————————= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ³ Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — „ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————.— auf 1 Monat: 1 Nei.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„„—„» 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurüickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Dieb........... 105 Sechstes Capitel. Das Bild................... 146 Siebentes Capitel. Der Doppelgänger............ 184 Achtes Capitel. Das Geheimniß der drei Kugeln.. 222 Neuntes Capitel. Die Mitſchuldige.............. 238 Zehntes Capitel. Heimwärts..................... 261 Elftes Capitel. Ein Nachhall aus dem Walde...... 281 Zwölftes Capitel. Melanie⸗Späße.............. 30⁰1 Dreizehntes Capitel. Natur und Geiſt............ 323 Vierzehntes Capitel. Neue Menſchen.............. 373 Funfzehntes Capitel. Die„Geſellſchaft“ und die„klei⸗ nen Cirkele......................:...... 387 Zweites Buch. * Die Ritter vom Geiſte. II. Erstes Capitel. Ackermann, der Amerikaner. Dankmar Wildungen befand ſich an jenem Morgen wo ohne Zweifel er ſelbſt für den Prinzen Egon gehalten wurde, in der That noch am Puße des Schloſſes Hohenberg. Seit der von dem Fremden in der blauen Blouſe empfangenen Beruhigung über ſeinen Verluſt, einer Verſicherung, an deren Zuverläſſigkeit er keinen Augen⸗ blick zweifelte, war ſein Gemüth leicht geworden, der Freude zugänglich und auch der Freude bedürftig. Nach jeder großen abgenommenen Sorge will ja das erſchöpfte Herz ſich wieder füllen und ſtärken und wie in eine große Lücke und Leere ſtürzt das Leben dann nur mit ſo ungefeſſelterer Gewalt. Warum ſollte er ſchon wieder naach der Reſidenz zurückkehren, jetzt, wo keine Laſt mehr auf ſeinem Gemüthe lag und ſich ſo Manches 60 14 „ . 4 begeben hatte, deſſen nähere Entwickelung ſeine Neu⸗ gier ſpannte? Zuerſt war es Hackert's plötzliches Verſchwinden, über das er doch eine irgend zutreffende Aufklärung wünſchen mußte. War ihm auch dieſe Bekanntſchaft eine ſolche, von der er lieber gewollt hätte, er hätte ſie nicht gemacht, ſo peinigte ihn doch jetzt die völlige Ungewißheit über das, was er von dieſem oft aller Theilnahme würdigen und dann wieder ſo fremdartig abſtoßenden, ja niedrig und geringfügig denkenden Menſchen halten ſollte. Stündlich erwartete er ſeine Wiederkehr. In dem Gaſthauſe zur Krone glau bte er beſtimmt, von ihm erfragt zu werden. Aber vergebens! Jede Spur des abenteuerlichen jungen Mannes war verſchwunden. In noch höherem Grade als die Enthüllung der Hackert'ſchen Perſönlichkeit, feſſelte Dankmarn die Ausſicht, hier irgendwo, wenn auch unter dem ſchützenden Deckmantel der ihm gelobten Unbekannt⸗ ſchaft, dem Prinzen wieder zu begeg nen. Er konnte kaum daran zweifeln, daß der von ſeinem Vater ſo ſchmählich verkürzte Erbe der Hohenbergiſchen Be⸗ ſitzungen wirklich hierher gekommen war, entweder um einen Act der Pietät, ein Opfer des Herzens, zu vollziehen oder ſich ungekannt von dem wahren Zu⸗ 0 5 ſtande dieſer Beſitzungen zu unterrichten. Die letzte Annahme ſchien ihm nach längerer Erwägung faſt die richtigere und der Natur des Fremden entſpre⸗ chendere. Denn ſo edel und männlich ihm Alles erſchien, was der junge ihm an Jahren nur wenig vorangeſchrittene Fremde in Worten und Benehmen geäußert hatte, ſo war doch Dankmar Wildungen ſchon Kenner der menſchlichen Seele genug, um ſich zu ſagen, daß bei Egon von Hohenberg, wenn er es war, die Kräfte des Verſtandes das vielleicht verſteck⸗ tere oder unentwickeltere Gemüth überwogen. Wie wenig hatte er ſich von dem Förſter Heuniſch auf dem gelben Hirſch über ſeine Mutter berichten laſſen! Weit mehr dagegen, beſonders als ſie beide vor die Thür des Wirthshauſes gegangen waren und Dank⸗ mar ihr lautes Geſpräch hören konnte, hatte er der gegenwärtigen Verfaſſung dieſer ſeiner mehr als zweifelhaft gewordenen Beſitzungen nachgeforſcht. Dankmar griff in ſolchen Beurtheilungen nicht fehl. Wie ſich eine ſeelenvolle, rein gemüthliche Natur äußert, konnte er durch keinen Vergleich ſicherer treffen, als durch den mit ſeinem theuern, ältern Bruder Siegbert, der einen kindlichen Glauben an die Men⸗ ſchen beſaß und die Jahre, die er vor Dankmarn voraus hatte, nur gewonnen zu haben ſchien, um 6 immer wärmer, immer ergebener und nachſichtiger zu fühlen, während Dankmar dagegen ſchon an ſich ſelbſt geſtehen mußte, daß er mit jedem Jahre, an dem ſein Alter zunahm, im Gegentheil kälter zu den— ken lernte. Die Kälte des Fremden ſchien ihm nicht Kälte des Herzens, ſondern gerade auch dieſe Kälte der Erfahrung, dieſe Kälte des Unglücks und des innerſten Mismuthes. Aber auch von dieſem Fremden ſah Dankmar nichts mehr. Zu den Behörden zu gehen, ſeinen Verluſt dort noch einmal anzuregen, ſchien ihm, nach dem tiefen moraliſchen Eindruck der Verſicherung des angeblichen Egon, nicht mehr nothwendig. In der Schmiede, wo er vorſprach, hatte er einen ſtumpf⸗ ſinnigen tauben jüngern Geſellen, den Zeck Sohn angetroffen, der keine einzige ſeiner Fragen beantwor⸗ ten konnte. Mit dem ältern, dem Zeck Vater, ſchien es ihm anfangs, als wuͤrde er, wenn er viel forſchen müßte, noch ſchlimmern Stand haben; denn dieſer war ſtockblind. Die Unruhe, die den großen athletiſch gebauten alten Mann ergriff, wie Dankmar ſich als Eigenthümer des neulich geraubten Frachtgutes zu er⸗ kennen gab, fiel ihm allerdings auf. Allein einem Ver⸗ dachte gab er keinen Raum und konnte es nicht, da die Ausſagen des Blinden mit denen des Fuhrmanns — 3 7 ſtimmten. Kannte er doch auch hinlänglich dieſe, man mochte ſie geiſtig halbwüchſige Menſchen nennen, aus ſeiner eigenen juriſtiſchen Praris! Er wußte ja, wie ſelbſt der Unſchuldigſte vor einem Richter zittert und ſich verfärbt, wenn man ihn eines Verbrechens zeiht und mit allen in ſolchen Fällen üblichen Feier⸗ lichkeiten inquirirt. Hatte er nicht Fälle erlebt, wo dieſe beſchränkten Menſchen, beſonders wenn ſie in einer gewiſſen religiöſen Dumpfheit lebten, unter den Fragen eines Richters ſo über ſich in Unklarheit geriethen, daß es ihnen allmälig wurde, als hätten ſie in der That, vielleicht in einem unzurechnungs⸗ fähigen, von böſen Geiſtern ihnen angezauberten Zuſtande, die Verbrechen begangen, deren ſie ver⸗ dächtig erſcheinen ſollten! Des Menſchen Seele iſt ein ſchüchtern Ding, ein zitternd flimmerndes Beben. Nur darin erſchien Dankmarn der alte Zeck wunder⸗ lich, daß er bei ſeiner Mittheilung, Zeck möchte ſich beruhigen, Juſtizrath Schlurck hätte den Schrein gefunden, hätte ihn mit ſich nach der Hauptſtadt genommen,..... ſich verfärbte und ſtutzte..... Statt ſich zu freuen, daß ſeine und ſeines Sohnes Ehrlichkeit nun in das hellſte Licht geſetzt war, griff der Alte ſich in ſein weißes Haar, riß die ſtarren blinden Augen bis zu den dicken weißen Augenbrauen 8 auf und taſtete ſo krampfhaft erregt um ſich her, als wäre ihm die niederſchlagendſte Mittheilung von der Welt gemacht worden. Darauf länger zu achten und zu forſchen, behieltiſich dankmar vor. Er mußte die Natur dieſer Menſchen erſt kennen lernen. Die ſonderbar und falſch angebrachten Bibelſprüche, die der alte Zeck, wie nach ſeiner ſogleich gemachten Entdeckung Viele in und um Pleſſen, im Munde führte, deuteten auf ſeltſame Anomalieen. Statt dieſen nachzuforſchen, beſchäftigte ſich Dankmar einſtweilen lieber mit einem alten Bekannten, den er hier zu ſeiner Freude wie⸗ derfand. Es war dies Niemand anders als Bello, der Hund des Fuhrmanns Peters. Er und der kleine bejahrte unanſehnliche Spitz kannten ſich ſchon von Angerode her, ſchon vom Lyceum, das die Gebrüder Wildungen dort beſucht hatten. Wie Dankmar in die Schmiede trat, wo der Blinde noch mit gewalti⸗ gem Arm, wie in mechaniſcher Gewohnheit, auf glühende Hufeiſen ſchlug, während der Taube den Blaſebalg am Feuer zog, bis ſich Beide ablöſten und umgekehrt ihr Geſchäft verrichteten, ſprang das noch immer lahme Thierchen, das lange zottige Haar vom Dampf der Feuereſſe ganz geſchwärzt, zu Dankmar hinauf, winſelte, ſchmiegte ſich, blaffte vor Freude, 9 als wollte es ſagen: Da iſt Einer, der ſich meiner erinnert! Ich weiß, du kommſt um mich zu holen, du alter Gönner vom Gaſthof zum Einhorn in Ange⸗ rode, wo du als Lyceiſt zu Mittag ſpeiſteſt, du bringſt mir Grüße von meinem Herrn und meiner Frau!... Und des Thierchens Erregung war ſo lebenvoll, in dem Grade faſt ſprechend, daß es Dankmarn, wenn er noch unruhig geweſen wäre über ſeinen Verluſt, ſo hätte zu Muthe werden müſſen, als ſpräche ihm Jemand: Das Thier will dir ja etwas ſagen, es weiß ja, wer der Räuber deines Eigenthums iſt und wird ihn dir ohne Zweifel bei erſter Begegnung zei⸗ gen, verrathen!.. Bald ſprang Bello zu ihm, bald gegen den alten Schmied auf, zerrte an Dankmar's Rockſchooß, bellte den Blinden an, bis dieſer, den Moment wahrnehmend, ſo gewaltig mit dem Fuß gegen den Störenfried austrat, daß er ſich, an ſeinem wunden Bein getroffen, heulend und winſelnd in eine dunkle Ecke der Schmiede verkroch. Ei, wie grob! rief Dankmar. Nennt Ihr das Pflege? Ich denke, Ihr ſeid ein Arzt für Thiere? Nehmt den Bello nur mit!.. hatte darauf der alte Schmied geſagt; er iſt geheilt, ſo weit wie's möglich war, bei ſeinem ſtrampligen, unruhigen We⸗ ſen! Die Beſtie iſt wie alle Fuhrmannshunde nur 10 auf's Kläffen dreſſirt; für Bandage und Koſt verlange ich nichts! Ich mag den Hund nicht! Seitdem hatte Dankmar den für immer lahmen Bello zu ſich genommen, in der Krone ihn ſäubern und waſchen laſſen und war von ihm auf ſeinen kleinen Spaziergängen, trotzdem er kläglich hinken und humpeln mußte, ſchon allwärts treu und munter begleitet worden. Die ſchöne, liebliche, ſonnenhelle Natur war es zuvörderſt, die Dankmarn beſtimmte, dem magern Gaule des guten dicken Pelikanwirthes einen ganzen Tag Ruhe zu göoͤnnen. Bring' ich doch Freude mit! ſagte er ſich. Troſt und den Hund für Peters! Dem Bruder die Beru⸗ higung über mein eigenes Unheil und, was auch etwas werth iſt, die Erzählung meiner Abenteuer. Dankmar fühlte, wenn er die Fenſter des kleinen Zimmers, das er in der Krone bewohnte, öffnete, ſo recht jene reine ſelige Stimmung, die Jeder kennen muß, der einmal von einer großen Gefahr oder den Urſachen einer großen Befürchtung befreit wurde und dann zugleich die Muße fand, dieſe Seligkeit der Erlöſung ganz zu genießen.... Die rebenlaub⸗ umkränzten Fenſter gingen nach dem ſchönen Dorfe Pleſſen hinaus. Jedes Haus hatte da ſeinen Garten, 11 den die Natur pflegte, wenn auch vielleicht die Men— ſchenhand erlahmt war, ſeit die Zuſtände der Herrſchaft ſich ſo ins Ungewiſſe verliefen. Auch ordnen die Geringen ſich lieber einer kraftvollen Macht unter, als einem ſchlaffen und ungeregelten Regimente. Dieſe Bauern und Häusler waren frei, aber nicht in dem Grade, ſich ganz auf eigene Hand unabhängig zu fühlen. Ihre Abgaben an den Fürſten Waldemar waren ſchon ſeit lange capitaliſirt. Die neue Zeit hatte wol an den vielen kleinen noch übriggebliebenen Laudemialgefällen rütteln können, aber nicht an den einmal beſtimmten Abfindungsſummen. Da gab es nun Mismuth, Unfriede, Zorn, Gewaltthat genug. Doch wirkliche Widerſetzlichkeiten zeigten ſich nur in Randhartingen, dem größten und ſelbſtändigſten Orte im Hohenberg'ſchen, im Ullagrunde, wo neben einem reichen Bauer, Namens Sandrart, viele Arme wohn⸗ ten, in Schönau, wo dem Fürſten von Hohenberg manche Gerechtſame gehörten und der Haidekrüger Juſtus, noch entſchiedener aber Droſſel, der Wirth zum Gelben Hirſche, die Leidenſchaften in Gährung hielt. Hier in Pleſſen merkte der Herrſchaftsdirektor von Zeiſel nicht ſo auffallend, wie bedenklich ſeine Stellung wurde. Pleſſen hing vom Schloſſe und dem Leben auf ihm ſeit Jahren ab. Und ſchon ſeit Jahren fehlte die von oben 12 ſtrömende Befruchtung. Die Menſchen ließen recht den Kopf hängen und welkten in ihren Hoffnungen ſo hin oder verwilderten wie ihre Gärten und die kleinen Hecken, die ſie trennten. Pleſſen war ſonſt ſo lieblich! Die Ulla floß vom Ullagrund in zwei Armen hernieder, von denen der eine raſchere und bewegte die Mühle bewäſſerte, die, wie wir wiſſen, die kranke Müllerin nicht verlaſſen wollte; der andere ſchlängelte ſich hier und da durch den Ort und machte eine Menge kleiner Stege und Brücken nothwendig, die ein Haus mit dem andern gar traulich verbanden. In der Mitts des baum⸗ und buſchdurchzogenen Ortes lag ein kleiner Teich, auf dem Enten ſich tummelten. Zur Seite, von düſtern und verſchnit⸗ tenen Linden beſchattet, lag des Pfarrers Wohnung, vor der die Stromer'ſchen Kinder ſpielten und baar⸗ beinig, gleich allen andern Kindern des Ortes, mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten. Höher hinauf lagen dann herrſchaftliche Gebäude, vor allen„das Amt“, nach alter Bauart, von einem Hofe mit Portal und Einfahrt umſchloſſen. Dankmar konnte von der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeiſel hinüberblicken und bemerkte wol die kleine, ſehr geputzte Dame, die unruhig und unbeſtimmt wie ein lebendiges Fragezeichen an den 13 hohen Fenſtern ſaß und bald an feiner Wäſche arbei⸗ tete, bald in einem Buche las, bald zum Fenſter hinausſchaute, bald in einem der Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Körbchen unterm Arm ſicher und bewußt auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Würde und zufriedener Stimmung ſchritt. Zur Linken ging's dann nach dem Schloſſe hinauf. In der Mitte zwiſchen dem Schloßberg und dem„Amt“ lag auch jener gewaltige Thurm, von dem Hackert Veranlaſſung genommen hatte, ſeine erbauliche Schilderung der Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen. Es war ein feſtes undegutes„Stück Arbeit“ dieſer alte Zwinger der Ungebeyrdigen und Tröſter der etwa Reuevollen. Nur lag er ſonderbarer Weiſe etwas einſam, ganz am Ende des Ortes. Denn hinter ihm lagen getrennt nur durch eine vom ſonnigſten Himmel überwölbte fruchtbare Ebene ſo⸗ gleich die blauen Ränder der Berge, die dem nach ihnen pilgernden Wanderer, wie Dankmar gehört hatte, die reichſte Mannigfaltigkeit von Tannenge⸗ ſchmückten Gründen, Wildbächen mit kleinen Waſſer⸗ fällen, ſchroffen Abhängen und lieblichen Thälern bieten ſollten. Auch von Kohlenmeilern, Steinbrüchen und beſonders einer Sägemühle wurde geſprochen, die Dankmar beſuchen ſollte. Die Sägemühle konnte 14 nicht zu weit ſein. Dankmar hörte deutlich, wenn die von einem Waldbach getriebenen Räder wahrſcheinlich ſtanden und die großen Sägen wieder friſch geſchärft wurden. Es klang das ſo hell und klingend herüber, daß er anfangs glaubte, in dem Walde da oben läge eine Kirche verborgen und die Glocke riefe jedes Chriſtenherz, ſie in ihrem grünen Verſtecke aufzuſuchen. Dankmar war eine verſtandesklare dialektiſche Na⸗ turz doch wenn auch das Gemüth bei ihm öfters ſchlummerte, ſo lebte es doch unter der Decke der Gedanken. Er beſaß unter Anderm auch die ſchöne Eigenſchaft gemüthlicher Naturen, daß er das Anmu⸗ thige und Wohlthuende nie für ſich allein empfinden mochte, ſondern zugleich auch mit für Die, die er liebte und die er bei ſeinem Genuſſe anweſend wünſchte. Er gedachte, als er am Abend ſeiner Ankunft ſogleich noch einen Spaziergang im Orte und ſeiner nächſten Umgebung machte und die Schönheiten des Eindrucks in vollen Zügen einſog, ſogleich ſeines geliebten, zu früh geſchiedenen herrlichen Vaters, der, wie hier in Pleſſen jetzt der ihm unbekannte Pfarrer, ſo in Thal⸗ düren ſtill und reichern Looſes würdig gehauſt hatte. In den kleinen Kindern, die da im Entenpfuhl wa⸗ teten, erkannte er ſich und Siegbert wieder. Er betrachtete wehmüthig die dunklen, von den Linden⸗ — — — —-—=— —.—,——:·— bäumen allzudüſter beſchatteten Fenſterſcheiben der Pfarrerwohnung. Der Pfarrer und ſeine Frau, beide faſt feſtlich geſchmückt, verließen gerade, als er ſo in Gedanken und Herzensvergleichen ſtand, die Woh⸗ nung... wir wiſſen, daß ſie zum Schloſſe hinauf— gingen. Dankmar trat zurück, um nicht geſehen zu werden. Er vergegenwärtigte, Guido Stromern prü⸗ fend, ſich den doch viel ehrwürdigern Vater und die theuere Mutter, die jetzt daheim einſam in dem Sterbe⸗ hauſe zu Angerode ihre Wittwenzeit vertrauerte. Dieſes Pfarrerpaar dort ging ſo ſtumm, ſo kalt neben ein⸗ ander! Stumm und kalt? ſagte er ſich... und gedachte der Vergangenheit. Ach! Er mußte ſich geſtehen, daß auch ſeine Aeltern nicht immer in jün— geren Jahren auf einen Ton geſtimmt waren.... Eine Thräne ſtand ihm im Auge, als er der Zeiten ſich entſann, die ihm als Kind nicht verſtändlich waren, jetzt aber klarer vom Jüngling begriffen wur⸗ den, der Zeiten, wo der Vater auch oft Noth hatte, ſich mit einer ſchönen, gutherzigen, aber zuweilen anſpruchsvollen, aufbrauſenden und eigenſinnigen Frau zu vermitteln. Später, als die Mutter an ihrer eige⸗ nen Familie, beſonders an einem heißgeliebten ver⸗ ſchollenen Bruder viel Leids erfuhr, ebnete ſich auch in ihrer Bruſt der etwas ſchroffe Sinn und manches 16 wärmere Wort entquoll den welkeren Lippen, die da⸗ mals, als ſie roſig waren, ſelten gebebt, ſelten gezittert hatten und ſelbſt dann nicht gezittert, wenn den Vater der Schmerz darüber verzehrte. Das ſind ſo Stimmungen in den Herzen der Kinder, wo ſie die Erde aufwühlen und die theuern Todten aus der Gruft wecken möchten, um ihnen zu ſagen: Was haſt du gelitten und wir verſtanden es nicht? Was haſt du von uns fodern dürfen und wir erſetzten dir nichts? Warum lebtet ihr nicht ſo lange, daß ihr euch ganz verſtandet? Warum ſieht nun jetzt Einer nicht die Trauer des Andern?.... Bei ſolchen Erinnerungen kommt natürlich auch in ein ſonſt ſo weltliches Gemüth, wie das unſers Dankmar, ein ernſter Anflug jener Stimmung, die uns ja auch die unerſchütterliche, auf die ewige Gerechtigkeit begrün⸗ dete Nothwendigkeit des Wiederſehens dieſer unſerer Lieben wie eine Gewißheit in die Hand giebt, die dem Granit der Berge gleicht. Von den Gäſten, die zum Schloſſe gingen, ſah Dankmar auch den Juſtizdirector mit ſeiner kleinen anſpruchsvollen, runden Frau, von der Hackert geſagt hatte, ſie kenne Schlurcks ſchwache Seiten. Dankmar vermied auch dies Paar, indem er um die Mauer ging, die das Amthaus und den dazu gehörigen Garten umſchloß. Wie prangten da die Obſtbäume in ihrer ſchweren Laſt! Wie guckten die ſchwanken Spitzen der drinnen rankenden Rebengewinde über den weißen Kalk herüber! Wol, dachte er, muß es dieſen kleinen Paſchas, die bisher auf den adeligen Herrſchaften Juſtiz übten, übel bekommen, wenn ſie aus ſolchen anmuthigen Wohnungen, wo ſie die Herren waren, in die Landſtädte verſetzt wer⸗ den, wo ſie, nach der gewöhnlichen Beamtenelle gemeſſen, auf der allgemeinen Bleiche des Staates nur ein beſcheidenes Stückchen Tuch, vielleicht nicht länger als ihr Ordensbändchen, vorſtellen. Näher beſichtigte er ſich jetzt den gefährlichen Thurm. Dank⸗ mar wünſchte Siegberten den Anblick dieſes maleriſch gelegenen alten Mauerwerks mit ſeiner herrlichen Fernſicht auf die Ebene und das Gebirge. Mit Lä⸗ cheln betrachtete er ſich dieſen Ueberreſt alter feudaler Zeiten genauer. Der Thurm lag etwas erhöht und war gewiſſermaßen das Wahrzeichen des Ortes. Neben ihm wohnte ohne Zweifel der Büttel, Gerichtsbote und ſonſtige Amtsgehülfe, der dies wahrſcheinlich alles in einer und derſelben Perſon vorſtellte. Der Eingang in den Thurm zeigte ſich ſchauerlich genug. Die Thür war mit Eiſen beſchlagen und das Schloß von einem gewaltigen Umfange. Die untern Fenſter deckten Die Ritter vom Geiſte. II. 2 18 hölzerne, quer über die Gevierte genagelte Latten. Ganz oben aber waren die wahrſcheinlich dort befind⸗ lichen Gefängniſſe mit vergitterten kleinen Fenſtern verſehen, denen faſt ſämmtliche Glasſcheiben fehlten. Vögel hatten daſelbſt ihre traulichſten Neſter ange⸗ bracht und unterhielten ſicher die Gefangenen, wie Condorcet ſich mit den Spinnen unterhielt. Dankmar mußte lachen, wenn er gedachte, daß hier eine gute Leiter und eine Feile, geſchickt von einem guten Freunde bei Nacht dirigirt, jeden Gefangenen befreien konnte; denn der Thurm lag ganz frei, ganz außer dem Orte, in dem offenſten Zuſammenhange mit der Landſtraße, dem freien Felde und dem Gebirge. Er legte ſich, behaglich angemuthet, eine Cigarre rau⸗ chend, am Fuß des criminaliſchen Gemäuers nieder, recht in die Mitte unter friſchen, duftenden Feldblumen, unter gelbweißen Kamillen, dunkelrothen Klapperroſen, blauen Glockenblumen, Winden und zwiſchen hoch⸗ ſtämmige hier und da aufgeſchoſſene wilde Vöutßel⸗ und Staudenpflanzen. Da fühl' ich's, dachte er im Sinne des Bruders, da fühl' ich's, was doch zum Ergreifen des Pinſels treiben kann! Wer möchte dies weite Feld, dieſe Wieſen, dieſe ſchlängelnden Bäche mit den Thurm⸗ ſpitzen und blitzenden Fenſtern der Meyerhöfe nicht katten. efind ſtern hlten. ange⸗ wie nkmar gute guten ffreien außer it der Er rau⸗ ieder, umen, roſen, hoch⸗ urzel⸗ uders, inſels dieſe hurm⸗ nicht ** 19 2 dauernd feſthalten! Wär' ich ein reicher Mann, trotz meines Bruders hiſtoriſchem Pinſel, nur Landſchaften gewänn' ich mir! Die andern Maler geben mir alle zu viel aus ſich und nur aus ſich, der Landſchafter giebt nur das, was ich brauche, um mich ſelber zu er⸗ freuen und mich mit ihm in gleiche aber freie Stimmung zu ſetzen. Auch ein Genrebild will, daß man gerade dieſen Moment und nur dieſen, den der Künſtler darſtellt, genießt. Bei jeder Verſchiebung der Gruppe hört das Bild ſchon auf, die Veranlaſſung gemalt zu werden, zu verdienen. Aber die Landſchaft, die bleibt ſich immer gleich! Der Beſchauende wech⸗ ſelt. Er wechſelt nicht in ſeinen Stimmungen, denn die ſei eine und dieſelbe durch jedes Landſchaftsbild, aber in ſeinen Gedanken, in ſeinen Betrachtungen, Anknüpfungen, Auslegungen. Könnt' ich dort den Waldesrand auf dem Berge ſo nun für ewig mit mir führen! Es wäre ein Gefühl damit verbunden, das mir immer und immer gleich bleiben würde. Das Pünktchen da oben am Bergrücken iſt faſt eine Kappe von dunklerm Grün, die der hellgrün geklei⸗ dete Berg ſich aufgeſetzt hat! Wie mag es unter dieſen Tannen da rauſchen, ſingen, flüſtern! Hätt' ich das nun immer ſo bei mir, könnt' ich's in einem Bilde ſo mit mir führen, wie gewiß wär' ich, daß 2* mir nicht nur dieſe Vergleichungen, ſondern dieſe ganze ſelige Stimmung, hier unter dem pleſſener Gerichtsthurme und am Fuße des Schloſſes Hohen⸗ berg, nie verloren ginge! Es könnte nun kommen im Leben, was da wolle, ich ſähe mein Bild, und immer genöß' ich das wieder, was ich jetzt genieße... Ich muß mir den Siegbert einmal hier hinaus plau⸗ dern. In dem Atelier, bei dem Theelöffelgeklapper ſeiner vornehmen Protectricen, in den Salons und Coterien, wo er äſthetiſirt und ſich verdüftelt, wird er mir— jetzt beſinn' ich mich auf ſein Ausſehen im Pelikan— ohnehin ganz blaß... und verſchmachtet mir wol gar... an einer geheimen Liebe? Wie Dankmar ſo im verſengten Graſe und unter den würzigen Kräutern und beſcheidenen Blumen, den Kopf auf den Arm geſtemmt, in die Gegend blickte, die ihm, dem Unruhigen und Raſtloſen, ſo viel Friede in die Seele goß, verweilte ſein Auge, das anfangs nur ſummenden Käfern und Schmetterlingen, dann und wann einem Landmanne, einem Bauer⸗ mädchen, einem Wagen nachhängender folgte, auf einem ältern Manne und einem Knaben, die beide hinter dem Thurme dahergeſchritten kamen und ſich wie er in der Gegend umſchauten. Es war dies jener Fremde, der Ackermann heißen ſollte und ſich dieſe eſſener dohen⸗ mmen und ſeße.. plau⸗ lapper 3 und wird en im achtet unter umen, egend viel das ingen, auer⸗ auf beide dſich dies ſich 21 mit einem beſcheidenen Fuhrwerke gleichfalls in der Krone Nachmittags eingefunden hatte. Der zierliche, außerordentlich behende, ſchöne Knabe, der ihn beglei⸗ tete, war ſein Sohn. Er nannte ihn, wie Dankmar von den Leuten in der Krone ſchon gehört hatte, mit einem Namen, den Jene offenbar verwälſchten. Er wußte von dieſem Namen nur erſt ſo viel, daß er dem ſeinigen zu ähneln ſchien.... Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht, wohl aber ſein kleiner Be— gleiter, der ſein grüßendes Nicken mit Anmuth und ſo beſcheiden erwiderte, daß er vor Verlegenheit roth wurde. Welch' ein anmuthiges Kind! ſagte Dankmar unwillkürlich, als Beide vor ihm auf der Landſtraße der Ebene zuſchritten. So behend, ſo zärtlich, ſo verſchämt! Das Bild eines Ganymed! Vater und Sohn waren faſt gleich gelleidet. Leichte Strohhüte mit weiten Rändern ſchützten vor dem Sonnenſtrahl. Der Vater trug einen Ueberrock von demſelben halbwollenen Zeuge, von dem der Sohn ein Jäckchen trug. Die Beinkleider waren weit und von einem geſtreiften Zeuge. Der Vater hatte die Bruſt halb offen und hielt nur den Hemd⸗ kragen mit einem bunten Foulard zuſammen, deſſen lange Zipfel über die weit ausgeſchnittene Weſte fielen. Der Sohn dagegen trug ein zierlich gefälteltes Che⸗ miſett, das oben in eine Art Halskrauſe endete und ſeinem Antlitz mit den ſchönen dunkeln Locken, die über die Schultern herabrollten, etwas Neckiſches, ja Zierliches, Stutzerhaftes gab. In der rechten Hand trug der Knabe ein Stöckchen mit einem goldenen klei⸗ nen Knopf und fuchtelte damit in der Luft hin und her, während ſein linker Arm in dem des Vaters hing, neben dem er graziös und ſich ihm faſt zärt lich anſchmiegend einherſchritt, faſt wie ein Mädchen. Dankmar konnte beide Luſtwanderer genau be⸗ trachten; denn oft ſtanden ſie ſtill, wandten den Blick wieder rückwärts und ſahen ſich die Gegend, die ſie ebenſo wie ihn zu erfreuen ſchien, gründlichſt an. Endlich hielen ſie an einem der Wege, die zum Schloſſe hinaufführten, inne. Sie ſchienen unſchlüſſig, ob ſie ihn einſchlagen und auch Hohenberg beſich⸗ tigen ſollten. Der Kleine verrieth durch ſeine zure⸗ denden Gebehrden, daß ihn die Neugier recht ſtachelte, zum Schloß hinaufzuſteigen. Zu den Gäſten, die dort oben ihr Weſen treiben, dachte Dankmar, gehö⸗ ren ſie nicht. Oder iſt der Vater vielleicht geneigt, dieſe Beſitzung zu kaufen? Er mußte ſich ſogleich ſagen, daß der Fremde trotz unverkennbarer Bildung etwas von einem Landmann hatte. Seine Geſichts⸗ züge waren ſehr fein und edel, ja ſie hatten ſogar etw Ael mö ſch e und 1, die iſches, Hand n klei⸗ n und Vaters ärtlich n. zu be⸗ Blick die ſie ſt an. zum lüſſig, beſich⸗ zure⸗ achelte, n, die gehö⸗ eneigte ogleich ldung ſichts⸗ ſogar 23 etwas, was ihn durch irgend eine ihm unbewußte Aehnlichkeit ſo mächtig ergriff, daß er hätte betheuern mögen, einen ſolchen Mann einmal als einen höhern Staatsdiener oder einen berühmten Gelehrten irgendwo ſchon geſehen zu haben, dann aber fand er wieder, daß der Fremde ſich doch nur als ganz ſchlichter Naturfreund gab, der zuweilen Aehren raufte und ſie prüfend betrachtete, einen Stein vom Wege auf⸗ griff, in der Sonne funkeln ließ und wieder gleich⸗ gültig wegwarf, das Stackett, mit dem der zum Schloſſe gehörige Baumgarten hier ſchon umzäunt war, mit dem Fuße rüttelnd prüfte und an ſchadhaf⸗ ten Stellen, um zu zeigen, wie vernachläſſigt es war, ſogar eine morſche Planke etwas losriß, kurz er war bei allem Anſtand der Haltung doch eine derbe, der Natur des Landlebens kundige Perſönlichkeit, die ſicher einem Oekonomen oder ähnlichen Geſchäftsmanne ent⸗ ſprach. Endlich folgte der Fremde der Ueberredung des Knaben und that ihm mit ſichtlichem Widerſtreben den Gefallen, mit ihm zum Schloß hinaußzuſteigen. Dankmar ſtand nun auf und wäre gern gefolgt. Der Fremde und ſein Knabe feſſelten ihn. Er beſchloß, ſich ihnen zuzugeſellen, um auch ſeinerſeits das Schloß in Augenſchein zu nehmen. Da Schlurck dort oben gewohnt hatte, konnte er vielleicht erfahren, wie der 24 Juſtizrath zu ſeinem Schrein gekommen war. Auch die ſchöne Melanie, von der er die Erinnerung hatte, ſie ſchon in der Stadt geſehen zu haben, Melanie Schlurck, von der er ſo viel Phantaſteanregendes ver⸗ nommen, die er ſelbſt im Walde an ſich hatte vorbei⸗ ſprengen hören— genauer nach ihr zu ſehen, war er durch Hackert's Flucht und den Zuſtand ſeines Pferdes verhindert— auch dieſe konnte er vielleicht hoffen, irgendwo an einem Fenſter zu erblicken. Sein Bru⸗ der, mehr wußte er nicht, hatte ſte im Atelier des Profeſſor Berg, wo ſie malte, zuweilen beobachtet. Daß Siegbert, der neuerdings ſogar in ihrem Hauſe war, durch ein Bild wegen ihrer verſpottet ſein ſollte, wußte er nicht. Alle dieſe Dinge waren während ſeiner Abweſenheit in Angerode vorgefallen. Er ſelbſt, zu voll von dem, was er dem Bruder zu erzählen hatte, war noch nicht dazu gekommen, ihn nach ſei— nem eigenen inzwiſchen Erlebten zu befragen. Von den andern Namen, die Hackert und der Förſter Heu⸗ niſch genannt hatten, kannte er Niemand, ſelbſt Eugen Laſally nicht perſönlich, obgleich er zuweilen eines ſeiner Pferde ritt. Die Sphäre, in der Laſally lebte, war ihm aus vielem Betrachte widerwärtig und auch unzugänglich. Als er einige Schritte dem Fremden und ſeinem wir drit Auch hatte, ſelanie es vet⸗ vorbei⸗ var er fferdes hoffen, Bru⸗ er des achtet. Hauſe ſollte, ihrend ſelbſt, zählen h ſei⸗ Von — Heu⸗ Eugen eines lebte, auch einem 25 Knaben nachgegangen war, blieb er ſtehen. Man wird dich, wenn du dich ihnen anſchlöſſeſt, für zu⸗ dringlich halten! ſagte er ſich. Und da oben um das Schloß herumſchnuppern und der Eitelkeit der dort hauſenden Menſchen die Folie der Neugier geben, iſt doch auch wol deine Sache nicht! So blieb er unten, blickte noch einmal dem leicht hinaufhüpfenden Knaben nach, durchſchritt einige Feld⸗ wege und kehrte wieder in die Krone zurück, wo er beſtätigt erhielt, daß der Fremde wirklich aus Amerika käme und Ackermann hieße. Aber dem Namen des Knaben kam er wieder nicht bei. Man hatte ihn offenbar nicht verſtanden und ſprach ein Wort aus, das ihn mehr an einen indianiſchen Häuptling, als an einen chriſtlichen Taufnamen erinnerte. Früh zur Ruhe ſich legend, das ſtille Einathmen eines ländlichen Abends unter Sternengeflimmer und beim vollen goldgelben Julimondenſchein ſentimentaleren Naturen überlaſſend, hatte er die Abſicht, am nächſten Mittag, wenn er ſonſt von Hackert und dem Prinzen nichts erfuhr, mit ſeinem Einſpänner und dem an— ſchmiegſamen Bello ſich auf den Rückweg zu begeben. Kaum hatte er wol am Abend gedacht, daß am fol⸗ genden Morgen nicht nur eine nähere Bekanntſchaft mit Ackermann und ſeinem Knaben ihm dieſen Ent⸗ 26 ſchluß vereiteln, ſondern auch eine abenteuerliche Kette von Misverſtändniſſen aller Art ihn ſo umſtricken würde, daß er ſich für's Erſte vom Fuße des Schloſ⸗ ſes Hohenberg nicht wieder loswinden konnte und der Lage ſich ausſetzen mußte, dort die ſeltſamſten Dinge zu erleben. e Kette ſtricken Schloſ⸗ e und amſten — Zweites Capitel. Selmar Ackermann. Als Dankmar zwar in aller Frühe aber doch wie⸗ derum wahrnahm, daß Niemand ſich nach ihm erkun⸗ digte, der Prinz und Hackert wirklich verſchwunden waren, wollte er noch einmal zur Schmiede gehen und vor ſeiner Abreiſe von dem alten und jungen Zeck, die ihm doch ein gar ſonderbares Paar ſchienen, prüfenden Abſchied nehmen. Bello begleitete ihn. Das kranke und ſonſt ſo ſchweigſame Thier wurde an der Schmiede ſogleich wie⸗ der unruhig und gerieth in ſein ſchon bezeichnetes, dem alten Schmied ſo widerwärtiges Kläffen und Bellen. Es ſchien ihm ſchon von Ferne ziemlich lebendig unter und vor dem Dache der Schmiede. Da ſtanden Wagen und Pferde, die die Hülfe dieſer Dorfvulka— niden in Anſpruch nahmen. Bauernburſche, herrſchaft⸗ liche Stallknechte, auch einer von Laſally's Jokeys, 28 der die„quihnende Laura“ eben wieder in die Ställe des Schloſſes zurückführte. Näher gekommen, merkte er, daß die meiſten der hier Haltenden ungeduldig waren, lärmten und abgefertigt ſein wollten. Aber nur der junge Zeck war zugegen und nahm in Ruhe, da er die Flüche nicht hörte, eine Arbeit nach der andern vor. Die Lärmenden mußten ſich gedulden und zer⸗ ſtreuten ſich durch Poſſen, die, ſeit ſie Dankmar hörte, nur ausgelaſſener wurden; denn die Menſchen ſind geborene Schauſpieler und werden, beobachtet, im Guten und Schlimmen nur rührſamer. Bello ſprang zwiſchen dieſen Tumult mitten hin⸗ ein und ſtöberte einen Flüchtling auf, dem ſeine Lebhaftigkeit doch bedenklich vorkam. Es war dies der junge Ackermann, der an der Schmiede unter ihrem von zwei Holzſäulen getragenen Vorbau dem Hufbeſchlag zugeſchaut hatte. Als die Reden der Bauernburſche zu derb wurden— ſie kamen meiſt aus dem Ullagrunde, beſonders vom reichen Bauer Sandrart— wandte er ſich ſchon dem grünen Raſen zu, der rechts vom Hauſe lag und mit Obſtbäumen bepflanzt war. Dort witterte ihn Bello und beäng⸗ ſtigte ihn.— Dankmar ſah ſchon längere Zeit, wie der Knabe, der ihm denſelben gefälligen Eindruck wie geſtern ille des rkte er, waren, cur der da er andern n zer⸗ inkmar enſchen et, im hin⸗ ſeine dies unter dem n der meiſt Bauer kaſen umen eäng⸗ nabe, ſtern 29 machte, auch einer alten Magd zuſchaute, die zwiſchen den Obſtbäumen eine Leine zog, um auf ihr Wäſche zu trocknen, und ihr allerhand Antworten abzugewinnen ſuchte. Doch ein weichliches Ding! ſagte er ſich. Was nimmt er an der Wäſche für einen unmänn⸗ lichen Antheil! Wie er die Sacktücher muſtert! Ich will glauben, er iſt nur neugierig und will die Buch⸗ ſtaben leſen, mit denen ſie gezeichnet ſind. Bello hatte es vielleicht eigentlich nur auf die Alte abgeſehen und erſchreckte nur zufällig auch den Knaben. Dankmar bedeutete ihm Ruhe, trat dem Raſen und den Obſtbäumen näher und knüpfte mit dem jungen erröthenden Amerikaner ein Geſpräch an. Wo iſt dein Vater, Kleiner? fragte Dankmar mit einer Stimme, die ihm ſelber komiſch vorkam, denn er ſuchte ihr den Ausdruck des Holden zu geben, weil ſie Holdes anredete... Oben bei dem Schmied! war die ſchüchterne, verlegene Antwort; ich erwarte ihn hier. In der That war das Feuer in der Eſſe am Verglimmen. Ein Eiſen auf dem Ambos verglühte. Die Geräthſchaften lagen alle ſo durcheinander, als wenn ſie eben Einer im Nu weggeworfen hätte. Der junge Zeck konnte die Arbeit kaum allein zwingen... Wie gefiel es dir geſtern auf dem Schloſſe oben? 30 ſagte Dankmar, um ſein Geſpräch nicht ſogleich wie⸗ der abzubrechen. Mir weit beſſer als dem Vater! ſagte der Knabe. Der hat freilich wol ſchon Vieles geſehen, was ſchöner iſt, entgegnete Dankmar. Ihr kommt ja weit her? Von Amerika, ſagte der Knabe, und ſetzte nach einigem Beſinnen hinzu: Aus Miſſouri. Aus Miſſouri! Ja, ja! Man erzählte mir's ſchon in der Krone, bemerkte Dankmar. Da ſeid ihr wol nur zum Beſuche hier und werdet gewiß wieder übers Meer zurückwollen? Das wiſſen wir ſelbſt noch nicht, erwiderte der Knabe. Wenn es dem Vater wieder in Deutſchland gefällt, bleiben wir; wo nicht, kehren wir nach Co— lumbia am Miſſouri zurück, wo wir gewohnt haben. Nach Columbia! Am Miſſouri!..... ſagte Dankmar herzlich; ſo will ich wünſchen, daß euch Alles hier erfreuen und befriedigen möge, damit wir nicht nur gute Menſchen an Amerika verlieren, ſondern deren auch welche von da wieder herüber⸗ gewinnen. Der Knabe ſchlug zerſtreut mit ſeinem Stöckchen auf einige hochſtehende Grashalme . h wie⸗ te der was mt ja nach mir' 1 ſeid gewiß te der hland Co⸗ aben. ſagte euch twit jeren, über⸗ 31 Dankmar fühlte, daß ein längeres Geſpräch mit dem ſchüchternen und beſcheiden die Augen nieder— ſchlagenden Kinde es ängſtigen würde und brach, wenn auch ungern, ſeine Unterredung ab. Er konnte nicht umhin, dem Knaben flüchtig die erröthenden Wangen zu ſtreicheln, worauf dieſer vollends feuer⸗ roth wurde und ſich geängſtigt abwandte. Dankmar nickte noch einmal und wandte ſich links zur Schmiede. Ein Wagen fuhr eben davon. Zwei Pferde, hinten angebunden, hüpften ihm, mit neuen Hufeiſen beſchlagen, luſtig nach. Laſally's Jokey war gleichfalls verſchwunden. Nur noch ein Reitknecht hielt den Huf eines Gaules, dem der junge Zeck, in Hemdärmeln, ganz ſchwarz berußt, die Hornhaut vom Hufe abſtach. Dankmar ſah eine Weile zu. Der junge Zeck grüßte flüchtig und eilte ſich in der Arbeit, was er nur konnte. Der junge Ackermann hielt ſich in⸗ zwiſchen in der Ferne auf dem Raſen und ſchien ſich mit Bello ausgeſöhnt zu haben. Kaum hatte ſich Dankmar wieder nach ihm umgeſehen, war auch die letzte Arbeit in der Schmiede verrichtet. Der Knecht bezahlte und eilte mit ſeinem Pferde davon. Der junge Zeck verſchwand in dem innern kohlengeſchwärz⸗ ten Hauſe. Dankmar beſchloß, ſich dem blinden Alten vor 32 ſeiner Abreiſe doch noch einmal zu empfehlen. So folgte er in die dunkle leere Werkſtatt und ſah eine kleine ſchmale Treppe, die oben in die Wohnung des Schmieds führte. Er trat behutſam auf. Die Nach⸗ wirkung des Eindrucks, den der Knabe in ſeiner Sanftmuth auf ihn gemacht hatte, ließ ihn leiſer auftreten, als er ſonſt würde gegangen ſein. Man hörte ihn nicht. Wie erſtaunte er daher, als er un⸗ erwartet oben, eine Thürklinke niederdrückend und in ein niedriges Gemach eintretend, den blinden Zeck eben im Begriffe fand, einen ganzen Tiſch voll flim— mernder, hellblitzender Goldſtücke einzuſtreichen! Der taube Sohn ſtand gierig gaffend daneben und der Amerikaner wollte eben gehen.... Wer da? rief der Blinde mit Heftigkeit, als er ſich ſo plötzlich überraſcht fand. Sein ſonſt ſo feines Gehör mußte ihn bei dem Fühlen und Taſten nach den ſchweren Goldſtücken verlaſſen haben, ſonſt würde ihm wol ſchwerlich das wenn noch ſo ſtille Hinaufſteigen Dankmar's entgangen ſein.... Beruhigt Euch! ſagte Dankmar. Ich wünſch' Euch alles Glück, wenn Ihr in der Lotterie gewon⸗ nen oder eine Erbſchaft gemacht habt. Ich wollt' Euch nur ſagen, daß ich aufbreche und wenn — So h eine g des Nach⸗ ſeiner leiſer Man r un⸗ nd in Zeck flim⸗ Der der 33 Ihr an den Fuhrmann Peters etwas zu beſtellen habt— Nichts! Nichts! Was Peters! Herr! polterte der Blinde grob und unhöflich. Seit dem plötzlichen Reichthum ſchien er auch ſchon alle Fehler der Rei⸗ chen bekommen zu haben. Sein Zorn erinnerte Dank⸗ marn an die Bosheit, mit der er heimlich geſtern den vorlauten Bello hatte niedertreten wollen. Der Alte hatte ſein ſchon halb loſe hängendes Schurzfell raſch abgebunden und es wie zum Schutz auf den Tiſch ſo geſchwind gebreitet, daß einige Goldſtücke auf die Erde rollten. Der Blinde taſtete, der Taube kroch nach den rollenden Friedrichsd'oren mit der Gier einer Katze. Es war ein häßlicher, ängſtlicher Anblick.... Dankmar hatte ſchon die Thür in der Hand und entfernte ſich, den feinlächelnden Amerikaner flüchtig grüßend, mit den Worten: Ich ſehe, daß ich ſtöre. Genießt Euer Glück in Frieden! Lebt wohl! Damit kletterte er getroſt die Hühnerſteige wieder hinunter zu Bello und dem Knaben, der inzwiſchen draußen im Vorbau der Schmiede auf einen drei⸗ beinigen Schemel ſich niedergeſetzt hatte und dem Hund, der ſich ihm jetzt nach Entfernung der garſti⸗ Die Ritter vom Geiſte. II. 3 34 gen Magd, die hinten an einem Ziehbrunnen wuſch, traulicher anſchmiegte, nach ſeinem traurigen Schaden ſahe.... Wetter! ſagte Dankmar aufgeregt zu dem Kna⸗ ben, wenn ich gewußt hätte, daß dein Vater oben Geldgeſchäfte mit dem impertinenten alten Schmied hat, würde ich mich wol gehütet haben, ihn zu ſtören. Es iſt eine Erbſchaft, ſagte der Knabe, die ihm der Vater aus Amerika mitbringt. Eine Erbſchaft! Und das ſo aus freier Hand, ohne gerichtliche Vermittlung? Erbſchaften ſollen nur durch die Behörden gehen. Verſtehſt du etwas vom Recht? Der Knabe ſchüttelte den Kopf. Dankmar bemerkte mit Wohlgefallen die langen ſeidnen Wimpern des braunen Auges, die der kleine Amerikaner niederſchlug, ohne eine gewiſſe Pfiffigkeit und Schlauheit verbergen zu können, die hinter ſeiner Scheu verborgen lag.. Ihr wißt von unſerm Amtsweſen 34 unſrer Federfuchſerei nicht' viel? ſagte Dankmar, um ſich von dem unangenehmen Eindruck, den ihm der oben erlebte Augenblick hinterlaſſen, zu zerſtreuen. Doch, Herr, antwortete der Knabe und ſtemmte wuſch, Schaden 1 Kna⸗ er oben ſchmied ihn zu ie ihm Hand, en nur vom angen lleine figkeit ſeiner jnſrer ſich oben umte ¹ den einen Fuß wie ſpielend rückwärts an ein zerbro⸗ chenes Rad; doch! doch! Der Vater hat ſich freilich geſtern nach dem Schmied und ſeiner Schweſter er⸗ kundigt und ſich nachſchlagen laſſen, was man auf dem Amt von ihnen weiß und da er fand, daß es die Richtigen ſind, denen er das Geld zu bringen hat, ſo hat er's ihnen nun wol oben gegeben. Es war uns ſchwer genug. Um den Leuten Freude zu machen, wechſelte er das Papier in pures blankes Gold. Die Schweſter des Schmieds? wiederholte Dankmar, erfreut durch die ermuthigte und geſammelte Antwort und den gutmüthigen Zug des Vaters. Alſo eine Schweſter hat der Schmied? Er iſt blind, ſein Sohn taub, was muß da wol die Schweſter für ein Gebre⸗ chen haben? Das Alter, hör' ich; ſagte der Knabe lächelnd. Das Alter!.... wiederholte Dankmar. Die Antwort gefiel ihm. Er ſchaute ganz be⸗ troffen auf, vergrößerte die Augen und hätte faſt Brav, mein Jungel geſagt. Der Knabe aber, ſeine angenehme Erregung über⸗ ſehend, fuhr harmlos fort: Sie ſollte erſt in die Schmiede kommen, daß wir ihr hier ihren Antheil auch auszahlten und das 3 36 ſchwere Geld loswürden. Aber ſie ſoll ſeit Jahren ein Gelübde gethan haben, nicht weit vor die Thür zu gehen und ſo müſſen wir ihr's nun wol ſelbſt bringen..... In dieſem Augenblick rief vom Innern der Schmiede her eine ſtarke ſonore Stimme: Selmar! Dem nun aufſpringenden Knaben trat ſein Vater entgegen. Wie dieſer Dankmarn erblickte, ſagte er freundlich: Sie waren ſehr rückſichtsvoll, mein Herr! Wie raſch Sie ſich entfernten! Ja, ja! Der Blinde oben iſt außer ſich, daß Sie uns da ſo plötzlich überraſcht haben. Dieſe Leute wollen um jeden Preis etwas beſitzen, es aber um's Himmelswillen Niemanden ſehen laſſen. Er kann ſchon ſicher ſein, ſagte Dankmar, daß ich weder, was ich ſah, noch was mir mein kleiner Freund Selmar erzählte, ausplaudern werde..... Dankmar benutzte die Gelegenheit, zu bemerken, daß er endlich den Namen des jungen Ackermann er⸗ obert hätte.— „Freund Selmar!“„Ausplaudern!“ Dieſe Worte ſchienen einen Eindruck auf den Vater zu machen. Er. warf einen eigenen verlegenen Blick auf ſein Kind. — ahren Thür ſelbſt miede Vater te er Wie oben aſcht was nden 37 Selmar faßte ihn unterm Arm. Beide ſchickten ſich an die Schmiede zu verlaſſen. Sie kommen aus Amerika! ſagte Dankmar, ſich anſchließend und die fortdauernde Verlegenheit des Vaters nicht bemerkend. Sind die Amerikaner denn auch ſo wunderlich in Geiz, Habſucht und Verſtellung und unſern andern verſteckten europäiſchen Laſtern? Ackermann antwortete im Gehen lächelnd: Der Amerikaner trägt gern offen zur Schau, was er beſitzt, prahlt auch wol ein wenig.... aber die ſchnöde Furcht des Beſitzes iſt ſelten. Findet ſich dies Laſter, ſo iſt es aus Europa mit hinübergebracht. Wie bei Morton? Nicht wahr? ſagte Selmar. Dem Vater ſchien Selmar faſt mit Dankmarn ſchon zu vertraut geworden. Er blickte Dankmarn wiederholt an und ſchien ſich zu überlegen, ob ſein Sohn gut gethan hätte, ſich dem jungen Fremden ſchon ſo weit zu vertrauen, daß er von einem gewiſ⸗ ſen Morton ſprach.... Morton? wiederholte er und ſchwieg. Die Stimmung, die durch dieſen wiederholten Namen und das plötzliche Stillſchweigen des Vaters zwiſchen allen Dreien entſtand, löſte der junge Zeck, den Dankmar jetzt erſt hinter ihnen bemerkte. 38 Dahin wohnt die Tante! ſagte er und zeigte dem Walde zu. Er ſah dabei Dankmarn ſtutzig an und ſchien fragen zu wollen, ob dieſer zu der Partie gehören dürfe..... Alle Vier waren aber ſchon auf dem Wege und der Fußſteig von hier nach dem Walde zu gehörte zu⸗ letzt Jedem. Dankmar, der ſich nicht irre machen ließ, gab wol die Frage nach dem Geizhalſe Morton auf, be⸗ merkte aber, zu Ackermann gewandt und innerhalb der Grenze erlaubter Neugier; Sie ſind in Deutſchland geboren? Vielleicht ſchon früh ausgewandert? Vor einigen zwanzig Jahren! ſagte der Fremde und blickte ſich nach Selmar um, der ſich eben von ihm getrennt hatte. Dieſe Trennung galt Bello, auf den der Knabe ſich ſchon ſoviel Einfluß zutraute, daß er dieſen von dem Unmuth beruhigte, der ihn wieder beim Anblick des jungen Zeck befiel. 1 Ich habe mich in der Union drüben viel herum⸗ getummelt, ſagte dieſer ſogenannte Ackermann, bis ich endlich am Miſſourifluſſe in dem Städtchen Columbig mich niederließ. Mein Weib, das ich aus Deutſch⸗ land mitgeführt hatte, ſtarb vor noch nicht lange und 2 dem ſchien hören 39 hinterlies mir da den ſpät gebornen Jungen. He Selmar! Selmar! Laß doch dem Thierchen ſeine Freude! Der Junge ängſtigt ſich.. Sie wiſſen wol, in Amerika bellen die Hunde nicht.. Der taube Zeck öffnete ein Stacket, durch das man erſt zu einer Wieſe und dann zum friſch ſie anwehenden Walde gelangte. Er blieb, als Selmar und ſein Vater paſſirt waren, ſtehen und machte eine hämiſche Miene, indem er in der den Tauben eigenen leiſen Art, aber dummdreiſt, zu Dankmarn ſprach: Wir gehen auf's Jägerhaus! Dankmar achtete nicht. Aber auch Ackermann ſchien Dankmar's weitere Begleitung nicht vorauszuſetzen und blieb ſtehen, wie wenn man ſich empfehlen wollte.... Selmar aber hatte den lahmen Bello aufgegriffen und ihn mit den Worten: Armes Thierchen, das Laufen wird dir ſchwer; ich trage dich! an die Bruſt gedrückt und war ohne Rückſicht auf den Vater und den Fremden ſchon ein Stückchen Weges weiter gegangen. Kinder und Thiere bringen die Menſchen zuſam⸗ men! dachte Dankmar und ſchritt über die Wieſe getroſt mit zum Wald hinüber. Vater, ſagte Selmar ſich umwendend, ſo mächtig wie unſer Büffelforſt iſt ein deutſcher Wald doch nicht! 40 Das wollt' ich meinen, Junge! antwortete der Vater, der ſich in Dankmar's Begleitung nun ergab. Haſt du das Stacket bemerkt? Kein Jagdgeſetz hegt unſern Urwald ein! Wohl Vater.... aber.. Aber? Lieblicher iſt der deutſche Wald! Was lieblicher! Sieh, bei uns unter den rieſenhohen Bäumen mit dem rothen Holze und den ellenlangen Nadeln, wer kann da luſtwandeln? Ueberall Stämme, deren Wurzeln hoch aus der Erde herausſtehen und quer über Das hinweglaufen, was ungefähr wie ein Weg ausſieht und doch keiner iſt! Dazwiſchen ganze Bäume, die während der Ueberſchwemmung des Miſ⸗ ſouri ausgeriſſen wurden und hoch in den Zweigen der andern ſtecken blieben, wo ſie jeden Augenblick niederſtürzen können; der fürchterlichen Steine garnicht zu gedenken, die von uraltem Moos zerfreſſen überall umherliegen und die ganze Ordnung ſo einer fried⸗ lichen Baumgruppe ſtören. Sieh nur, Vater, wie die Sonne ſo heiter durch das Hellgrün der Buchen ſchimmert! Bei uns dringt die Sonne garnicht durch oder fällt nur von oben ſo geheimnißvoll herab, daß man ſich nach dem Felde hinausſehnt, wo ſie frei ſche hat ein mel gew und e der rgab. hegt 41 ſcheint. Und auch dort, geſteh's nur, Vater, was hat man als die unabſehbar große Prairie, die wie ein grünes Meer iſt, endlos, unheimlich und recht melancholiſch! Da ſehen Sie es, ſagte Ackermann nach dieſer gewandten Schilderung, die Dankmarn überraſchte und faſt erſchrecken ließ, daß er den gebildeten Kna⸗ ben ohne Weiteres mit Du angeredet hatte; da ſehen Sie's, Selmar hat es darauf angelegt mich hier zu behalten. Wie gefiel ihm nicht das abſcheuliche London, das garſtige Hamburg! Geſtern auf dem Schloßberge oben bekam er Gefühle, wie ein junger, unter Kloſterruinen erzogener Siegwart! Ein Ameri⸗ kaner! Ein praktiſcher Verſtandesmenſch! Schäme dich! Selmar lachte. Er hatte es ſchlau angefangen. Erſt den Vater durch ein Lob Amerika's gewonnen und dann doch ſeine Meinung geſagt. Dankmar hörte ſchweigend zu. Er lächelte mit Wohlgefallen und Ueberraſchung. Die gebildeten Aeußerungen des Knaben, der freundliche Scherz des geiſtreichen, plötzlich ſo fein und unterrichtet ſich aus⸗ drückenden Vaters erfreute ihn innigſt. Der Träumer trifft dich, Vater, ſagte jetzt Selmar, ließ den unruhig zappelnden Bello wieder laufen und hüpfte zu Ackermann heran, ihn zärtlich umfangend. 42 Wie ſo mich? Er trifft dich, Vater! Beſinne dich nur auf ſn Geſtern! Erſt wollteſt du nicht hinauf auf's Schloß, Iie weil du wol dachteſt, da fallen mir all' die ſchönen kabe Mährchen und Geſchichten ein, mit denen du und die we MNutter mich in der langen trüben Regenzeit in Co⸗ lumbia unterhielteſt! Weißt du noch die Sagen vom Kynaſt, vom Falkenſtein, vom Kyffhäuſer und vom 3 Drachenfels? Immer zankteſt du, wenn die Mutter 8 von dieſen Geſchichten anfing, und ſagteſt: Laß das dumme europäiſche Zeug! Wenn aber die Mutter 15 doch erzählte und nicht recht weiter konnte oder eine ded Sage nicht mehr recht im Zuſammenhange wußte, fielſt unn du ein und erzählteſt mehr als ſie. 1 Ja, ja! Aber oben..... was iſt oben auf 13 dem Schloſſe geweſen? gen Verſtell dich nicht! Wie du oben an dem Schloſſe warſt . rührte dich Alles, der kleine Pavillon im Garten, die Ha Grotte, die kleinen Waſſerfälle, die du, um nur ſpot⸗ die ten zu können, kleine Fingerhut⸗Niagaras nannteſt; da Und mit der alten Beſchließerin und dem weißhaari⸗ den gen Gärtner, mit dem beſonders, haſt du geſprochen, 1R als wenn ſie Kuno und Kunigunde hießen und ſeit tra tauſend Jahren da wohnten.... 6 — Brigitte, heißt die Alte, Kind! Das iſt ein ganz romantiſcher Name! Aber du irrſt, mein Junge, die thaten mir's nicht an. Jedes dritte Wort war ein Bibelvers. Das können wir in Philadelphia auch haben. Ja! Das war's, was mich ergriff, Kind, die Erinnerung an Philadelphia...... O du entkommſt mir nicht! ſagte der liebliche Knabe, immer zärtlich und dem Vater ſo treu ins Auge blickend, daß im Vaterauge wirklich eine Thräne der Rührung quoll; geſtern haſt du beim Anblick des Schloſſes oben eher an die Hängematte eines Negers gedacht, als bei den beiden alten Leuten, die es hü⸗ ten, an Philadelphia! Junge, was ſoll der Herr da von deinem Ge— ſchmack denken? Das alte Rococo⸗Möbel.. im Commodenſtyl! Wie kann uns das an deutſche Sa⸗ gen erinnern! Erzählteſt du nicht von der alten Geſchichte des Hauſes Hohenberg? Und von den Grafen Bury, die mit ihm verwandt ſein ſollten? Und dir gefiel auch das alte Möbel mit ſeinem geſchnörkelten Eiſengitter, den vergoldeten Namenszügen und den wunderlichen Fratzen über den Fenſtern! Und wie du erſt hinein⸗ trateſt in den Hof.. oben war bunte fröhliche Geſellſchaft,.. da ſchauteſt du in die Fenſter ſo 44 nachdenklich, ſo feierlich, als wollteſt du dir ſchon die Stelle ausſuchen, wo du deine Bücher hinſtellen könn⸗ teſt, hier die deutſchen, da die engliſchen und franzö⸗ ſiſchen, und wie du hinaufblickteſt auf die Krone, die über dem Giebel des Portales ſchwebte, da dachteſt du dir gewiß: da ſetz' ich meinen durchbrochenen Him⸗ melsglobus hin und betrachte mir von ſeinem Innern aus in ſchönen Winternächten die Sterne. Wenn keine Krähen drin niſten! ſagte Ackermann und fuhr nach einer Weile fort: Du biſt ein Phan— taſt! Man ſieht, daß du von deutſchen Aeltern ſtammſt und deutſche Aeltern ihre eigne Heimaths⸗ ſehnſucht in dich hineingeſeufßt haben. Im Gegen⸗ theil! Ich habe Mitleid mit Denen, die ſich da oben hinpflanzten und Einſiedler ſein wollten. Reuige Menſchen zogen oft in die Wüſte, aber ſie nahmen keinen Spiegel mit, der dazu dienen ſollte, ſich doch immer noch ſelbſt nicht zu vergeſſen. Thaten ſie es, wie Timon der Menſchenhaſſer, ſo wollten ſie im Spiegel nur ihren Verfall, ihr Elend erblicken. Der Ort da oben kommt mir wie ein Spiegel vor, in dem eine Büßerin beſchaut, wie ſie bei aller Reue ſich doch noch immer ſchön ausnimmt.... Die Bewohnerin des Schloſſes, ſagte Dankmar, war die Fürſtin Amanda von Hohenberg. al, 45 Ich weiß es, bemerkte Ackermann ernſt und Wut auffallender Beſtimmtheit. Sie wurde fromm, fuhr Dankmar fort, als ſie ſich unglücklich fühlte und keine irdiſche Rettung mehr kannte. Ihr Gatte trug einen berühmten Namen ohne Würde. Er verſchleuderte ſein Vermögen. Die Arme ließ nichts zurück, als ein geſegnetes Andenken und einen Sohn, der, wenn ich nicht ſehr irre, gelernt hat, irdiſche Auszeichnungen entbehren. Dankmar ſprach dieſe Worte mit feſter und doch bewegter Stimme. Er hatte eine ſo tiefe Achtung vor ſeinem Reiſebegleiter in der Blouſe gewonnen, daß er glaubte, hier für ihn einſtehen zu müſſen, wo ſei⸗ ner unglücklichen Mutter vorgeworfen wurde, ſie hätte mit ihrer Frömmigkeit es doch wol nur auf die herge⸗ brachte weibliche Eitelkeit, wenn auch in andrer Form, abgeſehen gehabt und es wäre ihre Reue von Selbſt⸗ zufriedenheit begleitet geweſen. Ackermann wandte ſich auf dieſe Worte plötzlich, blieb einen Augenblick ſtehen und ſah Dankmarn mit fragendem Ernſte an. Kennen Sie den Prinzen Egon? ſagte er, hoch⸗ roth erglühend. Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar mit einer 46 Erregung, die ihm gleichfalls in die Wangen ſtieg. Ich verbürge mich für ihn; ſetzte er entſchieden hinzu. Es kennt ihn hier Niemand, ſagte Ackermann, es kannte ihn in der Reſidenz Niemand, er lebte in Paris; und Sie... kennen ihn? Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar beſtimmt und war faſt entſchloſſen abzubrechen und umzukehren. Ackermann ſchwieg, betroffen, wie es ſchien und ſeine Anklage bereuend. Er wandte ſich wie in tiefes Nachdenken verfallen, zu dem jungen Zeck, der mit ſchwerem plumpem Gang voranſchritt und einmal über das Andere für ſich über das Glück ſeines Va⸗ ters und ſeiner Tante in ſich hinein lachte. Die für die Letztere beſtimmten Goldſtücke mußte Ackermann in der weiten Bruſttaſche tragen, denn mit ſtierer Neugier und einem gewiſſen vertraulichen Zublinzeln zu dieſer Stelle ſchien der Taube ſagen zu wollen: Nicht wahr, da ſteckt das Geld für die Tante? Nur zu Dankmarn wandte er ſich dann wieder mit mistraui⸗ ſcher Furcht und betrachtete ihn noch ängſtlicher als geſtern ſchon, wo er ſich als Eigenthümer des an ihrer Schmiede verlorenen Schreines zu erkennen gegeben hatte... Selmar blieb bei Dankmarn zurück. Es ſcheint, ſagte Dankmar, als wenn ihr Beide, du! ihr jenſe kal 47 du und dein ſtrenger Vater, im Streite wäret, wo ihr künftig leben ſolltet, hier oder wieder drüben, jenſeit des Meeres..... 5 Das eben iſt es! ſagte der Knabe. Der Vater muß eine üble Meinung von Europa haben. Ich hörte es an der heftigen Anklage gegen die frömmelnde Fürſtin Amanda... Er war geſtern anders.... Sonderbar.. Kannte er ſie? Die Fürſtin Amanda? ſagte der Knabe erſtaunend. Ich glaube: nein! Iſt der Vater reich, ſo follte er dieſe Beſitzung kaufen... Sie iſt zu haben. Ja zu haben! rief der Knabe lachend und ſchüttelte den Kopf, als glaubte er, dazu gehörten Millionen. Dann fuhr er fort: Nein, nein! Der Vater kämpft mit ſich, was er mehr lieben ſoll, die alte oder die neue Welt. Erſt zog es ihn mit ſo großer Gewalt nach Europa zurück, er traf alle Einrichtungen, nie wieder zu kommen, ließ Haus und Hof in getreuen Händen, die, im Fall er nicht wiederkäme, ihm dafür den baaren Be⸗ trag einer anſehnlichen Kaufſumme ſchicken wollen und nun gefällt ihm ja das alte Heimathland nicht mehr! Jede Gegend, die er von früher ſieht, erweckt ℳ 48 ihm traurige Erinnerungen und während er ſo rüſtig, ſo geſund und ſonſt ſo heiter iſt, ruft er hier überall aus: Ich bin alt geworden, alt!... und blickt dabei ſo wehmüthig gen Himmel,... daß ich weinen möchte! Selmar weinte... . Armes Kind! ſagte Dankmar, den Knaben trö⸗ ſtend. Und dir geht es umgekehrt? Dir gefällt die Heimath deiner Mutter. Dich kann ein Land nicht befriedigen, wo wie in Miſſouri noch Sklaven dem Boden ſeine Erzeugniſſe abgewinnen. Dich reizt das Gewühl unſerer Städte, die bunte Mannigfaltigkeit unſerer Beſtrebungen, die Verſchiedenheit der Spra⸗ chen, der Luxus, die Pracht der Lebensweiſe, die ſchönen Krieger in glänzenden Uniformen— nicht ſo? Selmar wurde über und über roth und lachte plötzlich. Ei bewahre! ſagte er endlich ganz verſchämt. Doch! doch! fuhr Dankmar fort. Das iſt's, was dich feſſelt! Für ein ſo ſchönes Schauſpiel, wie bei uns eine Heerſchau der buntgeſchmückten Krieger in funkelnden Waffen und bei kriegeriſchen Klängen, giebſt du noch Amerika's ganze Freiheit hin, alles das, was ohne Zweifel die wahre Feſſel iſt, die den Vater an Amerika kettet; denn aus ſeinen Aeußerun⸗ ₰ —— tig, rall lich ich 49 gen über das Schloß dort oben ſeh' ich, daß er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt. O gewiß, Wahrheit und Vernunft liebt der Vater! ſagte Selmar mit leuchtenden Augen. Dann fuhr er fort: Glaubt nur nicht, daß ich kein Herz für die Größe der Union habe und die freie Staatsform, in der wir leben, geringſchätze. Indeſſen— Warum ſtockſt du? Ich will es auch nur aufrichtig ſagen, fuhr Sel⸗ mar mit herzlicher Innigkeit fort. An dieſer Luſt, die ich empfinde, Europa und Deutſchland zu ſehen, iſt die Mutter Schuld. Sie ſchläft drüben in amerika⸗ niſcher Erde! Aber ihre Seele, wenn es Gott geſtattet, daß ſie zuweilen noch auf Erden weilen darf, würde am glücklichſten ſich fühlen, dürfte ſie hier weilen unter den deutſchen Eichen. Sie umſchwebt uns gewiß überall, wo wir weilen werden und zögen wir in die Wildniſſe Aſtens. Aber das reinſte und ſchönſte Opfer, das man ihr bringen kann, wäre das, wenn wir da lebten, wo ihr Geiſt auch die Andern noch umſchweben kann, die ſie hier liebte und verließ, als ſie nach Amerika zog..... 5 Dankmar empfand dieſe ſchlicht vorgetragenen, tief empfundenen Worte in ihrer ganzen Wahrheit. Die Ritter vom Geiſte. II. 4 50 Er ſah im Geiſt die Mutter dieſes Knaben ſich tren⸗ nen von denen, die ihr hier nächſt dem Gatten das Liebſte waren und mit halbgebrochenem Herzen in das ferne Land dem noch jetzt ſchönen, edlen Manne folgen, der da vor ihm herſchritt mit eben ergrauen⸗ dem Haare, noch ſtolz und männlich! Er konnte nachfühlen, wie hier ein Kinderherz früh getheilt war zwiſchen dem, was den Vater beglückte und dem, was die Sehnſucht der Mutter war. Vielleicht lebten hier noch viele Menſchen, denen Selmar die Züge der frühvollendeten Mutter zurückrufen ſollte; vielleicht ſollte dieſer Knabe ihnen Erſatz für Das werden, was ſie an ihr ſelbſt verloren... Um der wehmüthigen Stimmung Selmar's keine neue Nahrung zu geben, lenkte Dankmar das Geſpräch darauf hinüber, daß er ſagte: Ich kann mir denken, was die gute Mutter von Europa Alles mag erzählt haben und wie das früh in deinem Kopf gezündet hat. Hätteſt du in New⸗ York gelebt, würde das Geräuſch einer großen Welt⸗ ſtadt auch nicht den Drang nach der Ferne ſo mächtig in dir haben aufkommen laſſen; aber eine ſolche kleine Niederlaſſung am Miſſouri, unter Urwäldern und Prairien! Da mag es melancholiſch genug ſein und ich kann mir denken, die Sagen vom Kynaſt und anne uen⸗ nnte war was hier der feicht den, keine vräch von fruh Neiw⸗ Welt⸗ chi kleine und und und Drachenfels, die dir in der trüben Regenzeit erzählt wurden, kamen nicht vom Vater— Nein! fiel der Knabe ein, die kamen von der Mutter, der guten Mutter. Sie war nur Liebe und Güte. Wie hieß ſie? ſagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen... Der Knabe erröthete, faſt erſchreckend. Er that, als hätte er die Frage überhört und machte ſich mit den Sträuchern am Wege zu ſchaffen, von denen er einen kleinen Zweig abbrach. Dankmar nahm das Nichtbeantworten ſeiner Frage für zufällig. Nur daß der Knabe zum Vater hin⸗ ſprang und er allein blieb, wie Einer, der nicht zu den Andern gehörte und ſich doch wol nur als einen Aufdringling betrachten müſſe, war ihm peinlich. Er blieb ſtehen und hätte die Fremden vielleicht ohne Abſchied gehen laſſen, wenn ſich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in einem grü⸗ nen Thalgrunde, der abwärts vom Walde nun in die Tiefe ging, aber rings vom Walde noch einge⸗ ſchloſſen blieb, gezeigt hätte mit den Worten: Da iſt das Jägerhaus! DOffenbar wollte er ſagen: Sie begleiten uns doch? Aber Dankmar fühlte etwas, was ihm zuflüſterte: 4* Das Geſchäft dieſes Mannes im Jägerhauſe iſt wol ſo eigner Art, daß du nur ein unwillkommener Zeuge ſein würdeſt. Er ſagte daher kürzer und faſt ſchroffer, als er wollte: Entſchuldigen Sie meine Begleitung! Ich konnte dem lockenden Walde nicht widerſtehen. Damit lüftete er den Hut und nickte dem Knaben, der nachdenklich und wie eingewurzelt ſtand, ein freundliches Adieu! zu. Auch Ackermann ſchien betroffen, wandte ſich aber.. Läſtig war das erneute garſtige Bellen des Hun— des, der ſeinen Namen„Bello“ von der Schönheit ſei⸗ nes Aeußern weit weniger, als vom Bellen verdiente. Während Dankmar ihn zur Ruhe bedeutete, gingen die Wanderer ſchon weiter, ohne ſich anfangs nach ihm umzublicken. Nur Selmar, als ſie im Grunde Dankmar's Augen waren ſcharf genug, noch einige Zeit zu verfolgen, wie traurig dabei des Knaben Miene l ſchien und daß beide ſtumm nebeneinandergingen. Warum folgſt du nicht? ſchienen ihre Augen ſa⸗ folgſt du nicht?..... waren, that es noch zuweilen, aber wie verſtohlen. gen zu wollen und Dankmar ſagte ſich ſelbſt: Warum Der Weg, der zum Jägerhauſe fühns, arerf. 53 ſich ziemlich lang am Rande des Waldes und der Wieſe hin, die rings vom Walde eingeſchloſſen war und zu abſchüſſig ging, als daß man quer über ſie hätte hinwegſchreiten können. Dankmar ſtand an einem alten Eichenbaum und ſahe, die Arme ver⸗ ſchränkend, dem Amerikaner und ſeinem Sohne nach. Was zieht mich euch Beiden nach, ſagte er ſich, dir du ſtrenger Mann und dir du holder Knabe! Iſt es die wunderbare ferne Welt, aus der ihr wieder⸗ kehrt und die vielleicht auch einſt nur das Land ſein wird, wo meine Träume reifen können? Warum trennen wir uns, da wir uns kaum begrüßten? Warum kann ich nicht gleich tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen, tüchtiger Mann, der du gewiß von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menſchenhaſſer kennſt und den Spiegel kennſt, in dem er ſich ſelbſt anredete und die Menſchen verfluchte? Warum hab' ich nun kein Zeichen, das dir gleich geſagt hätte: Ich fühle Ehrfurcht vor dei⸗ nem Antlitz, deinem Auge, deinem leiſe angegrauten Haar! Wenn ich dich ſelbſt nicht lieben könnte, ſo lieb' ich dich in deinem Sohn! Ich weiß es ſchon, du Kräftiger, daß in dir Gedanken leben, die höher hinaufweiſen als die gewöhnlichen Wegweiſer unſerer grauen Theorie! Du haſt nachgedacht, du haſt ge⸗ fühlt, gelebt, geliebt! Ich weiß ſchon Alles..... Ein Weib folgte dir und vergaß ihre Thränen in deinen Umarmungen und dies Kind iſt das Unter⸗ pfand dieſes Schmerzes, das Denkmal einer Liebe, die ſich noch im Tode bewährte... und die du ſel⸗ ber ehrſt, ſonſt würdeſt du nicht dies Europa wieder⸗ ſehen wollen, dies Land, das dich doch ſicher— denn du heißeſt ſchwerlich ſo, wie du dich nennſt!— von ſeinem Herzen ſtieß! Wo kann ich dir wieder begegnen, edler Mann? Wo mich an deiner ſtarken Hand führen? Nie alſo, nirgends mehr? Das wäre ſo verloren! Und warum verloren? Weil du die Menſchen vielleicht haſſeſt wie Timon? Nein! Weil du mich für einen gedankenloſen Dieb deiner Zeit hältſt, der nichts kann, als fremde Menſchen beläſtigen und zwecklos ausfragen! Ich mißfiel dir; du kennſt mich nicht! Warum iſt nun kein Wort möglich, das mit einem Hauche ſagt: Hier iſt auch ein Menſch, ringend, wie du einſt gerungen haſt, ein Menſch ohne Chrgeiz für ſich, aber voll Ehrgeiz für das Allgemeine! Das Allgemeine? Ja das Allge⸗ meine! Das nicht Einen, nein Tauſende, Hundert⸗ tauſende Gleichgeſinnter braucht! Sind wir beide gleichgeſinnt? Warum erkennen wir uns nicht? Die Freimaurer erkennen ſich! Gerechter Gott, und was drückt das aus: ein Freimaurer! Wenig genug, wenn man Leſſings Geſtändniſſe lieſt. Und doch grüßen ſie ſich geheim, wie mit einem Gruße in der Wildniß! Man iſt mit dieſem Gruße nicht mehr dunkel über ſich, man hat doch Eins gemein, Eins, das Gefühl der Brüderlichkeit, ſo misbraucht es auch wird und ſo läſtig es dem ſein muß, der das Zeichen dem erwidern ſoll, der ihm gleich beim erſten Blicke mis⸗ fällt. Aber was führt die Männer, die ſich gefallen ſollten, zuſammen? Wer läßt den Geiſt den Geiſt erkennen? Was kürzt uns durch einen einzigen Blick den langen Umweg ab, den wir brauchen, um die, die uns gleichgeſinnt ſind, erſt zu erkennen— ach, wo anders erkennen wir uns, als... auf dem Schlachtfelde..... in den Gefängniſſen... im Grabe! Dankmar blickte auf. Der Knabe hatte noch ein— mal zu ihm herübergeſchaut wie mit traurigem Vor⸗ wurfe.. Um ſich einem Anblick zu entziehen, der ihn zu heftig bewegte, trat Dankmar zurück und warf ſich ins Gras unter einem Haſelſtrauche, den die dichten Zweige der etwas entfernteren Eiche noch beſchatteten.. Er ſpann die Gedankenreihe aus, in der wir ihn ſchon ſo oft, am meiſten nach Schlurck's Aeußerungen über den Reubund, belauſcht haben und die, das merken wir nun wol, mit ſeinem glücklichen Funde in Angerode zuſammenhing. Er vergegenwärtigte ſich die alten Zeiten, wo das Chriſtenthum ganz allein die Stelle ſolcher neuernden Begriffe vertrat, wie ſie jetzt die Menſchheit beherrſchen. Er ſah die damalige Bildung, die chriſtliche, da nicht dem Zufalle preis⸗ gegeben, ſondern in der Obhut eines gewiſſen geglie⸗ derten Kaſtengeiſtes, den ſogleich die Verbrüderungen, die Herbergen, die Agapen und dann die Mönchs— orden vertraten. In den Ritterorden erblickte er dann die Beſeitigung der Gefahren, die das alleinige Vor⸗ recht des geiſtlichen Standes an der Verwaltung der Ideen mit ſich bringen konnte, wenn es ausſchließlich wurde. Die Orden waren Jedem zugänglich, ſelbſt Ungelehrten und unadlig Gebornen. Wenn er dann die rege Betriebſamkeit eines gemeinſchaftlichen Wir⸗ kens und die ſichere Anlehnung an Gleichgeſinnte, die man durch äußere Kennzeichen in der ganzen dama⸗ ligen chriſtlichen Welt antreffen konnte, bewundern mußte, ſo flößte ihm vollends die feine und durch— dachte Gliederung beſonders des ſpäteren Jeſuiten⸗- ordens als Form, als kunſimäßig angelegter Bund, die größte Achtung ein.... 57 Warum geht bei uns Alles ſo in der Irre! dachte er ſich. Warum gruppirt man ſich nur in loſen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung! Warum verſchwört man ſich nur blindlings mit abenteuerlichen, leicht enthüllten Masken!... Wer uns eine Stif⸗ tung brächte, die unabhängig von jeder zunächſt auf der Tagesordnung ſtehenden Frage nur die Verſtän⸗ digung über ſie im Allgemeinen, die Einigung über die erſten Grundſätze erleichterte! Wer uns etwas erſänne, das wie ein elektriſcher Schlag Jeden träfe, der mit uns in einem geiſtigen Rapport ſteht und uns dann immerhin ſo ganz zufällig begegnete!. Man würde ſich gleich erkennen. Wie würde man ſeine Erfahrungen austauſchen, wie würde man ſich zu einem geordneten, ſicheren Syſtem des Handelns raſcher vereinigen! So viel Verſtand und keine Ver⸗ ſtändigung! Und wenn ſich Dankmar dann geſtehen mußte, daß alle die, die etwas Großes in dieſer materiellen Welt dauernd behaupten wollen, Mittel beſitzen müſſen, um die Zweifelnden und Läſſigen zu ermuntern und das Beiſpiel der Entbehrung, das ſo Mancher in ſeiner Großherzigkeit giebt, für die Andern auch nicht gar zu abſchreckend zu machen, ſo gedachte er der Papiere, die er in jenem Schreine gefunden hatte. Eine alte Ueberlieferung ſeiner einſt angeſehenen Familie hatte ſich plötzlich in eine mit Händen zu greifende Wahrheit verwandelt. Die Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein, die in einem geſitteten Rechtsſtaate wirklich noch feſten Bo⸗ den gewinnen, keimen, ausſchlagen, blühen konnten. Er hatte die Mittel in Händen, einer ſeit zwei Jahr⸗ hunderten ſchwebenden Verhandlung über ein immer größer angewachſenes Vermögen von Häuſern und Grundbeſitzungen eine neue Diverſion zu geben, die ſich auf die Annahme gründete: Wenn der Staat begonnen hat, jene Verlaſſenſchaft, die Jahrhunderte lang gleichſam herrenlos war, für ſich in Anſpruch zu nehmen und den gegenwärtigen Nutznießern zu entziehen, warum kann ſich nicht mit den ſicherſten und feſtbeglaubigten Urkunden ein Mitkämpfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite ſtellen und Alles das, was Jener zur Begründung ſeiner Anſprüche mühſam und aus Zwangsſätzen der Gewalt zuſammenſtellt, mit weit größerem Fug und Recht aus verbrieften hiſtoriſchen Thatſachen herleiten? Wer weiß, fuhr er innerlichſt zu erwägen fort, ob in jenem Proceſſe, deſſen inneres Getriebe mir bald kein Geheimniß mehr ſein ſoll, nicht Aſſertionen genug vorkommen, die mir unbewußt über das, was 59 noch ſonſt dem eingebildeten Entwickelungsgange dieſes Proceſſes einen plötzlichen Umſchlag geben könnte, mei⸗ nen Wettlauf mit dem Staate und jener großen mäch⸗ tigen, von Schlurck vertheidigten Commune erleichtern? Und ſo gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe, die er ſich geſtellt hatte und die er nicht zu ſeinem Vor⸗ theil, ſondern in der That zur Durchführung einer großen ſocialen Idee löſen wollte, daß ihn nun eine namenloſe Angſt überfiel, welches Schickſal die in Schlurck's Händen befindlichen Papiere treffen könnte Mit dem Entſchluſſe, jetzt unmittelbar nach der Reſidenz zurückzueilen, ſprang er auf, warf, um nicht gefeſſelt zu werden, keinen Blick mehr nach dem grü⸗ nen Plane und dem Jägerhauſe zurück, ſondern lief faſt mit beflügelter Eile denſelben Weg zurück, den er eben neben dem Knaben ſo gemüthlich geſchlendert war.. Bello konnte auf ſeinem lahmen Beine kaum folgen. Dankmar rief, feuerte ihn an und trieb zur Eile.... Da grüßte ihn ein freundliches Wort aus dem Buſch. Ein Bekannter hielt ihn an, der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und plötzlich, ihn faſt erſchreckend, vor ihm ſtand. Es war der Jäger Heuniſch. — — — Drittes Capitel. Das Jägerhaus. Heuniſch, die Büchſe auf dem Rücken, eine ſorgfältig geſchloſſene Pfeife im Munde, ſchien ſo eben nach ſeiner Wohnung einlenken zu wollen. Er erkannte in Dankmarn ſogleich jenen jungen Mann, dem er geſtern früh auf dem Gelben Hirſch, während es ſo heftig regnete, von alten und jungen Zeiten auf Schloß Hohenberg hatte erzählen müſſen. Seinen freundlichen Gruß erwiderte Dankmar mit den Worten: Eilen Sie, daß Sie nach Hauſe kommen! Sie haben Beſuch... Ich erfuhr es ſchon in Pleſſen, ſagte der Jäger. Wie ich in der Schmiede vorſprach, ſagte mir's der alte Zeck. Wenn die Urſula ſo ins Feuer geräth über den amerikaniſchen Beſuch, wie ihr blinder Bru⸗ der, der wie närriſch herumtaſtete und herumgrabbelte, ſo muß es ein ſehr naher Freund zu ihr ſein. ———————— fältig nach te in n er 5 ſo auf einen rten: Sie iger. der räth Bru⸗ elte, — 61 Oder er bringt Grüße von einem Freunde aus Amerika, bemerkte Dankmar, der es vorzog, das, wie es ſchien dem Förſter unbekannte Geheimniß der Erb⸗ ſchaft zu verſchweigen. Auch möglich, ſagte der Jäger. Die Zeck's ſind alle heimlich. Heimlich? fragte Dankmar. Was verſtehen Sie unter heimlich? Dankmar hätte ſie lieber unheimlich genannt. Nun! ſagte der Jäger. Es ſoll mir nicht ein⸗ fallen dieſen Leuten etwas Schlimmes nachzuſagen, ſie ſtehen in bravem Rufe und gehörten früher auch zu den Frommen, die die hochſelige Fürſtin beſchützt hat. Aber es kommt mir mit ihnen vor wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder einem ausgetrock⸗ neten Teich. Man kann nicht darüber gehen ohne daß es einem immer iſt, als könnte da wieder einmal Waſſer zum Vorſchein kommen. Wir nennen das, ſagte nun Dankmar, unheim⸗ lich. Sie nennen's heimlich. Worin finden Sie denn, daß dieſe Familie etwas Verſtecktes und Un⸗ zuverläſſiges hat? Der Jäger kratzte ſich hinterm Ohre und erbot ſich Dankmarn, der eine kaum angerauchte Cigarre mechaniſch in der Hand hielt, Feuer anzuſchlagen, 62 wenns auch, wie er ſagte, eigentlich nicht geſtattet wäre im Walde Cigarren zu rauchen. Dann laſſen Sie's! ſagte Dankmar. Aber der Jäger meinte: Ach was? Wie lange wird's dauern, ſo laſſen die oben doch all die Stämme hier abhauen, um zu Gelde zu kommen. So... oder... ſo! ſetzte er lachend hinzu. Und ſo rauchte Dankmar die Cigarre an des Jägers geöffnetem Pfeifendeckel an. Den Deckel dann in Erwägung der Waldordnung kräftig zuſchla⸗ gend und ſelbſt durch einige Züge ſein gelbes Kraut wieder lebhafter anglimmend, fuhr der Jäger fort: Die Zecks in der Schmiede gelten für ehrliche Leute und ſind's auch, aber ſie kommen Manchem vor wie Welche, die mit einem Strick am Halſe leben. Droſſel auf dem Gelben Hirſch ſagte noch vor Kur— zem, er hätte immer gehört, wenn ein Vornehmer 'mal einen Knecht erſchlägt, ſo kann er ſich vom Galgen loskaufen durch eine runde Summe, aber auf den Boden ſtellt ihm die Juſtiz auch was Rundes hin, nämlich's Rad, damit er immer einen Augen⸗ ſpiegel in der Nähe hat. Ob's wahr iſt, weiß ich nicht. Aber der alte Zeck kommt Manchem vor wie Einer, der auf'm Boden auch ſo ſein Rad ſtehen ſtatte hat. Von meiner alten Urſula gar nicht zu reden, die die Leute eine Hexe nennen. Aber die Leute ſind närriſcher als ſie. Wie kommt denn Zeck's Schweſter in Ihre Jägel⸗ laſſen wohnung? fragte Dankmar, den eigentlich der Rück⸗ in zu blick auf Ackermann und Selmar feſſelte. zte er Ei, ſie war ja meines Vorgängers Frau! ſagte der Jäger. Ich habe ſie ja mit übernehmen müſſen, n des als ich vor Jahren hier in den Poſten kam! Da⸗ Deckel mals warf ſich ja die Alte auch auf die Frömmigkeit, ſſchla⸗ um die Fürſtin zu rühren. Und ſo kam's auch. Kraut Heuniſch, ſagte die Fürſtin,(Gott hab' ſie wirklich rt: ſeelig, es konnte Jeder, der die Augen verdrehte, mit hrliche ihr machen, was er wollte!) Heuniſch, ſagte ſie, Ihr nchem ſeid mir gut empfohlen worden und der Fürſt hat leben. nichts dagegen, daß ich Euch Marzahn's Stelle gebe Kur⸗ Marzahn hieß der frühere Förſter, mein Vorgän⸗ eehmer ger— aber ſagte die Fürſtin— Ihr ſeid jung und vom rüſtig— damals war ich's mehr als jetzt— und er auf die Marzahn bleibt in dem Hauſe bis an ihr Ende. undes Sie können ſich denken, Herr, was ich für ein Geſicht lugen⸗ dazu ſchnitt! Ich wollte mich juſt verheirathen und iß ich die Urſula Marzahn, hieß es, iſt von jeher ein Drache t wie voll Gift und Bosheit geweſen. Ich ſagt's auch der ſtehen Fürſtin— Gott hab' ſie ſelig— Durchlaucht, ſagt 64 ich, die Marzahn?...... Und mehr braucht' ich eigentlich garnicht zu ſagen; denn ſie mußte es gleich fühlen, daß das ſo viel hieß, als in einen Thurm geworfen werden, wo unten nichts als Kröten und Schlangen ſind. Nämlich die dummen Leute hatten der Urſchel den Ruf gemacht. Sie kam ſchon ziem⸗ lich bejahrt mit dem ewig betrunkenen Marzahn hier an, mit dem ſie anfangs wild gelebt hatte und erſt verheirathet wurde, als er den Poſten bekam. Der alte Sägemüller im Gebirg, auch der reiche Sandrart, den ich manchmal im Ullagrund beſuche— ein ſtatt⸗ licher aber grober Bauer— haben mir Teufelsdinge erzählt, wie die Urſchel anfangs hier auftrat. Sie war ſchon faſt an die Funfzig und ſoll früher bei einem Scharfrichter gedient haben, von dem ſie Doc— torei mit Vieh, aber auch mit Menſchen gelernt hat. Genug, von ihren jungen Jahren weiß man nichts, als daß ſie bei dem Doctor Lehmann, ſo hieß der 1 Scharfrichter, von dem Sie wol gehört haben... Ich kann nicht ſagen, bemerkte Dankmar lachend... Bei dem, der meilenweit immer verſchrieben wurde, fuhr Heuniſch ſort.... Verſchrieben? Zu den Armenſünderfrühſtücken, Herr! Nun, bei dem hat ſie ja gedient und war dann an den Mar⸗ ich leich zurm und atten jem⸗ hier erſt Der rart, ſtatt⸗ inge Sie bei Doc⸗ hat. chts, jder nd..⸗ urde, 65 zahn, einen ausgedienten Soldaten, gekommen und mit ihm hierher. Wie ſie eine Weile im Walde war, kam auch der Bruder nach, der auch mit Vieh Doc⸗ torei treibt.... Dankmar mußte zur Beſtätigung auf ſeinen ſchlecht⸗ geheilten Bello ſehen, der ſich mit dem Hunde des Jägers zu vertragen ſchien und ruhig neben dieſem aushielt. Genug, ſagte Heuniſch; Marzahn ſtarb bald, was kein Wunder war... Ich will hoffen, bemerkte Dankmar lächelnd, daß ſeine Frau, die Ihr wie ein Geſpenſt ſchildert, ihm keinen Trank eingerührt hat.... Keinen Trank? ſagte Heuniſch, der die Redſeligkeit ſelbſt war. Trank genug! Er trank den ganzen Tag. Urſula hatte ſchlimme Tage bei ihm... ſie hat's in Geduld ertragen... Die Urſchel kennen die Men⸗ ſchen gar nicht... Ihr müßt einen Schatz an ihr haben, daß Ihr ſo allein mit ihr leben könnt und ſie vertheidigt! Ich ſage Ihnen, Herr, die Urſchel iſt bei alledem treu wie Gold. In jungen Jahren ſoll ſie's arg mit Männern gehabt haben, aber ſeit ſie alt geworden iſt... Hoffentlich auch ſeit ſie der ſchreckliche Doctor Leh⸗ mann in der Cur gehabt hat... Die Ritter vom Geiſte. II. 5 66 Davon weiß ich nichts. Ich ſage Ihnen aber, ſie hat an dem Marzahn, der ſie ſchlug und mit Füßen trat, wie ein Kind gehangen... Käthchen von Heilbronn unterm Galgen. Nicht von Heilbronn, Herr; und Urſula! Urſula! Nicht Käthchen! Ich verſtehe! Aber ich kann mir ſchon denken, Ihr habt die Urſula bei Eurem Förſterpoſten als Inven⸗ tarium oder ſogenanntes„eiſernes Vieh“, wie wir Juriſten ſagen, mit in Kauf nehmen müſſen... Beinahe ſo! lachte der Förſter. Heuniſch, ſagte die Fürſtin, ich weiß, was Ihr ſagen wollt, aber die Marzahn iſt durch den Tod ihres Mannes erleuchtet geworden und der Erlöſer iſt ihr im rechten Lichte aufgegangen, und was ſolche ſchöne Sachen mehr ſind, die aber bei der Marzahn, wer ſie nämlich kannte, eigentlich zum Lachen waren. Jetzt will ich Ihnen nur ſagen, beſter Herr.... Ich wollte näm⸗ lich heirathen und nahm die Stelle und auch, weil's nicht anders ging, die Marzahn mit. Und wie ge— ſagt, ſie war eigentlich bei alledem eine charmante Perſon! Sie wollte ſich auf ein einziges Zimmer ein⸗ richten und ſie that's auch ganz beſcheiden bei alledem! Bei alledem? Ja, bei alledem! Ich dachte, ſie macht nicht 67 lange... aber wer ſtarb, war nicht die Alte. wer ſtarb, war... Doch was halt' ich Sie da auf, guten Morgen, Herr! Guten Morgen! Dankmar fand an dem treuherzigen Manne Ge⸗ fallen und bat ihn, doch fortzufahren... Nun, wer ſtarb, war meine Braut, und als ich nach drei Jahren wieder ein nett Mädchen kennen lernte— wer da wieder ſtarb— war wieder meine Braut— und Das überwand' ich ſeit vierzehn Jah— ren, und nun bin ich zweiundfunfzig. Man ſieht's mir nicht an, gelt? Aber ich bin's. Und die Urſula Marzahn huſtet und huſtet und ächzt und ſtöhnt und iſt jetzt dreiundſiebzig Jahre und ſie iſt bei mir ge⸗ blieben und... was die Leute reden.. Was reden die Leute? fragte Dankmar den Jä⸗ ger, der nun gehen wollte. Ich ſag' immer, der Menſch ſoll leben, als ging' er grade der Naſe lang! ſagte Heuniſch und ſteckte die Pfeife ein, die ihm ausgegangen war. Schlecht und recht, meint Ihr? Das zuerſt und dann nicht links, nicht rechts ſehen und ſich kümmern, was wol Alles an Dem ſein möchte.... Die Wahrheit fliehen, Heuniſch? Den Glauben theil' ich nicht.... Was ſagen die Leute? 5* 5 68 Es iſt beſſer, Herr! Ich hab's auch der Fränz geſchrieben, die mir einmal Etwas von dem ſeligen Fürſten klagte. Kind, ſchrieb ich ihr, laß die Nach⸗ forſchung und thu' deine Arbeit ohne Nachdenken! Dankmar mochte nicht weiter forſchen, erſtaunte aber über des Jägers plötzlich bleicher gewordenes Antlitz. Ich halt' Euch auf... ſagte er. Nein, nein, meinte Heuniſch; ich plaudere mit Ihnen aus dem nämlichen Grund. Ich mag näm⸗ lich gar nicht in mein Haus, ſolange die Fremden da ſind. Ich dränge mich nicht in die Heimlichkeiten der Urſula.... Ihr habt viel Zartgefühl, Heuniſch.... Nennen Sie Das ſo? Es könnte vielleicht auch anders heißen.... Nichts Schlimmeres aber! Ihr ſeid die Rückſicht ſelbſt. Doch! doch! Nennen Sie's nur Furcht.... Furcht? Furcht, Das zu wiſſen, was Eins beſſer nicht weiß.... Wie Heuniſch dieſe Worte ſprach, ſtand er nach— denklich und blickte mit ſtarrem 39, bei Seite. Was iſt Ihnen, Heuni 92* e Dankmar, er⸗ ſckſicht ſchrocken über des Mannes nachdenklichen Zuſtand. Es ſteigen Ihnen unfreundliche Erinnerungen auf? Ja! ja! Aber laſſen Sie nur, beſter Herr, ſagte Heuniſch, faſt tonlos. Ich habe an meine erſte Braut gedacht und an die zweite— ich kann's ja allein hier bedenken an dem alten Doppelbaum, der in zwei Stämmen aufſchießen wollte und in beiden verdorrt iſt. Gehen Sie nur weiter! Ich mag nicht nach Hauſe; ich ſetze mich ſo lange daher. Dankmar legte dem bewegten Jäger die Hand auf die Schulter und ſagte: Ihr denkt Eurer beiden Verlobten! Beide ſtarben! Beklagenswerther Mann! Und Ihr mußtet ein Un⸗ gethüm neben Euch dulden, das Euch Eure einſamen Tage zu einer ewigen Folter machte. Habt Ihr Das ertragen können? So nicht! So nicht! beſter Herr! ſagte der Jä— ger. Ihr hörtet's ja, der Brunnen iſt verſchüttet und der Sumpf iſt ausgetrocknet. Die Urſula hat mich nie gequält, niemals, ich müßte lügen. Sie hatte einen heftigen, rohen Menſchen geheirathet, meinen Vorgänger, den Marzahn. Der ſchlug ſie und ſie duldete das. Als er ſtarb, es war ein noch junger Kerl, aber er hatte ſich dem Trunk ergeben und ging vor der Zeit hin, als er ſtarb, hätte ſie ſich erlöſt 70 fühlen ſollen. Aber ſo verblendet war die Narrheit der Frau, die über zwanzig Jahre mehr zählte, als ihr Mann, daß ſie ihn wie eine Verrückte beweinte und damit die Fürſtin rührte, daß Die ſie wohnen ließ, bis ich kam. Von Stund' an hat ſie ſich auf eine kleine Stube, die dunkelſte, beſchränkt, die ich gar nicht gemocht hätte, weil ſie mir vorkommt, als müßt' es drinnen ſpuken. Sie hat mich gepflegt, wenn ich krank war, die Urſula, mich bedient wie eine Magd, die Urſula, ſie hat— ſollten Sie's glauben, Herr. Es iſt zum Lachen? Warum lacht Ihr, Heuniſch? Ich kann's gar nicht ſagen.... Wetter, Ihr ſeid ja verſchämt wie ein Mädchen.... Ich möchte nur wiſſen, ob die Urſula dahinter⸗ ſteckte. Hinter welchem Buſch denn? Daß ich ſie heirathen ſollte, Herr! Dankmar wollte lachen und konnte nicht. Mein Seel! Kein Spaß! Der Blinde, der ſich nach Marzahn's Tode in Pleſſen angeſiedelt hatte, ſprach mich darum an, ich ſollte die Schweſter doch heirathen. Hm! Und beide Bräute ſtarben Euch— vor oder nachher? ſich hatte, doch roder 71 Vorher! Ich lachte blos und ſchlug's aus. Seit⸗ dem ſprach der Bruder kein langes Wort mehr mit mir, ſo oft ich in der Schmiede vorſprach. Heute ſeit Jahren gönnt' er mir einmal wieder die erſte Anrede. Aber die Urſula... nein! nein! die konnte von dem tollen Antrag nichts wiſſen oder ſie hat ſich damals ihrer ſechszig Jahre geſchämt. Sie iſt freundlich und gut mit mir geblieben, ob ich ſie gleich manchmal recht fürchte und ein Grauen vor ihr habe.. Dankmar voll Theilnahme meinte: Geht denn doch lieber ins Jägerhaus! Wenn Ihr wie andere Menſchen ſeid, freut Ihr Euch gewiß, wenn um Euch her Alles heiter und glücklich iſt. Ur⸗ ſula's Beſuch wird ſie überraſchen und wenn ſie keine Geheimniſſe vor Euch hat, theilt ſie Euch mit, was ſie Frohes erlebt hat, und erfreut Euch ſelbſt. Nein, nein, ich bleibe noch fort! ſagte der Jäger, der ſich jetzt wieder erholte und ſeine Pfeife anzün⸗ dete. Ich will nicht in ihre Karten ſehen. Darin liegt's gerade, was ich heimlich nenne. Seitdem mir meine zweite Braut ſo plötzlich und ſo ſchrecklich ſtarb— ſie glitt im Gebirge aus und brach ſich das Genick.... Um Gottes Willen! unterbrach Dankmar. Ja, ja, Herr, die erſte.. 72 Die Jungfer Droſſel auf dem Gelben Hirſch... Ihr erinnert Euch... Starb in den Flammen... Das weiß ich ſchon! Aber die zweite... Des Sägemüllers Tochter da oben aus dem Ge⸗ birge... Verunglückte ſo entſetzlich? Brach den Hals! Armer Mann! Jetzt begreif' ich Eure Liebe zur Fränz in der Stadt. Der Förſter ſchwieg eine Weile ſchmerzbewegt und fuhr dann fort: Seitdem, Herr, bin ich eigentlich wenig daheim in meinem Hauſe, wandere immer hier und dort umher und erfahre oft nichts von Dem, was während mei⸗ ner Abweſenheit im Jägerhauſe geſchieht. Die Urſula iſt ganz froh, wenn ich komme, denn ich ſeh's ihr an, ſie hat in der Zeit dann allerlei Jammer und Noth gehabt... wirklich, Das hat ſie... aber wiederer⸗ zählt wird nicht. Da hab' ich dann ſchon geſagt: Urſel, du kommſt mir vor, als wenn du immer in meiner Abweſenheit die Geiſter bei dir tractirteſt und mit dem Teufel manchmal luſtig zu Nacht ſpeiſteſt! Da ſagt ſie denn wol ſeufzend: Haſt Recht, Junge! Ich habe meine Noth! Aber dann iſt ſie ſtill, macht hon! Ge⸗ zur 73 ihre Arbeit und iſt froh, wenn's mir nur ſchmeckt. Straf mich Dieſer und Jener, ich hätte die Alte in ihren jungen Jahren wirklich geheirathet; denn ſoll ich's nur gerade herausſagen, ſo glaub' ich, ſie war trotz ihrer Sechzig in mich verliebt, und weiß der Geier, ſie war auch noch ganz hübſch und ſauber. Nun iſt ſie elend und hinfällig und wird kindiſch. Ihre Geſpenſterſeherei macht mir beſonders im Win⸗ ter arg zu ſchaffen.... Dankmar nahm dieſe letztere Mittheilung faſt ſo ſcherzend, wie ſie der Jäger gab, fuhr daher auch in dieſem Tone fort und ſagte: Nun denn, ſo macht, daß Ihr nach Hauſe kommt! Der Beſuch aus Amerika iſt kein Geſpenſt und prüft ſie einmal, ob ſie aufrichtig iſt. Ihr ſeid ein ſo ehr— licher und biederer Mann, daß ich Euch unter dem Siegel der Verſchwiegenheit verrathe: Der Amerikaner bringt ihr einen Beutel ganz mit Gold gefüllt. Sie ſpaßen? ſagte der Jäger erſtaunt. Ja, Heuniſch. Nach Allem, was Ihr mir von dieſen Zeck's und der Urſula erzählt habt, vom Tode Eurer beiden Bräute und den Geſpenſtern, die dieſe fromme Witwe ſehen will... Nun, was ſtocken Sie, Herr? Was ſehen Sie mich ſo groß an? 74 Nach alledem möcht' ich doch, daß Euer unbefan⸗ gener, offener und gläubiger Sinn im Jägerhauſe nicht misbraucht würde. Verſteht Ihr? Wieſo misbraucht? Ich verſtehe nicht... Dieſer Amerikaner brachte dem blinden Zeck eine Summe Goldes, die einen ganzen Tiſch bedeckte— Was? meinte der Jäger... Das müſſen ja über tauſend Thaler ſein! Und ebenſoviel empfängt jetzt die Schweſter. Gebt Acht, ſagte Dankmar, ob ſie wahr gegen Euch iſt und... Dankmar ſtockte. Nun da bin ich doch curios! Ja, ja, ſie ſagte mir heute früh, daß ihr etwas Merkwürdiges be⸗ vorſteht.... Paßt Ihr mehr auf, Henniſch! Seid nicht ſo ſorglos! Hm! Sie hatte die ganze Nacht rumort und mich im Schlafe geſtört. Die Hunde bellten. Ich ſah den Mond ſo grußelich durch den großen Kaſtanienbaum ſcheinen, der vor meiner Schlafkammer ſteht. Es war mir einmal, als hört' ich die Urſula häßlich ſchreien. Aber es war wol nur ein Traum und ohnedies weiß ich ja, daß ſie immer laut redet und ganze Nächte in Bewegung iſt. Wie ſie mir das Frühſtück bringt, efan⸗ hauſe cht ſo dnich ah den abaum 5 war hreien⸗ 3 weiß hte in bringt 75 frag' ich ſie: Aber, Urſchel, frag' ich ſie, was war denn Das die Nacht? Haſt ja geſchrien! Und groß mich anglotzend, als wär' ich ein ganz Anderer als der fürſtlich Hohenbergiſche Revierjäger Heuniſch, ſagte ſie: Fritze, was haſt du für garſtige rothe Haare! Wenn Das deine Gräfin ſieht! Ei Mutter, ſag' ich, ich heiße Leberecht Heuniſch und meine Haare ſchimpf' mir nicht, die haben bei keiner Gräfin am Feuer ge⸗ ſtanden. Da kicherte ſie und meinte, ſie hätte in der Nacht das Fenſter aufgemacht und hinaus in den Wald geſehen. Da wär' ihr verſtorbener Bruder, von dem ſie oſt wie von einem Baron faſelt, über die grüne Wieſe gegangen, ganz wie er noch in ſeiner Jugend geweſen wäre, lang und ſchlank und ſehr vor⸗ nehm, aber im Gehen hätt' er geſchlafen, ſie aber doch artig gegrüßt und ſich dann ſtill ins Gras nie⸗ dergelegt unter dem Ebereſchenbaum, der auf der Wieſe ſteht. Und ſie wiſſ' es, ſie erführe nun auch heute was Neues. Na, ſagt' ich, Urſchel, dann will ich hoffen, daß es was Rechtes iſt. Stellen Sie ſich aber Eines vor, als ich nachher ausging, um in Pleſſen auf dem Amt Etwas ins Reine zu bringen, ſeh' ich hinüber nach dem Ebereſchenbaum, den ich lieb habe, weil er im Herbſt ſo prächtige rothe Beeren trägt, die über die ganze Wieſe leuchten, wie Sägemüllers — ———— ——õ— ʒ——— —:—;xx 76 Nantchen ihre rothen Ohrbommeln... Seh' ich ja, daß das Gras wirklich an dem Baume niedergetreten iſt, gehe hinüber und finde an dem Baum im Graſe die Spur, daß hier ein Menſch gelegen hat und noch ganz friſch, ohne Widerrede erſt in der letzten Nacht. Und daß ich mich wirklich nicht täuſche, liegen ja drei vollwichtige neue Spitzkugeln im Graſe, eingewickelt in dies Papier. Da! Ohne Zweifel war's ein Wild⸗ dieb, und nun will ich meiner Alten doch ſagen, daß ſie diesmal Menſchen und keine Geiſter geſehen hat, und auf der Hut müſſen wir ſein, ſo wie ſo. Sehen Sie! So was paſſirt im Walde. Damit wog der Jäger die ziemlich ſchweren, ſon⸗ derbar geformten, nur für eine eigens eingerichtete Büchſe paſſenden Kugeln. Dankmar nahm die Kugeln und wog ſie gleich⸗ falls. Sie waren in ein Papier eingewickelt. Dieſe Kugeln ſind aber ſonderbar, ſagte Dank— mar. Ich möchte faſt glauben, daß es keine Kugeln, ſondern eher kleine Gewichte ſind.... Es ſind Spitzkugeln, ich verſichere Sie! ſagte der Jäger. 3 Indem betrachtete Dankmar das Papier, in dem das Blei eingewickelt war. Wie erſtaunte er, als er in ihm eine Rechnung aus dem Heidekruge erkannte, ch ja, treten Graſe noch lacht. drei vickelt Wib⸗ daß hat, Sehen ſon⸗ ichtete gleic⸗ Danl⸗ ugeln, mdem ls er annte, dieſelbe, die auf Zehrung für zwei Perſonen und ein Pferd lautete, vom geſtrigen Datum... ein Thaler acht Groſchen! Sonderbar! ſagte er und war von einer Ahnung ergriffen; behalten Sie das Papier, laſſen Sie mir die Kugeln! Der Jäger beſann ſich erſt und fragte: Haben Sie denn einen Verdacht? Als Dankmar betroffen das Papier von allen Sei⸗ ten betrachtete, fuhr Heuniſch fort: Ich wollte erſt die Kugeln aufs Amt tragen; nach⸗ her beſann ich mich und dachte: du machſt dir den Spaß und gibſt ſie der Urſchel als Erinnerung an ihren rothhaarigen Fritze! Laſſen Sie mir wenigſtens das Papier! wieder⸗ holte Dankmar. Da! Nehmen Sie Beides! ſagte der Jäger. Sie ſind ein feiner Kopf, Das merk' ich wol. Sind Sie einem Strauchdieb auf der Fährte, ſo vergeſſen Sie nicht, dieſe Kugeln lagen in dem Papier und unter dem Ebereſchenbaum ſchlief Einer die Nacht im Graſe. Aber mehr können wir nicht bezeugen; denn was die Urſchel vor Gericht vorbringen würde, wäre gewiß ſo gräulich, daß die Schreiber davon liefen, auch hat ſie's nicht gern mit dem Amt und geht überhaupt 78 nicht drei Schritte vor die Thür. Alſo ſoviel Gold! Nun muß ich doch ſehen, ob's die Amerikaner uns wirklich auch gebracht haben und ob ſie's mit dem Golde heimlich hat. Einen ganzen Tiſch voll? Iſt's auch wahr, Sie haben Ihren Spaß mit mir. Sie merken ſchon: ich bin ein bischen leichtgläubig. Verlaſſen Sie ſich darauf— ſagte Dankmar. Und wo ſoll ich Ihnen denn ſagen, ob die Alte mir den Schatz auch anvertraut hat? Der Jäger ſprach dieſe Frage mit einem zögern⸗ den Ton, als wünſcht' er, Dankmar theilte ihm ſei— nen Namen und die Gelegenheit einer Wiederbegeg— nung mit. Dankmar aber unterbrach ihn mit den Worten: Noch Eins! Sahen Sie Niemanden von meiner Reiſegeſellſchaft? Ihren Kamerad... der Sie begleitete... den in... In der Blouſe? Nein, den vorwitzigen Burſchen... im Gelben Hirſch... den Andern! Meinen Kutſcher? 2. War's Ihr Kutſcher? Das hätt' ich wiſſen ſollen! Er ſprach Euch nicht angenehm zu Ohre. Er iſt vorlaut.... „ Gold! er uns tt dem Iſt's Sie 79 Wer weiß! Wenn er über die Fränz Recht hätte.. Beruhigt Euch! Er verleumdet gern... Es hat mir die ganze Nacht keine Ruhe ge⸗ geben... Die Fränz wird tugendhaft ſein... Wenn die Fränz— das Kind iſt mein Augapfel, meine einzige Lebensfreude! Es iſt meines Bruders Kind und die Erbin von dem Bischen, was ich habe... Wenn die Fränz.... Seid doch kein Thor! Niemand hat ſie verleum⸗ det! Und wenn auch, der Burſche verdient keinen Glauben.. Dem Jäger funkelten die Augen. Das Mädchen ſoll zu mir! Sie muß aus der Stadt heraus! ſagte er. Hierher in den Wald? Sie war ſchon einmal da.... Eine Putzmacherin hier unter den Tannen? Bei der Urſula? Ich wette, daß es ihr nicht bei dem guten Onkel gefallen hat.... Das abſcheuliche Wort Putzmacherin! Ich denke doch, es hieß ſo? Ja, ſie ſchneidert und näht und ſtutzt Hauben und Hüte... Alſo... Und hübſch iſt ſie.... Alſo. Und ſie arbeitet bald da, bald dort.... Alſo! Eine Putzmacherin! Aber rechtſchaffen, Herr! Ein Kind wie ein En⸗ gel. Ich nahm ſie hierher in den Wald, weil böſe, giftige Menſchen ihr nachſtellten.... Sie nannten ja den alten Fürſten.... Die Durchlaucht wird doch nicht?... Herr, wer gibt uns Lohn und Brot? Alſo: Kuſch! Ich nahm ſie hier heraus, und ſie war ſo munter anfangs wie da die Eichkätzchen. Aber mit der Urſula... Die wurde eiferſüchtig... Meinen Sie?. Ich denke faſt, nach dem Frühern zu ſchließen... Unfriede, Jammer und Noth gab's. Die Fränz fürchtete ſich vor der Alten, wurde elend und krank und da gab ich ſie in die Stadt zurück. Daran thatet Ihr am beſten, und ich verſichere Euch, Fränz Heuniſch iſt gewiß eine tugendhafte Putz⸗ macherin, die allen ihren Kameradinnen als Muſter aufgeſtellt werden kann. ein En⸗ eil böſe, . Die ? Alſo: war ſo rmit der leßen. ie Fränz nd krank verſichere ſte Pu⸗ Nuͤſſter Sind die ſo— 2 Ich verſpreche Euch, Heuniſch, mich nach ihr zu erkundigen, und ſeid gewiß, ich brauche nur zu hor⸗ chen, was ſie für Umgang und allenfalls was für einen Liebhaber ſie hat, ſo weiß man ſchon... Keinen Liebhaber! Ich verſichere Sie, Herr! Kei⸗ nen Liebhaber! Warum nicht, Heuniſch? Wenn's der rechte iſt? Es gibt tugendhafte Putzmacherinnen, die ſich die Männer erſt anſehen, ehe ſie mit ihnen Landpartien machen. Verlaßt Euch darauf! Ihr verdient es, eine brave Nichte zu haben. Auf Wiederſehen, Förſter! Eilt jetzt, daß Ihr zur Urſula kommt! Der Jäger, Dankmarn freundlich die Hand ſchüt⸗ telnd, wandte ſich um und ging mit beſchleunigten Schritten vorwärts, ſeinem Hauſe zu. Dankmar aber blieb eine Weile ſtehen. Er hätte ſchwören mögen, dieſe Rechnung beträfe nur ihn, Hackerten und das Roß des Pelikanwirths. Die Speiſen waren nicht genau angegeben, ſondern in Bauſch und Bogen die ganze Zehrung genommen.... Der nächtliche Wald⸗ beſucher war doch wol nur Hackert, deſſen Spur ihm ſo ganz entſchwunden war.... Unter dem Ebereſchen⸗ baum hatte er geſchlafen.... Wie kam er zu dieſen Kugeln? Wie war es möglich, daß ihn dieſe Urſula Die Ritter vom Geiſte. II. 6 8 —[q——— 82² als das verjüngte Ebenbild ihres Bruders erkannte? Als einen Verwandten, den ſie mit Höflichkeit wie etwas Vornehmes auszeichnete?... Alle dieſe Be⸗ trachtungen liefen darauf hinaus, daß ihm, wenn Hackert in dieſem Augenblicke plötzlich aus dem Ge⸗ büſch getreten wäre, das Wiederfinden einen nicht eben ſehr erfreulichen Eindruck gemacht hätte. Dazu die verworrenen Reden über jene Urſula Zeck... über das Unglück, vielleicht... den gewaltſamen Tod zweier jungen Mädchen.... Die Stille des Waldes weckte Dankmar's Phantaſie und die unheimlichſten Geſtalten umgaukelten den einſamen Wanderer. Erſt als er endlich den Weg ſich am äußerſten Ende lich— ten ſah, wurde ihm freier zu Gemüth, und vollends erlöſt athmete die Bruſt erſt auf, als er, die ihm jetzt doppelt widerwärtige Schmiede vermeidend, durch die Gärten von Pleſſen über den Mühlbacharm der Ulla in das Wirthshaus zur Krone zurückkehrte und überall wieder Sorgloſigkeit, wieder Unſchuld, wie⸗ der ergebene Ruhe aus den Augen der arbeitenden Männer in den Gärten und der beſchäftigten Frauen und ſpielenden Kinder ihm entgegenlachte. Es war ihm nach der Waldſcene wie dem an Kohlendunſt faſt Erſtickenden, der im Nebel und Dampf eines Zimmers nur noch ſoviel Kraft beſitzt, das Fenſter 4 erkannte? gkeit wie jeſe Be⸗ , wenn dem Ge⸗ icht eben dazu die .. über tden Tod Waldes mnlichſten r. Erſt de lich⸗ vollends die ihm , durch arm der jtte und d, wie⸗ eitenden Frauen Es war endunſt eines Fenſter 8³ aufzureißen und die Friſche der reinen Luft in die ſich gewaltſam hebenden Lungen einzuathmen.... Die überraſchenden Einladungen, die er in der Krone nun vorfand, konnte er nicht ahnen. Es wa⸗ ren deren zwei. Eine ins Schloß und eine zweite, merkwürdig genug... in den Thurm, an deſſen Fuße er geſtern im Graſe träumend gelegen hatte. —— — Viertes Capitel. Der Thurm. Als ſich Dankmar der Krone näherte, war es ihm auffallend, daß ihm ſchon in der Ferne die Wirths— leute winkten und ihm anzudeuten ſchienen, er möchte ſein Kommen beſchleunigen. Bello ſprang ſo gut er konnte voraus und nicht wenig erſtaunt war Dankmar, ſchon das Thierchen vom Wirth, der Frau Wirthin, allen Hausknechten und Mägden mit einer Art von Feierlichkeit begrüßt zu ſehen. Wie ſtieg aber ſein Befremden, als man endlich vor ihm ſelbſt die Mütze zog und ſich wie vor einem großen Herrn verneigte! Man zeigte ihm näm⸗ lich im ſonderbarſten Durcheinander zu gleicher Zeit an, daß er aufs Schloß— nein! riefen Andere, die ſich neugierig dazu geſellten, in den Thurm!... Was in den Thurm? ſagten Jene wieder, ins Schloß— geladen ſei. mes ihm Wirths⸗ r möchte und nicht Thierchen zknechten begrüßt als man wie vor m näm⸗ her Zel dere, die Pas hloß— 8⁵ In den Thurm? Aufs Schloß? wiederholte Dank⸗ mar befremdet. Einer ſuchte dem Andern den Rang abzulaufen und ihm zu erzählen, wer ihn zu ſprechen wünſche. Man konnte dabei kaum begreifen, wie ihm die Er— läuterung ſeiner Einladung in den Thurm weit wün⸗ ſchenswerther war, und immer wieder fingen ſie von einem kleinen ſehr wichtigen Herrn an, der eigens vom Schloſſe heruntergekommen wäre, ſich mit der größten Artigkeit nach ihm erkundigt hätte und ihn bäte, heute Mittag mit den gnädigen Herrſchaften oben zu ſpeiſen. Das war der Inhalt der klaren Rede, die ſich die Frau Kronenwirthin durch all das Geſchwirre endlich angebahnt hatte. Viel geſpannter aber ſah Dankmar dabei auf die inzwiſchen ſtummen Gruppen der Umſtehenden, die ihm von einem auf dem Schloſſe gefangenen Tauge⸗ nichts erzählten, der in ſeiner Todesangſt bäte, man möchte den jungen fremden Herrn im Reitrock aus der Krone zu ſich ins Gefängniß führen... ehe er baumeln müſſe, ſagten die Leute lachend. Dankmar hatte noch keine Veranlaſſung gefunden, in der Krone ſeinen Namen zu nennen; aber die Be⸗ ſchreibungen ſowol von Seiten der Schloßbewohner, wie von Seiten des Thurmgefangenen, trafen ſo voll⸗ 86 kommen auf ihn zu, daß es gar keiner Frage, ob man ſich auch nicht in ſeiner Perſon irre, bedurfte, ſondern ſeine eigene Neugier nur zu erwarten hatte, wie ſich ein ſo vielfach begehrter Herr in dieſen auf ihn gerichteten Anſprüchen benehmen würde... Dankmar fand zunächſt in der Einladung, auf dem Schloſſe zu ſpeiſen, nichts als eine freundliche Auf— merkſamkeit gegen einen Fremden, von dem man viel⸗ leicht— ſo dachte er— erfahren hatte, daß ihm der Juſtizrath Schlurck durch das Ueberbringen ſeines ver⸗ lorenen Schreins einen Dienſt, den er ſchon kannte, erwies und dem man für dieſe angenehme Entdeckung Gelegenheit zu einem Dank für die ganze Familie geben wollte. Aber von einem im Schloſſe ertappten Diebe zu hören, der ihn ſprechen wolle, ſchien ihm ſelbſt in dem höchſtwahrſcheinlichen Falle, daß Hackert der betroffene Verbrecher wäre, weit größerer Auf⸗ merkſamkeit werth. Unmuthig gedachte er der Mög⸗ lichkeit, üͤber ſeine Verbindung mit einem ihm ſelbſt, ſeit Entdeckung der drei Spitzkugeln, gefährlich ſchei⸗ nenden Menſchen vor einer umſtändlichen und in klein⸗ lichen Dingen pedantiſchen Juſtiz vernommen und wol gar an dem endlichen Beginn ſeiner Rückreiſe verhin⸗ dert zu werden. In dieſer ſeiner verlegenen und unmuthigen Stim⸗ rage, ob bedurfte, en hatte, teſen auf ng, auf iche Auf⸗ nan vill⸗ ihm der ines ver⸗ kannte, ntdeckung Familie ertappten zien ihm Hackett rer Auf⸗ der Mög⸗ jm ſäbſ ich ſche⸗ in llein⸗ und wol verhin⸗ 6 4 ¹ 87 mung trafen ihn die Worte eines ſich ſehr höflich nahenden und von allen Dorfbewohnern mit herab⸗ gezogenen Mützen begrüßten Mannes: Mein Herr, ſchon einmal war ich in der Krone, und ich wiederhole jetzt den mir von der Frau Juſtiz⸗ räthin Schlurck gegebenen Auftrag, Sie ergebenſt zu bitten, heut' Mittag oben auf dem Schloſſe einen Löf— fel Suppe einzunehmen. Einige Burſche lachten über die ſonderbare Zu⸗ muthung, einen ſo ſtarken kräftigen jungen Mann nur mit einem einzigen Löffel Suppe bewirthen zu wollen. Bartuſch(denn Dies war der Sprecher) fuhr fort: Es iſt elf Uhr, mein Herr! Man ſpeiſt um Eins. Können wir auf die Ehre rechnen? Dankmar erwiderte leichthin: Mein Herr, ich bin hier ohne alle Garderobe und höre auch ſoeben von einem Vorfall auf dem Schloſſe— von einer ſonderbaren Einladung in den Thurm.. Erfuhren Sie ſchon den kleinen Spektakel auf dem Schloſſe? fragte Bartuſch. Dankmar, von dem Gedanken an Hackert aufs peinlichſte berührt, konnte ſeine Verlegenheit nicht ganz bemeiſtern und ſagte ſtockend: Ich will hoffen... 88 Der Lärm hat nicht die geringſte Unordnung her⸗ vorgerufen, fiel Bartuſch ſogleich ein. Se. Excellenz der königliche Intendant Herr von Harder zu Har⸗ denſtein ließen einen Fremden verhaften, der ſich mit ſonderbarer, zudringlicher Neugier in der Nähe der Zimmer aufhielt, deren Inhalt vom verſtorbenen Für⸗ ſten Waldemar von Hohenberg an den Hof abgetreten iſt. Seine Diener meinten, der Fremde hätte es ge— radezu auf einen Diebſtahl abgeſehen gehabt. Und da der Intendant in Erfüllung ſeiner ihm allerhöch⸗ ſten Orts aufgegebenen Pflichten, wie weltbekannt, ſehr ſtreng zu Werke geht, ſo hat man den Fremden nach einem kurzen Verhör, in dem er ſich vorläufig für einen harmloſen Wanderer und einen Tiſchlergeſellen ausgab, bis auf Weiteres in den Thurm geſteckt... Einen Tiſchlergeſellen? rief Dankmar, von einer Ahnung ergriffen. Ihn in den Thurm? Ich höre, daß der verdächtige Menſch ſich auf Sie berufen hat, fuhr Bartuſch mit ſcharf geſpitztem Auge fort. Ohne Sie, mein Herr, zu kennen und zu nen— nen, bezeichnete er Sie doch als einen wohlwollenden Gönner, der ihn geſtern in ſeinen Wagen aufgenom⸗ men und den er in jenen Zimmern oder irgendwo auf dem Schloſſe wiederzufinden gehofft hätte.... Ich geſtehe Ihnen jedoch, fuhr Bartuſch mit lauern⸗ ung her⸗ Exellenz zu Har⸗ ſich mit tähe der ten Für⸗ getreten es ge⸗ t. Und lerhöch⸗ ant, ſehr en nach fig für geſellen eckt.. n einer 89 dem Späherblick fort, ſeine Ausſagen liefen dermaßen wirr durcheinander, daß man faſt glauben möchte, die— ſer Fremde wäre kein Handwerker, ſondern vielleicht der Freund, der Reiſebegleiter irgend eines im In— cognito... reiſenden.... Bartuſch zog und blinzelte ſo eigenthümlich, daß Dankmar das Incognito nur auf ſich beziehen konnte und daher die Vermuthung des alten Schleichers, in ihm wirklich den Prinzen zu treffen, nun erſt recht da⸗ durch beſtätigte, daß er betroffen über die Kühnheit, ihn zum Mitſchuldigen eines jedenfalls auf dem Schloſſe für einen verdächtigen Menſchen genommenen Aben⸗ teurers zu machen, ſagte: Mein Herr! Wie kommen Sie— Bartuſch fühlte aber ſogleich, daß er ſich nicht gut ausgedrückt hatte, wenn er überhaupt das ver⸗ meintliche Incognito des in Dankmar vorausgeſetzten Prinzen Egon ſchonen wollte. Er verbeſſerte ſich da— her raſch, indem er ſagte: Fräulein Melanie, die, weil wir den Frauen alle Aufregung erſparen wollten, den Arreſtanten nicht ge— ſehen, erzählte geſtern vom Zuſammentreffen mit Ihnen im Walde. Sie erwähnte dabei eines Begleiters in blauer Blouſe, der allerdings derſelbe zu ſein ſcheint, den Herr von Harder ſoeben verhaften ließ.... 90 Blaue Blouſe? ſagte in ſchmerzlicher Verwirrung Dankmar, und doch auch von der Möglichkeit ergrif— fen, daß ihn ein Fremder dupirt hätte. Lichtbraunes Haar... Ein Kinnbart, fügte Bartuſch hinzu, wie man ihn nur in Paris zu ziehen pflegt.... Es iſt der Prinz! rief es in Dankmar mit unwi⸗ derſtehlicher Gewißheit. Seine Sehnſucht, klar zu ſehen, dem Prinzen beizuſtehen, beflügelte ſich, jemehr Bartuſch ihm läſtig wurde.. Werden wir die Ehre haben? fragte Dieſer lauernd. Ich bin ermüdet, entgegnete Dankmar leicht und faſt abſtoßend. Entſchuldigen Sie mich! Ich habe früh ſchon das Lager verlaſſen, einen tüchtigen Spa⸗ ziergang gemacht und bitte mich zu entſchuldigen. ja, ja, entſchuldigen Sie mich... Aber.... Mein lieber Herr! Sie ſehen ja! Ich bin gar nicht ausgeſtattet, Beſuche bei Damen zu machen. Sowie ich hier bin und ſtehe.... Wozu bedürfte es der Förmlichkeiten? ſagte Bar⸗ tuſch verſchmitzt. Ein Mann von Welt wird aus jeder Hülle erkannt, wie ich auch an dem vermeint⸗ lichen Tiſchler ſogleich erkannte, daß er wol der Kammerdiener, vielleicht auch der Freund eines wirrung ergrif⸗ braunes man ihn t unwi⸗ klar zu „jemeht lauernd. cht und h habe n Spa⸗ gen... za nich Sowie gte Bal⸗ ird aus ermeint⸗ wol del eines — 1 91 Prinzen ſein könnte, wenn nämlich... das In⸗ cognito. Kammerdiener? Freund eines Prinzen? wieder⸗ holte Dankmar von einer Ahnung ergriffen. Wie meinen Sie Das? Wenn nämlich... Bitte recht ſehr... Alſo... Können wir auf die Ehre rechnen? war die Antwort Bartuſch's, der ſich nicht, wie man ſieht, ganz an Melanie's Vorſchriften hielt und grade in jene Zeichen⸗ ſprache überging, die Hamlet an Roſenkranz und Gyl⸗ denſtern ſo ſehr tadelte. Wetter, dachte Dankmar bei ſich und wandte ſich ab, wenn man dich wol gar ſelbſt für den Prinzen Egon nähme und den Gefangenen... für deinen Vertrauten? Und indem er noch darüber nachſann, welche Vor⸗ theile oder Nachtheile für ihn oder den wahren Prin⸗ zen aus einem ſolchen Misverſtändniſſe entſtehen könnten, ſammelte ſich ſeine juriſtiſche Geiſtesgegen⸗ wart zu einer bedachteren Erklärung! Mein Herr, ſagte er kurzweg, richten Sie der Frau Juſtizräthin meine ergebenſte Empfehlung und mein Bedauern aus, dieſen Mittag auf die Ehre ver⸗ zichten zu müſſen. Ich höre von einem Gefangenen, der ſich auf mich beruft, mich ſprechen will. Ich bin 92 Dankmar Wildungen, Referendar am königlichen Ap⸗ pellhofe, lernte auf meiner Hierherreiſe einen jungen Handwerker kennen, den ich aus Rückſicht auf die erſt ſtaubigen, dann naſſen Wege in meinen Wagen nahm. Iſt der Gefangene derſelbe und beruft ſich auf mich, ſo bin ich es meiner Pflicht als Juriſt ſchul— dig, ihn in ſeiner Haft zu beſuchen und ihm meinen Rath und Beiſtand zu ertheilen. Wenn die freund⸗ lichen Bewohner des Schloſſes mir aber bis zum Abend ihre wohlwollenden Geſinnungen erhalten wol— len und mich nicht noch anderweitige Gründe bis da⸗ hin zur Abreiſe beſtimmen, ſo werd' ich nicht ver— fehlen, mich bei Ihnen zum Thee einzufinden. Ha⸗ ben Sie die Güte, Dies der Frau Juſtizräthin anzu⸗ zeigen. Dankmar verbeugte ſich leicht, brach raſch ab und ging in die Krone. Bartuſch ſtand verdutzt. Dieſe runde Abferti⸗ gung! Dieſe raſchen, ihm eingelernt ſcheinenden Worte! Dieſe Namenangabe! Dankmar Wildungen! Referendar am königlichen Appellhofe.... Wil⸗ dungen! Derſelbe Name, der ſchon in des Juſtiz⸗ raths Signalement genannt worden war! Woher kommt Das? dachte er. Wildungen?... hat der Juſtizrath vielleicht... der Juſtizrath hat ihm wol hen Ay⸗ ſelbſt dieſe Aehnlichkeit auf dem Heidekruge angedeu— tet und nun benutzt ſte der Prinz... denn er iſt es, jungen auf jedes Wort, ein Fürſt!... und nennt ſich Dankmar Wagen Wildungen. Dieſe kurze, faſt brüske Art, dieſes be⸗ ſich auf ſtimmte, ſozuſagen grobe Weſen, dieſe Betroffenheit t ſchu⸗ über die Verhaftung eines mindeſtens ſehr neugieri— meinen gen Eindringlings in die innern Räume des Schloſ⸗ fraund⸗ ſes!... Bartuſch blieb bei der Vorausſetzung, daß, is zun wenn einmal der Prinz Egon im Incognito das 21 licl Schloß Hohenberg zu beſuchen ſich aufgemacht hätte lis da⸗— wofür Schlurck ohne Zweifel die ſicherſten Beweiſe t ver hatte— der Prinz Niemand anders ſein könne als So dieſer Fremde, der ſich nach Mittheilungen, die Schlurck wahrſcheinlich ſchon im Heidekrug ſelbſt erzählt hatte, malhm ein Geſchäft mit einem verlorenen Frachtgute mache und ſte Alle irreführen wolle. Sehr erbaut von ſei⸗ obude nem Scharfſinn, unzufrieden nur mit der Erklärung . des Fremden, erſt am Abend kommen zu wollen, ſtieg Abfert⸗ Bartuſch, um der in brennender Ungeduld harrenden üunde 1 Melanie Bericht zu erſtatten, ſchon heute zum zweiten dungen male wieder zum Schloß empor. — Wi⸗ Dankmar aber wartete jetzt nur noch das allmä⸗ Juſt lige Verlaufen der Leute ab, um ſich ſogleich zum Ju⸗ Voher ſtizdirector von Zeiſel und von da zum Thurm zu zat der begeben. m wol 94 Kaum konnte er ſich faſſen über den Gedanken, wie ein ſo unglückliches Begegniß auf den jungen hochgeſtellten Mann, der ihm ſicher der Prinz Egon von Hohenberg war, hereinbrechen und auf ihn wir— ken mußte. Ueberfallen, dachte er ſich, vielleicht mis⸗ handelt, unter Zulauf der Menſchen wie ein Verbre⸗ cher durch den Ort geführt!.. Dieſe Beſorgniß mil⸗ derte jedoch der Wirth, der erzählte, man hätte den Dieb ſogleich auf dem kürzeſten Wege, ohne alles Aufſehen, hinter dem Ort in den Thurm gebracht... Dankmar begab ſich jetzt aufs Amthaus, wo ihm die Düfte der von Zeiſel'ſchen Mittagstiſchvorbereitun⸗ gen entgegenwallten und er erfuhr, daß der Juſtiz⸗ director mit dem Schreiber bereits drüben im Thurme wäre. Dort angelangt fand Dankmar noch ein Dutzend Neugieriger, die an der geöffneten Verließthüre gaff⸗ ten, als wenn hier Jemand Pranger ſtehen ſollte. Geht nach Hauſe, rief er ärgerlich; die Grütze wird Euch kalt! Beim Eintritt in den Thurm wußte ſich Dank⸗ mar nicht gleich zurechtzufinden. Das alte Gebäude ſah von außen kleiner aus, als ſich die innere Räum⸗ lichkeit darſtellte. Der Boden war der reine bloße Sand; unterirdiſch ſchien es alſo hier keinen Gewahr⸗ ſam zu geben. Das durch die Thür hereinfallende Gedanken, n jungen inz Egon ihn wir⸗ eicht mis⸗ Verbre⸗ gniß mil⸗ hätte den hne alles bracht... wo ihm rbereitun⸗ - Juſti Thurme Dutzend üre gaf⸗ ſollte. e Grütze f Dank⸗ Elbaude e Räum⸗ ne hloße Gewahr⸗ nfallnde 95 Licht ließ zur Rechten eine ſchmale hölzerne Treppe erkennen, die empor führte. Dankmar beſtieg ſie und entdeckte ſogleich einen der wahrſcheinlich Herrn von Harder angehörenden Bedienten; wenigſtens war die⸗ ſer von Bartuſch ausgeſprochene Name Schuld, daß er beim Anblick des Bedienten ſich ſogleich der be⸗ kannten Uniform jener vielvermögenden Familie der Harder's entſann, deren Haupt der alte neunzigjäh⸗ rige Chef der ausübenden Juſtiz des ganzen Lan⸗ des war.... Wir haben Sie ſchon kommen ſehen, ſagte der Bediente kurz und ziemlich impertinent, treten Sie nur hier ein! Eine kleine niedrige Thür öffnete ſich und in einem größern Gemache, das die ganze Rundung des Thur⸗ mes begriff, von einem Fenſter aber nur ſpärlich er⸗ hellt war, fand er den Juſtizdirector, einen Schreiber und den neben dem Thurm wohnenden Wächter, der eine alte abgeſchabte fürſtlich Hohenberg'ſche Livree, hellblau mit roth, und ein gelbes Schild auf der Bruſt trug.... Dankmar erfuhr hier, was er ſchon über den Schloßvorfall wußte und wiederholte über den Ge⸗ fangenen Daſſelbe, was er zu Bartuſch geſagt hatte. Die Abſicht des Gefangenen, im Schloß zu ſtehlen, wurde von dem Juſtizdirector zwar nicht entſchieden beſtritten, aber doch auch gegen den unziemlich lärmen⸗ den Bedienten in Abrede geſtellt. Er griff erſt nach den Bildern herum, ſagte die⸗ ſer; dann hob er ſie von der Wand, und während wir auf einen Augenblick uns entfernt hatten, wollte er ſie geradezu ſtehlen. Excellenz verlangen, daß Das ſtreng genommen wird, und er muß doch noch vors Hofgericht in die Stadt! Herr von Zeiſel, den ein Grauen überfiel, als vom Hofgericht die Rede war, äußerte, daß hier viel— leicht nur eine leichtverzeihliche Neugier obgewaltet hätte, mindeſtens könne er nicht begreifen, was ein reiſender Handwerksgeſell, den der Anblick ſchön aus⸗ geſtatteter Zimmer gefeſſelt hätte, mit einem alten un⸗ anſehnlichen Bilde anfangen ſollte, während doch viel koſtbarere, kleine transportable Sachen in der Nähe geſtanden hätten, die man mit einem kühnen Griff ſich hätte aneignen können. Uebrigens könne ihm in der That nicht zugemuthet werden, dieſen Gefange⸗ nen auf derlei geringfügige Ausſagen hin der annoch zu Recht beſtehenden Ortsjuſtiz zu entziehen, es müßte denn von einem hohen Obergerichte ihm ausdrücklich befohlen werden. Weit bedenklicher ſcheine ihm aller⸗ dings des Gefangenen gänzlicher Mangel an Legiti⸗ — entſchieden ich lärmen⸗ ſagte die⸗ d während ten, wollte „daß Das noch vors derfiel, alo F hier viel⸗ olgewaltet „was ein ſchön aus⸗ walten un⸗ d doch viel der Nähe hnen grif nne ihm in 1 Gefange⸗ der annoch es müßit usdrückich ihm aller⸗ an Legit⸗ 97 mation und ſein trotziges, hartnäckiges Ablehnen jeder nähern Erklärung, weshalb er auch durchaus nichts dagegen hätte, daß ſich der von ihm mehrfach um Vermittelung erſuchte anweſende Herr zu ihm verfüge und von ihm ſelbſt die Willfährigkeit zu Geſtändniſſen zu gewinnen ſuche. Dankmarn fielen hier Hackert's Mittheilungen über die Hohenberg'ſche Juſtizpflege ein. Er verſtand voll⸗ kommen des mildgeſinnten Juſtizdirektors Abſicht, die⸗ ſer Unterſuchung ſo viel wie möglich überhoben, noch mehr aber vor einer Verſchleppung derſelben an die Kreisgarichte geſichert zu ſein. Der Harder'ſche Be⸗ diente murmelte Vielerlei gegen dieſe Erklärung, aber die Verſicherung des Amtsboten und Gefangenwär⸗ ters, der Inculpat ſäße ja nun criminaliſch, bewirkte denn doch, daß der Juſtizdirector, der wie Alle auf dem Lande gegen zwölf Uhr aß, die Sitzung aufhob und Dankmarn bat, ihm um drei Uhr Nachmittag, wo er ſeinen ärztlich befohlenen Ruheſchlaf beendigt hätte, gefälligſt mitzutheilen, was er von dem ſtörri⸗ ſchen und trotzigen jungen Manne, der ſich nur ihm hätte anvertrauen wollen, denken ſolle. Dem Wär⸗ ter die ſtrengſte Obhut anempfehlend, ſtieg er mit dem Schreiber, der ſeinen ziemlich leeren Protokollbogen in eine Mappe legte, die baufällige Treppe behutſam Die Ritter vom Geiſte. II. 7 98 hinunter. Der Bediente, Dankmarn mit mistraui⸗ ſchen Blicken muſternd, folgte. Der Wärter aber winkte dem ſtaunenden Dankmar und führte ihn noch eine Treppe höher. Dieſe brachte ihn erſt zu den eigentlichen Gefäng⸗ niſſen, deren der Zahl der kleinen vergitterten Fenſter nach zu ſchließen, die Dankmar außen beobachtet hatte, etwa vier oder fünf hier ſein konnten. Sind ſonſt noch Gefangene da? fragte Dankmar beim Hinaufſteigen. Nein, erwiderte der Wächter, es fällt jetzt im Ganzen nicht viel vor, und was Politiſche ſind, die kommen gleich weiter ins Provinziale! Jetzt ſtand Dankmar im zweiten Stock vor einer ſtark verriegelten Thür, die erſt zu einem Vorplatze führte. Hier umgab ihn völlige Finſterniß. Der Vor⸗ platz war nur von der aufgehenden Thür erhellt, die der Wächter gleich anſichzog. Ich muß Sie mit einſchließen... ſagte der Mann zu Dankmarn, und war dabei nicht ohne Höflichkeit. Thut nichts! erwiderte Dankmar. Sie brauchen nur aus dem Fenſter zu rufen: Pfannenſtiel! Dann höre ich's ſchon und komme. Gut! gut! ſagte Dankmar und hörte mit pochen⸗ dem Herzen, wie Pfannenſtiel, deſſen Namen er faſt mistraui⸗ rter aber ihn noch Gefäng⸗ in Fenſter htet hatte, Dankmar jetzt im ſind, die vor einer Vorplatze Der Vor⸗ chellt, die öflihkeit zu rufen: omme. it pochen⸗ mn er faf — —» * Y 99 überhörte, in der Dunkelheit den Schlüſſel an ein Schloß ſetzte und öffnete. Die Thür eines kleinen niedrigen Gemachs ging auf und in der That, vom ſpärlichen Lichte, das durch die Gitterfenſter fiel, beleuchtet, ſaß an einer Pritſche, den Kopf aufgeſtützt, derſelbe Fremde da, der ſich Dankmarn allerdings nur durch eine Viſitenkarte, aber denn doch auch durch ſeltene Bildung und die feinſte Erziehung als Prinz Egon von Hohenberg zu erken⸗ nen gegeben hatte. Da iſt der Herr, den Sie ſprechen wollen! ſagte Pfannenſtiel. Und wie iſt's nun mit dem Mittageſſen? ſetzte er hinzu. Gehen Sie in die Krone! ſagte Dankmar nach ſeiner Gewohnheit raſch entſchloſſen; beſtellen Sie das beſte Mittageſſen, das der Wirth für zwei anſtändige Perſonen nur auftreiben kann. Um ein Uhr muß es hier ſein! Auch eine Flaſche Wein! Verſtehen Sie? Damit drückte er dem Meiſter Pfannenſtiel ein Trinkgeld in die Hand. Dieſer, ſchon an die möglichen Ueberbleibſel der Mahlzeit denkend und von dergleichen freigebigen, lururiöſen Inculpaten und Zeugen, die hier ſelten vor⸗ kamen, überraſcht, erbot ſich zur pünktlichſten Beſor⸗ gung, rückte mit aller Befliſſenheit einen alten Tiſch 7* ans Fenſter und fragte, ob wol noch ein Stuhl nöthig ſei? Dankmar, mit Gefängniſſen vertraut, ergriff die Pritſche, auf der ein alter verfaulender Strohſack lag, warf dieſen herunter, rückte das Holzgeſtell an den Tiſch und ſagte: Das iſt gut genug zum Sitzen. Viel Meubel machen's hier zu eng.... Wie Sie wollen, ſagte Pfannenſtiel und ganz er⸗ ſtaunt, die beiden jetzt zu Inhaftirenden ſo curios ſicher und vertraut ſich begrüßen zu ſehen— der An⸗ dere war allerdings anfangs kaum aufgeſtanden— ſchloß er die Thür wieder ab und polterte draußen ſo gräulich mit ſeinen Schlöſſern und Riegeln, daß nach jener Seite hin an ein Entrinnen nicht zu denken war. Als man das letzte Eiſen vorgeſchoben hörte, ſprang der Gefangene von einem Schemel, auf dem er wäh— rend der Verſtändigung zwiſchen Dankmar und Pfan⸗ nenſtiel, unbeweglich den Kopf in beiden Händen ſtützend, geſeſſen hatte, auf und rief: O mein Gott! Was ſagen Sie nun dazu? Durchlaucht ſehen mich hier, antwortete Dankmar, um von Ihnen Etwas zu vernehmen, das ſoviel wie eine Aufklärung iſt. Ich bin ganz Ohr! Dankmar war ſonſt kein Freund von Titulaturen. in Stuhl rgrif die hſack lag, lan den Meubel ganz el⸗ ſo curios der An⸗ anden— raußen ſo daß nach nken war. te, ſprang ner wäh⸗ und Pfau⸗ 1 Händen azu? Dankmar, ſviel wie tulaturen. Er hob die Würde des Gefangenen nur darum ſo nachdrücklich hervor, um zu ſehen, ob dieſer ſie wirk— lich zu behaupten verſtand.... Nichts von Durchlaucht! ſagte der Fremde; keine Förmlichkeiten, die ich ſchon draußen in der Freiheit haſſe, und die hier in dieſem abſcheulichen Loche am wenigſten am Platze wären. Ich habe Sie auf un⸗ ſerer Reiſe ſchätzen, ja lieben gelernt. Vor allen Din⸗ gen! Seien Sie mir Freund, Wildungen! Damit reichte er Dankmarn erregt die noch von ſeinem eben Erlebten zitternde Hand. Dankmar ergriff ſie etwas zögernd. Er konnte denn doch nicht umhin, ſich zu ſagen: Wunderliche Herablaſſung eines gefangenen Die⸗ bes, der vielleicht wirklich unſchuldig, aber denn doch auch vielleicht nichts weniger als der Prinz Egon iſt! Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir, Wildun⸗ gen! ſagte der Fremde. Und ich Wahnſinniger ver⸗ dien' es auch nicht! Wie kann ich mir einbilden, daß Sie meinen Worten trauen können! Wie kann ich glauben, daß Sie mich für Egon Hohenberg halten! Höchſtens, daß Sie mich für keinen Tiſchler neh⸗ men! Und was das Schlimmſte iſt, Wildungen! Ich bin... Der Gefangene ſtockte.. 102 Als ihn Dankmar erwartungsvoll firxirte, ſagte er leiſe: Ich bin wirklich ein Dieb. Durchlaucht... Ich habe auf dem Schloſſe wirklich ſtehlen wollen.... Dankmar beſann ſich bald. Mein Fürſt, ſagte er, man nennt Das nicht ſtehlen, was das Antreten einer Erbſchaft, das Beſitzergreifen von einem Eigenthum iſt. Allein... Nun? Nicht wahr? Auch dieſer Act muß in ge— ſetzlichen Formen geſchehen? Allerdings, ſagte Dankmar. Ich kann nicht glau⸗ ben, daß Sie ſich in der That auf dem Schloſſe irgend Etwas haben heimlich aneignen wollen. Der Fremde ſchwieg und ſuchte nach Faſſung. Nach einem Augenblick ſtrich er ſich mit der Hand durch das lichtbraune Haar, das von dem blaſſen edeln Angeſicht jetzt noch ſchöner abſtach, und ſagte: Weg mit den Grillen! Bedenk' ich es genau, ſo iſt das Ganze ein Abenteuer und ich wünſchte, der Wein aus der Krone wäre ſchon da, damit Sie mit mir auf die Befeſtigung unſerer Freundſchaft an⸗ ſtoßen. Dankmar konnte ſich in dieſen Uebergang zur Hei⸗ terkeit nicht finden. Es überfielen ihn plötzlich alle ollen.... tſtehlen, ergreifen ß in ge⸗ cht glau⸗ ſſe irgend ſung. er Hand n blaſſen d ſagte: genau, o ſche, der Sie mit zul Hei⸗ glich all nur möglichen Zweifel an dem Fremden, von dem er ſich düpirt zu werden als Etwas dachte, was ihm das Blut in die Wangen trieb.... Er ſah ſich um und kam auf die Widerwärtigkeit eines ſolchen Ortes zurück, in dem ſie ſich wiederfin— den mußten.... Es iſt toll! ſagte der Fremde. Aber wie glauben Sie nur, daß ich aus dieſem Rattenneſte frei werde? Vor allen Dingen, meinte Dankmar mit beſtimm— ter Betonung, vor allen Dingen müßt' ich doch wiſ⸗ ſen, mit welchem Rechte Sie hierher kamen? Weil ich ſtehlen wollte.. Wie? Scherzen Sie? In der That! Ich bin ein Dieb.... Ich habe nicht geſagt, Durchlaucht, beweiſen Sie, daß Sie der Prinz Egon von Hohenberg ſind; aber daß Sie ein Dieb ſind, müſſen Sie jetzt wirklich be⸗ weiſen.... Was ſoll ich zuerſt beweiſen? Ich ſehe, Sie glau— ben Beides nicht. Ohne zu ſchmeicheln, möcht' ich faſt glauben, wenn Sie mir beweiſen, daß Sie der Prinz Egon von Hohenberg ſind, ſo hätten Sie kaum nöthig, ent⸗ ſchuldigend von Ihrem ſogenannten Diebſtahl zu ſprechen.... —— 1014. Ah! Sie Demokrat! Finden denn die Fürſten bei Ihnen noch ſo ein gutes Vorurtheil? Dankmar ſchwieg mit ſeinem feinen geiſtreichen Lächeln und erwartete mit einer Art ſtrengen Prü⸗ fung die Mittheilungen, zu denen ſich der Fremde nun anſchickte. Fünktes Capitel. Der Dieb. Wohlan! ſagte der Gefangene nachdenklich, ſtützte das Haupt auf und ſah trübſinnig durch das enge Fenſter in die ſchöne, ſonnenhelle Gegend. Ver⸗ nehmen Sie, Wildungen, ich bin hier geboren, bin hier erzogen. Da am Nande jener Berge hab' ich kletternd die erſte jugendliche Kraft erprobt. Viel iſt ſchon hinweggezogen von neuen Erfahrungen und neuen Eindrücken über die erſte Kinderzeit, aber noch taucht aus ihr in ſtrahlendem Glanze auf.... da das Schloß mit ſeinem alten geſchnörkelten Bauſtil... der Hohenberg ſelbſt, an den ſich die älteſten Erinne⸗ rungen unſerer Familie knüpfen. Wiſſen Sie, früher ſtand auf dem Hohenberg eine Burg, zu der dieſer Thurm, der jetzt hier den letzten Sproſſen dieſes Hau⸗ ſes gefangen hält, als ein äußeres Bollwerk, eine Art Warte, gehörte. Ich habe in der Beſchäftigung mit ernſten und nüchternen Lebensaufgaben doch längſt 106 abzuſtreifen geſucht das dämmernde, träumeriſche Ge⸗ fühl der Wehmuth, das uns nur einlullt zum ſüßen Nichtsthun und zur Beſchönigung unſerer rathloſen Thatkraft... Aber wie ich da wieder im Walde die alten Wipfel rauſchen hörte, wie ich am Jägerhauſe ſtand, wo ich auf einer grünen Wieſe von einem frü⸗ heren Soldaten, Namens Marzahn, die Büchſe ſpan⸗ nen lernte und manchmal das an einen Eichbaum ge⸗ ſteckte bunte Ziel traf, wie ich wieder die Mühle rau⸗ ſchen hörte, die ein Ullaarm, aus dem Gebirge nie⸗ derſtrömend, in Bewegung ſetzt und mich an die Re⸗ genbogen erinnerte, die die Sonne auf dem geſpritzten Waſſerſtaube malt... ein Anblick, der mich beim majeſtätiſchen Rheinfall in Schaffhauſen ausrufen ließ: Rühmt mir nichts von Dem, was ich am Mühlbach auf dem Schloſſe meiner Väter faſt ebenſo ſchön, faſt ſchöner, kindlich glücklicher, ſchon geſehen habe!... wie ich ſo wieder gedachte des Heimwehs der Kind⸗ heit und der Sehnſucht nach einem Lande des Glücks, das— ach! es iſt nur zu wahr!— niemals vor uns, immer nur hinter uns liegt!... da, Freund... nein, nein, Sie zweifeln ja! Sie verſtehen ja meine Empfindungen noch nicht! Bei dieſem gemüthvollen Ausrufe mußten Dank⸗ mar's Bedenklichkeiten ſchwinden. jed 107 Prinz, ſagte er, tief erſchüttert und innigſt über⸗ zeugt, die Augenblicke ſind gezählt; ſie ſind koſtbar, wenn man an die Erlöſung von dieſem jammervollen Zuſtande denkt... Was beginnen wir zu Ihrer Be— freiung? Ich denke nun nicht mehr daran, ſagte der Ge⸗ fangene mit feiner Ironie, in die ſich faſt ein leiſer, artiger Vorwurf miſchte. Erſt haben Sie Aufklärung begehrt, nun fühle ich nicht einmal ſo lebhaft mehr das Bedürfniß, frei zu ſein. Jetzt will ich gefangen ſein, um reden, mich ausſprechen, mich erinnern zu können. Ja, ja! So iſt der Menſch! Wenn er ge⸗ ſund blüht, iſt er vor nichts ſo beſorgt, wie vor einer Krankheit. Da erfaßt ſie ihn denn und nun findet er bei allem Schmerz des äußern Menſchen auch eine Freude für den innern. Man kehrt auf dem Kran⸗ kenlager bei ſich ein, wird reifer, geläuterter und ſteht geiſtig beſſer vom Lager auf, als man ſich niederlegte. Schenken Sie mir jetzt nur ruhig Ihre Gegenwart, Wildungen, hören Sie mir nur ſtill, mit Theilnahme zu und bereiten Sie ſich darauf vor, daß ich Ihnen vielleicht... Der bewegte Sprecher ſtockte. Dankmar ſchwieg, aber ſeine Blicke ſprachen ihm jede Ermuthigung. 108 Daß ich Ihnen vielleicht eine Bitte vortragen werde, deren Erfüllung Sie nur dann erfreuen kann, wenn Sie mein vergangenes Leben kennen. Dankmar äußerte ſchon jetzt für das Vertrauen des Gefangenen ſeinen Dank und bat ihn, ſich offen mitzutheilen. Er würde ſich ihm in Nichts entziehen. Der Erzähler fuhr nun fort: Ich lebte hier in Hohenberg mit jeweiliger Unter⸗ brechung, wo wir unſere andern Güter und die Haupt⸗ ſtadt beſuchten, faſt bis in mein dreizehntes Jahr. Der Vater, kurz vor meiner Geburt in den Fürſtenſtand erhoben, hatte um dieſelbe Zeit ein großes Vermögen durch einen unerwarteten Tod des Stammhalters der öſterreichiſchen Seitenlinie gewonnen und war von ſei⸗ nem plötzlichen Glücke ſo gehoben und getragen, daß er nur auf der hohen Flut des Lebens ſchwamm und ſich wenig um ſeine Häuslichkeit kümmerte. Der Va⸗ ter war Militair und hatte Luſt, auch mich im zarte⸗ ſten Kindesalter ſchon für dieſen Stand zu beſtimmen und abzurichten. Die Mutter aber erkannte in dem Plan, mich in eine militairiſche Erziehungsanſtalt zu ſchicken, nur den Egoismus eines Weltmannes, der die Erziehung ſeines Sohnes ſich ſo leicht als mög— lich machen wollte. Sie trat dieſem Plane mit Ent⸗ ſchiedenheit entgegen. Das leider ſehr tief eingeriſſene 10o Zerwürfniß der Aeltern machte eine unter ihrer gemein⸗ ſchaftlichen Aufſicht genoſſene Erziehung faſt unmög⸗ lich. So beſchloſſen ſie mich ganz hierher nach Ho⸗ henberg zu verſetzen, ſoviel wie möglich hier zu leben und mich mit Lehrern, Hofmeiſtern und Aufpaſſern aller Art ſo zu umgeben, daß ihr Gewiſſen beruhigt ſein durfte. Meine Mutter liebte damals noch die Welt. Sie war noch nicht in die Kriſis getreten, die ſie ſpäter zu einer ſehr unfruchtbaren und meiner in⸗ nerſten Natur heterogenen Frömmigkeit geführt hat. Es lebte damals hier im Orte ein ſehr braver Pfar⸗ rer, Namens Rudhard. Dieſer ſtrenge und doch kei⸗ neswegs gemüthloſe Mann erhielt über meinen gan⸗ zen Bildungsproceß die obere Aufſicht, und noch jetzt — er weilt fern an den Ufern des Schwarzen Mee⸗ res in Odeſſa— noch jetzt dank' ich ihm für die ſpar⸗ taniſche Strenge, mit der ich in jenen Tagen erzogen worden bin. Zwar ſträubte ſich in mir etwas und wollte ſich bäumen und das oft drückende Joch des Gehorſams abſchütteln; aber Dank ſei es der dama⸗ ligen Charakterfeſtigkeit meiner Mutter, ſie widerſetzte ſich jeder Intrigue, die vom Schloſſe aus und ſonſt gegen den Pfarrer geſponnen wurde. Wie auch die Lehrer, die mir oben beigegeben waren, gegen den unten über ſie wachenden Rudhard polterten, wie ſehr auch einer von ihnen, ein Franzoſe, Namens Sylveſtre Rafflard, förmlich intriguirte, Rudhard be⸗ hielt Recht. Auch mein Vater hatte bei aller Zer— fahrenheit ſeines Charakters eine gewiſſe männliche Entſchloſſenheit, die ihn Windbeuteleien ſehr leicht als ſolche erkennen ließ, und wenn mich Rudhard's ſtrenge gewaltige Hand nicht geführt hätte, ich wäre umſo⸗ mehr misrathen oder doch in meinen erſten Entwicke⸗ lungen geradezu geſagt verpfuſcht worden, als die Mutter in ihrer Behandlungsweiſe im höchſten Grade unregelmäßig, launenhaft und willkürlich verfuhr. Bald warf ſie ſich mir mit brennender Liebe an den Hals, küßte mich und benetzte mich mit tauſend Thrä⸗ nen, deren Grund ich nicht kannte, bald wieder war ſie ſchroff und behandelte mich mit einer Fremdheit, die früh mein Herz gegen ſie eingenommen hat. Schei— terte ihr in der großen Welt irgend ein Lieblingsplan, fühlte ſie die Hand irgend einer Intrigue kalt und ertödtend in ihr Herz greifen, ſo kam ein reitender Bote, um mich augenblicklich in die Stadt zu rufen. Auf Wolkenflügeln ſollt' ich dann zu ihr eilen, das Muttergefühl ſollte ſie tröſten für allen Kummer, alle Entbehrungen! Und wenn ich ankam, fröhlich, über⸗ glücklich, im prächtigen Palais der Aeltern mich um⸗ ſchauend, fand ich ſie ſchon abgekühlt, ſchon getröſtet, ſchon zerſtreut durch etwas Neues, dem ihre nie zu befriedigende Sehnſucht nachjagte. Dann blieb ich wol einige Wochen bei den Aeltern, wurde verwöhnt, verhätſchelt, war ihnen aber bald ſo im Wege, wurde ſo unwillkommener Zeuge der unglücklichſten häusli⸗ chen Zerrüttung, daß man dann ſogleich hundert Gründe hatte, mich wieder nach Hohenberg zu meinem ge— ſtrengen Rudhard, den franzöſiſchen und muſikaliſchen Maitres zurückzuſchicken. Zu dieſen Maitres! Dieſen Erziehungsvirtuoſen, die ich ſpäter zu entlarven Ge⸗ legenheit hatte! O, durch welches Wirrſal muß ſich ein Kindesherz durcharbeiten! Wenn ich daran denke, daß ich dabei immer noch mit Dem, was aus mir wurde, leidlich zufrieden ſein darf, ſo kann man wol ſagen: Die Jugend iſt eine Pflanze, die wächſt und ans Licht muß, auch wenn man unter dem Namen der Erziehung einen ſchweren Stein auf ſie legt! Sie benrtheilen Ihre Aeltern ſtreng, ſagte Dank⸗ mar, und der Gefühle gedenkend, die ihn geſtern über ſeine eigene Mutter beſchlichen, fügte er hinzu: Es iſt eigentlich ungerecht, Menſchen nur deshalb ſtreng zu nehmen, weil ſie das Schickſal zufällig un⸗ ſerm Herzen ſo nahegeſtellt hat, daß wir ſie leichter ergründen können als Andere! Wir ſollten da gerade doch duldſamer ſein und den Vorſprung nicht benutzen, den uns der nähere Beſitz geſtattet. Doch vergeben Sie... ich gedachte eigener Erfahrungen. Wohl! Wohll ſagte der Fremde nachdenkend und tiefmelancholiſch.... Die Liebenden quälen ſich wech⸗ ſelſeitig am meiſten... und Keiner wol bereitet ſich das Gift des Todes oft willenlos gefliſſentlicher als Die... die ſich das Leben ſind! Nach einigen Augenblicken ſchwermüthigen Sin⸗ nens fuhr der Frenide fort: Sie ſtrafen mich, Wildungen, daß ich ſo ſtreng von meiner Mutter ſpreche und den Vater vollends nicht ſchone. Aber werfen Sie einen Blick auf meine Lage, iſt dieſe nicht entſetzlich? Ein tapferer Krieger wird von ſeinem Monarchen, der ihn liebt und ver⸗ wöhnt, in den erblichen Fürſtenſtand erhoben. In demſelben Augenblicke fallen ihm in der Ferne Be⸗ ſitzungen im Werthe einer Million zu. Er veräußert ſie und ſtatt die flüſſigen Gelder auf einheimiſchen neuen Grund und Boden und deſſen Ankauf oder die Verbeſſerung ſeiner alten Beſitzungen zu verwenden, werden ſie in flüchtigen Tändeleien, in lururiöſen Ein⸗ richtungen, einem prächtigen Palais, in Pferden, in Marſtällen, im Spiel, ja ich muß es ſagen, ſogar im Trunk vergeudet! Man drängt in ihn, ein Fidei⸗ commiß zu ſtiften für die Familie und ihre dauernde 4 8 5 * 8 en Anlehnung an einen Beſittz, der wol entwerthet, aber nicht ganz veräußert werden kann. Der Staat begün⸗ ſtigt ſolche Majorate und wünſcht ſogar ähnliche Be— ſtimmungen, um einen vornehmern Adel zu gewinnen, als das übliche adelige Geſindel iſt, das uns die ganze Frage vom Adel verdorben hat. Man wollte die Aus⸗ führung der damaligen Idee von einer künftigen Pairs⸗ ſchaft durch Majorate anbahnen. Aber nicht nur, daß mit der Zeit jene Capitalien verſchwendet und auf eine nutzloſe Prachtliebe verwandt waren, die mir in der Reſidenz allerdings ein ſehr ſchönes Palais hin⸗ terlaſſen hat, deſſen innere Einrichtung zu ſehen Ihnen einmal Freude machen wird... auch die alten gräflich Hohenberg'ſchen Güter Pleſſen, Randhartingen, Wies⸗ bach, unſere Antheile an Schönau, Berghübel, ſind ſo durch darauf geborgte Summen überſchuldet, in ihrer Oekonomie vernachläſſigt, daß ich zweifelhaft bin, ob ich überhaupt ihre Herrſchaft antrete und ſie nicht lieber ganz, wie der Lateiner ſagt, unter den Spieß ſtelle, das heißt, wie Sie wiſſen, ſie losſchlage. Er⸗ wägen Sie dieſen Zuſtand und fragen Sie, ob hier das Gedächtniß eines Sohnes Alles liebend beſeitigen und über die Vergangenheit nur Blumen der Verſöh⸗ nung ſtreuen kann! Nein! Nein! Ich kann nur mit bitterſtem Unmuthe dieſe Gedanken an das Vergangene Die Ritter vom Geiſte. II. 8 in mir vorüberziehen laſſen; ich habe Stunden erlebt, wo ich meine Mutter kalt bemitleidete, aber noch un⸗ glücklichere, wo ich meinen Vater bis aufs Blut haßte. Denken Sie ſich den einen Zug! Dieſer Mann, der meine Mutter mishandelt hat, ſie zuletzt in ihrem Nothdürftigſten beſchränkte, dieſer Mann, der dennoch vor dem jungen Monarchen weinte, als er ihm den Tod meiner Mutter anzeigte, weil ein ernſter Blick der Umgebungen des Fürſten ihm ſagte: Hohenberg, Sie haben da ein Herz brechen helfen!... dieſer Mann verkauft, weil die frühere Gräfin Bury nichts beſaß und ich keine Anſprüche auf ihren Nachlaß habe, die Einrichtung ihrer Zimmer, verkauft den ſtillen Frieden ihrer liebſten frommen Abgeſchiedenheit von der Welt, verkauft die Thränen, mit denen ſie ihre Polſter und Gebetbücher benetzte, verkauft— o mein Gott, Wildungen, Ihr wißt nicht, wie weit die Herz⸗ loſigkeit dieſer vornehmen Stände geht! Wenn ich in Lyon einen armen Seidenarbeiter ſterben ſah, ja, da gehörte wol ſchon das Stroh, auf dem er endete, dem reichen Fabrikanten, dem er all ſein Hab und Gut verpfändet hatte; aber ein Crucifix, Wildungen, auf das die blaſſen Lippen ihre letzten Küſſe gedrückt hatten, ein Gebetbuch, aus dem ſeine weinenden Kin⸗ der, die zu kurz die Schule beſucht hatten, um leſen zu 115 können, die letzten Tröſtungen der Religion ſtammelnd buchſtabirten, ja vielleicht der letzte Stab, Wildungen, der ihn ſtützte, der letzte Rock, der ſeine Blöße deckte und die letzten Schuhe, die er auszog, als er ſich auf das Lager warf, auf dem er ſterben ſollte— die waren noch ſein, um die bat er den Fabrikherrn für ſein Weib und ſeine Kinder, verpfändete ſie nicht, um der Liebe willen nicht... um ſeines Heilandes willen nicht... ach, mein Freund, vergeben Sie mir, wenn Sie einen Sohn hören, der vor ſeinem Vater keine Achtung hat. Erſchöpft von ſeiner Aufregung warf ſich Egon auf die hölzerne Pritſche und ſchien die Härte dieſes Lagers kaum zu fühlen. Von tiefſter Theilnahme ergriffen beugte ſich Dank⸗ mar zu ihm herab und bat ihn, ſeine Empfindungen nicht zu heftig aufzuregen. O, warum bin ich auch hierher zurückgekehrt, rief Cgon leidenſchaftlich, ausgeſetzt einer ewigen Verhöh⸗ nung durch mich ſelbſt! In der Ferne, ja da war ich glücklich! Ich galt für Den, für den ich mich gab. Wildungen! Glauben Sie mir's, ohne mich einen Wahnſinnigen zu ſchelten, ich habe in den Werk⸗ ſtätten von Paris gearbeitet, ich galt für einen deut⸗ ſchen gebildeten Arbeiter. Niemand wußte etwas von 8* den Schulden meines Vaters; mit Dem, was ſie mir übrigließen, konnt' ich fleißige Arbeiter belohnen, manche nützliche Unternehmung befördern,... ſelbſt leben... ich war glücklich.... Setzen Sie dies Leben hier fort! ſagte Dankmar innigſt theilnehmend und vor Freude bewegt, endlich einmal einen Vornehmen zu finden, der wie jeder an⸗ dere Menſch ſich fühlte und gab. Man wird ſich mit dem Vater ausſöhnen, der einen ſolchen Sohn hin⸗ terließ. Man wird milder von der Ariſtokratie denken, ſich dem Adel verwandter fühlen... Man wird mich auslachen! unterbrach ihn der junge Fürſt. Unſere Verhältniſſe bieten keinen Boden für eine ſolche Umkehr der Stellungen. Warum nicht? ſagte Dankmar. Der Fremde ſchwieg.... Nach einer Weile fuhr er fort: Aber hören Sie von dem Vergangenen! Sich aufrichtend erzählte er weiter: Ich hatte kaum das dreizehnte Jahr erreicht und ſollte nach des Vaters Wunſche jetzt unmittelbar für den Kriegerſtand gebildet werden. Da kam über meine Mutter jene Erleuchtung, die denſelben bigotten Zu⸗ ſtand zur Folge hatte, von dem noch die ſpaßhaften Erzählungen des Jägers vom„Gelben Hirſch“ Ihnen im Gedächtniß ſein werden. Sie hören, wie wenig erbaut ich von dieſer Erbauung ſpreche und ich kann Sie ver⸗ ſichern, Wildungen, daß ich hier nicht wie der Blinde von der Farbe rede, ſondern eine Zeit lang war ich felbſt einer der Hellſehenden, Einer der von Angeſicht zu Angeſicht Schauenden und der Gotterleuchteten. Dankmar lächelte wie der Erzähler. Er hätte⸗ manche, ſo auch dieſe Aeußerung von ihm anders ge⸗ wünſcht; doch hörte er mit Aufmerkſamkeit zu. Wie meiner guten Mutter dieſer traurige Zuſtand anflog, weiß ich nicht. Ich glaube, dieſe Frömmigkeit war damals in der großen und kleinen Welt eine Sache der Mode. Man betete viel und gern laut, und wiſſen Sie, Wildungen, für die Politik war Das ſehr gut. Es bewahrte vor Uebereilung in Entwicke⸗⸗ lungen, für welche der beſchränkte und philiſterhafte Sinn unſers Volkes kaum jetzt ſchon reif iſt, wie viel weniger damals... Die jämmerlichen Staatsmänner jener Zeit, ſagte Dankmar, dieſe Polizeiſeelen, Creaturen Metternich's, fanden in der Bigotterie eine Stütze des Abſolutismus, eine Art Chinin gegen das Conſtitutionsfieber. Wohl! Wohl!l ſagte der Fürſt. Genug, ich für mein Theil hatte einige ſehr angenehme Folgen von dieſer Sinnesänderung meiner Mutter zu erfahren. 118 Erſtens wurd' ich nicht zum Soldaten beſtimmt. Im Ge⸗ gentheil wollte die Mutter jetzt nur noch durch mich Gott... und durch Gott mir leben. So ſagte ſie ſelbſt! Sie zog für immer hierher nach Hohenberg und richtete ſich ſo ein, als wollte ſie ihre Tage hier für immer beſchließen. Anfangs verurſachte mir dieſe Entdeckung einen lähmenden Schrecken. Ich ſehnte mich ja hinaus in die Welt, ich wollte Schulen be⸗ ſuchen, wie Andere, wollte die Freundſchaften unter⸗ halten, die ich bei meinen kurzen Anweſenheiten in der Reſidenz im Fluge knüpfte. Ich wollte der junge Fürſt von Hohenberg ſein! Aber die Mutter hatte es anders beſchloſſen. Sie gedachte mich in ihre aus⸗ ſchließliche Obhut zu nehmen. Rudhard wurde ent⸗ fernt, weil ſeine Auffaſſung des Chriſtenthums der ihrigen nicht entſprach. Man verſetzte ihn, ich weiß nicht, ob auf ihren Betrieb oder freiwillig, in andere öſtliche Gegenden. Tief betrübt ſah ich ihn ſcheiden, denn ſo ſtreng er war, die Gediegenheit ſeines Cha⸗ rakters konnte ſelbſt dem Kinde nicht entgehen. So wenig er meiner Eitelkeit als einem jungen Fürſten ſchmeichelte, ſo beſaß ich doch Lernbegierde genug, von ſeinem reichen Wiſſen Vortheile zu ziehen. Ja wie Knaben mit ihren Lehrern pflegen, in meiner eitlen Bewunderung ſtellt' ich ihn wol gar noch höher als —y— 119 er ſtand. Seinen Nachfolger wählte die Mutter auf Empfehlung der pietiſtiſchen Kreiſe in der Reſidenz. Es war dies ein junger, gewandter Theolog, Namens Guido Stromer. Wenn ich nicht irre, brachte er ſich ſogleich eine Gattin mit und gewann das Herz mei⸗ ner Mutter in dem Grade, daß es ihm gelang, einen andern Plan mit mir durchzuſetzen, für den ich ihm eigentlich Dank weiß. In ſeiner Furcht, meine Erzie⸗ hung auf dem Schloſſe würde doch einen ewigen Ab⸗ und Zuſtrom von Hofmeiſtern und Fachlehrern aller Art zu einer nicht zu ändernden Bedingung machen, äußerte er der Mutter die Idee, mich nach Genf in ein Penſionat zu geben. Naturen wie Sylveſtre Raff⸗ lard geweſen war, blieben ihm gefährlich. Die Mutter, nicht ahnend, daß er nur in der ihm natürlich ſehr wichtigen Gunſt ſeiner Kirchenpatronin die Neben⸗ buhlerſchaften entfernen wollte, ging auf dieſen Plan mit Begeiſterung ein. Sie hatte Genf ſelbſt geſehen, ſchwärmte für den reizenden bergumkränzten Leman, träumte oft von dem Glücke, dort zu wohnen, dort ihre Tage zu ſchließen, was ihr bei der Beſchränkung ihrer Mittel nicht beſchieden ſein konnte... und alle dieſe Reize erhöhte ihr zuletzt noch das Bewußtſein des in dem dortigen Leben und der dortigen Erziehung herrſchenden Geiſtes der ſtrengen Kirchlichkeit. Die — 120 Sekte der Momiers war damals neu in der franzö⸗ ſiſchen Schweiz erſt aufgekommen. Sie erkannte in ihnen, nach den Berichten einer von ihr nach Kräften unterſtützten Kirchenzeitung, eine Gemeinde Wiederge⸗ borener, die ſich nur an den reinen bibliſchen Geiſt des Chriſtenthums hielte. Es wurden Erkundigungen eingezogen über die Penſionate von Lauſanne, von Vevey, von Neufchatel, Genf. Das war ein Geſchwirre von Briefen der Paſtoren jener herrlichen Gegend, die Alle mit Empfehlungen der chriſtlichen Inſtitute zur Hand waren und dabei die Gelegenheit benutzten, mit einer deutſchen Dame von Stande in Rapßort zu treten. Denn dieſe Pfaffen dort, müſſen Sie wiſſen, haben keinen größern Ehrgeiz, als mit der halben vornehmen Welt Europas in Rapport zu ſtehen und ſich mit den Briefen zu brüſten, die ſie ſelbſt aus Petersburg, Stockholm und Neuyork erhalten. Damit iſt zütgleich ein eigenthümlicher Menſchenhandel verbunden. Kennen Sie Caſanova? Dankmar verneinte befremdet. Caſanova, ſagte der junge Fürſt, Caſanova, den ich im Penſionat des Herrn Monnard mit aller Be⸗ quemlichkeit geleſen habe.... Im Penſionat? ſagte Dankmar erſtaunt. Caſanova, fuhr Egon ruhig fort, erzählt von den 1 121 in Europa zerſtreuten italieniſchen Sängern und Tanz⸗ meiſtern und plaudert uns deren Memoiren aus; ich verſichere Sie, der fromme Menſchenhandel mit Bon⸗ nen, Gouvernanten, Hauslehrern aus der franzöſiſchen Schweiz iſt ſo organiſirt, daß ich eine große Aehnlich⸗ keit finde. Sie haben keine Ahnung, welche Dinge in einer franzöſiſch⸗ſchweizeriſchen Pfarrerswohnung von Yverdun oder Meudon abgemacht werden. Ich könnte Ihnen Fürſtinnen nennen, die auf europäiſchen Thronen ſitzen und von den Fäden einer ehemaligen, glänzend penſionirten, bei Genf in ihren Verbindun— gen ſchwelgenden alten Erzieherin gelenkt werden. Sie erfahren in einem frommen Thee in Lauſanne mehr Cabinets⸗ und Hofgeheimniſſe, wie in Berlin in dem engern Cirkel eines Miniſters. Dankmar fiel lachend ein: Das hätte ja faſt Aehnlichkeit mit dem Einfluſſe, den zehn Meilen weiter von Lauſanne die freiburger Jeſuiten über das übrige Europa ausüben.... Die vollkommenſte! beſtätigte der junge Fürſt. Sie können aber auch in Lauſanne die Politik der Jeſuiten und in Freiburg die Politik der Momiers ſtudiren. Es iſt ganz dieſelbe Sache, wie ſie auch von Menſchen vertreten wird, die ſich untereinander vor Brotneid aufzehren möchten. Das iſt eine Sucht, dem andern 122 eine Beute abzujagen! Denken Sie ſich dieſe Corre⸗ ſpondenz der reformirten Geiſtlichen mit den höchſt⸗ ſtehenden Familien! Der Reiz der franzöſiſchen Sprache, die elegante glatte Weltbildung neben der frommen Salbung, die den gutkatholiſchen Fénélon zum Ideal auch dieſer Proteſtanten gemacht hat,... genug, die gute Mutter war auf Grund meiner Verſendung nach Genf ſo lebhaft in Verbindung mit den ſchönſten, durch die Fremdenbeſuche an Neuigkeiten ergiebigſten Gegenden der großen europäiſchen Route, daß ſie ſich in ihren Briefen hier auf Hohenberg ſchon da vor⸗ trefflich unterhielt, noch ehe ich abreiſte. Wie aber nahm Das erſt zu, als ich wirklich in Genf war! Wie wurden da über mich, über meine Erziehung, meine Anlagen, meine Irrthümer, meine Tugenden und Gebrechen ſoviele Anfragen an Geiſtliche, Prö— feſſoren, Syndics, Künſtler, am Genferſee domicilirte Freunde und Freundinnen gerichtet und von die— ſen beantwortet! Nun war ich der einzige Gedanke der Fürſtin, ja der Angelpunkt und die Achſe ihres ganzen Daſeins geworden. Welche Briefe ließ mich Profeſſor Monnard und ſein boshafter erſter Lehrer, Sylveſtre Rafflard, ſchreiben... Rafflard? unterbrach Dankmar. Sie erwähnten ja ſeine Anweſenheit in Hohenberg.... 123 Rafflard war, berichtete der Erzähler, urſprüng⸗ lich aus Genf, kam nach Deutſchland, zu uns als Lehrer der franzöſiſchen Sprache, von da nach Kurland, wo er mit Rudhard wieder zuſammentraf und zwar feindſelig genug, dann kehrte er nach Genf zurück, wo ich ihm im Monnard'ſchen Inſtitute wieder begegnete. Jetzt iſt er Jeſuit.... Das iſt eine lehrreiche Biographie! ſagte Dankmar. Sie werden noch Manches von Sylveſtre Raff⸗ lard hören; ſchaltete der Erzähler ein und fuhr fort: Wie oft wurden meine Briefe von Monnard und Monſieur Sylveſtre ausgeſtrichen und unter dem ein— fachen Scheine ſtiliſtiſcher Veränderungen in ihren That⸗ ſachen ſo umgewandelt, daß weiß erſchien, was ich als ſchwarz hatte melden wollen— kurz, mein Freund, ich wurde in geiſtigen Dingen ſo methodiſch zur Lüge und zur Phraſe erzogen, ſo auf eine gewiſſe herzloſe Regelmäßigkeit abgerichtet, ſo nach dem Modell einer gutgearbeiteten genfer Uhr künſtlich zuſammenſpintiſirt, daß ich in meinem achtzehnten Jahre wirklich als ein heilloſer Schlingel, voll Verſtellung und Einbildung, zur Mutter zurückkehrte und die Vorwürfe der inzwi— ſchen gar düſter gewordenen und gramverſchleierten Frau im reichſten Maße verdiente. Natürlich misfiel es hier einem jungen Taugenichts, der ſtatt im Tho— 124 mas a Kempis im Penſionat heimlich den Caſanova las, im höchſten Grade. Ich entfloh, ſo zu ſagen. Als die Mutter mir in die Reſidenz nachreiſte und ich auch mit dem Vater in Händel gerieth, dankte ſie Gott, wie ich wenigſtens ſoviel guten Willen zeigte, daß ich mich entſchloß, in Bonn, Heidelberg, Göttingen zu ſtudiren. Erlaſſen Sie mir, Ihnen davon eine Schil— derung zu machen! Die akademiſche Zeit eines jungen deutſchen Adeligen, der die Univerſität beſucht ohne einen andern Zweck als den, einmal dageweſen zu ſein, wird für Sie keiner Schilderung bedürfen. Man genießt, was das Leben bietet und was der von Hauſe bezogene Wechſel ſich zu verſchaffen möglich macht. Durch Unterwürfigkeit und Kriecherei der ſogenannten „Philiſter“, ja der berühmteſten Profeſſoren, lernt man früh die Niederträchtigkeit der Menſchen kennen und man verläßt die Hochſchule, überſättigt, verdrieß⸗ lich, reizZbar, im Jugendlenz ſchon ein Miſanthrop. Die Mittel floſſen meiner Lebensluſt gering zu. Der Juſtizrath Schlurck, derſelbe, der im Beſitz Ihres ver⸗ lorenen Schreins iſt, derſelbe, den wir beobachteten, wie koſtbar ihm Paſteten und Champagner ſchmeckten, die er ſich bei ſolchen Adminiſtrationen, wie die Ho⸗ henberg'ſche iſt, verdient, ſchickte ein, was die ganz in ſeinen Händen befindliche Verwaltung der Angelegen⸗ heiten meines Vaters zu ſchicken erlaubte. Der epi⸗ kuräiſche Spitzbube war dabei ſehr höflich, ſehr devot, aber karg. Ich haßte ihn, vielleicht mit Unrecht. Aber er war der Nächſte, der meinen beleidigten ariſtokra⸗ tiſchen Aerger, meine gentlemanliken Vorwürfe auf⸗ fangen mußte. Die Mutter ſprach oft davon, man müſſe ſeinen Feinden vergeben: ich entnahm dieſer Wendung ihrer Briefe weiter nichts, als daß ich mich auch wirklich vor Feinden zu hüten hätte.... War ſie doch ſelbſt ſeit der früheſten Zeit, der ich mich entſinnen kann, von den Geſpenſtern unſichtbarer Geg⸗ ner verfolgt! Früh ſchon prägte ſie dem Kinde die Vorſtellung einer großen Verſchwörung gegen ihr Le— bensglück ein. Sie machte mir Begriffe, als wenn die Welt voll Teufel ſtäke und an der Spitze dieſer Hölle, ſagte ſie mir einſt, ſtände eine Frau... eine Frau, die früher ihre zärtlichſte Freundin war, Pauline von Harder, ſonderbarerweiſe wirklich die Gattin jenes Mannes, deſſen ſchlingelhafter, frecher Bediente mich, den Beſitzer von Hohenberg, in ſeinen eigenen Thurm hat werfen laſſen! Pauline von Harder? wiederholte Dankmar und gedachte der Erwähnung derſelben auf dem Heidekrug. Er kannte ſie nur als eine Schriftſtellerin, von der er jedoch nichts geleſen hatte... 126 Sie iſt mir unbekannt, fuhr der junge Fürſt fort, wie die meiſten erlauchten hoch- und hochwohlgeborenen Häupter unſers Adels, einige Jüngere ausgenommen, mit denen ich in Bonn und Göttingen verkehrte. Prü⸗ fungen zu beſtehen und mich um ein Amt zu bewer— ben, lag nicht in meinem Plane: der Vater, der ſich über ſeine Verhältniſſe gern in einem völligen Dun— kel erhielt, um von ihnen das Beſſere annehmen zu dürfen, glaubte noch hinlänglich vermögend zu ſein, mir eine ſtandesmäßige Eriſtenz auch ohne Arbeit und Amt zu ſichern. Dies war aber nicht der Fall. Ich fühlte mich ſo gezwungen und nach allen Richtungen hin ſo gehemmt, daß ich vorzog, wieder auf Reiſen zu gehen und mich deshalb der Schweiz, Italien und Frankreich zuwandte. Die Beziehung zur Mutter blieb leider unerfreulich. Sie hatte in ihrer Art das Beſte im Sinn, aber ſie gab es entweder nicht in der rich— tigen Form, oder mein Herz iſt kalt, ich weiß es nicht, ich kam nie mit ihr zu einem warmen offenen Wahr⸗ heitstone. Oft empfand ich Hinneigung zu meinem derbnatürlichen Vater. Die Mutter unterbrach aber jedesmal dieſen Strom meiner Empfindungen und lenkte ihn wieder auf ſich zurück, wo er jedoch nur künſtlich floß. Ihre trübe Auffaſſung des Lebens ent⸗ ſprach meinem heitern Sinne nicht. Rudhard's Un⸗ 122 terricht hatte ſchon tiefe Wurzeln in meinem Herzen geſchlagen und mich gegen allen Schein und die Char— latanerie geſtählt, mit der in Genf die Erziehung betrieben wurde. Ich gewann dort einige Bekannt— ſchaften, die der allgemeinen Pietiſterei in der dortigen Lebensweiſe gegenüber mir reinere Begriffe von Gott und ſeinem weiſen Erziehungsplane der Menſch⸗ heit einflößten, und wenn ich Ihnen erzählen ſollte, wie es vor fünf Jahren etwa über mich kam, welch ein neuer Geiſt mich gerade in der franzöſiſchen Schweiz und dem ſüdlichen Frankreich ergriff.... Sie würden ſagen, die dumpfe, hier auf dem Schloſſe wohnende proteſtantiſche Ascetik konnte mich nicht erwärmen, ſelbſt wenn ſie von der zärtlichen Fürſorge einer Mutter betrie⸗ ben wurde! Ach ja, Wildungen! Ich gedenke des Tages, wo ich von Genf zu Fuße wanderte, die Rhone entlang durch Savoyen über den Jura nach Lyon! O dieſer Tag! Dieſe Welt! Dieſe Freiheit! Vergebens hatte ich auf Briefe von Schlurck gewartet, vergebens auf eine Mittheilung von meiner Mutter, die wegen meines plötzlichen Ent⸗ ſchluſſes zu reiſen, mit mir boudirte, vom Vater hatt' ich eine längere freundliche Zuſchrift, in der er mir nach ſei— ner Weiſe kurze Verhaltungsmaßregeln ſchrieb, etwa in dem Stile: Junge! Mach Schulden, aber meide die Wucherer und borge immer vier Wochen früher, ehe 128 du das Geld brauchſt, ſonſt preßt dir die Noth die niederträchtigſten Zinſen ab! Verlieb' dich nie ernſtlich und lerne aus der Liebe zu den Weibern die leichteſte Methode, ſie zu verachten... und dergleichen epikurãi⸗ ſche Sätze mehr, die er mit Herzensgüte verband... er war leichtſinnig, doch wohlwollend und nur durch eine unmäßige, vom verſtorbenen Monarchen geſchürte mili⸗ tairiſche Eitelkeit aus Rand und Band gegangen.... Die⸗ ſen Brief hatt' ich, aber keinen Wechſel. In der Unge⸗ duld, ihn erwarten, Stunde um Stunde, Minute um Minute zählen zu ſollen, ging ich mit der letzten Baar⸗ ſchaft, zu Fuß, in einer Blouſe, wie Sie mich jetzt hier ſehen, von Genf nach Lyon.... In der Meinung, nach vierzehn Tagen kehrſt du zurück und findeſt, was zu erwarten dich ſo peinigt, ſchritt ich muthig vorwärts. O, welch eine Erinnerung! Wie lange hielt ich ſie fern, Wildungen! Gedenk' ich dieſer himmliſchen Mai⸗ tage, als ich von Genf auswanderte, die grünen Ufer der Rhone entlang, bei jedem Blicke aufwärts die blauen Höhen des Jura, bei jedem Blicke rückwärts die weißen, unter dem reinſten blauen Himmel aus⸗ gebreiteten Schneedecken des Montblanc und Chamou— nirthales.... Wildungen... An der kleinen, hoch in den Lüften ſchwebenden Bergveſte des Forts de »Ecluſe warf ich noch einmal den Blick in das Genfer 129 und Savoyer Thal zurück. Lebe wohl, du ſchöne Ebene! Lebe wohl, du theures Land! Es war wie ein Abſchied von meinem ganzen Daſein... Ich ſetzte mich an dem Fort auf einem Steine nieder und jeder von einem leichten Lüftchen bewegte Grashalm rührte mein junges, ſich damals ſo arm, ſo arm fühlendes Herz. Jede kleine Glockenblume, die mein Fuß hätte zertreten können, ſchien mich mit bittendem Auge an⸗ zuflehen: Schone mich! Der Vogel, der von dem Felſen in die Ebene hinunterſchoß mit wellenartig wogenden Flügeln, ſchien mir im Einverſtändniſſe mit meinem innerſten Leben und auf der gewaltigen fla⸗ chen Felswand, die dem Fort de l'Ecluſe gegenüber ausgebreitet liegt und die andere Seite der Schlucht bildet, über welche ein ſchmaler Engpaß durch dieſe kleine Feſtung nach Frankreich führt... las ich wie auf einer großen, vom Himmel mir entgegengehaltenen Tafel mein künftiges Schickſal... Ich grübelte und forſchte, zu erkennen, welche Figuren das Moos und die Bäume und die Sträucher und die zerbröckelten Riſſe auf ihr bildeten. War es ein geharniſchter Ritter zu Roß? War es der Gott Vulcan, der mit aufge⸗ hobenem Hammer vor der Eſſe ſtand? Es ſchien mir ein rieſiger Adler mit weit ausgebreiteten majeſtätiſchen Flügeln. Ich ſprang auf. Wie Ganymed wollt' ich Die Ritter vom Geiſte. II. 9 130 mich von dieſem Göttervogel forttragen laſſen in alle Himmel und Fernen ſehnſüchtigſter Ahnung.... Ich kannte kein Bleibens mehr. Hinüber zog es mich über 3 den kahlen Rücken des Jura, und als ich niederſtieg an den gewaltigen Rhonefällen vorüber, durch tannen⸗ beſchattete Schluchten, an Eiſenhämmern und Kohlen⸗ hütten vorbei... in die burgundiſche Ebene, als mich neue Menſchen, neue Sitten, neue Erinnerungen der Geſchichte begrüßten... wie hab' ich da meinen Hut in die Luft geworfen und allen Bäumen zugerufen: Warum habt ihr hier ſchon geblüht? Warum nicht gewartet auf dieſen Maitag und auf mich? Warum liegen eure Flocken ſchon alle auf der Erde? Und wenn ich einen Pfirſichbaum ſahe, der ſich verſpätet hatte, der noch blühte, ach, da hätt' ich ihn umarmen mögen wie mich ſelbſt, wie mein Bild, wie meinen Kameraden, ſo kam ich mir jung, glücklich und wie umgeboren vor! In ſolcher Stimmung kam ich, die Ufer des Ain entlang wandernd, in Bauerhütten ein⸗ kehrend, mit Fuhrleuten ſprechend, die leichte Koſt des Landes genießend, mit einem Freunde, den ich mir unterwegs erwarb, wie ich Sie erwarb... in dem ſchönen Lyon an, wo ich nicht die Villen, nicht die prächtigen italieniſchen Lurushäuſer der reichen Kauf⸗ leute an den weinbekränzten Ufern des Kanals be⸗ ſuchte, ſondern— doch was unterhalt' ich Sie mit Empfindungen und Rückblicken, auf ein Leben, das keinen Werth für Sie haben wird!... ach, vielleicht auch keinen mehr für mich ſelbſt! Doch, doch! rief Dankmar, faſt mit Egon wei— nend vor Rührung. Ich nehme den innigſten Antheil, Prinz! O fort mit dieſer Benennung, Freund! ſagte Egon. Prinz! Durchlaucht! Ich habe ſie nie geliebt, dieſe alten Reliquien pedantiſcher Kanzleiſprache, dieſe ge⸗ ſchmackloſen Ueberlieferungen italieniſcher und ſpani⸗ ſcher Etikette. Und Das jetzt? Jetzt, Wildungen? Der Fürſt ſoll ſich ehren durch ſeine Weisheit, der Adel durch ſeine Tugend und durch die Ehre ſeiner Thaten und Geſinnung, der Bürger durch ſeinen Beruf, und der einfache Name iſt es, der uns der ſchönſte Gruß, die wuͤrdigſte Anrede erſcheinen ſollte. Entwöhne ſich Einer, wie ich, mein Freund, vier Jahre lang aller Erinnerungen an äußere Lebensſtellung, ſei Einer eine Zeit lang nur Das, was ſein Talent oder wenigſtens ſein guter Wille aus ihm macht, und man wird die Hohlheit aller äußern Formen für immer gewahr werden. Wildungen, ich habe das Leben an ſei⸗ ner reinſten Quelle erkannt. Nicht die Schichten, wo man nur Abſtractionen genießt und den Fleiß 9* 132 anderer Hände und die Gedanken anderer Köpfe, nicht dieſe bieten uns ein Bild des wahren Lebens, ſondern da rinnt ſein Quell, wo die Arbeit aus rohen Stoffen eine Geſtalt hervorzaubert, da ſtrömt ſie, wo die ewige Schöpfung Gottes von der Hand des Menſchen fort⸗ geführt wird. Ich wurde durch einen Zufall in Lyon ein Handwerker, kehrte nicht nach Genf zurück, lebte in und mit dem Volke und liebte ſeine Leiden und ſeine Freuden. Was mich dahin führte, welcher Irr⸗ thum vielleicht oder welche Täuſchung oder welche richtige, höhere Beſtimmung... wie ich veranlaßt wurde, die Blouſe, die ich auch nur des Staubes wegen in Genf angezogen hatte, in Lyon nicht wieder abzulegen, Das, mein Freund, erzähl' ich Ihnen... Egon ſtockte. Dankmar ſchien ſchon jetzt um Mittheilung zu drängen. Nein, ſagte Egon, den Ausdruck in Dankmar's Mienen wohl verſtehend, Das erzähl ich Ihnen, wenn Sie einmal Abends in der Reſidenz auf meinen Pol⸗ ſtern und Divans ſitzen werden und Ihnen unter dem Schimmer eines koſtbaren Kronenleuchters, den mein Vater in ein liebliches Gewächshaus hat hängen laſ⸗ ſen, wo hundert Spiegel die Blumen und Flammen widerſtrahlen, eine Thräne auffallen wird, die ſich mit zu 133 dem Glockenſchlage Elf— in mein— umflortes Auge ſchleicht. Egon ſchlug ſanft die Arme unter den ſchönen männlichen Kopf und ſtreckte ſich auf das harte Holz, auf dem er ſaß, faſt der Länge nach.... Die Erzählung hatte ihn erſchöpft, ſchon in Dem, was er ſagte, und ſchien ihn noch mehr zu erſchüttern in Dem, was er verſchwieg. Dankmar wollte, um den ſchmerzlichen Eindruck zu verwiſchen und ſich ſelbſt von einer ihn drückenden wehmüthigen Stimmung zu befreien, das Wort ergrei⸗ fen, als ſie Schloß und Riegel raſſeln hörten. Pfan⸗ nenſtiel, der Wächter des Thurms, brachte ihnen das Eſſen aus der Krone und mochte bei ſich denken, daß ein offenbarer, überwieſener Spitzbube— denn als ſolchen hatte ihn noch immer mehr draußen der That⸗ beſtand feſtgeſtellt— wol noch nie hier ſo gut und behaglich geſpeiſt hätte. Dem jungen Fürſten waren der Speiſen faſt zu viel. Er aß nur einige Löffel von der Suppe, Dankmar geſtand von ſich einen lebendigern Appetit ein, worüber Pfannenſtiel, der auf die Ueberbleibſel rechnete, wol nur wenig Freude empfand. Dennoch ſchien er dem ganzen und dem halben Ge⸗ fangenen nicht gerade abgeneigt und ließ ſich auf mancherlei Plaudereien über das Schloß, ſeine ehema⸗ 134 ligen und auch gegenwärtigen Bewohner ein. Es wurde dabei nur das uns Bekannte wiederholt und beſtätigt. Neues aber lag in folgender Bemerkung: Das Glück iſt ungleich vertheilt, ſagte Pfannenſtiel. Das iſt ſchon ſo und man muß es ſich vom lieben Gott gefallen laſſen. Aber ſchlimm iſt's, wenn der Hochmuth die Menſchen noch weiter auseinanderbringt, als es das Gold ſchon thut. Ich habe da oben auch auf dem Schloß eine Schwägerin. Die iſt reich ge⸗ worden, weil mein Bruder, der des Fürſten Wirth⸗ ſchaftsinſpektor war, zu ſeinem Vortheil rechnen konnte. O liebe Zeit, ſie iſt eine ſimple Wirthstochter hier aus der Gegend und hat eine Zeitlang nicht gewußt, ſoll ſie meinen Bruder nehmen oder den Jäger Heuniſch dazumal oder mich, der ich Schreiber war im Amt und den Amtsdienerpoſten nehmen mußte, weil ich mir beim großen Brand auf dem Gelben Hirſch hier da den Daumen verbrannte... und nun ſtolzirt ſie wie ein kalekutiſcher Hahn und weiß nicht, ob ſie ih⸗ ren armen Schwager noch kennen und grüßen ſoll. Eine Gans war ſie ſchon immer. Ich glaube nicht, daß ſie jetzt ſchon ihren Namen ſchreiben kann.. Die beiden Freunde erinnerten ſich der Erzählung des Förſters im Gelben Hirſch. Der junge Fürſt wußte aber von dieſen Dingen noch mehr, als er auf dem Gelben Hirſch verrathen hatte. War Das bei dem Brande, ſagte er, wo das junge Mädchen verunglückte, die Schweſter des jetzigen Wirths Droſſel? Vor funfzehn Jahren, ja! ſagte der Wächter ver⸗ wundert; die Tochter auf dem Gelben Hirſch, die Braut vom Jäger Heuniſch... Ei, woher weiß Er . wiſſen Sie... woher weiß Er.... Als Egon kopfſchüttelnd über ſeine Lage, die einen ſolchen Mann zweifelhaft machte, wie er ihn anreden ſollte, ſchwieg, ſagte Dankmar ſeinen Appetit unter⸗ brechend: Mein Freund iſt aus hieſiger Gegend. Das ſehen Sie doch nun wol, daß Ihr hier keinen Verbrecher vor Euch habt, ſondern einen gebildeten jungen Mann, der ſich das Schloß und allenfalls auch die Bilder näher beſehen hat, weil ſie ihm gefielen. Das wird wol auch herauskommen, jal jal! ent⸗ gegnete Pfannenſtiel, den Eſſenden zuſehend. Die Be⸗ dienten des Herrn von Harder ſind gerade ſo grob, wie ihr Herr ſtolz iſt. Den alten Gärtner Winkler hat einer ſo umgerannt, daß er auf den Tod liegt und als die alte Brigitte darüber klagen wollte— ſie weiß warum Einer ſein Mundwerk hat— drohte man ihr, ſie ſolle ſich vor Schlimmerem in Acht nehmen. Solche Bengel! Ordnung iſt oben keine mehr. Die Weiber tanzen und muſiciren. Der alte Schleicher, der Bartuſch, kriecht herum wie's böſe Gewiſſen und möchte mir die Knöpfe von der Livree abſchneiden, weil er denkt, es iſt noch Silber darin; ſo geizig und gierig ſind die Menſchen, in deren Rachen hinein uns der alte Fürſt in Gnaden verkauft und verjubelt hat. Dankmar fürchtete, dieſe Mittheilungen würden eine Wendung nehmen, die Egon's Wunden aufriſſe und beſchleunigte die Befriedigung ſeines Appetits, um nur den geſchwätzigen Büttel loszuwerden. Egon aber ſchien an deſſen Mittheilungen Ge⸗ fallen zu finden und ſagte, ohne ſeine Theilnahme verbergen zu können: Alſo die alte Brigitte lebt noch und der alte Winkler! Kennen Sie denn Die? fragte Pfannenſtiel erſtaunt. Freilich, wer hat Die hier in der Gegend nicht gekannt! Sie ſind wol aus—? Aus Schönaul ſagte der Fürſt. Aus Schönau! Ja! Da weiß man's auch. Wenn die ſelige Fürſtin die gemeinen Leute einlud— ſie mußten freilich ſingen und beten und Manchem konnt's gar nicht ſchaden— theilte die alte Brigitte das Warm⸗ te 137 bier aus, das immer vor'm letzten Vaterunſer den Leuten ſchon von der Küche herauf in die Naſe krib⸗ belte. Ach du liebe Zeit, es waren curioſe Geſchichten; aber doch noch beſſer als jetzt, wo kein Menſch weiß, was nun aus Hohenberg und Pleſſen und den herrli⸗ chen Gütern werden wird.... Was wünſchtet Ihr denn am liebſten, daß daraus würde? fragte Dankmar, der Egon's Gedanken er⸗ rieth. Das iſt ſchwer zu ſagen! Uebernimmt der junge Fürſt das Ganze und befriedigt die Creditores, ſo ſtehen wir uns natürlich Alle hier am beſten; denn wir bleiben doch, hat erſt neulich der alte Winkler geſagt, in der Familie. Er hat Recht, der alte Mann, der's in ſeiner Kinderei oft noch trifft. Eine Herr⸗ ſchaft, die ein gutes Herz hat, behandelt ihre Ange⸗ hörigen, als gehörten ſie in ihre eigene Familie. Uns hier vom Amte kann's am Ende gleich ſein, denn die Gerichtsbarkeit kommt doch wol nunmehro an die Regierung. Aber— ſo iſt's und ſo wird's kommen — für die Andern iſt von dem Prinzen Egon nichts zu erwarten. Warum nicht? fragte Dankmar. Der verkauft das Ganze, bezahlt die Schulden, nimmt den Reſt und geht damit nach Frankreich, wo er ja— es iſt'ne Schande!— mit einem ganz ge⸗ wöhnlichen Frauenzimmer ſo gut wie verheirathet ſein ſoll und überhaupt ein curioſer Hanns geworden iſt... Verheirathet? ſagte Dankmar und blickte dabei mit ungläubiger Ironie auf Egon. Wie ich Ihnen ſage! fuhr Pfannenſtiel fort. Der Prinz iſt hier wie aus der Welt. Sonſt wußte man doch, daß er in der Schweiz auf Schulen und am Rhein auf Univerſitäten war, und man konnte ſich bei der Frau Fürſtin recht inſinuiren, wenn man ihr begegnete und ihr ſagte: Nun Durchlaucht, lange nicht geſchrieben Prinz Egon Durchlaucht? Früher nämlich, als wirk⸗ lich Briefe von ihm kamen, hatte ſie's gern. Dann aber ſoll er drei Jahre lang nicht geſchrieben haben, drei Jahre lang vor ihrem Tode; da hat ſie's nicht gern gehört, wenn Einer ſagte: Nun Durchlaucht, lange nicht geſchrieben Prinz Egon Durchlaucht? Wer Das ſagte, mußte entweder dumm oder ein rechter Spitzbube ſein. Denn Alle wußten, daß er in Frank⸗ reich war, ſich mit gemeinen Leuten herumtrieb und die Tochter von einem Tiſchler gerade nicht geheirathet hatte, aber, verlaſſen Sie ſich darauf... mit ihr lebte und Kinder hat... und... wie geſagt, ganz verwilderte Geſchichten. Die Thräne unter dem Kronenleuchter, Freund— der — 139 warf Egon Dankmarn anblickend, mit ſchmerzlichem Lächeln hinein— verſtehen Sie? Pfannenſtiel ſah auf ſeinen Gefangenen, deſſen Be⸗ merkung ihm wunderlich vorkam. Wie meinen— Wie meint Er— Thräne unterm Kronenleuchter?... fragte er, ſtockend und in dem Glauben, es wäre wol mit dem Gefangenen nicht recht richtig. Herr Pfannenſtiel, ſagte Egon, um dieſe ihm pein⸗ lichen Mittheilungen abzubrechen; Sie ſehen, wir ſind geſättigt. Nehmen Sie den Reſt und laſſen Sie den Herrn noch bei mir. Sie wiſſen, daß es der Juſtiz— direktor ja geſtattet hat. Pfannenſtiel packte die Reſte ein und ſagte wäh⸗ renddem mit einiger Ironie: Laſſen Sie ſich nicht durch den Juſtizdirektor und ſeinen Doctor irremachen, der ſchläft auch ohne den Doctor bis vier Uhr; wenn's Ihnen ſonſt hier gefällt, bleiben Sie in Gottes Namen. Kühler iſt's als un⸗ ten in der Krone; es iſt wahr. Aber— Wetter, da hab' ich ganz vergeſſen... Ich ſoll Ihnen ſagen... Der Büttel wandte ſich an Dankmar. Mir? Was iſt noch? Es hat Einer inſtändigſt nach Ihnen in der Krone verlangt.... — 10— Ich ſehe, ich bin der Vielgeſuchte, ſagte Dankmar. Wahrſcheinlich der Amerikaner mit dem freundlichen Knaben? Nein, erwiederte der Schließer, der Herr Ackermann, der prächtige Sachen von Amerika erzählte, iſt abge⸗ reiſt, gerade wie ich das Eſſen holte. Vielleicht kommt er wieder. Er lobte unſern Boden. Der Knabe läßt Sie noch grüßen und hat eine ſolche Angſt um Sie gehabt, daß Sie hier im Thurme wären, daß ich meine Noth hatte, ihm zu erklären, Sie ſitzen hier nur zum Spaß.... Welcher Amerikaner? fragte der Fürſt. Dankmar erzählte ihm in einigen Worten die Be⸗ kanntſchaft, die er gemacht und ſetzte hinzu, daß er einige Zeit geglaubt hätte, dieſer Fremde könnte vielleicht an eine Anſiedelung, an einen Güterkauf denken... Nein, fuhr der Schließer, der ſich inzwiſchen be⸗ ſonnen hatte, fort, ein Anderer wollte Sie dringend ſprechen und wenn ich richtig gehört habe, es ſoll juſt kein feiner Herr geweſen ſein und wenn mir recht iſt, der Wirth ſagte, er hätte... rothe Haare. Hackert! ſagte Dankmar. Wahrſcheinlich mein davongelaufener Kutſcher, bemerkte er zu Egon hinge⸗ wandt. des wof nich han dgen Als Nuu drü neu nich üh ſch ſiſe die mir 141 Mit dem Beſcheide, daß deſſen Nachfrage nicht viel auf ſich hätte, entfernte ſich endlich Pfannenſtiel und ließ die beiden Freunde allein, die ihm bei der betrof— fenen Art, wie ſie bei Erwähnung des Rothhaarigen ſich anblickten und gleichſam verſtohlene Zeichen gaben, doch wieder etwas zweifelhaft vorkommen mußten. Er ſchien mit gutem Gewiſſen die Thür zuzuſchließen. So kräftig klangen die Schlüſſel, als wollte er ſagen: Es iſt doch beſſer, doß ihr Beide da feſtſitzt! Da ſehen Sie nun, begann Egon, als die Schlüſſel des Wärters nicht mehr hörbar waren, da ſehen Sie, wofür ich hier gelte. Und doch weiß ich nicht, ob ich mich nicht freuen ſoll, wie ſchon alle Bande der An— hänglichkeit, die mich beſtimmen könnten, die Beſitzun⸗ gen zu behalten, gelöſt ſind. Jener Amerikaner— Ackermann nannten Sie ihn?— lobte den Boden. Nun wohl! Mir itt er nicht günſtig und trägt keine Früchte. Man ſpottet meiner Mutter. Man ſehnt ſich neuen Zuſtänden entgegen. Man gibt mich auf. Kann mich Etwas beſtimmen, mich hier zu entdecken? Kann ich wünſchen, hier erkannt zu ſein? Ein unendlich ſchönes poetiſches Verhältniß, das mich in Frankreich feſſelte, iſt ſo elend entſtellt hierher gedrungen! Eine niedrige Geſinnung wird bei mir vorausgeſetzt; bei mir, den Niemand kennt, deſſen Züge Keinem wieder einfallen, höchſtens vielleicht dem alten Gärtner, wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gäſte nicht vielleicht gemißhandelt hätten. Odaß ich mich entſchlöſſe, dieſe Wechsler aus dem Tempel meiner Familie auszutrei⸗ ben! Würde mir nicht Gehorſam geleiſtet werden müſſen? Könnt' ich nicht die Genugthuung haben, daß ich oben auf dem Schloß erſchiene und Allen zu⸗ riefe: Noch bin ich Herr an dieſer Stelle und ich rathe euch, daß ihr Alle zum Teufel geht! Zorn hatte Egon ergriffen. Er ſtand mit leuch⸗ tenden Augen da und ſeine ſchlanke Figur reichte faſt bis zur Decke des niedrigen Gemachs. Er öffnete das Fenſter und rüttelte an den Stäben, die feſter ſaßen, als Dankmar geglaubt hatte. Und was kann ich anders thun, um hier zu ent⸗ kommen, als mich zu entdecken? fuhr Egon mit ſich ſteigernder Ungeduld und Dankmar's Schweigen für Zuſtimmung nehmend fort. Dieſer Harder iſt ein königlicher Hofbeamter, ſein Wort hier wirkt allmäch⸗ tig. Jedes Gutſagen für mich von Ihrer Seite wird an ſeinen Befehlen ſcheitern. O fühl' ich da nicht jetzt plötzlich die alte feindſelige Hand wieder, die ſchon meine Mutter verfolgte? Es war doch wol keine Grille ihrer erregten Einbildungskraft, daß ſie dieſe Harders für die Erbfeinde ihres Glückes erklärte... Der Abſicht, ſich zu entdecken, ſtimmte Dankmar bei. Er wußte ſelbſt kein anderes Mittel freizukom⸗ men, als daß der junge Fürſt das Gedächtniß der Menſchen, die ihn noch als Knaben oder Jüngling hier geſehen haben mußten, gleichſam aufrüttelte, ſie auf Wiedererkennung ſeiner Züge lenkte und wenig— ſtens durch dieſes äußere Zeugniß ergänzte, was ihm an Documenten fehlte. Nicht Jeder— ſagte Egon lächelnd— nicht Je— der glaubt wie Sie, einer Viſitenkarte! Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mittheilung der Bitte, die er ihm hatte ſtellen wollen. Wird ſie ſich ausführen laſſen! ſagte Egon zwei⸗ felnd. Sie ſind auf dem Schloſſe nicht bekannt.... Ich werde es heute Abend beſuchen. Man lud mich ein, ſagte Dankmar. Was hilft es, ſagte der Fürſt; ich verlange von Ihnen Etwas, das Sie verabſcheuen werden. Sie ſtocken?... Haben Sie kein Vertrauen? Ich verlange von Ihnen Daſſelbe.. was... Sagen Sie es, Prinz! Daß Sie ſich zu meinem Mitſchuldigen machen... Noch immer dieſer Scherz? Vergeſſen Sie nicht, daß ein Dieb zu Ihnen redet! Wohlan! Redete er nur! 144 Wenn Sie meine Bitte erfüllen wollen, müſſen Sie Das ausführen, was mir geſcheitert iſt, Wil— dungen! Was Ihnen unbedenklich ſchien, ſoll an meinem Gewiſſen kein Hinderniß finden.. Dankmar ſagte dieſe Worte klar und frei, fühlte ſich innerlich aber doch beklommen. Er gedachte ſeines verlorenen Schreins und der Bangigkeit, mit der Sieg— bert gerufen hatte: Du haſt ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauſes entführt und ihn Dir eigen⸗ mächtig angeeignet? Er gedachte ſogar wieder der Möglichkeit, daß der Fremde nicht der Prinz, ſondern nur über ihn vollſtändig unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlaßt wer⸗ den könnte, einem Andern verbotene Kaſtanien aus dem Feuer zu holen.... Der Gefangene ſagte: Sehen Sie! Sie werden nachdenklich... Ich verlange von Ihnen die raſcheſte unbelauſchte Aneig⸗ nung eines Bildes! Eines Bildes? fragte Dankmar erſtaunt. Eines Bildes meiner Mutter.... Als Act der Pietät? Nicht die bloße Folge erwachter kindlicher Liebe... —xxxn — A ſen Ich würde dieſe Regung loben; aber warum ein gil gefährliches Geheimniß? Weil mit dem Bilde ſelbſt ein Geheimniß verbun⸗ 4 den iſt. 27 rem Es iſt zwei Uhr, ſagte Dankmar, auf die Thurm⸗ uhr, die eben ſchlug, deutend. Sie werden noch Zeit haben... nes Ihnen mein ganzes Herz auszuſchütten? Wohlan! ieg⸗ ſagte Egon, nahm wieder auf dem ſchrägen Brett, dem das vielleicht für die nächſte Nacht ſeine Lagerſtätte gen⸗ werden mußte, Platz und fuhr, durch das zwar wenig der genoſſene Mahl doch etwas geſtärkt, in ſeiner Er⸗ dern zählung fort. urch wer⸗ aus — Ich neig⸗ ., V Die Ritter vom Geiſte. II. 10 Sechstes Capitel. Das Bild. Als ich in Lyon unterm Volke lebte, erzählte der Ge⸗ fangene, empfing ich noch zuweilen, jedoch natürlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch die gewohnten Mittel zu meiner frühern Exi⸗ ſtenz. Die Mutter blieb ſich in ihren chriſtlichen Er⸗ mahnungen gleich. Da aber jeder Brief, den ſie ſchrieb, mit einer Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknüpften Betrachtung endete, ſo wirkte es nur wenig auf mich, als ſie eines Tages mir wie— der ſchrieb, ihre Stunden wären nun gezählt, ſie würde ſterben. Ich ſollte eilen, ſchrieb ſie, auf Flügeln der kindlichen Liebe eilen, ſie noch einmal zu umarmen und ihr einziges letztes Vermächtniß, das ſie in ihrer Dürftigkeit mir geben könnte, entgegenzunehmen... Sollte aber Gottes ewiger Rathſchluß ſie ſchon frü⸗ her abrufen, ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ——— ihr zu Gott betete, ſo würd' ich hinter einem Bilde, das ich wol kannte, einem gewiſſen runden Paſtell⸗ gemälde aus ihrer Kindheit, das ſie ſelber darſtellte, die Worte finden, die ſie mir auf die weite Bahn meines Lebens und an der Schwelle ihres eigenen zu⸗ rufen müſſe, gewichtige, inhaltſchwere Worte. Dankmar, der jetzt das Geheimniß des Diebſtahls erkannte, konnte nicht umhin, den Erzähler zu unter⸗ brechen und unwillig auszurufen: Aber welch ein Platz! Welche Stelle, einen letz⸗ ten Willen niederzulegen, der hoffentlich nur in Be— trachtungen beſteht! Für den Fall wichtigerer Mittheilungen doch nicht ſo übel gewählt! ſagte der Erzähler. Da die Mut⸗ ter von meinem Vater die feierliche Zuſage empfan— gen hatte, ein Jahr lang den ganzen Zuſtand Hohen⸗ bergs zu laſſen, wie er bei ihrem Tode gefunden würde, dieſelben Wohlthaten zu ſpenden, dieſelben Diener zu unterhalten, an der innern Einrichtung der Zimmer nicht das Mindeſte zu verrücken, ja, auf dem Schreibtiſche die Feder ſo zu laſſen, wie ſie ſie nie⸗ dergelegt hätte in dem Augenblick, als die Todten⸗ glocke ihr ſchlagen würde; jedes Buch, jedes Glas ſo zu laſſen, wie es ſein würde, wenn ihr Auge bräche. 10* 148 Ah! Ahl rief Dankmar, Egon unterbrechend. Ver⸗ geben Sie mir, daß ich meine Empfindungen aus⸗ ſpreche. Ehre Ihrer Mutter! Aber welche fromme... Coquetterie! ſagte Egon ſchmerzlich. Aber dieſer Beweis iſt nicht ſo triftig, wie mancher andere, wo Sie die Mutter ſchon vertheidigen wollten. Hier hatte ſie Grund zu ſolchen geſucht erſcheinenden Anordnun⸗ gen. Denn ſie ſchrieb mir, da ſie dieſe Verfügung vom Fürſten bewilligt erhalten hätte, ſo würd' ich, ſelbſt wenn ich verſpätet ankäme, den Lebensſchatz da unberührt ſinden, wohin ſie ihn aus Furcht vor der Bosheit ſündiger Menſchen verborgen hätte.... Aber gibt es denn nicht Vertrauensmenſchen? Geiſtliche? Notare? Advocaten? ſagte Dankmar, über die Letztern ſelbſt lächelnd. Auch Guido Stromern, dem Pfarrer, ſchrieb die Mutter, fuhr Egon fort, könne ſie dieſes Teſtament nicht anvertrauen, denn man wiſſe nicht, ob die Furcht des Herrn in ihm dann noch ſtark bliebe, wenn ſie dahin wäre. Sie hätte zuviel Bäume ſich herbſtlich färben ſchon geſehen. Zuviel wanken und ſcheitern, und ſie glaube nur an einen einzigen ewigen Früh⸗ ling, wo das einmal Entblätterte wieder ausſchlüge und wieder blühe im Lande der ewigen himmliſchen Palmen. Das Bild, das ich wohl kannte, beſchrieb 149 ſie mir noch einmal und erwähnte das Geheimniß der Oeffnung. Ein ſtarker Druck auf das Glas und die hintere Wand ſpränge auf und in einer Kapſel würde ich den letzten Beweis ihrer Liebe finden, die Enthüllung eines Geheimniſſes. Und Sie reiſten nicht ſogleich ab? fragte Dank⸗ mar geſpannt und ſich in die Grille der ſonderbaren und eigenthümlichen Fürſtin ergebend. Ich that es nicht, ſagte Egon faſt mit dem Ge— fühl der Beſchämung. Verurtheilen Sie mich deshalb nicht! Die Trägheit des Herzens iſt wol eine der ſieben Todſünden, die nicht vergeben werden können. Dennoch war mein Herz damals nicht träge. Es litt, rang, klopfte mit ſtürmiſcher Bewegung in an⸗ dern Verhältniſſen, als in meinen Beziehungen zu einer Mutter. Sagen Sie Dem, der unter einer Brücke zu ertrinken im Begriff iſt und mit der letzten Anſtrengung ſeiner Kräfte gegen die Wellen rudert, er ſoll ein wildes Roß anhalten, das über ihm auf der Brücke ſein Theuerſtes ſchleife; er hört wol den Hülfe⸗ ruf, aber kann er mehr, als ſich ergeben, die letzte Kraft verlieren und ſelbſt untergehen? So eingewach⸗ ſen war ich in mein neues Leben, daß ich das Ab⸗ ſterben des alten dem Tode überlaſſen mußte. Eine Weile hielt Egon inne, dann fuhr er fort: Als ich den wirklich erfolgten Hingang der Mut⸗ ter erfuhr, fand ich reichere Muße, um ſie zu wei— nen. Es waren Thränen, die von einem andern Leide noch übrig waren und mit denen um dieſes zu⸗ ſammenfloſſen...⸗ Ich war mir eines Unrechts be— wußt und fühlte, daß ſich das Schickſal wol die Klage der ohne mich ſterbenden Mutter gemerkt haben würde und mich irgend ein Schmerz in Zukunft noch dafür ſtrafen ſoll. Aber der alte Spruch, daß Niemand über ſeine Kräfte hinaus Etwas vermag, trocknete mir das naſſe Auge und ich ſelbſt ſprach mich frei, wenn mich auch irgend eine Nemeſis verdammen wird. Ich kenne, ſagte Dankmar, das ſtärkere Gegen⸗ gewicht nicht, das auf der Wagſchale Ihres Herzens die kindliche Pflicht in die Höhe ſchnellte; aber die geheimnißvolle Andeutung über das Bild der Fürſtin mußte Sie doch veranlaſſen, nach ihrem Tode wenig⸗ ſtens aufzubrechen und an Ort und Stelle von die⸗ ſem und manchem andern Nachlaſſe der Mutter Be— ſitz zu ergreifen... Auch Das verſäumte ich, ſagte der Gefangene. Schätze konnt' ich keine erwarten, nicht einmal geſam⸗ melte Sparpfennige. Meine Mutter, eine geborene von Bury, beſaß ſchon anfangs wenig und von einem ſpätern mütterlichen Vermögen war noch weniger für 151 mich die Rede. Eher noch hinterließ ſie in Folge ihrer unbegrenzten Wohlthätigkeit Verlegenheiten, die mein Vater abzuwickeln hatte. Und da dieſer mir vollends ſchrieb, daß er den Tod der Mutter aufrich⸗ tig beweine und ſich eine heilige Pflicht daraus mache, ihrer letzten Anordnung zu folgen und Alles ein Jahr lang unverrückt und unverändert in ihrem Sinne be⸗ ſtehen zu laſſen, ja immer, immer, mein theurer Sohn, ſchrieb er, bis dein alter morſcher Vater ſelbſt zuſam⸗ menbricht und du dann über unſern Gräbern zu Ge— richt ſitzen wirſt, hoffentlich nicht zu ſtreng, Junge—! Da mir der Vater ſo geſchrieben hatte, ließ ich das Bild Bild ſein und überredete mich: Was wird es enthalten? Fromme Ermahnungen und ihren letzten mütterlichen Segen! Sie haben wol Recht! ſagte Dankmar. In der That.... Ich glaube nicht mehr. Dem Charakter der frommen Frau angemeſſen war eine ſolche letzte mütterliche Anſprache an ein Herz, das ſie nach ihrer Auffaſſung auf dem Wege der Verdammniß ſah. Ein wirkliches Geheimniß konnte ſie an einer ſolchen Stelle nicht niederlegen. Nicht anders dacht' auch ich damals, ſagte Egon, und folgte, unbekümmert um die Heimat, in der Fremde meinem Stern. Von Lyon führte mich dieſer 152² nach Paris. Die große Stadt, die ich zum erſten male ſah, ergriff mich gewaltig. Im Gewühl der ſich hier durchkreuzenden Intereſſen fühlt' ich mich wie von einem Elemente gehoben, das denn doch ſtärker war als meine bisherige kleine Welt, die ich mir in Lyon aufgebaut hatte. Sowie mir es damals war, muß es einem früh aus ſeiner Heimat entführten Menſchen ſein, dem die Erinnerung an ſie völlig entſchwunden i*ſt und der, plötzlich in ſie zurückverſetzt, an den klein⸗ ſten Dingen, einem Laute, einem von ihm beobach⸗ teten Kinderſpiele ſich auf ein altes Daſein erinnert. O, mein Freund, ich wollte, ich hätte damals in Paris dieſe lockende Muſik nicht verſtanden. Die Kunſt, die Wiſſenſchaft, die Politik, das höhere geſel⸗ lige Leben fingen an mich plötzlich hinwegzuführen, wie eine anſchwellende Flut, von der Ebbe, wo ich mir auf dem Sande von kleinen Kieſelſteinen und Muſcheln und Binſen ein Hüttchen gebaut hatte. Die große Flut kam gewaltig.... Sie verſchlang die Hütte und die Muſcheln und die Binſen... und mich warf ſie in Strudeln auf und ab, hoch zu allen weißen Schaumkronen der Wogen empor und wieder nieder in die gähnenden Schlünde, wo die Ungethüme der See überraſcht entgleitend ihre misgeſtalteten For⸗ men verbergen... bis ich betäubt niederſank und 153 erwachte— an dem friſchen Hügel eines Kirchhofes. Es war wieder nicht der Hügel meiner Mutter, auch nicht der meines Vaters. Es war ein anderer, mir nicht minder heiliger.... Egon hielt eine Weile inne; dann fuhr er fort: Faſt zwei Jahre waren in Paris ſo hingegangen. Ich war mehr Franzoſe geworden als ich noch Deut⸗ ſcher blieb, verfolgte immer noch meine alten popu⸗ lairen Neigungen, wenn auch in anderer Form, bis mich die Nachricht vom Tode meines Vaters und ſein letzter Gruß, etwa in dieſen Worten traf. Wildun⸗ gen, wollen Sie eine Probe vom Stile meines Va— ters hören? O, ſagte Dankmar, die Sprache des alten be— rühmten Kriegers, der mit den Truppen in den köſt⸗ lichſten Lakonismen ſprach, iſt gewiß auch in dieſem Falle originell geweſen. Egon hob den Kopf empor, blickte auf die Decke des Gefängniſſes und beſann ſich. Er ſchrieb, ſoviel ich mich aus dem Gedächtniß entſinnen kann, ſagte er, ungefähr ſo: Mein guter Egon, der alte Generaliſſimus da oben läßt gewiß nächſtens bei mir Appell blaſen, und deinen Vater kennſt du als einen guten Soldaten, der, wenn die Trompete ruft, pünktlich auf ſeinem Poſten ſteht. Da ——— die Reiſe weit iſt, mein Junge, ſo nehm' ich viel Gepäck mit. Mit Dem, was ich zurücklaſſe, ſieh zu, wie du fertig wirſt! Du biſt wenigſtens der Fürſt Egon von Hohenberg, Das führt dich immer noch gut ins Leben ein, wie mich leidlich heraus. Wenn du Urſache haben wirſt, manchmal zu wünſchen, dein alter Vater hätte in dieſer Welt beſſere gute Freunde gefunden, als ſeine Gläubiger waren, ſo bemitleide mich! Schlurck ſagte mir immer: Durchlaucht, Sie ruiniren ſich.... Ich ſagte ihm: Canaille, Geld, aber keine Moral! Von dir nicht! Von euch Allen nicht! Schlurck ſagte auch: Durchlaucht, Sie ruiniren Ihren Herrn Sohn! Das war richtiger.... Aber darum ſag' ich doch: Paſſ' dem Kerl auf die Finger, Junge! Es bleibt dir noch genug, um bei Hofe manchmal mit vier Pferden aufzufahren, bei einer Schlittenfahrt gute Livreen zu erfinden und die deut⸗ ſchen Weiber mit deinen Franzöſinnen zu vergleichen. Da ich mit Freude gehört habe, daß du ſolid geworden biſt, wie mich Graf d'Azimont verſichert, deſſen junge Frau du verführt haſt, da du ferner deine verfluchten Muckerſtreiche mit Metierlernen, Hobelführen und ſolche verrückte Angedenken an die Penſion und deine ſelige chére Mêre aufgegeben haſt.... Gott hab ſie ſelig... ſo zweifle ich gar nicht, daß du hier im Lande noch eine gute Partie mit Geld und Gütern machſt und unſer Wappen ein Bischen neu vergoldeſt. Von deiner Mutter nochmals zu reden, ſo nimm mir's nicht übel, mein Sohn, daß ich in einem Anfall übler Laune und ſchlechter Kaſſe ihre hohenberger Hinter— laſſenſchaft in Bauſch und Bogen losgeſchlagen habe. Die Harders ſind eigentlich zunächſt Schuld daran und quälten mich um die Einrichtung. Pauline, die in ihren jungen Tagen, ich will nicht wiſſen warum, deiner Mutter das Leben nicht gönnte, hat ſeit ihrem Tode gethan, als wenn ſie in Mama ihre letzte Freundin verloren hätte. Kaum hatte Mama die Augen zu, ſo kam ſie und lamentirte um Andenken und verlangte zuletzt ihren ganzen Nachlaß, um ihn in ihrem neuen Landhauſe vor der Stadt aufzuſtellen. Natürlich käuflich. Du weißt, daß ich vor einem Jahre nichts daran räumen und ändern durfte. Als aber das Jahr um war, lieber Junge, kam ſie wie⸗ der mit dem alten Jammer um die edle Freundin, aber ſie iſt ſchlau dies Weib! Was den Nachlaß an⸗ langte, über den wir um dreitauſend Thaler ſchon einig waren, ſo wollte ſie ihn jetzt durch ihren Mann auf Staatskoſten für die königlichen Luſtſchlöſſer an⸗ kaufen laſſen. Sie wußte es richtig ſo zu drehen, daß der Hof Wind bekam und in ſeiner mir immer 156 bewieſenen Gnade gleich das Geld gab, das ich ge⸗ rade den impertinenteſten meiner Manichäer, den Hund, den Pfannenſtiel— brenne die undankbare Canaille im ewigen Feuer dafür!— zu befriedigen dringend brauchte. Siehſt du, Junge, ſo ging das Mobiliar zum Teufel! Jetzt aber noch Eins! Weil ich nicht begreifen konnte, wie das weiland ſo böſe Weib, die Pauline, zu ſo ſchrecklicher Zärtlichkeit für unſere Familie kam und mich Schlurck, der überhaupt mit allen Hunden gehetzt iſt, einfach und trocken ver⸗ ſicherte, die gute Geheimräthin fürchte den geſchriebe— nen Nachlaß ihrer ehemaligen Freundin und wolle nur tout bonnement jeden Keim wiederauflebender alter Geſchichten dadurch erſticken, daß ſie die Macht bekäme, auf Hohenberg jeden Winkel zu durchſtöbern... ſo hatt' ich,— lobe mich dafür!— die Vorſicht, erſt alle Schränke öffnen und jeden Schnitzel Papier, der ſich vorfand, verbrennen zu laſſen. Glücklicherweiſe fand ich nichts als das Geſchreibſel von allen Pfaf⸗ fen der Erde an die Mama, an die ſie das Geld verthan hat, und an die Heidenbekehrer und Hotten— totten noch dazugenommen. Ich war dabei, als der ganze fromme Geſtank im Kamin praſſelte, und faſt hätten wir Hohenberg damit in Brand geſteckt. Nun mag die Hexe, die Pauline, den Reſt durchſtöbern! Sie wird nichts mehr für ihren Schnabel mit den 8 falſchen Zähnen finden! Die Familienbilder, mein nre Sohn, verſteht ſich von ſelbſt, ſind von dem Verkauf ſn ausgeſchloſſen und bleiben dein.(a commande le as. nom de la famille... Alſo, mein lieber Sohn, nun il mach' ich dir Platz in dieſer Welt, die gerade nicht öſe ſchlecht iſt, wenn's kein Podagra und keine Wucherer für gäbe! Thu' mir die Liebe und folge nicht überall mei⸗ not ner Spur, ſie verlor ſich manchmal ein Bischen ins — Holz, wo der gute Weg aufhört und die Irrlichter zu be⸗ plänkeln anfangen— aber— duld' aber auch nicht, daß Buben über mein Grab ſpringen, Hunde dar⸗ d auf u. ſ. w. dürfen! Mit einem Wort, bleib ein Ca⸗ udt valier, wie ich einer war, wenn's auf Bravour an⸗ kam, und verſtehſt du, auf ein honettes Sentiment. en Mein Sohn! Meine Orden ſchickſt du an die Herren de Souverains zurück, die meine Bruſt damit geſchmückt 7 haben. Es ſind ihrer eine ſchwere Menge. Thu' diſ Das mit Anſtand und feiner Etiquette! Vielleicht läßt f dir Einer oder der Andere ſo ein Kreuz oder Band auf Abſchlag für künftige Verdienſte gleich um den la Hals zurück und ſagt: Ich wüßte keinen beſſern Er— d ben Ihres Herrn Vaters als den Herrn Sohn! Es fen führt gut in die Geſellſchaft ein und macht ſich im⸗ 2 mer artig, wenn man, wie du, eine Figur danach ern hat. Die Verdienſte kommen ſchon ſpäter. Sorge nur, ich bitte dich darum, für meine alten Pferde, für meine Hunde und auch die Diener! Auch Das noch: Wenn einmal Einer, mit zerſchoſſenem Bein kommt und ſagt: Unter Ihrem Herrn Vater Durch⸗ laucht hab' ich bei Leipzig den Schuß gekriegt, ſo laſſ' ihn, wenn er auch lügt... denn die Jungens ſind Alle todt oder verſorgt... ſo laſſ' ihn nicht ohne ein paar Groſchen gehen! Hörſt du? Das eigentlich große Denkmal ſetzt mir der König, mein guter Herr! Leb' nun wohl, Egon! Das iſt mein letzter Brief. Ich ahne Etwas von einem recht langen Winterquar⸗ tier unter der Erde. Nimm meinen Segen. Brauchſt ihn nicht zu verſchmähen. Ein Huſar, der ehrlich ſtirbt, iſt doch ſo gut, wie ein Pfarrer. Adieu, mon fils! Pour jamais! Dein treuer Vater Fürſt Walde⸗ mar von Hohenberg. Poſtſcriptum: Verkauf getroſt meinen ganzen Nachlaß, aber die Uniformen laß bei⸗ ſammen als Familienſtück! Ich möchte, daß Das aufbewahrt bleibt. Vielleicht wird einer von dei⸗ nen Jungens Soldat und lacht, wenn erſt die neuen Theaterſoldaten zugeſchnitten ſind, lacht als Ca⸗ dett über einen alten Generalfeldmarſchall von ehe⸗ mals. Dies entre nous! Zeige den Brief Keinem vom Hofe... verſtehſt du? Hüte dich vor den Har⸗ 159 ders und thue Recht und ſcheue Niemand! Adieu, mon fils! Als Egon dieſen Brief aus dem Gedächtniſſe faſt wörtlich wiederholt hatte, konnten ſich Beide, ſo trau— rig die Veranlaſſung war, einer heitern Stimmung nicht erwehren. Ich fühle denn doch, ſagte Dankmar, wie in die⸗ ſem martialiſchen Herrn, den ich gar oft noch habe reiten ſehen und deſſen feierliches Begräbniß die ganze Stadt in Bewegung brachte, der Kern jener Geſin⸗ nung lag, die man die gute alte deutſche nennt.... Was wollte er nur mit dem Poſtſcriptum und dem Verbot des Zeigens bei Hofe? Es iſt das Poſtſcriptum ſpätern Datums als der Brief ſelbſt, erklärte Egon, und offenbar in großem Unmuth geſchrieben. Die Jugend dieſer alten Hau⸗ degen fiel in Zeiten, wo die Fackel des Kriegs durch ganz Europa loderte und an eine edlere Bildung auf der Wettbahn der Tapferkeit und des Glückes nicht zu denken war. Die darauf folgende Friedenszeit hat zwar den wohlerworbenen Kriegsglanz eines gefeier⸗ ten Namens nicht trüben können, aber nur zu bald ſtellte ſich heraus, daß die Helden des Feldlagers Sit⸗ ten nach Hauſe brachten, die ihrer hohen, Aller Augen zugänglichen Stellung nicht entſprachen. Da ſollte 160 denn äußerer Glanz, vornehmer Prunk die innere Leere erſetzen. Im Widerſpruch mit einem jüngern heran⸗ wachſenden Kriegergeſchlecht, das aus Büchern und in einer ſtillen Friedenswärme für ſeinen Beruf ſich bildete, machten jene alten Helden gerade ihre wilden Sitten, Trunk, Spiel und Galanterie um ſo zügel— loſer geltend, als der politiſche Horizont ſich manch⸗ mal doch wieder zu umwölken und irgend ein kriege⸗ riſches Zeichen am Himmel noch hervorzuzucken ſchien. Später, wo die bedenklichen Kriſen der europäiſchen Staaten friedlich verliefen und die alte militairiſche Tradition ſich immer mehr verlor, gewann auch die geiſtige Richtung beim Militair ſo die Oberhand, daß man die alten Helden des Lagers, die Ritter vom Schwerte, nur noch aus Pietät ſchonte und dieſe, um ſich nur zu behaupten, ſogar auf Moderichtungen des Tages ſich verlegten. Mein Vater ſoll in ſeinem Be— ſtreben, ſich hoffähig zu erhalten und modern geiſt⸗ reich zu werden, höchſt komiſch geweſen ſein. Wenn er bei der jetzigen jungen Landesmutter zum Thee war, erzählte man mir in pariſer Cirkeln, ſchenkten ihm die Bedienten, die dafür reichliches Trinkgeld erhielten, ſtatt Thee Rum ein und während die junge Königin mit Bewunderung ſah, welche artigen Sitten der alte Fürſt Waldemar angenommen hatte, pries er ſo lange ſeine Vorliebe für die von ihr protegirten Mäßigkeits⸗ vereine, bis er unter irgend einem Vorwande ſich ſtill entfernte. Die Zarten, Empfindſamen freuten ſich, daß wahrſcheinlich das Gefühl der Wehmuth, das am Hofe ſehr cultivirt wurde, auch ſchon ſolche derbe Na⸗ turen übermannte. Andere meinten aber, nur der Rum hätte ihn übermannt, wieder Andere aber, die ihn noch beſſer kannten, ſagten geradezu, er ginge, weil ihm der Rum der jungen Landesmutter zu ſchwach war, zur Prinzeſſin Ottokar, wo er eine gewiſſe ſchär⸗ fere, weiße Sorte Rum vorfand, die er vorzog und die ihm die bereits unterrichteten Bedienten dort feier⸗ lich und ſchweigſam in den Thee goſſen. In den Cirkeln der Prinzeſſin Ottokar war man nämlich mit den Anfoderungen der Armee vertrauter als bei der jungen Königin, ihrer Schwägerin. O mein Gott! rief Dankmar, der über dieſe Anek⸗ dote, die Prinz Egon mit lächelndem Schmerze vor⸗ trug, nicht lachen konnte; wie wenig verdienen Sie die Vorwürfe, die Sie ſich jetzt zu machen ſcheinen, Prinz, Vorwürfe, daß Sie von ſolchen zerrütteten Zuſtänden fernblieben.... Sie können ſich denken, fuhr Egon nach einer Pauſe fort, daß ich nach dem Tode meines Vaters nun doch nicht länger in der Fremde verweilte. Es Die Ritter vom Geiſte. II. 11 162 waren Umſtände eingetreten, die mir die Rückkehr, W die jetzt eine Pflicht der Vernunft war, auch zu einer b Tröſtung des Herzens machten. Ich betrat den deut⸗ 1 ſchen Boden und den unſerer engern Heimat. Aber k ein ſolches Grauen empfand ich, in das Palais mei⸗ g nes Vaters, ſo ſchön, ſo prachtvoll es iſt, einzuzie⸗ I hen, daß ich erſt in einem entlegenen Gaſthofe ab⸗ T ſtieg und im Grunde nicht recht wußte, was ich nun e eigentlich hier beginnen ſollte. Es meldeten ſich ſo⸗ 1 gleich Haushofmeiſter, Secretaire, Kammerdiener, La⸗ T kaien. Alles huldigte mir. Ich antwortete zerſtreut- und planlos. Der Einzige, der mich in mein Eigen⸗ 1 thum, in die zerrüttete Lage meiner mehr als zweifel⸗ u haften Beſitzungen einführen konnte, der Juſtizrath J Schlurck, war nicht zugegen. Ich erfuhr, daß er in I Hohenberg war. In Hohenberg, mußt' ich mir ſagen! Und ich ſagt' es nicht ohne Bitterkeit. Da kam mir ein Gedanke: Hohenberg und das Bild mei⸗ 6 ner Mutter! Du ſollſt nun handeln, ſchaffen, wir⸗ ken: entledige dich zuerſt eines Opfers der Liebe, rief es in mir, ſuche die Grabſtätte deiner Mutter und rette dir das Bild, wenn es noch möglich iſt, und das wichtige Geheimniß, das es enthalten ſoll! Mei⸗ nes Vaters Diener erzählten mir, daß das hohenberger Mobiliar ſoeben von dem Geheimrath von Harder in nun ſo⸗ La⸗ treut gen⸗ eifel⸗ grath er in mir Da mei⸗ wi⸗ , tief und „und Mei⸗ berger der in Beſitz genommen wurde. Ich erwähnte die Familien⸗ bilder. Man ſagte mir, ſie blieben die unſrigen, aber erſt müßten— den Bedienten war alles Das ſo be⸗ kannt, wie den Herrſchaften ſelbſt— auch dieſe wie alle Gegenſtände nach der Reſidenz geführt werden. Man wußte, daß die Geheimräthin von Harder einen Antheil an dieſer Procedur nahm, den ſich Niemand erklären konnte.... Mich ergriff nun ich weiß nicht welche Beklemmung. Die Worte des Vaters, ſeine Warnung vor den Harders kamen mir ſo beängſti⸗ gend in den Sinn, daß ich mich raſch entſchloß und theils um Hohenberg in der Stille zu beobachten und mich für meine künftigen Plane über Behalten oder Nichtbehalten vorzubereiten, theils um guf irgend eine Art das Bild meiner Mutter mit dem plötzlich mir ſelbſt geheimnißvollen, vielleicht ſchon geraubten Ein⸗ ſchluſſe zu retten, mich auf den Weg machte. Ich that es in einer Verkleidung, die Sie kennen. Ich begeg⸗ nete auf dem Heidekrug Schlurck, den wahrſcheinlich die Nachricht von meiner Ankunft ſchleunigſt zurück— rief. Wir lernten ihn in ſeinem ganzen Leichtſinn kennen. Ihnen entdeckt' ich mich, Wildungen, weil ich Sie liebgewann und mir denken muß, Sie werden mein ganzes Leben hindurch mein Freund ſein und blei⸗ ben. Sagen Sie mir's, aber aufrichtig! Irr' ich mich? 11* Dankmar reichte ihm gerührt die Hand.... Dieſe feſthaltend, ſchloß Egon mit den Worten: Ich habe es eine Weile bereut, dieſe Reiſe unter ſolchen Umſtänden gemacht zu haben, jetzt nicht mehr. Ich wollte erſt zum Förſter Heuniſch, den wir auf dem Gelben Hirſch geſehen hatten, mich dort zu er⸗ kennen geben und die Nacht bei ihm bleiben. Ich blieb, um ihn zu erwarten. Ein altes widerliches Weib ſchreckte mich Cb.... Urſula Marzahn! ſagte Dankmar. Marzahn? bemerkte Egon. Iſt das die Frau des wilden Soldaten, der mich ſchießen lehrte! Sie muß kindiſch ſein.... Was that ſie Ihnen? fragte Dankmar erſtaunt. Als ich warten wollte und mich für einen reiſen⸗ den Tiſchler ausgab, ſagte ſie: Ich kenne dich wohl, du biſt ein Tiſchler und machſt Särge! Geh! Geh! Hier iſt Niemand zu begraben! Das ſchreckte mich doch. Ich mußte ihre Art für wahnſinnig halten. Noch lange rief ſie mir nach: Ich kenne dich! Ich fing an mich zu fürchten und lief faſt. Es war mir als hetzte mich ein böſer Geiſt, ſo rannte ich durch den Wald vor dieſer gräulichen Alten, auf die ich mich... ja! ja!... ich beſinne mich, es war die ſchon damals alte Frau des jüngern, lüderlichen Mar⸗ 165 zahn, ſchon damals verrufen als ein ſchlimmes, un⸗ freundliches Weib! Wo blieben Sie aber dieſe Nacht? fragte Dank⸗ mar theilnehmend. Da die Alte von den Todten geſprochen hatte, ſo führte es mich unwillkürlich auf den hieſigen Kirchhof. Da ſucht' ich erſt das Grab meiner Mutter und fand es in einem einfachen von einem goldenen Kreuz ge⸗ zierten Mauſoleum. Es war Nacht geworden. Auf dem Schloſſe oben ſah ich erhellte Fenſter. Ich hörte die Klänge eines Flügels durch den ſtillen Frieden herüber. Es war fremde Geſellſchaft in Räumen, die doch noch mir gehören! Unter dem Scheine einer Beſprechung der Gläubiger genoß man die Vorfreuden des künftigen Alleinbeſitzes. Wenn ich in dem Augen⸗ blicke, wo Alles der Freude und dem Scherz hinge⸗ geben, das Schloß zu betreten wagte, die mir wohl⸗ bekannten Zimmer aufſuchte und jetzt gleich mit eigener Hand das Bild rettete, das mir eine ſterbende Mutter auf die Seele gebunden hatte? Ich entſchloß mich raſch und ſtieg hinauf. Die angefeſſelten Hunde bellten nicht, ſie ſchienen den lebhaften Verkehr im Schloßhofe gewohnt. Die Thüren des Gitterwerks ſtanden weit offen, obgleich es längſt die zehnte Stunde geſchlagen hatte. Den großen Eingang fand ich aber verſchloſſen. Nur mein Klingeln hätt' ihn geöffnet. Dazu fehlte mir der Muth, die Faſſung. Ich ſetzte mich, umſpielt von einem leiſen balſami⸗ ſchen Abendwind, auf die Schwelle eines der innern Fenſtervorſprünge. Der Mondſchein fiel auf die ent— gegengeſetzte Seite. Ich ſaß im Schatten und blickte zu den Sternen aufwärts. Hinunter ſah ich dann in die dunkeln Gebüſche des Gartens, von wo der mir ſo wohlbekannte kleine Waſſerfall herübermur— melte. Ich hörte einzelne Worte des oben geführten Geſprächs. Es ſchien mir faſt, als ſpräche man von mir ſelbſt. Ich hörte oft den Namen meiner Mutter und fand dieſe Umkehr der Dinge, dieſen Wechſel des Geſchicks ſo traurig, ſo jammervoll, ſo entwürdigend für mich, daß ich den Muth zur That verlor und meine Gedanken hinausſpann bis nach dem Genferſee und der Rhone, wo ich ſolcher Abende ach! ſoviele erlebt habe, ſoviele, die mir im Angeſicht der maje⸗ ſtätiſchen Gebirge und im Rauſchen der Wogen hin⸗ gingen wie jene Gebete, die meine Mutter von mir in einſamer Kammer oder vor dem Altar einer Kirche verlangte.... Endlich ging die Geſellſchaft oben auseinander. Noch lachte und neckte ſich Alles beim Abſchied und dem Herunterkommen von der großen ſteinernen Haupttreppe. Man entfernte ſich nach tr ihn vorn, nicht durch den innern Hof. Hier und dort wurde ein Fenſter hell und verloſch wieder.... Wie aſſung. alſami⸗ in einem Gaſthofe! Man ſah, daß überall die Men— innem ſchen ſich wie häuslich niedergelaſſen hatten. Endlich ſe ent wurde Alles ſtill, alle Lichter erloſchen, nur in den blicke Zimmern meiner Mutter ſchien noch der matte Schein des Lämpchens zu glimmen. Ich mußte annehmen, le daß ſie bewacht wurden. Dennoch nahm ich meinen bermur⸗ Entſchluß wieder auf. Ich umging den rechten Flügel führten des Gebäudes. Ach! hier lag noch der kleine Kieſel⸗ 1 nvon ſand auf dem Boden und knirſchte unter meinen m Schritten, hier waren noch die Stellen auf ihm ein⸗ ¹ ſll des gedrückt, wo ſonſt einige Orangenbäume in großen 4 d hölzernen Gefäßen prangten. Einer kleinen Seiten⸗ Kid thür näherte ich mich, ich drückte darauf, auch ſie' lor d war verſchloſſen. Dann ſah ich empor, ob ich nicht zaii wagen könnte, hinaufzuklettern; aber die Stuccatur— g⸗ vorſprünge der Mauer waren zu ſchwach. Sie wür— de nihh den mich nicht getragen haben, ſelbſt wenn ich mich dgen hir mit den Nägeln in den Kalk hätte einkratzen wollen. vun mi So konnte denn nur eine Leiter helfen und dieſe zu net Lirch ſuchen entfernt' ich mich. Wie ich ſo vorſichtig, ge⸗ aft bün ſchützt von den langen Schatten des Schloſſes, in der lles beim nächſten Umgebung hin und her ſpähe, hör' ich ein e großen Kniſtern auf dem Kieſelboden. Aus dem Garten ſch nach 168 ſchleicht ſich ein Menſch behutſam näher. Es war hell genug, in ihm denſelben kecken Burſchen zu er— kennen, mit dem ich Sie zuerſt erblickte, und der uns im Walde ſo plötzlich verließ. Hackert? fragte Dankmar. Derſelbe Menſch mit dem röthlichen Haare, ſagte der Fürſt, derſelbe mit dem hämiſch lauernden Aus⸗ druck der Augen, derſelbe, der mich für einen politi⸗ ſchen Spion hielt. Er wandelte im Traume? ſagte Dankmar. Wie? antwortete der Fürſt, der dieſe Frage nicht ganz verſtand. Im Traume? Er war in einem völlig bewußten Zuſtand. Eine Weile ſtand er lau⸗ ſchend ſtill. Ich drückte mich hinter eine Karyatide, die eine der Fenſterniſchen ziert und folgte dann be⸗ hutſam und ſpürte ſeinem Treiben nach. Er blieb, ringsum ſpähend, in dem innern Schloßhof. Wie er an einem der Fenſter das Merkmal gefunden zu haben ſchien, das er ſuchte, blieb er an der entge⸗ gengeſetzten Wand im vollen Mondſcheine ſtehen und blickte unverwandt wie ein zweiter Ritter Toggenburg auf jenes Fenſter. Endlich regte ſich etwas an dem von ihm beobachteten Punkte. Vorhänge wurden zurückgeworfen und eine, wie es ſchien, jugendlich ſchöne weibliche Geſtalt im Nachtkleide öffnete das zu er⸗ er uns ſagte Aus⸗ politi e nicht einem er lau⸗ watide, in be⸗ — blieb, Wie nen zu entge⸗ en und genburg an dem wurden gendlih ete das Fenſter. Kaum hatte ſie einen Blick in den Mond⸗ ſchein geworfen, als ſie laut und mit Entſetzen jenen Namen rief, den Sie vorhin nannten. Ja! ja! Hackert war es! Das Fenſter wurde von dem lieb⸗ lichen Weſen, das mich ſelbſt bezauberte, wie in der Eile der Angſt zugeworfen, die Vorhänge fielen zu⸗ rück, der abenteuerliche Menſch lachte grell auf, pol⸗ terte, lärmte, als wollte er ſich hörbar machen, und ſprang pfeifend und ſingend wie beſeſſen davon. Ich eilte ihm nach. Er hüpfte den großen Fahrweg hin⸗ unter. Ich folgte ihm zuletzt mit Mühe. Zuweilen ſtand er ganz ſtill und ſprach laut lachend, ſah ſich um und wiederholte mit kindiſchen Gebehrden ſeinen eigenen Namen. Unten aber wandte er ſich dem Walde zu, wohin ich ihm nicht folgen mochte, da ich plötzlich im Dorfe lautes Sprechen hörte. Ich folgte dieſem Lärm. Man ſchien im Pfarrhauſe laut zu peroriren. Kinder ſchrieen. Als ich näher kam, war es ſtill. Da gab ich denn für dieſe Nacht mein Vorhaben auf, blieb auf dem Kirchhof und warf mich unter dem Vordache des Mauſoleums meiner Mutter zum Schlafe nieder. Erſtaunen Sie darüber nicht! Es iſt nicht das erſte mal, daß ich unter freiem Himmel ſchlafe.... Ich wünſche, ſagte Dankmar gerührt, daß in der 170 heiligen Nähe Ihrer Mutter Sie ein Traum beſeligt haben möge, worin ſie Ihnen die Palme des Frie⸗ dens und der Verſöhnung reichte.... Dieſes Glück wurde mir nicht zutheil! ſagte Egon. Ich träumte auf dem harten Boden nur von jenem Bilde, das mich nicht mit der Zärtlichkeit einer Mut— ter, ſondern erſt todt und kalt, dann immer häßlicher, zuletzt in wilden Fratzen anblickte, bald von Schlan— gen umringelt war, die es bewachten, bald ſich in einen derartig gewöhnlichen Gegenſtand verwandelte, daß ich im Traume gelacht haben muß. Ein mal war es ein zinnerner Teller, den die alte Brigitte in der Hand hielt! Darauf war ich ſo ermüdet, daß ich ziemlich feſt und lange ſchlief. Als ich erwachte, fiel mein Auge auf den marmornen Sarg, der hinter dem Gitter von einem Engel gehütet, in nicht übel erſonnener Architektur, vor mir ſtand. An der Hin⸗ terwand las man die mit Gold eingegrabenen Worte: „Kommt zu mir Alle, die Ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will Euch erquicken!“ Erſt ſah ich neben dem Kirchhof in einem freundlichen Garten, wo ich in der Nacht das laute, heftige Sprechen vernommen hatte, den Pfarrer, Guido Stromer wahrſcheinlich, den ich nicht kenne, von Blumenſtrauch zu Blumen⸗ ſtrauch gehen und mit ſinnender Ueberlegung ein Bou⸗ beſeligt 5 Fiie⸗ 1 Egon. jenem Mut⸗ zzlicher, Schlan⸗ ſich in andelte, iin mal gitte in et, daß erwachte, er hinter cht übel der Hin⸗ 1 Worte: d beladen ch neben vo ih nonmm ſcheinlic Blumen⸗ ein Bol⸗ ——ñ — quet zuſammenſetzen, das er wahrſcheinlich nach einer häuslichen Scene zur Verſöhnung ſeiner Frau auf den Frühſtücksteller legen wollte.... Frühſtück! Ich gedachte dabei meiner eigenen Nahrung und beſann mich, daß ich ganz proſaiſchen Hunger hatte. Ich erquickte mich, die Ulla entlang wandernd, in ent— legenen Bauernhäuſern an friſcher Milch. Da ſah ich plötzlich gegen neun Uhr einen großen Transport⸗ wagen zum Schloſſe hinauffahren. Der Gedanke: Noch iſt es Zeit! elektriſirte mich. Ich faßte wegen des vielleicht noch zu rettenden Bildes einen letzten Entſchluß. Entweder, dacht' ich, kannſt du dir noch glücklich durch Gewandtheit dein Eigenthum erobern oder du entdeckſt dich dem Geheimrath von Harder und machſt dieſem Maskenſpiel ein Ende, ſelbſt mit Gefahr, ſeiner Gattin gerade das Bild zu verrathen, an deſſen Beſitz, wenn ſie das Geheimniß kannte, ihr ſoviel gelegen ſchien wie mir. Ich komme aufs Schloß, das Durcheinander und Lärmen der Diener begünſtigt mein Vorhaben. Man trägt einen Tiſch nach dem andern, Seſſel, Fauteuils, ja ſelbſt das geſchmack⸗ volle, gothiſch geformte, auseinandergenommene Bett der Mutter in jenen großen Wagen, bei dem der Geheimrath Wache zu ſtehen ſchien, wenn ich anders eine hagere, mit Orden geſchmückte Figur dafür hal⸗ ten muß. Bei einer ſolchen Demüthigung meines Namens mich zu entdecken— ich hätt' es nicht ver⸗ mocht. Ich betrat das Schloß, erſtieg die Treppe... man ſah ſoviel Menſchen durcheinander, daß ich nicht auffiel. Ich gelange in die Zimmer meiner Mutter. Welche Verwüſtung! Welche Zerſtörung! Alles durch⸗ einandergewühlt, Fetzen Papier auf der Erde, die Wände halb zerſchlagen, die Kamine, wahrſcheinlich vom Ver⸗ brennen der Papiere, mit Ruß und Rauch überzogen. Das war ein Chaos! Ich ſehe Leute, die packen und tragen... ich ſchreite weiter, als gehört' ich zu ihnen. Im Schlafzimmer der Mutter hängen noch Bilder, mein eigenes Bild als Knabe. Das Bild des Va⸗ ters, das Bild der Großmutter und über dem Platze, wo das Bett ſtand, über einem Crucifir, das unbe⸗ rührt hing, ſehr hoch, ſtill und ſchweigſam, ja ge⸗ ſpenſtiſch, das bezeichnete runde Paſtellgemälde! Ich ſuchte nach einem Seſſel. Ich ergreife den erſten beſten, ſteige in die Höhe, reiche nach dem Portrait, hab' es in der einen Hand und fahre ſchon mit der an⸗ dern über die Glasfläche, als ich mich an den Füßen gepackt fühle. Der Bediente, den Sie hier ſahen, reißt mich hinunter, ſchleudert das Bild aus meiner Hand, glücklicherweiſe auf nebenanliegende Betten, ruft Hülfe! Man umringt mich, der Intendant mit großen dum⸗ (72 meines ht ver⸗ ppe... h nicht Mutter. durch⸗ Wande zm Ver⸗ erzogen. ken und ihnen. Bilder, es Va⸗ Platze, unbe⸗ xe del Ich n eſen Portrai tder an Füßen en, rißt er Hand, 1 Hülfe en dum⸗ men Schafsaugen mißt mich auf zehn Schritte Ent— fernung, weil er meine zornfunkelnde Miene fürchtete, und befiehlt zitternd und bebend meine Verhaftnahme.... Man packt, hält mich, führt mich den Weg hinunter in dieſen Thurm, und nun ſagen Sie, was ich anders thun kann.... Als ſich eine Weile ergeben, Prinz! erhob ſich Dankmar jetzt mit ſorgloſer froher Bewegung, und von Ihrem Freunde Alles erwarten, was nur in ſeinen Kräften ſteht! Wie Sie ungekannt von hier entkommen können, weiß ich noch nicht, aber we⸗ der das Geheimniß des Bildes noch Ihr eigenes dürfen Sie preisgeben. Nach dieſer Behandlung... nein, können Sie ſich nicht entdecken! Niemals! Niemals! Ich fühle Das, Wildungen! Sie müſſen für immer auf dieſen Tag einen Schleier fallen laſſen und das Uebrige... Das Uebrige? Dankmar ſtockte und ſagte dann nachdenklich: Iſt es nicht wunderbar, daß ich mit Ihnen durch das gleiche Schickſal verbunden bin? Scheint es nicht ein Fingerzeig des Zufalls zu ſein, der ſcherzend die ernſten Miſſionen des Verhängniſſes erfüllt, wie wir ſo zuſammengeführt werden durch eine ähnliche, ja — 174 faſt gleiche Aufgabe! Wie ſich mir an jenen Schrein eine große Aufgabe knüpft, die ich Ihnen einſt aus⸗ führlicher entwickeln werde, ſo verbirgt Ihr Bild ohne Zweifel Thatſachen, die tief in Ihr Leben eingreifen und der Schlüſſel zu den dunkelſten Verwirrungen werden können, die Ihnen noch für Ihr Leben auf⸗ bewahrt ſcheinen! Bedenken ſie dieſen verdächtigen Eifer einer Frau, die Ihrer Mutter Freundin war, dann ſie haßte und ſie nun auch im Tode verfolgt und jede Spur von ihrem Daſein— Sie ſehen es ja— vertilgen möchte. Was man von dieſer Pauline Harder weiß, ſagte Egon ergriffen von der Theilnahme des Freundes, iſt nur zu ſehr geeignet, ihren Schutz für ebenſo allmächtig, wie ihre Verfolgung für eine Hölle auf Erden zu erklären. Was beherrſcht ſie nicht? Ich weiß es aus den diplomatiſchen Kreiſen in Paris. Sie regiert durch die verzweigteſten Fäden ihrer ge⸗ ſellſchaftlichen Beziehungen einen Theil der öffentlichen Meinung. Was hat ſie nicht ſchon Alles unter⸗ nommen! Was nicht gefördert und gehemmt!! Wo nur eine Idee ins Leben treten ſoll, find' ich ihren Namen, als Beſchützerin oder Gegnerin und grade, weil ſie Denen eine ſtarke Macht verleiht, die ſie auf⸗ ſuchen, fürcht' ich für Die, die ſie vermeiden, umgehen Schrein nſt aus⸗ ild ohne ngreifen errungen den auf⸗ ächtigen iin war, vetfolgt ſehen es iß, ſagte reundes, rebenſo zölle auf ht Ic n Patib. ihrer ge fenlichen es untel⸗* ntl We nd grade, e ſie auſſ ungehen 175 wollen... Eine Freundin von ihr, die Gräfin d'Azimont... Egon ſtockte. Sie nannten jene Dame, die Ihr Vater in ſeinem originellen Briefe erwähnte, bemerkte Dankmar. Der junge Fürſt ſchwieg, faſt verlegen. Dank⸗ mar ſchonte ſein Gefühl, nahm das Wort und ſprach die Vermuthung aus: Ihre Mutter hat ohne Zweifel Erinnerungen ihres Lebens geſchrieben; die große Welt fürchtet ihren Wahrheitseifer. Das Gerücht von Memoiren der Fürſtin Amanda wird ſich verbreitet haben, und dieſe, dieſe werden geſucht, vielleicht Briefe aus alten Zei— ten, die manches Geheimniß enthüllen. Geben Sie die Eroberung nicht auf! Aber wie? ſagte Egon. Ich bin gefangen und ſchon in dieſem Augenblicke vielleicht iſt der Wagen gepackt, ſchon jetzt rollt er vielleicht der Reſidenz zu und die genaueſte Unterſuchung eines vor Enthüllun⸗ gen zitternden Weibes durchſtöbert jedes kleinſte Theil⸗ chen ſeines Inhaltes und wird auch bald entdecken, daß die Rückwand des Paſtellbildes auffallend ſtark, ja faſt einem Käſtchen ähnlich iſt... In der That? bemerkten Sie Das? ſagte Dankmar. Aufs Deutlichſte. 176 Geben wir dann nur Eins nicht auf, rieth Dank⸗ mar. Das iſt die Zeit! Jede Stunde kann noch einen Gewinn bringen, jede Minute das Schlimmſte abwenden. Ich bin auf das Schloß geladen. Ich werde alle Fragen wegen meiner eigenen Angelegen⸗ heit fallen laſſen, da ich Ihr Zeugniß habe, daß Schlurck meinen Verluſt ſchon mit ſich geführt hat. Sie und Ihr Intereſſe ſollen mein einziges Augen⸗ merk ſein. Ich werde horchen, ich werde forſchen, ich werde mir irgend eine Gelegenheit zu Nutze ma⸗ chen, Ihnen zu dienen; aber Sie müſſen ſich ent⸗ ſchließen— ſo peinlich der Gedanke iſt... Wozu? ſagte Egon, indem er Dankmar's, die kleine Zelle muſternden Blicken folgte;... Sie mei— nen, ich muß den Gedanken an Freiheit für heute aufgeben— Das iſt es! ſagte Dankmar. Nur um Zeit zu gewinnen, ſetzte er hinzu. Zeit, ſich der einen Sache, der im Augenblick wichtigern, widmen zu können. Warum ſoll ich nicht das Geſpräch auf dieſes Bild führen können, es nicht anſehen dürfen, warum durch den raſchen Druck auf das ſchützende Glas den In⸗ halt nicht zum Vorſchein bringen? Denken Sie ſich dieſe Ueberraſchung! Ich würde ſogleich als Juriſt auftreten, ich würde Beſchlag auf dieſe Papiere legen, Dank⸗ noch umſte Ich legen⸗ daß hat. lugen⸗ nſchen, e ma⸗ ) ent⸗ , die 1 3 mei⸗ heute geit zu Sache, können. 5 Bil u durch en In⸗ Zie ſich Juriſ legen/ 177 ich würde ſie nicht eher aus der Hand laſſen, bis ich nicht den Gefangenen aus dem Thurm befreit hätte, dem ſie allein gehören, dem Prinzen Egon von Ho⸗ henberg! Wildungen! rief Egon, ſprang auf und warf ſich ihm an die Bruſt, indem er mit ſtürmiſcher, Dank⸗ marn faſt ſeltſamer Freude den Bruderkuß auf die Lippen drückte. Wildungen! Sei mein Bruder! Dankmar, ablehnend, faſt erſtaunend, ungewohnt ſolcher Regungen in dieſer kühlen Zeit, wollte ſcher⸗ zend erwidern. Aber Egon litt es nicht und ſagte: Eine Vergleichung mit Poſa und Carlos wäre lächerlich. Ich habe kein Spanien zu erben! Aber ein Poſa biſt du, Freund, wie wir, weißt du, ſchon einmal ſcherzten. Das Kreuz des Maltheſers würde deinen Mantel zieren, wie den tapferſten Ritter, der für das Grab des Erlöſers focht... Dankmar war erſt erſchrocken über dieſe ſtürmiſche, ihm doch etwas peinliche Empfindſamkeit, dann aber betroffen über dieſe Erinnerung an ſeine eigenſten, geheimſten Ideengänge... dachte er an Siegbert, an Ackermann und den Knaben... und er hätte ſie gern in dieſem Bunde gehabt, in dieſem Bunde der Freund⸗ ſchaft, der Liebe und des einen Geiſtes!... Eben ſagte Dankmar liebevoll und gerührt: Die Ritter vom Geiſte. II. 12 —13 Egon! Gibt es denn noch Freundſchaften in un— ſerer Zeit? Egon wollte erwidern— Da hörten ſie draußen den Riegel gehen. Der Schlüſſel im Schloſſe drehte ſich und ſchon auf dem Vorplatz machte ſich der Thurmhüter vernehmbar mit den Worten: ¹ Ich komme früher, als Sie mich rufen. Wie er die zweite Thür aufgeſchloſſen hatte und eintrat, reichte er Dankmarn einen Brief hin. Der ſonderbare Menſch, ſagte er, der nach Ihnen in der Krone fragte, hatte keine Ruhe und wollte Sie ſprechen. Da Sie nicht kamen und ich ihn nicht herauflaſſen durfte, ſchrieb er dieſen Zettel an Sie und hat ihn mit vier Siegeln zugeklebt, als fürcht' V er, ich würde ſeine Staatsdepeſche leſen. Eigentlich laſſ' ich mnich da auf Sachen ein... Dankmar nahm den Brief und erſtaunte ſowol über die wunderbar ſchöne, wie in Kupfer geſtochene Handſchrift, wie über die Adreſſe, die wörtlich lau— tete:„An den Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt,“ Dankmar mußte auflachen. Pfannenſtiel ſpähte und fragte: Iſt Das wirklich an Sie? Er mußte wol glauben, hier hinter eine ver— zweigte Gaunerbande zu kommen, die ſich in einer eigenen Spitzbubenſprache verſtändigte. Egon las auch die Adreſſe und ſagte: Aber Das iſt ja erſtaunlich! Da iſt ja der Ritter Poſa ſchon anerkannt und von einem Schreiber— von einem Schreiber... dieſe kupfergeſtochene Hand⸗ ſchrift kenn' ich— Sie iſt von Hackert, der mich nicht nennen will! ſagte Dankmar. Jetzt glaub' ich wol, daß er nicht die Peitſche zu führen verſteht. Das iſt ja meiſter⸗ haft geſchrieben! Er wollte mich nicht mit Namen nennen, der ſchlaue Fuchs, und ſo erinnert die Adreſſe an einige Erörterungen, die ich mit ihm über das Kreuz auf dem von Schlurck gefundenen Schrein hatte. Beſter Pfannenſtiel, der Brief iſt an mich.. und enthält hoffentlich kein Gaunerlatein! Schlurck? ſagte Egon und ſetzte leiſe hinzu: Alle Briefe, die ich von der Verwaltung meines Vaters empfing, waren von dieſer nämlichen Hand geſchrieben. Natuͤrlich, ſagte Dankmar ebenſo. Hackert war Schlurck's Schreiber. Und während noch der junge Fürſt ſeinen Erin⸗ nerungen über dieſen Geſellen und ſein nächtliches 12* 180 Treiben nachhing, eröffnete Dankmar den Brief und las für ſich. Betroffen fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn, las noch einmal, lachte dann, nahm raſch ſeinen Hut und ſagte zu Egon: Nun keine weitern Erörterungen mehr, Freund! Sie würden— er ſah auf Pfannenſtiel— hier nicht am Platze ſein. Noch heute Abend oder morgen früh hörſt du mehr von mir. Ergib dich in dein Schickſal! Träume vom Genferſee, von Lyon, von Paris, von der Zukunft und wenn du willſt, von der Gräfin d'Azi⸗ mont! Leb wohl! Und damit entfernte er ſich wirklich zum großen Erſtaunen des Schließers, der noch einige Worte mit dem Gefangenen wechſelte, ihm alle Bequemlichkeiten verſprach und dem„Ritter vom vierblättrigen Klee⸗ blatt“ folgte, den er unten an der Thurmpforte zu finden hoffte. Dankmar war aber ſchon weit von dannen... Pfannenſtiel ſchloß die Thür mit gewal⸗ tigem Schlüſſel zu. Er dachte doch wol: Wir haben einen curioſen Fang gemacht! Das Eramen wird unſerer Juſtiz viel Aerger und Mühe koſten. Egon nahm aber den Brief, den ihm Dankmar in ſeiner eiligen, ihn faſt verwirrenden Entfernung zurückgelaſſen hatte. nd 2 181 Er las: „Ew. Wohlgeboren werden heute Abend auf dem Schloſſe ſein. Sollte die Rede auf mich kommen, Fritz Hackert heiß' ich, ſo können Sie Vieles von mir ſagen, was Sie wollen, ſelbſt daß ich Ihnen wie ein Eſel erſchienen bin. So etwas ſchadet mir da nichts, weil man meine Ohren kennt und was ich hinter ihnen habe. Aber, wenn Sie ein Mann von Ehre ſind und Sie es gern hören, daß ich außer einem Weſen, das vielleicht kein Menſch iſt, keinen Menſchen in der Welt ſo lieb habe, wie... nicht etwa Ew. Wohlgeboren, ſondern Ihren Herrn Bru⸗ der, der mich in einem Augenblicke der Verzweiflung mit Menſchenliebe erquickte, ſo beſchwör' ich Ew. Wohl⸗ geboren, ſprechen Sie von mir auf dem Schloſſe nie wie von Ihrem Kutſcher! Ich bin ein elender Menſch und kämpfe mit allen niedrigen Leidenſchaften eines jämmerlichen Kerls, der das Gute will, ohne die Organe dafür zu haben, aber ich unterliege wenig⸗ ſtens nicht ganz, wenn ich mich höher hinauf halte, als wohin mich ein grauſames Schickſal geworfen hat. Erniedrigen Sie mich da nicht, wo Sie heute wahrſcheinlich ſehr hoch ſtehen werden! Denn ich muß Ihnen im Vertrauen mittheilen, daß man im Orte unten und ſchon oben auf dem Schloſſe an⸗ fängt, Sie für den Prinzen Egon von Hohenberg zu halten, der im Incognito hierher gekommen wäre, um ſich vom Zuſtande ſeiner Güter zu unterrichten.... Vielleicht macht Ihnen dies von mir aus beſter Quelle geſchöpfte Misverſtändniß Spaß. Ich wün⸗ ſche, daß Sie Ihren Schrein gefunden haben. Noch einen Rath: Reiten Sie nie mehr mit Pferden von Laſally! Dies unter uns! Uebrigens nochmals: Nicht Kutſcher! Ich nenne Sie nicht, wie Sie hei— ßen, ſondern wie die Aufſchrift lautet, weil es Sie vielleicht unterhält, das Vorurtheil zu benutzen und auf dem Schloſſe einige Stunden lang den Fürſten Egon von Hohenberg zu ſpielen! Etwas vom Teufel haben Ew. Wohlgeboren doch auch im Leibe oder ſind wenigſtens ein Menſch, der mir vorkommt, als könnte er mit der ganzen Welt Fangball ſpielen!“ Aus dieſen zwar raſch, aber ebenſo in der Recht⸗ ſchreibung ſicher wie in der Kalligraphie bewun⸗ derungswürdig correcten und gefällig geſchriebenen, ihm in den Hauptſachen aber dunklen Worten, erſah Egon ſehr wol den Grund, warum Dankmar plötzlich laut auflachte und raſch einen Entſchluß faſſend, ſo außerordentlich muthig und faſt drollig aufbrach. Mit dem heitern und erwärmenden Ge⸗ fühl, vorläufig einen wahren Freund gefunden zu haben, ergab er ſich nun ruhig in ein Schickſal, das durch die Ausſicht, wol gar von Dankmar Wil⸗ dungen jetzt auf dem Schloſſe vertreten zu werden, an wunderbarer Verwickelung und abenteuerlicher Ver⸗ wirrung noch gewonnen hatte. Siebentes Capitel. Der Doppelgänger. Als Dankmar wieder auf ſeinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirth geſagt hatte, es gäbe täglich Gelegenheit, Briefe zu befördern, ſchrieb er aus Rückſicht auf einen nun wahrſcheinlich ſich etwas verlängernden Aufenthalt an ſeinen Bruder Siegbert Wildungen: „Lies den Arioſt, theuerſter Bruder, und du wirſt eine Vorſtellung von meinen gegenwärtigen Schickſa⸗ len haben! Hätte jener fabelnde Sänger den Zug der Argonauten geſchildert, die auszogen gen Kolchis, um das goldene Vließ zu holen, ich wette, ſeine Er⸗ findungen würden den Abenteuern gleichen, die ich wirklich, ich ſage wirklich erlebe. Ueber mein goldenes Vließ ſei vorläufig beruhigt! Ich glaube, daß es in ſicherer Hand iſt. Willſt du ein Uebriges thun, ſo beſuche den Juſtizrath Schlurck und zeig' ihm an, daß — er keine Schritte thun möchte, den Eigenthümer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu entdecken. Er würde in der Perſon deines liebenswürdigen ihm ſchon bekannten Bruders Dank⸗ mar ſich ihm bald ſelbſt vorſtellen. Auch Peters be⸗ ruhige und erfreu' ihn mit der Nachricht, daß ich Bello mitbringe, leider nur mit einem ſolchen Bein, das ſich wird heilen laſſen, wenn man es noch einmal zer— ſchlägt. Dies Hundeleid, lieber Bruder, iſt das ein⸗ zige Herzeleid dieſer Hohenberg'ſchen Reiſe! Sonſt rüſte dich zu einer traulichen Winterabendſtimmung, wenn ich anfange dir zu erzählen, was hier ſchon Alles hinter mir liegt, noch mehr, was bevorſteht. Am Webſtuhl der Zeit ſitzen doch immer noch recht alte verſchlafene Heidenhexen und ſpinnen auch noch jetzt unſern überhellen Tagen träumeriſche Märchen und unglaubliche Fabeln. Ich ſage dir, Horatio, es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte ſich träumen laſſen. Wenn es reif ſein und ans Tageslicht kom⸗ men wird, dann ſagt man vielleicht: es war gewöhn⸗ lich! Aber im Werden erlebt und mit allen unge⸗ wiſſen, fragwürdigen Umſtänden der Schickſalszuberei⸗ tung aus dem Keſſel genoſſen, hat es etwas von Prospe⸗ ro’s Inſel. Ich wünſchte, du ſäheſt, wie ich in meinem Elemente plätſchre! Ich werfe mich jetzt eben auf dieſen Brief an meinen ſanften und vernünftigen Bru⸗ der nur, um mich nach allen Regeln des Anſtandes zu ſammeln vor Beginn eines der luſtigſten Tage meines Lebens. Füge nur getroſt hinzu: Er wird das Traurige haben, daß ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinſt mit vielen trüben Stunden werde bezahlen müſſen. Aber Das iſt hoffentlich das einzige„Aber“ an meinem heutigen frohen Glauben. Zähme deine Neugier und erwarte nichts Gewöhnliches! Die Welt war uns wirklich ein zu ernſtes Drama geworden, Bruder, höchſtens manchmal künſtlich, ach gar, gar zu künſtlich eine derbe Poſſe, wie ſie Polici⸗ nell mit der Pritſche und mit Prügeln im Kirchweih⸗ Kaſten ſpielt. Heute, lieber Junge, erlebt' ich Dinge, die, wenn du willſt, dem Sommernachtstraum ange⸗ hören, den du ſo ſehr liebſt mit ſeiner Waldesluſt, ſeinen verzauberten Eſelsköpfen, ſeinen herablaſſenden kritiſchen Königswitzen und beſonders dem Elfenſpuke und ihrem die ſchmachtende Sehnſucht erweckenden Augenbalſam— auch wir verwandeln uns und wer⸗ den verwandelt, Bruder, und wir wiſſen wol, Prinz, was wir ſind, aber nicht, was wir ſein werden... Hamlet⸗Ophelia. Meine Gleichniſſe erſchöpfen ſich. Du ſiehſt, mein Junge, ich wollte gern in Deiner Sprache reden. Ich wollte gern deinen Düſſeldorfer Senf mit ſeinen Bildern und Gleichniſſen treffen. Was würdeſt du für gebeizte Augen machen, wenn dich Das träfe, was ich ſchon Alles hier ſah und ſehen werde, und wie würdeſt du dir vorkommen? Ich ſähe dich, Siegbert, umwunden von Blumen, mit einer Krone auf dem Haupte... Elfen umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher, der ſo etwas nur gemalt und gedichtet ſich denken kann, ſträubſt dich vielleicht gar und ſagſt zu den neckenden Baumnymphen: Meine Damen! Ich bitte, bitte Sie inſtändigſt, inkommodiren Sie ſich nicht! Ich bin der Maler Siegbert Wil⸗ dungen aus Angerode, der ſich jetzt aufs Hiſtorienfach geworfen hat und von einem hochlöblichen Kunſtver⸗ ein den Ankauf eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet; ich bin ein realiſtiſches Weſen geworden; laßt mich, ihr ſchönen Fräulein mit blauen Kränzen in dem Haar und dem Maaßliebchen auf der Bruſt, laßt mich in Ruhe; unſere Schule träumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunſtliebender Salon⸗ damen, edler Diakoniſſen und Schwanenjungfrauen. So hör' ich dich, du blöder, ſchnöder Vernünftling! Aber es würde dir gar nichts helfen. Die Fräulein von der Wieſe im Mondſchein würden dich auslachen, dich kichernd verfolgen: Schaut! Schaut! Der ſträubt 188 ſich und will nicht der Sohn des Königs Phantaſus ſein! Der kennt uns nur aus Büchern und Bildern und weiß nicht, daß wir ſeine Schweſtern ſind! Ach, ich wette, du ſchämſt dich dann doch, Bruder, in der Kunſt immer kühn und im Leben ſo bedächtig zu er⸗ ſcheinen, du fängſt doch mit den kleinen Creatürchen zu tanzen an im Mondenſchein unter den Sternen, die— ſiehſt du denn Das auch jetzt des Nachts? — ſo ſchwer und voll wie Traubengehänge auf dich niederlangen, und du nimmſt auch das funkelnde Krön⸗ lein, das dir in grünen Livreen die Kammerherren der Mondfräulein, die Eidechſen, mit ſchwänzelnder Höflichkeit präſentiren! Leider biſt du nun aber nicht hier und deine Sommernachtstraum-Rolle muß ich ſpielen, ſo gut ich kann, wenn auch nimmer ſo wür⸗ dig, wie du! Und noch Eins: Erzähl' ich dir einſt meine Hohenberger Erlebniſſe— ein Einſt, das ſich in drei Tagen höchſtens erfüllen wird—, ſo ſetz' dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn, wie du ſie gerunzelt haſt im Pelikan unter dem Apfelbaum, als ich in feierlicher Stunde bei Froſchgequak, Johanniswurmleuchten und beim Duft eines erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im Tempelhauſe zu Angerode und den Fund der alten Wildungen'ſchen Receſſe und taſus ldern Ach, n der uj el⸗ rchen rnen, chts? dich drön⸗ erren Under nicht F ich wür⸗ einſt z ſich dich ihe zu elikan tunde beim Ceſſionen erzählte; jammre mir etwa nicht und la⸗ mentire über gewagte, unglaubliche, ungeſetzliche Dinge und ſtell' dich nicht wieder, als wollteſt du eine An⸗ ſtellung haben als officieller Pinſel, Conſtablerhutlacki⸗ rer oder Criminalmaler, der die Verbrecher malt, die man in effigie verbrennt! Ich ſehe nicht ein, warum die Komödie der Irrungen nur auf der Bühne ge⸗ ſpielt werden ſoll. Iſt der Wald denn nicht wirkli⸗ cher als eine Tapete? Die Sonne nicht berechtigter als eine Oellampe? Kann... ich ſage kann... hörſt du? Kann der Acteur jemals ſtocken, der ſeine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und ſich dabei, wenn nicht an die Regeln des Ariſtoteles, doch an ſämmtliche Regeln des Anſtandes und ſogar die drei Einheiten des guten Tons hält(Harmonie der Handſchuhe, der Cravatte und der Weſte), und ſich nur Eines als freie Muſe ausbedingt, die himmliſche, märchengeborene, traumbeglückende, ſüße Unwahrſchein⸗ lichkeit! Siegbert! Siegbert! Ich beſtreite es dir mit dem übereinſtimmenden Zeugniß aller Elemente, aller Jahreszeiten, aller Krebs- und Nicht⸗Krebs⸗Fiſcherei⸗ Monate und aller himmliſchen Zeichen des Thierkrei⸗ ſes... ich beſtreite es mit dem Verdict deiner eigenen fünf Sinne, die doch die gewiſſenhafteſten Geſchwore⸗ nen unſers Urtheils m... Die Welt ſieht nicht ſo — ———— aus, wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauſes, wo es nur Zeitungen, Kellner, Fidibus, Cigarren und klappernde Dominoſteine gibt! Ich beſtreite dir, daß Coak⸗Gas das Hellſte auf Erden iſt und ein Tunnel das Finſterſte. Wie... o wie wünſcht' ich, daß ich— manchmal du wäreſt... Wie wuünſcht' ich, daß du zuweilen ſpazieren gingeſt aus deiner künſtli⸗ chen, gemachten Phantaſterei heraus und vor den Thoren die Romantik erlebteſt, die du nur zu malen verſtehſt! Reiße dich los, Bruder, von der claſſiſchen Walpurgisnacht deiner Anſchauungen, wo nur theore— tiſche Schemen und Larven dich umtanzen, nur alte Weiber, aufgeputzt mit Phraſen, beim Klitſchklatſch der Theelöffel⸗Jmagination, die Zaubereien bewundern, die du mit Hülfe der Bücher⸗Nekromantik, mit Hülfe der grauen Theorie und des äſthetiſchen Höllenzwanges aus dem Boden der Trompetta'ſchen, Mäuſeburg'ſchen, Harder'ſchen Salons ſteigen läſſeſt... wirf die Feſ⸗ ſeln ab, die dich an dieſe tapezirte Welt des Schei— nes bindet, ſtürze dich ins Rauſchen der Begeben⸗ heit, in die immer offenen Arme der Natur und Geſchichte, wo du allein erwarmen und nur etwas Dauerndes wie deinen Molay ſchaffen kannſt, auch wenn ihn der flaämmende Ketzerrichter des Geſchmacks und rothe Kunſtvereins⸗Carvinal Propſt Gelbſattel 8, wo und daß unnel daß ' ich, unſtli⸗ r den malen iſchen jeore⸗ alte latſch ndern, Hülfe anges ſchen, Fe⸗ Schei⸗ geben⸗ und etwas auch macks hſatte verwirft. Dies ſchreibt dir dein aufrichtiger Bru⸗ der, ſonſt ein paſſives Meiſterſtück der Schöpfung, heut' aber ein activer Stümper im Wettkampf mit dem großen Michel Angelo des Lebens, genannt: die Gottheit.“ Wie Dankmar dieſen tollen Brief überlas, that es ihm doch faſt leid, daß eine ſo ſcherzhafte Abſicht, die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte, zuletzt in eine ernſte Wendung überſprang, die ſeinen Bruder vielleicht verwunden konnte, Er überlas ihn daher nochmals und voll Beſorgniß. Doch ließ er ihn, wie er war, ſchloß ihn, ſiegelte mit einer Krone, dem Wappen des Kronenwirthes, und legte ihn getroſt zum Abſenden zurecht. Er hätte ja nur, ſagte er ſich entſchuldigend, auf ſein altes Thema ſpielend ange⸗ ſtreift, das ihn im Geſpräch mit dem Bruder ſchon ſo oft ergriff. Er hätte ihn ja nur wieder aufgefor⸗ dert ſich, freizumachen von einer gewiſſen mehr gelehr⸗ ten als natürlichen Begeiſterung für ſeine Kunſt. Siegbert's Geſchmack ſchien ihm zuweilen mehr der Geſchmack der Schule als des eignen Bedürfniſſes zu ſein. Alle Anſpielungen Dankmar's auf Meiſter Wil⸗ liam und die Elfen, auf Arioſt und die Abenteuer, auf Goethe und die Geſpenſter waren kleine Spöttereien auf Siegbert, der ſich zur Zeit in dieſer vorgezeichneten 192 Richtung des Schaffens noch ſehr gefiel. Salonro⸗ mantiker nannte ihn Dankmar oft, wenn Siegbert in vornehme Geſellſchaften geladen wurde und mit An⸗ dacht zuhörte den Vorleſungen über Kunſt und Poeſie die in gewiſſen Kreiſen der Geſellſchaft Mode waren, beſonders als noch die jetzt politiſch geſtimmte Pauline von Harder in dieſer Richtung den Ton angab und Alles um ſich verſammelte, was in Wiſſenſchaft und Kunſt glänzend hervortrat... Mag er's nehmen, ſagte ſich Dankmar, wie er's immer genommen hat! Als Anregung zur Selbſtprüfung oder Gelegenheit, mich eines Beſſern zu belehren und ihn um Verzeihung zu bitten. Mit dieſem Briefe, mit den Erzählungen des Wirths über Hackert's ängſtliches Forſchen, mit der Nachfrage nach dem Befinden ſeines Gauls und einem Beſuch im Stall, endlich mit der nicht leichten Aufgabe, aus ſeiner beſchränkten Reiſetoilette eine Art nonchalanten Reiſenegligées herzuſtellen, verging die Zeit bis zur ſechsten Stunde. Endlich ſetzte er den wohlausgebür⸗ ſteten, von Staub gereinigten weißen Caſtor auf und muſterte ſich in dem kleinen Spiegel ſeines Zimmers, dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der eigentlich nur Fragmente von Dem wieder⸗ gab, der ſich in ihm erkennen wollte. Dieſe Frag⸗ alonro⸗ gbert in nit An⸗ Poeſte waren, PVauline ab und aft und e, ſagte 1 As „wich feihung Wirths chfrage Beſuch he, aus alanten is zun gebür⸗ uf und mmers, fehlie wieder⸗ Frag⸗ 193 mente ſagten Dankmarn, daß er wirklich an Wuchs faſt dem Prinzen gleich war. Er hatte ſogar eine gewiſſe Aehnlichkeit mit ihm, nur daß ſein bräunliches Haar heller, gelockter, das ſchlichtere kurzgeſchnittene Egon's dunkler war. Sein kleines Stutzbärtchen klei⸗ dete ihn zierlichſt und die klugen Augen funkelten ſo unter⸗ nehmend, daß ſie wol dem Zuge von Ironie und Schalk⸗ heit an den Mundwinkeln entſprachen, der Hackerten beſtimmen konnte, mit ſoviel Reſpect von dem Manne zu reden, der ihn, ehe er ihn nachtwandelnd im Heide⸗ krug geſehen, ſo kräftig im Zaume hielt. Gewöhnt, ſich immer gut zu halten, konnte Dankmar keinen An⸗ ſtoß nehmen, ſich ſo wie er war auf dem Schloſſe zu zeigen. Hatte er doch die Geſellſchaft oben nicht ſelbſt geſucht, ihre Einladung nicht erwartet. Sein zerknit⸗ tertes Halstuch bügelte ihm die Magd friſch auf. Leicht ſchlang er es um den Hemdkragen, der ihn am meiſten beunruhigte, wenn man nicht die Blicke, die er auf ſeine Handſchuhe warf, noch beſorgter nennen will. Indeſſen ſagte er ſich: Bin ich oben Dankmar Wildungen, ſo bin ich auf dem Impromptu einer Reiſe begriffen. Bin ich Prinz Egon, ſo hab' ich noch den Vortheil voraus, als Tiſch⸗ lergeſell direct aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Communiſten zu ſpielen, das heißt, mit Die Ritter vom Geiſte. II. 13 194 einer großartigen Verachtung des äußern Lurus meine geheimen Pläne unterſtützen zu können. Als Dankmar zum Schloſſe gegen Abend hinauf⸗ ſtieg, war es ihm unangenehm, daß er merken konnte, er vertriebe für heute die gewohnten Gäſte. Einige Damen ſchritten an ihm vorüber und betrachteten ihn zwar höchſt neugierig, aber misgünſtig. Dankmar kannte nur zwei, die Eine, die ihm noch die freund⸗ lichſte war, die Pfarrerin, die duldend und nachgiebig ſchien, und die Andere, die im vollen Staate befind— liche aber zornglühende Frau Juſtizdirektorin von Zei— ſel, die Dankmar's Gruß höchſt ſpöttiſch erwiderte. Himmel, dachte Dankmar, du erregſt ſchon Mis⸗ gunſt, ſtatt Theilnahme. Das iſt kein guter Anfang! Und noch ſchlimmer, daß Niemand an mein Incog⸗ nito glaubt. Hackert hat gelogen. Keiner denkt daran, mich als etwas Geheimnißvolles zu bewun⸗ dern. Weiterhin rollte ein Wägelchen von einem knar⸗— renden Hemmſchuh gghalten an ihm vorüber und gleich⸗ falls den ſteilen Berg hinunter. Eine Dame mit zwei Herren ſaßen darin. Alle Drei lorgnettirten ihn. In dem jüngern erkannte er den Stallmeiſter Laſally, von dem er oft einen Gaul gemiethet hatte, ohne indeſſen mit dem ſchroffen und etwas unzugänglichen Herrn meine inauf⸗ fonnte, Einige en ihn ntmar reund⸗ giebig befind⸗ n Zei⸗ iderte. Mis⸗ ffang! Incog⸗ denkt ewun⸗ knar⸗ gleic⸗ t we ll. In , voll ndeſſen Hertn ſelbſt in Berührung zu kommen. Er warf Dankmarn einen entſchieden verächtlichen Blick zu und muſterte ihn von unten bis oben, ſodaß ſich Dankmar faſt beleidigt fühlte. Unentſchloſſen, ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen ſollte, hörte er ſich von einem andern aus— fliegenden Gaſte angeredet, von einem Manne, in dem er den Pfarrer erkennen mußte. Dieſem ſchien die Abweiſung am allerverdrießlichſten zu kommen. Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus ſei— nen Augen, als er dem Günſtling des Abends be⸗ gegnete... Sie ſind erwartet, mein Herr, ſagte Stromer. Man muß Sie glücklich preiſen, mit Fräulein Melanie den Thee trinken zu dürfen... Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging der er⸗ zürnte, faſt verwirrte Mann vorüber. Dankmar wußte nicht, wie ihm geſchah. Er kannte alle dieſe Menſchen nicht, in die er ſo plötzlich wie ein brennender Schwärmer hineinfuhr und die er zu ihrem Aerger auseinanderſprengtel Der Geiſtliche ſchien ihm vollends die Beſinnung verloren zu haben. In ſeinem Auge lag etwas Irres. Er überſah ſehr raſch, daß dieſe Gäſte heute ſich wie täglich von ſelbſt eingefunden hatten und mit der Bitte begrüßt worden 13* 196 waren, ſie möchten entſchuldigen, daß ſie diesmal nicht gebeten würden, den Abend über dazubleiben, da ein der Familie Schlurck ſehr werther Fremder ſie aus mancherlei Rückſichten allein in Anſpruch nähme... Wenn Dem ſo war, ſo durfte er darin eine höchſt feierliche Vorbereitung erkennen und einen noch nicht ſehr weit umgegriffenen Verdacht über ſeine Perſon oder eine Hackert'ſche Flunkerei. Als ihm aber dann doch der alte Herr, der ihn eingeladen hatte, auf hal⸗ bem Wege entgegenkam und ihn verſicherte, die Herr⸗ ſchaft wiſſe ihm für die Annahme ſeiner Einladung den größten Dank, als Dankmar ſah, daß man ihn wirklich wie eine Standesperſon einholte, konnte er nicht umhin, ganz aufrichtig zu ſagen: Ich bin überraſcht, mein Herr, wie die Reiſe, die ich zur Wiederauffindung eines mir ſehr werthvollen Eigenthums machen mußte, mich in eine ſo freund⸗ liche Berührung mit der Familie des Mannes führt, dem ich ohnehin ſchon, wie ich zufällig unterwegs im Heidekrug erfuhr, die Rettung meines Verluſtes verdanke. Bartuſch fixirte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge, räusperte ſich und bat den Gaſt, er möchte, er bäte ſehr darum, des Schreins, von dem auch er ſchon gehört hätte, keine Erwähnung thun. Die Wie⸗ dera verk nehn doch darü nicht ein aus öchſt nicht erſon dann hal⸗ Herr⸗ dung ihn te er die ollen und⸗ ührt, vegs uſtes emnem chte, j er Wie⸗ 197 derauffindung deſſelben wäre zufällig mit Umſtänden verknüpft, die in Madame Schlurck gewiſſe unange⸗ nehme Empfindungen hervorriefen... Gedanken, die ſie doch lieber nicht wecken wollten. Es thäte ihm leid, darüber dunkel bleiben zu müſſen. Eine ſo geheimnißvolle Aeußerung mußte Dank⸗ mar's Neugier eher ſteigern; doch fügte er ſich gern der ſonderbaren Bitte, die einen Gegenſtand betraf, über welchen er ſich jetzt vollkommen beruhigen zu dürfen glaubte. Auf dem Schloßhofe trafen ſie dann den großen Transportwagen des Intendanten. Welch ein Ungethüm! rief Dankmar. Das iſt ja kein Wagen! Das iſt ein wandelnder Salon, in dem man tanzen könnte.... Bartuſch erklärte ihm mit lauerndem Blicke die Beſtimmung dieſes großen Behälters. Doch nicht Alles ſchon gepackt? fragte Dankmar dringend. Zum größten Theil, antwortete Bartuſch, über⸗ raſcht von dieſer Frage. Noch heute Abend wird Herr von Harder abreiſen. Zwei Gendarmen ſind ihm vom Landrath als Begleitung zur Verfügung geſtellt... Dankmar ſchüttelte ärgerlich den Kopf, blieb ſtehen und öffnete die Hinterthür des Wagens. — Derſelbe Bediente, den er im Thurm geſehen hatte, ſaß völlig aufrecht wie ein Wächter auf den ſehr geord⸗ net zuſammengeſtellten Möbeln und grinzte ihn bos⸗ haft an. Lieber Himmel! äußerte ſich Dankmar lachend zu Bartuſch, zwei Gendarmen? Wie ſtreng wird Das hier genommen! Es ſcheint, als wenn in Pleſſen die Juſtiz viel zu thun hat. Die arme Blouſe im Thurm leidet darunter. Ihr hat, wie mir der arme Menſch erzählte, ein Bild gefallen, weil es nicht wie die An— dern glänzend, ſondern nur wie mit buntem Staub gemalt iſt. Er wollte ſich dieſe Art zu malen genauer betrachten und— Gehen denn die Familienbilder auch ſchon in die Reſidenz? Die letzte Aeußerung Dankmar's wurde von ihm ſo hingeworfen, um ihre Wirkung zu beobachten. In der That war aber dieſe Wirkung nicht ge⸗ ring. Bartuſch riß die Augen auf, richtete ſich in die Höhe und zweifelte keinen Augenblick, daß eine ſolche Aeußerung nur von dem Prinzen ſelbſt oder dem intimſten Vertrauten deſſelben kommen konnte.. Die Vermuthung, daß der im Thurm Sitzende ein Jäger oder Kammerdiener des Prinzen Egon war, ſtand längſt bei ihm feſt. Leider, ſagte Bartuſch, hat der Vorfall von heute hatte, früh den Geheimrath ſo alterirt, daß er nun auch geord⸗ ſämmtliche Bilder ſogleich in den Wagen tragen ließ! bos⸗ Sämmtliche Bilder? ſagte Dankmar, unangenehm betroffen. nd zu Allerdings! fuhr Bartuſch lächelnd und fein fort. Das Ich zweifle indeſſen nicht, daß ſich der Monarch ein en die Vergnügen daraus machen wird, nicht nur, wie aus— purm drücklich bedungen iſt, alle Familienbilder zurückzu⸗ danch ſtellen, ſondern auch den jungen Prinzen durch man⸗ 4 An⸗ ches andere werthvolle Andenken an ſeine Mutter zu Staub erfreuen. Was die Adminiſtration der Maſſe thun nauer kann, um alle dieſe Verwickelungen angenehm zu löſen, auch alle dieſe herrlichen Beſitzungen beiſammen zu laſſen und dem jungen Fürſten an ihnen Freude und Ge⸗ ihm winn zu ſichern, wird gewiß geſchehen. Es iſt viel von der Vergangenheit gut zu machen, aber bei eini⸗ gem guten Willen von Seiten Derer, die hier zu 3 4 fodern haben, und bei Kraft und Ausdauer von Sei— eine ten Derer, die wol für den Augenblick verlieren müſ⸗ dem ſen, läßt ſich für die Zukunft mancherlei wiederher⸗ ſtellen. end Dankmar nickte beifällig. Die wohlgeſetzten Worte Har gefielen ihm an und für ſich ſchon. Dann aber an die Bilder ſich erinnernd, warf er einen ſchmerzlichen feun Blick auf den großen bewachten Wagen, von dem ſie hellt ſich nun entfernten und unterdrückte den Seufzer nicht, der Bartuſchen auszudrücken ſchien, als wollte er ſagen: Sie ſprechen gut, aber Ihre Wünſche ſind vergebens! Mag er ihn in dieſem Sinne nehmen, ſagte ſich Dankmar, der trotz der Gendarmen vor der wirklichen Abfahrt des Wagens den Muth nicht verlieren wollte; mag er denken, ich bin der Prinz! Ob ich Dankmar Wildungen oder Egon bin, was thut Das hier! Still jetzt bei ſich überlegend, was ſich nun wol noch wagen und unternehmen ließe, folgte er dem Führer über die große ſteinerne Treppe, die in den erſten Stock ging. Einige hübſche Madchen betrach⸗ teten ihn neugierig und ſehr preſſirt, einige leichtfer— tige Bediente mistrauiſch. Vom Intendanten entdeckte er nichts, obgleich ſein Blick in die Reihe der Zim⸗ mer fiel, die Se. Excellenz mit ſo ſtrenger Conſequenz ausgeleert hatten. Er hoffte nicht, daß auch der Ge— heimrath zu den abgewieſenen gehörte. Dieſem noch begegnen zu können, ſchien ihm unerläßlich. Bar⸗ tuſch öffnete eine hohe Saalthür. Dankmar durch⸗ ſchritt einige Gemächer, bis er endlich in dem von Melanie eigens zu ſeinem Empfang vorbereiteten Flü⸗ gel⸗ und Eckzimmer eintrat. Die beiden Damen, die ſich ihm heute ganz allein widmen wollten, waren ſchon zugegen.... 201 Melanie's ſeit dem Morgen von Stunde zu Stunde gewachſene, durch die abſchlägige Mittagsantwort nur geſteigerte Spannung war denn nun endlich gelöſt. Die Erfüllung ihrer Sehnſucht ſtand vor ihr. So— gleich erkannte ſie die in der That treffende Aehnlich⸗ keit dieſes Beſuchers mit jenem Siegbert Wildungen, der ihr ſoviel Aufmerkſamkeit, Verehrung und Liebe zollte, und ſogleich begann ſie von dieſem Siegbert und brachte Dankmarn durch ihre Schönheit, ihre rei— zende Toilette und die in ihm geweckte Vorausſetzung, der Bruder hätte ihm doch längſt von ihr erzählen ſollen, was nicht geſchehen war, in eine Verlegen⸗ heit, bei der er ſich verwickelte und ſich nicht ſogleich faſſen und ſammeln konnte. Das traf denn aller⸗ dings raſch mit einem ſchlauen blitzſchnell zugeſpielten Winke Bartuſch's zuſammen und in glücklichſter Ueber⸗ raſchung wisperte Melanie bei einer leichten Wen— dung des Kopfes der Mutter zu: Es iſt der Prinz! Dankmar gehörte zu denjenigen jungen Männern, die früh unter Frauen und Mädchen ſich tummelnd den Reiz des andern Geſchlechts, den es ſo überwäl⸗ tigend auf unreife Neulinge ausübt, ſchon abgeſtumpft haben. Siegbert floh in ſeiner erſten Jugend aus Schüchternheit die Frauen und erlag deshalb ſpäter 202 um ſo mehr ihrem Reiz und faſt jeder vertrautern Annäherung. Dankmar dagegen hatte ſchon als rei⸗ fender Knabe gebildeten Frauen im Geſpräche ſozu⸗ ſagen ſtandgehalten, kleine Liebſchaften mit jüngern gepflegt und erſchrak nun nicht mehr zu heftig vor der zauberiſchen Gewalt des Weibes. Aber dieſe Me⸗ lanie blendete ihn doch. Und wie ſollte ſie's nicht in dem weißen, ſich aufbauſchenden Kleide, das ſie um⸗ flutete wie eine leichte Wolke? Zeigte dieſe ungeſuchte und einfache Tracht doch faſt nichts als ſie ſelbſt! Sie ſelbſt in der plaſtiſchen Schönheit ihrer Formen, im Ebenmaß ihrer leicht behenden Glieder, im friſchen Ton des Incarnats, dem man von Dem, was un⸗ verhüllt ſich zeigte, ahnend ins Verborgene folgte. Melanie beſaß heute noch mehr Anziehung als je; denn ſie hatte warten, ſich ſehnen, ſich vor ſich ſelbſt demüthigen müſſen. Dieſe Sehnſucht malte ſich in ihren Augen, die feuchter als ſonſt ſtrahlten. Auf der kleinen, edlen Stirn und an den hohen, frei leuchten⸗ den Schläfen lag ein Ernſt, der ihr ſonſt fremd war. Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie ſchon da⸗ durch verloren, daß ſie heute mehr des Gaſtes als ihrer ſelbſt eingedenk ſein mußte. Wie malte ſie ſich nicht den Tag über aus, was ſie Alles vom Prinzen ſchon wußte und noch im Laufe des Tages erfuhr! § rei⸗ ſozu⸗ ngern vor Me⸗ ſcht in um⸗ ſuchte elbſt! men, ſſchen 3 Un⸗ Wie verlor ſie ſich in Möglichkeiten der Zukunft! Wie uͤberdachte ſie die Abenteuer, die ſchon von dem Prin⸗ zen alle erzählt wurden! Wie natürlich fand ſie die— ſen geheimnißvollen Beſuch auf einem Schloſſe, das er mit ſeinem wahren Namen nicht ſehen mochte, um nicht vor Denen gedemüthigt zu werden, die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte! Wie hatte ſie dieſe Gläubiger im Laufe des Tages verſpottet, wenn ſie rechneten und maßen, ob ſie wol vorziehen ſollten, ſelbſt dieſe Herrſchaft anzukaufen oder ſich in ihr De⸗ ficit ruhig zu ergeben! Wie entſchieden hatte ſie jeden Beſuch für heute zurückgewieſen, um dem unglücklichen jungen Fürſten die Demüthigung zu erſparen, Men⸗ ſchen zu ſehen, zu deren Untergebenen ihn der Leicht⸗ ſinn ſeines Vaters gemacht hatte! Bartuſch hatte die größte Mühe gehabt, dieſe Ablehnungen ſo höflich wie möglich einzukleiden... 36 Dankmar, ſeine bedenklichen Handſchuhe allmälig ganz unbelauſcht ausziehend, begann mit Entſchul⸗ digungen über ſeine Garderobe, die nur für eine plötz⸗ liche Geſchäftsreiſe eingerichtet wäre... Als er dafür von dey Hamen die holdſeligſte Ab— ſolution in Empfang enommen hatte, ſagte er: Meinem Brudel muß ich die bitterſten Vorwürfe machen, Täß?mich von dem Glück einer Bekannt⸗ ſchaft niemals unterhalten hat, die er mir vielleicht nicht gönnte. Seit wann kennen Sie ihn? Seit einigen Wochen, erwiderte Melanie... un— gläubig lächelnd und mit den Augen blinzelnd, als müßte ſie ſich beherrſchen, nicht laut in Lachen aus— zubrechen. Dann entſchuldigt ihn, ſagte Dankmar, meine längere Abweſenheit. Finden Sie, daß wir uns ähn⸗ lich ſehen? Erſtaunlich, ſagte die Mutter. Zwar iſt mir Herr Wildungen nur aus größern Geſellſchaften, die wir gaben, erinnerlich, allein meinſt du nicht, Melanie— die Augen— ich meine die Augen— Warum nicht gar! ſagte Melanie. Es iſt eine große Aehnlichkeit da, aber der Ausdruck und die Art iſt eine völlig andere. Von den Augen zumal, Mut⸗ ter, darfſt du nicht reden. Siegbert's Augen haben einen ſchönen frommen, leuchtenden Glanz; entſinnſt du dich des Bildes von Leidenfroſt, auf dem ich und Herr Siegbert verſpottet ſein ſollen? Man erkennt die verklärte Stimmung einer nur zu regen Begeiſterung bei ihm, aber die Ihrigen, mein Herr, ſind etwas unheimlich, etwas bös; man möchte ihnen kein Ver⸗ trauen ſchenken.... Dankmar bedankte ſich für eine Rüge, die doch nichts als eine coquette Schmeichelei war. Das Ge⸗ mälde von Leidenfroſt war ihm aber unbekannt. Ein Gemälde, auf dem Melanie und ſein Bruder verſpot⸗ tet wären? Sein Bruder verſpottet? Verſpottet von dem ihm wohlbekannten, Siegbert befreundeten Leiden⸗ froſt? Darüber verfiel er in eine wahre, gar nicht erkünſtelte Verlegenheit und wußte nicht, was er dazu ſagen ſollte. Die Juſtizräthin, dieſe Verlegenheit vollkommen durchſchauend, nahm das Wort und entſchuldigte den ſo kleinen Cirkel, mit dem man ihn begrüße. Sie hätte ihn anfangs für menſchenſcheu gehalten. Man hätte ihn hier und dort allein luſtwandeln ſehen; zum Schloſſe empor hätte er nie blicken mögen... ſo wäre es gekommen... daß... Sie lieben die Einſamkeit, unterbrach Melanie die ehrliche Mutter, die nicht gut Komödie ſpielen konnte. Es iſt bekannt, Mutter! Herr... Herr... Herr Wildungen ſind ein Einſiedler. Dankmar mußte ſich im Stillen ſagen, daß bei ihm gerade das Gegentheil ſtattfand; doch gelang es ſeiner Situation mehr als ihm ſelbſt, ſich die ſchwermüthige Miene zu geben, die Melanie's Ausſpruch vorausſetzte.. Als er lächelnd verlegen niederblickte, ſagte Me⸗ lanie raſch: Kennen Sie den Prinzen Egon? Den Prinzen?— Ich kenne ihn... ſagte Dank⸗ mar nach einem Moment faſt ohne Ueberlegung. Wie, fuhr Melanie elektriſirt auf, Sie kennen Je⸗ manden, den Niemand kennt? Wo ich gefragt habe: Wer iſt Prinz Egon? Wie iſt er? Wo iſt er? Nir⸗ gend hab' ich eine klare und deutliche Antwort be— kommen. Es iſt der Mann der Sage, der Anekdote, der Fiction. Und Sie wollen ihn kennen? Dankmar fühlte wol, daß er ſich hatte fangen laſ⸗ ſen. Aber einmal im Netze, beſchloß er, das Netz auch nicht mehr zu zerreißen und lieber von der Mög— lichkeit, ihn ſelbſt für Egon zu halten, die Vortheile zu ziehen, die ſich ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten würden. Es iſt zu weitläufig, ſagte er, Ihnen zu erzählen, wo ich den jungen unglücklichen Erben dieſes Fürſten⸗ thums kennen lernte, aber ich kenne ihn. Melanie biß ſich, um nicht zu lachen, auf die Lip— pen. Sie erröthete und ſtützte ſinnend das Kinn auf ihre Arme, die ſie im Schooß zuſammenlegte. Von unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer, das gleichſam zu ſagen ſchien: Ich bin viel auf den Flu⸗ ren umhergeflattert, ich froher Schmetterling, aber von allen Huldigungen, die ich empfing und als Siegerin der k und; des 3 denken laſ⸗ Netz Nög⸗ heile des hlen, 207 zurückwies, könnte mich keine mehr zur Sklavin ma— chen, als die deinige, du ſchöner, männlicher, liebens⸗ würdiger Schalk.. Wird der Fürſt in der Reſidenz wohnen? fragte ſie dann, ſich allmälig ſammelnd. Er wird in der Reſidenz wohnen, ſagte Dankmar beſtimmt. Alſo behält er das herrliche Palais ſeines Va⸗ ters? fuhr die Mutter neugierig und ſchon ermuthig⸗ ter fort. Das Teſtament beſtimmt es ſo. Er wird ſich dem Willen ſeines Vaters nicht entziehen, ſagte Dankmar. Das Palais ſoll wunderſchön eingerichtet ſein, forſchte Melanie. Unter den brennenden Kronenleuchtern, erwiderte der kecke, übermüthige Dankmar, unter den Blumen und Lichtern, deren Widerſchein ſich in den Spiegeln des Pavillons bricht, wird er der Vergangenheit ge— denken. Dieſe Antwort ward von Dankmarn mit abſicht⸗ licher Zweideutigkeit gegeben. Das Quiproquo fing an, ihm Vergnügen zu gewähren. Er dachte ſogar: Wartet nur, ich will Euch für Eure Eitelkeit, Eure Genußſucht, Euer irdiſches Behagen ſtrafen.... Melanie ſprang auf. Sie konnte kaum zweifeln, den jungen Fürſten vor ſich zu haben. Raſch, aber ihrer Empfindungen völlig Herr und jetzt ſich wol hütend, die ſtürmiſche Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen, ſagte ſie mit ſpottendem Humor: O liebe Mutter, ſieh, hier geht der Tiſch aus⸗ einander! Man wird eine Einlage machen müſſen! Prinz Egon fehlt mit ſeinem Hobel! Der gute Prinz ſoll ein Tiſchler ſein... hoffentlich hat er es ſo weit gebracht, einen ſolchen Schaden zu heilen. Er wird hier viel zu thun bekommen. Ich möchte nur wiſſen, ob er ſich bei uns einen Gewerbeſchein löſen wird.... Hannchen Schlurck, die Mutter, ſah bald zu Me— lanie ſtrafend, bald zu Dankmarn bittend und höchſt verlegen hinüber.... Dankmar aber faßte ſich ſehr raſch und bemerkte in völliger Ruhe: Mein Fräulein, dieſe Reparatur macht ſich beſſer durch einen Schloſſer. Er nimmt zwei eiſerne Kram⸗ men, macht ſie glühend und ſchlägt ſie, gerade wäh⸗ rend ſie glühen, hier an den Ecken— der Tiſch er⸗ laubt es, da er ja nicht immer bedeckt iſt— ſo ein, daß ſie im Holze ſelbſt abkühlen. Verſtehen Sie? Die Abkühlung zieht dann die beiden Tiſchblätter allmälig zuſammen. Erkaltend werden die Eiſen kleiner. Melanie lachte laut auf und klatſchte in die Hände. gal und dép erſa Ggo ſchie Bek mäͤl für ſoh elgri llom lichn lline Gart die ), aber ich wol ns frei h aus⸗ nüſſen! Prinz ſo weit r wird wiſſen, d... u Me⸗ höchſt emerkte beſſen Kram wäh ſch e ſo ein Die mälig Hände Das iſt ſymboliſch zu verſtehen! rief ſie. Das iſt das Bild einer guten vernünftigen Ehe, liebe Mut⸗ ter. Die Ahkühlung durch die Vernunft, ſagteſt du ja immer, ziehe nur um ſo enger zuſammen. Uebri⸗ gens, Herr von Wildungen, Das werd' ich dem Ma⸗ ler, meinem Freunde Siegbert Wildungen, erzählen. Er wird erſtaunen, einen Schloſſer zum Bruder zu haben. Ha! hal ha! Ihr klugen Männer! In dieſer Art tändelte ſie fort. Ihre Neckereien galten Allem, was man vom Prinzen Egon wußte, und Dankmar erwiderte ruhig aus Abſicht und par dépit in demſelben Doppelſinne. Was er im Thurm erfahren hatte, kam ihm dabei zuſtatten. Er gab über Egon's Plane ſo gründliche Auskunft, wies ſo ent— ſchieden jede Aufklärung über die Art, wie er deſſen Bekanntſchaft gemacht hätte, zurück, daß Melanie all— mälig wirklich vorſichtiger wurde. Die Vorſtellung, für dieſen bei allem Unglücke doch in der Geſellſchaft ſo hochgeſtellten jungen Mann von einer Leidenſchaft ergriffen zu werden, machte ihr bald das Herz be⸗ klommen. Die Folgen waren ſo unabſehbar, die mög— lichen Verwickelungen viel ernſterer Natur, als ſie den kleinen Tumulten ihrer Gefühle bisher geſtattet hatte. Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein. Die Ritter vom Geiſte. II 14 210 Dies war ein Zeichen für die Mutter, ſie allein zu laſſen. Die ängſtliche Frau, die von Bartuſch's Andeutungen über Schlurck's nächtliche Wanderungen noch nicht ganz die Verſtimmung des Morgens ver⸗ loren hatte, auch in dem Erſcheinen des Prinzen auf Hohenberg kein für die Angelegenheiten ihres jetzt von der Politik zerſtreuten Mannes gutes Zeichen erblickte, ließ das jugendlich ſchöne, leichtſinnige Paar allein. Bediente brachten auf den Zug einer Schelle für Melanie einen leichten Ueberwurf von blaßrother Seide, rings am Rande mit den feinſten ſchwarzen Spitzen beſetzt. Bei der Art, wie ſie im Garten dieſe Mantille trug, hätte man glauben ſollen, ſie wäre mehr beſtimmt geweſen, von der Schulter herabzu⸗ fallen, als ſie zu bedecken. Denn Dankmar konnte ſie nicht oft genug über den ſchönen Bug des Rückens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft genug konnte ſie Melanie wieder entgleiten laſſen, bis ſie ſie zuletzt gewaltſam griff und wie einen altdeutſchen Radmantel über die eine Schulter warf und unter der andern ſie mit beiden Armen ohne Rückſicht auf die Falten zu⸗ ſammenpreßte. Beim Hinunterſteigen zeigte ſie Dankmarn die Zimmer der Fürſtin, die nun ganz leer waren, wie Dankmar zu ſeiner großen Betrübniß bemerkte. Unten hatt in; nur geſet Ma jest illein ſch's ngen ver⸗ auf jetzt ichen Paar chelle other arzen dieſe wäre lbzu⸗ öunte cens onnte ulett antel n ſie 211 ſpottete er mit wirklichem Zorn über das Ungethüm des Wagens und ereiferte ſich gegen den Geheimrath, der aus einem Fenſter etwas ſteif grüßte. Ich halt' ihn jetzt für meinen Feind! ſagte er zu Melanie, die ihm mit neckiſcher Laune und wunderbar raſch ſich entwickelnder Vertraulichkeit den kleinen Ro⸗ man erzählte, den ſie mit dieſem gewiſſenhaften Manne aus Langerweile angeſponnen hätte.. Denken Sie ſich, ſagte ſie, als ſie in den Garten traten und ſie beim Hinabſteigen von den kleinen Stufen und hügelartigen Abdachungen ſich zuweilen auf Dankmar's Arm ſtützte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen über die Arme gehenden lan⸗ gen Spitzenhandſchuhe unwillkürlich fühlen ließ; denken Sie ſich, daß ich entdeckt habe, wie man dieſer höl⸗ zernen Excellenz beikommen kann, um ſie lächeln zu machen! Ich verſuchte es mit vielen Huldigungen, aber er blieb ungerührt. Endlich bemerkte ich, daß es die gütige Natur freundlicher mit ihm gemeint hatte, als er es verdiente! Trotzdem, daß er Alles in Allem genommen ein Eſel iſt, hat ſie ihm doch nur ganz kleine Ohren an ſeinen eingebildeten Kopf geſetzt. Auf dieſe Bemerkung hin iſt dieſer wichtige Mann im Staate vor mir ſo klein geworden, daß er jetzt, weil ich ihn nicht erhörend aufhob und in ſeine 14* 212 natürliche Höhe richtete, mit mir boudirt. Er bildet ſich ein, ich wäre Mitglied einer Verſchwörung gegen ſeine Würde und Amtsehre, die ihm deshalb ſehr ſchwer zu behaupten wird, weil die Natur nicht ge⸗ wollt zu haben ſcheint, daß er etwas Anderes wird als der dumme Sohn eines ſehr achtbaren und allge— feierten Vaters. Denken Sie ſich, dieſer Menſch ſpricht bei jedem dritten Satz von ſeinem Papa! Nicht weil er den General en Chef unſerer Juſtiz, der in der That, wie Themis es ganz ſein ſoll, halb blind iſt und nur noch Hunde, Katzen, Affen, Raben und ein herrliches Geſchöpf liebt, das ſich Anna, nicht Pauline von Harder nennt, ſeiner gutmüthigen Eigenſchaften wegen kindlich verehrt, ſondern weil es ihm ſelbſt, dem Sechziger, ein gar kindlich rührendes Ausſehen gibt, noch in ſeinen Jahren von einem Papa zu reden. Wiſſen Sie denn, beſter Wil⸗ dungen, daß Der, der ſchön ſein will, immer eine häßliche Folie neben ſich haben muß und daß die alten Coquetten gar zu gern von ihren Müttern ſprechen? Ich lerne Weltkenntniß von Ihnen, Fräulein Me⸗ lanie, ſagte Dankmar zu dem ihn plaudernd unter⸗ haltenden Mädchen. Aber welche Verſchwörung er⸗ wähnten Sie da? Erzählen Sie doch! Jener Auftrag, me bildet gegen b ſehr cht ge⸗ 3 wird allge⸗ Renſch Papa! Juüſtiz, „halb Raben Anna, thigen eil es rendes den der Geheimrath hier mit brutaler Strenge voll⸗ zieht, intereſſirt mich.... Melanie, die im Stillen dachte: Das wollt' ich meinen! fuhr fort: Ich hatte bereits die ſchönſte Toilette zu unſerm durch ſie verunglückten Diner gemacht und dem Ge⸗ heimenrath zwei mal ſeine Morgenviſite abgeſchlagen, als ich ihm ſelbſt eine in den Zimmern der Fürſtin machte. Ich wollte jenes Portrait ſehen, von dem es hieß, daß es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen gefallen hätte.... Wohnten Sie der Scene bei? fragte Dankmar geſpannt. Nein, antwortete Melanie. Vor rohem Lärm flieht eine Furchtſame wie ich bin, und doch bedaur' ich, daß ich nicht in den Hof hinunter ſah, als man einen Mann fortſchleppte, der doch ſehr leicht, wie Bartuſch vermuthet, ein verkleideter Kammerdiener des Prinzen Egon ſein konnte. Sie werden Das beſſer wiſſen, wie ich, denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Thurme ein Tete à Tete gehabt? Es brannte Dankmarn auf der Zunge, mit ſei⸗ nem Anliegen offen hervorzutreten, ſich entweder die⸗ ſem klugen Mädchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn des Misverſtändniſſes weiter zu gehen. 214 Melanie durfte eine Antwort, eine Aufklärung über den Gefangenen erwarten. Sie ſah ihn forſchend an. Dankmar ſchlug in ganz natürlicher Verwirrung die Augen nieder und ſagte nach einer Pauſe: Der Gefangene ſteht allerdings dem Beſitzer von Hohenberg ſehr nahe... der Prinz kann wol Urſache haben, jenes Bild vor den Trödlern zu retten. Es iſt mindeſtens das Bild ſeiner Mutter! O welche lieblichen Züge! ſagte Melanie mit In⸗ nigkeit. Wie hätt' ich das Bild mit Küſſen bedecken mögen! Die herrlichen braunen Augen! Die edle Stirn! Der holdſelige Mund mit einem Ausdruck ſtillduldenden Schmerzes. Wiſſen Sie, wen ich mir ſo denke, Prinz? Nun? ſagte Dankmar geſpannt und die Anrede: Prinz! vor Erwartung ganz überhörend. Prinz?... wiederholte ſich Melanie faſt erſchreckend im Stillen. Sie ſtaunte, daß er dieſe Anrede ſo ruhig geſchehen ließ und nichts erwiderte, als drängend noch einmal: Nun? Nun? Wenſ ſieht das Bild ähnlich? Ich denke: der Gräfin d'Azimont! ſagte Melanie mit gezogenem Tone und wandte ſich raſch, als wollte ſte in ihm den Eindruck beobachten, den dieſer Name auf ihn hervorbringen würde. Dankmar kam aber in der That in Verlegenheit. über dan. g die von ſache Cs „ 215 Er hatte den Namen der Gräfin d'Azimont im Thurm nennen hören, wußte auch, daß ein franzöſiſcher At⸗ tache einſt in der Reſidenz ſo hieß und die Gräfin jedenfalls eine Schönheit war, weil ſie ſonſt Egon's ſonderbare Laufbahn in Frankreich nicht, wie es ſchien, würde unterbrochen haben; aber es blieb doch die reinſte Natürlichkeit, als er ganz unbefangen fragte: Was wollen Sie mit der Gräfin d'Azimont? O Sie Schelm! ſagte Melanie, den Finger auf— hebend. Sie wollen den Prinzen Egon kennen und wiſſen nicht, was mir die Excellenz erzählte, als ſie mit dem größten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben, um es in den Wagen zu tragen? Die Ercellenz war erſchrocken ſogar über ihre eigene Unfreundlichkeit. Excellenz, ſagt' ich, ich wäre im Stande, Sie an einem Ihrer kleinen Ohrzipfel empfindlich zu kneipen. Wie können Sie mich ſo abſcheulich anfahren? Er ſprach ein Kauderwälſch durcheinander von gefährlichen Intri⸗ guen und höhern Befehlen und endete dann, um mich auf andere Gedanken zu bringen, damit, daß er ſagte, dies Bild der jungen Fürſtin Amanda erin⸗ nere ihn ſehr an die Geliebte des Fürſten Egon, die Gräfin d'Azimont? Dankmar lächelte, aber bedeutſam. 216 Zum Glück, fuhr Melanie wie eiferſüchtig fort, zum Glück iſt dieſe ſchöne Dame verheirathet. Ich bemerkte Das ſchon Herrn von Harder. Sie lebt in Paris, ſetzte er plaudernd hinzu, um mich zu zer⸗ ſtreuen und das alte Vertrauen wieder zu gewinnen. Lebe ſie wo ſie wolle! Sie verderben mir die Freude an dieſem Bilde, ſagte ich. Er misverſtand meinen Unmuth, glaubte, ich neckte ihn und ließ mich die Folter ausſtehen, daß er mir nach Tiſch, er nahm Ihre Stelle ein, in einer Fenſterniſche Dinge ſagte, wie ſie Prinz Egon der Gräfin d'Azimont nicht feu⸗ riger vortragen kann. Alles Das kommt von Ihrer Gräfin, die in Paris vergeſſen hat, daß ſie verhei⸗ rathet iſt! O gehen Sie, Wildungen, mit Ihrer leichtſinnigen Gräfin d'Azimont! Fräulein.. Ja, ja, Sie.... Schämen Sie ſich ſolcher Ver⸗ hältniſſe... Welcher? Eine verheirathete Diplomatin! Gewiß iſt ſie ſehr ſchön, aber auch gewiß ſehr intriguant! Gewiß ſehr coquett! Ich habe das Schlimmſte von der Gräfin d'Azimont erfahren.... Und wenn ſie nun gar der Fürſtin Amanda gleicht, kann ich nur noch viel Schlimmeres von ihr denken.— — herc eine die erlal allten nd ech e fort, Ich ebt in zer⸗ nnen. reude einen h die nahm 217 Ich muß geſtehen: Sie haben die Phantaſie dafür! ſagte Dankmar. Gleichviel! Sie mögen mich nun tadeln oder den Maler des Bildes oder den gütigen Schöpfer.... Wenn die Gräfin d'Azimont dem Bilde gleicht... ich tadle ſie doch.... Die Naſe auf dem Paſtell— gemälde war nicht ſchön. Dankmar mußte über dieſe Wendung lachen. Me⸗ lanie boudirte künſtlich.... Er war entzückt von der Coquetterie des eiferſüchtigen Mädchens. Mit halb künſtlichem, halb natürlichem Aerger und von einer Eiferſucht gefoltert, als wenn ſie alle die Menſchen, die ſie doch nur dem Namen nach kannte, leibhaftig ſchon vor ſich ſähe, hüpfte Melanie fort. Dankmar ihr nach..... Melanie ſprang Stufe von Stufe die Terraſſen herab bis zu jenem griechiſchen Tempel hinunter, der einen ſo ſtillen Fernblick in das waldige Gebirge und die unterhaltende Nähe der ſich hier kreuzenden Wege erlaubte. Melanie war ſo geeilt, ſo haſtig an der alten, eben von dem kranken Gärtner kommenden und kopfſchüttelnd ſtehenbleibenden Brigitte vorüber⸗ geſchritten, daß ſie auf eine Bank des Pavillons niederſank und Dankmarn das ſchöne Schauſpiel ihrer mächtigſten Erregung bot. Den Ueberwurf hatte ſie im raſchen Gehen und dem Herabſpringen von den Stufen, eine zweite Atalante, um ihn aufzuhalten, unterwegs fallen laſſen. Er mußte auch, während ſie lachte, innehalten und ihn aufheben; jetzt ſchlug er den Ueberwurf über den Nacken und die wogend ſich hebende Bruſt. Auf der Erde ſuchte er eine große goldene Nadel, die gleichfalls ihrem Haar ent— fallen war und die zurückgeſteckten Locken gehalten hatte... Laſſen Sie nur, ſagte ſie und ſtrich ſich die Haare hinters Ohr, wo ſie nicht halten wollten, und von der einen Seite nach vorn fallend, ihr einen ſchwär⸗ meriſchen Ausdruck gaben... Laſſen Sie nur!... Sie müſſen mir jetzt ſagen, fuhr ſie nach einer Weile, während ſie Dankmar glückſelig betrachtete, geſammelt fort; Sie müſſen mir jetzt ſagen, wie die Gräfin d'Azimont das Haar trägt. Ich will gar keine künſtliche Friſur mehr tra⸗ gen, bis ich nicht weiß, wie dieſe abſcheuliche Co⸗ quette ſie trägt.... Dankmar war in der That von der Liebenswuͤr⸗ digkeit des Mädchens, das ſich in den gewagteſten Capricen gefiel, bezaubert.... Gehen Sie doch, theure Melanie, ſagte er unter⸗ nehmend und ſich ihr zur Seite niederlaſſend; gehen Sie doch mit dieſen Erinnerungen. Dieſe Zeiten ſind vor⸗ uͤber. Egon hat ſich dem Vaterland zurückgegeben. Er wird es lieben, trotzdem daß es ihn ſo unfreund⸗ lich begrüͤßt. Sie haben Recht, auch der Intendant gehört zu ſeinen Feinden und wenn Sie verſprechen könnten... Ich verſpreche nichts, ſagte Melanie und meinte doch das Gegentheil. Eben wollte Dankmar ſich zu einer Erklärung zu⸗ ſammennehmen, als er aufhorchen mußte. Getrappel von Pferden und noch mehr ein Geklirr von Waffen ſchien an ſein Ohr zu dringen. Er ſtand auf und beugte ſich über die Baluſtrade des Pavillons. Von Randhartingen her ſah er die zwei Gendarmen rei⸗ ten, die wahrſcheinlich den Transport des Mobiliars ſchützend begleiten ſollten. Die beiden Schnurrbärte grüßten militairiſch und wandten ſich dem großen Aufgang zum Schloſſe zu. Die gewaltigſte Unruhe folterte Dankmarn. Schon ſah er alle ſeine Hoffnungen vernichtet, ſchon den Preis der Rolle, die er hier, wenn auch ohne Mühe, doch zur Qual ſeines Wahrheittriebes durchführte, ſeiner Hand entwunden. Unwillkürlich ſtand er da wie Je⸗ mand, den ein Geheimniß preßt, zu deſſen Ent⸗ deckung er gern von einem prüfenden Blick in das Auge Deſſen, dem er ſich zu vertrauen im Begriffe ſteht, ermuthigt werden mochte.... Was haben Sie? fragte Melanie, dieſen Zuſtand nachfühlend. Wann reiſt der Intendant ab? fragte Dankmar entſchloſſen. Noch heute Abend! Er, der Sie liebt, bewundert,... trennt ſich ſobald? Da ich ihn über Das, was er heute in der Niſche zu mir ſprach, ausgelacht habe, noch heute Abend.... Er kann ſich trennen? Von Ihnen, Melanie? Von Ihnen, die Sie Alle zu feſſeln, Alle zu bezau⸗ bern verſtehen.... Er kann's und hofft morgen Abend in der Reſi⸗ denz zu ſein.. Nein, nein, er bleibt! Er bleibt, weil er die Schönheit bewundert, er bleibt, weil er nichts fürch⸗ tet, als... Er fürchtet Alles. Wie Sie ſehen, dieſe Gen⸗ darmen hat er ſich vom nächſten Landrath erbeten, weil er fürchtet! Sie ſehen daraus, rief Dankmar, daß die Ent⸗ führung dieſer Angedenken an eine unglückliche Frau, die man noch im Tode verfolgt, ein Act der Gewalt⸗ riffe tand mar ſeſi⸗ that iſt! Jenes Bild, das Sie in Händen hatten, das der Gefangene im Thurme ſich aneignen wollte, iſt mir über Alles, über Alles werth und theuer. Es enthält das wichtigſte Geheimniß einer edeln Familie! Wir muſſen es beſitzen. Sagen Sie ein Mittel, es zurückzuerhalten! Ich erſtaune! erhob ſich Melanie mit verklärtem Blick, unendlich erfreut und tiefgefeſſelt. Sie ſind alſo nicht durch Zufall hier? Sie hatten eine Ab⸗ ſicht, verlangen Vertrauen zu Ihnen und erwidern es nicht einmal Denen, die nicht zu Ihren Feinden ge⸗ hören, mag auch die Stellung des Fürſten Waldemar zu meinem Vater noch ſo ſchwierig geweſen ſein! Warum ſagten Sie nicht ſogleich offen— Ich geſtehe Ihnen Alles, unterbrach ſie Dankmar! Himmliſches, liebenswürdiges Mädchen! Melanie, einer Göttin gleich! Wenn ich Ihnen ſagen wollte... Schweigen Sie jetzt! rief das hocherglühte Mäd⸗ chen raſch und zeigte verſtohlen nach dem Eingang des Pavillons hinter ſich. Ich will Ihr Vertrauen erwidern; flüſterte ſie. Nur jetzt nicht, jetzt nicht, Durchlaucht...! Wir ſind nicht allein. Achtes Capitel. Das Geheimniß der drei Kugeln. Laſally, Herr von Reichmeyer, der unvermeidliche Guido Stromer, Laſally's Schweſter und Madame Pfannen⸗ ſtiel traten hinter dem Gebüſch hervor und wollten, wie ſie Melanie und den Fremden allein erblickten, umkehren, als fürchteten ſie läſtig zu fallen. Sie hat⸗ ten von ihrer Unterhaltung nichts gehört, wol aber, nach ihrer Rückkehr von einer Spazierfahrt und im Dorfe ſich vereinigend, das ſchöne Paar im Auge be⸗ halten und beim Luſtwandeln im Garten, der auch von unten her dem Kundigen zugänglich war, ſo gethan, als würden ſie Denen nur zufällig begegnen, die, wie ſie wol ſahen, ungeſtört zu ſein wünſchten.... Man that nun, als wollte man ſich gegenſeitig nicht hindern, und verwickelte ſich gerade deshalb ab⸗ ſichtlich in ein läſtiges Geſpräch. Um ja nichts zu ſpre⸗ chen, ſprach man. Die Gegend, das Wetter, zuletzt nan noch hlerl Auch oldne es C ſtrte 1 und Mela die i einen ck J iſes der ih unter Huido nnen⸗ öllten, ſckten, hat⸗ aber, d im ſeitig b ch ſpie zuleh ſogar die Zeit und ihre Verwirrung mußte den Stoff hergeben, Reden zu wechſeln, bei denen man die Ab⸗ ſicht, ſich nur zu ſchrauben und auszuhorchen, ſchlecht verdeckte.... Wer war dieſer Fremde? Es peinigte Alle. Laſally ſchien in eigenthümlicher Unruhe. Er hielt ſich für einen der bevorzugteſten Verehrer Melanie's der ſich Hoffnung machen durfte, ſie immerhin nach mancherlei flatterhaften Abirrungen zuletzt doch wol noch zu gewinnen. Die Gelegenheit, ſeine Schweſter hierher zu begleiten, unterſtützte ſeine Bewerbung. Auch Reichmeyer wünſchte, um Eugen's Finanzen ge⸗ ordnet zu ſehen, glücklichen Erfolg.... Laſally ſchien es Chrenpflicht, ſich jetzt an Melanie zu halten. Er ſtörte abſichtlich. Dazu noch die geldſtolze Einfalt der Pfannenſtiel und das unruhige Geiſthaſchen des Pfarrers, dem durch Melanie offenbar eine Verzauberung gekommen war, die ihn aus ſeinem bisherigen Murmelthierſchlafe zu einem nochmaligen Lebensverſuche— Beides Aus⸗ drücke von ihm ſelbſt— wecken ſollte... Melanie, aufgeregt durch das Band des Geheim⸗ niſſes, das ſich eben mit dem bedeutendſten Manne, der ihr je begegnet war, knüpfen wollte, litt entſetzlich unter der Pein dieſer Störung. Dieſe Fragen, die 224 da aufgeſtellt wurden, wie läſtig waren ſie nicht! Me⸗ lanie wurde vor Zorn ſogar boshaft, gab ſchnippiſche Abfertigungen, hatte aber das Unglück, dadurch die Eitelkeit umſomehr anzuſtacheln. Froh war ſie, als Dankmar wenigſtens eine dieſer kichernd Zudringlichen mit der Bemerkung abtrumpfte und entfernte, daß er bei dem Namen Pfannenſtiel aufhorchte und an den Wäch⸗ ter des Thurms und den Amtsboten gleiches Namens erinnerte. Die Tochter des frühern, Schweſter des jetzigen Wirths vom Gelben Hirſch geſtand dieſe Ver⸗ wandtſchaft mit Erröthen ein, ſammelte ſich aber doch zu einer Antwort, die Dankmarn ein äußeres Intereſſe an dieſer Frau einflößte, was ſie ſchwerlich ahnte... Ich beſuche meinen Schwager ſelten, ſagte ſie, weil er mich an ein Unglück meiner Familie erinnert. Sie meinen die unglückliche Kataſtrophe jenes Bran⸗ des, ſagte Dankmar, bei welchem er vor vielen Jah⸗ ren den Gebrauch ſeiner rechten Hand verlor? Welch ein Brand? fragte ſogleich die Geſellſchaft. Auf dem Gelben Hirſch, erzählte der Pfarrer, der nicht gern lange ſchwieg, brach aus Urſachen, die noch bisjetzt unentdeckt geblieben ſind, vor Jahren ein Feuer aus, bei welchem ein junges blühendes Mädchen, die Braut unſers gegenwärtigen Förſters, den Tod in den Flammen fand.... icht! Me⸗ ſchnippiſche adurch die t ſie, als ringlichen daß er bei en Wäch⸗ Namens veſter des dieſe Ver⸗ aber doch JIntereſſe ahnte.. ſagte ſie erinnert. nes Bran⸗ plen Jah⸗ ein Feue chen, d Tod ü 225 Es war Dies meine Schweſter! ſagte die Frau des Wirthſchaftsraths. Dankmar beſaß nicht ſeines Bruders Siegbert Weichherzigkeit. Dennoch entging ihm nichts, was nur irgend einer gefühligen Stimmung ähnlich ſah. Er bereute in ſeinem Herzenstakte jetzt die Erwähnung ſo trauriger Erinnerungen und würde es ganz in der Ordnung gefunden haben, wenn die inzwiſchen ſo wohlhabend gewordene„Hirſchentochter“ ſich verſtimmt gefühlt und entfernt hätte. Die blieb aber und fand ſich gar nicht wenig geſchmeichelt, plötzlich der Mittel— punkt eines gewiſſen Intereſſes geworden zu ſein. Sie erzählte mit der größten Umſtändlichkeit alle einzelnen Vorkommniſſe jenes Brandes, die herrlichen Eigen⸗ ſchaften ihrer ältern unglücklichen Schweſter, die Auf⸗ opferung der Männer bei der ſchrecklichen Gefahr, die Verzweiflung des Förſters, der mit den Frauen kein Glück haben ſollte, denn drei Jahre ſpäter wär' ihm eine neue Verlobte im Gebirge von dem jähen Fels⸗ rande eines Waldbaches geſtürzt und hätte zerſchmet⸗ tert ihren Tod unter den Steinen im faſt leeren Fluß⸗ bette gefunden. Das wäre die Tochter des Säge⸗ müllers oben in der Ullaſchlucht, ein Mädchen von zwanzig Jahren geweſen. Sie hätte gerade hier nach Die Ritter vom Geiſte. II. 15 226 Pleſſen in die Kirche gehen wollen, wo ſte zum erſten mal aufgeboten wurde.... Ich entſinne mich ſehr wohl, ſagte Guido Stro⸗ mer, es war ein rührender Anblick! Das ſchöne ſonn⸗ täglich geputzte Mädchen hatte ſich vielleicht verſpätet und hörte ſchon die Glocken rufen, die den Beginn ihres Ehrentages einläuteten. So nahm ſie einen kürzern Weg, hüpfte das Ufer des Waldbaches entlang von Stein zu Stein, Vorſprung zu Vorſprung, bis ſte fehltrat, ausglitt, ſich nicht halten konnte und in der einen Hand ein geſticktes Taſchentuch, in der an⸗ dern ihr Geſangbuch feſthaltend, zerſchmettert in der Tiefe lag. Das letzte Bewußtſein ſchwand in dem doch noch ziemlich rauſchenden Waſſer. Noch im Tode hielt ſie ihr Taſchentuch und das Geſangbuch krampfhaft feſt. Am Ausgange des Waldes ſtand der geſchmückte, ſtattliche Jäger, harrte und harrte, der Gottesdienſt begann, man ſchickt in die Sägemühle und erſt am Abend entdeckten Kohlenbrenner das geſchehene Un⸗ glück. Die Fürſtin, voll Theilnahme und ſinnig wie immer, ließ oben an der Stelle, wo der Sturz begon⸗ nen haben mußte, ein einfaches Kreuz mit Erwähnung Deſſen errichten, was hier ſo leidvoll und wie ein ſchwermüthiges Idyll geſchehen war.... Dankmar's ernſtes Nachdenken über die Erzählun⸗ nerſten nyfhaf m ückt esdienſ erſt au gen nahm die leidenſchaftlich aufgeregte Melanie für eine Erinnerung aus ſeiner Jugend. Sie hörte Dem, was Alle erſchütterte, kaum zu und erwachte erſt aus ihrem Träumen und dem trunkenen Einathmen der ſie ſo tief anregenden Erſcheinung dieſes jungen Man⸗ nes, als ſie einen Namen nennen hörte, den ſie jetzt nicht erwartet hätte. Laſally war nämlich bos⸗ haft genug, Melanie grade in dem Augenblick, wo ſeine Hoffnungen wieder entrückt zu werden ſchienen in eine ungewiſſere Zukunft, in dem Augenblick, wo ein unbekannter und ihm nur äußerlich bedeutend er— ſcheinender junger Mann Melanie ſo mächtig feſſeln konnte, ſie mit Erinnerungen zu quälen, die ihr ſchmerz⸗ licher waren, als der Wirthſchaftsräthin die an ihren Schwager und ihre unglückliche Schweſter. Laſally wollte ſie hinabſchleudern in das beſchämende Gefühl der Abhängigkeit von männlicher Großmuth und ſo ſagte er nach einer Pauſe, die jene Mittheilung halb vergeſſener und verſchmerzter Unglücksfälle ablöſte: Irr' ich nicht, mein Herr, ſo ſah ich Sie geſtern im Walde mit einem Kutſcher, in deſſen Hände Sie wol nur durch einen unglücklichen Zufall können gera⸗ then ſein. Es war ein magerer blaſſer Menſch mit röthlichem Haar. Als er uns anreiten ſah, entſprang er plötzlich. Ich glaube Urſache zu haben, in ihm 15* einen gewiſſen Hackert zu vermuthen, der erſt Schrei⸗ ber bei des Fräuleins Vater war und nach und nach eine Reihe der verſchmitzteſten Bosheiten ausgeführt hat, die ihn wol beſtimmen konnten, vor uns, die wir ihn ſehr gut kennen, die Flucht zu ergreifen.... Melanie ſchoß auf Laſally einen vernichtenden Blick, der Dankmarn befremdete. Jetzt begriff er faſt, wa⸗ rum Hackert ihn gebeten hatte, ihn hier nicht in der Eigenſchaft eines Dieners aufzuführen und ſo groß war ſeine Antipathie gegen den kalten Ton der eben gehörten Bemerkung, daß er, trotz des Verdachtes, den ihm die im Walde von Heuniſch gefundenen Ku— geln einflößten, Hackert in dieſem Augenblick zu ſeinem beſten Freunde, ja zu einem Baron und Seigneur hätte machen mögen... Sie irren! ſagte er, eingedenk des kalligraphiſchen Hackert'ſchen Zettels. Ich führte mein kleines Fuhr⸗ werk ſelbſt. Die beiden Gefährten waren ein Hand⸗ werker, deſſen Fußwanderung mir leid that, den ich aufnahm und vorhin im Thurm leider unter zwei⸗ deutigen Inzichten wiedergefunden habe; der Andere, auf den Ihre Beſchreibung paßt, iſt ein junger Mann, den ich im Heidekrug fand, gerade im Begriff, hierher nach Hohenberg zu reiſen in Zwecken, die ich nicht kenne. Ich vermuthe, es iſt ein Jagdliebhaber. K 4. Schrei⸗ d nach geführt die wir Blick, ſt, wa⸗ in der groß er eben dachtes 229 Herr von Reichmeyer lachte laut auf und Laſally ſagte etwas maliciös: Er verließ Ihren Wagen, angezogen wahrſchein⸗ lich von einem Wilde, das er zwiſchen den Schatten der Bäume entdeckt zu haben glaubte. War er bewaffnet? fragte Frau von Reichmeyer ſehr beſorgt. Du höͤrſt ja, liebe Schweſter, ſagte Laſally, er war diesmal ein Jäger ohne Flinte. Er ſprang vom Wa⸗ gen, aus freier Hand einen Haſen zu ſchießen.... Dankmar, der nicht begreifen konnte, wie man dazu kam, ihn über Hackert ſo ſcharf und beleidigend ins Verhör zu nehmen, firxirte Laſally mit unwilligem, zornfunkelndem Blick. Melanie, die zwiſchen dieſen Männern eine Scene fürchtete, trat dazwiſchen und wollte den Streit ſcherz⸗ haft wenden, indem ſie ſagte: Ich bitte! Ich glaube, wir vergaßen die Herren bekannt zu machen... Herr Laſally! Herr Wil— dungen! Dankmar, der fühlte, daß er bei ſeiner Aus⸗ ſage bleiben mußte, wandte ſich unmuthig ab und ſagte: Herr Laſally)! Warum ſoll ich von dem jungen 2309 Mann nicht annehmen, daß er die Jagd liebt? Er war vielleicht doch bewaffnet. Hier ſind noch drei Kugeln, die Herr Hackert im Wagen zurückließ. Wol— len Sie ſie ihm zurückerſtatten? Ich bedauere, ihn nicht wiedergeſehen zu haben.... Als Dankmar die Kugeln vorzeigte, erſchrak er über die mächtige Wirkung dieſer Mittheilung. Laſally, der ſich erhitzt hatte, erblaßte. Der Com— merzienrath griff nach dem Blei und rief entſetzt: Es ſind dieſelben! Frau von Reichmeyer hielt ſich halb ohnmächtig an dem Pfarrer, der wie Dankmar und die Wirth⸗ ſchaftsräthin von Alledem nichts begriff und Melanie, todtenblaß, biß die Zähne zuſammen, indem ſie Laſally mit halb erſtickter Stimme zurief: Es iſt empörend! Daß man Hackerten in dieſem Kreiſe haßte und fürchtete, war Dankmarn nun gewiß, wenn er auch die Gründe dafür nicht begreifen konnte und ſich im Gegentheil ſagen mußte, daß Schlurck auf dem Heide⸗ krug ſich gegen den Nachtwandler äußerſt liebevoll benommen hatte. Laſally war doch nicht der Mann, ſich vor einer Kugel zu fürchten, ſelbſt wenn man annehmen wollte, 2 Er j drei Wol⸗ , ihn ächtig Virth⸗ lanie, aſally te und auch ich im Heide bevoll einen woll 231 daß Hackert ihm eine zugedacht hätte? Dankmar wußte zu gut, daß der Unbewaffnete eher feig als unternehmend war. Und doch dieſer Schreck vor den drei Kugeln? Selbſt Melanie, die von Ungeduld und Verzweiflung über die läſtigen Intermezzi gefolterte Melanie, ſchien dieſe Furcht zu theilen. Was war es mit den drei Kugeln? Noch räthſelhafter wurde Dankmarn das Geheim⸗ niß, als Laſally einen in der Nähe befindlichen Jockey, der zu ſeinen mitgebrachten Leuten gehörte, anrief und ihn fragte: Iſt den Pferden nichts? Was lauft Ihr da herum? Warum nicht im Stall? Was hab' ich Euch geſtern Nachmittag eingeſchärft? Der Reitknecht gab jede nur wünſchenswerthe gute Auskunft über die vier ſchönen Reitpferde, die Laſally von der Reſidenz mitgeführt hatte. Herr von Reichmeyer fragte, ob ſie Hackert's nicht anſichtig geworden wären? Die Antwort lautete, daß man ihn allerdings dann und wann am Schloſſe hätte umherſchleichen, auch mit dem Kammermädchen des Fräuleins, Jeannette, ſpre⸗ chen ſehen, doch wären ſie Alle auf der Hut, ihn bei erſter Annäherung niederzuwerfen. Die Pferde wären im ſicherſten Gewahrſam.... 232 Die Kugeln beweiſen ſeine ſchlimme Abſicht. Es ſind dieſelben wie früher, ſagte Reichmeyer. Warum denn dieſelben? Warum denn? rief Me⸗ lanie. Ich beſchwör' Euch, laßt dieſe Unwürdig— keiten. Mein Herr! ſagte Laſally jetzt zu Dankmarn im entſchiedenen aber ſehr höflichen, faſt verſöhnten Tone; mein Herr, ich ehre die gute Meinung, die Sie von einem der abgefeimteſten Böſewichter haben. Sie ken⸗ nen ihn eben nicht. Würden Sie die Gefälligkeit haben, mir dieſe drei Kugeln zu laſſen? Dankmar gerieth nun in Verlegenheit. Er hatte das Eigenthum an dieſen Kugeln auf nur völlig äu⸗ ßere Anzeichen hin— ja er mußte ſagen nur auf die Viſion der Urſula Marzahn unter dem Ebereſchenbaume — Hackerten zugeſchrieben und nun begründete ſich auf dieſe willkürliche, wenn auch ſehr wahrſcheinliche Annahme eine förmliche Anklage... Er lehnte nun die Herausgabe der Kugeln ab und ſtreckte die Hand, ſie wieder an ſich zu nehmen. Er bat darum. Laſally aber verweigerte ſie aufs entſchiedenſte und ſagte kategoriſch: Haben Sie keine Sorge für Ihren Schuͤtzling, mein Herr! Er iſt zu feig, von dieſen Kugeln einen offe⸗ nen und ehrlichen Gebrauch zu machen. Wiſſen Sie aber, wozu dieſe Kugeln dienen ſollten? Ich will es Ihnen ſagen. Zum teufliſcſſten Morde an armen, edlen, unſchuldigen Thieren! Wiſſen Sie, daß ich in einer Nacht drei meiner ſchönſten Pferde— ich bin der Stallmeiſter Laſally— habe müſſen niederſchießen laſſen, weil ſie toll wurden, toll durch eine Urſache, die wir nicht entdecken konnten? Laſally zitterte. Seine Schweſter bat ihn, ſich zu beruhigen. Melanie wandte ſich ab. Die Uebrigen hörten geſpannt zu, Dankmar mit einer Theilnahme, die ihn ſeine eigenen Angelegenheiten und die des Gefangenen im Thurme für einen Augenblick faſt ver⸗ geſſen ließ. Auf einer R Partie in den am Waſſer gelegenen Fich⸗ tenwald, begann Laſally,— Sie werden ihn aus der Reſidenz kennen— auf dieſer Partie, wo eine Geſell⸗ ſchaft von Damen und Herren im ſogenannten Jagd⸗ hauſe von den eleganteſten, preiswürdigſten Pferden ſtieg, um eine Stunde im obern Stock zu frühſtücken, vernachläſſigten meine Leute die Aufſicht auf die drau⸗ ßen feſtgebundenen Pferde. Wir kommen nach einer Stunde herab, wir wollen aufſteigen und finden drei meiner Thiere in der ſonderbarſten Aufregung. Sie ſchleu⸗ 234 dern mit dem Kopf, ſchnauben mit den Nüſtern, ſchla⸗ gen wild aus und Niemand wagt, ſie zu beſteigen. Wir erkundigen uns, was geſchehen iſt. Niemand weiß eine Auskunft. Wir glauben, die Thiere ſcheuen vor irgend einem uns ſelbſt fremden Gegenſtande. Wir binden ſie los und machen das Uebel ärger. Zorn erſt über die Thiere, dann über meine Leute ergreift mich. Niemand weiß, was den Pferden geſchehen iſt. Ich beſteige endlich mein liebſtes Roß, um es zu bän⸗ digen. Es wirft mich faſt ab, rennt wie raſend da⸗ von und wirft ſich der Länge nach in den Weg mit dem Kopf gegen eine Eiche bohrend. Die Gefahr für uns ſelbſt, bei dem Ausſchlagen und wilden Toben, wuchs. An ein Beſteigen war nicht mehr zu denken. Meine Leute unternahmen, um das Verſehen zu büßen, die ſchwere Aufgabe, die drei Thiere in die Stadt zugeleiten, während die nun plötzlich Unberittenen auf einem in der Nähe ge⸗ mietheten Leiterwagen bis zu dem Stadthore zurückfuh⸗ ren. Schon unterwegs brach ſich mein Renner beide Schenkel und blieb für todt liegen. Mit genauer Noth ka⸗ men die beiden übrigen, auf den Straßen wie raſenden und tobenden und von einem Volkshaufen verfolgten Thiere in den Stall. Die Knechte haben Lebensgefahr überſtanden. Dort, wo wir nun Ruhe hofften, begann von neuem erſt der Schrecken. Die Thiere ſchlugen ſein eine loſer ihn ein ſchla⸗ ſteigen. temand ſcheuen . Wir Zorn rgreift über die Stangen, die ſie trennten, riſſen ſich von der Kette los und verwundeten ſich in wilder Wuth ſo heftig, daß ich die Heilung aufgeben mußte, ſelbſt von Zorn übermannt, ein Doppelpiſtol ergriff und mit einer Ladung in blinder Wuth ſie niederſchoß. Bei der Obduction entdeckte der Veterinärarzt in den Ohren jedes dieſer Thiere eine kleine Kugel, die, hinunter— geglitten bis ans Hirn, ſie raſend gemacht hatte. Mein erſter Gedanke, wer dieſe teufliſche That vollbracht haben konnte, war aus Gründen, die Sie nicht wiſ⸗ ſen können, Hackert. Und nun urtheilen Sie, ob dieſe drei Spitzkugeln, die, wie Sie ſagen, dieſem uns hierher nachgeſchlichenen, Böſes im Schilde führen— den Menſchen gehören und völlig jenen andern ähn⸗ lich ſind, mich nicht mit Schaudern erfüllen ſollen und beſtimmen müſſen, meine Thiere zu hüten, zu⸗ gleich aber auch dieſe Kugeln als gerichtliches Zeug⸗ niß in Verwahrſam zu nehmen? Laſally ſchwieg, noch zitternd. Er konnte gewiß ſein, auch Dankmarn erſchüttert zu haben. Dankmar war erblaßt. War es das Entſetzen vo einer an den armen edlen Thieren begangenen ſo ruch⸗ loſen Frevelthat, war es die wie ein lähmender Schlag ihn treffende Vorſtellung, daß er noch vor zwei Tagen ein Roß aus deſſeben ihm hier begegnenden Mannes mußte ſich an einer ihm grade naheſtehenden Mar⸗ morvaſe halten, um nicht ſeine Empfindungen zu ſehr zu verrathen.... Entſetzlich! ſprach er dumpf vor ſich hin. Dann aber doch aufgeſchreckt von einem Unrecht, das er Hackerten thun könnte, indem er doch nur ſeiner Vermu⸗ thung folgend dieſe Kugeln als wirklich von ihm her⸗ rührend bezeichnet hatte, fragte er: Sind Sie aber auch ganz gewiß, daß gerade Hackert Urſache haben kann, ſich auf eine ſo nichts⸗ würdige empörende Art an Ihrem Eigenthum zu rächen? ls Laſally dieſe Frage belächelte und die beiden Reichmeyers den uns bekannten Vorfall der Züchtigung andeutend, dieſe Urſache verkleinern und geringfügig darſtellen wollten, rief Melanie mit glühender Entrü⸗ ſtung, ſich ſtolz erhebend und aufrichtend wie eine Königin, ein ſtolzes, wie Glocken tönendes: Ja! Er hatte ſie! Alles blickte auf Melanie und war von dem Aus⸗ druck ihrer Mienen, die einen nie an ihr gekannten hoheitsvollen Ernſt verriethen, ſo ſtaunend ergriffen, daß unwillkürlich eine feierliche Pauſe eintrat. Marſtall Hackerten zur Obhut übergeben hatte,— er ſpa druu von „— er Mar⸗ zu ſehr Dann das er germu⸗ m her⸗ gerade nichts⸗ um zül beiden tigung m gfügig Entrü je eine Als Niemand etwas erwiderte, ſagte ſie, den ge⸗ ſpannten Ton fallen laſſend und mit gemildertem Aus⸗ druck, faſt ſcherzend: Und jetzt wünſch' ich, ja befehl' ich: Genug hier⸗ von! Neuntes Capitel. Die Mitſchuldige. Die Sonne war eben mit reinſter Klarheit unter⸗ gegangen, als die Geſellſchaft oben am Schloſſe ankam. Die Mutter und Batrtuſch traten ihr ent⸗ gegen und baten Alle zu einem leichten Nachtimbiß zu bleiben. Melanie unterſtützte dieſe Bitte. Sie bedurfte eines Uebergangs aus ihrer vielfachen Auf⸗ regung zu jener einfach ſeligen Empfindung zurück, die ſie in dem Augenblicke mit überſtrömender Gewalt ergriffen hatte, als ihr Dankmar ein Geſtändniß ma⸗ chen wollte. Wie dringend es war, einen Entſchluß zu faſſen, riefen ihm die bewaffneten Organe des Landfriedens zurück, die beiden Arme der Gerechtig⸗ keit. Der Wagen war geſchloſſen. Eine eiſerne Stange ging quer über die hintere Thür hinweg. Die Rettung des Bildes war für den Augenblick unmöglich. — ſigne decku alld haſſe (denn noch Dankmar ergab ſich vorläufig mit ſtummer Re⸗ ſignation in das Unabänderliche. Die letzte Ent⸗ deckung über Hackert und das läſtige Gefühl, bei alledem, daß er dieſen unglücklichen Menſchen nun haſſen mußte, Schuld zu ſein an ſeinem Unglück (denn Laſally behielt die Kugeln), und ihm vielleicht noch gar Unrecht zu thun, alles Das drückte ihn ſo, daß er wirklich der zärtlichen Blicke und zutraulichen Tröſtungen Melanie's bedurfte, die ihn aufzurichten unter⸗ und zu ermuthigen ſuchte. Er begriff dabei nicht Schloſſe vollkommen was in ihm vorging. Und als nun gar er ent⸗ noch die Excellenz von Harder ſchon im Reiſeanzug btimbiß vor dem Beginn des Nachteſſens ſich melden ließ und Sie ſein bequemer Landau vorfuhr, der ihn aufnehmen en Auf und noch heute entführen ſollte, als Melanie dem zurich Abſchied von dieſer ihm zum erſten male entgegentre⸗ Gewul tenden Perſönlichkeit eine heitere, faſt ausgelaſſene iß mo Wendung gab, verſtand er nicht das Geringſte mehr niſhhu von ihren Abſichten. 1 ne d Die Couverte des gedeckten Tiſches wurden com⸗ nchi plettirt, die Zahl der Meſſer und Gabeln vermehrt, iſen die nun doch noch à la fortune du pot feſtgehalte⸗ ſinvi nen Gäſte ſtanden rings erwartungsvoll und ihren 71 verſchiedenartigen Empfindungen hingegeben ſich leh⸗ nend an Möbel und Fenſterſimſe.... Dankmar 240 hörte den geheimen Neckereien zwiſchen Melanie und dem Intendanten befremdet zu und belächelte doch wieder, bei aller innern ernſten Aufregung, die Einbildung eines alten vornehmen Herrn, der in der That zu glauben ſchien, er hätte auf ein ſol⸗ ches Weſen Eindruck gemacht.... Melanie's künſt— liches Schmollen hielt die Excellenz für Verzweif⸗ lung über die Abreiſe. Laſally und auch Dank⸗ mar ſchüttelten den Kopf über dies Flüſtern, dies Blinzeln, dies huldvolle Vertröſten auf die nun bald in der Reſidenz ſich hoffentlich inniger anknüpfende Freundſchaft.... Melanie nahm den Intendanten bei Seite, zog ihn an eine Gardine des Fenſters und ſcherzte ſo drollig mit ſeiner Schwäche, ſo be— fliſſen, ſo zuthunlich, daß Frau von Reichmeyer un⸗ geduldig wurde, von Unſittlichkeit ſprach und mit einem Blick auf ihren gleichfalls eiferſüchtigen Gatten laut erklärte, ſie fürchte, ſolche Grundſätze ſteckten an. Endlich brach die Ercellenz auf und riß ſich aus dem tete à tete am Fenſter mit den Worten los: Sie täuſchen mich! Warten Sie, warten Sie! Sie werden ſehen, Excellenz, rief dagegen Me⸗ lanie, Sie werden ſehen, ich täuſche nicht.... Wirklich! ſagte der Intendant, Sie wollten— Melanie rief laut: nie und llte doch ig, die der in ein ſol⸗ s künſt⸗ erzweiſ⸗ Danl⸗ mn, dies zun babd nüpfende endanten Fenſters ſo be eyer un und m 1 Gattel kten al aus di Siel M gen 2 en St! Die Wette gewinnen... Damit drängte ſie den verklärt Leuchtenden förm⸗ lich aus dem Zimmer.... Herr von Harder nahm von Melanie's Mutter einen höchſt herablaſſenden, zerſtreuten Abſchied, von den Uebrigen einen höher herablaſſenden, verwirrten, Dankmarn aber, als ein ihm noch nicht vorgeſtelltes unbekanntes Weſen, ignorirte er gänzlich. Als der Geheimrath fort war, der Landau und der Transportwagen dahinrollten, das Säbelklappern der Gendarmen verhallte und die Gäſte ihre Plätze zogernd und um Entſchuldigung bittend eingenommen hatten, erklärte Melanie plötzlich, daß ſie morgen in aller Frühe aufbrechen und nach der Reſidenz zurück⸗ kehren würde. Wie? rief man allgemein. Iſt das Ernſt? Sie brachte für ihren plötzlichen Entſchluß ſo viel wohlgeordnete, überlegte, entſchiedene Gründe vor, daß man erſtaunt war über eine bei ihr im Stillen gereifte Erklärung.... Wenn Melanie mit ſolcher Sicherheit ein Vor— haben behauptete, war ihre Mutter nicht gewohnt ihr zu widerſprechen. Wohlan! ſagte ſie. So reiſen wir! Reichmeyer ſtaunte erſt, erklärte aber dann auch, Die Ritter vom Geiſte. II. 16 242 daß er ſich überzeugt hätte, ein Ankauf der Herrſchaft würde ſich ihm nicht lohnen. Laſally war ſchon ſeit lange durch dieſen Aufenthalt verſtimmt, durch Hackert's Nähe jetzt vollends beunruhigt, und Bartuſch gab den letzten Nachdruck noch dadurch, daß er ſagte, die Verabredungen der Gläubiger wären geſchloſſen, die Verſtändigungen ziemlich klar erörtert, man wiſſe, was Jeder zu fodern hätte und wie er ſich wolle befriedigen laſſen... es bliebe nun nichts übrig, als die letztliche Erklärung des inzwiſchen in der Re⸗ ſidenz angekommenen Prinzen Egon.... Dies leuchtete ein... Bartuſch's Blinzeln auf Dankmarn verſtand man nicht. Melanie überließ Jedem ſich die Gründe zurecht— zulegen, die ihn beſtimmen konnten, das Schloß ſchon jetzt zu verlaſſen... ſie, ſagte ſie, würde es morgen in aller Frühe thun. Sie bat Laſally, dazu die Pferde in Bereitſchaft zu halten, denn ſie würde bald fahren, bald reiten. Auch Dankmarn bat ſie, ihrem Beiſpiele zu folgen und ſich eines der Pferde des Stallmeiſters zu bedienen, ſein Wagen könne ja, ge⸗ führt von einem der Leute Laſally's, folgen. Nicht wahr? ſagte ſie neckiſch. Dankmar geſtand zu, was ſie nur verlangte. Die Mutter, fuhr ſie fort, ſchließt ſich uns in der rſchaft on ſeit icert ab den , die u, die wiſſe, wolle übrig, er Re in auf urecht⸗ Jſchon norgeln zu die e bah ihrem de des ja, g. Mitte in unſerm neuen Coupé an. Ja, ja, wir wer— den bald fahren, bald reiten und uns die Rückreiſe nicht etwa wie einen bittern Nachgeſchmack von vielen hier gehofften und nicht eingetroffenen Freuden be⸗ kommen laſſen, ſondern wie Etwas, das den ganzen Aufenthalt auf dem Schloſſe allein aufwiegen und alles Vorangegangene übertreffen ſoll.... Die Einwendungen der Mutter wegen doch allzu großer Beſchleunigung widerlegte ſie durch ihre Be⸗ reitwilligkeit, ihr die ganze Nacht hindurch packen zu helfen. Ihr Entſchluß ſtünde nun einmal feſt und was ſich nicht ſogleich mitnehmen laſſe, könnten die als zuverläſſig erprobten Leute ſchon nachbringen. Auch die Nothwendigkeit, Abſchied zu nehmen von Zeiſels, von Sängers, von Doctor Reinick, von Bensheims, Sen⸗ gebuſchs und mancher andern Bekanntſchaft, ließ ſie nicht gelten. Allen ſolchen Bedenklichkeiten abzuhelfen genüge die Viſitenkarte. Und den Einzigen, fuhr ſie fort, von dem der Abſchied uns ſchwer geworden wäre, unſern theuern Herrn Pfarrer Stromer, den haben wir ja hier und können ihm all unſer Bedauern gleich ins Angeſicht ſagen. Ja! Lieber Pfarrer! Sie kommen gewiß recht bald zu uns! Sie müſſen Domprediger werden! Schade, daß Sie keine Töchter mehr aus der Propſtei 16* 244 heirathen können! Propſt Gelbſattel hat noch ein hal⸗ bes Dutzend, aber die Aelteſte liebt den Candidaten Oleander und die Jüngſte der fünf Andern— ſind es nicht ſoviel, Mutter?— würde noch zu alt für Sie ſein, für einen Mann, der anfängt nur das Schöne zu lieben. Zum Glück beſitzen Sie die beſte der für Sie paſſenden Frauen. Aber kommen Sie! Ir⸗ gend eine Kanzel findet ſich ſchon.... Ich kenne an dreißig junge Frauen und Mädchen, die Alle nicht mehr wiſſen, wem ſie ihre Sünden beichten ſollen.... Der Eine iſt zu rauh, der Andere zu ſanft, der Dritte zu gelehrt, der Vierte zu oberflächlich. Und die ab⸗ ſcheuliche Anzüglichkeit dieſer Modeprediger! Dieſes Schlagen auf die Kanzellehne, dieſes Lärmen und Pol⸗ tern über die verſtockten Sünderherzen, dieſe düſtere Lehre vom Blute Chriſti.... Propſt Gelbſattel, der ſonſt ſo beliebte letzte Rettungsanker, iſt gar nicht mehr zu verſtehen ſeit den Revolutionen. Er weiß nicht, wohin er ſich wenden ſoll, ob zum Volke oder zum Könige. Seine Zeit iſt um, ſagte er kürzlich in einem Anfalle von Wehmuth, weil er bei Hofe nicht geladen war. Vielleicht werden Sie Propſt, Herr Stromer! Kommen Sie! Ich habe Verbindungen und bring' es ſchon dahin, daß wir Sie irgendwie den Unſerigen nennen; Das bin ich Ihnen ja ſchuldig für ein hal⸗ ndidaten — ſind alt für nur das die beſte Sie! JIi⸗ fkenne an lle nich en. eer Dritte d die al Dieſes und Pol 245 den ſchönen Blumenſtrauß, mit dem Sie mich heute wieder beglückten.... Als Stromer hocherröthend niederblickte, gedachte Dankmar der Erzählung Egon's und ſeiner Vermuthung, der Pfarrer hätte wol die Blumen ſeiner guten Frau nach einem nächtlichen Zwiſt als Morgenſelam der Ver⸗ ſöhnung beſtimmt. Es machte ihm einen eigenen Ein— druck, als er ſich ſo im Irrthum entdeckte und der immer an ſich zu denken ſcheinende und ſeiner klar bewußt bleibende Pfarrer mit gewähltem höchſt ſicherm Ausdruck ſagte: So ſchwindet denn wieder eine Freude hin, die ach! nur allzu kurz einer roſtgen Wolke gleich an unſerm grade nicht grauen, eher heitern und immer gleichen, aber eben in ſeiner unermeßlichen freundlichen Iden⸗ tität ſo läſtigen Horizonte aufzog! Wir haben am Ende nichts, was uns bleibt, als Blumen, die Sym— bole der Begrüßung und des Abſchieds. Eines und Daſſelbe drückt Freude und Trauer aus. Doch ich ſehe Sie morgen noch einmal und nehme einen geſammel⸗ tern Abſchied und hoffentlich nicht für immer. Er— blicken Sie mich auch nicht wieder als Domprediger in Ihrem Sinn, ſo denk' ich, einen Dom wölbt ſich das Auge baly über ſich her und auf der Kanzel des Her— zens und in dem Beichtſtuhl der Geſinnung treff' ich Sie ſchon noch im Leben wieder— Alle! Alle! 246 Damit erhob ſich der ſonderbare Mann, in der That nicht ohne eine gewiſſe Rührung zu hinterlaſſen. Heilig konnte Dankmar den Eindruck, den des Pfar⸗ rers Ergriffenſein in ihm hervorrief, nicht gerade nen⸗ nen. Die Weiſe eines Pietiſten war Das auch nicht mehr: im Gegentheil kam ihm das Feuer ſeiner Augen unlauter vor, faſt weltlich. Für einen weichen An⸗ empfindler ſprach er zu feſt und kräftig. Er inter⸗ eſſirte ihn, ohne ihn anzuziehen.. Alle dieſe Betrachtungen ſtellte Dankmar nur flüch⸗ tig an, denn die ganze Geſellſchaft erhob ſich. Der förmlich als Befehl gegebene Entſchluß, ſobald abzu⸗ reiſen, erfüllte Jeden mit ſeiner nächſten Aufgabe, die im Räumen und Packen beſtand. Man trennte ſich in der Erwartung, morgen in früheſter Stunde ſich zur Abreiſe beiſammen zu finden... Als auch Dankmar unſchlüſſig ſtand und eben Hannchen Schlurck's Hand geküßt hatte, da ihm die ruhige, klare und lebensfrohe Weiſe der Frau, die G wieder den Champagner wie gewöhnliches Getränk hatte 6 einſchenken laſſen, ganz wohl gefiel, rief ihm Melanie d leiſe zu: 5 Bleiben Sie doch noch! G Als Laſally noch über die morgende Cquipirung( 1 ſprach und nun der Knäuel der Geſellſchaft wieder be, die nte ſich de ſich nd cbe ihm de au, N ink hale Melan vipirunt t wieh 247 nicht recht auseinandergehen wollte, ſtreifte ſie an Dankmar vorbei und flüſterte die Worte: Gehen Sie lieber! In einer Viertelſtunde an der ſteinernen Vaſe im untern Garten.. Dankmar winkte ihr leiſe bejahend zu, ſprach noch einmal laut ſeine Freude aus, morgen in ſo ange⸗ nehmer unterhaltender Geſellſchaft ſeine Rückreiſe an⸗ treten zu dürfen und empfahl ſich. Die noch Gebliebenen flüſterten erſtaunt hinter ihm her. Er hatte das Talent gehabt, trotzdem daß er wenig ſprach, ſich doch immer als den Mittelpunkt des Abends zu erhalten und jedem Worte, jeder Be⸗ wegung, die von ihm ausging, die allgemeinſte und ſeinem Zweck und Weſen nachſpürende Aufmerſamkeit zu ſichern. Das Gerücht, das ihn zum Prinzen Egon machte, hatte ſich bis zu ihnen noch nicht verbreitet... Es ſchlug vom Dorfe herauf zehn, als Dankmar an die ſteinerne Vaſe im untern Garten trat, wo er Melanien erwarten ſollte. Es war dieſelbe, an die er ſich bei der ihn wie ein Schlag treffenden Erzäh⸗ lung über Hackert's Frevel hatte lehnen müſſen. Wie bewegt war ſein Herz! Wie floſſen die wunderbarſten Erfahrungen und Eindrücke in ſeinem Innern zu einem Gefühle zuſammen, das nicht mehr jene behagliche Sorgloſigkeit über ihn ausgoß, die er in dem erſten Anfang des über ihn verhängten Misverſtändniſſes empfand! Wie neu war das Alles und wie folgen⸗ ſchwer konnte es werden! Schon ſah er ſich als ge— richtlicher Zeuge in der Nothwendigkeit, ſeine gegen Hackert ausgeſprochene Beſchuldigung zurücknehmen oder beweiſen zu müſſen. Eben ſo verwickelt konnten ſich die Beziehungen zum Fürſten geſtalten. Und dieſe bedenkliche Melanie! Was bezweckte ſie? Wohin riß ſie der Muth, den der von ihm doch nur wenig genährte Glaube an ſeine Einerleiheit mit Egon dem jungen, waghälſigen Mädchen einflößte? Scheiterte Das, was ſie vielleicht unternahm... mußte er es nicht verant— worten? Wie erſchrak da ſein rechtskundiger und bei allem Freimuth an Geſetzmäßigkeit gewöhnter Sinn!... Und doch traten alle dieſe Bedenklichkeiten gegen den all⸗ gewaltigen Zauber zurück, mit dem ihn Melanie in ſo kurzer Zeit wie ſeinen Bruder Siegbert umſtrickt hatte. Gibt es denn auch ein wonnigeres Gefühl, als ſo im Fluge, ohne Anſtrengung, ohne lange Werbung, von Frauen zärtliche Hingabe zu gewinnen? Noch hatte Dankmar ſich keiner Gunſt von Melanie rühmen kön⸗ nen, aber er fühlte es dieſer zarten Hand, wenn ſie ihn flüchtig berührte, der Bruſt, wenn ſie in ſeiner Nähe ſich hob, dem Hauch ihres Mundes an, wenn ſie ihm leiſe ein Wort der Vertraulichkeit zuflüſterte, daß ein excen⸗ adniſſes folgen⸗ Als ge⸗ gegen nehmen onnten d dieſe riß ſie enährte jungen, 3, was verant⸗ nd bei un!., den al⸗ te in ſo t hatte ſo im g, hatie vonl en kon— ſte ihn ähe ſich zm leit ereen triſches Weſen, welches vielleicht Allen gefallen wollte und Keinem ſich ergab, ihm den Siegespreis der Liebe bieten könnte... Dankmar war, ſonſt vielgeliebt, ſelbſt eher kalt gegen die Frauen. Sie beſchäftigten ihn nie ſo ausſchließlich, wie andere junge Männer, deren ganzes Fühlen und Denken ſich nur um die Liebe ſpinnt... Aber Melanie's Herz... das klopfte ſchon dicht an ſeinem eigenen Herzen. Ihre Wange... er fühlte es, ſie ſchmiegte ſich ſchon zum Kuſſe ſeines Mundes hin... Er griff in die Luft... doch wußte er, daß dieſe Arme ſich nicht mehr lange vergebens nach den ſchönſten und liebenswürdigſten Formen ausſtrecken wür⸗ den... So ſtand er, der junge leidenſchaftliche Mann, den wir entſchuldigen müſſen, eine Weile harrend an der Marmorvaſe, überwältigt von Sehnſucht, zit⸗ ternd auf den Triumph über ein liebendes Weib, den Fuß auf den Sockel der Vaſe, das Haupt in den Arm ſtützend und hinaufſchauend in den mondſcheinum⸗ floſſenen Flügel des Schloſſes, den Melanie bewohnte. Endlich kam ſie. Unter den Blumen, den Sternen, dem Mondglanz hier in der Stille der Nacht, von keinem Zeugen ge— ſtört, als dem plätſchernd herabhüpfenden Waſſerfall, vollte Dankmar ſie gleich mit dem Entzücken der raſch aufgeloderten Liebe begrüßen. 250 So dacht' er's ſich, als er ſie die Gartenſtufen herniederſchweben ſah, in eine Mantille von purpur⸗ rothem mit weißem Schwan beſetzten Sammt gehüllt und auf dem vollen ſchweren Geflecht des Haares ein weißes Schleiergewebe tragend, das hinten herabfiel faſt bis in den Nacken... Doch ſprach ſie ihn ſchon aus der Ferne an, redete ſchon im Herabſteigen faſt gleichgültig mit ihm und ſchnitt durch Vermeidung einer Pauſe und aller Feierlichkeit die förmliche Begrüßung ihres ſchnellgewonnenen Freundes ab, deſſen Aufmerk⸗ ſamkeit nun ſogleich von der Galanterie abgezogen und von ihrem Plane gefeſſelt wurde. Endlich ein freier Augenblick! ſagte ſie ſchon auf mindeſtens zwölf Schritte entfernt; ein Augenblick, wo ich Ihr Vertrauen erwidern darf! Aber nur ein kurzer! Die Zeit drängt. Sie ſollen ſehen, daß Sie ſich in dem Muthe eines närriſchen Mädchens nicht irrten. Sie erhalten das Ihnen ſo theure Bild zurück, irgendwo auf der Reiſe, wo wir den Train des Herrn von Har⸗ der einholen werden. Aber die Mittel, die ich an⸗ wenden werde, es zu erobern, dürfen Sie mir nie, nie anrechnen. Verſprechen Sie mir Das? Wie Das ſo klang in der ſtillen Nacht! Wie die Büſche dabei ſo flüſterten! Wie ſo milchweiße, bläu— liche Lichter über die Sprecherin glitten und Alles ſo tenſtufen purpur⸗ t gehüllt aares ein herabfiel hn ſchon ſigen faſt ung einen egrüßung Aufmerk ogen und chon all blick, we n kurzel ſch in de ten. irgendne GꝘ☛ von Hl eich a mir ne Bir he, l magiſchumfloſſen, ſo bebend, ſo faſt ohnmächtig und wie ſchattenhaft war! Melanie! rief Dankmar, Sie ſind ein Engel! Wenn ich nicht annehmen müßte, daß nur der Reiz des Aben⸗ teuers Ihren Geiſt in dieſer Angelegenheit beſeelt und Ihnen die Flügel des erfindenden Genius an den ebenſo ſchönen wie ſchelmiſchen Nacken ſetzt...(er wollte ihn küſſen; ſie wehrte es) ich würde es wagen, mich Ihnen zu Füßen zu werfen und von Liebe zu ſprechen. O Sie Böſer! ſagte Melanie. Wenn die Gräfin d'Azimont Das hörte... Was ſoll mir dieſe Frau! war Dankmar im Be⸗ griff auszurufen und einzugeſtehen, daß er ſelbſt ja nimmermehr der Prinz wäre. Aber die Vorliebe, mit der Melanie auf dieſe erträumte Rivalin zurückkam, war ihm wie ein Nebel, den er zu verwehen fürchtete. Dennoch ſagte er: Melanie, ich bin nicht der Prinz, aber ich bin ſein beſter Freund auf der Welt. Was Sie thun, thun Sie für ihn! Sie thun es für mich; denn Niemanden kann Egon's Glück mehr am Herzen liegen als mir! Kann Cgon hier Egon ſein? Kann er den Muth, die Selbſtüberwindung haben, ſich da zu verrathen, wo man ſein und ſeiner Mutter Andenken mit Füßen tritt? Ich bin der Theil des Prinzen, der noch Ver⸗ 252 trauen zu den Menſchen hat, der Theil, der nicht ver⸗ zweifeln will, wenn er noch Geſchöpfen begegnet, die in Körpern der Engel auch eine überirdiſche Seele tragen... Melanie ſchlug ihre mächtigen braunen Augen zu ihm empor, daß das volle Licht des Mondes in ſie fiel und ihre Schimmer in jenem feuchten Glanze zit⸗ terten, der ihnen etwas Verklärtes gibt... Sie ſah ihn fragend und mit zärtlicher Innigkeit an. Melanie hatte Das erreicht, wohin vielleicht ihr Ehrgeiz dunkel taſtete, vielleicht war es Zufall, daß ein Mann, der ihr ein Fürſt ſchien, auch zu⸗ gleich der erſte ſein mußte, dem gegenüber ſie ſich klein, ja demüthig vorkam— es war ihr, als wenn ſie, ein bunter, flatternder, leichtſinniger Schmetter⸗ ling, die Flamme gefunden hätte, die ihr gewiſſer Tod werden ſollte, ihr Tod wenigſtens für dies leichtſin⸗ nige Schmetterlingsdaſein. Melanie wehrte Dankmar's verlangenden Arm zu⸗ rück, aber nur um ihn aus einiger Ferne inniger be⸗ trachten zu können. Eine Locke ſeines Haares, die ihm im Sturme ſeiner aufgeregten Sinne auf die Stirne fiel, ſtreifte ſie ruhig zurück, als hinderte ſie ihr die Aus⸗ ſicht in ſein Auge und ſeine Seele. Laſſen Sie! ſagte ſie ſanft. nicht ver⸗ egnet, die che Seele Augen zu es in ſie lanze zit Innigkeit vielleicht 3 Zufall auch zu Fſie ſich als wenn 253 Melanie! rief Dankmar noch einmal mit geſtei⸗ gerter Glut der Empfindung und wollte ſte anſich⸗ ziehen.. Seiner männlichen Kraft gelang es; aber ſie wandte, in ſeinen Armen liegend, rücklings das Haupt und verweigerte ihm die zärtliche Berührung der Wan⸗ gen, nach der er ſchmachtete. Sie that Dies ſo ent⸗ ſchieden, daß er es ließ und ſich an einem Bilde be— gnügte, das den Meißel des Bildhauers heraus⸗ foderte... Gute Nacht! ſagte ſie, losgewunden, mit lächeln⸗ der Lieblichkeit, und auf Wiederſehen für Morgen! Damit war ſie für Dankmar faſt einem Traume gleich entſchwunden. Wie er ſich nun anſchickte, hinunter zu wandern und durch das erſte beſte Seitenheck auf den großen Weg zu ſpringen, fühlte er eine ſo herausfodernde, ihn rieſig durchſtrömende Kraft in ſich, daß er faſt laut zu jubeln begann. Alles lachte ja in ihm. Jeder Gefahr, jedem drückenden Gedanken wurde die Volte geſchlagen, jeder Bedenklichkeit die Anlehnung aus ſeinem Innern wegescamotirt. Ja, er hätte ſich mit dem Arm gegen die Bäume ſtemmen und ſie nieder⸗ veugen mögen! Es war ihm, wie dem bibliſchen Erz⸗ dater geweſen ſein mochte, als er auf der Heide mit einem unſichtbaren Engel rang. Er hätte den Dä⸗ mon niedergeworfen, ſo titaniſch fühlte ſich ſeine Mus⸗ kelkraft. Er lachte über ſein Abenteuer ſelbſt. Selbſt des Gefangenen im Thurme, dem er jetzt noch vor dem Gitterfenſter hinauf Muth und Troſt zuzuſpre⸗ chen beſchloß, gedachte er im heiterſten Humor und ſagte ſich: Ich bin wahr geweſen! Ich war Dankmar Wil⸗ dungen! Ich habe meine eigene Rolle geſpielt und deine Fürſtenkrone mir nicht aufs Haupt geſetzt. Ich! Ich fühlte den Druck ihrer Hand! Wie ſchlug dieſe warme Bruſt an der meinen, wie ſtrömte das elek⸗ triſche Feuer der Berührung aus ihren Adern in die meinen, und wenn ihr die Schuppen vom Auge fal⸗ len, wer weiß, ob der Wahn ſiegt oder die Wirklich— keit! Sie liebt nicht Das, was ich ſcheine, ſie liebt Das, was ich bin! Und in dieſem Hoffen und Entzücken, das ſeine Adern ſchwellte, ſeine Sehnen ſtärkte, konnte ihm zu⸗ letzt auch nichts Willkommneres geſchehen, als der plötzliche Anblick Hackert's... Er war es, der hin⸗ ter den Büſchen rauſchte... Das ſchleichende Ra— ſcheln um Dankmarn her verrieth ihn ſchon längſt... Er ſah ihn jetzt am Fuße des Weges ſich ducken und lauern... ob auf ihn, ob auf Die, an denen er en Da⸗ e Mus⸗ Selbſt och vor zuſpre⸗ 5 or Und ar Wir⸗ ielt und t. Ich. ig dieſe as elel⸗ in die uge fal⸗ Wirklich ſie lieh s ſeim ihm als d der hi nde R ingſt cken ul denen ſich auf dem Schloſſe ſo teufliſch gerächt hatte... er wußte es nicht, mußte aber annehmen, daß er auf ein neues Verbrechen ſann; denn an dem Rauſchen hörte er, daß es war, als ſtreifte er mit einer lan— gen Stange an dem Laube der hohen Hecken. Bald ſahe er deutlicher; Hackert hielt eine Leiter in der Hand, die er in dem Augenblicke fallen ließ, als er Den, der noch ſo ſpät den Schloßweg herunterkam, erkannte. Elender Hallunke! rief Dankmar zornentbrannt ſchon von Ferne. Mörder! Dieb! Wie Hackert— er war es wirklich— dieſen zor— nigen Anruf hörte, ſprang er ins Gebüſch. Er mochte ſich dieſe Begrüßung nicht haben träu— men laſſen. Dankmar in einer Stimmung, als müßte er die längſt ihn ſchon quälende Spannung und Ungewiß⸗ heit über Hackert durch irgend eine Probe ſeiner männ⸗ lichen Kraft und wäre ſie mit der Fauſt endlich löſen, rief: Steh, Bube! Steh! Aber Hackert entrann und als ihm Dankmar noch rachrief: Eine Kugel in dein Ohr, Mörder! Wo iſt nein Pferd, Gauner?... war er plötzlich ganz ver⸗ ſchwunden. Dankmar fühlte ſich in einer Stimmung, als hätte ihm Liebe und Wein die Zunge gelöſt und zum Red⸗ ner gemacht, dem Worte nur ein dürftiger Nothbehelf für Thaten ſind. Er ſchickte Hackerten die tollſten Shakſpeare'ſchen Flüche und lange, kunſtvolle Ver⸗ wünſchungen nach, bis er zuletzt über ſich ſelbſt lachte und im ſteten Hinblick auf die Stelle, wo Hackert verſchwunden war, faſt über die Leiter ſtolperte, die quer im Wege lag. 4 Was hat er mit dieſer Leiter gewollt? ſagte er ſich, und darüber ſinnend, fiel ihm der Thurm ins Auge, der nun dicht in der Nähe ſtand. Der Ge⸗ danke, mit kurzem Proceß ſeinen theuern neuen Freund, den gefangenen jungen Fürſten, zu befreien, ergriff ihn ſo lockend, wie der Kitzel zu dem fröhlichſten Aben⸗ teuer. Nun ſind wir einmal im Zugel ſagte er ſich, lud die ſchwere, irgendwo aus einem Bauerhofe entwandte Leiter, an der er mit Vergnügen bemerkte, daß ſie für das Thurmfenſter lang genug ſein mußte, ſich auf und ſchleppte ſie an dem einen Ende auf dem Rücken, an dem andern hinter ſich her, im Graſe zu dem kleinen Hügel hin, wo der Thurm völlig unbewacht in der Stille der Nacht wie eine friedliche Warte und Ein⸗ ſiedelei lag. Die Eiſenſtäbe oben aus der Mauer als hätte um Red othbehelt e tolſſten olle Ver hſt lacht Hacken perte, d ſagte zurm ine Der Ge Freund rgriff ih en Aber ſich, entwant aß ſie h auf kücken, in lli ht in und b Ma er M auszuwühlen, war ſchwer und doch vielleicht bei der Schadhaftigkeit und Zerbröckelung des Kalkes nicht unmöglich, wenn nur Egon die Meſſer und Gabeln von ihrem Mittageſſen zurückbehalten hatte. Sorgfältig ſchaute ſich Dankmar um. Hackert war verſchwunden, Alles ſtill. Nur Käfer ſummten im Graſe und dann und wann platzte ein humoriſtiſcher Froſchruf auf vom Felde her, wo es moorige Stellen gab.... Dankmar war ſo guter Laune, daß er ſich zu ſeinem Unternehmen erſt noch eine Cigarre an⸗ zündete. Die Leiter, aufgerichtet an dem Thurm, reichte voll⸗ kommen an das vergitterte Fenſter, das zu Egon's Gewahrſam gehörte. Vorſichtig kletterte er, noch ein⸗ mal ſich mit Behutſamkeit umblickend, die Sproſſen hinauf. Leider ſah er ſchon auf halber Länge, daß die Eiſenſtäbe dick waren, und als er über ſich hin⸗ aufgriff, fühlte er wol auch, wie feſt ſie ſaßen.. Das Fenſter ſtand auf. Der volle Mondenſchein ſiel in die dunkle Kammer, die er ſchon von unten als die rechte erkannte. Egon! rief er bis hinauf und lauſchte. Keine Antwort. Er ſtieg höher und blickte in das offene Fenſter. Wie groß war ſein Erſtaunen, als er drinnen Die Ritter vom Geiſte. II. 17 nirgend eine Spur des Prinzen entdeckte! Vielleicht hätte er verſteckt in einem Winkel ſchlafen können... er ſpähte... er überſah das ganze kleine Gemach. Er rief einige male mit unterdrückter Stimme: Egon! Egon! Es gab keine Antwort. Um ganz ſicher zu ſein, zog er... die Cigarre war in der Aufregung weggeworfen... noch ſein Streichfeuerzeug und machte mit mehren zuſammen⸗ gehaltenen Zündhölzchen, um die Wirkung des Schei⸗ nes zu verſtärken, Licht... Der hellere Glanz beſtätigte ihm nur, was er ſchon im Mondenſcheine geſehen hatte. Der Gefangene war entweder ſchon befreit oder von ſelbſt entflohen. Die Empfindungen, mit denen Dankmar nun die Leiter hinabſtieg, waren getheilt. Ehe er jedoch nicht alle Umſtände genau kannte, wagte er kaum ein Urtheil zu fällen. Wenn ihn Egon ſchon in der Krone aufgeſucht hätte? Beim Schließer nebenan wagte er nicht zu klopfen und anzufragen. Da im Anbau der Wohnung war Alles ſo ſtill, ſo finſter und ſchläfrig. War Egon entflohen, warum die Hä— ſcher wecken? Auch drüben im Amthauſe ſah man kein Lichtchen mehr. Im Dorfe nichts als Anzeichen des tiefſten Schlafes aller ſeiner Bewohner. Selbſt gilleicht nen... Gemach Eigarre noch ſein ſammen es Sche er ſchol gene wa en. in der Krone, zu der er langſam und nachdenklich ſchritt, hatte er Mühe, die Leute, die ihn erwarteten und im Erwarten eingeſchlafen waren, zu wecken. Als er hörte, daß Niemand, auch nicht Einer, nach ihm gefragt hatte und ſomit der Gefangene ihm faſt ſpur⸗ los verſchwunden war(denn morgen in der Frühe hatte er wol keine Zeit mehr, ihm nachzuſpähen), über⸗ kamen ihn die ſonderbarſten und quälendſten Zweifel. Es war ihm faſt, als wenn ſein Fuß nicht mehr die Erde berührte, als wenn er mit ſeinen guten Abſich⸗ ten, mit all ſeiner Liebe und Aufopferung, wie ein Getäuſchter, in der Luft ſchwebte und wahrhaft komiſch erſchien er ſich, wenn er an ſeine Figur auf der Lei⸗ ter dachte, wie er einen Gefangenen befreien wollte, der ihm vielleicht, es war ihm Dies ein höhniſcher Gedanke, ein tolles Märchen aufgeheftet und zu einer Poſſe misbraucht hatte! Die Einſamkeit der Nacht, die Qual der Schlafloſigkeit mehrte den läſtigen Reich⸗ thum der Vorſtellungen, die er ſich über dies plötz⸗ liche Verſchwinden machen mußte. Er ſah ſich mit⸗ ken im Zuge von Dingen, die ihm plötzlich nun wie die Neckereien eines böſen Geiſtes vorkamen... und wenn ihm nicht Eines ſicher geblieben wäre, das Ge⸗ fühl, mitten in dieſem Spuk doch ein wahrhaft Wirk— ſiches gehabt zu haben... das warme Klopfen eines 17* 260 ſchönen Mädchenherzens an ſeiner von Luſt und Liebe erfüllten Bruſt... er würde wie in einem Chaos der unleidlichſten und leerſten Eindrücke rathlos umherge⸗ taumelt ſein. An dieſe eine unleugbare und nicht mehr in Trug zerrinnende Thatſache hielt ſich denn auch Dankmar. Sie gab ihm Beſtnnung, Ruhe, Gefühl der Sicher⸗ heit, Behaglichkeit und Schlaf. Er ſchloß aber doch die Augen viel zu ſpät für die frühe Stunde, in welcher er Befehl gegeben hatte, ihn am nächſten Morgen zu wecken. Ra V vielf Waben nur worau Staum inden gewiſ Wrüc tracht. ein ke Snrf Strac herge Trug nkmar jicher⸗ für die te, ihn Zehntes Capitel. Heimwärts. Nach einem ereignißreichen Tage, an welchem ſich vielfache Fäden für zukünftige Erlebniſſe angeſponnen haben, ſpornt bei tüchtigen Naturen das Erwachen nur zum Muth und zur Entſchloſſenheit. Alles Das, worauf man in der Frühe ſich vom Abend her mit Staunen beſinnt und was einmal nun nicht mehr zu ändern iſt, tritt jetzt in Form einer Pflicht und einer gewiſſenhaft durchzuführenden Aufgabe vor die Seele zurück und weit entfernt, zu klagen und ſich in Be⸗ trachtungen zu verlieren, wie das Alles hätte möglich ſein können, rührt ein entſchloſſener Geiſt die ihm zu⸗ geboteſtehenden irdiſchen Hände, kämpft ſich durch die Schreckbilder eitler Erwägungen hindurch und beginnt oſt von einem ſolchen ſchwierigen und aufgabenreichen Lage den Abſchnitt eines neuen Lebens. Dankmar, ein freier Naturmenſch, war noch keines⸗ 262 wegs ein fertiger abgeſchloſſener Charakter. Er fühlte zu oft noch, daß immer wieder neue Erfahrungen an ſeinen Geſichtspunkten rüttelten, neue Bekanntſchaften, neue Thatſachen ihn ganz aus ſeinem gewohnten Gleich⸗ gewichte werfen konnten. Aber bis zu der Einwurze— lung hatte er es denn doch ſchon gebracht, daß er nicht mehr von jedem Eindrucke, der ihm unvorbereitet kam, ſogleich willenlos hin und her geſchleudert wurde. Während Siegbert mehr ein Gemüths⸗ und Phan⸗ taſieleben führte, hatte Dankmar die thatkräftige und verſtändige Richtung ſeines Innern vorzugsweiſe ſchon entwickelt und ſich in ziemlich ſichern Grundzügen ſeine etwanige künftige Laufbahn entworfen. Er liebte das Recht, deſſen Studium und Praris er ſich zur Lebens⸗ aufgabe gewählt hatte, er liebte es auch an und für ſich ſelbſt. Er hatte ſchon als Kind einen leidenſchaft⸗ lichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte Denen, die ſeinen füj Das, was ihm wahr ſchien, aufflammen⸗ den Eifer misverſtanden, heftig, ja gewaltthätig er⸗ ſcheinen. Er ſcheute ſchon als Knabe keine Gefahr, wo ihn das Bewußtſein einer richtigen Handlungs⸗ weiſe, einer Ausgleichung fremder Unbill begeiſterte. So war er auf der Univerſität nicht nur oft in Zwei⸗ kämpfe verwickelt, die er ohne Tollkühnheit mit beſon⸗ nenem Muthe beſtand, ſondern noch weit öfter Zeuge 263 und Vermittler fremder Ehrenhändel und nicht ſelten Schiedsrichter in Streitfragen, wo er den Ausbruch einer übereilten Berufung an die Waffen hintertrieb. Sein männliches Weſen gewann ihm alle Herzen. Bei jedem Anlaß, wo verſchiedene Anſichten ſozuſagen grell aufeinander platzten, wählte man ihn zum Vor— ſitzer der Debatte. Er hatte überall die angenehme Genugthuung, daß ſich ihm die tüchtigſten Menſchen unterordneten, worüber er nicht um ſeinetwillen, ſon⸗ dern um der Sache ſelbſt willen Freude empfand. Bun⸗ ten Seifenblaſen lief er nicht nach. Er ließ das ſüße Geſchäft des Träumens ſeinem weichern Bruder. Dennoch verwarf darum Dankmar Siegbert's Rich⸗ tung noch nicht. Er hielt hier eine männliche Be⸗ fruchtung, dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geiſtern für nothwendig; denn die Geiſter, ſagte er, haben kein Geſchlecht. Für ſich ſelbſt aber behielt er Das als Richtſchnur, was ſeinem Weſen entſprach. Er ſcherzte oft tändelnd ohne gedankenlos zu werden, er ſpottete ohne zu verwunden. Im Uebrigen hielt er ſich in ſeinem gewohnten Ernſte, den er gefällig, leicht, ohne Kopfhängerei zur Schau trug. Unterſtützt von einer ſehr edlen Geſtalt, die ſichtbar die Kraft und Fülle einer unverdorbenen Jugend anſichtrug, hätte er in der Welt großes Glück machen müſſen, wenn ihn 1 1 1 4 4 ſe 4 V1 1 1 4— ——— 264 nicht die ſpärlich zugemeſſenen Mittel beengt und von einer freien Bewegung in größeren Kreiſen entfernt gehalten hätten. Wie oft rief er nicht mit dem Dich⸗ ter: Ich bin ein Fiſch auf dürrem Sand! Seine einzige Schwäche war vielleicht die, daß er auf eine plötzliche Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte.... In dieſem Sinne war er romantiſcher und abergläubiſcher als Siegbert. In dieſem Sinne glaubte er an Wunder. Ob dieſe hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem günſtigen Zufalle, in der Liebe oder wol gar in einem perſönlichen Unglück beſtehen würde, war ihm faſt gleich. Genug er glaubte an die Nothwendigkeit, daß an jeden Menſchen ein⸗ mal vom Schickſal irgend ein Hebel geſetzt wird, der ihn aus der Gewöhnlichkeit und dem träge ſich fort⸗ ſpinnenden Genuß eigener Hände⸗ und Geiſtesarbeit herausſchleudern müſſe. Die Das beſtreiten, ſagte er einmal zu Siegbert, der bei all ſeiner Romantik in gewiſſen Dingen„praktiſch“, ja nüchtern ſein konnte; die Das beſtreiten, Bruder, haben wahrſcheinlich nicht den Muth gehabt, den ihnen vom Schickſal dargebo⸗ tenen Finger, das zugeworfene Ankertau kühn zu er⸗ greifen! Wer da zögert und fürchtet, man könnte viel⸗ leicht mitten in den Wolken von der Hand der Himm⸗ liſchen plötzlich losgelaſſen werden oder das Tau könnte reißen, Der verſäumt ſein beſſeres Erdenloos durch eigene Schuld. In ſpätern Jahren, wenn man wie eine Schnecke zu ſeinem ſolid erfaßten Ziele fortge⸗ krochen iſt und vielleicht irgend ein Häuschen zur Unter⸗ kunft gegen Regen und Ungemach gefunden hat, ſpä⸗ ter entſinnt man ſich dann ſehr wohl, daß man einſt an einem Seitenwege geſtanden hat, wo uns ein un⸗ erklärliches Etwas in der Bruſt zurief: Lenke hier ja ein! Man ſteht vielleicht nicht ſehr hoch und überſieht nun doch, daß jener Weg zur eigentlichen Hauptſtraße führte und daß Viele, die ihn wandelten, es weiter brachten als wir. Eine einzige unterlaſſene Bekannt⸗ ſchaft kann ſich ſo empfindlich rächen! Ein einziges Wort von einem edlen, einflußreichen Menſchen, nicht aufgegriffen und befolgt, war ſo für immer verloren. Ja ein Beſuch, den man den Muth hätte haben ſol⸗ len, einem freundlichen Gelehrten oder Staatsmanne oder einer ſchönen Frau zu machen, die in einer Ge⸗ ſellſchaft, wenn auch nur drei holde, ermunternde Worte zu uns ſprach, konnte für uns Vortheile, Lebensplane, Lebensrichtungen zeitigen, die ſich blöde Zaghaftigkeit faum möglich gedacht hatte. Und in dieſem Sinne, jagte er ſich immer, greif' ich einmal irgendwo ganz leck zu, wenn ich bemerke, daß an der Wand Etwas, wenn auch nur vom leiſeſten Schatten einer Schickſals⸗ hand ſpukt und dämmert, und wenn ich Gefahren er⸗ blicke, wenn ich ſelbſt vor kühlerm Urtheil geſtehen müßte, eine Thorheit zu begehen, ich finde mich ſchon aus ihren Folgen wieder heraus, verſinke nicht, kämpfe ſolange ich kann mit den Wogen und bin, wenn ich aus der Betäubung erwache, entweder drüben am an⸗ dern Ufer, wo Glück und Freude blühen, oder ich er⸗ wache nie mehr aus ihr, und Das wäre dann auch gut. Ein ſolches geheimnißvolles Schattenſpiel an der Wand war Dankmarn nun der Verlauf des ganzen geſtri⸗ gen Tages. Er hätte, wenn er Siegbert's Weſen folgen wollte, jetzt fliehen müſſen. Ein Brief an dieſe gefährliche Melanie, der Vorwand plötzlicher Abhaltung, vielleicht die ausdrückliche Berichtigung ihres Misverſtändniſſes, wenn ſie es, wie Dankmar kaum wiſſen konnte, noch hegte, alles Das wäre Siegberten nun ſogleich gebie⸗ teriſch in den Sinn gekommen. Er hätte alle Fäden abgeriſſen und ſich wieder in ſein Atelier geflüchtet, den Pinſel ergriffen und in Gott und ſich vergnügt Leinwand bemalt. Ganz anders der entſchloſſene feu⸗ rige Dankmar. Der hielt nun feſt, was ihm der Zu⸗ fall an Drähten von der großen Weltkomödie in die Hand geſpielt hatte. Prinz Egon war nicht mehr zu finden. War es ein Betrüger geweſen, ſo ergab er ſich darein und nahm Das, was ſich aus unange⸗ Die dabe pier volle bei Iwe ini vette Auf 265 nehmen Jrrthümern als angenehme Wahrheit ergeben hatte, für ein Uebriges, für einen reellen Gewinn. Zum Juſtizdirector von Zeiſel konnte er nicht mehr gehen, denn es war zu früh am Tage. Der Thurm, an dem der Büttel wohnte, lag ihm ſogar zu fern. War der Prinz entflohen, ſo konnte ihm nur damit gedient ſein, einen Vorſprung zu gewinnen, den er durch ſeine Meldung vielleicht verloren hätte. Auch hatte er genug zu thun mit ſeiner Reiſeruͤſtung. Schon ſchlug es fünf Uhr und um ſechs wollte Melanie vor der Thür der Krone halten, ſo meldete ein Jockei La⸗ ſally's, den dieſer geſchickt hatte, um den Einſpänner des Fremden in Empfang zu nehmen. Dankmar über⸗ wies ihm ſein geliehenes Fuhrwerk mit ſtrenger Wei⸗ ſung zur Obhut und Schonung. Auch Bello wurde ihm anempfohlen, den er ſorgſam zu hüten verſprach. Die Rechnung beim Wirthe wurde berichtigt. Er ſah dabei mit Schrecken, wie ſeine zwanzig kleinen Pa⸗ piere ſchon zuſammengeſchmolzen waren, und wenn er vollends gedenken mußte, daß dieſe Summe faſt eine bei Hackert gemachte Anleihe war und daß ihn ohne Zweifel in der Reſidenz die Nachricht empfangen würde, ein ihm von Laſally's Bereiter, dem alten Levi, an⸗ vertrautes ſtattliches Pferd wäre wieder von Hackert auf irgend eine Weiſe wenn nicht ganz zugrundege⸗ richtet, doch vielleicht gemishandelt zurückgeſchickt wor⸗ den, ſo ergriff ihn vor den möglichen künftigen Ver⸗ wickelungen faſt ein Anflug von Muthloſigkeit. Melanie aber erſchien ihm bei ſolcher Stimmung wie Ariadne. Sie war ihm die Retterin aus dem Labyrinthe jeder Gefahr. Wie er ſie und Laſally und das ihm beſtimmte Pferd und einen Reitknecht daher⸗ ſprengen hörte, verſchwand jede Beſorgniß. Er trat auf die Schwelle des Gaſthauſes und empfing ſchon in der Ferne Melanie's freundlichen Morgengruß. Sie nickte ihm alle Träume der vergangenen Nacht zu. Sie ſagte ihm nicht durch Worte, ſondern durch einen einfachen Blick: Ich bin Dieſelbe, die ich geſtern war! Ich bin Die, die ſich in der Mondnacht deiner Um⸗ armung nur darum entwand, um dir, wenn du willſt, für's Leben zu gehören! Laſally ſprach Einiges über den Gaul, den er Dankmarn hatte ſatteln laſſen. Die⸗ ſer, ſeit frühen Jahren ein geübter Reiter, fand ſich bald auf ihm zurecht und erfreute Melanie nicht we⸗ nig durch ſeine kundige Haltung der Bügel und der Lenkſeile. Sie trug einen grauen Hut mit ſchattiger breiter Krempe, einen blauen Schleier und ein weites, bis oben geſchloſſenes, gleichfalls blaues Reitkleid. Die Reitgerte hielt ſie unter dem linken Arm angepreßt, während die linke Hand die Zügel hielt, denn in der diet Schl begü des quem hheilt Schlo feigte und( bende Keni 269 Rechten hatte ſie ein weißes zierliches Papier, von dem ſie Verſe ablas, die ihr heute ſchon in aller Frühe überreicht waren. Sie kamen vom Pfarrer, der ſie ihr am Fuße des Schloßberges entgegengehalten und einen Abſchied genommen hatte, von dem Mela⸗ nie verſicherte, er hätte ſie mehr beängſtigt als erfreut. Denn ich bin wol glücklich, ſagte ſie, Die zu erobern, die mir gefallen, aber geſchätzt zu werden, wo man es am wenigſten erwartete, ſetzt in Verlegenheit! Am Ende des Dorfes, dicht vor Zeck's Schmiede, hielten drei Reiſewagen, die ſchon die ganze übrige Geſellſchaft aufgenommen hatten. Nach der Abreiſe Melanie's und ihrer Mutter wollte Niemand mehr auf dem Schloſſe zurückbleiben. Man hatte bis in die tiefe Nacht gepackt und ſich mit wenigen Stunden Schlaf begnügt. Dieſe lebensfrohen, vom Daſein ſo begünſtigten Herrſchaften reiſten mit allem Comfort des Beſitzes. Die Wagen waren elegant und be⸗ quem, die Kutſcher in Livreen. Recht großmüthig theilte Melanie's Mutter noch an die Diener des Schloſſes Geldſpenden und Geſchenke aus; kärglicher eigte ſich Reichmeyer, der ſich zu ſeinen Zeitungen und Curſen zurückſehnte. Die Wirthſchaftsräthin war geradezu geizig. Bartuſch, der Hannchen Schlurck gegenüber /ſaß, theilte außerdem noch an die alte Bri— gitte manche Befehle aus und verhieß eine baldige Rückkehr, worauf ſie nicht zu erwidern verfehlte, daß ſie Alle in Gottes Hand gegeben wären und daß der alte Winkler den Tag des Herrn bald werde anbrechen ſehen. Dann wandte die Alte ſich zu Dankmarn hin, der eben mit Melanie von der Krone daherſprengte und beantwortete Bartuſchens heimlich an ſie gerich⸗ tete Frage, ob ſie nicht glaube, daß dieſer Herr der Prinz Egon wäre, mit den Worten: Ueber ein Kleines wird man ihn ſehen und über ein Kleines wird man ihn nicht ſehen! Bariuſch machte ihr ſeine Frage deutlicher. Der Prinz! Der Prinz! ſagte er. Kennt Sie ihn nicht mehr? Die Alte hatte ſo viel Angſt vor dieſen fremden Leuten, daß ſie Alles, was man ſie fragte, nur halb verſtand. Da meinte ſie denn Viele ſind berufen, aber Wenige auserwählt! Bartuſch hätte ſie nun lieber ſollen ſtehen laſſen. Dieſe gute Alte war eben durch die lange Gewöhnung an kirchliche Aeußerungen, durch überixdiſche Sehnſucht, zwei Jahre der Furcht und des Schreckens vor einer Zukunft von vielleicht noch einigen Ichren der Ent⸗ behrung, in einen ſolchen Zuſtand der Werdumpfung gerathen, daß ſie nur das allernächſte Wirthyſchaftliche el en grüßt Reiſe ſtum getrie auf dem ſen J finm Con als ſ noch begriff und auf Bartuſch's erneuertes Drängen, ob ſie jenen jungen Mann nicht für den Prinzen Egon halte, unfähig war, ſich zu ſammeln und vernünftig zu antworten. Auch die beiden Zecks ſtanden ſchon vor der Schmiede und gafften, der Blinde als wenn er ſehen, der Taube als wenn er hören könnte. Seit Jahren ſchon waren ſie gewohnt, ihre Sinne gegeneinander auszutauſchen, und ſo kam es faſt, daß der Blinde beſſer ſah als der Taube, und der Taube beſſer zu hören ſchien als der Blinde. Sie faßten ſich Beide an; denn das Pferdegetrappel machte den Stand ſelbſt unter dem Vordache der Schmiede gewagt. Der alte Zeck lächelte, weil er viel zu wiſſen ſchien, der junge lächelte, weil er entſchieden nichts wußte und einfältig war. Jener grüßte in einem fort und ſprach laut die lebhafteſten Reiſewünſche aus, dieſer nickte Allen zu und beſtätigte ſtumm, was der Vater haſtig und von innerer Unruhe getrieben faſt in die Luft ſprach, denn Niemand hörte auf ſie; ſelbſt Dankmar nicht, dem dieſe Menſchen ſeit dem Beſuche des Amerikaners und Heuniſch's harmlo— ſen Mittheilungen nicht mehr gefielen. Nur Bello fümmerte ſich um ſie und klaffte auf ſeinem zum Four⸗ gon nmgewandelten Einſpänner viel unfreundlicher, gls ſich für den Abſchied und die Ohren der Damen geziemte. Dankmar hörte dem Thiere die Freude an, zu ſeinem Herrn, dem Fuhrmann Peters, zurückzu⸗ kommen, von deſſen Schickſalen an der Schmiede es mehr zu wiſſen ſchien als Peters ſelbſt. Doch ſuchte er den Lärmmacher ernſtlich zu beruhigen. Als ſich denn endlich der Zug in Bewegung ſetzte und die Reitenden noch eine Weile an den Wagen⸗ ſchlägen ſich hielten, kam man noch einmal auf den ſonderbaren Abſchied des Pfarrers zu ſprechen, der am Wege oberhalb einer Anhöhe ſtand und mit dem Tuche Allen nachwehte. Dankmar ſagte zu Melanie: Den haben Sie auf dem Gewiſſen! Der iſt an Ihrem Sonnenſtrahl noch einmal wie zu neuem Leben erwacht und kommt mir vor, als wenn er beſchloſſen hätte, den nächſten Schnee auf dieſen Bergen nicht mehr abzuwarten! So ſoll er uns willkommen ſein! ſagte Melanie. Seine Verſe verrathen denſelben Geiſt, den Sie ihm auch in ſeinen Reden werden angemerkt haben. Ich glaube es iſt ein Poet. Etwas viel Gefährlicheres, ſagte Dankmar. Es iſt ein Genie; wenigſtens glaubt er es zu ſein. An Betrachtungsformen der Dinge, an Reflexionen, ſie bald ſo, bald ſo ſpielen zu laſſen, ſcheint er in der That ſovie ſpräc feit; bis vons üßte D verme D Die de an, rückzu⸗ lede es ſuchte gſetzte Jagen⸗ auf den n, det nit dem iſt al nLeben ſchloſſe en nic Nelan Sie i 04 ' n.* überreich zu ſein. Von dieſer Gattung Menſchen hatt' ich immer eine Ahnung, wie ſie wol ſein könnten und nun bin ich begierig, ob ſich jetzt mit Ihrer Abreiſe das in Aufruhr und wilde Gährung gebrachte bedeu⸗ tende Element in dieſem da legen wird und er zurück⸗ kehrt zur gewohnten Ordnung und Reſignation ſeines Lebens, oder ob es ihn nicht mehr ruhen läßt und er noch einmal den Faden ſeines Lebens, den er frü⸗ her mit der Fürſtin im Pietismus faſt verſponnen hat, zu einem neuen Gewebe anlegt.... Wäre das ein Doctor, ſagte Laſally kurz und mit einer Art trockenen Humors, wie Alles was er ſprach; wäre Das ein Doctor, von dem ließ' ich mich nicht ruriren, und wenn mir nichts als ein Finger weh thäte. Es iſt wol möglich, ſagte Dankmar, daß er Ihnen ſoviel von dem Weſen einer Entzündung der Hand rräche, ſoviel geiſtreiche Wendungen für die Wichtig⸗ ſeit der Fünfzahl im menſchlichen Körper vorbrächte, lis ein ganz proſaiſcher Chirurg kommen und Ihnen von Ihren fünf Fingern den einen kranken abſchneiden müßte. Dankmar ſagte Das an der Stelle, wo ihm der vermeintliche Egon die Viſitenkarte gegeben hatte.... Darüber zwar geneigt, in Betrachtungen zu ver⸗ Die Ritter vom Geiſte. II 18 274 ſinken, konnt' er doch ſ olchen ernſtern Stimmungen nicht nachgeben; denn Melanie duldete keine Pauſe. Man kennt ja jene Stimmung der glücklich Liebenden, wenn ſie ihr Geheimniß unter gleichgültig ſcheinenden Scherzen zu verbergen ſuchen und von der innern, ihre Bruſt mit dem Gefühl aller Seligkeiten zu ſprengen drohenden Macht getrieben, in holdem Muthwillen bald nach dieſem, bald nach jenem Gegenſtande und Gedanken greifen, deren wirres Durcheinander wol den ober⸗ flächlich Blickenden dann täuſcht, dem tiefern For⸗ ſcher und Kenner der Herzen aber ſich gar bald ver⸗ räth! Wenn auch hier die Forſcher und Kenner fehlten, ſo fehlten doch Die nicht, die Melanie's Natur kann⸗ ten. Alle wußten, daß der junge Fremde, der auf die Länge ihnen immer höher wuchs und für den Bruder eines in Melanie ohne Erhörung verliebten Malers faſt zu hoch von ihr verehrt wurde, nicht Das ſein ſollte, wofür er ſich ausgab. Man flüſterte ſtau⸗ nend vom Prinzen Egon. Hatte man doch auch von einem Diener gehört, daß er einen mit einer Krone geſiegelten Brief zur Poſt gegeben! War man doch betroffen über ſeine genaue Kenntniß aller innern und äußern Beziehungen der fürſtlich Hohenberg'ſchen Fa⸗ milie! Nur das Wohlwollen ſchien ihnen befremdlich, nnicht Man enn ſie cherzen iſt mit henden Hnach danken 1 obel⸗ n dor⸗ d vei⸗ fehlten, r kann der auf für den erliebten ht Das te ſtal uch bo Kront an do rern um h en R renölt 275 das er ihnen Allen nicht entzog. War es der junge Fürſt, ſo hatten ſie Alle das Gefühl, daß er ihnen Etwas ſchenkte, worauf ſie kaum Anſprüche machen durften. Und war er freundlich, ihrer finanziellen Anſprüche wegen, ſo lag darin Etwas, was ihn wie⸗ der geringer erſcheinen ließ, als ſeiner Art zu entſpre⸗ chen ſchien. Herr von Reichmeyer faßte ihn ſchon gering. Er nahm oft Gelegenheit, ſeine Unzufrieden⸗ heit mit Vielem auszuſprechen, was ſich ihm auf der Reiſe durch die Herrſchaften des Fürſten zur Aner⸗ kennung oder Rüge darbot, und machte ſich in der ganzen vollen Bedeutung geltend, die er dem bedräng⸗ ten Erben haben mußte. Dankmar, unbekümmert, genoß nur den Augenblick. Er ließ ihn nur. noch von Melanie erfüllen. Sie hatte ihm geſagt, daß ſie den Intendanten auf dem Heidekruge einholen würden und daß bis morgen das Bild in ſeinen Händen fein würde. Mehr bedurfte es nicht... Er ließ Alles geſchehen um des Bildes und um des ſüßen Abenteuers willen. In vollem Zuge genoß er das Glück des ſtillen Einverſtändniſſes mit einem reizenden Weibe. Beſeligt empfand er die Macht eines einzigen jener Blicke, die aus Melanie's dunkeln, liebeverhei⸗ ßenden Augen ihn für tauſenderlei gleichgültiges Ge⸗ plauder, Forſchen, Blinzeln, Moquiren entſchädigen 18* 276 ſollten. Konnte ihm denn entgehen, daß Melanie nur ſeinetwegen ſo muthig auf ihrem Roſſe aushielt, daß ſie nur ſeinetwegen mit den Leuten am Wege ſcherzte? Zwar gab ſie ſich die Miene, von einer brennenden Sehnſucht nach dem Intendanten verzehrt zu werden. Sie fragte Jeden, ob ſie nicht den ſchönen Mann in dem eleganten Reiſewagen hinter der großen Thier⸗ bude geſehen hätten und da durch dieſe Oerter noch der Transport des Mobiliars bei Nacht geſchehen war, ſo ſtellte ſie ſich untröſtlich, von Niemanden Auskunft zu erhalten.... Hier hat er geſchlummert, rief ſie, hier haben ſeine kleinen Ohren ſich in die Kiſſen ſeines Wagens gedrückt! Hier über dieſen Stein rollten vielleicht die Räder ſeines Landaus und weckten ihn aus einem Traume, wo ich vielleicht eben vor ihm niederkniete und ihm ſagte: Einziger! Nur du! Nur dul! Und wenn die Leute über eine gefahrene Thierbude, von der ſie ſprach, erſtaunten, hier und da wol auch Je⸗ mand von dem ungeheueren Wagen gehört hatte, ſo ſagte ſie Andern wieder, es wäre eine Hütte, die ihr Ge⸗ liebter mit ſich führe, dieſelbe Hütte, wo er ſie zum erſten male geſehen und die er deshalb mit in ſein Schloß nähme, um ſie unter eine Glasbedeckung zu ſtellen.. nie nur lt, daß cheerzte? nenden verden. ann in Thier⸗ ter noch ſen war, uskunft en ſeine edrückt! ſeines 6 . wo ich zſagte: jierbude, auch Je ſoſge ihr Ge ſie zun in ſet kung Mit ſolchen Scherzen vergingen die erſten Stun⸗ den des Morgens, bis man ſich am Gelben Hirſche ſammelte und dort ein Frühſtück einzunehmen beſchloß. Comfortables Geſchirr und feine Küche hatte man bei ſich. Eier und Butter gab die Wirthſchaft, die von dem Bruder der hier nicht gern verweilenden Wirth⸗ ſchaftsräthin geführt wurde. Zu verwandtſchaftlichen Begrüßungen blieb hier nicht viel Zeit; denn die ſo außerordentlich zahlreiche Geſellſchaft drängte und ſetzte alle Hände des Wirthshauſes in Bewegung. Der Bruder der Frau Pfannenſtiel war wiederum nicht zu⸗ gegen. Man ſagte ihr, ſie könnte ihm vielleicht noch begegnen; er wäre in Helldorf, wo die angeſehenen Eigenthümer der Gegend ſich zu einer Wahlbeſprechung unter dem Vorſitz des Heidekrügers Juſtus verſammelt hätten. Die Wirthſchaftsräthin wußte, daß ihr Bru⸗ der ſtark Politik trieb und war froh, daß ſie ſein drittes Wort nicht hörte: Schweſter, thu' Etwas für mich! Ich habe ein halbes Dutzend Kinder.... Dieſe Kinder ſchmiegten ſich denn auch, während die Mutter von der Verlegenheit über ſoviel Gäſte faſt überwäl⸗ tigt war, an die Tante, bekamen aber wenig andere Zärtlichkeit von ihr erwidert, als daß ſie ſich das Zer— drücken und Beſchmutzen ihres ſeidenen Kleides ver⸗ bat. Sie würde ihnen gern, ſagte ſie, von den Lecker— biſſen der Wagenvorräthe abgegeben haben, wenn ſie nicht dann jene Beſchädigung hätte fürchten müſſen.... Lenchen lächelte dazu fein, ungläubig und betrachtete ſie kaum.... Was iſt Blutsverwandtſchaft, wenn ſie nicht durch den ebenbürtigen Geiſt vermittelt wird! I Unter einem Apfelbaum hinterm Hauſe nahm die I Geſellſchaft Platz und breitete ihre Vorräthe aus, wäh⸗ 8 rend die Dienerſchaft auf Käſe und Butter aus der Wirthsküche und eine ſchnelle Reviſton aller Hühner⸗ neſter angewieſen war. Frau von Reichmeyer vertheilte Teller, Servietten, Gläſer, putzte und reinigte, was ihr nicht ſauber ſchien, während die Juſtizräthin mit gutmüthigen Entſchuldigungen ihre ſcharfe Kritik wieder kritiſirte und Alles zum Beſten zu kehren trachtete. So heiter man ſchien, ſo entging es Dankmarn doch nicht, daß er anfing die Geſellſchaft zu drücken. Seine Anweſenheit beläſtigte wol nicht, im Gegentheil mußte ſie Allen, ſelbſt Laſally, der oft von ſeiner An⸗ klage gegen Hackert ſprach, intereſſant erſcheinen; allein der Hinblick auf ihn wurde doch ein befangener. Bar⸗ tuſch hatte ſich entſchließen müſſen, Schlurck's Brief mitzutheilen. Er ging heimlich von Einem zum An⸗ dern. Man las, man verglich, man zweifelte und glaubte, jenachdem Dankmar in der Laune war, die * enn ſie ſen.... rachtete enn ſie ird! hm die 1 wäh⸗ aus der Sühnet⸗ erceile e, was hräthin Kritik kehren mimarn drücken. ggenthel iner An⸗ allein -r. Bu⸗ 3 Brief 1n Anr elte und war, geheimen Zeichen des Zweifels und des Glaubens, deren Gründe er wol errieth, durch ſein Benehmen zu unterſtützen oder zu widerlegen. Hätt' er nicht immer noch annehmen müſſen, dieſe doch hochſtrebende, von der großen Geſellſchaft verwöhnte Melanie gäbe ſich ſeinen Planen vielleicht doch wol nur hin, weil ſie in ihm die Eroberung eines Fürſten zu haben gglaubte, er hätte dem zweifelhaften Schimmer ſeines Ichs bald ein Ende gemacht und ſich offen als das anſpruchloſe Glied der Geſellſchaft zu erkennen gege⸗ ben, das er wirklich war. In dieſer Stimmung kam ihm ein Gruß ſehr willkommen, den ihm ein an dem Apfelbaume Vor⸗ übergehender ſchenkte. Es war Heuniſch, der Jäger. Alle kannten ihn. Es befremdete nicht wenig, daß Dankmar, den das ſeinetwegen ſtockende Geſpräch faſt verlegen machte, aufſtand, Heuniſchen, der ins Haus gehen wollte(er kam durch den Garten, vom Felde her) auf die Schulter ſchlug, ihm freundlich die Hand ſchüttelte und mit ihm nach der Straße zu durch das Haus ging. Die Kinder umjubelten den fleißigen Beſucher dieſer Stätte, auf der ihm ſo Schmerzliches begegnet war. Sie grüßten ſeinen Hund, den ſie liebkoſten. Sie nahmen dem Onkel, wie ſie Heu⸗ niſch nannten, den Hut und ſelbſt die Flinte ab, die er ihnen heute gab, weil ſie nicht geladen war. Das Pulverhorn behielt er. Dankmar knüpfte gleich an Heuniſch's Erinnerun⸗ gen an und wollte von Ackermann, von Selmar, von der Urſula und ihrer Erbſchaft hören. Während die Geſellſchaft im Garten frühſtückte, ſetzte er ſich mit Heuniſch auf die Bank vor dem Gelben Hirſch, dicht unter eines der Enden des gewaltigen Geweihes, das m über der Thür als Wahrzeichen einer Herberge hing, die man nach der Geſinnung des Herrn Droſſel ein demokratiſches Widerſpiel des„Heidekruges“ nennen konnte. Gelb hieß der Hirſch wol deshalb, weil das Haus grell gelb angeſtrichen war oder... umgekehrt. Wir werden begierig ſein, wie die Anſichten des lebhaften, unruhigen, in ſeinen Finanzen zerrütteten Hirſchenwirthes in Helldorf mit denen des Heidekrü⸗ gers über die Wahl des Juſtizraths Schlurck zuſam⸗ mentreffen müſſen, wollen uns aber einſtweilen mit Dem begnügen laſſen, was uns unſer alter Freund, der gutmüthige Jäger, noch aus ſeinem grünen Reviere erzählen wird. r. Das nnerun⸗ ar, von end die ich mit c, dicht zjes, da ge hing, oſſel ein nennen veil das gekehrt. hten des rütteten hedelti⸗ zuſam⸗ ilen mi Freund Revie Elktes Capitel. „ Ein Nachhall aus dem Walde. Heuniſch, der Förſter, war ein ſo zerſtreuter, gutmü⸗ thig vergeßlicher Mann, daß er nicht errathen konnte, was er eigentlich Dankmarn zu berichten verſprochen hatte. Er fing ſogleich, als ihm Lenchen einen Trunk Bier gebracht hatte, den er neben ſich auf die Bank ſtellte, während Dankmar durch Abrücken Platz machte .. er fing ſogleich von Dem an, was Dankmar bereits wußte. Ja, ja, ſagte er, hier hab' ich meine erſte Braut, das Riekchen Droſſel verloren. Da die Scheune iſt, wie Sie ſehen, neu gebaut und auch das Wohnhaus iſt faſt neu; doch ſind's ſchon wieder fünfzehn Jahre her und Alles ſieht ſchwarz und vergeſſen aus. Ha⸗ ben Sie denn in der Ullaſchlucht das Kreuz geſehen? 282 Welches Kreuz? fragte Dankmar, ſelbſt zerſtreut. Das Kreuz um Sägemüller's Nantchen! Die Leute weiſen ja jeden Fremden dahin und erzählen ihm mein Elend... Dankmar beſann ſich und bedauerte, ſich die Stätte nicht angeſehen zu haben. Das Kreuz an dem Waſſerſtrudel, ſagte Heuniſch, iſt gleich von Hauſe aus ſchwarz. Drum hält ſich's immer wie neu. Die Frau Fürſtin ließ es ſetzen. Sie war doch gut... und eigentlich iſt's nicht recht, daß ich öfter hierher gehe als an das Kreuz. Warum nicht? Hier findet Ihr Troſt und Labung. Nein Herr, ſagte Heuniſch, oft werf' ich mir's wirklich vor, daß ich lieber hierher gehe und mich ge⸗ wöhnt habe, faſt alle drei Tage bei Droſſel's zu ſein, als auf die Sägemühle zu, wo ich ſelten hinkomme und doch weiß ich nicht, weſſen Tod mich mehr ge⸗ ſchmerzt hat... Nantchen's oder Riekchen's. Nant⸗ chen war ſchelmiſch und behend wie ein Reh; ſonſt hätte ſie mich Riekchen nicht vergeſſen laſſen, die ſo freundlich hier die Gäſte empfing und gleich wenn ſie bedient hatte, ſich wieder zum Arbeiten hinſetzte, da hinter die Blumen am Fenſter. Lieber Gott, ich rede von da⸗ mals! Damals lag das Fenſter hier unten rechts und Blumen waren dahinter gezogen wie eine Laube. Ich ſtreut. eLeute mein Stätte uniſch, ſich's ſetzen. 1 recht, abung. mir's ich ge⸗ zu ſein, komme ehr ge⸗ Nant⸗ ſonſt die ſo enn ſie Phinter von da ts un eA ſehe ſie noch mit ihrem Kamm von Schildpatt und Elfenbein hinterm Goldlack.... Jetzt iſt der Flügel ganz abgebrannt und neu angebaut, die Scheune iſt neu und der Stall. Der Wind trieb den Brand nach Scheune und Stall und im Hauſe verbrannte Die nur, die verbrennen ſollte. Verbrennen ſollte? fragte Dankmar verwundert. Wer wollte denn, daß ſie verbrannte? Iſt's denn nicht Gottes Rathſchluß, ſo wie ſo, und was uns beſtimmt iſt, wer kann ihm entgehen! antwortete Heuniſch nachdenklich. Er kam dann auf die Schweſter ſeiner Braut, die er wol erkannt, aber nicht gegrüßt hatte... die Frau Wirthſchaftsräthin. Ueberhaupt war er erſchrocken, da unter dem Apfelbaum ſo die ganze„Beſcherung“ vom Schloſſe anzutreffen.... Was ſie wol mögen herausgebracht haben über unſer Aller Schickſal, fragte er; denn— nehmen Sie mir's nicht übel, Herr... Sie gehören doch wol auch... Zu den Gläubigern? ſagte Dankmar kopfſchüttelnd und gab ihm den Troſt, daß ſich der Prinz ohne Zwei⸗ fel noch entſchließen würde, die Herrſchaft beizubehal⸗ ten, worüber Heuniſch große Freude bezeugte. Dann aber fuhr Dankmar fort: Aber Heuniſch, Sie ſind mir ja noch Eins ſchul⸗ dig... wiſſen Sie denn nicht mehr?... Ich wollt' Ihnen was erzählen? Von der Fränz in der Stadt? Nicht wahr? Nein! Nein! Von den Kugeln unterm Ebereſchenbaum? Erfuhr ich ſchon... Nein, nein!... Ob die Urſula Marzahn... geſtanden hat, daß ihr der Ame⸗ rikaner... Ah Das, Herr! Ja offen und ehrlich hat ſie's! ſagte Heuniſch lachend. Alles hat ſie geſtanden, das Geld hergezählt und mir übergeben, freilich in ihrer Art, accurat ſo, daß Einer, der ſie nicht kennt, lie— ber nichts davon hätte wiſſen mögen... Wie denn? fragte Dankmar, mehr wegen Acker⸗ mann's und des Knaben, als wegen der Urſula ge⸗ ſpannt. Wie ich hinüber kam in mein Haus, erzählte Heu⸗ niſch, da begegnete mir ſchon an der Wieſe der fremde ſtattliche Herr mit dem lieben Jungen. Alleeliebſtes Kind Das! Nach ſeinem Geſchäft, wenn es doch ein geheimes ſein ſollte, mochte ich ihn nicht fragen und er ſagte ſelbſt weiter nichts davon und grüßte blos. Da er denn aber doch in meinem Hauſe war, ſo blieb ich ſtehen und er fing an recht freundlich zu werden z3 ſchul⸗ r Fränz 285 und meinte, daß ihm die Alte nicht gefalle. Ei, Herr, ſagt' ich, die hat ſchon Manchem nicht gefallen, kom⸗ men Sie aber nur wieder mit zurück; es hat eben Jeder ſeine Art. Nein, nein, ſagte er und der kleine Burſch ſchmiegte ſich ihm ordentlich furchtſam an, ſie hat den tauben Schmied da behalten, mit dem ſie ſich ſo wahnwitzig curios verſtändlich macht, daß Leute, die hören können, beſſer die Ohren zuhalten und da⸗ vongehen. Hätte mein Junge Drüſen am Hals oder ſonſt ein Kinderübel, ſo käm' ich ſchon wieder; denn die Alte ſcheint mir zu den Wahrſagerinnen, Karten⸗ legerinnen, und ums gerade herauszuſagen, zu den Hexren zu gehören! Das war rundweg geſprochen, Heuniſch! Da ich mich dagegen im Grunde nicht ſträuben konnte und es geſchehen laſſen muß, wenn man die Urſula ſo nimmt, wie ſie ſich eben gibt, ſo mußt' ich ihn wol ziehen laſſen. Nun aber hielt der Amerika⸗ ner mich ſelber auf und fragte die Kreuz und Quer, nach Feld, Wald und Wieſe in Hohenberg und wollte Tauſenderlei von unſerer Oekonomie wiſſen. Endlich kam ich in mein Haus, wo ich denn richtig die Urſula mit der goldenen Beſcherung antraf. Sie hatte all ihr Gold, es waren hundert doppelte Friedrichsdore, in der Schürze und rief mich gleich an: Schnappauf, Junge! Schnappauf Junge? wiederholte Dankmar. Das klingt ja ganz kindlich! Ich mußte gleich die Mütze hinhalten und in die Mütze, die ich hinhielt, ſchüttete ſie's mir, Alles baar und blank und tanzte dabei wie närriſch.... Tanzte? Sie hielt's für Katzengold, ſagte ſie. Katzengold? Heuniſch, dann müßt Ihr's doch wol wiegen laſſen. Wie ſo? Sie kann's ja gleich verhext haben. Ach Spaß! Ich ſah ſchon, daß die Friedrichsdore echte Landsvaterwaare ſind und über Nacht nicht wie⸗ der Kohlen werden. Nächſten Sonntag ſollen die Zeck's bei uns zu Mittag ſpeiſen und da wollen ſie Gelde beginnen. Seht! Seht! ſagte Dankmar, da werdet Ihr ja einen feierlichen Sonntag haben.... Ich mag nicht dabei ſein; antwortete der Jäger. Wo man vielleicht Wein trinkt? Der Blinde verdirbt mir den Appetit.... Ihr ſöhnt Euch aus... Mit einem Habgierigen nicht! Iſt Das ſo ein Währwolf? denn zuſammen abmachen, was ſie mit dem vielen ar. Das d in die les baar doch wol richsdore icht wie⸗ llen die ollen ſie n vielen t 3hr Jiga 287 Ein Blutſauger, was das Geld anlangt... Der blinde Zeck? Der Menſch iſt heimlich, wie ich Ihnen ſchon ge— ſagt habe.. Unheimlich... Aber man könnte ihn in Ehren grünen und blü⸗ hen laſſen, was die Arbeit, den Fleiß und die gute Aufführung anlangt.... Und dennoch? Seine Habgier! Das iſt die Plage! Er ſcheint doch in leidlichen Umſtänden... Für ſich bedarf er nichts, aber ſein Junge... den liebt er, wie ein Affe ſeine Jungen... Macht ihm Ehre.. Wol! Das ſag' ich auch. Aber Alles in ſeinen gehörigen Grenzen. Da habt Ihr Recht! Wie quält er ſeine Schweſter! Seine Schweſter? Quälen? Erkennt die Urſula einen Meiſter? O Herr, Das iſt nicht zu ſagen! Ich warf ihn ſchon oft zur Thür hinaus! Was, glaub' ich, nicht leicht iſt. Er hat Arme! Daß er nicht ſehen kann, iſt ſein einziger Jam⸗ mer... aber am Zuſchlagen hindert's ihn nicht. —— Er ſucht wol, wo es etwas zu fiſchen gibt? Für ſeinen Jungen, für den er ſammelt, für den er ſpart und geizt... denn es iſt wol ein elender Menſch, der Sohn, wenn der Alte einmal... Die Augen zuthut, kann man nicht ſagen... Kann man nicht ſagen... Aber doch ſieht er mit den Händen, mit den Füßen, mit der Naſe, mit den Ohren. Da iſt in unſerm Forſthauſe ein Schrank... Sie hätten uns doch beſuchen ſollen.. Das nächſte mal, Heuniſch! Den Schrank hab' ich der Urſula gelaſſen, weil er ihr ſchon bei Marzahn gehörte. Da hat ſie alle ihre Papiere drin und Geldſachen und Quackſalbereien und was weiß ich... Ihr ſeid, bei Gott, nicht neugierig! Nein, Herr! Vertrauen und Accurateſſe! Das war immer mein Wort! Ich laſſe die Urſula in ihren Schrank legen, was ſie will. Und wenn der Schlüſſel auf dem Tiſch läge.... Ihr nähmt ihn nicht? Ich nähm' ihn nicht.... Aber Zeck? Der wäre nicht ſo rückſichtsvoll? Auf den Schrank hat er's! Den umſchnüffelt er! Da wittert er ⸗Gold und Silber und Erbſchaften und Verſchreibungen.. wel benen nomy bt? für den elender ht er mit mit den rank... ſen, weil ſie alle albereien Das war in ihren Schlüſſ oll? riffel fften u Alles für ſeinen Sohn? Für den Jungen, der einmal blinder als blind iſt, wenn der Alte nicht mehr iſt. Doch immer eine väterliche Fürſorge! Etwas Acht⸗ bares dabei! Ei ja! Ich will's gelten laſſen. Ich gönn' ihm ſein Geld, ich gönn' ihm die Erbſchaft, die der feine Herr aus Amerika gebracht hat... aber... Von wem kommt denn die Erbſchaft? Im Vertrauen, glaub' ich— von einem verſtor⸗ benen Bruder, der hoffentlich ein ſeligeres Ende ge⸗ nommen hat als er es verdiente.. Eine ſeltſame Familie! Laſſen Sie's gut ſein, Herr! Ich hab's nie wiſſen mögen, warum ſie ſeltſam iſt und ſo weiß ich auch nicht, warum Schweſter und Bruder an das Gold nicht glauben wollen.... Das ſie doch mit Händen greifen? Das ſie mit Händen greifen! Katzengold, ſagt die Urſula.... Der Bruder war doch etwa... kein Falſchmünzer? Stille! Stille! Das iſt wieder mein vergrabener Brunnen.... Ich war geſtern Abend noch an der Schmiede. Der Blinde ſitzt vor ſeinen Goldſtücken Die Ritter vom Geiſte. II. 19 200 und klingt Eines an das Andere an, ob es auch echt iſt.... Das nenn' ich Mistrauen! Ja, ja, Sie lachen, beſter Herr! Ich ſitze, weiß Gott, recht unter tollen Geſchichten und wenn ſie mir denn doch zu bunt werden, geh' ich hier hinauf in den Gelben Hirſch. Hier iſt's luftig und frei. Ein geſunder Zug in die Bruſt hinein ſtärkt mir die Lun⸗ gen hier, und hätt' ich nicht Hunde daheim und ein paar alte Eulen und eine ganze Stube voll Vögel und freilich auch mein Brot im Walde und die Hoff⸗ nung, die Fränz kommt einmal aus der Stadt für immer wieder heraus zu mir, ich ginge am liebſten nicht wieder hinein, ſo ſchwül wird's mir manchmal, denn die Geſpenſterſeherei der Alten nimmt überhand.... Dankmar nahm innigen Antheil an dem guten treuen Menſchen und erzählte ihm auch ſeinerſeits Eini⸗ ges von der Verlegenheit, in die er durch die bei einem ihrer Geſpenſter gefundenen Kugeln käme... Das Geſpenſt da, ſagte Heuniſch raſch, hab' ich ſeit⸗ dem auf dem Strich und bin ihm ſchon ſo nahe bei⸗ gekommen, daß ich ihm ein Halt da! Steh Canaille! hätte zurufen können.— Wirklich? fragte Dankmar geſpannt und faſt in der Hoffnung, der Förſter möchte ihm nun ja Hacker⸗ es auch ite, weiß n ſie mit zinauf in frei. Ein die Lun⸗ n und ein oll Vögel die Hof Stadt fü m liebſte manchmal erhand. dem gut rſeits Ein e bei einen ab ich ſe „ bi ) nahe d Canall nſ und ſa rja 3 291 ten als den Verdächtigen bezeichnen, ſeinen Begleiter, den er von ſeinen Anzüglichkeiten auf die ſchöne kleine Franziska ſchon kannte. Es kam auch ſo zum Vorſchein. Der Jäger ſagte: Da Sie ſelbſt darauf kommen.. will ich auch nicht zurückhalten... Sprecht offen! ſagte Dankmar. Wir ſind gute Freunde... Drum thut mir's leid, daß Sie mit dem... Alſo der Rothhaarige, der mit mir hier auf dem Gelben Hirſch... Der Buſchklepper, den ich ſeitdem hier und da herumſpuken ſehe... Geſtern Nacht hatt' ich mich bei den Holzſchlägern verſpätet. Die Leute müſſen bis in die helle Mondnacht ſchlagen, um nur für die Nimmerſatts da unterm Aepfelbaum aus unſern jun⸗ gen Pflanzungen, die ſich kaum erholen können, Sil⸗ ber zu münzen. Sprechen Sie leiſer! Ach was! Sie können's hören! Mit der Frau Wirthſchaftsräthin, Herr, können Sie doch nicht un⸗ ter einer Decke ſtecken. Nein! Heuniſch, und wenn's eine ſeidene wäre! ſagte Dankmar lachend und geſpannt. Nun ja! Es mochte geſtern ſchon ſtark nach zehn Uhr 19* ſein, als ich meinen rothen Burſchen über die Wieſe ſtreifen ſah, die vom Pleſſener Thurm her, hinterm Gebüſch um den Schloßberg, in den Wald führt. Er rannte mehr als er ging. Mein rother Begleiter? Ich denke wol! Ich ſtelle mich hinter einen Baum, um ihn beſſer zu beobachten. Er ſieht ſich überall um, und Jeder hätte geſchworen, der Kerl hat ein böſes Gewiſſen. Endlich ging er langſamer, ich ihm nach. So mocht' ich eine halbe Stunde hinter ihm geſchlichen ſein, als ich ſehe, daß Dies der Weg zum ſchwarzen Kreuz iſt, wo mein Nantchen vom Felſen glitt. Es iſt ein geſpenſtiger Ott, faſt wie eine Kirche bei Nacht. Rings über dem Wildbach ſtehen gerade hier rundum alte Bäume und uralte Felſenſteine und ſehen ſo zackig und knorrig in die Flut hinunter, daß ich mir ſchon manchmal gedacht habe, wenn die alten Aeſte einmal lebendig würden und huſch! wie Schlangen durcheinander führen und dich einmal packten, Heuniſch! Ihr habt Phantaſie, Heuniſch! Es preßt mir immer die Kehle, wenn ich an den Ort komme und das Kreuz ſo ernſt, gerade als ob es reden wollte, da oben ſteht und mir vorwirft, da ich am Ende das Riekchen hier doch lieber gehabt hätte, weil ich immer auf dem Gelben Hirſch bin.... ie Wieſe hinterm ührt, Er Baum, überall (hat ein ich ihm nter ihm Weg zum m Felſen ne Kirche n gerade teine und nter, daß die alten Schlangen Heuniſch ch an del 4 de alo U” wirft, da abt hätt Ihr ſeid zu gewiſſenhaft, Heuniſch! Nantchen von der Sägemühle freut ſich im Grabe, wenn Ihr ge⸗ tröſtet ſeid. Da bin ich denn umgekehrt und hab' den Schelm aus dem Geſicht verloren. Nun hab ich's aber der Urſula erzählt... wiſſen Sie, was Die ſagte? Ich bin begierig... Es iſt zum Lachen, fuhr Heuniſch fort; das ſchwach⸗ ſinnige alte Weib ließ ſich nicht ausreden, daß ſie ihren Bruder geſehen hätte. Es iſt ja Fritze aus Amerika, ſagte ſte, der uns das Katzengold gebracht hat und ſieh Einer nur nach, unten, im Bach, wo Schön Nant⸗ chen ſtolperte, da liegt noch weit mehr von dem Dreck. Geh hin, Heuniſch, da liegt ein ganzer Schatz! Ja Schatz! Mein Schätzchen liegt da! ſagt' ich aus Spaß und doch betrübt; mein Schätzel war hübſch, aber reich war ſie nicht, Urſchel! Da ſchwieg ſie und meinte blos: Laß den Fritze nicht hereinkommen, Heuniſch! Wir haben nichts mehr für ihn hier zu ſuchen, es iſt Alles fort, Alles fort. Er braucht auch keinen Tiſch⸗ ler zu ſchicken, um nachzufragen, ob wir nicht den Sarg beſtellen wollten. Laß ihn aber auch gehen! Wer auf Geiſter ſchießt, trifft ſich. Damit war ſie wieder vergnügt und ging in die Küche und richtete ein gutes Eſſen an. Wetter, ſagte Dankmar, Das wiederholt noch einmal, Heuniſch: Wer auf Geiſter ſchießt, trifft ſich, ſagte ſie? Eine alte Regel, Herr, die älter iſt, als... Der Doctor Lehmann am Rabenſtein! Wer auf Geiſter ſchießt, trifft ſich! Das iſt ſo alt, wie der bethlehemitiſche Kindermord und die Ausſetzung Mo— ſis am Waſſer und die Inquiſition und die Cenſur. Ja, ja! lachte Heuniſch. Im Walde lernt man ſein Bischen ſchwarze Kunſt. Wer auf Geiſter ſchießt, trifft ſich! Dankmar überlegte. Er ſahe, daß ſich Egon's Erzählung von der böſen Aufnahme, die er im Forſt⸗ hauſe fand, nun zuſammenſchloß mit Dem, was er hier von Heuniſch vernahm. Er wollte aber noch ge⸗ nauer forſchen. Ohne ihm Etwas von dem Gefan—⸗ genen im Thurm zu ſagen, kam er auf den Tiſchler zurück und fragte Heuniſchen, was die Alte mit dem Tiſchler gewollt hätte? Heuniſch erzählte ihm dann Alles, was Dankmar, freilich in anderer Auffaſſung, ſchon wußte und be⸗ merkte auch ganz richtig, daß Dies ohne Zweifel jener junge ſchöne Handwerker geweſen wäre, den er hier mit im Gelben Hirſch geſehen hätte. Freilich! freilich! ſagte Dankmar. Der war's. Wußte ſie nicht mehr von ihm zu ſagen? ſta einmal, Heuniſch, ſeine drängendere Neugier nicht bemer— gie ſe⸗ kend, ſagte ganz ruhig: Sie hatte genug, als er von ſich als einem Tiſch⸗ der auf ler ſprach. Denn ihre Furcht vorm Tode iſt eine vie der Schande. Sie wird auch aus purer Todesfurcht ſtein⸗ Mo⸗ alt und überlebt mich zehn mal. Ich hatte meinen enſur. Spaß mit ihr und ſagte: Urſchel, Urſchel, der Tiſch— nt man ler hat ja nur vorläufig's Maß nehmen wollen! Da chießt ſchluchzte ſie, fiel wieder in eine andere Narrheit und meinte: So groß wie ſeine Mutter brauch' ich's nicht. Epord So groß wie ſeine Mutter? fragte Dankmar er⸗ Forſ⸗ ſtaunt. Weſſen Mutter meinte ſie? lus 4 Das kann ich nicht ſagen, Herr, ſprach Heuniſch; uch ge man muß auch Nichts drin ſuchen. Die halb Ver⸗ befur⸗ näckten und Geiſterſeher haben's immer mit zweierlei dicle Menſchen zu thun, mit Kindern und mit Müttern. 5 Bei ihrem geſpenſtiſchen Bruder kommt ſie immer gleich 1 uit dem auf Kinder, die er wol kann hinterlaſſen haben, und V beim Tiſchler kam ſie gleich auf ſeine Mutter. Der aindi frühere Pfarrer in Pleſſen— wie hieß er doch— 1 und be⸗ Rudhard, ergänzte Dankmar. 4 1 ſe Ei ſieh, woher wiſſen Sie Das? fragte Heuniſch er hin erſtaunt, Rudhard... Richtig! Ganz richtig! Das 5 war ein anderer als der jetzige, der erſt ein Augen⸗ war? zwinkerer war und nun ein Schwätzer iſt. Der Rud⸗ hard ſagte einmal: Im Menſchen wäre Alles, was auf eine Mutter und auf ein Kind ginge, ein gött⸗ liches Geheimniß. Ich hab's deutlich behalten, weil's die erſte Predigt war, die ich in Pleſſen hörte, und ich kann Ihnen wol im Vertrauen ſagen, die letzte ſeit meiner Confirmationszeit. Der Mann ſagte auch: Daß ein Kind Kind ſein könne und eine Mutter Mut⸗ ter ſein könne, Das wäre ſo ſchwer zu begreifen, wie Gottes Weſen ſelbſt und drum haben's auch, wie ich an der Urſchel ſehe, die Hexen und die Teufel immer mit Kindern und mit Müttern. Das muß wol der Eingang in die Hölle ſein. Oder der in den Himmel, Heuniſch! ſagte Dank— mar und ſchüttelte ihm nun wie zum Abſchied die Hand. Ja, ja! In den Himnel! ſetzte er hinzu. Haltet noch eine Weile unter dieſen Menſchen aus, die Eurer nicht würdig ſind, bis die Fränz kommt, die beſſer, tugend⸗ hafter ſein wird, als ſie der Hallunk, von dem Ihr mir leider zu wenig erzählt habt, Euch darſtellte. Heuniſch hielt Dankmarn und ſah ihn treuherzig mit ſeinen männlichen Zügen ohne Falſch und einem guten ſorgloſen Auge an. Nicht wahr? Das meinen Sie auch? ſagte er be⸗ wegt; und nun, beſter Herr, wir ſind uns immer ſo angenehm begegnet; wenn ich einmal in die große Stadt fe es, was ein gött⸗ n, weils rte, und die letzte gee auch: ter Mut⸗ eifen, wie , wie ich el immer wol der fe Dank die Hand altet noch urer nicht end uga dem I ſtellte. treuhergg und einen gte er „ ſ immel he Sta ro dahinunter komme und Sie mir erlauben wollen, wie⸗ der mit Ihnen ein Bischen zu plaudern... Er zögerte, ſein Anliegen auszuſprechen. Offenbar wollt' er Dankmar's Namen wiſſen und Dieſer, nach der ihm einwohnenden offenen Weiſe, unbekümmert über die möglichen Folgen, hielt es für ſeine Pflicht, dem Ehrlichen gegenüber ehrlich zu ſein und ſagte: Ich heiße Dankmar Wildungen, bin ein Referen⸗ dar beim Gericht. Wenn Sie den Namen behalten, finden Sie mich wol auf oder fragen Sie nur bei dem Gericht. Dankmar Dankmar Wildungen! wiederholte Heuniſch lang⸗ ſam und nachdenkend, als wollt'er ſich den Namen des ihm ſo liebgewordenen jungen Mannes recht einprägen. Dabei hielt er aber noch immer Dankmar's Hand feſt.... Und als dieſer die Wagen vorfahren hörte und ſich ihm nun langſam entziehen wollte, brach Heuniſch ge— rade mit Etwas hervor, was er noch auf dem Her⸗ zen gehabt hatte und was auch vielleicht die Urſache ſeiner großen Offenherzigkeit geweſen war.... Und wenn nun, ſagte er faſt ſchlau lächelnd, wenn nun die Zeck's nächſten Sonntag bei mir zu Hirſebrei in Milch und einem Rehbock oder was ſonſt die Urſchel und meine Flinte beſcheren wird, kommen und Rath ſchlagen, wo ſie mit den vierhundert Friedrichsdoren — denn ſo viel ſind's— hin ſollen und Heuniſch auch ein Wort mitſprechen möchte: Was rathen Sie mir da wol? Wo legt man nun ſolch Geld jetzt am beſten an? Aha! dachte Dankmar bei ſich. Nun kommt der Schlüſſel zu all den offenbarten Geheimniſſen... Wie ſchlau iſt mein Waldſohn! Nur nicht in Staatspapieren! war ſeine raſche Antwort. Sagte mir heute der Amerikaner auch, meinte Heuniſch. Der Amerikaner? Heute? Haben Sie ihn denn wiedergeſehen? Vor einer Stunde! Er muß des Weges kommen. Hierher? Dankmar war ergriffen von Freude und faſt mußte er ſich ſagen, von Schreck. Dieſer Fremde und ſein holder Sohn hatten ſich ihm eingeprägt wie eine Mah⸗ nung immer nur an ſein edelſtes Selbſt. Sie waren ſein Gewiſſen geworden. Und ſo erſchrak er faſt über die Möglichkeit, daß dieſer Fremde, mit dem ſchlichten Namen Ackermann, plötzlich von den Abenteuern Einſicht bekommen könnte, in die er ſich hier verwickelt hatte... ) Rath sdoren euniſch en Sie tzt am imt der VWie raſche meinte n denn ommen t mußte nd ſän ne Nuſ⸗ 3 warenn faſ ihe ſchlichten Einſic hatte⸗ 0 299 Der Jäger erzählte ihm, daß er auf ſeinem kür⸗ zern Wege, den er von Pleſſen eingeſchlagen hätte, Ackermann mit ſeinem Sohne begegnet wäre und wenn ihm Recht wäre, ſähe er ſie dort— damit zeigte er auf einen Weg, der ſich hinter dem Gaſthauſe herauf⸗ zog— in dem kleinen Wägelchen ſchon herkommen— Dankmar blickte hinüber. Ackermann und Selmar ſaßen in einem leichten Wagen und grüßten ihn ſchon von ferne... Da aber ſtand auch ſchon Laſally mit dem Roſſe neben ihm, das er beſteigen ſollte. Die ganze Geſellſchaft drängte, die Wagen fuhren durcheinander, die Pferde ſtampf⸗ ten, die Bedienten riefen, Heuniſch trat zurück und lüftete die Mütze und Dankmar, der nicht mehr wußte, wohin er hören und was Alles ſehen ſollte, verlor faſt die Beſinnung. Euer Geſchäft, ſagte er zu Heuniſch, indem er faſt mechaniſch auf ſein Roß ſtieg, alſo Euer Geſchäft, beſter Freund... Ich will Euch ſagen, rief er ganz laut, kommt in die Reſidenz und fragt beim Prinzen Egon, Euerm Herrn. Oder ſchreibt! Bei uns ſollt Ihr die beſte Auskunft finden! Ich bin für Grund⸗ leſitz oder Induſtrie und Das hättet Ihr ja in Pleſ⸗ ſin oder bei Hohenberg gleich in der Nähe, um im⸗ ner Euer Auge in die Benutzung des Geldes einſehen 300 ——— zu laſſen. Wer weiß, was man jetzt in Hohenberg nicht Alles für Mittel brauchen kann. Euer Herr gibt Euch die beſten Hypotheken! Alſo kommt nur zu mir! Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon! Oder es macht ſich Alles ſchriftlich, wie Ihr wollt! Damit ſaß Dankmar im Sattel. Heuniſch trat dankend und faſt erſchrocken, daß man ſo laut von dem Gelde geſprochen, zurück. Einige Wagen fuhren ab. Dankmar's Gaul folgte mechaniſch dem ſtatt⸗ lichern Renner Laſally's. Dankmar wandte ſich um. Selmar grüßte noch immer und Ackermann nickte freund⸗ lich. Zur Erwiderung zog er ſein Taſchentuch und ſchwenkte es in der Luft hin und her, zog auch ſei⸗ nen Hut und ließ die winkende Hand Das ſagen, was ſein Mund in die weite Entfernung nicht mehr hinübertragen konnte. Nun ließ er dem Pferd die Zügel ſchießen und ſprengte der übrigen Geſellſchaft nach, die an ihm ſchon vorüberfuhr. ſtar deig am das gefü ſie henberg r Herr nur zu (Oder ſch trat aut von n fuhren m ſtatt⸗ ſich um. e fteund⸗ aunch und auch ſei⸗ 3 ſagen, ict mah e an ihe Zwölktes Capitel. Melanie⸗Späße. Als ſich Dankmar auf ſeinem Roſſe geſammelt hatte, ſah er ſich nach Melanie um. Er entdeckte ſie nicht. Neben ihm fuhr Herr und Frau von Reichmeyer. Er erkundigte ſich nach Melanie. Das reiche Ehepaar ſtand im Wagen auf, um rückwärts zu ſehen, und zeigte ihm den Wagen der Juſtizraͤthin, der noch fern am Gelben Hirſch hielt. Er ſah das leere Pferd, das Melanie geritten hatte, von einem der Jockeys geführt, ihm längſt voraus. Es ſchien alſo wol, daß ſie fahren wollte. Endlich entdeckte er ſie, wie ſie in den Wagen ſtieg mit veränderter Toilette. ſich aus einer Amazone in eine Dame der Mode verwandelt und trug einen wei ein weißes Kleid und einen leichten rothen Krepp de Chine⸗Shawl. In dem Augenblick fuhr ſie ab, wo Ackermann und Selmar anlangten. Sie hatte neueſten ßen Seidenhut, 302 Kommen Sie denn endlich zur Beſinnung? rief ſie Dankmarn entgegen, als der Wagen ſchnell ihm nach⸗ flog und der Staub ſich ſo verzogen hatte, daß man im langſamern Fahren ſprechen konnte. Dankmar bat um Entſchuldigung über ſein lan⸗ ges Geſpräch mit dem braven Waidmanne, den er auf dieſer Reiſe ſehr liebgewonnen hätte. Er fügte hinzu, er könne die Zerſtreuung um ſo weniger bereuen, als ſie ihm jetzt die volle Ueber⸗ raſchung ihrer plötzlichen Metamorphoſe gewähre.... Sie ſollten ſich zu uns ſetzen, ſagte Melanie mit Vertraulichkeit. Bartuſch rückt und iſt überhaupt der bequemſte Reiſegeſellſchafter von der Welt, ein Reiſe⸗ neceſſaire in Taſchenformat.... Sie zeigte dabei auch auf die Geldbörſe, die der kleine ſchlaulächelnde Mann in der Hand hielt, wäh⸗ rend er die Ausgaben im Hirſch verrechnete. Prinz! Hier iſt Platz! rief Bartuſch, ganz in ſeine Rechnung verloren. Wie Dankmar die Worte hörte und Melanie ihn über ſie fixirte, übergoß es ihn purpurroth und wie mit einem Seitenſprunge das Pferd vom Wagenſchlage ablenkend jagte er, ſeine Verlegenheit zu verbergen, Laſally nach. zur tlſſ 2rief ſie hm nach⸗ daß man⸗ ſein lan⸗ „ den er ag um ſo le Ueber⸗ ähte... elanie mit haupt der ein Reiſe⸗ die del 2, ielt, wah 4. un in ſen delanie it z und w. agenſcli verberge Haſt du bemerkt, wie er erröthete? ſagte Melanie zur Mutter. Dieſe wandte ſich, noch ganz erſchrocken über Bar⸗ tuſch's Auffoderung zu dieſem hinüber und fragte: War Das mit Abſicht, Bartuſch? Nein, ſagte Bartuſch, die Augenbrauen in die Höhe ziehend, es kam mir zufällig... Seither war ich im Zweifel, ſagte die Mutter, und kann mir nicht denken, daß ſich ein junger Mann, der uns ſo wenig Urſache hat befreundet zu ſein, uns dermaßen vertrauensvoll anſchließt. Melanie iſt freilich ſehr unvorſichtig... Mutter! ſagte Dieſe und legte, da Hannchen Schlurck recht zürnend ausſchaute, den Arm um ihre Schulter, um ſie zu beſchwichtigen... Mutter, zanke mich nur aus! Ich werde dir nie rathen, ſagte die Mutter, daß du Laſally erhörſt, aber ich bewundere die Geduld dieſes treuen Menſchen. Er hatte ſicher gehofft, in der Einſamkeit des hohenberger Aufenthaltes würden ſeine Wünſche dir nicht misfallen und nun muß er erleben, daß du von dort mit einer doch im Grunde ſinnloſen Leidenſchaft zurückkehrſt, die dich heute noch närriſch macht.... Du meinſt doch meine Ercellenz? fragte Melanie mit Schalkhaftigkeit. 304 O geh mit dieſer Poſſe! ſagte die Mutter, faſt verſtimmt. Immer freu' ich mich, daß deine Spãße ihre Lacher finden, heute aber wundere ich mich dar⸗ über. Mutter, ſagte Melanie, du wirſt bitter! Du willſt meine Erfolge ſtören? Das iſt... faſt hätt' ich das vierte Gebot verletzt. Frau Juſtizräthin iſt trüben Humors, meinte Bar⸗ tuſch und ſpielte boshaft genug auf den Eindruck an, den der ſonſt ſo heitern und duldſamen Frau die Ent⸗ hüllung einer ſonderbaren nächtlichen Wanderung ihres Gemahls gemacht hatte, als Bartuſch von dem ge⸗ fundenen Schrein erzählte. Ein ernſter Blick der nach⸗ denklichen Frau verbot ihm weitere Erörterungen.... Die läſtige Pauſe, die eintrat, unterbrach Melanie mit Wiederholung der Worte, die ſie von Dankmar am Gelben Hirſch gehört hatte: „Alſo kommt nur zu mir und Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon!“ Es iſt deutlich genug! ſagte Bartuſch. Und der Jäger, meinte die Mutter. Schien er nicht ganz erſchüttert, da wir ihm die Muthmaßung mittheilten? War es nicht, als wollte er ſagen: Nun gingen ihm ja plötzlich die Augen auf und er erkenne, mit wem er ſich ſo oft und ſo gut unterhalten hätte? tter, faſt e Späße nich dar⸗ du wilſſt ich das inte Bar⸗ druck an, die Ent⸗ ung ihres dem ge⸗ der nach⸗ gen.. Melanie Dankmar gehen wi Schün e thmaßund mn. NuW h: r erkenn ten häͤlte der Prinz wäre im Incognito am Ich habe, ſagte Melanie ernſter geſtimmt, ich habe dieſem Fremden, ob es nun der Prinz oder nicht der Prinz iſt, einen Dienſt zu leiſten verſprochen, deſſen Ausführung mir viel Ueberwindung koſtet. Ich leugne nicht, daß er ſogleich mein Herz gewann und zum Zeichen, daß ich beim Anblick dieſes liebenswürdigen Mannes mehr empfinde, als ich bisher für irgend Jemand in der Welt empfunden habe, wollen wir mor⸗ gen in aller Frühe, gegen ſein Wiſſen, vom Heide⸗ krug weiter reiſen, damit wir... doch wol nicht zu weit gehen. Hab' ich dem Drange genug gethan, ihm mich ſo weit zu widmen, als ich ſehe, daß er Liebe, Hingebung und die Aufopferung eines treuen Herzens nöthig hat, ſo hört mein Spiel auf und es iſt dann an ihm, zu zeigen, was er für ſoviel Freundſchaft mir Ernſtes erwidern will.5 Kind, rief die Mutter, denkſt du ſo hoch? Ich denke gar nicht, liebe Mutter, ſagte Melanie ruhig. Denn wenn ich dächte, würde Das, was ich heute noch Alles ausführen ſoll, kaum möglich wer⸗ den. Ich fühle nur. Nur ein Inſtinct, ein wunder— barer Reiz iſt es, der mich ſeit dem Au tet, daß ich dieſen Fremden ſah— Nein, verbeſſerte die Mutter, ſe genblicke lei⸗ it der Vater ſchrieb, Fuße des Schloſſes, 20 Die Ritter vom Geiſte. II. und wir annahmen, die von ihm gegebene Beſchrei⸗ bung paſſe auf jenen Fremden, der uns vielleicht Alle täuſcht— Er täuſcht uns nicht, ſagte Melanie, er nennt ſich Dankmar Wildungen. Iſt es der Prinz nicht... ſo werden wir ihn um ſo leichter vergeſſen können. Ich dagegen hoffe, ſagte die Mutter, daß es wirk⸗ lich der Bruder des blonden Malers iſt, den du bei uns eingeführt haſt. Denn ein Roman mit einem Manne, der zu hoch ſteht, als daß er dich heirathen könnte, wäre bei den mancherlei Sorgen, die ſo ſchon unſere Bruſt drücken, vollends eine Qual.... Denke nicht an die Zukunft, Mamal ſagte Me⸗ lanie. Das Nächſte iſt, daß ich bitte, mich auf dem Heidekrug rumoren zu laſſen, wie ich will. Morgen früh mit Sonnenaufgang bin ich vielleicht vor Euch Allen ſchon auf dem Wege nach Hauſe und ſpreche den Fremden nicht mehr... vielleicht nie mehr. Was haſt du denn nur vor? fragte die Mutter, die jetzt erſt die Andeutungen eines Planes verſtand, mit geſteigerter Beſorgniß. Einer Antwort ward Melanie dadurch überhoben, daß Dankmar und Laſally jetzt dicht bei den Schlägen des Wagens ritten, Einer rechts, der Andere links. Melanie knüpfte raſch ein unverfängliches Geſpräch 397 Beſchrei⸗ an und verlangte zu wiſſen, was Das für Fremde leicht Alle wären, denen Dankmar ſo freudig zugewinkt hätte? Der Befragte theilte ſo viel von Beiden mit, als nennt ſich ſie intereſſiren konnte, ohne Dinge zu erwähnen, die t... ſl vielleicht unbekannt bleiben ſollten. V nen. Der Knabe, ſagte Melanie nach einigem Nachden⸗ zes wirk⸗ ken und ſtockte... en du bei Nicht wahr? Ein liebes Kind? fiel Dankmar ein. mit einem Ja, ja, der Knabe ſchien mir ein verkleidetes Mäd⸗ heirathen chen... ſagte Melanie.— e ſo ſchon Melanie! rief Dankmar ſich vergeſſend und begriff nicht, wie ihn dieſe Aeußerung ſo erregen, ſo in allen age Me⸗ Adern durchbeben konnte. auf dem Sie erſchrecken? Was? Eine neue Rivalin? Eine Norgen Rivalin der Gräfin d'Azimont wollt' ich ſagen. Kommt ot ESc das Alles von Paris? und ſpre Dankmar mußte lächeln, weil ihm die Misver— nuh ſtändniſſe des geſtrigen Abends einfielen. Doch wünſchte 1 f Nuter er ſie abzubrechen und ſagte: a aukfun Wer die Gräfin d'Azimont iſt, wiſſen wir; lieber N 64 möcht' ich Herrn Laſally veranlaſſen uns zu erzählen, 5 boben welches die ſchönſten und gewandteſten Amazonen der— beui Reſidenz ſind.... 1 Man blickte zu Laſally hinüber, der nachdenklich 3Gchn ſchien. 1 20* Hören Sie denn nicht, Laſally, ſagte Melanie, wer reitet von den Damen beſſer als Melanie mit dem abſcheulichen Namen Schlurck? Die Frau Major von Werdeck reitet beſſer! ſagte Dieſer kurz und beſtimmt. Man lachte über ſeine Offenheit. Sie ſind kurz angebunden! Wie können Sie eine Polin mit mir vergleichen... eine wilde Demokratin! Demokratin? fragte Dankmar. Eine Sarmatin, die auf einem Pferde zur Welt gekommen ſcheint... ſagte Laſally, um ſich zu ent⸗ ſchuldigen. Stille! Stille! Es wird immer beſſer! rief Me⸗ lanie und wollte von der Frau Major von Werdeck nichts mehr wiſſen. Auch die Damen von Wachendorf, die Baronin Spitz und Frau von Landskrona ſind in der Zügel⸗ führung anzuerkennen, ſagte Laſally. Die Erwähnung ſo vieler Damen führte auf die Chronik der großen Welt. Man zeigte ſich über alle hervorragenden Perſönlichkeiten derſelben ziemlich un⸗ terrichtet. Dankmar hörte Namen, die er mit Sieg⸗ bert in Verbindung wußte, andere, die ihm ganz fremd waren. Er hörte, da ſich auch Reichmeyer's in dieſe Erörterungen miſchten, kaum zu und verlor ſich in e Melanie, nie mit dem eſſer! ſagte n Sie eine demokratin! zur Wilt ſich zu en rief Me⸗ en Werdet Faronim. je Baro der Züg ſie auf d ch über ale ziemſch 1 r mit Sls 309 Erinnerungen an Egon und die ſo ſchnell gewonnene Freundſchaft jenes Gefangenen im Thurm, der uur der junge Fürſt ſein konnte. Als er von ſeinen Grü⸗ beleien erwachte und man noch von den Damen der Reſidenz ſprach, benutzte er die Gelegenheit, ſich über Egon's Vorſicht in Betreff der Harder'ſchen Familie zu unterrichten und fragte: Wir haben Herrn von Harder kennen gelernt. Nicht wahr? Es gibt mehre Damen von Harder... was weiß man von ihnen? Melanie begann ſogleich: Mit den Harder's bitt' ich vorſichtig umzugehen. Jede Aeußerung, die einen Verwandten meiner Excel⸗ lenz betrifft und für ſeinen geliebten Namen ungünſtig ausfiele, könnte mein Herz verwunden... Melanie! rief die Mutter... Laßt mich, ſagte ſie. Spottet nicht! Sie am we⸗ nigſten, Laſally! Ich habe euch eitle und ſchwankende 47 Männer lange ſtudirt und mir wol die Fähigkeiten erworben, das Echte vom Unechten zu unterſcheiden. F Meine Excellenz gehört zu den Beſſern ihres Ge⸗ ſchlechtes. Ich will nicht in Abrede ſtellen, daß auch Harder von Harderſtein Schwächen beſitzt, allein wenn er nun auch eitel wäre, darf er es nicht ſein? Hat er nicht die kleinſten Ohren, die ich je am Kopfe eines 310 Mannes erblickt habe? Iſt er nicht ſchlank gewachſen wie eine Pappel und hält er ſich nicht ganz ſo gerade, wie es ſeiner Stellung am Hofe angemeſſen iſt? Nein, nein, ihr Männer wißt nicht, worin eigentlich der Zauber liegt, den gewiſſe Blüten eures Geſchlechtes auf uns ausüben. Scheltet mir meinen Geheimen⸗ rath nicht! Nach der Heiterkeit, die dieſe muthwilligen Scherz⸗ reden hervorbrachten, bemerkte die Mutter, ohne Zwei⸗ fel hätte die Frage ihres Herrn Begleiters den Da⸗ men gegolten, die den Namen von Harder führten. Von Pauline von Harder, ſagte Melanie, red' ich nicht. Ich haſſe ſie. Sie iſt die Gemahlin mei⸗ nes Ideals. Aber Anna von Harder kenn“ ich. Die⸗ ſer Dame verdanke ich mehr, als man für glaublich halten möchte. Ihr Schwager, der Intendant, lehrte mich fühlen, ſie ſelbſt, Anna von Harder, lehrte mich Etwas, was man mir ebenfalls allgemein abſprechen will, nämlich... rathen Sie? Die Mutter ſagte lachend: Singen, mein Kind! Das iſt wirklich das Unmöglichſte, was Sie zu leiſten gelernt haben, Melanie! fiel Laſagy ſpottend ein. Sollte Ihnen, mein Herr, wandte ſich Melanie zu Dankmar, dieſe boshafte Aeußerung Lafally's un⸗ wachſen gerade, 2 Nein, lich der chlechtes heimen⸗ Scherz⸗ ne Zwei⸗ den Da⸗ ührten. ſe, red lin mei⸗ h. Die⸗ glaublich t lehti hrte mich ſſprachn 311 verſtändlich ſein, ſo müſſen Sie nämlich wiſſen, daß ich, wie man allgemein behauptet, keine Stimme habe. Ich ſpiele Klavier, Harfe und Guitarre. Aber den⸗ noch fand ich immer, daß wirklich zur Muſik nur Mit⸗ telmäßigkeiten Talent haben, was ich Ihnen durch Laſally's Beiſpiel beweiſen könnte, der ein ganz vor⸗ züglicher Bläſer auf dem Cornet à piston, dem Po— ſtillonshorne iſt. Ich ſelbſt ſtrebte immer nach dem Ruhme, in meiner Art das Beſte zu leiſten und da mir eine gewöhnliche mittelmäßige Fähigkeit im Sin⸗ gen nicht genügt, ſo zog ich es vor, zum Davonlau⸗ fen ſchlecht zu ſingen. Das hinderte aber doch nicht, daß ich einige Zeitlang die Akademieen der guten Anna von Harder auf Tempelheide unterſtützt habe. Bis ſie dich erſuchte, fiel die Mutter lachend ein, lieber deine andern Talente zu pflegen, als die zwei⸗ felhafte Gabe des Geſanges, wie ſie dir einmal ſelbſt ſchrieb. 3 Mit Gänſefüßen! Zweifelhaft mit Gaͤnſefüßen, liebe Mutter! rief Melanie. Die zweifelhafte Gabe des Geſanges waren meine eigenen Worte, mit de— nen ich mich von Frau von Trompetta und der neuen Jungfrau von Orleans, der Flottwitz, bei ihr ein⸗ führen ließ. Die falſchen Noten, die ich ſang, wa⸗ ren nicht Schuld, daß ich wegblieb, eher noch die 312 vielen heiligen und langweiligen Sachen, die wir auf⸗ führten. Heilige, langweilige Sachen? fragte Dankmar, der das Geſpräch von den Nachforſchungen über ſeine Per⸗ ſon und dem Drucke des zunehmenden Misverſtänd⸗ niſſes ablenken wollte. Melanie erklärte ihre Aeußerung. Sie wiſſen vielleicht nicht, ſagte ſte, daß Anna von Harder während des Winters in der Stadt und im Sommer auf dem Gute des alten Obertribunalpräſi⸗ denten in Tempelheide von jungen Dilettanten und Dilettantinnen geiſtliche Muſiken aufführen läßt? Sie iſt nicht fromm, Anna von Harder, aber ſie liebt alles Das, was zur Frömmigkeit gehört. Dieſe Aka⸗ demieen... Bitte! bitte! unterbrach Dankmar die Mittheilung des ſchönen neckenden Mädchens, das ſich, wie wir hören, auch nöthigenfalls ſelbſt perſifliren konnte. Sie ſagen da ein Wort, das wiederholt zu werden ver⸗ dient. Nicht ſelbſt fromm ſein, aber Alles lieben, was zur Frömmigkeit gehört? Ich weiß es kaum anders auszudrücken... Sie bezeichnen damit eine Geiſtesrichtung, die ziem⸗ lich allgemein verbreitet iſt und mir ſehr gefährlich er⸗ ſcheint... 313 Es iſt die der Schwanenjungfrauen und Diako⸗ niſſen, ſagte Melanie. Allein ſpotten wir nicht! Anna von Harder iſt keine Maäuſeburg, keine Trompetta... Sie hat in ihrer Jugend die tiefſten Herzensprü⸗ fungen beſtanden... ergänzte die Mutter. Und weiß noch jetzt, was ein Herz iſt! fiel Me⸗ lanie ein, ſich vielleicht irgend einer vergangenen Scene mit ihr entſinnend. Aber die Muſiken in Tempelheide ſind darum doch lächerlich! meinte Laſally. Wer ſagt Das? fragte Melanie. Hauptmann Thielo ſagt's, Rittmeiſter Konnewitz ... fragen Sie, wen Sie wollen. Dieſe competenten Richter! Sie ſind komiſch, dieſe Muſiken, aber Thielo und Konnewitz ſind die ernſt⸗ haften Menſchen nicht, die ſie komiſch finden dürfen. Fräulein, Sie überbieten ſich in geiſtreichen Aper⸗ lus, fiel Dankmar ein. Sie ſagten eben wieder ein Wort, das ich bewundere. Es kann Etwas lächer⸗ lich ſein, aber nicht Jeder hat das Recht, es lächer⸗ lich zu finden. Wie erſcheinen denn Ihnen dieſe Nuſiken? Im Grunde, ſagte Melanie mit den Augen blin⸗ jelnd und ſchelmiſch, im Grunde ganz ebenſo wie dem Thielo und Konnewitz... aber... 1' 314 Man wollte dies„Aber“ nicht hören. Man wollte wiſſen, warum Melanie dieſe Muſiken komiſch fände. Nun... Denken Sie ſich nur die ewige alte claſ⸗ ſiſche Muſik, ſagte ſie. Nie etwas Weltliches! Ewig und ewig: Heil dir Iſrael! und Jauchze, Juda! und ſo Alles durch, was die alten Maeſtri und die Neuern nur in dieſem Stil componirt haben. Mit Trompe⸗ ten und Pauken in großen Kirchenräumen macht ſich Das prächtig, aber ſo mit dünnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtſtimmigen, ganz labyrinthiſch verwickelten Fugen von zimperlichen Chören geſungen — ich gebe Ihnen mein Wort, man wird vom Zäh⸗ len allein ſchon confus, wie ſehr erſt von dem Durch⸗ einander, wo der Eine Juda! der Andere Iſrael! der Dritte Jeruſalem! jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwiſchen ſummt und ſummt und ſummt . Mir iſt manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand gefallen, aber die Andern ſtürmten fort wie die Makkabäer, und die gute Anna, die das Ganze am Klavier dirigirte, verlor faſt die Beſinnung, bis wir zuletzt am Finale ankamen und wie ankamen! Der Eine um acht Takte zu früh, der Andere um zwölf zu ſpät. Kurz es ſind geiſtliche Charivaris... Die aber doch ſehr beluſtigend geweſen ſein müſ⸗ we an wollte ſch fände. alte(laſ⸗ 8! Gwig ida! und le Neuern Trompe⸗ macht ſich egeklimpe byrinthiſ geſungen vom Zäh in Durch frael! de quieken und ſume Notenble Anden die An gaie or faſt kamen u ftüh, zeiſt d g ſein Anne 315 ſen, ſagte Dankmar, über dieſe Schilderung lachend; warum haben Sie ſie aufgegeben? Ja!, Sie waren drollig, fuhr Melanie fort. Den⸗ ken Sie ſich nur, wenn Sie ſie kennen, die dicke kleine Trompetta; denken Sie ſich dieſe Frau mit glühender Andacht im Chor ihre Altſtimmen zuſammen halten und die Flottwitz immer wie in höhern Sphären und ihre blonden Tirebouchons wie eine Löwin vom Stamme Juda ſchüttelnd, als wollte ſie die Demokratie radical zu Grunde ſingen... Die Herren ſind theils junge Aſſeſſoren, theils Lieutenants, drei Brüder der Flott⸗ witz allein ſchon, und der Vierte, der noch in der Ca⸗ dettenſchule iſt, würde ſich auch ſchon angeſchloſſen haben, aber ſeine Stimme ſetzt ſich eben... Melanie lachte ausgelaſſen. Ich habe von dieſen Akademieen gehört, beſann ſich Dankmar. Der alte Präſident ſoll ſie ſehr lieben... Dankmarn wurde nämlich erinnerlich, daß ſich Einige ſeiner juriſtiſchen Collegen der beſondern Pro⸗ tection dieſes ehrwürdigen Greiſes erfreuten, weil ſie gute Stimmen hatten... Gewiß liebt er dieſe Concerte, aber nicht der Mu— ſik wegen! ſagte Melanie. Weswegen denn? Das ſollen Sie erfahren und zugleich den Grund, 316 warum ich ausgetreten bin. Ich fühlte nämlich aller⸗ dings, daß ich weltliches Kind den anweſenden Da⸗ men nicht begeiſtert genug für dieſe Art von Muſik vorkam. Ich ſinge herzlich ſchlecht, aber Das weiß ich, ich zähle gut. Und eigentlich iſt Das bei dieſen Motetten und Oratorien die Hauptſache. Die Flott⸗ witz gerieth nun beim Zählen immer ins Schwanken. Sie zerſtreute ſich, wenn 38 oder 49 über einem Pau⸗ ſenzeichen ſtand und wir blos von Anna von Har⸗ der's Blick abhängig waren, um uns wieder bis zu unſerm Anfang zurechtzufinden. Die Flottwitz ſah näm⸗ lich bei einer ſolchen großen runden Zahl gleich auf die Achſelklappen ihrer Brüder und verlor ſich in Be⸗ trachtungen über die Zahlen der Regimenter, die auf den Knöpfen derſelben zu leſen ſtehen. Wahrhaftig, ſie war weit mehr beim 38ſten und 49ſten Linien⸗ Infanterieregiment, als bei dem Chor der Phariſäer und Schriftgelehrten, den wir mit 38 und 49 Takt⸗ pauſen als Mädchen vom Stamme Benjamin oder Ruben ablöſen mußten. Nein, nein, zählen konnt' ich wirklich ganz allein, und Takt glaub' ich immer zu haben. Aufrichtig, ich ſehnte mich nach friſcherer, lebendigerer Muſik, ſo gering ich ſie auch unterſtützen konnte. Als ich einmal die„Jahreszeiten“ zu ſingen vorſchlug, kam ich gar übel an. Man erklärte die haller⸗ en Da⸗ Muſik 3 weiß dieſen Flott⸗ vanken. m Pau⸗ n Har⸗ bis zu ih naͤm⸗ ich auf in Be⸗ die auf zrhaftig Linien⸗ Lhariſäer 9 Lüh nin odei 776: onnt lc mmer fri ſchete terſtut u ſunge kaäre „Jahreszeiten“, beſonders von Seiten eines widerlichen alten Ausſchuſſes, der ſich um die ſanfte, treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und ſie tyranniſirte, für eine im Grunde frivole Muſik, die alle Kennzei⸗ chen ihres Urſprungs aus dem Wiener Prater an ſich trüge. Minder leichtfertig erſchien die„Schöpfung“. Als dann abgeſtimmt wurde, was man wählen ſollte zum nächſten Winterſtudium, blieb ich mit zwei Lieute⸗ nants und drei Aſſeſſoren für die„Jahreszeiten“ und, in Folge eines Amendements, ſogar für die„Schöpfung“ in der Minorität. Der„Tod Jeſu“ ſiegte. Iſt doch auch ziemlich modern! warf Dankmar ein, den dieſe Mittheilungen aus gewiſſen excluſiven Krei⸗ ſen der Geſellſchaft intereſſirten.... Würde auch nicht geſiegt haben, erzählte Melanie, wenn nicht die Flottwitz das Wort ergriffen und dem „Tod Jeſu“, außer ſeiner größern Heiligkeit noch be— ſonders eine militairiſche Ehrwürdigkeit zuerkannt hätte. Militairiſche? fragte Dankmar erſtaunt. Militairiſche! Der„Tod Jeſu“, ſagte die Flott⸗ witz, wäre ein Garniſonkirchen⸗Oratorium, Graun wäre Kapellmeiſter des großen Friedrich geweſen und hätte die Märſche für Trommel und Querpfeife com⸗ vonirt, die noch jetzt ein gewiſſes glorreiches Kriegs⸗ heer täglich ſpiele und kurz und gut die rein fromme 1 — 8 Partei und die Partei der muſikaliſchen Puriſten wurde alte 1 unterſtützt von der jetzt ſo fanatiſch patriotiſchen des Coj 1 Reubundes. Man machte aus dieſer Wahl eine Ten⸗ Jet denz- und Zeitfrage. Ich blieb für den öſterreichiſchen dähl Haydn in der großdeutſchen Minorität. Die beiden den Lieutenants, die Brüder der Flottwitz, die mich aus anzr Galanterie unterſtützt hatten, bekamen von Friederiken eiwe Wilhelminen, ihrer Schweſter, einen ihrer bekannten baſ durchbohrenden Blicke. Sie behandelte die armen Men⸗ nen ſchen faſt wie Fahnenflüchtlinge, die ihrem Könige den Ve Eid gebrochen hätten. Großer Gott, ſagt' ich, liebes kom Fräulein von Flottwitz, beruhigen Sie ſich, Ihre beide und 1 Herren Brüder werden das Vaterland darum noch nicht fehle verrathen, daß ihr Ohr nicht geübt genug ſcheint, aus ein, dem„Tode Jeſu“ den alten Deſſauer herauszuhören. Gräfß Wie ſcharf! rief Dankmar lachend. Nebti Melanie fuhr fort: hier, Löſte dieſer Verfall faſt ohnehin ſchon das lockere Herre Band— Ihrer Dem Ihre Schönheit, ſagte Dankmar, Ihr Vor⸗ 5 zug vor den andern Nachtigallen, noch weniger Feſtig⸗ dadur keit wird gegeben haben— dernd Spotten Sie nur! erwiderte Melanie. Ich nehme A das Compliment doch an. Allerdings behauptete man, überii beſonders der Ausſchuß, der ſo gelb war, wie das der, n wurde hen des ne Ten⸗ ichiſchen beiden ich aus ederiken ekannten en Men⸗ nige den liebes hre beide och nicht int, aulé zuhoren z lockele 319 alte Notenpapier, das wir abſangen, ich machte durch Coquetterie die Bäſſe und Tenöre im Zählen irre. Jetzt frag' ich Sie, kann ich dafür, daß ich ſo gut zählen kann? Kann ich dafür, daß man den Wink, den ich immer den Bäſſen und Tenören gab, wo ſie anzufangen hätten, ſo misverſtand, als wollt' ich ihnen etwas zublinzeln, was ganz außerhalb des General⸗ baſſes lag? Dieſe Eſelsköpfe brachten mich mit mei⸗ nem Kunſteifer auch leider felbſt in dies falſche Licht. Wenn ich nickte und damit blos ſagen wollte: Jetzt kommen Sie! Aufgepaßt! ſo wurden die Tenöre roth und die Bäſſe verwirrten ſich, fragten mich: Wie be— fehlen Sie, Fräulein? und ſetzten regelmäßig falſch ein, bis endlich eine der giftigſten vom Ausſchuß, die Gräfin Mäuſeburg, die ſogenannte Chineſiſche⸗Miſſions⸗ Aebtiſſin, rief: Fräulein Melanie, die Direction ſttzt hier am Klavier und wird ſchon angeben, wann die Herren einzufallen haben. Schonen Sie das Feuer Ihrer Augen! Dieſe Aebtiſſin! rief man ſcherzend und unterſtützte dadurch den luſtigen Humor, in dem Melanie plau⸗ dernd fortfuhr: Auf dieſe fanatiſche Bemerkung ſchwieg ich und iͤberließ meine Vertheidigung der guten Anna von Har⸗ der, die für mich das Wort ergriff, meine gute Ab⸗ 320 ſicht anerkannte und mein Talent im Zählen ſo aus⸗ nehmend rühmte, daß ich froh war, nicht die Tochter eines Kaufmannes zu ſein, wie eine ſolche neben mir ſtand und ſich auf die Lippen biß, aus Furcht, von meinem Lobe etwas abzubekommen. Der Friede war nun zwar hergeſtellt und das Misverſtändniß ausge⸗ glichen, allein mein Entſchluß auszutreten ſtand feſt.... Und der wahre Grund? fragte Dankmar. Als ich wegen der Menagerie des alten Präſiden⸗ ten zum dritten male in Ohnmacht fiel— Ja Das iſt der Grund! ſagte die Juſtizräthin; ich glaubte anfangs immer, wenn Melanie nach Hauſe kam, es griff ſie das Singen an, wofür wirklich ihre Kehle nicht gebaut iſt— Mutter auch du? rief Melanie komiſch. Liebes Kind, Sanitätsrath Drommeldey hat dich unterſucht und Alles geſagt, was dir in der Kehle.. Abſcheulich! Was ſoll dieſe Anatomie! Genug, fuhr die Mutter fort, ich glaubte immer, du ſtrengteſt dich über die Gebühr und gegen dein Ver⸗ mögen an. Da kam's denn heraus, daß ſie förm⸗ liche Nervenzufälle gehabt hat über das garſtige Ge⸗ thier, mit dem ſich der alte kindiſche Mann, der Ober⸗ tribunalpräſident, umgibt.... Nenn' ihn nicht kindiſch! rief Melanie. Um Gottes⸗ jede a tie und 2 —z,. n ſo aus⸗ dee Tochter neben mir ucht, vol riede war Dreizehntes Capitel. iß ausge⸗ dfett.. Natur und Geiſt. tr. Präſiden Als Melanie, auf die Alle blickten, zu lange ſchwieg, Vne l ergriff Dankmar das Wort, knüpfte wieder an das vühſn abgebrochene Thema an und ſagte: ni D Der alte Obertribunalspräſident iſt rlich i habereien ja weltbekannt. Man ve volle Verſuche über die Schmiegſamkeit und Bildungs⸗ fähigkeit der Thiere: ſeit Jahren ſammelt er an einem dn Werke über die Thierſeele. Demnach kann ich mir Rel wol denken, wie peinlich es ſein muß, auf Tempel⸗ für ſeine Lieb⸗ rdankt ihm werth⸗ heide aus⸗ und einzugehen und unter all den Raben, ble in Kranichen, Kaninchen, Affen, Meerſchweinchen, Hun⸗ rden den und Katzen ſich durchzuwinden, Thieren, von de⸗ fie. nen er behauptet, daß ſie eine Art Vernunft ha arſtige B 2 Gerade dieſe Thiervernunft, ſagte Mel det Ne V twas die heitere Stimmung herzuſtellen ſ peinlich. Ich weiß nicht, ob ich es un Gelt. hätte, in allen dieſen Thieren gewöhnliches dummes und böſes Vieh zu vermuthen, vor welchem man nur einfach ſich zu hüten hat, als anzunehmen, das Alles ſind gezähmte edle Charaktere, die uns, wenn ſie nur ſprechen könnten, die wunderbarſten Geheimniſſe ver— rathen würden... Nein, nein, ſagte die Mutter nun auch lachend 4 und die heitere Stimmung feſthaltend, nein, nein, ge⸗ m ſteh' es nur ganz einfach, Melanie! Du haſt eine Antipathie gegen Thiere, ſelbſt gegen Hunde und Katzen, fürchteſt dich vor Truthähnen und Enten und ſchreiſt auf, wenn dich ein großer Vogel nur von der Seite anſieht. Wie ich von der Viehwirthſchaft auf Tem⸗ pelheide erfuhr, litt ich's nicht mehr, daß du hinaus⸗ fuhrſt, und ſo haben deine Geſangsſtudien ein ver⸗ nünftiges und völlig begründetes Ende genommen. I Aber erklären Sie mir nur, meine Damen, ſagte wie verhalten ſich denn nur die Katzen zu Laſally, dieſen Concerten? Frau von Reichmeyer verwies ihrem vrofanirende Zwiſchenrede. ln , ſagte Melanie, die Katzen ſind gerade der A warum der Präſident dieſe Concerte beſonders vün ſttzt nebenan, in ſeinem großen Saale, un⸗ in ings in Käfigen aufgeſtellten Thieren und 6 Bruder ſeine 3 dummes n man nur 5 Alles das Ale enn ſie nur imniſſe vet⸗ uch lachend n, nein, ge⸗ u haſt eine und Katzen, und ſchreit n der Sil t auf Tem du hinaue ien ein de enommen damen, „ Gatzen ie Kahe Brudet ſ d Fesde certe beſonn en Säale el Thieren 1 ſ freut ſich der angenehmen Wirkung, die auf ſie nebenan die Muſik hervorbringt. Da iſt auch kein Miston, der dieſes Concert ſtört. Er hat es dahin gebracht der alte Herr, daß die geſchwätzigen Thiere ſtill ſind, wenn ſie unſere Akademieen hören, und nur wenn wir gar zu ſehr in die Doppelfugen gerathen, hört man manchmal einen Papagai aufkreiſchen, daß es Einem durch die Glieder fährt. Ich will hoffen, ſagte Laſally, daß Sie ſich außerdem jedesmal hinreichend mit Esbouquet verſehen hatten— Auch darüber erzählt Melanie wunderbare Dinge, ſagte die Mutter; es ſoll gerade durch die große Rein⸗ lichkeit der Thiere von dem alten Mann bezweckt wer⸗ den, daß ſie von ihrer gewohnten Art laſſen, und Das iſt wirklich vernünftig. Die Reinlichkeit veredelt jedes lebende Weſen. Des alten Präſidenten Leute ſind an⸗ gewieſen, in der Haltung der Thiere das Sauberſte zu leiſten und durch die Sauberkeit bekommt das Vieh etwas Vernünftiges. Bartuſch ſchüttelte den Kopf und meinte, ſie wür⸗ den morgen Abend an Tempelheide vorbeifahren. Er wünſche doch, ſagte er, es ließe ſich ein Umweg ma⸗ chen, ſo ſonderbar wär' es Einem, an einen Ort zu denken, wo ein Menſch lebt, der Thiere wie Weſen höherer Art behandelt.... Der alte Herr, erklärte Dankmar, unbefangen über Egon, der ſchwerlich in Paris ſoviel vom Leben die⸗ ſer Reſidenz hatte erfahren können; der alte Herr iſt ein ausgezeichneter Juriſt und wird wol nie von ſei— nem wichtigen Amte zurücktreten. Er arbeitet fleißi⸗ ger als mancher Jüngere. Man hält ihn für ſtreng und Viele behaupten, er iſt es deshalb, weil er keine Religion hätte. Man will ihn noch nie in einer Kirche geſehen haben und doch erzählte man mir, daß er der Chef aller Maurerlogen des Landes iſt und für einen tiefen Kenner der maureriſchen Geheimniſſe gilt... Ich ſage Ihnen, ergänzte Melanie, daß ich dieſen alten Mann liebe und berundere. Wie ſeinen Sohn! fiel Laſally ſpottend ein und wiederholte die Scherze, die er über die Thierſeele des Intendanten in der großen Welt gehört hatte. Ich laſſe nichts auf meine Excellenz kommen, fiel Melanie ein. Ich hebe Euch allerdings zu, man kann ein ſehr geiſtreichef Vater ſein und einen höchſt dum⸗ men Sohn haben; Beiſpiele finden ſich genug. Es gibt auch Viele, die regelnmiäjßig, um dieſen Satz zu beweiſen, den alten Harder und unſern Intendanten citiren. Ich gebe ſogar zu, daß ein Sohn ſeine eige⸗ nen Wege wandelt und von einem Vater aufgegeben wird, wenn er ſich in Aeußerlichkeiten und ECitelkeiten ngen über Leben die⸗ ⸗Herr iſt von ſei⸗ et fleißi⸗ ür ſtreng il er keine ner Kirche daß er der für einen gilt.. ſch dieſen ein und erſeele des e. men, fe man kan chſt dun. nug. 3 n Sah tendanl ſeine eige ufgegebe Eitelket 327 gefällt. Aber wer ſagt Euch denn, daß mein ſo raſch, ſo wunderbar gewonnener Freund dumm iſt? Im Gegen⸗ theil leuchtet aus ſeinen ſchwarzen Augen Klugheit und mitunter etwas Pfiffiges. Er geht ſeinen geraden Weg, weicht nicht rechts, nicht links, thut, was ſeine Pflicht und Schuldigkeit iſt. Iſt Das nicht Weisheit? Und hat er nicht vom Vater die Talente geerbt, die den Fürſten beſtimmten, ihm alle ſeihe koſtbaren Schlöͤſſey⸗ und herrlichen„Gärten anzuvektrauen? Hat er nicht beim Verpacken des Mobiliars eine Umſicht und prak⸗ tiſche Kunde vexrathen, die eines Tapeziers würdig war? Und bei ſeinen Wanderungen durch den hohen⸗ berger Garten bin ich erſtaunt geweſen, wie heimiſch er in Allem iſt, was ſich auf Gießkanne und Rechen bezieht. Es iſt eine praktiſche Natur, die vom Vater zwar nicht ſeinen ſpeculativen Geiſt erbte, aber ſeinen Adel, ſein Geld, ſeinen hohen, geachteten Namen und eine gewiſſe Betriebſamkeit, die ſich bei Jenem in der Liebhaberei für die Seele der Thiere und bei dieſem in der Pflege der todten Natur äußert. Berühren Sie bei der jungen Excellenz irgend einen in ihr Fach ein⸗ ſchlagenden Gegenſtand und Sie werden erſtaunen, daß er Ihnen auf Heller und Pfennig ſagen kann, wieviel ein chineſiſcher Pavillon in einem königlichen Garten am Rhein oder der Elbe gekoſtet hat. Iſt 328 Das auch nichts? Laſally, Sie ſchlechter Rechnenmei⸗ ſter! Sehen Sie nur, mit welcher Sorgfalt er ſeinen Auftrag ſchon in Hohenberg ausführte. Und hier im Sande glaub' ich nun auch die Spuren ſeines großen Möbelwagens zu entdecken. Nennen Sie mir den Ca⸗ valier, der ſeinem Fürſten ſoviel Hingebung zollt und ſich auf Staatskoſten ſelbſt vor dem Stempel des Lä⸗ cherlichen nicht ſcheut, der leider oft den beſten und ſolideſten Beſtrebungen in dieſer Welt aufgedrückt iſt! Mir fallen da wirklich die Hofmarſchälle ein, ſagte Dankmar, dieſe Beamten, die in melancholiſche Be— trachtungen verſinken, wie ſie's machen ſollen, um jähr⸗ lich einige hundert Thaler an Oel und Wachslichtern zu erſparen.... Die denn doch, ergänzte Bartuſch artig und ſich faſt verbeugend, irgend einem Künſtler oder Gelehrten zugutekommen, dem man ein Bild abkauft oder eine Dedication durch ein Geſchenk vergilt.... Bartuſch wollte eigentlich nur dem vermeintlichen Fürſten ein Compliment machen und gab doch dem jungen Demokraten eine bittere Lehre. Wie es ſchien, waren, wie es immer nach zu aus⸗ gelaſſenen Scherzen zu gehen pflegt, plötzlich Alle ver⸗ ſtimmt. Die Mutter und Laſally über den viel zu lang ausgeſponnenen Scherz mit dem Geheimenrath, hnenmei er ſeinen hier im großen den Ca⸗ oollt und des La⸗ ſten und rückt iſt! in, ſagte ſche Be⸗ im jähr⸗ lichtern und ſich elehrten der eine intlichen ch demm zu dl llle vel viel l ꝛenratf 329 Melanie über den ſchwerzulöſenden Widerſpruch zwi⸗ ſchen einem Vater, den ſie verehren, und einem Sohne, den ſie lächerlich finden mußte, Dankmar über eine Wahrheit, die ihm aus dem Munde eines geſinnungs⸗ loſen politiſchen Unterwürflings misfiel. Nur Bar⸗ tuſch frohlockte; denn durch ſeine Bemerkung und Dank⸗ mar's Stillſchweigen darauf ſchien er die vermeintliche Würde ihres Begleiters getroffen zu haben, während dieſer gerade an ſeinen Bruder Siegbert und deſſen unverkauftes Gemälde dachte... Die andern Wagen waren alle näher gekommen. Man befürchtete einen Regenſchauer und foderte die Reiter auf, gleichfalls Platz zu nehmen. Es war über Mittag, die Reiter waren ermüdet, ſie ſtiegen ab, gaben die Pferde den Reitknechten und Bartuſch war höͤflich genug, ſich in den zweiten Wagen zu Reichmeyer's und der Wirthſchaftsräthin zu ſetzen, wäh⸗ rend Dankmar und Laſally Melanien und ihrer Mut⸗ ter gegenüber Platz nahmen. In Helldorf beſchloß man, das Mittagsmahl aus⸗ fallen zu laſſen und erſt im Heidekrug zu ſoupiren. Im beſten Wirthshaus zu Helldorf war auch kein Platz zu finden; denn der große Saal hallte von einer Ver— ſammlung wider, in der mehre Redner laut durch⸗ einander ſprachen. Man hatte auf dem Gelben Hirſch 330 ſchon erfahren, daß hier eine politiſche Beſprechung ſtattfand. Die Wirthſchaftsräthin behauptete, deutlich ihren Bruder zu hören. Man horchte auf und richtig drangen die donnernden Worte an das Ohr der Rei⸗ ſenden:„Wenn man Familie hat, wenn man wie ich ſechs Kinder ernähren muß...“ Man klatſchte 1 Beifall. Es iſt ſein ewiges Lied, ſagte ſie, und ich möcht' es heute am wenigſten gern hören: wir fahren wol g hier weiter? 1 Dankmar dagegen hätte gern etwas von dieſer wahrſcheinlich der Schlurck'ſchen Wahl gewidmeten Be⸗ 1 ſprechung gehört. Er ſah durch die Fenſterſcheiben auch den Heidekrüger Juſtus, deſſen gewaltige athle⸗ 6 tiſche Formen über Alle hinwegragten und den man ſich auch, ſeiner Stellung auf einem Muſikchore nach— zu ſchließen, als Präſidenten dieſer Vorberathung ge⸗ r 8 wählt zu haben ſchien. Viele Bewohner von Helldorf 4 b ſtanden an der Thür und den Fenſtern und lauſch⸗ ten.... Dabei gingen Mägde auf und ab und tru— gen Bier. Die Einen lachten, die Andern zankten. At Alle Leidenſchaften waren in Bewegung. Der ganze Ort ſah aus wie zur Zeit der Kirchweih. r Dankmar, der eine Erfriſchung nahm, konnte an der Thür kaum durch. Er hörte drinnen die donnernd⸗ echung deutlich richtig r Rei⸗ in wie latſchte möcht en wol dieſet ten Ve⸗ ſcheiben athle⸗ en man re nach ung ge⸗ heldetf lauſch⸗ und tru⸗ zaniten. t ganze nnte an onnernd⸗ ſten Schlagworte, hörte Parteien ſich befehden, hörte Per⸗ ſönlichkeiten, die Jubel oder Drohungen nachſichzogen... Für Wen entſcheidet ſich's denn? fragte er die Leute. Man wußte noch keine Auskunft. Die Zuhörer waren Urwähler. Die eigentlichen Wähler ſaßen drin⸗ nen und lärmten die ihnen gegebenen Aufträge aus. Schlurck wird da ſchwerlich gewählt! ſagte er ſich. Solchem Tumult iſt der feine ſatiriſche Philoſoph nicht gewachſen. Ein Schlurck kann Alles, nur das Schreien nicht ertragen.... Er hatte die Abſicht, an die Wägen zurückzugehen und die Geſellſchaft darauf aufmerkſam zu machen, daß eben Herrn Juſtizraths Schlurck politiſche Laufbahn hier entſchieden würde. Aber Melanie hatte mit einem andern Gegenſtand vollauf zu thun. Bei einer Gruppe Umſtehender fragte ſie nach dem Wagen des Geheim⸗ raths. Man erzählte ihr, daß der große Behälter vor noch nicht vier Stunden hier durchgekommen und allgemein wäre angeſtaunt worden. Die genauere Er⸗ kundigung, die ſie nach den Gendarmen, den Bedien⸗ ten einzog, verdrängte in Dankmarn das politiſche In⸗ tereſſe und erfüllte ihn faſt mit Rührung. Er ſah, wie das waghalſige Mädchen treu und feſt an dem Gedanken hielt, ihm, wie ſie verſprochen hatte, das geheimnißvolle Bild zu erobern.... 4 I — — —— 3 —— 1 332 Als man weiter fuhr, betrachtete Dankmar auch Melanien lange mit einem Intereſſe, deſſen eigentliche Katur zu bezeichnen ihm faſt ſchwer wurde. War es die unwiderſtehliche Macht ihrer Schönheit, die ſich gleich blieb, auch wenn man ſich an ihre erſte blen⸗ dende Erſcheinung gewöhnt hatte? War es ihre in aller Beſtimmtheit verrathene Abſicht, ihm und nur ihm zu gefallen? War es die Beſcheidenheit, mit der ſie ſich ihm als ein Weſen von mäßigen Anſprüchen auf Geiſt und höhere Empfänglichkeit gezeigt und ſich andern pretentiöſeren Erſcheinungen, von denen ſie er⸗ zählte, unterordnete? War es der neckende humori⸗ ſtiſche Vortrag ihrer Erzählungen, der plötzlich einem halb ſcherzenden, halb ernſten Unmuth Platz gemacht hatte? Wie erſtaunte Dankmar, als er ſich nach allen dieſen Regungen zuletzt auf einem Gefühle für Melanie ertappte, das er faſt Mitleid hätte nennen mögen... Mitleid? Nimmermehr! rief es in ihm. Und doch war es Mitleid. Mitgefühl für Etwas, was er in Melanie's Weſen ſich kaum ſelbſt bezeichnen konnte, was aber Niemand mehr zu fühlen ſchien als ſie ſelbſt. Iſt es nicht unſer Mitgefühl erregend, ein Weſen zu beobachten, das im vollen Bewußtſein ihres Sieges über die Männer, doch ein edleres Bedürfniß zu em⸗ pfinden ſcheint als die bloße Genugthuung ihrer Eitel⸗ er auch entliche ihre in nd nur mit der prüchen und ſich ſie er⸗ zumori⸗ einem emacht h allen Relanie gen.. nd doch 3 el in konnte, j ſelbt geſen zu Sieges zu emn⸗ er Gitel 333 keit, und das dennoch trotz dieſes beſſern Gefühles von ihrer leichten, ihr einmal zur andern Natur ge⸗ wordenen Art nicht laſſen kann? Menſchen, die unter dem Druck ihres Schickſals leben, können wir bemitlei⸗ den, ohne daß uns dies Gefühl gerade für ſie erwärmt. Menſchen aber, die unter dem Drucke ihres Charakters leben, bemitleiden wir oft von Herzen oder wir können oft nicht ſagen, ſollen wir ſie haſſen oder lieben. Laſally bemühte ſich Anekdoten zum Beſten zu ge— ben. Er war ſtark darin und nicht eben wähleriſch. Als ihm Melanie ſagte, ſie hätte ſie ſchon zu oft von ihm gehört, begann er vom Reſidenzleben, den Ma⸗ tadoren der jungen fashionablen Geſellſchaft und trug alle ſeine Mittheilungen ſo vor, als könnte er ſich dem Fremden, von deſſen räthſelhaftem Charakter er Daſſelbe vernommen hatte wie die Andern, dadurch für die Zukunft empfehlen. War es der junge Fürſt von Hohenberg, ſo konnte er ſich um ſo ſicherer dün⸗ ken, da Melanie wol mit einer Leidenſchaft für ihn ſpielen, aber doch bei ihrem im Ganzen beſonnenen Charakter mit ihr nicht Ernſt machen konnte. Als es Laſally heute nicht gelingen wollte, durch ſeine kurze, trockne und nicht unliebenswürdige Art Lachen zu er⸗ regen, lenkte er wieder auf das früher abgebrochene oder ſteckengebliebene Geſpräch ein und ſagte: Aber Fräulein, noch ſind Sie uns ſchuldig, Ihre nähern Berührungen mit den Thieren des Präſiden⸗ ten zu ſchildern. Wir wiſſen nun, daß die geiſtlichen claſſiſchen Muſiken in Tempelheide aufgeführt wurden, um Katzen daran ſo zu gewöhnen, daß ſie nicht mit— wirkten; aber mußten Sie denn die Menagerie ſelbſt paſſiren, um in den Saal der Akademie zu gelangen? Melanie war ernſt geworden und antwortete nicht. Ich denke mir Das allerdings recht gefährlich, fuhr Laſally fort. Schon wie Sie anfuhren, grüßte Sie am Thorweg ein widerlicher Truthahn, der ſich wie ein Reactionair nach etwas Rothem an Ihnen um⸗ ſah, um in Zorn zu gerathen. Nun kamen wol kleine Schafe mit Silberglöckchen und wollten Ihnen das Futter aus der Hand freſſen, aber dazwiſchen drängte ſich ein Ziegenbock, den der Präſident gewiß zu einem geſinnungsvollen Schneider abrichtet und muſtert Ihre Toilette. Die Enten, beſonders die Erpel, haben es immer mit den Beinen der Menſchen zu thun. Ich höre Sie ſchreien, Melanie, wie ſo Einer von dieſen Erpeln angewackelt kam und höchſt neugierig nach Ihren Schuhen ſah. Nun ſetzte ſich wol gar Einer von den Raben des Präſidenten, die ſeine klügſten Thiere ſein ſollen, weil ſie direct mit dem Galgen verkehren, auf Ihre Schulter und zauſte an Ihrem Kopfputze. Nicht 33⁵ , Ihre wahr? So ging es Ihnen wörtlich und ich weiß, räſtden⸗ Ihre Nerven ſind ſchwächer als die der Flottwitz, die ffllihen wir auf dem Jockeyclubb gewöhnlich die Schweſter des vurden, Regiments nennen. ht mit⸗ Beinahe ſo, lieber Freund, ſagte Melanie verächt⸗ e ſelbſt lich und ſchwieg. angen? Dankmar, um vor der entſcheidenden Ankunft im te nicht. Heidekrug eine beſſere Stimmung zu erzeugen, ſpielte c, fuhr dieſe Spöttereien auf etwas Ernſteres hinüber. zue Sie Alles zuſammengefaßt, ſagte er, bleibt der ſtein— ſch wi alte Chef unſerer praktiſchen Juſtiz ein merkwürdi⸗ en un⸗ ger Menſch. Ich halte ihn nach Allem, was ich l kleine nun von ihm weiß, für einen Naturphiloſophen. Er en dus gilt bei manchen frommen Beamten, und wir haben drängte deren noch viel, für einen Neologen, einen Atheiſten. einen Viele beſchuldigen ihn, er glaube an die Seelenwan⸗ ert Ihre derung und nur die Freimaurer nehmen ihn in Schutz. aben es Ich gehöre dieſem Bunde ſelbſt nicht an, was ich aber n. 30 von ihm zu wiſſen vermuthe, ſo denk' ich mir, der alte f Idiſm Harder iſt ein Prieſter der Naturreligion und liebt das. 9 Geheimniß, nicht weil es Geheimniß, ſondern ein Weg f ee e zur Offenbarung iſt. Daß er an die Perfectibilität 4 von den der Thie... grſi r Thiere glaubt, ſcheint mir eine Grille; denn was iere; 3 uf hilft es, einen Hund und eine Katze ſo zu gewöhnen, en, 3 Rich daß ſie ſich nebeneinander vertragen— Und in dem Falle nicht accompagniren, fiel La⸗ ſally ein, daß Frau von Trompetta Solo ſingt— Der Naturzuſtand, fuhr Dankmar fort, iſt der, der doch zuletzt allein und einzig über das Weſen der Thiere entſcheidet. Kann man eine ganze Race nicht umformen, nicht aus Löwen(für Jeden, nicht blos für den Wächter) Schooshündchen machen, ſo entſchei⸗ det am Ende die Zähmung ſehr wenig und beweiſt überhaupt nichts für die Thiere, ſondern nur für die große Kraft des Menſchen und ſeines übermenſchlichen gewaltigen Geiſtes... Sie müſſen den Präſidenten kennen lernen, ſagte Melanie— Aber raſch, ergänzte Laſally; es iſt bei ihm die höchſte Zeit... Gerade noch eine halbe Minute vorm Abfahren. Dieſe eigenthümlichen Menſchen, fuhr Dankmar fort, dieſe Originale, dieſe Wundermenſchen ſterben leider faſt Alle aus... Welche Menſchen? fragte Melanie's Mutter, die Dankmar's ernſter, würdiger Erörterung nicht recht ge⸗ folgt war. Die Denker, ſagte Dankmar, die Menſchen von Eigenthümlichkeit und apartem Forſchergeiſt, die prak⸗ tiſchen Philoſophen, die Autodidakten, die Sternſeher fiel La⸗ ngt— iſt der, Geſen der ace nicht ſcht blos entſchei⸗ d beweiſt r für die nſchlichen en, ſagte ihm die ute vorm Dankmat n ſterben utter, di recht ge⸗ chen von die pral rternſthe 337 auf eigenem Dachgiebel, die Mathematiker auch in der Form und der Weiſe ihres ganzen Lebens, die Sonderlinge, mit einem Worte alle Die, welche, ohne eitel zu ſein, ſich merkwürdig von der Maſſe unter⸗ ſcheiden... Ich verſtehe, ſagte Laſally. Sie meinen z. B. ſolche alte Uhrmacher, kleine vertrocknete Männchen, die alle Vierteljahre in die Häuſer kamen und die Wanduhren ausblieſen und vom Staube putzten. Zu meinen Aeltern, weißt du noch, Schweſter, kam immer Einer mit einem ganz kleinen Zöpfchen, das er hinten in der Weſte verſteckt hatte.... Er kam jeden Monat zu uns, als wir noch alte Schlaguhren hatten. Ob das alte Eiſoldchen noch lebt? Der alte Eiſold? Ich kenn' ihn wohl, ſagte Frau Schlurck. O, fuhr Dankmar fort, ich kenne das alte Eiſoldchen nicht, aber verlaſſen Sie ſich darauf, er iſt todt! Alle gehen hin, die noch etwas von der Art des vorigen Jahrhunderts in ſeiner Blüte⸗ zeit haben. Vielleicht gelingt mir's durch Ihre Pro⸗ tection, Fräulein, den Präſidenten einmal in Tem⸗ pelheide zu ſprechen. Er iſt für die Juriſten ſehr unzugänglich und gibt in Tempelheide vollends nur Denen Audienz, die ſich ihm im Intereſſe ſeiner Die Ritter vom Geiſte. II. 22 338 Studien über die Thierſeele oder mit dem Zeichen der Freimaurer nahen. Melanie lächelte über die conſequente Art, wie Dank⸗ mar ſeinen Charakter als Rechtsverſtändiger feſthielt. Anna von Harder, ſagte ſie, kann Sie bei ihm einführen... Zufällig war der Wagen, in welchem Bartuſch fuhr, faſt dem der Juſtizräthin dicht zur Seite ge⸗ kommen. Bartuſch griff von den letzten Aeußerungen eine auf, die ſich auf den alten Uhrmacher Eiſold bezog, und rief herüber: Behüte! Der alte Eiſold lebt. Brandgaſſe Nr. 9. im dritten Hofe drei Treppen hoch. Hackert wohnt ja bei ihm... Damit fuhren die Wägen wieder hintereinander und in der frühern Ordnung. Die Erwähnung Hackert's brachte einen Miston in die Stimmung der jungen Geſellſchaft, die im Wagen der Juſtizräthin ſaß. Laſally, der unterwegs immer an ſeine gerichtliche Unterſuchung denken mochte, ſagte: Beim alten Eiſold wohnt Hackert? Sieh! Sieh! Die Juſtizräthin, die Melanie's Unruhe bemerkte, wollte die Wiederaufnahme dieſes Gegenſtandes ver⸗ meiden und fiel ſogleich ein: n Zeichen wie Dank⸗ r feſthielt bei ihm Bartuſch Seite ge⸗ rußerungen her Ciſol iſſe Nr. 9 ert wohnt tereinande „ Möu k, die in gerictli 2; 339 Brandgaſſe Nr. 9. Großer Gott! Wohnt der alte Mann in den jammervollen Häuſern, wo die Armuth und das Elend hauſen...... Iſt die Brandgaſſe nicht eine ſchmale, enge, alter— thümliche Straße? fragte Dankmar. In der Altſtadt.... Wo nicht Sonne, nicht Mond ſcheinen? Uralte Häuſer, die mein Mann adminiſtrirt... Es ſind Häuſer.. Die der Commune gehören; Häuſer, die alle an dem Eingang mit dem Kreuz und dem vierblättrigen Kleeblatt bezeichnet ſind.... Dankmar horchte ſtaunend auf. Die Stadt zieht aus dieſem Elend und Jammer, ſagte die Juſtizräthin, jährlich bedeutende Summen. Man glaubt es nicht, was Alles auf den Ertrag dieſer Höhlen der bitterſten Armuth angewieſen iſt. Ich verſuchte ſonſt, ſie zu durchwandern und mich nach den Leiden dieſer hier eingepferchten Bevölkerung zu erkundigen; aber ich verzweifelte bei dem Anblick und hielt ihn auf die Länge nicht aus... ich konnte zuletzt nicht mehr thun, als mich an die Geſellſchaft der Frauen anſchließen, die dieſen Armen beizuſpringen ſich zur Lebensaufgabe gemacht haben und gern würde ich thätiger im Frauenverein mitgewirkt haben, wenn 22* ich nicht immer von dieſen Damen hätte hören müſſen: das Chriſtenthum wäre ſolchen Unglücklichen nützlicher als friſche Wäſche. Zu dumm für ſolche Sätze, zog ich mich zurück und beſchränkte mich auf Geldbei⸗ träge. Dieſe Häuſer gehören zu der Erbſchaft... ſagte Dankmar vor ſich hin und verfiel in ernſtes Nach⸗ denken. Laſally erwachte aber aus ſeinem Grübeln und ſagte mit einem Griff in die Taſche: Beim alten Eiſold! Himmell Jetzt begreif' ich die Form dieſer Kugeln. Es ſind ja Uhrgewichte... Damit zeigte er die bleiernen, kleinen runden Körper, die man anfangs für Spitzkugeln gehalten hatte und die in der That auch für Uhrgewichte gel⸗ ten konnten. Laſally wünſchte weitere Erörterung, Dankmarn drängte die Frage nach dem Verhältniß des Juſtiz⸗ raths zu jenen Häuſern in der Brandgaſſe, von denen man ſagte, daß die ſtädtiſche Commune von ihnen mit unnachſichtlicher Strenge Abgaben eintreibe... Melanie aber machte durch ein einziges:„Ich bitte!“ und ein Zurückſtoßen der von Laſally dargehaltenen Kugeln oder Uhrgewichte der weitern Erörterung ein Ende und brach kurz und entſchieden von einem Ge⸗ ren müſſen: n nützlichen Sätze, zog f Geldbei .. ſagte ſtes Nach fübeln und reif ich di vichte... hen runden n gehalten wwichte ge⸗ Dantmaun des Juſti von denen von ihnen treibe. Ich bitte ngehalin rterung 1 „( einem! genſtande ab, der jede der in dieſem Wagen befind⸗ lichen Perſonen anders und entgegengeſetzt, aber Kei⸗ nen in erfreulicher Art aufzuregen ſchien... ...... Mit der flachern Gegend war auch das Wetter unfreundlicher geworden. Es fing an zu reg⸗ nen. Man ſchlug hinten wol die Wägen auf, aber nach vorn blieben die Herren ungeſchützt und mußten ſich mit Regenſchirmen behelfen. Das gab nun eine unerquickliche Fahrt. Man lachte zwar, aber nur um ſein Unbehagen nicht zu ernſt auszulaſſen. Melanie und die Mutter hüllten ſich in Mäntel. Jene band ſogar einen Schleier über den Hut und verbarg ſich in einer Wagenecke wie eine verhüllte Nonne, ſich ganz ihren Betrachtungen überlaſſend. Nur zuweilen blitzten die großen braunen Augen zu Dankmarn hin— über, wenn er gerade nachdenklich in den Wald ſtarrte oder zu den immer dichter heranziehenden Wolken auf⸗ ſah. Die Kutſcher peitſchten zur Eile... Dankmarn waren trotz des ſtrömenden Regens alle Stellen erinnerlich, wo er vor wenig Tagen mit dem jungen Prinzen, für den er hier ſelbſt gehalten wurde, in nähere Berührung gekommen war und ſeine Gedanken mit einem Manne ausgetauſcht hatte, der kein Tiſchler ſein konnte. Was lag da nicht Alles auf ſeiner belaſteten Seele!... Um ſechs Uhr war man im —y 3 1 1l 1— W 3 8 4 1 Heidekrug. Er erkannte den luſtigen jetzt aber nüch⸗ ternen und verdrießlichen Hausknecht Dietrich und die rührſame unpolitiſche Lieſe, deren Rechnung Hackerten noch in ſchlimme Händel bringen konnte. Aber zu lange konnte er kaum beim Vergangenen verweilen; denn Alles, was ihn an Schlurck, den Heidekrüger, die Wahlen und den Wagen, der hier mit ſeinem wiedergefundenen Verluſte, den alten Papieren des Tempelhauſes in Angerode, geſtanden hatte, erinnerte, verdrängte jetzt die Ueberzeugung, daß ſie hier wirklich den Geheimrath von Harder eingeholt hatten. Da ſtand ſein Landau, vom Regen triefend, da war der Möbelwagen, die Arche Noäh, wie ſie jetzt von Melanie genannt wurde; da ſah er am Stalle die beiden Gendarmen und die Leute des Inten⸗ danten, die von da aus den mit einer eiſernen Stange verſchloſſenen Wagen ſtreng behüteten..... Wie ſich Alles ſammelte, über das Wetter klagte, Zimmer, Speiſen verlangte, wie die Hunde an den Ketten riſſen, Bello kläffte, Einer da, der Andre dorthin ſich verlor, war Das ein Durcheinander zum Einbuüßen aller Beſinnung. Melanie flüſterte Dankmarn, als er in das Zimmer trat, das ihm die Lieſe für dieſe Nacht anwies, die kurzen aber bedeutungsvollen Worte zu: aber nüch⸗ ich und die g Hackerten Aber zu verweilen, Heidekrügen mit ſeinem apieren des e, erinnerte hier wirklich zatten. De , da wae ie ſie je am Stal des Inten er eiſerne teten. etter klage nde an de der An urcheinan nie flußt f, das kutzen 343 Wie und wo das Bild herkommen ſoll, weiß ich noch nicht! Aber Sie haben es bis morgen! Dankmar wollte etwas Verbindliches erwidern. Sie ſchnitt ſeine Worte ab und ſagte nur: Laſſen Sie, da ich nicht weiß, wie ich Ihnen das Bild zuſtellen kann, die Nacht über die Thür Ihres Zimmers offen! Hören Sie? Damit verſchwand ſie und überließ Dankmarn dem Erſtaunen über Etwas, was ihm völlig unmöglich ſchien. Er öffnete das Fenſter des kleinen dumpfen Zimmers, um trotz des Regens friſche Luft zu ge— winnen. Es war ihm nicht lieb, daß er dieſe Kam⸗ mer als jene erkannte, in welche man Hackerten ge⸗ führt hatte, als man ihm nicht ſagen wollte, daß er im Schlafe wandelte. Das Heu, das damals von Hackert aus dem Stalle mitgebracht wurde, lag nicht mehr im Zimmer. Dafür war der Heidekrug zu reinlich gehalten. Aber die Erinnerung war da und die erſchreckte ihn doch mächtig. Den Abend über ging es nun verworren genug in dieſem Hauſe und auf dem Hofe zu. Die ſchöne Einheit der Geſellſchaft war durch das Wetter und die breite Souverainetät, mit der ſich die Excellenz des Wirthshauſes und ſeiner beſten Zimmer bemäch⸗ tigt hatte, geſtört. Jeder aß für ſich. Die Damen 344 hatten ſich ganz zurückgezogen. Der Verſuch, nach⸗ dem der Regen mit Sonnenuntergang aufgehört hatte, das Freie zu gewinnen, den Garten zu beſuchen, in den Wald, an den er grenzte, einen Blick zu werfen, ſcheiterte an den ſtehenden Waſſern und dem feuchten Graſe. Dankmar war überraſcht, ſich ſo plötzlich allein zu wiſſen, kaum noch ſelbſt von Melanie be⸗ achtet. Er hörte viel Trepp auf, Trepp ab gehen, ſah auch den Geheimrath öfters den Kopf zum Fenſter hinausſtecken, vernahm auch, daß die Bedienten immer in Bewegung waren. Aber ſo ſehr ſeine Neugierde durch dies Alles geſteigert werden mußte, ſo ergab er ſich doch völlig ungewiß in das Unabänderliche und überließ es der Zukunft, in das Chaos, das auf ſeine Bruſt gewälzt war, Licht zu bringen und ſeine Stim⸗ mung in heitere leichtere Gefühle aufzulöſen. Im Wirthsſaale traf er bald mit dem reichen Banquier von Reichmeyer, bald mit deſſen Schwager Laſally zuſammen. Man berathſchlagte über die vor⸗ ſichtigſte Art, zur ſichern Entdeckung der Hackert'ſchen Frevel zu gelangen. Dankmar, deſſen Beſorgniß über das von ihm an Laſally abzuliefernde Pferd immer mehr ſtieg, ſchloß ſich ihrer Entrüſtung mit aller Entſchiedenheit an und weigerte ſich keineswegs, etwa verlangte gerichtliche Zeugniſſe abzulegen. Reichmeyer 345 ich, nach⸗ war über Hackert weniger unterrichtet als Laſally. hört hatte Dieſer geſtand, als Dankmar von dem krankhaften ſahen, in Zuſtande des Nachtwandelns ſprach, dies bedauer⸗ werfen liche Uebel des Burſchen, wie er ihn nannte, ein, nfeuchten bemerkte aber, die Discretion verböte ihm, über die o plößlich wahren Urſachen dieſes Zuſtandes ausführlicher zu elanie be ſprechen. ab gehen, Jedenfalls, ſagte er, können Sie überzeugt ſein, um Fenſte daß Das ein Menſch iſt, der alle Fähigkeiten beſitzt, ten immer Einem über den Kopf zu wachſen, wenn man ihn Neugierde nicht zur rechten Zeit mit Füßen tritt. Sie wer— hergab e den doch jedenfalls zugeſtehen, daß es ein Unglück iſt, liche un wenn Spitzbuben große Männer werden? Deshalb oif ein iſt die Polizei, das Zuchthaus und im Nothfall jede ine Sii andere eclatante Beſchimpfung da, um die übergroße Ueppigkeit ſolchen Talenten für immer zu vertreiben. 4 reihe Dankmar verſtand nicht recht dieſe gewaltthätigen ouus Aeußerungen und fand ſie auch zu unbehaglich, um ne th länger über ſie nachzudenken oder gar über ſie zu rſhs fragen. Er beſchloß die Erinnerung an dieſe Be⸗ F acert ſch gegnung, wenn irgend möglich, ganz aus ſeinem Ge⸗ dächtniß zu werfen und unterhielt ſich mit Laſally über andere Dinge. Im Ganzen fand er ihn klug und ſehr klar, aber von merkwürdig geringem Fond. Es war ein junger Mann, den man zum Gentleman mguiß üit erd imme mit ale egs, en Keichele —346 erzogen hatte und der deshalb, weil ihm die Mittel dafür zu fehlen anfingen, in einer verdrießlichen Stimmung war. Es gefiel ihm, daß Laſally etwas Offenes und Aufrichtiges hatte. Als ſie Beide im Saale allein waren und einander ihre Cigarren an⸗ rauchten, ſagte der Stallmeiſter auch ganz frei heraus: Sie ſind Prinz Egon von Hohenberg! Man weiß es. Warum wollen Sie ſich auch vor mir maskiren? Ich ſtand ſonſt mit dem Grafen d'Azimont in Ver⸗ bindung. Er kam vor einigen Jahren aus Paris, ich ſollte ihm damals einen Stall completiren und bin darüber noch mit ihm in Verrechnung. Von ſeinem Verwalter erfuhr ich, daß Sie im Incognito Ihre Güter beſuchen wollen, zum größten Jammer der Gräfin, die Sie liebt... Dankmar redete ihm dieſe Anſicht ganz entſchieden aus, indem er ihm die Wahrheit geſtand, ſoweit ſie hierher gehörte. Ich bin ein einfacher Juriſt, ſagte er, Dankmar Wildungen iſt mein Name, aber ich bin ein Freund des Prinzen. Ich bemerke, daß man gegen mich vor⸗ ſichtig, behutſam, ja mistrauiſch ſich benimmt. Reden Sie doch Jedem den wunderlichen Verdacht aus! Auch Melanien? fragte Laſally, die Augen halb zudrückend. die Mitte drießliche ally etwas Beide in garten au⸗ ei heraus: Man weiß maskiren! t in Ve us Prni etiren und ng. Vw Incognit Jamme entſchiede ſoweit 1 27 Auch ihr, ſagte Dankmar. Sie hat mir Theil⸗ nahme bewieſen, aber es fängt mich zu verdrießen an, wenn ſie mich nicht wegen meiner ſelbſt ſchätzt, ſondern aus einem Misverſtändniſſe. Sie ſelbſt lieben ſie alſo ſchon! ſagte Laſally. Und deshalb möcht' ich, Sie wären wirklich der Prinz Egon.... Man ſtörte Beide in dieſer wunderlichen Erklärung. Laſally wurde abgerufen und Dankmar ſchritt in der verdrießlichſten Stimmung im Wirthszimmer auf und ab. Sein Abenteuer war ihm wie zerſtört. Er war mit der Nothwendigkeit, ehrenhaft und aufrichtig zu ſein, in eine Colliſion gerathen, wo dieſe ſiegen mußte. In dieſen gemiſchten Empfindungen ſtörte ihn nun auch noch der Heidekrüger, der von der Helldorfer Wahlbeſprechung zurückkam und ſehr überraſcht war, ſein Haus ſo reich an Gäſten zu finden. Er erkannte Dankmarn ſogleich wieder, horte von ihm die genaue Angabe aller der Perſonen, in deren Geſellſchaft er angekommen war und erwiderte auf die Frage wegen der politiſchen Verſammlung, die Dankmar an ihn richtete, mit einem ſonderbaren Gemiſch ſtattlicher Würde, aber auch ebenſo großen Selbſtvertrauens. Es wird nun doch dahin kommen, daß man mich, nicht den Juſtizrath wählt, ſagte er. Es iſt nicht ———— ————— möglich, ſich dem Vertrauen ſeiner Mitbürger zu ent⸗ ziehen. Ich habe mich lange geſträubt, ein ſo wich⸗ tiges Amt, wie das eines Volksvertreters, anzuneh⸗ men, allein der große Augenblick und die Gefahr, in der ſich unſer Vaterland befindet, reißt Jeden fort, auch Den, der nur geringe Gaben hat und die, die er vielleicht beſitzt, nicht wie ein Gelehrter ausbilden konnte. Das Miniſterium ſchwankt. Es wird ſich nicht halten können und was an mir iſt, würd' ich der Letzte ſein, der es von ſeinem Falle rettete. Es genügt Keinem; dem Adel nicht, dem es zu frei, dem Pöbel nicht, dem es zu gemäßigt iſt. Die Verwirrung in der Hauptſtadt ſoll grenzenlos ſein und umſichtiger, beſonnener, ruhiger Vaterlandsfreunde bedarf es mehr denn je. Ich bringe wenigſtens meinen guten Wil⸗ len mit. So hätte alſo der Juſtizrath Recht gehabt? ſagte Dankmar, erſtaunend über die gewandte Art des Heidekrügers, ſich zu faſſen und auch in Worten auszudrücken. Ich ſchlug ihn vor, ſagte Juſtus, die Achſeln zuckend. Ich nannte Alles, was man zum Lobe eines ſo gelehrten Mannes ſagen kann, der in großem An⸗ ſehen ſteht. Aber man ſcheut ſich jetzt, von Advo⸗ caten zu hören. Man hat kein Vertrauen mehr, ger zu en⸗ n ſo wich⸗ anz uneh⸗ Gefahr, in geden fort d die, die ausbilden wird ſich würd ich ettete. Es u ftei, den Verwitrung umſcchtigen rf es mahl guten Bi habt? age e Att de in Worte n afs Lobe dine . Aa großem von Ni auen men 349 ſeitdem Die, welche am gewandteſten von den Rech⸗ ten der Menſchen ſprachen, kein Wort mehr für die Pflichten hatten. Das Eigenthum iſt es, beſter Herr, das nicht in Gefahr kommen darf. Man muß nicht zittern dürfen vor einem tollen Durcheinanderwühlen von Mein und Dein. Man muß ſich ſogar nicht fürchten müſſen vor Dem, was man uns von den Rechten der Andern ſchenkt; denn wie bald würde man wieder von Solchem, was uns nun gehören ſoll, doch wieder Andern abzugeben haben! Sie ſind conſervativ geworden, ſagte Dankmar, und haben als reicher Mann alle Urſache, vor einer zu wilden Gährung der Köpfe Haus und Hof zu ſichern. Aber der Juſtizrath wäre doch unſtreitig auch ganz Ihrer Meinung geweſen.... Der Heidekrüger wurde nachdenklich. Er ſah vor— aus, daß ſeine Stellung dem Juſtizrath gegenüber recht ärgerlich war... Dankmar erleichterte ihm ſeine Verlegenheit und meinte: der Juſtizrath würde wol zu weit rechts ge⸗ ſeſſen haben? Es iſt ſehr ſchlimm, ſagte der Heidekrüger kopf— ſchüttelnd, daß es ſoweit hat kommen müſſen, jeden Menſchen gleich links oder rechts unterzubringen. Wenn es nach mir ginge, ſetzte ich mich auf die äußerſte Linke und ſtimmte rechts! Was ſollen denn dieſe Unter⸗ ſchiede? Wozu denn dieſer Zwang, den der Partei⸗ geiſt ſchon ausübt, eh' man nur den Saal der Sitz⸗ ungen betritt? Ich kann den Schwätzern nicht folgen und ich kann auch der Regierung nicht folgen.. ſagen Sie mir die Stelle, wo ich mich hinſetzen ſoll? Ins Centrum, meinte Dankmar ironiſch, und da müſſen Sie denn doch noch Miniſter werden, wie der Juſtizrath geſagt hat... Indem brachte die unpolitiſche Lieſe ein Packet neuer friſchangekommener Zeitungen, das ſie unwirſch vor ihrem begierig darüber herfallenden Herrn hin⸗ warf. Es waren deren eine ſo reiche Auswahl, daß Dankmar ſagte: Alle neuen Zeitungen? Sie treiben ja die Politik wie Metternich! Das ſollte Sie freuen, beſter Herr, erwiderte Juſtus, die Blätter begierig, auseinanderfaltend. Das Licht beſſerer Erkenntniß, die Verbreitung der Hülfs⸗ mittel, um das Wahre von dem Falſchen zu unter⸗ ſcheiden, that endlich noth. Wir haben auch früher in den Zeiten des Druckes, wo unſere Klagen in dem jämmerlichen Inſtitut der Provinzialſtände ungehört verhallten, nicht die Hände in den Schoos gelegt. Sehen Sie, daß ich mich wohl vorbereitete auf eine und puſeh Log Can dabo dint falle Glas mar Jüch iin, Sch weiſ ſtie ieſe Unter⸗ der Partei⸗ l der Siz⸗ nicht folgen folgen. ſezen ſoll! h, und d en, wie der ein Paca ſie unwirſc Henn Vin zwahl, da die Poltt , erviden Dal iend. D. der Hſt 1 zu unte auch ftů agen in d de unge hoos Ji dte auf beſſere Stunde und las, was uns frommen kann, nun ſie endlich geſchlagen hat. Damit öffnete Juſtus nicht ohne einige Zaghaftig⸗ keit und geſchmeichelte Verſchämtheit die Thür eines Nebenzimmers. Es war ein Cabinet, recht traulich und faſt wie das Studierzimmer eines Gelehrten an— zuſehen. Da waren Epheuranken am kleinen Fenſter, Vogelbauer hingen mit einigen ſchon ſchlummernden Canarienhähnen, ein Stehpult mit einem Drehſtuhl davor zeigte Spuren fleißiger Benutzung ſowol des Tintenfaſſes wie der Streuſandbüchſe. Das Auf⸗ fallendſte aber war eine reiche Bibliothek. Hinter den Glasfenſtern eines hohen Bücherſchranks las Dank⸗ mar in der Abenddämmerung an dem Rücken der Bücher: Rotteck's Weltgeſchichte, Das Pfennigmaga⸗ zin, Welcker's Staatslexikon und eine Menge von Schriften, die früher zu den verbotenen gehörten und meiſt in Altenburg, Hamburg oder im Auslande er⸗ ſchienen waren.„. Dieſe verbotenen Bücher, bemerkte Juſtus, ent⸗ hielten viel Falſches, allein man mußte ſie ſich an⸗ ſchaffen, um auch das Gute ſich anzueignen, das ſie mit dem Falſchen zugleich brachten. Wahrheitstrieb erſchien damals für unerlaubte Freiſinnigkeit. Ich galt viele Jahre für einen ſchlimmen Feind des Kö⸗ 352 nigs und wurde von ſeinen böſen guten Dienern arg verfolgt. Dieſe Schriften, die ich mir mit Liſt und Gefahr verſchaffen mußte, lagen alle verſteckt und ſind erſt jetzt gebunden worden. Es war wahrhaft traurig, daß man etwas hüten und heimlich ſchützen mußte, was man nur las, um es ſehr bald als Uebertreibung zu vergeſſen. Doch war auch manches gute Korn unter der Spreu, und Das ſoll jetzt aufgehen und gute Frucht bringen. Nicht wahr, Herr? Dankmarn war ſonderbar zu Muthe. Er mußte den Mann, der ſich da ſo ganz aus eigenen Mitteln emporgerafft, eine Bildung und ſogar eine Meinung ſich erworben hatte, von ganzem Herzen achten und doch misfiel ihm das Selbſtgefühl des Heidekrügers, ſein gewichtiger, feierlicher und dann wieder naiver und gemachter treuherziger Vortrag und mehr noch als Dies ſeine egoiſtiſche Auffaſſung des Staats. Als der Heidekrüger das Kämmerchen wieder ſchloß und nach den Zeitungen griff, um mit großer Spannung ſelbſt noch in der Dämmerung, ehe man Licht brachte, ihren Inhalt zu überfliegen, mußte er ſich ſagen, daß ja zuletzt der Abſolutismus eines Fürſten von Gottes Gnaden nicht ſchlimmer iſt als ſo ein Patriot von Gottes Gnaden, der ganz wie Jener den Staat aus — Dienern arg nit Liſt und derſeekt und ir wahrhaf lich ſchüßen hr bald al uch manches as ſoll jett Nicht waht „Er uußt enen Mittl ne Meinun achten un Heidekrügen iidet mir d mehr ne Staats. 1 t ſchloß u er Spaun dict buct c ſagen, d 1 von Gi Pattic) en Süad ſeinem eigenen Ich herleitet. Dennoch gefiel ihm wieder, als dieſer Mann, den er faſt für den rechten Urtypus des politiſirenden deutſchen Michels hätte nehmen mögen, beim Umblättern der Zeitungen ſagte: Dieſe albernen ſogenannten Eingeſandts! Iſt's denn möglich! Die Geſinnung möcht' ich hingehen laſſen, obgleich ſie in übertriebener Unterwürfigkeit nur den Rückſchlag in die alte dumme Zeit zu weit befördern, aber ſieht man nicht jeder Unterſchrift an, daß ſie von Menſchen herrührt, die gleichſam dem Landesfürſten ſagen moͤgen: Merkſt du dir denn auch meinen Namen? Unterſtützeſt du mich denn nun auch bei Gelegenheit oder befiehlſt den Miniſtern, meinen Sohn zu befördern? Da flucht ein Rittergutsbeſitzer der Umgegend hier über die Demokraten und unter⸗ ſchreibt ſich groß und breit mit ſeinem ganzen Major außer Dienſten und allen Kreuzen, deren Inhaber und Ritter er iſt. Aber wir Alle wiſſen, daß dieſer Herr Vom Buſche neulich die Dreiſtigkeit hatte, an den König zu ſchreiben, ſeine Tochter müßte doch nun wol auch das Pianoforte lernen, er könnte ihr, da er fünf Kinder hätte, kein Inſtrument kaufen, ob ſein allergnädigſter Fürſt und Herr nicht die Gnade haben vollte und ihm für ſeine treuen Dienſte— Die Ritter vom Geiſte. II. 23 354 Ein Pianoforte kaufen? ſagte Dankmar, zorn⸗ glühend, und ſetzte hinzu: Und ich glaube faſt, daß der Mann das Piano⸗ forte bekommen wird? Er hat es ſchon, ſagte Juſtus. Ja, ja, die Ge— heimniſſe unſerer fürſtlichen Chatoulle gäben das un⸗ terhaltendſte Buch, das einem hamburger Buchhändler nur könnte verboten werden... O, rief Dankmar, müßte den König nicht Zorn, ja Scham ergreifen, wenn er ſähe, worauf er die Be⸗ hauptung ſeiner Vorrechte gründet, wenn man ſolche Adreſſen ſchreibt und ſchreiben läßt! Sind es denn freie, unabhängige Menſchen, die da mit ſich ſelbſt beſchränkendem, lohndieneriſchem Verſtande ſeiner Ge⸗ walt zuſtimmen? Nein, es ſind Die, denen die alte Ordnung der Dinge Vortheile brachte, die ſie bei der neuen zu verlieren fürchten. Die Demokratie mag viel zügelloſe Elemente in ſich hegen und manchen verdächtigen Anſprüchen einen ſchimmernden Namen geben, aber ſo auf die Lüge gebaut iſt ſie nicht, wie bei uns die Vertheidigung des alten beſchränkten Lan⸗ deskinder⸗Gehorſams. Menſchen, die nie einen an⸗ dern Blick in die Zukunft warfen, als der bis zu ihrem nächſten Gehaltstage oder bis zu ihrem Avance⸗ ment reichte, geben ſich plötzlich das Anſehen, politiſche Geda indem Hätte Auch haben Dictat am na H krüger un ſolche gegenn ſchen natje miglic Rfähtl Tſche darum ſch T Cgois man n de Lü⸗ taus marchiſ ſeinſt d ar, zorn⸗ as Piano⸗ die Ge⸗ n das un⸗ uchhändler ncht Zorn, er die Be nan ſolche hes denn ſich ſelbſ ſeiner Ge⸗ n die alte ſe bi w ratie mag d manchen en Namel nicht, wie nkten Lan⸗ einen an der bis I mn Avande poliiſt 355 Gedanken zu haben und wollen den Thron befeſtigen, indem ſie ihn auf ihren eigenen Egoismus bauen! Hätte ſich das Regiment bei uns wirklich geändert, auch dieſer Major Vom Buſche würde ſich verändert haben und ſein Pianoforte von dem Tribunen oder Dictator erbetteln, der ihm gerade dem Staatsſchatze am nächſten ſitzend erſcheint. krüger etwas ſpitz. Hoffentlich bei Denen ohne Erfolg! ſagte der N Und darum, fuhr Dankmar ungehindert fort, daß ſolche Zumuthungen, ſolche Misbräuche nur bei der gegenwärtigen Form der Regierung, ihren militairi⸗ ſchen Erinnerungen und ihrem patriarchaliſchen Ver⸗ wachſenſein mit dem Dünkel der iſolirten Nationalität möglich ſind, darum ſoll das Beſſere, Vernunftgemäßere gefährlich und verderblich ſein? Den Schmarotzern am Tiſche der Monarchie allein iſt es verderblich und darum auch der Monarchie ſelbſt gefährlich. Können ſich Throne auf die Länge behaupten, die auf den Egoismus einzelner träger Claſſen gebaut ſind? Wird man nicht endlich einſehen, daß, wie die Schrift ſagt, die Lüge der Leute Verderben iſt und jedes Königs⸗ haus entweder der Republik oder einer radicalen mo⸗ narchiſchen Verjüngung weichen muß, wenn es, wie einſt die Stuarts, ſelbſt eine Partei im Staate vertritt? 23*4 Republik? ſagte der Heidekrüger lächelnd. Bitte! Bitte! Nicht Republik! Und den Kopf ſchüttelnd, ergriff er wieder die Zei⸗ tungen und blätterte in ihnen; denn es war nun auch Licht gebracht worden und ſein Nachteſſen wartete... Dankmar ging noch einige mal im Saal auf und ab und empfahl ſich kurz, um auf ſein Zimmer zu ſteigen... Laſally, Reichmeyer und einige der Frauen, die ihm begegneten, Alle verfolgten ihn neugierig und faſt zuthunlich. Aber er war in einer Stimmung ſo völligen ſich Vereinſamtfühlens, daß er am liebſten zu Melanie gegangen wäre, an ihre Thür gepocht und ſich ihr mit ganzer Seele anvertraut hätte. Wo iſt auch noch ein Troſt für unbefriedigte Gemüther, wenn ſie die Söhne unſerer Zeit ſind, als allein in der Liebe? Wo iſt die Bürgſchaft noch, daß in den Schrecken der Empörungen und Kriege, in den ſchaudervollen Gerichten der Reaction und der Rache noch etwas vom Ewigen und Menſchlichen ſich erhält, als in der Liebe? Wo werden noch Worte des Lebens geſprochen, wo rinnen noch Thränen der Freude, wo weht noch der Hauch des ſtillen Einverſtändniſſes, wo iſt noch Liebe, als in der Liebe! Dankmar lehnte jede Einladung ab. Er warf ſich auf das Lager in ſeinem kleinen Zimmer.. Es ſollen; Nerven vor Ue die Fen runden nicht ü die Luf ſchon h Valdes Cs Säbel Hi⸗ Thüre nen, d ſheinen ſich da ). Bitte! r die Zei⸗ nun auch artete... auf und immer zu er Frauen, gierig und nmung ſo liebſten zu pocht und Wo iſ her, wenn in in de Schrec udervollen ih etw⸗ als in de geſprochn veſt vot w i mi walj ſt 357 Es mochte gegen zehn Uhr ſein. Er hätte ſchlafen ſollen; denn die Erſchöpfung dieſer Tage hatte ſeine Nerven bis zur Krankhaftigkeit abgeſpannt. Schon vor Uebermüdung konnt' er nicht ſchlafen. Er hatte die Fenſter geſchloſſen... er riß ſie wieder auf. Die runde volle Mondſcheibe konnte am bewölkten Himmel nicht überall hervortreten, noch drückte Gewitterſchwüle die Luft, ſo feucht ſchon die Erde war, ſo friſch es ſchon herüberduftete von den durchnäßten Tannen des Waldes... Es war nicht ruhig im Heidekrug. Er hörte die Säbel der Gendarmen. Er hörte laut lachen und ein Hin⸗ und Wiederhuſchen auf dem Corridor. Die Thüre ließ er unverſchloſſen. Mußt' er nicht anneh— men, daß ihm Melanie plötzlich wie im Traum er— ſcheinen wollte? Was hatte ſie vor? Wie konnte ſie ſich das Bild aneignen aus einem Raume, der be— wacht und verſchloſſen war? Wird ſie den Intendanten überreden? Seiner Eitelkeit ſchmeicheln? Ihm unmög⸗ liche Verſprechungen machen? Sogar die Eiferſucht ergriff ihn, ſo lächerlich der Gegenſtand war. Unter ihm, im Wirthszimmer, glaubte er jetzt die Diener des Intendanten, die Gendarmen, die Jockeys Laſally's zu hören. Er warf ſich nieder auf das 358 Bett, deſſen unheimliche Erinnerungen an Hackert er nicht loswerden konnte. Er blieb angekleidet, wie er war... Nach einer Weile ließ ſich doch der Schlaf nicht mehr zurückweiſen. Er verfiel in einen halb wachen, halb träumenden Zuſtand, der ihm eine Zeit lang bleiſchwer aufs Auge ſich ſenkte... Dann fuhr er wieder empor. Er mußte eine halbe Stunde ſo gelegen haben. Das Zimmer war hell. Die Wolken hatten ſich etwas verzogen und ließen dem Monde Raum, ſein goldgelbes, faſt zehrendes Licht auszu⸗ gießen. War es die Erinnerung an Hackert, an deſſen nächtlichen Gang auch am Schloſſe, den Egon beobach— tet und ihm erzählt hatte, war es die Erinnerung an Hackert's geſpenſtiſches Hinſchreiten über die Wieſe zum Ebereſchenbaum, von dem der Jäger geſprochen, ſeine eigene Begegnung mit ihm am Thurm und ſein Verſchwinden zur Waldſchlucht und dem Kreuze hin, wo des Sägemüllers Nantchen verunglückt war; waren es alle dieſe Erinnerungen an das faſt dunkle phan⸗ tasmagoriſche Leben eines Andern... oder war es ſeine eigene nervöſen Reizung... es kam ihm vor, als fühlte er recht die ziehende, magiſche Gewalt der Mondſtrahlen, das Verzehrtwerden von dieſem trocke⸗ nen, ausgebrannten Himmelskörper, der ſo geheimniß⸗ voll auf die Erde wirkt, fühlte er recht das Schwinden in da glaub W Er ſal ren. Ac blinzel wieder ſeinen nicht framp her. uns o wie de ſo hin E licher Kaeft R. Hackert er , wie er er Schlaf nen halb eine Zeit ann fuhr sttunde ſo e Wolken n Monde ht auszu an deſſen beobach erung an die Wieſe eſprochen und ſein reutz him ar; walen nile phan er wat 8 ihm den hewält em tr zeheim Schwinde in das geiſterhafte Licht hin... Er legte ſich und glaubte zu ſchlafen, ſchlief und wachte... War es Traum? War es wirkliche Erſcheinung?... Er ſah die Thür ſich leiſe öffnen... ren... Tritte ſchleichen... Ach, kam ihm der Gedanke, Das iſt Melanie! Er blinzelte einmal auf, lächelte und ſchloß die Augen wieder... bleiſchwer lag eine räthſelhafte Gewalt auf ſeinen Sinnen... er mochte ſich erheben und konnte nicht... er mochte reden und der Mund war wie krampfhaft geſchloſſen... Wie Muſik floß es um ihn her... Er fühlte jene Schwingungen der Seele, die uns oft ſind, wie die Vorahnungen der Seligkeit... wie der Tod uns nahen mag... So zerfließen... ſo hinübergehen... ſo ſterben! Er täuſchte ſich aber nicht. Es war ein nächt⸗ licher Beſuch, den er zu begrüßen, anzureden keine Kraft hatte... Nicht aber Melanie war es. Eine männliche, edle Geſtalt beugte ſich auf ihn nieder... Er ſah, er fühlte ſie... Er lächelte zu ihrem lächelnden, freundlichen Gruß empor. Der Fremde hatte ein Bild in der Hand... es war rundoval... die Farben blaß... Der goldene Rahmen glänzte matt im Mondenſchein... Es war er hörte ſie knar⸗ das Bild einer jungen ſchönen Frau und Der, der es trug, war Ackermann, der Amerikaner. Leiſe trat der nächtliche Beſuch näher, neigte ſich über Dankmar, küßte abwechſelnd das Bild, abwechſelnd die Stirn des halbwachen Schläfers... Dann war das Bild ver⸗ ſchwunden, aber der Fremde, derſelbe, den man Acker⸗ mann nannte, des holden Selmar Vater, blieb noch. Nach einer Weile zog er das Portefeuille aus der Bruſt, neigte ſich über Dankmar und... Was that er nur? Dankmar hörte etwas, wie das Klingen eines In⸗ ſtruments— er hörte den Schnitt wie eines Meſſers— nein, er fühlte etwas an ſich ſelbſt, das aber nicht ſchmerzte, nicht verwundete... Seine müden Augen blinzelten... Er wollte den Traum nicht ſtören... Das Mondlicht that den Sternen der Sehkraft wehe... Aber die Geſtalt war keine Täuſchung. Der Ameri⸗ kaner trat zurück und betrachtete eine Locke, die er ſich eben von Dankmar's Haupte geſchnitten, küßte ſie und legte ſie mit Rührung in ſein Portefeuille. Das Zimmer wurde dunkler, die Wolken traten vor den Mond... Die Erſcheinung war verſchwunden. Als Dankmar ſich aufrichtete, war es ihm faſt, als hörte er noch die Thür klinken. Alles war ſtill. Alles dunkel, der Mond war dicht verhüllt... er konnte nichts unterſcheiden... Du haſt geträumt! ſagte glaub mattu ſein: die ge nach Eins lleidet ſich in eben eingef S Dankt erſtau Seine war: 5 ſentben Nacht , det es trat der Dankmar, Stirn des Bild ver⸗ m Acker⸗ ieb noch. aus der 1s that er eines In⸗ keſſers— ber nich n Augen ören.. wehe. 8 Ameri⸗ ie et ſih küßte ſi lle. Dad vor den den. ihm ſi war ftil tes geträum 361* ſagte er ſich, und ſchön geträumt!... Und Dankmar glaubte geträumt zu haben, ſo ſchwer lag die Er⸗ mattung auf ihm, daß er für Alles, was Wahrheit ſein mußte, jene ſüße Gleichgültigkeit empfand, die die gewaltigſte Reaction der Natur verrieth. Er ſah nach ſeiner Uhr und glaubte den Zeiger ſchon auf Eins zu erkennen und doch war es finſter... Er kleidete ſich in zwei Minuten völlig aus und warf ſich ins Bett, unbekümmert um Alles, was ihm noch eben Freude oder Schmerz, Antheil oder Widerwillen eingeflößt hatte.. Schon ſtand die Sonne hoch am Himmel, als Dankmar erwachte. Er ſprang aus dem Bett und erſtaunte, daß ſeine Uhr bereits über Sieben zeigte. Seine Toilette machen, nach friſchem Waſſer klingeln war das Eiligſte, was er thun mußte. Du haſt dich verſpätet, ſagte er ſich, den lang' entbehrten ſtärkenden Schlaf hat die Natur in dieſer Nacht für ſich mit Gewalt eingefodert... Von elf bis ſieben Uhr. Ei, du Schläfer und welch ein Schlaf! Wie bleiern lag es in deinen Gliedern... du weißt nichts... nichts... Himmel, ein ganz neues Leben erquickt deinen müden Körper... aber die Zeit haſt du doch verſchlafen... Das ſteht feſt. Und ſo tummelte er ſich fort... 362 Da fährt er mit der Bürſte durch ſein Haar. Er ſteht vorm Spiegel und will ſich den gewohnten Schei⸗ tel ordnen... Was iſt das? Die Lage der Locken iſt nicht die alte... der gewohnte Strich, der Fall der Haare iſt geſtört... Ein Büſchel ſich rundender Haare fehlte ihm dicht über den linken Schläfen... Er beſinnt ſich... auf die Nacht! Auf den Traum! Nein, kein Traum! Wirklichkeit! Hier fehlt das Haar... die Locke wurde abgeſchnitten. Die ermatteten Augen hatten nur nicht die Kraft gehabt, ſich länger offen zu halten; die Willenskraft, der Widerſtand war von der Uebermüdung gelähmt geweſen. Die Locke fehlte. Er ſah ſich im Zimmer um. Der Gedanke an das Bild ergriff ihn mit Zauberkraft. Es war da geweſen. Ackermann hatte es geküßt, hatte ſich über ihn geneigt mit dem Bilde. Selmar's Vater! Wie war Das? Cr rückte den Tiſch, die Stühle, er warf das Bett auseinander... noch einmal... er faßt nach dem Kopfkiſſen. Da iſt... da fällt etwas in die Bet⸗ ten... ein harter Gegenſtand... ein rundes Bret er wendet es um. Es iſt das Bild! Egon und Melanie hatten das Bild Dankmarn beſchrieben, ſowie er es fand. Ein weiblicher, ſchöner Kopf in blaſſen Paſtellfarben... ein goldener Rah⸗ men gab ihm die Form eines Medaillons... Hinten ein ſtä ſeinem daß es durch ttieb il vergebe da ſch nichts war e und waren Je Er hät üöhne viſſen, Er riß aar. Er n Schei⸗ ocken iſt Fall der undender ifen... Traum! Hagr.., n Augen ger offi war von ke fehlte an das geweſen. geneigſ r Das. das Beit nach dem ne B des Bre dankmaun ſchän ner Rah Hinie 363 ein ſtärkeres Bret... das Bild viel ſchwerer, als es ſeinem Umfange nach ſein konnte. Er zweifelte nicht, daß es ein Geheimniß enthielt. Die Feder, die es durch einen Druck auf das Glas öffnete, zu ſuchen, trieb ihn zwar die Neugier. Aber als er einige male vergebens über das Glas gefahren war, hier drüͤckte, da ſchüttelte, es von allen Seiten betrachtete und nichts ſogleich von der geheimen Oeffnung entdeckte, war er faſt froh nicht in Verſuchung zu gerathen und Dinge zu erfahren, die nicht für ihn beſtimmt waren. Jetzt hätte er rufen mögen: Melanie! Selmar! Er hätte Ackermann ſich an die Bruſt ziehen mögen ohne Erkennungszeichen, ohne Geheimbund, ohne zu wiſſen, wer er war und was er glaubte und dachte... Er riß die Thür auf und rief nach dienenden Weſen, der Lieſe, dem Dietrich. Niemand hörte ihn. Doch war Alles in Bewegung. Trepp auf, Trepp ab hörte er rennen, toben. Man klopfte, ſchrie, man drohte. Was war? Was iſt? Hatte man das Bild vermißt? Raſch kehrte er zurück und verbarg es. Da tritt die Magd ein und erzählt ihm in ihrer polternden Art: Es wär' ein Unglück geſchehen, man könnte den Intendanten nicht finden. Der Heide⸗ krüger wäre außer ſich... alle ſeine Bücher hülfen —— 364 ihm nun doch nichts. Ein vornehmer Mann wäre auf dem Heidekrug verloren gegangen! Dankmar bittet, ihm ruhiger zu berichten. Geſtern Abend noch ſpät, ſagte die Lieſe, erlaubt der gnädige Herr den Gendarmen und Dienern im Saale auf ſein Wohl zu trinken und geht dann zu Bett. Die zechen etwas lang und ſtehen ſchwer im Kopf auf und gehen zu Bett und es wird Tag und der große Wagen fährt fort, ehe noch der gnädige Herr geweckt iſt. Der einzige Diener, der zurückge⸗ blieben, wartet und wartet, der Herr kommt nicht. Excellenz! Excellenz! heißt es. Man findet die Thür offen, das Bett ſo gut wie unberührt, der Herr muß in der Nacht aufgeſtanden ſein und iſt nun nicht da. Man ſucht ihn überall. Er iſt nirgend. Ganz gewiß, er hat ein Unglück erlebt. Dieſe Zeit! Dies Leben! Wer hält Das auf dem Heidekrug aus! Aber ſo fragt die Damen, mit denen ich kam, rief Dankmar erſtaunt und über Melanie's Geheimniß grübelnd.... Die ſind in aller Frühe fort.... ſagte die Magd. Melanie, Madame Schlurck und die Andern? Alle fort, ſchon um fünf Uhr. Das Fräulein ſagte, Sie wollten mit Ihrem Einſpänner allein blei⸗ ben u Das B Tjierc Herm Wwölf. ten, ſ nun c dern. große raths blicke M lärmer un wäre erlaubt nern im dann zu hwer in Tag und gnädige zurückge⸗ nt nich. di Thir eer muß nicht da. z gewiß, 6 Leben! kam, rief eheimni ſagte die dem! Fräulii lein li 365 ben und ſpäter fahren. Der ſteht unten und wartet. Das Hündchen winſelt nach Ihnen. Hören Sie's? Bello kratzte an der Thür. Dankmar öffnete. Das Thierchen humpelte freudig an ſeinem interimiſtiſchen Herrn hinauf.... Aber Ackermann und Selmar? ſagte Dankmar. Wer? fragte die Magd. Dankmar dachte: Wahnſinn! Du frägſt hier nach Traumgeſtalten? Und doch ſagte er: Kam nicht geſtern Nacht noch ein ſtattlicher Herr mit einem Knaben hier an? Freilich! freilich! ſagte die Magd. Es war ja faſt zwölf. Sie waren ſo durchnäßt, daß wir Angſt hat⸗ ten, ſie würden uns krank werden.... Aber die ſind nun auch ſchon fort. Eine Stunde ſpäter als die An⸗ dern. Und eben vor einer halben Stunde fährt der große Wagen ab, die prächtige Karoſſe des Geheim⸗ raths ſteht unten, man denkt, er ſteigt jeden Augen⸗ blick ein und nun ſuchen wir ihn... Man höͤrte jetzt draußen auch den Heidekrüger lärmen und laut ſein Befremden äußern. Excellenz! Excellenz! Herr Geheimerrath! rief man in alle Winkel hinein, und in alle Gruben hinunter, [ 3 1 ja in ſolchen ſuchte man den geheimen Rath, die man ſonſt nur für geheimen Unrath beſtimmte Dankmar, in ſeinem Taſchentuche ſorgfältig das Bild verbergend, ſtieg die Treppe hinunter, ſah ſich die Verwirrung eine Weile mit an und erſtaunte, daß der Heidekrüger, der Staatserretter, der Lafayette und Waſhington, hier ſchon den Kopf verlor. Denken Sie ſich, ſprach er zu Dankmarn mit lei⸗ chenblaſſer Miene, wie mir ſo etwas begegnen muß! Wie ſonderbar kann man Dergleichen auslegen! Ein hoher Beamter des Hofes, Mitglied des Reubundes, eine Stütze der Reaction, Gatte einer einflußreichen Dame, die in unſerer Politik eine große Rolle ſpielt, verſchwindet ſpurlos in der Wohnung eines zwar nicht wühleriſchen, aber freigeſinnten Geſinnungsmenſchen... o mein Gott! habt Ihr denn überall geforſcht, Alles aufgedeckt? Alle Gruben? Alle Gelegenheiten, wo Je⸗ mand in ſtiller Nacht mit einem Licht verunglücken kann? Was werden die Sänger's, die Vom Buſche's und die Sengebuſch's ſagen! Dankmar beſchwichtigte ſeine Beſorgniſſe mit der feſten, ungeheuchelten Ueberzeugung, daß ſich dieſe An⸗ gelegenheit völlig natürlich löſen würde. Da er wußte, daß hier eine Schelmerei Melanien's im Spiele war, zeigte er ſelbſt über ſein natürliches Mitgefühl hinaus ſich f man! U ziehu nichts Mit zahlte unter Lieſe marn A A das( rath ſelbſt die man ältig das ſah ſich unte, daß hette und mit lei⸗ nen muß! gen! Ein eubundes, lußreichen le ſpielt war nich nſchen. ht, Alles wo Je unglücken Buſchrä mit de dieſe Ie er wußte iele wa hinani — 367 ſich faſt ausgelaſſen und lachte, als er ſah, wie und wo man die vornehme, aufgeblaſene Excellenz Alles ſuchte... Ueber Ackermann's Benehmen und mögliche Be— ziehung zu Melanie oder zum Geheimrath erfuhr er nichts. Hier war ihm ein völlig unlösbares Räthſel. Mit dem letzten Reſte der Hackert'ſchen Anleihe be⸗ zahlte er ſeine Zeche und wollte von dannen fahren ugter lautem Jubelgebell ſeines Hundes. Da trat die Lieſe heran und Dietrich und Beide wollten Dank— marn die Zügel nicht geben. Auf wen wartet Ihr denn noch? ſagte Dankmar. Auf Ihren Kutſcher, Herr!... Hier iſt auch noch das Geld von neulich. Wir haben's an den Juſtiz⸗ rath noch nicht anbringen können... er mag es ihm ſelbſt geben. Wer? Welches Geld? Ei, das Geld aus der ſchönen Börſe! Von der Nacht her, wo Ihr Kutſcher das böſe Uebel hatte.... Hackert? Wo iſt denn Hackert? Er kam doch mit Ihnen? Hackert? Mit mir? Ich kam allein. den Rothkopf hier geſehen... Lichterloh, ſagte Dietrich. Der ſchläft wol noch Hat man auf dem Heuboden? Da muß Eins die Spritze be⸗ reithalten... Ihr Leute irrt Euch! Ich kam allein. Kein Wort weiß ich von meinem Reiſebegleiter von neulich.... Und Ihr ſaht ihn wirklich? Dietrich pfiff, als wollte er Hackerten ein Zeichen geben. Die Lieſe drängte, Dankmar ſollte das Geld anſichnehmen. Dieſer weigerte ſich aber und erklärte, mit dem un⸗ heimlichen Gaſte in keiner Verbindung mehr zu ſtehen. Daß Hackert auf dem Heidekruge in dieſer Nacht geſehen worden, blieb ausgemacht. Die Ausſagen der Leute ſtimmten zu ſehr überein. Alle hatten geglaubt, er wäre mit der großen Geſellſchaft zurückgekehrt. Man ſuchte nun auch ihn. Da ſich aber keine Spur mehr weder von ihm noch von dem Geheimrathe finden wollte, ſo fuhr Dankmar von dannen, nicht wenig betroffen und tief erſtaunt über das ſonderbare Zuſammentreffen ſo vie⸗ ler höchſt räthſelhaft ſich durchkreuzenden Thatſachen. Eine Gewaltthat, Das wußte er, war nicht an dem Geheimrath verübt worden, höchſtens ein luſti⸗ ges Abenteuer, von dem Melanie den Schlüſſel und deſſen eigentlichen Kern, das Bild, er ſelbſt be— ſaß. Im Uebrigen gönnte er dem Heidekrüger dieſen kleinen Kummer als Strafe für die heuchleriſche Art, mit der er anfangs verſprochen hatte, Schlurck's Wahl in ſchö vorſchol iſſteifen Geſinde der von ſes eiger ſie Hack Dan die Glei ſchäfer thenſo und Sel ſein ſollt Oeg den dag nichts ſchon in Cs näͤherte. alten 8. tein und Vatt d ſi 6 tnd en vie duf Die Rt Kein Wort euih. ein Zeichen das Geld nit dem un— r zu ſtehen. dieſer Nacht usſagen der en geglaub kehrt. Man rvon ihn e, ſo fuh en und t ffen ſo vi Thatſachen. ar nicht d 6 ein luſt clüſel un ſelbſt de niger die erſche I urcs W im ſchönauer Bezirke zu befördern und ſich nun ſelbſt vorſchob. Der Lieſe aber ſah er die Freude an, ihren „ſteifen und hochgeſtapelten“ Herrn einmal mit ſeinem Geſinde wieder auf gleicher Linie ſtehen zu ſehen, wie⸗ der von Dem bewegt und erregt, was zu dieſes Hau⸗ ſes eigentlicher Ordnung gehörte. Das Geld verſprach ſie Hackert zuzuſtellen, wenn er ſich noch fände.... Dankmar fuhr raſch von dannen und konnte wol die Gleiſe der Wagen und Pferde ſehen, die den Lang⸗ ſchläfer im Stiche gelaſſen hatten. Er erreichte ſie aber ebenſo wenig wie den Wagen, mit dem Ackermann zund Selmar, vielleicht auf Nebenwegen, abgefahren ſein ſollten. Gegenſtände zum Nachdenken hatte er für die Reiſe den Tag über genug! Abenteuerliches begegnete ihm nichts mehr. Er hätte es zu Dem, was ihn Alles ſchon in Anſpruch nahm, kaum noch aufnehmen können. Es wurde ſchon Nacht, als er ſich Tempelheide näherte. Er warf einen Blick auf den Landſitz des alten Präſidenten. Ein Rabe ſaß auf dem Schorn— ſtein und ſchien für die ſternhelle und monddämmernde Nacht das Wunderhaus zu bewachen. Dankmar über⸗ ließ es ſeinem lahmen Begleiter Bello, zu dem ſteif und ernſt dort oben thronenden Vogel verdutzt und wie auf dem Anſchlage hinüberzuſchauen. Er küm⸗ Die Ritter vom Geiſte. II. 24 ————————— merte ſich um nichts mehr, was rechts und links lag. Mit unwiderſtehlicher Macht nur trieb es ihn zu der großen Stadt hin, die ſchon zu ſeinen Füßen lag und der Schauplatz neuer Erlebniſſe werden ſollte. Wie der Wagen die kleine tempelheider Anhöhe hinunterrollte und er zur Allee einlenken wollte, die an den Eiſenbahndurchſchnitt führte, hörte er daſſelbe melodiſche Geſäuſel wieder aus dem Schloſſe, das ihm noch von ſeiner Ausfahrt erinnerlich war. Er mußte ſtillhalten, ſo bewegte ihn der harmoniſche Lufthauch. Es war nächtliche Ruhe um ihn her. Im abgemäh⸗ ten Felde, auf der Wieſe zirpten nur die Grillen ſchon ihre Herbſtesvorahnungen. Die Kirche ſtand feierlich im Mondſcheinlichte. Die Bäume ſäuſelten und die Lüfte klangen von der Harfe zauberhaft belebt in weh⸗ müthigen Accorden. Es war ein ſanftes Moll, in dem die Windharfe geſtimmt unter den Tannen hing .. Ach, es war ein Accord, der die ganze Stim⸗ mung ſeiner eigenen Seele ausſprach. Zärtlich hof⸗ fend, aber tief wehmüthig.... Ja, ſagte er ſich, noch geſchehen Wunder! Noch helfen unſichtbare Geiſter an unſern Werken mit und das Schickſal iſt keine leere Fabel. Anna von Harder, die Lenkerin der muſikaliſchen Akademieen, ſah er nicht.... Die Fenſter blieben ge⸗ ſchloſſe an ihr ſeiner ihr do in ihm Sie üffnen, die Ge Wo den di am H kennſt. tern K wirſt! klar u- dein Accord nen ne Nonde dem 9 ſch di Siegbe ſrich manpar da d links lag. ihn zu der zen lag und lte. der Anhöhe wollte, die er daſſelbe ſe, das ihn Er mußte Lufthauch. n abgemäh⸗ grillen ſchon und feierich en und die lebt in weh 5 Mol, n jannen hing ane Stim zirlich be nderl Ni fen mit un nuftialſſ Rtüitmg ſchloſſen... er hätte doch gern die weibliche Geſtalt an ihnen wiederſehen mögen, die an jenem Abende ſeiner Ausfahrt der Windharfe lauſchte... er hätte ihr doch gern die Gefühle übertragen, die dieſe Töne in ihm ſelber weckten.... Sie kam nicht und ſo mußte er ſelbſt ſein Herz öffnen, ſelbſt dieſe Töne in ſeine Bruſt einlaſſen und die Geiſter nahen hören, die ihm ſagten: Wandle nun hin unter dem ſchützenden Sterne, den dir die Gottheit unter dieſen Millionen Lichtern am Himmel dort aufgeſtellt hat und den du nicht kennſt! Verknüpfe dir das Leben zu immer räthſelhaf⸗ tern Knoten, die du einſt ungeduldig mit dem Schwerte wirſt löſen wollen und deren Fäden vielleicht plötzlich klar und unverwirrt in deinen Händen liegen, wenn dein Schutzgeiſt ſich dir naht, vielleicht ſo auf einem Accorde der Freundſchaft ſchwebend, ſo auf einer klei— nen nächtlichen Luftwolke des Zufalles, ſo auf dem Mondenſtrahl, der, wie da hinter den Tannen, ſo aus dem Auge der Liebe bricht! Gehe hin! Noch muß ſich dir viel erfüllen, viel begeben! Aber vertraue! Siegbert und Dankmar Wildungen! Euer Genius ſpricht aus dieſem Lufthauche der Aeolsharfe im Tan⸗ nenpark von Tempelheide! Das müde Pferd zog an; weiter ging es berggh⸗ 24* ——ʒ—ʒ——— — in unfreiwilliger Eile.... Von allen Thürmen der Stadt ſchlug es Zehn, als Dankmar mit ſeinem mü— den Gaule nach einer ereignißreichen Reiſe von vier Tagen in den Thorweg des Wirthshauſes Zum Pe⸗ likan wieder einlenkte. Das Bild an ſich preſſend, des doch wohl auch ihm ſichern Schreines gedenkend, mußte er ſich ſagen, daß er mehr zurückbrachte als er ver⸗ loren hatte, mehr gefunden als er ſuchte. Und den⸗ noch war es ihm, als riefe ihm eine Stimme zu: Nun erſt beginnt dir der Ernſt des Lebens und die Schranken deines Wettlaufes mit dem Schickſal öff⸗ nen ſich! Die ſchend Veertel den vo gen do längſt wo es gelnde geraden ſen! ein Ge fimmt noniſch ghülig ermen der inem mü⸗ von vier Zum Pe⸗ ſſend, des nd, mußte Vierzehntes Capitel. Neue Menſchen. ls er ver⸗ Und den⸗ imme zu: 3 und die 3 icſel öf Die vielthorige, in breiter Fläche gelegene, laut rau⸗ ſchende Reſidenz hatte ſeit einigen Jahren ein neues Viertel gewonnen, das man ſeiner vielen ſchönen, von den vornehmſten Herrſchaften bewohnten Häuſer we⸗ gen das diplomatiſche nannte. Es lag außerhalb der llängſt durchbrochenen Ringmauer in einer Gegend, woo es früher nur Felder gab. Eine rund ſich ſchlän⸗ gelnde Nebenſtraße lenkte von der ſtaubigen ſchnur⸗ geraden Hauptallee ab und bot rechts und links zwi⸗ ſchen hohen Bäumen, Gärten und jungen Anlagen ein Gemiſch von Villen dar, die ohne nach einem be⸗ ſtimmten Plane angelegt zu ſein, doch darin eine har— moniſche Wirkung übten, daß ſie im Stile und der gefälligen Ueberſchmückung der nur aufs Comfortable 8 oder einfache engliſche Boulinggreens. Selbſt in der gefälligen Form und Verzierung der eiſernen Gitter ſuchten ſich die Beſitzer oder die reichern Abmiether anderer auf Speculation gebauter Häuſer zu über⸗ treffen. Ziemlich in der Mitte dieſer vom Gewühle der Stadt entrückten Niederlaſſung lag ein ganz beſonders hervorſtechendes, geſchmackvoll angelegtes Landhaus. Es war von ſtattlicher Breite und mit den obern Man⸗ ſarden gerechnet faſt dreiſtöckig. Das obere Dach war in italieniſcher Weiſe platt und rings mit einem eiſer⸗ nen Gitter geſchmückt. Zwei Balcone hingen an den Fenſtern der Hauptetage, zeltartig überwölbt mit roth— und graugeſtreiftem Damaſtzeuge und unter dieſen vor der Sonne ſchützenden Dächern mit den farbigſten Blu⸗ men geſchmückt. Die Einfahrt geſchah durch eine guß⸗ eiſerne Pforte von geſchmackvoller Zeichnung. Auf einem gekieſelten Wege gelangte man dann zu einem epheu⸗ und weinumrankten Ueberbau an der rechten Seite des Landhauſes, wo die Wagen anfuhren und Strohdecken bis zu den Stufen des Einganges hin⸗ aufgelegt waren. Ein Gebüſch von Roſenhecken an dem Gitter entlang verſteckte den Einblick in den ein⸗ fachen Vorgarten. Zierlich rankten ſich die Roſen durch das eiſerne Gitter hindurch, ein Anblick, bei dem manchen wehmut Fenſter geſtreiſt Nach h miſen u erſreckte fangreic nen äͤuf der Wo De endete; Warande nur dun lon ſah liche A der Mo nſer und ro glätte An den gͤiert, in Und Syiten oben b löſt in der ten Gitter Abmiether zu über⸗ wühle der beſonders Landhaus bern Man⸗ Dach wat inem eiſer en an den mit rotf⸗ dieſen vor gſten Bu⸗ eine guß ung. Ai N zu einen der rechle fuhren und anges hn inhecemn in den d die Riſ ſi,be mancher ſinnige Wanderer ſtillſtehen und freudig oder wehmüthig Italiens gedenken mußte.... Die weißen Fenſter waren mit langen, gleichfalls roth- und grau⸗ geſtreiften Staubgardinen von außen verdeckt.... Nach hinten lagen auf der einen Seite Ställe, Re— miſen und ein Wirthſchaftsgebäude; nach der andern erſtreckte ſich ein Anbau bis in den Garten, der um— fangreich die ſorgſamſte Pflege verrieth und in ſei⸗ nen äußerſten Grenzen noch von den Treibhäuſern und der Wohnung des Gärtners eingefaßt war. Der nur einſtöckige hintere Anbau des Hauſes endete nach dem Garten zu in einem Salon und einer Veranda. Beide hingen faſt zuſammen und waren nur durch hohe Glasthüren getrennt. In dieſem Sa⸗ lon ſahe man Divans, Cauſeuſen und die ganze üb⸗ liche Ausſtattung einer reichen und, wenigſtens nach der Mode gerechnet, geſchmackvollen Ausſtattung. Die Fenſter waren von buntem Glaſe und warfen blaue und roſige Lichter von magiſcher Wirkung auf das glatte Getäfel dieſes gefälligen Geſellſchaftsraumes. An den Wänden, die mit eingebrannter Wachsmalerei geziert waren, rankten ſich Epheuſtöcke aus weißlackir⸗ ten Unterſätzen empor und verſteckten ihre äußerſten Spitzen hinter den ſchweren gelbſeidnen Gardinen, die, pben von den Fenſterrundungen herab ſich ſenkend, —— naa· — 376 hinter ſchweren Roſetten zurückgeſteckt waren. Die grünen Zweiglein ſuchten nach der Sonne, deren Licht ja die Nahrung ihres Lebens iſt. Vom Plafond, der gleichfalls mit enkauſtiſcher Malerei glänzend überzogen und mit Goldleiſten eingefaßt war, hing ein ſehr ge⸗ ſchmackvoller Kronenleuchter von Bronce und Kryſtall herab. An den Wänden ſah man zwiſchen den ſechs Fenſtern... drei lagen auf jeder Seite... Beleuch⸗ tungs⸗Glocken, die Abends ihren Schimmer durch ein mattes rothes Glas warfen. Durch dieſe Räume nun ſchritt, von der Garten⸗ oder Hofſeite herkommend, in Begleitung einer ältern Dame ſtattlichen Ausſehens, die Beſitzerin dieſer com⸗ fortablen Wohnung. Es war eine hohe magere Ge⸗ ſtalt, in eleganter Morgenkleidung. Die Dame war nicht mehr jung und ſchien auch auf den Schein Deſ⸗ ſen, was ſie nicht mehr beſaß, keinen allzu lebhaften Anſpruch zu machen. Sie trug ein weißſeidnes Ban⸗ deau um das ſtrenge, früher vielleicht wenn nicht ſchöne, doch intereſſant geweſene Haupt mit den dunkelum⸗ ſchatteten, ſcharfſtechenden Augen. Der große weiße Kaſchmir⸗Schlafrock war mit grellſtem ſeidenen Roth gefüttert und gab, wenn er aufſchlug, der ſtolz daher ſchreitenden Frau faſt ein Anſehen, als wäre ſie für den Purpur geboren. Sie hatte ein fein battiſtenes Spitze die ho irgend den zu deau, ſchwär ihrem d, vorn weſen Silbe grauſe fen. dudeut leicht und ſchön läufig § etwas feinen heit diente dama die ſc ren. Die deren Licht lafond, de düberzogen in ſehr ge nd Kryſtal den ſecht BKeleuch⸗ er durch ein er Garten einer äͤlten dieſer con nagere G Dame wi Sten2 u h idnes Ban rich ſch mdunkelun große welſ denen I ſpob dd väre ſie battiſen 377 Spitzentuch in der Hand, mit dem ſie zuweilen über die hohe Stirn fuhr, um die Spuren der Hitze oder irgend einer gewaltigen Anſtrengung, die ſie überſtan⸗ den zu haben ſchien, zu tilgen. Das weißſeidene Ban⸗ deau, das mit einem Zipfel über den noch an den ſchwärzeſten Haaren recht reichen Hinterkopf fiel, gab ihrem Blick etwas ungemein Scharfes und Stechen⸗ des, faſt wie vom Ausdruck eines Raubvogels. Nach vorn war über dem ſonſt gewiß ebenholzſchwarz ge⸗ weſenen Haare ſchon ein leichter Anflug von künftigem Silber ſichtbar. In einem gewellten Scheitel lag dies grauſchimmernde Haar über der Stirn und den Schlä⸗ fen. Das Bandeau ſchien die Unentſchloſſenheit an⸗ zudeuten, ob ſich die Dame bereit erklären ſollte, viel⸗ leicht ganz im grauen Haare, das mancher geiſtreichen und noch leidenſchaftlichen Matrone außerordentlich ſchön ſtehen kann, ihren Stolz zu ſuchen oder es vor⸗ läufig doch noch ſo viel wie möglich zu verbergen. Hinter der Dame und ihrer ältern Begleiterin, die etwas gebückter, etwas hinfälliger, aber doch unter der feinen breitkantigen Spitzenhaube die Liſt und Schlau⸗ heit ihrer Augen nicht verbergen konnte, folgte ein Be⸗ dienter, der ein ſilbernes Waſſerbecken und ein feines damaſtenes Handtuch trug. Seine Gebieterin tauchte die ſchön gepflegten langfingerigen Hände mehrmals OQC— Q— —.y— ——, 378 in das Waſſer, ihre Begleiterin nahm von einer in einer Ecke des Saales ſtehenden Etagere ein Kryſtall⸗ flacon und ſpritzte etwas von deſſen wohlriechendem Inhalt noch in die ſilberne Schüſſel. Dann nahm die Gebieterin das Handtuch, trocknete ſich ſorgfältig und ſchickte den Bedienten mit dem Befehle fort, daß Ernſt, ſowie er vom Schloſſe wieder da wäre, unver⸗ züglich zu ihr kommen ſollte. Als der Bediente gehen wollte, rief ſie ihm noch die Frage nach: Und Franz mit dem Landau noch immer nicht da? Vor einer Viertelſtunde iſt er gekommen, Excellenz! war die Antwort. Ich will ihn ſogleich ſprechen! Excellenz haben⸗beſtellt, daß er auf's Schloßamt komme, ſowie er ſteht und geht; bemerkte zögernd der Diener. Und ich ſage, er ſoll erſt zu mir kommen und nicht wie er ſteht und geht. Er ſoll ſich reinigen und wie es ſich gehört anziehen. Wenn ich ihn geſprochen habe, geht er zum Geheimrath. Der Bediente murmelte ängſtlich ein„Zu befeh⸗ len“! und ging mit dem Waſſerbecken und dem Hand⸗ tuche über die Veranda in den Hof zurück, von wo alle Drei und zwar aus der großen Wagenremiſe her⸗ gekommen waren. Pau finden auf eine ſter und gen Wi muten, Iich g So alle M geweſen Ich Charlot doſe d riff u nahm, duß di ſimmte Hohent Un behein hen, d dine S Loden fuhr i eint in meiner in n Kryſtal⸗ riechendem unn nahm ſorgfältig fort, daß ce, unver⸗ ente gehen rnicht da⸗ Ercellenz! Schloßamt ögernd der rund nicht n und wit cchen habe, Zu befeh em Hand von wh „„ remiſe her⸗ 379 Pauline von Harder— denn in ihrem Hauſe be⸗ finden wir uns— warf ſich erſchöpft und mißgeſtimmt auf eines der rings im Ueberfluß vorhandenen Pol⸗ ſter und ſprach zu Charlotte Ludmer, ihrer vieljähri⸗ gen Wirthſchaftsführerin und innig befreundeten Ver⸗ trauten, die eben ein großes langes Papier auf den Tiſch gelegt hatte, mit matter Stimme die Worte: So haben wir denn wirklich Nichts gefunden und alle Mühe, alle Umſicht und Sorgfalt ſind vergebens geweſen! Ich komme immermehr zu der Ueberzeugung, ſagte Charlotte Ludmer, die Vertraute, indem ſie eine kleine Doſe von gedrechſeltem Horn aus ihrem Rockſchlitz griff und wie ein Mann in aller Form eine Priſe nahm, ich komme immermehr zu der Ueberzeugung, daß die Sage von den für die Veröffentlichung be⸗ ſtimmten Denkwürdigkeiten der Fürſtin Amanda von Hohenberg ein leeres Gerücht iſt. Unſern Unterſuchungen nach zunſchließen, ſagte die Geheimräthin Pauline von Harder, möchte man glau— ben, daß du Recht haſt, Charlotte. Haben wir wol eine Spalte, eine Ritze unerforſcht gelaſſen! An jeden Boden klopften wir, ob er hohl iſt, in jedes Polſter fuhr ich mit dieſem ſpitzen Dolche, den mir Rodewald einſt in Italien ſchenkte, und von dem ich nie geahnt 380 hätte, daß ich mit ihm noch nach den Spuren ſei— nes Verrathes ſuchen würde— o Charlotte, wie ſchmerzliche Erinnerungen weckt mir dies Andenken alter Zeit! Gieb ihn her, Kind, ſagte die Aeltere und griff nach einem verroſteten Stilet, das die Geheimräthin aus dem Bruſtſchlitz des eleganten Kaſchemirſchlaf⸗ rockes gezogen hatte. Es war ein florentiniſcher Dolch mit damascirter Arbeit auf den drei Kanten, von zierlich gearbeitetem Griff, eine Schlange vor⸗ ſtellend, die ſich ſo eigenthümlich ringelt, daß die Hand bequem in einer ihrer Windungen ruhen konnte. Der Dolch ſelbſt aber war eine lang aus dem geöff⸗ neten Munde herausgeſtreckte Giftzunge, dreikantig, dünn und vom härteſten Stahl gearbeitet. Gieb ihn her, Kind, wiederholte die Ludmer, als ihn Pauline zu ernſt betrachtete... Ha! Es war in Verona, ſagte Pauline träu⸗ meriſch. Wir hatten Romeo's und Julien's Grab geſehen und ſcherzten darüber, daß der Unverſtand der Zeiten einen Futtertrog für Pferde daraus ge⸗ macht hatte oder aus dem alten Futtertroge, wie Rodewald in ſeiner ſcharfen und ungläubigen Weiſe ſagte, ſpäter das Grab der Julia! Es iſt dreißig Jahre her und noch ſeh' ich uns wie heute, als ich an ſeine wir von bevorſta einen H in Son dem Lich dem du und der Garda, du mir Julien. und dar und bebe von ihn glaubte weniger ſpielen de Do einem J Maria Waürfn gif da iin ni häte ü ic Rno Spuren ſe⸗ erlotte, wie 5 Andenken e und grif eheimräthin hemirſchlaf⸗ orentiniſcher rei Kanten, plange vor⸗ t, daß die hen konnte. dem geöf⸗ dreikantig audmer, al uline träͤ-⸗ ieres Grah Unverſtan daraus ge rroge, u igen L iſt dreiß ſte, 48 381 an ſeinem Arme, krank damals und elend, hing und wir vom Tode ſprachen, der mir damals ſo möglich bevorſtand.. Rodewald ſtieg langſam mit mir auf einen Hügel vor der Stadt und zeigte mir die große im Sonnenglanze hingegoſſene Ebene. Ergriffen von dem Lichte und dem Sonnenſchein, dem Grün und dem duftigen Nebel, dem Violet der fernen Berge und dem blauen Aufblitz einer Ecke vom Lago di Garda, ſagte er: Wenn du ſtirbſt, Pauline, ſo wirſt du mir nicht ein Reſtchen Gift zurücklaſſen, wie Romeo Julien. Da muß es ein anderes Mittel ſein!.... und damit zog er den Dolch, daß ich laut aufſchrie und bebend zurückfuhr. Es war aber nur ein Scherz von ihm, er glaubte an meine Krankheit nicht, er glaubte nicht an meinen Tod und an den ſeinen noch weniger. Es ſtand ihm aber ſo ſchön, ſo halb zu ſpielen und halb zu philoſophiren! Ich entriß ihm den Dolch, er lachte und ſagte: er hätt' ihn ſich bei einem Alterthümler gekauft, während ich in der Santa Maria die Gräber betrachtete. Mir Albernen war es Bedürfniß, ſeine Worte für Ernſt zu nehmen, ich er⸗ griff das tödtliche Inſtrument, verbarg es, gab es ihm nicht zurück... Zwei Jahre darauf, in Landeck, hätt' ich es ihm in die Bruſt ſtoßen mögen und als ich genas, in Ems.. da mir ſelbſt! Pauline! Pauline! rief die Ludmer und verbarg den Stahl; wie kommſt du auf dieſe alten Dinge zurück! Konnten wir auch nichts Anderes finden, um ſtaubige Polſter zu durchſtechen! Wie ich ſo in den alten Geräthſchaften Amandens wühlte, fuhr die Geheimräthin fort und ſtützte den Kopf auf, der ihr brannte; wehte mich's ganz ge⸗ ſpenſtig an und es war mir, als lebten ſie Alle noch, ſie, die Elende,— ich ſelbſt noch wie einſt— und Zeck ſtand plötzlich vor mir— ach, was nicht Alles! Man ſoll den alten Plunder, mit dem ſie noch im Tode auf dem Schloſſe coquettiren wird, hinbringen, wohin man will! Es mag in ihm Lüge und Ver⸗ läumdung wie Gift gegen Ungeziefer verborgen und verſteckt liegen— ich will nichts mehr wiſſen— nichts, nichts!— ich habe dies Leben ſatt! Leben mit Furcht iſt mehr als der Tod. Damit erhob ſich die wild erregte und leidenſchaft⸗ liche Frau und ſchritt, heftig und von unſtillbarer Unruhe gequält, im Saale auf und ab. Die Ludmer nahm aber in aller Ruhe eine Priſe und lachte, daß das zahnloſe Kinn wackelte. Hil Hil Hil ſchallte es durch den Gartenſalon. Was iſt? wandte ſich Frau von Harder. Alles Das der Zorn, Täubchen, ſagte die Alte, daß unf laß. R. ſt ihr war ei ſollen? terſtegel wollb Jwei J verbran unten i früh fü matt un net, ſiel und Mo lade iſt wir vor ſcht, u vilſt! No ruhiger du val denſcha Aber je Herich enffhr und verbarg alten Dinge finden, un Amandens ſtützte den 's ganz ge ie Alle noch einſt— und nicht Alles ſie noch in hinbringen. e und Vat borgen und rwiſſen— ul Leben m leidenſchof unſtilbaue „, Aſ he eine 9 elle. artenſalo der. Alc ge die 4 33 daß unſere Mühe und Plage vergebens war? Nach⸗ laß! Nachlaß! Schulden hat ſie nachgelaſſen. Das iſt ihr Nachlaß! Die Geſchichte von ihren Papieren war ein Schreckſchuß. Wer hätte ſie fortnehmen ſollen? Ihre Pfaffen? Zeiſel ließ ja ſogleich Alles verſtegeln und mit Beſchlag belegen. Der Fürſt wollt' es ſo und ſie hatt' es ſelber angeordnet. Zwei Jahre ſtand's unberührt. Die Papiere ſind verbrannt, wo kann etwas hingekommen ſein? Und unten in der Remiſe... da haben wir ſeit heute früh fünf bis jetzt um elf Alles unterſucht, wir ſind matt und müde davon, wir haben uns, gut gerech— net, ſieben mal waſchen müſſen von all' dem Staub und Moder, und hinter keinem Bild, in keiner Schub⸗ lade iſt Etwas zu finden. Von dieſer Seite aus ſind wir vor böſem Leumund ſicher und du haſt alle Aus⸗ ſicht, unter die Heiligen zu kommen, was du doch wol willſt! Vergib, daß ich ſpotte. Noch vor ſechs Jahren, ſagte die Geheimräthin ruhiger, hätte über mich erzählt werden können, was da wollte! Es war eine Zeit, wo man noch die Lei⸗ denſchaften als die Quelle edler Gefühle erkannte. Aber jetzt, wo ſich Alles verändert hat, wo das junge Herrſcherpaar einen neuen Ton in die Geſellſchaft einführte, jetzt wo ſich Alles dadurch auszuzeichnen ———ʒy;˖, ,·S„4ö:ͤ— —— —, 384 ſucht, ſo gewöhnlich und unſcheinbar wie möglich zu ſein und nur den nächſten Pflichten zu leben, jetzt könnt' ich in der wilden Zügelloſigkeit der Urtheile und der völligen Schutzloſigkeit des Einzelnen gegen das Gewühl der Zeit, die Alles, das Beſte, raſch verbraucht und als Dünger für Neues von ſich wirft, eine ſolche Oeffentlichkeit der Rache nicht ertragen. Und glaubſt du nicht, Charlotte, daß ſie Alles weiß, von Allem unterrichtet iſt?... Die Alte ſchwieg und zuckte bedeutſam die Achſeln. Du hätteſt ſie in deiner Amarantha ſchonen ſollen, ſagte die Ludmer. Jedermann rieth auf Amanda, und der Spott war unverkennbar. Nach Allem, was zwiſchen Euch einſt vorging, nach Allem, deſſen du dir, als kitzlich und zu heiß zum Anfaſſen, bewußt warſt, hätteſt du lieber ſchweigen ſollen, und du weißt, was ich überhaupt davon dachte, als du die Feder ergriffeſt. Die Geheimräthin ſeufzte. Das iſt vorbei, ſagte ſie dann. Ja! Ich hätte dir folgen ſollen. Ich ſchrieb, weil Alles ſchrieb, und da ich nichts erfinden konnte, erzählt' ich, was ich oder Andere erlebt hatten. Ich ſtreifte mit ge⸗ nauer Noth an Partien vorbei, wo ich mich und Andere zu ſchonen alle Urſache hatte, und doch reizte nich der geluung. eine Wa Ja! Am ließ ein kounte nicht wie nantha: tnen Bu die einf geſchriel Hohenbe kenntniſſ darüber. Ich ſchn meiner icht m, alle Wo in ihren Cines, bern— Die Nuhe 1 und lliichte d Die R emöglich zu leben, jett der Urtheile n gegen da hverbrauch eine ſolche Und glaubſ wvon Allem — 1 die Achſeln honen ſollen uf Amanda, Allem, was deſſen du ſen, bewuß en, und d als du de mich der Kitzel des Spottes und der Trieb der Ver⸗ geltung. Ich fühlte, daß ich plötzlich in der Feder eine Waffe hatte, die mir damals allmächtig ſchien. Ja! Amarantha iſt Amanda und ſie iſt es nicht. Ich ließ eine Magdalena fromm werden, aber Amanda konnte ſich doch wol in allen Sünden Amaranthens nicht wiederfinden. Dennoch nahm man ſie für Ama⸗ rantha und ich erſchrak genug, als ich eines Morgens einen Brief mit dem Poſtzeichen Pleſſen empfange und die einfachen, von einer mir wohl erinnerlichen Hand geſchriebenen Worte leſe:„Die Fürſtin Amanda von Hohenberg ſchreibt keine Romane, aber ſte ſchreibt Be⸗ kenntniſſe, die Gott richten wird“. Damals lacht' ich darüber. Es ſchien mir die Drohung der Ohnmacht. Ich ſchwelgte in den Huldigungen, die die Geſellſchaft meiner jungen Feder zollte. Aber die Geſellſchaft iſt nicht mehr die„Geſellſchaft“, die Fürſtin iſt geſtorben, alle Welt erzählt von Denkwürdigkeiten, an denen ſie in ihren letzten Lebensaugenblicken ſchrieb und Eines, Eines, Charlotte— die Zecks lebten auf ihren Gü⸗ tern— hab' ich nicht Urſache zu zittern? Die alte Freundin blieb in ihrer unerſchütterlichen Ruhe und erſchöpfte ſich in einer Menge von Troſt⸗ und Gleichgültigkeitsgründen, die alle auf eine ſehr keichte und faſt kecke Anſicht vom Leben hinausliefen. Die Ritter vom Geiſte. II. 25 — — 386 Pauline hatte dieſe Anſicht früher auch getheilt. Daß ſie aber jetzt nicht mehr von ihr getröſtet wurde, hing nicht etwa mit einer geſteigerten Innerlichkeit ihres Weſens, mit dem Gefühl der Reue und Beſſerung zuſammen, ſondern mit einer eigenthümlichen Wen⸗ dung der öffentlichen Verhältniſſe, die ihrem Ehrgeize Schranken ſetzte, an denen ſie bis zur Verzweiflung bohrte und rüttelte, ohne ſie erſchüttern oder hinweg⸗ räumen zu können. Dieſe Beziehungen müſſen wit genauer anführen, da ſie zugleich für einen gewiſſen Umſchwung des Zeitgeiſtes auch im Allgemeinen be⸗ zeichnend genug geworden ſind und die Grundlage unſrer fortgeſetzten Erzählung bilden werden. di getheilt. Daß t wurde, hing erlichkeit ihres nd Beſſerung mlichen Wen⸗ irem Chrgeite Verzweiflung odet hinweg en müſſen wi einen gewiſen llgemeinen be die Grundlag erden. Funtzehntes Capitel. Die„Geſellſchaft“ und die„kleinen Cirkel“. Auf dem Throne des Staates, in deſſen Reſidenz wir uns befinden, ſitzt ein erſt kürzlich an die Re⸗ gierung gekommenes junges Herrſcherpaar. Der frü⸗ here Monarch, ausgezeichnet durch hohe Tugenden der Mäßigung und Gerechtigkeit, hatte gewiſſermaßen die Zügel der Geiſtesrichtungen ſeines Landes ſich ſelbſt überlaſſen und dadurch möglich gemacht, daß ſich in der Familie und Geſellſchaft ein von ihm ſelbſt völlig verſchiedenes Weſen entwickelte, eine gewiſſe ihn ſelbſt völlig ignorirende Genialität oder Starkgeiſtig⸗ keit, wie man dieſe leichte Auffaſſung der Sitten und Ueberlieferungen im Gegenſatz zu einer auf der andern Seite überwuchernden Bigotterie nennen konnte. In dieſer Zeit hatte Pauline von Harder geglänzt. Es war die Zeit geweſen, wo ſie zwar den Anſprü⸗ chen ihrer damals noch ſehr anziehenden Geſtalt, den 4 25* — 9 388— Anſprüchen der ſchönen Reſte einer jugendlichen Epoche noch keineswegs entſagt hatte, aber doch ſchon nach mancherlei Unterſtützungen des Einfluſſes greifen mußte, den ſie auf die Geſellſchaft ausüben wollte. Sie war lange zweifelhaft, ob ſie, um bedeutend zu bleiben und zu erſcheinen, mit den Empfindſamen gehen ſollte. Sie ſahe, daß dieſe Partei großen Einfluß hatte und auf den nicht mehr verheiratheten greiſen Landesfürſten Alles vermochte. Doch war die Maſchine des Staats damals ſo einfach, der Gang der Geſchäfte ſo trocken, die Politik ſo wenig anregend, daß es für guten Ton galt, ſich nicht um das Oeffentliche zu beküm⸗ mern und lieber für Italien, die Kunſt, die Literatur, die Dichter, die Virtuoſen und die ſtarken Gefühle zu ſchwärmen, als für die Welt und ihre nächſten Auf⸗ gaben. Pauline ſchlug ſich zur fröhlichen Partei, zu Denen, die ſogar am Schmerz eine eigene Freude hatten, durch unverſtandene Stimmungen ſich verſtänd⸗ lich machten und in der Zerriſſenheit ihre wahre Ein⸗ heit fanden. Sie hatte früher gemalt. Da aber die Malerei nicht aufregt und im Gegentheil große Ruhe bedingt, ſo ergriff ſie die Feder und warf in zwei Romanen, Amarantha und Nadasdi, eine Menge jener vulkaniſchen Stoffe aus ſich heraus, die ſie, wie ſo viele andere weibliche Naturen damaliger Zeit, ſo auch galt ßend zuſam disere unver in der einige ihrer junger len l Wert die He in di jede führe gewin dort mit Unter en Cooche chon nach en mußte, Sie war eiben und Jlte. Sie eund auf desfürſten es Staato ſo trocken, für guten zu beküm⸗ Literatur, Hefühle zl hſten Auf⸗ Puuri, n ene Freude ch verſtänd⸗ wahre Ein⸗ da abel di uß Puh uff in oe ine Menge die ſie/ 1 et Zeit, ſ 389 auch in ſich vorgefunden haben wollte. Amarantha galt für ein Bild aus der Wirklichkeit und wurde rei⸗ ßend geleſen. In der That hatte Pauline hier Alles zuſammengerafft, was ſie nur, ohne zu auffallend in⸗ discret zu erſcheinen, von geſtörten Eheverhältniſſen, unverſtandenen Seelenleiden, zerriſſenen Freundſchaften in der höhern Geſellſchaft beobachtet hatte. Sie hatte einige Gräfinnen, Baroneſſen, Fürſtinnen in Conflicte ihrer nächſten Herzensintereſſen gebracht und dabei die jungen Offiziere und Legationsſecretaire die Rollen ſpie⸗ len laſſen, die in alten Zeiten die St.⸗Preuxs, die Werthers oder Roquairols ſpielten. Amarantha war die Heldin dieſer Abenteuer, eine eitle aus einer Hand in die andere fliegende und für jede neue Liaiſon und jede alte„Rupture“ immer die triftigſten Gründe an⸗ führende Coquette, die zuletzt, da ſie Niemanden mehr gewinnen kann, fromm wird, ins Kloſter geht und dort einige komiſche Wunder thut. Das Ganze war mit Bosheit geſchrieben und deshalb gewiß nicht ohne Unterhaltung, denn leider gehört die Malice jetzt auch zu den Muſen; Apollo würde ſie in unſerm Jahrhun⸗ dert als die zehnte ſeines Bundes nicht zurückweiſen dürfen. Die Malice erfindet, ſchafft, ſie„macht“. Eine Zeitlang wenigſtens dauern ihre Werke. Eine Zeitlang feſſeln, unterhalten ſie, dann zerſtiebt ihre Compoſition und dieſe zehnte Muſe, die eben noch wie ein leichtes duftgewobenes Traumbild lächelnd vorüberſchwebte, verwandelt ſich in ein garſtiges altes Herenweib, mit Krallen an den Fingern und einem giftſchäumenden Mund voll unheimlicher Zähne... Nach der Dame„Tauſendſchön“, d. h. Amaran⸗ tha, ſollte der Roman„Nadasdi“ eine eigene Erfin⸗ dung der Geheimräthin vorſtellen. Doch machte ſie mit dieſem jungen Magyaren Nadasdi ein klägliches Fiasko. Kein Menſch mochte ihn leſen, ſo langweilig war die Geſchichte eines ſchwärmeriſchen und ſenti⸗ mentalen ungariſchen Huſarenoffiziers, der in ihrem Roman ſechsmal über Briefe, die er erhält, in Ohn⸗ macht fiel. Man brachte in dieſem ſelben Strudel, genannt die„Geſellſchaft“, das Wort auf, wenn man ſich langweilte, zu ſagen: Ich nadasdiſire mich. Man ließ z. B. in einem öffentlichen Blatte das Zeugniß eines Briefträgers abdrucken, der erklärte, Nadasdi wäre beim Empfange ſeiner Briefe niemals ohnmächtig geworden, ſondern hätte regelmäßig ſein Porto bezahlt, ohne die Adreſſe zu leſen, ſich auf ſein Kanapee nie⸗ dergeſtreckt, türkiſchen Taback gekaut und ſeine Lieb⸗ lingsbeſchäftigung ergriffen, zu ſchlafen, was ſchon damals ſeine Kameraden nadasdiſiren genannt hät⸗ ten.... O, an erfinderiſcher Bosheit fehlt es in der Geſellſ hervor und de händle rücke a dieſes Beſchre angeſ als dr P. tiſche „Läut ſen il alle S Vorre ſich NT Varo ſagt eine Afii öfte ſchm dung 8c 391 Geſellſchaft für Den gar nicht, der ſich in ihr zu weit 1 us hervorwagt, mehr Geiſt als ein Anderer haben will ihes ales und dann einmal einen Unfall erlebt! Ein Kleider⸗ Ind einm händler mußte ſogar in den Zeitungen Nadasdi⸗Schlaf⸗ röcke ankündigen, wo nicht nur auf das Langweilige ühn dieſes Buches im Allgemeinen, ſondern auch auf die Um Beſchreibung eines Phantaſie⸗Schlafrocks ihres Helden hene Erfu⸗ V angeſpielt war, dem die unglückliche Dichterin mehr macht ſe I als drei volle Druckſeiten ihres Werks gewidmet hatte. 6 laglihe Pauline gab nach dieſer Demüthigung die litera⸗ langweiig riſche Laufbahn auf und befleißigte ſich einer neuen und ſenn„ Lauterung“. Sie nannte nämlich die Metamorpho⸗ in ihten ſen ihrer Beſchäftigung„Läuterungen“. Sie wollte t in Ohm⸗ alle Schlacken unreiner Empfindungen, wie ſie in der 1 n Etrid, Vorrede zu Amarantha und Nadasdi geſagt hatte, von wenn man ſich werfen und ſich in einen reinern Aether tauchen. nich. Nan Iſt Dinte ein reinerer Aether? hatte zu ihr einmal der 45 zeugniß Baron Otto von Dyſtra, der berühmte Reiſende, ge⸗ —, Nadas ſagt. Zwar erwiderte ſie dieſem Sonderling, dem eben ohnmächi eine ſchwarze Sklavin geſtorben war, die er ſich aus orto bezahl Afrika mitgebracht hatte, ſie hätte gehofft, allmälig ſo 1 danapee nie oft in dieſem Aether zu baden, bis ſie ſeinem Ge⸗ 4 ſeine dic ſchmacke entſprechen würde... allein ihre„Läute⸗ 4 was chen rungen“ wurden ebenſo verſpottet, wie Nadasdi, deſſen enannt bü Schlafrock und ſeine Ohnmachten. 1 der glt es in wenden ſollte, überraſchte ſie und alle Welt der Thron⸗ wechſel.... Ein junger Herrſcher ergriff das Scepter anfangs mit ſchüchternen Händen, als er aber eine junge liebenswürdige Gattin gefunden hatte und mit ihr einen ſehr gewählten Beirath vom Hofe ſeiner Schwiegerältern, als Mitgift, wie man ſpottete, er⸗ hielt, trat er ſicherer und ſelbſtändiger auf. Anfangs war nichts ſo ſehr aus der Mode als das junge Kö— nigspaar. Man beachtete es kaum. Man beſpöttelte ſeine Neigungen und erklärte beide Theile für be⸗ ſchränkt. In kurzem aber wendete ſich das Blatt. Das Herrſcherpaar wurde Mode. Seine Geſinnung fing an den Ton anzugeben. Alles richtete ſich nach der neuen Sonne, der es wirklich, ſo hoch ſie ſtand, zwei Jahre mühſeligen Ringens gekoſtet hatte, durch die Wolken der„Geſellſchaft“ hindurchzudringen. Plötzlich kam nun das Einfache,„Seelenvolle“, Beſcheideue, Beſchränkte, Häusliche in die Mode. Das „Geniale“ wurde verabſchiedet. Man las gerade nicht fromme oder frömmelnde Schriften, aber man las un⸗ ſchuldige, reine, ſeelenläuternde, naive. Die frivolen Sittengemälde der großen Welt wurden ignorirt. Man „portirte“ ſich für das Einfache, Naive, Ländliche. Pauline, noch niedergedrückt von ihrem Nadasdi, ſah dus e ihtem Ruhe nicht gemach lich, b machen ſchrift geleiſte tiſchen möglit Strön ſie ob wohin der C Rolan Nolau verſuc aber ſchon Niem aetion Iu wi fahr. um Rathloſigkeit t der Thron⸗ das Scepter er aber eine tte und mit Hofe ſeiner ſpottete, e⸗ f. Anfangs s junge Ki⸗ an beſpottelte eile füt be⸗ das Blatt. Geſinnung te ſich nach ch ſie ſtand, hatte, durc dringen. zerleuvolle Node. D getade nch man(as 1 die ftioln noritt⸗ Na 6, gändlich Nadasdi, ſi aus einer gewiſſen Einſamkeit, in der ſie ſich nach ihrem Falle hielt, dieſer Wendung der Dinge mit Ruhe zu. Sie wollte anfangs dieſer neuen Mode nicht folgen. Sie hatte manche„Läuterung“ durch⸗ gemacht; aber bis zur Beſchränktheit, ſagte ſie öffent⸗ lich, beſchränk' ich mich nicht. Sie wollte jetzt Reiſen machen und als Touriſtin wirken, worin ſchon andere ſchriftſtellernde Damen ſoviel Muthiges und Leſerliches geleiſtet hatten. Da brachen jedoch die großen poli⸗ tiſchen Umwälzungen aus. Das Reiſen wurde un⸗ möglich. Sie blieb daheim und gerieth in die große Strömung des Tages. Einen Augenblick ſchwankte ſie, ob ſie abwarten ſollte, woher der Wind käme und wohin er fahren würde. Sie fand die Heldengröße der Charlotte Corday ihr nicht ebenbürtig, aber die Roland, die hatte der„Geſellſchaft“ angehört, die Roland war groß in der Gironde geweſen, und ſie verſuchte es etwas mit der Demokratie. Sie kam aber glücklicherweiſe zu ſpät. Die Demokratie hatte ſchon ausgeſpielt und kurz vor Thoresſchluß konnte ſie Niemanden mehr compromittiren. Die ſogenannte Re⸗ action gab Paulinen nun Gelegenheit, viel verſchlagener zu wirken und mit geringerm Einſatze perſönlicher Ge⸗ fahr. Wie früher nichts unmodiſcher war, als ſich um das junge Fürſtenpaar und ſeine kleinen Thee⸗ zirkel zu kümmern, ſo wurde jetzt gerade der Cultus der Anbetung des Monarchen zu einer Leidenſchaft ganzer Stände. Pauline, am Beſtande der Monar⸗ chie in der That doch auch durch ihren zweiten Ge⸗ mahl intereſſirt, durch ihren Gemahl, der ihr jetzt plötzlich werthvoll und rückſichtswürdig erſchien, Pau⸗ line warf ſich nun endlich faſt über Hals und Kopf in das neue Element und leiſtete in dem Syſteme der unbedingten loyalen Hingebung und der conſervativen Huldigung weit, weit mehr, als ſich von der Gattin eines Hofbeamten von ſelbſt verſtand. Sie war eine Hauptanſtifterin contrerevolutionairer Schläge, ſie half den Reubund begründen, ſie wühlte bei den Wahlen mit beiſpielloſen Umtrieben, ſie organiſirte im Großen die Brotloſigkeit aller der Kaufleute und Handwerker, die nicht unbedingt ſo wählten und ſtimmten, wie die Vornehmen und Beamten es verlangten. Alles Das konnte jedoch nicht genügen, einen ſo unerſchöpflichen Ehrgeiz ganz zu befriedigen. Pauline erkannte plötzlich, daß ſie da doch im Grunde nur Das that, was jetzt Jeder that, den ſein in dieſer Weiſe aufgefaßtes Pflichtgefühl trieb und ſpornte. Him⸗ mell ſagte ſie ſich eines Tages, was ich da Alles jetzt treibe, was iſt denn das anders bei Hofe als meine Schuldigkeit! Wozu nützt mir denn Das? Hebt mich, fördert davon? daß ihr und äuf vielmehr Bedeutu nahe? Als und abe der alt wollte, diingen liche A Oddner vor de Käufer Nlottw der Cultus Leddenſchft der Monar⸗ weiten Ge⸗ der ihr jetzt chien, Pau⸗ z und Kohf Syſteme der onſervativen der Gatti zie war eine äge, ſie halj den Wahlen im Großen Handwerket ten, wie h ffe als 1 2 Hebt n 395 fördert mich Das? Welche Belohnung hab' ich denn davon? Pauline dachte in zu großartigem Stile, als daß ihr dabei eine gemeine Anerkennung äußerer Form und äußern Erfolgs hätte einfallen können. Sie hatte vielmehr nur ihre„Stellung“, ihre geſellſchaftliche Bedeutung im Auge. Stand ſie jetzt den Ereigniſſen nahe? Lenkte, leitete ſie die hohe Politik? Als ſie in dem Gartenſalon ſo verzweifelt auf⸗ und abging und die leichten Troſtgründe und Zureden der alten muthigern Charlotte Ludmer nicht hören wollte, wurde gerade die junge Flottwitz gemeldet, in dringenden Reubundsangelegenheiten; man wollte weib⸗ liche Arbeiten für verwundete Krieger verkaufen, die Ordnerinnen des weiblichen Reubundes ſollten ſelbſt vor den Verkaufsbuden zierlich gekleidet ſtehen und Käufer in einen Saal locken, über deſſen Wahl die Flottwitz eben Raths erholen wollte. Nein, nein! ſagte Pauline. Ich bin nicht zu Hauſe. Die Flottwitz wurde abgewieſen... Was ſoll ich mich, rief Pauline erregt aus, was ſoll ich mich ferner mit dieſen albernen Dingen quä⸗ len! Mögen Das die Frauen der Offiziere, die Wei⸗ der der Beamten und die Verwandten der Hofliefe⸗ tanten betreiben! Bin ich dazu da, in der Maſſe unterzugehen? Hab' ich für all meine monatlange Hingebung auch nur ein Wort der Anerkennung von oben her erhalten? Sie thun ja dort, als verſtände ſich Das von ſelbſt. Sie halten es ja für eine ge⸗ meine Pflicht, die uns Allen mahnend und ſchwer genug aufliege und wo wir unſern Dank darin finden ſollten, daß man ja nicht ſelbſt guillotinirt wird und noch ſeinen Adel behält! Nein! Ich habe dieſe De⸗ monſtrationen ſatt. Die Flottwitz iſt entweder eine Närrin, und dann paſſ' ich nicht für ſie. Oder ſie iſt eine durchtriebene Coquette und weiß, wie ſchmach⸗ tend ihr dieſe Schwärmerei ſteht, dann paſſ' ich wie⸗ der nicht für ſie; denn dieſer äußerlichen eitlen Art, ſich in die Oeffentlichkeit zu ſtellen, hab' ich längſt entſagen müſſen. Selbſt die Trompetta hat den rich⸗ tigen Inſtinct gehabt, ſich von Dem, was große und maſſenhafte Demonſtration iſt, zurückzuziehen und ſich ganz auf Miſſion und Aehnliches zu beſchränken. Sie hat wieder ihre alte kleine Induſtrie hervorgeſucht, wählt ſich kleine beſcheidene Zwecke, die ſie allein ver⸗ tritt, läuft, rennt, bettelt, macht ſich lächerlich, überall, und doch wird ſie's erreichen, daß man drei Tage lang, wenn es erſcheint, von ihrem Gethſemane ſpricht und daß ſie die Ehre hat, in den kleinen Cirkeln des Hofes einen halben Abend lang beſprochen zu wer⸗ den, vielleicht es gar ſelbſt den Herrſchaften vorzu⸗ legen. 2 Di wei gen, ein Padcal und ich ſie einm güclich, hede ſo die von Hau ſchalt, niſſen. Dade g freilich fand ke von 9 man n her vor tünſtig daß ſi füreine Anna ſehſe haben 1 rkennung von als verſtände für eine gre und ſchwer darin finden nirt wird und abe dieſe De⸗ entweder ein ſie. Oder ſi vie ſchmach paſf ich wie en eitlen Au uy ich läng hat den ii 15 gioße und lehen und ſi hränken. 5 hervotgefuch ſ allein de erlich, überal gn drei Ta hſemane ſpti mn Cikkln N chen zu haſten vol 397 legen. Ah! Meine Schweſter! Meine Schweſter! Ah! Die weiß, wie man jetzt wirkt! Die lebt zurückgezo⸗ gen, eine Einſiedlerin! Sie ſtickt, ſie ſtrickt, ſie lieſt Pascal und Fenelon, ſie muſicirt Bach und Händel und ich ſchwöre, die Königin hat förmlich ein Gelüſt, ſie einmal bei ihrer Windharfe zu ſehen und wäre glücklich, ſie in dem alten Tannenparke von Tempel⸗ heide ſprechen zu dürfen! Die Schweſter Paulinens iſt, wie wir wiſſen, Anna von Harder.... Beide, geborene Freiinnen von Mar⸗ ſchalk, leben ſchon ſeit Jahren in geſpannten Verhält⸗ niſſen. Es iſt Dies um ſo auffallender, als auch Beide gegenſeitige Schwägerinnen ſind: ſie heiratheten, freilich zu verſchiedenen Zeiten, zwei Brüder. Dennoch fand keine Beziehung zwiſchen ihnen ſtatt. Ob Anna von Harder wirklich ſo ein edles Weſen war, wie man nach der einſtimmigen Verehrung Derer, die bis⸗ her von ihr ſprachen, ſchließen ſollte, müſſen wir der künftigen Erzählung überlaſſen. Man kann nicht ſagen, daß ſich die Schweſtern haßten. Sie lebten nur nicht füreinander, ſie hielten ſich gegenſeitig für todt, und Anna von Harder pflegte, wenn man ſie darum fragte, ſeufzend und tief erſchüttert hinzuzufügen: O! Wir laben Urſache dazu!... Paulinens Ehrgeiz war jetzt der, in einer merk⸗ —— —— 43983 würdig aufgeregten, alle geiſtigen Kräfte in Anſpruch nehmenden Zeit von Wirkung und wahrem Einfluſſe zu ſein. Andern und immer nur Andern die Wege ihrer Intereſſen zu bahnen, wurde ihr nachgerade zum Ueber⸗ druß. Sie war viel genannt, viel gerühmt, aber auch viel geſchmäht worden für Das, was ſie kürzlich zu Gunſten der reinen Monarchie eingeſetzt hatte. Und dennoch ſtand ſie der eigentlichen Quelle der Ereigniſſe fern! Sie hatte auf allerhöchſte Anerkennung, Theil⸗ nahme an den innern Vorgängen der Politik gehofft und nichts an jener Stelle gefunden, wo allein die Er⸗ eigniſſe beſtimmt wurden, nichts als einen kalten Dank für ihre warme Hingebung an die„gute Sache“. Das war ihr denn doch zu wenig. Die Miniſterien wech⸗ ſelten, die Kammern, kaum zuſammengetreten, wur⸗ den wieder aufgelöſt, da war nichts zu erfahren, nichts zu eröffnen, nicht einmal ein Salon von Notabili⸗ täten.... Die alten geiſtigen Namen, die ſie ſonſt faſt jeden Abend bei ſich verſammelt hatte, waren er⸗ bleichte Sterne. Maler, Bildhauer, Dichter, Gelehrte — wer ftagte nach ihnen in einer Zeit, wo nur Stim⸗ men und nur Stimmen— Stimmen haben!... Sie hatte ſie auch nicht mehr einladen laſſen, die großen Männer von ehemals. Wer ſprach von ihnen? Wer bewunderte ein Gedicht, wer ein Bild, wer eine aſtro⸗ e in Anſprudh em Einfluſſe n die Wege ihre de zum Uebe⸗ mmt, aber auch ſie kürzlich i zt hatte. un eder Creigniſ T hoil ennung, Thel Politit gehof dallein die C. nen kalten Dal Sache“. Da niſterien wec w. erfahren, nich von Notabe n, die ſie ſor atte, walen dichter, Gelelt „wo ull 5i getreten, haben!. ſen, die g 22 on ihnel!“ wer eine 0” 399 nomiſche Entdeckung? Arme Begrabene! Von den Todten konntet ihr nur auferſtehen, wenn ihr die Raſerei der politiſchen Mänaden mitmachtet und in den Demonſtrationen des patriotiſchen Clubs eure Wie⸗ dergeburt feiertet! Armſeliger Anblick eines mit Orden geſchmückten berühmten Forſchers der Wiſſenſchaft... im patriotiſchen Club lärmend, polternd, erhitzt neben einem Hoflieferanten, der ſich durch den gemeinen Muth, die ausübende Polizei zu unterſtützen, ausge⸗ zeichnet hatte, neben kleinen, leidenſchaftlichen Geiſtern des Bureaus und der Kaſerne, deren ganze Weisheit im Tumulte des patriotiſchen Zornfeuers aufpraſ⸗ ſelte!... Dann kamen die Deputirten an die Reihe der Gunſt, Menſchen... welchen die Zeit eine Be⸗ deutung gab. Nur Wenige behielten ſie, wenn ſie nach dem Puppenſpiele wieder in den Kaſten der Ver⸗ borgenheit zurückgelegt wurden.... In dieſer Sphäre fühlte wol Pauline den Puls der Begebenheiten ſchla⸗ gen, aber dicht am Herzen wollte ſie ſein, da, von woher alle Arterien lebenskräftig ſtrömten. Und dies Herz war nicht einmal in den Miniſterien zu ſuchen, ſondern es ſchlug nur Abends zwiſchen acht und zwölf Uhr in den ſogenannten„kleinen Cirkeln“, die ſich um das junge Herrſcherpaar verſammeln durften. Die kleinen Cirkel waren nicht nur die größte Aus⸗ zeichnung des Hofes, ſondern auch ein Beweis ſeines intimſten Vertrauens. Hier trat nur ein, wer der königlichen Familie die Bürgſchaft der tiefſten Erkennt⸗ niß der Zeit gab. Die kleinen Cirkel regierten das Land, beſtimmten die Richtung der auswärtigen Po⸗ litik. Hier legten Geſandte ihre Beichte ab, hier las man die Depeſchen, die eben mit Kurieren oder dem Telegraphen eingelaufen waren. Hier trugen berühmte Gelehrte, die das beſondere Vertrauen genoſſen, bei einer einfachen Taſſe Thee ihre Anſichten über die Zeit vor oder erzählten, was ſie auf Reiſen neuer⸗ dings beobachtet hatten. Die kleinen Cirkel waren der Alpdruck der Miniſterien. Selten, daß Einer von den Männern, die die Woge des Augenblicks dem Hofe als Miniſter zuwarf, hier Zutritt erhielt. Es gehör⸗ ten dazu Eigenſchaften, die nicht in der Kunde des Staats und ſeiner Verhältniſſe allein lagen. Man mußte ſozuſagen auf den Ton des Herrſcherpaars, be⸗ ſonders der jungen Königin, geſtimmt ſein. Wie We⸗ nige waren Das von den trockenen Bureaukraten, den barſchen Kriegern, den verſchmitzten Rechtsgelehrten! Und doch fühlten ſie Alle, daß in den kleinen Cirkeln die Parole des„Syſtems“ ausgegeben wurde. Man⸗ ches, was man hier wünſchte, ſcheiterte vielleicht zum erſten male am Widerſtande der Miniſter, zum zwei⸗ eis ſeines wer der n Ekkennt⸗ jerten das tigen Po⸗ „ hier las oder dem berühmte noſſen, bij über die iſen neuel⸗ waren der er von den dem Heff Es gehr Kunde des en. Nan rpaats, be Vie Ve ükraten, den gelchren inen itu erde. Mal elleicht nin b zum zwe ten male aber nicht mehr. Es gab tauſend geheime Fäden, die plötzlich die ſcheinbar geſichertſte Stellung von den kleinen Cirkeln aus umgarnt hatten und ſie zum Falle brachten. So allmächtig iſt in der Mon⸗ archie Das, was von einem Dutzend kluger und treu⸗ ergebener Menſchen⸗Sklaven als Idee des Fürſten und ſeiner nächſten Umgebung treu aufgegriffen und mit heiligem Eifer fortgepflanzt wird! Zu den Theilnehmern der kleinen Cirkel gehörten außer dem General Voland von der Hahnenfeder, den man allgemein ſozuſagen für einen ideellen Goldmacher und ſympathetiſchen Zauberer hielt, außer einigen ge⸗ ſtürzten Staatsmännern des alten Regiments, einigen vielbeleſenen, aber urtheilsloſen Gelehrten, die man als Nachſchlagewörterbücher und Dictionnaires de poche benutzte und wie eine bequeme Leſebibliothek gern im⸗ mer gleich bei der Hand hatte, mehre Damen: einige fremde Geſandtinnen, einige Frauen vom Hofe, vor allen Dingen die kluge und ſtrenge Oberhofmeiſterin Frau Gräfin von Altenwyl. Dieſe, die frühere Er⸗ zieherin der jungen Monarchin, war ihr mit von der Heimat gefolgt... Pauline von Harder, die Gattin eines der erſten Hofbeamten, die Schwiegertochter des Chefs aller Gerechtigkeit im Lande, eine Marſchalk, eine Baronin Ried aus erſter Ehe, brannte vor Be⸗ Die Ritter vom Geiſte. II. 26 40² gier, in dieſe Cirkel aufgenommen und, wenn Dies nicht, ihnen wenigſtens wichtig zu werden. Das konnte ſie ſeit lange um keinen Preis erreichen. Frü⸗ her, als man das Herrſcherpaar in der tonangeben⸗ den Geſellſchaft umging und für beſchränkt erklärte vom Standpunkte der Genialität, früher ſuchte ſie eine Auszeichnung nicht, an der ihr jetzt Alles lag. Sie hätte ſie aber auch ſchon damals nicht gefunden. Es gehörte eben zum Charakter der Bildung, die in den kleinen Cirkeln waltete, die Stoffe, aus denen Erſchei⸗ nungen wie Pauline von Harder gefügt waren, ge⸗ rade nicht zu verachten, wol aber zu fürchten, zu ver— meiden. Es war ein inneres tiefes Abgeneigtſein, was beſonders die junge Monarchin gegen dieſe Richtung der freien Selbſtbeſtimmung ſeiner Schickſale und wie die Lieblingswendungen einer ſchrankenloſen Leiden⸗ ſchaftlichkeit hießen, beherrſchte. Der Monarch liebte die Geſchäfte und pflegte kleine wiſſenſchaftliche und Sammlerneigungen, ſeine junge Gattin aber, im Bunde mit der etwas prüden und über den Monarchen mehr wie über ſeine Gemahlin wachenden Altenwyl, hielten einen großen gewaltigen Schild vor ihn, um nichts an ihn heranzulaſſen, was irgendwie zu frivol in der Sprache der Zeit redete. Relgiöſe und ſittliche Be⸗ griffe waren eben hier in einer ſehr ſtarken Steigerung wenn Dies rden. Das eichen. Frü⸗ tonangeben⸗ änkt erklärte uchte ſie eine 5 lag. Sie funden. Es ddie in den enen Eiſchei⸗ waren, ge⸗ hten, zu ver⸗ eigtſein, was ſe Richtung ale und wie oſen Leiden⸗ enarch liett afllihe und r, im Bunde narchen nuht nwyl hielten um nichs „ 3 frvool in del ſittlich be ISteigerun 403 auf eine faſt ſchroffe Höhe getrieben, während wie— derum eine gewiſſe kindliche, faſt bibliſche Auffaſſung ihres ſchwierigen Lebensberufs dieſem hohen Ehepaare das Gepräge naiver Einfachheit gab. Während der Adel, die Beamten, das Militair wild tobten und raſten, um ſich nicht aus althergebrachten Anſprüchen entwurzeln zu laſſen, ſah das Monarchenpaar dem Kampfe der Zeit mit Schüchternheit zu, rief oft, als wäre ihm hier nur eine Gottesprüfung beſchieden, die innere Stimme des Gewiſſens in ſich wach und wäre vielleicht nicht abgeneigt geweſen, gegen ein erträum⸗ tes ſchäferhaftes Arkadien, wo Wohlthun und Liebe der einzige Beruf ihres Lebens hätte ſein können, eine Zeitlang vom Thröͤne zu ſteigen und ihn... freilich dann auch keinem Nachfolger, ſondern immerhin der Republik zu überlaſſen, bis man eines Tages ſie oder ihre Kinder aus dem Arkadien irgend einer Verban⸗ nung glorreich wieder zurückberufen würde. Obgleich nun aber ihre Ehe mit Kindern nicht geſegnet war und Prinz Ottokar, ein gewaltiger Kriegesfürſt, ihnen folgen ſollte, ſo ließen ſie ſich doch von dieſem zu kei— nem gefährlichen Entſchluſſe drängen, ſondern wogen mit vieler Sicherheit Das ab, was zur Zeit noch ihnen, nicht ihm gehörte und was ſie, nicht er zu verant⸗ worten hätten.... Ihre Hauptkraft lag in dem be⸗ 26* 404 ſonnenen Verſtande der Altenwyl und einem gewiſſen myſtiſchen Glauben an die Inſpirationen des viel⸗ fach angefeindeten und von den ſtrengen Monar⸗ chiſten ſogar gehaßten Generals Voland von der Hahnenfeder. Für dieſen Kreis war Pauline nun eine förmliche Idioſynkraſie. Man wußte zuviel des Zweideutigſten von ihr und ahnte deſſen noch mehr, als man wußte oder wiſſen konnte. Schon eine Frau, die ſo gewal⸗ tig über einen beſchränkten Mann, wie den geduldeten Intendanten der Schlöſſer und Hofgärten, emporragte, war in jenem Kreiſe anſtößig, denn man liebte zwar das weibliche Uebergewicht ſehr, achtete aber äußerlich doch das ſchicklich Gleichartige in der Ehe und hielt auf Sitte und Geſetz. Von Verhältniſſen, wie ſie nicht ſein ſollten, galten Beiſpiele ſogar ſchon für ge⸗ fährlich. Man tadelte Paulinen vielleicht niemals, weil man überhaupt vor fertig ausgeſprochenen Ur⸗ theilen große Scheu hatte, aber der Trieb der Hin⸗ neigung fehlte. Pauline exiſtirte natürlich für den Hof in Allem, was die allgemeineren Rechte der höhern Geſellſchaft waren, ſie fehlte nie auf der Liſte der großen Einladungen, aber ſie nahm dieſe nicht an, weil ſie eben für die kleinen Cirkel nicht exiſtirte. Sie beſuchte nie eine Cour, nie einen Hofball, nie 405 einem gewiſſen ein Concert, wozu die leidenſchaftliche Muſikliebhaberei nen des viele des Königs oft die Veranlaſſung gab... ſie wollte ngen Monar⸗ nur bei den kleinen Cirkeln ſein, und da man ſie and von der dort nicht wünſchte, ſo haßte ſie eigentlich jene Per⸗ ſonen, die es ertragen konnten, ſie nicht zu ſehen, ſie eine förmliche nicht zu kennen! Sie haßte eigentlich in den Perſonen zweideutigſten heimlich ſogar daſſelbe Princip, deſſen Vergötterung s man wußte ſie in ihrer Ueberſtürzung loyaler Demonſtrationen die ſo gewal⸗ öffentlich ſo angelegentlich betrieben hatte. den gedudeen Iſt es nicht empörend, rief ſie nach der Abweiſung n, emporragte, der Flottwitz, daß ich mich nun zwei Monate lang mm libte war vergebens angeſtrengt habe, die Aufmerkſamkeit der tber äußerlch kleinen Cirkel auch nur obenhin zu erregen? Ich habe Altäre gebaut, haushoch mit Blumen beſtreut, habe Weihrauch angezündet, daß der ganze Staat wie eine Kirche nach dem Ambra der Liebe und des Vertrauens duftet und mit alledem hab' ich nur meine„Schuldig⸗ keit“ gethan! Was ſtemmt ſich mir entgegen? Bei dem Ankauf des Nachlaſſes der Hohenberg hofft' ich auf eine Annäherung. Ich fühlte, daß ich Misdeu⸗ tungen zu vermeiden hatte und Das, was ich beſitzen mußte, um nicht neue Qualen zu erleben, nicht ſelbſt ankaufen durfte. Ich bringe Hardern, auch gelegent⸗ lich die Trompetta dahin, die Damen am Hofe zu antereſſiren. Ich erlebe erſt, daß aus einer von mir Fhe und hielt ſen, wie ſe ſchon für ge⸗ iict niemals, vrochenen U rib der Hin⸗ nlch füt den p Rechte der auf der liſt m dieſe nich rict erſůte Hefbal, ne —— 406 eingeleiteten Idee für mich ſelbſt eine förmliche De— müthigung entſteht. Doch ich dachte: Lobt und preiſt nur die Fürſtin, um die Verfaſſerin der„Amarantha“ zu kränken! Ich habe doch meinen Plan! Allein der alte Feldmarſchall in ſeiner Beſchränktheit glaubte wirk⸗ lich, mein Vorſchlag wäre ein Act der Verſöhnung, ſprach darüber in den kleinen Cirkeln in meinem In⸗ tereſſe und der alte, freilich kindiſche Graf Franken nahm meine Partie und rühmte ſchon damals, wie ich von meiner frühern Art ganz abgelaſſen hätte... Und doch... doch! Da ſchon keine Antwort aus dem Munde der Königin! Nicht ein Wort, nichts, nichts, als ein gnädiges Urtheil über Nadasdi, den ſie nicht ſo ſchlimm fände, als die Welt ſagte. Dafür dann ein freundlicher, die Milde ihres königlichen Herzens rühmender Blick der Altenwyl— es iſt mir Alles erzählt worden— und dabei blieb's und weiter ſind wir nicht, weiter kommen wir nicht. Sind das auch alles Berichte, auf die man ſich verlaſſen kann? ſagte die kältere Ludmer kopf⸗ ſchüttelnd. Der alte Graf erzählte ja den Vorfall bei der Werdeck... Wie kannſt du auf die Urtheile dieſer wilden Frau hören! che De⸗ nd preiſt rantha lein der bie wirk⸗ ſöhnung, nem In⸗ Franken als, wie hätte... aus dem , nichts, ſe nicht ür dann Herzens nir Alle eiter ſind die man ner kopf⸗ l bei der ſden Frau Wild? Weil ſie eine Polin iſt, weil ſie ein Vater⸗ land hat, das ſie liebt, weil ſie den Fürſten, alle Kö⸗ nige der Erde haßt... Pauline! Ha, ich fühle die Süßigkeit des Haſſes! Ich haſſe die Menſchen, die ſich einbilden unentbehrlich zu ſein! Wer gibt Euch denn das Recht, Euch für ſo unend⸗ lich ſicher zu halten, Ihr... Pauline! Pauline! Die alte Gefährtin und Freundin ſchalt ernſtlich dieſen Ausbruch einer ſich ſogar den höchſten Perſo⸗ nen jetzt feindſelig zeigenden Geſinnung. Sie tadelte, daß Pauline von Harder den Major von Werdeck in ihren Cirkeln duldete, einen Offizier der Garde, der für liberal galt, weil ſeine Gattin, eine ge⸗ borene Polin, ihn in andern Anſchauungen erhielt, als die hier zu Lande in militairiſchen Kreiſen üblich waren... Pauline hörte auf nichts mehr. Sie hatte mit ihrem Dolche alle Polſter des Mobiliars von Hohen⸗ berg durchſtochen, alle Schränke, alle Schubläden unterſucht und nichts von den Denkwürdigkeiten der Fürſtin Amanda, die dieſe ihr für ihren Tod als Antwort auf„Amarantha“ angedroht hatte und ob⸗ gleich, wie man allgemein ſagte, wirklich vorhanden, ſeit zwei Jahren nicht erſchienen waren, gefunden... ſie war unglücklich. Ein Schmerz weckt den andern. Die Laſt ihrer ganzen Stellung fiel ihr aufs Herz und mit einem Jammer, den die Ludmer nicht mehr tröſten konnte, ſtieß ſie Klagen aus, die Derjenige kaum verſtehen wird, der ſo glücklich iſt, nicht in der Sphäre der Hofgunſt zu leben. In dieſem Augenblicke trat der Bediente Ernſt ein. Es iſt dies derſelbe kecke Burſch, deſſen Art und Weiſe wir ſchon vom Thurme in Pleſſen her kennen. Er wollte nur einfach berichten, daß endlich Franz mit dem Landau angekommen wäre und ſich ſogleich melden würde.. Als er raſch gehen wollte, hielt ihn die Ludmer zurück. 3 Dageblieben! ſagte die Alte ſchnarrend und mit giftigem Blick. Wir haben nun noch miteinander zu reden. Ja, ſagte die Geheimräthin, aus ihrem Unmuth ſich gleichfalls zornig aufraffend; Das haben wir! Warum kommt Franz verſpätet?. Warum kommt der Landau nach dem Geheim⸗ rath? Was iſt das Alles? Was ſind geſtern Nacht , gefunden.. auf der Reiſe für Dinge vorgefallen? rief die Ludmer ſchnaubend. O weh! Jetzt kommt das Examen über den Heidekrug! dachte Ernſt und biß die Lippen zu⸗ ſammen. kt den andern. ihr aufs Herz ter nicht mehr die Derjenige , nicht in der ente Ernſt ein. „‚deſſen Art Ende des zweiten Buches. Pleſſen her endlich Franz fſich ſogleich die Ludmet end und mit iteinander zu rem Unmuth haben wir. en Gehema6 eſtem Nacht. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 2q· — 4 ——-— nnnn ee SOlour& Grey Control Chart Cyan Green Vellow Hed Magenta