Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Seſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Te 7 — p ag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.—. 33. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden ägt und beträgt: 4 für wöchentlich 25Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3.„. 3 ,=.„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene“, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ec.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aaufmerkſam gemacht, daß das We au a— iterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —— ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 3 ——— — Die Mühle am Floß. Von d. 4 George Eliot. — Aus dem Engliſchen von Dr. C. Kolb. — Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 3 1861. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. 4 Drittes Buch. Der verfall. 0 4 Erſtes Kapitel. Was ſich zu Haus zugetragen. Als Mr. Tulliver die erſte Kunde erhielt, daß der Proceß gegen ihn entſchieden worden ſei und Pivart und Wakem den Sieg davon getragen hät⸗ ten, meinte Jedermann, der ihn um jene Zeit ſah, daß er bei ſeiner ſonſtigen Zuverſichtlichkeit und bei ſeinem hitzigen Temperament den Schlag merkwürdig zu ertragen wiſſe. Er war ſelbſt auch dieſer Mei⸗ nung: er wollte Wakem und Jedem, der ihn für vernichtet hielt, zeigen, daß er im Irrthum ſei. Allerdings mußte er einſehen, daß die Bezahlung der Koſten des langen Rechtsſtreites über ſein Ver⸗ mögen ging; aber es ſchienen ſich ihm noch viele Auskunftsmittel darzubieten, durch welche ſich das Schlimmſte vermeiden ließ und er ſeine äußere Stellung vor der Welt retten konnte. Der ganze Starrſinn und Trotz ſeines Weſens machte ſich nach der Verdrängung aus dem alten Kanal Luft in der alsbaldigen Bildung von Planen, durch die er es möglich zu machen hoffte, ſeine Verbindlichkeiten zu erfüllen und dennoch der Mr. Tulliver von der Dorl⸗ 6 cotemühle zu bleiben. Sein Gehirn trug ſich mit einer ſolchen Menge von Projecten, daß man ſich über die Röthe ſeines Geſichtes nicht wundern durfte, als er von ſeinem letzten Geſpräch mit dem Sach⸗ walter Mr. Gore nach Lindum kam, um nach Haus zu reiten. Da war Furley, welcher die Hy⸗ pothek in Händen hatte— ein räſonabler Kerl, der, wie Tulliver ſich überzeugt hielt, ſeinen eigenen Vortheil einſah und nicht nur mit aller Bereitwillig⸗ keit darauf einging, das ganze Beſitzthum ſammt Mühle und Wohnhaus anzukaufen, ſondern auch Mr. Tulliver als Pächter annahm und das Geld vorſchoß, das mit hohen Zinſen aus dem Ertrag des an ihn überlaſſenen Geſchäftes zurückbezahlt werden ſollte, während er ſelbſt(Tulliver) nur ſo viel für ſich behielt, als zu ſeinem und ſeiner Fa⸗ milie nothdürftigem Unterhalt nöthig war. Wer ſollte die Gelegenheit zu einer ſo vortheilhaften Kapitalanlage unbenützt laſſen? Furley gewiß nicht; denn es war bei Mr. Tulliver ausgemacht, daß Fur⸗ ley ſeinen Plan mit Freuden aufgreifen werde; und es gibt Leute, welche in ihrem eigenen Vortheil oder in ihren Wünſchen einen Beweggrund für die Hand⸗ lungen Anderer ſehen, ohne daß ihnen das Gehirn durch den Verluſt eines Proceſſes gefährlich erhitzt iſt. In dem Kopf des Müllers ſtand feſt, Furley werde ge⸗ rade das thun, was in ſeiner Lage das Wünſchens⸗ werthe war, und in dieſem Fall ſtand die Sache nicht ſo ganz verzweifelt. Mr. Tulliver und ſeine Familie mußten allerdings einziehen und mager leben, aber nur ſo lang, bis aus dem Geſchäfts⸗ nutzen Furley's Vorſchüſſe abbezahlt waren, und das 7 konnte der Müller, der in ſeinen beſten Jahren ſtand, noch in einer Zeit erleben, um noch den Genuß davon zu haben. Es war klar, die Proceßkoſten ließen ſich auftreiben, ohne daß er nöthig hatte, als ein zu Grunde gerichteter Mann von dem alten Platze abzuziehen. Freilich lag in der Geſchichte ein ärger⸗ licher Haken. Es war nämlich eine Bürgſchaftsur⸗ kunde für den armen Riley vorhanden, der im letz⸗ ten April plötzlich das Zeitliche geſegnet und ſeinem Freund die Bezahlung einer Schuld von zweihundert und fünfzig Pfunden hinterlaſſen hatte— ein Um⸗ ſtand, der die Habenſeite ſeines Bankbuches in einer bedenklichen Seite ſchmälerte. Nun ja, er war nie einer von den engherzigen Wichten geweſen, die es ablehnen, einem Mitpilger in dieſer verzwickten Welt eine hilfreiche Hand zu bieten. Das Aerger⸗ lichſte in ſeinen Verhältniſſen beſtand aber darin, daß der Gläubiger, welcher ihm zu Heimzahlung der Schuld an Mrs. Glegg die fünfhundert Pfund borgte, (natürlich auf Wakems Anſtiften) wegen ſeines Gel⸗ des unruhig geworden war. Mr. Tulliver, welcher noch immer auf den glücklichen Ausgang ſeines Proceſſes baute und es vor Austrag dieſer Ange⸗ legenheit äußerſt ſchwer fand, dieſe Summe aufzu⸗ nehmen, hatte daher in der Uebereilung eingewilligt, ſeiner Handſchrift durch Verpfändung ſeines Mobiliars und anderer Effecten größere Sicherheit zu geben. Es war ja gleichgiltig, meinte er, denn er konnte das Geld bald abzahlen, und ſo lag nichts daran, ob er in dieſer oder in einer anderen Weiſe zu Be⸗ ruhigung ſeines Gläubigers beitrug. Jetzt aber erſchienen ihm die Folgen jener Verpfändung in —y———— .—–Wübͤͤͤͤ 8— 8 einem ganz neuen Licht, und es ſiel ihm ein, daß die Zeit ihrer Inkrafttretung herannahte, wofern das Geld nicht bezahlt wurde. Vor zwei Monaten noch würde er mannhaft erklärt haben, daß er unter keinen Umſtänden etwas von den Verwandten ſeiner Frau wolle; jetzt aber fand er es in ſeiner Mann⸗ haftigkeit eben ſo in der Ordnung und natürlich, daß Beſſy zu den Pullets gehen und ihnen die Sachlage vorſtellen ſollte. Sie konnten es kaum zugeben, daß der Hausrath ihrer Verwandten unter den Hammer kam, und da derſelbe Pullet als Sicher⸗ heit diente, wenn er das Geld vorſchoß, ſo lag in der Aushilfe nicht einmal ein beſonderer Gefalen. Für ſich ſelbſt würde er von einer ſo engherzigen Perſon ſich nie etwas erbeten haben, aber Beſſy konnte es wohl thun, wenn ſie wollte. Gerade die ſtolzeſten und ſtarrſinnigſten Menſchen ſind am eheſten geneigt, plötzlich in ſolche Wider⸗ ſprüche mit ſich ſelbſt zu gerathen. Alles erſcheint ihnen leichter, als die einfache Thatſache, daß ſie zu Grunde gerichtet ſind und ein neues Leben anfangen müſſen, feſt in's Auge zu faſſen. Und Mr. Tulliver war, wie der Leſer bemerkt, wenn ſchon weiter nichts als ein tüchtiger Müller und Mälzer, doch ſo ſtol und ſtarrköpfig, wie nur irgend eine hohe Perſönlich keit, in welcher ſolche Eigenſchaften zur Quelle jenes augenfälligen, weithin widerhallenden Pathos werden können, das in königlichen Gewändern über die Bühne fegt und den langweiligſten Geſchichtsſchreiber erhaben erſcheinen läßt. Der Stolz und Starrſinn von Müllern und anderen unbedeutenden Perſonen, an denen man jeden Tag achtlos vorbeigeht, hat 8* 9 auch ein tragiſches Moment; aber es gehört zu jener unbekannten und verborgenen Art, die ſich von Generation zu Generation fortpflanzt, ohne je auf⸗ gezeichnet zu werden. Die Tragödie liegt vielleicht in den Kämpfen junger, nach Freude hungernden Seelen, in der plötzlichen Erſchwerung ihres Looſes, in den Jammerſcenen einer Heimath, wo kein neuer Morgen eine Hoffnung mit ſich bringt, und wo die ausſichtsloſe Unzufriedenheit abgelebter und in ihren Erwartungen getäuſchter Eltern auf den Kindern laſtet, wie dumpfe ſchwere Luft, in der alle Lebens⸗ verrichtungen gelähmt ſind;— oder ſie liegt in dem langſamen oder plötzlichen Tod, der auf eine in ſchwerem Kampf erlegene Leidenſchaft folgt, obſchon es vielleicht ein Tod iſt, der eine Beſtattung auf Gemeindekoſten nothwendig macht. Es gibt gewiſſe Thiere, für welche das Verbleiben an derſelben Stelle Lebensgeſetz iſt und die ſterben, wenn ſie von derſelben losgeriſſen wurden. Und ſo wird auch für gewiſſe Menſchen das Uebergewicht zum Lebens⸗ geſetz— ſie können Demüthigungen nur ſo lang ertragen, als ſie nicht ſelbſt an dieſelben glauben müſſen und in ihrer Einbildung noch immer oben ſchwimmen. Mr. Tulliver war in ſeiner Einbildung noch immer der alte Dorleotemüller, als er ſich St. Oggs näherte, durch das ihn ſein Heimweg führte. Aber was brachte ihn wohl, als er die Lacehamer Kutſche in die Stadt einfahren ſah, auf den Gedan⸗ ken, ihr nach ihrem Einſtellquartier zu folgen und daſelbſt den Schreiber um Abfaſſung eines Briefes zu erſuchen, welcher ſchon für den andern Tag Maggie —.——— 10 nach der Heimath zurückberief? Mr. Tullivers eigene Hand zitterte zu ſehr vor Aufregung, als daß er ſelbſt hätte ſchreiben können, und er wünſchte, daß der Brief gleich am andern Morgen durch den Kutſcher in Miß Firniß' Schule abgegeben werde. Er fühlte, ohne ſich einen Grund dafür angeben zu können, eine Sehnſucht, Maggie um ſich zu haben, und ſie ſollte ſchon am andern Tag mit der Dili⸗ gence zurückkommen. Als er zu Haus anlangte, wollte er gegen Mrs. Tulliver nichts von ſeinen Verſtrickungen eingeſtehen, und er ahndete ihren Schmerzensausbruch über die Kunde von dem Verluſt des Proceſſes mit Schelt⸗ reden und zornigen Verſicherungen, daß kein Grund zu ſolchem Jammer vorhanden ſei. Er ſagte ihr ſelbigen Abend nichts von der Mobiliarverpfändung und wie wünſchenswerth das Einſchreiten der Mrs. Pullet wäre; denn er hatte ſie über die Bedeutung jenes Geſchäſts in Unwiſſenheit gelaſſen und die Nothwendigkeit einer Inventaraufnahme aus dem Wunſche, ein Teſtament aufzuſetzen, erklärt. Der Beſitz einer in geiſtigen Gaben ſehr niedrig ſtehen⸗ den Frau iſt, gleich anderen hohen Privilegien, von einzelnen Unbequemlichkeiten, darunter namentlich von der Nothwendigkeit begleitet, gelegentlich zu einer kleinen Täuſchung ſeine Zuflucht nehmen zu müſſen.„ Am andern Tag Nachmittags ſtieg Mr. Tulliver auf ſein Pferd, um nach St. Oggs zu dem Sach⸗ walter Gore zu reiten. Gore mußte am Morgen Furley beſucht und über ſeine Anſichten in Mr. Tullivers Angelegenheit ausgeholt haben. Er hatte 11 jedoch den Weg kaum zur Hälfte zurückgelegt, als ihm ein Schreiber aus Mr. Gore's Bureau begeg⸗ nete, der ihm einen Brief überbringen ſollte. Mr. Gore war durch ein dringliches Geſchäft gehindert worden, der Uebereinkunft gemäß Mr. Tulliver in ſeinem Bureau zu erwarten; er werde aber am an⸗ dern Tag um eilf Uhr zu treffen ſein und habe inzwiſchen die wichtige Mittheilung, die er ihm machen könne, zu Papier gebracht.“ „Oh!“ ſagte Tulliver, den Brief entgegenneh⸗ mend, ohne ihn jedoch zu erbrechen,„ſo ſagen Sie Gore, daß ich mich morgen um eilf Uhr bei ihm einfinden wolle.“ Damit wandte er ſein Pferd. Der Schreiber, welchem Tullivers aufgeregte glänzende Augen auffielen, ſah ihm eine Weile nach und kehrte dann ſelbſt wieder um. Das Leſen eines Briefes war für Mr. Tulliver nicht das Werk eines Augenblicks; der Sinn einer Mittheilung fand durch das Medium von geſchriebenen oder ſelbſt von ge⸗ druckten Zeichen nur langſam Eingang in ſeinem Verſtändniß. Er behielt deßhalb den Brief in ſei⸗ ner Taſche und nahm ſich vor, ihn zu Haus im Lehnſtuhl zu öffnen. Es fiel ihm aber allmählich bei, daß etwas im Briefe ſtehen könnte, was Mrs. Tulliver nicht zu wiſſen brauchte, und in dieſem Falle war es beſſer, ihn zu Haus gar nicht zum Vorſchein kommen zu laſſen. Er hielt ſein Pferd an, zog den Brief heraus und las ihn. Es war nur eine kurze Mittheilung, im Weſentlichen des Inhalts, Mr. Gore habe unter der Hand, aber aus ſicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß Furley letzter Zeit ſelbſt 12 in Geldverlegenheit geweſen ſei und von ſeinen Werthpapieren veräußert habe— unter dieſen auch die Hypothek auf das Tulliver'ſche Anweſen, welche von Wakem erworben worden. Eine halbe Stunde ſpäter fand der Fuhrknecht von der Mühle ſeinen Herrn beſinnungslos am Weg. Der Brief lag offen neben ihm, und ſein graues Roß beſchnüffelte ihn unruhig. Als Maggie in Folge der Berufung ihres Va⸗ ters am Abend in der Heimath eintraf, fand ſie ihn wieder beim Bewußtſein. Er war etwa eine Stunde früher zu ſich gekommen und hatte nach einigem un⸗ ruhigen Umherſtieren etwas von einem Brief ge⸗ murmelt, nach dem er, als man ihn nicht verſtand, mit Ungeduld die Nachfrage wiederholte. Mr. Trun⸗ bull, der Arzt, ließ Gore's Brief herbeibringen und auf das Bett legen, wodurch die Ungeduld des Leidenden ſich zu beſchwichtigen ſchien. Er lag einige Zeit, die Augen ſtarr auf das Schreiben geheftet, da, als verſuche er, unter Beihilfe dieſes Anhalt⸗ punktes ſeine Gedanken zu ordnen. Aber plötzlich ſchien eine neue Erinnerungswelle heranzubrauſen, welche die andern verdrängte. Er wandte die Blicke von dem Brief nach der Thüre, und nachdem er eine Weile unruhig hingeſchaut hatte, als bemühe er ſich, einen Gegenſtand zu ſehen, für den ſeine Augen zu trüb waren, ſagte er:„Die kleine Dirn.“ Dieſe Worte wiederholte er von Zeit zu Zeit ungeduldig; er ſchien für keinen andern Gedanken einen Sinn zu haben, und kein Zeichen verrieth, daß er ſeine Frau oder ſonſt Jemand erkannte. Die arme Mrs. Tulliver, deren ſchwache Geiſtesvermögen K. unter dieſer plötzlichen Anhäufung von Jammer zu erliegen drohten, ging alle Augenblicke nach dem Thor, um zu ſehen, ob die Lacehamer Diligence nicht bald komme, obſchon es noch nicht Zeit war. Endlich aber kam ſie und ſetzte das arme ge⸗ ängſtigte Mädchen ab, das indeß nur noch in der liebevollen Erinnerung des Vaters eine„kleine Dirn“ war. „Oh, Mutter, was gibt es?“ ſagte Maggie mit blaſſen Lippen, als Mrs. Tulliver weinend auf ſie zukam. Sie hatte keine Ahnung, daß ihr Vater krank ſei, weil der Brief, der ſie abberufen, von ihm in dem Bureau von St. Oggs dictirt war. Aber nun kam ihr auch Mr. Turnbull entgegen. Ein Arzt iſt der gute Engel in einem vom Unglück heimgeſuchten Haus, und Maggie eilte bebend und mit fragender Miene auf den wohlwollenden alten Freund zu, den ſie kannte, ſo lange ſie ſich denken konnte. „Erſchrecken Sie nicht allzu ſehr, meine Liebe,“ ſagte er, ſie bei der Hand nehmend.„Ihr Vater hat einen plötzlichen Anfall gehabt und iſt nicht ganz bei Beſinnung. Aber er fragte nach Ihnen, und es wird einen wohlthätigen Eindruck auf ihn machen, wenn er Sie ſieht. Verhalten Sie ſich übrigens möglichſt ruhig; laſſen Sie ihr Reiſezeug unten und kommen Sie mit mir die Treppe hinauf.“ Maggie gehorchte ihm unter jenem ſchrecklichen Herzklopfen, unter welchem das ganze Leben nur ein ſchmerzliches Pulſiren zu ſein ſcheint. Sogar die Ruhe, mit welcher Herr Turnbull ſprach, hatte er⸗ ſchreckend auf ihre empfängliche Einbildungskraft —.— 5 5 14 gewirkt. Die Augen ihres Vaters hafteten noch un⸗ ruhig auf der Thüre, als ſie eintrat und ſogleich dem ſeltſamen, ſehnſüchtigen, hilfloſen Blick begegnete, der ſie vergeblich geſucht hatte. In plötzlicher Auf⸗ regung richtete er ſich von ſeinem Lager auf— ſie ſtürzte auf ihn zu und bedeckte in ihrem ſchmerzlichen Weh ihn mit Küſſen. Das arme Kind! Sie mußte ſo früh einen jener großen Momente im Leben kennen lernen, in wel⸗ chem all unſer Fürchten und Leiden, all unſere Hoff⸗ nungen und Freuden in Unbedeutſamkeit zuſammen⸗ ſchrumpfen und wie eine gewöhnliche Erinnerung untergehen in jener einfachen urſprünglichen Liebe, welche uns in der Zeit der Hilfloſigkeit oder des Leidens an uns nahe ſtehende Weſen kettet. Aber der Lichtblick des Erkennens war eine zu heftige Anſpannung der geſchwächten geiſtigen Ver⸗ mögen des Vaters geweſen. Er ſank zurück in neuer Beſinnungsloſigkeit und Starrheit, die viele Stunden anhielt und nur durch ein momentanes Aufflackern des Bewußtſeins unterbrochen wurde, in welchem er geduldig nahm, was man ihm reichte; dabei ſchien er eine Art kindiſcher Freude an Maggie's Nähe zu haben— etwa wie der Säugling, wenn er dem Mutterbuſen zurückgegeben wird. Mrs. Tulliver ſchickte nach ihren Schweſtern, und da gab es viel Lamentiren und Händeaufheben in dem Erdgeſchoß; ſowohl Onkel als Tanten ſahen, daß der Untergang Beſſys und ihrer Familie ſo vollſtändig war, als ſie immer vorausgeſagt hatten, und in der ganzen Familie herrſchte nur das gemein⸗ ſame Gefühl, daß den Mr. Tulliver ein Gericht 15⁵ betroffen habe, welches durch allzu viel Güte zu ver⸗ eiteln eine Sünde wäre. Maggie hörte nur wenig von dieſen Dingen, da ſie kaum von der Seite ihres Vaters wegkam; ſie ſaß an ſeinem Bett und hielt ſeine Hand in der ihrigen. Mrs. Tulliver wollte ihren Sohn heimholen laſſen und ſchien mehr an dieſen als an ihren Mann zu denken; aber Tanten und Onkel waren der gegentheiligen Anſicht. Tom blieb beſſer in ſeiner Schule, da Mr. Turnbull geſagt hatte, er glaube, daß keine unmittelbare Gefahr vorhanden ſei. Aber als nach dem Ablauf von zwei Tagen Maggie ſich an die Anfälle von Bewußtloſigkeit, aus der ihr Vater ſtets wieder zu erwachen pflegte, gewöhnt hatte, wurde auch in ihr der Gedanke an Tom übermächtig, und der Umſtand, daß ihre Mutter am Abend unter bitterlichem Wei⸗ nen in den Ruf ausbrach:„Mein armer Junge— es iſt Unrecht, daß man ihn nicht heimholt bewog ſie, zu ſagen: „„Ich will zu ihm gehen und ihm die Kunde bringen, Mutter. Die Reiſe kann ich morgen früh antreten, wenn der Vater mich nicht kennt und nicht braucht. Es wäre hart, Tom heimkommen zu laſſen, ohne ihn vorher etwas wiſſen zu laſſen.“ Und Maggie ging am andern Morgen, wie wir geſehen haben. Bruder und Schweſter ſaßen wäh⸗ rend der Heimfahrt auf der Imperiale und unter⸗ hielten ſich mit einander in traurigem, oft unter⸗ brochenem Flüſtern. „Mr. Wakem hat, wie ich höre, eine Pfandur⸗ kunde oder wie man's nennt auf das Gut, Tom,“ ſagte Maggie.„Man meint, die Kunde davon, welche in dem Brief ſtand, habe den Vater krank gemacht.“ „Ich glaube, es iſt von jeher der Plan dieſes Schurken geweſen, unſern Vater zu Grunde zu richten,“ verſetzte Tom, von den unbeſtimmteſten Eindrücken raſch zur entſchiedenſten Schlußfolgerung übergehend.„Aber er ſoll mir's fühlen, wenn ich einmal ein Mann bin. Daß Du mir ja nie mehr mit dem Philipp ſprichſt.“. 17,1 „Oh, Tom!“ ſagte Maggie im Tone wehmüthi⸗ ger Gegenvorſtellung; aber ſie hatte damals keinen Muth, ſich auf einen Wortſtreit einzulaſſen, und wollte noch weniger Tom durch Widerſpruch auf⸗ bringen. 1 Zweites Kapitel. Mrs. Tullivers Tera ein oder Hausgötter. Die Kutſche ſetzte Tom und Maggie fünf Stunden, nachdem letztere die Heimath verlaſſen, wieder ab, und das Mädchen dachte mit Zittern daran, daß ihr Vater ſie vermißt und vergeblich nach ſeiner„kleinen⸗Dirn“ gefragt haben könnte. Daß ein anderer Wechſel vorgekommen ſein dürfte, kam ihr nicht zu Sinn. Sie eilte den Kiesweg dahin und trat vor Tom in's Haus; aber ſchon unter der Thüre wurde ſie durch einen ſtarken Geruch nach Tabak erſchreckt. Das Sprechzimmer war angelehnt— von daher kam der Geruch. Seltſam. Konnte ein Beſuch zu einer ſolchen Zeit rauchen? War ihre Mutter da? g Sjceon8&*-——,A= S ——-—— In dieſem Fall mußte ſie ihr ſagen, daß Tom ge⸗ et 17 kommen ſei. Nach der Pauſe der erſten Ueber⸗ raſchung wollte Maggie eben die Thüre öffnen, als Tom herankam; ſie ſchauten mit einander in das Sprechzimmer hinein. Da ſaß denn ein roher, ſchmieriger Kerl, auf deſſen Geſicht ſich Tom einiger⸗ maßen erinnern konnte, in dem Lehnſtuhl des Vaters, hatte einen Krug und ein Glas vor ſich ſtehen und rauchte. Im Nu zuckte der wahre Sachverhalt durch Toms Geiſt.„Den Vogt im Haus haben“ und „Ausverkauf halten“ waren Phraſen, die ihm ſchon als kleinem Knaben geläufig geworden; ſie gehörten zu der Schande und dem Elend des Bankrutts und völligen Ruins und waren das einleitende Stadium für den Uebergang ſonſt vermöglicher Leute zu der Klaſſe armer Arbeiter. Daß es, nachdem der Vater ſein ganzes Vermögen verloren, ſo kommen mußte, ſchien ihm ganz natürlich, und er ſah in dieſer be⸗ ſonderen Form des Unglücks keine ſpeciellere Urſache, als den Verluſt des Proceſſes. Aber die unmittel⸗ bare Gegenwart dieſes Schimpfes wirkte auf Tom peinlicher, als das Schlimmſte, was er gefürchtet, und er fühlte, daß erſt von dieſem Moment an ſein Jammer begonnen hatte. Der Eindruck dieſes An⸗ blicks ließ ſich dem plötzlichen Zerren an einem ge⸗ reizten Nerven einem unbeſtimmteren Schmerz gegen⸗ über vergleichen. „Wie geht's, Sir?“ ſagte der Mann, der für einen Augenblick die Pfeife aus dem Mund nahm, mit rauher verlegener Höflichkeit. Die zwei jungen Geſichter mit ihrem ängſtlichen Ausdruck wirkten etwas unbehaglich auf ihn. Eliot, Die Muhle am Floß. II. 2 Doch Tom wandte ſich, ohne etwas zu erwie⸗ dern, haſtig ab, da der Anblick zu abſcheulich war. Maggie konnte ſich die Anweſenheit des Fremden nicht ſo gut deuten, wie Tom. Sie folgte ihrem Bruder und flüſterte ihm zu!„Was iſt wohl vor⸗ gefallen, Tom? Was mag dies zu bedeuten haben?“ Dann aber eilte ſie in plötzlicher Angſt, die Gegen⸗ wart des Fremden könnte mit einer Veränderung in dem Zuſtand ihres Vaters zuſammenhängen, die Treppe hinauf, hielt vor der Thüre des Kranken⸗ zimmers, um ihren Hut abzunehmen, und trat auf den Zehen ein. Es herrſchte eine tiefe Stille. Ihr Vater lag noch da, wie ſie ihn verlaſſen hatte, acht⸗ los gegen ſeine ganze Umgebung und mit geſchloſſe⸗ nen Augen. Ihre Mutter ſah ſie nicht, da nur eine Magd ſich im Zimmer befand. „Wo iſt die Mutter?“ flüſterte ſie. Die Magd wußte es nicht. Maggie eilte wieder hinaus und ſagte zu Tom: „Der Vater liegt ganz ruhig da; komm und laß uns nach der Mutter ſehen. Mich wundert, wo ſie ſein mag.“ Mrs. Tulliver war weder drunten noch in einem der Schlafgemächer. Nur in einem Gelaß unter der Dachkammer hatte Maggie nicht nachgeſehen; dieſes war der Vorrathsraum, in welchem ihre Mutter das Weißzeug und alle die koſtbaren„beſten Sachen“ aufzubewahren pflegte, die nur bei beſonderen An⸗ läſſen ausgepackt und zum Vorſchein gebracht wurden. Tom, welcher bei dem Gang über die Flur Maggie voraus war, öffnete die Thüre dieſes Gelaſſes und rief ſogleich: 19 „Mutter!“ Hier ſaß nun Mrs. Tulliver und hatte alle ihre Schätze vor ſich ausgelegt. Eine von den Lein⸗ wandtruhen ſtand offen; der ſilberne Theetopf war von ſeinen umwickelnden Papierhüllen befreit und das beſte Porcellän auf dem Deckel der geſchloſſe⸗ nen Linnentruhe aufgeſtellt. Löſfel, Gabeln und Vorleglöffel lagen der Reihe nach auf den Simſen, und die arme Frau ſchüttelte weinend den Kopf, während ſie mit ſchmerzlich verzogenem Mund das Zeichen„Eliſabet Dodſon“ in der Ecke eines auf ihrem Schoß ausgebreiteten Tafeltuchs betrachtete. Als ſie Toms Stimme hörte, fuhr ſie auf und ließ das Tafeltuch fallen. „Oh mein Sohn, mein Sohn!“ rief ſie, ſeinen Hals umſchlingend.„Daß ich dieſen Tag erleben mußte! Wir ſind zu Grunde gerichtet... man wird uns Alles verkaufen... und der Gedanke, daß Dein Vater mich heirathen mußte, um mich da⸗ hin zu bringen! Wir haben nichts mehr... ſind am Bettelſtab... wir müſſen in's Armenhaus...“ Sie küßte ihn, ſetzte ſich dann wieder nieder und nahm ein anderes Tafeltuch auf ihren Schoß, das ſie ein wenig auseinander ſchlug, um den Model zu betrachten, während die Kinder in ſtummem Jammer neben ihr ſtanden, da für den Augenblick die Worte „Bettelſtab“ und„Armenhaus“ ihre ganze Seele erfüllten. „Wenn ich an dieſe Leinwand denke, die ich ſelbſt geſponnen habe,“ fuhr ſie fort, indem ſie ein Stück nach dem anderen heraus nahm und ſie mit einer Aufregung umdrehte, die um ſo befremdlicher und 2*¾ 20 mitleiderregender erſchien, da man etwas Aehnliches an der ſonſt ſo ruhigen kräftigen blonden Frau, deren Gemüthserregungen nie tief zu gehen pflegten, nicht gewöhnt war.„John Haxey hat ſie gewoben und mir das Stück ſelbſt auf ſeinem Rücken in's Haus gebracht— ich meine ihn noch zu ſehen, wie ich unter der Thüre ſtand; und ich dachte damals noch nicht daran, euren Vater zu heirathen. Den Model habe ich ſelbſt ausgewählt— und der Zeug kam ſo ſchön von der Bleiche, und ich zeichnete die Stücke, wie nie ein anderes gezeichnet worden iſt— man muß das Tuch zerſchneiden, wenn man die Zeichen herausbringen will, da ſie einen ganz be⸗ ſonderen Stich haben. Und das ſoll nun Alles ver⸗ kauft werden und in fremde Häuſer kommen, wo man die Tafeltücher vielleicht mit dem Meſſer zerſchneidet und ſie abgenützt ſind, eh' ich todt bin. Du wirſt nichts davon erhalten, mein Sohn,“ ſagte ſie, mit thränen⸗ vollen Augen zu Tom aufblickend,„und doch hatte ich ſie Dir zugedacht— alle, die dieſen Model haben. Maggie hätte die mit den großen Würfeln erhalten— ſie nehmen ſich nicht ſo gut aus, wenn gedeckt iſt.“ Tom fühlte ſich tief ergriffen; es fand jedoch un⸗ mittelbar darauf ein Rückſchlag des Unwillens ſtatt. Sein Geſicht glühte, als er ſagte: „Aber werden die Tanten zugeben, daß Alles verkauft wird, Mutter? Wiſſen ſie von dem Stand unſerer Angelegenheiten? Meint Ihr, ſie werden Eure Leinwand in fremde Hände kommen laſſen? Habt Ihr nicht nach ihnen geſchickt?“ „Ja, ich ſendete Lucas ſogleich zu ihnen, als ==S'SSESS=K K — 82— -· 1— 21 man uns die Vögte einlegte, und Deine Tante Pullet war da— ach, du mein Himmel— ſie weinte ſo und ſagte, euer Vater bringe meine Familie in Schande und mache ſie zum Tagsgeſpräche für das ganze Land. Und ſie will die gefleckten Tafeltücher für ſich kaufen, weil ſie von dieſem Model nicht ſo viel hat, als ſie braucht, und ſie ſollen nicht an Fremde kommen; aber gewürfelte hat ſie ſchon mehr als ſie zu verwenden weiß.“(Mrs. Tulliver begann nun die Tafeltücher wieder in die Truhe zurückzu⸗ legen, in welcher ſie dieſelben automatiſch faltete und glatt ſtrich.)„Und auch Dein Onkel Glegg iſt da⸗ geweſen, und er ſagt, man müſſe das Bettzeug für uns erſtehen, und er wolle mit ſeiner Frau darüber reden; ſie würden alle kommen, um einen Rath zu halten... Aber ich weiß, keines davon wird mein Porcellän nehmen,“ fügte ſie bei, indem ſie nach ihren Taſſen hinſah;„denn alle tadelten es, als ich es kaufte, wegen der kleinen goldenen Zweige, die ſich überall über die Blumen hinbiegen. Und doch hat keine von ihnen beſſeres Porcellän, ſelbſt Deine Tante Pullet nicht ausgenommen— und ich kaufte es von meinem eigenen Geld, das ich mir von mei⸗ nem fünſzehnten Jahr an erſpart hatte— und auch den ſilbernen Theetopf; Dein Vater hat nie etwas dafür auslegen dürfen. Und nun der Gedanke, daß er mich heirathen mußte, um mich dahin zu bringen!“ 1 Mrs. Tulliver brach auf's Neue in Thränen aus und ſchluchzte eine Weile in ihr vorgehaltenes Taſchen⸗ tuch; dann aber nahm ſie es weg und ſagte noch immer unter halbem Schluchzen in abwehrendem Tone, als verlange man von ihr, daß ſie ſprechen ſolle, noch eh' die Stimme ihr zu Gebot ſtand: „Und ich hab' ihm oft und oft geſagt, was Du auch thuſt, laß Dich nur nicht auf einen Proceß ein⸗ — und was hab' ich weiter thun können? Ich mußte mir's ruhig gefallen laſſen, wie er mein Geld verthat und das dazu, was meinen Kindern hätte zufallen ſollen. Auf Dich wird nie ein Penny kom⸗ men, mein Sohn— aber es iſt nicht Deiner armen Mutter Schuld.“ Sie ſtreckte den einen Arm gegen Tom aus und ſah ihn kläglich an mit ihren hilfloſen, kindiſchen blauen Augen. Der arme Junge ging auf ſie zu, küßte ſie und klammerte ſich an ſie an. Zum erſten⸗ mal gedachte er mit einem Gefühl von Vorwurf ſeines Vaters. Die ihm angeborene Tadelſucht, die er bisher ſeinem Erzeuger gegenüber zurückgehalten hatte, weil er denſelben aus dem einfachen Grund, daß er Tom Tullivers Vater war, ſtets im Rechte wähnte, wurde durch die Klage ſeiner Mutter in einen neuen Kanal geleitet, und in ſeine Entrüſtung gegen Wakem begann ſich allmählich auch ein Groll anderer Art zu miſchen. Sein Vater mochte dazu beigetragen haben, ſie alle in's Unglück zu bringen und zum Spott der Leute zu machen; aber Nie⸗ mand ſollte lang mit Verachtung von Tom Tulliver ſprechen. Die natürliche Kraft und Feſtigkeit ſeines Weſens machte ſich nachgerade geltend, geſpornt von dem doppelten Antrieb des Grimms gegen ſeine Tanten und des Gefühls, daß er ſich wie ein Mann benehmen und für ſeine Mutter ſorgen müſſe. „Härmt Euch nicht länger ab, Mutter,“ ſagte — O—. 2XSZSE8S — Bo = R☛ 23 er liebevoll.„Ich werde bald im Stande ſein, Geld zu verdienen, und will mich um irgend eine Stelle umthun.“ „Gott ſegne Dich, mein Sohn!“ verſetzte Mrs. Tulliver etwas beruhigt. Dann ſchaute ſie traurig umher und fügte bei:„Aber ich würde mich nicht ſo ſehr abkümmern, wenn ich nur die Dinge behalten könnte, auf denen mein Name ſteht.“ Maggie war mit ſteigendem Aerger Zeuge dieſer Scene geweſen. Die ziemlich unverholenen Vorwürfe gegen ihren Vater— den Vater, welcher in einer Art von lebendigem Tod dalag— ließ in ihr keine Theilnahme für den Schmerz um Tafeltücher und Porcellän aufkommen, und ihr Zorn um des Vaters willen wurde noch durch eine egoiſtiſche Empfind⸗ lichkeit über das ſtillſchweigende Einverſtändniß Toms mit der Mutter, ſie von dem gemeinſchaftlichen Jammer auszuſchließen, erhöht. Gegen die Gering⸗ ſchätzung, mit welcher die Mutter ſie zu behandeln pflegte, war ſie faſt gleichgiltig geworden, dagegen empfand ſie jeden Schein einer Zuſtimmung zu der⸗ ſelben, der von Tom ausgehen mochte, um ſo ſchmerz⸗ licher. Die arme Maggie war keineswegs ein un⸗ legirter Guß von Opferwilligkeit, ſondern erhob, wo ſie ſelbſt innig liebte, hohe Anſprüche. Sie brach endlich in die aufgeregten, faſt heftigen Worte aus: „Mutter, wie könnt Ihr nur ſo ſprechen, als ob Ihr für nichts einen Sinn hättet, als für die Sa⸗ chen mit Eurem Namen darauf, und nicht auch für das, was unſeres Vaters Namen trägt— wie wenn Euch Alles mehr am Herzen liege, als der liebe Vater ſelbſt, der jetzt daliegt und vielleicht nie wie⸗ der mit uns ſprechen kann. Und Du ſollteſt auch reden, wie ich, Tom— Du ſollteſt nicht dulden, daß Jemand dem Vater Vorwürfe macht.“ Faſt athemlos von ihrer Aufregung und in ihrem Zorne verließ Maggie das Zimmer und nahm wie⸗ der ihren alten Platz ein an der Seite des leiden⸗ den Vaters. Ihr Herz fühlte ſich ihm mehr als je zugeneigt bei dem Gedanken, daß die Leute ihn tadeln möchten. Maggie konnte das Tadeln nicht leiden; man hatte ihr ganzes Leben über ſtets an ihr getadelt, ohne daß dabei etwas herausgekommen wäre, als Verdruß und Aerger. Ihr Vater hatte ſie ſtets in Schutz genommen und entſchuldigt, und die liebevolle Erinnerung an ſeine Zärtlichkeit wurde in ihr zu einer Kraft, welche ſie befähigt haben würde, um ſeinetwillen Alles zu thun oder zu leiden. Tom empfand es etwas mißfällig, daß Maggie in ihrem plötzlichen Losbrechen ihm und der Mutter ſagen wollte, was ihnen zu thun obliege. Sie hätte etwas Beſſeres lernen können, als ſich in ſo trotziger und anmaßender Weiſe zu benehmen. Er folgte ihr kurz nachher nach dem Gemach des Vaters; aber der Anblick, der ihm dort entgegentrat, ergriff ihn in einer Weiſe, daß die ſchwächeren Eindrücke der vorigen Stunde ſich alsbald verwiſchten. Als Maggie ſeine Rührung bemerkte, ging ſie auf ihn zu, und wie er neben dem Bette Platz nahm, ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Hals. So vergaßen denn die beiden Kinder alles Andere in dem Gefühl, daß ſie denſelben Vater hatten und derſelbe Kummer ſchwer auf ihren Seelen laſtete. 25⁵ Drittes Kapitel. Der Familienrath. Am andern Morgen um eilf Uhr ſollten ſich Tanten und Onkel einfinden, um Familienrath zu halten. In dem großen Sprechzimmer war geheizt, und die arme Mrs. Tulliver befreite unter dem verwirrten Eindruck, daß ſich's um einen wichti⸗ gen Anlaß wie etwa um ein Leichenbegängniß handle, die Klingelſchnur, machte die Vorhänge los und legte ſie in die gehörigen Falten; dann betrachtete ſie mit wehmüthigem Kopfſchütteln die polirten Blätter und Füße der Tiſche, welchen ſelbſt Schweſter Pullet nicht einen Mangel an zureichendem Glanz zum Vorwurf machen konnte. Mr. Deane kam nicht— er war in Geſchäften abweſend. Aber Mrs. Deane fand ſich pünktlich ein in dem ſchönen neuen gedeckten Gig mit dem Livrékutſcher, welcher unter einigen ihrer weiblichen Bekannten von St. Oggs über mehrere Züge in ihrem Charakter ein ſo klares Licht geworfen hatte. r. Deane hatte ſich in der Welt ſo raſch empor⸗ geſchwungen, als es mit Mr. Tulliver abwärts ge⸗ gangen war, und in Mrs. Deane’s Hand begann die Leinwand und das Silberzeug der Dodſone einen ganz untergeordneten Rang, bloß den eines Lücken⸗ büßers für die ſchöneren derartigen Artikel einzuneh⸗ men, die in den letzten Jahren angekauft wor⸗ den. Dieſer Wechſel hatte eine gelegentliche Kälte zwiſchen ihr und Mrs. Glegg herbeigeführt, welche fühlte, daß Suſanne wie die Anderen wurde, und daß vom ächten Dodſongeiſt, mit alleiniger Aus⸗ nahme ihrer ſelbſt, bald wenig mehr vorhanden ſein dürfte, wenn nicht etwa in den Neffen weit in der Welt draußen, die den Familiennamen trugen, ein beſſerer Sinn fortlebte. Leute, die fern wohnen, ſind natürlich weit weniger mangelhaft, als diejenigen, welche wir ſtets unter den Augen haben, und wenn wir die bei Seite geſchobene geographiſche Lage der Aethiopier und den Umſtand in's Auge faſſen, wie wenig die Griechen mit ihnen verkehrten, ſo iſt es wohl überflüſſig, ſich in tiefergehende Unterſuchungen einzulaſſen, warum Homer ſie„untadelig“ nannte. Mrs. Deane war die erſte, welche anlangte, und als ſie in dem großen Sprechzimmer Platz genom⸗ men, kam Mrs. Tulliver mit ihrem hübſchen Geſicht, das ein wenig verzerrt war, wie wenn ſie weinen wollte, zu ihr herunter; die arme Frau war nämlich keine Natur, die viele Thränen vergießen konnte, die Augenblicke etwa ausgenommen, in welchen die Ausſicht auf den Verluſt ihrer Einrichtung ihr allzu lebhaft vor die Seele trat, obſchon ſie fühlte, daß es unter den obwaltenden Unſtänden nicht paſſend war, ganz ruhig zu erſcheinen. „Oh, Schweſter, was iſt dies für eine Welt!“ rief ſie, als ſie eintrat.„Welcher Jammer— o Himmel!“ Mrs. Deane war eine Frau mit dünnen Lippen, die bei beſonderen Anläſſen kleine, wohlüberlegte Reden hielt und nachher dieſelben ihrem Mann vorſagte, um von ihm zu hören, ob ſie nicht ganz paſſend geſprochen habe. „Ja, Schweſter,“ verſetzte ſie bedächtig;„es iſt eine Welt voll Wechſel, und wir wiſſen heute nicht, 3 27 was uns morgen widerfahren mag. Es iſt daher nur in der Ordnung, wenn wir uns auf Alles ge⸗ faßt halten und in der Stunde des Unglücks nicht vergeſſen, daß nichts ohne Grund geſchieht. Es thut mir leid um Dich, weil Du doch meine Schwe⸗ ſter biſt, und wenn der Doctor für Mr. Tulliver Gelé verordnet, ſo hoffe ich, daß Du mir es wirſt zu wiſſen thun, denn ich werde es ihm bereitwillig ſenden. Ich finde es paſſend, daß man ihm während ſeiner Krankheit die geeignete Pflege angedeihen läßt.“ „Ich danke Dir, Suſanne,“ ſagte Mrs. Tulliver mit matter Stimme, indem ſie ihre runde Hand aus der mageren ihrer Schweſter zurückzog;„aber es iſt noch nicht von Gelé die Rede geweſen.“ Nach einer kurzen Pauſe fügte ſie bei:„Ich habe droben ein Dutzend geſchliffene Gelégläſer... und ich werde nie mehr Gelé hineinthun können.“ Ihre Stimme wurde bei den letzten Worten etwas aufgeregt; aber das Raſſeln von Rädern gab ihren Gedanken eine andere Richtung. Mr. und Mrs. Glegg waren angekommen, und faſt unmittel⸗ bar nach ihnen langten Mr. und Mrs. Pullet an. Mrs. Pullet trat mit Thränen ein; da ſie über⸗ haupt zu allen Zeiten in dieſer compendiöſen Weiſe ihre Anſichten von dem Leben im Allgemeinen aus⸗ zudrücken liebte, ſo mochte ihr auch für den gegen⸗ wärtigen beſondern Fall dieſes Verfahren vorzugs⸗ weiſe paſſend erſcheinen. Mrs. Glegg hatte ihre wirrſte Glockengarnitur und trug Kleider, welche aus einer ziemlich faltigen Form von Begräbniß eine neue Auferſtehung ge⸗ feiert zu haben ſchienen— ein Coſtüm, das in der hochmoraliſchen Abſicht gewählt worden war, Beſſy und ihren Kindern eine vollkommene Demuth ein⸗ zuflößen. „Willſt Du nicht näher an's Feuer kommen, Frau?“ ſagte ihr Gatte, der ſich nicht erkühnte, den bequemſten Sitz einzunehmen, ohne ihn vorher ſeiner ſtrengen Ehehälfte angeboten zu haben. „Du ſiehſt, daß ich bereits meinen Platz habe, Glegg,“ verſetzte die überlegene Dame.„Wenn Du braten willſt, ſo magſt Du es thun.“ „Gut,“ verſetzte Mr. Glegg, ſich wohlgemuth nieder⸗ laſſend.„Und wie geht's dem armen Mann droben?“ „Doctor Turnbull meint, er ſei dieſen Morgen viel beſſer,“ ſagte Mrs. Tulliver.„Er achtet mehr auf ſeine Umgebung und hat mit mir geſprochen; den Tom aber hat er noch nicht erkannt. Er ſieht den armen Jungen an, als ob er ein Fremder ſei, obſchon er einmal etwas von Tom und dem Pony geſagt hat. Der Doctor ſagt, ſein Gedächtniß habe in Beziehung auf neuere Erlebniſſe ſehr gelitten, und er kenne Tom deßhalb nicht, weil er ihn ſich als noch klein vorſtelle. Ach, du mein— du mein Himmel!“ „Er wird wohl Waſſer im Hirn haben,“ ſagte Tante Pullet, ſich von dem Pfeilerſpiegel umwendend, vor dem ſie in melancholiſcher Weiſe ihre Haube ge⸗ ordnet hatte.„Es iſt viel, wenn er je wieder auf⸗ kömmt, und wenn es geſchieht, ſo wird er wahr⸗ ſcheinlich kindiſch ſein, wie Mr. Carr, der arme Mann. Ran muß ihn mit dem Löffel füttern, wie ein dreijähriges Kind. Er hat den Gebrauch ſeiner Glieder vollſtändig verloren und muß ſich von 29 einer beſonderen Perſon in einem Räderſtuhl umher⸗ führen laſſen. Ein ſolches Geräth wirſt Du freilich nicht haben, Beſſy.“ „Schweſter Pullet,“ bemerkte Mrs. Glegg ſtrenge, „wenn ich recht daran bin, ſo ſind wir dieſen Mor⸗ gen zuſammengekommen, um uns über das zu be⸗ rathen, was bei der Schande, welche die Familie betroffen, zu geſchehen hat, nicht aber um von Per⸗ ſonen zu ſchwatzen, die uns nichts angehen. Mr. Carr iſt nicht von unſerem Blut und ſteht auch, ſo viel ich weiß, zu uns nicht in der entfernteſten ver⸗ wandtſchaftlichen Beziehung.“ „Schweſter Glegg,“ verſetzte Mrs. Pullet im Tone der Abwehr, indem ſie ihre Handſchuhe wieder an⸗ zog und ſich in aufgeregter Weiſe die Finger ſtrich, „wenn Du etwas Achtungswidriges von Mr. Carr zu ſagen haſt, ſo muß ich Dich bitten, es nicht in meiner Gegenwart zu thun. Ich weiß, was er war,“ fügte ſie mit einem Seufzer bei.„Sein Athem war ſo kurz, daß man ihn bis in das dritte Zimmer hören konnte.“ „Sophie,“ rief Mrs. Glegg mit hoher Entrüſtung, „Du verbreiteſt Dich in ganz unſchicklicher Weiſe über die Beſchwerden anderer Leute. Aber ich wiederhole, was ich ſchon einmal geſagt habe— ich bin nicht hierher gekommen, um mich von dem kur⸗ zen oder langen Athem Deiner Bekannten unter⸗ halten zu laſſen. Wenn wir nicht da ſind, um zu hören, was wir thun ſollen, um eine Schweſter und ihre Kinder vor dem Armenhaus zu bewahren, ſo kehre ich wieder um. Es muß von einem gemein⸗ ſchaftlichen Handeln die Rede ſein, denn man wird hoffentlich nicht erwarten, daß ich Alles thun ſoll.“ „Ei, Jane,“ ſagte Mrs. Pullet,„ich finde nicht, daß Du Dich im Handeln übereilt haſt. So viel ich weiß, biſt Du heute zum erſtenmal hier, ſeit es ruchbar geworden, daß der Vogt im Haus iſt; und ich war geſtern da und habe von Beſſy's Leinwand und anderen Sachen Einſicht genommen und ihr verſprochen, daß ich die gefleckten Tafeltücher kaufen wolle. Weiter kann man von mir nicht verlangen; denn wenn, wie Beſſy will, der Theetopf nicht in fremde Hände kommen ſoll, ſo muß Jemand anders einſtehen, da ich keine zwei ſilberne Theetöpfe brauchen kann, auch wenn er keine gerade Schnauze hätte— aber der gefleckte Damaſt hat mir immer gefallen.“ „Wenn ſich's nur einleiten ließe, daß mein Thee⸗ topf, mein Porcellän und meine ſchönen Caraffinen nicht in die Verſteigerung kämen,“ ſagte die arme Mrs. Tulliver flehentlich—„und die Zuckerzange, das erſte Ding, das ich zu meiner Einrichtung ge⸗ kauft habe.“ „Aber das läßt ſich nun einmal nicht ändern,“ bemerkte Mr. Glegg.„Wenn Jemand aus der Familie ſie kaufen will, ſo mag er es thun; aber geboten muß darauf werden wie auf jedes andere Stück.“ „Und man kann doch der eigenen Familie nicht zumuthen,“ warf Onkel Pullet mit ungewohnter Ideenunabhängigkeit ein,„daß ſie mehr für Gegen⸗ ſtände zahlen ſoll, als ſie einbringen würden. Die Sachen gehen in der Verſteigerung vielleicht für ein Naſenwaſſer weg.“ 31 „Ach, du mein— du mein Himmel,“ jammerte Mrs. Tulliver,„der Gedanke, daß mein Porcellän in dieſer Weiſe verkauft werden ſoll— und ich kaufte es bei meiner Verheirathung, juſt wie ihr das eurige auch, Du, Jane, und Du, Sophie. Und ich weiß, das meinige hat euch nicht gefallen wegen des Zweigs, aber mir gefiel es; und es iſt nie ein Stück davon zerbrochen, da ich es ſtets ſelbſt geſpült habe. Und auf den Taſſen ſind Tulpen und Roſen, ſo daß Jedermann ſeine Freude daran haben kann. Dir wäre es auch nicht lieb, Jane, wenn Dein Porcellän für ein Naſenwaſſer verkauft würde und bald in Trüm⸗ mer ginge, obſchon es nicht gemalt, ſondern nur weiß und geriefelt iſt und lange nicht ſo viel gekoſtet hat, wie das meinige. Und da ſind die Caraffinen— Schweſter Deane, ich kann mir nicht denken, daß Du die Caraffinen hinausläßſt, denn ich habe ſelbſt gehört, daß Du ſie für ſchön erklärteſt.“ „Ich habe allerdings nichts dagegen, einige von den beſten Dingen anzukaufen,“ verſetzte Mrs. Deane etwas ſtolz.„Wir können's ſchon erſchwingen, etwas Ueberflüſſiges im Haus zu haben.“ „Beſte Dingel“ rief Mrs. Glegg mit einer Strenge, die während ihres langen Schweigens nur um ſo mehr Nachdruck gewonnen hatte.„Es überſteigt meine Ge⸗ duld, euch alle immer nur von beſten Dingen und vom Ankauf von Silber oder Porcellän reden zu hören. Du mußſt Dich in Deine Verhältniſſe finden, Beſſy, und nicht an Silber und Porcellän, ſondern darauf denken, daß Du etwas kriegſt, auf dem Du liegen, mit dem Du Dich zudecken oder auf dem Du ſitzen kannſt. Und wenn Dir dies wird, ſo darfſt Du nicht ver⸗ 32 geſſen, daß es nur geſchah, weil es Deine Verwand⸗ ten für Dich kauften, von denen Du in Allem ab⸗ hängig biſt; denn Dein Mann liegt hilflos da und kann in der ganzen Welt keinen Penny ſein Eigen⸗ thnm nennen. Ich ſage Dir dies zu Deinem eigenen Beſten, denn es iſt nur in der Ordnung, daß Du Deine Lage erkennſt und Dir zu Gemüth führſt, welche Schande Dein Mann auf die Familie gebracht hat, auf die Du jetzt ausſchließlich angewieſen biſt. Ich kann Dir einen demüthigen Sinn nicht genug an's Herz legen.“ Mrs. Glegg hielt inne, denn eine ſo nachdrück⸗ liche Rede zu anderer Leute Beſten iſt natürlich er⸗ ſchöpfend. Mrs. Tulliver, welche von ihrer zarteſten Jugend an ſtets das Joch des Familiengewichts hatte tragen müſſen, unter welchem die ältere Schweſter ihre jüngere hielt, erwiederte im Tone der Vorſtellung: „Schweſter, ich habe nie Jemand gebeten, etwas für mich zu thun, ſondern wünſchte nur, daß man Dinge ankaufe, an denen man eine Freude haben kann, damit ſie nicht in fremden Häuſern verunehrt werden. Ich wollte ja nicht, daß man ſie für mich oder für meine Kinder kaufe, obgleich ich die Lein⸗ wand ſelbſt geſponnen habe. Freilich dachte ich, als Tom geboren wurde— es war mein erſter Gedanke, als er noch in der Wiege lag— daß Alles, was ich mit meinem eigenen Geld anſchaffte und ſo ſorg⸗ fältig zu Rath hielt, einmal an ihn kommen möchte. Aber ich habe nie geſagt, ich verlange von meinen Schweſtern, daß ſie ihr Geld für mich auslegen ſollen. Ach, was hat nicht mein Mann ohne mein „—= —————, Åæœi 33 Vorwiſſen an ſeiner Schweſter gethan, obſchon wir heute beſſer daran wären, wenn er ihr nicht ſo viel Geld geborgt hätte, ohne es wieder einzufordern.“ „Na, wir wollen die Sache nicht gar zu arg machen,“ ſagte Mr. Glegg wohlwollend.„Das Ge⸗ ſchehene läßt ſich nicht ändern. Wir müſſen uns verſtändigen, Ihnen das anzuſchaffen, was Sie brauchen, obſchon es, wie meine Frau ſagt, nur ein⸗ fache, nützliche Dinge ſein dürfen. Mit unnöthigen Sachen können wir uns nicht befaſſen. Ein Tiſch, ein Paar Stühle, Küchengeſchirr, ein gutes Bett und dergleichen. Hab ich's doch ſelbſt meiner Zeit erlebt, daß ich ſtatt im Bett auf einem Sack und auf dem Boden ſchlafen mußte. Wir umgeben uns mit ſo viel unnützem Zeug, nur weil wir Geld haben, das uns unter den Fingern juckt.“ „Glegg,“ unterbrach ihn ſeine Ehehälfte,„willſt laß Dir bemerken, daß Du uns hätteſt bitten ſollen. Wie kann denn für Dich geſorgt werden, wenn Dir Deine Familie nicht an die Hand geht? Ohne ihre Beihilfe fällſt Du der Gemeinde zur Laſt. Und dies ſollteſt Du wiſſen und es nie vergeſſen. Es ziemt wir können, nicht aber zu ſagen und groß zu thun, Du habeſt nie etwas von uns verlangt.“ „Sie haben von den Moßen und von dem ge⸗ ſprochen, was Mr. Lulliver für ſie gethan hat,“ Eliot, Die Müͤhle am Floß. II. 3 bemerkte Onkel Pullet, der für Geldfragen ein ſehr gründliches Auffaſſungsvermögen beſaß.„Sind ſie nicht auch Verwandte? Sie ſollten ſo gut etwas thun, wie andere Leute, und wenn er ihnen Geld geborgt hat, ſo ſollte man ſie zur Zurückzahlung anhalten.“ „Ja, verſteht ſich; ich habe auch daran gedacht,“ ſagte Mrs. Deane.„Wie kömmt es, daß wir Mr. und Mrs. Moß nicht auch hier treffen? Ich finde es vollkommen in der Ordnung, daß ſie ſich auch betheiligen.“ „Oh, Himmel!“ verſetzte Mrs. Tulliver,„ich habe ihnen nie etwas über den Zuſtand meines Mannes ſagen laſſen. Sie leben ſo weit hinten in dem Baſſeter Geriegel und hören nie etwas von uns, als wenn Mr. Moß auf den Markt kömmt. Aber ich habe gar nicht an ſie gedacht. Es nimmt mich Wun⸗ der, daß Maggie mich nicht daran erinnerte, da ſie doch ſonſt ſo große Stücke auf ihre Tante Moß hält.“ „Warum haſt Du nicht auch die Kinder herkom⸗ men laſſen, Beſſy?“ fragte Mrs. Pullet bei Mag⸗ gie's Erwähnung.„Sie ſollten mit anhören, was ihre Tanten und Onkel zu ſagen haben. Und Mag⸗ gie ſollte doch mehr an ihre Tante Pullet denken, als an ihre Tante Moß, da ja ich es geweſen bin, welche die Hälfte ihres Schulgelds bezahlt hat. Wer weiß, wie lange ſie mir noch dankbar ſein kann— denn der Menſch iſt übernächtig.“ „Wenn's nach mir gegangen wäre,“ ſagte Mrs. Glegg,„ſo hätten mir die Kinder vom Anfang an im Zimmer ſein müſſen. Es iſt Zeit, daß ſie er⸗ fahren, zu wem ſie aufzuſchauen haben, und ich finde 35 es ganz am Platz, daß man mit ihnen ſpricht und ihnen ihre Lage auseinander ſetzt. Sie ſollen fühlen, wie ſie herunter gekommen ſind und welche ſchwere Zeiten ihnen durch ihres Vaters Verſchul⸗ dung in Ausſicht ſtehen.“ „So will ich gehen und ſie holen, Schweſter,“ ſagte Mrs. Tulliver ergebungsvoll. Sie war jetzt vollkommen zerknirſcht und dachte an die Schätze des Vorrathszimmers nur mit dem Gefühl heller Ver⸗ zweiflung. Sie ging hinauf, um Tom und Maggie zu holen, die ſich in dem Gemach des Vaters befanden. Auf dem Rückweg gab ihr der Anblick der Thüre zu dem Vorrathszimmer einen neuen Gedanken ein. Sie ſchloß den Zugang zu ihren Schätzen auf und ließ die Kinder allein hinunter gehen. Die Tanten und Onkel ſchienen eben in einer war⸗ men Erörterung begriffen zu ſein, als die Geſchwiſter mit ſcheuem Widerſtreben eintraten; denn obſchon Tom mit einer praktiſchen Schlauheit, welche durch den kräftigen Sporn der ſeit geſtern erfahrenen neuen mung gegen ſie und fürchtete ſich, dem ganzen Gremium entgegenzutreten, wie man etwa große Doſen einer ſtar⸗ ken Arznei ſcheut und ſie lieber löffelvollweiſe einnimmt. aggie war an jenem Morgen beſonders edrückt. Man hatte ſie nach kurzer Ruhe um drei Uhr ſchon wieder ljededt und ſie ſtand jetzt unter dem Einfluß jener ſeltſamen, träumeriſchen Mudigkeit, bie einen 36 ſo gern befällt, wenn man die froſtigen Morgen⸗ ſtunden der Dämmerung und des anbrechenden Tages durchwacht hat; das äußere Tagleben ſcheint uns bedeutungslos zu ſein und kömmt uns wie eine Bordüre zu den Stunden vor, die wir in der Dunkel⸗ heit des Gemaches verbrachten. Ihr Eintritt unter⸗ brach das Geſpräch. Das Händereichen war eine ſtumme, melancholiſche Förmlichkeit, bis Onkel Pullet gegen den ſich ihm nahenden Tom bemerkte: „Nun, junger Herr, wir haben eben beſprochen, wie man uns mit Tinte und Feder an die Hand gehen kann. Ich denke, wenn man ſo lange auf der Schule geweſen iſt, ſollte man ſich gut auf's Schreiben verſtehen.“ „Ja, ja,“ ſagte Onkel Glegg mit einer freundlich ſein ſollenden Ermunterung,„wir wollen jetzt ſehen, was hinter der Erziehung ſteckt, für die Dein Vater ſo viel Geld ausgegeben hat. 1 „Iſt's Gütchen hin und's Geld verthan, Macht, was wir wiſſen, uns zum Mann.: Jetzt iſt es Zeit, Tom, uns zu zeigen, zu was Deine Gelehrſamkeit nütze iſt. Wir wollen ſehen, ob Du weiter mit ihr kömmſt, als ich, der ich's ohne ſie zu einem Vermögen gebracht habe. Mein Anfang iſt freilich nur klein geweſen, und ich habe mich mit Milchſuppe und ein bischen Brod und Käſe begnü⸗ gen müſſen. Aber ich fürchte, junger Mann, das Leben auf hohem Fuß und die hohe Gelehrſamkeit wird machen, daß Dich das weit ſaurer ankömmt, als mich.“ „Er muß ſich drein finden, ob es ihn ſauer an⸗ 37 ſchwer ihm eine Sache vorkommt, denn er kann nicht erwarten, daß ſeine Verwandten ihn in Müſſiggang und Schlemmerei werden heranwachſen laſſen. Er muß die Folgen von ſeines Vaters Sünden tragen und ſich an harte Koſt und harte Arbeit gewöhnen. Mrs. Deane auf das Sopha geſetzt hatte, angezogen von dem Gefühl, daß dieſe Tante Lucy's Mutter war, „muß ſich darauf gefaßt machen, ſich zu demüthigen und zu arbeiten, denn ſie darf wohl im Gedächtniß verrichten, und muß ihre Tanten achten und lieben, die ſo viel für ſie gethan und ſich Alles am Munde abgedarbt haben, um ihren Neffen und Nichten etwas hinterlaſſen zu können.“ Tom ſtand noch im Mittelpunkt der Gruppe vor dem Tiſche. Eine hohe Glut lagerte ſich auf ſeinem Geſicht, und er ſah nichts weniger als gedemüthigt aus; er war eben im Begriff, in achtungsvollem Tone etwas vorzubringen, was er vorher bei ſich erwogen hatte, als die Thüre aufging und ſeine utter eintrat. Die arme Mrs. Tulliver hatte ein kleines Ser⸗ virbrett in den Händen, und auf demſelben befand ſich der ſilberne Theetopf, ein Muſter von den Taſſen, die Caraffinen und die Zuckerzange.„Schau' her, . Schweſter,“ ſagte ſie mit einem Blick auf Mrs. Deane, als ſie das Brett auf den Tiſch ſetzte;„ich dachte, wenn Du den Theetopf wieder ſäheſt— Du haſt ihn ſo gar lange nicht mehr geſehen— ſo könnte Dir doch vielleicht die Form beſſer gefallen. Der Zugehör. Du könnteſt ihn für den Alltagsgebrauch benutzen, oder auch aufbewahren, bis Lucy eine eigene Haushaltung anfängt. Es bräche mir das Herz, wenn er in den goldenen Löwen ginge“— dem armen Weib traten Thränen in die Augen— „mein Theetopf, den ich bei meiner Verheirathung kaufte! Und nun der Gedanke, daß er mit Sand gerieben und vor Reiſende und alles erdenkliche Volk darauf— ſchaut her— ſo daß ſie Jedermann ſehen kann.“ „Ach Gott, ja, es i*ſt ſehr ſchlimm,“ ſagte Tante Pullet, in tiefer Trauer den Kopf ſchüttelnd,„daß 6 die Anfangsbuchſtaben der Familie unter Fremde kommen ſollen— das iſt nie vorher geſchehen. Du 1 biſt eine recht unglückliche Schweſter, Beſſy. Aber was hilft es, den Theetopf zu kaufen, wenn auch noch die Löffel da ſind, die Leinwand und alles Andere, darunter auch Stücke, auf denen gar Dein voller Name ſteht— und noch dazu dieſe gerade Schnauze!“ „Was die Schande für die Familie betrifft,“ ſagte Mrs. Glegg,„ſo läßt ſie ſich nicht durch hingeſetzt wird, mit meinen Namensbuchſtaben E. D. Thee wird trefflich darin, und da iſt auch der übrige⸗ in te 46 de du er ich es ein de 1 2, rch — SS8S=-“ 39 Kaufen von Theetöpfen abwenden; ſie liegt eigent⸗ lich darin, daß eine von der Familie einen Mann geheirathet, der ſie an den Bettelſtab gebracht hat — darin, daß ein Ausverkauf ſtattfindet— und wer kann hindern, daß das Land etwas davon erfährt?“ Maggie war bei der Anſpielung auf ihren Vater von ihrem Sitz aufgeſprungen; aber Tom bemerkte ihre Aufregung und ihr glühendes Geſicht noch zeitig genug, um ſie am Sprechen zu hindern.„Sei ruhig, Maggie,“ ſagte er gebieteriſch, indem er ſie bei Seite ſchob. Es war bei einem fünfzehnjährigen Knaben eine merkwürdige Kundgebung von Selbſt⸗ beherrſchung und praktiſchem Urtheil, daß er, nach⸗ dem ſeine Tante Glegg zu Ende gekommen, in ruhi⸗ ger und achtungsvoller Weiſe, obſchon mit ſehr un⸗ ſicherer Stimme zu ſprechen begann— denn die Worte ſeiner Mutter hatten ihm in die Seele ge⸗ ſchnitten. „Wohlan, Tante,“ ſagte er, ſich unmittelbar an Mrs. Glegg wendend,„wenn Sie meinen, der Aus⸗ verkauf ſei eine Schande für die Familie, ſo wäre es ja wohl das Beſte, ihn zu hindern. Und wenn Sie und Tante Pullet(er wandte ſich bei Erwäh⸗ nung dieſes Namens an die letztere) willens ſind, mir und Maggie Geld zu hinterlaſſen, wäre es dann nicht beſſer, Sie gäben es jetzt her, um die Schuld zu bezahlen, welche den Ausverkauf nöthig macht, und erhielten dadurch ihre Einrichtung?“ Es folgte ein kurzes Schweigen, denn alle An⸗ weſenden, ſelbſt Maggie nicht ausgenommen, waren erſtaunt über die plötzliche Männlichkeit in Toms Anſprache. Onkel Glegg war der erſte, der ſprach. „Ja, ja, Du haſt's gut vor, junger Mann. Nur hätteſt Du die Zinſen nicht vergeſſen ſollen. Deine Tanten ziehen fünf Procent aus ihrem Geld, und die gingen verloren bei einem ſolchen Vorſchuß. Das haſt Du wohl nicht bedacht?“ „Ich könnte ja arbeiten und ſie jedes Jahr be⸗ zahlen,“ ſagte Tom mit Entſchiedenheit.„Ich gebe mich gerne zu Allem her, wenn ich meiner Mutter den Schmerz erſparen kann, ſich von ihren Sachen zu trennen.“ „Recht ſo,“ bemerkte Onkel Glegg bewundernd, der Tom nur hatte ausholen wollen, ohne der Aus⸗ führbarkeit ſeines Vorſchlags irgend einen ernſten Gedanken zu ſchenken, aber damit weiter nichts er⸗ zielte, als daß er ſeine Frau aufbrachte. „Ja, Mr. Glegg,“ ſagte dieſe Dame mit zürnen⸗ der Bitterkeit,„es iſt für Sie ein gar angenehmes Geſchäft, mein Geld wegzugeben, nachdem Sie der⸗ gleichen gethan haben, als ſolle es meiner eigenen Verfügung anheimgeſtellt bleiben— noch obendrein mein Geld, das ich von meinem Vater habe, ohne daß nur ein Heller von dem Ihrigen dabei iſt. Ich habe es geſpart, vermehrt und faſt jedes Jahr eine neue Anlage gemacht; und nun ſoll es fortgehen und in die Einrichtung von andern Leuten geſteckt werden, damit ſie, nachdem ſie ſelbſt nichts mehr haben, in Ueppigkeit und Wohlleben ſich gütlich thun können. Soll ich etwa mein Teſtament ändern oder ein Codicill dazu machen und zwei oder drei⸗ hundert Pfund weniger hinterlaſſen, wenn ich ſterbe — ich, die ich immer als die älteſte in der Familie, ſparſam und rechtſchaffen gelebt habe, während an⸗ N 8 N —=-S'Sg== ☛ 8 S8ER — 2 8 41 dere, welche dieſelben Ausſichten gehabt haben, wie ich, eine liederliche und verſchwenderiſche Wirthſchaft führten? Schweſter Pullet, Du magſt thun, was Du willſt; laß Dir meinetwegen von Deinem Mann das Geld wieder nehmen, das er Dir gegeben hat — aber mir ſoll man nicht ſo kommen.“ „Ei, Jane, warum ſo in Feuer und Flammen?“ verſetzte Mrs. Pullet.„Wie Dir das Blut zu Kopf ſteigt! Wahrhaftig Du wirſt ſchröpfen laſſen müſſen. Es thut mir leid um Beſſy und ihre Kinder, und ich habe um ihretwillen ſchreckliche Nächte; denn ich ſchlafe gar ſchlecht bei meiner neuen Medicin. Aber was hilft's, wenn ich daran denke, etwas zu thun, und Du mir nicht auf dem halben Wege entgegen⸗ kömmſt?“ „Ja, dies muß in Erwägung gezogen werden,“ ſagte Mr. Glegg.„Es wäre unnütz, dieſe Schuld abzahlen und die Einrichtung retten zu wollen; denn es ſind noch die Proceßkoſten da, die jeden Schilling und weit mehr verſchlingen werden, als ſich aus dem Gut und dem Viehſtand erzielen läßt. Ich weiß dies von dem Advocaten Gore. Wir müſſen daher auch unſer Geld zu Rath halten, um den armen Mann damit zu unterſtützen, und dürfen es nicht auf eine Einrichtung verwenden, von der man weder eſſen noch trinken kann. Du biſt auch ſo haſtig, Jane— als ob ich nicht ſelbſt auch wüßte, was vernünftiger Weiſe geſchehen kann.“ „So laß Deine Meinung hören, Glegg,“ ent⸗ gegnete Mrs. Glegg, mit langſamem lautem Nach⸗ druck, indem ſie bedeutungsvoll mit dem Kopf nach ihm hinblickte. Toms Geſicht war während dieſes Geſprächs ſehr kleinmüthig geworden, und ſeine Lippe bebte; aber er war entſchloſſen, nicht nachzugeben, ſondern wollte ſich als ein Mann benehmen. Maggie da⸗ gegen hatte ſich nur kurz über Toms Anrede freuen können und zitterte jetzt vor Entrüſtung. Ihre Mutter ſtand dicht an Toms Seite und hielt ſeit ſeinen letzten Worten krampfhaft ſeinen Arm umfaßt. Maggie, deren Augen wie die einer jungen Löwin blitzte, fuhr jetzt auf und trat vor ſie hin. „Warum ſeid ihr denn hergekommen“— brach ſie los—„nur zum Schwatzen, zum Mäkeln und zum Schelten, nicht aber um meiner armen Mutter zu helfen, die doch eure leibliche Schweſter iſt? Was thut ihr hier, wenn ihr kein Gefühl habt für ihr Unglück und von eurem Ueberfluß nichts hergeben wollt, um ihr ein ſo ſchweres Leid zu erſparen? So bleibt weg von uns und kommt nicht her, um über meinen Vater zu ſchimpfen, der viel beſſer war, als eines von euch— er hatte ein Herz und würde euch geholfen haben, wenn ihr in Noth gekommen wäret. Tom und ich, wir Beide wollen nichts von eurem Geld, wenn ihr nicht der Mutter zu helfen die Ab⸗ ſicht habt. Ihr mögt's dann geben wem ihr wollt — wir werden auch ohne euch durch die Welt kommen.“ Nachdem Maggie in ſolcher Weiſe ihren Trotz den Tanten und Onkeln in's Geſicht geſchleudert hatte, blieb ſie ſtehen und ließ ihre großen ſchwarzen Augen funkelnd auf ihnen haften, als ſei ſie bereit, alle Folgen auf ſich zu nehmen. Mrs. Tulliver wußte ſich vor Schrecken nicht zu 43 helfen. Es lag etwas Inhaltſchweres in dieſem tollen Ausbruch— was ſollte fortan aus ihr wer⸗ den? Tom war ärgerlich, weil er die Nutzloſig⸗ keit einer ſolchen Rede einſah. Die Tanten ver⸗ hielten ſich für eine Weile ſtumm vor Ueberraſchung. Endlich ſchien in einem Falle von Verirrung, wie der gegenwärtige, eine Beleuchtung deſſelben als das paſſendſte Auskunftsmittel. „Das Kind wird Dir noch ſchwere Sorgen machen, Beſſy,“ ſagte Mrs. Pullet,„denn ein kecke⸗ res und undankbareres Geſchöpf iſt mir noch nie vorgekommen. Es iſt ſchrecklich— alles Geld für die Schule an ihr hinausgeworfen, denn ſie iſt ſchlimmer als je.“ „Es kömmt auf das hinaus, was ich immer ge⸗ ſagt habe,“ ließ ſich Mrs. Glegg vernehmen.„An⸗ dere Leute mögen ſich wundern— ich nicht. Wie viel Dutzendmal habe ich geſagt— ſchon vor Jah⸗ ren geſagt: ‚Denk an mich, aus dem Kind wird nichts Gutes, denn es hat keine Ader von unſerer Familie an ſich.: Und auf das viele Schulen habe ich ohnehin nie etwas gehalten. Das war der Grund, warum ich auch keinen Beitrag dazu gab.“ „Friede, Friede,“ ſagte Mr. Glegg.„Wir wollen die Zeit nicht länger durch Schwatzen vergeuden, ſondern zur Sache kommen. Tom, bring' Feder und Tinte herbei.“ Während Mr. Glegg ſo ſprach, ſah man eine lange, dunkle Geſtalt an dem Fenſter vorbeieilen. „Da kömmt ja Mrs. Moß,“ rief Mrs. Tulliver. „Sie muß alſo doch Kunde von unſerem Unglück erhalten haben.“ Maggie folgte ihr. „Das trifft ſich glücklich,“ ſagte Mrs. Glegg. „Sie kann auch zu der Liſte der Gegenſtände, die angekauft werden ſollen, ihre Zuſtimmung geben. Es iſt nur in der Ordnung, daß ſie ſich auch be⸗ theilini wo ſich's um ihren leiblichen Bruder handelt.“ rs. Moß war zu ſehr in Aufregung, um Mrs. Tulliver Widerſtand zu leiſten, als dieſe ſie in das Sprechzimmer zog, ohne zu bedenken, daß es keine liebevolle Handlung war, wenn ſie ihre bekümmerte Schwägerin in dem erſten ſchmerzlichen Augenblick ihrer Ankunft mit ſo vielen Perſonen in Berührung brachte. Die große, hagere, ſchwarzhaarige Frau in dem ſchlechten Anzug und in dem vor Haſt nur ungeordnet angelegten Hut und Halstuch bot durch das völlige Vergeſſen der eigenen Perſönlichkeit, welche dem tiefgefühlten Kummer eigen iſt, einen ſchroffen Gegenſatz zu den Dodſonſchweſtern dar. Maggie hing an ihrem Arm, und Mrs. Moß ſchien für Niemand ein Auge zu haben, als für Tom, auf den ſie geradenweges zuging, um ihn bei der Hand zu nehmen. „Oh, meine lieben Kinder,“ rief ſie,„ihr habt keine Urſache, von mir eine gute Meinung zu hegen, denn ich bin nur eine arme Tante, eine von denen, die nur nehmen und nichts geben. Was macht mein armer Bruder?“ „Mr. Turnbull meint, es gehe beſſer mit ihm,“ ſagte Maggie.„Setz' Dich, Tante Gritty. Nimm Dir's nicht ſo ſchwer zu Herzen.“ „O mein gutes Kind, es iſt mir, als ſei ich ent⸗ Sie ging hinaus, um die Thüre zu öffnen, und 45⁵ zwei geriſſen,“ entgegnete Mrs. Moß, die ſich von Maggie nach dem Sopha führen ließ und noch immer für die übrigen Anweſenden kein Auge zu haben ſchien.„Wir haben dreihundert Pfund von meines Bruders Geld, und nun braucht er's und ihr Alle brauchet es, ihr armen Dinger! Aber um es zu bezahlen, müſſen wir uns auspfänden laſſen, und da ſind meine armen Kinder— ihrer acht, und das kleinſte kann noch nicht einmal ſprechen! Ach es iſt mir, als ſei ich eine Diebin an euch. Aber gewiß, ich hätte nie gedacht, daß mein Bruder—“ Das arme Weib wurde durch einen ſchweren Seufzer unterbrochen. „Ha, wahrhaftig— welch ein Wahnſinn!“ be⸗ merkte Mrs. Glegg.„Ein Mann mit Familie! Er hatte kein Recht, ſein Geld in ſolcher Weiſe wegzu⸗ borgen— und ihr werdet ſehen, ohne allen Nach⸗ weis.“ Mrs. Gleggs Stimme hatte bie Aufmerkſamkeit der Mrs. Moß auf ſich gezogen, die jezt aufſchaute und entgegnete: „Nein, nicht ohne Nachweis; mein Mann gab ihm eine Handſchrift dafür. Wir ſind keine ſo ſchlech⸗ ten Leute, weder er noch ich, daß wir meines Bru⸗ ders Kinder berauben möchten; und wir hofften ihm 46 das Geld zurückzubezahlen, ſo bald die Zeiten ein wenig beſſer würden.“ „Gut,“ verſetzte Mr. Glegg in mildem Tone; „aber könnte Ihr Mann nicht jetzt Mittel finden, dieſes Geld aufzunehmen? Denn es wäre ein kleines Vermögen für dieſe Leute, wenn anders Tullivers Bankrutt ſich vermeiden läßt. Ihr Mann hat Vieh; mir ſcheint es nur in der Ordnung zu ſein, wenn er Geld darauf aufnimmt— obſchon es mir leid um Sie thut, Mrs. Moß.“ „Oh, Sir, wenn Sie nur wüßten, wie viel Un⸗ glück mein Mann mit ſeinem Vieh gehabt hat. Das Gut hat unter dem Mangel an gehörigem Viehſtand ſchwer zu leiden; der Waizen iſt verkauft, und mit dem Pachtzins ſind wir noch im Rückſtand. Nicht daß wir nicht gerne thäten, was recht iſt; denn ich wollte ja gerne aufbleiben und die halbe Nacht durcharbeiten, wenn damit geholfen wäre... aber da ſind die armen Kinder... und vier davon noch ſo klein...“ „Du mußſt nicht ſo weinen, Tante— nimm Dir's nicht ſo zu Herzen,“ flüſterte Maggie, die Hand ihrer Tante Moß feſthaltend. „Hat Ihnen mein Mann all dies Geld auf ein⸗ mal gegeben?“ fragte Mrs. Tulliver, noch immer in Gedanken über die Dinge vertieft, die ohne ihr Vor⸗ wiſſen vorgegangen waren. „Nein, auf zweimal,“ antwortete Mrs. Moß, ihre Augen reibend um mit Gewalt ihre Thränen zu unterdrücken.„Das letzte erhielt ich vor vier Jahren nach meiner ſchweren Krankheit, als Alles ſo ſchlimm ging, und es wurde damals eine neue Hand⸗ 47 ſchrift ausgeſtellt. Ach, wie viel bin ich in meinem Hausſtand mit Krankheiten und anderem Unglück heimgeſucht worden!“ „Ja, Ihre Familie iſt wohl eine Unglücksfamilie,“ ſagte Mrs. Glegg mit Entſchiedenheit,„wie meine Schweſter zu ihrem bittern Leidweſen erfahren muß.“ „Ich ließ ſogleich das Wägelchen einſpannen, als ich erfuhr, was vorgegangen war,“ fuhr Mrs. Moß mit einem Blick auf Mrs. Tulliver fort,„und ich wäre nicht ſo lang weggeblieben, wenn Sie es für gut gefunden hätten, mich davon in Kenntniß zu ſetzen. Und Sie dürfen nicht glauben, daß ich nur an uns denke und nicht an meinen Bruder— aber das Geld iſt mir ſo auf dem Herzen gelegen, daß ich davon ſprechen mußte. Und mein Mann und ich, wir beide wollen nichts Unrechtes, Sir,“ fügte ſie gegen Mr. Glegg bei.„Komme, was will, wir werden Sorge tragen, daß das Geld bezahlt wird, wenn meinem Bruder damit zu helfen iſt. Wir ſind an Noth gewöhnt und nehmen nicht viel Anderes mehr in Ausſicht. Nur der Gedanke an die Kinder ſchneidet mir in's Herz.“ „Dieſe Sache iſt zu überlegen, Mrs. Moß, und ich finde es am Platz, Sie zu warnen,“ ſagte Mr. Glegg.„Wenn Tulliver bankrutt iſt und von Ihrem Mann einen Schuldſchein über dreihundert Pfund in Händen hat, ſo werden Sie zahlen müſſen. Das Gericht ſchenkt Ihnen nichts.“ „Ach, du mein— du mein Himmel!“ rief Mrs. Tulliver, die nur an den Bankrutt, nicht aber an die Beziehung ihrer Schwägerin zu demſelben dachte. Die arme Mrs. Moß hörte in zitternder Unter⸗ würfigkeit das Jammern mit an; Maggie aber blickte mit verſtörter Miene auf Tom, als wolle ſie ſehen, ob Tom den Stand der Dinge nicht beſſer verſtehe und ſich um die Tante Moß annehme. Tom ſtarrte gedankenvoll vor ſich hin und ließ ſeine Blicke auf dem Tiſchtuch haften. „Und kömmt es nicht zum Bankrutt,“ fuhr Mr. Glegg fort,„ſo werden, wie ich vorhin bemerkt habe, dreihundert Pfund für den armen Mann ein kleines Vermögen ſein. Wir wiſſen nicht, wie es gehen mag, aber ſelbſt wenn er je wieder aufkömmt, iſt vielleicht ſeine Arbeitskraft gebrochen. Ich bedaure, vernehmen zu müſſen, daß es Ihnen ſo hart geht, Mrs. Moß; aber meine Meinung iſt, von der einen Seite betrachtet, daß Sie für Aufnahme des Geldes ſorgen ſollten, und von der anderen, daß Sie es werden bezahlen müſſen. Sie werden mir nicht zür⸗ nen, wenn ich die Wahrheit ſpreche.“ „Onkel,“ ſagte Tom, ſeine beſchauliche Unter⸗ ſuchung des Tiſchtuchs plötzlich unterbrechend,„ich glaube nicht, daß man der Tante Moß zumuthen kann, das Geld zu bezahlen, wenn es der Wille mei⸗ nes Vaters iſt, daß ſie es nicht thue— oder?“ Mr. Glegg blickte den Sprecher eine Weile über⸗ raſcht an und erwiderte ſodann: 3 „Nein, vielleicht nicht, Tom; aber in dieſem Fall müßte er die Handſchrift wohl vernichtet haben. Wir müſſen uns nach dieſem Papier umſehen. Aber was bringt Dich auf den Gedanken, daß die Rück⸗ zahlung gegen ſeinen Willen ſei?“ „Wohlan,“ verſetzte Tom erröthend, als er trotz einer gewiſſen knabenhaften Aengſtlichkeit mit Feſtig⸗ 49 keit zu ſprechen verſuchte,„ich erinnere mich noch recht gut, daß mein Vater, eh⸗ ich zu Mr. Stelling in die Schule kam, eines Abends, als wir neben einander beim Feuer ſaßen und ſonſt Niemand im Zimmer war, zu mir ſagte...“ Tom ſtockte ein wenig und fuhr dann fort: „Er ſagte etwas zu mir wegen Maggie, und dann ſagte er: ‚Ich bin immer gut gegen meine Schweſter geweſen, obſchon ſie gegen meinen Willen geheirathet hat— und ich habe Moß Geld geborgt; aber er ſoll nie mit der Heimzahlung in Noth ge⸗ bracht werden— lieber will ich's verlieren. Meine Kinder dürfen nicht glauben, daß ſie um deswillen ärmer ſeien.w: Und nun mein Vater krank iſt und nicht ſelbſt ſprechen kann, möchte ich nicht, daß dem zuwider gehandelt werde, was er zu mir geſagt hat.“ „Gut, mein Junge,“ ſagte Onkel Glegg, den ſeine Gutmüthigkeit auf Toms Wunſch eingehen ließ, obſchon er nicht auf einmal ſeinen gewohnten Ab⸗ ſcheu vor dem Leichtſinn abſchütteln konnte, Schuld⸗ verſchreibungen zu vernichten oder überhaupt etwas bei Seite zu ſchaffen, was wichtig genug war, um in dem Vermögen einer Perſon einen namhaften Unterſchied auszumachen;„aber Du wirſt wiſſen, daß wir dann für den Fall einer Bankrutterklärung Deines Vaters vorſorglicherweiſe die Handſchrift be⸗ ſeitigen müſſen...“ „Glegg, bedenke wohl, was Du ſagſt,“ ergriff ſeine Chehälfte mit Strenge das Wort.„Du mengſt Dich ſehr voreilig in anderer Leute Angelegenheiten. ſenn Dir etwas dabei zu hart fällt, ſo ſage nicht, daß ich Schuld daran ſei.“ Eliot, Die Mühle am Floß. II. 4 50 „Der Tauſend, von ſo etwas habe ich in meinem Leben nicht gehört,“ rief Onkel Pullet, nachdem er mit aller Haſt ein Pfeffermünzzeltchen verſorgt hatte, um ſeinem Erſtaunen Ausdruck geben zu können. „Eine Handſchrift bei Seite ſchaffen! Ich denke, da⸗ für könnte Jedermann Ihnen den Konſtabel auf den Hals ſchicken.“ „Aber wenn die Handſchrift ſo viel Geld werth iſt,“ ſagte Mrs. Tulliver,„können wir ſie dann nicht veräußern und mit dem Erlös dem Verkauf meiner Einrichtung vorbeugen? So wird Onkel und Tante Moß nicht von uns behelligt, Tom, wenn Du etwa meinſt, der Vater könnte zuürnen, im Fall er wieder aufkömmt.“ Mrs. Tulliver hatte keine Studien über Börſe und Wechſel gemacht, und ihr Gedanke war eine Originalauffaſſung des Gegenſtandes. „Pah, pah, pah! Ihr Weiber verſteht nichts von ſolchen Dingen,“ ſagte Onkel Glegg.„Der einzige Weg, das Geld Mr. und Mrs. Moß zu ſichern, be⸗ ſteht darin, daß man die Handſchrift vernichtet.“ „Dann hoffe ich, Onkel, Sie werden mir dazu behilflich ſein, daß es geſchieht,“ entgegnete Tom dringlich.„Wenn der Vater wieder geſund wird, ſo würde ich mich ſehr unglücklich fühlen bei dem Ge⸗ danken, daß gegen ſeinen Willen etwas geſchehen iſt, was ich hätte hindern können. Und ich bin über⸗ zeugt, er wollte, daß ich mir merke, was er mir an jenem Abend ſagte. Wenn mein Vater über ſein Eigenthum verfügen wollte, ſo darf ich ſeinem Willen nicht zuwider handeln.“ Selbſt Mrs. Glegg konnte Toms Worten ihren 51 Beifall nicht verſagen; ſie fühlte, daß das wahre Dodſonblut aus ihm ſprach, obſchon ſein Vater, wenn er ein Dodſon geweſen wäre, ſich eine ſolche heilloſe Verſchwendung ſeines Geldes nicht hätte zu Schul⸗ den kommen laſſen. Maggie drängte es, ihrem Bru⸗ der um den Hals zu fallen; aber ihre Tante Moß hinderte ſie darin, indem ſie ſich erhob, Toms Hand ſaßte und mit halberſtickter Stimme zu ihm ſagte: „Nein, ihr werdet um deswillen nicht ärmer ſein. Mein lieber Tom, es lebt ein Gott im Himmel; und wenn das Geld für Deinen Vater nöthig wird, ſo werden Moß und ich es bezahlen, ob eine Hand⸗ ſchrift da iſt, oder nicht. Wir wollen thun, wie wir wünſchen, daß uns geſchehe; denn wenn meine Kin⸗ der auch kein anderes Glück haben, ſo kommen ſie doch wenigſtens von ehrlichen Eltern her.“ „Aber,“ ſagte Mr. Glegg, der ſich Toms Worte überlegt hatte,„wir dürfen kein Unrecht an den Gläubigern begehen, im Fall wirklich über Deinen Vater der Bankrutt erklärt würde. Ich habe mir die Sache bedacht, denn ich bin ſelbſt Gläubiger ge⸗ weſen und habe allerlei Betrug erfahren müſſen. Wenn es in ſeiner Abſicht lag, Deiner Tante das Geld zu ſchenken, eh' er ſich auf dieſe traurige Pro⸗ ceßgeſchichte eingelaſſen hat, ſo iſt dies ſo viel, als habe er die Handſchrift ſelbſt beſeitigt, denn er iſt mit ſich einig geworden, um ſo und ſo viel ärmer ſein zu wollen. Aber es gibt noch Allerlei zu be⸗ denken, junger Menſch,“ fügte Mr. Glegg bei, in⸗ dem er einen ermahnenden Blick auf Tom richtete, geh' man in einem Geldgeſchäft dem Einen ſein Mittageſſen nimmt, um damit einem Andern den 4* 52 Frühſtückstiſch zu beſtellen. Doch das wirſt Du kaum verſtehen— wie?“ „Doch,“ verſetzte Tom mit Entſchiedenheit.„Ich weiß, daß ich, wenn ich Jemand Geld ſchuldig bin, kein Recht habe, es einem Andern zu geben. Wenn aber der Vater willens war, der Tante das Geld zu ſchenken, eh' er ſelbſt in Schulden ſtack, ſo iſt an ſeiner Berechtigung dazu nicht zu zweifeln.“ „Wohlgeſprochen, junger Mann, ich habe Dich nicht für ſo ſcharf gehalten,“ ſagte Onkel Glegg mit großer Offenheit.„Aber vielleicht hat Dein Vater das Papier ſelbſt ſchon auf die Seite geräumt. Wir wollen doch nachſehen, ob es ſich nicht in der Truhe befindet.“ „Sie ſteht im Zimmer des Vaters. Laß uns auch mitgehen, Tante Gritty,“ flüſterte Maggie. Viertes Kapitel. Ein verſchwindender Lichtblick. Mr. Tulliver befand ſich auch außer den Starr⸗ krampfanfällen, denen er ſeit ſeinem Sturz vom Pferd in unbeſtimmten Zeitabſtänden unterworfen war, in. einem ſo theilnahmloſen Zuſtand, daß er nicht dar⸗ auf achtete, ob Jemand in's Zimmer kam, oder es verließ. Er hatte den ganzen Morgen mit geſchloſſe⸗ nen Augen ſo ſtill dagelegen, daß Maggie ihrer Tante ſagte, ſie dürfe nicht erwarten, daß der Lei⸗ dende von irgend einem der Anweſenden Notiz neh⸗ men werde. Nachdem ſie leiſe eingetreten waren, nahm Mrs. 5³3 Moß zu den Häupten des Bettes Platz, während Maggie ſich wie gewöhnlich unten niederließ: ſie legte ihre Hand auf die ihres Vaters, ohne daß ſich auf ſeinem Geſicht auch nur die mindeſte Verän⸗ derung bemerklich machte. Mr. Glegg half Tom aus einem Bunde, den letzterer aus dem Schranke ſeines Vaters herbeige⸗ holt hatte, den Schlüſſel zu der alten Eichentruhe ausleſen, die zu den Füßen von Mr. Tullivers Bett ſtand. Es gelang ihnen, dieſen Behälter ohne viel Geräuſch zu öffnen und den Deckel mit der eiſernen Klampe ſo zu unterſtützen, daß er nicht zufallen konnte. „Da iſt eine Blechbüchſe,“ flüſterte Mr. Glegg. „Kleine Gegenſtände, wie eine Verſchreibung, wird er wahrſcheinlich hier aufbewahrt haben. Gib ſie heraus, Tom; aber ich will zuerſt dieſe Urkunden herausnehmen— vermuthlich die Kaufbriefe über das Haus und die Mühle— und ſehen, was dar⸗ unter iſt.“ Mr. Glegg hatte die Pergamente herausgenom⸗ men und ſich ein wenig damit zurückgezogen, als die ſtützende eiſerne Klampe nachgab und der ſchwere Deckel mit lautem Krachen, das im ganzen Haus wieder⸗ hallte, zuſchlug. Vielleicht lag in dieſem Schall etwas mehr als der bloße Thatbeſtand einer ſtarken Vibration; jeden⸗ falls hatte er die Wirkung, daß der bewußtlos da⸗ liegende Mann plötzlich zu voller Beſinnung kam und auch der Bann, der auf ſeinen Gliedern laſtete, nachließ. Die Truhe war ſchon im Beſitz ſeines Vaters und ſeines Großvaters geweſen, und es hatte 1 54 ſtets als ein feierlicher Act gegolten, wenn ſie auf⸗ geſchloſſen wurde. Alte langgekannte Gegenſtände, und wäre es auch nur ein Fenſterriegel oder eine beſondere Thürſchnalle, haben Töne, die nach Art einer vertrauten Stimme auf uns wirken— einer Stimme, die einen tiefen Eindruck auf uns macht und uns wecken kann, wenn ſie ſonſt tiefliegende Faſern aufzuregen pflegte. In demſelben Moment, als die Augen aller im Zimmer Anweſenden ſich ihm zuwandten, fuhr er auf und ſchaute nach der Kiſte; da ſah er nun die Pergamente in der Hand des Mr. Glegg und Tom mit der Blechbüchſe. „Was wollt ihr mit dieſen Urkunden anfangen?“ ſagte er in dem Ton ſcharfer Frage, den man an ihm wahrzunehmen pflegte, wenn er aufgebracht war. „Komm daher, Tom. Was hat Dich angewandelt, daß Du über meine Truhe gehſt?“ Tom gehorchte mit einigem Zittern; es war das erſtemal, daß ſein Vater ihn erkannt hatte. Aber ſtatt ſich weiter gegen den Knaben auszulaſſen, warf Mr. Tulliver noch entſchiedenere Blicke des Argwohns auf Mr. Glegg und die Documente. „Was iſt vorgefallen?“ fragte er ſcharf.„Was haben Sie mit meinen Hausbriefen zu ſchaffen? Läßt Wakem Alles in Beſchlag nehmen?... Warum erhalte ich keine Antwort auf meine Frage?“ fügte er ungeduldig bei, als Mr. Glegg, eh' er ſprach, ſich den Füßen des Bettes näherte. „Nein, nein, Freund Tulliver, von Beſchlag⸗ nahme iſt noch keine Rede,“ ſagte Mr. Glegg in be⸗ ſchwichtigendem Tone.„Wir ſind nur gekommen, um zu ſehen, was in der Truhe iſt. Sie wiſſen, Sie 55 ſind krank geweſen, und da wollten wir ein wenig nach den Sachen ſchauen. Hoffen wir, daß Sie bald wieder wohl genug ſind, um allen Ihren An⸗ gelegenheiten ſelbſt vorſtehen zu können.“ Mr. Tulliver ſchaute gedankenvoll umher— auf Tom, auf Mr. Glegg und auf Maggie; dann ſchien er plötzlich zu bemerken, daß Jemand zu den Häup⸗ ten ſeines Bettes neben ihm ſaß. Er wandte ſich haſtig um und erkannte ſeine Schweſter. „Ha, Gritty,“ ſagte er in dem liebevollen, halb traurigen Ton, in welchem er mit ſeiner Schweſter zu ſprechen pflegte.„Wie, Du biſt auch hier? Haſt Du denn von Deinen Kindern abkommen können?“ „Oh, Bruder,“ entgegnete die gute Mrs. Moß, mehr der Eingebung des Gefühls als der Klugheit folgend,„ich danke Gott, daß Du wieder bei Be⸗ ſinnung biſt. Ich fürchtete, Du würdeſt nie mehr eines von uns erkennen.“ „Wie, habe ich einen Schlaganfall gehabt?“ ſagte Mr. Tulliver ängſtlich und ſah dabei Mr. Glegg an. „Ein Sturz vom Pferd— und in Folge davon die Erſchütterung— ich denke dies iſt Alles,“ ant⸗ wortete Glegg.„Wir hoffen, daß Sie ſich bald wie⸗ der wohl befinden werden.“ Mr. Tulliver heftete ſeine Blicke auf die Bett⸗ tücher und blieb einige Minuten ſtumm. Ein neuer Schatten überflog ſein Geſicht. Dann blickte er zu Maggie auf und ſagte in leiſerem Tone: „Du haſt wohl den Brief, mein Mädel?“ „ Ja, Vater,“ verſetzte ſie, ihn aus der Fülle ihres Herzens küſſend. Es war ihr, als ſei ihr 56 Vater vom Tod wieder erwacht, und ihre Sehnſucht, ihm zu zeigen, wie ſehr ſie ihn immer geliebt hatte, konnte erfüllt werden. „Wo iſt Deine Mutter?“ fragte er, ſo in Ge⸗ danken vertieft, daß er den Kuß ſeines Kindes mit der Theilnahmloſigkeit irgend eines geduldigen Thier⸗ chens hinnahm. „Sie iſt drunten bei den Tanten, Vater; ſoll ich ſie heraufholen?“ „Ja, ja. Arme Beſſy!“ Und ſeine Augen richteten ſich, nachdem Maggie das Zimmer verlaſſen, auf Tom. „Du weißſt, Tom, Du wirſt für beide ſorgen müſſen, wenn ich ſterbe. Es wird Dir freilich ſchlecht ergehen; aber Du mußſt zuſehen, daß Jedermann bezahlt wird. Wohlgemerkt, ich habe auch fünfzig Pfund von Lucas im Geſchäft ſtecken— er hat keine Handſchrift dafür, kann alſo nichts aufwei⸗ ſen. Du wirſt ihn vor allen Anderen bezahlen.“ Onkel Glegg ſchüttelte unwillkührlich den Kopf, und ſeine Miene wurde noch bekümmerter; aber Tom ſagte mit Feſtigkeit: „Ja, Vater. Und habt Ihr nicht einen Schuld⸗ ſchein für dreihundert Pfund von dem Onkel Moß? Nach dieſem wollten wir ſehen. Was wünſcht Ihr, daß mit ihm geſchehe, Vater?“ „Ah, es freut mich, daß Du an dies gedacht haſt, Junge,“ verſetzte Mr. Tulliver.„Ich hab es mit dieſem Geld immer leicht genommen wegen Dei⸗ ner Tante. Du mußt den Verluſt desſelben Dir nicht zu Herzen gehen laſſen, wenn ſie es nicht zah⸗ len können, was wohl das Wahrſcheinlichſte iſt. Die Handſchrift befindet ſich in der Blechkapſel. Ich hab es immer gut mit Dir gemeint, Gritty,“ fügte Mr. Tulliver gegen ſeine Schweſter bei,„obſchon ich's noch immer nicht verwinden kann, daß Du mir den Moß geheirathet haſt.“ In dieſem Moment kam Maggie mit ihrer Mut⸗ ter zurück, welche durch die Kunde, daß ihr Mann wieder bei voller Beſinnung ſei, in große Aufregung gerathen war. „Ach, Beſſy,“ ſagte er, indem er ſie küßte,„Du mußt mir verzeihen, wenn Du in eine ſchlimmere Lage gerathen biſt, als Du wohl je erwartet haſt. Aber die Schuld liegt nicht an mir, ſondern an den Gerichtshöfen,“ fügte er unwillig bei—„und na⸗ mentlich an den ſpitzbübiſchen Advokaten. Tom, merk Dir dies— wenn Du je Gelegenheit dazu findeſt, ſo tränke es dem Wakem ein. Wenn Duss nicht thuſt, ſo biſt Du nicht mein Sohn, ſondern ein Taugenichts. Du könnteſt ihn karbatſchen— aber dann hetzt er das Geſetz gegen Dich, und das Geſetz nimmt immer die Hallunken in Schutz.“ Mr. Tulliver wurde aufgeregt, und eine beun⸗ ruhigende Röthe überflog ſein Geſicht. Mr. Glegg wollte ihm etwas zur Beruhigung ſagen, wurde aber durch Mr. Tulliver ſelbſt daran gehindert, der gegen ſeine Frau fortfuhr: „Man wird ſorgen können, daß alles bezahlt wird, und Dir Doch Deine Einrichtung noch bleibt, Beſſy. Deine Schweſtern thun vielleicht etwas für Dich... und Tom wächst heran... ich weiß freilich nicht zu was; aber ich habe gethan, was ich konnte, und ihm eine Erziehung gegeben. Und 58 da iſt die kleine Dirn— die wird wohl einen Mann kriegen... aber es iſt eine traurige Ge⸗ ſchichte...“ Die heilſame Wirkung des eindringlichen Schalls war erſchöpft, und mit den lezten Worten ſank der arme Mann wieder ſtarr und beſinnungslos zurück. Ob⸗ ſchon dies früher oft in gleicher Weiſe geſchehen war, ſo machte es doch auf alle Anweſenden den Eindruck, als ſei der Tod eingetreten, nicht nur wegen des Gegenſatzes zu dem unmittelbar vorausgehenden Zu⸗ ſtand vollen Bewußtſeins, ſondern auch weil alle ſeine Worte auf die Möglichkeit eines baldigen Hin⸗ gangs abzielten. Bei dem armen Tulliver ging es uͤbrigens mit dem Sterben nicht ſo raſch; die Schatten ſollten vorher allmählig immer dichter werden. Man beſchied Mr. Turnbull herbei. Als dieſer hörte, was vorgefallen war, ſo erklärte er das voll⸗ ſtändige Bewußtwerden für ein günſtiges Zeichen, weil es den Beweis liefere, daß keine bleibende Verletzung vorhanden ſei, welche die ſchließliche Wie⸗ derherſtellung unmöglich mache. Unter den Fäden der Vergangenheit, welche der kranke Mann aufgegriffen hatte, war die Mobiliar⸗ verpfändung vergeſſen geblieben; ſein Gedächtniß hatte nur die hervorragendſten Gedanken aufgegrif⸗ fen, und er ſank wieder in die Nacht des Vergeſſens, ohne daß ihm die andere Hälfte ſeiner Demüthigung zum Bewußtſein gekommen wäre. Aber Tom war ſich über zwei Punkte klar— einmal, daß die Verſchreibung ſeines Onkels Moß caſſirt werden, und dann daß Lucas ſein Geld er⸗ 59 halten ſollte, und wenn er und ſeine Schweſter ihre eigenen Sparbüchſen darüber leeren mußten. Der Leſer bemerkt, daß es Dinge gab, die Tom viel raſcher auffaßte, als die Schönheiten einer claſſiſchen Conſtruction oder den Zuſammenhang einer mathe⸗ matiſchen Beweisführung. Fünftes Kapitel. Tom ſetzt ſein Meſſer an die Auſter. Am anderen Tag um zehn Uhr befand ſich Tom auf dem Weg nach St. Oggs, um ſeinen Onkel Deane aufzu⸗ ſuchen, der nach der Ausſage der Tante am Abend zuvor zurück erwartet worden war. Tom hatte nämlich bei ſich ausgemacht, daß dieſer Verwandte der rechte Mann ſei, um ihm wegen einer Beſchäftigung mit Rath und That an die Hand zu gehen. Mr. Deane war Theilhaber eines bedeutenden Geſchäftes, be⸗ wegte ſich in keinem ſo engherzigen Ideenkreiſe, wie Onkel Glegg, und hatte ſich ſelbſt in einer Weiſe emporgeſchwungen, welche ganz mit Toms Ehrgeiz im Einklang ſtand. Es war ein dunkler, kalter, nebliger Morgen, wie er häufig einem Regen vorangeht— einer von jenen Morgen, an denen auch glückliche Leute ihre Zuflucht zur Hoffnung nehmen. Und Tom war ſehr unglücklich. Er fühlte ſowohl die Niedrigkeit, als die vorausſichtlichen Mühſeligkeiten ſeines Schickſals mit der vollen Bitterkeit eines ſtolzen Geiſtes, und obſchon ſein Entſchluß feſtſtand, gegen ſeinen Vater ſich wie ein pflichtmäßiger Sohn zu benehmen, ſo 60 konnte er ſich doch dabei des grollenden Gedankens nicht erwehren, daß derſelbe ſein Unglück ſelbſt ver⸗ ſchuldet habe. Seine Tanten und Onkel hatten ihm ſtets prophezeit, daß er es mit ſeinem Proceſſiren noch ſo weit bringen werde, und es war ein bezeich⸗ nender Zug in Toms Charakter, daß er ſich über die Tanten, obſchon er der Meinung war, ſie könn⸗ ten mehr für ſeine Mutter thun, doch nicht ſo zu erboſen vermochte, wie Maggie. Es lag nicht in Toms Natur, etwas zu erwarten, was zu verlangen keine Berechtigung vorhanden war. Warum ſollten Leute ihr Geld an Perſonen verſchleudern, die ihr eigenes nicht zu Rathe gehalten hatten? Tom er⸗ kannte die Zweckmäßigkeit der Strenge um ſo bereit⸗ williger an, als er das Vertrauen zu ſich ſelbſt hatte, daß er nicht zu Uebung einer gerechten Strenge Anlaß geben werde. Es kam ihm hart vor, daß er im Leben unter der Unklugheit des Vaters zu leiden haben ſollte; aber es fiel ihm nicht ein, Leute zu tadeln oder ſich über ſie zu beſchweren, weil ſie ihm nicht Alles leicht machten. Er verlangte von Niemand eine andere Unterſtützung, als die der Ar⸗ beitreichung und entſprechenden Bezahlung. So konnte denn der arme Tom auch zu Hoffnungen ſeine Zuflucht nehmen unter dem Bann jenes kalten, feuch⸗ ten Decembernebels, der ihm nur wie ein Theil ſeiner heimathlichen Beſchwerniſſe vorkam. Im Sechs⸗ zehnten kann ſich auch der practiſchſte Sinn der Selbſttäuſchung und Eigenliebe nicht entſchlagen, und wenn Tom ſich einen Umriß von ſeiner Zukunft vergegenwärtigte, ſo hatte er für die Anordnung der Thatſachen keinen anderen Leitfaden, als die Ein⸗ 61 gebungen ſeines mannhaften Selbſtvertrauens. Er wußte, Mr. Glegg und Mr. Deane waren von Haus aus blutarme Burſche geweſen. Das Beiſpiel des erſteren, der es durch ſeine Sparſamkeit langſam vorwärts ge⸗ bracht und mit einem beſcheidenen Vermögen ſich vom Geſchäft zurückgezogen hatte, ſagte ſeinem Geſchmack nicht zu; er wollte es lieber ſeinem Onkel Deane nachmachen— das heißt, eine Stelle in einem be⸗ deutenden Haus ſuchen und ſich raſch emporſchwin⸗ gen. Während der letzten drei Jahre hatte er dieſen Verwandten nicht viel geſehen, da der Abſtand zwi⸗ ſchen den beiden Familien größer geworden war; aber eben dieſer Grund ließ ihn bei ſeiner Bitte um Handreichung mit Rath und That um ſo mehr hoffen. Sein Onkel Glegg, das wußte er wohl, zollte nie einem kühnen Plan Beifall; dagegen ſchwebte ihm unbeſtimmt vor, daß ſeinem Onkel Deane um⸗ faſſende Hilfsquellen zu Gebot ſtehen dürften. Er hatte vor langer Zeit ſeinen Vater erzählen hören, Deane habe ſich bei Gueſt und Co. ſo unentbehrlich zu machen gewußt, daß ſie ihm aus freien Stücken die Betheiligung bei dem Geſchäft angetragen, und dieß war ein Vorgang nach Toms Sinn. Es er⸗ ſchien ihm unerträglich, wenn er ſich ſein Leben lang als einen armen, verachteten Menſchen denken ſollte. Die Sorge für die Mutter und die Schweſter fiel ihm anheim und da ſollte ihm Jedermann nachrüh⸗ men, daß er ein Mann von ehrenhaftem Charakter ſei. In dieſer Weiſe ſprang er über Jahre hinweg und bemerkte in dem Eifer ſeines Thatendrangs nicht, aus wie vielen langſamen Tagen, Stunden und Mi⸗ nuten ſie beſtanden. 62 Inzwiſchen war er über die ſteinerne Floßbrücke eekkommen, und während er durch die Stadt St. Oggs wanderte, machte er ſich Gedanken, ob er, wenn er reich genug ſei, die Mühle und das Gut ſeines Vaters wieder ankaufen, das Haus herrichten und dort wohnen, oder nicht lieber einen ſchöneren neueren Platz erwerben wollte, wo er ſo viele Hunde und Pferde halten konnte, als er Luſt hatte. Wie er unter dieſen Träumen feſten, raſchen Schritts ſeines Weges dahin ging, wurde er plötz⸗ lich durch Jemand aufgeſchreckt, der ihm mit rauher, vertraulicher Stimme nachrief: „Ei, Maſter Tom, was macht Euer Vater dieſen Morgen?“ Es war ein Wirth von St. Oggs, einer von ſeines Vaters Mühlkunden. Tom fühlte ſich unangenehm berührt durch dieſe Anrede, entgegnete aber höflich:— „Ich danke, Sir; er iſt noch ſehr krank.“ „Ja, das iſt ein trauriger Fall für Euch, junger Mann— der Proceß hätte eben anders ausfallen ſollen,“ ſagte der Wirth, der in ſeinem Biernebel eine gutmüthige Theilnahmebezeugung beabſichtigte. Tom erröthete und ging weiter. Es kam ihm vor, als faſſe man ihm eine Beule an, wenn man ſich auch nur die leiſeſte und höflichſte Anſpielung auf ſeine Lage erlaubte. „Das iſt Tullivers Sohn,“ rief der Wirth einem Specereihändler zu, der auf der anderen Seite der Straße unter ſeiner Ladenthüre ſtand. „Ah,“ verſetzte der Krämer;„ich meinte doch, es ſei ein bekanntes Geſicht. Er ſchlägt in die Familie 63 ſeiner Mutter ein, die eine Dodſon war. Ein hüb⸗ ſcher, gutgewachſener Junge— was hat er ge⸗ lernt?“ „Oh, die Naſe zu rümpfen gegen ſeines Vaters Kunden und den feinen Herrn zu ſpielen— ich denke nicht, daß es viel Anderes geweſen iſt.“ Dies rief Tom aus ſeinen Zukunftsträumen zum Gefühl der Gegenwart zurück. Er beeilte ſich, das Waarenmagazin der Herren Gueſt und Co. zu er⸗ reichen, wo er ſeinen Onkel Deane zu treffen hoffte; ein Commis aber erklärte ihm mit der Miene der Verachtung wegen ſeiner Unwiſſenheit, daß heute Mr. Deane's Bankmorgen und dieſer Gentleman an Donnerstagen zu ſolcher Stunde nie in der Fluß⸗ ſtraße zu ſprechen ſei. In der Bank wurde Tom, nachdem er ſeinen Namen hatte melden laſſen, unverweilt in das Privat⸗ zimmer geführt, in welchem ſich ſein Onkel befand. Mr. Deane war eben in einer Rechnungsabhör be⸗ griffen; er blickte aber bei Toms Eintritt auf, hielt ihm die Hand hin und ſagte: „Nun, Tom, hoffentlich doch nichts Friſches vor⸗ gefallen zu Haus? Was macht Dein Vater?“ „Es geht ſo ziemlich gleich, danke, Onkel,“ ver⸗ ſezte Tom in etwas angegriffener Stimmung.„Aber wenn Sie erlauben und es Ihre Zeit geſtattet, ſo möchte ich mit Ihnen ſprechen.“ „Setz Dich— nimm Plaz,“ ſagte Deane, wieder zu ſeinen Rechnungen zurückkehrend, in welche er ſich für die nächſte halbe Stunde mit dem Hauptbuchhalter ſo ſehr vertiefte, daß Tom ſich Gedanken zu machen begann, ob er wohl bis zum Bankſchluß werde ſitzen bleiben müſſen; denn die beiden Geſchäfts⸗ männer ſchienen mit ihrer ruhigen, eintönigen Ver⸗ handlung nicht zu Ende kommen zu können. Verſchaffte ihm ſein Onkel wohl einen Plaz in der Bank? Es war eine langweilige, proſaiſche Arbeit, wenn man immer ſo daſitzen und zu dem lauten Picken der Wanduhr ſchreiben mußte. Jeder andere Weg zum Reichthum ſchien ihm annehmbarer zu ſein. Endlich trat ein Wechſel ein. Sein Onkel nahm eine Feder, ſchrieb etwas an das Ende des Papiers und machte einen Schnörkel dazu. „Wollen Sie jetzt ſo gut ſein, zu Torry hinauf zu gehen, Mr. Spence?“ ſagte Mr. Deane, und auf einmal pickte die Uhr weniger laut und nach⸗ drücklich in Toms Ohren. „Wohlan, Tom,“ ſagte Mr. Deane, ſobald ſie allein waren, indem er ſeinen wohlgenährten Leib ein wenig in dem Stuhle drehte und ſeine Schnupf⸗ tabaksdoſe herausnahm—„was iſt Dein Anliegen, Junge?“ Mr. Deane hatte von ſeiner Frau gehört, was Tags zuvor vorgegangen war, und meinte, Tom ſei gekommen, um ſeine Vermittlung zu Abwendung des Verkaufs nachzuſuchen. „Ich hoffe, Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich Ihnen läſtig falle, Onkel,“ entgegnete Tom er⸗ röthend, doch in einem Tone, der ungeachtet ſeines Bebens eine gewiſſe ſtolze Unabhängigkeit verrieth, „aber ich war der Meinung, Sie könnten mich am zweckmäßigſten darüber berathen, was ich anfan⸗ gen ſoll.“ „Ah?“ verſetzte Mr. Deane, ſeine Priſe zwiſchen X — 6⁵ den Fingern behaltend und Tom mit neuer Aufmerk⸗ ſamkeit anſehend.„Ich will hören.“ „Ich möchte ein Unterkommen finden, Onkel, bei dem ſich einiges Geld verdienen läßt,“ erwiderte Tom, der ſich nie auf Umſchweife einließ. „Ein Unterkommen?“ ſagte Mr. Deane und vertheilte ſodann ſeine Priſe mit unparteiiſcher Ge⸗ rechtigkeit an beide Naſenlöcher. Unſerem Tom kam das Schnupfen als eine abſcheuliche Angewöhnung vor. „Wohlan, laß hören, wie alt Du biſt,“ fuhr Deane fort, indem er ſich in ſeinem Stuhl zurück⸗ lehnte. „Sechszehn— das heißt, ich gehe in's Sieben⸗ zehnte,“ verſetzte Tom in der Hoffnung, ſein Onkel bemerke, wie viel er bereits Bart habe. „Wir wollen ſehen— Dein Vater hat, glaube ich, im Sinn gehabt, einen Ingenieur aus Dir zu machen?“ „Aber ich denke, damit werde ich noch lange kein Geld verdienen können— oder 29 „Das iſt wahr; aber man verdient mit nichts viel Geld, wenn man erſt Sechszehn alt iſt, mein Junge. Nun, Du biſt wohl ordentlich geſchult wor⸗ den und tüchtig auf's Rechnen eingeſchoſſen. Ver⸗ ſtehſt Du die Buchführung 24. „Nein,“ antwortete Tom etwas ſtotternd.„Ich habe nur in Aufgaben gerechnet. Aber Mr. Stelling ſagt, ich ſchreibe eine gute Hand, Onkel. Dies iſt eine Schrift von mir,“ fügte er bei, indem er ſeinem Onkel die Inventarliſte, die er geſtern aufgenommen, vorlegte. „Ah, das iſt gut— nicht übel. Aber Du ſiehſt 5 Eliot, Die Mühle am Floß. II. 66 ein, die beſte Hand von der Welt ſchafft Dir keinen beſſeren Platz, als den eines Abſchreibers, wenn Du nichts vom kaufmänniſchen Rechnen und von der Buchführung verſtehſt. Und ein Abſchreiber iſt ein wohlfeiler Artikel. Nun, was haſt Du weiter in Deiner Schule gelernt?“ Mr. Deane hatte ſich nie mit Erziehungstheo⸗ rien abgegeben und konnte ſich daher keinen klaren Begriff von dem machen, was in koſtſpieligen Schulen vorging. „Wir trieben Lateiniſch,“ verſetzte Tom, zwiſchen der Aufzählung eines jeden Lehrgegenſtandes inne⸗ haltend, als blättere er ſeine Schulbücher durch, um ſeinem Gedächtniß nachzuhelfen—„recht viel Latei⸗ niſch; und im letzten Jahr arbeitete ich Thema's aus, die eine Woche Compoſition, die andere Expo⸗ ſition. Dann lernte ich griechiſche und römiſche Geſchichte— und den Euclid. Auch mit der Algebra habe ich angefangen, es aber wieder aufgegeben. Dafür hatte ich jede Woche einen Tag Arithmetik. Dann iſt mir Zeichnungsunterricht ertheilt worden; auch hatten wir mehrere andere Bücher, aus denen wir leſen und lernen mußten im letzten Semeſter, zum Beiſpiel engliſche Poeſie, die orae Paulinae und Blair's Rhetorik.“ Mr. Deane trommelte wieder auf ſeiner Tabaks⸗ doſe und zog den Mund zuſammen. Es ging ihm wie vielen ſchätzbaren Perſonen, wenn ſie den neuen Tarif geleſen und darin allerlei Importartikel ge⸗ funden haben, von denen ſie nie etwas hörten. Als ein vorſichtiger Geſchäftsmann wollte er ſich nicht übereilt über ein Rohmaterial ausſprechen, das nicht in den Bereich ſeiner Erfahrung gehörte, obſchon man vorausſetzen durfte, daß, wenn es überhaupt zu etwas nütze war, ein Mann, der ſich ſo weit aufgeſchwungen, kaum ganz unbekannt damit ſein konnte. Ueber das Latein war er mit ſich im Reinen, indem er meinte, man ſollte es, da die Leute keinen Haarpuder mehr trügen, im Fall eines neuen Krie⸗ ges als einen nur bei den höhern Klaſſen beliebten und für die Rhederei ganz nutzloſen Luxusartikel mit einer Taxe belegen. Was aber die Horae Paulinae betraf, ſo mußte man ſie vielleicht als weniger neutral betrachten. Im Ganzen flößte ihm dieſe Liſte von Erwerbungen keine beſondere Vor⸗ liebe für den armen Tom ein. „Nun,“ ſagte er endlich in etwas kaltem, ſpötti⸗ ſchem Tone,„wenn Du Dich mit dieſen Dingen drei Jahre lang abgegeben haſt, ſo mußt Du wohl ſehr ſtark darin ſein. Wär' es da nicht am beſten, Du verlegteſt Dich auf einen Erwerbszweig, bei welchem Du ſie brauchen kannſt?“ Tom erröthete und platzte dann mit großem Nachdruck heraus: „Eine derartige Beſchäftigung iſt nicht nach meinem Sinn, Onkel. Ich kann das Latein und dieſe Sachen nicht leiden und wüßte wahrhaftig nichts damit anzufangen, es ſei denn, daß ich ein Lehr⸗ gehilfe würde. Aber dafür reichen meine Kenntniſſe nicht aus, und ich geſtehe, daß ich lieber ein Holz⸗ hacker ſein möchte. Nein, ich wünſche in ein Ge⸗ ſchäft zu kommen, in welchem ich's vorwärts bringen kann— in ein männliches Geſchäft, in dem es auf⸗ zupaſſen gilt und man für ſeine Thätigkeit Ehre er⸗ 5* 68 holen kann. Auch wird es mir obliegen, für meine Mutter und Schweſter zu ſorgen.“ „Ah, junger Herr,“ verſetzte Mr. Deane mit jener Begier, jugendliche Hoffnungen zu unterdrücken, in welcher wohlgenährte und wohlhäbige Männer eine der leichteſten ihrer Pflichten finden—„das iſt bälder geſagt, als gethan— bälder geſagt als gethan.“ „Aber haben Sie nicht den gleichen Weg gemacht, Onkel?“ entgegnete Tom etwas gereizt, daß Mr. Deane nicht eifriger auf ſeinen Entwurf einging. „Ich meine, haben Sie nicht durch Ihre Fähigkeiten und Ihr Wohlverhalten von Stufe zu Stufe ſich emporgearbeitet?“ „Ganz richtig,“ erwiderte Mr. Deane, ſich auf ſeinem Stuhl ein wenig breit machend und mit vie⸗ lem Selbſtgefühl ſich anſchickend, zum Beſten ſeines Neffen einen Rückblick auf ſeine eigene Laufbahn zu werfen.„Aber ich will Dir ſagen, wie ich vorwärts kam. Es ging nicht damit, daß ich auf einem Stecken ritt und mir einbildete, wenn ich's lang ge⸗ nug ſo treibe, werde er ſich in ein Pferd um⸗ wandeln. Ich hatte Augen und Ohren offen, Bürſchlein, hielt nicht zu viel auf mein eigenes faules Fleiſch und machte das Intereſſe meines Herrn zu meinem eigenen. Ja, vom bloßen Hineinſchauen in die Fabrik kriegte ich es weg, wie da fünfhundert Pfund im Jahr rein vergeudet würden und wie ſich dieſem Verluſt vorbeugen ließ. Als ich anfing, hatte ich nur die Schule im Leib, die ein Armen⸗ hausjunge mitbringt; aber ich ſah bald ein, daß ich es ohne das kaufmänniſche Rechnen nicht vorwärts 69 bringen werde, und ſo lernte ich, ſtatt müßig her⸗ umzulaufen, in meinen Freiſtunden. Schau her,“ fügte Mr. Deane bei, indem er ein Buch öffnete und auf ein Blatt deutete. Ich ſchreibe eine leidlich gute Hand und nehme es im Rechnen mit Jedem auf; das hab' ich mir durch meinen Fleiß und mit Aufopferung meiner Erſparniſſe, ja oft genug auf Koſten meines Mittag⸗ und Nachteſſens erworben, an dem ich mir Abbruch that. Ich kümmerte mich um die Beſchaffenheit all der Dinge, mit denen wir im Geſchäfte zu thun hatten, und bereicherte auf dieſe Weiſe meine Kenntniſſe während der Arbeit. Ich bin kein Mechaniker und habe mich nie dafür ausgegeben; aber doch bin ich auf einige Sachen gekommen, an die nie ein Mechaniker gedacht hat, und ſie haben in unſerer Bilanz ſehr zu unſerem Vortheil geſprochen. Es wird auf unſerer Werfte kein Artikel aus⸗ oder eingeladen, ohne daß ich mich auf ſeine Qualität verſtünde. Und wenn ich Stellen kriegte, Bürſchlein, ſo geſchah es, weil ich mich dazu qualificirt hatte. Wenn man durch ein rundes Loch kommen will, muß man ſich zu einer Kugel machen — nur ſo kömmt man vorwärts.“ Mr. Deane klopfte wieder auf ſeine Doſe. Im Aufſchwung der Begeiſterung, die ihn fortriß, war ihm ganz außer Acht gekommen, welche Nutzanwen⸗ dung ſein Zuhörer von dieſer Rückſchau machen konnte. Dieſe Ergießung ſtrömte nicht zum erſten⸗ mal über ſeine Lippen, obſchon er bei dem gegen⸗ wärtigen Anlaß ganz darauf vergaß, daß er nicht ſein Glas Portwein vor ſich ſtehen hatte. „Gerade das iſt's, was ich auch thun möchte, 70 Onkel,“ verſetzte Tom mit etwas kläglicher Stimme. „Kann ich denn nicht in dieſelbe Laufbahn hinein⸗ kommen?“ „In dieſelbe Laufbahn?“ ſagte Mr. Deane, Tom von oben bis unten muſternd.„Es handelt ſich vorerſt um zwei oder drei Fragen, Maſter Tom. Dies hängt zunächſt von dem Stoff ab, aus dem Du gemodelt, und ob Du in die rechte Mühle ge⸗ kommen biſt. Und darüber kannſt Du auf der Stelle meine Meinung hören. Dein Vater hat das Pferd beim Schwanz aufgezäumt, als er ſich einfallen ließ, Dir eine ſogenannte Erziehung zu geben. Es ging mich nichts an, und deßhalb mengte ich mich auch nicht ein, obſchon ich mir zum Voraus denken konnte, wie es kommen würde. Du haſt Dinge ge⸗ lernt, die recht gut für einen jungen Menſchen wie unſer Stephan Gueſt paſſen mögen; denn dieſer hat ſein ganzes Leben nichts zu thun, als Geldanwei⸗ ſungen an ſeinen Bankier zu unterzeichnen, und da iſt es gleichgiltig, ob er ſich den Kopf mit Latein oder anderem Unſinn vollgeſtopft hat.“ „Aber Ontkel,“ entgegnete Tom angelegentlich, „ich ſehe nicht ein, warum das Lateiniſche mich hin⸗ dern ſoll, es in einem Geſchäft weiter zu bringen. Mir liegt ohnehin nicht viel daran, und ich werde es bald vergeſſen haben. Ich lernte in der Schule meine Aufgaben, dachte aber immer, ſie würden mich im ſpäteren Leben doch nichts nützen, und ſo kümmerte ich mich nicht viel um ſie.“ „Dies iſt alles ganz recht,“ meinte Mr. Deane, „ändert aber doch nichts an dem, was ich ſagen wollte. Dein Lateiniſch und ſonſtiger Plunder mag 71 wohl bald dürr werden; aber was biſt Du dann anderes als ein kahler Stecken? Man darf nur Deine Hände anſehen; ſie ſind ſo weiß, daß ſie für keine andere Arbeit paſſen. Und waskannſt Du eigentlich? Erſtlich verſtehſt Du nichts von der Buch⸗ führung und vom gewöhnlichen Rechnen nicht ſo viel, als ein gemeiner Tütendreher nöthig hat. Du wirſt alſo, kann ich Dir ſagen, auf einer ſehr tiefen Sproſſe der Leiter anfangen müſſen, wenn Du es im Leben zu etwas bringen willſt. Es hilft nichts, die Erziehung zu vergeſſen, für die Dein Vater ſo ſchweres Geld ausgelegt hat, wenn Du Dir ſelbſt nicht eine neue gibſt.“ Tom biß ſich in die Lippen; er fühlte, daß ihm Thränen in'’s Auge treten wollten, wäre aber lieber geſtorben, als daß er ſich dies anmer⸗ ken ließ. „Du wünſcheſt, daß ich Dir zu einer Stelle be⸗ hilflich ſein ſoll,“ fuhr Mr. Deane fort.„Nun, das iſt nicht zu tadeln, und ich bin gerne bereit, etwas für Dich zu thun. Aber ihr jungen Leute von heute wollt gleich mit Wohlleben und leichter Arbeit an⸗ fangen und habt keinen Begriff davon, wie lange man ſich die Sohlen ablaufen muß, bis man auf's Roß kömmt. Vergiß daher nie, was Du biſt— das heißt, ein junger Menſch von Sechszehn ohne alle nutzbaren Vorkenntniſſe. Dieſen Schlag gibt es wie Kieſel überall, und er paßt nirgends hin. Wie wär's, wenn man Dich in eine Lehre thäte— zu einem Chemiker oder Materialiſten etwa— da könnte Dir Dein Latein ein wenig zu ſtatten kom⸗ men—“ Tom wollte ihm in die Rede fallen; Mr. Deane aber erhob ſeine Hand und ſagte: „Halt! Laß mich vorher ausreden. Du willſt kein Lehrjunge werden— ich weiß, ich weiß— Du haſt's eiliger, und es gefällt Dir auch nicht, hin⸗ ter einem Ladentiſch zu ſtehen. Aber wenn Du ein Copirgehilfe biſt, wirſt Du vor dem Schreibpult ſtehen und den ganzen Tag Dein Papier und das Tintenfaß anſtarren müſſen; man hat da nicht viel Ausſicht, und wenn das Jahr um iſt, weiß man nicht viel weiter, als man beim Beginn gewußt hat. Die Welt beſteht nicht aus Feder, Papier und Tinte, und wenn Du in der Welt fortkommen willſt, junger Menſch, mußſt Du wiſſen, aus was die Welt gemacht iſt. Nun wäre freilich der beſte Anfang ein Platz an der Werfte oder in einem Magazin, wo Du den Geruch der Dinge kennen lernen würdeſt; aber ich kann mir denken, daß auch dies nicht nach Deinem Geſchmack iſt. Man muß da in der Näſſe und Kälte ſtehen und wird von rauhen Kameraden umherge⸗ ſtaucht. Dafür biſt Du ein viel zu feiner Gent⸗ leman.“ Mr. Deane hielt inne und faßte Tom ſcharf in's Auge; dieſen dagegen koſtete es einen gewiſſen inne⸗ ren Kampf, eh' er zu antworten vermochte: „Ich würde mich gerne Allem unterziehen, was mich zu meinem Ziele führt, und vor dem Unange⸗ nehmen nicht zurückſchrecken.“ „Das wäre ſchon recht, wenn Du's auch ausfüh⸗ ren könnteſt. Aber Du darfſt nicht vergeſſen, daß es nicht ausreicht, an dem Seil zu ſtehen; man muß auch ziehen.'s iſt der gewöhnliche Irrthum von euch jungen Leuten, die nichts im Kopf und nichts in der Taſche haben, daß ihr denkt, ihr habet einen um ſo beſſeren Anlauf in der Welt, wenn ihr mit einem Platz anfangt, wo ihr die Kleider ſauber halten könnt und die Ladenjungfern in euch feine Herrchen ſehen. Bei mir hat's anders gelautet, junger Mann. Als ich ſechszehn zählte, rochen meine Kleider nach Theer, und ich ſcheute mich nicht, Käslaibe zu tragen. Drum habe ich auch jetzt ein gutes Tuch an meinem Roch und darf mit den Häuptern der beſten Firmen von St. Oggs die Beine unter einen Tiſch ſtecken.“ Onkel Deane klopfte auf ſeine Doſe und ſchien ſich ein wenig breiter zu fühlen unter ſeiner Weſte und ſeiner goldenen Kette, während er die Schultern gegen die Seſſellehne andrückte. „Wiſſen Sie keinen freien Plaz, Onkel, für den ich paſſen würde? Ich möchte gerne unverweilt in Thätigkeit kommen,“ ſagte Tom mit einem leichten Beben in ſeiner Stimme. M„Halt— halt ein Bischen. Wir dürfen dies vnicht übereilen. Du darfſt nicht vergeſſen, daß ich für Dich verantwortlich bin, wenn ich Dich wegen unſerer zufälligen Verwandtſchaft an einen Platz bringe, für den Du zu jung biſt. Und Du ſiehſt ein, daß kein anderer Grund als dieſe Verwandt⸗ ſchaft obwaltet, ſofern wir erſt ſehen müſſen, ob Du für etwas taugſt.“ „Ich hoffe, ich werde Ihnen nie Unehre machen, Onkel,“ entgegnete Tom verletzt, wie ſich wohl alle Knaben fühlen, wenn ſie die unangenehme Wahrheit hören müſſen, daß die Leute keinen Grund finden 74 können, ihnen zu trauen.„Dafür ſteht mir meine eigene Ehre zu hoch.“ „Brav, Tom— wohl geſprochen. Das iſt der rechte Geiſt, und ich verweigere keinem Menſchen meinen Beiſtand, wenn er den guten Willen hat, ſeine Kraft einzuſetzen, wie es recht iſt. Da habe ich eben ein Augenmerk auf einen jungen Mann von Zweiundzwanzig. Ich werde für ihn thun, was ich kann, denn der Burſche iſt vom rechten Schrot— hat freilich auch ſeine Zeit gut benützt. Er iſt ein Ausbundrechner, mußt Du wiſſen, und kann den Cubikinhalt von Allem im Nu angeben. Er hat mich jüngſt auf einen neuen Artikel, auf ſchwediſche Rinde deiidnt, auch iſt der junge Mann ſehr bewandert in Manufacturwaaren.“ „Da wird es wohl am beſten ſein, wenn ich die Buchführung lerne, Onkel?“ ſagte Tom in der Ab: ſicht, ſeine Bereitwilligkeit zu jeder Anſtrengung kund zu geben. „Ja, ja, dies wird kein Fehler ſein. Aber... ah, Spence, Sie ſind wieder zurück. Nein, Tom, ich denke, vorläufig läßt ſich nicht weiter über dieſe Angelegenheit ſagen, und ich muß wieder an's Geſchäft. Gott befohlen. Grüße mir Deine Mutter.“ 2 Mr. Deane ſtrecte mit der Miene huldreicher Entlaſſung ſeine Hand aus, und Tom hatte, nament⸗ lich in Mr. Spence's Gegenwart, nicht den Muth, eine weitere Frage zu ſtellen; er ging daher wieder in die kalte feuchte Luft hinaus. Er ſollte noch wegen des Geldes in der Sparcaſſe einen Beſuch bei Mr. Glegg machen, und nachdem er dieſes Ge⸗ ——,*— 75 ſchäft beſorgt hatte, war der Nebel ſo dick geworden, daß er kaum zehn Schritte vor ſich hin ſehen konnte; aber auf dem Weg durch die Flußſtraße wurde er, als er nur noch ein Paar Schritte von der vor⸗ ſpringenden Seite eines Ladenfenſters entfernt ſtand, durch die Worte„Dorlcote⸗Mühle“ erſchreckt, die in großen Buchſtaben auf einem Anſchlagzettel zu leſen waren und in der Abſicht, ihm entgegen zu ſtarren, angeklebt zu ſein ſchienen. Es war eine Ankündigung des Ausverkaufs, welcher in der näch⸗ ſten Woche ſtattfinden ſollte— für ihn ein weite⸗ rer Grund, ſobald als möglich aus der Stadt zu kommen. 5 Auf dem Heimweg erging ſich der arme Tom nicht in Träumen über die ferne Zukunft, fühlte aber dafür wohl die ganze Schwere der Gegenwart. Es ſchien ihm ein großes Unrecht zu ſein, daß Onkel Deane kein Vertrauen zu ihm hatte, denn es war ja ſo hell wie der Tag, daß er ſich nur gut auf⸗ führen konnte. Augenſcheinlich ſchlug ihn, Tom Tulliver, die Welt nur gering an, und zum erſten⸗ mal wurde er kleinmüthig unter dem Bewußtſein, daß in der That ſein Wiſſen und Können ſehr ge⸗ ring war. Wer mochte wohl der beneidenswerthe junge Mann ſein, der im Nu den cubiſchen Inhalt von Allem anzugeben verſtand und auf ſchwediſche Rinde aufmerkſam machen konnte? Schwediſche Rinde! Tom hatte ſich in ein vollſtändiges Selbſt⸗ vertrauen hineingewiegt, trotzdem, daß die mathema⸗ tiſchen Demonſtrationen ihm nicht glücken und er vnunc illas promite vires“ mit„nun gebt jene Männer heraus“ überſetzte; jetzt aber fühlte er ſich 76 vollkommen niedergeſchlagen, weil er hören mußte, daß er weniger wiſſe, als ein Anderer. Mit jener ſchwediſchen Rinde mußte eine Welt von Dingen in Verbindung ſtehen, die ihm, wenn ſie ihm nur be⸗ kannt geweſen wären, vorwärts helfen konnten. Wie viel leichter hätte er Figur machen können auf einem muthigen Roß mit einem neuen Sattel. Zwei Stunden früher, auf dem Weg nach St. Oggs, mochte ihm noch die ferne Zukunft im Licht eines verlockenden glatten Sandgeſtades hinter einem Gürtel von groben Kieſeln erſcheinen; er war damals noch auf dem Raſen und konnte denken, daß er über die rauhe Strecke bald weg ſein werde. Aber jetzt fühlten ſeine Füße das ſcharfe Geſtein; der Kiesgür⸗ tel hatte ſich erweitert, und die Sandfläche war zu einem ſchmalen Streifen zuſammengeſchrumpft. „Was ſpricht Onkel Deane, Tom?“ fragte Mag⸗ gie, ihren Arm in den ihres Bruders legend, als dieſer ziemlich trübſelig ſich an dem Küchenfeuer wärmte.„Hat er geſagt, er wolle Dir zu einem Platz verhelfen?“ „Nein, davon war nicht die Rede. Er hat mir nichts Beſtimmtes verſprochen und ſcheint zu meinen, daß es mit einem ſehr guten Platz nicht gehen werde. Ich ſei zu jung.. „Aber er iſt doch freundlich gegen Dich geweſen, Tom?“ „Freundlich? Pah! Was hilft's, davon zu ſpre⸗ chen? Mir iſes gleichgiltig, ob Jemand freundlich gegen mich thut oder nicht, wenn ich nur ein Unter⸗ kommen finde. Aber man muß ſo viel widerwär⸗ tiges Gerede anhören. Ich bin ſo lang in die 77 Schule gegangen, um Lateiniſch und ſolches Zeug zu lernen, was mich nichts nützen kann, und nun ſagt der Onkel, Rechnen, Buchführung und ſolche Dinge ſeien die Hauptſache. Es ſcheint ihm ausgemacht zu ſein, daß ich zu gar nichts brauchbar ſei.“ Tom machte eine bittre Mundverzerrung und ſah in das Feuer. „Oh, wie Schade, daß wir nicht den Domine Sampſon hier haben,“ entgegnete Maggie, die ſich's nicht verſagen konnte, einen Funken Heiterkeit in die gemeinſame Trauer zu werfen.„Wenn er mich, wie Lucy Bertram, in kaufmänniſcher Rechnung und in der doppelten Buchhaltung unterrichtet hätte, ſo könnte ich Dich's jetzt lehren, Tom.“ „Du lehren? Ja wohl da! Aber Du haſt immer dieſen Dünkel,“ verſetzte Tom. „Lieber Tom, ich habe nur geſcherzt,“ ſagte Maggie, ihre Wangen gegen ſeinen Rockärmel legend. „So treibſt Du's immer, Maggie,“ erwiderte Tom mit jenem leichten Stirnrunzeln, das er vor⸗ zunehmen pflegte, wenn er ſeine gerechte Strenge walten ließ.„Du willſt ſtets höher ſtehen, als ich, oder als andere Leute, und ich habe Dir dies ſchon oftmals verweiſen müſſen. Du hätteſt zu den Tan⸗ ten und Onkeln nicht ſo ſprechen ſollen, wie Du thateſt. Ueberlaß die Sorge für die Mutter und für Dich mir und dränge Dich nicht überall vorne hin. Du meinſt Alles beſſer zu wiſſen, als Andere, und biſt doch faſt immer im Unrecht. Ich kann Dich beſſer beurtheilen, als Du.“ 3 Der arme Tom! Er hatte eben eine Vorleſung hören und ſeine Nichtigkeit fühlen müſſen— was 78 Wunder, daß die Rückwirkung ſeines kräftigen, ſelbſt⸗ ſtändigen Weſens in irgend einer Richtung ſich Luft machte, um ſo mehr, da er im vorliegenden Fall mit Kraft ſein Uebergewicht geltend machen konnte. Maggie's Wange glühte und ihre Lippe bebte im Kampf der Empfindlichkeit mit der Liebe, in welche ſich auch eine gewiſſe Scheu und Bewunderung von Toms feſterem, energiſcherem Charakter miſchte. Sie antwortete nicht ſogleich. Zürnende Worte ſchwebten ihr zwar auf der Zunge; aber ſie drängte ſie wieder zurück und entgegnete endlich: „Du hältſt mich oft für dünkelvoll, Tom, wenn auch meine Reden gar nicht ſo ernſtlich gemeint ſind. Es fällt mir nicht ein, höher ſtehen zu wollen, als Du— ich weiß, daß Du Dich geſtern beſſer be⸗ nommen haſt, als ich. Aber Du biſt immer ſo hart gegen mich, Tom.“ Mit den letzten Worten drohte die Empfindlich⸗ keit wieder die Oberhand zu gewinnen. „Nein, ich bin nicht hart,“ verſetzte Tom mit ſtrenger Entſchiedenheit.„Ich bin immer gut gegen Dich, werde es ſtets ſein, und die Sorge für Dich liegt mir ſehr am Herzen. Doch kann ich von Dir verlangen, daß Du Dir merkeſt, was ich ſage.“ Die Mutter kam jetzt herein, und Maggie eilte von hinnen, um ihre Thränen, die ſie, wie ſie woh fühlte, nicht länger zurückzuhalten vermochte, unbemerkt im Stübchen droben fließen zu laſſen. Und es waren in der That bittere Thränen. Jedermann ſchien ſo hart und unfreundlich zu ſein, und nirgends konnte ſie die Nachſicht, die Liebe finden, von der ſie ge⸗ träumt hatte, als ſie ſich die Welt nach ihren Ge⸗ 4 danken modelte. In den Büchern gab es Leute, die immer angenehm oder gefühlvoll waren— Leute, die eine Freude daran hatten, wenn ſie andere glück⸗ lich machen konnten, und ihr Wohlwollen nicht da⸗ durch zeigten, daß ſie an ihnen ihre Fehler auffanden. Maggie fühlte, daß die Welt außerhalb der Bücher keine glückliche, ſondern eher eine ſolche war, in welcher die Menſchen ſich am beſten gegen diejenigen benahmen, welche ſie nichts angingen und die zu lieben ſie keinen beſondern Grund hatten. Und wenn es im Leben keine Liebe gab, für was war denn Maggie da? Für nichts, als für die Armuth und für die Theilnahme an ihrer Mutter engherzi⸗ gem Jammer, vielleicht auch noch für eine Unter⸗ ſtützung ihres Vaters in ſeiner herzzerreißenden kindiſchen Abhängigkeit. Keine Hoffnungsloſigkeit iſt ſo traurig, als die der frühen Jugend, wenn das heiße Sehnen der Seele keinen Troſt in der Erin⸗ nerung, kein zugäbliches Leben in dem Leben An⸗ derer findet, obgleich wir ſo bereit ſind, über eine ſolche frühreife Verzweiflung zu lächeln, wie wenn unſere Anſchauung von der Zukunft die Gegenwart des blinden Dulders aufhellen könnte. Wir finden Maggie wieder in dem Schlafzimmer, wo ihr Vater lag; ſie ſaß da in ihrem braunen Kleidchen, die Augen rothgeweint und das ſchwere Haar zurückgeſtrichen, und ſchaute bald auf das Krankenbette, bald auf die ſchmuckloſen Wände des traurigen Gemachs, dieſes Mittelpunkts ihrer Welt. Sie brannte von leidenſchaftlichem Verlangen nach Allem, was ſchön und frohherzig war, dürſtete nach Erweiterung ihrer Kenntniſſe, lauſchte mit Spannung 80 auf eine träumeriſche Muſtik, die verhallte, ohne ihr je nahekommen zu wollen, und ſehnte ſich unbewußt nach einem Band, das die wundervollen Eindrücke dieſes geheimnißvollen Lebens verknüpfte und ihrer Seele darin ein Heimathrecht gab. Kein Wunder, wenn bei einem ſolchen Gegenſatz der äußeren und inneren Weltſ chmerzliche Zuſammen⸗ ſtöße ſtattfinden. Sechstes Kapitel. Widerlegt das allgemeine Vorurtheil gegen das Schenken eines Taſchenmeſſers. Wegen der kurzen trüben Tage im December währte der Ausverkauf des Mobiliars bis in die Mitte des zweiten Tages. Mr. Tulliver, der in ſeinen lichten Zwiſchenräumen eine Reizbarkeit kund zu geben begann, welche in unmittelbarem Zuſam⸗ menhang mit der Rückkehr des Starrkrampfs und der Beſinnungsloſigkeit zu ſtehen ſchien, hatte wäh⸗ rend der kritiſchen Stunden, als der Lärm der Ver⸗ ſteigerung ſich ſeinem Gemach näherte, in dieſem lebendigen Tode dagelegen. Mr. Turnbull war der Anſicht geweſen, es ſei beſſer, ihn zu laſſen, wo er ſei, als ihn nach Lucas' Hütte zu ſchaffen— ein Plan, den der gute Lucas der Mrs. Tulliver vor⸗ geſchlagen, weil er meinte, es wäre ſo gar ſchlimm, wenn der Meiſter an dem Auctionslärm aufwachte. So ſaßen denn die Frau und die Kinder eingeſperrt in der ſtillen Kammer, mit der langen hingeſtreckten Geſtalt vor ſich und zitterten in ſteter Angſt, ob nicht 81 das blaſſe Geſicht plötzlich anſpreche auf die Töne, welche mit ſo hartnäckiger, peinlicher Wiederholung unaufhörlich an ihr Ohr ſchlugen. Endlich war auch dieſe Zeit trauriger Gewißheit und beklommener Spannung vorüber. Der ſcharfe Ton der Stimme, welche faſt eben ſo metalliſch klang, wie der des niederfallenden Hammers, hatte aufgehört und das Geſtampf der Tritte auf dem Kies war verhallt. Mrs. Tullivers hell⸗ farbiges Geſicht ſchien während der letzten dreißig Stunden um zehn Jahre gealtert zu haben. Der Geiſt der armen Frau war ahnungsvoll beſchäftigt geweſen, ſo oft einer ihrer Lieblingsgegenſtände mit dem ſchrecklichen Hammer losgeſchlagen wurde; ihr Herz klopfte ungeſtüm bei dem Gedanken, daß dieſer oder jener durch ihren Namenszug erkennbare Gegen⸗ ſtand in die verhaßte Oeffentlichkeit des goldenen Löwen kommen ſollte; und die ganze Zeit über mußte ſie daſitzen, ohne ihrer innerlichen Aufregung irgend wie Luft machen zu können. Solche Dinge ſind wohl geeignet, Linien in runde Geſichter zu zeichnen und die weißen Streifen in Haaren breiter zu machen, die ehedem ausgeſehen haben, als ſeien ſie in reinen Sonnenſchein getaucht. Schon um drei Uhr hatte Kezia, die gutherzige Hausmagd, welche in ihrem dermaligen Zorn alle Kaufsliebhaber als ihre perſönlichen Feinde betrachtete, deren an den Füßen hereingebrachter Straßenkoth von beſonders ſchnöder Beſchaffenheit war, mit einem Eifer zu ſcheuern und zu fegen angefangen, dem ſie durch ein ſtetes Brummen„über Leute, die kämen, um anderer Leute Sachen zu kaufen,“ noch mehr Nachdruck gab, wäh⸗ Eliot, Die Mühle am Floß. II. 6 82 rend ſie zugleich auf den Platten der Mahagonitiſche, „an welchen beſſere Leute geſeſſen,“ mit beſonderer Kraft ihre feuchten Hadern arbeiten ließ. Sie be⸗ trieb ihr Fegen mit kluger Unterſcheidung, denn es ſtand noch weiterer gleich anſtößiger Schmutz von denen in Ausſicht, welche die erkauften Gegenſtände äbzuholen hatten; dagegen ließ ſie ſich's nicht neh⸗ men, die Wohnſtube, in welcher„das pfeifenrauchende Schwein von Vogt“ geſeſſen, ſo ſauber und gemäch⸗ lich herzuſtellen, als es bei dem wenigen, für die Familie erſtandenen Hausrath nur immer thunlich war. Kezia hatte beſchloſſen, daß ihre Gebieterin und die jungen Leutchen am Abend hier ihren Thee einnehmen ſollten. Zwiſchen Fünf und Sechs, kurz vor der gewöhn⸗ lichen Theezeit, kam ſie die Treppen hinauf, um Tom anzuſagen, daß Jemand zu ihm wolle. Die Perſon, welche ein Anliegen an den Sohn des Hauſes hatte, befand ſich in der Küche, und die un⸗ beſtimmte Beleuchtung durch das Herdfeuer und das matte Kerzenlicht geſtattete Tom nicht, in der etwas gedrungenen, aber rührig ausſehenden Geſtalt des Be⸗ ſuchers, der vielleicht zwei Jahre älter war, einen Be⸗ kannten zu erkennen. Der junge Menſch ließ ſeine in eine. mit Sommerſproßen überſäte Scheibe gefaßten blauen Augen angelegentlich auf unſerem Helden haften und zupfte mit vermeintlichem tiefem Reſpekt an einer von ſeinen rothen Korkzieherlocken. Ein mit Wachs⸗ tuch überkleideter niederer Hut und ein gewiſſer — X kieshaltiger Anſatz von Schmutz an der übrigen Kleidung, die davon wie mit Schreibtafelſchiefer über⸗ zogen ausſah, deutete auf einen Beruf, der mit 8—— 2 ‿̈ᷣ——— Õ N ͤRiS=U 8R —=2—=s== 83 Booten zu ſchaffen hatte; aber auch dieſes Merkmal reichte nicht zu, Toms Gedächtniß aufzufriſchen. „Ghorſamer Diener, Miſter Tom,“ ſagte der Rothlockige mit einem Lächeln, das durch eine Wolke treuherzig geſammelter Trauer zu brechen ſchien.„Sie werden mich wohl nicht mehr kennen,“ fuhr er fort, als er Toms fragenden Blick bemerkte, naber ich möchte, wenn Sie's erlauben, ein wenig allein mit Ihnen ſprechen.“ „Es iſt Feuer in der Wohnſtube, Maſter Tom,“ bemerkte Kezia, welche in dem wichtigen Moment des Schnittenröſtens die Küche nicht verlaſſen zu dürfen glaubte. „So kommen Sie mit mir,“ verſetzte Tom, der ſich Gedanken darüber machte, ob der junge Menſch wohl zu Gueſt und Co. s Werfte gehörte. Seine Einbildungskraft beſchäftigte ſich nämlich ſtets mit dieſem Platz, und Onkel Deane konnte ja jeden Augenblick zu ihm ſchicken und ihm ſagen laſſen, daß es für ihn einen freien Platz gebe. Das helle Feuer des Wohnzimmers war das einzige Licht, welches die wenigen Stühle, den Kaſten, den teppichloſen Boden und den einzigen Tiſch er⸗ hellte— doch nein, nicht den einzigen Tiſch; in einer Ecke ſtand noch ein zweiter, auf dem eine große Bibel und einige Bücher lagen. Der erſtmalige Anblick dieſes kahlen Gemachs machte anfangs einen peinlichen Eindruck auf Tom, und erſt bis dieſer überwunden war, dachte er daran, das von dem Feuer heller beleuchtete Geſicht des Beſuchers zu betrachten, der mit halb ſcheuem, fragendem Blick 6* 84 bech ihm hinſchaute und endlich in die Worte aus⸗ rach: „Ei, Sie erinnern ſich Bobs nicht mehr, dem Sie damals das Taſchenmeſſer ſchenkten, Mr. Tom?“ Zu gleicher Zeit wurde das fragliche, vielge⸗ brauchte Taſchenmeſſer herausgenommen und zum Zweck einer unwiderleglichen Beweisführung deſſen gerade Klinge geöffnet. „Wie, Bob Jakin?“ verſetzte Tom, nicht ſehr er⸗ freut; denn er ſchämte ſich ein wenig der früheren Vertraulichkeit, welche ihm in der ſymboliſchen Form des Taſchenmeſſers vorgehalten wurde, und fühlte ſich nicht überzeugt, ob Bobs Beweggründe, ihn daran zu erinnern, ganz löblich ſeien. „Ja, ja, Bob Jakin— wenn der Jakin dabei ſein muß, da es ſo viele Bob gibt— derſelbe, mit dem Sie dem Eichhörnchen nachgingen und der da⸗ mals vom Baum fiel und ſich die Schienbeine elend zerbeulte. Aber das Eichhörnchen hielt ich doch feſt, wie ſehr es auch biß und kratzte. Sie ſehen, die kleine Klinge hier iſt abgebrochen; aber ich mochte⸗ keine neue einſetzen laſſen, um nicht betrogen zu wer⸗ den und ſtatt des meinigen ein anderes Meſſer zu erhalten— denn es gibt weit und breit keine ſo gute Klinge mehr, und meine Hand iſt an ſie ge⸗ wöhnt. Was ich kriegte, hab' ich durch meine Schlau⸗ heit erwerben müſſen, und es hat mir nie Jemand etwas geſchenkt, als Sie, Mr. Tom— und etwa noch der Bill Fawks, welcher mir den jungen Dachs gab, den er erſäufen wollte; aber ich mußte ihn da⸗ für vorher tüchtig ausſchelten.“ Bob, der noch in ſchrillem Knabenſopran ſprach, „ entledigte ſich ſeiner langen Rede mit erſtaunlichem Geſchick und ſchloß damit, daß er der bewährten Klinge auf ſeinem Aermel einen liebevollen Schliff gab. „Nun, Bob,“ verſetzte Tom mit einem Anflug von Gönnermiene; denn die früheren Erinnerungen machten ihn geneigt, den jungen Menſchen mit an⸗ ſtändiger Freundlichkeit zu behandeln, obſchon von allen Zügen aus dieſer alten Bekanntſchaft ſeinem Geiſte keiner lebhafter vorſchwebte, als der Anlaß zu ihrem letzten Streit,„kann ich vielleicht etwas für Sie thun?“ „Ei, nein, Mr. Tom,“ antwortete Bob, indem er ſein Meſſer ſchallend zuklappen ließ und es wieder in die Taſche ſteckte, wo er nach etwas Anderem zu taſten ſchien.„Wie ſollt' ich Sie auch jetzt beläſtigen, da Sie ſelber in Noth ſind und ich von den Leuten hören muß, daß der Meiſter, dem ich die Vögel zu verſcheuchen pflegte und der mich zum Spaß ein bischen durchwammste, wenn er mich auf ſeinem Acker beim Rübeneſſen erwiſchte, nicht wieder auf⸗ kommen wird. Nein, ich denke nicht daran, Sie um ein anderes Meſſer zu bitten, weil Sie mir ſchon das erſte geſchenkt haben. Gibt mir Einer einen Schlag auf's Aug, ſo hab' ich genug daran, und ich werde ihn um keinen zweiten bitten, eh' ich ihm den erſten heimgezahlt habe— und eine Gutthat iſt eben ſo gut einer Erwiderung werth, als eine Tracht Prügel. Ich bin nicht hinter ſich gewachſen, Mr. Tom, und Sie ſind der kleine Burſch, den ich am liebſten hatte, als ich ſelbſt noch ein kleiner Burſch war, trotzdem daß Sie mich lederten und mich nicht mehr anſehen mochten. Da iſt der Dick Brumby— 86 den konnte ich durchwammſen, ſo oft ich Luſt hatte; aber Herkules, man wird auch das Ledern ſatt, wenn man's mit einem Burſchen zu thun hat, dem man doch nie begreiflich machen kann, auf was er Acht haben ſoll. Ich habe Kerls geſehen, die daſtanden und an einem Aſt ſich faſt die Augen ausguckten, eh' ſie merkten, daß ein Vogelſchwanz kein Blatt war. Es iſt eine traurige Arbeit, es mit ſolchen Dümmlingen zu thun zu haben— aber Sie haben immer merkwürdig gut aufgepaßt, Mr. Tom— ich konnte mich darauf verlaſſen, daß Ihr Stock in dem nämlichen Augenblick niederſauste, in welchem, wenn ich die Büſche durchklopfte, eine Ratte, ein Wieſel oder etwas derart herausfuhr.“ Bob hatte inzwiſchen einen ſchmutzigen Leinwand⸗ beutel herausgezogen und würde vielleicht in ſeiner Ergießung fortgemacht haben, wenn nicht eben jetzt Maggie in's Zimmer getreten wäre und einen Blick der Ueberraſchung und Neugierde auf den jungen Menſchen geworfen hätte, der ſeinerſeits wieder in gebührendem Reſpekt an ſeiner rothen Locke zupfte. Aber im nächſten Augenblick wirkte das veränderte Ausſehen des Zimmers dergeſtalt auf das Mädchen, daß der Gedanke an Bobs Anweſenheit ganz davon überwältigt wurde. Ihr nächſter Blick war der Stelle zugewandert, wo das Bücherbrett gehangen hatte, und dort war jetzt nichts mehr zu ſehen, als ein länglichter unverblichener Raum an der Wand und darunter der kleine Tiſch mit der Bibel und den Paar anderen Büchern. „O Tom,“ brach ſie los, indem ſie ihre Hände zuſammenſchlug,„wo ſind die Bücher? Ich meine, . 3 w 87 Onkel Glegg habe geſagt, er wolle ſie kaufen— iſt's nicht ſo?— und ſind dies alle, die man uns gelaſſen hat?“ „Ich denke wohl,“ entgegnete Tom mit einer Art von verzweifelter Gleichgiltigkeit.„Warum ſoll⸗ ten ſie auch viele Bücher kaufen, da ihnen von dem Hausrath ſo wenig anſtändig geweſen iſt?“ „Ach, Tom,“ rief Maggie, und ihre Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen, während ſie auf den Tiſch zuſtürzte, um zu ſehen, welche Bücher gerettet wor⸗ den waren.„Unſere liebe alte Pilgers Wallfahrt, die Du aus Deiner kleinen Farbenſchachtel bemalteſt — und drin der Pilger mit dem Mantel an, der gerade ausſah, wie eine Schildkröte— Ach, Him⸗ mel!“ fuhr Maggie halb ſchluchzend fort, während ſie in den wenigen Büchern blätterte,„ich dachte, wir würden uns nie von dieſer trennen müſſen; aber es geht Alles fort, und am Ende unſeres Lebens wird gar nichts mehr um uns ſein von dem, was uns beim Beginn desſelben Freude machte.“ Maggie wandte ſich vom Tiſch ab und warf ſich auf einen Stuhl; die großen Thränen, welche ihr über die Wangen rollten, machten ſie blind gegen die Anweſenheit Bobs, der ihr mit dem aufmerk⸗ ſamen Blick eines verſtändigen ſtummen Thiers zu⸗ ſah und weit beſſer beobachtete, als begriff. „Nun, Bob,“ ſagte Tom, welcher fühlte, daß die⸗ ſes Gebahren wegen der Bücher nicht am rechten Platz war,„Sie wollten uns vermuthlich in unſerer Drangſal einen Beileidsbeſuch machen. Das war recht freundlich von Ihnen.“ „Ich will Ihnen ſagen, Maſter Tom, was mich 88 hertreibt,“ verſetzte Bob, indem er ſeinen Beutel aufknüpfte,„Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ich die letzten zwei Jahre eine Barke führte— damit habe ich mir meinen Unterhalt erworben und zwiſchen hinein auch als Heizer in Torry's Mühle etwas ver⸗ dient. Da hab' ich denn vor vierzehn Tagen ein beſonderes Glück gehabt— na, ich bin immer ein glücklicher Kauz geweſen, denn ſo oft ich eine Falle ausſtellte, iſt mir ſtets etwas hineingegangen. Dies⸗ mal war's aber keine Falle, ſondern Feuer in der Torry'ſchen Mühle, und ich löſchte es, eh' es an das Oel gerieth. Der Herr verſprach mir dann zehn Goldſtücke und hat ſie mir in der letzten Woche ſelbſt gegeben. Da ſind ſie— alle, bis auf eines!“ Bob leerte ſeinen Beutel auf den Tiſch.„Und als ich ſie kriegte, kochte es in meinem Kopf wie in einem Keſſel Fleiſchbrüh, und ich meinte Wunder, was ich jetzt anfangen könne, da mir alle erdenk⸗ lichen Hanthierungen einfielen; denn der Barke bin ich rein ſatt— der Tag zieht ſich Einem dabei ſo ſehr in die Länge wie ein Schweinsdarm. Ich dachte zuerſt an Frettchen und Hunde und an's Rat⸗ tenfangen. Dann kam mir ein Gedanke an einen höheren Beruf, in dem ich mich nicht ſo auskannte; denn ich hab' dem Rattenfangen ſchon auf den Grund geſehen. So dacht' und dacht' ich, bis ich mich end⸗ lich für die Hauſirerei entſchied— denn die Hau⸗ ſirer ſind ſchlaue Kerle, und ich kann recht gut leichte Gegenſtände in meinem Gepäckkorb hin und her tragen. Auch gilt's dabei ſeine Zunge zu brauchen, die Einem weder bei den Ratten, noch in der Barke etwas nützt. Und wenn ich weit und 89 breit im Land herumziehe, mit meinem Mundwerk den Weibern'was vormache und im Wirthshaus mein Eſſen heiß von der Pfanne weg kriege— Hercu⸗ les, was muß dies nicht für ein köſtliches Leben ſein!“ Bob hielt inne und fügte dann mit trotziger Entſchiedenheit bei, als habe er beſchloſſen, dieſem paradieſiſchen Bilde für immer den Rücken zuzu⸗ wenden: „Aber ich mache mir nichts daraus— keinen Span. Ich hab' eines von den Goldſtücken wech⸗ ſeln laſſen, um meiner Mutter eine Gans zum Bra⸗ ten zu kaufen, und für mich ſelbſt kaufte ich eine blaue Plüſchweſte und eine Seehundsmütze, denn wenn ich das Hauſiren anfangen wollte, ſollte es in einer achtbaren Weiſe geſchehen. Aber wie geſagt, ich mache mir nicht des Nagels groß daraus. Mein Kopf iſt keine Rübe, und ich habe vielleicht bald Gelegenheit, wieder ein Feuer zu löſchen— denn ich bin ſchon ein Glückskind. Sie thäten mir daher einen Gefallen, Mr. Tom, wenn Sie die neun Guineen nähmen und etwas für ſich damit anfingen, wenn es wahr iſt daß der Meiſter nicht mehr aufkommen ſollte. Sie reichen vielleicht nicht weit, helfen aber doch ein Bischen mit.“ Tom fühlte ſich tief genug ergriffen, um ſeinen Stolz und ſeinen Argwohn zu vergeſſen. „Sie ſind eine ſehr wohlwollende Seele, Bob,“ ſagte er erröthend und mit jenem kleinen ſchüchter⸗ nen Beben in der Stimme, das ſelbſt ſeinem Stolz und ſeiner Strenge einen gewiſſen Reiz verlieh, nund ich werde Ihrer ſtets gedenk ſein, obſchon ich Sie dieſen Abend anfangs nicht kannte. Aber Ihre 9⁰ neun Goldſtücke kann ich nicht annehmen. Ich darf Sie nicht Ihres kleinen Vermögens berauben, das mir noch obendrein nicht viel nützen könnte.“ „Iſt Ihnen dies ernſt, Mr. Tom?“ verſetzte Bob mit der Miene aufrichtigen Bedauerns,„oder ſprechen Sie nur ſo, weil Sie meinen, daß ich das Geld brauche? Dies iſt nicht der Fall, denn ich bin kein ſo armer Burſche. Meine Mutter verdient ſich was Ordentliches mit Federnſchlitzen und ſolchen Geſchäften, und wenn ſie auch nichts als Brod und Waſſer ißt, ſo wird's bei ihr doch zu Fett. Und ich ſitze dem Glück im Schoß— ich zweifle, ob Sie ganz ſo viel Glück haben, wie ich, Mr. Tom— dem alten Meiſter wenigſtens iſt's nicht gut gegangen— und da kann ich Ihnen ſchon etwas abtreten, ohne daß ich's beſonders ſpüre. Hercules, ſo hab' ich jüngſt einen Schinken im Fluß gefunden, der ohne Zweifel bei einem der rundſternigen Holländer über Bord gefallen iſt. Na, Mr. Tom, beſinnen Sie ſich eines Beſſern— um alter Bekanntſchaft willen; ſonſt muß ich glauben, Sie ſeien mir noch immer böſe.“ Bob ſchob ihm die Goldſtücke zu; aber eh' Tom antworten konnte, ſchlug Maggie die Hände zuſam⸗ men und ſprach, indem ſie einen reuigen Blick auf Bob warf: „Oh, Bob, wie Leid thut es mir— ich hätte nie gedacht, daß Sie ſo gut ſind, und jetzt muß ich 3 deoien die wohlwollendſte Perſon von der Welt nden.“ Bob wußte nichts von der nachtheiligen Meinung, für die Maggie eben jetzt einen innerlichen Bußact pflog, ſondern lächelte wohlgefällig zu ihrem Lob, 91 namentlich da es aus dem Mund eines Mädchens kam, die, wie er ſelbigen Abend ſeiner Mutter er⸗ zählte,„ſo ungewöhnliche Augen hatte, daß er, wenn ſie ihn anſahen, nicht wußte, wo er hinſchauen ſollte.“ Tom ſtreckte ſeine weiße Hand aus, und Bob war nicht flau, mit ſeiner mageren rothen Pfote ein⸗ zuſchlagen. „Ich will die Goldſtücke wieder in den Beutel thun,“ ſagte Maggie,„und Sie kommen her und beſuchen uns, Bob, wenn Sie ihren Gepäckkorb ge⸗ kauft haben.“ „Wenn ich ihn wieder einſtecke,“ ſagte Bob mit unzufriedener Miene, als ihm Maggie den Beutel zurückgab, ſo ſieht's ja aus, ich habe das Geld nur zum Schein angeboten, um es zeigen zu können. Es macht mir zwar wohl Spaß, da und dort einen anzuführen, aber nicht in dieſer Weiſe. Nur wenn einer ein rechter Spitzbub oder ein großer Eſel iſt, laß ich meinen Witz an ihm aus.“ „Bob, ſolche Poſſen müſſen Sie bleiben laſſen,“ ſagte Tom.„Sie führen zu nichts Gutem, wohl aber am Ende in die Strafcolonie.“ „Nein, nein, mich nicht, Mr. Tom,“ entgegnete Bob mit der Miene heiterer Zuverſichtlichkeit.„Es gibt kein Geſetz gegen Flohſtiche. Wenn man nicht hin und wieder einem Narren den Eſel bohrt, ſo wird er in ſeinem Leben nicht geſcheid. Aber Her⸗ cules— ſo nehmen Sie wenigſtens ein Goldſtück, um für ſich und die Miß etwas zu kaufen— als ein Andenken, und um das Meſſer wett zu machen.“ Während dieſer Worte legte Bob das Goldſtück 92 auf den Tiſch und ſchnürte entſchloſſen ſeinen Beutel wieder zu. Tom ſchob das Gold zurück und ſagte: „Nein, Bob; ich danke Ihnen herzlich, aber ich kann es nicht nehmen.“ Maggie dagegen nahm es zwiſchen ihre Finger, hielt es Bob hin und begleitete es mit einem noch unwiderſtehlicheren Zuſpruch. „Jetzt nicht, aber vielleicht ein andermal,“ ſagte ſie.„Wenn je Tom oder mein Vater eines Beiſtands bedarf, den Sie zu leiſten vermögen, ſo wollen wir Sie's wiſſen laſſen— nicht wahr, Tom? Dies iſt doch Ihre Meinung, Bob— Sie wollten uns zu verſtehen geben, daß wir uns ſtets auf Sie als auf einen Freund verlaſſen können?“ „Ja, Miß, und ich danke Ihnen,“ verſetzte Bob, der nur mit Widerſtreben die Guinee einſteckte; „ſo hab ich's gemeint— ganz ſo, wie Sie ſagen. Gott ſei mit Ihnen, Miß— und Ihnen wünſche ich gut Glück, Mr. Tom. Schönen Dank für Ihren Händedruck, obſchon Sie das Geld nicht nehmen wollten.“ Der Eintritt Kezia's, welche mit finſterer Miene ſich erkundigte, ob ſie jetzt den Thee bringen ſolle oder ob die Röſtſchnitten ſo hart werden müßten wie Backſteine, war ein zeitgemäßer Zügel für den Rede⸗ fluß unſeres Bob, der ſofort ſeine Abſchiedsverbeu⸗ gung machte. 1 *½ 9³ Siebentes Kapitel. Wie eine Henne zur Kriegsliſt greift. Die Tage entſchwanden und Mr. Tulliver zeigte, nach der Verſicherung des Arztes wenigſtens, deut⸗ lichere und deutlichere Symptome der Rückkehr zum normalen Zuſtand. Die epileptiſchen Anfälle zeigten eine kürzere Dauer und der Geiſt richtete ſich unter den ruckweiſen Kämpfen wieder auf, einem lebenden Weſen gleich, wenn es in eine Schneewehe gerathen iſt, welche immer weiter nachgleitet und die neuge⸗ machte Oeffnung wieder verſchließt. Denen, welche an dem Krankenlager wachten, würde die Zeit gar langſam verſchwunden ſein, wenn ſie dieſelbe nur nach der zweifelhaften fernen Hoff⸗ nung hätten meſſen müſſen, welche mit den ſſchlei⸗ chenden Momenten in dem Gemache gleichen Schritt hielt; ſo aber ließ ihnen die Furcht vor der Zukunft die Nächte nur allzu ſchnell dahin eilen. Während Mr. Tulliver ſich allmählich erholte, ſtand ſeinem Schickſal ein bitterer Wechſel in naher Ausſicht. Die Taxatoren hatten ihr Amt verrichtet mit der Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit eines reſpectabeln Büchſenmachers, der ſorgfältig die Muskete ausarbeitet, welche unter der Führung eines tapferen Armes manches Menſchen⸗ leben zu vernichten beſtimmt iſt. Zahlungsanwei⸗ ſungen, Protokolle und Verkaufsbefehle ſind juri⸗ diſche Kettenkugeln oder Bomben, die nie auf ein einzelnes Ziel abheben, ſondern auf Strecken hin Vernichtung verbreiten. Es liegt ſo tief im Weſen des Menſchenlebens, daß eine größere Zahl für die 9⁵ das ganze Beſitzthum zu bieten und vielleicht eine höhere Summe zu zahlen, als die vorſichtige Firma Gueſt und Co., welche ihre Geſchäfte nicht nach ſentimentalen Grundſätzen betrieb, daran rücken mochte. Mr. Deane nahm Anlaß, ſich in dieſer Richtung gegen Mrs. Tulliver auszuſprechen, als er nach der Mühle gefahren kam, um gemeinſchaftlich mit Mrs. Glegg Einſicht von den Büchern zu nehmen; denn letztere Dame hatte für den Fall, daß Gueſt und Co. Lieb⸗ haber wären, darauf aufmerkſam gemacht, daß Mr. Tullivers Vater und Großvater die Dorlcote⸗Mühle betrieben, als die Firma noch lange nicht an die Errichtung ihrer Oelmühle dachte. Mr. Deane be⸗ zweifelte dagegen, ob die Wechſelbeziehung der bei⸗ den Mühlen den Werth der Mahlmühle zum Zweck vortheilhafter Kapitalanlage erhöhe. Was Onkel Glegg betraf, ſo lag die Sache ganz unter ſeinem Horizont. Der gutmüthige Mann fühlte zwar auf⸗ richtiges Mitleid mit der Tulliver'ſchen Familie, aber ſein Geld war überall auf treffliche Hypothek ange⸗ legt, und er konnte nichts riskiren. Es wäre un⸗ billig von ſeinen Verwandten geweſen, dies von ihm zu erwarten. Dagegen hatte er ſich vorgenom⸗ men, einige neue Flanellleibchen, die er nicht tragen mochte, weil ihm die elaſtiſcheren geſtrickten lieber waren, abzutreten und der Mrs. Tulliver hin und wieder ein Pfund Thee zu verehren. Er konnte das letztere Geſchenk perſönlich überbringen und ſich im Vorgenuß der Freude weiden, wenn er ihr die Ver⸗ ſicherung gab, daß es vom beſten ſchwarzen ſei. „Gleichwohl war klar, daß es Mr. Deane gut mit den Tullivers meinte. Er brachte eines Tages 96 auch Lucy mit, welche in die Vacanz heimgekommen war, und der kleine, blonde Engelskopf hatte ſich unter vielen Küſſen und einigen Thränen an Mag⸗ dunklere Wange angedrückt. Dergleichen ſchmäch⸗ über manchen achtbaren Aſſocié einer achtbaren Firma, und vielleicht trugen Lucy's ängſtliche, mitleidige Fra⸗ gen über das arme Vetterchen und Bäschen nicht wenig dazu bei, ihren Vater zu beſtimmen, daß er ſich's eifriger angelegen ſein ließ, Tom vor der Hand einen Platz im Magazin zu verſchaffen und es ihm zu ermöglichen, Abendunterricht im Rechnen und in der Buchführung zu nehmen. Dies würde den armen Jungen wohl ermuthigt und ſeinen Hoffnungen einige Nahrung gegeben ha⸗ ben, wenn ihn nicht um dieſelbe Zeit der längſt ge⸗ fürchtete Schlag der Bankrutterklärung ſeines Vaters getroffen hätte; wenigſtens mußten die Gläubiger im Vergleichsweg um einen Nachlaß angegangen werde und dies war für Toms unjuriſtiſchen Kopf gleichbe⸗ deutend mit Bankrutt. Für ihn war es der ſchlimmſte chimpf, der eine Familie betreffen konnte, wenn man dem Vater nachſagte— nicht, er habe ſein Ver⸗ gen eingebüßt, ſondern er ſei„zahlungsunfähig“ geworden. Denn wenn der Koſtenserſatz an den Gegner berichtigt war, ſo kam noch die freund⸗ ſchaftliche Deſervitenrechnung des Mr. Gore, das Manco in der Bank und die anderen Schulden, gegen welche die Activa ſich in kläglichem Mißverhältniß befanden.„Nicht mehr als zehn oder zwölf Schil⸗ linge für das Pfund,“ ſagte Mr. Deane in entſchie⸗ blonde Töchter üben die Gewalt des Herzens denem Tone voraus und preßte die Lippen zuſam 97 men. Dieſe Worte trafen Tom, wie ein Guß ſie⸗ denden Waſſers, deſſen Schmerz noch lange nachwirkt. Er wußte nicht, wie er's angreifen ſollte, um in ſeiner kläglich unbequemen neuen Lage wohlgemuth zu bleiben, denn die Verpflanzung von der gemäch⸗ lichen, mit Teppichen belegten Langweile der Studir⸗ ſtunden bei Mr. Stelling und dem geſchäftigen Müßig⸗ gang des Luftſchlöſſerbauens in einem letzten Schul⸗ ſemeſter zu der Geſellſchaft von Säcken und Häuten und von plärrenden Männern, die neben ihm ſchwere Laſten niederdonnern ließen, war ein gar zu ſchroffer Uebergang. Der erſte Schritt, um in der Welt fort⸗ zukommen, erwies ſich als eine kalte, ſtaubige und geräuſchvolle Sache und ſchloß das Verzichten auf den Thee und das Bleiben zu St. Oggs in ſich, um Abends in einem ſtark nach ſchlechtem Tabak riechen⸗ den Zimmer bei einem einarmigen ältlichen Handels⸗ gehilfen Unterricht zu nehmen. Toms junges, weiß und rothes Geſicht hatte ſehr viel von ſeiner Friſche verloren, als er zu Haus ſeinen Hut abnahm und ſich zum Nachteſſen niederſetzte. Kein Wunder, daß er etwas mürriſch war, wenn ſeine Mutter oder Maggie ihn anredete. Aber dieſe ganze Zeit brütete Mrs. Tulliver über einem Entwurf, vermöge deſſen ſie und Niemand anders den am meiſten zu fürchtenden Ausgang ab⸗ wenden und Wakem die Luſt, auf die Mühle zu bie⸗ ten, benehmen wollte. Stelle man ſich eine wahr⸗ haft achtbare und liebenswürdige Henne vor, die durch ein Wunder die Gabe der Ueberlegung erhält und Plane ſchmiedet, um die Bäuerin zu bewegen, Eliot, Die Muͤhle am Floß. II. 7 98 daß ſie nicht ihr den Hals umdrehe oder ſie mit ihren Hühnchen auf den Markt ſchicke, ſo wird man kaum zu einem andern Reſultat kommen, als zu vie⸗ lem Gegacker und Geflatter. Als Mrs. Tulliver ſah, daß Alles den Krebsgang nahm, kam ſie auf den Gedanken, ſie ſei im Leben zu wenig ſelbſtthätig geweſen und es ſtünde wohl ganz anders um ſie und ihre Familie, wenn ſie ſich mehr um das Ge⸗ 3 ſchäft angenommen und hin und wieder einen kräfti⸗ gen Entſchluß gefaßt hätte. Niemand war, wie es ſchien, auf den Gedanken gekommen, über dieſe Mühleangelegenheit mit Wakem Rückſprache zu neh⸗ 8 A 5 1 4 men, und doch ſchien dies Mrs. Tulliver der aller⸗ kürzeſte Weg zu ſein, um zum Ziel zu gelangen. Es half natürlich nichts, wenn Mr. Tulliver zu ihm ging, ſelbſt wenn er dazu im Stande und geneigt geweſen wäre; denn er hatte in den letzten zehn Jah⸗ ren gegen Wakem proceſſirt und ohne Unterlaß über ihn geſchimpft, ſo daß der Advocat wahrſcheinlich einen Groll gegen ihn hatte. Und nun Mrs. Tul⸗ liver zu dem Schluß gekommen, ihr Mann habe ſehr unrecht gehandelt, daß er ſie in dieſe Noth brachte, war ſie auch geneigt, ſeine Meinung von Wakem für eine unrichtige zu halten. Dieſer Mann hatte allerdings ihnen die Vögte in'’s Haus ſetzen und den Ausverkauf beſorgen laſſen; aber ſie meinte, dies ſei dem Mann zu lieb geſchehen, welcher Mr. Tulliver das Geld borgte, denn ein Advocat mußte ſich mehr Perſonen gefällig erzeigen, als einer einzigen, und namentlich war nicht zu erwarten, daß er Mr. Tulliver, der gegen ihn Proceß geführt hatten vor Jedermann ſonſt in der Welt berückſichtigen werde. E 3 99 Der Advocat konnte ein ganz räſonabler Mann ſein — warum nicht? Er hatte eine Miß Clint geheira⸗ thet, und zur Zeit, als ſie von dieſer Hochzeit hörte — es war in dem Sommer, in welchem ſie einen blauen Atlasſpencer trug, und ſie dachte damals noch nicht entfernt an Mr. Tulliver— wußte ſie nichts Schlimmes von Wakem. Wenn er nun gar erfuhr, ſie ſei eine Miß Dodſon geweſen, ſo lag es ja ganz außer dem Bereich der Möglichkeit, daß er gegen ſie etwas Anderes fühlen konnte als Geneigt⸗ heit und Wohlwollen, ſobald ſie ihm nur einmal begreiflich gemacht hatte, wie ſie für ihren Theil ſtets ſich gegen das Proceſſiren gewehrt habe, denn ſie war zur Zeit vollkommen geneigt, in allen Din⸗ gen ſich lieber zu den Anſichten Wakems, als zu denen ihres Mannes zu bekennen. Und wenn der Advocat ſah, daß eine achtbare Frau wie ſie ſich dazu verſtieg,„ihm gute Worte zu geben,“ warum ſollte er ihren Vorſtellungen nicht ein geneigtes Ge⸗ hör leihen? denn ſie wollte ihm, da dies früher nie geſchehen, den klaren Wein einſchenken. Gewiß that er es dann ihr nicht zu Leid, daß er hinging, um auf die Mühle zu bieten— ihr, der unſchuldigen Frau, welche es für ſehr wahrſcheinlich hielt, daß ſie in ihrer Jugend mit ihm bei Squire Darleigh getanzt habe, denn bei jenen großartigen Tanzunter⸗ haltungen war ſie oft und oft mit jungen Tänzern in Berührung gekommen, auf deren Namen ſie ſich nicht mehr erinnern konnte. Mrs. Tulliver verſchloß dieſe Betrachtungen in ihrem Buſen; denn als ſie einmal gegen Mr. Deane und Mr. Glegg einen Wink hinwarf, daß ſie ſich 7. 100 nichts daraus machen würde, ſelbſt mit Wakem zu ſprechen, antworteten ſie in dem Ton von Männern, die nicht geneigt waren, der ausführlichen Darlegung ihres Plans eine ruhige Würdigung zu Theil werden zu laſſen, nur mit einem wegwerfenden„Nein, nein, nein,“ und„Pah, pah!“ oder einem„Laſſen Sie ſich mit Wakem nicht ein.“ Noch weniger wagte ſie es, ſich über das, was ihr Herz bedrängte, gegen Tom und Maggie zu äußern; denn„die Kinder waren immer gegen Alles, was die Mutter ſagte,“ und von Tom wußte ſie, daß er Wakem eben ſo bitter grollte, wie ſein Vater. Aber der Umſtand, daß ſie ihren Plan ausſchließlich für ſich behalten mußte, verlieh ihr einen ungewöhnlichen Grad von Entſchiedenheit, und ſie brachte ihn einen oder zwei Tage vor der Verſteigerung, welche in dem Löwen abgehalten wer⸗ den ſollte und keine längere Zögerung zuließ, in einer ſehr ſinnreichen Weiſe zur Ausführung. Mrs. Tulliver beſaß nämlich einen ſchönen Vorrath in der Lacke liegenden Pöckelfleiſches, das Mr. Hyndemarſch, der Victualien⸗Händler, ſicherlich ankaufte, wenn ſie das Geſchäft perſönlich mit ihm abmachte; ſie wollte daher an jenem Morgen Tom nach St. Oggs be⸗ gleiten; und als dieſer meinte, ſie ſolle ſich jetzt nicht mit dem Pöckelfleiſch befaſſen, ſondern zu Hauſe bleiben, ſo nahm ſie den Widerſpruch ihres Sohns gegen den Verkauf einer Waare, die ſie nach einem in der Familie fortgeerbten Recept der Großmutter an⸗ gefertigt hatte, welche ſtarb, als ſeine Mutter noch ein kleines Kind war, dermaßen übel, daß er nachgeben mußte. Sie machten daher den Gang gemeinſchaftlich, bis ſie in die Dänenſtraße gelangten, 10¹1 wo Mr. Hyndemarſch in der Nähe von Wakems Bureau ſeinen Laden hatte. Der Advocat war noch nicht in ſeinem Geſchäfts⸗ lokal angelangt. Sollte Mrs. Tulliver wohl in deſſen Privatarbeitszimmer neben dem Feuer Platz nehmen und auf ihn warten? Der pünktliche Geſchäftsmann machte ihr die Zeit nicht lange. Bei ſeinem Eintritt kniff er die Brauen zu einem forſchenden Blick auf die ſtämmige blonde Frau zuſammen, die ſich alsbald erhob und einen ehrerbietigen Knix machte. Mr. Wakem war ein großer Mann mit einer Adlernaſe und einer Fülle eiſengrauer Haare. Der Leſer wird wohl neu⸗ gierig ſein, ob er wirklich der Ausbundſchurke und der bittere Feind aller ehrlichen Leute, namentlich aber des armen Mr. Tulliver war, als den wir ihn haih den Voſtellungen des Müllers kennen gelernt haben.— Von der Reizbarkeit des Müllers ließ ſich natür⸗ lich erwarten, daß er jeden zufälligen Schuß, der ihm die Haut ritzte, als einen böswilligen Verſuch auf ſein Leben deutete, und in dieſer verzwickten Welt gab es Verſtrickungen, welche er in Anbetracht ſeiner eigenen Unfehlbarkeit nicht anders als durch die Hy⸗ potheſe zu erklären vermochte, daß irgend eine dia⸗ boliſche Einwirkung im Spiele ſei. Die Annahme hat daher viel für ſich, daß der Advocat nicht mehr gegen ihn verſchuldete, als etwa eine ihre Arbeit mit aller Regelmäßigkeit leiſtende Maſchine gegen den Unvorſichtigen, welcher ſich ſo ſehr in ihre Nähe wagt, daß er von einem oder dem andern Kammrad ge⸗ faßt und plötzlich in einen unerwarteten Wurſtteig umgewandelt wird. 102 Aber es iſt in der That unmöglich, dieſe Frage durch einen Blick auf ſeine Perſon zum Austrag zu bringen. Die Linien und Lichter des menſchlichen Geſichts verhalten ſich wie andere Symbole— es wird nicht immer leicht, ſie zu leſen, wenn man keinen Schlüſſel dazu hat. Bei einer aprioriſtiſchen Betrach⸗ tung von Wakems Adlernaſe, die Mr. Tulliver ſo anſtößig war, ergab ſich nicht mehr Schurkerei, als in der Form ſeines ſteifen Hemdkragens, obſchon auch dieſer in Verbindung mit der Naſe eine fluchwürdige Bedeutung haben konnte, wenn es einmal mit der Schurkerei ſeine Richtigkeit hatte. „Mes. Tulliver, glaube ich?“ ſagte Mr. Wakem. „Ja, Sir— geborene Miß Eliſabeth Dodſon.“ „Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie haben ein Anliegen?“ „Oh, freilich, Sir,“ verſetzte Mrs. Tulliver und begann ſich über ihren eigenen Muth zu beunruhigen, nun ſie dem fürchterlichen Mann mit dem Bewußt⸗ ſein gegenüberſtand, daß ſie noch nicht mit ſich im Reinen war, wie ſie anfangen ſollte. Mr. Wakem taſtete in ſeiner Weſtentaſche umher und ſah ſie ſchweigend an. „Ich hoffe, Sir,“ begann ſie endlich— vich hoffe, Sir, Sie denken nicht, daß ich Ihnen grolle, weil mein Mann ſeinen Proceß verloren hat, die Vögte bei uns einlagerten und das Weißzeug verkauft wurde— ach, du mein Himmel!... denn dazu hat man mich nicht erzogen. Gewiß erinnern Sie ſich noch meines Vaters, Sir, denn er war ein intimer Freund von Squire Darleigh, und wir beſuchten immer ſeine Tanzunterhaltungen— ich meine, ich und -——--—ð— » 103 meine Schweſtern. Niemand konnte angeſehener ſein, als wir— wie ſich von ſelbſt verſteht; denn wir waren unſere vier, und Sie wiſſen natürlich, daß Mrs. Glegg und Mrs. Deane meine Schweſtern ſind. Und was das Proceſſiren, das Geldverlieren und das Ausverkaufen bei lebendigem Leib betrifft, ſo iſt mir vor meiner Verheirathung und auch lange nachher nie etwas dergleichen vorgekommen. Was kann ich dafür, daß ich das Unglück hatte, aus meiner Familie heraus in eine Familie zu heirathen, wo Alles ſo ganz anders ging? Und wenn auch andere Leute immer über Sie ſchimpften und läſterten, ſo kann mir gewiß Niemand mit Recht nachſagen, daß ich mich je daran betheiligt hätte.“ Mrs. Tulliver ſchüttelte ein wenig den Kopf und betrachtete den Saum ihres Taſchentuchs. „Ich ſetze keinen Zweifel in Ihre Verſicherung, Mrs. Tulliver,“ entgegnete Mr. Wakem mit kalter Höflichkeit.„Aber Sie haben mir ſonſt etwas zu ſagen?“ „Nun, ja, Sir. Aber ich habe immer zu mir ſelbſt geſagt— Sie haben ein natürliches Gefühl, ſagte ich; und was meinen Mann betrifft, der faſt zwei Monate ohne Beſinnung dagelegen hat, ſo will ich ihm gewiß nicht das Wort reden wegen ſeiner Hitze in der Bewäſſerungsgeſchichte— nicht als ob es nicht ſchlechtere Menſchen gebe, denn er hat mit Willen nie Jemand auch nur um einen Penny be⸗ trogen— und was konnte ich machen, wenn er ſo auf's Proceſſiren erpicht war? Er hat faſt den Tod von dem Brief gehabt, in welchem ihm mitgetheilt wurde, daß Sie das Pfandrecht auf das Gut hätten. 104 Aber ich kann nicht anders glauben, als daß Sie wie ein Ehrenmann handeln werden.“ „Was wollen Sie mit alle dem, Mrs. Tulliver? verſetzte Mr. Wakem etwas ſcharf.„Kommen Sie zu Ihrem Anliegen.“ „Je nun, Sir, wenn Sie nur ſo gut ſein woll⸗ ten,“ ſagte Mrs. Tulliver etwas verdutzt und dann raſch fortfahrend—„wenn Sie nur ſo gut ſein wollten, die Mühle und das Gut nicht zu kaufen— an dem Gut läge ſo viel nicht, aber mein Mann würde wüthend, wenn es in Ihre Hände käme.“ Ein neuer Gedanke ſchien durch Mr. Wakems Gehirn zu zucken, als er darauf erwiederte: „Wer hat Ihnen geſagt, daß ich Kaufliebha⸗ ber ſei?“ „Ei, Sir, es iſt nicht von meiner Erfindung, und ich hätte nie daran gedacht, denn mein Mann, der doch auch etwas vom Recht verſtehen ſollte, war immer der Meinung, Advocaten brauchten nie etwas zu kaufen, weder Güter noch Häuſer, denn ſie kämen immer auf eine andere Weiſe dazu. Und ich denke, ſo ſollten Sie's auch halten, Sir, und ich habe nie geſagt, daß man ſich von Ihnen eines Anderen zu verſehen hätte.“ „Ah, gut; aber wer hat es denn geſagt?“ er⸗ ſetzte Mr. Wakem, der ſein Pult öffnete und mit einem kaum hörbaren Pſeifen unter den Papieren umherſtöberte. „Je nun, Mr. Glegg und Mr. Deane, welche die Ordnung der Angelegenheit auf ſich genommen, haben davon geſprochen. Und Mr. Deane iſt der Meinung, Gueſt und Co. könnten die Mühle kaufen 10⁵ und meinen Mann als Verwalter darauf laſſen, wenn Sie nicht darauf böten und den Preis ſteigerten. Und für meinen Mann wäre es eine Wohlthat, wenn er bleiben könnte, wo er iſt, und im alten Geſchäft ſeinen Unterhalt verdiente; denn vor ihm iſt ſchon ſein Vater auf der Mühle geweſen, und ſein Groß⸗ vater hat ſie gebaut. Als ich ihn heirathete, wollte mir freilich der Lärm anfangs nicht gefallen; denn in der Dodſon'ſchen Familie gab es keine Mühle, und wenn ich gewußt hätte, daß man auf Mühlen ſo viel mit den Advocaten zu ſchaffen hat, ſo wäre ich ſicherlich nicht die erſte Dodſon geweſen, die einen Müller heirathete. Aber ſo bin ich blindlings in's Puun gelaufen und habe jetzt die Bewäſſerung und es.“ „Wie? Gueſt und Co. wollen alſo die Mühle für ſich erwerben und wahrſcheinlich Ihren Mann auf Lohn ſetzen?“ „Ach du mein Himmel, es iſt wohl ein trauriger Gedanke,“ ſagte die arme Mrs. Tulliver, und eine kleine Thräne trat ihr aus dem Augenwinkel,„daß mein Mann um Lohn dienen ſoll. Aber es ſieht doch eher aus wie früher, wenn er auf der Mühle bleibt, als wenn er anderswohin geht. Und Sie müſſen bedenken, wenn Sie auf die Mühle bieten und ſie kaufen, ſo könnte meinen Mann ein ſchlimmerer Schlag treffen, als der letzte, und er ſich nicht wie⸗ der ſo ordentlich davon erholen.“ „Gut. Aber wenn ich die Mühle kaufe und Ihren Mann in derſelben Weiſe als Verwalter darauf ver⸗ wende— wie dann?“ entgegnete Mr. Wakem. „O Sir, ich zweifle, ob er ſich je dazu hergäbe, 106 ſelbſt nicht, wenn die ganze Mühle ſtehen bliebe und an ihm bäte und bettelte. Denn Ihr Name iſt ihm wie Gift, und er iſt ärger als je. Seiner Meinung nach haben Sie es längſt auf ſeinen Ruin abgeſehen gehabt, ſchon ſeit dem Proceß wegen des Wegs über die Wieſe— das iſt jetzt an die acht Jahre. Und von dieſer Zeit an treibt er's, obſchon ich ihm immer ſagte, es ſei unrecht von ihm...“ „Er iſt ein dickköpfiger, bösmauliger Eſel!“ brach Wakem ſich ſelbſt vergeſſend los. „Ach du mein Himmel, Sir,“ ſagte Mrs. Tulli⸗ ver, erſchrocken über ein Reſultat, das ſo ganz anders ausfiel, als ſie ſich's ausgedacht hatte,„ich will Ihnen nicht widerſprechen, aber es iſt am Ende möglich, daß ihm mit ſeiner Krankheit ein anderer Sinn ge⸗ kommen iſt. Er hat vieles vergeſſen, was ihm ſonſt immer auf der Zunge lag. Und wenn er ſtürbe, ſo werden Sie doch nicht ſeinen Tod auf dem Gewiſ⸗ ſen haben wollen. Es geht die Sage, es bedeute Unglück, wenn die Dorlcote⸗Mühle in andere Hände komme, und das Waſſer könnte Alles wegſchwemmen. Nicht daß ich Ihnen etwas Schlimmes wünſchte, Sir, denn ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß ich mich Ihres Hochzeittages noch ſo gut erinnere, als wäre er erſt geſtern geweſen— Mrs. Wakem war eine Miß Clint, die ich genau kannte— und mein Sohn,— man findet weit und breit keinen ſo hüb⸗ ſchen und gerad gewachſenen jungen Menſchen— iſt mit dem Ihrigen in der Schule geweſen...“ Mr. Wakem ſtand auf, öffnete die Thüre und rief einem ſeiner Schreiber. „Sie müſſen mich entſchuldigen, Mrs. Tulliver, 107 wenn ich Sie unterbreche. Ich habe ein Geſchäft vor, das beſorgt werden muß. Auch glaube ich, daß über Ihre Angelegenheit genug geſprochen worden iſt.“ „Aber ich bitte,“ ſagte Mrs. Tulliver, ſich er⸗ hebend,„ſtürzen Sie doch nicht mich und meine Kinder in's Elend. Ich läugne ja nicht, daß mein Mann unrecht gehabt; aber er hat es ſchwer büßen müſſen, und es gibt viel ſchlimmere Leute; ſein größ⸗ ter Fehler beſtand darin, daß er gegen Andere zu gut war. Er hat Niemand in Schaden gebracht, als ſich ſelbſt und ſeine Familie— das iſt freilich arg genug, wenn ich alle Tage die leeren Simſe anſehen und mir dabei denken muß, wo alle meine Sachen geſtanden haben.“ „Ja, ja, ich will darauf denken,“ ſagte Mr. Wa⸗ kem haſtig, indem er nach der offenen Thüre hin⸗ blickte.. „Und wenn Sie nur ſo gut ſein wollten, Nie⸗ mand zu ſagen, daß ich bei Ihnen geweſen bin; denn ich weiß, mein Sohn würde ſehr böſe auf mich werden, wenn er erführe, daß ich mich ſo weit er⸗ niedrigt habe. Ach, ich habe ja ohnehin genug Jammer und brauche nicht noch von meinen eigenen Kindern ausgeſchmält zu werden.“ Die Stimme der armen Mrs. Tulliver zitterte ein wenig und verſagte ihr völlig auf das barſche: „Guten Morgen“ des Advocaten. Sie machte bloß ihren Knix und ging ſchweigend von dannen. „An welchem Tag wird die Dorlcote⸗Mühle verkauft? Wo iſt der Anzeiger?“ fragte Mr. Wakem ſeinen Schreiber, als ſie allein waren. „Nächſten Freitag— Freitag um ſechs Uhr.“ 108 „Ah, ſo gehen Sie geſchwind zu dem Auctiona⸗ tor Winſhip hinüber und ſehen Sie, ob er zu Hauſe iſt. Ich habe ein Geſchäft für ihn; ſagen Sie ihm, er möchte zu mir kommen.“ Obſchon Mr. Wakem jenen Morgen ohne irgend eine Abſicht, die Dorlcote ⸗Mühle zu erwerben, nach ſeinem Bureau gekommen war, hatte er doch ſchnell einen Entſchluß gefaßt. Mrs. Tullivers Hin⸗ deutungen auf einige beſtimmende Motive brachten in ſeinem Geiſt raſch den Entwurf zur Reife. Er war einer von jenen Männern, welche ſchnell zur That greifen, ohne ſich dabei zu überſtürzen, weil ihre Triebräder in feſten Bahnen gehen und ſie keine widerſtreitende Endzwecke in Harmonie zu bringen haben. Wenn man annehmen wollte, Wakem habe gegen Tulliver denſelben eingefleiſchten Haß gehegt, den dieſer gegen ihn fühlte, ſo dürfte man wohl eben ſo gut der Anſicht Raum geben, daß aus dem glei⸗ chen Grund der Hecht und der Roche einander nicht anſehen mögen. Dem Rochen muß wohl die Art, wie der Hecht ſeinen Lebensunterhalt gewinnt, ein Gegenſtand des Entſetzens ſein; aber der Hecht denkt wahrſcheinlich ſelbſt von dem entrüſtetſten Rochen nicht weiter, als daß er vielleicht ein treff⸗ licher Biſſen ſei, und gelangt erſt zum Gefühl eines kräftigen perſönlichen Haſſes, wenn ihm der Roche im Schlund ſtecken bleibt. Hätte Mr. Tulliver den Advocaten je ernſtlich verletzt oder beſchädigt, ſo würde ihm Wakem nicht die Auszeichnung verweigert haben, ihn zur Zielſcheibe ſeines Grolls zu machen; aber wenn ihn der Müller an den Marktwirthstiſchen ——————— 2 109 einen Spitzbuben nannte, ſo entzog ihm darum von ſeinen Klienten keiner ſein Vertrauen. Und wenn etwa in Wakems Anweſenheit ein von der Gelegen⸗ heit und dem Branntwein geſpornter ſpaßhafter Viehmäſter durch eine Anſpielung auf die Teſtamente alter Frauen ihm einen Hieb verſetzte, ſo nahm er ihn mit vollkommen kaltem Blute hin, da er recht gut wußte, wie die Mehrzahl der gegenwärtigen wohlhabenden Männer ſich mit der Thatſache be⸗ gnügten, daß„Wakem Wakem“, das heißt, ein Mann ſei, der ſich immer über die Trittſteine aus⸗ kannte, welche ihm durch die ſchmutzigſten Pfützen ſeiner Praxis helfen mußten. Der Beſitzer eines anſehnlichen Vermögens, eines ſchönen Hauſes unter den Baumgärten von Tofton und des entſchieden beſten Lagers von Portwein, das in der Umgegend von St. Oggs zu finden war, hatte jedenfalls die öffentliche Meinung für ſich, und ich weiß nicht, ob ſelbſt der ehrliche Mr. Tulliver mit ſeinen Anſichten vom Recht im Allgemeinen, ſofern es ihm in dem Licht eines Hahnenkampfes erſchien, nicht unter den entgegengeſetzten Umſtänden gleichfalls die Ueber⸗ zeugung gewonnen hätte, daß Wakem Wakem ſei. Ich habe wenigſtens von in der Geſchichte gut be⸗ wanderten Perſonen gehört, daß es die Menſchheit mit der Aufführung großer Sieger nicht ſonderlich genau nimmt, wenn nur der Sieg der rechten Sache gilt. Tulliver ſtand alſo Wakem durchaus nicht im Weg, ſondern war einfach ein armer Teufel, gegen den der Advocat einige Proceſſe gewonnen— ein hitzköpfiger Kamerad, der einem die Waffe, mit der man ihn züchtigen konnte, immer ſelbſt in die Hand 110 gab. Wakem fühlte ſich in ſeinem Gewiſſen nicht beunruhigt, weil er dem Müller einige Streiche ge⸗ ſpielt hatte; warum ſollte er auch dem unterlegenen Proceßkrämer, dem bedauernswürdigen tollen Stier, der ſich ſelbſt in die Maſchen des Netzes verſtrickt hatte, einen Groll nachtragen? Doch wir haben unter den verſchiedenen Ausſchrei⸗ tungen, welchen die menſchliche Natur unterworfen iſt, nie diejenige eines Uebermaßes von Geneigtheit gegen Perſonen aufgezählt, welche uns öffentlich ſchmähen. Der glückliche gelbe Candidat des Wahl⸗ bezirks von Old Topping fühlt vielleicht keinen nach⸗ haltigen und thatkräftigen Haß gegen den blauen Zeitungsſchreiber, welcher ſeine Leſer mit einer gif⸗ tigen Rede gegen Gelbe tröſtet, die ihr Land ver⸗ kaufen und im Privatleben die wahren Teufel ſind; aber wenn ſich eine günſtige Gelegenheit dazu ergibt, thut es ihm doch vielleicht nicht Leid, dem blauen Redacteur an irgend einer Stelle ſeiner Haut einen tieferen Schatten von ſeiner Lieblingsfarbe beibringen zu können. Leute, denen es gut geht, wollen hin und wieder als eine Art Zeitvertreib ein bischen Rache haben, wenn ſie leicht dazu kommen können und dadurch das Geſchäft nicht gehindert wird; und doch machen ſolche kleine leidenſchaftsloſe Vergeltungsübungen im Leben eine ungeheure Wir⸗ kung, indem dem Gegenſtand derſelben alles Mög⸗ liche zur Laſt gelegt wird, tüchtige Leute um Plätze kommen, für die ſie paſſen würden, und in unüber⸗ legtem Gerede ordentliche Charaktere kaum ſchwarz genug erſcheinen können. Noch weiter: es pflegt einen beruhigenden und ſchmeichelnden Eindruck auf ¹ 111 den alten Adam zu machen, wenn wir Leute, die uns vielleicht nur in unbedeutender Weiſe gekränkt haben, ohne unſer Zuthun in Noth und Demüthi⸗ gung kommen ſehen; denn dann hat augenſcheinlich die Vorſehung oder irgend ein anderer Fürſt dieſer Welt das Werk der Vergeltung für uns übernommen; und es iſt in der That eine ſehr angenehme Einrichtung der Dinge, daß es— mag es nun kommen, wie es will— unſeren Feinden nie gut gehen kann. Wakem war nicht frei von der in unſerer Paren⸗ theſe behandelten Vergeltungsſucht gegen den unge⸗ hobelten Müller, und nun Mrs. Tulliver bei ihm den Gedanken angeregt hatte, machte es ihm ein Vergnügen, gerade das zu thun, womit er Mr. Tulliver auf den Tod ärgern konnte— ein Ver⸗ gnügen von gemiſchter Beſchaffenheit, ſofern es nicht aus eitel Groll beſtand, ſondern auch der Hochgenuß der Selbſtſchätzung ſich darein miſchte. Die Demüthi⸗ gung eines Feindes erzeugt ein gewiſſes behagliches Gefühl, das übrigens nur nüchtern iſt in Verglei⸗ chung mit der hohen Befriedigung, die man em⸗ pfindet, wenn man ihn ſelbſt demüthigen kann durch eine Handlung des Wohlwollens oder ein ihm ge⸗ machtes Zugeſtändniß. Eine ſolche Rache pflegt man in die Wagſchale der Tugend zu legen, und Wakem wünſchte dieſe Schale in achtbarer Weiſe zu füllen. Er hatte einmal das Vergnügen, einen alten Feind in einem der Armenhäuſer von St. Oggs unter⸗ zubringen, zu deſſen Wiederaufbau er einen bedeu⸗ tenden Beitrag gegeben, und im gegenwärtigen Fall bot ſich ihm eine Gelegenheit, für einen anderen da⸗ durch zu ſorgen, daß er ihn zu ſeinem Diener machte. 112 Durch ſolche Dinge erhält der Wohlſtand erſt ſeinen wahren Reiz; ſie bilden den Grundbau zu jenem gehobenen Bewußtſein, von dem die kurzſichtige, heißblütige Rachſucht, welche die Pfade der Ordnung verläßt, um Unheil über ſich ſelbſt zu bringen, keine Ahnung hat. Und Tulliver gab, wenn ihm ſein loſes Maul durch das Gefühl der Verpflichtung ge⸗ ſtopft war, jedenfalls einen beſſern Diener ab, als alle die Lungerer, welche mit der Mütze in der Hand auf einen Platz warteten. Der Müller war nämlich allgemein bekannt als ein Mann von ſtolzer Ehren⸗ haftigkeit, und Wakem kannte ſich zu gut in der Welt aus, um die Ehrlichkeit für ein bloßes Hirn⸗ geſpinnſt zu halten. Er war der Anſicht, daß man in Anbetracht der Grundſätze nicht alle Menſchen über Einen Kamm ſcheeren dürfe, und wußte nur zu dui⸗ daß nicht Jeder ihm gleichen könne. Außerdem eabſichtigte er, das Gut und das Mühlengeſchäft per⸗ ſönlich ſcharf zu überwachen, da er ein Liebhaber der practiſchen Landwirthſchaft war. Indeß hatte er für den Ankauf der Dorlcote⸗Mühle, abgeſehen von der wohlwollenden Rache an dem Müller, noch an⸗ dere gute Gründe. Das Capital war auf dem Anweſen trefflich angelegt, wie auch Gueſt und Co. einſahen, die darauf bieten wollten. Mr. Gueſt und Mr. Wakem ſahen ſich nicht ſelten bei Tafel, und es war dem Advocaten nicht unangenehm, wenn er dem Rheder und Mühlenbeſitzer, der ſich in den ſtädtiſchen Angelegenheiten ſowohl, als in ſeinen Tiſchreden etwas allzu vorlaut benahm, einmal den Rang ablaufen konnte. Wakem war nüämlich nicht bloßer Geſchäftsmann, ſondern galt in den höheren 113 Kreiſen von St. Oggs auch als guter Geſellſchafter. Man konnte ſich bei einem Glas Wein angenehm mit ihm unterhalten; den Feldbau trieb er im Kleinen als Liebhaber, und er war jedenfalls ein vortrefflicher Gatte geweſen, wie ſich ſchon aus den prächtigen, zu CEhren ſeiner hingeſchiedenen Frau ein⸗ geſetzten momumentalen Mauerverzierungen entneh⸗ men ließ, unter denen er bei ſeinen gelegentlichen Kirchenbeſuchen zu ſitzen pflegte. In ſeinen Um⸗ ſtänden würden die meiſten Männer wieder gehei⸗ rathet haben; aber man wußte von ihm, daß er gegen ſeinen mißgeſtalteten Sohn zärtlicher ſei, als die meiſten Väter gegen ihre wohlgebildetſten Kinder. Nicht daß Mr. Wakem nur dieſen einzigen Sohn gehabt hätte; aber gegen ſeine anderen hielt die väterliche Liebe ein gewiſſes Chiaroscuro ein, indem er ſie gebührend zu Berufszweigen, die unter dem ſeinigen ſtanden, heranbilden ließ. In dieſem Um⸗ ſtand nun lag ſein Hauptbeweggrund zu dem An⸗ kauf der Dorleote⸗Mühle. Während Mrs. Tulliver ſchwatzte, war unter anderen Nebenverhältniſſen dem ſchnellfaſſenden Geiſt des Advocaten klar geworden, daß dieſer Ankauf ſchon nach Verfluß weniger Jahre einem gewiſſen Lieblingsſohn, den er in der Welt vorwärts zu bringen gedachte, eine ganz paſſende Verſorgung bieten durfte. Dies waren die geiſtigen Vorbedingungen, auf welche Mrs. Tulliver durch ihre Ueberredungskunſt einzuwirken verſuchte, ohne jedoch ihren Zweck zu erreichen. Der mangelhafte Erfolg dürfte eine Er⸗ klärung in der Bemerkung eines großen Philoſophen finden, welcher meinte, das Fiſchen mit Fliegen Eliot, Die Mühle am Floß. II. 8 114 ſchlage deßhalb ſo oft fehl, weil die Angler aus Un⸗ bekanntſchaft mit der Subjectivität der Fiſche ihre Köder nicht in richtiger Weiſe zu wählen verſtünden. Achtes Kapitel. Nach dem Schiffbruch Tag. Es war ein klarer froſtiger Januartag, als Mr. Tulliver zum erſtenmal die Treppe herunterkam. Das helle Sonnenlicht auf den Kaſtanienzweigen und den ſeinen Fenſtern gegenüber befindlichen Dächern hatte ſo erregend auf ihn gewirkt, daß er ungeduldig erklärte, er wolle ſich nicht länger einſperren laſſen; denn er meinte, es müſſe bei ſolchem Sonnenſchein überall traulicher ſein, als in ſeinem Schlafgemach. Freilich wußte er nichts von der Verödung unten, in welcher der helle Tag ſich ſo widerwärtig breit machte, als finde er ein gefühlloſes Vergnügen daran, die leeren Stellen und die Marken zu zeigen, wo vordem wohlbekannte Gegenſtände gehangen und geſtanden hatten. Sein Geiſt hielt ſtetig den Ein⸗ druck feſt, der ſich in jeder ſeiner Reden kund gab, daß er den Brief von Mr. Gore erſt geſtern erhalten habe; und wenn man ihm begreiflich zu machen ſuchte, daß ſeitdem ſchon ſo viele Wochen abgelaufen ſeien, ſo verwiſchte ſich dieſe Vorſtellung bald wieder in neuen Vergeßlichkeitsanfällen, und ſelbſt Mr. Turnbull begann an der Möglichkeit zu verzweifeln, ihn durch vorläufige Mittheilungen auf den Stand vorzubereiten, in welchem er die Dinge im Haus finden würde. Eine volle Erkenntniß der Gegen⸗ „ V 115 wart ließ ſich ihm nur allmählich durch neue Wahr⸗ nehmungen, nicht aber durch bloße Worte beibringen, da dieſe die Eindrücke alter Erfahrungen nicht zu verwiſchen vermochten. Der Entſchluß, hinunter zu gehen, erfüllte daher Mrs. Tulliver und die Kinder mit einer wahren Zitterangſt. Die Erſtere bedeutete Tom, daß er nicht um die gewöhnliche Stunde nach St. Oggs gehen, ſondern abwarten und den Vater nach der untern Stube hinunterführen ſolle, und Tom gehorchte dieſer Aufforderung, obſchon er nur mit ſchmerzlichem Herzweh der bevorſtehenden Scene entgegenſah. Alie Drei fühlten ſich während der letzten Paar Tage tiefer niedergedrückt als je; denn Gueſt und Co. hatten die Mühle nicht angekauft. Letztere war ſammt dem Gut Mr. Wakem zugeſchla⸗ gen worden, der nach dem Kauf ſelbſt nach der Mühle kam und in Mrs. Tullivers Gegenwart vor Mr. Deane und Mr. Glegg ſeine Bereitwilligkeit erklärte, den alten Müller im Fall ſeiner Geneſung als Verwalter anzunehmen. Dieſer Vorſchlag hatte zu vielen Familendebatten Anlaß gegeben. Onkel und Tanten waren faſt einmüthig der Anſicht, daß ein ſolches Erbieten nicht zurückgewieſen werden dürfe, wenn nichts Weiteres im Weg ſtehe, als eine vorgefaßte Meinung in Mr. Tullivers Kopf, die, da weder Tanten noch Onkel ſie theilten, natürlich nur als unvernünftige, kindiſche Grille, eigentlich als eine ungerechte Uebertragung des Unwillens und Haſſes auf Mr. Wakem zu betrachten ſei, welche Mr. Tulliver mit mehr Fug wegen ſeiner Streitſucht im Allgemeinen und ſeiner Proceſſirluſt im Be⸗ ſonderen ſich ſelbſt zuwenden ſollte. Bier war ihm 116 eine Gelegenheit geboten, für ſein Weib und ſeine Tochter zu ſorgen, ohne daß die Verwandten ſeiner Frau in Anſpruch genommen wurden und ohne daß der Schein jener völligen Verarmung auf ihn fiel, welche für achtbare Leute in einem Grade läſtig wird, daß ſie den ſo herunter gekommenen Fa⸗ milienmitgliedern ſogar unterwegs zu begegnen ſich ſcheuen. Mrs. Glegg war der Meinung, Mr. Tulli⸗ ver dürfe, wenn er wieder richtig im Kopf ſei, wohl fühlen, daß er ſich nie genug demüthigen könne; denn es ſei gerade ſo gekommen, wie ſie es immer vorausgeſehen habe von ſeiner früheren Unverſchämt⸗ heit„gegen die beſten Freunde, an die er ſich wenden konnte.“ Mr. Glegg und Mr. Deane verhielten ſich weniger ſchroff in Kundgebung ihrer Anſichten, meinten aber doch, Tulliver habe durch ſeine hitz⸗ köpfigen Grillen Unheil genug angerichtet und dürfe ihnen deßhalb wohl den Abſchied geben, wenn ſein Unterhalt in Frage komme; Wakem benahm ſich in dieſer Sache als ein gefühlvoller Mann, der gegen Tulliver keinen Groll hegte. Tom dagegen legte Ver⸗ wahrung ein gegen dieſen Vorſchlag und wollte nicht, daß ſich ſein Vater unter Wakem gebe, da ihm ein ſolcher Schritt als gemein und niedrig erſchien, wäh⸗ rend der Hauptjammer ſeiner Mutter darin beſtand, ſie werde ihren Mann nie dazu bewegen können, daß er ſich gegen Wakem ordentlich benehme und auf die Stimme der Vernunft höre; nein, in ſeinem Groll gegen Wakem würde er lieber ſie alle in einem Schweinſtall wohnen laſſen, trotzdem daß dieſer Herr geſprochen, wie es kein Menſch„ſchöner hätte thun können.“ In der That hatte das Ge⸗ 117 fühl ihres beiſpielloſen Unglücks, gegen das ſie ohne Unterlaß die Frage ſchleuderte:„Ach du mein Him⸗ mel, mit was hab' ich doch verſchuldet, daß es mir ſchlechter geht, als allen anderen Frauen?“ ſo ver⸗ wirrend auf ſie gewirkt, daß Maggie zu argwöhnen begann, daß ihre arme Mutter wirklich überſchnappt ſei. „Tom,“ ſagte ſie, als ſie mit ihrem Bruder das Krankenzimmer verließ,„wir müſſen verſuchen, dem Vater ein wenig begreiflich zu machen, was vorge⸗ fallen iſt, ehe er herunter kömmt. Aber die Mutter darf nicht dabei ſein; denn ſie fährt mit Reden darein, die Alles verderben. Sag' zu Kezia, ſie ſolle ſie hinunter holen und mit etwas in der Küche be⸗ ſchäftigen!“ Kezia verſtund ſich gut auf dieſe Aufgabe. Nach⸗ dem ſie ihre Abſicht erklärt hatte,„mit oder ohne Lohn“ im Haus zu bleiben, bis der Meiſter wieder umhergehen könne, ſuchte ſie für das Opfer, das ſie brachte, darin eine gewiſſe Entſchädigung, daß ſie die Gebieterin ihr ſcharfes Regiment fühlen ließ und ſie fleißig ausſchalt, wenn ſie„ſich ſelbſt ſo verwahr⸗ loste“ und den ganzen Tag in der Schlafhaube um⸗ herlief, daß man„ein Geſpenſt in ihr zu ſehen meinte.“ Dieſe Unglückszeit war für Kezia ein wahres Satur⸗ nalienfeſt, denn ſie konnte mit ungeſtörter Freiheit gegen ihre Herrſchaft den Mund brauchen. Bei dem gegenwärtigen Anlaß handelte es ſich um das Herein⸗ ſchaffen von Trockenwäſche; ſie verlangte zu wiſſen, ob Ein Paar Hände Alles im und außer dem Haus beſorgen könne, und fügte die Bemerkung bei, nach ihrer Meinung würde es Mrs. Tulliver nicht ſcha⸗ den, wenn ſie eine ordentliche Haube aufſetze und 118 dadurch, daß ſie das nöthige Stück Arbeit beſorge, ſich ein wenig verlufte. Die arme Mrs. Tulliver ging ergebungsvoll die Treppen hinunter. Sich von der Magd commandiren zu laſſen, war der letzte Ueberreſt von ihrer Haushaltungswürde— ach, ſie ſollte bald keinen Dienſtboten mehr haben, von dem ſie geſcholten werden konnte. Mr. Tulliver ruhte nach der Anſtrengung des Ankleidens ein wenig in ſeinem Seſſel aus, und Maggie und Tom ſaßen neben ihm, als Lucas herein⸗ kam, um zu fragen, ob er dem Meiſter hinunter⸗ helfen ſolle. „Ja, ja, aber wart noch ein wenig, Lucas— ſetz' Dich,“ antwortete Mr. Tulliver, indem er mit ſeinem Stock auf einen Stuhl deutete und ihn mit jenem beharrlichen Blick anſchaute, welchen man oft bei Reconvalescenten ihren Krankenwärtern gegenüber bemerkt und der ſo ſehr an den des Kindes erinnert, wenn es ſich nach ſeiner Amme umſieht. Lucas hatte ſich nämlich bei den Nachtwachen an dem Kranken⸗ lager ſeines Herrn treulich betheiligt. „Wie ſteht's jetzt mit dem Waſſer, Lucas?“ ſagte Mr. Tulliver.„Der Dix hat Dir wohl keinen Aer⸗ ger mehr gemacht?“ „Nein, Sir; es iſt Alles in Ordnung.“ „Ich dachte mir's. Er wird nicht ſo bald wieder Mäuſe machen, nun ihm der Riley dafür gethan hat. Ich hab's erſt geſtern zu Riley geſagt.... ich ſagte ihm.... Mr. Tulliver hatte ſich vorgebeugt, ließ ſeine Ellenbogen auf den Armlehnen des Stuhls ruhen und ſah ſich auf dem Boden um, als ob er etwas 8 119 ſuche— einem gegen den Schlummer ankämpfenden Menſchen gleich, der entſchwindende Bilder feſtzuhal⸗ ten ſucht. Maggie blickte mit ſtummem Jammer auf Tom.— Der Geiſt ihres Vaters ſchwebte ſo weit ab von der Gegenwart, die ihm doch allmählich nahe gerückt werden mußte. Tom hatte gute Luſt, mit der Ungeduld ſchmerzlicher Erregung, welche immer den Unterſchied zwiſchen Jüngling und Jungfrau, Mann und Weib bedingt, aus dem Zimmer fortzu⸗ ſtürzen. „Vater,“ ſagte Maggie, ihre Hand auf die ſei⸗ nige legend,„erinnert Ihr Euch denn nicht mehr, daß Riley todt iſt?“ „Todt?“ entgegnete Mr. Tulliver in ſcharfem Ton, indem er ihr mit einem ſeltſamen fragenden Blick in's Geſicht ſah. „Es iſt ja faſt ein Jahr her, daß er am Schlag ſtarb. Ich erinnere mich noch, daß Ihr ſagtet, Ihr hättet Geld für ihn zu bezahlen. Und er hinterließ ſeine Töchter in ſehr dürftiger Lage— eine von ihnen iſt Unterlehrerin bei Miß Firniß, bei der ich, wie Ihr wißt, in der Schule war....“ „So?“ verſetzte ihr Vater mit ungläubiger Miene, während er fortfuhr, ihr in's Geſicht zu ſehen. So⸗ bald aber Tom zu ſprechen begann, richtete er die⸗ ſelben fragenden Blicke auf dieſen, als wundere er ſich über die Anweſenheit der beiden jungen Leute. So oft ſein Geiſt ſich in die ferne Vergangenheit zurückverirrte, ſchien er ihre gegenwärtigen Geſichter zu vergeſſen; ſie waren nicht die des Knaben und der kleinen Dirne aus jener frühen Zeit. „Es iſt ſchon lange, daß Ihr den Streit mit 120 Dix hattet, Vater,“ ſagte Tom.„Ich hörte Euch ſchon vor drei Jahren davon ſprechen, noch ehe ich in Mr. Stellings Schule kam. Erinnert Ihr Euch nicht, daß ich drei Jahre in der Schule geweſen bin?“ Mr. Tulliver warf ſich wieder zurück; der kindiſche Blick verlor ſich unter dem Andrang neuer Ideen, die ihn von den Eindrücken ſeiner Umgebung ablenkten. „Ja, ja,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe, „ich habe viel Geld auslegen müſſen... ich wollte, daß mein Sohn eine gute Erziehung erhielt. Mir ſelbſt iſt gar keine zu Theil geworden, und ich habe wohl empfunden, wie gefehlt dies war. Er wird kein anderes Vermögen mehr brauchen— das iſrt's, was ich immer ſage— wenn etwa der Wakem Mei⸗ ſter über mich wird.“ Der Gedanke an Wakem regte andere an, und nach einer kleinen Weile begann er den Rock, den er anhatte, zu betrachten und in der Seitentaſche umherzuſtören. Auf einmal wandte er ſich gegen Tom und fragte in ſeinem früheren ſcharfen Ton: „Wo iſt Gore's Brief hingekommen?“ Er befand ſich ganz in der Nähe, in einem Schubfach der Kommode, denn Mr. Tuliver hatte ſchon früher oft nach ihm gefragt. „Ihr wißt, was in dem Briefe ſteht, Vater?“ fragte Tom, als er ihm das Schreiben hinbot. „Natürlich weiß ich's,“ entgegnete Mr. Tulli⸗ ver etwas gereizt.„Was macht's auch? Wenn Furley das Anweſen nicht an ſich ziehen kann, ſo kann's ein Anderer. Es gibt noch viele Leute in der Welt außer Furley. Aber mein Unwohlſein iſt ein Hinderniß. Geh, Lucas, und laß das Gig ein⸗ 121 ſpannen. Ich kann jetzt ſchon nach St. Oggs fah⸗ ren— Gore erwartet mich.“ 4 „Nein, lieber Vater!“ ergriff Maggie in bitten⸗ dem Tone das Wort.„Das i*ſt längſt vorbei. Ihr ſeid viele Wochen— mehr als zwei Monate krank geweſen, und ſeitdem iſt Alles anders geworden.“ Mr. Tulliver betrachtete die Drei abwechſelnd mit verdutzter Miene. Der Gedanke, es ſei allerlei vorgefallen, von dem er nichts wußte, war ſchon früher flüchtig in ihm aufgetaucht, vergegenwärtigte ſich ihm aber jetzt mit dem vollen Gewicht der Neuheit. „Ja, Vater,“ ſagte Tom als Antwort auf dieſen Blick.„Ihr braucht Euch wegen des Geſchäfts keine Unruhe zu machen, bis Ihr wieder ganz wohl ſeid. Vorläufig iſt Alles erledigt— was die Mühle, das Gut und die Schulden betrifft.“ „Was iſt erledigt?“ fragte der Vater zornig. „Laßt's Euch nicht zu ſehr anfechten, Meiſter,“ ſagte Lucas.„Ihr hättet Jedermann bezahlt, wenn Ihr gekonnt hättet— ich hab' immer zu Maſter Tom geſagt, daß Ihr Jedermann bezahlt haben würdet, wenn Ihr gekonnt hättet.“ Nach der Art genügſamer, an ſchwere Arbeit gewöhnter, dienender Perſonen fühlte der gute Lucas jene natürliche Schmiegſamkeit in den Rang, welche ihm das Unglück ſeines Gebieters im Licht einer Tragödie erſcheinen ließ. Er ſah ſich gedrungen, in ſeiner langſamen Weiſe etwas zu ſagen, an dem man ſeine Theilnahme an der Familie erkennen konnte, und die Worte, deren er ſich gegen Tom zu bedie⸗ nen pflegte, wenn er die volle Heimzahlung ſeiner fünfzig Pfund aus dem Sparhafen der Kinder ab⸗ 122 lehnen wollte, waren ſeiner Zunge am geläufigſten; aber gerade ſie machten den peinlichſten Eindruck auf den wirren Geiſt ſeines Herrn. „Jedermann bezahlt?“ rief er in heftiger Auf⸗ regung, während ſein Geſicht glühte und ſeine Augen funkelten.„Wie— was— hat man mich zum Gantmann gemacht?“ „O Vater, lieber Vater!“ ſagte Maggie, welcher dieſes ſchreckliche Wort den Sachverhalt am richtig⸗ ſten auszudrücken ſchien,„ertragt es mannhaft, denn Ihr habt noch Eure Kinder, die Euch lieben und immer lieben werden. Tom ſagt, er wolle Alles bezahlen, wenn er einmal ein Mann ſei.“ Sie fühlte, daß ihr Vater zu zittern begann. Auch ſeine Stimme bebte, als er nach einigen Au⸗ genblicken erwiederte: „Ach, meine kleine Dirn, ich habe keine zwei Leben.“. „Aber vielleicht erlebt Ihr es doch noch, daß ich Eure Gläubiger bis auf den letzten Pfennig befriedige, Vater,“ ſagte Tom mit gebrochener Stimme. „Ach, mein Junge,“ verſetzte Mr. Tulliver, in⸗ dem er langſam den Kopf ſchüttelte,„was einmal zerbrochen iſt, wird nie wieder ganz, und es wäre dann Deine That, nicht die meinige. Du biſt erſt ſechszehn,“ fuhr er, zu ihm aufblickend, fort,„und haſt einen ſchweren Lebenskampf vor Dir; aber Du mußſt's nicht Deinem Vater zur Laſt legen, der eben ein Opfer der Schurkerei geworden iſt. Ich habe Dir eine gute Erziehung gegeben— die wird Dich vorwärts bringen.“ In ſeiner Kehle verfing ſich etwas, ſo daß ſeine 123 letzten Worte faſt erſtickt wurden. Die Röthe, welche ſeine Kinder beunruhigt hatte, weil ſie ſo oft die Vorläuferin des epileptiſchen Anfalls geweſen, war jetzt gewichen, und die Muskeln ſeines blaſſen Ge⸗ ſichtes bebten. Tom ſchwieg und rang noch immer mit ſeiner Neigung, davon zu laufen.“ Sein Vater blieb eine Weile ruhig; ſein Geiſt ſchien nicht wieder auf Abwege zu gerathen. „Man hat mir alſo ausverkauft?“ ſagte er in dem gefaßten Tone eines Mannes, der einfach über etwas Vorgefallenes ſich unterrichten will. „Es iſt Alles verkauft, Vater; doch wiſſen wir noch nicht genau, wie es mit der Mühle und dem Gut ſteht,“ verſetzte Tom, der ängſtlich jeder Frage über die Thatſache, daß Wakem der Käufer war, vorbeugen wollte. „Es darf Euch nicht wundern, Vater, wenn es in der Stube drunten recht kahl ausſieht,“ ſagte Maggie;„doch iſt Euer Stuhl noch da und der Kaſten— dieſe Stücke ſind nicht fort.“ „Ich will hinunter— hilf mir, Lucas— ich will mich durch den Augenſchein überzeugen,“ ſagte Mr. Tulliver, indem er ſich auf den Stock ſtützte und ſeine andere Hand Lucas hinhielt. „Ja, Sir,“ verſetzte Lucas, ſeinem Herrn den Arm bietend,„Ihr werdet Euch eher darein finden können, wenn Ihr Alles geſehen habt; man gewöhnt ſich dann daran. So pflegte meine Mutter zu ſagen wegen ihres kurzen Athems— ſie ſagte, ſie ſei jetzt gut Freund mit ihm geworden, obſchon ſie ſich an⸗ fangs grauſam gegen ihn gewehrt habe.“ 124 Maggie eilte voraus, um zu ſehen, ob in dem trübſeligen Stübchen, wo das in den Strahlen der kalten Sonne matt erſcheinende Feuer einen Theil der allgemeinen Armſeligkeit zu bilden ſchien, Alles in Ordnung ſei. Sie ſtellte für ihren Vater den Stuhl zurecht, ſchob den Tiſch bei Seite um ihm einen beſſern Weg zu ſchaffen, und ſtellte ſich mit klopfendem Herzen neben das Feuer, um Zeuge zu ſein, wie er eintrat und ſich zum erſtenmal umſah. Tom kam mit dem Fußſchemel voraus und trat an Maggie's Seite. Von dieſen beiden jungen Herzen hatte das des armen Tom am bitterſten zu leiden, denn ungeachtet der Tiefe ihres Gefühls glaubte Maggie in dem Unglück einen um ſo weiteren Spiel⸗ raum für die Liebe ihrer leidenſchaftlichen Seele zu ſehen. Solche Empfindungen ſind dem ächten Knaben fremd; er geht lieber hin, um den nemeiſchen Löwen zu erſchlagen oder eine ganze Reihe von Helden⸗ arbeiten auszuführen, als daß er ſich den ſtetigen Be⸗ rufungen an ſein Mitleid wegen Uebeln ausſetzt, über die er keinen Sieg erringen kann. Mr. Tulliver machte, von Lucas unterſtützt, auf der Schwelle Halt und ließ ſeinen Blick über alle die leeren Stellen hingleiten, an denen für ihn noch die Schatten der verſchwundenen Gegenſtände, der täglichen Gefährten ſeines Lebens, hafteten. Seine geiſtigen Vermögen ſchienen aus dieſer Anſprache an ſeine Sinne eine neue Kraft zu ſchöpfen. „Ah,“ ſagte er, langſam auf ſeinen Stuhl zu⸗ gehend,„man hat mir ausverkauft— man hat mir ausverkauft.“ Dann ſetzte er ſich, legte, während Lucas das 125 Zimmer verließ, ſeinen Rock nieder und ſchaute auf's Neue umher. „Sie haben mir doch die große Bibel gelaſſen,“ ſagte er.„Es ſteht Alles darin— wann ich ge⸗ boren wurde und wann ich heirathete— bringe mir ſie her, Tom.“ Die Quartbibel wurde mit aufgeſchlagenem Vor⸗ ſetzblatt vor ihn hingelegt, und während er den Buch⸗ ſtaben langſam folgte, trat Mrs. Tulliver ein, die in ſtummem Erſtaunen ſtehen blieb, als ſie ihren Mann ſchon unten und mit der großen Bibel vor ſich ſah. „Da iſt der Name meiner Mutter, Margaretha Beaton,“ ſagte er.„Sie ſtarb in ihrem Siebenund⸗ vierzigſten; in ihrer Familie hat's Niemand zu einem hohen Alter gebracht. Wir ſind unſerer Mutter Kinder— Gritty und ich— man wird uns wohl auch bald unſer letztes Bette zurichten.“ Er ſchien bei der Einzeichnung des Geburts⸗ und Hochzeitstages ſeiner Schweſter zu verweilen, als knüpften ſich neue Gedanken daran; dann ſchaute er Wöbliih zu Tom auf und ſagte in beunruhigtem one: „Man hat doch Moß nicht wegen des Geldes — angegangen, das ich ihm borgte?“ „Nein, Vater; die Handſchrift iſt verbrannt wor⸗ den,“ antwortete Tom. Mr. Tulliver richtete ſeine Blicke wieder auf das Blatt und fuhr fort: „,Ah.... Eliſabeth Dodſon.... es iſt achtzehn Jahre, ſeit ich ſie heirathete....“ „Nächſte Mariä Verkündigung,“ bemerkte Mrs. 0ℳ 126 Tulliver, an ſeine Seite tretend und gleichfalls in die Bibel ſchauend. Ihr Mann heftete ſeine Augen ernſt auf ihr Geſicht. „Arme Beſſy,“ ſagte er,„Du biſt damals ein ſchönes Mädel geweſen— Jedermann ſagte dies— und ich meinte immer, Du habeſt Dich merkwürdig gut erhalten. Aber jetzt haſt Du traurig gealtert. Trage mir keinen Groll nach— ich habe es gut mit Dir gemeint. Wir haben gelobt, treulich mit ein⸗ ander Freud' und Leid zu tragen....“ „Aber ich habe nie gedacht, daß es ſo gar ſchlimm kommen könnte,“ entgegnete die arme Mrs. Tulli⸗ ver mit dem befremdlich ſcheuen Blick, den man ſeit der letzten Zeit ſtetig an ihr bemerkte.„Mein armer Vater hat mich weggegeben.... und daß Alles ſo auf einmal hereinbrechen mußte....“ „O Mutter, ſprecht doch nicht ſo,“ unterbrach ſie Maggie.⸗ „Ja, ich weiß wohl, daß Du Deine arme Mutter nicht reden laſſen willſt.... das hab ich mein gan⸗ zes Leben über von Dir erfahren müſſen. Dein Vater hat nie darauf geachtet, was ich ſagte, wie ſehr ich auch bitten und betteln mochte.... und er thät' es auch jetzt noch nicht, ſelbſt wenn ich mich auf Hände und Kniee vor ihm niederließe.“ „Rede nicht ſo, Beſſy,“ entgegnete Mr. Tulliver, deſſen Stolz in den erſten Augenblicken der Demü⸗ thigung zurücktrat vor dem Bewußtſein, daß ſeine Frau mit ihrem Vorwurf nicht ganz Unrecht habe. „Wenn etwas geſchehen kann, wodurch Dir einiger Erſatz geboten wird, ſo werde ich nicht Nein ſagen.“ 127 „Dann könnten wir ja hier bleiben und unſeren Unterhalt gewinnen... und ich behielte meine Schwe⸗ ſtern in der Nähe. Ich bin immer ein rechtſchaffenes Weib gegen Dich geweſen und habe Dir die ganze liebe lange Woche nie eine Widerrede gethan.... und Alle ſagen ſo.... ſie ſagen, es könne ſich nicht beſſer ſinden... nur biſt Du ſo gegen Wakem ein⸗ genommen.“. „Mutter,“ ſagte Tom mit Strenge,„dies iſt keine Zeit, um von ſolchen Dingen zu reden.“ „Laß ſie machen,“ entgegnete Mr. Tulliver. „Sprich, was Du meinſt, Beſſy.“ „Jenun, da die Mühle und das Gut Wakem gehört und er Alles in Händen hat, ſo hilft es ja doch nichts, den Kopf gegen ihn aufzuſetzen. Wenn er nun zu Dir ſagt, Du könneſt dableiben, und dies mit ſo ſchönen Reden thut, als man nur verlangen kann, und er ſagt, Du ſolleſt dem Geſchäft als Ver⸗ walter vorſtehen gegen dreißig Schillinge in der Woche, und ſolleſt ein Pferd haben, um auf den Markt zu reiten? Ach, wo können wir nur unſere Köpfe hinlegen! Wir müßten in eine von den Hütten ihm Dorfe ziehen. Oh, daß es mit mir und meinen Kindern ſo weit kommen mußte.... und Alles dies, weil Du immer mit Deinem Kopf gegen die Leute anrannteſt, bis alle Umkehr zu ſpät war.“ Mr. Tulliver war zitternd auf ſeinen Stuhl zurückgeſunken. „Du kannſt mit mir anfangen, was Du willſt, Beſſy,“ ſagte er mit tonloſer Stimme.„Ich habe Dich in Armuth gebracht.... die Welt iſt zu viel für 128 mich geweſen.... ich bin nichts als ein Gantmann. Was nützt mich nun alles Kämpfen und Wehren?“ „Vater,“ ſagte Tom,„ich bin mit der Mutter und den Onkeln nicht einverſtanden und meine, es ſei nicht nöthig, daß Ihr Euch unter Wakem gebt. Ich verdiene wöchentlich ein Pfund, und wenn Ihr wieder wohl ſeid, werdet Ihr ſchon eine andere Be⸗ ſchäftigung finden.“ „Schweig, Tom; nichts mehr davon— ich habe für heute ſchon genug gehabt. Gib mir einen Kuß, Beſſy; wir dürfen einander keinen Groll nachtragen. Wir werden nicht wieder jung.... Dieſe Welt iſt zu viel für mich geweſen.“ Neuntes Kapitel. Ein Zuſatz zu dem Familienregiſter. Dieſem erſten Moment der Ergebung und Füg⸗ ſamkeit folgten Tage eines ungeſtümen Kampfes in dem Geiſt des Müllers, da die allmähliche Zunahme körperlicher Kraft ihn mehr und mehr befähigte, die peinlichen Verhältniſſe, in denen er ſich befand, in Einen Blick zuſammen zu faſſen. Schwache Glieder ſind leicht gefeſſelt, und dem durch Krankheit Ge⸗ feſſelten ſcheint es möglich, Zuſagen zu erfüllen, die er nicht halten kann, wenn die alte Kraft zurückkehrt. Es gab Zeiten, in welchen der arme Tulliver in der Einhaltung des ſeiner Frau gegebenen Verſprechens eine nicht zu ertragende Ueberbürdung der menſch⸗ lichen Natur ſah; ſeine Zuſage ſchrieb ſich aus einer Zeit her, in welcher er nicht wußte, was er ihr 129 antworten ſollte, und ſie hätte eben ſo gut von ihm verlangen können, die Laſt einer ganzen Tonne auf ſeinen Rücken zu nehmen. Dann ſprach wieder ſo manches für ſie, abgeſehen von dem Vorwurf, der ohne Unterlaß an ſeiner Seele nagte, daß er ſie durch den Chebund mit ihm unglücklich gemacht hatte. Wenn er ſeinen Verbrauch nun auf das Allernoth⸗ wendigſte beſchränkte, ſo war es vielleicht möglich, aus dem Erſparten ſeinen Gläubigern eine zweite Dividende zu bezahlen, und es ging nicht leicht, an⸗ derwärts eine Stelle aufzufinden, die er ausfüllen könnte. Er war an ein gemächliches Leben und Be⸗ fehlen ohne viel eigenes Handanlegen gewöhnt und hatte kein Geſchick für ein neues Geſchäft. Vielleicht mußte er gar zum Taglöhnen greifen und ſein Weib den Beiſtand ihrer Schweſtern nachſuchen— eine für ihn um ſo bitterere Ausſicht, da ſie ſämmtliches Eigenthum, auf das Beſſy beſondere Stücke hielt, hatten verkaufen laſſen, wahrſcheinlich, weil ſie die⸗ ſelbe gegen ihn verhetzen wollten, indem ſie ihr zu fühlen gaben, daß er ſie ſo weit gebracht habe. Wenn ſie kamen, um durch ihren Zuſpruch ihn zu dem zu drängen, was ſie ſeinem Weib gegenüber als ſeine Pflicht erklärten, ſo hörte er ihnen mit abgewandten Augen zu, obſchon er ihnen verſtohlen wilde Blicke zuwarf, wenn ſie ihm den Rücken zu⸗ wandten. Nur die Furcht, daß er ihres Beiſtandes bedürfen könnte, erleichterte in ihm den Entſchluß, auf ihren Rath einzugehen. Den mächtigſten Einfluß übte jedoch die Anhäng⸗ lichkeit an den Boden, auf dem er, wie nachher Tom, als Knabe herumgelaufen war. Die Tulliver Eliot, Die Mühle am Floß. II. 9 130 hatten ſeit Generationen auf dem Gut gelebt und er ſelbſt auf einem Schemel ſitzend ſeinem Vater zu⸗ gehört, wenn dieſer von der halbhölzernen Mühle erzählte, welche von der letzten großen Fluth ſo be⸗ ſchädigt wurde, daß ſein Großvater ſie niederreißen und neu aufbauen ließ. Als er wieder umhergehen und die alten Gegenſtände in Augenſchein nehmen konnte, fühlte er, daß ſeine Liebe zur Heimath ein Theil ſeines Lebens und Weſens war. Der Gedanke, anderswo wohnen zu müſſen, war ihm unerträglich; denn hier kannte er den Ton eines jeden Thors, einer jeden Thüre, und ſelbſt die Form und Farbe eines jeden Daches oder der vom Waſſer beſchädig⸗ ten Anhöhen machte einen wohlthätigen Eindruck auf die daran gewohnten Sinne. Unſere gebildete Land⸗ fahrerſippe, die kaum Zeit hat bei den heimiſchen Gehegen zu verweilen, ſondern früh nach den Tro⸗ pen enteilt und ſich unter den Palmen und Paradies⸗ feigen weit beſſer auskennt, kann ſich kaum eine Vor⸗ ſtellung machen von dem, was ein altmodiſcher Mann wie Tulliver für den Ort fühlte, welcher der Mittel⸗ punkt aller ſeiner Erinnerungen war, und wo ihm das Leben wie ein glatt abgegriffener Handwerks⸗ zeug erſchien, den ſeine Finger mit liebevoller Be⸗ quemlichkeit umfaſſen konnten. Und wie es in den unbeſchäftigten Tagen der Geneſung von einer ſchwe⸗ ren Krankheit zu geſchehen pflegt, war eben jetzt die Erinnerung an vergangene Zeiten beſonders friſch. „Ach, Lucas,“ ſagte er eines Nachmittags, als er unter dem Obſtgartenthor ſtand,„ich kann mir den Tag noch recht gut denken, an dem dieſe Aepfel⸗ bäume gepflanzt wurden. Mein Vater war ein ge⸗ 131 waltiger Baumliebhaber, und es galt ihm nur als Spaß, einen ganzen Karren voll junger Bäume ein⸗ zuſetzen. Ich pflegte in der Kälte dabei zu ſtehen und ihm überall wie ein Hündchen nachzulaufen.“ Dann wandte er ſich um, lehnte den Rücken gegen den Thorpfoſten und betrachtete die gegenüber⸗ liegenden Gebäude. „Ich denke, Lucas, die alte Mühle würde mich ver⸗ miſſen. Es geht eine Sage, daß der Fluß zürne, wenn die Mühle in fremde Hände komme— ich habe dies meinen Vater oft und vielmal ausſprechen hören. Man kann nicht wiſſen, was hinter derglei⸗ chen Sagen ſteckt, denn es iſt eine verzwickte Welt und Meiſter Urian hat einen Finger darin— für mich iſt ſie leider zu viel geweſen.“ „Ja, Herr,“ verſetzte Lucas, der in ſeiner Theil⸗ nahme ein Wort der Beruhigung anbringen wollte; „wenn ich an den Ruß im Waizen, an den Brand der Heuſchober und dergleichen Dinge denke, ſo muß ich ſagen, daß es oft kurios zugeht. So auch das Schinkenfett von unſerem letzten Schwein— das läuft davon wie Butter und bleibt nichts zurück als ein Bischen Schabſel.“ „Es iſt mir, als ſei es erſt geſtern,“ fuhr Mr. Tulliver fort,„daß mein Vater das Malzen anfing. An dem Tag, als das Malzhaus fertig wurde, meinte ich Wunder, was Großes geſchehen ſei; denn wir erhielten einen Roſinenpudding und es gab eine Art Feſt. Ich ſagte damals zu meiner Mutter— ſie war eine ſchöne ſchwarzäugige Frau, und wenn die kleine Dirn älter iſt, wird ſie ihr gleichen wie ein Ei dem andern“— Mr. Tulliver nahm jetzt 9* 132 ſeinen Stock zwiſchen die Beine und zog ſeine Tabaks⸗ doſe heraus, um deſto mehr Genuß von ſeiner Anec⸗ dote zu haben, die er nur bruchſtückweiſe vorbrachte, als ſei er zeitweilig der Gegenwart ganz entrückt. „Ich war ein kleiner Burſch und reichte meiner Mut⸗ ter kaum bis an's Knie— ſie war in uns Kinder, in Gritty und mich, ganz vernarrt— und ſo ſagte ich zu ihr, Mutter,“ ſagt' ich, ‚kriegen wir jetzt we⸗ gen des Malzhauſes alle Tage Roſinenpudding?⸗ Ich mußte dies noch oft bis zu ihrem Todestag hören. Sie war noch eine junge Frau, als ſie ſtarb, und ſeit der Erbauung des Malzhauſes ſind gut vierzig Jahre verfloſſen. Wie oft und oft hab' ich mich in dieſer Zeit in dem Hof da umgeſehen, denn es war alle Morgen, Jahr aus, Jahr ein, bei jedem Wetter mein erſtes Geſchäft. In einen neuen Platz könnte ſich mein Kopf nicht mehr finden, denn ich käme mir ſtets wie ein Verirrter vor. ˙s iſt freilich hart, wie ich auch die Sache anſehen mag — das Geſchirr wird mich elend drücken; aber's iſt doch ein Troſt darin, im alten Weg fortmachen zu können und nicht einen neuen aufſuchen zu müſſen.“ „Ja, Meiſter, hier iſt's immer noch viel beſſer, als an einem neuen Platz,“ verſetzte Lucas.„Ich kann die neuen Plätze auch nicht leiden— man hat da Alles viel ungeſchickter— Wagen mit ſchma⸗ len Radeiſen, ganz andere Zaunſteigen und an man⸗ chen Plätzen weiter oben am Floß Haberkuchen.'s iſt nichts, wenn man ſeine Gegend wechſelt.“ „Aber ich weiß nicht, Lucas, ob man nicht den Ben fortſchickt und verlangt, daß Du mit einem Buben auskommſt. Auch ich werde in der Mühle 133 mithelfen müſſen. Der Platz wird ſchlimmer für Dich, Lucas.“ „Thut nichts, Meiſter; das ſoll mich nicht an⸗ fechten,“ entgegnete Lucas.„Ich bin zwanzig Jahre bei Euch geweſen, die mir auch nicht mit Pfeifen hingegangen ſind. Man muß eben abwarten, was Gott, der Allmächtige, uns ſchickt. Ich kann mich nicht mehr an neue Koſt und an neue Geſichter ge⸗ wöhnen— wer weiß, ob man Euch nicht auch knapp genug halten wird.“ Der Spaziergang wurde nun vollends in Schwei⸗ gen beendigt, denn Lucas hatte ſich ſeiner Gedanken in einer Ausdehnung entladen, daß ſeine Conver⸗ ſationsquellen völlig erſchöpft waren, und Mr. Tul⸗ liver ging von ſeinen Erinnerungen zu einer peinlichen Erwägung der Mühſeligkeiten uͤber, die ihm, was er auch wählen mochte, bevorſtanden. Maggie bemerkte, daß er an jenem Abend beim Thee ungewöhulich zerſtreut war; nachher blieb er in ſeinem Stuhl vor⸗ gelehnt ſitzen, betrachtete den Boden, bewegte die Lippen und ſchüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf. Gelegentlich warf er einen Blick auf Mrs. Tulliver, die ihm gegenüber ſtricke, und dann auf Maggie, welche, während ſie über eine Näharbeit hingebeugt ſaß, tief fühlte, daß in ihres Vaters Geiſt etwas Wichtiges vorging. Plötzlich nahm er das Schür⸗ eiſen auf und zerſchlug ein Kohlenſtück mit großer Heftigkeit. „Ach, Mann, was geht Dir im Kopf um?“ ſagte Mrs. Tulliver, ihn erſchrocken anſehend.„Es iſt ja ſchreckliche Verſchwendung, die Kohlen zu zer⸗ ſchlagen, da wir kaum noch ein ſchönes Stück übrig 134 haben und nur Gott weiß, wo wir andere herkrie⸗ gen ſollen.“ „Ich glaube, Ihr ſeid heute Abend nicht recht vff Vater,“ bemerkte Maggie.„Ihr ſeid ſo un⸗ ruhig.“ „Wie kömmt's, daß Tom ſo lange nicht heim⸗ kehrt?“ entgegnete Mr. Tulliver ungeduldig. „Wie, iſt es denn ſchon Zeit? Da muß ich gehen und ſein Nachteſſen herrichten,“ ſagte Mrs. Tulliver, die ihr Strickzeug niederlegte und das Zimmer verließ. „Es iſt bald halb neun Uhr,“ ſagte Mr. Tulli⸗ ver.„Er kann nicht mehr lange ausbleiben. Hol die große Bibel herbei und ſchlag das erſte Blatt dif wo Alles aufgezeichnet iſt— auch Feder und inte.“ Verwundert gehorchte Maggie; aber ihr Vater ertheilte keine weiteren Befehle, ſondern blieb ſitzen und lauſchte, ob er nicht Toms Fußtritt auf dem Kies höre, nicht wenig ärgerlich über das Rauſchen des Windes, der alle anderen Laute übertäubte. Ein eigenthümliches Funkeln ſeiner Augen erſchreckte das Mädchen, und auch ſie begann zu wünſchen, daß Tom kommen möchte. „Da iſt er ja,“ rief Mr. Tulliver in aufgeregter Weiſe, als es endlich draußen klopfte. Maggie ging hinaus um die Thüre zu öffnen; aber ihre Mutter kam ihr von der Küche her zuvor und ſagte: „Halt, Maggie; ich will ihm aufmachen.“ Auch die Mutter war wegen ihres Knaben ängſt⸗ lich geworden und konnte es überhaupt nicht leiden, wenn ihm Jemand anders, als ſie, Dienſte leiſtete. 13⁵ „Deine Suppe ſteht am Küchenfeuer, Tom,“ ſagte ſie, indem ſie ihm den Hut und den Rock abnahm. „Du kannſt ſie ganz allein eſſen, und ich will Dich nicht dabei ſtören.“ „Ich denke, der Vater will etwas von Tom, Mutter,“ ſagte Maggie.„Er muß zuerſt in die Stube kommen.“ Tom trat mit ſeinem gewöhnlichen müden Abend⸗ geſicht in das Zimmer; aber ſeine Augen fielen als⸗ bald auf die offene Bibel und das Tintenfaß, und er warf einen Blick ängſtlicher Ueberraſchung auf ſeinen Vater, der ihn mit den Worten anredete: „Du kömmſt ſpät— nur näher, ich brauche Dich.“ „Iſt etwas vorgefallen, Vater?“ fragte Tom. „Setzt euch— ihr Alle,“ ſagte Mr. Tulliver befehlend.„Und Du, Tom, ſetz' Dich hierher. Du mußt mir etwas in die Bibel ſchreiben.“ Sie nahmen Platz und ſahen Mr. Tulliver an. Dieſer warf zuerſt einen Blick auf ſein Weib und begann dann langſam zu ſprechen: „Ich habe meinen Entſchluß gefaßt, Beſſy, und will Dir Wort halten. Wir werden miteinander in demſelben Grabe ruhen und dürfen einander nicht grollen. Ich will auf dem alten Platz bleiben und unter Wakem dienen— ja unter ihm dienen als ein ehrlicher Mann; merk Dir, Tom, daß kein Tulli⸗ ver je unehrlich geweſen iſt.“ Er erhob ſeine Stimme. „Man wird mir freilich vorhalten, daß nur eine Dividende bezahlt worden iſt— aber das war nicht meine Schuld, ſondern ſie haben's dem Umſtand zuzuſchreiben, daß es Schurken in der Welt gibt. Es ſind ihrer zuviel gegen mich geweſen und ich 136 muß nachgeben. Ich will meinen Hals in's Geſchirr ſtecken, denn Du haſt Recht, Beſſy, wenn Du ſagſt, daß ich Dich in's Unglück gebracht habe— und will ihm ſo ehrlich dienen, als ob er kein Schurke ſei. Ich bin ein ehrlicher Mann, wenn ich auch nie mehr den Kopf aufrecht tragen darf— ich bin ein gebrochener Baum— ja wohl, ein gebrochener Baum!“ Er hielt inne und ſah auf den Boden. Dann richtete er plötzlich das Haupt wieder auf und ſprach in lauterem, tieferem Tone: „Aber ich werde ihm nicht vergeben! Ich weiß, was man mir entgegenhält— er habe nie gegen mich Feindſchaft gehegt— damit entſchuldigt Meiſter Urian alle Spitzbübereien. Er war die Triebfeder der ganzen Geſchichte— aber er iſt ein vornehmer Mann,— ich weiß, ich weiß es. Man ſagt mir, ich hätte nicht proceſſiren ſollen; aber wer iſt Schuld daran, daß man nicht zu ſeinem Recht kommen kann? Ich weiß wohl, ihm iſt dies gleichgiltig, denn er gehört zu den feinen Herren, die ſich dadurch Geld machen, daß ſie ärmeren Leuten am Zeug flicken, und wenn er ſie zu Bettlern gemacht hat, ſo wirft er ihnen ein Almoſen zu. Ich vergebe ihm nicht! Möge er mit Schande beſtraft werden, ſo daß ſein eigener Sohn ſich ſeiner ſchäme. Ich wünſche, daß er etwas thun möge, was ihn in die Tretmühle bringt! Das iſt freilich nur ein eitler Wunſch, denn er iſt ein zu ſchlauer Spitzbube, als daß das Geſetz ihm beikommen könnte. Aber Du, Tom, merke Dir dies— Du darfſt ihm nie verzeihen, wenn Du mein 4 Sohn heißen willſt. Es kömmt vielleicht eine Zeit, 137 daß Du's ihm heimgeben kannſt— ich darf nicht darauf hoffen, denn mein Haupt iſt unter das Joch gebeugt. Jetzt ſchreibe— ſchreib' es in die Bibel.“ „O Vater, was?“ ſagte Maggie, die bleich und zitternd auf die Kniee niederſank.„Es iſt eine ſchwere Sünde zu fluchen und Haß im Herzen zu tragen.“ „Es iſt keine Sünde, ſag' ich Dir,“ entgegnete ihr Vater mit Heftigkeit.„Sünd' und Schande iſt's, daß die Schurken oben auf ſchwimmen— es iſt Teufelswerk. Thu', wie ich Dir ſage, Tom— ſchreib'.“ „Was ſoll ich ſchreiben, Vater?“ fragte Tom mit düſterer Ergebung. „Schreib: Dein Vater, Edward Tulliver, habe Dienſt genommen unter John Wakem, dem Mann, der ihn zu Grunde richten half, weil ich meinem Weibe verſprochen, ihr Elend nach allen meinen Kräften zu mildern, und weil ich ſterben wollte an dem alten Platz, wo ich und ſchon mein Vater vor mir geboren wurde. Faß' es in die rechten Worte — Du weißt ſchon, wie— und dann ſchreib', daß ich gleichwohl dem Wakem nicht vergebe; und ob⸗ gleich ich ihm ehrlich dienen wolle, ſo wünſche ich ihm, daß Unheil ſeinen Schritten folge. Schreib' dies.“ Es herrſchte eine Todtenſtille, während Toms Feder ſich auf dem Papier fortbewegte. Mrs. Tul⸗ liver zeigte eine verſchüchterte Miene, und Maggie zitterte wie ein Laub. „Nun laß mich hören, was Du geſchrieben haſt,“ ſagte Mr. Tulliver.. Tom las laut und langſam. „Jetzt ſchreib’— ſchreib', daß Du eingedenk ſein 138 wolleſt deſſen, was Wakem Deinem Vater gethan, und daß es Dein Entſchluß ſei, es ihm heimzube⸗ zahlen, wenn Du je Gelegenheit fändeſt. Dann unterſchreib' es mit Deinem Namen— Thomas Tulliver.“ 4 „Oh nein, Vater, lieber Vater!“ rief Maggie in tiefſter Herzensangſt.„Ihr ſolltet Tom dies nicht ſchreiben laſſen.“ „Sei ruhig, Maggie,“ ſagte Tom.„Ich ſchreib' es.“ Viertes Buch. Das Chal der Demüthigung. Erſtes Kapitel. 2 Eine Variante des Proteſtantismus, die Boſſuet nicht bekannt war. Wer ſchon an einem ſchönen Sommertag die Rhone hinabgefahren iſt, hat vielleicht einen pein⸗ lichen Eindruck in dem Gegenſatz gefühlt, den die ſonnige Landſchaft an manchen Stellen des Ufers gegen die verfallenen Dörfer macht; denn ſie erzäh⸗ len, wie einmal der reißende Strom einem zürnen⸗ den, zerſtörungsluſtigen Dämon gleich über das um⸗ wohnende ſchwache Menſchengeſchlecht hinfegte und ſeine Wohnſtätten zur Wüſte machte. Wie ganz anders iſt die Wirkung der Trümmer von gewöhnlichen Bauernhäuſern, die in ihren beſten Tagen nur der Tummelplatz eines ärmlichen Lebens waren und mit ihren Einzelnheiten nur unſerer gemeinen Alltagswelt angehören, wenn man ſie mit dem Eindruck vergleicht, welchen auf den Beſchauer die Burgruinen am Rhein machen— ſie, die auch in ihrer Zerbröckelung mit dem zackigen Fels und ſeinen grünen Stellen in eine ſolche Harmonie treten, daß ſie darauf gewach⸗ ſen zu ſein ſcheinen wie die Bergſichte, die ihnen 142 zur Folie dient; ja ſelbſt in den Tagen ihres jungen Entſtandenſeins müſſen ſie ſchon ſo wunderbar in die Landſchaft gepaßt haben, als ſeien ſie hergeſtellt worden von einem erdgeborenen Geſchlecht, das von mächtigen Vorfahren einen großartigen Formen⸗ ſinn geerbt hatte. Das war eine romantiſche Zeit! Wenn jene Raubritter auch im Ruf trunkliebender Wütheriche ſtehen, ſo iſt an ihnen doch eine gewiſſe Großartigkeit, die wir an den wilden Thieren des aldes bewundern, nicht zu verkennen. Sie waren die Eber des Forſts, deren Hauer man fürchtete, nicht die gewöhnlichen, im Koth wühlenden Haus⸗ ſchweine; ſie ſtellten den Dämon Gewalt dar im Widerſpiel gegen Schönheit, Tugend und edle häus⸗ liche Sitte, und erſcheinen in dem Bild jener Zeit als intereſſanter Gegenſatz zu dem wandernden Minne⸗ ſänger, der roſenwangigen Fürſtentochter, dem from⸗ men Einſiedler und dem ſchleichenden Juden. Es war eine buntfarbige Zeit, als das Sonnenlicht niederfiel auf blanken Stahl und flatternde Banner — eine Zeit des Wagens und trotzigen Kampfs, aber auch lebenvoller, chriſtlicher Kunſt und religiöſer Begeiſterung, denn verdanken jenen Tagen nicht die gothiſchen Tempelbauten ihre Entſtehung, und ver⸗ ließen nicht abendländiſche Kaiſer ihre Paläſte, um in dem geheiligten Orient vor den Feſten der Un⸗ gläubigen zu ſterben? Darum erfüllen die Ritter⸗ burgen am Rhein die Seele mit poetiſchen Geſühlen; ſie gehören dem großartigen Geſchichtleben der Menſch⸗ heit an und führen dem Geiſt die Bilder einer gan⸗ zen Epoche vor. Jene ſchwarzen, hohläugigen, ecki⸗ gen Gerippe von Dörfern an der Rhone dagegen ₰— — 290 ——— X K 14³ zwängen uns den peinlichen Gedanken auf, das menſchliche Leben, oder doch ſehr viel von demſelben ſei ein klägliches, Sichdahinſchleppen im Staub, das nicht einmal durch das Unglück gehoben, ſondern nur noch mehr in die kahle Alltäglichkeit hinabgedrückt wird, und wir können uns kaum des leidigen Gedankens er⸗ wehren, das Leben, deſſen Spuren in jenen Trümmern uns überliefert wurden, ſei nichts anderes geweſen, als ein Gewühl bedeutungsloſer Geſchöpfe, welche derſel⸗ ben Vergeſſenheit anheim zu fallen verdienen, wie eine entſchwundene Generation von Ameiſen und Bibern. Dem Gefühl, das uns jene Stellen an der Rhone bieten, ſteht kaum etwas ſo nah, als das⸗ jenige, welches uns bei der Beobachtung des alt⸗ modiſchen Familienlebens an den Ufern des Floß beſchleicht, indem ſelbſt das Leid ſchwerlich aus⸗ reicht, es über die Stufen des Tragicomiſchen zu erheben. Welch ein ordinäres Daſein, ſagſt du, führen dieſe Tulliver und Dodſone; nirgends ein lichter Punkt, weder Gefühlserhebung noch Roman⸗ tik oder fruchtbringende, ſelbſtverleugnende Glaubens⸗ treue; keine Anregung durch jene wilden, unbändigen Leidenſchaften, welchen die dunklen Schatten des Elends und Verbrechens entſpringen; nicht einmal die urzeitliche rohe Einfachheit der Bedürfniſſe, die harte Arbeit, die bei ſchlechtem Lohn keine Klage hervorruft, oder das kindliche Buchſtabiren in der Bibel der Natur, das dem Landleben ſeine Poeſie verleiht. Wir begegnen da der allerproſaiſchſten Lebensform: althergebrachten weltlichen Anſichten und Gewohnheiten ohne Bildung und feine Sitte, dem Beutelſtolz in einer verwitterten Kaleſche und einem — 144 dünkelhaften hohen Ton ohne den Schmuck des letz⸗ teren. Betrachtet man ſich die Leute näher, ſo findet man, ſelbſt wenn das Unglück ihr krampfhaftes An⸗ klammern an die Welt gelockert hat, kaum eine Spur von Religion, geſchweige denn die Wirkung eines wahren Chriſtenthums. Ihr Glauben an den Un⸗ ſichtbaren trägt, ſo weit er ſich kund gibt, faſt einen heidniſchen Charakter, und ihre ſittlichen Begriffe, an denen ſie zäh feſthalten, ſcheinen ſich nicht über den herkömmlichen Brauch zu erheben. Niemand möchte wohl gern unter einem ſolchen Volk leben, das kei⸗ nen Sinn für das Schöne, Große oder Edle hat, und man müßte ſich ſtetig ärgern über die langwei⸗ ligen Männer und Weiber als über eine Bevölke⸗ rung, welche in keinem Einklang ſteht mit der Erde, auf der ſie lebt— mit der ſchönen Ebene, in welcher der große Fluß ſtetig ſeine Wellen dahin wälzt und den kleinen Puls der alten engliſchen Stadt in Ver⸗ bindung bringt mit dem Klopfen des gewaltigen Weltherzens. Ein kräftiger Aberglauben, der ſeine Götter peitſcht oder ſeinen eigenen Rücken geißelt, ſcheint mit dem Geheimniß des menſchlichen Schick⸗ ſals mehr zuſammenzuſtimmen, als die geiſtige Ver⸗ faſſung ſolcher ameiſenartiger Dodſone und Tulliver. Dieſe Beſchränktheit macht auf mich denſelben peinlichen Eindruck; wir müſſen ſie aber uns verge⸗ genwärtigen, wenn wir ſollen begreifen können, wie ſie auf das Leben Toms und Maggie's wirkte— und wie ſie durch Generationen hindurch auf junge Na⸗ turen gewirkt hat, die ſich im Strom Dinge über das geiſtige Niveau ihrer Umgebung aufſchwan⸗ jaſ gen, obſchon ſie durch die ſtärkſten ern ihrer 14⁵ Herzen mit derſelben verbunden waren. Das Lei⸗ den, das zu jedem hiſtoriſchen Fortſchritt des Men⸗ ſchengeſchlechts gehört und ſeine Märtyrer oder Opfer fordert, findet ſolchergeſtalt ſeine Verkörperung in jeder Stadt und an Hunderten von dunklen Herden, und wir brauchen uns nicht zu ſcheuen vor dieſer Vergleichung des Kleinen mit dem Großen; denn ſagt uns nicht die Wiſſenſchaft, ihr höchſtes Streben ziele auf die Erforſchung der Einheit ab, welche das Kleinſte mit dem Größten verknüpft? In der Natur⸗ wiſſenſchaft erſcheint dem Geiſt, der die Verhältniſſe von einem höheren Geſichtspunkt aus betrachtet, nichts als unbedeutend, da jeder einzelne Gegenſtand eine endloſe Summe von Beziehungen auffinden läßt. Und ſicherlich verhält es ſich ebenſo, wenn wir das menſchliche Leben zum Zielpunkt unſerer Beobachtun⸗ gen machen. Allerdings hatten die religiöſen und ſittlichen Ideen der Dodſone und Tulliver einen zu ſpecifi⸗ ſchen Charakter, um ſich von demſelben aus der allgemeinen Angabe, daß ſie einen Theil der pro⸗ teſtantiſchen Bevölkerung ausmachten, eine Vorſtellung bilden zu können. Ihre Lebenstheorie hatte einen geſunden Kern, wie dies bei allen Theorieen der Fall ſein muß, unter denen anſtändige Familien ge⸗ deihen und zum Wohlſtand kommen können; aber von theologiſcher Färbung finden wir nicht viel darin. Wenn in den jungfräulichen Tagen der Dodſon'ſchen Schweſtern ihre Bibeln an einzelnen Stellen ſich leichter aufſchlugen als an anderen, ſo lag der Grund in den getrockneten Tulpenblättern, die ganz unpar⸗ teiiſch durch das Buch vertheilt worden waren ohne Eliot, Die Mühle am Floß. II. 10 146 Bevorzugung irgend eines beſonderen hiſtoriſchen, ascetiſchen oder dogmatiſchen Abſchnitts. Ihre Re⸗ ligion war einfach und ſo zu ſagen halb heidniſch, jedoch ohne Ketzerei, ſofern dieſer Begriff eine freie Wahl einſchließt; denn ſie wußten nichts von einer anderen als von der der Kapellenbeſucher, welche ſich wie der Huſten in die Familien einzuſchleichen ſchien. Wie ſollten ſie auch etwas Anderes wiſſen? Der Pfarrer ihres ländlichen Kirchſpiels war kein Freund von Controverſen, wohl aber von einer Partie Whiſt, und hatte immer einen Scherz bereit für ein blühen⸗ des weibliches Pfarrkind. Die Religion der Dodſone beſtand in der Verehrung alles deſſen, was alt⸗ herkömmlich und achtbar war. Man mußte ſich tau⸗ fen laſſen, da man ſonſt nicht auf dem Kirchhof be⸗ graben werden konnte, und nahm vor dem Hinſchei⸗ den das Sacrament als Bewahrungsmittel gegen dem Geiſt noch unbeſtimmt vorſchwebende Gefahren; aber eben ſo nothwendig war es, die rechten Bahr⸗ tuchträger zu haben, bei einer Leichenbeſtattung mit einem guten Schinken aufzuwarten und ein unan⸗ fechtbares Teſtament zu hinterlaſſen. Ein Dodſon ließ ſich gewiß nie etwas Ungebührliches oder einen Ver⸗ ſtoß gegen den unter den wohlhabenden Angehörigen der Gemeinde herrſchenden Brauch zu Schulden kom⸗ men; wir rechnen hieher den Gehorſam gegen die Eltern, das Zuſammenhalten mit den Verwandten, Fleiß, ſtrenge Ehrenhaftigkeit, Sparſamkeit, das ſaubere Scheuern der hölzernen und kupfernen Haus⸗ geräthſchaften, das Aufhäufen von ſchönen Geld⸗ ſtücken, die dadurch dem Verkehr entzogen wurden, die Erzeugung von vollkommen preiswürdigen Markt⸗ waaren und den Vorzug, welchen ſie durchgängig dem Selbſtgemachten zu Theil werden ließen. Die Dodſone waren ein ſtolzes Geſchlecht, und ihr Stolz gründete ſich auf das Bewußtſein, daß ihnen Nie⸗ mand eine Verfehlung gegen eine herkömmliche Pflicht oder Gebühr nachſagen konnte. Ein ſolcher Stolz verdiente in vielfacher Beziehung Lob, denn er hielt Ehre für gleichbedeutend mit unantaſtbarer Rechtlich⸗ keit, vollkommener Arbeit und Treue gegen hergebrachte Ordnung, und die Geſellſchaft verdankt in vielen ihren Mitgliedern einige werthvolle Eigenſchaften den Müttern der Dodſonclaſſe, die ihren Butter und ihren Waizenbrei trefflich bereiteten und ſich geſchämt hätten, wenn man ihnen das Gegentheil hätte nach⸗ ſagen können.„Arm, aber ehrlich“ war nie der Wahlſpruch eines Dodſon, und ebenſo war ihnen das Reichthun bei Mangel an entſprechenden Mitteln zuwider; dafür hielten ſie es mit dem Motto„Ehr⸗ lich und reich“, und zwar die letztere Eigenſchaft in einer Ausdehnung, wie man ſie nicht hinter ihnen geſucht hätte. Geachtet gelebt und bei der Be⸗ ſtattung die rechten Bahrträger zu haben, war ein Lebenszweck, der vollkommen vereitelt worden wäre, wenn ſich bei der Eröffnung des Teſtaments heraus⸗ geſtellt hätte, der Erblaſſer ſei ärmer, als man von ihm erwartete, oder habe in launiſcher Weiſe über ſein Vermögen verfügt, ohne ſtreng auf die Ver⸗ wandtſchaftsgrade Rückſicht zu nehmen. Gegen die Verwandtſchaft mußte man ſtets ſeine Pflicht erfüllen, und dieſe beſtand darin, daß man ſie ſtreng zurecht wies, wenn ſie der Familie nicht alle Ehre machte, dafür aber auch ſie um keinen Bruchtheil ihnes An⸗ 0 148 rechts an die Schuhſchnallen und das ſonſtige Eigen⸗ thum in der Familie verkürzte. Ein hervorſtechender Zug in dem Dodſoncharakter war ſeine Naturwüch⸗ ſigkeit: ſeine Fehler ſowohl als ſeine Tugenden ließen ſich als Phaſen eines ſtolzen, ehrenhaften Egoismus betrachten, der keine Nachſicht kannte gegen das, was ſeinen Credit und ſein Intereſſe gefährdete und mit ſcharfer Zunge losfuhr gegen den unglücklichen Ver⸗ wandten, der ſich hiegegen verſündigte, gleichwohl aber denſelben nie verließ oder nicht mehr anerkannte; er ſollte wohl ſein Brod haben, aber gewürzt mit bitteren Kräutern. Dieſelbe Art traditionellen Glaubens rann auch in den Adern der Tulliver, war aber von größerem Blutreichthum begleitet, ſofern er die Elemente einer edelmüthigen Unklugheit, warmer Anhänglichkeit und hitzköpfiger Uebereilung nicht ausſchloß. Mr. Tul⸗ liver hatte ſeinen Großvater ſagen hören, er ſtamme von einem Ralph Tulliver ab, einem wunderbar geſchickten Burſchen, der ſich ſelbſt zu Grund gerichtet habe. Möglich, daß der geſchickte Ralph ein Lebe⸗ mann war, der gerne muthige Roſſe ritt und ſtarr⸗ ſinnig auf ſeinen Meinungen beharrte. Dagegen hatte man nie von einem Dodſon gehört, der ſich ruinirte; dies lag nicht in der Familie. Dies waren die Lebensanſichten, nach welchen die Dodſone und Tulliver in den löblichen Zeiten Pitts und der hohen Fruchtpreiſe erzogen wurden, und der Leſer wird aus dem, was er bereits über den Zuſtand der Geſellſchaft in St. Oggs weiß, folgern können, daß nicht zu erwarten ſtand, es werde in ihren reiferen Jahren ein erhebenderer 149 Einfluß ſich geltend machen. Gleichwohl war es möglich, daß ſelbſt in jener ſpätern Zeit des anti⸗ katholiſchen Predigtamts manche heidniſche Ideen fortlebten, denen zum Trotz die Leute recht gute Hochkirchler zu ſein meinten. Es darf uns daher nicht Wunder nehmen, wenn Mr. Tulliver, ungeach⸗ tet er ein fleißiger Kirchengänger war, ſeinem Haß auf dem Vorſetzblatt ſeiner Bibel Ausdruck gab. Den Pfarrer des ländlichen Kirchſpiels, zu welchem die Dorlcotemühle gehörte, traf jedenfalls kein Verſchulden; er war ein Mann von guter Familie, ein tadelloſer Junggeſelle mit eleganten Gewohn⸗ heiten, hatte den Doctorgrad erworben und konnte ſich als Mitglied einer gelehrten Geſellſchaft unter⸗ zeichnen. Mr. Tulliver betrachtete ihn, wie Alles, was zum Kirchendienſt gehörte, mit pflichtſchuldigem Re⸗ ſpect; dabei war er aber der Anſicht, die Kirche und der geſunde Menſchenverſtand ſeien zweierlei Dinge, und ihm brauche Niemand zu ſagen, was geſunder Menſchenverſtand ſei. Gewiſſe Samen, die unter ungünſtigen Umſtänden ſich eine Keimſtätte aufſuchen müſſen, ſind von der Natur mit einem Hakenapparat ausgeſtattet, vermittelſt deſſen ſie ſich an wenig Halt bietende Oberflächen anheften können. Die geiſtige Saat aber, Me über Mr. Tulliver aus⸗ geſtreut worden war, entbehrte augenſcheinlich jeg⸗ licher derartigen Beihilfe und trieb bei dem völligen Mangel von Haftorganen wieder im Winde. 150 Zweites Kapitel. Dornen in dem zerriſſenen Neſt. Es liegt ſogar in der Aufregung, welche die erſten Schläge des Unglücks begleitet, etwas Auf⸗ richtendes, wie zum Beiſpiel ein heftiger Schmerz gleichfalls oft zu einem Reiz wird, welcher vorüber⸗ gehend als mächtiger Sporn auf die Kräfte wirkt. Erſt in dem trägen Lauf des darauf folgenden ver⸗ änderten Lebens— in der Zeit, in welcher die Noth ſtumpf geworden iſt und nicht länger den an- regenden Nachdruck beſitzt, welcher ihrem Schmerz entgegenwirkt— in der Zeit, in welcher mit hoffſf⸗ nungsloſer Gleichförmigkeit ein Tag dem anderen folgt— ſteht Verzweiflung zu befürchten. Dann wird der gebieteriſche Hunger der Seele gefühlt, und Auge und Ohr jagen angeſtrengt dem ungelernten Geheimniß unſeres Daſeins nach, das unſerem Dulden den Charakter der Zufriedenheit geben ſoll. Dieſe Zeit der äußerſten Noth hatte Maggie mit ihrer kurzen Spanne von dreizehn Jahren getroffen. Zu dem frühreifen Geiſt des Mädchens geſellte ſich die frühe Erfahrung des Kampfes, des Widerſtreits zwiſchen innerem Antrieb und äußeren Verhältniſſen, der zu dem Loos aller phantaſiereichen, leidenſchaft⸗ lichen Naturen gehört. Die Jahre, ſeit ſie unter den wurmſtichigen Simſen des Dachſtübchens Nägel in den Kopf ihres hölzernen Fetiſches ſchlug, waren in der dreifachen Welt der Wirklichkeit, der Bücher und der wachen Träume für ſie ſo reich an Leben geweſen, daß ſie für ihre Jugend befremdlich alt N 151 erſchien in Allem, mit Ausnahme des Mangels an Klugheit und Selbſtbeherrſchung, Eigenſchaften, welche Tom ungeachtet ſeiner geiſtigen Knabenhaſtigkeit einen gewiſſen männlichen Anſtrich verliehen. Und nun ſtand ihr ein ſtilles, trauriges Einerlei bevor, das ſie mehr als je auf ihr inneres Ich anwies. Ihr Vater konnte dem Geſchäft wieder nachkommen; ſeine Angelegenheiten waren bereinigt, und er beſorgte auf ſeinem früheren Eigenthum für Wakem den Dienſt eines Verwalters. Tom ging jeden Morgen und Abend ab und zu und wurde während ſeines kurzen Verwei⸗ lens in der Heimath immer ſchweigſamer. Was ſollte er auch viel reden? Ein Tag war wie der andere, und Toms Intereſſe am Leben concentrirte ſich, da er ſich in jeder andern Richtung zurückgeſtoßen ſah, in dem einzigen Kanal eines ehrgeizigen Widerſtandes gegen das Unglück. Die Eigenheiten ſeines Vaters und ſeiner Mutter wurden ihm ſehr läſtig, da ſie ſich nicht mehr in der mildernden Umhüllung eines behaglichen Heimweſens kund thaten; denn Tom hatte ſehr helle proſaiſche Augen, welche ſich nicht durch den Nebel des Gefühls und der Einbildungs⸗ kraft blenden ließen. Die arme Mrs. Tulliver konnte ſich augenſcheinlich nicht mehr in ihr früheres Ich, in ihre ruhige haushälteriſche Thätigkeit hinein finden. Wie ſollte ſie auch? Die Gegenſtände, unter denen ſie mit ſo viel innerem Wohlbehagen ſchaltete und waltete, befanden ſich in anderen Händen,— alle die kleinen Hoffnungen, Plane und Speculationen, die angenehmen Sorgen um ihre Schätze, welche für ein Vierteljahrhundert, das heißt von dem erſten Ankauf der Zuckerzangen an, ihrem Leben Bedeutung 15⁵² verliehen, waren ihr gewaltſam entriſſen worden, und ihr Kopf konnte ſich nicht in die Verödung fin⸗ den. Wenn ſie die Gegenwart mit der Vergangen⸗ heit verglich, ſo mußte ſie ſich ohne Unterlaß die unlösliche Frage vorlegen, warum ihr begegnet ſei, was keine andere Frau erfahren durfte. Es war ein Jammer mit anzuſehen, wie die hübſche ſtämmige blonde Frau immer mehr abmagerte unter einer körperlichen und geiſtigen Unruhe, welche ſie drängte, nach geſchehener Arbeit im leeren Haus umherzu⸗ wandern, bis Maggie in Angſt gerieth, ſie aufſuchte und durch die Vorſtellung zurückbrachte, daß Tom böſe werde, wenn ſie ſich gar keine Ruhe gönne und dadurch ihrer Geſundheit ſchade. Aber in ihrer hilf⸗ loſen Geiſtesſchwäche machte ſich doch ein rührender Zug demüthiger aufopferungsvoller Mutterliebe be⸗ merklich, der mit ihrer Launenhaftigkeit wieder ver⸗ ſöhnte und namentlich bei der gefühlvollen Maggie zärtliche Anerkennung fand. Sie wollte nämlich nicht dulden, daß ihre Tochter ſich an den ſchweren Ar⸗ beiten betheilige und ſich dadurch grobe Hände mache, indem ſie ſtets ſehr ärgerlich wurde, wenn Maggie ſie in dem Geſchäft des Putzens und Scheuerns ablöſen wollte.„Laß mich nur machen, meine Liebe,“ pflegte ſie zu ſagen;„Deine Hände werden ſonſt ſo rauh. Dies iſt ein Geſchäft für Deine Mutter. Ich kann ja doch nicht mehr nähen, da meine Augen immer ſchlechter werden.“ Und ſo putzte und ſcheuerte ſie fort und ließ ſich auch nicht nehmen, Maggie das Haar zu machen; denn dieſe hatte jetzt nichts mehr gegen einen ſolchen Dienſt einzuwenden, da ihr Haar, obſchon es ſich nicht locken wollte, ſo lang und dicht —— 153 geworden war. Das Mädchen ſtand allerdings nicht ſehr hoch bei ihr in Gunſten, und ſie hätte ſo viel bei ihr anders gewünſcht; gleichwohl ſah das in ſeinen kleinen perſönlichen Bedürfniſſen ſo ſchwer getäuſchte weibliche Herz einen Troſt in dem Gedanken, künftig in dem Leben dieſes jungen Weſens eine Stütze zu erhalten, und die Mutter fand einen Genuß darin, wenn ſie ihre eigenen Hände abmühen konnte, um diejenigen zu ſchonen, welche noch ſo lebensfriſch waren. Aber die bedauerliche Geiſtesverwirrung der Mutter war für Maggie bei weitem nicht ſo pein⸗ lich, als die finſtere, ſchweigſame, gedrückte Stimmung ihres Vaters. So lang der Krampf ihn gefeſſelt hielt und ein Zuſtand kindiſcher Abhängigkeit ihn für immer umfangen zu haben ſchien, oder ſo lang ſein Elend ihm überhaupt nur theilweiſe klar gewor⸗ den war, hatte Maggie in dem Strom mitleidvoller Liebe, der wie eine Art von Begeiſterung über ſie gekommen, eine neue Kraft gefühlt, in der ihr ſelbſt das härteſte Leben um ſeinetwillen als leicht vorkam. An die Stelle des Abhängigkeitsgefühls war aber jetzt ein wortkarges Brüten getreten, das einen be⸗ fremdlichen Gegenſatz zu ſeiner früheren ungeſtümen Redſeligkeit und geiſtigen Friſche bildete. Und ſo ging es fort Tag um Tag, Woche um Woche, ohne daß das trübe Auge je aufblitzte in Leben und Freude. Für jugendliche Naturen liegt etwas ſchmerzlich Un⸗ begreifliches in der düſteren Gleichförmigkeit älterer Perſonen, auf deren Geſichtern nach einem Leben voll getäuſchter Hoffnungen ein Lächeln etwas ſo Fremd⸗ artiges geworden iſt, daß die Furchen um die Lippen 15⁵4 und auf der Stirne nicht darauf zu achten ſcheinen und es ſchnell wieder entſchwindet, weil es nirgends einen Willkomm findet.„Warum ſieht man ſie nicht wenigſtens bisweilen heiter?“ fragt die jugendliche Schwungkraft.„Dies ginge ja ſo leicht, wenn ſie nur wollten.“ Und die ſchweren Wolken, die nie weichen wollen, ſind ſogar geeignet, die kindliche Liebe ungeduldig zu machen, die in der Stunde einer augenfälligen Trübſal ſich in theilnahmsvollſter Zärt⸗ lichkeit vergeſſen würde. Mr. Tulliver mochte nie mehr lange von Haus weg ſein. Er machte ſeine Marktgeſchäfte ſo ſchnell als möglich ab und war nicht mehr wie früher zu bewegen, ſich in den Häuſern, wo er zu thun hatte, auf ein freundſchaftliches Geplauder einzulaſſen. Er konnte ſich nicht mit ſeinem Schickſal verſöhnen. Ueberall fühlte er die Wunden, die ſeinem Stolz geſchlagen waren, und mochte man ſich freundlich oder kalt gegen ihn benehmen, ſo glaubte er ſtets eine Anſpielung auf ſeine veränderte Lage zu ent⸗ decken. Selbſt die Tage, an welchen Wakem her⸗ auskam, um nach dem Stand der Felder und dem Gang der Geſchäfte zu ſehen, waren ihm nicht wider⸗ wärtiger, als der Markttag, der ihn mit manchem von ſeinen nur durch eine Dividende befriedigten Gläu⸗ bigern zuſammenführte. Seine Gedanken und An⸗ ſtrengungen waren jetzt ausſchließlich auf's Sparen gerichtet, um durch Nachzahlung ſein Schuldenweſen vollkommen erledigen zu können, und unter dem Einfluß dieſes Strebens hatte ſich der früher an's Wohlleben gewöhnte Mann, der ſich ſelbſt und Nie⸗ mand im Haus etwas abgehen laſſen mochte, all⸗ 15⁵ mählich in einen luchsaugigen Knicker umgewandelt, der ſeiner Umgebung die Biſſen in den Mund zählte. Mrs. Tulliver verbrauchte ihm zu viel für Lebens⸗ mittel und Brennmaterial, und er ſelbſt wollte nur noch die gröbſte Koſt genießen. Wie ſehr ſich auch Tom durch das finſtere Weſen ſeines Vaters und die trübſelige Heimath abgeſtoßen fühlte, ging er doch ganz in deſſen Anſichten über die Bezahlung der Gläubiger ein; der arme Knabe brachte ſeinen erſten Vierteljahrslohn mit einem von Jubel ſtrahlen⸗ den Geſicht nach Haus, damit ihn der Vater in der zinnernen Sparbüchſe aufbewahre. Der kleine Vor⸗ rath von Goldſtücken ſchien der einzige Anblick zu ſein, der einen matten Abglanz von Freude in den Augen des Müllers hervorlockte; aber er ging ſchnell vor⸗ über, verſcheucht von dem Gedanken, wie lang es währen würde— vielleicht erlebte er es gar nicht, bis die kleinen Erſparniſſe den drückenden Alp der Schulden zu beſeitigen vermochten. Ein Deſicit von fünfhundert Pfunden mit dem Zinſenzuwachs war ein tiefer Schlund, wenn er durch das, was ſich von wöchentlichen dreißig Schillingen erſparen ließ, ausgefüllt werden ſollte, ſelbſt wenn noch Toms wahrſcheinlicher Verdienſt dazu kam. Ueber dieſen einen Punkt herrſchte unter den vier ſo verſchiedenen Weſen, welche um das erſterbende Stumpenfeuer herſaßen, das noch vor Schlafengehen eine wohlfeile Wärme ausſtrömen ſollte, eine völlige Einmüthigkeit. Mrs. Tulliver ſtack die ſtolze Rechtlichkeit der Dod⸗ ſone im Blut; ſie war in der Anſicht erzogen wor⸗ den, daß die Beeinträchtigung anderer Leute um ihr Geld— bei ihr ein gleichbedeutender Ausdruck für 156 Schulden— eine Art moraliſcher Pranger ſei, und ſie hätte es für eine ſchwere Sünde gehalten, wenn ſie ihren Mann hätte hindern ſollen,„das Rechte zu thun“ und ſeinen Namen wieder zu Chren zu bringen. In ihrem Kopf wurmte eine gewiſſe träu⸗ meriſche Vorſtellung, wenn ſämmtliche Gläubiger bezahlt ſeien, müſſe ſie auch ihr Silber⸗ und Weiß⸗ zeug wieder zurück erhalten, während ſie zugleich mit der Muttermilch die Ueberzeugung eingeſogen, daß Leute, welche ihre Schulden nicht zahlen konnten, kein Anrecht an ein Eigenthum hatten. Sie murrte ein wenig darüber, daß Mr. Tulliver nichts von einer Einforderung der Moßiſchen Schuld hören wollte; ſonſt aber fügte ſie ſich unterwürfig in ſeine Haushaltungsbeſchränkungen, indem ſie ſich ſelbſt den wohlfeilſten bloßen Gaumenreiz entzog; ihre einzige Rebellion beſtand darin, daß ſie hin und wieder etwas in die Küche einſchmuggelte, womit ſie Tom ein ſchmackhafteres Nachteſſen bereiten konnte. Die engherzigen Vorſtellungen, welche die alt⸗ modiſchen Tulliver in Betreff der Schulden hegten, erregen vielleicht in unſeren Tagen einer philoſo⸗ phiſcheren Anſchauung des Verkehrs, nach welcher Alles ſich ausgleicht, ohne daß wir uns Mühe zu geben brauchen, bei manchem unſerer Leſer ein mit⸗ leidiges Lächeln. Die Thatſache, daß mein Gewerbs⸗ mann um meinetwillen ſein Geld ausgegeben hat, mag ſich allerdings mit vergnüglicher Behaglichkeit von dem Geſichtspunkt aus betrachten laſſen, daß der Gewerbsmann eines Anderen von Jemand anders Geld eingeommen hat, und da es einmal in der Welt böſe Schulden geben muß, ſo erſcheint es frei⸗ 1⁵⁷ lich als ſchnöder Egoismus, wenn man uns nicht gönnen will, daß wir ſie eben ſo gut machen, als Andere. Ich erzähle jedoch nur die Geſchichte ſehr einfacher Perſonen, die in Beziehung auf perſönliche Rechtlichkeit und Ehre keinem aufgeklärten Zweifel Raum gaben. Bei all ſeinem trübſinnigen Ringen und Kämpfen mußte doch Mr. Tulliver ſeine kleine Dirn ſtets um ſich haben, obſchon ihre Anweſenheit keineswegs aus⸗ reichte, ihn heiter zu ſtimmen. Sie war noch immer der Troſt ſeiner Augen; aber in den ſüßen Lenz ſeiner väterlichen Liebe hatte ſich, wie in alles An⸗ dere, Galle gemiſcht. Wenn Maggie Abends ihre Arbeit niederlegte, pflegte ſie einen Schemel herbei⸗ zuholen, ſich zu den Füßen ihres Vaters niederzu⸗ ſetzen und ihre Wange an ſein Knie anzuſchmiegen. Wie ſehr wünſchte ſie, er möchte ihr den Kopf ſtreicheln oder in einer anderen Weiſe andeuten, daß er einen Troſt fühle in dem Bewußtſein, eine Tochter zu haben, die ihn liebte. Aber ihre kleinen Liebkoſungen blieben ſtets unerwiedert, mochte ſie dieſelben an ihren Vater oder an Tom, dieſe beiden Abgötter ihres Lebens, verſchwenden. Tom war in den kurzen Zwiſchen⸗ räumen, welche er zu Haus zubrachte, müde und zer⸗ ſtreut, und ihren Vater quälte der peinliche Gedanke, wie es ihr, die zur Jungfrau heranwuchs, im Leben hehe werde; denn in ihren zurückgekommenen Ver⸗ ältniſſen war eine ſchlechte Ausſicht auf eine Ver⸗ ſorgung durch Heirath vorhanden. Der Gedanke an eine arme Partie, wie ſie Gritty gemacht hatte, war ihm ein Greuel, und er meinte, er würde ſich im Grab umdrehen müſſen, wenn die kleine Dirn durch 158 Kinder und Arbeit ſo herunter käme, wie ihre Tante Moß. Wenn ungebildete Gemüther, deren per⸗ ſönliche Erfahrung ſich auf einen kleinen Raum be⸗ ſchränkt, unter dem Druck anhaltenden Unglücks leiden, ſo wird ihr inneres Leben gern zu einem ſtetig ſich wiederholenden Kreislauf von traurigen und bitteren Gedanken; dieſelben Worte, dieſelben Scenen kehren immer auf'’s Neue wieder, dieſelbe Stimmung begleitet ſie, und wenn das Jahr um iſt, finden wir ſie ge⸗ rade wieder wie am Anfang, als wären ſie Ma⸗ ſchinen, die nur eine fortlaufende Reihe von Be⸗ wegungen auszuführen haben. Die Gleichförmigkeit der Tage wurde nicht häufig durch Beſuche unterbrochen. Wenn Onkel und Tanten kamen, ſo blieben ſie natürlich nur kurze Zeit und nie beim Eſſen; auch trug der Zwang, welchen Mr. Tullivers finſteres Schweigen auferlegte(es ſchien, wenn die Tanten ſprachen, die hohle Reſonanz des kahlen, teppichloſen Zimmers zu verſtärken), weſent⸗ lich dazu bei, die Familienbeſuche in jeder Beziehung unangenehm und deßhalb auch ſelten zu machen. Was fonſtige Bekannte betraf, ſo umgibt diejenigen, welche in der Welt heruntergekommen ſind, eine froſtige Atmoſphäre, aus der man bald wieder fortzukommen ſucht wie aus einem kalten Zimmer. Menſchliche Weſen, bloſe Männer und Weiber, ohne Möbel, die Einem nichts anbieten können und aufgehört haben, als Jemand zu zählen, wünſcht natürlich Niemand zu beſuchen, und über was könnte man auch mit ſol⸗ chen Leuten reden? Zu jener fernen Zeit ſahen ſich in der civiliſirten Geſellſchaft unſerer drei Reiche Fa⸗ milien, die von ihrer urſprünglichen Höhe herabge⸗ —— 159 ſunken waren, traurig vereinzelt, wenn ſie nicht etwa einer ſectireriſchen Kirche angehörten, in welcher durch Ummauerung des heiligen Feuers die brüder⸗ liche Wärme einigermaßen erhalten blieb. Drittes Kapitel. Eine Stimme aus der Vergangenheit. Eines Nachmittags um die Zeit der Kaſtanien⸗ blüthe hatte Maggie ihren Stuhl vor die Hausthüre hinausgetragen und ſaß da mit einem Buch auf ihren Knieen. Ihre dunklen Augen ſchweiften um⸗ her, ſchienen ſich aber des Sonnenſcheins nicht zu erfreuen, welcher durch das Laubwerk der zur Rechten des Eingangs ſtehenden Jasminwand drang und zit⸗ ternde Schatten auf ihre blaſſen runden Wangen warf, ſondern im Gegentheil etwas zu ſuchen, was ihr das Sonnenlicht nicht enthüllt hatte. Es war ein ungewöhnlich trübſeliger Tag geweſen. Ihr Vater hatte nach einem Beſuch von Wakem einen Anfall von Wuth gehabt, in welchem er den Mühlburſchen wegen eines geringen Fehlers geſchlagen. Seit ſeiner Krankheit war ſchon einmal ein ähnlicher Paroxysmus über ihn gekommen, in welchem er ſein Pferd miß⸗ handelte, und Maggie konnte nur mit Schrecken an die Scene zurückdenken. Es wandelte ſie dabei zu⸗ gleich die Furcht an, er könnte früher oder ſpäter einmal auch ihre Mutter ſchlagen, wenn ſie vielleicht in ihrer ohnmächtigen Weiſe zur unrechten Zeit ihre Stimme erhob. Die ſchlimmſte von ihren Beſorg⸗ niſſen war, ihr Vater möchte ſein gegenwärtiges Un⸗ 160 glück noch dadurch erhöhen, daß er ſich zu einer wirklich ſchimpflichen Handlung hinreißen ließ. Das abgegriffene Schulbuch Toms, das ſie in ihrem Schoß liegen hatte, konnte ihr unter der Wucht einer ſolchen Furcht keine Standhaftigkeit verleihen, und ihre Augen füllten ſich wieder und wieder mit Thränen, während ſie im Hinblick auf künftiges häusliches Leid keinen Sinn für die Kaſtanienbäume oder für den fernen Horizont hatten. Plötzlich wurde ſie aus ihrem Träumen durch den Ton des aufgehenden Hofthors und auf dem Kies dahinſchreitender Tritte geweckt. Der Eintre⸗ 1 tende war nicht Tom, ſondern ein Menſch mit einer Seehundkappe und einer blauen Plüſchweſte, der einen Pack auf dem Rücken trug und eine ſcheckige Bull⸗ dogge von trotzigem Ausſehen zum Begleiter hatte. „Ah, Bob, Sie ſind es?“ ſagte Maggie mit einem Lächeln froher Erinnerung, denn es war in der Zwiſchenzeit nicht viel Angenehmes vorgefallen, das Bobs großmüthiges Anerbieten aus ihrem Gedächt⸗ niß hätte verdrängen können.„Es freut mich ſehr, Sie zu ſehen.“ „Danke, Miß,“ verſetzte Bob, der, als er ſeine Mütze lüpfte, ein ſehr vergnügtes Geſicht zeigte, aber unmittelbar darauf eine Verlegenheit blicken ließ, aus welcher er ſich nur dadurch zu ziehen vermochte, daß er auf ſeinen Hund niederſchaute und im Tone des Aergers ſagte:„Marſch, zurück mit Dir, Du über⸗ läſtiges Vieh.“ „Mein Bruder iſt noch nicht zu Haus, Bob,“ ſagte Maggie.„Er iſt um dieſe Tageszeit immer in St. Oggs.“ 161 „Es hätte mich wohl gefreut, Mr. Tom zu ſehen,“ entgegnete Bob;„aber ich bin nicht gerade um ſeinet⸗ willen gekommen. Schauen Sie her.“ Bob war eben im Begriff, ſeinen Tragkorb und mit ihm eine Partie kleiner durch eine Schnur zu⸗ ſammen gehaltener Bücher auf die Thürſchwelle nie⸗ derzuſetzen; aber augenſcheinlich lag es nicht in ſeiner Abſicht, ihre Aufmerkſamkeit dieſen, ſondern vielmehr einem anderen, mit einem rothen Taſchentuch um⸗ wickelten Gegenſtand zuzuwenden, welchen er unter dem Arm trug. „Schauen Sie her,“ ſagte er, das rothe Päckchen auf ſeine übrige Laſt legend und es aufknüpfend. „Ich hoffe nicht, daß ſie es für eine allzu große Frei⸗ heit anſehen werden, Miß; aber ich habe dieſe Bücher aufgetrieben und dachte, ſie könnten Ihnen einigen Erſatz leiſten für die, welche Sie verloren haben. Ich habe Sie nämlich von Bildern ſprechen hören, und was Bilder betrifft— da, ſchauen Sie her.“ Die Löſung der Schnupftuchknoten enthüllte einen alten Almanach und ſechs oder ſieben Hefte von einer Porträtgallerie in Großoctav. Die nachdrucks⸗ volle Aufforderung, herzuſchauen, bezog ſich auf ein Porträt Georgs des Vierten in der vollen Majeſtät ſeiner niederen Stirne und ſeiner umfangreichen Halsbinde. „Es ſind da alle Arten von Schennelmen,“ fuhr Bob fort, indem er mit einiger Aufregung die Blätter umſchlug,„mit Naſen aller Art— einige glatzköpfig und andere in Perücken— Parlamentsſchennelmen, Eliot, Die Mühle am Floß. II. 11 162 wie ich mir denke. Und hier,“ fügte er den Al⸗ manach aufſchlagend bei—„hier ſind Frauenzimmer, einige mit krauſem und andere mit glattem Haar; einige lächeln mit nach der einen Seite gekehrtem Kopf, und andere ſehen aus, als ob ſie weinen woll⸗ ten— ſchauen Sie her— da ſitzt eine vor der Thür auf dem Boden und iſt gekleidet wie die Lädies, die ich an Ballabenden dort vor der alten Halle aus den Kutſchen ſteigen ſah. J der Tauſend, ich möchte nur wiſſen, wie die Burſche ſich tragen, die ihnen den Hof machen! Ich bin geſtern bis nach zwölf Uhr aufgeblieben, um mir die Bilder zu betrachten— ja, das that ich— und zuletzt ſchienen ſie mich an⸗ zuſtieren, als verſtünden ſie, was ich mit ihnen re⸗ dete. Aber, Hercules, ich weiß freilich nicht, wie man mit ihnen ſprechen muß. Für Sie ſind ſie eine weit beſſere Geſellſchaft, und der Bücherhändler ſagte, man könne an Bildwerken nichts Schöneres kriegen; ſie ſeien ein Artikel erſten Rangs.“ „Und Sie haben ſie für mich gekauft, Bob?“ er⸗ wiederte Maggie tief gerührt von dieſem Zug ein⸗ facher Herzensgüte.„Das iſt ja über die Maßen freundlich von Ihnen. Aber ich fürchte, Sie haben viel Geld dafür ausgelegt.“ „Iſt nicht ſo arg,“ ſagte Bob.„Ich hätte mich gern dreimal ſo viel koſten laſſen, wenn ſie Ihnen einigen Erſatz leiſten für diejenigen, die man Ihnen verkauft hat, Miß. Denn ich werde nie vergeſſen, wie Sie ſich darüber grämten, daß die Bücher fort waren, und Ihr Leid hat ſeitdem immer wie ein Bild vor mir gehangen. Und als ich das Buch in dem Stand aufgeſchlagen ſah und die Lädy mich anblickte — — 8 1—— mit Augen ganz wie die Ihrigen zur Zeit jener Betrübniß— Sie werden mir meine Freiheit nicht übel nehmen, Miß— da dachte ich, daß ich ſchon ſo keck ſein dürfe, es für Sie zu kaufen; und ich kaufte dann die Bücher mit den Schennelmen oben⸗ drein— und dann“— Bob nahm jetzt die mit der Schnur zuſammengebundenen Bücher auf—„meinte ich, ein bischen mehr Druck könnte Ihnen eben ſo lieb ſein, wie die Bilder, und ich kriegte dieſe für ein Naſenwaſſer; ſie ſind faſt randvoll mit Druck, und ich dachte, ſie würden die beſſeren Bücher nicht beißen, wenn ich ſie auch mit nähme. Und ich hoffe, Sie werden ſie annehmen und mich nicht damit zu⸗ rückweiſen, wie es Mr. Tom mit den Goldſtücken machte.“ „Nein, Bob,“ verſetzte Maggie,„ich bin Ihnen ſehr dankbar, daß Sie an mich gedacht haben, und daß Sie ſo gut gegen mich und Tom ſind. Ich glaube nicht, daß je irgend Jemand ſo freundlich gegen mich geweſen iſt. Ich habe nicht viele Freunde, die ſich um mich kümmern.“ „Schaffen Sie ſich einen Hund an, Miß; das ſind beſſere Freunde, als irgend ein Chriſtenmenſch,“ ſagte Bob, indem er ſeinen Tragkorb, den er be⸗ reits in der Abſicht, ſich zu entfernen, aufgenommen hatte, wieder hinſtellte; denn er fühlte ſich in der Unterhaltung mit einem jungen Mädchen wie Mag⸗ gie befangen, obſchon er ſonſt von ſich zu ſagen pflegte, die Zunge laufe mit ihm davon, wenn er zu ſprechen anfange.„Den Mumps kann ich Ihnen freilich nicht geben, denn das Herz bräche ihm, wenn er von mir fort müßte— he, Mumps, Wes ſagſt 1* 164 du dazu, du Schlingel?“—(Mumps ließ ſich zu keiner weitläufigeren Aeußerung als zu einigen be⸗ ſtätigenden Schwanzbewegungen herab.)„Aber Sie ſollen ein Junges haben.“ „Nein, ich danke Ihnen, Bob. Wir haben einen Hofhund, und ich darf keinen eigenen Hund halten.“ „Ei, das iſt Schade— ein Junges wäre da, wenn Sie ſich nichts daraus machten, daß es noch nicht ganz gezogen iſt. Seine Mutter ſpielt im Puppen⸗ kaſten mit und iſt ein ungemein geſcheides Thier, in deſſen Bellen mehr Verſtand liegt, als wenn die Hälfte der jungen Burſche vom Frühſtück bis zum Sonnenuntergang ſchwatzt. Da iſt ſo Einer, der Bierkrüge umträgt— ein ſo ſchlechter Nahrungszweig, wie es nur irgend einen auf der Straße gibt— der ſagt: ‚die Minette iſt nichts als ein Baſtard; ich kann nichts an ihr ſehen.⸗ Aber ich ſage zu ihm: Was biſt denn Du anders als ein Baſtard? Ich möchte wiſſen, welche Freude Dein Vater und Deine Mutter haben können, wenn ſie Dich anſehen.“ Nicht daß ich nicht ſelbſt auch etwas auf reine Zucht hielte; aber ich kann's nicht leiden, wenn ein Köter den anderen ankläfft. Ich wünſche guten Abend, Miß,“ fügte Bob bei, indem er plötzlich in dem Bewußt⸗ ſein, daß ſeine Zunge meiſterlos geworden, ſeinen Packkorb wieder aufnahm. „Wollen Sie nicht auch einmal Abends kommen und meinen Bruder beſuchen, Bob?“ fragte Maggie. „Ja, Miß, ich danke— ein ander Mal. Wollen Sie ſo gut ſein, ihn von mir zu grüßen. Mr. Tom iſt ein ſchön gewachſener junger Burſch und hat na⸗ „ 165 mentlich hohe Beine; die haben bei mir nicht recht auswachſen wollen.“ Der Korb wurde wieder niedergelaſſen, da der Haken des Stocks ſich irgendwo verfangen hatte. „Sie nennen aber doch hoffentlich Mumps keinen Köter,“ ſagte Maggie, in der Vorausſetzung, daß jede Theilnahme an dem Hund auch auf den Herrn einen günſtigen Eindruck machen dürfte. „Nein, Miß, dies fällt mir nicht im Schlafe ein,“ verſetzte Bob.„Mumps iſt eine ſo ſchöne Kreuzzucht, wie man ſie nur irgendwo den Floß ent⸗ lang zu ſehen kriegt, und ich muß dies wiſſen, da ich ja oft genug mit der Barke auf und ab gefahren bin. Die vornehmſten Herren bleiben ſtehen, um ihn zu betrachten, aber Mumps kümmert ſich nichts um das vornehme Volk, ſondern nur um das, was ihn angeht.“ Der Ausdruck in dem Geſicht des Hundes, wel⸗ cher das Vorhandenſein von überflüſſigen Dingen im Allgemeinen nur zu dulden ſchien, beſtätigte dieſes hohe Lob auf's kräftigſte. „Er ſieht ſchrecklich grimmig aus,“ ſagte Maggie. „Leidet er's wohl, daß ich ihn ſtreichle?“ „Ja, das läßt er ſich dankbar gefallen, denn Mumps kennt ſich wohl aus unter den Leuten. Er iſt kein Hund, der ſich mit Pfefferkuchen fangen läßt, und riecht einen Dieb viel weiter, als einen Pfeffer⸗ kuchen. Hercules, ich unterhalte mich oft ſtunden⸗ lang mit ihm, wenn die Wanderung über einſame Plätze geht, und ich erzähle ihm immer, wenn ich einen kleinen Streich geſpielt habe. Mumps weiß 166 um alle meine Geheimniſſe und auch der Pfiff mit meinem breiten Daumen iſt ihm nicht fremd.“ „Der Pfiff mit Ihrem breiten Daumen— was iſt dies, Bob?“ fragte Maggie. „Da iſt er, Miß,“ entgegnete Bob, hurtig eine auffallend breite Probe des Merkmals vorweiſend, das den Menſchen vom Affen unterſcheidet;„er kömmt mir beim Ausmeſſen des Flanells ungemein zu ſtat⸗ ten, müſſen Sie wiſſen. Ich führe Flanell in meinem Tragkorb, weil's eine leichte Waare iſt; aber er iſt theuer und da muß mein breiter Daumen mithelfen. Ich ſetze ihn am Ende des Ellenmaßes an und ſchneide auf ſeiner inneren Seite ab; das merken die alten Weiber nicht.“ „Aber, Bob,“ ſagte Maggie mit ernſter Miene, „das heißt betrügen, und es thut mir Leid, ſolche Worte aus Ihrem Munde zu hören.“ „Wie, Miß,“ entgegnete Bob, der ſeine Unbe⸗ ſonnenheit alsbald bereute;„dann thut's mir Leid, 2 daß ich es geſagt habe. Aber ich bin ſo ſehr daran gewöhnt, mich mit Mumps zu unterhalten, und der macht ſich nichts aus einem Bischen Betrügen, wenn ſich's um kümmelſpaltende Weiber handelt, die mark⸗ ten und markten und ihren Flanell gern umſonſt hätten, ohne je zu fragen, ob ich auch mein Eſſen dabei herausſchlage. Ich betrüge Niemand, der mich nicht zuerſt zu betrügen wünſcht, Miß.— Her⸗ cules, ich bin ein ehrlicher Burſch; nur muß ich auch meinen Spaß haben, und da es mit den Frett⸗ chen nichts mehr iſt, ſo kriege ich nichts anderes mehr in den Wurf, als marktende alte Weiber. Ich wünſche guten Abend, Miß.“ * 167 „Gott befohlen, Bob. Ich danke Ihnen herz⸗ lich für die Bücher, die Sie mir gebracht haben. Kommen Sie bald wieder, um Tom zu beſuchen.“ „Ja, Miß,“ erwiederte Bob und entfernte ſich ein Paar Schritte; dann wandte er ſich wieder halb um und fügte bei:„Ich will den Pfiff mit dem breiten Daumen aufgeben, wenn Sie um deswillen eine üble Meinung von mir haben, Miß— obſchon es wahrhaftig Schade iſt. Es ſtößt mir wohl lang nichts gleich Gutes auf— und was nützt Einen ſo der breite Daumen? Ich könnte dann eben ſo gut einen ſchmäleren haben.“ Maggie, welche ſich in ſolcher Weiſe zu Bobs führender Madonna erhoben ſah, lachte unwillkührlich, worauf die blauen Augen ihres Verehrers gleichfalls blinzelten. Unter dieſen günſtigen Auſpicien griff er an ſeine Mütze und ging von hinnen. Die Tage des Ritterthums ſind nicht vorüber, obſchon ihm Burke ein großartiges Leichencarmen gedichtet hat; es lebt fort in jener hohen Verehrung, welche mancher Jüngling oder Mann dem weiblichen Weſen zollt, deſſen ileinen Finger oder deſſen Kleider⸗ ſaum zu berühren er nie ſich Hoffnung macht. Bob mit dem Pack auf ſeinem Rücken widmete dem ſchwarz⸗ äugigen Mädchen eine ſo achtungsvolle Anbetung, als wäre er ein Ritter geweſen, der in blanker Rüſtung durch lauten Anruf ihres Namens ſich zum Kampfe ſpornte. Der Strahl der Heiterkeit verſchwand bald wieder von Maggie’ Antlitz und ließ vielleicht nach dem Geſetz des Contraſtes das zurückkehrende Düſter nur um ſo trüber erſcheinen. Sie war zu niederge⸗ 168 ſchlagen, als daß ſie auf Fragen wegen des Bob⸗ ſchen Büchergeſchenks hätte Rede ſtehen mögen; ſie raffte es daher zuſammen und trug es nach ihrem Schlafgemach, wo ſie ſich auf ihren eigenen Stuhl niederſetzte, ohne ſich vorderhand weiter um die neu⸗ erworbenen Schätze zu kümmern. Sie drückte ihre aange gegen das Fenſterkreuz und dachte, wie glück⸗ lich der leichtherzige Bob ſei in Vergleichung mit ihr. Das Gefühl der Einſamkeit und Freudenarmuth hatte bei Maggie mit der fortſchreitenden Heiterkeit des Frühlings immer tiefer gegriffen. Alle die Lieb⸗ lingsplätzchen um das Haus her, ſo zu ſagen die Zeugen und die Gehilfen der elterlichen Liebe, ſtanden jetzt unter dem Einfluß der heimathlichen Trauer, und auch der Sonnenſchein konnte ihnen kein Lächeln entlocken. Jeder Gegenſtand früherer Liebe oder Luſt wirkte jetzt auf das arme Kind wie ein ſchmerzender Nerv. Für ſie gab es keine Muſik, kein Piano, keine harmoniſchen Stimmen, keine entzückend klingenden Inſtrumente mehr, aus denen eingeſperrte Geiſter durch ihre leidenſchaftlichen Rufe den Körper in ein ſeltſames Beben verſetzten. Von ihrem ganzen Schul⸗ leben war ihr nichts mehr geblieben, als eine kleine Sammlung von Büchern, die ihr keinen Troſt gewähren konnten; denn wenn ſie darin blätterte, ſo mußte ſie ſich ſagen, daß ſie Alles bis zum Ueber⸗ druß oft geleſen habe. Schon in der Schule hatte ſie ſich nach Büchern geſehnt, in denen„mehr ſtand“; denn Alles, was ſie da lernte, erſchien ihr im Licht von Enden langer Fäden, die plötzlich riſſen. Da jetzt der mittelbare Zauber des Wetteifers wegfiel, kam ihr der Telemach wie bloße Spreu vor, und auch 169 in den trockenen Fragen des Katechismus konnte ſie weder Saft noch Kraft finden. Bisweilen dachte Maggie, daß das Reich der Phantaſie ihr Zufrieden⸗ heit zu verſchaffen im Stande wäre; hätte ſie alle Scott'ſchen Romane, alle Byron'ſchen Gedichte leſen können, ſo würde ſie vielleicht genug Glück gefunden haben, um ihre Reizbarkeit gegen das wirkliche tägliche Leben abzuſtumpfen. Und doch war es kaum dies, was ihr Noth that. Sie konnte ſich ſelbſt ihre Traumwelten ſchaffen, aber keine Traumwelt vermochte jetzt mehr, ſie zu befriedigen. Sie bedurfte einer Erklärung des harten wirklichen Lebens. Der unglückliche Vater, der hinter dem langweiligen Frühſtücktiſch ſaß— die kindiſche, geiſteswirre Mutter— die ſchmutzigen kleinen Ge⸗ ſchäfte, welche die Stunden ausfüllten, oder die noch drückendere Leere der ermüdenden, freudearmen Freizeit— das Bedürfniß einer fühlbaren zärtlichen Liebe— der harte Sinn Toms, welcher ſich nicht kümmerte um ihre Gedanken und ihre Gefühle und in dem ſie keinen Spielgefährten mehr hatte— alles dies waren für ſie Entbehrungen, die ſie bitter em⸗ pfand; ſie bedurfte eines Schlüſſels, der in ihr das Verſtändniß weckte und mit dem Verſtändniß ſie auch die ſchwere Laſt tragen lehrte, die ihrem jungen Herzen zugefallen. Hätte man ſie in der„wahren Bildung und Weisheit,“ wie ſie bei großen Männern zu finden iſt, unterrichtet, ſo wäre ſie ihrer Meinung nach doch in der Lage geweſen, ſich die Geheimniſſe des Lebens zu deuten, und wenn ſie Bücher hatte, ſo konnte ſie für ſich lernen, was weiſe Männer wußten. Heilige und Märtyrer hatten Maggie nie in ſo hohem Grade angeſprochen, wie die Weiſen 170 und die Dichter. Sie wußte von den erſteren wenig und hatte als allgemeines Reſultat ihrer Lectüre nur ſo viel aufgegriffen, daß ſie eine zeitweilige Vormauer gegen die Ausbreitung des Katholicismus geweſen ſeien und insgeſammt ihren Tod in Smithfield gefunden hätten. Während einer ſolchen Betrachtung fiel ihr bei, daß ſie Toms Schulbücher vergeſſen habe, die demſelben in ſeinem Koffer nachgeſchickt worden waren. Sie fand jedoch den Vorrath unerklärlich zu wenigen ſehr verbrauchten Büchern zuſammenge⸗ ſchrumpft; da war noch das lateiniſche Wörterbuch und die Grammatik, eine Chreſtomathie, ein zerriſſener Eutrop, ein abgegriffener Virgil, Aldrichs Logik und der ſchreckliche Euclid. Doch boten Lateiniſch, der Euclid und die Logik wahrſcheinlich einen ſchätzens⸗ werthen Anlauf zu dem männlichen Wiſſen— jener Weisheit, welche die Menſchen zufrieden macht und ſie lehrt, ſich des Lebens zu freuen. Nicht daß die Sehnſucht nach wahrer Wahrheit frei von minder reiner Beimiſchung geweſen wäre, denn hinwieder tauchte ihr in der Wüſte ihrer Zukunft eine gewiſſe Fata morgana auf, in welcher ſie ſich ſelbſt wegen ihrer überraſchenden Kenntniſſe geehrt ſah. Und ſo begann das arme Mädchen in dem Hunger ſeiner Seele und unter den trügeriſchen Vorſpiegelungen ſeiner Eigenliebe die dickrindige Frucht vom Baum der Er⸗ kenntniß zu benagen, indem ſie ihre freien Stunden mit Latein, Geometrie und den Formen des Syllo⸗ gismus ausfüllte und dabei hin und wieder einen inneren Triumph feierte in dem Gefühl, daß ihr Ver⸗ ſtand dieſen vorzugsweiſe männlichen Studien recht ————— 171 wohl gewachſen ſei. Sie machte ein Paar Wochen unverdroſſen fort, obſchon ihr gelegentlich der Muth ſinken wollte, da bei ihrem einſamen Trachten nach dem Land der Verheißung ihr der Weg oft recht dürr, pfadlos und unſicher vorkam. In dem Eifer ihres erſten Entſchluſſes pflegte ſie den Aldrich mit in's Feld hinaus zu nehmen; aber dann irrte ihr Blick vom Buch ab und dem Himmel zu, wo die Lerche wirbelnd aufſtieg, oder nach den Binſen und Büſchen am Fluß hin, und das Waſſerhuhn, das daraus ängſtlich die Flucht ergriff, machte auf ihren Geiſt den peinlichen Eindruck, daß das Verſtändniß der Beziehung zwiſchen Aldrich und der lebenden Welt ihr ſo unendlich fern lag. Die Entmuthigung ſteigerte ſich im Lauf der Zeit, und das Sehnen des Herzens überwältigte mehr und mehr ihre Geduld. Wenn ſie mit ihrem Buch am Fenſter ſaß, ſo konnten ihre Augen ſtarr auf dem Sonnenſchein draußen haften; dann aber füllten ſie ſich oft plötzlich mit Thränen, und wenn ihre Mutter eben nicht im Zimmer war, ſo endigten ihre Studien mit einem lauten Schluchzen. Sie rebellirte gegen ihr Schick⸗ ſal, verlor allen Muth in ihrer verlaſſenen Lage, und ſogar Anfälle von Zorn und Haß gegen ihre Eltern, die ſo ganz anders waren, als ſie ſich die⸗ ſelben wünſchte, und gegen Tom, der ſie im Zaum hielt und ihre Gedanken und Gefühle ſtets mit ganz entgegengeſetzten Anſichten bekämpfte, überflutheten ihr Lieben wie ein Lavaſtrom und erſchreckten ſie mit dem Bewußtſein, daß bei ihr der Uebergang zu einem Dämon ſo nahe lag. Gelegentlich beſchäftigte ſich auch ihr Gehirn mit romanhaften Planen zu einer 172 Flucht aus der Heimath, um ein weniger ekles und trauriges Daſein zu ſuchen; ſie wollte zu einem großen Mann, vielleicht zu Walter Scott gehen und ihm ſagen, wie unglücklich und wie geſcheid ſie ſei; ſicherlich that er dann etwas für ſie. Mitten in einem ſolchen Träumen konnte dann Abends ihr Vater in's Zimmer treten und, wenn er verwundert be⸗ merkte, daß ſie ſo ſtill da ſaß, ohne auf ihn zu achten, in wehmüthigem Tone die Worte hinwerfen:„Wie iſt's— muß ich mir die Pantoffel ſelbſt holen?“ Dieſe Stimme durchdrang Maggie wie ein Schwert; es gab außer der ihrigen noch eine andere Trauer, und ſie hatte ſich mit Entwürfen getragen, derſelben den Rücken zu kehren und ſie zu verlaſſen. Dieſen Nachmittag hatte der Anblick von Bobs heiterem ſommerſproßigem Geſicht ihrer Unzufrieden⸗ heit eine neue Richtung gegeben. Sie dachte, es ſei ein Theil von den Mühſalen ihres Lebens, daß ihr die Bürde größerer Bedürfniſſe zugefallen war, als Andere zu fühlen ſchienen— daß ſie ſich tragen mußte mit dieſer hoffnungsloſen Sehnſucht nach einem un⸗ beſtimmten Etwas, in welchem für ſie der ahnungs⸗ volle Inbegriff des Größten und Beſten auf Erden lag. Sie wünſchte, wie Bob ſein zu können mit ſeiner leichtbefriedigten Unwiſſenheit, oder wie Tom mit der ihm zugewieſenen Beſchäftigung, die alle ſeine Thätigkeit in Anſpruch nahm und ihn auf nichts An⸗ deres achten ließ. Das arme Kind! Während ſie ihr Haupt gegen die Fenſterrahmen lehnte, ihre Hände ſich feſter und feſter zuſammenklammerten und ihr Fuß ungeduldig den Boden ſtampfte, fühlte ſie ſich ſo einſam in ihrem Kummer, als ſei ſie in der ͤ—,——— 173 civiliſirten Tageswelt das einzige Mädchen, das aus ihrem Schulleben eine den unvermeidlichen Kämpfen nicht gewachſene Seele mitgebracht und von den ſchwer errungenen Schätzen des Gedankens, welche durch die Mühe von Generationen zum Beſten des Menſchengeſchlechts aufgehäuft wurden, nichts ſich angeeignet hatte, als einzelne Flecken von leichter Literatur und unwahrer Geſchichte. Was nützte ſie der flüchtige Unterricht über ſächſiſche und andere Könige, da ihr die Kenntniß jener unwandelbaren Geſetze der inneren und äußeren Welt abging, welche in ihrer Herrſchaft über die Sitte zur Moral und dadurch, daß ſie die Gefühle der Ergebung und Ab⸗ hängigkeit zur Entwicklung bringen, zur Religion werden? Sie fühlte ſich ſo vereinzelt in ihrem Leid, wie wenn jedes andere Mädchen außer ihr gehät⸗ ſchelt und bewacht wurde von reiferen Geiſtern, welche, ihrer eigenen Jugend eingedenk, die Bedürfniſſe eines heißen Sehnens und ungeſtümen Strebens zu wür⸗ digen verſtanden. Endlich fielen Maggie's Blicke auf die Bücher, die auf dem Fenſterſims lagen, und ſie gab ihr Träumen auf, um theilnahmlos die Blätter der Por⸗ trätgallerie umzuſchlagen; doch ſchob ſie bald dieſe Hefte bei Seite, um die mit der Schnur zuſammen⸗ gebundenen Bücher zu muſtern. „Blumenleſe des Beobachters,“„Raſſelas,“„der Haushalt des menſchlichen Lebens,“„Gregory's riefe— die Stoffe, die darin abgehandelt wurden, waren ihr ſchon bekannt.„Das Chriſtliche Jahr“— es ſchien ihr ein Geſangbuch zu ſein. Aber„Tomas a Kempis?“— Der Name war ihr ſchon einmal 174 beim Leſen aufgefallen, und ſie fühlte jene Jedermann bekannte Befriedigung, die man empfindet, wenn man an einen Namen, deſſen man ſich unbeſtimmt erinnert, Ideen anknüpfen kann. Neugierig nahm ſie das kleine plumpe alte Buch auf: an vielen Orten waren die Blätter eingebogen, und eine Hand, die jetzt für immer ruhte, hatte bei gewiſſen Stellen kräftige Tintenſtriche angebracht, die vor Alter ſchon ganz vergilbt ausſahen. Maggie drehte Blatt für Blatt um und las, was die ruhende Hand angezeichnet... finden; und überall mußt Du Geduld ha 1 Du den innern Frieden erringen und Dich der ewigen ſo mußt Du muthig an's Werk gehen und die Art an die Wurzel legen, um die geheime ungeordnete rotten und zu zerſtören. Von der ſündigen ungeord⸗ neten Eigenliebe rührt faſt Alles her, was immer zu überwinden iſt; und iſt das Böſe einmal unter⸗ drückt und beſiegt, ſo ſind Frieden und Ruhe als⸗ bald die nothwendige Folge.... Du leideſt nur wenig in Vergleichung mit denen, die ſo viel gelitten, ſo ſchwere Verſuchungen durchgemacht und ſo mannig⸗ Neigung zu Dir ſelbſt und zu irdiſchem Gut auszu⸗ 175 faltige Prüfungen erfahren haben. Wende daher Deinen Blick auf die ſchweren Leiden Anderer und lerne daraus Deine kleinen Widerwärtigkeiten leichter tragen. Und wenn ſie Dir groß zu ſein ſcheinen, ſo nimm Dich in Acht, daß nicht Deine Ungeduld ſie Dir erſchwere.... Selig ſind die Ohren, welche die Stimme Gottes aufnehmen und nicht auf die Einflüſterungen der Welt hören. Selig ſind die Ohren, welche ſich verſchließen gegen die Stimme von Außen und nur der Wahrheit Gehör ſchenken, die von Innen ſie unterrichtet....“ Ein ehrfurchtsvoller Schauer durchbebte Maggie, während ſie las, als ſei ſie in dunkler Nacht geweckt. worden durch die Töne einer feierlichen Muſik, durch die Stimmen von Weſen, deren Seelen thätig waren, während ihre eigene in den Banden der Erſtarrung lag. Sie ging von einem vergilbten Strich zum anderen über, auf den die ruhende Hand hinzuweiſen ſchien, und war ſich dabei kaum bewußt, daß ſie las, denn ſie glaubte eher eine leiſe Stimme zu hören. „Warum ſchauſt Du Dich hier um, wo Du doch keine bleibende Stätte haſt? Deine Heimath ſollte im Himmel und das Irdiſche nur für Dich von Werth ſein, ſofern es Dich auf Deiner Pilgerfahrt nach dem Jenſeits befördert. Alle Dinge ſind ver⸗ gänglich und auch Du vergehſt. Hüte Dich, daß das Zeitliche nicht Herr über Dich werde, damit es Dich nicht in ſeine Feſſeln ſchlage und zu Grunde richte...Wenn der Menſch alle ſeine Habe hingibt, ſo iſt es doch nichts. Wenn er ſich ſchwere Buß⸗ übungen auflegt, ſo will dies nicht viel heißen. Wenn er ſich alle Kenntniſſe aneignet, ſo iſt er noch 176 weit vom Ziel. Und wenn er die größte Tugend und glühendſte Andacht beſäße, ſo fehlt immerhin noch viel und gerade dasjenige, was ihm am meiſten Noth thut. Und was wäre dies? Daß er Alles verlaſſe, ſich ſelbſt verlaſſe, ganz aus ſich ſelbſt hin⸗ ausgehe und keine Spur von Eigenliebe zurückbe⸗ halte... Ich habe es Dir oft geſagt und kann es nicht oft genug wiederholen: verlaß' Dich ſelbſt, gib Dich ſelbſt auf, und Du wirſt viel inneren Frieden haben... Dann werden alle eitlen Ein⸗ bildungen, alle böſen Anfechtungen und die über⸗ flüſſigen Sorgen entweichen; dann wird der Klein⸗ muth Dich verlaſſen und die ungeordnete Liebe er⸗ ſterben.“ Maggie ſeufzte tief auf und ſtrich ihr ſchwe⸗ res Haar zurück, als wolle ſie eine plötzliche Erſcheinung deutlicher ſehen. Hier alſo war ein Geheimniß des Lebens, das ſie befähigte, auf alle anderen Geheimniſſe zu verzichten— hier zeigte ſich ihr eine Ergebenheit, welche ſich ohne Beihilfe der Außenwelt erringen ließ— hier konnte ſie wahre Kenntniß, Kraft und Sieg gewinnen durch Mittel, die ganz in ihrem Innern lagen, und der große Lehrer wartete nur auf Gehör. Es durchzuckte ſie wie beim Auffinden der Löſung eines Problems, all' das Elend ihres jungen Lebens dürfte einfach daher rühren, daß ſie ihr Herz nur an das geſetzt hatte, was ihr gefiel, als ob dies der Angelpunkt des ganzen Weltalls ſei, und zum erſtenmal ſah ſie eine Möglichkeit, den Standpunkt, von dem aus ſie die Befriedigung ihrer Sehnſucht betrachtet hatte, zu ändern, wenn ſie aus ſich ſelbſt hinausging, um 177 ihr Leben als einen unbedeutenden Theil in dem unter Gottes Leitung ſtehenden Ganzen ſich zu vergegen⸗ wärtigen. Sie las in dem alten Buche fort und. fort, verſchlang mit Begier das Zwiſchengeſpräch mit dem unſichtbaren Lehrer, der ihr die Quelle aller Kraft zu Bekämpfung der Sorge aufſchloß, und kehrte, wenn ſie abberufen wurde, zu ihrer Lectüre zurück, bis die Sonne hinter den Weiden unterging. Mit all' der Haſt einer Einbildungskraft, die nie in der Gegenwart Ruhe finden konnte, blieb ſie dann im immer matter werdenden Dämmerlicht ſitzen, um Plane zur eigenen Demüthigung und zu gänzlicher Selbſtaufopferung zu entwerſen; denn im Feuer der erſten Entdeckung ſchien ihr die Selbſtverläugnung die Pforte zu jenem Frieden zu ſein, nach dem ſie ſich ſo lang vergeblich geſehnt hatte. Sie begriff freilich noch nicht— wie wäre es auch bei ihrer Jugend möglich geweſen— die tiefe Wahrheit in den Ergießungen des alten Mönches, daß die Selbſt⸗ opferung immerhin ein Schmerz ſei, obſchon ein Schmerz, den man willig erträgt. Maggie lechzte noch immer nach Glück und war entzückt, weil ſie den Schlüſſel dazu gefunden hatte. Sie wußte nichts von Dogmen und Syſtemen, von Myſtik und Quie⸗ tismus; aber die weit aus dem Mittelalter herüber⸗ tönende Stimme war eine unmittelbare Mittheilung aus dem Glauben und den Erfahrungen einer Seele und erſchien Maggie als eine aus drückliche Botſchaft von oben. Ich vermuthe, daß dies der Grund iſt, warum das altmodiſche Büchlein, das man am Bücherſtand für ſechs Pence haben kann, bis auf dieſen Tag Eliot, Die Mühle am Floß. II. 12 178 Wunder wirkt und die bittern Waſſer in ſüße um⸗ wandelt, während koſtſpielige neue Predigt⸗ und An⸗ dachtsbücher die Dinge laſſen, wie ſie vorher waren. Es wurde von einer Hand geſchrieben, die nur den Eingebungen des Herzens folgte, und verzeichnet uns die einſamen verborgenen Kämpfe, in denen das Gottvertrauen ſeinen Triumph feiert: man ſieht, der Verfaſſer ſaß nicht auf dem Sammtkiſſen, wie ſo manche, welche diejenigen, die mit blutenden Füßen den harten Boden treten, zur Geduld ermahnen. Und ſo bleibt die„Nachfolge Chriſti“ für alle Zeiten eine Darlegung menſchlicher Nothſtände und der da⸗ für paſſenden Tröſtungen, die Stimme eines Bru⸗ ders, der vor Jahrhunderten fühlte, litt und entſagte. Wir vergegenwärtigen ihn uns zwar im Kloſter, wie er in der Mönchskutte und mit geſchorenem Haupt faſtet und Pſalmen liest; auch ſpricht er in einer Weiſe, welche von der jetzt üblichen ſehr verſchieden iſt. Aber derſelbe weite Himmel wölbte ſich über ihm, daſſelbe leidenſchaftliche Sehnen er⸗ füllte ſeine Bruſt; er rang wie wir, erlag, wie wir, und war, wie wir, in ſeiner Schwachheit des Troſtes bedürftig. Wenn man die Geſchichte geringer Leute ſchreibt, verfällt man leicht in einen Schwung, der ſich ganz anders ausnimmt, als der Ton der guten Geſel⸗⸗ ſchaft, die auf Glauben und Grundſätze nur in einem ſehr gemäßigten Maßſtab hält und ſich lieber mit Dingen abgibt, über die man ſich mit leichter, an⸗ muthiger Ironie ergießen kann. Freilich hat die gute Geſellſchaft ihren Franzwein und ihre Plüſch⸗ teppiche, ihre Oper und ihre feenhaften Balſfäle, vertreibt ſich die Langeweile mit Vollblutpferden und Clubabenden, hat auf die Crinolinevolants zu achten, holt ihr Wiſſen aus Faraday's Vorträgen für Ge⸗ bildete und ſeine Religion bei der hohen Geiſtlichkeit, mit der man in den beſten Häuſern zuſammentrifft; wie ſollte ſie auch Zeit finden für Glauben und Schwung oder ein Bedürfniß danach ſpüren? Aber die gute Geſellſchaft, die von den Sommerfaden⸗ ſchwingen leichter Ironie getragen wird, iſt ein ſehr koſtſpieliges Product und fordert zu ihrem Beſtand nicht weniger, als den ganzen weiten Umfang eines mühevollen Nationallebens, zuſammengedrängt in übelriechenden, betäubenden Fabriken oder Schacht⸗ gruben, an Eſſen ſchwitzend oder unter größerer oder geringerer Beläſtigung von Kohlenſäure mahlend, hämmernd und webend— vielleicht auch ausgedehnt über Weidetriebe oder zerſtreut in die einzelnen Häuſer und Hütten auf den thonigen oder kalkigen Getreideſtrichen mit ihren traurigen Regentagen. Dieſes weite Nationalleben iſt ganz auf Schwung gegründet, auf den Schwung, zu dem der Mangel drängt, indem dieſer alle für die Erhaltung der guten Geſellſchaft und der leichten Ironie erforder⸗ lichen Hebel in Bewegung ſetzt. Wie oft muß es nicht ſeine ſchweren Jahre kalt und teppichlos dahin ſchleppen, umgeben von Familienuneinigkeit, die durch keine langen Corridore gemildert wird. Unter ſolchen Umſtänden trifft ſich's wohl, daß unter den Myriaden Seelen viele abſolut eines ſchwunghaften Glaubens bedürfen; denn ein Leben von ſo augenfälliger Form fordert ſelbſt für den unſpeculativen Geiſt eine Lö⸗ ſung, wie der Menſch, wenn ihn ſein Sge drückt, 2 180 ſich nach der Füllung erkundigt, während bei Eider⸗ dunen und guten franzöſiſchen Federn keine Neugierde erwacht. Einige haben einen ſchwunghaften Glauben an Alkohol und ſuchen ihre Eeſtaſe oder äußeren Haltpunkt im Branntwein; die anderen aber brau⸗ chen etwas, was die gute Geſellſchaft„Enthuſiasmus“ nennt— gewiſſe Antriebe, die nicht von hohen Preiſen beſtimmt werden— ein Etwas, das Geduld verleiht und mitleidsvolle Liebe einflößt, wenn die Glieder vor Müdigkeit ſchmerzen und die Blicke der Menſchen mit Härte auf uns haften— ein Etwas, das augenſcheinlich nicht in das Gebiet der perſönlichen Begierden fällt, ſondern uns zum Ent⸗ ſagen und zu thätiger Liebe unſeres Nächſten ermuntert. Bisweilen findet ein derartiger Enthu⸗ ſiasmus eine weithinſchallende Stimme, wie ſie nur eine aus tiefſter Noth geſchöpfte Erfahrung entzünden kann. Und dem Umſtand, daß Maggie mit ihrem kindlichen Geſicht und ihrem unbeachteten Kummer in den Bereich der langnachtönenden Vibra⸗ tionen einer ſolchen Stimme gelangte, hatte ſie es zu danken, daß ſie eine Stärkung und Hoffnung fand, welche ihr durch Jahre der Einſamkeit hindurch halfen, indem ſie ſich ſelbſt einen Glauben aufbaute ohne die Beihilfe angeſtellter Würdenträger und be⸗ ſoldeter Führer; denn dieſe waren jetzt nicht zur Hand und die Noth drängte. Der Leſer kennt unſere Heldin ſchon in ſo weit, daß es ihn nicht wundern wird, wenn wir ihm ſagen, daß ſogar ihre Selbſtverläugnung den Charakter der Ueber⸗ treibung und des Eigenſinns, wie auch einen An⸗ flug von Stolz und Ungeſtüm zeigt. Ihr Leben 181 war für ſie noch immer ein Drama, in welchem ſie an ſich ſelbſt die Anforderung ſtellte, daß ihre Rolle mit Nachdruck geſpielt werde. Und ſo kam es denn, daß oft der wahre Geiſt der Demuth in dem Ueber⸗ maß der äußeren Kundgebung verloren ging; ſie holte oft zu einem hohen Fluge aus, um alsbald mit ihren nur halb flüggen Schwingen wieder zap⸗ pelnd in den Koth zurückzuſinken. So nahm ſie ſich nicht nur vor, mit Weißnähen etwas zu verdienen und auf dieſe Weiſe einen Beitrag zu dem Grund⸗ ſtock in der zinnernen Sparbüchſe zu liefern, ſondern ging in ihrem Selbſtaufopferungstrieb, ſtatt ſich ein⸗ ſchlägige Aufträge in einer ruhigeren, mittelbareren Weiſe zu verſchaffen, ſchnurſtracks nach einer Lein⸗ wandhandlung in St. Oggs, um ihre Dienſte an⸗ zubieten; wenn nun Tom die ſo unnöthige Handlung tadelte, ſo konnte ſie in der Rüge nur Liebloſigkeit und ſogar Verfolgungsſucht erkennen. „Ich hab' es nicht gerne, wenn meine Schwe⸗ ſter ſolche Dinge thut,“ ſagte Tom.„Ich werde ſchon Sorge dafür tragen, daß die Schulden bezahlt werden, ohne daß Du nöthig haſt, Dich in dieſer Weiſe herabzuwürdigen.“ Sicherlich lag in der Welt⸗ lichkeit und Selbſtgefälligkeit dieſer kleinen Anſprache ein Zug von Innigkeit und edlem Muthe; aber Maggie hielt das Ganze für eitel Schlacke, hatte kein Auge für die Goldkörner und ſah in Toms Tadel nur eine von ihren äußeren Kreuzigungen. Tom ſei ſehr hart gegen ſie, pflegte ſie während ihrer langen Nachtwachen ſich vorzujſammern— gegen ſie, die ihn immer ſo ſehr geliebt hatte; und dann verſuchte ſie, ſich zufrieden in ihr ſchweres Loos zu 182 finden und nichts zu verlangen. Dies iſt der Pfad, den wir Alle einſchlagen, wenn wir mit dem Auf⸗ geben unſerer Selbſtſucht den Anfang machen— den Pfad des Duldens und des Martyrerthums mit der Ausſicht auf krönende Palmzweige, nicht die ſteile Landſtraße der Duldung, gerechter Zugeſtändniſſe und des Selbſttadels, auf der keine Ehren in Blatt⸗ form zu erholen ſind und getragen werden. Die alten Bücher, Virgil, Euclid und Aldrich — dieſe welken Früchte vom Baum der Erkenntniß — waren insgeſammt bei Seite geſetzt worden, denn Maggie hatte dem eitlen Ehrgeiz, die Gedanken der Weiſen zu theilen, entſagt. Im erſten Eifer ſchleu⸗ derte ſie die Bücher mit einer Art Triumph von ſich, weil ſie ſich jetzt erhaben fühlte über die Nothwen⸗ digkeit ihrer Benutzung, und wenn ſie ihr Eigenthum geweſen wären, ſo hätten ſie ihr ins Feuer wan⸗ dern müſſen; ſie glaubte, dieſe That würde ſie nie bereut haben. Drei Bücher waren jetzt die aus⸗ ſchließlichen Gegenſtände ihrer eifrigen Lectüre— die Bibel, Thomas a Kempis und das Ghriſtliche Jahr, welches ſie jetzt nicht mehr als ein bloßes Geſangbuch verwarf, da es ihren Geiſt mit einem unaufhörlichen Strom rhythmiſcher Erinnerungen füllte. Es verlangte ſie ſo ſehr, die Natur und das Leben im Licht ihres neuen Glaubens anſchauen zu lernen, daß ſie für die Thätigkeit ihres Geiſtes keines weiteren Materials bedurfte, wenn ſie mit ihrer eingefädelten Nadel daſaß und Hemden⸗ und andere complicirte Stiche, fälſchlicher Weiſe„einfache“ genannt, machte; denn für Maggie waren ſie keines⸗ wegs einfach, ſofern Preischen, Aermel und der⸗ 183 gleichen eine verzweifelte Geneigtheit hatten, ſich mit der unrechten Seite nach außen annähen zu laſſen, wenn die Nähterin ſich in ihren geiſtigen Wanderungen erging. JWenn Maggie ſo emſig über ihrer Arbeit ſaß, war es in der That eine Luſt, ihr zuzuſchauen. Ihr neues inneres Leben goß, abgeſehen von dem ge⸗ legentlichen vulcaniſchen Losbruch der zurückgehaltenen Leidenſchaften, über ihr Geſicht einen ſanften Abglanz aus, welcher dem friſcheren Roth und den ſich ent⸗ wickelnden Formen ihrer blühenden jugendlichen Ge⸗ ſtalt eine zugäbliche Lieblichkeit verlieh. Ihre Mut⸗ ter fühlte mit einer Art betroffener Verwunderung, daß Maggie„ſich ſo gut machte;“ es war erſtaunlich, daß das einſt ſo„conträre“ Kind ſich jetzt ſo unter⸗ würfig benahm und ſeinen Eigenwillen ſo gut zu bewältigen vermochte. Wenn Maggie von ihrer Arbeit aufſah, fand ſie oft die Augen ihrer Mutter auf ſich geheftet, die auf einen Blick wartete, als ſolle dieſer, von dem jungen Weſen auf ſie über⸗ gehend, ihrem alternden Körper Einiges von der ihm nöthigen Wärme verleihen. Mrs. Tulliver wurde allgemach ſtolz auf ihr großes ſchwarzes Mädchen — das einzige Stückchen Hausrath, dem ſie noch ihre Sorge widmen und auf das ſie ſich etwas ein⸗ bilden konnte; und Maggie mußte trotz ihres asceti⸗ tiſchen Wunſches, auf die perſönliche Ausſchmückung zu verzichten, wegen ihres Haars der Mutter den Willen laſſen und ſich dazu hergeben, daß ſie ihr die üppigen ſchwarzen Flechten nach der bemitleidens⸗ werthen Mode jener alten Zeiten auf dem Scheitel in ein Krönchen zuſammenſteckte. 184 „Laß Deiner Mutter das Bischen Freude, meine Liebe,“ pflegte Mrs. Tulliver zu ſagen.„Dein Haar hat mir ja früher genug Leid gemacht.“ So hatte Maggie, die ihrer Mutter gerne zu Willen war, wenn ſie ihr den langen traurigen Tag durch ein kleines Vergnügen erheitern konnte, nichts gegen die eitle Verzierung einzuwenden und zeigte über ihrem abgetragenen Röcklein ein königliches Haupt; doch weigerte ſie ſich beharrlich, die Kunſt der Mutter vor dem Spiegel zu bewundern. Mrs. Tulliver liebte es, den Vater auf Maggie's Haar und andere unerwartete gute Eigenſchaften aufmerk⸗ ſam zu machen, erhielt aber ſtets nur eine kurzan⸗ gebundene Antwort. „Ich habe ſchon lang gewußt, was aus ihr wer⸗ den wird— dies iſt mir nichts Neues. Schade, daß ſie nicht von einem gewöhnlichen Stoff iſt. Von denen, die für ſie paſſen, wird ſie keiner wollen.“ So trug Maggie's körperliche und geiſtige An⸗ muth nur dazu bei, ſeinen Trübſinn zu ſteigern. Er hörte ihr allerdings geduldig zu, wenn ſie ihm ein Kapitel vorlas, oder warf, wenn ſie mit einander allein waren, ſchüchtern eine Bemerkung hin, daß ſich das Leid vielleicht doch noch in Segen verwandle. Aber die Güte ſeiner Tochter ließ ihn ſein Unglück nur um ſo ſchwerer empfinden, weil es ihre Aus⸗ ſichten im Leben beeinträchtigte. Ein Geiſt, in dem der Durſt nach Rache lebt und den ein einziger Le⸗ benszweck erfüllt, hat keinen Raum für neue Gefühle. Mr. Tulliver verlangte nicht nach geiſtigem Troſt, — er wollte nur Vergeltung üben und die Schande ſeines Bankrutts abſchütteln. 1 Fünftes Buch. Waizen und Spreu. Erſtes Kapitel. In den rothen Tiefen. Das Wohnzimmer der Familie war ein langes Gemach mit einem Fenſter an jedem Ende; eines ſah nach dem Grasplatz hinaus und den Ripple entlang nach den Ufern des Floßes hin, das andere ging nach dem Mühlenhof. An dem letzteren ſaß Maggie mit ihrer Arbeit, als ſie Wakem wie gewöhnlich auf ſeinem ſchönen ſchwarzen Roß in den Hof einreiten ſah. Es war noch Jemand bei ihm— eine in einen Mantel gehüllte Geſtalt auf einem Pony. Maggie dachte ſich ſogleich, daß es der heimgekehrte Philipp ſein möge, und als die Beiden vor dem Fenſter anlangten, lüpfte richtig Philipp vor ihr den Hut, während ſein Vater, der von der Seite her die Bewegung wahrnahm, einen ſcharfen Blick nach dem Jüngling und dem Mädchen entſandte. Maggie eilte vom Fenſter weg und nahm ihre Arbeit nach ihrer Kammer hinauf; denn Mr. Wa⸗ kem kam bisweilen herein, um Einſicht von den Bü⸗ chern zu nehmen, und die Freude, mit Philipp wieder zuſammenzutreffen, würde großen Abtrag er⸗ 188 litten haben, wenn die Begegnung im Beiſein der beiden Väter ſtattgefunden hätte. Vielleicht fügte ſich's, daß ſie ſich eines Tags die Hände reichen konnten, und ſie wollte ihm dann ſagen, daß ſie ſeiner Güte gegen Tom noch immer eingedenk ſei und daß ſie ſich noch wohl ſeiner früheren Worte erinnere, obſchon von dem damaligen freundſchaft⸗ lichen Verhältniß nicht mehr die Rede ſein dürfe. Das Zuſammentreffen mit Philipp hatte für Maggie nichts Aufregendes; die kindliche Dankbarkeit und das Mitleid lebten in ihr fort, und ſie erinnerte ſich ſeines aufgeweckten Verſtandes; auch hatte ſie ſich in ihrer Einſamkeit unter den Bildern der Perſonen, die gegen ſie gütig geweſen, oft das ſeinige ver⸗ gegenwärtigt und gewünſcht, ihn zum Bruder und zum Lehrer zu haben, da er ihr bei den früheren Unterhaltungen in dieſem Licht erſchienen war. Solche Wünſche fanden indeß nebſt anderen Träumen, welche aus dem Trachten nach Befriedigung des eigenen Willens quollen, längſt keinen Boden mehr, um ſo mehr, da ſie ſich dachte, Philipp dürſte wohl auf ſeinen Reiſen anders und weltlich gewor⸗ den ſein, ſo daß es ihm vielleicht gleichgültig war, was ſie ihm auch ſagen mochte. Und doch hatte ſich ſein Geſicht wunderbar wenig verändert; es war das⸗ ſelbe blaſſe, ſchmale Knabenantlitz mit den grauen Augen und dem wallenden braunen Haar, nur in einem größeren Rahmen und mit einem männlicheren Ausdruck. Auch die alte Verkrümmung weckte noch das alte Mitleid, und es drängte Maggie, einige Worte mit ihm zu ſprechen. Vielleicht war er noch ſo ſchwermüthig, wie früher, und hatte es gern, wenn 189 ſie ihn freundlich anſah. Sie hätte wiſſen mögen, ob er ſich noch erinnerte, wie ſehr ihm ihre Augen gefallen hatten, und bei dieſem Gedanken blickte ſie nach dem viereckigen Spiegel hin, der verurtheilt worden war, ſeine Spiegelſeite der Wand zuzukehren; ja ſie war ſchon halb von ihrem Sitz aufgefahren, um ihn herunter zu langen, hielt aber wieder an und nahm ihre Arbeit auf, indem ſie zugleich die aufſteigenden Wünſche durch Herſagen geiſtlicher Lieder⸗ verſe niederzukämpfen ſuchte. So trieb ſie es, bis ſie Philipp mit ſeinem Vater den Heimweg antreten ſah und ſie wieder hinunter konnte. Der Juni war ſchon weit vorgerückt und Maggie nahm aus der Länge des Tags Anlaß, auch den täg⸗ lichen Spaziergang, der ihre einzige Erholung war, etwas zu verlängern; aber für dieſen und den folgen⸗ den Tag hatte ſie noch ſo viel mit der Arbeit zu thun, welche fertig werden mußte, daß ſie nicht über das Hofthor hinaus kam und ihr Bedürfniß nach friſcher Luft dadurch befriedigte, daß ſie ſich vor dem Haus niederſetzte. Ihr häufigſter Spazier⸗ gang galt, wenn ſie nicht gerade nach St. Oggs zu gehen hatte, einem Platz jenſeits des ſogenannten „Hügels“, einer unbedeutenden, mit Bäumen ge⸗ krönten Bodenerhöhung an dem Weg, welcher an der Dorlcotemühle vorbei führte. Ich nenne ſie unbe⸗ deutend, weil ihre Höhe nur etwa die eines Dam⸗ mes betrug; aber es kann Momente geben, in welchen die Natur einem bloßen Damm eine inhaltſchwere Bedeutung verleiht, und ich bitte daher den Leſer, dieſes mit Bäumen beſetzten Dammes eingedenk zu ſein, der etwa eine Viertelmeile weit links von der 190 Dorlcotemühle hinter dem ſchönen Wieſengrund hin⸗ lief und ſchließlich von dem murmelnden Ripple ab⸗ gegränzt wurde. Da wo die kleine Erhöhung wieder in die Ebene übergeht, bog ein Nebenweg ab und führte zu der anderen Seite des Hügels, wo er durch frühere Steinbrucharbeiten in ſehr launenhafte Höhlungen und Wälle ausgebrochen war, die aber nun wieder im Schmuck von Brombeergeſträuch und Bäumen daſtanden und da und dort auch einen Strei⸗ fen von den Schafen kurz gehaltenen Graſes blicken ließen. Als Kind fürchtete ſich Maggie vor dieſem Platz, den man die rothen Tiefen nannte, und es gehörte ihr ganzes Vertrauen zu Toms Tapferkeit dazu, um ſie zu einem Ausflug dahin zu bewegen, da in den Höhlungen recht wohl Räuber oder wilde Thiere verborgen ſein konnten; aber jetzt hatte et für ſie den Zauber eines jeden gebrochenen Grundes, wenn er der Gleichförmigkeit der Ebene gegenüber auch nur in Miniatur einen Felſen, eine Schlucht darſtellt, zumalen im Sommer, da ſie dann unter dem Schatten einer ſchräg vorliegenden, breitkroni⸗ gen Eiche in einer graſigen Höhlung ſitzen und dem Geſumm der Inſekten, dieſer winzigen Glöckchen zn Gewand des Schweigens, zuhören oder das Sonnen⸗ licht durch die Zweige brechen ſehen konnte, als wolle es das müßige Himmelblau der Hyazinthen verjagen und heimtreiben. Zu dieſer Zeit des Juli zeigten auch die wilden Roſen ihre Herrlichkeit, und dies war ein zugäblicher Grund, warum Maggie ihren Spaziergang an dem erſten Tag, an welchem ſie wieder nach Belieben frei umherwandern konnte, lieber nach den rothen Tiefen als nach irgend einem 191 andern Platz richtete. Dergleichen Ausflüge machten ihr überhaupt ſo viel Vergnügen, daß ſie in dem Feuereifer ihrer Selbſtverleugnung bisweilen dachte, daß es nicht recht von ihr ſei, ſie ſich oft zu erlauben. Wir ſehen ſie jetzt, wie ſie an der lieben Ecke hinab geht und auf einem ſchmalen Pfad durch eine Gruppe von ſchotiſchen Föhren in die Tiefen eintritt. Ihre hohe Geſtalt und ihr altes lavendelfarbiges Kleid wird ſichtbar durch einen ererbten ſchwarzſei⸗ denen Shawl von weitmaſchigem, netzartigem Gewebe, und nun ſie ſich ungeſehen weiß, nimmt ſie ihren Hut ab und hängt ihn an ihren Arm. Man würde ſie für älter als Siebenzehn halten, vielleicht wegen der entſagungsvollen Trauer in ihrem Blick, aus dem die Forſchbegier und das unſtete Weſen gewichen zu ſein ſcheint, vielleicht auch um ihrer breiten Figur willen, welche die früh entwickelte Jungfrau verräth. Jugend und Geſundheit haben den unfreiwilligen und freiwilligen Beſchwerden ihres Schickſals merk⸗ würdig gut widerſtanden, und von den Nächten, welche ſie in Bußübung auf dem harten Boden zu⸗ gebracht, iſt keine Spur an ihr wahrzunehmen. Ihre Augen ſind hell, ihre braunen Wangen rund und prall und ihre vollen Lippen roth. In ihrem dun⸗ keln Teint und mit der pechſchwarzen Krone über ihrer hohen Geſtalt ſcheint ſie eine Art Verwandt⸗ ſchaft mit den großen ſchotiſchen Föhren anzuſprechen, zu denen ſie wie zu theuren Weſen aufſchaut. Und doch betrachtet man ſie mit einer gewiſſen Unruhe, mit einem Gefühl, daß hier widerſtrebende Elemente vorhanden ſind, welche das Losbrechen eines unge⸗ ſtümen Kampfes befürchten laſſen. Es iſt da ein 192 gedämpfter Ausdruck, wie man ihn oft an ältern Geſichtern unter ſpitzenloſen Hauben bemerkt; er ſteht nicht im Einklang mit der jugendlichen Widerſtands⸗ kraft, von der man erwartet, ſie werde ſich plötzlich Luft machen in einem leidenſchafilichen Blick, der all dieſe Ruhe zerſtreuen könnte, einem unterdrückten Feuer gleich, das wieder los bricht, wenn Alles ſicher zu ſein ſcheint. Doch war Maggie ſelbſt in dieſem Augenblick nicht unruhig. Sie erfreute ſich, während ſie zu den alten Kiefern auſſah, der friſchen Luft und dachte bei dem Anblick der abgeriſſenen Zweige nur, daß die früheren Stürme dazu beigetragen hatten, die rothen Stämme hoch erſcheinen zu laſſen. Aber während ihre Augen noch aufwärts gerichtet waren, bemerkte ſie in dem Licht, das die Abendſonne auf den graſi⸗ gen Pfad vor ihr warf, einen beweglichen Schatten, und wie ſie mit einer Geberde des Erſtaunens danach niederſchaute, wurde ſie Philipp Wakems anſichtig, der zuerſt ſeinen Hut lüpfte, dann mit tiefem Er⸗ röthen näher kam und ihr die Hand hinhielt. Auch Maggie erröthete vor Ueberraſchung, die aber bald der Freude Platz machte. Sie reichte ihm die Hand und betrachtete die verkrümmte Geſtalt vor ihr mit einem freien Blick, in dem für den Moment nichts als die Erinnerung an ihre kindlichen Gefühle— eine Erinnerung, die in ihr nie an Kraft verlor— zu bemerken war. „Sie haben mich erſchreckt,“ ſagte ſie mit einem leichten Lächeln.„Ich bin hier noch nie Jemand begegnet. Wie kommen Sie hieher— haben Sie mich treffen wollen?“ — ———.——.——. .E———— 193 Augenſcheinlich fühlte ſich Maggie, als ſie ſo ſprach, wieder ganz als Kind. „Ja,“ verſetzte Philipp mit der Miene der Ver⸗ legenheit;„es verlangte mich, Sie wieder zu ſehen. Ich habe geſtern in der Nähe Ihres Hauſes lange am Ufer gewartet, ob Sie nicht heraus kämen, aber vergeblich; und heute machte ich's wieder ſo. Als ich Sie dieſen Weg einſchlagen ſah, folgte ich Ihnen und kam hinter Ihnen um den Hügel herum. Ich hoffe, Sie zürnen mir deßhalb nicht.“ „Nein,“ entgegnete Maggie mit einfachem Ernſt und nahm ihren Spaziergang wieder auf, als er⸗ warte ſie, daß Philipp ſie begleite;„es freut mich ſehr, daß Sie gekommen ſind; denn ich wünſchte mir längſt eine Gelegenheit, mit Ihnen ſprechen zu können. Ich habe nie vergeſſen, wie gut Sie in früherer Zeit gegen Tom und auch gegen mich wa⸗ ren; nur wußte ich nicht, ob Sie ſich unſerer auch noch erinnerten. Tom und ich, wir Beide haben ſeitdem viel Jammer durchgemacht, und ich denke, dies iſt der Grund, warum ſich meine Gedanken gern mit dem beſchäftigen, was ich vor unſerem Un⸗ glück erfahren durfte.“ „Ich kann nicht glauben, daß Sie ſo viel an mich dachten, als ich an Sie gedacht habe,“ erwie⸗ derte Philipp ſchüchtern.„Denken Sie ſich nur— ſeit wir uns nicht geſehen, habe ich ein Porträt von Ihnen gemacht, wie Sie an jenem Morgen in dem Studirzimmer ausſahen, als Sie mir verſprachen, daß Sie mich nicht vergeſſen wollten.“. Philipp zog ein Porträtfutteral aus der Taſche und machte es auf. Maggie erkannte ihr früheres Eliot, Die Muͤhle am Floß. II. 13 * 194 Ich, wie ſie über den Tiſch lehnte und die ſchwar⸗ zen Haare ihr hinter den Ohren niederhingen, während ihre träumeriſchen Augen in's Freie hinaus ſtarrten. Es war eine Waſſerfarbenſkizze, die als Porträt recht gut genannt werden konnte. „Ach Himmel,“ rief Maggie lächelnd und mit freudigem Erröthen,„was bin ich für ein poſſierliches kleines Mädchen geweſen. Ich erinnere mich noch recht gut des Roſakleidchens, und wie ich meine Haare in dieſer Weiſe trug. Ich habe wahrhaftig wie eine Zigeunerin ausgeſehen. Es wird wohl jetzt noch ſo ſein,“ fügte ſie nach einer kleinen Pauſe bei.„Sehe ich ſo aus, wie Sie mich erwartet haben?“ Dieſe Worte hätten die einer Coquette ſein können; aber der volle, klare Blick, den Maggie auf Philipp heftete, war nicht der einer Coquette. Sie hoffte allerdings, ihr Geſicht möchte ihm gefallen, ſo wie es war; aber es lag darin nur die ihr angeborene Freude am Gelobt⸗ und Geliebtwerden. Philipp erwiederte ihren Blick, betrachtete ſie eine Weile ſtumm und ſagte ſodann ruhig: „Nein, Maggie.“ 8 Der Lichtſtrahl auf Maggie's Geſicht ſchwand ein wenig und ihre Lippen ließen ein leiſes Beben wahr⸗ nehmen. Ihre Augenlider ſenkten ſich, aber ſie wandte den Kopf nicht ab, und Philipp fuhr fort, ſie anzuſehen. Dann ſagte er langſam: „Sie ſind viel ſchöner geworden, als ich mir vorgeſtellt habe.“ „Wirklich?“ verſetzte Maggie und die Glut des Vergnügens erhöhte ſich wieder. —/—ͤ——S,—„ 195⁵ Sie wandte ihr Antlitz von ihm ab und that einige Schritte, wobei ſie ſchweigend gerade vor ſich hin⸗ ſchaute, als ſuche ſie ſich in dieſe neue Idee hineinzufin⸗ den. Die Mädchen ſind ſo ſehr daran gewöhnt, den Anzug als den Hauptgrund des von ihnen gemachten Aufſehens zu betrachten, daß Maggie bei der Abſage, die ſie dem Spiegel that, mehr an das Aufgeben der Sorge für ihren Putz als an den Verzicht auf die Betrachtung ihres Geſichts gedacht hatte. Wenn ſie ſich die eleganten, reichen jungen Frauenzimmer vergegenwärtigte, ſo fiel ihr nicht ein, daß ſie mit ihrer Perſon irgend eine Wirkung hervorbringen könne. Philipp ſchien dieſes Stillſchweigen zu ge⸗ fallen. Er ging an ihrer Seite und verwandte kein Auge von ihrem Antlitz, als finde er darin eine Befriedigung aller ſeiner Wünſche. Sie waren jetzt aus der Kieferngruppe heraus und in eine der grünen Aushöhlungen gekommen, um die ſich amphithea⸗ traliſch ein Gürtel von Büſchen mit blaſſen wilden Roſen herzog. Das Sonnenlicht lag hell auf ihnen; Maggie's Antlitz dagegen hatte ſeine Glut verloren. Als ſie in die Höhlung eingetreten war, blieb ſie ſtehen, blickte Philipp wieder an und ſagte mit ern⸗ ſter, trauriger Stimme: „Ich möchte wohl, daß unſere Freundſchaft fort⸗ dauern könnte— das heißt, wenn es gut und recht für uns wäre. Aber es iſt eine Heimſuchung, die ſich auf Alles ausdehnt, daß mir nichts von dem bleiben ſoll, was ich liebte, als ich noch klein war. Die alten Bücher ſind fort; und Tom iſt ſo ganz anders und auch mein Vater. Es iſt ſo todt bei uns. Ich habe mich von Allem tränden„müſſen, 13 196 was mir in meiner Kindheit werth war, und ſo geht es mir auch mit Ihnen. Wir dürfen keine weitere Notiz von einander nehmen. Dies iſt's, wa⸗ rum ich mit Ihnen zu ſprechen wünſchte. Ich wollte Ihnen zu wiſſen thun, daß wir Beide, ich und Tom, in dieſen Dingen nicht handeln können, wie wir wollen, und daß Sie mir es nicht als Neid, als Stolz— oder— oder als Haß auslegen dürfen, wenn ich mir den Anſchein gebe, als hätte ich Sie ganz vergeſſen.“ Maggie's Worte klangen im Verlauf immer be⸗ kümmerter, und ihre Augen begannen ſich mit Thrä⸗ nen zu füllen. Der ſchmerzliche Ausdruck in Philipps Geſicht verlieh ihm eine größere Aehnlichkeit mit ſeinem knabenhaften Ich und ließ ſeine Entſtelltheit um ſo bemitleidenswerther erſcheinen. „Ich weiß— ich begreife vollkommen, was Sie meinen,“ ſagte er mit kleinlauter Stimme.„Ich weiß, was trennend zwiſchen uns tritt. Aber es iſt nicht recht, Maggie— werden Sie mir nicht böſe, denn ich pflegte Sie in meinen Gedanken immer nur Maggie zu nennen— es iſt nicht recht, den un⸗ vernünftigen Gefühlen Anderer ſein Alles zu opfern. Ich könnte viel aufgeben für meinen Vater— aber gewiß nicht eine Freundſchaft oder eine An⸗ hänglichkeit irgend einer Art, um einen Wunſch von ihm zu erfüllen, dem ich keine Berechtigung zuge⸗ ſtehen kann.“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte Maggie gedankenvoll. „Es iſt mir wohl, wenn ich aufgebracht und unzu⸗ frieden war, oft vorgekommen, daß ich nicht ver⸗ pflichtet ſei, Allem zu entſagen, und meine Gedan⸗ k n 197 ken führten mich dann ſo weit, daß ich mich aller meiner Pflichten entſchlagen zu dürfen glaubte. Dabei iſt nie etwas Gutes herausgekommen— es war ein ſchlimmer Gemüthszuſtand. Ich bin nun zu der Ueberzeugung gekommen, daß ich bei allem meinem Thun am Ende doch wünſchen würde, lieber für mich ſelbſt nichts gewollt, als meinem Vater das Leben noch ſchwerer gemacht zu haben.“ „Aber macht es ſein Leben ſchwerer, wenn wir bisweilen einander ſehen?“ entgegnete Philipp. Er war im Begriff, noch etwas Anderes zu ſagen, hielt aber inne. „Ich weiß, er würde es nicht gern haben. Fra⸗ gen Sie mich nicht nach dem Warum,“ ſagte Maggie in traurigem Tone.„Mein Vater nimmt ſich manche Dinge ſo tief zu Herzen. Er iſt gar nicht glücklich.“ „Da ſteht er nicht allein,“ verſetzte Philipp mit Heftigkeit.„Ich bin auch nicht glücklich.“ „Warum?“ entgegnete Maggie ſanft.„Ach, ich ſollte freilich nicht ſo fragen— aber es thut mir Leid, ſehr Leid.“ Philipp nahm den Spaziergang wieder auf, als halte er es nicht aus, länger ruhig da zu ſtehen, und ſie verließen die Höhlung wieder, um ſtumm zwiſchen den Bäumen und Büſchen weiter zu wan⸗ deln. Nach Philipps letzten Worten konnte es Maggie nicht über ſich gewinnen, auf der ſofortigen Verab⸗ ſchiedung zu beſtehen. „„Ich fühle mich viel glücklicher,“ ſagte ſie endlich mit ſchüchterner Stimme,„ſeit ich es aufgegeben habe, an das Angenehme zu denken und unzufrieden zu ſein, wenn ich meinen Willen nicht durchſetzen *198 konnte. Unſer Leben iſt uns vorgezeichnet— der Geiſt erringt Freiheit, wenn wir uns unſerer Wünſche begeben und nur daran denken, wie wir das uns nnigeſegte ertragen und das uns Zugewieſene er⸗ üllen.“ „Aber ich kann auf mein Wünſchen nicht Ver⸗ zicht leiſten,“ entgegnete Philipp ungeduldig.„Mir kommt es vor, als ob wir unſer Sehnen und Wün⸗ ſchen nicht aufgeben können, ſo lang noch ein kräf⸗ tiges Leben in uns iſt. Es gibt gewiſſe Dinge, von denen wir fühlen, daß ſie ſchön und gut ſind, und wir müſſen danach hungern. Wie können wir uns ohne ſie zufrieden geben, wenn nicht unſere Gefühle erſtorben ſind? Ich finde einen Genuß an ſchönen Gemälden und ſehne mich, auch ſo malen zu können. Ich mühe und mühe mich und kann doch nicht zu Stande bringen, was ich möchte. Dies iſt mir peinlich und wird mir peinlich bleiben, bis meine Augen vor Alter ihre Kraft verlieren. Dann gibt es noch viele andere Dinge, nach denen ich mich ſehne“ — Philipp zögerte ein wenig und fuhr dann fort —„Dinge, die andere Leute haben, und die mir ſtets verſagt bleiben. Mein Leben wird nichts Großes oder Schönes umfangen dürfen— ich wollte, ich wäre lieber nicht geboren.“ „O Philipp,“ ſagte Maggie,„dies ſind nicht die rechten Gefühle.“ Aber ihr Herz begann in einer Weiſe zu klopfen, als betheilige es ſich einigermaßen an Philipps Unzufriedenheit. „Wohlan denn,“ ſagte er, ſich raſch umwendend und ſeine grauen Augen bittend auf ihr Geſicht 199 heftend;„ſo will ich mich in's Leben ſchicken, wenn Sie erlauben, daß ich Sie von Zeit zu Zeit ſehen darf.“ Ein gewiſſer Ausdruck ihrer Züge, der ihm Furcht einflößte, bewog ihn, eine Weile inne zu halten und wegzuſehen; dann fuhr er ruhiger fort: „Ich habe keinen Freund, gegen den ich mein Herz aufſchließen kann— Niemand, der ſich um mich kümmert; und wenn ich Sie nur hin und wieder ſehen könnte und Sie mir erlaubten, ein wenig mit Ihnen zu reden— wenn Sie mich fühlen ließen, daß Sie ſich um mich kümmerten und daß wir uns immer im Herzen Freund ſein und einander helfen dürften, ſo könnte ich wohl des Lebens wieder froh werden.“ „Aber, wie kann ich Sie ſehen, Philipp?“ verſetzte Maggie zögernd.(Konnte ſie ihm wirklich eine Wohl⸗ that erweiſen? Es wäre in der That von ihr ſehr hart geweſen, wenn ſie ihm heute ſchon Lebewohl geſagt hätte auf Nimmerwiederſehen. Hier handelte ſiczs um ein neues Intereſſe, das Abwechslung in ihre Tage zu bringen verſprach, und die Entſagung wird Einem leicht genug, ſo lang man nicht weiß, was eigentlich dabei in Frage kommen kann.) „Wenn Sie mir geſtatten würden, bisweilen hier auf einem Spaziergang mit Ihnen zuſammenzutreffen — ich würde mich zufrieden geben, falls es nur ein⸗ oder zweimal im Monat geſchähe! Dadurch erlitte keines anderen Menſchen Glück eine Beeinträchtigung, und mir würde es das Leben verſüßen. Und wenn auch Feindſchaft beſteht zwiſchen unſeren Angehörigen,“ fuhr er mit der erfinderiſchen Schlauheit der Liebe eines Einundzwanzigjährigen fort,„ſo ſollten wir 200 um ſo mehr Mühe uns geben, ſie durch unſere Freundſchaft auszutilgen. Ich meine, daß wir durch unſeren Einfluß beiderſeits ein Heilen der Wun⸗ den zu Stande bringen können, welche die Ver⸗ gangenheit geſchlagen, wenn wir von dem ganzen Sachverhalt unterrichtet wären. Ich glaube nicht, daß mein Vater einen Haß hegt, ſondern meine, er habe das Gegentheil bewieſen.“ Maggie ſchüttelte langſam den Kopf und ſchwieg unter dem Widerſtreit ihrer Gedanken. Wenn ſie ihre Neigung darüber hörte, ſo war eine gelegent⸗ liche Zuſammenkunft mit Philipp und der Wunſch, zu ihm in einem freundſchaftlichen Verhältniß zu ſtehen, nicht nur etwas Unſchuldiges, ſondern ſogar etwas Gutes; vielleicht konnte ſie ihm an die Hand gehen, Frieden zu finden, wie ſie ihn gefunden hatte. Die Stimme, die ihr dies zuflüſterte, klang ſüß wie Muſik in ihren Ohren; aber durch ſie hindurch drang auch der ſcharfe eintönige Laut einer Warnſtimme, der ſie gehorchen gelernt hatte— die Hinweiſung darauf, daß ſolche Zuſammenkünfte ein Heimlichthun in ſich ſchlößen und damit von ſelbſt die Furcht vor dem Entdecktwerden auf einem unrechten Schritt ver⸗ riethen; dieſes Entdecktwerden mußte Kummer und Schmerz zur Folge haben und das Bewußtſein einer Handlung, die ſo nahe an Falſchheit gränzte, ihren reinen Sinn vergiften. Gleichwohl machte die Muſik fort gleich Aeolsharfentönen, die ſich unter dem Wind⸗ zug ſtetig erneuern, und beredete ſie, das Unrecht liege bloß in den Schwächen und Fehlern Anderer, und es gebe auch werthloſe Opfer, wenn man dem Einen zu lieb ungerecht gegen Jemand anders werde. 4 1 b V b — ͤ—- 9—— N&⏑& 201 Es ſei ſehr grauſam gegen Philipp, ihn zu meiden wegen eines unrechtfertigbaren Grolls gegen ſeinen Vater wie gegen den armen Philipp, den manche Leute ſchon deßhelb mieden, weil er entſtellt war. Der Gedanke, er könnte ihr Liebhaber werden oder die Gehäſſigkeit ihr)e Zuſammenkünfte in dieſem Lichte deuten, kam ihr nicht zu Sinn, und Philipp bemerkte dies recht wohl, nicht ohne ein gewiſſes Herzweh, obgleich ihm um deßwillen ihr Eingehen auf ſeine Bitte nicht weniger Freude machte. Dennoch em⸗ pfand er es bitter, daß Maggie ſich faſt ganz ſo frei und ungezwungen gegen ihn benahm, wie ſie als Kind gethan hatte. „Ich kann darauf weder mit Ja, noch mit Nein antworten,“ ſagte ſie endlich, indem ſie ſich nach dem Weg umwandte, auf dem ſie hergekommen war, „ſondern will mich noch beſinnen, damit ich keinen unrechten Entſchluß faſſe. Ich bedarf dabei einer Leitung.“ „Darf ich dann wieder herkommen— morgen vielleicht— übermorgen— oder in der nächſten Woche?“ „Ich denke, es iſt beſſer, wenn ich Ihnen ſchreibe,“ ſagte Maggie, abermals ſtotternd.„Ich komme bis⸗ weilen nach St. Oggs und kann den Brief auf die Poſt geben.“ „O nein,“ entgegnete Philipp haſtig,„dies wäre nicht zweckmäßig. Mein Vater könnte den Brief zu Geſicht bekommen— und— er hegt zwar keinen Groll, glaube ich, hat aber doch eine ganz andere Weltanſchauung, als ich, da für ihn Reichthum und Stellung wichtige Punkte ſind. Ich bitte, laſſen Sie 202 mich noch einmal hieher kommen. Sagen Sie mir, wann— und wenn Sies ſelbſt noch nicht wiſſen, ſo will ich, ſo oft ich kann, herauskommen, bis ich Ihnen begegne.“ „Wir werden es ſchon ſo halten müſſen,“ ver⸗ ſetzte Maggie,„denn ich kann nicht mit Beſtimmtheit ſagen, an welchem beſonderen Abend es mir heraus⸗ zukommen möglich iſt.“ Maggie fühlte ſich durch dieſen Aufſchub ihres Entſchluſſes ſehr erleichtert. Sie konnte ſich nun zwangloſer noch einige Minuten ſeiner Geſellſchaft erfreuen und meinte faſt, ſie dürfe noch ein wenig länger bleiben; denn wenn ſie das nächſtemal mit Philipp zuſammen kam, mußte ſie ihm vielleicht durch die Ankündigung ihres Beſchluſſes wehe thun. „Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren,“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, indem ſie ihn lächelnd anſah,„wie ſeltſam es iſt, daß ich mit Ihnen zuſammentreffen und ſprechen konnte, als ſeien wir erſt geſtern in Lorton von einander geſchieden. Und doch müſſen wir uns Beide in dieſen fünf Jahren — ich glaube es ſind fünf Jahre— ſehr verändert haben. Es mußte Ihnen wohl eine Art Ahnung ſagen, daß ich dieſelbe Maggie ſei. Ob ich Sie gerade wieder ſo finden würde, war bei mir nicht ſo ausgemacht. Ich weiß, Sie ſind ſo geſcheid und Sie müſſen ſo viel geſehen und gelernt haben, was Ihren Geiſt erfüllt; ich konnte mir alſo nicht denken, daß Sie ſich jetzt noch um mich kümmern würden.“ „Ich zweifelte nicht daran, daß ich in Ihnen bei jeder Begegnung ſtets dieſelbe wieder finden würde,“ ſagte Philipp—„das heißt, als dieſelbe in Allem, 203 was mir an Ihnen beſſer gefiel, als an Jeder⸗ mann ſonſt. Ich will darüber keine Erklärung geben, denn ich glaube, daß die ſtärkſten Wir⸗ kungen, deren unſere Natur fähig iſt, ſich überhaupt gar nicht erklären laſſen. Wir können weder den Proceß, durch den man zu ihnen gelangt, noch die Weiſe auffinden, in welcher ſie uns beikommen. Der größte Maler hat nur einmal ein geheimnißvoll göttliches Kind gemalt; er wußte nicht wie er dazu kam, und wir können keinen Aufſchluß darüber geben, warum es uns als göttlich anſpricht. Ich vermuthe, es liegen in der menſchlichen Natur Vorräthe auf⸗ gehäuft, die unſer Verſtand nicht in ein Regiſter zu bringen vermag. Gewiſſe muſikaliſche Accorde wir⸗ ken in einer eigenthümlichen Weiſe auf mich— ſie verändern für eine Weile meine ganze geiſtige Stim⸗ mung und könnten mich, wenn die Wirkung anhielte, in einen Heroen umwandeln.“ „Ah, ich weiß, was Sie mit dieſer Muſik meinen — ich fühle es,“ ſagte Maggie, mit ihrem alten Ungeſtüm die Hände zuſammenſchlagend.„Wenig⸗ ſtens fühlte ich es,“ fügte ſie in wehmüthigem Tone bei,„als ich noch Muſik hörte. Jetzt kommt mir keine andere mehr vor, als die der Kirchenorgel.“ „Und Sie ſehnen ſich danach, Maggie?“ verſetzte Philipp, ſie mit bedauernder Theilnahme betrachtend. „Ach, Sie finden freilich nicht viel Schönes auf Ihrem Lebenspfade. Haben Sie viele Bücher? Als kleines Mädchen waren Sie eine große Freundin davon.“ Sie waren wieder nach der von Heckenroſen um⸗ gürteten Höhlung zurückgekommen, und Beide blieben —, ᷣ— 204 ſtehen, um den Zauber der feenhaften Abendbeleuch⸗ tung zu genießen, die von den blaßrothen Blüthen⸗ büſcheln wiederſtrahlte. „Nein. Ich habe die Bücher aufgegeben,“ ant⸗ wortete Maggie ruhig—„mit Ausnahme von eini⸗ gen wenigen.“ Philipp hatte bereits einen kleinen Band aus der vaiche gezogen; er betrachtete den Rückentitel und agte: „Ah, ich ſehe— es iſt der zweite Band; ſonſt hätte ich Sie gebeten, ihn mit nach Haus zu neh⸗ men. Ich ſteckte ihn bei, weil ich eine Scene für ein Bild ſtudire.“ Maggie betrachtete den Titel gleichfalls; er rief mit Macht einen alten Eindruck wieder in's Leben. „Der Pirat,“ ſagte ſie, das Buch aus Philipps Hand nehmend.„Oh, ich habe ihn einmal zu leſen angefangen und kam bis dahin, wo Minna mit Cle⸗ veland ſpazieren geht; aber ich bin nie dazu gekom⸗ men, das Uebrige zu leſen. Ich habe mir mehrere Ausgänge ſelbſt dazu erſonnen, aber ſie waren alle unglücklich, da ich zu einem ſolchen Anfang kein glückliches Ende zu finden vermochte. Die arme Minna— ich möchte wohl wiſſen, wie es wirklich ausgegangen iſt. Ich konnte mir lange die Shet⸗ landinſeln nicht aus dem Sinn ſchlagen— es war mir ſtets, als ob mich von der rauhen See her der Wind anwehe.“ Maggie's Augen glänzten während des raſchen Fluſſes dieſer Worte. „So nehmen Sie dieſen Band mit nach Haus, Maggie,“ ſagte Philipp, der ſeine Blicke mit Luſt 20⁵ hatte auf ihr haften laſſen.„Ich brauche ihn jetzt nicht. Dafür will ich ein Bild von Ihnen entwerfen — Sie mit den ſchotiſchen Kiefern und den ſchräg niederfallenden Schatten.“ Maggie hatte teines ſeiner Worte gehört, da ſie ſich alsbald in den Inhalt einer Seite, die ſie aufge⸗ ſchlagen, vertiefte. Aber plötzlich ſchloß ſie das Buch und gab es Philipp zurück; ſie ſchüttelte dabei den Kopf in eigenthümlicher Weiſe, als wollte ſie den flüchtigen Geſichten zurufen:„Hinweg mit euch!“ „Behalten Sie's doch, Maggie,“ ſagte Philipp bittend;„es wird Ihnen Vergnügen machen.“ „Nein, ich danke Ihnen,“ verſetzte Maggie, indem ſie es mit der Hand zurückſchob und weiter ging; „es würde mir wieder die alte Liebe zur Welt, die Sehnſucht, Dies und Jenes ſehen und kennen zu lernen, den Durſt nach einem vollen Leben einflößen.“ „Aber Ihr Schickſal wird nicht immer das gleiche bleiben. Warum wollen Sie Ihren Geiſt in ſolcher Weiſe darben laſſen? Das iſt ein beſchränkter mönchi⸗ ſcher Sinn, der mir an Ihnen nicht gefällt. Die Punde. die Kunſt und die Wiſſenſchaft ſind rein und eilig.“ „Aber nicht für mich— nicht für mich,“ ſagte Maggie, ihre Schritte beſchleunigend,„denn ich würde davon zu viel brauchen. Ich muß warten— dieſes Leben wird nicht ewig dauern.“ „Eilen Sie doch nicht hinweg, ohne mir ein Lebewohl zu bieten, Maggie,“ ſagte Philipp, als ſie die Föhrengruppe erreicht hatten und das Mädchen, ohne zu ſprechen, ihren raſchen Gang fortſetzte.„Ich werde Sie wohl nicht weiter begleiten dürfen— oder?“ 206 „O nein, ich vergaß dies. Leben Sie wohl,“ verſetzte Maggie, ſtehen bleibend und ihm die Hand reichend. Dieſe Handlung führte ihre Gefühle in ſtarker Strömung wieder zu Philipp zurück. Nachdem ſie mit verſchlungenen Händen ſich eine Weile ſchweigend angeſehen hatten, zog ſie die ihrige zurück und ſagte: „Ich weiß es Ihnen ſehr Dank, daß Sie wäh⸗ rend dieſer Reihe von Jahren die Erinnerung an mich bewahrt haben. Es iſt ein ſo angenehmes Gefühl, von den Leuten geliebt zu werden. Iſt es nicht ſchön und wunderbar, daß Gott es in Ihr Herz legte, ſich um ein wunderliches kleines Mädchen zu kümmern, mit dem Sie nur ein Paar Wochen um⸗ gegangen ſind? Ich erinnere mich noch, wie ich da⸗ mals zu Ihnen ſagte, es komme mir vor, daß Sie ſich mehr um mich kümmerten, als Tom.“ „Ja, Maggie,“ entgegnete Philipp etwas em⸗ pfindlich,„und auch, daß Sie mich nie ſo würden lieben können, wie Sie Ihren Bruder liebten.“ „Vielleicht nicht,“ ſagte Maggie einfach;„aber Sie dürfen dabei nicht vergeſſen, daß Tom, wie er neben mir an dem Ufer des Floß ſteht und mich bei der Hand hält, zu den erſten Erinnerungen meines Lebens gehört. Alles vor dieſer Zeit liegt für mich im Dunkeln. Ich werde Ihrer nie vergeſſen, wenn wir auch getrennt bleiben müſſen.“ „Sprechen Sie nicht ſo, Maggie,“ ſagte Philipp. „Verdiene ich nicht einigen Antheil an dem kleinen Mädchen, das ich fünf Jahre in meinem Gedächtniß bewahrt habe? Sie ſollte ſich mir nicht ganz entziehen.“ — — 207 „Wenn ich frei wäre, allerdings nicht,“ verſetzte Maggie;„da ich's aber nicht bin, ſo muß ich mich unterwerfen.“ Sie zögerte einen Augenblick und fuhr dann fort:„Auch wollte ich Ihnen ſagen, daß es wohl am beſten iſt, wenn Sie von Tom nicht weiter Notiz nehmen, als daß Sie ihn mit einer einfachen Verbeugung grüßen. Er hat einmal gegen mich er⸗ klärt, daß er nie wieder mit Ihnen reden wolle, und wenn er ſich etwas vorgenommen hat, ſo bleibt er dabei. Ach Gott, die Sonne iſt bereits hinunter. Ich bin zu lange fortgeblieben. Leben Sie wohl.“ Sie gab ihm noch einmal ihre Hand. „Ich werde, ſo oft ich kann, hieher kommen, bis ich Sie wieder ſehe, Maggie. Ich bitte, fühlen Sie nicht nur für Andere, ſondern auch ein wenig für mich.“ „Ja, ja,“ entgegnete Maggie, eilte hinweg und war raſch hinter den letzten Kiefern verſchwunden, während Philipp ihr noch eine Weile unbeweglich nachſtarrte, als ſchwebe ihr Bild noch immer vor ſeinen Augen. Maggie fühlte auf dem Heimweg, daß der innere Widerſtreit bereits begonnen hatte; Philipp dagegen gab nur der Erinnerung und Hoffnung Raum. Man kann wohl nicht umhin, ihn ſtreng zu tadeln; denn er war vier oder fünf Jahre älter als Maggie und kannte ſeine Gefühle gegen ſie hinreichend, um ein⸗ zuſehen, in welchem Lichte dritte Perſonen die von ihm vorgeſchlagene Zuſammenkunft betrachten würden. Doch darf man nicht annehmen, daß er einer groben Selbſtſucht fähig war oder ſich hätte dabei beruhigen können, wenn er nicht der Ueberzeugung geweſen 208 wäre, daß er in Maggie's Leben etwas Glück zu bringen ſuche und er bei ſeiner Bitte mehr dies, als ſich ſelbſt im Auge gehabt habe. Er konnte ihr Theilnahme widmen und Beiſtand leiſten. Ihr Benehmen gegen ihn war ſo, daß es ihm nicht entfernt Gegenliebe in Ausſicht ſtellte, denn es bekundete einfach die ſüße mädchenhafte Herzenszartheit, die ſie ihm erwieſen, als ſie zwölf Jahre alt war. Vielleicht konnte ſie ihn nie— vielleicht konnte kein Weib ihn je lieben. Gut; er wollte dies ertragen, gleichwohl aber nicht auf das Glück verzichten, ſie zu ſehen und ſich ſagen zu können, daß ſie ihm nahe ſtand. An die Mög⸗ lichkeit übrigens, daß ſie ihn lieben könnte, klammerte er ſich mit leidenſchaftlicher Heftigkeit an; vielleicht ent⸗ wickelte ſich in ihr dieſes Gefühl aus jener achtſamen Zartheit, die ſo innig mit ihrem Weſen verwoben war, wenn ſie mit ihm länger verkehrte. War je ein Weib fähig, ihn zu lieben, ſo mußte er es in Maggie ſuchen, die einen ſolchen Reichthum von Liebe in ſich trug, ohne daß Jemand dageweſen wäre, um ihn ganz in Anſpruch zu nehmen. Und dann— war es nicht Jammerſchade, daß ein Geiſt wie der ihrige in ihrer ſchönſten Jugend hinwelken ſollte wie ein junger Waldbaum, dem es zu ſeinem Aufkommen an Licht und Raum gebricht? Konnte er dies nicht hin⸗ dern, wenn er ſie aus ihrem Entſagungskreiſe heraus⸗ zutreten überredete? Er wollte ihr Schutzengel ſein, wollte um ihretwillen Alles thun, Alles ertragen, das Nichtwiederſehen ausgenommen. f — ͤͤͤͤͤͤſ- 8SEeSͤ= — — — ——ÿ——*——— 209 Zweites Kapitel. Tante Glegg macht Bekanntſchaft mit Bobs breitem Daumen. Während Maggie's Lebenskämpfe— eine ſchatten⸗ hafte Armee von wechſelſeitigen Streitern, in der die Erſchlagenen immer wieder neu erſtanden— faſt ausſchließlich in ihrem Innern rangen, war Tom in einem ſtaubigeren, geräuſchvollen Feldzug begriffen, der ihm greifbarere Hinderniſſe in den Weg warf und ihn beſtimmtere Siege erringen ließ. So iſt es geweſen ſeit den Tagen Hecuba's und des roſſe⸗ bändigenden Hector— innerhalb der Thore die Weiber mit fliegenden Haaren und zum Gebet er⸗ hobenen Händen, wie ſie dem Wettkampf von ferne zuſehen und ihre langen leeren Tage ausfüllen mit Furcht und Erinnerung, draußen die Männer im vilden Streit mit Göttern und Menſchen, der Ver⸗ gangenheit vergeſſend in dem Ringen nach einem deutlichen Ziel und furchtlos ſelbſt der Wunden nicht achtend, wenn der Feuereifer ſie hinreißt zu männ⸗ licher That. Nach dem, was wir von Tom geſehen haben, werden wir keinen Jüngling in ihm erkennen, dem ſich ein Fehl⸗ ſchlagen in Allem, was er angreift, vorausſagen läßt, und man kann wohlgemuth auf ihn wetten trotz ſeiner geringen Erfolge im Studium der Claſſiker. Auf dem letzteren Gebiet hatte er es nie vorwärts zu bringen geſtrebt, und für das gedeihliche Aufkommen einer intellectuellen Erſtarrung ſorgt man am beſten, wenn man den Geiſt mit recht vielen Gegenſtänden füttert, für die er kein Intereſſe hat. Nun aber Eliot, Die Mühle am Floß. II. 14 210 ſammelten ſich feſter Wille, Rechtlichkeit, Stolz, Fami⸗ lienhaß und perſönlicher Chrgeiz in Tom zu einer einheitlichen Kraft, die muthig einen Kampf beſtehen und die Hinderniſſe überwinden konnte. Sein Onkel Deane, der ein ſcharfes Auge auf ihn hatte, begann Hoffnungen auf ihn zu ſetzen und fühlte einen ge⸗ wiſſen Stolz in dem Bewußtſein, der Firma in ſeinem Neffen eine Perſönlichkeit zugeführt zu haben, die einen ſo gediegenen commerciellen Kern beſaß. Wie gut es der Onkel mit Tom meinte, als er ihn zuerſt im Magazin unterbrachte, wurde dieſem bald klar aus den Winken, welche Mr. Deane gelegentlich hin⸗ warf, indem er meinte, man könne ihm vielleicht mit der Zeit Reiſen für die Firma und den Einkauf von unterſchiedlichen ordinären Waaren anvertrauen, mit deren näherer Bezeichnung wir hierorts unſere Leſer nicht behelligen wollen. Und ohne Zweifel geſchah es auch im Hinblick auf ein ſolches Reſultat, daß Mr. Deane, wenn er ſeinen Wein allein genießen zu können hoffte, Tom eintreten und ein Stündchen bei ihm verweilen hieß, um ihn über Ein⸗ und Aus⸗ fuhrartikel in's Gebet zu nehmen und gelegentlich ſich in etwas weiter hergeholten Ergießungen über die Vortheile auszulaſſen, welche den Kaufleuten von St. Oggs dadurch zugingen, daß ſie ihre Güter auf eigenen und auf fremden Schiffen bezogen— ein Thema, über das Mr. Deane als Rheder ſtets einige Funken ausſprühen ließ, wenn er vom Wein und Sprechen warm wurde. Schon im zweiten Jahr er⸗ hielt Tom eine Gehaltszulage; doch wanderte Alles, was er verdiente, mit Ausnahme des nöthigen Ver⸗ brauchs für Mittagkoſt und Kleidung, in die zinnerne —————— ð——==B8n — X8 G⏑&— 8SO 8 211 Büchſe, wie er denn auch alle Kameradſchaft ver⸗ mied, um nicht wider Willen zu anderartigen Aus⸗ gaben verleitet zu werden. Nicht daß er aus dem töl⸗ piſchen Stoff des ochſenden Handelslehrlings geformt geweſen wäre, denn er war ſeiner Neigung nach ein Freund des Vergnügens. Die edle Reitkunſt hielt er in beneidenswerthen Ehren; auch hätte er gern in den Augen ſeiner Umgebung Figur gemacht und mit kluger Freigebigkeit den gaſtlichen Wirth geſpielt, um als einer der charmanteſten Burſche, die man in der Gegend fand, in Ruf zu kommen. Auch ge⸗ dachte er, früh er oder ſpäter es ſoweit zu bringen. Aber ſein practiſcher Sinn ſagte ihm, daß er dieſes Ziel nur durch vorläufige Enthaltſamkeit und Selbſt⸗ verläugnung erringen könne; bis er ſo weit kam, hatte er noch einige Meilenſteine zurückzulegen, und der erſte davon war die Bezahlung der Schulden ſeines Vaters. Da über dieſen Punkt ſein Entſchluß feſt ſtand, ſo ging er ohne abzuſchweifen ſeines Weges mit jenem Ernſt, den man häufig an jungen Leuten findet, wenn ſie ſich frühzeitig auf ſich ſelbſt angewieſen ſehen. Tom machte, wie es der Familienſtolz mit ſich zu bringen pflegt, aus voller Seele mit ſeinem Vater gemeinſchaftliche Sache und wollte ſich als deſſen ächter Sohn erweiſen, obſchon er bei zunehmen⸗ der Erfahrung die Unklugheit und Ueberſtürzungen ſeines Erzeugers nicht eben löblich finden konnte. Die Charactere des alten und jungen Tulliver ſym⸗ pathiſirten nicht miteinander, und man ſah nicht viel Glanz auf Toms Geſicht während der Stunden, die er in der Heimath zubrachte. Maggie hatte vor ihm eine Scheu, gegen die ſie wohl gitämöſe. weil 212 ihr Inneres ihr ſagte, daß ſie unbillig ſei gegen ein Benehmen, das die Frucht ernſten Nachdenkens und tiefliegender Beweggründe war; aber ihr Ringen blieb erfolglos. Ein Character, der mit ſich einig iſt, ausführt, was er beabſichtigt, jeden feindlichen Im⸗ puls überwindet und nur das wirklich Mögliche in Ausſicht nimmt, zeigt ſeine Stärke auch in ſeinen negativen Eigenſchaften. Man kann ſich denken, daß Tom ſeinen Tanten und Onkeln von der Mutterſeite her nur um ſo beſſer gefiel, je unähnlicher er ſeinem Vater wurde, und Mr. Deane's günſtige Aeußerungen und Prophe⸗ zeihungen gegen Mr. Glegg über Toms Befähigung für das Geſchäft begannen unter ihnen mit verſchieden guter Aufnahme beſprochen zu werden. Es gewann den Anſchein, als werde er der Familie Ehre machen, ohne daß dieſe Koſten und Mühe dabei hatte. Mrs. Pullet war immer der Meinung geweſen, es müßte wunderſam hergehen, wenn Toms vortrefflicher Teint — ſo ganz der Dodſoniſche— nicht eine Bürgſchaft dafür gäbe, daß er gut ausfallen müſſe; denn ſeine jugendlichen Verirrungen, das Niederrennen des Pfauen und ſeine Achtungswidrigkeit gegen ſeine Tanten im Allgemeinen ſeien am Ende nur eine Frucht von der Beimengung des Tulliverbluts ge⸗ weſen und hätten ſich ohne Zweifel mit dem Wachſen verloren. Mr. Glegg, der ſeit Toms muthigem und verſtändigem Verhalten bei der Verſteigerung eine behutſame Zuneigung zu ſeinem Neffen gefaßt hatte, erwarmte jetzt bis zu dem Entſchluß, ihm— mit der Zeit— thätigen Vorſchub zu leiſten, wenn ſich eine Gelegenheit bot, es in kluger Weiſe und ohne Riſico 213 thun zu können. Mrs. Glegg dagegen bemerkte, es ſei ihr nicht, wie gewiſſen Leuten, gegeben, ohne Buch zu ſprechen, und diejenigen, welche am wenigſten redeten, erwieſen ſich oft als die beſten Worthalter; wenn der Augenblick komme, ſo werde ſich's ausweiſen, wer etwas Beſſeres thun könne, als Schwatzen. Mr. Puleet kam, nachdem er ſich für die Periode mehrerer Bruſtzeltchen in ſummer Meditation ergangen, zu dem entſchiedenen Schluß, daß man, wenn ein junger Menſch es wahrſcheinlich vorwärts bringe, nichts Beſſeres thun könne, als ihn gehen laſſen. Inzwiſchen hatte Tom keine Luſt gezeigt, ſich auf Jemand anders als auf ſich ſelbſt zu verlaſſen, ob⸗ ſchon ihm als natürliche Folge der Empfänglichkeit für alle Merkmale einer günſtigen Meinung die Wahr⸗ nehmung Freude machte, daß ihm gelegentlich während der Geſchäftsſtunden ſein Onkel Glegg wohlgefällig zuſah; auch ließ er ſich aus demſelben Grund hin und wieder eine Einladung deſſelben zum Mittag⸗ eſſen gefallen, obſchon er ſier gewöhnlich unter dem Vorwand ablehnte, daß er nicht wiſſe, ob er pünktlich ſein könne. Doch ungefähr ein Jahr früher hatte ſich ein Vorfall zugetragen, welcher Tom veranlaßte, Onkel Gleggs wohlwollende Geſinnung auf die Probe zu ſtellen. Bob Jakin, der ſelten von einer ſeiner Runden zurückkam, ohne bei Tom und Maggie einzuſprechen, erwartete ihn eines Abends, als er von St. Oggs heimkehren wollte, auf der Brücke, um mit ihm einer kleinen Privatunterhaltung zu pflegen. Er nahm ſich die Freiheit, zu fragen, ob Mr. Tom nie daran ge⸗ dacht habe, ſich durch einen Handel für eigene Rech⸗ 214 nung etwas Geld zu machen. Durch Handel für eigene Rechnung? Tom wünſchte zu wiſſen, wie dies anzugreifen wäre. Jenun, damit, daß er eine kleine Ladung Güter nach fremden Häfen entſandte; denn Bob hatte einen beſonderen Freund, der ſich erboten hatte, für ihn ein derartiges kleines Geſchäft in Lacehamer Waaren zu beſorgen, und wahrſchein⸗ lich gerne bereit war, Mr. Tom in derſelben Weiſe zu bedienen. Tom intereſſirte ſich für den Vorſchlag, ließ ſich denſelben eines Näheren auseinander ſetzen und wunderte ſich, daß er ſelbſt nicht ſchon früher auf dieſen Gedanken gekommen war. Die Ausſicht auf eine Speculation, welche den langſamen Proceß des Addirens in den raſcheren des Multiplicirens umzuwandeln verſprach, gefiel ihm dermaßen, daß er beſchloß, ohne Verzug mit ſeinem Vater über die Sache zu reden und deſſen Zuſtimmung zu der Ver⸗ wendung eines Theils der Erſparniſſe in der Zinn⸗ büchſe auf den Ankauf eines kleinen Cargos einzu⸗ holen. Er hätte allerdings lieber gegen ſeinen Vater über dieſes Vorhaben geſchwiegen; aber ſein letzter Quartalgehalt war bereits in die Büchſe gefloſſen, und andere Hilfsquellen ſtanden ihm nicht zu Gebot. Das ſämmtliche erſparte Geld lag vorräthig; denn Mr. Tulliver wollte es durchaus nicht auf Zinſen ausborgen, damit nichts davon verloren gehe. Eine Speculation in Korn, die ihm Verluſt gebracht, hatte ihn ſo vorſichtig gemacht, daß er das Geld nicht mehr aus den Augen laſſen wollte. Tom bahnte, als er jenen Abend mit ſeinem Vater am Herd ſaß, den Gegenſtand behutſam an, und Mr. Tulliver hörte ihm zu, während er, in ſeinem * —.——S' ür ie ne 215⁵ Armſtuhl vorgebeugt, die Blicke ſkeptiſch auf dem Geſicht ſeines Sohnes haften ließ. Sein erſter Ge⸗ danke war eine entſchiedene Verweigerung; aber Toms Wünſche flößten ihm einen gewiſſen Reſpect ein, und da er das Gefühl, ein„unglücklicher“ Vater zu ſein, in ſich trug, ſo hatte ſich auch Einiges von dem ge⸗ bieteriſchen und entſchiedenen Weſen des alten Haus⸗ herrn verloren. Er nahm den Schlüſſel zu dem Kaſten aus der Taſche, holte den zu der großen Truhe heraus und brachte die Zinnbüchſe zum Vorſchein, freilich nur langſam, denn er ſuchte den peinlichen Augenblick des Scheidens ſo lange als möglich hinaus⸗ zuſchieben. Dann ſetzte er ſich an den Tiſch und öffnete die Büchſe mit dem kleinen Maderſchlüſſel, den er in ſeiner Weſtentaſche während aller freien Augen⸗ blicke zu befingern pflegte. Da waren denn die ſchmutzigen Banknoten und die blanken Goldſtücke — er zählte ſie auf den Tiſch hin: trotz allen Kargens nur hundert und ſechszehn Pfund in zwei Jahren. „Wie viel willſt Du?“ fragte er, und die Worte ſchienen ſengend über ſeine Lippen zu gehen. „Ich denke, ich will mit ſechsunddreißig Pfund anfangen, Vater!“ entgegnete Tom. Mr. Tulliver ſchied dieſe Summe von dem Uebrigen aus, hielt die Hand darüber und ſagte: „Es iſt ſo viel, als ich in einem Jahr von meinem Lohn erſparen kann.“ „Ja, Vater— es geht langſam vorwärts, wenn man von dem Wenigen, was man verdient, noch auf⸗ ſteceen ſoll. Auf dieſe Weiſe aber können wir unſere Erſparniſſe verdoppeln.“. „Ja, Knabe,“ entgegnete der Vater, noch immer 216 ſeine Hand über das Geld hinhaltend,„aber wenn Du's verlierſt— Du könnteſt ein Jahr von meinem Leben verlieren— und ich habe nicht mehr viele.“ Tom ſchwieg. „Und Du weißt, ich wollte mit dem erſten Hundert keine Dividenden zahlen, weil ich gerne Alles auf Einem Haufen gehabt hätte— und wenn ich's ſehe, ſo bin ich meiner Sache gewiß. Trauſt Du dem Glück, ſo wird es ſicherlich gegen mich ausſchlagen. Beim Glück hat immer der alte Urian die Hand im Spiel, und verliere ich ein Jahr, ſo bringe ich's nicht wieder zuſammen— ich habe den Tod davon.“ Mr. Tullivers Stimme zitterte, und Tom blieb noch eine Weile ſtumm, ehe er verſetzte: „Wenn Euch die Sache ſo zuwider iſt, Vater, ſo will ich ſie aufgeben.“ Da er aber nicht geneigt war, ſeinen Plan ganz fallen zu laſſen, ſo beſchloß er, ſeinen Onkel Glegg zu bitten, daß er zwanzig Pfunde daranſetze unter der Bedingung einer Proviſion von fünf Procenten des Gewinns für ihn. Dies war in der That keine große Zumuthung. Als daher am anderen Tag Bob ſich auf dem Kai einſtellte, um ſeinen Entſchluß zu vernehmen, machte er demſelben den Vorſchlag, daß ſie miteinander zu Onkel Glegg gehen und das Ge⸗ ſchäft eröffnen ſollten; denn das ſchüchterne, ſtolze Weſen haftete ihm noch immer an, und er fühlte, daß Bobs Zunge ihm einige Verlegenheit erſparen werde. Mr. Glegg befand ſich in der angenehmen Stunde Vier eines heißen Auguſtnachmittags im Garten und zählte natürlich ſeine Spalierfrüchte, um ſich zu über⸗ 217 zeugen, daß die Geſammtſumme ſeit geſtern keine Veränderung erlitten hatte. Tom kam in den Garten mit einer, wie Mr. Glegg meinte, ſehr zweifelhaften Kameradſchaft, einem Menſchen nämlich mit einem Tragkorb auf dem Rücken, da Bob ſich bereits für eine neue Reiſe ausgerüſtet hatte, und einer mächtigen gefleckten Bulldogge, die ſich mit einem langſamen Hinundherſchwanken bewegte und unter ihren Augen⸗ lidern mit ſauertöpfiſcher Gleichgiltigkeit, vielleicht dem Deckmantel der tückiſchſten Abſichten, hervorſah. Die Brille, welche Mr. Glegg beim Zählen der Aprikoſen beiſtand, ließ ihm dieſe verdächtigen Einzelnheiten in dem beunruhigendſten Licht erſcheinen. „Hei— he! Behaltet den Hund zurück— wollt Ihr?“ ſchrie er, indem er einen Pfahl aufgriff und zum Schirm vor ſich hinhielt, als die Gäſte ihm auf drei Schritte nahe gekommen waren. „Zurück mit dir, Mumps,“ ſagte Bob mit einem Fußtritt.„Er iſt ſo ſanft wie ein Lamm, Sir“— eine Bemerkung, welche Mumps durch ein lautes Heulen bekräftigte, als er ſich hinter die Beine ſeines Herrn zurückzog. „Nun, was ſoll dies heißen, Tom?“ ſagte Mr. Glegg.„Bringſt Du mir vielleicht Nachricht über die Hallunken, die mir meine Bäume abgehauen haben?“ (Wenn Bob in der Eigenſchaft eines„Angebers“ erſchien, ſo waren für Mr. Glegg Gründe vorhan⸗ den, eine ſolche Unregelmäßigkeit zu dulden.) „Nein, Onkel,“ verſetzte Tom,„ich komme, um wegen einer eigenen kleinen Geſchäftsangelegenheit mit Ihnen zu ſprechen.“ 218 „Ah— gut— aber was hat dieſer Hund da⸗ mit zu ſchaffen?“ ſagte der alte Herr, wieder mild werdend. „Es iſt mein Hund, Sir ,“ entgegnete der rede⸗ fertige Bob.„Und ich bin's, der Mr. Tom auf das Geſchäftchen aufmerkſam gemacht hat; denn Mr. Tom iſt ſchon ein Freund von mir geweſen, wie ich noch ein kleiner Knabe war und für den alten Meiſter die Vögel wegſcheuchte. Wenn mir nun etwas Ge⸗ ſchicktes aufſtößt, ſo denke ich immer, ob ich nicht Mr. Tom auch einen Brocken davon zuſchanzen könne. Und es wäre eine ſchreiende Schande, wenn er aus Mangel an Geld die gute Gelegenheit hinauslaſſen müßte, mit Ausſenden von Waaren ein bischen Geld zu verdienen— reine zehn oder zwölf Procent nach Abzug der Fracht und der Commiſſionsſpeſen. Und was die Lacehamer Waaren betrifft— Hercules, die ſind ausdrücklich für Leute gemacht, die kleine La⸗ dungen verſenden wollen— leicht und nicht viel Raum fordernd. Man kann für zwanzig Pfund aare in ein kleines Trüchlein zuſammen packen, und da alle Narren eine Freude an dieſen Manufacturen haben, ſo wird es ihnen, rechne ich, nie an einem Markt fehlen. Ich würde, wenn ich nach Laceham gehe, neben dem meinigen auch den Einkauf für Mr. Tom beſorgen. Und der Supercargo des Schiff⸗ leins, das es mitnehmen ſoll, iſt ein beſonders guter Bekannter von mir, ein ſolider Mann, der hier in der Stadt Familie hat. Er heißt Salt und iſt ein Burſch, der die Salzwaſſerfahrt ſchon oft gemacht hat. Wenn Sie mir nicht glauben, ſo will ich Sie zu ihm hinführen.“ 219 Onkel Glegg ſperrte in ſeinem Staunen über dieſe Zungenfertigkeit, mit welcher ſein Verſtand kaum gleichen Schritt zu halten vermochte, Mund und Augen weit auf. Er ſah Bob zuerſt über ſeine Brille weg, dann durch die Gläſer und zuletzt wie⸗ der über der Brille weg an, während Tom in ſeiner Verlegenheit über den Eindruck, den ſein ſeltſamer Aaron hervorbrachte, zu wünſchen begann, er möchte nicht dieſen Sprecher mitgebracht haben. Bobs Reden ſchienen ihm weniger manierlich zu ſein, nun noch eine dritte Perſon vorhanden war, die ihnen zuhören konnte. „Sie ſcheinen mir ein gewitzter Kamerad zu ſein,“ ſagte Mr. Glegg endlich. „Ganz richtig geſprochen, Sir,“ entgegnete Bob, mit dem Kopf ſeitwärts nickend.„Ich glaube, in meinem Kopf wuſelt's wie im alten Käs, ſo voll iſt er von Planen, von denen einer den andern über⸗ purzelt. Wenn ich ſie nicht gegen den Mumps aus⸗ laſſen könnte, ſo müßten ſie mir den Kopf ſo ſchwer machen, daß mich der Schlag träfe. Schätz’ wohl dies kömmt daher, daß ich nie viel in die Schule gekommen bin. Ich halt's meiner Mutter noch immer vor und ſage zu ihr: ‚Ihr hättet mich ein Bischen mehr in die Schule ſchicken ſollen, ſagt' ich, ‚dann wär's mir auch nur ein Spaß, in den Büchern zu leſen, und ich könnte meinen Kopf kalt und leer halten.“ Hercules, wie ſchön und gut es jetzt meine alte Mutter hat! Sie kriegt ihr gebackenes Fleiſch und kann ihren Thee haben, ſo oft ſie immer will; denn ich verdiene ſo viel Geld, daß ich bald ein Weib brauchen werde, die mir's verzehren hilft. Nur ge⸗ und wer weiß, ob Mumps mit ihr auskäme.“ Onkel Glegg, der ſeit ſeinem Zurücktritt aus dem Geſchäft ſich ſelbſt für einen ſpaßhaften Mann hielt, fing an, Bob unterhaltlich zu finden; aber er hatte noch eine mißbilligende Bemerkung zu machen, die einemn Geſicht vorläufig den Ausdruck des Ernſtes verlieh. „Ah,“ ſagte er,„ich kann mir wohl denken, daß Sie nicht wiſſen, wo Sie mit Ihrem Geld hin müſ⸗ ſen; ſonſt würden Sie nicht dieſen großen Hund hal⸗ ten, der ſo viel frißt, wie zwei Chriſtenmenſchen. Es iſt ſchändlich— wahrhaft ſchändlich!“ Aber er ſprach mehr im Ton des Bedauerns, als des Un⸗ willens, und ſetzte raſch bei:„Aber laß mich ein⸗ mal hören, was es mit dieſem Geſchäft iſt, Tom. Vermuthlich möchteſt Du eine kleine Summe daran rücken. Aber wo haſt Du denn all' Dein Geld— doch nicht verbraucht, he?“ „Nein, Onkel,“ entgegnete Tom erröthend;„aber mein Vater geht ſo ungern darauf ein, etwas zu wagen, daß ich nicht in ihn dringen mag. Wenn ich zwanzig oder dreißig Pfund zum Anfang hätte, ſo könnte ich fünf Procent dafür zahlen, allmählich mir ein Kapitälchen erwerben und dann ohne An⸗ lehen fortmachen.“ „Ja.... ja,“ erwiederte Mr. Glegg in beifäl⸗ ligem Tone.„Das iſt kein übler Gedanke und ich will nicht ſagen, daß Du Dich in mir an den un⸗ rechten Mann gewendet haſt. Aber es wird am Platz ſein, daß ich mit dieſem Salt Rückſprache nehme. Und dann.... Dein guter Freund da langt man vor dem Weibergeplauder nicht zur Ruhe, 221 erbietet ſich, die Waaren für Dich einzukaufen. Viel⸗ leicht haben Sie Jemand, der Bürgſchaft für Sie leiſtet, wenn das Geld in Ihre Hände gegeben wird?“ fügte der vorſichtige alte Gentleman bei, indem er Bob abermals über ſeine Brille weg anſah. „Ich glaube nicht, daß dies nöthig iſt, Onkel,“ ſagte Tom.„Oder vielmehr, für mich wäre es nicht nöthig, da ich Bob ſo gut kenne, obſchon es viel⸗ leicht in der Ordnung iſt, daß man Ihnen eine Sicherheit gewährt.“ „Sie haben vermuthlich Ihre Proviſion bei dem Einkauf?“ ſagte Mr. Glegg, Bob anſehend. „Nein, Sir,“ ſagte Bob mit einiger Entrüſtung. „Ich habe Mr. Tom keinen Apfel angeboten, um ſelbſt einen Biſſen davon abzufangen. Wenn ich den Leuten einen Tuck thue, ſo muß mehr Spaß dabei ſein als hier.“ „Aber es iſt nicht mehr wie billig, daß Sie auch einen kleinen Nutzen haben,“ verſetzte Mr. Glegg. „Ich habe kein Vertrauen zu Geſchäften, bei denen die Leute umſonſt arbeiten wollen. Es hat immer ein ſchlimmes Ausſehen.“ „Wohlan,“ ſagte Bob, der in ſeiner Schlauheit raſch begriff, auf was es abgeſehen war,„ſo will ich Ihnen ſagen, was ich davon habe, und es iſt am Ende ſo gut wie baar Geld in der Taſche. Ich bin ſelber um ſo höher angeſehen, je größer der Kauf iſt, den ich mache. Dies habe ich dabei im Auge. Hercules, nicht wahr, ich bin ein pfiffiger Burſche?“ „Mr. Glegg, Mr. Glegg!“ rief eine ſtrenge Stimme von dem offenen Sprechzimmerfenſter her; 222 „kömmſt Du denn gar nicht zum Thee? Willſt Du hinſtehen und Dich mit Packträgern unterhalten, bis Du am hellen offenen Tag ermordet biſt?“ 4 „Ermordet?“ ſagte Mr. Glegg.„Was fällt dem Weibsbild ein! Da iſt mein Neffe Tom, der wegen einem kleinen Geſchäft hergekommen iſt.“ „Ermordet— ja— es ſind noch nicht viele Gerichtsſitzungen, ſeit ein Packträger an einem ein⸗ ſamen Platz ein junges Frauenzimmer umbrachte, ihr den ſilbernen Fingerhut abnahm und ihren Leich⸗ nam in einen Graben warf!“ „Nein, nein,“ ſagte Mr. Glegg;„Du denkſt an den Mann ohne Beine mit dem zweirädrigen Karren.“ „Ah, das iſt einerlei, Mr. Glegg— es macht Dir eben Freude, Allem zu widerſprechen, was ich ſage. Und wenn mein Neffe wegen eines Geſchäfts hergekommen iſt, ſo halt' ich es für paſſender, Du bringſt ihn in's Haus herein und läßſt ſeine Tante auch davon wiſſen, als daß Du auf eine ſolche complottmäßige Weiſe in den Ecken flüſterſt.“ „Na, ſchon gut,“ erwiederte Mr. Glegg;„wir wollen jetzt hineinkommen.“ „Ihr braucht nicht da zu warten,“ rief die Dame unſerem Bob mit einer Stimme zu, die mehr dem moraliſchen, als dem räumlichen Abſtand zwiſchen ihr und dem Packträger angepaßt war.„Wir brau⸗ chen nichts. Ich laſſe mich nicht mit Packträgern ein. Vergeßt nicht, das Thor hinter Euch zuzu⸗ machen.“ „Halt' ein wenig— nicht ſo hurtig,“ ſagte Mr. Glegg.„Ich bin mit dieſem jungen Mann noch —— 223 nicht fertig. Komm' herein, Tom; komm' herein,“ fügte er bei, indem er durch die Glasthüre eintrat. „Mr. Glegg,“ entgegnete Mrs. Glegg in einem unheilverkündenden Tone,„wenn Du Luſt haſt, vor meinen Augen dieſen Menſchen und ſeinen Hund auf meinen Teppich hereinzunehmen, ſo ſei ſo gut, es mich wiſſen zu laſſen. Ich hoffe, eine Frau hat das Recht, dies zu verlangen.“ „Beunruhigen Sie ſich nicht, Ma'am,“ ſagte Bob, mit der Hand an ſeine Mütze greifend. Er erkannte ſogleich, daß Mrs. Glegg ein Stückchen Wild war, auf das Jagd zu machen ſich ſchon der Mühe verlohnte, und er wollte auf dieſen Spaß nicht verzichten.„Ich und Mumps bleiben hier in dem Kiesweg. Mumps verſteht ſich auf die Geſell⸗ ſchaft, und ich könnte eine Stunde an ihm hetzen, ehe er auf eine Honoratiorenfrau wie Sie losführe. Es iſt wunderbar, wie er die hübſchen Frauen zu unterſcheiden weiß, namentlich wenn ſie von ſo ſchö⸗ ner Figur ſind. Hercules!“ fügte er bei, indem er ſeinen Tragkorb in dem Kiesweg abſtellte,„es iſt Jammerſchade, daß eine Dame wie Sie nicht mit einem Packmann verkehren mag und dafür lieber in die neugebackenen Läden lauft, wo ein Halbdutzend geſchniegelte Herrlein in bis über's Kinn hinauf⸗ reichenden ſteifen Kravatten herumſtehen, in denen ſie ſich wie Flaſchen mit geſchnitzten Stöpſeln aus⸗ nehmen, und all' dies, um ſchon von einem kleinen Stückchen Calico ein Mittageſſen herauszuſchlagen. Da ſieht ja ein Blinder, daß Sie im Laden dreimal ſo viel bezahlen müſſen, als dem Packmann, der auf natürliche Weiſe zu ſeinen Waaren kömmt, keine muß, bis ſeine unfreiwilligen Lügen aus ihm heraus⸗ gequetſcht ſind. Aber Hercules, Sie wiſſen natür⸗ lich beſſer als ich, was Sie zu thun haben— und ich wette, Sie ſind eine Frau, welche die Laden⸗ ſchwengel durch und durch kennt.“ „Ich denke wohl, und die Hauſirer obendrein,“ bemerkte Mrs. Glegg, die damit andeuten wollte, daß Bob's Schmeichelei auf ſie keinen Eindruck ge⸗ macht habe. Ihr Mann dagegen ſtand mit geſpreizten Beinen, die Hände in den Taſchen, hinter ihr und blinzelte und lächelte in ehemänniſcher Luſt über die Wahrſcheinlichkeit, daß ſein Weib daran gekriegt werde. „Ha, begreiflich, Ma'am,“ verſetzte Bob.„Sie müſſen wohl mit einer Unzahl von Hauſirern zu thun gehabt haben, als Sie noch ein junges Mädchen waren— eh' der Meiſter da das Glüc hatte, ſein Auge auf Sie zu werfen. Ich weiß, wo Sie da⸗ mals wohnten, und habe das Haus oft darum an⸗ geſehen— ganz nahe bei Squire Darleigh— ein ſteinernes Haus mit einer Vortreppe...“ „Ja, ſo iſt's,“ verſetzte Mrs. Glegg, den Thee eingießend.„Ihr wißt alſo etwas von meiner Fa⸗ Ladenmiethe zu zahlen hat und nicht halb erſticken milie? Seid Ihr vielleicht ein Verwandter von den Hauſirer mit dem ſchielenden Aug, der uns die iriſche Leinwand zu bringen pflegte?“. „Schau, da haben wir Sie,“ ſagte Bob aus⸗ weichend.„Wußt' ich's nicht, daß Sie die beſten Einkäufe, deren Sie ſich erinnern, bei einem Pac⸗ mann gemacht haben? Ja, ſehen Sie, ſogar ein ſchielender Pacmann iſt beſſer, als ein geradaus⸗ ſehender Ladendiener. Hercules, wenn ich das Glück 225 en hehaüt hätte, mit dem Pack, wie er daliegt“— er S⸗ r⸗ nd eugte ſich nieder und klopfte nachdrücklich mit der Fauſt auf ſeinen Tragkorb—„vor das ſteinerne Haus gerufen zu werden, und die ſchönen jungen Frauen⸗ zimmer wären auf den Steinſtufen geſtanden— das wäre eine Luſt geweſen, den Pack aufzumachen. Aber der Packmann darf nur noch in arme Häuſer kommen, wenn's nicht etwa wegen der Dienſtboten iſt. Es ſind jetzt lumpige Zeiten. Betrachten Sie nur die farbigen Kattune, Ma'am, in Vergleichung mit denen, welche Sie in früheren Jahren zu tragen pflegten— ich ſehe wohl, Sie würden ſie jetzt nicht mehr anlegen mögen. Eine Waare, wie Sie ſie kau⸗ fen, muß von erſter Qualität ſein,— etwas, das ſich ſo gut hält, wie Ihr eigenes Geſicht.“ „Jedenfalls beſſer, als Ihr ſie herumzutragen pflegt; denn ich ſtehe dafür, Ihr habt nichts von erſter Qualität, als Eure Impertinenz,“ ſagte Mrs. Glegg im triumphirenden Gefühl ihrer eigenen un⸗ überwindlichen Schlauheit.„Glegg, willſt Du denn gar nicht zu Deinem Thee niederſitzen? Tom, hier iſt eine Taſſe für Dich.“ „Sie ſprechen da die Wahrheit, Ma'am,“ fuhr Bob fort.„Mein Pack iſt nicht für vornehme Damen, wie Sie. Dieſe Zeiten ſind vorbei. Wir müſſen ſpottwohlfeil verkaufen. Eine kleine Beſchä⸗ digung da und dort, die beim Schneiden ausfällt oder beim Tragen nicht bemerkt wird— aber dies kann man doch reichen Leuten nicht anbieten, die eine Waare bezahlen können, an der kein Mäkelchen iſt. Ich bin nicht der Mann, der vor Ihnen ſeinen Pack aufthun möchte, Ma'am, nein, nein. Ich Eliot, Die Mühle am Floß. II. 1⁵ 226 bin ein impernenter Burſche, wie Sie ſagen— die Zeiten machen Einen impernent— aber ſo unver⸗ ſchämt bin ich doch nicht.“ „Nun, was habt Ihr denn für Waaren in Eu⸗ rem Pack?“ fragte Mrs. Glegg.„Buntfarbige Zeuge, ſchätz' ich— Halstücher und dergleichen?“ „Alle Sorten, Ma'am, alle Sorten,“ entgegnete Bob, auf ſein Bündel klopfend;„aber, mit Verlaub, wir wollen nicht mehr davon reden. Mich hat Mr. Toms Angelegenheit hergeführt, und ich bin nicht der Mann, der anderer Leute Zeit für ſein Geſchäft in Anſpruch nimmt.“ „Wenn man fragen darf, worin beſteht denn die Angelegenheit, die man mir vorenthält?“ ſagte Mrs. Glegg, die, von doppelter Neugierde geſpornt, ſich genöthigt ſah, die eine Hälfte warten zu laſſen. „Ein kleiner Plan von unſerem Neffen Tom da,“ verſetzte der gutmüthige Mr. Glegg,„der mir nicht ſo übel gefällt. Es läßt ſich etwas Geld damit verdienen, und ich ſehe eine ſolche Strebſamkeit gerne an jungen Leuten, die ihr Glück machen wollen.“ „Hoffentlich iſt es kein Plan, bei dem er erwartet, daß ſeine Verwandten Alles für ihn thun ſollen— denn dies iſt heutigen Tages die Meinung der jun⸗ gen Leute. Und was hat der Hauſirer da mit dem zu ſchaffen, was in der Familie vorgeht? Kannſt Du nicht für Dich ſelber reden, Tom, und Deiner Tante Dein Anliegen in einer Weiſe vortragen, wie es einem Neffen ziemt?“ „Dies iſt Bob Jakin, Tante,“ entgegnete Tom mit jenem inneren Aerger, den die Stimme ſeiner Tante ſtets weckte,„und ich kenne ihn aus unſerer ie 227 Knabenzeit her. Er iſt ein ſehr guter Menſch und ſtets bereit, mir Gefälligkeiten zu erweiſen. Er be⸗ ſitzt einige Erfahrung im Verſenden von Kaufmanns⸗ gütern, da er ſelber darin kleine Speculationen macht, und iſt der Meinung, wenn ich daſſelbe thue, ſo könne ich mir einiges Geld machen. Es laſſen ſich ſchöne Intereſſen dabei verdienen.“ „Schöne Intereſſen?“ entgegnete Tante Glegg begierig.„Und was nennſt Du ſchöne Intereſſen?“ „Zehn oder zwölf Procent nach Abzug ſämmt⸗ licher Speſen,“ ſagte Bob. „Und warum wurde ich nicht früher von ſolchen Dingen in Kenntniß geſetzt, Mr. Glegg?“ bemerkte Mrs. Glegg, ſich mit dem Tone ſchneidenden Vor⸗ wurfs an ihren Gatten wendend.„Haſt Du mir nicht immer geſagt, daß man nicht mehr als fünf Procent erzielen könne?“ „Pah, pah, Unſinn, mein gutes Weib,“ ſagte Mr. Glegg.„Du kannſt doch keine Handelſchaft anfangen, he? Wenn man Sicherheit haben will, erhält man nicht weiter als fünf Procent.“ „Aber ich kann ein bischen Geld für Sie um⸗ treiben, Ma'am,“ fiel Bob ein,„und werde es gerne thun, wenn Sie's risliren wollen, obſchon von einem eigentlichen Riſico kaum die Rede iſt. Wenn Sie Mr. Tom einiges Geld borgen, ſo wird er Ihnen ſechs oder ſieben Procent zahlen und für ſich ſelbſt noch eine Kleinigkeit übrig behalten. Schätz' wohl, eine großmüthige Frau wie Sie wird fühlen, daß mehr Segen in dem Geld ſtecke, wenn Ihr Neffe dabei betheiligt iſt.“ „Was meinſt Du, Frau?“ nahm Mr. Bleg das 228 Wort.„Wenn ich zuvor die nöthigen Erkundigungen eingezogen, ſo bin ich vielleicht nicht abgeneigt, den Tom mit einem kleinen Neſtei den Anfang machen zu laſſen. Du weißt, er zahlt Intereſſen, und wenn Du ein müßiges Sümmlein in einen Strumfſſocken oder ſo eingebunden haſt—“ „Mr. Glegg, dies überbietet Alles! Du biſt im Stand, mich an den nächſten beſten Landſtreicher zu verrathen, daß er herkömmt und mich beſtiehlt!“ „Nur nicht gleich aus dem Häuschen. Ich wollte ſagen, wenn Du Luſt haſt, Dich mit zwanzig Pfunden zu betheiligen, ſo kannſt Du es— ich mache dann die fünfzig daraus. Dies iſt ſchon ein artiges Neſtei — was meinſt Du, Tom? „Hoffentlich zählſt Du nicht auf mich, Glegg,“ ſagte die Dame.„Ohne Zweifel würdet ihr was Sauberes mit meinem Geld anfangen.“ „Meinetwegen,“ entgegnete Mr. Glegg etwas ſchnippiſch;„dann thun wir's ohne Dich. Ich gehe mit Ihnen, um Ihren Salt aufzuſuchen,“ fügte er gegen Bob bei. „Wie, Mr. Glegg, und ich ſoll von dem Ge⸗ ſchäft meines leiblichen Neffen ausgeſchloſſen werden?“ rief Mrs. Glegg.„Ich habe nicht geſagt, daß ich kein Geld beiſteuern wolle— habe auch nicht ge⸗ ſagt, daß es zwanzig Pfund ſein ſollen, obſchon Du ſo bereitwillig die Summe für mich beſtimmt haſt; aber er wird eines Tages ſeiner Tante Recht geben, wenn ſie das Geld, das ſie für ihn erſparte, nicht aufs Spiel ſetzen wollte, ehe ſie ſich überzeugt hatte, daß es nicht verloren iſt.“ „Das iſt eine angenehme Art von Riſico 7“ be⸗ 229 merkte Mr. Glegg, unbeſonnen Tom zuwinkend, der ſich eines leichten Lächelns nicht erwehren konnte. Aber Bob hemmte den Losbruch der beleidigten Dame. „Ja, Ma'am,“ ſagte er im Tone der Bewunde⸗ rung,„Sie verſtehen ſich auf die Sachen und haben vollkommen Recht. Sie wollen zuerſt ſehen, wie ſich das erſte Geſchäftchen anläßt, und dann mit einer ſchönen Summe ſich betheiligen. Hercules,'s iſt was Prächtiges, wenn man eine wohlwollende Ver⸗ wandtſchaft hat. Mein Neſtei, wie es der Meiſter nennt, verdanke ich nur meiner eigenen Gewandtheit — es waren zehn Souverains, die ich für Löſchen des Feuers in der Torry'ſchen Oelmühle erhielt— und es iſt immer mehr und mehr angewachſen, ſo daß ich jetzt dreißig Pfund umtreiben und es noch obendrein meiner Mutter gut machen kann. Ich hätte es noch weiter gehracht, wenn ich nicht zu gut gegen die Frauen wäre, denn es freut mich für ſie, wenn ich ihnen zu einem wohlfeilen Einkauf verhelfen kann. Aus meinem Pack da“(er klopfte luſtig auf denſelben los) würde jeder andere Hauſirer ſich einen hübſchen Penny machen; aber ich— Hercules, ich verkaufe faſt eben ſo wohlfeil, als ich eingekauft habe.“ „Habt Ihr auch ein Stückchen guten Kattuns drinnen?“ fragte Mrs. Glegg mit einer Gönnermiene, indem ſie, ihr Tellertuch zuſammenhaltend, von dem Theetiſch wegtrat. „Hem, Ma'am, nichts, was Ihnen die Mühe des Anſehens lohnte. Ich mag's Ihnen gar nicht zeigen. Es wäre ein Schimpf für Sie.“ „So laßt nur einmal ſehen,“ ſagte Mrs. Glegg, noch immer patroniſirend.„Wenn's ſchadhafte Waaren 230 ſind, ſo mag wohl etwas von beſſerer Qualität darunter ſein.“ „Nein, Ma'am. Ich kenne meine Stellung,“ verſetzte Bob, in die Träger ſeines Korbes ſchlüpfend. „Ich mag die Gemeinheit meiner Hanthierung nicht vor einer Dame, wie Sie, zur Schau ausſtellen. Das Hauſiren iſt heruntergekommen in der Welt, und es würde Ihnen in's Herz ſchneiden, wenn Sie den Unterſchied mit anſehen müßten. Ich ſtehe zu Ihren Dienſten, Sir, wenn Sie Willens ſind, den Salt aufzuſuchen.“ „Alles zu ſeiner Zeit,“ ſagte Mr. Glegg, der ſich des Zwiegeſprächs in einem Grade erfreute, daß er es nicht abgekürzt wünſchte.„Haſt Du auf der Werfte zu thun, Tom?“ „Nein, Onkel; ich habe Stowe ſtatt meiner dort gelaſſen.“. „Gut; ſo ſetzt Euren Pack wieder ab und laßt mich ſehen,“ ſagte Mrs. Glegg, ihren Stuhl an die Glasthüre rückend und ſich mit viel Würde niederlaſſend. „Muthen Sie mir dies nicht zu, Ma'am,“ ver⸗ ſetzte Bob bittend. 1 „Macht nicht ſo viele Worte,“ entgegte Mrs. Glegg ſtrenge,„ſondern thut, was man Euch ſagt.“ „Es thut mir wahrhaftig Leid,“ ſagte Bob, ſeinen Tragkorb auf der Thürſchwelle niederſetzend, worauf er mit ſäumigen Fingern den Pack zu öffnen begann. „Aber Sie befehlen und ſo muß es wohl geſchehen.“ (Viel ungeſchicktes Umhertaſten in den Pauſen ſeiner Rede.)„ iſt nicht ſo, daß Sie mir auch nur ein einziges Stückchen abkaufen werden.... Wär' mir 231 auch nicht lieb um Ihretwillen.... namentlich, wenn ich an die armen Bäuerinnen auf dem Lande draußen denke, die keine hundert Schritte von ihrem Dorf wegkommen.... es wäre Schade, wenn ihnen Jemand ihren Bedarf vor der Naſe wegkaufte. Her⸗ cules, es iſt für ſie wie ein Feſttag, wenn ſie mich mit meinem Pack kommen ſehen.... und ich erwiſche für ſie nie wieder etwas gleich Vortheilhaftes.... wenigſtens in der nächſten Zeit nicht, da ich nach Laceham muß. Sehen Sie her,“ fuhr Bob jetzt wieder mit großer Zungengeläufigkeit fort, indem er ein ſcharlachenes Wollenhalstuch mit einem geſtick⸗ ten Kranz in der Ecke in die Höhe hielt,„da iſt ein Ding, nach dem jeder Dirn der Mund wäſſern wird — nur für zwei Schillinge— und warum? Nur weil in dieſer leeren Ecke da ein kleines Schaben⸗ löchlein iſt. Hercules, ich glaube die Schaben und der Spor ſind von der Vorſehung dazu geſchaffen, um für hübſche Frauensperſonen, die nicht viel Geld haben, die Waaren wohlfeil zu machen. Ohne die Schaben wäre jedes von dieſen Halstüchern an reiche, ſchöne Damen, wie Sie, gekommen, Ma'am, die mit Freuden das Stück mit fünf Schillingen bezahlt hätten. So viel hätten ſie gekoſtet— keinen Far⸗ thing weniger. Aber was thut nun die Schabe? Sie nagt in der Geſchwindigkeit drei Schillinge von dem Preis weg, und nun kömmt ein Hauſirer wie ich und bringt die Waare den armen Dirnen, die in dunkler Dachkammer wohnen, damit ſie darin ein bischen flunkern können. Hercules! dieſes Feuer— man kann ſich daran wärmen.“ Bob hielt das Tuch zur bewundernden Betrach⸗ 232 1 tung in die Höhe; aber Mrs. Glegg ſagte mit Schärfe: „Ja, aber um dieſe Jahreszeit braucht man kein Feuer. Legt dieſe farbigen Dinge bei Seite und laßt mich Euren Kattun ſehen, wenn Ihr habt.“ „Ei, Maam, ich ſagte Ihnen ja, wie es iſt,“ entgegnete Bob, ſeinen farbigen Stoff mit der Miene der Verzweiflung bei Seite werfend.„Ich wußte, daß Sie keine Freude haben würden an dem ärm⸗ lichen Kram, den ich führe. Da iſt ein Stück fago⸗ nirten Muslin— aber was hilft's, wenn Sie ihn anſehen? Ebenſo gut könnten Sie ſich das Nachteſſen armer Leute betrachten, Ma'am— es würde Ihnen blos den Appetit benehmen. In der Mitte iſt eine Elle, in welcher der Model ausblieb, ſonſt wär' es ein Muslin, den ſelbſt die Princeſſin Victoria tragen könnte; aber,“ fügte Bob bei, indem er das Stüch hinter ſich auf den Raſen warf, als wollte er Mrs. Gleggs Augen verſchonen,„aber ſo wird's an die Höckerfrau in Fibb's End kommen— die nimmt mir's ab— zehn Schillinge für das ganze Stück— zehn Stab, den ſchadhaften mit eingerechnet— es würde fünfundzwanzig Schillinge gekoſtet haben, kei⸗ nen Farthing weniger. Doch was rede ich, Ma'am; für Sie iſt's nichts— ein Stück Muslin wie dieſes da. Sie können's erſchwingen, dreimal ſo viel für eine Waare zu zahlen, die nicht halb ſo gut iſt. Von Kattun haben Sie geſprochen? Nun, da hab' ich ein Stück, aber Sie werden auch nur einen Jux drüber haben....“ „Bringt mir dieſen Muslin her,“ ſagte Mrs. 233 Glegg;„er iſt nankinggelb. Ich habe eine Vorliebe für dieſe Farbe. „Ja, aber ein ſchadhafter Stoff,“ ſagte Bob im Tone abwehrender Verachtung.„Sie können nichts mit anfangen, Ma'am— höchſtens ihn ihrer Köchin ſchenken, und das wäre doch Schade. Er paßt nicht für Dienſtboten, da ſie ſich wie ihre Herrſchaft ſelbſt darin ausnehmen würden.“. „Holt ihn her und meßt ihn mir vor,“ entgeg⸗ nete Mrs. Glegg gebieteriſch. Bob gehorchte mit augenfälligem Widerſtreben. „Sehen Sie, was da über das Maß iſt,“ ihr einen halben Extraſtab hinhaltend, während Mrs. Glegg emſig die beſchädigte Elle unterſuchte und ihren Kopf zurückwarf, in wie weit der Fehler bei der Betrachtung aus einem gewiſſen Abſtand bemerk⸗ lich war. „Ich will Euch ſechs Schillinge dafür geben,“ den Stoff mit der Miene einer Perſon fallen laſſend, die ein äußerſtes Anbot macht. „Hab' ich Ihnen nicht geſagt, Ma'am, daß Sie keine Freude haben würden an dem Inhalt meines Packs? Ich ſehe, dieſes beſchädigte Stück hat Ihnen ganz den Magen umgedreht,“ ſagte Bob, ſeinen Muslin mit großer Behendigkeit zuſammenlegend, augenſcheinlich in der Abſicht, ſeinen Korb wieder aufzunehmen.„Als Sie noch in dem ſteinernen Haus wohnten, waren Sie daran gewöhnt, bei Hauſirern ganz andere derartige Artikel zu ſehen. Der Hauſirhandel iſt herunter gekommen in der Welt, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, und meine Waaren paſſen nur für das gemeine Volk. Mrs. 234 Pepper gibt mir zehn Schillinge für dieſen Muslin und wird ſich wundern, daß ich nicht mehr dafür fordere. Solche Artikel tragen ſich ausgezeichnet gut; ſie halten Farbe, bis der letzte Faden im Waſch⸗ zuber zerrieben iſt, und bis dies geſchieht, bin ich ein alter Kerl geworden.“ „Meinetwegen ſieben Schillinge,“ ſagte Mrs. egg. Gl Maſam,“ entgegnete Bob.„Sie können ſich noch dieſes Stückchen Kattun anſehen, eh' ich meinen Pack zuſchnüre— nur damit Sie ſich überzeugen, wie weit es mit dem Hauſirhandel gekommen iſt; Sie bemer⸗ ken, er iſt zwar ſchön gefleckt und mit Laubwerk ver⸗ ſehen, aber vergilbt, und hat vom Liegen eine falſche Farbe bekommen. Solchen Kattun hätt' ich nie ge⸗ kriegt, wenn er nicht vergilbt wäre. Hercules, es hat mich viel Studirens gekoſtet, bis ich mich über den Werth der Artikel auskannte. Als ich mein Packgeſchäft begann, war ich ſo unwiſſend wie ein Schöps und hielt Kattun und Calico für einerlei. Ich meinte einfach, die dickſten Stoffe ſeien die beſten, und wurde dabei elend über's Ohr gehauen — denn ich bin ſo ein gerader Kamerad, Ma'am, der ſich nicht auf Schliche verſteht. Wenn etwas über die Länge meiner Naſe hinausgeht, bin ich gleich irre. Und ich habe ſelbſt fünf Schillinge und acht Pence für dieſes Stück Kattun bezahlt; ich würde lügen, wenn ich anders ſpräche— und fünf Schil⸗ linge und acht Pence fordere ich dafür, keinen Far⸗ thing weiter; denn es iſt ein Frauenzimmerartikel, und es macht mir eine Freude, die Frauenzimmer „Schlagen Sie ſich dieſe Waare aus dem Sinn, 235 zu bedienen. Fünf Schillinge und acht Pence für ſechs Stäbe— gerade ſo ſpottwohlfeil, wie ich es gekauft habe.“ „Drei Stäbe davon könnte ich wohl brauchen,“ erwiederte Mrs. Glegg. „Ei, es ſind ja im Ganzen nur ſechs,“ ſagte Bob. „Nein, Ma'am, ich will Ihnen die Zeit nicht länger verderben. Sie können morgen in den La⸗ den gehen und daſſelbe Stück ſchön weiß haben, ohne daß es Sie mehr als das Dreifache koſtet, und was will dies heißen für eine Dame wie Sie?“ Und er begann mit Macht den Schnürriemen ſeines Packes zu handhaben. „Thut mir den Muslin heraus,“ ſagte Mrs. Glegg;„hier ſind acht Schillinge dafür.“ „Sie wollen Ihren Spaß mit mir haben, Ma'am,“ verſetzte Bob, mit einem lachenden Geſicht auf⸗ ſchauend.„Hab' ich mir doch gleich, als Sie an's Fenſter kamen, gedacht, daß Sie eine ſcherzhafte Dame ſeien.“ „Ich habe geſagt, Ihr ſollt ihn heraus geben,“ bemerkte Mrs. Glegg mit Entſchiedenheit. „Aber wenn ich Ihnen den Artikel für zehn Schil⸗ linge ablaſſe, Ma'am, ſo müſſen Sie ſo gut ſein, es Niemand zu verrathen. Ich würde zum Geſpött, und der ganze Hauſirhandel würfe mich mit Koth, wenn er's erführe. Ich muß die anderen Packleute auf den Glauben bringen, daß ich mehr für meine Waaren fordere, als ich thue, ſonſt merken ſie, daß ich ein Eſel bin. Ich bin froh, daß Sie nicht auf dem Kattun beſtehen, denn ſonſt verlöre ich meine zwei beſten Artikel für Mrs. Pepper in Filb's End — und ſie iſt für mich ein werthvoller Kunde.“ „Laßt mich den Kattun noch einmal anſehen,“ ſagte Mrs. Glegg, die nach den wohlfeilen Flecken mit dem Laubwerk ſich ſehnte, nun ſie vor ihr zu verſchwinden drohten. „Na, ich kann Ihnen nichts abſchlagen, Ma'am,“ verſetzte Bob, wieder auspackend.„Betrachten Sie einmal die Zeichnung— ächte Lacehamer Waare. Das iſt nun gerade der Artikel, den ich Mr. Tom auszuſenden empfehle. Hercules, es iſt etwas Präch⸗ tiges für Jedermann, der ein bischen Geld hat— dieſe Lacehamer Waaren machen, daß es zunimmt wie die Blattläuſe. Wenn ich eine Dame mit ein bischen Geld wäre!— ha, ich kenne eine, die dreißig Pfund in ſolche Waaren geſteckt hat— eine Dame mit einem Korkbein, aber ſo ſcharf, daß man ſie ge⸗ wiß nie mit dem Kopf in einen Sack laufen ſieht; ſie will ſich überall vorher klar auskennen, eh' ſie einen Anlauf nimmt. Nun, dieſe vertraut einem jungen Mann in einem Ellenwaarengeſchäft dreißig Pfund an; er kaufte dafür Lacehamer Waaren; ein Supercargo von meiner Bekanntſchaft(nicht Salt) verführt ſie, und ſchon vom erſten Verſuch ſtreicht ſie ihre acht Procent ein. Jetzt läßt ſie ſich ſchon gar nicht mehr halten; mit jedem Schiff müſſen La⸗ dungen hinaus, bis ſie ſo reich iſt wie ein Jude. Bucks iſt ihr Name— ſie wohnt nicht in dieſer Stadt. Wohlan, Ma'am, wenn Sie ſo gut ſein wollen, mir den Kattun wieder zu geben....“ „Hier ſind fünfzehn Schillinge für beide Stücke,“ ——., 9—— — 237 verſetzte Mrs. Glegg.„Aber es iſt ein ſchamloſer Preis.“ „Oh, Ma'am, ſo werden Sie nach fünf Jahren nicht mehr ſagen, und wenn Sie in dieſer Zeit auch nicht einen der knieenden Gottesdienſte verſäumen. Bei meiner Chr', die Waaren ſind geſchenkt. Die acht Pence ſchneiden mir meinen Profit ſo rein weg wie ein Raſirmeſſer. Nun, Sir,“ fuhr Bob fort, indem er ſeinen Tragkorb auf die Schulter nahm, „wenn's Ihnen beliebt, ſo wollen wir hingehen und ſehen, was ſich für Mr. Toms Glück thun läßt. Ich wollte nur, ich hätte über weitere zwanzig Pfund zu verfügen; ich brauchte nicht erſt meinen Katechis⸗ mus zu befragen, um zu wiſſen, was ich damit an⸗ fangen ſollte.“ „Halt noch ein wenig, Glegg,“ ſagte die Dame, als ihr Gatte nach ſeinem Hut griff.„Du läßſt mir nie eine Gelegenheit, mich auszuſprechen. Da gehſt Du jetzt wieder hin, machſt in dieſer Angelegenheit Alles ab und kömmſt dann heim, um mir zu ſagen, daß ich jetzt mit dem Sprechen zu ſpät komme. Als ob ich nicht die leibliche Tante meines Neffen und von mütterlicher Seite her das Haupt der Familie wäre, das die ſchönen vollwichtigen Guineen für ihn bei Seite gelegt hat und das er reſpectiren lernen wird, wenn ich einmal in meinem Sarg liege.“ „Wohlan, Frau, ſo ſage, was Du willſt,“ ent⸗ gegnete Mr. Glegg haſtig. „Ich verlange, daß nichts ohne mein Vorwiſſen geſchehe. Ich will nicht ſagen, daß ich nicht zwanzig Pfund daran zu rücken geneigt ſei, wenn Du findeſt, daß Alles ſicher und in Ordnung iſt. Und wenn 238 ſich's ſo verhält,“ ſchloß Mrs. Glegg, ſich voll Nach⸗ druck an ihren Neffen wendend,„ſo hoffe ich, Du wirſt es nie vergeſſen und Dich immer dankbar erweiſen gegen eine ſolche Tante. Merk übrigens wohl, Du wirſt mir Intereſſen bezahlen— zum Schenken habe ich keine Luſt, und in meiner Familie hat man auch nie auf etwas derart gerechnet.“ „Ich danke, Tante,“ verſetzte Tom mit einigem Stolz.„Es iſt mir lieber, wenn mir das Geld nur geborgt wird.“ „Recht ſo; das iſt der ächte Dodſon⸗Geiſt,“ ſagte Mrs. Glegg und griff zu ihrem Strickzeug mit einer Miene, welche zu ſagen ſchien, daß nach dieſer Er⸗ klärung jede weitere Bemerkung eitles Gerede ſei. Salt, dieſer bewährte„Salzwaſſermann,“ wurde, von dicken Rauchtabakswolken umgeben, im Wirths⸗ haus zum Anker aufgefunden. Mr. Glegg begann ſofort ſeine Nachforſchungen, die befriedigend genug ausfielen, um zum Vorſchießen des„Neſteis“ zu er⸗ muthigen, zu welchem Tante Glegg zwanzig Pfund beitrug. In dieſem beſcheidenen Anfang ſieht der Leſer die Grundlage zu einer Thatſache, die ihm ſonſt befremdlich vorkommen dürfte, daß nämlich Tom ohne Vorwiſſen ſeines Vaters einen Geldvorrath zuſammen bringen konnte, welcher in nicht ſehr langer Zeit den mühſameren Proceß des Sparens zu unterſtützen und das Deſicit zu decken verſprach. Nachdem Tom ſeine Aufmerkſamkeit einmal dieſer Erwerbsquelle zugewandt hatte, beſchloß er, ſie auf's Beſte auszunützen und keine Gelegenheit zu Er⸗ forſchung der Mittel, die ſeinen kleinen Unterneh⸗ mungen eine größere Ausdehnung geſtatteten, vorbei⸗ —yS— 239 gehen zu laſſen. Zum Schweigen gegen ſeinen Vater bewog ihn jene ſeltſame Miſchung von entgegenge⸗ ſetzten Gefühlen, die ſowohl den Tadlern als den Bewunderern einer Handlung ein gleiches Recht gibt; zum Theil lag ihm nämlich der Mangel an Ver⸗ trauen zu Grund, der ſo häufig zwiſchen nahen Ver⸗ wandten obwaltet und oft die heiligſten Beziehungen unſeres Lebens verbittert, zum Theil auch der Wunſch, ſeinem Vater eine freudige Ueberraſchung zu bereiten. Er begriff nicht, daß es beſſer geweſen wäre, die Zwiſchenzeit mit einer neuen Hoffnung zu verſüßen und dem Schwindel einer zu plötzlichen Erhebung vorzubeugen. Zur Zeit, als Maggie zum Erſtenmal mit Philipp zuſammen kam, beſaß Tom bereits nahezu hundert⸗ undfünfzig Pfund eigenes Kapital, und während ſie unter dem Schatten der Abendſonne ſich in den rothen Tiefen ergingen, ritt er im Schein derſelben Sonne nach Laceham, ſtolz auf ſeine erſte Reiſe für Gueſt und Co. Unterwegs erwog er die Wahrſchein⸗ lichkeiten, die im Lauf des nächſten Jahrs ſeinen Gewinn ſteigern und von dem Namen ſeines Vaters den Schimpf des Bankrutts abwaſchen ſollten; ja vielleicht blieb ihm— er war dann einundzwanzig— etwas übrig zu einem neuen Anfang, den er von einer höheren Stufe im Geſchäft ſeiner Principale aus machen konnte. Hatte er es nicht verdient? Ueber dieſe Frage war er mit ſich völlig im Reinen. 240 Drittes Kapitel. Das wankende Gleichgewicht. Ich ſagte, daß in Maggie, als ſie an jenem Abend aus den rothen Tiefen nach Haus ging, der geiſtige Kampf bereits begonnen hatte, und welcher Art derſelbe war, iſt dem Leſer aus ihrer Beſprechung mit Philipp wohl zur Genüge klar geworden. Hier that ſich plötzlich eine Oeffnung auf in der Felſen⸗ wand, welche das Thal der Demüthigung umſchloß, in dem ihre einzige Ausſicht der ferne unergründ⸗ liche Himmel geweſen, und ſie durfte wieder von irdiſchem Glück träumen. Vielleicht erhielt ſie wieder Bücher, durfte ſich mit den Leuten unterhalten, konnte lieben und geliebt werden und erfuhr Einiges von der Welt, für die ſie in ihrer Verbannung den Sinn noch nicht verloren hatte. Auch Philipp, der ſo bemitleidenswerth und augenſcheinlich nicht glück⸗ lich war, geſchah damit eine Wohlthat. Und viel⸗ leicht ergab ſich jetzt eine Gelegenheit, ihren Geiſt für ſeinen höchſten Dienſt beſſer zu befähigen, da am Ende die edelſte und vollkommenſte Andacht kaum ohne einen gewiſſen Umfang von Wiſſen beſtehen kann. Mußte ſie denn immer in ihrer Entſagungs⸗ haft leben? Ein freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen ihr und Philipp war etwas Reines und Gutes und der Grund, der dazwiſchen trat, ſo unvernünftig, ſo unchriſtlich. Aber die ſtrenge, eintönige Warnſtimme kam wieder und wieder— ſie verliere die Einfach⸗ heit und Reinheit ihres Lebens, wenn ſie dem Heim⸗ lichthun Zugang geſtatte, und wenn ſie die einfache ₰— pg„————,———— ͤ—+₰ν&— 241 Regel der Entſagung aufgebe, werde ſie von einem Strom endloſer Bedürfniſſe dahingeriſſen werden. Sie glaubte Kraft gewonnen zu haben, dem Warne⸗ ruf zu gehorchen, ehe ſie ſich in der nächſten Woche geſtattete, wieder einen Abendſpaziergang nach den rothen Tiefen zu machen. Aber während ſie ent⸗ ſchloſſen war, Philipp ein herzliches Lebewohl zu ſagen, ſehnte ſie ſich doch nach dem Abendgang in dem ſtillen, zitternden Schatten der Höhlungen, wo ſie die Härte und Theilnahmloſigkeit der Welt für einen Augenblick vergeſſen konnte, und nach den be⸗ wundernden Blicken, denen ſie dort begegnen ſollte. Die Erinnerung des Kindes flößte ja auch dem älteren und weiſeren Geſpräch ein Gefühl von Kameradſchaft ein, und ſie durfte ſicher ſein, daß Philipp auf Alles hören würde, was ſie ſagte, während ſich ſonſt Nie⸗ mand um ſie kümmerte. Es war eine halbe Stunde, von der ſie ſich nur ſchwer abzuwenden vermochte mit dem Bewußtſein, daß keine andere ähnliche ihr folgen würde. Und doch ſprach ſie ihre Herzens⸗ meinung voll aus, traurig zwar, aber mit Feſtigkeit: „Philipp, ich bin mit mir in's Reine gekommen — es iſt Pflicht, daß wir einander aufgeben in Allem, nur nicht in der Erinnerung. Eine Zuſam⸗ menkunft müßte den Charakter des Geheimniſſes tragen— halt, ich weiß, was Sie ſagen wollen— die ungerechten Gefühle anderer Leute ſeien Schuld an dieſer Nothwendigkeit; aber alles Heimlichthun iſt vom Uebel, mag die Urſache ſein, welche ſie will. Ich fühle, daß ich, daß wir Beide ein Unrecht da⸗ mit begehen. Und würde das Geheimniß entdeckt, ſo könnte nur Kummer und bitterer Verdruß die Eliot, Die Mühle am Floß. II. 16 242 Folge ſein. Wir müßten dann doch ſcheiden, und dies fiele uns nur um ſo ſchwerer, wenn wir an ſolche Zuſammenkünfte gewöhnt wären.“ Philipps Geſicht glühte und zeigte einen Augen⸗ blick einen Ausdruck, welcher die Abſicht verrieth, dieſen Entſchluß mit aller Macht zu bekämpfen. Aber er nahm ſich zuſammen und entgegnete mit erzwungener Ruhe: „Gut, Maggie; wenn wir denn doch ſcheiden ſollen, ſo laſſen Sie es uns wenigſtens für eine halbe Stunde vergeſſen. Plaudern wir noch ein Weilchen zuſammen— zum letztenmal.“ Er ergriff ihre Hand, und Maggie ſah keinen Grund ein, ſie zurückzuziehen. Seine Ruhe ließ ſie nur um ſo mehr fühlen, daß ſie ihm einen tiefen Schmerz bereitet hatte, und ſie wollte ihm beweiſen, wie ſehr dies gegen ihren eigenen Willen geſchehen ſei. Sie gingen ſchweigend Hand in Hand hin und her. „Laſſen Sie uns, wie das letztemal, in der Höh⸗ lung niederſitzen,“ ſagte Philipp.„Sehen Sie, wie die blaſſen Roſenblätter den Grund beſtreut haben.“ Sie nahmen unter der geneigten Eſche Platz. „Ich habe Ihr Bild mit den ſchotiſchen Föhren im Hintergrund angefangen, Maggie,“ fuhr er fort; ich muß daher, ſo lange Sie hier ſind, Ihr Geſicht noch ein wenig ſtudiren— denn ich ſoll Sie ja doch nicht wieder ſehen. Ich bitte, halten Sie den Kopf in dieſer Richtung.“ Er ſprach dies in einem ſo unpiderſtehlichen Tone, daß Maggie ſehr hart hätte ſein müſſen, wenn ſie ſeine Bitte abgeſchlagen hätte. Das hellbeleuch⸗ ———— —————¶ᷣ— 243 tete Antlitz mit der glänzend ſchwarzen Krone blickte wie das einer Göttin, welche wohlgefällig die ihr dargebrachte Huldigung entgegennimmt, auf das blaſſe, ſchmächtige Geſicht nieder, das zu ihr auf⸗ ſchaute. „So ſoll ich alſo zu meinem zweiten Porträt ſitzen,“ ſagte ſie lächelnd.„Wird es größer ſein, als das erſte?“ „O ja, viel größer. Es iſt ein Oelbild. Ich ſtelle Sie dar als eine hohe Hamadryade, dunkel, kräftig und edel, wie ſie eben aus einer der Föhren heraustritt, während die Stämme ihre Nachmittag⸗ ſchatten auf das Gras niederwerfen.“ „Sie ſcheinen ſich jetzt mehr mit dem Malen als mit irgend etwas Anderem zu beſchäftigen, Philipp?“ „Vielleicht,“ verſetzte Philipp in wehmüthigem Ton,„aber ich denke auch außerdem an ſo mancherlei — ſtreue Samen aller Art aus und erziele von keinem eine namhafte Ernte. Ich leide unter dem Fluch der Empfänglichkeit in allen Richtungen, ohne ihr in irgend einer das entſprechend ſchöpferiſche Vermögen entgegenſtellen zu können. Ich kann mich für Malerei und Muſik, für klaſſiſche, mittelalterliche und moderne Literatur begeiſtern, flattere in Allem herum und bringe es nirgends zu einem wirk⸗ lichen Flug.“ „Aber es iſt ja ein Glück, für ſo viele Dinge Sinn zu haben— ſich des Schönen ſo vielſeitig erfreuen zu können— wenn es in unſerem Bereich iſt, ſagte Maggie nachdenkend.„Es ſchien mir immer nur eine Art geſcheide Beſchränktheit zu ſein, 16* 244 wenn ich Jemand ſah, der, wie die Brieftaube, nur für eine einzelne Richtung Talent beſaß.“ „Vielleicht könnte mich dieſe Vielſeitigkeit glücklich machen, wenn ich wie andere Männer wäre,“ ent⸗ gegnete Philipp mit Bitterkeit.„Ich könnte dann, wie ſie, durch bloße Mittelmäßigkeit zu einiger Macht und Auszeichnung gelangen, und mich doch in jener Selbſtbefriedigung befinden, welche den Menſchen ob dem Beſitz des Erträglichen das Ringen nach dem Großen vergeſſen läßt. Die Geſellſchaft von St. Oggs könnte mir dann angenehm erſcheinen. Aber ich werde das Daſein um die Schmerzen, die es mit ſich bringt, zu theuer erkauft finden, wenn es mir nicht die Kraft bietet, mich über die öde Niederung des Provinziallebens zu erheben. Ja, es iſt ſo— eine Leidenſchaft übt dieſelbe Wirkung, wie ein Ver⸗ mögen.“ Maggie hörte die letzten Worte nicht; ſie kämpfte gegen das Gefühl an, daß Philipps Reden, wie früher, ihre eigene Unzufriedenheit zu entfeſſeln drohten. „Ich begreife, was Sie meinen,“ ſagte ſie,„ob⸗ ſchon mein Wiſſen dem Ihrigen gegenüber ſehr be⸗ ſchränkt iſt. Früher dachte ich, das Leben wäre mir unerträglich, wenn ein Tag nur ſtets daſſelbe brächte, wie der andere, und ich immer nur bedeutungsloſe Verrichtungen treiben müßte, ohne je etwas Größe⸗ res kennen zu lernen. Aber mein lieber Philipp, ich glaube, wir ſind darin nur wie die Kinder, für die eine höhere Weisheit ſorgen muß. Iſt es nicht unſere Pflicht, uns ergebungsvoll in das zu finden, 245 was uns verſagt iſt? Der Umſtand, daß ich meinen eigenen Willen brechen lernte, iſt mir während der letzten zwei oder drei Jahre zur Quelle großen Friedens, ja ſelbſt der Freude geworden.“ „Ja, Maggie,“ entgegnete Philipp mit Ungeſtüm; „und Sie ſchließen ſich ſelbſt ab in einem beſchränkten, trügeriſchen Fanatismus, welcher nur dadurch den Schmerz zu bewältigen vermag, daß er die edelſten Kräfte Ihrer Natur ertödtet. Freude und Friede ſind keine Ergebung. Ergebung iſt die gutwillige Ertragung eines Schmerzes, der ſich nicht bannen läßt und deſſen Beſchwichtigung man auch nicht ein⸗ mal erwartet. Stumpfſinn iſt keine Ergebung; und es iſt Stumpfſinn, in Unwiſſenheit verharren zu wollen und alle die Zugänge abzuſperren, durch welche wir mit dem Leben unſerer Mitmenſchen be⸗ kannt werden. Ich bin nicht ergebungsvoll und zweifle, ob das Leben lang genug iſt, den Menſchen dazu zu machen; auch Sie ſind es nicht, ſondern Sie verſuchen nur, ſich in Stumpfſinn zu wiegen.“ Maggie's Lippen zitterten. Sie fühlte, daß in Philipps Worten etwas Wahres lag, obſchon ihr Inneres ihr ſagte, eine unmittelbare Anwendung dieſer Lehre auf ihr Benehmen wäre nichts anderes als ein Selbſtbetrug. Der doppelte Eindruck ſtand im Einklang mit der doppelten Anregung in der Seele des Sprechers. Philipp glaubte ernſtlich an das, was er ſagte, brachte es aber mit Heftigkeit vor, weil er den Entſchluß bekämpfen wollte, der ſeinem Wunſche zuwider war. Aber Maggie'’s An⸗ tlitz, welches ſich in den hervorquellenden Thränen um ſo kindlicher ausnahm, regte bei ihm ein zarteres, 246 weniger ſelbſtſüchtiges Gefühl an. Er nahm ihre Hand und ſagte mit ſanfter Stimme: „Doch wir wollen nicht in dieſer kurzen halben Stunde an ſolche Dinge denken, Maggie, ſondern nur daran, daß wir noch beiſammen ſind.... Unſere Freundſchaft kann fortbeſtehen trotz der Tren⸗ nung... Wir werden immer an einander denken. Das Leben wird eine Freude für mich haben, ſo lange Sie leben; denn ich darf dann doch dem Ge⸗ danken Raum geben, es könne eine Zeit kommen, in der Sie mir geſtatten werden, Ihnen in irgend einer Weiſe Hilfe zu leiſten.“ „Welch ein lieber, guter Bruder wären Sie ge⸗ weſen, Philipp,“ ſagte Maggie, durch den Nebel ihrer Thränen lächelnd.„Ich denke, Sie hätten ſo viel Weſens aus mir gemacht, und es wäre eine ſolche Luſt für mich geweſen, Sie zu lieben, daß ſo⸗ gar ich mich würde zufrieden gegeben haben. Sie hätten mich wohl hinreichend geliebt, um Nachſicht mit mir zu haben und mir Alles zu verzeihen. Ach, ich ſehnte mich immer, daß Tom ſo gegen mich ſein möchte, und begnügte mich nie mit nur kleinen An⸗ theilen. Darum iſt es beſſer für mich, ich ſage allen irdiſchen Hoffnungen gänzlich ab. So konnte ich. nie genug Muſik haben— ich wünſchte, daß mehrere Inſtrumente zumal ſpielten— verlangte nach volleren und tieferen Stimmen. Singen Sie noch immer, Philipp?“ fügte ſie abgebrochen bei, als habe ſie vergeſſen, was vorausging. „Ja,“ verſetzte er,„faſt jeden Tag. Aber meine Stimme iſt nur mittelmäßig, wie alles Andere in mir.“ le ——* ᷣ -B——2R=—— 247 „Oh, ſo ſingen Sie mir etwas— nur ein ein⸗ ziges Liedchen. Ich möchte noch etwas von Ihnen hören, ehe ich gehe— etwas, was Sie zu Lorton am Samſtag Nachmittag zu ſingen pflegten, wenn wir das ganze Beſuchzimmer für uns hatten und ich die Schürze über den Kopf zog, um ganz Ohr ſein zu können.“ „Ich weiß,“ entgegnete er, und Maggie bedeckte ihr Geſicht, während er sotto voce die Strophe ſang:„Liebe lacht aus ihren Augen.“ Dann fügte er bei:„Dies war's doch, was Sie meinten?“ „Nein, aber ich kann jetzt nicht mehr bleiben,“ ſagte Maggie, ſich raſch erhebend,„ſonſt klingt es mir immer in den Ohren fort. Laſſen Sie uns aufbrechen, Philipp, ich muß nach Haus.“ Sie machte ſich auf den Weg, ſo daß er gleich⸗ falls aufſtehen und ihr folgen mußte. „Maggie,“ ſagte er im Tone der Vorſtellung, „beſtehen Sie nicht auf dieſer eigenſinnigen, unver⸗ nünftigen Entſagung. Es thut mir in der Seele weh, wenn ich ſehen muß, wie Sie Ihr edles Weſen dergeſtalt betäuben und einengen. Als Kind waren Sie ſo voll Leben, daß ich in Ihnen ſchon eine präch⸗ tige Frau, voll Geiſt und lebhafter Einbildungskraft, vorausſah. Und es leuchtet noch immer aus Ihrem Antlitz, wenn Sie nicht den dunklen Schleier der Abtödtung darüber ziehen.“. „Warum ſprechen Sie ſo bitter gegen mich, Philipp?“ verſetzte Maggie. „Weil ich vorausſehe, daß es zu keinem guten Ende führen wird. Sie können dieſe Selbſtqual nicht fortführen.“ 248 „Die Kraft wird mir gegeben werden,“ entgeg⸗ nete Maggie bebend. „Nein, das wird nicht geſchehen, Maggie; Nie⸗ mand erhält Kraft zum Unnatürlichen. Es iſt bloße Feigheit, Sicherheit in Verneinungen zu ſuchen, denn auf dieſem Weg kann ein Charakter nie er⸗ ſtarken. Sie gerathen eines Tages doch in den Strudel der Welt, und dann wird jede vernünftige Befriedigung Ihrer Natur, die Sie ſich jetzt ent⸗ ziehen, wie ein wilder Hunger Sie anfallen.“ Maggie blieb betroffen ſtehen und ſah Philipp unruhig in's Geſicht. „Philipp, wie können Sie es wagen, mich in ſolcher Weiſe zu erſchüttern? Sie ſind ein Ver⸗ ſucher.“ „Nein, das bin ich nicht; aber die Liebe ſchärft den Blick, Maggie, und ſchließt ahnungsvoll die Zukunft vor ihm auf. Hören Sie mich an— er⸗ lauben Sie mir, daß ich Ihnen Bücher zuſende; ge⸗ ſtatten Sie mir, Sie bisweilen zu ſehen— Ihr Bruder, Ihr Lehrer zu ſein, wie ich es in Lorton war.— Es liegt gewiß viel weniger Unrecht darin, wenn Sie hin und wieder mit mir verkehren, als wenn Sie an ſich ſelbſt dieſen langſamen Selbſtmord begehen.“ Maggie war außer Stand, zu ſprechen. Sie ſchüttelte den Kopf und ging ſchweigend weiter, bis ſie an das Ende der Kieferngruppe gelangte; hier ſtreckte ſie die Hand aus zum Zeichen des Abſchieds. „Sie wollen mich ſicherlich nicht für immer von dieſem Platz verbannen, Maggie. Ich werde doch hin und wieder herkommen und hier ſpazieren gehen dür⸗ 4 249 fen? Wenn ich dann zufällig mit Ihnen zuſammen⸗ treffe, kann von Heimlichleit keine Rede ſein.“ In dem Augenblick, in welchem unſere Ent⸗ ſchließungen unwiderruflich zu werden ſcheinen— in dem Moment, in welchem die verhängnißvollen eiſernen Thore ſich zu ſchließen im Begriff ſind, hat unſere Standhaftigkeit die ſchwerſte Probe zu beſtehen. Wohl ſind Stunden klarer Erwägung und feſter Ueberzeugung vorausgegangen; aber jetzt greifen wir haſtig nach einer Sophiſtik, welche die früheren Kämpfe zu Schanden macht und uns die Niederlage bringt, die uns lieber iſt als der Sieg. Maggie fühlte, wie ihr Herz hoch aufklopfte bei dieſem Winkelzug Philipps, und über ihr Geſicht glitt jenes faſt unmerkliche Zucken, das jede Erleichterung begleitet. Er ſah es und ſie ſchieden ſchweigend. Philipp erkannte die Sachlage zu gut, als daß nicht häufig in ihm die Beſorgniß aufgetaucht wäre, er habe anmaßend in Maggies Gewiſſen eingegrif⸗ fen, vielleicht in ſelbſtſüchtiger Abſicht. Doch nein, den letzteren Gedanken wollte er nicht aufkommen laſſen. Er hatte wenig Hoffnung, daß Maggie je die lebhafte Neigung erwiedern werde, die er für ſie empfand, und für ihr künftiges Leben, das ja doch die aus den Familienverhältniſſen hervorgehen⸗ den kleinlichen Beengungen ihrer Freiheit wegräumen mußte, war es gewiß nur förderlich, wenn ihre Gegenwart nicht völlig geopfert, ſondern ihr Gele⸗ genheit geboten wurde zu ihrer Ausbildung, zu einem Verkehr mit einem Geiſte, der hoch über denen ſtand, mit denen ſie jetzt zu leben ſich verurtheilt ſah. Wenn wir nur weit genug von den Jolgen unſerer Hand⸗ 250 lungen abſehen, ſo können wir im Hinblick auf die Reſultate immer den einen oder den andern Punkt auffinden, durch den ſich dieſe Handlungen recht⸗ fertigen laſſen; und wenn wir auf die Plane der Vorſehung zurückgreifen, welche die Erfolge beſtim⸗ men, oder den Geſichtspunkt einer philoſophiſchen Studie auffaſſen, ſo werden wir es möglich finden, mit vollkommener Selbſtbeſriedigung gerade das zu thun, was uns in dem gegebenen Augenblick am angenehmſten erſcheint. Auch rechtfertigte Philipp in ſolcher Weiſe ſeine ſchlauen Anſtrengungen, Mag⸗ gie's edles Sträuben gegen eine Heimlichkeit zu über⸗ winden, welche ihren Geiſt in ein zweideutiges Licht ſetzen mußte und vielleicht denen, die das erſte na⸗ türliche Anrecht an ſie hatten, neuen Jammer be⸗ reitete. Doch war ſeine Leidenſchaft in einem Grade mächtig, daß ſie ſich hälftig auch von den rechtferti⸗ genden Beweggründen emancipirte. Seine Sehnſucht, Maggie zu ſehen und ein Element in ihrem Leben zu bilden, hatte etwas von der wilden Genußſucht in ſich, wie man ſie häufig in Weſen ſich entwickeln ſieht, deren körperliche und geiſtige Conſtitution eine ge⸗ ſteigerte Empfänglichkeit für die Eindrücke des Schmer⸗ zes beſitzt. Er hatte nicht ſeinen vollen Antheil an den gemeinſamen Gütern der Menſchen, ja, er konnte nicht einmal unter den Bedeutungsloſen ſich verber⸗ gen, ſondern mußte ſich hervorgehoben ſehen für das Mitleid und eine Ausnahme bilden in Dingen, die bei Anderen ſich von ſelbſt verſtunden. Auch für Maggie galt er als eine Ausnahme; augenſcheinlich war ihr der Gedanke, in ihm einen Liebhaber zu ſehen, nie zu Sinne gekommen. —— —— —— 251 Möge man Philipp nicht zu hart beurtheilen. Häßliche und mißgeſtaltete Perſonen bedürfen unge⸗ wöhnlicher Tugenden, weil man ſie ſonſt äußerſt un⸗ bequem findet; aber der Satz, daß ungewöhnliche Tugenden als eine unmittelbare Folge aus perſön⸗ lichen Mängeln entſpringen, wie etwa unter kalten Himmelsſtrichen das Vließ der Schafe dichter wird, iſt wohl ein Bischen übertrieben. Man ſpricht viel von den Verſuchungen der Schönheit, aber mich däucht, ſie ſtehen zu denen der Häßlichkeit im nämlichen Ver⸗ hältniß, wie die Verlockung zum Uebermaß bei einem Feſt, wo die Genüſſe des Auges und des Gaumens abwechſeln, zu der, welche im Gefolge der Hunger⸗ verzweiflung auftritt. Steht nicht der Hungerthurm als der Typus der äußerſten Heimſuchung da, welche die menſchliche Natur treffen kann? Philipp hatte nie den beſchwichtigenden Einfluß jener Mutterliebe empfunden, die uns um ſo reich⸗ licher zufließt, je mehr wir derſelben bedürfen, und uns um ſo zärtlicher umfaßt, weil unſere Ausſicht auf Gewinnſte in der Lotterie des Lebens ſo gering iſt. Auch wurde das Gefühl der Liebe und der Nachſicht, die ihm ſein Vater zu Theil werden ließ, dadurch vergällt, daß er die Fehler ſeines Erzeugers um ſo klarer erkannte. Philipp war den Beziehun⸗ gen des practiſchen Lebens fern geblieben und hatte bei ſeiner halbweiblichen Empfindſamkeit Einiges von der frauenhaften Intoleranz gegen weltliche Gelüſte und das Jagen nach ſinnlichen Vergnügungen in ſich aufgenommen; das einzige ſtarke natürliche Band in ſeinem Leben— ſeine Stellung als Sohn— wurde ihm daher zur Pein wie ein ſchmerzendes Glied. 252 Vielleicht liegt unvermeidlich etwas Krankhaftes in einem menſchlichen Weſen, das in jeder Beziehung unter ungünſtigen Ausnahmsverhältniſſen ſteht, bis die ſittliche Kraft Zeit gewonnen hat, zu triumphi⸗ ren, und dieſe Zeit tritt ſelten vor dem zweiund⸗ zwanzigſten Lebensjahr ein. In Philipp war dieſe Kraft wohl ſchon vorhanden; aber ſelbſt die Sonne nimmt ſich matt aus im Nebel des Morgens. Viertes Kapitel. Wieder eine Liebesſcene. Faſt ein Jahr nach dem zweifelhaften Scheiden, von dem wir im vorigen Kapitel Zeuge geweſen, zu Anfang Aprils kann der Leſer, wenn er Luſt hat, Maggie wieder durch die Föhrengruppe in die ro⸗ then Tiefen eintreten ſehen. Es iſt noch nicht Abend, ſondern früh am Nachmittag, und die ſcharfe Früh⸗ lingsluft macht, daß ſie ihr Halstuch feſt um ſich geſchlungen hat. Sie geht etwas raſcher, als ſonſt, obſchon ſie ſich umſieht, um die lieben Bäume zu betrachten. In ihrem Auge bemerken wir einen ha⸗ ſtigeren, forſchenderen Blick, als im letzten Juni, und ein Lächeln ſchwebt um ihre Lippen, als ob ſie eine ſcherzhafte Rede für den rechten Zuhörer vorbereitet habe. Dieſer ließ auch nicht lange auf ſich warten. „Nehmen Sie Ihre Corinna zurück,“ ſagte Maggie, ein Buch unter ihrem Shawl hervor⸗ ziehend.„Sie hatten Recht, als Sie mir ſagten, ich werde nicht viel Gutes darin finden, aber Un⸗ r ————, ⏑ ð8 8—— 253 recht, indem Sie meinten, ich werde wünſchen, ihr zu gleichen.“ „Wie, Sie möchten keine zehnte Muſe ſein, Maggie?“ verſetzte Philipp, zu ihrem Geſicht auf⸗ blickend, wie wir das erſte Auseinanderweichen der Wolken betrachten, das uns wieder einen klaren Himmel in Ausſicht ſtellt. „Durchaus nicht,“ entgegnete Maggie lachend. „Die Muſen hatten es ſehr unbequem, dent ich— mußten immer Rollen und muſikaliſche Inſtrumente mit ſich herumtragen. Wenn ich in dieſem Klima eine Harfe mit mir führen wollte, brauchte ich einen Sack von grünem Wollenzeug für ſie, und ich würde d ſicherlich bei erſter Gelegenheit irgendwo ſtehen aſſen.“ „Die Corinna gefällt Ihnen alſo ebenſo wenig, wie mir?“ „Ich habe das Buch nicht zu Ende gebracht,“ ſagte Maggie.„Als ich zu der Stelle kam, wo die blondhaarige junge Dame in dem Park liest, machte ich es zu und beſchloß, nicht mehr weiter zu leſen. Ich ſah voraus, das Mädchen mit dem lichten Teint werde Corinna alle Liebe abgewinnen und ſie elend machen. Ich will nichts mehr von Büchern wiſſen, in welchen alles Glück auf die blondhaarigen Mäd⸗ chen kömmt, gegen die ich nun einmal ein Vorurtheil habe. Wenn Sie mir eine Geſchichte geben können, in welcher ein ſchwarzhaariges Frauenzimmer trium⸗ phirt, ſo wird das Gleichgewicht wieder hergeſtellt. Ich verlange Rache für Rebecca und Flora Mac Ivor, für Minna und alle die übrigen ſchwarzen Unglücklichen. Da Sie mein Lehrer ſind, ſo müſſen 254 Sie meinen Geiſt vor Vorurtheilen bewahren, gegen die Sie ja bei jeder Gelegenheit zu Feld ziehen.“ „Vielleicht rächen Sie die ſchwarzhaarigen Mäd⸗ chen in Ihrer eigenen Perſon, indem Sie Ihrem Bäschen Lucy alle Liebe entwenden. Sicher ſchmach⸗ tet ſchon ein ſchöner junger Mann von St. Oggs zu ihren Füßen und Sie brauchen ihm nur zu er⸗ ſcheinen, um mit Ihrem Strahlenglanz das blonde Couſinchen zum Verbleichen zu bringen.“ „Philipp, dies iſt nicht ſchön von Ihnen, meinen Unſinn auf die Wirklichkeit anzuwenden,“ ſagte Maggie gekränkt.„Als ob ich mit meinen alten Kleidern und meinen geringen Kenntniſſen als Neben⸗ buhlerin der lieben kleinen Lucy auftreten könnte, die ſo vielerlei artige Dinge kann und treibt und zehnmal hübſcher iſt, als ich, ſelbſt wenn ich neidiſch und garſtig genug wäre, mit ihr rivaliſiren zu wollen. Außerdem gehe ich nie zu Tante Deane, wenn Jemand dort iſt, und ich habe es nur der Güte Lucy's, die mich liebt, zuzuſchreiben, wenn ſie zuweilen mich hier beſucht und von mir haben wilb, daß ich gleichfalls hin und wieder zu ihr komme.“ „Maggie,“ verſetzte Philipp mit Ueberraſchung, „es ſieht Ihnen doch ſonſt nicht gleich, daß Sie einen Scherz buchſtäblich nehmen. Sie müſſen dieſen Mor⸗ gen in St. Oggs geweſen und ein wenig von dem dort herrſchenden Stumpfſinn angeſteckt worden ſein.“ „Wenn Sie blos einen Spaß machen wollten, ſo war es ein ſchlechter,“ entgegnete Maggie lächelnd; gaber als Verweis muß ich Ihre Rede ganz am Platz finden. Ich dachte, Sie wollten mich auf meine Citelkeit aufmerkſam machen und es rügen, daß ich wünſche, ——.———— Z έ—½ —— —— ——Y;y?ÿ4=— ———— —* + R 255⁵ Jedermann ſolle mich bewundern. Aber der Grund, warum ich für die ſchwarzen Frauenzimmer eifere, liegt nicht in dem Umſtand, daß ich ſelbſt eine Schwarze bin, ſondern weil mir immer die Unglück⸗ lichen beſonders am Herzen liegen. Wäre das blonde Mädchen die Verlaſſene, ſo würde ich ſie am meiſten lieben. In den Romanen nehme ich immer die Partie der Verſchmähten.“ „Dann hätten Sie wohl nie das Herz, ſelbſt Jemand zu verſchmähen, Maggie?“ ſagte Philipp mit einem leichten Erröthen. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Maggie zaudernd; dann fügte ſie mit einem heiteren Lächeln bei:„Ich denke, vielleicht könnte ich es, wenn er ſehr einge⸗ bildet wäre; aber wenn er dann ſich ſehr gedemü⸗ thigt fühlte, ſo würde ich mich erweichen laſſen.“ „Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, Maggie,“ ſagte Philipp mit einiger Anſtrengung, „ob Sie wohl im Stande wären, einen Mann zu lieben, der bei anderen Frauenzimmern keine Ausſicht auf Liebe hätte.“ „Das würde von dem Grund dieſer Ausſichts⸗ loſigteit abhängen,“ entgegnete Maggie lachend. „Er könnte ja recht widerwärtig ſein, mich durch ein vor das Auge geſtecktes Glas anſtieren und das Geſicht dabei verziehen, wie der junge Torry. Ich habe nie Mitleid mit dünkelvollen Perſonen, weil ich denke, daß dieſe ſich ſelbſt zu tröſten wiſſen.“ „Aber nehmen wir an, Maggie— nehmen wir an, es ſei kein dünkelvoller Menſch, ſondern einer, der nichts an ſich hat, was ihm einen Dünkel ein⸗ flöͤßen könnte— ein Menſch, der von Kindheit an 256 die Laſt eines eigenthümlichen Leidens tragen muß — deſſen Lebensſtern Sie wären— der Sie in einer Ausdehnung liebte und anbetete, daß er ſich ſchon überglücklich fühlt, wenn Sie ihm nur erlauben, Sie in ſeltenen Augenblicken zu ſehen...“ Philipp hielt inne, denn es wandelte ihn die plötzliche Furcht an, daß er durch ſeine Rede eben dieſes Glück zerſtört habe. Dieſelbe Furcht hatte während einer Reihe von Monaten ſeine Zunge ſtets gebunden erhalten. Eine innere Stimme rief ihm zu, er ſei ein Thor geweſen, daß er ſo ſprach. Maggie's Benehmen war an dieſem Morgen eben ſo ungezwungen und gleichgiltig geweſen, wie immer. Aber jetzt ſah ſie nicht gleichgiltig aus. Betroffen von der ungewöhnlichen Aufregung in Philipps Stimme, hatte ſie ihm plötzlich ihre Blicke voll zu⸗ gewandt, und als er fortfuhr, machte ſich eine große Veränderung in ihrem Geſicht bemerklich, das wie von Gluth übergoſſen erſchien; auch zeigte ſich in ihrer Zunge ein leichtes krampfhaftes Zucken, wie man es an Perſonen wahrnimmt, denen eine Kunde zugeht, welche ſie mit ihren Vorſtellungen von der Vergangenheit in Verbindung zu bringen ſich mühen. Sie ſprach nicht, ſondern ging auf einen umgeſtürzten Baum zu, auf deſſen Stamm ſie ſich niederſetzte, als ſei alle Kraft aus ihren Muskeln gewichen. Sie zitterte. „Maggie,“ ſagte Philipp, der um ſo unruhiger wurde, je länger das Schweigen währte,„ich war ein Thor, daß ich ſo ſprach— vergeſſen Sie, was ich geſagt habe. Ich bin ja zufrieden, wenn unſer Verhältniß wie bisher fortbeſtehen kann.“ 1 257 Der Schmerz, der ſich in dieſen Worten aus⸗ drückte, bewog Maggie, etwas zu erwiedern.„Ich bin ſo überraſcht, Philipp— dies hätte ich nicht gedacht.“ Und die Anſtrengung, welche ſie dieſe Entgegnung koſtete, drängte ihr Thränen in's Auge. „Sie haſſen mich wohl darum, Maggie?“ ſagte Philipp mit Heſtigkeit.„Sie denken, ich ſei ein anmaßender Thor?“ „O Philipp,“ verſetzte Maggie,„wie können Sie dies von mir glauben? Als ob ich nicht Urſache hätte, dankbar zu ſein für jede Liebe! Aber... aber ich hätte nie daran gedacht, daß Sie mein Liebhaber ſein könnten. Es lag mir ſo ferne— wie ein Traum— wie eines von den Mährchen, welche die Einbildungskraft erfindet— daß ich je einen Liebhaber haben könnte.“ „So widerſtrebt Ihnen der Gedanke nicht, in mir Ihren Liebhaber zu ſehen, Maggie?“ entgegnete Philipp, indem er ſich an ihre Seite ſetzte und in dem Taumel plötzlicher Hoffnung ihre Hand ergriff. „Lieben Sie mich?“ Maggie erblaßte. Die ſo unumwundene Ant⸗ wort ſchien ſich nicht leicht beantworten zu laſſen. Aber ihre Augen begegneten denen Philipps, welche eben jetzt in den feuchten Glanz flehender Liebe ſtrahlten. Sie entgegnete ſtockend, aber doch mit holder, einfacher, mädchenhafter Innigkeit: „Ich glaube kaum, daß ich Jemand mehr lieben könnte, denn es iſt mir Alles an Ihnen theuer.“ Sie hielt eine Weile inne und fügte dann bei: „Aber es wird beſſer für uns ſein, wenn wir nicht mehr von ſolchen Dingen ſprechen— meinen Sie Eliot, Die Mühle am Floß. II. 17 258 nicht auch, lieber Philipp? Sie wiſſen, wir dürften nicht einmal Freunde ſein, wenn unſere Freundſchaſt entdeckt würde. Es iſt mir immer wie Unrecht vor⸗ gekommen, daß ich Sie in Betreff der Zuſammen⸗ künfte gewähren ließ, obſchon ſie mir in mancher Beziehung ſo koſtbar geworden ſind, und jetzt wan⸗ delt mich wieder eine ſchwere Angſt an, daß es zu nichts Gutem führen wird.“ „Aber es iſt ja bis jetzt nichts Schlimmes dar⸗ aus entſtanden, Maggie, und wenn Sie ſich durch dieſe Angſt früher hätten beſtimmen laſſen, ſo wäre Ihnen eben wieder ein Jahr in trauriger Erſtarrung entſchwunden, während ſo Ihr wahres Ich wieder aufleben konnte.“ Maggie ſchüttelte den Kopf. „Ich weiß, es iſt ſehr angenehm geweſen— die wechſelſeitige Unterhaltung, die Bücher, und die Freude auf dem Spaziergang, der mich in den Stand ſetzte, Ihnen die Gedanken mitzutheilen, die mir, während ich mich ferne von Ihnen befand, in den Kopf gekommen. Dennoch hat es mir die Ruhe geraubt. Die Welt gewann wieder Gewalt über mich; abermals kamen die ſtürmiſchen Gedanken, die Heimath wurde mir entleidet, und hintendrein ſchnitt es mir in's Herz, daß ich auch nur einen Augenblick meines Vaters, meiner Mutter überdrüſſig werden konnte. Ich denke, was Sie Erſtarrung nennen, war beſſer— jedenfalls beſſer für mich, denn da⸗ mals ſchlummerten meine ſelbſtſüchtigen Begierden.“ Philipp war wieder aufgeſtanden und ging un⸗ geduldig auf und ab. „Nein, Maggie, Ihre Vorſtellungen von Selbſt⸗ 259 überwindung ſind falſch, wie ich Ihnen ſchon oft geſagt habe. Was Sie Selbſtüberwindung nennen — das Blind⸗ und Taubwerden gegen alle Eindrücke, die nicht in jene einzige Kette paſſen, iſt in einem Weſen wie das Ihrige nur das Pflegen einer Mo⸗ nomanie.“ Er hatte mit einiger Gereiztheit geſprochen; jetzt aber ſetzte er ſich wieder zu ihr und nahm ihre Hand. „Denken Sie jetzt nicht an die Vergangenheit, Maggie, denken Sie nur an unſere Liebe. Wenn Sie wirklich mit ganzem Herzen an mir hängen können, ſo wird die Zeit alle Hinderniſſe überwin⸗ den; wir brauchen nur zu warten. Ich kann ſchon von der Hoffnung leben. Sehen Sie mich an, Maggie, und ſagen Sie mir noch einmal, ob es Ihnen möglich iſt, mich zu lieben. Blicken Sie nicht weg von mir auf dieſen geſpaltenen Baum; es iſt eine böſe Vorbedeutung.“ Sie heftete ihr großes, dunkles Auge mit einem wehmüthigen Lächeln auf ihn. „Sprechen Sie nur ein freundliches Wort zu mir, Maggie; Sie ſind doch in Lorton nicht ſo hart gegen mich geweſen. Damals fragten Sie mich, ob ich es gerne habe, wenn Sie mich küßten— erin⸗ nern Sie ſich nicht mehr?— und verſprachen mir, mich zu küſſen, wenn Sie mich wieder ſähen. Sie haben Ihr Verſprechen nicht gehalten.“ 3 Die Erinnerung an dieſe kindiſche Zeit wirkte erleichternd auf Maggie, welcher im Hinblick auf ſie der gegenwärtige Moment weniger befremdlich er⸗ ſchien. Sie küßte ihn faſt mit derſelben Einfachheit und Ruhe, wie ſie vor zwölf Jahren geihan hatte. 260 Philipps Augen leuchteten vor Wonne; aber ſeine nächſten Worte waren Worte der Unzufriedenheit. „Sie ſcheinen nicht glücklich genug zu ſein, Maggie, und nur das Mitleid hat Sie bewogen, zu ſagen, daß Sie mich lieben.“ „Nein, Philipp,“ verſetzte Maggie, in ihrer frü⸗ hern kindlichen Weiſe den Kopf ſchüttelnd;„ich ſage Ihnen die Wahrheit. Es iſt mir Alles ſo neu und ſeltſam; aber ich glaube nicht, daß ich Jemand mehr lieben könnte, als Sie. Ich möchte gerne ſtets um Sie ſein, um Sie glücklich zu machen. Ich habe mich immer froh und heiter gefühlt, wenn Sie bei mir waren. Nur Eines iſi's, was ich um Ihretwillen V nicht thun darf— ich werde nie etwas thun, was meinen Vater ſchmerzen könnte. Dies dürfen Sie V nie von mir verlangen.“ „Nein, Maggie, es ſoll auch nicht geſchehen. Ich will Alles ertragen— will ſogar mich ein ganzes Jahr bis zum nächſten Kuß gedulden, wenn Sie mir nur den erſten Platz in Ihrem Herzen ein⸗ räumen.“ „So lang will ich Sie nicht warten laſſen,“ ſagte Maggie lächelnd. Dann nahm ſie aber wieder eine ernſte Miene an, und fuhr, ſich von ihrem Sitz erhebend, fort:„Aber was wird Ihr Vater ſagen, Philipp? Oh, es iſt rein unmöglich, daß wir für einander mehr als Freunde ſein können— im Ge⸗ heimen Bruder und Schweſter wie bisher. Geben Sie alle Gedanken an etwas Anderes auf.“ „Nein, Maggie, ich kann Sie nicht aufgeben— es ſei denn, daß Sie mich getäuſcht hätten und Sie keinen innigeren Gefühlen für mich Raum geben kön⸗ 261 nen, als denen einer Schweſter. Sagen Sie mir unverhohlen die Wahrheit.“ „Das habe ich bereits gethan, Philipp. Welches Glück wäre mir höher geweſen, als das, bei Ihnen zu ſein?— von meinen Kinderjahren an, als Tom noch gut gegen mich war. Und Ihr Geiſt iſt eine Art Welt für mich; Sie können mir Alles ſagen, was ich zu wiſſen verlange. Ich denke, ich könnte es nie ſatt werden, um Sie zu ſein.“ Sie gingen Hand in Hand und ſahen einander an, Maggie allerdings raſcher vorwärts drängend, denn ſie fühlte, daß es Zeit war, nach Haus zu⸗ rückzukehren; doch das Bewußtſein der nahen Tren⸗ nung machte ſie um ſo begieriger, jeden ſchmerz⸗ lichen Eindruck zu verwiſchen, den ſie unabſichtlich in Philipps Seele zurückgelaſſen haben konnte. Es war einer jener gefährlichen Momente, in welchen die Sprache zugleich aufrichtig und trügeriſch wird, und das Gefühl, wenn es ſich weit über ſeine Durch⸗ ſchnittshöhe erhebt, Flutmarken zurückläßt, die nicht wieder zu erreichen ſind. Sie machten Halt, um unter den Föhren Abſchied zu nehmen. „Dann iſt mein Leben reich an Hoffnung, Maggie, und ich werde trotz Allem glücklicher ſein als andere Menſchen. Wir gehören einander an für immer, ob wir zuſammen ſeien oder getrennt; iſt es ſo?“ „Ja, Philipp. Ach, daß es keine Trennung gäbe! Ich möchte ſo gern Ihr Leben recht glück⸗ lich machen.“ „Ich warte auf etwas Anderes und bin begierig, ob es kommen wird.“ 262 Maggie lächelte, während zugleich Thränen in ihren Augen glänzten; dann beugte ſie ſich nieder und drückte einen Kuß auf das bleiche Antlitz voll bittender, ſchüchterner Liebe, ähnlich der eines Weibes. Dies war für ſie ein Augenblick wahren Glücks geweſen— ein Moment voll des Glaubens, daß dieſe Liebe, wenn in ihr je ein Opfer lag, dadurch nur um ſo reicher und befriedigender werde. Sie wandte ſich ab und eilte mit dem Bewußt⸗ ſein nach Hauſe, daß ſeit ihr Fuß zum letztenmal dieſen Pfad betreten, für ſie eine neue Aera begon⸗ nen habe. Der Zettel der unbeſtimmten Träume drängte ſich näher und näher zuſammen, und alle Fäden ihres Denkens und Fühlens verwoben ſich Almaßlic in den Einſchlag ihres wirklichen täglichen ebens. Fünftes Kapitel. Der geſpaltene Baum. Geheimniſſe werden ſelten in der Art verrathen oder entdeckt, wie ſie uns unſere Furcht vorgeſpiegelt hat. Die Furcht trägt ſich in der Regel mit Träumen von ſchrecklichen dramatiſchen Scenen, welche trotz der da⸗ gegen ſprechenden größten Unwahrſcheinlichkeit ſtetig wiederkehren, und ein Jahr lang hatte ſie die Laſt ihres Geheimniſſes getragen, ohne daß ihr die Möglich⸗ keit der Entdeckung in einer anderen Form als in der einer plötzlichen Ankunft ihres Vaters oder Toms, während ſie mit Philipp ſich in den rothen Tiefen erging, vor das geiſtige Auge getreten wäre. Sie 4 &᷑᷑——-—— 2 263 wußte, daß ein ſolches Ereigniß nur eine ſehr ge⸗ ringe Wahrſcheinlichkeit für ſich hatte; aber es war das Symbol, unter welchem ihre innere Furcht mit ihr redete. Jene leichten mittelbaren Einflüſterungen, welche von einem Zuſammentreffen augenſcheinlich geringfügiger Umſtände, oder von unbewegbaren Gemüthsſtimmungen abhängen, treffen zwar in der Wirklichteit am häufigſten zu, ſind aber nicht der Stoff, welche der Einbildungskraft eine Handhabe bieten. Unter die Perſonen, an die Maggie's Furcht am allerwenigſten dachte, gehörte ſicherlich die Tante Pullet, denn es wäre wirklich abgeſchmackt geweſen, in dieſer Beziehung ihr, die nicht in St. Oggs wohnte und weder als ſcharfäugig noch als ſcheel⸗ ſichtig bezeichnet werden konnte, den Vorrang vor Mrs. Glegg einzuräumen. Und doch wählte das Schickſal mit der Launenhaſtigkeit des Blitzes, deſſen Pfad gleichfalls nicht vorab zu ſehen iſt, zu ſeinem Kanal Niemand anders als dieſe Dame. Tante Pullet wohnte allerdings nicht in St. Oggs; aber der Weg von da nach Garum Firs führte auf der Seite, welche Maggie's Eintrittsſtelle gegenüber lag, an den rothen Tiefen vorbei. Der Tag nach Maggies letztem Zuſammentreffen mit Philipp war ein Sonntag, und Mrs. Pullet hatte ſich mit Florband und Kreppſchärpe in der Kirche von St. Oggs einzufinden— ein Anlaß, welchen Mrs. Pullet dazu benützen wollte, bei ihrer Schweſter Glegg zu ſpeiſen und bei der armen Schwe⸗ ſter Tulliver den Thee einzunehmen. Der Sonntag war der einzige Wochentag, welchen Tom Nachmit⸗ 264 tags zu Haus verbrachte, und heute ließ er die Heiterkeit, die man ſeit einiger Zeit an ihm bemerkte, in einem ungewöhnlich fröhlichen, affenen Geplauder mit ſeinem Vater und, als er mit ſeiner Mutter im Garten umherwandelte, um die fortſchreitende Kirſchen⸗ blüthe zu betrachten, in der Einladung an„Magſie“ ausſtrömen, daß ſie auch kommen ſolle. Seine Schweſter gefiel ihm beſſer, ſeit ſie weniger ſonder⸗ bar und ascetiſch war, und er bildete ſich nachgerade etwas ein auf ſie, da er ſelbſt mit angehört, daß mehrere Perſonen ſie für ein ſehr ſchönes Mädchen erklärt hatten. Heute lag auf ihrem Antlitz eine eigenthümliche Klarheit, in Wirklichkeit die Folge einer Unterſtrömung der Aufregung, welche eben ſo viel Zweifel und Sorge als Wonne in ſich faßt, in ihrer äuß eren Erſcheinung aber für ein Zeichen des Glückes gelten konnte. „Du ſiehſt heut recht gut aus, meine Liebe,“ ſagte Tante Pullet mit traurigem Kopfſſchütteln, als ſie um den Theetiſch ſaßen.„Ich hätte nie gedacht, daß ſich Dein Mädchen ſo ordentlich machen würde, Beſſy. Aber Du mußt Roſa tragen, mein Kind; in dem grünen Ding da von Deiner Tante Glegg nimmſt Du Dich aus wie wilder Meerrettig. Jane hat nie Geſchmack gehabt. Warum trägſt Du nicht das Kleid von mir?“ „Es iſt ſo hübſch, Tante— ich fürchte, nur zu ſchön für mich, wenigſtens neben den anderen Klei⸗ dungsſtücken, die ich dazu tragen muß.“ „Natürlich wäre dies unpaſſend, wenn man nicht recht wohl wüßte, Du habeſt ſie von Verwandten erhalten, die es wohl erſchwingen können, Dir ſolche 265 Sachen zu geben, wenn ſie dieſelben nicht mehr brauchen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich meiner Nichte hin und wieder Kleider ſchenken muß, da ich ja alle Jahre neue Anzüge kaufe, ohne die früheren auszutragen. Der Lucy kann man nichts geben, denn ſie hat Alles auf's Properſte. Schweſter Deane kann aber auch den Kopf hoch tragen, ob⸗ ſchon ſie ſchrecklich gelb ausſieht— das arme Ding; ich fürchte, ob ihr dieſes Leberleiden nicht den Garaus macht. Der neue Pfarrverwalter Doctor Kenn hat erſt heute in ſeiner Leichenrede über das Gefährliche dieſer Krankheit geſprochen.“ „Dem Vernehmen nach iſt er ein wundervoller Prediger— iſt's nicht ſo, Sophie?“ verſetzte Mrs. Tulliver. „Die Lucy hat heute einen Kragen angehabt,“ fuhr Mrs. Pullet fort, während ihre Augen gedanken⸗ voll auf einen Fleck hinſtarrten—„ich will nicht ſagen, daß ich nicht einen eben ſo ſchönen habe; aber ich werde meinen beſten herausſuchen müſſen, um ſeines Gleichen zu finden.“ „Wie ich höre, nennt man Miß Lucy die Belle von St. Oggs— ein curioſes Wort das,“ bemerkte Mr. Pullet, dem die Geheimniſſe der Etymologie bisweilen ſchwer zu ſchaffen machten. „Pah,“ meinte Mr. Tulliver, eiferſüchtig auf ſeine Maggie,„ſie iſt ein kleines Ding und hat keine Figur. Aber ſchöne Federn machen ſchöne Vögel. Ich ſehe nichts Beſonderes an dieſen winzigen Frauen⸗ zimmerchen; ſie nehmen ſich ſo einfältig aus an der Seite der Männer— ſo ganz ohne Proportion. Als ich meine Frau nahm, wählte ich ſie mir, weil 266 ſie gerade die rechte Größe hatte— nicht zu groß und nicht zu klein.“ Die arme Frau mit ihrer verblichenen Schönheit lächelte wohlgefällig. „Aber es ſind auch nicht alle Männer groß,“ ſagte Onkel Pullet nicht ohne einige Beziehung auf ſich ſelbſt.„Ein junger Menſch kann gut ausſehen, ohne daß er gerade ſeine ſechs Fuß mißt, wie der Maſter Tom da.“ „’s iſt ein unfruchtbares Gerede, wenn man von Größe und Kleinheit ſpricht; Jedermann darf froh ſein, wenn er nur ſeine geraden Glieder hat,“ be⸗ merkte Tante Pullet.„So habe ich heute den un⸗ förmlichen Sohn des Advocaten Wakem in der Kirche geſehen. Himmel, wenn ich daran denke, welch ein Vermögen ihm zufallen wird; und wie ich höre, iſt er ſo beſonder, liebt die Einſamkeit und ſcheut die Geſellſchaft. Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn er zuletzt noch ganz verrückt wird, denn wir kommen nie dieſes Weges, ohne daß wir ihn unter den Bäumen und Geſträuchen bei den rothen Tiefen umherklettern ſehen.“ Dieſe umfangreiche Behauptung, welche Mrs. Pullet auf die Thatſache gründete, daß ſie Philipp zweimal an der angedeuteten Stelle geſehen hatte, machte auf Maggie einen um ſo ſtärkeren Eindruck, weil Tom ihr gegenüber ſaß, obſchon ſie ſich alle Mühe gab, eine unbefangene Miene zu machen. Bei der Erwähnung von Philipps Namen war ſie er⸗ röthet, und das Schuldbewußtſein ſteigerte ihre Glut; als aber gar die rothen Tiefen genannt wurden, war es ihr, als ſei ihr ganzes Geheimniß verrathen, und 267 ſie wagte nicht einmal den Theelöffel zu ergreifen, damit man nicht ſehe, wie ſie zitterte. Sie hielt ihre Hände unter dem Tiſch verſchlungen und getraute ſich nicht umherzuſchauen. Zum Glück ſaß ihr Vater neben Onkel Pullet auf ihrer Seite und konnte ihr nicht in's Geſicht ſehen, ohne ſich vorwärts zu beugen. Die Stimme ihrer Mutter, die dem Geſpräch eine andere Wendung geben wollte, brachte ihr zuerſt eine Erleichterung; denn Mrs. Tulliver gerieth ſtets in Unruhe, ſo oft in der Gegenwart ihres Mannes Wakems Name berührt wurde. Maggie errang allmählich ſo viel Faſſung, um aufſchauen zu können; ihre Augen begegneten denen von Tom, der jedoch den Kopf ſogleich abwandte. Abends ging ſie mit banger Sorge zu Bette, ob nicht ihre Verwirrung Argwohn erweckt habe. Vielleicht war ihre Furcht ungegründet, und er ſuchte wohl den Grund ihrer Unruhe in dem Umſtand, daß ihre Tante vor ihrem Vater Wakems Namen genannt hatte; ſo deutete ſich nämlich ihre Mutter ihr Erröthen. Auf ihren Vater machte es die Wirkung einer entſtellenden Krank⸗ heit; er fühlte, daß er ſie tragen mußte, gerieth aber außer ſich, wenn er bemerkte, daß auch Andere ihr Vorhandenſein anerkannten. Maggie dachte daher, ihre Empfindlichkeit im Intereſſe ihres Vaters könne, 44 deutlich ſie ſich auch kund gebe, nicht auf⸗ allen. Doch Tom beſaß einen zu ſcharfen Blick, um ſich mit einer ſolchen Deutung zu beruhigen; er hatte klar genug geſehen, daß Maggie's maßloſer Ver⸗ wirrung etwas Anderes zu Grund liegen mußte, als die Sorge um ihren Vater. Während er alle 268 die Einzelnheiten ſich zu vergegenwärtigen ſuchte, die ſeinem Verdacht Geſtalt geben konnten, erinnerte er ſich, wie er erſt kürzlich ſeine Mutter Maggie hatte auszanken hören, daß ſie bei naſſem Boden nach den rothen Tiefen gehe und an den Schuhen den zähen rothen Lehm mit heimbringe. Da jedoch ſein alter Widerwille gegen den krüppelichen Philipp fortwährte, ſo konnte er es nicht für möglich halten, daß ſeine Schweſter mehr als ein freundſchaftliches Intereſſe für eine ſo unglückliche Ausnahme von dem gewöhnlichen Männerſchlag empfinde. Es lag in Toms Weſen, gegen alle Ausnahmen von dem ord⸗ nungsmäßigen Gang der Dinge eine abergläubiſche Abneigung zu hegen. Liebe für einen mißgeſtalteten Mann erſchien ihm bei jedem Frauenzimmer als etwas Häßliches; aber gar von einer Schweſter hätte er ſie nicht ertragen können. Hatte indeß was immer für ein Verkehr zwiſchen Maggie und Philipp ſtattgefunden, ſo mußte der Sache ohne Weiteres ein Ende gemacht werden. Abgeſehen davon, daß ſie durch ſolche heimliche Zuſammenkünfte ihrem Ruf ſchadete, handelte ſie auch im Widerſpruch mit den tiefſten Gefühlen ihres Vaters und mit den aus⸗ drücklichen Befehlen ihres Bruders. Er verließ am andern Morgen die Heimath in jener argwöhniſch lauernden Stimmung, welche bei dem gewöhnlichſten Lauf der Dinge zu dem auffallendſten Zuſammen⸗ treffen von Umſtänden gelangt. Selbigen Nachmittag um halb vier Uhr ſtand Tom auf dem Kai und unterhielt ſich mit Bob Jakin über die Wahrſcheinlichkeit, daß in einem oder zwei Tagen das gute Schiff Adelaide mit Reſultaten, 269 bacht für ſie beide ſehr wichtig waren, einlaufen ürfte. „Ci, da geht ja der krumme junge Wakem,“ be⸗ merkte Bob parenthetiſch, als er ſeinen Blick über die Felder auf der anderen Seite des Floßes hin⸗ ſchweifen ließ.„Ich kenne ihn oder ſeinen Schatten ſchon aus weiter Ferne und begegne ihm ſtets auf der andern Seite des Fluſſes.“ Ein plötzlicher Gedanke ſchien in Tom aufzu⸗ tauchen. „Ich muß fort, Bob,“ ſagte er.„Ich habe et⸗ was zu beſorgen.“ Mit dieſen Worten verließ er haſtig das Magazin, um anzuzeigen, daß man ihn daſelbſt durch einen Stellvertreter erſetzen möge, weil ihn eine dringliche Angelegenheit nach Haus rufe. Er eilte, was er konnte, auf dem kürzeſten Weg nach der Mühle und hielt eben an dem Hofthor, um ſich ſammeln und mit möglichſt unbefangener Miene eintreten zu können, als Maggie in Hut und Shawl zur Hausthüre herauskam. Seine Vermuthung war alſo richtig geweſen. Er erwartete ſie am Thor. Sie erſchrack heftig, als ſie ſeiner anſichtig wurde. „Tom, was führt Dich nach Haus? Iſt etwas vorgefallen?“ fragte Maggie mit unſicherer Stimme. „Ich komme, um Dich nach den rothen Tiefen zu begleiten und mit Philipp Wakem zu ſprechen,“ verſetzte Tom, und die Furchen in der Mittellinie ſeiner Stirne, die bei ihm ſtändig geworden, ver⸗ tieften ſich. Maggie ſtand hilflos da— blaß und kalt. 270 Tom mußte alſo— wie, konnte ſie ſich nicht denken — Alles erfahren haben. Endlich wandte ſie ſich um und ſagte: „Ich gehe nicht.“ „Ja, Du gehſt,“ entgegnete Tom.„Aber zuvor muß ich ein Wort mit Dir ſprechen. Wo iſt der Vater?“. „Ausgeritten.“ „Und die Mutter?“ „Ich glaube, in dem Hofe bei den Hühnern.“ „Ich kann alſo in's Haus kommen, ohne daß ſie mich ſieht?“ Sie gingen mit einander in's Halls, und Maggie folgte Tom auf ſeinen Befehl in die Wohnſtube. 4 Nachdem ſie drinnen waren, ſchloß er die Thüre hinter ſich ab. „Nun ſage mir augenblicklich Alles, was zwiſchen Dir und Philipp Wakem vorgegangen iſt, Maggie.“ „Weiß der Vater etwas davon?“ fragte Maggie, noch immer zitternd. „Nein,“ verſetzte Tom entrüſtet.„Aber er ſoll es erfahren, wenn Du verſuchſt, mich noch weiter zu betrügen.“ „Ich habe nie an Betrug gedacht,“ entgegnete Maggie, und eine Zornglut überflog ihr Antlitz, als ſie dieſen Ausdruck auf ihr Betragen anwen⸗ den hörte. „So ſag' mir die ganze Wahrheit.“ „Die Du vielleicht ſchon weißt?“ „Kümmere Dich nicht um das, was ich weiß oder nicht weiß, ſondern erzähl' einfach, was vorgefallen 4 — 271 iſt, oder der Vater ſoll von der Sache Kunde erhalten.“ „ So will ich's Dir aus Schonung für den Vater ſagen.“ „Ja, Dir ſteht es wohl an, Rückſichten für den Vater zu heucheln, während Du ſeinen tiefſten Ge⸗ fühlen Hohn ſprichſt.“ „Du thuſt natürlich nie etwas Unrechtes, Tom,“ entgegnete Maggie höhniſſch. „Wenigſtens nicht mit Wiſſen,“ verſetzte Tom mit ſtolzer Aufrichtigkeit.„Aber ich will weiter nicht mit Dir verhandeln als dies, daß ich zu wiſſen ver⸗ lange, wie es zwiſchen Dir und Philipp Wakem ſteht. Wann trafſt Du zum erſtenmal mit ihm in den rothen Tiefen zuſammen?“ „Vor einem Jahr,“ verſetzte Maggie ruhig. Toms Strenge hatte ſie zu einer Art von Trotz hinauf⸗ geſchraubt, der das Schuldbewußtſein in den Hinter⸗ grund drängte.„Du brauchſt mich nicht weiter zu verhören. Wir haben ein Jahr lang ein freund⸗ ſchaftliches Verhältniß unterhalten, kamen zuſammen, gingen mit einander ſpazieren, und er borgte mir Bücher.“ „Iſt dies Alles?“ verſetzte Tom, mit gefurchter Stirn ſie feſt anſehend. Maggie hielt einen Augenblick inne; dann aber erwiderte ſie ſtolz, da ſie Toms Recht, ſie des Be⸗ trugs zu zeihen, ein Ende machen wollte: „Nein, nicht ganz. Letzten Sonntag ſagte er mir, daß er mich liebe. Früher iſt mir nie ein ſol⸗ cher Gedanke gekommen, und ich habe in ihm nur einen alten Freund geſehen.“ 272 „Und Du haſt ihn ermuthigt?“ verſetzte Tom mit dem Ausdruck der Verachtung. „Ich ſagte ihm, daß ich ihn gleichfalls liebe.“ Tom ſchwieg eine Weile und ſah, die Hände in die Taſchen geſteckt, finſter auf den Boden. Endlich blickte er wieder auf und ſagte kalt: „Wohlan, Maggie, es gibt nur zwei Wege, die Du einſchlagen kannſt. Entweder Du gelobſt mir feierlich mit der Hand auf des Vaters Bibel, daß Du nie mehr mit Philipp Wakem im Geheim zuſammen⸗ kommen oder nur noch ein weiteres Wort mit ihm ſprechen wolleſt— oder Du weigerſt Dich und ich ſage dem Vater Alles. Du wirſt dann in dieſem Monat, in welchem er vielleicht durch meine An⸗ ſtrengungen wieder glücklich werden könnte, ihm den Schlag bereiten, daß er erfahren muß, Du ſeieſt eine ungehorſame, hinterliſtige Tochter, welche ihre Ehre an heimliche Zuſammenkünfte mit dem Sohn des Mannes wegwarf, der ihren Vater zu Grunde richten half. Wähle!“ Nachdem Tom mit kalter Entſchiedenheit dieſe Worte geſprochen hatte, langte er die große Bibel herunter und öffnete ſie an dem Vorſetzblatt, auf welchem ſich die Schrift befand. Das war für Maggie eine entſetzliche Wahl. „Tom,“ ſagte ſie, aus dem Tone des Stolzes zu dem des Flehens übergehend,„verlang dies nicht von mir. Ich will Dir verſprechen, allen Verkehr mit Philipp aufzugeben, wenn Du mir erlaubſt, ihn noch einmal zu ſehen, oder ihm auch nur zu ſchreiben, um ihm Alles zu erklären. Ich will auf dieſen Ver⸗ kehr verzichten, ſo lang er meinem Vater Schmerz —— 273 bereiten könnte... aber ich fühle auch für Philipp. Er iſt nicht glücklich.“ „Ich verlange nichts von Deinen Gefühlen zu wiſſen und habe Dir meine Meinung bereits geſagt. Wähle— und zwar ſchnell, eh' die Mutter herein kömmt.“ „Ich gebe Dir mein Wort, das mich ſo gut verpflichten wird, als wenn ich die Hand auf die Bibel lege; dieſe iſt nicht nöthig, um mich zu binden.“ „Thu', was ich ſage,“ entgegnete Tom.„Ich kann Dir nicht trauen, denn es iſt keine Feſtigkeit in Dir. Leg' die Hand auf dieſe Bibel und ſprich: „Ich entſage von nun an allem Verkehr mit Phi⸗ lipp Wakem.“ Sonſt bringſt Du Schande auf uns Alle und Kummer über den Vater. Was nützt es mich dann, mich abzumühen und mir Alles zu ver⸗ ſagen, um des Vaters Schulden zu bezahlen, wenn Du in dem Augenblick, in welchem er ſein Haupt wieder aufzurichten vermöchte, die Saat des bitterſten Schmerzes und des Wahnſinns in ſeine Seele pflanzeſt?“ „O Tom, werden die Schulden bald bezahlt ſein?“ erwiederte Maggie, ihre Hände zuſammenſchlagend; und ein Strahl der Freude zuckte durch ihren Jammer. „Wenn es ſo ausfällt, wie ich erwarte, ja,“ verſetzte Tom.„Aber,“ fügte er mit einer vor Un⸗ willen bebenden Stimme bei,„während ich alle meine Kraft aufbot, um dem Vater noch einigen Seelenfrieden zu bereiten, eh' er ſtirbt— mich ab⸗ arbeitete für die Ehre der Familie— haſt Du Alles gethan, was Du konnteſt, um beides zu zerſtören.“ Maggie fühlte ihr Gewiſſen auf's Tieſſte ergriffen: Eliot, Die Mühle am Floß. II. 15 274 von dieſem Augenblick an verzichtete ihr Geiſt darauf, gegen das, was ihr grauſam und unvernünftig vor⸗ kam, anzukämpfen, und ihre Selbſtvorwürfe mußten dem Bruder Recht geben. „Tom,“ ſagte ſie mit erſtickter Stimme,„es war unrecht von mir— aber ich fühlte mich ſo allein— und ich hatte Mitleid mit Philipp. Auch glaube ich, daß es Sünde iſt, Haß und Feindſchaft im Herzen zu tragen.“ 5 „Unſinn!“ verſetzte Tom.„Deine Pflicht war klar genug. Was braucht's noch vielen Redens? Ich verlange Dein Verſprechen in den Worten, die ich Dir vorgeſagt habe.“ „Ich muß noch einmal mit Philipp ſprechen.“ „Das kannſt Du ſogleich thun, aber ich werde dabei ſein.“ „Ich gebe Dir mein Wort, nicht mehr mit ihm zuſammenzukommen oder ihm zu ſchreiben ohne Dein Vorwiſſen. Zu weiter verpflichte ich mich nicht; auch will ich, wenn Du'’s verlangſt, es mit der Hand auf der Bibel bekräftigen.“ „So thu' es.“ Maggie legte ihre Hand auf die Manuſcriptſeite und wiederholte ihr Verſprechen. Tom ſchloß das Buch und ſagte: „So, jetzt können wir gehen.“ Unterwegs wurde keine Sylbe geſprochen. Mag⸗ gie litt ſchmerzlich im Vorgefühl der Erſchütterung, die Philipp bevorſtand, und zitterte bei dem Ge⸗ danken an die bitteren Worte, welche verausſichtlich Tom ihm zuſchleuderte; aber es blieb ihr keine an⸗ dere Wahl, als ſich zu fügen. Furcht und Gewiſſens⸗ 275 biſſe gaben ſie ganz in die Gewalt des ſchrecklichen Tom, der ihr Betragen mit dem wahren Namen bezeichnet hatte, obſchon ihre ganze Seele ſich da⸗ gegen empörte, weil er ihr dabei ſo gar keine Ge⸗ rechtigkeit widerfahren ließ. Bei Tom ſchien inzwiſchen der Strom der Entrüſtung ſich gegen Philipp ab⸗ zuleiten. Er wußte nicht, welchen großen Antheil der alte knabenhafte Widerwillen und der perſönliche Stolz an der harten Strenge der Worte hatte, durch welche er ſich ſeiner Pflicht als Sohn und Bruder zu entledigen gedachte. Es lag nicht in ſeiner Art, in ſeine eigenen Beweggründe tiefer einzugehen, da er für Alles, was ſich nicht mit Händen greifen ließ, wenig Sinn hatte. Er wußte, daß ſein Wille und ſein Handeln gut war; denn mit Schlechtem befaßte er ſich nicht. Mazgie' einzige Hoffnung war noch, Philipp möchte— zum erſtenmal— eine Abhaltung gefun⸗ den haben. Dadurch wurde wenigſtens ein Auf⸗ ſchub gewonnen, und Tom erlaubte ihr dann viel⸗ leicht, ihm zu ſchreiben. Ihr Herz klopfte mit doppeltem Ungeſtüm, als ſie in die Kieferngruppe eintraten. Es war der letzte Augenblick der Un⸗ gewißheit, dachte ſie; Philipp kam ihr ſtets entgegen, ſo bald ſie die Föhren im Rücken hatte. Doch ſie gingen jetzt quer uͤber den freieren, mit Gras be⸗ wachſenen Raum und gelangten von dem Hügel her auf den ſchmalen, buſchigen Pfad. Noch eine Wen⸗ dung, und es fand eine ſo plötzliche Begegnung ſtatt, daß Tom und Philipp, als ſie Halt machten, nur einen Schritt von einander abſtanden. Es trat eine kurze Stille ein, während welcher Philiay einen 2 276 fragenden Blick auf Maggie's Geſicht warf; er las die Antwort in den blaſſen, halboffenen Lippen und in dem angſtvollen Ausdruck ihrer großen Augen. Ihre Phantaſie, die ſtets weit über den unmittel⸗ baren Eindruck hinauseilte, vergegenwärtigte ihr bereits, wie ihr großer ſtarker Bruder den ſchwachen Philipp packte, zu Boden warf und mit Füßen trat. „Iſt dies die Handlungsweiſe eines CEhren⸗ manns?“ begann Tom im Tone bitteren Hohns, als Philipp ſeine Blicke wieder auf ihn richtete. „Was wollen Sie damit ſagen?“ verſetzte Phi⸗ lipp ſtolz. „Was ich damit ſagen will? Weiter zurück von mir, damit ich nicht Hand an Sie lege— dann ſollen Sie hören, was ich ſagen will. Sie haben die Unwiſſenheit eines jungen Mädchens mißbraucht und die Thörin zu geheimen Zuſammenkünften mit Ihnen veranlaßt. Sie haben ſich unterſtanden, mit der Achtbarkeit einer Familie, die auf ihren Ruf und ehrlichen Namen hält, Ihr Spiel zu treiben.“ „„Das läugne ich,“ unterbrach ihn Philipp mit Heftigkeit.„Wie könnte ich mein Spiel treiben mit irgend etwas, was von Einfluß auf das Glück Ihrer Schweſter iſt? Sie liegt mir viel mehr am Herzen, als Ihnen; ich ſchätze ſie höher, als Sie ſie je ſchätzen können, und würde mein Leben für ſie hin⸗ geben.“ „Verſchonen Sie mich mit ſolchem hochtrabenden Unſinn, Sir. Wollen Sie mir weis machen, Sie hätten nicht gewußt, daß es ein Schimpf für ſie ſei, Woche um Woche hier mit Ihnen zuſammen zu kommen? Glauben Sie, ein Recht zu haben, ihr —— 277 Liebeserklärungen zu machen, ſelbſt wenn Sie ein paſſender Gatte für ſie wären, während Ihnen doch bekannt ſein muß, daß weder ihr Vater noch der Ihrige je zu einer Heirath ſeine Zuſtimmung erthei⸗ len wird? Und Sie— Sie verſuchen es, ſich in die Neigung eines ſchönen Mädchens einzuſchleichen, das noch nicht achtzehn Jahre alt und durch das Unglück ihres Vaters von der Welt abgeſchieden iſt! Iſt dies Ihr verkrüppelter Begriff von Ehre? Ich nennne es ſchändliche Hinterliſt— ich nenne es einen Mißbrauch der Umſtände, um ein Geſchöpf zu ge⸗ winnen, das zu gut für Sie iſt und das Ihnen auf einem ehrlichen Wege nie zugänglich geworden wäre.“ „Iſt es männlich von Ihnen, ſo mit mir zu ſprechen?“ verſetzte Philipp bitter, und ſein ganzer Körper bebte unter heftiger Erregung.„Doch Rieſen haben ſeit unvordenklichen Zeiten ein Recht auf gei⸗ ſtige Beſchränktheit und grobes Maulheldenthum. Sie ſind unfähig, auch nur zu begreifen, was ich für Ihre Schweſter fühle— in einem Grade fühle, daß ich ſogar wünſchen könnte, in Freundſchaft mit Ihnen zu leben.“ „Ich würde es ſehr beklagen, wenn ich Ihre Gefühle begriffe,“ entgegnete Tom mit ſchneidender Verachtung.„Aber Ihnen will ich etwas begreif⸗ lich machen, daß ich nämlich Acht haben werde auf meine Schweſter, und wenn Sie ſich je nur im min⸗ deſten unterſtehen, ihr zu nahen, ihr zu ſchreiben oder ſie an ſich zu ziehen, ſo wird ſelbſt Ihr krüp⸗ peliger, elender Körper, der Sie Beſcheidenheit lehren ſollte, Sie nicht ſchützen. Ich klopfe Sie windel⸗ weich, und Sie ſollen mir das Geſpött der ganzen 278 Welt werden. Wer müßte nicht lachen bei dem Ge⸗ danken, daß Sie der Liebhaber eines ſchönen Mäd⸗ chens geworden ſeien?“ „Tom, dies duld ich nicht— ich kann's nicht länger mit anhören,“ brach Maggie mit krampfhafter Stimme los. „Halt, Maggie,“ ſagte Philipp, der nur mit Mühe ſeine Worte hervorbrachte; dann fuhr er, Tom in's Auge faſſend, fort:„Sie haben vermuth⸗ lich Ihre Schweſter hieher geſchleppt, damit ſie Zeuge ſei, wie Sie mir drohen und mich beſchimpfen. Dies ſcheint Ihnen natürlich der rechte Weg zu ſein, mich einzuſchüchtern; aber Sie ſind im Irrthum. Laſſen Sie Ihre Schweſter ſprechen. Wenn ſie ſagt, ſie ſei verpflichtet, mich aufzugeben, ſo wird ihr leiſeſter Wunſch mir ein Befehl ſein.“ „Es mußte um des Vaters willen geſchehen, Phi⸗ lipp,“ ſagte Maggie in flehentlichem Tone.„Tom droht, es dem Vater zu ſagen, und der Vater könnte es nicht ertragen. Ich habe daher verſprechen und feierlich geloben müſſen, daß wir ohne meines Bru⸗ ders Vorwiſſen keinen Verkehr mehr mit einander unterhalten wollen.“. „Es iſt genug, Maggie. Ich werde mich nicht ändern, aber Sie mögen ſich als vollkommen frei betrachten. Glauben Sie mir übrigens und behal⸗ ten Sie im Gedächtniß, daß ich in Beziehung auf Alles, was Ihnen angehört, nur die wohlmeinend⸗ ſten Abſichten haben kann.“ „Ja,“ ſagte Tom, über Philipps Haltung auf⸗ gebracht,„Sie haben jetzt gut reden von wohl⸗ meinenden Abſichten gegen ſie und Alles, was ihr 279 gehört. Haben Sie dieſelben je zuvor zu bethätigen „Ja, und vielleicht nicht ohne einige Gefahr. Immerhin wünſchte ich ihr einen Freund für das Leben an die Seite, welcher ſie zu ſchätzen wußte und ihr mehr Gerechtigkeit widerfahren ließ, als ein roher engherziger Bruder, an dem ihre viele „Meine Art von Freundſchaft gegen ſie iſt frei⸗ lich eine ganz andere, als die Ihrige, und ich will Ihnen ſagen, wie ich's dabei halte. Ich will ſie davor bewahren, ihrem Vater ungehorſam zu ſein und Schande über ihn zu bringen. Ich will ſie davor bewahren, daß ſie ſich nicht an Sie wegwirft, daß ſie ſich nicht ſelbſt zum Geſpött von Stadt und Land macht, und daß ſie nicht von einem Mann wie Ihr Vater verhöhnt wird, der wohl der Mei⸗ nung lebt, ſie ſei nicht gut genug für ſeinen Sohn. Sie wiſſen ſelbſt recht wohl, welche Gerechtigkeit und welche Liebe Sie ihr in Ausſicht ſtellen können. Ich laſſe mich nicht durch ſchöne Worte beſtechen, ſondern urtheile nach den Handlungen. Komm'’ mit, Maggie.“ Er ergriff bei dieſen Worten Maggie am rechten Arm. Das Mädchen ſtreckte ihre linke Hand aus. Philipp faßte ſie einen Moment mit einem einzigen Glutblick und eilte dann von hinnen. Tom und Maggie gingen ſtumm einige Schritte neben einander her. Er hielt ſie noch immer feſt am Handgelenk, als zerre er eine Schuldige fort von dem Schauplatz ihrer Unthat. Endlich machte Maggie mit einem gewaltſamen Ruck ihre Hand los, und ihr lang verhaltener Zorn kam zum Ausbruch. 280 „Du darfſt ja nicht meinen, Tom, ich glaube, Du habeſt Recht, und ich werde mich Deinem Willen beugen. Ich verabſcheue die Gefühle, welchen Du gegen Philipp Ausdruck geliehen haſt, und kann nur Qeinen ſehr gemeinen Sinn in den unmännlichen, be⸗ ſchimpfenden Anſpielungen auf ſeine Mißgeſtalt fin⸗ den. Du haſt Dein ganzes Leben über an anderen Leuten zu tadeln gehabt, und nur Du wollteſt ſtets im Recht ſein; dies rührt daher, daß Dein Geiſt nicht groß genug iſt, um einzuſehen, wie es noch beſſere Dinge gibt, als Dein Betragen und Deine eigenen kleinlichen Beſtrebungen.“ „Allerdings ſehe ich nicht ein, worin das Beſ⸗ ſere von Deinem Betragen und Deinen Beſtrebungen liegt,“ ſagte Tom kalt.„Wenn Dein und Philipps Verhalten recht geweſen iſt, warum habt ihr euch geſchämt, es bekannt werden zu laſſen? Hierauf möchte ich eine Antwort haben. Ich weiß, nach was ich mit meinem Benehmen ſtrebte, und bin darin glücklich geweſen; aber welchen Vortheil hat das Deinige Dir oder irgend Jemand ſonſt gebracht?“ „Ich verlange nicht, mich zu vertheidigen,“ ent⸗ gegnete Maggie noch immer mit Heftigkeit.„Ich weiß, daß ich oft, daß ich faſt immer Unrecht hatte. Und doch handelte ich bisweilen nur deßhalb unrecht, weil ich ein gefühlvolles Herz habe, und der Beſitz eines ſolchen würde Dir ſicherlich recht wohl zu ſtat⸗ ten kommen. Wenn Du einen Fehler machteſt oder etwas ſehr Unrechtes gethan hätteſt, ſo würde ich Deinen Schmerz mitfühlen und nicht verlangen, daß man Dich noch mehr ſtrafe. Dir aber hat es immer Freude gemacht, wenn Du mich ſtrafen — 281 konnteſt— Du biſt immer hart und grauſam gegen mich geweſen; ſelbſt als ich noch ein kleines Mäd⸗ chen war, das Dich mehr liebte, als ſonſt irgend Jemand auf der Welt, ließeſt Du mich weinend zu Bette gehen, ohne mir zu verzeihen. Du kennſt kein Erbarmen und haſt kein Gefühl für Deine eigenen Unvollkommenheiten und Sünden. Die Hartherzig⸗ keit iſt eine Sünde, die keinem Menſchen, keinem Chriſten ziemt. Du biſt nur ein Phariſäer; denn Du meinſt, Du habeſt Gott für nichts zu danken, als für Deine Tugenden, die groß genug ſeien, um damit alles Andere zu gewinnen, und merkſt nicht, daß Deine glänzendſten Tugenden von einer anderen Seite betrachtet blos Dunkelheit ſind.“ „Wohlan,“ ſagte Tom mit kalter Verachtung, „wenn Dein Herz um ſo viel beſſer iſt als das mei⸗ nige, ſo zeig' es mir in einer anderen Weiſe, als in einem Betragen, das vorausſichtlich uns Alle in Schande bringt— nicht in einem lächerlichen Stürzen von einem Extrem zum anderen. Wenn ich fragen darf, wie haſt Du denn die Liebe, von der Du ſo viel Redens machſt, gegen mich oder den Vater be⸗ wieſen? Durch Ungehorſam und Täuſchung. Da mach⸗ ich's anders, wenn ich meine Liebe zeigen will.“ „Weil Du ein Mann biſt, Tom, weil Du Kraft haſt und in der Welt etwas ausrichten kannſt.“ „Wenn Du nichts thun kannſt, ſo unterwirf Dich denen, die's können.“ „Ich unterwerfe mich gerne in Allem, was mei⸗ nem Gefühl nach recht iſt; ja ich will mich ſogar in das fügen, was mir unvernünftig ſcheint, wenn es 282 der Vater verlangt, nicht aber, wenn Du es beſiehlſt. Du rühmſt Dich Deiner Tugenden, als ob Du da⸗ mit ein Recht erkauft hätteſt, grauſam und unmänn⸗ lich zu ſein, wie Du es heute warſt. Meinſt Du, ich würde Philipp Wakem aufgeben aus Gehorſam gegen Dich? Die Mißgeſtalt, mit der Du ihn höhn⸗ teſt, wäre eher ein Grund, mich inniger an ihn an⸗ zuſchließen und noch liebevoller für ihn zu ſorgen.“ „Sehr gut— das iſt Deine Anſchauung der Dinge,“ entgegnete Tom kälter als je.„Du brauchſt Dich nicht weiter zu ereifern, um mir zu zeigen, welch großer Abſtand zwiſchen uns liegt. Wir wollen in Zukunft daran denken und jetzt darüber ſchweigen.“. Tom kehrte nach St. Oggs zurück, um einer an ihn ergangenen Weiſung gemäß ſich zu ſeinem Onkel Deane zu begeben und von ihm die Vorſchriften für eine Reiſe in Empfang zu nehmen, die er am anderen Morgen antreten ſollte. Maggie ging nach ihrer Kammer hinauf, um ihre entrüſteten Vorſtellungen, denen ſich Tom's Sinn ſo unzugänglich erwies, in bitteren Thränen aus⸗ ſtrömen zu laſſen. Nachdem jedoch der erſte Aus⸗ bruch ihres unbefriedigten Zornes vorüber war, gedachte ſie jener ruhigen Zeit, ehe noch die Klarheit und Einfachheit ihres Lebens durch das Vergnügen, das mit dem Elend des heutigen Tages zu Ende ge⸗ gangen, getrübt worden war. Sie pflegte damals zu glauben, daß ſie große Siege errungen und eine bleibende Stellung auf den ruhigen Höhen gewonnen habe, die ſo weit ablagen von den Verſuchungen und Kämpfen der Welt. Und nun mußte ſie wieder im 283 dichteſten Gewühl heißen Streites mit ihren eigenen und mit den Leidenſchaften Anderer ringen. Das Leben war alſo nicht ſo kurz und ein vollkommener Frieden nicht ſo nahe, als ſie ſich noch vor zwei Jahren geträumt hatte. Es blieben ihr noch weitere Kämpfe, vielleicht noch manches Erliegen vorbehalten. Wenn ſie ihr volles Unrecht und Toms volles Recht hätte einſehen können, ſo wäre die innere Harmonie wohl früher wieder hergeſtellt worden; nun aber miſchte ſich in ihre Reue und ihre Ergebung eine Empfindlichkeit, welche ihr ſtets nur in dem Licht einer gerechten Entrüſtung erſchien. Ihr Herz blutete um Philipps willen; ſie vergegenwärtigte ſich die Be⸗ ſchimpfungen, die ihm zugeſchleudert worden, mit einem ſo lebhaften Eingehen auf ſeine Empfindungen dabei, daß ſie dieſelben als einen heftigen körper⸗ lichen Schmerz zu fühlen vermeinte, der ſie bewog, mit dem Fuß auf den Boden zu ſtampfen und ihre Finger krampfhaft gegen die Handflächen einzudrücken. Und dennoch— wie kam es, daß ſie ſich hin und wieder eines gewiſſen nebeligen Hintergrunds von Troſt in der erzwungenen Trennung von Philipp bewußt wurde? Sicherlich lag der Grund in dem Gefühl’, daß die Abwälzung der drückenden Laſt, welche ihr jene Heimlichkeit auflegte, um keinen Preis zu theuer erkauft war. 284 Sechstes Kapitel. Der ſchwer errungene Triumph. Drei Wochen ſpäter, als die Dorlcotemühle in der reichen Kaſtanienblüthe und in dem Schnee der Maßliebchen, die überall den Raſen bedeckte, ihren ſchönſten Jahresſchmuck angelegt hatte, kam Tom Tulliver eines Abends früher als gewöhnlich nach Haus zurück, und als er über die Brücke ſchritt, blickte er mit der alten tiefgewurzelten Liebe an dem achtbaren rothen Ziegelhaus hinauf, das immer eine heitere, einladende Außenſeite zeigte, wie kahl auch drinnen die Zimmer und wie traurig die Herzen ſein mochten. Ein ſehr angenehmes Licht bricht aus Toms blaugrauen Augen hervor, während er die Fenſter des Hauſes betrachtet; die Falte auf ſeiner Stirne verſchwindet zwar nie, ſteht ihm aber gut an und ſcheint auf eine Willenskraft zu deuten, in der, wenn Mund und Augen ihren ſanfteſten Aus⸗ druck zeigen, vielleicht keine Härte liegt. Sein feſter Tritt wird ſchneller, und ſeine Mundwinkel empören ſich gegen den Zwang, der ihnen ein Lächeln ver⸗. bieten will. Die Augen in der Wohnſtube waren aber nicht der Brücke zugewandt, und die Familiengruppe ſaß in ahnungsloſem Schweigen um den Tiſch— Mr. Tulliver in ſeinem Armſtuhl; ein langer Ritt hatte ihn ermüdet, und er ließ gedankenvoll ſeinen be⸗ kümmerten Blick hauptſächlich auf Maggie haften, die ſich über eine Nähterei niederbeugte, während ihre Mutter mit dem Theezeug beſchäftigt war. — 285 Alle ſchauten überraſcht auf, als ſie den wohlbe⸗ kannten Fußtritt vernahmen. „Ha, was iſt los, Tom?⸗ fragte der Vater. „Du kömmſt heut' ein bischen früher, als ſonſt.“ „Es gab nichts mehr für mich zu thun, und ſo bin ich fortgegangen. Wie geht's, Mutter?“ Tom ging auf ſeine Mutter zu und küßte ſie— ein Zeichen, daß er ungewöhnlich guter Laune war. Im Lauf der letzten drei Wochen hatte er kaum einen Blick, geſchweige ein Wort mit Maggie gewechſelt; aber da er zu Haus meiſt ſich nicht mittheilſam be⸗ nahm, ſo war dies den Eltern nicht aufgefallen. „Vater,“ ſagte Tom, nachdem ſie den Thee ein⸗ genommen hatten,„wißt Ihr genau, wie viel Geld in der Zinnbüchſe iſt?“ „Nur hundertunddreiundneunzig Pfund,“ verſetzte Mr. Tulliver.„Du haſt in der letzten Zeit wenig gebracht— aber junge Leute lieben es, über ihr Geld nach ihrem Gutdünken zur verfügen. Ich hielt es freilich nicht ſo, eh' ich volljährig war.“ Er ſprach dies mit etwasſ chüchterner Unzufriedenheit. „Wißt Ihr auch gewiß, Vater, daß es dieſe Summe iſt?“ ſagte Tom.„Es wäre mir lieb, Ihr nähmet Euch die Mühe, die Büchſe herunter zu holen. Vielleicht habt Ihr Euch doch verzählt.“ „Wie ſollte ich mich verzählt haben?“ entgegnete der Vater in ſcharfem Tone.„Es iſt mir oft genug durch die Hände gegangen; doch kann ich es ja holen, wenn Du mir nicht glauben willſt.“ Es war immer ein angenehmes Zwiſchenereigniß in Mr. Tullivers düſterem Leben, wenn er die Zinn⸗ buͤchſe holen und das Geld zählen konnte. 286 „Bleibt im Zimmer, Mutter,“ ſagte Tom, als er nach der Entfernung des Vaters bemerkte, daß auch ſie fortgehen wollte. „Es muß doch Jemand abräumen,“ verſetzte Mrs. Tulliver.„Soll etwa Maggie gehen?“ „Die kann thun, was ſie will,“ ſagte Tom gleichgiltig. Dies war ein ſchneidendes Wort für Maggie. Ihr Herz hatte freudig zu pochen begonnen in der plötzlichen Ueberzeugung, Tom ſei im Begriff, dem Vater zu ſagen, daß die Schulden bezahlt werden können— und jetzt zeigte er ſolche Gleichgiltigkeit darüber, ob ſie bei der Ankündigung der frohen Poſt zugegen war oder nicht. Sie nahm das Theezeug fort, kehrte aber augenblicklich wieder zurück. Das Gefühl der Kränkung konnte in einem ſolchen Augen⸗ blick nicht die Oberhand gewinnen. Tom rückte an die Tiſchecke in der Nähe ſeines Vaters, als dieſer die Zinnbüchſe niederſetzte und aufſchloß. Das rothe Abendlicht ließ den Gegenſatz zwiſchen dem ſchweren Düſter und den ſchwarzen Augen des alten Mannes und der unterdrückten Freude auf dem roſigen Antlitz des Sohnes beſonders lebhaft her⸗ vortreten. Die Mutter und Maggie ſaßen am anderen Ende des Tiſches, die eine in blöder Geduld, die andere in ungeſtümer Erwartung. Mr. Tulliver zählte das Geld, legte es auf den Tiſch in Häuflein zuſammen, und ſagte dann, Tom einen ſcharfen Blick zuwerfend: „Da— ſiehſt Du jetzt, daß ich Recht hatte?“ Er hielt inne und warf einen Blick bitterer Zag⸗ haftigkeit auf das Geld. 287 „Es fehlen noch mehr als dreihundert Pfund— bis ich dies erſparen kann, wird es noch eine ſchöne Weile währen. Der Verluſt der zweiundvierzig Pfund bei dem Kornhandel war ein ſchwerer Schlag. Dieſe Welt iſt zu viel für mich geweſen. Es hat vier Jahre gedauert, bis dieſes zurückgelegt werden konnte, und es iſt eine große Frage, ob ich nach weiteren vier Jahren nicht ſchon unter dem Boden liege. Ich muß mit der Bezahlung auf Dich bauen,“ fuhr er mit zitternder Stimme fort,„wenn Dir nicht etwa beim Eintritt in die Volljährigkeit ein anderer Sinn wächst. Aber wahrſcheinlich wirſt Du mich vorher begraben müſſen.“ Er blickte mit dem ſtreitſüchtigen Verlangen nach einer gegentheiligen Verſicherung zu Toms Geſicht auf. „Nein, Vater,“ ſagte Tom mit nachdrucksvoller Entſchiedenheit, obſchon ſich auch in ſeiner Stimme ein Beben bemerken ließ;„Ihr werdet es erleben, daß alle die Schulden bezahlt werden— ja, Ihr werdet ſie eigenhändig auszahlen.“ In ſeinem Ton lag etwas mehr als Hoffnungs⸗ fülle oder Entſchloſſenheit. Ein leichter electriſcher Schlag ſchien Mr. Tulliver zu durchzucken, und er hielt die Augen mit einem haſtigen, fragenden Blick auf Tom geheftet, während Maggie, die ſich nicht mehr halten konnte, an ihres Vaters Seite eilte und neben ihm niederkniete. Nach einer kurzen Pauſe fuhr Tom fort: „Vor wenigen Jahren hat mir Onkel Glegg etwas Geld zum Umtreiben geborgt, und es hat eingeſchlagen. Ich habe dreihundert und zwanzig Pfund in der Bank.“ 288 Er hatte kaum die letzten Worte ausgeſprochen, als er ſeinen Hals von den Armen ſeiner Mutter umſchlungen fühlte, welche unter halbem Weinen ausrief: „O mein Sohn, ich wußte wohl, daß Du Alles wieder recht machen würdeſt, wenn Du einmal ein Mann väreſt.“ Aber ſein Vater blieb ſtumm; die Flut der Er⸗ regung hemmte ſein Sprachvermögen. Da wandelte Tom und Maggie eine Furcht an, daß ſelbſt die Erſchütterung der Freude für ihn verhängnißvoll werden könnte. Doch endlich trat die ſegenvolle Erleichterung der Thränen ein. Die breite Bruſt hob ſich, die Geſichtsmuskeln erſchlafften, und der grauhaarige Mann brach in ein lautes Schluchzen aus. Dies legte ſich allmählich wieder, und er blieb ruhig ſitzen, bis ſein Athem wieder regelmäßig ging. Endlich blickte er zu ſeinem Weib auf und ſagte in ſanftem Ton: „Beſſy, Du mußt herkommen und mir einen Kuß geben— der Junge hat Dich wieder zu Ehren gebracht. Du wirſt ſehen, es ſind Dir noch gute Tage vorbehalten.“ Nachdem ſie ihn geküßt und er eine Weile ihre Hand in der ſeinigen gehalten hatte, kehrten ſeine Gedanken wieder zu dem Geld zurück. „Ich wünſchte, Du hätteſt das Geld mitgebracht, Tom,“ ſagte er, die Goldſtücke auf dem Tiſch be⸗ taſtend.„Wenn ich es ſehen könnte, würde ich mich um ſo ſicherer fühlen.“ „Ihr werdet es morgen ſehen, Vater,“ verſetzte Tom.„Onkel Deane hat die Gläubiger auf mor⸗ —y—— 289 gen in den goldenen Löwen beſchieden und auf zwei Uhr ein Mittageſſen für ſie beſtellt. Der Onkel Glegg wird auch hinkommen. Die Einladung ſtand ſchon letzten Sonnabend im Stadtboten.“ „Dann weiß auch Wakem davon!“ rief Mr. Tulliver, und ſein Auge leuchtete von einem trium⸗ phirenden Feuer.„Ah,“ fuhr er fort, indem er dieſen Laut gedehnt durch die Kehle gleiten ließ, ſeine Tabaksdoſe, den einzigen Luxus, der ihm ge⸗ blieben war, hervorholte und mit einem Anflug des alten Trotzes die Finger darauf trommeln ließ— „ich werde wieder hervorkommen unter ſeinem Dau⸗ men, obſchon ich die alte Mühle verlaſſen muß. Ich dachte, ich werde es hier wohl aushalten können, bis ich ſterbe— aber ich kann's nicht... Wir haben wohl kein Schlückchen Trunk im Haus, Beſſy?“ „Ei ja,“ verſetzte Mrs. Tulliver, ihren ſehr klein gewordenen Schlüſſelbund hervorholend;„es iſt noch der Likör da, den mir Schweſter Deane brachte, als ich krank war.“ „So hol ihn— hol' ihn. Ich fühle mich ein Bischen ſchwach.“ „Tom, mein Junge,“ ſagte er, nachdem er ſich durch die geiſtige Flüſſigkeit ein wenig geſtärkt hatte, „Du mußt eine Rede an ſie halten. Ich ſage ihnen, daß der größte Theil der Gelder von Dir herrühre. Sie werden daraus erſehen, daß ich wenigſtens ehrlich bin und daß ich einen ehrenhaften Sohn habe. Ah, wie froh wäre Wakem, wenn er einen Sohn wie ich hätte— einen ſchönen geraden Burſchen, ſtatt jenes armen verkrüppelten Geſchöpfs! Du wirſt emporkommen in der Welt, mein Fundge Eliot, Die Mühle am Floß. II. und erlebſt es vielleicht, daß Wakem und ſein Sohn um ein Paar Sproſſen unter Dir ſtehen. Es iſt wahr⸗ ſcheinlich genug, daß man Dich als Aſſocié in's Geſchäft nimmt, wie früher Deinen Onkel Deane— auf dem rechten Weg dazu biſt Du ſchon; und dann hindert Dich nichts mehr reich zu werden... Wenn Du aber einmal reich genug biſt— merk' Dir'’s,— ſo verſuche, die alte Mühle wieder an Dich zu bringen.“ Mr. Tulliver warf ſich in ſeinen Seſſel zurück; ſein Geiſt, der ſo lang nur die Heimath bitterer Unzufriedenheit und finſterer Ahnungen geweſen war, belebte ſich plötzlich unter dem Zauberſtab der Freude mit Geſichten von Glück, obſchon noch immer etwas auf ihm lag, was ihn hinderte, ſie auf ſeine eigene Perſon zu beziehen. „Gib mir die Hand, mein Junge,“ ſagte er, plötzlich ſeine Hand ausſtreckend.„Es iſt etwas Großes, wenn ein Mann ſtolz darauf ſein kann, daß er einen wackern Sohn hat. Mir iſt dieſes Glück zu Theil geworden.“ Dies war der köſtlichſte Augenblick, den Tom je erlebte, und Maggie konnte nicht umhin, ihren eige⸗ nen Gram darüber zu vergeſſen. Tom war wirklich gut, und in der ſüßen Demüthigung, welche uns ſtets in den Momenten wahrer Bewunderung und Dankbarkeit zum Bewußtſein kömmt, fühlte ſie, daß ſie für die Fehler, welche er ihr nachſehen ſollte, nie eine ſo edle Sühne geleiſtet hatte, wie er für die ſeinigen. Sie empfand keine Eiferſucht darüber, daß ſie an jenem Abend zum erſtenmal in dem Geiſt ihres Vaters zurücktreten mußte. — 291 Es wurde bis zum Schlafengehen noch viel ge⸗ ſprochen. Mr. Tulliver wollte natürlich alle Einzeln⸗ heiten von Toms Geſchäftsabenteuern wiſſen, und hörte ihm mit zunehmender Aufregung und Luſt zu. Er war begierig zu erfahren, was bei jeder Gelegenheit geſprochen— wo möglich ſogar was gedacht worden war, und Bob Jakins Rolle bei der Geſchichte weckte in dem alten Mann eigenthümliche Sympathieaus⸗ brüche für die ſiegreiche Schlauheit dieſes merkwür⸗ digen Packmanns. Bobs Jugendgeſchichte kam, ſo⸗ weit ſie unter Mr. Tullivers Augen geſpielt hatte, mit jener Anerkennung aller der verheißungsvollen Züge zur Sprache, welcher man in allen Erinnerun⸗ gen an die Kindheit großer Männer begegnet. Es war gut, daß dieſe Erzählung hinreichendes Intereſſe bot, um das unbeſtimmte aber glühende Gefühl des Triumphs über Wakem niederzuhalten, da ſonſt ſeine Freude wahrſcheinlich mit gefährlicher Gewalt ſich einen anderen Abzugskanal geſucht haben würde. Gleichwohl deutete gelegentlich ein plötzliches Ausbrechen in einen nicht zur Sache gehörigen Aus⸗ ruf an, daß dieſes Gefühl endlich doch die Oberhand zu gewinnen drohte. Mr. Tulliver konnte jene Nacht lange nicht zur Ruhe kommen, und als endlich der Schlaf kam, war er voll lebhafter Träume. Morgens um halb ſechs Uhr, als Mrs. Tulliver eben aufzuſtehen im Begriffe war, erſchreckte er ſie durch ein plötzliches Auffahren und einen halb erſtickten Schrei, wobei er ſich in wirrer Weiſe an den Wänden des Schlafgemachs umſah. „Was haſt Du doch, Tulliver?“ ſagte die Frau. 19 292 Er ſah ſie noch immer verwirrt an und entgeg⸗ nete endlich: „Ah, ich träumte... Hab' ich Lärm gemacht? ... Ich meinte, ich habe ihn am Kragen.“ Siebentes Kapitel. Ein Tag der Abrechnung. Mr. Tulliver war ein nüchterner Mann, der zwar einem Gläschen nicht abgeneigt war, aber die Schranken der Mäßigkeit nie überſchritt. Er hatte von Natur ein lebhaftes Heißſporntemperament, das nicht des flüſſigen Feuers bedurfte, um aufzulodern. Sein Ungeſtüm ſtand gewöhnlich im Verhältniß zu der erregenden Urſache, ohne daß ſolche Verſtärkungs⸗ mittel mitwirkten, und ſein Verlangen nach etwas Geiſtigem deutete an, daß die allzu plötzliche Freude eine gefährliche Erſchütterung in einem Körper her⸗ vorgebracht hatte, der durch vierjährigen Kummer und die ungewohnt rauhe Koſt niedergedrückt war. Sobald er übrigens den erſten zweifelhaften Moment des Wankens überwunden hatte, ſchien er mit der zunehmenden Aufregung auch an Kraft zuzulegen,* und als er am anderen Tag mit ſeinen Gläubigern zu Tiſch ſaß, erkannte man in dem leuchtenden Auge und in der Glut der Wangen, einer Frucht des Bewußtſeins, daß er wieder eine ehrenhafte Figur machen könne, auf's Neue den alten, ſtolzen, ver⸗ trauensvollen, warmherzigen und warmblütigen Tul⸗ liver, einen ſo ganz andern Mann, als der war, welchem man noch vor einer Woche begegnen tommte, 293 wie er unter der Laſt ſeines gefallenen Glücks und ſeiner Schulden, die ihn nun ſchon vier Jahre drückten, geſenkten Hauptes einherritt und denen, die ſich ſei⸗ ner Beachtung aufdrängten, nur kurze, unwillige Blicke zuwarf. Er hielt eine Rede, in welcher er ſich mit ſeinem alten zuerſichtlichen Eifer auf ſeine ehrenhaften Grundſätze berief, ſprach von Schurken und dem Glück, die gegen ihn geweſen ſeien, erzählte von dem theilweiſen Triumph, den er durch müh⸗ ſame Anſtrengung und die Beihilfe eines guten Sohnes endlich davon getragen, und ſchloß ſeine Anſprache mit der Erklärung, daß Tom den größten Theil des erforderlichen Geldes herbeigeſchafft habe. Der Zug feindſeliger Erbitterung und Siegestrunken⸗ heit ſchien für eine Weile unter dem Einfluß einer reineren Freude und des väterlichen Stolzes zu ſchmelzen; denn nachdem man auf Toms Geſundheit getrunken und Onkel Deane dieſe Gelegenheit benützt hatte, einige Worte hinſichtlich ſeines Charakters und ſeines Verhaltens zu ſprechen, erhob ſich der junge Mann ſelbſt, um die einzige Rede ſeines Lebens zu halten. Sie hätte kaum kürzer ſein können. Er dankte den Herren für die Ehre, die ſie ihm erwieſen, drückte ſeine Freude darüber aus, daß er in der Lage geweſen, den Vater in ſeinen Bemühungen, ſeine Rechtſchaffenheit zu beweiſen und ſeinen ehr⸗ lichen Namen wieder herzuſtellen, zu unterſtützen, und hoffte für ſeinen Theil, daß er nie dieſes Werk ver⸗ eiteln und dem Namen Tulliver Unehre machen werde. Das Beifallsklatſchen aber, das nun folgte, war ſo gewaltig, und Tom nahm ſich in ſeiner hohen, geraden Haltung ſo gentlemaniſch aus, daß Mr. 294 Tulliver gegen ſeine Freunde zur Rechten und zur Linken die erklärende Bemerkung abgab, er habe auch ein hübſches Stück Geld auf die Erziehung ſei⸗ nes Sohnes verwendet. Die Geſellſchaft brach in ſehr nüchterner Weiſe um fünf Uhr auf. Tom blieb in St. Oggs, um noch ein Geſchäft zu beſorgen, und Mr. Tulliver be⸗ ſtieg ſein Roß, um nach Haus zu reiten und die Denkwürdigkeiten des Tages„der armen Beſſy und der kleinen Dirn“ zu erzählen. An ſeinem aufge⸗ regten Weſen hatte das gute Mahl nur geringen Antheil, da er dafür keines anderen Reizes bedurfte, als des ſtarken Weins triumphirender Freude. Er wählte heute keine Nebengaſſen, ſondern ritt langſam, mit aufrechtem Haupt und freien Blicken, die Haupt⸗ ſtraße entlang nach der Brücke hin. Warum kam ihm doch heute Wakem nicht in den Wurf? Dies verdroß ihn und gab ſeinem Geiſt Stoff zu immer aufregenderen Betrachtungen. Vielleicht hatte Wakem heute abſichtlich die Stadt verlaſſen, um nichts von einer ehrenhaften Handlung, die ihm Gewiſſensbiſſe zu verurſachen geeignet war, ſehen und hören zu müſſen. Wenn er ihm begegnet wäre, ſo würde ihn Mr. Tulliver groß angeſehen haben, und den Schur⸗ ken hätte vielleicht ſeine kalte, herrſchſüchtige Unver⸗ ſchämtheit ein wenig verlaſſen. Er konnte neben⸗ bei daraus merken, daß ein ehrlicher Mann nicht länger Luſt hatte, unter ihm zu dienen und ſeine Ehrlichkeit dazu mißbrauchen zu laſſen, eine mit un⸗ ehrlichem Gewinn bereits überfüllte Taſche noch voller zu machen. Vielleicht war ſein Glück jezt bei ſeinem Wendepunkt angelangt, denn der Teufel konnte in 295 dieſer Welt doch nicht immer die beſten Karten in der Hand haben. In ſolcher Weiſe ſinnend näherte ſich Mr. Tul⸗ liver dem Hofthor der Dorlcotemühle, als er mit einemmal eine wohlbekannte Geſtalt auf einem ſchö⸗ nen ſchwarzen Pferd durch daſſelbe herausreiten ſah. Sie begegneten ſich ungefähr fünfzig Schritte vor dem Hofthor zwiſchen den großen Kaſtanienbäumen und den Ulmen des hohen Flußdamms. „Tulliver,“ ſagte Wakem abgebrochen und in ſtolzerem Ton als gewöhnlich,„was für einen Narrenſtreich habt Ihr gemacht, daß Ihr dieſe har⸗ ten Schollen über das Far Cloſe ausbreitetet? Ich ſagte Euch, daß es ſo ausfallen würde; aber Ihr lernt nie die Landwirthſchaft mit Methode betreiben.“ „Oh!“ verſetzte Tulliver aufwallend,„ſo kriegen Sie ſich einen anderen Meier, der ſich vorher von Ihnen unterweiſen läßt.“ „Ihr habt getrunken, wie es ſcheint,“ ſagte Wa⸗ kem, der in der That glaubte, daß Tullivers rothes Geſicht und funkelnde Augen hierin ihren Grund hätten. „Nein, ich habe nicht getrunken,“ entgegnete Tulliver;„auch brauche ich keinen Trunk, um den Entſchluß in mir zu befeſtigen, daß ich nicht länger unter einem Schurken dienen will.“ „Sehr wohl; ſo könnt Ihr morgen mein An⸗ weſen verlaſſen. Haltet Euer unverſchämtes Maul und laßt mich vorbei.“ (Tulliver hatte ſein Pferd quer in der Straße aufgeſtellt, ſo daß Wakem nicht weiter konnte.) „Nein, ich laß Euch nicht vorbei,“ verſetzte Tul⸗ 296 liver mit noch größerer Heftigkeit.„Ihr ſollt zu⸗ vor anhören, was ich Euch zu ſagen habe. Ihr ſeid der größte Spitzbube, der ungehängt herumläuft— Ihr ſeid...“ 2 „Laß mich vorbei, Du dummes Vieh, oder ich reite Dich nieder!“ Mr. Tulliver erhob ſeine Peitſche und ſpornte ſein Pferd vorwärts; Wakems Thier aber bäumte und überſchlug ſich, ſo daß der Reiter aus dem Sattel und zu Boden flog. Wakem hatte die Geiſtes⸗ gegenwart, raſch den Zügel loszulaſſen, und da die unſicheren Bewegungen des Roſſes nur kurze Zeit anhielten, ſo hätte er wohl ohne weitere Beſchädi⸗ gung, als die des Schrecks und einiger Beulen, ſich erheben und wieder aufſitzen können. Aber noch eh' er hiezu Anſtalt traf, war auch Tulliver von ſeinem Pferd geſtiegen. Der Anblick ſeines ver⸗ haßten glücklichen Gegners, der jetzt zu ſeinen Füßen lag und in ſeiner Gewalt war, erweckte in ihm eine wahre Wuth triumphirender Rachſucht und ſchien ihm eine übernatürliche Behendigkeit und Kraft zu verleihen. Er ſtürzte auf Wakem, der ſich eben auf⸗ richten wollte, zu, packte ihn am linken Arm, ſo daß die ganze Körperlaſt des Advocaten von dem gegen die Erde geſtemmten rechten getragen werden mußte, und bearbeitete ihm aus Leibeskräften den Rücken mit ſeiner eigenen Reitpeitſche. Wakem ſchrie um Hilfe, aber es kam Niemand, bis ſich endlich das Geſchrei eines Weibes und der Ruf„Vater! Vater!“ vernehmen ließ. Plötzlich fühlte Wakem, daß Mr. Tullivers Arm von etwas feſtgehalten wurde; die Peitſchenhiebe —e — — —e — — 297 hörten auf und die ihn feſthaltende Hand ſeines Gegners öffnete ſich. „Hinweg mit Dir— fort!“ ſagte Tulliver zornig. Dieſe Worte galten übrigens nicht dem Advo⸗ caten. Als dieſer ſich langſam aufrichtete und den Kopf umwandte, bemerkte er, daß ein Mädchen die Arme Tullivers feſthielt und dieſer aus Beſorgniß, die mit aller Macht ſich an ihn anklammernde Mag⸗ gie zu treffen, die Peitſche ruhen ließ.. „Oh, Lucas— Mutter— kommt und helft Mr. Wakem!“ rief Maggie, als ſie die erſehnten Fußtritte hörte. „Helft mir auf dieſes kleinere Roß,“ ſagte Wa⸗ kem zu Lucas;„ich werde dann wohl wieder heim kommen— alle Hagel, obſchon ich glaube, daß mein Arm verrenkt iſt.“ Wakem wurde mit einiger Schwierigkeit auf Tul⸗ livers Pferd gehoben. Dann wandte er ſich blaß vor Wuth an den Müller und ſagte: „Dies ſollt Ihr mir büßen. Eure Tochter iſt Zeuge, daß Ihr mich angefallen habt.“ „Ich ſcheere mich den Teufel drum,“ verſetzte Tulliver mit heiſerer leidenſchaftlicher Stimme. „Geht hin— zeigt Euren Rücken und ſagt, ich habe Euch gedroſchen. Sagt ihnen, ich habe die Dinge ein bischen ebener gemacht in der Welt.“ „Setzt Euch auf mein Pferd und reitet mit mir,“ ſagte Wakem zu Lucas.„Ueber die Toftoner Fähre, nicht durch die Stadt.“ „Vater, kommt herein!“ ſagte Maggie bittend. Sobald ſie ſah, daß Wakem weggeritten war und 298 keine weitere Gewaltthat mehr zu beſorgen ſtand, ließ ſie die Arme ihres Vaters los und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, während die arme Mrs. Tulliver ſchweigend und vor Furcht zitternd daneben ſtand. Aber nachdem ſie ihre Hände von den Armen ihres Vaters entfernt hatte, bemerkte ſie, daß dieſer nach ihr zu taſten begann und ſich auf ſie ſtützte. Die Ueberraſchung hemmte ihr Schluchzen. „Ich fühle mich ſchwach— unwohl,“ ſagte er. „Hilf mir hinein, Beſſy— es iſt mir ſchwindlich— ich habe Kopfweh.“ Er ließ ſich von ſeiner Frau und Tochter hinein⸗ führen, die ihn nach ſeinem Armſtuhl brachten. Die Purpurröthe ſeines Geſichts war in eine Leichen⸗ klaſſe übergegangen, und ſeine Hände fühlten ſich kalt an. „Wär's nicht beſſer, nach dem Doctor zu ſchicken?“ ſagte Mrs. Tulliver. Er war augenſcheinlich zu ſchwach und leidend, um ſie zu verſtehen; aber unmittelbar darauf, als ſie Maggie die Weiſung gab, Jemand auszuſenden, um den Arzt zu holen, ſchaute er in vollem Be⸗ wußtſein zu ihr auf und ſagte: „Den Doctor? Nein— keinen Doctor.'s iſt nur mein Kopf, weiter nicht. Helft mir zu Bette.“ Trauriges Ende eines Tages, der für ſie als ein Anfang beſſerer Zeiten begonnen hatte! Aber gemiſchte Saat bringt auch eine gemiſchte Ernte. Eine halbe Stunde, nachdem man Mr. Tulliver zu Bett gebracht hatte, kam Tom nach Haus. Bob begleitete ihn, um„dem alten Meiſter“ zu gratu⸗ 4 299 liren, nicht ohne einen entſchuldigbaren Stolz darauf, daß er auch zu Mr. Toms gutem Glück ſeinen Bei⸗ trag gleiſtet hatte, während Tom meinte, es werde zum Schluß eines ſolchen Tages ſeinem Vater eine große Freude machen, ſich mit Bob zu unterhalten. Unter den obwaltenden Umſtänden verbrachte Tom den Abend natürlich in düſteren Vorahnungen der unangenehmen Folgen, welche dieſer tolle Ausbruch von ſeines Vaters lang unterdrücktem Haß nach ſich ziehen mußte. Nachdem die leidige Geſchichte erzählt war, ſetzte er ſich ſchweigend nieder; er hatte weder Nuth noch Luſt dazu ſeiner Mutter und Schweſter etwas von dem Diner zu erzählen— wie denn auch dieſe nicht danach fragten. Augenſcheinlich war der gemiſchte Faden in dem Gewebe ihrer Leben ſo merk⸗ würdig verſchlungen, daß keine Freude Platz greifen konnte, ohne daß ihr das Leid auf dem Fuße folgte. Tom fühlte ſich niedergedrückt durch den Gedanken, daß ſeine muſterhaften Bemühungen immer vereitelt werden mußten durch die ungeſchickten Handlungen Anderer, und Maggie hatte wieder und wieder mit einer unbeſtimmten ſchaudernden Vorahnung der traurigen Scenen, welche kommen würden, den Schmerz des Momentes durchlebt, in welchem ſie hinausgeſtürzt war, um ihrem Vater in den Arm zu fallen. Keines von den dreien aber fühlte ſich beſonders wegen Mr. Tullivers Geſundheit beun⸗ ruhigt. In den Symptomen zeigte ſich nichts, was mit ſeinem früheren gefährlichen Anfall zuſammen zu hängen ſchien, und man fand es begreiflich, daß er nach dem leidenſchaftlichen Ausbruch und der Kraftanſtrengung, welcher viele Stunden ungewöhn⸗ licher Aufregung vorausgegangen waren, ſich un⸗ wohl fühlte. Die Ruhe ſtellte ihn wahrſcheinlich bald wieder her. Von der Anſtrengung und Aufregung des Tages ermüdet, ſchlief Tom bald ein, und als er im grauen Dämmerlicht des Morgens erwachte und ſeine Mut⸗ ter vor ſeinem Bette ſtehen ſah, meinte er, eben erſt ſich niedergelegt zu haben. „Mein Sohn, ſteh doch hurtig auf,“ ſagte Mrs. Tulliver.„Ich habe nach dem Doctor geſchickt. Dein Vater verlangt nach Dir und Maggie.“ „Iſt es mit ihm ſchlimmer geworden, Mutter?“ „Es iſt die ganze Nacht nicht richtig in ſeinem Kopf geweſen, obſchon er nicht klagt, daß er ſich ſchlimmer fühle— nur hat er plötzlich geſagt, ‚Beſſy, hol' mir den Knaben und das Mädel; ſag' ihnen aber, ſie ſollen ſich beeilen.“ Maggie und Tom warfen ſich bei dem grauen Licht des kalten Morgens haſtig in ihre Kleider und erreichten faſt in dem gleichen Augenblick das Schlaf⸗ zimmer ihres Vaters. Er hatte ſie mit einem ſchmerz⸗ lichen Ausdruck auf der Stirne erwartet, obſchon man ſeinen Augen anſah, daß er ſich bei vollem Bewußtſein befand. Mrs. Tulliver ſtand erſchreckt und zitternd zu den Füßen des Bettes; ihr blaſſes, hageres Geſicht legte Zeugniß ab von der ruhelos durchwachten Nacht. Maggie war die erſte am Bette; aber ihres Vaters Blick haftete auf Tom, der un⸗ mittelbar hinter ihr ein⸗ und an ihre Seite trat. „Tom, mein Junge, jetzt iſt's ſo weit, daß ich nicht wieder aufkfomme.... Dieſe Welt iſt zu viel für mich geweſen, mein Sohn; aber Du haſt —— y— 301 gethan, was Du konnteſt, um die Dinge wieder ein bischen eben zu machen. Gib mir noch einmal die Hand, Tom, eh' ich von Euch fort muß.“ Vater und Sohn drückten ſich die Hand und ſahen einander einen Moment an. Dann begann Tom, indem er mit Feſtigkeit zu ſprechen verſuchte: „Habt Ihr noch einen Wunſch, Vater— den ich erfüllen kann, wenn...* „Ja, mein Junge.... Sieh zu, daß Du die alte Mühle wieder an Dich bringſt.“ „Ja, Pater.“ „Und da iſt Deine Mutter— ſuch ihr einen Erſatz zu leiſten für das, was ſie unter meinem Un⸗ glück gelitten.... und da iſt die kleine Dirn....“ Der Vater richtete ſeine Blicke noch angelegent⸗ licher auf Maggie, während dieſe in der Ueberfülle ihres Herzens auf die Kniee niederſank, um dem theuren abgehärmten Antlitz näher zu ſein, das ſo viele lange Jahre hindurch der Inbegriff ihrer tief⸗ ſten Liebe wie auch der Gegenſtand ihres ſchwerſten Kummers geweſen war. „Du mußt für ſie ſorgen, Tom.... härme Dich nicht ab, mein Mädel.... es wird einmal Einer kommen, der Dich liebt und ſich Deiner annimmt.... und Du mußt gut gegen ſie ſein, mein Sohn. Ich bin auch gut gegen meine Schweſter geweſen. Gib mir einen Kuß, Maggie... Du auch, Beſſy.... Sorge mir für ein ausgemauertes Grab, Tom, da⸗ mit deine Mutter und ich neben einander ruhen können.“ Nachdem er ſo geſprochen, wandte er ſein An⸗ tlitz ab und blieb einige Minuten ſchweigend liegen, 302 während die Umſtehenden ſich nicht zu rühren wag⸗ ten. Der Morgen beleuchtete nachgerade das Ge⸗ mach heller und ſie konnten ſehen, daß die Züge des Kranken immer mehr verfielen. Endlich blickte er zu Tom auf und ſagte: „Es iſt einmal die Reihe an mich gekommen, und ich habe ihm die Karbatſche zu fühlen gegeben. Das war nicht mehr als billig. Ich verlangte nichts anderes, als was billig war.“ „Aber Vater, lieber Vater!“ rief Maggie in einer unausſprechlichen Angſt, vor der ſogar ihr Schmerz in den Hintergrund trat—„Ihr vergebt ihm— Ihr vergebt doch jetzt Jedermann?“ Seine Augen wandten ſich nicht gegen ſie, aber er ſagte: „Nein, mein Mädel, ich vergebe ihm nicht.... mozu ſoll ich auch? Ich kann keinen Schurken lie⸗ en....“ Seine Stimme wurde undeutlicher. Er wollte noch mehr ſagen, aber ſeine Lippen bewegten ſich nur in vergeblicher Anſtrengung, einen Laut hervor⸗ zubringen. Endlich gelang es ihm, ſich vernehmlich zu machen: „Verzeiht Gott den Schurken?.... Und wenn er's thut, ſo wird er nicht hart gegen mich ſein.“ Seine Hände bewegten ſich unruhig, als wolle er mit ihnen ein Hinderniß wegräumen, das ihn drückte. Zwei⸗ oder dreimal hörte man noch einige abgebrochene Worte— „Dieſe Welt... zu viel.... ehrlicher Mann.... verzwickte....“ Dann gingen ſie in ein bloßes Gemurmel über. — 4 303 Die Augen konnten nichts mehr unterſcheiden, und dann kam das letzte Schweigen. Aber nicht das des Todes. Noch über eine Stunde hob ſich die Bruſt; der laute ſchwere Athem machte fort, wurde immer langſamer, und kalte Schweißtropfen traten auf ſeine Stirne. Endlich trat der völlige Stillſtand ein, und die umdämmerte Seele des armen Tulliver hatte auf⸗ gehört, ſich über das peinliche Räthſel dieſer Welt abzuquälen. Jetzt kam die Hilfe. Lucas und ſein Weib waren da, und auch Mr. Turnbull traf ein, aber nur, um die Erklärung abzugeben:„Das iſt der Tod.“ Tom und Maggie gingen mit einander in das Zimmer hinunter, wo der Platz ihres Vaters leer war. Beider Augen wandten ſich derſelben Stelle zu, und Maggie ſprach: „Tom, vergib mir— laß uns einander immer lieben.“ Und ſie umarmten ſich und weinten zuſammen. Ende des zweiten Bandes. fffffffff 11 12 13 14 15 16 17 18 19