſich um, als hätte geſagt er bei Erwähnung des Geldes etwas wispern hören. rend ich Dann fuhr er fort: höre. Ich bin dieſem zweideutigen Menſchen heute doch as los⸗ näher gerückt und hab' ihn zu meiner Freude in einer guten, mir aus Intereſſe an der menſchlichen Seele doppelt werthen Stunde gefunden. Bei ihm ſchrieb ich den Brief an dich. Den Nachmittag verwandte ich darauf, Laſally zu bewegen, von einer Klage gegen Hackert abzuſtehen, worüber ich dieſem heute Abend denn meinen Bericht abſtatten wollte. Da ich zugleich die Gelegenheit benutzen mochte, dich in eine rührende, gefloſſen ohl ſah den. Man⸗ 0 M. 3 37.. deinem Geſchmacke entſprechende Familienſcene ein⸗ ausfüht⸗— 8. C. e,.. lta ic blicken zu laſſen, ſe beſchied ich dich um neun Uhr weil ſelbſt hierher. Wir finden im dritten Hof, drei Trep⸗ 3 pen hoch, Hackert, dem ich leider keine gute Nachricht de ſe über Laſally bringen kann. Hoffentlich fühlt er ſich 11od aber dadurch nicht zu verſtimmt, mir ſein Leben zu ühl s erzählen, was er mir heute früh verſprochen hat. Alſo dil C du haſt ſein Geld bei dir? Ich hab' es, ſagte Siegbert leiſer, ſah ſich um feln um⸗ und faßte an ſeine Bruſt; denn die verdächtigſten ———— rf—— —ꝛ—— — — Geſtalten drängten ſich jetzt durch die enge Hausflur an ihnen vorüber: Bettler und Arbeiter der niedrigſten Klaſſen, die unheimlichſten Figuren... Bruder! ſagte Siegbert flüſternd. Hier ſcheinen alle Sträflinge, die heute Abend entlaſſen wurden, ihr Quartier zu ſuchen. Welche Dünſte in dieſer Straße! Und hier der Gang faſt zum Erſticken ſo ſchwül! Das eben war es, was ich dir zeigen wollte und ich weiß, für einen Blick in das Innere dieſer alten räucherigen Wände wirſt du mir dankbar ſein. Komm, wir wollen jetzt verſuchen, ohne uns den Hals zu brechen, in Hackert's Wohnung zu gelangen. Damit ſchritten die beiden jungen Männer einem Abendlichtſchimmer zu, der aus dem erſten Hofe noch ſpärlich auf das äußerſte Ende dieſes Ganges herein⸗ brach... Frau Mullrich erhob jetzt ihr mumienartig getrock⸗ netes Haupt. Sie hatte zwar ſehr viel Worte ge⸗ hört, ſehr viel Namen deutlichſt verſtanden, mußte ſich aber doch geſtehen, daß dieſe Unterredung etwas hoch war, etwas zu ſchwunghaft für ihren niedrigen Kellerhorizont. Dennoch hatte ſie Namen, wie Me⸗ lanie, Hackert, Grün's, Laſally ganz deutlich behalten, ſogar von Geld etwas unwiderruflich vernommen und auf Bartuſch's nähere Angabe der Fährte, auf die er 153 usflur ſie bringen konnte, hoffte ſie ſchon, ſich noch weiterer rigſten Dinge zu entſinnen aus dieſem Dialoge, den ſie für ſich hoch, näher bezeichnet„ſtudirt“ nannte. Sie zün⸗ heinen dete wieder ihr Dreierlicht an, deſſen raſches Aus⸗ en, ihr blaſen einen abſcheulichen Geſtank verbreitet hatte, gnaße! kehrte zu dem in einen Schuh zu verwandelnden Pan⸗ 1 toffel zurück und dachte: Wenn es nur erſt zehn Uhr te und ſchlägt, dann hab' ich Alles in der Falle und Keiner alten kommt heraus oder herein, der hier nicht Stand, Na⸗ ſenn men und ſein Anliegen zu ſagen weiß. 1Hals Die beiden Brüder hatten nun inzwiſchen ſchon glücklich die beiden erſten Höfe hinter ſich und tapp— einem ten im dritten eine ſchmale, finſtere Stiege hinauf, d voch die unmittelbar von dem Hofe in die obern Wohnun⸗ herein⸗ gen führte. Bei dem erſten Abſatz zeigte Dankmar 1 ſeinem Bruder die hier beobachtete architektoniſche Ein⸗ ic⸗ richtung. Von der Treppe links hinaus ging im⸗ d mer ein langer dunkler Corridor um zwei Schenkel kege des Vierecks herum, das den Hof bildete und alle zu Zimmer lagen mit ihren Thüren auf dieſen Corridor hinaus, mit den Fenſtern in den Hof. Daß und wie edrigen. 4.. boi? die Zimmer numerirt waren, konnte man der Dun⸗ je Me⸗—— 1 len kelheit wegen nicht mehr erkennen. Rechts von der geha/..——... 3 nd Treppe ging eine offene Galerie hinaus um die beiden nen u andern Seiten jenes Vierecks, das den Hof bildete. „ f die Hier auf dieſer zerbrechlichen Galerie ſah man wie⸗ derum eine Menge Thüren, die alle zu abgeſonderten, meiſt nur aus einem Zimmer beſtehenden Wohnungen führten, deren Fenſter größtentheils auf die Galerie hinausgingen. Dieſelbe Einrichtung wiederholte ſich auf der zweiten Treppe. Schade, ſagte Dankmar, daß die Furcht vor Dieb⸗ ſtahl alle Lumpen, alle Wäſche, Betten und Geräth⸗ ſchaften von den Galerien für den Abend entfernt hat. Am Tage war Das heute ein ſchönes Durcheinander! Jetzt iſt Alles ängſtlich hineingenommen, da hier wol kein Nachbar dem andern traut. Wie Siegbert nun dem Bruder in den dritten Stock nachkletterte und er an einem dicken, durch das viele Angreifen ſeifenglatt gewordenen Tau ſich mehr ſchwankend hinaufwinden mußte, als ſicher gehen konnte, wurde ihm die Erinnerung an einen Men⸗ ſchen, der hier wohnte, in dieſen Höhlen des Elends, und ein Packet von hundert Thalerſcheinen auf die Straße hatte werfen können, ſo unglaublich, daß er Dankmar'n darüber flüſternd ſein Befremden aus⸗ drückte. Still! wisperte dieſer. Nichts von Geld hier ge⸗ ſprochen! Wenn du ihm ſeine Summe einhänzigſt, thu' es ſtillſchweigend. Die Nachbarſchaft nach nks wie⸗ derten, ungen jalerie e ſich 9 ander! er wol dritten ch das h mehr gehen m Men⸗ hier ge⸗ hän igſt ſch anks 155 von ihm iſt ehrlich, aber die nach rechts ſoll nichts taugen, obgleich ſie ſich für Hackert's Freund ausgibt und die Veranlaſſung iſt, warum er hier wohnt. Indem waren die Brüder oben. Dies Stockwerk, ſahen ſie wohl in der Dämmerung, war nicht ſo voll— ſtändig wie die andern. Links von der Treppe lagen wol noch dieſelben Zimmer wie unten, aber ſchon Dachzimmer, rechts ging die Galerie nur halb in den Hof hinaus. Die andere Seite war ein Dach. Die Fenſter gingen hier auf dieſe Galerie alle ſelbſt hin— aus und wie ſie ihre morſchen, durchſichtigen Bretter betraten, fiel Siegberten eine mit einer Zahl bezeichnete Thür auf, die mit zwei mit Eiſenſtäben vergitterten Fenſtern zu einem einzigen Zimmer zu gehören ſchien. Hier iſt ja ein Gefängniß, ſagte Siegbert. Nein, antwortete Dankmar leiſe, das iſt Hackert's Wohnung... Aber, ich ſehe kein Licht. Sitzt der im Dunkeln oder hält er nicht Wort? Indem klopfte Dankmar an dieſe Thür, die Nr. 86 bezeichnet war, und klinkte am Drücker. Das Zim⸗ mer war verſchloſſen. Da haben wir eine beſchwerliche Wanderung um⸗ ſonſt gemacht! bemerkte Siegbert, dem dieſer Schluß eines ſo aufgeregten Tages faſt humoriſtiſch vorkam. Vielleicht könnte man gleich bei Nr. 87 vor⸗ —— —— — — — ———— — — — 156 ſprechen, flüſterte Dankmar und auch ohne Hackert die Scene erleben, die ich dir eigentlich beſcheren wollte. Du machſt mich neugierig, ſagte Siegbert. Viel⸗ leicht öffnet ſich eine dieſer Thüren und wie in„Tau⸗ ſend und eine Nacht“ ſind wir ſtatt in einer Höhle plötzlich in einem wunderſchönen Feenpalaſt. Romantiker! ſagte Dankmar lächelnd und pochte jetzt ſo nachdrücklich an Hackert's Thür, daß aus Nr. 85 ein ſpitznaſiger, bebrillter Kopf heraus⸗ ſchoß, ein wahres Original zur Carricatur eines Schreibers. Ah, Herr Schmelzing! grüßte ihn Dankmar. Ich ſtöre Sie doch nicht ſchon im Schlafe? Herr Hackert nicht zu Hauſe? Herr Schmelzing war eben auch erſt wieder nach Hauſe gekommen, voll vom Herrn Oberkommiſſär, der ihm ſein beſonderes Vertrauen ſchenkte und ſtand in Hemdärmeln. Raſch fuhr er wieder in ſein Zimmer zurück und kam nach einer Secunde in einer grünen Jacke mit einem großen grauen befeſtigten Dinten⸗ ärmel am rechten Arm heraus. Er hielt ein Licht, das ſeine Glotzaugen, ſeine ſtumpfe kleine Naſe, den zahnloſen Mund, die endloſe Stirn, das thieriſche Kinn noch mehr illuſtrirte.. ackert heren Viel⸗ Tau⸗ Höhle pochte aus raus- eines . Ich jacketi T nach är, der and in immer den irſche 157 Ganz gehorſamſter Diener, meine Herren— Herr Hackert? Ei ich meine doch— Damit drückte Herr Schmelzing auf die Klinke der Thür ſeines Nachbars. Nein, ſagte er dann erſtaunt und überraſcht von dieſem ſpäten Beſuche ſeines Nachbars, Herr Hackert ſind nicht zu Hauſe; kommen manchmal etwas ſpät. Wünſchen Sie vielleicht zu warten, meine Herren! Woher hab' ich die Ehre Ihrer Bekanntſchaft, meine Herren? Die ſaubere Aufſchrift Ihrer Thür, Herr Schmel⸗ zing, die ich heut' früh ſchon geleſen habe: Herr Schmelzing, Privatſchreiber; nicht ſo? Schmelzing ſtand als wenn er dieſe Worte nicht verſtanden hätte. Dankmar unterſtützte ſie durch einen Fingerzeig auf die Thür. Schmelzing wandte ſich nun erſt an ſeine eigene Thür Nr. 85 und las den Zettel, gleichſam als wenn er ihm unbekannt wäre. Ja woll! Privatſchreiber! Aber auch Herr Hackert ſind ein Meiſter in dieſem Fache. Wünſchen Sie vielleicht unſere Dienſte im Kalligraphiſchen? Ich ſchreibe für viele der Herren Advocaten— auch dich— teriſche Erzeugniſſe— Rollen für die Herren vom Theater— wünſchen Sie vielleicht einen Auftrag aus⸗ geführt? drü Während Schmelzing ſeine Dienſte unterwürfigſt ihm anbot, hatte ſich aber ſchon die Scene verändert. hal Hier und da trieb die Neugier über das ſpäte ſch Lautſprechen auf der Galerie des dritten Stockes jene büch Geſichter zum Vorſchein, die ſchon an der Eingangs⸗ ſpat pforte Siegberten ſo unheimlich erſchienen waren. Auch hör⸗ 1 Frauen in Hauben oder aufgelöſten Haaren fehlten jede 1 a nicht. Letztere mehr hexen- als lurleiartig. Die an⸗ die genehmſte Vermehrung der Geſellſchaft war aber aus ne Nr. 87 ein kleines Mädchen, das wir ſchon kennen, hin Linchen Eiſold, zu der ſich ſogleich auch Wilhelm, ihr kleiner Bruder, geſellte. Dieſer war ſchon ziemlich in: verſchlafen und gähnte ſo laut, daß es VFaſt auf der fu Galerie ein Echo gab. Jene aber knirte gar an⸗ de muthig und ſagte gewandt und höflich, ob die Herren he nicht näher treten wollten; Herr Hackert würde ge⸗ 8 wiß gleich kommen. al Das iſt nun gerade, was ich dir gönnen wollte! 5 flüſterte Dankmar und ſchob Siegberten eine Thür t weiter. e 1 Gute Nacht, Herr Schmelzing, rief er dann ſehr d laut(denn er hatte ſchon weg, daß Herr Schmelzing wol etwas taub war), entſchuldigen Sie die Störung! aus⸗ ürfigſt 1 ſpäte jene ſangs⸗ Auch ehlten je au⸗ r aus ennen, m, ihr jemlich uf dei r all⸗ Herren de ge⸗ wollte „Thül mn ſch mielzing törun 1⁵9 Dieſer mit halb geöffnetem Munde und dem nach— drücklichſten und höflichſten: Bitte, keine Urſache! das ihm aber doch vor Neugier zwiſchen den fahlen Lippen halb ſtecken blieb, ſah den jungen Männern kopf— ſchüttelnd nach, wie ſie unter der Thür Nr. 87 ſich bückend verſchwanden. Alle Augenblicke machte er ſich ſpäter auf der Galerie etwas zu ſchaffen, um zu hören, was in Nr. 87 vorging, einer Wohnung, die jedoch nur eine kleine Küche mit einem Fenſter auf die Galerie hinausgehend hatte. Des Hauptzim⸗ mers Ausſicht ging hinterwärts in ganz andere Höfe hinüber. Der Raum, den Siegbert und Dankmar anfangs in Nr. 87 um ſich hatten, war nicht größer, als daß er für etwa acht Menſchen, die dicht nebeneinander ſtan⸗ den, ausgereicht hätte und doch ſtand hier erſtens ein Feuerherd, zweitens ein Küchenſchrank, drittens ein Bett mit einer Menge geringfügiger Gegenſtände, die alle Platz haben wollten. Eine Thür links führte zu Hackert's Zimmer; doch ſtand zum Zeichen, daß ſie ignorirt wurde, ein Beſen, ein Zuber, ein Eimer und eine Waſchbank davor und eine Thür rechts führte in das große Wohnzimmer. Dies große Zimmer war nun allerdings ſehr ge— räumig und mußte es ſein; denn nicht weniger als ——————— — Se — — —— acht Menſchen waren darauf angewieſen, hier zu woh⸗ nen und theilweiſe auch zu ſchlafen. Das Zimmer hatte drei Fenſter, von welchem zwei geöffnet waren und die kühlende Abendluft der hintern Ausſicht her⸗ einließen, eins aber war verhängt und durch eine Schirmlampe beleuchtet. Hier war Nacht, an den beiden andern kleinen Fenſtern noch leidlicher Tag. An dem beleuchteten Fenſter ſaß ein alter Mann, der auf einem Tiſche vor ſich zwei oder drei alte Uhren, in der Weiſe der Schwarzwälder Uhren, aber viel größere und unförmlichere, ſtehen hatte, in denen er mit einer Fahne von einer Feder die Gänge und Triebräder vom Staube rein kehrte und dann und wann die Uhren ſchlagen ließ. Ein kleines Mädchen von vielleicht fünf Jahren ſtand hinter ihm auf einem Fußſchemelchen und löſte ihm einen kleinen weißgelben Zopf auseinander. Der nach dem uralten, wie abgeſtorben ſcheinenden Greiſe älteſte männliche Bewohner dieſes Raumes, ein junger Mann von vielleicht funfzehn Jahren, ſaß neben ihm und benutzte das ihm zuſchimmernde Lampenlicht, um in einem mit mathematiſchen Zeichnungen ausge⸗ ſtatteten Buche zu leſen. Kaum blickte er zu den Be⸗ ſuchern, die er ungern zu ſehen ſchien, empor. Auf einem Tiſch am zweiten Fenſter ſtanden meh⸗ u woh⸗ gimmer waren ht her⸗ ch eine an den Tag. Mann, rei alte n, aber n denen ge und unn und Mäͤdchen f einem ißgelben einenden nes, ein 16 neben nenlicht 161 rere, wie es ſchien eben geleerte Näpfe, in denen Suppe geweſen ſchien; denn noch ſtand ein Reſt da⸗ von in einer großen irdenen Schüſſel in der Mitte des Tiſches. Ein Laib groben Brotes mit einigen blankgeputzten Meſſern lag daneben. Eben ſtreute ſich ein winziges Bübchen von vielleicht drei Jahren auf ein Stück Brot aus einem Salzfaſſe dicke Körner Salz, um es mit dieſer Delikateſſe ſchmackhafter zu machen. Am dritten Fenſter ſah man einen großmächtigen aufgeſpannten Stickrahmen, der auf zwei Stühlen lag. Daneben ein Tiſchchen mit allerhand bunter Wolle, Schachteln mit weißer Baumwolle, Zeichnen- und Stickmuſter und kleine violette engliſche Quadrat-Pa⸗ piere mit feinen Nähnadeln.* Außer dem alten Uhrmacher mit dem Zopfe be⸗ zeugten alle Anweſenden den eintretenden Herren eine Art Aufmerkſamkeit, bei der jedoch die Ueberraſchung und Schüchternheit die Höflichkeit milderte. Das freundliche Guten Abend! der Brüder wurde nur von einer einzigen wohltönenden unſichtbaren Stimme er⸗ widert, die hinter einem Bettſchirme höoͤrbar wurde, der in einer Ecke des Zimmers ſtand. Ich wundere mich, lauteten die angenehmen Worte vom Bettſchirme her, ich wundere mich, daß Herr Die Ritter vom Geiſte. IV. 11 162 Hackert noch nicht zu Hauſe iſt. Er wollte doch präzis rend um neun Uhr da ſein. Es muß doch ſchon halb zehn Bim geſchlagen haben. 8 Dabei ſchlug es an einer der drei Uhren, die der Citel M alte Eiſold reparirte, mit zwei Schlägen... Bim! d 1 Bim! Es thut uns leid, ſagte Dankmar, Sie zu ſtören, eigen während Sie wahrſcheinlich ſchon Alle an's Schlafen— dag gehen denken. habe Ich noch nicht, ſagte die Unſichtbare und die Gro⸗ nehn ßen auch noch nicht. Großvater geht zu Bett! Die die, Kleinen haben auch ſchon den Sandmann im Auge. gleic Gewiß bringen Sie da hinten Ihr kleines Hann⸗ mein Ichen zur Ruhe. Schl Ach, das ſchläft ſchon mit den Vögelchen ein, aber date 1 es iſt recht unruhig heute, wacht leicht auf und da am 1 hab' ich's einwiegen müſſen und ihm ein paar Löffel Sie warmer Milch gegeben... men 1 Darf man denn wol einmal hinter dem Vorhang ſ die Beſcherung ſich anſehen? Ich bringe meinen Bru⸗ Kerm der mit! Der malt gern die kleinen Engelsköpfe... ern Nicht Engelsköpfe, ſagte die Stimme bedenklich. V Neie Kinder ſoll man nicht Engel nennen, ſonſt ſterben 1 ſie ja. Sind Sie ſo abergläubiſch, fragte Dankmar, wäh⸗ h präzis alb zehn die der Bim! zchlafen⸗ deGir⸗ m Auge. 5 Hant⸗ ein, aber und da aar Löffel Vor hang Pru⸗ nen Bru köpfe bedenlüch ſterben 7 iſt nal, wäh⸗ rend die Uhren einen dreifachen Refrain gaben: Bim! Bim! Bim! Wo der Aberglaube nützlich iſt und wie hier vor Eitelkeit ſchützt... lautete die Antwort. Darf ich näher? ſagte Dankmar. Nein, nein! hieß es hinter dem Schirme; dies iſt eigentlich ein Zimmer ganz für ſich. Der Keeideſtrich da gilt für die Thür. O wenn wir's genau nehmen, haben wir eine zwar recht hohe, aber doch ganz vor⸗ nehme Wohnung. Freilich geht der Eingang durch die Küche! Aber wir haben eine Küche, die auch zu— gleich Schlafzimmer iſt, hier hinter dem Bettſchirm iſt mein, Großvaters und meines kleinen Hannchens Schlafzimmer, hinter dem dunkeln Fenſter iſt Groß⸗ vaters Werkſtatt, am zweiten Fenſter unſer Eßzimmer, am dritten mein Arbeitszimmer. An der Thür, wo Sie ſtehen, müſſen wir leider unſere Beſuche anneh⸗ men, das iſt unſer Beſuchzimmer und dabei ſind wir ſo im Ueberfluß an Raum, daß wir doch noch an Herrn Hackert und Herrn Schmelzing zwei Zimmer vermiethet haben. Was ſagen Sie zu all' dem Reichthum? Die Uhren ſchlugen zuſammen, als wenn ein Di⸗ rigent gerufen hätte: Tutti! Die Sprecherin kam zum Vorſchein. Mit beiden 11* —— —— — 164 Armen hielt ſie die Oeffnung zwiſchen der Mauer und dem einen Ende des Schirmes zu; denn Dankmar wollte eben dennoch Siegberten an die Wiege führen. Als ſie aber im Dämmerlichte bemerkten, daß hier noch zwei Betten und ein ſehr weißes und ſauberes ſtand, das wol ſchon für die Sprecherin ſelber auf— gedeckt war, zogen ſie ſich zurück und beobachteten nun bei halbem Sternen⸗ und halbem Lampenlicht das junge Mädchen, das die Mutter aller dieſer Kinder ſchien, aber in Wahrheit nur die ältere Schweſter war. Louiſe Eiſold mochte nicht viel über achtzehn Jahre zählen. Es war eine blaſſe, wie verklärte Erſchei⸗ nung, der man ſogleich anſah, daß ihr dieſe heitere Plauderei nicht ganz natürlich kam. Die Züge waren von einer in ſolchem Stande ſeltenen Feinheit und Regelmäßigkeit. Naſe, Kinn, mehr ſpitz als rund, aber ſo anmuthig, daß den Lippen mehr Friſche, dem Auge mehr unternehmendes Feuer, dem blonden Haare eine etwas dunklere Färbung zu wünſchen geweſen wäre, um die Wirkung dieſer gefälligen Erſcheinung noch blendender hervortreten zu laſſen. Ein leichtes Kattunkleid, bis oben geſchloſſen, umgab die im Wi— derſpruch mit dem zarten, wol etwas abgehärmten und erſchöpften Geſicht ſtehenden volleren und runden Formen des Körpers. Das volle, hellblonde Haar ler und ankmar führen. aß hier auberes ber auf⸗ zaachteten icht das Kinder ſter war. n Jahre Erſchei⸗ ſe heitere e waren heit und ls rund, ſche, dem en Haale geweſen cheinung leichtes eim Wi⸗ gehärmte nd rundeln „ Haal nde He 165 war in einen einfachen Scheitel gekämmt und trug nur den einzigen Schmuck eines ſchwarzen Sammet— bandes, mit dem hinten die Flechten zuſammengehal⸗ ten waren. Dies Band erſchien faſt wie ein letzter Reſt von äußerer Trauer, die in der That dieſe ſieben Kinder erſt vor wenigen Monaten abgelegt hatten. Die böſe Seuche der Cholera hatte ihnen in Zeit von wenig Stunden Vater und Mutter geraubt, die Enkel des alten Uhrmachers, der demnach eigentlich der Ur— großvater dieſer armen Waiſen war. Aber wo werden denn all' die übrigen Geſchwiſter ſchlafen? fragte Siegbert, den der Einblick in dieſe Welt der Entbehrung rührte. Da werden Sie erſtaunen, ſagte Louiſe und räumte in Eile die Näpfe und die Schüſſel und Teller vom Tiſch, bedeutete auch im Vorbeigehen dem kleinen Heinrich, daß er viel zu viel Brot auf die Nacht äße und ſich's gegen ihre Erlaubniß ſchon wieder ſelbſt ge⸗ nommen hätte... Es iſt nicht wegen des Brots, aber er ſchneidet ſich noch einmal in die Finger, der kleine Nimmerſatt! ſagte ſie, im Gegenſatz zu dem Arzte, der ſich hier doch wol der Skrophelkrankheit wegen würde umgekehrt ausgedrückt haben. Dabei zog Louiſe Eiſold aus einem alten Sopha, das der Thür ziemlich nahe ſtand, eine untere Schub⸗ — —— — — lade hervor und ſiehe! dieſe enthielt ein vollſtändiges Bett. Dann ergriff ſie nacheinander vier Stühle und ſtellte ſie in der Mitte des Zimmers ſo auf, daß für den Beſuch nicht mehr viel Raum übrig blieb. Nun hüpfte ſie hinter ihren Bettſchirm, brachte einen großen Strohſack geſchleppt, bei deſſen Transport ſie jede Hilfe — weil ſonſt nur etwas könnte irgendwo geſtoßen werden, ſagte ſie— ablehnte und zwei Breter. Die Breter legte ſie auf die vier Stühle, auf dieſe Unter⸗ lage warf ſie den Strohſack, legte eine leinene Decke darüber, ein breites Kopfkiſſen, eine Decke, und hatte ſomit wieder für zwei Perſonen geſorgt. In der Küche ſchläft, ſagte ſie, mein älteſter Bruder dort, der un⸗ höfliche Menſch, der über ſeinen Büchern Artigkeit und Schlaf vergißt. Hier hinten Großpapa, ich, Linchen und Hannchenz ſind fünf. In der Bettlade da Heinrich und Wilhelm; ſind ſieben. Hier auf den Stühlen Riekchen, die die müdeſte iſt mit Wilhelm, dem armen Läufer und daher auch ein Bett für ſich allein hat. Sind unſerer acht, wie uns der liebe Gott wunderbar zuſammengelaſſen hat, als Vater und Mutter an der ſchrecklichen Seuche vor faſt einem Jahr hinübergingen. Der alte Eiſold ſchlug wieder an auf einer ſeiner Uhren und da er wol halb zuhörte, gab er auch acht ändiges hle und daß für Nun großen de Hilfe geſtoßen r. Die Unter⸗ e Decke ad hatte r Küche der un⸗ Arigkeit d, ich Bettlade auf den Wilhelm, für ſich eer liebe ater und Schläge und ſeufzte... Sein Zopf war nun ausge⸗ laſſen... Riekchen ſtieg vom Schemel herab und ließ offen das ehrwürdige weißgelbe Haar des alten Mannes ſehen, der jetzt halbtaumelnd aufſtand, von Karl geführt wurde und ohne ſich im mindeſten um ſeine Umgebung zu kümmern, hinter dem Bettſchirm verſchwand. Siegbert gedachte beim Schlagen der Uhr jenes Senſenmannes bei Rudhard und fühlte an einem Schauer, der ihn überlief, daß der Tod hier nahe ſein mußte... Daß Ihr Beruf der eines Engels iſt, der über Geſchwiſtern wacht, ſagte Dankmar zu Louiſen, ſehen wir wohl! Aber was treibt denn der fleißige Leſer dort, der den Großpapa zu Bette bringt und die Uhren da an den Riegel henkt und wovon iſt Wilhelm ſo ermüdet? O, antwortete Louiſe, die Betten auflockernd und ausglättend, ſchon wieder Engel! Ich kann die Ehre und Gnade, ein Engel zu ſein, noch nicht annehmen. Die Engel im Himmel, nicht wahr, Heinerchen(ſie zog den kleinen Heinrich aus) das wiſſen wir ſchon, die haben hier genug herum zu fliegen mit ihren gol— denen Flügelchen und uns auf das nächſte Chriſt— bäumchen zu vertröſten, das wir uns trotz unſerer —— — — —. — —— —— 168 Armuth doch nicht entgehen laſſen. Wir müſſen ar— beiten. Da ſehen Sie meine Tapiſſerie am Fenſter! Aber es iſt zu dunkel. Ich nehme, wenn Großvater zu Bett iſt, ſeine Lampe und ſticke noch bis zwölf Uhr. Die Arbeit drängt... Sie iſt für eine Braut. Die Vergleichung mit einem Engel hatte ihre Ueber⸗ legung ſo in Anſpruch genommen, daß ſie Dankmar's eigentliche Frage überhörte. Siegbert aber gedachte des Gedichtes, das er für Louis Armand überſetzt hatte, und der letzten Strophe: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Juwelen haſt du und die Tugend noch! Kannſt deine feuchten Perlen fallen ſehn Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nähn! Biſt reich wie ſie— o Gott, nun weinſt du doch! Wie, dacht' er, wenn dies das Mädchen wäre, dem Louis Armand das Gedicht gewidmet hatte und Mar Leidenfroſt, der mich auf ſie aufmerkſam machte, Nichts von dieſer Bekanntſchaft wüßte! Aber er hätte nicht einmal gewünſcht, daß Armand's greller ſchmerzlicher Seufzer in der Bruſt dieſes in ihrer Entbehrung glück⸗ lichen Mädchens niedergelegt wurde, das in der un— befangenſten Stimmung, als er ſchon die Frage nach Max Leidenfroſt auf den Lippen hatte, fortfuhr: Der Großvater, der eigentlich unſer Urgroßvater ſen ar⸗ denſter oßvatel zwölf Braut. Ueber⸗ almar's er für trophe: 1. sh re, dem ud Mar Nichts tte nicht erzlicher g glüc⸗ der un⸗ age nach ht: gvatel groß iſt, was wir aber nicht ſagen, weil ihn die andern Leute ſchon den Uhrengroßvater nennen... ja er iſt auch wirklich der Pflegevater von all den Uhren, die noch nach dem alten Schlage hier und da von den Leuten gehalten werden. Von Jahr zu Jahr nahmen die alten Wanduhren ab; aber ſeit kurzem werden ſie wieder Mode. Die reichen Herrſchaften kaufen ſie auf dem Trödel und laſſen ſie ſchön aufputzen und ſo iſt's auch dem alten Väterchen da geſchehen, daß ſein Zöpfchen wieder ſeit einigen Jahren Mode wird und er manche Kunden hat, denen er alle drei Mo⸗ nate einmal in's Uhrgehäuſe blaſen darf und die Rä⸗ der mit Oel glätter machen. Das bringt Holz und Licht. Die Miethe rechn' ich durch Hackert und Herrn Schmelzing. Eſſen und Trinken iſt die Sorge meiner Hände und daß die nicht klein iſt, ſehen Sie wol an den acht geſunden Mägen, denn auch Großväterchen hat noch Gott ſei Dank Appetit trotz ſeiner zwei und achtzig. Kleider, Miethsabgaben, Schulgeld das ver⸗ dienen die Andern. Karl, der da in dem Buch ſtu— dirt, iſt Maſchinenarbeiterlehrling in der Willing'ſchen Maſchinenfabrik. Das Buch da hat er wol aus dem Handwerkerverein von heute mitgebracht. Nicht ſo, Karl? Von Herrn Leidenfroſt hab' ich's, ſagte Karl Ei⸗ ſold etwas artiger als bisher. 170 Siegbert blickte ihm über die Schulter in's Buch und fand, daß es ein Lehrbuch der Mechanik mit Ab⸗ bildungen war. Herr Leidenfroſt beſucht uns manchmal Sonntags, ſagte Louiſe zur Erklärung und Ablehnung jeder Vor⸗ ausſetzung einer nähern Bekanntſchaft mit ſtudirten Herren. Siegbert ergänzte, daß er ihn kenne, worüber Louiſe eine aufrichtige Freude empfand, da ihr Bru⸗ der Karl ſich ſeines beſonderen Schutzes erfreue und Herr Leidenfroſt bei Herrn Willing Alles vermöge... Nun, unterbrach Dankmar, Sie ſind aber noch nicht fertig in Ihrem Staatshaushalt. Miethe, Holz, Licht, Eſſen, Trinken iſt da... aber... da bleibt noch Manches übrig. Die Kleinen da verdienen auch ſchon; ſagte Louiſe. Wilhelm und Karoline gehen Vormittags in die Schule, eſſen dann raſch und von zwei Uhr verdienen ſie. Womit? Wenn wir fragen dürfen? Sie ſind in einer Druckerei beſchäftigt, die große Zeitungen druckt. Bis ſechs Uhr legen ſie die friſch gedruckten Zeitungen und bis neun Uhr Abends tra⸗ gen ſie ſie aus. Im Winter, wenn der Schnee die Poſten aufhält, müſſen ſie oft noch um elf Uhr her⸗ umtrollen, die armen Tröpfe, aber was hilft's! Die 5 Buch mit Ab⸗ untags, er Vor⸗ ſtudirten worüber or Bru⸗ eue und 1öge.., er noch ſe, Hol da bleibt te Louiſe⸗ 4(Schule ſie. die gloße die fiſch Kaufleute und die Gelehrten wollen wiſſen, wie's in der Welt ausſieht und wenn ſie noch ſo verſchneit iſt. Die drei Jüngſten endlich verdienen auch ihren Theil... WasN? riefen die Brüder erſchrocken. Louiſe lachte und ſagte: Ja! Ja! Riekchen verdient, wenn ſie mir Garn wickelt, Heinrich, wenn er hübſch artig iſt und Hann⸗ chen, das dreizehn Monate alte kleine Schweſterchen, das ich nach dem Tode der Mutter mit Milch auf⸗ ziehe, durch ſein gutes Gedeihen und frohes Lächeln. Auch Das muß mit arbeiten. In Freude und Son⸗ nenſchein gedeiht ja Alles beſſer. Aber... Vergeben Sie mir! Herr Hackert! Wo bleibt er nur! Und ich kann Ihnen keinen Stuhl mehr anbieten, außer den da vom Karl! Steh doch auf, Karl! Laſſen Sie, liebe Louiſe, ſagte Dankmar. Wir ſehen, Sie wollen Alle zur Ruhe gehen. Hackert hat nicht Wort gehalten. Wir gehen und wünſchen Ihnen eine geſunde, ſtärkende gute Nacht! Nein, nein, begann Louiſe mit Aengſtlichkeit, Das darf ich nicht; ich kann Sie nicht fortlaſſen. Herr Hackert kommt ſicher ſogleich. Sie glauben nicht, wie er ſich auf Sie und den Herrn Bruder heute freute. Ach, es iſt mir, als wenn ihm ein Unglück droht, 172 das Sie vielleicht abwenden können! Wie Sie heute bei ihm drinnen ſchrieben und er ſo ruhig neben Ihnen auf dem alten harten Sopha lag, das wir ihm doch noch hineinſtellen konnten, da war ich recht froh, daß ein guter Geiſt über ihn gekommen ſchien... Nehmen Sie denn ſo warmen Antheil an Ihrem Miether? fragte Siegbert.. Sollte es nicht jede Seele, die ein Herz in der Bruſt hat? war die Antwort. Gibt es unglücklichere Menſchen, als die in der Nacht wandeln. Siegbert ſah Dankmarn erſtaunt an. Hackert iſt ſomnambul! ſagte Dankmar zum Bru⸗ der. Die eiſernen Stäbe, die dir auffielen, ſind nicht ohne Abſicht vor ſeinen Fenſtern. Siegbert konnte ſich kaum über dieſe Mittheilung zurechtfinden. Er fragte voll innigſter Theilnahme, wie lange Hackert an dieſem Uebel litte, wann man es zuerſt bemerkt hätte, wie und wo? Der lebendige Antheil, den er ſeit dem Nachmittag in Tempelheide an Hackert nahm und den nur die Mittheilung Dank⸗ mar's von heute früh, Hackert verdiene ſeine gute Meinung nicht, etwas wankend gemacht hatte, gab ſich in ſo lebhaften Fragen wieder kund, daß Dankmar ihn an die Nothwendigkeit erinnern mußte, dieſe des ſchlu trete komn im Brl⸗ ind nicht tcheilung älnahmme, nn man ſebendige npelheide Dant⸗ Schlummers bedürftige große und kleine Welt ſich nun allein zu überlaſſen. Louiſe aber widerſtand ſeiner Abſicht zu gehen auf's beſtimmteſte. Sie verrieth dabei einen Antheil an Hackert, der über das allgemeine Mitleid wegen ſeines körperlichen Zuſtandes hinauszugehen ſchien. Sie haben Recht, ſagte ſie, laſſen Sie dieſe ſchlummern! Aber ich mache Ihnen den Vorſchlag, treten Sie in ſein Zimmer ſelbſt ſo lange ein, bis er kommt. Es iſt verſchloſſen; ſagte Dankmar. Wohl, auch von dieſer Seite da... antwortete Louiſe. Sie öffnete die Thür und zeigte auf die durch allerhand Küchengeräthſchaften verſtellte Nebenthür, die zu Hackert's Zimmer fuͤhrte... Allein ich habe den Schlüſſel zu dieſer Nebenthür! fuhr ſie fort. Treten Sie hier ein! Ich bringe Licht und Sie warten noch einige Augenblicke. Die Brüder wurden ſo von des Mädchens be— ſtimmtem Willen geleitet, ſo von den kleinen Geſchwi— ſtern, die gähnend aber auch neugierig ſie umſtanden, gedrängt, daß ſie ſich gefallen laſſen mußten, zu blei⸗ ben. Man räumte Alles von der Verbindungsthür fort und ſchloß ſie auf. Louiſe ſagte den Kindern, ſie ——:—— 114— ſollten den Herren Gute Nacht! ſagen. Dies geſchah und einige Sekunden darauf waren die Brüder in Hackert's dunklem vergitterten Zimmer ganz allein... Louiſe rief von der Küche, ſie käme ſogleich nach mit Licht... Karl Eiſold, der älteſte Bruder, bewegte ſich bei allen dieſen Unternehmungen ſeiner Schweſter nicht im geringſten. Nur als ſie einen zu lebhaften An⸗ theil an Hackert verrieth, ſchlug er das Buch, in dem er geleſen hatte, faſt heftig zu und ging hinter die Tapetenwand. Er ſchien mit ſeiner Schweſter über irgend etwas geſpannt zu ſein... Nun, hatt' ich Recht, begann Dankmar, als die Brüder in Hackert's Zimmer in der Dunkelheit allein waren, hatt' ich Recht, dir die Bekanntſchaft dieſer eigenthümlichen, häuslichen Exiſtenz deines Schützlings zu verſchaffen? Was das Gemälde, das du hier be— obachteteſt, doppelt anziehend macht, iſt die Beziehung auf Hackert, der, ſprach ich auch heute in der Frühe gegen ihn, dein erſtes Gefühl nicht getäuſcht hat und wol mehr bemitleidenswerth als zu fürchten iſt. Faſt möcht' ich glauben, daß ihn dieſes edle Mädchen, das ſich dem Wohle ihrer Geſchwiſter opfert, liebt... Sprich nicht ſo laut, flüſterte Siegbert, hier nebenan horcht der Schreiber Schmelzing.. wie hina freie hina ſchn übe den bei men nich M doc kor geſchah üder in ein... ach mit ſich bei T nicht en An⸗ ich, in hinter chweſter als die ſt allein t dieſer zußlings hier be⸗ eziehung he gegen ol mehr dchk ich ſich dem nebenan Es war ſo finſter in dem, wie Siegbert wohl merkte, engen Zimmer, daß ſie ungeduldig das Licht erwar— teten, mit dem Louiſe zurückkehren wollte... Indem fiel ein Lichtſchimmer von der Galerie her durch die vergitterten Fenſter. Man hörte ein Raſcheln, wie von Jemanden, der ſich an dem Stricke der Treppe hinaufwand; denn mehr ſich daran hängend, als mit freiem Tritt auf den ſchmalen Stufen, konnte man hinauf. Sollte Dies endlich Hackert ſein? flüſterte Dankmar. Es wäre Zeit. Ich glaube nicht, daß man bis nach zehn Uhr gut in dieſen Häuſern bleiben kann. St! flüſterte Dankmar und horchte. Der Ankommende huſtete und bewegte ſich ſehr ſchwer. Er hatte ein Mützchen auf, das ziemlich weit über den Kopf ging und ſtützte ſich auf einen Stock, den man vielleicht gut that, in dieſen Räumen immer bei ſich zu führen. Die Laterne, die den Lichtſchim— mer verbreitete, hielt ein altes Weib, das die Brüder nicht kannten... Es war die Vizewirthin Frau Mullrich. Da iſt Nr. 86 flüſterte die Alte. Herr Hackert muß doch zu Hauſe ſein; die Herren ſind nicht wieder ge— kommen. Der Mann in der Mütze klopfte an die Thür des 176 Zimmers, in dem Siegbert und Dankmar noch im Dunkeln ſtanden. Sie hielten ſich zwiſchen dem Pfei⸗ ler der beiden Fenſter, um durch den von der Galerie hereinfallenden Lichtſchimmer nicht bemerkt zu werden. Der Mann in der Miütze klopfte wiederholt. Ci, ei, rief Frau Mullrich jetzt laut, Herr Hackert nicht zu Hauſe? Ei, ei! Eil! Ei! Sie münzte dieſes Ei! Ei! auf die beiden Herren, die, wenn Hackert nicht anweſend war, ſicher zu Louiſe Eiſold gegangen waren... Klopfen Sie doch ſtärker, fuhr ſie boshaft fort. Herr Hackert ſchlafen vielleicht ſchon. Ich glaube den alten Störenfried zu kennen, flü— ſterte Dankmar ſeinem Bruder zu. Irr' ich nicht, ſo iſt es der Geſchäftsführer des Juſtizraths Schlurck, der auch von dieſen alten Häuſern die Verwaltung beſitzt... Du weißt noch gar nicht, welches Intereſſe wir an dieſen Häuſern haben müſſen... Noch hatte er ſeine Rede kaum ausgeſprochen, als ſich beide Brüder von einer weichen Hand ergriffen fühlten und einen warmen Athem dicht an ihrem Ohre fühlten... Halten Sie ſich ruhig! Der Alte iſt Hackert's Feind! Er kann nichts Gutes bringen. Wir ſagen, er iſt nicht zu Hauſe. loch im m Pfei⸗ Galerie werden. U Hackert Herren, u? oliiſe aft fort. ꝛn, flu⸗ nicht, ſo Schlurd rwaltung Intereſſe hen, als ergiiffn em Ohre Hackett ir ſagen, 177 Es war Louiſe, die leiſe hereingeſchlichen war und ihnen dieſe Verhaltungsmaßregel zuflüſterte. Kommen Sie, Herr Bartuſch! Kommen Sie! Die beiden Herren ſind bei Fräulein Louiſe! Ich irrte mich! Herr Hackert ſind noch nicht zu Hauſe! Dieſe laut betonten, recht abſichtlich hervorgekrächz⸗ ten, boshaften Worte der Frau Mullrich machten, daß die Brüder das plötzliche Kaltwerden der Hände des Mädchens fühlten, von denen jeder von ihnen eine in der ſeinen hatte. Wie? flüſterte Dankmar; die Alte wäre frech ge⸗ nug, anzunehmen, daß wir... 2 Laſſen Sie uns ſagen, daß wir in Hackert's Zimmer ſind! Nein, nein, bedeutete Louiſe... Aber ſelbſt die beſte Abſicht Dankmar's, für ihre Ehre einzutreten, war nicht mehr raſch auszuführen; denn ſchon hatte ſich Bartuſch brummend wieder zum Aus⸗ gang der Galerie gewandt und mit einem lauten zwei⸗ deutigen Huſten und Räuspern den Rückweg ange⸗ treten. Frau Mullrich leuchtete ihm und kicherte ſo grell und höhniſch, daß es Louiſen ſchauderte. Wie können Sie nur zugeben, ſagte Siegbert, als ſie wieder im Dunkeln waren, daß dieſe Menſchen ſich in der Meinung entfernen, wir wären bei Ihnen? Die Ritter vom Geiſte. IV 12 178 Louiſe ſtrich an einem Feuerzeuge und zündete nun ein Talglicht auf einem blechernen Leuchter an.. Sie ſprechen ſo leiſe, ſagte ſie lächelnd, daß ich Sie kaum verſtehe. Werden wir hier nicht belauſcht von Schmelzing? Der iſt ſehr neugierig und boshaft genug, aber der glücklichſte Zufall wollte, daß er ſchwer hört. Ich bin überzeugt, er hat ſich den alten Kleiderſchrank, der hier an der Thür ſteht, weggerückt und horcht jetzt. Aber wenn Sie nicht zu laut ſprechen, bleibt ihm Alles unverſtändlich. Während ſich Siegbert nun in Hackert's Zimmer umſah und eine gewiſſe Ordnung an dem niedrigen Bett, dem ſchwarzbezogenen Sopha, dem Schreibtiſche, einem mit einem Vorhange bedeckten Kleiderriegel, eine Waſchbank mit Schüſſel und Seifennäpfchen, ja ſo⸗ gar einen kleinen Spiegel anerkennen mußte, tadelte Dankmar wiederholt, daß ſich Louiſe den falſchen Schein gegeben hätte, als wären ſte bei ihr. Nehmen Sie doch Das nicht ſo genau! antwortete Louiſe. Mir iſt die Freude, daß dieſer alte Schleicher Hackerten nicht getroffen hat, viel mehr werth als der falſche Schein für meine Perſon. Wir Mädchen aus den armen Ständen ſind, was wir ſind. Unſer gan⸗ zes Leben iſt dem Verdachte preisgegeben. Nur die, F. nelzing? aber der rt. Ich ank, der cht jebt ibt ihm Zimmel niedrigen reibtiſche gel eine n in ſo⸗ 2) tadelle e1 Schein utwortele „ leichet Schleich Hals der chen aub nſer gan⸗ Nut di die in Wahrheit etwas zu verbergen haben, ereifern ſich, wenn ſie einmal in einem falſchen Lichte erſchei— nen. Und dieſer Alte weiß wohl, daß ich mehr für mich habe als den bloßen Schein. Wie ſo? fragte Siegbert. Kennen Sie ihn? Ich kenne ihn und er kennt mich. Hackert zog zu uns auf Empfehlung dieſes Nachbars, des Schreibers Schmelzing, der viel bei dem Juſtizrath arbeitete. Auch entſann ſich Hackert des alten Großvaters, der ſonſt bei Schlurcks gearbeitet hatte, als noch die ſchöne Melanie nicht regierte und alles Altmodiſche wegjagte und wegräumte. Seitdem iſt dieſer Bartuſch, Bar⸗ tuſch heißt er, oft hier geweſen. Er kennt jeden Win⸗ kel dieſer Häuſer und wuchert und preßt der Armuth ihre Thränen in Geld ab. Mich wundert, wie er ſich ſo ſpät Abends noch in dieſen dritten Hof wagt, wo Manche wohnen, die ihm das Schlimmſte ge— ſchworen haben. Weiter ließ ſie ſich in Erörterungen nicht ein, bat ſie nun, ihr Gehen zu entſchuldigen und erſuchte ſie dringend, doch nur noch eine Viertelſtunde zu warten. Hackert wäre gewiß ohne ſeine Schuld verſpätet. Er käme ſicher. Er hätte ſich zu lebhaft gefreut auf die⸗ ſen Abend. Ja ſie müſſe ihnen ſogar geſtehen, daß ſie ſelbſt heute ausgegangen wäre und Thee, gute 12* 180 Butter und Braten gekauft hätte, für den erwarteten hohen Beſuch. Ob ſie denn in der Küche nicht den ſiedenden Keſſel mit heißem Waſſer bemerkt hätten? Die Brüder gewannen jetzt erſt die volle Ueber— ſicht des Zimmers, in dem ſie ſich befanden und ent— deckten in einer dunkleren Ecke ein Tiſchchen mit Taſſen, einer Theekanne und einem gehäuften Teller mit Bra⸗ ten. Daneben ein großes feines Brot und Butter und Zucker und Meſſer... O ſagte Louiſe, das iſt zwar Alles ſehr einfach und nicht beſſer, als es meine armen Aeltern hinter⸗ ließen, die beide in der Willing'ſchen Fabrik arbeiteten und doch nur wenig erübrigten, um neben dem Nöthi⸗ gen auch für den Luxrus zu ſorgen. Für uns iſt eine Theekanne Lurus. Und doch iſt ſte da und ich wünſchte, da ſie vielleicht nie gebraucht wurde, ſie käme heute noch an die Reihe, eingeweiht zu werden und Sie ſäßen mit Hackerten bis in die tiefe Nacht. Bis zwölf Uhr kann man aus und ein... und auch ſpäter noch. St! Hören Sie nichts? Ich glaube, man kommt. Damit hüpfte Louiſe wie ein raſchelndes Mäuschen davon... Es war aber nur eine Liſt, daß ſie Jemanden zu hören glaubte; ſie hatte nur die Abſicht, die beiden jungen Männer feſtzuhalten warteten icht den ätten? Ueber⸗ nd ent⸗ Taſſen, nit Bra⸗ Butter einfach hintet⸗ rbeiteten n Nöthi⸗ ſſt eine 181 Ihr Bruder Karl ſchien aber damit nicht einver— ſtanden. Er empfing, wie die Brüder hörten, Louiſen mit Vorwürfen über ihr Rumoren, ihr Spektakeln, ihre Tollheiten... Sie erwiderte gereizt und trumpfte ihn ab. Denk' an Danebrand! ſagte der Bruder mit zor niger, lauter, faſt donnernder Stimme... Darauf war Alles ruhig... todtenſtill... Danebrand? Die Brüder flüſterten ſich den Namen zu und ſahen ſich erſtaunt an. Danebrand war, wie Siegbert ſich erinnerte, der Name eines Maſchinen⸗ arbeiters... Ihre Situation kam ihnen, in dem ſpär⸗ lich erleuchteten Zimmer, hinter den Eiſenſtäben des Fenſters, in der Nähe des zornigen jungen Karl Ei⸗ ſold, vor dieſem kleinen Tiſch mit Eßwaaren und der plötzlichen Ruhe nebenan vor, wie die Verzauberung eines Märchens. Siebentes Capitel. Caliban. Dankmar ſchwieg verſtimmt über Hackert's nicht ge⸗ haltenes Wort. Siegbert aber hatte, als ſie ſich auf das ver⸗ brauchte, harte Sopha niederließen, ſo viel Humor, daß er anfing: Es ſcheint, lieber Bruder, als wenn wir jetzt erſt an unſer Grün'ſches Diner kommen! Ich habe Hun⸗ ger und geſtehe dir: Ich bin geneigt, dem Braten da zuzuſprechen, auch ohne Thee und ohne Hackert. Aber deine Aufklärungen würden dabei das beſcheidene Mahl würzen. Bin ich ſatt, ſo werd' ich auch dir noch manches Seltſame vorzutiſchen haben. Iß, Siegbert! Greif zu! ſagte Dankmar. Ich kann mir denken, daß dich der Herzensjammer heute von aller Befriedigung deines thieriſchen Menſchen fern gehalten hat und nun rächt ſich die verſtoßene 3 nicht ge⸗ das vel⸗ jel Humor, ir jetzt erſt habe Hul⸗ Braten da tert Aber dene Mahl dir noch Ich nmer helli Menſchen vel ſto hene mal. 183 Mutter Natur und kommt von ſelbſt, ohne gerufen zu ſein... Siegbert begann wirklich das Brot mit einem etwas ſtumpfen Meſſer zu„zerſäbeln“ und dem Braten zu⸗ zuſprechen, zu dem ſelbſt das Salz nicht fehlte... Mit Butter war er ſehr delikat. Er mußte die Men⸗ ſchen ſchon ſehr genau kennen, ehe er ihre Butter aß. Dankmar begleitete ſeinen Appetit mit der Be⸗ merkung: Ich muß mir meine Hohenberger Reiſebeſchreibung auf günſtigere Zeit aufſparen. Wozu nützt ſie auch? Iſt doch mit dem Namen Melanie des ganzen Witzes Spitze abgebrochen! Kommen wir darauf für's Erſte nicht zurück! Was trieb dich nur heute früh in dieſe Spelunke, wo wir, wenn wir's genau nehmen, auf die gemüth⸗ lichſte Art im Handumdrehen verſchwinden können? Da nebenan jetzt ganz ſtill ein Riegel vorgeſchoben und wir ſind in der Falle. Als ich mich heute früh von dir entfernte, begann Dankmar, hatte mir der Name deiner Angebeteten einen Schlag vor den Kopf gegeben. Du weißt, was mich drängt und treibt! Du haſt hundertmal gehört, daß ich einem Beſitze nachjage, der unſerer Familie auf die rechtmäßigſte Weiſe von der Welt gehört— — — — ——= 184 Auch dieſer prächtige Palaſt hier iſt ja wol in ge⸗ wiſſem Sinne der unſerige? ſagte Siegbert ſpottend. Spotte nur! Du haſt ein Recht darauf! Denn aus Mismuth, eine ſo wichtige Angelegenheit, wie die der Reclamation meines Schreins, von heute auf mor⸗ gen zu verſchieben, das iſt nur möglich, wenn man der Romantik etwas zu tief in die verſchwommenen Augen geblickt hat und ſich recht gründlich über die Nothwendigkeit ärgerte, einem Gedanken ſo verführe⸗ riſcher Art, wie dem an Melanie, Laufpaß geben zu müſſen. Ich ſaß eben am Paradeplatz wie ein recht lächerlicher Herzenskranker— Bruder! Ich kann das Selbſtironiſiren ſeiner Ge⸗ fühle nicht leiden— ſagte Siegbert und legte das Meſſer fort. Nun iß nur! Schone die Küche deines Proleta⸗ riers nicht..! Ich will ernſt ſein. Wie ich am Pa— radeplatz endlich mit einem vernünftigen Entſchluſſe mich erhob und wegen meines Schreines zu Schlurck gehen wollte, glaubt' ich in einer Straße einen Frem⸗ den zu entdecken, der mit ſeinem Sohne in Hohenberg mich erordentlich gefeſſelt hatte. Ich eile jener Straße zu und finde im Gedränge zwar den Frem⸗ den nicht, ſehe aber plötzlich Hackerten. Du mußt wiſſen, daß ich ihn mit der Bezeichnung: Schurke wol in ge⸗ ſpottend. auf! Denn eit, wie die te auf mor⸗ wenn man wommenen h über die verfühte ß geben zu j ein recht ſainer Ge⸗ legte dad es Proleta⸗ ih an Pa⸗ Eniſchlußſ u Schlurch nnen Frem⸗ Hohenbelg iile jener grem⸗ den Freun du mußt Schurte 185 oder Schuft oder einer ähnlichen Liebkoſung verlaſ⸗ ſen hatte. Und der Androhung einer Klage, die ihm Laſally anhängen wollte... Richtig! Wegen Pferdemordes! Pferdemordes? Du willſt mir den Appetit ver⸗ derben— Wegen drei verdorbener Pferde!.. Da, Bruder, willſt du den Reſt dieſes Bratens? Ich eſſe nicht mehr. Dankmar erzählte aber im Ernſt mit kurzen Um⸗ riſſen dieſe Begebenheit und Hackert's ſo gut wie er⸗ wieſenen Antheil daran. Bruder, ſagte nun Siegbert wirklich erſchreckt. Ich erlebe, die Thür rechts und links geht hier auf und wir werden von Männern mit langen Meſſern be⸗ grüßt. Die Mondſucht iſt nur ein reiner Vorwand für dieſe eiſernen Gitter.. Doch nicht! Daß Hackert im Monde wandelt, ſah ich auf dem Heidekrug mit eignen Augen, es war ein Anblick, der mich und den Vater unſerer Melanie tief erſchütterte. Genug, die Liebkoſungen Schulke und Schuft, mit denen ich Hackerten ſpäter verlaſſen hatte, hinderten nicht, daß ich ihm heute früh zurief, wo, jener Fremde, Ackermann und ſein Knabe, eben ver⸗ ſchwunden wären? Erſt gab er mir keine Antwort und wollte mich nicht kennen. Ich fing dann von ſeinem dir übergebenen Pfande von hundert Thalern an, gratulirte ihm zu dem Sieg über ſein Gelüſt, auch das vierte Pferd dem Laſally zu morden und gerieth darüber mit ihm in ein anfangs ſehr hitziges Geſpräch. Er führte mich bei Seite— Bruder! Brauch nicht ſo aufregende Wendungen! Bei Seite führen— bei Seite bringen— ich möchte gern, mein Appetit käme wieder. Gedulde dich ein wenig; er kommt. Hackert? ſagte Siegbert und ſprang halb ſcherzend, halb ernſt auf. Nein, nein, dein Appetit... Dankmar freute ſich, ſeinen Bruder trotz Melanie und der Entſagung ſo ſcherzend angeregt zu finden. Ich wandte mich, fuhr er fort, mit dem Pferde⸗ mörder in eine entlegenere, ſtille Gegend der Stadt und da erzählte er mir, daß er mit jenem Fremden und dem Knaben die Rückreiſe von Hohenberg ge⸗ macht. Sie hätten ihn freundlich aufgenommen und ihm Gutes gethan. Gutes? fragt' ich. Was meinen Sie damit? Mich milde getragen, wie ich bin und Nachſicht gehabt mit meinen Fehlern. Siegbert unterbrach und ſagte: Antwort dann von t Thalern n Gelüſt, -iden und hr hitiges ndungen! ch mochte ſcherzend, Melanie finden. m Pferde⸗ der Stadt Fremden nberg ge⸗ men und as meinen bin und Was willſt du mehr, iſt Das nicht eine Sprache, die ſich hören läßt? Ich kam dann, fuhr Dankmar zuſtimmend fort, auf die unglückliche Krankheit des Nachtwandelns. Er wich mir aus. Doch als ich ihm erzählte, wie ich ihn auf dem Heidekrug ſelbſt in dieſem Zuſtande beob⸗ achtet hätte, ſagte er: Auf dem Heidekrug müſſe Mag⸗ net in der Erde ſein; dort hätte es ihn wieder getrof⸗ fen, gerade in dem Augenblick, als man mir das Bild brachte. Das Bild? fragt' ich erſtaunt. Denn ich muß dir geſtehen, dies Bild iſt mir auf die ſeltſamſte Weiſe in die Hand gekommen. Darauf hin ergab ſich denn jene Erzählung, die ich dir im Bilde von der Eidechſe und der Katze brieflich niederſchrieb. Me⸗ lanie hat mir einen großen und anerkennenswerthen Dienſt erwieſen, aber dabei ſo viel Rückſichten geopfert, daß ich ihr ſtatt dankbar, gram wurde. Wenn du meine Hohenberger Abenteuer erfährſt, wirſt du klarer ſehen und mir vergeben, daß ich aus Liebe zu dir und zu mir ſelbſt beſchloß, dieſen Gedanken ganz an der Wurzel aus unſerem Herzen zu reißen und Hohen⸗ berg für einen Traum zu nehmen.... Dankmar erwartete eine Antwort, doch ſchwieg Siegbert und ſtützte den Arm auf die harte Holzlehne des Sophas. — ——j— ——— 188 Nach Allem, was ich mehr gewaltſam aus Hackert herauslocken mußte, als freiwillig erzählt bekam, fuhr Dankmar fort, hatt' ich mir auch eine eigenthümliche Beziehung Hackert's zu Melanie zuſammenſetzen müſ⸗ ſen. Er war in Schlurck's Hauſe erzogen. Er iſt plötzlich von dort entfernt worden. Man fürchtete ſeine Nähe und ſorgte doch für ihn. Laſally, der um Me⸗ lanie's Hand wirbt, mishandelt ihn. Er rächt ſich durch eine ſcheußliche Gewaltthat an ſeinen Pferden. Wie ich alle dieſe Dinge Hackerten vorhalte und mit der etwas groben Logik, die uns Juriſten eigen iſt, ihm auf den Kopf meine Vermuthungen zuſpreche, milderte ſich ſein trotziger Ton, legte ſich faſt ſogar das ſtruppige rothe Haar und mit weicher Stimme beginnt er: O, wenn Sie in mein Leben ſähen! Wenn Sie Ihr Bruder wären, was wollt' ich nicht Alles ſagen und meinen Kummer vergeſſen! Dieſe Worte rührten mich und herzlich ſprach ich ihm zu, doch auch mir zu vertrauen. Mit großem Blicke ſah er mich darauf an und ſchwieg. Wie leben Sie? Wo wohnen Sie? Was ſind Sie? fragt' ich. In⸗ dem waren wir in unſern Geſprächen in dieſe Ge⸗ gend gekommen, und wie von einem guten Gedan⸗ ken ergriffen, ſagte er: Wollen Sie meine Wohnung ſehen? Kommen Sie! Ich bin Ihrer Theilnahme nicht aus Hackert bekam, fuhr enthümliche ſetzen müſ⸗ en. Er iſt rchtete ſeine er um Me— rächt ſich n Pferden t und mit deigen iſt uſpreche, faß ſogar er Stimme gen! Wenn nicht Alles dieſe Worie r zu, doch Blicke ſah leben Sie“ ich Jll⸗ dieſe Ge⸗ ten Gedan⸗ Wohnung nahme rich 189 ganz unwerth. Ich folgte ihm und er führte mich hierher. Ich werde eiferſüchtig werden, daß du mir einen Freund abwendig machſt! ſagte Siegbert, die eigne Rührung nur hinter Scherz verbergend. Hier lernt' ich nun dieſe Schweſter, fuhr Dank⸗ mar fort, die ſechs jüngeren Geſchwiſter, Kinder zweier vor einem Jahre an der Cholera geſtorbener Aeltern kennen, den alten Uhrmacher, und ſo viel Beſcheide⸗ nes, ſo viel Einfaches, Gutes, Sittliches, daß ich Hackerten aufforderte, mir daſſelbe Vertrauen zu ſchen⸗ ken wie dir. Er lächelte ungläubig und ſagte: Sie werden gegen mich zeugen und ein Jahr Zuchthaus iſt mir wol gewiß. Er ſtellt ſein Verbrechen nicht in Abrede? *Leider nein! Ja, im Gegentheil äußerte er: Es iſt gut, daß ich dorthin komme. Wer weiß, ob ich Laſally nicht noch einmal ſelbſt umbringe, wie ſeine Pferde. Meine Fragen um den genaueren Zuſam⸗ menhang ſeiner Feindſchaft gegen dieſen Mann ließ er unbeantwortet. Um Zeit zu gewinnen, daß er zu mir Vertrauen faſſe, bat ich ihn, auf dieſem Tiſche da am Fenſter einen Brief ſchreiben zu dürfen. Er rückte mir Alles hin und ſchien ein Wohlgefallen daran zu finden, mir die Ordnung ſeiner Schreibmaterialien 190 zu zeigen. Während er hier auf dem Sopha ausge— ſtreckt lag und eine Cigarre nach der andern halb an⸗ rauchte und dann zerknittert wegwarf, ſchrieb ich dort den Brief an dich. Als ich ihn zuſammengelegt hatte, fing er an: Und wär' es vielleicht beſſer, ich ginge nicht in's Zuchthaus? Muß denn Laſally Recht be⸗ 3 halten? Ich antwortete ihm: Hackert, wie können Sie W glauben, daß ich mit Jemanden zehn Minuten unter I einem Dache zubringen, an ſeinem Tiſche ſitzen und V nicht Alles aufbieten würde, um ein ſolches Unglück abzuwenden? Wollen Sie Das? ſagte er, immer noch — —S — 3 mistrauiſch. Es iſt nicht um mich, mir möcht' es h 3 doch wol am dienlichſten ſein, aber dieſe Menſchen hier nebenan lieben mich. Die Louiſe macht ihren Bruder Karl auf mich zornig. Sie ſoll einem An— 4 dern gehören. Ich kann ſie nie lieben und haſſe die Weiber, fliehe wenigſtens die guten; aber dieſe Louiſe 1 liebt an mir Das, was leidlich und wenigſtens beſſer als mein übriges Schlimmes iſt. Sie will aus mir einen braven Kerl in ihrem Sinne machen, wozu ich Talent hätte, wenn ich wüßte, wozu? Ein braver 1 1 Kerl! Es iſt das Langweiligſte von der Welt! Für mich ſo viel, wie Ihnen vielleicht das Wort: ein gu⸗ ter Bürger in's Ohr klingt. Gott verdamm' mich! Ich wünſchte, ich wäre etwas Rechtes— nein, nein, pha ausge⸗ n halb an⸗ jeb ich dort elegt hatte, iich ginge ˖Necht be⸗ können Sie zuten unter ſitzen und hes Unglüch inmer noch möcht es e Menſchen nacht ihren einem An⸗ id haſſe die dieſ koli ſeens beſer aus mir 1, wozll Dich Ein baber Welt Für oft: ein ⸗ amm nich! nein, nein laſſen Sie nur! Bezeugen Sie die Kugeln! Ich will in's Zuchthaus. Eine Bahn muß der Menſch haben. Menſchen, die unglücklich lieben, ſind Narren... Toll⸗ haus oder Zuchthaus! Unglücklich lieben? Wen liebt er denn? Er nannte ſeinen Gegenſtand nicht. Aber was hindert mich, anzunehmen, daß es Melanie iſt? Siegbert horchte ungläubig auf... Erkenne auch darin einen Grund zu den beſtimm⸗ ten Aeußerungen und Abmahnungen meines Briefes; fuhr Dankmar fort. Dieſe Melanie iſt mit ihm er⸗ zogen worden... Unvorſichtig genug galten Beide ſo lange für Geſchwiſter, bis ſie eines Tages merkten, daß ſie es nicht ſind. Wenn ich aus dunklen An⸗ deutungen mir eine Idee zuſammenſetzen darf, ſo glaub' ich, daß Hackert nur um Melanie aus dem Hauſe Schlurck's entfernt wurde und mit ſeiner verzehrenden, krankhaften Liebe für ſeine ehemalige Geſpielin der Familie eine Laſt und Qual iſt. Ich erſtaune! Das hebt mir Hackerten! ſagte Siegbert. Melanie aber ſetzt es herab, antwortete Dankmar. Das wirſt du eingeſtehen? Ich fühle ſo etwas! Und ich freue mich, daß du meinen Brief nicht 492 mehr für grauſam hältſt. Endlich drang ich in Hackert, mir die volle Wahrheit zu ſagen. Ich verſpreche ihm, ſogleich zu Laſally zu gehen und Alles aufzubieten, ihn von einer weitern Verfolgung dieſer Angelegenheit zurückzubringen. Barmherzigkeit von dieſem Schurken? rief er. Sehen Sie das Maal hier an der Stirn! Fühlen Sie dieſe Ritze in der Kopfhaut! Denken Sie ſich dieſen Kopf mit Blut beſudelt! Wollen Sie mei⸗ nen Rücken ſehen? Soll ich ihn entblößen? Wollen Sie die Sporen erkennen, die mir der Unmenſch und ſeine Knechte in die Hüfte traten? Um Gotteswillen— Ich erſchrak wie du über die furchtbare Heftigkeit der Erinnerung an eine Brutalität, die man ſich mit dem kranken Menſchen erlaubt hatte... Ich begriff ſeine Rache. Seine Stimme war ſo grell, ſo krei⸗ ſchend geworden, daß Louiſe, nicht durch dieſe Thür, ſondern von der Galerie hereinſtürzte und in allen Mienen eine Beſorgniß ausſprach, die ſich mir ſehr bald als eine ſolche verrieth, die von ähnlichen Wuth⸗ ausbrüchen nicht überraſcht ſein konnte, da ſie häufig vorkamen. Ich gehe, Hackert, ſagt' ich. Mäßigen Sie ſich! Ich ſpreche mit Laſally. Wann kann ich Sie heute noch ſehen? Er ſchwieg und ſtützte den Kopf auf. Drinnen ſchlugen die Uhren des alten in Hakert, vreche ihm, ußubieten, gelegenheit Schurken? er Stirn! eenken Sie Sie mei⸗ / Wollen eenſch und Heftigkit n ſich mit ch begrif 4 ſo krei⸗ ieſe Thül, ) in allen mir ſeht en Wuth⸗ ſe häufig Mäßigen n kann ih ttütte d 193 Mechanikers. Bim! Bim! wiederholte er die Schläge und zählte weit über zwölf hinaus. Wo iſt Riekchen? fragte er wie abweſend. Als ihm Louiſe ſagte: Sie wickelt mir Wolle, frug er: Und Hannchen? Die ſchläft! ſagte Louiſe. Kommen Sie doch hinüber! flüſterte er dann mit ſchwacher Stimme und zog mich in das Zimmer, wo wir waren, den Weg, den wir ſelbſt vorhin nahmen. Da ſah ich denn dieſe Ar⸗ muth, dieſe Beſchränkung und als ich von ſechs Ge— ſchwiſtern hörte und daß die alle hier des Nachts Platz hätten, ſagt' ich zweifelnd, dann komme ich heute Abend um neun Uhr. Das muß ich ſehen. Ich bringe den Bruder mit. Ich öffnete dann den Brief noch einmal und ſchrieb dir dieſes Rendezvous. Er verſprach mir nicht ausdrücklich hier zu ſein. Aber Louiſe winkte, ich ſollte nur kommen. Er würde nicht fehlen. In ſolchen Stimmungen der Wehmuth kenne ſie ihn... Und doch hat ſich das arme Mädchen geirrt! Hörſt du drinnen die Uhren ſchlagen? Es iſt zehn... Er iſt nicht da... Haſt du denn bei Laſally etwas aus⸗ gerichtet? Leider nein! antwortete Dankmar. Als ich den Brief bei Grün's abgegeben und ſelbſt in der Eile gegeſſen hatte, ging ich auf die Reitbahn und wid⸗ Die Ritter vom Geiſte. IV. 13 mete mich dieſer Angelegenheit mit einem Eifer, der mich alle meine wichtigen eigenen Intereſſen vergeſſen ließ.. Es war zwei Uhr. Ich hörte, Laſally wäre bei Schlurck's zu Tiſch. Anfangs wollt' ich ihn er⸗ warten. Der alte Levi, Laſally's Factotum, erzählte mir, was ich ſchon wußte: Die Entdeckung des Ur⸗ hebers eines an drei Pferden verübten Frevels— Durch Kugeln, die ihnen Hackert in die Ohren gleiten ließ? wiederholte Siegbert, was ihm Dankmar erzählt hatte. Das iſt ja entſetzlich! Siegbert ſah das Bild dieſer Scene als Maler vor ſich. Er ſtand auf und ging, von ſeiner Phantaſie gefoltert, hin und her... Komm! Komm! rief er. Ich kann mich mit Hackert nicht mehr ausſöhnen. Ich ſehe dieſe gemor⸗ deten edlen Thiere immer vor mir! Ich denke mir eine wilde Jagd von Gerippen und Hackert auf dieſen Gerippen... geſchleift von ihnen! Komm! Komm! Beruhige dich! ſagte Dankmar. Denke nicht mehr an dieſe Scene! Mach' es wie ich in Laſally's Reit⸗ ſchule... Mich amüſirten die Reitſtudien einiger Hy⸗ pochonder, die ihren Unterleib erſchüttern wollten und einigemale kopfüber ihr Gehirn erſchütterten. Junge Stutzer kamen mit ſilbernen Sporen und den elegan⸗ teſten Reitgerten; ſie ſetzten ſich auf und im Nu war vergeſſen ſally wäre chh ihn er⸗ , etzählte g des Ur⸗ hels— je Ohren Dankmat ls Malet Phantaſie nich mit ſe gemor⸗ denke mir auf dieſen Komm! icht mehr y's Reit⸗ niger Hy ollten und Junge en elegal „Nu wa 195 aller Pli, alle Haltung, aller Uebermuth hin; der Mund ſtand ihnen ängſtlich offen und zimperlicher waren ſie als zwei allerliebſte ruſſiſche Kinder, die ſich in Begleitung eines Bedienten auf den Pferden tummelten. Ruſſiſche Kinder? fragte Siegbert. Ein junges Mädchen beſonders, in Amazonen⸗ tracht, war ſo keck, ſo gewandt, daß ſie ſich auf einem gar nicht überzahmen Pferde tummelte und während des Galoppirens auf der Bahn wie eine Kunſtreiterin erhob und die halbe Bahn entlang an dem Zügel ſich ſchwenkte und im Stehen ſich aufrecht erhalten konnte. Man nannte ſie Olga, die Tochter einer Fürſtin Wäſämskoi. Siegbert voll ſtillen Erſtaunens lächelte bedeut⸗ ſam Warum lachſt du? fragte Dankmar. Mir wurde himmelangſt über das halsbrechende Manöver. Weil ich die Kleine kenne und Rurik, ihren Bru⸗ der... Aber fahre fort! Ich bin mit meiner Odyſſee zu Ende; ſagte Dank⸗ mar. Die kleine Ruſſin intereſſirte mich ſo lange, bis ich merkte, die Kokette könnte ſich, um ihre Reit⸗ künſte zu zeigen, mir zu Liebe den Hals brechen. Da ging ich wieder in den Stall, wo mich mehre 13* 196 alte Bekannte, Lieutnant Aldenhoven, Rittmeiſter von t Aſtern und Andre veranlaßten, mit ihnen auszureiten. it Ich ließ bei Levi die Bitte an Laſally zurück, ihn noch heute ſprechen zu können und ritt mit den Offi⸗ zieren. Die Erholung war angenehm, was den Ritt und die Natur, läſtig, was die Geſpräche betraf. Die politiſche Reizbarkeit dieſer Menſchen nimmt in einem Grade zu, daß man mit ihnen nicht mehr ver⸗ kehren kann. Die Entrüſtung, die man über Major Werdeck, der uns heute früh begegnete und den ſie an uns vorbeireitend kaum grüßten, weil er für li— beral gilt, äußerte, führte faſt zu Conflikten mit mir ſelbſt. Doch beherrſchte ich mich, da ich der mich drückenden Sorgen genug habe und keine neuen Ver⸗ wickelungen wünſchen kann. Wir verſpäteten uns bis gegen acht Uhr. Im Vorbeireiten vor Egon's Palais vernahmen wir leider die Nachricht von der traurigſten Verſchlimmerung ſeiner Krankheit, und von Laſally, den ich in ſeiner Reitbahn fand, mußt' ich denn eben jetzt auch hören, daß er von ſeinem Vor⸗ haben gegen Hackert nicht abſtehen würde. Die Fa⸗ milie Schlurck, wiſſe er wohl, wolle alles Aufſehen vermeiden, er wiſſe wohl, daß ſie Hackert ſchonen möchte, aber er ſähe nicht ein, warum er Anſtand nähme, daß gewiſſe Dinge an's Tageslicht kämen. den Ritt l betraf nimmt in er Majot d den ſie er für li⸗ mit mir der mich zuuen Vel⸗ eten und r Ggons von dei und von mußt iñh Vir⸗ em Vol ₰ Die Fa⸗ Aufſehen t ſchonen Anſlnd en t kämel 197 Er war dabei ſo empfindlich, ſo gereizt gegen Mela⸗ nie, daß ich fürchten mußte, mit ihm ſelbſt mich zu überwerfen. Seine Bemerkungen über eine gewiſſe zweideutige Rolle, die ich in Hohenberg geſpielt hätte, ſtreiften nahe an's Verletzende. So kam ich denn her, um Hackerten zu veranlaſſen, mit Hülfe ſeiner hundert Thaler dieſe Gegend raſch zu verlaſſen oder mir durch ein aufrichtiges Geſtändniß aller der Um⸗ ſtände, die ſich auf ſeine Verhältniſſe zur Schlurck'ſchen Familie beziehen, die Mittel an die Hand zu geben, als Rechtsbeiſtand für ihn aufzutreten. Kaum hatte Dankmar dieſe, wie das ganze Ge⸗ ſpräch geführt wurde, im halblauten Tone geſproche⸗ nen Worte beendet, als ſich plötzlich von unten her ein lautes, heftiges Lärmen vernehmen ließ, das von einem Zanke in den vorderen Höfen herzukom⸗ men ſchien. Die Brüder horchten auf. Einige abgeriſſene Worte konnten wol verſtanden werden, aber der Zuſammenhang des Streites war nicht gut aus dem Lärm zu errathen. Soviel ver⸗ nahm man wol, daß es nur eine einzige Stimme war, die allein das vorherrſchende Wort zu führen ſchien und von den Andern mehr beſchwichtigt wurde, als in gleicher Heftigkeit erwidert bekam. 198 Indem riß Louiſe die Thür auf und rief: Um's Himmelswillen! Das iſt Hackert! Glauben Sie? Dieſe ſchreiende, gellende Stimme? So tobt er im Zorn! Was iſt ihm nur? Das iſt kein Zorn! Das iſt Uebermuth! Hören Sie, er lacht!... Er ſingt! Die Brüder und das beſorgte Mädchen horchten. Der Lärm kam näher. Schon nahmen andere Hausbewohner an ihm Theil. Schon hörte man Aus⸗ rufungen, wie: Da hat ihn Einer! Packt ihn feſt! Laßt ihn nicht los! So iſt's recht! Fallen Sie nicht, Herr Miethigh Fraß! Alte, dir geſchäh' es auch nach Verdienſt, wenu er dir deinen Zopf ausriſſe! Ha, ha, die Hausſchlüſſel werden wohlfeiler! Setz' Sie doch den Preis herab; ein Hausſchlüſſel kann auch einmal anderswohin, als auf Nr. 17 führen. Rutſch! Vorwärts! Es iſt Bartuſch! ſagte Louiſe beruhigter. Nein! Auch Hackert! ergänzte Dankmar. Ja! Hackert, der mit Bartuſch in Streit gerathen iſt, ſagte Louiſe. Der Lärm kam näher... Jetzt war Hackert mit Bartuſch, denn dieſer zog ihn wirklich hinter ſich her, auf der oberſten Galerie Stimme? 2 hl Horen horchten. en andere man Aus⸗ ihn nicht r Miethg enſt, wenl uöſchlüſſe iis herab; vohin, als 199 und die Mullrich mit der Laterne folgte ſchimpfend und mit ihrem Manne drohend, der leider ſchlafen müſſe... Schämen Sie ſich in nachtſchlafender Zeit einen ſolchen Lärmen zu verführen, Herr Hackert! ſagte Frau Mullrich. Was haben Sie ſich denn zu beklagen, wenn Andre ihren Spaß haben! Spaß, alter Cerberus? rief Hackert. Lach' du, wenn du deine Pfennige zählſt und recht viel Stiefeln zu flicken bekommſt. Aber grinſe nicht über Beſuche, die in Nr. 87 auf Nr. 86 warten. Wart', ich will Euch ſubtrahiren lehren. „ Hackert, Sie ſind im Rauſch— ſchämen Sie ſich, wenn ein Freund zu Ihnen kommt— lauteten Bar⸗ tuſch's beſchwichtigende Worte. Im Rauſche bin ich, Gevatter, rief Hackert. Im Rauſche! Luſtig, morgen iſt Hochzeit! Willſt du Pathe ſein? Uebermorgen iſt Kindtaufe. Du alter Grau⸗ ſchimmel ſollſt mir zeigen, wo hier Nr. 17 iſt. Schurke, was ſteht hier an der Thür, die ich jetzt aufſchließe? Steht da Nr. 172 Werden hier Beſuche empfangen, die nicht mir gelten! Sie ſehen doch, daß Licht in Ihrem Zimmer iſt? ſagte Bartuſch zitternd, während es im ganzen auf— geregten Hauſe aus allen Fenſtern und Thüren ſcholl: — ¼ Nummer Siebzehn! Nummer Siebzehn iſt ausge⸗ zogen! 84 Man ſah, daß Bartuſch's nächtliche Wanderungen t zur Maler⸗Guſte kein Geheimniß waren... Feſtgehalten von Hackert, gezerrt am Rockkragen, * geſchüttelt wie ein Flederwiſch, konnte Bartuſch hier . jetzt vielleicht das Ende ſeiner Tage erwarten; denn die ganze Bewohnerſchaft nicht nur von Brandgaſſe Nr. 9, ſondern auch von den übrigen nachbarlichen Communalhäuſern haßte ihn und hatte ſich an dem ſtrengen Eintreiber der Miethen, der bei jedem Aus— in zug die Miethe für den Nachfolger ſteigerte, oft genug 3 ſchon thätlich vergriffen. Bartuſch hoffte auf Rettung und Beiſtand durch die beiden Herren, die bei Louiſe Eiſold warten ſoll— 4* 1 ten und ihm nach Dem, was Frau Mullrich von ihrem Geſpräch an der Hausthür behalten hatte, nicht un⸗ bekannt ſein konnten. Licht in meinem Zimmer?.. ſagte Hackert. Licht in Eurem Kopf würde Euch beſſer ſein! Heut' ſoll noch ganz anders illuminirt werden— meine Haare müſſen heut' noch in Feuer aufgehen, wie Ihr's mir längſt gedroht habt. Die Laterne her, Cerberus! 4 Mit dieſen der Mullrich zugerufenen Worten ſchloß Hackert die Thür von der Galerieſeite auf und im auf— iſt ausge⸗ anderungen Rockkragen, ertuſch hier ten; denn Brandgaſſe chbarlichen ich an dem ddem Aus⸗ rand durch varten ſol⸗ oon ihrem nicht un⸗ „rich eich ſoll cert. Heut eine Haale Ihr mir 41 berus! orten cho In l nd im 201 geregten, vielleicht halbtrunkenen Zuſtande, trat der überhitzte, glühende, exaltirte junge Menſch herein. Bartuſch und die Mullrich blieben im Schimmer der Laterne lieber auf der Galerie. Louiſe hatte ſich ſchon vorher entfernt und die Stubenthür raſch verriegelt. Her, Ratte dul ſchrie Hackert, als er die beiden Brüder auf dem Sopha ſitzend fand, wo iſt hier Hoch⸗ zeit? Iſt Das Nr. 172 Kommſt her, altes Fell, oder ich zieh's dir über die Ohren, Maulwurf? Haſt falſch gehorcht! Falſch ſpionirt, Spitzbube? Was? Draußen aus allen Zimmern wurden dieſe Worte mit lautem Lachen und Hohn aufgenommen, ſodaß Bartuſch nicht anders konnte, als ſich auf's Bitten legen: Hackert, ich beſchwöre Sie, ſo ſchweigen Sie doch endlich ſtill, ſagte er flehentlich. Iſt Das der Dank für die Wohlthaten, die ich Ihnen eben zu erweiſen gedachte... Guten Abend, meine Herren! Ach, lieber Himmel!.. Was ſeh' ich? Irr' ich nicht, ſo hatt' ich das Vergnügen— Ja, Herr Bartuſch, begann Dankmar, ich bin Ihr Reiſegefährte von Hohenberg. Ich erſtaune, Sie in einer ſolchen Situation wiederzuſehen. Dies iſt mein Bruder! Wie kommen Sie nur zu dem ärger⸗ lichen Auftritt? Bartuſch, der bereits in Erfahrung gebracht hatte, daß das während der ganzen Hohenberger Rückreiſe auf Dankmar ausgebreitet geweſene Dunkel ſich inſo⸗ weit gelichtet hatte, als er in der That der Eigen— thümer jenes Schreines war, über welchen ihm der Juſtizrath, der ihn in ſo ſubtile Sachen nicht ein⸗ blicken ließ, keine nähere Auskunft gegeben hatte, aber nicht im entfernteſten Prinz Egon war; Bartuſch, der von Seiten Schlurck's ein Inſerat in die Zeitung beſorgt hatte, der Eigenthümer jenes Schreins ſollte ſich melden, hielt es für durchaus unverfänglich und nützlich, Dankmarn mit den für Dieſen erfreulichen Worten anzureden: Jede Stunde haben wir Sie erwartet, Herr Wil⸗ dungen! Der Schrein iſt in der That vom Juſtizrath aufgefunden worden und ſteht ja zu Ihrer Verfügung. Ach, ach! Dieſe Hohenberger Reiſe! Dankmarn fiel ein Stein vom Herzen und ein natürliches Gefühl der Dankbarkeit war es, daß er Hackerten, der ihm etwas zudringlich und unverſchämt Cigarren anbot und dabei in der That wie ein Trun⸗ kener grüßend ſich gebehrdete, unſanft abwies und ihm ſein Geſchrei und Poltern rügend vorhielt. dem ärger racht hatte er Rückreiſe l ſich inſo⸗ der Eigen⸗ en ihm der nicht ein⸗ hatte, aber Bartuſch, die Zeitung reins ſollte anglich und erfreulichen Hert Wil⸗ 1 Jüſtirat Verfügung. n und ein 5, daß el Inverſchäm eein Trun⸗ d ihm. 3 D ihn. 203 Entſchuldigen Sie nur, Herr Maler, wandte ſich Hackert etwas beſchämt ſtatt aller Antwort zu Sieg⸗ bert; Ihr Herr Bruder iſt mein Freund nicht und wird mein Freund nicht und in die Schule geh' ich nicht mehr. Excusez! He, Bartuſch! Kommen Sie auf den Fortunaball? Was? Alle zuſammen, meine Herren? Vier iſt vier— Menſch iſt Thier— und auf Vieren mein Plaiſir! O Gott! O Gott! rief die Mullrich, die mit der Laterne in der noch offenen Thür ſtand. Was ſoll daraus werden! Und ſich zu den neugierigen Horchern des Hauſes zurückwendend, rief ſie: Was ſteckt Ihr die Naſen aus der Thür? Iſt's das erſte mal, daß einer in der Brandgaſſe Nr. 9 in ſolchem Zuſtand nach Hauſe kommt? Zuſtand? Flickſchuſterin, ſtell' Sie die Laterne da⸗ hin! ſchnaubte Hackert. Was für ein Zuſtand? Iſt Das ein Zuſtand, wenn man nach Hauſe kommt voll Amüſement und ſolche Ratten ſpringen gleich an Einen heran und grunzen: Oben bei Louiſe Eiſold ſitzen zwei Herren? Iſt Das ein Zuſtand, wenn man dann ſo eine alte Vettel beim Wickel nimmt und den Freund von Nr. 17 und von Mutter Juſtizräthin mit dazu—? Hackert! Hackert! Ich beſchwöre Sie! Was reden Sie! ſagte Bartuſch, der ſich wieder am Rockkragen gepackt fühlte; undankbarer Menſch! Wiſſen Sie, daß ich hier bin, Ihnen einen neuen Beweis der lang— müthigen Geduld und Liebe dieſer Juſtizräthin zu geben; wiſſen Sie, daß ich hier bin, um Ihnen... Er zog ſein Portefeuille... Kein Geld! ſagte Hackert und warf ſich in die Bruſt. Wir brauchen nichts! Nicht wahr, Maler? Wir haben Freunde, die einen Becher Weins mit uns theilen? Kommen Sie mit auf den Fortunaball, meine Herren! Was? Siegbert, ſtatt aller Antwort, tief abgeſtoßen von dieſer wilden, thieriſchen Zügelloſigkeit, griff in die Seitentaſche und überreichte dem verwahrloſten, ihm eine ganze Claſſe der zwiſchen dem Volk und der Bildung ſchwankenden Mittelſchichten großer Städte darſtellenden jungen Menſchen ſein Packet mit hundert Thalerſcheinen. Sie haben alle Urſache vergnügt zu ſein, bemerkte dabei Siegbert bitter enttäuſcht. Wem die Hülfs⸗ mittel ſo zuſtrömen... Und hier die gewiſſen drei Thaler, bemerkte Dank⸗ mar voll Entrüſtung. Da die drei Thaler für den Kutſcher! Was reder Rockkragen ſen Sie, daß 3 der lang⸗ ſtizräthin zu Ihnen ſich in die Maler? ns mit uns aball, meine geſtoßen von ſif in d loſten, ihm lt und dei oßel Städle mit hundent n, bemerkt die Hülfs ler für der 205 Dankmar zog die Börſe, aus der er drei harte Thaler nahm und auf den Tiſch legte. Sie wiſſen, was wir bedungen haben, im Walde hinter Tempelheide... Hackert ſtieß die drei Silberthaler von dem Tiſch, daß ſie auf den Boden hinrollten und katzenartig von der Mullrich unter dem Ausruf: O die Sünde! Die Sünde! aufgeſucht wurden. Geben Sie mir, wenn ich etwas verdient habe, ſetzte Hackert mit dumpfer Stimme hinzu, geben Sie mir Nun, ſagte Dankmar, iſt's nicht ſo? Geben Sie mir— knirſchte Hackert und ſtockte doch Sie waren mein Kutſcher, Herr Hackert! Entſinnen Sie ſich nicht, drei Thaler Accord— Herr! ſchrie Hackert und ſtellte ſich vor Dankmar mit einer Miene grimmigſten Zornes. Nun? antwortete Dankmar, ſo entſchloſſen vor— tretend, daß ihn Siegbert halten mußte. Geben Sie mir... Papier! ſagte Hackert dumpf und faſt in ſich hinein und wandte ſich an's Fenſter, an das er trommelte. Als Dankmar über dieſe Aeußerung, als eine Frech heit, noch mehr in Zorn gerieth, ſagte Bartuſch mit gekniffenem Lächeln: Bitte! Sie wiſſen alſo noch nicht, Herr Wildungen, daß unſer guter Herr Hackert eine Averſion vor ge— münztem Gelde hat? Man ſollt's nicht glauben! Alle Welt jammert über das Papiergeld und ächzt und ſtöhnt, daß man kein baares Silber mehr zu ſehen und zu hören bekommt. Und für Herrn Hackert iſt das Papiergeld ganz wie erfunden. Er kann's Silber und Gold nicht vertragen. Aber Papier bekommt ihm. Das hört er gern kniſtern. Da Hackert'chen, da iſt ein Fünfzigthalerſchein! Juſtizrath läßt Ihnen etwas ſagen, was ich Ihnen nur in's Ohr wiederholen kann... Komm, Fritzchen! Komm, Fritzchen! Sei doch ruhig und gib dich! Aus allen dieſen abgeriſſenen Reden ſtellte ſich faſt heraus, daß Hackert eigentlich in dieſer Umgebung, wie ſehr er eben auch gewaltthätig und wild verfahren war, wie ein Kranker behandelt wurde. Er hatte die Hände in den Rocktaſchen, die Cigarre, ausgegangen, im Munde und ſtierte mit weißen Augen auf die Thür, die zu den Eiſolds führte und hinter der Louiſe verſchwunden war... Sagen Sie's nur laut, begann er dumpf und un⸗ heimlich, ich weiß es ſchon, Bartuſch, was der Alte Bartuſch mit Wildungen, ſion vor ge— lauben! Ale d ächzt und hr zu ſehen Hackert ſſt uny's Silber kommt ihm. chen, da iſt hnen etwas wiederholen jzchen! Sei ellte ſich faſt Umgebung, d verfahren er hatte die sgegangen, — auf die r der Louiſe pf und ul »r Alt as der Ni will! Fort ſoll ich! Was? Von wegen der Reitpeit— ſchen und was damit zuſammenhängt! Nicht? Aber das Zuchthaus geht ſelbſt für die Spitzbuben nicht ſo raſch auf, wie die ehrlichen Leute meinen. Erſt gibt's Vorkämmerchen, wo inquirirt, geplaudert und aufge— ſchrieben wird. Protokoll Nr. 8, Nr. 9 oder Nr. 17, wenn’s Ihnen ſüßer klingt— Fascikel ſechſe: Beklag⸗ ter erzählt die Gründe, warum ihn der Juſtizrath aus dem Hauſe geworfen hat. Was? Bartuſch wandte ſich zu Dankmar, der über dieſen Typus abſoluter Gemüthloſigkeit ſtarr war, während Siegbert ſich in die abgeriſſene ganze Scene nicht finden konnte und die Mullrich immer noch behaup⸗ tete, Einen von den drei Thalern.... könne ſie nicht finden... Sagen Sie ſelbſt, werther Herr, richtete Bartuſch das Wort an Dankmar, ob Herr Hackert Recht thut, den Zorn Laſälly's und der Reichmeyer'ſchen Familie abzuwarten? Sie kennen ja das Alles von unſrer Reiſe her. Er will die menſchenfreundliche Abſicht nicht nachempfinden, die mich hierher führte, daß man ihm die Mittel gibt— liebe Mullrich, haben Sie den Thaler gefunden? Gehen Sie. nur jetzt! Sie verſtehen mich, was ich meine, Herr Wildungen! Nicht wahr? Vollkommen, ſagte Dankmar, und ich ſtimme ganz dafür, daß Herr Hackert ſich bei Zeiten aufmacht und zu allen Teufeln ſchert. Menſchenfreunde! bemerkte Hackert bitter. Barm⸗ herzige Samariter! Edle Seelen, die Jeden verwerfen, der in ihre Modelle nicht paßt! Aber noch bittrer fiel ihm Dankmar in's Wort: Menſchenfreunde? Wenigſtens Thierfreunde ſind wir! Abſcheulicher! Spotten Sie nicht über Dinge, die Andern heilig ſein können. Ich finde den Vor⸗ ſchlag des Juſtizraths edel und lobenswerth und wenn ich Ihnen leider ſagen muß, daß es mir nicht gelungen iſt, Laſally von ſeinem Vorhaben abzubringen— was bleibt Ihnen anders übrig als— Dankmar ſprach gedämpft... Plötzlich unterbrach ihn Hackert mit einem donnernden: Ruhe hier! Und mit dieſen Worten ſprang Hackert auf Dank⸗ mar wie eine Katze zu... Die Cigarre ſchleuderte er von ſich. Die Hände ſchlug er auf den Tiſch, daß die Thee⸗ taſſen klirrten... Ruhe hier! ſchrie Hackert. Das iſt meine Woh nung und ich bin Herr hier! Laſally iſt ein Hund! Wer ſagt Ihnen denn, daß ich vom Hunde einen imme gau fmacht und er. Barm verwerfen s Wort runde ſind er Dinge den Vor und wenn t gelungen gen— was unterbrach 209 Knochen haben will! Zuchthaus will ich. Wiſſen Sie, daß Laſally nicht daran denkt, meinetwegen mit den Gerichten auch nur einen Schreiberbogen à drei Gro⸗ ſchen zu wechſeln? Herr, es iſt nun genug. Nimm deinen Funfzigthalerſchein, graue Ratte! Geben Sie mir für die drei harten Thaler Papier, Herr Prinz von Hohenberg! Ja, ich habe die drei Thaler ver⸗ dient— aber Papier! Papier gibt beſſern Fidibus— Und wenn Sie wiſſen wollen, warum ich lieber mein Vermögen immer in Papier bei mir habe? Wenn Einer ins Waſſer fällt oder ſelbſt hineinſpringt, macht Papier nicht, daß man ſo ſchnell untergeht, wie mit Courant. Man behält noch Zeit, dieſem elenden Leben zu fluchen! Adieu! Voll Unwillen und Abſcheu vor einer ſo katzen⸗ artigen Natur, wie Hackert eben offenbarte, ſprang Siegbert jetzt auf und drängte zum Gehen. Komm, ſagte er zu dem erſchütterten Bruder, wenn irgend etwas davon wahr iſt, was du mir von Hackert's Reue und beſſerm Gefühl erzählteſt, und an des Bruders Worten zu zweifeln, hab' ich keinen Grund, ſo iſt unter ſolchen Umſtänden doch unſere längere Anweſenheit hier überflüſſig... Hackert wandte ſich dem Fenſter zu und ſah durch die Gitterſtangen auf die Galerie hinaus... Die Ritter vom Geiſte. IV 14 210 Dankmar nahm ſeinen Hut und bemerkte in einer ſich ſelbſt bekämpfenden Ruhe: Wird Sie Laſally verklagen? Nein! ſagte Hackert dumpf, aber feſt. Woher wiſſen Sie Das? Ich weiß es... ſeit einer halben Stunde weiß ich es. Und nun bin ich Ihnen überflüſſig? Hackert ſchwieg. Dankmar faßte ſich und ſprach voll bitterſter Ver⸗ achtung zu Siegbert: Ich kann nicht leugnen, lieber Bruder, daß dein eigenes Intereſſe, das du an dieſem ſtarren und lieb⸗ loſen Manne nahmſt, mich verführte, ihm gleichfalls meine Liebe und Theilnahme zuzuwenden. Ich er⸗ kenne an, wie Herr Hackert nicht begehrt hat, daß wir uns in ſeine Angelegenheiten miſchen. Wir ſind von Lauſchern umgeben, wir revoltiren dies ganze Haus; ich ſage nichts von der Schuld, die ſich Herr Hackert vorzuwerfen hat; der gebietende Herr dieſer vier Pfähle mag ſich darüber mit ſeinem Gewiſſen abfinden. Gelang es ihm, die Gefahr, die ihm drohte, ſelbſt abzuwenden, ſo kann er von Glück ſagen. Ich finde Das ganz in der Ordnung, daß man nun ſeine Freude nicht etwa mit einem Geld⸗ kte in eine gtunde weiß dies gand je ſich Henn Herr dieſer n Gewiſel Hn ihſ 4 die 11Af von Gllc d daß dnung, m Gebd inel 211 beutel am Halſe im nächſten Sumpfe, ſondern mit geſchenkten Treſorſcheinen auf dem Fortunaball aus⸗ tobt. Gehen wir, um Herrn Hackert nicht in ſeiner Toilette zu ſtören. Als Dankmar nun wirklich Bartuſchen fortziehen wollte und Hackert unbeweglich zum Fenſter hinaus⸗ ſtarrte und die Mullrich durch die eingetretene, crimi⸗ naliſche Stille veranlaßt wurde, lieber den längſt ge⸗ fundenen dritten Thaler auf den Tiſch zu legen, als ſich einer Unterſuchung ihrer Schürzentaſche preiszu⸗ geben, blieb Bartuſch noch ſtehen. Er machte die Thür zu und gebot der Mullrich, mit der Laterne draußen auf der Galerie ihn zu erwarten. Hackert, ſagte er, die Thür noch einmal andrückend und mit kläglich flehender, weinerlicher Stimme. Fritz⸗ chen, ich darf nicht dieſe Schwelle verlaſſen, ehe ich nicht Gewißheit habe, daß dieſe verdrüßlichen Stö⸗ rungen der Schlurck'ſchen Familie aufhören. Laſally mag ein Amüſement darin finden, Ihre eben nicht artige Behandlungsweiſe ſeiner Pferde auch deshalb öffentlich zu machen, damit eine Familie compromittirt wird, die ſich nicht entſchließen kann, ihn als Eidam anzunehmen. Machen Sie ein Ende mit dieſen Ab⸗ ſcheulichkeiten! Woher wiſſen Sie, daß Laſally nicht gegen Sie klagen wird? 14* 212. Wie Bartuſch geredet hatte, ſchlugen bei der Ei⸗ ſold'ſchen Familie drei Uhren durcheinander elf. Hackert horchte geſpannt auf und ſprach dann die Worte faſt für ſich hin: Neun— zehn— elf!... Das Gewicht iſt zu ſchwer... Alter! Die zweite keucht ja...! Zuviel Gewicht!... Eiſoldchen!... Zuviel Gewicht! Nimm eine Kugel heraus! Die drei Männer ſchwiegen über dieſes ſonderbare Intermezzo. Warum hängen Kugeln in den ledernen Beuteln, die deine Gewichte ziehen? fuhr Hackert ſtill für ſich fort. Deine Weiſer ſagen, was die Räder und der lederne Beutel wollen... Das Herz iſt ſo ein lederner Beutel, die Räder ſind das Gehirn und dann ſchneide nur Einer auf dem Weiſer die Fratzen, die die Welt ſchön nennt! Ha, ha! Hurrah!— Da nicken ſie ſchon wieder die Pferdeköpfe! Die dummen Thiere wiehern, als wollten ſie mit mir ſprechen! Hurrah! Huſſah! Hackert, ſprechen Sie vielmehr, fuhr Bartuſch heraus, dem es in den entſcheidenden Momenten gar nicht an Muth fehlte; was wiſſen Sie von Laſally? Vögelchen, liebt die Juſtizräthin die graue Farbe? ſagte Hackert mit unheimlicher gemäßigter Stimme. Die Ohren eines Eſels liebkoſen kann nur Die, der vicht iſt à . Zuvie ſcht! Nimu ſonderbale en Beuteln dill für ſic der und de ein ledernei ann ſchneid jeWeltſchu ken ſie ſche ere wiehenn 1 Huſſahl Battuſc 213 Grau ihre Leibfarbe iſt. Aber die Katzen können ſie Alle nicht leiden. Laß ſie nur! Laß die Juſtizräthin! Sorgt Euch nicht, die Mäuſe nehmen überhand, aber noch freſſen ſie Euch nicht! Tanzen wollen ſie! Lachen! Fidelbogen ſtreicht den Kummer weg! Wer geht mit auf den Fortunaball und läßt ſeine Mäuſe im Kopf tanzen? Dieſe Worte wurden ſo geſprochen, als wüßte Hackert nicht mehr, wer zugegen war. Er ſuchte im Zimmer und ſah ſich die drei gegenwärtigen Perſonen wie Fremde an. Hackert, ich weiß ſehr wohl, ſagte Bartuſch jetzt ängſtlicher zurückweichend, während ihm Hackert faſt dicht in die Augen ſah, Hackert, ich weiß ſehr wohl, daß Sie kleinmüthig im Unglück ſind. Ihr Jubel iſt nicht der der Verzweiflung— was murmeln Sie da ſo! Sie wollen uns nur ſchrecken! Nein, du ſchwärmeriſches Einmaleins! rief Hackert laut lachend, als hätte er durch ſeine ſonderbaren Ge⸗ berden wirklich den grauen Aktuar nur ängſtigen wollen. Es iſt keine Verzweiflung. Es iſt Glück. Meine Her⸗ ren! Sie kennen dieſen meinen väterlichen Freund noch gar nicht. Sehen Sie, mein Haar iſt roth, aber echt. Dem ſeines iſt ſchwarz, aber... Er griff nach Bartuſch's Perücke. 214 Hackert! rief Bartuſch und hielt ſeine Perücke feſt. Dankmar ſchleuderte Hackerten mit den Worten zurück: Machen Sie ein Ende mit Herrn Bartuſch... Sie ſehen, der Mann meint es beſſer mit Ihnen, als Sie's verdienen... Prinz! antwortete Hackert bedeutſam, ſtemmte die Arme ein und ſtellte ſich vor ihn; moraliſiren Sie nicht! Kommen Sie mit auf den Fortunaball, Durch⸗ laucht! Die Clarinette ſoll klingen. Zum Teufel mit Euern Pferdegerippen! Was haltet Ihr mir vor, daß Menſchen wahnſinnig ſein können? Soll ich um nickende und wiehernde Pferdegerippe kummervolle Nächte haben und nicht mehr fühlen, was eine weiche Hand, eine volle Bruſt, ein Mund wie der der Göt⸗ tinnen auf ein armes zerriſſenes Herz für Balſam träufeln kann? Bartuſch, ſtecken Sie Ihre funfzig Thaler ein oder ich mache heute Fidibus für meine Cigarre daraus. Laſally klagt nicht. Das iſt abge⸗ macht. Ich habe beſſere Verbindungen als Sie Alle. Und nun Guten Abend, meine Herren! Die funfzig Thaler, Bartuſch! Sagen Sie ja dem Alten, daß ich ſie nicht genommen hätte! Hören Sie, daß Sie mir keine falſchen Quittungen ſchreiben! Sie ver⸗ ſtehen Das! Perücke feſt den Worten Zartuſch... Ihnen, als ſtemmte die gliſiren Sie all, Durch⸗ Teufel mit ar mir vol, Soll ich um kummervolle Zeine weiche er der Got⸗ 215 Sie ſind heute toll und Ihr Elend wird im Nar⸗ renhaus enden! antwortete Bartuſch verbiſſen und ſchickte ſich an zum Gehen. Leucht' ihm, Hausdrache! fuhr Hackert fort, indem er die Thür öffnete. Haltet den Strick feſt, daß er ihm nicht um den Hals geht! Paßt auf Nr. 17, Frau Mullrich! Daß er nicht von Ungefähr hinein⸗ tappt in die Maler⸗Guſte! Wer noch Miethe ſchul⸗ dig iſt, heraus, ihr Lämmer, der Miethswolf iſt da! Zahlt! Zahlt! Aber ſchlagt ihn nicht todt! Großes Ungeziefer muß da ſein, um das kleine zu vertilgen! Schlaft nicht, Frau Mullrich. Wir müſſen heute noch hinaus auf den Fortunaball... So wollen wir Sie nicht ſtören, fiel Dankmar ein, flehentlich gezerrt von Bartuſch, der nun ging und ſich fürchtete, allein zu gehen... Sie brechen ſich den Hals, bleiben Sie, rief Hackert und hielt Dankmar zurück, ich führe Sie nachher— Ich bitte, ich flehe, meine Herren, kommen Sie jetzt mit mir! winſelte Bartuſch. Wir regen das ganze Haus auf... Hackert hielt aber Siegberten zurück. Maler! Noch ein Wort! Sie bleiben, meine Herren! Es war jetzt den Brüdern faſt, als hätte Hackert nur vor Bartuſch Komödie geſpielt und als wollte er ihnen nun erſt ſein wahres Geſicht allein zeigen... Meine Herren, es iſt elf Uhr! Kommen Sie! flehte Bartuſch dringender. Frau Mullrich gedachte ihres Gatten, den ſie wecken mußte. Sie gedachte der ſpäten Ankömmlinge, die möglicherweiſe vor dem Hauſe ſtanden und Ein— laß begehrten und dann auf einmal eindrangen. Es entgingen ihr zuviel Pfennige durch längeres Warten. Da es im Hauſe wilrklich ſtiller geworden war, zog ſie Bartuſchen mit den Worten: Haben Sie doch keine Bange, Herr Bartuſch! an die Treppe und gab ihm den Strick in die Hand und leuchtete ihm mit der Laterne an die Füße, um ihm die erſte Stufe zu zeigen... Bartuſch ging ſchleichend, auf den Zehenſpitzen, von dannen, immer noch in der Hoffnung, die Herren würden folgen. Sie wollen wirklich noch ſo ſpät auf den verrufe⸗ nen Fortunaball gehen? begann jetzt Siegbert, der ſich mit Betrübniß auch in die Stimmung der ſicher lauſchenden Louiſe Eiſold verſetzte und jetzt, da ſie allein waren, von Hackert ein Abwerfen ſeiner Maske erwartete. ätte Hacken s wollte zeigen.. mmen Siel en, den ſie kömmlinge, n und Ein⸗ mgen. Gs res Warten orden wah, en Sie doch pe und gah te ihm mit ſte Stufe zu zehenſpiben, „ g rel die Helle den verruſe den Meine Herren, ſagte Hackert und warf ſich er— ſchöpft aufs Sopha, während die Gebrüder Wildun⸗ gen geſpannt erwarteten, was er nun für eine Miene zeigen würde. Meine Herren, es ſtecken zwei Men⸗ ſchen in mir, ein Bettler und ein König. Sie kennen nun den Bettler! Kommen Sie mit auf den For⸗ tunaball. Sie ſollen den König kennen lernen. Wir geſtehen Ihnen Beide, ſagte Dankmar, daß uns Ihre Bettlerſtimmung von heute früh mehr Ver⸗ trauen abgewann. Ich brachte den Bruder mit, weil ich glaubte, Sie würden in der warmen Hingebung, die Sie mir heute zeigten, unſer Vertrauen zu wür⸗ digen wiſſen und die Hand, die wir Ihnen ſchon oft darboten, nicht ſo übermüthig von ſich ſtoßen! Sagen Sie mir Das morgen, erwiderte Hackert, und ich weine vielleicht wie ein Kind. Morgen hän⸗ gen mir vielleicht die Flügel matt und ſchlaff. Ich jammere um meine Zukunft, ich geize und laure auf Erwerb, ich bin ein Hund, den man mit Füßen tre⸗ ten kann, Notabene morgen! Heute bin ich be— rauſcht— nicht von Wein! Ich trinke wenig Wein; nein vom Glück. Jubeln, jauchzen, lachen möcht' ich, weil ich einen Becher wieder an meinen Lippen fühlte mit dem köſtlichſten Rebenblute des Glücks. Glück macht mich toll. Sie nicht? 218 Wir bemitleiden Sie! ſagte Dankmar und wollte gehen. O Ihr habt mich gut bemitleiden! antwortete Hackert. Euch ſang eine Mutter an der Wiege und geregelt gingt Ihr Euren Lebensweg. Wenn ich Dem nachdenken wollte, raucht' ich keine Cigarre, dann läg' ich hier zuſammengekrümmt auf dem Sopha und ächzte und würde reif, betteln zu gehen, wie neulich in Tempelheide, als ich im Korne lag. Dann geht mir einmal wieder die Pforte des Paradieſes auf und ich klirre mit meinen Ketten, verlache meinen Jam⸗ mer, tummle mich wie ein Menſch und fühle mich dem Stärkſten gleich. Ich kann Ihnen heute Nichts von meinem Leben vorwinſeln; die nächſte Gefahr iſt vorüber. Laſally wird ſchweigen und mein Blut iſt in Wallung. Kommen Sie mit oder laſſen Sie mich allein, bis Sie mich einmal todt oder ſo lebend wie— der ſehen, daß Ihre Theilnahme für mich nicht von der Uebereinſtimmung mit Ihrem eigenen Herzen ab⸗ hängt. Während dieſer Worte war Hackert aufgeſtanden und hatte ſich unter dem Vorhang am Kleiderriegel einen Frack, eine Weſte, einen Hut hervorgeholt und zog alle dieſe Gegenſtände ohne Rückſicht auf ſeinen Beſuch raſch und wie elektriſirt an. r und wollee ¹ antwortete r Wiege und enn ich Dem garre, dann Sayh md wie neulich Dann geht ſes auf und reinen Jam⸗ Hfühle mich heute Niche e Gefahr iſt nein Blut iſ ſen Sie mi lebend wie⸗ ch nicht von Herzen ah aufgeſtanden gleidertic Irgeholt und t auf ſei 219 Karl! ſchläfſt du ſchon? rief er dann an die Ne⸗ benthür. Eine feine Frauenſtimme fragte mit leidendem Tone: Was wünſchen Sie, Herr Hackert? Ich laſſe das Licht brennen, Fräulein! Löſchen Sie es aus. Gute Nacht! Die Brüder ſahen ſich an und ſchüttelten den Kopf. Sie wandten ſich zum Gehen, ohne noch ein Wort zu ſprechen. Dieſer ungeregelten Natur fühlten ſie ſich zu ſehr entfremdet. Hackert folgte. Als er aus ſeiner Thür Nr. 86 trat, kam aus dem auf gleiche Nummer laufenden Zimmer Herr Schmelzing hervorgeſchoſſen und leuchtete. Schläfſt du noch nicht, altes Tintenfaß? ſagte Hackert und ging voran, um den Weg zu zeigen. Bei ſo lebendiger Converſation! huſtete Schmelzing höflich und ſchwänzelnd. Die du hoffentlich nicht ſtenographirt haſt? ant⸗ wortete Hackert herabſteigend. Geh! Geh! Ich kenne den Weg. Mach' daß du deine Rollen fertig ſchreibſt für die Hoftragödie! Vergiß die Stichwörter nicht! Nimm immer ſechs Worte ſtatt drei zum Stichwort, damit du viel Bogen zuſammenbringſt und die Schauſpieler beſſer — 220 lernen! Verwelſche die Fremdwörter nicht! Sei nicht gelehrter als die Dichter und verbeſſere nicht ihre Verſe! Hörſt du? Schmelzing, ganz frappirt von Hackert's elegantem Aufzug, wünſchte den Herren eine höfliche gute Nacht. Die Brüder kletterten in der Dunkelheit den Weg nach, den ihnen der plötzlich wie verwandelte ehema⸗ lige Schreiber des Juſtizraths Schlurck angab. Nach langem Taſten, manchem Anrennen an Geräthſchaften, die dem Wege in den Höfen zu nahe lagen, kamen ſie an die Thür, die auf die Brandgaſſe führte. Hier klopfte Hackert ſtark und trommelte, ſich nie⸗ derbückend, an das Fenſter der Vizewirthin. Schon aber kam Frau Mullrich mit dem großen Hausſchlüſſel. Aber noch ehe ſie aufſchloß, ſagte ſie mit einer ſchlauen Verbeugung: Macht drei Pfennige! Siegbert gab, was er in der Eile griff. Frau Mullrich ſchloß nun erſt auf und die Männer traten auf die Straße... Ob ſie ihrer drei zuſammenbleiben werden?.. Wie Frau Mullrrich wieder die große ſchwere Thür zuwarf, trat Bartuſch hinter der Thür hervor, die aus ihrem Keller auf die Hausflur führte. ei nicht Verſe! egantem Nacht. n Weg ehema⸗ Nach haften, kamen te ſich nie⸗ 221 Es iſt mir unbegreiflich, was mit dem Taugenichts vor ſich gegangen iſt! ſagte er. Er geht auf den For⸗ tunaball! Wie ſchade, Herr Bartuſch, antwortete die Mull⸗ rich, daß Sie nun ſelbſt nicht hin können! Sie woll⸗ ten doch da die Maler⸗Guſte finden. Reden Sie auch ſolche Sachen? ſagte Bartuſch, der gründlich ärgerlich ſchien, daß ſich während ſeiner Hohenberger Abweſenheit in der Brandgaſſe Nr. 9 ſo viel verändert hatte. Und doch iſt ſie gewiß dort, ſagte die Mullrich, Alles rennt ja hin— ſchon Sechs hab' ich heute aus unſerer hieſigen Armuth allein hinausgelaſſen— mein Mann muß um zwölf auch hinaus und wenn Sie nicht— Laſſen Sie mich durch Ihren Mann wiſſen, ob Nr. 17 dort zu finden war. Verlaſſen Sie ſich darauf! Aber, wie blaß ſehen Sie aus! Der Aerger mit dieſem böſen Schlingel! Sagen Sie mir nur— was hat er denn in des Heilands Namen bei den Schlurck' für eine Greuel— that mit— Gute Nacht, Frau Mullrich! war die ſeufzende Antwort. Bartuſch ſchnitt jedes weitere Forſchen der Frau Mullrich ab, die heute ſo viel erlebt, ſo viel gehört und beobachtet hatte, daß ſie eines ſehr weitläuftigen Commentars bedurft hätte, um trotz ihres Scharfſinns ſich alle geheimen Verbindungsfäden dieſer Thatſachen zuſammenzuſtricken. Eben war Bartuſch verdrüßlich und ſogar ohne Trinkgeld auf die Straße getreten und noch glaubte Frau Mullrich ſeinen Tritt draußen ſchallen zu hören, als ſie von der eben geſchloſſenen Thür ſich ent⸗ fernend durch eine weibliche zarte Hand aufgehalten wurde. Frau Mullrich war im Finſtern. Denn bei dem Zufallen der Thür war ihr durch den Zugwind die Lampe ausgegangen.. Ei, wer iſt— fragte ſie erſchrocken. Machen Sie auf! wisperte es. Wer? Wer iſt da? Machen Sie auf! Ach, wohl, Nr. 46, Fräulein Klapperfuß? Da! da! Machen Sie auf! Frau Mullrich fühlte einen Groſchen in der Hand. Auch auf den Fortunaball? Aha! Aha! Nr. 352 Nicht wahr? Madame Hannemann? Schläft denn auch der Frau 1 gehört läuftigen arfſinns zgatſachen ar ohne glaubte N hören, ſich ent⸗ gehalten bei dem vind die 223 Ihr Mann feſt genug? Hi! Hi! Ei ſo laſſen Sie doch ſehen! Da iſt ja der Groſchen! Machen Sie nur auf! Ich will doch erſt die Lampe— So enden Sie doch! Nun! Nun! Nun! Wie haſtig! Sie wollen den erſten Walzer nicht verſäumen! Sa, Sa, ein Walzer! Wenn der hübſche Feldwebel wartet— nicht wahr, Madame Drucker! Um vier kommen Sie doch wie⸗ der? Nicht wahr, Madame Schlimpanzer? Ihr Männ⸗ chen ſteht ja wol ſchon um fünf Uhr auf. Verſpäten Sie ſich nicht, wenn er's nicht weiß, Madame Trü— benſee! Er frug mich neulich nach dem Feldwebel— Indem ging doch die Thür auf... Eine verhüllte Geſtalt huſchte hinaus. Um den Hut hatte ſie, um ihn wahrſcheinlich unkenntlich zu machen, ein Tuch gebunden. Aber den Mantel! Der Mantel verrieth ſie! Frau Mullrich kannte alle Mäntel des Vorderhauſes und der drei Hinterhöfe. Iſt's die Möglichkeit? Mamſell Nr. 87] rief ſie. Und in der unerſchütterlichen, durch den karrirten Mantel über alle Zweifel ſichern Gewißheit, daß Louiſe Ciſold nur den beiden jungen Herren folgen könne, kroch ſie boshaft lachend und den Kopf ſchüt⸗ telnd, in ihre Kellerhöhle zurück, zündete die Lampe wieder an, leuchtete nach der Uhr und bemerkte, daß es die höchſte Zeit war, nun ihren Gatten zur Er⸗ füllung ſeiner polizeilichen Pflichten zu wecken. Auf den Anruf: Männchen, du mußt ja auf den Fortuna⸗ ball! raffte ſich dieſer aus ſeinen ſüßeſten Träumen empor, zog ſich verſchlafen, faſt taumelnd die beſte ſeiner Staatslivreen an und hörte dabei nur halb, was ihm ſeine holde Gemahlin über die mannichfal— tigen denkwurdigen Vorfallenheiten dieſes Abends er⸗ erkte, daß m zur Er⸗ ken. Auf Fortuna⸗ Träunnen die beſte. b 4 Achtes Capitel. nur halb, annichfal⸗ Der Fortunaball. nds el⸗ Nachdem ſich die Brüder Wildungen vor der Thür der Brandgaſſe Nr. 9 von Hackert kurz und kalt ge⸗ trennt hatten und ſie in einer andern Richtung den Weg nach ihrer Wohnung einſchlugen, begann Dank⸗ mar ſein Bedauern auszuſprechen, daß dieſer Abend ſo ganz anders enden mußte, als er ihn ſich vorge⸗ ſtellt hatte. Welche Vorwürfe mach' ich mir, ſagte er, in dir wieder das Intereſſe für dieſen deinen„Proletarier“ geweckt zu haben! Gibt es einen erbärmlicheren, jäm⸗ merlicheren Geſellen! Und um eine ſolche verwahr⸗ loſte, unſittliche, tollgewordene Natur führ' ich dich in dieſe Höhlen des Jammers und zeige dir, daß hier nicht blos Elend, ſondern auch Lüge, Verſtellung, Geiz, Schlemmerei, Nichtswürdigkeit und jedes Laſter Die Ritter vom Geiſte. IV 15 226 wohnt, wie wir es nur bei den Reichen und Gebil⸗ deten vorauszuſetzen gewohnt ſind. Siegbert fühlte, daß ihm Dankmar ſeine Abnei⸗ gung gegen die ſogenannte„ſoziale Frage“ zu ver⸗ ſtehen geben wollte... Das Bild des armen Mädchens mit ihren Ge⸗ ſchwiſtern war aber doch rein und ungetrübt! ſagte er, um ſich des Dranges, dem Bruder beiſtimmen zu müſſen, einigermaßen zu erwehren. Ich weiß nicht, antwortete Dankmar. Auch dieſe Farben werden mir vor den Augen grau. Wir gin⸗ gen gewiß nicht ohne Grund von der Vorausſetzung aus, daß Louiſe für dieſen Miethsbewohner ein war⸗ mes, menſchliches Intereſſe hegt und wenn ſie an einer ſolchen bizarren, krampfhaften und liebloſen Perſön⸗ lichkeit Gefallen findet, ſo vermiſſ' ich dabei Alles, was mir dieſe Empfindung achtbar und ehrenwerth erſcheinen läßt. Wir gingen vielleicht ſchon darin zu weit, eine ſolche Beziehung vorauszuſetzen, ſagte Siegbert. Von Hackert's Seite ſchien irgend eine Rückſicht auf ſeine Nachbarin gar nicht angenommen zu werden, und es war mehr ſein Uebermuth und ſeine Spottluſt, daß er der Verdächtigung des Mädchens durch den alten hämiſch ſchleichenden Bartuſch, wie du ihn nennſt, d Gebil⸗ e Abnei⸗ zu ver⸗ gren Ge⸗ gt! ſagte mmen zu luch dieſe Wir gin⸗ usſetzung ein wal⸗ an einet geſe hei Alles, brenwerth eit, eine Von ert. auf ſeine n, und es lluſt, daß den alten en nennſ, 227 die Strafe auferlegte, uns in ſeinem Zimmer zu fin— den. Auch hatte ihm dieſer eine Mittheilung im Ver⸗ trauen zu machen, wodurch mir ſeine Herbeiführung des Alten in ganz anderm Lichte erſcheint, als wenn ich annehmen müßte, er hätte für die Ehre ſeiner Nachbarin eintreten wollen. Bei alledem bin ich erſtaunt, ſagte Dankmar, in⸗ dem ſie die Brandgaſſe verließen, wie Hackert Laſal⸗ ly's ſo gewiß ſein kann! Wer hat ihm die Verſiche— rung gegeben, daß keine Anklage ſtattfinden wird? Noch vor wenig Stunden fand ich jenen Mann auf's Aeußerſte erbittert. Wenn du eingeſtehſt, daß hier etwas räthſelhaft iſt, bemerkte Siegbert, ſo möcht' ich noch, um den fatalen Eindruck der eben erlebten Scene zu mildern, hinzufügen, daß ſie uns doch wol nur als eine neue Beſtätigung der Wahrheit dienen kann, wie im⸗Grunde jeder Menſch nach ſeinem eignen Standpunkte beur— theilt werden muß. Wir haben uns über dieſen Hackert in ſo vielerlei, theilweiſe ſich ſogar widerſprechende Empfindungen hineinraiſonnirt, daß wir gleichſam mit Gewalt verlangen, ſein Charakter müſſe nun auch allen Vorausſetzungen, die wir von ihm haben, ent⸗ ſprechen. Wir dachten uns nach den Prämiſſen des Vormittags am Abend eine rührende Scene. Ein 15*† — — — — —— — — S— unglücklicher Nachtwandler, in Gefahr, für eine böſe, rachſüchtige Handlung, die er längſt zu bereuen ſcheint, beſtraft zu werden, wird uns ſeine Geſchichte erzäh⸗ len. Man iſt auf dieſen Empfang vorbereitet.. Da ſtehen Taſſen und ſiedendes Theewaſſer, ich eſſe ſchon im voraus den für dieſe gemüthliche Scene beſtimm⸗ ten Braten und nun kommt der Hauptheld, ein völ⸗ lig anderer, alle unſere Ideen durch den tollſten Rück⸗ fall in eine uns nicht homogene Natur durchkreuzend! An wem liegt da mehr die Schuld? An unſerer Kurz⸗ ſichtigkeit oder an dem wunderlichen Charakter, deſſen rechten Schwerpunkt, deſſen eigentlichen Schlüſſel wir noch nicht entdeckt haben? Dein milder Sinn iſt auf dem beſtem Wege, ſich dieſem Taugenichts unterzuordnen, ſagte Dankmar. Dieſer Hallunk weiß, daß wir die Abſicht hatten, zu ihm zu kommen und benimmt ſich wie ein Gentleman, der ſich nicht einmal entſchuldigt, wenn Andere auf ihn warten— Der Thee und der Braten waren leider nur eine Idee des Mädchens— Gut! ſagte Dankmar. Ich werfe den Unglücklichen zu jenen immer nur als halbfertig erſcheinenden Men⸗ ſchen, die im Unglück feige winſeln und im Glücke hochfahrend übernehmen. Es fehlt ihm die Herr⸗ eine böſe, een ſcheint, hte etzäͤh⸗ tet.. Da eſſe ſchon beſtimm⸗ „ein voͤl⸗ ſten Rück⸗ bkreuzend! ſerer Kurz⸗ tel, deſſen glüſſel wit Wege, ſich Dankmal. hatten, zu Gentleman, auf Andere r nlll eine 229 ſchaft des Geiſtes über ſich ſelbſt. Es iſt der Menſch des thieriſchen Inſtinktes. Und iſt Hackert nicht eigent⸗ lich der Ausdruck des Volkes ſelbſt? Jammervoll ge— nug, daß man eingeſtehen muß, wir malen uns den Charakter der Maſſen ganz anders, als ſie ſind! Nimm den Bauer; wie tückiſch, wie hämiſch, wie kurzſichtig, wie verſchlagen! Nimm die halbe Bildung; wie eitel, wie prahleriſch, wie lügneriſch, wie falſch! Wir pin⸗ ſeln uns etwas vor vom Volke. Es iſt nicht ſo, wie es die Touriſten und Genremaler geben wollen. Die treueſte Magd, die ganz Liebe und Hingebung für ihre Herrſchaft ſcheint, pruhſtet wie eine Katze auf, wenn ihr„Weihnachten“ zu gering ausfällt. Egois— mus regiert Alle und ich ſtelle mir eigentlich als Po⸗ litiker die Aufgabe, Hackerten für das ſchwankende, unreife, halbfertige, oft großartige, dann wieder kleinliche, bald herausfordernde, bald feige, bald rührende, bald ab⸗ ſtoßende, bald poetiſche, bald proſaiſche, nachtwandelnde, ahnungsvolle und am Tage geiſtig verſchlafene Volk zu nehmen und mir zu ſagen: Wie bändigt man das? Wie beſſert man das? Doch ſprechen wir nicht mehr von ihm. Die Brüder waren eben im Begriff, am Schlurck'⸗ ſchen Hauſe vorüber zu gehen, an dem man Alles ſtill und dunkel ſah mit Ausnahme eines einzigen kleinen Fenſters im dritten Stock... Es war vielleicht Melanie's Schlafzimmer... Und wenn ſie ſich täuſchten— eher mochte es das Zimmer Bartuſch's ſein, wo auf deſſen Rückkehr eine bren⸗ nende Lampe wartete— ſie blieben doch einige Augenblicke volb Wehmuth ſtehen und gedachten aller Täuſchungen ihres heute ſo mannichfach geprüften Herzens... Dann gingen ſie ſeufzend weiter. Bei alledem, ſagte Dankmar nach einer Weile, während ſie die ſchon leeren Straßen durchſchritten, iſt es mir lieb, von dieſem Graurock die Beſtätigung jener Angabe über meinen Schrein zu hören, die ich dem Prinzen Egon verdanke— Morgen in aller Frühe geh' ich— doch ich rede von Dingen, die ich dir nun mittheilen ſollte, wüßte ich nur an der rechten Stelle anzufangen— Bleib bei dem Prinzen Egon, ſagte Siegbert. Denn auch ich habe eine Beziehung zu ihm. Sie betrifft das Bild, das du mir zu ſorgſamerer Obhut empfoh⸗ len haſt... Das Bild— und du? antwortete Dankmar erſtaunt. Während die Brüder über die ſtillen Straßen gin⸗ gen, erzählte Siegbert ſeine Berührung mit Rudhard, deſſen Anliegen und eigenthümliche Anſprüche auf jenes Bild, über das ſich Siegbert hütete nach ſeinen eig⸗ nen Entdeckungen zu ſprechen. Denn da ihm doch er hte es das eine bren⸗ lugenblick juſchungen n... er Weile, hſchritten, eſtätigung —, die ich ller Früͤhe h dir nun Stelle 7(S ten Do⸗ ert. Denn Sie bettiff t emyſol⸗ erſtaunt. raßen gin⸗ Rudhald, 6 auf jenes einen eig⸗ „ doch ihm daran lag, ſeinem innern Triebe zu folgen und die Uebergabe des Bildes an Egon's Lehrer und Etzie⸗ her wirklich zu vermitteln, ſo nahm er ſich wohl in Acht, ſeinen in ſolchen Fragen nicht wie er beſonders bedenklichen Bruder darauf aufmerkſam zu machen, daß er das Geheimniß wirklich entdeckt, ja ſogar Ent⸗ hüllungen über ihre eigene Familie gefunden hätte. Verräthſt du davon etwas, dachte er, ſo wird Dank⸗ mar Anſtand nehmen, durch freiwilliges Herausgeben Das wieder gut zu machen, was Rudhard in ſeinen Anſprüchen auf jene Prüfung und Mitwiſeenſchaft eigentlich doch wol verſcherzt hat. Vor dem Egon'ſchen Palais ſtand ein kleiner Ein⸗ ſpänner. Dankmar noch ganz erfüllt von der ſonder⸗ baren Wendung, die das Schickſal jenes Bildes plötz⸗ lich nehmen ſollte, fragte den Kutſcher, ob er nichts von dem Befinden des jungen Prinzen melden könnte. Dieſer gab die kurze Antwort, er ſtünde hier nur, um zwei Damen auf den Fortunaball zu fahren... Der Blick auf die Wäſämskoi'ſche Familie, auf die Ankunft der d'Azimont, Alles, was Siegbert über Rudhard, über Anna von Harder erzählen konnte, regte Dankmarn ſo auf, daß er ſtatt heiter eher ver⸗ drüßlich wurde. Welche Laſt, rief er halb ſcherzhaft, halb wirklich 232 unwillig aus, welches Bleigewicht bindet uns das Schickſal an die Füße und hindert uns im eigenen Gehen! Ich wüßte nur zwei Dinge, die mich wahr⸗ haft erfreuen und beſchäftigen ſollten, meine Angero⸗ der Papiere zurückzufordern und jenen Amerikaner und ſeinen Knaben aufzuſuchen, die, ich weiß es, an mir das wärmſte Intereſſe nehmen und von allen dieſen Vorſätzen, die meinem Herzen am nächſten liegen, zie⸗ hen mich die ſtarken Seile inimer neuer Verwickelun⸗ gen ab! Wie froh bin ich, daß ich in vergangener Nacht ſo eiſern geſchlafen habe! Denn die Ausſicht, morgen jenen Rudhard zu begrüßen, von dem ich des Guten ſoviel erfuhr, ihm getroſt jenes Bild zu über⸗ laſſen, an das ſich mir das hoffentlich in kurzer Zeit mögliche Wiederſehen des unſtreitig ächten aber mit den fabelhafteſten Räthſeln umſponnenen Prinzen knüpfen wird, das Alles läßt mir keine Ruhe und ich ſehe, ich werde mich unſchlüſſig und innerlichſt gepeinigt auf dem Lager hin- und herwerfen. Wie verwünſch' ich dieſen Hackert! Wie ein Irrlicht hat er mich heute von meinem vorgezeichneten Wege verlockt, und wenn ich ihm auch verdanke, daß ich über die Nacht im Heidekruge einiges Licht erhielt— Sei ſtill, Bruder! unterbrach ihn Siegbert ſcher⸗ zend. Aus dem einen Irrlicht werden hundert! Ich uns das n eigenen ich wahr⸗ e Angero⸗ kaner und 3, an mit len dieſen egen, zle⸗ wickelun rgangener Ausſicht, m ich des zu über⸗ urzer Zeit er mit denn u krüpfen ich ſehe, einigt auf ünſch ich heute 1— wenn Nacht im gert ſcher⸗ „ 01 3 dert! ₰ glaube nicht, daß wir dem bunten Schimmer da un⸗ ten in der neuen Feldſtraße werden ausweichen kön⸗ nen. Sieh nur, wie die Menſchen dort hinſtrömen und die Wagen fahren! Das iſt die Fortuna, bunt erleuchtet mit chineſiſchen Ballons! Ich erlebe, daß wir mit in den Strudel gerathen, uns am Eingang des Gartens ein Billet kaufen und das venetianiſche Maskenfeſt, wie es an allen Straßenecken angekün⸗ digt iſt, auf eine Viertelſtunde näher mit in Augen— ſchein nehmen. Dankmar konnte in der That nicht umhin, den verlockenden Reiz dieſes bunten nächtlichen Proſpektes am noch weit entlegenen Ende der neuen Feldſtraße anzuerkennen... Dieſe vergnügungsſüchtige Bevölkerung! ſchmähte er. Sie werfen den Sommer in den Winter und den Winter in den Sommer! Die Politik hatte alle Mei⸗ nungen geſpalten und ein erfinderiſcher Unternehmer weiß ſie alle wieder um bunte Lampen und die Polka⸗ klänge der Blechmuſik zu verſammeln. Pfui! Sieh dieſe kichernden Mädchen, die ihre Larven in den Hän⸗ den tragen! Wollt Ihr auch auf der Kugel der For— tuna tanzen, Ihr Schmetterlinge! Der Tanz auf einer Kugel iſt ſchwer— Immer rund— rund— rund! antwortete ein Trupp von einem halben Dutzend„Nähterinnen“, die ihre luf⸗ tigen Röcke höher gebunden hatten, damit ſie nicht den Staub der Straße fegten... Der Umweg zu unſerer Frau Schievelbein, die ſeit einiger Zeit mein Schwärmen gewohnt iſt, ſagte Siege bert, wird nicht zu groß ſein. Sehen wir wenigſtens einmal von außen dieſen Tempel der Freude an und finden wir einen Ruheplatz, ſo ſchütteſt du vielleicht endlich dein Herz aus und erzählſt mir die Hohen⸗ berger Reiſe! Die Brüder lenkten ſeitwärts in die neue Feldgaſſe ein, die ſich faſt unabſehbar in die Länge zog und am äußerſten Ende, dicht beim Thore ſchon, die be⸗ ſuchteſten Vergnügungsörter der Stadt enthielt. Die Fortuna war das neueſte und größte Etabkiſ⸗ ſement dieſer Art. Der Schein⸗Beſitzer deſſelben, ein bankrotter Kaufmann, war ein anſchlägiger Kopf, der den Charakter der genußſüchtigen Bevölkerung zu tref⸗ fen wußte und mit bunten Straßenplacaten und den wunderlichſten Namen für ſeine Feſtivitäten die Ver⸗ gnügungsluſt immer in Athem erhielt. Seine neue die Fortuna, war nach engliſchem Muſter gebaut. Hier fanden ſich Gärten und Säle, Gale⸗ rieen, Logen, von denen man in die Säle hinab⸗ blickte, Tunnels, Schaukeln, Carrouſels, Rutſchberge, Anlage, die ihre luf⸗ ſie nicht den bein, die ſeit ſagte Sieg⸗ rwenigſtens ude an und du vielleicht die Hohen⸗ eue edggaſ und nge zog 235 kurz eine ganze kleine Welt, die, ſo lange kein an⸗ deres Etabliſſement dieſes neue verdrängte, in der Vo⸗ gue war. Das für heute angeſagte große venetianiſche Mas⸗ kenfeſt im Freien fand trotz der allgemeinen Klage über die bedrängten Zeiten und die Unſicherheit der Zu⸗ ſtände den lebhafteſten Zuſpruch. Eine Menge von Wagen ſtanden vor dem Eingang, den helle Gas⸗ flammen magiſch erleuchteten. Die goldene Kugel, die auf der Fortuna über dem Eingange ſchwebte, ſchim⸗ merte im blendendſten Lichte. Von etwa ausſteigen⸗ den Charaktermasken war keine Rede. Ein Jeder kam in ſeiner üblichen Toilette. Nur die Spekulation des Wirthes verband mit dem niedrigen Eintrittspreiſe noch die Nothwendigkeit, daß ſich Jeder eine Maske kau⸗ fen mußte. Bis zwölf Uhr ſollte Jeder maskirt ſein, worauf jedoch nur an der zweiten Einlaßthür feſtbe⸗ ſtanden wurde. Jeder Unmaskirte mußte zurück oder ſich mindeſtens eine Wange oder eine Naſe kaufen. Der Polizei war mit dieſer Verordnung wie überhaupt mit den Fortunabällen ſehr gedient. Sie lockte alle Gauner aus ihren Spelunken. Da ſie maskirt kom⸗ men durften, blieben die, die ihr Signalement fürch⸗ teten, nicht zurück. Wenn die Vergnügungsluſt nicht ſchon von ſelbſt die Fallen aufſtellte, wo die meiſten ———————— 236 Verdächtigen gefangen wurden, ſie hätten müſſen vom Staate im Intereſſe der öffentlichen Sicherheit auf⸗ geſtellt werden. Ohne die Unmoralität ſoll leider die Moral nicht beſtehen können. Das Gewirre der Wägen vor der Pforte, das Geſchwirre der luftigen Vögel, die unter Fortunens goldner Kugel in die bunterleuchteten Gärten einzogen, das Schreien der Jungen, die die Wägen öffneten, die ſchmetternden Trompeten und die Paukenwirbel der Ballmuſik, alles Das gab ſo ſehr ein den Begriff der Nacht und das Bedürfniß nächtlicher Ruhe verſcheu⸗ chendes Durcheinander, daß die Brüder faſt willenlos mit in die allgemeine Strömung geriethen und an der Kaſſe ein Billet, in der Garderobe zwei Stirnen und Naſen mit großen ſchwarzen Schnurrbärten kauften und beſchloſſen, ſich einen ſtillen Gartenplatz zu ſuchen. Der Frack war hier keine Nothwendigkeit und die Glacée⸗ handſchuhe mußten ſchon der drückenden Hitze weichen. Ah bah! Holen wir unſer Grün'ſches Diner nach! ſagte Dankmar heiter erregt. Was plagen wir uns! Vive la bagatelle! Ich erzähle dir meine Hohenberger Abenteuer. Siegbert dagegen fühlte ſich in dem Menſchenſtrom beengt und lächelte etwas zaghaft, was ihm, wie Dankmar ihm ſehr glaubwürdig verſicherte, unter der rüſſen vom erheit auf⸗ leider die forte, das Fortunens ꝛeinzogen, fneten, die virbel der Begrif der verſcheu⸗ willenlos und an der tirnen und auften und uchen. Det die Glache⸗ ge weichen. ner nach! 56 r uns; T' ſl 237 gewaltigen Naſe mit den ſchwarzen Pferdehaaren phi— liſterhaft komiſch ſtand. Eine ſo neue Gartenanlage konnte natürlich nur ſehr dürftig ſein. Die Beete boten verwelkte Blumen und zertretenes Gras. Wo die Bäume hätten ſchatten ſollen, waren leinene Zeltdächer aufgeſpannt. Aber die ſchimmernden, grünen, rothen, gelben Ballons gaben aller Dürftigkeit ein freundlicheres Anſehen. Eine Grotte von Blumen, berieſelt von einem Waſſer⸗ fall und erleuchtet von einer großen Sonne aus eini⸗ gen hundert Lampen, machte in der That einen gran⸗ dioſen Effekt und verdiente das Staunen, das ſich auf den Rembrandtiſch erleuchteten Geſichtern, die herumſtanden, rings zu erkennen gab. Rechts und links führte der Garten in dunklere Partien, die nicht minder belebt waren und wie man hörte, im zweiten Theile des Feſtes ganz beſonders geſucht ſein ſollten. Geradeaus führten Stufen, die links und rechts von Candelabern erleuchtet waren, zu einem wirklich im Lichte ſchwimmenden brillanten gewaltigen Tanzſaale, wo ſich Hundert von Paaren ſchon in wildem Ga— lopp tummelten und die rauſchendſte Blechmuſik ſchmet⸗ ternd von den Wänden widerhallte. Hierher alſo zog es Hackerten! ſagte Siegbert, indem er auf den erſten Blick gleich nach ihm ſuchte. Kein Wunder, daß es ihm hier mehr gefällt als im vergitterten Galeriezimmer des dritten Hofes Brand⸗ gaſſe Nr. 9, neben einer Stube ſchnarchender Kinder und den geſpenſtiſchen Uhrſchlägen, die an die ſchnell⸗ verrinnende Zeit und an den Tod erinnern. Auch Dankmar hatte Hackerten noch nicht ge⸗ ſehen. Hier und dort feſſelte ihn eine Bekanntſchaft; da ein Offizier in Civil, hier ein junger Advokat, dort ſogar ein junger Gelehrter, der durch die Brille mit zuſammengekniffenen Augen lächelnd über die wil⸗ den Maſſen objektiv philoſophirte. Siegbert fand einige Maler, die da behaupteten, Modelle zu ſuchen. Die Mehrzahl aber gehörte der dienenden und arbeiten⸗ den Klaſſe an. Hier war die Frage vom Proleta⸗ riat zwar nicht gelöſt oder widerlegt, aber doch eine Weile ſuspendirt. Was dein Franzoſe Louis Armand wol über einen ſolchen Ball ſagte? flüſterte dankmar dem Bruder zu. Ich fürchte, er ſieht in dieſen Polkas und Cotillons die bloße Deſperation der arbeitenden Klaſſen. Siegbert, ſtatt darauf zu antworten, zeigte dem Bruder die geſchmackvolle pompejaniſche Malerei des Saales, die hübſche Einrichtung der Logen, durch die man durch verſteckte Hintertreppen gelangte, das wirk⸗ lich Gefällige und Kunſtgerechte, das ſich heutiges Ta⸗ Ult als im es Brand⸗ der Kinder die ſchnell⸗ nicht ge⸗ nntſchaft; Advokat, die Brille e die wil⸗ and einige hen. Die arbeiten⸗ 1 Proleta⸗ doch eine über einen Brudet zu. G otillons en dem. geeigte den alerei des durch die das with e T⸗ utig 239 ges bis in die gewöhnlichſten Bauten erſtreckt und den, freilich auch bedenklichen Schönheitsſinn der Maſſen nur entwickeln kann. Die Hitze war indeſſen hier trotz der geöffneten Thüren und Fenſter ſo erſtickend, daß die Brüder wieder in den Garten zurückkehrten und ſich ernſtlich nach einem Plätzchen umſahen, wo ſie einigermaßen ungeſtört ſich unterhalten konnten. Sie fanden ein ſolches, wenn auch ziemlich entlegen, in jenen unheim— lichen düſtern Regionen, wo nur die Liebenden ſich wohlbefanden. Die Trompeten und Pauken dröhnten hier nicht mehr ſo ohrenerſchütternd herüber. Es war ein einfacher Tiſch, den ſie fanden, mit zwei Stühlen an einem vielleicht erſt vor einigen Monaten einge⸗ ſetzten Apfelbaum, der vielleicht noch nicht zwei Blüten getragen hatte, aber ein Stachelbeerſtrauch bot doch eine Art Rückwand und vor allen Dingen man konnte hier ſein eigenes Wort verſtehen. Wollte Siegbert eben die Bemerkung machen, es käme ihm hier vor wie an der Kegelbahn im Pelikan, ſo mußte Dankmar's Zuſtimmung zu dieſer Verglei⸗ chung um ſo treffender ſein, als die Brüder zu ihrem größten Erſtaunen in dem Kellner, den ſie anriefen, ihnen Wein und die Speiſekarte zu bringen, Nie⸗ manden anders erkannten als den leiblichen Ehegatten —— — r ——— — der Kathrine Bollweiler aus dem Pelikan, den Ange⸗ roder Fuhrmann Peters! Aber Peters, iſt es denn möglich, Sie hier? riefen 9 die Brüder. l Ach, du mein Himmell! war Peters' ganze auf den Lippen erſterbende Antwort. Sie hier in der kurzen Kellnerjacke? Was iſt Das? ſagte Dankmar lachend. Ja! Ja! ſtammelte Peters. Was iſt Das? So heißt's immer auf die zehn Gebote. Und die zehn Gebote hab' ich immer perfekt gekonnt; aber beim Was iſt Das? Da hab' ich immer geſtockt. Ja, ja! Was iſt Das? Peters, Sie ſind melancholiſch? Freuen Sie ſich denn nicht, daß ich da bin? Sagte Ihnen denn Hitz⸗ reuter, der dicke Pelikanwirth, daß Alles in Ordnung iſt? Wo waren Sie denn geſtern? Geſtern wo ich heute bin! Sie ſind Kellner in der Fortuna geworden! Iſt es möglich! Wie hängt Das zuſammen? Haben Sie denn den Bello noch erkannt? Lahm iſt lahm und hier ſoll Einer flink ſein... Peters Aufwärter auf dem Fortunaball! Aber wo iſt denn die Kathrine? „den Ange⸗ hier? riefen anze auf den as iſt Das? Das? So d die zehn aber beim . 19! kkt. Ja, Jd en Sie ſich n denn Hit⸗ n Ordnung 24 Unten im Tunnel! Im Tunnel? Peters, ich glaube wir träumen oder den Pelikan hat man hier in die Fortuna ver⸗ legt... Der Pelikan iſt ein Thier, das ſich die Bruſt auf— reißt für ſeine Jungen, fiel Siegbert ein. Sie haben ja keine Kinder, Peters! Wie kommen Sie... Der Pelikan vorm Tempelheider Thor hat ſich auch die Bruſt aufgeriſſen, aber für ſeinen Bruder... ſagte Peters mit einer ſonderbaren Melancholie. Aufklärung, Peters! Das iſt uns zu gelehrt! Zu⸗ viel Fuhrmannslatein! Mein Dicker hat das Geld hergeliehen für einen neuen dummen Streich, den ſein Bruder macht— erklärte Peters. Iſt Hitzreuter der Bruder des Hitz— Ah! Rich⸗ tig!— Sind die Hitzreuter's Brüder? Das ſehen Sie ja! Wo ſoll das Geld herkom⸗ men für die Fortuna? Der Pelikan hat auf die gol— dene Kugel da vorn eine Hypothek von fünftauſend Thalern. Und auf dieſer Kugel rollte auch die Kathrine in den Tunnel und Peters— In die Marqueurjacke! ſagte Peters tiefaufſeuf⸗ Die Ritter vom Geiſte. IV. 16 242 zend mit einem ſchmerzzerriſſenen Blick zum Sternen⸗ himmel. Aber das ſcheint Ihnen nicht zu behagen, Peters? Kein Wort über Bello? Nichts von dem Schrein? Keine Frage nach Euren ehrlichen Zeck's? Peters, was habt Ihr? Was ich habe, iſt Alles eins; aber Sie haben den Schrein und dafür bin ich auf die Knie gefallen und habe Gott und allen himmliſchen Heerſcharen gedankt. Ja, Peters, wir wiſſen wenigſtens, wer den Schrein gefunden hat. Der Juſtizrath Schlurck hat ihn gefun⸗ den und morgen am Tage wird er in unſer Palais gefahren. Hört' ich Alles ſchon vom Hitzreuter; aber wie der Juſtizrath ihn hat finden können— Iſt Euch nicht klar, Peters? Auch mir noch nicht. Aber geſteht nur, eine Achſe, die Einem vor der Naſe bricht und ein Rad, das Einem auf den Kopf fällt, nimmt die Sinne— Ihr hattet ſie alle fünf ver— loren. Mag woll Ich war elend und mocht's nicht ſagen. Es war meine letzte Fahrt.. Angerode ſeh' ich nicht wieder und Das muß ein Glück ſein. Fortuna iſt ja wol die Glückshexe— was? im Sternen⸗ hen, Peters? n Schrein? *5? Peters, Sie haben nie gefallen Heerſcharen den Schrein ihn gefun⸗ nſer Palais ber wie der nochßnicht or der Naſe ſopf fällt, fünf ver⸗ nicht ſagen. f ich nich rtund iſt 1 Richtig verdeutſcht! Nicht mehr und nicht we— niger. Aber zum Glück macht man kein ſo ſaures Geſicht wie Ihr? Und Siegbert, der wohl verſtand, was den Armen in der Jacke drückte und dem als Maler die Poeſie des deutſchen Fuhrmannslebens gegenwärtig war, ſetzte zu dieſen Worten Dankmar's hinzu: Ihr wäret lieber Fuhrmann geblieben? Das ſeh' ich, Peters. Das möcht's wol ſein, entgegnete Peters mit einem ſichtlichen Ausdruck von verbiſſenem Kummer. O die liebe Zeit! Ich ſchäme mich!... Nach einem aus tiefſter Bruſt gezogenen Seufzer fragte er die Herren, was ſie denn nun„ſchafften“? und zog dabei mit einer Art von ſtiller Wehmuth langſam und wie verſtohlen den Speiſezettel aus der Bruſttaſche. Dankmar fand dies Bild ſehr komiſch. Peters, begann er, wenn Sie dieſen Beruf wider Ihren Willen ergriffen haben— ſetzen Sie ſich doch! Sagen Sie uns doch— Du mein Himmel, ich ſetzen? Wie darf ich mich unterſtehen und mich hierher ſetzen? Seit wann treiben Sie denn dies Ihren Wünſchen nichtentſprechende Metier? 16* Erſt ſeit drei Tagen. Die Fuhren zwiſchen hier und Angerode hören auf! Die Ausſpannung im Pe⸗ likan iſt nicht mehr der Rede werth; der dicke Hitz⸗ reuter hat Das ſo mit ſeinem Bruder abgemacht und wenn ich's auch nicht wollte, die Kathrine will's. Die Kathrine! Die will's? Peters, Ihr ein Fuhrmann, ein Freiherr der Landſtraße, Beſitzer einer ſechsſträhnigen Peitſche— und die Kathrine will's? Das iſt wahr! Freiherr war ich! Wenn ich mit meinen Gäulen auf der Landſtraße fuhr, die Dörfer ſchon von fern mit meiner Peitſche grüßte, wenn der Schmied ſchielend und prüfend auf meine Räder ſah und ich mit dem Schellengeklingel der Pferde, die mit ihren ledernen Kummten ordentlich den Kopf ſchüttelten und Nichts! ſagten, ich auch Nichts! ſagte und Alles ſtolz und ſolid und im beſten Geſchirr war— Bis einmal eine Achſe brach und ein gewiſſer Schrein geſtohlen wurde— fuhr Dankmar humo⸗ riſtiſch fort. Ja, Das war meine letzte Fahrt! Ich wußt' es 4 nicht, aber keine Schraube war mehr in Ordnung: am Wagen nicht und im Kopf nicht. Ich wußte nicht, was ich hinfort nun noch im Leben ſoll und gim Pe dice Hit macht und will s. Ihr ein Beſiter Kathrine ich mit Dörfet wenn eine Räder er Pferde, den Kopf chts! ſagle a Geſchitt n gewiſſer 245 hätt' ich ahnen können, daß mir mein Gevatter Hitz⸗ reuter dieſe Jacke anziehen würde, wer weiß— Aber beſter Freund, ſagte Dankmar, Ihr Chrgeiz iſt höchſt achtungswerth, theilt ihn denn Ihre Frau nicht? Meine Fraul ſagte Peters ergrimmt... Heute Vormittag wollt' ich Sie ja einmal beſuchen... Schön! ergänzte Siegbert, die Schievelbein ſagte mir's! Es thut uns wahrhaft leid— Sie haben Kummer und beklagen ſich über Ihr Weib. Was iſt Das? Was iſt Das? Immer was iſt⸗Das? So heißt's immer hinter den zehn Geboten! Die konnt' ich, aber was iſt Das? nicht. Ich komme noch zu Ihnen derohalben... für heute, ſagen Sie mir, was Sie anſchaffen? Der Rindsbraten ſoll gut ſein und vom franzöſiſchen Wein ſind alle gangbaren Sorten da. Die Namen kann ich nicht leſen, aber wenn Sie recht deutlich Ihre Worte ſagen, behalt' ich ſie ſchon— Wohlan! Eine Chateau Margeaur— Schatten Margo... wiederholte Peters mit gro⸗ ßer Unſicherheit; und Rindsbraten— Was? Nicht wahr? Gut behalten... Peters macht ſich! 246 Bleiben Sie aber ja hier— damit ich mich zu⸗ recht finde! Seit den drei Tagen hier in der Fortuna wird meine Grütze im Kopf immer dünner. Das halt' 1 5 Einer aus hier in dem Sündenſpektakel! 6 4 Peters ging, ſchwerfällig wie ſeine Gäule. 14 3 Dankmar mußte herzlich lachen, während Siegbert wahrhaftes Mitleid mit dem armen neubackenen Kelle ner empfand. Ich hätte nie gedacht, daß dieſer Menſch ein ſol⸗ cher Eſel iſt, ſagte Dankmar und doch bin ich nun faſt gewiß, daß ihn die durchtriebenen Zeck's in Pleſſen gefoppt haben.„ 4 Du uttheilſt zu ſcharf! ſagte Siegbert. Solche Menſchen haben nur den Verſtand, der auf ihrer gea 4 wohnten, ſeit Jahren gefahrenen Straße liegt. Aus ihrem Beruf heraus, ſind ſie um alle Beſinnung. Ich begreife dies ganze Verhältniß im Pelikan nicht. Es liegt auf der Hand. Dieſer alte Ausſpänner Hitzreuter hat Geld und gibt ſeinem Bruder Luftig die Mittel zu einem Etabliſſement, das beſuchter iſt als die Straße nach Angerode. Ich bin überzeugt, die Kathrine regiert unten den Tunnel und die For— tuna, wie den Pelikan und benimmt ſich dabei ge⸗ ſchickter als ihr Mann, dem die Kellnerei eine un⸗ ⸗ * + 2 8 4 1 h mich zu⸗ der Fortund Das halt aule. nd Siegbert tenen Kel⸗ ſch ein ſol⸗ in ich nun in Pleſſen ihrer ge⸗ liegt. Aus Beſinnung. elikan nicht. Ausſpännen uder Luftig beſuchtet iſt üͤberzeugt m die For⸗ nia, el eine! 247 gewohnte Sphäre iſt. Wenn ich die ſpitzbübiſchen Zeck's— Wer ſind denn die Zeck's? Nun ſo höre! Hier begann denn nun Dankmar endlich die Mit⸗ theilung des ſeinem Bruder verſprochenen Reiſeberichts. Die Behaglichkeit dazu gab die fröhliche Umgebung, der milde Himmel, der Sternenſchein, das Flimmern der Lampen, vor allen Dingen aber der Rindsbraten nebſt dem„Schatten⸗Margo“, den ſich Peters aus⸗ drücklich vom Beſten erbeten hatte, weshalb er auch einen halben Thaler— mehr koſtete, als die Brüder hn beſtellt hatten. Eine weitre Anknüpfung des Geſprächs mit dem ſtillen Dulder in der Kellnerjacke war nicht möglich; denn ſchon riefen ihn andre Gäſte. Mit einem ſchmerzlichen Seufzer und einem trau— rigen Blick zum beſtirnten Himmel empor, folgte Peters den Pflichten ſeines neuen Berufes, während die Brüder durch den Wein und die trauliche Mit⸗ theilung ſich jene behagliche Stimmung nachträglich in der Nacht ſchufen, die ſie ſich unter freilich viel comfortableren Verhältniſſen für den Mittag vergebens geträumt hatten. Indem wir ſie dieſem Austauſch uns bekannter 248 Thatſachen überlaſſen, folgen wir in dem Gewühl der Menſchen, die wir gern für unſre Charakteriſtik feſthielten, vorläufig nur zwei ganz beſcheiden auf⸗ tretenden Männern, die ohne Masken in das Innere der Gärten auf ihr wohlbekanntes Antlitz freien Ein⸗ tritt haben. Es ſind Dies Kümmerlein und Mullrich, die beiden Diener der Gerechtigkeit. m Gewühl harakteriſtit heiden auf⸗ das Innere freien Ein⸗ d Mullrich Ueuntes Capitel. Die Signalements. Nun, Das geht ja hoch her! begann Mullrich. Um ſolchen Heidenſpektakel muß Eins aus ſeiner Nacht⸗ ruhe heraus! Bekanntes Geſindel wo man hinſieht, und Alles in Sammt und Seide! Gott iſt recht lang— müthig geworden... Kümmerlein, Mullrich's College, trug den garſti⸗ gen und allgemein kenntlichen Dreimaſter der Polizei⸗ agenten etwas über's Ohr, denn der kleinere, ſpitzna⸗ ſige, ſcharfäugige Agent liebte Fröhlichkeit und Weiber und Muſik und verließ dieſe Feſtlichkeiten nie, ohne ſich vom Wirth und den ſogenannten Obſervaten, den unter Aufſicht ſtehenden ehemaligen Verbrechern, rega⸗ liren zu laſſen. Mullrich, ſagte er, Sie werden je älter, je gottes⸗ fürchtiger. Das macht Ihr Reichthum... 2250 Reichthum, Kümmerlein? Von meiner früheren 6 Schloſſerei, meinen Sie? Wie ſo? Wer wie Sie, zwei, drei Geſchäfte betreibt, der A braucht ſich den Kopf nicht zu illuminiren; der iſt ſtill luſtig für ſich. Kümmerlein, Sie ſind noch jung— Ach, Mullrich... Sie drückt auch nichts als 1 blos Ihr Geldſack! h Meine Frau hat mir erſt eine lange Predigt ge⸗ halten, eh' ſie mir den Dreidecker aufſetzte— ich 5 glaube, wenn ich hier oft in die Fortuna müßte, ſie wäre im Stande, meinen Abſchied zu fodern... 3 Thun Sie Das, Mullrich! Machen Sie ärmeren Leuten Platz! Was? Einen Knochen fallen laſſen, den man im Munde hat, weil Einem der im Waſſer größer däucht? Nein, Kümmerlein! Die Vizewirthſchaft wird doch wol am längſten gedauert haben. Wie ſo? Wiſſen Sie denn nicht, daß die alten Häuſer nun all an die Regierung kommen und dieſe Poſten, die ein paar Groſchen einbringen, verauktionirt werden, verpachtet oder ſonſt etwas? 3 Da bieten Sie denn ſelbſt für Ihren Keller! Drei⸗ hundert Thaler zum Erſten— was? 251 er früheren Dreihundert Thaler? Freund, auf die geht eine halbe Million Pfennige— Wo denken Sie hin! getreibt, der Nun ich parire, Mullrich, daß Sie monatlich... der iſt ſtil laſſen Sie'mal rechnen... Dieſe Ergüſſe einer, wie Hegel ſagt, rein„auf ſich ſelbſt bezogenen Reflexion“ unterbrach ein Herr nichts als in eleganter feiner Kleidung mit einem großen Schnurr⸗ barte. Predigt ge Wir kennen ihn bereits, würden ihn aber jetzt für ehte— ic einen reichen Rittergutsbeſitzer haben halten müſſen, der die Sitten der Hauptſtadt ſtudiren wollte, wenn nicht die dicken waſchledernen Handſchuhe ihm doch etwas mehr Derbes und Militäriſches gegeben hätten. Es war Dies der Oberkommiſſär Herr Pax. Bleiben Sie nicht zu lange auf einem Punkt! tt9 ſagte der impoſante Herr. Sehen Sie ſich um! Es audi ſind zwar viele von dem Schutzamt hier, wie Sie be⸗ obachten werden, aber auch die Zahl der Vigilanden iſt groß. Wo man hinſieht, alte Bekannte. Nehmen Sie Ihre Stellung in der reſervirten Loge Nr. 18 und beobachten Sie von da aus den Ballſaal... Nr. 18! Schön, Herr Oberkommiſſär! Haben Sie Ihre Signalements bereits verglichen? Nr. 1 iſt nur einfach zu beobachten; Nr. 2 aber ſo⸗ gleich feſtzunehmen. Es iſt Polizei genug da, um 252 auf den Pfiff unterſtützt zu werden. Sehen Sie ſich auch die Frauenzimmer recht an!... Die Maler⸗ Guſte nirgend entdeckt? Nein, Herr Oberkommiſſär! lautete die uniſone Antwort. Auch Kümmerlein wußte gleich, wer die Maler⸗Guſte war. Der Oberkommiſſär ging, wie ein ſtiller Beobach— ter, die Arme auf den Rücken verſchränkt, weiter. Er war trotz des lauen Abends bis zum Halſe zugeknöpft und drückte den Hut bis tief über die Stirn. Das iſt das Beſte, begann der kleine Kümmerlein, daß wir auf die Frauenzimmer ſehen ſollen! Es iſt hübſches Volk darunter, die ſchiefe Male hat doch Augen, die Einem gleich unter die Weſte brennen. Guten Abend, Male! Die ſchiefe Male lachte, ſchoß aber in Privatan— gelegenheiten raſch vorüber... Kommen Sie, Kümmerlein, und laſſen Sie uns lieber hier an der Laterne einmal die Signalements vergleichen! ſagte der dienſtbefliſſenere Mullrich. Wie viel haben Sie denn? Ein ganzes Zuchthaus voll! Meine Brieftaſche iſt dick wattirt damit... Ich habe aber nur zwei. Die von heute Mittag? en Sie ſich die Maler die uniſone H, wer die er Beobach⸗ weiter. Er zugeknopft irn. kümmerlein, enl Es iſt en le hat doch ſe brennen, Privatan⸗ ie uns en Sie. janalemenl Wie lrich iieftaſche i Leſen Sie mir'mal vor! Weiß der Henker, ich kann immer aus Parxens ſeiner Schreiberei nicht recht klug werden... meinte Mullrich. Halten Sie'mal meinen Stock! antwortete gravi⸗ tätiſch der mit Schulkenntniſſen begabtere Kümmerlein. Die beiden Polizeidiener hatten einen ſtillen Ort gefunden, wo ſie ziemlich unbemerkt die beiden Sig⸗ nalements leſen konnten, die ihnen der Oberkommiſſär als ſehr dringend bezeichnet hatte... Ein Franzoſe... begann Kümmerlein; fünf Fuß, acht... Zoll, ſchwarzes... Haar, blaſſe... Ge— ſichtsfarbe, Mund... mittel, Augen... braun, Naſe... gewöhnlich, trägt... einen... Schnurr⸗ bart, 28.. Jahre. Spricht gutes... Deutſch mit... franzöſiſchem... Kümmerlein buchſtabirte das folgende Wort: A-e-e-e-n-t. Franzöſiſchem Azent— Richtig. Deutſch mit fran— zöſiſchem Azent— das heißt, man hört's ihm nicht an, daß er kein Franzoſe iſt— Oder vielmehr... Grade! Man hört's ihm an... Aha! Alſo man muß franzöſiſch... Ein Bischen muß man— Können Sie franzöſiſch? Kümmerlein? Kümmerlein behauptete, als ehemaliger Klempner⸗ geſell in Frankreich gewandert zu ſein; er wiederholte aber, daß ja der Franzoſe deutſch ſpräche... Richtig, ſagte Mullrich; aber... Azent! Kümmerlein war etwas verlegen über die Aus⸗ kunft, die er geben ſollte und las deshalb kleinlauter im Papiere weiter: Hier ſteht's wie er heißt... Louis... Armand .. beſondere... Bemerkung: Man hat ihn im... Umgange mit... Handwerkern, beſonders... Wil⸗ ling'ſchen Maſchinenarbeitern... aha!... zu beob⸗ achten— Ah ſo! Das iſt politiſch! Franzöſiſche Aufwiegelei! Deutſch mit'nem Azent! Da wollen wir doch aufpaſſen; denn das Politiſche— Pſt! Stille! bedeutete Mullrich und ſah ſich raſch um.. Eine maskirte Geſtalt huſchte an den beiden Leſern vorüber und warf aus einer grünen gemalten Brille über der gewaltigen Naſe einen ſcharfen Blick auf die beiden in ihren Charakterſtudien vertieften Polizeiagen⸗ ten, indem ſie eine Secunde etwas huſtend ſtehen blieb... Wünſchen Sie etwas? fragte Kümmerlein. Pardon! war die Antwort und die Maske mit r wiederholte ent! der die Aus— lb kleinlauten Armand nem Aentt Politiſche— ſah ſich raſch beiden Leſern nalten Brille Blick auf die Polizeiagel ſſtend ſiehe erlein⸗ Maske n 25⁵ der grünen Brille huſchte raſch wieder in's Dunkel und verſchwand mit ihrem etwas röchelnden Huſten hinter den Büſchen. Pardon? riefen die beiden Collegen... Pardon? Das war ja— Franzöſiſch— Mit'm Azent— Kommen Sie doch! ſagte Kümmerlein, ich glaube, der echappirte auf den Saal zu und überhaupt ſollen wir auf Loge Nr. 18 vigiliren. Eine grüne Brille? Merken wir uns Das, Mullrich! Es war ein Franzoſe! Mullrich konnte dieſe Bezeichnung Nr. 18 nicht hören, ohne gleich an die Thüren ſeines Familien⸗ hauſes zu denken und bei Nr. I8 fiel ihm Nr. 17 ein. Indem er ſich die Möglichkeit dachte, daß dieſe ab⸗ gefeimte Nr. 17, die Maler⸗Guſte, doch wol nicht nach Hamburg gegangen und mit ihrer Schuld an ſeine Ehegattin leicht auf dem Fortunaball auftauchen konnte, folgte er Kümmerlein, der durch das Gedränge dem Saale zu ſich Bahn machte und von dem An⸗ blick der Lichter, die aus den Saalfenſtern ſchimmerten und manche Mädchen, die ihn lachend grüßten, ſo verblendet war, daß er die Spur der grünen Brille bald aus dem Auge verlor und Mullrichen erin⸗ — nerte, daß ſie ja noch das zweite Signalement zu leſen hätten. Um auf Nr. 18 zu kommen, durfte man jedoch nicht durch den Tanzſaal, auch nicht durch die ele⸗ ganten Reſtaurationszimmer gehen, ſondern dieſe kleine Loge war eigends in dem Bauplane des Unterneh⸗ mers, des Kaufmanns Hitzreuter, von der Polizei⸗ behörde vorgeſchrieben worden. Dieſe kleine verſteckte Loge hatte einen eignen Aufgang vom Tunnel aus und machte eine dauernde Beziehung zwiſchen der Beob⸗ achtung des Tanzſaales und der Beobachtung des Tun⸗ nels möglich.„Verbotener Eingang“ lautete die Auf⸗ ſchrift der Treppe im Tunnel, die zu dieſer Loge führte. Es wurde dieſe kleine Loge Nr. 18 in der kecken Sprache dieſer zweideutigen Sphäre die Sternwarte genannt. Hier„vigilirte“ man. Von dieſem Punkte aus ſollten ſich heute Mullrich und Kümmerlein eine Ueberſicht über den Saal erhalten. Da ſie in Amts— tracht waren, ſo hatte der kluge Par wol nur im Sinn, bei den zweideutigen Beſuchern des Fortuna⸗ balles die Idee zu erwecken, die Beobachtung wäre ganz allein auf die„Sternwarte“ beſchränkt, wäh⸗ rend die wahren beobachtenden Füchſe gerade da ſchli⸗ chen und witterten, wo man ſie am wenigſten ver⸗ muthete. gnalement zu man jedoch urch die ele⸗ mn dieſe kleine es Unterneh⸗ der Polizei⸗ verſteckte eine Tunnel aus hen der Beob⸗ ung des Tul⸗ utete die Auf⸗ r Loge fühlie in der kecken Zternwarte iiſem Punkt mmerlein eine ſie in Amts⸗ wol nur in 257 Das zweite Signalement zu leſen, war es die höchſte Zeit. Im Tunnel wurde man zuvörderſt von einem un⸗ durchdringlichen Rauche empfangen. Hier ſtanden drei grünbezogene Billards und einige kindiſche Glücksſpiele, die aber gerade um ſo beſuchter waren, je weniger ſie Nachdenken koſteten; denn mit den großen Geiſtern haben es die kleinen gemein, daß ſie, wenn ſie ſpie⸗ len, nicht denken wollen. Hier im Tunnel wurden die feineren Obſervanzen der oberen Räume nicht beobachtet. Hier ſah man den eigentlichen Stamm der Beſucher ſolcher Feſtlich⸗ keiten, leichtſinnige, meiſt junge Geſchäftsmenſchen, die das Vergnügen lieben. Während oben die im Tanze raſten, die vielleicht erſt auf dem Wege zum Verbre⸗ chen waren, hielten ſich hier unten Manche auf, die, dem Arme der Gerechtigkeit ſchon einmal verfallen, ſich zu beſſern ſuchten und einmal gewöhnt an Nacht⸗ ſchwärmerei, hier unten einen Schein bürgerlicher So⸗ lidität fanden, in deſſen Ausſtrahlungen ſie den Vigi⸗ lanten beſſergeworden erſchienen. Nun ſo raſch? rief eine Stimme vom Büffet, wo man Getränke verabreichte, den auf die Thür: Ver⸗ botener Eingang zuſchreitenden ſcharfſichtigen, ſpähen⸗ den Dreimaſtern zu. Die Ritter vom Geiſte. IV. 17 258 Sie wandten ſich um und traten näher. Man wich ihnen aus, ſo beſetzt auch das Büffet war. Auf dem Fortunaball fand ſich jene Demokratie nicht ein, die im ewigen Hader mit den Dienern der Gerechtigkeit lebte. Mancher ſcheue, trotzige Blick be⸗ grüßte ſie freilich auch hier; aber Zuſammenrottungen, Verhöhnungen äußerer Amtszeichen fanden nicht ſtatt, umſoweniger, als ſich der Er⸗Kaufmann Hitzreuter als einer jener outrirten Royaliſten gebehrdete, die bei jeder Gelegenheit ſich mit ihrer Geſinnung vordräng— ten und aus Dankbarkeit, daß man ihm ſogar von Seiten des Hofes eine Summe für ſeinen Bau ge— liehen hatte, in den Reubund getreten war und mit dieſen Fortungfeſtlichkeiten zuweilen auch patriotiſche Zwecke verband, überall royaliſtiſche Embleme anbrachte, die Landesfarben und die Landeszeichen, und in ſeinen Räumen auf loyale Ordnung ſah. Ei, Frau Peters, ſagte Mullrich, wie kommen Sie denn daher? Es war Kathrine Bollweiler aus Angerode, die Vielgewandte, die Anſchlägige. Ja, ſagte die kleine hinter dem Tiſche Getränke einſchenkende und Geld einnehmende Frau, die ſich mit unglaublicher Behendigkeit und Naivetät in ihre neue Poſition zu finden wußte; ſo ſteht man ſich wie— er das Büffet Demokratie Dienern der ige Blick be⸗ enrottungen, znicht ſtatt Hitzreuter die bei 9 vordtäng ꝗ vord ſogat von⸗ nen Bau ge war und mit ytiſche H pattic me anbrachte⸗ rad in ſeinen unb „n Sie fommen Ek ſche Getränt iſche 7 graul die ſdc Frall, 4 „etät in ih' 7 l man ſich 1 der, wenn man einmal den Pelikan ſeit Jahr und Tag nicht beſucht hat! Eben nicht ſehr zarte Anmerkungen, die ſich Küm— merlein über die geheimen Pelikanzuſtände hier erlaubte und vielerlei ſich daran knüpfende Scherze mögen wir um ſo mehr unterdrücken, als in dieſem Augenblicke Peters herantrat und wieder einen„Schatten Margo“ verlangte— Oben, oben, Männchen, oben! rief die Frau etwas ungeduldig. Es iſt ja für die Thüringer— die zweite Fuhre! Sieh! Sieh! ſagte Kathrine. Meine Thüringer Jungen haben Durſt. Kommen ſie denn nicht ein— mal hier herunter? Statt die Antwort abzuwarten, ging Kathrine in die innern Gemächer des Büffets, wo ſie dieſe ausnahms⸗ weiſe hier unten effectuirte Beſtellung beſorgte, weil Peters die Garantie haben wollte, für die beiden jun⸗ gen Thüringer auch das Beſte und Unverfälſchteſte zu bekommen... Kathrine ſtieg durch eine kleine Nebentreppe ſelbſt in das obere Büffet hinauf. Sie hatte, ſo zweideu⸗ tig uns auch die Stellung dieſer runden kleinen Frau erſcheinen mag, doch ihre Anhänglichkeit an die aben— teuergeſegneten beiden Pfarrersſöhne von Thaldüren 17* 260 nicht aufgegeben. Sie gehörte zu den leichten, aber hätſchelnden Frauennaturen, die eigentlich etwas un⸗ endlich Wohlthuendes im weiblichen Charakter reprä⸗ ſentiren, wie gering auch ſonſt ihr innerer moraliſcher Werth erſcheinen mag. Sie ſind hier noch nicht lange Kellner? begann Kümmerlein, indem er den in ſeiner Jacke jämmer⸗ lich daſtehenden und auf die zweite Fuhre„Schatten⸗ Margo“ harrenden Peters betrachtete. Wie ſo? fragte Peters nicht ohne Empfindlichkeit. Weil Sie die Weine am unrechten Faſſe zapfen. Hier iſt ja der Keller oben, ſagte Kümmerlein. Die verkehrte Welt! brummte Peters. Der iſt kurz angebunden! wandte ſich Kümmerlein zu Mullrich, der eins der immer ſchon eingeſchenkt daſtehenden Gläſer Bier ergriffen hatte und es mit raſchem Zuge leerte, indem er langſam den Beutel zog und noch langſamer aufknöpfte. Kurze Stränge, fährt ſich beſſer! ſagte Peters. Der iſt grob wie ein Fuhrmann, antwortete Mullrich. Und Euer Geldbeutel weit wie ein Bettelſack. Ein Gelächter der dicht Umſtehenden begleitete die⸗ ſen kurzen epigrammatiſchen Dialog. Kümmerlein, eben im Begriff, ſich in ſeiner Würde zu zeigen und chten, aber etwas un⸗ akter reprä⸗ moraliſcher er? begann cke jämmel⸗ Schatten⸗ vfindlichkeit aſſe zapfen. (o erlem Kümmerlein eſchentt eingeſchen und es mil den Beutel geters. Pele antwottel von Mulrrich unterſtützt, der einen gewiſſen ſtrategi⸗ ſchen Bogen, den er ſehr in der Gewalt hatte, um den rebelliſchen Kellner zu ziehen anfing, wurde in dem Beginn thatſächlicher Feindſeligkeiten von Frau Kathrine unterbrochen, die mit dem Schatten⸗Margo noch zur rechten Zeit herunter kam, um eine ſchwieri⸗ gere Verwickelung durch ihre Holdſeligkeit und poli— tiſche Mäßigung abzubrechen. Eben war wenigſtens der durch Kathrinen's Zu⸗ halten ſeiner Börſe beſchwichtigte Mullrich im Begriff, beiläufig nach den beiden„Thüringern“ zu fragen, die vorhin ſo theilnehmend erwähnt und hier offenbar vor allen Gäſten bevorzugt wurden, als Kümmerlein ſei⸗ nen Kameraden anſtieß und dieſen verhinderte, etwas Näheres über jene beiden jungen Männer zu hören (bei zwei„Thüringern“ ſollten ſie ja zwiſchen vier und fünf eine Recherche vornehmen)... Pſt! Sehen Sie da! Der Franzoſe! In der That ſtand die grüne Brille vor der klei— nen Thür, die auf die Sternwarte führte und ſchien die Inſchrift zu leſen. Die beiden Häſcher ſchlichen näher. Die grüne Brille ſchien ſich erkältet zu haben. Sie hatte einen rheumatiſchen Huſten. Eben wollte ſie die Thür aufklinkend die kleine Treppe beſteigen, als 262 die Häſcher herantraten und Kümmerlein von der eben genommenen Herzſtärkung noch reſoluter geworden die Maske, weil es in Franzöſiſch mit deutſchem„Azent“ nicht recht gehen wollte, einſtweilen in Deutſch mit franzöſiſchem„Azent“ ſo anredete: Erlauben Sie, Musje, da ſteht geſchrieben: hier nix Paſſage! Ah NMerci! ſagte die grüne Brille und war mit der Gewandtheit eines Aales den beiden verblüfften Agen⸗ ten plötzlich entſchlüpft. Nur in der Ferne noch hörte man ſie hüſteln. Verblüfft war nämlich Mullrich beſonders auch dar⸗ über, daß Kümmerlein franzöſiſch konnte und Kümmer⸗ lein wiederum ſeinerſeits erſtaunte, daß ſein gewagter Verſuch, dieſe fremde Sprache wenigſtens in Anklängen zu reden, ihm wirklich ſo ſchön gelungen war. Staunend über dieſe neuen Entdeckungen, die ſie darauf ſich gegen⸗ ſeitig machten, verloren ſie zwar die Spur des plötzlich wie verſchwundenen flüchtigen Fremden, aber ſie ſagten doch: Nun, den kriegen wir heute Abend ſchon! Auch ſollen wir ihn ja nur beobachten— Vigiliren! meinte Mullrich und freute ſich des auch ihm geläufigen Fremdwortes. Mit dem Worte Vigiliren ſtiegen ſie auf die Stern⸗ warte hinauf, indem Mullrich ſeinen Collegen wieder— on der eben eworden die m„Aent“ deutſch mit jeben: hier var mit der fften Agen⸗ noch hötte z auch dar⸗ d Kümmel⸗ 1 gewagtel Anklängen Staunend jſch gegen⸗ lözlichwie ten doch: ag Auch hon! i ds cuc die Sterl gen wiedel 263 holt erinn 8 erte, ſie hätte oder wie Kü hätten nun dringend Nr. 2— mmerlei er. 2 zu ihm geläufige nan ſagte, zu collationiren 1 leſen ihen unädem dem Peſhe⸗i zrieis es auf der enge zei-⸗Büreau war. vertröſtete Kü gen Treppe ſehr d chan ſar Kümmerlein für dies 1. zi war, ſo uf die bri aſchaftli. die der ganze Weilehi Beleuchtung von 3 4 les ff 3 Lichtſtrom aller Gasfl 5„ in es fiel. asflammen des Saa⸗ — — — — — — —F Zehntes Capitel. Die grüne Brille. Die aalglatt entſchlüpfte Maske hatte inzwiſchen den Tunnel verlaſſen. Sie bewegte ſich, dann und wann von einem eigen⸗ thümlichen aſthmatiſchen Huſten unterbrochen, mit gro⸗ ßer Behendigkeit, aber auch in jener unſteten Emſig⸗ keit, die gewiſſen langen Würmern eigen iſt, welche auf einer ebenen Fläche bald hier- bald dorthin ſchie⸗ ßen und ſich umwenden, man weiß nicht warum, und ſich alle Augenblicke zu erſchrecken ſcheinen, man weiß nicht wovor. Die Behauptung, daß dieſe grüne Brille deshalb, weil ſie zwei franzöſiſche Worte: Pardon! und Merei! geſprochen, auch ſogleich ein Franzoſe und Monſieur Louis Armand war, kann uns nur übereilt bedünken. Noch weniger aber ſchien das von den Polizeidie⸗ nern verleſene Signalement zu paſſen. wiſchen den inem eigen⸗ en, mit go⸗ gen Emſig⸗ ſſt, welche orthin ſcie⸗ warum, und man wii deshalb, und Verci id Monſien t bedunken Il Volizeide Unter der großen Brille, der Naſe und dem ge⸗ waltigen Schnurrbarte ſteckte zwar ein glattes Antlitz, aber dem Haare unter dem feinen Kaſtorhute ging alle natürliche Friſche ab. Es war jedenfalls eine ſehr kunſtvolle Perücke. Wir, die wir Louis Armand kennen, und bedauern müſſen, daß der junge Franzoſe, der eben mit ſo liebe⸗ voller Aufopferung an dem Krankenbette ſeines Freun⸗ des und Gönners, des Fürſten Egon von Hohenberg, wachte, ſchon den Sicherheitsbehörden wahrſcheinlich als ein communiſtiſcher pariſer Agent erſchien, wir würden für Louis Armand gutſagen, daß es ihm un⸗ möglich wäre, wie dieſe grüne Brille ſo unter den Schatten der Bäume herumzuſchießen, jede weibliche Erſcheinung mit einer Lorgnette zu firiren und dem zweckloſeſten Flaniren ſich in einer Weiſe zu ergeben, die uns über Zweck und Ziel dieſer Perſönlichkeit völlig im Unklaren läßt. Beſonders ſchienen es zwei weibliche Geſtalten, denen die grüne Brille eben eine ſehr aufmerkſame Verfolgung zugedacht hatte.— Es waren ſchlanke, gefällige Weſen, die eine ſehr ſorgfältige Toilette gemacht hatten und deren Auf⸗ treten zwar von ziemlich kecken Manieren, aber auch einer gewiſſen Wohlhabenheit zeugte. 266 Der zudringliche Ton der luftig und zweideutig hier herumflatternden Weſen war ihnen nicht eigen, doch forderten auch ſie heraus. An Verfolgern fehlte es umſoweniger, als ihre Art, ſich aneinander zu 2 hängen und ohne zu verweilen bald da, bald dort zu erſcheinen, auffallend genug war. Zum Tanze ſchienen ſie ſich erſt ſpäter entſchließen zu wollen. Die grüne Brille hatte die Gewohnheit, jedesmal, wenn ſie an dieſen, durch weiße zierliche Halbmasken noch unkenntlichen Damen vorbeiſchoß, ein Compli— ment hinzuwerfen, das immer mit einem gewiſſen Kichern aufgenommen wurde; ja als eins ſeiner raſch hinfallenden franzöſiſchen Worte ſogar einmal durch ein: Bon soir, Monsieur! erwidert wurde, wäre er ohne Zweifel in ein näheres Geſpräch verwickelt ge⸗ weſen, wenn nicht zwei elegante Herren unabläſſig bemüht geweſen wären, ihn von den beiden Weiß⸗ masken zu entfernen. Auch dieſe durch große Schnurrbärte und Naſen unkenntlich gemachten eleganten Herren hielten ſich unter den Armen aneinander feſt. Sie waren fein gekleidet, in ſchwarzen Fracks mit weißen Piquéeweſten, weißen Handſchuhen, weißen Halsbinden. Man mußte ſie für gewandte Erſcheinungen der Salonwelt halten, — zweideuhg nicht eigen, lgern fehlte inander zü ald dort zu tſchließen desmal, 1 albmasken Compli⸗ wiſſen ſeinen ruſch uülül durch 1 267 hätte ihre Sprechart nicht auf einen geringeren Ur— ſprung hingewieſen. Wie ſich die grüne Brille einige mal durch dieſe beiden Herren gewaltſam von den beiden Weißmasken abgedrückt fühlte, ſchlich er dieſen vorſichtig nach und hörte auf einem Seitenwege an den Hecken hin, daß die eleganten Männer folgende Worte in gemeinſtem Dialekt wechſelten: Sie ſind's! Glaubſt du? Die mit der Roſe im Haar iſt die ältere— Doch nicht die älteſte— Bewahre! Die mittlere! Sieh! Sie ſehen ſich um— Wenn ſie uns erkennen, werden ſie nicht mit uns tanzen. Glaubſt du, daß ſie ſo ſtolz ſind? Um uns zu heirathen, nicht. Aber ſo für einen Ball ſind wir ihnen zu gering. Man kennt uns nicht. Wir haben die feinſte Garderobe... Die Ludmer hat's gleich bemerkt, daß wir auf fremde Unkoſten hergingen... Sie wollte uns nach⸗ ſehen, gut, daß wir ausriſſen... Mein Frack iſt mir doch zu eng... 268 Bewahre! Nach der Mode muß er eng ſein... Nun dann trifft ſich's gut, daß der Alte ſo hager wie eine Spinne iſt... Wenn er uns hier begegnete! Es wäre das erſte mal nicht, daß ich ihn in ſei⸗ nen eigenen Kleidern foppte! Aber er iſt zu müd von ſeinen Strapazen. Vom Möbelwagen! Den hat die ſchöne Herxe, die Melanie, recht bei der Naſe herumgeführt. Wie mag der Satan Das angefangen haben, den alten langen Storch in das Neſt zu locken? Wo Weiber Sprenkel legen, bleiben wir Alle ſitzen. Weißt du, was ich vorhin für eine Idee hatte? Wegen Punſch? Richtig! Das luſt'ge Ding— die Jeannette— Von Schlurck's? Die iſt hier— Wo? Wo? Dann ſollt' es amüſant werden— Wir ſuchen ſie— Wo ſahſt du ſie—?2 Wenn ſie's iſt— ich glaube aber mit Neumann— Neumann iſt ihr Bräutigam— Dem plumpen Tolpatſch wird ſie hier nicht die Vorderhand geben— die Jeannette ſtieß und ſtumpfte eng ſein llte ſo hager h ihn in ſei⸗ zu müd von e, recht bei Satan Das in das rch in dd ir Ale ſiten. adee hatte? eannetie— ſuchen ſie Neumanl at N zier nicht arcluſte Ind ſtun ihn zurecht, daß er einen ordentlichen Chapeau ma⸗ chen ſollte— Wenn ſie's nur war— Ich möchte darauf ſchwören! Nur ein Bischen fuchswild ſchien ſie— Das kann ſie ſein. Wahrhaftig! Das iſt ſie wieder— Hier ſchienen die beiden jungen Stutzer, deren Incognito wir ſehr leicht erkennen, da wir wiſſen, daß wir die vortrefflichen Bedienten Franz und Ernſt aus dem Hauſe der Geheimräthin von Harder in der Garderobe der Excellenz vor uns haben, zu bemerken, daß die grüne, von ihrem aſthmatiſchen Huſten ge⸗ plagte Brille ſie belauſcht hatte. Sie verſchwanden in einer Gruppe von Neuankommenden und drängten dem Saale zu, wo auch die beiden Weißmasken hin verſchwunden waren. Die grüne Brille war ſcharfſinnig genug, zu er— rathen, daß ſie ſich hier unter dienendem Perſonale bewegte und ſchnitt unter ihrer Naſe und dem Schnurr⸗ barte einige ſardoniſche Geſichter. Dennoch mußte ſie geſtehen, daß die Weißmasken etwas Graziöſes hatten und eine gewiſſe herausfor— dernde Leichtfertigkeit, die ihr zu pikant erſchien, um die Verfolgung aufzugeben. 270 Indem ſie ſich anſchickte, gleichfalls dem Saale zuzuſchreiten, der eigentlich von der grünen Brille vermieden wurde, hörte ſie neben ſich die Worte flüſtern: Komm! Komm! Die Weißmasken ſind die Wand⸗ ſtablers— die Lore und die Flore! Laß uns fort. Die grüne Brille wandte ſich auf den Namen der Wandſtablers um. Ihr ſchien dieſer Name bekannt zu ſein. Die Wandſtablers? verhauchte es auf den fahlen Lippen der ſchleichenden Perſon, als ſie ſich umgewandt hatte zu hören, wer ihr dieſe angenehme Aufklärung gegeben hatte. Wie erſtaunte der huſtende Schleicher, als er ge⸗ radezu das Eleganteſte entdeckte, was er bisher auf dem Fortunaball angetroffen hatte! Zwei leichte, ſylphidenartige Geſtalten ſchlüpften behend, wie Elfen im Mondſchein, vor ihm her. Sie hatten die Tracht der ſogenannten Fledermäuſe, aber angewandt vom winterlichen Carneval auf die laue, liebliche Sommernacht. Die eine größere weibliche Geſtalt war ganz von einem leichten Roſaſtoff umwallt und hatte eine weiße Kapuze auf. Die andere, ebenfalls mit einer weißen bisher alſ ſchlüpften her. Si ſe, abel jdie laue Kapuze, trug die koſtbarſte Umhüllung von demſelben leichten Stoffe in Himmelblau. Die Kapuzen entſtanden aus weißen Ueberwürfen, die frei und loſe bis über den Kopf gezogen waren und nichts von ihm ſehen ließen als die maskirte Vorderſeite, deren die grüne Brille, ſo ſehr ſie ſich mühte, nicht anſichtig werden konnte. Denn die beiden Damen eilten wie auf geflügelten Sohlen und ſchnitten dadurch jeden Verſuch der Män⸗ nerwelt, ihnen zu folgen, ab. Die grüne Brille hatte das Wort: Es ſind die Wandſtablers! nicht vergebens gehört. Sie mußte ein zu lebhaftes Intereſſe an dieſem Namen haben und folgte bis in die Dunkelheit, wo ihr die Blaue und die Rothe nicht mehr ſichtbar waren. Etwas erſchöpft von dieſen Anſtrengungen ſetzte ſich die grüne Brille huſtend auf eine zufällig unbe— ſetzte Gartenbank, lüftete auch, da es überall dunkel war, einen Augenblick ihre Maskirung und ſammelte wieder Kraft zur Fortſetzung ihrer Anſtrengungen, die aus der Abficht, ſich nur zu vergnügen, nicht ganz allein hervorzugehen ſchienen. Ein leiſes Lüftchen, das über die Gärten und Wieſen herwehte, mußte dem Erſchöpften wohl thun. Die rauſchenden Klänge aus dem Tanzſaale tönten 1647 4 4 5 F 61 12 3 1 1 8 1 4 272 hierher nur noch matt und verhallend. Man befand ſich hier am äußerſten Gitter der ganzen Einfaſſung dieſer neuen Anlage. Im Sternenlicht konnte man in nächſter Nähe nur eine kleine Wieſe, dann aber ein großes feſtungartiges Baͤuweſen erblicken. Die ungeheuren in die Höhe ragenden Schornſteine ließen dort eine große Fabrik vermuthen. Es war hier in der That ganz in der Nähe die große Willing'ſche Maſchinenfabrik, an welcher, um die Glut der Oefen nicht für das Tagewerk erkalten zu laſſen, auch in der Nacht aus den langen Eſſen heller Schein und glühende Feuerfunken kniſterten. Wie die grüne Brille ſich auf der kleinen Bank ruhte, mit der einen Hand ein ſeidenes oſtindiſches Taſchentuch nach dem Geſicht führte, um ſich den Schweiß zu trocknen, mit der andern an der weißen Farbe der friſchgeſtrichenen Bank fühlte, ob ſie nicht etwa noch abfärbte, dann aber eine Bonbonniere her⸗ vorzog und einige Paſtillen in den Mund ſteckte, hörte ſie hinter ſich, wo ſie Niemanden vermuthete und ſelbſt durch die Wirkung der Paſtillen und den aufhörenden Huſten unſichtbar war, zwei Männer in einem ernſten, mit der heitern Regſamkeit des Abends in keinem Zu⸗ ſammenhang ſtehenden Tone ſich unterhalten. Die Männer nahmen mit ihm Rücken gegen Rücken Kan befand Einfaſſung onnte man dann aber Willing'ſche Oefen 1, auch in Schein und feinen Bank Fiindiſches m ſich den der weißen ob ſie nich onniere her ſteckte/ 9 e und ſelbſt örte ꝛufhötenden mem ernſte 1 feinem 31 llen. n Rüche ege auf einer jenſeit des trennenden Gebüſches in einem andern Gange ſtehenden Bank Platz und ließen ſich nur dann zuweilen unterbrechen, wenn von einem Vorübergehenden eine Störung ſtattfand. Sie ſind ein Thor, ſagte der Eine ziemlich rauh und hart, daß Sie Ihr junges Leben ſo unnütz ver⸗ zetteln und nicht endlich einmal Anſtalt machen, für Ihre Zukunft einen dauernden Grund zu legen. Was ſoll aus Ihnen werden? Sie haben Talent, Kennt⸗ niſſe, freilich keine geregelte Erziehung, aber dazu be⸗ dürfte es einer nur kurzen Zeit und Sie würden Vieles nachholen, was Ihnen noch fehlt. Nur müß⸗ ten Sie dies Träumen und Lungern aufgeben und etwas Solides anfangen. Es iſt die höchſte Zeit oder Sie ſind verloren! Der Andere antwortete mit einer ſchwächeren, aber ſanften und hochklingenden Stimme: Ich bin krank. Mein Leben iſt verpfuſcht. Noch einige Jahre und ich breche mir einmal den Hals durch Zufall oder mit Abſicht. Das wird das Ende ſein Gehen Sie weg! Sie ſind ein Thor! ſagte der Andere. Freilich müſſen Sie ſich ruiniren, wenn Sie heute einmal im Felde ſchlafen, morgen eine ganze Nacht ſo durchraſen, wie ich Sie vorhin im Saale Die Ritler vom Geiſte. IV. 18 274 bemerkt habe. Sehen Sie! Wie erhitzt Sie ſind! Wie Ihre Bruſt keucht! Wie Ihre Hände glühen! Sie ſind auf dem beſten Wege zur Schwindſucht! Das iſt der Tanz nicht, ſagte der Andere. Das iſt mein Glück, meine Freude, die an mir zehrt. Haben Sie Glück, Sie Freude? Ein Menſch, der im dritten Hofe eines erbärmlichen Hauſes wohnt, drei Treppen hoch, links und rechts von Armuth und Elend umgeben? Ich weiß, daß Sie nicht darben. Der Juſtizrath liebt Sie väterlich, liebt Sie wie einen Sohn. Und wiſſen Sie, manchmal kommt es mir vor— Halt! Mir iſt ſchon Vieles vorgekommen... Als wäre der Juſtizrath ſelbſt Ihr Vater. Daß Sie der Teufel hole! Das wäre mir nicht lieb! antwortete der Andere raſch. Warum nicht? Mein Vater? Sagen Sie Das nicht wieder! Was wäre da? Sie ſind ein Waiſen-, ein Findel⸗ kind! Sie führen den Namen Hackert von dem Pathen, den man Ihnen im Waiſenhauſegab. Es war ein Kaufmann, der dem Waiſenhauſe gerade gegenüber wohnt und nichts dagegen hatte, Ihnen ſeinen Na⸗ men zu geben, weil er vom Waiſenhauſe lebt. Durch ſind! Wie n! Sie ſind dere. Das zehrt. Menſch, der iſes wohnt, lrmuth und cht darben wie einen umt es mit wieder ah Finde dem Pathel Es wal d gegenüb ſeinen“ lebt 1 275 welche Teufelei, wenn mich doch der Teufel holen ſoll, kamen Sie an den Juſtizrath? Das weiß ich nicht— aber mein Vater! Nein, Das wäre eine weinerliche Komödie, wie ich ſie ein— mal für zehn Silbergroſchen im Theater ſah. Gehen Sie weg, Herr Oberkommiſſär! Sie haben Muße Ro⸗ mane zu leſen. Pfui Teufel! Kommen Sie; Das könnte mich raſend machen! Laſſen Sie mich tanzen! Hören Sie: Polkatöne! Komme doch! Komme doch, holde Schöne! Aha! Ich merke, Sie können meine Vermuthung nicht ertragen, weil Sie nun merken, warum Schlurck— Der Andre pfiff. Sie aus dem Hauſe geworfen hat. Laſſen Sie mich los! Die Polka fängt an.. Sie tanzen nicht! Sie ſollen vernünftig ſein! Wiſſen wir nicht Alle, daß Sie mit dem ſchönen, kecken Mädchen, mit der Melanie... Stille! Erſt: Wir? Wer ſind die Wir? Die, die ſcharfe Augen und nebenbei mit Schlurck, Bartuſch und andern Stützen der Gerechtigkeit man⸗ cherlei zu thun haben. Auch Dienſtmädchen plaudern — CEben ſprach ich Jeannetten— Sie iſt hier? Die Schlurck's müſſen toll ſein. Sie werfen alle 18* 276 Leute zum Hauſe hinaus und bilden ſich ein, wenn man auf den Mund fällt, wächſt er Einem zu. Was iſt mit Jeannette—? Der Kutſcher Neumann brachte ſie her. Sie wü— thet. Ihr Fräulein hat ihr heute Abend vor zwei Stunden den Dienſt gekündigt. Sie tanzt aus Zorn— ich aus Freude! Ein an⸗ dermal umgekehrt. Es werden mir noch manche folgen. Reden Sie vernünftig! Dieſe Jeannette iſt bös; und wenn Sie Melanie lieben— Meine Schweſter? Wirklich? Glauben Sie's nun? Nimmermehr! Oder ob nicht— Sie ſchweigen doch wenigſtens. Obgleich Sie viel verrückte Streiche machen, ſchwei⸗ gen Sie doch. Ich ſchätze an Ihnen Ihre Diskre⸗ tion und Ihre ſchöne Handſchrift, Hackert. Jeannette wird aber nicht ſchweigen. Sie raſt, ſie droht... Das Fräulein wäre heute Abend von Harder's nach Hauſe gekommen, hätte getobt und gelärmt, geweint, geſchrieen, die Hände gerungen, einen Brief ge⸗ ſchrieben— An Laſally... Sie ſcheinen das Alles zu wiſſen? Dann? Dann? Fahren Sie fort! Dann wäre ſie in's Schlafzimmer gegangen, hätte ſich ausgezogen, das Licht eben auslöſchen wollen und mit der Lichtputze in der Hand— Kennen Sie keinen Geſchwindmaler? Ich wünſchte, man könnte das Leben ſtenographiren. Mit der Lichtputze in der Hand ihr geſagt: Jean⸗ nette, deine Plauderei in Hohenberg, dein Zuſammen⸗ ſtecken mit Hackert, deine gottloſe Zunge mit den Knech⸗ ten Laſally's, dein Punſchtrinken mit den Bedienten der Geheimräthin, deine angeberiſchen Schändlichkeiten, daß ich den Prinzen Egon von Hohenberg in einem fremden Abenteurer vermuthet hätte, alles Das macht dein Maß voll. Morgen früh will ich dich nicht mehr ſehen. Damit drängte ſie Jeannetten zur Thür hinaus, riegelte zu, löſchte das Licht aus... Und ſchläft und träumt... von ihrem Bruder? Wo iſt der Geſchwindmaler? Beſter! Sie ſpotten doch nur! Aber Jeannette iſt viel ſchlimmer als Sie.„. die ſagt rein her⸗ a... Man ſchneidet ihr die Zunge aus. Dann ſpricht ſie in Zeichen, die ſo deutlich ſind, daß... Man ſie würgt... Sie, glaub' ich, könnten ſchneiden und würgen 278 ohne Meſſer und Stricke, Sie haben den Verſtand dazu— deshalb komm' ich auf meine Vorſchläge zu⸗ rück— wählen Sie ſich einen Beruf, zu dem Sie Talent haben— Die Jeannette! Die verläßt auch das Haus? Die Zeit wird immer verwickelter. Sie braucht Köpfe— Bläſt das Licht aus und ſchläft Sie haben das wunderbare Talent einer Hand⸗ ſchrift, in der Ihnen der erſte Schreibmeiſter der Aka— demie nicht gleichkommt... Schmelzing iſt ein Stüm⸗ per gegen Sie... Bläſt das Licht aus und ſchläft—... Geben Sie mir die Hand! Schlagen Sie ein! Sie werden von Morgen an, im Einverſtändniß des Polizeipräſidenten, bei mir... Hackert ſtand wie abweſend, gab die Hand und Par wollte eben mit ſeinen Anträgen deutlicher her⸗ vortreten, als die grüne Brille die Worte rufen hörte: Maske vor! Getanzt! Getanzt! Dieſer Ausruf kam nicht von dem Andern, über⸗ haupt nicht von den beiden Sprechern, ſondern aus einem dritten und weiblichen Munde. Die grüne Brille hatte ſich leiſe umgedreht und erblickte mit Erſtaunen, daß zwiſchen die beiden 3 279 Verſtand Sprecher eben die blaue und die rothe Maske gefah⸗ hläge zu⸗ ren waren. dem Sie Die Rothe hatte den wenig Widerſtrebenden, der auf die Vorſchläge des Andern halb ſchon einging, aus? leidenſchaftlich in dem Moment des Handeinſchlagens braucht ergriffen und ihn mit den Worten: Getanzt! Getanzt! von der Bank auf⸗ und fortgeriſſen. Die kleine Blaue hüpfte nach. Mit einem Fluche Hard⸗ war der Andere, der ſtattliche Herr Oberkommiſſär, der Ahr⸗ aufgeſtanden, während die drei wie flatternde Vögel i Stüm⸗ davonſchwirrten... Hackert, denn dieſer war der ſo plötzlich aus den Schlingen des Oberkommiſſärs Par Entführte, Hackert zie enn wußte nicht, wie ihm geſchah... „77 des Die rothe elegante Dame war ihm völlig unbe⸗ kannt. Ebenſo wenig wußte er, wer die an ſeiner linken Hand nachhüpfende Blaue war. Raſch durchflog er die Reihe ſeiner Bekanntſchaf— ndniß d licher her... 3 ih horte ten. Er hatte deren hier unendlich viele. Denn wir fen) ſagten ſchon, daß er zu den leichtſinnigſten jungen üͤber Männern gehörte und ſo wenig ihn ſein Aeußeres, ern 6 j„ 7 ( au beſonders aber das röthliche Haar empfahl, ſo un⸗ fähig er war, dauernde Verbindungen zu ſchließen, ſo konnte es wol ein Act alter Anhänglichkeit ſein, daß ihn hier ein ſchwärmender Nachtvogel entdeckte und zur . 280 Erinnerung alter Stunden zum Tanze, in dem er ein kunſtvoller Meiſter war, entführte. Dennoch kam er von dieſer Vermuthung bald zurück. Der Anzug war ſo neu, ſo elegant, der Kopfputz ſo geſchmackvoll und nach eigner Idee ausgeführt, die Aehnlichkeit der beiden Damen ſo auffallend und wie im Einverſtändniß angelegt, daß er hin⸗ und herrieth, aber von ſeiner Begleiterin immer auf jeden Namen nnr ein Kopfſchütteln erhalten konnte... Es war nicht möglich ſo raſch in den Saal zu dringen. Er hatte Zeit ein Geſpräch anzuknüpfen. Er fragte rechts die Rothe, links die Blaue. Mit verſtellten Stimmen wichen ſie ihm aus und ſpannten ſeine Neugier nur immer mehr auf die Folter. Endlich waren ſie im Saale und die rothe Dame, die ſich im blendenden Schein des Gaslichtes nur noch anziehender ausnahm und die größte Begier er⸗ regen mußte, ihre ſchwarze Maske gelüftet zu ſehen, trat mit Hackert zum Tanze an. Aber die blaue, die nun allein ſtand, blieb jetzt auch nicht ohne Tänzer. Ohne lange Wahl war ſie in die Reihen mit hinein⸗ geriſſen und tanzte mit einem ihr völlig unbekannten jungen Militair, der unter ſeiner Uniform eine feine elegante Piquéweſte trug und an dem goldenen Strei⸗ er ei fen ſeiner Uniform zeigte, daß er ſchon einen höheren neer ein Grad erreicht hatte. bald Das Gewühl war zu ſtark. Man konnte nur ein— mal herumtanzen und mußte dann eine Weile auf friſche Lücken warten... Hopfp aata Hackert aber ließ ſich nicht hindern, im Tanzen nnei fortzufahren, es war ein gewandter, wilder, allge⸗ Pdet mein bewunderter Tänzer,— wobei er aber ſtatt röther, Fatri nur immer bläſſer wurde... Alal Während die blaue Dame ſo neben dem jungen Militair ſtand und ſich gefallen laſſen mußte, daß ſie Saal M trotz ihrer Eleganz hier von Denen zum Tanze aufge⸗ ünühſen fordert wurde, die das Lokal einmal beſuchten, hörte M ſie hinter ſich die Worte flüſtern: ſaannten Quelle aimable danseuse! r Die Wirkung dieſer franzöſiſchen Anrede auf die he Dam, kleine blaue Dame war unglaublich. Sie wandte ſich um, ſah, daß die grüne Brille unter dem Barte ihr zulächelte und gerieth darüber ſo in Verwirrung, daß ſie ſich von dem jungen, hüb⸗ ſchen Soldaten losriß, um Entſchuldigung bat und e Tänze davonſtürzte... Dieſer glaubte, ſie wäre krank und wollte ihr bekannie folgen. aine feil Nein! Nein! antwortete ſie und hielt ihn zurück. Faſt beſchämt wurde der junge Krieger, als er glaubte, er hätte wol Unrecht gethan, eine ſo elegante Dame außzufordern und traurig zog er ſich an die Wand zurück, um denen Platz zu machen, die ihren Tänzern nicht nach der erſten Tour ſo ſpröde davon⸗ gingen. Die grüne Brille irrte ſich durchaus nicht, wenn ſie annahm, daß ihrer franzöſiſchen Anrede wegen die Himmelblaue aus dem Saale eilte und ihren Tänzer ſtehen ließ. Sie benutzte die Wahrnehmung und ging ihr hüſtelnd nach. Die kleine Dame ſah ſich ängſtlich um und floh förmlich. Mais, ma belle— rief die grüne Brille und wagte es den Arm der kleinen Dame zu ergreifen. Dieſer zitterte... O laſſen Sie mich! Ich ſchäme mich! waren die Worte, die an das Ohr der grünen Brille drangen und darauf hin verſuchte der Aſthmatiſche ein deut⸗ ſches Geſpräch anzuknüpfen, deſſen gebrochene Töne auf die kleine Blaue nur noch erſchreckender wirkten. Sind Sie's denn? O Gott, was werden Sie von mir denken? rief ſte, als ſie Beide mehr in der ent⸗ legenen Partie des Gartens waren. „als el elegante h an die die ihren de davon⸗ öt, wenn vegen die u Tänzei 283 Daß Sie ſind ein kleiner Engel— eine von den drei Grazien, die verſtehen zu tanzen à mer- veille. Machen Sie doch auf Ihre Maske, kleiner Engel! Die Blaue ſchien nach dieſen Worten zu begreifen, daß ſie ſich doch wol geirrt haben mochte und viele Menſchen in Frankreich wohnen, die gerade hier in Deutſchland anweſend ſein konnten, nicht blos der Eine Einzige, von dem ſie ſich zu ihrem Todesſchrecken an⸗ geredet glaubte. Dennoch vertraute ſie noch nicht ganz ihrer Täu⸗ ſchung, ſondern ſagte mit großer Naivetät: Es iſt mir nicht im Traum eingefallen, auf die⸗ ſen Ball zu gehen, aber meine Freundin hat mich überredet und ihren Bitten konnt' ich's nicht abſchla⸗ gen Dieſe rothe Tänzerin, ſagte die grüne Brille, hat ſehr viel Geiſt zu Unternehmungen und hat mich entzückt durch ihre Hardiesse... Hardiesse? fragte die Blaue. Iſt Das... Die grüne Brille lachte über die Verlegenheit des Kindes und ſagte: Sie kleiner Engel haben nicht ſo viel von Har— diesse... Der blaue Domino glaubte, die grüne Brille 284 ſpräche von einem Gegenſtande der Garderobe und ſagte in aller Unſchuld, ob Das eine Mode wäre? Ha! Ha! Hardiesse iſt eine große Mode aller Damen, ſagte der Franzoſe, für die, welche beſuchen die Bälle der großen Oper. Ich bewundere Ihre Coſtümes! Es ſind Coſtümes der Phantaſie! Von Flor, berichtigte die Kleine. Es ſind Ball— kleider, die nicht für uns gemacht wurden. Wie wir ſie werden bezahlen können, mag Gott wiſſen! Auf dieſe Aeußerung hin mußte die grüne Brille laut lachen. Die Naivetät dieſer deutſchen„Griſette“ die ſo⸗ gleich eingeſtand, daß ſie hier mit unbezahlten Kleidern auf dem Balle war, machte die grüne Brille ſoviel Vergnügen, daß ſie überdreiſt, ja widerlich wurde und auf eine volle Börſe deutete. Mein kleines Herz, ſagte der Fremde, komm! Wir werden uns amüſiren! Wir wollen eine kleine Loge nehmen und ſpeiſen zuſammen zu Nacht. Und morgen früh werd' ich deine Kleider bezahlen... Als die Blaue dieſe Zumuthung hörte und nun ihren vollen Irrthum erkannte, ſchien ſie in eine Ver⸗ zweiflung zu gerathen, die nicht künſtlich war. Die grüne Brille hielt ſie aber für künſtlich, ſchlang den Arm um die ſchlanke Hüfte der gewaltſam Wider⸗ 6 robe und wäre? Code aller beſuchen dere Ihre e ind Ball— Wie wir ine Brille 1 die ſo⸗ n Kleidern rille ſoviel 285 ſtrebenden und zerrte fie in die dunkleren Bosketts, indem er ſich beugte, um das halb weinende Mädchen zu küſſen... Laſſen Sie mich! Ich rufe um Hilfe! ſtöhnte das kleine Mädchen unter den gewaltſamen Umarmungen des ſchleichenden Lüſtlings. In dieſem Augenblicke aber fühlte er ſtatt eines Kuſſes, den er auf der rechten Wange erwartete, auf der linken eine gewaltige Ohrfeige. Der roſa⸗rothe Domino hatte ihn in dieſer ver— traulichen Form ihre weißen Handſchuhe fühlen laſſen. Lachend zog die Roſarothe die beängſtete kleine Blaue aus des Erſchrockenen Armen und verſchwand mit ihr hinter den Hecken. Die grüne Brille ſtand von dieſer Störung ſehr unangenehm überraſcht da. Es entging ihr nicht, daß dieſe Scene Zeugen ge⸗ funden hatte. Man umſchlich ihn. Er glaubte ſogar jenen Oberkommiſſär zu erkennen, der vorhin mit Hackert geſprochen hatte und der ihn mit ſonderbarem Blinzeln betrachtete, während er die rechte Hand in die Bruſttaſche ſteckte. Eine luſtig daherkommende Geſellſchaft, Arm in Arm verſchränkt, befreite die grüne Brille zu ihrem Glück von einer unangenehmen ferneren Beaufſichtigung; denn ſie miſchte ſich, wie zu ihnen gehörend, unter die jubelnden Sänger, die auch ſeinen erwachenden Huſten deckten. Hurrah! riefen dieſe, ihre Hüte ſchwenkend und zogen mit kleinen chineſiſchen Traglampen unter den Bäumen vorüber. Unter ihnen Mädchen, leicht und behend. Hinterher ſchwerer Tretende in Reitſtiefeln, die entweder wirklich ihr übliches Coſtüme angelaſſen hatten oder dies nur trugen, um Das zu ſcheinen, was ſie vielleicht nicht waren. Dabei wurden Flaſchen, Gläſer, Hüte geſchwenkt und Lieder halb angeſtimmt, halb wieder mit rauhen Diſſonanzen abgebrochen.. Oberkommiſſär Parx fragte eine neben ihm ſtehende gleichfalls ſehr zugeknöpfte Perſon: Ah! guten Abend. Herr Aſſeeſſor Müller... Sehen Sie ſich auch dies Treiben an? Wer ſind dieſe? Der Angeredete, der nicht blos zum Vergnügen anweſend war, antwortete: Der ſogenannte Jockeyklub! Aus der Schloßſtraße doch nicht? Rein, nein, die wirklichen Jockeys, die ſich wie ihre Herren auch zu einem Verein gebildet haben. Die wüſten Burſche— Ich kannte Einige— von Laſally— nicht wahr? Die mit den kleinen Reitgerten. Eingebildete — ukend und unter den leicht und Keitſtiefeln, angelaſſen ſcheinen, Flaſchen, ngeſtimmi ochen. meſtehende rüller ſind dieſe Vergnügel 287 Schlingel, die ſich in ihren kurzen Jacken und Schnüren für ſchön halten! In Schnurjacken durften ſie natürlich nicht kommen: aber Sporen und Reitgerten haben ſie doch an den Füßen. Zu tanzen iſt ihnen mit Sporen verboten worden. Deshalb lärmen ſie hier herum. Wer mögen nur die eleganten Herren ſein, die mit den Wandſtablers dort angebunden haben? Kann ich nicht ſagen. Sie ſind ſchon lange mit ihnen im Geſpräch... Die koketten Mädchen wollen heirathen, deshalb tanzen ſie nicht und binden lieber ſolide Verhältniſſe A.. Müſſen ſie denn aus dem Hohenberg'ſchen Palais? fragte der Aſſeſſor Müller, der auf der Polizei die erſten Verhöre führte und von Hackert, wie wir uns entſinnen werden, auf der Landſtraße in der Blouſe des Prinzen Egon vermuthet wurde. Wenn der Prinz wieder geſund wird, gewiß; ſagte Pax. Jede neue Regierung ſtürzt die Creaturen der alten. Ich habe die Wandſtablers gefragt, der commu⸗ riſtiſche Franzoſe iſt wirklich nur des Prinzen wegen von Paris gekommen... Wenn der Prinz geſund wird, werden wir ſchöne Sachen erleben. Der Polizeipräſident ſchüttelte den Kopf über dieſe Verbindung... Auf Bällen und bei den Arbeitern ſieht man den Franzoſen noch nicht— darin waren die pariſer Be⸗ richte falſch. Angekündigt iſt Herr Armand im Naſchinenbau⸗ verein, ſagte der unterrichtete Aſſeſſor Müller. Ich glaubte, vorhin ihn ſogar hier zu entdecken. Aber es iſt ein Andrer. Wer mag nur hinter der grünen Brille ſtecken? Es ſcheint ein Mädchenjäger zu ſein. Politik treibt der nicht. Auch paßt das Signalement nicht. Hat man von Nr. 2 noch nichts beobachtet, ein Signalement, das uns durch geſandtſchaftliche Vermit⸗ telung über England ſo dringend anempfohlen wurde? Von der ſchwarzen Binde? Noch nichts... Sie kommt her,— behalten Sie ja das Signale⸗ ment vor Augen— Kümmerlein und Mullrich auf der Sternwarte ſollen alle Tänzer firiren— Sechs und fünfzig Jahre und noch tanzen, Herr Aſſeſſor? Wer ſich ſo mit Gewalt jung macht? So ſeinen Züge verſteckt? So ſich an die Weiber hängt? Friſeun Schmidt behauptet, er hätte einen kahlen Schädel... d Begierig bin ich, für wen er beim Juwelier Israsli die vielen Ketten und Brochen gekauft hat! tman den ariſet Be ſchinenbau⸗ üller. ₰ Aber es der gründl Politſt rent nich achtet, en che Vermit len wurde ts.. as Signal Rüllrich — Hei Inzen, 9 Ein Engländer iſt's nicht und wenn er zehnmal Murray heißt und amerikaniſche Piaſter ausgibt. Pſt, Herr Aſſeſſor! treten Sie gefälligſt zur Seite! Es kommt da Einer! Mit Dem hab' ich zu ſprechen. Hackert! ſagte der Aſſeſſor Müller lachend. Angeln Sie immer noch nach ihm? Der Narr ſoll in Güte kommen, daß man ihn nicht einmal mit Gewalt holt! Der Aſſeſſor entfernte ſich und der Oberkommiſſär trat auf Hackert zu, der in großer Aufregung ſuchend, umſichblickend daherkam. Nun, ſagte Par, wen ſuchen Sie denn? Ihre Rothe? Was iſt denn Das für ein Paradiesvogel? Das frag' ich Sie! So bin ich nie geneckt worden! ſagte Hackert athemlos. Mitten im Tanz iſt ſie von mir fort: dem Soldaten, der mit der Blauen tanzte, ging's ebenſo. Der ſucht die Blaue, ich die Rothe — verdammte Fledermäuſe! Schonen Sie ſich, Hackert! Sie laſſen einmal recht wieder die Zügel ſchießen. Vor zwei Jahren waren Sie durch Ihre Tanzwuth der Schwindſucht nahe und noch geb' ich nichts auf Ihre Bruſt... Und doch ſoll ich ſchreiben— immer ſchreiben— das niederträchtigſte Metier, das nur für die alten Mönche einmal gepaßt hat, die ihren Bäuchen von Herzen die Schwindſucht wünſchten! Die Ritter vom Geiſte. IV. 19 —— Und manchmal ſchließen Sie ſich doch ab, als wollten Sie in's Kloſter. Die Welt iſt Ihr Schau⸗ platz, aber Sie hören nicht auf die Stimme Ihres wahren Berufes. Ich höre ſchon, wenn Sie mir nur nicht wieder einen Vater geben, den ich nicht mag— Und eine Schweſter, die Sie heirathen wollen oder ſchon geheirathet— Par! Ich würge Sie... oder ich rufe nur Ihren Namen noch einmal und alle Obſervaten ſchlagen den Oberkommiſſär nach 12 Uhr ſelbſt todt. Die Rothe iſt Melanie, Hackert... Das erſte Mal wär' es nicht, daß Sie Fräulein Schlurck tief⸗ maskirt auf die Bälle führten. Nachts ſchlief Alles im Hauſe und Melanie ſchlüpfte mit Ihnen auf einen Tanzſaal, den das Mädchen nur ſehen wollte, nur hören wollte. Das Abenteuerliche lockte ſie... Nicht wahr? Hackert ſchwieg. Der Oberkommiſſär wußte zu⸗ viel von ſeiner Jugend, als daß er hätte läugnen können. Jeannette, ſagte er bitter, Jeannette wird Ihrer Wißbegier viel erzählen müſſen, Herr Par... Da wurd' es freilich ſchon anders, als die kam, fuhr Pax fort. Das Mädchen bekam Begriffe von ch ab, als Ihr Schau⸗ nme Ihres nicht wieden hen wolle nun Ihren ſchlagen de 291 Schicklichkeit und die Augen der Aeltern ſetzten Brillen auf. Aus Liebe wurde ja wol ſogar Haß? Nicht?... Aha! Sie ſchweigen! Werden Sie vernünftig! Geben Sie Das auf! Schlurck's haben Engelſeelen, daß ſie Ihnen noch heute wie ihrem Kinde gut ſind. Aber Melanie geht hoch hinaus. Jeannette ſpricht von Fürſten. Warum nicht? Sie iſt das ſchönſte Mädchen in der Monarchie glaub' ich. Aber Sie ſollten Ihre Träumereien in den Schornſtein hängen oder vielleicht Etwas werden, was ſie hebt vor Schlurck's, Ihnen einen Charakter gibt. Verſtehen Sie? Dann könnten Sie hintreten und ſagen: Melanie, ich bin jetzt... Was? Das findet ſich! Raffen Sie ſich zuſammen— kommen Sie morgen mit mir zum Polizeipräſtdenten— er hat etwas für Sie— Wollen Sie? Schlagen Sie ein! Eben wollte der Oberkommiſſär ausſprechen, wo⸗ durch Hackert's Genie ſich eine Bahn brechen könnte, eben reichte dieſer mechaniſch und träumeriſch ſeine Hand hin, als ſte wiederum von der jungen, rothen, leganten Tänzerin ergriffen und dem drängenden Werber zu ſeinem größten eigenen Erſtaunen entführt wurde... Der blaue Domino hing ſchon halb widerſtrebend arn Arme des jungen hübſchen Soldaten... 19* 292 Der Oberkommiſſär, von der Keckheit jener Unter⸗ brechungen jetzt ſelbſt unangenehm berührt, folgte den zum Saale fliegenden beiden eleganten Tänzerinnen nun mit beſchleunigten und, wie zu irgend etwas ent⸗ ſchloſſenen Schritten. jener Unter tt, folgte den Tänzerinnen nd etwas ent Elttes Capitel. Der rothe Domino. Welch' ein Gegenſatz zu jenem rau ſchenden Gewühl der Sinnenluſt, d er Vergnügungswuth und des ge⸗ dankenloſen Uebermaßes der Freude die dicht daneben befindliche große Willing'ſche Maſchinenfabrik! Am Tage rauſcht es, lärmt es und tobt es auch hier. Da ſteigen ſchwarze Wolken aus zehn thurmhohen Schornſteinen, die Eiſenhämmer dröhnen aus waltigen Werkſtätten, in den Glühöfen ſiedet es, der große Ventilator, mit dem gegen hundert Schmiede⸗ feuer zu immer lichtekloher Gluth geblaſen werden, ſtößt ächzende, ſingende Töne aus und zu dieſer Muſik der menſchlichen Arbeit und des die Materie igenden Gedankens wiehern die Roſſe, die ach die hier gebauten Locomotiv den ge⸗ bewäl⸗ tſpännig en in die entfernteſten Ge⸗ genden führen, um Kunde zu geben von der gewal— tigen Thätigkeit vereinter Menſchenhände und der ge— feſſelten Naturkräfte. Aber auch ein ſchlafender Rieſe ſchnarcht nicht wie ein gewöhnlicher Menſch. Die Hämmer wurden zwar jetzt um zwölf Uhr in der Nacht nicht geſchwungen, die furchtbaren Raspeln dröhnten nicht markerſchütternd in den Werkſtätten, der helle Metallklang der hohlen Cylinder erſcholl nicht dazwiſchen, vielleicht wohllautend für das abgeſtumpfte Ohr, und doch war der Rieſe in ſeiner gewohnten Thätigkeit nicht ganz erſtorben. Er ſchlummerte nur, um neue Kraft zu ſammeln. Auch im Schlummer hielt er ſeine ſtarke Hand geballt und zuckte zuweilen mit den Augenliedern, als träumt' er von neuen Hel⸗ denthaten. Sein Schnarchen war wie das lebendige Athmen gewöhnlicher Menſchen. In den Schmelzöfen ging die Glut die ganze Nacht nicht aus. Die langen Schornſteine durften nicht kalt werden. Die große Dampfmaſchine, die das Gebläſe zu den Cupolöfen der Eiſengießerei trieb, ruhte nicht. In langſam feierlicher Bewegung gingen ihre Hebel und Stempel auf⸗ und abwärts und hielten jene furchtbare Kraft gleichſam in gelindem Athem, die in der Frühe um ſechs Uhr wieder gewaltig aus— holen und wie mit vollen Lungen vereint die Kraft w cht nicht wie zwölf Uhr in ren Raspeln Werkſtäͤtten erſcholl nich abgeſtumyft 1 gewohnie merte nu Schlummt lckte zuweile maſchine,“ zerei l 4„ alng gung g As und hie nt⸗ Nl ndem M waltig 9ſ nt U (44 von tauſend Menſchen erſetzen ſollte. Die Nachtar— beiter löſten ſich ab. Bei den Vorräthen der Coaks, der Steinkohlen, der Holzkohlen fanden ſich Wächter ebenſo wie in der angrenzenden Gasanſtalt, durch deren unterirdiſche Röhren die ganze Fabrik in Winter— abenden durch tauſend Gasflammen erhellt war und auch im Sommer für die Nächte die Bewachung er⸗ leichtern mußten. In den Schmelzöfen und an dem Druckwerk des großen Ventilators... überall kauert ſich ein Wächter, der gelinde und langſam das Tage⸗ werk vorbereitet und die gewaltigen Kräfte nicht zu völliger Ruhe kommen läßt. Dicht an einem rieſigen Krahnen vorbei, an einem Brunnen, der aus einem großen viereckigen Thurme, dem großen Waſſerbehälter, fließt und nur ein Zeichen der vielen Waſſerarme iſt, die hier unterirdiſch in alle Werkſtätten fließen und überall nur durch einen um⸗ jedrehten Hahn jeder einzelnen Thätigkeit dies immer nothwendige Element zuführen, erhebt ſich ein freund— lches Gebäude mit großen, bis zur Erde herabgehen⸗ den Fenſtern. Hier im Mittelpunkt des Ganzen iſt das Comptoir, wo die Beſtellungen angenommen, die Bücher geführt, de Zahlungen geleiſtet, werden. Durch die großen Glasfenſter kann man von allen 296 Seiten die gewaltige Anlage überſehen. Hier liegen nur die Glühöfen in der Nähe, nicht die Werkſtätten, wo das Eiſen ſeine tauſendfachen Formen empfängt und der Lärm zu groß geweſen ſein würde, um nicht die Arbeit der Feder, die die Arbeit der Hand und des Dampfes hier zu controliren hatte, zu ſtören. Hier war der Unternehmer Willing von Technikern und Buchführern umgeben und beherrſchte durch eine ein— fache, freundliche, beſonnene, nicht im Mindeſten dik⸗ tatoriſche oder ſich in die Bruſt werfende und doch mächtige Perſönlichkeit das große vulkaniſche Reich. Auch in dieſer Nacht, während in der Fortuna die Trompete ſchmetterte und die Pauke ihre Wirbel ſchlug, war es zwar ruhig auf den vom Sternenlicht matt erhellten großen Höfen der Fabrik, aber im In⸗ nern heute lebendiger als ſonſt in der Nacht. In jenem Comptoir, beſchienen von dem blutrothen Abglanz der danebenſtehenden in Thättigkeit erhaltenen Eſſe ſitzt eine Anzahl Männer in verſchiedenen Gruppen zuſammen. Es iſt ein Uhr Nachts und zwei Gasflammen brennen noch ſo rein und hell auf einem grünen Tiſch, daß ſie die Vorſtellung etwaigen baldigen Erlöſchens nicht erwecken. Einige Flaſchen Wein, von denen zwei geleert, Hier liegen Werkſtätten, en empfängt de, um nicht Hand und 9 ſören. Hie hnikern und rch eine ein üindeſten die de und doch che Neich. der Fortund ihre Wirb Sternenlich abet im Im acht. em blutroth eit erhalten vei Gruppe Gasflami arünen 2 3„ zſche n Ell wei ge — 29½ ſtehen auf dem Tiſch, auch Braten, auch Brot, auch feineres Gebäck, als hätte ſich ein Leckermund hierher verirrt. In einem Nebenzimmer, dem abgeſchloſſenen Ca⸗ binet des Herrn Willing brennt gleichfalls eine Gas⸗ flamme über einem großen grünbezogenen Stehpult, vor dem eben Herr Willing ſelbſt auf einem empor⸗ geſchraubten Drehſeſſel jetzt ſitzt, um ſich nicht zu übermüden. Er raucht eine Cigarre nach der andern, während er rechnet und von einer Menge vor ihm ausgebreiteter Zeichnungen bald dieſe, bald jene genauer betrachtet und in ihrem Koſtenanſchlage zu tariren ſcheint. In dem großen Raume vorher ſitzen an dem grünen Tiſche bei dem einfachen Nachtimbiß zwei Männer, der Eine jünger als der Andre, und ſind in einem warmen, angeregten Geſpräche begriffen. Auch der Jüngere raucht. Der Aeltere aber, ein hoher ſtattlicher Mann, ſpielt mit einem ſilbernen Crayon, das er aus einer neben ihm liegenden Brief⸗ taſche gezogen zu haben ſcheint. Noch liegen viele Zeichnungen, auch einige engliſche Bücher mit einge⸗ druckten Kupfern neben ihm... In einem Winkel liegen drei ſchwarzrußige Feuer— rrbeiter auf dem Boden und ſind vom halben Schlafe 298 befangen. In einer Stunde ſchon werden ſie wohl aufſpringen und ihre Kameraden an dem Glühofen ablöſen müſſen, deſſen Schein lebhaft ihr Lager auf Matratzen erhellt und einen andern dunkeln Winkel des großen Zimmers, wo auf einem Sopha ein Knabe eingeſchlummert liegt, mit dem wie magiſch vom Hofe hereinbrechenden Lichte überglüht. Am Eingange der großen Glasthür ſteht ein ein⸗ ſpänniger ziemlich bepackter Wagen mit aufgerichteter Gabel, ohne Pferd. Der jüngere Mann, der eben aus der dritten Flaſche einſchenkt und von der Cigarre die Aſche am Stuhlrande abdrückt, blickt aus einem ſcharf geſchnit⸗ tenen, ſarkaſtiſchen, zuſammengetrockneten Antlitz mit Augen, die ſo hell blitzen, daß es uns gar nicht wundern würde, wenn er nach einer wie es ſcheint jetzt vollbrachten ſpäten Arbeit noch auf den Fortuna⸗ ball ginge. Er ſtrich ſich ſein ſtruppiges, etwas langes Haar und den großen, blonden Knebelbart, den er bis zu einer ſolchen Länge trug, daß er ihn leicht hätte in Knoten ſchürzen können. Es war dies der Maler Marx Leidenfroſt. Sein Gegenüber, der noch immer ſinnend und nachdenklich ſeinen ſilbernen Crayon wiegt und zu⸗ weilen nach dem ſchlummernden Knaben auf dem den ſie wohl m Glühofen r Lager auf 7 Min kol 1 Winkel 299 rotherleuchteten Sopha blickt, iſt Ackermann... Sel⸗ mar hatte in jenem Winkel dem Schlafe nicht wider— ſtehen können. Das hat lange gedauert! ſagte Ackermann. Ich glaubte nicht, daß uns die Garret'ſche Hebelſäemaſchine ſo lange aufhalten würde. In die hab' ich mich leichter gefunden, ſagte Lei⸗ denfroſt, als in Ihren tollen Cincinnatipflug. Mit dem müſſen Sie ja in die Erde hineinſchneiden wie mit einem Raſirmeſſer in friſche Butter... Es kommt auf den Boden an, ſagte Ackermann. Ueberall würde er nicht zu gebrauchen ſein, wie denn überhaupt die Landwirthe darin fehlen, daß ſie theoreti⸗ ſche Verbeſſerungen für überall anwendbar halten. Der Cincinnatipflug ſoll mir auf moorigem Grunde vor⸗ treffliche Dienſte thun, während ich für kalkige Ge⸗ genden mit der Zeichnung 14 beſſer fortkomme. Darf ich Ihnen einſchenken, Herr Ackermann? Ich danke! Wenn ich in geiſtiger Anregung bin, iſt mir eigentlich das Element des Waſſers lieber... Sie ſprechen über die Beſtimmung dieſer Maſchinen, die Ihnen Freund Willing liefern ſoll, ſo feierlich, daß auf ihnen ein Segen ruhen muß. Gebe der Himmel, daß Sie ſich nicht täuſchen! Leidenfroſt ſchüttete ein Glas hinunter. Amen! ſagte Ackermann. Mir hat es immer einen wehmüthigen Eindruck gemacht, fuhr Leidenfroſt fort, wenn ich eine Maſchine fertig ſah und mir ihre Anwendung dachte. Sie kommt an den Ort ihrer Beſtimmung. Macht ſie Menſchenhände brotlos, ſo wird ſie betrachtet wie ein ruchloſer Eindringling. Mit tauſend Flüchen beladen geht ſie an ihre Thätigkeit und leider haben wir die Erfahrung gemacht, je geiſtvoller ſie zuſammengeſetzt i*ſt, je größer die Vortheile ſind, die ſie zu verſprechen ſchien, deſto mislicher die Enttäuſchung. Man ſollte große Werkſtätten, ſei's nun im Ackerbau oder in der Technologie, von Staatswegen nur deshalb anlegen, damit auf allgemeine Koſten vorher unterſucht wird, ob ein ſolcher theoretiſcher Traum ſich auch der An⸗ wendung lohnt und bewährt. Ich geſtehe Ihnen, wenn ich mir denke, daß alles Das oder nur ein Theil von Dem, was Sie ſo wahrhaft neu und erfinderiſch uns heute hier angegeben haben, ſich nicht nach Ihren Wünſchen machte, mir Das wahrhaft leid thun würde. Denn Sie ſehen an der ſpäten Nachtſtunde, mit wel⸗ chem Vergnügen ich Ihren gedankenreichen Angaben gefolgt bin. Was verlangen Sie da vom Staat! ſagte Acker⸗ mann, Selbſt erforſchen auf eigne Gefahr und Koſten, zigen Eindruch eine Maſchine dachte. Sie Macht ſie achte wie ein üchen beladen aben wir die ſammengeſetzt zu verſprechen Man ſolle moder in der halb anlegen, terſucht wind auch der Ane Ihnen, wem ſin Theil vol inderiſch und nach Ihkel thun würde e, mit we was Andern ſchädlich oder nützlich ſein könnte? O mein Gott— Geſchieht Das nicht wenigſtens in Amerika? Auch da nicht! Das Leben iſt uns Menſchen ge— geben wie ein roher Block, den wir auf eigene Gefahr zu formen und zu geſtalten haben! Wer ſeine Wünſche erreicht, wohl ihm! Wer an ihrer Erfüllung ſcheitert— ſein Beiſpiel iſt belehrend für Den, der auf ſeinen Trümmern weiter baut! Gräßlich iſt's doch! Das iſt's. Ließ' es ſich beſſern? Annähernd. Warum nicht ganz? Weil alle unſre Staaten egoiſtiſch ſind. Die ein⸗ gefleiſchteſten Ich-Staaten ſind erſt die aſtatiſchen. Nach ihnen kommen die europäiſchen und ich weiß nicht, ob nicht noch in Aſien mehr Garantie des all⸗ gemeinen Wohles vorhanden iſt! Denn die Dynaſtieen norden ſich da und können die Staaten nicht auf die Dauer für ihr Eigenthum in Anſpruch nehmen. Aber Amerika? Da iſt man wenigſtens verſchont von dem Glau⸗ den, daß die Staaten die Emanationen irdiſcher Für⸗ ſtenerſcheinungen, die nothwendigen Eriſtenzbedingun⸗ 302 gen noch nothwendigerer Dynaſtieen ſind. Aber jede Geſellſchaft, wenn ſie auch auf das Intereſſe der all⸗ gemeinſten Wohlfahrt begründet wäre, bekommt auf die Länge ihre Traditionen, ihre beſonderen Ueberlie⸗ ferungen, die ſich feſtſetzen, Form und Geſtalt gewin⸗ nen und Geſetze aufſtellen, die mit der Zeit mächtiger werden als das allgemeine Bedürfniß. Das ſchaffende Individuum vollends wird ſich immer erſt ſeinen Weg bahnen müſſen und durch ſeine eigenen Unglücksfälle weiſe werden. Iſt's im Moraliſchen nicht auch ſo? Sie haben eine trübe Lebensauffaſſung! bemerkte Leidenfroſt. Ich erheitre ſie mir durch die Natur und die Ar⸗ beit... Ihrem Knaben werden Sie zuviel Philoſophie mit auf den Weg geden. Man liebt als Kind die Väter ſehr, die zu leiden ſcheinen, aber ſie fördern uns nicht. In's praktiſche Leben damit! Mir iſt's ſo gegangen. Ich habe nicht gewußt, was Vater und Mutter iſt. Ich bin in einem polniſchen Nonnenkloſter erzogen, obgleich ich gar nicht katholiſch bin. Da wurde ich anfangs wol verhätſchelt und verzärtelt. Dann gab man mich in Warſchau in ein Prieſtercollegium, ich ſollte conver⸗ tiren, Mönch werden. Ich brachte mit Nichtsthun, mit Beten, Singen, Leſen, Schreiben, Adminiſtriren eſſe der all kkommt al en Ueberli ſtalt gewin 5 ſchaffend einen Veg n lücksfäl auch ſo bemertt 303 beim Hochdienſt(obgleich ich evangeliſch war) bis in mein fünfzehntes Jahr zu. Da ſollt' ich zu den Weihen vorbereitet werden.. es war in Warſchau.. ich entfloh, ward erſt Bedienter bei einem reichen ruſ⸗ ſiſchen Diplomaten, einem gewiſſen Otto von Dyſtra, einem geiſtreichen, buckligen Mann, der mich nur aus Luſt an dem Abenteuer und um die Mönche um eine Seele zu prellen mitnahm... dann... Otto von Dyſtra, ſagte Ackermann... er iſt jetzt ruſſiſcher Conſul in Amerika? Sie kennen ihn... Von Waſſington her... Nun wohl! Wir reiſten damals von Warſchau bei Nacht und Nebel davon. Hier angekommen, ſagte er: Mein lieber Mar, hier haſt du hundert Louis— d'ors! Zum Mönch biſt du zu verſchmitzt, zum Be⸗ dienten zu dumm, lerne etwas und tummle dich! Als Kind ſchon hatt' ich Heilige geſchnitzt und den Erlöſer aus Brotkrumen gedreht... ich ging alſo bei einem Drechsler in die Lehre. Bald macht' ich einiges llufſehen durch meine Bildhauerarbeiten von Holz.. ſch war damals ſo geſchmacklos, ſie zu bemalen... Aber weil die proteſtantiſch⸗ und äſthetiſchgeſinnten Leute hier ſie nun nicht mehr mochten, glaubt' ich, es läge an meiner Unkenntniß der Farbe.. ſo wurd' ich Maler.. die Malerei hab' ich dann mit Leiden— ſchaft erfaßt... bin aber doch Alles durcheinander und ich kann wol mit einigem Stolz ſagen... in keinem Dinge, das ich ergreife, ein ganzer Pfuſcher. Die Erziehung ſoll uns das Rüſtzeug für gute und ſchlechte Zeiten geben. Ich beſitze durch fremde Güte und Liebe einiges Vermögen... ich laſſe es ſtehen, ich will es erſt in Anſpruch nehmen, wenn dieſe Hände lahm, dieſe Füße müde ſind. Ich danke Ihnen für dieſe intereſſante Biographie! ſagte Ackermann voll Theilnahme und gab Leidenfroſt die Hand. Sie meinen, daß ich melancholiſch bin, weil ich ſo wenig Wein trinke? Darauf ſchenken Sie ein und ſtoßen an. Es lebe... das Leben! Das Leben! Das bunte Leben! Die Schule des Lebens! ſagte Leidenfroſt und ergriff die Flaſche, um Ackermann's Glas bis an den Rand zu füllen. Als ſie angeklungen hatten, erhob ſich Leidenfroſt, der ſehr aufgeregt war und ging zu Willing hinein, der zu ihm, ohne aufzublicken, lachend ſagte: Da biſt du nun ſchön angekommen! Wärſt ſicher lieber auf dem Fortunaball drüben und mußt hier Zeichnungen machen und meine Calcüls vergleichen bis nach Mitternacht! Ein wunderlicher Menſch, dieſer Amerikaner, ſagten wo es ſteht... Ulll T. Nuſch ner Pfuſche b ndo( fremde Gi ſſe es ſtehen für gute un Lro uch nehmel do ſind ind ghic araphl Biog Leidenfto holiſch bi ſchenken eben Schule d „Schu laſche, 4 füllen. „ Leidenft Leidenfroſt mit gedämpfter Stimme; aber ſo ſelt⸗ ſam wie ein Prophet. Er hat mich gefeſſelt und ich bleibe ſo lange, bis du zuſammengerechnet haſt, was alle dieſe Angaben etwa koſten würden. Ich will ſeine Miene ſehen, wenn du eine Garantie ver— angſt. Wär' ich reich, ſagte Willing und müßt' ich nicht mit fremdem Gelde arbeiten und ſoviel arbeiten, um nur arbeiten zu laſſen, ich könnte mich entſchließen, ihm auch auf Treu und Glauben dieſe Maſchinen nuszuführen. Der Verluſt brächte immer noch den eichen Gewinn der Belehrung für meine Techniker. Wie er in dem Einſpänner vorfuhr und mit der ruhigen Haltung eines Miniſters fragte, ob ich Zeit bätte, ihm Maſchinen zu bauen, und ich Ja! ſagte, Zeit enug, wenn es keine Locomotiven und nur kleine Sachen ſind!... Wie er dann ſagte: Ob ich ihm den Abend ſchenken wollte, um ſeine Pläne anzuhören und ich dann antwortete: Gern, aber ich muß zu reinem beſten Zeichner ſchicken— Leidenfroſt wollte eben das ihm geſpendete Lob golehnen, als Ackermann näher trat. Er hatte einen kurzen Gang durch das große Zimmer gemacht, einen ſheilnehmenden Blick auf ſeinen ſchlummernden Selmar eworfen und ſtellte ſich, die Hände auf den Rücken Die Ritter vom Geiſte. IV 20 gelehnt, an die Eingangsthür, die in das kleine Ca⸗ binet des Fabrikanten führte. Es läuft Wol hoch hinauf? ſagte er geſpannt, als Leidenfroſt ſchwieg und er ein Geſpräch nicht zu ſtören glaubte. Es iſt nicht leicht, ſich jeden Anſchlag ganz zu ver⸗ gegenwärtigen, antwortete Willing. Wenn Sie noch eine halbe Stunde Zeit haben— Ich raube Ihnen die Nacht. Ich ſchäme mich, Ihnen zudringlich zu erſcheinen. Wenn Sie ſagen, daß Sie Eile haben— und noch dieſe Nacht reiſen wollen... Beſtellungen, die auf mehr als tauſend Thaler gehen, nimmt man auch bei Nacht an. Während Willing fortrechnete und ſich Ackermann und Leidenfroſt vom Cabinet entfernten, ſagte der viel⸗ ſeitige Maler: Warum eilen Sie ſo? Bietet Ihnen die Haupt⸗ ſtadt Ihres Vaterlandes, nach ſo langer Trennung, nicht mehr Zerſtreuung, nicht mehr Gelegenheit, das inzwiſchen entſtandene Neue zu beſichtigen? Und wenn Sie nicht für ſich bleiben, bleiben Sie für Ihren Jungen da! Ich habe gleich bei meiner Ankunft, ſagte Ackermänn bewegt, einen für mich ſehr empfindlichen Schmerz das kleine Ca er geſpannt ſpräch nicht z ganz zu vei genn Sie noch ſchäme mich haben— UI ſellungen, d umt man ale 24 Ackermanl ſich Acketm ſagi der d aul en die Hal Trennun el Tren 1 legenhelt, 1 n? Und h für N Sie Acker agte Ace angetroffen, die Krankheit eines mir ſehr theuren Men⸗ ſchen, des jungen Prinzen Egon— kennen Sie ihn? Er iſt ſeit kurzem von Paris angekommen.. Ich kenne ihn nicht... Er liegt am Nervenfieber ſo heftig darnieder, fuhr Ackermann fort, daß ich die fernere Entwickelung die⸗ ſes Leidens nicht abwarten mag. Seine Güter ge⸗ rade ſind es, die ich in Pacht genommen habe und auf denen ich meine Erfahrungen geltend zu machen hoffe. Nichts iſt unterwühlender, als von der Pein einer ängſtlichen Spannung täglich gefoltert zu wer⸗ den. Gefaßt auf das Aeußerſte, unvermögend zu helfen, geh' ich. Auch weiß ich nicht, ob Sie mich darin verſtehen. Wenn Jemand jahrelang von der Heimat abweſend war und er ſieht ſie in der Abſicht wieder, ſich nicht blos der Erinnerung gefangen zu heben, ſondern auf ihrem Boden auch zu wirken und zn ſchaffen, ſo ſoll man der Erregung des Gemüthes ſeine zu lange Herrſchaft einräumen. Ich brauche meine Vorſätze. Sie ſind meine Stütze. Ich brauche meine Lebensauffaſſungen, wie ich ſie mir nun einmal gebildet habe. Sie ſind meine feſte Anlehnung. Soll ich nun hier all' den Menſchen begegnen, die ich von fnüher kenne... ja liebe, achte... aber... ich firchte, mich an ſie und ſie an mich zu verlieren. Such' 20* 308 ich den Einen, ſo wär' es lieblos, nicht auch den Andern zu ſuchen. Thät' ich nun Das, ſo fänd' ich kein Ende und von meinen ernſten Aufgaben käm' ich ganz ab. Deshalb hab' ich mich entſchloſſen, dies Wieder⸗ ſehen und Wiederbegrüßen, dies Erinnern und Ge⸗ denken, auf eine Zeit aufzuſparen, wo ich mich ſchon wieder feſter in dieſer alten Welt eingewurzelt fühle. Ich will raſch, ohne Zögern, an die Aufgabe gehen, die mir für's Erſte die wichtigſte iſt. Leidenfroſt konnte nicht umhin, dieſe Abſicht voll— kommen zu billigen und zu erklären, daß er im glei⸗ chen Falle ganz ebenſo handeln würde. Sie ſind alſo Maler, hör' ich mit Erſtaunen, be⸗ merkte Ackermann, als ſie ſich wieder geſetzt hatten.. Daß Sie aber auch mehr als Oekonom ſind, glaub' ich gleichfalls errathen zu können, antwortete Leiden⸗ froſt. Allerdings, ſagte Ackermann; ich bin meines Zei⸗ chens ein Stubengelehrter, ein gelernter Juriſt, dann Philoſoph, Politiker— ich habe Vieles, wie Sie, durcheinander ſtudirt, bis ich von allen meinen idea⸗ len Flügen auf die alte Muttererde zurückkam. Allein zu allen Zeiten bin ich doch immer nur ſozuſagen Eins geweſen. Sie arbeiten aber à deux mains.. Doch nicht! ſagte Leidenfroſt. Ich war immer nicht auch de ſo fänd' ich kei rkäm' ich gan „dies Wieden nern und Ge ich mich ſcho ewurzelt fühl ſgabe geher e Abſccht vol z5 er im g Eeſtaunen, b eſetzt hatten m find, glal 5 9 el wortete Leide meines 5 1 FNAl Juriſt, d wie 5 meinen ü A ickkam. X MAll wal ſ 309 Künſtler, wie Sie vielleicht immer Denker. Ich habe, als ich im Kloſter unter den Nonnen war, ſchon Häu⸗ ſer von Pappe gebaut, Käſtchen für die kleinen zier⸗ ichen Oſtereier, die die Damen vom Herzen Jeſu mit Seide umſpannen und mit Goldfäden ausſchmückten. Dann gab mich Aebtiſſin Sibylle, damit ich ein Pole und ein Katholik würde, nach Warſchau in ein Mönchs⸗ kloſter, wo ich Muſik trieb und die alten Gebetbücher abſchreiben lernte, wobei ich zuerſt mein Zeichnentalent in den bunten geſchnörkelten Initialen zu erkennen gab. Bei gewiſſen geiſtlichen Paſſionen, die wir in der Charwoche und zur Weihnachtszeit aufführten, war ich Schauſpieler. Die Zeit, wo ich Dichter war, überſpring' ich. Es iſt die Zeit einer hoffnungsloſen Liebe. Auch meine Bedientenrolle bei Otto von Dyſtra war eine Kunſtaufgabe. Ich wollte nur aus Polen ent⸗ föehen, unbekannt ſein und meine Verzweiflung im Elend eſticken. Der bucklige Baron war ein Sonderling... Er iſt es noch... ſagte Ackermann. Er liebte alle möglichen Raritäten, für die er ein angeheures Geld verſchwendete. Damals hatte er es mit der vor funfzehn Jahren etwa zum erſten male uftauchenden Phrenologie zu thun. Wo er einen in⸗ leſſanten Schädel entdeckte, hätt' er am liebſten den Kepf gleich abgeſchlagen und mitgenommen.. Wie er in Niniveh die alten Tempeltrümmer mit⸗ nahm.. ergänzte Ackermann, der dieſen berühm⸗ ten Reiſenden Otto von Dyſtra genau zu kennen ſchien. Da ſich dieſe Scharfrichterei aber nicht gut aus⸗ führen ließ, fuhr Leidenfroſt fort, ſo formt' ich ihm die Köpfe raſch aus Thon. Er gab mir die hundert Louisdors, um Bildhauer zu werden; ich war beſchei⸗ den und wurde erſt Drechsler, bis ſich der gährende, brauſende Künſtlerdrang nicht mehr halten ließ und ich plötzlich Bildhauer, Maler, Architekt, Mechaniker war. Die Maſchinenbaukunde verträgt ſich vollkom⸗ men mit meiner Natur, die in der Kunſt nichts Träu⸗ meriſches, ſondern etwas Reelles ſieht... Wir ha⸗ ben zu vielen Dingen zu gleicher Zeit Talent. Der Menſch hat viel mehr, als an jeder Hand nur fünf Finger; er ſieht ſie nur nicht alle. Das iſt wahr; antwortete Ackermann ſehr befrie⸗ digt von dieſer Bemerkung. Es juckt uns oft in Fin⸗ gern, die wir nicht haben und wenn ich ſchlechte Mu⸗ ſik hörte, kribbelte es mir in allen Nerven, beſſere zu machen, obgleich ich nur etwas Klavier ſpiele und auf einer italieniſchen Reiſe Guitarre klimperte. Jedoch die mechaniſche Fertigkeit der fünf Finger, das iſt etwas Anderes. Das läßt ſich doch nur an dieſen allein ltrümmer mit⸗ jeſen berühm au zu kennen nicht gut aus formt ich ihn ir die hunde h war beſche er gährend der g alten ließ un Mechanit ⸗ Hollkoll t ſich volli ſt nichs Liͦ Wir! Calent. 2 Hand nut un ſehr bel goſt in ' zſchlechte beſſer rwen/ jer ſpiel oie nperte⸗— das it! „ dieſen 311 üben und deshalb erſtaun' ich, daß Sie Maler und zugleich Techniker ſind. Ich beſuche Sie einmal auf Ihren Dörfern und wenn die Maſchinen anſchlagen und es abwerfen, bau' ich Ihnen noch eine Villa nach meinem Geſchmack... Ich halte Sie beim Wort! ſagte Ackermann er⸗ freut. Allein Eins nimmt mich doch Wunder. Wie machen Sie es bei ſolcher Vielſeitigkeit mit Ihrem Ho— rizonte? Die Anſchauung eines Kunſtateliers iſt doch auch für's Leben eine andere, als die einer Maſchi— nenfabrik. Glauben Sie Das nicht! ſagte Leidenfroſt. Unſere Maler ſind nur meiſt ſo toll, ſich einen ganz kleinen Horizont abzuzirkeln, zu dem ſie aufblicken. Den nen⸗ nen ſie das Ideal. Woher käme denn anders die eunuchenhafte Erfindungsloſigkeit unſerer Schulen, wenn die jungen Burſche, die Leinwand vollklexen, nicht mit Gewalt in eine kleine Treibhauswelt eingepfercht wür⸗ den, wo ſie immer vom Schönen, vom Schönen ſpre⸗ hen und es nur in ein paar Begriffen finden? Die Bibel z. B. iſt doch ein großer Begriff... ſagte Ackermann. O ja! die Begriffswelt dieſer Maler iſt ſogar noch zein klein wenig größer: denn zur Bibel kommt noch bei ihnen ein deutſches Legendenbuch, ein paar Volks⸗ bücher, die Nibelungen, Petiskus' Mythologie— voila tout! Iſt Das nun wirklich das Leben? Gut, erwiderte Ackermann, ſagen Sie, daß dieſer Horizont klein iſt, aber er iſt rein, er iſt edel, un⸗ geſchwärzt! Nicht die Weite der Anſchauungen iſt es, die den Künſtler beglückt, ſondern ihre Durchſichtig— keit und Klarheit. Sind Sie nun z. B. in dem Qualm einer Feuereſſe derſelbe Menſch, der Sie mit der Pa⸗ lette in der Hand ſein ſollten? Ich heize ja hier nicht die Oefen... meinte Lei⸗ denfroſt lachend. Sie zeichnen hier nur! Aber Sie haben mathe⸗ matiſche Anſchauungen. Geht denn die trockene Ma⸗ thematik in den Kopf eines Malers? Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer waren große Mathematiker und wohl dem Maler, dem man an⸗ ſieht, daß er weiß, was wage- und lothrecht iſt. Nun wohl! ſagte Ackermann und bot Leidenfroſt die Hand; ich ſtreite nur, um zu ſtreiten. Ich fühle mich vollkommen hinein in Das, was Sie denken. Ich habe Deutſchland zu einer Zeit verlaſſen, wo die Romantik alle unſere Anſchauungen mit einer Art Hei⸗ ligenſchein umgab. England und Amerika boten mir dagegen ſo viel Realismus, ſo viel Ernüchterung, daß ich manchmal den Verſuch machte, in meinen alten hologie— voil n? Sie, daß dieſer r iſt edel, un auungen iſt es Durchſichtig aben mathe g e tlb cker ne Ma dem man d lothrecht iſt bot Leidenft Ich fül Sie dente gen won aſſen, 9 eine Art 9 „ka boten — 313 romantiſchen Verklärungsdämmer wieder zurückzukom⸗ men. Es iſt aber wahr, man kann bei geſundem Sinne nicht zu lange in ihm verweilen... Indem ſchlug es bereits ein Uhr an einer im gro⸗ ßen Waſſerthurme angebrachten Uhr. Die Thür, die vom Hofe führte, öffnete ſich nun und drei rußige, kräftige Geſtalten traten mit einem ſehr frühen: Guten Morgen! herein, während die Drei, die auf der Matratze geſchlafen hatten, ſich an— ſchickten, ſtatt der Angekommenen hinauszugehen. Es war eine Ablöſung der Wachen. Einen Trunk erſt! rief Leidenfroſt und ſchenkte den abgehenden Männern ein. Dieſe leerten Jeder ein Glas und empfahlen ſich freundlich ohne Kriecherei und unverdroſſen. Nun Alberti, ſagte Leidenfroſt zu einem der Neu⸗ angekommenen, der ſich eben etwas zu ruhen aus⸗ ſtreckte, es macht wol verdammt heiß bei den Coaks? Soll morgen viel in die Schmelze?* Funfzehn Centner Roheiſen— antwortete der An⸗ geredete. Aber ich wette, fuhr er ſcherzend fort, drü⸗ den in dem großen Saale der Fortuna haben ſie's faſt eben ſo heiß. 3wei Tauſend Menſchen ſollen da den Spektakel heute mitmachen. 9 ⁴ 0 Sind wol aus der Fabrik welche drüben? fragte Leidenfroſt. Glaub' ich doch nicht.. ſagte Alberti. Es hat einen Grund— ſetzte lachend der Zweite hinzu. Nun, Heusrück, welchen denn? fragte Leidenfroſt. Uebermorgen iſt erſt Zahltag! Deswegen nur? erwiderte Alberti. Welcher brave Maſchinenarbeiter wird ſolche Narrenspoſſen mitma⸗ chen? Wer Zeit hat des Abends, geht in den Ver⸗ ein. Die alten Tanz- und Juchhei-Zeiten ſind vor⸗ DPei... Das wollt' ich auch meinen... ſagte der Dritte, eine große, wunderlich geformte Geſtalt, ganz ärger⸗ lich über Heusrück's Annahme, daß Maſchinenarbei⸗ ter auf den Fortunaball gingen. Da mögen Bediente, Pferdeknechte, Schneider, Lohnlakaien und Stiefel⸗ putzer hingehen. Selbſt die Barbiere ſind aufgeklär⸗ ter und wollen ſich von den Friſeuren unterſcheiden. Wenigſtens datf mir keiner an den Hals, der von einer durchtauzten Nacht das Zittern in der Hand hat. Ei, Danebrand, ſagte Leidenfroſt, das iſt ja löb⸗ lich! Glatter Bart und moraliſche Grundſätze! Aber wie kommt's denn, daß Ihr ſo lange nicht im Ver⸗ ein war't? drüben? fragte ern end der Zweit gte Leidenfrof gte Leide f Welcher brat voſſen mitma tin den Ven ſten ſind vor agte der Drit t, gan ärgen Naſchinenarbe üͤgen Behian und Stieſt ſind aufgell unterſchite dals, der ve der Hand 1” dds iſt jc d 315 Kann ja nicht! antwortete der ſeltſame Menſch, der zu groß war, um ihn nur breitſchulterig und ſtäm⸗ mig zu nennen, aber bei ſeinem ſchlanken Wuchſe doch unverhältnißmäßig hohe Schultern hatte. Muß ja ſo lange für den Eiſold einſtehen, bis ſein Karl heran iſt und die Stelle des Vaters einnehmen kann... Braves Haus, das Ihr ſeid, Danebrand! fiel Lei⸗ denfroſt ein und wandte ſich zu Ackermann, der zu— hörte. Dieſer gute Danebrand, ſagte er ſo laut, daß Danebrand es hören konnte, ein Schleswiger, wie Sie nach ſeiner ſanften, flötenden Lispelſprache ver⸗ nommen haben werden, dieſer brave Junge mit dem Simſonskörper und dem zarten Stimmchen, das ihm auch in ſeinen zu hohen Schultern ſitzen geblieben ſcheint, iſt die Menſchenliebe ſelbſt. Er arbeitet erſtens für ſich und Das muß nicht wenig ſein, wenn Sie bedenken, daß Freund Danebrand einem ſchleswigſchen Stiere den Appetit ſtreitig macht. Zweitens arbeitet er noch in Gemeinſchaft mit einem jungen Lehrling, Namens Ciſold, ſo viel, als früher zuſammen der verſtorbene Vater des jungen Eiſold allein arbeitete. Warum thut er Das? fragte Ackermann freundlich zu Danebrand hinüber blickend. Weil er dem jungen Eiſold die Stelle des Vaters offen halten will, bis er ſie allein ausfüllen kann. 316 Arbeitete er nicht für den todten Vater mit, ſo würde man ſchon jetzt die Stelle des Verſtorbenen beſetzen. Das wird vielleicht Eure Schultern ſchmaler machen, Danebrand! Ihr werdet viel ſchanzen müſſen. Alberti und Heusrück lachten. Danebrand aber ſtreckte ſich auf die Matratze an der Erde und ſagte, den rieſenhaften, blondhaarigen Kopf zur Ruhe auf die Arme legend, die, wie die ganze Geſtalt mit Ruß und Dampf geſchwärzt waren— auch das Geſicht ließ ſich vor Kohlenſchwärze nicht erkennen—: Was wird der Herr von mir denken? Er wird mich für einen Narren halten, wenn Sie ihm nicht ſagen, warum ich Das für den Karl Eiſold thue? Nun, weil er ſechs Geſchwiſter hat! antwortete Leidenfroſt, der von den Verhältniſſen dieſer Arbeiter wie ihr Freund unterrichtet war. Liebe Zeit, ſagte Danebrand, es gibt der Arbeiter, die an der Cholera geſtorben ſind und ſieben Kinder hinterließen, die nun betteln müſſen, genug... Aber es gibt gewiß nur einen Danebrand! ſagte Ackermann, den die Beſcheidenheit des misgeſtalteten Feuerarbeiters rührte. O Herr, antwortete dieſer mit ſeinem ſpitzen ſchles⸗ wigſchen Stimmchen, ablehnend, das iſt ja ganz na⸗ türlich. Das war vor anderthalb Jahren, als ein nit, ſo würde nen beſetzen. aler machen, das Geſicht 2 Er wird ihm nicht thue? antwortele ſer Arbeiten Arbeitel er Arbeite ben Kinden and! ſagte ggeſtalteten gen ſchle⸗ ganz n0 317 großes Dampf⸗Pochwerk probirt werden ſollte. Die Maſchine iſt ſchon im Gange und ich weiß es nicht... Der Dampf ſteigt aus dem Keſſel und das Ding fängt zu arbeiten an, ehe ich mir's verſehe. Donner! ich liege unten an den Stempeln und will ſie blos nur noch blanker putzen. Jeſus! ſchreien die Leute, Danebrand! Schon neigt ſich von oben der furchtbare Hammer von zwanzig Pferdekraft nieder— ſo muß einem Menſchen zu Muthe ſein, über dem ein Berg zuſammenbricht— Alle ſchreien und nur Einer ſpringt hinzu und reißt das Ventil auf. Ziſchend fährt der Dampf heraus wie ein Ungewitter: der Hammer bleibt an der Spitze meiner Haare ſtehen und der Arbeiter, der das Ventil aufgeriſſen hatte, war ſelbſt dabei ge⸗ fallen und hatte ſich eine Sehne zerriſſen, daß er ſechs Wochen nicht gehen konnte. Das war Eiſold, der vor ſoviel Monaten mit ſeiner Frau an der Cholera ge⸗ ſtorben iſt. So arbeit' ich nun ſo lange für ihn mit, bis ſein Karl ſo weit iſt wie der Vater... Gott ſegne Sie für dieſe dankbare Aufopferung! ſagte Ackermann gerührt und zu Leidenfroſt's Freude, dem der wohlthuende Eindruck, den die Erzählung auf den Fremden machte, gefiel. Doch war er zu ſehr Hu⸗ moriſt, um eine Rührung zu lange andauern zu laſſen. Er wandte die Sache gleich in's Scherzhafte und ſagte: 318 Wetter, wenn der Danebrand ſich immer ſo weiß waſchen könnte, wie er's eben gethan hat und ſein Barbier ihn raſirte, auf dem Fortunaball liefen ihm alle Mädchen nach. Die Wahrheit hat er erzählt. Der Hammer war eben im Begriff, ihm von den Schultern das große Stück herunterzuklopfen, das er zuviel hat. Aber geflunkert hat er doch! Was Heus⸗ rück, Alberti, hat er nicht geflunkert? Freilich hat er geflunkert, ſagte Heusrück. Er hat was ausgelaſſen... Was hat er denn ausgelaſſen? fragte Ackermann mit freundlicher Theilnahme. Daß er ſeit Eiſold's zerriſſener Sehne in ſeine Tochter bis über die Ohren verliebt iſt; ergänzte Alberti. Danebrand brummte etwas und warf ſich auf die andere Seite. Iſt es nicht wahr, Danebrand? rief Leidenfroſt. Jetzt thut er, als wenn er ſchlafen wollte. Dane⸗ brand, ein Glas Wein! Hier auf Louiſe Eiſold! Was! Was? Thut Ihr nicht Beſcheid auf Louiſe Eiſold? Indem hatte Leidenfroſt eingeſchenkt. Als Danebrand zögerte, trank Alberti das Glas. Als es Leidenfroſt noch einmal gefüllt hatte und Danebrand wieder zögerte, trank es Heusrück... mer ſo weiß zat und ſein liefen ihm er etzählt. m von den fen, das el Was Heus Er hat Ackermann ne in ſeine ſch auf die — geidenfroſt Danc llte. e Eſſold uiſe Eiſo †Louij Und als Danebrand auch das dritte Glas aus⸗ ſchlug, war Leidenfroſten faſt der Muth entſunken, ihn zu fragen, was er gegen Louiſe Eiſold hätte? Danebrand ſchien ſo verdrießlich, ſo mißmuthig über dieſe Erinnerung, daß er aufſtand und ſagte, er müſſe drüben noch etwas am Ofen nachſehen. Damit ging er hinaus. Als die Andern der gewaltigen, koloſſalen Figur, die aber in den Schultern wirklich etwas von einem Buckligen hatte und mit dem ungeheuren Kopfe tief im Nacken ſaß, nachſahen, fragte Leidenfroſt, was Das denn mit dem Danebrand wäre. Er fänd' ihn überhaupt ſeit einiger Zeit verändert. Liegt ihm ſein meerumſchlungenes Vaterland am Herzen? Ueberar⸗ beitet er ſich? Was hat er? fragte Leidenfroſt die bei⸗ den andern Arbeiter. Er iſt unglücklich aus Liebe, ſagte Heusrück lachend. Das iſt nicht zum Lachen; bemerkte Ackermann mit freundlichem Vorwurf. Wie ſo denn aus Liebe? fragte Leidenfroſt. Ci, erklärte Alberti, Louiſe Eiſold iſt ein feines nnd ſehr gebildetes Mädchen, erſt neunzehn Jahr alt. Seitdem Danebrand bei den Verbänden, die ſie am Fuße ihres Vaters machte, ſie ſah, hat er den Muth gehabt, um ſie anzuhalten. Er iſt gar nicht ohne 320 Mittel, hat wohlhabende Bauern zu Eltern und wäre längſt weiter gewandert, wenn ihn Louiſe nicht„ge— feſſelt“ hätte, wie man zu ſagen pflegt. Sie gab ihm kein Verſprechen, denn bei Gott, ſo ein braver Kerl er iſt.. Zum Lieben iſt er nicht gegoſſen— ſagte Heusrück. Warum? entgegnete Ackermann. Die Liebe hat ſeltſame Augen und ein treues Gemüth macht Jeden ſchön. Leidenfroſt blickte bei dieſer Bemerkung nachdenklich nieder und ſeufzte... Es ſchien auch ſo eine Zeit lang, fuhr Alberti fort. Sie gingen Sonntags mit einander, wenn die Eltern dabei waren und Danebrand kann ganz charmant ſein, trotzdem, daß ein tanzender Bär mehr zum Lachen, als zum Lieben iſt. Da ſtarben die Eltern. Nun glaubte Danebrand Louischen die Hand anbieten zu müſſen und zu dürfen, aber ſie ſchlug's ihm rund ab. Sie bat ihn mit Thränen um Verzeihung, aber es kam dann bald heraus, daß ihr etwas Anderes im Herzen ſpukt— Iſt Das wirklich wahr? fiel Leidenfroſt ein; was man von einem Menſchen erzählt, der bei ihr wohnt? Ich war neulich dort, um den Karl Eiſold zu ſprechen, dem ich Bücher gebe, ſich mehr zu bilden... He tern und wäre nicht ge⸗ Sie gab ihm n braver Kel agte Heusrüc die Liebe hat ach Jeden 1 „ zu ſprech 321 O Das nicht! entgegnete Alberti— Wohnt der Schreiber nicht etwa bei ihr? fiel Heusrück ein. Bei ihr? Nun ja! Er wohnt bei ihnen Allen! Sie haben zwei Zimmer vermiethet, und den Einen, einen ſchlimmen Burſchen wie man ſagt, ſoll ſie gern haben und da hat uns noch neulich Einer, der in demſelben Hauſe wohnt, erzählt, daß es ihr mit dem ſo geht wie dem Danebrand mit ihr. Er mag ſie nicht? fragte Leidenfroſt auf Alberti's freundliche Vertheidigung. Während ſich Heusrück eben anſchickte, das Ver⸗ hältniß noch anders zu erzählen, bemerkte Alberti und Leidenfroſt, daß Ackermann ſich plötzlich umgewandt hatte und in einiger Unruhe ſchien. Er ſah bald auf den Tiſch, bald unter den Stuhl, wo er geſeſſen; er ſchlug an ſeine Taſchen und ſchien etwas zu ver⸗ miſſen. Leidenfroſt trat näher. Suchen Sie etwas? fragte er. Mein Portefeuille! antwortete Ackermann. Noch vor wenig Minuten ſah ich es auf dem Tiſche— Als ich einſchenkte, fehlte es nicht— Es muß ſich finden— Die Ritter vom Geiſte. IV. 21 322 Mein Himmel; es wird koſtbare Papiere ent⸗ halten? Geld, und manches Werthvolle. Es fehlt ſeit— Danebrand? Eben wollten die Arbeiter, erſchrocken über dieſen entſetzlichen Verdacht, aufſpringen, als aus der dunk⸗ len Ecke, wo Selmar ſchlief, eine zarte Stimme rief: Vater! Hier! Es war Selmar ſelbſt, der die Brieftaſche em⸗ porhielt. Kind, ſagte Ackermann, was machſt du für Streiche. Ei, warum gebt Ihr nicht Acht? antwortete Sel⸗ mar und ſprang vom Sopha auf. Während Ihr da im wärmſten Geſpräch waret, hab' ich geträumt, die Locke wäre fort und in meiner Angſt ſteh' ich auf, ihr ſeht und hört nichts, und habe nachgeſchaut, ob die Locke noch da iſt. Indem trat Danebrand ein. Ruhig und ſtill ging er zu ſeinen Kameraden und legte ſich auf das harte Lager. Es lag eine gewiſſe Feierlichkeit in dieſem Mo⸗ mente der Rechtfertigung eines edlen Menſchen.. der erſte Verdacht war gleich gegen ihn gerichtet geweſen, er ſtand in der Möglichkeit eines ſchlimmen apiere ent⸗ — 23. Unternehmens da und wie er nach dem ſofort ent— deckten Irrthume ruhig durch die Glasthür trat, lag auf ihm, trotz ſeines ſchmuzigen Ausſehens und ſeiner misgeformten Geſtalt, faſt der Schimmer einer Ver⸗ klärung. Die beiden Arbeiter fühlten Dies auch mit wah⸗ rem Stolz und Ackermann und Leidenfroſt mit Be⸗ ſchämung. Das Geſpräch über Louiſe Eiſold war ohnedies abgebrochen und Ackermann begann gegen Selmar einige ernſtliche Verweiſe auszuſprechen. Vater, vertheidigte ſich dieſer, ich weiß ja kaum wie mir Das geſchah! Ich lag und träumte von un⸗ ſerer Locke. Bald war ſie eine Schlange geworden mit einer funkelnden Krone auf dem Haupte. Bald ſah ich ein anderes Ungethüm, das Härchen für Här⸗ chen an der ſchönen Ringellocke zerzauſte. In der Angſt um unſer liebes Angedenken an den armen lei⸗ denden Freund wacht' ich auf, taſtete noch wie halb träumend nach den Lichtern hin, trug die Brieftaſche fort, wie in der Furcht, die Locke könnte uns doch noch geſtohlen werden! Und wahrſcheinlich einige Tauſend Bankzettel dazu, ſagte Leidenfroſt ſcherzend, um wieder die frühere Hei⸗ terkeit herzuſtellen und des Vaters plötzlichen düſtern 21* 1 324 Ernſt zu mildern. Aber in der That, hier hat man nur etwa die Metallgeiſter zu fürchten, nicht die Diebe. Unſere Willing'ſchen Arbeiter ſind die gediegenſten von der Welt und ſind nicht nur ehrlich aus Inſtinkt, ſon⸗ dern auch ehrlich mit Bewußtſein, was ich höher ſtelle. Der politiſche Miscredit, in dem ſie ſtehen, zwingt ſie dazu, über ihre Tugenden nachzudenken. Ackermann war von der Erwähnung der Locke mehr verſtimmt als erfreut. Sie erinnerte ihn ja an den vermeintlichen Egon, an deſſen Leiden er ein ſo tiefes Intereſſe nahm. Er hatte das Portefeuille eingeſteckt und ſah ungeduldig zu Willing hinüber, der noch immer mit dem Anſchlag nicht fertig war. Selmar aber ſchien übermäßig ermüdet. Er ſchmiegte ſich an den Vater ſo innig an, als wollte er in ſeinem Arme ſchlummern. Eine Studie für mich! rief Leidenfroſt. Lear trägt Cordelien im Arm! Das möcht' ich zeichnen! Halt! Halt! Damit wollte er ein Blatt aus ſeiner Mappe nehmen. Erſchein' ich Ihnen ſo alt? fragte Ackermann mit freundlichem Scherz. Die langen im Winde flatternden weißen Locken denk' ich mir hinzu— Selmar iſt Cordelia— dazu r hat man die Diebe. genſten von nſtinkt, ſon⸗ höher ſtelle. „zwingt ſie Locke meht jg an den in ſo tiefes e eingeſtect der noch 4 Selmar egte ſich an ſinem Arme Kear trägt n en! Halt r Mappe kermann W 2, Lockel veißen — RM bedarf es nur eines andern Coſtümes— aber der Ausdruck Ihres Antlitzes, Ihr Auge— man möchte glauben... Aber was habt Ihr? Herr, das Kind ſchläft ja nur, iſt ja nicht todt— laſſen Sie's doch gut ſein, ich zeichne Sie nicht... Herr Ackermann! Der Amerikaner hatte wirklich mit einem Ausdruck dageſtanden, wie Lear, indem er von ſeinem„todten Vögelchen“ ſpricht und die Menſchen auffodert, mit ihm zu weinen... Nehmen Sie wie König Lear eine leichte Flocke, ſagte Leidenfroſt ſcherzend, einen Federflaum und hal⸗ ten Sie ihn unter dem Athem des Kindes— es ſchläft ja nur, Beſter! Ackermann ſetzte ſich erſchöpft und ſprach mit leiſer Stimme: Schon die Vorſtellung, ein theures Kind zu ver⸗ lieren, kann ſo überwältigen. Selmar aber, im Halbſchlafe Leidenfroſt's Anſpie⸗ lung auf die Federflocke, wie ſie Lear bei Cordelien anwendet, misverſtehend, fuhr empor und fragte: Du haſt ſie doch? Haſt du ſie? Kind! Kind! beruhige dich— und mich! ſagte Ackermann, Selmar damit zum Schweigen verweiſend. Leidenfroſt aber meinte, ob es unbeſcheiden wäre, 326 nach dieſer theuren ſo ängſtlich bewachten Locke zu fragen? O, ſagte Ackermann mit einer Art Selbſtbekäm⸗ pfung, weniger die Locke hat für uns Werth, als die ſonderbare Art, wie ich zu ihr kam. Vor einigen Tagen kehrt' ich unterwegs in einem Wirthshauſe ein, wo mir die Leute mit ſonderbarer Angſt von einem jungen Manne ſprachen, der ſich auf der Reiſe zu uns geſellt hatte. Der Nachtwandler! riefen ſie ſo deutlich, daß ich ihr Grauen bemerken mußte. Bei genauerer Erkundigung hört' ich, daß der junge Menſch, der ſich uns zutraulich und doch ſcheu angeſchloſſen hatte, an dieſer traurigen Krankheit leide. Es ließ uns die ganze Nacht keine Ruhe. Als ich gegen Mit⸗ ternacht Geräuſch zu hören glaubte, ſtand ich, halb angekleidet, auf und finde eine ſonderbare Scene. Ein junges, wunderſchönes Mädchen zeigt halb entſetzt auf den in der Ferne ſtehenden Nachtwandler, den die helle Mondnacht hinausgelockt hatte. Sie läßt ein Bild aus der Hand fallen, zeigt ſtumm und ſtarr auf eine Thür und verſchwindet voll Entſetzen. Ich hebe das Bild auf und gehe auf den Nachtwandler zu, der aber bei voller Beſinnung war, mich anlachte, mir die Beſorgung des Bildes empfahl und mit einem ſonderbaren Ausdruck Gute Nacht wünſchend, in ſein ten Locke zu Selb ſtbekäm 2 als die erth, or einigen angeſchlſſe 65 ließ gen Mit⸗ d ih, halb Scene. Ein entſett auf 11 die helle 1 Bild auf einte hebe das pler zu/ del achte, Rn mit einel d, in ſ henb/ Zimmer mehr entfloh als mit gutem Gewiſſen ging. Ich glaubte mich nicht zu täuſchen, wenn ich annahm, daß ich hier einen ſehr zweideutigen Menſchen kennen gelernt hatte, der ſich das Anſehen eines Nachtwand⸗ lers gab und vielleicht nur damit einen Vorwand für manchen ſchlimmen Zweck herauszukehren wußte. Als er ſpäter bis hierher mit uns fuhr, war mein Ver⸗ trauen vollends gewichen und froh war ich, als wir von ſeiner peinlichen Gegenwart befreit waren. Und die Locke? fragte Leidenfroſt. Ich hätte ge⸗ wuͤnſcht, jener Nachtwandler hätte Sie nicht getäuſcht. Ich hätte gewünſcht, er wäre wirklich ſomnambül ge— weſen. Ich glaube an elektriſche Leiter. Von wem nahmen Sie die Locke? Vom Haupte eines jungen Mannes, der in dem Zimmer ſchlief, wo ich im Auftrag der erſchrockenen Dame das Bild abgab. Es ſollte... Aber, wie ſagen Sie, ein elektriſcher Leiter? Sie müſſen nun ſchon Alles berichten. Ich will ſehen, ob hier eine magnetiſche Strömung ſtattfand... Der Lockenraub ſollte... eine Strafe ſein für Menſchen, die ſchlafen, ohne ihre Thür zu ver⸗ ſchließen. Schade! Schade! Nur eine Strafe? Und daß jener Menſch nicht wirklich nachtwandelte! 328 Erklären Sie ſich deutlicher! Warum wirklich? Warum nicht Strafe? Denken Sie ſich dieſen elektriſchen Strom! ſagte Leidenfroſt. Nacht... Mondenſchein... eine er— ſchreckte junge Dame... alſo Schrecken... ein Sie überraſchender Auftrag... alſo wieder Schrecken... ein Nachtwandler... das Ihnen fremde Zimmer... der Schlafende... die Locke! Wenn das Alles ſo zugetroffen hätte, müßte die Locke mit Ihnen in einem Rapporte ſtehen, daß dieſem Menſchen, dem die Locke gehört, jeder Kuß auf ſie angenehme Gefühle erweckte und wäre er hundert Meilen weit von Ihnen entfernt. Selmar wurde blutroth vor Erſtaunen über dieſe Auseinanderſetzung, die der Vater mit einem lächeln⸗ den: Glauben Sie an ſo etwas? aufnahm. Schade! Schade! wiederholte aber Leidenfroſt, daß dieſer Menſch ein Spitzbube war! Zweifel, Lüge, Un⸗ glaube, Strafe ſtört die Kette! Die Berechnungen des Verſtandes dürfen den Strom der Gefühle nicht aufhalten. Nun, lenkte Ackermann mit ernſter Miene ein, dann könnte ja noch der Fall eintreten, daß mich vielleicht das Bild ſelbſt furchtbar überraſchte— Auch Das noch? ſagte Leidenfroſt. Kannten Sie es? Ich erkannte es. Ich war auf den Tod erſchüt⸗ 329 m wirklich? tert... Und nicht von Ahnung; nein, es war Ge⸗ wißheit. Was ich in dem elektriſchen Zuge durch die trom! ſagte Enttäuſchung über den Nachtwandler an Kraft verlor, eine er die Verſtandesreflexion, die meine Nervenſtrömung ein Sie aufhielt und dämpfte, wurde hundertfach erſetzt durch ürecken.. das Staunen über jenes Bild; mein ganzer Menſch Antrr. war ergriffen und ſo ſchnitt ich die Locke zur Erin— 1 Alles ſo nerung— en in einen Zur Erinnerung? Sie ſagten vorhin... Zur die Lock Strafe für den unvorſichtigen Schläfer; Strafe iſt ei 4 efſ Verſtandesreflexion, Erinnerung wäre beſſer. Erin⸗ hhle ren nerung iſt Gefühl. Alles gut, Alles gut; aber in die uarani Kette der Ueberraſchungen kam im Momente des n ihe 8 zweifels eine Verſtandesthätigkeit, die die glühende nim lichln Nervenſtrömung aus den vier lebenden Weſen erkäl— tete— Der falſche Nachtwandler alſo? Schade! ſchade, daß der Nachtwandler ein Betrü⸗ ich ger war! Es war kein Betrüger! rief in dieſem Augenblick iine entfernte Stimme. a ſl Lüge, uy ne eil. 5— Niene Ackermann und Leidenfroſt ſahen ſich um, während s mich. 7.— daß Selmar, die Brieftaſche an die Bruſt und die Herz⸗ ſcke— nube drückend, wirklich wie im magnetiſchen Schlafe Zie! ſu liegen ſchien. 2³⁰ Der Sprecher war Danebrand, der ſich aufge⸗ richtet und zugehört hatte. Wenn Das auf dem Heidekrug war— ſagte er fragend. Ja! antwortete Ackermann. Es war auf dem Heidekrug. Wenn der Nachtwandler Hackert hieß— Er hieß Hackert. Sehr richtig! So war's ein echter Nachtwandler. Er kann auf⸗ gewacht ſein, als Sie kamen. Aber es iſt ein rechter Nachtwandler Das möcht' ich nun wol von Ihnen hören, ob das Nachtwandeln vom Himmel oder von der Hölle kommt? Während noch Ackermann betro terbrechung ſchwieg, ſagte Leidenfroſt: Das ſollt Ihr gleich hören, Danebrand! Die Nachtwandler treibt der Teufel aus dem Bett und jagt ſie auf die Dächer, aber ein Engel vom Himmel kommt und führt ſie ſo, daß ſie ſich kein Haar krümmen. Es müſſen denn Menſchen ſo weiſe ſein wollen und den Namen rufen... Eben wollte Danebrand aufſtehen, näher kommen und ſich vollſtändiger über die geſpenſtige Natur ſeines glücklicheren Nebenbuhlers unterrichten laſſen, als aus ſeinem Cabinet Willing hereintrat. ffen von dieſer Un⸗ 331 Da iſt mein Ueberſchlag, ſagte der Fabrikherr auf die in ſeiner Hand befindlichen Papiere zeigend; ſo gut ſich dergleichen im voraus beſtimmen läßt, glaub' ich etwa fünftauſend Thaler als die Summe bezeichnen zu müſſen, die alle dieſe Geräthſchaften koſten würden. Ackermann wurde jetzt Geſchäftsmann. Er ver⸗ lich die einzelnen Anſätze, fand ſie billig und erbot ch zu einer Anzahlung. Als Willing bedauerte, dieſe annehmen zu müſſen und Ackermann ſeinerſeits als feſte Ablieferungszeit den erſten Januar bedingte, kamen ſie zu einer Vor⸗ ausbezahlung von fünfzehnhundert Thalern überein. Ackermann nahm Selmarn das Portefeuille aus der Hand, öffnete es und legte dieſe Summe in Pa— djeren auf den Tiſch. Während darüber die Empfangſcheine ausgefertigt und überhaupt Geſchäfte verhandelt wurden, zog ſich Danebrand auf ſein Lager zurück, nicht wenig aufge⸗ ſegt von den Worten, die Leidenfroſt über die Nacht⸗ wendler geſprochen hatte. Selmar hielt ſich jetzt mit Entſchloſſenheit wach. Der zarte Knabe fühlte, daß er nun ſeinem Ge⸗ ſhlechte Ehre machen, an den Wagen, an das Pferd ſenken müßte. Leidenfroſt veranlaßte Alberti nach dem Pferde zu 9 ſi 332 ſehen, das im großen Stalle der Fabrik ſo lange untergebracht war. Alberti unterzog ſich dieſem Auftrage mit Freuden. Während dieſer Zurüſtungen und nach abgeſchloſſe⸗ nem Vertrage trat Willing mit Ackermann aus dem kleinen Cabinet heraus und wiederholte daſſelbe Befrem⸗ den, das vorher Leidenfroſt über dieſe außerordentliche Beſchleunigung des viel zu kurzen Aufenthaltes in der Reſidenz ausgeſprochen hatte. Ackermann wiederholte dieſelben Entſchuldigungs⸗ gründe, indem er noch hinzuſetzte: Ich hoffe nach einem Jahre alle die Lebenden lebend zu finden, auf die ich mich freue; hab' ich doch heute ſogar einen wirklichen Todten hier lebend zu finden geglaubt. Nicht wahr, Selmar? Morton meinſt du? ſagte der Knabe und nannte einen Namen, den wir ſchon einmal in Pleſſen an der Zeck'ſchen Schmiede von ihm gehört haben. Ja, denken Sie ſich, fuhr Ackermann, der ſich zur Abreiſe rüſtete, fort. Ich nehme in New⸗York von einem Deutſchen Abſchied, der ſich in Amerika Morton nannte. Ich hatte ihn dann und wann in der Union geſehen und als Sonderling ſchätzen gelernt, obgleich er ein wunderlicher und abſtoßender Menſch war. Noch während ich in New⸗York bin und mich zur Abreiſe rüſte, erfahre ich, daß er ſich in einem abrik ſo lange Anfall von Melancholie, an der er ſchon immer litt, das Leben nahm. Man fand ſeine Kleider am Hudſon, ge mit Freuden, ſeine Leiche war ohne Zweifel in's Meer geſchwommen. ach ahgeſchloſe Daß er ſich das Leben nehmen wollte, war aus einem nann aus den Teſtamente erſichtlich, das ſich für mich vorfand und daſſelbe Beften worin er mir aufträgt, ſeinen Verwandten in Deutſch⸗ außerordentlit land einige nicht ganz unanſehnliche Summen aus— thaltes in zuzahlen und ſeinen jammervollen Tod nicht zu ver— ſchweigen, er könnte ihnen als Lehre dienen... tſchuldigung Das nenn' ich Spleen! ſagte Willing, ſeine Pa⸗ diere zuſammenpackend und verſchließend. ſerden leh Aber ſind wir nicht zu Tod erſchrocken, als wir di hu ihn heute auf der Straße zu ſehen glaubten? ic u ſi Er war es nicht, Vater, ſagte Selmar. Die tend gloße, ſchwarze Binde am Auge— de un m Kind, die könnte ſehr leicht eine ſpätere Zugabe e Pleſe ſin... doch glaub' ich wol, daß der alte Grämling Hm in kühlen Meeresgrunde ſchlummert. Aber ich ſage n! 6 num, hier würd' ich jetzt mit Todten und Lebendigen u Sut un thun haben und das ſpar' ich mir auf, bis ich ee itmal Zeit habe zu einer vollſtändigen Muſterung. ich in g Eine große, ſchwarze Binde? ſagte Leidenfroſt. a und! das iſt doch nicht ein Engländer, de r— wie nannten Sſe ihn? ſchätzen g Morton. Nein, Murray, beſinn' ich mich, hieß der Alte, von dem mir Reichmeyer erzählt. Heut' Nachmittag um ſechs Uhr etwa war ein alter hinfälliger Engländer mit einem bekannten, zweideutigen Frauenzimmer zu ihm gekommen und hätte verlangt, er ſollte ihm dieſe anſtößige Dame.... Leidenfroſt ſtockte, weil er nach Selmar ſich umſah. Dieſer aber hatte die Thür geöffnet, daß der volle Strom der rauſchenden Muſikklänge von dem Fortuna⸗ ball hereindrang. Nicht aber dieſe Muſik beſchäftigte ihn ſo ſehr, an die er in London ſich gewöhnt hatte, als das Ein⸗ ſpannen des Pferdes, das Alberti aus dem Stalle brachte. Leidenfroſt fuhr alſo unbekümmert fort: Dieſer Murray hatte eine große, ſchwarze Binde über dem einen Auge— Und? fragte Ackermann geſpannt. Verlangte, Reichmeyer, der ein raſcher Portrait⸗ maler iſt, ſollte ihm morgen in einer einzigen Sitzung⸗ dieſe mit Gold und Juwelen behangene, große, ſchöne, aber ſehr bekannte Perſon als Bruſtbild malen. Als Reichmeyer erklärte, Das könnte er nicht, hätt' er ihm ſechszig Guineen geboten.... und Reichmeyer will nun doch wirklich daran. Er iſt ein Luca fa presto. ihre hieß der Alle ut Nachmitta⸗ ger Englände auenzimmer i ſollte ihm diei ar ſich umſat daß der vol dem Fortunn ſo ſeht, als das GCi Stalle brach fort ae Bin ſchwalz ſchel Porti 1 nzigen O ze ſchl große, ſch d malen. d 1 gt hätt el ht, 6 Keichmehet ca ſ6 D' Zitur Da bin ich über die Auferſtehung meines Todten beruhigt, ſagte Ackermann. Dieſer Murray mit der ſchwarzen Binde iſt mein alter geiziger Morton nicht. Der Arme liegt im feuchten Meeresſchooß! Wer weiß, welche Mühlſteine ihn niederzogen! Eben ſchüttelten Willing und Ackermann ſich zum Abſchied die Hände, eben griff Leidenfroſt nach ſeinem grauen Hut, um auf dem Wägelchen mit in die Stadt zurückzufahren, eben erhoben ſich die Arbeiter, um ihre ſchwarzen Hände darzureichen und Selmar hatte ſchon die Peitſche ergriffen, die auf das halbe Stünd⸗ chen der Rückfahrt Leidenfroſt führen wollte, als vom Hofe her ein gellender Schrei: Hülfe! Hülfe! ertönte. Alles ſprang erſchrocken an die Thür. Im Sternenlicht ſah man eine helle Erſcheinung uͤber die von Kohlenſchutt geſchwärzten Höfe daher fliegen. Dem Lichte, das aus den Gasflammen durch die Fenſter des Comtoirs auf die nächſte Umgebung fiel, niher kommend, entwickelte ſich die Hülferufende als ein Weib, das in flatternden Ballkleidern und faſt mufgelöſtem wirren Haare Rettung vor einer Gefahr ſuchte, die Niemand erblickte. Die Klänge der Muſik auf dem Ball ſchwiegen ſerade. Von dorther mußte die Schreiende kommen. 336 Wie ſie Menſchen ſah, ſtürzte ſie auf ſie zu und wie⸗ derholte den Ruf: Hülfe! Hülfe! Alberti ſtand, mit dem Pferde beſchäftigt, am nächſten und glaubte ſie zu erkennen. Danebrand! rief er. Iſt Danebrand da? Gott ſei gelobt, ächzte die Hülfeſuchende und flog in die geöffnete Thür. Ein junges Mädchen im ſonderbarſten Aufzuge ſtand vor den Männern. Ueber den armſeligſten Anzug, ein nicht gerade verwildertes, aber doch dem Aeußern nicht entſprechendes Haar, waren ein glänzendes rothes Ballkleid und eine Florkapuze von gleicher Farbe geworfen. Eine ſchwarze Maske hielt ſie in der linken, in der rechten Hand die Florbehänge, die ihr wild vom Kopfe geglitten waren. Louiſe Eiſold! ſagte Danebrand mit erſtarrten Lippen. Dann ſich ihr näher wendend, flüſterte er mit hef⸗ tigſtem Schreck: Was wollen Sie? Danebrand! Ich beſchwöre Sie um Gottes Willen! Sie ſchlagen ihn heute todt! Kommen Siel rief das Mädchen, das jetzt auch Willing erkannte. Louiſe Eiſold! rief der Fabrikherr mit Entrüſtung. 337 zu und wie Iſt Das Ihre Armuth, daß Sie den Fortunaball be⸗ ſuchen? Schämen Sie ſich! Verurtheilen Sie mich, Herr Willing! rief das Mäd⸗ ſchäftigt, an hen, verachten Sie mich, nur Hülfe! Hülfe, Dane— brand! Hackert's Leben iſt in Gefahr. Ich habe Alles gehört. Laſally's Knechte, den Neumann vom Juſtiz⸗ t, ächzte di rath Schlurck und eine Horde andrer Böſewichter hat Thür dieſe teufliſche Jeannette aufgehetzt. Hackerten ſoll ſie ſten Auftugg verdanken, daß ſie heute um den Dienſt beim Juſtiz⸗ armſeligte rath gekommen iſt und Neumann wollte ſte heirathen, aber doh wenn ſie bliebe— was weiß' ich! Gott, was weiß r, waren e ich! Aber den Unglücklichen— ſie ſchlagen ihn todt. lorkapuze w Herr Willing, es iſt Alles abgemacht... Danebrand! „Maske hir Eine von den Wandſtablers ſoll ihn in den dunkeln Florbehälg Garten locken! Jeſus! Danebrand! Alberti— Sie Herr Heusrück— helfen Sie! ni erſtarn Der Fabrikherr war im größten Zorn. Welche Zumuthung, elende Dirne! rief er. Dieſer r mith trave Danebrand arbeitet für dich und deine Ge⸗ rte e ſchwiſter! Und du ſchändeſt das Andenken deiner Ael⸗ kern, auf dieſen Ball zu gehen? Und für wen ſoll Gotte Wil Danebrand ſein Leben einſetzen, für den Burſchen, 2 vi den du ſeiner treuen Liebe vorziehſt? Weißt du, wem 6 ſein Leben gehört? Dem Schwur, den er deinen 4 uut Leltern that, deiner Mutter, als ſie im letzten Todes⸗ A Die Ritter vom Geiſte. IV. 22 jammer beruhigt auf ſeine treuen Augen ſah! Hinaus Dirne! dieſe Stelle iſt zu rein für dich und deine Schande! Mit einem Schrei der Verzweiflung ſank Louiſe zurück... Wo ſind die Kleider her, die du trägſt? rief Willing, nach ihnen langend und die entfallene Maske mit den Füßen von ſich ſtoßend. Louiſe antwortete nicht Lumpen unter geſtohlnem Flitter! ſagte Willing. Ja geſtohlen, geſtohlen deinen Geſchwiſtern! Elende, wer ſorgt für das lallende Kind neben deinem Lager, wenn du in den Nächten deine Geſundheit im Tanze verraſeſt? Hörſt du das Kind um Hülfe ſchreien— der alte Großvater ſtirbt vielleicht in dieſem Augen— blicke... und wir ſollen hören, wenn du Hülfe rufſt für einen jämmerlichen Liebhaber? Pfui! Hinweg von dieſem Hauſe! Furchtbar tobte der Sahmei in des Mädchens Bruſt. Ihr todtenblaſſes Antlitz zuckte und ihre Hand faßte nach dem Herzen... Das Kind— ſchläft— ſtöhnte ſie. Gott ſchützt es— morden Sie mich nicht! Hackert iſt elend. Ich lernte ihn kennen, als er ſchon einmal für todt in unſre Wohnung getragen wurde... Danebrand— nſah! Hinal dich und dein ng ſank Loui te rief Wilin Maske mit de ſagte Willi danl Ekem Fnem Lag dheit im 1 ſ ſchreien m Auqe dieſem Aug du du Hinweg! Huͤlfe u 339 ich verdien' es nicht um Sie— aber retten Sie! Steigen Sie über den Zaun! Noch eine Minute und es iſt zu ſpät! Willing wandte ſich mit der ganzen Strenge ab, die er behaupten mußte, wenn er in einem ſolchen Arbeiterſtaate der Herrſcher bleiben wollte. Von uns hier ſteigt Niemand über fremde Zäune! tief er. Hinaus hier! Danebrand aber ging nun zu Herrn Willing näher heran und ſagte: Herr Willing... ich habe... Herr Willing... ſh habe im Buckel einige Knochen zu viel,.. ich vill ihr helfen. Was? Danebrand! rief Louiſe freudig und ſprang wie neubelebt empor von einem Seſſel, den ihr die Ar⸗ bäer näher gerückt hatten. Willing ſah auf Danebrand, der ihn treuherzig anllickte, voll Zorn... Danebrand fuhr getroſt fort: Nicht einmal um dich, Louiſe! Deine Thorheit zer⸗ eß mir das Herz. Aber unſer guter Maler, der hat ge⸗ aot wer in der Nacht wandelt, den treibt der Teufel uf die Dächer, aber ein Engel kommt vom Himmel ed hält ſeine Hand über ihn, daß er nicht falle... Damit griff er langſam und wie verſtohlen hinter 22* . rücks nach einer eiſernen Stange, die in der Nähe ſtand, und ſie plötzlich mit der ganzen Gewalt ſeiner Muskelkraft über'm Haupte ſchwingend, rief er: Wer will uns was? Dann aber, wieder wie bittend ſprach er: Herr Willing! Willing wandte ſich ab. Nun ſtürzte Danebrand zur Thür hinaus, über den Hof und rannte wie ein Beſeſſener davon. Louiſe folgte ihm, wie ein Blitzſtrahl ſo raſch ihn überholend, um ihm den Weg zu zeigen... Willing ſchüttelte den Kopf und ſagte ſeine Er⸗ ſchütterung verbergend den Andern Gute Nacht! Ackermann, Selmar und Leidenfroſt, bewegt von der aufregenden, unerwarteten Scene, ſetzten ſich auf den Wagen und fuhren hinaus in die Nacht und mit dem aufrichtigen Wunſche, daß Danebrand's edle Selbſtbeherrſchung umſomehr von einem glücklichen Erfolge belohnt ſein möchte, als das allerdings in ziemlich zweideutigem Lichte hier auftretende Mädchen ohne Zweifel durch Zärtlichkeit und Mitleid an Hackert gebunden war und nicht ſo ausſah, als würde ſie ihr Herz einem Manne ſchenken, der nicht noch die Bürgſchaft einer beſſeren Entwickelung bot. 341 Alberti aber und Heusrück legten ſich nieder auf die Matratze. Als ſie geſehen hatten, daß Herr Willing, nach⸗ dem er noch Geld und Papiere in ein Portefeuille geſteckt, es dann mit ſich genommen hatte und in einem entlegenen Wohngebäude das Licht eines kleinen Fenſterchens ausgelöſcht, ſich alſo zur Ruhe begeben hatte, ſchlichen ſie hurtig, ſich auch mit Eiſenſtangen bewaffnend, ihrem Kameraden an den hintern leicht zu überſteigenden Zaun der Fortuna nach. Nicht um den Nachtwandler iſt's! ſagte Alberti. Aber um den guten Schleswiger wär's doch Schade, wenn es zum Kampf käme und er ohne Hülfe bliebe! Zwölktes Capitel. Jeannette. Louiſe Eiſold hatte Danebrand alle die Zeichen mehr⸗ mals wiederholt, die ſie ihm geben wollte, wenn die drohende Gefahr wirklich herangekommen wäre. Danebrand kauerte inzwiſchen, ohne Vorwurf, aber auch ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, mit ſeiner Waffe am Rande des Fortunagartens, wo ein nied⸗ riger Schuppen leichter zu erſteigen war als das Ein⸗ faſſungsſtacket. Dann flog Louiſe triumphirend und faſt lachend vor Schmerz und doch innerſter Befriedigung mit Windes⸗ eile an den vordern durch mehre Gäßchen abgeſperr⸗ ten Eingang der Fortuna zurück und reichte— un⸗ terwegs ihr Coſtüm wiederherſtellend— an der Kaſſe die empfangene Contremarke hin. Sie hatte Hackert, der ſie noch immer nicht kannte, zeichen mehr⸗ lte, wenn die n wäre. 9 Vorwurf, abet t ſeinen n, mit ſe wo ein nied⸗ als das Ein⸗ „d völ nſt achend ve mit Windes en abgeſpent 1 reichte— u an der Kaſſ richt fannie 343 nicht wieder aus dem Saale, wo er mit Andern in toller Raſerei und mit den kunſtfertigſten Schwenkun⸗ gen und Figuren tanzte, herausbringen können. So ſehr ſie ſich dagegen ſträubte, ihm eine Theilnahme und Liebe zu verrathen, die er ſelbſt nur geringſchätzte, hätte ſie ſich ihm dann doch vielleicht entdeckt. Hackert war ihr freundlich zugethan, hatte ihr oft Beweiſe von Dankbarkeit und Neigung gegeben, herzte ſogar in ſtillen und ergebenen Momenten ihre kleineren Ge⸗ ſchwiſter, aber im Uebrigen waren ſeine Gedanken ſo weit von dem ſtillen, beſchränkten Leben ſeiner Wirths⸗ familie entfernt, daß er ſich unter der rothen Dame jede andere ſeiner frühern Bekanntſchaften dachte, nur nicht ſeine Wirthin und ſittſame Nachbarin. Als er die blaue Begleiterin am Arme des Sol⸗ daten erblickte, mochte er glauben, die ihn neckende rothe Freundin derſelben hätte ſich entfernt... Der junge Militair war ein freundlicher, gefälliger Mann. Er ſagte ſeiner ängſtlichen und noch immer vor der grünen Brille, die ſie wie die Schlange umzirkelte, wie ein Vögelchen zitternden Begleiterin, daß er Heinrich Sandrart heiße, aus dem Ullagrunde bei Pleſſen und heute zum Sergeanten befördert wäre. Die Gewohnheit eines dann bewilligten freien Tages hätte er einmal, nachdem er drei Jahre lang nicht ge— tanzt, zu ſeinem Vergnügen, nicht zum Trinkgelage mit ſeinen Kameraden benutzen wollen. Die kleine Blaue hörte mit Intereſſe zu, konnte ſich aber nicht entſchließen, ihre weiße Maske anders, als in der Dunkelheit des Gartens abzunehmen. Heinrich Sandrart war in den Fragen nach den Urſachen ihrer Aengſtlichkeit zwar nicht zurückhaltend, denn der Anblick der ſchönen Augen und der reizenden Jugendfriſche des kleinen Mädchens zog ihn nur noch mehr an; allein in dem Verlangen nach Gunſtbezeu⸗ gungen gab er ſich ſo ſittſam und wohlerzogen, daß die kleine Blaue ihn zu ihrem Schutze gern am Arme duldete und ſich nur mit Aengſtlichkeit nach der plötz⸗ lich verſchwundenen Louiſe Eiſold umſah, durch die ſie veranlaßt worden war, dieſen gefährlichen Boden zu betreten und die ſie nun verlaſſen hatte. Im Saale wollte Heinrich Sandrart, die kleine Blaue am Arm, noch einmal verſuchen, ob man nicht die rothe Freundin entdecken könnte. Es war gerade eine Pauſe im Tanze eingetreten. Man beſprengte den Fußboden, um den immer läſtiger gewordenen Staub niederzuhalten. Während ſich das Orcheſter ſelber ruhte, gingen die Paare Arm in Arm in der Runde da ſpazieren, wo ſie der Strahl des waſſerſprengenden Dieners nicht treffen konnte. Dabei Trinkgelage zu, konnte ske anders, ehmen. n nach den rückhaltend, er reizenden nur noch Gunſtbezeu⸗ zogen, daß mam Arme j der plö⸗ durch die han Boden „die kleine ) man rich eingetrele wurden die Spiegel an den Wänden zu flüchtigen Muſterungen der derangirten Toiletten benutzt, tafftne Blumen am Haar wieder in Ordnung gebracht, auf⸗ gegangene Schleifen auf's neue gebunden. Viele auch verloren ſich in den Nebenſälen, um Herrn Hitzreuter's vielverſprechende Speiſekarte auf die Probe zu ſtellen. Eben erzählte Heinrich Sandrart ſeiner im Saale wieder maskirten Freundin, daß er der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus jenem Ullagrunde bei Pleſſen im Hohenbergiſchen wäre, einen guten Schulunterricht genoſſen hätte, die Landwirthſchaft aus dem Grunde verſtände, lieber aber im Waffendienſte bleiben wolle, zumal wenn man unter einem ſo trefflichen Offizier ſtände, wie ſein Bataillon, das der Major von Wer⸗ deck befehlige, als ein Schwarm junger, eleganter Ca⸗ valiere ihnen begegnete... Sandrart gerieth etwas in Verlegenheit, als er unter ihnen den Leutnant von Aldenhoven, den Ritt⸗ meiſter von Aſten, einen Herrn von Thielo, von Konnewitz und viele andre Offiziere in Civil erkannte, von denen wenigſtens der Erſte, da er zu Werdeck's Bataillon gehörte, ihn genau kannte. Guten Abend, Sandrart, redete ihn dieſer an. Blitz, was haſt du da für einen verſchleierten blauen Nachtſchmetterling? 1” 1 1 4 1 6 ’ 346 Herr Leutnant von Aldenhoven, ſagte Sandrart mit einigem gereizten Nachdruck, ich bin heute Ser geant geworden. Es hatte ihn vor ſeiner Begleiterin gekränkt, noch mit einem„du“ angeredet zu werden, das man ſelbſt als Gefreiter von ſeinem nächſten Vorgeſetzten nicht gern hört, ſo„vertraulich“ es klingen mag. Ah! gratulire Ihnen! war Aldenhoven's etwas hämiſche Antwort, der den Stich wohl verſtand. Nun fing aber Rittmeiſter von Aſten, Leutnant von Salza und andre der jungen von Champagner⸗ laune montirten Cavaliere an, der blauen Begleiterin des Unteroffiziers, die ſo elegant gekleidet war, zuzu⸗ muthen, ſie müſſe die Maske abnehmen. Wer ſchön ſei, verrathe es auch. Sie wollten die künftige Frau Sergeantin ſehen und ſchon zerrten ſie an des armen geängſtigten Mädchens Maske, als Sandrart ſeine Schutzbefohlene zurückriß und ſich vor ſie ſtellte, um jede weitere Gewaltthat zu verhindern. Meine Herren, rief er, aufgereizt, wir ſind nicht im Dienſt! Ah! Sandrart, ſagte Aldenhoven. Sie ſind auch Demokrat und wollen keinen Gehorſam außer dem Dienſt! Bei Major Werdeck nicht anders zu er⸗ warten. Sandrart eute Ser⸗ änkt, noch man ſelbſt zeen nicht s etwas and. Leutnant mpagnel⸗ zegleiterin dar, zuül Wer ſchön tige Frau es armen ratt ſeine tellte, um ſind nicht ind auch aßer den 12 3 zu el⸗ Es lag in dieſen Worten allerdings nur flüchtiger Scherz; auch daß alle andern Militairs lachend ſagten: Was? Ein Demokrat? und dabei den Ton auf Das Wort:„Gehorſam außer Dienſt“ legten, auch das war mehr aus heitrer Laune; allein wenn einmal im menſchlichen Gemüthe eine Saite verſtimmt iſt, ſo kann ſie ohne Gefahr auch nicht einmal im Scherze berührt werden. Sandrart rief, als Aldenhoven dennoch nach der Maske ſeiner Begleiterin greifen wollte, mit feſtem und gebildetem Tone: Ich verbiete Ihnen, Herr Leutnant, dieſe Dame zu demaskiren! Unter ſolchen Umſtänden mußte man wol von Glück ſagen, daß ein zweiter eben vorüberziehender Zug dieſe Verwirrung auf heitre Art löſte. Ein junges übermüthiges Mädchen, das in der einen Hand ein Champagnerglas hielt, griff im Vor⸗ übergehen lachend mit der andern nach der Maske der kleinen Blauen und während noch die Offiziere ſich auf den kecken Ton Heinrich Sandrart's anſahen und eben entſchloſſen ſchienen, mit ihm eine andere Sprache zu reden, machte der Ausruf des Erſtaunens: Fränzchen Heuniſch! der Spannung ein Ende. Jeannette war es, Melanien's heut' Abend ent— laſſenes Mädchen. Sie hatte Fränzchen Heuniſch's Maske in der Hand und die kleine Blaue, unſers guten und auf die Sittlichkeit ſeiner Nichte ſo tief vertrauenden Förſters von Hohenberg ganze Hoff⸗ nung, bis hundert Klafter tief unter die Erde be⸗ ſchämt. Das Erröthen, die Verzweiflung Fränzchens half da aber nichts. Jeannette führte ſie an einem Arm, Sandrart am andern und der luſt'ge Zug, mit dem jene gekommen war, ſprengte die ganze Gruppe aus⸗ einander. Die Offiziere fanden die Kleine allerliebſt, ſchienen aber die Keckheit des Sergeanten nicht weiter beachten zu wollen, da inzwiſchen ſchon wieder neue Gegenſtände ihre Aufmerkſamkeit feſſelten. Nur Alden⸗ hoven ſah ihm lange nach und ſprach mit Thielo und Konnewitz über das Thema der Disciplin und die „Mannſchaften“ des Majors Werdeck, die ſie„demo⸗ raliſirt“ nannten. Aber du Duckmäuſerin! rief jetzt Jeannette, in der der Geiſt des Tanzes, der Muſik und des Zorns wirbelte. Du frommes Mutterlämmchen, wie kommſt du Sünderin denn hierher? Fränzchen Heuniſch machte hundert Gebehrden, um ſie zu bewegen, ſtille zu ſein; ſie wollte die Maske zurückhaben, um ſich zu verbergen... Dummes Zeugl ſagte Jeannette; wer kein Geſicht e, unſers e ſo tief nze Hof⸗ Erde be⸗ hens half nem Arm, mit dem ppe aus⸗ allerliebſt, ct weiter eder neue dur Aden⸗ Thielo und und die ſie„denno⸗ tte, in der es Zorns ie kommſt Gebehrden, „qpasfe die Mas „64 in Giſtt von Tannenzapfen hat, glatt und hübſch iſt, wie wir, der ſoll ſich zeigen allen Leuten zur Luſt; nicht wahr Ernſt? Ernſt von„Geheimraths“ beſtätigte dieſe Mei⸗ nung und erklärte auf ein eiferſüchtiges Befragen der Lore Wandſtabler, daß er das junge Mädchen nicht kenne... Die Wandſtablers aber, die in die Falle gegangen waren, die beiden Bedienten als Begleiter angenom⸗ men hatten und nach mehrmaliger Trennung von ih⸗ nen, in der Hoffnung andere Geſellſchafter zu finden, doch auf ſie zurückkommen mußten; die Wandſtablers kannten Fränzchen, ihre Couſine, ſehr wohl... Sie kicherten, ohne ſich ſogleich dem armen Täubchen, das ſie einmal ſo heftig erſchreckt hatten, zuzuwenden. Die Fränz! Die Fränz! ſagten ſie und ſteckten ver⸗ wundert die Köpfe zuſammen. Ja, ja, ſchäme dich nur, begann die durchtriebene Jeannette zur Nähterin, die heute früh noch ſo ſchwär⸗ meriſch über die Tugend philoſophirt hatte, jetzt kom— men wir hinter deine Schliche, du Tugendſpiegel! Hier Herr Sergeant, feſtgehalten! Drinnen ſteht unſer Tiſch— runde Tafel— Couvert zehn neue Groſchen — holen Sie nur Ihre Mutterpfennige hervor, Lands⸗ mann! Fränzchen muß trinken lernen! 350 Und dabei flüſterte ſie der Zitternden zu: Dein Franzoſe iſt ja nicht hier! Sei doch luſtig! Ich verrathe nichts. Fränzchen ließ Alles willenlos geſchehen. Sie hätte in die Erde ſinken mögen. Sie konnte nicht Wider⸗ ſtand leiſten, daß man ſie und Sandrart in die Reſtau⸗ ration zog und ihr einen Platz an einem mit Tellern und Gläſern beſetzten Tiſche gab, wo ſte noch Manchen antraf, der zur Geſellſchaft gehörte, unter Andern den Kutſcher Neumann, einen mürriſchen, widerlichen Men⸗ ſchen mit fuchſigem, faſt bis in's Auge gezogenen Backenbart, Ringen im Ohr und ein paar unge⸗ ſchlachten rothen Händen. Sie wußte, daß Jean⸗ nette überall Liebſchaften, aber Neumann als wirk⸗ lichen Verlobten für die künftige Ehe hatte. Hier, Herr Sergeant, Sie rechts, ſagte Jeannette und placirte die Neuangekommenen; du hübſcher Fratz, links bei deiner Couſine Dore? Oder willſt du lieber bei der Lore? Die Flore i*ſt nicht da, obgleich dich Die am liebſten hatte und bei der Durchlaucht dein Glück wollte, Närrchen; hier hergeſetzt und ſich aus— geſöhnt mit den Fräuleins Wandſtabler! Und dabei flüſterte ſie ihr in's Ohr: Halt' dich tapfer! Die haben ſchon deinen Fran⸗ zoſen auf dem Strich. u: doch luſtig! Sie hätte icht Wider⸗ die Reſtau⸗ it Tellern Manchen ndern den hhen Men⸗ gezogenen nar unge⸗ aß Jean⸗ als wirk⸗ Jeannette her Fiabz du liebel eich dich icht dein ſich aus— 1 Fran 351 Dieſer Wink machte in der That, daß Fränzchen aufſchreckend etwas wieder von Beſinnung und Geiſtes⸗ gegenwart gewann. Wußte ſie doch nur zu gut, daß die ſchlimmen Couſinen das Glück hatten, jetzt täglich mit Louis Armand in Einem Hauſe, vielleicht in Einem Zimmer zu ſein, und wie die Liebe Jedem, auch dem ſchwächſten Weſen, eine gewiſſe Kraft und einen muthigen Aufſchwung verleiht, ſo gewann nun auch Fränzchen eine kräftigere Haltung über ſich und warf ihren Couſinen einen dreiſten, faſt ſchnippiſchen Gruß zu, der Fränzchens Reiz in den Augen des von ſei— nem Rencontre mit den Offizieren noch ſehr bewegten Heinrich Sandrart nur noch mehr hob. Franziska, ſtoß an! ſagte die mittelſte Wand⸗ ſtabler, die Lore, deren magere Geſichtsformen ſich durch die Glut des Tanzes und der Atmoſphäre ge⸗ füllt, ja ganz angenehm gerundet hatten. Fränzchen ſtieß mit dem Glaſe ihrer Couſine an und nippte ein wenig von einem Getränke, das viel⸗ leicht ein helles Bier, vielleicht künſtlicher Champagner war, ſie wußte es nicht... bis der Sergeant aus dem Seitenfutter ſeiner Uniform ein kleines Porte⸗ monnaie zog und ſich, wie es ſchien, nicht ohne eine gewiſſe Ueberlegung, entſchloß, zwei Papierthaler an eine wirkliche Flaſche Champagner zu wagen. Er mochte fühlen, daß er ſein Avancement etwas koſtbar feierte... aber er beſtellte echten Champagner! Die Wirkung dieſes Momentes war groß. Alles um den runden Tiſch blickte ſtaunend und voll Be⸗ wunderung auf dieſen jungen militairiſchen Rothſchild! Echter Zwei⸗Thaler⸗Champagner! Dies hob oder ſetzte tief herab, je nachdem der Schwung der Phan⸗ taſie ſich für das Große berufen hielt oder ſich keiner ſolchen Flügel bewußt war. Man ſchwieg eine Weile und blickte feierlich um ſich her, als hätte man für dieſe Standeserhöhung Zeugen gewünſcht. Die Wandſtablers beſchloſſen jetzt, mit Fränzchen, die einen ſolchen Liebhaber aufweiſen konnte, ſich aus⸗ zuſöhnen. Dorette, die Jüngſte, mit der es Franz von„Ge⸗ heimraths“ ſehr geſchäftig hatte, war bläſſer, als ihre Schweſter, auch etwas verſtimmter. Sie hatte Ideen, die höher hinauf ſtiegen als die Sphäre, in der ſie ſich hier bewegte und die eigentlich Jeannette ſo ge⸗ waltſam improviſirt hatte. Guten Abend, Fränzchen! ſagte ſie und reichte ihrer kleinen Couſine jetzt erſt die Hand. Muß es denn erſt ſo kommen, daß uns ein ſolcher Abend wieder ein⸗ mal zuſammenführt? Ein ſolcher Abend? fragte Heinrich Sandrart faſt wwas koſtbar agner! groß. Alles nd voll Be⸗ Nothſchid 3 hob oder der Phan⸗ t ſich keiner Jine Weile ſe man füt t Fänzchen, ite, ſich qlö⸗ z von„Ge⸗ ſer, al ir hatte Jdern in der ſle 1 mette ſo g reichte ihlu ds denn el „ ein wieder el „faſt zandral ſ 35 verletzt, der ſeine zwei Thaler los war, nun aber da⸗ für auch luſtig ſein wollte. Kann man traulicher und vergnügter beiſammen ſitzen? Dabei wollte er Fränzchens Hand ergreifen und ſie an ſich drücken. Aber die kleine, braunäugige Spröde litt ſchrecklich, auch über die Koſten, die ſie ihm ver⸗ urſachte, und zog die Hand zurück. Fräulein Dorette ſchmachtet nach ſtiller Einſamkeit, ſagte die nicht ganz ungebildete, aber zügelloſe Jean⸗ nette parodirend, ſie liebt! Sie liebt einen Franzoſen, ſtolz und feurig; o ſeit ich weiß, daß man dieſem Fran⸗ zoſen ſo edle Vorſätze verdanken kann, ſelbſt den For⸗ tunaball nicht zu gering für Liebende zu finden, biet' ich mich ihm für die Rückreiſe nach Paris als Gou— vernante an; ich arme conditionsloſe Perſon— Fränzchen war in der That von Eiferſucht nicht frei. Sie ſah ihre Couſine Dorette ſtarr an und mußte ſogleich fühlen, daß dieſe wirklich bei dem Balle nicht anweſend ſchien. Lorette aber, die Mittlere, ſagte leiſe zu ihr: Du Glückliche! Herr Louis Armand hör' ich, ſoll dir Blumen ſchenken und ich wette auch Gedichte macht er auf dich. Heute las er Floretten eins vor, das er gewiß auf dich gemacht hat! Fränzchen erröthete. Sie wußte wohl von den Blu⸗ Die Ritter vom Geiſte. IV. 23 354 men, aber nichts von dem Gedichte, das ohne Zweifel ihr gelten ſollte und Siegbert Wildungen erſt überſetzt und noch in ſeinem Portefeuille hatte. Indem knallte Sandrart's Champagnerkork und in einem der hingeſtellten Spitzgläſer ziſchte vor ihr der perlende Wein, deſſen Güte wir nicht zu beſtimmen wagen, da wir über den Fortunawirth noch nicht wiſſen, ob er der Ehrlichkeit ſeines Bruders, des Pe⸗ likanwirthes, entſprechen wird.... Kaum am Rande ihres Glaſes nippend, fragte ſie jetzt Jeannetten, was dieſe Uebermüthige von condi⸗ tionslos geſprochen hätte? Ja, Schatz, ſagte dieſe, Das haben wir uns heute früh nicht träumen laſſen, als wir Falbalas nähten, von der Tugend ſprachen und die Fortunabälle kaum dem Namen nach kannten. Melanie kommt um zehn Uhr nach Hauſe, fordert mich wie vor's Tribunal, hält mir eine lange Predigt Salomonis, will in's Kloſter gehen und ſchickt mich vorläufig von Morgen früh an zu allen Teufeln. Jeannette! Du haſt den Dienſt verloren? Das iſt ja unglaublich— ſagte Fränz voll kindlicher Theilnahme. Unglaublich? Seit ich dich hier Champagner trin⸗ ken ſehe neben einem ſo liebenswürdigen Sergeanten, iſt Alles möglich. Neumann, erkläre du ihr's! ohne Zweifel erſt überſett rerkork und in evor ihr der zu beſtimmen Hnoch richt ders, des Pe⸗ nd, fragte ſi e von condi⸗ wir uns heule balas nähten, mabälle kaum mmt um zeh r's Tribundl s, will ind von Morge en? Das iſ Theilnah mpagnel fem m Setgenn 5! u ihr? 3655 1 Dieſer, die bebuſchten Augenbrauen zuſammenknei⸗ fend, grunzte etwas hin, was etwa ſoviel ſagen ſollte, als: Die Aufklärung wird bald hörbar werden. Habt Ihr ihn auf's Korn genommen? Das ſagte er zu einigen jungen Burſchen, Laſally'⸗ ſchen Reitknechten, die eben eintraten. Macht's gnädig! meinte Jeannette flüſternd. Er hat's zwar um uns verdient, aber wenn er noch ein⸗ mal ſo traktirt wird wie damals, erleben wir, daß ihn das Fräulein aus Mitleid heirathet.... Wo ſte ihn nur geſprochen hat! bemerkte der Be⸗ diente Franz flüſternd. Ich gab ihr doch noch den Shawl um, die Excellenz war dabei und wir gingen faſt bis an den Wagen mit. Ich fuhr ſie— ſagte Neumann. Und kaum ſteigt ſie aus, ergänzte Jeannette, ſo kam die Beſcheerung. Dieſe Verräther! ſchrie ſie. Elende Menſchen, die ſie verkauften, umgäben ſie. In Ho⸗ henberg hätt' ich ſie verrathen. Jeder bilde ſich ein, ihr gefallen zu können— und damit zerriß ſie ihre Kleider, weil ſie nicht raſch genug vom Leib wollten, und ſagte mir auf. Das Fräulein dir, Jeannette! Ich kann mich noch gar nicht finden... 502 23* 356— Mir! Ja! Ja! Fränzchen! Das wäre nun ein Plätzchen für dich! Aber du biſt ihr nicht mehr tugend⸗ haft genug. Seit heute früh haſt du einen ſchreck— lichen Fehler angenommen. Du biſt heimlich, gehſt maskirt auf die Bälle in Garderobe wie eine Königin — jetzt beſinn' ich mich— du kamſt ja mit einer Rothen. Wer war denn Die? Ja, ſtimmten die Wandſtablers neugierig ein, wer war die Rothe? Der junge Soldat ſchenkte ein, erſchrak aber über die bekannte Erfahrung, daß eine Flaſche dieſes tückiſchen Schaumweines ſehr bald conſumirt iſt. Man wartete geſpannt auf Fränzchens Antwort, die ſich aber nicht herbeiließ eine Aufklärung zu geben... Halt! rief Jeannette. Sie tanzte nur mit Hackert, rannte Dem nur nach, immer nur Dem... es war Melanie! Ah... hieß es bei den Harder'ſchen Bedienten und ſonſt herum; die Schlurck! Alle waren aufgeſtanden und ſahen durch die Glas⸗ fenſter, die den Saal von der Reſtauration trennten. Es war ihnen, als wenn ſie nun aufſtehen und die Räthſelhafte verfolgen ſollten. Hackert ſchreibt ſchön und tanzt ſchön... fügte Jeannette dieſem Tumulte boshaft hinzu; es wäre mu wäre nun ein mehr tugend⸗ einen ſchrec⸗ eimlich, gehſt eine Königin einer Rothen. jerig ein, wer⸗ rak aber über laſche dieſes mwirt iſt. ens Antwort, 93 geben. t mit Hacken 1 ,.. es wal Bedientel zen Bedi jrch die Glad tion trenntei J gehen und füägle 357 nicht das erſte mal, daß Schlag zwölf Uhr der Thor⸗ weg leiſe aufknarrt und gewiſſe Leute in die Redoute gehen. Mach'uns keine Lügen vor, Fränzchen! Sage, wer war die Rothe? Sandrart bot Jeannetten ein Glas mit den Worten: Lüge, mein Fräulein! Das iſt Beleidigung! Sie müſſen ſich mit mir duelliren! Man ſetzte ſich lachend nieder. Jeannette nahm das Glas, verneigte ihr niedliches, geröthetes, ſtumpfnäſiges Geſichtchen, den Typus der Verſchmitztheit und jener flüchtigen Kammerzofenſchön⸗ heit, die bei dunkler Beleuchtung mehr verſpricht, als ſich bei hellerer motivirt findet, und ſagte: Sehr artig, Herr Sergeant! Mit einem wohlgefälligen, herausfordernden Blick auf den jungen Krieger, der ihr ſeit den Unterfutter⸗ Geheimniſſen ſeiner Uniform doppelt zu gefallen ſchien, trank ſie das Glas. Fränzchen aber mochte den falſchen Schein des Leichtſinnes und der Heuchelei nicht länger auf ſich ſitzen laſſen, ſondern nahm das Wort: Wie ich hierher gekommen bin, ſagte ſie, iſt mir wie im Traume geſchehen. Es war zehn Uhr. Eben wollt' ich zu Bett gehen und legte die Kleider, die ich von der Putzmacherin auf dem alten Markte, der Flo⸗ rentine, zu beſetzen hatte, ſauber zuſammen. Ich war müde. Da klingelt es heftig im Vorderhauſe. Die alten Märtens ſchlafen ſchon. Ich denke, obgleich unſer neuer Miether— Der feine gelehrte Franzos; lachte Jeannette. Ein Franzos? ſagte Heinrich Sandrart, angeregt und eiferſüchtig. Nicht jung! Nicht hübſch! Nein, ein Alter mit einer Perrücke! Jeannette, die bei all ihrem Leichtſinn einige Gut⸗ müthigkeit beſaß, ſagte dieſe Worte mit Beziehung. Nicht wahr, ein Alter? Sowie der da! Damit zeigte ſie in den gegenüberſtehenden Spie⸗ gel.... Man wandte ſich theils um, theils zum Spiegel hin und bemerkte einen ſchleichenden hüſtelnden Herrn mit einer großen Naſe und einem dicken ſchwarzen Schnurrbart, in dem wir die grüne Brille wieder erkennen. Schon lange hatte ſie lauernd den runden Tiſch umſchlichen und lüſterne Blicke zu dem demaskirten allerliebſten und roſig ſtrahlenden Fränzchen hinüber geworfen. Seine Zudringlichkeiten ſchienen aber ſo allgemein geweſen zu ſein, daß auch Jeannette ſchon die grüne Brille kannte. 6 mmen. Ich war derhauſe. Die denke, obgleich Jeannette. drart, angeregt ein Alter mit inn einige Gll⸗ Beziehung. da! ſtehenden Spie⸗ 3 zum Spiegel üſtelnden Herm icken ſchwatzen Brille wieden mrunden Tiſch m demasfirie ·m inzchen hinüh, r ſ bienen dha⸗ „ſchl geannette ſch Guten Abend! ſagte ein Uniſono des ganzen Tiſches faſt höhniſch zu dem indiskreten Lauſcher. Als dieſer erſchreckend merkte, daß er Gegenſtand der Aufmerkſamkeit eines ganzen Tiſches wurde, entſchlüpfte er mit aalglatter Behendigkeit und nahm das allge⸗ meine ihn verfolgende Gelächter für eine Warnung, ſich ſolchen Geſellſchaften ſobald nicht wieder zu nähern. Sandrart ſchenkte aufs neue die letzten Reſte ſeines Exceſſes ein und rief: Alſo der alte Franzoſe klingelte.. Nein, nein, ſagte Fränzchen Heuniſch, nicht der! Ein Andrer—? fiel der Sergeant ein und rückte näher und legte ermuthigt den Arm auf die Stuhl⸗ lehne Fränzchens, indem er ihr weingeröthet in die braunen brennenden Augen ſah. Genug, genug! unterbrach ihn Jeannette, die ſchon merkte, daß der Sergeant mit Fränzchens Ver⸗ hältniſſen völlig unbekannt war und vielleicht nicht ein— mal wußte, wo ſie wohnte; es klingelte alſo Wall⸗ ſtraße Nr. 14, wo ich künftig auch wohnen werde... Dus fragte Fränzchen, erſtaunt über dieſe ſcharf— betonten Worte. Ja, Fränzchen, antwortete Jeannette, ich werde Gelegenheit nehmen, ſo lange bei meiner Freundin 360 Franziska Heuniſch, Wallſtraße Nr. 14 zu wohnen, bis meine Angelegenheiten geordnet ſind— Dieſe Erklärung, in ſcharfen Worten vorgetragen, erregte allgemeines Erſtaunen und bei Niemandem mehr als bei Fränzchen... Dein Zimmer iſt klein,— ſchadet nichts— ein Bett ſtellt ſich ſchon noch hin und— Aber Jeannette... Mein voller Ernſt... ich ſpreche mit den Märtens Wallſtraße Nr. 14... Fränzchen konnte ſich nicht faſſen, ſo überrumpelte ſie dieſes verſchmitzte Mädchen, dem ſie ſich von früher gewohnt war, gehorſam unterzuordnen. Aber die Rothe! Die Rothe! hieß es. Wer iſt's? Sandrart merkte ſich, mit einem dankbaren Blick auf die wilde Jeannette, die Adreſſe des Mädchens, in das er wie verloren war und dem zu Liebe er, ein wohl— habender Bauernſohn, zu rechnen anfing, ob er wol noch zwei Thaler aus dem Unterfutter hervorziehen ſollte... Die Menſchen ſprechen vom Verſchwenden! Die Gerechtigkeit zwingt uns aber einzugeſtehen, daß ſich alle Dinge in der Welt, ſelbſt die böſen, nicht immer ſogleich ganz böſe machen. Ja, ſagte Fränzchen kleinlaut über die ſchreckliche Ausſicht, an dieſe Jeannette in ihrer bisherigen be⸗ 4 zu wohnen, vorgetragen, i Niemandem nichts— ein den Märtens überrumpelte ch von früher 3427 Ver iſts⸗ mnkbaren Blick dchens, in das er, ein wohl ob er wol hervorziche zeſchwenden giehen, daß böſen, rich 1' „precklich die ſchre ſsherigen ſcheidenen Exiſtenz geknüpft zu werden, ja es klingelte. Ich dachte, es wäre— unſer Miether. Ich ziehe mich an und gehe hinunter. Wen find' ich? Eine Freundin, die ich nicht nennen kann. Sie machte ſonſt Putz mit mir auf dem alten Markt bei der Flo⸗ rentine. Franziska, du mußt mit mir auf den Fortuna⸗ ball gehen, rief ſte. Komm nur! Komm nur! Ich weiß, du kannſt helfen. Damit zog ſie mich durch den Hof, an der Werkſtatt vorbei, in mein Kämmer⸗ chen hinauf, das ſehr eng iſt, ſehr eng, liebe Jeannette— O man richtet ſich ein— ich will nur bei ſoliden Leuten wohnen. Wallſtraße Nr. 14, im Hofe zwei Treppen hoch! Damit ſah Jeannette wieder Sandrarten ſcharf an— dieſer nickte glühend, er hatte ſchon dem Kellner zugeflüſtert, eine zweite Flaſche zu bringen; Fränzchen fuhr fort: Wie wir oben waren, weinte ſie und jammerte. Sie müſſe auf den Fortunaball, ſchrie ſie. Sie müſſe wegen eines Menſchen da ſein, der. Wegen Hackert? fragten Einige durcheinander, die am Tiſche ſaßen und immer noch an Fräulein Me⸗ lanie dachten. Fränzchen, Fränzchen, halt' dich an die Wahrheit, ſagte Jeannette, es war Melanie— Neumann weiß —— 362 es ganz genau! Neumann war im Hofe und fand da etwas nicht in Ordnung. Der Thorweg ging einmal leiſe von innen auf. Es ſchlich ſich Jemand vom Hofe fort.... Jeannette! Schäme dich! rief Fränzchen; das vornehme Fräulein! Abſcheulich! Wie kann man ſo verleumden! Hm! hm! hm!... ſagte Jeannette mit Bosheit. Sie iſt jetzt verſchwunden die Rothe, ſeit ſie mich ent⸗ deckt hat. Nein, fuhr Fränzchen entrüſtet fort, meine Freun⸗ din heißt Louiſe und Der, den ſie ſuchte, den kenn' ich nicht. Fränzchen, ſagte ſie, ich bin arm und du biſt es, wir haben keine Kleider, um auf den Fortuna— ball zu gehen. Aber unſre Armuth kommt auch da⸗ her, daß Die, die von uns leben, uns nicht bezahlen. Ich wußte, daß du dieſe koſtbaren Kleider für die Florentine nähſt. Ich ſah ſelbſt, daß Florentine ſie dir zum Beſetzen einhändigte, als ich bei ihr war und das aufgeblaſene, abſcheuliche Weib, die mit fremdem Gelde ein Geſchäft etablirt, um die mir nun ſeit drei Jahren ſchuldigen fünfzehn Thaler mahnte. Sie zahlt nie. Dieſe Kleider ſind für den Verkauf in ihrem Laden beſtimmt. Ich verlange ſie von dir! Hier iſt Florentinen's Schuldſchein und nun Muth, Franziska, mein iſt dieſer rothe und dein iſt dieſer blaue Anzug! Ga dofe und fand da weg ging einmal iſch Jemand vom zen; das vornehme ſo verleumden! tte mit Bosheit. eit ſte mich ent⸗ t, meine Freun⸗ ichte, den kenn äin arm und du nuf den Fortung⸗ kommt auch da⸗ zricht bezahlen. Kleider für de / Florentine ſe bei ihr war und t femden ie mit ftemde 9,4 d' ir nun ſeit d xio zul hnte. Sie 5 Bravo! rief die ganze Geſellſchaft, ohnehin ent⸗ zückt von der zweiten Flaſche, die inzwiſchen ankam, und klaſchte in die Hände. Der Spaß, ſo zu einer Garderobe zu kommen, gefiel allgemein. Das nenn' ich reſolut— So muß man Schulden eintreiben! Louiſe ſoll leben! Holt die Rothe! Sie muß Champagner trinken! Sandrart ſogar, der ſonſt geſetzte und ruhige Ser— geant, rief in ſeinem Wirbel und alle Bedenklichkeiten ſeines ſonſt ſittſamen und vor dem ſtrengen Vater im Ullagrunde ſich fürchtenden Gewiſſens hinunterſpülend: So commandirt ein General, wenn er ſich in aller Kürze in ſchwieriger Poſition zu helfen ſucht! Napo⸗ leon ſagte: En avant! Und dieſem Manöver ver⸗ danken wir unſer liebenswürdiges Fränzchen Heuniſch Wallſtraße Nr. 14 auf dem Fortunaball! Hurrah! Jeannette blinzelte dem gebildeten Sergeanten, der eben franzöſiſch geſprochen hatte und ſagte ihm augen⸗ zwinkernd, als er ihr einſchenken wollte: Gomment vous portez vous, Musje? Sie können ſich wol denken, fuhr Fränzchen unbe⸗ kümmert um dieſe ihr ganz ungeläufigen Koketterieen einer doch mechanten Nebenbuhlerin fort, Sie können ſich wol denken, wie ich mich geweigert habe. 364 Aber es half nichts. Eh' ich mich verſah, waren mir dieſe Kleider über meine gewöhnlichen kattu⸗ nenen— wie Sie Alle ſehen können— überge⸗ zogen— das Haar verdeckte die Kapuze. Sie ſelbſt nahm den rothen Anzug— und ſo huſchten wir uͤber den Hof, nahmen einen Fiaker und hier kauften wir die Masken. So bin ich hergekommen und denke mit Schrecken an Mamſell Florentinen auf dem alten Markt, die wegen ihrer Kleider zur Polizei gehen wird. Sie ſoll ihre Schulden bezahlen! ſagte Heinrich Sandrart und ſchlug mit dem Glaſe auf den Tiſch, daß es faſt zerbrach, zog wieder ſein Portemonnaie und wollte nun auch all' das Eſſen bezahlen, das immer während des Trinkens und Erzählens genoſſen wurde. Jeannette aber litt dieſe Großmuth nicht. Sie warf Neumann einen Wink zu, der ſich dann in die Bruſt warf und ſich den Wirth der Geſellſchaft nannte. Indem er aufſtand und etwas langſam berechnete, während der Sergeant ſchon zahlte, kamen die Jockeys und flüſterten dem Kutſcher etwas in's Ohr. Jetzt dran! ſagte er mit brutalem Ton. Was iſt? fragte der junge Soldat... Wir wollen die Rothe ſuchen, ſagte Jeannette, die die geheimen Zeichen verſtand. Steht auf, Kinder, der Tanz fängt wieder an. Es ſchlägt drei. Bis Und 365 verſah, waren fünf bleiben wir da, nicht wahr, Fränzchen? Siehſt hnlichen katt⸗ du, daß die Welt viel luſtiger iſt, als du dir's in en— überge deinem Hinterhof eingebildet haſt, Närrchen. Gieb ne. Sie ſelt mir einen Kuß und ängſtige dich nicht um mein Bett huſchten wt... ich ziehe nicht zu dir! n hier kauften Damit wußte die Schlaue es ſo zu wenden, daß men und dent ſie zwiſchen das ſich plötzlich erleichtert fühlende Fränz⸗ auf dem alten chen und Heinrich Sandrart kam und dieſem ihren ei gehen wird linken Arm zugeſchoben hatte, er wußte nicht wie. 4 7 ſagte Heinric Sie hatts Fränzchen am rechten Arm. Da es beim Eintritt in den Saal wieder ſehr eng wurde, war ſie 3 des Sergeanten Tänzerin zu ſeinem eignen Erſtaunen len, das und, wie es ſchien, unangenehmſtem Befremden. an e Noch merkte man nicht, daß ſich die zum Tanze Jlens ge rich antretenden Paare lichteten. Der Garten mochte leerer R ſein, aber hier unter den drei mächtigen Kronen⸗ leuchtern und oben in den überfüllten Logen ringsum, wo die feinere Geſellſchaft tafelte, verrieth nichts die Annäherung des Morgens, der ſich mit einer ſanften uf den Tiſch Portemonnaie oßmuth ic dann in de lſchaft nannte m berechlele n die Jocke Röthe in Oſten ſchon ankündigte. Ohr. Fränzchen hatte nach einer Tour in der Runde wieder on. Sandrart am Arm. Jeannette huſchte in den Garten... .. 1 Oben auf der„Sternwarte“ ließ ſich das neuer⸗ Jeannelt, dings wieder zuſammenſtrömende Gewühl nun am beſten auf, Ainn unterſcheiden. 9j drei H 366 Dort ſaßen Mullrich und Kümmerlein auf kleinen Seſſeln und ſchauten ſchlaftrunken in den Saal hinab. Zuweilen kam Par, um Neues, beſonders über Signalement Nr. 2, die ſchwarze Binde, wie er ſie nannte, zu hören. Dann wieder ſchickte Frau Katha⸗ rina Peters aus ihren unerſchöpflichen Bier- und Punſchvorräthen eine Stärkung hinauf, die ihnen ein⸗ mal ſogar Peters ſelber bringen mußte. Sie wollte durchaus, daß er ſich in ſeine neue Laufbahn fände und ſich mit ſo wichtigen Perſonen befreunde, die er ſehr oft auf ihr antreffen mußte. Was machen denn Ihre Thüringer? ſagte Küm⸗ merlein etwas ſpitz. Man ſieht ja Herrn Peters jetzt immer nur drüben in Loge Nr. 13 unter den Offi⸗ zieren; ſind die Landsleute doch im Garten nicht vergeſſen? Peters antwortete gleich lieber gar nicht, um nicht ausfallend zu werden. Soviel konnte er aber doch nicht hinunterſchlucken, daß er die Bemerkung hätte verſchweigen ſollen: Lieber ſchon wär' mirs, es ginge dieſe verfluchte Treppe nicht erſt in den Tunnel und ich könnte gleich in Nr. 13 von hier hinüber, wo meine Thüringer mit den Offizieren ſitzen. Die Agenten, die um fünf Uhr etwas mit Thü⸗ rlein auf kleinen den Saal hinab. beſonders über nde, wie er ſie kte Frau Katha⸗ hen Bier⸗ und die ihnen ein te. Sie wollt gaufbahn fände freunde, die! r ſagte Küm erm Peters jes unter den Off ¹ Garten nich nicht, um nit te el aber dol emerkung hü dieſe verfluc c könnte glat eine Thürint was mit 367 ringern vorhatten, lehnten ſich über die Brüſtung und verſuchten in Nr. 13 zu ſehen. In der That waren Dankmar und Siegbert nach ihrem langen, ſtillen und traulichen Zwiegeſpräch, wo der Aeltere über die Abenteuer des Jüngern faſt ſprachlos ſtaunen mußte, eben, wie ſie nach Hauſe gehen wollten, von den neuankommenden Offizieren und vielen andern Be⸗ kannten, zu denen jetzt auch Reichmeyer und Heinrich⸗ ſon gehörte, ſo zu ſagen aufgegriffen und in die Loge Nr. 13, die geräumigſte und comfortabelſte, zu einem dort veranſtalteten Bankett faſt gewaltſam entführt worden. Erſt waren ſie auf der Gartenbank, trotz des ſie umgebenden Geſchwirres von Dankmar's Erinnerung an Hohenberg ſo gefeſſelt, daß ihnen Stunde auf Stunde verlief. Nun wollten ſie, doch leidlich getröſtet über das viele Widerwärtige, was ſie an dieſem Tage und Abende verlebt hatten, ſich zur Ruhe begeben und nun wang ſie Heinrichſon, der den höchſt Gefälligen, höchſt Liebenswürdigen machte, zu bleiben und in den ſchein⸗ har genialen Ton, den er anſtimmte, mit einzuſtimmen. Sie thaten ihm den Gefallen, aber widerſtrebend. Ihre Anweſenheit hatte jedoch in der Loge ſchon den Erfolg, daß bei der Abſtimmung über die Frage, ob man die hübſcheſten Mädchen aus dem Tanzſaalé in 368 die Loge mit hinaufnehmen wollte, die Minorität zur Majorität erhoben und mit 15 gegen 13 Stimmen den von Aldenhoven und Heinrichſon beantragten Vorſchlag eines ſabiniſchen Mädchenraubes oder einer Razzia, wie Aldenhoven ſagte, zur Niederlage brachten. Das Geſpräch beſchäftigte ſich alſo mit dem einzigen Thema, das ſich hier verhandeln ließ: Frauen und Politik, ohne daß die Erſteren daran Theil nahmen. Aber es wäre doch vielleicht beſſer geweſen, ſie zuzu— laſſen; denn der Streit über die zweite würde dann weniger heftig geworden ſein. Es flogen die ſpitzeſten Pfeile, wie immer, hin und her. Die politiſche Anfregung des Tages war ſo entzündlich, daß es im kleinſten Cirkel die ſchroffſten Gegenſätze gab. Es ging oft unter den jungen Männern, Juriſten, Malern, Offizieren ſo heftig lärmend her, daß Herr Hitzreuter, der For⸗ tunawirth, ſich zuweilen in dieſer Loge aufmerkend ſehen ließ. Der allerdings gewandte Mann machte nur in den gewählteren Kreiſen die Honneurs. Groß und ſtatt⸗ lich von Figur, mit einem viel pfiffigeren Zuge, als ſein in pekuniärer Hinſicht rangirterer Bruder, der Pelikanwirth, trug er durch ſeine diplomatiſche Ver⸗ mittlung, beſonders aber durch eine Doſe, die er her⸗ umreichte, Vieles zur Milderung der ſich etwas ſchroff gegenüberſtehenden Anſichten bei. Schon, daß er ſo Minorität zur 13 Stimmen n beantragten ubes oder einen erlage brachlen t dem einzigen . Frauen unn Theil nahmen veſen, ſie zubl te würde dan en die ſpitzeſte tiſche Anfregun mkleinſten Cirt ging oft und ern, Offtzien euter, der Fen ufmerkend ſehe machte nur Groß und f ren Zuge, 1 Brnder, omatſſche 21 oſe, die 1 h h dtwas ſl das d hon, daß 369 überaus ſchwärmeriſch für Alles, was zur Landes⸗ farbe und zum„uralt“ Beſtehenden gehörte, ſich aus⸗ ſprach, erzeugte Einigkeit. Denn man mußte ein ſol⸗ ches Entzücken für die Reaction doch komiſch finden... Den Austauſch dieſer Anſichten ſchildern wir nicht. Nennt dieſe Streitenden Söhne der Zeit, nennt ſie Dioskuren auf den weißen Lichtroſſen der Legitimität, nennt ſie die gefeſſelten Titanen der Oppoſition; ſie erörterten nur Das, was wir vorziehen, durch die Hebel des Volkes und an ihm ſelbſt zu ſchildern durch eine allmälige Entwickelung von Perſönlichkeiten, deren Be⸗ deutung für den modernen Volksgeiſt im ſpäteren Ver⸗ laufe ſichtbarer hervortreten wird. Es iſt aber doch einzig, ſagte Kümmerlein auf der Sternwarte, wir haben jetzt bald drei Uhr und von der ſchwarzen Binde ſieht man nichts. Sie haben wol nicht richtig geleſen, erwiderte Mullrich; ſteht wirklich was von einer ſchwarzen Binde auf dem Signalement? Wie ich geleſen habe.. Leſen Sie doch lieber noch einmal, Kümmerlein! Kümmerlein breitete ſein Papier noch einmal aus⸗ einander und las wiederholt das Signalement Nr. 2. Die Ritter vom Geiſte. IV. 24 Dreizehntes Capitel. Die ſchwarze Binde. Murray, ein Engländer oder Amerikaner, las Küm⸗ merlein; mittlerer Figur, ſchwarze Perrücke, eine ſei⸗ dene ſchwarze Binde über dem einen Auge, Mund faſt zahnlos, Kleidung: abwechſelnd, ganz ärmlich, bald ganz elegant. Geht etwas gebückt an einem Bambusrohr mit goldenem Knopfe. Selbſt bei ärm⸗ licher Kleidung ſieht man zuweilen goldene Ketten an der Weſte und Ringe am Finger. Alter: etwa ſechzig Jahre, obgleich er bei eleganter Kleidung viel jünger ausſieht. Im Falle zweideutigen Umganges zu ver⸗ haften. Als Kümmerlein geendet hatte, mußte Mullrich beſtätigen, daß Dies— er ſagte es wenigſtens— auch ganz ebenſo auf ſeinem Papiere ſtünde, allein darin kamen ſie überein, daß eine ſchwarze Binde am Auge ein gutes Gewiſſen verrathe.. ll. nde. nner, las Kuͤm⸗ rrücke, eine ſei Auge, Nund „ ganz ärmlich bückt an einen Selbſt bei ärm⸗ ldene Ketten 7 ter: etwa ſechji viel jünge es zu ver zung gang mußte Mullric nigſten— in dari de, allein 4 Auge Binde 15— auch am Jeder.. Die den beiden Gerechtigkeitsdienern auf den Lip— pen ſchwebenden kleinen Rügen über Parxen's über⸗ mäßige Feinheit und ſeine Leidenſchaft, es einem ge⸗ wiſſen großen Polizeimanne, den ſie nannten, gleich zu thun, verhallten im Lärmen des Saales. Denn als ſie auf ihren Uhren drei anrücken ſahen, begann wieder die Muſik des Orcheſters und das Rauſchen des Tanzes. Die große im Saale befindliche Uhr zeigte zwar die Stunde, ſchlug aber erſt von vier Uhr an. Dies war eine eigenthümliche Speculation des Herrn Hitz⸗ reuter im Einverſtändniſſe mit der Kapelle. Schlug es nämlich zwölf, eins, zwei, drei, ſo wurden die Beſucher der Fortunabälle, die abſichtlich nach der Uhr nicht ſahen, doch in ihrem Taumel immer ſtutzig; ſie fühlten ſich gemahnt, zeitiger ſich zu entfernen, als dem Beſitzer lieb war. Von vier Uhr an aber wünſch⸗ ten Herr Hitzreuter und die Kapelle ſelbſt, daß man ging. Daher wurde das Schlagen von zwölf, eins, zwei, drei verhindert. Mit vier aber fingen die Mahnungen zur Entfernung an und ſogar die An— gaben der Viertel dienten gewiſſermaßen als leiſe win⸗ kender Kehraus. 24* Eben wollten ſich Mullrich und Kümmerlein wie— der auf ihrer Sternwarte in die Seſſel ſtrecken, die eben nicht ſehr bequem waren, und ein: bischen „dämmern“, wie ſie den dienſterlaubten Halbſchlaf nannten, als plötzlich an den Ausgangsthüren ein Drängen entſtand... Manche Paare hielten im Tanze inne und Mull⸗ rich fragte Kümmerlein: Kümmerlein, heda! Hören Sie nicht ſchreien? Schon aber hatten alle Tänzer, die den Saal⸗ thüren nahe ſtanden, ſich nach draußen gewandt. Denn ein ſo lauter Lärm, ein ſolches Rufen und Wehklagen konnte man vom Garten her vernehmen, daß die allgemeinſte Neugierde geweckt wurde und dieſe ſich allmälig Allen, auch den in den Logen be⸗ findlichen Zechern und Schmauſern, mittheilte... Müullrich kletterte die enge ſchmale Treppe hinun— ter, gefolgt von Kümmerlein, dem eine Einmiſchung in handgreifliche Händel immer unwillkommen war. Setzen Sie ſich nicht aus, rief er Mullrich nach, Sie wiſſen, daß wir nach Vier eine Recherche haben... Mullrich ärgerte ſich über den Umweg durch den Tunnel, der ſchon leerer geworden war. Denn Die, welche nicht tanzten, hielten ſich nicht bis in den 11' Kümmerlein wie⸗ eſſel ſtrecken, die und ein bischen zubten Halbſchlaf gangsthüren ein inne und Nul⸗ icht ſchreien? die den Saal⸗ außen gewandt. hes Rufen und her vernehmen, veckt wurde und n den Logen be⸗ mittheillte.. e Treppe hinun⸗ ine Einmiſchung llkommen war. Mullrich nach, gocherch eine Rechercht „a durch di mweg 6 Denn M. t vonl icht bis in 4 10 373 fruͤhen Morgen auf. Sogar Frau Kathrine war zu Bett gegangen und hatte ihre Functionen einer andern weiblichen Bedienung überlaſſen und Peters war oben in den Logen beſchäftigt. di Polizeidiener fanden im Garten ihr Einſchrei— len nicht mehr nöthig; denn ſchon hatten ſich mehre ihrer Kameraden ihres Incognitos begeben und hal⸗ fen einen jämmerlich zugerichteten Mann daher tra⸗ gen, für den um einen Wagen gerufen wurde. Einige jüngere Leute gingen ſchreiend und fluchend neben ihm her z 9, 3; her, während eine Frauenſtimme wehklagte und den Fortunabällen, wenn ſite von Mördern überfallen wer⸗ den könnten, den Untergang prophezeite. Man erzählte dann, daß eine Anzahl junger Leute mit dieſem Schwerverwundeten und Halberſchlagenen einem Andern aufgelauert hätte, um ihn für irgend din Vergehen zu züchtigen. Auf das Hülfegeſchrei einer Frau aber wären über den Zaun, an dem Holz— ſchuppen rechter Hand— man zeigte in dem auf— gehenden Tageslichte nach jener Stelle— eine Menge Vermummter mit Stangen und Eiſen erſchienen hätten jenen Bedrängten befreit, aber den wildeſten ſeiner Gegner auch in dem Grade kampfunfähig gemacht, daß dieſer ſchwerlich wieder aufkommen würde... 374 Den Verwundeten erkannte Mullrich ſogleich. Es war Dies der Kutſcher des Juſtizraths Schlurck, Neumann mit dem Backenbart und den goldnen Ohr⸗ ringen. Die wildaufgeregte, ſchreiende Anklage kam von Jeannetten, die im Augenblick der Gefahr ihre Tän⸗ deleien nicht mehr durchführte und ſich wohl vergegen⸗ wärtigte, wie ihre ſaſt dreißig Jahre es ihr zur Pflicht machten, eine ſo ſolide Anhänglichkeit, wie die des Neumann, werth zu halten. Sie verwünſchte bald die Feigheit der Reitknechte Laſally's, die wohl Jemanden überfallen, aber ſich nicht vertheidigen könnten, wenn ſie auf gefaßte Gegner ſtießen. Sie ſchwur der Ro— then Rache, die Hackerten dieſen Schutz hatte herbei⸗ zaubern können und war im erſten Zorn ſo heftig über Fränzchen Heuniſch, die von ihrem Tänzer ge⸗ führt wurde, hergefallen, daß dieſe vorzog, zu flüch⸗ ten und ſich umſomehr bald von Sandrart nach Hauſe begleiten zu laſſen, als Louiſe Eiſold und Hackert ver⸗ ſchwunden ſchienen. Der Oberkommiſſär Pax verſchaffte ſich, wäh— rend man Neumann mit Waſſer beſprengte und in den Wagen trug, alle nur zu ermöglichenden näheren Angaben über die Begebenheit, war aber in⸗ ſofern ſchon völlig im Klaren, daß er den Angreifern rich ſogleich ſagte, ihnen wäre Recht geſchehen. Seine Theil⸗ tijraths Schlurk, nahme für Hackert gab ſich dabei vollkommen zu er⸗ en godnen Dhr⸗ kennen. Und von den ſogenannten Vermummten hatte er die Ueberzeugung, daß Dies Maſchinenarbei⸗ klage kan von ter von Willing's Fabrik geweſen wären, am Zaune efahr ihre n⸗ gelauſcht und die Gewaltthat eben ſo gewaltthätig wohl vergegen⸗ verhindert hätten. Auch er ſah ſich nach Hackert um, z ihr zur Plicht der ebenſo wie der mehrfach erwähnte und ihm ſelbſt t, wie die dee aufgefallene, noch immer nicht demaskirte rothe Do⸗ anſchte bal de mino, verſchwunden war. voll Jemanden Als die gleichfalls herbeigeeilten Kapelliſten wie— kännten, wenn der an ihre Notenpulte lachend zurückkehrten und der ſchwur der Ro⸗ Tanz aufs neue nun gerade erſt bachanaliſcher als utz hatte herbee bisher begann, wollten auch die beiden Polizeidiener zu n ſo heftig Mullrich und Kümmerlein wieder auf die Sternwarte. tem Tänzer ge⸗ Pax aber rief ihnen nach und fragte wieder bei u ſüch⸗ Seite: wiſa 4 Huuſ Noch immer nichts von Nr. 2. geſehen? natt ue Nicht ein Haar, Herr Oberkommiſſär. Keine ſchwarze Binde uͤberm Auge? ich wäh Nirgends; aber ein Franzoſe war da, Herr Ober⸗ und Hackert det fſte e m kommiſſär. Nichts Verdächtiges an ihm bemerkt, als ipten öſiſch ſpri beſpt ten daß er franzöſiſch ſpricht. ermög u Eine grüne Brille—2 t, war d it Pe Ein ſchwarzer Schnurrbart— den Angreifet ſchwarz c Es iſt der Franzoſe nicht, der beobachtet werden ſollte und doch hätt' ich gern erfahren, was hinter der grünen Brille ſteckt... Herr Oberkommiſſär, ſagte Kümmerlein, der ſuchte nichts als die Frauenzimmer! Schien mir auch ſo, antwortete Par lächelnd. Als ich ihm einige Male nachgegangen war und ein 1 Geſpräch anknüpfen wollte, verſchwand er. Ganz b geheuer iſt es mit dieſer grünen Brille nicht. Er ſchlich dem Sergeanten und dem blauen Mädchen nach. Aber die ſchwarze Binde! Man verſicherte uns, ſie ginge auf den Fortunaball... Nun gute Nacht! Ich gehe. Sie bleiben wol bis zu Ihrer Recherche? Es geht nun in Einem hin! Vergeſſen Sie nicht, die Gebrüder Wildungen aus 4* Thüringen! Drei Treppen bei Frau Schievelbein. Neuſtraße— Was wir finden, geht mit... Beſonders ein Bild... Abzuliefern an? An Frau Ludmer, Kammerfrau der Geheimräthin von Harder. Gut! Beſorgen Sie das Alles mit der größten Pünktlichkeit! Nun, gute Nacht! Damit verließ Oberkommiſſär Pax den Garten obachtet werden en, was hinter rlein, der ſuchte Par lächelnd. mwar und ein nd er. Gan cht. Er ſchlic hen nach. Aber uns, ſie ginge e Nacht! Ich Recherche? Wildungen aus zchievelbein. Geheimräth der größt Garl den r de 377 der Fortuna und ſeine getreuen Organe kehrten auf ihren früheren Standpunkt, die Sternwarte, zurück... Wie ſonderbar gleicht aber das Schickſal aus! Was dem Einen Quell der Leiden iſt, wird dem An— dern zum Quell der Freude! Wenn irgend etwas die Größe jener unparteiiſchen Gewalt, die unſichtbar über unſern Schickſalen thront, vergegenwärtigt, ſo iſt es dieſer vollkommene Widerſpruch in Dem, was dem Einen nützt und zugleich dem Andern ſchadet, ein Widerſpruch für uns, der aber für jene ewige Gewalt die eigentliche Seele ihrer Harmonie ſein muß... Eine ſolche Ahnung, nur nicht philoſophiſch aus⸗ gedrückt, lag im Auge des Kellners Peters, der in der großen Loge bediente und ſeinen Thüringern, die bei dem Lärmen zu ſpät gekommen waren, mit ver⸗ traulicher Miene zuraunte: Eben iſt der Kutſcher des Juſtizraths Schlurck halbtodt vom Platze getragen worden. Vor ſechs Wochen kommt der nicht wieder auf, wenn er je wie⸗ der eine Leine führen kann. Was meinen Sie, wenn ich mich morgen bei dem Juſtizrath melde— blos, daß ich dieſe gottverdammte Schürze und kurze Jacke ablegen darf? Freier Phaethon, edler Sonnenlenker, thue Das! rief Siegbert, der ſonderbarer Weiſe von dem Tu— multe dieſes Feſtes und Dankmar's Reiſeerzählung mehr geſteigert war als der nachdenkliche Dankmar, den grade in dieſem Tumulte Wehmuth und die ernſte Mahnung an die Löſung einer großen Aufgabe, die er ſich für eine edlere Welt geſtellt hatte, ſtill für ſich uͤberfiel. Wirf ſie ab, rief Siegbert und ſtrich das blonde Haar aus dem erhitzten, ſchönen Antlitz, wirf ſie ab die Tracht des dienenden Heloten! Werde wieder Freiherr von der Peitſche, Baron vom Sternenauf⸗ blick, Ritter zum Schellengeklingel! Schleudere ſie hin den Hitzreuters die Speiſekarte, die deines edlen Buſens nicht würdig iſt, Landsmann! Schatten Margo zu apportiren laſſe Denen, die pudelhafter ihre Seele von einem Weibe verkaufen laſſen! Pegaſus im Joche, ſchwing' dich in die Lüfte und werde wieder, was du eher warſt, ehe du wurdeſt, was du biſt! Peters machte Dankmarn ein Zeichen, als wollte er ſagen, dem Bruder Maler hätte wol der Schat⸗ ten Margo... Zu viel Licht gegeben? Nein! antwortete Dankmar zur Ehrenrettung ſeines Bruders; es iſt ſeine wirkliche Ueberzeugung! Wir bemitleiden dich, Peters! Morgen ſhl ſe von dem Tu⸗ 's Reiſeerzäͤhlung enkliche Dankmar, uth und die ernſe ßen Aufgabe, de atte, ſtill füt ſih ſtrich das blonde tlitz, wirf ſie d Werde wiede vom Sternenauf Schleudere ſi die deines ddle ann! Schatte pudelhafter in laſſen! Pegaſus und weide üfte was u wurdeſt, hen als wolle che 1 6 l⸗ wol der Sche früh um neun Uhr klingl' ich an Schlurck's Haus⸗ thür. Wartet da auf mich! Hört Ihr! Wir bringen dann alle unſere Angelegenheiten in's Reine. Herr Dankmar, wirklich— meinen Sie? Er iſt reich,— er kann ſich ohne Kutſcher nicht behelfen— Dann bring' ich aber den Bello auch mit. Bring' auch den Bello mit! Gegen vier brechen wir auf. Vier Stunden Schlaf iſt genug für einen ſo tollen Tag wie den heutigen, auf den drei Nächte gehören, wenn man die verlornen Ruheſtunden wett machen wollte! Wir wollten verdorbenes Volksleben ſtudiren, Schmerzen in uns ſelber tödten! Für einmal und nicht wieder! Alſo um neun Uhr— Mit Bello beim Juſtizrath! Abgemacht! Wenn du Anwartſchaft auf den Po⸗ ſten bekommſt, Peters, trägſt du mir den Schrein nach Haus? Nicht wahr? Oder wird er zu ſchwer auf deinen Schultern drücken... Nein! Mein Geyiſſen erleichtern, ſagte Peters faſt mit verklärtem Blick und ſah mit Ungeduld auf die Uhr, die nicht fortrücken wollte und trotzdem, daß ſchon der lichte Sommertag durch die Fenſter graute, auf halb vier Uhr ſtand... Die Zahl der tanzenden Paare hatte ſich ſehr ge⸗ 380 lichtet. Kümmerlein und Mullrich gähnten und ſchlie— fen halb und halb wieder auf ihren Stühlen ein... Kaum mochten ſie zehn Minuten„gedämmert“ haben, als bei dem geringeren Toben der Menge es Mullrichen war, als wenn er an der Wand, die die Sternwarte von einer kleinen Loge dicht neben ihr trennte, ein Geſpräch hörte, das laut, ja zankend war... Sich ſammelnd und aufrichtend horchte er und hörte leider nur den wilden Galopp, den jedoch kaum noch dreißig Paare tanzten. Er hätte ſich gern um⸗ gebeugt und in die Loge eingeſehen, allein der kluge Erbauer des Fortunaſaales hatte es ſo einge— richtet, daß Niemand aus einer Loge in die andere lauſchen konnte. Sehr geſchmackvolle Stukkaturen und Bronzearbeiten waren an den Verbindungswänden zur Zierde des Saales angebracht. Man hiätte ſich weit über die Brüſtung lehnen müſſen, wenn man um die Karyatiden herumſehen wollte, die die Logen von einander trennten. Von der vollends etwas zurück⸗ gebauten„Sternwarte“ war dies mit der zunächſt anſtoßenden ſehr kleinen Loge durchaus nicht möglich. Kaum hatte ſich Mullrich wieder an die Verbin⸗ dungswand gelehnt, als er ein jetzt plötzlich gar lau⸗ tes und aufgeregtes Geſpräch zu hören glaubte, je⸗ doch nur von zwei ſtreitenden Perſonen. nten und ſchlie⸗ Stühlen ein... n„gedämmert“ n der Menge es Pand, die die dicht neben iht zankend war.. horchte er und den jedoch kaum e ſich gern um⸗ en, allein dei te es ſo einge ein die andett Ztukkaturen und indungswände Man⸗ hätte ſich wenn man un „die Logen de etwas urüt t der zunäch nicht möglit a die Verbi- läßlich gat lal . glaubte 381 Er weckte Kümmerlein nnd machte, als ſich dieſer geſammelt hatte, ihm Gebehrden, auf die Wand zu merken. Was iſt denn? fragte dieſer. Hören Sie nur! Hier! Beide legten ihr Ohr an die Verbindungswand, die die Sternwarte von der kleinen, ganz unbeachteten Loge trennte. Was ſie vernahmen, war ein grämliches Zanken zwiſchen einem wie es ſchien älteren Manne und einer lüngeren aber heiſeren und tiefliegenden Frauenſtimme. Schweig, Maulwurf! ſagte die Frauenſtimme, was hab' ich von dem Glanz, wenn ich ihn nicht zeigen darf? Eine faſt grunzende, mürriſche Stimme grämelte irgend etwas dagegen, was man nicht verſtehen konnte. Gold und Iuwelen, fuhr die Frauenſtimme ma⸗ licibs fort, und in einem Käfig ſitzen? Nein, lieber Waſſer und Brot, aber Polka tanzen! Ich hab's ſatt — morgen gehſt du oder ich. Die Stimme des Alten murmelte oder brummte wieder etwas Unverſtändliches. Fünf Tage, nicht drei! ſagte die Frauenſtimme, hörſt du? Fünf, nicht drei! Dann thu' ichs! Was ſind drei Tage? Oder nimm drei Tage, aber zwiſchen jedem einen von deinen mageren Tagen dazwiſchen? Hörſt du? Nicht drei fette Tage hinter einander— Hintereinander! war die jetzt verſtändliche, deut⸗ liche, entſchiedene Antwort des alten Mannes. Dann bleiben wir nicht zuſammen, fuhr die Frauen⸗ ſtimme zornig fort. Drei Tage im Monate, haſt du mir verſprochen, mir ſo zu ſchenken, daß ich alle meine Vergnügungen und Wünſche befriedigen kann. Nun ja; ich habe geſtern prächtige ſeidne Kleider bekom⸗ men, heute Juwelen und Gold und morgen ſoll ich mein wahres, mein echtes Bild haben, das ich wirk⸗ lich bin und keine Andere. Und gab ich heute nicht ſchon mehr? ſagte jetzt deutlicher und mit gehobener Stimme der Mann, als du begehrteſt? Iſt dieſer tolle Nachtſchmaus, wo man ſich vor dem anbrechenden Tageslichte ſchämen muß, nicht eine Zugabe zu den Juwelen und dem Golde? Ich ſah überall in die Logen dieſes Saales. Dieſe kleine, ſtille, verborgene iſt die ſchönſte. Hier ſind Spiegel und weiche Polſter! Hier duften Blumen und da hängen reizende Bilder! Du haſt Faſanen gegeſſen, Champagner getrunken! Aber du weißt nichts zu würdigen. Im gierigen Genuſſe ſchlingſt Du Alles hinunter und haſt wie die Heißhungrigen erſt dann einen Reiz dazu, wenn du es ſchon verzehrt haſt... gen dazwiſchen! r einander— tändliche, deut⸗ Mannes. fuhr die Frauen⸗ Honate, haſt du ß ich alle meine n kann. Nun Kleider bekome norgen ſoll ich das ich wit⸗ ehr ſagte ja der Mamm, dl maus, wo ma ſchämen muß em Golde? It Dieſe liin 383 Nun gut! ſagte lachend die Frauenſtimme. Die⸗ ſen Fortunaball ſchenkteſt du mir auf den zweiten Tag als Zugabe; aber ich will tanzen, tanzen! Ich trinke hier Champagner, eſſe Eis und verzehre mich vor Gier, hinunter in den Saal zu dürfen. Sieh, Alter! Ueberall da unten ſind meine Tänzer! Sieh den kleinen mit den feurigen Augen— erkennſt du mich wohl— wenn ich— he Junge! He! He! Willſt du— bleibſt du wol zurück! Tritt nicht leichtſinnig mit Füßen, was ein Freund liebevoll heute uͤber dich häufte—— Man hörte faſt, daß die Hand des männlichen Sprechers die des weiblichen packte und zurückriß... So komm mit! Ich will mit dir tanzen; Alter... mit dir! Ha, ha, ha, Komm— Laß mich! Schäme dich! So will ich nur einmal an deinem Arme durch den Saal ſchlendern. Sieh, es iſt gleich drei Viertel auf vier. Um vier Uhr haſt du den Wagen beſtellt. Komm, ſchlendre mit mir durch den Saal, Brumm⸗ bär! Das Alles iſt wider die Abrede, antwortete die Männerſtimme. Dieſe Fortunabälle werden ſich oft wiederholen. Es werden andere Feſte kommen, wenn die Jahreszeit unfreundlicher wird und man die ——— —, —— 15 4 1 1 4 A 1 8 geſelligen Vergnügungen ſucht. Du haſt dann wieda drei Tage des Glücks und der Verſchwendung— Und ſiebenundzwanzig der Armuth und Langen⸗ weile, der ſchrecklichſten Folter. Nein, Männchen ſuch' dir eine andere Närrin für deine Poſſen, ich kann arm ſein, aber Langeweile haben und nicht nein! nein! Und nicht lieben, willſt du ſagen? Ich ſagt' es nicht! Und doch iſt es Das! Nur Männer, die dich küſſen willſt du um dich. Ich will nicht Männer, die mich küſſen... Du ſagteſt mir Das vor vierzehn Tagen, als ich dich im Elend, in der verworfenſten Schande antraf, die Tochter eines Mannes, dem ich ewig verpflichtet bin. Hätteſt du mir geſagt, ich muß lieben, muß küſſen und leichtſinnig ſein, ich kann die Tugend nicht üben, ſo hätt' ich für dich gebetet— ſo aber ſagteſt du... Ich habe nicht gelogen. Nun denn, wenn du die Freude, das Vergnügen, die Pracht und die Trägheit liebſt, warum ſiehſt du nach dem kleinen Schwarzkopf mit den feurigen Augen—? haſt dann wieder rſchwendung— nuth und Lange Nein, Männcha, deine Poſſen, h aben und nicht— en? ger, die dich tiſan ch küſſen hn Tag en, 36 t n Schande antra f ewig oaen is lieben, I n 4 1 un die uen eit= ſo i Er tanzt und du nicht! Komm, wenigſtens durch den Saal müſſen wir ſchlendern. Es iſt gleich vier. Wir ſind ja nicht gebunden. Die Pferde war⸗ ten... Sie ſind um vier Uhr beſtellt.. Andre Wagen warten genug unten.. len beide.. wir bezah⸗ Das koſtet zuviel... Was kümmert dich's, ob's an den drei Tagen deines Glückes mich etwas mehr koſtet oder weniger? Hier ſchwieg die Frauenſtimme einen Augenblick. Ihre heiſeren Töne waren plötzlich ſanfter ge⸗ worden. Mullrich machte Zeichen des größten Erſtaunens und der unglaublichſten Ueberraſchung. Nun? fragte Kümmerlein flüſternd. Da verwett' ich meinen Kopf... Worauf denn? Das iſt Nr. 17! Wo Nr. 172 Nr. 17 aus unſerm Hauſe... Die Maler⸗ Guſte. Die nach Hamburg wollte? Die Ritter vom Geiſte. IV. 386 4 Die und Hamburg! Horch... Wart'! Du ſollſt uns mit dem alten Spiegel und mit der Bettſtelle und dem Waſchlavoir— St! Stille! 4 Die ältere männliche Stimme begann wieder: Sonderbar! ſagte ſie. Schon die erſten drei Tage ſorgſt du ja für mich, Mädchen! Bedenkſt ja meine Kaſſe! Sieh! Sieh! Wirſt ja häuslich, wirthſchaft⸗ lich... Ha, ha, ha, lachte ſpöttiſch das Mädchen, bilde dir nichts ein, Männchen... Ich wette, du lernſt noch mit der Zeit dich in Manches fügen— Die Zeit wird dir doch zu lang werden, Alter! Glaub's nicht... Wollen wir wetten? Ich wette gern... 1 3 Heute haſt du eine Broche, zwei Armbänder, Ohr⸗ ringe bekommen, ich ſchenkte dir ein Souper im For⸗ 1 tunaball als freiwillige Zugabe. Eine Wette ſpar' dir auf deine nächſten drei fetten Tage im Sep⸗ tember. Die erleb' ich nicht mehr. In den ſiebenundzwan⸗ zig magern lauf' ich dir davon oder ſterbe! Bedenke, im Februar ſind es nur fünfundzwanzig, at! Du ſolſ der Bettſtelle n wieder: ten drei Tage enkſt ja meine wirthſchaft ceen, blde di Zeit dich in den, Alter! 1. a nbändet, Oh pupe bir e Wette ſpat *7, age im Sep zwan ſeberundöde⸗ tbe iig jnfundywand r im Fol⸗ — — wo du dich bezähmen und mit mir Erdäpfel eſſen ſollſt! Nie! Nie! Ich gehe nach Hamburg! Hier ſprang Mullrich auf und ſagte halblaut für ſich: Satan! Du biſt's! Juwelen und Gold und Fa⸗ ſanen und ſich malen laſſen und mir läß'ſt du einen zerbrochenen Spiegel, eine lahme Bettſtelle und ein Waſchlavoir für drei Monate Hausſchlüſſel und alles Uebrige? Kröte du! Mit dieſem kräftigen Worte, das alle ſeine Em⸗ pfindungen und auch das ſyſtematiſche Beſtreben, reich zu werden, wie Kümmerlein geſagt hatte, ausdrückte, faßte er Kümmerlein's Hand, um von dieſem einen localkundigen Rath, irgend einen ſtrategiſchen Angriffs⸗ plan auf die Nachbarloge zu hören. Kümmerlein aber winkte ihm mit ſpähend aufge⸗ riſſenen Augen und zeigte ſtumm auf die Wand, wo noch folgende Worte hörbar wurden: Hör' Alter, ſagte die Frauenſtimme, wenn die drei fetten Tage im September kommen und ich ſage an einem davon, wir gehen auf den Fortunaball und du mußt tanzen... ſo mußt du's auch. Das erfor⸗ dert unſer Contract. So werd' ich tanzen, antwortete der Alte. Ha, ha! Das laſſen wir für Geld ſehen... Gelernt hab' ich's... Das möcht' ich ſehen; aber mit mir nicht! Man lacht uns aus... Man lacht dich nicht aus, wenn du ſchöne Kleider trägſt, von denen ſie Alle wiſſen, daß ich ſie dir ſchenkte.. O Das muß luſtig ſein, dich da unten hinken zu ſehen. Komm! Es rückt auf vier. Thu' mir wenig— ſtens den Gefallen und mach' noch einmal im Saale mit mir die Runde.. Um fünf! Nein, wir fahren jetzt... Warum jetzt ſchon... Was die Stunde koſtet, daß der Kutſcher hält, dafür... dafür trink' ich morgen Chokolade. Mädchen, weil du zu ſparen anfängſt, ſagte der Alte lachend, will ich dir den Gefallen thun und einen Gang durch den Saal machen. Glücklicherweiſe ſind die Logen faſt leer und von den Tänzern nur noch ein paar Wilde da, die ſich nicht zur Ruhe geben wollen! Führe mich, Auguſte! Ich kann nicht gut ſehen. Komm, Auguſte! — Alte. ſehen... r nicht! Man ſchöne Kleider iß ich ſte di ten hinken zl mir wenig⸗ nal im Saale Auguſte! ſagte Mullrich triumphirend. Ich kann nicht gut ſehen? ſiel Kümmerlein ein. Wer? Der da! Nun? Nichts begriffen? Es iſt die Auguſte, die mir für vier Monate... Zum Henker, ja! Aber der Andre... Was denn? Kommen Sie, ſagte Kümmerlein kopfſchüttelnd über die Beſchränktheit ſeines Collegen. Raſch! Der verdammte Tunnel! Es muß von hier noch eine Treppe gerade in den Saal hinunter gemacht wer⸗ den. Wir machen einen Capitalfang. Ziehen Sie die Pfeife heraus, wenn Succurs nöthig iſt... Mullrich, der immer nur an Nr. 17 und die ihm ſchuldigen vier Thaler dachte, folgte verwundert dem klügern, an die ſchwarze Binde denkenden Kümmer⸗ lein.. Gerade aber fünf Minuten vor dem vollen Glocken— ſchlag Vier begab ſich unten im Saale der Fortuna folgende ſeltſame Scene: Es war eben ein ſtürmiſcher Galopp, den man den Tarantelſtich nannte, beendigt; die nur noch ſpär⸗ lichen Paare traten zurück und Manches rüſtete ſich, 390 der tiefernſten, ſittlicherhabenen Mahnung des durch die großen Fenſter hereinſchimmernden Tageslichtes zu folgen und nun ſtill niederblickend heimzugehen. Die Kraft des zuſtrömenden Gaſes ließ in den Kronen— leuchtern nach, ein unheimliches, geſpenſtiſches Hell⸗ dunkel verbreitete ſich in dem ſtaubigen Raume. Die vorhin noch ſo freundlich ſchimmernden Toiletten wur⸗ den plötzlich fahl und erſchienen zerknittert, die Geſich⸗ ter, eben noch prahleriſch, machten ſich häßlich, alt, ja als ein Kronenleuchter plötzlich ganz verlöſchte, war es, als ſpräche eine Geiſterſtimme plötzlich ein ſchauerliches Wort, das dem Feſte noch vor der Zeit ein Ende zu machen ſchien. In dieſem Augenblicke ſtoben, vor einem ſeltſamen Anblick, entſetzt, die Tänzer auseinander. Die wenigen Tänzerinnen, die eben eiligſt ihre Shawls und Hüte ſuchten, ſtießen ein ängſtliches un⸗ terdrücktes Ach! aus. Alles ſah mit dem Ausdrucke des fragenden, unſichern Erſtaunens nach einer Erſcheinung hin, die, durch die große Hauptthür eintretend, erſt We⸗ nigen auffiel, dann Alle in Furcht und Schrecken verſetzte. Ein Tänzer, den Alle kannten, weil er ſich als der Gewandteſte, Witzigſte, Ausgelaſſenſte in ihren Reihen nung des durc Tageslichtes a inzugehen. Die in den Kronen⸗ penſtiſces Hell n Raume. Die n Toiletten wur⸗ tert, die Geſich ich häßlich, alt ganz verlöſchte m pläßlich ein och vor der Zeit einem ſeltſamen der.— ben eiligſ ihre ängſllches I⸗ des— iſcheiung h 1 etend, aft N 3 b Schrt lc ſt ine t ihꝛn Riße getummelt hatte, kam in zerriſſenem Anzuge, verwil— derten Kleidern, zerſchlagenem Hute über dem röth— lichen Haar, Staub und Gras an den Kleidern und Stiefeln, mit einem jener Lichter, wie man ſie unter Glasglocken, die die Flamme ſchützen, in öffentlichen Gärten aufſtellt, herein, feierlich ſchreitend, geſpenſtiſch, mit geſchloſſenen Augen. Hinter ihm die rothe Dame, die Allen aufgefallen war und noch immer ihre Maske trug. Aengſtlich beſorgt folgte ſie dem Wandelnden und hielt Alle, die von dem Anblick überraſcht erſt lachend, dann entſetzt ſtillſtanden, zurück, den Finger auf den Mund legend und förmlich mit den Händen um Scho⸗ nung und Mitleid flehend. Die Muſik begann nicht wieder. Die Tänzer flohen von jeder Seite weg, wo der geſpenſtiſche Wanderer mit dem großen Windlichte daherkam. Auch zu den wenigen noch beſetzten Logen hinauf ziſchte man und erzwang Ruhe und allgemeine ängſt⸗ liche Aufmerkſamkeit. Ein Nachtwandler! ging es mit flüſterndem Grauen durch die Reihen aller Anweſenden, die beklommen den Athem anhielten und nicht wußten, ob ſie be⸗ 2 ſtürzt ſich entfernen oder das Ende dieſes Zuſtandes und ſeine mögliche Entwickelung abwarten ſollten. Manche waren freilich ſo frivol geſpannt, daß es ihnen das Liebſte geweſen wäre, der Unglückliche hätte irgend ein gefährliches Unternehmen begonnen und eine Thatſache ihnen beſtätigt, von der man all⸗ gemein wol viel erfährt, aber ſelten ſo günſtige Ge— legenheit findet, ſelbſt von ihr etwas in Erfahrung zu bringen. In dieſem Augenblick ſchlug es voll vier... Der Nachtwandler horchte auf und lächelte... Er blieb ſtehen... Seine ſchützende Begleiterin war in Verzweiflung, weil ſie nicht wußte, was ſie thun, was unterlaſſen ſollte. Indem ſetzt der Nachtwandler ſeinen großen Leuch⸗ ter auf einen Tiſch, ſieht ſich nach der Uhr um, ſchlägt, als wenn er die acht Klänge der Uhr wie— derholte, acht mal mit der Hand langſam in die Luft und beugt ſich bald nach rechts, bald nach links, als ſuchte er etwas. Dabei lächelt er... Dann nimmt er den Leuchter und gleichſam, als wenn er ſich über Schlafende beugte, leuchtete er hin bald hier, bald dort... eſes Zuſtandes ten ſollten. pannt, daß es er Unglücliiche men begonnen mder man al⸗ günſtige Ge⸗ Erfahrung zu vier.. laͤchelte. Verzweffung vas unterlaſſen goßen Leuch der Uhr un „der Uht wi 8 in die 1u al nach links, A 7e. Ul glechſen,. g f leuchtele 4 Die Begleiterin riß ſich jetzt die Larve vom Ge— ſicht; denn die Thränen rannen ihr aus dem Auge... Alle ſtarrten nach ihr hin... Niemand kannte ſie... Dies Rathen und Forſchen mehrte die Aengſtlich⸗ keit der Scene. Was thut er? Was bedeuten dieſe Bewegungen der Hände, als wenn er ein Kind ſchaukelte...? So ſprachen die ſtummen Mienen der Umſtehenden und forſchten leiſe die weinende Fremde aus. Dieſe verſtand ſehr wohl, daß der Unglückliche durch das Schlagen der Uhr an den alten Groß⸗ vater Eiſold in der Brandgaſſe und an deſſen Ur⸗ enkel, die Kinder, erinnert wurde und daß dieſe Ge⸗ behrde, die er in ſeinem träumenden Zuſtande machte, Scenen vorſtellte, die ſie oft zu ihrer innigen Freude erlebt hatte, wo der Bemitleidenswerthe auf milder, weicher und ihr zugewandter beſſerer Stimmung Abends fam, zu den ſchlafenden Kindern auf ihre Lagerſtätten niederleuchtete und dieſen eine gute von Engeln be⸗ hütete Nacht wünſchte. Der Nachtwandler hielt das Licht und leuchtete ruf den Boden und lächelte und die Flamme des kichtes faßte bereits ſengend ſeine eigenen zerfetzten Kleider... Hackert! rief die Fremde jetzt vor Schreck und nn der Gefahr des Verbrennens und in ihrem überwäl⸗ tigten Gefühle ſtürzte ſie auf dieſen zu, dem aber ſchon ein muthigerer Zuſchauer die Lampe aus der Hand riß und auf den Tiſch ſtellte und ihn ſelbſt auffangen wollte, wie er eben in Louiſens Arme ſank und ſich ſchaudernd beſann auf Das, was ihm eben geſchehen war und noch geſchah... Alles kam näher; Alles wollte fragen, die Pein war furchtbar für Louiſe und Hackert, der ſich in dieſem Aufzuge unter allen dieſen Menſchen und in ſeinem Zuſtande ſah... Glücklicherweiſe dauerte dieſe Folterqual für Hackert und Louiſe nur eine Sekunde. Denn im Nu erſcholl ein gellender markdurchboh⸗ render Pfiff. Man ſah ſich um. Die Polizei umringte eben jenen Mann, der Hacker⸗ ten mit raſchem Entſchluſſe das Licht aus der Hand geriſſen hatte. Es war Dies ein gebeugter, älterer Mann, ſehr fein gekleidet, mit dunkler Perrücke und einer großen ſchwarzen Binde über dem rechten aufſtarrenden Auge. Auch ein junges, allgemein gekanntes Mädchen, Namens Auguſte Ludmer, wurde mit ihm zugleich vor Schreck und in ihrem überwäl zu, dem aber ſche aus der Hand n ſelbſt auffangen eme ſank und ſih jm eben geſchehe fragen, die Pi kert, der ſich fett, 4 Menſchen und ergual für Ha der markdurchbe Had Mann, der H t aus der Hä ter Mann, el 4 und einer I nen 4 ufſtarten 3 Mäd fanntes 2 mit ihm zud zl 395 verhaftet. Die große, bildſchöne, ſchlanke Figur war ſo reich gekleidet, ſo mit Gold und Edelſteinen geſchmückt, daß Alle ſtarrten. Der Grund dieſes überraſchenden Zwiſchenfalls konnte Niemandem auffallen. Der Mann mnit der ſchwarzen Binde hatte auf Kümmerlein's einfache Frage: Sie ſind Murray? einfach geant⸗ wortet: Ich bin Murray. Ruhig hatte er ſich in ſein Schickſal ergeben, während Auguſte Ludmer, genannt die Maler⸗Guſte, ſich wie verrückt gebehrdete, halb wüthete, halb lachte und Mullrich mit den Worten anredete: War Das ein Pfiff auf einem von deinen Haus⸗ ſchlüſſeln? Pechdraht du! Diebsſchloſſer! Das Sträuben des ſchönen, üppig geformten, an die Statüen der Griechinnen aus dem Zeitalter des Alexander erinnernden NMädchens half ihr aber nichts. zwei Agenten, die Mullrich und Kümmerlein zu Hülfe gekommen waren, führten ſie fort. Mullrich aber und Kümmerlein nahmen den Mann nit der ſchwarzen Binde, der ſich Murray nannte, in die Mitte. Er ging ruhig lächelnd. Hackert ſchlich am Arme des armen Mädchens, Louiſe Eiſold, die die entſtandene Aufregung benutzte 396 um Hackerten fortzuziehen. Sie ging ſtill und un— ſcheinbar. Sie hatte den ſeidnen rothen Mantel über dem Arm, die Maske in der Hand. Die Tänzer, die Flöten, die Geigen, die Poſaunen folgten. Die Gaslichter erloſchen. Der Fortunaball hatte ein Ende. en, die Poſauna ng ſtill und un then Mantel ü Vierzehntes Capitel. Eine Morgenſtunde. Es war ſieben Uhr Morgens, als Juſtizrath Schlurck mit ſeinem„guten Hannchen“ am Kaffeetiſche ſaß und das Frühſtück verzehrte. Franz Schlurck war im ſeidenen, leichten Schlaf⸗ tock, Johanna Schlurck in einer leichten Morgenrobe, über dem Haupte eine Dormeuſe alten Geſchmackes, ledoch neueſter Mode. Die Spitzen lagen bis tief über die Stirn der klugen und beſonnenen Frau, die heute den Kaffee lobte, weil— ihn Jeannette nicht gemacht hatte. Auch die Aufmerkſamkeit des zweiten Mädchens, friſche Blumen, die geſtern Abend geſchnitten, aber friſch benetzt heute früh ſchon um ſechs Uhr auf dem Markte gekauft wurden, neben den Zwieback in einer Vaſe auf den Kaffeetiſch zu ſtellen, lobte Hannchen Schlurck ausnehmend und ſtellte dadurch die Ruhe des Juſtizraths wieder her, die von der Nachricht, Melanie 398 83 hätte eben der Mutter aus ihrem Schlafzimmer zuge— rufen, Jeannette wäre von ihr verabſchiedet, etwas geſtört ſchien. Auch die Mutter hatte dieſe Nachricht ungern ver⸗ nommen. Sie haßte alles Gewaltſame, alles Extreme. Da aber Melanie einmal darauf beſtand, mußte dieſe Anordnung ſo bleiben wie ſie war. Auf des Juſtizraths Einrede, daß ſolch verletztes Volk viel Gift und Galle verſpritze, viel klatſche und austrüge, erwiderte ſeine Gattin, die ebenſo ge⸗ dacht, daß man wol, wenn Melanie's Zorn vorüber⸗ wäre, Jeannetten dieſen oder jenen Beweis freund⸗ licher Geſinnung geben könne, was Schlurck um ſo natürlicher fand, als er ſich auch noch damit tröſten in⸗ zu können glaubte, daß Neumann mit der Zeit doch wol die Jeannette heirathen würde. Jetzt wartete aber bereits eine andere unangenehme Nachricht. Man hatte Neumann, wie die Frau Juſtiz⸗ räthin heute in aller Frühe ſchon erfahren, halbtodt von einem nächtlichen Balle heimgebracht und während noch die bedächtige Frau darüber nachſann, ob ſie odet Bartuſch dies neue unangenehme Ereigniß dem durch ſolche Bedrängniſſe der nächſten Umgebung überaus leicht zu verſtimmenden Gatten vortragen ſollte, wollte dieſer denn doch ein wenig genauer wiſſen, worüber Schlafzimmer zu rabſchiedet, etbas chricht ungern me, alles Extren uf beſtand, muß war. aß ſolch veileh itze, viel klatſt he in, die ebenſo⸗ s Zorn vorih n Beweis freun 5 Schlurck um — ſt tro noch damit mit der Zeit! 5p ndere unangent die Jeannette nach dreijährigem Dienſt ſo über Hals und Kopf aus dem Hauſe fort müſſe? Er hoffe, ſagte er, daß ſie noch auf ihrem Zimmer wäre und nur verboten erhalten hätte, zum Serviren des Frühſtücks herunter zu kommen... Sie iſt boshaft, gefährlich und fügt ſich nicht in Melaniens jetzt recht empfindlichen Charakter! ſagte die Mutter. Ja, ja, ſetzte Schlurck hinzu, Melanie iſt ſeit kur⸗ zem wirblich und wunderlich geworden! Ich glaube, daß es Zeit iſt, ſie entſchließt ſich zu irgend einer Par⸗ tie. Dieſe Tändeleien und kleinen Romane ſtumpfen das Intereſſe für ein Mädchen ab. Man muß nicht zu lange gefallen wollen und Alle blenden. Das Auf⸗ tauchen einer hübſchen Erſcheinung ſei wie das kurze keben eines Schmetterlings! Weibliche Liebenswürdig⸗ kit muß ein Ziel haben, die Ehe. Hernach kann ſie ſich ja noch einmal entpuppen und ſehen, wie es ſich in dieſer Welt in anderer Form leben läßt. Die Ehe gibt ja erſt die wahre Freiheit. Ich wünſche um ſo mehr ein Ende, als es Zeit iſt, auch einmal über hre Mitgift nachzudenken, die nicht groß ſein wird. Nicht groß? verſetzte die Mutter etwas befremdet. Uas verſtehſt du unter groß? Ich habe Verluſte gehabt, ſagte Schlurck verdrüß⸗ 400 lich, und werde deren noch mehr haben. Die Ver⸗ waltung der Hohenbergiſchen Güter iſt in andere Hände übergegangen, die Adminiſtration der Johanniterhäu⸗ ſer wird mir auch noch genommen werden— In Folge des Prozeſſes? So wie ſo! Bei der Stadt bleiben dieſe Güter und Häuſer nun ſchwerlich länger und der Staat würde ihre Nutzung ganz anders ausbeuten, als wir bisher. Man wird alle die milden Stiftungen, die auf ſie an⸗ gewieſen ſind, wie früher unterſtützen, aber den Er⸗ trag wird man zu erhöhen, die Koſten der Verwal⸗ tung zu vereinfachen ſuchen. Brechen damit zwei mei⸗ ner Hauptſtützen zuſammen, ſo wird die Wendung un⸗ ſeres Gerichtsverfahrens mir nicht einmal mehr den alten Credit als Sachwalter laſſen; denn bei Einfüh— rung des mündlichen Verfahrens kann es nur den Rednern gelingen, ſich einen Namen zu erwerben und ich bin kein Redner. Das Bischen Politik, das ich, angeſtachelt von den conſervativen Vereinen und be⸗ ſonders dem verdammten Reubunde, getrieben habe, hat mich bereits mit allen meinen Arbeiten in Ruͤck ſtand gebracht. Das ſind ja traurige Ausſichten! Wir wollen uns einſchränken... ſagte die Juſtizräthin ſeufzend. Sprich das Wort nicht aus! antwortete Schlurck. 401 haben. Die da Einſchränken! So wie mich Mangel oder Sorge be⸗ it in ander Hin grüßt, iſt mein Lebensende da. Etwas entbehren, der Johannitetſté etwas gehabt haben und ſich's nun verſagen müſſen, werden— nein, liebes Kind, Das wäre mein Tod! Du ſprichſt wie ein Verſchwender, Schlurck.. leiben dieſe Güt Der ich doch nicht bin, willſt du ſagen? Herz, wir n der Staat win haben keine Ueberſicht über Das, was wir beſitzen n, als wit biihh und brauchen. Wir geben aus und geben, weil wir en, die auf ſen einnehmen. Plötzlich ſich nun einrichten müſſen, die 1. een, aber den 6 Reflexion bei ſich zu Tiſche ſehen und mit der Weis⸗ oſten der Verw heit ſoupiren, das Alles würde vielleicht äußerlich en damit zwein gehen, aber du würdeſt erleben, daß ich innerlich an⸗ ddie Pendung! finge recht zuſammen zu fallen und an einem ſtillen einmal mehr? Herzweh hinzuſiechen. Ich würde lachen, ſcheinbar demm bei Eit heiter ſein, aber den Ruck hätt' ich doch weg und Punn 6 nur eines Tages blieſe mich ein kühler Abendwind von . rwerbm! dieſer ſchönen Erde weg. 1 ff das Franz! Franz! Welche düſtere Gedanken! vl und Frau Schlurck weinte faſt. 5 Sie hatte ihren Franz lieb, als Charakter, als Ge⸗ müthsmenſchen, wenn auch die Sage ging, daß der vorur⸗ theilsloſen Frau Bartuſch näher ſtehen ſollte. Weltmann, wie Schlurck war, ignorirte er alle Myſterien und hielt ſich an das Offene, an das Nothwendige und Schick⸗ 1 liche. Auch ihm war ſein Weib ſo nöthig wie er ihr. 2chl ttete Die Ritter vom Geiſte. IV. 26 1 e, getrieben h / 34.' aübeitn in Wir wolle Ä W hin ſeuſße ntwo 402 Er hatte in ihr die mildeſte Richterin und die be⸗ quemſte Freundin. Sie duldete alle ſeine großen und kleinen Schwächen, nahm ſie für gegebene Thatſachen und quälte ihn nie mit etwaigen Zumuthungen, ſich zu ändern, in ſich zu gehen oder dergleichen ange⸗ wandter Moral, die er um ſo mehr ablehnte, als er oft ſagte: Kind, es gibt ein Dutzend moraliſcher Syſteme! Welches iſt das rechte? Er liebte im Vollen zu leben, und ſie rechnete nie, da ſie reichlich von ihm empfing. Sie ſchonte ſelbſt ſeine geheimen, kleinen Neigungen, von denen er nicht frei war. Gern hatte ſie dabei freilich, daß er ſich unter ſeiner Sphäre hielt. Der kleine Roman mit der Juſtizdirektorin von Zeiſel, ge— borenen Nutzholz⸗Dünkerke, der ſich unter ihren Au⸗ gen in Hohenberg entſponnen hatte, überraſchte ſie unangenehm und doch hatte ſie ſich auch bereits in dieſen gefunden. Du haſt geſtern Nachmittag nach Pleſſen geſchrie⸗ ben? ſagte ſie, um ihm einen Beweis ihrer Güte zu geben. Ja, antwortete Schlurck etwas verlegen; ich habe dem Juſtizdirektor eiligſt angezeigt, daß Prinz Egon die Verwaltung der Güter ſelbſt antritt. Ich habe ihm geſagt, er möchte auf ſeiner Hut ſein vor dem neuen Generalpächter, einem gewiſſen Ackermann, der in und dieh eine großen ui bene Thatſache muthungen, ſ ergleichen ang lehnte, 6. er! Syſt Lliſcher S— Vollen zu u leb on ihm empfin nen Neigunge hatte ſte dal are hielt. d von Zeiſel, unter ihren” üͤberraſchte auch bereite 403 aus Amerika gekommen iſt, um ſeine Dollars in allerlei agronomiſchen Experimenten zu verpuffen. Bis er völlig zu Grunde gerichtet iſt, wird dieſer anmaßende Sonderling viel Menſchen zuſammenhetzen und recht quälen können. Du haſt doch Frau von Zeiſel gegrüßt? ſagte die Juſtizräthin mit mildem und verſöhntem Ton. Sie iſt eine gute und liebe Frau, die uns wol einmal be⸗ ſuchen könnte? Meinſt du nicht, Franz? Schlurck war über ſolche Beweiſe von Güte leicht gerührt. Schwach, charakterlos wie er war, hatte er wirklich ein weiches Herz und fühlte nie unzart. Er ſah ſcharf genug, daß ihn ſeine Frau mit ihrer frivolen Philoſophie tröſten und erheitern wollte... Du biſt wehmüthig geſtimmt über unſere finan— zielle Lage, ſagte er. Noch läßt ſie ſich aber ertra⸗ gen. Wir nahmen viel ein, aber leider wir ſparten nicht. Dennoch werd' ich Melanie, wenn ſie endlich ſich verheirathet, funfzehntauſend Thaler ſogleich baar mitgeben können und mich gern verpflichten, meinem Schwiegerſohn jede Erleichterung zu gewähren. Viel größer, liebes Kind, iſt nämlich nicht mein baares Geld, das durch den Fall der Papiere um die Hälfte im Werthe ſank. Deine Zukunft, liebes Hannchen, ſichert dir eine in dem Londoner„Janus“ eingeſchrie— bene Rente und die Gothaer Bank... 26* 1 4 8 5 1 44 Ich werde ſie nie benutzen... antwortete Ma⸗ dame Schlurck, die ſich lange nicht von ihrem Manne mit liebes Hannchen angeredet gehört hatte und auch darin ein ominöſes Zeichen ſah... Nie! Nie! wiederholte ſie gerührt und weinerlich. Das wäre ſchlimm, Herz! ſagte Schlurck jetzt wie— der mit ſeinem gewöhnlichen Humor; ſoll ich London und Gotha reich machen, jährlich Gelder einzahlen in Kaſſen, die mir dann nicht einmal ſolvent würden? Nein, Kind, den Gefallen thu' ich ihnen nicht... ich ſterbe vor dir. Frau Schlurck brach dieſe Gedankenreihe, die zu trüb' war und zu dem comfortablen Frühſtück, der hel⸗ len Morgenſonne und den Blumen in den Porzellan—⸗ vaſen nicht paßte, ab und knüpfte eine andere an. Fünfzehntauſend Thaler! ſagte ſie. Wer gibt auch jetzt mehr von ſeinem baaren Gelde einer Tochter mit? Bei den reichſten Familien erſtaunt man über die ge⸗ ringen Summen, die die Schwiegerſöhne baar in die Hand bekommen, und ſo viel weiß ich doch auch, daß der Credit jede baare Summe im Geſchäftsverkehr verdoppelt⸗ Ganz Recht! Machte nur Melanie endlich Anſtal⸗ ten! rief Schlurck halb zufrieden, halb ärgerlich und ſah dabei auf einige alte Papiere, die er unter den Zeitungen neben ſich liegen hatte... un. 405 antwortete M Sie hat heute in aller Frühe ſchon geſchrieben; n ihrem Mam antwortete die Mutter und legte die Papiere ſo, daß hatte und auch ihr alterthümliches Ausſehen nicht die ſchöne Symmetrie und die Wäſche ihres Frühſtückstiſches ſtörte; um fünf und a Uhr war ſie auf und hier in den Zimmern. Um chlurck jett wi ſechs ſchon mußte Johann einen Brief forttragen. oll 3 Londe Sie ſagte mir nicht an wen? Aber Johann zeigte der einzahleni mir die Adreſſe: An Laſally. ſoent würden! An Laſally! Hm! L- lnen nicht, Ich glaube faſt, daß ſie ſich entſchließt, dem wirk— lich treuen Bewerber nun zuzuſagen. Zwar in Ho⸗ errihe, dieſ henberg, wo ſie ſich einbildete, den Prinzen erobert zu vefu derſ haben, hat ſie ihn kalt, faſt zurückſtoßend behandelt, dn Jorzel allein Das iſt noch kein Beweis. Die Parthie hatte 4 andet an nie deinen Beifall. 68 güta Schlurck zog die Achſeln. 4.- T E Tl Ein junger Mann, ſagte er; von ſehr reichen Ael— d Lehn tern, zurückgekommen, aber im Reichthum erzogen, an d i mismüthig, verſtimmt, verlebt, halb bankerutt, ein mme hanrie Israelit... ich muß geſtehen, etwas Seltſameres c auch du konnte uns nicht begegnen. Aber aus dem ganzen Leben teſrrenn weiß' ich, nichts kommt ſo wunderbar wie ein Schwie⸗ endlich I gerſohn. Man träumt von einem Gelehrten und es b Irgellch iſt ein Soldat, von einem Pfarrer und es iſt ein Schauſpieler. Das menſchliche Herz! er untel 406 Die Mutter ſuchte mancherlei Günſtiges für La⸗ ſally vorzubringen. Er wäre längſt getauft, wäre gutmüthig, gefällig, oft edel denkend, nur etwas ver⸗ wildert und ohne Erziehung. Auch ſie begreife nicht, wie ihnen Das geſchehen mußte, ihr ſchönes, gefeiertes, liebenswürdiges Kind gerade zu ſolcher Parthie her⸗ geben zu ſollen, aber ein nachdrücklicher Bewerber ſtellte ſich ſonderbarer Weiſe ja nicht ein. Was wäre da zu thun? Man würde Laſally's Finanzen verbeſſern und dann vielleicht die Gewißheit haben, daß gerade Melanie in dem lebhaften Treiben ſeines Berufes ſich gefallen würde... Schlurck ſchüttelte ungläubig, verdrießlich den Kopf. Sonderbar, ſagte er, ich liebe Vieles, was ge— fährlich iſt, nur nicht die Oeffentlichkeit, und auch du biſt beſcheiden und zurückhaltend und dies unſer Kind nimmt den Laſally vielleicht nur, um immer geſehen zu werden, immer von Männern umringt zu ſein, ſich auffallend tragen zu können, auf allen Parthieen und Corſos in der erſten Reihe zu ſtehen, zu Wagen, zu Pferde, wie eine Komödiantin... ich begreife nicht, welche Geheimniſſe in der Natur liegen und manchmal glaub' ich doch, daß es mit den Sternen etwas Eigenes auf ſich hat. Wer weiß z. B., ob ich nicht da etwas in der Hand habe, was uns doch 407 ünſiges fit von der Nothwendigkeit, aus Melanien die Frau dgetauft, vin Stallmeiſterin Laſally zu machen, vielleicht befreit? nur etwas del In der Hand? Dieſe alten Papiere? ſi begreife nich Die Sterne bringen mich drauf. Es gibt mond⸗ dönes, gefne helle Nächte, Hannchen, in denen die Geiſter geſchäf⸗ her Parthie he tiger ſind als ſonſt. So könnt' ich faſt den Wallen⸗ licher Bewet ſtein parodirend ſagen. Du haſt mir von der Ver⸗ wechſelung des Prinzen mit einem jungen, hübſchen nanzen verbeſſe Manne, Namens Dankmar Wildungen, geſprochen; 7 , daß gen Bartuſch erzählte mir Wunderdinge über Melanie's 4 4 4* fes ſ Gefallen an dieſem Fremden... nss Benn So lange ſie ihn für den Prinzen hielt... er⸗ gänzte die Mutter mit achſelzuckender Bitterkeit. Es wäre möglich, daß dieſer junge Mann in die in Was wäl 21 rießlich den Ko Areſes, was;; Vieles, alt Lage kommen könnte, mit dem Prinzen Hohenberg et, und auh. eit, un as nicht zu tauſchen. dies unſn Wie? fragte die Juſtizräthin erſtaunt... eſehenn In ſeltſamer Aufregung war Schlurck aufgeſtanden, enat zu ſe—. umeingt 0.die alten vergilbten Papiere in der Hand, die er als fallen Hah die wichtigſten Dokumente aus dem im untern Stu⸗ ehen, il 9 dirzimmer befindlichen Schrein mit dem Kreuze zu . 14 lh ſich hinauf genommen hatte... Eben wollte er ſich datur legen anſchicken, ſeiner Frau eine intereſſante Auseinander⸗ mit den E ſetzung zu machen, als ein Wagen an ſein Haus 5„B. 4 rollte und er durch's Fenſter blickte. 408 Was? rief er. Das iſt ja Drommeldey's Wagen. Er ſteigt aus. Was will denn Drommeldey bei uns ſo früh? Iſt Jemand im Hauſe krank? Die Juſtizräthin errieth, daß der Sanitätsrath eben kam, um Neumann's ihm gemeldeten Zuſtand zu unterſuchen. Einen nahegelegenen, gewöhnlichen Wundarzt hatte man ſchon in der Nacht gerufen... Sie verwünſchte den unangenehmen Zufall, daß ihr Mann nun doch etwas erfuhr, was man ihm ver⸗ ſchweigen wollte. Da er aber dieſe Abſicht ſogleich merkte, drang er auf Wahrheit und ängſtigte ſich ſchon, es möchte Melanien ſelbſt etwas begegnet ſein, da ſie zu lange ausbliebe. Nun mußte ihm ſeine Frau erzählen, was die Nacht geſchehen war. Es berührte ihn das Alles höchſt unangenehm. Die Nothwendigkeit, einen andern Diener für ſeine Pferde zu dingen, wenn auch nur für einige Zeit, ja auch einen Kranken im Hauſe zu haben, das Alles, ſagte er, griffe ſeine Nerven an. Auch von moraliſcher Seite zeigte er ſich heute em⸗ pfindlicher als ſonſt. Er fand dies heimliche Aus⸗ laufen auf Bälle und auf nächtliche Vergnügungen ab⸗ ſcheulich und als gar auf Hackert die Rede kam und die Mutter ſagte: Neumann wäre eigentlich Recht ge⸗ ſchehen, da es wieder Hackerten hätte gelten ſollen! brach er in heftige Verwünſchungen gegen alle Welt reldey's Wage meldey bei un 7 r Sanitätsra eddeten Zuſtn gewöhnlihe Abſicht ſoglei tigte ſich ſchon ſein, da ſet Frau erzähle rührte ihn d endigkeit, ein en, wenn al nken im Haul ine Nerven 1 ſich heule 1 Aui en d eimliche muügung Rede kam 1 t ſch Recht 1 Al gelten ſole gellen I ſen alle? 409 und die Seinigen insbeſondere aus und polterte ſich in dieſe Stimmung ſo hinein, daß Madame Schlurck bedacht war, ſie raſch auf Hackert allein zu lenken und ſagte: Bartuſch iſt auch unverrichteter Sache aus der Brandgaſſe wiedergekommen. Fritz will Laſally's Prozeß abwarten und nicht von hier fort gehen. Dieſe Worte hatte die eben eintretende Melanie gehört. Melanie war im weißen Morgenkleide mit einem langen Kragen, der von den reizenden Schultern fiel. Obſchon ſie ihr Haar bereits geordnet hatte, mußte doch etwas Ueberwachtes, Geſtörtes an ihr auffallen. Sie ſchien ſehr erſchöpft, faſt hinfällig, faſt leidend. In aller Ruhe bot ſie den Anweſenden einen guten Morgen und ſetzte ſich zum Frühſtück. Die Aeltern waren erſtaunt. War Das ihre heitre Melanie, die immer ſo ſorgenlos hereinhüpfte? War Das der Schalk, der dem Väterchen um den Hals fiel und ihn herzlich küßte? Sprachlos ſahen die Aeltern auf dieſe feierliche Umwandlung und hörten mit ſelt⸗ ſamem Befremden, daß Melanie, den Zwieback ſich in ihren Milchkaffee brockend, ganz kurz äußerte: Laſally läßt den Prozeß fallen. Das wird ja nun abgemacht ſein. 410 Schlurck näherte ſich auf dieſe Worte. Sein Un⸗ muth war vorüber. Voll Zärtlichkeit ſetzte er ſich an die Seite ſeiner Tochter, faßte ihren Arm, von dem die weißen ſeidenſchnurbeſetzten Oberärmel herabglitten und fragte: Mein Herzblättchen, was haſt du denn nur? Spracht Ihr nicht eben... ſagte ſie ſtockend. Von Hackert, leider von dem ewigen Thema unſres Hauſes, antwortete Schlurck. Eure Beſorgniſſe werden nicht mehr nöthig ſein, fiel Melanie ruhig ein. Weiß der Himmel, es iſt eine große Plage, die auf uns ruht; aber ſie wird ein Ende nehmen. Laſally wird nicht ſo boshaft ſein, dieſen Gegenſtand öffentlich zu machen. Ich habe ihm geſchrieben und ihm bei Allem, was ihn noch an uns bindet, gebeten, die Vergangenheit ruhen zu laſſen... Kind, du haſt ihm doch keine Verſprechungen ge⸗ geben? fragte Schlurck beſorgt. Warum? Werden dieſe Dinge nicht damit enden müſſen, daß ich mich unter einen ſichern Schutz und in ein feſtes Schickſal flüchte? Weſſen Schuld ich ſo hart büßen muß,... ich weiß nicht, ob es ganz die meine iſt! orte. Sein Un— ſetzte er ſich an Arm, von demn rmel herabglit denn nur? ſie ſtockend. en Thema unſte nehr nöthig ſ 1. es Himmel,( t; aber ſie n tt ſo boshaft ſen an- ob es 9 4 1 b Dieſe Worte ſprach Melanie mit großer ſchmerz— licher Bitterkeit. Du wirfſt mir vor, daß wir Hackert ſchonen? ſagte Schlurck. Ich ſchone ihn, weil er gefährlich iſt, Schlurck ſprach Dies mit einer Miene, die es verrieth, daß er nicht im rechten Ernſte ſprach;— ich ſchone ihn, weil er in meinem Geſchäftsgange manches Durcheinander beobachtet hat. Melanie lachte höchſt bitter auf. Du biſt erregt, ſagte die Mutter zu ihr, ungemein beſorgt. Schweig, Franz, wir wollen nicht mehr da⸗ von ſprechen... Immer nicht ſprechen, rief Melanie; immer nicht die Wunde berühren! Allmächtiger Gott, was bin ich doch unglücklich! Damit ſtürzten ihr die Thränen aus den Augen... Melanie weinte... Sie, die die Thränen haßte, vergoß Thränen und ihre Aeltern... verſtanden dieſe Thränen. Nach einer langen, ängſtlichen Pauſe ſagte der Juſtizrath: Die Schuld iſt unſer! Ich nahm ein Kind aus dem Waiſenhauſe, weil ich Kinder liebe— und keins hatte. Ich wählte ein Findelkind aus Mitleid und erzog es wie mein eignes. Da ſchenkt mir die Mutter dich! Das Findelkind wird eine Stufe herab⸗ geſetzt. Ich erzieh' es für mein Bureau. Es iſt an⸗ ſchlägig, aber voll ſchlimmer Eigenſchaften. Wir ach⸗ ten ihrer nicht, weil wir das Vergnügen lieben und das Leben genießen wollen. Melanie und Fritz wach⸗ ſen auf wie Geſchwiſter und ſind es nicht. Was dann ſpäter gekommen ſein mag, was der ſchlimme, leiden⸗ ſchaftliche Burſche gethan hat... O! Franz! rief die Mutter vorwurfsvoll. Melanie ſah in die Taſſe und ſtützte das ſchöne Haupt auf den linken Arm; der rechte ſpielte mit dem Löffel. Schlurck aber ſeufzte und ſprach in ſich hinein: Es iſt unſre Schuld... und unſer Kind muß uns vergeben. Melanie war da gewiß nicht ohne Gefühl, wo es ihr nächſtes eignes Empfinden berührte. Sie liebte ihren Vater, ſie ſtürzte auf ihn zu, ſie weinte und bedeckte ihn mit ihren Küſſen. Von dieſem Augenblicke an ſchwiegen alle drei und ließen die ſonſt ſo ſtolzen Fittiche hängen... Endlich begann die Mutter: Du wollteſt von jenen Papieren ſprechen? Schlurck ſammelte ſich. Er hätte gern ein Thema angeregt, das ihn oft beſchäftigte, ob nicht eine beſſere Entwickelung Hackert's ne Stufe hetat eau. Es iſt an aften. Wir ac igen lieben un und Fritz wach icht. Was dan ſchlimme, leider rfsvoll. itzte das ſchen pielte mit de hin ſich hinei unſer Kind mi rechen! z ihl „da 1 — 227 Huun felung 9 eine Heirath zwiſchen ihm und Melanie möglich machte. Er wußte, daß er jedesmal mit Entrüſtung abgewieſen wurde, er wußte, daß Melanie zitterte, wenn ſie nur den Namen Hackert's nennen hörte. Er hätte viel⸗ fache Forſchungen nach ſeinem wahren Urſprunge an⸗ geſtellt. Er hatte ſogar einige Reſultate, die er gern erzählte. Er zeigte gern den zerbrochenen Ring, der bei Hackert in dem Korbe, in dem man ihn am Waiſenhauſe ausgeſetzt hatte, gefunden worden war... er ſchickte Bartuſch oft in das Rathsarchiv, um in den hier geſammelten Regiſtern der Gebornen und Getauften von der Stadt und der nächſten Umgegend zu ſuchen... er hatte eine Vermuthung von einer heimlichen Geburt, die einmal unter ſonderbaren Um⸗ ſtänden einige Meilen weit von der Stadt vorgekom⸗ men war und betrieb längſt unter dem Deckmantel der größten Behutſamkeit Nachforſchungen aller Art, felbſt in den höchſten Kreiſen;... aber er kannte den Widerſtand der Frauen, die einmal glaubten, ein Vor⸗ hang müßte dieſe Vergangenheit für immer bedecken. Er liebte Hackerten, weil er anſchlägig, talentvoll und ſo bizarr war, wie er ſelbſt zuweilen ſein konnte. Selbſt daß der unerzogne Knabe von Leidenſchaft für das ihm ſorglos zur Geſpielin gegebene Mädchen ent⸗ grannt war, fand er menſchlich und ganz in ſeinem 414 Geſchmack. Er hatte wohl, als er erfuhr, daß Hackert Melanie als Kind zu den wildeſten Streichen, zu Männertrachten, zu nächtlichen Spaziergängen, Mas⸗ keraden überredet hatte, im wildeſten Zornaus⸗ bruche ihn ſchon öfters aus dem Hauſe geworfen und faſt mit Füßen getreten. Allein er nahm ihn immer wieder auf. Sah er doch, wie Hackert die Herrſchaft im Hauſe hatte, wie er Melanie und die Mutter tyranniſirte, ja Allen nothwendig war! Später aber kam Aergeres. Da Melanie heranwuchs, durfte er ihn nicht mehr dulden. Aber auch nun rührte es ihn, als er hörte, daß die dämoniſche, kranke Anlage des Kna⸗ ben ſich bis zum Nachtwandeln da ſteigerte, als Me⸗ lanie in wachſender, jungfräulicher, kälterer Ueberlegung ſich von ihm abwandte, ihn haßte und verabſcheute und er dennoch nächtlich an ihre Thür ſchlich und vor ihrer verriegelten Schwelle auf dem nackten Erd⸗ boden ſchlief, ganze Nächte ihrer Rückkehr aus Ge— ſellſchaften wartete und ſich in Sehnſucht um ſeine Halbſchweſter verzehrte... er war gerecht genug, ſo etwas wie thatſächlich, ohne Einmiſchung perſönlichen Mismuthes, zu beurtheilen und hätte ſein eignes Le⸗ bensglück hingegeben, wenn er die leichtſinnigſte Er⸗ ziehung von der Welt durch feinere Ausbildung Deſ⸗ ſen, der ihm ſo vielen Kummer machte, hätte wieder fuhr, daß Hat n Streichen, iergängen, Na deſten Zornal uſe gewotfen u nahm ihn inm ert die Heuiſc und die Mu ar! Später d ichs, durfte eti ührte es ihn, Anlage des K 4 J ſteigette, al lterer Ueberlegl und verabſche ir ſchlih nackten fchr aus Thi dem Rück önſucht um ſ erecht genug bung perſönl te ſein eignes 8 rütſumiiſt Ausbibdung 1 bte hätte I l berichtigen und zu ſeiner eigenen Herzenserleichterung ſchließen können. Vergebens! Die Frauen ſträubten ſich immer dagegen und glaubten, alle dieſe Schwie⸗ rigkeiten würden ſich befriedigend löſen laſſen, bis dann wieder die leidenſchaftliche Liebe des verſtoßenen, kran⸗ ken, ſich mishandelt fühlenden Pfleglings alle ihre Berechnungen durchkreuzte und Gewaltthätigkeiten ver⸗ anlaßte, wie jener geſtrige Ueberfall im Wagen war, deſſen glückliches Gelingen an dem Uebermaß geſtei— gerter Lebenskraft und entflammter, toller Freude, die wir bei Hackert beobachteten, wohl ſich abnehmen läßt. Gern hätte Schlurck dieſe höchſt ſchwierige Ange⸗ legenheit in gewohnter Weiſe zur Sprache gebracht, aber ſeine Frau duldete es nicht. Sie drängte nun um Das, was er aus jenen Pa⸗ pieren, die er auf den Tiſch hingelegt hatte, für Me⸗ lanie's Zukunft entnehmen wollte. Was iſt's mit den Sternen? ſagte ſie faſt frivol; du ſchlimmer Patron, was ſoll's mit den Mond⸗ nächten? Schlurck zog ſeine Brille auf die Stirn und ſah in die Papiere.. Ja, fing er an, wenn ſich Alles ſo fügte, wie man hoffen möchte... Melanie müßte die Frau eines Millionärs werden. 1 1! 4 4 1 K 5 416 Laß Das Vater, ſagte Melanie ruhig und gefaßt; Eure Millionärs koſten gewöhnlich ein Leben. Ich rüſte mich in aller Duldſamkeit darauf, daß Laſally als Lohn für meine Bitte meine Hand begehrt und ich gebe ſie ihm. Ich beſchwöre dich, ſagte die Mutter; nur keine Uebereilung! Ich gebe ſie ihm. Laſally iſt der einzige Mann, mit dem ich mich über meine Vergangenheit und Zu kunft verſtändigen kann. Er hat klare und vorur theilsloſe Anſchauungen. Er bedarf mich, er liebt mich, Das ſeh' ich aus ſeinem Schmerz, daß er mich nicht nehmen könnte, wenn ich kein Vermögen hätte. Nicht alle Männer ſind darum nur Spekulanten, weil ſie nach Vermögen heirathen. Das macht ihn in meinen Augen nicht geringer. Aber Herzlieb! ſagte Schlurck ſchmeichleriſch und tätſchelnd. Was wird denn aus jenem jungen Mann in Hohenberg! Jener prächtige Dankmar Wildungen! Ich entſinne mich ja ſeiner— ei, ich ſah ihn ja auf dem Heidekrug bei Juſtus dem Gerechten! Er iſt ja ſchön, geiſtreich, unternehmend; Himmel, ein Gott von einem Mann! Vater! Kind! Wenn dieſer Menſch mir ſagt: Ich liebe uhig und gefe ein Leben. c de „ daß Laſc and begehlt! Ihre Melanie, ſo ſag' ich: Herr, ich wiege Ihnen das Wort mit einer Million auf! Dieſe Papiere lagen in dem Schrein, den der tolle Burſch ſich anzueignen wußte und den ich auffinden ſollte. Weiß er ſie zu benutzen, Kinder, ſo bringen ſie ihm alle die Güter und Häuſer und Liegenſchaften, um die jetzt der große Proceß zwiſchen dem Staate ſchwebt und der Stadt... Die Frauen waren im höchſten Grade erſtaunt und Schlurck ſetzte ihnen den Zuſammenhang auseinander. Natürlich war die Wirkung eine außerordentliche. Melanie liebte Dankmar als Perſönlichkeit, vergab ihm zwar nicht, daß er ein unendlich Geringerer war, als ſie vermuthet hatte; vergab ihm nicht, daß ſie ihm lächerlich erſchienen war; vergab ihm nicht, daß er nicht kam und ſelbſt um Verzeihung bat. Sie hätte ihn, aus Wuth über ſich ſelbſt, mit kaltem Blute „morden“ können... ſie ſagte das ſo hin zur Mutter, aber... glaubte ſie es ſelbſt? Es war ein Act von Verzweiflung, wenn ſie vorzog, Laſally's Gattin zu verden... Dankmar hatte das Bild empfangen, der Amerikaner hatte ihr es geſtern in dieſem Hauſe ge⸗ aagt, wie pünktlich er ihren ſtummen Auftrag vollzo⸗ gen, als ſie Hackert's Anblick unfähig machte, es ſelbſt in das offene Zimmer Dankmar's hineinzureichen... zerriſſen von der Vorſtellung, nur misbraucht zu ſein, Die Ritter vom Geiſte. IV. 27 nur getäuſcht von den abſcheulichen Männern, ent⸗ rüſtet darüber, daß man ihr geſtern nicht zu Füßen ſank, Niemand ſich zeigte und ſie wie eine Göttin an⸗ betete, ewig und ewig der ſchaudervollen Möglichkeit ausgeſetzt, von Hackerten gefoltert zu werden, wollte ſie, wenn auch verzweifelnd, ſelbſt das Aeußerſte wa⸗ gen, um wenigſtens von dieſem frei zu werden, und Laſally nun erhören, wenn er auf die Bedingung be⸗ ſtand... aber ihre Liebe gehörte Dankmarn. Der Juſtizrath ließ ſich vollſtändig über ſeine Be⸗ ziehung zu Dankmar Wildungen aus, auch das Bild kam zur Sprache. Die Art, wie Melanie es gewon⸗ nen hatte, verbreitete, da ſie nichts verſchwieg, ſogleich wieder die heiterſte Stimmung. Als Melanie dabei nicht umhin konnte, erröthend zu geſtehen, wie ſie ſich vielleicht entſchließen könnte, ihren Zorn gegen Dank— mar Wildungen zu mäßigen, wenn... Wenn er dir geſteht, daß er dich feurig liebt! unterbrach ſie Schlurck. Und dir den Schein des Irr⸗ thums erſparte? Den Schein, dich lächerlich gemacht zu haben, als du ihn für einen Prinzen nahmſt? Das wird er nicht! Er wird mich ewig verſpot⸗ ten, ſagte Melanie. Ich werde das Gelächter aller jungen Männer der Reſidenz werden. Ah bah! antwortete Schlurck. Es kommt auf Männern, en nicht zu Fiß eine Göttin a ollen Mögliht werden, woll 3 Aeußerſte t zu werden, Bedingung! nkmarn. über ſeine? auch das d lanie es geibe iſchwieg, ſog Melanie d ehen, wie ſie en Dal in gegell 2 ich feurig Schein des cerlich gen en nahmſt h ewig ve Gelachtut Es komn 419 einen Verſuch an. Wie die Dinge jetzt ſtehen, ſind zwei Fälle möglich, entweder dieſer Wildungen iſt unſer Freund oder unſer Feind. Ein unternehmender, kecker Mann muß es ſein. Kann ich Hand in Hand mit ihm gehen, ſo wird es einer kurzen Verſtändigung zur Freundſchaft bedürfen. Dem, der um meine Toch⸗ ter wirbt, Dem, der eingeſteht, daß er mein Sohn werden könnte, geb' ich freudig die Mittel an die Hand, eine Million zu erwerben. Hat er aber Me⸗ lanien's Freundlichkeit nur misbraucht, gehört er zu dem räthſelhaften Complot, das ſich mit der Zu⸗ rückkunft des Prinzen Egon von Paris gegen mich zuſammenzuziehen ſcheint, ſo zeig' ich ihm meine Stirn und einen Ernſt, den er ſchon heute früh kennen ge⸗ lernt haben wird... Man brachte dem Juſtizrath in dieſem Augenblick ein kleines zierliches Billet. Die Frauen wollten von dieſem Kennenlernen ſeines Ernſtes etwas wiſſen. Aber Schlurck erbrach das Billet. Es kam von der Geheimenräthin von Harder und lautete: „Himmliſcher Juſtizrath! Theuerſte Freudesſeele! Mit Zittern führe ich die Feder und danke Ihnen 27*¾ 420 aus innigſtem Herzen für Ihre Güte! Das Bild iſt da und das Geheimniß von mir endlich entdeckt. Ich leſe— die Memoiren der Fürſtin Amanda von Ho⸗ henberg! Jeder Nerv meines Daſeins zittert. Füh⸗ len Sie es dieſen Buchſtaben nach, wie ich bebe! Aber auch der Dank meines Herzens iſt ohne Schil— derung. Sie braver, guter, herrlicher, edler Freund! Um ſechs Uhr hatt' ich das Bild! Gott! Welch ein Moment. Das Aeußere des Bildes geht zu den übrigen Geräthſchaften, die heute noch, mit Aus⸗ nahme der Ihnen und dem Prinzen gehörenden Fa⸗ milienportraits, an den Hof abgeliefert werden. Ver⸗ ſchweigen Sie Alles Ihrer Tochter, die höchſt, höchſt liebenswürdig war, Alles bezaubert hat und ein wahrer Engel, das Idol meiner Zärtlichkeit werden ſoll. Einen Kuß auf dieſe edle Götterſtirn! Wann ſeh' ich Sie? Beſter! Beſter! Dank! Dank!— Ihre Pauline.“ Schlurck, von den Frauen beobachtet, lächelte und runzelte doch wieder die Stirn. Er fühlte, wie ernſt das Alles wurde, wie furcht⸗ bar ſeine Verantwortlichkeit ſtieg. Man drängte in ihn, etwas von dieſem Brief zu erfahren, ſeine Geheimniſſe zu durchſchauen... Er wich aus. 421 Die Geheimräthin iſt von deinem Erſcheinen ent— zückt! ſagte er. Melanie wollte Das ſelbſt leſen... Er bog den Brief um und zeigte ihr die Stelle, die ihr natürlich viel Freude machte. Und das Uebrige? fragte ſie. lich entdeckt. R manda von 9. 1s zittert. J „wie ich bel iſ ohne Scht —-— r·, edler Freun zottl Walh! Geſchäftsſachen. s geht zu 4 Frau Juſtizräthin ſchüttelte den Kopf und ſeufzte och, mi An leiſe. gehörenden! Es ſchien ihr faſt, als wenn auch hier das ſtark t wedden. pulſirende, aber flüchtige Herz des Gatten mit im ſe höchſt, ht V Spiele wäre. Sie wollte ſcherzen, aber Bartuſch trat t hat und ein... artlchkeit wenn Bartuſch berichtete über Neumann, der wol ein ſirm W Vierteljahr liegen könne, wie Drommeldey geſagt uns r hätte, über Jeannette, die die Nacht bei ihm ge⸗ DM wacht und ganz die Kokette verläugnet hätte und lächele auf dieſe Art auch wol nicht aus dem Hauſe käme; 11 t, zugleich auch über einen Kutſcher, Namens Peters, 1 vi, ſa der ſich melde, um für Neumann einzutreten und 5 urde, wie unten warte... zen Blit Schlurck's Erſtaunen, wie doch auf jeden Ver⸗ 1 dieſn luſt ſich in dieſem grauſamen Menſchenleben gleich hauen ein Erſatz dränge, ſeine weitern Betrachtungen über 1 A 4 4 42² Wiege und Grab und ähnliche Philoſopheme, zu denen der ſehr aufgeregte Juſtizrath geneigt war überzugehen, unterbrach Bartuſch durch die trockene Aeußerung: Auch Herr Dankmar Wildungen iſt unten. Es iſt wirklich der junge Mann von Hohenberg, den wir für den Prinzen Egon hielten. Er fodert den Schrein mit dem Kreuz und ſcheint in einer ſehr entſchiedenen Stimmung zu kommen. Schlurck mußte ſich zuſammennehmen. Er wurde blaß und die Papiere zitterten in ſeiner Hand. Die Frauen baten ihn, ſich nicht aufzuregen. Schalkhaft aber drohte er doch ſeiner Tochter mit dem Finger und ſagte: Wart', Hänschen, wart'! Wenn er nun ſagte: Herr, Sie haben wie gegen einen Spitzbuben gegen mich verfahren! und ich antworte: Spitzbube du ſelbſt! Du haſt mir mein Töchterchen geſtohlen! Was? Vater, ich beſchwöre dich! rief Melanie. Welcher Einfalll Was würd' er denken über einen ſolchen plumpen Antrag... Hml! Wenn ich aber nicht plump, ſondern fein biloſopheme, th geneigt wi urch die trocke henberg, den! dert den Scht ehr entſchieden men ztterten in ſel Hiſt unten. in meinem Antrage wäre— und der Trotzkopf ſagte: Herr Juſtizrath, die Welt um Melanie! Nie ſagt' er Das! So wie ich, ſagt er's nicht! Nein, er ſagt es ſchö⸗ ner, inniger, als meine fahlen Lippen Das malen können... und ich böte ihm dann die Rechte und ſagte: Schlagen Sie ein! Hinfort gehen wir, ausge⸗ rüſtet mit dieſen hochwichtigen Papieren da, Hand in Hand, junger Mann! Melanie fing hier in einer Weiſe an zu lachen, daß man wohl ſah, ein Herzenskrampf mußte ſich Luft machen. Sie lachte ſo anhaltend, ſo ängſtlich, daß die Mutter in Sorge gerieth. Melanie nahm die Blumen, zerzauſte ſie, tanzte im Zimmer, klatſchte mit den Händen und riß, um ſich nur helfen zu können, das Fenſter auf und lehnte, Allen den Rücken kehrend, ſich hinaus in die freie friſche Luft, deren ihr krankhaft erregter Zuſtand wirk⸗ lich bedurfte. Schlurck, ergriffen von dieſem Ausbruche der wahn⸗ ſinnigſten Liebe, die Melanie für Dankmar gefaßt hatte, ließ die wichtigen Papiere in der Zerſtreuung liegen und ging gefaßt nach jenem hintern Zimmer, von dem 424 die Wendeltreppe hinunter zu ſeinen Arbeitsräumen führte. Die Frauen aber und Bartuſch, als ſie Schlurck's ſeidenen Schlafrock nicht mehr rauſchen hörten, folgten ihm behutſam, um von oben zu horchen, was man unten verhandeln würde. —2—;y 1 Arbeitsräum ls ſie Schlurch ¹ m hörten, folgie rchen, was n Puntzehntes Capitel. Der Schrein. Die Lauſchenden vernahmen erſt das Kläffen eines Hundes, das jedoch nicht aus dem Zimmer des Juſtiz⸗ rathes ſelbſt emporſcholl, ſondern aus dem vor ihm befindlichen und auf die Hausflur hinausgehenden Wartezimmer. Dann hörten ſie, daß der Juſtizrath Etwas zu rücken ſchien.. „Stl ſagte Bartuſch. Er verſteckt den Schrein mit dem Kreuze! Das eigentliche Mark, den Kern, die Blume hab' ich doch wol hier in Händen! Er zeigte auf die alten Papiere, die er in der Hand hielt. Schlurck hatte ſie liegen laſſen. Wieder bellte der Hund. Wieder brummte der Papa etwas Unverſtändliches, dann rückte er an den Stühlen, ſchloß das Fenſter, ſtellte die Klingel auf 5 dem Bureau zurecht und ſchloß nun erſt von innen die Thür auf, um aus dem Vorzimmer die Beſuche hereinzulaſſen... Ein noch gewaltigeres Kläffen war jetzt vernehmbar. Bello, zurück! hörte man ſcharf ſprechen und ein lautes Schreien des Hundes ließ annehmen, daß ſein Beſitzer oder ſonſt Wer ihn vielleicht beim Hals ge⸗ packt und in das Vorzimmer zurückgeworfen hatte. Das iſt das lahme Thierchen! ſagte Melanie flüſternd; weißt du, das ihm nachgefahren wurde. Es war nicht ſein. Er pflegte es wie ein krankes Kind... Stl ſagte die Mutter. Er ſpricht! Ja, er iſt's, wisperte Melanie, es war ſeine Stimme! Ihr Herz bebte. Ruhig, Fräulein! flüſterte Bartuſch höflich, daß man hören kann,... wenn's erlaubt iſt. Bartuſch war in dem Grade mit den Angelegen⸗ heiten des Hauſes vertraut, daß ſeine Anweſenheit hier eher gewünſcht wurde, als hinderte. Herr Juſtizrath! erſcholl jetzt Dankmar's volle tö⸗ nende Stimme, wollen Sie erſt dieſen braven Mann abfertigen, der ſich melden will, für Ihren kranken Kutſcher einzutreten? Das hat Zeit, antwortete Schlurck ſehr verbind⸗ lich, höchſt geſchmeidig und liebenswürdig. Was mer die Beſuche jetzt vernehnba. ſprechen und e eehmen, daß ſin beim Hals ſ worfen hatte ſagte Meln zren wurde. b rankes Kind. es war ſäin ſh höfſch, d itt den Angelig ne Anweſeh 427 ſteht zu Dienſten, mein Herr! Ich erkenne ja mit Vergnügen in Ihnen den jungen Mann wieder, den ich im Heidekrug ſo frei und treffend über die Po⸗ litik reden hörte. Umſomehr, Herr Iunſtizrath, begann Dankmar mit plötzlich ziemlich ſtarkem Nachdruck, umſomehr muß ich auf's Höchſte entrüſtet ſein, daß ich in Ihrer Vor⸗ ſtellung für nicht viel mehr oder weniger als ein Spitzbube gelte.. O! Urtheilen Sie nicht ſo raſch, mein junger Freund— nicht wahr, Herr Dankmar Wildungen? ſagte Schlurck ſich zuſammennehmend. Dankmar und Siegbert heißen die beiden Brüder, fuhr Dankmar fort, die heute früh von einem Ball, auf den ſie der Zufall verſchlagen mußte, nach Hauſe kommen und ſich unglücklicherweiſe von den ſingen⸗ den Vögeln, dem friſchen, anmuthigen Anbruch des Tages, dem goldenen Lichte der Morgenſonne ver⸗ locken ließen, ſtatt um vier, erſt um halb ſechs Uhr ihre Schwelle zu betreten, die inzwiſchen von dem ſchändlichſten Attentate entweiht worden war... Ei, ei, ei, eil Zwei Hallunken, von denen ich nicht glauben kann, daß ſie mit einer geſetzlichen Vollmacht erſchie⸗ nen, unterſuchten unterdeſſen unſere Wohnung, erbra⸗ —CQC——— —— 428 chen unſere Schränke, öffneten unſere Commoden und ſtahlen wie die Raben hinweg, was mit der Ange⸗ legenheit, wegen der ſie zu kommen vorgaben, nicht in der geringſten Verbindung ſtehen kann. Was Sie in dieſem Falle wieder bekommen wer⸗ den, mein Lieber! Es iſt unglaublich, was eine ſolche 1 gerichtliche Requiſition raſch geht. Sie waren gar 3 nicht zu Hauſe, meine Herren? Sie ſahen die Sonne d aufgehen? 1 Schlurck that, als wär' er voll innigſter Theil nahme und reizte dadurch Dankmarn nur noch mehr. 1 Ich ſtürzte, ſagte Dankmar, in meinem gerechten Zorn über dieſes Attentat zum Oberkommiſſär Pax und hörte dort zu meinem Erſtaunen, daß Sie ſelbſt, Herr Juſtizrath Schlurck, Sie, den ein glücklicher Zufall 4 zum Finder eines mir zugehörigen Schreins machte, Sie, der Sie mich in den Zeitungen auffordern, mich zu melden, Befehl gegeben haben, gegen mich auf ſo 6 abſcheuliche, ehrverletzende Art einzuſchreiten. Mein Herr, wie kommen Sie zu dieſer Gewaltthat? Bitte! Bitte! Nicht zu raſch! Sie verwechſeln die Momente... Die Momente? Welche Momente? Zum Henker, Herr— Herr Wildungen— Ich— ich erſuche Sie, leiſer e Commoden un as mit der An vorgaben, ni kann... rbekommen we „was eine ſa Sie waren ſahen die Som innigſter The nur noch met 29 em gerechten e niſſär Par d Sie ſelbſt, Hn glückicher zuſr Schreins mac auffordern, m gen mich auf T M ſchreiten. 2 9 valtthat 12 verwechſell gonf Hennde aum H 7 Zum 4 ꝛre, lalſ ſuche Sit/ 1 3 — 429 zu ſprechen, wär's auch nur des Hundes draußen wegen, der ſich von Ihrem Lärm zu einem unauf⸗ hörlichen Accompagnement ermuthigt fühlt... Schlurck konnte ſich nicht ganz bemeiſtern. Denn in der That Bello gab keine Ruhe. Das Thier ſchien außer ſich, kratzte an der Thür und ge⸗ behrdete ſich ſo unmanierlich, daß ſich Dankmar ſelbſt unterbrach und die Thür öffnen wollte, um Peters zu bedeuten, ſeinen Hund beſſer in Obacht zu halten... Ums Himmelswillen nicht, ſchrie Schlurck, machen Sie nicht auf! Die Beſtie ſpringt herein. Ich fürchte ſehr, daß ich einen Kutſcher, der ſo zudringliche Hunde hat, nicht brauchen kann. Und an die Thür gehend, rief er in der Gegend des Schlüſſelloches: Gehen Sie, beſter Mann, die Stelle iſt ſchon vergeben! O! Herr Juſtizrath, ſagte Dankmar gemäßigter, wie kann Das möglich ſein? Im Gegentheil, ich er— ſuche Sie ſelbſt, dieſen Kutſcher zu nehmen. Er iſt brav, ſehr ehrlich und Sie haben Etwas an ihm gut zu machen. Wie ſo? Was? Ich gutmachen? Es iſt Dies jener arme Fuhrmann, der ſo unglück⸗ lich war, mir den Schrein zu verlieren, den Sie ſo glücklich waren zu finden. Ich geſtehe Ihnen, nach dieſem abſcheulichen Attentat auf meine Wohnung, von dem wir ſpäter ſprechen wollen, bin ich in der That begierig, zu hören, auf welche Art Sie zu mei⸗ nem Eigenthum gekommen ſind? Eigenthum? ſagte Schlurck lächelnd, aber ſchon mit ganz abgeſtorbener Stimme. Die Anweſenheit jenes verunglückten Fuhrmanns von der Pleſſener Schmiede und des ihm nun plötz⸗ lich erinnerlichen Hundes war ihm, verbunden mit dem heftigen Tone des jungen Mannes, faſt wie ein Ueberfall, und es gereichte ihm ſehr zur Beruhigung, als er merkte, daß ſeine Leute vielleicht oben über der Wendeltreppe lauſchten. Mein verehrter Herr Wildungen, ſagte Schlurck nach einer Pauſe der Sammlung und während auch Bello ſchwieg— man konnte annehmen, daß ſich Pe⸗ ters mit ihm entfernt hatte— laſſen Sie mich zuvör⸗ derſt Etwas zu meiner Vertheidigung ſagen. Sie kennen den Prozeß über die St.⸗Johannes⸗Güter... Ich arbeite ſelbſt in ihm, ſagte Dankmar. Weiß ich jetzt. Um ſo mehr!... Ich bin der Advokat der Stadt. Man ſchreibt mir, als ich in Hohenberg bin, auf dem alten Tempelhauſe in Ange⸗ ihe Ihnen, nuc reine Wohnun „bin ich in! Art Sie zu me d, aber ſchen! kten Fuhrman ihm nun ple verbunden! es, faſt wie zur Beruhigun ͤt oben über! „ſagt Sh d während 4 en, daß ſch Sie mich zube „ in A lhauſe in rode wäre von einem jungen Rechtsgelehrten ein Ar⸗ chiv entdeckt worden mit wichtigen Papieren. Herr Dank⸗ mar Wildungen, ſtatt den Behörden davon Anzeige zu machen, eignet ſich ſeinen Fund ſelber zu, läßt einen Schrein durch einen bereits gerichtlich vernom⸗ menen Schloſſer erbrechen und reiſt mit ſeiner wider⸗ rechtlichen Aneignung in die Reſidenz. Der Schloſſer gibt eine Beſchreibung des Schreins. Selbſt Ihre Mutter, die Witwe des Predigers Wildungen, kann nichts gegen dieſe Entdeckung den ſtädtiſchen Behör⸗ den einwenden. Da macht mich der Zufall zum Zeu⸗ gen jenes Unglücksfalles an der Schmiede zu Pleſſen. Ich ſah einen zuſammengeſtürzten Frachtwagen, deſſen oſe gepackte Güter abgeladen werden müſſen, um den Wagen wieder herſtellen zu können. Ich finde enen Schrein, erkenne das genau angegebene Signa⸗ ement, das Zeichen des Kreuzes mit dem vierblättri⸗ gen Kleeblatt, das Sie auch auf dieſem Hauſe er— annt haben werden— ich lege Beſchlag auf den Schrein, weil ich wußte... Gerichtlichen Beſchlag? Eine weitläuftige Prozedur war im Augenblick nicht möglich; denn am Morgen nach dieſer Ent⸗ deckung fuhr ich von Hohenberg ab... Verteufelter Hund! Gibt das Thier wol Ruhe? Dankmar trat an die Thür und rief zum Schlüſſel⸗ loch hinaus: Peters, gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Beſtie! Sie ſtört uns! Der Juſtizrath wird Sie behalten, er muß es thun. Der Juſtizrath fühlt zu edel, um nicht zu begreifen, wie grauſam er gegen Sie gehan⸗ delt hat. Er fand Ihren Verluſt, freute ſich des ge⸗ lungenen Werkes und ließ Sie jammern, verzweifeln, blieb taub bei Ihren Klagen; arme Seele, er wird Sie ſchadlos halten. Gehen Sie auf die Hausflur hinaus und machen Sie dem Gekläff der Satansbeſtie ein Ende! Darauf wurde es ſtill. Der Juſtizrath blieb in ſeinem künſtlichen Humor und ſeiner erzwungenen Selbſtbeherrſchung. Das muß ich geſtehen! rief er. Sie wiſſen die Menſchen in Angriff zu nehmen. Sie disponiren vor⸗ trefflich über mich! Entſchädigung für die arme ver⸗ letzte Seele eines Fuhrmanns! Wenn Sie darauf beſtehen? Warum nicht? Ei! Sie gefallen mir... Bravo! Bravo! Sie aber, Herr Juſtizrath! ſagte Dankmar mit ſchwächerer und wenn auch ſcherzender, doch ſehr ent⸗ ſchiedener Stimme; Sie gefallen mir noch gar nicht. Ich will Ihnen die glücklich beſtandene Probe eines rief zum Schlif mit Ihrer B zird Sie behaln fühlt zu edel, gegen Sie gehe freute ſich des mern, verzweiſ ie Seele, ei auf die Haudi f der Satanst fünſtlichen 99 nſchunz. Sie wifen disponiten 1 fir die armne Wenn Sie da gefa llen mi gte Dankmè 1 der doch ſth del/ M nir noch gä ne Probt nde polizeilichen Entdeckungstalentes in Pleſſen an einer gewiſſen Schmiede verzeihen. Was geſchieht nun, da Sie hier ankommen? Schickten Sie zu dem recht⸗ mäßigen Beſitzer Ihres Fundes? Oder hatten Sie den Namen vergeſſen, den Sie ſchon in Hohenberg wollen gewußt haben? In der That hatt' ich Das! Ich ließ Sie in der Zeitung auffordern, ſich zu melden... Zwölf Stunden vor dem Attentat auf meine Woh⸗ nung? Die Anzeige ſollte eine Falle ſein? Die Anzeige war in der Frühe des geſtrigen Ta⸗ ges in die Zeitungsbureaux geſandt worden. Inzwi⸗ ſchen kamen von Seiten meiner Vollmachtgeber die ärgſten Anklagen gegen Sie und die erneuerte Nen⸗ nung Ihres Namens. Sie arbeiteten ſelbſt in dieſem Prozeß! Sie kannten die Geſchichte deſſelben und eignen ſich durch Einbruch die Urkunden des alten Tempelhauſes an! Zum Henker, Herr, dies alte Tempelhaus iſt die Wohnung meiner Eltern geweſen. Welches Gericht will mir verwehren, in meinen eignen vier Pfählen eine hohlklingende Wand zu unterſuchen? Hör' ich da den Juriſten ſprechen? Unmöglich! Geſtehen Sie, daß Sie ſich von dem Intereffe, das Ihre Perſon, Ihre Familie an dieſen Urkunden neh⸗ Die Ritter vom Geiſte. IV. 28 434 men muß, haben verleiten laſſen, eine unerlaubte Handlung zu begehen! Meine Perſon? Meine Familie? Was wiſſen Sie— Glauben Sie, daß ich den Inhalt des Schreines nicht kenne? Sie haben ihn— Wieder öffnen laſſen, wie billig. War ich als Anwalt der Stadt nicht in meinem Rechte? Sie ha⸗ ben wahrſcheinlich noch mehr entwandt... dies Mehr mußte bei Ihnen geſucht werden... Dankmar ſchwieg, weil ihm die furchtbarſte Auf⸗ regung die Worte raubte. Der Juſtizrath ſetzte ruhig hinzu: Die in Angerode gelegenen Beſitzthümer der pro⸗ teſtantiſch gewordenen Johanniter ſind eine Dependenz der hieſigen St.⸗Johanniskirche. Der Schrein mit dem Kreuz gehört zu unſerm Archiv und wird in un⸗ ſerm Prozeß eine Rolle zu ſpielen haben. Das hoff' ich! ſagte Dankmar mit großem Nach⸗ druck. Ich begreife nun vollkommen, daß man mir, einem Hülfsarbeiter dieſes Prozeſſes, zugetraut hat, ich hätte mir eigenmächtige Eingriffe in den Gang deſſel⸗ ben erlauben wollen... So iſt es, Herr Referendar.. Man gibt mir vielleicht Schuld, ich hätte im In⸗ — 43⁵ tereſſe des Staates, dem ich diene, gegen die Stadt Etwas unternehmen wollen.. Sie treffen das Richtige! Aber Sie haben in den Papieren geleſen? Geblättert... Entdeckten Sie meinen Namen? Wildungen? Er iſt ſeit dreihundert Jahren oft genug in dieſem Prozeſſe genannt worden. Fanden Sie nicht Urkunden, die Ihnen auf den erſten Anblick zeigten, daß ich ein ſehr begründetes, perſönliches Recht für meine Familie an dieſen Akten gefunden habe? Daß ich... nicht wüßte. ſtammelte unent⸗ ſchloſſen Schlurck. Nun, Herr Juſtizrath, ich hoffe Ihnen noch in Zukunft beweiſen zu können, daß ich die entſchiedenſte Abſicht hatte, nichts von meinen Entdeckungen zu unter⸗ ſchlagen, ſondern ſie zu einer ganz neuen Diverſion— der großen Streitfrage zwiſchen dem Fiskus und der Stadt⸗Kämmerei, zwiſchen dem Fürſten und den Bür⸗ gern, öffentlich zu benutzen! Sie überraſchen mich... Ihr Mistrauen, das Mistrauen Ihrer Clienten hat Sie zu weit geführt. Sie haben geglaubt, noch 436 —— mehr Eroberungen aus dem Archiv von Angerode bei mir anzutreffen— Allerdings.. Ich fehlte darin, daß ich wußte, Sie haben mei⸗ nen Schrein gefunden und nicht geſtern ſchon bei Ih⸗ nen vorſprach— Es erweckte Verdacht... Nun wohlan! So bitt' ich jetzt um zwei Dinge. Erſtens— Nehmen Sie doch Platz! Regen Sie ſich doch nicht ſo auf, mein Verehrteſter! b Erſtens: Die Diener der hier ſo ſonderbar eiligen Hermandad haben ſich ein Bild, ein mir und andern Perſonen ſehr theures Bild angeeignet... Das zum Angeroder Archiv gehörte? Die Dummköpfe müſſen Das geglaubt haben... Oder Ihre Inſtruction war zu allgemein. Was iſt das für ein Bild? Ein Bild, das einer Perſon gehört, die Ihnen ſelbſt ſehr theuer ſein ſollte, dem Prinzen Egon von Hohenberg. Wie kommen Sie. Ich brachte es von Hohenberg... Ei! ei! Ein Bild! Geheimrath von Harder wird das vermiſſen. Sie wiſſen doch, daß ihm die Ver⸗ 4 erode bei laſſenſchaft der Fürſtin Amanda nach der Reſidenz zu führen aufgetragen war. Doch thut Das nichts. Die Familienportraits, wenn es eins derſelben war, bin ben mei⸗ ich beauftragt, dem Prinzen zurückzuſtellen. bei Ih⸗ Der Oberkommiſſär Par, bei dem ich eben war, behauptet auch in der That, in dem Bilde eine Re⸗ clamation des Geheimraths von Harder entdeckt zu i Dinge haben und ſchickte es Dieſem zur Recognition„.. Es iſt der kürzeſte Weg, es in meine Hand und ſich doch dann in die des leider erkrankten Prinzen Egon von Hohenberg zu bringen. t allgen Aber Sie wiſſen nicht, daß ſich an dieſes Bild danden Geheimniſſe knüpfen, die das Intereſſe der ganzen Hohenbergiſchen Familie betreffen. Sie ſind der na⸗ türliche Anwalt dieſer Intereſſen... ben Sie überraſchen mich... Jns Wenn eine unberufene Hand... 4 Geheimniſſe? Ein Bild? Fürchten Sie doch nichts! Alles! Alles! Auf dies Bild hat im Auftrage der ſeligen Fürſtin Amanda nur Ein Menſch auf Er⸗ den die gerechteſten Anſprüche, der ehemalige Erzieher 1 des Prinzen Egon, der frühere Pfarrer Rudhard... Pfarrer Rudhard? Ich kenne ihn. Ich weiß, daß 41 er hier iſt, mit der Fürſtin Wäſämskoi! Aber ich ſtaune... Der? Welche Anſprüche? Was iſt damit? O Gott! Jede Minute der Verzögerung, jeder Augenblick, wo dies theure Bild in den Händen einer Pauline von Harder iſt, kann die Quelle ewigen Lei⸗ dens für den Prinzen Egon werden. Ich zittere. Beſter Freund, wie dank' ich Ihnen! Da ſoll eiligſt— Aber geben Sie mir Aufklärung! Rudhard ſoll ſie Ihnen geben. Schicken Sie ſo⸗ gleich zu Herrn von Harder, fordern Sie alle Fami⸗ lienbilder zurück! Sie wiſſen nicht, welcher unſäg⸗ liche Aufwand von Schalkheit, Liſt und Charakter angewandt wurde, um dahin zu gelangen, wo wir jetzt uns befinden, an der Gefahr, eingeſtehen zu müſſen, daß Alles vergebens war! So ſchick' ich ſogleich zum Geheimenrath! Warten Sie einen Augenblick! Schlurck ſchellte. Es kam ein Diener ſeines Bureaus. Er ſchrieb, während oben die drei Lauſcher ſich bedeutſam und hoffnungsvoll anlächelten, einige Zeilen an den Ge⸗ heimenrath, ſiegelte ſie, nachdem er ſie Dankmarn hatte leſen laſſen. Dieſer war, eben ſo von der ver⸗ lorenen Nacht, wie von den gewaltigen Eindrücken des Morgens, erſchöpft und ſaß faſt abgeſpannt im Seſſel... Schlurck wurde immer freundlicher und, zuthunlicher. Seine Geiſtesgegenwart verließ ihn kei⸗ 9, jeder hen einer igen Lei⸗ Ihnen! lärung! Sie ſo⸗ le Fami⸗ unſäg⸗ harakter wo wit tehen zu Warten ſchrieb, ſam und den Ge⸗ ankmarn der ver indrücen annt im cher und ihn 439 nen Augenblick. Als der Diener ſich entfernt hatte und Melanie durch die eingetretene Stille und die Er⸗ wähnung des Bildes, an dem ſie ſo ernſtlich bethei⸗ ligt war, ſich auf eine gemüthlichere und wärmere Wen⸗ dung des Geſpräches gefaßt machte, begann Schlurck: Und nun: Ihr gefälliges Zweitens? Sie ſprachen doch von— Zweitens, ſagte Dankmar, ich wünſchte nun zu wiſſen, wo ich den nur mir gehörenden, in der Woh⸗ nung meiner Eltern gefundenen Schrein mit dem Kreuze und ſeinem wichtigen Inhalte wiederfinde? Wo iſt er? Ich muß ihn haben... Der Juſtizrath machte hier eine große Pauſe. Deutlich hörte man, daß er auf die Doſe klopfte und ſich zu einem vertraulicheren Geſpräche rüſtete. Bello war ſtill. Melanie, die Mutter und Bartuſch hielten den Athem zurück. Lieber Herr Wildungen, ſagte Schlurck, erholen Sie ſich. Sie haben die Nacht durchwacht. Sie ſind erſchüttert von den Erlebniſſen des Morgens. Ich geſtehe, daß ich ungern dem Drängen meiner Clienten nachgab. Sie glauben nicht, wie reizbar über dieſe Angelegenheit die ganze Commune iſt und wie leiden⸗ ſchaftlich ſich einige der eifrigſten und hitzigſten Ver⸗ 440 fechter ihrer Intereſſen über die Angeroder Archiv⸗ entdeckung und Ihr, läugnen Sie es nicht, eigen⸗ mächtiges Verfahren ausgeſprochen haben. Sie früh⸗ ſtückten noch nicht, lieber Herr Wildungen, darf ich—? Bitte! Bitte! Ich freue mich wahrhaft, Sie wiederzuſehen. Ahnte Das nicht im Heidekrug, als Juſtus ſo wohlbehäbig ſein dummes Juſte⸗Milieu auftiſchte und der kecke Hand⸗ werksgeſell am Fenſter ſchnarchte! Ahnte auch nicht, daß Sie meiner Familie ſo viel Liebenswürdigkeit erwieſen... O Herr Juſtizrath! Sie kehren die Rolle um. Ich bin der verpflichtete Theil. Man war ſehr lie⸗ benswürdig gegen mich. Nein! Meine Frau hat mir nicht genug erzählen können von Ihrer Artigkeit, Ihrer Zuvorkommenheit... Es iſt ſehr komiſch, ja! Man war höchſt char⸗ mant gegen mich. Nur Schade, man hielt mich für den Prinzen Egon. Schlurck lachte überlaut. Mein altes Faktotum, ſagte er und griff in ſeine Doſe, mein alter Bartuſch will immer ſchlau ſein und von dem vielen Ohrenſpitzen wachſen die Ohren auch manchmal zu hoch und aus einem Fuchs wird ein Eſel. Bartuſch zuckte oben, als er dieſe Anzüglichkeit hö⸗ ren mußte, mitleidig die Achſeln. 441 Archir Sie verwundete ihn nicht im geringſten, ſo laut :, eigen ſie auch Schlurck hervorhob, um ſie ihm anzuhören Sie frih zu geben. ffich- Schlurck wußte, daß oben gelauſcht wurde. Ich hätte ſchon geſtern Ihren Damen meine Auf— n. Ahnte wartung machen ſollen, ſagte Dankmar gelaſſener. hlbehäbig Ich bitte, mich bei Ihnen zu entſchuldigen. Sie wa— ke Hand⸗ ren ſehr gütig gegen— gegen den Prinzen Egon. titt daß Melanie biß ſich auf die Lippen, was ihr immer ieg⸗ ein ſehr leidenſchaftliches Anſehen gab. 2 fi Eſſen Sie heute bei mir! Was? Hm? Was? „ Wollen Sie? ſchmunzelte der Vater. ſehr ie Ich danke... war Dankmar's kalte Antwort. 3 Meiner Frau haben Sie's angethan, Herr Wil⸗ enzühle dungen... und Melanie... nun, Das werden Sie enheit beſſer beurtheilen können. Sie haben Menſchenkennt⸗ iſt ch⸗ niß, Mann! nich ſü Worin? Schlurck blinzelte mit den Augen. Nun, ſagte er mit künſtlichem Lachen, ich verſichere Ihnen, meine Frauen ſind faſt verletzt, daß Sie ge⸗ ſein um ſtern nicht ſchon kamen. Ich lebe in zu dürftigem ren auch Zuſammenhange mit den Meinigen— Hätt' ich Sie ein Gſe ſchon geſtern wiedergeſehen, wie leicht würde man ſich ckeit! verſtändigt haben! Ihr Feuer, Ihre Offenheit, das 442 ſind unwiderſtehliche Sieger, die ſich den Eingang zu jedem Herzen zu bahnen wiſſen. Der Juſtizrath war dem jungen Manne, den er zu ſeinem Schwiegerſohn haben wollte, ſo nahe ge— rückt, daß er ihm mit Vertraulichkeit auf die Kniee klopfen konnte. Dankmar rückte ſeinen Seſſel zuruͤck und ſtand auf. Herr Schlurck, ſagte er, ich bedaure, daß ich nun für's Erſte aufbrechen muß, um meinen Bruder zu beruhigen, der zu Rudhard geeilt iſt. Wollen Sie mir nun nicht ſagen— Sitzen Sie doch noch! Ei was, zu den Geſchäften iſt noch immer Zeit. Referendar? Hm! Hm! Ein Bruder? Rudhard? Wie alt ſind Sie denn, Herr Wildungen? Vierundzwanzig Jahre, Herr Schlurck. Vierundzwanzig Jahre! Hören Sie, da war ich noch nicht halb ſo weit wie Sie! Das heißt, an Witz und Verſtand. Im Apvancement freilich— Wollen Sie denn die Richtercarriere— Bin noch unentſchloſſen, wozu ich mich... doch genug, ich... Das geht ſo. In dieſen Zeiten! Ja, ja, Politik, Das wäre ein Feld für Sie! Nur ſchlimm, daß man zuviel einſetzt, wenn man freimüthig ſein will, und ingang zu ne, den er Hnahe ge⸗ die Kniee ſtand auf ß ich nun Brudet zu pollen Sie Geſchäften Hm! Ein die Zeit iſt nicht reif für uns; ein freimuͤthiger junger Beamter iſt bald abgenutzt. Und dem loyalen geht's kaum anders. Man belohnt ihn mit dem Bewußt⸗ ſein ſeiner erfüllten Pflicht. Der Teufel auch! Wär' ich jung, ich hielte mich immer links und nur Einmal paßt' ich auf den rechten Moment, um nach Rechts zu ſpringen. Wetter! Warum laſſen Sie ſich denn nicht wählen? Von vierundzwanzig Jahren kann man jetzt ein Perikles ſein und ich glaube, Pitt und For waren noch jünger, als ſie in's Parlament ka⸗ men... Es gibt beſſere Kräfte als die meinigen! Alſo auch beſcheiden! Bravo! Bravo! Wiſſen Sie, daß ich den Vorfall von heute früh recht bereue? Aber dieſe Fanatiker des Egoismus! Was haben ſie mich gequält! In den Ohren lagen ſie mir wie die Ver⸗ zweifelnden. Ja! ja! Sie ſollen bei den Gerichten in dieſer Sache recuſirt werden. Man will Sie ent⸗ fernt wiſſen aus der zweiten Abtheilung des Ober⸗ gerichts. Ja, ja! Das Alles geht vor... Wiſſen Sie's ſchon? Da ich bald ſelbſt Partei in dieſem Prozeſſe ſein werde, ſo kann ich natürlich für eine andre nicht mehr arbeiten— ich finde Das in der Ordnung. Selbſt Partei? Wie ſo? fragte Schlurck geſpannt. V 444 Herr Juſtizrath, ich muß aufbrechen. Wollen Sie mir alſo nun nicht— Ei, ſitzen Sie doch! Ein Glas Champagner? ¹ Was? Sie waren auf einem Ball: da will der Ma⸗ gen eine Anregung. Es iſt heiß. Dieſer Hundstags⸗ ſommer! Ich klingle— na? Ein Glas Madeira? Portwein? Sie ſind zu gütig, Herr Juſtizrath! Auch meine Nerven laufen nicht zum Feinde über. Sie bleiben mir treu und ſagen: Danke! O ſehr fein! Sehr ſchlau! O ich wußte es ja! 6 Melanie war entzückt von Ihnen... Ja, Sie Tau M ſendſaſa!... Meine Tochter zum erſten Male geſehen? f Zum erſten Male, Herr Schlurck. Ich ſprach ſchon im Heidekrug bedauernd davon, daß ich nicht früher 1 die Ehre hatte. Im Heidekrug? War etwas verwirrt im Heide⸗ krug! Ja! Ja! Ich beſinne mich. Was war's doch? Sie erwähnten Egmont.. Aha!„Freudvoll und leidvoll“? Nein!„Du wirſt ſie nicht verachten, weil ſie mein war!“ Richtig! Geldermann-Deutz! Reubund! Nun weiß ich Alles... Was doch Ideen-Aſſociation thut! Ja, ja, mein Töchterlein... Etwas keck, wild, nicht wahr? Wollen Sie ampagner! l der Na Hundstage Madeita Auch men Sie bleibe 445 Sie iſt hübſch, ſagt man. Sie hat's von der Mut— ter! Die ſchlanke Taille iſt von mir; ich bin mager, ſpindeldürr. Aber eine Taille muß ſein wie bei einer Wespe. Die Neigung zu compakteren Formen kommt erſt in ſpätern Jahren, junger Mann! Wie ſagt Hein— rich Heine?„Koloſſale Gliedermaſſen“... oder wie? Ah! Es gab eine Zeit, wo ich meinen Heine aus— wendig konnte. Ein gutes Mädchen, beſſer als ſie ſich gibt, meine Melanie. Haben Sie ſie reiten ſehen? Sie wollten im Heidekrug nicht, daß ich von Fräu— lein Melanie als einer Amazone ſprach. Ah, ja! Ah, ja! Ich entſinne mich— Richtig!... Nun, wiſſen Sie... Wahrſcheinlich dachten Sie an Herrn Laſally... Das war's! Sehen Sie, Sie kennen meine Em⸗ pfindungen... Ja, dieſer Laſally! Das iſt auch ſo ein Thema, wo der Menſch... Mein Bruder bewundert Ihr Fräulein Tochter, wie ich es that, wie Alle! Ihr Herr Bruder? Haben einen Bruder? Ja, ja, ich beſinne mich; aber hören Sie, nicht Alle! Wozu Alle? Einer und der Rechte, der die Zügel kurz zu faſſen verſteht. Das wäre mir lieber... ein Mann! 8 Ein Eroberer! Ein rechter Held! 4 46 — Herr Laſally! ſagte Dankmar boshaft. Der ver⸗ ſteht ſich auf kurze Zügel. Als Melanie dieſe Aeußerung hörte, war es ihr, als drehte ſich ihr das innerſte Leben um. Sie fühlte einen Schmerz zum Aufſchreien. Mit einem erſtickten Ah! ließ ſie die beiden an⸗ dern Lauſcher ſtehen und ſchlich ſich halbohnmächtig hinweg. Dieſes letzte Wort war zu grauſam geweſen. Schon die kalten Antworten, die Dankmar vorher gab, durchrieſelten ſie; aber dies letzte:„Herr Laſally! Der verſteht ſich auf kurze Zügel!“ ging über das Maß Deſſen, was ihr Stolz, ihre unleugbare Liebe ertragen konnte, hinaus. Schlurck hörte oben eine Thür gehen und verſtand, daß einer der Lauſcher ſich entfernt hatte... wer anders, als der wichtigſte, ihm wie ſein Leben liebſte... Sie gibt die Partie auf! ſagte er zu ſich ſelbſt mit Schmerz; hier iſt keine Freundſchaft möglich, hier iſt kein Bundsgenoſſe für mich! Noch einmal verſuchte er noch, an Dankmar's Herz zu klopfen. Noch einmal ſagte er: Heirathen Sie nur nicht zu früh! Ein junger Mann, der eine bedeutende Zukunft erſtrebt, darf nicht in die Knäuel der Strickſtrümpfe gerathen... —— — eien beiden d ohnmaͤcht err Laſall über de gbare Ae d verſtan wer andere ebſte wſich ſt niglich hie Dantma jung Ein frich sarf ml , dal 447 Ich danke Ihnen, Herr Schlurck, antwortete Dankmar kalt, für dieſe Rathſchläge, die ganz mit meinen eigenen Empfindungen zuſammenſtimmen. Mein Herz iſt glücklicherweiſe derjenige Muskel mei⸗ nes Körpers, dem ich ſeit früheſter Jugend, vielleicht durch zeitige Uebung, eine große Kraft verlieh. Dieſer Muskel beſitzt viel Elaſtizität und ich habe ihn darin mit einem guten Magen auf eine Linie geſtellt, ich fühl' ihn nicht zu lebhaft. Ein Weiberfeind? Geiſt und Schönheit können mich feſſeln... doch nur vorübergehend... flüchtig. Und dieſe Erfahrung machen Sie überall? Bis jetzt überall! Ich habe einen zu kalten Ver⸗ ſtand. Ich durchſchaue zu bald die Eitelkeit und die Schwäche der Frauen, und wenn mich etwas entzückt hat und ich ſehe dann, daß Das, was mich blendete, doch nur ein flüchtiger Schimmer iſt und keine Grund⸗ ſätze, keine Bürgſchaften für die Zukunft geboten wer⸗ den, und ich nun erſt ſelbſt, als Mann, ich Schwan⸗ kender, ich Egoiſtiſcher, ich Grauſamer, nur auf mich und meine Citelkeit ohnehin Bedachter... doch was verſchwend' ich die Zeit! Der kleine Kläffer, Bello, mahnt ſchon wieder, daß wir ein Ende machen... Damit ſtand Dankmar auf und Schlurck wußte 448 nun entſchieden, daß er für Melanie nichts zu hoffen hatte. 4 Er wurde ernſt und nahm ſich zuſammen und fiel in ſeinem Zorn erſt auf Bello. Sie haben Recht, das Thier iſt unerträglich, ſagte er, und ſchien zu erwarten, daß ſich Dankmar empfahl. Nun— ſagte aber dieſer ſtaunend... und der Schrein? Die Dokumente? Schlurck antwortete kalt: Sind im ſtädtiſchen Archiv. Die Papiere werden bei den Akten figuriren.. In der That! Wirklich? O, Das iſt ſeltſam! Schreiben Sie dieſe Unannehmlichkeiten dem Ihnen wohlbekannten Gange der Geſetze zu! Wer hat die Aufſicht des ſtädtiſchen Archivs! Einer unſerer gefeiertſten Alterthümler, dem wir die treffliche Abhandlung über die allmäligen Ver⸗ änderungen unſeres Stadtwappens verdanken... Propſt Gelbſattel! Dankmar ſtampfte zornig mit dem Fuße auf. Er fühlte ſich zu unglücklich über dieſe ihm uner⸗ wartete Wendung der Dinge. Er ſah den Schrein im Geiſte geöffnet, die Do⸗ ts zu hoffen nen und fiel unerträglich, ch Dankmar jere werden ſellſam! dem Ihnen lrchivs! c, dem wir Ner⸗ aligen Ver n Propſt 449 kumente, die für ihn und ſeine Familie ſprachen, ver— nichtet. Wer konnte ihn ſchützen? Sie ſahen die Papiere nicht? rief er. Wiſſen nicht, daß ich in der Lage bin, Das, was etwa fehlen ſollte, mit Aufopferung meines Blutes zurückzuverlan⸗ gen und daß ich beſchwören würde, Die, die etwa gewiſſe Papiere unterſchlagen hätten, gehörten als Schurken und Böſewichter an denſelben Pranger, der an der Ecke dieſes Rathhauſes durch eine eiſerne Kette bezeichnet wird? Ich weiß nichts, was Veranlaſſung zu ſo gewalt⸗ ſamen Reflexionen gäbe; antwortete Schlurck kalt. In furchtbarer Aufregung und wie von dem ra⸗ ſchen Entſchluſſe, zu Gelbſattel zu eilen, getrieben, öffnete Dankmar die Thür, ohne ein Wort des Ab⸗ ſchieds. Bello, der längſt ſchon mehre Mal wieder an die Thür des Vorzimmers gekratzt und ſich nicht hatte beruhigen laſſen, ſprang nun wie wüthend in das Zimmer und faßte, ungehindert durch ſein lahmes Bein, in grimmiger Verbiſſenheit die Zipfel von Schlurck's ſeidenem Schlafrocke, zerrte und kratzte an ihnen herum, daß der geängſtete Juſtizrath im Zorn den in der Thür ſtehenden und die Mütze beſcheiden in der Hand haltenden Peters anfuhr: Die Ritter vom Geiſte. IV. 29 — 450 Die Beſtie fort! Zum Haus hinaus! Zum Haus hinaus! Ihr Geſindel! Dankmar ſtutzte, biß die Zähne zuſammen und ſagte zu dem verdutzten Peters: Der Schrein iſt verloren! Bello aber, das treue, wachſame Thier, hatte eine andre Fährte, als dem menſchlichen Organe möglich war. Schon zehn Jahre war das kleine Thier ein treuer Wächter auf den Güter⸗Wägen ſeines Herrn geweſen. Es ſchien den Duft von Angerode, ja den Duft des Strohes zu erkennen, mit dem man in Thüringen die Frachtgüter verpackt. Winſelnd und wie luſtig und ausgelaſſen kläffend war es in eine Niſche des dunklen, nur von einem Hoffenſter er— leuchteten Zimmers geſprungen, hatte eine Tapeten— wand faſt umgeworfen und Peters ſchrie ſchon lachend: Nichts verloren! Da iſt das Kreuz! Bello, iſt's möglich? rief Dankmar. Aufgeladen! ſagte Peters, der den vorigen ganzen Streit gehört hatte, zu ſich ſelbſt, und in demſelben Augenblicke ſchon hatte der treue Fuhrmann ſich gebückt, den Schrein gepackt, und war im Begriff, das gefun⸗ dene Gut auf die Schulter zu heben. Das war zuviel für den Juſtizrath. Er ſtand Zum Haus ſammen und er, hatte eine ane möglich ee Thier ein ſeines Hertn rode, ja denr em man in zinſelnd und es in eine offenſter el⸗ ne Tapeten⸗ hon lachend: rigen ganzeln 1 demſelben j ſi ch gebücht das gefün⸗ E ſtand — 1 todtenbleich, hatte aber doch noch den Muth, raſch die Hand des Fuhrmanns zu halten... Dankmar ſprang hinzu, riß den Deckel auf, griff in den Schrein, fühlte, daß er voller Schriften war, fühlte die Siegel der Pergamente und im Triumphe faßte er an, ſchleuderte den Juſtizrath zurück und hob den eroberten Schatz auf Peters' markige Schultern. Schlurck war einer Ohnmacht nahe.... Er klingelte. Bartuſch fühlte, daß es Zeit war, ihm beizuſpringen. Er gab die allein wichtigen Papiere, die er in den Händen hatte, raſch der Mutter, die von Alledem nichts begriff und nur zu Melanie eilte, um ihr zuzu⸗ ſchreien: Schließ die Papiere ein!... und ſtieg pol⸗ ternd die Wendeltreppe hinab... Ahl rief der Juſtizrath und athmete auf. Bar⸗ tuſch, Sie werden eine neue eigenmächtige Handlung des Herrn Wildungen bezeugen. Mein junger Mann, ich warne Sie ernſtlich! Sie werden Ihre Vermeſſen⸗ heiten bitter bereuen! Und Sie Ihre Lügen, Ihre Verſtellungen, Ihre Heucheleien, Ihre Sittenloſigkeit! rief Dankmar, als Peters ſchon vorausſchritt und mit der rechten, freien Hand ſeinen Bello liebkoſte. 29* 452 Welche freche Stirn! antwortete Schlurck, der die verletzenden Erfahrungen von geſtern in ſeinem eignen Hauſe nicht wieder erleben wollte. Die Stunde wird ſchlagen, ſagte Dankmar noch im Vorzimmer ſich umwendend, für Vieles, was ſchlummerte! Die Zeugen gegen Ihr Haus mehren ſich! Die, die auf dem Krankenlager liegen, werden geneſen! Die, die bei der Nacht wandeln, werden noch auf andre Namen, als den Namen ,Friitz Hackert“ erwachen. Das geweihte Kreuz auf dieſer Truhe wird reinen Händen den Muth zu einem Kampfe geben, deſſen Schlachten mehr erſchüttern ſollen als nur die Ruhe eines gewiſſenloſen Notars! Damit ging Dankmar und ſuchte die Luft der Straße, um ſeine furchtbar klopfende Bruſt zu er⸗ leichtern. Bartuſch aber flüſterte raſch dem entfärbt und er⸗ ſchöpft in ſeinen Voltaire-Seſſel ſinkenden Juſtiz⸗ rath zu: Beruhigen Sie ſich! Die Papiere, die doch der Rahm an der Sache ſcheinen, liegen ja oben! O wären ſie mit ihm gegangen! ſagte Schlurck vernichtet. Wären ſie in dem Schrein geblieben! Ich fühle mich nicht ſtark, ſolche Scenen zu ertragen! Ich bin kein Schurke! Ich bin kein Dieb! Weg von nem eignen ankmar noch Vieles, was gen, werden In, werden amen„Fri „auf dieſen ¹ einem erſchüttern ſen Notars! ie Luft der 453 mir Bartuſch! Weg! Weg! Ihr Alle ſeid mein Ver⸗ derben! Meine Schwäche iſt mein Elend! Ihr treibt mich auf ſchlimme Wege, die mir fremd ſind. Ihr treibt mich in die Schande! Tragen Sie ihm die Dokumente nach! Fort! Fort! 2 Nimmermehr! rief Bartuſch. Juſtizrath! Beſon⸗ nenheit, Muth! Bedenken Sie, was der Propſt ſagen würde! Mann! Warum haben Sie Heimlichkeiten vor mir, vor Ihrem treueſten Anhänger, vor Ihrer linken Hand, wenn Ihnen die rechte zu müde wird, ja vor Ihrer rechten, wenn Sie mich ſchalten ließen und Farbe halten könnten! Juſtizrath! Juſtizrath! Wir unterſchlagen dieſe Papiere! Wir vernichten, wir verbrennen ſie! Schlurck ſchwieg. Er war ſeiner ſelbſt nicht mehr bewußt. Ein Bild ſtand vor ihm, das grauenhafteſte, das Bild ſeiner Schande! In Todesangſt griff er nach ſeiner kalten Stirn und flüſterte: Welche Bahn wandl' ich! . Ein guter Genius fügte nun aber Fol⸗ gendes: Peters öffnet ſchon das Thor und tritt mit dem Schrein auf die Straße. Dankmar liebkoſt den auf ſeinem lahmen Beine tänzelnden Bello und wirft im — Gehen einen flüchtigen Blick auf die mit Bildern ge⸗ zierte Treppe, die hinaufführte zu Melanie, zur Toch⸗ ter eines ſolchen Vaters, zu ihr, der ſüßen, himmli— ſchen Melanie; zu ihr, die im Mondenſchein in ſei⸗ nem Arme lag! Zu ihr, die ihn noch in dieſem Au— genblicke wie ein Zauber umſtrickte, trotzdem, daß ſein ſittliches Gefühl ſie verläugnen mußte! Da hört' er Geräuſch, wie von einer leicht von einem Felſen herunter ſpringenden Gazelle. Er erſtarrt... Es iſt Melanie! Freundlich und holdſelig, wie in Hohenberg, ruft ſie ihm von den letzten Stufen, von denen ſie ſich herabbeugte, zu: Sie böſer, undankbarer Mann! Das Bild, das ich Ihnen mit ſo vieler Mühe erobert habe, ließen Sie ſich wieder rauben. Iſt Das wahr? Melaniel ſagte Dankmar ſtammelnd und ſprachlos. Hier, fuhr ſie fort, hier, was ich Ihnen jetzt bringe, halten Sie Das feſter. Gehört es nicht Ihnen? Dankmar nahm, was ſie ihm darreichte... Es waren, auf flüchtigen Blick ſah er's, diejenigen Papiere, auf die in ſeiner Angelegenheit Alles, Alles ankam, die einzigen wichtigen, die entſcheidenden Papiere! Sein Schreck über die Möglichkeit, ohne ſie ge⸗ gangen zu ſein, die Ueberraſchung, Melanie nun wie⸗ Bildern ge⸗ „zur Toch⸗ en, himmli⸗ hein in ſei⸗ dieſem Au⸗ n, daß ſein leicht von enberg, ruft ſie ſich ſprachlos ahnen jebt icht Ihnen ¹ fe. diejenigen Alles, Alls „, en Papiele 455 derum als eine treue, aufopfernde, hingebende Freun⸗ din zu erkennen, wirkten ſo mächtig auf ihn, daß er ſich nicht ſammeln konnte und in ihrem Anblick ver⸗ loren daſtand.. Nun, ſagte Melanie harmlos, es ſind doch die Ihrigen, Wildungen? Wohl! Wohll Wie ſoll ich Ihnen danken! ſtam⸗ melte Dankmar und griff nach ihren Händen, um ſie beide zugleich zu küſſen. O! ſagte ſie, ſich leiſe entziehend; laſſen Sie's, ſehen Sie dieſe Hände! Voller Staub! Voller Moder! Es iſt meine Schuld nicht, daß Sie mir immer ſolche tolle Aufträge mit alten Bildern und Papieren geben. Sie! Laſſen Sie! O Melanie, wie tief beſchämen Sie mich! rief Dankmar und gab die Hände nicht her, er küßte ſie und drückte ſie an ſein Herz wie ein Verzückter. Was wollen Sie denn? fragte ſie mit Lippen, die ihr furchtbares Beben durch ſcherzhafte Laune ver⸗ gebens zu beherrſchen ſuchten. Grüßen Sie Ihren blonden Bruder! Laſſen Sie ſich nichts von ihm vor⸗ reden, was ich ihm für Sie aufgetragen hätte! Er iſt nur eiferſüchtig auf mich, weil ich den alten Pro⸗ feſſor Berg mit den ſchönen, weißen Locken mehr liebe als ihn und Alle— Euch Alle! Melanie! rief Dankmar, mußte Das ſo kommen? Nach jener Nacht in Hohenberg? Die wenigen Tage ſind wie Monden. Er konnte ſich nicht trennen. Huten Sie die Papiere beſſer wie das Bild! ſagte Melanie. Was wird nun mit dem Portrait, das der ſchönen d'Azimont ähnlich ſieht? Ja, die iſt ſchön. Kennen Sie ſie? Die ſollten Sie ſehen! Die würde Sie bezaubern. Ein, ein Bild nur, das Ihrige, Melanie, lebt in meinem Herzen! rief Dankmar und ſah tief in die zitternden, braunen Augen des Mädchens. Die Mutter ſagte mir, Sie hätten dem Vater böſe Dinge geſagt, fuhr ſie fort. Verſprechen Sie mir, ihm einige Zeilen zu ſchreiben und ihn um Verzeihung zu bitten? Wollen Sie Das?... Sie zögern?.. Selbſt Das nicht? Wildungen? Melanie, ich will zu ihm zurück, ich will ihm zu Füßen fallen, ihm danken... Das nicht! Das nicht! Jetzt nicht! Sie ſchreiben ihm und bitten um Verzeihung? Thun Sie's meinem Kindesherzen zu Liebe! Ja? Weiter nichts! Nur Achtung, Schonung, nur ein Wort der Bitte um Verzeihung! Ich thue es... Melanie! rief Dankmar willenlos. Sie 9' Stufe wenig Ihner ſinne 1 glaul gab Zeich ( Fenf tig ihre hatt grof und ſein Fre⸗ hoft And um gen Sie gehen? Sie bleiben nicht? Melanie? Sie ſteigen die Stufen hinauf... Sie fliehen... Immerzeine Staffel weniger zu meinem Glücke und meine Seele folgt Ihnen? Melanie? Dankmar ſtand noch eine Weile, ſich be⸗ ſinnend auf Das, was er erlebt hatte. Melanie war verſchwunden. Tief erſchüttert ſteckte er nun die wahren Be⸗ glaubigungen der Anſprüche ſeiner Familie zu ſich und gab Peters, der am Thorwege wartete, ein ſtummes Zeichen, voranzugehen. Er folgte ſchwankend. Er ſtand ſtill... Er wagte aber nicht, noch einmal aufzuſehen zu den Fenſtern, wo dieſe Zauberin wohnte, die ihn ſo mäch⸗ tig überraſcht, ſo plötzlich auf's neue in den Bann ihrer Liebenswürdigkeit und Schönheit eingeſchloſſen hatte. Er bedurfte des ganzen Hinblickes auf die große Aufgabe, die er ſich geſtellt hatte, auf die neue und eigenthümliche Anwendung, die er im Intereſſe ſeines Vaterlandes und des ringenden Geiſtes der Freiheit und der Menſchheitserlöſung von dem ge⸗ hofften glücklichen Erfolge ſeiner geltend gemachten Anſprüche auf ein großes Beſitzthum verſuchen wollte, um ſich von dieſen raſch aufeinander folgenden Schlã⸗ gen des Schreckens und der Freude zu einem klaren 458 Bewußtſein und der ihm eignen ruhigen Selbſt⸗ beherrſchung wieder zu ſammeln. Schlurck aber, der ſich mühſam die Wendeltreppe zu den Seinigen hinaufgeſchlichen hatte und von der zornfunkelnden Mutter, von dem die Hände entrüſtet zuſammenſchlagenden Bartuſch, dann von Melanie ſelbſt hören mußte, daß ſein Kind ſoeben dem„ab⸗ ſcheulichen“ jungen Manne die Papiere übergeben hatte, deren ihm höchſtwahrſcheinliche Entſcheidung ihm auch den zweiten Anhalt ſeiner heitern, bisher ſo ſorglos geweſenen Eriſtenz rauben mußte.. Schlurck zürnte nicht... nein, er Amarmte ſein Kind, drückte es wie ſeinen Rettungsengel an's Herz, war ſprachlos, zitterte vor Freude und konnte ſich vor Wehmuth nicht mehr faſſen... Die Mutter wollte verzweifeln, Bartuſch wollte zan⸗ ken... Melanie aber ſagte: Seid doch ruhig! Es iſt noch nichts verloren.. Seht, der Vater weint! Ende des vierten Buches. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. elbſt⸗ ndeltreppe Hvon der entrüͤſtet Melanie dem„ab üb ergeben iſcheidung bisher ſo Schlurch d, drückte prachlos, nuth nicht 5 polle zalt * ] * 1 1 3 — rey Gorirol Shart Green vellow Hed Magenta