efrkother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pr. 2 Mk. Pf. 3 2— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ lund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupferneee Ladenpreis erſetzt werdan — ——O:—— — Die Ritter vom Geiſte. Dritter Band. Die Nitter vom Geiſte. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkoy. Dritter Band. Zweite Auflage. ———— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1852. Drittes Buch. Die Ritter vom Geiſte. III. ——— Erstes Capitel. Das Examen. Die Geheimräthin Pauline von Harder winkte... Ernſt, der Bediente, der an der Thür des Garten⸗ ſalons verlegen harrte, verſtand das Zeichen ſeiner ſtrengen Gebieterin, trat an's Fenſter, öffnete— da ihn die bunten Malereien der Scheiben ungeſehen machten— und rief hinaus in den Hof... Nach einigen Sekunden trat noch der Bediente Franz ein... Franz ſah verſtört und überwacht aus... Die Ludmer fixirte ihn mit Habichtsaugen und griff zur Erhöhung ihrer geiſtigen Kraft und zur Un— terſtützung ihrer Würde in die Horndoſe diesmal mit einer gewiſſen Feierlichkeit. Ernſt hat uns von einem Bilde geſprochen, begann die Geheimräthin zu Franz gewendet, von einem Bilde, das der verdächtige Gefangene, von deſſen Haft im Thurme zu Pleſſen ich Bericht erhalten habe, hätte von. 1* 4 der Wand nehmen wollen. Er entſinnt ſich nicht, was es darſtellte? Eine ſchöne junge Frau... ſagte Franz. Schön? wiederholte die Geheimräthin mit einem eigenen ſpöttiſchen Tone. Ganz blaß gemalt, ſagte Franz und beſchrieb aus⸗ führlich das uns bekannte Gemälde, indem er von ſei— ner Verlegenheit ſich allmälig ſammelte. Die Geheimräthin betrachtete die Ludmer mit den ihr gleichfalls eigenen großen ſtechenden Raubvogel⸗ augen. Entſinnſt du dich, ein ſolches Bild in der Remiſe geſehen zu haben? fragte ſie erſtaunt. Es ſind im Ganzen vierzehn Bilder, ſagte die Lud⸗ mer. Ja, ja und auch runde ſind darunter und Pa⸗ ſtellbilder... Im Verzeichniß ſteht Alles genau angegeben, meinte Ernſt, und auch dies muß darunter ſein. Die Ludmer ſah nach dem Verzeichniſſe, das auf einem der kleinen Marmortiſche lag. Die Geheimräthin zählte die angegebenen Bilder und fand zu ihrem Erſtaunen... eins durchſtrichen. Wie kommt der Strich durch dieſe Nummer? fragte ſie mit großer Strenge. Die Bedienten ſahen auf das Verzeichniß und zuck⸗ ten die Achſeln... 4 Sie wußten nichts, als daß Exzellenz ſelbſt die Liſte bei ſich getragen hätte... In der Geheimräthin ſtieg ein Verdacht auf, ein immer lebhafterer, ohne daß ſie recht wußte, wo ſie ihre Vermuthungen anknüpfen ſollte. Hier las ſie von einem runden Bilde, in Me— daillenform... ein ſolches hatte man entwenden wol⸗ len... und nun fehlte es! Zornig fuhr die Ludmer die Diener an, ſie ſollten jetzt nur gleich geſtehen, wo dies Bild hin wäre und warum überhaupt Franz nun erſt mit dem Landau nachkäme... Die Diener ſtanden verlegen... Sie blieben ſtumm. Die Frauen wußten, daß Beide gewohnt waren, immer nur den Willen ihrer Herrin zu thun und vom Geheimrath keine Notiz zu neh⸗ men... ſie konnten kaum mistrauen. Es kam aber doch zu einigen Erörterungen. Die Diener ſollten erzählen, was Alles zuvor auf dem Schloſſe ſich Verdächtiges ereignet hätte... Wie groß war da freilich Paulinen's Beſtürzung, als ſie die durch Melanie's Mädchen entſtandene Plau— derei, die Hackert erfahren und Dankmarn gemeldet hatte, nun auch ihrerſeits in Erfahrung gebracht zu haben geſtanden und der Geheimräthin eröffneten, es wäre ſpäter ein verdächtiger Menſch, der mit dem 6 4 Handwerker im Thurme auffallend vertraut geweſen wäre, auf dem Schloſſe erſchienen, hätte dort bei den Damen außerordentliches Glück gemacht, den Ge⸗ 341 4 heimrath ſogar in ſeinem Glanze ſozuſagen ausgeſto⸗ chen und man hätte ſich zugeflüſtert, dieſer junge Mann wäre kein Anderer als der Prinz Egon von Hohen⸗ berg... Einen heftigern Schlag konnte Pauline nicht fühlen. Der Sohn ihrer Todfeindin, ein junger Mann, der ihr aus vielen Gründen ſelbſt verhaßt war, erſcheint auf dem Schloſſe halb unerkannt und in dem wich⸗ tigen Augenblicke, wo ſie ſich jedes von ſeiner Mutter 4 nachgelaſſenen Schnitzelchens und Spahnes bemäch⸗ tigen wollte, um... gewiſſe alte Dinge im Keime zu erſticken! Sie wußte, daß der Prinz von Paris hier angekommen, dann plötzlich ſogleich verſchwunden war, ſie hatte durch Rapporte aus dem hohenbergi⸗ ———:—:—⸗—xx:::— ſchen Palais eine Ahnung von Dem, was die Diener 1. erzählten und dafür als Jeannetten's Quelle einen vom Juſtizrath Schlurck angekommenen Brief erwähnten...„ Sie ſah ihre gewagteſten Vermuthungen eingetroffen und mußte ſich auf einem ihrer ſeidenen Polſter erſt 40 ſammeln, bis ſie reden konnte. Die Ludmer, umſichtiger, weil minder leidenſchaft⸗ lich als ihre Gebieterin, ſetzte das Eramen fort. „7 Dlie Bedienten kamen auf die Vorfälle im Heide⸗ krug... Daß dort der Fremde, in dem ſie den Prinzen vermutheten, wieder auftauchte, erſchien ihnen, ſagten ſie, auch da im höchſten Grade verdächtig, ſie hätten dem Geheimrath es, wie ſie ſagten,„ſtechen“ wollen, aber... hier fingen die beiden geſchäftigen Livree⸗ Sklaven an zu ſtocken... zu erröthen, ſich gegen⸗ ſeitig verlegen anzublicken. Den Frauen entging davon nichts. Was habt Ihr? hieß es. Nichts! war die zögernde Antwort... Aber bald ſahen die Frauen, daß ihnen gewiſſe Dinge verſchwiegen geblieben waren und daß ſie ſehr gut gethan hatten, dem ſpäter angekommenen Franz zu verbieten, ſich erſt auf's Hofamt zum Geheimrath zu begeben. Was wußten ſie? Die Bedienten berichteten... Sie wußten, der Geheimrath war geſtern Nacht mit dem großen Möbelwagen angekommen, auf deſſen Bock er, wie er ſagte aus Vorſicht, bis zum Stadt⸗ thore ſelbſt geſeſſen hätte. Später nahm er am Thor einen Fiaker... Man hatte den Geheimrath Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderſtein beim Thee, nachdem ſich 5 38 der Maler Heinrichſon entfernt hatte, über dieſe Sorgfalt ſchon geſtern ſehr ausgelacht und in der Freude, den möglichen Verſteck von Memoiren, die zwei Jahre lang nicht erſchienen waren und doch exiſtiren ſollten, in der Wagenremiſe unten ganz ſicher zu wiſſen, ihn ſehr anerkannt und gelobt, trotz der lächerlichen Figur, die der ernſte Mann auf dem Bock des Möbelwagens gemacht haben mußte... Jetzt aber erſchien ſeine Aufopferung plötzlich ver⸗ dächtig. Man begriff nicht, wie er Franzen hatte, wie die— ſer ſagte, verſchweigen können, daß er mit dem Trans⸗ portwagen fahre und als dieſer ſich verwirrte und ſein ſpäteres Eintreffen keineswegs, wie der Intendant, mit irgend einem Uebel der Pferde entſchuldigte, mußte denn vorläufig ſchon dieſe Wahrheit an den Tag, daß auch Ernſt geſtand, die Erzellenz keineswegs gleich beim Ausfahren auf dem Bocke bemerkt zu haben. Man wäre mit dem Transportwagen vorausgefahren, in der feſten Meinung, der Landau käme ſogleich nach, und als das eine Weile gedauert hätte und man an eine Ecke und ſonſt ſich ſchlängelnde Wege gekommen wäre und ſich dem Glauben hingegeben hätte, der Landau würde ſchon nachkommen, da... Da? — 88 — — — D... Um des Himmelswillen, riefen die Frauen, wo war denn da die Exzellenz? Franz war nun ebenſo neugierig wie die Damen und blickte Ernſten an... Als Ernſt in äußerſter Verlegenheit erſt ſchwieg, dann zur Erde blickte und von der Ludmer ein wenig in handgreiflicher Sokratiſcher Methode an der Schul⸗ ter gerüttelt worden war, ſagte Franz endlich: Wir ſuchten Exrzellenz im ganzen Heidekrug und ich hätte ſchwören mögen, er wäre uns gemordet wor⸗ den. Sein Bett war nicht berührt. Wie er am Abend ging und ſtand, ſo war er am Morgen verſchwunden. Nun war es an Ernſt, zu reden.. Ueber und über roth, ſchwieg er aber noch immer... Pauline pflegte in jungen Jahren bei ähnlichen Fällen an ihren Leuten durch eine kräftig eingeſetzte, mit Geſchicklichkeit an die Wange applicirte Ohrfeige deren Trieb nach Wahrheit zu unterſtützen. Schon fühlte Ernſt etwas von den Vorbereitungen eines Rück⸗ falls in dieſe freundliche Ermunterungsmethode, als er lieber aus eigenem Anreiz der Wahrheit entgegen kam und ſeine Bereitwilligkeit, Geſtändniſſe zu ma⸗ chen, durch ein ſchadenfrohes, boshaftes Lächeln nun ſchon im Voraus ankündigte. 0 ——— ¹ 1 1 10 Aha! Er lacht! Was iſt? ſagte die Ludmer. Ernſt wandte ſich nun wie verſchämt um, und meinte ganz einfach: Es iſt eine kurioſe Geſchichte! Dieſe Einleitung genügte vollkommen, ſpannte aber auch die Neugier der Frauen auf's Höchſte. Geheimrath waren wirklich mit uns gefahren auf dem Transportwagen, ſagte Ernſt ſchlau; wir hatten ihn nur nicht geſehen. Nicht geſehen? fragte die Ludmer und ihre Gebie— terin ergänzte mit ganz gewöhnlicher auf die Würde des Intendanten nicht Rückſicht nehmender Phra⸗ ſeologie: Wo ſteckte er denn? Drin im Wagen, ſagte Ernſt und platzte mit längſtverhaltenem Lachen ſo hervor, daß die Toilette der Damen faſt in Gefahr kam. In dem Transportwagen drin? riefen die Frauen. Erzellenz ſaßen im Transportwagen drin und hat⸗ ten auch drin geſchlafen, fuhr Ernſt fort. Ja! ja! aus Wachſamkeit ganz inwendig geſchlafen! Erſt nach— dem wir eine Stunde gefahren waren, hörten wir immer was ſo ſonderbar rufen. Es war, als ſpukt' es oder als wären Ratzen in den Möbeln, ſo ſonder— bar klopfte es. Erſt wußte die Gendarmerie nicht, 4⁸ Ir 11 wo's herkam. Hernach aber merkten wir's, daß es doch von inwendig kam und keine Ratzen waren. Halt! dachten wir, da hat ſich Einer drin gefangen, und ſchon berathſchlagten wir, was nun zu thun. Das Klopfen aber hörte nicht auf und ſtatt jjeder Antwort auf unſer:„Wer iſt denn da drin?“ beka⸗ men wir wieder das Klopfen. Da machten wir denn die Stange los und öffneten behutſam, wie wenn Einer Vögel lebendig gefangen hat und die Falle auf⸗ macht. Wer kroch in Lebensgröße heraus? Exzellenz! Von Fragens war natürlich keine Rede; denn Erzel⸗ lenz waren furchtbar ungnädig, winkten mit der Hand und ſetzten ſich vorn auf den Bock, wo ſie ſehr wenig geſprochen haben, nichts aßen und nichts tranken als eine Taſſe Kamillenthee in einem Dorfe... und mir verboten haben... 4 Verboten? rief die Geheimräthin mit ſatiriſcher, von der Vorſtellung des aus dem Kaſten kriechenden Gatten zum Lachen höchſtgeneigter Miene; verboten, von dieſer Aufopferung zu ſprechen? Das Abentheuer iſt ſo amüſant, was iſt da zu verbieten? Sie betrachtete dabei mistrauiſch mit den Augen zwinkernd die Ludmer. Die Ludmer aber, die nie etwas ganz ſchwarz ſehen konnte, lachte über die Maßen. Das Kinn — 12 wackelte ihr vor Entzücken über den eingeſchloſſenen Geheimrath und weit entfernt, dem Zuſammenhang ſo⸗ thaner Misverſtändniſſe nachzuſpüren, hielt ſie ſich ganz einfach an das komiſche Factum, wie der hagere, ſteife, ſtolze Herr müßte ausgeſehen haben, als er aus ſeiner Falle herausgekrochen gekommen wäre. Falle ſagſt du, Charlotte? wandte ſich die Ge⸗ heimräthin zu ihr. Falle? Wer hat ihm denn eine Falle geſtellt? Wie iſt denn der Geheimrath hinein⸗ gekommen in den Wagen, von dem mir doch geſagt wurde, daß er von Euch und zwei Bewaffneten be⸗ wacht war? Jetzt blickten die Diener wieder ſcheu zur Erde und verriethen, ohnehin durch die Konfrontation ver⸗ legen, was ihnen Ferneres vorgeſtern Abend begeg⸗ net war. Dies kam denn darauf hinaus: Der Geheimrath hätte die übrige von Hohenberg nachkommende Geſellſchaft, wie ſie dachten des Prinzen wegen, mit großer Spannung im Heidekruge erwartet, wäre aber den ganzen Abend über nur mit Madame Schlurck und Fräulein Tochter zuſammengeweſen, wäre dann zu ihnen in den Hof gekommen, wo es vom Regen faſt nicht zum Aushalten geweſen und hätte ihnen geſagt: Kinder, wir ſind hier ſicher, ich will U 13 nicht, daß ihr des Wagens wegen um einen trocknen Platz kommt! Da geht hinauf und trinkt auf des Königs Wohl! Damit hätte er ihnen einen Thaler gegeben. Sie wären hinaufgegangen in die Wirths⸗ ſtube und müßten ſich freilich ſchämen zu geſtehen, daß ſie auf des Königs Wohl über Kräfte getrunken hätten, woran die Gendarmen Schuld wären und wie geſagt, des Königs Wohl. Nach einer halben Stunde wären dann Erzellenz gekommen und hätten den Schlüſſel zu der Eiſenſtange am Wagen verlangt. Er wollte etwas nachſehen, hätt's geheißen. Sie hätten ihn natürlich begleiten wollen, allein Erzellenz hätten es nicht leiden mögen und ſo hätten ſie für des Königs Wohl geſeſſen bis in die Nacht hinein. Nachher wär' ihnen aber denn doch der Schlaf ge— kommen und die Sorge für den Wagen. Wie groß wär' ihr Erſtaunen geweſen, als ſie den Wagen in der Dunkelheit offen, die Stange aber mit dem Schlüſſel an einem Ende baumelnd gefunden hätten. In Angſt, es möchte der Geheimrath aus Vergeßlich⸗ keit hier Gelegenheit zu einem Diebſtaͤhl gegeben haben, wären ſie raſch bei der Hand geweſen, die Thür wieder zuzuſchließen. Und da hätten ſie denn ihren Herrn, der auf einem der Fauteuils wahrſchein⸗ lich entſchlummert wäre, wider Wiſſen und Willen 14 mit eingekerkert und einen ſo vornehmen Herrn ge⸗ zwungen, die ganze Nacht in dieſer höchſt elenden und bejammernswürdigen Lage zuzubringen. Pauline hielt beide Hände über die Stirn und rief halb im Zorn, halb doch von der komiſchen Si⸗ tuation ihres Gatten amüſirt, laut aus, ob denn ſo etwas möglich, nur denkbar und wirklich glaublich wäre! Dann aber des ſicher bei dieſer Gelegenheit ver⸗ loren gegangenen Bildes gedenkend, rief ſie: Was hatte er aber ſo ſpät in der Nacht in dem Wa⸗ gen zu ſchaffen! Der furchtſame Mann, der nicht allein des Abends oben auf ſein Zimmer gehen kann! Der Verſchlafene, der wie die Hühner nach Sonnenunter⸗ gang kein Auge mehr offen behält! Ernſt, wie immer lebhaft, und an dieſe vertrau⸗ liche Art, über den Intendanten zu ſprechen, im Hauſe längſt gewöhnt, lachte und platzte mit den Worten heraus: Nun, die Aeugelchen hat wol an dem Abend das Fräulein wach gehalten. Das Fräulein—? Einem ſolchen Verrathe, der aus einer recht böſen Luſt zu ſchaden hervorging, aus einer abſichtlichen Reizung zum Unfrieden, mußten denn freilich jetzt die umſtändlichſten Geſtändniſſe folgen... . A₰ — 15 Welches Fräulein? Demoiſelle Melanie? Melanie Schlurck? Wie war Das? Was ſah man? Was hörte man?.. Wir laſſen nun einen Vorhang fallen über die fer⸗ nere Entwickelung dieſer häuslichen Angeberei, die zu den allerdings wiederkehrenden täglichen Erſcheinungen großer Häuſer gehört, zugleich aber zu den wider⸗ lichſten Belegen raffinirter Entſittlichung. Die Diener wurden mit dem Bemerken entlaſſen, daß ſie zwar für die Vernachläſſigung ihrer Pflichten auf dem Heidekrug Strafe verdient hätten, indeſſen wolle man in Anbetracht ihrer ſonſt aufrichtigen Ge⸗ ſtändniſſe Gnade für Recht ergehen laſſen und nur dieſe Bedingung noch ihnen ernſtlich einſchärfen, daß ſie die Mitwiſſenſchaft der Frauen ihrem Herrn zu verſchweigen und ſich überhaupt im ferneren Verlauf dieſer Dinge zu erinnern hätten, von wem ihr längeres Verweilen in einem ſo guten Dienſte, mit dem ge⸗ wöhnlich eine künftige Staatsanſtellung als Kaſtellan eines königlichen Schloſſes verbunden war, abhinge, ob von Erzellenz dem Geheimrath oder Erzellenz der Geheimräthin... Die Diener gingen leiſe und erleichtert. Pauline winkte der Ludmer und ſchlüpfte über ——xx———— ————,„, ,—— 16 einen kleinen Verbindungsgang aus dem Gartenſalon in ihre Zimmer. Dieſe lagen je nach ihrer Stimmung nach vorn oder hinten. In dem Zimmer nach vorn empfing ſie nähere Bekannte, in dem, das nach hinten lag, dachte und grübelte ſie; beide waren durch ihr Schlaf⸗ zimmer, einen nach beiden Seiten hin offenen Alkoven, getrennt. Das vordere Boudoir war ungemein geſchmack⸗ voll und auch ganz ſo eingerichtet, als wenn ſie immer in ihm verweilte. Ein Schreibtiſch von Ja⸗ karandenholz, ſehr zierlich gearbeitet und mit den reichſten Schnitzereien eingefaßt, trug alle jene kleinen Geräthſchaften, Briefbeſchwerer, Siegel, Statuetten, Viſitenkartenhalter, wie man ſie bei einer ſo gewählten Einrichtung anzutreffen pflegt. Alles lag hier zierlich und wohlgeordnet nebeneinander. Das Zimmer war hellblau. Die Seſſel alle mit gelbem Plüſch über⸗ zogen. Auch die Vorhänge fielen gelb von den im Sommer ſonnengeplagten Fenſtern herab. Hier ſah man eine Bibliothek mit koſtbaren Einbänden, eine Etagere mit den„Souvenirs“ und Geſchenken einer ziemlich langen Lebensperiode, dazwiſchen Blumen, jedoch nur geruchloſe, des Schlafzimmers wegen, das 17 durch einen ſchweren auch gelbſeidnen Vorhang von dieſem Zimmer getrennt war. Das Schlafzimmer hatte kein eignes Fenſter und wurde nur durch die Fenſter der beiden Zimmer, die es verbanden, gelüftet. Das Bett war einfach und ver⸗ rieth in ſeiner geringen Aufladung einen abgehärteten faſt männlichen Sinn. Das war kein Bett zum ſü⸗ ßen Träumen, ſondern zum wirklichen Ausruhen von ernſtem Wachen! Ebenſo war das zweite vertrautere Boudoir, das nach hinten hinausging zu dem Winkel, den im Garten der vorgeſchobene Anbau des Gartenſalons und das Frontgebäude bildeten, ſichtlich nicht zum bloßen Staate beſtimmt. Hier lebte Pauline wie ſie war. Zur Rechten lag der Eingang in eine große Garderobe, wo in Schränken rings an allen Wänden ihre Kleider hingen. In dieſem zweiten Boudoir war Alles grün. Auch der Vorhang, der nach dieſer Seite das Schlafzimmer trennte, war grün, von einfacher Seide. Hier lagen Bücher und Schriften wild durcheinander, Papiere zerriſſen im Papierkorbe, Siegel und Siegelwachs in reichſter Anzahl und von wirklichem Gebrauche zeugend. Im blauen Zimmer mit den gelben Vorhängen ſah man wol auch Spuren von Thätigkeit, auch einen Papierkorb, auch Siegel⸗ Die Ritter vom Geiſte. III. 2 18 wachs und Petſchafte, aber Alles zierlich, lieblich, graziös, wie für den Gebrauch eines Elfen, einer Sylphide beſtimmt. Im hellgrünen Zimmer mit den dunkelgrüänen Vorhängen und Möbeln dagegen traf man das wirkliche Leben ihrer ſtarkgeiſtigen Bewoh⸗ nerin. Da waren Schubfächer mit geheimen Druckern, Schränke, feſtverſchloſſen, und Polſter, die wirklich zer— legen und zerſeſſen waren. Hier war Pauline wahr. In dem Vorderboudoir gab ſie einen gefälligen Schein. Wohnlich und traulich war es dort... Man mußte glauben, in ihre geheimſte innere Werkſtatt zu kommen, wenn man durch eine lange Reihe Gemächer endlich durch den allgemeinen Empfangſalon bis in jenes blaue Zimmer gelangte. Da war Alles feſſelnd und ſinnvoll, gemüthlich und beziehungsreich. Man mußte die ſinnige Frau, den ſtill waltenden Geiſt bewundern, der hier wirkte und ſchaffte und ſich mit dem beſchei⸗ denen, anſpruchloſen Bett begnügte. Aber... Pau⸗ line wohnte nicht hier. Sie wohnte in dem Zimmer Grün in Grün mit düſtren Vorhängen, ſchattig und dunkel und in hundert Spuren die Wildheit ihres Innern verrathend. Hätte ſie noch ſo lieben können, wie ſie einſt liebte und Niemanden leidenſchaftlicher, als jenen Heinrich Rodewald, ſie würde auch dieſen Raum zu einem Tempel der Liebe erweitert und ver⸗ 19 ſchönert haben... Jetzt trug er keine Spuren mehr davon. Mit ihrer letzten längern„Liaiſon“, dem franzöſiſchen Attaché Grafen d'Azimont, hatte ſie dieſen ſie ganz allein erfüllenden Anregungen ihres Innern Lebewohl! geſagt und ſich überhaupt, in Rückſicht auf die kleinen Cirkel, einer muſterhaften Aufführung be⸗ fleißigt. Man muß geſtehen, daß ſie Urſache hatte, endlich etwas zu finden, was ſie ganz erfüllte. Sie hatte zu Vielem entſagt, um nicht Anſprüche auf die ſtärkſte und umfaſſendſte Befriedigung ihrer nach Thä⸗ tigkeit ſchmachtenden Seele zu haben. Das Verhältniß zu dem Maler Heinrichſon war jetzt ein letzter ſanfter Abendſchimmer der Vergangenheit. Dieſer junge, ſchöne, elegante Salonmaler beſuchte ſie täglich, aber ſie gefiel ſich darin, vor der Welt die Miene anzunehmen, als wenn er in ihr, der bald Sechzigjährigen, nur eine Mutter beſäße, eine ältere, rathende, anregende Freun⸗ din... Wie hätte ſie auch ſonſt von Heinrichſon's kleinen Aventüren ſprechen und oft zur Trompetta, zur Mäuſeburg, zur Werdeck, zur Landskrona, zur Spitz ſagen können: Ach, ich bin recht verſtimmt... Heinrich⸗ ſon hat ſo viel Unglück mit einer kleinen Blondine oder einer Brünette, die er liebt! Ich habe das Mädchen beſucht, ihr einen Shawl geſchenkt... oder einen Hut ... aber ſie liebt ihn nicht und macht mich unglücklich! 2* Die Ludmer folgte Paulinen in das Zimmer Grün in Grün. Aufmerkſam hörte ſie ihrer Gebieterin und Freundin zu, als dieſe auf eine Ottomane ſich wer⸗ fend, nunmehr ausrief: Welche Entdeckungen! Welche Enthüllungen! Hen⸗ ning im Möbelwagen! Prinz Egon auf Hohenberg! Eine junge Kokette, die ſo liebenswürdig und geiſtreich ſein ſoll, daß der Geheimrath ganz aus der Facon gekommen ſein muß und ſeine Grandezza und ſeine pariſer Perrücke einmal vergeſſen hat! Ein Bild, das über dem Wirrwarr verloren geht, vielleicht geraubt wird! Wer bringt Licht in dies Dunkel? Wer ent⸗ wirrt uns eine Intrigue, die doch an den ſichtbarſten Fäden uns umſponnen hält? Und bei dem Allen, mag es ſich entwirren wie es will, wer bringt uns das von Harder hier ausgeſtrichene Bild zurück, das vielleicht grade die Denkwürdigkeiten meiner Feindin, die Rache einer Heuchlerin enthält! Denn ich beſinne mich! Die Fürſtin ſtarb mit dem letzten Ausruf: das Bild! Und die Familienbilder ſollte Prinz Egon behalten... Ach! Man verlangt von Hardern, ſagte die Lud⸗ mer beruhigend, einen genauen und unverhohlenen Bericht. Was kann uns Der helfen? antwortete Pauline, wenn er ſelbſt, wie es ſcheint, zu Denen gehört, die rün und ver⸗ den⸗ erg! reich ncon eine das aubt ent⸗ rſten mag das leicht rache Die Und 21 irgend eine ſchlaue Berechnung täuſchte. Hat er wohl ein Wort von Prinz Egon's Anweſenheit geſprochen? Er wird uns vielleicht nicht betrügen, gehört aber, wie wir Alle, zu den Betrogenen! Es iſt gar zu lächerlich, in einem Möbelwagen verſchloſſen zu werden und ſtatt im Bett, auf einem Fauteil in einer ambulanten Re⸗ miſe einzuſchlafen. Und gib Acht! Wir werden for⸗ ſchen dürfen, ſo viel wir wollen, wir werden nichts von ihm erfahren, als daß er hätte„gewiſſenhaft“ ſein wollen. Es kommt auf eine Prüfung an, ſagte die Lud⸗ mer, die ſich mit Recht von der Furcht Henning von Harder's vor ſeiner Gattin viel verſprechen durfte. Und Schlurck, fuhr Pauline fort, der ſonſt ſo auf⸗ merkſame Schlurck, der mir nie etwas verſchwieg, was ſich auf Egon bezog, er verſchweigt mir dieſe Reiſe nach Hohenberg! Auch Zeiſel hat mich vergeſſen, weil ich es nicht möglich machen konnte, ihm eine ſeinem alten Range angemeſſene Verſetzung zu verſchaffen. Er ſoll die Arreſtation des neugierigen, ſicher verkapp⸗ ten Handwerksburſchen ganz oberflächlich betrieben ha⸗ ben. Kurz, ich bin nicht mehr Die, die ich war... ich exiſtire nicht... man ignorirt mich, man durch⸗ kreuzt mir die beſonnenſten Pläne.. man operirt, daß ſte ſcheitern müſſen! Du unternimmſt zuviel, antwortete die Ludmer, und war erfreut, beim ruhiger ausſtrömenden Schmerz der Gebieterin mit Anſtand wieder eine Priſe nehmen zu dürfen. Du wagſt dich an die ſchwierigſten Dinge, ohne dafür eine Anerkennung zu finden. Ich wünſchte wol, du hüteteſt dich vor Schlurck— Vor Schlurck? Wie ſo?- Seine Späße ſind oft bitter! Seine Mienen ha⸗ ben etwas Säuerliches, als wollte er ſagen:.. Nun? Was ſagen? Die Ludmer ſtockte... Foltre mich nicht! fiel die Geheimräthin ein. Ver⸗ dächtige mir nicht die beſten Freunde! Die dich benutzen und fallen laſſen, wenn ſie dich auspreßten... Schlurck mich benutzen? fragte verdrießlich die Ge⸗ heimräthin, deren Geſchmack zugleich an dem Bilde von der ausgepreßten... Citrone kein Gefallen fand. Schlurck iſt mir verdächtig... ſagte die Ludmer. Ein ſo boshafter kalter Egoiſt... 3 Ah! Bah! antwortete die Geheimräthin. Das ver⸗ ſtehſt du nicht. Das iſt ein Philoſoph und nach dem Abentheuer ſeiner Tochter mit Harder zu ſchließen, hat das Mädchen Laune und Geiſt... ich muß ſie kennen lernen...— dmer, hmerz hhmen dinge, nſchte n ha⸗ Vel⸗ e dich e Ge⸗ de von d. dmer. s vel⸗ dem n, hat 7 kennen / 23 Damit ſie dich immermehr umſtricken? Immermehr misbrauchen! Misbrauchen? Wozu? fragte die Geheimräthin un⸗ geduldig. Der Oberkommiſſair hat mir Alles erklärt und aus— einandergeſetzt... Man muß geſtehen, ſagte die Geheimräthin bitter, deine Verwandtſchaft wirkt ſehr ungleichartig auf dich. Deiner Nichte weiſeſt du die Thür... und deinem ſogenannten Neveu, der dich beerben wird, der jetzt ſchon ſogar deine Verwandtſchaft erbt, ohne je etwas Anderes geweſen zu ſein als ein gewandter Intrigant und dein Liebhaber.. Pauline! Du biſt gereizt! ſagte die Alte mit ärger⸗ lichem Tone, aber doch von dem Worte: Liebhaber! angewandt auf ihre alten welken Züge, ein wenig ge⸗ ſchmeichelt... Was ſagte denn Pax? fragte die Geheimräthin. Als Oberkommiſſair der Polizei kann Pax klar ſehen, antwortete die Ludmer. Er warnt vor Schlurck. Wenn Prinz Egon die Verwaltung ſeiner Güter über⸗ nimmt, verliert der Juſtizrath die Hälfte ſeiner Ein⸗ künfte. Die andere Hälfte kommt von der Admini— ſtration der alten ſtädtiſchen Häuſer... Mit der ſieht es gleichfalls nicht beſſer aus. *. Er wird ſie behalten! Denkſt du? Jetzt, wo das Miniſterium Alles daran ſetzt, dieſen Proceß zu gewinnen? Der Hof iſt für die Anſprüche der Kommune. Dank deinem Einfluſſe! Wie ſchlau weiß ihn die— ſer Schlurck nicht zu benutzen! Wie zerfloß er in Rüh— rung, als du ihm ſagteſt: Die Königin misbilligt die Handlungsweiſe des Miniſteriums und bietet Alles auf, der Kommune ihre alten Schätze zu erhalten! Kind! Er lachte darüber! ſagte die Geheimräthin. Er lachte über die Geiſtesrichtung des Hofes, daß dieſer ſogar gegen ſeinen eignen Vortheil geſtimmt iſt, wenn es ſich um eine mittelalterliche Träumerei han— delt. Du ſprichſt von meinem Einfluſſe! Soll Das Spott ſein? Anna! Anna! Meine Schweſter! Das iſt die Quelle, zu der Schlurck Zugang finden müßte! Anna wird entſcheiden können... Warum Anna? Durch unſern Schwiegervater! Das Obertribunal wird in letzter Inſtanz Recht geben und behalten. Wer weiß, ob das dringende Verlangen des Hofes, An⸗ nen's Bekanntſchaft zu machen, nicht mit jenem Pro— zeß zuſammenhängt! Nimmermehr, ſagte die Ludmer, die ſich auf die Länge immer mehr als eine kluge, praktiſche Frau zu erkennen gab, nimmermehr, Herz! Solche Einwirkun— ran gen können wol den Untergeordneten einfallen, aber die Oberhofmeiſterin, die Altenwyl, denkt an ſolche Pläne nicht. Man ſchätzt Anna, weil ſie für an— die⸗ ſpruchslos gilt und ſich ganz und ausſchließlich der th⸗ Pflege eines ehrwürdigen Alten widmet. Auch treibt die ſie alte Muſik. Das iſt allein ſchon hinreichend, ihr ein llles Lüſtre zu geben, wie man's nun oben einmal liebt. Rechnet man noch die Neugier hinzu, eine Frau ken— hin. nen zu lernen, die von dir ſo verſchieden ſein ſoll, ſo daß iſt Alles beiſammen, was dort für ſie ſpricht. An den ſſ, Prozeß denkt Niemand. Pax meint Das auch. aan⸗ Ich will es glauben, ſagte Pauline, was Anna's das Beziehung zum Papa anlangt. Allein der Gegenſtand, das um den mich Schlurck neuerdings beſucht, iſt dem Hofe ßte! wirklich ſehr wichtig. Er wird viel beſprochen und auf die Löſung iſt man allgemein geſpannt. Und ſo wunderlich iſt dabei die Stellung der kleinen Cirkel zum Miniſterium, daß beide ganz verſchiedene Zwecke nal 2 verfolgen. Die Miniſterien wollen die alte Erbſchaft Au 45 für den Staat und die kleinen Cirkel ſind dafür, daß gro⸗ ſie der Stadt verbleibt. Das wiſſen ſehr Wenige und Keeieer wird es begreifen, der ſich nicht in die Natur die dieſe träumeriſchen Menſchen oben hineingefühlt hat. 1m 16 Und ſind wir doch ſelbſt an der Entſcheidung betheiligt? Unſer altes Familienhaus in der Stadt iſt ein Jo⸗ hanniterlehn. Jahrhunderte lang zahlten die Mar⸗ ſchalks eine ſehr geringe Abgabe an die Stadt, der die Rechte und Beſitzungen übertragen wurden, als die alten Ritterorden proteſtantiſch wurden und ihre großen Güter auseinanderfielen an den Erſten Beſten, der in Zeiten allgemeiner Verwirrung von ihnen Vor⸗ theil zog und Beſitz zu ergreifen verſtand. Wenn wir nun vom Staate abhängig werden, würde der Zins ohne Zweifel erhöht. So geringfügig dieſer Grund ſein mag, der auch uns ſollte wünſchen laſſen, die Sache bliebe beim Alten, ſo habe ich doch dadurch ein geeignetes Mittel, den intimſten Wünſchen der eigentlich einflußreichen und das Ganze regierenden Partei entgegenzukommen, und es iſt wiederum eine unbegreifliche Vernachläſſigung Schlurck's, daß er mir ſo lange auch nicht über den Gang dieſer Angelegen⸗ heit berichtet hat. Lange wogte ſo das Chaos von vielen ungewiſſen und quälenden Stimmungen und Betrachtungen in der ehrgeizigen, thatendürſtenden Frau auf und ab. Was war da nicht Alles, das ſchattenhaft vor ihr auf⸗ und niedergaukelte! Liebe, Haß, Streit, Friede, Staat, Familie, die Welt, ihr Haus, ihr Herz... Alles war in Aufregung und keine Idee war da, die ihr der jeſer urch der den eine mir gen⸗ iſſen der Was auf⸗ taat, Ulles 1 2.— als Stütze und Anlehnung in dieſer Verwirrung hätte dienen können. Sie warf einen Rückblick auf die Vergangenheit... Ach! ſagte ſie; wo ſind die Männer, die uns einſt zur Seite ſtanden? Laſſ' Das! rief Charlotte Ludmer. Sieh, da geht der Komiſſionair des Hötel garni am Paradeplatz... er kommt zu uns... Ich will nichts wiſſen von der Gegenwart, ſagte Pauline. O dieſe Vergangenheit! Dieſe kraftvollen Arme, die uns einſt emporhielten über dieſe ſchaale Welt... Ein Bedienter geht über den Hof und bringt eine Karte, ſagte die Ludmer, die von dem grünen Zim— mer zuweilen in das gelbe ſchritt... Erſt dieſer Ried, mein erſter Mann! Ich war jung, kindiſch. Ich nahm einen reichen Finanzier. Er war alt, dick, unausſtehlich, aber in ſeiner Weiſe an⸗ erkennenswerth, unternehmend, ſpekulativ. Dann An⸗ ton... auch Eduard... aber Heinrich Rodewald! Welch ein Heros! Welcher Titan an Größe des Gei⸗ ſtes!... Mit ſeiner Untreue brach meine Kraft. Du wirſt in den Blättern deines Lebens nach⸗ ſchlagen, ſagte die Ludmer ſpottend, bis du auf Zeck kommſt... Charlotte! Denſelben Zeck, den Schlurck ſchon einige Male in deiner Gegenwart ſo zweideutig genannt hat! Schlurck? Es iſt wahr... Wenn Schlurck die Denkwürdigkeiten der Fürſtin Amanda längſt beſäße! Charlotte! Eben wollte die Ludmer ſagen: Warum vermei⸗ det dich ſeit einiger Zeit der Juſtizrath? als der Be⸗ diente Ernſt eintrat und zwei eben abgegebene Gegen⸗ ſtände brachte, eine Karte und einen Brief. Auf der Karte ſtand: Juſtizrath Schlurck wird ſich die Ehre geben, binnen einer Viertelſtunde, wenn erlaubt, aufzuwarten... Triumphirend blickte die Geheimräthin, die viel Neigung für Schlurck's philoſophiſche Weltanſchauung hatte, auf die„auch gar zu kluge“, wie ſie ſie öfters nannte, geheime Vertraute. Und als ſie vollends den vom Kommiſſionair ge— brachten Brief entgegengenommen und die Aufſchrift geleſen hatte, gerieth ſie in ein höchſt angenehmes Er⸗ ſtaunen. Von der d'Azimontl rief ſie. Iſt es möglich? Aus Paris? 1 d'Azimont? Kommt der Graf zurück? fragte die ale tin Ludmer gedehnt und gedachte dabei im Nu der Mög⸗ lichkeit neuer Störungen des ſittlichen Verhaltens, das Pauline dem Hofe gegenüber behaupten wollte. Pauline durchflog das Billet in geſpannteſter Auf⸗ merkſamkeit und ließ während des Leſens die Worte hinfallen: 3 Nein— der Graf nicht— von ihr— Was?— krank— Wer? Prinz Egon iſt krank?— Der Arme— ſie hat ſich brouillirt— mit dem Grafen?— Nein, mit Egon auch? O!— Sieh! Sieh!— Sie iſt raſend — ſie verzweifelt— ſie wird abreiſen?— ſie kommt von Paris— Nein, was leſ' ich denn! Sie iſt ſchon da! Himmel, der Brief iſt ja von hier— Die d'Azimont iſt hier? fragte die Ludmer. Die d'Azimont! Helene d'Azimont, Egon's Ge⸗ liebte! Hier? Sie war dir immer zugethan... aber... Indem fuhr ein Wagen vor. Ohne Zweifel ſchon der angekündigte Beſuch des Juſtizrathes... Unterhalte dich eine Weile mit Schlurck, ſagte Pau⸗ line raſch, legte das empfangene Billet zurecht und ſetzte ſich zu einer Antwort hin. Schlurck ſoll nicht gehen, hörſt du? Der Bediente der d'Azimont ſoll war⸗ ten. Ernſt ſoll ſich erkundigen, ob Prinz Egon wirk⸗ lich wieder ſichtbar, wirklich krank iſt und ſeit wie lange? 30 Ich vermuthe, er verleugnet ſich nur der Armen we— gen, mit der er brechen will, der alberne Sohn einer albernen Mutter— Franz ſoll auf's Hofamt ſagen,« daß ich den Geheimrath um drei Uhr zu ſprechen wünſche— wir eſſen um vier... Um acht heute Geſellſchaft... Wenn Schlürck fort iſt, mach' ich Toilette... Die Ludmer ging gehorſam nach vorn in's Em— pfangzimmer und brummte lachend vor ſich etwas hin, als wollte ſie ſagen: Nun iſt ja Alles wieder im beſten Zug! Und in der That ſchien es wirklich zu gehen. Da war ja mit einem Male Alles wieder wie es ſein ſollte. Menſchen, Briefe, Neuigkeiten, Situationen... Alles, was Pauline haben mußte, um leben zu können. Mit raſcher Hand warf ſie auf ein zierliches Blatt die Worte: „Tauſendmal gegrüßt, liebenswürdige Freundin! Engel, wie ſchön, daß Sie da ſind! Zittern Sie doch nicht um Egon! Wenn er ſeiner Mutter gleicht, iſt er ſanft und wenn er dem Vater gleicht, nur leichtſin⸗ nig! Kommen Sie an mein Herz! Haben Sie Thrä⸗ nen zu weinen, in meiner Bruſt iſt eine Stelle, wo Thränen nicht entweiht werden! Kommen Sie! Kom⸗ men Sie! Um Eins! Toute à Vous! Um Eins, oder 31 um Sechs, wie Helene will! Ach Helene, wie lieb' ich Sie! Nein daß Sie da ſind! Wie überraſchend! Wie Heleniſch! Willkommen! Willkommen!“ Raſch geſiegelt, geklingelt, abgegeben. Den Kopf geordnet, das Bandeau über das Haar gezogen, die langen ſpitzenbeſetzten Zipfel noch einmal zu einer ſchö⸗ nen Schleife geknüpft, die Falten der Morgenrobe ge⸗ glättet, ein Batiſttuch in die Hand genommen, noch ein Blick in den Spiegel und dann nach vorn ge⸗ ſchwebt, durch das Schlafkabinet aus dem Zimmer Grün in Grün in das Zimmer Gelb in Blau. Die Thür geöffnet... alle unmuthigen Mienen verſchmol⸗ zen in holdſeligſtes Lächeln— Schlurck trat ein.. Zweites Capitel. Was iſt Romantike: Die Ludmer hatte ſich entfernt, um noch einmal den Verſuch zu machen, ob ſich nicht unter den Geräth— ſchaften, die von Hohenberg gekommen waren, doch noch das fehlende Bild fände. Sie hatte bei ihrer Gebieterin zu oft erlebt, daß dieſe im ſtürmiſchen Eifer ihres Temperamentes etwas zu vermiſſen glaubte, was ſich ſpäter doch ſo vorfand, ganz wie es ſein ſollte... Wir überlaſſen ſie ihrer, im heutigen Falle frucht⸗ loſen Arbeit. Die Geheimräthin und Schlurck ſaßen ſich indeſſen ſchon auf bequemen Polſtern gegenüber. Der Schimmer der gelben Dekorirung that ſeine Wirkung. Pauline erſchien friſcher, als ſie heute ſchon hätte in Folge der gewaltigen Aufregung aus⸗ ſehen können. — deul äth⸗ doch daß jwas fand, ucht⸗ eſſen ſeine heute aus⸗ — 33 Wenn man glauben wollte, dieſe beiden Naturen, die von Ehrgeiz zernagte Pauline und der ruhige Epi⸗ kuräer, hätten für einander ſo gepaßt, wie Pauline glaubte, würde man irren. Sie verſtanden ſich ge⸗ genſeitig, aber ſie gaben keinen gleichen Akkord. Sie ſchätzten ſich, ohne ſich zu lieben. Schlurck war dies Feuer denn doch zu zehrend, Paulinen ſein Phlegma denn doch zu lähmend. Sie hätte immer ſtürmen, drängen, wirken mögen, er lächelte nur und gloſſirte. Er arbeitete nur, um die Mittel zum Genuß zu ha⸗ ben, den ſie verſchmähte, deshalb vielleicht verſchmähte, weil ſie ihn beſaß, ohne ihn erwerben zu müſſen. Schlurck führte auch ihre ſehr günſtigen alten Ried'⸗ ſchen Finanzen, die von denen des minder hegüterten Gemahls geſondert verwaltestwurden.“ Des Jahres zwei⸗ oder dreimal gab er ihr eine Ueber⸗ ſicht ihrer Einnahmen und gern hörte ſie ihm zu, auch wenn er dann gelegentlich von andern Dingen ſprach. Heute nun erklärte Pauline ſogleich, über Vieles mit ihm Rückſprache nehmen zu müſſen und Schlurck, lächelnd ſeine Brille abnehmend und die Gläſer mit dem einen ſeiner gelben Glacéehandſchuhe, den er aus⸗ zog, putzend, antwortete: Ich habe zwar nicht viel Zeit, indeſſen fangen Sie an! Sie verſtehen zu feſſeln. Die Ritter vom Geiſte. III. 3 5 4 Wollen Sie heute mit mir rechnen? fragte Pau⸗ line, um Zeit zu gewinnen, alle ihre Fragen ſich erſt vorſichtig zurecht zu legen. Nein, meine Gnädige, erwiderte Schlurck, ich komme nur, um mein Bedauern auszuſprechen, daß es mir nicht gelingen wird, die mir vom Reubunde zugedachte Rolle zu ſpielen. Wollen Sie mich an ein anderes Wahlgebiet verweiſen, in der Vorverſamm⸗ lung zu Helldorf iſt meine Bewerbung durchgefallen. Mein eigner Lobredner, Juſtus, der Dorftartüffe, der große Mirabeau der gemäßigten Dummheit, wird die meiſten Stimmen davontragen. Wahlen ſind immer intereſſant, wie auch für Die, die nicht in der Lotterie ſpielen, die Nachricht von großen da⸗ oder dorthin gefallenen Gewinnen unter⸗ haltend bleibt. Pauline ſprach ihr Bedauern aus und verhieß, anderweitig ſorgen zu wollen. Nein, ſagte Schlurck, ich bitte! Laſſen Sie mich lieber ganz davon, gnädige Frau! Ich paſſe in die⸗ ſen Wirrwarr nicht. Meine Geſchäfte wachſen mir über den Kopf, ich müßte ſie ſo vernachläſſigen, daß ich in meiner Praris zurückkäme. Was hülfe mir ein Portefeuille, das ich vier Wochen lang verwaltete? Che ich mich noch in der Miniſterſtraße eingerichtet hätte, ich daß unde mein umm⸗ allen. 35 müßt' ich ſchon wieder ausziehen und einen Aerger hätt' ich vielleicht davon, ſo empfindlich, daß ich meine Verdauung ſchwächte. Ich werde recht difficil mit meinem Magen. Aber wenn Sie ſich nun behaupteten, Juſtizrath! Wenn Sie eine Partei bildeten! Behaupten kann ich mich ſchon deshalb nicht, weil ich zu leiſe ſpreche, und von Parteiblidung iſt noch weniger die Rede, da ich zu ſehr Advokat bin, um nicht jede Anſicht, die uns Vortheil bringt, vernünftig zu finden. Was ſoll ich für eine Partei bilden? Die der äußerſten Auſterneſſer wäre mir die liebſte, und auch bei denen gibt es nicht immer einerlei Meinung. Die Einen ziehen die Auſtern mit Porter, die Andern mit Rheinwein vor und ſchon über die obligate An⸗ wendung der Citrone hab' ich mich mit mehren mei⸗ ner Kollegen zuweilen überworfen. Nein, nein, keine Politik mehr! Ich habe Fälle erlebt, daß einige mei— ner Auſternfreunde, die ſich wählen ließen, plötzlich Geſinnung bekamen. Denken Sie ſich, friedliche, ru⸗ hige Menſchen, die nichts in der Welt mehr kümmert, als daß der Kanzleidiener richtig jedes Quartal ihre Gage bringt, dieſe kommen plötzlich in Unruhe, weil zweifelhafte Fälle ihr Gewiſſen beängſtigen. Sie erin⸗ nern ſich dann, daß ſie einmal von einem gewiſſen 3* ————— 36 Papinian auf der Univerſität gehört hatten, der lieber den Kopf verlieren als eine ungerechte Sentenz fällen wollte, und wirklich, meine Freunde verloren den Kopf. Das Gewiſſen, die aufgerüttelte alte akademiſche Erin⸗ nerung guillotinirte ſie. Sie hörten von zwei Par⸗ teien, ſaßen mitten drinnen zwiſchen Baum und Borke, das Beiſpiel ſteckt an, die Wähler drohen auch, was macht nun ſo ein unglücklicher Appellationsgerichts⸗ rath mit Weib, Kindern und ſeinen alten Kollegien⸗ heften? Immer ſchwebt ihm der kopfloſe Papinian vor Augen und richtig, er legt ſich auch auf den Block, ſtimmt glorreich, wie es die feierlichen Momente, wo Jahrhunderte auf dich herabſehen, edler Staatsbürger, mit ſich bringen und iſt für ewige Zeiten— geliefert! Ich habe die harmloſeſten Menſchen aus dem Auſtern⸗ klub verſchwinden ſehen, denen jetzt kaum etwas An⸗ deres übrig bleibt, als ſich einen Hut mit rothen Fe⸗ dern und eine Büchſe zu kaufen, um auf Leben und Tod unter die Freiſchärler zu gehen. Pauline lachte und erwähnte einige Namen, denen es freilich ſo ergangen war... andere, die ſich durch die ſchamloſeſte Reue im Reubunde wieder zu reha⸗ bilitiren ſuchten. Nein, fuhr der Juſtizrath fort, keine Politik! Ich habe wirklich zuviel in meinem nächſten Beruf zu thun. leber illen opf. rin⸗ Par⸗ orke, was chto⸗ gien⸗ nian Nock, , wo irger, ffert! ſtern⸗ An⸗ Fe⸗ — 37— Das häuft ſich unglaublich. Prinz Egon iſt nun zurück und die große Hohenbergiſche Auseinanderſetzung nimmt ihren Anfang. Auch dem Prozeß, den ich für die Kom⸗ mune führe, Sie ſind ſelbſt daran betheiligt, droht plötzlich eine ganz neue Wendung... Ja! fragte Pauline, wie ſteht es damit? Siegt das Kreuz mit den drei oder mit den vier Blättern? Bei Hofe wird viel davon geſprochen. Ich wünſchte, ſagte der Juſtizrath und rückte dabei die Brille auf dem Augenknochen zurecht, ich wünſchte, wir wären mit dieſer Sache über allen und jeden Klee hinweg, den drei⸗ und den vierblättrigen; den Luzerner Jeſuitenklee, den ich dabei wittre, gar nicht zu rechnen. Es iſt gar nicht unwahrſcheinlich, daß ſich zu den bei— den ſtreitenden Parteien auch noch eine dritte geſellt... Eine dritte? Wie wäre Das? fragte Pauline ge⸗ ſpannt. O reden Sie! Laſſen Sie mich doch davon ſchweigen, meine Gnä⸗ digſte, erwiderte Schlurck; nur ſoviel ahn' ich, daß die Verwickelung den höchſten Grad erreichen kann, ſo ſehr, daß ich zwiſchen zwei Feuer gerathe und dieſen ganzen Gegenſtand in andere Hände geben muß. Sie ſpannen meine Neugier! ſagte Pauline. Als Schlurck aber ſchwieg, fuhr ſie fort: Sie wiſſen doch, daß der Hof an dieſem Prozeß 98 d Intereſſe nimmt? So geben Sie mir auch Materialien, auf den alten Grafen Franken oder meinen Mann oder ſonſt einen Kanal dort wirken zu können! Es iſt merkwürdig, antwortete Schlurck, daß die Miniſter für eine Entſcheidung kämpfen, die den klei⸗ nen Cirkeln gar nicht lieb wäre. Verſtehen Sie dieſen Widerſpruch? Ich glaube ihn zu verſtehen, ſagte der Juſtizrath und ſchüttelte den Kopf. So klären Sie mich darüber auf! Meine Gnädige, ſagte Schlurck, wir leben im Zeit⸗ alter der Confuſionen. Was der Körper begehrt, dar⸗ über ſcheint unſer Jahrhundert einig zu ſein. Daß der Magen in den materiellen Fragen die Hauptrolle ſpielt, haben die Proletarier ſowol wie die äußerſten Auüſterneſſer hinlänglich entſchieden und man kann von dieſem Standpunkte dem Kampfe ruhig zuſehen. Es iſt ein Kampf der Verdauungsorgane. Siegen Die, die nur Brot haben wollen, d. h. Brot im weiteſten Sinne, als da ſind: Trüffeln, Auſtern und Seefiſche(denn Das iſt der ganze Sehnſuchtsjammer auch Derer, die nur Brot! Brotl ſchreien), ſo werden ſich ihrer ſo viele wieder den Magen verderben, daß Brot, einfaches Brot, eine Delicateſſe wird und wir. da ankommen, wo wir ausgegangen... ath 39 Das iſt die materielle Frage, ſagte Pauline, aber auf die Materie folgt... Das Herz! ſagte Schlurck galant und doch auswei⸗ chend. Was das Herz anlangt, meine Gnädigſte, ſo iſt das Ihr Capitel! Die Verfaſſerin der Amarantha — wiſſen Sie, daß ich altbackner Menſch aus dem empfindſamen Zeitalter von Hölty und Matthiſon dies Meiſterwerk immer noch nicht geleſen habe? Sehr Unrecht von Ihnen, Juſtizrath! Aber Nadasdi hab' ich geleſen, ſchaltete Schlurck pfiffig ein und runzelte damit Paulinen die Stirn. Alte Sünden, ſagte ſie, längſt vergeben! Nein, meine Beſte, bemerkte Schlurck, Nadasdi las ich, weil ihn Alle verurtheilten, Amarantha nicht, denn die prieſen Alle. Der gute Advokat nimmt ſich immer des Bedrängten an; ſo zog's mich zu dem ſchönen Ungar, der mich ganz gut unterhalten hat. Und wiſſen Sie warum? Weil ich darin eine Frau fand, die ſich in nichts als Frau verläugnen konnte und ganz meiſterhaft nach der Natur copirt war, nanlich die Verfaſſerin ſelbſt. Pauline wollte entgegnen und abbrechen... Erlauben Sie, ſagte Schlurck. Ich habe eine große Bibliothek und gelte für einen Literaturfreund. Allein ich ſammle und ſteigere meiſt auf die Werke, die die N berühmten Autoren gern von ſich verſtecken möchten. Die allgefeierten Schriften belehren mich lange nicht ſo wie die mislungenen. Und ohne nun ſagen zu wollen, Nadasdi wäre mislungen— Sie haben keine Zeit, ſagten Sie, und ſpotten ſo behaglich? bemerkte Pauline und drohte mit dem Finger— Ohne ſagen zu wollen, wiederholte Schlurck ſehr nachdrücklich, Nadasdi wäre mislungen, ſo fehlt ihm gerade deshalb die künſtleriſche Abrundung, weil Sie zuviel von ſich ſelbſt gegeben haben. In der Ama⸗ rantha hör' ich, daß Sie, ſchlimme Frau, Andere ge⸗ ſchildert haben— Andere kenn' ich genug— die Fa⸗ milie der Andern, ach, die iſt ſo groß! Aber Sie, Sie in Ihrer Unruhe, Ihrer Sehnſucht, Ihrem Bedürfniß nach Anlehnung, Sie hab' ich in Nadasdi gefunden. Ich ſah eine Frau, von der ich wußte, warum ſie liebt. Sie lieben deshalb, weil Ihnen die männliche Ergänzung Bedürfniß iſt und wer mir geſagt hat, Sie wären von einem männlichen Geiſte, dem hab' ich geantwortet: Nein, dieſe Frau iſt ganz Weib und wenn man's nicht glauben will, ſo leſe man den Nadasdi. Schlimmes Compliment! antwortete Pauline über⸗ raſcht von Schlurck's Artigkeit, hinter der ihr etwas rfniß nden. n ſie lliche hat, hab' und den über⸗ twas verborgen ſchien. Sie wollen doch wohl nur andeuten, daß wir nichts ohne die Männer vermögen und daß wir, wenn wir einmal ſelbſt etwas ſchaffen wollen, höchſtens einen misrathenen Roman zu Stande bringen? Vergebung, ſagte der Juſtizrath halb und halb bei⸗ ſtimmend und das Bittere ſeiner Aeußerung durch einen Handkuß überzuckernd, ich wollte nur ſagen, warum ich die berühmten Schriftſteller gern aus den Werken ſtudire, die ſie nicht geſammelt haben. Ich komme darauf zurück, daß über die Stellung, die das Herz zu unſerm Jahrhundert einnimmt, doch wol die Da⸗ men entſcheiden mögen. Nun aber der Geiſt? ſagte Pauline. Sie vergeſſen die Erklärung des Widerſpruchs, in dem die kleinen Cixkel über jene Angelegenheiten befangen ſind. Beſte gnädigſte Freundin, ſagte Schlurck, der Geiſt iſt ein Chamäleon oder einer jener delikaten Fiſche des Alterthums, der ſich in italieniſchen Seen finden ſoll und über deſſen Geſchmack ich nichts ſagen kann, eben⸗ ſowenig wie über ſeine zweckmäßige Zubereitung. Die⸗ ſer Fiſch aber, ſoviel weiß ich, meine Beſte, hatte die kurioſe Eigenſchaft, daß er, gekniffen und gemartert, in hundert Farben ſpielte.“Ueber den Magen, über das Herz iſt man einig; man weiß, daß ſpeiſen und lieben oder, um mich anſtändiger auszudrücken, geliebt 42 werden in dieſer Beziehung die befriedigendſten Selig— keiten gewähren, aber der Geiſt, deſſen Nahrung, deſſen Befriedigung, darüber rennen ſich die Behälter des Geiſtes, die Köpfe, blutig aneinander. Was im Mit⸗ telalter Geiſt war, nun wohl, das wußte man da— mals, es war Religion und Scholaſtik. Was in der Reformation Geiſt war, das wußte man auch, es war Bibelerklärung und hebräiſches Wortgeklaube. Was im vorigen Jahrhundert Geiſt war, das kannte man unter dem Namen Esprit, Voltaire, Hume. Aber was jetzt Geiſt iſt, gnädige Frau, was jetzt dem Einen tief, dem Andern oberflächlich erſcheinen ſoll, darüber herrſcht mehr Anarchie als in der Geſetzgebung über die Einreden und Verjährungen. Erſtaunen Sie nicht, die kleinen Cirkel halten es geradezu für geiſtreicher, der Kommune den Sieg in dieſer Frage zu gönnen als dem Fiskus. Für geiſtreicher? wiederholte Pauline lachend. Das zu faſſen bin ich zu geiſtesarm. Romantiſcher, ſa— gen Sie! Meine Beſte, fuhr Schlurk fort, der an Paulinen oft gemerkt hatte, daß ſie ſich belehren ließ; ſehen Sie, das iſt etwas, was ſich mehr fühlen als beſchreiben läßt. Ich will Ihnen eine Analogie ſagen. Wenn ich Caviar eſſe, den ich ſehr liebe, falls er im Raths⸗ 4* klig⸗ eſſen des Mit⸗ Was man Aber nen über über icht, cher, men. keller friſch und hübſch großkörnig angekommen iſt... wenn ich Caviar eſſe, und der grüne Römer, mit Rüdes⸗ heimer gefüllt, ſteht vor mir und man fängt an zu ſtrei⸗ ten über Das, was wahrer ſei: der Anſpruch eines Wei⸗ ſen oder der eines Narren, ſo gefällt mir der Narr beſſer. Ich höre oft feinſtilige Autoren verurtheilen, weil ſie be— ſtechlich waren und mich prickelt mein Caviar und mein Rüdesheimer ſo, daß ich's laut ausrufe: Beſtechlich hin, beſtechlich her! Schreibt erſt ſo wie ſie! Tiſcht mir Eure Tugenden in einem Stile auf, der ſo glän— zend iſt, wie ſeine Laſter ſchrieben, und dann möcht' ich manchmal in meine Bibliothek und ſolchen Schwätzern gleich die ganze Sammlung von zwölf oder zwanzig prächtig eingebundenen Werken dieſer angefeindeten Lebe⸗ männer an den Kopf werfen! Ich liebe nun den Witz, die Bosheit und die ſchlagenden Antitheſen in der Schreibart, Andere lieben das Bauſchige, das Präch— tige, das Rauſchende, das Stoffene, Andere wieder das Harmloſe, Beſcheidene, Fromme, Gänſeblümige, Veilchene. Aber... Sie ſchildern ja unſere kritiſche Anarchie, Juſtiz— rath! unterbrach Pauline. Ich ſchildere unſere ganze Geiſtesverwirrung. Sie findet ſich überall, auf allen Gebieten. Das Wun—⸗ derliche erſcheint den Leuten wunderbar. Das Selt⸗ —— 44 ſame iſt ihnen die Regel. Das Aparte ſogar ſoll ihnen das Allgemeine ſein. Geſinnung! Ich höre nicht gern davon, weil nachgrade das Verlangen danach unbe⸗ quem wird. Aber dieſe geiſtreichen Empfindler nen⸗ nen die Geſinnung unſchön. Warum? Sie erhitzt! Sie ſpricht viell Sie zwingt zur Kameraderie! Sie läuft! Sie rennt! Sie träumt, wenn ſie vom Zwei— kammerſyſtem reden ſoll, nicht über den Humboldt'ſchen Kosmos, nicht über Goethe's Morphologie der Pflan— zen, nicht über Dante's Paradies und Hölle... wie kann man ſo geiſtlos ſein und von der Zeit, von Tendenzen, von der Geſinnung reden! Verſtehen Sie?.... O ich merke etwas von den„kleinen Cirkeln“, ſagte Pauline lächelnd. Nun nehmen Sie einmal unſern Prozeß, fuhr der feine Ironiker fort. Siehe! Da gab es eine Zeit, die da geheißen ward: die mittlere. Und ſiehe! Da gab es eine Ritterſchaft, die da geheißen ward: die geiſt— liche. Die Einen trugen einen weißen Mantel mit rothem Kreuz und hießen Templer, und die Andern trugen einen ſchwarzen Mantel mit weißem Kreuz und hießen Johanniter. Beide erwarben Schätze, beide legten Komthureien und ſozuſagen Relais für die Kreuzzüge an, Stationen, wo nur Tapferkeit, dummer ihnen t gern unbe⸗ nen⸗ thitzt! Sie Zwei⸗ eſchen öflan⸗ wie von ſtehen Glaube, alter Wein und baares Geld zu finden war. Man kaufte Güter, baute Burgen, baute Häuſer in den Städten und wußte mit dem Schwerte Das ge⸗ waltſam einzutreiben, was nicht mit dem Klingelbeutel von ſelber kam. Dieſe Ritter waren halb Soldaten, halb Mönche. Sie können ſich denken, welches über⸗ müthige Volk! Die Fürſten ertrugen's auch nicht gar lange und verbrannten und verbannten die Templer, die ſchon die üppigſten von Allen waren, wie Sie in der Oper ſehen können, wenn ſie einmal(der Templer und die Jüdin) wieder gegeben wird. Die Johanniter duckten ſich und hielten ſich länger... Das ſchadet aber Alles nichts. In den Gemüthern, die, wie ſchon geſagt, das Bauſchige, Prächtige, Rauſchende, Stof— fene lieben, bleiben dieſe Geſtalten der Vorzeit ehr⸗ würdig. Und nun kommt die Reformation, dieſes in gewiſſen Kreiſen ſo wenig geachtete Lichterperiment, das wie unſere neue Gasbeleuchtung dem Einen nicht hell genug, dem Andern viel zu hell erſcheint für's Sehen und Geſehen werden— in Diebsprozeſſen kom— men darüber Beſchwerden vor— und die reichen Gü⸗ ter dieſer Orden fallen da und dorthin, wer ſie gerade in der großen Flut der Religionskriege und Säcu⸗ lariſationen auffiſcht. Hier unſere Stadt fiſchte ſich ſiebzehn Häuſer, darunter das ſpätere Wohnhaus der * 46. Marſchalks, das Sie näher angeht, die Grundgerech— tigkeit von Tempelheide und eine Menge anderer Grund⸗ rechte, die alle einſt dem Johanniterhof von Angerode gehört hatten. Und Das ging ſo vom Jahre 1550 bis in Zwiſchenräumen von immer funfzig, ſechzig Jahren, wo der erſtarkenden Souverainetät unſerer alten all⸗ mälig avancirenden Markgrafen einfiel, daß herren— loſes Gut doch wol eigentlich den Landesherren und nicht den Stadtgemeinden gehöre. Jetzt, wo man Geld braucht und unſere Kommunen, die ſich gern, wie man zu ſagen pflegt, volksthümlich gebehrden, empfinden laſſen möchte, daß ſie kein Staat im Staate ſind, jetzt hat unſer wühleriſcher Finanzminiſter auch dieſen alten Poſten wieder aufgewühlt und verlangt eine Wiederaufnahme dieſes alten Handels und zwar mit einer ſolchen Energie, wie der preußiſche Friedrich den alten ſchleſiſchen Prozeß dadurch revidirte, daß er Schleſien ohne Weiteres gleich in die Taſche ſteckte. Iſt denn der Betrag erheblich? fragte Pauline. Doch! ſagte Schlurck. Es beläuft ſich der jähr— liche Ertrag dieſer alten Gefälle an die Stadtkämmerei auf achzigtauſend Thaler, woraus ſich ein Kapital von zwei Millionen ergeben würde... Und dies ſollten die kleinen Cirkel dem Staate nicht gönnen? erwiderte Pauline erſtaunt. Gönnen? wiederholte Schlurck. Das wol! Aber nun denken Sie ſich, über den ſiebzehn Häuſern, von denen nur zwei in der Brandgaſſe noch die alten in ganz alter Form ſind, thront als Wahrzeichen das Kreuz, das Kreuz mit ſeinen ritterlichen Erinnerun⸗ gen, in Tempelheide hat die alte Kirche das Kreuz, Tempelheide... Heidentempel... Chriſtentempel... Tempelchriſten... und die alte Stadt, die iſt doch ſo etwas Ehrwürdiges mit ihren drei Schlüſſeln im Wappen, und die beſten Prediger die ſind auf dieſe Gelder angewieſen und es läutet ſo ſchön mit den Glocken, wo dieſe Prediger wohnen und ſie ihre Kirchen haben und die Hime und die Sage, die webt über das Ganze ſo einen undurchſichtigen, feierlichen Mat⸗ thiſon'ſchen Nebelſchleier, der ſich in der ſtillen Abend⸗ dämmerung der Archive an der kundigen Hand des Generals Voland von der Hahnenfeder, der uns durch die Burgverließe der Jahrhunderte führt, ſo ſilbergrau, ſo patriarchaliſch, ſo myſtiſch ausnimmt... Pauline unterbrach den Juſtizrath mit lautem Lachen. „Hören Sie auf! rief ſie, Sie ſind prächtig, Ju⸗ ſtizrath! Ja, ja! Sie haben Recht! So iſt's! So iſt's! Von ſolchen Empfindungen werden wir jetzt regiert. Himmel! Von ſolchen Motiven werden die 48 wichtigſten politiſchen Schritte geleitet! Aus dieſer Dämmerung webt ſich Voland von der Hahnenfeder ſeine ſchwache, haltloſe Spinnenwebenpolitik! Darum kein energiſcher Aufſchwung! Darum keine That! Kein Handſchuh, kühn der Zeit hingeworfen! Darum die Unterordnung unter Rom, unter andere alte Fürſten⸗ geſchlechter, nur weil ſie fabelhafte Wappenthiere ha⸗ ben und die Tradition der älteren Vergangenheit! O Das iſt die romantiſche Dämmerung, in der die Nacht⸗ eulen fliegen müſſen, die das Schloß beſuchen dürfen. Nicht wahr! ſagte Schlurk mit ſatiriſchem Lächeln. Was läßt ſich dagegen ſagen! Solche Anſchauungen kommen aus Dem, was die Herrſchaften ihren Geiſt nennen, wie wir wieder die Anſchauungen Voltaire's unſern Geiſt nennen. Aber wiſſen Sie, welch ein Sonnenſtrahl jetzt, wie das Schwert des Erzengels Michael, dies ganze Helldunkel durchſchneiden kann? Will man denn doch die Verjährung nicht geſtatten, will man ſich immer darauf berufen, daß alle funfzig Jahre vom alten Zeitgeiſt gegen den neuen proteſtirt wurde, ſo iſt es leicht möglich, daß ſich ein dritter Bewerber einfindet, der in dem Augenblicke, wo der Staat zwei Millionen Kapital in ſein großes Buch einzutragen die Feder anſetzt, dazwiſchen tritt und ſagt: Halt da! Halbpart! Dies ganze alte Weſen iſt mein dieſer feder rum Kein die ſten⸗ ha⸗ 1O — acht⸗ rfen. heln. ngen Geiſ iire's ein ggels ann? tten, nßzig eſtirt itter der Zuch ſagt mein 49 Eigenthum und Ihr könnt zufrieden ſein, wenn ich mich mit der Hälfte noch gar begnüge! Das iſt eine Allegorie! rief Pauline. Wie wäre dieſe Einrede möglich? Keine Allegorie! ſagte Schlurck, zog ſeine goldne Doſe und nahm eine Priſe; ich habe faſt Urſache zu vermuthen, daß dieſer Rival, der ſich ſo zu ſagen zwiſchen Fürſt und Volk, alte und neue Zeit drängt... der Prinz Egon iſt. Wie? rief Pauline und erhob ſich. Prinz Egon? Wie kämen die Hohenbergs zu ſolchen Anſprüchen? Das iſt es eben, ſagte Schlurck, was ich erfah— ren, von Ihnen erfahren möchte, gnädige Frau. Sie ſind, Ihre Amarantha beweiſt es, mit der Geſchichte der Hohenbergs ſehr vertraut. Sie waren einſt die Freundin der Fürſtin Amanda. Iſt von Seiten der Grafen von Bury ein Zuſammenhang mit dem alten Tempelhauſe von Angerode und einem alten Johan⸗ niter Hugo von Wildungen denkbar? Was die Hohen⸗ bergs ſelbſt anlangt, ſo kenn' ich deren Geſchichte ge— nau und kann verſichern, daß ich von dieſer Seite nicht begreifen könnte, wie ſich Prinz Egon an dieſem Prozeſſe betheiligen ſollte. Prinz Egon? Haben Sie denn dafür Beweiſe? fragte Pauline. Die Ritter vom Geiſte. III. 4 50 Beweiſe? wiederholte Schlurck. Ich habe vorläufig nur einen Verdacht und ein eigenthümliches Corpus delicti, das ſich an meine letzte Anweſenheit in Hohen⸗ berg knüpft... Iſt Ihr Herr Gemahl zurück? Seit geſtern! Aber reden Sie doch! Erzählen Sie doch! Sie finden mich ja im lebendigſten Antheil, Schlurck! Der Juſtizrath zog ſeine Uhr und hielt ſie an's Ohr.. Wir haben etwas lange philoſophirt! ſagte er. Ich bitte! Bitte! Weg mit der Uhr! Es iſt ſchon ſpät... Ich habe... Sie haben nichts, als mein Freund, mein liebens— würdiger Freund zu ſein... Ah, gnädige Frau... Küſſen Sie mir ein andermal die Hand! Nun wohlan denn, ſo wollen wir uns beeilen, auf das Gebiet der Thatſachen zu kommen. Die Geheimräthin hörte mit lautloſer Spannung. orpus ohen Sie. ſihei Drittes Capitel. Ein Bündniß. an's r. Ein junger Mann, begann Schlurck, der ſich Wil⸗ dungen nannte, erſchien vor einigen Tagen am Fuße des Schloſſes in Hohenberg, um dort einen Gegen⸗ bens⸗ ſtand zu reclamiren, der nichts mehr und nichts we⸗ niger als ein Schrein, eine einfache Kiſte iſt. Er gibt vor, daß ein Fuhrmann, dem er dieſen Schrein anvertraute, ihn verlor. Und in der That bin ich eilen, es ſelbſt, der durch Zufall dieſen Schrein gefunden hat. Ich ließ ihn, um des Eigenthümers ſicher zu werden, angezogen von einem merkwürdigen Zeichen auf ſeinem Deckel, öffnen. Er enthält die beglaubig⸗ ten Anſprüche der Nachkommen einer Familie Wil⸗ dungen auf gewiſſe, ihr vom Johanniterorden, vor Auf⸗ löſung des alten Tempelhauſes in Angerode, zuer— kannte Güter. Dieſe Güter ſind alle die ſtädtiſchen Beſitzungen, die ſich jetzt in den Händen unſrer 4* nung. 4 2—— 52 Kommune befinden. Ein alter Komthur, Hugo von Wildungen, trat ſie nicht an, weil er katholiſch blieb und die Plünderung der Verlaſſenſchaft des proteſtan⸗ tiſch gewordenen Ordens verabſcheuen mußte. Später ertheilte ihm der römiſche Stuhl einen Dispens. Aus politiſchen Gründen, um katholiſche Intereſſen mitten in proteſtantiſchen Landen gefördert zu ſehen, durfte er nun den Beſitz antreten. Er ſtarb. Die Dokumente wurden nach Angerode geſchickt. Während die Stadt die Verwaltung der demnach der Familie Wildungen gehörenden Beſitzungen für ſich antrat, gingen die Do⸗ kumente im alten Tempelhauſe zu Angerode verloren. Sie ſind jetzt gefunden worden. Wo? Wie? Von Wem? weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß Jemand irgendwo im Mondenſchein vom Anblick des vierblättrigen Kreu⸗ zes ſo überraſcht wurde, daß er... Genug, die Do⸗ kumente über die Anſprüche der Familie Wildungen ſind da und wer ſie beſitzt, wer ſie mit Eifer in Pleſſen, wo ſie verloren gingen, ſuchte, iſt— ſonder⸗ bar— Prinz Egon! Pauline hörte voll Aufmerkſamkeit zu, ſchüttelte den Kopf und meinte: Ich erfuhr ſchon, daß Prinz Egon auf dem Heide⸗ kruge ſich Wildungen nannte... Dort ſah ich ihn ja ſelbſt! 53 em Sie ſelbſt, Juſtizrath? llit Bei meiner neulichen Rückkehr von Hohenberg... ſun⸗ Wildungen! Wildungen! ſagte die Geheimräthin nachdenklich und in ihrem Gedächtniſſe forſchend... e Es gibt einen Maler dieſes Namens, fuhr Schlurck ai fort, einen Maler, der einen Bruder hat, Namens üen Dankmar Wildungen, einen jungen Referendar. Ich uuſü ſchickte heute in aller Frühe, als mir mein Bartuſch veni dieſe Dinge erzählte, in die Wohnung dieſer jungen zind Leute. Man fand ſie nicht. Ich ſchickte zu Prinz uäyn Egon. Er iſt abweſend geweſen, gehütet gleichſam ve⸗ von einem gewiſſen Louis Armand geſtern Abends üref. zurückgekommen, elend, krank und hat ſich ſogleich gem? abgeſchloſſen und zur Ruhe gelegt. Man vermuthet ndwo eine hartnäckige Unpäßlichkeit... Meine Tochter darf Rreu⸗ kein Wort davon erfahren. Dies wunderliche Mädchen Do⸗ hat einen förmlichen Roman mit dem Prinzen, falls ngen er es war, geſpielt, ich glaube ſogar, ſie hat eine rin Leidenſchaft für den jungen Mann gefaßt, den ich dere begierig bin, kennen zu lernen. Iſt es der Prinz— Warum ſollt' er es nicht ſein? rief Pauline bitter. telte Eine Million wird grade hinreichen ſeine Verhältniſſe wieder herzuſtellen... eide— Sie überſtürzen die Dinge, gnädige Frau! Wenn Sie nicht wiſſen, daß die Burys mit dem alten 54 Geſchlecht der Wildungen verwandt ſind, ſo kann von einem ſolchen Gewinn nicht die Rede ſein. Wär' es aber, welche wunderliche Stellung dann für mich, der ich die Sache der Kommune vertheidige und mich doch auch zu ſehen— hm! hm!— zu ſehen freuen müßte, daß die Schulden des alten Fürſten dann plötzlich ge⸗ tilgt ſind...! Ich will noch einmal in die Wohnung der Gebrüder Wildungen und hören, ob es wirklich ein echter oder erborgter Dankmar Wildungen war, der mit den Meinigen reiſte. Im letzteren Falle iſt Prinz Egon Jemand anderes geweſen... Aber wer? fragte Pauline. Ein junger Handwerker, ſagte Schlurck ruhig, der im Schloſſe Hohenberg ein gewiſſes Bild ſtehlen— wollte... Nein! ſagte Pauline lebhaft, das iſt nicht mög⸗ lich... Warum nicht, gnädige Frau? Dieſer Verdächtige ſitzt bis auf weitre Ordre— wir haben ſchon mit dem Oberkommiſſär Pax Rück⸗ ſprache genommen— er ſitzt im Pleſſener Thurme... Und? Und? Wenn der Prinz ſich ſo kompromittirte, daß er ſich eine in dieſem Grade ſchimpfliche Be⸗ handlung mußte gefallen laſſen, ſo konnte er Ihre 55 von werthe Familie nicht begleiten, konnte nicht die Liebe ir es Ihrer ſchönen Tochter— die ich nun kennen lernen „der muß, Juſtizrath— gewinnen... konnte auf dem doch Heidekruge nicht das Bild... doch genug! Es kann üßte, kein Prinz Egon im Hohenberg'ſchen Palais krank ge⸗ liegen, wenn der echte die Folgen eines gewagten nung Incognitos im Pleſſener Thurme büßt. rllich Sehr ſcharfſinnig! antwortete Schlurck, zog aber war, einen Brief aus der Bruſttaſche hervor und ſagte: e iſt In dem Falle thut mir nur Eines leid... Sie ſtocken? Was? Frau von Zeiſel, die mir ihr beſonderes Vertrauen ühig ſchenkt, ſchreibt mir ſoeben und im größten Zorn auf hlen meine Familie. Man hätte ſie und ihren Gatten mishandelt, man hätte vor Fremden ihr, einer Nutz⸗ holz⸗Dünkerke, ein Dementi gegeben und was dergleichen Aufwallungen einer in einem kleinen Orte mit ihrem Ehrgeize eingetrockneten, aber ſonſt ganz charmanten Dame mehr ſind. Das Wichtigſte iſt, daß Herr von lück⸗ Zeiſel, wahrſcheinlich von dem Zorn ſeiner in einer Einladung oder Nichteinladung gekränkten Gattin er⸗ muthigt, den Gefangenen aus dem Thurme längſt entlaſſen hat. Be⸗ Pauline ſprang auf. Ihr 4 Iſt Das möglich? rief ſie. 8” mog⸗ 56 Bei Patrimonialrichtern, ſagte Schlurck, iſt Alles möglich. Empörend! Dieſer Gefangene... Dieſer Gefangene wäre ja durch nichts Erheb⸗ liches gravirt geweſen, ſchreibt die liebe, etwas pol⸗ ternde, aber wie geſagt charmante Frau. Man hätte ſich in Pleſſen nie lange mit fremdem Geſindel auf⸗ gehalten und wie ſie denn dergleichen ſicherheitspoli— zeiliche, ganz ſtichhaltige Gründe mehr anführt, die jedoch wol zunächſt nichts, als eine Rache dafür zu ſein ſcheinen, daß auf dem Schloſſe plötzlich andre Menſchen erſchienen, die ſie verdrängten. Herr von Zeiſel greift mit Freuden zu, wo ihm eine Gelegen⸗ heit geboten wird, mit den Provinzialgerichten außer Berührung zu bleiben. Alſo gnädige Frau, dieſer Ge⸗ fangene iſt nicht mehr im Thurm. Pauline brach in die heftigſten Verwünſchungen und Drohungen aus. Dieſe Nichtachtung gegen einen ſo hohen Beamten wie ihren Gemahl, ſagte ſie, würde dem Juſtizdirektor theuer zu ſtehen kommen! Schlurck ſuchte ſie im Intereſſe der ihm ſehr werthen Frau von Zeiſel zu beſchwichtigen. Einem feinen Beobachter konnte kaum entgehen, daß ihn auch vorzugsweiſe wol nur dieſe Angelegenheit her— geführt hatte. Offenbar bereute Herr von Zeiſel die — — 57 Illes ſchnelle Uebereilung eines Entſchluſſes, den er nur auf Antrieb ſeiner Frau faßte... Pauline nannte nun den ganzen gegenwärtigen heb⸗ Staatszuſtand anarchiſch und war plötzlich wieder ſo pol⸗ ultrareaktionär, daß ſie mit Spitzkugeln und Shrap⸗ ätte nels dem Univerſum drohte. ꝛuf⸗ Auffallend! ſagte Schlurck, um die Geheimräthin oli⸗ nur auf andre Gedanken zu lenken, auffallend bleibt die es, daß der Bilderdieb mit dem ſogenannten Dankmar zu Wildungen im Einverſtändniſſe war, denn jener berief dre ſich auf dieſen... von Ein Helfershelfer! Ich wußt' es ja ſchon! Ein en⸗ Chaos! Ein Chaos! Es ſoll dieſen Zeiſels theuer ßer zu ſtehen kommen! rief Pauline und zeigte nicht ge⸗ wenig Luſt, auch den Juſtizrath empfinden zu laſſen, wwiie ſehr ſie ſich durch ſeine Vertheidigung anarchiſcher gen Zuſtände verletzt fühle. nen Sie ging im Zimmer auf und ab, ignorirte den ſe, bei ihrer Aufregung ſo ruhig bleibenden Beſuch und hätte ihm bald verächtlich den Rücken gewandt, wenn Schlurck nicht ein Mittel zu finden wußte, ſie plötzlich ehr em zu zähmen. hn Andrerſeits bin ich überraſcht, fuhr er nämlich mit — lauernder Miene fort, wie der wahrſcheinliche Prinz di Egon ſoviel mit den Zecks verkehrte. 58 Die Wirkung dieſes Namens war erſtaunlich. Pauline erblaßte. Krampfhaft hielt ſie ſich an ihrem Schvreibtiſch feſt und richtete ſtarr ihre Augen auf den ſpitzen Blick des Juſtizrathes, der faſt gleichgültig und lächelnd, aber tiefforſchend hinzufügte: Ueberall ſah man ihn, auch bei der Urſula Mar⸗ zahn im Walde! Worin der Stachel dieſer neuen Erwähnung nun auch liegen mochte, ob Schlurck auf Dinge anſpielte, die er kannte oder nur erforſchen wollte, Pauline war faſt einer Ohnmacht nahe. Ihre Lippen erblaßten. Die Augen übergoß ein eigner verglaster Ausdruck ſtarrer Abweſenheit. Das Weiße trat ſchreckhaft blen⸗ dend hervor. Die Hand fuhr über das Bandeau, riß die Schleife auf und warf es zur Seite. Wie heiß! ſagte ſie mit bebender Lippe. Schlurck meinte boshaft: Und in ſolcher Hitze trägt man im Sommer dieſe Verhüllungen? Die Mode! Die Mode! Aber, ich halte Sie auf! Ich habe verſprochen, bei Lippi grie⸗ chiſchen Wein zu koſten. Ich ſehne mich nicht nach dem griechiſchen Wein, aber nach Lippi's kühlem Keller. Sie haben hier wirklich ſehr heiß, Gnädigſte. Leben Sie nun wohl, Exzellenz! Damit ſtand Schlurck auf, um zu gehen. ar⸗ Aber Pauline rief: Wo wollen Sie denn hin? Bleiben Sie doch, Juſtizrath. Ich habe Sie jetzt nöthiger, als Sie glauben. Griechiſchen Wein... ich führe ihn leider nicht ſelbſt... aber ein Glas Capwein, Juſtizrath? Gnädige Frau, ich danke... was befehlen Sie noch? Keinen Befehl, Schlurck! Nur Freundſchaft und Theilnahme für ein unglückliches Geſchöpf, das Ver⸗ trauen zu Ihrem Herzen hat und es ſelbſt zu dem ihrigen verdient. Exzellenz— Ich beſchwöre Sie, laſſen Sie doch die Förmlich⸗ keiten! Ich verachte ja dieſe Formen, ich ſehe in ihnen das Flüchtigſte, das Erbärmlichſte von der Welt! Ich fühle, Gott ſei Dank! mehr innern Werth in mir, als daß ich mich durch einen äußern unterſtützen müßte. Ach! Ich bin von einer Gefahr umgeben, Schlurck, die ich mir vielleicht zu lebhaft ausmale! Aber gegen ſeine Phantaſie kann Niemand etwas. Die hängt vom Blute ab und ich weiß nicht, wie ich es machen ſoll, daß mein Auge nicht zu ſchwarz ſieht— Ein Arzt macht Das, ſagte Schlurck. Cremor— tartari wird auch mein armer Zeiſel nehmen müſſen, wenn der Intendant von ihm den Gefangenen heraus⸗ 60 haben will und den guten Mann in Teufels Küche bringt. Wo denken Sie hin, Schlurck! Wenn ich weiß, daß Sie durchaus dieſen Vorfall vergeſſen möchten... Gnädigſte, Sie könnten die Güte haben, den Geheimrath zu beſtimmen, den Zornausbruch einer gebornen Nutzholz⸗Dünkerke... Ach, ſcherzen Sie nicht! Schlurck! Das Vergeſſen! Das Vergeſſen! Wenn es nicht mehr iſt als dieſe Angelegenheit! Meinen innigſten Dank! Pauline nahm Platz und fuhr in leidender Aufregung, indem ſie den Juſtizrath zum Bleiben nöthigte, fort: Schlurck, ich hatte ein bewegtes Leben, aber ich ſehne mich nach Ruhe. Ich mag die alten Auf⸗ regungen nicht mehr, ich habe den Muth nicht mehr, gegen das allgemein Gültige zu trotzen. Ich will mein Leben abſchließen, irgend noch einem guten ver⸗ nünftigen Gedanken nachleben und vom Vergangnen mich losſagen. Aber ich will mich auch ganz los— ſagen. Ich will keine Erinnerungen in mir und in Andern und durch Andere noch weniger. Sie kennen die Macht der Antecedentien.. Ja, ja, beſte Freundin! ſagte Schlurck lächelnd über die plötzliche Zähmung der wilden Frau; warum ſollt' 61 üſ ich die Antecedentien nicht kennen! Sie ſind ja nächſt ii der Cholera die verdammteſte Krankheit der Zeit und eine ganz unheilbare! Wir ſind die Cenſur der Schrif⸗ de ten los, haben aber dafür die Cenſur der Sitten be⸗ 5 kommen. Mit der Preßfreiheit, die vielleicht ein ge⸗ ſunder Zuſtand ſein kann, iſt die Krankheit der Ante— — cedentien gekommen. Und wenn Sie wiſſen wollen, an warum ich mich nicht wählen laſſen mag, ſo iſt es auch „ die Scheu vor einer allzufrechen Analyſe meiner Perſön⸗ ä lichkeit. Ich bin mir leidlicher Solidität bewußt.. Aber Sie haben gelebt! 1 Gelebt! O Das iſt viel geſagt. Alles, Alles, Frau 4 von Harder! ih Ja! Leben! Gelebt haben, Schlurck! Geſchleudert . t geweſen ſein hin und her, heute von einem Wahn, 1 morgen von einer Leidenſchaft, geſchleudert nicht immer il durch das Schickſal, das uns unverſchuldet traf, ſon— ⸗ dern auch durch das, was wir uns ſelber zugezogen en und bitter bereuen. Wer kann dafür, daß man faſt 3⸗ fünfzig Jahre zählt! in Gnädige Frau! ·n Ja Schlurck, faſt fünfzig Jahre! Ich beſitze den Heroismus der Wahrheiten, die unleugbar ſind. eA O Sie ſind ein Engel! meinte Schlurck und lächelte im„ da er wußte, daß Frau von Harder hätte 62 ſagen müſſen: Faſt ſechszig Jahre! Ja, ja, die Antece⸗ dentien! fuhr er fort. Da ſetzen ſich Grünſchnäbel hin, die nichts erlebten, nichts erleben konnten, weil ſie jung, oder wenn alt, zu dumm waren und analyſiren Lebens⸗ läufe! Nein, ich geſtehe Ihnen, um dieſen Preis wünſch' ich mir die alten Conduitenliſten der Behör— den zurück. Die waren doch geheim, ſelbſt die Re— giſter der Inquiſition, in denen wir Beide vielleicht aufgezeichnet ſtehen, wir wiſſen's ſelbſt nicht, ſelbſt die ſind mir nicht ſo zuwider, wie dies öffentliche Ge⸗ richtsverfahren über Menſchen, die— gelebt haben! Ah, Das war eine Uebereinſtimmung! Es fehlte nicht viel, daß Pauline den Juſtizrath umarmt hätte.. Erkennen Sie daraus meine Verlegenheit, ſagte ſie nach einer freudigen Pauſe. Amanda von Hohen⸗ berg war meine Feindin. Ja! Hören Sie! Ich ſage Alles! Sie hat Denkwürdigkeiten hinterlaſſen, in denen, wie ſie mir ſelbſt einſt ſchrieb, Gott richten würde. Für dieſe fanatiſche Perſon war Gott ſo ſichtbar ſchon auf Erden, daß ich gewärtigen kann, eine große Stö⸗ rung meiner Ruhe zu erleben, wenn dieſe Denkwür⸗ digkeiten in unberufene Hände kommen. Zwei Jahre ſind vorüber. Die Memoiren ſind nicht da, ſie er⸗ ſchienen nicht. Bei Ihnen wurden ſie nicht deponirt, bei Niemandem und dennoch ſollen ſte vorhand ſein. 4— 63 Alle Welt erwartet ſie. Die wahnwitzige Trompetta hat den Hof darauf ſchon vorbereitet. Jedermann iſt geſpannt. Sie finden ſich aber nicht. Ich weiß es, Egon ſoll ſie veröffentlichen. Egon ſollte die Einrich— tung ihrer Zimmer ſo treffen, wie ſie ſie ſterbend ver— laſſen hatte. Das Bild! war ihr letztes Wort. Alles iſt nun, was ſie ſchrieb, theils verbrannt, theils unter meinem Verſchluß. Alles iſt da, nur ein Bild nicht, ein Bild, das man in Hohenberg hat ſtehlen wollen. Alles iſt da, nur die Memoiren ſind es nicht und dies Bild. Dies Bild alſo enthält die Memoiren. Auf dem Heidekrug iſt es entwendet worden. Ent⸗ weder mit Wiſſen oder gegen Wiſſen meines Mannes. Darüber werden wir von ihm ſelbſt bald Aufklärung haben, aber denken Sie ſich, wenn Egon dieſe Denk— würdigkeiten drucken ließe! Hm! hm! räusperte ſich Schlurck. Wenn ich mir's genauer überlege... das Geplauder einer alten Ri— valin, die ſich von der Welt zurückzog, weil ſie viel— leicht keine Verehrer mehr fand... kann das ſcha— den? Was machen Sie ſich aus ſolchen kleinen Na⸗ delſtichen? Verbrechen werden Sie gegen keinen an⸗ dern Gott begangen haben, als gegen den kleinen Gott der Liebe... Ueber die Streiche dieſes Kindes lacht man. ——— -„ 64— Pauline ſchwieg und ſah Schlurck von der Seite mit großem Mistrauen an, gleichſam um heimlich aus— zuſpähen, ob dies ſeine wahre Meinung wäre. Als er die Brille wieder aufgeſetzt hatte, ſagte ſie: Nein! Auch lachen ſoll man nicht mehr über mich. Ich leide in der Geſellſchaft noch zu ſehr daran, daß man über Nadasdi lachte. Ein Buch von mir und ein Buch über mich iſt ein großer Unterſchied. Die Bilder der Familie, meine gnädigſte Freundin, fuhr Schlurck ruhig fort, die Bilder der Familie Ho⸗ henberg ſollen an den Prinzen Egon zurück. Sie ſtehen genau in dem Inventarium verzeichnet, das beim Ver⸗ kaufe des Mobiliars angefertigt wurde. Ich werde ſie vom Geheimrath alle in Anſpruch nehmen müſſen. Meinen Sie vielleicht ein Bild im Medaillonformat, das Paſtellporträt der weiland jungen Fürſtin? Suchen Sie es! ſagte Pauline. Dies grade wird fehlen... Schlurck blickte nieder und ſpielte mit dem leichten Stöckchen, das er in der Hand trug. Er legte den Perlmutterknopf des Stockes bald an die Lippen, bald klopfte er damit auf die Fläche der linken Hand. Pauline fuhlte ſich gefoltert. Sie wiſſen etwas von dem Bilde— Juſtizrath? ſagte ſie. eite Und wenn ich etwas davon wüßte? Das Bild us⸗ iſt mein! Es gehört dem Prinzen Egon! Als Und Sie wären im Stande, es ihm auszuliefern... auszuliefern, ehe man es unterſuchte? Wenn es eine ch Kapſel enthielte, unter der die Denkwürdigkeiten ver⸗ aß borgen wären... Schlurck, würden Sie ihm dieſe ind ausliefern? Würden Sie ruhig mit anſehen, daß mein Ruf, meine Ehre, in die Hände meiner Feinde käme? in, Hm! hm!l ſagte Schlurck, ſchwieg dann, wiegte do⸗ das Stöckchen hin und her und ſchien zu überlegen, en wie er dieſe Chancen der Aufrichtigkeit einer gefähr⸗ er⸗ lichen und einflußreichen Frau mit ſeinem Vortheil ſie vereinigen ſollte. Er ging von dem Grundſatz aus: en. Gegen ſchlimme Menſchen muß man ſelber ſchlimm ſein. d, Auch Sie ſind mein Feind, rief Pauline und ſprang bebend vor innerer Erregung aufv ich ſehe es, auch Sie! ld Nach einer Weile warf ſie ſich in einen andern Seſſel und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. en Schlurck ſtand auf und zog ſeine Handſchuhe wie⸗ en der an, als rüſtete er ſich zum Gehen... d Wir klagen, ſagte er, und jammern über ein Bild! Hätten wir es nur erſt! Wiſſen Sie, wo ich es vermuthe? 7 Wo? In den Händen meiner Tochter. Die Ritter vom Geiſte. III. ———— Schlurck? In den Händen meiner Tochter. Sie ſcherzen... Laſſen Sie mich dieſe Vermuthung, die ſich auf allerhand Plaudereien Bartuſch's, die ich faſt über— hörte, gründete, genauer unterſuchen. Ich hoffe, mich ſo zu benehmen, daß ich Ihnen nicht misfallen werde. Pauline richtete noch einmal erſtaunt den Kopf auf und fragte nochmals: In den Händen Ihrer Tochter? Sie wiſſen doch, ſagte Schlurck, daß ich eine Toch⸗ ter habe, die ich Melanie nannte, weil mir der Ton⸗ fall dieſes Namens Das auszudrücken ſchien, was ſie Gott ſei Dank! zu meiner Freude wirklich geworden iſt. Sie ſchwebt vorurtheilsfrei über die Erde hin und hat dazu von den Göttern die entſprechenden leichten Schwingen bekommen. Ich glaube, daß ſie einmal der Sonne zu nahe kommen und ſich elend verbren⸗ nen kann; aber wenn ſie ſtürzt, wird ſie nicht auf's Gemeine fallen. Ich liebe ſie doppelt, einmal, weil ſie mein Kind iſt und zweitens, weil ſie Verſtand hat. Sie liebt den Prinzen Egon... Sie wird die Für— ſtin von Hohenberg! ſagte Pauline. Ich bitte Sie, rief Schlurck, dann nehm' ich mein Wort zurück und erkläre, daß ſie keinen Verſtand hat— 1 67 Was glauben Sie? Ich wiederhole nur, was mir Bartuſch, mein alter Maulwurf und Spürer, heute früh zugetragen hat. Da mich weit mehr der große Prozeß und die Adminiſtration beſchäftigte, als all' dieſe kleine Romantik, da ich ferner jeden Augenblick zum Prinzen gehen wollte, um über alles Zukünftige klar zu ſehen, ſo hört' ich nur halb und halb auf dies Tuſcheln und Flüſtern und merkte nur obenhin, daß der Alte von meiner Melanie viel Krauſes und Buntes erzählte. Sie hat viel unterwegs gelacht und, wenn ich aufrichtig ſein ſoll, geſtern über Nieman⸗ den mehr— Ueber Niemanden mehr— wiederholte Pauline geſpannt. Schon wollte ſie ſagen: Als über meinen Mann? doch ſie beſann ſich... der Gedanke des im Möbelwagen eingeſperrten Intendanten war ihr denn doch zu demüthigend... Sie wiederholte: Als über wen? Nun nannte Schlurck, mit einem wohlangebrachten . Handkuß, in aller Delikateſſe und mit viel Schelme— rei wirklich den Geheimrath... Die Gewißheit, daß nun alſo doch Henning von Harder der Düpe irgend einer von weiblicher Hand im Intereſſe des Prinzen geleiteten Intrigue geweſen war, lag klar vor den Augen der klugen Frau. So 5* 68 wie ſich weibliche Schönheit und Liebenswürdigkeit in die Verknüpfung der ihr ſo räthſelhaften einzelnen Thatſachen miſchte, ging ſte nicht mehr irr, denn da hatte ſie einen ſicher leitenden Faden. Vom weiblichen Herzen wiſſen Frauen immer wohin es zielt und wo— für allein es ſchlägt und wofür allein es etwas wagt. Ebenſo klar war ihr aber auch, daß ſie ſich auf Schlurck jetzt nur noch halb verlaſſen konnte. Zu blind hatte ſich ihr ſeine Liebe für das einzige Kind zu erkennen gegeben. Prinz Egon und Melanie im Bunde wa⸗ ren, das ſah ſie, unüberwindlich... Und da in dem⸗ ſelben Augenblicke die Ludmer ſchon mit einem zart⸗ duftenden Antworts⸗Briefchen von der d'Azimont kam, worin dieſe ſchrieb:„Das erſte Wort der Freundſchaft, das mich hier begrüßt, kommt von Ihnen, Pauline! Von Ihnen! Edles Herz(noble coeur, der Brief war franzöſiſch), Edles Herz, ich kann nicht um Eins kommen, aber um Sechs... heut' Abend um Sechs umarm' ich Sie“— als Pauline dieſe Zeilen gele⸗ ſen und von der Ludmer noch leiſe vernommen hatte, daß all' ihr erneutes Suchen nach dem Bilde verge⸗ bens geweſen wäre, entwarf ſich ihr in ſolchen Din⸗ gen raſch erfindender Geiſt einen andern Plan, der ſo lautete: Mögen Egon und die d'Azimont ſtehen, wie ſie 69 wollen, ſo groß ſind noch ihre Anſprüche an dieſen jungen Mann, daß eine bürgerliche kleine Kokette nicht wagen wird zu ihm aufzublicken, ſieht ſie erſt die vielbewunderte junge Frau, der nach allgemeiner Uebereinkunft in der Geſellſchaft der wahre Beſitz die⸗ ſer von Melanie gemachten flüchtigen Landſtraßen⸗ Eroberung gehört... Sie hoffte die d'Azimont noch nach ſechs Uhr feſt— zuhalten bis zum Thee, durch ſie auf Egon zu wirken, durch ſie den Bund zwiſchen Melanie und Egon zu ſprengen. Als einzigen und ausdrücklichen Beweis der Freundſchaft verlangte ſie jetzt vom Juſtizrathe nur noch, daß er heut' Abend zur nähern Beſprechung die⸗ ſer Angelegenheiten vor dem Thee wiederkäme und zugleich endlich ſeine bewunderte Tochter Melanie ihr aufführe.. Ich muß den ſchönen Böſewicht kennen lernen, ſagte ſie verſchmitzt, den Engel, der es gewagt hat, die alten ſchlummernden Empfindungen des Geheim⸗ raths in Aufruhr zu bringen. Iſt hier ein komiſcher Roman im Gange, ſo ſoll er unter meinen Augen fortgeſpielt werden. Ich bin eiferſüchtig, ich will Me⸗ lanie ſehen. Verlaſſ' ich mich darauf, daß ſie kommt? Schlurck erwiderte, er wolle verſuchen, ſeine Toch⸗ ter zu überreden. 70 Nichts überreden! Sie befehlen! ſagte Pauline. Befehlen? ſagte Schlurck und griff verlegen nach ſeiner Perrücke. Nun ja... wir wollen befehlen. Und wenn das Bild noch zu retten und nicht in Egon's Händen iſt, ſagte Pauline, indem ſie dem Juſtizrath lächelnd die Hand hinhielt, wer erhält es? Der Prinz das Bild, ſagte Schlurck; etwaige Kon⸗ trebande— 8 Ddie Denkwürdigkeiten ſeiner Mutter?... Die... jetzt wurde Schlurck ſchelmiſch... die trag' ich zum Buchhändler und laſſe ſie als zweiten Theil des Nadasdi drucken. Mit dieſer humoriſtiſchen Wendung wollte er zur Thür... Nein! Nein! So entkommen Sie mir nicht! ſagte Pauline in wirklicher Angſt. Ein klares Wort, keine Galanterie! Kein Humor! Ich bin überhaupt keine Frau für den Humor... Haben wir nur erſt das Bild! ſagte Schlurck drängend. Juſtizrath, können Sie mich auf dieſer Folter zurücklaſſen— 2 Ludmer, ſetzte ſie raſch hinzu, nimm ihm Hut und Stock ab! 71 Nein, nein, ſagte Schlurck faſt ſich flüchtend, ich muß zu Lippi und griechiſchen Wein koſten und nach⸗ her noch einmal zu den Wildungen, dann zum Prin⸗ zen, wohin ich einen gewiſſen Ackermann beſtellt habe, AW der ſich zur Pachtung ſeiner Güter meldete. Auch die Krankheit der jungen Durchlaucht bekümmert mich... Er iſt denn doch der Sohn des alten Fürſten, dem ich i ſoviel Beweiſe... 4 Und kein Wort der Beruhigung, der Theilnahme, des Dankes für mein Vertrauen? unterbrach Pauline 1. 4 mit allem Aufwand von Liebreiz, deſſen ihr Auge und n ihre Mundwinkel noch fähig waren. Schlurck küßte ihr wiederholt die magere Hand r und ſagte: Bezaubern Sie mich nicht! Ich bin im Geiſte noch nicht ſo alt wie im Kirchenbuch ſteht! Ah! Frau von Zeiſel ſollte nur hier ſein! Die ſollte nur ihre Bitten mit den meinigen vereinen und gewiß, wir würden das harte Herz ſchon erweichen— Es war viel Anmuth in dieſen Worten der Ge— heimräthin. Schlimme Frau, was ſprechen Sie? lächelte Schlurck. In der That, man weiß nicht, ſoll man Sie fürchten oder lieben? Ich will Sie lieben, Frau Geheimräthin! Verlaſſen Sie ſich auf meinen Verſtand und beten Sie ————;O—— d 72 zu irgend einem der Götter, zu dem Sie das meiſte Vertrauen haben, daß es noch Zeit ſein möge, böſen und albernen Dingen der Art, wie Sie ſie fürchten und wie ich ſie ſelbſt niemals habe leiden mögen, mit Klugheit vorzubeugen. Ich gebe Ihnen mein Ehren⸗ wort. Mein Inſtinkt ſpricht für Ihre Intereſſen! Heilig und gewiß! Auf Wiederſehen, vielleicht heut Abend... Damit ging Schlurck... Nein, ganz gewiß! rief ihm Pauline noch nach, blieb dann eine Weile, um die beengte Bruſt durch einen tiefen Athemzug zu löſen, ſtehen, erwiderte nichts mehr auf die beſorgten, fragenden Blicke der Ludmer und winkte nur, die halb tonloſen Worte ausſtoßend: Er iſt fort... Auf alle Fälle macht man jetzt Toilette! Damit hob ſie den Vorhang ihres Schlafkabinets und ſchritt aus dem gelben Boudoir durch den Alko⸗ ven in das grüne und von dieſem in ihr Toiletten— und Garderobezimmer. Die Ludmer war gleichfalls verſtimmt... Ihre Nichte hatte ihr ein altes Bettelweib geſchickt, um wieder von ihr eine Unterſtützung zu begehren.. Sie hatte zwar draußen nur die einfachen Worte geſagt: 73 meiſte Ich kenne keine Auguſte Ludmer, die ſich meine böſen Nichte nennt!. rchten Sie hatte die Thür dem Bettelweib vor der Naſe , mit zugeworfen, aber es alterirte ſie doch. Sie mußte ihren⸗ etwas Meliſſengeiſt auf Zucker nehmen, um ſich von eſſen! denſelben Aufregungen zu erholen, von denen Pauline heut von Harder ſich nur ein wenig durch die Wahl der Toilette erholte, die ſie eben machen wollte... Als die Ludmer in das Garderobezimmer, wo ihre nach, Herrin und Freundin noch wählte, nachkam, ſagte durch dieſe nur die einzigen Worte: ichts Du haſt Recht, Charlotte! Vor dieſem Schlurck dmer hab' ich heute zum erſten Male ein Grauen empfun⸗ end: den. Es iſt mir, als hätt' er über uns Leben und jett Tod in ſeiner Hand. Und das Bild? fragte die Alte. nets KHas ſeine Tochter Melanie durch irgend eine Schlau⸗ lko⸗ heit, im Einverſtändniß mit Egon, meinem Mann ab⸗ ten⸗ geliſtet... Dieſe Kokette! Wie war Das möglich? .Das Heranrollen eines Wagens vor dem t offnen Thore des Hauſes, die ſichere Anfahrt und die Art der Oeffnung des Schlages— man hörte das auf's Deutlichſte— verrieth, daß der Geheinrath angekommen war. irte — ͦę————— 74 Die Bedienten klopften leiſe an die Garderobe und berichteten: Erzellenz? Erzellenz! Etwas langſam und bedächtig ſchallten die Fuß⸗ tritte, mit denen der zum Beichten beſchiedene alte Herr in den erſten Stock aufſtieg, den er bewohnte... Wir werden ja hören! ſagte Pauline ruhiger und entſchied ſich heute aus Rückſicht auf die zwei ſchön⸗ ſten weiblichen Weſen, die man ſich nebeneinander den⸗ ken konnte, Melanie Schlurck und Helene d'Azimont, für einen Stoff von Silbergrau, auf den Abend aber für ein Koſtüm, das ſie ſeiner maleriſchen Einfach⸗ heit und eines gewiſſen orientaliſchen Turbans wegen immer das bibliſche nannte. Wir werden Gelegenheit haben, dieſe von Hein⸗ richſon ihr entworfene Toilette ſpäter genauer zu be⸗ richten... Von Schlurck aber, den wir zum erſten Male in ſeinem geſchäftlichen Tone kennen lernten, müſſen wir geſtehen, daß er nicht ganz Derſelbe war, wie wir ihn beim Kredenzen von Jaqueſſon und Geldermann— Deutz kennen lernten. Vielleicht findet er bei dem Italiener Lippi wieder den gewohnten Gleichmuth ſei⸗ ner Stimmung und ſtärkt ſich zu den Geſchäften, die ihn in das Hotel des Prinzen Egon rufen, von denen und 75 das über Ackermann angedeutete ebenſoſehr unſere Neu⸗ gier ſpannen wird, wie die endliche Aufklärung über die Perſönlichkeit des Prinzen Egon, mit dem ſich Schlurck, nach Allem, was er über die Rückreiſe ſei⸗ ner Familie von Hohenberg faſt Unglaubliches ver⸗ nommen hatte, jetzt auf die leichteſte Art zu verſtän— digen hoffen durfte. ——— Viertes Capitel. Die rettende Hand. Das große Palais des verſtorbenen Fürſten Walde⸗ mar von Hohenberg lag im lebhafteſten Theile der Reſidenz. Der Park und die Gärten, die ſich ihm anſchloſſen, waren von hohen Mauern umgeben und konnten von entgegengeſetzten Häuſerreihen nicht beob⸗ achtet werden. Es ſtanden theils die Bäume des Parkes an den Mauern ſo hoch, daß ſie die innern Parthieen verdeckten, theils lagen in nächſter Nähe nur freie Plätze. Das Hauptgebäude ſelbſt war alt und in jenem geſchweiften Kommodenſtil gebaut, der die ar⸗ chitektoniſchen Verzierungen der ausgeſchweiften Krüm⸗ mungen und Windungen wirklich nach der Form der menſchlichen Knochen beſtimmte, wie Hogarth für den Geſchmack ſeiner Zeit in ſeiner barocken Aeſthetik aus⸗ führt. Die hohen Fenſter waren mit jenen bekannten Knaufen nnd Rundungen verſehen, die in Sandſtein . G 62 77 den knöchernen menſchlichen Schlüſſelbeinen und Ge⸗ lenkpfannen nachgemeißelt ſchienen. Dazwiſchen ein Helm oder der Kopf eines ſterbenden Kriegers oder ein Meduſenhaupt. Im Einzelnen zergliedert mochten dieſe Ausſchmückungen der Portale, Fenſter, Vorſprünge und Frieſe ſchwerlich vor der Kritik einer geläuterten Geſchmackslehre Stand halten; allein der Totaleffekt, das Enſemble war auch hier, wie beim hohenberger Schloſſe, der einer gewiſſen Würde und vornehmen zalde⸗ Stattlichkeit. Auch dies Palais hatte zwei jedoch nur e der ſehr kurz vorgeſchobene Seitenflügel mit verſchloſſenen 1 ihm hohen Eingängen. Der grasbewachſene und etwas und verwilderte Vorhof, der durch die Flügel vor der lan⸗ heoh⸗ gen Fronte gebildet wurde, war durch Ketten von der des Straße abgeſondert. In der mittlern Thür war die mnern große Einfahrt eine Facade von ſechs dünnen Säul⸗ nur chen, von denen je drei dicht beieinander ſtanden und* und in der Mitte ein großes eiſernes Becken zur Pechbe⸗ e ar⸗ leuchtung bei feierlichen Gelegenheiten einſchloſſen. Das. rüm⸗ Schwärzen der Säulen hatte man dabei nicht zu fürch⸗ der ten, da das ganze Gebäude durch die allmälige Ver⸗ den witterung des Sandſteins und die in der Stadt neuer⸗ dus⸗ dings ſtark betriebene Steinkohlenfeuerung ein dunkel⸗ nten graues Anſehen hatte; nur die weißen Vorhänge an fein den großen Fenſtern der erſten Etage und im Parterre 3 78 einige Blumenſtöcke gaben ihm den Charakter einer gewiſſen Wohnlichkeit. Hatte Fürſt Waldemar auch die äußere Erſchei⸗ nung ſeines Palais nach vorn ſo gelaſſen, wie er es damals, als ihm vor etwa dreißig Jahren die große Erbſchaft zufiel, von einem Seitenverwandten des re⸗ gierenden Hauſes erſtand, ſo hatte er doch im Innern und nach hinten zu auch äußerlich bedeutende Ver⸗ ſchönerungen im neuern Stile angebracht. Auf eine harmoniſche Verbindung dieſer Anbauten mit dem Vor⸗ gebäude war dabei nicht geſehen worden. Man ſtellte einen Pavillon dicht hinter das Hauptgebäude und verband ihn mit dieſem nur durch einen bedeckten Glasgang. Dicht an dieſen Pavillon reihten ſich, jedoch ohne Verbindung, die Gewächshäuſer. Die eine Seite des von einer hohen Mauer eingefriedigten Gar⸗ tens war hell und freundlich, die andere der hohen Bäume des kleinen Parkes wegen etwas düſter und bei heftigem Sturme, wenn die Gipfel ſchwankten und krachten, gar unheimlich. Den Park hatte der alte Fürſt, dem die ſchöne Natur ſehr gleichgültig war, vernachläſſigt, und dem Garten würde es ebenſo ge⸗ gangen ſein, wenn ihm ſein Pavillon nicht ſehr am Herzen gelegen hätte, in dem er kleine Diners und vertraute Soupers gab. Die Ialouſieen dieſes von 79 teiner ihm mit beſonderer Vorliebe gepflegten Gartenhauſes waren zwar immer herabgelaſſen... doch zeigte er Eiſche⸗ wol einmal ſeinen Gäſten die Ausſicht in's Freie, vie a Grund genug, ſie dem Pavillon entſprechend zu er⸗ große halten. Denn wir können annehmen, daß dieſer eine des re⸗ ebenſo reiche Einrichtung enthielt wie die großen Ge⸗ Innern mächer des Hauptgebäudes. e Ver⸗ Sogleich, wenn man das Innere des Portals be— ff eine treten und links an der Loge des Portiers, rechts an der Vor⸗ Wohnung des Hauptverwalters des Schloſſes und ſo⸗ ſtellte zuſagen Haushofmeiſters, Herrn Wandſtabler, vorüber e und war, verwandelte ſich der ganze Stil des Hauſes. deckten Der Treppenaufgang entſprach vielleicht noch dem Cha⸗ n ſich rakter des urſprünglichen Baues. Es waren zwei Auf⸗ ie eine gänge, die links oder rechts zu demſelben Ziele führten. Gar⸗ Aber die koſtbaren Teppiche, über die man ſchritt, die hohen Marmorſtatuen, die auf dem Abſatz der Treppen auf⸗ r und geſtellt waren, die Form der das Gitter unterbrechen⸗ n und den Karyatiden, die über den Häuptern große ver⸗ r alte goldete Laternen trugen, die Freskomalerei der Decke wan, und die getäfelten Korridore, die man, oben ange⸗ ſo ge⸗ langt, rechts und links ſich ausbreiten ſah, alle dieſe r am Verſchönerungen gehörten der neuern Zeit an. Ebenſo 3 und koſtbar war die innere Einrichtung. Die alterthüm⸗ z von liche Form der großen Zimmer war ganz verſchwun⸗ ———— 80 den unter den Tapeten, Malereien und Stukkaturen im neuern Geſchmack. Große Gemälde bedeckten die Waͤnde, Tiſche mit Marmorplatten und vergoldeten oder bronzirten Füßen von Bildhauerarbeit, Konſolen mit Statuen aller möglichen Auffaſſungen der Venus und Amor's und Pſyche's, Gemälde, von denen viele ihrer allzuſinnlichen Sujets wegen mit grünen Vor⸗ hängen bedeckt waren, große Kronenleuchter von Kry— ſtall, Teppiche, koſtbare Ofenſchirme, Das waren die Liebhabereien des alten Herrn, der hier über funfzehn Jahre allein hauſte und dieſe Pracht ſich bei Denen, die er ſchalten und walten ließ, blindlings beſtellte, ohne Rückſicht auf ſeine Mittel und ohne Rückſicht auf ſein eigenes Verſtändniß. Es war ein wilder Krieger, der gleichſam im Felde gute Beute gemacht hatte und ein Halsgeſchmeide fortgab, um, wie jener Kroat in Wallenſtein's Lager, eine hübſche Mütze dafür zu erhandeln oder der um ein Halsgeſchmeide, das grade ſo und nicht anders ſein ſollte, ſoviel aus⸗ gab, als drei, viel werthvollere gekoſtet hätten. Was er irgend ſah, mußte er kaufen. Er glaubte, ſein Stand brächte Das mit ſich und grade, weil ſeine Fürſtenſchaft neu war, that er Alles, um an Glanz zu erſetzen, was ihr an Alter fehlte. In's Gelag hinein beſtellte er bei Künſtlern, die er bei Hofe hatte 81 rühmen hören, Arbeiten, und wenn ſie in ſeinen Sä⸗ turen n die len aufgeſtellt wurden zur Beſichtigung der Kunſt⸗ deten freunde und der eleganten Welt, ſo machte er in dem ſolen Falle, daß ſchöne Damen kamen, ſelbſt die Honneurs enus und war immer bei der Hand, Denen, die ihm be⸗ giele ſonders gefielen, Aufmerkſamkeiten und koſtbare An⸗ Vor⸗ denken auf eine, oft nicht feine, aber keineswegs ver⸗ ſer⸗ letzende Art aufzuzwingen. Ohne Bildung und ge— t b ringen Verſtandes, war er im höchſten Grade gut⸗ zehn müthig und gefällig. Dieſer tapfere alte Herr brachte dnen ſeine ganze mit Lorbeern geſchmückte Veteranenzeit ſelle damit zu, kleine Galanterien zu treiben, von Boudoir füct zu Boudoir zu fahren, mit ſeiner Huſarenuniform zu ider kokettiren und ſo lange des Tages den Heros der nact Jugendlichkeit und des galanten Ritterthums zu ſpie— 1 len, bis ſich Abends wieder der alte Landsknecht in u ihm regte und er dem Spiele, dem Glaſe, ja zuletzt ede, der Bowle verfiel. nus⸗ Fürſt Waldemar hatte eine Eigenſchaft, die man Zeeine poſitive Tugend nennen muß. Er war ſehr qe 2. Was ceeinlich. Noch jetzt, drei Monate nach ſeinem Tode, ſen entdeckte man in ſeinem Palais überall die Suren fine dieſes einzigen Verſchönerungsmittels, das eigentlich lanz unmittelbar aus ihm ſelber, ſeiner angeborenen Natur, elag kam. Das war noch der alte Soldat, der die Sau⸗ halfe Die Ritter vom Geiſte. III. 6 —= ———, berkeit und„Propreté“, wie er's nannte, über Alles ſchätzte. Er wußte vielleicht ſelbſt nicht einmal, daß er mit dieſem ſchönen Triebe der Reinlichkeit ein außerordentliches Verjüngungsmittel beſaß und da⸗ durch in der That den Damen gefällig erſcheinen konnte. Sein halbweißer, nie gefärbter Bart mußte, wie er es nannte, appetitlich ſein. Seine Wäſche wurde täglich gewechſelt. In dem Seitengemache ſeines Pa⸗ villons hatte er ein Bad eingerichtet, voll Eleganz und Geſchmack und nicht blos zum Staat oder Amü⸗ ſement ſeiner Freunde, die die hier aufgehängten in⸗ diskreten Bilder und umſtehenden kleinen Statuetten belachten, ſondern zur wirklichen Stärkung ſeiner einſt gewiß ſehr ſchön geweſenen Geſtalt. Noch jetzt zeigten ſich alle Spuren dieſes Kultus der Reinlich— keit. Für ein ſo großes Haus, dem eine weibliche Herrin ſeit Jahren fehlte, herrſchte eine große Sau— berkeit. Der Staub war überall gekehrt. Alles, was an Stoffen und Farben leicht von der Sonne litt, war verhangen, die Zimmerteppiche wurden noch immer gelüftet und nur ſehr dünn war jene Son⸗ nenſtaublinie, die ſich in jedem halbgeſchloſſenen, von der Sonne beſchienenen Zimmer zeigt. Es war, als wenn noch immer des alten Fürſten Geiſt hier be⸗ fehlend waltete, als wenn ſich noch Alles beeiferte, etten einer jett lich⸗ liche au⸗ was litt, noch von⸗ von als be⸗ erte, ſeinen in dieſem Punkt unverſöhnlichen Zorn zu ver⸗ meiden. Die Dienerſchaft des Hauſes beſtand noch jetzt aus einem Portier, drei Bedienten, einem Koch, einem Kutſcher, zwei Reitknechten und dem Kaſtellan oder Haushofmeiſter, der, wie ſchon geſagt, Wand⸗ ſtabler hieß. Das Eigenthümliche aller dieſer Men— ſchen war, daß ſie, außer dem pariſer Koch, ſämmt⸗ lich dem Militairſtande angehört hatten. Es waren ehemalige Soldaten, bleſſirte, brave, gutempfohlene Unteroffiziere, Sergeanten, Feuerwerker, je nach ihrer Waffengattung. Wandſtabler war bei denſelben Hu⸗ ſaren, deren Uniform der Fürſt am liebſten trug, Wachtmeiſter geweſen und hatte ihm im Felde die treueſten Dienſte geleiſtet, ja ſogar mit Aufopferung des eignen Lebens einmal das ſeine beſchützt. Wand⸗ ſtabler war dadurch zum eigentlichen Chef der ganzen Hausverwaltung des Fürſten allmälig avancirt. Kei⸗ neswegs durch ſein großes Rechnungstalent oder ſeine Ordnungsliebe oder ſeine nüchterne Aufmerkſamkeit im Dienſte, ſondern lediglich durch die Erinnerung an die alten treuen Dienſte und, um es nur hinzu⸗ zufügen, noch einen Vorſchub, den er in ſeiner eignen Familie beſaß. Wandſtabler hatte drei Töchter, die, von nicht unangenehmem Aeußern, Eine die Andere ſo 6* ——————, 84 . in Jahren ablöſten, daß immer, wenn die Eine ver⸗ blüht war, die Andre gleichſam an ihrem Stamme friſch aufſchoß. Die drei Demoiſelles Wandſtabler ſpielten eine ſehr einflußreiche Rolle in der Lebens⸗ geſchichte des alten Fürſten Waldemar. Sie regierten das Haus und faſt Alles, was dem Fürſten nach ſeiner Ueberſchuldung an eigner freier Dispoſition übrig blieb. Die drei Demoiſelles Wandſtabler waren jetzt ſechsunddreißig, dreißig und vierundzwanzig Jahre alt, hießen Florentine, Doris und Laura, wurden aber. der Kürze und Harmonie wegen: Florette, Dorette und Lorette genannt, oder wie ſie der Fürſt nannte: die Flore, die Dore und die Lore. Darin waren ſie faſt eine einzige Perſon, daß ihnen die ganze ausübende Gewalt der Hohenberg'ſchen innern Angelegenheiten gehörte. Wodurch ſie dieſen Einfluß errangen, wo⸗ durch ſie ihn behaupteten, iſt kein Geheimniß. Der Fürſt hatte einen Kammerdiener vor der Welt, aber keinen in ſeinem nähern Bedürfniß. Er hatte nur Bediente, die die äußern gröbern Arbeiten verrichteten. Man ſagte aber, daß eben die Demoiſelles Wand⸗ ſtabler beim alten Fürſten die wahren Kammerdiener⸗ dienſte verrichteten und daß er ohne ſie nicht gehen, ſtehen, eſſen, trinken u. ſ. w. konnte. Jede Handrei⸗ chung von Morgens in der Frühe den Bädern und dem Frühſtück an bis Abends, wenn er von den Spiel⸗ oder Trinkabenden heimkehrte, leiſteten weibliche Hände unter oberer Leitung der Demoiſelles Wandſtabler. Der Fürſt iſt dahingegangen... Wir kennen das Folgende... Sein Erbe ſcheint eingezogen und wird jetzt als krank gemeldet, krank nach einem kurzen Aus⸗ fluge, den er, man ahnte nur wohin, kurz nach ſeiner Ankunft aus Paris gemacht hatte. Zitterten über ein Dutzend Menſchen für ihre Zukunft, als der alte Generalfeldmarſchall die Augen ſchloß, erwarteten ſie im bangen Vorgefühl, was ihnen von einem als wunderlich und launenhaft bekannten jungen Manne bevorſtehen würde, ſo mußte ihnen jetzt, da dieſer ſo plötzlich erkrankte, vollends bange werden über eine Zukunft, die der Fürſt beim beſten Willen nicht ſichern konnte, da er keine Mittel dafür beſaß. Der alte Wandſtabler verlor gleich nach dem Tode des Fürſten den ſchon immer ſchwachen Kopf. Vormittags nur war er ſonſt gewohnt, ihn noch einigermaßen zu ge— brauchen, Nachmittags ſchlief er und gegen Abend folgte er dem Beiſpiele ſeines Herrn und ergab ſich allen nur möglichen ſchlimmen gebrannten Geiſtern. Er war dick und ſchwammig, hatte eine fürchterliche Röthe im Geſicht und wichſte ſich ſeinen martialiſchen Schnurrbart mit dem beſten nur aufzutreibenden unga⸗ ——ʒy—— riſchen Firniß. Der Kontraſt dieſer dicken Figur und des ſchwammigen, ſchwarzbärtigen, weißhaarigen Kopfes zu dem ſchwarzen Frack und den kurzen, engen Bein⸗ kleidern und weißen Strümpfen, die er tragen mußte, war ſehr barock. Er ſollte den Haushofmeiſter ſpielen und ſtand kaum auf der Stufe des Portiers. Wenn ihn nicht ſeine drei Töchter gehalten hätten, er würde ſich in dieſer noblen Stellung nicht haben behaupten können. Dieſe aber dachten ſtatt ſeiner, ordneten und regierten ſtatt ſeiner und ſowie er eine an ihn gerichtete Frage nach einem brummiſchen Räuspern nicht beantworten konnte, rief er eine ſeiner—oren oder— etten zu Hülfe, die Dore, die Flore oder die Lorette und ließ den Fall entſcheiden... ſie waren alle auf dieſelben Dinge abgerichtet und leiſteten in jedem das Mögliche. Seit drei Monaten war Wandſtabler nicht aus der Rührung herausgekommen. Seine ohnehin ſehr leicht thränenden Augen floſſen bei jeder noch ſo leiſen Berührung an die gefährlichen Fragezeichen ſeines künftigen Schickſals. Der junge Prinz war ihm von früher nur ziemlich flüchtig erinnerlich. Er ahnte, daß er von ſeinem Leben nicht vielen Vortheil haben würde, wußte aber auch, da er nun heftig erkrankt war, daß mit ſeinem Tode vollends jede Hoffnung 1 87 3 ſchwand. Die Töchter waren nicht minder erſchrocken. Den jungen neuen Herrn hatten ſie eigentlich kaum noch geſehen, und Anfangs auch noch nicht recht fürchten wollen. Alle weiblichen Dienſtboten des Hauſes, die unter dem alten Fürſten trotz ihrer eignen großen Geltung doch immer jung und gefällig ſein mußten, waren zwar raſch abgeſchafft worden, aber.. Lorette, die Vierundzwanzigjährige, hatte eine ſchöne Geſtalt, eine gewiſſe Anmuth, ja ſogar die Dreißigjährige, Dorette Wandſtabler, konnte unter gewiſſen Umſtän⸗ den ſich zutrauen, wenn auch keinen Eindruck, doch ſich gefällig, angenehm, beliebt zu machen. Frauen fürchten ſich vor Männern nie. Und ſo hofften Flore, Dore, Lore auch hier ſchon fertig zu werden.. nun aber wurde der Prinz krank und die Aerzte machten die be⸗ denklichſten Mienen.. Sie ſprachen vom Nervenfieber.. einer Krankheit mit ſo tückiſchen Möglichkeiten. In der ſchönen Wohnung, die Wandſtabler im Parterre rechter Hand inne hatte, ſaßen Dorette und Lorette am Fenſter auf einem Tritt und richteten ihr Auge bald auf die Wägen zweier Aerzte, die vor'm Hauſe ſtanden, bald auf einen würdigen hohen, ſtatt⸗ lichen Mann, der in Begleitung eines ſchönen Knaben auf einem Sopha ſaß und mit ernſter, faſt trauriger Miene die Bilder an den Wänden muſterte. 83 Es waren dies Ackermann und Selmar. Sie hatten in der That bei Schlurck in aller Frühe einen Beſuch gemacht, waren von ihm in das Pa⸗ lais des Prinzen beſchieden worden, wo er ihnen auf Ackermann's überraſchenden Antrag, die Hohenberg'⸗ ſchen ſämmtlichen Güter in Pachtung zu nehmen, Beſcheid geben wollte. Nun ſaßen ſie ſchon eine Stunde und harrten.. und erfuhren, daß Prinz Egon von einer Reiſe krank zurückgekehrt war.. Die Aerzte waren am Lager des jungen Prinzen, ſie erblickten überall traurige Geſichter, Ackermann ſprach nichts und Selmar konnte die Thränen nur mit Mühe unterdrücken. Zuweilen kam der Haushofmeiſter Wandſtabler in's Zimmer, ſchüttelte den Kopf, ſtöhnte und ſprach die traurigen Worte: Es kann ihn Niemand ſprechen! Niemand! Aber der Herr Juſtizrath vielleicht... Der Herr Juſtizrath! Er ging dann an einen kleinen Wandſchrank, öff⸗ nete ihn, klapperte mit Schlüſſeln, die daſelbſt in aller Ordnung aufgehängt waren, benutzte aber auch regel⸗ mäßig dieſe wahrſcheinlich zu ſeinem Amte nicht gehö— rende ſtete Reviſion der Schlüſſel, um aus einigen Fla⸗ ſchen, die neben den Schlüſſeln im Wandſchranke ſtan⸗ —-⏑——— 89 den, ſich eine kleine Herzſtärkung zu holen. Wenn ſeine jüngern Töchter nach der ältern Schweſter frag⸗ ten, ſagte er, ſie wäre oben und höre die Befehle der Aerzte. Dann ſah man einen Bedienten mit Rezep⸗ ten eilen.. ein andermal kamen vornehme Lakaien von da und dort und erkundigten ſich nach dem Be⸗ finden Sr. Durchlaucht... Es gewährte einen ſchmerz— lichen Anblick. Ackermann hatte die Mädchen gefragt, wann der Prinz von ſeiner Reiſe zurückgekommen wäre? Geſtern Abend; hatte es geheißen. Und Sie glauben, daß er in Hohenberg war? hatte Ackermann gefragt und ein kurzes Ja! war die Antwort der beiden etwas ſtolzen Damen geweſen, die ſein Anliegen nicht kannten und ihn nur hier dulde— ten, weil ihnen der Name Schlurck, auf den er ſich berief, nach Umſtänden ein Geſpenſt des Schreckens war. Daß bei allem Leide dieſe Frauen doch immer noch Zeit fanden, zu jedem Vorübergehenden hinaus— zublicken und nach dem Kettengeländer hin ihre lan— gen Hälſe auszuſtrecken, daß ſie überdies geputzter wa⸗ ren, als ihrem Stande zukam, misfiel Ackermann ge⸗ nug und die zarte Hand ſeines in eine ſchmerzliche Beklommenheit verſunkenen Knaben ergreifend, ſagte er zu den Mädchen: Wer weiß, wann der Juſtizrath kommt! Erlau⸗ ben Sie wol, daß wir ſo lange in den Park gehen, den wir am Palais bemerkt haben? Es wird uns wohlthun, dort an der friſchen Luft zu warten. Die Mädchen ſahen ſich an. Iſt der Pavillon verſchloſſen? flüſterte die Dore. Da hängt der Schlüſſel! ſagte die Lore. Gehen Sie dann nur! antwortete kalt die Aeltere; wenn der Herr Juſtizrath kommt, werden wir Sie rufen laſſen. Selmar's Vater athmete frei auf, als er die be⸗ klemmende Atmoſphäre dieſes Zimmers hinter ſich hatte. Es war groß und geräumig, auch kühl geweſen und doch lag etwas in dem Zimmer, was ihm die Luft verdickte... Komm, mein Kind! ſagte er draußen und faßte Selmar's Arm, der ſich an ihn hing, und wie ein zärtliches Paar ſchritten ſie über die Einfahrt, den etwas düſtern Hof, dem Garten zu, wo ſie unter den hohen Bäumen aufathmeten und ſich gegenſeitig das Herz auszuſchütten begannen. Wer hätte erwarten können, begann der Vater, daß dieſer junge kräftige Mann von den Anſtrengungen ſeiner Reiſe ſo konnte darniedergeworfen werden! Es müſſen doch die Reichen und Vornehmen für die Be— au⸗ zjen, uns kre. quemlichkeiten, die ihnen das Leben gewährt, auch wieder viel büßen. Sollte ihn nicht eher der Kummer ergriffen haben, ſagte Selmar, daß er ſein Eigenthum unter ſo betrü⸗ benden Verhältniſſen antritt und fremde Menſchen da ſchalten und walten ſieht, wo ſein Herz gewiß am liebſten verweilt, an der Grabesſtätte ſeiner Mutter? Wenn er dir ähnelte, Kind, ſagte der Vater, ge— wiß nicht! Du denkſt an den Ocean ſchon gar nicht mehr zurück und unſere Farm, unſere Rinder, unſere Lämmer, unſere Wieſen und Pflanzungen mit der Trauerweide, die am See den kleinen Hügel beſchat⸗ tet, haſt du ganz vergeſſen! Ach! ſagte der Knabe ſchmeichelnd, verſtell dich nicht, Vater! Ich ſehe dir's an, daß auch du nicht mehr daran denkſt, nach Amerika zurückzukehren! Der Geiſt der Mutter iſt bei uns. Der lenkt und führt uns und hat uns auch nach Hohenberg begleitet in den Wald, an die Mühle und das rauſchende Berg— gewäſſer! Wenn ich auch zurückkehren möchte.. ich ſag's nicht.. deinetwegen. Meinetwegen? fragte der Vater mit ſinnendem Ernſt. Da irrſt du! Ja deinetwegen, fuhr der Knabe fort. Wie biſt du gerührt von Allem, was du hier wiederſiehſt! Ge⸗ ſteh' es nur, du trugſt das Land deiner Jugend im Herzen, wie die heimwehkranke Mutter. Sie ſprach nicht davon und du ſprachſt nicht davon! Beide er— truget ihr die wechſelſeitig aufgelegte Pflicht, Beide entſagtet ihr Dem, was Euch lieb war, mit ſchwe⸗ rem Herzen. Und nun du hier biſt, kannſt du dich nicht mehr losreißen von dieſen Häuſern und Plätzen, wo du ſchon einmal gelebt haſt und glücklich warſt.... Glücklich? ſagte der Vater ernſt und wiederholte mit wehmüthiger Erinnerung: O ja, recht glücklich! Und du wirſt es wieder ſein! ſagte Selmar. Ich ſah es dir an, gleich ſeit wir in Hohenberg waren, das ich ſo lieb gewann, weil ich dich zum erſten male wieder nach langer Zeit weinen ſah. O Vater, wenn du ſo trüben Ernſt im Auge hegſt, wenn es dir ſo dunkel in den Höhlen ſich ſchattet und ſie bleiben trocken und ſie erquicken ſich nicht mit dem Thau der Thränen, ach dann muß ich ſtatt deiner weinen und möchte Gott bitten, er gäbe dir meine eignen naſſen Augen.. Wo weint' ich denn bei Hohenberg? fragte der Vater, faſt gleichgültig. Auf dem Kirchhofe, Vater, ſagte Selmar. Wir hatten ja den häßlichen Leuten ihr Geld gezahlt, wir waren im Walde bei der alten Here geweſen, wollten nun fort und konnten nicht mehr von dem jungen Freunde, den wir gefunden, Abſchied nehmen. Da gingen wir noch zum Lebewohl auf den Kirchhof und du laſeſt über einem Grabe: Kommt zu mir Alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will euch er— quicken! Und als du nachſaheſt, wer dort lag, wein⸗ teſt du... Weint' ich? fragte Ackermann. Ja, Vater! Und ſo ſchwer trennt' ich mich von dem Grabe, rief Selmar, und nun biſt du jetzt überall ein Anderer. Du nimmſt Theil, du biſt bewegt, du erzählſt, du erinnerſt dich von der Stelle da in Pleſſen an hundert alte Dinge, und wie du gar von dem Jäger am Gelben Hirſch erfuhrſt, unſer lieber Freund möchte wol mit dem Prinzen Egon verwandt, es vielleicht gar ſelber ſein, wie du im Heidekrug noch ſo ſpät aufſtandeſt um ihn zu ſprechen, und ganz verſtört und doch beſeligt wiederkamſt, daß du ſchnell abreiſen mußteſt, um dich nur zu ſammeln und deine Freude zu beherrſchen, da muß in dir ſo viel Glück und Luſt der alten Zeit aufgeſtanden ſein, daß du plötzlich wieder Liebe zu Deutſchland faßteſt und dich entſchloſſen haſt, zu bleiben. Denn daß du an die Verwaltung der Güter des Prinzen 94 denkſt, nur um meine Zukunft zu ſichern und wenn dieſe ſich entſchieden, mich verlaſſen und wieder meer⸗ wärts ziehen könnteſt, das glaub' ich nicht, Vater! Nein, mein Kind, rief Ackermann mit überſchwel⸗ lendem Gefühl und drückte Selmar's bewegte Bruſt an die ſeine; nein, wie würd' ich dich je verlaſſen können! Ich will bleiben. Ich bin es einem Gelübde deiner Mutter auf ihrem Sterbebette ſchuldig, dich in die Verhältniſſe ſanft zurückzuführen, denen du an⸗ gehörſt, und wenn ich dich dann verliere, wenn du dann nicht mehr mein biſt und eine neue Mutter findeſt... Vater! rief Selmar, wie könnte das je geſchehen? Wer kann meine wahre Mutter geweſen ſein, als. Die, die dich liebte? Dir hat ſie mich geboren, dir hat ſie mich gegeben für ein ganzes Leben! Die Groß⸗ mutter eine neue Mutter für mich? Nein! Willſt du zurückkehren, ich folge dir! Um meinetwillen ſteh' von dem Gedanken ab, den du in deiner Liebe jetzt ausfüh⸗ ren willſt, dem, deine reichen Erfahrungen und Kennt⸗ niſſe hier in Europa zu bewähren. War ich es denn, Vater, der dir den Gedanken einflößte, am Fuße von Hohenberg zu wohnen und Egon's Eigenthum zu ver⸗ walten, dies ſchöne Fürſtenthum vielleicht vor dem Untergange zu retten? 95⁵ Nein, mein Kind, ſagte Ackermann mit einer be— ſondern Feierlichkeit; nein, das kam aus eignem Herzen! Ich will verſuchen, noch einmal in der Heimat Anker zu werfen. Ich will dein und mein Wohl begründen, indem ich mich entſchließe, einem Herrn zu dienen, der es vielleicht nicht verdient. Nicht verdient? ſagte Selmar. Warum ſollte es unſer Freund nicht verdienen? O, daß er krank iſt, daß ich nicht an ſeinem Lager ſtehen und ſeine Wünſche hören kann! Wie wollt' ich ihn pflegen, jeden Trunk müßt' er aus meiner Hand nehmen! Ich wäre eifer⸗ ſüchtig, wenn ihn ein Andrer mehr lieben ſollte als ich! Kind! Kind! Was ſprichſt du? ſagte der Vater. Ich ſag' es nur, antwortete Selmar mit einem leiſen Erröthen über das Feuer, das ihn ergriffen hatte; ich ſag' es nur, weil du meinteſt, er... ver⸗ diene es nicht. Er iſt vornehm, ſprach der Vater mit ernſtem Tone, er iſt vornehm und leichtſinnig. Nennſt du ihn leichtſinnig? war des Knaben ver⸗ wunderte Frage. Ich kenn' ihn nicht mehr als du, ſagte der Vater, aber ſeine Aufführung verdiente wenig Anerkennung. Statt ſich genau nach Allem zu erkundigen, was etwa noch für die Rettung ſeines Eigenthums ge⸗ than werden könnte, ſtreiffte er um das Schloß ge⸗ dankenlos, beſuchte die Schmiede, wo ihn der Eine nicht ſehen, der Andere nicht hören konnte, plauderte im Walde mit dem Jäger über Alles, nur nicht über Das, was ihm zu wiſſen nöthig war. Auf dem Schloſſe kann er kaum etwas Anderes gewollt haben, als eine leere Neugier befriedigen. Eine Kokette tän⸗ delte mit ihm... Wirklich, Vater? Die Tochter deſſelben Mannes, der an ſeinem Erbe nicht viel Redlichkeit gezeigt haben mag, konnte ihn ſo beſtricken, daß er nur noch für ſie einen Gedanken hatte— Nur für ſie? fragte Selmar traurig. O, dieſe leichtſinnigen Jünglinge, ſprach Acker— mann mit Nachdruck und ſchärferer Betonung, als für dieſe Aeußerung natürlich ſchien; dieſe jungen Männer ſind flatterhaft und jedem Winde preisgege⸗ ben! Ihr Gewiſſen gibt ihnen keine Schwere, daß ſie Stand halten könnten. Dieſer da war ſchon in Paris und hat dort ſchwerlich in der Spreu das gute Korn geſucht, ſondern eben nur die vom Wind getriebene leichte Spreu und das Angenehme. Wir wünſchen, daß er von ſeiner Krankheit geneſen möge und iſt er ums ge⸗ hloß ge⸗ der Eine lauderte cht über luf dem haben, tte tän⸗ m Erbe nte ihn danken Acker⸗ , alo zungen Sgege⸗ aß ſie Paris Korn⸗ jebene chen iſt er 9 geheilt, iſt er vom Lager wieder erſtanden, ſo will ich hoffen, daß die Welt, in der er lebt und die uns verſchloſſen iſt, ihn nicht zu ſehr verderbe! Selmar ſchwieg und verfiel in eine große Trau⸗ rigkeit. Nach einer Weile ſagte er: Warum aber konnte das ſchöne Mädchen mit ihm tändeln, da ſie doch nicht ſeines Standes iſt? Ackermann belehrte ihn mit ſonderbarer, ernſter Umſtändlichkeit und entgegnete: Der Leichtſinn, den die meiſten Männer fühlen, iſt ja auch vielen Frauen eigen. Dies Mädchen iſt ſchön und ſie glaubt, ſie wird es immer ſein. Des⸗ halb verſäumt ſie, ſchon jetzt durch Tugend und Zucht edlere Schönheiten zu ſammeln, die ſie ewig ſchmücken würden. Warum warſt du nur in jener Herberge ſo erregt über ſie? forſchte Selmar... Wann? fragte der Vater. Da, als du ihr noch in ſpäter Nacht auf dem Gange begegneteſt? Du ſchienſt ihr damals nicht zu zürnen. Ich war erſtaunt, ſagte Ackermann. In Beglei— tung des unheimlichen rothhaarigen Menſchen, der ſich zu uns geſellte, kamen wir ſpät in der Nacht an, du legteſt dich zum Schlafe, der mich noch floh. War Die Ritter vom Geiſte. III. 7 23 ich von dem ſtrömenden Regen fiebernd durchkältet oder bewegte mich zu lebhaft der Plan, in der Art einer großen amerikaniſchen Niederlaſſung hier einen landwirthſchaftlichen Verſuch nach meinem Geſchmacke zu wagen, ich konnte nicht ſchlafen. Was ſollt' ich nun von einem Mädchen denken, das tief in der Nacht, während Alles in dem großen Hauſe ruhte, im leichten Uebergewand über den Korridor huſcht und das Zimmer eben öffnen will, wo ich wußte, daß Prinz Egon ſchlief... Sie erſchrak ſo heftig, daß ſie entfloh... Seit jenem Augenblicke weiß ich, daß der junge Mann ſeine Neigungen zu leicht ver⸗ ſchenkt und würde Niemanden beneiden, der ſich rühmt ſein Freund zu ſein. Das kann dein Ernſt nicht ſein, Vater, ſagte Sel⸗ mar und ſchmiegte ſich, ſchalkhaft lächelnd und in ſein großes, feſtes und ſicheres Auge blickend, zu ihm em— por; wie würdeſt du nur ſonſt ſo lebendig den Ge⸗ danken ergriffen haben, des Prinzen Güter zu ver⸗ walten, ihn vielleicht vor dem drohenden Zuſammen— ſturz ſeines Erbes zu bewahren, ihn zu ſchützen vor ſchlimmen Haushaltern, die nur von ihm rauben, nicht durch Unterſtützung ſeines Erwerbes den ihrigen verdienen wollen! Geſtern, als wirenoch einen Um⸗ weg einſchlugen, um ein anderes Gut des vornehmen p hkäͤltet er Art einen macke lt' ich n der ruhte, ſt und daß „daß ich, t ver⸗ rühmt Sel⸗ n ſein em⸗ Ge⸗ ver⸗ umen⸗ vor uben, rigen Um⸗ ehmen 99 —— Freundes anzuſehen, wie haſt du da geſchwärmt für den Gedanken, ihm wieder das Leben zur Freude zu machen! Hab' ich geſchwärmt, Herz? ſagte der Vater faſt ſcherzend. Geſchwärmt! Geſchwärmt! Ueber Kartoffel⸗ bau nach unſerer Art, Rüben, Oelpflanzen, Dreſch⸗, Säe⸗, Egge⸗Maſchinen hab' ich geſchwärmt! Ueberall ſah ich meinen neuen Pflug durch die Erde gehen, ſah, wie die Bauern ringsherum ſtaunen werden, wenn ich Taback baue von virginiſchem Samen, ſah Felder mit Runkelrüben beſäet und die Schornſteine von Laboratorien rauchen, die aus ſolchem Material noch Werthe erzeugen ſollen, das man hier gewohnt iſt als unnütz wegzuwerfen. Das war meine Schwär⸗ merei. Nun wohl, ich ſchwärmte für die Sache an ſich. Daß dieſer Plan auch den jungen Mann, deſſen Krankheit hoffentlich Gott wenden wird, um ihm Ge— legenheit zu geben, noch ſehr an Herzensgüte und Sittenreinheit zuzunehmen, mit betrifft, iſt ein Zufall, der mir nicht viel ſagen will. Jetzt aber genug von ihm! Ich möchte ihn noch ärger ſchelten, wär' er nicht krank. Selmar ſchwieg. Er hatte ſich in ſeiner Verthei⸗ digung erſchöpft. Das Letzte, was er für den ver— meintlichen Prinzen noch anführen konnte, ſeine be— denkliche Erkrankung, hatte ja der Vater ſchon vor⸗ weggenommen. Er wußte, daß er dieſen erzürnen 7* 4090— würde, wenn er einen von ihm für erledigt erklärten Gegenſtand von freien Stücken wieder aufnahm. Er ſah zur Erde und ſchleuderte mit dem ſchwanken Stöck⸗ chen, das er in der Hand trug, hier und da einen kleinen Stein zur Seite auf die Beete, die nicht gut gehalten waren... Die Blumen wuchſen faſt wild. Die Hecken trugen Beeren, die überreif vertrockneten, weil ſie nicht abgeleſen wurden. Die Blätter der ver⸗ welkten Roſen lagen zerſtreut unter den grünen ſtachlich⸗ ten Stämmen. Niemand hatte die Roſen gebrochen, bis ſie mit auseinanderfallenden Blättern von ſelbſt nieder⸗ glitten. Tauſende verwelkter Blüthenkapſeln lagen auf den Wegen und miſchten ſich mit dem Kieſelſand. Es war hier weder die Hand der Liebe, noch die der Furcht ſichtbar und Ackermann ſagte einige Male mit Recht: So ſieht es aus, wo kein Herr iſt! Einige Male trennten ſich unſere harrenden Wan⸗ derer, die wol ſchon zehnmal Park und Garten auf und ab durchmeſſen hatten. Den Vater feſſelte dann ein Baum, den Knaben eine Blume und dadurch ge⸗ riethen ſie zuweilen auseinander. Einmal ſtand Sel⸗ mar an dem Pavillon und betrachtete von allen Sei⸗ ten das geheimnißvolle umfangreiche Gebäude, deſſen Fenſter mit äußern Ialouſieen verdeckt waren. Es ärten Er töck⸗ einen gut wild. neten, ver⸗ hlich⸗ bis 101 waren Marquiſen von ſchiebbaren Holzſtäben. An eins dieſer Fenſter trat Selmar näher heran, hob den hölzernen Vorhang ein wenig in die Höhe, ſodaß die Breter ſich verſchoben und einen Blick in's Innere erlaubten. Hal Vater, wie ſchön! rief er plötzlich. Ackermann kam ruhig näher. Scheinbar ruhig... Er war es vielleicht nicht. Er ſah wenigſtens mit ängſtlicher Spannung bald zur Gartenthür, bald zu den Fenſtern des Palais... Die Krankheit jenes jungen Mannes, in dem er den Prinzen Egon kennen gelernt zu haben glaubte, beſchäftigte ihn mehr, als er ſeinem Sohne verrieth, deſſen übergroße Freund⸗ ſchaft für Egon er, wie wir wohl bemerkt haben werden, abſichtlich niederhalten wollte. Wie ihm Selmar, von dem Innern des Pavil⸗ lons ſo überraſcht, zurief, kam er dem Fenſter, wo Selmar lauſchte, näher; aber kaum hatte er in der Meinung etwa einen ſchönen Saal zu ſehen, einen Blick durch die engen Bretter der Jalouſieen geworfen, als er ſie voll Entrüſtung zuzog und ſeinen Unmuth über Selmar ausſprach, den er jetzt neugierig, ja zudringlich nannte... Es war das Badezimmer des alten Fürſten geweſen, das Selmar geſehen hatte, eine bunte, magiſch von oben herab beleuchtete Kammer 102 mit Statuen und Gemälden in einem Geſchmacke, der das Auge der Sittlichkeit beleidigen mußte... Doch war Selmar ſo unbefangen, daß er nur an dem Gold und den Farben hing, nur die von einem rothen Kup⸗ pelfenſter angebrachte magiſche Dämmerung bewunderte und nicht begreifen konnte, wie der Vater ſo zürnen und ſchelten konnte... In dieſem Augenblicke kam ein Bedienter und mel⸗ dete mit leicht hingeworfener verächtlicher Rede die Ankunft des Juſtizrathes: Er hat Sie ja wol beſtellt? hieß es. Gut, gut, mein Freund! ſagte Ackermann. Wir kommen ſchon. Beide verließen den Garteu; Ackermann mit einem ſchmerzlichen Rückblick auf den Pavillon, der ihm einen traurigen künſtleriſchen Irrthum, eine anſteckende und gefährliche Lebensanſicht auszudrücken ſchien. Fünktes Capitel. Eine Scene. Ackermann und Selmar trafen den eben angekomme⸗ nen Juſtizrath in dem untern Zimmer, bei den De⸗ moiſelles Wandſtabler. Verletzend genug für Acker— mann's Gefühl war auch hier die Ueberraſchung, daß ſie beim Eintreten Schlurck in dem Verſuch einer flüch⸗ tig ſcherzenden Umarmung der jüngern, der Lorette, Lore oder Laura Wandſtabler antrafen. Ackermann ließ die Thür zu und blieb einſtweilen draußen auf der Thorflur ſtehen. Der Knabe war vor dem Anblick bewahrt geblieben... Schlurck kam ſchmunzelnd, erhitzt, heraus und winkte, nach höflicher Begrüßung, ihm über die Treppe hinauf zu folgen. Er würde verſuchen, ſagte er, ob die Aerzte eine mündliche Unterredung zwiſchen Herrn Ackermann und dem Fürſten über das von ihm ge⸗ machte dankenswerthe, den Wünſchen aller Gläubiger entſprechende Anerbieten erlaubten. Ich habe nochmals, ſagte Schlurck beim Hinauf— ſteigen mit prüfender und den Amerikaner ſcharf durch⸗ bohrender Miene, nochmals Ihre Offerten durchgeleſen und bin vollkommen überzeugt, daß ſie Sr. Durch⸗ laucht genehm ſein werden. Sie ſtellen eine Kaution von 10,000 Thalern und übernehmen die Pachtung ſämmtlicher Güter des fürſtlichen Hauſes Hohenberg. Sie zahlen jährlich dreißigtauſend Thaler in die Maſſe, um damit theils die Zinſen der Schuld, theils das Kapital derſelben allmälig zu tilgen und erbieten ſich, den Reſt Ihrer Einnahme dem Fürſten zur Dispoſi⸗ tion zu ſtellen, nachdem Ihnen erſtens die Verzinſung des Kapitals, daß Sie ſelbſt in die Oekonomie ſtecken werden, geſichert iſt und Sie für Ihre eigene Mühe⸗ waltung eine Summe von— wie viel war es? Tauſend Thalern— ergänzte Ackermann. Beſter Freund, ſagte Schlurck und blieb auf der Treppe, gerade an einer Statue ſtehen. Laſſen Sie uns erſt aufrichtig reden! Tauſend Thaler! Was iſt Das? Ich dachte heute früh, ich hätte Sie misverſtanden und nun wiederholen Sie dieſe Bagatelle. Ueberhaupt bin ich mit manchen Punkten noch nicht einverſtanden, fuhr er fort. Wie können Sie bei ſo ge⸗ ringer Einnahme beſtehen? Sie opfern ja Ihr Intereſſe dem eines Fremden! Sehen Sie hier! Das iſt die Statue — 11 105 des Merkur. Ein bedeutſames Wahrzeichen. Es muß Sie an Ihren Vortheil erinnern. Merkur war der Gott des Handels... Und der Diebe! ſagte Ackermann ſcharf einfallend. Schlurck hob den Kopf, zog die Brille etwas in die Höhe und firirte mit halb unbewaffnetem Auge, mit dem er in der Nähe beſſer ſah, dieſen ſeltſamen Einfall. Ganz recht! ſagte er und machte ein eigenthüm— liches Zeichen, das Ackermann als Freimaurerzeichen erkannte, ohne es jedoch zu erwidern. Schlurck wollte ſich über dieſen neuen General⸗ pächter orientiren, blieb immer noch ſtehen und wie— derholte ſeine Bemerkung: Aber— ob des Handels oder der Diebe, gleich⸗ viel... Sie opfern ja Ihr Intereſſe dem eines Frem⸗ den! Tauſend Thaler! Das iſt meine Sache, ſagte Ackermann. Genü⸗ gen Ihnen meine Zeugniſſe, meine Kautionsanerbie⸗ tungen, meine Vorſchläge für die Kreditoren, ſo hab' ich nur die Abſicht, mein Vermögen ſicher anzulegen und im Uebrigen durch dieſe Verwaltung Gelegenheit zu haben, gewiſſe Grundſätze der Landwirthſchaft, die ich auch als Kenner und Theoretiker treibe, praktiſch anzuwenden. Die natürliche Beſchaffenheit dieſer Gü⸗ ter kommt meinen Ideen entgegen. Die Oekonomie auf ihnen iſt mehr vernachläſſigt als irgendwo und doch ſind es wieder meiſt dieſelben Fehler, die überall in Europa gemacht werden. Ich habe mir die Gele— genheit angeſehen, die ich an Ort und Stelle gün⸗ ſtig genug gefunden habe, etwas Tüchtiges zu ſchaf⸗ fen und wenn ich faſt für gewiß vorausſehe, daß Sr. Durchlaucht noch zwanzigtauſend Thaler rei⸗ nen Gewinns übrig behalten werden, ſo können Sie ſchon getroſt eine ſo vortheilhafte Anerbietung eingehen. Schlurck blieb, da man inzwiſchen weiter gegangen war, oben auf dem Korridor ſtehen und lehnte ſich an das Gitter der Treppe. Hm! hml ſagte er dehnend. Es iſt aber doch nöthig, daß wir ganz im Reinen ſind, ehe wir den Verſuch machen, die Meinung des Prinzen zu hören— Die bisherige Verwaltung durch die im Dienſte Sr. Durchlaucht Angeſtellten beträgt etwa ſechstauſend Tha⸗ ler. Sie war früher viel größer. Seit zwei Jahren hab' ich ſie auf das Nöthigſte reducirt. Dies Budget werden Sie... wovon beſtreiten? Von den Einkünften des Bodens, aber auch von den Renten und Gefällen, die an die Gutsherrſchaft gezahlt werden. 21 107 Beſter Freund, ſagte Schlurck, Renten, Gefälle... die ſind meiſt aufgehoben... So wurden ſie abgekauft, ſagte Ackermann. Dies Kapital legt man an und erzielt davon eine Rente, die um ſo angenehmer iſt, als nun durch keine böſe Verſtimmung mehr das Verhältniß des Grundherrn zum Bauer getrübt wird... Das Kapital? ſagte Schlurck lachend. Ja, guter Mann, Das, was die Bauern ſchon eingezahlt haben, ging längſt in die Maſſe! O! das war höchſt ungerecht, das war unverant⸗ wortlich! ſagte Ackermann. Wie ſo? fragte Schlurck und rückte die Brille wie⸗ der empor. Das war unbillig, wiederholte Ackermann. Sie konnten dulden, daß man ſo die Rechte des Erben verkürzt? Die Laudemien waren eine jährliche Rente. Von dieſer Rente, von dieſen Zinſen durften die Gläubiger nehmen. Die Ablöſungsſummen aber ſind ein ganzes Kapital, das an den Gütern haftet. Sie konnten ſozuſagen eine Ernte verkaufen, aber nicht den ganzen Boden. Als Ackermann ſo laut und in den gewölbten Räu⸗ men widerhallend ſprach, öffnete man die Thür. Ein Frauenzimmer blickte heraus und ſchien eben —yoᷓènènn in einen Strom von Scheltworten ſich ergehen zu wollen, als ſie erſchrocken den Juſtizrath erkannte und ihrer Zunge augenblicklich Stillſchweigen gebot. Wie geht es Sr. Durchlaucht? fragte der Juſtiz— rath ruhig und bei ſich über den Wahrheitsfanatis⸗ mus dieſes impoſanten Landwirthes lächelnd. Die Dame antwortete mit großer Unterwürfigkeit, daß die Aerzte im Zimmer wären, Niemanden zu⸗ ließen und ihre Befehle nur dem franzöſiſchen Be⸗ dienten mittheilten, den Se. Durchlaucht aus Paris mitgebracht hätten. Wir Alle ſtehen hier in ſchmerzlicher Erwartung, ſagte ſie mit gewähltem, etwas geziertem Tone. Dabei öffnete ſie die Thür und ſchien Schlurck einladen zu wollen, in den Vorſaal einzutreten... Es ſtanden da einige fremde Bediente, andere ſaßen. Der alte Wandſtabler ruhte auf einem Pol⸗ ſterſeſſel und wiſchte ſich die Thränen, die auf ſeinen grauen, heute nicht ſehr gewichſten Schnurrbart roll⸗ ten... Es waren dies, da er unten ſchon oft nach den Schlüſſeln geſehen hatte, Thränen ſehr zweideu⸗ tigen Urſprungs. Die Sprecherin war Demoiſelle Florette Wand⸗ ſtabler, ſeine Tochter. Sie erzählte flüſternd, daß der zu und ſtiz⸗ atis⸗ gkeit, zu⸗ Be⸗ garis tung, hlurch ndere Pol⸗ ſeinen rol⸗ nachh eideu⸗ Wand⸗ aß der Prinz drei Zimmer weiter läge, in der hochſeligen Durchlaucht Schlafgemächern... daß er im Fieber phantaſire und nur auf Augenblicke bei Beſinnung wäre... Der Unglücksfall errege das allgemeinſte Intereſſe. Alle hohe und höchſte Herrſchaften ſchick— ten ſtündlich und ließen Nachfrage halten... Dieſe beiden Bediente dort gehörten der Gräfin d'Azimont, die jede halbe Stunde einen Rapport haben müſſe.. Dieſe ſchöne bewunderungswürdige Dame hätte ſelbſt an ſein Lager fliehen wollen... wäre ſchon auf dieſem Vorſaale geweſen... aber die dringendſten Befehle der Aerzte hätten grade ſie am meiſten ent⸗ fernt gehalten. Der franzöſiſche Kammerdiener Mon⸗ ſieur Louis hätte ſich ihr mit Entſchloſſenheit entge⸗ gen geworfen... der wäre noch ſtrenger, als die Aerzte... und Sie kennen Sanitätsrath Drommel⸗ dey! ſchloß ſie. Selmar, der alle dieſe Mittheilungen anhörte, faßte krampfhaft die Hand ſeines Vaters, dem ſich eine Thräne in's Auge ſchlich... Schlurck erſuchte jetzt Beide, in ein Seitenzimmer vom Entreée links zu treten und einen Augenblick zu verziehen. Ich ſehe doch, ſagte er mit ſcharfer und ſelbſtzu⸗ friedener Betonung, daß dieſe Angelegenheit nicht ſo raſch wird erledigt werden können, wie ich gehofft hatte... Er zog halb die Thür zu und flüſterte wieder mit Florette Wandſtabler. Als Ackermann und Selmar allein waren, warf ſich dieſer an den Hals des Vaters und weinte. Beruhige dich, mein Kind, ſprach der Vater ge— rührt. Unſer Freund iſt jung und von einer unge⸗ ſchwächten Natur. Die gütige Vorſehung wird ihn ſchützen. Und ſiehſt du nicht, fuhr er dann fort, daß es Menſchen genug hier gibt, die auf ſeinen Zuſtand lauſchen wie auf die Athemzüge des geliebteſten Men— ſchen? Er iſt in Sorgfalt und Pflege. Hätt' er eine Schweſter, ſagte Selmar, einen Bruder! Hätt' er eine Mutter, einen ſo zärtlichen Vater, wie du! Wir könnten mit ruhigerem Herzen dies große, ängſtliche Gebäude verlaſſen.— Deswegen ſei ohne Sorgel tröſtete ihn der Vater mit beſonderem Nachdruck, dieſer feine, mehr ſchlaue als kluge Herr, der ſich in meiner Perſon ſehr zu irren ſcheint, iſt der Vater jenes ſchönen Mädchens, mit dem er in Hohenberg und auf der Reiſe ſo leicht— ſinnig tändelte und die Gräfin d'Azimont, hörteſt du doch, eine vornehme und ſehr gefeierte Dame aus warf ge⸗ nge⸗ ihn 3 es ſtand Men⸗ einen ſchen Paris, dieſe nimmt vollends einen Antheil an ihm wie an einem Bruder. Sie liebt ihn ja! So denk ich, wird er von zärtlicher Obhut nie verlaſſen ſein... Beklemmend war es für Ackermann, daß auch in die⸗ ſem höchſt elegant eingerichteten Zimmer Vieles enthalten war, was er von Selmar nicht geſehen wünſchte.. Auf einem Sockel von grauem Marmor ſtand in einer Ecke eine Kopie der mediceiſchen Venus von Alabaſter. Er konnte nicht hindern, daß Selmar ſein Auge auf dies ſchöne Kunſtwerk richtete; ja hätte er davon zu ſprechen begonnen, ſo würde er jetzt auch ru⸗ hig geantwortet haben wie über etwas Harmloſes. Es that ihm leid, daß er ſich vorhin im Garten von ſeinem Unwillen hatte fortreißen laſſen und grade das Arge erſt vielleicht geweckt hatte dadurch, daß er es durch ſeine Entrüſtung als arg hinſtellte. Nach einiger Zeit ängſtlichen Wartens trat dann Schlurck leiſe und ſchleichend wieder ein, nahm Platz und ſagte mit verſtimmter Miene: Der Prinz hat das Nervenfieber, eine Krankheit ebenſo gefährlich wie langwierig. Man wird nichts abſchließen können, mein Beſter... Laſſen wir dies Geſchäft. Sie kommen aus Amerika? Darf ich...? Ackermann, von gewaltiger Unruhe getrieben, lehnte die dargereichte Doſe ab und erwiderte: — —— 112 Grade jetzt iſt vielleicht noch der einzige günſtige Augenblick! Ein langwieriges Uebel ſchiebt die Ent⸗ ſcheidung auf unbeſtimmte Zeit hinaus. Kommen Sie, wir ſprechen die Aerzte! Unmöglich, ſagte Schlurck und hielt Ackermann zu— rück. Wo denken Sie hin? Auch bin ich ſelbſt, auf— richtig geſtanden, mit Ihren Vorſchlägen nicht ganz einverſtanden. Sie bedingen ſich nur Tauſend Tha— ler eigenen Gewinnes. Ich finde Das mindeſtens ge⸗ ſagt auffallend... Welches Intereſſe können Sie ha⸗ ben, ſich ſolcher Mühe, ſo vielen Plagen zu unterziehen und dafür einen ſo geringen Entgelt zu beanſpruchen? Das iſt ja meine Sache! wiederholte Ackermann. Ihre Aeußerung über die Kapitaliſirung der Lau⸗ demien, fuhr Schlurck fort, frappirt mich; denn ich weiß in der That nicht, da ich die ganze Laſt dieſer Ueberſchuldung auf mir liegen habe, wie ich es mit den laufenden Ausgaben z. B. für die noch nicht an den Staat übergegangene Gerichtspflege und etwa ein Dutzend Angeſtellter des Fürſten halten ſoll. Sie haben ganz Recht, Herr Ackermann, daß es Unrecht war, ein Kapital, von dem nur die Rente disponibel hätte ſein ſollen, zur Maſſe zu ſchlagen. Aber ein Familienſtatut, ein Majorat erxiſtirt nicht. Was thun, um dieſe Löcher all' zu ſtopfen? günſtige ie Ent⸗ vommen ann zu⸗ ſt, auf⸗ it ganz d Tha⸗ ens ge⸗ Sie ha⸗ erziehen ruchen? ermann. er Lau⸗ denn ich ſt dieſer es mit ncht an d etwa l. Sie Unrecht ponibel ber ein s thun, 113 Ich will, ſagte Ackermann, in ruhiger Auseinan⸗ derſetzung, ich will noch die ſechstauſend Thaler für Gerichtspflege und Amtskoſten auf den Ertrag der Güter mit übernehmen, wenn ich die ganze Verwal⸗ tung der Grundrenten mit überkomme und mir die Ablöſungen zur Verfügung und Durchſicht geſtellt werden. Schlurck erhob ſich, ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte: Alles recht ſchön! Recht ſchön! Aber man kann Das nicht über's Knie brechen! Es thut mir leid— Damit deutete er an, daß die Unterhandlung ab⸗ gebrochen wäre... Offenbar erfüllte ihn das ſonder⸗ bare Drängen dieſes Landwirthes mit Mistrauen. Er ſah in ihm etwas Andres als einen Oekonomen, der nur landwirthſchaftliche Verſuche anſtellen wollte. Die Zumuthung, Einſicht in die Bücher zu bekommen und gleichſam die frühere Verwaltung zu kontroliren, war ihm vollends läſtig. Er war ſich zwar, ſoweit er ſich auf Bartuſch verlaſſen konnte, keiner auffallen⸗ den Verſtöße bewußt, fürchtete aber doch alles Schroffe, Uebereilte, Leidenſchaftliche und das Allzuwißbegierige und Unbequeme ohnehin. Da Ackermann nicht nachgab, ſo antwortete er, um nur eine Ausflucht zu haben: Die Ritter vom Geiſte. III. 8 —ꝗ——.— ——————— — ——y— 114 Ueberdies geſteh' ich Ihnen, wir haben noch an— dere Anerbietungen, die vielleicht günſtiger ſind. Er wollte gehen und kniff Selmar'n freundlich wie zum Abſchied in die Backen. Ackermann ſchwieg einen Augenblick, firirte dann aber noch einmal den offenbar ſich unbehaglich füh⸗ lenden Mann und ſagte mit vieler Ruhe und Kälte: Herr Juſtizrath, wenn ich die Verwaltung der Güter bekäme, würd' ich erkenntlich ſein. Ich bot zehntauſend Thaler Kaution und verlange nichts, gar nichts vom Fürſten, um in die Ameliorationen etwas hineinzuſtecken... Ich gebe das Alles ſelbſt her, weil ich leidlich vermögend bin. Es iſt mir nur um die Gelegenheit zu thun, eine große Wirthſchaft zu füh— ren und den deutſchen Landwirthen amerikaniſche Er⸗ fahrungen zu zeigen... Ich biete Ihnen ein kleines Gratial.. zweihundert Louisd'ors... Herr Juſtiz⸗ rath, wenn wir in's Reine kommen. Dies gewagte Wort ſprach Ackermann ganz rühig hin und legte nicht den geringſten Accent darauf. Schlurck aber ſah ihn von der Seite an, zog ſeine Doſe, nahm eine Priſe und machte eine ſehr lange Pauſe. Dann wandte er den Kopf empor, llächelte, ſchnellte den Reſt des Tabacks aus den Fingern und ſagte: Hm! hm! och an . eundlich e dann h füh⸗ Kälte: ing der Ich bot s, gar eiwas er, weil um die zu füh⸗ ſche E⸗ lleines Juſtiz⸗ z rühig uf g ſeine rlange ächelte, dſagte: 115 Noch einmal dann den Fremden, der ihn ſicher und vertrauend und ſeines Mannes gewiß anblickte, firirend, fragte er mit einem Tone, der etwa ſagen wollte, als verſtünde ſich Das von ſelbſt: Jährlich? Es war ein gewagtes Wort dies Jährlich! Es ließ einen tiefen, gefährlichen Blick auf Schlurck's Lebensphiloſophie und die ganze Geſchichte ſeines Be⸗ rufes werfen... Er ſprach es aus, nicht etwa mit gemeiner ſchmeichelnder Gewinnſucht, die ihm fremd war. Er ſprach es mit dem Tone eines Weltman⸗ nes, der gleichſam zum Andern ſagen wollte: Die ganze Welt iſt eine Komödie, wo Einer den Andern prellt. Was wollen wir Narren ſein und die Tu— gend lieben?.. Der alte Fürſt hatte ihm ja immer erlaubt, bei Gelegenheiten, wo er den Mäkler machte, auch an ſich zu denken und von den geſchriebenen Rechnungen allein war der ungeheure Aufwand, den er machte, nicht zu beſtreiten.. Er fand es in der Ordnung, daß er bei einem guten Dienſt, den er dem Andern leiſtete, auch eine Erkenntlichkeit für ſich in An— ſpruch nehmen durfte... Aber...„Jährlich?“.. dieſe Frage war doch gewagt. Es war ihm eigent⸗ lich fremd, ſo zu feilſchen und ſein Gewiſſen in Fallen zu locken. Er liebte es nicht, daß er fordern ſollte; 8* 116 er nahm, was man gab. Seine Lebensphiloſophie haßte das Moraliſiren auch nach dieſer Seite hin und wenn man ganz die Wahrheit ſagen will, ſo war er im Grunde doch viel weniger ſchlecht, als er ſich im Allgemeinen ſchlecht gab. Es war ihm eine ſolche Beſtechungs⸗Angelegenheit nur der Humor des Lebens, der uns die Langeweile der Alltäglichkeit ausſchmückt. Er hielt ſich auch nicht lange bei ſolchen Verhand⸗ lungen auf und hätte vielleicht jetzt, wenn Ackermann die Achſeln gezuckt und geſagt hätte: Nein, nur Ein⸗ mal! Jährlich iſt mir zu viel! gelacht und die tauſend Thaler hingenommen, die er brauchen konnte, trotzdem, daß man ihn für reich erklärte.. Er war nicht reich. Er nahm viel ein und daß er viel einnahm, dazu gehörte grade, daß man ſich über tauſend Thaler, in Gold baar auf den Tiſch gelegt, nicht zuviel weitläu⸗ fige Skrupel machte.. Aber ſchlimm! Tauſend Thaler auf einmal waren Schlurck nichts werth, wenn er die Adminiſtration dafür auf immer in andere Hände geben ſollte. Er behielt zwar die Kontrole des Generalpächters, er vermittelte zwar die Anſprüche der Gläubiger, aber es trat ein neuer Menſch in ſeine Kreiſe ein, zwei neue, ſcharfe Augen ſahen in ſeine Bücher und das für einmal eintauſend Thaler in Gold? Das hätte ihm loſophie hin und war er ſich im ſolche Lebens, chmückt. erhand⸗ ermann r Ein⸗ maſend rotzdem, t reic. , dazu aler, in weitlaͤu⸗ waren 117 in dieſem Falle lächerlich erſcheinen müſſen und des⸗ halb wiederholte er noch einmal: Jährlich? Aber nun war es übel, daß auf Ackermann dies Wort fatal wirkte. Es war dies ein leidenſchaftlicher Mann; die ganze Situation peinigte ihn ſchon lange. Er wollte mit ſeinem kleinen einfachen Anerbieten nur Schlurck auf den Zahn fühlen, in welchem Sinne dieſer Herr wol des Prinzen Egon Güter verwaltete. Er hatte vielleicht Wunder geglaubt, was er ſchon dem Gelüſten des Unrechts für einen gewaltigen Köder entgegenhielt. Als aber mit der Frage: Jährlich? ihm die Zumuthung eines perennirenden Betrugs gegen den Fürſten geſtellt wurde, übermannte ihn ſo der Zorn, daß er glühend von Unwillen bei Wiederholung des Schlurck'ſchen„Jährlich“ ausrief: Nein, Schurke, nie! Schlurck ſank faſt in einen Seſſel. Selmar ſprang herbei, faßte die Hand des Vaters... Dieſer ließ ihm den Hut, wie zum Aufbewahren, riß die Thür auf, ſtieß Schlurck zurück und ſprach mit Donnerſtimme, daß es Alle draußen hörten und ihn für wahnſinnig halten mußten: Laßt mich zum Prinzen! Ein lichter Moment wird hinreichen, ihn vor Verräthern zu ſchützen! —,— 118 Er ſtürmte mit dieſen Worten auf die Thür zu, die zu den Zimmern des Fürſten führte. Schlurck ſaß regungslos. Dieſe Scene! Dieſe Zu⸗ hörerſchaft! Dies plötzliche Erlebniß, das er ſich nicht hatte träumen laſſen! Das war wie ein Einfallen des Himmels. Wie kam ihm denn Das? Ihm? Hier? Unter ſolchen Umſtänden? Hier bei der ihm wohlbekann⸗ ten alabaſternen Venus von Medicis... Scenen! Sce⸗ nen! Sie waren nie ſeine Sache geweſen. Er konnte geiſtreich, witzig, liebenswürdig ſein;z es war ein Mann ſogar von Mitgefühl, von milder Geſinnung, von Wohl⸗ thätigkeit; er konnte auch einmal etwas begehen, was gewagt und gefährlich war. Aber ſtill mußt' es da⸗ bei ſein, die Leidenſchaften mußten ſchweigen, das Tollhaus der„Tugend“ ſich nicht entleeren, Scenen mußten wegfallen... Daß er hier jetzt nur ſchon ſo auf den„Schurken“ antworten mußte, ſo doch hinzuſprin⸗ gen, um den gefährlichen Mann von der Thür wegzu⸗ reißen, das war ihm entſetzlich... Einmal an ſich entſetzlich, der Thorheit wegen, die er ſich vorwerfen mußte, dann aber auch ebenſo entſetzlich wegen der Exaltation, die ſolche Dinge in ſeinem träge rinnen⸗ den Blute hervorriefen... O, er war einer Ohn⸗ macht nahe. Sein Schrecken wuchs, als ſich die Thür öffnete, chür zu, ieſe Zu⸗ ſich nicht einfallen / Hier? lbekann⸗ n! Sce⸗ r konnte Mann Wohl⸗ en, was es da⸗ en, das Scenen n ſo auf zuſprin⸗ wegzu⸗ an ſich wrwetfen gen der rinnen⸗ Ohn⸗ öffnete — 119 die Aerzte herbeiſtürzten und zornig nach der Urſache des Lärmens fragten... Ackermann, noch in der vollen Glut ſeiner Ent⸗ rüſtung, rief. Meine Herren! Laſſen Sie mich den Prinzen ſprechen! Er kann davon nicht ſterben, wenn ein Freund zu ihm ſpricht! Es wird ihn erquicken, wenn er ſieht, daß es noch Menſchen gibt, die ihn lieben und für ihn leben wollen. Noch hatte er kaum zum unwilligſten Erſtaunen der Aerzte, unter denen ſich glücklicherweiſe Sanitäts⸗ rath Drommeldey nicht befand, dieſe Worte geendet, als ein junger Mann aus den Zimmern, deren Thü— ren nun alle offen ſtanden bis in das dunkle hintere Schlafkabinet, heraustrat. Er war von mittler Sta⸗ tur, blaſſen gefälligen Mienen; das ſchwarze Haar lag kurz geſchnitten auf dem Scheitel und erhöhte den Ausdruck des theilnehmend beſorgten freundlichen Ant⸗ litzes. Nichts verrieth einen Dienenden.. Schwarzer Frack und ſchwarze Beinkleider ſtanden ihm wie einem Weltmann, doch war das Halstuch nur loſe geknüpft und ließ durch den umgeſchlagenen Hemdkragen in dem Eintretenden eher einen Studenten, als einen Kammerdienexr, was er nach Florette Wandſtabler ſein ſollte, erkennen. Die Hände entſprachen nicht ganz 120 dem gefälligen Charakter des Gentlemans, ſie waren zu ſtark im Vergleich zur Proportion der übrigen Formen und hatten nicht jene Weiße des Geſichts und des Halſes, die zu dem ſchwarzen glänzenden Haare ſo auffallend abſtach. Kinn und Oberlippe waren mit einem ſchöngekräuſelten Barte geziert. Was gibt's hier? fragte der Eintretende mit ſtren⸗ gem, faſt befehlenden Blick in franzöſiſcher Sprache. Ackermann zog die Thür an, die der Franzoſe noch in der Hand hielt und begann im beredteſten Franzöſiſch wie der gebildetſte Weltmann ſein Anliegen auseinanderzuſetzen. Mein Herr, rief er ſtürmiſch erregt und ohne viel die Worte zu wählen; Sie ſind ein Freund des Fürſten, denn er duldet Sie an ſeinem Krankenlager. Sagen Sie ihm, daß ein bemittelter und erfahrener Oekonom aus Amerika ſich anbieten wollte, ſeine Güter zu ver⸗ walten. Sagen Sie ihm, daß dieſer Mann dabei nicht das Intereſſe ſeiner eignen Bereicherung im Auge hat, ſondern die Wohlfahrt des Beſitzers. Er erbietet ſich, eine Kaution von zehntauſend Thalern ſogleich zu zahlen als Bürgſchaft ſeiner Treue und Chrlichkeit. Er erbietet ſich, die Hälfte ſeiner reinen Einnahmen auf die Befriedigung der Gläubiger des Fürſten, die andere aber zur Befriedigung der Bedürfniſſe des waren brigen eſcchts genden erlippe ſtren⸗ vrache. anzoſe dteſten liegen le viel ürſten, Sagen konom ver⸗ dabei Auge rbietet ich zu chkeit. hmen 5 die des Fürſten ſelbſt zu verwenden. Beide Summen werden, Dank der Erfahrungen, die der fremde Landwirth machte, Dank ſeines ehrlichen Willens, groß genug ſein, um ihren Zwecken zu entſprechen. Der Zuſchlag müßte mindeſtens auf zehn Jahre geſchehen. Die Kapitale, die der fremde Mann auf ſeine Verbeſſerun— gen verwendet, gibt er ſelber her, unter der Bedingung, daß ihm eine Hypothek auf die Güter und die rich— tige Verzinſung geſtellt wird. Für ſich ſelbſt verlangt er nur die Summe von jährlich tauſend Thalern. Sagen Sie dem Fürſten, daß ich mich durch den Augenſchein überzeugt habe, wieviel ſich für ſeine Be— ſitzungen noch thun läßt. Sagen Sie ihm Das ſo— gleich, mein Herr, ehe die Krankheit, die den jungen Prinzen bedroht, weitere Fortſchritte macht und einen Zeitverluſt verurſacht, der in Rückſicht auf die nächſt⸗ jährige Ernte nicht wieder eingebracht werden kann. Nennen Sie ihm meinen Stand und Namen! Ich bin ein Deutſcher, komme aus Amerika, heiße Acker⸗ mann und biete alle Garantieen. Der Juſtizrath Schlurck iſt zugegen, um die Willensmeinung des Prinzen in Empfang zu nehmen und die Urkunden aufzuſetzen. Der Franzoſe hatte ruhig, aufmerkſam und ernſt zugehört. ———— 122 Monsieur, un instant! ſagte er und kehrte in die Krankenzimmer zurück. Ackermann ſah nun in höchſter Spannung um ſich. Alles haftete an ihm. Die Bedienten, die Aerzte ſtanden ſtarr. Selmar ſchmiegte ſich an den Vater und hielt ihm die eine ſeiner Hände, in denen man das Blut klopfen fühlte. Schlurck leichenblaß und im höchſten Grade mit ſich ſelber unzufrieden, ſtand in einiger Entfernung am Fenſter des Vorzimmers, klopfte mit ſeinem Stöckchen wie in der Zerſtreuung an die Scheiben, Florette Wandſtabler ſchlich ſich zu ihm heran und fragte beſorgt: Was haben Sie, Herr Juſtizrath? Was iſt Das nur? Wer iſt der Franzoſe? fragte Schlurck faſt tonlos. Monſieur Louis, antwortete dieſe ebenſo leiſe. Sr. Durchlaucht gab gleich nach der Ankunft von Paris Befehl, dieſem Franzoſen in Allem zu gehorchen. Erſt ſeit geſtern wohnen Durchlaucht hier und Mon⸗ ſteur Louis ſind erſt eingezogen, ſeitdem Durchlaucht ſich für krank erklärten. Denken Sie ſich! Anfangs trug dieſer Louis ein Ueberhemd wie ein Fuhrmann und wohnte vorm Thore in einem elenden Gaſthofe. Jetzt erſt, wo er beim Fürſten wacht, hat er ſich ſo fein gekleidet. Die Gräfin d'Azimont, die heute früh ein die um ſich. Aerzte Vater en man und im ſtand in llopfte an die u ihm ſt Das tonlos. o leiſe. ft von porchen. Mon⸗ claucht Infangs ;rmann aſthofe. ſich ſo te flih 123 hier faſt in Ohnmacht lag, haben die Aerzte und Monſieur Louis mit Gewalt von Sr. Durchlaucht fern gehalten. Wir werden ſchlimme Dinge erleben, gleichviel, ob der junge Herr lebt oder ſtirbt... was übrigens Gott verhüten möge... Schlurck erwiderte auf dieſen Bericht nichts, wandte ſich auch nicht nach ihr um, ſondern ſah auf die Straße hinaus. Er fürchtete, wenn er ſich wandte, dem zermalmenden Blicke Ackermann's zu begegnen, den er überdies für einen jener exaltirten Menſchen aus der Schule des Heidekrügers Juſtus hielt. Alle Störungen der einfachen Lebenslogik waren ihm im höchſten Grade zuwider, vollends aber Phantaſterei... Ackermann ſtand da wie ein antiker Heros. Das Feuer des Zornes hatte alle ſeine Züge gehoben. Das braune lockige Haar, das nur wenig an den Spitzen hier und da ſchon graute, hatte ſich faſt auf⸗ gerichtet. Die Naſenflügel zitterten. Flammen eines jugendlichen Muthes blitzten aus den Augen und ließen erkennen, daß Ackermann ſicher einſt in ſeiner Jugend ein ſo ſchöner Jüngling war, wie noch jetzt ein impoſanter, anziehender Mann. Theatereffekt! brummte Schlurck vor ſich hin. Ich wette, es iſt ein verdorbener Schauſpieler... Und doch ſagte er ſich: 124 In dem Stück ſpielſt du eine miſerable Rolle! Die Thür ging wieder auf. Louis trat herein und ſagte mit Ruhe und Anſtand auf Franzöſiſch zu Ackermann: Entſchuldigen Sie, mein Herr, der Prinz iſt zu angegriffen, um die Verhandlungen mit Ihnen ſelbſt zu führen. Auch verbieten es die Herren Aerzte. Er frägt, ob er das Anerbieten, das Sie ihm ſtellen, mein Herr, die Ehre hat von einem Amerikaner, Namens Ackermann, zu empfangen, der in Begleitung eines kleinen Knaben vor einigen Tagen am Fuße des Schloſſes Hohenberg war und dort die Bekanntſchaft eines jungen Mannes, Namens Dankmar Wildungen, machte? Ja, mein Herr, ſagte Ackermann freudig erregt. Und auf ſeinen Knaben zeigend, ſetzte er hinzu: Der bin ich. Das iſt mein Sohn dort! Der Name Dankmar— wie ſagten Sie? Dankmar Wildungen! war die Antwort. Ackermann ſchien plötzlich überraſcht von dieſem Namen, den er in Hohenberg nicht gehört hatte und den ſich, wie er glaubte, der Fürſt ſelbſt gab. Wildungen! Wildungen! wiederholte er. Eine neue ihn befremdende Gedankenreihe ſchien über ihn zu kommen... nd en 125 Der Franzoſe wiederholte ein wenig dringender, aber artig, ob er jener Herr wäre? Ja, ſagte Ackermann, der bin ich; mein Knabe dort— iſt es auch. Aber Wildungen? Wie kommt dieſer Name hierher? Es genügt, ſagte der Franzoſe, daß Sie Herr Ackermann ſind und in Begleitung Ihres Herrn Soh⸗ nes vor einigen Tagen in Pleſſen, am Fuße des Schloſſes Hohenberg, ſich aufhielten.. Damit entfernte er ſich... Ackermann ſtand ſinnend, ſtrich ſich über die Stirn und wiederholte: Wildungen? Dankmar Wildungen? Warum Wil⸗ dungen! Schlurck hörte alle dieſe Verhandlungen mit ge⸗ kniffenem Lächeln an. Waren ſie ihm ſchon an ſich peinlich, weil ſie die Vorboten großer Störungen ſei⸗ ner Einkünfte ſchienen, trübten ſie ihm ſchon an ſich den Humor, mit dem er das Leben zu faſſen gewohnt war, ſo mußte er im höchſten Grade überraſcht ſein, hier Alles beſtätigt zu finden, was er von Bartuſch und Paulinen über die ſeltſamen Abentheuer auf Ho⸗ henberg vernommen hatte.. Der junge Prinz war auf Hohenberg geweſen, war unſtreitig ein und die— ſelbe Perſon mit jenem Dankmar Wildungen, von dem 126 er noch immer nicht mehr wußte, als daß er von ihm etwas erfahren hatte, was er in's tiefſte Dunkel gehüllt glaubte, den Fund jenes räthſelhaften Schreines an der Schmiede im Mondenlicht; er konnte keinen Zu⸗ ſammenhang, kein klares Licht mehr entdecken. Er ſah nur noch jenes Kreuz mit den vierblättrigen Klee⸗ blatt⸗Enden, das ihm in jener Nacht, als er aus dem Juſtizamte zurückkam, plötzlich an dem zerbrochenen Wagen eines verwundeten Fuhrmannes in die Augen fiel. Er gedachte des gewaltigen Eindruckes, den ihm da ſo plötzlich mitten in der Nacht eine Erinnerung an ſeinen großen, wichtigen Prozeß über den Nach⸗ laß einer geiſtlichen Ritterſchaft machte, er gedachte der Mittel, die er brauchte, um die Familie Zeck zu überreden, verſchwiegene Zeugen einer Aneignung zu werden, die faſt auf einen Raub hinauslief... er ſah ſich da von einem Netz umſtrickt, in deſſen kunſt⸗ voller Anlage auch die kleine weiße knöcherne Hand und das rothe Haar Fritz Hackert's ihm plötzlich entgegen⸗ fuhren, er ſah um ſich Geſtalten, die die Zähne fletſchten, hörte ihr teufliſches Hohnlachen, fühlte den Boden unter ſich wanken... und faßte ſich erſt, als wieder die Thür aufging und Monſieur Louis zu Ackermann ſagte: Mein Herr! Der Prinz läßt Ihnen ſagen, Sie wären ihm durch die Erinnerungen an Hohenberg und 127 Dankmar Wildungen zu gut empfohlen, als daß er nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen ſollte, das unglückliche Schickſal ſeines Erbes herzlich gern Ihnen anzuvertrauen. Sollte ich ſterben, fügte der Fürſt mit Standhaftigkeit hinzu, ſo wird die Seitenlinie unſres Hauſes gewiß meinen Willen ehren, den ich die Her⸗ ren Aerzte zu bezeugen bitte... Die Herren Aerzte waren anweſend. Der Prinz hat darauf befohlen, daß Herr Schlurck die ganze Verwaltung der Güter Herrn Ackermann übergibt und an ihr nur noch als Vertreter der Anſprüche der noch unbefriedigten Gläu⸗ biger betheiligt bleibt. Ueber dies Alles wollen Sie, mein Herr, in dieſen Tagen gerichtliche Akte nehmen laſſen! Die Aerzte ſind Zeugen und ich ſelbſt bin es, Louis Armand, gebürtig von Lyon. Die wiederzurückgekehrten Aerzte beſtätigten dieſe Aeußerung, die Schlurck mit unfreiwilligem Lächeln entgegennahm. Louis Armand war ſogleich wieder in die dunklen Krankenzimmer zurückgekehrt. Er wird leben! Der Prinz wird geneſen! rief Acker⸗ mann und eine Thräne trat in ſeine Augen, während Selmar die ſeinen verbarg, um nicht zu ſehr zu verrathen, wie der Ausdruck ſeiner Empfindungen ſie ſchon längſt feuchtete... 128 Nachdem Schlurck mit einem ſchweren Seufzer ſich noch kurz geäußert hatte, in ſeinem Bureau würde Herr Aktuar Bartuſch zu jeder Zeit und wenn man wünſchte, noch heute die nöthigen Aufklärungen erthei⸗ len und auch die Akte aufſetzen, die man gerichtlich niederzulegen hätte, ſchritten Ackermann und Selmar, Vater und Sohn, langſam und ſchweigend, aus dem Zimmer. Der Stolz, verklärt vom Schmerz der Liebe, iſt ein Weiheaugenblick des Menſchen, wo er am größ⸗ ten erſcheint, auch ohne äußerlich zu triumphiren. Acker⸗ mann war zu großmüthig, um auf Schlurck verächt⸗ lich herabzublicken. Florette Wandſtabler aber trat zu Schlurck heran und flüſterte: Herr Juſtizrath, iſt denn das Alles gut? Ihr Vater, der phlegmatiſch, weinerlich und halb berauſcht, dieſer Scene ſtehend beigewohnt hatte, trat gleichfalls, faſt hinkend auf ſeinen eingeſchlafenen dün⸗ nen Beinen, deren Schuhe und Strümpfe in lächerlichem Kontraſte zu der ganzen dicken ſoldatiſchen Figur und dem Schnurrbarte ſtanden, zu dem Juſtizrath heran, der bisher ihrer Aller Schutz und Hort geweſen war und drückte Das, was er ungefähr fühlte, durch einen fragenden, tiefgezogenen Seufzer aus. Schlurck, ſich zum Gehen wendend, ſagte draußen Pa ſich vürde man rthei⸗ htlich mar, dem Liebe, größ⸗ ſcker⸗ ächt⸗ zeran halb trat dün⸗ chem und eran, war inen ußen 129 unbelauſcht von den Dienern, denen durch die fran⸗ zöſiſche Sprache dieſe aufgeregte Scene nicht ganz ver⸗ ſtändlich geworden war: Ja! Ja, ſeufzt nur Leute! Les jours de fete sont passés... franzöſiſch ſprechen kann ich auch... Florette faßte draußen ſeine Hand und meinte noch beſorglicher: Alſo es iſt nicht gut? Mit einem verzweifelten Verſuche, ſeine alte Hei⸗ terkeit wieder zu gewinnen, antwortete Schlurck: Mädchen, macht, daß Ihr Männer kriegt! Dem oben werdet Ihr keine Bäder machen und hübſche Schmetterlinge fangen. Maikäferchen fliege! Schlar⸗ affenland iſt abgebrannt. Aber den Franzoſen hätt' ich mir ganz anders ge⸗ dacht, ſagte Florette.. Beißt wol nicht an, der Schwarzkopf? erwiderte Schlurck. Alte Künſtlerin, da müſſen jüngere Hexen kommen! Die Lore iſt noch recht hübſch... meinte doch Florette. Und in der That ſtand Lore Wandſtabler unten und wartete mit Dore, der mittleren Schweſter... Sie hatten ſich, da ſie alle mager und ſchwarz waren, mit grellen Farben geſchmückt.. und ſtanden recht verfänglich da. Sie hatten das Schmiegſame Die Ritter vom Geiſte. III. 9 130 und Hingebende ſo in der Uebung, daß ſie den Ju— ſtizrath, wenn man ſagen will, ebenſo gut umſtan— den, wie ſchon umarmten.... Aber er hatte heute keinen Geſchmack für ihre lacer⸗ tenartige Zärtlichkeit. Katzen, ſagte er halb ſcherzend, halb ärgerlich, laßt mich heute los! Und überhaupt.. ſetzte er hinzu, als ſie ihm für ſeine Stimmung doch zu ſchmiegſam wur— den.. Ihr ſeid mir immer zu mager geweſen. Mit dieſer Grobheit ließ er die erſchrockene Fami— lie Wandſtabler in Erſtaunen und großer Bekümmer⸗ niß zurück.. ſo unhold war er ja nie geweſen. Die Mädchen ſahen ſich fragend an, begleiteten ihn bis an das geöffnete Portal und ſtaunten, wel⸗ chem ruhigen, nachdenklichen Schlendergang ſich heute der Juſtizrath ergab. Franz Schlurck, der ſonſt hüpfte und immer verrieth, daß die Welt eine Kugel iſt, auf der ſich Alles dreht und wendet... ſchlich heute ſchneckenartig. Wir zweifeln faſt, ob unſer alter Freund ſich jetzt noch beim Italiener Lippi zur griechiſchen Weinprobe einſtellen wird. Es drückten ihn drei Widerſprüche und eine That⸗ ſache. Erſtens: War Prinz Egon jener Dankmar Wil⸗ n Ju⸗ nſtan⸗ lacer⸗ llaßt als wur⸗ ami⸗ zmer⸗ jteten wel⸗ heute üpfte 131 dungen vom Heidekrug, der gegen ſeine Familie und vorzugsweiſe Melanie ſo liebenswürdig ſich benommen hatte, wie kam er jetzt auf dieſe offenbare Feindſeligkeit? Zweitens: Welche Bewandtniß hatte es mit den Andeutungen, die er von Bartuſch über die Abentheuer auf dem Heidekruge erhielt und von denen er ſich ſo viel gemerkt hatte, daß er glaubte, ein dem Prinzen werthvolles Bild befände ſich noch gegenwärtig in den Händen ſeiner Tochter? Drittens: Was ſollte er auf die leidenſchaftliche Caprice bauen, die ſeine Tochter plötzlich für jenen Mann gefaßt hatte, den ſie für den Prinzen Egon hielt und der von ſeinem gefundenen Schrein mit dem Kreuze ſprechen konnte? Das waren die Widerſprüche. Die Thatſache aber hieß: Du haſt die Adminiſtration des Fürſtenthums Ho⸗ henberg verloren! Er beeilte ſeine Schritte, um daheim für das Chaos der Widerſprüche, in dem er ſich befand, bei Melanien Licht, für Das aber, was unumſtößliche Gewißheit war, heute einmal wieder ſeit lange bei der lebensfrohen Philoſophie ſeines guten Hannchens Troſt zu ſuchen. — M—m—— ——— Sechstes Capitel. Die Brüder. Am Abend vor dieſem Auftritte war die Freude groß geweſen, als Dankmar mit dem Einſpänner und dem vergnügt bellenden, hin- und herwackelnden, faſt tan⸗ zenden Bello ſich im Pelikan wieder einfand. Der dicke Wirth— er hieß Hitzreuter— und Ka— tharina Peters, geborene Bollweiler, waren noch auf. Peters, der gerade nicht daheim war, hatte einige Tage gelegen, war aber bereits von jeder Gefahr für ſein Bein befreit und hatte nur noch gelitten unter der Ungeduld, was ſich aus Dankmar's Reiſe ergeben würde... Das längere Ausbleiben Dankmar's ſtörte die guten Leute nicht. Sie hielten es eher für ein gutes Zeichen. In dieſer Anſicht hatte ſie auch Sieg⸗ bert beſtärkt, der jeden Tag wol zweimal kam, um etwas Beruhigendes zu vernehmen, vielleicht auch nur eine Botſchaft von fremden Fuhrleuten. Von einem Briefe, de groß nd dem iſt tan⸗ d Ka⸗ ch auf. einige ahr für unter egeben ſtoͤrte ür ein Sieg⸗ etwas t eine Brieft 133 den er aus Pleſſen vom Bruder erhalten haben ſollte, wußte man im Pelikan noch nichts. Dankmar konnte ſich leicht denken, daß das hier ſo ſein würde, wie es in ſolchen Fällen immer zu geſchehen pflegt.. Er ſelbſt kam vielleicht früher an als ſein Brief. Das Beſte, was Dankmar mitbringen konnte, war die Verſicherung, daß Peters außer Sorge ſein dürfe, da er es über den Schrein leidlich ſelber wäre. Das verlorne Gut hätte einen Herrn gefunden, bei dem er nach Allem, was ſich für Dankmar jetzt an Melanie anknüpfte, in der Hauptſache geborgen war, mochte ſeine Verwandlung aus einem Prinzen in einen ge⸗ wöhnlichen Sterblichen nun auch gern geſehen werden oder nicht, mochte Schlurck auch noch ſo von dem Funde ſelbſt intereſſirt ſein; Dankmar traute ſich die Kraft zu, Melanie's Unwillen in ſeinem erſten Aus— bruche zu ertragen, ja hoffte, nach dem Grade ſeiner eignen Liebe, auch ſie ſelbſt zu überwinden und viel⸗ leicht dauernd das Intereſſe zu behaupten, das er doch wol auch durch ſeine Perſönlichkeit ihr mußte einge⸗ flößt haben. Denn wie beſcheiden auch ein Mann denken mag, den Werth, den er im Auge einer Frau haben kann, ſchätzt er bald ab. Einige wenige Proben ihres Verhaltens gegen ihn genügen, ihn aufzuklären. Und die Proben, die ihm Melanie gewährt hatte, 134 waren ſo außerodentlich geweſen, daß hier nur Liebe, oder, wie er ſich mit Schreck als Menſchenkenner ge⸗ ſtehen mußte, Haß übrig bleiben konnte. Den ehrlichen Peters hätte Dankmar gern ge⸗ ſprochen, wär's auch nur geweſen, um ihm zu ſagen, daß ſeine Verehrung vor den beiden Zecks auf ge⸗ ringere Erfahrung im Umgang mit Menſchen deutete, als er ihm zugetraut hätte... Auch die Umſtände, die Peters über den Moment des Verſchmindens ſeines Frachtgutes angeführt hatte, waren nach ſeiner nunmehrigen Ueberſicht dieſes Vor⸗ falles, ſo räthſelhaft er ihm auch noch immer erſcheinen mußte, doch höchſt ungenau und faſt flunkerhaft. Die Scherze, die er ſich deshalb noch mit dem guten Peters er⸗ lauben wollte, verſparte er auf ein andermal, ſtreichelte das Pferd, dem die Fahrt unter ſeiner ſorgſamen Hand durchaus nicht übel bekommen war, vereinigte ſich mit dem Pelikanwirthe über eine Summe, die er ihn bat, bis auf Morgen ſchuldig bleiben zu dürfen— denn ſchon im Heidekrug hatte er den letzten Thaler gewech⸗ ſelt— und ging dann, der etwas verlegenen Kathrine und dem heute ſchweigſameren Wirth die Hand ſchüt⸗ telnd, Bello noch einmal am Ohre zupfend, ſein Bild in ein Tuch gewickelt, zu Fuß in die Stadt. Es war ſchon ſpät. Es zog ihn zu dem geliebten Bruder... Und doch hätte er noch gern in Laſally's Stalle nachgefragt, wie es mit dem Pferde ausſah, das er einem ſo gefährlichen Menſchen, wie Hackert, übergeben zu haben ſchwer bereute. Jetzt begriff er, wie Hackert, der ihm keineswegs unvermögend ſchien, ſich aus Rachſucht an ſie hatte andrängen und ſogar eine Geldſumme wagen können, um nur Gelegenheit zu haben, ſeinem Feinde zu ſchaden... Indeſſen dachte er, iſt hier etwas Widerwärtiges vorgefallen, ſo er— fährſt du es zeitig genug und ſchon im Begriff, nach der Ottokarſtraße, in ein neues entlegenes Viertel, wo ſich jener Stall befand, einzulenken, ſchlug er wieder den graden Weg zu ſeiner Wohnung ein, die in der ſogenannten Neuſtraße lag. Auf dieſer Richtung lagen zwei Häuſer, die für ihn jetzt eine große Bedeutung gewonnen hatten. Mitten in der Stadt, wo ſich das Menſchengewühl, trotzdem daß die Wächter ſchon die Stunden riefen, nicht ganz verloren hatte,(die Theater waren eben beendet) ſtand er an einem Hauſe ſtill, das er längſt als die Wohnung des Juſtizraths Schlurck kannte. Schlurck galt unter den jungen Juriſten als ein Bei⸗ ſpiel, das man oft anführte, um zu beweiſen, wie gut ſich ein Advocat ſtehen könne, der das allgemeine Vertrauen genöſſe. Er wußte dabei kaum mehr von 136 ihm, als daß er in dieſem alten Hauſe wohnte, mitten in der Stadt, dicht an dem ehrwürdigen Rathhauſe, umgeben von ganz in der Nähe befindlichen alter— thümlichen Kirchen. Nie hatt' er auf dieſer belebten Paſſage ſonſt ſtillgeſtanden. Heute mußte er es. Heute erſt entdeckte er, daß dies graue Haus in ſchöner, alterthümlicher Form gebaut war und mindeſtens zwei⸗ hundert Jahre alt ſein mußte. Die untern Fenſter waren mit eiſernen Gittern geſchützt. Die obern waren hoch und mit Stukkaturen geziert.. An dem Thor⸗ weg hing eine große blankgeputzte meſſingene Klingel und auf dem daneben befindlichen Meſſingſchilde las er ganz einfach die kräftig eingravirten Züge des un⸗ melodiſchen häßlichen Namens:„Schlurck“. Ihm klang dieſer Name wie Muſik und wie der Name Melanie ſelbſt, der ganz das Selige und Wonnige ſeiner Stimmung ausdrückte... An den Fenſtern des zweiten Stocks entdeckte er Licht. Vor wenigen Stun⸗ den erſt konnte die Reiſegeſellſchaft, die er nicht mehr hatte einholen können und auch nicht mögen, ange⸗ kommen ſein.. Daß ihm Melanie nicht zürnte, über nichts zürnen konnte, bewies ſein erobertes Bild. Die Art freilich, wie ſie es ihm gegeben hatte oder hatte geben laſſen oder wie ſie es ihn hatte finden laſſen, war und blieb räthſelhaft genug.. Er grübelte aber nitten auſe, alter⸗ ebten Heute öner, wei⸗ enſter aren hor⸗ ngel las un⸗ Ihm dame mige des tun⸗ mehr nge⸗ über Die jatte ſſen, aber 137 nicht darüber nach. Morgen, dachte er, klärt ſich das Alles auf. Ich werde ſie ſehen und wenn ſie zürnt, bedeck' ich ihre ſchönen Hände mit meinen Küſ⸗ ſen und flehe um ihre Vergebung... Von Empfin— dungen ſo ſüßer Art war er durchſchauert, als er mitten auf der Straße ſtand und zu den Fenſtern hinaufſah. Er mußte den prächtigen Kutſchen ausweichen, die an ihm vorüberrollten, und doch hätte er gern gelauſcht, ob die Schatten, die ihm an den Vorhängen vorüber⸗ zuhuſchen ſchienen, wol von Melanie kämen? Sie ver— ſchwanden zu raſch!.. Vielleicht löſcht ſie das Licht aus, dachte er, um ſich auf's Lager zu werfen— und an mich zu denken? ſetzte er wonnetrunken hinzu. Wie er noch ſo ſtand, bald hier einem Wagen, dort einem Fußgänger auswich, entdeckte er über der Hausthür einen aus Sandſtein gehauenen Schild mit einem Wappen, das ihn wahrhaft überraſchen mußte. Er traute ſeinen Augen nicht, als er daſſelbe Kreuz, das auf dem Schrein aus Angerode ſtand, auch auf dieſem Schilde wiederfand, mit denſelben vier Run— dungen an dem Ende wie auf jenem Deckel... Wie, dachte er, iſt das vielleicht eins jener alten Häuſer, die entweder ſelbſt noch aus jenen Zeiten herſtammen, oder auf dem Grund und Boden gebaut wurden, der dem proteſtantiſch gewordenen geiſtlichen 138 Ritterorden gehörte, und iſt es wol gar eins von denen, auf die ich nun ſelbſt glaube Anſprüche machen zu können? Faſt ein leiſer Schreck, ein dunkel ahnender leiſer Schauer überlief ihn, wenn er dachte, daß Schlurck vielleicht doch wol zu dem Schrein, den er verloren, in einem andern Verhältniſſe ſtehen konnte, als dem eines..„ehrlichen Finders“.. Doch dachte er dieſer trüben Vorſtellung nicht weiter nach, ſondern entfernte ſich von dem Hauſe, das ihm nun erſt recht bedeutungsvoll erſchien, in dem guten Glauben, am folgenden Tage aller ſeiner Zweifel und Sorgen los und ledig zu werden. Seine Schritte wandten ſich jetzt beſchleunigter jener Gegend zu, wo die Wohnungen der Vornehmen an ſtolzen einſamen Plätzen lagen. Hier war es menſchenleer und ſtill. Dann und wann eine Schildwache, die ihm der unruhigen Zei— ten und noch oft ſich wiederholenden Tumulte wegen ein Werda? zurief.. Die Laternen warfen ihre Lichter über kleine mit Raſen beſetzte Beete. Springbrunnen plätſcherten da und dort und bewäſſerten das Gras, das ſonſt in dieſen freien Räumen, immer ſchattenlos der Sonne ausgeſetzt, bald würde verdorrt geweſen ſein. Hier lag auch das Palais des Fürſten von Ho⸗ henberg, einſam, ſtill, dunkel, wie in Trauer ge⸗ hüllt. Hier hätte er nun anhalten, klingeln, die Stille aufwecken, fragen mögen.. aber kein Licht im ganzen Gebäude.. Alles wie ausgeſtorben.. Wie er ſein in ein Tuch gehülltes Bild an ſich drückte und die Geſchichte deſſelben mit dem großen, ſtolzen, ſtummen Palaſte da vor ſich verglich, kam er ſich erſt faſt überfeierlich, dann aber doch plötzlich wie ein Thor, ja kindiſch vor, ſchlug ſich an die Stirn und rief: Biſt du wahnſinnig? Was iſt mit dir? War das Alles in Hohenberg nicht ein Traum, in dem dich tolle Geiſter geneckt haben? Dieſe Abendſtille,— dieſer ruhig blinkende Ster— nenhorizont— fern die rollenden Wagen— die plät— ſchernden kleinen Quellen— es war ihm, als ſollt' er das Bild nehmen und es wie einen zweckloſen Ballaſt in den Kanal werfen, der einige Schritte weiter ſich durch dieſes einſame Viertel zog. Dann weckte ihn aber von dieſer verzagten Stim— mung ein Wagen, der langſam um die Ecke des Palais von der Gegend her bog, wo dies mit einer hohen Gar⸗ tenmauer begrenzt war.. Der Wagen ſtand eine Weile ſtill.. fuhr dann langſam an ihm vorüber und 14o hielt vor den Ketten, welche das Palais von der Straße abſperrten. Sollte hier Jemand noch ſo ſpät am Abend aus— ſteigen wollen? Sollte es Egon ſein? Dankmar trat näher. Aus dem niedrigen Wagen blickte ein weiblicher Kopf, der zu den Fenſtern hinauf ſah... Vorn ſaß neben dem Kutſcher der Bediente, der keine Miene machte herabzuſpringen und den Schlag zu öffnen. Dankmar ſah nur, daß die Dame einen Strohhut mit dunklem Schleier trug. Er näherte ſich. Die Dame zog ſich zurück... Wie er auf dem Trottoir an dem Wagen vorüber— ging, ſah er, wie ſie ſich in die Ecke ihres Coupé's drückte und den Schleier übergeworfen hatte. Er ging vorüber und wandte ſich doch, als der Wagen immer noch ſtill ſtand. Du ſtörſt hier ein Stelldichein? dachte er endlich und wollte nun gehen. Die Dame aber, die ſich beobachtet fühlte, gab ohne Zweifel ihren Leuten raſch ein Zeichen und im Nu flog das kleine, elegante Fuhrwerk davon. Dankmar ſah ihm lange nach. Einen Zuſam⸗ menhang mit dem todtenſtillen Palais und dieſer nach cher ſaß jene nen. hut den Fenſtern hinaufforſchenden eleganten verſchleierten Dame konnte er ſich nicht herſtellen.... Aber noch etwas Anderes ſchien ihm abentheuerlich. Als er ſeine Schritte beſchleunigend an der ein— ſamen Gartenmauer des Palais entlang ging und bald an ihr vorüber war, um in ſein Straßenviertel einzu⸗ lenken, hörte er einen wunderſchönen, männlichen Ge⸗ ſang vom Garten her. Er blieb ſtehen.... Der Sänger mußte dicht unter den Fenſtern des Palais, die nach hinten gingen, ſeinen Stand haben, ſo entfernt klangen die Töne und doch war es ihm, als unterſchiede er deutlich, daß dies Lied nicht deutſch war. Es quoll aus tiefer Bruſt und hatte etwas Melancholiſches und dabei wieder Scherzendes, wie alle Volkslieder, ſelbſt die der Franzoſen. Denn franzö⸗ ſiſch ſchien ihm die Weiſe. Nicht lange hatte der Geſang gedauert, als an dem wie ausgeſtorbenen Palais ein Lichtſchimmer ſicht⸗ bar wurde. Er beobachtete dies Alles durch ein Git⸗ ter, mit dem hier, wie an manchen Stellen, die Maner unterbrochen war... Ein Fenſter hinterwärts erhellte ſich. Die Bäume aber verhinderten ihn, zu ſehen, wer es 5 142 vielleicht öffnete oder an ihm erſchien hinter den Vor— hängen... Bald verſtummte der Geſang und bald erloſch das Licht. Es war wieder ſo ſtill und finſter wie vorher... Zögernd machte ſich Dankmar auf den Weg, nun wo möglich noch geſpannter auf die Enthüllungen des folgenden Tages. Daheim endlich mußte er ſtark klingeln, bis ihm geöffnet wurde. Es war ein großes, von vielen Fa— milien bewohntes, neues Haus, wo er ſeit längerer Zeit ſchon bei armen Vermiethern wohnte, die ihre ganze Habe in die Ausſtattung zweier Zimmer mit zwei„Kabineten“ verwandt hatten. Nach vielem Pochen und Klingeln erſchien endlich ſeine Wirthin und ſagte ſchon drinnen im Thorweg! 2 Sie haben ja Ihren Schlüſſel mit, Herr Wil⸗ dungen! Ich den Schlüſſel? dachte Dankmar. Aha! Mein Herr Bruder wird gemeint ſein. Sieh, ſieh, der wäre noch nicht daheim? So war es auch. Als die große Hausthür auf⸗ ging, traute die Wirthin ihren Augen nicht, den jün— geren Bruder zu finden und nicht den Maler. Sind Sie's denn? So ſpät! rief ſie, indem ſie Vor⸗ das — 143 die Hausthür wieder zuſchloß— Kaum angekommen, wieder wie weggeblaſen! Dankmar beſchränkte ſich auf die einfache That⸗ ſache: Sehen Sie, Frau Schievelbein, nun bin ich wie— der da, unter Ihrem Schutz, Ihrer liebenswürdigen Obhut. Was haben wir auf Sie gepaßt, ſagte Frau Schievelbein, die eigentlich vor Dankmar immer Furcht hatte und mit Siegberten zutraulicher ſtand; wir glaub⸗ ten Wunder was Ihnen widerfahren iſt! Ja, ja, Frau Schievelbein, ſagte Dankmar, Wun⸗ der ſind mir auch widerfahren! Iſt mein Bruder nicht zu Hauſe? So ſpät? Wo ſteckt er noch? Damit waren ſie erſt eine Treppe hinauf. Sekt Sie fort ſind, Herr Dankmar, ſagte Frau Schievelbein, ſind Herr Siegbert faſt jeden Abend aus— Sollt' er ſich fürchten, daß Hackert das Geld re— klamirt! dachte Dankmar für ſich. Kein Geld angekommen? ſagte er dann laut; kein Brief aus Angerode? Keine Beſuche? 6 Für Sie nichts, antwortete die Wirthin, die mit einer Nadel etwas den Docht ihrer Lampe heraufzog; ein Brief für Herrn Siegbert liegt oben. 144 Aha! Wahrſcheinlich der meinige aus Pleſſen! dachte Dankmar. Aber Geld wird kommen, fuhr Frau Schievelbein fort, Geld wird viel kommen; wiſſen Sie's denn noch nicht, das Bild iſt ja verkauft! Das Bild iſt verkauft? ſagte Dankmar freudig. Gott ſei Dank! Wenn's nur wahr iſt! Daß Frau Schievelbein es beſtätigte für ganz wahr und gewiß, konnte Dankmar auch deswegen lieb ſein, weil es ihm Muth gab, ſich jetzt an die dritte Treppe zu machen; denn auch die zweite führte noch nicht zum Ziele. Wer hat es denn gekauft, Frau Schievelbein? fragte Dankmar. Der Verein, Herr Wildungen, ja, ja, der Herr, der ſo ſchlimm ſein ſoll, der Herr Kunſt— ich kann immer den Namen von dem Herrn nicht behalten. Aha, Herr Kunſtverein, bei dem man einen Vetter haben muß, wenn er ein armes Talent in Nahrung ſetzen ſoll! Derſelbe! Für Dreihundert Thaler hat's der Herr Bruder jetzt rundweg losgeſchlagen— Für Dreihundert Thaler! Arme Seele, die du ein Jahr über dieſen Stoff geſchmachtet haſt, drei Vor⸗ ſkizzen machteſt, einen Carton, doppelte Untermalung, — — leſſen! elbein noch eudig. ganz wegen m die führte lbein — Her du ein Vor alung, 145 zehn Uebermalungen— gewiß, wir leben im Peri⸗ kleiſchen Zeitalter. Dankmar mußte einen Augenblick ſtehen bleiben. Die geringe Summe that ihm doch weh, und— die dritte Treppe war noch nicht die letzte. Es gab noch eine vierte und dieſe führte nicht etwa auf den Boden, ſondern wirklich erſt in die beſcheidene Wohnung der Brüder Wildungen. Freilich konnte Dankmar den 4 Freunden und Bekannten, die bei ihren Beſuchen übet die vier Treppen fluchten und wetterten, immer ſagen: Ich liebe meinen Bruder Siegbert zu fhlaln das. ich mich von ihm trennen könnte und mein Bruder iſt ein Maler und Maler müſſen gutes Licht haben! Aber ebenſo oft fühlte er doch ſelbſt, daß hier aus der Nothwendigkeit eine Tugend gemacht wurde und im Stillen machte er ſchon lange gegen Frau Schie⸗ velbein das Komplot, ob nicht auch mindeſtens drei Stiegen hoch irgendwo ein gutes Malerlicht aufzu⸗ finden wäre. War doch jetzt der Kontraſt ſeiner eben⸗ geſpielten Prinzenrolle zu dieſer beſcheidenen Exiſtenz im vierten Stock auch gar zu jäh und abſpringend! Die vierte Treppe hatte das Gute, daß ſie zwar ſehr ſchmal, aber auch ſehr kurz war. Dankmar be⸗ trat ſein Zimmer und das ſeines Bruders. Siegbert war ausgeflogen und die Wirthin verſicherte, er käme ſeit Die Ritter vom Geiſte. III. 10 146 Dankmar's letzter Abweſenheit faſt jede Nacht erſt ge— gen zwölf Uhr nach Hauſe... Dieſe Stunde wartet heute meine brüderliche Liebe nicht ab, ich gehe zu Bette! ſagte er. Frau Schievelbein, einen Gruß an Siegbert, wenn Sie ihn heute noch oder morgen früher als ich ſehen. Für heute gute Nacht! Damit legte er ſchlaftrunken das Bild auf ſeinen Tiſch, enthüllte es, betrachtete noch einmal die freund⸗ lichen, etwas vornehmen Züge der weiland jungen Für⸗ ſtin Amanda, taſtete an dem hintern Holze, das ihm ver⸗ dächtig genug vorkam, noch etwas hin und her, ohne das Glas heftig zu drücken, ſah auf dem Tiſche des Bruders wirklich ſeinen Brief aus Pleſſen, eben friſch angekommen, mit dem Siegel der Krone, entkleidete ſich, löſchte das Licht, das ihm Frau Schievelbein angezündet hatte, und warf ſich auf ſein Lager in einem Alkoven, der jedoch auf dem Miethzettel der Frau Schievelbein an der Hausthür als„Kabinet“ paradirte. Das angenehme Gefühl, bei allem Merk⸗ würdigen, das er erlebt hatte, nun doch wieder in ſeiner eigenen Behauſung zu ſein und auf einem Bett zu ruhen, das ihm ſelbſt gehörte— die Mut— ter hatte es ihm aus Angerode geſchickt— erfüllte ihn bald mit jenem traulich ſichern Behagen, ohne das man ſanft und ſtärkend nicht entſchlummern kann. erſt ge⸗ ze Liebe velbein, ch oder Nacht! ſeinen freund⸗ en Für⸗ im ver⸗ „ohne he des 1 friſch kleidete velbein ger in tel der binet“ Merk⸗ der in einem Mut⸗ rfüllte ohne kann. 1 147 Es war heller, lichter Morgen, als Dankmar er⸗ wachte und im Erwachen faſt erſchrak, erſchrak über Siegbert, der mit ſeinen reinen, klaren Augen eben über ihm in die ſeinen blickte. Siegbert hatte ſich über den Schläfer gebeugt und ihn vielleicht mit dem Athem ſeiner ſorgſamen Liebe aufgeweckt. Seine blon⸗ den Locken ringelten ſich faſt auf Dankmart's friſche, ſchlaferquickte Wange herab. Nun da iſt er ja, der Furioſo der, ſagte Siegbert zum Gruß, er der mir anräth, den Arioſt zu leſen, um mich auf ſeine Abentheuer vorzubereiten! Schöne Dinge müſſen Das geweſen ſein, daß man ſo alle Liebe vergeſſen und ſich hinſetzen kann, einem armen verlaſſenen Bruder dermaßen bittre Dinge über die Kunſt und ſeine beſten Einbildungen zu ſchreiben. Wart! Jetzt ſollt' ich dir das Bett über die Ohren ziehen oder hier die Kanne friſchen Waſſers nehmen, die ſchon auf dich wartet, und ſie dir über den Pelz gießen! Damit ergriff Siegbert wirklich das Waſſer und jagte damit den Bruder, der ſich vor einem ſolchen unfreiwilligen Bade ſchützen wollte, aus dem Bett. Dankmar beſann ſich jetzt erſt auf die bittern Wahr⸗ heiten, die er in ſeiner übermüthigen Laune dem Bru⸗ der geſchrieben hatte, um im Scherz ihm diejenige 10* 18 Ueberzeugung von ſeinen artiſtiſchen Irrwegen beizu⸗ bringen, die er im Ernſt hatte. Siegbert hielt in der einen Hand den Brief, in der andern die Kanne und ſtand in drohender Stellung. Dankmar mit einer geſchickten Seitenwendung griff nach dem Briefe, eroberte ihn wirklich und wollte ihn zum Zeichen ſeiner Reue zerreißen. Halt! rief Siegbert. Er hat mich mein ehrliches Porto gekoſtet. Der Beweis deiner Unbrüderlichkeit iſt nun mein und ich will mich bemühen, das Wahre davon herauszufinden und danke dir für die Anwen⸗ dung des corpus juris auf die Aeſthetik. Abſcheu⸗ licher Verräther du! Doch laſſen wir jetzt unſre Fehde und nun gebeichtet, was haſt du Alles erlebt? Wo geſchwärmt? Was getrieben? Ich ſehe dir an, daß du ſo voller Schnurren, Brummkäfer und Schmetter⸗ linge ſteckſt, wie Fauſt's alter Mantel, als ihn Me— phiſtopheles im zweiten Theil ausſchüttelt. Jetzt ſchüttle dich von ſelbſt, wenn ich dich denn doch nicht ſchüt⸗ teln ſoll! Lieber Junge, ſagte Dankmar, indem er raſch die nöthigſten Kleider anzog, das Fenſter ſeines Zimmers aufriß, friſche Luft ſchöpfte und ſich wuſch, lieber Junge, fürs Erſte gleich' ich Fauſten's altem Mantel darin, daß mein Magen ſo ſchlaff iſt, wie ungekrämptes beizu⸗ ief, in tellung. u giff Uite ihn hrliches rlichkeit Wahre Inwen⸗ lbſcheu⸗ e Fehde 2 Wo in, daß hmetter⸗ n Me⸗ ſchuttle t ſchüt⸗ iſch die immers lieber Mantel ämptes 149 Tuch. Was haſt du zu frühſtücken? Mit gewöhn⸗ lichen Schievelbein'ſchen Portionen bin ich heut' nicht zu befriedigen.. Das dacht' ich ſchon, ſagte Siegbert, du ſollſt deine Ankunft nach Gebühr gefeiert ſehen. Ich hoffe, daß du mir die Ehre anthuſt, heute einmal in der Akademie und nicht in der Aula zu frühſtücken. Wenn deine Farben nicht zu ſehr nach Oel duf— ten, lieber Bruder, ſagte Dankmar, du kennſt meine Antipathie gegen Eure Miſchungen und wenn ich bei Raphael frühſtücken ſollte... ich... ich dächte, wir blieben doch lieber in der Aula. Nein, nein, ſagte Siegbert, in der Akademie! Ver⸗ dirb mir meine Freude nicht! Die Farben ſind ein⸗ getrocknet. Seit drei Tagen hab' ich zu Hauſe keinen Pinſel berührt... Damit zog Siegbert ſeinen Bruder durch deſſen Zimmer in das ſeinige. Sie nannten das Zimmer Dankmar's die Aula und das von Siegbert be⸗ wohnte die Akademie. Die Akademie hatte gleichfalls ein„Kabinet.“ In der Akademie fand Dankmar in der That eine ſehr feſtliche Zurüſtung. Der runde Tiſch, der vor einem mit Haartuch überzogenen, mit gelben Knöpfen beſchlagenen Sopha ſtand, war zur Hälfte mit einer 150 weißen Serviette bedeckt. In der Mitte ſtand ein Glas mit den friſcheſten, heute ſchon vom Früh-Markte ge⸗ kommenen Blumen. Daneben der Kaffee und die Milch in einer Maſchine, in der ſich die Brüder ihre Morgenſtärkung ſelber brauten. Ein weit größeres Quantum von friſchem Weißbrot, als gewöhnlich, lag aufgehäuft in einem Korbe, von dem zwar hier und da der Lack ſchon abgeſpruugen war, welcher Mangel aber durch große Reinlichkeit erſetzt wurde. Beſonders wohlgefällig waren außer den beiden Tellern und den blauweißen Taſſen heute drei Extraſchüſſeln mit den dazugehörenden Meſſern, Gabeln und kleinen Thee⸗ löffeln. Es war dies erſtens ein friſches Stück un⸗ geſalzner Butter, das zierlich auf drei großen Wein⸗ blättern ruhte und durch eine Form mit Sternen und kleinen Sonnen ausgeprägt war. Zweitens ein Teller mit einer Serviette, in deren geheimnißvollem Innern wie in einem Neſte eine halbe Mandel gekochter Eier ſich traulich verſteckte und endlich drittens ein Teller voll maleriſch geordneter roher Schinkenſchnitte, die weiß und roth in angenehmſter Abwechslung zwiſchen Fleiſch und Speck den Gaumen unwiderſtehlich reizten. Auch hier war zur Verzierung eine Menge von ver⸗ ſtreuter Peterſilie angebracht. Dieſe Strafe für ſeinen wilden übermüthigen Brief Glas kte ge⸗ nd die er ihre ößeres h, lag er und Nangel onders d den t den Thee⸗ ick un⸗ Wein⸗ n und Teller unern - Cier Teller , die iſchen eizten. ver⸗ Brief 151 war für Dankmar doch zu großmüthig. Er umarmte faſt den Bruder und ſagte: Siegbert, wie kann ich dein edles Herz jetzt herz⸗ licher anerkennen, als durch meinen Magen! Mein Appetit ſei der Dolmetſcher meiner Gefühle! Die Brüder ſetzten ſich und begannen mitzutheilen und zu erzählen. Wie hab' ich dich erwartet, ſagte Siegbert, wie ſah ich dir an jenem Abende, wo du wie im Traume von meiner Seite verſchwandeſt, verzweifelnd nach! Wie hat ſich denn Hackert bewährt? Biſt du mit ihm wieder zurückgekommen? So war er alſo nicht da? fragte Dankmar. Hat ſich noch nicht ſein Geld geholt? Zu unſrer Chre noch nicht, ſagte Siegbert, ich hätte ihm aufrichtig geſtehen müſſen, daß wir es an⸗ gegriffen haben. Doch die Schievelbein erzählte mir ſchon, daß ſie dir den Verkauf meines Bildes mitge⸗ theilt hat. Ja es iſt verkauft, Dankmar, und damit ein Stein vom Herzen! Dreihundert Thaler, ſagte Dankmar, ich hörte es mit Ingrimm gegen dieſe Kunſtvereinsknauſerei! Die Beleuchtuug iſt allein ſo viel werth. Bildchen von zwanzig Thalern wollen ſie kaufen, damit in ihrer Lot⸗ terie viel Gewinne fallen. 152 Und iſt es nicht traurig, ſagte Siegbert, daß ich kaum durch mich ſelbſt und meine Arbeit zu dieſem Reſultate würde gekommen ſein, wenn ich nicht für das Gethſemane der Frau von Trompetta ein Blatt malte? Und noch ſchrecklicher! Dieſe Frau machte von meinem Bilde nicht etwa darum ein ſo großes Auf— ſehen, daß man es ſeines Werthes wegen ankaufen müſſe, ſondern weil ein Albumsblatt von mir ihr dann erſt wichtig werden konnte, wenn ich eine öffentliche Anerkennung erhielt und unter die geſuchten Maler verſetzt wurde! Das muß ich ſagen, fiel Dankmar ein und zer— klopfte ein Ei, das nenn' ich das Gelbe von der Sache! O, o! Welche Lügen! Welche Schändlich⸗ keiten! Frau von Trompetta heißt die Poſaune dei⸗ nes Ruhms? Was machſt du ihr denn in ihr Gethſe⸗ mane? Hoffentlich etwas vom Schweiße des Heilands, der ſich auf dem Tuche der heiligen Veronika abdruckt! Darunter würd' ich ſchreiben: Aus der ewigen Lei⸗ densgeſchichte des Genius! Genug! ſagte Siegbert. Das Bild iſt nun fort und die dreihundert Thaler werden uns Muth geben, ſo lange zu warten, bis du deine Million gewinnſt. Ich hoffe, dieſe Million wird uns doch recht bald aus⸗ gezahlt werden... daß ich dieſem icht für n Blatt hte von es Auf⸗ nkaufen hr dann fentliche Maler ud zer⸗ von der ändlich⸗ ne dei⸗ Gethſe⸗ eilands, bdruckt! en Lei⸗ un fott geben, winnſt. ld aus⸗ 153 Spotteſt du? ſagte Dankmar und ſchnitt an dem Schinken, der trotz allen guten Willens, trotz ſym⸗ metriſcher Anordnung, trotz der grünen Peterſilie etwas zäh war. Spotteſt du und machſt Witze, ſo ledern wie dein Schinken? Mache dich würdig, meine Aben⸗ theuer zu vernehmen, ſonſt hüll' ich mich in ein un⸗ durchdringliches Dunkel. Siegbert ſuchte aus dem Schinkenteller für den Bruder weichere Stücke und gerieth durch die Sorge für Dankmar's leibliches Wohl ganz von Dem ab, was doch ſeine Neugier reizte. Er rieth ihm ein ſchär⸗ feres Meſſer zu nehmen, die Stücke kleiner zu ſchnei⸗ den; er hätte doch der Schievelbein geſagt, ſie ſolle... Beruhige dich! Beruhige dich! rief Dankmar. Meine Zähne thun das Uebrige und die Eier ſind vortreff⸗ lich, wenn auch ein Bischen klein. Ich hoffe ſie kom⸗ men nicht aus der Schievelbein'ſchen Kanarienhecke. Iß Bruder! Jetzt ſeh' ich erſt, daß du etwas ſchmal ausſchauſt! Wie blaß! Wie ſchmachtend! Was iſt denn auch Das, bis zwölf Uhr Nachts zu ſchwärmen? Hat's dir der Mond angethan? Verliebte Kater und verliebte Maler, die an den Häuſern hinſtreichen! Lernſt Mandoline ſpielen? Siegbert nahm dieſen Scherz nicht auf, ſondern blickte ernſt. Viel wichtiger, ſagte er darauf mit unbefangener Miene, viel wichtiger als deine Kritik über meine blaſſen Wangen iſt die Mittheilung, was denn nun aus deinem Wunderſchranke geworden und wer der glückliche Finder iſt? Erzähle! Dankmar hatte noch nicht Luſt, ſich in dieſe wich— tigen Thatſachen und ihre weitläufige Mittheilung ein⸗ zulaſſen. Er ſagte: Lieber Bruder, das ſind ſo umſtändliche Dinge, daß ich ſie nicht beim Frühſtück abmachen kann! Was ich dir von meinen ſeltſamen Begebenheiten ſchrieb, iſt wahr; aber ſie ſind verworren, ſo unglaublich, daß ich wirklich von vorn anfangen und ganz methodiſch erzählen muß. Sage mir vorläufig zur Beruhigung, was haſt du von dem Pferde gehört, das uns jener Strauchdieb in die Laſally'ſche Reitbahn zurückführen ſollte? Er hat es abgeliefert, ſagte Siegbert. Ich war ſelbſt dort noch am ſelben Abend und habe ſeitdem nur die Sorge gehabt, jene hundert Thaler wieder zu vervollſtändigen— Du nennſt den Fremden einen Strauchdieb. Haſt du Beweiſe, daß er dieſen Namen verdient? Ich denke wol, entgegnete Dankmgr, und ſehr triftige. Indeſſen bin ich froh, daß ſich das Pferd ngener meine nun -r der wich⸗ gein⸗ dinge, Was hrieb, daß odiſch zung, jener ühren war tdem er zu einen men ſch gerd 155 ſicher in Laſally's Händen befindet. Ich wuͤnſchte, wir hätten ihm das Pfand zurückgegeben und kämen mit ihm in keine weitere Berührung. Leider fürcht' ich aber, daß ich gerichtlicher Zeuge gegen ihn werden muß. Grade Laſally iſt es, der dieſen Hackert ver⸗ klagen will und ſich dabei auf mich zu berufen ge⸗ denkt.. Siegbert war über dieſe Nachricht ſehr erſtaunt. Er hatte von Hackert ein gutes Vorurtheil gefaßt und bedauerte, daß er es nun aufgeben ſollte. Um in⸗ deſſen dafür auch gerechte Veranlaſſung zu haben, fragte er Dankmar nach den Gründen, die Laſally zu einem ſolchen Verfahren beſtimmen konnten. Dankmar meinte, daß auch dieſe Gründe in die lange und prächtige Erzählung gehörten, die er ihm noch heute auftiſchen würde. Am liebſten, ſagte er, heut' Abend, wenn ich noch weitere Ergebniſſe gewonnen habe! Denn aufrichtig geſtanden, ich ſchäme mich faſt, vor einer genauen authentiſchen Beſtätigung aller meiner Entdeckungen ſo ſicher und beſtimmt von ihnen zu reden. Wie ich geſtern Abend hier durch die ſtillen Straßen ſchlen⸗ derte, kam mir Alles wieder wie ein Traum vor, als hätte mich irgend eine Fee nur necken wollen und mich verzaubert. Aber, Himmel... 136 In dem Augenblick ſprang er auf. Das Bild fiel ihm ein. Er hatte es geſtern in der Uebermüdung aller ſeiner Sinne ſo gedankenlos auf ſeinem Tiſche liegen laſſen, dies wunderbar gerettete Bindeglied zwiſchen ihm und ſo vielen Menſchen, die er noch heute ſich eilen wollte, als wirkliche Menſchen und eine weſenloſen Schatten zu erkennen... Wie er mit dem Porträt, das er noch an der alten Stelle fand, drinnen rumorte, um es wegzulegen, rief Siegbert zu ihm hinein: Welch' alten Zopf haſt du denn da auf einem Trödel erſtanden? Oder iſt das vielleicht eine Schwie⸗ germutter, die du irgendwo auf der Reiſe erabentheuert haſt? Hübſch muß in dieſem Falle die Tochter ſein, aber ich wünſchte, daß ſie einen beſſern Maler fände als einſt die Mama. Mein lieber Bruder, ſagte Dankmar und legte drinnen das Bild in eine wacklige nicht verſchließbare Kommode; an dieſem Zopfe hängt das Schickſal eines Fürſtenthums. Auch Das iſt eine Neuigkeit, die, jetzt ſchon aufgeklärt, lange nicht ſo überraſchend iſt als im Zuſammenhange meiner ganzen Geſchichte. Sage mir ferner lieber, wie es dir inzwiſchen ergangen und welche böſen Geiſter dich verführt haben, Nachts um zwölf Uhr nach Hauſe zu kommen. Hat dich Leidenfroſt Bild fiel müdung Tiſche ndeglied er noch en und an der ulegen, einem Schwie⸗ itheuert er ſein, fände legte ießbare eines e, jeht iſt als nge mir welche wölj enftoſt 157 wirklich zum Mitglied ſeines Klubs gemacht, hältſt du Reden oder hörſt du welche? Manches der Art! antwortete Siegbert, der ſich beſcheiden mußte, ſeine Neugier über des Bruders Abentheuer, beſonders über eine etwaige Bekanntſchaft mit Melanie Schlurck gezügelt zu ſehen. Ja, Freund, ich bin auf dem beſten Wege, in Unterſuchung ge⸗ zogen zu werden. Dankmar erſchrak. Wie? fragte er. Mein beſonnener Siegbert macht Thorheiten? Du weißt, ich bin dafür, daß man links, aber nicht linkiſch iſt! Unſer gewöhnliches Klub⸗ weſen iſt das Grab der Freiheit, nicht ihre Wiege. Befürchte nichts, Dankmar, ſagte der Bruder lächelnd, meine Unternehmungen auf dieſem Gebiete ſind ſehr friedlicher Natur! Auch iſt Das, was aus meinem nächtlichen Ausbleiben ſich noch allenfalls entwickeln könnte, erſt im Entſtehen begriffen und kann mit deinem Urtheile ſtehen oder fallen. Vor⸗ läufig ſag' ich dir nur, daß ich in dieſen Tagen deiner Abweſenheit zwei Menſchen gefunden habe, die ſich inniger als jemals Andre an mich angeſchloſſen haben und von denen es mich glücklich machen würde, wenn ſie auch dir gefielen. Um des vierblättrigen Kleeblatts willen, ſei's! — 4158 ſagte Dankmar. Aber auf einem und demſelben Stengel müſſen wir ſitzen, ſonſt werd' ich auf deine neuen Freunde eiferſüchtig. Wer ſind ſie denn? Dankmar wurde hier von Frau Schievelbein un⸗ terbrochen, die den Augenblick, wo die Brüder mit dem Frühſtück fertig waren, belauſcht zu haben ſchien. Sie kam, theils ein Urtheil über ihre Anſchaffungen zu vernehmen, theils die Kleider hinzubreiten, die ſie geputzt hatte. Auch die Stiefeln gehörten, da ſie es ſo dringend wünſchte, ihrem Wirkungskreiſe an. Sie ließ ſich dieſen Verdienſt an ihren beiden Miethsherren nicht nehmen und war in der That ſorgſamer, als in dieſem delikaten Punkte Frauenhände zu ſein pflegen. Dankmar überließ Siegberten das Lob ihrer Be⸗ mühungen für dieſe Empfangsfeier. Er ſelbſt hielt ſich mehr an die bürſtende Beſtimmung ſeiner Wirthin, ſchloß mit raſchem Beſinnen ſeinen Kleiderſchrank, langte die beſte Garderobe hervor und übergab ſie Frau Schievelbein zu behutſamſter Reinigung. Ihre Klage, daß der Staub aus den Reiſekleidern kaum auszutreiben geweſen wäre, ließ er gelten. Auch auf die gewöhnlichen Stiefeln verzichtete er. Er ſtellte ſehr glänzend gefirnißte in die Aula, Alles zur Vor⸗ bereitung für eine gewählte Toilette. Du ziehſt dich ja an, ſagte Siegbert, als Frau Stengel ne neuen bein un⸗ idder mit ſchien. afungen die ſie N ſie es n. Sie sherren als in pflegen. rer Be⸗ iſt hielt Wirthin, ſchrank, gab ſie Ihre n kaum uch auf ſtellte r Vor⸗ 3 Frau 159 Schievelbein mit den Kleidern ſich entfernt hatte, als wenn du heute zu einem Fürſten gingeſt? Das geſchieht auch! ſagte Dankmar. Verzeihe mir meine Zerſtreuung, Bruder! Ich ſchlage dir vor, heut' unſer Mittageſſen— Im Pelikan, fiel Siegbert raſch ein, an der Kegel⸗ bahn, neben den Johannisbeerhecken! Nein, nein, erwiderte Dankmar und legte ein Hemde, weiße Wäſche und mit Bedacht eine der Saiſon entſprechende Weſte zurecht. Das iſt zu ent⸗ legen und ich geſtehe dir, deine Verehrung vor dem Proletariat und wahrſcheinlich auch wieder vor Eier⸗ kuchen mit Schnittlauch theil' ich heut' nicht. Wenn ich zwei wichtige Beſuche, die ich machen muß, hinter mir haben werde, ſehn' ich mich nach einer Flaſche Cantenac oder Leoville und will mit dir im Raths⸗ keller, bei Lippi oder lieber bei Grüns ſpeiſen im klei⸗ nen Kabinet, wo wir abgeſchloſſen ſind, von keinem Hundegebell geſtört werden und ich dir mit Ausführ⸗ lichkeit zwiſchen Schüſſel und Schüſſel erzählen kann, was ich erlebt habe! So ſicher ſteuerſt du wahrhaftig auf die Million zu? Rathskeller? Lippi? Grün? ſagte Siegbert, dem indeſſen der Vorſchlag doch außerordentlich gefiel. Er war gern bei einem gewählten, gemüthlich vorbe⸗ reiteten Genuſſe und empfand ſchon die Behaglichkeit, ſo allein mit dem Bruder eine Mahlzeit zu verzehren, die ſie nur bei außerordentlichen Veranlaſſungen ſich geſtatten konnten. Biſt du's zufrieden? fragte Dankmar, immer in ſeinem Zimmer räumend und für ſeine Toilette Dies und Jenes zurechtlegend. Siegbert, der ſich nun gleichfalls anzuziehen be— gann, antwortete aus ſeinem Zimmer: Nichts ſoll mir lieber ſein! Ich gehe jetzt in's Atelier, arbeite fleißig an meinem Albumblatte für die Trompetta, die damit drängt und jede Stunde gelaufen kommt, meinen Eifer zu kontroliren. Dann hab' ich ein neues Porträt zu malen. Bis zwei Uhr bin ich ſo weit, um mit mir hoffentlich zufrieden ſein zu können. Dann noch ein Beſuch bei dem einen meiner Freunde und um drei ſpeiſen wir. Bei Grün's wird es dann ſtiller. Aber das Kabinet müſſen wir belegen und nur gleich ſagen, daß wir für das Kou⸗ vert einen Thaler zahlen, ſonſt nehmen es Reubündler, Offiziere oder andre Privilegirte in Beſchlag. Willſt du Das beſorgen? fragte Dankmar. Deine Kaſſe reicht doch? Sie reicht! erwiderte Siegbert. Die Dreihundert ſind ſchon eingerückt. Ich verſchwieg es der Schievel⸗ glichkeit, erzehren, gen ſich imer in te Dies ehen be⸗ etzt in's ite für Stunde Dann wei Uhr den ſein n einen Grün's ſen wir s Kou⸗ bündler, Deine hundert chievel⸗ 161 bein, um erſt zu hören, wieviel du davon nöthig haſt. Wenn du recht mittheilſam biſt, nicht flunkerſt und mir Gelegenheit zu maleriſchen Situationen gibſt, ſo kann auf den Leoville auch wol noch... Champagner! rief Dankmar von drinnen ſcherzhaft drohend und von der Güte ſeines Bruders gerührt. Welche Erzeſſe! Menſch! Pſt! Ich ſpreche ja nur von Schaum, weil ich den Barbier höre! ſagte Siegbert lachend. Guten Morgen Herr Zipfel. Die Thür ging auf... Es war in der That der Barbier, Herr Zipfel, der mit Frau Schievelbein, die die Kleider zurück— brachte, zugleich eintrat. Andre Leute bekommen jeden Morgen zum Früh⸗ ſtück naß und friſch die neueſte Zeitung. Die Brüder hatten aber dieſe Ausgabe nicht nöthig. Die guten Zeitungen laſen ſie Nachmittags im Kaffeehauſe, und für die laufende Chronik, für Das, was ſie das po— litiſche Wetter nannten, genügte jeden Morgen der Beſuch des Herrn Zipfel. Die Ritter vom Geiſte. III. 11 — —— — Siebentes Capitel. Das politiſche Wetter. Herr Zipfel war eine ſeinem üblichen Berufscharakter entſprechende bewegliche Figur. Er liebte die laufende Zeitgeſchichte. Wenn er zu Kunden kam, die ſchon die Morgenzeitung geleſen hatten, ſo erfuhr er von ihnen, was er Denen mittheilen konnte, die nur die Abendzeitungen geleſen hatten. Manche Irrthümer per Nachmittagspreſſe war er ſchon im Stande, durch die Morgenpreſſe zu berichtigen. Viele Thatſachen aber ſchöpfte er aus Quellen, die nur ſeinem Scheer⸗ meſſer zugänglich waren. Sein frühbeſuchtes Atelier, ſeine zeitigen Ausgänge über die Straße, ſeine Be⸗ ſuche von Haus zu Haus bei Kunden, die zuweilen den Begebenheiten nahe ſtanden, trugen ihm immer einen reichen Schatz von Notizen ein. Er konnte ſchon jeden Morgen ungefähr die politiſche Witterung des Tages angeben. Manches, was den Abend ein⸗ raakter ufende ſchon er von ur die hümer durch ſachen cheer⸗ telier, Be⸗ veilen mmer onnte rrung ein⸗ 163 traf, ſagte er ſchon am Morgen voraus. Ebenſo oft aber irrte er ſich auch und mit der Vergrößerung ge⸗ ringfügiger Dinge nahm er es nicht zu genau. Es verſchlug ihm wenig, bei einer kleinen Arbeiterſtreitig⸗ keit die auf dem Schlachtfelde gebliebenen Flaſchen für Menſchen zu nehmen und ohne Weitres von einem Dutzend Todter und einigen Dreißig höchſt gefährlich Verwundeten zu ſprechen. Es war nicht gut für die auswärtige Preſſe, daß Zipfel auch Einige ihrer Be⸗ richterſtatter raſirte. Sie benutzten ihn für ihre Mit⸗ theilungen fleißiger, als die Glaubwürdigkeit jener Zei⸗ tungen hätte ſollen wünſchen laſſen. Nach einer freundlichen Begrüßung des ſo lange erſt im Harz abweſend geweſenen und dann kaum zu⸗ rückgekehrt wieder verſchwundenen Herrn Referendars Dankmar, machte ſich Zipfel daran, erſt Siegbert von den Haaren zu befreien, die nicht zu ſeinem ſchönen blonddurchſichtigen Barte gehören ſollten. Auf ein einfaches: Nun, Zipfel, wie ſteht's? das ihm aus der Aula zugerufen wurde, ſagte er, den Schaum ſchlagend, mit ruhiger Miene, als wenn er von etwas ſehr Gleichgültigem ſpräche: Der Telegraph ſpielt! Zipfel wollte damit ſagen: Im Werke iſt irgend 11* — 164 etwas und in ein paar Stunden wird man'’s wol erfahren. Dankmar aber, der ſich anzuziehen begann, wollte etwas von einheimiſchen Dingen erfahren und fragte, ob Alles ruhig wäre? Alles ruhig! ſagte Zipfel mit einer Miene, als wollte er ausdrücken: Es iſt die Windſtille vor dem Sturme! Im Grunde aber hätt' er doch lieber ge⸗ habt, es wäre ſchon ſogleich irgendwo wieder zu einem „bedauerlichen“ Konflikte gekommen.. Mit den letzten ſtürmiſchen Aufregungen der Zeit hatte ſich die Phan— taſie ganzer Bewohnerklaſſen großer Städte und des flachen Landes daran gewöhnt, jeden Tag mit Gier etwas Neues aufzuſchlürfen. Das Bedürfniß nach ſtarken Anregungen dieſer Art war ſo allgemein, daß man die Beruhigung gewiß ſehr langweilig gefunden hätte, wäre ſie nicht für eine kurze Erholung des Handels und der Gewerbe ſo dringend nöthig ge⸗ weſen. Als Zipfel das Meſſer geſchärft und an Siegbert's Kinn geſetzt hatte, ſagte er: Alles ruhig, aber oben wackeln ſie doch! Wackeln ſie? fragte Dankmar und trat auf ſeine leichten Firnißſtiefeln auf. Sie meinen die Köpfe der Miniſter, Zipfel? an's wol n, wollte d fragte, ene, als vor dem leber ge⸗ zu einem n letzten Phan⸗ und des nit Gier ß nach in, daß efunden ng des hig ge⸗ egberk f ſeine pfe der Um Gotteswillen, ſagte Zipfel, machen Sie mir keine Blutgedanken, mein Meſſer iſt ſcharf! Die Köpfe oben haben die Gefahr überſtanden. Das iſt vorüber. Aber die Anſtellungen! Die Anſtellungen! Die mein' ich, die wackeln ſchon einmal wieder! Wer ſoll denn nun an's Ruder kommen, Zipfel? fragte Dankmar. Ich habe eine Ewigkeit keine Zei⸗ tungen geleſen. Reubund! Reubund! Alles jetzt Reubund! ſagte Zipfel. Fir und fertig! In ein Tager Vierzehn ſtehen wir wieder auf Anno Toback! Die Errungenſchaften werden zurückgenommen! Es iſt Alles Schwärmerei geweſen! Glauben Sie doch Das nicht, liebſter Zipfel! ſagte Siegbert und wiſchte ſich die Seife von den Wangen, nahm Waſſer, Handtuch und reinigte ſich. Ein Mi⸗ niſterium aus dieſen Elementen kann ſich noch nicht halten. Es wäre zu offen, zu ehrlich in ſeinem Wahn⸗ ſinn. Erſt müſſen noch einige Lügner kommen, die mit Phraſen um ſich werfen und die Brücke für Das bauen, was dann vielleicht kommen ſoll. Eher ver⸗ muth' ich, daß man einige Beamte und Offiziere wählen wird, die durch ihr äußeres Auftreten die Regierungsgewalt wieder ſollen kräftig und nachdrück⸗ lich erſcheinen laſſen. So erzählt' es geſtern Profeſſor 166 Lüders, der das große Empfangsbild vom Prinzen Ottokar malt. Ich mag den Mann nicht; aber er ſitzt jetzt an der Quelle oder die Quellen ſitzen viel⸗ mehr ihm. Zipfel wuſch ſich die Hände, um zu Dankmar's viel verwilderteren Wangen und ſeinem kräftigeren Kinn überzugehen. Er wiederholte ſich dabei im Stillen: Profeſſor Lüders— Empfangsbild— Prinz Ot⸗ tokar— ſitzende Quellen— nachdrückliche Regierungs⸗ gewalt— Beamte und Offiziere. Er hatte damit einen ungemein ausgiebigen Stoff, der für die ganze Kriſis und Windſtille ausreichte. Es war Logik, Zuſammenhang und feine Kombination in dieſen Kettengliedern. Um ſich die Schlußfolge recht einzuprägen, ergriff er auch bei Dankmarn An⸗ fangs einen Gegenſtand, der ihn weniger zerſtreute. Er drückte ihm ſein Erſtaunen über den verwilderten Bart aus, behauptete, die Winkel am Munde wären viel zu ſehr überwachſen, auch der Kinnbart hätte ſich ſchon zu hoch über die Wange hin verloren. Dankmar überließ ſeinem Geſchmacke, ihn wieder nach der üblichen Mode umzuformen. Während Zipfel faſt wie ein Maler mit dem weißen ſchaumbeſtrichnen zrinzen ber er viel⸗ mar's Kinn Ot⸗ Ungs⸗ Stoff eichte. nation gfolge An⸗ reute. erten vären hätte oren. nach ipfel hnen — 167 Finger die Konturen am Barte zeichnete, die er mit dem Meſſer verfolgen wollte, ſagte Dankmar: Zipfel, laſſen Sie ſich von meinem Bruder nichts aufreden! Der iſt wie alle Künſtler ein halber Reaktio⸗ nair! Mit unſern Errungenſchaften ſtehen wir doch zuletzt feſter, als die Reubündler glauben. Ich will Ihnen auch ſagen warum? Die Revolution hat lei⸗ der den Staat jetzt noch theurer gemacht, als er ſonſt ſchon war— Wirklich! unterbrach Zipfel. Sehen Sie'mal an! Wirklich theurer? Geſtern bekamen wir Alle in meiner Nachbarſchaft Zettel zugeſchickt, wo Das auch geſagt war und jeder rechtſchaffene Bürger wurde aufgefor⸗ dert, bei den Wahlen nur Die zu wählen, die der Reubund vorſchlagen würde. Sie meinen alſo wirk⸗ lich theurer? Hören Sie, da behalten wir die Errun— genſchaften nicht! Was dem Bürger zu theuer iſt, Das kauft er ſich nicht. Ich rede nicht von mir, aber von den Andern! Raſiren Sie mich nur erſt! ſagte Dankmar, ich werde Ihnen hernach meine Anſicht ſagen, Zipfel. Anſicht ſagen— hernach— eine Anſicht! Das war für Zipfel eine feierliche Pauſe. Seine Spannung drückte ſich in allen Mienen des kleinen verſchrumpften Kopfes aus. Er hatte die üble Ge⸗ 1 1 1 8 168 wohnheit, ſeine„Kunden“, um ihnen gut beizukom⸗ men, bei der Naſe zu faſſen und ihnen manchmal durch einen Fehlgriff die Flügel ſo ſtark zuzudrücken, daß ſie zu erſticken drohten und ihn mit Gewalt zu— rückſtoßen mußten. Auch Dankmarn faßte er heute in ſeiner Spannung etwas zu kurz und erhielt dadurch trotz aller engern politiſchen Vertraulichkeit einen ge⸗ waltigen Rippenſtoß von ſeinem faſt gleichgeſtimmten Geſinnungsgenoſſen. Bitte! ſagte Zipfel! Entſchuldigen Sie! Bitte! antwortete Dankmar. Nichts für ungut! Damit raſirte Zipfel fort und gerieth faſt in Ver⸗ zweiflung, als Dankmar in aller Ruhe ſein Werk im Spiegel muſterte und erklärte, er müſſe heute noch einmal nachraſiren. Er hätte die Haarwurzeln nicht tief genug gefaßt... Herr Referendar ſind recht eigen geworden! meinte Zipfel und ſchickte ſich mit ſchwerem Herzen an das zu erneuernde Werk. Und wie ſchöne Stiefeln Sie anhaben! ſetzte er in Beſorgniß, eben etwas Ungeeignetes bemerkt zu haben, bedächtig hinzu. Spritzen Sie nur keinen Schaum auf dieſe Stiefeln! Dankmar mußte endlich zufrieden ſein und die Spuren dieſer wiederholten ihm an jedem Morgen zukom⸗ nchmal rücken, alt zu⸗ heute adurch en ge⸗ mmten gut! Ver⸗ erk im noch nicht neinte ndas 169 ſehr fatalen Prozedur— ſich ſelbſt zu raſtren hatte er nicht die Geduld— vertilgend, begann er dann, Herrn Zipfel folgende Auseinanderſetzung mit auf den Weg zu geben: Alſo, mein beſter Herr Zipfel, wenn Ihnen irgend ein Geheimrath oder Major außer Dienſten, den Sie raſiren, ſagt, die Revolution hätte den Staat theurer gemacht, ſo machen Sie ihm mein Kompliment von mir oder von wem Sie wollen und ſagen ihm, der Staat würde nur dadurch theurer, daß die Revolution nicht ganz geſiegt hätte. Ach! Alſo noch nicht ganz? Nicht ganz! Was Sie ſagen! Alſo Sie meinten...? Wenn die alten Machthaber, die ſich gegen die vollendete Revolution anſtemmten, ſich gutwillig ge— fügt hätten, ſo wäre das Staatmachen jetzt ſchon wohlfeiler. Aber theurer iſt der Staat nur dadurch geworden, daß nun die alte Zeit und die neue zu⸗ gleich bezahlt ſein wollen. Natürlich! Natürlich! Doppeltes Conto! Weil nun die Revolution nicht fertig geworden iſt und die Fürſten und ihre Diener alles Erdenkliche aufge⸗ boten haben, um ſie nicht bis zur vollen Reife kommen zu laſſen, deshalb koſtet der Staat jetzt das Doppelte. 170 Allerdings! Ganz klar! unterbrach Zipfel und dachte bei ſich: Wieder eine Thatſache mehr!... Das Schla⸗ gende in Dankmar's Aeußerung entging ihm nicht; doch beſann er ſich wegen der Aeußerung: Die Revolution iſt nicht fertig geworden! Bei dieſer beſchloß er, ſich doch erſt die Leute anzuſehen, wo er eine ſo gefahrvolle, wenn auch ſcharfſinnige Bemerkung fallen laſſen wollte. Die Revolution iſt noch nicht fertig! Bedenkliche Worte! Nun war aber noch der zweite befruchtende Gedanke zu erledigen, deſſen Keim Dankmar in den ergiebigen Boden der Zipfel'ſchen Empfänglichkeit geworfen hatte. Und lern⸗ und neubegierig wie er war, fragte Zipfel, ſeine Geräthſchaften zuſammenbindend: Aber wie ſagen Sie denn, Herr Referendarius, daß juſtement, weil die ganze Wirthſchaft jetzt theurer geworden iſt, grade derowegen die Errungenſchaften nicht genommen werden können? Ganz einfach, antwortete Dankmar und ſchlug ſich vor dem Spiegel die Tragbänder über die Bruſt und bürſtete darauf ſein dichtes helllichtbraunes Haar. Ganz einfach, Zipfel! Wenn der Staat jetzt mehr Geld koſtet als ſonſt, ſo muß vor allen Dingen das Geld wirklich da ſein. Es muß da ſein! Sehr richtig! antwortete Zipfel, Das Geld muß da ſein. — d dachte 3 Schla⸗ cht; doch ution iſt doch erſt wenn te. Die Worte! Gedanke iebigen hatte. Zppfel, darius, theurer ſchaften ug ſich ſt und Haar. mehr en das Zipfel — 171 Wenn nun das Geld da ſein muß, fuhr Dank⸗ mar fort, ſo muß die Regierung Sorge tragen, welches herzunehmen, wo ſie's nur irgend finden kann. Sehr natürlich! ergänzte Zipfel. Wo nichts iſt, hat der Kaiſer ſein Recht verloren. Was nun, ſagte Dankmar, für uns Errungenſchaft iſt, iſt für Die, die zur Reaktion halten, Verloren⸗ ſchaft geweſen. Verlorenſchaft! Sehr gut! Darum ſo viele„Ein⸗ geſandts“ in der Zeitung! Verlorne Gegenſtände... Der Staat aber, der Staat aber— Erlauben Sie, ſagte Zipfel und ſprang hinzu, Dankmarn hinten die Weſte zuzubinden, die er eben angezogen hatte. Der Staat alſo— Der Staat— nicht zu feſt, Zipfel! Loſer! Der Staat alſo— Der Staat, Zipfel, muß haben und nimmt, wo er etwas findet. Die Revolution hat ihm die bis⸗ herige Steuerfreiheit des großen Grundbeſitzes zum Geſchenk gemacht, hat ihm die Vermögensſteuer für die reichen Bankiers präſentirt, die gibt das ge⸗ fräßige Ungeheuer, der Finanzminiſter, nicht wieder heraus— Der Finanzminiſter? Iſt der ſo... ſagte Zipfel 172 erſchrocken über das gewaltige Bild. Ah! Ja ſo! Sie meinen figürlich! ſetzte er ſich ſelbſtberichtigend hinzu. Natürlich! Und der Finanzminiſter, ſagte Dank⸗ mar, wird von jetzt an immer liberal ſein und wenn man den tollſten Reubündler zum Finanzminiſter nimmt, er wird die großen Zahlen der Ausgabe ſehen, die gierig wie der Rachen eines Haifiſches ſind und ich gebe Ihnen mein Wort, er ſtopft alle Rittergutsbeſitzer, alle Bankiers, alle Majors außer Dienſten und den ganzen Reubund hinein, um nur Geld zu haben, und dadurch ſetzen die Herren ſelbſt die Revolution fort und die Errungenſchaften bleiben, uns ſicher. Bleiben uns ſicher! Hören Sie, Das iſt fein! So klar hat noch Keiner im Klub geſprochen, obgleich... ich ihn nicht mehr beſuche. Es iſt jetzt zu gefähr⸗ lich... Ich laſſe mir nur rapportiren. Aber ſchade... Das muß wirklich unter die Leute kommen. Denn warum? Wirkt ſo etwas nicht beruhigend? Ich gebe Ihnen mein Wort, daß die Menſchen, die in unſre Barbierſtube kommen— die, zu denen wir gehen, ſind wieder anders geſinnt— die aber, die zu uns kom⸗ men, ſind ſo auf ihr Wahlrecht verſeſſen, wie beim Eſſen auf ihren eigenen Löffel und wenn er von Blech iſt und lange nicht von Silber. Aber ihr eigener Ja ſo! ichtigend e Dank⸗ d wenn enimmt, zjen, die ich gebe Fbeſitzer, ind den en, und ſon fort in! So leich.ü. gefähr⸗ ade... Denn ch gebe n unſre en, ſind 5 kom⸗ e beim Blech eigener Löffel! Ihr eigner! Wählen— Das gehört jetzt zur Rein⸗ lichkeit und gehört ſich grade ſo für den Familien⸗ vater, wie alle zwei Jahre einmal ſeine Stube weißen laſſen. Es vertreibt die Motten! Die Motten im Kopf, die Grillen, die Raupen, den Aerger, den Kum⸗ mer, die Sorgen, die Armuth, Alles, Alles, was Einen drückt und an ſich ſelber wiſſen Sie— pauvre vorkommen läßt. Nur Wählen! Das erhält den An⸗ ſtand, das hebt den ganzen Menſchen, das iſt wie eine reinliche Weſte. Der Rock mag noch ſo ver⸗ ſchabt ſein, die Stiefeln geflickt, die Hoſe zu kurz... Nur'ne reinliche Weſte. Meinen Sie nicht auch, Herr Referendarius? Zipfel ſagte den Brüdern mit dieſer Aeußerung zugleich eine Schmeichelei. Denn auch Siegbert zog ſich heute gewählter an und legte eben ein ſchönes Gilet für ſich zurecht. Zipfel, mit Dank gegen die „ſitzenden Quellen“, die demnach auch ihm zu Ge⸗ bote ſtanden, empfahl ſich und überlegte die vier Stie⸗ gen entlang, die er hinabzuhüpfen hatte, für welche von ſeinen Kunden Siegbert's Mittheilung über das nächſte Miniſterium und für welche Dankmar's Auseinander⸗ ſetzung über die Sicherheit der Errungenſchaften am be⸗ ſten paſſen würde. Er war bei aller Geſinnungstüch⸗ tigkeit doch etwas Diplomat und richtete ſich nach den 174 Umſtänden, wie die ganze Bourgeoiſie jener Stadt, die im Herzen von einer weit freiern Auffaſſung war, als ſie ſeit einiger Zeit anfing, vor den Machthabern und den bedenklichen Umſtänden zu heucheln. Siegbert, ohne Empfindlichkeit, ſagte jetzt zu ſei⸗ nem Bruder: Wie kommſt du nur dazu, mich für einen Reaktio⸗ nair zu erklären? Wirfſt du dich nicht ſo in Toilette, ſo in's Zeug, daß ich dich eher einen Ariſtokraten nennen ſollte? Dankmar hatte in der That ſeinen eleganten An⸗ zug faſt vollendet. Noch war der Frack nicht über— geworfen, aber ſchon legte er die Manſchetten ſeines Hemdes zurecht und wetterte über einen an ihnen fehlenden Knopf. Auch ein Paar ganz neue Hand⸗ ſchuhe in Paille hatte er noch im Vorrath und ſchickte ſich an, ſie wenigſtens vorläufig einmal auf Probe anzuziehen. Warum müſſen denn die Glacéehandſchuhe, ſagte er, ariſtokratiſche Geſinnungen verrathen? Du biſt ein konſer⸗ vativer Halb⸗Kommuniſt und trägſt doch keine Blouſe, nicht einmal im Atelier, wo man dich verſpottet, weil du kein maleriſches Esprit de corps haſt und wie die andern dummen und aufgeblaſenen Künſtler die neue Zeit verachteſt. Ich will hoffen, daß deine bei⸗ Stadt, die ing war, chtthabern t zu ſei⸗ Reaktio⸗ Tollette, ſtoktaten ten An⸗ ht über⸗ n ſeines n ihnen Hand⸗ ſchickte Probe agte et, konſe⸗ Blouſe, tt weil nd wie ler die ne bei⸗ 175 den Freunde nicht wieder Proletarier aus dem Mate⸗ rial dieſes Hackert ſind? Der Eine doch! ſagte Siegbert. Bruder, verſchone mich! rief Dankmar. An Hackert haben wir von dieſer Sorte genug. Ich will, daß man die Vernunft, die Gerechtigkeit und Natur in die Politik einführt, aber ich mag nicht, daß uns im Kampfe zuviel die Handwerker unterſtützen, die da fechten mögen... auf der Landſtraße. Wie viel Juriſten fochten auf den Barrikaden? ſagte Siegbert. Dankmar ſchwieg. Die Erinnerung an Hackert hatte ihn verdrießlich geſtimmt. Er beſorgte auch, das gute Herz ſeines Bruders ließe ſich zu oft von Men⸗ ſchen gefangen nehmen, denen er mit ſeinem Mitleiden auch wol gar ſein Vertrauen ſchenkte. Nun wol, ſagte er faſt bereuend und zur Ver⸗ ſtändigung einlenkend, du haſt Recht und doch erfüllt mich's oft mit Unmuth, wenn ich ſehe, wie auch von dieſer proletariſchen Seite aus der Egoismus die Trieb⸗ feder zur Theilnahme an der Politik iſt. Dieſe maß⸗ der Maſprüche auf die ungleich vertheilten Güter treibt. ns! Dieſe verrückten Begriffe vom Rechte der gleicht Pahrlich dieſe dumme Diverſion unſrer großen Beneven Aufgabe hat uns mehr geſchadet als ge⸗ Die Ritte, nützt. Gib dieſen Sozialiſten ein Phalanſtere, eine große Kaſerne gemeinſchaftlicher Familien⸗Kaninchen⸗ wirthſchaft und Suppenaustheilung, und ſie nehmen den Despotismus, wenn ihnen dieſer ein ſolches baut, lieber als die Volksſouverainetät! Es früge ſich faſt, was beſſer iſt! ſagte Siegbert. Deshalb wünſch' ich, du machteſt die Bekanntſchaft meines Sozialiſten. Es iſt ein Franzoſe. Gar ein Franzoſe! ſagte Dankmar. Und der Andre? Iſt Leidenfroſt— antwortete Siegbert. Leidenfroſt, fuhr Dankmar erſtaunt auf und erinnerte ſich nun erſt deutlicher, von Melanien dieſen Namen gehört zu haben. Apropos! Leidenfroſt? Der auf dich ein Spottgemälde gemacht hat? Was iſt es nur da⸗ mit? Ein Spottbild auf dich? Und du ladeſt nicht deine Piſtolen? Ich hoffe, daß du der Freund eines Menſchen, der dich verſpottet hat, erſt geworden biſt, nachdem ihr ein paar Kugeln gewechſelt habt? Mit dieſen Worten war es Dankmarn wirklich Ernſt. Er hatte oft der Aeußerung, die er in Hohen⸗ berg von einem Bilde des Malers Leidenfroſt, das ſeinen Bruder verſpotten ſollte, von Melanitt, weil gleich bei der erſten Begrüßung hörte, na nd wie Er war ſo empfindlich über alles Das, waſſtler die die Ehre ſeines Namens knüpfte, daß er heine bei⸗ —„— eine ichen⸗ hmen baut, über dieſe Bemerkung in Verwirrung gerieth und in dem Antheil, der davon ſeinen Bruder betraf, ver⸗ geſſen hatte, wie ſich auch Melanie, er wußte nicht recht wie, als an dem Spotte Leidenfroſt's betheiligt darſtellte. Haſt du auch ſchon von dem Scherze gehört? fragte Siegbert, der im Stillen erſchrak, daß Melanie vielleicht von dieſem Bilde erfahren und dem Bruder davon geſprochen hätte. Man muß einem Maler ſeine Ideen nicht verkümmern, nicht die Rolle der abgeſchaff⸗ ten Cenſur ſpielen. Frei ſei der Genius und erfinde Schöpferiſches, ſelbſt wenn es auf unſere Koſten geht! Das könnt' ich denn doch nicht unterſchreiben, ſagte Dankmar. Ich würde eine Porträtähnlichkeit überall da verbitten, wo es ſich um kein Porträt handelt. Und was iſt denn auch ſo Schlimmes geſchehen? ſagte Siegbert. Du kennſt Leidenfroſt's humoriſtiſchen Griffel. Er ſchreibt ebenſo witzig wie er zeichnet und dabei hat er eine Auffaſſung ſeiner Kunſt, daß er ſie nur für eine Erholung ſeines Geiſtes erklärt und neben der Malerei ein Dutzend andre Künſte und Fertigkeiten treibt. Schon daß er ſo recht den alten Italienern gleicht und wie Michel Angelo, Leonardo da Vinci, Benevenuto Cellini neben ſeiner Kunſt auch in prakti⸗ Die Ritter vom Geiſte. III. 12 ſchen Dingen, ſogar im Maſchinenbau, in der Bau⸗ kunſt, im Kriegsweſen nachdenklich und erfinderiſch iſt, Das allein ſchon könnte mich verſöhnen, wenn er mich wirklich verſpottet hätte! Lammsmäßige Geduld! rief Dankmar ärgerlich. Und wenn er etwas erfindet, was noch über die Zünd⸗ nadelgewehre hinausſchießt, ſo wollt' ich ihm nicht rathen, daß er dich verſpottet hat. Er überraſchte uns, erzählte nun Siegbert ruhig, nach vielem Hin- und Hertaſten einmal durch ein Bild von großer Vollendung: Ein Künſtleratelier. Pro⸗ feſſor Berg iſt unverkennbar als Tizian wiedergegeben. Er unterrichtet in einer ſchönen Nebenhalle ſeines Ateliers ein reizendes Mädchen, das von den entfernt ſitzenden Schülern, vielleicht ohne es zu wiſſen als Modell benutzt wird. Der Eine malt ſie als eine Amazone, der Andere als eine Meluſine mit einem Fiſchleibe, der Dritte als eine Sphinr, nur ich ſoll Derjenige ſein, der in ihr eine Madonna findet und freilich muß ich geſtehen, daß ich mich mit meinem from⸗ men Glauben und dem ſichern Aufſchlag der Augen gen Himmel auf dem Bilde faſt ein wenig albern ausnehme. Und Das beruht auf Wahrheit? fragte Dankmar erſtaunt und geſpannt. Grade deshalb, ſagte Siegbert erröthend, nehm' 179 ich es auch leichter. Iſt ſchon die Idee an ſich ge— fällig und höchſt launig ausgeführt, zumal da auch die Schülerin zu merken ſcheint, daß ſich das ganze Atelier ſie zum Modell genommen hat, während ihr der Profeſſor recht befliſſen eben den Pinſel aus der Hand nimmt, um ihre eigne Leiſtung, die man nicht ſieht, zu verbeſſern, ſo ſeh' ich nicht ein, was ich meine Neigung verbergen und mich ſchämen ſoll, eine Ma— donna in dem Weſen zu finden, das Andern nur als wilde Amazone, kalter Fiſch oder gefährliche Halblöwin erſcheint. Es gibt kaum eine ſinnigere Apotheoſe der Liebe und ſo groß meine Aehnlichkeit mit dem verzück⸗ ten Maler iſt, ich habe ſie Leidenfroſt nicht nachgetragen. Der Liebe? wiederholte Dankmar immer erſtaunter. Aber was hör' ich denn? Seitdem ich in Angerode war, ſind ja mit dir Wunderdinge vorgefallen. Ver⸗ liebt? Wirklich, was man ſo nennt verliebt? Faſt möcht' ich über mich ſelbſt erſtaunen, ſagte Siegbert, der eigentlich aufathmete, daß von ihm in Hohenberg bei Melanie nicht die Rede geweſen ſchien und doch daraus ein ſchlimmes Zeichen für ſich hätte entnehmen müſſen. Ich habe mich lange geprüft, wie wol meine Empfindung für jenes Mädchen beſchaffen ſein möge. Aber ſeitdem ich ſehe, daß ich ihret⸗ wegen leiden kann und mich ordentlich freue, durch 12* 180 den Spott eines Andern des eignen Geſtändniſſes über⸗ hoben zu ſein, fühl' ich auch, daß dies die rechte Stimmung iſt, der man trauen darf. Ja, ja, Dank— mar, du ſpröder, kalter Verächter der Frauen, ich bin auf dem Wege, viel Thorheiten zu begehen. Damit umarmte Siegbert faſt den Bruder und verlangte gleichſam durch eine erhöhtere Bezeugung ſeiner Liebe zu ihm die Erlaubniß, ſein Herz nun mit Jemand, in dem Dankmar Melanie ſelbſt nicht vorausſetzte, theilen zu dürfen... Dankmar, der in einer faſt gleichen Stimmung war, erwiderte nichts, ſondern fühlte ſtumm die Wonne nach, die ſeinen Bruder zu erfüllen ſchien. Wirkte doch auch in ihm die reizende Beſtrickung durch eine Armida wie ein Opiumrauſch! Er ſah nur Himmel, Glück und Seligkeit. Jeder Lufthauch, der durch das geöffnete Fenſter über die hohen Dächer wehte, war ihm wie ein balſamiſcher Kuß von Melanie's Lippen. Ein Zauber rieſelte durch ſeine Glieder und gab ihnen das Gefühl einer ſo ätheriſchen Leichtigkeit, als wenn er in den Lüften ſchwebte. Er hatte ſchon den Hut ergrif⸗ fen, ſetzte ihn vor dem Spiegel auf, aber er ſah ſich nicht, er ſah nur über ſeine Schultern ſich hinlehnend das ſchöne Mädchen, das ihn in ihren Netzen gefangen hielt. Siegbert hielt dies Schweigen für Das, was es über⸗ rechte Dank⸗ ch bin r und ugung z nun nicht mung Wonne Wirkte h eine mmel, h das ar ihm Ein en das er in ergtif⸗ äh ſich nd das hielt as 65 wohl auch zum Theil war, für das wärmſte Mitgefühl und faſt eine Beſtätigung, daß Dankmar Melanien doch wol nicht in Hohenberg geſehen hätte, und er⸗ regt, wie ſchon den ganzen Morgen, fuhr er, ſich ſelbſt zum Ausgehen völlig fertig rüſtend, fort: Das kleine Gemälde iſt viel belacht und bewun— dert worden und Prinz Ottokar ſelbſt hat es für eine Summe von fünfhundert Thalern angekauft. Leiden⸗ froſt war aber über dies Glück ſeines Spottes troſt⸗ los. Ich geſtehe, daß ich einige Tage lang mit ihm nicht ſprach. Er hatte das Bild in ſeiner Art ſo raſch hingeworfen, ſo keck unter meinen eignen Augen voll⸗ endet, daß ich denn doch etwas verſtimmt war, wie ich den Spott erkannte. Da ich aber das Modell liebe und dir geſtehen will, wie ich dazu kam, zu hoffen und was ich hoffe, ſo ertrug ich den Spott und dachte: Lacht ihr nur! Wer im Weibe das Schöne und Gute findet, gefällt doch den Menſchen, wie ihr auch ſei⸗ ner ſpottet! Kaum auf der Ausſtellung, war das Bild unter dem Titel:„Ein Atelier“ ſchon verkauft. Am Tage nach unſerer Scene im Pelikan kam Leidenfroſt auf der Straße zu mir, bot mir die Hand und ſagte: Wildungen, ich habe miſerabel an Ihnen gehandelt! Ich habe ein Mädchen porträtirt und Sie mit ihr! Ich ſoll fünfhundert Thaler für den Fetzen bekommen, aber ich will ihn zerfetzen unter der Bedingung, daß Sie mein Freund bleiben! Leidenfroſt, ſagt' ich, was fällt Ihnen ein? Ich finde das Bild wunderſchön. Es iſt ein Gedicht. Der Gedanke iſt gut und die Ausführung, wenn auch flüchtig, doch ſicher, beſtimmt und ganz graziös. Laſſen Sie nur die Menſchen lachen und ſtreichen Sie Ihre fünfhundert Thaler ein! Leidenfroſt war aber wahrhaft unglücklich. Er pol— terte hundert Dinge heraus. Um ſich zu beruhigen, ſagte er: Sie müſſen nun aber das Mädchen wirklich heirathen, damit Sie Beide uns Alle auslachen! Oder, rief er dann ſogleich wieder, Sie ſollen mir danken, daß Sie nun erſt gar auseinander kommen; es iſt eine Meluſine! Eine gefährliche Sphinx! Sie paßt nicht für Sie! Und ſo ging es durcheinander fort, bis er endlich mit mir ſich ſo weit geeinigt hatte, daß ich ihm verſprach— Siegbert ſchloß, da ſie inzwiſchen gingen, die Thür zu. Dankmar zog ſchon draußen auf der Flur ſeine Handſchuhe an. Frau Schievelbein nahm den Schlüſ⸗ ſel ab und wünſchte für den Tag gute Verrichtung. Daß ich ihm verſprach, ſagte Siegbert, indem die Brüder die Treppen hinunter ſtiegen... ihm verſprach, wiederholte er, als die Uhr ſchon neun ſchlug und er im Gehen ſeine Uhr aufzog— ſt eine nicht bis er 183 Dankmar zog halb nur zuhörend auch ſeine Uhr auf und richtete ſie nach Siegbert's. Daß ich ihm verſprach, ſagte Siegbert, ihm jetzt mehr Freund zu ſein als ſonſt, und von den fünf⸗ hundert Thalern, die er durch mich eigentlich verdient hätte, von der Summe, die er ein wahres Sünden⸗ und Heidengeld nannte, während ich für meinen Mo⸗ lay nur dreihundert hatte, wenigſtens die Hälfte als Vorſchuß zu einem neuen Bilde anzunehmen. Ich be⸗ dankte mich. Aber nein, ſagte er, ich muß Ihnen doch irgend ein Opfer bringen, irgend eine Sühne! Wollen wir uns duelliren? fiel er ein. Auf Kanonen? war meine Antwort. Soll ich mit der neuen Hebemaſchine, die ich konſtruire, ſagte er, mich zur Probe ſo oft in die Luft ſchleudern laſſen, bis ich mich in einen unappetitlichen Brei verwandelt habe? Als ich auch dies großartige Opfer nicht annehmen wollte, ſagte er: Verlangen Sie, daß ich mich zur Strafe in meinen chemiſchen Tinkturen vergreife und eine Portion Aether trinke und mit dem Motto: Leichte Lüfte heben mich! in's Un— endliche verſchwebe? Kurz ich lehnte alle ſeine komi— ſchen Opfer ab, bis wir auf unſerm Schlendergange in der Wallſtraße vor einem Hauſe ſtanden, wo wir einen kleinen Schild ausgehängt fanden, mit der In⸗ ſchrift: Armand Doreur de Paris. Neben dem Schilde hingen in einem großen Glaskaſten eine Menge ſehr feingearbeiteter, bronzirter Goldleiſten. Da, Leiden⸗ froſt! ſagt' ich, zur Strafe ſollen Sie zwanzig Tha⸗ ler zahlen und wiſſen Sie, auf welche Art? Ich weiß es, ſagte er: Wir gehen zu Lippi und beſtellen zehn Flaſchen Champagner, von denen Sie eine trinken, ich muß die übrigen neun vor meinen Augen von Ihnen zum Fenſter ausgegoſſen ſehen und nicht einen Tropfen bekommen. Iſt Das keine Strafe? Zu hart! ſagte ich. Gut denn, ſchlug er vor, ſo trink' ich davon ſo viel, bis ich nicht ſtehen kann und dann jagen Sie mich auf die Straße, daß die Jungen hinter mir her⸗ laufen und ich ein Pietiſt werden muß, um meinen verlorenen guten Ruf wiederherzuſtellen. Noch zu ſtark! ſagte ich. Zur Strafe ſollen Sie mir hier bei dem aus Paris neuangekommenen Franzoſen, der allen Ateliers ſeine Karte geſchickt hat, einen prachtvollen Rahmen zu einem neuen Gemälde ſchenken, durch das ich mich an Ihnen rächen will. Bravo! rief er und zog mich die Stiege hinauf zu Monsieur Armand Do- reur de Paris. Wie wir bei dieſem eintreten... Hier wurde Siegbert's Erzählung und Dankmar's geſpanntere Aufmerkſamkeit unterbrochen. Ein Offizier ritt eben vorüber und hielt, da er Siegbert zu kennen ſchien, mitten auf der Straße an. ſehr iden⸗ Tha⸗ weiß zehn ich hnen pfen ſagte n ſo Sie her⸗ inen zu bei allen llen das und Do- Siegbert zog artig den Hut und trat zu ihm vom Bürgerſtiege näher. Das Bild wird vortrefflich! ſagte der Offizier, eine hagere, aber ſtrengmilitäriſche Erſcheinung mit durch⸗ dringenden Augen und einem eigenthümlichen Lächeln, das halb graziös, halb ſarkaſtiſch erſchien. Ich danke Ihnen, Herr Major, für die gute Vor⸗ meinung! ſagte Siegbert. Doch wiſſen Sie wol, wie bedenklich es iſt, ein Porträt in ſeiner erſten Anlage zu beurtheilen.... Ich muß doppelt dankbar ſein, ſagte der Offtzier, da meine Frau nicht genug rühmen kann, wie an⸗ regend ſie von Ihnen unterhalten wird. Bitte, Herr Major! Wann dürfen wir Sie heute erwarten? Ich wollte eben der gnädigen Frau anzeigen, daß ich heute vielleicht eine Sitzung überſpringen werde und erſt morgen fortfahre.... Wie Sie wünſchen, Herr Wildungen! Soll ich Ihnen den Weg erſparen und es meiner Frau ſelbſt anzeigen..2 Sie ſind zu gütig, Herr Major! Meine Schuldigkeit! Guten Morgen, meine Herren! Damit lenkte der Offizier vom Trottoir zurück und ſprengte mit einer artigen Begrüßung, die auch Dank⸗ marn galt, von dannen. Siegbert war von dieſer Unterredung etwas ver⸗ legen geworden. Das muß ich ſagen! begann Dankmar. Du biſt mir völlig fremd! Du ſteckſt ja in lauter neuen Ver⸗ hältniſſen! Wer iſt denn Das? Der Major von Werdeck, ſagte Siegbert, deſſen Frau ich male.... Frau von Werdeck, fiel Dankmar ſich beſinnend ein; eine Polin—? Ganz Recht, antwortete Siegbert, eine geborene Kaminska.... Eine vortreffliche Reiterin, eine Amazone, die dir ſcheinbar zu einem Porträt ſitzt und ſich ärgert, daß du keine Tete à Tetes aus dieſen Sitzungen machſt! Abſcheulich! Dankmar! Dankmar! Die Welt taugt aber nichts, lieber Bruder! Aber die Menſchen taugen noch hie und da etwas. Dieſe Polin liebt nur Eins, ihr Vaterland.. Hoffentlich nach dem Major von Werdeck...? Ich glaube auch ihn nur, wenn er die Gedanken theilt, die durch ihr glühendes Herz gehen... Dankmar beſann ſich, daß er auf der Rückreiſe von Hohenberg noch vorgeſtern von der Majorin von Werdeck wie von einer Demokratin hatte reden hören... Wem verdankſt du dieſe Bekanntſchaft? fragte er. ver⸗ 1874— Auch meinem Marx Leidenfroſt! ſagte Siegbert. Er trat mir dieſe Beſtellung eines Porträts ab. Er iſt rührend in der Art, wie er mich verſöhnen will. Auch glaub' ich wol, daß Major von Werdeck Anſtand nehmen mußte, dieſen Cyniker, den er übrigens ſehr ſchätzt, in das Budoir ſeiner Frau zu führen. So entſchloß ich mich, die Beſtellung zu übernehmen und freue mich, hier mehr als ein Porträt zu liefern. Dieſe leidenſchaftliche Frau trägt den Typus ihrer Na— tionalität in jeder Fiber ihres Antlitzes. Die Bitterkeit ihrer Anſichten iſt ſo grell, daß ich ſie oft erſuchen muß, ſich zu mäßigen, damit ſie nicht unſchön erſcheint. Ich opponire ihr meiſt nur aus äſthetiſchen Rückſichten.. Dankmar war durch den Anblick jenes Offiziers, der wieder etwas von der feſſelnden Ausſtrömung beſaß, die ihn ſogleich auch für Ackermann gewonnen hatte, noch theilnehmend beſchäftigt. Er verfiel in die Ge— dankenreihe, wie wol ein Offizier in dem bekanntlich ſtreng genug ihm vorgezeichneten officiellen Ideenkreiſe ſich behaglich fühlen könne, wenn ein geliebtes Weib ihm den ganzen Schmerz einer durch die Politik zer⸗ riſſenen Nation und die Hoffnungen, die dieſe Nation grade aus der Umwälzung aller Verhältniſſe für ihre eigene Wiederherſtellung ſchöpft, täglich vergegenwär— tigt und ihn allmälig doch dahin bringen müßte, ent⸗ weder ganz mit ſeinem Innern oder ſeiner äußern Stellung zu zerfallen oder gar ein gedankenloſer, un⸗ zurechnungsfähiger Heuchler zu werden... Siegbert, der keine Ahnung von der gewaltigen Kriſis hatte, in der ſich die Ueberzeugungen ſeines Bruders befanden, ließ von dieſem Gegenſtande ab und kehrte auf die Erzählung zurück, die der Major von Werdeck unterbrochen hatte. Wir können kaum zweifeln, daß Louis Armand, der Vergolder, derſelbe junge Mann iſt, der im Egon'⸗ ſchen Palais der Vermittler der Wünſche Ackermann's und der Bewilligungen des jungen Prinzen geweſen war. Achtes Capitel. Louis Armand. Als wir, Leidenfroſt und ich, fuhr Siegbert im wei⸗ tern Gange fort, bei dem franzöſiſchen Kunſttiſchler eintraten, trafen wir zuvörderſt den Probſt Gelb⸗ ſattel... doch du biſt zerſtreut? Meine Ausführlichkeit langweilt dich? Nein, nein, fahre fort! ſagte Dankmar. Doch will ich nicht hoffen, daß eine der häßlichen und ma⸗ gern Töchter dieſes alten Gönners unſrer Familie dein Madonnenideal iſt! Gönner unſrer Familie, ſagſt du? Er war der ärgſte Feind meines Molay. Es iſt ein Schulkamerad des Vaters noch von Schulpforte her... Und grade deshalb ſein eifrigſter Feind und auch uns misgünſtig und hämiſch geſinnt! Die Schul— kameradſchaften! Von einem mislungenen Wettkampf bei einem Erercitium ſpinnt ſich oft ein Faden des Neides und der Misgunſt an, der durch das ganze Leben geht! Wie kann ich gute Bilder malen, da er unſern Vater kannte, der neben ihm in ein und daſſelbe Tintenfaß die Feder tauchte! Bitter, Siegbert, aber wahr! Ich bin bitter, weil ich wirklich ſagen muß, daß erſt Frau von Trompetta den Ankauf meines Bildes durchſetzte! Nicht, damit ich erſt etwas für ihr Geth⸗ ſemane male, ſondern weil ich ihr ſchon etwas malte, deshalb mußt' ich erſt durch Ankauf meines Bildes ein geachteter, guter Maler werden! Aergre dich darüber nicht! Die Myſterien des Ruhmes haben ſchlimmere Dinge zu berichten. Was wollte Gelbſattel bei dem Franzoſen? Gelbſattel kaufte Rahmen zu einigen Bildern, die vom Kunſtverein verlooſt werden ſollen. Er war un— gemein freundlich, faſt kriechend und erkundigte ſich nach dir mit einer Umſtändlichkeit, die mir faſt auffiel. Nach mir? ſagte Dankmar, halb befremdet, halb theilnahmlos. Faſt wie im Verhör mußt' ich ihm hunderterlei Fragen beantworten, fuhr Siegbert fort, die ich ſelbſt kaum wußte, und was das Aufeallendſte war, er ſchien über deine Anweſenheit in Angerode auf's Ge— 191 naueſte unterrichtet und gerieth über die Mutter in Ekſtaſe, die ich ſeit dem ſchlimmen Tage, wo er einſt in Thaldüren uns beſucht hatte, nicht vermuthete. Die Lection, ſagte Dankmar, die ihm der gute Vater damals gab, wirkte. Er drohte ihm für Alles, was ihm der Vater ſagte, die furchtbarſte Rache und doch wurde er gleich darauf nach Angerode verſetzt. Dieſen Menſchen muß man nur die Zähne weiſen und ſie werden zahm. Nach Angerode, ſagte Siegbert traurig, wo der Vater ſtarb! Die Rache gelang! Nun? erinnerte Dankmar, dieſe Erinnerungen ver— meidend, an die Fortſetzung der Erzählung... Du hätteſt Leidenfroſt ſehen ſollen, fuhr Siegbert fort, wie der den Probſt ſogleich hechelte, den Kunſt— verein geißelte! Der koloſſale Herr wurde zornroth und warf mit Frivolität der Genrebilder, ſatiriſchen Bambocciaden und ähnlichem Schwulſt um ſich, wäh⸗ rend er die Rahmen behandelte und von dem Franzoſen immer kurz und treffend, mit Würde und einem ge⸗ wiſſen Stolz bedient wurde. Leidenfroſt beſtellte zwölf Ellen von der vorzüglichſten Arbeit, die Monſieur Armand in Proben ausgeſtellt hatte, und als ich lachte und ſagte: Sind Sie toll? Was ſoll ich denn da hineinmalen? Nun was denn ſonſt, rief er mit —— — 1 ull 8 I V 8 3 4 4 3¹ 4 1II 4 einem Seitenblick auf Gelbſattel, was denn ſonſt als die Idee, die Sie mir eben ſo vortrefflich geſchildert haben, eine Sitzung der Akademie della Crusca! Gelbſattel horchte hoch auf über ein Bild, an das ich gar nicht gedacht hatte. Sehen Sie, ſagte Leiden⸗ froſt, zu Ihrem dicken Prälaten, der bei dieſer Gelegen⸗ heit die Regeln des guten Geſchmackes definiren will, brauchen Sie allein drei Quadratellen Leinwand. Der Kerl muß ſich in ſeinem Lehnſtuhle hinflegeln, wie eine in Schweinsleder gebundene Ausgabe ſämmtlicher Werke des Ariſtoteles! Bis hierher... Bitte um Entſchuldi⸗ gung, Herr Oberkonſiſtorialrath!... bis hierher müſſen wenigſtens ſeine Beine reichen, bis dahin ſeine Arme, hier oben ſtreckt er die Hand auf den grünen Tiſch und legt ſie mit plumper Vollſaftigkeit auf einen grü⸗ nen Lorbeerkranz, der für ein Reiheherumgehendes Ge⸗ dicht von den verſammelten Kunſtrichtern als Preis beſtimmt iſt. Der Eine rümpft die Naſe, der kratzt ſich hinter'm Ohr, der rechnet an den Fingern nach, daß in der ſiebzehnten Stanze Vers drei ein Fuß zu wenig iſt, der ſchlägt ſchon im Lexikon nach, aber der dicke Prälat, der ſich bläht wie ein verdauender Kalekut, der gibt ſich das Air, als grübelte er nur dem Geiſte des zur Prüfung vorgelegten Gedichtes nach, und die Lorbeerblätter müſſen unter ſeiner ſchweißigen Hand onſt als eſchildert Ceusca! an das Leiden⸗ Helegen⸗ en will d. Der wie eine Werke ſchuldi⸗ müſſen e Arme, n Tiſh en grü— des Ge⸗ Preis er kratzt n nach, Fuß zu bet der Kalekut, Geiſte ind die Hand 193 ſchon anfangen gelb zu werden. Würde der Kunſt⸗ verein, ſchloß Leidenfroſt, wol einen ſolchen Gegen⸗ ſtand ankaufen, Herr Probſt?... Gelbſattel ſtutzte, faßte ſich aber. Der ſchöne Rahmen, ſagte er ſalbungs⸗ voll und ſich wohl getroffen fühlend, der ſchöne Rahmen, mein Beſter, den Sie da beſtellen, iſt vorläufig eine ſehr gute Empfehlung dieſer Sitzung der Academia della Crusca, die ich mir ſehr treffend und ſogar witzig denken kann, vorausgeſetzt, daß der Pinſel des Künſtlers edel bleibt und durch Porträtähnlichkeit nicht zum Pasquillanten wird! Aha! rief Dankmar. Siehſt du, wie du die Unbeſon⸗ nenheit dieſes unverbeſſerlichen Leidenfroſt büßen mußt? Lieber Dankmar, ſagte Siegbert mit großer Milde, ich fühle Das wirklich weniger, als du und als es Leidenfroſt fühlte. Der Probſt ging und unſer Spötter warf ſich voll Unmuth in einen Seſſel. Der Franzoſe, der auffallenderweiſe recht geläufig deutſch ſprach, fragte, ob dieſer Herr der Vorſtand hieſiger Katholiken wäre? Als wir ihm dieſen Irrthum benahmen, ſagte er, er hätte Dies geglaubt, weil ein Jeſuit, der mit ihm von Paris gereiſt wäre, viel von dem Probſt Gelbſattel geſprochen hätte. Ein Jeſuit? fragt' ich zweifelnd; gibt ſich, namentlich in jetziger Zeit, ein Jeſuit ſo offen? Der Franzoſe lächelte und erwiderte: Die Ritter vom Geiſte. III. 13 ———ͤ— 194 Er wäre von Brüſſel bis Hannover mit ihm faſt immer in einem Waggon gefahren, aber ſchon in Aachen wäre ihm kein Zweifel geweſen, daß er einen heimlichen Jeſuiten neben ſich gehabt hätte. Auch wiſſe er ein Zeichen, mit dem ſich die Jeſuiten zu er⸗ kennen gäben, wenn ſie verwandten Brüdern oder Affiliirten des Ordens zu begegnen glaubten. Einige Herren, die in Elberfeld eingeſtiegen wären, hätten dies Zeichen auch ſogleich erkannt und ſich mit ſeinem Landsmann vielfach im Geheimen unterhalten, auch ein Geiſtlicher, der ſich in Bielefeld anſchloß... mit dieſem wäre oft vom Probſte Gelbſattel in der Reſi⸗ denz geſprochen worden. Schöne Arſenik-Adern Das, die ſich da durch Deutſchland ſchlängeln! ſagte Dankmar. Du kannſt denken, fuhr Siegbert fort, wie mich nach ſolchen Mittheilungen dieſer Franzoſe anſprach. Es iſt ein noch ziemlich junger Mann, der Kunſttiſch⸗ lerei und das Vergolden zu gleicher Zeit gelernt hat und es zu einer Vollkommenheit in ſeinem Fache brachte, die noch bei uns Niemand erreicht. Seine Spiegel- und Gemälderahmen ſind von einem be⸗ wundernswerthen Geſchmack. Er konnte nur Proben auslegen, da ihm die Gewerbeordnung unterſagt, anders hier aufzutreten denn als Reiſender und Kom⸗ n faſt on in einen Auch zu er⸗ oder Einige hätten ſeinem auich mit Reſi⸗ durch e mich prach. ſttiſch⸗ nt hät Kom 1495 miſſionär. Er übernimmt aber jede Beſtellung und wird ſie entweder von einem großen Lager aus, das er in Paris hat, oder durch eine Verbindung mit irgend einer hieſigen Werkſtätte ausführen. Er wohnt ſchon deshalb bei einem guten ſoliden Tiſchler, Namens Märtens... Märtens? fragte Dankmar... Es war ihm, als hätte er dieſen Namen irgendwo gehört. Märtens in der Wallſtraße... Dankmar horchte auf. Doch fiel ihm nicht ein, daß dies die Adreſſe war, die auf dem Gelben Hirſch der Förſter Heuniſch von ſeiner Nichte, Fränzchen Heu⸗ niſch, gegeben hatte. Siegbert, der genauer ausführen wollte, wie er dazu gekommen, in Dankmar's Abweſenheit ſich Lei— denfroſt und dieſem Louis Armand näher anzuſchließen, fuhr fort: Armand's Fertigkeit in der deutſchen Sprache fiel mir auf. Er behauptete, das Deutſche theils von einer halbdeutſchen Mutter, theils von einem Beſchützer gelernt zu haben, dem zu Liebe er hierher nach Deutſch⸗ land gefolgt wäre. Vielleicht bliebe er, vielleicht ginge er wieder. Es hinge Das von ſeinem Freunde und Beſchützer und deſſen verwickelten Angelegenheiten ab. 13* 4 1 7 — — Er hatte kein Hehl, mir dieſen Protektor, wie er ihn nannte, mit Namen zu nennen. Ich war erſtaunt, als er eine hochgeſtellte Perſon nannte, den jungen Prinzen Egon von Hohenberg. Wer? fragte Dankmar erſtaunt. Den Prinzen Egon? Von dem er nicht Rühmens genug wußte, fuhr Siegbert fort, und bei deſſen Namen ihm die Thränen in die Augen traten. Dankmar war jetzt überzeugt.. daß der Gefangene im Thurm ihn nicht getäuſcht hatte! Nun? Nun? drängte er den Bruder fortzufahren. Und der Prinz? Von ihm erfuhr ich nichts, ſagte Siegbert. Aber Louis Armand, der Franzoſe, intereſſirte mich. Er ſprach Einiges von der Politik und nach wenig Augen⸗ blicken entdeckt' ich, daß dies ein pariſer Sozialiſt iſt. Leidenfroſt, deſſen technologiſche und mathematiſche Studien ihn mit ſeiner Malerei verbunden zu einem Genie im alten Sinne des Wortes, einem Albertus Magnus, Paracelſus, ja zum Fauſt machten, wenn er nicht zu ſehr Mephiſtopheles wäre... O! O! unterbrach Dankmar. Ich bitt' euch! Das iſt ja ſchon eine Lobhudelei unter euch, wie —y, vie er ihn erſtaunt, en jungen Prinzen ßte, fuhr Thränen jefangene zufahren. l. Aber nich. Er g Augen⸗ aliſt iſt. ematiſche zu einem Albertus n, wenn b euch! ich, wie 197 wenn ſich zwei junge Studenten ihre erſten Gedichte vorleſen! Leidenfroſt, fuhr Siegbert unerſchüttert fort, erhob ſich aus ſeinem Seſſel und nahm an unſerm Geſpräch den lebhafteſten Antheil. Dieſer Franzoſe nun iſt Schuld, daß ich ſeit einigen Abenden ſo ſpät nach Hauſe komme. Geſtern Abend begleiteten wir, Lei— denfroſt und ich, ihn wirklich an das Palais des Fürſten Hohenberg. Er hatte wirklich einen eigenen Schlüſſel zu einer Seitenpforte, die in den Garten führte, wo wir Abſchied von ihm nahmen... In den Garten ſagſt du? fiel Dankmar ein. War das nach zehn Uhr? Gegen eilf! antwortete Siegbert. Dankmar gedachte des Sängers von geſtern Abend, gedachte Egon's. Die Bruſt wogte ihm freudig auf. Er fühlte, daß ſeine Erinnerungen keine Träume waren, daß ſie aufleben ſollten in einer neuen reiz⸗ vollen Wirklichkeit.. Da Dankmar ſchwieg, ſchloß Siegbert ſeine Er⸗ zählung, die er immer ruhig mit dem Bruder fort⸗ ſchlendernd vorgetragen hatte, mit den Worten: Nun aber wird es an dir ſein, endlich gleichfalls zu be⸗ richten. Wir ſind am Atelier, Um drei Uhr bei Grün oder jetzt; ich will dir ganz gehören, wenn du es verlangſt. 198 Dankmar hielt ihn allerdings feſt. Es war ihm noch, als wäre nicht Alles los und frei in ſeiner und des Bruders Bruſt. Er ſah zu den Fenſtern des elegan⸗ ten im italieniſchen Geſchmack gebauten Hauſes hinauf. Es beſtand dies Haus aus zwei Theilen, von denen der eine(beide hatten Plattdächer) für die berühmte Malerſchule des Profeſſors Berg beſtimmt war. Der andre enthielt Wohnungen; ſie waren durch eine Terraſſe verbunden, die mit Orangen⸗, Oleander⸗ bäumen und Kaktus verziert waren und einen Gang bildeten, über den Profeſſor Berg zu ſeinen Schülern aus ſeiner Wohnung hinübergehen konnte. Eben ging auch der gefeierte Meiſter im leichten Ueberwurfe aus der Glasthür des Wohnhauſes über dieſe Verbindungs⸗ terraſſe in's Atelier. Er hatte lin ernſtes, edles Ge⸗ ſicht, das mit langen grauen Locken beſchattet war. Freundlich grüßte er zu den Brüdern hinunter. Aha! Dein Tizian! ſagte Dankmar. Bruder, ich weiß nicht, Leidenfroſt iſt doch werth, daß man ihn durchprügelt. Wie du Das ſo erträgſt! Hätte der Vater nicht auf dem Todtenbette zu uns geſagt: Wie lieblich, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! ich finge einen Heidenlärm mit dir an und zwänge dich mit ihm wenigſtens zu einem Gang auf geſchärfte Rappiere! Wetter, Bruder! Wie kann man harmoni— var ihm iner und elegan⸗ hinauf. i denen derühmte M. Del rch eine deander⸗ n Gang Schülern den ging ufe aus ndungs⸗ lless Ge⸗ tet war. der, ich nan ihn tte der t: Wie wohnen! zwänge ſſcäff armon⸗ 199 ren, wo eine ſolche unaufgelöſte Diſſonanz doch immer nebenher brummt! Hab' ich nicht, ſagte Siegbert, durch dies Alles einen reichen Gewinn? Leidenfroſt's geniale Natur iſt mir näher getreten: er zeigt mir aus Reue ein Ge— müth, das er Allen verbirgt. Was hätt' ich nun, wenn ich ihn haſſen müßte, mich zwänge, ihn zu haſſen, den wunderlichen, in ſich doch auch nicht glücklichen Menſchen! Und bei dieſer Freundſchaft ge— wann ich noch eine andere, jenen Louis Armand, der mir, faſt möcht' ich ſagen in reinlicherer, graziöſerer Weiſe die Ideen von dem möglich geſteigerten Glücke des Volkes verwirklicht, als ich ſie an unſre ſchmuzi⸗ gen, meiſt rohen und gedankenloſen Handwerker an⸗ knüpfen könnte. Wer ſehen ihn vielleicht heut' Abend, wenn ihn der Fürſt von Hohenberg nicht in Anſpruch nimmt. Prinz Egon! wiederholte Dankmar mit einem Er⸗ ſtaunen, das der Bruder nur auf den Rang eines Mannes bezog, mit dem ein einfacher Rahmentiſchler und Vergolder bekannt ſein ſollte... Und von dem Tizian ſprichſt du, ſagte endlich Dankmar, als Siegbert ihm die Hand gab, um in's Haus zu treten... Von den Sphinxen und Meluſinen ſprichſt du und von deinen Freunden und deinen durch 200 Großmuth beſchämten Feinden.. Aber die Madonna! Dieſe Vielgeſtaltige! Wer iſt ſie denn nun? Dieſer weibliche Proteus, der Jedem anders und dir als eine Heilige erſcheint? Ich habe geſchwiegen... Ich wollte dir meine Beſcheidenheit zeigen... Aber du ehrſt ſie nicht. So werd' ich indiskret und frage: Wer iſt ſie denn? Hätteſt du nur nicht ſo viel Verſtand, Dankmar! ſagte Siegbert. Von der Liebe ſchäm' ich mich mit dir zu reden... Wirſt du nicht roth über und über? Ich wette, es iſt Berg's Tochter! Der alte Tizian in Venedig hatte ja wol auch eine Tochter, die mit ihres Vaters Schülern... ſeine Schule fortpflanzte? Wie? Fräu⸗ lein Berg iſt's? Du kennſt ſie alſo nicht, ſagte Siegbert. Und doch glaubt' ich... in Hohenberg... In Hohenberg? fragte Dankmar erſtaunt. Sie iſt eine Schülerin Berg's, hat Talent, aber wenig Ausdauer. Seit einigen Tagen iſt ſie verreiſt... du ſollteſt wiſſen wohin? Ich? Zuweilen war ich bei ihr eingeladen. Bis jetzt zog ſie mich jedem Andern vor. Was Viele als Ko— wette, nedig aters Fräu⸗ doch 201 ketterie an ihr tadeln, ſcheint mir ein künſtleriſcher Sinn. Könnt' ich ſie gewinnen, ich hätte ein Ideal gefunden; denn ſie iſt vollendet ſchön... Dankmar wurde jetzt von einer Idee ergriffen, die ihn erſtarren machte. Er wußte, daß Siegbert heute hier, morgen da, in Soireen und Theegeſellſchaften gebeten wurde. Daß ihn Melanie Schlurck kannte, ſchien ihm ſowenig auffallend, daß auch nicht ein Gedanke ihm gekommen war, der in ſeinem Ge⸗ ſchmacke an Frauen ſo wähleriſche Bruder möchte ſich in die Netze grade dieſer Siegbert's ganzer Natur widerſprechenden Erſcheinung verloren haben. Aber als er ſchon von deren Abweſenheit hörte, von verreiſt, von Hohenberg, von Koketterie... erſchrak er furchtbar und wie in dem ſichern Gefühle einer Ahnung, mit der ihm die Schuppen von den Augen fielen, ſagte er: Doch nicht Melanie Schlurck? Du kennſt ſie? antwortete Siegbert hocherglühend und faſt begeiſtert. Ja, gerade Die iſt Berg's Schü— lerin und die Madonna. Sahſt du ſie nicht in Ho⸗ henberg?... Du ſchweigſt! So laß uns abbrechen. Ich ſehe du biſt verdrießlich,— du verurtheilſt ſie wie— Alle— Alle— oder— was haſt du? Nichts!— nichts— 202 Du bemitleideſt mich du haſt einen wehmüthi⸗ gen Zug um den Mund— warum wendeſt du dich? Was iſt dir? Ich will gehen und die Kouverte bei Grüns be— ſtellen... Du willſt dort mit mir moraliſiren! Thu' Das nicht, Dankmar! Laß mir dieſe Täuſchung, dieſen Wahn! Ich liebe Melanie Schlurck und wenn ich das Geſpött der Welt würde. Und ſie ſelbſt? Darüber heut' Mittag! Ich will an mein Oel⸗ blatt für das Gethſemane... Du ſollſt mir Rath geben! Aber nicht moraliſiren! Hörſt du? Ich liebe wahnſinnig... Siegbert hatte keine Ahnung, daß ſein kalter, gegen Frauen gleichgültiger Bruder, ſein Nebenbuhler ſein könnte. Er hatte Dankmar's erkaltete Hand ge⸗ ſchüttelt und nichts von deſſen Leichenbläſſe bemerkt. Dankmar war groß in der Kunſt der Selbſtbeherr⸗ ſchung.. Siegbert trat in das Atelier. Und doch hätte Dankmarn, als er nun ſo allein ſtand mit dieſer gewaltigen Thatſache, ſein erſtes klares Gefühl, deſſen er Herr werden konnte, Thrä⸗ nen abpreſſen mögen. Nicht an ſich dachte er! Der gute kindliche Bruder! rief es in ihm. Der tiefſte hmüthi⸗ u dich? üns be⸗ * Das dieſen ich das n Oel⸗ r Rath ch liebe kalter, nbuhler and ge⸗ eemerkt lbeherr⸗ ) allein erſtes Thrã⸗ 2 Der tiefſte 20 3 Schmerz ergriff ihn, zu denken, daß dieſe reine ſpie⸗ gelklare Natur ſo von einem entſchiedenen Irrthum, von einem Wahne völligſter Unmöglichkeit überhaucht werden konnte! An das ſonderbare Schickſal, daß zwei Brüder von einem und demſelben Mädchen er⸗ füllt ſein mußten, dachte er gar nicht.. Das war zu oft vorgekommen.. Ihn rührte weit mehr der Schmerz um Siegbert, den er, obgleich älter als er ſelbſt, hier ſchon wieder unpraktiſch, träumeriſch, zerfloſſen fand! Wie klar durchſchaute er den niezulöſenden Widerſpruch zwiſchen Siegbert und Melanie! Wie unmöglich ſchien ihm für jemals dieſe Vereinigung! Wie ſcharf, treffend, nur für ſeine Bruderliebe beleidigend treffend war nun der Spott des kecken Leidenfroſt, der dieſen Kontraſt ſo lebendig aufgefaßt und in ſeiner ganzen Lebendigkeit wiedergegeben hatte! Und wen er noch mehr haßte als Leidenfroſt, das war wirklich... Melanie ſelbſt! Ein Mann kann gar nicht lieben, ſagte er ſich, ohne daß ihm ein Weib dazu die Veranlaſſung gibt und Melanie hat ſich einen Scherz erlaubt! Und als ihm dieſe Gedankenreihe zu tantenhaft, zu gouvernantenmäßig klang, ſagte er ſich doch: O ſie verdient uns Beide nicht! Er überraſchte ſich auf dem Geſtändniß, daß er ſie vielleicht wirklich nicht — 204— liebe, nie geliebt hätte, daß ſie ihm nur den Eindruck der Sinnlichkeit gemacht hätte. Opium iſt Das, was in ihren Blicken liegt, ſagte er ſich. Ich könnte ſie zermalmen, wenn es nicht Leidenfroſt auch ſchon mit ihr in ſeinem Bilde gethan hätte. Prinz Ottokar hat es gekauft!.. Das verſöhnt mich jetzt mit Leidenfroſt! Das iſt die ſchwerere Schale, die ſeine Schuld gegen den Bruder aufwiegt! Und doch trat dann wieder Melanie als Siegerin und im ganzen Zauber ihrer Hingebung vor ſeine Seele... Er mußte ſich unter einige in der Nähe liegende Bäume flüchten, eine Bank ſuchen um ſich zu faſſen, um ſich zu ſammeln... Daß für ihn an Melanie nicht mehr zu denken war, ſchien ihm dem Bruder gegenüber unerläßlich. Daß aber auch dieſer von ſeiner Verblendung durch ein Mädchen, das er erſt jetzt erkannte, da er ſie in der Seele eines Andern beurtheilte, geheilt wer— den müſſe, erſchien ihm ebenſo nothwendig... In dem Hin und Her dieſer Empfindungen und Ueberlegungen verſank er auf der ſteinernen Bank unter Kaſtanienbäumen, umrauſcht von dem Lärmen des faſhionablen Viertels, in dem er ſich befand, in Wehmuth und in eine Traurigkeit, die faſt alle ſeine —yꝑ— indruck „ was nte ſie on mit ar hat nfroſt! gegen egerin ſeine xgende faſſen, denken lich. durch ſie in wer⸗ und Bank rmen , in ſeine 205 Entſchlüſſe für den heutigen Tag lähmte.. Sein Anzug kam ihm jetzt lächerlich vor.. Er riß die Handſchuhe von den Fingern. Prinz Egon, der Freund des Kunſttiſchlers Armand, bedurfte dieſer Aufmerk— ſamkeit nicht.. und mit Schlurck wollte er unge⸗ bundener ſprechen.. Melanie, die ihm, wer weiß durch welche Zweideutigkeit, das Bild erworben hatte, wollte er nicht ſehen. Er war außer ſich und un— glücklich. Er ſaß dumpf brütend eine Weile, bis er die Au⸗ gen aufſchlug und auf der entgegengeſetzten Seite des Platzes, den die Kaſtanienbäume beſchatteten, eben um die Ecke der dort einmündenden belebten Straße einen Mann und einen Knaben ſchreiten ſah, der ihm Acker⸗ mann und Selmar zu ſein ſchienen. Erfüllt vom freudigſten Schreck ſprang er auf und mit dem Ruf in ſeiner Bruſt: Es gibt noch reine Fluten, in denen des Mannes Seele ſich läutern, ſtärken, erquicken kann! eilte er ſtürmiſch nach der Gegend hin, wo die lieben, ihm ſo theuren Geſtalten eben aufgetaucht und wieder verſchwunden waren. Sein behender Fuß, hoffte er, würde ſie noch ſicher erreichen. Er eilte, als jagte ihn die Reue über alles Das, was er in die⸗ ſen Tagen erlebt, begonnen hatte. Jeder raſche Fuß⸗ tritt war ihm, als müßte er mit ihm zu gleicher Zeit 206 abſchütteln, was auf ihm Unwürdiges und Zweideu— tiges lag. Hinweg! Hinweg mit dieſem Ballaſt! rief es in ihm. Sei Mann! Schüttle deine Mähne! Lebe in der Wüſte deiner Ueberzeugungen einſam, aber wie ein Löwe! Aber es war nur der Schmerz, der ſo in ihm ſchrie.. Er irrte und irrte.. Ackermann und den Knaben zu finden;... er hatte ihre Spur verloren! Seine beflügelten Schritte ruhten erſt, als er vor dem Hauſe ſtand, an welchem er geſtern Nacht auf meſſingner Platte den einfachen Namen SchlurcU geleſen hatte... Ob Dankmar eintreten wird?. Dies der Kommune gehörende Haus mit dem Krenge, gebaut auf Grundſtücken, die einſt dem geiſt— lichen Ritterorden und der Komthurei von Angerode gehört hatten, trug zwar alle Spuren ſeines alterthüm⸗ lichen Urſprungs, war aber von innen ſehr wohnlich, bequem und in manchen Parthieen ſelbſt elegant ein⸗ gerichtet. Die Bogenwölbungen der Decken und die winkligen ſteinernen hier und da ausgetretenen Treppen waren nicht zu verbergen. Viereckte, abgeſtumpfte Säulen trugen die Treppenüberbauten. Lange Gänge zogen ohne alle Symmetrie, rein nach dem Grundſatze der Bequemlichkeit, durch die Stockwerke und gaben it dem geſſt⸗ gerode thüm⸗ hnlich, nt ein⸗ nd die reppen umpfte Gänge ndſatze gaben 207 nach allen Richtungen hin in den Zimmern Ausgänge, ohne daß dieſe darum ſelbſt, wie leider bei den neuen Bauten, mit einer Ueberzahl von Thüren verſehen waren. Faſt in allen Zimmern war darauf geachtet, daß ſie mindeſtens eine große, völlig thürfreie Wand hatten, an der die Wärme ſich ſammelt und der Rücken des Bewohners traulich und ſicher anlehnen kann. Wenn nun auch viele Alkoven etwas Düſteres und kleine einfenſtrige Durchgangszimmer etwas Weit⸗ läufiges darboten, wenn die ausgebauten Erker, die Fenſter mit breitem Simſe, von denen man nur durch im Zimmer angebrachte Tritte eine bequeme Aus⸗ ſicht auf die Straße haben konnte, mehr altfränkiſch, als ehrwürdig erſchienen, ſo hatte doch der lange un⸗ geſtörte Aufenthalt eines ſehr wohlhabenden, Lurus und Komfort liebenden Mannes in dieſen Räumen dem Ganzen den Charakter jener Eleganz aufgedrückt, die man in den alten Häuſern Nürnbergs oder, noch bezeichnender, Baſels und Berns antrifft. Was hier Malereien an den Wänden und moderne gefällige Formen nicht bewirken konnten, wurde durch Sauber— keit und Gediegenheit erreicht. Die Fenſter der Trep⸗ pen ſogar hatten Gardinen, die Vorplätze der niedri⸗ gen Zimmer waren gebohnt und mit koſtbaren Blu⸗ menſtöcken, in weißen Porzellantöpfen geziert. Die inneren Zimmer waren prächtig tapeziert und wurden durch bunte Vorhänge gehoben. Die Möbel entſpra⸗ chen dem neueſten Geſchmack und die reichbeſetzten Etageren und Servanten entfalteten einen Ueberfluß von Gold, Silber und Porzellan, der nur einer beſ⸗ ſern Beleuchtung bedurfte, um— dann vielleicht nicht einmal ſo geſchmackvoll zu erſcheinen wie jetzt, wo grade dieſe Aeußerlichkeit dazu gehörte, ſie zur Staffage eines Wohlſtandes zu machen, den man allenfalls patriziſch nennen mochte. Schlurck bezahlte eine ſehr geringe Miethe für dieſe Wohnung, die zum Kompler aller der Häuſer und Liegenſchaften gehörte, die er für die Kommune ver— waltete. Dieſer Umſtand allein hätte ihn aber nicht hier feſtgehalten, wenn es nicht ſeine Bequemlichkeit geweſen wäre. Seit faſt zwanzig Jahren hatte Schlurck hier gehauſt und in allen Dingen Gewohnheitsmenſch war er auch nicht zu bewegen, Melaniens Bitten um eine moderne Wohnung nachzugeben. Er ge⸗ ſtattete ihr lieber hundert andere Dinge, nur in die— ſem Punkte war er unerſchütterlich. Dies Winkelwerk war ihm lieb geworden. Er hatte über ſich Mieth⸗ bewohner, die ihn nicht ſtörten. Ställe, Remiſen, Alles gehörte ihm ſo, als wär' er in ſeinem Eigenthum. Unten, hinter den vergitterten Fenſtern, waren ſeine d wunden entſpra⸗ hbeſetzten Ueberfluß iner beſ⸗ cht nicht ett, wo Staffage qllenfalls für dieſe ſſer und une ver⸗ eer nicht mlichkeit Schlurck zmenſch Bitten Er ge⸗ in die⸗ nlelwerk Mieth⸗ kemiſen, nthum. n ſeine Schreibſtuben, wo oft zwanzig Federn unaufhörlich kritzelten, immer ein halbes Dutzend junger prarislo⸗ ſer Juriſten unter ſeiner Anleitung arbeitete und die Akten bis zu den Decken in einer Menge Schränken aufgethürmt lagen. Sein eigenes Audienzzimmer lag nach hinten hinaus, war ſehr düſter, aber traulich, und die Wendeltreppe, die er ſich von hier aus in den erſten Stock hinauf hatte bauen laſſen, that ihm vielfach erwünſchte Dienſte. Dazu kamen die hohen, gewölbten Keller für ſeine Weine, die er als Kenner kaufte, lagern ließ und nach einem gewiſſen Syſtem verbrauchte. Dies ganze Winkelige, Verſteckte, Alter⸗ thümliche war ihm nothwendig geworden, und oft ſagte er zu den Gäſten, die er in dem kleinen oder dem größern Saale oben verſammelte: Wir Menſchen müſſen über unſrer Wohnung ſtehen! Sie muß unſern eignen Gehalt, unſer Gepräge anneh⸗ men! Eine Wohnung, die meinem Nachdenken, mei⸗ ner Phantaſie voraus iſt, wird mir unbequem werden und wäre ſie noch ſo ſchön! Was ſollen mir Bal⸗ kone, Plattdächer, Veranden! Ich bin nicht italieniſch geſtimmt. Eine Wohnung, die ich aus den alten Zeiten heraus mir nachbilde, ſelbſt forme und nach Laune ſchmücke, wird mein Schneckengehäuſe! Sie kruſtiſtrt ſich aus meinem eigenen Körper heraus. Die Ritter vom Geiſte. III. 14 Für Melanie war aber die Wirkung dieſer Woh⸗ nung verderblich. Sie war durch Bildung und Na— tur ein Kind ihrer Zeit und litt unter dem Druck die⸗ ſer ihr nicht gleichmäßigen Exiſtenz. Ihr war nie wohl daheim! Sie mußte immer hinaus aus dieſen Feſſeln ihres Geſchmacks, mußte immer träumen von üppigeren Exiſtenzen und erhielt dadurch die Unruhe und Beweglichkeit, die ſie ſchon zu ſo mancher Thor⸗ heit verleitet hatte. Ihre Phantaſie, immer in dem Drange, ſich etwas Andres zu ſchaffen, als was ſie beſaß, war nicht gebunden durch jene Häuslichkeit, die beim Weibe die lebendigſte und in manchen Fällen oft einzige Unterſtützung der Tugend iſt. Wer ſich in ſeinem gewohnten Daſein gefällt, geräth nicht in die Strudel jener unbefriedigten Gemüther, die das Glück überall, nur nicht am eignen Herde ſuchen. Ohne nun Dankmar weiter im Auge zu behal⸗ ten, bemerken wir, daß Melaniens Erwartungen für den heutigen Tag auf's Höchſte geſpannt waren. Sie durchflog die trotz der Hitze draußen kühlen Zimmer wie ein gefiederter Genius auf und ab. Einen ſtillen Platz, wo ſie ſelbſt waltete, hatte ſie nie gehabt. Den kleinen Kultus ſinniger Gemüther, die ſich irgend ein Zimmer und wär' es noch ſo klein, irgend ein Plätzchen und wär' es noch ſo eng, nach ihrem eigenen Ge⸗ — 211 ſer Woh⸗ fallen ausſchmücken, hatte ſie nicht. Sie ſchrieb ihre und Na⸗ Briefe, wo ſie einen Tiſch fand. Kein Arbeitszimmer, 1 druck die⸗ das ihr allein gehörte. Ueberall fand ſich ein Stück⸗ war nie chen Spur von ihr. Sich einzuſpinnen an irgend einem ihr allein angehörenden Orte, war ihr un⸗ men von möglich. Sie hatte Schränke, wo ſie das Ihrige bei⸗ „Unruhe ſammen fand, andre, wo ſie Briefe aufbewahrte, ſie I ¹s dieſen hatte Nippſachen und Andenken genug; aber ſich an⸗ zuſiedeln an einer und derſelben Stelle mit Allem, was ihr theuer war, das verſtand ſie nicht. Es war 1 ihr eine Epheulaube gebaut worden mit Hängelam⸗ 1 pen und rankenden Gewächſen in zierlich gebrannten, aufgehängten Töpfen, ſie hatte darunter einen kunſt⸗ voll gebauten Schreibtiſch, ſie ſaß aber nie davor. 4 Das war ihr Alles zu eng, viel, viel zu pedantiſch. Entweder ſaß ſie in einem der Erker, wenn ſie ſchrieb... zslichkeit, en Fällen Wer ſich nicht in die das ————— ao Konnte ſie doch da bei jedem Federzug auf die lär⸗ raen füt mende Straße ſehen!.. Oder wenn ſie zeichnete und 1 ei malte, worin ſie etwas Fertigkeit errungen hatte, mußte Zuma die Staffelei heut hier, morgen da ſtehen. Bald war ſie bei der Mutter, bald bei dem Vater und wenn en ſtillen„ 3 5.... en ſtle ſte Beide genugſam gequält hatte, rief ſie ihr Mäd⸗ genugſ g . Den 3. bt 4 chen Jeannette, um ſich anzukleiden, oder ging in ein eend ein 3. 3.„: 1 21 Hinterzimmer, wo ſie Büglerinnen, Nähterinnen, Putz⸗ glätzchen je j 6 Pläch macherinnen antraf, die immer für das große Haus nen Gep 14* und ſeine verſchwenderiſche Oekonomie zu nähen, zu ſtri⸗ cken, zu wirken und zu arbeiten hatten. Am Abend vorher hatte ſie dem Vater ſchon Eini— ges von Dem mitgetheilt, was er von dem Hohen⸗ berger Aufenthalt wiſſen ſollte. So ſehr ſeine Neu⸗ gier über den Prinzen geſpannt war, ſo ſtand ſie doch nur halb Rede. Man ging, ermüdet wie man war, früh zu Bette.. Am Morgen gab es dann Vieles zu ordnen, nachzuſehen, zu tadeln. Der Tag ſollte wichtig werden. Man nahm die Vorbereitungen auf ihn nicht leicht. Da waren Kleider zerdrückt, andre nicht mehr gefällig. Es gab ein Wählen, Lärmen, Laufen hin und her. Des auch ſchon in der Frühe vielbeſchäftigten Vaters wurde ſie kaum anſichtig. Gegen zehn Uhr bekam ſie endlich eine ruhigere Stimmung. Am lieb— ſten hätte ſie gewünſcht, es hätte ſchon jetzt am Hauſe recht wild und ſtark geklingelt. Jeannette erzählte ihr, ſie hätte einen Bedienten des Geheimrathes von Harder ſchon auf der Straße geſehen, die Erzellenz wäre alſo an⸗ gekommen... Ernſt hatte Jeannetten Alles erzählt, was er ſo offen nicht einmal der Geheimräthin beichten wollte . Melanie lachte über dieſe uns noch räthſelhaften Vor⸗ fälle und überließ ihrem Mädchen, den Antheil, den ſie daran hatte, nach Belieben zu errathen. Den wahren Schlüſſel dieſes Geheimniſſes behielt ſie noch ſelbſt. zu ſtri⸗ n Ein⸗ Hohen⸗ Neu⸗ ſie doch n war, eles zu wichtig nnicht tmehr fen hin äftigten zn Uhr m lieb⸗ Hauſe ihr, ſie Harder lſo au⸗ ſt, was wollte en Vol⸗ den ſie vahren elbſt. Um elf Uhr war ſie in einfacher aber geſchmack— voller Kleidung bereit, Jeden zu empfangen, und käme Kaiſer und Fürſt! Den Gedanken an eine Selbſttäu⸗ ſchung über Egon mochte ſie durchaus nicht faſſen.. Bekümmerter war ſie um das Bild. Sie ſchien mit der Art, wie es Dankmar empfangen haben mußte, nicht zufrieden. Oft wenigſtens fragte ſie Jeannetten, ob man ſich wol auf Menſchen verlaſſen könnte, die von einem Manne, wie dem Prinzen, ſo freundlich gegrüßt wurden.. Sie meinte den Amerikaner und ſeinen Knaben... Dann kam ſie auf dieſen Knaben, den ſie anfangs und um Dankmarn zu necken, ein Mädchen genannt hatte und ein Sinnen überfiel ſie wirklich, ob nicht jener Knabe ein ſolches wäre und in Beziehungen zu ihrer neuen Eroberung ſtünde, die ſie fürchten müſſe! Etwas, was ſie mit dem Vater des Knaben im Heidekrug und mit dem Bilde der Fürſtin Amanda erfahren hatte, ſchien ſie darauf zu führen, ſich ſolche Vermuthungen lebhafter auszumalen. Es ſchlug halb zwölf. Noch immer nichts, was ſich zur Aufklärung der letzten Tage anmelden wollte... In ihrer Ungeduld rannte ſie da und dorthin, end⸗ lich zu den Mädchen, die für das Haus zu arbeiten pflegten. Es war heute grade nur eine da, ein heite⸗ res junges Mädchen von gefälligem Aeußern. Sie 214 arbeitete grade an einem Beſatz für Melanie. Jean⸗ nette ſtand neben ihr und Beide lachten eben, als Me⸗ lanie eintrat. Ihr ſeid ſehr luſtig! Worüber lacht Ihr? fragte Melanie. Das Mädchen ſtand ehrerbietig auf und wurde blutroth. Jeannette, eine Zofe, die ſich gegen Melanie oft einen ſehr vertrauten Ton geſtattete, woran aber dieſe wohl ſelbſt Schuld war, Jeannette antwortete für die Nähterin: Fränzchen iſt verliebt, Fräulein, und wie Sie ſehen, bis über die Ohren! Fränzchen, in wen biſt du verliebt? ſagte Melanie und ſetzte ſich zu ihnen. Erzähle mir wie verliebt du biſt! Jeannette iſt eine Spötterin, ſagte das Mädchen, das man Fränzchen nannte. Ein armes Mädchen fühlt leicht etwas, ſo gut wie Andre, aber ſie nimmt ſich wol in Acht, es ſo raſch Liebe zu nennen, wie Die! Der Tauſend! ſagte Melanie. Das klingt ja wie aus einem Buch. O, ſagte Jeannette, es muß auch etwas ganz Ab⸗ ſonderliches ſein, was ihr in's Herz gefahren iſt! Seit wir fort ſind, iſt Franziska Heuniſch faſt eine Gelehrte geworden. Jean⸗ als Me⸗ fragte wurde anie oft ber dieſe für die ie ſehen, Melanie tdubiſt Nädchen, Mädchen e nimmt wie Diel t ja wie gand M ſtt Sült Gelehne 215 Alſo ein Student? fragte Melanie die Nichte unſe⸗ res guten Heuniſch aus dem Walde. Blond? Schwarz? Jura? Medicin? Fränzchen! Fränzchen! Laß dich mit Studenten nicht ein! Ihre friſchen Wangen müſſen erſt recht welk werden, bis ſie heirathen können und dann heirathen ſie immer erſt noch die Töchter ihrer Vorgeſetzten. Es iſt kein Student, ſagte Fränzchen Heuniſch verſchämt. Sie ſagt's nicht, wer's iſt! meinte Jeannette. Und doch iſt er gewiß viel hübſcher als der alte Fürſt von Hohenberg, den ſie noch ein Jahr vor ſeinem Tode lieben ſollte. Jeannette lachte zu dieſer Aeußerung laut auf. Fränzchen aber warf ihr einen ernſten Blick zu und wurde noch röther, diesmal aber vor Unwillen über Jeannettens loſe Zunge. Was iſt Das? fragte Melanie. Verliebt in den alten Fürſten Hohenberg? Fräulein, ſagte Fränzchen mit einem erneuten ver⸗ weiſenden Blick auf ihr Mädchen. Jeannette iſt oft recht ſchlimm... Warum denn, ſagte die Zofe keck; wiſſen wir's doch Alle! Armes Täubchen! Die Wandſtablers wa⸗ ren nahe daran, ihr recht die Federn auszurupfen. 216 Melanie drang wiederholt nach Aufklärung. Fränz⸗ chen ſchwieg. Die Nadel zitterte in ihren Händen... Jeannette aber ſagte: Ach ziere dich nicht, Fränzchen! Abentheuer, wo man mit heiler Haut davonkommt, ſind immer luſtig an— zuhören. Fränzchen iſt doch die Nichte des Jägers Heuniſch, den wir mit ſeinem großen Fuchsbart bei Hohenberg öfters geſehen haben. Als noch der alte Fürſt lebte, empfahl ſie Heuniſch an die Wandſtablers, um im Palais einen guten Poſten zu bekommen. Sie kennen doch die Wandſtablers, Fräulein? Melanie ſagte, ſie hätte von den drei Geſchwiſtern gehört. Jeannette fuhr fort: Die Wandſtablers ließen mein Fränzchen kommen und betrachteten es von allen Seiten, ja unterſuchten's, wie Herr Laſally thut, wenn er Pferde kauft. End⸗ lich behielten ſie ſie im Palais und Fränzchen zog heute hinein und morgen lief ſie, wie ſie ging und ſtand, davon. Was mit ihr geſchehen iſt, davon hat nichts in der Zeitung geſtanden. Fränzchen! Ich hätte dich ſehen mögen, wie du in dem goldenen Pavillon an Händen und Füßen gezittert haſt, als— Fränzchen entrüſtet hielt Jeannetten den Mund zu. Und als jene doch reden wollte, ſprang ſie auf g3. Runz⸗ inden.. wo man uſtig an⸗ Jägers ZBart bei der alte dſtablers, en. Sie ſchwiſtern kommen ſuchten, † End⸗ chen zog ging und avon hat ch hätte ——— 2 — Paoilon dund zu. ſie auf ſie und drückte ſo gewaltſam auf Jeannettens unſaubere Lippen eine gewiſſe Handbewegung, daß deren fahles Geſicht kirſchroth wurde und ſie allenfalls ſagen konnte, ihr wäre ſo gut geſchehen, als hätte ſie eine Ohrfeige bekommen. Mädchen! Mädchen! rief Melanie lachend. Du zerdrückſt mir die Volants an dem Kleide da! Wollt Ihr wol Beide Ruhe halten! Fränzchen war ſo zornig, daß ihr die Thränen in die Augen traten. Für Melanie waren die Worte: Goldener Pavil⸗ lon im Hohenbergſchen Palais, ſehr gefährlich geweſen. Indeſſen bekämpfte ſie ſich, warf Jeannetten einen ver⸗ weiſenden Blick zu und ſagte, um auf einen andern Gegenſtand zu kommen: Alſo ein Franzoſe iſt's! Fränzchen, wie verſtän⸗ digſt du dich denn mit ihm? Oder geht das Alles durch die Augenſprache? Fränzchen ſchwieg wieder. Jeannette aber ſtatt ihrer ſagte: Er kann ja deutſch und was er nicht zu ſagen weiß, macht er mit ihr figürlich ab. Er wohnt in einem Hauſe mit ihr und muß es gewiß ſehr redlich im Sinn haben, denn er hat ihr noch nichts geſchenkt, obgleich er mit lauter Gold umgeht. Melanie fand an Fränzchens verſchämter Schweig⸗ ſamkeit und Entrüſtung Gefallen. Fränzchen war klein, aber ſehr zierlich. Ihre Augen hatten etwas Heiliges. Lange dunkle Wimpern lagen ſchwärmeriſch über den braunen feuchtſchimmernden Sternen. Die Haut war, wie Hackert im Gelben Hirſch geſagt hatte, von jenem Wachs, das nicht ſchön iſt, wenn es zu blaß iſt und an die Bleichſucht erinnert, aber ſehr anziehend, wenn mit ihm dunkle und friſche Farbe verbunden. Alle Formen dieſer kleinen Schönheit waren im lieblichen Ebenmaß. Melanie beobachtete Das heute zum erſten male. Kleine Geſtalten haben den Nachtheil, daß man über ihre Bildung zu flüchtig hinwegſieht und erſt nach liebender Betrachtung plötzlich ihres Werthes inne wird. Laß ſie ſelber ſprechen, ſagte Melanie zu Jean⸗ netten; Fränzchen weiß, daß ich gern höre, wenn ſie glücklich iſt. Wie bin ich denn glücklich? ſagte das junge Kind endlich, hab' ich denn ſchon ein Recht, ſo dreiſt zu ſein, wie Jeannette? Er wohnt im Vorderhauſe und kam einige male hinten in den Hof, wo ich beim Tiſchler Märtens wohne. Er will auf den Namen des alten Märtens hier ein Geſchäft errichten von Spiegel- und Bilderrahmen und hat einige male freund⸗ lich mit mir geſprochen. Leider gibt es überall ſoviel chweig⸗ m klein, eiliges. ber den ut war, jenem iſt und „wenn Alle blichen erſten aß man iſt nach e wird. Jean⸗ eenn ſie e Kind reiſt il uſe und h bein Namen⸗ en von freund⸗ lſovil 219 Plaudertaſchen, wie Jeannette iſt... Man hat ihm ſchon erzählt, was die böſen Wandſtablers mit mir im Sinne hatten... die noch ohnedies meine Cou⸗ ſinen ſind! Was der Franzoſe damals zu mir ſagte, war ſo ſchön und gut, wie wenn es ein Pfarrer ſpräche und wenn ich mich nicht geſchämt hätte... Nun? fragte Melanie. Ich hätte... ich hätte ihm alle meine Sünden beichten können! ſagte das erregte, glühende Mädchen. Jeannette brach über dieſe Worte in lautes Lachen aus, das ihr aber Melanie verwies. Das iſt viel, Fränzchen, ſagte Melanie, für einen Mann, der uns den Hof macht, zuviel. Gleich nieder⸗ knieen vor ihm und anbeten und ſeine Sünden beich— ten! Allein man ſieht, daß du recht verliebt ſein kannſt. Was hat er denn dir ſo Erbauliches geſagt? Als die plauderhafte alte Märtens, ſagte Fränzchen, ihm die Schlechtigkeiten der Wandſtablers erzählt hatte, paßte er mir am Abend auf, wie ich von der Arbeit nach Hauſe kam. Er that zwar, als wenn er mit dem alten Märtens über die größere Tiſchlerei ſpre⸗ chen wollte, die er auf ſeinen Gewerbſchein betreiben möchte, aber wie er aus dem Hut ein zierliches Ro— ſenbouquet zog und mir in ſeiner wunderſchönen Art zu ſprechen ſagte: Franchette, ſo nennt er mich! Fran⸗ 220 chette, ein Tribut an die Unſchuld, ein Geſchenk an die Anmuth, die den Stolz der Tugend kennt!.. da wußt' ich doch— Weiter konnte das gerührte Fränzchen nicht ſpre⸗ chen. Ihre Worte erſtickten in Thränen.. Kind! Kind! ſagte Melanie und griff ihre Hand und fuhr, ſie ermunternd, mit den Worten fort, die ſie hatte ſagen wollen: Da wußteſt du doch, Fränzchen, daß der galante Pariſer— denn das wird er hoffentlich ſein— nur deinetwegen und nicht wegen des Gewerbsſcheins ge⸗ blieben war. Aber für ein ſolches Kompliment fällt man doch noch vor keinem Mann auf die Kniee und beichtet ihm alle ſeine Sünden! Es ſteht ja recht ſchlimm mit dir! Jeannette machte Melanien einen gewiſſen Seiten⸗ blick, als wollte ſie ſagen! der arme Tropf iſt när— riſch geworden. Und wirklich war Fränzchen in einer ſo gehobenen feierlichen Stimmung, daß ihr auch Me⸗ lanie's Zureden gar nicht gefallen wollte. Das war nicht der Ton, der ihr wohl that, Das nicht der Geiſt, der ihr des Gedankens an jenen Mann würdig ſchien! Dennoch raffte ſie ſich zuſammen und erzählte weiter: Ohne Das zu erwähnen, was die alte Märtens ihm geſagt hatte, ſprach er ganz zart von den armen henk an t!.. da ht ſpre⸗ Hand olt, die galante — nur ins ge⸗ ent fält jee und a recht Seiten⸗ ſt nä⸗ meiner ch M⸗ 1s wal Geiſt ſchien! weiter: därtené armen 8 221 Leuten, die wol auch ihren Stolz haben könnten. Er erzählte von einer Schweſter, die ihm geſtorben wäre, gar jung und ſehr unglücklich, unglücklich, nachdem ſie ein paar kurze Jahre überglücklich geweſen wäre. Durch die Liebe glücklich! ſagte er; denn nicht Gold, nicht Edelſtein können ein Weib wahrhaft glücklich machen, ſondern nur das Gefühl, geliebt zu werden, und darin wären ſie Alle gleich, die Vornehmen und Geringen, die Reichen wie die Armen. Melanie blickte gerührt und ſich getroffen fühlend nieder, während ſich Jeannette, um ihren Drang, über dieſe verliebte Salbung laut zu kichern, zu unterdrücken, auf die Lippen biß und immer ſo that, als wollte ſie ſagen: Das dumme Ding iſt verrückt! Franchette, ſagte er, fuhr Fränzchen fort, du mußt die Welt nehmen wie einen Spiegel, in dem du dich ſel— ber betrachteſt. Meine Spiegelrahmen machen mich nicht eitel, ſondern ſagen mir täglich: Sei aufmerkſam auf dich ſelbſt! Wo du irgend etwas erfährſt oder erlebſt, was nicht ſo beſchaffen iſt, dir ſogleich dein Bild und nur dich, nur dich in voller Reinheit wiederzugeben, da zieh dich zurück, denn es iſt Gefahr da. Und wo du etwas erlebſt und erfährſt und du ſiehſt dich zwar im Geiſte leidlich dabei, biſt aber nicht ſo geſtaltet, wie du dich ſonſt lieb haſt, gewohnt biſt, ſo fliehe wie⸗ 222 derum, denn dann haſt du dich zwar nicht ſchon ganz verloren, aber du biſt in Gefahr, es doch für immer zu thun oder eine Geſtalt anzunehmen, die nicht mehr deine eigne iſt. Himmel! rief Melanie. Das iſt ja ein Pfaff, ein förmlicher Jeſuit, der dich katholiſch machen will und ſtatt in die Ehe, in ein Kloſter praktizirt! Mir recht! ſagte Fränzchen träumeriſch. Aber ich denke Nein! Er ſprach wenig Gutes von Denen, die Alles von der Demuth verlangen! Er will den Men⸗ ſchen doch recht ſtolz. Man ſoll ſich nur vor Denen beugen, ſagte er noch an dem Abend, die man nachzuahmen wünſcht. Wir könnten uns Gott nicht anders vorſtellen, als wie einen hochvollendeten, nach⸗ ahmungswerthen Menſchen und deshalb wäre die chriſtliche Religion die beſte, weil ſie gelehrt hätte, der vollkommenſte Menſch wäre Gott. Fränzchen! Fränzchen, ſagte Melanie. Das klingt nun wieder gar wie Ketzerei. Nimm dich doch ja in Acht! Der Teufel nimmt allerlei Geſtalten an und in dieſe franzöſiſche Maske biſt du ſchon ſo verliebt, daß ich für meine Falbalas fürchte. Mit der Putz⸗ macherei wird es wohl aus ſein, Fränzchen! Er wird ſich etabliren, dich heirathen und deine Freundin Me⸗ lanie, die keinen ſo ſchönen Franzoſen findet, wird pon gan r immer cht mehr n Pfaff hen wile 4! Aber ich nen, die en Men⸗ r Denen die man pott nicht en, nach⸗ wäre die zrt häͤte as klingt och ja t an und verlieb! der Pul Er wid ndin Ne det, wit 223 nichts zu thun haben, als ſich auf ein hübſches Hoch⸗ zeitsgeſchenk zu beſinnen. Behüte! antwortete Fränzchen, erglühend und ſcham⸗ gefärbt. Wie könnt' ich daran denken? Er hat ſie ja noch nicht ein einz'ges mal geküßt! fiel Jeannette ein. Das wird ſchon noch kommen, meinte Melanie. Wenn die Welt dir jetzt ein Spiegel ſein ſoll, der dir immer ſagt, wie weit du bei gewiſſen Veran⸗ laſſungen gehen kannſt, ſo erleb' ich, daß du in ſeinen Augen dich ganz rein und unſchuldig erblickſt, je näher er dir gekommen iſt und jemehr er dich geküßt hat. Er hat gewiß ſchwarze Augen? Wie Kirſchen! ſagte Fränzchen verſchämt nieder⸗ blickend. Da ſieh Einer! rief Melanie, während Jeannette übermäßig lachte und doch eigentlich von einem ge⸗ wiſſen Neide berührt wurde; wie Kirſchen! Man ſieht, daß Ihr ſchon im Obſtgarten bei den Früchten ſeid! Da werdet Ihr bald an den Beeten ſtehen, wo die verbotenen wachſen! Fränzchen! Fränzchen! Dein mo⸗ raliſcher Franzos gefällt mir. Kann man ihn nicht einmal hierher beſtellen, um uns einen Spiegelrahmen zu machen? Verſteht ſich, nicht von der Sorte, wie deine Augenſpiegel ſein ſollen! Wir haſchen ihn dir nicht weg! Einen ordentlichen Rahmen? Was? Fränzchen ſchien über die Gefahr, ihren neuen Freund zu verlieren, ganz beruhigt und hielt ſich bei den Worten des Fräuleins nur an die Möglichkeit, ihm einen Verdienſt zuzuweiſen. Ich will es ihm ſagen, antwortete ſie, wenn ich ihn wiederſehe. Siehſt du ihn denn nicht täglich? fragte Melanie. Sie hat ihn ſeit vorgeſtern nicht geſehen, die Aermſte! berichtete Jeannette. O Das iſt garſtig, ſagte Melanie, er vernach⸗ läſſigt dich ſchon, nachdem er mit dir eben erſt phi⸗ loſophirt hat? Das darf man nicht, oder man iſt kalt oder kokett. Auch die Männer ſind kokett, Fränz⸗ chen... Fränzchen ſchüttelte den Kopf und ſagte: Hab' ich denn Anſprüche auf dieſen? Jeannette malt Alles anders aus, als es iſt. Er wohnt im Hauſe, kommt oft zu Märtens und iſt freundlich gegen mich. Das iſt Alles... Wenn ein Mann mit einem Mädchen ſo philoſophiſch geſprochen hat, wie dieſer Franzos mit dir vorgeſtern, ſagte Melanie, ſo iſt man ein ganz abſcheulicher gr a di 1 Menſch, wenn man am folgenden Tag ſich nicht wieder ſehen läßt. Philoſophiren, meine liebe Fran⸗ ziska, iſt bei allen Männern das erſte Kapitel der Liebe... Er konnte nicht kommen, entſchuldigte ihn Fränz— chen, die in den Verhältniſſen ihres Freundes doch ſchon bewanderter war, als ſie ſich den Schein zu geben wagte; ein vornehmer Herr, den er ſehr ver⸗ ehrt, war geſtern Abend angekommen. Er kennt ihn von Paris und iſt die Nacht wol bei ihm geblieben, da er viel mit ihm zu ſprechen hätte. Ein vornehmer Herr? Ein vornehmer Herrl beſtätigte Franziska mit der größten Zuverſichtlichkeit. Melanie lachte laut auf. Fränzchen! rief ſie, was biſt du für ein armer Tropf! Geſteh' es nur, du biſt mit dem philoſophi⸗ ſchen Spiegelrahmenmacher viel weiter, als du ſagen willſt und der Böſewicht, der des Nachts nicht nach Hauſe kommt, macht dir Windbeuteleien vor. Sag' ihm in meinem Namen: Mein lieber Herr... Wie heißt Er? Louis! Louis? Alſo ſchon beim Vornamen? Fränzchen! Die Ritter vom Geiſte. III 15 — 226 Du biſt ein rechter Duckmäuſer! Eine Putzmacherin! Wie kann man auch glauben, daß eine Putzma⸗ cherin mit einem Franzoſen nicht weiter kommen wird als bis zum erſten Kapitel der Liebe, bis zur Philoſophie! Er heißt Louis Armand, ſagte Fränzchen, ge⸗ ängſtigt über die Art, wie ihr dieſe beiden Mädchen zuſetzten. Alſo ſag' ihm nur! fuhr Melanie fort, die dieſen Namen doch ſchon einmal von Bartuſch gehört, aber ver⸗ geſſen hatte; Monſieur Armand, Das ſind Flauſen! Wer iſt Ihr Freund? Ihr vornehmer Freund? Ver⸗ theidigen Sie ſich, mein Herr! Sie bleiben des Nachts aus! Daran iſt eine Nebenbuhlerin, Ihre Untreue, Ihr Wankelmuth Schuld! Schämen Sie ſich! Er hat ihn mir ſchon genannt, den Freund! ſagte Fränzchen kopfſchüttelnd. Es iſt Jemand, den er in Paris kennen gelernt hat und noch in einer andern Stadt, die ich nicht behalten habe. Dieſem zu Ge— fallen iſt er nach Deutſchland gegangen. Ich wollt' ihn nicht gern nennen, weil ich dabei an meine Cou⸗ ſinen denken muß, aber es iſt Niemand anders als der junge Prinz Hohenberg. Nun werden Sie nicht ſagen, daß es Flauſen waren! Denn nach dem Prinzen Egon konnt' ich mich bei meinen Couſinen leicht er⸗ erin! kundigen und Armand wußte ja auch Alles, was ich zma⸗ mit dieſen ſchon vorgehabt hatte! umen Kaum hatte Fränzchen den Namen des Prinzen F zur Egon ausgeſprochen, als Melanie blutroth wurde und von Jeannetten, die ihre raſch aufgeſchoſſene Neigung ge⸗ kannte, ſcharf fixirt, aufſprang. Das Kleid, an dem dchen Fränzchen arbeitete, hatte halb auch auf ihrem Schooße gelegen. Sie ſtreifte es raſch von ſich, ungeduldig dieſen und überraſcht den Namen: Prinz Egon! wieder⸗ 1 ver⸗ holend. 1 uſen! Der Prinz iſt geſtern Abend ſpät von einer Reiſe 3 Ver⸗ zurückgekehrt? ſagte ſie.— dachts Armand erwartete ihn mit Ungeduld ſchon ſeit „Ih einigen Tagen, antwortete Fränzchen. 3 Er war in Hohenberg, auf dem Schloſſe ſeines eag Vaters und hat auch mit Eurem Onkel, dem Förſter 1 er ſ Heuniſch, geſprochen? ndem O Das wäre ein Glück für den Onkel, fiel Fränz⸗ 66 chen lebhaft ein. So wird er in ſeinem Amte bleiben! V u Da er nicht verheirathet iſt, der gute Onkel, ſo hat 1 1 er mir verſprochen, mich zu ſeiner Erbin zu machen. 5 9 Doch mag er noch lange leben! Zu jeder Weihnacht ſchickt er mir einen Dukaten. Wußte Armand nicht, ob der Prinz in Hohen⸗ 15* 1 228 berg war? wiederholte Melanie mit großer Dring— lichkeit. Davon hat er nichts geſagt, erwiderte Fränzchen. Wo ſollt' er aber anders geweſen ſein? Ich denk' es mir ſo. Er iſt vor vierzehn Tagen hier von Paris angekommen, hat ſich ganz ſtill in einem Gaſthofe eiggemiethet... Armand ſuchte einen Meiſter ſeines Gewerbes auf, bei dem er zwei Zimmer miethete, eins zum Wohnen, eins für ſeine Muſter und Pro⸗ ben... Aber warum wohnt er nicht bei dem Prinzen in ſeinem großen und prächtigen Palais? fragte Me⸗ lanie. Das hab' ich im Scherz ihn auch gefragt. Aber ganz ernſt gab er mir die Antwort: Der Prinz iſt mein Gönner! Vielleicht ſind wir ſogar Freunde! Aber es iſt beſſer, daß Jeder in ſeiner Sphäre bleibt. Die Fürſten wohnen in Paläſten und die Tiſchler in Werkſtätten! Und doch blieb er die Nacht dort? Vielleicht, weil der Prinz ſpät ankam. Er wird ſchon wieder in die Wallſtraße Nr. 14 eine Treppe hoch zurückkommen. Melanie machte jetzt ihrem Beſuche im Garderobe⸗ zimmer ein Ende. zchen nt es Paris ſthofe ſeines ethete, Pro⸗ r winl Trep. be deroh Fränzchen, ſagte ſte zum Abſchied, dein Franzos iſt ein Phraſenmacher! Die philoſophiſchen Schwätzer wollen Alles, nur keine ordentliche, gerichtlich beſchei⸗ nigte, prieſterlich eingeſegnete Heirath. Sei auf deiner Hut! Wenn er wieder einen Roſenſtrauß aus ſeinem Hute zieht und nicht wenigſtens von Liebe ſpricht— falls du ſo großmüthig ſein willſt, ihm das Heira⸗ then zu ſchenken— ſo ſag' ihm nur, ſolche verblümte Magiſter hätten wir in Deutſchland genug und über⸗ haupt bei einer Putzmacherin müſſe man ſich mit Winkelzügen in Acht nehmen. Die wüßten ſehr bald, was echt und was Flitter iſt! Den Beſatz da, Kind⸗ chen, ſetz' mir etwas höher! Wenigſtens drei Finger breit! Verſtehſt du? Und nun Adieu und vertragt Euch beſſer! Damit ließ Melanie die beiden Arbeiterinnen allein. Fränzchen wird Jeannetten wahrſcheinlich den Vor⸗ wurf der Indiskretion machen und dieſe wahrſchein⸗ lich einen neuen Beweis ihrer Plauderhaftigkeit da⸗ durch geben, daß ſie ihr über den Prinzen Egon und ſeine hohenberger Abentheuer Mancherlei zuflüſtern wird, was ſie beſſer thäte, im Intereſſe ihrer von Sehn⸗ ſucht und Zärtlichkeit für Dankmar gefolterten Herrin zu verſchweigen. Melanie, haltlos, ſchwankend, aufgelöſt, ging in V 1 —— -—-——— — 230. die vorderen Zimmer zurück. Auf allen Uhren des Hauſes ſah ſie, daß es gegen Eins war. Noch im⸗ mer kein Lebenszeichen von Dem, was in dieſen Tagen ſie ſo gewaltig erregt hatte! Sie litt furchtbar. Sie hatte ſich längſt darauf gefaßt gemacht, daß irgend eine Verwechſelung ſtattgefunden und dennoch kamen immer wieder neue Anzeichen zum Vorſchein, daß je⸗ ner junge Mann, der ſich für den Bruder des Ma— lers Wildungen ausgab, nur Prinz Egon war. Und wenn er es nicht war, ſo ſtand er in nächſter Be— ziehung zum Prinzen! Mit Aufopferung jeder Rück— ſicht hatte ſie ihnen Beiden einen Dienſt geleiſtet, für den ſie Anerkennung, Dankbarkeit, Enthuſiasmus we⸗ nigſtens, wenn nicht Liebe verlangen durfte! Hatte ihre übermüthige Laune auch vielleicht nur die Gele⸗ genheit benutzen wollen, einem eingebildeten lächer⸗ lichen alten Herrn einen muthwilligen Streich zu ſpielen, ſo war doch das Mitergebniß deſſelben eine große Gefälligkeit für den Prinzen geweſen. Und von alledem ſchien nun nichts geweſen zu ſein, nichts bot ſich zur Wiederanknüpfung dar als höchſtens eben die ihr ſonderbar klingende Mittheilung, die ihr durch einen Diener vom Parterre herauf gemacht wurde, der Herr Juſtizrath ließe ihr ſagen, ſie möchte dieſen Abend ihre Gegenwart an Niemanden verge⸗ Und nichts ſtens „de macht nöchte verg ben als an ihn, ſie möchte mit ihm zur Geheim⸗ räthin von Harder fahren, die ſie kennen zu lernen wünſche... Im Begriff zur Mutter zu gehen und ihr dieſe Aufforderung des Vaters mitzutheilen, hörte ſie in dem Zimmer derſelben laut und angelegentlich ſprechen. Die Mutter hatte Beſuch. Es war die Stimme eines älteren Herrn, die ſie kannte, aber nirgend hinzubringen wußte. Fremden Menſchen, die mit ihrer gegenwär⸗ tigen Erregung in keiner Verbindung ſtanden, jetzt zu begegnen, war ihr unmöglich. Sie warf ſich unge⸗ duldig auf ein Kanapé des Nebenzimmers, ſprang nach einem kurzen Augenblick der Ruhe wieder auf, ſah in den Spiegel, ſah zum Fenſter hinaus, horchte wieder an der Thür, ergriff ein in der Nähe liegen⸗ des Buch, las eine Viertelſeite, warf es wieder weg und verging faſt in der Pein der Ungeduld. Endlich glaubte ſie die Stimme des Sprechers zu erkennen. Sie war zu feſt, zu feierlich, als daß ihr nicht zu⸗ letzt einfallen ſollte, wer es war. Sie glaubte ſich nicht zu täuſchen, wenn ſie annahm, daß dieſe Stimme dem Probſte Gelbſattel gehörte. Und obgleich es ihr Religionslehrer und Beichtiger war, ſo würde ſie ſich doch nicht entſchloſſen haben, in's Zimmer der Mut⸗ ter einzutreten, wenn nicht plötzlich die Namen Ho⸗ 232 henberg, Fürſtin Amanda, Pleſſener Pfarrei an ihr Ohr gedrungen wären. Jetzt öffnete ſie raſch und trat ein. Probſt Gelbſattel hatte ſchon den Hut in der Hand und wollte ſich eben von der Mutter, die eine eifrige Beſucherin ſeiner Predigten war, empfehlen. Seiner Abſicht, den Juſtizrath zu ſprechen, kam die Mel⸗ dung entgegen, daß dieſer ihn unten bereits erwarte... Probſt Gelbſattel war eine hohe ſtattliche Figur, wohlgenährt und vom Lampenlicht der Studien ſeit Jahren ſchon nicht mehr angedämmert. Er hätte äußerlich durch ſeine imponirende Würde wol gut zu den Worten Veranlaſſung geben können: Auf dieſen Fels will ich meine Kirche bauen! Schon längſt hatte ſich bei ihm die Gottesgelahrtheit mit dem Studium der Welt ſo verbunden, daß er mehr einem Hofmanne als einem Geiſtlichen geglichen hätte, wenn nicht ſein noch immer ſchwarzes glänzendes Haar in einen Scheitel gekämmt geweſen wäre, deſſen beide gleiche Seiten, ziemlich lang über's Ohr geſtrichen, gar heilig niederfloſſen. Dieſes einzige Merkmal ſchlichter Sitte erinnerte an die fromme Beſtimmung ſeines Beru⸗ fes. Sonſt war er von gewandten, wenngleich immer würdigen Weltformen, ſcherzte mit Grazie, ohne aus⸗ gelaſſen zu werden, ſprach über alle Vorkommniſſe ehlen. Mel⸗ irte... Figur, n ſeit hätte gut zu dieſen hatte udium manne nicht einen gleich heilig Sitte Beru⸗ 233 des Lebens, ohne den Schein übergroßer Vertraulich⸗ keit anzunehmen. Seine Reden hielten Viele für muſtergültig. Sie waren nach einem immer gleichen Schema gearbeitet und rafften Mancherlei in die Be— trachtung der Kanzel, was weniger mit dem Chriſten⸗ thume, als mit einer allgemeinen Lebensphiloſophie überhaupt zuſammenhing. Er galt für bibliſch, ohne daß er ſich im Orthodoxen zu weit erging. Ein leiſer Anflug von Pietismus fehlte nicht, ohne daß er darum die Vernunft herabſetzte. Er hatte ſo ſeine eigene Art, allen Parteien zu gefallen. Die Vornehmen und Reichen ſtrömten auch ſeinen Vorträgen, die er wohlweislich nur alle vierzehn Tage hielt, in großer Hingebung zu. Obgleich er bei der erſten alten Pfarr⸗ kirche der Stadt angeſtellt und überhaupt der erſte Geiſt⸗ liche der Kommune war, ſo kam doch regelmäßig auch der Hof zu ihm und gab den Ton an, ſich allgemein durch Probſt Gelbſattel das chriſtliche Gewiſſen wecken und rühren zu laſſen. Aber nicht nur auf der Kanzel war ſeine Wirk— ſamkeit eine bedeutende, nicht nur durch ſeine Seel⸗ ſorge für die vornehme weibliche Jugend und die Beichtbefliſſenen behauptete er einen großen Einfluß in der Geſellſchaft, ſondern ebenſoſehr auch durch ſeine rege Antheilnahme an faſt jeder Frage, die, ————— —— —-— — 8— 3 in welchem Gebiete es auch ſei, das allgemeine In⸗ tereſſe der Reſidenz in Anſpruch nahm. Die Stadt ſelbſt bediente ſich ſeiner zum Entwurfe von Addreſſen; denn man bewunderte die Geſchliffenheit und lapidare Wucht ſeines Stils. Der Hof unternahm nie etwas, was artiſtiſch oder irgendwie geiſtig in's öffentliche Leben treten ſollte, ohne Gelbſattel zu Rathe gezo⸗ gen zu haben. Orden ſchmückten ſeine Bruſt, wie einen Miniſter. In der Verwaltung der Schule und des Kirchenweſens hatte er Sitz und Stimme. Seine Gutachten entſchieden über das Schickſal mancher er⸗ ledigten Profeſſur und ihre neue Beſetzung. Ein ge⸗ lehrtes Werk behauptete er ſchon lange unter der Fe⸗ der zu haben, das ihm auch nach einem veröffentlich⸗ ten Probeſtück den Eintritt in die Akademie des Lan⸗ des, die ſogenannte„Societät der höheren Wiſſenſchaf⸗ ten“ geſichert hatte. Aber nicht nur das Wiſſenſchaft⸗ liche und Künſtleriſche hatte ſich dieſen hervorragenden Mann zu einer entſcheidenden Inſtanz gewählt, ſon⸗ dern auch in Kommunalangelegenheiten aller Art war er heimiſch, ja bis zur gelegentlichen Begutachtung von Brunnen- und Kanalanlagen. Die Reſidenz war ſeine Vaterſtadt. Er hatte ihre Alterthümer durch⸗ forſcht. Er war wirklich im Stande, über die frühere Geſchichte derſelben kundigſt zu ſprechen und kannte 235 ne J⸗ alle kleinen Heimlichkeiten des Stadtlebens, um auf Stadt dieſem Gebiete immer etwas Schlagendes, Sach⸗ und reſſen; Fachgemäßes beizubringen. Kurz man mag den vie⸗ pidare len Gegnern, die ein ſo hochgeſtellter Herr, nament⸗ etwas, lich auf ſeinem kirchlichen Gebiete und neuerdings ntliche durch die ihm viel zu üppig auf ſein Gebiet eingrei— gezo⸗ fende„innere Miſſion“ finden mußte, auch in vieler „wie Hinſicht Recht geben, darin würde man ungerecht ſein, ſe und wollte man die gewaltige Rührſamkeit und praktiſche Seine Umſicht dieſes ſtolzen Kirchenlichtes irgend verkennen. er er⸗ Um Gelbſattel recht ſchlagend zu bezeichnen, könnte ein ge⸗ man ſagen, der Probſt war auf dem Gebiete der er Fe⸗ Kirche, was der Heidekrüger Juſtus auf dem der Po— ntlich⸗ litik war... Der große Mann! Lan⸗ Als Gelbſattel ſein wildes Beichtkind, Melanie, nſchaf⸗ begrüßt hatte, war er außerordentlich freundlich und ſchi⸗ drohte ihr recht ſchelmiſch mit dem Zeigefinger, daß genden ſie ſo ſelten die Johanniskirche beſuchte... Und noch „ſan am letzten Sonntage, ſagte er, hab' ich über die Ver⸗ t war gänglichkeit alles Eiteln geſprochen, mein ſchönes Kind! tung Ich war leider, ſagte Melanie, an dieſem Tage 1 val von der Vergänglichkeit meiner Schönheit in einem durh Orte tief überzeugt, den ich Sie eben habe nennen luhen hören, Herr Probſt, in Hohenberg. Kennen Sie kunnt Hohenberg? 236 Denke dir, ſagte die Mutter, die Frage unterbre⸗ chend... Guido Stromer! Er macht wirklich wahr, was er bei'm Abſchied äußerte... Was iſt mit ihm? Er will in die Stadt verſetzt ſein. Und Fräulein Melanie, ſagte der Probſt, iſt ge⸗ wiß das hüpfende Irrlicht, das ihn hierher verlockte. Kann ich zugeben, daß er mir eine ſo brave Beicht⸗ befohlne raubt und mir wie ein Wolf in meinen Schafſtall bricht? Ein ſo reicher Hirt! ſagte Melanie. Geben Sie ihm getroſt ein Paar von Ihren doch verlorenen Seelen ab! Ich vexſichre Ihnen: Er predigt nicht ſo gut, als er ſpricht! Wirklich, gibt es nicht irgendwo eine offne Nachmittagspredigerſtelle? Ich will mich, weil ich Guido Stromer lieb habe, mitten unter die alten Spittelfrauen ſetzen, die wahrſcheinlich doch allein ſeine Gemeinde bilden werden? Weil Sie ihn lieb haben? rief der Probſt mit ſeiner ſonoren Stimme. Da werd' ich eiferſüchtig! Wie? Meine vernunftklare, durchſichtige, kryſtallne Melanie will zu einem Pietiſten der alten Schule? Nein, meine kleine Sünderin! Dieſe Methode, Sie zu beſſern, hat ſich überlebt. Pietiſt? erwiderte Melanie. Guido Stromer Pie⸗ terbre⸗ tiſt? Herr Probſt, ich glaube, Sie irren ſich! Der wahr, Pleſſ'ner Pfarrer iſt nichts weniger als Pietiſt. Aha! antwortete ſchmunzelnd der freundliche Herr, deſſen Falten immer glätter wurden; vor Ihnen ſchwankte der ſtarre Dogmatiker! Haben Sie doch wol nicht un— 8 it ge⸗ ter vier Augen einen Tartüffe, einen„innern Miſſio⸗ erlockte när“, in ihm erkannt? Veicht Ich berufe mich auf das Zeugniß meiner Mutter, neinen ſagte Melanie. Stromer hatte vor uns Allen kein Hehl, daß über ihn eine ebenſolche Revolution ge⸗ 1 n Sie kommen wäre wie über die Staaten. Er hat jetzt 1 lorenen entdeckt, daß im Regenbogen wirklich ſieben Farben r icht ſ blinken! Ja ſogar die Kunſt ließ er gelten und meinte, 1 endwo die griechiſchen Götter wären zu früh von der Erde wich verſchwunden. Wenigſtens vermuth' ich, daß Das rr di ſeine Gedanken waren, als er von der Leda hörte oder, 1 alli wie Se. Erzellenz, Herr von Harder, die Dame nannte, von der Lady, und ſo lange ſchwieg und grübelte... t ni Gelbſattel lachte über die Kunſtkenntniß des ge⸗ üchig nannten Hofmanns und äußerte dann: fällue Haben Sie Kunſtgeſchichte mit dem Stromer ge— tuki trieben? Machen Sie denn Alles verwirrt? Die Ma⸗ 4 ler und die Seelenhirten? Nein, nein, dieſen ver⸗ Sih trockneten alten Pietiſten, der mit der Fürſtin Amanda 4 von Morgens bis Abends gebetet hat und ſich recht 1 Pie in dem Extreme der Momiers oder wie wir dieſe Form der Gläubigkeit unter dem Namen der Mucker erlebten, gefiel, dieſen ſollen Sie mir nicht auf Bilder bringen, die man vom Kunſtverein aus Rückſichten ankaufen oder empfehlen muß, ſchon um die neue, vielgeſtaltige Meluſine in jeder Form ihrer Zaubereien zu haben. Nein, nein, der bleibt in Hohenberg und ſorgt dort ein wenig beſſer für die Schulen, als er bisher gethan hat. Er ſchreibt von Zerſtreuung, un⸗ glücklicher Zerriſſenheit und Zweifelſucht. Er ſoll Sei⸗ denzüchter werden, wie andre Pfarrer thun! Brav Maulbeerbäume anpflanzen, Seidenwürmer hegen und Kokons gewinnen! Die Regierung zahlt ja dafür nicht nur die höchſten Preiſe, ſondern theilt auch Denen, die ſich in der Seidenzucht auszeichnen, Medaillen aus! Ich kann ihm nicht anders ſchreiben, als: Guido Stromer! Hübſch Seidenwürmer ziehen! Doch ich eile zum Juſtizrath, mit dem ich dringende Geſchäfte habe. Und wenn ich nächſtens von der Kanzel ſpreche, hoffe ich Fräulein Melanie mir vis à vis zu ſehen. Ich werde über jenen Spruch reden, über den wir uns einmal erzürnt haben, wiſſen Sie wol noch, Fräulein? Vor wieviel Jahren war Das? Erzürnt? fiel die Mutter ein, die aufgeſtanden war, um dem Probſte das Geleite zu geben... — — t dieſe Mucker Bilder kſichten neue, bereien rg und als er g, un⸗ l Sei⸗ Brav en und ir nicht Denen, daillen Guido ich eile habe. „hoff . Ich ir uns julein? ſtanden 239 Laſſen Sie ſich's nur von ihr erzählen! Dem hol⸗ den Mädchen! Sie weiß es ſchon! Sie wird ganz roth! Ganz roth! Adieu meine Damen! Ha, ha! Auf Wiederſehen! Damit küßte der Probſt der Mutter die Hand. Die Tochter litt dieſe Huldigung nicht, ſondern kehrte ihm ſchmollend den Rücken. Als Gelbſattel hinunter ſtieg zum Vater, fragte die Mutter, was Das für ein Streit geweſen wäre? Ach! ſagte ſie, ich bin wenig in der Laune, an dieſe alten Thorheiten zu denken. Ich ſollte im Kon⸗ firmationsunterrichte einmal den Spruch herſagen: Wenn dich die böſen Buben locken, ſo folge ihnen nicht! Alle ſchnatterten, obgleich ſie im Geheimen kicherten, den Spruch nach, nur ich weigerte mich und war durch nichts dahin zu bringen, ihn zu wiederho— len. Ich glaube gar, ich ging ſoweit, ihn für einen dummen Spruch zu erklären, da anſtändigen Mädchen niemals einfallen würde, böſen Buben nachzugehen, wenn dieſe auch noch ſoviel lockten! Darüber gab es denn viel Gelächter von den Mädchen und ſoviel Zorn von Seiten des Probſtes, daß wir hart aneinander geriethen und ich meinen Shawl und Hut nahm und davon lief. Hackert, der mich abholen ſollte, wartete ſchon und wie ich vor Aerger weinte, meinte der in ———————— 1 — 240 ſeiner trockenen Art: Es wäre für junge Mädchen doch der beſte Spruch in der ganzen Bibel, nur müß⸗ ten die Pfaffen gleich aufrichtig erklären, daß unter den böſen Buben Leutnants und Referendare zu ver⸗ ſtehen wären! Ich bin damals mit Hackert, der mich in die Stunden bringen ſollte, zweimal lieber in's Feld hinausgegangen, nur um nicht wieder in die Lage zu kommen, den garſtigen Spruch herzuſagen. Die Mutter gedachte gerührt, aber auch erſchreckt der alten Zeiten!... Melanie aber hörte mit Ver⸗ zweiflung, daß es nun voll ein Uhr ſchlug! ädchen er müͤß⸗ z3 unter ⸗ zu ver⸗ er mich 3. — ini Neuntes Capitel. er 9 de Lage Ein lutheriſcher Papſt. nſchrect ſtue Ehe Probſt Gelbſattel mit dem Juſtizrathe zuſam⸗ mentraf, war dieſer ſchon ſeit einer halben Stunde ſehr mismuthig nach Hauſe gekommen. 1 Unterwegs hatte Mancher den ſonſt immer freund⸗ lichen Juſtizrath Franz Schlurck gegrüßt, er hatte heute nur kurz und flüchtig erwidert. Die Art, wie ihm ein wildfremder Mann, der ſogar von ihm etwas zu wünſchen und zu erſuchen hatte, im Hohenberg'ſchen Palais begegnet war, lag ganz außerhalb des Krei⸗ ſes der Erfahrungen, die er täglich machte. Er hatte durch die glatte Art, wie ſich Menſchen, die etwas begehren, gefügig zeigen und von ſelbſt Das aufdrän⸗ gen, was eine Beſtechung ſein ſoll und nur als ein Geſchenk geboten und genommen wird, ſich eine ſo heitere, ſorgloſe Auffaſſung ſeiner Praxis angewöhnt, daß ihm heute zum erſten Male, als ihm das fürch⸗ Die Ritter vom Geiſte. III. 16 — — —y= — —— —— 242 terliche Wort: Schurke! zugedonnert wurde, das ſchöne Roſenlicht, das ihn immer umfloß, in Nacht verwan⸗ delt erſchien. Er tappte auf der Straße hin wie im Finſtern. Zwar hatte er noch Geiſtesgegenwart ge⸗ nug, dem berühmten Aerzte, Sanitätsrath Drommel⸗ dey, der ihm begegnete und ihm zurief: Ei, ei, Juſtizrath, was machen Sie, Sie werden alt! zu ant⸗ worten: Alt? Nimmermehr! Das Altwerden iſt eine dumme Angewöhnung! Und der Arzt, der wie alle Söhne Aeskulap's mehr das Geiſtreiche, Witzige, Ab⸗ geriſſene, als das Syſtematiſche, Schulgerechte liebte, hatte ihn veranlaßt, dieſe paradoxe Aeußerung raſch, da er zu Egon mußte, den er für ſehr bedenklich er⸗ klärte, zu beweiſen, aber an Das, was er ſagte, glaubte er heute ſelbſt nicht. Er hatte geſagt: Nie werd' ich alt, Drommeldey! Das Altwerden iſt eine dumme Angewöhnung! Nichts Anderes! Wir kommen der lahmen und hinfälligwerdenden Natur ja immer auf halbem Wege entgegen! Nehmen Sie ſchon in der Jugend! Der Knabe quält ſich förmlich ab, ein Jüngling zu werden! Er raucht Cigarren, daß ihm grün und gelb vor den Augen wird! Er bindet ſich Cravatten um den Hals und kräht Alt wie ein Hahn, während er noch den reinſten Kanarienvogel⸗ ſopran in der Kehle hat! Iſt er dann mit Ach und ſchöne Krach ein Jüngling geworden, ſo quält er ſich ſchon erwan wieder ein Mann zu ſein! Er will heirathen, ſolid vie im werden, ſpricht vom Glück der Ehe und ſieht Kinder ett ge⸗ an der Mutterbruſt neben ſich und ſchaukelt ſchon mmel⸗ welche auf den Knieen. Gut! Dann wird er ein i, di Mann! Nun will er gravitätiſch erſcheinen und ſpricht u ant von ſeiner Würde. Bequemlichkeit wird die Beloh⸗ ſt eine nung ſeiner Anſtrengungen, Brot zu verdienen. Auf je alle den Bällen tanzt er nicht mehr. Mit den geſundeſten Ab⸗ Schenkeln gebehrdet er ſich wie ein Kaſinogaſt und ſpielt liebte, Whiſt. Setzt er ſich an's Klavier, ſo konnt' er ſonſt raſch ganz leidlich ſingen. Er kann es auch noch; aber aus ic er Bequemlichkeit hebt er nicht mehr die volle Bruſt, ſon⸗ aub dern ſtöhnt und ächzt und läßt die Flügel hängen. So geht Das fort, bis dann natürlich das Alter wirk⸗ lich da iſt und die Natur frohlockt, ihren Sieg über den Geiſt davongetragen zu haben. Nein, nein,. lur Doktor, ſagen Sie's allen Ihren Patienten! Das 1 wſch Alter iſt nichts als eine dumme Angewöhnung.— h d Das war ſo flüchtig und ſchalkhaft von ihm hin⸗ 1 D. d geſprochen worden und der Arzt hatte darüber gelacht tine und ſich's als Anekdote gemerkt— er heilte viele ſei—— e ner Patienten mit Anekdoten— aber Schlurck hielt bie heute ſeiner eigenen Laune nicht Stand. Er knickte 4 und ſank recht erſchöpft in ſeinem kleinen dunklen Ar⸗ 16* ————————— 244 beitszimmer in einem grünſaffianen Lehnſeſſel zuſam⸗ men. Das empörende Wort des Fremden hatte ihn zuſammengerüttelt, wie er ſich ſelbſt ſagte, gleich einem alten Sack Nüſſe. Das raſſelte ohne Halt hin und her. Das lärmte wol und war eine Art Wider⸗ ſtand, aber ſchlaff! ſchlaff! ſagte er ſich. Ich konnte ihm nicht an die Kehle fahren, denn ich war ein Eſel geweſen mit meinem: Jährlich? Warum ließ ich nicht Bartuſch etwas abmachen, wozu mir im Grunde das Geſchick fehlt! Und wenn ich auch nicht das wahn⸗ ſinnige: Jährlich? geflüſtert hätte, beſäß' ich denn die Kraft, ihm den Schurken zurückzuſchleudern? Nein! Der Witz macht ſchwach, nur Pedanten haben Kraft. Bartuſch hatte ſeinem Prinzipal eine Menge von Papieren vorzulegen, die er ohne langes Beſinnen und Prüfen unterſchrieb. Er bereitete jenen dann auf den Empfang Ackermann's vor und erzählte zu Bar⸗ tuſch's großem Erſtaunen in der Hauptſache Das, was er im Palais erlebt hatte. Bartuſch ſollte ihm alle nur irgend geprüften und ſichern Papiere vorlegen und die Berathung mit ihm allein pflegen. Er wünſchte des Handels überhoben zu ſein. Bartuſch, ſtumm und ergeben, merkte gleich, daß der Juſtizrath nicht in beſter Stimmung war und un— terließ alles Fragen, pünktlich ſich merkend, was ihm zuſam⸗ geheißen war. Sein Ueberblick war ſo kundig, daß ute ihn es eigentlich keiner Worte bedurfte, wie es mit den einem Papieren gehalten werden ſollte.. Mit faſt ſtummem in und Nicken und kopfſchüttelnd flüſterte er dann aber doch: Wider⸗ Unſere Hohenberg'ſche Verwaltung hört alſo auf? konnte Die Adminiſtration hört auf, ſagte Schlurck tonlos. in Eſel Werden ſich wol nun wählen laſſen? ſetzte Bar⸗ c nicht tuſch noch leiſer hinzu. de das Daß ich ein Thor wäre! antwortete Schlurck. Mei⸗ wahn⸗ nen Ruin mit eigener Hand bereiten? Jetzt gilt es ann die arbeiten, fleißig ſein! Die Zeit der Allotria iſt vor— Nein! über. Sind die polniſchen Pupillengelder eingezahlt? 1 Kraſt Auf Heller und Pfennig... Die beſte Aufklärung de von über Mar Leidenfroſt gab Frau von Werdeck... Die gfune Familienlegate der Kaminski... un alf Genug! Wir müſſen Reviſionen halten, Bartuſch! 1 Bnr Uns rütteln, tummeln. Viele Adelige mahnen um 13 Das Erledigung ihrer Angelegenheiten. Die Familienhäuſer j ihn in der Brandgaſſe zahlen zu wenig— der Magiſtrat orlige wirft uns Saumſeligkeit vor. nünch Zuviel Armuth, Juſtizrath! Das ſollen die Staatsökonomen und Philanthro⸗ pen ausmachen! Die Kommune will Geld, Geld, Geld, 1 M ly Bartuſch! Ich laſſe pfänden Tag und Nacht! ————————— 246 Setzen Sie Daumenſchrauben an! Ich kann die Lage der Menſchheit nicht ändern. Das iſt Gottes Sache. Seine Welt iſt ein Chaos. Man taſtet im Dunkeln, greift und würgt. Ich weiß kein Mittel. Die Politiker ſollen es ändern. Geld! Geld, Bar⸗ tuſch! Die Kommune iſt in Verzweiflung über die Johannitererbſchaft und die Hartnäckigkeit des Mini— ſteriums... Wenn wir dieſe Branche meiner Ge⸗ ſchäfte auch noch verlören... Juſtizrath! Ich ſehe heute ſchwarz... gehen Sie Bartuſch! Setzen Sie die Legitimation für den Generalpäch⸗ ter auf! Aber der Prinz... Iſt krank... Hört' es ſchon... bedenklich? Adieu, Bartuſch! Laſſen Sie mir etwas Ruhe! Ich wollte auch nur noch ein Wort fallen laſſen über eine ſonderbare Aeußerung des Prinzen in Be⸗ treff... Bartuſch wollte an den Schrein erinnern... Schlurck, obgleich er Vieles von ihm aufgeklärt wünſchte, ließ ihn doch nicht zu Worte kommen, ſon⸗ dern ſeufzte ſo laut, daß Bartuſch vorzog, abzubrechen und ihn ſich ſelbſt zu überlaſſen. n die Hottes tet im Nittel Bau 32 r die Mini⸗ 1 Ge⸗ tuſch! ſpäch⸗ Es waren die unmuthigſten Gedanken, die Schlurck beſtürmten, als er allein war und ſo das Haupt auf die Lehne ſeines Voltaire⸗Seſſels ſtützte. Er rieb die hohe Stirn, um gefälligere zu wecken. Er lüftete die Kleider, putzte an den Brillengläſern, es half nichts; er ſah, wenn der Prinz genas, eine bedeutende Klien⸗ tel, die ihm viel Geld eingetragen hatte, völlig ge⸗ nommen und, was ihm noch ſtörender ſein mußte, die Vergangenheit derſelben einer ſcharfen Prüfung aus⸗ geſetzt. Auch die Verhandlung mit Paulinen hatte ihn aufgeregt. Daß der Prinz ſein Feind war, ahnte er. Er ſah trotz der Rückreiſe mit ſeiner Familie deutlich die Spuren davon. Wird er wieder herge⸗ ſtellt, ſagte er ſich, wär' es nicht beſſer, mich mit ſei— ner Feindin zu verbinden und ſie mir zu verpflichten?... Die Frage nach dem Bilde, die er doch an Herrn von Harder richten mußte, war er faſt geneigt, ſchon ganz fallen zu laſſen. In dieſen Betrachtungen fiel ſein Blick auf den Schrein, der auf der Seite ſeines Schreibtiſches an der Erde ſtand... Er erſchrak, daß ihm hier eine neue Demüthigung erwachſen konnte, wenn ſich Derjenige meldete, dem er gehören mochte. Heftig zog er jetzt die Klingel. ——ʒ—— ÿ— Einer ſeiner Diener erſchien und haſtig ihm anbefeh⸗ lend, daß er warten ſolle, ergriff er die Feder und ſchrieb: „Da die vielfach angeſtellten Bemühungen, ein auf der Landſtraße zwiſchen Angerode und der Reſidenz bei dem Dorfe Pleſſen gefundenes Frachtſtück an den rechtmäßigen Eigenthümer gelangen zu laſſen, verge⸗ bens geweſen ſind, ſo wird derſelbe hierdurch öffentlich aufgefordert, ſich beim Juſtizrath Schlurck in der alten Johanniter⸗Komthurei parterre links in den Frühſtun⸗ den bis neun Uhr zu melden.“ Nachdem er dieſe Zeilen mit Goldſand beſtreut hatte, übergab er ſie dem Diener und ertheilte den Befehl, ſie ſofort in die beiden Hauptzeitungen der Stadt ein⸗ rücken zu laſſen. Schließlich rief er ihm nach, jenes Erſuchen an ſeine Tochter auszurichten, das wir in Betreff des heutigen Abends und einer Vorſtellung bei Frau von Harder ſchon gehört haben. Unwillig ſtieß darauf Schlurck den Deckel von dem Schrein, den er mit ſeinem blanken Firnißſtiefel er⸗ reichen konnte... Der Deckel flog auf. Die alten vergilbten Papiere lagen noch wohlge⸗ ordnet, wie er ſie bei der eigenmächtigen und unver⸗ antwortlichen Oeffnung eines fremden Eigenthums vorgefunden hatte. alten 249 Er bückte ſich nieder und fing an, in ihnen zu blättern. Wer weiß, dachte er, welche neue Entwickelungen ſich aus dieſen wurmſtichigen Akten ergeben werden! Iſt es nicht, als ſtiegen Geiſter aus der Erde und ſchüttelten ſich noch einmal, um den Kampf mit den Lebenden zu beginnen? Wer wird der Kämpfer ſein, der dieſe Waffen führt? Wo ſind ſie gefunden wor— den, unter welchem alten Hünengrabe? Faſt glaub' ich, dem Schilde da fehlt doch wol ein Arm, der ihn führt, dem Roſſe da der Reiter: es ſind vielleicht nur alte Manuſcripte Dem, der ſie entdeckte; nichts Ande⸗ res! Daß er dann nie ihre Bedeutung erkennen möge! Ich verlöre den zweiten Arm, der mir arbeiten hilft, nachdem ich den erſten gelähmt ſchon an dieſen Acker⸗ mann hingeben mußte! Im bitterſten Unmuth wühlte Schlurck unter den Papieren und zerrte faſt an den Siegeln. Er überlegte, ob es beſſer wäre, dem Beſitzer, deſſen Anmeldung er jede Sekunde erwartete, einfach zu ge⸗ ſtehen, er hätte, um den Eigenthümer zu entdecken, die Kiſte öffnen laſſen, oder ob er ſie— das Schloß war durch ihn verdorben— mit einem neuen verſehen ſollte. Das Letztere war verdächtiger, als für ihn, einen Notar, einen Mann der öffentlichen Treue, das Erſte. 250 Auch auf den Gedanken verfiel er: Wie? Wenn der Eigenthümer durch dich erſt belehrt würde, welchen Gebrauch man von dieſen Papieren machen könnte? Wenn du dich anheiſchig machteſt, ihm zu einem gro⸗ ßen Reichthum zu verhelfen und er den Gewinn mit dir theilte? Indeſſen erſchrak Schlurck vor dem gefährlichen Scheitern eines ſolchen Planes und vor der Nothwen⸗ digkeit, ſich dadurch für immer das Patronat der Stadt zu verſcherzen, für deren Intereſſen er nicht nur die alten Häuſer und Grundſtücke verwaltete, ſondern auch in vielerlei anderer Hinſicht fruchtbrin⸗ gend beſchäftigt war. In dieſe quälenden Betrachtungen vertieft, zog er diejenigen Urkunden hervor, welche unſtreitig die wich⸗ tigſten der ganzen Sammlung waren. Es war zuerſt diejenige, in welcher der päpſtliche Stuhl den Ritter Hugo von Wildungen von ſeinem Ordensgelübde, kein Eigenthum zu haben, freiſpricht und ihm geſtattet, wie es darin hieß: quasi ex pallio sancto ab haereticis et latronibus dilacerato lum- bum suum suppliciter adimere et togae suae eques- tri juxta crucem immaculatam bona fide affigere, d. h. von dem durch Ketzer⸗ und Räuberhand gleich⸗ ſam zerriſſenen heiligen Mantel auch ſeinen Fetzen Wenn elchen unte? gro⸗ n mit lichen hwen⸗ t der nicht demuthsvoll anzunehmen und auf dem Ritterkleide neben dem unbefleckten Kreuze in gutem Glauben zu befeſtigen. Dieſe Urkunde war nöthig um zu beweiſen, daß Hugo von Wildungen das ihm zuerkannte Theil der großen Verlaſſenſchaft des Ordens wirklich antreten durfte und ſein früherer Proteſt auf dieſelben Gründe, die er für ihn angeführt hatte, auch aufgehoben wer⸗ den konnte. Seine Bereitwilligkeit, die ihm zuerkannten Häuſer und Güter von den proteſtantiſch gewordenen und ſich auflöſenden Brüdern anzunehmen, lag hier in dem Fascikel, das auf jene päpſtliche Urkunde folgte. Früher kannte man nur ſeinen Proteſt. Er war im Rathsarchive der Stadt niedergelegt und war die Hauptkraft des Beweiſes, daß der nächſte Herr an dieſen ſtreitigen Gütern die alte Kommune war; hier in dem Schrein lag nun des Ritters Zurücknahme jenes Proteſtes, unſtreitig mit dem päpſtlichen Dispens das wichtigſte Dokument! Beide alte Blätter hatte der Juſtizrath in der Hand, als es klopfte. Raſch ſtieß er den Deckel des Schreins und dieſen ſelbſt zurück und warf die Urkunden in ein Fach ſei⸗ nes Schreibtiſches. —— Der Eintretende war Probſt Gelbſattel... Schlurck und Gelbſattel verſtanden ſich ſehr gut... Es waren Menſchen, die eine ziemlich gleiche Lebens⸗ philoſophie hatten, nur daß ſie ſie anders ausſprachen. Die geſellſchaftliche Stellung und die äußere Eti⸗ kette ſeines Berufes beſtimmte den Einen, vorſichtiger und behutſamer zu ſein als der Andere, aber im Grunde kamen ſie faſt auf die gleichen Prinzipien zu⸗ rück und hatten ſich gern. Die kleine pietiſtiſche Färbung, die ſich Gelbſattel gab, ſtörte Schlurck nicht; denn er war gar nicht in dem Grade Neolog, wie man ſeiner frivolen Aeußer⸗ ungen wegen ſchließen mochte. Er hatte ſogar An⸗ fälle von Aberglauben, ja von Myſtik. Nur die kleinen hierarchiſchen Mucken, die Gelbſatteln zuweilen anflogen, ſeine jeweilige ſogar katholiſche Stimmung mochte Schlurck nicht leiden und zuweilen in der Ver⸗ traulichkeit der Loge, deren Brüder ſie waren, hatte er ihm oft ganz ſcherzhaft geſagt: Gelbſattel! Sie ſind ein heimlicher Jeſuit! Davon abgeſehen, ver⸗ trugen ſie ſich ſehr gut, billigten faſt Alles, was ſie wechſelſeitig mehr durch Andre, als unmittelbar von ſich ſelbſt erfuhren und hatten jetzt auch durch den Prozeß über die alte Johannitererbſchaft Berührungs⸗ punkte des gemeinſchaftlichen Intereſſes genug. gut... Lebens⸗ prachen. ere Eii⸗ nſichiger aber im ſpien zu⸗ elbſattel nicht in Aeußel⸗ gar An⸗ Nur die zuweilen timmung der Ver⸗ n, hatt el Si en, ve was ſii kbar vol urh del jhrunge⸗ . 253 In dieſer Angelegenheit war es auch, daß Gelb⸗ ſattel ſeinen Freund zu ſprechen wünſchte. Doch ſchickte er die zeitgemäße Frage voraus: Nun Freund, wie iſt es? Haben Sie Ausſicht in Schönau gewählt zu werden? Weder Ausſicht, ſagte Schlurck etwas erheitert durch dieſen immer anregenden Beſuch, weder Aus— ſicht noch Abſicht. Sie ergriffen die Gelegenheit doch mit ſo großer Lebhaftigkeit. Beim Deſſert, als wir Roſinen kauten und Man— deln knackten und einige Reubündler mir zu viel Cham⸗ pagner eingeſchenkt hatten. Die ruhigere Erwägung hat mir geſagt: Schlurck, bleib' vom Feuer! Verbrenn' dich nicht! Es ruinirt deine Praris und zwingt dich, mehr Charakter zu haben, als für deine Zufriedenheit brauchbar iſt! Aber Sie haben ſich doch beworben und einen einflußreichen Mann wie den Heidekrüger für ſich in Schönau werben laſſen! Hab' ich, ſagte Schlurckz aber der gerechte Ver⸗ walter meiner Angelegenheiten, dieſer treue negotiorum gestor, hat ſehr ungerecht an mir gehandelt. Er lobte mich und zeigte ſich im fremden Lobe ſo edel, ſo un⸗ —,— 254 eigennützig, daß man ſeinen Edelmuth und ſeine Ent⸗ ſagung bewunderte und ihn, den Edeln und Entſagen⸗ den, nun ſelber wählen wird. Seine Rede ſoll ein Meiſterſtück bäuriſcher Verſchlagenheit geweſen ſein, ein Seitenſtück zu des Antonius berühmter Rede gegen den Brutus am Leichnam des Julius Cäſar. Wenn Sie denn durchaus keine Neigung mehr haben, als Bewerber aufzutreten, ſagte Gelbſattel lächelnd, ſo iſt wenigſtens ſo viel erfreulich, daß in Juſtus ein liberal⸗konſervativer Mann gewonnen wird... Richtig, ſagte Schlurck, das iſt ſo eine Art höl— zernen Eiſens, wie es unſre Zeit braucht. Liberal⸗ konſervativ! Es iſt mir immer ſo, wenn ich Das höre, als wenn mir Einer künſtliche Artiſchocken aus Schweinsohren geformt vorſetzt. Man bewundert den Koch, nicht die Natur, und läßt die Schüſſel ſtehen. Uebrigens werden Sie erleben, daß dieſer große Cha⸗ rakter, der ſchon funfzehn Jahre lang durch ſeine Neckereien die Regierung beſchäftigt hat, zuletzt doch in ein Ertrem fällt und in dem Falle, daß er Mi⸗ niſter des Ackerbaues werden kann, ganz rechts, in dem Falle, daß man ihm irgendwo die Pferde aus⸗ ſpannt, ganz links wird. Verlaſſen Sie ſich darauf! Oder er betrifft ſich einmal bei einer unerwarteten ◻ eine Ent⸗ Entſagen⸗ ſoll ein ſen ſein, de gegen ng mehr Gelbſattel ich, daß ewonnen Att hö⸗ Liberal el ſtehen. oße Cha⸗ ich ſein lezt doch „„ Mi er 2 echts, l erde aue Hdarau rwarteen 255 kleinlichen Dummheit und verkrümelt ſich in's Unbe⸗ deutende. Sie hätten ſelbſt auftreten und ſich perſönlich be— werben ſollen, ſagte Gelbſattel. Ihre natürliche Art beſticht die Menſchen. Ein glücklich hingeworfener Scherz wirft den Effekt einer ganzen pathetiſchen Rede um. Man hatte im Wahlkomite des Reubundes ſo ſicher auf Sie gerechnet... Machen Sie noch immer dieſe abgeſchmackten Späße mit? fragte Schlurck, der nun einmal in ſeine negative Art hineingekommen ſchien und ſeine Verdrieß⸗ lichkeit auspolterte. Iſt auch Das nicht Unſinn? Iſt da ein Zuſammenhang mit der geſunden Vernunft? Sieht man dieſen Menſchen nicht allen an, daß ihnen die Geſinnung aus dem Magen kommt? Wenn ich der Monarch wäre, ich verböte dem Volke ein ſolches Treiben! Unſer Staat muß die Initiative des Verſtandes, nicht die der Dummheit haben. Der König muß in ſeiner Bildung viel, viel weiter ſein als ſeine dummen Bürger. Kann Das ein gutes Beiſpiel wecken? Wahrlich, wenn ſich das Miniſterium auf den reak⸗ tionären Wahnſinn der Beamtenweiber ſtützen will, iſt es verloren. Die erſte kräftige, geſunde Idee eines ſtarken Kopfes bläſt es im Nu um und wenn es von allen Bajonnetten der Welt geſtützt würde! 256 Sie ſehen ſehr ſchwarz, ſagte Gelbſattel ſchlau lächelnd. Doch theil' ich Ihre Misachtung vor dem Reubunde, von dem ich mich zurückziehen werde. Es iſt in der That nichts daraus geworden als eine großartig organiſirte Gelegenheit zu Bällen und zu Verheirathungen. Unter dem Vorwande der Ge⸗ ſinnung drängt ſich jeder Familienvater hinzu, der eine Tochter zu vergeben hat und nicht hoffen kann, in eine feinere Reſſource oder das große Caſino auf⸗ genommen zu werden. Ach, es lebe das Menſchliche! fiel Schlurck mit komiſchem Seufzer lachend und doch ärgerlich ein. Es lebe die Naivetät der praktiſchen Bedürfniſſe! Sokrates, Chriſtus und ihr Alle, die ihr geſtorben ſeid, um dem Menſchen einen erhabnen Gedanken aufzuſtellen, lehrt, was ihr wollt, der Menſch weiß alle eure Himmel ſich immer wieder zur Erde herab⸗ zuziehen und ſeine liebenswürdigſten Armſeligkeiten in euren Paradieſen unterzubringen! Geben Sie mir eine Prieſe von Ihrem Macuba, Gelbſattel! Gelbſattel zog eine der Schlurck'ſchen ähnliche Doſe hervor. Beide tauſchten ihren Taback. Denn Gelb⸗ ſattel nahm aus Schlurck's Doſe. Schlurck aus Gelb⸗ ſattel's. Beide wollten ſich damit ein Zeichen ihrer Freundſchaft geben. el ſchlau vor dem nzu, dei fen kann, ſino auf⸗ lurck mit tlich ein dürfniſſe geſtorben Gedanken nſch waß de herah 9 mir ein ſiche Do n Gel nus Gl chen il keiten in Ueber dieſen Austauſch lächelten Beide. Treiben Sie noch immer ſo ein bischen Myſti— cismus? ſagte Schlurck. Freund, ich weiß, warum Sie mit dem Reubunde nicht mehr zufrieden ſind. Er ſchien Ihnen anfangs eine gewiſſe hierarchiſche Form anzunehmen. Er hatte ſo etwas von einem offnen Maurerbunde. Was? Und nun hat es ſich erwieſen, daß außer einigen reſpektablen, aber unzurechnungs⸗ fähigen militäriſchen Elementen und einem horriblen Maximum von beſchränktem Unterthanenverſtand das abſolut Leere in ihm ſteckt. Gedanken blieben fern. Das iſt ſchlimm für Euch Jeſuiten; denn wo Jeſuiten wirken ſollen, muß es Gedanken geben. Gelbſattel lachte wiederholt über die Jeſuiten und nahm dieſe Bemerkungen im vollen Einverſtändniſſe harmlos und ſcherz-ernſthaft auf. Ja, ſagte er, Das mag es ſein. Ihre Jeſuiten⸗ riecherei, die Sie noch aus Ihrer alten Leipziger Schule haben, beſter Freund, laſſ' ich dahingeſtellt, aber Ge⸗ danken müſſen die Menſchen regieren; die bloßen Ge⸗ fühle ſind mir nur dann nutz, wenn Gedanken ſie zu regeln wiſſen, und das Syſtem, das nur aus der rohen Geltendmachung der Intereſſen entſteht, das ver⸗ acht' ich vollends. Dieſe Landräthe und reaktions⸗ tollen Subalternen haben wirklich keine Gedanken. Die Ritter vom Geiſte. III. 17 —— Was läßt ſich darauf pfropfen? Man hat in lächer licher Weiſe für den Reubund etwas von uns Mau⸗ rern entlehnt, aber wiſſen wir ſelbſt ſchon nicht, was wir von unſrer Symbolik Vernünftiges zu halten haben, was ſoll unter ſo oberflächlicher Nachahmung entſtehen? Sie ſprechen von den Jeſuiten! Können Sie läugnen, Freund, daß in dieſer Geſellſchaft, mag man nun ihre Tendenz auch noch ſo ſehr verwerfen, doch eine große Kunſt der Organiſation und eine Vitalität, eine Lebenskraft liegt, die jeden Menſchen⸗ kenner mit Reſpekt erfüllen muß? Ohne Widerrede! ſagte Schlurck und meinte Dies mit aufrichtiger Uebereinſtimmung. Und iſt nicht das Ziel, fuhr Gelbſattel erwärmter und geſteigerter fort, iſt nicht das Ziel dieſes Ordens in der That das zeitgemäßeſte, das man ſich denken kann, wenn man erwägt, wie die Uebergriffe des Staates grade erſt durch den Sieg des Liberalismus immer gewaltiger, immer nüchterner, roher werden müſſen? Und die Kirche! Was erleben wir auf dem Ge⸗ biete unſrer Kirche? Die innere Miſſion ſogar unter⸗ wühlt jetzt ihren Beſtand, die innere Miſſion iſt unter dem Scheine der Frömmigkeit und der Mehrung des Gottesreiches die eigentliche Demagogie der Kirche, die ſich liebedieneriſch an den Staat lehnt und Das, was lächer⸗ 3 Mau⸗ ht, was halten ahmung Können aft, mag erwerfen, nd eine enſchen⸗ nte Dies wärnten Ordens hdenken iffe des alismus weldel dem Ge er untel⸗ iſt unten ung des erche, d s, w bisher für Kirche gegolten hat, unſre Gemeinden, unſre Beichtſtühle, unſre praktiſche Seelſorge in die Luft ſprengen wird. Schlurck hörte aufmerkſam zu.... Aber ich will auf den Staat zurückkehren, ſagte Gelbſattel immer erhitzter. Nehmen Sie doch nur unſern eignen Fall! Ich gelte für einen Mann vom konſervativſten Waſſer und bin es, und predige in dieſem Geiſte. Die ältere Zeit, die nun vorüber ſein ſoll, erlaubte, daß eine gewiſſe Kirchlichkeit bei allen öffentlichen Angelegenheiten beſcheiden mitſprechen durfte. Die Periode iſt vorüber. Ich mache theoretiſch für die Kirche nichts, gar nichts geltend, als einen ge⸗ wiſſen Einfluß auf die Stimmung der Gemüther, aber um dieſen zu behalten, kann man da ruhig ertragen, daß in dieſem politiſchen Wirrwarr jede höhere geiſtige Frage als nebenſächlich betrachtet wird und die Mi⸗ niſterien, wenn ſie's nicht mit der innern Miſſtons⸗ wühlerei halten, rein nur noch Triebräder der gedan⸗ kenloſeſten Geſchäftsroutine werden? Dieſe übermäßige Verweltlichung erzeugt eine Iſolirung der geiſtigen und geiſtlichen Intereſſen, die ſo nicht fortdauern kann. Das abſolut konſtitutionelle Syſtem iſt der Tod der Menſchheit. Die leerſten, erbärmlichſten Dinge wer⸗ den auf die Ordnung des Tages geſetzt: alles Große 174 vergangener Zeiten gilt für nichts mehr in dieſen Kam⸗ mern, wo Bauern, Pächter, Schreiber, Gaſtwirthe über das Staatsleben zu Gerichte ſitzen. Was ſind wir denn noch? Was gelten wir denn noch? Soll die Geiſtlich— keit nur Bibeln austheilen, nur Magdalenenſtifte be⸗ ſuchen und ſich mit dem Kehricht der Menſchheit be⸗ faſſen? Nein, mein Freund, mag man von den Jeſuiten ſagen was man will, ſie haben ſich die Aufgabe ge— ſtellt, die geiſtige Herrſchaft der Kirche aufrecht zu erhalten und den Menſchen als Menſchen zu retten, ihn nicht im Staate, im Betkämmerlein oder irgend einer andern Gemeinſchaft mit Gott oder der Welt zu Grunde gehen zu laſſen, und wenn der dumme Reubund auf eine ſolche tiefe Idee ſich hätte erbauen können, dann wäre etwas mit ihm geworden, während er jetzt die Stelle der Heirathsbureaux vertritt und die Po⸗ litik nur verwirrt, ſtatt vereinfacht. Schlurck wich von dieſer Auffaſſung unſtreitig ſehr ab. Doch gehörte es zu ſeiner Art, daß er jedesmal, wenn er Jemanden von einer Idee recht warm er⸗ faßt, ſo flammend durchglüht ſah, ſogleich aufhörte ſie zu bekämpfen. Denn er wußte, daß ein ſolcher Kampf dann vergebens iſt; ja er ſcheute ſich ſogar vor Allem, was zu ernſt und zu ſchwer auftrat, und ſo begnügte er ſich auch hier mit den einfachen Worten: en Kam⸗ tthe über wir denn Heiſtlich⸗ tifte be⸗ hheit be⸗ Jeſuiten gabe ge⸗ frecht zu u retten, tirgend Welt zu Reubund können, d er jeh die Po eitig ſeht edesmal varm el⸗ aufhötte in ſolche ich ſoga rrat, un Worten dlt 261 Sehr wahr! Sehr wahr! Gelbſattel, nun einmal im Zuge, fuhr, durch die ſcheinbare Zuſtimmung ermuthigt, fort: Welche Anmaßung dieſes herzloſen, kaufmänniſchen Miniſteriums, das wir jetzt halten und gegen die Demokratie ſchützen ſollen, der Prozeß, den Sie für die Stadt führen! Man macht Anſprüche geltend, als handelte es ſich um einen alten, durch Böswilligkeit oder Nepotismus unbezahlt gebliebenen Steuerreſt! Immer nur der Staat! Immer nur dieſes gefräßige Ungethüm, das ſeine tauſend Polypenarme, die wie⸗ derum mit tauſend Saugwarzen bewaffnet ſind, überall hinausſtreckt, überall das Mark jedem Lebenden ent⸗ zieht und nichts duldet, was nach ſeiner eignen Ver⸗ faſſung leben mag. Der Hof billigt nicht einmal den Prozeß gegen die Kommunez aber der Hof iſt ſelbſt bei der freundlichſten Geſinnung viel zu ſchwach, um dieſe Bankiers und Advokaten, die jetzt das Ruder führen, in ihren Unternehmungen zu verhindern. Man hat die Hofkammer zu einem vollſtändigen Prozeß gegen uns inſtruirt und ich bin jetzt begierig zu hören, beſter Freund, wie dieſe Dinge ſtehen. Schlurck rückte ſeine Brille in die Höhe, wie immer, wenn er ſcharf ſehen wollte. Die zweite Kurie der Hofkammer, ſagte er, hat 262 uns alle nur erdenklichen ſcheinbaren Rechtsanſprüche zugeſandt! Hier liegen ſie... Er zeigte dabei auf ein Konvolut Schriften, das in einem der Schubfächer ſteckte. Sie ſind, fuhr er fort, der Hauptſache nach ſchon vor funfzig und aber funfzig Jahren geprüft und wenn nicht unhaltbar gefunden, doch durch dazwiſchen ge⸗ tretene größere Ereigniſſe unbenutzt geblieben. Jetzt will man nun Ernſt damit machen und verlangt ent⸗ weder die reale Ueberweiſung aller jener Liegenſchaf⸗ ten oder eine Art Abkauf in Form einer von der Stadt zu emittirenden Schuldverſchreibung im Werthe von zwei Millionen. Man will zwei Millionen Thaler Papierſcheine, die man nicht den Ständen zu moti⸗ viren braucht, mehr in Cours ſetzen. Das iſt das ganze Manöver, zu dem die Kämmerei-Kaſſe etwa 50,000 Thaler, um allenfallſige Realiſirungen der Scheine bewirken zu können, deponiren müßte. Was ſagen Sie! Ich finde darin nichts als eine arge finan⸗ zielle Plusmacherei. Würdig der Erfindungsgabe unſres jetzigen Finanz⸗ miniſters, rief Gelbſattel. Würdig der Theorie vom Staate als einem nimmerſatten Vielfraß! Glauben Sie ernſtlich, Schlurck, daß eine ſolche Operation durchgeht, von den Schöffen und Beigeordneten mſprüche ten, das ah ſchon nd wenn ſchen ge⸗ n. Jett mggt ent⸗ genſchaf⸗ von der nWetthe en Thalet zu wot⸗ n Finan⸗ orie voll Glauben Operate eotdient der Stadt gutgeheißen wird? Ich glaube es nicht! Eher würde man die Liegenſchaften ſelbſt abtreten und emeſſen Sie, welche Nachtheile dann für Die damit verbunden ſind, die auf den Ertrag derſelben angewieſen leben! Sie würden dies Haus zu ver— laſſen haben, ich ſelbſt würde in meinen beſten Ein⸗ künften geſchmälert werden und eine Menge der nützlichſten ſtädtiſchen Einrichtungen geriethe in's Stocken, wenn z. B. nur die Miethen ausblieben, die Sie von den Johanniterhäuſern zu verwalten haben, die Grundzinſe hier und auswärts gar nicht zu rechnen... Es iſt ſo ſchlimm, ſagte Schlurck, daß leider der Kläger und Richter hier faſt in einer Perſon auftritt, Der Staat klagt und der Staat entſcheidet.. Iſt der Staat wirklich auch ſchon in den Richtern? rief Gelbſattel immer erhitzter. Iſt es ſchon ſoweit, daß auch die Gerechtigkeit nicht mehr eine eigene unab⸗ hängige Inſtitution iſt? Nein, vom höchſten Gerichts⸗ hofe des Landes kann, ſoll man Das nicht ſagen. Und es freut mich, Ihnen mittheilen zu können, daß ſich der alte Obertribunalspräſident für dieſe Angelegen⸗ heit intereſſirt. Hat ſie denn einen Zuſammenhang mit der Zoo⸗ logie? fragte Schlurck lächelnd. Wie Sie's nehmenl! erwiderte Gelbſattel. Einen Zuſammenhang mit der Loge hat ſie. Mit der Loge? fragte Schlurck erſtaunt. Unſer Großmeiſter mag im Grade der eleuſiniſchen Geheim⸗ niſſe ſtehen, ich kenne ſie nicht und hab's in unſrer edlen Kunſt nicht weiter gebracht als bis zum erſten gehobenen Iſisſchleier, aber was dieſer Prozeß mit der Loge zu thun hat, begreif' ich nicht... Mit der Loge wol auch zunächſt nicht ſelbſt, ſagte Gelbſattel. Aber mit ihrer Geſchichte, wenigſtens mit derjenigen Geſchichte der Loge, für die der alte Herr ſchwärmt. Sie wiſſen, daß er zu Denen gehört, die unſre Kunſt wirklich aus urälteſten Zeiten herleiten— Ah ſo! Aus den egyptiſchen, wo man die Pyra⸗ miden zu Ehren der Katzen baute, in denen der alte Narr göttliche Offenbarung erblickt... Er ſieht in der Maurerei, ſagte Gelbſattel, orien— taliſche Tradition, die wir im Abendland der Vermitt— lung der Kreuzfahrer, beſonders aber der Tempel⸗ herren, verdanken... Haben die Tempelherren auch Katzen verehrt? Sie haben es nach vielen Zeugniſſen! ſagte Gelb⸗ ſattel nickend und ganz ernſt. Hören Sie! rief Schlurck jetzt, indem er lachend und wieder ganz erheitert aufſprang, ſo ſoll mir Einen Unſer Heheim⸗ unſrer erſten mit der ſagte ns mit e Herr ört, die iten— Pyra⸗ er alte orien⸗ ermitt⸗ enpel⸗ rt? Gelb⸗ achend nit 265 Einer jetzt die größte Thorheit erzählen und mir auf⸗ binden, es gäbe Menſchen, die ſie für Weisheit hiel— ten, ich glaube es! Wenn die Katzen mit unſerm Prozeß in Verbindung ſtehen, ſo nehm' auch ich an Begeiſterung für ihn zu, denn alle Miether der Johan⸗ nishäuſer klagen über das beiſpielloſe Vermehren der Mäuſe und Ratten ſo ſehr, daß Keiner mehr aus⸗ hält, wenn ich nicht vierteljährig einen Kammerjäger dort auf die Jagd ſchicke. Ja noch mehr, ſagte Gelbſattel, ich hege die Ver⸗ muthung, daß der Obertribunalspräſident ſchon aus eigenem Antriebe dem hiſtoriſchen Zuſammenhang dieſes Prozeſſes nachforſcht! Ein junger Referendar, der in der zweiten Kurie der Hofkammer, alſo in unſerm Prozeſſe arbeitet und zufälligerweiſe ein Nachkomme des Rit⸗ ters Hugo von Wildungen iſt, dem urſprünglich dieſe Güter ſollen gehört haben, hat ſich im alten Tempel⸗ hauſe von Angerode eine eigenmächtige Unterſuchung des dort ſeit undenklichen Zeiten vermauerten Archivs erlaubt, was ohne Zweifel nur im Auftrage der Ge— richte geſchehen iſt. Schlurck, der ſich wieder geſetzt hatte, horchte hoch auf... Die Brille ſchob ſich noch höher. Der neue Pfarrer von Angerode, erzählte Gelbſat⸗ tel, hat mir dieſe Thatſache angezeigt. Man hat der Wittwe des verſtorbenen Pfarrers die Nutznießung der alten Amtswohnung in dem dortigen ehemaligen Tem⸗ pelhauſe gelaſſen und ihr neuerdings auch noch in einem Anbau Räumlichkeiten zugewieſen. Nach einem Jahre hat dieſe Frau die Amtswohnung zu verlaſſen und es iſt dem Nachfolger ihres Mannes nicht zu verdenken, daß er ſich ſchon jetzt nach der Beſchaffenheit ſeiner künftigen Wohnung umſah. Man entdeckte dabei, daß der Sohn jener Wittwe, ein junger hier lebender Referendar, ob abſichtlich oder zufällig iſt unbekannt, das alte Archiv des proteſtantiſch gewor⸗ denen Johanniterordens wieder auffand und einen mit Dokumenten gefüllten Schrein hierher mitgenom⸗ men hat... Schlurck, in der größten Spannung den Worten des Propſtes folgend, unterbrach Gelbſatteln mit dem Ausrufe: Einen Schrein? Mit dem Zeichen des Kreuzes auf dem Deckel, wie Beobachter verſichern... Mit einem Worte hier— dieſen Schrein? Gelbſattel blickte erſtaunt zur Erde nach der dunkeln Gegend hin, wohin Schlurck in der gewaltigſten Auf— regung halb mit der Hand, halb mit dem Fuße gezeigt hatte.. zung der en Tem⸗ noch in h einem verlaſſen nicht zu affenheit entdeckte ger hier llig iſt gewor⸗ d einen genom⸗ Worten nit dem Deckel dunkeln 1 Auf⸗ gezei 267 Himmel, rief er, das Kreuz auf dem Deckel er⸗ kennend, wie kommen Sie zu dem alterthümlichen Fund? Das Zeichen der proteſtantiſchen Ritter von Angerode! Die vier Blätter des Kleeblatts an den Flanken des Kreuzes! Wäre dies gelbe Papier da auf dem Tiſch ſchon ein Dokument, das zu den Akten unſres Prozeſſes gehörte? Schlurck hielt die Hand auf dem Papier, das Gelbſattel eben nehmen wollte... Sein erſtes Gefühl bei dieſen Mittheilungen war das der Freude. Er ſah endlich einen Zuſammen⸗ hang für den Urſprung ſeines Fundes und eine Mög⸗ lichkeit, ſeine unredliche Verheimlichung deſſelben auf einen leicht zu entſchuldigenden Weg der Ausrede zurückzulenken... Als der Propſt in ihn drang, ihm genauere Aus⸗ kunft zu geben, wog er ihm langſam die Worte zu: Gemach! Gemach! Erſt ſagen Sie mir: Wer iſt dieſer Wildungen? Gibt es alſo wirklich einen Bruder des Malers Wildungen? Was ich vor einigen Tagen ſchon hätte unterſuchen ſollen, als ich an Bartuſch.... Es gibt deren zwei, unterbrach Gelbſattel mit einem eignen Ausdruck forſchender Ungeduld die Vor⸗ würfe, die ſich der Juſtizrath über ſeine Sorgloſigkeit in ſo wichtigen Dingen machen wollte... Von einem Maler hört' ich, ſagte Schlurck. Hat er alſo wirklich einen Bruder? Einen jüngern, berichtete der Propſt, aber einen an Scharfſinn und Unternehmungsgeiſt dem Aeltern weit überlegenen. Wie kommen dieſe Wildungen nach Angerode? fragte Schlurck zerſtreut. Er dachte nur an Egon, an den Heidekrug, an ſeinen Brief, an Melanie... Durch ihren Vater, der dort die Stadtpfarrei vor einigen Jahren antrat und ſeit einigen Monaten nicht mehr lebt, erzählte Gelbſattel. Dieſer Mann iſt in meine früheſte Jugendzeit verwickelt. Man konnte uns Freunde nennen, wenn wir uns nicht um eines Mädchens Willen überworfen hätten. Eine gewiſſe Julie Rodewald war der Zankapfel, der zuletzt zu ihm hinüberflog. Es war ein wunderlicher, gräm⸗ licher Mann, den die Ehe mit dem Mädchen, das wir Beide liebten, nicht heiter ſtimmte. Er verſauerte und verbauerte in Thaldüren, einem thüringſchen Gebirgs⸗ dorfe, wo man ihn als Pfarrer ließ, weil er zu einer beſſern Stellung kaum paßte. Bald Pietiſt, bald Rationaliſt, bot er dem Konſiſtorium kein klares Bild, keinen Henkel, ſchrieb ich ihm einmal auf ſeine ewi⸗ gen Klagen um Verbeſſerung, um ihn anzufaſſen. Auf einer Rundreiſe durch ſeine Gegend wollt' es die k. Hat einen an ern weit gerode? n Cgon, nie.. rrei vor en nicht niſ in konnte m eines gewiſſ uletzt du gräm⸗ das wit erte und Gebirgs⸗ zu eine ſt, bah res Bid eine ew. mzͤfaſin 3 e R Amtspflicht, daß ich bei ihm vorſprach. Er wurde heftig. Er ſagte mir die bitterſten Dinge und nannte ſenie Ehrlichkeit den Henkel, an welchem ihn freilich die Lügner nicht zu faſſen wagten. Auf ſo wildes Reden hin that man beſſer, ihm die nächſte Vacanz zu geben. Er bekam ſie nach Angerode als Stadtpfarrer und ſtarb, in den kaltgründigen alten Zimmern des Tempelhauſes ſehr bald nach der Ueberſtedelung. Von der Univerſität und aus Schulpforte her, wo ich, Wildungen, Rodewald und ein gewiſſer Rudhard Kon⸗ tubernalen waren, weiß ich, daß dieſe Wildungen von dem Johgnniter Hugo von Wildungen ſtammen und oft Iaſſd mir, wenn ſich gewiſſe Urkunden fänden, könnte ein überreicher Mann ſein. Ich geſtehe, daß ich ſpäter, da mir die Gegenſtände ſeiner etwaigen Anſprüche ſelbſt ſo wunderbar zur Bedingung meiner eigenen Eriſtenz wurden, mit einem gewiſſen ſonder⸗ baren Mistrauen ihn nach Angerode ziehen ſah. Wie nun, wenn ſein Sohn, auf Veranlaſſung des Pro⸗ zeſſes, in dem er arbeitet, in Angerode Nachforſchungen gehalten hat, die mit Entdeckung eines eingemauerten Archivs endeten? Ich habe ſogleich Auftrag gegeben, dort weitere Unterſuchungen anzuſtellen und bin er— ſtaunt, bei Ihnen ſchon die Spuren dieſes unerwar⸗ teten Incidenzfalles anzutreffen. —— Schlurck lächelte und ſagte: Beſter Freund, Sie nehmen mir eine große Laſt vom Herzen. Dieſes alte Ding da iſt auf nicht ganz oſtenſible Art in mein Haus gekommen; aber wenn ich dabei etwas verbrach, ſo entſchuldigt mich der Eifer für unſer gemeinſchaftliches Intereſſe. Ich will Ihnen dieſe Sache erzählen. Gelbſattel's Neugier wurde durch eine Unter⸗ brechung geſtört.... Bartuſch war eingetreten und flüſterte ſeinem Prin⸗ zipal in's Ohr, daß der Amerikaner da wäre... Rechnen Sie mit ihm, ſagte Schlurck. Führen Sie ihn oben in ein anſtändiges Zimmer! Zählen Sie ſeine Kaution und ſtellen Sie ihm Scheine dafür aus ſoviel er will, ich werde ſie unterſchreiben. Den Knaben kann ja Melanie unterhalten... Bartuſch nickte und ging, die Hand voller Papiere.... Es währte einige Sekunden, bis Schlurck den unangenehmen Eindruck dieſer Unterbrechung über⸗ wunden hatte. Dann erzählte er dem aufhorchenden Freunde: Ich war vor etwa acht Tagen in Hohenberg. Die Theilhaber der fürſtlichen Maſſe hatten ſich dort verſammelt und nach den bittern Betrachtungen des Tages folgten Abends geſellige Tröſtungen und Er⸗ oße Laſt icht ganz er wenn nich der Ich will Unter⸗ m Prin⸗ Führen Zählen ine dafüt en. Den piere. urck den 1g über orchenden ohenberg ich in ngen de und Er 271 heiterungen, ſo gut es gehen wollte. Ein kleiner Ball hatte ungewöhnlich ſpät gedauert. Das ſchöne Mon⸗ denlicht verführte mich, eine Dame, die ich ſehr ſchätze, nach Hauſe zu begleiten, und, wie geſagt— Schlurck fuhr ſich mit der Hand an den Hinter⸗ kopf, wie er pflegte, wenn er eine künſtliche Verle⸗ genheit ſchildern wollte, ſtrich das wenige dort ſauber gelegte Haar glatt und warf die Brille wieder auf ſeine frivol die Oeffnungen aufblaſende kleine Stumpf— naſe... Nun— nun— unterbrach Gelbſattel ſchelmiſch dieſe ſonderbare Gebehrdenſprache. Sie verweilen ja ſehr lange bei der Dame im Mondenſchein.... Nicht im Mondenſchein, fuhr Schlurck fort, dafür ſind wir nicht mehr romantiſch genug; genug, es war über zwei Uhr, als ich wieder aus dem Dorfe Pleſſen zum Schloß zurück will. Komm' ich da an eine Schmiede, die am Fuße des Berges liegt, und ſehe, daß einem Güterwagen eben die Achſe gebrochen iſt. Der Fuhrmann hatte ohne Zweifel der Hitze wegen in der Nacht fahren wollen und war etwas im Schlaf geweſen. Genug, der Arme lag halbtodt unter dem Rade, deſſen gebrochene Felgen glücklicherweiſe nicht mehr von der ganzen Kraft des nicht übermäßig be⸗ packten Wagens gedrückt wurden. Das laute Winſeln 272 eines gleichfalls verletzten Hundes, mein eignes Ru⸗ fen weckte die Leute in der Schmiede. Man trug den Fuhrmann hinein und entleerte etwas den Wagen, um ihn leichter zur Verbeſſerung des Rades in die Höhe ſchrauben zu können. Bei dieſer Gelegenheit entdeckt' ich, als ich eben übermüdet zum Schloſſe hinaufſteigen will, einen Gegenſtand unter den aus⸗ gepackten Sachen, der mich wahrhaft überraſchte.. dieſen alten Schrein! Es war das Kreuz mit den vier Kleeblättern in ſeinen Enden! Unſer Prozeß im neuen ernſten Beginnen, die Wichtigkeit der daran ſich knüpfenden Verhältniſſe, Befremden über dieſe ſelt⸗ ſame Erſcheinung des proteſtantiſchen Johanniterkreu⸗ zes von Angerode, eine Art von Aberglauben über die Weisheit des Zufalls, alles Das beſtimmte mich, die Bewohner der Schmiede zu veranlaſſen, den Schrein bei Seite zu ſtellen, wieder aufzupacken und dem Fuhrmann, wenn er ſich erholt hätte, das Geſchehene a tout prix zu verſchweigen. Nachdem ich mich über den Fund orientirt hatte, konnte man ihn ja unter irgend einem Vorwande dem Beſitzer wieder zuſtellen. Gingen die Bewohner der Schmiede auf dies ris⸗ kante Anſinnen ein? fragte der Probſt erſtaunt, und waren Sie ihrer ſo gewiß... Ich hatte mit einem alten Manne zu thun, der Ines Ru trug den zVagen es in die elegenhei Schloſſe den aus⸗ rraſchte mit den grozeß im der daran dieſe ſelt nniterkreu uben ubel mte mich en Schral und der geſchehen mich übe ja unte rzuſtelen dies ui aunt, un thun, 273 blind iſt, ſagte Schlurck, und ſeinem Sohne, der an Taubheit leidet. Meine Amtswürde nahm ich zu Hülfe und wußte ihnen begreiflich zu machen, daß es ſich hier um eine wichtige Entdeckung im Intereſſe des Staates handelte. Sie trugen mir den Schrein an einen verborgenen Ort. Kaum hatt' ich einige Stun— den geſchlafen, als der alte Schmied ſich von dem jungen zu mir hinaufführen ließ und um Gotteswillen bat, ihnen zu erlauben, den Schrein herauszugeben, der Fuhrmann gebehrde ſich wie raſend, an dem Schrein läge mehr, als ein Menſch ahnen könne... denken Sie ſich! Je mehr ſie baten, deſto mistrauiſcher wurd' ich natürlich und zuletzt beſtand ich darauf, daß der Schrein nur noch für mich exiſtire, und unverrichteter Sache ſtiegen ſie wieder hinunter... Gelbſattel ſchaltete hier erſtaunend wieder die Be⸗ merkung ein: Das brachten Sie mit Ihrem einfachen Befehl zu Wege? Doch nicht! ſagte der Juſtizrath. Ich ergriff ein mir glücklicherweiſe zu Gebote ſtehendes Mittel, den Alten zum Schweigen und unbedingten Gehorſam zu bringen. Ich raunte ihm ein paar Worte zu, die ihn ſo erſchreckten, daß er zu Allem bereit war und mir Die Ritter vom Geiſte. III. 18 2 den Schrein ſo lange bewahrte, bis ich ihn auf mei⸗ nen Wagen lud und mit ihm hier ankam. Ein paar Worte? fragte Gelbſattel erſtaunt lä⸗ chelnd. Sie ſind ja ein wahrer Zauberer! Lehren Sie mich doch auch ſo inhaltsſchwere und mächtige Worte! Ich erinnerte die Leute, antwortete der Juſtizrath, einfach an eine alte Geſchichte, in der der Vater eine Rolle geſpielt hatte, für die ihm noch für den Reſt ſeines Lebens eine gewiſſe fatale Belohnung gut iſt, wenn man ihn entdeckte... Sie Allwiſſender! bemerkte Gelbſattel kopfſchüttelnd. Vielerfahrener! antwortete Schlurck. Ich ließ den Schrein hier öffnen und fand darin Papiere, die mit unſerm Prozeß auf's innigſte zuſammenhängen. Daß dies jener Gegenſtand iſt, den man in Angerode ver⸗ mißt, ſcheint mir unwiderleglich. Es frägt ſich nur, ob die Regierung ſelbſt oder die zweite Kurie jene Un⸗ terſuchung anordnete oder ob der junge Mann, den Sie erwähnen, ganz aus eigenem Antriebe auf dieſe Ent⸗ deckung kam. Jedenfalls hab' ich jetzt das Recht zu ſagen, ich hätte einen geraubten Gegenſtand bei einem Hehler entdeckt und es für meine Pflicht gehalten, ihn mir bis auf Weiteres anzueignen.. Werden Sie dieſe Wendung unterſtützen? — auf mei aunt lä Lehren mächtige uſtizrath ater eine Reſt den en. Nh erode ve ſich nu n 11 T jene! 2 „ den E dieſe En Recht dl bei einen alten, ihr STije jeſe Sie d 275 In einer ſo wichtigen Sache? ſagte Gelbſattel. Ohne Widerrede! Meldet ſich jetzt jener Wildungen, fuhr der Juſtiz⸗ rath wahrhaft aufathmend und herzerleichtert fort, ſo verweigern wir ihm noch obenein die Auslieferung. Eine Anfrage in der Zeitung hat meinerſeits dann nur den Zweck gehabt, hinter eine unerlaubte Aneig⸗ nung zu kommen. Wir geben den Inhalt des Schreins zu den Akten... Und was glauben Sie, fragte Gelbſattel geſpannt, was glauben Sie, daß durch dieſe höchſt wahrſchein— lich in beſtimmter Abſicht verborgen gehaltenen Doku⸗ mente bewieſen werden könnte? Nach flüchtiger Durchſicht, ſagte Schlurck ruhig, ſprechen ſie weder für uns, noch für die Regierung. Eher möcht' ich glauben, daß der Auffinder deſſelben eine perſönliche Abſicht hat. Er erſchien bald darauf in Pleſſen und forſchte mit Leidenſchaftlichkeit nach der Art, wie jenes Frachtſtück verloren ging. Meine Schmiede ſcheinen nicht Wort gehalten zu haben; denn zu meinem Erſtaunen äußerte er, über den Ver⸗ luſt ſelbſt beruhigt zu ſein. Er wiſſe, daß ich den Schrein beſäße. Auf der andern Seite iſt es auf— fallend, daß Viele behaupten, der Forſcher nach dem Schrein wäre der Prinz Egon geweſen. 18* Prinz Egon von Hohenberg? fragte Gelbſattel erſtaunt. Der junge Hohenberg! beſtätigte Schlurck. Wie wäre Das? Er ſoll ja heftig erkrankt ſein, er⸗ zählte man. Die Aerzte fürchten ein Nervenfieber. Ein Zu⸗ ſammenhang des Prinzen mit jenem Wildungen, den Sie erwähnen, iſt mir gewiß, ja ganz feſt bewieſen. Welches aber der Zweck dieſer Verbindung iſt, wie er mit einer Reiſe jenes Wildungeu oder Beider zugleich nach Hohenberg zuſammenhängt, welche Rolle darin das erbrochene Archiv von Angerode ſpielt, Das bin ich zur Stunde unvermögend anzugeben. Gelbſattel fiel darauf ein: O, Freund, Ihr Scharfſinn wird binnen kurzem alle dieſe Dunkelheiten lichten! Doch hüten Sie ſich vor dieſem Dankmar Wildungen! Es iſt ein unter⸗ nehmender verſchmitzter Kopf, voll planmäßiger Schlau⸗ heit und mit einer Federkraft begabt, die ihm für die ſchwierigſten Dinge Muth und Ausdauer gibt. Auch gehört er mehr, als ſeinen Vorgeſetzten gefallen will, zu den Demokraten. Schlurck gedachte nun voll Beſchämung über ſeine Champagnerverwirrung des Fremden im Heidekrug und fragte: G terne daß vagn den milie Refe despe elbſattel ein, er in Zu⸗ en, den ewieſen. wie er zugleic e darin Das bin kurzem Sie ſich 1 untel Schlau für de . Aut en wil der ſein rug 1I Er iſt klein.. Mittlerer Statur! Braunes Haar? Mehr braun als blond. Das ganze Weſen un— ternehmend und keck. Er trägt einen Bart auf der Lippe und am Kinn? Ich ſah' ihn längere Zeit nicht mehr. Seit den politiſchen Kämpfen meidet er alle die feinen Cirkel, in die ihn ſein Bruder, der Maler Wildungen, ein ungleich geringeres praktiſches Talent, obgleich nicht ohne Schwung und Poeſte, eingeführt hat.. Schlurck ſchüttelte ärgerlich den Kopf. Er ſah ein, daß er ſich, wie er an Bartuſch ſchrieb,„im Cham⸗ pagnernebel“ getäuſcht hatte, als er in Wildungen den Prinzen Egon zu erkennen glaubte und ſeiner Fa⸗ milie dieſen allerdings nicht unbedeutenden jungen Referendar für eine ſo wichtige reſpektwürdige Stan⸗ desperſon angedeutet hatte. Der Unmuth über dieſe Täuſchung wuchs, als Melanie von oben die kleine Wendeltreppe halb herab⸗ ſtürmte und ohne Rückſicht auf Gelbſattel oben auf den Stufen in die ängſtlichen Worte ausbrach: Vater! Eben will ich dem kleinen Amerikaner, da er ſo mädchenhaft ausſieht wie Cherubim, eine Haube aufſetzen, als er mir ſagt: Ich möchte ihn ſchonen, 278 er wäre betrübt über die Krankheit des Prinzen. Iſt der Prinz krank? So gefährlich krank, wie der Knabe ſagt? Du warſt ja dort? Sorgen die Aerzte wirklich um ſein Leben? Allerdings! ſagte Schlurck. Doch geht dich Das wenig an. Du biſt über den Prinzen in einem Irr⸗ thum... Melanie blickte den Vater ſtarr an. Ich habe eine ſehr große Thorheit begangen, ſprach Schlurck in gewaltiger Verſtimmung zu ihr empor. Es war ein junger Referendar, Namens Wildungen, der Euch im Schloſſe beſuchte! Es iſt ein Freund des Prinzen! Es gibt zwei Wildungen, einen Maler... Und einen Referendar! fügte Gelbſattel hinauf⸗ ſchmunzelnd hinzu. Melanie entfernte ſich erblaſſend und ohne zu antworten ſchwankte ſie die engen Stufen hinauf... Bald aber hörte man, daß oben ein Fenſter aufge⸗ riſſen wurde, das in den Hof führte, und Melanie rief: Neumann! Anſpannen! Gelbſattel, da es eben von ſeiner Kirche dumpf zwei Uhr ſchlug, empfahl ſich. Er ſagte noch zu Schlurckt Sie haben viel auf dem Herzen, beſter Freund, was Sie mir nicht mittheilen wollen. Ich denke, Sie werden es, wenn es reif iſt oder, um es zu werden, mein Ein lebt rigk den, geleg ſamn üblic tels Anc nitä blei ſchr und der Pun der Gei bele die ſch hab da „ſprach empor. ddungen, eund ded taler. hinauf⸗ ohne 1 auf er aufg anie rie mpf zc Schlule Freul enke, 5 ſwell 1 1 279 meine Mitberathung vielleicht in Anſpruch nimmt! Einſtweilen hab' ich hier merkwürdige Thatſachen er⸗ lebt! Soviel ſeh' ich wol, daß wir verwickelten Schwie⸗ rigkeiten entgegen gehen und Manches erfahren wer— den, was wir in den bisherigen Stadien unſerer An— gelegenheit nicht für möglich hielten. Darin haben Sie recht, Freund, ſagte Schlurck, ſammelte ſich, da es Tiſchzeit wurde, zu ſeiner ſonſt üblichen Heiterkeit und ſchlug ſeine Hand in Gelbſat⸗ tel's mit den Worten: Sie wiſſen, daß ich das Altwerden für eine ſchlechte Angewöhnung halte. Noch heute hab' ich's dem Sa⸗ nitätsrath Drommeldey geſagt. Aber auch dadurch bleiben wir jung, daß wir vor Schwierigkeiten nicht er— ſchrecken. Immer die gerade Bahn laufen macht krumm und ſchläfrig. Es iſt eine dumme Wahrheit, die nur in der Mathematik gilt, daß der gerade Weg zwiſchen zwei Punkten der kürzeſte iſt. Im Leben iſt im Gegentheil der gerade Weg immer der längſte. Nur was den Geiſt ſpornt, in Thätigkeit ſetzt, zum Aufmerken zwingt, belebt ihn und der Geiſt iſt's doch allein, von dem die Maſchine abhängt, oder meinen Sie, daß die Ma— ſchine den Geiſt regiert? Manchmal, wenn ich Appetit habe und mir die Gedanken ſchwinden, möcht' ich faſt das Letztere glauben! —— 280 Lieber Freund, ſagte Gelbſattel, den Thürdrücker ergreifend, Das machen wir hier zwiſchen Thür und Angel nicht ab! Nur darum möcht' ich Sie noch bit— zten, gäben Sie mir wol für einen Franzoſen, der hie⸗ her gekommen iſt, Herrn Profeſſor Rafflard aus Pa⸗ ris, eine Empfehlung an den Kriminaldirektor? Empfehlung an den Kriminaldirektor? ſagte Schlurck lachend. Er ſoll einen honetten Einbruch machen, dann braucht er meine Empfehlung nicht. Wie heißt der Herr? Gelbſattel erwiderte mit einiger Befangenheit: Profeſſor Rafflard kommt von Paris, als Agent einer Humanitätsgeſellſchaft, um ſich über den Zu⸗ ſtand der Gefängniſſe bei uns zu unterrichten... Aha! So ein philanthropiſcher Salon⸗Quäker! ſagte Schlurck; Einer, dem es dafür um Orden, Titel und Einladungen zu thun iſt! Wie viel gute Ideen müſ⸗ ſen doch dafür herhalten, daß eitle Menſchen auf ſie reiſen und ſich lächerlich machen! Ich denke, Sie ſind nicht für die„innere Miſſion“? Profeſſor Rafflard iſt ſehr gut empfohlen, bemerkte Gelbſattel ſchon im Gehen, während ihm Schlürck das Geleite durch einen dunkeln Gang gab; er hofft an den Hof zu kommen und dient einem Zwecke, dem ſich einige uneigennützige Gemüther doch auch rdrücker hüͤr und och bit er hie⸗ Schlurck machen, ie heißt 2³ ſchon praktiſch, ohne Phraſen, ohne Chriſtelei gewid⸗ met haben.. Verbeſſerung der Gefängniſſe! ſagte Schlurck. Eine Feile und ein Strick iſt für die Spitzbuben die beſte Verbeſſerung der Gefängniſſe. Ich will's übrigens dem Kriminaldirektor ſagen... Damit trennten ſich die Freunde. Schlurck kehrte nun in ſein Bureau zurück, ſchloß von innen ab und ſtieg langſam und nachdenklich in den erſten Stock, um zu lauſchen, wie weit Bartuſch in ſeiner Verhandlung mit dem Amerikaner gekom⸗ men war.. Er begegnete Melanie, die ihm auf die Frage, ob ſie heute mit ihm zur Harder fahren würde, keine Antwort gab. Sie hatte ſich den Hut aufgeſetzt, einen Shawl umgeworfen und ſtürmte die Treppe hinunter, um ſich in den offenen Wagen zu werfen, der eben unten in der Hausflur vorfuhr... Wohin befehlen Fräulein? fragte der Bediente, den ſie getrieben hatte, jedes andere Geſchäft, die Zurü⸗ ſtung zum Mittagsmahl und was ſonſt zu ſeinen Ob⸗ liegenheiten gehörte, fahren zu laſſen und ſich nur in die Livree zu werfen... In das Atelier des Profeſſors Berg! rief ſie und warf ſich in die weißen Kiſſen des Wagens. Als ihr Vater vom Fenſter nachſah, wie ſie erſt im Wagen ſich die Handſchuhe anzog und mit kalter Verachtung der Welt um ſich her blickte, dann den Schleier überwarf und raſch davon fuhr, dachte er bei ſich ſelbſt: Wohin tobſt du, um deiner Verzweiflung zu ent⸗ fliehen? Armes Kind!... Sie hat ſich doch wol einge— bildet einen Fürſten zu lieben und nun iſt es nur ein gewöhnlicher Menſch, wie wir Andern auch! Begeh' keine Thorheit, wilde Tochter! Wenn dieſer gewöhn⸗ liche Menſch ſo viel Verſtand hat, wie Gelbſattel an ihm fürchtet, ſo könnte er mich, wenn er dich liebt, zum Schwiegervater eines Millionärs machen... Wie er ſo ſinnend ſtand, brachte Bartuſch Papiere zum Unterſchreiben und meldete zugleich, daß ihn La⸗ ſally zu ſprechen wünſche... Laſally? ſagte Schlurck gezogen. Er wird mich doch nicht zum Anwalt ſeines albernen Prozeſſes ge⸗ gen Hackert, den Ihr mir erzählt habt, machen wol⸗ len? Er ſoll zu meiner Frau gehen und heute einen Löffel gewärmter Suppe mit uns ſpeiſen. Gewärmt! Dahin kommt es auch noch! Melanie wird hoffent— lich nicht zu lange bleiben. Die Papiere wollen wir ſe und ſie erſt kalter n den hte er zu ent⸗ einge⸗ ur ein Begeh ewöhn⸗ ttel an liebt, Papiere n La⸗ wich ſes ge⸗ n wol⸗ eeinen wärnt hoffen en wi 283 in meinem Zimmer unterſchreiben. Mühſeliger Tag! Er wiegt ſchwerer als ſeit lange einer, und doch ge— hört er zu denen, die ich in anderm Sinne als Kai— ſer Titus einen verlornen nenne! Bartuſch ging zur Juſtizräthin, bei der Laſally ſchon wartete. Schlurck ſtieg mismuthig die Wendeltreppe hinun⸗ ter in ſein Zimmer zum Abſchluß der Verhandlung mit Ackermann, die ſeit lange ſeine ſchmerzlichſte Er⸗ fahrung war. Etwas Halbes war ihm... Nichts. Zehntes Capitel. Die Ganzen und die Halben. Eine Werkſtatt der zeichnenden Künſte mußte ſo ge⸗ baut ſein wie die des berühmten Profeſſors Berg, um neben der Beſtimmung, dem Künſtler Gelegenheit zu ungeſtörtem Fleiße zu geben, auch als ein freier Tummelplatz heitrer Laune und ſcherzhaften Geſprächs dienen zu können. Der große Anbau ſeines italieniſchen Hauſes war eine Halle, maſſiv gebaut, aber doch in Form jener antiken Bauart gehalten, die den Urſprung aller Ar⸗ chitektur aus zuſammengelegten Blöcken durch bunte Malerei, Vergoldung und Zierrath aller Art nicht verbergen will. Schimmerte auch die Decke nicht in goldenen Verzierungen, ſo wurden ihre Balkengevierte doch durch Farbenſchmuck aller Art ſehr friſch gehoben. Die Form der Halle war eine dreitheilige. Drei große nach Norden gehende Fenſter warfen das der Malerei ſo ge⸗ Betg, genheit freier prächs s wal jenen el Ar⸗ bunte nicht icht in evierte hoben groß Nalel 285 nöthige Licht in den gewaltigen Raum, der durch zwei von der halben Decke herabgehende ſchwere grüne Vor⸗ hänge in zwei kleinere und eine größere Abtheilung getrennt war. Ließ man die wuchtigen Vorhänge zu⸗ fallen, ſo waren die hinter ihnen beſchäftigten Maler von einander getrennt. Standen ſie offen, ſo gewähr⸗ ten ſie die Möglichkeit einer gemeinſchaftlichen Unter⸗ haltung durch das ganze Atelier. In dem erſten Drittheil ſaßen einige Schüler und Anfänger, in dem großen Zwiſchenraum die ſelbſtän⸗ digen jüngern Kräfte, die ſich um Profeſſor Berg ſcharten, im dritten war dieſer ſelbſt beſchäftigt. Die große Südwand, ganz maſſiv, war in pom⸗ pejaniſchem Geſchmacke gemalt. Die rothe Farbe hatte in dem bunten Gemiſch den Vorrang. An der Oſtwand war der doppelte Eingang, einer von unten her und einer oben von der Altane, die das erſte Stockwerk des Hauptgebäudes mit dem Atelier verband. Auf der Hälfte der Stiege, die von oben her kam, ſchloß ſich ihr von unten herauf eine andere an, die in einer langen hölzernen, mit grauer Oelfarbe geſtrichenen Brücke endete, die durch das ganze Atelier ziemlich nahe an der Südwand ſich hin⸗ zog— dieſe Brücke diente für große Gemälde, welche von dem Fußboden aus nicht gemalt werden konnten. 1 1 1 —n 286 Hier und da ließ ſie ſich auseinandernehmen und auf Rollen nach Belieben vor große Cartons oder Oelbilder vorrücken. An der Weſtwand, im engern. „Atelier des Profeſſors Berg, waren ſehr geſchmack⸗ volle Frescoverzierungen angebracht. Zwiſchendurch ſtanden Statuen, meiſt von einem Blumenetabliſſe⸗ ment umgeben. Die Teppiche und Wandſophas, die urſprünglich in der ganzen Halle anzutreffen waren, hatten ſich nur noch in dem engern Raume des Leh⸗ rers in dem eleganten Zuſtande erhalten, wie urſprüng⸗ lich dieſer ganze kleine Kunſttempel gedacht war. Hier fanden ſich noch Stühle und Polſter, die man den Fremden anbieten konnte. An den andern Punkten hatte jugendliche Zwangloſigkeit ſchon mancherlei Zier⸗ rath für ſeine Beſtimmung untauglich gemacht, zum großen Aerger des mit Ueberwachung dieſer Räume beauftragten Dieners. Auch die großen mit Stein⸗ kohlen nur heizbaren Oefen hatten ſich im Winter ſchon mit manchem anſchwärzenden Proteſt gegen den Traum eines ſich hier nach Italien verſetztglaubenden Idealiſten geltend gemacht. Die parkettirten Fußböden waren ſelbſt beim Profeſſor nicht recht wieder zu erkennen und trugen alle Merkmale, daß der wahre Künſtler, wenn er einmal in die freie Ausbildung ſeiner Herr⸗ ſchaft über Kreide und Farbe geräth, an äußere men und ons oder n engern eſchmack⸗ chendurch retabliſſe⸗ phas, die n waren, des Leh⸗ urſprüng⸗ l. Hier man den Punkten erlei Zie⸗ cht, zum r Räume it Stein⸗ u Wintei gegen di laubendet Fußböden 1 erkennel Künflle ner Hel 2 n äuß niſch⸗geiſtiger Produktion doch führen kann. Sie hatten 287 Cleganz und faſhionable Beſtimmung nicht mehr denkt. . Siegbert arbeitete im Mittelraum. Nicht weit von ihm Leidenfroſt.. Neben dieſem ein junger ſchöner ſchlanker Mann, Namens Heinrichſon, der⸗ ſelbe, dem zu Gefallen Frau von Harder den Ankauf zweier Schwäne aus Island für die königlichen Gär⸗ ten veranlaßt hatte. Neben ihm ſtand jener Ofen⸗ ſchirm, hinter welchem Frau von Trompetta die Be⸗ wegungen jenes Schwanes, der Jupiter vorſtellen ſollte, und ſeine Angriffe auf eine hölzerne Figur, die die Leda ſein ſollte, mit ſo vieler Angſt beobachtet hatte... Dann kam ein junger Maler, Namens Reich⸗ meyer, ein Verwandter des Bankiers von Reichmeyer. Dieſe vier Maler arbeiteten in der mittlern Halle. In der Vorhalle ſtanden drei oder vier Schüler. Der Raum, den Berg allein einnahm, war noch mit einem kleinern, von Tapeten gebildeten oben offenen Kabinet verſehen für die Aufnahme lebender Akte. Siegbert, Leidenfroſt, Heinrichſon und Reichmeyer waren in einem Geſpräche begriffen, wie man es mit Unterbrechungen, langen Pauſen allenfalls bei mecha⸗ 288 vom Morgen an ſtark an größeren Arbeiten geſchafft und nahmen jetzt gegen Mittag leichtere vor, die wol b erlaubten, daß dann und wann ein Scherz die ge— ſammelte Stimmung durchkreuzte, die vielleicht grade mit etwas vorher ſchon ernſt Bedachtem beſchäftigt war. Siegbert arbeitete an ſeinem Albumblatt für Frau von Trompetta. Die drei andern Maler ſtanden eben hinter ihm und wollten wiſſen, was er in's Gethſemane„ſtiften“ —— würde. Man ſah noch in ſchwachen Andeutungen eine orientaliſche Gegend... Palmen, Felsgeſtein, Oel⸗ b bäume. Am Boden ein ſchlafender Chriſtus... Vor ihm eine noch nicht fertige undeutliche Figur...— Negerknaben mit Fackeln... In der Ferne ein Ka— meel mit Dienern.. Andeutungen am Horizont zu⸗ folge, die auf Sterne rathen ließen, ſollte die Be: leuchtung Nacht ſein. Iſt das unklare Menſchenbild da vielleicht, ſagte Marx Leidenfroſt, eine kleine Figur mit zuſammengetrock⸗ neten, ſogenannten Silen- oder Sokrateszügen, iſt Das vielleicht einer von den heiligen drei Königen, der nach dreißig Jahren einmal wieder nach Jeruſalem kommt, um den inzwiſchen ſtattlich herangewachſenen Heiland zu ſehen? Er ſcheint ſich recht zu verwundern, geſchaff t die wol tz die ge⸗ icht grade ftigt war. für Frau inter ihm e„ſtiften“ gen eine ein, Oel⸗ .Vor Figur. e ein Ka⸗ rizont zu⸗ „ Po⸗ e die Be⸗ cht, ſagtt nengetro⸗ igen Jrrüſala wachſene rwundenn 8 wie die kleinen Kinder mit der Zeit ſo aus Krippen herauswachſen können.. Siegbert antwortete, indem er mit dem Gummi die Negerknaben etwas korrigiren wollte: Dieſe Jungen tragen Fackeln, um in die Nacht eine Art Rembrandt'ſcher Beleuchtung zu bringen. Die ſchwarzen Mohrenjungen hätten ſich unter den Fak— keln ſo prächtig ausgenommen... ſie kommen auch nicht fort. Nein! Nein! ſagte Heinrichſon und hielt die Hand mit dem Gummi zurück, nicht zu raſch mit dem Aen— dern und Vertilgen! Ein vernünftiges Motiv muß man nicht ſo bald aufgeben. Leidenfroſt's Idee ſcheint nicht einmal die rechte zu ſein. Ich glaube nicht, daß Sie der Frau von Trompetta humoriſtiſche Witze in's Album malen wollen, die ſich nicht bibliſch rechtfer⸗ tigen laſſen... Wäre denn Das blos ein Witz, fragte Leidenfroſt, wenn einer von den drei Königen einmal wieder einen Beſuch in Galiläa machte? Könnt' er Jeſus nicht geſagt haben: Braver Mann, ich hielt ſo viel von Ihnen, aber Sie ſind auf dem Wege ſich in's Un⸗ glück zu ſtürzen! Sie wollen eine neue Religion ſtif⸗ ten und ich komme, weil ich mir etwas Anderes in Ihnen vermuthete, erpreß aus Indien, um Ihnen zu Die Ritter vom Geiſte. III. 19 1 ſagen, daß wir dort einige noch recht gute alte Reli⸗ 1 gionen haben! Die beiden Mohrenjungen mit den Fackeln würden eine treffende Symboliſirung der nä⸗ heren Aufklärung über dieſen Gegenſtand ſein... Leſen Sie die Zendaveſta und die Vedas, meine( Herren! Selbſt Gützlaff geſteht, daß Confucius kein Confuſius war. Ich vermuthe eher, ſagte Reichmeyer, der an Ele⸗ ganz mit Heinrichſon wetteiferte trotz der Atelierübera⸗ hemden, die ſie trugen; ich vermuthe eher, daß wir einen Abgeſandten des Hauptmanns von Kaper⸗ naum vor uns haben, der Jeſus zu ſeinem Herrn beruft. Der Heiland verſichert ihm, daß er das Wunder bereits verrichtet hätte, er möge nur nach Hauſe gehen und ſich ſchlafen legen... Nein, meinte Leidenfroſt trocken ohne die Miene zu verziehen, ich kann nimmermehr glauben, daß dieſe hohe, ſtattliche Figur, die ich da vor dem Heiland entſtehen ſehe, ein Unteroffizier oder eine Ordonnanz iſt. Ich will dem militäriſchen Geiſte der Juden nicht zu nahe treten, aber ſo ſtattlich war doch wol n die Rekrutirung... Ant Ich glaube, unterbrach Heinrichſon dieſe frivolen Späße, ich glaube, daß ſie gar kein Kriegsheer hatten und daß der Hauptmann von Kapernaum ein rö⸗ i mit den g der naͤ⸗ 2 ſein.. ss, meine 1 ucius kein er an Cle⸗ ſtelierüber⸗ her, daß on Kaper⸗ nem Herrn das ß el nur nach die Miene daß dieſe Heiland Ordonnan der Juden doch wo ſe ftiul heer haltn m ein d miſcher Centurio war. Die Mohrenjungen ſind dann ſchon eher angebracht. Man könnte annehmen, daß dieſer römiſche Hauptmann aus jener Armee her⸗ vorgegangen iſt, die ſchon unter Antonius bei der Cleopatra afrikaniſche Luxusſtudien machte.. Mein Himmel, unterbrach Siegbert, dem des Spottes und Schraubens doch am Ende zu viel wurde, dieſe für zwei Maler, die auf einige Aus⸗ ſtellungen ſchon Heiligenbilder geliefert hatten, charak⸗ teriſtiſchen Aeußerungen, mein Himmel, welche Ver⸗ wirrung über die Auslegung einer ſehr einfachen und, wie ich faſt glaube, nicht genug anſprechenden Idee! Ich will ja nichts Anderes, als hier in einfacher Tuſche die Thatſache wiedergeben: Nikodemus kommt zum Herrn bei der Nacht. Hier ſchlafen unter freiem Himmel die Jünger, von denen nur einige ſichtbar ſind. Chriſtus wachend hat ſich erhoben und empfängt den nächtlichen Beſuch des vornehmen Pha⸗ riſäers, der, von innerſter Achtung vor dem Reli— gionswerke des Heilands durchdrungen, doch noch nicht den Muth hat, ihn öffentlich zu bekennen. Die beiden Mohrenknaben leuchten ihm in den Garten. Hinten ſteht das aufgezäumte Kameel, auf dem er aus der Stadt gekommen, nur von einigen vertrau— ten Dienern begleitet. Auch dieſe wie die Mohren⸗ 19* — ͤͤͤ 292 knaben wollt' ich in ehrerbietiger Andacht erſcheinen laſſen. Hinten ganz fern ſieht man die Zinnen von Jeruſalem. Sehr ſchön! rief Heinrichſon mit einer gewiſſen gentlemanliken Herablaſſung. Die Skizze iſt würdig, in Oel ausgeführt zu werden. Wie herrlich dieſe Beleuchtung durch die Sterne und die Fackeln! Schon ſeh' ich, daß Sie beabſichtigen, das rothe Licht grell auf die ſchlafenden Jünger fallen zu laſſen. Es kann ein recht ſanftes Leben in das Ganze kommen! Dieſe Nachtſtille, dieſe ſchlummernde Pflanzenwelt! Und da⸗ bei das heilige Wachen des Glaubens und die feier⸗ liche Beherrſchung der ſchlummernden Natur durch die Macht des Geiſtes! Ich ſehe das Blatt ſchon fertig vor mir und verſpreche Ihnen davon eine gute Wirkung... Auch Reichmeyer ſtimmte dem feinen und ſo aus— nehmend wohlwollenden Urtheile Heinrichſon's, das Siegbert faſt ſtutzig machte, bei und nannte das Ganze einen„guten Gedanken“. Doch taͤdelte er die Mohrenknaben.. Siegbert hätte ſelbſt ſchon an⸗ gedeutet, daß dieſe Vermuthung auf Abwege führen und für nicht echt jüdiſch gehalten werden könnte. Die Juden hätten niemals ſolche Sklaven gehabt.. Ach was! rief Leidenfroſt. Welcher Künſtler wird t erſcheinen Zinnen von ter gewiſfen iſt würdig, ertlich dieſe keln! Schon e Licht grell Es kann nd die feier⸗ Katur durch Baatt ſchon on eine gule Ind ſo all? jſon's, d nannte R adelte ſt ſchen wege für den komn n geſc tnfler n 293 ſich denn an ſolche Niemals! Niemals! kehren? Wir haben auch keine Sklaven und doch Jockeys und wer ſich einen Neger halten kann und die Kreuzung der Racen unter ſeinem Geſinde nicht fürchtet, der läßt ſich grade von einem Neger dahin begleiten, wo ein— heimiſche Bediente vorlaut und unzuverläſſig ſind. Bleiben Sie ja bei den Negerknaben, Wildungen! Auch bei dem Kameel! Die alten Italiener waren darin ja ſo prächtig ungenirt. Auf Paul Veroneſe's großen neuteſtamentariſchen Scenen kommen alle die Neger vor, die man in den Häuſern der vorneh⸗ men Venezianer damals herumlaufen ſah, Papa⸗ geyen und Affen, wie ſie einmal zur orientaliſchen An⸗ ſchauung gehören... Siegbert, ermuthigt durch dieſen Beifall und ſonſt ſchon den ganzen Vormittag in aufgeregter Laune, fiel mit den heitern Worten ein: Die Negerjungen laſſ' ich ſchon der Frau von Trompetta wegen. Sie werden ihr die traulichſten Miſſionsgedanken wecken. Heinrichſon und Reichmeyer lachten über dieſen Einfall. Leidenfraſt trat nun näher, betrachtete noch lange die Skizze und ſagte endlich: Bedenklicher freilich, beſter Freund, iſt der geiſtige Ausdruck Ihrer Skizze! Sie wollen doch gewiſſermaßen ſagen: Seht da Einen von Denen, die nicht den vollen Muth ihrer Ueberzeugung haben! Nikodemus hat einen Anflug von Chriſti göttlicher Sendung empfangen, er fühlt, daß dies der verheißene Meſſias iſt und hat doch nur den Muth, bei Nacht zu ihm zu kommen! Ich bin begierig, wie dies Urtheil des Künſtlers heraus⸗ kommt! Denn urtheilen dürfen wir doch? Nimmermehr werd' ich die feigen Pinſel anerkennen, die nur die Thatſache geben wollen und das Urtheil dem Beſchauer überlaſſen. Der Künſtler ſoll Parthei nehmen, wie es die Alten thaten. Die Alten malten im Glauben. Der Glaube war ihnen Parthei. Der Zweifel konnte nichts malen, er ſah nur auf Effekte, wie es ſeit Guido Reni, Carlo Dolce und meinem ſonſt prächtigen, thea⸗ traliſchen Guercino Mode wurde. Die Neuen haben kei⸗ nen Glauben und auch keinen rechten Zweifel; gut! ſie ſollen nur gerecht ſein und geſchichtlich und wahr. Sie mögen eine Thatſache einfach hinſtellen, aber dann doch ſo gruppirt, daß ſie verrathen, ſie hätten ſelbſt darüber nachgedacht und empfänden etwas über ihr Bild, irgend eine warme Ueberzeugung. Wie kommt mir nun hier, beſter Wildungen, die Erbärm⸗ lichkeit dieſes Nikodemus zur Anſchauung, der nur bei Nacht den Muth hat, ein Chriſt zu ſein? Zeigen Sie wiſſermaßen t den vollen ls hat einen empfangen, iſt und hat u kommen! lers heraus⸗ iimmermehl die nur die Beſchauer nen, wie es ꝛuben. Der onnte nichts ſeit Guldo tigen, thea⸗ nhaben ki⸗ veifel; gul und wahl ellen, abe ſie häͤten etwas über W zung. 2. ie Erbäm der nur k Zeigen 295 mir dieſe ſeine Erbärmlichkeit! Dieſen Augenſpiegel unſerer ganzen Gegenwart! Ich weiß zunächſt nicht, antwortete Siegbert, die äſtheüſche Tendenzfrage faſt vermeidend, ſoll ich ihn ſehr reich oder recht arm kleiden? Das Erſtere würde im Einklang zu ſeinen Dienern und den geſchmückten Kameelen ſtehen, das Letztere aber grade durch den Kontraſt mit dieſen Umgebungen andeuten, daß er demüthig und voll Reue iſt und ſeines Prunkes ſich begeben will. Jeſus ſagt ihm ohnehin, es könne Niemand ſelig werden, der nicht in den Schoos ſei— ner Mutter zurückkehre und von neuem geboren würde. Arm aber oder reich gekleidet denk' ich doch, daß hier die einfache Thatſache ihre Auslegung in ſich ſelber trägt. Wie ſollt' ich hier mein Urtheil anbringen, ohne nicht in Gefahr zu gerathen, den Frieden der Situation zu ſtören? Sie möchten den Nikodemus mit dem Pinſel gern geißeln, Leidenfroſt! Geht Das? O! rief dieſer, prügeln möcht' ich ihn und nicht blos mit dem Pinſel! O nein fuhr Wildungen lachend fort, bleiben wir in der Welt meines Tuſchkaſtens! Liegt nicht in des Hei⸗ lands ernſtem Blicke ſchon die ganze verſöhnende Kritik ſeines nächtlichen Beſuches? Wird Nikodemus nicht de⸗ müthig zur Erde ſchauen müſſen und ſich verneigen mit 296 gekreuzten Armen, wie der Andächtige vor dem Krucifix) Verſöhnt Das nicht? Und er kommt ja doch! Er foßt ja doch zu irgend einer Stunde dem innern Rufe, wenn auch nur bei Nacht! Er büßt doch ſeinen Fehler dadurch, daß.. er ihn büßt! Mehr als das bloße „Doch kommen“,„doch dem innern Drange Erlliegen“ mehr würde Strafe ſein, unmöglich vorauszuſetzen in der Abſicht des Erlöſers. Ich theile wie Sie den Zorn über die täglich uns begegnenden Menſchen, die nicht den Muth ihrer Ueberzeugung haben, aber ich geſtehe, ich habe mit der ſchwierigen Lebensſtellung eines Phariſäers, wie Nikodemus, ſoviel Mitleid, daß ich ihn liebe, voll Wehmuth liebe, liebe ſeiner Schwäche wegen. Und geſtehen Sie doch, wenn ein reicher Mann und gefeierter Schriftgelehrter zum Herrn kommt, iſt's doch wol etwas mehr, als wenn arme Fiſcher und Handwerker von vornherein ſich gleich zu ihm hielten? Hm! brummte Leidenfroſt. Zumal wenn man be⸗ denkt, daß die Tauſende von Müſſiggängern, die die⸗ ſem galiläiſchen Wanderprediger nachliefen, ſich manch⸗ mal, um ſatt zu werden, mit fünf Broten und zween gebacknen Fiſchen begnügen mußten... Gut! Gut, Wildungen! Malen Sie Ihren Nikodemus, zu deutſch: Ihren Herrn von Volksbezwinger ſo, wie er für die fromme, weichmüthige Welt paßt und im Gethſemane n Krucifir⸗ h! Er foht nern Ruͤfe, inen Fehler das bloße Glliegen“ zzuſehen in e Sie den Menſchen, aben, aber ensſtellung Gilled, da Schwäche ein reicher ern kommt, iſcher und jm hieltn n man be⸗ m, die die ſch undh und zwel Gutl Gut zu duſſt er für d Hethſemane 297 gewiß bei Hofe großen Effekt machen wird.. ſchon der Fackelbeleuchtung wegen.. Aber, wenn ein Ande⸗ rer einmal den Gegenſtand ergriffe... Schweigen Sie endlich! rief Heinrichſon nicht ganz im Scherz. Ihre verdammte Ideenfülle, Leidenfroſt, macht uns noch Alle konfus! Wenn wir einen guten Gedanken zu haben glauben, ſo ſetzen Sie immer noch einen Trumpf darauf und bringen uns in Ver⸗ wirrung... Reichmeyer ſtimmte dieſer Bemerkung kräftigſt bei und wünſchte die Kritik zu allen tauſend Teufeln... Malt was Ihr wollt! ſagte Leidenfroſt kurz und bündig und kehrte zu ſeiner Staffelei zurück, auf der er architektoniſche Proſpekte angefangen hatte. Siegbert aber fuhr ungeſtört und nicht im ge⸗ ringſten zürnend in ſeiner Bleiſtiftſkizze fort. Wie kann Euch aber, ſagte er, nachdem Alle wie— der an ihre Arbeiten gegangen waren, zu den beiden zürnenden Genoſſen, wie kann Euch eine fremde Auf⸗ faſſung nur irre machen! Ihr wißt, daß ich mit dem Namen des Künſtlers nicht ſo oft um mich werfe, wie ſo viele Pfuſcher unſerer Kunſt; aber darin hab' ich mich wirklich doch als Künſtler weg, daß ich nicht von jedes Andern Idee ſo raſch ergriffen werde, um aus meiner eignen Anſchauung, aus dem mir noth⸗ 298 wendigen Leben des Gemüths und den Grenzen mei— ner Phantaſie herauszukommen. Ich wünſchte grade, daß Leidenfroſt aufrichtig ſagte, wie er dieſen Stoff behandeln würde! Was thut Das? Ich müßte mir vorkommen, als wäre meine Malerei mein Elend und Jammer, wenn ich vor der Ideenwelt der Andern immer gleich erſchräke! Dieſe Meinung theil' ich nicht, ſagte Reichmeyer. Hat man von einer andern Auffaſſung den Effekt er⸗ kannt, ſo bin ich der unglücklichſte Menſch, wenn ich bei meiner eignen, die vielleicht nüchterner iſt, bleiben muß..„ Dieſe Empfindung, antwortete Siegbert, haben Sie nicht aus Italien, ſondern aus Paris mitge⸗ bracht. Sie Glücklicher, Sie halten die Mittel, auf Reiſen zu gehen und wählen Paris für Rom und Florenz! Was haben Sie bei Vernet und Delaroche gelernt? Vortreffliche Farbenzuſammenſtellungen, raſche Pinſelführung, aber auch eine knechtiſche Verehrung vor dem Götzen Effekt, den Ihnen unſer guter treuer Eckart der Kunſt, Profeſſor Berg, nicht wieder aus⸗ treiben kann. Ihr ſeid die wahren Ellektiker der Kunſt! Ihr malt die Heiligen, die Griechen, die Fiſcherknaben, die Betteljungen, die Grenadiere, Alles durcheinander, wenn ſie einen brillanten Moment ab⸗ Drenzen mei⸗ nſchte grade dieſen Stof ) müßte mir Elend und der Andern Reichmeher en Effekt en z, wenn ich iſt, bleiben pbert, haben garis migge Mittel, aun r Rom um d Delarod ungen, nich eVerehrun gutet ti wieder alü gllekiker! jriechen/ ndien, N Momen! 299 werfen, wie Schauſpieler, denen jede Rolle, jeder Geſchmack recht iſt, wenn ſie nur Gelegenheit finden, ſich darin als Virtuoſen zu zeigen. Die Deutſchen malen langweilig, ſagte Reichmeyer kurzweg. Jeder denkt, wenn er ſich ſelbſt gegeben hat, wär' er ein Poet mit dem Pinſel. Das iſt eine alte Sage, die von unſern Akademieen und den bezahlten Profeſſoren noch aufrecht erhalten wird. Aber die Geldbeutel der Käufer glauben nicht mehr daran. Sehen Sie nur zu, lieber Wildungen, was geſchehen würde, wenn man von unſern königlichen Fresko⸗ malern ihre Nibelungenſuiten, nach der Elle gemeſſen, auf den Markt brächte; wer würde viel dafür geben, auch wenn er die Wände hätte, dieſe ſchöngezeichneten bunten Tapeten paſſend aufzukleben! Drum Dank dem Himmel, antwortete Siegbert, daß noch Möglichkeiten ſind, die Kunſt von der Lieb⸗ haberei des Privatgeſchmackes frei zu halten! Sagen Sie nicht, ein Fürſt, der auf große Bauten viel ver⸗ ausgaben kann, folge in ihrer Ausſchmückung doch auch nur den Eingebungen ſeines Privatgeſchmackes! Nein! Wir mögen über Geſchmacksrichtungen ſtreiten, ſoviel wir wollen, eine Kirche bringt ihren eigenen Geſchmack mit ſich, ein Königspalaſt gleichfalls, eine offene große Halle gleichfalls. Jede Anknüpfung der 300 Kunſt an große Inſtitutionen veredelt das verſteckte Gelüſte der Privatliebhaberei, und könnten wir es da⸗ hin bringen, daß alle Anknüpfungen der Künſte noch, wie in alten Zeiten, großartige, allgemeine, vom gan⸗ zen Staatsleben unterſtützte wären, ſo würden wir aller Willkür der Kritik, aller Anarchie der Pro⸗ duktion überhoben ſein und Das malen, dichten, meißeln, komponiren, was die Zeit wirklich will und was ſich für das Allgemeine und die Würde der Kunſt ſchickt. Ein wahres Wort! miſchte ſich jetzt wieder Lei⸗ denfroſt beiſtimmend ein. Ja! Wildungen, Sie ſind auch ſo ein Nikodemus, der nur manchmal bei Nacht in den Hof der Wahrheit kommt! Sie wiſſen das Beſſere und handeln nicht immer darnach, von Hein⸗ richſon und ſeinem alten mythologiſchen Schwäne⸗Kram und Reichmeyer's Melodramen⸗Malerei ganz zu ſchwei⸗ gen! Ich habe Sie geſtern mit Champagner gelabt, ich darf Ihnen heute Wermuth reichen. Wenn Ihr wahr ſein wollt, gibt es eigentlich keine ideale Ma⸗ lerri mehr, es gibt nur noch Landſchaften, Jagdſtücke, Porträts und auch die ſind ſchon verdrängt durch die Lichtbildnerei. Die wahre Beſtimmung der neuern Malerei iſt Zimmerſchmuck, und in allen andern Be⸗ ſtimmungen erblick' ich nur Krücken, auf denen ſie nothdürftig ſo dahinhumpelt! Kirchengemälde! Wer s verſteckte wir es da⸗ ünſte noch, vom gan⸗ bürden wir der Pro⸗ en, meißeln, d was ſich unt ſchick. vieder Lei⸗ Sie ſind lbei Nacht wiſſen das von Hein⸗ wäne⸗Kram zu ſchwe⸗ zner gelabt Wenn Ih deale N ugſü ängt d t duuc der nellei andern d jdene en ſ We älde! 2 301 baut denn Kirchen aus Kirchendrang? Sind denn Kirchen nöthig? Schmelzen nicht alle Gemeinden der poſitiven Staatskirche ſo zuſammen, daß ſie in einem mäßigen Saale Platz hätten? Und die Diſſidenten, die Sektirer, die eigentlich Frommen wollen keine Bil⸗ der. Um die paar Kirchen, die der Guſtav Adolf⸗ Verein bauen läßt, wird man doch nicht ſagen, daß noch das Kirchenbauen an der Zeit iſt! Cornelius mit ſeinem ganzen jüngſten Gericht iſt eine alte Re— liguie von Anno Schwartenleder. Da ſind wol mehr Gedanken ſichtbar als bei Rubens mit ſeinen dicken zu Gnaden angenommenen Blondinen und den alten waſſerbäuchigen Sündern, die von den Teufeln ge⸗ pieſackt werden; ja, Cornelius hat Kohlrauſchen's deut⸗ ſche Geſchichte geleſen und weiß, wer Segeſtes war und Rubens hat nicht den Kohlrauſch geleſen... aber die ganze Geſchichte mit den jüngſten Gerichten und den Poſaunenengeln und den Zornſchalen iſt alte Schweinsſchwarte. Die Narrenspoſſen! Und nun Gott Vater, Gott Sohn, Gott der heilige Geiſt und ſolches bunte Farben⸗Gepinſel mehr! Sind denn Ruh⸗ meshallen an der Zeit? Was iſt denn Ruhm? Ein König ſetzt ſich zu Gericht und ſagt, was Ruhm iſt! Ich will ein Volk ſehen, das ſeine Kränze durch mil⸗ lionenfache Akklamation austheilt und was erleb' ich, 302 Den, den ein paar Tauſend bewundern, wollen ein anderes paar Tauſend mit Koth bewerfen! Ehe nicht unſre ganze Geſellſchaft geändert iſt, ehe nicht die Herrſchaft des Volkes entſchieden hat, was heutzu⸗ tage noch die Schultern des Menſchen tragen, ſeine Hirnfaſern glauben können, iſt alle Kunſtpflege Spit⸗ talſuppe. Der thut fromm und miſcht ſeine Farben ſtatt in Oel in Thränenwaſſer der Andacht, wie Sanct Fieſole; der malt lange Hünen und ausgereckte Recken, die Cuvier zu Mammuthszuſammenſetzungen hätte be⸗ nutzen können, zu präadamitiſchen Zeuglodons; der liebäugelt mit dem allgemeinen Begriff des Schönen und lockt ſich ein Situatiönchen aus einem Gedichtchen oder einem Märleinchen hervor— und das Ge—⸗ quängel und Gepimpel wird noch dazu von einem ebenſo konfuſen Geſchmacke bezahlt, beliebäugelt... und doch jammern die Herren, daß dieſe Sachen nicht das Evangelium ſind und die Menſchheit ummo— deln können! Mit den Dichtern und Komponiſten iſt es faſt ebenſo! Alle leiden daran, daß unſere Zeit erſt zu einer neuen Herrſchaft großer Thatſachen im Durchbruch liegt, Alle klammern ſich an Vergangenes und machen ſich eine künſtliche Bildung, weil für eine natürliche und zeitgemäße die Anknüpfungen fehlen. Oft denk' ich: Käme nur einmal ein rechtes Wetter wollen ein Ehe nicht nicht die s heutzu⸗ gen, ſeine lege Spit⸗ ne Farben wie Sanck kte Recken, hätte be⸗ dons; del Schönen Hedichtchen das Ge⸗ von einen dugelt ſe Sacha eit ummo⸗ voniſten it doro Jelt unſere tſachen in 303 und übergöſſe Alles mit Hagel wie Quaderſteine ſo groß, was jetzt prangt und ſich brüſtet! Auch die Kalmücken nähm' ich zu dem Ende mit Vergnügen an, wenn ſie nur Alles kurz und klein hackten wie die Türken in Alerandria, die nichts leben ließen als den Koran. Unſer ganzes Zeitalter iſt ja ein ſolches buchmäßiges und ſchriftgelehrtes, wie es das alexan⸗ driniſche war... Heinrichſon war über dieſe Humoreske ſehr un— willig. Er nannte ſie geradezu eine outrirte Barba— rei und warf Leidenfroſt vor, daß er ſich in auffal— lenden Behauptungen gefalle, die an burſchikoſe Re⸗ nommiſterei grenzten.. Sie wiſſen nicht recht, Leidenfroſt, ſagte er mit ſeinem feinen, ſpitzen Tone, welcher Stimme Ihres Innern Sie folgen ſollen! Bei uns Malern ſprechen Sie wie ein Maſchinenbauer und wenn Sie hinaus⸗ gehen in die große Willing'ſche Maſchinenfabrik und dort Modelle zeichnen, ſo werden Sie da gewiß wieder von ſchönen, idealiſchen Formen reden und hoffentlich die Lokomotiven mit häßlichen Tintenfäſſern vergleichen, ia nicht einmal mit dieſen, ſondern mit plumpen, che⸗ miſchen Zündfeuerzeugen oder Apothekerbüchſen für Pferdekuren. Ich wette, daß Sie eben im Begriff ſind, einen neuen Hebebaum zu erfinden und wenn er gut iſt, wird der Königshaſſer die Demüthigung erleben, daß man ihn beim Kölner Dom in Anwen⸗ dung bringt. Ahal rief Leidenfroſt und pfiff die Marſeillaiſe. Die Politik, ſagte Siegbert zur Vermittlung, die Politik, lieber Heinrichſon, ſpielt doch auch ſehr in dieſe Fragen hinein! Sie ſind konſervativ und haben Urſache dazu. Ein Maler, dem man zu Gefallen echte isländiſche Schwäne vom König ankaufen läßt, würde undankbar genannt werden müſſen, wollt' er demokratiſche Auffaſſungen theilen. Dieſe Gene macht ja leider uns Alle ſo zahm und verpflichtet uns. Den⸗ noch gibt es Demokraten unter uns. Auch Reich⸗ meyer iſt Demokrat, ſolange die Demokratie ſich nicht auf kommuniſtiſchen Gelüſten ertappen läßt. Lei⸗ denfroſt ſchüttet aber das Kind mit dem Bade aus und iſt in ſeinen Irrthümern um ſo gefährlicher, als er ſelbſt die Geheimniſſe unſrer Kunſt kennt und in Weihemomenten noch Glauben genug an ſie beſitzt, ſie in ſeinem Sinne zu üben. Warum wollen wir in der hereinbrechenden Barbarei des Materialismus die Flucht ergreifen? Warum die Fahne Rafael's und Dürer's im Stich laſſen und zu den Fabrikarbeitern und Nützlichkeitslehrern übergehen! Auch ich fühle für die praktiſchen Bedürfniſſe des Volkes und die Noth⸗ Demüthigung min Anwen⸗ jarſeillaiſe. nittlung, die auch ſehr in v und haben zu Gefalle nkaufen läßt „wollt' a Gine mah tuns. Den⸗ Auch Reich⸗ atie ſich nih ßt. L 6 m Bade al thrlichr, d ennt und! ſie beſizt ollen wi rialiemus Rafaels! abrikarben ic fühl d„ N ind die 1 30⁵ wendigkeit, Alles zu bekämpfen, was die Tyrannei des alten Syſtems aus der Kunſt entlehnt, um ſich zu ſchmücken und ſcheinbar als Blüthe der Humanität darzuſtellen, aber... Nun, rief Leidenfroſt, nun? Sie ſagen da etwas Ent⸗ ſetzliches, Wildungen! Sie ſtocken ſchon! Die Tyran⸗ nei entlehnt aus der Kunſt, um ſich zu ſchmücken und ſich ſcheinbar als Blüthe der Humanität darzuſtellen.. ſchlagendes Wort! Bricht dieſe nichtswürdige Lüge aber nicht der Kunſt den Hals für immer? Nein, ſagte Siegbert ruhig, ſie beſchämt nur die Tyrannei. Die Kunſt ſelbſt kann, darf nicht leiden unter ihrer falſchen Anwendung. Der Sinn für das Ideale darf nicht ausſterben, die neidiſche Feindſchaft gegen das Schöne nicht gehegt und befördert werden. Sagen Sie ſelbſt, Leidenfroſt, in unſerm neuen Freunde, dem liebenswürdigen Franzoſen Louis Armand, liegt nicht bei all ſeiner Vortrefflichkeit und ſeiner warmen Empfindung für die Leiden des Volkes etwas in ihm, was man einen mangelnden ſechsten Sinn, den der Schönheit nennen könnte? Fünf Sinne brauchen wir nur! antwortete Leiden— froſt trocken. Reichmeyer fragte noch einmal nach dem Namen des Franzoſen, den er eben erwähnt hörte... Die Ritter vom Geiſte. III. 20 306 Louis Armand! wiederholte Siegbert. Louis Armand aus Paris? Ich kenne einen Ver⸗ golder dieſes Namens, der dicht an Delaroche's Ate⸗ lier wohnte. Heinrichſon, dem das Geſpräch zu politiſch wurde und es darum auf Anderes lenken wollte, ſagte: Gewiß derſelbe, oder ein Agent ſeines Geſchäf⸗ tes, der ſich hier niedergelaſſen hat. Man rühmt die Proben ſeiner Gemälderahmen und hat Vieles beſtellt.... Er hatte in Paris ein beſcheidenes, aber geſuchtes Geſchäft, ergänzte Reichmeyer. Das ganze Landhaus einer vornehmen Dame, der Gräfin d'Azimont, ſah ich ihn einmal mit Spiegeln auslegen, wo er vielen Bei⸗ fall erntete. Ich habe einige enkauſtiſche Sachen für dieſe Einrichtung gemalt... Heinrichſon verſtand Reichmeyern und merkte die Abſicht, daß er ihm behülflich ſein wollte, den politi⸗ ſchen Faden abzuſchneiden, den er nicht verfolgen wollte, da er ein leidenſchaftlicher Anhänger des Beſtehenden war und nur mit Vornehmen umging. Ein Handwerker, ſagte er, der von Künſtlern lebt, ſollte gegen die Künſte dankbarer ſein. Ich finde es ſehr komiſch, Gemälderahmen zu machen, Spiegelpa⸗ läſte zu zaubern und gegen Gemälde und den Lurus einen Ver⸗ koche's Ate⸗ ttiſch wurde ſagte: es Geſchäf— Man rühmt hat Villes er geſuchtes e Landhaus nont, ſah ic vielen Ber Sachen für merkte d den poli algen wolle Beſtehende nnſllen Ich finde Spiegah überhaupt, wahrſcheinlich als Sozialiſt, zu polemiſiren. Apropos! Die Gräfin d'Azimont... Tragiſch iſt Das, beſter Heinrichſon, unterbrach Siegbert, der, wenn er einmal in Erregung war, von ſeiner Gluth für die richtige Ueberzeugung nichts ver— gab und nun nicht dulden mochte, daß Heinrichſon zu der ihm völlig gleichgültigen Gräfin d'Azimont ablenkte. Tragiſch find' ich Das, wiederholte er, wenn ein Mann, der in ſeiner Theorie etwas haßt, in der Praxis davon zu leben gezwungen iſt. Erin⸗ nern Sie ſich, Leidenfroſt, wie erſchüttert Armand war, als er zufällig auf jenen Spiegelpalaſt zu ſpre— chen kam. Sagte er nicht, daß er dort den Prinzen Egon kennen gelernt hätte? Nein, berichtete Leidenfroſt, er hat ihn dort nur nach früherer Bekanntſchaft in Lyon wiedergefunden. Wohl! fuhr Siegbert fort. Aber darin müſſen Sie mir Recht geben, daß unſerm Armand doch ein gewiſſer höherer Sinn fehlt für das Schöne, das Träumeriſche und Ideale in unſerm Sinne. Ich gebe zu, daß man im Schweiße ſeines Angeſichts, vom unterſten Schmuze der Arbeit niedergezogen, nicht im Stande iſt, ſich zu einer reinen und heiteren Auffaſ⸗ ſung auch der Dinge aufzuſchwingen, die zunächſt kei⸗ nen handgreiflichen Nutzen tragen. Aber aus dem 20* 308 Nichtvermögen entſtand hier auch das Nichtwollen. Sie verwerfen die Kunſt als Ausgeburt des Lurus, dieſe Kommuniſten! Und kann man im Grunde den Urſprung der meiſten Kunſtwerke in etwas Anderem, als in der Leidenſchaft für den Lurus finden? So⸗ lange noch dem Ueberflüſſigen die jammervolle Nicht⸗ befriedigung des Nothwendigen gegenüber exiſtirt, ſo⸗ lange iſt auch die Kunſt zur Geſellſchaft ſchief ge⸗ ſtellt. Wer die Kunſt ſelbſt anfeindet, weil ſie über⸗ haupt da iſt, iſt ein Barbar. Wer aber begehrt, daß⸗ die Kunſt aus andern Beweggründen da ſein ſolle, als nur in Folge der ungleichen und grauſamen Ein⸗ theilung der Geſellſchaft, dem muß ich Recht geben und halte ihn für einen um ſo größeren Menſchen⸗ freund, jemehr er die Kunſt ſelber liebt. Jetzt ſind wir die Sklaven der Reichen! Jetzt liegt an jedem Pinſelſtriche, den wir über die Leinwand ziehen, der Fluch des Elends der Geſellſchaft! Wer ſich damit tröſtet, ſich zu den Vornehmen, zu den Begüterten zu halten und in der Bezeichnung eines Reaktionärs für ſich etwas Ehrenvolles findet, der mag malen, dichten, komponiren und von der Gunſt der Großen Tauſende verlangen, um ſeine Schöpfungen beim hell⸗ ſten Lichte in's Leben treten zu ſehen. Ich kann nicht zu dieſen Glücklichen gehören. Ich möchte, daß ſdichtwollen. des Lurus, Drunde den 3 Anderem, den? So⸗ polle Nicht⸗ eriſtitt, ſo⸗ ſchief ge⸗ il ſte übel⸗ ggehrt, daß ſein ſolle, ſamen Ein⸗ ſecht geben Menſchen⸗ jedem t an jebel ziehen, d ſich dam Begüterten Reaktionäl nag naln der Guiß im hel- mbeim he Ich d möchte 309 die Kunſt etwas Nothwendiges wäre und der Staat ſelbſt, der durch die Volksſouveränetät frei gewordene Staat, ſie mit in ſeine Sphäre aufnähme. Welch ein Gefühl, zu ſchaffen für eine Nation! Welche Wonne, mit ſeinem Talent einem großen, ſchönen Ganzen zu dienen! Nicht Aufdringling mehr, nicht geduldeter Sklave der Reichen, beſchützter Schwächling, den die Tyrannen in ihre Obhut nehmen müſſen; nein, ein Prieſter des Volkes, berufen und geweiht vom Genius des Vaterlandes! Welche Bilder, welche Ge— dichte, welche Geſänge ſollten dann entſtehen! Wie würde die ſchwache Kraft des Einzelnen wachſen und mit Adlerſchwingen emporfliegen! Wie würde Feind⸗ ſchaft, Iſolirung, Geſchmacksanarchie weichen und Alles zu Geſammtſchöpfungen ſich vereinigen, da hin— fort nicht mehr aus uns die Willkür, ſondern die Idee ſelbſt herausbricht und in duftende, bunte Blü⸗ then ſchießt! Jetzt leben wir verſteckt, faſt, wie Leſ— ſing's Maler ſagt, vom Diebſtahl der Natur; dann würden wir geborne Kröſuſſe ſein und die Natur zu bereichern ſcheinen! Heinrichſon ſchickte ſich nach dieſen Worten an, zum Zeichen des Aufbruchs ſeine Pinſel zu reinigen,... eine läſtige Arbeit, mit der die Maler, wenn ſie in Oel arbeiteten, ihr vormittägiges Tagewerk beſchloſſen. 2o Des Nachmittags kamen Wenige in das Atelier, ſo anziehend auch die Kühle des Raumes war... Reichmeyer aber lobte diesmal zu Heinrichſon's Aerger Das, was Siegbert geſagt hatte. Nur be⸗ dauerte er, daß man ſelbſt in Frankreich, wo doch das nationale Leben am unmittelbarſten in jedem Einzel⸗ nen ſich wiederfände, es nicht dahin hätte bringen kön⸗ nen, die von der Regierung ſelbſt beſchafften künſt⸗ leriſchen Beſtellungen ohne Neid von den Künſtlern, die leer ausgingen, betrachtet zu ſehen. Indeſſen fügte er hinzu, iſt es doch immer erhebend zu beobachten, wie die gewöhnlichſten Bauern und Handwerker durch das Muſeum von Verſailles wandern und ſich die Heldenthaten der franzöſiſchen Nation von Chlodwig bis zu den Feldzügen in Algier betrachten. Auch die Theater und ſogar die Literatur ſind in Paris weit mehr Volksſache als bei uns, und Niemand murrt darüber. Und doch noch Alles zu ſehr Spekulation, ſagte Siegbert, zu ſehr Willkür des Einzelnen! Mein Freund Wildungen, nahm Leidenfroſt in ſeiner ruhigen kauſtiſchen Weiſe die Erörterung auf, mein Freund Wildungen will Griechenland wiederher⸗ ſtellen und weiß nicht, was er da erſt Alles abſchaf⸗ fen müßte. Ich will von unſern zwanzig Grad Reau⸗ elier, ſo richſon's Nur be⸗ doch das 1 Einzel⸗ gen kön⸗ en künſt ünſtlern, ſen fügte obachten ker durch ſich die Chlodwit Auch de rris we d munt dn, ſa 311 mur im Winter nicht ſprechen. Man hat bei uns die Kirchen gebaut, ohne Rückſicht auf das Klima, rein aus Nachahmung der warmen Gegenden, die die Wiege des Chriſtenthums waren! Aber dies Chriſten⸗ thum ſelbſt iſt ſeinen Plänen im Wege. Grade dieſer Religion verdanken wir die gänzliche Unmöglichkeit, die ſchönen Künſte irgendwie anders in den Staats⸗ zweck einzuführen, als wir ſie jetzt haben. Schafft uns erſt die Verachtung der Welt, die mönchiſche Iſoli⸗ rung, den Miskredit des abſolut Schönen, die Zwei⸗ deutigkeit alles Formenreizes ab, und hernach wollen wir mit der Menſchheit ſprechen! Das macht ſich aber nicht. Apollo ſteht auf dieſer Wolkenſchicht und Chri⸗“ ſtus auf der andern. Die Menſchen fallen nicht dort, ſondern hier nieder, nicht vor dem ſchönen griechiſchen Gotte mit den menſchlich vollendeten Gliedern, ſon⸗ dern vor dem ernſten, ſtrengen verhüllten Lehrer der Entſagung! Die Tugend und Enthaltſamkeit iſt den Menſchen ſo ehrwürdig, daß ſie aus Einem, der ſie bis zur höchſten Vollendung übte, Gott ſelbſt gemacht haben. Ehe nicht einmal ein Prophet kommt und die beiden Wolkenglorien verſchmilzt, dem Apollo einen Heiligenſchein, dem Chriſtus eine Leyer in die Hand gibt, ehe nicht Apollo das Kreuz trägt und Chriſtus wie einſt die Ehebrecherin ſo auch die Muſen, die vor ihm knieen müßten, frei ſpricht, eher wird ſich auch in der Kunſt und ihrer Stellung zum Leben nichts ändern. Wildungen möchte gern olympiſche Kränze austheilen und zu einem theatraliſchen Schauſpiele ganze Völker einladen wie zu einem alle Jahre ein⸗ mal ſtattfindenden Moment des fließenden Januarius⸗ blutes. Die Zeiten dieſer Wunder ſind vorüber! Und wen es anekelt, mit ſeiner Malerei um die Gunſt der Großen und Reichen zu betteln, Kritiken zu leſen und nach Schultheorieen gefuchſt zu werden, der verſchönert die jungen Künſte und Gewerbe, die einmal im Cha⸗ rakter unſerer Zeit liegen und malt, wenn es nicht an⸗ ders geht,... Pfeifenköpfe und Porzellanteller. Das ſchönſte Bild, das ich malen könnte, macht mir nicht ſoviel Spaß, als z. B. die Idee, dem Stallmeiſter Laſally einen idealen Pferdeſtall nebſt daran ſtoßender Reitſchule zu bauen... Wenn es meinem Couſin gelingt, eine reiche Frau zu heirathen! fiel Reichmeyer lachend ein, mit einem ſpottenden Blicke auf Siegbert, der roth wurde, da durch Leidenfroſt's outrirte Grillen das im Atelier be⸗ liebte Melanie-Thema wieder in Gang kam. Heinrichſon zog ſich einen eleganten Frack an und rief: Leidenfroſt profanirt das Atelier! Er zeichnet hier ſich auch eenn nichts e Kränze chauſpiele ahre ein⸗ anugrius⸗ ber! Und Hunſt der ſeſen und erſchönert im Cha⸗ nicht an ler. Das wit nicht tallmeiſte ſtoßende iche Nan nit einel zurde, N ltelier b 313 Grundriſſe zu Pferdeſtällen! Seine Phantaſieen von Kalmücken und hereinbrechenden Baſchkiren ſind nun erklärlich. Wie können Künſtler ſo ſich von der Un⸗ ruhe des Tages erſchüttern, ja wegreißen laſſen! ſetzte er ärgerlich hinzu. Proletariat, Kommuniſterei... welche Worte in einem Atelier, das Sie ſelbſt ſo ſchön, ſo poetiſch in Ihrem gefeierten Bilde geſchildert haben! Iſt Das auch nichts, daß wir Künſtler und Genoſ⸗ ſen von Ihnen Alle verſpottet wurden, daß Sie mich darſtellten, wie ich in Fräulein Schlurck eine Sphinx ſahe— Reichmeyer warf hinein: Und ich ein Meerweib mit goldenen Schuppen am Leib— Beide Kollegen wurden boshaft, worunter mehr Siegbert als Leidenfroſt litt, der jedoch Siegberten durch eine Bemerkung beiſprang, die er ſo obenhin einwarf. Warum nicht eine Leda! ſagte er. Heinrichſon hätte dann nicht nöthig gehabt, die Auguſte Ludmer zu kopiren. Die Wirkung dieſes Namens war auf die Maler eine komiſche. Man lachte und ſah zu dem ärger⸗ lich die Augen niederſchlagenden Heinrichſon hinüber.. Leidenfroſt hatte ein zweideutiges Mädchen genannt. 1 1 1 G — 314 Wiſſen Sie, wo Auguſte Ludmer jetzt wohnt? fuhr Leidenfroſt boshaft fort. In der Brandgaſſe Nr. 9, Zimmer Nr. 17. Sie ſind maliciös, ſagte Heinrichſon, und dennoch loben wir Sie! Solche Geſinnung iſt alſo auch nichts? Künſtleraufopferung, Hingabe aller Eitelkeit, rein der Idee des Schönen wegen, iſt Das auch nichts? Oder iſt es eine Geſinnung, würdig der bezahlten Sklaven, die den Reichen die Honneurs machen... Ich pro— phezeie Ihnen— Vergeſſen Sie Ihre Rede nicht, Heinrichſon, ſagte Leidenfroſt, da will Sie eben ein Abgeſandter des ver⸗ ſammelten Volkes von Athen ſprechen! Freier Künſtler, wahrſcheinlich ſollen Sie für den delphiſchen Apoll eine Skizze zu einem geſchmackvolleren Dreifuß machen, da⸗ mit Ihre Prophezeiung beſſer gedeiht... Heinrichſon wandte ſich um. Ernſt, der Bediente der Frau von Harder, ſtand in glänzender Livrée ſchon länger hinter ihm, hatte mit ſchlauem Lächeln die Späße über die verſtoßene Nichte der alten Ludmer gehört und richtete den Auftrag aus: Frau Geheimräthin laſſen Herrn Heinrichſon er⸗ ſuchen, heut Abend zum Thee zu kommen. Es wird große Geſellſchaft ſein. Als Heinrichſon bejahend und etwas erröthend ge⸗ ohnt? fuhr 1ſſe Nr. 9, d dennoch uch nichts t, rein der hts? Oder r Sklaven, Ich pue hſon, ſagte er des vel er Künſtler Awoll eine nachen, de der, ftan hatten ſene N uſtrag aul riichſon Es n röthend 315 nickt und Ernſt ſich kurz und bündig entfernt hatte, rief Leidenfroſt: Tuſch! Hurrah! Tatterata! Tuſch! Er blies dabei, als ſollte ein ganzes Orcheſter ſein Vivat unterſtützen... Beſter Freund, ſetzte er zuletzt ſpottend hinzu, gilt die Einladung dem Maler oder Ihnen ſelbſt, ſozuſagen als ſchönem Modell? Iſt Das einfache Anerkennung oder Anerkennung der Anerkennung? Sollen Sie die⸗ ſer alten Pythia an dem Theekeſſel der Begeiſterung Liebe einflößen? O heiliger Apollo, ich ſchwöre dir, auf dieſe Verirrung eines Kollegen mach' ich keine Satire, denn ſtatt einer Sphinx wäre ich da verſucht, eine alte Nachteule aus dem Geſchlechte der großen Neuntödter zu malen. Heinrichſon biß ſich auf die Lippen. Aeußerlich aber nahm er den Spott nicht übel, ſondern antwortete in der ihm eignen feinen und gewandten Art: Damit würden Sie die ganze Wahrheit treffen, beſter Freund; denn die Eule iſt der Vogel der Mi⸗ nerva. Ich lerne Weisheit bei jener Frau. Man ſieht Ihnen an, daß Sie nicht zu ihren Protege's gehören... Reichmeyer wandte ſich und bemerkte verſtimmt: Geſellſchaft bei Harder's? Schade! 316 Wie ſo? fragte Heinrichſon. Ich komme da in Verlegenheit. Ruhel Stille! rief Leidenfroſt ſpoltend. Apelles und Polygnot ſchütten ihre Verlegenheiten aus... Aspaſia hätte wol auch Beide zum Thee laden können! Leidenfroſt, ſchweigen Sie! ſagte Heinrichſon zor⸗ nig. Was iſt? wandte er ſich leiſe zu Reichmeyer. Ich wollte den Abend zur Geheimräthin, ſagte Reich⸗ meyer, da mir die Gräfin d'Azimont, der ich heute freilich ſchon ſehr früh um elf meine Aufwartung ma⸗ chen wollte, um ſie als Pariſer Gönnerin zu begrüßen, ſagen ließ, ſie wäre unfähig mich anzunehmen und er⸗ ſuche mich, wenn ich ſie ſehen wollte, heute Abend zur Harder zu kommen, falls ich dort eingeführt wäre. Sie würde ſich dort einige Augenblicke zeigen. Zweiter Tuſch! rief Leidenfroſt. Vornehme Ver⸗ achtung! Sie würde ſich da einige Augenblicke zeigen! Für Geld ſehen laſſen! Vielleicht läßt ſie beim Vor⸗ überſchlüpfen eine gnädige Beſtellung fallen, die Spie— gelprinzeſſin! Siegbert lächelte ſtill für ſich über dieſen unge⸗ ſchlachten Geſellen und arbeitete. Sie irren, ſagte Reichmeyer zu Leidenfroſt gereizt. Die Gräfin weiß ſehr wohl, daß ich den Grund ihrer Zurückgezogenheit verſtehe. Sie hat ein Verhältniß Apelles und .. Aspaſia nen! richſon zor⸗ ichmeyer. agte Reich⸗ ich heute artung ma ubegrüßen nen und ei eAbend z führt waͤle gen. nehme Ve ſlice zeigen mit dem Prinzen Egon von Hohenberg, der in Paris mit ihr gebrochen hat. Sie iſt ihm nachgereiſt, hat ihn ſehr krank gefunden und iſt davon wahrſcheinlich ſo erſchüttert, daß ſie ſich vor Niemanden ſehen läßt, außer, wo ſie muß... Außer auf der großen Parade heute bei Heinrich⸗ ſon's Minerva— ergänzte Leidenfroſt. Haltet Euch an ſie, Jungen! Sie braucht eine öffentliche Demon⸗ ſtration ihres Schmerzes. Wie wär's mit einer wei⸗ nenden Heiligen aus dem Kalender? Oder mit Mi— niaturen zu einem Gebetbuche, das ihre Augen be⸗ netzen werden? Hundert Louisd'ors für eine Magda⸗ lena, die zur Abwechſelung einmal im gelben Duft intereſſante Thränen weint! Heinrichſon, ohne auf dieſe impertinenten Zwiſchen⸗ reden weiter zu achten, ſagte zu Reichmeyer, er ſollte ganz einfach zur Harder kommen, er würde ihr ſo willkommen ſein wie immer und ihm gewiß den Ge⸗ fallen thun, auch ihn mit der ſo vielgerühmten jungen Halbfranzöſin bekannt zu machen... Siegbert hatte bei ſeinem Schweigen beſonders da mit ſtillem Sinnen an Melanie gedacht, als die Rede auf Leidenfroſt's Bild kam. Die Erwähnung aber, daß der Prinz Egon krank wäre, machte ihn aufmerk— ſamer. Er gedachte der näheren Veranlaſſung ſeines 318 Verhältniſſes zu Louis Armand, den er in kurzer Zeit ſchätzen gelernt hatte... Reichmeyer hatte ſich gleichfalls zum Gehen gerü— ſtet: es ſchlug ſchon lange ein Uhr... Profeſſor Berg kam von ſeinem abgeſchloſſenen Fenſter her, um zu Tiſch zu gehen... Der lange freundliche Mann mit grauem gelocktem Haare, entblößtem Halſe und alt⸗ deutſchem Hausrocke ſprach mit den Malern einige wohlwollende aber gleichgültige Worte, ſah auch nicht nach ihren Staffeleien. Er that Dies nur bei den Schülern, die am Eingangsfenſter arbeiteten, dort hielt er ſich einige Augenblicke auf und ſtieg, mit dem Ta⸗ ſchentuche ſich die heiße Stirn trocknend, die Stiege hinauf, die zu dem Altan führte.. Auch die Schüler gingen. Heinrichſon aber trat zu Leidenfroſt heran und ſagte: Was hat nun wol der cyniſche Spötter gemacht, während andere Menſchen ihrem Berufe leben und die Schranken der überlieferten Ordnung in Ehren halten? Auch Reichmeyer näherte ſich. Doch vortrefflich! rief Heinrichſon mit wahrer und aufrichtiger Begeiſterung und Reichmeyer, der kälter und kritiſcher, auch nicht frei von Neid war, mußte gleichfalls mit einſtimmen und fragen: Das haben Sie in der einen Stunde gemacht? kurzer Jeit hehen geru pfeſſor Ber er, um nu Mann mit ſe und alt lern einige auch nich ur bei d dort! 1 dort hie it dem T0 die Stieg mund ſagte er gemach den und ren halte wahrel! der lül war, nl gemach 9 319 Als nun auch Siegbert hinzutrat, wollte Leiden— froſt ſeine Skizze mit dem Bret, auf dem ſie ausge— ſpannt war, raſch wegziehen, aber die Andern dulde⸗ ten es nicht. Leidenfroſt! ſagte Heinrichſon; quand même! Das müſſen Sie ausführen! Ohne Kreide, ohne Bleiſtift haben Sie dieſe Idee ſo mit dem Tuſchpinſel frei hin⸗ geworfen und wie gelungen iſt ſie! Wie vielverſpre⸗ chend für ein großes Gemälde! Erſchütternd! Wahr! Und durchaus neu! Ihr lobt mich nur, ſagte Leidenfroſt, um mich wieder in Eure Kunſtſpitäler zurückzukuppeln! Ihr denkt, wenn man mich recht ſtreichelt wegen meiner Tapferkeit, ſo bleib' ich bei der Bande! Ihr Räu⸗ ber Ihr! Er wuſch ſich bei dieſer Gelegenheit die rauhen Hände und nothdürftig das verſchrumpfte zwetſchen⸗ artig getrocknete Geſicht und rüſtete ſich zu gehen. Siegbert, der heute bis zwei Uhr arbeiten wollte, betrachtete die Skizze, unter der Leidenfroſt mit dem Pinſel geſchrieben hatte: Die Ganzen und die Halben. Es war gleichfalls der Beſuch des Nikodemus; aber in Leidenfroſt'ſcher Auffaſſung. Der Entwurf beſtand aus drei Gruppen. In der Mitte ſtiegen von einem Berge Weiber, Männer, Kinder in frommer demüthiger Hal⸗ — tung nieder, aber vertrauensvoll zum Himmel blickend, Palmen ſchwingend und mit Eifer ſich Pergamente zeigend, auf denen ſie nachzuleſen ſchienen, was ſie ſoeben über die alten Verheißungen gehört hatten. Sie kommen von Chriſtus, den man nicht ſieht, den man aber grade Da ahnt, wo die volle Gluth der Abendſonne wie eine aufgeſprungene Pforte des Him⸗ mels erſcheint. Auf der ganzen Gegend ſollte wol Dämmerung, im Vordergrunde ſchon Nacht ſein; die von Chriſtus Heimkehrenden ſind wahrſcheinlich hin⸗ terwärts mit der Gluth der untergehenden Sonne be⸗ leuchtet... In der zweiten Gruppe ganz in dem rechten Win⸗ kel des Papiers ſtehen die Phariſäer. Meiſt nur die Köpfe ſind ſichtbar. Sie warten auf die Ankunft der Chriſtusanhänger. Echte Zeloten, boshaft und intole⸗ rant. Einige ausgeſtreckte Arme drohen mit Stricken und Steinen. Die offenen Bekenner der Jeſuslehre werden ſo empfangen werden. Muthvoll und gläu⸗ big gehen ſie ihrem Schickſale entgegen... Der dritte Punkt, der unſre Aufmerkſamkeit faſt als das Hauptſächlichſte des ganzen Bildes in Anſpruch nimmt, iſt Nikodemus ganz allein. Dadurch, daß er in der Tracht, beſonders am Haupte, wie die into⸗ leranten Phariſaer erſcheint, erkennen wir ſogleich, daß nel blickend Pergamente en, was ſi zört hatten t ſieht, der Gluth der te des Hin ſollte wo ht ſein; d einlich hin Sonne be rechten Win deiſt nur N Ankunft de Jeſusle lund glä nkeit faſt in Anſo 1ß urch, M je die glih 321 er auch zu den Schriftgelehrten gehört. Die Ruinen eines alten Tempels verbergen ihn. Durch die zer⸗ brochenen Säulen ſchimmert in der künftigen Ausfüh⸗ rung die Glut der Abendſonne. Ihn ſelbſt umfängt ſchon Nacht. Mit geſenktem Haupte, faſt Thränen im Blick, die rechte Hand an's Herz legend, die linke eine Geſetzesrolle haltend, ſchreitet er dahin in der Nacht, von woher die Armen und Todesmuthigen ſchon am Tage kamen. Weder die Phariſäer, noch die Gläubigen konnten ihn ſehen, aber ſein Empor⸗ ſteigen läßt keinen Zweifel, daß er dahin will, von wo die ſcheidenden Sonnenſtrahlen kommen... Siegbert ſtand ſinnend vor der flüchtigen nur an⸗ deutenden, aber doch ſelbſt im möglichen Farbeneffekt ſchon erkennbaren Skizze. Laſſen Sie ſich nicht irre machen, Wildungen, ſagte Leidenfroſt jetzt ruhig und faſt weich und ſeinen ſchlichten grauleinenen Gehrock überwerfend, es iſt zwar Glaube in dem Bilde, aber doch nicht der rechte, weil kein rechter Chriſtus. Die untergehende Sonne kann allenfalls auch die Feuerreligion bedeuten, den Spinozismus oder die Hegelei. Bleiben Sie bei Ih⸗ dem Heiland und wie Sie ihn faßten. Den wollen die Menſchen natürlich, den wollen ſie leibhaftig ſehen, Die Ritter vom Geiſte. III. 21 322 ſeine Nägelmale faſſen, die Hand in ſeine Wunden legen, ſonſt glauben ſie nicht und ſonſt wirkt es auch nicht. Sie ſagen da das Einzige, erwiderte Siegbert, was ich an dem Entwurfe ausſtellen möchte, die feh, lende Perſon Deſſen, der die Wahrheit lehrt, mag es nun Chriſtus ſein oder Sokrates. Und doch viel⸗ leicht iſt auch dies geheimnißvolle Ahnen ſchön! Ich finde das Ganze gut und bedeutend. Welch' ein Aus⸗ druck läßt ſich da dem frommen, freudig rückkehren⸗ den Pilgerzuge geben! Welche Wuth und Blutgier den Phariſäerköpfen, von denen Sie nur die Köpfe, die Hände, die Stricke und die Steine ſehen laſſen! Und hier Nikodemus aufſteigend hinter den Ruinen, bedeckt mit dunklem breitblättrigem Feigenlaub. Die Füße ſieht man nicht... Faſt Knieſtück. Man hört ihn ſchleichen. Und welcher Schmerz im Antlitz! Welche Beklemmung und welche Sehnſucht nach Wahrheit! Ich ließ' ihn im Gehen das Alte Teſtament leſen und ſich vorbereiten, ob er den rechten, verheißenen Meſſias finden würde. Man iſt verſöhnt mit ihm, man zürnt ihm nicht, man ahnt, daß er einſt anſtatt zu den Halben, zu den Ganzen gehören wird und ſich einſt ſeines Glaubens wegen ſteinigen läßt! Halten Sie inne! rief Leidenfroſt. Von Alledem eine Wunde uſt wirkt? rte Siegben ſhte, die fe lehrt, n nd doch vie ſchön! It lch' ein Aut grückkehr ind Blutg ir die Koff ſehen laſſ den Ruine enlaub. 2 Man! tliz! We zʒ Wahkhe nt leſen enen M , man! ttatt zu nd ſih gon Ale ſteht noch nichts in der Pinſelei! Bleiben Sie bei Ihrer Auffaſſung! Beſonders wenn Sie, ſagte Reichmeyer, um mit einem Witze ſeinen Abgang effektvoller zu machen, außer den gläubigen Mohrenknaben und den Bedien⸗ ten auch das Kameel hinten recht fromm und bekehrt darſtellen. Damit ging Reichmeyer, gefolgt von Heinrichſon, der ſchon gelbe Glacéehandſchuhe angezogen hatte... Erbärmliche Effekthaſcher! rief ihnen Leidenfroſt mit verbiſſenem Grimme nach. Was mag Reichmeyer da wieder outrirt haben? Damit deckte er deſſen Staffelei auf. Es war noch immer das Porträt ſeiner Verwandten, der Frau von Reichmeyer, das er in den Spitzen, der Gewan— dung, den Blumen und dem Sammetüberzug des Seſſels, auf dem ſie ſaß, zierlich übermalte. Leider— ſehr gut gemacht, ſagte er. Es iſt är⸗ gerlich, daß man ihm nicht Eins verſetzen kann. Wozu? fiel Siegbert ein. Sein Spott iſtrlehr⸗ reich. Will ich mein Bildchen im Charakter des Geth⸗ ſemane halten, ſo muß allerdings das Kameel auch fromm ſein. Ich werde es ganz andächtig hinſtellen. Sie ſind ein guter Menſch, Wildungen! ſagte Lei— denfroſt und reichte ihm die Hand. Zu gut! Zu gut! 21* 324 Sehen wir uns heute? Meine Maſchinenarbeiter, be⸗ ſonders Alberti, Heusrück, Danebrand quälen mich, den Franzoſen kennen zu lernen. Die armen Jungen ſind von unſern Demokraten zu läppiſch an der Naſe herumgeführt worden. Sie dürſten nach Vernunft, Wahrheit und Uneigennützigkeit. Seien Sie in dieſer Angelegenheit nur behutſam, beſter Freund, antwortete Siegbert. Ich wünſche um Alles nicht, daß man uns misverſteht. Ehe ich mich mit meinem Bruder nicht ganz verſtändigt habe, gehe ich auf dieſem Wege nicht weiter. Heute hoff' ich ihn mir in dieſer Angelegenheit etwas näher zu bringen und auch Armand mit ihm bekannt zu machen. Wo ſind Sie denn Abends? Sind wir nicht zuſammen, ſagte Leidenfroſt, ſo ſchlag' ich in meinem Gedächtniſſe nach, ob ich nicht Jemanden ſeit längerer Zeit vernachläſſigt habe. Da wünſch' ich, daß Sie ein Mädchen finden mögen, fiel Siegbert lächelnd ein. Ich möchte Sie wol einmal, ſagte Leidenfroſt kopf— ſchüttelnd, mit einer Arbeiterfamilie bekannt machen, in die ich durch Willing'ſche Maſchinenbauer einge⸗ führt wurde. Sie würden ſtaunen über eine weib⸗ liche heroiſche Natur, die an der Spitze dieſes ganzen kleinen Gewühls von Kummer und kleiner Freude, eiter, be⸗ len mich, n Jungen der Naſe Vernunſt, behutſam, inſche um ich mich ibe, gehe fich ihn bringen en. Wo von Greiſen und lallenden Kindern ſteht. Waren Sie noch nie in den alten von der Stadt verwalteten Kom⸗ munal⸗Familienhäuſern? Niemals... In der Brandgaſſe... in dem Hauſe, wo die Auguſte Ludmer Nr. 17 wohnt... Wie käm' ich dahin... die ſchöne Auguſte! Die ſo tief geſunken iſt! Heinrichſon's Verdienſt! Laſſen Sie Das! Was geht Das uns an? Louiſe Eiſold iſt der Name des Mädchens, das ich meine... Und das Sie lieben... in einem ſolchen Hauſe? Lieben! Nein, Wildungen! Ich meine, Sie kommen doch auch noch dahin, ſich für die Frauen zu inter⸗ eſſiren, ohne gleich Ihr Herz in Brand zu ſtecken... Tändeln Sie mit dem armen Mädchen? Das wäre noch ſchlimmer! Louiſe Eiſold? Nein! Nein! ſagte Leidenfroſt fort— gehend und ſich Cigarren aus ſeinem Portefeuille hervor⸗ ſuchend. Ich laſſe ſie in ihrem Element und beobachte nur, wie ſich Das doch auch regt, doch auch bewegt, wie Das plätſchert, zappelt und nach Luft ſchnappt, grade wie vielleicht die ſchöne Gräfin d'Azimont! Sie wer⸗ 326 den doch bei der Werdeck, die ich Ihnen zu malen überließ, nicht ſogleich auch an Liebe denken? Ich bitte Sie, Leidenfroſt... Es iſt eine ſchöne unternehmende Frau... eine Polin! Wenn Sie wüßten, ſagte Siegbert faſt erröthend, wie verächtlich mir die Männer ſind, die bei jedem weiblichen Weſen ſogleich an eine Eroberung denken! Im Gegentheil weckt die Bekanntſchaft dieſer Frau mir die dringendſte Neugier, grade ihrem Manne näher zu kommen. Sie verachtet unſere politiſchen Zuſtände und haßt ſie in einem Grade, daß ich nicht begreife, wie ein Offizier in ihrer Nähe ſich behaup— ten kann, ohne ein Heuchler oder Tyrann zu ſein, was Major von Werdeck doch wol nicht zu ſein ſcheint... Woher kennen Sie dieſe Werdecks? In Werdeck's Innerm, ſagte Leidenfroſt auswei⸗ chend und faſt geheimnißvoll zur Erde blickend, gährt es wie in dem Herzen vieler Edlen, die in Ver⸗ zweiflung gerathen, ihre beſſere Ueberzeugung mit den Anforderungen ihrer Stellung in Einklang zu bringen. Schließen Sie ſich dem Manne an, Wil⸗ dungen! Seine ſcharfen Züge wirken faſt abſtoßend auf mich... zu malen 1 1... eine ertöthend, bei jedem ng denten! jeſer Frau n Manne politiſchen i ich nicht ch behauh, in zü ſein, ͤt zu ſein ks? ſt auswi⸗ end, gähe e in We ugung m nklang 1 Wl 2 oßend 1 Jede bedeutende Kapazität, die handeln will, muß etwas vom Mephiſtopheles haben. Wir ſind Alle etwas borſtig und widerhaarig, die wir eine Mei⸗ nung behaupten. Ich weiß wohl, wie unangenehm ich durch meine Ueberzeugungen wirke. Lieben kann man uns nicht. Aber Major von Werdeck wird noch einſt in der Geſchichte Epoche machen, wenn er nämlich auch von den Halben zu den Ganzen übergeht!... Adieu, Freund! Vergeſſen Sie nicht Ihren Bruder zu ſondiren! Damit hatte ſich Leidenfroſt eine der Cigarren ange⸗ zündet, ſeinen grauen Filzhut über den Kopf geſtülpt und in ruhigem Schlendergange das Atelier verlaſſen... Die Worte: Wenn er von den Halben zu den Ganzen übergeht! hallten in dem inzwiſchen leer ge⸗ wordenen Atelier ſo nach, daß Siegbert vor ihrem Widerklange faſt erſchrak. Es lag in Leidenfroſt's Betonung Etwas, das ihn ſelber traf und doch ver⸗ droß ihn der Schein des Geheimniſſes, der plötzlich die ihm ſo liebgewordene Geſtalt des talentvollen, mit ſich und der Welt faſt zerfallenen jungen Künſtlers umſchleierte. Zum erſten Male ſprach in ihm eine Stimme: Folge dieſen dunklen Wegen nicht ohne Vor⸗ ſicht! und dennoch ſtand er ſinnend vor der Skizze, die Leidenfroſt vom Nikodemus entworfen hatte. Das 4258 ſchleichende, ängſtliche Aufſteigen des ſeines Irrthums ſich bewußten Phariſäers zum Tempel der Wahrheit er⸗ ſchütterte ihn tief... Er ſah die ganze Zeit wieder, die ganze Schwere, die auf den Gemüthern laſtet, den Widerſpruch zwiſchen der beſſern Ueberzeugung und der irdiſchen Rückſicht bei Hunderttauſenden... Ni⸗ kodemus! ſeufzte er. Es währte lange, bis er zu ſeiner eigenen Staffelei zurückkehrte. 5 Jrrthums Lahrheit er⸗ Zeit wieder laſtet, den ugung und n.. Ni⸗ en Staffelei Elttes Capitel. Zwei Beſuche. Siegbert war im Atelier allein, er wollte lange arbeiten und gegen drei Uhr zu Grün's gehen, wo er den Bruder zu finden gewiß zu ſein glaubte. Das behagliche Gefühl, mit dem er den Augen⸗ blicken des traulichen Beiſammenſeins entgegen harrte, war ein wenig geſtört worden. Das Geſpräch war zu aufregend, zu beunruhigend für ſein innerſtes Gefühl geweſen. Er hatte einen ſo edlen, ſittlichen Takt in allen Dingen... Man hatte wieder von Melanie geſprochen und wußte doch, daß er ſie liebte. Man hatte mit der Einladung zu der vornehmen Frau von Harder ſo laut geprahlt. Ja ſelbſt daß Leidenfroſt, der ihm ſeit kurzem erſt ſympathiſcher wurde, ſeine eigne Kunſt ſo blindlings verwarf und dabei ſo ſtreng, ja vielleicht eitel ſein konnte, ihm vor den Augen einen Stoff, den er eben behandelte, anders zu geſtalten, als er ihn ſich gedacht hatte, das Alles war doch für ſein weiches, offnes Herz eine nagende Pein... Als er Leidenfroſt's Skizze betrachtete und ihre Schönheit wiederholt anerkennen mußte, ging er noch weiter und hatte ſich geſagt: Wie, wenn der ſtrenge Freund dich nur erziehen, zum Tieferen und Anſchauungsreicheren zwingen wollte? Machſt du dir dein Schaffen nicht zu leicht? Denkſt du genug über Das, was zu exiſtiren würdig iſt, nach und ſtehſt du ganz auf der titaniſchen Höhe der Bildung, mit der man jetzt die großen Meiſter ſchaffen ſieht? Tiefe Bekümmerniß, ja Muthloſigkeit hatte ihn überfallen, als er dieſer Gedankenreihe weiter nach— dachte. Es war ihm vorgekommen, als hätte er alle Theile der Kunſt in ſeiner Hand und zu den mecha⸗ niſchen Fertigkeiten fehlte ihm doch noch das geiſtige, ſie zuſammenhaltende Band. In tiefſter Verſtimmung hatte er auf ſeine Skizze zurückgeblickt und ſiehe da!... plötzlich wußte er nicht, wie ſie ihn doch wieder ſo ermuthigend, ſo neubelebend anſprach... Es war der Geiſt der Ruhe, der in ihr waltete, eine Ruhe, die in Leidenfroſt's Andeutungen fehlte. Jene regten auf, ſeine Zeichnung füllte ihn mit lindem Troſt, erquickte ihn! Die Geſtalt des Heilands, die dort fehlte, übte Alls agende d ihre rnoch ziehen, wollte? Denkſt „nach idung, ſieht? tte ihn 1 nach⸗ et alle mecha⸗ geiſtige mmung dal., jeder ſo war der ihe, d ten auf erauicke ſe üb grade hier den Zauber der Erhebung und der wun⸗ derbarſten Stärkung. Auf's Neue tauchte er den Pin⸗ ſel in die zarten Aquarellfarben und begann mit jener eigenen gebundenen Wärme, aus der allein der Künſt⸗ ler und Dichter Andre Erwärmendes ſchaffen kann, ſein beſcheidenes, einfaches und ſinniges Werk weiter fortzuführen. So in Gedanken, ſo in ſtilles, heiliges Schaffen war er verloren, daß er kaum aufſehen mochte, als er Jemanden an die Thür klopfen, dann eintreten hörte. Mit zaghaften, knarrenden Tritten nahte ſich ein Be⸗ ſuch. Es war jener Franzoſe, den wir im Vorzimmer des Prinzen Egon geſehen hatten, Louis Armand, der Kunſttiſchler und Vergolder. Siegbert erſchrak über Armand's verſtörte Miene. Es war die ihm ſchon gewohnte und liebgewordene Erſcheinung; aber auffallend war ihm ſchon die äußere elegante Kleidung. Der ſchwarze Anzug ließ die blaſſen Mienen des ſcharfgeſchnittenen Antlitzes nur noch mehr hervortreten und ſtand in einem ſonderbaren Widerſpruche zu dem loſe um den Hals geſchlungenen, faſt vernach⸗ läſſigten Tuche, deſſen aufgezogene Zipfel über die Bruſt herabfielen, ohne daß es Armand zu bemerken ſchien. Tiefer Ernſt lag auf ſeiner Stirn, Schreck in ſeinen verſtörten, dunkeln Augen... 332 In Haſt und Aengſtlichkeit, mit der Abſicht, ſich keine Minute zu lang aufzuhalten, trat Armand auf die Staffeleien zu. O c'est heureux! ſagte er und fuhr dann in langſamer Betonung, aber in gutem gewandtem, ſon⸗ derbarerweiſe etwas polniſch accentuirtem Deutſch fort: Ich fürchtete, Sie nicht mehr zu treffen, Herr Wildungen! Mein beſter Armand! ſagte Siegbert ſich umwen— dend. Was bringen Sie... Sie ſcheinen erregt... Was iſt Ihnen? Ich bin ſehr unglücklich... In der That! Wie ſehen Sie aus! Setzen Sie ſich, lieber Armand! Reden Sie! Wie ich geſtern Sie verließ, erzählte Armand, fand ich den Prinzen zwar zurück von ſeiner Reiſe, aber ſo krank, daß ich die ganze Nacht bei ihm ge⸗ wacht habe. Die Aerzte erklären ſeinen Zuſtand für den Anfang eines heftigen Nervenfiebers. Siegbert hätte an dieſer Mittheilung Theil ge⸗ nommen, auch wenn ihm Egon ſeiner ſonderbaren Beziehung zu einem einfachen Tiſchler wegen nicht liebgeworden wäre. Wie kam Das ſo plötzlich? fragte er voll Theil— nahme. Ein Nervenfieber! n un t, ſich nd auf nn in „ſon⸗ folt: Herr mwen⸗ gt. en Sie rmand, 333 Ein Nervenfieber iſt faſt ſo viel wie der Tod. O machen Sie ſich keine trübe Vorſtellung, Ar⸗ mand! Wie kam Das nur? Der Prinz hat auf ſeiner Reiſe viel erlebt, ſagte Armand. Das Wiederſehen ſeiner Beſitzungen, der Grabſtätte ſeiner Mutter hat ihn erſchüttert. Er kam ſchon krank nach Hauſe zurück. Wo ihn vielleicht noch, ergänzte Siegbert, die Nachricht von dem Eintreffen einer ſchönen Frau be— unruhigte, der Gräfin d'Azimont. Woher wiſſen Sie— fragte Armand erſtaunt. Hab' ich nicht Recht? Er hat mit ihr in Paris gebrochen und dennoch reiſt ſie ihm nach und wird ſeinen krankhaften Zuſtand nur noch geſteigert haben. Ich erfuhr ſoeben dieſe Verhältniſſe. Allerdings! So iſt es! Aber ich erſtaune, wie Sie Dies erfahren konnten? Lieber Freund, ſagte Siegbert, das liegt in der Natur ſolcher Liaiſons. Dieſe Verbindungen haben für manche Seelen, wenn ſie verborgen bleiben ſollen, nur den halben Reiz. Die Frauen ſind es oft ſelbſt, die ihrer natürlichen Scheu ungeachtet dieſe Verhält⸗ niſſe mit Gewalt an das Tageslicht drängen. Wenn ich mich nur einigermaßen in dieſer Dame orientire, ſo wird ſie, wenn das Verhältniß nicht aus gegen⸗ 334 ſeitigem Ueberdruß ſich löſte, ihren ehemaligen Freund jetzt ſo beunruhigen, daß Sie ihn vor ihr ſchützen müſſen... 4 Ich erſtaune, rief Armand, Sie ſagen Alles, was ich ſelbſt denke. Und deshalb muß ich eilen, zu mei— nem Kranken zurückzukehren. Ja! ja! Es thut Noth, daß ich ihn ſchütze, vor Allen! Allen! Dutzende von Menſchen, die ihn bedienen wollen und nicht ein Herz, das ihn mit Entſagung liebt! Armand erzählte hierauf in flüchtigen Umriſſen Einiges von der äußeren Lage Egon's, wie wir ſie ſchon kennen. Als er ſein Erſcheinen hier im Atelier dadurch entſchuldigte, daß er von Siegberten hätte für ein längeres Verſchwinden Abſchied nehmen wollen, kam er auf Ackermann, durch deſſen Anerbietung dem Prinzen eine ſo große Wohlthat geſchähe und ſchloß mit einer Bemerkung, die Siegberten überraſchte. Es iſt mir ein ſo ſüßer und wohllautender Ton geweſen, ſagte Armand, in den Fieberphantaſieen mei⸗ nes kranken Egon ſo oft Ihren Namen zu verneh⸗ men... Meinen Namen? fragte Siegbert. Wildungen! Den Namen Ihres Bruders... Dankmar... Dankmar Wildungen... Freund ſchützen es, was zu mei ut Not ende von ein Hel Umriſſer wir ſe n Atelie ten hätt nwollen tung den nd ſcho 335 Der Prinz kennt meinen Bruder? So hat er ihn in Hohenberg kennen gelernt. Der Gedankg an Ihren Bruder beſchäftigt ihn auf's Lebhafteſte. Geſtern Abend war er zu ermüdet, mir Alles zu ſagen, was er auf dem Herzen hatte; das entſetzlichſte Kopfweh peinigte ihn und in dem Ausbruch aller der Symptome, die auf ſeine ſchnell entſtandene Krankheit deuteten, konnte von einer Ver— ſtändigung nicht mehr die Rede ſein. Nur einmal, heute vor einigen Stunden, als ich ihm die Anerbie⸗ tungen jenes Herrn Ackermann vorzuſchlagen wagte, trat ein lichter Moment ein, indem er deutlich den Namen Ihres Bruders als den bezeichnete, der ihm Ackermann ſchon genannt und empfohlen hätte, ſonſt erwähnt' er ihn in ſeinen Phantaſieen bald als einen Gefangenen, ſpricht von einem Kerker, von Eiſenſtä⸗ ben, erwähnt ein Bild und ruft: Da! Da! Verbergt es! Mit einem Worte, es foltern ihn die verwickelt⸗ ſten Erlebniſſe. Gern hört' ich, daß Ihr Herr Bru⸗ der beruhigende Aufklärungen gäbe. Wie leicht wär' es dann, irgend etwas ſo auszuführen, daß er in ſeinen ſchmerzenfreien lichten Augenblicken davon einen lindernden Troſt hätte! Siegbert verſprach möglichſt darin das Seinige zu thun. Louis Armand ſchied von ihm, nachdem er noch die Verſicherung erhalten hatte, Siegbert würde in der Wallſtraße Nr. 14 bei dem Tiſchler Märtens die Gründe angeben, warum er vigleicht auf lange Zeit von ſeiner Wohnung keinen Gebrauch machen könne. Aber Ihr Geſchäft, Armand? Märtens ſoll die Beſtellungen annehmen. Aus— führen kann ich jetzt nichts. Egon bedarf eines Freun⸗ des... ich verlaſſe ſein Bett nicht... es iſt mir, als müßte ein Cherub niederſchweben, um ihn zu be⸗ ſchützen. Sie ſind dieſer Himmelsbote, Armand! ſagte Sieg⸗ bert und klopfte dem jungen Handwerker auf die Schul⸗ ter. Tragen Sie mir alle Ihre Wünſche auf! Lei⸗ denfroſt wollte Sie bei den Arbeitern einführen. Man ſehnt ſich nach Ihren Belehrungen... O, o! lehnte der junge Mann mit Beſcheidenheit ab. Man iſt geſpannt auf Sie! Ueberall, Armand, wo man Wahrheit und keine Vorſpiegelung der Phan⸗ taſie will. Aber Sie werden nicht zu lange fern blei— ben! Befehlen Sie über mich! Haben Sie irgend noch einen Wunſch? Louis Armand ſtand eine Weile träumeriſch und hielt in den Schritten ein, die beide junge Männer er noch ürde in Märtens f lange machen während dieſer Worte ſchon an die Thür des Ateliers gerichtet hatten. Endlich ſagte er mit einem angenehmen Lächeln und mit halblauter Stimme: Beſtellen Si ich bitte, ein freundliches Wort einem kleinen guten Mädchen, das bei Märtens, dem Tiſchler, wohnt. Sie heißt Franchette oder Franziska. Es iſt eine beſcheidene Blume, die zwiſchen Felſen auf hartem Stein wächſt, eine jener unbeſchützten Seelen, die nur durch den Thau des Himmels gedeihen. Viel⸗ leicht finden Sie einmal Muße, mir dies kleine Ge⸗ dicht, das ich auf dies liebe Mädchen entwarf, in deutſche Verſe zu übertragen. Ich fühle mich doch nicht ſtark genug in Ihrer Sprache, mich im Reim zu verſuchen und Franziska würde meine franzöſiſchen Verſe ſelbſt dann nicht verſtehen, wenn ich ſie ihr überſetzte. Siegbert nahm dem bewegten Armand ein Blätt⸗ chen Papier ab, das er ihm faſt zitternd überreichte. Ich will es verſuchen, ſagte Siegbert. Ein Scherz über dieſe Mittheilung, eine Neckerei über Armand's liebende Galanterie lag ihm ganz fern. Es war ihm etwas Heiliges, da ſo einfach und ſtill in das Innere eines andern Menſchen blicken zu dürfen... Meine größte Sorge, ſagte Armand, indem ihn Die Ritter vom Geiſte. III. 22 ————ſͤͤͤͤſͤnö“— — y— —— 338 Siegbert an die Thür begleitete, iſt jetzt das Schick⸗ ſal meines armen Egon! Ich glaube Ihnen Beweiſe gegeben zu haben, daß ich die Menſchen nur nach ihrem wahren Werthe ſchätze, aber auf Egon fällt mir noch ein reineres Licht als das der Freiheit von ſeinem Stande. Ich überſchätze auch ſeinen menſchlichen Werth nicht. Ich habe leider Urſache, ein gewiſſes Schwanken ſeines Charakters als eine gefährliche Klippe zu bezeichnen und kann wohl ſagen, daß ich ihn mir ganz gewon⸗ nen habe nur durch den Schmerz! Wenn wir uns näher ſtehen werden, Herr Wildungen, wenn Sie nicht ermüden, einen Mann meines geringen Berufes enger an ſich zu ziehen, ſo werden Sie erfahren, wel⸗ ches das ſchmerzliche Band iſt, das mich in dem fer⸗ nen Frankreich an einen jungen vornehmen deutſchen Herrn feſſeln ſollte! Ich hätte ihn nie lieben können, wenn nicht ein ſchöner Enthuſtasmus für das Große und Erhabene in ihm gelebt hätte und er war ſo weiſe, ſo gerecht, daß er ſuchte das Große und Erhabene auch im Niedrigen zu finden. Er vermißte Menſchen, aber er fand ſie. Er hat ſie dann verloren und hat ſie wieder gewonnen.. Es gab Tage, wo ich ihm mochte den Dolch in's Herz ſtoßen und es gab andere, wo ich mußte.. küſſen— ſeine Hände... Mag ihn der Himmel uns erhalten, mir und Ihnen; denn ich as Schick⸗ in Beweiſe nach ihrem ir noch ein n Stande. erth nicht. nken ſeines bezeichnen nz gewon⸗ wir uns wenn Sie en Berufes ähren, wel n dem fet deuiſche een können das Gloß n ſo weſ HEthabe Menſch 339 hoffe viel von ſeinem Geiſte guch für die gute Sache Ihres Volkes, für uns Alle. Die Thränen ſtanden Louis Armand in den Au⸗ gen, als er dieſe Worte halbgebrochen und nicht ſo zuſammenhängend, wie wir ſie wiedergaben, ſtam⸗ melte. Siegbert war ſelbſt ſo ergriffen, daß er nichts zu antworten vermochte, ſondern ſtumm und ſtill von Louis Armand Abſchied nahm. Schüchtern und beſcheiden wie er gekommen war, verließ Louis Armand das Atelier. Siegbert ſah ihm nach und kehrte langſam zu ſei⸗ ner Staffelei zurück. Er konnte nicht arbeiten... Berg's Diener, der die Aufſicht über die Räum— lichkeit hatte, kam, um ſie zu ſchließen. Siegbert bat, ihm die Schlüſſel dazulaſſen. Er würde noch eine Weile verharren und ihm dann das Schließeramt abnehmen; er möchte gehen und ſeiner Mittagsruhe pflegen. Wie Siegbert allein war, entfaltete er ſogleich das Blatt, um die franzöſiſchen Verſe zu leſen. Sie geſtalteten ſich ihm raſcher, als er geglaubt hatte, zu einem deutſchen Gedichte. Doch mußte er ſich ſagen, daß in dieſen Verſen 22* ein gewiſſer für deutſche Verhältniſſe faſt zu greller, faſt ſchneidend ſcharfer Hauch wehte... Er konnte begreifen, daß man nur in Paris einer jungen Handwerkerin ſo eigenthümlich huldigen könne und doch geſtand er ſich, es wäre ſchon gut, wenn V auch die deutſchen Arbeiter und Arbeiterinnen auf die⸗ ſer Höhe edlerer Empfänglichkeit und Charakterſtärke ſich hielten... Er wußte jetzt, was ihn eigentlich an Louis Armand feſſelte. Er ſelbſt, doch ein Künſtler von höherer, ſelbſt gelehrter Bildung, nahm an dieſem Handwerker In⸗ tereſſe, nicht weil ihm ſeine ſocialiſtiſche Theorie ge⸗ fiel und er ſeine Träumereien von einer veränderten Geſellſchaftsverfaſſung vollkommen billigen konnte... ihn zog das düſtere, ernſte Weſen, die charakterfeſte Perſönlichkeit Armand's an und noch jedesmal, daß er mit ihm zuſammentraf, nahm er einen neuen leben⸗ digen Eindruck mit hinweg. So jetzt den, daß Ar⸗ mand auch dichtete! Louis Armand brachte aber in ſeinem mit den Wor⸗ ten: Fille du peuple, pauvre mendiante! anfangen⸗ den Ne pleurez pas! überſchriebenen Gedicht der Fränz Heuniſch etwa folgende ſonderbare, halb ironiſche, halb V wehmüthige und für deutſche Handwerkerbildung völ⸗ lig unpaſſende Huldigung: zu greller aris einet igen könne zut, wemn n auf die rakterſtätte guntuch u reer, ſelh wetiet I Theorie g verändert konnte. hHaraterſ nal, daß neuen lehe 1, daß! it den I ¹ anfond ͤt der 1 oniſche bildung 341 Weine nicht! Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Du biſt nicht arm, was auch dein Elend ſpricht! Der Unſchuld Krone trägt dein ſchönes Haupt, Und wenn ein Reicher ihr Geſchmeide raubt, Biſt du nicht arm.. Was thut's? Sei klug! Nur weine nicht! Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Du biſt nicht arm, was auch dein Elend ſpricht! Ein Pfaffe ladet dich zum Beichtſtuhl ein.. Geh hin! Er küßt dich! Im Marienſchein Biſt du nicht arm.. Sei klug und fromm! Nur weine nicht! Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Du biſt nicht arm, was auch dein Elend ſpricht! Die Nachbarin läßt ihre Truhe auf.... Greif zu!... Zum Bagno geht dein Lebenslauf; Und wenn zum Tod.... Was thut's? Nur ſtolz! Nur weine nicht! Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Du bebſt zurück? Du liebſt die Tugend noch? Sieh da! Du kannſt die Perlen fallen ſehn Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nähn! Biſt reich! Biſt reich!— O Gott.... nun weinſt.... nun weinſt du doch! So ungefähr dachte ſich Siegbert die Uebertragung dieſes epigrammatiſch endenden wilden Liedes und verfiel dabei auf den Gedanken, ob wol einer deutſchen Nähte⸗ rin ein ſolches Gedicht wirklich gefallen könnte, ob ſie nicht vorziehen würde, ſich denn doch in ſchmeichelhaf⸗ — 342 teren Klängen beſungen zu ſehen und ob nicht die ſüße Phraſe in Deutſchland ſo regiere, daß ſie ſelbſt in den unterſten Regionen das friſche Gefühl und die wirk— lichen, nackten Thatſachen überpinſelte... Er nahm ſich ernſtlich vor, Armand zu warnen, mit einem ſol⸗ chen Gedichte bei uns die Gunſt eines Mädchens aus dem Volke erobern zu wollen! Unfähig zu arbeiten und doch noch in der Kühle des Ateliers die Stunde abwartend, wo er mit dem Bruder zuſammenzutreffen gedachte, nahm er das Waſ⸗ ſer, das in verſchiedenen antikgeformten gebrannten Krügen, weniger für die Erquickung als die Reini⸗ gung der Maler daſtand und begoß die Blumen, die hier und da am zahlreichſten in der eleganten Abthei⸗ lung aufgeſtellt waren. Sie hatten es nöthig in der Sonnenhitze.. Der Diener vernachläſſigte ſie.. Sie würden verwelkt geweſen ſein, wenn ein barmherziger Samariter da des Weges nicht gezogen wäre und ſich der Sterbenden angenommen hätte. Das aufregende, bittere Gedicht, die Blumen und Melanie verſchmolzen ſich in Siegbert's beweg⸗ ter Bruſt. Wie oft hatte nicht die liebliche Geſtalt auf dieſen bunten Teppichen geſeſſen und nur mit halbem Ohre den Lehren gelauſcht, die ihr der würdige Profeſſor die ſüße iſt in de die will Er nahl nem ſo ens aus der Küh mit der as Wa brannte ie Nein men, d n Abthe ßig in d i. S mher und 4 343 gab! Die Vorhänge waren herabgelaſſen geweſen.. Sie hatte im Grunde kaum eine andere Beziehung zu den andern Malern gehabt, als daß ſie an ihnen vor⸗ uͤberſchwebte und mit holdſeligem Lächeln die ihr dar⸗ gebrachten Grüße erwiderte! Aber auch welches Schwe⸗ ben! Welches holdſelige Lächeln! Blieb dann einmal gar durch einen künſtlich vorbereiteten oder natürlichen Zufall der große ſchwere Vorhang beim Lehrer eine kurze Zeit offen... welche Verwirrung entſtand un⸗ ter den Malern und wie zitterte Siegbert, der nur die Schönheit in Melanie ſahe und, daß ſie ſich de⸗ ren bewußt war, wie das Erlaubteſte entſchuldigte.. Und war es denn nur bloße Einbildung, wenn Sieg⸗ bert annahm, daß er dieſem liebenswürdigen Mäd⸗ chen nicht völlig gleichgültig geblieben war? Für Lei— denfroſt's kurze, gedrungene, ja häßliche Figur, ſeine dunkeln, tiefliegenden, ſtrengen Augen, ſein ſarkaſtiſches Lächeln und vor allen Dingen für ſeinen grauleinenen Kittel und plumpen grauen Schlapp⸗Hut konnte ſie keine Sympathie haben. Reichmeyer war ihr ein zweiter Laſally. Heinrichſon ihr ſicher zu elegant, zu ſehr Gentleman und alle Welt wußte, daß er von alten Damen ſehr verwöhnt war und den Petitmaitre der Salons abgab und noch öfter abgeben mußte... was den ſchönſten Mann allmälig doch untergräbt und lächerlich macht... In Siegbert Wildungen aber war, was Melanie oft gefunden hatte, Haltung und Poeſie zugleich; er galt für intereſſant, ſeine feuchten verklär⸗ ten Augen zogen an, er trug ſich als Künſtler, ohne in's Barocke zu verfallen... Konnte Siegbert nicht erhöhteren Muth faſſen, wenn Melanie faſt abſichtlich mit ihm Geſpräche anknüpfte, ihn in die Geſellſchaf⸗ ten ihrer Familie einführte, ja einige male ſogar plötz⸗ lich im Atelier erſchienen war, wenn ſie wiſſen mußte, daß Alle fort waren und vielleicht nur noch Siegbert arbeitete? Sie hatte dann gewöhnlich etwas vergeſ⸗ ſen oder verloren, rannte an ihre Staffelei, beachtete den Ueberraſchten gar nicht, bis ſie ihn wie zufällig entdeckte und ſich vielleicht nur an ſeiner Verlegenheit weidete und den Triumph genoß, einen Mann bewegt zu ſehen, einen Mann in der Rede ſtocken zu hö⸗ ren! Die Abſcheuliche! Und doch hatte ſie ihn vielleicht gern und zürnte nicht, als Siegbert einmal in einem ſolchen Augenblicke der Ueberraſchung ihre Hand er⸗ griff und ſie mit Küſſen ſo lange bedeckte, bis ſie ihn mit dem— zufällig!— ausgezogenen Handſchuh ſchlug und vor ſeiner ſtürmiſcher werdenden Bewerbung lachend davonflog! An dieſen ſeligen Augenblick kurz vor Melanie's Reiſe dachte Siegbert und faſt dieſelbe Gluth, wie da— ber war d Poeſte verkla er, ohne ert nicht bſichtlich ſellſchaf gar ploh n mußte Siegber vergef beachten 3 zufällc nlegenhen n beweg mu he vielleiche in einen Hand ei 4 13 ſ 1 bi zandſch ewerbun Melani wie 345 mals, durchſtrömte ſeine Adern. So wirkte nur die Vorſtellung jener Scene ſchon! Wie? Wenn ſie ſich noch einmal wiederholte? Wäre Dies, dachte er ſich, ſo läg' ich zu ihren Füßen! Ich ließe ſie nicht, bis ich ſie entweder zu mir nieder⸗ oder ſie mich zu ſich emporgezogen hätte! Wie Siegbert noch in dieſen Erinnerungen ſchwelgte, ſich ankleidete, mit dem Bleiſtift an der Ueberſetzung arbeitete, dann wieder einmal die Blumen emporrich⸗ tete oder ſich auf eins der Kanapés in Profeſſor Berg's Arbeitsraum warf, geſchah ihm das Wunder⸗ bare, daß er einen Wagen vorfahren hörte, die Thür aufreißen und Melanie hereintreten ſah. Sie war es.. Melanie Schlurck! Erſt glaubte er ſie in der weiten Entfernung vom Kanapé aus nicht zu erkennen. Sie ſchien eine Andere, als ſie eben in ſeinen Träumen gaukelte. Sie ſchien höher, ſtolzer, ſtrenger, und doch.. es war Melanie! Sie ſelbſt im rauſchenden Gewande, ſie ſelbſt in dem zierlich leichten Strohhut, eine rothe Echarpe über den hellen Kleidern.. Melanie wieder mit ihm allein! Und er in einer Stimmung, die für ihn eine entſcheidende werden konnte! Aber wie erſtaunte er, als Melanie entſchloſſen 346 auf ihn zuſchritt und ihn kurz mit den Worten be⸗ grüßte: Guten Tag, Wildungen! Da bin ich von der Reiſe zurück! Wie geht's Ihnen? Sind Sie allein, Wildungen? Fräulein.. ſagte Siegbert, übergoſſen von dem edelſten Purpurroth, dem der männlichen Verlegenheit. Fräulein.. welche Ueberraſchung! Sie haben einen Bruder, fuhr Melanie kurz und entſchieden und ohne allen Umſchweif fort. Er heißt Dankmar. Nicht ſo? Dankmar, Fräulein— Dankmar Wildungen iſt mein Bruder. Er war in Hohenberg? Er war in Hohenberg! Mit dem Fürſten Egon? Er iſt ein Freund des Fürſten Egon? Darauf kann ich keine beſtimmte Antwort geben! doch hör' ich, daß er deſſen Bekanntſchaft in Hohen⸗ berg machte. In Hohenberg? Er ſagte mir, ſeine Reiſe wäre abentheuerlich ge— weſen. Doch wie und wodurch, hoff' ich heute erſt näher von ihm zu erfahren. rten be⸗ von der allein, on dem egenheit urz und Er heißt ngen iſ und des t getben Hohen erlich 9 Melanie hielt ſich an eine der Staffeleien, die jedoch zu ſchwankend war um Stand zu halten... Sie mußte ihre ganze Kraft aufbieten, nicht zuſammen⸗ zuſinken. Siegbert begriff ihre Aufregung nicht. Mit einer Entſchiedenheit, die in dieſer Form nur dem Weibe eigen iſt, es aber auch dann nicht mehr ſchön erſcheinen läßt, ſagte jetzt Melanie: Nun denn, ſo laſſen Sie ſich über dieſe Reiſe von Ihrem Bruder erzählen, was Sie wollen, bedeuten Sie ihm aber im Namen eines Mädchens, das nicht ohne Charakter iſt, daß ich ihm verbiete, über Das, was zwiſchen ihm und mir vorgefallen, auch nur eine Sylbe zu ſprechen! Siegbert ſtand erſtarrt.. Bedeuten Sie ihm ferner, fuhr Melanie fort, daß ich ihm unterſage, dem Fürſten ein Wort zu erzählen von der Art, wie er zu dem Bilde gekommen iſt, von dem Bilde, von dem Sie werden gehört haben— ich ſprach ſoeben den Amerikaner, dem ich im Heidekrug durch Zufall es überlaſſen mußte; er verſicherte mich, daß es in die Hände Deſſen gekommen iſt, dem ich es zugedacht hatte. Siegbert erinnerte ſich des Bildes, er erinnerte ſich 348 der Reden, die vom Prinzen Egon ihm eben Armand erzählt hatte. Faſt ſprachlos aber über Melanie's Kälte und ihren Zorn gegen den Bruder, verwirrt durch das ihm völlig dunkle Chaos dieſer Ein⸗ drücke, beſtätigte er einfach, daß er von einem Bilde wiſſe.. ja! Sagen Sie Ihrem Bruder, unterbrach ihn Me⸗ lanie im glühenden Zorn, daß ich von einem Manne, den ich Urſache hätte zu verachten, noch ſoviel billige Rückſicht erwarte, daß er dem Prinzen das Bild ein⸗ händigt, ihm aber und jedem Andern zu erzählen un⸗ terläßt, wie er dazu gekommen.. Als ſie ſich wandte, um zu gehen, beſtürmte ſie Siegbert mit ſeinen Fragen um Aufklärung. Er ver⸗ ſicherte, daß ihm und dem Bruder jeder ihrer Befehle eine heilige Verpflichtung ſein würde. Sie werden ihn ſehen, ſagte er, ich ſchicke ihn ſogleich! Wann darf er zu Ihnen kommen, Fräu⸗ lein?.. Nie! rief Melanie und wandte ſich. Melanie, nie? wiederholte Siegbert und wie von einer räthſelhaften Ermuthigung ergriffen, hielt er ſie mit männlicher Entſchloſſenheit feſt... Ich laſſe Sie nicht! ſagte er. Was haben Sie Armand ſelanies verwirt er Ein⸗ m Bilde ihn Me⸗ Manne, el billige Bild ein⸗ hlen un ürmte ſie Er vel⸗ Befehle hicke ihn 1, Fräu mit meinem Bruder! Er liebt Sie? Gewiß, er liebt Sie.. Die Lippen bebten ihm, als er dieſen ihm blitz⸗ ſchnell wie das Lachen eines Dämons durch den Sinn fahrenden Gedanken ausſprach... Er liebt Sie? wiederholte er. Wie konnte er Ihnen ſo nahe ſein, ohne Sie anzubeten? Allmäch⸗ tiger Gott! Was red' ich? Was muß ich reden? Er muß Sie lieben; denn ich, ſein Bruder kam ihm ja zuvor und mein armes Herz iſt ja nur beſtimmt, zu entſagen und mich Denen zu opfern, die mir mein Leben ſind! Als dem jungen Manne dieſes furchtbar ſchmerzliche Geſtändniß, dieſe qualvolle Ahnung in konvulſiviſch hervorgeſtoßenen Worten von den Lippen gekommen war und er faſt ohnmächtig in einen Seſſel ſank, blieb Melanie eine Weile ſtehen und ſah nicht ganz ohne Mitleid zu Siegbert, deſſen leidenſchaftlichem Feſthalten ſie ſich entriſſen hatte, nieder. Siegbert Wildungen, ſagte ſie dann mit ruhi⸗ ger Kälte. Laſſen Sie dieſe Thorheiten! Ich liebe Sie nicht. Und will auch Ihren Bruder nie mehr ſehen... Melanie! rief Siegbert und faßte nach dem Her⸗ zen, das ein krampfhafter Schmerz durchzuckte.. 350 Die kalte, in ihrem Innerſten geknickte und ver⸗ wundete Melanie fuhr fort: Sie haben Beide ſich ohne Zweifel im Leben Ziele geſetzt, die über eine flüchtige Mädchenliebe hinaus⸗ gehen werden! Halten Sie mich nicht für ſo leicht— ſinnig, als ich Ihnen ſcheine! Auch ich habe mir ein Ziel geſetzt. Es liegt nicht da, wohin Sie und Ihr Bruder ſteuern! Wiederholen Sie Dieſem meine Bitte, unterſtützen Sie ſie, wenn Sie noch etwas Neigung für mich haben. Im Uebrigen denken Sie nicht mehr an mich!.. Sie müſſen ein Weib lieben, Wildungen, das wirklich eine Madonna iſt, nicht Ihrer Phantaſie und Ihrer Weltunkenntniß als eine ſolche erſcheint. Ich bin keine Madonna. Und Ihr Bruder— den kenn' ich nicht und mag ihn nicht kennen lernen... nie mehr ſehen... Du widerſprichſt dir, Grauſame! ſagte Siegbert mit bitterſtem Schmerz. Ach, mein Bruder ſucht keine Madonnen.. Reden Sie nichts für ihn! Nein! Nichts! Er trifft mich nie, heute nicht, morgen nicht, nie! Leben Sie wohl, Wildungen! Glühen Sie für Ihre Kunſt, nicht für Mädchenherzen! Wenigſtens nicht für ſolche, wie das meine iſt! Das ſag' ich aus Stolz, nicht für mich, ſondern.. für Sie! und ver⸗ ben Ziele hinaus⸗ ſo leicht⸗ mir ein und Ihr ine Bitte Neigung cht mehl ldungen, Phantaſt erſcheint r— den ernen.. Siegbelt ict kein chts! d e eh re Kunf ür ſolc nicht 351 Damit ergriff ſie die Thür. Sie hatte das Letzte ſchon im Gehen geſprochen.. Sie verſchwand. Der Wagen rollte dahin! Siegbert ſank auf einen Seſſel, neben den Blu— men, die er eben erfriſchen wollte. Er war ſterbender als dieſe... So lag er über eine halbe Stunde faſt bewußt— los... Das furchtbare Wort: Ich liebe Sie nicht!... wühlte in ſeiner Bruſt, wie ein zweiſchneidiges Schwert! Dann zog ſich die klaffende Wunde etwas zuſam⸗ men, als er dem letzten Worte des ſtolzen, ſchönen, aber marmorkalt gewordenen Mädchens nachdachte: „Das ſag' ich aus Stolz, nicht für mich, ſondern für Sie. Es ſollte dies ein Balſam für ſeinen Schmerz ſein, aber er mochte ihn nicht nehmen, er wies ihn von ſich, er wiederholte ſich nur: „Ich liebe Sie nicht!“ Als ſich der tiefgedemüthigte und im innerſten Herzen verwundete junge Mann wie aus einem lan⸗ gen düſtern Traume aufgerafft, ſchlug es drei Uhr... Er ermannte ſich ſoweit wenigſtens, jetzt ſich zu erheben, den Hut zu nehmen, die Thür zu verſchließen, den Schlüſſel abzugeben und wie ohnmächtig durch 332 die Straßen nach jener Promenade zu gehen, wo ſich mitten in der Stadt der berühmte Reſtaurant„Grün“ befand... Er traf den Bruder nicht, wohl aber... einen Brief, den er in dem dennoch von Dankmar beſtellten Zimmer ſtill für ſich allein las. 1, wo ſch t„Grün einen beſtellten Zwölktes Capitel. Junges Leben, friſches Hoffen. Dankmar's Brief an ſeinen Bruder Siegbert lautete: Gute Seele! Ach! Ach!... Dies Ach! bedeutet erſtens: Wir werden keinen Champagner trinken, wir werden keine Trüffeln eſſen! Laß dir ein Beefſteak geben, Herz, ſo zubereitet, wie du es liebſt und höre dann geſtärkt in Ruhe an, weshalb ich mein Wort nicht halten kann! Es kommt jetzt das zweite Ach! Wie du heute in dein Atelier trateſt und mir zwiſchen Thür und Angel das Geſtändniß deiner Liebe zu Melanie Schlurck machteſt, haſt du wol nicht ge⸗ ahnt, daß du mich mit zwei, dir genauer von mir zu ſpezificirenden Donnerſchlägen zurückließeſt. Donner⸗ ſchlag eins... du ſiehſt, ich bin noch immer bei ge⸗ ſunder Logik... betraf mich allein, Donnerſchlag zwei muß aber durchaus dich auch noch treffen. Dies Gewitter kann ich dir nicht erſparen. Kein Die Ritter vom Geiſte. III. 23 Blitzableiter! Keine Vertuſchung! Es hängt aber Alles ſo zuſammen: Beim erſten Gange unſres heutigen dinirenden Erzeſſes wollt' ich dir erzählen, daß ich die Thorheit gehabt habe, in Hohenberg einen Roman anzuſpinnen oder richtiger geſagt, mich zu verlieben. Beim zweiten, wollt' ich dir ſagen, in Wen? oder mit Wem? Lieber Bruder! Die Götter haben es gut mit uns im Sinn. Sie wollen, daß wir exemplariſche Men⸗ ſchen werden oder wol gar zu jenen Sterblichen gehö⸗ ren, die ſie früh ſterben laſſen, damit ſie nicht zu vor⸗ züglich werden. Das liebreizende Weſen, das mich gefeſſelt hat, iſt Melanie. Einen ſehr edlen Charakter würde es eigentlich verrathen, wenn ich dir Das nicht ſagte. Es müßte die Olympier zu Thränen rühren, ſähen ſie einen Menſchen, einen Bruder, einen Referendarius, der entſagt, eines andern Menſchen, eines Bruders, eines Malers wegen. Aber glaube mir, die Rolle, ſo dank⸗ bar ſie ſein mag für die Rührung, für den Beifall aller Gefühlvollen, ſo empfehlend ſie ſein mag für den bekannten Monthyon'ſchen Tugendpreis in Paris, ſie gefällt mir nicht! Warum nicht? Weil ſie mir ber Alles inirenden Thorheit ſpinnen een? oder mit und he Men zen gehi ht zu vo ſelt hat eigenllih Fs müͤß ſie eine ius, 1 rs, eine ſo di n Beiſ mag ſl in Pan ſie I 355 nicht ſtehen würde! Natürlich muß der Menſch ſein, ſagte Eva, als Adam neben ihr, von den peinigend⸗ ſten Gewiſſensbiſſen gefoltert, nicht ſchlafen konnte. Natürlich bin auch ich! Ich zerſtöre die Ironie des Schickſals und ſage dir offen, daß ich auch beim drit⸗ ten Gange noch von Melanie geſprochen hätte. Ich liebte ſie! Iſt Das erhört, daß ich das Mädchen liebe, das mein Bruder liebt? Es iſt erhört! Beim Deſſert, wo wir vielleicht eine neueſte friſch⸗ angekommene Orange aus Meſſina verzehrt hätten, hätt' ich dir geſagt: Feindlicher Bruder, die Braut von Meſſina ver— langt ein Opfer! Du oder ich? Und ich hätte das Meſſer gehoben... hätt' ich Das? Ja! Und ich hätte mit dem Meſſer dich gemordet? Nein! Ich hätte die Orange von Meſſina in zwei Theile zerſchnitten! Vielleicht aber auch nicht! Und vielleicht doch! Wer weiß!... Und jetzt kommt der zweite Donnerſchlag, der dich mit betrifft! Ich werde moraliſch, Bruder! Frage: Iſt dir deine Liebe mit Melanie Schlurck Ernſt? Biſt du ein Thor, in einem Weſen eine Ma⸗ 23* 356 donna zu finden, die aller Welt anders als dir erſcheint und mir.. jetzt.. jetzt.. wie eine grüngeſprenkelte Ei⸗ dechſe. Eine Eidechſe, Bruder, denke dir das gefähr⸗ liche Thier! Man hat Fälle, daß Eidechſen zu den grünen Zweigen hinaufblicken nach den freien Vögeln, die ſich ſorglos oben auf ihnen wiegen. Denke dir den Aufblick einer Eidechſe zu einem Vogel, der nichts Schlimmes ahnt und ſingt und vielleicht zur Erde hüpft, in den Buſch, in den Roſenſtrauch, auf die blumige Wieſe, wo die ſchöne Lazerte hauſt, und.. verloren iſt er. Soll ich dir ein Stückchen von dieſer unſrer Ei⸗ dechſe erzählen? Deinem beſten Freunde und einzigen Bruder Dank⸗ mar lag ſehr viel an einem gewiſſen höchſt räthſel— haften Bilde... Dies Bild ſoll einen geheimen Druck und an der Rückwand Papiere beſitzen, die irgend einer Perſon, ich muß ſie einen Prinzen nennen, von Intereſſe ſind... die Eidechſe hält mich für den Prinzen... und will mir das Bild verſchaffen; mir..., weil ich ein Prinz bin.. zwar arm, aber doch ein Prinz! Zwar verſchuldet, aber doch ein Prinz! Verſtehſt du... Das Bild liegt irgendwo verſteckt, unzugänglich. Wo, frägſt du? Ich ſage, in einem großen Möbeltransportwagen, der von Hohenberg nach der Reſidenz von zwei Gendarmen, erſcheint elte Ei gefäht zu del Vögeln zwei Bedienten und einer Exzellenz, dem Geheimrath von Harder, feierlich geleitet wird... Melanie verſpricht mir, was ſag' ich, dem Prinzen, das Bild zu ſchaf— fen.. Was thut ſie?. Sie ſpinnt eine Intrigue mit der Erzellenz an.. die Exrzellenz geht in's Netz und iſt verliebt, geſchmeidig wie ein Aal. Es hat Wol⸗ ken herabgeregnet.. Alles iſt naß und feucht.. Man trifft in einer Herberge, Namens Heidekrug, zuſam⸗ men.. Die Erzellenz verlangt Beweiſe von Liebe, von Hingebung... Er ſchmachtet, ſie ſchmachtet.. Die Eidechſe iſt liebenswürdig, aber doch zu ſchlau und zu grauſam für Unſereins.. Sie will das Bild und die Erzellenz will einen Beweis ihrer Liebe... Was erfindet ſie?.. Ein Stelldichein!.. Sie ſoll ihm da⸗ mit natürlich nichts Anderes gewähren, als nur ein Zeichen Deſſen, was ſie ihm zu gewähren.. im Stande wäre!.. So denkt die Erzellenz. Die Eidechſe zö⸗ gert, ſchlängelt, ſchwänzelt. Endlich ſagt ſie: Ja, ich habe dir viel zu ſagen, viel Gift in deine kleinen, ſchö⸗ nen Ohren zu träufeln! Ich bin unglücklich! Die Erzel⸗ lenz wird jung unter ihrem verjüngenden Athem. Sie wagt Alles für einen zarten elaſtiſchen Druck der Eidechſe. Da ſagt dieſe: Ich komme, aber ich bin bewacht, du biſt bewacht, wir Alle ſind bewacht.. wo ſehen wir uns? Drinnen iſt's zu laut, draußen iſt's zu naß! —————n———2.. ——— —— 358 Wo ſeh' ich dich! Wo ſag' ich dir, was ich fühle, was ich empfinde, wenn ich freie Vögel auf den Zwei⸗ gen ſehe und ſie nicht mit einem Satze erſchnappen kann? Wo? Wo? Die Erzellenz iſt zu Allem bereit, und da ſchlägt die Liſtige vor: Kein Ott iſt ſichrer als dein großer Wagen! Das iſt ein Tanzſaal! Das iſt ein Geſellſchaftszimmer! Dort flüſt're ich dir die drei Worte zu, die ich noch Keinem ſagte, die drei Worte, inhaltsſchwer, ſie gehen von Munde zu Munde.. Die Erzellenz macht Schwierigkeiten. Die Eidechſe weiß Alles zu beſeitigen, die Gendarmen, die Be— dienten, den eiſernen Schlagbaum.. Du öffneſt um elf Uhr den Wagen, komm' ich auch erſt um zwölf! Ich gebe dir den Beweis, den du Einziger, verlangſt!.. Der Erzellenz wird es ſchwindlig. Der Mann denkt an die drei Worte inhaltsſchwer, ſie gehen von Munde zu Munde.. Was ahnt er nicht? Was hofft er nicht? Es ſchlägt elf. Er hat die Wächter entfernt. Die zechen! Die trinken auf Königs Wohl! Der Wagen wird offen.. Er hatte„nur etwas in ihm zu ſuchen“, legt die Stange an, als ſchlöſſe er wieder zu und geht auf ſein Zimmer, um ſich ſogleich heimlich wie— der zurück zu begeben und die drei Worte zu verneh⸗ men, inhaltsſchwer. Die Eidechſe.. huſch.. raſch zur Hand.. kaum verſchwand die Erzellenz, war ſie fühle, Zwei⸗ nappen bereit ſichrer VaÄd dir die ie drei unde dechſe 359 im Wagen und hatte, was der„Prinz“ wollte... das Bild! Nun entſchlüpft ſie.. aber hui! Da er⸗ ſchrickt ſie vor Etwas, das ſie nicht ahnte.. Es war vielleicht nur eine Katze, ein großer Kater, den ſie fürchtete und vor dem ſie Entſetzen überlief. Die Katzen lieben ja auch die freien Vögel auf grünen Zweigen und haben Brotneid gegen die Eidechſen. Katze oder Iltis... genug, die Eidechſe erſchrickt ſo heftig, daß ihr das Bild entfällt und ſie vor der Thür des Prin⸗ zen faſt die Felſenſpalte nicht wiederfindet, wo ſie un⸗ terkriecht... Es gab Lärm,.. wenigſtens trat ein Reiſender, ein Amerikaner, wenn nicht von Geburt doch von Geſinnung, auf den Korridor. Er erhebt das Bild, nimmt an den im Mondlicht erkennbaren Zügen ein Intereſſe, das dem„Prinzen“ noch jetzt nicht erklärlich iſt, und folgt der Weiſung der in der Ferne harrenden Eidechſe, die ihm raſch noch zunickt: Da! Dort! Dem ſchlummernden Prinzen gehört's! Bitte! Wollen Sie?... Der bringt's dem„Prinzen“ und legt's ihm feierlich unter's Kiſſen, während er ſchläft oder nicht ſchläft, gleichviel.... Das Bild iſt da.. der „Prinz“ hat es daheim in der offenen Kommode ſei— ner„Aula“... Die Eidechſe ſagte dem Amerika⸗ ner: Brav, mein Herr, ich danke Ihnen... und verſchwand. Und von wem weiß ich das Alles? Eben jenes Geſpenſt hat's mir erzählt, vor dem die Eidechſe ſo erſchrak.. ein ſomnambüler Kater, der ſich auf's Mauſen verſteht und den deshalb auch die ſchöne, buntgeringelte Eidechſe nicht leiden kann. Du kennſt den ſomnabülen Kater.. Er heißt Hackert. Brüderlein! Die Geſchichte iſt eigentlich aus! Denn das luſtige Nachſpiel, daß die Erzellenz zu ſpät kommt, ſich in dem Möbelwagen häuslich niederläßt, auf die Eidechſe und die drei Worte, von Munde zu Munde Stunde zu Stunde vergebens wartet, endlich einſchläft, eingeſchlafen und eingeſchloſſen fortgefahren wird in die Reſidenz, Das iſt nur ein humoriſtiſcher Schnör⸗ kel des Wortes: Punktum! und das ſatiriſche Nach⸗ ſpiel des Dramas bei Mondſcheinbeleuchtung. Das Bild iſt da, der falſche Prinz iſt da, auch die Er⸗ zellenz ſoll wieder aufgefunden ſein.. aber die Eidechſe! Die Eidechſe! Darf ich nun moraliſch werden? Darf ich ſagen, daß eine ſolche ſchöne liebenswürdige, aber tollkühne, liſtige Natter uns Gebrüder Wildungen nicht im Ernſt bei den Fittichen faſſen darf? Die drei Worte,'inhaltſchwer, ſie gehen von Munde zu Munde— heißen doch wol nur: Ich liebe dich! vor dem Kater, lb auch kann. Hackert Denn kommt, auf die Munde nſchläft wird in Schnöt⸗ Nach⸗ Das die E eidech j ſagen llkühne m Em) Ich liebe dich! Himmlicher Weihegruß reiner See⸗ len! Glockenakkord der Andacht und Harfenton der reinſten Anbetung! Laß ihn aus deinem Herzen klin⸗ gen, wo er würdig widerklingt, nur da nicht, Bru⸗ der, wo man über Meluſinen lachen, mit ihnen koſen, mit ihnen im Kryſtallbache plätſchern, aber immer auf den ſichern ſeichten Stellen bleiben muß, wo ſie uns nicht hinunter ziehen können in's ewige Vergeſſen und man ihnen nimmermehr außer dem Munde auch das Herz und das Leben geben darf! Ich bin über dieſe ſchöne Eidechſe hinaus!.. Ich will mich faſſen und tröſten.. Aber du? Du, Sieg⸗ bert? Du, den ſchon die Bilder wegen ihrer verſpot⸗ ten? Du, der du Madonnen ſiehſt, wo Andre ſchön⸗ floſſige, geringelte Fiſchweiber... und nun gar dein eigner Bruder eine Eidechſe? Denn Melanie iſt die Eidechſe! Ach Melanie! Melanie! Ihr Weiber! Wie ſchmilzt uns bei euerm Namen ſo ſanft und ſo weich das Herz gleich Schnee— flocken, die von dem Frühlingsveilchen der erſte Märzſon⸗ nenſtrahl hinwegküßt!... Ach! Wehe! Wehe! Aber der Name Schlurck.. Ha, dies Hinterher rüttelt auf, das mahnt gleich zur Beſinnung! Ich dank' euch, ihr Götter, daß dieſer Name Melanie, der ſo ſanft dahin⸗ gleitet, ſelbſt bei den verliebteſten Menſchen, deren 362 Phantaſie mit Dampf fährt, doch durch den Namen Schlurck gebremſt werden muß! Nun könnt' ich wol ſagen, Bruder, zum Tändeln für mich, reicht ſie immerhin aus. Ich bin kein Menſch, dem ſich viel in der Seele vergiſten läßt. Ich habe innerlich zu viel Gegengift.. Rattenpulver heilt Schlangenbiſſe.. Aber du! Du, mit deinem getherreinen Auge! Du Sohn des Azurs... ſollſt du ihr Azor werden, belächelter, verſpotteter Schooßhund ihrer Laune? Nein, ich ſelber verſchmähe ſie nun ſo⸗ gar zum Tändeln! Das bin ich dir ſchuldig, deinem. Schmerze, deinem Jammer, deinen Thränen; denn ich weiß, du biſt Thor genug zu weinen, nicht daß du Melanie verlierſt, nein darüber, daß Melanie doch eine Eidechſe iſt! Zum Lachen iſt das Abentheuer mit der Erzellenz koſtbar.. Preisaufgabe für ein Seitenſtück zum Froſch⸗ mäuſekrieg!... Ferner, der Beſitz des Bildes kann ſehr nützlich ſein— aber.. über alles Uebrige mach' einen Strich, ſo dick, ſo feſt, wie die Eiſenſtange über den Transportwagen war. Ich ſcherze, Bruder! Und doch bin ich betrübt, wenigſtens nicht ſo heiter, daß ich bei Grüns mit dir ſpeiſen kann! Ich bin unfähig, mich für den gan⸗ zen Tag zu ſammeln. Erſt deine Entdeckung, dann der Namen Tändeln in kein en läßt. enpulvel deinem ſollſt du voßhund nun ſo deinem denn ich daß du nie doc Rapport des ſomnambülen Katers, den du heute Abend wiederſehen ſollſt. Ich erwarte dich nach neun Uhr in der Brandgaſſe Nr. 9 im zweiten Hofe, drei Trep⸗ pen hoch. Adreſſe: Fritz Hackert. Komm' aber allein, ohne deine neuen Freunde, die erſt einen Scheffel Salz mit mir eſſen müſſen, bis ſie die meinen wer— den. Die hundert Thaler kannſt du auch mitbrin⸗ gen, wenn du willſt! Fritz Hackert, Brandgaſſe Nr. 9. Du wirſt erſtaunen über dieſe Annäherung und Aus⸗ ſöhnung. Hackert will Bekenntniſſe machen, aber nur in deiner Gegenwart, vor dir, von dem er ſagte, du hätteſt den erſten Funken der Liebe in ſeine Nacht ge⸗ worfen! Bis dahin forſche mir nicht nach! Die beiden Donnerſchläge haben mich erſchüttert und zu jedem Entſchluſſe für heute unfähig gemacht.. Ich muß Natur ſuchen, muß friſche Luft athmen. Ich muß im Graſe den Namen: Melanie! ausweinen...Nein! keine Thränen! Nein! Wir brauchen Kraft für Das, was endlich beginnen ſoll! Hinweg aus unſrer Bahn, entnervende Frauengunſt! Weiß denn ein Weib zu würdigen, was ihm ein Jüngling, der ſie liebt, zum Opfer bringt? Ich kehre zurück zu unſerer großen Auf⸗ gabe, wie ich ſie im Tempelhauſe von Angerode und im Walde bei Hohenberg unter einer alten dreihundert⸗ 364 jährigen Eiche geahnt, ergriffen, mit lebendigem Auge geſchaut habe! Denk' an die Taube über deinen flam⸗ menverzehrten Templern! Denk' an das vierblättrige Kleeblatt am Kreuze, das mir ein Symbol gewor⸗ den iſt, einen großen Gedanken zu ſuchen auf der platten Wieſe des Lebens, wie man ein Vierblatt im Klee ſucht und freudig ruft: Ich hab's! Am Abend, Bruder, grüße mich ſtark und entſchieden! Wir ſind, denk' ich, einig über die Eidechſe, und fliegen nicht von unſern Bäumen zu ihr hinunter, mag ſie auch mit Augen wie Rubinen glänzen und ein Bett von eitel Roſen zeigen, auf dem es ſchön dünken mag, un⸗ ſterblich ſterblich mit ihr zu ruhen! Bei dem Geiſte unſres Vaters! Dein... Bruder! Nachſchrift. Verſchließ mir das Bild! Ich geb's Morgen an den Prinzen Egon von Hohenberg ab, dem es gehört. .... Als Siegbert dieſen Brief geleſen hatte, weinte er wirklich. Aber er weinte nicht aus Schwäche um Melanie's Verluſt, ſondern aus Liebe für den Bruder. Dies Wort: Beim Geiſte unſres Vaters— öff⸗ nete die Schleuſen ſeiner Seele! Das war ein Zau— berwort der Liebe und der kräftigenden Erinnerung! Was hatte er, wenn nicht die ſtarke Hand des Bru⸗ ders, den er gelobt hatte, zu erziehen und der ihn erzog! em Auge en flam rblättrige lgewor⸗ auf der tblatt im Abend, Lir ſid en nich ſie auch Bett von nag, un mn Geiſt Ich gel nberg d 365 Von dem Augenblicke an, wo er ſchon aus Me⸗ lanie's gewitterblitzenden Augen, aus der dunklen Gluth ihres Zornes gefühlt hatte, daß ſie wol den Bruder oder der Bruder ſie liebe, war ſein Entſchluß feſt, nach einer ſolchen Blüthe nicht mehr aufzublicken. Die gab er hin! Mit Schmerz; denn er gehörte zu jenen Männern, deren Beſtimmung es zu ſein ſcheint, grade die Frauen zu lieben, die am wenigſten für ſie paſſen. Aber er gab ſie ſchon dahin!.... Nun aber bot der Bruder auch einen Erſatz, eine Heilung dar, die Verachtung des erträumten Glückes und ein höheres Ziel. Er fühlte das Letztere nicht mit dem Feuer wie Dankmar, er fühlte die Verachtung nicht ſo tief, wie Dankmar ſie durch die Erzählung von einem gewagten, zweideutigen Abentheuer ihm.. er ſah Das.. abſichtlich und geſchärft, förmlich einätzen wollte, ja es entgegnete ſeinen ſcharfen Worten in ihm die Gedankenreihe: Wie kannſt du, Undankbarer, Das ſo heftig tadeln, was doch nur die raſendſte Leidenſchaft und Liebe für dich veranlaßt haben kann!.. aber der Reſt ſeiner Betrachtungen war der, daß er ſich ſagte: Die ſchöne Welt, die du dir aufgerichtet, iſt zerſtört! Und wo ich nicht die Blüthe mehr ſehe, mag ich keine Frucht. Er entſchloß ſich, nur noch...„unglücklich zu lieben“. Nachdem er ſich für ſein langes Faſten durch mäßige Koſt entſchädigt hatte, ging er, ruhig und mit geſenktem Haupte ſchlendernd, erſt in die Wallſtraße, um Armand's Auftrag beim Tiſchler Märtens und gelegentlich auch für Franziska Heuniſch auszurich⸗ ten, dann ging er nach Haus und zählte ſogleich das Geld für Hackert zurecht, über den plötzlich ſo Gün⸗ ſtiges zu vernehmen ihm innigſt wohlthat. Die Wirthin wußte ihm nichts zu melden, als daß der Fuhrmann aus dem Pelikan mit ſeinem lah⸗ men Hunde dageweſen wäre, auch ein andrer ihr ganz fremder Herr von finſterem, ſtrengen Ausſehen, der ſeinen Namen nicht genannt, aber verſprochen hätte, wiederzukommen.. Faſt antheillos warf er ſich, halb entkleidet, auf das Kanapé, das in Dankmar's Zimmer, in ihrer ſogenannten Aula, ſtand. Eine Weile that dieſe Ruhe, dieſes Brüten, ihm wohl. Er ſchlug die hundert Thaler ein, die Hackert heute Abend in einer Wohnung zurückempfangen ſollte, die ihm aus Leidenfroſt's Aeußerungen über die be⸗ rüchtigte Auguſte Ludmer, früher Malermodell, ſehr unheimlich vorgekommen ſein wuͤrde, wenn er nicht ücklich zu en durch und mit allſtraße erſproch eidet, d in ihr auch einer dort hauſenden Proletarierfamilie in wohl⸗ thuender Weiſe erwähnt hätte. Aber ſo intereſſant es ihm war, dieſe neuen An— regungen, beſonders über Hackert, zu dem er längſt wieder Vertrauen gefaßt hatte, ſeitdem er an Laſally das Pferd richtig zurückgeſtellt gefunden, empfangen zu haben, dieſe Gedankenreihe konnte ihn von ſeinem Kummer nicht loslöſen. Er ſuchte nach andern Gegenſtänden, um aus dem tiefen Unmuth, der ihn umſchattete, wieder zum Lichte eines freieren Gedankens zu kommen. Er fiel ſo auf das Bild, dies vielbeſprochene Bild!... Dank— mar hatte ihm ja aufgetragen, es ſorgſamer zu ver⸗ wahren. Wie er an dem alten Rahmen des blaſſen Paſtell⸗ gemäldes mit den Fingern ſtreifte und den alten Staub auf der abgeſprungenen Vergoldung tilgte, dann hin⸗ ten den neuangefügten Boden befühlte, der etwas einer bedeutenden Familie ſo Wichtiges verbergen ſollte, be— griff er kaum, wer es geweſen ſein könne, der mit einem Andern auf ſo gefährliche Weiſe hätte ſich ver— ſtändigen wollen. Durch ein Bild! Er glaubte kaum daran, daß das Bild in ſeinem Rücken Papiere ent— dielt... Es war weniger Neugier, als die zufällige Ab— —— ——— nn 368 ſicht, ſich irgendwie zu zerſtreuen, daß er anfing, einem etwaigen Mechanismus des Bildes nachzuſpüren. Der wahre Beſitzer, dachte er, wird ſich leicht helfen; er weiß entweder das Geheimniß oder er zertrümmert den Rahmen. Das Letztere durfte er nicht und ein Ge⸗ heimniß war nicht zu entdecken... Er gab ſeine Neugier auf und machte den Ver— ſuch, irgend eine Beſchäftigung vorzunehmen, vielleicht der Mutter zu ſchreiben, vielleicht etwas zu zeichnen. In den Zurüſtungen dazu traf es ſich zufällig, daß er auf einem Tiſch, auf dem er neben ſich das Bild gelegt hatte, einen harten Gegenſtand, ſein Tin— tenfaß, bei Seite ſtellen wollte, um Papier aus einer, großen Platz wegnehmenden Mappe zu wählen. Nicht achtend, zufällig, ſtellte er das ſchwere Tintenfaß auf das Glas des Bildes. Doch ein ſtarkes Glas! dachte er erſchreckend und nahm das Bild, um mit einem flüchtigen Blick die Stärke des Glaſes zu würdigen. Dies führte ihn zufällig darauf, mit Kraft auf den oberen Rand des Glaſes zu drücken und im ſelben Augenblick ſprang hinten der Deckel der Kapſel auf. Durch Zufall hatte er das Geheimniß der Oeffnung ſelbſt gefunden. Erſtaunt über dieſe wunderbare Enträthſelung des Bildes, zögerte er faſt, dem weitern Inhalt der Kapſel mfing einem iſpüren. Der ͤt helfen; er rümmert den und ein Ge⸗ te den Ver⸗ en, vielleicht zu zeichnen. ſich zufällig ben ſich daß d, ſein Tin ter aus eine ihlen. Nc Lintenfaß, Glas! dach m mit ein u wüͤrd aft auf! d im ſe Kapſel det Oef äthſelund Ilt del — 369 nachzuſpüren; doch fielen darin enthaltene, zartgeſchrie⸗ bene kleine Briefblätter von ſelbſt heraus. Die Verſuchung, dieſe kleine gekritzelte, blaßgelbe Handſchrift zu leſen, war Anfangs nicht groß... Auch widerſtand ihr Siegbert. Er war ein Ge⸗ wiſſensmenſch, der ſelbſt die Geſchenke des Zufalls zu— rückwies, wenn er annehmen konnte, daß ſie einem Andern gehörten. Wer hätte Siegbert ein großes Verbrechen dar⸗ aus gemacht, wenn er dieſe Papiere geleſen hätte? Er wußte ſo gar nichts vom näheren Zuſammenhang dieſer Mittheilungen und kannte nicht im mindeſten die Bedeutung, die ſie dem Prinzen von Hohenberg haben mußten, ja er wußte nicht einmal, von Wem ſie kamen... Darauf hin durchflog er flüchtig we— nigſtens die erſten Seiten.... Er fand, daß darin eine Mutter klagt, wie alle Welt ſich gegen ſie verſchworen hätte, wie ſie keinen Freund mehr auf Erden fände als Gott, und wie ſie nicht wiſſe, wie Das, was ſie einem entfernten Sohne, der ſeinem Stande, leider auch ſeiner Erziehung, ſei⸗ ner Bildung entſagt hätte, nach ihrem Tode in die Hände kommen ſollte. Jedes bei Gerichten oder No⸗ taren niedergelegte Dokument würde Aufſehen erregen und von Seiten ihrer Feinde doch errathen werden. Die Ritter vom Geiſte. III. 24 ———nn — 370 Wie oft wären nicht durch ſcheinbaren Diebſtahl Ge⸗ heimniſſe gewaltſam entdeckt worden! Und doch wäre, was ſie zu ſagen hätte, ſo wichtig, ſo folgenſchwer— Hier brach Siegbert ſchon ab und ließ die Papiere wie glühende Kohlen fallen. Nach einigen Augenblicken entſchloß er ſich, ſie wie— der zuſammenzulegen und das Käſtchen zu verſchließen. Wie er ſich eben dazu anſchicken wollte und die Blättchen an einander reihte, fiel ſein Auge, das nur ganz obenhin und flüchtig auf die Buchſtaben ſah, auf einen Namen, der ihm im höchſten Grade auf⸗ fallen mußte. Dieſer Name hieß: Rodewald. Rode⸗ wald war der Familienname ſeiner Mutter.. Er wagte noch einen Blick und glaubte ſich nicht zu täuſchen, wenn er annahm, daß hier von ſeinem Oheim geſprochen wurde, dem Bruder ſeiner Mutter, einem gewiſſen Heinrich Rodewald, von dem er viel Gutes und viel Schlimmes in ſeiner Jugend gehört hatte, viel Wüſtes und Verworrenes.. Heinrich Rode⸗ wald galt als verſchollen. Er hatte eine Parthie ge— macht, von der Siegbert ungefähr ſo viel wußte, daß ſie ſeinen Verhältniſſen nicht entſprechend geweſen war.. Dann wußte er noch, daß er nach Frankreich gegan⸗ gen war— mehr hatte man von ihm nie erfah⸗ ren.. Heinrich Rodewald! Der Name ſtand jetzt 371 ſtahl Ge⸗ faſt auf allen dieſen Blättern. Er mußte ſie fallen laſſen, och wäͤre, ſie mit Gewalt von ſich thun, um nicht der Verfüh⸗ ſchwer— rung zu erliegen, ſie im Zuſammenhang zu leſen. e Papiere Als er ſich von dem Tiſche, der ihn magiſch an— zog, faſt mit Gewalt getrennt hatte, fühlte er, wie ſie wie mächtig die Verſuchung ihn doch gefangen hielt. rſchießen Heinrich Rodewald! ſagte er ſich. Mein Oheim! und die Der verſchollene Bruder meiner Mutter, den ſie ſo das nur liebte, der ſo ſchön und ſo leichtſinnig, ſo geiſtreich 3 ben ſch und ſo unglücklich geweſen ſein ſolll Wenn ich hier ade auf etwas von ihm erführe! Wenn ich meiner Mutter die b. Rad Freude bereiten könnte, ſie auf eine Spur des verlore⸗ nen Bruders zu führen, eines Menſchen, dem Alle die glänzendſte Zukunft prophezeiten und der unter ſchöner Frauen Gunſt, unter Frauenanbetung und ge⸗ rade durch die Frauen zu Grunde gegangen ſein ſoll! So nur zerſtreut war Alles, was er von Hein⸗ rich Rodewald wußte.. Noch fiel ihm ein, daß er ganz klein war, als ſein Vater einmal geſagt hatte, als von des Onkels Wanderungen die Rede war: Nach Amerika ſollte Rodewald ziehen! Da mag er Wäl— ſch nich zn ſeinen Mutte m er v d gehält ich Rode arthie R üßte d der roden! Dies Wortſpiel hatte ſich ihm tief ein⸗ en ma. geprägt und doch war es aus ſo früher Zeit, daß c Pega Dankmar nichts davon wußte; denn es war im Hauſe je eif hergebracht, von dem Oheim wenig zu ſprechen und tand 24* ihn als verſchollen zu betrachten. Man ſprach von Kriegsdienſten, die er in Spanien genommen hätte oder von der franzöſiſchen Fremdenlegion in Algerien. Es war nicht ganz Neugier, was Siegbert reizte, es war der erwachte Familienſinn, das wirkliche In⸗ tereſſe für einen Mann, dem er ſo nahe verwandt war. Wie bebte er aber zurück, als er, noch einmal die Papiere ergreifend und ſie durchblätternd, auf einer Seite den Namen Thaldüren und nicht weit davon auch das Wort Wildungen entdeckte!.. Wieder ließ er die Papiere fallen, aber jetzt in der beſtimmten Abſicht, ſie zu leſen. Warum ſollt' ich nicht? ſagte er zu ſich ſelbſt. Der wunderbarſte Zufall fordert mich ja auf, in die Geheimniſſe meiner Familie zu dringen. Bin ich nicht ſogar gebunden, wenn ich von einem Menſchen höre, deſſen Schickſal uns bekümmert, Die, die von ihm wiſſen, auszuforſchen, gleichviel ob ſie offen von ihm ſprechen wollen oder ob ich ſie nur belauſche? Wiſſen iſt noch nicht ausplaudern. Wenn ich ſchweigen kann, wenn ich Das, was ich hier erfahre, tief in mein Innerſtes verſchließe und die Gelegenheit ehre, die mich zum Mitwiſſer fremder Tugend oder fremder Schuld machte, handle ich da gegen meine beſſere Ueberzeu⸗ gung? Ich ſehe eine Quelle und ſollte mich nicht an vrach von hätte oder rien. ert reizte, liche In verwandt h einmal auf einen eit davon tt in de ich ſelbſt f, in di ich nich hen höte von iſl von ih ⸗ Wſſe gen kanm in me die u Schl Uebel⸗ nicht! 373— ihr erquicken, weil eine Mauer zu überſteigen wäre, die nicht mein iſt, während ich vor Durſt verſchmachte? Ich leſe dieſe Papiere. Wer kann mich hindern? Wer ſagt mir, daß ich ſie nicht leſen darf? Damit ergriff er einen Stuhl, rückte ihn an den Tiſch, den Tiſch dem Fenſter zu, legte ſich die Pa⸗ piere zurecht und war eben im Begriff, mit dem erſten Bogen zu beginnen, als es ſtark und kräftig draußen an der vorderen Thür pochte. Dieſe Störung war unwillkommen. Er hatte ver— geſſen zuzuſchließen oder ſich verläugnen zu laſſen. Es klopfte noch einmal und während er raſch die Papiere, die ungeordnet neben ihm lagen, bunt durch⸗ einander wieder in die Kapſel ſteckte, zudrückte und das Bild bei Seite legte, war ſchon Jemand in das vordere Zimmer, in die ſogenannte„Akademie“, ein⸗ getreten. Der Beſucher war ein unterſetzter Mann, wol ſchon ein Sechziger, aber feſt, gedrungen und für ſein Alter kerngeſund. Er hatte eine Mütze auf, die er beim Eintreten abnahm und einen Kopf von harten, ſtrengen Zügen ſehen ließ. Die Stirn trat etwas her⸗ vor, die Naſe war nicht fein geformt; ſie war kurz und von ſtarken Oeffnungen, das Auge lag tief in grauüberbuſchten Höhlen... Das graue Haar mußte einſt dunkel geweſen ſein; noch war es ungemein ſtark und ging bis tief über die Stirn herab. Der Mund war ernſt, ohne das geringſte Zeichen von Sarkasmus oder Satire, aber auch ohne Zeichen irgend eines üblen Willens. Recht düſter und ſtreng war der noch wenig ergraute Backen⸗ bart. Die Kleidung ſchlicht, aber ſauber. Die Ka⸗ maſchen an den Füßen gaben dem Fremden ſogar ein gewähltes Ausſehen, wozu freilich die grauen baum⸗ wollenen Handſchuhe über den Fingern nicht paßten. Siegbert hatte dieſen Mann noch nie geſehen. Als er aufgeſtanden war und ſich in das vordere Zimmer begeben hatte, wo er den Fremden empfing, ſagte dieſer, daß er ſchon einmal dageweſen wäre, um einen der Herren Brüder Wildungen zu ſprechen. Als ihm Siegbert entgegnete, daß er der Aeltere dieſes Namens und Maler wäre, nannte auch der Fremde ſeinen Namen. Ich heiße ſchlechtweg Rudhard! ſagte er. Siegbert forderte ihn auf Platz zu nehmen und wartete mit Spannung auf Das, was er von dieſem Beſuche würde zu vernehmen haben. Auch dieſen Namen hatte er noch nie gehört. Ich muß es für ein großes Glück halten, begann Rudhard, daß ich in einer Angelegenheit, die ich ſchon ſen ſein; tief üben hne das re, aber 6. Recht Backen Die Ka ſogar ein n baum paßten ehen s vordele enpfin enn wäre ſprechen er Aelter auch d längſt zu einem guten Ende hätte führen ſollen, nur ſo kurze Wege einzuſchlagen brauche. Ich dachte auf die größten Schwierigkeiten zu ſtoßen und bin erfreut, daß ſich mir Alles wie von ſelbſt in die Hände gibt, den letzten Willen einer verſtorbenen hohen Dame zu vollziehen. Sie kannten die Fürſtin Amanda von Hohenberg? Siegbert verneinte dieſe Frage. So wird ſie Ihr Herr Bruder gekannt haben? Auch für ſeinen Bruder beſtritt Siegbert eine ge⸗ nauere Bekanntſchaft mit einer ſo vornehmen Frau. Er hätte davon Kenntniß haben müſſen. Dann bin ich erſtaunt, ſagte Rudhard, wie Sie Beide, meine Herren, in eine ſo geheimnißvolle An⸗ gelegenheit verwickelt ſein können, wie Die iſt, welche mich zu Ihnen führt. Sie ſpannen meine Neugier, ſagte Siegbert und fand in dem Benehmen des Fremden mehr Weltton und Formenglätte, als dem ſchlichten Aeußern und dem ſtrengen Blick der Augen zu entſprechen ſchien. Auch wird Ihnen dann mein Name frend ſein, fuhr Rudhard fort, und ich muß es daher für meine Pflicht halten, von mir ſelbſt zu ſprechen... Ich war in dem fürſtlich Hohenberg'ſchen Dorfe Pleſſen und für eine ziemliche Anzahl in der Nähe liegender Vorwerke vor Jahren Pfarrer und hatte wie es ſchien zur Zufriedenheit meiner Gemeine an dieſem Orte eine lange Zeit geweilt. Beförderung hatt' ich freilich wenig zu hoffen, da mein religiöſes Glaubensbekennt⸗ niß von jenem abwich, durch das allein man damals auf dem kirchlichen Gebiete, leider auch in manchem andern, ſein Glück machen konnte. Zu heucheln war meiner nicht würdig. So ertrug ich mein beſcheide⸗ „nes, oft dürftiges Loos. Ich konnte es, da Gott meine Ehe mit Kindern nicht geſegnet hatte und ich nur für mein Weib, einige Verwandte und mich zu ſorgen brauchte. Siegbert fühlte ſich von dieſer Eröffnung ſchon angezogen. Er gedachte, ohnehin bewegt, ſeines Va⸗ ters und fühlte die Leiden auch ſeines geſinnungsge⸗ treuen Charakters um ſo ſchmerzlicher nach, als dieſer grade noch die Noth um die Verſorgung ſeiner Kinder gehabt hatte und ſich ſelbſt ſo Vieles entzog, um nur die Seinen glücklich zu ſehen. Er hörte, befremdet zugleich von der Ehre, wie er zu dieſen Mittheilungen käme, und mit gelaſſener, wehmüthiger Aufmerkſamkeit zu. Rudhard fuhr fort: Mein Loos ſchien ſich zu verbeſſern, als die Fürſtin Amanda von Hohenberg ſich entſchloß, ihren dauern⸗ es ſchien in Orte freilich bekennt⸗ damals nanchem eln war eſcheide⸗ da Gott und ich mich zu g ſchon es Va⸗ ungsge⸗ s dieſer Kinder um nun re, wie laſſenen den Wohnſitz in Hohenberg, ihrem dicht bei meiner Pfarre gelegenen Stammſchloſſe, zu nehmen und ich daraus wol eine Erleichterung meiner Lage, wenigſtens eine freundlichere Anregung erhoffen durfte. Zu gleicher Zeit wußt' ich, daß ſie ſich der Erziehung ihres ein⸗ zigen Kindes, eines Knaben, in dieſer Zurückgezogen⸗ heit ausſchließlich zu widmen gedachte. Ich erfuhr, daß ſie ſich ſorgfältig nach mir erkundigte und die Abſicht hegte, mich mit in ihren neuen Lebens⸗ plan hineinzuziehen. Alle dieſe Anzeichen einer neuen beſſern Zukunft trübten ſich plötzlich, als die Fürſtin mir gleich in den erſten Geſprächen, die ich mit ihr nach ihrer vollſtändigen Einrichtung wechſelte, als eine fanatiſche Anhängerin der neuen frömmelnden Richtung entgegentrat. Sie betonte den Erlöſer, die Gnade, die Rechtfertigung und die Nichtigkeit der guten Werke in einem Grade, der mich mit Befremden erfüllte. Eine Weltdame, die ſie war, einſt, wie ich gehört hatte, vielfach gefeiert, Gattin jenes wilden, berühmten Kriegers, über deſſen Sitten wie über ſeine Tapferkeit nur eine Meinung herrſchte, ſchien es mir unglaublich, daß ſie in die Netze der neuen Verlockun⸗ gen durch eine trübe, oft unehrliche Welt- und Lebens⸗ auffaſſung fallen konnte. Ich beging die Thorheit, mit ihr zu ſtreiten. Der Streit war grade Das, 378 was ſie ſuchte. Aber weit entfernt, mir zu danken, wie ich ihr doch Gelegenheit bot, für ihre Wahrheit und für ihren Heiland Zeugniß abzulegen, warf ſie Mis— trauen, Groll, ja zuletzt Feindſchaft auf mich. Zwar erhielt ich die Oberaufſicht über den jungen Prinzen und begann mein Werk in meiner Weiſe, allein es verging nicht ein Tag, wo ich über unſre entgegen⸗ geſetzten Grundſätze der Erziehung mit der Mutter nicht in Streit gerieth. Wie oft wollt' ich nicht die Zügel meiner Aufſicht in ihre Hand zurückgeben! Eine gewiſſe Achtung vor meinen mancherlei zerſtreu— ten Kenntniſſen, die Liebe und Anhänglichkeit des Knaben an mich trotz meiner Strenge, endlich aber wol die Verlegenheit, dem Kinde in dieſer ländlichen Zurückgezogenheit irgend eine ſtarke Nahrung des Geiſtes zu bieten, beſtimmte ſie doch immer wieder auf's Neue, mit mir anzuknüpfen, Ausſöhnungen vor⸗ zubereiten und Wafefenſtillſtände zu ſchließen. Dies dauerte einige Jahre, bis es nothwendig wurde, fach⸗ wiſſenſchaftliche Lehrer mit zu Rathe zu ziehen. Statt den Knaben in ein Inſtitut zu geben, wollte die Fürſtin ihn unter ihren Augen behalten und umgab ſich mit fortwährend wechſelnden Sprach- und Muſik⸗ lehrern und andern Präceptoren, die im Schloſſe viel Unheil anrichteten und ſich ſelten länger als — aken, wie rheit und ſie Mis .. Zwar Prinzen allein es entgegen rMutter nicht de ückgeben zerſtreu⸗ hkeit des lich abel andlichen ung des er wiedel en v 379 einige Monate auf ihren Plätzen behaupteten. Ich litt bei dieſem Wirrſal am meiſten; denn ſelbſt die Kinderſeele, für die ich dabei am meiſten fürchtete, hielt die wilde Planloſigkeit zur Noth aus. Wie ſtark iſt nicht ein junges Gemüth in ſeinem erſten Wachsthum! Wieviel geht nicht in das dürſtende Herz hinein, wieviel hinaus, ohne ihm zu ſchaden! Wär' es nicht ſo, ſo müßte man die Kinder in einen durchſichtigen Glasſchrank ſetzen und von der ganzen Welt abſchließen! Ihr Werk iſt geſegnet worden, bemerkte Siegbert. Der leider ſo heftig erkrankte Prinz Egon ſoll ſich in jeder Hinſicht auszeichnen. Siegbert ſprach dieſe Worte mit einer Betonung, die ſeine über dieſe ſonderbar aufrichtigen Mittheilun⸗ gen zunehmende Verlegenheit deutlich zu erkennen gab. Darüber fehlt mir ein genaueres Urtheil, fuhr Rudhard ernſt fort. Ich habe nur die erſten Keime der Bildung in ſein allerdings ſehr begabtes Innere pflanzen können. Es war ein liebes Kind, trotz Eigen⸗ ſinn und Starrheit und einer überlebhaften Neigung zu Ertremen! Ihn krank zu wiſſen, den nun heran⸗ gewachſenen Jüngling, ja ſchon Mann, macht mich traurig.. Nach ſo vielen Jahren hätt' ich ihn gern freudiger begrüßt. Ich bin gewiß, er hätte ſich meiner ohne ſtörendes Misbehagen erinnert! Hat mir doch auch die Mutter in ihren letzten Lebensaugenblicken einen Beweis gegeben, daß ſie in weiter Ferne mei⸗ ner noch mit Achtung, ja ſozuſagen Verſöhnung ge⸗ dachte! Sie ſchieden alſo von Hohenberg? fragte Siegbert. Schon vor langer Zeit, fuhr Rudhard fort. Die Verſtimmung zwiſchen der Fürſtin und mir war nicht mehr zu heilen. Immer mehr Menſchen, immer hef⸗ tigere Bedürfniſſe religiöſer Schwärmerei drängten ſich zwiſchen ſie und mich, und als ſie ſich entſchloſſen hatte, gegen mein Bitten und Flehen den Prinzen nach Genf in eine bigotte reformirte Erziehungsanſtalt zu ſchicken, war ich ohne ferneren Halt auf meinem Platze und zog vor, Pleſſen zu verlaſſen. Bei der Fürſtin hatte ſich ein Predigtamtscandidat, ein ſehr befähigter, aber grundſatzloſer Mann, eingeniſtet. Er wurde, da ich merkte, daß ich in jeder Hinſicht un⸗ bequem war, und nun eine andre Pfarre übernahm, mein Nachfolger. Ich darf, mein Verehrter, bei Ihnen, dem ich ganz fremd bin, kein Intereſſe anſprechen, wenn ich von meinen ferneren Schickſalen erzählen wollte, ich überſchlage daher die Blätter meines Lebens bis auf den Augenblick, wo ich— Nein, nein, ſagte Siegbert und ergriff treuherzig mir doch genblicken rne mei⸗ zung ge⸗ dar nicht mer hef⸗ zten ſich ſchloſſen Prinzen gaanſtalt meinem Bei der ein ſehr ſet. Er icht un ernahm, Ihnen n, wenn le, i bis all euher 38] die Hand des Fremden, kann einem jungen Manne etwas lehrreicher ſein, als die Erfahrung des Alters ſprechen zu hören! Ich fühle und lebe das Alles mit Ihnen mit, was Sie erzählen! Meine Zeit drängt mich nicht und die letzte Aufklärung über Das, was Sie zu den Brüdern Wildungen führte, bleibt mir ja doch wol gewiß. Rudhard empfand ein ſichtliches Wohlgefallen an dieſen in ſo weichen Tönen geſprochenen Worten des jungen angenehmen Mannes. Er blickte auf ein rei⸗ nes Gemüth, wie er es lieben mußte. Seine Augen milderten ſich der ſanften Klarheit des Blickes gegen⸗ über, den Siegbert auf ihm ruhen ließ. Doch that er Das nicht, was vielleicht jeder Andere gethan hätte und ſprach etwa mit Anerkennung über die Geſinnung des jungen Mannes, die er doch ſchätzen mußte. Er machte nur eine kurze Pauſe und fuhr mit einer ge⸗ wiſſen Strenge fort: Ich zog mit meinem kränkelnden Weibe an die fernſte Grenze unſres Vaterlandes, Rußland zu, in einen Ort Namens Schmalelinken. Dort in einer Pro⸗ vinz, wo man klare Begriffe von der Provinzhauptſtadt aus beförderte und beſchützte, glaubt' ich, für die ſpär— liche Saat, die jetzt noch Geiſtliche in die Herzen der Menſchen ſtreuen können, hinlänglichen Boden zu 382 finden und fand ihn. Die Nähe einer Ritterguts⸗ beſitzung, der angeſehenen Familie von Oſteggen ge— hörend, machte mich ganz beſonders glücklich. Dieſe Familie war am begütertſten im benachbarten Kur⸗ land, lebte aber lieber als in Rußland auf dem be— ſcheidenen Schlößchen Oſtegg bei Schmalelinken, wo ich als Pfarrer wirkte. Dieſes Glück danerte aber nur kurze Zeit. Meine Gattin ſtarb. Ich hätte es verwinden können. Aber dem Tiefgebeugten, der gleich⸗ ſam mit dieſer guten Frau auch die Kinder verlor, die ſie ihm nicht hatte ſchenken können, der nun ganz allein in der Welt daſtand, entzog ſich auch der Troſt jener Beziehung zu der Oſteggen'ſchen Familie, wo ich zwei jungen liebenswürdigen Mädchen, Adale und Helene, Erzieher geworden war. In Pleſſen war ich von bigotten Deutſchen verdrängt worden, in Oſt⸗ eggen verdrängte dagegen mein Erſcheinen einen gewiſſen Rafflard aus der reformirten franzöſiſchen Schweiz. Ich erlöſte dieſe Familie förmlich von der Sklaverei unter dem Joche dieſes Rafflard, eines eiteln, unwiſſenden Intriguanten und hatte die Ge⸗ nugthuung, daß mein Wirken anerkannt, gewürdigt wurde. Da ſtarb aber mein Weib und meine einzige Anlehnung, die Oſteggen'ſche Familie, wurde durch die glänzende Heirath Adelens, der älteſten Tochter, mit 383 terguts⸗ dem Fürſten Wäſämskoi beſtimmt, nach Odeſſa zu gen ge⸗ ziehen, wo der Fürſt am ruſſiſchen Gouvernement Dieſe wirkte. Was that ich? Ich entſchloß mich, den drin⸗ n Kur⸗ genden Bitten der Familie, der ausdrücklichen und d. dem be⸗ ehrenvollen Anerbietung des Fürſten Wäſämskoi zu en, wo folgen und ging, nahe meinem funfzigſten Lebensjahre, rte aben mit nach Odeſſa. Dort am Ufer des ſchwarzen Mee⸗ hätte es res, unter ſüdlichem Himmelsſtrich verlebte ich glück⸗ rgleih⸗ liche Jahre. Mancher düſtre, trübe Zug meines Cha⸗ verlor, rakters milderte ſich. Was früher hart und ſtarr mn gan war, wurde weicher und ebener. Leider verſchonten er Tuoſ uns herbe Schickſalsſchläge nicht. Die alte Baronin lie, wo Oſteggen ſtarb. Vor einigen Monaten iſt auch ihr dle und Schwiegerſohft, der Fürſt Wäſämskoi, auf einer Reiſe war ic nach der Krim an einem Fieber dahingegangen. So fiel in Of die Sorge für die Fürſtin Adele und ihre drei Kinder weinn auf mich. Ihre jüngere Schweſter, Helene Oſteggen, ziſche hatte in Odeſſa die Bekanntſchaft des in Aufträgen von d reiſenden franzöſiſchen Attaché, Grafen d'Azimont, ge⸗ iine macht und war, nachdem er ſie geheirathet, erſt nach hier, dieſer Stadt, wo er firirt war, dann nach Paris die G 1 In mit ihm gezogen— ewurh. 4 2„Dr.:.. 2 „eiud Die Gräfin d'Azimont? fragte Siegbert geſpannt. ut Irr' ich nicht, ſo iſt die Gräfin hier? dur Sie iſt es, ſagte Rudhard mit düſtrer Miene, ter, 1 auch ihre ältere Schweſter, die Fürſtin Wäſämskoi iſt hier. Leider gerieth mein jüngſter Zögling, He— lene d'Azimont, ſo in den Strudel des modernen Weltlebens, daß ſie mit der ganzen Familie brach und durch ihre wilde phantaſtiſche Lebensweiſe die = Liebe und das Herz der Mutter zu frühe knickte... Seit mehren Jahren ſchon iſt jeder Verkehr zwiſchen den Schweſtern Helene und Adele abgebrochen und ſelbſt das unter andern Umſtänden ſehr erfreuliche Zuſammentreffen in dieſer großen Stadt wird keine Ausſöhnung zu Stande bringen. Ich erwähne da Dinge, die in der großen Welt leider zu bekannt ſind... Auf Siegbert's Lippen ſchwebte die Frage, ob Rudhard wol wiſſe, welche Beziehung zwiſchen dem Prinzen Egon und der Gräfin d'Azimont ſtattfände; doch ſchwieg er, weil er dem Herzen eines Mannes wehe zu thun fürchtete, dem ohne Zweifel das Werk ſeiner Erziehung an der zweiten Tochter der Baronin von Oſteggen nicht gelungen war. Rudhard nahm aber dieſen Gegenſtand ſelbſt auf ugd zeigte ſich über die Chronik der Schweſter ſeines treugebliebenen Zöglings, der Fürſtin Wäſämskoi, voll⸗ kommen unterrichtet. Wie ſchmerzlich muß es mir ſein, ſagte Rudhard, Väſämskoi lng, H moderne ilie brach weiſe die nickte. zwiſch dchen und erfreulich vird kein wähne d u belan frage, ſchen de daß ſich die Nachrichten, die wir dann und wann über die Schwärmereien Helenen's empfingen, an mei⸗ nen plötzlich in Paris wieder auftauchenden Schüler Egon von Hohenberg anknüpften! Ich ſah, daß auch Egon durch ſeine Genfer Erziehung in den Stru⸗ del gerathen war, in welchem Helene unterging, als ſie ſich verheirathete an einen Mann, der ihr niemals eine ſittliche Anlehnung bieten konnte. Wie tief hab' ich das Konventionelle im Leben unſrer vornehmen Stände damals verabſcheut, wie bitter beklagt, daß mir unmöglich wurde, dies liebenswürdige, reizende, gutmüthige Kind, Helene Oſteggen, nicht von einer, wie man ſie nennen mußte, glänzenden Parthie mit einem nicht mehr jungen, aber reichen und intereſſan⸗ ten franzöſiſchen Diplomaten fern zu halten! Legte ſich doch ſelbſt der Wunſch des Kaiſers in die Wag— ſchale, ruſſiſche Unterthanen in Paris, an der Quelle der Begebenheiten, in genaueſter Verbindung eben mit den Lenkern der Begebenheiten zu wiſſen! Ich be⸗ gehe keine Indiskretion, indem ich von dieſen Dingen ſpreche; denn ich muß ſie Ihnen ſagen, weil ſie mit Dem zuſammenhängen, was mich zu Ihnen und Ihrem Bruder führt. Ich erſtaune über Das, was ich hören werde, ſagte Siegbert und ſtrich ſich über die Stirn, als Die Ritter vom Geiſte. III 25 — —y * —Z8Zhöoöooſſ— — 6 könnte ſie kaum alle dieſe wunderbaren Beziehungen faſſen. — Mein Unmuth, fuhr Rudhard fort, erſtreckte ſich in dem Grade auf Alles, was mit Helenen zuſam⸗ menhing, daß ich auch Egon verwarf und Niemanden mehr verwarf als die Mutter Egon's, die Fürſtin Amanda, die mir ſo viele bittere Schmerzen in mei⸗ nem an Freuden nicht reichen Leben verurſacht hatte. Was ſollte ich dazu ſagen, daß ich vor anderthalb Jahren einen Brief von der Fürſtin Amanda empfing, den ſie auf ihrem Todtenbette geſchrieben hatte! Einen Brief, der mich erſt in Schmalelinken ſuchte und ein halbes Jahr brauchte, mich am Schwarzen Meere zu finden; einen Brief, deſſen Abſicht ich verſäumt glaubte, als er ankam, ja der ſelbſt rechtzeitig hätte eintreffen können und mir keinen Entſchluß würde abgewonnen haben, ſo erbittert und gram war ich damals dem Andenken an Alles, was mich an Hohenberg erin⸗ nerte. Doch leſen Sie ſelbſt dieſen Brief und erfah⸗ ren Sie damit zu gleicher Zeit den Grund, der mich zu Ihnen führte und mich beſtimmte, Ihnen einen Ueberblick meines Lebens zu geben. Um jedoch Ihre Spannung nicht zu lange hinzuhalten, bemerk' ich, daß mein Beſuch mit einem Bilde der Fürſtin Amanda zuſammenhängt, das Sie beſitzen. Zeziehunge — gen Mit einem Bi a einem Bilde? fragte Si ſtrecke ſic es nicht ſo? iegbert er 5 unite nem ſichern 4 ſo? bemerkte Rudhard ſtaunt... 5 en zuſen ein Bi Auftreten nicht ſtö rd, der ſich in ſei 1 Niemanden in Bild der Fürſtin? ſtören ließ. Sie eſheen dee Fürſtin Allerdings; Aler. beſiben 1 So bitt' ich! Leſe 6 1” 3 n Sie!. 1 en in mei ſacht hatte anderthabb a empfing, nte! Einen te und din Meere zl mt glaubte eeintreffe bgewonnen amals dei cberg ei und erfal „det nich fnen einen edoch N emerk ich in Anand 10 &◻☛ꝝ * Dreizehntes Capitel. Eine neue Wendung. Rudhard zog ein großes Portefeuille aus der Bruſt⸗ taſche, ſchnallte es auf und nahm aus mancherlei Pa⸗ pieren und Dokumenten, die in ihr angehäuft lagen, einen zierlichen Brief hervor, der durch ſeine mit hun— dert Notizen und Strichen überkritzelte Adreſſe einen wunderlichen Anblick bot. Es waren darauf erſicht⸗ lich die vielen Poſtzeichen und Bemerkungen des Hin⸗ und Herſendens nach dem Adreſſaten in deutſcher und ruſſiſcher Sprache, in blauer, rother, grüner Tinte und wer weiß, ſetzte Rudhard mit einem leiſen An⸗ fluge von Lächeln hinzu, ob nicht noch in unſichtba⸗ rer, ſympathetiſcher Tinte, die nur die geheime Poli⸗ zei zu ſehen und zu leſen im Stande iſt! Der Brief ſelbſt, mit ſchwacher Hand, unſicher, wie von einer Todtkranken geſchrieben, lautete: „Nach Allem, lieber Rudhard, was zwiſchen uns er Bruft herlei Pe uft lagen emit hun teſſe einen nf erſch des Hu lſcher und ner Tinl leiſen A unſichtbe eime Po U nſt 11 tete: ſſchen! 389 auf dieſer Erde vorgefallen iſt, werden Sie erſtaunen, wie Sie noch, ehe ich dies Daſein verlaſſe, von mir einen Abſchiedsgruß erhalten können! Ja, mein lieber Rudhard, ich ſtehe an der Pforte der Ewigkeit. Die Stunden ſind gezählt, die mich die Langmuth des Herrn noch athmen läßt und ich frage mich, warum der erlöſende Engel noch immer nicht kommen, an mein Lager treten und mir die Augen zudrücken will! Ich frage: Was gibt dir denn der Herr noch zu be⸗ denken? Was ſollſt du noch in deinem Hauſe ordnen, ehe, du die Heimkehr zu deinem Erlöſer antrittſt? Ich blicke um mich, wo wol noch ein Herz ſchlägt, das ich betrübte, wo wol noch ein Fehl zu ſühnen und zu büßen iſt, und der Erinnerungen an Schlimmes und Sündhaftes ſind in mir ſo viele, lieber Rudhard, daß ich noch eine Ewigkeit leben müßte, jeden nagen⸗ den Gedanken aus meiner Seele zu tilgen. Ach, mein Heiland, muß ich beten, ich ermüde, mich ſo zu ſchmücken wie du mich haben willſt! Nimm mich hin in deine Arme und laß die Gnade mich rein waſchen von meinen Sünden!“ Siegbert ſtockte, gerührt von dieſen innigen Worten. Ein Wink Rudhard's, ein leichtes Kopfſchütteln, forderte ihn auf, fortzufahren. Siegbert las: „Dennoch nutz' ich jede Friſt, die mir die Anfälle der traurigen Krankheit, an der ich ſterbe, laſſen,— es iſt dies Uebel janes ſchmerzlichſte, an dem wir Frauen uns auflöſen müſſen— um doch irgend Et⸗ was abzuthun, was mit meiner ſchwachen Kraft mir erreichbar ſcheint, und da bin ich zu einer ernſthaften Betrachtung gekommen, die mich darauf führt, Ihnen zu ſchreiben.“ Sie wird Sie, unterbrach ſich Siegbert, um Ver⸗ zeihung bitten, daß ſie Ihnen ſo weh gethan, Ihren aufrichtigen Sinn verkannt, Sie von Haus und Herd vertrieben hat. O nein, ſagte Rudhard mit ironiſcher Miene. Erwarten Sie eine ſolche Reue von einer Gottbegna⸗ digten nicht! Auch ich erwartete, daß ſie vielleicht, alle religiöſe Partheiung bei Seite ſetzend, ſich auf einen rein menſchlichen Standpunkt ſtellen und mir als Menſchen, als ehemaligem Freund, als Erzieher ihres Sohnes in der letzten Stunde ein Wort der Verſöh— nung zurufen würde. Nein! Davon finden Sie nichts! Im Gegentheil, ſie verharrt in ihrem Bewußtſein reinſter Gottſeligkeit und überläßt mir nur noch eine Gewiſſenspflicht, die ich nach einer allgemeinen, rein praktiſchen und nur klugen Auffaſſung des Lebens prüfen ſolle. Sie anerkennt in mir den rechtlichen Mann; Das iſt Alles! laſſen,— dem wir rgend Er⸗ ſraft mir jnſthaften t, Ihnen um Ver⸗ n, Ihren und Herd r Miene pottbegna iicht, alle auf einen mir als iher ihtes Verſoh⸗ ie nichts ewußtſi noch eine nen, kin 3 Leben rechli 391 Aber viel! ſagte Siegbert. Viel, wenn es ein Auftrag iſt, der einen rechtlichen Mann erfordert und unter Hunderten, die ſie wählen konnte, Sie es ſind, an den ſie in der Sterbeſtunde dachte, Sie, der Jahre lang ihrem Gedächtniſſe entrückt war. Ich bitte, leſen Sie! ſagte Rudhard ruhig und ohne den mindeſten Anflug eines geſchmeichelten Ge⸗ fühls. „Was aus meinem unglücklichen Egon geworden, fuhr Siegbert fort, wiſſen Sie vielleicht! Ich weiß, daß es Niemanden unbekannt geblieben iſt. Die re⸗ ligiöſe Weihe, die ich ſeiner Erziehung geben wollte, hat keinen Widerſchein in ſeiner Seele gefunden. Mit zerriſſenem Mutterherzen geſteh' ich Ihnen, daß kein Sohn ſeiner Mutter geringere Aufmerkſamkeit zeigt, kein Sohn die Hoffnungen ſeiner Eltern mehr ge⸗ täuſcht hat, als dieſer Unglückliche, Tiefverblendete! Daß ihn die innere Haltloſigkeit ſeiner Seele anekelte und ihn antrieb, nicht ſeinem Stande gemäß zu le⸗ ben, will ich nicht tadeln. Aber nicht das Gefühl der Reue iſt es, was ihn veranlaßte, ſich das Kleid des Handwerkers anzuziehen, ſondern leere, nichtige Originalitätsſucht, der ſchlimmſte von allen Trieben nach Auszeichnung. Ich wenigſtens kann nicht daran glauben, daß die Erniedrigungen, die er in Lyon und 392 Paris über ſich verhängte, aus Liebe zum Erlöſer, aus Geringſchätzung des Lebens, aus wirklicher Demuth kamen. Eine Zeit lang hab' ich es geglaubt. Wie ich er⸗ fuhr: mein Egon iſt von Genf nach Lyon zu Fuß gewandert, wie er mir einſt einen guten, edlen Brief von dort ſchrieb, wie ich hörte, ihn ekle die ſchaale, große Welt an, er hätte faſt denſelben Beruf ergrif⸗ fen, den Anfangs auch der Heiland von ſeinem Va⸗ ter Joſeph erlernte,— Rudhard lächelte— überkam mich eine Stimmung, die ich nicht ſchildern kann und doch hab' ich ſie geſchildert, habe verſucht, ſie zu ſchildern und ſchrieb meinem Sohne einen Rückblick auf mein Leben mit der Wahrheit, die aufgedeckt iſt im Buche des Lebens und zu der es mich drängt mit unwiderſtehlicher Erleuchtung. Als ich dieſe Geſtänd⸗ niſſe kurz vor dem Augenblick, wo ich in einer Nacht glaubte, an meinem Uebel ſterben zu müſſen, vollen⸗ det hatte, wußt' ich nicht, wohin damit? Du ſtirbſt und dieſe Blätter, wer bringt ſie dem Sohne und ruft ihm durch ſie zu: Folge deinem Rufe! Uebe De⸗ muth! Sei, was dein Heiland war! Ach, es war Nacht um mich— die Wächterin ſchlief. Da griff ich nach einem alten Bilde, das meine jugendlichen Züge darſtellte, es hing über meinem Bette. Es hatte ein Geheimniß, ein Käſtchen, das auf einen Druck rlöſer, aus er Demuth Wie ich er⸗ en zu Fuß dlen Brief ie ſchaale, ruf ergri⸗ einem Va⸗ überkam kann und t, ſie zu Rückllick fgedeck iſt drängt mit Geſtänd⸗ ner Nacht ,, vollen⸗ Du ſtirbſt gohne und Uebe De⸗ hr ds p Da griff ugendliche Es hatte en Dlll— nen M 393 am Glaſe aufſprang, ein Scherz, den ich in jungen Jahren zu kleinem, verſtecktem Krame benutzt hatte. Dort barg ich mein Gebet zu Gott, mein Geſtändniß, das ich in einigen ſchlafloſen und doch entzückten Nächten niedergeſchrieben hatte, und glaubte nun zu ſterben.“ Siegbert war über die plötzliche Aufklärung des Bildes ſo erregt, daß ihm das Leſen der ſchwierigen Handſchrift wunderbar von Statten ging. Er fuhr fort: „Ich ſtarb nicht. Dies Uebel iſt fürchterlich, lie⸗ ber Pfarrer. Es gewährt augenblickliche Pauſen, wo man an Geneſung glaubt und dann bricht die Macht der Zerſtörung mit Hammerſchlägen wieder auf die verweſenden Theile und man glaubt zu ſterben, ohne es zu können. Moſchus und Opium führen über die gräßlichen Kriſen hinweg. Ich hatte oft Denkwür⸗ digkeiten aus meinem Leben aufgeſetzt und wenn ich Bogen vollgeſchrieben hatte, ſie wieder verbrannt. Sie waren nicht die reine Wahrheit, ſie ſchlüpften ohne Reue über meine größten Sünden hinweg, ich ver— nichtete ſie, weil ich mir vorkam wie der Phariſäer, der ſtolz auf ſeine Bruſt ſchlug und ſich rühmte: Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie Die! In jenem Jubelrufe an den Sohn aber war ich wahr geweſen; doch ich ſchauderte, wenn ich bedachte, was ich ge⸗ 394 ſchrieben! Es war Anfangs meine Abſicht, jenes Bild zu verſtegeln und bei Gerichten niederzulegen. Aber dann ergriff mich's mit furchtbarer Angſt. Wie kannſt du Das von dir geben? Wie kannſt du dir die Möglichkeit nehmen, dieſe Blätter bei andrer Geſin⸗ nung raſch zu ergreifen und zu zerſtören? Nein, du mußt ſie zur Hand haben, und ſchon ſtreckte die Hand ſich aus, um die Papiere zu vernichten. Da zögerte ich wieder und warf mir vor: Siehſt du, daß du zitterſt vor der Wahrheit! Siehſt du, daß du in Klei— dern prangen willſt, wie die Gerechten und deine Blöße verdeckſt und ſie nur Gott geſtehen willſt! Als ich ſpäter Schlimmes von Egon erfuhr, dacht' ich auch: O wie gut wäre dir's, Sohn, der Himmel ſchüttete eine Schale über dich aus, eine Schale ſeines Zornes und du lernteſt Demuth durch äußere Dinge, da ſie nicht in dir iſt!“ Was ſagen Sie zu dieſer Selbſtqual? unterbrach Rudhard den Vorleſer. Siegbert fuhr ohne zu erwidern fort: „Ich ſchreibe an dieſem Briefe ſchon den dritten Tag, lieber Pfarrer. Mein Ende naht. Ich fühle Das an jenem Pochen, das nun ſchon oft bis an's Herz reicht. Ein Schlag dieſes Klopfers, der gut gezielt hat, und ich bin nicht mehr. Ich habe inzwi⸗ ſicht, jenes ederzulegen. ngſt. Wie inſt du dir drer Geſin⸗ Nein, du te die Hand Da zögerte u, daß du du in Klei⸗ und deine wilſt! A dacht ich er Himmel ine Schale urch äußere unterbrach den dritten Ich fühle ft bis an' z, der gu Fabe inhu⸗ 395 ſchen Manches angeordnet. Der Fürſt ehrte meinen Willen und läßt die Verhältniſſe Hohenberg's ein Jahr ſo geordnet, wie ſie ſind, wenn ich die Augen ſchließe. Auch die Einrichtung meiner Zimmer bleibt. Dem Sohne empfahl ich durch einige Zeilen, die wol die letzten ſind, die ich an ihn richtete, wirklich das Bild und ſein Geheimniß. Zugleich aber, da meine Gedanken und Gefühle in einen nimmer auszuglei— chenden Widerſtreit gerathen ſind, entſchloß ich mich, über dieſe Papiere noch Einen zu Rathe zu ziehen, vor dem ich mich nicht ſcheuen würde, wenn er ſie läſe. Ich ſuchte lange, bis ich ein Weſen fand, das mir würdig ſchien. Ich fand zuletzt einige Würdige. Aber unter den Würdigen nur Einen, der nützlich, weltlich und klug genug ſchien, Sie, Rudhard. Daß Sie leben, weiß ich; denn Ihren Tod würd' ich in den Kirchen⸗ blättern, die ich halte, erfahren haben. Wollen Sie mir das Verſprechen geben, nach meinem Hingange, aber ich beſchwöre Sie, ohne Kenntnißnahme des Fürſten! ſich das Geheimniß jenes Bildes zu ver— ſchaffen und ſelbſt zu prüfen, ob Egon dieſe Blätter leſen darf oder nicht? Ihnen entdeck' ich mich, weil ich weiß, daß Sie ſchweigen, wenn Sie zu ſchweigen gelobt haben, reden, wenn Sie zu reden gelobten. Sie werden aus dieſen Blättern erkennen, warum ich 396 Chriſtus ſuchte. Halten Sie ſie ſchädlich für Ihren Zögling, der nach Allem, was er über die Verläug⸗ nung ſeines Standes und den Entſchluß, in Frank⸗ reich ewig als ein Arbeiter zu leben, ſchreibt, noch treu an Ihnen und Ihren Prinzipien hält, ſo ver⸗ nichten Sie ſie! Laſſen Sie dann meinen Sohn das Bild und nur— ich nehme Ihr heiliges Wort— mein Lieblingsbuch, den Thomas a Kempis, darin finden. Das iſt meine Bitte! Eilen Sie, um jedem Misbrauch zuvorzukommen! Anliegend ein Wechſel für Ihre Reiſe, Ihre Bemühungen!“ „Wenn Sie mir ſchon in Ihrer umgehenden Ant⸗ wort ein aufrichtiges: Ja! Ich vollziehe dieſen Auf⸗ trag, zukommen laſſen!... beſtimm' ich, wie Ihre Mühe noch ferner ſoll entſchädigt werden. Eilen Sie! Einen Anfall wie den der verwichenen Nacht überleb' ich nicht. Viel duldend, aber freudig im Herrn Amanda Hohenberg.“ Dieſen Brief, ergänzte Rudhard, als Siegbert er— ſchüttert ſchwieg, erhielt ich erſt nach einem halben Jahre und wußte an dem Datum und einer in Odeſſa geleſenen Zeitungsnotiz, daß ſie ſchon einige Tage nach Abſendung deſſelben geſtorben war. Ich ge⸗ ſtehe Ihnen, daß mein Eifer, dem Vertrauen der Ster⸗ benden zu entſprechen, nicht groß war. für Ihren e Verläug⸗ in Frant⸗ eibt, noch ſo ver⸗ Sohn däs rt— mein rin finden. Misbrauch hre Reiſe, enden Anr⸗ ieſen Auf⸗ Ihte Mühe diel Einen berleb' ich n Amanda iegbert er⸗ em halben in Odeſſ nige 1nI Ich 9 der Ste Sie waren in Odeſſa! Der Entfernung wegen nicht. Die Donaudampf⸗ ſchiffe vermitteln das Schwarze Meer mit Deutſchland .. Die Summe, die die Fürſtin anwies, war be⸗ deutend... Dieſe großartige Anerkennung auf dem Sterbebette! ie fand in ihrem Gedächtniß keinen Redlicheren als den, der ihre Anſichten nicht theilte, dem ſie Uebles gethan hatte... Wohl! Aber es empörte mich wieder, daß ſie grade durch dieſe Analyſe ihres Weges, wie ſie zu Chriſtus hätte kommen müſſen, ſich vor mir rechtfer— tigen, mich vielleicht in ihrem Sinne bekehren wollte. Ich ſah die ganze Frau vor mir! Dieſes Gemiſch der freundlichſten Eigenſchaften mit einer unglaublichen Menge eitler, unpraktiſcher, konfuſer Vorſtellungen! Ich fühlte mich ſo erkältet durch dieſe Widerſprüche von ihr ſelbſt, die bis zum Rande des Grabes ange— dauert hatten, daß ich meiner Unentſchloſſenheit um ſo mehr nachgab, als ich von Egon grade damals hörte, daß er die kommuniſtiſchen Thorheiten, die er getrie— ben hatte, aufgab, wol wieder Fürſt war und zu einer wahrhaft verlorenen Seele, die mir die bitter— ſten Schmerzen ſchon gekoſtet hat, zur Gräfin d'Azi⸗ mont in eine jener Beziehungen trat, die ſich die ver— 8 werfliche Moral der höheren Stände, wie das Reinſte und Cdelſte erlaubt. Sagen Sie ſelbſt, ob ich ta⸗ delnswerth handelte, indem ich den Ablauf des Jahres herankommen ließ, ohne mich zu eifrig zu bemuͤhen? Ich weiß nicht, entgegnete Siegbert, ob ich an Ihrer Stelle mich beruhigt hätte. Die Geſtändniſſe der Fürſtin waren hoffentlich nur für den Handwerker Egon beſtimmt... Rechnen Sie noch Dies, fuhr Rudhard fort, daß ich erfuhr, Egon's Vater hätte die ganze Einrichtung des Schloſſes Hohenberg unter der Bedingung ver⸗ kauft, daß von ihr nichts verändert würde bis zu ſeinem Tode, daß ich ferner aus den Nachrichten, die wir in Odeſſa über die d'Azimont hörten, wußte, Egon hätte nicht die Abſicht jemals Paris zu ver⸗ laſſen. Fürſt Wäſämskoi wollte eine Reiſe hierher unternehmen und auf dieſe ſpart' ich meine etwa noch mögliche Erfüllung der mir zugemutheten Verpflichtung auf. Der Fürſt erkrankte aber auf einer Dienſtreiſe und ſtarb. Da bedenken Sie denn die Verwirrung, in die eine mir unendlich theure Familie gerieth! Be⸗ denken Sie, wie ich alle meine ſchwindenden Kräfte zuſammenraffen mußte, um dieſen Verzweifelnden Stütze und Stab zu ſein! Da gab es zu ordnen, zu rech— nen, zu ſchreiben... Die Reiſe hieher und ein län⸗ as Reinſte b ich n⸗ des Jahres bemuͤhen? ob ich an eſtändniſſe andwerker fort, daß inrichtung zung vel⸗ de bis zu ichten, de — wußte 3 3 zu vel ſe hierhen etwa noch pflichtung Dienſtreit erwirrun rieth! 3 den Krüſt den Stih zu ke 399 gerer Aufenthalt in dieſer Stadt wurde der Kinder wegen beſchloſſen, die hier unterrichtet werden müſſen, wenn etwas von tieferer Bildung in dieſe gutgearte⸗ ten Seelen kommen ſoll. Aber es verzögerte ſich von Monat zu Monat. Endlich komme ich hier an, höre von Egon's Anweſenheit, von Helene d'Azimont, daß ſie ſeit einigen Tagen hier iſt... Wir richteten uns vor dem Thore in einem dort durch die Geſandtſchaft ſchon bereit gehaltenen Gartenlogis ein und... Nun? ſagte Siegbert geſpannt, als Rudhard ſtockte. Nun wollt' ich doch ſehen, ob es noch möglich iſt, eine vielleicht durch die Gunſt des Schickſals ſelbſt verſchobene Sache wieder aufzunehmen. Ich beſuchte ſoeben das Palais des Prinzen, höre von ſeiner Krankheit, lerne einen Franzoſen kennen, der mir ein ſo lebhaftes Intereſſe für den Prinzen, für mich, den er als früheren Lehrer deſſelben ſchon kannte, zu be⸗ ſitzen ſchien, daß ich mich nicht ſcheute, ihn in das Geheimniß der Fürſtin Amanda, ſo weit thunlich, ein⸗ blicken zu laſſen. Er ſprach ſelbſt von dem Bilde und nannte mir Sie und Ihren Bruder als die zufälligen gegenwärtigen Beſitzer deſſelben, und da bin ich denn nun, um zu hören, was Sie ſelbſt von allen dieſen Dingen halten und was Sie beſchloſſen haben, wie es damit ferner geſchehen ſoll. —,. ——— 400 Siegbert erhob ſich, ging mit einigen entſchloſſe⸗ nen Schritten in das Nebenzimmer und kam mit dem Bilde wieder. Da iſt das Bild! ſagte er. Rudhard angenehm überraſcht, erkannte es ſogleich als das der Fürſtin in jungen Jahren. Als er aber danach langen wollte, hielt Siegbert ſeine Hand darauf und Rudhard trat zurück. Siegbert ſprach nichts und doch lag in ſeinem Blicke die beredtſamſte Vertheidigung ſeines Vorent⸗ haltes... Sie haben Recht, ſagte Rudhard. Ich kann keine Anſprüche darauf machen. Auch nur der Anblick der Fürſtin überraſcht mich! Ich ſehe die Spuren dieſer eigenthümlichen Frau in meinem Gedächtniſſe wieder wie lebendig auftauchen. Die Unglückliche kam ſchon krank nach Hohenberg und doch... das ſchwärme⸗ riſche, ſchmerzlich blickende Auge rührt mich. Vergib mir, liebe Frau, ich habe einen recht bittern Groll gegen dich im Herzen gehabt, du haſt mir viel Leides angethan, vergib mir, daß ich mich deinem Andenken nicht früher verſöhnte und deine dargebotene Hand ergriff! Der Tod iſt hart, aber er iſt nicht die Grenze unſeres Lebens. Er ſoll nicht Alles ausgleichen. Der Tod ſoll Charakter haben, wie das Leben. Wann entſchloſſe⸗ n mit dem es ſogleich s Vorent⸗ kann keine Anblick der uren dieſe iſſe wieden kam ſchol ſchwärme h. Vergi tern Gro viel Ledde Andente tene Ha die Gun ichen 1 W 401 der Tod jede That des Lebens auslöſchte, ſtünde ſchon ſeit Jahrtauſenden die Geſchichte ſtill! Sie klagen ſich an, Herr Rudhard, begann Sieg— bert, indem Sie ſich rechtfertigen wollen! Nach mei— nem Gefühle haben Sie allerdings das Recht ver⸗ wirkt, die in dieſem Geheimniß enthaltenen Blätter zu leſen! Aber eben wie Sie eintraten fiel mein flüch⸗ tiger Blick in dieſe Papiere, deren ganze Geſchichte ich erſt von Ihnen erfahre, und ich fühlte, daß ſie Schweres, Bedeutungsvolles enthalten. Der Geiſt der Fürſtin Amanda ruft mir zu, daß dieſe Blätter ungeleſen aufbewahrt bleiben ſollten, bis Sie ka men... Ich würde Ihnen doch das Bild geben, wenn nur mein Bruder damit übereinſtimmt! Ihr Bruder? wiederholte Rudhard... Er bot Sieg⸗ berten die Hand und betrachtete den jungen Mann voll Theilnahme. Er erkannte in ihm eine jener ſchwär⸗ meriſchen Naturen, die ihm nicht ganz ſympathiſch waren, aber das Ehrenhafte, Würdevolle und Sanfte ſeiner Aeußerungen gefiel ihm doch ſo außerordent⸗ lich, daß er eine wahre Liebe zu dem jungen Mann faßte. Nun wohlan! ſagte er. Laſſen Sie es von Ihrem Bruder, deſſen Anſprüche auf das Bild ich nicht kenne, abhängen! Der Prinz wird hoffentlich geneſen. Ich Die Ritter vom Geiſte. III. 26 8 —·— durchfliege dann die Blätter und auf den erſten Blick werd' ich ſehen, ob ihm dieſe Geſtändniſſe einer bis über's Grab hinausgehenden Wahrheitsmanie oder die Bücher des Thomas a Kempis nützlicher ſind. Zür⸗ nen Sie mir deswegen, daß ich die Bitte einer Ster⸗ benden nicht ſogleich erfüllte? Ja! ſagte Siegbert mit edler Offenherzigkeit, die Rudhard anerkennen mußte. Ich wäre nicht im Stande geweſen, eine ſolche Bitte unausgeführt zu laſſen. Werden Sie ſechzig Jahre, mein junger Freund, antwortete Rudhard, indem er ſeinen Hut ergriff, ſehen Sie erſt, was Alles auf unſer Urtheil, unſere Wil⸗ lenskraft mit Zumuthungen und Anſprüchen einſtürmt und Sie werden zähe werden im Erfüllen, wie ich es bin! Dieſes Schwunges der Phantaſie, mich in Odeſſa von allem mir Theuren loszureißen und eine Grille verkehrter Menſchen auszuführen, war ich nicht fähig. Verkehrt nenn' ich dich, arme Frau! Vergib mir auch dies Wort! Ich mochte nicht in deine Falle gehen, die noch nach funfzehnjähriger Trennung mir gelegt wurde, um mich zu bekehren! Denn Das iſt es, lie⸗ ber Wildungen! Was Sie auch auf flüchtigen Blick in dieſen Papieren gefunden haben mögen, ſie ſind nur für mich berechnet, für meine Erleuchtung, für meine noch im Tode von der Proſelytin des Glau⸗ erſten Blick e einer bis nie oder die ſind. Zür⸗ einer Ster⸗ zigkeit, die im Stande laſſen. er Freund, griff, ſehen nſere Wil⸗ einſtürmt wie ich es rin Odeſſa eine Grille iicht fähig. mir auch alle gehen, mir geleg. ſt es, li tigen Blic fe ſn tung, fü des Gl 403 bens verſuchte Erſchütterung der eingebildeten eigenen Vernunft! Siegbert ſchwieg über dieſe wol zuweitgehende, aber charakteriſtiſche Vermuthung eines ſtarren Rationa⸗ naliſten und ſchloß das Bild in einen Schrank der „Aula“. Nach einigen Worten, die die neuen Bekannten über die Erklärung Dankmar's und den Ort des baldigen Wiederzuſammentreffens gewechſelt hatten, ſagte Rudhard: Woher ſtammen Sie denn eigentlich? Der Name Wildungen iſt mir ſo geläufig! Er erinnert mich— Vielleicht an meinen Vater? fiel Siegbert ein. Wildungen! Wildungen! ſagte Rudhard. Er war Pfarrer in Thaldüren und Angerode. Studirte aber mit mir— glaub' ich.. Auf der Univerſität ſchwerlich, ſagte Siegbert. Lebt' er noch, müßt' er erſt ein Funfziger ſein. Wohl! Wohl! ſagte Rudhard. Wildungen! Sieh! Es war mein Schüler... Sieh! ſieh! mein Zeltge⸗ noſſe, contubernalis von dem Stifte her, das uns bildete. Im ſchönen Saalthale bei Naumburg auf der Schulpforte wurden wir erzogen. Ich war Pri⸗ maner und nach damaliger Sitte hatt' ich jüngere 26* 404 Knaben unter meiner Aufſicht. Wildungen! Ich ent⸗ ſinne mich, Otto Wildungen. Otto Wildungen, beſtätigte Siegbert bewegt. Er war mein contubernalis, ſagte Rudhard. Ich mochte ſechs Jahre älter ſein als der kleine Quartaner, der meiner Aufſicht anvertraut wurde. Ich hatte de⸗ ren drei unter meiner Obhut. In meinem alten aka⸗ demiſchen Stammbuch hab' ich von ihm einen Denk⸗ ſpruch. Als ich zur Univerſität ging, ſchrieb mir jeder der Kleinen etwas zur Erinnerung, natürlich etwas, was ich ihnen dictirte, lateiniſch oder griechiſch, an⸗ ders verewigte man ſich damals nicht in den Stamm— büchern von Schulpforte, in mein Album. Siegbert bezeugte eine große Neugier, dies Er⸗ innerungsblättchen an die früheſte Jugend ſeines Va⸗ ters zu leſen... Und als er gar noch vernommen hatte, daß die beiden andern contubernales des Primaners Rud⸗ hard Rodewald und Gelbſattel geheißen hatten, wuchs ſeine Neugier in dem Grade, daß ihm Rudhard an⸗ bot, ihn doch nun gleich zu begleiten und ſich die alte Re⸗ liquie anzuſehen... Siegbert ſchlug es aus, da ihm doch die Sammlung fehlte, mit Jemandem, der nicht ganz auf ſein Innerſtes geſtimmt war, jetzt zu lang' allein zu ſein. Er ließ ſich genau von Rudhard die Woh⸗ en! Ich ent⸗ bewegt. udhard. Ich Quartaner, Ich hatte de⸗ n alten aka⸗ einen Denk⸗ jeb mir jeder jrlich etwas, jechiſch, an⸗ den Stamm⸗ tte, daß de aners Nud atten, Rudhard 1' hdie alte R aus, da i der nicht ge⸗ wlang al „NA rd die 4 wuch 405 nung der Fürſtin Wäſämskoi beſchreiben und verſprach, ihm ſchon morgen über Das, was ſein Bruder wegen des Bildes beſchließen würde, Beſcheid zu geben. Rudhard ging mit den Worten: Ich freue mich nun doch, daß ich dem Triebe folgen mußte, Etwas zu thun, was die auf mich ab⸗ geſehene Bekehrungsmethode der Fürſtin Amanda er⸗ leichterte. Ich habe Sie kennen gelernt, einen Sohn meines kleinen Wildungen, der ſo ſinnig und gut war! Und der ruht nun auch ſchon! Gelbſattel iſt ein hoch⸗ geſtellter Papſt unſrer Kirche, Rodewald, nach dem Sie mich fragen, ſcheint verſchollen, ich verlor ihn ganz aus dem Gedächtniß. Er war der Jüngſte von Allen, wild und ſtörriſch, aber der Begabteſte! Und Sie ſind nun Einer von unſrer jungen Generation! Ein Maler! Neue Begriffe! Neue Lebensanſchauun⸗ gen! Auf eine Welt verſetzt, in Zeitwirren, aus denen wir bald erlöſt ſein werden. Wir nämlich, die wir ſie nicht mehr verſtehen! Ich bin nur über Eins froh, daß die Menſchen offner und gerader werden! Das iſt noch das Beſte von Dem, was uns dieſe Tage gebracht haben. Das Uebermaß von Freimuth hat wenigſtens das traurige Uebermaß von früher, die Heuchelei und das Kriechen, entfernt. Im Uebrigen find' ich mich nicht mehr in dieſer Zeit zurecht... 406 Sie kommen freilich aus Rußland, ſagte Siegbert lächelnd. Aber nicht aus Sibirien, ergänzte Rudhard, ſchon die Thür ergreifend. In Odeſſa friert der Verſtand nicht ein und wo man das große allmächtige Meer ſieht, das der menſchlichen Dämme und Satzungen ſpottet, da wird man niemals Sklave. Ja, ja! Des Meeres Anblick macht Alles gleich. Aber.. Aber.. es lehrt auch die ewige Grenze des Irdiſchen, es lehrt uns Demuth und Beſcheidenheit. Der ſtolzeſte Segler fährt zerſchmettert an ein verſtecktes Felſenriff. Die b Menſchen, die der Natur und ihren großen Weihe⸗ ſtunden entrückt ſind, bilden ſich zuviel ein auf ihre Pygmäenkraft. Auf den Bergen wohnt die Freiheit! Haſt Recht, edler Schiller! Aber am Meere wohnt die Beſchränkung. Leider liegen Paris, Wien und Berlin weder auf Bergen, noch am Meere. Der Dünkel des Flachlandes beherrſcht uns. Die Träu⸗ merei der nackten Erdſcholle, die nur blauen Himmel um und über ſich ſieht, Die erfindet die Ideen, die jetzt die Welt erlöſen ſollen! Ich vertheidige Rußland nicht: ich achte die Menſchenwürde. Aber ein Land, in dem man ſchweigen muß, lehrt uns denken. Da, wo man Alles ſagen darf, denken die Menſchen nicht mehr. eSiegbert ard, ſchon Verſtand tige Meer Satzungen „ja! des .Aber.. , es lehtt ſie Segler nif. Di en Weihe⸗ auf ihre 4 Feolhet ere wohne Wien und tere. d. Die Tüül Himu deen, e Nußle ein L Mit dieſen Worten trat Rudhard an die Stiege, bis zu deren Rande ihn Siegbert begleitet hatte. Siegbert befand ſich, als er wieder allein war, in einer eigenen Stimmung. Er hatte Merkwürdiges, Ueberraſchendes erfahren, aber auch wieder eine Binde mehr vor den Augen. Dieſe Blätter, die er eben hatte leſen wollen, die ihn ſo feſſelten, ſo reizten, ſchloſſen ſich nun wie ein heiliges Geheimniß... Er fiel in die Wehmuth über die Erfahrungen dieſes Tages zurück... Der Schmerz um Melanie, um den Bruder, um Alles durchzuckte ihn. Dankmar kam nicht. Bei jedem Geräuſch hoffte er, der Bruder würde eintreten. Er blieb aus... Siegbert fühlte das Leid des Bruders wie ſein eignes. Beiden war eine lichte roſige Wolke ent⸗ flohen! Beiden hatte derſelbe Traum von Glück und Liebe gelächelt! Des Jünglings ringende Seele hat ja nur Eins, was ihn ganz erfüllen, ganz und voll ergreifen kann: die Liebe! Alles Andre, was ſonſt in ſein Inneres drängt, iſt ja noch unreif, unfertig und bedarf tauſendfacher Beſtätigung durch die Erfahrung und durch die unermeßliche Bücherwelt! Nur die Liebe bedarf keines Buches, ſie lieſt die größten Schätze der Weisheit und der Wahrheit im Auge der Geliebten. Die Liebe bedarf keiner Prüfung, ſie ſieht nur und ——— — 1 408 glaubt ja und vertraut. Die Liebe bedarf der Erfahrung nicht, denn ſie liegt vom Anbeginn in unſrem Herzen! Und dieſe Zauberkraft war Beiden plötzlich ge⸗ lähmt! Gelähmt Beiden durch einen einzigen Schlag! Beiden war nichts geblieben als das Bewußtſein ihrer Unfertigkeit und vielleicht nie ſich abſchließenden Vollendung! Siegbert fühlte es an ſich, was auch Dankmarn bewegen würde. Er ſucht, wie du jetzt, ſagte er ſich, die Fäden, die ihn in die alte gewohnte Auffaſſung ſeiner Mühen und Pflichten wieder zurückführen ſollen! Er ſucht, wie du jetzt, das in Kupfer verwandelte Gold ſeines Glückes in den Strom des Vergeſſens zu werfen und ſteht am Ufer vielleicht in Thränen dem ſchweren Falle nachhorchend! Er bittet die Bäume vielleicht auf einſamer Wanderung, ob ſie ihm den Namen der Geliebten nicht mehr zurufen würden, um ihn zu quälen! Er bittet ſie um mildernde Gedanken und Alles ſäuſelt und rauſcht doch vielleicht nur das alte ſüße, verlorne, erträumte Glück! Spare mir deinen Duft doch auf, du treuherzige, vertrauliche Blume, ſpar' ihn mir auf ein künftiges Glück, wenn ich es finde! Jetzt entlockt mir dein Gruß nur Thränen! Die Sprache, die du ſprichſt, darf ich ja nicht mehr verſtehen. ahrung Herzen! ſch ge⸗ ſchlag! ußtſein eßenden s auch Fäden, Mühen wſucht ſeines fen und cſween wielleicht men dei ihn i 409 So durchbebte es Siegbert von Mitleid um den Bruder— und um ſich! Ja, auch um ſich! Gibt es denn nicht ein Mit— leid auch um ſich ſelbſt? Habt Ihr nie Thränen vergoſſen, träumte Sieg⸗ bert, als er ſich auf des Bruders hartes Sopha ſtreckte, um Euch ſelber? Nie geweint um die bittern Schläge des Schickſals, die Euch trafen? Nicht, daß Ihr erlaget, daß Ihr unglücklich waret, ſchmerzte Euch ſo tief— Ihr hattet Kraft und Muth, das Wider⸗ wärtigſte zu ertragenz aber daß es kam, daß es Euch gerade traf, daß Ihr es ſein mußtet, denen das Füllhorn Fortuna's immer und immer nur ſtach⸗ lichte Früchte zuwarf, dies Mitleid mit Euch ſelbſt war Euch rührender als das Unglück ſelbſt. Lebens⸗ frohe, hoffende, glückberechtigte Jugend, warum mußt du weinen? Stolzes, von Göttern geliebtes, rieſen⸗ kräftig arbeitendes Genie, warum mußt du leiden? Edler, großer Wille, warum mußt du ſcheitern? Warum du? Warum dus? Dieſe bittre Frage um Etwas, das deine Kraft längſt ſtolz beantwortet hat, Die iſt es, die an deinem Herzen nagt und dein Gemüth ver⸗ wundet! .Siegbert war von ſeinem Kummer fortge— riſſen und ſo erfüllt von der Vorſtellung, daß ſein 410 Bruder, der ihn erſt um neun Uhr, bei jenem ihm plötzlich ſonderbarerweiſe ſo nahe gerückten Fritz Hackert in der unheimlich alten, verrufenen Brandgaſſe ſehen wollte, die Zeit bis dahin auf einer einſamen Wan⸗ derung vor den Thoren, im Parke, am Schloßteiche, in den Alleen, die zu den Dörfern führten, zubrächte, daß er ſich aufraffte und ihn dort ſuchen wollte. Es hatte ſechs geſchlagen. Die Sonne warf freund⸗ liche Lichter. Spaziergänger ſuchten wie er die Thore. Er flog nach der Gegend hin, die ihm die ſtillſte und für den Kummer einladendſte ſchien... In einer halben Stunde war er unter jenen Gär⸗ ten und Villen, die wir bei Gelegenheit der Woh⸗ nungsangabe Paulinen's von Harder kennen lernten. Hier gab es ſtille Plätze und enge Wege, die hinaus in's Feld führten. Kinder mit Kornblumenkränzen begeg⸗ neten ihm. Liebende gaben ſich hier hinter den Mauern der Gärten ihre unbelauſchten Stelldicheins. Ge⸗ lehrte ſetzten ſich mit Büchern auf eine einſame Bank und ſchöpften freie Athemzüge in ihre gebückte Bruſt. Hier ſiehſt du, ſagte ſich Siegbert, den Bruder unter irgend einem Lindenbaum! Du kennſt einen ſolchen, dicht am Eingang in die Kornfelder! Dort ſitzt er gewiß und denkt: Warum iſt Siegbert nicht m ihm Hacken e ſehen Wan⸗ zteiche begeg Kauern Ge einſame gebücte Brude 411 bei dir und wir plaudern über das Leben, die Täu⸗ ſchungen der Herzen, das allgemeine Ziel der Menſch⸗ heit und unſer eigenes! So nachdenkend, bemerkte Siegbert kaum, daß er in dieſelbe Gegend kam, wo ihm Rudhard geſagt hatte, daß auch die Fürſtin Wäſämskoi wohne... Wie erſtaunte er, als er an einem Spalier in einem kleinen Vorgarten plötzlich wieder denſelben ſtren⸗ gen Mann mit einem Buche leſend fand, umgeben aber von zwei wunderſchönen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen... Bald ſpielte der rüſtige Greis mit den Kindern, bald las er eine Stelle in ſeinem Buche. Ein Teller voll Obſt ſtand auf einem grünen Tiſche neben ihm. Die Kinder naſchten und er ſtellte ſich, als ſähe er es nicht... Wenn eins eine Kirſche ergriffen hatte, fuhr er mit der Hand nach den kleinen Dieben und dieſe freuten ſich jubelnd ihn überliſtet zu haben. Siegbert, der Das ſo beobachtete, wollte erſt an dem Stacket vorüber und wußte nun nicht, ob er ſich nicht lieber zurückziehen ſollte. Dem Beſinnen über ſeinen Entſchluß blieb aber nicht viel Zeit; denn Rud⸗ hard entdeckte ihn bei einer Wendung, die er, um die Kirſchendiebe zu haſchen, nehmen mußte. Er ſchien 1 V „ — — 412 ſehr angenehm überraſcht, ſeinen eben verlaſſenen Be⸗ kannten ſchon wiederzufinden und lud Siegbert ein, jetzt nur gleich hereinzutreten.. Hier wohne er! Dies wären die jüngſten Kinder der Fürſtin! Siegberten war es, als wenn er zudringlich er— ſcheinen könnte, als wenn man glauben müßte, er hätte abſichtlich ſchon jetzt dieſe Gegend aufgeſucht.. Er war in ſichtlicher Verlegenheit. Aber Rudhard blieb dabei, er müſſe nun eintreten, ſein Zimmer, ſeine Bücher, ſeine Sammlungen ſehen. Wir haben uns eingerichtet, ſagte er, hier ein paar Jahre zu bleiben! Wie er aber das fortgeſetzte Sträuben Siegbert's durch die Worte zu widerlegen ſuchte: Und mein Stammbuch aus Schulpforte? Wie iſt's damit?— da konnte Siegbert nicht widerſtehen, ſondern trat durch die Pforte zur Wohnung der Fürſtin Wäſämskoi ein. Die von Gußeiſen gefertigte Thür dröhnte gewal⸗ tig, als ſie hinter ihm durch ihre Wucht von ſelbſt zufiel. ien Be⸗ ert ein, Dies ßte, er ſucht. ntreten, ſehen. zier ein nt durch koi ein. gewal⸗ mn ſelbſ Vierzehntes Capitel. Olga Wäſämskoi. Die kleinen Wäſämskoi's hießen Rurik und Pau— lowna, ſprachen deutſch und glichen ſicher mehr ihrer deutſchen Mutter, einer gebornen Adele von Oſteggen, als ihrem ruſſiſchen Vater, dem Knäs Wäſämskoi. Zutraulich machten ſie die Bekanntſchaft Sieg⸗ bert's, von dem ihnen Rudhard, obgleich noch völlig unbekannt mit Siegbert's Talent, doch erzählte, daß er ein Maler wäre und herrliche Bilder machen könne. Gleich hatten ſie ihm ihre eignen Verſuche in dieſer Kunſt mitzutheilen und verſprachen ihm Proben zu zeigen. Siegbert faßte die kleine Paulowna an der Hand, Rurik zog, ja zerrte ihn faſt die Treppe hinauf in das Zimmer Rudhard's, den ſie Papa nannten. Dies Zimmer war ſehr traulich von der eben 414 ſinkenden Sonne beleuchtet und obgleich erſt ſeit kur⸗ zem bewohnt, doch ſchon von Taback ziemlich einge⸗ räuchert. Ich bin kein eleganter Hofmeiſter, ſagte Rud⸗ hard, wie der moſchusduftende Monſieur Rafflard in Schmalelinken, wo ich keine andere Unterhaltung als mein Weib, die Beſuche aus Oſteggen und den Ta⸗ back hatte. Die Kinder ließen ihm keine Zeit, ſeine eigene Einrichtung zu zeigen. Alles wußten ſie genauer als Rudhard. Sie ſchleppten Bücher, Zeichnungen, ge⸗ ſtickte Polſter herbei, um ihren Beſuch zu unterhalten. Ja es hätte nicht gefehlt, ſie würden eine altmodiſche Stutzuhr heruntergeholt haben, um ihm zu zeigen, daß daran in Bronze der Tod immer mit der Hippe aufklopfe, wenn es eine neue Stunde ſchlüge... Endlich hatte Rudhard unter Papieren kramend ſein altes Stammbuch gefunden und zeigte es Sieg⸗ berten, den theils die Kinder, theils der anmuthige Blick in den Garten feſſelten. Rudhard ſchlug in dem kleinen Buche mit altem abgeſtoßenen Maroquinband die vergilbten Blätter auf und zeigte Siegberten eins, wo ſein Vater recht mit einer Knabenhand die Worte eingeſchrieben hatte: Wi ſcho derl nerl elle ſehr fat ten die den dem nac Gel ru ſeit kur⸗ h einge⸗ 2 Rud lard in ug als den Ta— eigene uer als en, ge⸗ erhalten. modiſche zeigen, Hype kramend 3 Sieg muthige it altem Blätte Nat 9 Vate ſchriht Nemo ante mortem beatus. In memoriam Ottonis Wildungen Portensis. Paulowna fragte, wie das hieße und Rurik konnte ſchon ſo viel Latein, daß er auf Rudhard's Auffor⸗ derung überſetzte: Niemand iſt vor dem Tode glücklich. Zur Erin⸗ nerung an Otto Wildungen... Bei Portensis ſtockte Rurik. Rudhard mußte es erklären und ſagte: Das heißt Otto Wildungen, ein fleißiger und ſehr braver Schüler aus dem berühmten alten Stifte zur Schulpforte. Rurik begriff nicht, wie ein einziges Wort Por- kensis ſo viel ausdrücken könne und wurde über die Vortrefflichkeit der alten Römerſprache ſehr nach— denklich. Siegbert fühlte die Wahrheit dieſes Spruches aus dem kummervollen Leben des Vaters ergriffen genug nach. Auf einem andern Blatte ſtand: Per aspera ad astra. In memoriam Theophili Gelbsattel Portensis. Nurik überſetzte wieder ſtreng ſchülerhaft: Durch Rauhes zu den Geſtirnen. Zur Erinne⸗ rung an— Gottlieb Gelbſattel, ergänzte Rudhard— 416 Heißt Portensis hier wieder ein fleißiger, braver Schüler aus Schulpforte? fragte Rurik. Hier heißt es, ſagte Rudhard, blos: Ein gut fort⸗ gekommener Schüler aus Schulpforte. Nurik begriff dieſe neue Feinheit der Sprache nicht und überſetzte jetzt ohne allen Kommentar das dritte Blatt von Heinrich Rodewald, das ſo lautete: Nec te vestigia terrent! In memoriam Henrici Rodewald Portensis. Und nicht dich Spuren ſchrecken! Was heißt Das? ſagte der Knabe. Rudhard antwortete: Dieſer Spruch iſt ſchwer, mein Sohn, für einen Knaben zu begreifen und noch unglaublicher, wie man ihn als Knabe ſchon zum Denkſpruch wählen konnte. Sicher hatte ein Lehrer dieſen Spruch erläu⸗ tert und für den wilden unternehmenden Rodewald paßte er wol. Dich erſchrecken nicht, heißt Das, die Folgen deiner und fremder Handlungen! Ein trotziges Wort! Und doch gefällt es mir, wenn es der Muthige und der Tugendhafte ſagt. Siegbert mochte nicht hinzufügen, daß es hier der Tugendhafte nicht geſagt hätte. Dennoch mußte er erſtaunen, wie im Bruder ſeiner Mutter ſchon ſo früh ſich dieſe Sicherheit der eigenen moraliſchen Ver :, braver gut fort Sprache ntar das o lautete: a Henrici für einen cher, wie uch erlä Rodewal Das, in notzi er Muth es hin mußfe ſche ſche H wähle 7 antwortlichkeit ausgeſprochen hatte: Nec te vestigia lerrent! Und Spuren, ob eigne oder fremde, Folgen oder Gefahren, ſchrecken dich nicht! Rudhard ergriff die Feder und ſagte: Zu Ihrem Vater aber muß ich ein Kreuz ſetzen zum Zeichen, daß er dahin iſt. Niemand iſt vor dem Tode glücklich. Wann fand der Gute ſein Glück? Siegbert nahm ihm die Feder ab und ſchrieb in be⸗ wegter Stimmung den ſchmerzlichen Todestag des Va⸗ ters hin. Unwillkürlich malte er dann das bei allen Verſtorbenen ſtehende Kreuz ſo wie es zu ihrer Fa⸗ miliengeſchichte gehörte, mit dem vierblättrigen Klee⸗ blatt. Dazu ſchlug die merkwürdige alte Uhr über ihnen eben ſieben und der Senſenmann ſchwang rich⸗ tig ſiebenmal ſeine Hippe. Die Form des Kreuzes fiel Rudhard auf. Doch unterließ es Siegbert ihm weitere Aufklärungen zu geben, weil der kleine Rurik durch die Deviſe: Nie⸗ mand iſt vor dem Tode glücklich! auf das Auskramen ſeiner kleinen Weisheit gerieth. Er wußte nänlich, daß dieſe Worte der weiſe Solon zum reichen Kröſus geſagt haben ſoll, als ihm dieſer ſeine Schätze zeigte. Rudhard ermunterte ihn, dieſe hübſche Geſchichte ſeiner Schweſter Paulowna zu erzählen. Er wollte ihn vor⸗ ſäufig los ſein. Die Ritter vom Geiſte. III — ——nn Indem Rurik ſich dazu mit vielfachen Selbſtbe⸗ richtigungen und Wendungen: Nein, ſo war's, oder ſo.. in Athem ſetzte, bemerkte Siegbert, daß ſich die Geſellſchaft des nicht zu geräumigen Zimmers um eine Perſon vergrößert hatte. Ganz leiſe und von ihm wenigſtens unbemerkt war während des Blätterns in dem alten Schulpforter Stammbuche ein junges Mädchen von eigenthümlichem Weſen eingetreten und hatte ſich ohne Gruß, ohne Antheil zu bezeugen, ohne ein Wort zu ſprechen hin⸗ ter Rudhard geſtellt und den Erläuterungen der ein⸗ zelnen Blätter zugehört. Sie war älter als Rurik, der etwa zwölf Jahre zählen mochte.. Paulowna ſchien deren erſt acht zu haben. Dennoch hatte ſie Etwas, was hinter ihren Jahren zurück war und plötzlich wieder Etwas, was ihnen weit voraus ſchien. Sie war nicht groß, dieſe zarte Geſtalt, von einer durchſichtigen weißen Haut. Der Kopf war entſchieden ruſſiſchnational. Die Au⸗ gen mehr länglich als rund, aber ſanft mit langen ſchwarzen Wimpern beſchattet; die Lippen voll und ſchwellend, aber etwas bleich. Die Form des Ge⸗ ſichtes ſehr rund, die Naſe zart, aber mehr ſtumpfe als regelmäßig ſchön, die Augen blau, ruhig, tief und klar oder doch nur ſo unheimlich wie ein zu ſtiller See, Selbſtbe ars, oder iß ſich die s um eine merkt war chulpforter hümlichen „ohr chen hit der ei völf Jah eſt acht 3 419 von dem man nicht weiß, wo er das friſche Quell⸗ waſſer, das in ihm rinnt, hernimmt, durch welche un⸗ terirdiſche Schleuſe er mit größeren, unbekannten, ge⸗ heimnißvollen Gewäſſern zuſammenhängt. Das ſtarke pechſchwarze, glänzende Haar war vorn im Scheitel und hing in den Nacken in zwei dick geflochtenen Zöpfen herab. Daß dies Mädchen noch feine battiſtene Spitzen— pantalons trug, war faſt eine Anomalie und doch war bei allem Ernſt ihres Weſens, bei aller Reife des Blickes der ganze Eindruck unbeſtimmt, ja auf Augen⸗ blicke völlig kindlich. Wie Siegbert dieſe ſtillgekommene Vermehrung der Geſellſchaft bemerkte, ſagte Rudhard zur Vorſtellung die einfachen kurzen Worte: Meine liebe Olga! Die Schweſter meines guten Rurik, der ſo gut aus dem Herodot zu erzählen weiß, den er binnen zwei Jahren hoffentlich im Urtert lieſt! Der junge Maler, von dem ich der Mutter vorhin erzählte, Herr Wildungen! Olga Wäſämskoi achtete wenig auf dieſe etwas förmlichen Wortag ſondern ſah faſt todt und kalt in das Stammbuch, das Rudhard eben weggelegt hatte. Sie betrachtete das Kreuz, das Siegbert gezeichnet und ſchien dabei faſt ohne allen Antheil, faſt ganz apathiſch. — 420 Siegbert, befremdet über dieſe Art, hielt Olga mit Recht für ſtolz und beſann ſich, daß ſie nach ruſſiſchem oder franzöſiſchem Sprachgebrauch eine Prinzeſſin war. Wir müſſen in den Garten gehen, Sie müſſen die Mutter dieſer guten Kinder kennen lernen, begann nun Rudhard. Siegbert entſchuldigte ſich und wies auf ſeine Kleider. Olga hob den Blick vom Stammbuche auf, ſtellte ſich rückwärts an's Fenſter und betrachtete Siegbert mit einem Blicke, deſſen Ruhe ihm wahrhaft unbe⸗ greiflich war. Noch hatte ſie kein Wort geſprochen, nicht das mindeſte Intereſſe verrathen und doch ſetzte ſie ihn durch dieſe Art, ihn zu firiren, faſt in Ver⸗ legenheit. Rudhard lachte aber über Siegbert's Bedenklich— keiten wegen der Kleidung. In ein ſo förmliches Haus, ſagte er, ſind Sie hier nicht gekommen. Unſere Jäger und Haiducken ließen wir in Odeſſa. Wir brachten nur uns ſelbſt mit, Menſchen ohne Anſprüche, die hier leben wollen, um zu lernen, einzuſammeln für die Misjahre, die in Rußland genug noch kommen werden. Begleiten Sie uns nur in den Garten! Sie ſollen uns noch man— chen Rath geben. Ja, ja, wir halten dieſe Bekannt⸗ ſchaft feſt! Aga mit ſſſiſchem ſin wan ſſen die inn nun Kleider f, ſtellte Siegbert t unbe prochen, cch ſeb in Vel denklich ſind E. giducken ns ſelh wollel e, die! iten 5 ch md Belann ſ Die Kinder hüpften voraus. Olga blieb zurück und folgte Rudhard und Siegberten nur in gemeſſener Entfernung. Man trat aus dem Hauſe und bemerkte leider, daß ein Wagen vorgefahren war, der der Für⸗ ſtin wol einen Beſuch gebracht hatte. Siegbert ent⸗ deckte zur Mehrung ſeiner Verlegenheit ſogar einen Bedienten in Hoflivrée. Wir luſtwandeln etwas im Garten, ſagte Rud— hard, als ihm ein Diener der Fürſtin geſagt hatte, die Oberhofmeiſterin von Altenwyl wäre bei der Herrſchaft. Der Diener ſprach dieſe Meldung aus, wie wenn es ſich um das Gewöhnlichſte handelte. Ein ſeltſa⸗ mer Gegenſatz zu Siegbert's Empfindung, der die hohe Bedeutung dieſer Frau Gräfin von Altenwyl vollkom⸗ men kannte. Man ließ nun, um die Seitenfront bie⸗ gend, die hintere Front des Hauſes liegen. Hier ge⸗ rade in der Nähe eines grünen Raſens und eines Aka⸗ zienbaumes, dicht an der mit wildem Wein bezogenen Wand des Hauſes, ſaß die Fürſtin mit weiblichen Hand⸗ arbeiten beſchäftigt auf einem Gartenſtuhl vor einem einfachen ländlichen Tiſche, auf dem bunte Wolle zu Stickereien, gemalte Muſter, angefangene Teppiche ausgebreitet lagen. Hier hatte die Fürſtin eben die Gräfin von Altenwyl empfangen... — 8 ——— 422 Die Kinder wurden natürlich herbeigerufen, um der Gräfin, einer Freundin der verſtorbenen Mutter der Fürſtin, vorgeſtellt zu werden... Die Kleinen trennten ſich ungern von Siegbert, den Rurik und Paulowna ſchon an der Hand gefaßt hatten, um ihm ihre großen Pläne und Anlagen zu zeigen, die ſie im Garten anzuwühlen, denn das war der beſte Ausdruck dafür, im Sinne hatten. Rudhard, der ein ſchwarzes Sammetkäppchen auf⸗ ſetzte, grüßte im Vorübergehen leicht. Siegbert zog den Hut mit ſchuldiger Ehrerbietung und bemerkte, daß die Fürſtin noch jung war, klein und zart und von einer Weiße der Haut, die von der Trauer, die ſie noch trug, in einer dem Auge ſehr wohlthuenden Art abſtach. Als Rudhard und Siegbert allein waren, ſagte Jener: Dieſe Unmaſſe von Beſuchen, die auf uns ein⸗ ſtürmen, ſind die läſtige Seite unſres hieſigen Aufent⸗ haltes. Und das Kennenlernen von Menſchen ginge noch, da es lehrreich iſt. Aber Jeder will noch mehr, als nur ſeine Perſon zeigen oder die unſrige erfor— ſchen. Man bietet ſich zu hunderterlei Liebesdien⸗ ſten an, die im Grunde keinen andern Sinn haben, als ſich in ſeiner Macht, ſeinem Einfluſſe und leider en, um Mutee Siegben, d gefaßt agen zu das war jen auf bert zog bemerkte zart und auer, die thuenden en, ſagie uns ein zAufent en ging ch meh ge erfol ebesdie n habel nd lel 423 auch in ſeinen falſchen Lebensauffaſſungen zu zeigen. Da werden Bedürfniſſe geweckt, die uns früher fremd waren, Meinungen, Unternehmungen ſogar werden als ſich von ſelbſt verſtehend vorausgeſetzt, die wir weder kennen noch uns an ihnen zu betheiligen Ver⸗ langen tragen. Da hab' ich meine Noth im Wider⸗ legen, im Entfernthalten! Glauben Sie mir, Das, was man die Geſellſchaft nennt, iſt der anmaßendſte Tyrann, den man ſich nur denken kann! Er nimmt die Menſchen gefangen wider ihren Willen und bil⸗ det ſie, ohne daß ſie ſeine Berechtigung dazu aner⸗ kennen wollen. Der Eindruck dieſer großen Stadt, bemerkte Sieg⸗ bert, wird um ſo gefährlicher ſein, als mir die Fürſtin noch jung ſcheint und unmöglich zu den ſchon abge— ſchloſſenen Charakteren gehören kann. Sie zählt doch, ſagte Rudhard, ſchon etwa ſechs und dreißig Jahre, während Helene, die Gräfin d'Azi⸗ mont, etwa erſt im dreißigſten ſteht. Sie haben Recht, wenn Sie andeuten, daß dies für die Frauen gefähr⸗ liche Altersſtufen ſind. Dieſe und die erſte zarteſte Entwickelung der Jungfrau! Die Knospe hat eine mächtig überſchwengliche Vorſtellung von der Selig⸗ keit ihrer künftigen Blüthe und lacht ihrer Zukunft mit zitternder Ungeduld entgegen. Und die ſchon volle — ——öhöoöͤöͤöͤöͤöͤöhͤöͤhͤͤſnnnnnͤn „* —yhͤͤͤͤö1ön Roſe, die dem Entblättern nahe iſt, die ſträubt ſich dann auch noch gegen ihren Verfall. Eine Frau in dieſen Jahren weiß, daß es nun die Zeit des Abſchieds iſt, daß Das, was ihr bis dahin nicht geblüht hat, nie mehr blühen wird, und ſo erlebt man oft, daß die edelſten und beſten Charaktere von dieſem Alter wahrhaft beunruhigt werden und in die gefährlichſten Schwankungen gerathen. Glauben Sie, daß bei der Gräfin d'Azimont dies der Fall war? fragte Siegbert, den die vereinzelten Andeutungen, die er ſchon über dieſe Frau empfangen hatte, doch intereſſirten... Helene d'Azimont, ſagte Rudhard, war ein liebes ſanftes Kind! Als ich ſie in Oſteggen kennen lernte, ſchloß ſie ſich mir mit wahrer Zärtlichkeit an, inniger faſt, als ihre ältere, eben ſich verlobende Schweſter Adele. Sie war damals dreizehn oder vierzehn Jahre alt. In Odeſſa verſank Helene faſt in eine ſtillle Traurigkeit. Sie fand ſich in der neuen Welt nicht zurecht, gerieth in ein dumpfes Brüten und wurde träg. Ich wollte ſie durch die Bildung anſpornen, aber ſie trug wahrhaft ſchwer unter der Laſt der Dinge, die ſie lernen ſollte. Da hat man denn gern zugegeben, daß ein von der franzöſiſchen Regierung mit Aufträgen für Konſtantinopel reiſender Diplomat rraͤubt ſich e Frau in Abſchieds blüht hat, oft, daß ſem Alter äͤhrlichſten mont dies reinzelten mpfangen ein liebes ten lernte, 1, innigen Schweſte ehn Jahte enne ſtile Gelt nicht nd wurde nſpornen, Laſt del denn gell ſegierlin Diplomat ſie mit ſich nahm. Es war ein fröhlicher Geſſell, nicht mehr jung, dieſer Graf d'Azimont, er fand ge⸗ rade an der rein phyſiſchen Schwere des Mädchens Intereſſe, was ich mir aus ſinnlichen Gründen wohl erklären kann. Denn es mag einen eigenen Reiz ge⸗ währen, ein ſolches Träumen durch die Liebe zum Bewußtſein zu bringen und das ſchlummernde Phlegma zu beleben. Man ließ Helene mit banger Beſorgniß ziehen. Sie ging ſchon fröhlich, ſchon faſt ausge— laſſen. d'Azimont hatte ſich nicht geirrt. Sein feiner Blick hatte wol herausgefunden, daß ein ſolches Weſen eigenthümlich beglücken kann. Freilich hat das durch die Sinnlichkeit geweckte Glück keinen Beſtand. Bot ihr der blaſirte Mann keinen Halt oder mußten ſich die verſteckten vulkaniſchen Elemente gewaltſam Bahn brechen, wir erfuhren, daß ſie erſt auf die wun⸗ derlichſten erzentriſchen Einfälle gerieth, ſich wie eine Verſchwenderin gebehrdete und jeder Grille kindiſches Gehör gab. Alles Das war nur das Vorſpiel Deſſen, was dann erfolgte. Der Ehebruch verſteckte ſich hin⸗ ter dem Namen der Liaiſons. Wir hatten manchen Namen nennen hören, der mit ihr, wie man es nennt, liirt war, bis ſogar Egon's mir nur knabenhaft er⸗ innerliche Geſtalt in dieſem trüben Nebel auftauchte, was mir denn, wie Sie wiſſen, doppelt wehe that... Dieſe Liebe ſoll aber von ſeiner Seite nicht mit gleicher Neigung erwidert werden, bemerkte Siegbert. Doch wohl! ſagte Rudhard. Wie wäre ſie ſonſt ihm nachgereiſt! Ihre Schwiegereltern ſollen empört ſein. Graf d'Azimont droht mit einer Cheſcheidung und Enterbung. Es iſt Dies ein Umſtand, der mir im Intereſſe der Kinder Adelens nicht gleichgültig iſt. Fürſt Wäſämskoi war nicht reich. Es wäre ſeinen Kindern wol zu wünſchen, daß die Tante, die durch d'Azimont's Tod— er ſoll ſich phyſiſch ruinirt ha⸗ ben— ein großes Vermögen erwerben kann, es nicht durch ihren Leichtſinn verſcherzt. Da ſie der Zufall hierher führte, mit uns in eine und dieſelbe Stadt, ſo werd' ich mich durch die gereizte Stimmung, die zwiſchen den Schweſtern herrſcht, nicht irre machen laſſen, auf irgend eine Art in dieſe Angelegenheit einzugreifen. Ich habe dazu die Vollmacht des Herzens und der auf mich vererbten, väterlichen Sorgfalt des braven Wäſämskoi und der Autorität der alten Baronin von Oſteggen, die ein Juwel von einer Mutter war. Rudhard gerieth über dieſe ſeine eigenen Worte ſo in Feuer, daß er innehalten mußte, um ſich zu erholen. Siegbert fühlte, wie groß das Vertrauen war, das ihm dieſer ſonſt ſo beſonnene, ſtrenge Mann, icht mit biegbent ſie ſonſt empört heidung der mir Iltig iſt. e ſeinen je durch nirt ha⸗ es nicht r Zufal Stadt, ſo zwiſchen 427 dem ſelbſt ſeine Scherze nicht ganz harmlos entglit⸗ ten, ſchenkte. Er wollte, ohnehin gedrückt und faſt unfähig nachzudenken noch von innerem Schmerze, es nicht misbrauchen und fing von dem Garten an, der zwar nicht ſehr kunſtvoll und ſorgſam angelegt, doch von manchen Naturreizen verſchönert war. Ein Gärtner war ſchon in Thätigkeit, Manches zu ver⸗ beſſern. Es wurde gepflanzt und geſäet, um für die Zukunft noch mehr Bereicherungen der Gartenzier zu gewinnen. Unter einem Spalier von Weinreben hinſchreitend, das von zwei Seiten her zu einem gewölbten Dache zuſammengezogen werden ſollte, sbegann Rudhard von dem Plane, den Kindern eine ſyſtematiſche Erziehung zu geben, in der auch Muſik und Malerei nicht feh— len dürften. Reiten, ſchießen, ſchwimmen können wir, ſagte er, ſelbſt Olga reitet wie eine Amazone! Heute erſt wieder ſoll ſie gegen mein Wiſſen auf einer Mantge tolle Streiche gemacht haben. Aber die Hauptſache muß jetzt kommen, die edlere Bildung. Siegbert wurde dann von ihm förmlich angegan— gen, ob er nicht den Zeichnenunterricht ſelbſt über— nehmen wollte. Wie er noch darüber nachſann, ob er wol Geduld genug beſäße, ſo tief zu den untern 428 Elementen ſeiner Kunſt hinabzuſteigen, wandten die beiden Spaziergänger in einen Gang, der ſich in einem Blumenrunde endete, das der Mittelpunkt mehrerer ſtrahlenförmig hierher geführter Wege war. Noch die Schwierigkeiten ſolcher Unternehmungen erörternd, tra⸗ fen ſie in dem Blumenrunde an einem hohen Roſen⸗ ſtrauche von weißen Roſen wiederum Olga, die ihnen den Rücken kehrte und ſie doch zu erwarten ſchien... Sie hatte ſie kommen ſehen, ſich dann an den Ro— ſenſtrauch geſtellt und beugte die Blumen zu ſich herab, als hätte ſie in ihren Kelchen etwas zu ſuchen und zu forſchen... Wie Rudhard an ihr vorüberging, ſtrich er nur leiſe mit der Hand über die feſtangezogenen Scheitel ihres ſchwarzen Haares und ſagte, ohne ſich weiter aufzuhalten, nichts als: Olga, ſuchſt du aus Langerweile Marienwürm⸗ chen? Oder Was? Olga ſagte nichts auf dies ſcharfe, abſichtliche Wort, blickte auch nicht um ſich... erſt als beide Männer vorüber waren, bemerkte Siegbert durch einen Seiten⸗ blick, daß ſie ſich umwandte und ihm nachſah. Kaum begegnete ſein Blick dem ihrigen, als ſie wahrſcheinlich in einem plötzlichen Anfall kindiſcher Verlegenheit ſo be⸗ hend, wie ein flüchtiges Reh, auf und davon rannte... rn ndien die in einem mehreren Noch die ernd, tra⸗ n Roſen⸗ die ihnen ſchien.. den Ro⸗ ich herab, cheen und H er nur Scheitel ch weitet jenwütm che Wol Männer en Seiten „. Kaul rſcheinli heit ſob rannte 429 Das Fliegen der langen Zöpfe bot einen faſt ko⸗ miſchen Anblick. Das iſt ein eigenes Weſen! ſagte Siegbert... Eine Träumerin, bemerkte Rudhard lächelnd. Und wenn ich nicht wüßte, daß ſie an dem traurigen Uebel junger Mädchen, der Bleichſucht, litte, würd' ich faſt in Angſt gerathen, ſie hätte mir zu viel Aehnlichkeit mit ihrer Tante d'Azimont. Nur das ſchmiegſame, zärtliche, liebevolle Weſen Helenen's, ich möchte ſagen, ihre deutſche Natur hat ſie nicht. Das iſt eine Ruſ⸗ ſin! Das Ebenbild ihres Vaters! Eine faſt immer ruhige Gemüthlichkeit, ohne die angenehmen Worte dafür zu haben, und plötzlich doch, wenn etwas grade ihrem Sinne widerſtrebt, eine Wildheit, daß man das ſtille Mädchen nicht wieder erkennt. Sie ſollten Sie zu Pferde ſehen! Wenn es ihr einfällt, ſich auf das Dach des Hauſes zu ſetzen, ſo klettert ſie hinauf und ebenſo langmüthig und geduldig vollzieht ſie wieder Alles, was man ihr aufträgt. In Rurik und Pau⸗ lowna herrſcht Ueberlegung, in Olga nur der Inſtinkt. Wohin ſich noch ihre ganze Art werfen wird, iſt jetzt ſchwer zu ſagen. Sie iſt in der Entwickelungszeit und muß geſchont werden. Von Lernen, feſtem Ein⸗ prägen, Nachdenken iſt nicht viel die Rede. Was ſie weiß, muß ſie ſich ſelbſt aufftnden oder durch eine 430 Art konnexer innerer Anſchauung gewinnen. Doch hat ſie Anlage für mechaniſche Fertigkeiten und gern hätt' ich's, wenn Sie das kleine Talent zum Zeichnen, das ſie ſchon verrieth, vervollkommneten. Ein Jahr lang geht Das wol noch ohne Gefahr für zwei ſo junge Herzen, wie in Ihnen ſchlagen... Nicht wahr? Siegbert wurde faſt roth über dieſe Aeußerung und konnte jetzt vollends zu keinem Entſchluſſe kom⸗ men. Glücklicherweiſe ſchnitten die kleineren Geſchwiſter ſeine Verlegenheit durch die im vollen Galopp über⸗ brachte Aufforderung ab, die Herren ſollten doch Beide zum Thee kommen. Sollen kommen? rief Rudhard. Dürften! ſchrie Rurik. Müßten! verbeſſerte Paulowna. Weder dürften, noch müßten, noch ſollten! ſagte Rudhard. Ihr habt in uns keine Leibeigenen vor Euch und auch Denen würde man ſagen, ſie möch⸗ ten kommen, wenn's ihnen gefällig wäre. Verſtan⸗ den? So wird es wol auch die Mutter ausgerichtet haben. Sollten! Dürften! Müßten! Möchten! rief der humoriſtiſche Rurik und faßte mit Paulowna Sieg⸗ berten an beiden Armen und Beide zogen ihn ſo fort, daß er faſt nur laufend ihnen folgen konnte. n. Doch und gern Zeichnen, Fin Jahr wei ſo ht wahr? leußerung uſſſe kom eſchwiſten pp über och Beid ten! ſage genen ſie möl Verſtal usgeric rief ond Sn n ſo 431 Die Fürſtin, die ſich bei ihrer Annäherung freund⸗ lich erhob, begrüßte den fremden jungen Mann mit den leiſen Worten, die ſie in der eigenthümlichen kur⸗ ländiſchen Betonung ſprach: Sie ſehen ſchon da, mein Herr, wie gern Sie auf— genommen ſind! Die Gräfin Altenwyl warf einen flüchtigen ſtreng⸗ prüfenden, aber nicht unfreundlichen Blick auf Sieg— bert und den nach ihm an die wilde Rebenwand tre⸗ tenden Rudhard... Die Oberhofmeiſterin der Königin, Gräfin von Al⸗ tenwyl, ſchien im Sitzen eine Geſtalt mittleren Wuch⸗ ſes. Sie hatte durch ihre etwas runden Formen und eine leichte Korpulenz etwas frauenhaft Wohlwollen⸗ des. Im Auge aber lag viel Zurückhaltung und ein leiſer Anflug von Mistrauen, das wol durch ihre ſchwierige Stellung entſchuldigt war. Sie war in reichen Stoffen, aber durchaus wie unſcheinbar geklei⸗ det. Graue Farben waren faſt wie abſichtlich gewählt. Der durchbrochene Hut war mit dem unkleidſamſten dunkelbraunen Seidenband durchzogen. Sie wollte einfach, höchſt einfach und nur einfach ſein. Während ein Bedienter Thee darbot, konnte Sieg⸗— bert die Fürſtin genauer betrachten, als vorhin bei der flüchtigen Begrüßung... — Z. ——dhdhöhöhöͤöͤöͤöͤöͤhͤöͤnnnnnnnͤn— 432 Sie hatte die Züge ihrer jüngſten Kinder, war von mittlerer Geſtalt und nicht eben auffallend durch irgend eine hervorſtechende Schönheit. Sie ſchien noch außerordentlich vom Todesfall ihres Mannes und der Reiſe angegriffen und ſprach mit ſehr gedämpfter Stimme. Ihre Augen verriethen nicht grade Geiſt. Auch ihr Wohlwollen ſchien mehr eine Art befliſſener Geſchäftigkeit, als der ſtarke Drang eines vollen, über⸗ quellenden Herzens... Man ſprach von unbedeutenden Dingen, von dem Reſidenzleben, dieſer Anſiedelung, der Furcht vor dem Winter.. erſt die Kinder brachten durch ihre Naive⸗ tät Friſche, Rudhard durch ſeine trockenen Bemerkun⸗ gen Gedanken in das Geſpräch. Die Gräfin Altenwyl, dieſer von Pauline von Harder ſo gefürchtete Erzengel Michael mit dem flam⸗ menden Hüterſchwert am Eingang der„kleinen Cirkel“, blieb faſt immer ſtill, wie eine Frau, die ſich nicht ausläßt, wo ſie ſich nicht auf ſicherem Terrain weiß. Sie forſchte zuweilen flüchtig im Auge Siegbert's, zu⸗ weilen warf ſie einen Blick auf Rudhard hinüber, deſſen Stellung im Hauſe ihr nicht ganz in der Ord⸗ nung zu ſein ſchien. Sie verrieth, daß ſie an einen paſſenden Moment dachte, ſich zu empfehlen. Ein ſchlimmer Beobachter, wie etwa Leidenfroſt inder, war llend durch ſchien noch es und der gedämpfter rade Geiſt tbefliſſenen ollen, über Bemerkun auline vo dem ſlan en Cirkel ſich nich rrain wei 1433 oder Pauline von Harder hätte gewiß geſagt: Die da iſt das ganze Prinzip unſeres Hofes, nämlich ſo viel Null wie möglich zu ſein! Man begriff hier den Schmerz Paulinen's, un⸗ möglich in jene kleinen Cirkel zu dringen, die von ſo negativen, forſchenden und immer nur ableh⸗ nenden Naturen, wie dieſe Altenwyl, gehütet wur⸗ den... Rudhard brachte ſogleich die Malerei und die Kunſt auf das Tapet... Auch die Fürſtin Adele malte, Blumen wenigſtens und Käfer, wie ſie ſagte... Siegbert's Aeußerung, daß ſie dann glücklicher⸗ weiſe ganz in derjenigen Malerei ſich übe, welche, wie er gehört hätte, in Rußland neben dem Porträt und der Landſchaft am meiſten getrieben würde.. Genre und Hiſtorig⸗wären ja wol von Obenher nicht einmal gern geſehen... Dieſe Aeußerung war eigentlich in ſolchem Kreiſe furchtbar gewagt und von unſerm guten jungen Freunde faſt ein wenig taktlos... Siegbert fühlte auch ſogleich an dem Eindruck, den ſie hervorrief, daß er in ſolcher Umgebung einen gewaltigen Schnitzer gegen die Schicklichkeit begangen hätte. Daß die Fürſtin ſchwieg, daß die Oberhofmeiſterin Die Ritter vom Geiſte. III. 28 — —2n ——ͤͤ 434 ihn jetzt noch ſchärfer und ſtrenger mit ihren ſtummen Blicken examinirte, war ihm begreiflich. Daß aber auch Rudhard etwas die Stirn runzelte und dieſer klare, durchgebildete Mann der Anwalt ruſſiſcher Re⸗ gierungsmaximen ſein konnte, erfüllte ihn mit Befrem⸗ den. Indeſſen ſammelte er ſich raſch und lenkte auf einige ruſſiſche Bilder ein, die er ſehr rühmte, beſon⸗ ders einige gewaltige Städteproſpekte, die in Mond⸗ ſcheinbeleuchtung Alles wiedergäben, was man nur von einem Zweige der Malerei, der freilich zu ſehr an die Dekorationsmalerei der Panoramen crinnerte, erwarten könne. Die Oberhofmeiſterin wußte auch ſogleich den Namen jenes ruſſiſchen Künſtlers zu nennen, auf den Siegbert anſpielte. Sein höfliches: Ganz recht! erwärmte ein wenig wieder die geſtörte reciproque Stimmung... Die Altenwyl hatte nun etwas gewußt und glaubte, daß Dies ein richtiger Moment war, der ſich zum Ab⸗ ſchiednehmen eignete und von ihr eine gute Wirkung zurückließ. Schon hatte ſie ſich erhoben, als der Bediente eintrat und einen eben angefahrenen ferneren Beſuch meldete: Frau Landräthin von Harder! hieß es. Von Harder? Harder? ſagte die Fürſtin. ſtummen Daß aber nd dieſer ſcher Re⸗ Befrem⸗ enkte auf te, beſon Nund man nu u ſehr 435 Wie die Oberhofmeiſterin dieſen Namen hörte, ſagte ſie: Doch nicht Pauline von Harder? Die Schwiegertochter des Obertribunalpräſidenten, eine geborene Marſchalk. Meine Mutter hat einſt Viel von ihr geſprochen. Ich bin ſehr erfreut! Der Bediente ging nach dieſen Worten der Fürſtin, die ſich beſonnen hatte. Die Oberhofmeiſterin gerieth in große Unruhe. Ja, ja, ſagte ſie, beide Harders ſind Schwieger⸗ töchter— aber— ich hoffe... die Landräthin von Harder! hieß es. O, wenn es jene Harder wäre, fuhr die Altenwyl 1 2 fort, jene Harder, die jetzt in Tempelheide wohnt, nicht die Geheimräthin Pauline von Harder, ſo wäre ſie zu lebhaft geſpannt. Sie hätte des Schönſten und Gediegenſten ſo Vieles von dieſer Anna von Harder gehört, daß ſie bleiben müſſe, um ſte endlich einmal von Angeſicht zu ſehen. Sie würde mit dieſer„En⸗ trerevue“ dem Hofe und den kleinen Cirkeln ja die größte, unverhoffteſte Freude machen... Die Fürſtin war wahrhaft glücklich, Veranlaſſung einer ſo nützlichen Begegnung zu ſein, bei deren Wie— dererzählung doch am Hofe ſchon vor der Vorſtellung ihrer in Güte gedacht werden müſſe... 28* 436 Siegbert fühlte wohl, daß er nun hätte gehen müſſen, aber der Gedanke: Das iſt ja ſicher die gute liebe Dame, die dir vor noch nicht acht Tagen den Becher mit Wein zur Erquickung in der heißen Son⸗ nenhitze ſchickte, die Dame, die dich mit Hackert zu— ſammenführte und heut' Abend noch die Veranlaſſung ſeiner Erklärungen ſein wird... feſſelte ihn. Er war nun ſchlau genug, ſich den Kindern noth⸗ wendig zu machen und ſich durch dieſe zum Bleiben gleichſam nöthigen und zwingen zu laſſen. Zu dem kleinen Cirkel, der durch das dampfende Theekomfort, den inzwiſchen gedeckten Tiſch, die Bedienung, endlich die Kinder etwas gar Wohnliches und Trauliches be⸗ kommel hatte, trat jetzt die angemeldete Dame. ütte gehen die gute Lagen den Funtzehntes Capitel. Ein Aeolsharfenton. Würde der Frauen! Du lehrſt die ewige Schönheit der Seele und die tiefe Wahrheit eines reinen kindli⸗ chen Herzens! Vergänglicher Reiz äußerer Formen.. Dauernd verdunkeln dich das fleckenloſe reine Gemüth— Liebe, Entſagung und das unverdroſſene trage Wal⸗ ten der Mühe! Die Mühe! Ach! Das iſt der Schauplatz der kleinen Kammer, wo ein gutes Frauenherz ſich owige Kronen erwirbt. Die Mühe, nicht die Geſinnung allein nur adelt ihre Seele. Die Mühe! Von dem erſten Liebesdienſt einer Schweſter, gewidmet der Sorge und Pflege ihrer jüngeren Brüder und Schweſtern, von dem erſten Pflegamte bei einem kranken Vater, einer leidenden Mutter... welche Stufenleiter edler Mühe⸗ waltung und ſchmerzverklärter Frauenwürde! Mühe! Dieſe Freudigkeit des Gebens, des Ent⸗ 438 ſagens, des Opferns! Dies volle, nicht überſtrömende, nicht darbende, ſondern gerade richtige Maß der erfüllten Herzenspflicht! Wo umſtrahlt ein edles Weib die reinſte Glorie ihrer Beſtimmung, als in der engen Klauſe, wo ein Mutterherz die erſten Pflichten ſeiner göttlichen Sendung an ihrem Kinde erfüllt? Hülflos liegt der Säugling in ihrem Arm; die ſtille Nacht hallt von dem Schmerzensſchrei des ſeit wenig Wochen erſt ge— borenen Kindes; die Ungeduld der Umgebungen, ſelbſt die ſchnell ermüdete Liebe des Vaters weiß nicht zu helfen... Die Mutter aber harrt aus, vergißt den Schlaf, verſucht alle Beſchwichtigungen der Schmer⸗ zen des noch mit ſeinem Pflanzenleben ringenden kleinen Wurmes; der Mutter iſt dieſer Wurm ein Hälmchen, das mit dem Sonnenſchein der Liebe auf⸗ wachſen wird zum Allgemeinen und Ganzen; ſie ſieht ſchon Bewußtſein in dieſer kleinen unreifen Bildung, ſie hört ſchon eine Sprache in dieſen Wehklagen, ſie gibt dieſem glimmenden Fünkchen den ganzen Hauch ihres eignen nach Freude doch ſo begierigen, aber nun entſagenden jungen Lebens, um ihn anzufachen zu einem flackernden ſtarken Lichte... Und wenn es erliſcht! Dieſe Prüfung traf Tau⸗ ſende und an keinem Weibe ging in dieſer oder an⸗ derer Form ganz die Mahnung ihres Berufes vor⸗ trömende, erfüllten die reinſte Klauſe, öttlichen liegt der hallt von erſt ge en, ſelbſt ct zu rißt den Schmer ringende Zurm el kiebe alf . ſie ſiel Bildung 439 über... aber die verklärende Abendſonne des Schmer⸗ zes blieb doch nur bei Wenigen im vollen Glanze abge— drückt! Wie bald erkennſt du Die heraus aus dem Haufen, die ihr Leid für die Welt bald begruben und wieder fröhlich wurden! Wie ſchwer Die, die es ewig leben ließen in ihrem Herzen! Sanfte Seelen, die ihr wol noch lächelt, wol noch unter den Menſchen wandelt, noch die Pflichten eures Berufes erfüllt und doch wie in den Lüften ſchwebt und uns erſcheint, wie die Sendboten der Ewigen! Anna von Harder war eine Geſtalt.. mehr groß, als ſelbſt Mittelfigur... Die Züge des Antlitzes waren ſicher einſt ſchön, jetzt waren ſie verfallen, von Leid durchfurcht; in den Augen lag etwas Bittendes, etwas Wehmüthiges. Dennoch war ein ſchönes Lächeln dieſen ernſten Zü— gen geblieben. Die unverſehrten, blendendſten Zähne mit dem ihre Geſundheit bezeugenden leichten gelblichen Schimmer, hoben dann die lächelnden Mienen und ließen ſie noch anmuthig erſcheinen, wobei ſie weit ent— fernt war von dem Fehler derjenigen Menſchen, denen die Natur den ſchönſten Schmuck, Zähne von Elfenbein, gab, daß ſie mehr lächelte, als es in der Welt zu lächeln gibt. Sie brauchte dieſe Wirkung der Schön⸗ heit, die Andere immer brauchen, faſt zu ſelten. Wenn 440 Anna von Harder lächelte, war es, als fühlte ſie ſich von der Wirkung ihres ſchönen Mundes überraſcht und als thäte ſie es ungern. Sie lächelte aus Milde und Wohlwollen, nie, weil ſie wußte, daß es ihr ſchön ſtand. Die edle Frau war auch in Haltung und Toi— lette nicht von jener Einfachheit, die im Einfachen etwas ſucht, wie die Altenwyl, bei der durch ihre grauen und braunen Farben auf ſchweren Kleiderſtoffen ein anſpruchsvolles Prinzip ausgedrückt wurde. Sie drückte durch ihr Aeußeres nichts aus als ihr einfaches Be⸗ dürfniß und ihren natürlichen Geſchmack. Nicht ein⸗ mal mit einer grauen Locke, deren ſie die Fülle hatte, that ſie ſchön, wie ſo manche junge Matrone, die ihr graues Haar ſo nahe an ihr noch heißes Auge bringt, daß man vor den„Flammen im Schnee“ erſchrecken möchte. Auna von Harder hätte recht gern noch einen natürlichen ſchwarzen Scheitel auf der Stirn getragen und verſteckte lieber ihre grauen Locken durch den niedergedrückten und innen beſetzten Hut!.. Warum ſeinen Winter zeigen in einer Welt, die des Früh⸗ lings bedarf, um weltglücklich zu ſein! Es gibt eine Diskretion des Alters gegen die Jugend, die nur ganz zarten Naturen eigen iſt. Was auch die Altenwyl von einem beſcheidenen tte ſie ſich überraſcht us Milde ß es ihr zen ehwas e grauen offen ein ſe drückte Richt ein⸗ ulle hatte e die ihr ge bringt erſchrecken roch einen gettagel zdurch den Warum s Frit gibt em die ni ſcheiden und doch bedeutenden Eindruck erwartete, ſie konnte nicht getäuſcht ſein. Anna von Harder war eine Er⸗ ſcheinung, die eben dadurch wirkte, daß ſie von ihrem Effekte keinen Vortheil zog und ſich gab in der völli⸗ gen Unſchuld einer reinen Seele. Sie umarmte die ihr ganz unbekannte und nur durch ihre Mutter nahegerückte Fürſtin und drückte ſie zärtlich an ihr Herz. Daß ihr eine Thräne in's Auge trat, während die Augen der Altenwyl trocken geblieben waren, als ſie die Tochter der Baronin Oſteggen ſah, die mit ihr einſt ſo viele Briefe gewechſelt hatte, wer verdachte es ihr, wenn man wußte, daß ſie ihre einzige Tochter durch ein ſonderbares Schickſal ſo gut, wie für im— mer, verloren und nie wieder geſehen hatte... Mit ſtummer Rührung nahm ſie auch die beiden Kinder— Olga hatte ſich während aller dieſer Sce⸗ nen entfernt— und drückte einen Kuß auf ihre Stirnen. Sie hatte ihren Vater nicht gekannt, aber gleichviel, es war ein Vater, der den Kleinen geſtorben war! Von Ihnen weiß ich ſchon, ſagte ſie zu Rudhard, ihm die Hand reichend. Die Baronin ſchrieb Viel don Ihnen. Sie beſaßen ihr Vertrauen und ſind nun wirklich der Vater dieſer Kleinen geworden. Nicht wahr? Sie ſind Rudhard? 442323 Rudhard dankte für dieſe freundliche Bewillkomm⸗ nung und erzählte, wie warm die Mutter Adelen's der Landräthin Anna von Harder zu gedenken pflegte. Eine Vorſtellung der andern Perſonen fand nicht ſtatt, doch kannte Anna ſogleich von Anſehen die Ober⸗ hofmeiſterin, der ſie ſich ehrerbietig verneigte. Auf Siegbert aber warf ſie einen Blick, als wollte ſie ſagen: Ei! Du blonder junger Mann mit dem ſchüchter⸗ nen, ehrlichen Antlitz! Wo hab' ich denn dich ſchon geſehen? Man hatte nun Manches auszutauſchen, was zu gegenſeitiger Annäherung diente... Siegbert war ein wenig auf Kohlen, wie das Geſpräch ſo gar perſön— lich wurde und auf eine Menge Erinnerungen zurück⸗ ging, bei denen Anna vertraulich die Hand der Für⸗ ſtin hielt, ihr in's Auge ſah und aus ihm die alte Zeit, die Mutter und die Vorſtellung von dem Vater dieſer Kinder hervorſuchen wollte. Er dankte recht der luſtigen Paulowna, die allerhand Späße mit ihm trieb und ihn wol nicht hätte gehen laſſen, wenn er nun auch aufgeſtanden wäre.. Auch Rudhard erzählte vom Vergangenen, wäͤh⸗ rend die Altenwyl ſchweigſam lauſchte und faſt lauerte, wie ſich Anna von Harder entwickeln würde, was ſich ewillkomm er Adelen ken pflegt fand nich die Oben te. Mmals woll n ſchüchte dich ſch ihr wol abmerken ließe und worin ſie wol ſo eigen⸗ thümlich wäre, wie man ſagte. Und ſonderbar! Ihr Eigenthümliches war eben Das, daß ſie ganz einfach war und immer nur ein gütiges Ja! und Nein! ſagte, wo man vielleicht eine geiſtreiche Entgegnung hätte anbringen können. Zehnmal entfuhr ihr ein bei⸗ ſtimmendes herzliches So! Zehnmal ein verwundertes Ach! Ganz einfach, wie jedem natürlichen Menſchen, deſſen Ohr und Herz dem Herzen Deſſen folgt, der mit ihm ſpricht... Vielleicht waren aber auch dieſe einfachen Zu⸗ ſtimmungen ein klein wenig der Ausdruck eines in— nern Grübelns, wo ſie Siegbert hinbringen ſollte... Endlich fand ſie es... Nach einer Pauſe, wo die Mittheilungen an die gefährliche Grenze der Erwähnung Paulinen's von Harder und der Gräfin d'Azimont angekommen wa⸗ ren und man über die betrübende Aehnlichkeit in den Verhältniſſen zweier ſich entfremdeter Geſchwiſter⸗ paare mit verlegenem Stocken innehielt, ſagte Anna von Harder, die jedoch über Helene d'Azimont mit Güte ſprach, über ihre Schweſter völlig ſchwieg, halb zu Siegbert, halb zu den Kindern die freund⸗ lichen Worte: Die kleine Paulowna bindet da an den Finger 444 Ringe von Blumenſtengeln und weiß doch hoffent⸗ lich, daß ſie die Hand eines Malers ſchmückt? Siegbert angenehm überraſcht, richtete ſich jetzt auf und verbeugte ſich, als machte er eigentlich nun erſt die Begrüßung, die er nicht gewagt hatte. Sie kennen— ſagte die Fürſtin fragend... Rudhard hörte mit Aufmerkſamkeit und ſichtlicher Freude, daß Siegbert ſo bekannt war.. Ich habe damals, erläuterte Anna freundlich, ich habe damals nicht gewußt, als ich dem fleißigen Zeich⸗ ner in Tempelheide für das Intereſſe, das er an unſrer alten Kirche zeigte, in der ſchrecklichen Hitze einen Becher Weins zur Erfriſchung anzubieten wagte, daß ich den gefeierten Maler des Jakob Molay ſo dürftig bewirthet hatte. Frau von Trompetta und Fräulein von Flottwitz machten mir eine Stunde darauf dieſe angenehme Entdeckung. Siegbert dankte für die ſchmeichelhafte Erinnerung und lehnte das ihm geſpendete Lob in aufrichtiger Beſcheidenheit ab. Anmuthig und herzlich erzählte Anna den uns be⸗ kannten Vorfall und verſchwieg auch den Raben, ver⸗ ſchwieg auch den alten Schwiegervater, ja ſelbſt die vom Bedienten gemeldete Theilung mit einem Land— ſtreicher nicht, wie ſie doch wol etwas zu ſchnell dem ch hoffen ſichtlich ndlich, ic en Zeich tten wagt Molay petta un ne Stun Frinnell aufrichte en uns Kaben, ſelbſt 445 um den Becher geängſtigten Diener das Urtheil über Hackert nachſprach. Siegbert hielt eine Berichtigung und Milderung dieſes Urtheils für zu weitläufig, ſagte aber doch: Ihn dürſtete, wie mich. Wir haben uns Beide erquickt... Frau von Trompetta, fuhr Anna von Harder fort, während die Altenwyl immer horchte und ſich gleichſam wörtlich einprägte, was ſie von dieſen Be⸗ gegnungen heut in den kleinen Cirkeln berichten konnte, Frau von Trompetta iſt glücklich über das Albums⸗ blatt, das Sie ihr ſchenken werden. Wer Ihren Molay bewundert hat, kann nur etwas Schönes er⸗ warten. Ich freue mich, daß der Kunſtverein ſo klug war, ihn anzukaufen und würde noch glücklicher ſein, wenn ich ihn mit meinen armen drei Looſen ge⸗ wänne... Siegbert wuchs bei dieſen Worten ordentlich in den Augen der ganzen Umgebung. Die Fürſtin fixirte ihn mit erhöhtem Intereſſe. Während er ſich wie eine Schnecke in ihr Gehäuſe hätte zurückziehen mö⸗ gen, beobachteten ihn die Andern mit ehrfurchtsvollen Blicken, die Altenwyl beſonders, die in ihrer Stellung doch angewieſen war, jedem im öffentlichen Leben des Staates und der Geſellſchaft nur irgend hervortretenden Ereigniſſe oder Individuum eine gewiſſe huldvolle Aufmerkſamkeit zuzuwenden... Die Majeſtäten, ſagte ſie auch mit einer herab⸗ laſſenden Wendung ihrer ſitzenden Stellung, die Ma⸗ jeſtäten haben dies Bild mit vielem Wohlgefallen be⸗ trachtet und nicht begreifen können, warum der Probſt, der den Cicerone machte, ſoviel daran zu mäkeln fand.. Man wird doch oft ganz irr an dieſem Mann! Ein feiner Kopf konnte aus dieſer Aeußerung viel entnehmen. Hätte ſie Gelbſattel gehört, er würde gezittert ha⸗ ben. Denn ſie bewies, daß man bei Hofe anfing, gegen ihn eingenommen zu ſein. Solche ſchlaue Barometermeſſer fehlten hier aber. Nur Siegbert erröthete und ſagte achſelzuckend: Der Probſt! Ich verkenne die Fehler meines Bil⸗ des nicht! Allein die Kritik der Dilettanten iſt wirk⸗ lich unſer Kreuz. Wir leiden mehr unter ihr als un⸗ ter der der wahren Kenner, die doch oft viel ſtren⸗ ger ſind. Rudhard hielt ſich nicht und ſchnitt der Oberhof⸗ meiſterin, die in der Furcht, faſt zu viel geſagt zu haben, wieder durch ein Lob des Probſtes das Gleich⸗ gewicht herſtellen wollte, faſt die Rede ab. 3 3 6 865 447 huldvol Iſt das Probſt Gelbſattel? ſagte er. Mein ehe⸗ maliger Schüler, der Zeltgenoſſe Ihres Vaters! Ta⸗ delt das Bild von dem Sohn eines Schulkameraden, jubelt nicht, ſo etwas begrüßen, empfehlen zu kön⸗ nen? Das iſt garſtig! Garſtig! Es war immer ein ſchlimmer Patron. Portensis! ergänzte Rurik, faſt beleidigend für in diſſ alle Schulpförtner. 4 Siegbert lachte über die Weisheit des Knaben und die Damen wollten wiſſen, was dieſer neue Cha— rakter des Probſts zu bedeuten hätte? Rudhard erklärte es. Während Anna von Harder dabei dies Kleeblatt dreier Freunde ſehr lieblich fand, üſe ang ergänzte Paulowna, die auch etwas wiſſen wollte, die „ I Namen Wildungen, Gelbſattel und... h 4 Bei dem dritten Namen ſtockte ſie... irnd 6 Rodewald, ſagte Rudhard und lobte das Gedächt⸗ nnine niß der Kleinen. en i Wer? ſagte Anna betroffen.... ihr als Rodewald! wiederholte die Kleine, der Alles be— t villſ weutend geworden war, was mit dem lieben neuen . Freunde, Siegbert, in Beziehung ſtand. et D Bei dem Namen Rodewald aber erblaßte Anna lgeſch von Harder. Ohne daß Einer in der Geſellſchaft das G hegreifen konnte, wie ſie dieſen Namen ſich mehre⸗ 448 male wiederholen laſſen und fragen konnte, wann und wo Das war? verſank ſie in eine Stimmung, deren Ernſt gegen die durch die Scherze der Kinder ange⸗ regte Heiterkeit ſo abſtach, daß Siegbert, der Dies be⸗ merkte, nicht zu ſagen wagte, daß dieſer Rodewald ſein Oheim wäre. Die Altenwyl aber bemerkte die Veränderung nicht und nahm nur Gelegenheit auszurufen: Schulpforte! O dieſe alten Stifte! Dieſe alten Kloſterſchulen! Die Majeſtäten lieben dieſe alten Stifte und Kloͤſterſchulen ſo ſehr, daß ſchon längſt eine Rund⸗ reiſe auf ihnen im Werke iſt... Damit aber kam die Oberhofmeiſterin trotz ihrer hohen Stellung bei Rudhard ſchlimm an. Der wußte eine ſolche Menge von Misbräuchen in dieſen alten Stiften und Kloſterſchulen aufzudecken, daß er faſt pedantiſch wurde und die Damen mit Rügen unter⸗ hielt, die viel zu ſtreng wiſſenſchaftlich waren. Die Altenwyl nahm auch Veranlaſſung, ein ein⸗ faches, etwas kaltes: Meinen Sie? faſt wegwerfend zu äußern und dann ſogleich auf das Album der eben erwähnten Frau von Trompetta überzugehen. Mit ſonderbarer Gelaſſenheit und nicht ganz ohne Ironie äußerte ſie:— Alſo Frau von Trompetta ſammelt wieder ein 1 nderung un Xroſe l Dieſe dl ſt eine Ru in trot i Der wl dieſen 1 daß el Fügen un varen ung, ein wegwe bum der! gehen. ſt wien 449 Album! Weiß man denn ſchon für welchen Zweck? Glücklicherweiſe ſind wir in dieſem Frühjahr von Ueber⸗ ſchwemmungen verſchont geblieben. Ich hörte kürzlich, ſie will jetzt die armen Weber bedenken! Arme Weber ſind allerdings zeitgemäßer! ſagte Siegbert etwas ironiſch. O, Sie ſchlimmer Spötter, rief Anna von Harder, die ſich von dem Eindruck, den der Name Rodewald auf ſie gemacht, jetzt allmälig geſammelt hatte, Sie dür⸗ fen mir nichts gegen Frau von Trompetta ſagen. Ich fürchte, es finden ſich der Thränen genug, die man mit dem Ertrage dieſes neuen Albums trocknen kann! Nur der Titel, den die gute Trompetta dies⸗ mal gewählt hat, iſt etwas zu—.. wie ſoll ich ſagen? Sie nennt es Gethſemane. Gethſemane! ſagte Rudhard und ſchlug die Hände zuſammen... Ja, bemerkte die Altenwyl, die es merkwürdiger⸗ weiſe auf die Trompetta abgeſehen hatte, es iſt in der That.... 1 Ach! fiel Anna durchaus entſchuldigend ein. Es iſt ihre Idee. Es klingt nur ein wenig doch zu... Muckeriſch! brach Nudhard rund und kurzweg heraus. 4 Die Ritter vom Geiſte. III. 29 — 450 Die Wirkung dieſer rationaliſtiſchen Derbheit war aber ſchlimm berechnet. Muckeriſch! riefen die Kinder und machten luſtige Wortſpiele. O ſo nicht! ſagte Anna faſt verletzt. Die Altenwyl wandte gleichfalls ihr Haupt ent⸗ rüſtet zu dem alten Herrn hinüber, der denn nun auch von der Fürſtin einen Wink bekam, faſt, als wollte ſie ſagen, es wäre vielleicht beſſer, du gingeſt in den Garten oder auf dein Zimmer, alter Bär, oder ſchwiegeſt... Auch dieſer Gegenſtand konnte alſo nicht fortge⸗ ſetzt werden. Anna von Harder griff, da Siegbert diskret ge⸗ ſchwiegen hatte, wieder den Feuertod des Molay auf und ſagte zu ihm gewandt: Sollten Sie glauben, lieber Herr Wildungen, daß dies Süjet ſogar meinen guten alten Schwiegerpapa, den neunzigjährigen Greis, intereſſirt hat? Ich mußte ihm ja Ihre Auffaſſung wörtlich erzählen. Er nahm großen Antheil und lobte Alles, was ich ihm mit⸗ theilte. Mit einer einzigen Ausnahme! Zürnen Sie mir nicht, wenn ich Ihnen ſeine Rüge wiederhole? Siegbert bat um volle Offenheit... Eine Aeuße⸗ rung von dieſem würdigen Greiſe könnte ihm nur lehrreich ſein. eit wa⸗ Anna, faſt in Verlegenheit, dem jungen Manne weh zu thun, begleitete die folgenden Worte mit einem außerordentlich milden und verſöhnenden Ausdruck: Er ſprach, ſagte ſie, von der über den Rauch⸗ wolken des Scheiterhaufens ſchwebenden Taube, die mir ſo außerordentlich als die Idee der höheren Ver⸗ ſöhnung und der gerechten Zukunft gefallen hat. Die Idee iſt einer Sage über Huſſens Feuertod entlehnt— ergänzte Siegbert. Gleichviel! Mein alter Papa meinte, fuhr Anna ſchüchtern und mit großer Spannung für die auf jede ihrer kleinſten Aeußerungen merkende Altenwyl fort, Papa meinte, man könnte die in Paris verbrannten Templer nicht als Zeugen der chriſtlichen Wahrheit oder irgend eines geiſtigen Fortſchrittes verehren, ſie hätten im Gegentheil weit eher ein unheimliches Sym⸗ bol, eine Eule oder einen Raben, verdient. Wie ſo? fragte Rudhard wieder barſch und kurzweg. Die Templer, fuhr Anna faſt erſchreckend über dies rauhe Wie ſo? fort, die Templer haben nach des alten Herrn Meinung ſich ſehr in die Geheimniſſe jener Länder verloren, wo ſie für die chriſtliche Lehre ſtreiten ſollten, öfter aber vorzogen, mit den Ein⸗ heimiſchen in friedlichem Verkehr zu leben, wie wol jeder Feind, den man ſich in der Ferne gehäſſig und 29⸗ abſcheulich vorſtellt, in der Nähe von ſeinen ſchlim— men Farben verliert und uns würdiger erſcheinen kann, belehrt, als bekämpft zu werden... Dieſe Meinung macht dem alten Mann CEhrel ſagte Rudhard. Aber die Templer... die Templer.. Eulen und Raben? Ei! Eil fiel forſchend und lächelnd die Oberhof— meiſterin ein, es wird Dies doch nicht derſelbe Rabe ſein, den der alte Herr Präſident immer neben ſich ſitzen hat und mit dem er ſich, wie die Majeſtäten dem General Voland von der Hahnenfeder noch geſtern bei Tafel nicht glauben wollten, über die ſchwierigſten juriſtiſchen Fälle unterhalten ſoll? Sie lächelte forſchend und Anna erröthete faſt. Das gibt ja etwas für die Kinder, fiel jetzt die ſchweigſame Fürſtin, die nichts von ſolchen ernſten Dingen, mit denen General Voland von der Hah⸗ nenfeder den Hof zu„fasciniren“ wußte, kannte, lachend ein. Solche Märchen haben Sie um ſich, liebe Landräthin? Ja, ja, Ihr lieben Kleinen, ſagte Frau von Harder, die auf den Scherz einging, wenn Ihr mich beſucht, und ich hoffe, daß Dies bald geſchieht, werdel Ihr glauben, in die Arche Noäh zu kommen, wo noch die Thiere alle fromm und friedlich beiſammen wohnten. ſchlim rſcheinen Ein Männlein und ein Fräulein! brummte Rud⸗ hard, der unverbeſſerliche Rationaliſt, dazwiſchen. Ja! Ja! Bei uns werdet Ihr Hunde ſehen, die ſich mit den Katzen vertragen, Katzen, die nicht naſchen, Raben, die nicht ſtehlen, ja kleine Mäuſe werdet Ihr fangen können, mit denen die Katzen ſpielen, ohne ſie zu ſpeiſen... Und glaubte der alte Herr wirklich an die Seelen— wanderung? fragte jetzt die Gräfin ungemein neugie⸗ rig, faſt zudringlich. O gnädige Frau! Das war Alles, was Anna faſt verletzt darauf antwortete. Die Oberhofmeiſterin erſchrak. Der General Vo⸗ land von der Hahnenfeder hatte bei Tafel doch geſtern ausdrücklich geſagt, die alte Erzellenz ſchiene ihm an die Seelenwanderung zu glauben, und der berühmte einge⸗ ladene Profeſſor, der Egypten bereiſt hatte, bekam noch ausdrücklich vom Könige beim erſten Ragout das Wort über die Pyramiden, ſodaß General Voland faſt eifer⸗ ſüchtig wurde, wie Jemand bei königlicher Tafel länger als zwiſchen zwei Schüſſeln allein reden könne und beim Fiſch nicht ruhte, auch das Wort über die Pyra⸗ miden zu ergreifen, über die er ſich, wie über Alles, zum Staunen der Herrſchaften, als Kenner erwies. Nun, wenn nicht die Seelenwanderung, ſo möchte 454 man aber doch glauben, Sie wohnten bei einem Hexen⸗ meiſter? bemerkte Rudhard. Ja! Bei einem Zauberer! ſiel die Fürſtin ver⸗ beſſernd ein. Die Kinder wollten von den kleinen Mäuſen mehr erfahren. Erzählen Sie doch! Erzählen Sie doch! Ihr lieben Kleinen, ſagte Anna faſt verlegen, da iſt nichts weiter zu erzählen. Da iſt nur zu lernen und zu ſpielen, wenn Ihr zu uns kommt und hübſch verſprecht, unſern Thieren nichts zu geben, was ſie etwa naſchen ſollen. Der alte Großpapa iſt ſtrenge und nur mit ſeiner Art zu füttern und der Entfernung alles Naſchens bringt er es eben dahin, dieſe Thiere untereinander zu verſöhnen. Das ſolltet Ihr ſehen, wenn die Stunde der Fütterung kommt! Wie da die Hühner krähen, die Enten ſchnattern, die Eichhörnchen ſpringen und an ihren Drahtgitterchen kratzen! Aber Großväterchen gibt nur Dem, der geſchickt war, und Alle wiſſen recht gut, ob ſie ihr Futter verdienten. Wer etwas verbrochen hat, winſelt dann und bittet ſo demüthig, bis man Mitleid bekommt. Wenn man nun Gnade für Recht ergehen läßt, dann hüpft das wilde Völkchen und iſt ſo luſtig und ſo dankbar, daß es Einem die Hände küſſen möchte! Aber die Katze muß immer nur neben dem Hunde eſſen und die n Hexen⸗ ſtin ver⸗ ſen mehr egen, da u lernen d hübſch was ſe t ſtrenge ttfernung e Thiete hr ſehen je da die hörnchen n! Aba var, und erdiente nd bitt enn ud — 8———y— 455 Dohlen bekommen ihre Körner vom blanken Silber, da⸗ mit ſie Silber nicht für Futter halten und es ſtehlen... Als die Herrſchaft über dieſe ſcherzhafte Mitthei⸗ lung ſich ſehr unterhalten fühlte, meinte Rudhard, ob der Herr Tribunalpräſident nicht ſchon verſucht hätte, auch in den Gefängniſſen ſolche Zähmungen mit den Verbrechern anzuſtellen und wohin der Thierbändiger denn eigentlich mit dieſen Experimenten hinauswolle? Die andern Frauen ſchienen ärgerlich über dieſe Frage, die ihnen ganz unnütz vorkam. Ihnen ge⸗ nügte das Faktum. Die Oberhofmeiſterin ſchwelgte im Entzücken über die Thatſachen, die ſie dem auf alles Aparte ſo begierigen und vom General Voland nur für Erkluſives angeregten Herrſcherpaare würde zu erzählen haben. Anna von Harder aber nahm Rudhard's Frage auf. Ganz einfach zielt Großpapa auf die Ergründung der Thierſeele, ſagte ſie. Es iſt rührend anzuſehen, wie dieſer alte Herr, der ganz außer ſeiner Zeit lebt, ſich nur mit zwei Dingen in ſeinen Mußeſtunden be— ſchäftigt, mit der Freimaurerei und den Unterſuchungen über die ſeeliſchen Regungen in der Thierwelt. In dieſem Sinne kommt er mir oft allerdings wie ein Zauberer vor. Die Maurerei und ihre Geheimniſſe kenn' ich nicht, aber er behauptet, ſie hingen gewiſſer⸗ maßen mit ſeinen zoologiſchen Studien zuſammen. 456 Alles war über dies Wort erſtaunt. Selbſt Rudhard, der ſich als Maurer bekannte und geſtand, er wäre nicht im Stande, hier ein Binde⸗ glied anzugeben. Es muß doch eins ſein, ſagte Anna von Harder. Und wenn ich mich nicht ganz täuſche, glaub' ich den Schleier damals etwas gelüftet geſehen zu haben, als der gute Greis kopfſchüttelnd wegen Ihres Bildes, Herr Wildungen, immer die Worte wiederholte: Keine Taube! Keine Taube! Ein Rabe! Ein Rabe! Die Templer nannte er keine Chriſtenn Ich ſollte nur Acht geben, ſagte er, an unſerer Kirche, die Sie, Herr Wildungen, damals zeichneten, da wärnn in den Ver⸗ zierungen der Fenſter Vögel und orienketiſche Thiere ſichtbar und die von den Tempelherren an die Johan⸗ niter übergegangenen Häuſer, wie ſich deren mehre in unſrer Stadt befinden und eins ſogar an der Stelle ſtand, wo ſpäter meine eigene Familie ein Haus beſaß, alle dieſe Häuſer hätten eine Architek— turverzierung, die ſich nur auf den Orient, den Tempel Salomonis, die alten geiſtlichen Ritterſchaften, die Geheimniſſe der Baugilden zurückführen ließe. Und ich geſtehe, ich höre den alten Mann gern ſprechen, wenn er nicht von dieſen dunkeln Sachen, wohl aber von der gebundenen Thierſeele ſpricht, von den wun⸗ derlichen Trieben zu einer eigenthümlichen Moral in bekannte Binde⸗ Harder ich den ben, als Bildes, . Keine —=*——— den Inſtinkten, von der Vereinzelung oder der Paa⸗ rung, von der Treue der Thiere und ihrer Innigkeit in geſchlechtlichen Beziehungen ebenſo wie von ihrer Gedankenloſigkeit. An einem Tage, wo ich über eine Trennung, die mein Innerſtes traf, keinen Troſt finden konnte, ſprach er von den Zugvögeln und ihrer Wie⸗ derkehr, von der Gewöhnung der Taube und der trau— lichen Anhänglichkeit der auch von Shakeſpeare ſo innig geſchilderten Mauerſchwalbe ſo rührend, daß ich recht erkannt habe, wie doch Alles, was wir von Gott ſagen und lehre, nicht ausreicht, wenn wir nicht in jedem Dinge ſagen und lehren: Er iſt die Liebe! Dieſe Worte brachten eine große, aber nicht ge⸗ ſuchte Wikung hervor. Rudhard hatte die Maurerei wol nur in ſeiner früheſten Zeit getrieben und vollends in Rußland, wo ſie nicht geduldet iſt, alle Verbindungsfäden mit ihren verſchiedenen Sekten und Auffaſſungen verloren. In ſeiner Art witterte er auch in dem Allen, was ſich hier ſo wunderlich zu erkennen gab, nur Myſtik, die er haßte... Er ſchwieg. Die Gräfin Altenwyl aber war tief ergriffen. Sie hatte eine ſolche reiche Ernte heute für den Hof nicht erwartet. Die Thierſeele... die Templer... die alten Johanniterſtifte... die Zugvögel... Shakeſpeare und das Alles verbunden und verquickt durch das Eine: 458 Gott iſt die Liebe! Was konnte es heute Befruchten⸗ deres, Anregenderes, Schlagenderes für die„kleinen Cirkel“ und jenen eigenthümlichen Geiſt der Romantik geben, der die Schickſale dieſes Staates und durch ihn einen Theil Deutſchlands regierte! Anfangs verſuchte die allgewaltige Dame zu Sieg⸗ bert's größter Spannung, das Geſpräch auf die ſchwe⸗ bende Johanniterverlaſſenſchaftsfrage zu lenken; da aber Niemand darüber unterrichtet ſchien und Sieg— bert von ſeinem Bruder damals im Pelikan doch noch viel zu wenig darüber erfahren hatte, wie ſehr er ſelbſt daran betheiligt war, ſo ging die Oberhofmei⸗ ſterin, um das Geſpräch zu einem endlichen Schluſſe zu führen, zu einem allgemeinen ſtaatspolitiſchen Seufzer über, des Inhalts: O eine Idee, die die ganze Welt erquickt! Nur ein Wort des Friedens in dieſen Haß und dieſen Hader! Wer wird dies Evangelium bringen, das allem Kampf der Parteien ein Ende machte und die Erde in einen Wohnplatz von Menſchen umwandelt, die nur dem erlaubten Genuß der irdiſchen Güter und der Bildung ihres Herzens als Vorbereitung künftiger Seligkeit leben! Sie glauben nicht, meine Liebe(ſie wandte ſich an Anna), wie man bei Hofe nach Er— löſung von dieſem Jammer, der über unſere Erde verhängt ſcheint, ſchmachtet! Wo man auch nur in ichten⸗ kleinen mantik durch Sieg⸗ ſchwe⸗ uſſe zu zeufzet -Nur dieſen „ das nd die andelt er und nftigen he(üt ch 6. End nt -—————— ſeinem redlichſten Eifer etwas unternimmt, was jetzt dem Werthe des Ganzen dienen ſoll, ſogleich muß man bei jedem Schritt, den man wagt, um zu einem guten Ziele zu kommen, hören, daß man Andre ver⸗ letzt hätte! Ach, nicht vor- und nicht rückwärts iſt ein Weg mehr zu finden. Glauben Sie mir, liebe Frau von Harder, daß die Menſchen wol glücklich ſind, die die Seele in den Blumen oder in den Thieren ſuchen! Ach! Auch Sie haben ja viel gelitten.. Liebe! Frau Gräfin! war Alles, was Anna von Harder faſt ablehnend und die Augen niederſchlagend auf dieſe etwas zudringliche Freundſchaftsanerbietung erwiderte... Die Königin, ſagte die Altenwyl, nimmt ſo vielen Antheil an Ihnen! Gibt es nichts, was Sie der hohen Frau näher führen könnte? O ſie hat ein treues Herz. Kennte die Nation nur alle dieſe Menſchen da oben! Gnädigſte Gräfin! ſagte Anna. Mein Leben iſt zu dürftig für den Glanz des Hofes. Was ſoll ich dort! Ich pflege meinen alten Zauberer von Tempel⸗ heide, leſe ihm aus Büchern, wie er ſie liebt, vor, ſticke, wenn es mein Auge erlaubt, und treibe etwas Muſik. In die Muſik hab' ich Alles hinübergeleitet, was in mir noch ſich regen, ausſprechen, ja auch ſich hin⸗ geben möchte. In der Muſik lach' ich, in der Muſik wein' ich. Auf den Tönen Gluck's und Händel's ſchweb' ich da und dorthin, wo ich am liebſten ſein möchte; 460 es ſind ferne Länder, ferne Haine und Wälder und ich weiß nicht, gehören ſie noch dieſer Erde an oder ſind es ſchon Jenſeitsahnungen.. Mit meiner Muſik bin ich leider egoiſtiſch. Ich fördere ſie nur für mich. Die Trompetta hat mich oft gedrängt, Vorſtellungen in geſchloſſenen Kreiſen zu geben. Wir würden es wagen dürfen, mit manchem älteren Werke hervor⸗ zutreten, wir kleinen Dilettanten, die wir uns zur claſſiſchen Muſik verbunden haben. Wir haben einige gute Soliſtinnen. Die Flottwitz ſingt edel und rein. Ich ſträube mich aber dagegen. Ich entziehe damit, ich weiß es, eine Einnahme, eine Unterſtützung guten Zwecken, aber ich kann mich nicht entſchließen, An⸗ dere durch unſere Verſuche beläſtigen zu wollen. Ich weiß, ich bin egoiſtiſch. Die Trompetta flammt für die innere Miſſion. Daß ich mich den Werken derſel⸗ ben zu wenig widme, werf' ich mir oft bitter vor. Aber ich bin eine Einſiedlerin und träge, träge, liebe Gräfin.. Zu nichts zu bringen, am wenigſten zum Hofe... Gräfin Altenwyl war über dieſe beſcheidenen Aeuße⸗ rungen etwas verſtimmt. Anna hatte eine Huld, eine Gnade, die ſie ihr verſchaffen wollte, geradezu zurückgewieſen. Die Kö⸗ nigin hatte ſie kennen lernen wollen und das nahm Anna ſo auf! Dennoch ließ ſich die Altenwyl nichts von ihrer der und der ſind uns zur n einige nd rein. e damit, derſt N r. Alb räfin e. 461 Verſtimmung merken, ſie lächelte nur und ſagte, indem ſie ſich erhob, um zu gehen, Anna faſt in's Ohr: Sie ſind ein Engel! Nun noch eine halbe Umarmung mit der Fürſtin, ein freundliches Nicken zu den Kindern, ein flüchtiges Ignoriren der Herren... und die einflußreiche, kluge, aber vom Geſchmack ihrer Umgebung ganz beherrſchte Frau war dann endlich verſchwunden. Siegbert hatte ſich nur noch der flüchtigen Notiznahme, Rudhard faſt gar keiner mehr zu erfreuen gehabt. Man athmete auf. Anna, erlöſt von einem Druck, umarmte jetzt erſt noch einmal die Tochter ihrer Freundin.. Was wird die Bruſt leicht, ſagte ſie, wenn man nach einer zufälligen Annäherung an dieſe Hofatmo⸗ ſphäre wieder frei athmen kann! Und doch meint es die Frau ſo gut! Sie, liebe Fürſtin, Sie müſſen am Hofe als milder Stern aufgehen! Sie ſind jung und ſchön! Ihnen wird dieſe Welt allerdings keinen Troſt gewähren, aber doch Zerſtreuung. Wenn Sie ſich vorſtellen laſſen, ſchreiben Sie mir's jal Ich komme dann, erſt Ihre Toilette zu bewundern. Darf ich mich darauf verlaſſen? Die Fürſtin ſah lächelnd zu Rudhard hinüber, als wollte ſie von ihm eine Ermuthigung zu irgend einer Antwort abwarten. Sie ſind ein treuer, dankbarer Zögling, äußerte 34— 2— 462 Anna, ſogleich dieſe Unentſchloſſenheit bemerkend. Sie hören noch jetzt auf Ihren Lehrer. Und Das dürfen Sie! Vertrauen Sie dem erprobten Rudhard recht, wenn er auch Unrecht hatte, mir das Gethſemane der Trompetta gleich ſo rundweg mit dem garſtigen Worte zu verurtheilen. Rudhard kehrte ſich nicht viel an dieſe gemüthliche Rüge, ſondern meinte in ſeiner Art: In dieſer Stadt, meine Liebe, muß man auf ſeiner Hut ſein. Wir ſind ſchlichte Naturkinder, kommen aus den Steppen und Haiden des Oſtens und wollen uns recht gründlich hier Alles anſehen und erſt prüfen, was ſich uns zum Kaufe anbietet. Das Glänzende wird uns reizen, aber nicht beſtechen. Die Wahrheit, die wir für's Leben eintauſchen wollen, muß probe⸗ haltig ſein... Und wenn mein Freund da, Herr Wildungen, eine noch ſo ſchöne Zeichnung in das Gethſemane liefert, ich wittere in dem Album doch Das, was man Muckerei nennt. Er blieb dabei, wie Juſtus der Heidekrüger bei ſeinem Refrain über den Reubund. Die Kinder lachten über das komiſche Wort und die Frauen errötheten über den doch allzuderben, all⸗ zunüchternen Verſtandesmenſchen, der ſich mit Anna, die ihm doch entgegenkam, nicht einmal über ein Wort verſöhnen konnte. end. Sie 1s durfen ed recht, nane der en Worte müthliche zuf ſeinen kommen d wollen ſtprüfen, jlänzende Vahrheit ß probe a, Han in das um doch niger be ort un ben, dl it Anna Mol 2 ein ——— 3——õy— 463 Siegbert fühlte, daß es nun Zeit wurde, zu gehen. Er fürchtete ohnehin ſchon zu lange verweilt und Er⸗ örterungen beigewohnt zu haben, die für einen erſten Beſuch bereits zu vertraut waren... Die Sonne ſank an dem Rand des Horizontes herab... Er hatte es acht Uhr ſchlagen hören und gedachte ſeiner Ver— pflichtung, ſich in der Brandgaſſe an der bezeichneten Stelle einzufinden. Die Fürſtin forderte ihn mit größerer Wärme, als ſie bisher gezeigt hatte, auf, ſie bald wieder zu beſuchen... Anna von Harder aber wünſchte ihm die Gunſt aller Muſen und die froheſten Stimmungen. Sie ſprach dies Wort unendlich wohlwollend und gütig. Es lag Siegberten in dem Abſchied von dieſer Frau etwas, was ihm zu ſagen ſchien: Wir ſehen uns gewiß wieder und werden unſern gegenſeitigen Werth noch beſſer kennen lernen! Anna blieb. Siegbert trennte ſich faſt ſchwer von ihr. Die Kinder und Rudhard gaben ihm bis draußen das Geleite... An dem Spalier der Seitenfront des Hauſes, an dem man vorüber mußte, um in den Vorgarten zu kommen, ſtand der alte Bediente von Tempelheide mit einem Shawl auf dem Arm und wartete ſeiner Her⸗ rin.. Vor dem Thorweg ſtand die alte Kutſche, die Hackert ſo verſpottet und eine Karrete genannt hatte... — 2————Q—Q—ę———/—C—ę——C—j— 464 Nun, ſagte Siegbert zu dem Alten in gelb und blauer Livrée— es war derſelbe, der ihm den Wein gereicht— nun, es fehlte doch vor acht Tagen nichts an dem Silberzeug auf dem Tiſche iun Tempelheide? Der Alte horchte hoch auf und verſtand nicht gleich. Als Sie mir den Wein gebracht hatten! Wiſſen Sie noch? ſagte Siegbert mit Nachdruck, um das Ge— dächtniß des Alten zu ſtärken. Ach! jetzt verſtand der und ſagte: Nein, nein, Alles iſt richtig geweſen! Bitte! bitte! Siegbert ging nach dieſer ihm und Hackerten ge⸗ wordenen Genugthuung wohlgemuth vorüber... Wie er eben an der Ecke der Seitenfront war, fiel von oben aus einem Fenſter eine Hand voll friſcheſter Blumen über ihn her.. Sie kamen von Jemand, den man nicht ſah. Die Kinder riefen: Olga! ohne daß dieſe ſichtbar wurde.. Siegbert raffte ſich eine weiße Roſe von den Blu— men auf und ſah empor, um zu danken. Es war aber Niemand da, den er dankend noch grüßen konnte.. An der Pforte verſicherte er Rudhard, daß er ſich ihm außerordentlich verpflichtet fühle für die Einfüh⸗ rung in dieſen intereſſanten Kreis, morgen ſchon hoffe er mit ſeinem Bruder verſtändigt zu ſein, um ihm, gelb und den Wein en nichts pelheide? ct gleich Wiſſen das Ge war, fie friſcheſte ſah. e ſichtba 9 A den kend n g or aß e Einft e En chon h um wenn es ginge, das Geheimniß des Bildes einzuhän⸗ digen. Welches Bildes? fragten die Kinder. Das Ihr bei Herrn Wildungen zeichnen lernen ſollt! ſagte Rudhard und während die Kinder darüber ihre Freude ausſprachen, ſetzte dieſer hinzu: Ich hoffe, daß wir uns auch über dieſen Unter⸗ richt verſtändigen werden. Siegbert mochte nicht widerſprechen. Seine Roſe betrachtend, antwortete er lächelnd, um nur der Crörterung auszuweichen: Freundlicher kann man, um wiederzukommen, doch wol nicht gemahnt werden? Mit dieſen Worten zog er die Pforte zu und trat mit beſchleunigten Schritten ſeinen Rückweg in die Stadt an... Vor einem, ungeachtet es erſt dämmerte, doch glänzend erleuchteten Hauſe— dem der Schweſter Anna's— hätte er unter vielen glänzenden Wagen, die vor dem gußeiſernen Gitter auf der Chauſſee war⸗ teten, auch einen, der dem Juſtizrath Schlurck gehörte, leicht heraus erkennen müſſen; doch war er zu bewegt, um jetzt auf Dinge zu achten, die um ihn her vor⸗ gingen... Grade durch die ſich mühſam ausweichenden zur Die Ritter vom Geiſte. III 30 466 großen Soirée beim Intendanten heranrollendeu, ele⸗ ganten Wagen mußte er hindurch... Hätte er aufgeblickt, würd' er bekannte Menſchen genug wahrgenommen haben, die alle zu Paulinen's Feſtabend fuhren... Auch Melanie! Er ſah aber nicht auf. Er ſah auf die weiße Roſe, die eben erſt friſch gebrochen ſchien, denn noch war ſie feucht von der Abendluft oder durch die er— quickende Hand des Gärtners, der die Beete Abends netzte... Er gedachte der andern Blumen, die er auf dem kleinen Raſen am Hauſe hatte liegen laſſen, er hätte faſt umkehren und ſie ſich noch holen mögen. Was Blumenl! ſagte er aber zu ſich ſelbſt und raffte ſich gewaltſam aus ſeinen Träumen auf. Es war die höchſte Zeit, zur rechten Stunde in die entlegene, verrufene Brandgaſſe und dort das Haus Nr. 9 zu kommen, wo ihn das Wiederſehen des Bru⸗ ders und die erneute Bekanntſchaft Fritz Hackert's erwartete. Ende des dritten Buches. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ————,„ ²—— eu, ele⸗ Nenſchen je weiße enn noch die er⸗ Abends „die ei n laſſen mmogen nd raffe cunde in 1s Haud des Bru Hackate Inhalt des dritten Bandes. Drittes Zuch. Seite Erſtes Capitel. Das Eramen............ 3 Zweites Capitel. Was iſt Romantik?............. 32 Orittes Capitel. Ein Bündniß............ 51 Viertes Capitel. Die rettende Hand.............. 76 Fünftes Capitel. Eine Scene............... 103 Sechstes Capitel. Die Brüder............... 132 Siebentes Capitel. Das politiſche Wetter.......... 162 Achtes Capitel. Louis Armand...........ꝙ..:. 189 Neuntes Capitel. Ein lutheriſcher Papſt......... 241 Zehntes Capitel. Die Ganzen und die Halben...... 284 Elftes Capitel. Zwei Beſuche!.............. 329 Zwölftes Capitel. Junges Leben, friſches Hoffen.... 353 Dreizehntes Capitel. Eine neue Wendung........ 388 Vierzehntes Capitel. Olga Wäſämskoi........... 413 Funfzehntes Capitel. Ein Aeolsharfenton........ 437 — — — — — — Soſour& Grey Gornrol Ghart aue Cyan Green vellow Hed Magenta